pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. eines Buches, eine dem hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher:.(˙ auf 1 Monat: 4 Let 1e Pf.„ 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben Le ivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Gkimann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Werthe deſſelben entſprechende e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ Zurückſendung zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, lorene oder defecte Buch ein Theil eines grö der Leſer zum Erſatz des e, beſchmutzte, ver⸗ ßeren Werkes, ſo iſt e Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Da ge feſtgeſetzt und wird eiterverleihen „welche die⸗ Königin Von Alexandre Vumas. Aus dem Franzöſiſchen von Augnſt Zoller. * Fünftes bis achtes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1845. . Sire, Ihr werdet Rönig ſein. „Sire,“ ſprach René zu Heinrich,„ich fomme, um mit Euch über eine Sache zu ſprechen, die mich ſeit geraumer Zeit beſchäftigt.“ „Ueber Parfumerien?“ verſetzte Heinrich lächelnd. „Nun wohl, ja, Sire.. über Parfumerien, Sire antwortete René mit einem ſonderbaren Zeichen der Einſtimmung. „Sprecht, ich höre, es iſt dies ein Gegenſtand⸗ für den ich mich ſtets ungemein inkereſſirt habe.“ René ſchaute Heinrich an und verſuchte es trotz ſeiner Worte in dieſem undurchdringlichen Geiſte zu leſen; als er aber ſah, daß es völlig vergeblich war, fuhr er fort: „Einer meiner Freunde, Sire, kommt von Florenz an; dieſer Freund beſchäftigt ſich viel mit Aſtrologie.“ „Ja,“ unterbrach ihn Heinrich,„ich weiß, das iſt eine Leidenſchaft der Florentiner.“ „Er hat in Geſellſchaft der erſten Gelehrten der Welt die Heroskope der vornehmſten Herren Europas gezogen.“ „Oh, oh!“ rief Heinrich. 2 6 „Und da das Haus Bourbon an der Spitze der höchſten Häuſer ſteht, inſofern es von dem Grafen von Clermont, dem fünften Sohne des heiligen Ludwig, ab⸗ ſtammt, ſo kann ſich Euere Majeſtät wohl denken, daß das ihrige nicht vergeſſen worden iſt.“ Heinrich hörte noch aufmerkſamer. „Und Ihr erinnert Euch dieſes Heroskops?“ fragte der König von Navarra mit einem Lächeln, das er gleichgültig zu machen ſuchte. „Oh!“ verſetzte René den Kopf ſchüttelnd,„Euer Heroskop gehört nicht zu denjenigen, welche man vergißt.“ „In der That!“ rief Heinrich mit einer ironiſchen Geberde. „Ja, Sire, Eure Majeſtät iſt nach den Ausdrücken des Heroskops zu dem glänzendſten Geſchicke berufen.“ Das Auge des jungen Fürſten ſchoß einen unwill⸗ kührlichen Blitz, der beinahe eben ſo ſchnell wieder in einer Wolke der Gleichgultigkeit erloſch. „Alle dieſe italieniſchen OHrakel ſind Schmeichler“ ſprach Heinrich,„und wer ſagt Schmeichler, ſagt auch Lügner. Gibt es nicht ſolche Orakel, welche mir prophe⸗ zeiten, ich würde Heere befehligen?“ Und er brach in ein Gelächter aus. Aber ein min⸗ der mit ſich ſelbſt beſchäftigter Beobachter, als es René in dieſem Augenblicke war, hätte die Anſtrengung dieſes Lachens geſehen und erkannt. „Sire,“ ſagte Rens kalt,„das Heroskop kündigt noch etwas Beſſeres an, als dies.“ 2. „Kündigt es etwa an, daß ich an der Spitze von einem dieſer Heere Schlachten gewinnen werde?“ „Noch etwas Beſſeres, Sire.“ „Sprecht,“ ſagte Heinrich,„am Ende werde ich noch ein Eroberer ſehn?“ S „Sire, Ihr werdet König ſeyn.“ „Ei, Ventre⸗ſafnth⸗ gris!“ rief Heinrich, ein hef⸗ tiges Schlagen ſeines Herzens zurückdrängend,„bin ich es denn noch nicht?“ der n ab⸗ aß gte ler en 5 K —. 7 „Sire, mein Freund weiß, was er verſpricht: Ihr werbet nicht nur König ſeyn, ſondern auch regieren.““ „Ah!“ verſetzte Heinrich mit ſeinem ſpöttiſchen Tone,„dann braucht Euer Freund zehntauſend Gold⸗ thaler, nicht wahr, René? denn eine ſolche Prophe⸗ zeiung iſt in gegenwärtigen Zeitläuften für den Ehr⸗ geiz ſehr willkommen. Hört, René, da ich nicht reich bin, ſo gebe ich Eurem Freunde fünf ſogleich und fünf weitere, wenn ſich die Prophezeiung verwirklicht hat.“ „Sire,“ ſprach Frau von Sauve,„vergeßt nicht, daß Ihr Euch bereits gegen Dariole verpflichtet habt, und überlaſtet Euch nicht mit Verſprechungen.“ „Madame,“ verſetzte Heinrich,„iſt der Augenblick gekommen, ſo wird man mich hoffentlich als König be⸗ handeln, und jeder wird ſehr zufrieden ſeyn, wenn ich die Hälfte von dem halte, was ich verſprochen habe.“ „Sire,“ ſprach René,„ich fahre fort.“ „Oh, das iſt noch nicht Alles!“ rief Heinrich, „wenn ich Kaiſer bin, gebe ich das Doppelte.“ „Sire, mein Freund kommt alſo von Florenz mit dieſem Horoskop zurück, findet, daſſelbe erneuernd, ſtets dieſelben Reſultate und vertraut mir ein Geheimniß an.“ „Ein Geheimniß, das Seine Majeſtät intereſſirt?“ fragte Charlotte lebhaft. „Ich glaube,“ erwiederte der Florentiner. „Er ſucht ſeine Worte,“ dachte Heinrich, ohne René zu unterſtützen; es ſcheint, die Sache iſt ſchwer zu ſagen.“ 5 „Dann ſprecht,“ verſetzte die Baronin von Sauve; „um was handelt es ſich?“ „Es handelt ſich,“ antwortete der Florentiner, alle ſeine Worte eines nach dem andern abwägend,„es handelt ſich um die verſchiedenen Vergiftungsgerüchte, ſeit einiger Zeit am Hofe im Umlaufe geweſen nd. Eine leichte Ausdehnung der Naſenflügel des Königs von Navgrra war die einzige Andeutung ſeiner wachſen⸗ 8 den Aufmerſamkeit bei dieſer raſchen Wendung, welche das Geſpräch nahm. „Und Euer Freund, der Florentiner?“ fragte Hein⸗ rich,„hat er genauere Kunde über dieſe Vergiftung? „Ja, Sire.“ „Wie könnt Ihr mir ein Geheimniß anvertrauen, das nicht das Eurige iſt, René, beſonders ein Geheim⸗ niß von ſo großer Wichtigkeit?“ ſagte Heinrich in dem natürlichſten Tone, den er anzunehmen vermochte. „Dieſer Freund hat Euere Majeſtät um einen Rath zu bitten?“ „Mich?“ „Was iſt dabei zu ſtaunen, Sire? Erinnert Euch des alten Soldaten von Actium, der, als er einen Prozeß hatte, Anguſtus um Rath fragte.“ „Auguſtus war ein Advokat, Rens, und ich bin es nicht.“ „Sire, als mein Freund mir ſein Geheimniß an⸗ vertraute, gehörte Euere Majeſtät noch zu der ralviniſti⸗ ſchen Partei, deren erſtes Haupt Ihr waret, während man Herrn von Condé als das zweite betrachtete.“ „Nun, und hernach?“ ſagte Heinrich. „Dieſer Freund hoffte, Ihr würdet Euren allmächtigen Einfluß auf den Herrn Prinzen von Condé anwenden 5 und ihn bitten, ihm nicht feindlich zu ſeyn.“ „Erklärt mir das, René, wenn ich es verſtehen ſoll,“ ſprach Heinrich ohne die geringſte Veränderung in ſeinen Zügen oder in ſeiner Stimme kundzugeben. „Sire, Eure Majeſtät wird es beim erſten Worte verſtehen. Dieſer Freund weiß alle Einzelnheiten des an Monſeigneur dem Prinzen von Condé verübten Vergif⸗ tungsverſuches.“ „Ah, man hat den Prinzen von Condé zu vergif⸗ ten verſucht?“ ſagte Heinrich mit einem vortrefflich ge⸗ ſpielten Erſtaunen;,„wirklich, und wann dies?“ René ſchaute den König feſt an, und erwiederte nur die Worte: — —— ———— 5—— e 1 . 9 „Vor acht Tagen, Majeſtät.“ „Irgend ein Feind?“ fragte der König. „Ja,“ antwortete René,„ein Feind, den Eure Majeſtät kennt, und der Eure Majeſtät kennt.“ „In der That,“ ſprach Heinrich,„ich glaube da⸗ von gehört zu haben, aber ich kenne die einzelnen Umſtände nicht, die mir Euer Freund enthüllen will, wie er ſagt.“ „Nun wohl, es wurde dem Prinzen von Condé ein wohlriechender Apfel überreicht; zum Glücke befand ſich aber ſein Arzt bei ihm, als man ihn brachte. Er nahm ihn aus den Händen des Boten und roch daran, um den Geruch und die Wirkung deſſelben zu verſuchen. Zwei Tage nachher waren eine brandige Geſchwulſt des Geſichtes, ein Austreten des Blutes, eine ſcharfe Wunde, welche die Haut und das Fleiſch verzehrte, der Lohn ſeiner Ergebenheit oder das Reſultat ſeiner Unklugheit.“ „Leider habe ich,“ antwortete Heinrich,„bereits Halbkatholik, allen Einfluß auf Herrn von Condé ver⸗ loren. Euer Freund hätte alſo Unrecht, wollte er ſich an mich wenden.“ „Nicht allein bei dem Prinzen von Condé könnte Euere Majeſtät durch ihren Einfluß meinem Freunde nützlich ſeyn, ſondern auch bei dem Prinzen von Porcian, bei dem Bruder desjenigen, welcher vergiftet worden iſt.“ „Ei, ei!“ rief Charlotte,„wißt Ihr, Rens, daß Eure Geſchichten ſehr nach dem Furchtſamen riechen? Ihr bittet ſehr zu ungelegener Zeit. Es iſt ſpät; Eure Rede hat den Charakter eines Leichenpredigers. In der That, Eure Parfumerien ſind mehr werth.“ Und Charlotte ſtreckte abermals die Hand nach der Dpiatkapſel aus. „Madame,“ ſagte René,„ehe Ihr es verſucht, wie Ihr thun wollt, vernehmt, was für grauſame Wirkungen die Boshaften daraus ziehen können.“ „Ihr ſeyd offenbar heute Abend ein Leichenredner, René,“ ſprach die Baronin. Heinrich runzelte die Stirne, aber er begriff, daß 16 René zu einem Ziele gelangen wollte, das ihm noch nicht ganz klar war, und beſchloß, dieſe Unterredung, welche ſo ſchmerzliche Erinnerungen in ihm erregte, bis zum Ende zu führen. „Ihr kennt auch die Einzelnheiten der Vergiftung drs Prinzen von Porcian?“ fragte er. „Ja,“ ſprach René.„Man wußte, daß er jede Nacht eine Lampe in der Nähe ſeines Bettes brennen ließ: man vergiftete das Oel und er wurde durch den Geruch getödtet.“ Heinrich zog krampfhaft ſeine durch die Wuth feuchten Finger zuſammen. „Derjenige alſo,“ murmelte er,„welchen Ihr Euern Freund nennt, weiß nicht nur die einzelnen Um⸗ ſtände dieſer Vergiftung, ſondern er kennt auch den Ur⸗ heber derſelben?“ „Ja, und deßhalb wollte er wiſſen, ob Ihr auf den Prinzen von Porcian ſo viel Einfluß hättet, daß Ihr dem Mörder Verzeihung für die Vergiftung ſeines Bruders verſchaffen könntet?“ „Leider,“ erwiederte Heinrich,„habe ich, da ich noch halb Hugenott bin, auf den Herrn Prinzen von Porcian keinen Einfluß. Er hätte alſo Unrecht, wenn er ſich an mich wenden würde.“ „Aber was denkt Ihr von der Stimmung des Prinzen von Cyndé und des Herrn von Pordan?“ S „Wie ſollte ich ihre Stimmung kennen, René? Gott hat mir, ſo viel ich weiß, nicht das Vorrecht ge⸗ geben, in den Herzen zu leſen.“ „Eure Majeſtät kann ſich ſelbſt befragen,“ ſprach der Florentiner ruhig.„Gibt es nicht in dem Leben Eurer Majeſtät ein ſo düſteres Ereigniß, daß es als Probe für die Milde dienen kann, ſo ſchmerzlich auch ein Probierſtein für die Großmuth ſeyn mag?“ Dieſe Worte wurden mit einem Tone ausgeſprochen, 8 der ſelbſt Charlotte beben machte. Es war eine ſo un⸗ mittelbare, ſo empfindliche Anſpielung, daß die junge — och an an en ge⸗ ich en ls ich en, ge 11 Frau ſich abwandte, um ihre Röthe zu verbergen und dem Blicke von Heinrich nicht zu begegnen. Heinrich machte eine unermeßliche Anſtrengung gegen ſich ſelbſt, er entwaffnete ſeine Stirne, die ſich während der Worte des Florentiners mit Drohungen beladen hatte, verwandelte den edlen königlichen Schmerz, der ihm das Herz zuſammenpreßte, in ein unbeſtimmtes Bedenken und erwiederte: „In meinem Leben ein düſteres Ereigniß.. nein, René, nein. Ich erinnere mich aus meiner Jugend nur der Tollheit und Sorgloſigkeit, vermiſcht mit den mehr oder minder gewaltſamen Nothwendigkeiten, welche Allen die Bedürfniſſe der Natur und die Prüfungen Gottes auferlegen.“ René zwang ſich ebenfalls, wandte ſeine Aufmerk⸗ ſamfeit bald Heinrich, bald Charlotte zu, als wollte er den Einen aufregen und die Andere zurückhalten; denn Charlotte ſetzte ſich wirklich wieder vor ihre Toilette, um das peinliche Gefühl zu verbergen, das ihr dieſes Geſpräch verurſachte, und ſtreckte abermals die Hand nach der Opiatkapſel aus. „Aber, Sire, wenn Ihr der Bruder des Prinzen von Porcian oder der Sohn des Prinzen von Condé wäret, und man Euren Bruder vergiftet, oder Euern Vater ermordet hätte... 2“ Charlotte ſtieß einen leichten Schrei aus, und nä⸗ herte abermals das Opiat ihren Lippen. Reneé ſah die Bewegung, aber diesmal hielt er ſie weder mit dem Worte, noch mit der Geberde zurück, ſondern er rief nur: „Im Namen des Himmels, antwortet Sire: wenn Ihr an ihrer Stelle wäret, was würdet Ihr thun?“ einrich ſammelte ſich, trocknete mit zittender Hand ſeine Stirne, auf der einige Tropfen kalten Schweißes perlten, richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf und ant⸗ wortete mitten unter dem Stillſchweigen, das ſogar den Athem von René und Charlotte hemmte: 12 „Wenn ich mich an ihrer Stelle befände, und ich wüßte gewiß, daß ich König wäre, d. h., daß ich Gott auf Erden verträte, ſo würde ich es machen, wie Gott, ich würde vergeben.“ „Madame,“ rief René, das Opiat Frau von Sauve aus den Händen reißend,„Madame, gebt mir dieſe Kapſel zurück. Ich ſehe, mein Gehülfe täuſchte ſich, als er ſie Euch überbrachte; morgen ſchicke ich Euch eine andere.“ II. Ein Menbekehrter. Am andern Tage ſollte Parforce-Jagd im Walde von Saint⸗Germain ſeyn. Heinrich hatte Befehl gegeben, ihm um acht Uhr Morgens ein kleines Bearner Pferd, das er Frau von Sauve zu geben beabſichtigte, vorher aber ſelbſt verſuchen wollte, geſattelt und gezäumt bereit zu halten. Um drei Viertel auf acht Uhr war das Pferd gerichtet; auf den Schlag acht Uhr kam Heinrich herab. Stolz und feurig, trotz ſeines kleinen Wuchſes, ſträubte das Pferd ſeine Mähnen und tänzelte im Hofe. Es war kalt geweſen und ein leichtes Glatteis bedeckte den Boden. Heinrich wollte den Hof durchſchreiten, um auf die Seite der Ställe zu gehen, wo ihn das Pferd und der Reitknecht erwarteten, als er an einem Schweizer Soldaten vorüberkommend, der an der Thüre Schiid⸗ wache ſtand, wahrnahm, daß dieſer Soldat das Gewehr mit den Worten vor ihm präſentirte: „Gott erhalte Seine Majeſtät den König von Na⸗ varra!“. —— —— ——— 13 Bei dieſem Wunſche und beſonders bei dem Tone der Stimme, die ihn ausſprach, bebte der Bearner. Er wandte ſich um und machte einen Schritt rück⸗ wärts. „Von Mouy,“ murmelte er. „Ja, Sire, von Mouy.“ „Was macht Ihr hier?“ „Ich ſuche Euch.“ „Was wollt Ihr von mir?“ „Ich muß Eure Majeſtät ſprechen.“ „Unglücklicher,“ ſagte der König, ſich ihm nähernd, „weißt Du nicht, daß Du Deinen Kopf wagſt?“ „Ich weiß es.“ „Nun?“ „Nun, hier bin ich.“ Heinrich erbleichte leicht, denn er begriff, daß er die Gefahr theilte, welche der glühende junge Mann lief. Er ſchaute deßhalb unruhig um ſich her und wich zum n Male, nicht minder raſch als das erſte Mal, zurück. Sogleich ſein Weſen und ſeine Haltung verändernd, nahm Heinrich die Muskete aus den Händen von Mouy, der, wie geſagt, Schildwache ſtand, und ſprach, während er ſich die Miene gab, als unterſuchte er das Gewehr: „Mouy, es geſchieht gewiß nicht ohne wichtigen Grund, daß Ihr hierher kommt und Euch in den Rachen des Wolfes werft.“ „Nein, Sire, ſeit acht Tagen lauere ich auf Euch. Geſtern erſt erfuhr ich, daß Eure Majeſtät heute Mor⸗ gen dieſes Pferd probiren würde, und nahm den Poſten an der Pforte des Lyuvre.“ „Aber wie in dieſer Tracht?“ „Der Kapitän der Compagnie iſt Proteſtant und einer meiner Freunde.“ „Hier iſt Eure Musfete, ſtellt Euch wieder an Euren Poſten. Man beobachtet uns. Bei meiner Rück⸗ ehr werde ich es verſuchen, ein Wort mit Euch zu re⸗ 14 den. Spreche ich aber nicht mit Euch, ſo haltet mich der nicht zurück. Gott befohlen.“ Bli Von Mouy begann wieder ſeinen abgemeſſenen Marſch Au und Heinrich ging auf das Pferd zu. 5 vo „Was iſt das für ein hübſches kleines Pferd?“ fragte Se der Herzog von Alengon von ſeinem Fenſter aus. nic „Ein Pferd, das ich dieſen Morgen probiren ſollte,“ antwortete Heinrich. M „Das iſt aber kein Herrenpferd?“ „Nein, es war auch für eine ſchöne Dame beſtimmt.“ es „Nehmt Euch in Acht, Heinrich, Ihr ſeyd indis⸗ nic cret; denn wir werden die ſchöne Dame auf der Jagd He ſehen, und wenn ich nicht weiß, weſſen Ritter Ihr ſeyd, ſo weiß ich doch wenigſtens, wem Ihr als Stallmeiſter N angehört.“ „Mein Gott, Ihr werdet es nicht erfahren,“ ſagte Heinrich mit ſeiner ſcheinbaren Gutmüthigkeit,„denn die lät ſchöne Dame wird nicht ausreiten können, da ſie dieſen me Morgen ſehr unpäßlich iſt.“ Und er ſchwang ſich in den Sattel. ſas „Ah, bah!“ ſprach Alencon lachend,„die arme Frau von Sauve!“ da „Franz, Franz! Ihr ſeyd indiscret!“ 5 de „Was fehlt ihr denn, der ſchönen Charlotte?“ ver⸗ ſetzte der Herzog von Alencon. G „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Heinrich, indem er die ſein Pferd in furzen Galopp ſetzte und einen Manege⸗ D kreis beſchreiben ließ;„ich weiß es nicht, der Kopf iſt wo ihr ſchwer, wie mir Dariole geſagt hat, eine Art von Erſtarrung durch den ganzen Körper, eine allgemeine 5 He Schwäche.“ ha „Wird Euch das hindern, uns Geſellſchaft zu lei⸗ ſten?“ ſagte der Herzog. al „Mich, warum?“ verſetzte Heinrich.„Ihr wißt, S daß ich ein leidenſchaftlicher Jäger bin und daß mich nichts bewegen könnte, bei der Jagd zu fehlen.“ S „Dieſe werdet Ihr doch verfeblen, Heinrich,“ ſagt 1 t.“ d d, ter te ie en en 15 der Herzog, nachdem er ſich umgewendet und einen Augen⸗ blick mit einer Perſon geſprochen hatte, welche für die Augen von Heinrich unſichtbar geblieben war, weil ſie von dem Hintergrunde des Zimmers aus ſprach,„denn Seine Majeſtät läßt mir ſo eben ſagen, die Jagd könne nicht ſtatt finden.“ „Bah!“ verſetzte Heinrich mit einer ärgerlichen Miene.„Warum dieß?“ „Sehr wichtige Briefe von Herrn von Nevers, wie es ſcheint. Es findet eine Berathung zwiſchen dem Kö⸗ nig, der Königin Mutter und meinem Bruder, dem Herzog von Anjou, ſtatt.“ „Ah, ah!“ ſagte Heinrich zu ſich ſelbſt;„ſollten Nachrichten aus Polen eingetroffen ſeyn?“ Dann fuhr er laut fort: „In dieſem Falle iſt es unnöthig, daß ich mich länger auf dem Glatteiſe gefährde. Auf Wiederſehen, mein Bruder.“ Hierauf hielt er ſein Pferd vor Mouy an und ſagte zu dieſem: „Mein Freund, rufe einen von Deinen Kameraden, daß er den Wachtdienſt für Dich vollends verſieht. Hilf dem Reitknechte dieſes Pferd abgürten, nimm den Sattel auf den Kopf und trage ihn zu dem Goldſchmiede der Geſchirrkammer. Es iſt eine Stickerei daran zu machen, die er für heute zu vollenden nicht mehr Zeit hatte. Du kommſt dann in meine Wohnung, um mir Ant⸗ wort zu ſagen.“ Von Mouy beeilte ſich zu gehorchen, denn der Herzog von Alencon war vom Fenſter verſchwunden und hatte offenbar irgend einen Verdacht geſchöpft. Er hatte wirklich kaum das Pförtchen hinter ſich, als der Herzog von Alengon erſchien. Ein wirklicher Schweizer war an dem Platze von Mouy. Der Herzog ſchaute mit großer Aufmerkſamkeit die Schildwache an, wandte ſich ſodann nach Heinrich um und ſagte zu dieſem; 16 „Ihr habt ſo eben nicht mit dieſem Menſchen ge⸗ ſprochen, nicht wahr, mein Bruder?“ „Der Andere iſt ein Burſche aus meinem Hauſe, den ich zu den Schweizern brachte; ich habe ihm einen Auftrag gegeben, den er in dieſem Augenblicke beſorgt.“ „Ah!“ rief der Herzog, als ob ihm die Antwort genügte. „Und wie geht es Margarethe?“ „Ich will ſie fragen, mein Bruder.“ „Habt Ihr ſie ſeit geſtern nicht geſehen?“ „Nein. Ich fand mich geſtern Nacht gegen eilf Uhr bei ihr ein, aber Gillonne ſagte mir, ſie wäre müde und ſchliefe.“ „Ihr werdet ſie nicht in ihren Gemächern finden; ſie iſt ausgegangen.“ „Ja,“ ſagte Heinrich,„das iſt möglich, ſie ſollte ſich in das Annonciade⸗Kloſter begeben.“ Es ließ ſich das Geſpräch nicht weiter treiben; Heinrich ſchien entſchloſſen, nur zu antworten. Die zwei Schwäger verließen ſich alſo, der Herzog von Alengon, um Neuigkeiten zu erfahren, wie er ſagte, der König von Navarra, um in ſeine Wohnung zurück⸗ zukehren.. Einen Augenblick, nachdem die zwei Schwäger ſich getrennt hatten, klopfte man an die Thüre des Schlaf⸗ zimmers von Heinrich. „Wer iſt da?“ fragte er. „Sire,“ antwortete eine Stimme, in der Heinrich die von Mouy erkannte,„die Antwort des Goldſchmieds der Sattelkammer.“ Heinrich ließ, ſichtbar bewegt, den jungen Mann eintreten und ſchloß die Thüre hinter ihm. „Ihr ſehd es, von Mouy?“ ſprach Heinrich,„ich dachte, Ihr würdet überlegen.“ „Sire,“ antwortete von Mouy,„ich überlege ſeit drei Monaten; das iſt genug, nun iſt es Zeit zu handeln.“ Heinrich machte eine Bewegung der Unruhe⸗ das wie * ieug ſchw nich von der und ergr 4 chell wart enne ein Zukt —— 17 ge„Fürchtet Euch nicht, Sire, wir find allein, und ich beeile mich, denn die Augenblicke ſind koſtbar. Euere ſe, Majeſtät kann uns durch ein einziges Wort zurückgeben, ren was die Sache der Religion durch die Ereigniſſe des t.⸗ Jahres verloren hat. Wir wollen klar, kurz, offenherzig ort ſeyn.“ „Ich höre, mein braver Mouy,“ antwortete Heinrich, als er ſah, daß es unmöglich war, die Erklärung zu vereiteln. „Iſt es wahr, daß Eure Majeſtät die proteſtan⸗ ihr tiſche Religion abgeſchworen hat?“ ind„Es iſt wahr,“ ſprach Heinrich. „Ja, aber mit den Lippen oder mit dem Herzen?“ en;„Man iſt immer dankbar gegen Gott, wenn Er uns das Leben rettet,“erwiederte Heinrich, die Frage umdrehend, lte wie es bei ſolchen Fällen ſeine Gewohnheit war,„und Gott hat mich bei dieſer grauſamen Gefahr ſichtbar geſchont.“ n verſetzte von Mouy,„geſtehen wir Eines.“ „Was?“ zog„Daß Eure Abſchwörung keine Sache der Ueber⸗ te, zeugung, ſondern der Berechnung iſt. Ihr habt abge⸗ ick⸗ ſchworen, damit Euch der König das Leben laſſe, und nicht, weil es Gott Euch erhalten hat.“ ſich„Was auch die Urſache meiner Bekehrung ſeyn mag, laf⸗ von Mouy, ich bin darum nicht minder Katholik.“ Ja, aber werdet Ihr es bleiben? Werdet Ihr bei der erſten Gelegenheit, die ſich bietet, Eure Eriſtenz⸗ rich und Gewiſſens⸗Freiheit wieder zu erlangen, dieſe nicht eds ergreifen? Wohl, dieſe Gelegenheit bietet ſich: La Ro⸗ chelle iſt im Aufruhr begriffen, Ruuſſillon und Bearn nn warten nur auf ein Wort, um zu handeln; in der Guy⸗ enne ſchreit Alles nach Krieg. Sagt mir nur, daß Ihr ich ein gezwungener Katholik ſeyd, und ich ſtehe für die Zukunft.“ ſeit„Man nöthigt einen Edelmann von meiner Geburt n. Königin Margot. I. 2 —— 18. nicht, mein lieber von Mouy. Was ich gethan habe, habe ich aus freien Stücken gethan.“ „Aber, Sire,“ ſagte der junge Mann. das Herz ge⸗ preßt über dieſen Widerſtand, den er nicht erwartete, „Ihr bedenkt nicht, daß Ihr durch Eure Handlungsweiſe uns verlaßt, verrathet.“ Heinrich blieb unempfindlich. „Ja,“ fuhr Mouy fort,„ja, Ihr verrathet uns, Sire, denn mehre von uns ſind auf Gefahr ihres Lebens gekommen, um Eure Ehre und Eure Freiheit zu retten. Wir haben Alles vorbereitet, um Euch einen Thron zu geben, Sire, verſteht Ihr wohl? Nicht allein die Frei⸗ heit, ſondern die Macht, einen Thron nach Euerem Wohlgefallen; denn in zwei Monaten könnt Ihr wählen zwiſchen Navarra und Frankreich“ „Von Mouy,“ ſagte Heinrich, ſeinen Blick ver⸗ ſchleiernd, der unwillführlich bei dieſem Vorſchlag einen Blitz geſchleudert hatte,„von Mouy, ich bin unverletzt, ich bin Kathvlik, ich bin der Gemahl von Margarethe, ich bin der Bruder des Königs Karl, ich bin der Schwiegerſohn meiner guten Mutter Catharine. Ven Wouy, indem ich dieſe verſchiedenen Slellungen au nahm, berechnete ich nicht nur die Chancen, ſondern auch die Verpflichtungen.“ „Aber, Sire“ verſetzte von Mouy,„woran ſoll man glauben? Man ſagt mir, Euere Ehe ſey noch nicht volk⸗ zogen, man ſagt mir, Ihr ſeid frei im Grunde des Herzens, man ſagt mir, der Haß von Catharine. „Lüge, Lüge.“ unterbrach ihn der Bearner,„Ja, man hat Euch unverſchämt getäuſcht, mein Freund. Dieſe Margarethe iſt wohl meine Frau; Catharine iſt wohl meine Mutter; der König Karl IX. endlich it wohl der Herr und Meiſter meines Lebens und meines Herzens.“ Von Mouy bebte; ein beinahe verächtliches Lächein zog über feine Lippen hin. „Alſo Sire,“ ſprach er, indem er entmuthigt ſein S 4 — Arm Finſ ich: ſager gebe werd Mut Köni nach haber verſch nach, Man mach Star in C ſeiner Bode Stie habe mein welch Herzt ſeiner ſichz „ich vielle be, ge⸗ ete, eiſe ins, es ten. zu rei⸗ erem hlen ver⸗ inen letzt⸗ ethe, der Ven an⸗ ndern lman voll⸗ e des reund. ine iſt ch iſt neines ächen ſein 19 Arme ſinken ließ und mit dem Blicke dieſe Seele voll Finſterniß zu ergründen ſuchte,„das iſt die Antwort, die ich meinen Brüdern zu bringen habe? Ich werde ihnen ſagen, der König von Navarra reiche ſeine Hand und gebe ſein Herz denen, welche uns erwürgt haben, ich werde ihnen ſagen, er ſey der Schmeichler der Königin Mutter und der Freund von Maurevel geworden.“ „Mein lieber von Mouy,“ verſetzte Heinrich,„der König verläßt den Rath, und ich muß mich bei ihm— nach den Gründen erkundigen, welche ihn veranlaßt haben, eine ſo wichtige Sache, wie eine Jagdpartie, zu verſchieben. Gott befohlen, mein Freund, ahmt mich nach, kehrt zum König zurück und hört die Meſſe.“ Und Heinrich führte oder ſtieß vielmehr den jungen Mann zurück, deſſen Erſtaunen der Wuth Platz zu machen anfing, Kaum hatte er die Thüre geſchloſſen, als er, außer Stands, der Gierde zu widerſtehen, an irgend Etwas, in Ermangelung von irgend Jemand ſich zu rächen, ſeinen Hut zwiſchen den Händen zerknitterte, auf den Boden warf und ihn mit den Füßen ſtampfend, wie ein Stier den Mantel des Matadors, ausrief: „Beim Tode! das iſt ein elender Fürſt, und ich habe große Luſt, mich hier tödten zu laſſen, um ihn mit meinem Blute für immer zu beflecken.“ „Stille! Herr von Mouy,“ ſagte eine Stimme, welche aus einer halb geöffneten Thüre hervorkam, „ſtille! denn es könnte Euch ein Anderer, als ich, hören.“ WVon Mouy wandte ſich raſch um und erblickte den Herzog von Alencon, der in einem Mantel eingehüllt, ſeinen bleichen Kopf in den Corridor ausſtreckte, um ſich zu verſichern, ob von Mouy und er allein wären. „Der Herr Herzog von Alencon,“ rief von Mouy, „ich bin verloren.“ „Im Gegentheil,“ murmelte der Prinz,„Ihr habt vielleicht ſogar das gefunden, was Ihr ſucht; zum Be⸗ 9 — weiſe ſage ich Euch, 6* 26 daß Ihr Euch nicht hier tödten laſſen ſollt, wie Ihr es beabſichtigt. Glaubt mir, Euer Blut kann zu etwas Beſſerem angewendet um die Schwelle des Königs von Navarra ro Bei dieſen Worten öffnete der Herzog ers, das zuvor nur ein wenig geöffnet Thüre des Zimm geweſen war. „Dieſes Zin leute,“ ſprach der jagen, wir können alſo Kommt, mein He mer iſt das von zweien Herzog,„Niemand wird „Hier bin ich,“ antwortete der Ver erſtannt. Und er trat zog von Alencon als es der König v Von Mouy war wü eingetreten, aber werden, als th zu färben.“ ganz weit die meiner Edel⸗ uns hier auf⸗ nach unſerm Gefallen ſprechen.. ſchwörer ſehr in das Zimmer, deſſen Thüre der Her⸗ nicht minder lebhaft hinter ſich ſchloß, on Navarra gethan hatte. thend, in Verzweiflung, fluchend allmählig machte der kalte, feſte Blick des jungen Herzogs Frauz auf den hugeno tän den Eindruck des Zauberſpiegels, de vertreibt. „Monſeigneur,“ ſagte er,„wenn ich richtig ver⸗ ſtanden habe, will Euere Hoheit mit mir „Ja, Herr von Mouy, Euerer Verkleidung hatte ich Euch zu erke und als Ihr vor meinem präſentirtet, erka unte ich E Bruder Heinrich das Gewehr uch vollends ganz. Nun, von ttiſchen Kapi⸗ r den Rauſch ſprchen.“ „antwortete Franz.„Trotz nnen geglanbl⸗ Mouy, Ihr ſeyd alſo mit dem König von Navarra nicht zufrieden?“ „Monſeigneur!“ „Aufl ſprecht ohne Sche . umit mir. Ich gehöre, viel leicht ohne daß Ihr es vermuthet, zu Eueren Freunden.“ „Ihr, Monſeigneur?“ „Ja, ich. „Ich weiß Sprecht alſo.“ nicht, was ich Euerer Hoheit ſagen ſol. Monſeigneur. Die Dinge, über welche ich mit dem Könige von Na varra zu ſprechen hatte, berühren Inis reſſe dieß gew dieß rückt in G mir von vorn wie Soh Euch mir Euch verbi Herzo licher ich n ich m nicht dem die de nigre 6 Mien 93 ie net el⸗ uf⸗ en.. ehr er⸗ loß, en Blick api⸗ uſch ver⸗ Trotz aubt⸗ wehr „von varra „viel⸗ den.“ n ſoll, t dem Inte 21 reſſen, welche Euere Hoheit nicht begreifen dürfte. Ueber⸗ dieß,“ fügte von Mouh mit einer Miene, der er eine gewiſſe Gleichgültigkeit zu verleihen ſuchte, bei,„über⸗ dieß handelte es ſich um Bagatellen.“ „Um Bagatellen?“ rief der Herzog. „Ja, Monſeigneur.“ „Um Bagatellen, für welche Ihr, in den Louvre zu⸗ rückkehrend, wo Euer Kopf, wie Ihr wißt, ſein Gewicht in Gold werth iſt, Euer Leben wagtet? Denn glaubt mir, es iſt nicht unbekannt, daß Ihr mit dem König von Navarra und dem Prinzen von Conde eines der vornehmſten Häuprer der Hugenotten ſeyd.“ „Wenn Ihr das glaubt, ſo handelt gegen mich, wie es ſich für den Bruder von König Karl und dem Sohn von der Königin Catharine geziemt.“ „Warum ſoll ich ſo handeln, während ich gegen Euch äußerte, ich gehöre zu Eueren Freunden? Sagt mir alſo die Wahrheit.“ „Monſeigneur,“ erwiederte von Mouy,„ich ſchwöre „ „Schwört nicht, mein Herr, die reformirte Religion verbietet die Eide, und beſonders die falſchen.“ Von Mouy runzelte die Stirne. ch ſage Euch, daß ich Alles weiß,“ ſprach der Herzog.“ Von Mouy ſchwieg fortwährend. „Zweifelt Ihr daran,“ verſetzte der Prinz mit freund⸗ licher Zudringlichkeit.„Nun, mein lieber von Mouy, ich muß Euch überzeugen, Ihr ſollt ſelbſt urtheilen, ob ich mich täuſche. Habt Ihr meinem Schwager Heinrich nicht ſo eben dort“— der Herzog ſtreckte die Hand nach dem Zimmer des Bearners aus—„Euere Hülſe und die der Eurigen angetragen, um ihn wieder in ſein Kö⸗ nigreich Navarra einzuſetzen?“ Von Mouy ſchaute den Herzog mit verwirrter Miene an. 22 Antrag, den er mit Schrecken zurückgewieſen 1 8 Von Mouy blieb ganz erſtaunt. „Habt Ihr nicht Eure alte Freundſchaft, die Erin⸗ nerung an die gemeinſchaftliche Religion angerufen? Habt Ihr ſodann nicht den König von Navarra mit einer Hoffnung ſo glänzend zu ködern geſucht, daß er davon geblendet war mit der Hoffnung auf die Krone von Frankreich? Nein! ſagt, bin ich unterrichtet? Iſt es das, was Ihr dem Bearner angetragen habt?“ „Monſeigneur,“ rief von Mouy,„es iſt es ſo ſehr, daß ich mich in dieſem Augenblicke frage, ob ich nicht Eurer Hoheit ſagen ſoll, ſie habe gelogen, um auf dieſe Art einen Kampf auf Leben und Tod hervorzurufen und durch den Tod von Einem von uns Beiden das Er⸗ böſchen dieſes furchtbaren Geheimniſſes zu ſichern.“ „Sachte, mein braver von Mouy, ſachte,“ ſprach der Herzog, ohne das Geſicht zu verändern, ohne ſich im Geringſten bei dieſer furchtbaren Drohung zu be⸗ wegen;„das Geheimniß wird eher unter uns erlöſchen, wenn wir Beide leben, als wenn Einer von uns ſtirbt. Hört mich und quält nicht länger den Griff Eures Degens. Zum dritten Male ſage ich Euch, daß Ihr bei einem Freunde ſeyd. Antwortet mir alſo, wie einem Freunde. Hat der König von Navarra nicht Alles ausgeſchlagen, was ihm von Euch angeboten worden iſt?“ 13 „Ja Monſeigneur, und ich geſtehe es, weil dieſes Geſtändniß nur mich gefährden kann.“ „Habt Ihr nicht, als Ihr ſein Zimmer verließet und Euren Hut mit den Füßen tratet, ausgerufen, er wäre ein feiger Fürſt und nicht würdig, Euer Führer zu bleiben?“ „Das iſt wahr, Monſeigneur, ich habe es geſagt.“ „Ah, es iſt wahr. Ihr geſteht es alſo?“ „Und es iſt immer noch Eure Anſicht?“ „Mehr als je, Monſeigneur.“ — S bir da rec gle not wi 3) die Ka gie mei wei wer daß das auf nig: ich, in Kön Mo die daß dent Ane rab nur ieſen Frin⸗ fen? mit drone Iſt ſehr, nicht auf rufen Er⸗ prach ſich be⸗ chen, tirbt. gens. inem unde. agen, ieſes ließet e ihrer gt.“ „Nun wohl, ich, Herr von Mouy, ich, der dritte Sohn von Heinrich 1I., ich, ein Sohn von Frankreich, bin ich ein hinreichend guter Edelmann, um Euren Sol⸗ daten zu befehligen? Sprecht. Und' haltet Ihr mich für rechtſchaffen genug, daß Ihr auf mich bauen zu können glanbt?“ „Ihr, Monſeigneur, Ihr, das Haupt der Huge⸗ notten.“ „Warum nicht? Es iſt die Zeit der Verwandlungen, wie Ihr wißt. Heinrich hat ſich zum Katholiken gemacht, ich kann wohl Proteſtant werden. „Allerdings, Monſeigneur; ich erwarte auch, daß Ihr mir erklärt....“ „Nichts einfacher und ich will Euch mit zwei Worten die Politik aller Welt auseinanderſetzen. Mein Bruder Karl tödtet die Hugenotten, um ungebundener zu re⸗ gieren. Mein Bruder Anjon läßt ſie tödten, weil er meinem Bruder Karl auf dem Throne folgen ſoll, und weil mein Bruder Karl, wie Ihr wißt, häufig krank iſt. Ich aber. und das iſt etwas ganz Anderes ich werde nie in Frankreich regieren, wenigſtens in Betracht, daß ich zwei ältere Brüder vor mir habe; ich, den der Fuß meiner Mutter und mefner Brüder noch mehr, als das Geſetz der Natur vom Throne entfernt; ich, der ich auf keine Familienliebe, auf keinen Ruhm, auf kein Kö⸗ nigreich Anſpruch zu machen habe, ich, der ich jedoch ein Herz ſo edel, als das meiner Brüder im Buſen trage, 3 9 ich, mein lieber Mouh, will mir mit meinem Schwerte in dieſem Frankreich, das ſie mit Blut bedecken, ein Königreich zu ſchneiden ſuchen. Das iſt mein Wille, Mouy. Ich will König von Navarra werden, nicht durch die Geburt, ſondern durch die Wahl. Und bemerkt wohl, daß Ihr mir hiegegen keine Einwendung zu machen habt, denn ich bin kein Thronräuber, da mein Schwager Eure Anerbietungen ausſchlägt und ſich in Schlafſucht be⸗ rabend laut anerkannt, daß dieſes Königreich Navarra nur eine Fietion iſt. Mit Heinrich von Bearn habt 24 Ihr nichts, mit mir habt Ihr ein Schwert und einen Namen, Franz von Alencon, Sohn von Frankreich, Schutz⸗ wache aller ſeiner Gefährten oder aller ſeiner Genoſſen, wie Ihr ſie nennen wollt. Nun, was ſagt Ihr zu dieſem Anerbieten, Herr von Mouy?“ „Ich ſage, daß es mich blendet, Monſeigneur.“ „Mouy, Mouy, wir werden viele Hinderniſſe zu überwinden haben. Zeigt Euch daher nicht von Anfang an ſo anſpruchsvoll und ſchwierig gegen einen Königs⸗ ſohn, und zwar gegen einen Königsſohn, der Euch ent⸗ gegenkommt.“ „Monſeigneur, die Sache wäre bereits abgemacht, wenn ich allein meine Anſichten zu behaupten hätte, aber wir haben einen Rath und ſo glänzend auch das Aner⸗ bieten iſt, vielleicht gerade, weil es ſo iſt, werden die Parteiführer doch nicht unbedingt beiſtimmen.“ „Das iſt etwas Anderes und die Antwort iſt die eines ehrlichen Herzens und eines klugen Geiſtes. Aus der Artfund Weiſe, wie ich zu Werke gegangen bin, von Mouy, mußtet Ihr meine Redlichkeit erkennen. Be⸗ handelt mich alſo Eurerſeits als einen Mann, den man achtet und nicht als einen Prinzen, dem man ſchmeichelt. Von Mouh, habe ich Hoffnung?“ „Auf mein Wort, Monſeigneur, und da Eure Ho⸗ heit wünſcht, daß ich meine Meinung ausſpreche, ſo ſage ich, daß Eure Hoheit jede Hoffnung hat, ſeit von dem König von Navarra mein Anerbieten ausgeſchlagen worden iſt. Aber ich wiederhole, Monſeigneur, daß eine Berathung mit meinen Führern für mich unerläßlich iſt.“ „Thut es alſo, mein Herr;“ erwiederte der Herzog. „Wann die Antwort?“ Von Mouy ſchaute den Prinzen ſtillſchweigend an. Dann, als ob er einen Entſchluß gefaßt hätte, antwor⸗ tete er: „Monſeigneur, gebt mir Eure Hand, ſoll ich ſicher ſeyn, daß ich nicht verrathen werde, ſo muß ein Sohn von Frankreich meine Hand berühren.“ mi üb An unt gle mit Au Ma „J mit ford Es die Abe Abe dam Mor welc inen hutz⸗ ſſen, eſem e zu ang igs⸗ ent⸗ cht, aber ner⸗ die die Aus von Be⸗ man helt. „ſo von igen eine iſt.“ zog. an. vor⸗ cher on 25 Der Herzog ſtreckte nicht nur ſeine Rechte gegen Mouy aus, ſondern er⸗ nahm auch die Hand von Mouy und drückte ſie. „Nun, Monſeigneur, bin ich ruhig,“ ſagte der junge Hugenot.„Würden wir verrathen, ſo könnte ich be⸗ haupten, Ihr hättet keinen Theil daran. Sonſt, Mon⸗ ſeigneur, und ſo wenig Ihr bei einem ſolchen Verrathe betheiligt ſeyn dürftet, wäret Ihr entehrt.“ „Warum ſagt Ihr mir das, von Mouy, ehe Ihr mir ſagt, Ihr würdet die Antwort Euren Häuptern überbringen?“ „Monſeigneur, indem Ihr mich fragt, wann die Antwort? fragt Ihr mich zugleich, wo ſind die Häupter? und wenn ich Euch ſage: dieſen Abend erfahrt Ihr zu⸗ gleich, daß ſie ſich in Paris verborgen halten.“ Während von Mouy dieſe Worte ſprach, heftete er mit einer Geberde des Mißtrauens ſein durchdringendes Auge auf den unſichern, ſchwankenden Blick des jungen Mannes. „Geht, Herr von Mouy,“ verſetzte der Herzog, „Ihr habt immer noch Zweifel. Aber ich kann nicht mit dem erſten Schlage ein volles Zutrauen von Euch fordern. Ihr werdet mich ſpäter beſſer kennen lernen. Es wird uns eine Gemeinſchaft der Intereſſen verbinden, die Euch jeden Verdacht benimmt. Ihr ſagt alſo dieſen Abend, Herr von Mouy?“ „Ja, Monſeigneur, denn die Zeit drängt. Dieſen Abend alſo. Aber wo, wenn es Euch beliebt?“ „Im Loupre, hier in dieſem Zimmer, ſeyd Ihr damit einverſtanden?“ „Dieſes Zimmer iſt bewohnt?“ entgegnete von Mouh mit dem Blicke die zwei Betten bezeichnend, welche einander gegenüberſtanden. „Von zweien meiner Edelleute, ja.“ „Monſeigneur, es ſcheint mir für mich unklug in den Louvre zurückzukehren.“ „Warum dies?“ 26. „Weil, wenn Ihr mich erkannt habt, Andere eben ſo gute Angen als Euere Hoheit haben, und mich auch erkennen können. Ich Khre jedoch in den Louvre zurück, wenn Ihr mir bewilligt, was ich mir von Euch erbitten werde.“ „Was?“ „Einen Schutzbrief.“ „Von Mouy,“ antwortete der Herzog,„ein Schutz⸗ brief von mir, den man bei Euch findet, richtet mich zu Grunde und rettet Euch nicht. Nur unter der Bedin⸗ gung vermag ich etwas für Euch, daß wir in den Augen Aller einander völlig fremd ſind. Die geringſte Verbin⸗ dung von meiner Seite mit Euch, würde mich, falls man ſie meiner Mutter oder meinen Brüdern bewieſe, das Leben koſten. Ihr ſeyd alſo beſchützt durch mein eigenes Intereſſe, von dem Augenblicke an, wo ich mich mit den Anderen überwerfe. Frei in meiner Thätig⸗ keits⸗Sphäre, ſtark, wenn ich unbekannt bin, ſo lange ich undurchdringlich bleibe, beſchütze ich Euch Alle, vergeßt das nicht. Ruft Eueren Muth zum letzten Male zu Hülfe; verſucht auf mein Wort, was Ihr auf das Wort meines Schwagers verſuchtet. Kommt dieſen Abend in den Louvre.“ „Aber wie ſoll ich dahin kommen? Ich kann mich in dieſer Tracht nicht in die Zimmer wagen. Sie war höchſtens gut für die Corridors und Höfe. Meine eigene iſt noch viel gefährlicher, weil Jedermann mich hier kennt und ſie mich keineswegs hier verbirgt.“ Der Herzog ſchaute umher und ſeine Augen fielen auf die Staatsgarderobe von La Mole, welche gerade auf dem Bette ausgebreitet lag, das heißt auf einen prachtvollen mit Gold geſtickten kirſchrothen Mantel, einen Hut, mit einer weißen Feder geſchmückt und mit einer Schnur von Gold- und Silberperlen umgeben, und ein Wams von perlgrauem Atlas. Seht Ihr dieſen Mantel, dieſe Federn und dieſes* Wamms?“ ſprach der Herzog;„ſie gehören Herrn de La drü deck Her dem als Mol beid und eben mich ouvre Euch chutz⸗ ch zu ein lugen rbin⸗ falls wieſe, mein mich ätig⸗ e ich rgeßt e ze Wort id in mich war igene hier ielen rade inen ntel, mit ben, ieſes e La 7 Mole, einem meiner Edelleute, einem Stutzer vom beſten Tone. Dieſer Anzug hat Furore hei Hofe gemacht und man erkennt Herrn de La Mole auf hundert Schritte, wenn er ihn trägt. Ich will Euch die Adreſſe des Schneiders geben, der ihm denſelben gemacht hat; be⸗ zahlt Ihr ihm das Doppelte von dem, was er werth iſt, ſo habt Ihr heute Abend einen ähnlichen. Ihr werdet wohl den Namen von Herrn de La Mole be⸗ halten?“ Der Herzog von Alencon hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als man einen Tritt, der ſich im Corridor näherte, und einen Schlüſſel hörte, der im Schloſſe gedreht wurde. „Wer iſt da?“ rief der Herzog, nach der Thüre eilend und den Riegel vorſtoßend „Bei Gott,“ antwortete eine Stimme von Außen, „ich finde die Frage ſonderbar. Wer iſt da? das frage ich Euch. Das iſt doch luſtig, daß man mir ein: Wer da? zuruft, wenn ich in mein Zimmer zurückkehren will.“ „Seyd Ihr es de La Mole?“ „Allerdings bin ich es. Aber wer ſeyd Ihr denn?“ Während La Mole ſein Erſtaunen darüber aus⸗ drückte, daß er ſein Zimmer bewohnt fand, und zu ent⸗ decken ſuchte, wer der neue Gaſt war, drehte ſich der Herzog, die eine Hand an dem Riegel, die andere an dem Schloſſe, raſch um und fragte von Mouyh: „Kennt Ihr Herrn de La Mole?“ „Nein, Monſeigneur.“ „Und er, kennt er Euch?“ „Ich weiß es nicht.“ „Dann ſteht Alles gut; gebt Euch den Anſchein, als ſchautet Ihr zum Fenſter hinaus.“ Von Mouy gehorchte, ohne zu antworten, denn La Mole fing an ungeduldig zu werden und trommelte mit beiden Fäuſten an die Thüre. Der Herzog warf einen letzten Blick auf Mouy und öffnete, als er ſah, daß er den Rücken gedreht hatte. 28 „Monſeigneur der Herzog!“ rief La Mole und wich erſtaunt zurück.„Oh! verzeiht! verzeiht, Monſeigneur.“ „Es iſt nichts, mein Herr, ich bedurfte Eures Zim⸗ mers, um Jemand zu empfangen.“ „Ganz nach Belieben, Monſeigneur; aber erlaubt mir, ich bitte Euch, meinen Mantel und meinen Hut von dem Bette zu nehmen, denn ich habe beides dieſe Nacht auf dem Quai de la Grove verloren.“ „In der That, mein Herr,“ erwiederte der Prinz lächelnd, indem er La Mole ſelbſt die verlangten Ge⸗ genſtände reichte,„Ihr ſeyd ſchlimm zugerichtet und . es mit ſehr hartnäckigen Dieben zu thun gehabt aben.“ Der junge Mann verbeugte ſich und ging weg, um im Vorzimmer die Kleider zu wechſeln, ohne ſich im Ge⸗ ringſten um das zu bekümmern, was der Herzog in ſeinem Zimmer that; denn es war gebräuchlich im Louvre, daß die Wohnungen der Gdelleute für die Prin⸗ zen, denen ſie zugehörten, zugleich für alle moͤglichen Aufnahmen dienten. Von Mouy näherte ſich dem Herzog und Beide horchten, um den Augenblick zu erfahren, wo La Mole fertig wäre und ausgehen würde. Als er aber die Klei⸗ der gewechſelt hatte, entzog er ſie ſelbſt der Verlegenheit, denn er fragte, ſich der Thüre nähernd: „Um Vergebung, Monſeigneur, hat Eure Hoheit nicht auf ihrem Wege dem Grafen von Coconnas begegnet?“ „Nein, mein Herr Graf, und er hatte doch dieſen Morgen Dienſt.“ „Dann wird man ihn mir ermordet haben,“ ſprach ſprach La Mole zu ſich ſelbſt, während er ſich entfernte. Der Herzog hörte das Geräuſch der Tritte, welche nach und nach ſchwächer wurden, dann öffnete er die Thüre, zog Mouy zu ſich und fagte zu ihm: „Seht, wie er geht, und verſucht dieſe unvergleic⸗. liche Tournure nachzuahmen.“ „Ich werde mein Beſtes thun,“ erwiederte von ſta vot dur Sec den: gew wele res Hof zu k eing ſtürr gewe innet Früt wich neur.“ Zim⸗ rlaubt Hut dieſe Prinz Ge⸗ und ehabt „um 1 Ge⸗ gin im Prin⸗ lichen Beide Mole Klei⸗ heit, nicht et ieſen rach rnte. elche die 29 MWouy.„Leider bin ich kein Damenknecht, ſondern ein Soldat.“ „Jedenfalls erwarte ich Euch vor Mitternacht in dieſem Corridor. Iſt das Zimmer meiner Edelleute frei, ſo empfange ich Euch in demſelben. Iſt dies nicht der Fall, ſo werden wir ein anderes finden.“ „Gut, Monſeigneur.“ „Alſo dieſen Abend, vor Mitternacht?“ „Dieſen Abend, vor Mitternacht.“ „Oh, von Mouy wiegt den rechten Arm beſonders ſtark, wenn Ihr geht; das iſt eine Eigenthümlichkeit von Herrn de La Mole.“ IMI. Die Bue Dizon und die Bue Cloche-Percée. La Mole lief eiligſt durch den Louvre weg und durchjagte Paris, um den armen Coconnas zu entdecken. Es war ſeine erſte Sorge, ſich in die Rue de lArbre Sec zu begeben und bei Meiſter La Hurière einzutreten, denn La Mole erinnerte ſich oft, den Piemonteſen eine gewiſſe lateiniſche Deviſe ausſprechen gehört zu haben, welche zu beweiſen ſuchte, daß Amor, Bacchus und Ce⸗ res Götter erſter Nothwendigkeit ſind, und er hatte die Hoffnung, Coconnas werde, um den römiſchen Spruch zu befolgen, ſich in dem ſchönen Geſtirn nach einer Nacht eingeſtellt haben, welche für ſeinen Freund nicht minder ſtürmiſch geweſen ſeyn mußte, als ſie es für ihn ſelbſt geweſen war. La Mole fand nichts bei La Huriere als die Er⸗ innerung an die übernommene Verbindlichkeit und ein Frühſtück, das mit ebenſo viel Freundlichkeit angeboten 30 wurde, als es unſer Edelmann trotz ſeiner Unruhe mit großem Appetit annahm. Sobald in Ermanglung des Geiſtes wenigſtens der Magen beruhigt war, ſetzte ſich La Mole wieder in Lauf und ging an der Seine hinauf, wie jener Mann, der ſeine ertrunkene Frau ſuchte. Als er auf den Quai de la Grove kam, erkannte er die Stelle, wo er drei bis vier Stunden vorher ohne Zweifel angehalten worden war, und er fand auf dem Schlachtfelde ein kleines Stück von der Feder ſeines Hutes. Das Gefühl des Beſitzes iſt bei dem Menſchen angeboren. La Mole beſaß zehn Federn, von denen immer eine ſchöner war, als die andere. Nichts deſto weniger blieb er ſtehen, um dieſe oder vielmehr die einzigen Trümmer, welche ſie überlebt hatte, aufzuheben, und er betrachtete dieſelben mit einer mitleidigen Miene, als ſchwere Tritte in ſeiner Nähe erſchollen und grobe Stimmen ihn auf die Seite gehen hießen. La Mole ſchaute empor und erblickte eine Sänfte, zwei Pagen voraus und von einem Stallmeiſter begleitet. La Mole glanbte die. Sänfte zu erkennen und ging lebhaft auf die Seite. Der junge Edelmann hatte ſich nicht getäuſcht. „Herr de La Mole?“ ſagte eine Stimme voll Weich⸗ heit, welche aus der Sänfte hervorkam, während eine Hand, weiß und zart wie Atlas, die Vorhänge zurückſchob. „Ja, Madame, ich ſelbſt,“ antwortete La Mole ſich verbeugend. 2 Herr de La Mole, eine Feder in der Hand,“ fuhr . die Dame in der Sänfte fort,„ſeyd Ihr denn verliebt, mein Herr, und findet Ihr etwa hier die verlorenen Spuren?“ „Ja, Madame,“ antwortete La Mole,„ich bin verliebt, und zwar ſehr ſtark. Aber für den Angenblick ſind es meine eigenen Spuren, die ich wieder finde, ob⸗ gleich ich dieſe nicht gerade ſuche. Erlaubt mir aber EureMajeſtät, mich nach ihrer Geſundheit zu erkundigen?“ „Vortrefflich, mein Herr. Ich habe mich, wie mit lich geb reth mit der Lauf der i de bis rden eines des eſaß s die dieſe rlebt einer Nähe ehen nfte, eitet. ging eich⸗ eine chob. e ſich fuhr enen bin blick „ob⸗ aber n2 e 31 mir ſcheint, nie beſſer befunden. Es kommt wahrſchein⸗ lich davon her, daß ich die Nacht in der Einſamkeit zu⸗ gebracht habe.“ „Ah, in der Einſamkeit,“ ſprach La Mole, Marga⸗ rethe auf eine ſeltſame Weiſe anſchauend. „Ja wohl, was iſt dabei zu ſtaunen?“ „Darf man, ohne unbeſcheiden zu ſehn, fragen, in welchem Ktoſter?“ „Allerdings, mein Herr, ich mache kein Geheimniß daraus. Im Kloſter der Annunciaden. Aber Ihr, was macht Ihr hier, mit dieſem ganz verblüfften Geſichte?“ „Madame, ich ſuche meinen verſchwundenen Freund, und während ich ihn ſuchte, fand ich dieſe Feder wieder.“ „Welche von ihm herrührte? In der That, Ihr macht mir bange für ihn; der Platz iſt ſchlimm.“ „Eure Mafeſtät mag ſich beruhigen, die Feder kommt von mir her, ich habe ſie heute Morgen gegen halb ſechs Uhr auf dieſem Platze verloren, während ich mich aus den Händen von vier Banditen losmachte, die mich mit aller Gewalt ermorden wollten, wenigſtens wie ich glaube.“ Margarethe drängte eine lebhafte Bewegung des Schreckens zurück. „Oh, erzählt mir das,“ ſagte ſie. „Die Sache iß ganz einfach, Madame.. Es war olſo, wie ich Euer Majeſtät zu bemerken die Ehre hatte, ungefähr halb ſechs Uhr Morgens.“ „Und um halb ſechs Uhr Morgens,“ unterbrach ihn Margarethe,„waret Shr ſchon ausgegangen?“ „Eure Majeſtät wird mich entſchuldigen,“ ſprach La Mole;„ich war noch nicht zurückgekehrt.“ „Ah, Herr de La Mole, um fünf Uhr Morgens nach Hauſe fehren,“ verſetzte die Königin mit einem Lä⸗ cheln, das für alle Andern boshaft geweſen wäre, von La Mole aber abgeſchmackter Weiſe anbetungswürdig gefunden wurde,„ſo ſpät nach Hauſe kehren, Ihr habt dieſe Strafe verdient.“. 32 „Ich beklage mich auch nicht, Madame,“ erwiederte La Mole, ſich ehrfurchtsvoll verbeugend,„und wenn ich erdolcht worden wäre, ſo würde ich mich noch hun⸗ dertmal glücklicher ſchätzen, als ich es zu ſeyn verdiene. Nun kurz, ich kehrte ſpät oder frühzeitig zurück, wie Eure Majeſtät will, als vier Manteldiebe aus der Rue de La„ 1 Mortellerie hervorbrachen und mich mit unmäßig langen Krautmeſſern verfolgten. Das iſt grotesk, nicht wahr, Madame, aber es iſt einmal ſo. Ich mußte fliehen, denn ich hatte meinen Degen in dem Hauſe vergeſſen, wo ich 5 die Nacht zubrachte.“ 3 3 „Oh, ich begreife,“ ſagte Margarethe mit einem be⸗ wunderungswürdig naiven Lächeln,„und Ihr kehrt zu⸗ rück, um Euern Degen zu ſuchen?“ La Mole ſchaute Margarethe an, als ob ſich ein Zweifel in ſeinem Innern regte.„Madame, ich würde in der That dahin zurückkehren, und zwar ſehr gerne in Betracht, daß mein Degen eine vortreffliche Klinge iſt, aber ich weiß nicht, wo das Haus iſt.“ d „Wie, mein Herr,“ verſetzte Margarethe,„Ihr. wißt nicht, wo das Haus iſt, in welchem Jör die Nacht zugebracht habt?“ „Nein, Madame, Satan ſoll mir das Leben rauben, we wenn ich auch nur eine Vermuthung habe.“ 3 ſpr „Das iſt ganz ſonderbar. Eure Geſchichte iſt ja ein wahrer Roman.“ „Wie Ihr ſagt, ein wahrer Roman, Madame.“ ſie „Epzählt ſie mir.“ „Es iſt ein wenig lange.“ Mo „Gleichviel, ich habe Zeit.“ „Und beſonders ſehr unglaublich.“ Cuc „Macht fort, ich bin im höchſten Grade gläubig.“ gege „Euer Majeſtät befiehlt?“ 8 „Ja doch, wenn es ſeyn muß.“ Han „Ich gehorche. Geſtern ſpeisten wir bei Meiſter Gure Lga Hurière zu Nacht.“ 2 iederte wenn hun⸗ diene. Eure de La angen wahr, denn wo ich m be⸗ t zu⸗ h ein würde gerne dlinge „Ihr Nacht uben, iſt ja eiſter 33 „Vor Allem,“ fragte Margarethe mit einem äußerſt natürlichen Tone,„wer iſt dieſer Meiſter La Huriöre?“ „Meiſter La Hurieère, Madame,“ ſagte La Mole, Margarethe zum zweiten Male mit der zweifelhaften Miene anſchauend, die man ſchon einmal bei ihm hatte wahrnehmen können,„Meiſter La Huriére iſt der Herr des Gaſthauſes zum Schönen Geſtirne in der Rue de lArhre Sec.“ 3 „Gut, ich ſehe es von hier aus. Ihr ſpeiſtet alſo bei Meiſter La Huriére mit Eurem Freunde Coconnas zu Nacht?“„ a, Madame, mit meinem Freunde Cvconnas, als ein Mann eintrat, und jedem von uns ein Billet über⸗ b. gab. „Aehnlich?“ fragte Margarethe. „Vollkommen ähnlich.“ „Und es enthielt?“ „Nur folgende Zeile:“ „Ihr werdet in der Rue Saint⸗Antoine, der Rue de Jouy gegenüber, erwartet.“ „Und keine Unterſchrift?“ fragte Margarethe. „Nein, aber drei Worte, drei reizende Worte, welche dreimal daſſelbe, d. h. ein dreifaches Glück ver⸗ ſprachen.“ „Und wie hießen dieſe drei Worte?“ „Eros, Cupido, Amor!“ „Das ſind in der That drei ſüße Namen. Haben ſie gehalten, was ſie verſprochen?“ „Oh, mehr, Madame, hundertmal mehr!“ rief La Mole mit voller Begeiſterung⸗ „Fahrt fort. Ich bin neugierig zu erfahren, was uch in der Rue Saint⸗Antoine, der Rue de Jouy gegenüber, erwartete.“ „Zwei Duennen, jede mit einem Taſchentuch in der and. W ir ſollten uns die Augen verbinden laſſen. Eure Majeſtät erräth „daß wir feine Schwierigfeiten Königin Margot, I. 5 fe darboten. Meine ließ mich links drehen, die Führerin meines hu rechts drehen, und wir trennten uns.“ „Und dann?“ fuhr Margarethe fort, welche ent⸗ machten, ſondern muthig unſere Küp Führerin Freundes ließ i ſchloſſen ſchien, ihre Forſchung bis zum Ende zu führen. „Ich weiß nicht,“ verſetzte La Mole,„wohin mein Freund geführt wurde; vielleicht in die Hölle. Was aber mich betrifft, ſo weiß ich, daß meine Führerin mich an einen Ort geleitete, welchen ich für das Pa⸗ radies halte.“ „Und woraus Ihr ohne Zweifel in Folge Eurer zu großen Neugierde vertrieben wurdet?“. „Ganz richtig, Madame, Ihr habt die Gabe der Devination. Ich erwartete den Tag mit Ungeduld, um zu ſehen, wo ich wäre, als um halb fünf Uhr dieſelbe Duenna zurückkehrte, mir die Augen abermals verband, mich verſprechen ließ, keinen Verſuch zu machen, die Binde abzunehmen, mich ſodann hinausführte, und nachdem ſie mich hundert Schritte begleitet hatte, mir einen Eid abforderte, daß ich die Binde erſt abnehmen werde, wenn ich fünfzig gezählt hätte. Ich zählte bis auf fünfzig und befand mich in der Rue Saint⸗An⸗ toine, der Rue der Jouy gegenüber. „Als ich nun hier ein Stück von meiner Feder fand,“ fuhr La Mole fort,„ſo bebte mein Herz vor Freude; ich hob ſie auf und gelobte mir, ſie als ein Andenken an dieſe glückliche Nacht aufzubewahren. Mitten aber in meinem Gluͤcke quält mich ein Umſtand, nämlich der, daß ich nicht weiß, was vielleicht aus meinem Ge⸗ fährten geworden iſt.“ „Er iſt alſo nicht in den Louvre zurückgekehrt?“ „Ach nein, Madame. Ich ſuchte ihn überall, wo er ſeyn konnte, und an vielen andern ehrenw Annibal, und eben ſo wenig ein Coconnas.“ Während La Mole dieſe einer kläglichen Geberde ſprach, öffnete er die Arm im goldenen Geſtirne, beim Ballſpiele erthen Orten; aber kein Worte mit Begleitung — unb verſi eben zeigt rethe dem aus „Seh gewee die K 5 Zimm Marg ausdrü „( „( D La Mo „ ( .* invene „F Gut, 1 Eurem n n 5 0 le in 9 in Eurem Zi und ſchob ſeinen Mantel zurück, unter welchem man an verſchiedenen Orten ſein Wamms gähnen ſah, das wie eben ſo viele elegante Schlitze das F Futter durch die Riſſe zeigte. „Man hat Euch gehörig geſiebt,“ ſprach Marga⸗ rethe. „Geſiebt! das iſt das Wort,“ ſprach La Mole, dem es gar nicht unangenehm war, ſich ein Verdienſt aus der Gefahr zu machen, die er ausgeſtanden hatte. „Seht, Madame, ſeht!“ „Warnm habt Ihr nicht im Louvre Euer Wamms gewechſelt, da Ihr dahin zurückgekehrt ſeyd?“ fragte die Königin. „Ach,“ ſagte La Mole,„e Zimmer.“ „Wie, es war Jemand in Eurem Zimmer?“ ſprach Margarethe, deren Augen das lebhafteſte Erſtaunen ausdrückten. „Und wer war denn in Eurem Zimmer?“ „Seine Hoheit.“ „Stille!“ unterbrach ihn W Der junge Mann gehorchte Qui ad lecticam meam stant?* fragte ſie de La Mole. „Duo pueri et uhus eques.“ „Optime, barbari,“ ſagte ſie;„die Moles, duem inveneris in cubiculo tuo.“ „Franciscum ducem.“ „Agentem 2e „Nescio quid.“ „Quocum 2* „Cum ignoto.“ 3 s war Jemand in meinem kargarethe. ———— 3 Wer iſt am Schlage? Zwei Pagen und ein Stallmeiſter: Gut, das ſind Barbaren⸗ Sagt mir nmer gerbaren La Mole, wen habt Ihr 5* 36 „Das iſt ſonderbar,“ ſprach Margarethe,„Ihr habt alſo Coconnas nicht wieder finden können,“ fuhr ſie fort, offenbar ohne an das zu denken, was ſie ſagte. „Madame, ich ſterbe auch vor Unruhe hierüber, wie ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Ehre gehabt habe.“ „Gut,“ verſetzte Margarethe lächelnd,„ich will Euch nicht länger Eurer Forſchung entziehen; aber mir kommt es vor, ohne daß ich weiß warum: er wird ſich ſelbſt wieder finden. Gleichviel, geht immerhin.“ Und die Königin legte einen Finger auf den Mund. Da nun die ſchöne Margarethe La Mole fein Geheim⸗ niß anvertraut, kein Geſtändniß gemacht hatte, ſo be⸗ griff der junge Mann, daß dieſe reizende Geberde, in⸗ ſofern ſie nicht ihm Stillſchweigen anzuempfehlen be⸗ abſichtigen konnte, eine andere Bedeutung haben mußte. Der Zug ſetzte ſich wieder in Marſch und La Mole ging, um ſeine Nachforſchungen zu verfolgen, an der Seine hinauf bis zu der Rue du Long⸗Pont, die ihn nach der Rue Saint⸗Antvine führte. Vor der Rue du Jouy blieb er ſtehen. Hier hatten ihm und Coconnas am Tage vorher die zwei Duennen die Augen verbunden. 8 hatte ſich rechts gewendet und dann zwanzig Schritte gezählt. Er fing daſſelbe Manveuvre wieder an und ſtand vor einem Hauſe oder vielmehr vor einer Mauer, hinter der ſich ein Haus erhob. Mitten in dieſer Mauer war eine Thüre mit Schirmdach und mit ſtarken Nägeln be⸗ ſchlagen. Dieſes Haus lag in der Rue Cloche⸗Pereée, einer ſchmalen, kleinen Straße, welche in der Rue Saint⸗ Antoine anfing und nach der Rue du Roi de Siecile ausmündete. Den Herzog Franz. Was that er?— Ich weiß nicht. Mit wem? Mit einem Unbekannten. — in lic ha die De die Deg Bur renn ein X Roi * —— „Sangbleu!“ ſprach La Mole,„hier iſt es, darauf wollte ich ſchwören. Als ich bei meinem Ah⸗ gange die Hand ausſtreckte, fühlte ich die Nägel an der Thüre, dann ſtieg ich zwei Stufen hinab. Der Menſch, welcher mit dem Rufe zu Hülfe floh und in der Rue du Roi de Sicile getödtet wurde, kam gerade vorüber, 3 ich den Fuß auf die erſte ſetzte. Wir wollen doch ehen.“ La Mole ging an die Thüre und klopfte. Die Thüre offnete ſich und eine Art von Portier mit einem Schnurrbart trat auf die Schwelle. „Was iſt das?“ fragte der Portier. ²) „Ah, ah!“ murmelie La Mole,„es ſcheint, wir ſind in der Schweiz. Mein Freund,“ fuhr er mit ſeiner freund⸗ lichſten Miene fort,„ich wünſchte meinen Degen zu haben, den ich in dieſem Hauſe gelaſſen habe, wo ich die Nacht zubrachte.“ „Ich verſtehe nicht,“ antwortete der Portier. „Meinen Degen,“ verſetzte La Mole. „Ich verſtehe nicht,“ wiederholte der Portier. „Den ich hier gelaſſen hab meinen Degen wünſchte ich zu haben.“ „Ich verſtehe nicht.“ „Ich habe ihn in dieſem Hauſe gela en, wo 1 die Nacht zubrachte.“ 3 „Geht zum Teufel!“ nd er warf ihm die Thüre vor der Naſe zu. „Gottes Blut!“ ſprach La Mole,„wenn ich den Degen hätte, den ich zurückfordere, würde ich ihn dieſem Burſchen mit dem größten Vergnügen durch den Leib rennen. Aber ich habe ihn nicht, und muß es mir für ein andermal vorbehalten.“ Wonach La Mole ſeinen We k g bis zu der Rue du Roi de Sicile fortſetzte, ſich rechts wandte, etwa fünfzig *) Dumas läßt dieſen Menſchen Deutſch ſprechen. „ 38 Schritte machte, dann abermals rechts ging und ſich in der Rue Tizon befand, welche mit der Rue Cloche⸗ Percée parallel läuft und dieſer in allen Stücken ähn⸗ lich iſt. Mehr noch; kaum hatte er dreißig Schritte gemacht, als er die kleine Thüre mit den großen Nägeln und dem Schirmdache, die zwei Stufen und die Mauer 1 wieder fand. Es war, als hätte ſich die Rue Cloche⸗ 4 Percée umgedreht, um ihn vorübergehen zu ſehen. La Mole bedachte nun, daß er möglicher Weiſe n ſeine Rechte für ſeine Linke genommen, und klopfte an dieſe Thüre, um hier dieſelbe Forderung zu ſtellen, ſt die er bereits an der andern gemacht hatte. Aber dies⸗ a mal mochte er immerhin klopfen, man öffnete nicht. La Mole machte wiederholt denſelben Gang, den R er zuvor gemacht hatte, wodurch ſich der ganz natürliche öf Gedanke bei ihm feſtſtellte, das Haus habe zwei Ein⸗ ſe gänge, den einen nach der Rue Cloche⸗Pereée, den andern nach der Rue Tizn. ge Aber dieſe Betrachtung, ſo logiſch ſie auch war, we gab ihm ſeinen Degen nicht zurück und belehrte ihn hie auch nicht, wo ſich ſein Freund befand. klo Er hatte einen Augenblick den Gedanken, einen die andern Degen zu kaufen und dem elenden Portier, der ſell hartnäckiger Weiſe nur deutſch ſprach, den Bauch auf⸗ wie zuſchlitzen. Aber er bedachte. wenn dieſer Portier Mar⸗ Gu garethe gehörte, und Margarethe ihn ſomit gewählt Taf hätte, ſo müßte ſie ihre Gründe dazu gehabt haben, und„ es wäre ihr vielleicht unangenehm, deſſelben beraubt zu nit werden. La Mole aber wollte um keinen Preis der kleir Welt etwas Margarethen Unangenehmes 4hun. Aus EEcke Furcht, er könnte der Verſuchung nachgeben, ſchlug er führ alſo um zwei Uhr Nachmittags wieder den Weg nach und dem Louvre ein. Da ſein Zimmer diesmal nicht beſetzt war, ſo konnte er und eintreten. Die Sache war dringlich in Beziehung auf ihm ich — — — —— h in oche⸗ ähn⸗ ritte geln auer che⸗ zeiſe an len, ies⸗ icht. den liche Ein⸗ den var, ihn inen der auf⸗ ar⸗ ählt und t zu der Aus er nach te er auf —— ſein Wamms, das, wie ihm die Königin bemerkte, be⸗ trächtlichen Schaden gelitten hatte. Er ging alſo unaufhaltſam auf ſein Bett zu, um das zerriſſene Wamms durch das ſchöne perlgraue zu er⸗ ſetzen. Aber zu ſeinem großen Erſtaunen war das Erſte, was er neben ſeinem perlgrauen Wammſe fand, der berühmte Degen, den er in der Rue Cloche⸗Percée gelaſſen hatte. La Mole nahm ihn, drehte ihn um und um; er war es. „Ah, ah!“ rief er,„ſollte ein Zauber dahinter ſtecken!“ Dann mit einem Seufzer:„Oh, könnte ſich der arme Coconnas wieder ſinden, wie mein Degen.“ Zwei bis drei Stunden, nachdem La Mole ſeine Runde um das kleine Doppelhaus aufgegeben hatte, öffnete ſich die Thüre der Rue Tizon. Es war ungefähr ſechs Uhr Abends und folglich völlig Nacht. Eine Frau, in einen Pelz beſetzten langen Mantel gehüllt, begleitet von einer Zofe, trat aus der Thüre, welche ihr eine Duenna von ungefähr vierzig Jahren offen hielt, ſchlüpfte raſch bis in die Rue du Roi de Sicile, klopfte an einer kleinen Thüre des Hotel d'Argenſon, die ſich vor ihr öffnete, ging durch das große Thor des⸗ ſelben Hotel, das nach der Vieille⸗Rue⸗du⸗Temple führte, wieder hinaus, erreichte eine Schlupfpforte des Hotel Guiſe, öffnete ſie mit einem Schlüſſel, den ſie in ihrer Taſche hatte. und verſchwand. Eine halbe Stuude nachher trat ein junger Mann ntit verbundenen Augen aus derſelben Thüre deſſelben kleinen Hauſes, geleitet von einer Frau, die ihn an die Ecke der Rue Geoffroy⸗Lasnier und de la Mortellerie führte Hier forderte ſie ihn auf, bis zu fünfzig zu zählen und dann ſeine Binde abzunehmen. Der junge Mann befolgte gewiſſenhaft die Vorſchrift und nahm bei der beſtimmten Zahl die Binde ab, die ihm die Augen bedeckte. „MWordi!“ rief er, rings um ſich herſchauend, „ich will mich hängen laſſen, wenn ich weiß, wo ich 40 bin!— Sechs uhr!“ ſprach er, als er die Glocke von Notre⸗Dame ſchlagen hörte.„Und dieſer arme La Mole! was iſt wohl aus ihm geworden? Laufen wir in den Louvre, vielleicht weiß man dort etwas von ihm.“ Nach dieſen Worten ging Coconnas in größter Eile durch die Rue de la Mortellerie hinab und erreichte die Pforten des Louvre in kürzerer Zeit, als ein gewöhn⸗ liches Pferd dazu gebraucht hätte. Er warf auf ſeinem Wege die bewegliche Reihe braver Bürger nieder, welche friedlich um die Buden der Place Bandoyer ſpazierten, und trat in den Palaſt. Hier befragte er Portier und Schildwache. Der Portier glaubte, er habe Herrn de la Mole am Morgen zurückfehren ſehen, erinnerte ſich aber nicht, daß er wieder hinausgegangen war. Die Schildwache war erſt ſeit anderthalb Stunden da und wußte nichts. Raſch ſtieg er in das Zimmer hinauf und öffnete eiligſt die Thüre, aber er fand hier nichts als das zer⸗ riſſene Wamms von La Mole, was ſeine Unruhe noch vermehrte. Dann dachte er an La Hurière und lief zu dem würdigen Gaſtgeber zum Schönen Geſtirn. La Hurière hatte La MWole geſehen. La Mole hatte bei La Huriere gefrühſtückt. Coconnas war daher völlig beruhigt, und da er großen Hunger hatte, ſo forderie er für ſich ein Abendbrod. Coconnas war in der gehörigen Stimmung, um gut zu Nacht zu ſpeiſen. Er hatte einen beruhigten Geiſt und einen leeren Magen. Er ſpeiſte alſo ſo gut, daß das Mahl bis acht Uhr dauerte. Nunmehr geſtärkt durch zwei Flaſchen Anjouwein, den er ſehr liebte und mit einem Wohlbehagen getrunken hatte, das ſich durch Blinzeln ſeiner Angen und durch ein wiederholtes Schnalzen der Zunge kundgab, ſetzte er ſeine Nachforſchung nach La Mole fort, wobei er ſeine neuen Gänge durch die ver⸗ 3 ſchiedenen Gruppen mit Fußtritten und Fanſiſchlägen nach 3 Maßgabe der Zunahme der freundſchaftlichen Geſinnung 8 . ——— S er—— — SS Sc S8 S gel Gl kon La doch gehi als kräf den ſchw der e Veſti ſtärkf es,( eilen: von kole! den Eile e die öhn⸗ inem elche rten, Der rgen er erſt fnete zet⸗ noch dem lem eln der La er⸗ ach ng 41 begleitete, die ihm die angenehme Empfindung einge⸗ flößt hatte, welche ſtets auf ein gutes Mahl folgt. Dies dauerte eine Stunde. Eine Stunde lang durchlief Cvconnas alle Straßen in der Nähe des Quai de la Gréve, den Port au Charbon, die Rue Saint⸗ Antoine und die Rues Tizon und Cloche⸗Percée, wohin ſeiner Meinung nach ſein Freund zurückgekehrt ſeyn konnte. Endlich begriff er, daß es einen Ort gab, durch welchen er kommen mußte, die Pforte des Louvre. Und er be⸗ ſchloß, unter dieſer Pforte ſeine Rücktfehr abzuwarten. Er war nur hundert Schritte vom Louvre und hob gerade eine Frau auf ihre Beine, deren Mann er auf der Place Sainte⸗Germain?[Anxerrois niedergeworfen hatte, als er am Horizont vor ſich bei der zweifelhaften Helle eines großen in der Nähe der Zugbrücke des Louvre errichteten Leuchtthurms den kirſchrothen Mautel und ie Feder ſeines Freundes erblickte, der bereits einem Schatten ähnlich, der Schildwache ihren Gruß zurück⸗ gebend, unter den Pforten verſchwand. Der berühmte kirſchrothe Mantel hatte ſo großes Glück in der Welt gemacht, daß man ſich nicht täuſchen konnte. „Mordi!“ rief Coconnas,„er iſt es! He he! La Wole! La Mole, mein Freund! Peſt! ich habe doch eine gute Stimme! Wie kommt es, das er mich nicht gehört hat? Aber zum Glücke find meine Beine ſo gut als meine Stimme, und ich will ihn einholen.“ In dieſer Hoffnung fing Ceoonnas an, aus Leibes⸗ kräften zu laufen, und gelangte in einem Augenblick in den Lonvre; aber wie ſehr er ſich auch beeilte, ſo ver⸗ ſchwand doch in demſelben Moment der rothe Mantel, der ebenfalls große Eile zu haben ſchien, unter dem Veſtibule. „Oho! La Mole,“ rief Coconnas, abermals zum ſtärkſten Laufe anſetzend,„warte doch auf mich! Ich bin es, Coconnas! Was Teufels haſt Du denn ſo ſehr zu eilen? Fliehſt Du etwa?“ — 42 Der rothe Mantel ſtieg in der That, als ob er 6 Flügel hätte, in einem wahren Sturme bis in den zweiten i Stock hinauf. „Ah, Du willſt nicht auf mich warten!“ rief Co⸗ E onnas,„ab, Du grollſt mir, Du biſt böſe? Mordi! ſo al geh zum Teufel! Ich kann nicht mehr!“ ſch Es war unten an der Treppe, von wo aus Co⸗ ve connas dieſe Rede dem Flüchtling zuſchleuderte. Er na leiſtete zwar darauf Verzicht, ihm mit den Beinen zu Tr folgen, folgte ihm aber nichtsdeſtoweniger mit den der Augen über die Schnecken der Treppe, wo der Mann un mit dem Mantel nun auf der Höhe der Gemächer von her Margareihe angelangt war. Plötzlich kam eine Frau Fre aus dieſen Gemächern hervor und nahm denjenigen, ſich weſchen Coconnas verfolgte, beim Arme. „Oho!“ murmelte Coconnas,„das ſieht mir ganz Teu aus, wie die Königin Margarethe; dann iſt es etwas Anderes. Er wurde erwartet, und ich begreife, daß er mir nicht geantwortet hat.“ Und er legte ſich an das Gelänber und richtete ſeinen Blick durch die Oeffnung der Treppe. Dann ſah er nach ein paar Worten, die mit leiſer Stimme ge⸗ wechſelt wurden, den kirſchrothen Mantel der Königin in ihre Wohnung folgen. „Gut, gut,“ ſprach Coconnas,„es iſt ſo, ich täuſche mich nicht; es gibt Augenblicke, wo uns die ſprich Gegenwart unſeres beſten Freundes beläſtigt. Und dieſer Bimn gute La Mole hat einen ſolchen Augenblick.“ Und Coconnas ſtieg ſachte die Treppe hinauf, ſetzte 8 ſich auf eine Sammetbank, welche auf einem Vorplatze ſtand, und ſagte zu ſich ſelbſt: 6 „Statt ihm nachzulaufen, werde ich auf ihn warten. Aber,“ fügte er bei,„wenn ich bedenke, er iſt bei der„ Königin von Navarra, und ich könnte ſomit lange war⸗ ten. Es iſt kalt, bei Gott! ich will gehen, denn ich warte eben ſo gut in meinem Zimmer. Am ob er eiten il ſo Co⸗ nzu den ann von rau gen, anz was er tete ſah ge⸗ gin ich die 43 Ende muß er voch zurücktehren, und wenn ber Teufel im Spiele wäre!“ Kaum vollendete er dieſe Worte und fing an den Entſchluß auszuführen, der das Reſultat deſſelben war, als ein behender, leichter Tritt über ſeinem Kopfe er⸗ ſcholl, und zwar begleitet von einem ſeinem Freunde ſo vertrauten Geſange, daß Coconnas ſogleich den Hals nach der Seite ausſtreckte, woher das Geräuſch des Trittes und des Geſanges kam. Es war wirkich La Mole, der den obern Stock herabſtieg, wo ſein Zimmer lag, und Coconnas wahrnehmend, vier und vier die Stufen herabzuſpringen anfing, welche ihn noch von ſeinem Freunde trennten, und als dieſe Operation beendigt war, ſich ihm um den Hals warf. „Oh! Mordi! du biſt es,“ ſprach Coconnas.„Wo Teufels, biſt du denn heraus gekommen?“ „Ei, bei Gott! durch die Rue Cloche⸗Percée.“ „Nein, ich meine nicht aus jenem Hauſe.“ „Woher ſonſt? „Aus dem Gemache der Königin.“ „Der Königin?“ „Ja, der Königin von Navarra.“ „Ich bin nicht zu ihr hinein gegangen.“ „Geh doch!“ „Mein lieber Annibal,“ ſagte La MWole,„Du ſprichſt ungereimtes Zeug. Ich komme von meinem Zimmer, wo ich ſeit zwei Stunden auf Dich warte.“ „Du kommſt aus Deinem Zimmer 2 „Ja.“ „Du biſt es alſo nicht geweſen, den ich auf dem Platze des Lonvre verfolgte?“ „Wann dies?“ „In dieſem Augenblick.“ „Nein!“ „Du biſt es nicht geweſen, der vor zehn Minuten unter der Pforte verſchwand?“ „Nein!“ 44 „Du biſt nicht dieſe Treppe hinauf gelaufen, als ob Du von einer Legion von Teufeln verfolgt würdeſt?“ „Nein.“ „Mordi!“ rief Coconnas,„der Wein des Schö⸗ nen Geſtirns iſt nicht ſo ſchlecht, daß er mir in dieſem Grade den Koyf verdreht haben könnte. Ich ſage Dir, daß ich ſo eben Deinen kirſchrothen Mantel und Deine weiße Feder unter der Pforte des Louvre er⸗ blickte, daß ich den einen und die andere bis unten an dieſe Treppe verfolgt habe, und daß Dein Mantel, Dein Federhut und ſogar Dein Arm, der ſich wie ein Schwengel bewegt, hier von einer Dame erwartet wurden, die ich für die Königin von Navarra halte, welche das Ganze durch dieſe Thüre zog, die, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, die Thüre der ſchönen Margarethe iſt.“ „Mordi!“ ſprach La Mole erbleichend,„ſollte hier ein Verrath obwelten?“ „Immerhin!“ verſetzte Coconnas,„ſchwöre, ſo lange Du willſt, aber ſage mir nicht mehr, daß ich mich täuſchte!“ 8 La Mole zögerte einen Augenblick, den Kopf zwi⸗ ſchen ſeine Hände preſſend und zwiſchen der Achtung und der Eiferſucht ſchwankend. Aber die Eiferſucht trug den Sieg davon. Er ſtürzte nach der Thüre und fing an, an dieſe mit vollen Kräften zu klopfen, was einen in Betracht der Majeſtät des Ortes durchaus nicht anſtän⸗ digen Lärmen verurſachte. „Wir werden machen, daß man uns verhaftet,“ ſprach Coconnas,„aber gleichviel, die Sache iſt äußerſt luſtig. Sage mir, La Mole, ſollte es vielleicht Geiſter im Louvre geben?“ 6 „Ich weiß es nicht,“ erwiederte der junge Mann, ſo bleich wie die Feder, die ſeine Stirne beſchattete⸗ „Aber ich habe mir immer zu ſehen gewünſcht, und da ſich die Gelegenbeit bietet, ſo werde ich mein Möglichſtes thun, mich dieſem gegenüber zu ſtellen“ 3 „3ch widerſehe nich nicht,“ ſprach Coronnas.„Nu klo me Ri abe wel war vali Leſe war erka aber Sch: vor, ſchlo Füht jenig und Spre kaum als 2 als ſt?“ ch⸗ in 8 5ch ntel er⸗ an Dein ngel e ich anze ſehr hier „ſo mich zwi⸗ und den an, en in iſtän⸗ ftet,“ ußerſt leicht ann, d da chſtes „Nur 3 3 als Margarethe erkannte, daß es nicht La Mo 45 klopfe ein wenig minder ſtark, wenn Du ſie nicht zornig machen willſt.“ La Mole, obgleich ganz außer ſich, begriff die Richtigkeit vieſer Bemerſung, und fuhr fort zu klopfen, aber mehr leiſe. 1V. Der kirſchrothe Mantel. Coconnas hatte ſich ucht getäuſcht. Die Dame, welche den Cavalier in dem rothen Mantel aufhielt, war wirklich die Königin von Navarra. Was den Ca⸗ valier in dem kirſchrothen Mantel betrifft, ſo hat unſer Leſer hoffentlich bereits errathen, daß es kein Anderer war, als der brave von Mouy. Als der junge Mann die Königin von Navarra erkannte, begriff er, daß eine Verwechſelung ſtattfand, aber er wagte es nicht, zu ſprechen, aus Furcht, ein Schrei der Königin könnte ihn verrathen. Er zog es vor, ſich bis in ihre Gemächer führen zu laſſen, ent⸗ ſchloſſen, wenn er einmal darin wäre, zu ſeiner ſchönen Führerin zu ſagen: „Stillſchweigen um Stillſchweigen, Madame!“ Margarethe drückte wirklich in dem Halbdunkel dem⸗ jenigen, welchen ſie für La Mole hielt, ſanft den Arm und ſagte, ſich an ſein Ohr neigend, in lateiniſcher Sprache zu ihm; „Ich bin allein, tretet ein, mein Theurer!“ Von Mouy ließ ſich, ohne zu antworten, führen; aber kaum befand er ſich in dem beſſer erleuchteten Vorzimmer, le war. Derkleine Schrei, den der kluge Hugenott befürchtet hatte, entſchlüpfte in dieſem Augenblicke Margarethe. „Hert von Monh!“ rief ſie, einen Schritt zurück⸗ weichend. 46 „Ich ſelbſt, Madame, und ich bitte Eure Majeſtät, mich meinen Weg frei fortſetzen zu laſſen, ohne Jemand ein Wort von meiner Gegenwart im Louvre zu ſagen.“ „Oh, Herr von Mouy!“ murmelte Margatethe, „ich hatte mich alſo getanſcht!“ „Ja,“ ſprach von Mouy,„ich begreife; Eure Maje⸗ ſtät wird mich für den König von Navarra gehalten haben. Es iſt derſelbe Wuchs, dieſelbe weiße Feder, und wie Viele ſagen, die mir ohne Zweifel ſchmeicheln wollen, dieſelbe Tournure.“ Margarethe ſchaute von Monh feſt an. „Verſteht ihr Lateiniſch, Herr von Mouy?“ ſagte ſie. „Ich verſtand es einſt,“ antwortete der junge Mann, „habe es aber vergeſſen.“ „Herr von Mouy, Ihr könnt von meiner Verſchwie⸗ genheit überzengt ſeyn,“ fuhr ſie fort,„da ich jedoch die Perſon zu kennen glaube, die Ihr im Louvre fücht, ſo biete ich Euch meine Dienſte an, um Euch ſicher zu ihr zu geleiten.“ „Entſchuldigt mich; Madame,“ ſprach von Mouy, „ich glaube, daß Ihr Euch täuſcht, und daß Ihr im Gegentheil durchaus nichts wißt... „Wie!“ rief Margarethe,„ſucht Ihr nicht den König von Navarra?“ „Ach, Madame, leider muß ich Euch vor Allem bitten, meine Anweſenheit im Lonvre Seiner Majeſtät Eurem Gemahl zu verbergen.“ „Hört, Herr von Mouy,“ ſprach Margarethe er⸗ ſtaunt,„ich habe Euch bis jetzt für eines der entſchie⸗ denſten Häupter der Hugenotten, für einen der treuſten Parteigänger des Königs meines Gemahls gehalten; ich täuſchte mich alſo?“ „Nein, Madame, noch dieſen Morgen war ich Alles, was Ihr da ſagt.“— „Und warum habt Ihr Euch ſeit dieſen Morgen geändert?“ „Madame,“ ſprach von Mouy ſich verbeugend,„wollt n w ſa hina Eur ½ 47 .* nmir die Antwort erlaſſen und habt die Gnade, meine ſtät, Huldigung zu genehmigen.“ and Und in ehrfurchtsvoller, aber entſchiedener Haltung en. machte von Mouy einige Schritte nach der Thüre, durch the⸗ welche er eingetreten war. Margarethe hielt ihn zurück. aje⸗„Mein Herr,“ ſagte ſie,„wenn ich Euch um eine lten Erklärung bitten würde. Mein Wort iſt gut, wie es mir i ſcheint.“ heln„Madame, ich muß ſchweigen, und daß ich hiezu verpflichtet bin, beweiſt genugſam, daß ich Enrer Maje⸗ 2 ſtät noch nicht geantwortet habe.“ e ſie⸗„Jedoch, mein Herr... ann,„Eure Majeſtät kann mich zu Grunde richten, aber nicht verlangen, daß ich meine neuen Freunde verrathe.“ wie⸗ „Doch die alten.. haben ſie nicht auch einige Foch Rechte auf Euch?“ cht,„Diejenigen, welche tren geblieben ſind, jaz die⸗ r zu jenigen, welche nicht nur uns, ſondern ſich ſelbſt ver⸗ laſſen haben, nein!“ ouy⸗ Margarethe war nachdenkend und unruhig und wollte im ohne Zweifel eben eine neue Frage ſtellen, als Gillonne plötzlich in das Zimmer ſtürzte und ausrief: den„Der König von Navarra!“ „Von woher kommt er?“ llem len„Durch den geheimen Gang.“ eſtät„Laßt dieſen Herrn durch eine andere Thüre hinaus.“ „Unmöglich, Madame, hört Ihr?“ e„Man klopft.“* chie⸗„Ja, an der Thüre, durch welche ich dieſen Herrn uſten hinausführen ſoll.“ Fu5 lten;„Wer klopft? „Ich weiß es nicht.“ lles,„Seht nach und kommt zurück.“ „Madame,“ ſprach von Mouy,„darf ich es wa en, Eurer Majeſtät zu bemerken, daß ich, wenn der Ki 48 von Navarra mich zu dieſer Stunde und in dieſer Nacht im Louvre ſieht, verloren bin?“ Margarethe nahm von Mouy beim Arme, führte ihn nach dem berühmten Cabinet und ſprach: „Tretet hier ein, mein Herr. Ihr ſeyd hier ſo gut verborgen und ſo gut beſchützt, als in Eurem eigenen Hanſe, denn ich verpfände Euch dafür mein Wort.“ Von Mouy ſtürzte raſch in das Cabinet, und kaum . war die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als Heinrich erſchien. Diesmal hatte Margarethe keine Unruhe zu ver⸗ bergen, und die Liebe lag hundert Meilen von ihren Ge⸗ danken. Heinrich trat mit dem ängſtlichen Mißtrauen ein, durch das er auch in dem am wenigſten gefährlichen Augenblicke ſelbſt die geringfügigſten Dinge wahrnahm. Um ſo mehr war Heinrich unter den Unſtänden, in denen er ſich befand, ein tiefer Beobachter. Sogleich bemerkte er die Wolke, welche die Stirne von Margarethe verdüſterte. „Ihr waret beſchäftigt, Madame,“ ſagte er. „Ja, Sire, ich träumte.“ „Ihr hattet Recht, Madame, die Träumerei ſteht Euch gut. Ich träumte auch; aber im Gegenſatze gegen Euch, die Ihr die Einſamkeit ſucht, kam ich ausdrücklich herab, um Euch meine Träume mitzutheilen.“„ Margarethe hieß den König durch ein Zeichen wilt⸗ Fommen und deutete auf ein Fauteuil, während ſie ſich ſelbſt auf einen Stuhl von geſchnitztem Ebenholz ſo fein und ſtark wie Stahl ſetzte. Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen unter den Gatten. Heinrich unterbrach daſſelbe zuerſt und ſagte: 3 „Ich erinnere mich, Madame, daß meine Träume in Beziehung auf die Zukunft mit den Eurigen das gemein haben, daß wir als Gatten getrennt dennoch Beide unſer Glück zu vereinigen wünſchten.“ 3 Das iſt wahr, Sire!“ 3 acht hrte gut auſe, aum hien. ver⸗ Ge⸗ ein, ichen ahm. „in tirne ſteht gegen icklich wilt⸗ e ſich o fein unter t und räumt n das nn 49 „Ich glaube auch begriffen zu haben, daß ich bei allen Plänen, die ich nach einem gemeinſchaftlichen Grundriſſe entwerfen dürfte, in Euch nicht nur eine treue, ſondern auch eine thätige Verbündete finden würde.“ „Ja, Sire, und ich verlange nur Eines: daß Ihr, indem Ihr ſo ſchnell als möglich zum Werke ſchreitet, mir Gelegenheit geben möget, ebenfalls bald anzufangen.“ „Ich bin glücklich, Euch in dieſer Stimmung zu finden, Madame, und ich glaube, daß Ihr nicht einen Augenblick befürchtet habt, ich könnte den Plan aus dem Blicke verlieren, deſſen Ausführung an demſelben Tage von mir beſchloſſen worden iſt, wo ich durch Eure muthige Vermittelung der Rettung meines Lebens bei⸗ nahe ſicher war.“ „Mein Herr, ich halte Euere Sorgloſigkeit für eine Maske und baue nicht allein auf die Weiſſagungen der Aſtrologen, ſondern auch auf Eueren erhabenen Geiſt.“ „Was würdet Ihr aber dazu ſagen, wenn Einer käme, um unſere Pläne zu durchfreuzen, mit der Dro⸗ hung uns, Euch und mich, auf eine mittelmäßige Lage zu beſchränken?“ „Ich würde ſagen, ich ſey bereit mit Euch, im Schatten oder offen, gegen dieſen Einen, wer es auch ſeyn möchte, zu kämpfen.“ „Madame,“ fuhr Heinrich fort,„nicht wahr, Ihr habt zu jeder Stunde Eintritt bei dem Herzoge von Alengon? Ihr beſitzt ſein Vertrauen, und er hegt eine lebhafte Freundſchaft für Euch. Darf ich es wagen, Euch zu bitten, nachzuſehen, ob er nicht in dieſem Angenblick mit irgend Jemand in geheimer Uuterredung begriffen iſt?“ Margarethe bebte. „Mit wem, mein Herr?“ fragte ſie. „Mit Herrn von Mouy.“ Fönigin Margot. II. 4 50 „Warum dieß?“ ſprach Margarethe, die Bewegung in ihrem Innern zurückdrängend. „Weil, wenn es ſich ſo verhält.... dann gute Nacht allen unſeren Plänen⸗ wenigſtens allen den meinigen“ 5 „Sire, ſprecht leiſe,“ ſagte Margarethe, machte ein Zeichen zugleich mit den Augen und den Lippen und deutete mit dem Finger auf das Cabinet.* 1 „Oh! oh;“ verſetzte Heinrich,„abermals irgend Einer. In der That, dieſes Cabinet iſt ſo oft bewohut,. daß es Euer Zimmer unbewohnbar macht.“ Margarethe lächelte. ſ „Es iſt doch wenigſtens immer noch Herr de La Vole?“ fragte Heinrich. b „Nein, Sire, Herr von Mouy.“ ſe „Er!“ rief Heinrich mit einem Erſtaunen, in das ſich Freude einmiſchte.„Er iſt alſo nicht bei dem Herzog h von Alengon? Ah! laßt ihn kommen, damit ich mit de ihm ſprechen kann.“ Margarethe lief nach dem Cabinet, öffnete es, nahm W von Mouy bei der Hand und führte ihn geraden Wegs da Lor den König von Navarra. „Ah! Madame,“ ſprach der Hugenott⸗ mit einem K mehr traurigen als bittern Tone des Vorwurfs,„Ihr S verrathet mich, trotz Eueres Verſprechens, das iſt ſchlimm. Was würdet Ihr ſagen, wenn ich mich rächte, inem ich S „Ihr werdet Euch nicht rächen, von Mouy,“ unter⸗ brach ihn Heinrich und prückte dem jungen Manne die ſeh Hand,„oder Ihr werdet mich wenigſtens zuvor auhören.„ Madame,“ fuhr er ſich an die Königin wendend fort, töſ macht, daß uns Niemand hört.“ iſ! Heinrich hatte kaum ſo geſprochen, als Gillonne ganz beſtürzt eintrat und Margarethen ein paar Worte Si zuſtüſterte, bei denen dieſe vom Stuhle aufſprang. Wäh⸗ rend ſie mit Gillonne nach dem Vorzimmer lief, unter⸗ M ſuchte Heinrich, ohne ſich um die Urſache zu bekümmern 3 welche ſie hinausrief, das Bett, den Raum hinter dem . das rzog mit ahm Legs nem Ihr iſt chte, nter⸗ e die ören. fort, onne Borte Wäh⸗ nter⸗ 51 ſelben, die Vorhänge, und befühlte mit den Fingern die Wände. Herr von Mouh aber verſicherte ſich, aufgebracht über alle dieſe weitläufigen Vorſichtsmaßregeln, ob ſein Degen nicht an der Scheide feſthielt. Als Margarethe das Schlafzimmer verließ, eilte ſie in das Vorzimmer und befand ſich La Mole gegenüber, welcher, trotz der inſtändigen Bitten von Gillonne, mit aller Gewalt zu Margarethe dringen wollte. Coronnas ſtand hinter ihm, bereit ihn vorwärts zu ſtoßen oder ſeinen Rückzug zu unterſtützen. „Ah! Ihr ſeyd es, Herr de La Mole; aber was habt Ihr denn, warum zittert Ihr, warum ſeyd Ihr ſo bleich?“ „Madame,“ ſprach Gillonne,„Herr de La Mole hat dergeſtalt an die Thüre geklopft, daß ich, unerachtet der Befehle Eurer Majeſtät, zu öffnen genöthigt war.“ „Oh! oh! was ſoll das bedeuten,“ ſprach die Kö⸗ nigin mit ſtrengem Tone,„iſt es wahr, was man mir da ſagt, Herr de La Mole?“ „Madame, ich wollte Euere Majeſtät davon in Kenntniß ſetzen, daß ein Fremder, ein Unbekannter, vielleicht ein Dieb ſich mit meinem Mantel und mei⸗ nem Hute bei Euch eingeſchlichen hat.“ „Ihr ſeyd ein Narr, mein Herr,“ erwiederte Mar⸗ grethe,„denn ich ſehe Eueren Mantel auf Eueren Schultern, und ich glaube, Gott ſoll mir vergeben, ich ſehe auch Euern Hut auf Euerem Kopfe, während Ihr mit einer Königin ſprecht.“ „Verzeihung, Madame, Verzeihung!“ rief La Mole, raſch den Hut abnehmend.„Gott ſey mein Zeuge, es iſt nicht Mangel an Achtung.“ Nein es iſt das Vertrauen, nicht wahr?“ ſprach ie Königin. „Was wollt Ihr?“ rief La Mole,„w Mann bei Euerer Majeſtät iſt, wenn er ſi 4* enn ein ch, meine 52 Tracht und vielleicht auch meinen Namen annehmend⸗ einſchleicht, wer weiß?“. „Ein Mann!“ ſprach Margarethe, dem armen Verliebten ſanft die Hand drückend,„ein Mann!. Ihr ſeyd beſcheiden, Herr de La Mole, nähert Eueren Fopf der Oeffnung des Vorhanges und Ihr werdet zwei Männer ſehen.“ Margarethe öffnete wirklich ein wenig den Thür⸗ vorhang von goldgeſticktem Sammet, und La Mole erkannte Heinrich, der mit einem Maune in rothem Mantel ſprach; neugierig, als ob es ſich um ſeine eigene Perſon gehandelt hätte, ſchaute Coconnas auch und ſah und erkannte von Mouy; Beide blieben voll Erſtaunen. „Nun, da Ihr, wenigſtens wie ich hoffe, beruhigt ſeyd;“ ſprach Margarethe,„ſtellt Euch an die Thüre meiner Wohnung, und laßt Niemand eintreten.. bei Euerem Leben, mein lieber La Mole. Nähert ſich Je⸗ mand auch nur dem Treppenplatze, ſo gebt Nachricht.“ Schwach und gehorſam wie ein Kind, ging La Mole hinaus, ſchaute Coconnas an, der ihn ebenfalls anſchaute, und⸗ Beide waren außen, ohne ſich von ihrer Verwunderung erholt zu haben. „Von Mouy!“ rief Cvconnas. „Heinrich!“ murmelte La Mole. 6 „Von Mouy, mit Deinem kirſchrothen Mantel, Deiner weißen Feder und Deinem Arm als Schwengel.“ „Doch höre,“ verſetzte La Mole,„da es ſich nicht um Liebe handelt, ſo handelt es ſich um ein Complott.“ „Ah! Mordi!“ ſprach Cvconnas brummend,„wir ſtecken alſo in der Politik. Zum Glück ſehe ich in Allem dem nicht Frau von Nevers.“ Als Margarethe zurückkehrte, ſetzte ſie ſich neben die in der Unterredung begriffenen zwei Männer. Ihre Abweſenheit hatte nur eine Minute gedauert und die Zeit war gut von ihr benützt worden: Gillonne in dem geheimen Gange aufgeſtellt, die zwei Edelleute als —c 53 Schildwachen an dem Haupteingange verliehen ihr voll⸗ fommene Sicherheit. „Madame,“ ſprach Heinrich,„glaubt Ihr, es wäre durch irgend ein Mittel möglich, uns zu hören oder zu behorchen?“ „Mein Herr,“ ſprach Margarethe,„dieſes Zimmer iſt ausgepolſtert und ein doppeltes Täfelwert bürgt mir für die Dämpfung.“ „Ich verlaſſe mich auf Euch,“ verſetzte Heinrich lächelnd. Dann ſich gegen von Mouh umwendend, ſprach der König mit leiſer Stimme und als ob, trotz der Ver⸗ ſicherung von Margarethe, ſeine Befürchtungen noch nicht ganz beſeitigt wären: „Sprecht, in welcher Abſicht kommt Ihr hierher?“ „Hierher?“ ſagte von Mouy. „Ja, hierher, in dieſes Zimmer.“ „Er kam in keiner Abſicht,“ verſetzte Margarethe, ich habe ihn hierher gezogen.“ „Ihr wußtet alſo?„ „Ich habe Alles errathen.“ „Ihr ſeht wohl, von Mouy, daß man errathen kann.“ „Herr von Mouy“, fuhr Margarethe fort,„war dieſen Morgen Fei dem Herzog Franz in dem Zimmer von zweien ſeiner Edellente „Ihr ſeht wohl, Herr von Mouy“, wiederholte Hein⸗ rich,„daß man Alles weiß.“ „Das iſt wahr,“ ſprach von Mouy. „Ich wußte gewiß,“ ſagte Heinrich,„daß ſich der Herzog von Alencon Euerer bemächtigt hatte.“ „Das iſt Cuer Fehler, Sire, warum habt Ihr ſo hartnäckig ausgeſchlagen, was ich anbot?“ „Ihr habt Euch geweigert!“ rief Margarethe.„Dieſe Weigerung, von der ich ein Vorgefühl hatte, iſt alſo wirklich geſchehen?“ „Madame,“ ſprach Heinrich,„und Du, mein braver Mouy, in der That, Ihr macht mich lachen mit Eueren 54 Ausrufungen. Wie! es tritt ein Menſch ein, ſpricht mir von Thron, von Empörung, von Umſturz, mir, Heinrich, einem Prinzen, der geduldet wird, vorausge ſetzt, daß er die Stirne niedrig trägt, einem Hugenotten, den man unter der Bedingung ſchont, daß er den Ka⸗ tholiken ſpielt, und ich ſoll einwilligen, wenn man mit die Antrage in einem Zimmer macht, das weder aus⸗ gepolſtert, Ventre⸗ſaint⸗gris! Ihr ſeyd Kinder oder verrückt.“ „Aber, Sire, konnte Euere Majeſtät mir nicht einige Hoffnung, wenn nicht durch Worte, doch wenigſtens durch eine Geberde, durch ein Zeichen laſſen?“ „Was hat Euch mein Schwager geſagt, von Mouy?“ „Oh! Sire, das iſt nicht mein Geheimniß.“ „Ei! mein Gott,“ verſetzte Heinrich, gewiſſer Maßen ungeduldig, daß er es mit einem Menſchen zu thun hatte, der ſeine Worte ſo ſchlecht begriff;„ich frage nicht, welche Vorſchläge er Euch gemacht hat, ich frage nur, ob er horchte, ob er gehört hat?“ „Er horchte, Sire, und er hat gehört.“ „Er horchte und hat gehoͤrt? Ihr ſagt es ſelbſt, von Mouy! Armer Verſchwörer, hätte ich ein Wort geſprochen, ſo wäret Ihr verloren geweſen. Denn, wenn ich es auch nicht wußte, ſo vermuthete ich doch, daß er da war, und wenn nicht er, ſo irgend ein Anderer, Karl IX., der Herzog von Anjou, die Königin Mutter; Ihr kennt die Wände des Louvre nicht, von Mouy; für ſie iſt das Sprichwort gemacht worden: die Wände haben Ohren, und ich, der ich dieſe Wände kenne, hätte ſprechen ſollen? Mein lieber von Mouy, Ihr erzeigt dem Verſtande des Königs von Navarra wenig Ehre. und ich wundere mich, daß Ihr, da Ihr ihn in Euerem Geiſte nicht höher ſtellt, gekommen ſeyd, um ihm eine Krone anzubieten.“ „Aber, Sire,“ verſetzte von Mouy abermals,„konntet Ihr mir, während Ihr dieſe Kronk ausſchluget, nicht noch mit doppeltem Täfelwerk verſehen iſt! ——— 8— ———————— 55 wenigſtens ein Zeichen machen? ich hätte nicht Alles für verzweifelt, für verloren gehalten.“ „Ei, Ventre,ſaint⸗gris, wenn er horchte, konnte er nicht eben ſo gut auch ſehen, und iſt man durch ein Zeichen nicht eben ſo verloren, wie durch ein Wort? Hört, von Mouy,“ fuhr der König, um ſich her ſchauend, fort,„zu dieſer Stunde, ſo nahe bei Euch, daß unſere Worte den Kreis von unſern drei Stühlen nicht über⸗ ſchreiten, befürchte ich noch gehört zu werden, wenn ich ig Dir ſage: von Mouy wiederhole mir Deine Vorſchläge!“ rch„Aber, Sire,“ rief von Mouy in Verzweiflung, „nun habe ich Verbindlichkeiten gegen den Herzog von 2 Alencon eingegangen.“ 4 Margarethe ſchlug voll Aerger ihre zwei ſchönen ſſer ₰ Hände an einander. zu„Es iſt alſo zu ſpät?“ ſagte ſie. ich„Im Gegentheil,“ murmelte Heinrich,„begreift ich doch, daß der Schutz Gottes hierin ſichtbar iſt. Bleibe mit ihm in Verbindung, von Mouy, denn dieſer Franz iſt das Heil von uns Allen. Glaubſt Du denn, der bſt, Fönig von Navarra könnte alle Eure Köpfe verbürgen? ort Im Gegentheil, Unglücklicher, ich mache, daß man Euch nn, Alle bis auf den Letzten, und zwar bei dem geringſten och, Verdachte tödtet. Aber ein Sohn von Frankreich, das rer, iſt etwas Anderes! Nimm Beweiſe, von Mouy, fordere ter; Garantien! Aber bei Deiner Einfalt haſt Du wohl uy; Verbindlichkeiten mit dem Herzen eingegangen und ein inde Wort hat Dir genügt.“ ätte„Oh! Sire, glaubt mir“, rief von Mouy,„die Ver⸗ eigt zweiflung darüber, daß Ihr uns verließet, hat mich hre. dem Herzog in die Arme geworfen, dabei auch die Furcht rem verrathen zu werden, denn er beſaß unſer Geheimniß.“ eme„Beſitze das ſeinige ebenfalls, von Mouy, das hängt von Dir ab. Was wünſcht er? König von Na⸗ nte varra zu werden. Verſprich ihm die Krone. Was will icht er? Den Hof verlaſſen! Liefere ihm die Mittel zur Flucht. Arbeite für ihn, von Mouy, als ob Du für mich 56 arbeiten würdeſt; lenke den Schild, daß er die Streiche parire, die man nach uns führt. Muß man fliehen, ſo werden wir zu Zwei fliehen. Muß man kämpfen und regieren, ſo werde ich allein ſeyn.“ „Mißtraut dem Herzog,“ ſprach Margarethe,„es iſt ein finſterer, durchdringender Geiſt, ohne Haß und ohne Freundſchaft, ſtets bereit ſeine Freunde als Feinde, ſeine Feinde als Freunde zu behandeln.“ „Und er erwartet Euch, von Mouy?“ ſprach Heinrich. „Ja, Sire.“ „Wo dies?“ „In dem Zimmer jener zwei Edelleute!“ „Um welche Stunde?“ „Um Mitternacht.“ „Noch nicht eilf Uhr,“ verſetzte Heinrich; s iſt noch keine Zeit verloren, geht, von Mouy.“ „Wir haben Euer Wort, mein Herr“, ſprach Mar⸗ garethe. „Stille doch, Madame,“ ſagte Heinrich mit dem Vertrauen, das er bei gewiſſen Perſonen und bei gewiſ⸗ ſen Gelegenheiten ſo gut an den Tag zu legen wußte. „Bei Herrn von Mouy fragt man nicht einmal nach ſolchen Dingen.“ „Ihr habt Recht, Sire,“ antwortete der junge Mann, „aber ich bedarf des Eurigen, denn ich muß den Füh⸗ rern ſagen, daß ich es erhalten hake. Nicht wahr, Ihr ſeyd nicht Katholik?“ Heinrich zuckte die Achſeln. „Ihr leiſtet nicht auf das Königreich Navarra Verzicht?“ „Ich leiſte auf kein Königreich Verzicht, nur behalte ich mir vor, das beſte zu wählen, d. h. dasjenige, das am meiſten mir und Euch genehm iſt.“ „Und wenn mittlerweile Eure Majeſtät verhaftet würde, verſpricht ſie, nichts zu enthüllen, ſogar falls man die königliche Majeſtät durch die Folter verletzen würde?“ „Von Mouy, ich ſchwöre es Euch bei Gott.“ 3 ee 57 che †„Sire, ein Wort. Wie ſoll ich Euch wieder ſehen?“ ſo„Ihr erhaltet ſchon morgen den Schlüſſel zu meinem ind Zimmer. Ihr tretet ein, von Mouy, ſo oft es nothwen⸗ dig iſt, und wann Ihr wollt. Der Herzog von Alencon „es hat Eure Anweſenheit im Louvre zu verantworten. Mitt⸗ ind lerweile geht die kleine Treppe hinauf. Ich werde de, 3 Euch als Führer dienen. Unterdeſſen läßt die Königin hier den dem Eurigen ähnlichen rothen Mantel eintreten, ich. welcher ſo eben im Vorzimmer war. Man ſoll keinen Unterſchied zwiſchen den Beiden machen und nicht wiſſen, daß Ihr doppelt ſeyd?“ Heinrich ſprach dieſe letzten Worte lachend und Mar⸗ garethe dabei anſchauend. „Ja,“ ſagte ſie, ohne in Bewegung zu gerathen, iſt„denn dieſer Herr de La Mole gehoͤrt am Ende dem Herzog meinem Bruder.“ „Gut, ſucht ihn ſür uns zu gewinnen, Madame,“ ſagte Heinrich mit vollkommenem Ernſte,„ſpart weder — Geld noch Verſprechungen. Ich ſtelle alle meine Schätze iſ⸗ zu Eurer Verfügung.“ ßte.„Schön,“ ſprach Margarethe mit jenem Lächeln, hen das nur den Frauen von Boccaccio gehört,„wenn dies Euer Wunſch iſt, ſo werde ich mein Möglichſtes thun, nn, denſelben zu unterſtützen.“ üh⸗„Gut, und Ihr, von Mouy, kehrt zu dem Herzog hr zurürk und laßt ihn anlaufen.“ rra alte das Margarita. ftet Re Während des von uns berichteten Geſpräches bezo⸗ 2 gen La Mole und Coconnas ihre Wache, La Mole ein wenig ärgerlich, Cveonnas ein wenig unruhig. 58 La Mole hatte nämlich Zeit gehabt, zu überlegen und Coconnas hatte ihn dabei vortrefflich unterſtützt. „Was denkſt Du von Allem dem, Freund?“ fragte La Mole Coconnas. „Ich denke,“ antwortete der Piemonteſe,„daß hinter Allem dem eine Hofintrigue ſteckt.“ „Und vorkommenden Falls biſt Du geneigt, eine Rolle bei dieſer Intrigue zu ſpielen?“ „Mein Lieber,“ antwortete Coconnas,„höre wohl, was ich Dir ſagen will, und ſuche Nutzen daraus zu zie⸗ hen. In allen dieſen prinzlichen Schleichwegen, in allen dieſen föniglichen Machinationen können und müſſen wir nur als Schatten gelten; wo der König von Navarra ein Stück von ſeiner Feder und der Herzog von Alencon einen Flügel von ſeinem Mantel läßt, da werden wir unſer Leben laſſen. Verliere Deinen Kopf in der Liebe, mein Theurer, aber verliere ihn nicht in der Politik.“ Das war ein weiſer Rath. Er wurde auch von La Mole mit der Traurigkeit eines Menſchen angehört, wel⸗ cher, zwiſchen die Vernunft und die Thorheit geſtellt, fühlt, daß er der Thorheit folgt. „Aber ich liebe die Königin, Annibal, ich liebe ſie, und liebe ſie unglücklicher vder glückticher Weiſe mir meiner ganzen Seele. Es iſt Narrheit, wirſt du ſagen, ich gebe es zu, ich bin ein Narr; aber Du, der Du ein Weiſer biſt, Coconnas, Du ſollſt nicht durch meine Thorheiten und mein Unglück leiden. Suche unſern Herrn auf und gefährde Dich nicht.“ Coconnas überlegte einen Augenblick und antwortete ſodann, den Kopf erhebend: „Mein Lieber, Alles, was Du da ſagſt, iſt vollkom⸗ men richtig. Du biſt verliebt, handle als Verliebter. Ich bin ehrgeizig und denke, das Leben iſt mehr werth, als das Lächeln einer Frau. Wenn ich mein Leben wage, ſo werde ich meine Bedingungen machen. Du, mein armer Medor, ſuche die Deinigen zu ſtellen.“ en gte ter ine hl, ie⸗ len wir rra on wir be, el⸗ hlt, ſie, mit gen, Du eine errn tete om⸗ ter. erth, age, nein 59 Uud Coconnas reichte La Mole die Hand und ent⸗ fernte ſich, nachdem er zuvor mit ſeinem Freunde einen letzten Blick gewechſelt hatte. Er mochte ſeinen Poſten ungefähr zehn Minuten verlaſſen haben, als ſich die Thüre öffnete und Marga⸗ rethe vorſichtig heraustrat, La Mole bei der Hand nahm und ihn, ohne ein Wort zu ſagen, in die Tiefe ihres Gemaches zog, wonach ſie die Thüren mit einer Sorg⸗ falt ſchloß, welche die Wichtigkeit der Beſprechung an⸗ deutete, die nun ſtatthaben ſolite. Wieder im Zimmer, blieb ſie ſtehen, ſetzte ſich ſo⸗ dann in den ebenholzenen Stuhl, zog La Mole zu ſich, ſchloß ſeine zwei Hände in die ihrigen und ſagte: „Nun, da wir allein ſind, wollen wir ernſthaft ſpre⸗ chen, mein großer Freund.“ „Ernſthaft, Madame?“ ſagte La Mole. „Oder vertraulich, das geht Euch beſſer? Es kann ernſte Dinge geben bei der Vertraulichkeit, und beſonders bei der Vertraulichkeit einer Königin.“ „Reden wir alſo von dieſen ernſthaften Dingen, aber unter der Bedingung, daß Eure Majeſtät ſich nicht über die tollen Dinge ärgert, die ich ihr ſagen werde.“ „Ich werde mich nur über Eines ärgern, La Mole, wenn Ihr mich Madame oder Majeſtät nennt; für Euch, mein Freund, bin ich nur Margarethe.“ Ja, Margaretha, ja, Margarita,“ ſprach der junge Mann, die Königin mit dem Blicke verſchlingend. „So iſt es gut,“ ſagte Margarethe;„Ihr ſeyd alſo eiferſüchtig, mein ſchöner Herr?“ „Oh, um die Vernunft darüber zu verlieren.“ „Immer noch!“ „Um wahnſinnig zu werden, Margarethe.“ „Und auf wen ſeyd Ihr eiferſüchtig?“ „Auf alle Welt.“ „Nun denn?“ „Auf den König zuerſt.“ 60 „Ich glaubte, nach dem was Ihr geſehen und ge⸗ hört habt, könntet Ihr von dieſer Seite ruhig ſeyn.“ „Auf dieſen Herrn von Mony, den ich dieſen Mor⸗ gen zum erſten Male geſehen habe, und an dieſem Abend in Eurem Vertrauen ſo weit vorgerückt finde.“ „Auf Herrn von Mouy?“ „ ünd was veranlaßt Euern Argwohn in Beziehung anf Herrn von Mouy?“ „Hört.. ich habe ihn an ſeinem Wuchſe, an der Farbe ſeiner Haare, an einem natürlichen Gefühle des Haſſes erkannt. Er iſt es, der dieſen Morgen bei Herrn von Alencon war.“ „Wohl, aher welche Beziehung hat dieß zu mir?“ „Das kann ich nicht wiſſen; aber jedenfalls, Ma⸗ dame, ſeyd offenherzig; in Ermangelung eines andern Ge⸗ fühles hat eine Liebe, wie die meinige, wohl das Recht, Offenherzigkeit zu verlangen. Seht, ich werfe mich zu Euern Füßen, wenn das, was Ihr für mich empfunden habt, nur ein vorübergehendes Gefühl iſt, ſo gebe ich Euch Euer Wort, Eure Verſprechungen zurück. Ich gebe dem Herzog von Alengon ſeine Gnadenbezengungen und meine Stelle als Edelmann in ſeinem Dienſte zurück und laſſe mich bei der Belagerung von La Rochelle töd⸗ ten, wenn mich nicht die Liebe getödtet hat, ehe ich dahin zu gelangen vermag.“ Margarethe hörte lächelnd dieſe Worte voll Zauber und folgte mit den Augen dieſer Action voll Anmuth. Dann ihr ſchönes, träumeriſches Hanpt auf ſeine bren⸗ nende Hand legend, ſagte ſie: „Ihr liebt mich?“ „Oh! Madame, mehr als mein Leben, mehr als mein Seelenheil, mehr als Alles. Aber Ihr, Ihr.. Ihr liebt mich nicht.“ „Armer Narr,“ murmelte ſie. „Ja, Madame,“ rief La Mole immer noch auf ſeinen Knien,„ich ſagte es, ich wäre es.“ 61 ge⸗ 3„Die erſte Angelegenheit Eures Lebens iſt alſo Eure Liebe, theurer La Mole?“ or⸗„Es iſt die Einzige, Madame.“ end„Gut, es ſey, ich werde aus allem Andern nur eine Beigabe dieſer Liebe machen. Ihr liebt mich alſo, Ihr „ wollt bei mir bleiben?“ „Mein einziges Gebet zu Gott iſt, daß er mich nie ung von Euch entferne.“ „Wohl, Ihr werdet mich nie verlaſſen, ich bedarf der Eurer.“ des„Wie? Ihr bedürft meiner? die Sonne bedarf des n Scheinwurmes!“ „Werdet Ihr mir völlig ergeben ſeyn, wenn ich Euch 2 ſage, daß ich Euch liebe?“ Na⸗„Ei, bin ich es denn nicht ſchon ganz und gar, He⸗ Madame?“ cht,„Ja, aber Gott vergebe mir, Ihr zweifelt noch.“ zu„Oh! ich habe unrecht, ich bin undankbar, oder viel⸗ den mehr, wie ich Euch wiederholt ſagte, ich bin ein Narr. ich Aber warum war Herr von Mouy dieſen Abend bei ebe+ Euch? Warum habe ich ihn dieſen Morgen bei Herrn und von Alengon geſehen? Warum dieſer kirſchrothe Mantel? ück dieſe weiße Feder, dieſes Beſtreben, meine Haltung nach⸗ öd⸗ zuahmen?“ hin„Unglücklicher,“ ſprach Margarethe,„Unglücklicher, der ſich eiferſüchtig nennt und nicht errathen hat! Wißt ber Ihr, La Mole, daß der Herzog von Alengon Euch mit ih. ſeinem eigenen Schwerte ködten würde, wenn er wüßte, en⸗ daß Ihr heute Abend hier ſeyd, mir zu Füßen liegt, und ich, ſtatt Euch fortzujagen, Euch ſage:„Bleibt hier, ſo wie Ihr ſeyd, La Mole, denn ich liebe Euch, mein ein ſchöner Ebelmann! hört Ihr, ich liebe Euch! Nun wohl, Ihr ja, ich wiederhole es: er würde Euch tödten!“ „Großer Gott!“ rief La Mole, ſich zurückbiegend und Margarethe voll Schrecken anſchauend,„wäre es auf möglich!“ 1„Alles iſt möglich, Freund, in unſerer Zeit und bei 6² dieſem Hofe. Nun ein Wort: Nicht meinetwegen kam Herr von Mouy, in Euren Mantel gekleidet, das Geſicht unter Eurem Hute verborgen, in den Louvre. Es ge⸗ ſchah wegen Herrn von Alengon. Aber ich, die ich nicht davon in Kenntniß geſetzt war, hielt ihn für Euch, führte ihn hieher im Glauben, Ihr wäret es, und ſprach mit ihm, ebenfalls im Glauben, ich ſpräche mit Euch. Er hat unſer Geheimniß in ſeinen Händen, La Mole, man muß ihn alſo ſchonen.“ „Ich will ihn lieber tödten,“ verſetzte La Mole,„das iſt kürzer und ſicherer.“ „Und mir, mein braver Edelmann,“ ſagte die Kö⸗ nigin,„iſt es lieber, daß er lebt und daß er Alles er⸗ fahre; denn ſein Leben iſt uns nicht nur nöthig, ſondern nützlich. Hört und erwäget wohl Eure Worte, ehe Ihr ſprecht: liebt Ihr mich hinreichend, La Mole, um Euch zu freuen, wenn ich wirklich Königin, d. h. Gebieterin eines wahren Königreichs, würde?“ „Ach, Madante,“ rief La Mole,„ich liebe Euch ge⸗ nugſam, um zu wünſchen, was Ihr wünſcht, und wäre dieſer Wunſch auch das Unglück meines ganzen Lebens.“ „Nun wohl, wollt Ihr mich in der Verwirklichung dieſes Wunſches, der Euch noch glücklicher machen wird, unterſtützen?“ „Oh, ich werde Euch verlieren!“ rief La Mole, ſein Haupt in ſeinen Händen verbergend. „Nein, im Gegentheil, ſtatt der Erſte meiner Die⸗ ner zu ſeyn, werdet Ihr der Erſte meiner Unterthanen. Das iſt der ganze Unterſchied.“ „Oh, kein Intereſſe, keinen Ehrgeiz, Madame, befleckt nicht ſelbſt das Gefühl, das ich für Euch hege.. Ergebenheit, nichts als Ergebenheit.“ „Edle Natur,“ ſprach Margarethe,„nun ja, ich nehme ſie an, Deine Ergebenheit, und werde ſie zu lohnen wiſſen.“ Und ſie reichte ihm ihre beiden Hände, welche La Mole in den ſeinigen drückte. — — — e 63 * „Nun?“ ſagte ſie. t„Nun ja,“ antwortete La Mole,„ja, Margarethe, ſicht ich fange an, den unbeſtimmten Plan zu begreifen, 4t von welchem man unter uns Hugenotten ſchon vor der Sanct Bartholomäusnacht ſprach. Zu Ausſührung dieſes 3 Planes war ich, wie ſo viele andere Würdigere, nach „ Paris gerufen worden. Nach dieſem wirklichen König⸗ reiche Navarra, das ein nur in der Einbildung beſtehen⸗ des erſetzen ſollte, ſtrebt Ihr. Und dazu treibt Euch das König Heinrich an. Von Mouy conſpirirt mit Euch, nicht wahr? Aber was hat der Herzug von Alencon mit dieſer Angelegenheit zu thun? Wo iſt ein Thron . für ihn in Allem dem? Ich ſehe es nicht. Iſt der pei Herzog von Alencon nun hinreichend Euer... Freund, um Ihr Euch bei Allem dem zu unterſtützen, und zwar, ohne S etwas Anderes im Austanſche dafür zu verlangen, als die Gefahr, die er läuft?“ 1„Der Herzog, Freund, conſpirirt für ſeine eigene 3 Rechnung. Laſſen wir ihn ſich verirren, ſein Leben bürgt uns für das unſere.“ „Aber ich, der ich ihm gehöre, darf ich ihn ver⸗ ns rathen“ „Ihn verrathen? und worin werdet Ihr ihn ver⸗ ird⸗ rathen? Hat er nicht Euch verrathen, indem er Herrn ſein von Mouy Euern Mantel und Euern Hut gab, als ein Mittel, bis zu ihm zu dringen? Ihr gehört ihm, ſagt Ihr? Gehörtet Ihr nicht mir, mein Edelmann, Die⸗ ehe Ihr ihm gehörtet? und hat er Euch einen Beweis von Freundſchaft gegeben, der größer wäre, als der . eweis von Liebe, den Ihr von mir beſitzt?“ ame, La Wole erhob ſich bleich und wie vom Blitz ge⸗ troffen. ich„Oh,“ murmelte er,„Coconnas ſagte es mir wohl! Die Intrigue hüllt mich in ihre Falte, ſie wird mich e zu erſticken.“ 3„Nun?“ fragte Margarethe. 64 „Nun,“ ſprach La Mole,„ſo hört meine Ant⸗ wort. Man behauptet, und ich habe es am andern Ende von Frankreich ſagen hören, wo Euer ſo erhabener Name, der allgemeine Ruf Eurer hohen Schönheit wie ein ſchwankendes Verlangen nach dem Unbekannten mein Herz berührten, man behauptet: Ihr habet zuweilen geliebt und Eure Liebe ſey ſtets den Gegenſtänden der⸗ ſelben unheilbringend geweſen, ſo daß der Tod, ohne Zweifel aus Eiferſucht, ſie beinahe immer Euch ent⸗ riſſen habe. Unterbrecht mich nicht, oh Margarita, denn man fügt bei. Ihr habet in goldenen Kapſeln die Herzen dieſer kreuen Freunde*) bewahrt, und Ihr gön⸗ net zuweilen dieſen traurigen Ueberreſten eine ſchwer⸗ müthige Erinnerung, einen frommen Blick. Ihr ſeufzt, meine Königin, Eure Augen verſchleiern ſich, es iſt wahr. Wohl, macht aus mir den geliebteſten und glücklichſten von Euren Günſtlingen. Bei Andern habt Ihr das Herz durchbohrt, und Ihr bewahrt dieſes Herz. Bei mir macht Ihr mehr, Ihr gebt meinen Kopf Preis. Wohl, Margarethe, ſchwört mir vor dem Bilde dieſes Gottes, der mein Leben gerade hier gerettet hat, ſchwört mir, daß Ihr, wenn ich für Euch ſterbe, wie es mir ein unbeſtimmtes Vorurtheil andeutet, um Eure Blicke zuweilen darauf weilen zu laſſen, dieſen Kopf behaltet, den der Hen'er von meinem Leibe getrennt haben wird. Schwärt mir, Margarethe, und das Verſprechen einer ſol⸗ chen Belohnung von meiner Königin wird mich ſtumm, im Falle der Noth zum Verräther und feig machen, das 4) Sie trug einen großen Wulſt, welcher rings umher Täſchchen hatte. In jedes derſelben ſteckte ſie eine Kapſel, in welcher das Herz von einem ihrer hingeſchiedenen Liebhaber enthalten war; denn fie war ſorgfältig darauf bedacht, wenn ſie ſtarben, ihr Herz einbalſamiren zu laſſen. Dieſer Wulſt hing jeden Abend an einem Haken, der hinter dem Kopfbrette ihres Bettes verſchloſſen wurde. Marguerite de Valois. — Tahlement des RSaux, Historiettes de — e——— ———. — 1— — nt⸗ nde ner wie ein len er⸗ hne nt⸗ enn die ön⸗ er⸗ fzt, iſt und abt erz eis. eſes vört mir licke ltet, ird. ſol⸗ im das . hchen das war; Herz inem urde. de 65 heißt, ganz ergeben, wie es der von Euch bevorzugte, wie es Euer Genoſſe ſeyn muß.“ „Oh traurige Thorheit,“ ſprach Margarethe,„oh unſeliger Gedanke!“ „Schwört„ „Worauf ſoll ich ſchwören?“ „Auf dieſes ſilberne Käſtchen, welches von einem Kreuze überragt wird.“ „Nun wohl, wenn, was Gott verhüten möge, Deine düſtere Ahnungen in ſich verwirklichen, mein ſchöner Edelmann, auf dieſes Krenz ſchwöre ich Dir, Du ſollſt bei mir ſeyn, lebendig oder todt, ſo lange ich ſelbſt lebe. Und wenn ich Dich aus der Gefahr nicht retten kann, in die ich Dich, ich weiß es wohl, für mich allein ſtürze, ſo gebe ich wenigſtens Deiner armen Seele den Troſt, welchen Du verlangſt und den Du ſo gut verdient haben wirſt.“ „Noch ein Wort, Margarethe. Ich kann nun ſterben, ich bin über meinen Tod beruhigt; ich kann aber auch leben, wir können ſiegen. Der König von Navarra kann wirklich König werden, Ihr könnt Königin ſeyn. Dann wird Euch der König entführen. Das unter Euch aus⸗ geſprochene Gelübde der Trennung wird eines Tags ge⸗ brochen werden und die unſere zur Folge haben. Mar⸗ garethe, theure, vielgeliebte Margatethe, mit einem Worte habt Ihr mich uüber meinen Tod beruhigt, be⸗ ruhigt mich nun auch mit einem über mein Leben.“ „Oh, fürchte nichts!“ rief Margarethe, die Hand abermals nach dem Kreuze über dem Käſtchen ausſtreckend. „Wenn ich reiſe, folgſt du mir, und wenn der König ſich weigert, Dich mitzunehmen, dann bin ich es, welche nicht reiſt.“ „Aber Ihr werdet es nicht wagen, zu widerſtehen?“ „Mein vielgeliebter Hyacinth,“ ſprach Margarethe, „Du kennſt Heinrich nicht. Heinrich denkt in dieſem Augenblicke nur an Eines, daran, König zu werden. 5 Königin Margot. I. 66 Und vieſem Verlangen würde er im gegenwärtigen Augen⸗ blicke Alles opfern, was er beſitzt und eben darum noch viel mehr, was er nicht beſitzt. Gott befohlen!“ Von dieſem Abend an, war La Mole kein gewöhn⸗ licher Günſtling mehr und er konnte den Kopf hoch tragen, dem, lebendig oder todt, eine ſo ſüße Zukunft vorbehalten war. Zuweilen aber neigte ſich ſeine gewichtige Stirne gegen die Erde, ſeine Wange erbleichte und herbes Nach⸗ ſinnen zog ſeine Furchen zwiſchen den Augenbrauen des einſt ſo heitern, jetzt ſo glücklichen jungen Mannes. 1 VI. . Die Hand Gottes. Heinrich ſagte zu Frau von Sauve, als er ſie verließ: „Legt Euch zu Bette, Charlotte. Stellt Euch, als wäret Ihr ernſtlich krank, und empfangt morgen unter keinem Vorwand irgend einen Menſchen.“ Charlotte gehorchte, ohne ſich Rechenſchaft darüber zu geben, was den König zu dieſem Geheiß bewegen dürfte. Sie fing an, ſich an ſeine Excentricitäten, wie man in unſern Tagen ſagen würde, und an ſeine Phan⸗ taſien zu gewöhnen, wie man damals ſagte. ueberdieß wußte ſie, daß Heinrich in ſeinem Herzen Geheimniſſe verſchloß, die er Niemand mittheilte, daß in ſeinem Geiſte Pläne verwahrt waren, die er ſogar in ſeinen Träumen zu enthüllen ſich fürchtete, und ſie gehorchte ſomit allen ſeinen Willensausſprüchen über⸗ zeugt, daß auch ſeine ſeltſamſten Gedanken ein beſtimm⸗ tes Ziel hatten. en⸗ och hn⸗ och nft rne ch⸗ des ſie als ter ber gen wie an⸗ zen daß gar m⸗ er⸗ 67 An vemſelben Abend beklagte ſie ſich daher gegen Dariole über große Schwere des Kopfes, begleitet von Schwindel. Das waren die Symptome, welche Hein⸗ rich ihr vorzuſchützen empfohlen hatte. Am andern Tage gab ſie ſich den Anſchein, als wollte ſie aufſtehen, aber kaum hatte ſie einen Fuß auf den Boden geſetzt, als ſie ſich über allgemeine Schwäche beklagte und wieder zu Bette ging: Dieſe Unpäßlichkeit, welche Heinrich dem Herzoge von Alencon mitgetheilt hatte, war die erſte Neuigkeit, die man Catharina überbrachte, als ſie mit ruhiger Miene fragte, warum die Sauve nicht wie gewöhnlich bei ihrem Lever erſcheine. „Krank“, antwortete die gerade anweſende Herzogin von Lothringen. „Krant,“ wiederholte Catharina, ohne daß eine Muskel ihre Theilnahme an der Antwort verrieth.„Eine Müdigkeit der Trägen.“ „Nein, Madame,“ verſetzte die Prinzeſſin.„Sie beklagt ſich über ein heftiges Kopfweh und über eine Schwäche, die ſie zu gehen verhindert.“ Catharina antwortete nicht, ſondern wandte ſich, ohne Zweifel um ihre Freude zu verbergen, nach einem, Fenſter; als ſie Heinrich erblickte, der nach ſeiner Un⸗ terredung mit Herrn von Mouy durch den Hof ſchritt, erhob ſie ſich, um ihn ſchärfer zu betrachten, und an⸗ getrieben durch das Gewiſſen, das, obgleich unſichtbar, beſtändig im Grunde ſelbſt der gegen das Verbrechen am meiſten abgehärteten Herzen arbeitet, fragte ſie ihren Kapitän der Garde: „Sollte man nicht glauben, mein Sohn Heinrich ſey dieſen Morgen bleicher, als gewöhnlich?“ Es verhielt ſich nicht ſo; Heinrich war ſehr unruhig im Geiſte, aber ſehr geſund am Körper. Allmählig zogen ſich die Perſonen zurück, welche gewöhnlich dem Lever der Königin beiwohnten. Drei 68 bis vier Vertrautere blieben. Catharine entließ ſie un⸗ geduldig und ſagte, ſie wolle allein bleiben. Als ſich der letzte Höfling entfernt hatte, ſchloß Catharina die Thüre hinter ihm, ging an einen Schrank, der in einer von den Füllungen ihres Zimmers verbor⸗ gen war, ſchob die Thüre in einen Falz des Täfelwerks zurück und zog ein Buch heraus, deſſen zerknitterte Blätter einen häufigen Gebrauch andeuteten. Sie legte das Buch auf einen Tiſch, öffnete es, ſtützte ihren Ellen⸗ bogen auf die Tafel und den Kopf auf ihre Hand. „So iſt es,“ murmelte ſie leſend,„Kopfweh, allge⸗ meine Schwäche, Augenſchmerzen, Anſchwellung des Gaumens. Man hat bis jetzt nur von Kopfweh und Schwäche geſprochen die andern Symptome werden nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Sie fuhr fort: „Dann ergreift die Entzündung den Schlund, dehnt ſich auf den Magen aus, unzieht das Herz wie mit einem feurigen Kreiſe und zerreißt das Hirn wie mit einem Donnerſchlage.“ Sie überlas dieſe Stelle noch einmal ganz leiſe und fuhr dann fort: „Für das Fieber ſechs Stunden, für die Entzün⸗ dung zwölf Stunden, für den Brand zwölf Stunden⸗ für den Toreskampf ſechs Stunden, im Ganzen ſechs⸗ unddreißig Stunden. „Setzen wir nun, der Proceß des allmähligen Ein⸗ ziehens daure etwas länger, als dieß bei einem gewöhn⸗ lichen Einflößen der Fall iſt, ſo bekommen wir ſtatt ſechsunddreißig vierzig⸗ vielleicht achtundvierzig, ja, acht⸗ undvierzig Stunden müſſen hinreichen. Doch er, Heinrich, wie kann er noch ſo aufrecht einherſchreiten? Weil er ein Mann, weil er von kräftiger Körperbeſchaffenheit iſt, weil er vielleicht, nachdem er ſie geküßt, getrunken, und ſich nach dem Trinken die Lippen abgetrocknet hat.“ Catharina erwartete ungeduldig die Stunde de Mittagsmahles. Heinrich ſpeiſ'te jeden Tag an der fö⸗. „ un⸗ loß ink, or⸗ erks erte gte len⸗ lge⸗ des und den 69 niglichen Tafel. Er kam, beklagte ſich ebenfalls über ſtechenden Schmerz im Gehirn, aß nichts und zog ſich ſogleich nach dem Mahle unter dem Vorgeben zurück, er habe einen Theil der Nacht gewacht, und fühle ein dringendes Bedürfniß zu ſchlafen. „ Catharina hörte, wie ſich der wankende Tritt von Heinrich entfernte, und gab Befehl, ihm zu folgen. WMan meldete ihr, der König von Navarra habe ſeinen Weg nach dem Zimmer von Frau von Sauve genommen. „Heinrich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„wird bei ihr das Werk eines Todes vollenden, den ein unglücklicher Zufall vielleicht unvollſtändig gelaſſen hat.“ Der König von Navarra war wirklich zu Frau vrn Sauve gegangen, aber nur um ihr zu ſagen, ſie ſolle ihre Rolle fortſpielen. Am andern Tage verließ Heinrich ſein Zimmer den ganzen Morgen nicht, und er erſchien auch nicht bei der Tafel des Königs. Bei Frau von Sauve, ſagte man, gehe es immer ſchlimmer, und das Gerücht von der Krankheit von Heinrich lief, von Catharina ſelbſt ver⸗ breitet, wie eine von jenen Ahnungen umher, die in die Luft übergehen, ohne daß ſich Jemand die Urſache der⸗ ſelben zu erklären weiß. Catharina beglückwünſchte ſich; von dem Tage zu⸗ vor bis zum Morgen haite ſie Ambroiſe Paré entfernt, um einem ihrer Lieblingskammerdiener, der in Saint⸗ Germain krank lag, Hülfe zu leiſten. Nothwendiger⸗ weiſe mußte man alſo einen ihr ergebenen Menſchen zu Frau von Sauve und zu Heinrich rufen, und dieſer Menſch würde nur ſagen, was ſie wollte. Sollte jedoch wider Erwarten ein anderer Arzt in die Sache verwickelt werden, ſollte die Erklärung, es habe Giftmiſcherei ſtattge⸗ funden dieſen Hoferſchrecken, wo bereits ſo viele ähnliche Er⸗ lärungen erſchollen waren, ſo zählte ſie ſehr auf den Lärmen, den die Eiferſucht von Margaretha in Beziehung auf die Liebſchaft ihres Gemahls veranlaßt hatte. Man erin⸗ nert ſich, daß die Königin auf gut Glück viel von dieſer 70 Eiferſucht, welche ſich unter verſchiedenen Umſtänden kund gegeben, geſprochen und unter Anderem, bei der Pilgerſchaft nach dem Weißdorne, zu ihrer Tochter in Gegenwart von mehreren Perſonen geſagt hatte: „Du biſt alſo ſehr eiferfüchtig, Margarethe?“ Sie erwartete nun mit gefaßtem Geſichte den Au⸗ genblick, wo die Thüre ſich öffnen und irgend ein Die⸗ ner, bleich und erſchrocken eintretend, ausrufen würde: „Majeſtät, der König von Navarra ſtirbt und Frau von Sauve iſt geſtorben!“ Es ſchlug vier Uhr Nachmittags. Catharina be⸗ fand ſich in der Voliere, wo ſie Zwiekacke für einige ſeltene Vögel, die ſie mit eigener Hand fütterte, zer⸗ grübelte. Obgleich ihr Geſicht, wie immer, ruhig und beinahe finſter war, ſo ſchlug doch ihr Herz bei jedem Geräuſch auf das Heſtigſte. Plötzlich öffnete ſich die Thüre. „Madame,“ ſprach der Kapitän der Garden,„der König von Navarra iſt. „Krank!“ unterbrach ihn lebhaft Catharina. „Nein, Madame, Gott ſey Dank! Seine Majeſtät ſcheint ſich ausgezeichnet wohl zu befinden.“ „Aber was ſagt Ihr dann?“ „Daß der König von Navarra hier iſt.“ „Was will er von mir?“ „Er bringt Eurer Majeſtät einen Affen von der ſeltenſten Art.“ In dieſem Augenblick trat Heinrich ein, einen Korb in der Hand haltend und einen Uiſtiti ſtreichelnd, der in dem Körbchen lag. Heinrich lächelte bei ſeinem Eintritt und ſchien ganz nur auf das kleine Thierchen aufmerkſam, das er brachte. Aber ſo ſehr er auch damit beſchäftigt zu ſeyn ſchien, ſo verlor er darum doch nicht den erſten Blick, der ihm in ſchwierigen Umſtänden genügte. Catharina war ſehr blaß, und dieſe Bläſſe wuchs, je mehr ſie in den Wangen des jungen Mannes, der 3 t———— der orb der ien er eyn der 6. — 71 ibr näherte, das friſche Roth der Geſundheit krei⸗ en ſah. Die Königin Mutter war betäubt bei dieſem Schlage. Sie nahm maſchinenmäßig das Geſchenk, bebte, machte ihm ein Compliment über ſein gutes Ausſehen und fügte bei: „Ich bin um ſo mehr erfreut, Euch in ſo guter Geſundheit bei mir zu ſehen, mein Sohn, als ich vernahm, Ihr wäret krank, und als ich, wenn ich mich recht er⸗ innere, Euch ſelbſt in meiner Gegenwart über Unpäß⸗ lichkeit klagen hörte. Aber ich begreife nun,“ fügte ſie bei, indem ſie zu lächeln ſuchte,„es war nur ein Vor⸗ wand, um Euch frei zu machen.“ „Ich war in der That ſehr krank, Madame,“ ant⸗ wortete Heinrich,„aber ein in unſern Gebirgen einhei⸗ miſches ſpecifiſches Mittel, das mir von meiner Mutter zugekommen iſt, hat dieſe unpäßlichkeit völlig geheilt.“ „Ah, Ihr werdet mir dieſes Recept mittheilen, nicht wahr, Heinrich?“ ſprach Catharina, dießmal wirklich lächelnd, aber mit einer Ironie, die ſie nicht zu ver⸗ bergen vermochte. „Irgend ein Gegengift,“ murmelte ſie,„wir werden varauf bedacht ſeyn, oder vielmehr, nein. Als er Frau von Sauve krank ſah, wird er mißtraut haben. In der That, man muß glauben, daß die Hand Gottes über dieſem Manne ausgebreitet iſt.“ Catharina erwartete ungeduldig die Nacht. Frau von Sauve erſchien nicht. Beim Spiele fragte ſie nach ihr. Man antwortete, ſie leide immer mehr. Catha⸗ rina war den ganzen Abend unruhig, und man fragte ſich ängſtlich, welche Gedanken das gewöhnlich ſo unbe⸗ wegliche Geſicht erregen könnten. Alle Anweſenden zogen ſich zurück. Catharina ließ ſich von ihren Frauen auskleiden und ging zu Bette Als ſich Jedermann im Louvre niedergelegt hatte, erhob ſie ſich wieder, zog ein langes ſchwarzes Nachtkleid an, nahm eine Lampe, wählte unter ihren Schlüſſeln denje⸗ 72 nigen, welcher die Thüre von Frau von Sauve öffnete und ſtieg zu ihrer Ehrendame hinauf. Hatte Heinrich dieſen Beſuch vorhergeſehen, war er bei ſich beſchäftigth, hielt er ſich irgendwo verborgen? die junge Frau befand ſich ganz allein. Catharina öffnete vorſichtig die Thüre, ſchritt durch das Vorzimmer, trat in den Salon, ſtellte ihre Lampe auf einen Schrank, denn es brannte eine Nachtlampe in der Nähe der Kranken, und ſchlüpfte wie ein Schatten in das Schlafzimmer. In einem großen Fauteuil ausgeſtreckt, ſchlief Da⸗ riole neben dem Bette ihrer Gebieterin. Dieſes Bett war durch Vorhänge ganz geſchloſſen. Der Athem der jungen Frau war ſo leicht, daß tin einen Augenblick dachte, ſie athme gar nicht mehr. Enblich hörte ſie ein leichtes Schnaufen und mit bos⸗ hafter Freude hob ſie den Vorhang, um ſich ſelbſt von der Wirkung des furchtbaren Giftes zu überzeugen, zum Voraus bebend bei dem von ihr erwarteten Anblicke der Leichenbläſſe oder des verzehrenden Purpurs eines tödtlichen Fiebers; aber ſtatt deſſen fand ſie die ſchöne junge Frau, wie ſie, die Augen ſanft mit ihren weißen Lidern geſchloſſen, den Mund roſig und halb geöffnet, die zarte Wange auf einem ihrer anmuthig gerundeten Arme ruhend, während ſich der andere friſch und blen⸗ dend auf dem rothen Damaſt ausſtreckte, der ihr als Decke diente, ruhig und beinahe lachend ſchlief. Denn ohne Zweifel ließ ein bezaubernder Traum anf ihren Lippen das Lächeln und auf ihrer Wange das Colorit eines unſtörbaren Wohlbehagens erblühen⸗ Catharina konute ſich eines Schreis des Erſtaunens nicht erwehren, der Dariele für einen Augenblick er⸗ weckte. Die Königin Mutter warf ſich hinter die Beltvor⸗ ———— . ———— —— 73 feſſelt, ließ ſie, ohne in ihrem betäubten Geiſte nach der Urſache des Erwachens zu forſchen, ihre ſchweren Au⸗ genliver wieder herabfallen und entſchlummerte abermals. Catharina trat nun aus dem Vorhange hervor, und ſah, ihren Blick andern Punkten des Zimmers zuwen⸗ dend, auf einem Tiſche eine Flaſche ſpaniſchen Wein, Früchte, Confect und zwei Gläſer. Heinrich mußte bei Frau von Sauve zu Nacht geſpeiſt haben, welche ſich offenbar ſo wohl befand als er. 6 Catharina ging auf ihre Toilette zu, und ergriff die kleine, zum dritten Theile leere, ſilberne Kapſel. Es war dieſelbe, welche ſie Charlotte hatte zuſtellen laſſen, oder dieſer wenigſtens völlig ähnlich. Sie nahm ein Theilchen von der Größe einer Perle auf der Spitze einer goldenen Nadel davon mit, kehrte in ihre Wohnung zurück und bot es dem kleinen Affen, den ihr Heinrich geſchenkt hatte. Durch den aromatiſchen Geruch ange⸗ zogen, verſchlang es das Thier gierig, legte ſich rund in ſein Körbchen und entſchlief wieder. Catharina wartete eine Viertelſtunde. „Mit der Hälfte von dem, was der Affe gefreſſen hat,“ ſagte Catharina, iſt mein Hund Brunot ganz auf⸗ geſchwollen geſtorben. Man hat meinen Plan vereitelt. Etwa Rens? René! Das iſt unmöglich. Heinrich alſo: o, unſeliges Geſchick! es iſt klar, da er regiereu ſoll, fann er nicht ſterben.“ „Aber vielleicht iſt nur das Gift ohnmachtig, wir wollen es mit dem Eiſen verſuchen und dann ſehen.“ Und Catharina legte ſich nieder und drehte in ihrem Geiſte einen neuen Gedanken hin und her, der ohne Zweifel am andern Tage völlig gereift war; denn am andern Tage rief ſie ihrem Kapitän der Garden, übergab ihm einen Brief, mit dem Befehle denſelben an ſeine Adreſſe zu tragen und ihn nur in die eigenen Hände desjenigen zu übergeben, an welchen er gerich⸗ tet war. Er war an den Sire Louviers von Maurevel, Ka⸗ 74 pitän der Petardirer des Königs, Rue de la Ceriſaie beim Arſenal adreſſirt. u. Der Prief von Rom. Es waren einige Tage ſeit den von uns erzählten Ereigniſſen abgelaufen, als eines Morgens eine von mehreren Edelleuten in den Farben des Herrn von 1 Guiſe escortirte Sänfte im Louvre erſchien und man der Königin von Navarra meldete, die Frau Herzogin von Nevers wünſche die Ehre zu haben, ihr aufzuwarten. Margarethe empfing ſo eben den Beſuch von Frau von Sauve. Es war das erſte Mal, daß die ſchöne Baronin ſeit ihrer angeblichen Krankheit das Zimmer verließ. Man hatte ihr mitgetheilt, daß die Königin eine große Unruhe über dieſe Unpäßlichkeit kundgegeben, welche beinahe eine Woche lang das Geſpräch des Hofes bil⸗ dete, und ſie kam, um ihr zu danken. Margarethe drückte Frau von Sauve ihre Freude über ihre Wiedergeneſung aus und beglückwünſchte ſie beſonders, daß es ihr gelungen, dem plötzlichen Anfalle des ſeltſamen Uebels zu entgehen, deſſen ernſten Cha⸗ rakter ſie als Tochter von Frankreich genau zu ſchätzen wüßte. „Ihr werdet hoffentlich,“ fragte Margarethe,„zu der ſchon einmal verſchobenen großen Jagd kommen, welche nun entſchieden morgen ſtattfindet. Das Wetter iſt für den Winter mild. Die Sonne hat den Boden erweicht, und unſere Jäger behaupten, der Tag werde äußerſt günſtig ſeyn.“ 4 „Madame,“ ſprach die Baronin,„ich weiß nicht, oh ich hinreichend hergeſtellt hin,“ 75 „Bah!“ verſetzte Margarethe,„Ihr ſtrengt Euch ein wenig an; ich habe den König bevollmächtigt, über ein kleines Pferd aus Bearn zu verfügen; ich ſollte es reiten, und es wird Euch vortrefflich tragen. Habt Ihr noch nicht davon ſprechen hören?“ 5 „Allerdings, aber ich wußte nicht, daß das kleine Thier zu der Ehre beſtimmt war, Eurer Majeſtät an⸗ geboten zu werden: ſonſt hätte ich es nicht angenommen.“ „Ans Stolz, Baronin?“ „Nein, Madame, im Gegentheil, aus Demuth.“ „Ihr koinmt alſo?“ „Fnuere Majeſtät überhäuft mich mit Ehre. Ich werde kommen, da ſie es ſo befiehlt.“ 2 In demſelben Augenblick meldeie man die Frau Her⸗ zogin von Nevers. Bei dieſem Namen entſchlüpfte Mar⸗ garethe eine Bewegung ſo großer Freude, daß die Ba⸗ ronin wohl begriff, die zwei Frauen hätten miteinander zu ſprechen, und ſie ſtand auf, um ſich zu entfernen. „Morgen alſo,“ ſagte Margarelhe. „Morgen, Madame.“ „Doch Ihr wißt,“ fuhr Margarethe, ſie mit einem Zeichen der Hand entlaſſend, fort,„Ihr wißt daß ich Euch öffentlich haſſe, inſofern ich furchtbar eiferſüchtig bin.“ „Aber insgeheim?“ fragte Frau von Sauve. „Oh! insgeheim vergebe ich Euch nicht nur, ſon⸗ dern ich danke Euch ſogar.“ „Euere Majeſtät erlaubt mir alſo... Margarethe reichte ihr die Hand. Die Baronin füßte ſie ehrfurchtsvoll, machte eine tiefe Verbeugung und ging ab. Während Frau von Sauve ſpringend wie ein junges Reh, deſſen Band man zerriſſen hat, die Treppe hinauf lief, wechſelte Frau von Nevers mit der Königin einige eeremoniöſe Begrüßungen, welche den Edelleuten, die ſie bis dahin begleitet hatten, Zeit ließen, ſich zurück⸗ zuziehen. 76 „Gillonne!“ rief Margarethe, als ſich die Thüre hinter dem letzten geſchloſſen hatte,„Gillonne ſorge, daß uns Niemand ſtört.“ „Ja,“ ſprach die Herzogin,„denn wir haben über ſehr wichtige Angelegenheiten zu ſprechen.“ Und ſie nahm ſich einen Stuhl und ſetzte ſich ohne Umſtände, überzeugt, daß Niemand der zwiſchen ihr und der Königin von Navarra befchloſſenen Vertraulichkeit läſtig in den Weg treten würde. „Nun,“ ſagte Margarethe lächelnd,„unſer großer Tdtſchläger, was macht er?“ „Meine liebe Königin,“ antwortete die Herzogin, „das iſt bei meiner Seele ein fabelhaftes Weſen. Er iſt unvergleichlichan Geiſt und vertrocknet nie. Seinem Munde entſtrömen Witze, bei denen ein Heiliger in ſeinem Reliquienkaſten ohnmächtig werden müßte. Im Uebrigen iſt es der wüthendſte Heide, der je in die Haut eines Katholiken genäht wurde. Ich bin ganz vetnarrt in ihn. Und Du, was machſt Du mit Deinem Apollo?“ „Ach!“ ſprach Margarethe mit einem Seufzer. „Oh! oh! wie mich dieſes Ach! erſchreckt, liebe Königin; iſt der edle La Mole etwa zu ehrfurchts⸗ voll, zu ſentimental? Ich muß geſtehen, das wäre ge⸗ rade das Gegentheil von ſeinem Freunde Coconnas.“ „Nein, er hat ſeine Augenblicke, und dieſes Ach bezieht ſich nur auf mich.“* „Was ſoll es alſo bedeuten?“ „Es ſoll bedeuten, theuere Herzogin, daß ich eine furchtbare Angſt habe, ich liebe ihn wirklich.“ „In der That?“ „So wahr ich Margarethe heiße.“ „Oh! deſto beſſer!“ rief Henriette.„Es iſt ſo ſüß, theuere und gelehrte Henriette, den Geiſt durch das Herz ausruhen zu laſſen, nicht wahr? Ah! Margarethr, ich habe eine Ahnung, daß wir das Jahr gut zubringen werden.“ „Glaubſt Du?“ ſagte die Königin,„ich ſehe im Ge⸗ E 37 gentheil, ohne daß ich weiß, wie es kommt, die Dinge durch einen Flor. Dieſe ganze Politik beunruhigt mich ungemein. Doch ſage mir, weiß man, ob Dein Annibal meinem Bruder ſo ergeben iſt, als er es zu ſeyn ſcheint? Belehre Dich hierüber, es iſt von großer Wichtigkeit.“ „Er, irgend Jemand oder irgend Etwas ergeben! Man ſieht, daß Du ihn nicht kennſt, wie ich. Wenn er jemals irgend einer Sache ſich ergibt, ſo geſchieht es einzig und allein aus'Ehrgeiz. Iſt Dein Bruder der Mann dazu, ihm große Verſprechen zu machen? oh! dann gut, er wird Deinem Bruder ergeben ſeyn; aber Dein Bruder, obgleich ein Sohn von Frankreich, hüte ſich wohl, die Verſprechungen, die er ihm gemacht, nicht zu halten, oder meiner Tréue, er mag ſich in Acht nehmen!“ „Wirklich?“ „Wie ich Dir ſage. In der That, Margarethe, es gibt Augenblicke, wo dieſer Tiger, den ich zahm gemacht habe, mich ſelbſt beängſtigt. Eines Tags ſagte ich zu ihm:„Annibal nehmt Ench in Acht, betrügt mich nicht; denn wenn Ihr mich betrügen würdet!...““ Ich ſagte ihm dies jedoch mit meinen Smaragd⸗Augen über deren“ Biitze Ronſard Verſe geſchrieben hat...“ „Nun?“ „Nun, ich glaubte er würde mir antworten;„„Ich Euch betrügen! ich, nie u.ſ. w.““ Weißt Du, was er mir erwiederte?“ 5 „Nein!“ „Du magſt dieſen Menſchen beurtheilen:„„Und Ihr, ſolltet Ihr mich betrügen, nehmt Euch ebenfalls in Acht, denn, obgleich Prinzeſſin. ℳ Und bei dieſen Worten drohte er mir nicht nur mit den Augen, ſon⸗ dern auch mit dem Finger, mit ſeinem ſpitzigen Finger⸗ der mit einem lanzenförmig zugeſchnittenen Nagel be⸗ waffnet iſt, den er mir beinahe unter die Näſe hielt. In dieſem Augenblick, meine arme Königin, ich geſtehe 78 es Dir, haite er ein ſo wenig beruhigendes Geſicht, daß ich bebte, und Du weißt, daß ich nicht ſehr zaghaft bin.“ „Dich bedrohen, Dich, Henriette, er hat es gewagt?“ „Ei, Mordi! ich bedrohte ihn auch, und er hatte im Ganzen Recht. Du ſiehſt alſo, er iſt bis auf einen gewiſſen oder vielmehr bis auf einen ſehr ungewiſſen Grad ergeben.“ „Dann wollen wir überlegen,“ verſetzte Margarethe träumeriſch,„ich werde mit La Mole ſprechen. Du hatteſt mir nichts Anderes zu ſagen?“ „Doch wohl: etwas ſehr Intereſſantes, und gerade deßhalb bin ich gekommen. Aber was willſt Du, Du ſprachſt von noch viel intereſſanteren Gegenſtänden. Ich habe Nachrichten....“ „Von Rom? „Ja, ein Courier von meinem Gemahl.“ „Nun, die polniſche Angelegenheit?“ „Steht vortrefflich, und Du wirſt wahrſcheinlich in wenigen Tagen von Deinem Bruder Anjon befreit ſeyn.“ „Der Papſt hat alſo ſeine Wahl gebilligt.“ „Ja, meine Liebe.“ „Und Du ſagteſt mir dieß nicht ſogleich?“ rief⸗Mar⸗ garethe.„Geſchwinde, die einzelnen Umſtände?“ „Oh! meiner Treue, ich weiß nichts Genaueres. Uebrigens, warte, ich will Dir den Brief von Herrn von Nevers geben. Halt, hier iſt er. Nein, nein, das ſind Verſe von Annibal, grauſame Verſe, er macht keine andere. Hier, diesmal habe ich es. Nein, noch nicht, das iſt ein Billet von mir, das ich hierher gebracht habe, daß Du es durch La Mole beſorgen läßt. Da iſt endlich der fragliche Brief.“ Und hiebei übergab Frau von Nevers der Königin den Brief. Margarethe öffnete und durchlief ihn raſch; aber er enthielt wirklich nichts Anderes, als was ſie bereits aus dem Munde ihrer Freundin erfahren hatte.— —— 79 „Und wie haſt Du dieſen Brief erhalten?“ fragte die Königin. „Durch einen Courier meines Gemahls, der Be⸗ fehl hatte, im Hotel Guiſe anzuhalten, ehe er ſich in den Louvre begeben würde, und dieſen Brief vor dem des Königs abzugeben. Ich wußte, welches Gewicht meine Königin auf dieſe Neuigkeit legt, und hatte Herrn von Nevers geſchrieben, er möge ſo verfahren. Du ſiehſt, er hat gehorcht, er iſt nicht, wie das Ungehener von einem Coconnas. In dieſem Augenblicke giebt es in Paris nur drei Perſonen, welche dieſe Neuigkeit wiſſen, der König, Du und ich, abgeſehen von dem Menſchen, der dem Courier folgte.“ „Was für ein Menſch?“ „Oh! ein furchtbares Gewerbe! Denfe Dir, dieſer unglückliche Bote iſt müde, gerädert, mit Staub über⸗ zogen, angekommen. Er iſt ſieben Tage, Tag und Nacht, geritten, ohne einen Augenblick anzuhalten.“ „Aber der Menſch, von dem Du ſo eben ſprachſt?“ „Warte doch. Beſtändig gefolgt von einem Manne von wildem Ausſehen, der Relais hatte wie er und dieſe vierhundert Lieues ſo geſchwinde ritt als er, er⸗ wartete der arme Courier jeden Augenblick eine Piſtv⸗ lenkugel in den Hüften. Beide gelangten zu derſelben Zeit zu der Barriere Saint⸗Marcel, Beide ritten in ſcharfem Galopp die Rue Muuffetard hinab; Beide durchzogen die Cité, aber am Ausgang des Pont Notre⸗ Dame ſchlug unſer Courier den Weg rechts ein, wäh⸗ rend der Andere ſich links nach dem Platze des Chatelet wandte und wie ein Pfeil über die Quais an den Seiten des Louvre hinſchoß.“ 5 „Ich danke, meine gute Henriette, ich danke,“ rief Margarethe.„Du hatteſt Recht, das ſind ſehr intereſ⸗ ſante Nachrichten. Für wen mag der andere Courier be⸗ ſtimmt ſeyn? ich werde es erfahren. Aber laß' mich nun allein. Dieſen Abend in der Rue Tizon, nicht wahr? und morgen auf der Jagd. Nimm ein böſes Pferd, 30 damit es ſtätiſch wird und wir allein ſeyn können. Dieſen Abend werde ich Dir ſagen, was Du von Dei⸗ nem Coconnas zu erfahren ſuchen mußt.“ „Du vergißt meinen Brief nicht?“ ſprach die Her⸗ zogin von Nevers lachend. „Nein, nein, ſey unbeſorgt, er ſoll ihn zu rechter Zeit haben.“ Frau von Nevers entfernte ſich, und ſogleich ließ Mar⸗ garethe Heinrich rufen. Der König von Navarra eilte her⸗ bei und ſie übergab ihm den Brief des Herzogs von Nevers. „Oh, oh!“ rief er. Dann erzählte ihm Margarethe die Geſchichte von dem doppelten Cyurier. „Ich habe ihn wirklich in den Lonpre einreiten ſehen,“ ſagte Heinrich. „Vielleicht war er für die Königin Mutter?“ „Nein, deſſen bin ich gewiß, denn ich ſtellte mich für jeden Fall in den Corridor und ſah Niemand vor⸗ überkommen.“ „Dann,“ verſetzte Margarethe, ihren Gatten an⸗ ſchauend,„dann muß er für..“ „Euern Bruder Alencon ſeyn, nicht wahr?“ ſprach Heinrich. „Aber, wie ſoll man es erfahren?“ „Könnte man nicht,“ fragte Heinrich nachläßig, „einen von jenen zwei Edelleuten kommen laſſen und durch ihn erfahren „Ihr habt Recht, Sire,“ ſprach Margarethe, durch den Vorſchlag ihres Gemahls erleichtert,„ich will Herrn de La Mole kommen laſſen... Gillonne, Gillonne!“ Das Mädchen erſchien. „Ich muß ſogleich Herrn de La Mole ſprechen,“ ſagte die Königin;„ſuche ihn auf und führe ihn hieher.“ Gillone entfernte ſich. Heinrich ſetzte ſich an einen Liſch, auf welchem ein deutſches Buch mit Zeichnungen von Albrecht Dürer lag, in deren Betrachtung er ſich ———— ten. Dei⸗ Her⸗ hter kar⸗ her⸗ ers. von iten mich vor⸗ an⸗ rach ßig, und urch errn 1 e inen ngen 8¹ ſo ſehr vertiefte, daß er, als La Mole kam, ihn nicht zu hören ſchien und nicht einmal emporſchaute. Als der junge Mann den König bei Margarethe ſah, blieb er ſtumm vor Erſtaunen und erbleichend vor Unruhe auf der Thürſchwelle ſtehen. Margarethe ging auf ihn zu. „Herr de La Mole,“ fragte ſie,„könnt Ihr mir wohl ſagen, wer heute den Dienſt bei Herrn von Alen⸗ con hat?“ „Coconnas,“ ſprach La Mole. 2 „Sucht von ihm zu erfahren, ob er bei ſeinem Herrn einen mit Koth bedeckten Menſchen, der einen langen Ritt mit verhängten Zügeln gemacht zu haben ſchien, eingeführt hat.“ „Ach! Madame, ich fürchte, er wird es mir nicht ſagen. Seit einigen Tagen wird er ſehr ſchweigſam.“ „Wirklich? Doch wenn Ihr ihm dieſes Billet gebt, iſt er Euch, ſcheint es mir, einen Gegendienſt ſchuldig.“ „Von der Herzogin? Gebt, Madame, gebt,“ ſagte La Mole ganz zitternd,„mit dieſem Billet ſtehe ich für Alles.“ Und er entfernte ſich. „Wir werden Morgen erfahren, ob der Herzog von Alencon von der polniſchen Angelegenheit unterrichtet iſt, ſagte Margarethe ſich gegen ihren Gemahl um⸗ wendend. „Dieſer Herr de La Mole iſt ein vortrefflicher Diener,“ verſetzte der Bearner mit dem Lächeln, das nur ihm eigenthümlich war.„Bei der Meſſe! ich werde ſein Glück machen:“ Königin Margot. II. 6 ð 8² VIII. Ver Aufbruch. Als am andern Morgen eine ſchöne rothe Sonne, aber ohne Strahlen, wie dies in den bevorzugten Win⸗ tertagen gewöhnlich iſt, ſich hinter den Hügeln erhob, welche Paris umgürten, war in dem Hofe des Louvre bereits ſeit zwei Stunden Alles in Bewegung. Ein herrlicher Barber, nervig obgleich hoch ge⸗ wachſen, mit Hirſchbeinen, auf denen ſich die Adern wie ein Netz kreuzten, mit dem Fuße ſtampfend, die Ohren ſpitzend und Feuer durch die Nüſtern ſchnaubend, er⸗ wartete Karl IX. in dem Hofe. Aber das Thier war noch minder als ſein Herr, der von Catharina aufgehalten wurde, welche ihn auf dem Wege geſtellt hatte, um, wie ſie ſagte, über eine wichtige Angelegen⸗ heit mit ihm zu ſprechen. Beide befanden ſich in der Glasgallerie, Catharina kalt, bleich und unempfindlich, wie immer; Karl 1X bebend, an ſeinen Nägeln kauend und ſeine Lieblingshunde peitſchend, welche mit einer Art von Panzerhemden be⸗ kleidet waren, damit die Hauer des Wildſchweines ſie nicht verletzen könnten und damit ſie dieſem furchtbaren Thiere ungeſtraft Trotzzu bieten vermöchten. Einkleiner Schild mit dem Wappen von Frankreich war auf ihre Bruſt genäht, unge⸗ fähr wie auf die der Pagen, welche mehr als einmal dieſe glückſeligen Günſtlinge um ihre Vorrechte beneidet hatten. „Merkt wohl auf, Karl,“ ſprach Catharina,„Niemand als Ihr und ich weiß bis jetzt von der nahe bevorſtehenden Ankunft der Polen. Der König von Navarra benimmt ſich jedoch, Gott ſoll mir vergeben, als vb er die Sache wüßte. Trotz ſeines Abſchwörens, dem ich immer mißtraut habe, unterhält er ein Einverſtändniß mit den Hugenotten. ne, in⸗ ob, vre ge⸗ wie ren er⸗ och ina ellt en⸗ . ina nd, nde be⸗ icht iere mit ge⸗ ieſe and den mt iche aut ten. Habt Ihr bemerkt, wie oft er ſeit einigen Tagen ausgeht? Er hat Geld, er, der nie hatte; er kauft Pferde, Waffen, und an Regentagen übt er ſich vom Morgen bis in die Nacht im Fechten.“ „Ei, mein Gott, meine Mutter,“ rief Karl ungeduldig, „glaubt Ihr nicht etwa, er beobſichtige mich zu tödten, mich oder meinen Bruder Anjvu? In dieſem Falle müßte man ihm noch einige Lektionen geben, denn geſtern habe ich ihm mit meinem Rappier eilf Knopflöcher auf ſeinem Wammſe gezählt, während es doch nur ſechs hat. Und was meinen Bruder Anjou betrifft, ſo wißt Ihr, daß er noch beſſer zieit als ich, oder eben ſo gut wenigſtens, wie er ſagt.“ 6 „Hört doch, Karl,“ verſetzte Catharina,„und behandelt die Dinge, die Euch Eure Mutter ſagt, nicht leichtſinnig. Die Botſchafter werden kommen, Ihr werdet ſehen, daß Heinrich, ſobald ſie in Paris ſind, Alles anwenden wird, um ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Er iſt einſchmeichelnd, er iſt duckmäuſeriſch; abgeſehen davon, daß ſeine Frau, die ihn, ich weiß nicht warum, unterſtützt, mit ihnen gar freundlich plaudert, Lateiniſch, Griechiſch, Ungariſch, und was Alles ſprechen wird. Oh, ich ſage Euch, Karl⸗ und Ihr wißt, daß ich mich nie täuſche, ich ſage Euch, daß etwas im Werke iſt.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke und Karl hörte ſtatt auf ſeine Mutter, auf die Stunde. „Tod und Hölle! ſieben Uhr!“ rief er,„eine Stunde Wegs bis zum Sammelplatz, das macht acht Uhr! Eine Stunde, um den Hirſch aufzutreiben, und wir können ſo⸗ mit die Jagd nicht vor neun Uhr beginnen. In der That, meine Mutter, Ihr macht, daß ich viel Zeit verliere! Nieder, Risque⸗Tout!.. Mord und Hölle, nieder, Schurke!“ Ein fräftiger Peitſchenſchlag auf die Hüften des Hundes entriß dem armen Thiere, das ganz erſtaunt 84 war, eine Strafe für eine Liebkoſung zu bekommen, einen Schrei lebhaften Schmerzes. „Karl,“ verſetzte Catharina,„hört mich doch im Na⸗ men Gottes! und überlaßt nicht ſo dem Zufall Guer Glück und das von Frankreich! Die Jagd, die Jagd, die Jagd! ſagt Ihr. Ab! Ihr habt alle Zeit zum Jagen, wenn Euer G ſchäft als König aßgemacht iſt.“ „Vorwärts, meine Mutter!“ ſprach Karl, bleich vor Ungeduld,„erklären wir uns raſch, denn Ihr macht mein Blut fochen. In der That, es gibt Tage, wo ich Euch nicht begreife.“ Er hielt inne und ſchlug mit dem Griffe ſeiner Peitſche an ſeine Stiefeln. Catharina dachte, es wäre der günſtige Augenblick gekommen, den man nicht vvrübergehen laſſen dürfie, und ſprach: „Mein Sohn, wir haben Beweiſe, daß Herr von Mouy nach Paris zurückgekehrt iſt. Herr von Maurevel, den Ihr wohl kennt, hat ihn geſehen. Das geſchieht nur für den König von Navarra, und es genügt, hoſſentlich, daß dieſer uns mehr als je verdächtig iſt.“ „Ah, Ihr ſeyd abermals an meinem armen Henriot; ich ſoll ihn tödten laſſen, nicht wahr?“ „Oh nein!“ „Verbannen? Aber begreift Ihr nicht, daß er ver⸗ bannt furchtbarer wird, als er es je hier unter unſern Augen im Louvre ſeyn kann, wo er nichts zu thun vermag, was wir nicht ſogleich erfahren.“ „Ich will auch nicht, daß man ihn verbanne.“ „Aber was wellt Ihr denn? ſprecht geſchwinde!“ „Ich will, daß man ihn, während die Polen hier ſind, in ſicherem Gewahrſam halte, in der Baſtille zum B iſpiel.“ „Ah, meiner Treue, nein!“ rief Karl IX.„Wir jagen dieſen Morgen den Eber, Heinrich iſt einer der Beſten meines Gefolges. Ohne ihn wird die Jagd verfehlt. Bei Gott, meine Mutter, Ihr denkt wahrlich an gar nichts, als mir in die Quere zu kommen.“ — ——-„— inen Na⸗ lück gd! venn vor mein Fuch tſche blick rfle, von vel, ieht ügt, iot; ver⸗ ſern iag, „ ind, el.“ Wir der hlt. gar 85 „Ei, mein lieber Sohn, ich ſage nicht jetzt ſogleich. Die Gefandten kommen erſt morgen oder übermorgen. Verhaften wir ihn nach der Jagd, dieſen Abend, dieſe Nacht.“ „Das iſt etwas Anderes. Nun wohl, wir werden wieder davon ſprechen; wir werden nach der Jagd ſehen; ich ſage nicht nein. Gott befohlen! Vorwärts, Risque⸗ Tout; willſt du nicht ebenfalls zanken?“ „Karl,“ ſagte Catharina, ihn auf die Gefahr eines Ausbruchs, der auf dieſe neue Zögerung erfolgen konnte, am Arme zurückhaltend,„ich glaube, das wäre, wenn Ihr den Verhaftsbefehl, den man erſt dieſen Abend oder dieſe Nacht vollſtrecken ließe, ſogleich unterzeichnen würdet.“ „Unterzeichnen? einen Befehl ſchreiben? ſiegeln? Pergament holen laſſen, wenn man mich zur Jagd er⸗ wartet, mich, der ich nie auf mich warten laſſe? Zum Teufel!“ „Nein, ich liebe Euch zu ſehr, um Euch aufzuhalten; ich habe Alles vorhergeſehen; tretet bei mir ein.“ Und behende, als wäre ſie erſt zwanzig Jahre alt, ſtieß Catharina eine Thüre auf, welche mit ihrem Cabinet in Verbindung ſtand, zeigte dem König ein Dintenfaß, eine Fever, Pergament, das Siegel und eine angezündete Kerze. Der König nahm das Pergament und durchlief es raſch: „Befehl u. ſ. w., u. ſ. w., unſern Bruder Heintich von Navarra verhaften zu laſſen und nach der Baſtille zu führen.“ „Gut, es iſt abgemacht,“ ſagte er und unterzeichnete mit einem Zuge. Und er ſtürzte aus dem Cabinet, gefolgt von ſeinen Hunden und ganz froh, ſich ſo leicht von Catharina be⸗ freit zu haben. Karl X. wurde ungeduldig erwartet, und da man ſeine Pünktlichkeit bei der Jagd kannte, ſo wunderte ſich Jedermann über dieſe Zögerung. Als er erſchien begrüßten ihn auch die Jäger mit ihrem Vwat, die Piqueurs mit ihren Fanfaren, die Hunde mit ihrem Geſchrei. All' 86 dieſes Getöſe machte die Röthe in ſeine bleichen Wangen ſteigen, ſein Herz ſchwoll auf, und Karl war eine Sekunde lang jung und glücklich. Der König nahm ſich kaum die Zeit, die in dem Hoſe verſammelte glänzende Geſellſchaft zu begrüßen. Er machte dem Herzog von Alengon ein Zeichen mit dem Kopfe Margarethe ein Zeichen mit der Hand, ging vor Heinrich vorüber, ohne daß er that, als ob er ihn be⸗ merkte, und ſchwang ſich auf das Barberroß, das unge⸗ duldig unter ihm aufſprang. Aber nach drei oder vier Courbetten begriff es, mit welchem Reiter es zu thun hatte, und beruhigte ſich. Sogleich ertönten die Fanfaren abermals, und der König verließ den Louvre, gefolgt von dem Herzog von Alencon, dem König von Navarra, von Margarethe, Frau von Nevers, Frau von Sauve, von Tavannes und den vornehmſten Herren des Hofes. Es verſteht ſich von ſe bſt, daß La Mole und Co⸗ connas bei der Partie waren. Was den Herzog von Anjon betrifft, ſo befand ſich dieſer ſeit drei Monaten bei der Belagerung von La Rochelle. Während man auf den König wartete, begrüßte Hein⸗ rich ſeine Gemahlin, die, ſein Compliment erwiedernd, ihm zuflüſterte: „Der von Rom angekommene Courier iſt von Herrn von Coconnas ſelbſt bei dem Herzog von Alengon ein⸗ geführt worden, eine Viertelſtunde, ehe der Geſandte des Herzogs von Nevers bei dem König eingeführt wurde.“ „Er weiß alſo Alles?“ ſprach Heinrich. „Er muß Alles wiſſen,“ erwiederte Margarethe. „Uebrigens ſchaut ihn nur an und ſeht, wie trotz ſeiner gewöhnlichen Verſtellung ſein Auge ſtrahlt.“ „Ventre⸗ſaint⸗gris!“ murmelte der Bearner,„ich glaube es wohl, er jagt heute auf dreifache Benie: „ 2 gen nde em em vor be⸗ ige⸗ vier hun der von he, und Co⸗ ſich in⸗ nd, rrn in⸗ dte hrt he. ner ich ieit 87 auf Frankreich, Polen und Navarra, ohne den Eber zu rechnen.“ Er begrüßte ſeine Gemahlin, kehrie in ſeine Reihe zu⸗ rück rief einen von ſeinen Leuten, einen Bearner ſeinem Urſprunge nach, deſſen Voreltern Diener der ſeinigen ſeit mehr als einem Jahrhunderte waren, und den er als gewöhnlichen Boten bei ſeinen Angelegenheiten benützte, und ſagte zu ihm: „Orthon, nimm dieſen Schlüſſel und trage ihn zu dem Vetter von Frau von Sauve, der, wie Du weißt, bei ſeiner Geliebten an der Ecke der Rue des Quatre⸗ Fils wohnt. Sage ihm, ſeine Couſine wünſche ihn dieſen Abend zu ſprechen, er möge in mein Zimmer ein⸗ treten und, wenn ich nicht dort bin, auf mich warten. Bleibe ich lange aus, ſo mag er ſich einſtweilen auf„ mein Bett werfen.“ „Es bedarf keiner Antwort, Sire“ „Nein, Du ſagſt mir nur, ob Du ihn getroffen haſt. Der Schlüſſel iſt für Dich. allein, verſtehſt Du?“ Ja, Sire. „Warte doch, verlaſſe mich nicht hier, Teuſel! Ehe wir aus Paris reiten, rufe ich Dich, als ſollteſt Du den Gurt meines Pferdes wieder zuſchnallen. Du bleibſt zurück, vollziehſt Deinen Auftrag auf eine ganz natür⸗ liche Weiſe und holſt uns in Bondy wieder ein.“ Der Diener machte ein Zeichen des Gehorſams und entfernte ſich. Man ſetzte ſich durch die Rue Saint⸗Honoré in Marſch. Man erreichte die Rue Saint⸗Denis, dann den Faubourg. Als man in der Rue Saint⸗Laurent ange⸗ langt war, löſte ſich der Gurt an den Pferde des Königs von Navarra. Orthon eilte herbei, und Alles ging vor ſich, wie es zwiſchen ihm und ſeinem Herrn abgemacht war, der mit dem königlichen Zuge der Rue des Re⸗ collets folgte, während ſein trener Diener nach der Rue du Temple ritt. Als Heinrich den König wieder einholte, war Karl 88 in ein ſo intereſſantes Geſpräch über das Wetter, über das Alter des geſtellten Ebers und über den Ort, wo er ſein Lager genommen hatte, vertieft, daß er nicht wahrnahm, oder ſich wenigſtens ſtellte, als hätte er nicht enommen, daß Heinrich zurückgeblieben war. Während dieſer Zeit beobachtete Margarethe von ferne die Haltung jedes Einzelnen und glaubte in den Augen ihres Bruders eine gewiſſe Verlegenheit zu erkennen, ſo oft dieſelben auf Heinrich ruhten. Frau von Nevers überließ ſich einer tollen Heiker⸗ keit, denn Coconnas machte, an dieſem Tage außeror⸗ dentlich luſtig, hunderterlei Lazzi, um die Damen zum Lachen zu bringen. e Mole hatte bereits zweimal Gelegenheit gefunden, die mit goldenen Franſen beſetzte weiße Schärpe von Margarethe zu küſſen, ohne daß dieſe Handlung, mit der gewöhnlichen Vorſicht vollbracht, die man bei ſolchen Intriguen anwendet, von mehr als drei oder vier Per⸗ ſonen geſehen worden war. Man langte gegen ein Viertel auf neun Uhr in Bondy an. Die erſte Sorge von Karl IX. war, ſich zu erkun⸗ digen, ob der Eber gehalten hätte. Der Eber war in ſeinem Lager und der Jäger, der ihn beſtätigt hatte, machte ſich für ihn verantwortlich. Ein Frühſtück war bereit. Der König trank ein Glas Ungarwein. Karl IX. lud die Damen ein, ſich zur Tafel zu ſetzen, und beſuchte in ſeiner Ungeduld, um ſeine Zeit auszufüllen, die Hundeſtälle und ähnliche Anſtalten, wobei er Befehl gab, ſein Pferd nicht abzu⸗ ſatteln, denn er ſagte, er hätte nie ein beſſeres, ein kräf⸗ tigeres Thier geritten. Während der König ſeine Runde machte, langte der Herzog von Guiſe an. Er war mehr für den Krieg als für die Jagd gerüſttet, und zwanzig bis dreißig Edel⸗ leute begleiteten ihn, equipirt wie er. Sogleich er⸗ kundigte er ſich nach dem Orte, wo ſich der König be⸗ 5„ on en en, er⸗ or⸗ im en, on nit en er⸗ in in⸗ te, ein —„————— 89 fand, begab ſich dahin, und kehrte mit ihm plaudernd urück. 1 Auf den Schlag neun Uhr gab der König ſelbſt, zum Lanciren blaſend, das Signal. Jeder ſtieg zu Pferde und ritt nach dem Sammelplatz: Auf dem Wege fand Heinrich Gelegenheit, ſich aber⸗ mals ſeiner Gemahlin zu nähern. „Nun?“ fragte er ſie,„wißt Ihr etwas Neues?“ „Nein,“ antwortete Margarethe,„wenn nicht, daß mein Bruder Karl Euch auf eine ſeltſame Weiſe an⸗ ſchaut.“ „Es iſt mir nicht entgangen,“ verſetzte Heinrich. „Habt Ihr Eure Vorſichtsmaßregeln getroffen?“ „Ich habe auf der Bruſt ein Panzerhemd und an meiner Seite ein vortreffliches ſpaniſches Jagdmeſſer, ſcharf wie zum Raſieren, ſpitzig wie eine Nadel, womit ich Dublonen durchbohre.“ „Dann beſchütze Euch Gott,“ ſagte Margarethe. Der Piqueur, welcher den Zug führte, machte ein Zeichen. Man war bei dem. Lager angekommen. IX. Mauxevel. Während dieſe luſtige, wenigſtens dem Anſcheine nach, ſorgloſe Jugend ſich wie ein goldener Wirbel auf der Straße nach Bondy ausbreitete, ließ Catharina, das koſt⸗ bare Pergament zuſammenrollend, auf welches König Karl ſeine Unkerſchrift geſetzt hatte, den Mann in ihr Cabinet einführen, dem ihr Kapitän der Garden einige Tage vorher einen Brief in die Rue de la Ceriſaie im Quartiere des Arſenals gebracht hatte. 90 Eine breite Taffetbinde verbarg, einem Trauerſiegel ähnlich, eines von den Augen dieſes Mannes und ließ nur das andere Auge entblößt. Man konnte zwiſchen zwei hervorſpringenden Backenknochen die Biegung einer Adlernaſe ſehen, während ein grauwerdender Bart den unteren Theil des Geſichtes umgab. Er war in einen langen, dicken Mantel gekleidet, unter welchem man ein ganzes Arſenal vermuthen mußte. Ueberdieß trug er, obgleich dies nicht Gewohnheit der nach Hofe Berufenen war, ein langes, breites Kriegsſchwert mit einem Doppel⸗ korbe. Eine von ſeinen Händen war verborgen und trennte ſich nicht unter ſeinem Mantel von dem Hefte eines mäch⸗ tigen Dolches. „Ah! Ihr hier, mein Herr,“ ſprach die Königin ſich ſetz nd;„Ihr wißt, ich habe Euch nach der Santt Bartho⸗ lomäusnacht, wo Ihr uns ſo ausgezeichnete Dienſte leiſtetet, verſprochen, Euch nicht in Unthätigkeit zu laſſen. Die Gelegenheit zeigt ſich, oder vielmehr nein, ich habe ſie her⸗ vorgerufen; dankt mir alſo.“ „Madame, ich danke Eurer Majeſtät unterthänigſt,“ antwortete der Mann mit der ſchwarzen Binde, mit einer zugleich niedrigen und frechen Zurückhaltung. „Eine ſchöne Gelegehheit, mein Herr, wie Ihr nicht zwei im Leben finden werdet, benützt ſie alſo.“ „Ich warte, Madame, nur befürchte ich nach dem Eingange...“ „Der Auftrag könnte gewaltſamer Natur ſeyn? Der Auftrag, von dem ich ſpreche, iſt ein ſolcher, nach dem diejenigen lüſtern ſind, welche vorzurücken wünſchen; ein Auftrag, um den Euch die Tavannes und ſogar die Guiſe beneiden würden.“ „Ah, Madame,“ verſetzte der Mann,„glaubt mir, was es auch ſeyn mag, ich bin zu den Dienſten Eurer Majeſtät.“ „Dann leſt!“ Und ſie reichte ihm das Pergament. Der Mann durchlief daſſelbe und erbleichte. zu eit me th gel eß en er en en ein er, en el⸗ nte ch⸗ ich e⸗ tet, ie er⸗ t. ner icht em Der em ein iſe i rer 91 „Wie!“ rief er,„ein Befehl, den König von Navarra zu verhaften!“ „Nun, was iſt daran Außerordentliches 2. „Aber einen König, Madame! Ich befürchte, hiezu ein nicht hinreichend guter Edelmann zu ſeyn.“ „Mein Vertrauen macht Euch zu dem erſten Edel⸗ mann meines Hofes, Herr von Maurevel,“ ſprach Ca⸗ tharina. „Dank ſey Eurer Majeſtät geſagt,“ verſetzte der Mörder ſo bewegt, daß er zu zögern ſchien. „Ihr werdet alſo gehorchen?“ „Wenn Eure Maſeſtät es beſiehlt, iſt es dann nicht meine Pflicht?“ „Ja, ich befehle es.“ „So werde ich gehorchen.“ „Wie wollt Ihr dabei verfahren?“ „Ich weiß es nicht recht, Madame, und ich wünſchte ſehr, von Euerer Mäjeſtät dabei geleitet zu werden.“ „Ihr befürchtet den Lärmen?“ „Ich geſtehe es.“ „Nehmt alſo zwölf ſichere Männer mehr, wenn es ſeyn muß.“ „Allerdings, ich begreife, Euere Majeſtät erlaubt mir, auf meiner Hut zu ſeyn, und ich bin ihr dankbar dafür. Aber wo ſoll ich den König von Navarra ergreifen?“ „Wo wäre es Euch lieber, dieß zu thun?“ „An einem Orte, der mich durch Seine Majeſtät beſchützte, wenn es möglich wäre.“ „Ja, ich begreife, in irgend einem königlichen Palaſte. Was würdet Ihr z. B. zum Louvre ſagen?“ „Oh! wenn Eure Majeſtät mir das erlauben wollte, es wäre eine große Gunſt.“ „Ihr verhaftet ihn alſo im Louvre.“ „Und in welchem Theile des Louvre?“ „In ſeinem Zimmer.“ Maurevel verbeugte ſich. „Und wann dieß, Madame?“ 92 „Dieſen Abend, oder vielmehr dieſe Nacht.“ „Gut, Madame. Wenn Euere Majeſtät nur die Gnade haben wollte, mich über Emes zu belehren.“ „Worüber?“ „Ueber vie ſeinem Range ſchuldigen Rückſichten.“ „Rückſichten!.. Rang!... Wißt Ihr nicht, daß der König von Frankreich Niemand in ſeinem Lande Rückſichten ſchuldig iſt, und Niemand als ihm im Range gleich anerkennt?“ 3 Maurevel machte eine zweite Verbeugung. „Ich habe nur noch einen Punkt zu berühren, Ma⸗ vame,“ ſprach er,, wenn es mir Eure. Majeſtät erlaubt.“ „Ich erlaube es.“ „Wenn der König die Rechtskräftigkeit des Befehles beſtreiten würde; es iſt zwar nicht wahrſcheinlich, aber. „Im Gegentheil, mein Herr, das iſt ſicher.“ „Er wird ſie beſtreiten?“ „Ohne allen Zweifel.“ „Und er wird ſich folglich weigern, zu gehorchen?“ „Ich befürchte es.“ „Er wird widerſtehen?“ „Wahrſcheinlich.“ „Ah, Teufel!“ ſprach Maurevel,„und in dieſem Falle 2. „In welchem Falle 2“ „Im Falle, daß er widerſtehen würde, was ſoll ich dann thun?“ „Was thut Ihr, wenn Ihr mit einem Befehle des Königs beauftragt ſeyd, d. h. wenn Ihr den König ver⸗ tretet und man Euch Widerſtand leiſtet, Herr von Maurevel?“ „Madame,“ ſprach der Sbirre,„wenn ich mit einem ſolchen Befehle beehrt werde, und der Befehl betrifft nur einen einfachen Edelmann, ſo tödte ich ihn.“ „Ich habe Euch geſagt, mein Herr,“ verſetzte Ca⸗ tharina,„und ich glaube, es iſt nicht ſo lange her, daß Ihr es bereits vergeſſen haben könntet: der König von Frankreich erkennt in ſeinem Gebiete keinen Rang an. ht, ade ige ka⸗ les . ſem ich des e⸗ 12“ iem nur 93 Damit ſage ich Euch, daß der König von Frankreich allein König iſt, und daß neben ihm die Größten nur einfache Edelleute ſind.“ Maurevel erbleichte, denn er fing an zu begreifen. „Oh, oh,“ ſagte er,„den König von Navarra tödten?“ „Aber wer ſpricht dann davon, ihn zu tödten? wo iſt der Befehl, ihn zu tödten? Der König will nur, daß man ihn in die Baſtille führe und der Befehl enthält nichts Anderes. Er laſſe ſich verhaften, gut. Läßt er ſich aber nicht verhaften, leiſtet er Widerſtand, verſucht er es, Euch zu tödten... Maurevel erbleichte. „So werdet Ihr Euch vertheidigen,“ fuhr Catharina fort;„man kann von einem Tapfern, wie Ihr ſeyd, nicht verlangen, daß er ſich tödten läßt, ohne ſich zu vertheidigen. Und wenn Ihr Euch vertheidigt, was wollt Ihr?. dann geſchehe, was geſchehen mag. Ihr verſteht mich?“ „Ja, Madame.“ „Es ſcheint, Ihr wollt, daß ich nach den Worten: Befehl zu verhaften, mit eigener Hand beifüge: todt oder lebendig?“ „Ich geſtehe, Madame, daß dies meine Bedenklich⸗ keiten heben würde.“ „Wenn Ihr den Auftrag ohne dieſes nicht für aus⸗ führbar haltet, ſo muß es wohl geſchehen.“ Und Catharina entrollte, die Achſel zuckend, das Per⸗ gament mit der einen Hand und ſchrieb mit der andern: todt oder lebendig. „Seht,“ ſagte ſie,„findet Ihr den Befehl nun ganz in Ordnung?“ „Ja, Madame,“ antwortete Maurevel,„aber ich bitte Eure Majeſtät die Anordnung des Unternehmens ganz mir zu überlaſſen.“ „In welcher Beziehung? Kann das, was ich geſagt habe, der Ausführung ſchaden?“ „Euer Majeſtät ſagte, ich ſollte zwölf Mann nehmen?“ 94 „Ja, um ſicherer zu ſeyn.“ „Wohl, ich bitte um Erlaubniß, nur ſechs zu nehmen.“ „Warum dies?“ 5 „Madame, weil man, wenn dem Prinzen Unglück widerführe, was wohl ſeyn kann, leicht ſechs Mann damit entſchuldigen dürfte, ſie haben bange gehabt, über einen Gefangenen nicht Meiſter werden zu können, während Riemand zwölf Wachen darüber entſchuldigen würde, daß ſie nicht hätten die Hälfte ibrer Kameraden tödten laſſen, ehe ſie Hand an eine Majeſtät gelegt.“ „Schöne Majeſtät, meiner Treue, die kein König⸗ reich hat!“. „Madame,“ ſprach Maurevel,„es iſt nicht das Kö⸗ nigreich, was den König macht, ſondern die Geburt.“ „Gut,“ verſetzte Catharina,„macht es, wie Ihr wollt; nur wünſchte ich, Ihr würdet den Louvre nicht verlaſſen.“ „Aber, Madame, um meine Leute zu ſammeln?“ „Ihr habt wohl einen Sergenten, den Ihr hiemit beauftragen könnt?“ „Ich habe meinen Lakaien, der nicht nur ein treuer Burſche iſt, ſondern mich auch zuweilen bei ſolchen Unter⸗ nehmungen unterſtützte.“ „Laßt ihn holen und beſprecht Euch mit ihm. Ihr fennt das Waoffencabinet des Königs, nicht wahr? Man wird Euch dort ein Frühſtück vorſetzen, und Ihr gebt ihm Eure Befehle. Der Ort wird Eure Sinne befeſtigen, wenn ſie erſchüttert wären. Kommt mein Sohn von der Jagd zurück, ſo geht Ihr in mein Betzimmer, und Ihr erwartet dort die Stunde.“ „Aber wie werden wir in das Zimmer gelangen? Der König hat ohne Zweifel einen Argwohn und ſchließt von Innen.“ „Ich beſitze einen doppelten Schlüſſel zu allen Thüren.“ ſprach Catharina,„und man hat die Riegel von der von Heinrich weggenommen. Gott kefohlen, Herr von Maurevel; auf baldiges Wiederſehen. Ich will Euch in das Waffencabinet des Königs führen laſſen. Erinnert w mit uer tet⸗ ohn ner, Der von en. der von ein nert 95 Euch, daß das, was ein König befiehlt, vor Allem aus⸗ geführt werden muß, daß keine Entſchuldigung zugelaſſen wird, daß eine Niederlage, ja ſogar ein Nichterfolg die Ehre des Königs compromittiren würde.“ und ohne Maurevel Zeit zu einer Antwort zu laſſen⸗ rief Catharina Herrn von Nancey, ihren Kapitän der Garden, und befahl ihm, Maurevel in das Waffen⸗ cabinet des Könias zu führen. „Tod und Teufel!“ ſprach Maurevel ſeinem Führer folgend,„ich ſchwinge mich auf in der Hierarchie des Mordes; von einem einfachen Edelmanne zu einem Kapitän; von einem Kapitän zu einem Admiral, von einem Admiral zu einem König ohne Krone. Und wer weiß, ob ich nicht eines Tages an einen gefrönten König komme!“ X. Die Jagd. Der Piqueur, der den Eber geſtellt und den König verſichert hatte, das Thier habe ſein Lager nicht verlaſſen, täuſchte ſich nicht. Kaum hatte man den Leithund auf ſeine Fährte geſetzt, als er in das Gehölze drang und aus einem Dorngeſträuche den Eber hervortrieb, der, wie der Piqueur an der Spur erkannt hatte, ein Hauptſchwein, das heißt, ein Thier von der ſtärkſten Geſtalt war. Der Eber lief gerade aus und zog fünfzig Schritte vom König über die Straße, nur ven dem Leithunde gefolgt, der ihn beſtätigt hatte. Sogleich koppelte man ein erſtes Relai los, und zwanzig Hunde begannen die Verfolgung. Die Jagd war die Leidenſchaft von Karl. Kanm hatte das Thier den Weg überſchritten, als er ihm nach⸗ ſprenzte, zur Verfolgung blaſend, in Begleitung des Her⸗ zegs von Alencon und von Heinrich, dem ein Zeichen von Margarethe angedeutet hatte, er ſollte Karl nicht verlaſſen. Alle andere Jäger folgten dem König, Die königlichen Wälder waren in ſener Zeit, in welcher die Geſchichte ſich ereignet, die wir erzählen, hin ich ziemlich ungeſchickt in Handhabung dieſer Waffe 96 entfernt nicht das, was ſie jetzt ſind, große Parke mit breiten für Carroſſen zugänglichen Alleen. Die Könige hatten damals noch nicht den Gedanken gehabt, ſich zu Handelsleuten zu machen und ihre Wälder in Schläge aller Art abzutheilen. Die Bäume, nicht von gelehrten Forſtmännern, ſondern von der Hand Gottes geſät, der den Samen den Launen des Windes zuwarf, waren nicht in Rauten abgetheilt, ſondern wuchſen nach Ge⸗ fallen und wie ſie es noch heute in den Urwäldern Amerikas thun. Kurz, ein Wald war in jener Zeit ein Ort, wo es Wildſchweine, Hirſche, Wölfe im Ueberfluß gab, und nur ein Dutzend Fußpfade durchzeg den Wald von Bondhy, den eine kreisförmige Straße umgab, wie der Kreis des Rades die Felgen umgibt. Wollte man den Vergleich weiter treiben, ſo würde der Eierdotter nicht ſchlecht den einzigen im Mittelpunkte des Gehölzes lie⸗ genden Kreuzweg darſtellen, auf dem ſich die verirrten Jäger wieder ſammelten, um von da aus ſich nach dem Punkte zu begeben, wo die verlorne Jagd abermals erſchien. Nach Verlauf einer Viertelſtunde geſchah, was ge⸗ wöhnlich in ſolchen Fällen vorkam: beinahe unüberwind⸗ liche Hinderniſſe hatten ſich dem Laufe der Jäger entgegen geſetzt, die Stimmen der Hunde waren in der Ferne erloſchen und der König ſelbſt war fluchend und ſchwörend, wie er dies gewöhnlich that, nach dem Scheideweg zurückgekehrt. „Nun, Alencon, nun Henriot!“ rief er,„Tod und Höllei Ihr ſeyd hier ganz ruhig, wie Nonnen, welche ihrer Aebtiſſin folgen. Hört, das heißt nicht jagen. Ihr, Alengon, ſeht aus, als kämet Ihr aus einem Schächtelchen, und ſeyd dergeſtallt parfumirt, daß Ihr, wenn Ihr zwiſchen dem Thiere und meinen Hunden durchkommt, machen könnt, daß dieſe die Fährte verlieren. Und Ihr, Henriot, wo habt Ihr Euere Schweinsfeder⸗Euere Büchſe?“ „Sire,“ entgegnete Henrich,„wozu eine Büchſe? Ich weiß, daß Euere Majeſtät das Thier gerne ſchießt wenn es ſich ſtellt. Was die Schweinsfeder betrifft, jo mit nige zu läge yrten der aren Ge⸗ ldern t ein Wald wie nden nicht lie⸗ Jäger unkte s ge⸗ wind⸗ gegen ſchen vie er kehrt. und velche 97 welche in unſern Gebirgen, wo man auch den Bären mit dem einfachen Dolche jagt, nicht gebräuchlich iſt.“ „Bei Gettes Tod, Heinrich, wenn Ihr in Euere Pyrenäen zurückgekehrt ſeyd, müßt Ihr mir einen Wagen voll Bären ſchicken, denn es muß eine ſchöne Jagd ſeyn, Leib an Leib mit einem Thiere, das uns erdrücken kann. Doch ich glaube, ich höre die Hunde. Nein, ich täuſchte mich.“ Der König nahm ſein Horn und blies eine Fan⸗ fare. Mehre Fanfaren antworteten. Plötzlich erſchien ein Piqueur, der eine Melodie hören ließ. „Man hat ihn im Geſicht!“ rief der König, und er ſprengte im Galopp davon, gefolgt von allen Jägern, die ſich um ihn geſammelt hatten. Diesmal täuſchte ſich der Piaueur nicht. Wie der König vorrückte, hörte man allmählig das Gebelle der Meute, jetzt aus mehr als ſechzig Hunden beſtehend; denn man hatte nach und nach alle an den Diten, welche der Eber durchlief, aufgeſtellte Relais losgelaſſen. Der König ließ ihn noch einmal an ſich vorüber und warf ſich, ein hochſtämmiges Gehölze benützend, unter den Aeſten durch, mit aller Gewalt in das Horn ſtoßend, dem Thiere nach. Die Prinzen folgten ihm eine Zeit lang; aber der König hatte ein ſo kräftiges Pferd, durch ſeinen Eifer fortgeriſſen ſchoß es über ſo abhängige Wege, durch ſo ticht verwachſene Gebüſche hin, daß zuerſt die Frauen, dann der Herzog von Guiſe und ſeine Edelleute, und hierauf auch die zwei Prinzen ihn zu verlaſſen genöthigt waren. Tavannes hielt noch einige Zeit aus, aber am Ende leiſtete er ebenfalls Verzicht. Alle Welt, mit Ausnahme von Karl und einigen Piqueurs, welche, durch das Verſprechen einer Beloh⸗ nung angeſtachelt, den König nicht verlaſſen wollten, befand ſich wieder in der Gegend des Scheidewegs. Die zwei Prinzen waren nahe bei einander in Königin Margot U. 7 95 einer großen Allee. Hundert Schritte von ihnen hatten we der Herzog von Guiſe und ſeine Edelleute Halt gemacht. be Auf dem Scheidewege hielten ſich die Frauen. „Sollte man nicht wirklich glauben,“ ſagte der nu Herzog von Alencon zu Heinrich, mit dem Augenwinkel de den Herzog von Guiſe bezeichnend,„dieſer Menſch mit ſeiner geharniſchten Escorte wäre der wahre König? he Uns, arme Prinzen würdigt er nicht einmal eines ha Blickes.“ wi „Warum ſollte er uns beſſer behandeln, als wir unſere eigenen Verwandten behandeln?“ antwortete me Heinrich.„Ei! mein Bruder, ſind wir, Ihr und ich, de nicht wahre Gefangene, Geißeln unſerer Partei am Hofe la von Frankreich?“ lit Der Herzog Franz bebte bei dieſen Worten und ſchaute Heinrich an, als wollte er eine umſtändlichere de Erklärung hervorrufen, aber Heinrich war bereits weiter ſpr B als dieß ſeiner Gewohnheit entſprach, und wieg. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Heinrich, pe ſichtbar ärgerlich, daß ſein Schwager, nicht fortfahrend, ihn dieſe Erklärungen eröffnen ließ. Ko „Ich ſage, mein Bruder, daß dieſe ſo wohlbewaff⸗ neten Menſchen, denen man es zur Aufgabe gemacht zu 8 haben ſcheint, uns nicht aus dem Geſichte zu verlieren, 3⁵ ganz das Anſehen von Wachen haben, welche zwei Per⸗ 5 ſonen zu entfliehen verhindern wollen.“ zw „Entflichen, warum, wie?“ fragte Alencon, vor⸗ ein trefflich das Erſtaunen und die Unſchuld ſpielend. ſeb „Ihr habt hier ein vortreffliches Roß, Franz,“ 1 ſagte Heinrich, ſeinen Gedanken verfolgend, während er die Miene annahm, als veränderte er das Geſpräch.„Ich d bin überzeugt, es würde ſieben Lieues in einer Stunde 5 und zwanzig von jetzt bis Mittag zurücklegen. Es iſt L ſchön Wetter. Das ladet, bei meinem Worte, ein, die Se Zügel ſchießen zu laſſen. Seht dieſen hübſchen Kreuz⸗ atten acht. der inkel mit nig? eines wir rtete ich, Hofe und chere eiter und rich, end, vaff⸗ tzu ren, ßer⸗ vor⸗ nz“ er Ich nde iſt die uz⸗ 99 weg. Verſucht es Euch nicht, Franz? Mir, was mich betrifft, brennt der Sporn.“ Franz antwortete nicht; er erröthete und erbleichte nur abwechſelnd; dann horchte er, als ob er das Geräuſch der Jagd vernähme. „Die Nachricht von Polen bringt ihre Wirkung hervor,“ ſprach Heinrich,„und mein lieber Schwager hat ſeinen Plan. Er wünſchte, daß ich mich flüchten würde; aber ich werde nicht allein fliehen.“ Kaum hatte er dieſe Betrachtung vollendet, als mehrere Neubekehrte, welche ſeit ein paar Monaten an den Hof zurückgekommen waren, in kurzem Galopp an⸗ langten und die zwei Prinzen mit einem äußerſt freund⸗ lichen Lächeln begrüßten. Durch die Eröffnungen von Heinrich herausgefor⸗ dert, hatte der Herzog von Alengon nur ein Wort zu ſprechen und eine Geberde zu machen, und es war offenbar, daß die dreißig bis vierzig Reiter, welche ſich in dieſem Augenblick verſammelt hatten, als wollten ſie gegen die Truppe des Herrn von Guiſe Widerſtand leiſten, ſeine Flucht begünſtigen würden. Aber er wandte ſeinen Kopf ab, ſetzte ſein Horn arn den Mund und blies zur Verſammlung. Die Neuangekommenen, als hätten ſie geglaubt. das Zögern des Herzogs rühre von der Nähe und Gegen⸗ wart der Anhänger von Guiſe her, ſchlüpften allmählig zwiſchen dieſe und die zwei Prinzen und ſtellten ſich mit einer ſtrategiſchen Geſchicklichkeit auf, woraus man er⸗ ſehen konnte, daß ſie an mi iläriſche Anordnungen ge⸗ wöhnt waren. Um zu dem Herzog von Alengon oder dem König von Navarra zu gelangen, hätte man in der That über ihre Leiber reiten müſſen, während ſich vor den zwei Schwägern einen öllig freie Straſſe unabſehbar ausdehnte. Plötzlich erſchien zwiſchen den Bäumen, zehn Schritte von dem Könige von Navarra, ein anderer 100 Edelmann, den die zwei Prinzen noch nicht geſehen hatten. Heinrich ſuchte zu errathen, wer es wäre, als dieſer Edelmann, ſeinen Hut lüpfend, ſich dem Könige von Navarra als den Vicomte von Turenne, einen der Führer der proteſtantiſchen Partei, den man in Poiton glaubte, zu erkennen gab. Der Vicomte wagte es ſogar, ein Zeichen zu machen, das offenbar ſagen wollte: „Kommt Ihr?“ Aber Heinrich, der das unempfindliche Geſicht und das matte Auge des Herzogs von Alencon ſcharf befragt hatte, drehte zwei bis drei Mal den Kopf auf ſeiner Schulter, als ob ihn etwas in dem Kragen ſeines Wammſes beläſtigte. Das war eine verneinende Antwort. Der Vicomte begriff die ſelbe, gaß ſeinem Pferde die Sporen und ver⸗ ſchwand im Gehölze. In demſelben Augenblicke hörte man die Meute ſich nähern, dann ſah man am Ende der Allee, in der man ſich befand, den Eber vorüberkommen, nach ihm die Hunde und dann, wie den hölliſchen Jäger, Karl IX. ohne Hut, das Horn am Munde, blaſend, daß ihm die Lunge hätte ſpringen ſollen. Nur drei oder vier Pi⸗ queurs folgten ihm, Tavannes war verſchwunden. „Der König!“ rief der Herzog von Alengon und jagte nach. Duich die Gegenwart ſeiner Freunde beruhigt, machte Heinrich dieſen ein Zeichen, ſich nicht zu entfernen, und ritt zu den Damen. „Nun“, ſprach Margarethe, ihm einige Schritte entgegenkommend. „Nun, Madame,“ ſagte Heinrich,„wir jagen den Eber.“ „Das iſt das Ganze?“ „Ja, der Wind hat ſich ſeit geſtern gedreht. Ich glaube Euch auch vorhergeſagt zu haben, daß dieß ſo kemmen würde.“ ſehen als önige nder oiton nzu und fragt einer ines omte ver⸗ ſich man die IX. die Pi⸗ und igt, nen, itte den * 101 „Dieſe Windveränderungen ſind ſchlimm für die Jagd, nicht wahr, mein Herr?“ fragte Margarethe. „Ja,“ erwiederte Heinrich,„das ſtößt zuweilen alle feſte Anordnungen um, und man muß einen neuen Plan entwerfen.“ In dieſem Augenblick machte ſich das Gebelle der Hunde, abermals näher kommend, raſch hörbar, und ein ſtürmiſches Geräuſch kündigte den Jägern an, daß ſie auf ihrer Hut ſeyn müßten. Jeder richtete den Kopf empor und horchte. Jetzt brach der Eber hervor, und folgte, ſtatt ſich wieder in das Gehölze zu werfen, dem Pfade, der gerade nach dem Scheideweg führte, wo ſich die Damen, die Edelleute, die ihnen den Hof machten, und die Jäger, welche die Jagd verloren hatten, befanden. Hinter dem Eber kamen athemlos dreißig bis vierzig ſehr kräftige Hunde. Ungefähr zwanzig Schritte hinter den Hunden ritt der König Karl, ohne Baret, ohne Mantel, die Kleider von den Dornen zerriſſen, das Ge⸗ ſicht und die Hände voll Blut. Nur einer oder zwei Jäger befanden ſich noch bei dem König. Der König ſetzte das Horn nur ab, um ſeine Hunde zu hetzen; er hörte nur auf ſeine Hunde zu hetzen, um ſein Horn wieder zu nehmen. Die ganze Welt war vor ſeinen Augen verſchwunden. Wäre ſein Pferd zuſammengebrochen, ſo würde er wie Richard IlI. gerufen haben:„Ein Königreich für ein Pferd!“ Aber das Pferd ſchien ſo eifrig zu ſeyn, wie ſein Herr. Seine Füße berührten den Boden nicht und ſeine Nüſtern ſchnaubten Feuer. Der Eber, die Hunde und der König ſchoßen wie eine Erſcheinung vorbei. „Hallali! hallali!“ rief der König vorüberreitend, und er ſetzte wieder ſein Horn an die blutigen Lippen. Ein paar Schritte von ihm kamen der Herzog von Alengon und zwei Piqueurs. Die Pferde der Andern hatten nachgelaſſen oder ſie hatten ſich verloren. 102 Jedermann folgte, denn offenbar mußte der Eber bald Stand halten. Nach Verlauf von zehn Minuten verließ der Eber wirklich den Fußpfad, auf dem er forteilte, und warf ſich in das Gehölze, aber auf einer Lichtung anaelangt lehnte er ſich mit dem Hintertheile an einen Felſen an und ſtellte ſich gegen die Hunde. Auf das Geſchrei von Karl, der ihm gefolgt war, eilten Alle herbei. WMan hatte den intereſſanten Augenblick der Jagd erreicht. Das Thier ſchien zu einer verzweifelten Ge⸗ genwehr entſchloſſen. Aufgereizt durch einen Lauf von mehr als drei Stunden ſtürzten ſich die Hunde mit einer Erbitterung auf daſſelbe, welche durch das Geſchrei und die Flüche des Königs verdoppelt wurde. Alle Jäger reihten ſich im Kreiſe aneinander an. Etwas voraus, hatte der König den Herzog von Alencon, der mit einer Büchſe bewaffnet war, und Heinrich hinter ſich, welcher nur ſein einfaches Jagdmeſſer bei ſich trug. Der Herzog von Alengon machte ſeine Büchſe vom Haken los und zündete die Lunte an. Heinrich ließ ſein Jagdmeſſer in der Scheide ſpielen. Der Herzog von Guiſe, der alle bieſe Jagdübungen verachtend anfah, hielt ſich mit ſeinen Edelleuten etwas zurück. Die in einer Gruppe verſammelten Frauen bilbeten eine kleine Schaar, welche gleichſam das Seitenſtück zu der des Herzogs von Guiſe gab. Was Jäger war, blieb, die Augen ſtarr auf das Thier geheftet, in ängſtlicher Erwartung. In einiger Entfernung ſtand ein Piqueur, der ſich feſt auf den Boden ſtemmte, um die zwei Hatzhunde des Königs zurückzuhalten, welche, mit ihren Panzer⸗ hemden bedeckt, heulend, und ſich immer wieder vorwer⸗ fend, daß man alle Augenblicke glauben mußte, fie Eber Eber warf angt tan war, Jagd Ge⸗ von iner und an. bon, nter vom ſein gen was eten zu das nde zer⸗ er⸗ ſie —— 103 würden ihre Ketten zerbrechen, den Moment erwarteten, um dem Eber an die Ohren zu ſallen. Das Thier benahm ſich wundervoll. Zu gleicher Zeit von vierzig Hunden angegriffen, die es einhüllten, wie eine brüllende Fluth, die es mit ihrem buhtſchecki⸗ gen Teppich bedeckten, die von allen Seiten ſich in ſeine rauhe Haut mit den ſtarren Haaren einzuarbeiten ſuchten, ſchleuderte es mit jedem Schlage ſeines Gewerfes zehn Schritte von ſich einen Hund, der mit aufgeſchlitztem Bauche niederfiel und ſodann die Eingeweide nachſchlep⸗ pend ſich abermals in das Gemenge warf, während Karl mit entflammten Augen, mit weit aufgeriſſenen Naſen⸗ löchern, über den Hals ſeines von Schweiß triefenden Pferdes gebeugt, ein wüthendes Hallali blies. In weniger als zehn Minuten waren zwanzig Hunde kampfunfähig. „Die Doggen! die Doggen!“ rief Karl. Bei dieſem Rufe öffnete der Piqueur den Haken der Koppelriemen, und die zwei Hunde ſtürzten mitten in das Kampfgewühle, warfen Alles nieder, ſchoben Alles auf die Seite, und bahnten ſich mit ihren eiſernen Leibern einen Weg bis zu dem Thiere, das jeder an einem Ohre packte. Als der Eber ſich ſo gefaßt fühlte, ließ er vor Wuth und Schmerz ſeine Zähne aueinander krachen. „Bravo, Durdent, bravo, Risquetout!“ rief Karl: „Muthig, Hunde! Eine Schweinsfeder!“ „Ihr wollt meine Büchſe nicht?“ ſagte der Herzog von Alencon. „Nein,“ rief der König,„nein, man fühlt nicht, wie die Kugel eindringt, und es iſt kein Vergnügen dabei, während man die Schweinsfeder eindringen fühlt.“ Man reichte dem König einen im Feuer gehärteten, mit einer eiſernen Spitze verſehenen Jagdſpieß. „Mein Bruder, nehmt Euch in Acht,“ rief Mar⸗ garethe. „Friſch auf, Sire!“ rief die Herzogin von Nevers, 104 „fehlt ihn nicht, Sire! Einen guten Stoß dieſem Par⸗ paillot!“*) „Seyd ruhig, Herzogin,“ verſetzte Karl. Und ſeinen Spieß feſt faſſend, ſtieß er ihn nach dem Eber, der, von den zwei Hunden gehalten, den Stoß nicht vermeiden konnte. Aber bei dem Anblick der glän⸗ zenden Schweinsfeder machte er eine Seitenbewegung, und ſtatt in die Bruſt zu dringen, glitt der Spieß an der Schulter hin und ſtumpfte ſich an dem Felſen ab, an den das Thier gelehnt war. „Tauſend Teufel!“ rief der König,„ich habe ihn gefehlt. Einen Spieß, einen Spieß!“ Und zurückweichend warf er ſeine zu dem Dienſt untüchtige Schweinsfeder zehn Schritte von ſich. Ein Piqueur eilt vor, um ihm eine andere zu geben. Aber in demſelben Augenblick, als hätte er das Schickſal vorhergeſehen, das ihn erwartete, und als wollte er ſich demſelben entziehen, riß der Eber mit einer heftigen Anſtrengung ſeine verwundeten Ohren aus den Zähnen der Hatzhunde und ſtürzte, die Augen blutig⸗ den Athem heiß, als käme er aus einer Schmideſſe, mit den Zähnen knirſchend, entſetzlich anzuſchauen, mit ge⸗ ſenktem Kopfe gegen das Pferd des Königs. Karl war ein zu guter Jäger, um nicht dieſen An⸗ griff vorhergeſehen zu haben; er riß ſein Pferd in die Höhe, daß es ſich bäumte, aber er hatte die Bewegung ſeiner Hand ſchlecht ermeſſen; zu ſehr von dem Gebiſſe gepreßt, oder vielleicht auch dem Schrecken weichend, überſtürzte es. Alle Zuſchauer ſtießen einen furchtbaren Schrei aus. Der König lag mit einem Schenkel unter dem Pferde. „Die Hand, Sire, laßt die Hand los!“ ſagte Heinrich. Der König ließ den Zügel ſeines Pferdes los, faßte den Sattel mit der linken Hand und ſuchte mit der 7 Ein Spottname für die Hugenotten. —,— — Par⸗ dem Stoß län⸗ ing, der den ihn enſt Ein das als iner den tig⸗ mit An⸗ die ing iſſe nd, 18. te zte er ———— — 105 rechten ſein Jagdmeſſer zu ziehen. Aber durch das Ge⸗ wicht ſeines Körpers gedrückt, wollte das Meſſer nicht aus der Klinge. 6 „Der Eber! der Eber!“ rief Karl,„herbei Alencon.“ Sich ſelbſt überlaſſen, ſpannte das Pferd, als be⸗ griffe es die Gefahr ſeines Herrn, ſeine Muskeln an, und es war ihm bereits gelungen, ſich auf drei Beine zu erheben, als Heinrich bei dem Rufe ſeines Schwa⸗ gers den Herzog von Alengon furchtbar erbleichen und die Flinte an die Schulter legen ſah. Doch ſtatt den Eber zu treffen, der nur noch zwei Schritte von dem Kö⸗ nig entfernt war, zerſchmetterte die Kugeldem Pferde das Knie und dieſes fiel wieder mit dem Kopfe auf die Erde. In dieſem Augenblicke zerriß der Eber mit ſeinem Gewerfe den Stiefel von Karl. „Oh!“ murmelte Alencon mit ſeinen bleichen Lippen, „ich glaube, der Herzog von Anjou iſt König von Frank⸗ reich und ich bin König von Polen.“ Der Eber wüthete wirklich bereits an dem Schenkel von Karl, als dieſer fühlte, wie Einer ihm den Arm hob; dann ſah er eine ſpitzige und ſchneidende Klinge glänzen, welche, eindringend bis an das Heft, in der Weiche der Schulter des Thieres verſchwand, während eine Hand mit eiſernem Handſchuh den bereits rauchenden Rüſſel unter ſeinen Kleidern vorſchob. Karl, dem es bei der Bewegung, die das Pferd gemacht, ſein Bein zu befreien gelungen war, erhob ſich mühſam und wurde, da er ſich von Blut triefen ſah, bleich wie eine Leiche. „Sire,“ ſagte Heinrich, der immer noch knieend den in das Herz getroffenen Eber hielt,„Sire, es iſt nichts, ich habe den Zahn abgewendet und Eure Majeſtät iſt nicht verwundet.“ Dann ſtand er, das Meſſer loslaſſend, auf, der Eber ſtürzte zuſammen und gab mehr Blut aus ſeinem Ra⸗ chen als aus ſeiner Wunde von ſich. Umgeben von einer keuchenden Welt, überfallen von 106 dem Geſchrei des Schreckens, das auch ben ruhigſten Muth betäubt hätte, war Karl nahe daran, neben dem ſterbenden Thiere niederzuſinken; aber er faßte ſich wie⸗ der, wandte ſich gegen den König von Navarra um und drückte ihm die Hand mit einem Blicke, worin ein erſter Ausbruch von Gefühl glänzte, der ſein Herz ſeit vier⸗ undzwanzig Jahren ſchlagen machte. „Ich danke, Henriot,“ ſagte er zu ihm. „Mein armer Bruder!“ rief Alencon, ſich Karl nähernd. „Ah, du biſt es, Alengon,“ fagte der König,„nun Du berühmter Schütze, was iſt aus Deiner Kugel ge⸗ worden?“ „Sie wird auf dem Eber abgeprallt ſeyn,“ erwie⸗ derte der Herzog. „Ei, mein Gott!“ rief Heinrich mit einem vor⸗ trefflich geſpielten Erſtaunen,„ſeht Ihr, Franz, EFure Rugel hat dem Pferde Seiner Majeſtät das Bein zer⸗ ſchmettert. Das iſt ſeltſam!“ „Wie,“ rief der König,„iſt das wahr?“ „Es iſt möglich,“ ſagte der Herzog beſtürzt,„die Hand zitterte mir ſo ſehr.“ „Für einen geſchickten Schützen habt Ihr da einen ſonderbaren Schuß gethan,“ ſprach Karl die Stirne runzelnd.„Noch einmal meinen Dank, Henriot. Meine Herren,“ fuhr der König fort,„kehren wir zurück, ich habe nun genug.“ Margot näherte ſich, um Heinrich Glück zu wünſchen. „Ah! meiner Treue, ja, Margot,“ ſagte Carl,„mache ihm Dein Compliment, und zwar ein aufrichtiges, denn ohne ihn hieße der König von Frankreich Heinrich 11I.“ „Oh, Madame,“ ſprach der Bearner,„der Herr Herzog von Anjon, der bereits mein Feind iſt, wird mir noch mehr grollen. Aber was wollt Ihr, man thut, was man kann. Fragt nur Herrn von Alencon.“ Und ſich bückend, zog er aus dem Eber ſein Jagd⸗ ———————— mi un de nu gſten dem wie⸗ und erſter vier⸗ Karl nun ge⸗ wie⸗ vor⸗ Fure zer⸗ „die inen irne eine ich hen. ache enn I. err mir was gd⸗ —— 107 meſſer, das er zwei bis dreimal in den Boden tauchte, um das Blut abzuwiſchen. XI. Brüderſchaft. Das Leben von Karl rettend, hatte Heinrich mehr gethan, als das Leben eines Menſchen gerettet. Er hatte es verhindert, daß drei Königreiche ihren Gebieter wechſelten⸗ War Karl IX. getödtet, ſo wurde der Herzog von Anjon König von Frankreich und der Herzog von Alencon aller Wahrſcheinlichkeit nach König von Polen. Was Navarra betrifft, ſo hätte, da der Herzog von Anjon der Liebhaber der Frau von Condé war, ohne Zweifel ſeine Krone dem Gatten die Gefälligkeit der Frau bezahlt. Aus dieſem großen Umſturze aber ging nichts Gutes für Heinrich hervor. Er wechſelte den Herrn und nicht wreiter. Für Karl IX., der ihn duldete, ſah er den Thron „ von Frankreich von dem Herzog von Anjon beſteigen, der, mit Catharina ein Herz und eine Seele, ſeinen Tod ge⸗ ſchworen hatte, und ſeinen Schwur zu halten nicht ver⸗ fehlen würde. Alle dieſe Gedanken traten zugleich vor ſeinen Geiſt, als ſich der Eber auf Karl IX. ſtüczte, und wir haben geſehen, was die Folge der blitzgeſchwinden Betrachtung war, daß an dem Leben von Karl IX. ſein eigenes Leben hing. Karl IX. war durch eine aufopfernde Ergebenheit gerettet worden, deren Beweggrund der König unmöglich begreifen konnte. Aber Margarethe begriff Alles, und ſie bewunderte den ſeltſamen Muth von Heinrich, der dem Blitze ähnlich nur im Sturme glänzte. — 108 Leider war damit nicht Alles geſchehen, daß er der Regierung des Herzogs von Anjon entgangen warz er mußte ſich ſelbſt zum König machen; er mußte dem Herzog von Alencvn und dem Prinzen von Condé Navarra ſtreitig machen. Er mußte vor Allem dieſen Hof verlaſſen, wo man zwiſchen zwei Abgründen ging; er nußte ihn be⸗ ſchützt von einem Sohne von Frankreich verlaſſen. Von Bondy zurückkehrend, ſtellte Heinrich tiefe Be⸗ trachtungen über ſeine Lage an. Als er im Louvre an⸗ langte, war ſein Plan gefaßt. Ohne die Stiefeln zu wechſeln, ſo wie er war, noch ganz ſtaubig und blutig, begab er ſich zu dem Herzog von Alengon, den er ſehr aufgeregt und mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abgehend fand. Als der Prinz ihn erblickte, machte er eine Bewegung. „Ja,“ ſagte Heinrich zu ihm, ſeine beiden Hände faſſend, a, ich begreife, mein guter Bruder, Ihr grollt mir, weil ich zuerſt den König darauf aufmerkſam machte, daß Eure Kugel, ſtatt den Eber zu treffen, wie es Eure Abſicht war, das Bein ſeines Pferdes getroffen hatte. Aber was wollt Ihr? ich konnte einen Ausruf des Er⸗ ſtannens nicht zurückdrängen. Ueberdies würde es der König ſelbſt wahrgenommen haben; nicht ſo?“ „Allerdings, allerdings,“ murmelte Alencon,„aber ich kann dennoch nur einer ſchlechten Abſicht die Denun⸗ ciativn zuſchreiben, die Ihr gemacht habt, und die, wie Ihr geſehen, keine geringere Folge hatte, als daß ſie bei meinem Bruder Karl meine Geſinnung verdächtigte und eine Wolke zwiſchen uns warf.“ „Wir werden ſogleich hierauf zurückkehren, und was meine gute oder ſchlechte Geſinnung in Beziehung auf Euch betrifft, ſo komme ich ausdrücklich, um Euch zum Richter derſelben zu machen.“ „Gut,“ ſprach Alengon mit ſeiner gewöhnlichen Zu⸗ rückhaltung,„ſprecht, Heinrich, ich höre Euch.“ „Wenn ich geſprochen habe, Franz, werdet Ihr wohl ſehen, was meine Geſinnung iſt; denn die vertrauliche M alſ wi du die ric dei der er rzog eitig wo be⸗ Be⸗ an⸗ noch rzog ßen ng. nde ollt hte, ure tte. Er⸗ der ber un⸗ wie bei ind s uf um u⸗ 16 109 Mittheilung, die ich Euch zu machen habe, ſchließt jede Zurückhaltung und jede Klugheit aus, und ſobald ich ſie gemacht habe, könnt Ihr mich mit einem Worte, mit einem einzigen Worte zu Grunde richten.“ „Was iſt es denn?“ ſagte Franz, der ſich zu beunrn⸗ higen anfing. „Und dennoch,“ fuhr Heinrich fort,„ögerte ich lange, von der Sache zu ſprechen, die mich hieher führt, beſon⸗ ders nach der Art und Weiſe, wie Ihr heute den Tauben geſpielt habt.“ „In der That“ ſprach Franz erbleichend,„ich weiß nicht, was Ihr ſagen wellt, Heinrich.“ „Mein Bruder, Eure Intereſſen ſind mir zu theuer, als daß ich Euch nicht mittheilen ſollte, die Hugenotten haben Schritte bei mir thun laſſen.“ „Schritte?“ fragte Alencon,„und was für Schritte?“ „Einer von ihnen, Herr Mouy von Saint⸗Phal, der Sohn des braven Mouy, der von Maurevel ermordet worden iſt, Ihr wißt... „Ja.“ „Nun, er iſt mit Gefahr ſeines Lebens hieher gekom⸗ men, um mir zu beweiſen, daß ich in Gefangenſchaft ſei.“ „Ah, wirklich, und was habt Ihr ihm geantwortet?“ „Mein Bruder, Ihr wißt, daß ich Karl zärtlich liebe, denn er hat mir das Leben gerettet, und daß die Königin Mutter für mich meine Mutter erſetzt hat. Ich habe alſo alle Anerbietungen, die er mir machte, zurückgewieſen.“ „Und worin beſtanden dieſe Anerbietungen?“ „Die Hugenotten wollen den Thron von Navarra wiederherſtellen, und da dieſer Thron in Wirklichkeit durch Erbſchaft mir gehört, ſo boten ſie mir ihn an.“ „Ja: und Herr von Mouy hat ſtatt der Beiſtimmung, die er von Euch forderte, Euren Verzicht erhalten?“ „Einen förmlichen. Aber ſeitdem,“ fuhr Hein⸗ rich fort... „Habt Ihr es bereut, mein Bruder,“ unterbrach ihn der Herzog von Alengn. — 110 „Nein, ich glaubte nur zu bemerken, daß Herr von Mouy mit mir unzufrieden, ſein Augenmerf anderswohin gerichtet hat.“ „Und wohin?“ fragte Franz lebhaft. „Ich weiß es nicht. Vielleicht auf den Prinzen von Condé.“ „Ja, das iſt wahrſcheinlich,“ ſprach der Herzog. „Uebrigens,“ verſetzte Heinrich,„beſitze ich ein Mittel, auf eine untrügliche Weiſe den Führer kennen zu lernen, den er ſich erwählt hat.“ Franz wurde leichenbleich. „Aber,“ fuhr Heinrich fort,„die Hugenotten ſind unter ſich getheilt, und Herr von Mouy, ſo brav und rechtſchaffen er auch iſt, vertritt nur die eine Hälfte der Par⸗ tei. Die andere Hälfte nun, die nicht zu verachten iſt, hat die Hoffnung nicht verloren, dieſen Heinrich von Navarra auf den Thron zu bringen, der, nachdem er im erſten Au⸗ gen blicke gezögert, ſeitdem nachgedacht haben kann.“ „Ihr glaubt?“ „Oh! jeden Tag erhalte ich Beweiſe hicvon. Die Truppe, welche auf der Jagd zu uns ſtieß, habt Ihr bemerkt, aus was für Menſchen ſie beſtand?“ „Ja, aus bekehrten Edelleuten.“ „Habt Ihr den Führer, der mir ein Zeichen machte, erkannt?“ „Ja, es war der Vicomte Son Turenne.“ „Habt Ihr begriffen, was ſie von mir wollten?“ „Ja, jie ſchlugen Euch die Flucht vor.“ „Es iſt alſo ganz klar,“ verſetzte Heinrich,„daß es eine zweite Partei gibt, die etwas Anderes will, als Herr von Mouy, und zwar eine ſehr mächtige Partei, ſage ich Euch. Um durchzudringen, müßte man beide Parteien, Turenne und Mony, vereinigen. Die Ver⸗ ſchwörung macht ihre Fortſchritte. Die Truppen ſind be⸗ bezeichnet, man erwartet nur ein Signal. In dieſer äußer⸗ ſten Lage, welche von mir eine raſche Loſung fordert, habe ich zwei Entſchließungen in meinem Innern bergthen, von vohin von ittel, rnen, ſind und Par⸗ hat arr Au⸗ Die Ihr chte, als rtei, eide Ber⸗ be⸗ ßer⸗ ert, hen⸗ 11¹¹ und ich ſchwebe immer noch zwiſchen dieſen beiden. Ich will Euch dieſe zwei⸗ Entſchließungen wie einem Freunde vorlegen.“ „Sagt lieber, wie einem Bruder.“ „Ja, wie einem Bruder,“ verſetzte Heinrich. „Sprecht alſo, ich höre.“ „Vor Allem muß ich Euch den Zuſtand meiner Seele auseinanderſetzen, lieber Franz. Es iſt kein Ver⸗ langen, kein Ehrgeiz, keine beſondere Fähigkeit darin zu wahrnehmen. Ich bin ein guter Landedelmann, arm, ſinulich und ſchüchtern. Das Gewerbe des Verſchwörers bietet mir Unannehmlichkeiten, welche ſelbſt durch die ſichere Ausſicht auf eine Krone nur ſchlecht belohnt werden.“ „Ah, mein Bruder,“ ſprach Franz,„Ihr thut Euch Uurecht, und es iſt eine traurige Lage die eines Prinzen, deſſen Gluck durch einen Marfſtein auf dem väterlichen Gute oder duech einen Menſchen auf dem Felde der Ehre begrenzt wird. Ich glaube alſo nicht an das, was Ihr ſagt.“ „Was ich Euch ſage, iſt wahr, mein Bruder,“ ver⸗ ſetzte Heinrich;„doch, mein Bruder, wenn ich einen wirklichen Freund zu haben glaubte, ſo würde ich mich zu ſeinen Gunſten der Macht begeben, welche mir die Partei, die ſich mit mir beſchäftigt, übertragen will. Aber,“ fügte er mit einem Seufzer bei,„ich habe feinen.“ „Vielleicht. Ihr täuſcht Euch ohne Zweifel.“ „Nein, Ventre⸗ſaint⸗gris!“ rief Heinrich.„Mit Ausnahme von Euch, mein Bruder, ſehe ich Niemand, der eine gewiſſe Anhänglichkeit an mich beſitzt. Ehe ich einen Verſuch, den ein unwürdiger Menſch an das Licht bringen würde, in abſcheulichen Spaltungen ſcheitern laſſe, will ich in der That lieber den König, meinen Schwager, von dem, was vorgeht, in Kenntniß ſetzen. Ich werde Niemand nennen, werde weder ein Land noch eine Zeit angeben, wohl aber der Kataſtrophe zuvor⸗ kommen.“ „Großer Gott!“ rief der Herzog von Alengon, der 11² ſeinen Schrecken nicht zu bewältigen vermochte,„was zu ſagt Ihr da? Wie, Ihr, Ihr die einzige Hoffnung der N Partei ſeit dem Tode des Admirals, Ihr, ein bekehrter gr Hugenott, ein ſchlecht Bekehrter, man glaubt dies we⸗ nigſtens, Ihr würdet das Meſſer über Euern Brüdern eit erheben! Heinrich, Heinrich, wißt Ihr, daß Ihr, wenn del Ihr dies thut, alle Calviniſten des Königreiches einer zweiten Bartholomäusnacht preisgebt? Wißt Ihr, daß fül Catharina nur auf eine ſolche Gelegenheit wartet, um her Alles auszurotten, was dieſelbe überiebt hat?“ Und ganz zitternd, das Geſicht mit rothen und blei⸗ not farbigen Plättchen beſprengt, drückte der Herzog die Hand zuc von Heinrich, um ihn zu bitten, auf dieſen Entſchluß len Verzicht zu leiſten, der ihn zu Grunde richtete. ſche „Wie!“ rief Heinrich mit vollkommen gutmüthigem En Ausdruck,„Ihr glaubt, Franz. es würde ſo viel Unglück daraus entſtehen? Mir ſcheint es, mit dem Wort des ver Königs könnte ich das Leben der Unglücklichen verbürgen.“ Eu „Das Wort von König Karl IX., Heinrich!.. GEi, hatte es denn nicht der Admiral? Hatte es nicht Te⸗ wes ligny? Hattet Ihr es nicht ſelbſt? Oh, Heinrich, ich ſage Euch, ich, wenn Ihr dies thut, ſo ſtürzt Ihr Alle, nicht nur ſie, ſondern Alles, was in mittelbarer oder m unmittelbarer Verbindung mit ihnen geſtanden hat, in das wü Verderben.“ Heinrich ſchien einen Augenblick nachzudenken. „Wäre ich ein wichtiger Prinz am Hofe geweſen.“ ſagte er,„ſo hätte ich anders gehandelt. An Eurer Stelle 3. B. Franz, an Eurer Stelle, der Ihr ein Sohn von for Frankreich und der wahrſcheinliche Erbe der Krone ſeyd, fel an Eurer Stelle... dar Franz ſchüttelte ironiſch den Kopf und erwiederte keit „Was würdet Ihr an meiner Stelle thun?“ „Au Eurer Stelle, mein Bruder, würde ich mich an die Spitze der Bewegung ſtellen, um ſie zu Ki Mein Name und mein Anſehen würden meinem Ge⸗ Ihr wiſſen für das Leben der Aufrührer bürgen, und ich würde. 5 „was ig der ehrter s we⸗ üdern wenn einer , daß t, um blei⸗ Hand ſchluß higem iglück t des gen.“ Ei, t Te⸗ ich Alle, oder ndas ſen.„ Stelle von ſeyd, erte mich eiten. Ge⸗ ürde 113 zuerſt für mich ſelbſt und ſodann vielleicht für den König Nutzen aus einer Unternehmung ziehen, die ohne dieſes das größte Uebel für Frankreich herbeiführen kann.“ Der Herzog von Alencon hörte dieſe Worte mit einer Freude, welche alle Muskeln ſeines Geſichtes aus⸗ dehnte. „Glaubt Ihr,“ ſagte er,„daß dieſes Mittel aus⸗ führbar iſt und daß es uns jedes von Euch vorhergeſe⸗ hene Uebel erſpart?“ „Ich glaube es,“ antwoytete Heinrich,„die Huge⸗ notten lieben Euch, Euer beſcheidenes Aeußere, Eure zugleich hohe und intereſſante Stellung, das Wohlwol⸗ len, das Ihr ſtets gegen die Anhänger der proteſtanti⸗ ſchen Religion an den Tag gelegt habt, bewegen ſie, Euch zu dienen.“ „Aber es findet eine Spaltung in der Partei ſtatt,“ verſetzte der Herzog.„Werden diejenigen, welche für Euch ſind, auch für mich ſeyn?“ „Ich übernehme es, ſie mit Euch durch zwei Be⸗ weggründe zu verſöhnen.“ „Durch welche?“ Erſtens durch das Vertrauen, das die Führer zu mir haben, dann durch die Furcht, in der ſie ſchweben würden, daß Eure Hoheit, mit ihren Namen bekannt.. „Aber wer wird mir dieſe Namen entdecken?“ „Ich, Ventre ſaint⸗gris!“ „Ihr würdet dies thun?“ „Hört, Franz, ich habe Euch geſagt,“ fuhr Heinrich fort,„ich liebe nur Euch am Hofe; dies kommt ohne Zwei⸗ fel davon her, daß Ihr verfolgt werdet, wie ich; und dann liebt Euch auch meine Gattin mit einer Zärtlich⸗ keit ohne Gleichen.“ Franz erröthete vor Vergnügen. „Glaubt mir, mein Bruder,“ fuhr Heinrich fort, „ergreift die Gelegenheit, regiert in Navarra, und wenn Ihr mir nur einen Platz an Eurem Tiſche und einen Königin Margot. II. 8 114 ſchönen Wald zum Jagen gönnt, ſo werte ich mich glück⸗ lich ſchätzen.“ „In Navarra regieren,“ ſagte der Herzog;„aber wenun „Wenn der Herzog von Anjon zum König von Po⸗ len ernannt wird, nicht wahr? Ich vollende Euern Ge⸗ danken.“ Franz ſchaute Heinrich mit einem gewiſſen Schrecken an. „Nun wohl, hört Franz,“ fuhr Heinrich ſort;„da Euch nichts entgeht.... gerade in dieſer Hypotheſe mache ich meine Schlüſſe; wenn der Herzog von Anjou zum König von Polen ernannt wird und unſer Bruder Karl, den Gott erhalten wolle, ſtirbt, ſo ſind es nur zweihun⸗ dert Lieues von Pau nach Paris, während es vierhundert von Paris nach Krakau ſind. Ihr werdet alſo, um die Erbſchaft einzuziehen, gerade in Paris in dem Augenblick ſeyn, wo der König von Polen erfährt, daß ſie erledigt iſt. Wenn Ihr zufrieden ſeyd, Franz, ſo gebt Ihr mir ſodann das Königreich Navarra, welches nur ein Blu⸗ menwerk Eurer Krone ſeyn wird. Auf dieſe Art nehme ich es an. Das Schlimmſte, was Euch begegnen kann, iſt, daß Ihr da unten König bleibt und, mit mir und meiner Frau im Familienkreiſe lebend, Euer Geſchlecht fortpflanzt, während Ihr hier... was ſeyd Ihr hier? ein armer verfolgter Prinz, ein armer tritter Königs⸗ ſohn, ein Sklave von zwei älteren Brüdern, den eine Laune in die Baſtille ſchicken kann.“ „Ja, ja,“ ſprach Franz,„ich fühle das ſo gut, daß ich nicht begreife, warum Ihr auf dieſen Plan, den Ihr mir worſchlagt, Verzicht leiſtet. Es regt ſich alſo nichts hier?“ Und der Herzog von Alengon legte die Hand auf das Herz ſeines Schwagers. „Es gibt Laſten, welche zu ſchwer find für gewiſſe Hönde,“ erwiederte Heinrich lächelnd,„ich werde dieſe me zw gri vor Ca nie ſch feſt glück⸗ „aber n Po⸗ Ge⸗ recken da mache zum Karl, ihun⸗ indert m die nblick ledigt mir Blu⸗ ehme kann, und lecht hier? nigs⸗ eine daß Ihr ichts auf wiſſe dieſe 115 nicht aufzuheben verſuchen. Die Furcht vor Ermattung benimmt mir die Luſt dazu.“ „Heinrich, Ihr leiſtet alſo wirklich Verzicht?“ „Ich habe es Herrn von Mouy geſagt und wieder⸗ hole es Euch.“ „Aber unter ſolchen Verhältniſſen, lieber Bruder, ſagt man nicht, ſondern man beweiſt.“ Heinrich athmete wie ein Ringer, welcher fühlt, daß ſich die Hüften ſeines Gegners biegen. „Ich werde es dieſen Abend beweiſen,“ antwortete er,„um neun Uhr ſind die Liſte der Führer und der Plan des Unternehmens bei Euch.“ Franz faßte die Hand von Heinrich und drückte ſie voll Begeiſterung. In demſelben Augenblick trat Catharina bei dem Herzog von Alencon ein, und zwar ihrer Gewohnheit ge⸗ mäß, ohne ſich melden zu laſſen. „Beiſammen!“ ſprach ſie lächelnd;„in der That, zwei gate Schwäger.“ „Ich hoffe es, Madame,“ verſetzte Heinrich mit der größten Kaltblütigkeit, während der Herzog von Alengon, vor Schrecken erbleichte. Dann machte er ein paar Schritte rückwärts, um Catharina mit ihrem Sohne ſprechen zu laſſen. Die Königin Mutter zog nun aus ihrer Aumo⸗ niere einen prachtvollen Juwel hervor. „Dieſe Agraffe kommt von Florenz,“ ſagte ſie,„ich ſchenke ſie Euch, um ſie an Eurer Degenkuppel zu he⸗ feſtigen.“ Dann fügte ſie ganz leiſe bei: „Wenn Ihr dieſen Abend Lärmen bei Eurem guten Schwager Heinrich hört, ſo rührt Euch nicht.“ Franz drückte ſeiner Mutter die Hand und erwiederte: „Erlaubt Ihr mir, ihm das ſchöne Geſchenk zu zeigen, das Ihr mir ſo eben gemacht habt.“ „Thut etwas Beſſeres, gebt es ihm in Eurem und 116 meinem Namen, denn ich hatte ein zweites für ihn be⸗ ſtimmt.“ „Ihr hoͤrt, Heinrich,“ ſprach Franz;„meine gute Mutter bringt mir dieſen Juwel und verdoppelt ſeinen Werth, indem ſie mir denſelben Euch zu ſchenken erlaubt.“ Heinrich gerieth ganz in Begeiſterung über die Schönheit der Agraffe und überſtrömte von Dankſagungen. Als dieſer Ausbruch vorüber war, fagte Catharina: „Mein Sohn, ich fühle mich ein wenig unpäßlich und will mich zu Bette legen; Euer Bruder Karl iſt ſehr angegriffen von ſeinem Falle und wird dasſelbe thun. Man wird dieſen Abend nicht in Familie ſpeiſen und Jeder ſoll in ſeinem Zimmer bedient werden. Ah! Hein⸗ rich, ich vergaß, Euch mein Compliment über Euern WMuth und Euere Gewandtheit zu machen. Ihr habt Euern König und Schwager gerettet und ſollt belohnt werden.“ „Ich bin es bereits, Madame,“ antwortete Hein⸗ rich ſich verbeugend. „Durch das Gefühl, Euere Pflicht gethan zu haben?“ verſetzte Catharina,„das iſt nicht genug, glaubt mir, daß Karl und ich darauf bedacht ſind, etwas zu thun, wodurch wir uns unſerer Schuld gegen Euch entledigen.“ „Alles, was mir von Euch und meinem guten Schwager zukommt, iſt willkommen, Madame.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Heinrich mit einer Verbeugung. „Ah! mein Schwager Franz,“ dachte Heinrich, als er wegging,„ich weiß nun gewiß, daß ich nicht allein reiſe, und die Verſchwörung, welche ein Herz hatte, hat nun auch einen Kopf gefunden, und was noch beſſer iſt, dieſer Kopf bürgt mir für den meinigen. Nur müßen wir auf unſerer Hut ſeyn. Catharina macht mir ein Geſchenk, verſpricht mir eine Belohnung: dahinter ſteckt eine Teufelei, und ich will mich dieſen Abend mit Mar⸗ garethe beſprechen.“ n be⸗ gute ſeinen aubt.“ die ingen. rina: äßlich thun. und Hein⸗ Euern habt lohnt Hein⸗ ben?“ mir, thun, igen.“ guten einer , als allein „hat r iſt. nüßen ir ein ſteckt Mar⸗ XII. Die Pankbarkeit von König Karl IX. Maurevol war einen Thefl des Tages im Waffen⸗ cabinet des Königs geblieben, als aber Catharina den Augenblick der Rückkehr von der Jagd herannahen ſah, ließ ſie ihn mit den Sbirren, die ſich bei ihm eingefun⸗ den hatten, in ihr Betzimmer gehen. Von ſeiner Amme unterrichtet, daß ein Mann einen Theil des Tages in ſeinem Cabinet zugebracht hatte, war Karl Anfangs in großen Zorn gerathen, daß man einen Fremden bei ihm einzuführen gewagt habe. Als er ſich denſelben aber ſchildern ließ und ſeine Amme ihm ſagte, es wäre derſelbe Menſch, den ſie eines Abends zu dem König hätte bringen müſſen, ſo erkannte Karl Maurevel, erinnerte ſich des Befehls, den ihm ſeine Mutter am Morgen ausgepreßt, und begriff Alles. „Oh! oh!“ murmelte Karl,„an demſelben Tage, an welchem er mir das Leben gerettet hat,. der Augen⸗ blick iſt ſchlecht gewählt.“ Dem zu Folge machte er einige Schritte, um zu ſeiner Mutter hinabzugehen, aber ein Gedanke hielt ihn zurück. „Mordieu!“ ſagte er,„wenn ich hievon mit ihr ſpreche, ſo gibt es einen Streit, der nie endigt; beſſer wir handeln jedes für ſich.“ „Amme,“ ſagte er,„ſchließe alle Thüren und melde Eliſabethe), daß ich, noch etwas leidend von meinem Sturze, dieſe Nacht allein ſchlafen werde.“ Die Amme gehorchte, und da die Zeit, ſeinen Plan auszuführen, noch nicht gefommen war, fing er an Verſe zu machen. —— 2 Karl IX. hatte Eliſabeth von Oeſterreich, die Tochter von Marimilian, geheirathet.. 118 Dies war die Beſchäftigung, während der dem König alle Zeit am Geſchwindeſten verging. Es ſchlug neun Uhr, als Karl glanbte, es wäre kaum ſieben Uhr. Er zählte einen nach dem andern die Schläge der Glocke und erhob ſich beim letzten. „Beim Teufel!“ ſagte er,„es iſt gerade Zeit.“ Und er nahm ſeinen Mantel und ſeinen Hut und entfernte ſich wui eine geheime Thüre, die, im Täſelwerk angebracht, ſelbſt Catharina unbekannt war. Karl ging gerade auf das Zimmer von Heinrich zu. Heinrich war, als er den Herzog von Alencon verließ, nur in ſeine Wohnung zurückgekehrt, um die Kleider zu wech⸗ feln, und hatte ſich ſogleich wieder wegbegeben.“ „Er wird mit Margot zu Nacht ſpeiſen,“ ſagte der RKönig zu ſich ſelbſt;„er ſtand heute auf das Beſte mit ihr, wenigſtens kam es mir ſo vor.“ Und er ging nach der Wohnung von Margarethe Margarethe hatté die Herzogin von Nevers, Coconnas und La Mole mit ſich genommen und machte mit ihnen eine Collation von Zuckerwwerk und Bäckereien aller Art. Karl klopfte an die Vorthüre; Gillonne öffnete und war bei dem Anblick des Königs ſo erſchrocken, daß ſie kaum die Kraft hatte, eine Verbeugung zu machen, und, ſtatt zurückzueilen und die Königin von dem erhabenen Beſuche zu benachrichten, der ihr zugedacht war, Karl ohne ein anderes Signal zu geben, als den Schrei, den ſie ausſtieß, vorbeigehen ließ. Karl ging durcch das Vorzimmer und ſchritt, gelei⸗ tet durch das Gelächter, auf den Speiſeſaal zu. „Armer Henriot!“ ſugte er zu ſich ſelbſt,„er freut ſich ohne etwas Arges zu ahnen.“ „Ich bin es,“ ſprach er, die Tapete aufhebend und ein lachendes Geſicht zeigend. Margarethe ſtieß einen furchtbaren Schrei aus. So heiter es auch war, ſo hatte doch dieſes Geſicht den Ein⸗ druck des Meduſenhauptes auf ſie hervorgebracht. Der Thüre gegenüberſitzend erkannte ſie Karl ſogleich. au ihr con erh geſ Kr tiej ſich ſuck bek ſtie Ga Fir dru daß ma Hat „D Ga dan in Ha zu dönig Uhr, ählte erhob und lwerk h zu. nur vech⸗ e der mit ethe. nnas huen Art. und ß ſie und⸗ enen ohne ſie elei⸗ reut 119 „Seine Majeſtät!“ rief ſie voll Schrecken und ſprang auf. Während die drei andern Tiſchgenoſſen gewiſſer Maßen ihren Kopf auf den Schultern wanken fühlten, war Co⸗ connas der Einzige, der den ſeinigen nicht verlor. Er erhob ſich ebenfalls, aber mit einer ſo geſchickten Un⸗ geſchicklichkeit, daß er aufſtehend den Tiſch und damit die Kriſtalle, das Tafelgeſchirr und die Kerzen umwarf. Es herrſchten einen Augenblick völlige Finſterniß und tiefes Stillſchweigen. „Mache Dich aus dem Staube,“ ſagte Coconnas zu La Mole.„Raſch! raſch!“ La Mole ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er warf ſich an die Wand, vrientirte ſich mit den Händen und ſuchte das Schlafzimmer, um ſich in dem ihm ſo wohl befannten Cabinet zu verbergen. Als er aber den Fuß in das Schlafzimmer ſetzte, ſtieß er auf einen Menſchen, der durch den geheimen Gang eingetreten war. „Was ſoll Alles dies bedeuten?“ ſagte Karl in der Finſterniß mit einer Stimme, die einen furchtbaren Aus⸗ druck von Ungeduld annahm;„bin ich ein Freudenſtörer daß man bei meinem Anblick einen ſolchen Teufelswirrwarr macht? Henriot! Henriot! wo biſt Du? antworte.“ „Wir ſind gerettet,“ murmelte Margarethe, eine Hand ergreifend, welche ſie für die von Coconnas hielt. „Der König glaubt, mein Gemahl ſey einer von unſern⸗ Gäſten.“ 2 „Und ich werde ihn auf dem Glauben laſſen, Ma⸗ dame; ſeyd unbeſorgt,“ antwortete Heinrich der Königin in demſelben Tone. „Großer Gott!“ rief Margarethe und ließ raſch die Hand los, welche ſie in der ihrigen hielt. „Stille!“ ſagte Heinrich. „Tanſend Teufel!“ rief Karl,„was habt Ihr denn zu flüſtern? Heinrich, antwortet mir, wo ſeyd Ihr?“ „ 12⁰. „Hier bin ich, Sire,“ ſagte die Stimme des Königs von Navarra. „Teufel!“ ſprach Coconnas, der die Herzogin von Nevers in einem Winkel hielt,„die Sache verwickelt ſich.“ „Dann ſind wir zweimal verloren,“ verſetzte Henriette. Muthig bis zur Unklugbeit bedachte Coconnas, daß man doch am Ende die Kerzen wieder anzünden müßte, und je eher dies geſchehen würde, deſto beſſer wäre es; er ließ alſo die Hand von Frau von Nevers los, ſuchte unter den Trümmern einen Leuchter, näherte ſich dem Kohlenbecken und blies eine Kohle an, welche ſogleich den Docht der Kerze entzündete. Das Zimmer erleuchtete ſich. Karl IX. warf einen forſchenden Blick um ſich her. Heinrich befand ſich bei ſeiner Gemahlin; Frau von Nevers war allein in einem Winkel; Coconnas ſtand mitten im Zimmer und beleuchtet mit ſeiner Kerze die ganze Scene. „Entſchuldigt uns, mein Bruder,“ ſagte Marga⸗ rethe,„wir erwarteten Euch nicht.“ „Euere Majeſtät hat uns auch, wie ſie ſelbſt ſehen kann, ſonderbare Furcht eingejagt!“ ſprach Henriette. „Ich, meines Theils,“ verſetzte Heinrich, welcher Alles errieth,„ich glaube, die Furcht war ſo kräftig, daß ich aufſtehend den Tiſch umſtieß.“ Coconnas warf einen Blick auf den König von Na⸗ varra, womit er wohl ſagen wollte: Das laſſe ich mir gefallen! das iſt ein Ehemann, der ein halbes Wort verſteht.“ „Was für ein abſcheulicher Wirrwarr!“ wiederholte Karl 1X.„Dein Abendbrod liegt auf dem Boden, Hen⸗ riot. Komm' mit mir, Du kannſt es anderswo vollenden; ich entführe Dich für dieſen Abend.“ „Wie, Sire,“ ſprach Heinrich,„Euere Majeſtät würde mir die Ehre erweiſen....“ „Ja, meine Majeſtät erweiſt Dir die Ehre, Dich fi 121 nig aus dem Loure zu führen. Leih' ihn mir, Margot, ich bringe ihn Dir morgen früh zurück.“ von„Ah! mein Bruder,“ ſprach Margarethe;„Ihr ich“ zie hiezu meiner Erlaubniß nicht; Ihr ſeyd der Ge⸗ ieter.“ 6„Sire,“ verſetzte Heinrich,„ich hole in meinem Zim⸗ üßte, mer einen andern Mantel und kehre im Augenblick zurück. es;„Du bedarfſt deſſen nicht, Henriot, der, den Du chte auf dem Leibe haſt, iſt gut genug.“ dem„Aber, Sire,“ verſuchte Heinrich einzuwenden. den„Tauſend Teufel! ich ſage Dir, daß Du nicht in Deine Wohnung zurückfehren ſollſt. Hörſt Du nicht, was ich Dir ſage? Vorwärts, marſch!“ her.„Ja, ja, geht,“ ſprach Margarethe plötzlich und drückte von ihren Gemahl am Arme, denn ein ſonderbarer Blick von ſtand Karl hatte ſie ſo eben belehrt, daß etwas Außerordentliches die vorging. „Ich bin bereit, Sire,“ ſagte Heinrich. rga⸗ Karl aber ſchaute Coconnas an, der, ſeinen Beleuch⸗ tungsdienſt fortſetzend, die anderen Kerzen wieder anzündete. ehen Wer iſt dieſer Herr,“ fragte er Heinrich, den Pie⸗ te. mouteſen meſſend,„ollte es zufällig Herr de La Mole ſeyn?“ lcher„Wer hat ihm von de La Mole geſagt?“ fragte ſich daß Margarethe ganz leiſe.. „Nein, Sire,“ antwortete Heinrich,„Herr de La Mole Na⸗ iſt nicht hier, was ich ſehr bedaure, denn ich hätte die Ehre gehabt, ihn Euerer Majeſtät zu gleicher Zeit mit Herrn von Coconnas, ſeinem Freunde, vorzuſtellen; es ſind 4 zwei Unzertrennliche, und Beide gehören Herrn von holte Alencon.“ Hen⸗ 6 ah! unſerem großen Schützen!“ ſprach Karl. „Gut! Dann fügte er die Stirne runzelnd bei: üre„Iſt dieſer Herr de La Mole nicht Hugenott?“ „Bekehrt. Sire,“ erwiederte Heinrich,„und ich ſtehe Dich für ihn wie für mich.“ „Wenn Ihr für Jemand ſteht, Henrivt, ſo habe 122 ich nach dem, was Ihr heute gethan, nicht mehr das Recht, daran zu zweifeln. Aber gleich viel, ich hätte Herrn de La Mole gern geſehen. Später alſo.“ Kar ldurchſchweifte mit ſeinen großen Augen noch einmal das ganze Zimmer, küßte Margarethe, nahm den König von Navarra unter dem Arm und führte ihn mit ſich fort. An der Pforte des Louvre wollte Heinrich anhalten, um mit Jemand zu ſprechen. „Vorwärts! vorwärts! gehe raſch hinaus, Henriot,“ ſagte Karl zu ihm.„Wenn ich Dir ſage daß die Luft im Louvre dieſen Abend nicht gut für Dich iſt; den Teufel! glaube mir doch.“ Ventre⸗ſainte⸗gris!“ murmelte Heinrich,„und Mouh, was wird aus ihm ganz allein in meinem Zimmer weiden?.. Wenn nur die Luft, die für mich nicht gut iſt, für ihn nicht noch viel ſchlimmer wirft.“ „Sage mir doch,“ ſprach der König, als Heinrich und er die Zugbrücke überſchritten hatten,„iſt es Dir genehm, Henrivt, daß die Leute von Herrn von Alengon Deiner Frau den Hof machen?“ „Wie ſo, Sire?“ „Ja, liebäugelt dieſer Herr von Cvconnas nicht mit Margot!“ „Wer ſagt Euch das?“ „Bei Gott! man hat es mir geſagt.“ „Reiner Scherz, Sire; Herr von Cocvnnas liebäugelt allerdings mit Jemand, aber das iſt Frau von Nevers.“ „Ah bah!“ „Ich kann Eurer Majeſtät für das, was ich ſage, bürgen.“ Karl brach in ein Gelächter aus. „Der Herzog von Gniſe mag noch einmal kommen, um Späße zu treiben,“ ſagte er,„ich werde ſeinen Schnurr⸗ bart ganz angenehm verlängern, wenn ich ihm die Thaten ſeiner Schwägerin erzähle. Uebrigens,“ fügte der König ſich vo Eu un ich der Al zu Cl Re 3h Co vo G das hätte noch den mit lten, iot,“ teim ufel! „und mer gut und ehm, einer mit ugelt rs.“ age, men, urr⸗ aten önig 123 ſich befinnend bei,„ich weiß nicht mehr, ob er von Herrn von Coconnas oder von La Mole geſprochen hat.“ 5 „Eben ſo wenig der Eine als der Andere; ich ſtehe Euch für die Gefühle meiner Franu.“ „Gut, Henriot, gut, ich ſehe Dich lieber ſo, als andersz und bei meiner Ehre, Du biſt ein ſo hraver Junge, daß ich am Ende gar nicht mehr ohne Dich ſeyn kann.“ Nach dieſen Worten pfiff der König auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe, und vier Edelleute, die ihn am Ende der Rue de Beauvais erwarteten, ſtießen zu ihm, und Alls gingen mit einander in das Innere der Stadt. Es ſchlug zehn Uhr. „Nun,“ ſprach Margarethe, als der König und Heinrich ſich entfernt hatten,„ſetzen wir uns wieder zu Tiſche!“ „Meiner Treue, nein“ ſagte die Herzogin,„ich habe zu ſehr Angſt gehabt. Es lebe das kleine Haus der Rue Cloche⸗Percee! Man fann dort nicht herein, ohne eine Belagerung vorzunehmen, und unſere Braven haben das Rechi, ihre Schwerter ſpielen zu laſſen. Aber was ſucht Ihr unter den Schränken und in den Käſten, Herr von Coconnas?“ „Ich ſuche meinen Freund La Mole,“ erwiederte der Piemonteſe. „Sucht in der Richtung meines Schlafzimmers, Herr von Coconnas,“ ſprach Margarethe,„ès iſt dort ein Cabinet.“ „Gut,“ verſetzte Coconnas,„ich habe es.“ Und er trat in das Zimmer. „Nun,“ ſprach eine Stimme,„woran ſind wir?“ „Ei, Mordi! wir ſind am Nachtiſch.“ „Und der König von Navarra?“ „Er hat nichts geſehen.“ „Und der König Karl?“ „Ah! der König, das iſt etwas Anderes, er hat den Gatten mitgenon men.“ „Wirklich?“ „Wie ich Dir ſage, Ueberdies hat er mir die Ehre 124 angethan, mich von der Seite anzuſchauen, als er hörte, ich gehöre dem Herzug von Alencon, und ſchief, als er erfuhr, ich wäre Dein Freund,“ „Du glaubſt alſo, daß man Schlimmes von mir bei ihm geſprochen hat?“ „Ich fürchte im Gegentheil, man hat zu viel Gutes von Dir geſagt. Aber es handelt ſich nicht um alle dieſe Dinge, ich glaube, die Damen haben eine Pilgerfahrt in der Richtung der Rue de Sicile zu machen, und wir müſſen den Pilgern als Führer dienen.“ „Unmöglich! Du weißt es wohl,“ „Wie, unmöglich?“ „Wir haben den Dienſt bei Seiner Königlichen Hoheit.“ „Das iſt meiner Treue wahr, ich vergeſſe immer, daß wir einen Grad einnehmen, und daß wir aus Edelleuten, was wir früher waren, uns der Ehre erfreuen, Diener geworden zu ſeyn.“ Und die zwei Freunde kehrten zurück und ſetzten der Herzogin aus einander, daß ſie genöthigt ſeyen, wenigſtens dem Schlafengehen des Herrn Herzogs beizuwohnen.“ „Es iſt gut“ ſprach Frau von Nevers,„wir gehen.“ „Und darf man fragen, wohin Ihr geht?“ ſagte Cocbnnas. „Ihr ſeyd zu neugierig,“ erwiederte die Herzogin. „Quaeye et invenes.“ Die zwei jungen Leute grüßten und gingen in aller Eile zu Herrn von Alencon hinauf. Der Herzog ſchien ſie in ſeinem Cabinet zu erwarten. Herren.“ „Es hat kaum zehn geſchlagen, Monſeigneur,“ er⸗ wiederte Coconnas. „Das iſt wahr,“ ſagte er.„Es iſt jedoch ſchon Alles im Louvre zu Bette gegangen.“ „Ja Monſeigneur; aber wir ſinb nm zu Euern . „Ah! ah!“ rief er,„Ihr kommt ſehr ſpät, meine — Beſ Hol An wie wi: unt unt zwe Sa geſ nac Me in Er vor un ihr örte, ls er r bei utes dieſe rt in üſſen ichen 1 daß uten, iener der ſtens en ſagte gin. aller rten. eine er⸗ chon tern . 125 Befehlen. Sollen wir die Edelleute in das Zimmer Eurer Hoheit zum Schlafengehen einführen?“ „Im Gegentheil; geht in den Saal und entlaßt alle Anweſenden.“ Die jungen Leute gehorchten und kehrten ſogleich wieder zu dem Herzog zurück. „Monſeigneur,“ ſagte Coconnas,„Euere Hoheit wird ohne Zweifel ſich zu Bette legen oder arbeiten.“ „Nein, meine Herren; Ihr habt Urlaub bis morgen.“ „Vorwärts,“ flüſterte Coconnas La Mole in das Ohr,„der Hof ſchläft heute auswärts, wie es ſcheint.“ Und die zwei jungen Leute ſprangen immer vier und vier Stufen die Treppe hinab, nahmen ihre Mäntel und ihre Nachtdegen und ſtürzten aus dem Louvre, den zwei Damen nach, welche ſie an der Ecke der Rue du Saint⸗Coq⸗Honoré einholten. XIII. Gott lenkt. Es herrſchte, wie der Herzog zu den jungen Leuten geſagt hatte, die tiefſte Stille im Louvre. Margarethe und Frau von Nevers waren wirklich nach der Rue Tizon abgegangen. Coconnas und La Mole liefen ihnen nach; der König und Heinrich durch⸗ wanderten die Stadt; der Herzog von Alengon hielt ſich in ſeiner Wohnung in einer ſchwankenden, ängſtlichen Erwartung der Ereigniſſe, die ihm die Königin Mutter vorhergeſagt hatte. Catharina hatte ſich zu Bette gelegt, und Frau von Sauuve ſaß an ihrem Kopfkiſſen und las ihr gewiſſe italieniſche Erzählungen vor, über welche die gute Königin viel lachte. Seit langer Zeit war Catharina nicht ſo heiterer 126* Laune geweſen. Nachdem ſie mit gutem Appetit in Ge⸗ ſellſchaft ihrer Frauen geſpeiſt, nachdem ſie ſich mit ih⸗ rem Arzte berathen und die kärglichen Rechnungen ihres Haushaltes geordnet hatte, befahl ſie ein Gebet für den Erfolg einer gewiſſen, wie ſie ſagte, für das Glück ihrer Kinder wichtigen Unternehmung; es war eine Gewohn⸗ heit von Catharina, eine übrigens ganz florentiniſche Gewohnheit, unter gewiſſen Umſtänden Gebete und Meſſen leſen zu laſſen, deren Zweck Gott und ſie allein kannten. Endlich hatte ſie einen Beſuch von René angenom⸗ men und aus ſeinem reichen Sortiment mehres Neue ausgewählt. „Man erfundige ſich,“ ſprach Catharina,„ob meine Tochter die Königin von Navarra, zu Harſe iſt; iſt dies der Fall, ſo erſuche man ſie, mir Geſellſchaft zu leiſten.“ Der Page, an den dieſer Befehl gerichtet war, ent⸗ fernte ſich und kehrte einen Augenblick nachher von Gil⸗ lonne begleitet zurück, „Nun!“ ſagte die Königin Mutter„ich verlangte nach der Herrin und nicht nach der Zofe.“ „Madame,“ erwiederte Gillonne,„ich glaubte Euerer Majeſtät ſelbſt ſagen zu müſſen, daß die Königin von Navarra mit ihrer Freundin, der Herzogin von Nevers, ausgegangen iſt.“ „Ausgegangen zu dieſer Stunde,“ verſetzte Catha⸗ rina die Stirne faltend,„und wohin kann ſie gegangen ſeyn?“ „In eine Alchymie⸗Sitzung,“ antwortete Gillonne, „welche im Hotel Guiſe in dem von Frau von Nevers bewohnten Pavillon ſtattfinden ſoll.“ „Und wann wird ſie zurückkehren?“ fragte die Kö⸗ nigin Mutter. „Die Sitzung wird bis ſpät in die Nacht hinein dauern,“ antwortete Gillonne,„ſo daß Ihre Majeſtät wahrſcheinlich his morgen früh bei ihrer Freundin blei⸗ ben wird.“ — Ge⸗ itih⸗ ihres tden ihrer omn⸗ niſche eſſen nten. nom⸗ Neue neine iſt ft zu ent Gil v P ungte uerer von vers, tha⸗ ngen onnm, evers Kö⸗ inein jeſtät blei⸗ 127 „Sie iſt glücklich, die Königin von Navarra,“ mur⸗ melte Catharina.„Sie hat Freundinnen und ſie iſt Kö⸗ nigin; ſie träut eine Krone, man nennt ſie Euere Maje⸗ ſtät, und ſie hat keine Unterthanen. Sie iſt ſehr glück⸗ lich.“ 5 Nach dieſer ſeltſamen Rede, welche die Zuhörer in⸗ nerlich lächeln machte, murmelte Catharina: „Uebrigens, da ſie ausgegangen iſt, denn ſie iſt, ausgegangen, ſagt Ihr?“ „Vor einer haiben Stunde, Madame.“ „So iſt Alles gut, geht.“ Gillonne verbeugte ſich und ging ab. „Leſt weiter, Charlotte,“ ſprach die Königin. Frau von Sauve fuhr fort. Nach zehn Minuten unterbrach ſie die Königin im eſen. „Oh! bald hätte ich vergeſſen,“ ſagte ſie,„man entlaſſe die Wachen aus der Gallerie.“ Dies war das Zeichen, auf welches Maurevel war⸗ ete. Man vollzog den Befehl der Königin Mutter, und Frau von Sauve fuhr in ihrer Geſchichte fort. Sie hatte ungefähr eine Viertelſtunde ohne irgend eine Unterbrechung geleſen, als ein langer, ſo furchtbarer Schrei bis in das königliche Gemach drang, daß die Haare auf dem Kopfe der Anweſenden ſich ſträubten. Unmittelbar darauf folgte ein Piſtolenſchuß. „Was iſt das?“ ſagte die Königin, und warum leſt Ihr nicht mehr, Carlotta?“ „Madame,“ erwiederte die junge Frau erbleichend, „habt Ihr nicht gehört?“ „Was?“ fragte Catharina. „Den Schrei.“ „Und den Piſtolenſchuß,“ fügte der Kapitän der Garden bei. „Einen Schrei, einen Piſtolenſchuß?“ ſprach Catha⸗ eina,„ich habe nichts gehört. Iſt es überdies etwas ſo 128 Außerordentliches im Louvre um einen Piſtolenſchluß, um einen Schrei? Leſt, leſt, Carlotta.⸗ „Aber hört doch, Madame,“ ſagte dieſe, während Herr von Nancey mit der Hand an ſeinen Degengriff, da ſtand und ohne die Erlaubniß der Königin nicht hin⸗ auszugehen wagte;„hört, man vernimmt Tritte, Flüche..5 „Soll ich mich erkundigen, Madame?“ ſprach der Kapitän. „Keineswegs, mein Herr, bleibt hier,“ erwiederte Catharina, ſich auf einer Hand erhebend, gleichſam um ihrem Befehle mehr Kraft zu verleihen.„Wer würde mich denn im Falle einer Unruhe beſchützen? Es ſind wohl einige betrunkene Schweizer, die ſich ſchlagen.“ Die Ruhe der Königin bildete mit dem Schrecken, der über der ganzen Verſammlung ſchwebte, einen ſo merkwürdigen Contraſt, daß Frau von Sauve, ſo ſchüch⸗ tern ſie auch war, einen fragenden Blick an die Königin richtete. „Aber, Madame,“ rief ſie,„man ſollte glauben, es würde Jemand getödtet.“ „Wen ſoll man denn tödten?“ „Den König von Navarra, Madame, der Lärm kommt von ſeinem Zimmer her.“ „Die Alberne!“ murmelte die Königin, deren Lip⸗ pen, trotz ihrer Selbſtbeherrſchung, ſich ſeltſam zu be⸗ wegen anfingen, denn ſie ſtammelte ein Gebet;„die Al⸗ berne, ſie ſieht ihren König überall!“ „Mein Gott! mein Gott!“ rief Frau von Sauve in ihren Lehnſtuhl zurückſinkend.„ „Es iſt vorbei,“ ſagte Catharina.„Kapitän,“ fuhr ſie, ſich an Herrn von Nancey umwendend, fort,„iſt Ungebührliches im Louvre vorgefallen, ſo hoffe ich, daß Ihr morgen die Schuldigen ſtreng beſtrafen werdet. Leſt wieder, Charlotte.“ Und Catharina fiel von ſelbſt auf ihr Kopfkiſſen in eine Unbeweglichkeit, welche große Aehnlichkeit mit einer 4 3 ſem zuſ del Na gele Lon an, hluß, rn griff, hin⸗ ritte, der erte um ürde ſind ken, ſo üch⸗ igin ben, irm ip⸗ be⸗ Al⸗ uve „ et. 129 Schwäche hatte, denn die Anweſenden bemerkten, wie große Schweißtropfen über ihr Geſicht rollten. Frau von Sauve gehorchte dieſem ausdrücklichen Befehle, aber nur ihre Stimme und ihre Augen functio⸗ nirten. Bei andern Gegenſtänden umherſchweifend, zeigte der Armen ihr Geiſt eine furchtbare Gefahr, von der ſie ein theueres Haupt bedroht glaubte. Nach ein paar Minuten des Kampfes fühlte ſie ſich ſo eingepreßt zwi⸗ ſchen ihrer Gemüthsbewegung und der Etiquette, daß ihre Stimme verſtändlich zu ſeyn aufhörte; vas Buch entfiel ihren Händen, und ſie wurde ohnmächtig. Plötzlich vernahm man ein noch viel heftigeres Ge⸗ töſe; ein ſchwerer, eiliger Tritt erſchütterte die Flur; zwei Schüſſe machten die Fenſterſcheiben zittern; er⸗ ſtaunt über dieſen übermäßig ausgedehnten Kampf erhob ſich Catharina, ebenfalls bleich, die Augen weit aufge⸗ ſperrt, und in dem Moment, wo der Kapitän der Gar⸗ den hinausſtürzen wollte, ergriff ſie dieſen beim Arm und ſagte: „Jedermann bleibe hier! ich werde ſelbſt nachſehen, was vorgeht.“ Man höre, was vorging, oder vielmehr was vor⸗ gegangen war. Von Mouy hatte am Morgen aus den Händen von Orthon den Schlüſſel von Heinrich erhalten. In die⸗ ſem Schlüſſel, welcher gebohrt war, bemerkte er ein zuſammengerolltes Papier; er zog es mittelſt einer Na⸗ del heraus. Es war die Parole des Louvre für die nächſte Nacht. Außerdem hatte ihm Orthon noch mündlich die Worte von Heinrich überbracht, wodurch von Mouy ein⸗ geladen wurde, ſich um zehn Uhr bei dem König im Louvre einzufinden. Um halb zehn Uhr legte von Mouy eine Rüſtung an, deren Tüchtigkeit er bereits mehr als einmal er⸗ Königin Margot. lI. 9 130 ½ probt hatte; er knüpfte ein ſeibenes Wamms barüber, ſchnallte ſeinen Degen um, ſteckte ſeine Piſtolen in den Gürtel und bedeckte das Ganze mit dem bekannten kirſch⸗ rothen Mantel von La Mole. 6 Wir haben geſehen, wie es Heinrich, ehe er in ſeine Wohnung zurückkehrte, für geeignet erachtete, Mar⸗— garethe einen Beſuch zu machen, und wie er auf der Geheimtreppe gerade zu rechter Zeit anlangte, um in dem Schlafzimmer von Margarethe an La Mole zu ſtoßen und ſeinen Platz in den Augen des Königs in dem Speiſezimmer einzunehmen. Es geſchah dies in derſelben Minute, in der von Mouy mit Hülfe der ihm von Heinrich überſchickten Parole und beſonders des he⸗ rühmten kirſchrothen Mantels durch die Pforte des Lou⸗ vre ſchritt. Der junge Mann ging gerade in die Wohnung des Königs hinauf, wobei er wie gewöhnlich ſo gut als möglich den Gang von La Mole nachahmte. Im Vor⸗— zimmer fand er Orthon, der auf ihn wartete. „Sire von Mouy,“ ſprach der Gebirgsmann,„der König iſt ausgegangen, aber er hat mir befohlen, Euch einzuführen und Euch zu ſagen, Ihr möget auf ihn warten. Zögert er zu lange, ſo bittet er Euch, wie Ihr wißt, ſein Bett zu gebrauchen.“ Von Mouy trat ein, ohne eine andere Erklärung zu fordern, denn das, was ihm Orthon ſagte, war nur die Wiederholung deſſen, was er am Morgen gehört hatte. Feder und Dinte, näherte ſich einer an der Wand auf⸗ gehängten vortrefflichen Karte von Frankreich und fing an die Etapen von Paris nach Pan zu zählen und zu regeln. Aber dieß war die Arbeit einer Viertelſtunde, und als von Mouy dieſelbe vollendet hatte, wußte er nicht, womit er ſich beſchäftigen ſollte. Um ſeine Zeit zu benützen, nahm von Mouy eine* Er ging einige Male im Zimmer auf und ab, rieh 3 131 ſich die Augen, gähnte, ſetzte ſich, ſtand wieder auf und ſetzte ſich abermals. Endlich benützte er die Einladung von Heinrich, wobei ihn überdieß die zwiſchen den Prin⸗ zen und ihren Edelleuten beſtehenden Geſetze der Ver⸗ traulichkeit entſchuldigten, legte ſeine Piſtolen auf den Nachttiſch und ſtellte die Lampe daneben, ſtreckte ſich auf dem breiten Bette mit den düſtern Vorhängen aus, das im Hintergrunde des Gemaches ſtand, wies ſeinem blanken Degen den geeigneten Platz an ſeiner Lende an und überließ ſich, ſicher, nicht überraſcht zu werden, da ſich ein Diener im Vorzimmer befand, einem ſchweren Schlafe, deſſen Geräuſch bald das Echo des Baldachins ertönen machte. Von Mouy ſchnarchte wie ein wahrer Kriegsknecht, und hätte in dieſer Beziehung mit dem König von Navarra in die Schranken treten können. Um dieſe Zeit ſchlüpften ſechs Männer, den Degen in der Hand und den Dolch im Gürtel, in den Corri⸗ dor, der durch eine kleine Thüre mit den Gemächern von Catharina in Verbindung ſtand und durch eine große in die Wohnung von Heinrich führte. Einer von dieſen ſechs Männern ging voraus. Au⸗ ßer ſeinem blanken Degen und ſeinem Dolche, welcher ſo ſtark war wie ein Jagdmeſſer, trug er noch ſeine getreuen Piſtolen, mittelſt ſilberner Spangen an ſeinen Gürtel angehängt, bei ſich. Dieſer Mann war Maurevel. Vor der Thüre von Heinrich angelangt, blieb er ſtille ſtehen. „Ihr habt Euch vollkommen überzeugt, daß die Wachen aus dem Corridor abgegangen ſind?“ fragte er denjenigen, welcher die kleine Truppe zu befehligen ſchien. „Keine einzige iſt mehr an ihrem Poſten,“ antwor⸗ tete der Lieutenant. „Gut!“ ſprach Maurevel.„Nun hat man ſich nur noch zu belehren, ob derjenige, welchen wir ſuchen, zu auſe iſt.“ 9* * 132— „Aber, Kapitän,“ ſprach der Lieutenant, die Hand zurückhaltend, welche Maurevel an den Klopfer der Thüre legte,„hier wohnt der König von Navarra.“ „Wer ſagt das Gegentheil?“ verſetzte Maurevel. Die Sbirren ſchauten ſich ganz erſtaunt an und der Lieutenant machte einen Schritt rückwärts.„ „Ei! ei!“ ſprach der Lieutenant,„um dieſe Stunde im Louvre Jemand verhaften und zwar in der Wohnung des Königs von Navarra!“ „Was würdet Ihr antworten,“ entgegnete Maurevel, „wenn ich Euch ſagte, daß derjenige, welchen Ihr ver⸗ haften ſollt, der König ſelbſt iſt?“ „Ich würde Euch antworten, Kapitän, die Sache ſei ernſter Art, und ohne einen eigenhändig vom König unterzeichneten Befehl...“ „Leſt,“ ſprach Maurevel. Und er zog aus ſeinem Wamms den Befehl, den ihm Catharina übergeben hatte, und reichte ihn dem„ Lientenant. 3 „Es iſt gut,“ verſetzte dieſer, nachdem er geleſen hatte, „ich habe nichts mehr zu ſagen.“ „Ihr ſeyd bereit?“ „Ich bin es.“ „Und Ihr?“ fuhr Maurevel, ſich an die fünf andern Sbirren wendend, fort. Dieſe verbeugten ſich ehrerbietig. „Hört mich alſo, meine Herren,“ ſprach Maurevel, „Folgendes iſt der Plan: zwei von Euch bleiben an dieſer Thüre, zwei an der Thüre des Schlafzimmers, und zwei treten mit mir ein.“— „Hernach?“ fragte den Lieutenant.“ 5 „Hört wohl: es iſt mir befohlen, den Gefangenen zu hindern, daß er um Hülfe ruft, ſchreit oder Wider⸗ ſtand leiſtet; jede Verletzung dieſes Befehls ſoll mit dem Tode beſtraft werden.“ „Vorwärts, er hat unumſchränkte Vollmacht,“ ſagte and üre der nde ung vel, er che nig den em te, el, ſer vei en er⸗ em te 133 der Lieutenant zu dem Mann, der mit ihm Maurevel zu dem König zu folgen bezeichnet war. „Allerdings,“ ſprach Maurevel. „Armer Teufel von einem König von Navarra,“ ſagte einer von den Männern,„es ſtand da oben ge⸗ ſchrieben, daß er nicht entkommen ſollte.“ „Und hienieden,“ verſetzte Maurevel, nahm dem Lieutenant den Befehl von Catharina aus den Händen und ſchob ihn wieder in ſeine Bruſt. Maurevel ſteckte den Schlüſſel, den ihm Catharina gegeben hatte, in das Schloß und trat, zwei Männer an der äußeren Thüre zurücklaſſend, wie dieß verabrevet war, in das Vorzimmer. „Ah! ah!“ ſagte Maur vel, als er das geräuſch⸗ volle Athmen hörte, das bis zu ihm drang,„es ſcheint, wir werden das, was wir ſuchen, finden.“ Orthon ging ihm, im Glauben, es wäre ſein Herr, ſogleich entgegen und ſtand fünf bewaffneten Männern gegenüber, welche das erſte Zimmer einnahmen. Bei dem Anblicke dieſes finſteren Geſichtes, dieſes Maurevel, den man den Todtſchläger des Königs nannte, wich der treue Diener zurück und fragte, ſich vor die zweite Thüre ſtellend: 5 „Wer ſeid Ihr? was wollt Ihr?“ „Im Namen des Königs,“ erwiederte Maurevel, „wo iſt Dein Herr?“ „Mein Herr?“ „Ja, der König von Navarra.“. „Der König von Navarra iſt nicht zu Hauſe,“ ſprach Orthon, die Thüre vertheidigend,„Ihr könnt alſo nicht eintreten.“ „Ausflucht, Lüge,“ verſetzte Maurevel,„weiche zurück.“ 2 Die Bearner ſind hartnäckig, dieſer knurrte wie ein Hund aus ſeinen Gebirgen, und erwiederte ohne ſich ein⸗ ſchüchtern zu laſſen: 134 „Ihr kommt nicht hier herein, der König iſt ab⸗ weſend.“ Und er klammerte ſich an der Thüre an. Maurevel machte eine Geberde, die zwei Männer packten den Widerſpenſtigen, riſſen ihn von dem Geſimſe der Thüre, an das er ſich angeklammert hielt, und als er den Mund öffnete, um zu ſchreien, drückte ihm Maurevel die Hand auf die Lippen. 5 DOrthon biß den Mörder wüthend; dieſer zog die Hand zurück und ſchlug den Diener mit dem Degenknopfe auf den Kopf. Orthon wankte und fiel mit dem Rufe: „Hülfe! Hülfe!“ nieder. 4 Seine Stimme erloſch; er war ohnmächtig. Die Mörder ſchritten über ſeinen Körper; zwei blieben ſodann an der zweiten Thüre, und die drei anderen traten, gefährt von Maurevel, in das Schlafzimmer. Bei dem Schimmer der auf dem Nachttiſche bren⸗ nenden Lampe ſahen ſie das Bett. Die Vorhänge waren geſchleſſen. „Oh! oh!“ ſagte der Lieutenant,„mir ſcheint, er ſchnarcht nicht mehr.“ „Vorwärts,“ ſprach Maurevel. Bei dieſen Worten kam ein dumpfer Schrei, der mehr dem Brüllen eines Löwen, als menſchlichen Tönen glich, unter den Vorhängen hervor, welche ungeſtüm ge⸗ öffnet wurden, und ein Mann mit einem Panzer und die Stirne mit einer von jenen Sturmhauben bedeckt, in denen der Kopf bis auf die Augen begraben war, erſchien ſitzend, zwei Piſtolen in der Hand und ſeinen Degen auf dem Schvoße. Maurevel hatte nicht ſobald dieſes Geſicht erſchaut und von Mouy erkannt, als er die Haare auf ſeinem Haupte ſich ſträuben fühlte; er wurde furchtbar bleich, ſein Mund füllte ſich mit Schaum und er machte einen Schritt rückwärts, als hätte er ſich einem Geſpenſte ge⸗ genüber befunden. 5 Plötzlich erhob ſich die bewaffnete Geſtalt und machte „ 135 ab⸗ einen Schritt vorwärts, dem gleich, welchen Maurevel rück⸗ wärts gemacht hatte, ſo daß der Bedrohte zu verfolgen und der Drohende zu fliehen ſchien. ner„Ah! Schurke,“ ſprach von Mouy,„Du kommſt, der um mich zu morden, wie Du meinen Vater gemordet haſt.“ er Zwei von den Sbirren, diejenigen, welche mit Mau⸗ ve revel in das Zimmer des Königs eingetreten waren, hörten allein dieſe furchtbaren Worte; aber in demſelben die 3„Augenblicke, in welchem ſie geſprochen wurden, hatte ſich pfe auch die Piſtole in der Richtung der Stirne von Mau⸗ revel geſenkt. Maurevel warf ſich in dem Momente auf die Kniee, wo Mouy den Finger an den Drücker legte, der Schuß ging los, und einer von den Sbirren, welcher ſich hinter ihm befand und durch dieſe Bewegung bloß⸗ geſtellt worden war, ſtürzte in das Herz getroffen nieder. 4 Maurevel ſchoß ſogleich ebenfalls, aber die Kugel prallte h an dem Panzer von Mouy ab. . Dann nahm von Mouy, die Entfernung meſſend, . ſeinen Anlauf, ſpaltete mit einem Hiebe dem zweiten Sbirren den Schädel, wandte ſich gegen Maurevel um und kreuzte ſein Schwert mit ihm. Der Kampf war furchtbar, aber kurz; bei dem vier⸗ v ten Ausfalle fühlte Maurevel den kalten Stahl in ſeiner iet Gurgel; er ſtieß einen gepreßten Schrei aus, fiel rück⸗ gr wärts und warf im Fallen die Lampe um, welche erloſch. die Die Dunkelheit benützend, kräftig und behende, wie i ein Held von Homer, ſtürzte von Mouy ſogleich mit en geſenktem Haupte gegen das Vorzimmer, warf eine von uf den Wachen nieder, ſtieß die andere zurück und ſchoß ⁰ wie ein Blitz durch die Sbirren, welche die äußere Thüre 8— bewachten, vermied glücklich zwei Piſtolenſchüſſe, deren Ku⸗ geln die Wände des Corridors ſtreiften, und war gerettet; 8 denn es blieb ihm noch eine geladene Piſtole außer dem Degen, welcher ſo furchtbare Streiche verſetzte. Einen Augenblick zögerte von Mouh, um zu über⸗ legen, ob er zu dem Herzog von Alencon, deſſen Thüre, wie es ihm ſchien, ſich geoffnet hatte, fliehen oder aus 136 dem Louvre zu kommen verſuchen ſollte; er entſchied ſich für das Letztere, beſchleunigte abermals ſeinen Lauf, ſprang auf einmal zehn Stufen hinab, gelangte zur Pforte, ſagte das Loſungswort und enteilte mit dem Rufe: „Geht da hinauf, man mordet für Rechnung des Könias.“ Die Beſtürzung benützend, welche ſeine Worte in Verbindung mit den Piſtolenſchüſſen hei dem Poſten her⸗ vorgebracht hatten, gewann er das Weite und verſchwand in der Rue du Cog, ohne eine Schramme bekommen zu haben. In dieſem Augenblick ſagte Catharina zu ihrem Ka⸗ pitän der Garden: „Bleibt, ich werde ſelbſt nachſehen, was vorgeht.“ „Aber, Madame,“ erwiederte der Kapitän,„die Ge⸗ fahr, der Eure Majeſtät ausgeſetzt ſeyn könnte, befiehlt mir, zu folgen.“ „Bleibt, mein Herr,“ ſprach Catharina mit noch gebieteriſcherem Tone, als das erſte Mal.„Es giebt um die Könige einen mächtigeren Schutz, als das menſch⸗ liche Schwert.“ Der Kapitän blieb.. Catharina nahm nun eine Lampe, ſteckte ihre Füße in Sammetpantoffeln, verließ ihr Gemach, erreichte den mit Rauch gefüllten Corridor und ging unempfind⸗ lich und kalt wie ein Schatten nach der Wohnung des Königs von Navarra. Alles war wieder ſtill geworden. Catharina gelangte zur Vorthüre, ſchritt über die Schwelle und erblickte zuerſt den ohnmächtigen Orthon. „Ahſ ah!“ ſagte ſie,„hier iſt der Lackei, bald wer⸗ den wir auch den Herrn finden.“ Und ſie ging durch die zweite Thüre. Hier ſtieß ihr Fuß an einen Leichnam; ſie ſenkte ihre Lampe: es war der der Wache, welcher Mouy den Schädel geſpalten hatte; der Mann war todt. 2 m„ 137 Drei Schritte weiter lag der Lieutenant von einer Kugel getroffen und den letzten Seufzer ausſtoßend. Vor dem Bette endlich verſuchte es ein Mann, der, den Kopf ſo bleich wie ein Todter, ſein Blut durch eine doppelte Wunde im Halſe verlor, die Hände krampfhaſt zuſammenpreſſend ſich zu erheben. Es war Maurevel. Ein Schauer durchlief die Adern von Catharina; ſie ſah das Bett verlaſſen; ſie ſchaute im Zimmer um⸗ her und ſuchte vergebens unter den drei Männern, welche in ihrem Blute auf der Erde lagen, den Leichnam, den ſie zu finden hoffte. Maurevel erkannte Catharina, ſeine Augen erwei⸗ terten ſich auf eine gräßliche Weiſe, und er ſtreckte mit einer verzweiflungsvollen Geberde den Arm nach ihr aus. „Nun!“ ſagte ſie mit halber Stimme,„wo iſt er? was iſt aus ihm geworden? Unglücklicher! habt Ihr ihn etwa entwiſchen laſſen?“ Maurevel verſuchte es, einige Worte zu artikuliren, aber es drang nur ein unverſtändliches Pfeifen aus ſeiner Wunde hervor; ein röthlicher Schaum umgab ſeine Lippen, und er ſchüttelte den Kopf, ſeine Ohnmacht und ſeinen Schmerz bezeichnend. „Sprich doch,“ rief Catharina,„ſprich doch, und wäre es nur, um mir ein einziges Wort zu fagen.“ Maurevel deutete auf ſeine Wunde, ließ abermals unartikulirte Töne vernehmen, machte einen Verſuch, der nur auf ein rauhes Röcheln hinauslief, und ſank in Ohnmacht. Catharina ſchaute umher: ſie war nur von Leichen und Sterbenden umgeben; das Blut floß in Wellen durch das Zimmer und eine Todesſtille ſchwebte über dieſer ganzen Scene. Noch einmal richtete ſie das Wort an Maurevel, aber ohne ihn zu erwecken. Diesmal blieb er nicht nur ſtumm, ſondern unbeweglich; ein Papier ſah aus ſeinem Wamms hervor; es war der von dem König unterzeichnete 138 Verhaftsbefehl; Catharina nahm es und verbarg es in ihrem Buſen. In dieſem Augenblick hörte Catharina ein leichtes Geräuſch hinter ſich; ſie wandte ſich um und ſah an der Thüre den Herzog von Alencon ſtehen, der, unwill⸗ kührlich von dem Lärmen herbeigezogen, durch das Schauſpiel, das er vor Augen hatte, ganz geblendet war. „Ihr hier?“ ſagte ſie. „Ja, Madame. Mein Gott, was geht hier vor 3. fragte der Herzog von Alengon. „Kehrt in Euer Zimmer zurück, Franz, und Ihr werdet es frühe genug erfahren.“ Alencon war nicht ſo unbekannt mit dem Vorfalle, als Catharina vorausſetzte. Bei den erſten Schritten im Corridor hatte er gehorcht. Als er Männer bei dem König von Navarra eintreten ſah, errieth er, dieſen Um⸗ ſtand mit den Worten von Catharina zuſammenſtellend, was geſchehen ſollte, und freute ſich, einen ſo gefähr⸗ lichen Freund durch eine Hand zerſtört zu ſehen, welche mächtiger war, als die ſeinige. Bald erregten die Schüſſe, die raſchen Tritte eines Flüchtigen ſeine Aufmerkſamkeit, und er ſah in dem durch die Oeffnung der Treppenthüre erleuchteten Raume einen rothen Mantel verſchwinden, der ihm zu bekannt war, als daß er ihn nicht hätte erkennen ſollen. „Von Mouy!“ rief er,„von Mouy bei meinem Schwager von Navarra. Nein, das iſt unmöglich! Sollte es Herr de La Mole ſeyn?“ Die Unruhe überwältigte ihn. Er erinnerte ſich, daß der junge Mann ihm von Margarethe ſelbſt em⸗ pfohlen worden war, und ging in der Abſicht, ſich zu überzeugen, ob er es geweſen wäre, den er hatte vor⸗ übereilen ſehen, raſch in das Zimmer der zwei jungen Leute: es war leer. Aber in einem Winkel des Zimmers fand er den berühmten kirſchrothen Mantel aufgehängt. Seine Zweifel waren gelöſt: er hatte nicht La Mole, ſon⸗ dern von Mouy erblickt, es an ll⸗ ar. 2. hr le, im em m⸗ nd, hr⸗ che nes em me mt 139 Mit bleicher Stirne, zitternd, der Hugenott könnte entdeckt werden und die Geheimniſſe der Verſchwörung verrathen, ſtürzte er nach der Pforte des Louvre. Hier erfuhr er, daß der kirſchrothe Mantel wohl erhalten mit dem Ausrufe entkommen war, es werde für Rechnung des Königs gemordet. „Er hat ſich getäuſcht,“ murmelte Alengon.„Es geſchah für Rechnung der Königin Mutter.“ Und zu dem Schauplatze des Kampfes zurückkehrend, fand er Catharina, welche wie eine Hyäne unter den Todten umherirrte. Der junge Mann zog ſich auf den Befehl ſeiner Mutter, Ruhe und Gehorſam heuchelnd, zurück, ob⸗ gleich ſtürmiſche Gedanken ſeinen Geiſt bewegten. In Verzweiflung, daß ſie dieſen neuen Verſuch ge⸗ ſcheitert ſah, rief Catharina ihren Kapitän der Garden, ließ die Leichname wegbringen, hieß Maurevel, der nur verwundet war, in ſeine Wohnung ſchaffen, und befahl den König nicht zu wecken. „Oh!“ murmelte ſie, den Kopf auf die Bruſt ge⸗ ſenkt in ihre Gemächer zurückfehrend,„er iſt abermals entkommen. Die Hand Gottes beſchützt dieſen Menſchen. Er wird regieren! er wird regieren!“ Dann, als ſie die Thüre des Zimmers öffnete, fuhr ſie mit der Rechten über die Stirne und bildete ſich ihr gewöhnliches Lächeln. „Was iſt denn vorgefallen?“ fragten alle An⸗ weſenden, mit Ausnahme von Frau von Sauve, welche zu ſehr erſchrocken war, um eine Frage zu thun. „Nichts,“ antwortete Catharina,„nur ein Lärmen.“ „Oh!“ rief plötzlich Frau von Sauve, mit dem Finger auf den Gang der Königin deutend,„Eure Ma⸗ jeſtät läßt bei jedem Tritte eine Blutſpur auf dem Teppich zurück!“ 140 XIV. Die Nacht der Bönige. Karl[X. marſchirte indeſſen neben Heinrich auf deſſen Arm gelehnt; es folgten ihm ſeine vier Edel⸗ leute und zwei Fackelträger gingen vorans. „Verlaſſe ich den Louvre,“ ſagte der arme König, „ſo empfinde ich ein Vergnügen, dem ähnlich, wenn ich in einen ſchönen Wald trete: ich athme, ich lebe, ich bin frei.“ Lächelnd erwiederte Heinrich: „Eure Majeſtät würde ſich in meinen Gebirgen in Bearn wohl befinden.“ „Ja, ich begreife, daß Du Luſt haſt, dahin zurück⸗ zukehren; faßt Dich aber das Verlangen gar zu ſtark, Henriot, ſo nimm Deine Vorſichtsmaßregeln, das rathe ich Dir,“ fügte Karl lachend bei;„denn meine Mutter Catharina liebt Dich ſo fehr, daß ſie Deiner durchaus nicht entbehren kann.“ „Was wird Euere Majeſtät dieſen Abend thun?“ Heinrich, von dieſem gefährlichen Geſpräche ab⸗ enkend. „Ich will Dich eine Bekanntſchaft machen laſſen, Henriot; Du ſollſt mir Deine Meinung ſagen.“ „Ich ſtehe Euerer Majeſtät zu Befehl.“ „Rechts! rechts! wir gehen in die Rue des Barres.“ Die zwei Könige hatten in Begleitung ihrer Es⸗ corte die Rue de la Savonnerie durchſchritten, als ſie auf der Höhe des Hotel Condé zwei Männer in große Mäntel gehüllt aus einer Thüre herauskommen ſahen, welche einer derſelben geräuſchlos wieder verſchloß. „Oh! oh!“ ſagte der König zu Heinrich, der ſeiner Gewohnheit gemäß ebenfalls ſchaute, aber ohne etwas zu ſprechen;„das verdient Beachtung.“. „Warum ſagt Ihr das, Sire?“ fragte der König von Navarrg, wi uf el⸗ ig, ich ich 141 „Nicht Deinetwegen, Henriot, Du biſt Deiner Frau ſicher,“ erwiederte Karl;„aber Dein Vetter Condé iſt der ſeinigen nicht ſicher, oder wenn er es iſt, ſo hat er Unrecht, der Teufel ſoll mich holen!“ „Aber wer ſagt Euch, Sire, dieſe Herren haben Frau von Condé beſucht?“ „Eine Ahnung. die Unbeweglichkeit dieſer zwei Männer, die ſich an die Thüre anſchmiegen, ſeitdem ſie uns geſehen haben, und ſich nicht rühren; ſodann ein gewiſſer Mantelſchnitt des Kleineren von Beiden... Bei Gott! es wäre ſeltſam.“ „Was?“ „Nichts, es iſt mir nur ein Gedanke gekommen; vorwärts.“ Und er ging gerade auf die zwei Männer zu, die, als ſie ſahen, daß es wirklich auf ſie abgezielt war, einige Schritte machten, um ſich zu entfernen. „Holla! meine Herren,“ rief der König,„halt!“ „Spricht man mit uns?“ fragte eine Stimme, welche Karl und ſeinen Gefährten beben machte. „Nun, Henriot,“ ſagte Karl,„erkennſt Du eine von dieſen Stimmen?“ „Sire,“ antwortete Heinrich,„wenn Euer Bruder, der Herzog von Anjon, nicht bei La Rochelle wäre, ſo würde ich ſchwören, er hätte geſprochen.“ „Wohl, er iſt nicht bei La Rochelle; das iſt das Ganze.“ „Aber wer iſt bei ihm?“ „Du erkennſt ſeinen Gefährten nicht?“ „Nein, Sire.“ „Er hat doch eine Geſtalt, daß man ſich nicht leicht täuſchen kann. Warte, Du ſollſt ihn erkennen. He! holla!“ wiederholte der König,„habt Ihr nicht ge⸗ hört, Mord und Tod?“ „Seyd Ihr die Wache und wollt uns verhaften?“ ſagte der Größere von den zwei Männern, ſeinen Arm von den Falten des Mantels frei machend, 142 „Nehmt an, wir ſeyen die Wache,“ ſprach der König,„und bleibt ſtehen, wenn man es Cuch befiehlt.“ Dann neigte er ſich an das Ohr von Heinrich und flüſterte ihm zu: „Du ſollſt den Vulkan Flammen ſpeien ſehen.“ „Ihr ſeyd zu acht,“ ſprach der Größere von den zwei Männern, dießmal niht nur den Arm, ſondern auch ſein Geſicht zeigend,„aber wäret Ihr auch zu hundert.... gebt Raum und geht Eueres Wegs.“ „Ah! ah! der Herzog von Guiſe,“ ſagte Heinrich. „Ah! unſer Vetter von Lothringen,“ ſprach der König.„Ihr gebt Euch endlich zu erkennen; das iſt ein Glück!“ „Der König!“ rief der Herzog. Bei dieſen Worten begrub ſich die andere Perſon völlig in ihren Mantel und blieb unbeweglich, nachdem ſie zuvor aus Achtung den Kopf entblößt hatte. „Sire,“ ſprach der Herzog von Guiſe,„ich machte meiner Schwägerin, Frau von Condé, einen Beſuch. „Ja, und Ihr habt einen von Euern Edelleuten mitgenommen. Welchen?“ „Sire,“ antwortete der Herzog,„Euere Majeſtät kennt ihn nicht.“ „Dann wollen wir ſeine Bekanntſchaft machen,“ ſprach der König, ging gerade auf die andere Geſtalt zu, und hieß einen von den zwei Lackeien durch ein Zeichen näher kommen. „Um Vergebung, mein Bruder,“ ſprach der Herzog von Anjou, ſeinen Mantel auseinanderſchlagend und ſich mit ſchlecht verhehltem Aerger verbengend. „Ah! ah! Heinrich, Ihr ſeyd es!... Nein, es iſt nicht möglich, ich täuſche mich. Mein Bruder Anjou hätte Niemand beſucht, ohne zuvor bei mir geweſen zu ſeyn. Es iſt ihm nicht unbekannt, daß es für die Prin⸗ zen von Geblüt, welche in die Hauptſtadt zurückkehren, nur ein Thor in Paris giebt: das iſt die Pforte des Louvre.“ —— der t.“ nd en ern zu der on em en ät 7. zu, en 08 ich iſt ou zu n⸗ n, es 143 „Verzeiht, Sire,“ ſagte der Herzog von Anjou;„ich bitte Euere Majeſtät, eine Unachtſamkeit zu entſchuldigen.“ „Von Herzen gern,“ antwortete der König mit ſpöttiſchem Tone;„aber was machtet Ihr denn in dem Hotel Condé, mein Bruder?“ „Ei, mein Gott,“ verſetzte der Könia von Navarra, mit ſeiner verſchmitzten Miene,„was Euere Majeſtät ſo eben ſagte.“ Und er flüſterte dem König etwas in das Ohr und ſchloß ſeine Rede mit einem ſchallenden Gelächter. „Was iſt denn das?“ fragte hochmüthig der Herzog von Guiſe; denn wie Jedermann am Hofe hatte er die Gewohnheit angenommen, den König von Navarra auf eine grobe Weiſe zu behandeln.„Warum ſollte ich meine Schwägerin nicht beſuchen? Beſucht der Herzog von Alengon nicht auch die ſeinige?“ Heinrich erröthete leicht. „Welche Schwägerin?“ fragte Karl.„Ich kenne keine andere Schwägerin von ihm, als Eliſabeth.“ „Um Vergebung, Sire, ich hätte ſagen ſollen, ſeine Schweſter Margarethe, welche wir vor einer hal⸗ ben Stunde in einer Sänſte, begleitet von zwei Stutzern, von denen jeder an einem Schlage trabte, vorüberkom⸗ men ſahen.“ —„Wirklich!“ ſagte Karl.„Was erwiedert Ihr hierauf?“ „Daß es der Königin von Navarra frei ſtehe, zu gehen, wohin ſie wolle; ich bezweifle jedoch, ob ſie den Lonvre verlaſſen habe.“ „Und ich weiß es gewiß,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Und ich auch,“ verſetzte der Herzog von Anjou, „und zum Beweiſe bemerke ich, daß ſie in der Rue⸗Cloche⸗ Percée angehalten hat.“ „Euere Schwägerin, nicht dieſe,“ ſagte Heinrich auf das Hotel Condé deutend,„ſondern jene da unten,“ und er gab ſeinem Finger die Richtung nach dem Hotel Guiſe,„muß auch von der Partie ſeyn, denn wir haben 144 ſie beiſammen verlaſſen, und ſie ſind, wie Ihr wißt, un⸗ zertrennlich.“ „Ich verſtehe nicht, was Euere Majeſtät damit ſa⸗ gen will,“ erwiederte der Herzog von Guiſe. „Im Gegentheil, nichts iſt klarer,“ ſprach der Kö⸗ nig,„und darum iſt an jedem Schlage ein Stutzer ge⸗ laufen.“. „Wohl!“ verſetzte der Herzog,„wenn von Seiten der Königin und von Seiten meiner Schwägerinnen Scandal ſtattſindet, ſo wollen wir die Gerechtigkeit des Königs anrufen, um der Sache ein Ende zu machen.“ „Ah! bei Gott,“ rief Heinrich,„laßt die Damen von Condé und Nevers. Der König kümmert ſich nicht ſeine Schweſter, und ich habe Vertrauen zu meiner rau.“ „Nein, nein,“ ſprach Karl,„ich will mit der Sache im Reinen ſeyn, wir werden unſere Angelegenheiten aber ſelbſt abmachen. Die Sänfte hat in der Rue Cloche⸗ Pereée angehalten, ſagt Ihr, Vetter?“ „Ja, Sire.“ „Würdet Ihr die Stelle wohl wieder erkennen?“ „Ja, Sire.“ „Guts gehen wir dahin, und muß man das Haus abbrennen, um zu erfahren, wer da iſt, ſo brennt man es ab.“ Mit dieſer für die Sicherheit derjenigen, von wel⸗ chen die Rede war, nicht ſehr beruhigenden Stimmung ſchlugen die vier vornehmſten Herren der chriſtlichen Welt den Weg nach der Rue Saint⸗Antvine ein. Die vier Prinzen gelangten in die Rue Chche⸗Per⸗ cbe; Karl, der ſeine Angelegenheiten in dek Familie abmachen wollte, entließ die Edelleute ſeines Gefolges mit der Bemerkung, ſie könnten über den Reſt ihrer Nacht verfügen, ſollten ſich jedoch gegen ſechs Uhr Mor⸗ gens bei der Baſtille mit zwei Pferden bereit halten. Es waren nur drei Häuſer in der Rue Cloche⸗Per⸗ e6e; die Nachforſchung wurde um ſo weniger ſchwierig als un⸗ t ſa⸗ Kö⸗ r ge⸗ eiten nnen des n imen nicht einer ache aber oche⸗ 2“ aus man wel⸗ mung Welt Per⸗ nilie ges hrer Nor⸗ 1. Per⸗ erig, 14⁵5 als bei zwei derſelben ſich durchaus nicht zu öffnen weigerten: es waren diejenigen, von welchen das eine an die Nue Saint⸗Antoine, das andere an die Rue du Roi de Sicile ſtieß. Bei dem dritten verhielt es ſich anders; dieſes wurde von dem deutſchen Portier bewacht, und der deut⸗. ſche Portier war nichts weniger als ſchmiegſam. Paris ſchien beſtimmt, in dieſer Nacht das merkwürdigſte Bei⸗ ſpiel häuslicher Treue zu bieten. Herr von Guiſe mochte immerhin in dem reinſten Sächſiſch drohen, Heinrich von Anjou mochte immerhin eine Börſe voll Gold bieten, Karl mochte immerhin er⸗ hlären, er wäre der Lieutenant von der Wache, der brave Deutſche nahm weder auf die Erklärung, noch auf das Anerbieten, noch auf die Drohungen Rückſicht. Als er ſah, daß man auf eine läſtig werdende Weiſe auf ſeinem Willen einzudringen beharrte, ſchob er zwiſchen die eiſer⸗ nen Stangen das Ende einer gewiſſen Büchſe, eine Kundgebung, worüber drei von den vier Herren lachten, —heinrich hielt ſich nämlich zurück, als ob die Sache ganz ohne Intereſſe für ihn wäre,— weil das Gewehr, da es nicht ſchräg durch die Stangen dringen konnte, kaum für einen Blinden gefährlich geweſen wäre, der ſich vor dasſelbe geſtellt hätte. Als der Herzog von Guiſe ſah, daß man den Por⸗ tier weder einſchüchtern, noch beſtechen, noch überreden konnte, ſtellte er ſich, als ginge er mit ſeinen Gefähr⸗ ten weg; aber der Rückzug war nicht lange. An der Ecke der Rue Saint⸗Antoine fand der Herzog, was er ſuchte: einen von den Steinen, wie ihn dreitau⸗ ſend Jahre vorher Ajar Telamonios und Diomedes hand⸗ habten; er lud ihn auf die Schulter und kehrte, ſeinen Gefährten mit einem Zeichen bedeutend, ſie mögen ihm folgen, zurück. Gerade in dieſem Augenblick ſchloß der Portier, als er diejenigen, welche er für Böſewichte hielt, ſich hatte entfernen ſehen, die Thüre wieder, ohne daß Königin Margot. I. 10 146 er noch Zeit gehabt hatte, die Riegel vorzuſtoßen. Der nig Herzog benützte dieſen Augenblick, und ſchlenderte, eine che wahre lebendige Katapulta, den Stein gegen die Thüre. Gr Das Schloß flog auf und riß den Theil der Mauer, in lic welchem es befeſtigt war, mit ſich. Die Thüre öffnete Kö ſich, den Deutſchen umwerfend, der während ſeines Falles durch einen furchtbaren Schrei die Garniſon aufmerkſam ſta machte, welche ohne dieſen Schrei ertappt zu werden Gefahr lief. Gerade in dieſem Augenblick überſetzte La Mole mit Margarethe eine Idylle von Theokrit, während Cocon⸗ nas unter dem Vorwande, er wäre auch ein Grieche, der viel Syracuſer mit Henriette trank. Die wiſſenſchaft⸗ liche Unterhaltung und die bacchiſche Unterhaltung wur⸗ den gewaltſam unterbrochen. Die Kerzen auslöſchen, die Fenſter öffnen, auf den ihn Balcon ſtürzen, vier Männer jn der Dunkelheit unter⸗ Ha ſcheiden, ihnen alles Wurfgeſchoß, das ſie in die Hände Th bekamen, auf den Kopf ſchleudern und einen furchtbaren Au Lärmen mit Schwertſtreichen machen, welche nur die Mauer trafen, das war das Mittel, zu welchem Cocon⸗ erg nas und Mole unverzüglich griffen. Karl, der Wüthendſte von den Angreifenden, bekam eine ſilberne Waſſerkanne Ge auf die Schulter, der Herzog von Anjon ein Becken voll von einer Compote von Orangen und Cedra, und der Herzog vor von Guiſe eine Wildſchweinskeule. Heinrich bekam nichts. Er befragte ganz leiſe den Portier, den der Herzog von der Guiſe an die Thüre gebunden hatte, und der ihm mit vor ſeinem ewigen:„Ich verſtehe nicht“ antwortete. Die Frauen ermuthigten die Belagerten und gaben net ihnen Wurfgeſchoſſe, welche wie Hagel herabfielen. „Mord und Teufel!“ rief Karl IX., als er ein Ta⸗ Ha bouret auf den Kopf bekam, das ihm den Hut bis auf die Nafe eindrückte,„man öffne ſogleich, oder ich laſſe St Alles da oben hängen.“ der „Mein Bruder!“ ſagte Margarethe leiſe zu La Mole. „Der König!“ flüſterte dieſer Henriette zu.„Der Kö⸗ Der eine hüre. r, in ffnete Falles kſam erden mit ocon⸗ ieche, chaft⸗ wur⸗ f den inter⸗ Hände baren r die ocon⸗ endſte kanne ll von erzog ichts on n mit gaben Ta⸗ s auf laſſe — Mole. ⸗ 147 nig! der König!“ ſprach die Letztere zu Coconnas, wel⸗ cher eine Kiſte an das Fenſter zog und dem Herzog von Guiſe, mit dem er es, ohne ihn zu kennen, hauptſäch⸗ lich zu thun hatte, ein Ende machen wollte.„Der König, ſage ich Euch.“ Coconnas ließ die Kiſte los und ſchaute ganz er⸗ ſtaunt umher. „Der König?“ fragte er. „Ja, der König.“ „Dann raſch abgezogen!“ „La Mole und Margarethe haben ſich ſchon aus dem Staube gemacht; kommt.“ „Wo hinaus?“ „Kommt, ſage ich Euch.“ Und Henriette nahm Coconnas bei der Hand, zog ihn durch die geheime Thüre, welche in das anſtoßende Haus führte, und alle Vier flohen, nachdem ſie die Thüre wieder hinter ſich verſchloſſen hatten, durch den Ausgang nach der Rue Tizon. „Oh! oh!“ ſprach Karl,„ich glaube die Garniſon ergiebt ſich.“ Die Fürſten warteten einige Minuten, aber kein Geräuſch gelangte mehr zu den Belagerern. „Man bereitet irgend eine Liſt,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Oder man hat vielmehr die Stimme meines Bru⸗ ders erkannt und giebt Ferſengeld,“ verſetzte der Herzog von Anjou. „Aber man muß doch hier herauskommen,“ entgeg⸗ nete Karl. „Ja,“ ſagte der Herzog von Anjou,„wenn das Haus keine zwei Ausgänge hat.“ „Vetter,“ ſprach der König,„nehmt wieder Euren Stein und macht es mit der zweiten Thüre, wie mit der erſten.“ Der Herzog dachte, es wäre unnöthig, zu ſolchen * 0 Mitteln ſeine Zuflucht zu nehmen; er hatte bemerkt, daß die zweite Thüre weniger ſtark war, als die erſte, und trat ſie mit einem einzigen Fußſtoße ein. „Fackeln! Fackeln!“ rief der König. Die Lackeien näherten ſich; die Fackeln waren erlo⸗ ſchen, aber ſie hatten bei ſich, was man bedurfte, um ſie wieder anzuzünden. Man that dieß. Karl nahm die eine und gab die andere dem Herzog von Anjou. Der Herzog von Guiſe marſchirte mit dem Degen in der Hand voraus. Heinrich ſchloß den Zug. Man gelangte in den erſten Stock. In dem Speiſeſnale war das Abendbrod aufgetragen oder vielmehr abgetragen, denn das Abendbrod hatte hauptſächlich die Wurfgeſchoſſe geliefert. Die Candelaber waren umgeworfen, das Geräthe lag unter einander, und Alles war zerbrochen, mit Ausnahme des Silber⸗ geſchirrs. Man ging in den Salvn. Hier fand man eben ſo wenig Aufklärung über die Identität der Perſonen, als im er⸗ ſten Zimmer. Man ſah nichts als griechiſche und latei⸗ niſche Bücher und einige muſikaliſche Inſtrumente. Das Schlafgemach war noch ſtummer. Eine Nachtlampe brannte in einer alabaſternen, an der Decke aufgehängten, Kugel, aber man ſchien nicht einmal in dieſes Zimmer gekommen zu ſein. „Es giebt wohl noch einen zweiten Ausgang,“ ſagte der König. 6„Das iſt wahrſcheinlich,“ verſetzte der Herzog von uiſe. Man ſuchte überall, und fand nichts. „Wo iſt der Portier? 7“ fragte der König. „Ich habe ihn an das Gitter gebunden,“ ni der Herzog von Guiſe. „Befragt ihn, Vetter.“ „Aber wo iſt er?“ ſprach der Herzog von Anjon 3 ſein wol Her nich nich Her uns laſſ die bei unte ſchu wiſe fett zu ſagt Her von lieb Rich 149 merkt,„Er wird nicht antworten wollen.“ erſte,„Babl man macht ein kleines, langſames Feuer um ſeine Beine,“ ſagte der König lochend„und er wird. wohl ſprechen müſſen.“ erlo⸗ Heinrich ſchaute raſch durch das Fenſter. „um„Er iſt nicht mehr da,“ ſagte er. „Wer hat ihn losgebunden?“ fragte lebhaft der b die Berzog von Guiſe. „Mord und Teufel!“ rief der König,„wir werden degen nichts erfahren.“ „In der That, Sire,“ ſagte Heinrich,„Ihr ſeht, nichts beweiſt, daß meine Frau und die Schwägerin von Herrn von Guiſe in dieſem Hauſe geweſen ſind.“ ragen„Es iſt wahr,“ ſprach Karl.„Die Schrift lehrt hatte uns: es gibt drei Dinge, welche keine Spur hinter ſich elaber laſſen: der Vogel in der Luft, der Fiſch im Waſſer und ander, die Frau...., nein, ich täuſche mich, der Mann ilber⸗ i „Alſo iſt das Beſte, was wir thun können 4 wenig unterbrach ihn Heinrich. m er⸗„Ja,“ erwiederte Karl,„daß ich für meine Quet⸗ latei⸗ ſchung Sorge trage, daß Ihr Euren Drangenſirup ab⸗ wiſcht, Anjon, und daß Ihr die Flecken von dem Schweins⸗ Eine fett tilgt, Guiſe.“ Decke Und hienach entfernten ſie ſich, ohne ſich die Mühe al in zu nehmen, die Thüre wieder zu ſchließen. Als ſie in der Rue Saint Antoine anlangten, ſagte ſagte der König zu dem Herzog von Anjou und dem Herzog von Guiſe: en„Wohin geht Ihr, meine Herren?“ „Sire, wir gehen zu Rantouiliet, der meinen Vetter u. von Lothringen und mich beim Abendbrod erwartet: be⸗ liebt Euerer Majeſtät, mit uns zu kommen?“ 3„Nein, ich danke, wir gehen in entgegengeſetzter ederte Richtung. Wollt Ihr einen von meinen Fackelträgern?“ „Ich danke, Sire,“ etwiederte raſch der Herzog von Anjou. 150 „Gut; er befürchtet, ich könnte ihn beſpähen laſſen“ flüſterte Karl dem König von Navarra in das Ohr. Dann nahm er den Letzteren unter den Arm und agte: 6„Komm Henriot, ich gebe Dir heute Abendbrod.“ „Wir kehren alſo nicht in den Louvre zurück?“ fragte Heinrich. „Nein, ſage ich Dir, dreifacher Starrkopf, komm mit mir, da ich Dir ſage, Du ſollſt kommen.“ Und er zog Heinrich durch die Rue Geoffroy⸗Las⸗ nier fort. XV. Snagramm. Mitten in der Rue Geéoffroy⸗Lasnier mündete die Rue Garnier⸗ſur⸗'Eau aus, und am Ende der Nue Garnier⸗ſur l'Cau erſtreckte ſich rechts und links die Rue des Barres. Hier, wenn man einige Schritte gegen die Rue de la Mortellerie machte, erhob ſich ein kleines vereinzeltes Haus mitten in einem von hohen Mauern umſchloſſenen Garten mit einer einzigen Thüre. Karl zog einen Schluſſel aus der Taſche, öffnete die Thüre, welche ſogleich nachgab, ließ Heinrich und den Lackeien, der die Fackel trug, vorausgehen und ſchloß die Thüre wieder hinter ſich. Ein kleines Fenſter war allein erleuchtet. Karl deutete, Heinrich zulächelnd, mit dem Finger darauf. „Sire, ich verſtehe nicht,“ ſagte dieſer. „Du wirſt verſtehen, Henriot.“ Der König von Navarra ſchaute Karl erſtaunt an; ſeine Stimme, ſein Geſicht hatten einen Ausdruck von Sanftmuth angenommen, der von dem gewöhnlichen Cha⸗ rak rick Dir we mie Rei ein n“ nd te m 6⸗ die ne ue tes len ete ind loß arl n; on ⸗ 151 rakter ſeiner Phyſiognomie ſo ferne war, daß ihn Hein⸗ rich nicht mehr erkannte. „Henriot,“ ſprach der König zu ihm,„ich ſagte Dir, als ich den Louvre verließ, ich verlaſſe die Hölle; wenn ich hier eintrete, trete ich in das Paradies ein.“ „Sire,“ verſetzte Heinrich,„ich bin glücklich, daß mich Eure Majeſtät würdig gefunden hat, mich die Reiſe nach dem Himmel mitmachen zu laſſen.“ „Der Weg iſt ſchmal,“ ſagte der König, ſich nach einer kleinen Treppe wendend,„aber dieß iſt nur der Fall, damit nichts bei der Vergleichung fehlt.“ „Und wer iſt der Engel, der den Eingang Eures Edens bewacht, Sire?“ „Du ſollſt es ſehen,“ erwiederte Karl 1X. Und er bedentete Heinrich durch ein Zeichen, er möge ihm nachfolgen, ſtieß eine erſte Thüre auf, ſodann eine zweite und blieb auf der Schwelle ſtehen. „Schaue,“ ſagte er. 8 Heinrich näherte ſich und verharrte das Auge auf eines der reizendſten Gemälde geheftet, die er je geſehen hatte. Es war eine ſchlafende Frau von achtzehn bis neun⸗ zehn Jahren, deren Kopf unten auf dem Bette eines ent⸗ ſchlummerten Kindes ruhte, deſſen zwei Füßchen ſie mit ihren Händen an die Lippen hielt, während ihre langen blonden Haare wie eine Goldwoge über ihre Schultern herabfielen. Man hätte glauben ſollen, es wäre ein Ge⸗ mälde von Albano, die Jungfrau und das Jeſuskind dar⸗ ſtellend. 3 „Oh! Sire,“ ſagte der König von Navarra,„wer iſt dieſes reizende Geſchöpf?“ „Der Engel meines Paradieſes, das einzige Weſen, das mich meinetwegen liebt.“ Heinrich lächelte. „Ja, meinetwegen,“ ſprach Karl,„denn ſie liebte mich, ehe ſie wußte, daß ich König bin.“ „Und ſeitdem ſie es weiß?“ 152 „Nun, ſeitdem ſie es weiß,“ erwiederte Karl mit ei⸗ nem Seufzer, welcher bewies, daß ihm dieſes blutige Kö⸗ nigthum oft ſehr drückend war,„ſeitdem ſie es weiß, liebt ſie mich immer noch;. urtheile alſo.“ 2 Der König näherte ſich ganz ſachte und hauchte auf die blühende Wange der jungen Frau einen Kuß ſo leicht, wie die Biene auf eine Lilie. Und dennoch erwachte die junge Frau. „Karl.“ murmelte ſie, die Augen öffnend. „Du ſiehſt,“ ſprach der König,„ſie nennt mich Karl; die Königin ſagt: Sire.“ „Oh!“ rief die junge Frau,„Ihr ſeyd nicht allein, mein König!“ „Nein, meine gute Marie. Ich wollte Dir einen andern König mitbringen, der glücklicher iſt, als ich, denn er hat feine Krone; unglücklicher als ich, denn er beſitzt feine Marie Touchet. Gott gleicht Alles aus.“ „Sire, es iſt der König von Navarra?“ fragte Marie. „Er ſelbſt, mein Kind. Komm' näher Henriot.“ Der König von Navarra näherte ſich, Karl nahm ſeine rechte Hand. „Schau' dieſe Hand an, Marie, es iſt die Hand ei⸗ nes guten Schwagers und redlichen Freundes. Ohne dieſe Hand, ſiehſt Du... „Nun, Sire?“ „Nun, ohne dieſe Hand, Marie, hätte unſer Kind heute keinen Vater mehr.“ Marie ſtieß einen Schrei aus, fiel auf die Kniee, er⸗ griff die Hand von Heinrich und küßte ſie. „Gut! Marie, gut!“ ſagte Karl. „Und was habt Ihr gethan, um ihm zu danken, Sire?“ „Ich habe Gleiches mit Gleichem vergolten.“ Heinrich ſchaute Karl erſtaunt an. „Du wirſt eines Tages erfahren, was ich damit ſagen will. Mittlerweile komm und ſieh.“ no ſch B vi mi be gu na gic w bek tin Lu ei⸗ Kö⸗ ebt auf ſo r; in, nen nn itz rie. hm ei⸗ hne ind er⸗ en, nit 153 Und er näherte ſich dem Bette, wo das Kind immer noch ſchlief. „Ei!“ ſagte er,„wenn dieſer dicke Junge im Louvre ſchliefe, ſtatt hier in dem kleinen Hauſe der Rue des Barres, das würde viele Dinge in der Gegenwart und vielleicht auch in der Zukunft ändern*).“ „Sire,“ ſprach Marie,„Eure Majeſtät verzeihe mir, es iſt mir lieber, wenn es hier ſchläft, es ſchläft beſſer.“ „Stören wir alſo ſeinen Schlummer nicht, es iſt ſo gut, zu ſchlafen, wenn man nicht träumt.“ „Wohl, Sire,“ ſprach Marie, und ſtreckte die Hand nach einer von den Thüren aus, welche nach dieſem Zimmer giengen. ke Du haſt Recht, Marie,“ ſagte Karl IX.,„wir wollen zu Nacht ſpeiſen.“ „Mein vielgeliebter Karl,“ verſetzte Marie,„nicht wahr, Ihr entſchuldigt mich bei dem König, Euerem Schwager?“ „Worüber?“ „Daß ich unſere Diener weggeſchickt habe, Sire,“ fuhr Marie, ſich an den König von Navarra wendend, fort.„Ihr werdet erfahren, daß Kapl nur von mir be⸗ dient ſeyn will.“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! ich glaube es wohl,“ ſagte Heinrich. Die zwei Männer gingen in das Speiſezimmer, während die Mutter, unruhig und ſorgſam, mit einem warmen Stoffe den kleinen Heinrich bedeckte, der mit dem guten Schlafe des Kindes, um welchen ihn ſein Vater be⸗ neidete, nicht erwacht war. Marie kam wieder zu ihnen. *) Dieſes natürliche Kind, das niemand Anderes war, als der bekannte Herzog von Angouléme, geſt. 1650, hätte, wenn es legi⸗ tim geweſen wäre, Heinrich lil., Heinrich 1W., Ludwig Klll. und Ludwig XV. ausgeſchloſſen. 154- „Es ſind nur zwei Gedecke!“ ſagte der König. „Erlaubt, daß ich Eure Majeſtät bediene„ ſprach Marie. „Sieh, Du bringſt mir Unglück, Seinrich verſetzte der König. „Wie, Sire?“ „Hörſt Du nicht?“ „Verzeihung. Karl, Verzeihung.“ „Ich verzeihe Dir, Marie. Setze Dich hieher neben mich, zwiſchen uns Beide.“ „Ich gehorche,“ ſagte Marie. Sie brachte ein Gedeck, ſetzte ſich zwiſchen die zwei Könige und bediente ſie. „Nicht wahr, es iſt gut⸗ Henriot“ ſprach Karl,, wenn man in der Welt einen Ort hat, wo man zu eſſen und zu trinken wagt, ohne daß man vorher einen Andern ſeinen Wein und ſeine Speiſen koſten laſſen muß?“ „Sire,“ erwiederte Heinrich,„glaubt mir, daß ich Euer Glück mehr als irgend Jemand zu ſchätzen weiß. 3 „Sage ihr auch, Henriot, daß ſie ſich, damit wir ſo glücklich tſiben. nicht in die Politik miſchen, nicht nach Hofe kommen ſoll; vor Allem darf ſie meine Mutte nicht kennen lernen.“ „Die Königin Catharina liebt Euere Majeſtät in der That ſo leidenſchaftlich, daß ſie auf jede andere Liebe eiferſüchtig werden könnte,antwortete Heinrich, der durch ein Ausweichen der gefährlichen Vertraulichkeit des Königs entgehen wollte. „Marie,“ ſagte der König,„ich ſtelle Dir einen der feinſten und geiſtreichſten Menſchen, die ich kenne, vvr. Bei Hofe, und das will nicht wenig ſagen, hat er Jeder⸗ mann hinter das Licht geführt; ich allein habe vielleicht hell geſehen: ich behaupte nicht in ſeinem Herzen, ſondern in ſeinem Geiſte.“ „Sire,“ verſetzte Heinrich,„es kränkt mich, daß Ihr das Eine übertreibend am Andern zweifelt.“ „Ich übertreibe gu. Henriot. Er macht beſon⸗ e es ſie Se Ne un D en un nd rn ch ſo ch er be in 8 er r. r⸗ ht en 155 ders vortreffliche Anagramme. Sage ihm, er möge eines aus Deinem Namen machen, und ich ſtehe dafür, er thut es.“ „Oh! was ſoll man in dem Namen eines armen Mädchens, wie ich bin finden? Was für ein anmuthiger Gedanke ſoll aus dem Namen Marie Touchet hervorgehen?“ „Das iſt zu leicht,“ ſprach Heinrich,„und ich rechne es mir nicht zu einem großen Verdienſte an, es zu finden?“ „Oh! es iſt bereits gemacht,“ ſprach Karl,„Du ſſtt Heinrich zog aus der Taſche ſeines Wamnſes ſeine Schreibtafel hervor, riß ein Blatt heraus, ſchrieb den Namen: MARIE TOUCHET, und darunter: JE CHARME TOUT.*) Dann gab er das Blatt der jungen Frau. „In der That,“ rief ſie,„das iſt unglaublich.“ „Was hat er gefunden?“ fragte Karl. „Sire, ich wage nicht, es zu wiederholen“ „Sire,“ ſprach Heinrich,„in dem Namen Marte Pouchet findet ſich Buchſtabe für Buchſtabe, wenn man aus dem hein macht, wie dies üblich iſt: Je charme tout.“ „In der That,“ rief Karl,„Buchſtabe für Buchſtabe. Dies ſoll Dein Wahlſpruch ſeyn, hörſt Du, Marie? Nie war ein Wahlſpruch beſſer verdient. Ich danke Dir, Heinrich. Marie, ich gebe ihn Dir in Diamanten ge⸗ ſchrieben.“ 6 Das Abendbrod endigte ſich; es ſchlug zwei Uhr auf Notre⸗Dame. „Zum Lohne für ſein Compliment,“ ſagte Karl,„gieb ihm nun einen Lehnſtuhl, Marie in welchem er bis zum Morgen ſchlafen kann; jedoch ſehr ferne von uns, denn er ſchnarcht, daß man bange bekommt. Erwachſt Du vor mir, ſo *) Ich bezaubere Alles. wecke mich, denn wir müſſen um ſechs Uhr an der Baſtille ſeyn. Gute Nacht, Heinrich. Mache es Dir ſo bequem, als Du kannſt. Aber,“ fügte er bei, indem er ſich dem König von Navarra näherte und ihm die Hand auf die Schulter legte,„bei Deinem Leben, hörſt Du wohl, Heinrich, bei Deinem Leben, gehe nicht ohne mich von hier fort.“ Heinrich hatte in dem, was er nicht völlig begriffen, wenigſtens zu viel geargwohnt, um den Worten des Kö⸗ nigs nicht zu gehorchen. Karl IX. ging in ſein Zimmer, und Heinrich, der harte Gebirgsmann, machte es ſich in ſeinem Lehnſtuhle bequem, wo er bald die Vorſichtsmaßregel ſeines Schwa⸗ gers, ihn weit von ſich zu entfernen, rechtfertigte. Am andern Morgen wurde er mit Tagesanbruch von Karl geweckt. Da er völlig angekleidet geblieben war, ſo brauchte er nicht lange Zeit zu ſeiner Toilette. Der König war glücklich und heiter, wie man ihn nie im Louvre ſah. Die Stunden, die er in dieſem kleinen Hauſe zubrachte, waren ſeine Sonnenſtunden. Beide gingen durch das Schlafzimmer zurück. Die junge Frau ſchlief in ihrem Bette, das Kind ſchlief in ſeiner Wiege. Beide lächelten im Schlafe. Karl ſchaute ſie einen Augenblick mit unausſprech⸗ licher Zärtlichkeit an. Dann wandte er ſich gegen den König von Navarra um und ſagte: „Henriot, ſollteſt Du je erfahren, welchen Dienſt ich Dir dieſe Nacht geleiſtet habe, und ſollte mir je Un⸗ glück begegnen, ſo erinnere Dich dieſes Kindes, das hier in ſeiner Wiege ruht.“ Dann küßte er Beide auf die Stirne, ohne Heinrich Zeit zu einer Frage zu laſſen, flüſterte:„Auf Wieder⸗ ſehen, mein Engel,“ und entfernte ſich. Heinrich folgte ihm nachdenkend. Pferde, von Edelleuten gehalten, welche Karl IK. zu dieſem Behufe beſchieden hatte, erwarteten ſie an der Baſtille. Karl hieß Heinrich durch ein Zeichen aufſtei⸗ gen, ſchwang ſich ſelbſt in den Sattel, ritt durch den „ n. Du on ter bei en, er le a ſch en te. tie Nie in en nſt 157 Jardin de lArbalète hinaus und folgte den äußeren Boulevards. „Wohin gehen wir?“ fragte Heinrich. „Wir wollen ſehen, ob der Herzog von Anjou nur wegen Frau von Condé allein zurückgekehrt iſt,“ erwie⸗ derte Karl,„und ob in dieſem Herzen eben ſo viel Ehr⸗ geiz als Liebe liegt.“ Heinrich begriff dieſe Erklärung nicht und folgte Karl, ohne etwas zu ſagen. Als man zu den Marais gelangte und von den Paliſſaden beſchützt Alles das erblickte, was man damals die Faubourgs Saint⸗Laurent nannte, zeigte Karl dem König von Navarra durch den gräulichen Morgennebel Männer in große Mäntel gehüllt und Pelzmützen auf dem Kopfe, welche vor einem ſchwer beladenen Fourgon ritten. Dieſe Männer nahmen vorrückend immer mehr. eine genaue Form an, und man konnte, zu Pferde wie ſie und mit den Vornehmſten von ihnen plaudernd, einen andern Mann in einem langen braunen Mantel und die Stirne von einem Hute nach franzöſiſcher Mode beſchattet ſehen. „Ah! ah!“ ſprach Karl,„ich vermuthete es.“ „Ei, Sire,“ verſetzte Heinrich,„wenn ich mich nicht täuſche, iſt der Reiter im braunen Mantel der Herzog von Anjou.“ „Er ſelbſt,“ erwiederte Karl IX.„Reite ein wenig auf die Seite, Heinrich, damit er uns nicht gewahr wird.“ „Aber wer ſind die Männer in den grünlichen Män⸗ teln und mit den Pelzmützen? Und was iſt in jenem Wagen?“ fragte Heinrich. „Dieſe Männer“ antwortete Karl,„ſind die polni⸗ ſchen Geſandten, und in jenem Wagen iſt eine Krone. Und nun komm', Henriot,“ fügte er, ſein Pferd in Ga⸗ lopp ſetzend und den Weg nach der Porte du Temple einſchlagend, bei,„komm', ich habe Alles geſehen, was ich ſehen wollte. XVI. Die Rückkehr in den Louvre. Wachen weggetragen, Maurevel nach Hauſe gebracht und die Teppiche abgewaſchen, entließ ſie ihre Frauen, denn es war um die Mitternachtsſtunde, und ſie gedachte zu ſchlafen. Aber die Erſchütterung war zu heftig und die Täuſchung zu ſtark geweſen. Dieſer verwünſchte Hein⸗ rich ſchien beſtändig Hinterhalten, gewöhnlich von mör⸗ deriſcher Natur, entgehend, durch irgend eine unſichtbare Macht beſchützt zu werden, welche Catharina hartnäckig den Zufall nannte, obgleich ihr eine Stimme im Grunde ihres Herzens ſagte, der wahre Name dieſer Macht wäre das Geſchick. Der Gedanke, daß das Gerücht von die⸗ ſem neuen Verſuche, im Louvre und außerhalb desſelben ſich verbreitend, Heinrich und den Hugenotten noch ein größeres Vertrauen zu der Zukunft verleihen würde, brachte ſie außer ſich und hätte ihr in dieſem Augenblick der Zufall, gegen den ſie kämpfte, unglücklicher Weiſe ihren Feind in die Hände geliefert, ſie würde mit dem kleinen florentiniſchen Dolche, den ſie in ihrem Gürtel trug⸗ die dem König von Navarra ſo günſtige Beſtimmung des Schickſals vereitelt haben. Die Stunden der Nacht, dieſe für den Wartenden und Wachenden ſo langſamen Stunden, ſchlugen eine nach der andern, ohne daß Catharina das Auge zu ſchließen vermochte. Endlich bei Tagesanbruch ſtand ſie auf, kleidete ſich ganz allein an und ging nach den Ge⸗ mächern von Karl IX. Die Garden, welche ſie zu jeder Stunde des Tages und der Nacht zu dem König kommen ſahen, ließen ſie Als Catharina glaubte, Alles wäre in der Wohnung des Königs von Navarra vorbei, man hätte die todten me dr tet rei rin ein nes rül ſeit ich iſt an wo ſeit zur Ka vorbei. Sie durchſchritt das Vorzimmer und gelangte nung odten und denn te zu d die Hein⸗ mör⸗ tbare äckig unde wäre die⸗ elben hein ürde, nblick Weiſe dem trug⸗ des enden eine e d ſie ages n ſie ngte Ge⸗ 159 in das Waffencabinet. Hier aber fand ſie die Amme des Königs, welche wachte. „Mein Sohn?“ fragte die Königin. „Madame, er hat verboten, vor acht in ſein Zim⸗ mer einzutreten, und es iſt noch nicht acht Uhr.“ „Dieſes Verbot iſt nicht für mich, Amme.“ „Es iſt für Jedermann, Madame.“ Catharina lächelte. „Ja, ich weiß wohl,“ verſetzte die Amme,„ich weiß, daß Niemand hier berechtigt iſt, Euerer Majeſtät ein Hinderniß entgegenzuſtellen; ich flehe alſo, die Bitte einer armen Frau zu hören und nicht weiter zu gehen.“ „Amme, ich muß meinen Sohn ſprechen.“ „Madame, ich werde die Thüre nur auf einen aus⸗ drücklichen Befehl Euerer Majeſtät öffnen.“ „Oeffnet, Amme,“ ſprach Catharina,„ich will es.“ Bei dieſer Stimme, welche im Louvre mehr geach⸗ tet und beſonders mehr gefürchtet war, als die von Karl, reichte die Amme Catharina den Schlüſſel, aber Catha⸗ rina bedurfte deſſen nicht. Sie zog aus ihrer Taſche einen Schlüſſel, mit dem ſie raſch die Thüre ihres Soh⸗ nes öffnete. 5 Das Zimmer war leer, das Lager von Karl unbe⸗ rührt, und ſeine zwei Windhunde, welche auf dem vor ſeinem Bette ausgebreiteten Bärenfelle lagen, erhoben ſich und leckten die elfenbeinenen Hände von Catharina. „Ah!“ ſprach die Königin die Stirne faltend,„er iſt weggegangen. Ich werde warten.“ Und ſie ſetzte ſich, in düſtere Gedanken verſinkend, an das Fenſter, welches nach dem Hofe ging, und von wo aus man die Hauptpforte des Louvre ſah. Unbeweglich, bleich wie eine Marmorſtatue, war ſie ſeit zwei Stunden hier, als ſie endlich eine in den Louvre zurückfehrende Reitertruppe erblickte, an deren Spitze ſie Karl und den König von Navarra erkannte. Nun begriff ſie Alles. Karl hatte ſeinen Schwager, 160 ſtatt über deſſen Verhaftung mit ihr zu ſtreiten, wegge⸗ führt und auf dieſe Art gerettet. „Blinder, Blinder, Blinder!“ murmelte ſie. S Nach einigen Minuten erſchollen Tritte im Seiten⸗ zimmer, welches das Waffencabinet war. „Aber, Sire,“ ſprach Heinrich,„nun, da wir in den Louvre zurückgekehrt ſind, ſagt mir, warum Ihr ine ſite und welchen Dienſt Ihr mir geleiſtet abt?“ „Nein, nein, Henriot,“ antwortete Karl lachend⸗ „Du wirſt es vielleicht eines Tags erfahren, aber für den Augenblick iſt es ein Geheimniß. Wiſſe nur, daß Du mir zu dieſer Stunde einen harten Streit mit mei⸗ ner Mutter zuziehen wirſt.“ Nach dieſen Worten hob Karl den Thürvorhang und ſtand Catharina gegenüber. Hinter ihm und ſeiner Schulter erſchien der bleiche, unruhige Kopf des Bearners. „Ah! Ihr ſeyd hier, Madame,“ ſagte Karl, die Stirne faltend...„ „Ja, mein Sohn,“ erwiederte Catharina.„Ich habe mit Euch zu ſprechen.“ „Mit mir?“ „Mit Euch allein.“ „Gehe, gehe,“ ſprach Karl, ſich gegen ſeinen Schwa⸗ ger umwendend,„vn es kein Mittel gibt, zu entkommen, ſo. je eher, deſto beſſer.“ „Ich laſſe Euch allein, Sire,“ erwiederte Heinrich. „Ja, ja, verlaſſe uns,“ ſagte Karl,„und da Du ein Katholik biſt, Henriot, ſo höre eine Meſſe für mich; ich bleibe bei der Predigt.“ Heinrich verbeugte ſich und trat ab. Karl IX. kam den Fragen zuvor, welche ſeine Mut⸗ ter an ihn richten wollte. „Nun, Madame,“ ſagte er, indem er die Sache in das Komiſche zu verwandeln ſuchte,„bei Gott! Ihr erwartet mich, um mir einen Verweis zu geben, nicht ge⸗ ten⸗ in Ihr iſtet end⸗ daß nei⸗ und iche, die Ich 161 wahr? Ich habe goltloſer Weiſe Euer kleines Vorhaben ſcheitern gemacht. Ei, Mord und Teufel! ich konnte doch den Mann, der mir kurz zuvor das Leben gerettet hat, nicht verhaften und in die Baſtille führen laſſen. Ich wollte mich eben ſo wenig mit Euch zanken, denn ich bin ein guter Sohn. Und dann,“ fügte er ganz leiſe bei, „Gott ſtraft die Kinder, welche ſich mit ihrer Mutter zanken, dafür iſt mein Bruder Franz 11. ein Beleg; vergebt mir alſo offenherzig und geſteht hernach, daß der Spaß gut war.“ „Site,“ ſagte Catharina,„Euere Majeſtät täuſcht ſich; es handelt ſich nicht um einen Spaß.“ „Gewiß! gewiß! und der Teufel ſoll mich holen, Ihr werdet es am Ende ſelbſt ſo anſehen.“ „Sire, Ihr habt durch Euern Fehler einen Plan ſcheitern gemacht, der uns zu einer großen Entdeckung führen ſollte.“ „Bah! einen Plan... Seyd Ihr in Verlegenheit wegen eines geſcheiterten Planes, Ihr, meine Mutter? Ihr macht zwanzig andere, und bei dieſen verſpreche ich Euch meine Unterſtützung.“ „Jetzt iſt es zu ſpät, wolltet Ihr mich auch unter⸗ ſtützen; denn er iſt aufmerkſam gemacht und wird auf ſeiner Hut ſeyn.“ „Zur Sache,“ ſprach der König.„Was habt Ihr gegen Henriot?“ „Er conſpirirt.“ „Ja, ich begreife; das iſt Eure einzige Anſchuldi⸗ gung; aber conſpirirt nicht alle Welt ein wenig in dieſer reizenden königlichen Reſidenz, die man den Lonvre nennt?“ „Er conſpirirt aber mehr, als irgend Jemand, und er iſt um ſo gefährlicher, als es Niemand vermuthet.“ „Seht Ihr den Lorenzino!“ „Hört,“ ſprach Catharina, ſich verdüſternd bei dieſem Namen, der ſie an eine der blutigſten Kataſtrophen der Königin Margot. 1I. 11 florentiniſchen Geſchichte erinnerte;„hört, es gibt ein Mittel, mir zu beweiſen, daß ich Unrecht habe.“ „Welches, meine Mutter?“ „Fragt Heinrich, wer in dieſer Nacht in ſeinem Zimmer war.“ „In ſeinem Zimmer, dieſe Nacht? „Ja. Und wenn er es Euch ſagt... „Nun?“ „So bin ich bereit, zu geſtehen, daß ich mich täuſchte.“ „Aber wenn es eine Frau war, ſo können wir nicht verlangen....“ „Eine Frau?“ „Eine Frau, welche zwei von Euren Garden ge⸗ tödtet und Herrn von Maurevel vielleicht auf den Tod verwundet hat!“ „Oh! oh!“ rief der König,„die Sache wird ernſt⸗ haft. Es iſt Blut vergoſſen worden?“ „Drei Männer ſind auf dem Platze liegen geblieben.“ „Und derjenige, welcher ſie in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzte?“ „Hat ſich unverſehrt geflüchtet.“ „Bei Gog und Magog!“ ſprach Karl,„es war ein Braver, und Ihr habt Recht, meine Mutter, ich will ihn kennen lernen.“ „Ich ſage Euch zum Voraus, Ihr werdet ihn nicht kennen lernen, wenigſtens nicht durch Heinrich.“ „Aber durch Euch, meine Mutter. Dieſer Menſch iſt nicht entflohen, ohne irgend eine Anzeige zurück zu laſſen, ohne daß man irgend einen Theil ſeiner Klei⸗ dung bemerkt hat?“ „Man hat nur den ſehr zierlichen kirſchrothen Man⸗ tel wahrgenommen, in den er gehüllt war.“ „Ah! ah! ein kirſchrother Mantel,“ verſetzte Karl; „ich kenne nur einen am Hofe, der übrigens merkwürdig genug iſt, um in die Augen zu fallen.“ „Allerdings,“ ſprach Catharina. nu thi vo ſel! me zw Se ein em ge Lod nſt ne er v ein will icht ſch ück lei⸗ an⸗ r; dig 163 „Nun?“ „Erwartet mich in Euern Gemächern, mein Sohn, und ich will ſehen, ob meine Befehle vollzogen ſind.“ Catharina entfernte ſich und Karl blieb allein; er ging zerſtreut im Zimmer umher, pfiff eine Jagdmelodie, wobei er die eine Hand in ſeinem Wammſe hatte, während er die antere, welche ſeine Windhunde leckten, ſo oft er ſtehen blieb, an der Seite herabhängen ließ. Heinrich hatte ſeinen Schwager ſehr unruhig ver⸗ laſſen, und ſtatt dem gewöhnlichen Corridor zu folgen, die wiederholt erwähnte kleine geheime Treppe gewählt, welche nach dem zweiten Stocke führte. Doch kaum hatte er vier Stufen erſtiegen, als er bei der erſten Wendung einen Schatten erblickte. Er blieb, die Hand an den Dolch legend, ſtille ſtehen; aber bald erkannte er eine Frau, und eine reizende Stimme, deren Klang ihm ſehr bekannt war, ſagte, ihn beim Arm ergreifend: „Gott ſey gelobt, Ihr ſeyd unverſehrt hier. Ich hatte gewaltig bange für Euch, aber Gott hat mein Gebet erhört.“ „Was iſt den vorgefallen?“ „Ihr werdet es erfahren, wenn Ihr in Eure Woh⸗ nung zurücktehrt. Beunruhigt Euch nicht wegen Or thon, ich habe für ihn geſorgt.“ Und die junge Frau eilte raſch hinab, an Heinrich vorüber, als ob ſie ihm nur zufällig begegnet wäre. „Das iſt doch ſeltſam,“ ſprach Heinrich zu ſich ſelbſt;„was iſt denn geſchehen? Was iſt Orthon begegnet?“ Die Frage konnte leider von Frau von Sauve nicht mehr gehört werden, denn ſie war bereits ferne. Oben an der Treppe ſah Heinrich plötzlich einen zweiten Schatten erſcheinen; aber diesmal war es der Schatten eines Mannes. „Stille!“ ſagte dirſer. „Ah! Ihr ſchd es, Franz?“ „Nennt mich nicht bei meinem Namen.“ 11 „ 164— „Was iſt denn vorgefallen?“ „Geht in Euere Wohnung zurück und Ihr werdet es erfahren; dann ſchlüpft in den Corridor, ſchaut nach allen Seiten, ob Euch Niemand beſpäht, treter bei mir ein, die Thüre wird nicht gefchloſſen ſeyn.“ Und er verſchwand ebenfalls auf der Treppe, wie ein Geiſt, der auf dem Theater durch die Verſenkung ver⸗ ſchwindet. „Ventre ſaint⸗gris!“ murmelte der Bearner,„das Rä hſel löſt ſich noch nicht, da aber der Schlüſſel dazu in meiner Wohnung iſt, ſo wollen wir dahin gehen und nachſehen.“ Heinrich ſetzte indeſſen ſeinen Weg nicht ohne eine Ge nüt ſsbewe ung fort; er hatte die Empfindbarkeit, di ſes Vrrurtheil der Jugend. Alles gab emen ſcarſen Wie erſchein auf dieſer ſpiegelartg glatten Seel, und Alls was er gehört hatte, weiſſagte ihm ein Unglück. Er gelangte an die Thüre ſeiner Wohnung und horchte. Kein Geläuſch ließ ſich vernehmen. Da ihm Charlotte geſagt hatte, er ſolle in ſeine Zimmer zu ück⸗ kehren, ſo war üsrigens nichts bei der Rücktehr zu fürch⸗ ten. Er warf einen raſchen Blick im Vorzimmer umher; es war verlaſſen; aber noch veutete ihm nichts an, was ſich ereignet hatte. „Orthon iſt wirklich nicht hier,“ ſagte er und ging in das zweite Zimmer. Hier wurde ihm Alles klar. Trotz des Waſſers, das man in Maſſen gngewendet hatte, war der Boden mit röthlichen Flecken beſprengt; ein Schrank lag zerbrochen auf dem Boden; die Bett⸗ vorhänge waren durch Degenſtiche zerfetzt; einen venetia⸗ niſchen Spiegel hatte eine Kugel zerſchmettert, und eine blutige Hand, welche ſich an die Mauer geſtutzt und ihren furchtbaren Eindruck daran zurückgelaſſen hatte, verkündigte, daß dieſes nun ſtnmme Zimmer Zeuge eines mörderiſchen Kampfes geweſen war. Heinrich faßte mit verſtörtem Auge glle dieſe verſchis⸗ — c b det ach nir ein er das azu nd ine it, ſen nd ick. ind hm ick⸗ ch⸗ erz as ing 165 denen Einzelheiten zuſammen, fuhr mit der Hand über ſeine vom Schweiß befeuchtete Stirne und murmelte: „Ah! ich begre fe den Dienſt, den mir der König geleiſtet hat: man wollte mich bier ermorden. Und... Ah! WMouy! wos haben ſie mit Mouy gemacht? Die Schurken! ſie werden ihn gewordet haben!“ Und eben ſo gedrängt, die Nachrichten zu vernkhmen, als es der Herzva von Alengon war, ihm dieſelben zu er⸗ öſtnen, ſtürzte Heinrich, nachdem er noch einen letz'en finſtern Blick auf die Geaenſtände geworfen hatte, die ihn umga⸗ ben, aus dem Zimmer, lief in den Corridor, verſicherte ſich, daß er allein war, ſtieß ſodann die nur angelehnte Thüre auf, ſchloß ſie ſorgfältig wieder hinter ſich, und befand ſich in der Wohnung des Herzogs von Alengon. Der Herzog erwartete ihn im erſten Zimmer. Er nahm Heinrich lebhaft bei der Hand und zog ihn, einen Finger auf ſeinen Mund legend, in ein kleines thurm⸗ förmiges Cabinet. welches völlig abgeſondert war und folg⸗ lich durch ſeine Lage jeder Späherei entging. „Ah! mein Bruder,“ ſagte er zu ihm,„welch eine furchtbare Nacht!“ „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte Heinrich. „Man wollte Euch verhaften.“ „Mich?“ „Je, Euch.“ „Aus welchem Grunde? 3 es nicht. Wo waret Ihr?“ „Dex König führte mich geſtern Abend mit ſich dure die Stadt.“ „Dann wußte er es,“ ſprach Aengon.„Aber da Ihr nicht in Euerer Wohnung waret wer wir denn dort?“ „Es war alſo Jemand bei mir?“ fragte Heinrich, als ob er es nicht gewußt hätte. Ja, ein Mann. Als ich den Lärmen hörte, eilte ich hin, um Euch Hülfe zu leiſten, aber es war zu ſpät.“ Der Mann war verhaftet?“ fragte Heinrich ängſtlich. „Nein, er flüchtete ſich, nachdem er Maurepel ge⸗ 166 i verwundet und zwei von den Wachen erſchlagen atte.“ „Ah! braver Mouy!“ rief Heinrich. „Es war alſo Mouy?“ fragte Alengon lebhaft. „Heinrich ſah, daß er einen Fehler gemacht hatte, und erwiederte: „Ich glaube es wenigſtens, denn ich beſchied ihn zu mir, um mich mit ihm über Eure Flucht zu verſtändigen und ihm zu ſagen, ich hätte Euch alle meine Rechte auf den Thron von Navarra abgetreten.“ „Wenn man die Sache erfährt, ſo find wir verloren,“ verſetzte Alengon erbleichend. „Ja, denn Maurevel wird ſprechen.“ „Maurevel hat einen Degenſtich in den Hals be⸗ kommen und fann vor acht Tagen kein Wort ſprechen; ich habe mich bei dem Wundarzte, der ihn verbunden, erkundiat.“ „Acht Tage! das iſt mehr, als Mouh braucht, um ſich in Sicherheit zu bringen.“ 2 „Dann kann es auch ein Anderer ſeyn, als Herr von Mouy,“ ſagte der Herzog.⸗ „Ihr glaubt?“ „Ja, dieſer Menſch iſt ſehr ſchnell verſchwunden, und man hat nur ſeinen kirſchrothen Mantel geſehen.“ „Allerdings“ ſprach Heinrich,„ein kirſchrother Mantel taugt für einen Stutzer und nicht für einen Soldaten. Nie wird man Mouh unter einem ſolchen Mantel ver⸗ muthen“ „Nein. Wenn man Jemand im Verdacht hätte, ſo wäre es vielmehr.. Er hielt inne. „Es wäre vielmehr Herr de La Mole,“ agte Heinrich. fliehen ſah, zweifelte einen Augenblick.“ „Ihr habt gezweifelt? In der That, es könnte wohl Herr de La Mole ſeyn.“ „Allerdings, denn ich ſelbſt, der ich dieſen Menſchen gen und zu gen auf n,“ und ntel en. er⸗ 167 „Weiß er nichis?“ „Durchaus nichts, wenigſtens nichts Wichtiges.“ „Mein Bruder,“ ſprach der Herzog,„nun glaube ich wirklich daß er es war.“ „Teufel! wenn er es iſt, das wird der Königin, die ſich für ihn intereſſirt, ſehr leid thun.“ „Intereſſirt, ſagt Ihr?“ fragte Alengon beſtürzt. „Allerdings. Erinnert Ihr Euch nicht, Franz, daß es Eure Schweſter geweſen iſt, die Euch La Mole empfohlen hat?“ „So iſt es.“ ſagte der Herzog mit dumpfer Stimme, „auch wünſchte ich demſelben gefällig zu ſeyn, und zum Beweiſe hiefür ging ich, aus Furcht, ſein rother Mantel könnte ihn gefährden,.. ging ich zu ihm hinauf und brachte ihn zu mir.“ „Oh! oh! das iſt doppelt klug; und nun würde ich nicht nur darauf wetten, ſondern ſchwören, daß er es war.“ „Selbſt vor Gericht?“ Meiner Treue ja; er wird gekommen ſeyn, um mir eine Botſchaft von Margarethe zu überbringen.“ „Wenn ich der Unterſtützung durch Eure Zeugſchaft gewiß wäre,“ ſprach Alengon,„ſo würde ich ihn wohl anklagen.“ „Wenn Ihr ihn anklagtet,“ ſprach Heinrich,„Ihr begreift mein Bruder, ich würde Euch nicht Lügen ſtrafen.“ Aber die Königin?“ „Ah! ja, die Königin.“ „Man muß erfahren, was ſie thun wird.“ „Ich übernehme dieſen Auftrag.“ „Teufel, mein Bruder, ſie hätte Unrecht, uns Lügen zu ſtrafen, denn dadurch erwirbt ſich der junge Mann einen ſtrahlenden Ruf der Tapferkeit, der ihn nicht viel koſtet, denn er wird ihn auf Credit erhalten. Allerdings kann er Intereſſen und Kapital miteinander zurückbezahlen. Was wollt Ihr,“ ſagte Heinrich,„hienieden auf dieſer Welt hat man Nichts für Nichts.“ Und er grüßte Alenpon mit der Hand und mit einem 168 Lächeln, ſtreckte vorſichtig ſeinen Kopf in den Corridor und ſchlüpfte, nachdem er ſich verſichert hatte, daß Nie⸗ mand hier lauſchte, raſch hinaus und verſchwand auf der geheimen Treppe, welche zu Margarethe führte. Die Königin von Navarra war nicht ruhiger als ihr Gemahl. Die gegen ſie und die Herzogin von Nevers in der vergangenen Nacht von dem König, dem Herzog von Anjou dem Herzog von Guiſe und Heinrich den ſie wohl er⸗ kannt hatte, gerichtete Erpedition ſetzte ſie ſehr in Bewegung. Allerdings lag kein Beweis vor, der ſie compromittiren konnte, denn der von Coconnas und La Mole vom Gitter losgebun⸗ dene Portier war ſeiner Verſicherung nach ſtumm geblieben. Aber vier Herren von der Art derjenigen, welchen zwei einfache Edellente wie Coconnas und La Mole Trotz ge⸗ boten hatten, waren nicht zufällig und ohne zu wiſſen, warum ſie ſich belaſtigten, von ihrem Wege abgegangen. Margarethe war bei Tagesanbruch zurückgekehrt, nachdem ſie den Reſt der Nacht bei der Herzogin von Nevers zu⸗ gebracht hatte. Sie legte ſich ſogleich nieder. konnte aber nicht ſchlafen, und bebte bei dem geringſten Geräuſche. Mitten unter ihren Befürchtungen hörte ſie an die aeheime Thüre klopfen, und, nachdem ſie den Beſuch durch Gillonne hatte recognosciren laſſen, gab ſie Befehl, ihm zu öffnen. Heinrich blieb vor der Thüre ſtehen: nichts an ihm deutete den verletzten Gatten an; ſein gewöhnliches Lächeln umſchwebte ſeine feinen Lippen, und keine Muskel ſeines Geſichtes verrieth die furchtbaren Gemüths⸗Bewegungen, die er ſo eben durchlebt hatte. Er ſchien Margarethe zu befragen, ob ſie ihm unter 8 3 vier Augen mit ihr zu bleiben geſtattete. Margarathe begriff den Blick ihres Gemahls, und befahl Gillenne durch ein Zeichen, ſich zu enifernen. „Madame“ ſagte nun Heinrich,„ich weiß, wie ſehr Ihr an Eueren Freunden hängt, und es thut mir unge⸗ mein leid, Euch eine unangenehme Nachricht überbringe zu müſſen“ bl de de ge un ridor Nie⸗ der ihr s in von ler⸗ ung. nte, un⸗ ben. wei ge⸗ ſen, gen. dem zu⸗ ber die uch zu hm eln nes en, ter ine hr g6 ſen 169 „Sprecht, mein Herr?“ fragte Wargarehe. „Einer unſerer liebſten Diener iſt in dieſem Augen⸗ blicke ſehr gefährdet.“ „Welcher?“ „Der liebe Graf de La Mole.“ „Der Herr Graf de La Mole gefährdet, und warum?“ „Wegen des Abenteuers in der vergangenen Nacht.“ Margarethe konnte ſich trotz ihrer Selbſtbeherrſchung des Erröthens nicht erwehren. Endlich fragte ſie nicht ohne eine gewiſſe Anſtrengung: „Was für ein Abenteuer?“ „Wie,“ ſprach Heinrich,„habt Ihr nichts von dem Lärmen gehört, der dieſe Nacht im Lonvre ſtatt⸗ gefunden hat?“ „Nein.“ „Ah! ich wünſche Euch Gluͤck, Madame,“ verſetzte Heinrich mit reizender Naivetät,„das beweiſt, daß Ihr einen vortrefflichen Schlaf habt.“ „Sprecht, was iſt denn vorgefallen?“ „Unſere gute Mutter hatte Herrn von Maurevel und ſechs Mann ven der Leibwache Befehl gegeben, mich zu verhaften.“ „Euch, Herr, Euch?“ „Ja, mich.“ „Aus welchem Grunde?“ „Wer kann die Gründe eines tiefen Geiſtes, wie des Euerer Mutter, angeben. Ich achte ſie, kenne ſie aber nicht.“ „Und Ihr waret nicht zu Hauſe?“ Mein, das iſt zufällig wahr; Ihr habt es erra⸗ ther, Madame, ich war nicht zu Hauſe. Geſtern Abend lud mich der König ein, ihn zu begleiten; aber war ich nicht in meiner Wohnung, ſo war doch ein Anderer dort.“ „Und wer war dieſer Andere?“ „Es ſcheint der Graf de La Mole.“ 17⁰ „Der Graf de La Mole?“ ſprach Margaretha er⸗ ſtaunt. „Mein Gott! es iſt ein herrlicher Burſche, dieſer kleine Provengal,“ fuhr Heinrich fort.„Begreift Ihr, daß er Herrn von Maurevel verwundet und zwei Garden getödtet hat?“ Herrn von Maurevel verwundet und zwei Garden getödtet?.. Unmöglich!“ „Wie, Ihr zweifelt an ſeinem Muthe, Madame?“ „Nein, aber ich ſage, Herr de La Mote konnte nicht in Euerer Wohnung ſeyn.“ „Warum konnte er dies nicht?“ „Weil... weil...“ verſetzte Margarethe ver⸗ legen,„weil er anderswo war.“ „Ah! wenn er ein Alibi beweiſen kann,“ ſprach Heinrich,„dann iſt es etwas Anderes; er ſagt, wo er war, und Alles iſt abgemacht.“ „Wo er war?“ fragte Margarethe lebhaft. „Allerdings.. Der Tag wird nicht vorübergehen, ohne daß man ihn verhaftet und verhört. Aber zum Unglück, da man Beweiſe hat... „Beweiſe!... welche?“ „Der Mann, der dieſen verzweifelten Widerſtand leiſtete, hatte einen rothen Mantel.“ „Nicht nur Herr de La Mole allein hat einen rothen Mantel. ich kenne noch einen andern Mann.“ „Allerdings, ich auch... Hört, was geſchehen wird: war nicht Herr de La Mole bei mir, ſo wird es der andere Mann ſeyn, der einen rothen Mantel trägt, wie er. Dieſer andere Mann, Ihr wißt, wer es iſt?“ „Himmel!“* „Das iſt die Klippe; Ihr habt ihn geſehen wie ich, Euere Aufregung beweiſt mir dieß. Reden wir alfo mit einander wie zwei Perſonen, welche von der ge⸗ ſchätzteſten Sache der Welt, von einem Throne, von dem foſtbarſten Gute des Lebens ſprechen... Wird Mouh verhaftet, ſo ſtürzt er uns in das Verderben.⸗ tir ein Pe un ſa ſol erh zu nach Mut a er⸗ ieſer Ihr, rden rden ne?“ nnte ver⸗ rach er hen, zum tand then ehen d es rägt, ich, alfo ge⸗ dem ouh 171 „Ja, das begreife ich.“ „Während Herr de La Mole Niemand compromit⸗ tirt, es ſey denn, daß Ihr ihn für fähig haltet, irgend eine Geſchichte zu erfinden, etwa zu ſagen, er habe eine Partie mit Damen gehabt... was weiß ich?“ „Mein Herr,“ erwiederte Margarethe,„wenn Ihr nur dieſes befürchtet, ſeyd unbeſorgt, er wird es nicht ſagen.“ „Wie, er wird ſchweigen?“ ſprach Heinrich,„und ſollte ſein Tod der Lohn ſeines Stillſchweigens ſeyn?“ „Er wird ſchweigen.“ „Seyd Ihr deſſen gewiß?“ „Ich bürge dafür.“ „Dann ſteht Alles vortrefflich,“ ſprach Heinrich, ſich erhebend. „Ihr entfernt Euch?“ fragte Margarethe lebhaft. „Oh! mein Gott; ja, das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen hatte.“ „Und Ihr geht...“ „Ich will es verſuchen, uns aus der ſchlimmen Lage zu ziehen, in welche uns dieſer Teufel von einem Menſchen im rothen Mantel gebracht hat.“ „Oh! mein Gott! mein Gott! armer junger Mann!“ rief Margarethe, ſchmerzlich die Hände ringend. n der That,“ ſagte Heinrich, während er weg⸗ ging,„dieſer liebe Herr de La Mole iſt ein ſehr artiger Diener.“ XVII. Die Perhöre. Karl war lachend und heiter zurückgekehrt; aber nach einer Unterredung von zehn Minuten mit ſeiner Mutter war es, als hätte dieſe ihm ihre Bläſſe und 172 ihren Zorn abgetreten und dafür die luſtige Laune ihres— Sohnes angenommen. „Herr de La Mole,“ ſprach Karl,„Herr de La Mole! Man muß Heinrich und den Herzog von Alencon rufen, Heinrich, weil dieſer junge Mann ein Hugenott war, den Herzog von Alencon, weil er in ſeinen Dien⸗ ſten ſteht.“ „Ruft ſie, wenn Ihr wollt, mein Sohn; Ihr wer⸗ det nichts erfahren. Heinrich und Franz, befürchte ich, ſind enger mit einander verbunden, als man dem An⸗ ſcheine nach glanben follte. Sie befragen, heißt Ver⸗ dacht bei ihnen erwecken: beſſer wäre meiner Anſicht nach die langſame und ſichere Probe von einigen Ta⸗ gen. Wenn Ihr die Schuldigen athmen laßt, mein Sohn, wenn Ihr ſie glauben laßt, ſie ſeyen Euerer Wochſamfeit entgangen, dann werden ſie keck, trium⸗ phirend Euch eine beſſere Gelegenheit zum Strafen bieten; dann werden wir Alles erfahren.“ Karl ging auf und ab, ſeinen Zorn zernagend, wie ein Pferd an ſeinem Gebiſſe nagt, und mit der krampf⸗ haft zuſammengezogenen Hand ſein vom Argwohn ge⸗ martertes Herz zurückdrängend. „Nein, nein,“ ſagte er endlich,„ich werde nicht warten; Ihr wißt nicht, was warten für einen Mann heißt, der, wie ich, von Geſpenſtern begleitet wird. 4 Ueberdieß werden dieſe Junaferuknechte alle Tage frecher; haben es denn nicht in dieſer Nacht zwei ſolche Butſche gewagt, uns Trotz zu bieten und ſich wider uns zu empören? Iſt Herr de La Mole unſchuldig, gut,.. aber es wäre mir nicht unangenehm, zu erfahren, wo Herr de La Mole in dieſer Nacht war, während man meine Leibwachen im Louvre und mich in der Rue Cloche Percee ſchlug. Man hole mir zuerſt den Herzog von Alencon und dann Heinrich; ich will ſie abge⸗ ſondert befragen. Ihr könnt bleiben, meine Mutter.“ Catharina ſetzte ſich. Einen feſten, unbeugſamen Geiſt, wie ſie ihn beſaß, konnte jeder Zwiſchenfall, un ob Zr De rei tre er ha git rä ſot ha M da ſo „b wi dut er ſeit hres- e La oon nott ien⸗ wer⸗ ich, An⸗ Ver⸗ ſicht Ta⸗ mein nerer ium⸗ rafen wie mpf⸗ n ge⸗ nicht Rann wird. cher; nſche 8 zu „wo man —,——— Rue erzg abge⸗ amen nfal, 173 unter ihrer mächtigen Hand gebogen, zum Ziele führen, obgleich er ihn davon zu entfernen ſchien. Aus jedem Zuſammenſtoßen entſpringt ein Geräuſch oder ein Funke. Das Geräuſch leitet, der Funke erleuchtet. Der Herzog von Alencon trat ein: ſeine Unter⸗ redung mit Heinrich hatte ihn auf dieſes Zuſammen⸗ treffen vorbereitet, und er erſchien daher ziemlich ruhig. Seine Antworten waren äußerſt genau. Von ſeiner Mutter aufgefordert, in ſeinem Zimmer zu bleiben, wußte er durchaus richts von den Ereigniſſen der Nacht. Er hatte nur, da ſeine Wohnung auf denſelben Corridor ging, wie die des Königs von Navarra, zuerſt ein Ge⸗ räuſch, wie das einer Thüre, welche eingeſtoßen wird, ſodann Flüche und endlich Schüſſe gehörk. Dann erſt hatte er ſeine Thüre etwas zu öffnen gewagt und einen Menſchen in einem rothen Mantel fliehen ſehen. Karl und ſeine Mutter wechſelten einen Blick. „In einem rothen Mantel?“ fragte der König. „In einem rothen Mantel,“ antwortete der Herzog. „Und dieſer rothe Mantel hat in Euch keinen Ver⸗ dacht in Beziehung auf irgend eine Perſon erregt?“ Alencon raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, um ſo natürlich als möglich zu lügen. „Ich muß Euerer Majeſtät geſtehen,“ ſagte er, „beim erſten Anblick glaubte ich den kirſchrothen Mantel von einem meiner Edelleute zu erkennen.“ „Und wie heißt dieſer Edelmann?“ „Herr de La Mole.“ „Warum war Herr de La Mole nicht bei Euch, wie es ſeine Pflicht heiſchte?“ „Ich hatte ihm Urlaub gegeben.“ „Es iſt gut, geht,“ ſprach Karl. Der Herzog von Alencon ging nach der Thüre, durch welche er eingetreten war. „Nicht durch dieſe,“ rief Karl,„durch jene.“ Und er dentete mit dem Finger auf eine Thüre, welche zu ſeiner Amme führte. 174 Franz und Heinrich ſollten ſich nach der Abſicht von Karl nicht begegnen. Er wußte nicht, daß ſie ſich einen Augenblick geſehen hatten, und daß dieſer Augen⸗ blick für die zwei Schwäger hinreichend geweſen war, um eine Verabredung zu treffen. Hinter Alencon und auf ein Zeichen von Karl trat Heinrich ebenfalls ein. Heinrich wartete nicht, bis Karl ihn befrogte. „Sire,“ ſagte er,„Eure Majeſtät hat wohl daxan gethan, mich holen zu laſſen, denn ich war im Begriffe, herabzukommen, um Gerechtigkeit zu fordern.“ Karl runzelte die Stirne. „Ja, Gerechtigkeit!“ ſagte Heinrich.„Ich danke Eurer Majeſtät vor Allem, daß ſie mich geſtern Abend mitgenommen hat; denn ich weiß nun, daß ſie mir hie⸗ durch das Leben rettete; aber was habe ich gethan, daß man einen Mordverſuch gegen mich unternahm?“ „Es handelt ſich nicht um einen Mord,“ ſprach Catharina lebhaft,„ſondern um eine Verhaftung.“ „Wohl, es ſey,“ verſetzte Heinrich.„Welches Ver⸗ brechen hatte ich begangen, daß man mich verhaften wollte? Wenn ich ſchuldig bin, ſo bin ich es eben ſo ſehr dieſen Morgen, als geſtern Abend. Nennt mir mein Verbrechen, Sire.“ Karl ſchaute ſeine Mutter verlegen über die Ant⸗ wort an, die er geben ſollte. „Mein Sohn,“ ſagte Catharina,„Ihr empfangt verdächtige Leute.“ „Gut,“ verſetzte Heinrich,„und dieſe verdächtigen Leute compromittiren mich, nicht wahr, Madame?“ „Id, Heinrich.“ „Nennt ſie mir! nennt ſie mir! Wer ſind ſie? ſtellt mich ihnen gegenüber!“ „Henriot hat wirklich das Recht, eine Erklärung zu verlangen,“ ſprach Karl. „Und ich verlange ſie,“ rief Heinrich, der, die Ueber⸗ legenheit ſeiner Stellung fühlend, hieraus Nutzen ziehen w U al als gu ge hä Eu nic Er Re wo ich un me die nic in Ca Lei Me wa ht ich n⸗ ar, rat an ſe, nke nd ie⸗ aß ch er⸗ ten nir igt en er⸗ en 175 wollte,„ich vexlange ſie von meinem guten Bruder Karl, von meiner guten Mutter Catharina. Habe ich mich ſeit meiner Vermählung mit Margarethe nicht als guter Gatte benommen? man frage Margarethe; als guter Katholik? man frage meinen Beichtvater; als guter Verwandter? man frage alle diejenigen, welche geſtern der Jagd beiwohnten.“ „Ja, das iſt wahr, Henriot,“ ſprach der König; „aber dennoch behauptet man, Du conſpirireſt.“ „Gegen wen?“ „Gegen mich.“ „Sire, würde ich gegen Euch conſpirirt haben, ſo hätte ich nur die Ereigniſſe walten laſſen dürfen, als Euer Pferd, nachdem es den Schenkel gebrochen, ſich nicht mehr erheben konute, als der wüthende Eber auf Euere Majeſtät losſtürzte.“ „Ei, Mord und Teufel! Mutter, wißt Ihr, daß er Recht hat?“ „Aber wer war heute Nacht bei Euch?“ „Madame,“ erwiederte Heinrich,„in einer Zeit, wo ſo Wenige für ſich ſelbſt zu ſtehen wagen, werde ich nie für Andere ſtehen. Ich habe meine Wohnung um ſieben Uhr Abends verlaſſen; um zehn Uhr hat mich mein Schwager Karl mit ſich genommen, und ich bin die ganze Nacht beſtändig mit ihm geweſen. Ich konnte nicht zugleich bei Seiner Majeſtät ſeyn und wiſſen, was in meinem Zimmer vorfiel.“ „Darum iſt es nicht minder wahr,“ entgegnete Catharina,„daß ein Euch angehörender Mann zwei Leibwachen Seiner Majeſtät getödtet und Herrn von Maurevel verwundet hat.“ „Ein mir angehörender Mann!“ rief Heinrich.„Wer war dieſer Mann, Madame? kennt Ihr ihn...“ „Jedermann beſchuldigt Herrn de La Mole.“ „Herr de La Mole gehört nicht mir, Madame. Herr de La Mole gehört dem Herzog von Alengon, an den er durch Eure Tochter empfohlen worden iſt.“ — —————— —ᷓ— 176 „Sprich, Henriot,“ ſagte Karl,„iſt Herr de La MWole bei Dir geweſen?“ „Wie ſoll ich dies wiſſen, Sire? Ich ſage nicht ja, ich ſage nicht nein... Herr de La Mole iſt ein äußerſt artiger Diener und ganz der Königin von Na⸗ varra ergeben; er bringt mir zuweilen Botſchaften, theils von Margarethe, der er ſehr dankbar dafüc iſt, daß ſie ihn dem Herzog von Alencon empfohlen hat, theils von dem Herrn Herzog ſelbſt. Ich kann nicht ſagen, es ſey nicht Herr de La Mole geweſen.“ „Er war es,“ ſprach Catharina;„man hat ſeinen rothen Mantel erkannt.“ „Herr de La Mole hat alſo einen rothen Mantel?“ „Und der Mann, der meine zwei Leibwachen und Herin von Maurevel ſo gut zugerichtet i „Hatte einen rothen Mantel?“ frahte Heinrich. „Allerdings,“ ſp ach Karl. „Ich habe nichts zu ſagen,“ verſetzte der Bearner. „Aber in dieſem Falle ſcheint es mir, daß man, ſtatt mich holen zu laſſen, der ich nicht zu Hauſe war, Herrn de La Mole, der, wie Ihr ſagt, in meiner Wohnung Ke⸗ weſen iſt, hätte befragen ſollen. Ich muß Eurer Ma⸗ jeſtät übrigens nur Eines bemerken... „Was?“ „Wenn ich, einen von meinem König unterzeichneten Befehl ſehend, mich zur Wehr geſetzt hätte, ſtatt dieſem Befehle zu gehorchen, ſo wäre ich ſchuldig und verdiente jede Beſtrafung; aber ich war es nicht, es war ein Un⸗ bekannter, den dieſer Befehl in keiner Hinſicht betraf; man wollte ihn verhaften, er ſetzte ſich zur Wehr, ſetzte ſich ſogar zu gut zur Wehr, aber er war in ſeinem Rechte.“ „Doch..“ murmelte Catharina. „Madame,“ ſprach Heinrich,„lautete der Befehl auf meine Verhaftung?“ ih we m vot Ca wir die Fr wie n a⸗ n, ſt, at, cht en 2 nd er. att rrn Ke⸗ Na⸗ ten ſem ente Un⸗ raf; tzte em auf 177 „Ja,“ ſprach Catharina,„und Seine Majeſtät hatte ihn ſelbſt unterzeichnet.“ „Stand aber auch darin geſchrieben, man ſolle, wenn man mich nicht fände, denjenigen verhaften, den man ſtatt meiner finden würde?“ „Nein,“ erwiederte Catharina. „Nun wohl,“ verſetzte Heinrich,„wenn man nicht beweiſt, daß ich conſpirire und daß der Menſch, der in meiner Wohnung war, mit mir conſpirirt, ſo iſt dieſer Menſch unſchuldig.“ Dann ſich gegen Karl IX. umwendend, fuhr Hein⸗ rich fort: „Sire, ich verlaſſe den Louvre nicht. Ich bin ſogar bereit, mich auf ein einfaches Wort Eurer Majeſtät in jedes Staats⸗Gefängniß zu begeben, welches dieſelbe zu bezeichnen belieben wird. Aber in Erwartung des Beweiſes vom Gegentheil habe ich das Recht, mich zu nennen und werde mich nennen den trenſten Diener, Unterthan und Bruder Eurer Majeſtät.“ Und mit einer Würde, die man noch nie an ihm wahrgenommen hatte, verbeugte er ſich vor Karl und ging ab. „Bravo, Henriot!“ ſprach Karl, als der König von Navarra ſich entſernt hatte. „Bravo! weil er uns geſchlagen hat?“ verſetzte Catharina. k „Und warum ſollke ich nicht Beifall klatſchen? Wenn wir mit einander fechten und er berührt mich, ſage ich nicht auch Bravo? Meine Mutter, Ihr habt Unrecht, dieſen Jungen zu verachten, wie Ihr dies thut.“ „Mein Sohn,“ entgegnete Catharina, Karl IX. die Hand drückend, ich verachte ihn nicht, ich fürchte ihn.“ „Auch darin habt Ihr Unrecht: Henriot iſt mein Freund, hätte er gegen mich conſpirirt, ſo durfte er, wie er ſagte, nur den Eber gewähren laſſen.“ „Ja,“ ſprach Catharina,„damit der Herzog von Fönigin Margot. II. 12 ———————————— 178 Anjon, ſein perſönlicher Feind, König von Frankreich würde.“ „Meine Mutter, der Grund, aus welchem Henriot mir das Leben gerettet hat, iſt gleichgültig; es bleibt aber eine Thatſache, daß er es mir gerettet hat. Und Tod und alle Teufel! ich will nicht, daß man ibm etwas zu Leide thut. Was Herrn de La Mole betriſſt, ſo werde ich mich mit meinem Bruder Alengon verſtändigen, dem er gehört.“ Das war eine Entlaſſung, welche Karl IX. ſeiner Mutter gab. Sie entfernte ſich und ſuchte ihrem ſchwan⸗ fenden Verdachte eine beſtimmte Richtung zu geben. Herr de La Mole mit ſeiner geringen Bedeutung entſprach ihren Bedürfniſſen nicht. In ihre Gemächer zurückkehrend fand Catharina Margarethe, welche auf ſie wartete. „Ah! ah! Ihr ſeyd es,“ ſagte ſie;„meine Tochter, ich habe geſtern Abend nach Euch geſchickt.“ „Ich weiß es, Madame; aber ich war ausgegangen.“ „Und dieſen Morgen?“ „Deſen Morgen, Madame, ſuchte ich Euch auf, um Eurer Majeſtät zu ſagen, daß ſie eine große Un⸗ gerechtigfeit zu begehen im Begriffe ſei.“ „Welche?“ „Ihr wollt den Herrn Grafen de La Mole ver⸗ haften laſſen?““ „Ihr täuſcht Euch, meine Lochter, ich laſſe Nie⸗ mand verhaften, der König läßt verhaften und nicht ich.“ „Spielen wir nicht mit Worten, Madame, wenn die Umſtände ſo ernſter Natur ſind. Nicht wahr, man wird Herrn de La Mole verhaften?“ „Es iſt wahrſcheinlich.“ „Er wird beſchuldigt, ſich in der Krgangenen Nacht im Zimmer des Königs von Navarra befunden, zwei Leibwachen getödtet und Herrn von Maurevel verwundet zu haben?“ —,— ner an⸗ err ach ina ter, n auf, Un⸗ ver⸗ Nie⸗ ch.“ ein nan wei ndet kreuzen. 179 „Dieß iſt allerdings das Verbrechen, deſſen man ihn bezüchtigt.“ „Man bezüchtigt ihn deſſelben mit Uurecht,“ ver⸗ ſetzte Margarethe,„Herr de La Mole iſt nicht ſchuldig.“ „Herr de La Mole iſt nicht ſchuldig!“ rief Catha⸗ rina mit einer freudigen Bewegung, denn ſie glaubte zu errathen, daß aus dem, was Margarethe geſagt, ir⸗ gend ein Licht hervorgehen würde. Nein,“ erwiederte Margarethe,„eriſt nicht ſchul⸗ „ dig, er kann es nicht ſeyn, denn er war nicht in den Zimmern des Königs.“ „Wo war er denn?“ „Bei mir, Madame.“ „Bei Euch?“ bei i Catharina war dieſem Geſtändniß einer Tochter von Frankreich einen niederſchmetternden Blick ſchuldig, aber ſie begnügte ſich, ihre Hände über ihrem Gürtel zu „Und wenn man Herrn de La Mole verhaftet und befragt.. ſagte ſie nach kurzem Stillſchweigen. „Er wird ſagen wo und mit wem er geweſen iſt, meine Mutter,“ antwortete Margarethe, obgleich ſie des Gegentheils gewiß war. „Wenn die Sache ſich ſo verhält, ſo habt Ihr Recht, meine Tochter, man darf Herrn de La Mole nicht verhaften.“ Margarethe bebte: es war ihr, als läge in der Art und Weiſe, wie ihre Mutter dieſe Worte ausſprach, ein geheimnißvoller, furchtbarer Sinn; ſie hatte jedoch nichts zu ſagem denn das, um was ſie bat, war ihr „Aber wenn Herr de La Mole nicht bei dem König war, ſo war ein Anderer dort?“ ſagte Catharina. Margarethe ſchwieg. * 12 ——————— —— 180 „Dieſen Andern, kennt Ihr ihn, meine Tochter?“ fragte Catharina. „Nein, meine Mutter,“ erwiederte Margarethe mit unſicherer Stimme. „Seyd nicht halb vertraulich.“ „Ich wiederhole Euch, daß ich ihn nicht kenne,“ antwortete Margarethe, unwillkührlich erbleichend, „Gut, gut,“ ſprach Catharina mit gleichgültiger Miene.„Man wird ſich erkundigen Geht, meine Tochter, beruhigt Euch, Euerer Mutter wacht über Euere Ehre.“ Margarethe entfernte ſich. „Ah!“ murmelte Catharina,„man ſchließt Bünd⸗ niſſe; Heinrich und Margarethe ſind im Einverſtändniß; iſt die Frau nur ſiumm, ſo iſt der Mann auch blind. Ah! Ihr ſeyd ſehr geſchickt, meine Kinder, und haltet Euch für ſehr ſtark; aber Euere Kraft beſteht in Euerer Einigkeit, und ich werde Euch nacheinander zu brechen wiſſen. Ueberdieß kommt ein Tag, wo Maurevel zu ſprechen oder zu ſchreiben, einen Namen zu nennen oder ſechs Buchſtaben zu bilden im Stande iſt, und an dieſem Tage wird man Alles erfahren... Ja, aber bis zu dieſem Tage wird der Schuldige in Sicherheit ſeyn. Das Beſte iſt, ſie ſogleich zu entzweien.“ In Folge dieſes Schluſſes kehrte Catharina in die Gemächer ihres Sohnes zurück, den ſie in einer Unter⸗ redung mit Alengon begriffen fand. „Ah! ah!“ ſprach Karl, die Stirne faltend,„Ihr ſeyd es, meine Mutter?“ „Warum habt Ihr nicht geſagt abermals? Das Wort lag in Eurem Gedanken, Karl.“ „Was in meinem Gedanken iegtet nur mir,“ erwiederte Karl mit dem harten, groben Tone, den er zuweilen, ſelbſt wenn er mit Catharina ſprach, annahm; „was wollt Ihr von mir? ſagt es geſchwinde.“ 3 „Ihr hattet Recht, mein Sohn,“ ſprach Catharing zu Karl,„und Ihr, Alengon, hattet Unrecht.“ „Warum, Madame?“ fragten die beiden Fürſten. — 181 „Herr de La Mole war nicht bei dem König von Navarra.“ „Ah! ah!“ rief Franz erbleichend. „Wer war denn dort?“ fragte Karl, „Wir wiſſen es noch nicht, aber wir werden es erfahren, wenn Maurevel zu ſprechen vermag. Laſſen wir alſo dieſe Angelegenheit, welche ſich in Kurzem aufflären muß, und kommen wir auf Herrn de La Mole zurück.“ „Nun, Herr de La Mole, was wollt Ihr von ihm, meine Mutter, da ernicht bei dem König von Navarra war?“ „Nein, er war nicht bei dem König, aber er war bei. der Königin.“ „Bei der Königin!“ rief Karl in ein krampfhaftes Gelächter ausbrechend. „Bei der Königin!“ murmelte Alengon und wurde leichenbleich. „Nein, nein,“ ſprach Karl.„Guiſe ſagte mir, er habe die Sänfte von Margarethe begegnet. „So iſt es,“ verſetzte Catharina;„ſie hat ein Haus in der Stadt.“ „Rue Cloche⸗Percée!“ rief der König. „Ja, ich glaube, Rue Cloche-Percée,“ antwortete Catharina. „Oh! oh! das iſt zu ſtark,“ ſagte Alengon, ſeine Nägel in das Fleiſch ſeiner Bruſt preſſend.„Und dabei hat ſie ihn mir empfohlen!“ F2.„Ah! wenn ich bedenke,“ verſetzte der König plötz⸗ glich innehaltend,„er hat ſich alſo in dieſer Nacht gegen uns vertheidigt und mir ein ſilbernes Gefaß an den Kopf geworfen, der Schurke!“ „Oh! ja,“ wiederholte Franz,„der Schurke!“ Ihr habt Recht, meine Kinder,“ ſagte Catharina, ohne daß ſie ſich den Anſchein gab, als verſtände ſie⸗ das Gefühl, das jeden von ihren Söhnen zu ſeinen Worten veranlaßte.„Ihr habt Recht, denn eine ein⸗ zige Indiseretivn von dieſem Manne kann einen abſchen⸗ „ —————=—————————— 182 lichen Scandal zur Folge haben, eine Tochter von Frank⸗ reich zu Grunde richten! Es bedarf hiezu nur eines Au⸗ genblicks der Trunkenheit.“ „Oder der Eitelkeit,“ verſetzte Franz. „Allerdings, allerdings,“ ſprach Karl;„aber wir können die Sache doch nicht vor Richter bringen, wenn ſich Henriot nicht entſchließt, als Kläger aufzutreten.“ „Mein Sohn,“ Catharina und ſtützte dabei ihre Hand auf eine genugſam bezeichnende Weiſe auf die Schulter von Karl, um ſeine ganz Aufmerkſamkeit auf das zu lenken, was ſie vorſchlagen wollte,„hört wohl, was ich Euch ſagen werde: es waltet ein Verbrechen ob und es kann vielleicht ein Scandal entſtehen. Aber ſolche Vergehen an der königlichen Majeſtät beſtraft man nicht mit Richtern und Henfern; wäret Ihr einfache Edelleute, ſo hätte ich nichts zu bemerken, denn Ihr ſeyd Beide brav; aber Ihr ſeyd Prinzen und könnt Euer Schwert nicht mit dem eines Krautjunkers kreuzen. Seyd darauf bedacht, Euch als Prinzen zu rächen.“ „Tod und alle Teufel!“ rief Karl,„Ihr habt Recht, meine Mutter, ich will daran denfen.“ „Ich werde Euch dabei unterſtützen, mein Bruder!“ rief Franz. „Und ich,“ ſagte Catharina, die ſchwarze ſeidene Schnur losmachend, welche drei Mal um ihren Leib ging und an jedem Ende eine Eichel haͤtte, die bis auf die Kniee herabfiel,„ich entferne mich, laſſe Euch aber dieſes, um mich zu vertreten.“ Prinzen. „Ah! ah!“ ſprach Karl, ich begreife.“ „Dieſe Schnur. 2“ fragte Alengon, indem er ſie aufhob. „Dient zur Beſtrafung und zur Verſchwiegenheit,“ erwiederte Catharina triumphirendz„nur,“ fügte ſie bei, wäre es nicht übel, wenn man bei Allem Hein⸗ rich beiziehen würde.“ und ſie warf die Schnur zu den Füßen der zwei ——— ir un re ie uf hl, en er an che hr ter en. 22 ene eib auf ber vei ſie t, ſie in⸗ 7 Und ſie entfernte ſich. „Bei Gott!“ ſprach Alengon,„nichts iſt leichter, und wenn Heinrich erfährt, daß ſeine Frau ihn ver⸗ räth.... Ihr nehmt alſo den Rath unſerer Mutter an?“ fügte er, ſich an den König wendend, bei. „Punkt für Punkt,“ antwortete Karl, ohne zu ver⸗ muthen, daß er tanſend Dolche in das Herz von Alen⸗ gon bohrte. Dann rief er einen Offizier von ſeiner Leib⸗ wache und befahl Heinrich herabzuhvlen; aber ſich eines Andern beſinnend, ſagte er: „Nein, ich will ihn ſelbſt aufſuchen. Du, Alencon, benachrichtige Anſou und Guiſe.“ Und er verließ ſein Zimmer und ging nach der fleinen Wendeltreppe, welche in den zweiten Stock führte und an der Thüre von Heinrich ausmündete. XVIII. Vachepläne. Heinrich benützte die kurze Friſt, die ihm das ſo gut von ihm ausgehaltene Verhör gönnte, um zu Frau ven Sauve zu eilen. Er fand Orthon, der ſich von ſeiner Ohnmacht völlig erholt hatte, aber Orthon konnte ihm nichts ſagen, als daß Lente in ſeine Wohnung ein⸗ gedrungen waren und daß der Anführer dieſer Leute ihn mit einem Schlage ſeines Schwertknopfes betäubt und niedergeworſen halte. Man hatte ſich um Orthon nicht weiter bekümmert; Catharina ſah ihn ohnmächtig und hielt ihn für todt. Und da er in dem Zwiſchenraume zwiſchen dem Abgange der Königin Mutter und der An⸗ junft des Kapitäne der Garden, welcher den Platz ab⸗ zuräumen beauftragt war, wieder zu ſich kam, flüchtete er ſich zu Frau von Sauve. 184 Heinrich bat Charlotte, den jungen Mann zu be⸗ halten, bis er Nachricht von Herrn von Mouy hätte, der ihm von dem Orte aus, nach welchem er ſich zu⸗ rückgezogen, unfehlbar ſchreiben würde. Dann würde er Orthon mit ſeiner Antwort an Mouy zurückſchicken, und könnte ſtatt auf einen eingebornen Menſchen auf zwei ählen. 6 Sobald dieſer Plan feſtgeſtellt war, kehrte er in ſeine Wohnung zurück und philoſophirte im Zimmer auf⸗ und abgehend, als plötzlich die Thüre ſich öffnete und der König erſchien. „Euere Majeſtät!“ rief Heinrich, dem König ent⸗ gegeneilend. „Ich ſelbſt.... In der That, Henriot, Du biſt ein vortrefflicher Junge, und ich fühle, daß ich Dich immer mehr liebe.“ „Sire,“ ſprach Heinrich,„Euere Majeſtät über⸗ häuft mich mit Gnade.“ „Du haſt nur in einer Beziehung Unrecht, Henriot.“ „In welcher? Etwa darin, daß ich, wie mir Euere Majeſtät ſchon wiederholt vorgeworfen hat, die Parfor⸗ cejagd der Beize vorziehe?“ „Nein, nein, ich ſpreche nicht hievon, ſondern von etwas Anderem, Henriot.“ „Euere Majeſtät beliebe ſich zu erklären,“ verſetzte Heinrich, der an dem Lächeln von Farl wahrnahm, daß er guter Laune war,„und ich werde mich zu beſſern ſuchen.“ „Darin haſt Du Unrecht, daß Du mit Deinen gu⸗ ten Augen nicht heller ſiehſt, als Du dies thuſt.“ „Bah!“ ſprach Heinrich,„ſollte ich, ohne es zu ver⸗ muthen, kurzſichtig ſeyn, Sire?“ „Noch viel ſchlimmer, Henriot, Du biſt blind.“ „Ah! wirklich?“ ſagte der Bearnerz„aber wider⸗ fährt mir dieſes Unglück nicht, wenn ich die Augen ſchließe?“ — e, er d ei N 185 „Bah, bah!“ rief Karl.„Ich will Dir in jedem Fall die Augen öffnen.“ „Gott ſprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Euere Majeſtät iſt der Stellvertreter Gottes auf dieſer Welt, ſie kann alſo auf Erden thun, was Gott im Him⸗ mel thut: ich höre.“ „Als Guiſe geſtern Abend ſagte, Deine Frau ſey in Vegleitung eines Stutzers vorübergekommen, wollteſt Du es nicht glauben. „Sire, wie ſollte ich glauben, eine Schweſter Eue⸗ rer Rajeſtät würde eine ſolche Unklugheit begehen.“ „Als er Dir ſagte, Deine Frau habe ſich nach der Rue Cloche⸗Percöe begeben, wollteſt Du es ebenfalls nicht glauben.“ „Wie ſollte ich annehmen, eine Tochter von Frank⸗ reich würde auf dieſe Art ihren Ruf öffentlich bloß⸗ ſtellen?“ „Als wir das Haus in der Rue Cloche⸗Perecée be⸗ lagerten und ich ein ſilbernes Waſſergefäß auf die Schul⸗ ter bekam, Anjon aber eine Orangen⸗Compote auf den Kovf und Guiſe eine Schweinskeule in das Geſicht er⸗ hielten, haſt Du da zwei Frauen und zwei Männer ge⸗ ſehen?“ „Ich habe nichts geſehen, Sire. Euere Majeſtät muß ſich erinnern, daß ich den Portier befragte.“ „Ja, aber beim Teufel! ich habe geſehen.“ „Ah! wenn Euere Majeſtät geſehen hat, dann iſt es etwas Anderes.“ „Das heißt, ich habe zwei Männer und zwei Frauen geſehen. Ich weiß nun, ohne mehr daran zweifeln zu können, daß eine von dieſen zwei Frauen Margot, daß einer von den zwei Männern Herr de La Mole war“ „Aber, wenn Herr de La MWole in der Rue Cloche⸗ Percée war, ſo kann er ſich nicht hier befunden haben?“ „Nein,“ ſprach Karl,„nein, er war nicht hier. Aber es iſt nicht die Rede von der Perſon, welche hier geweſen iſt, man wird ſie ſchon kennen lernen, wenn 186 bieſer Dummkopf von einem Maurevel wieder zu ſprechen oder zu ſchreiben vermag. Es iſt von Margot die Rede, welche Dich hintergeht.“ „Bah! glaubt ſolche Verleumdungen nicht.“ „Wenn ich Dir ſage, daß Du mehr als kurzſichtig, daß Du blind biſt, Mord und LTeufel! willſt Du mir endlich einmal glauben, Starrfopf. Ich ſage Dir, daß Margot Dich betrügt, und daß wir dieſen Abend den Ge⸗ genſtand ihrer Leidenſchaft erdroſſeln werden.“ Heinrich machte eine Bewegung des Erſtaunens und ſchauete ſeinen Schwager mit beſtürzter Miene an. „Geſtehe, Du biſt im Grunde nicht ärgerlich dar⸗ über, Henriot. Margot wird wohl kreiſchen, wie hun⸗ dert tauſend Krähen; meiner Treue, deſto ſchlimmer! Man ſoll Dich nicht unglücklich machen. Coöndé mag von dem Herzog von Anjon betrogen werden, ich drücke ein Auge zu, Condé iſt mein Feind; aber Du, Du biſt mein Bruder, Du biſt mehr als mein Bruder, Du biſt mein Freund.“ Aber, Sire „Und man ſoll Dich nicht beläſtigen, man ſoll Dich nicht betrügen; Du dienſt ſchon lange genug zur Ziel⸗ ſcheibe für alle dieſe Jungfernknechte, welche von der Pro⸗ vinz herbeilaufen, um unſere Broſamen zuſammenzuleſen und unſern Frauen den Hof zu machen! Sie mögen fommen, oder vielmehr ſie mögen wiederkommen, alle Teufel! Man hat Dich betrogen, Henriot, das kann Je⸗ dermann widerfahren, aber ich ſchwöre Dir, Du ſollſt eine glänzende Genugthuung erhalten und morgen wird man ſagen:„Tauſend Donneèr und Teuſel! es ſcheint, der König Karl liebt ſeinen Schvager, denn er hat dieſe Nacht Herrn de la Mole ganz hubſch die Zunge heraus⸗ ſtrecken laſſen.““ „Sprecht, Sire, iſt es wirklich eine abgemachte Sache?“ „Abgemacht, beſchloſſen, entſchieden, der Jungfern⸗ inecht ſoll ſich nicht zu beklagen haben. Wir nehmen die en de, ig, nir aß e⸗ nd r n⸗ a9 cke iſt iſt ch 36 en en lle e iſt rd ſe 87 Erpedition unler uns vor, ich Anjou, Alengon und Guiſe etpediren ihn. Ein König, zwei Söhne von Frankreich und ein ſouveräner Fürſt, Dich nicht zu rechnen.“ „Wie, mich nicht zu rechnen?“ „Ja, Du wirſt dabei ſeyn.“ Ich“ „Ja, Du; erdolche mir dieſen Burſchen auf eine königliche Weiſe, während wir ihn erdroſſeln.“ „Sire,“ ſprach Heinrich,„Euere Güte macht mich ganz verwirrt; aber woher wißt Ihr....2“ „Bei des Teufels Horn! es ſcheint, dér Junge hat damit geprahlt. Er geht bald zu ihr im Louvre, bald in der Rue Cloche-Percée. Sie machen Verſe mit einan⸗ der. Ich möchte wohl Verſe von dieſem Jungfernknechte ſehen, Schäferſpiele vhne Zweifel; ſie ſprechen von Bion und Moſchus und laſſen Daphnis und Corydon abwech⸗ ſeln. Man fönnte in der That Mitleid bekommen!“ „Sire,“ ſprach Heinrich,„wenn ich bedenke. „Was?“ „Euere Majeſtät wird einſehen, daß ich einer ſol⸗ chen Expedition nicht beiwohnen kann. Meine perſön⸗ liche Anweſenheit wäre meines Erachtens unſchicklich. . Ich bin bei der Sache zu ſehr betheiligt, als daß nicht meine Mitwirkung als eine Rohheit bezeichnet werden ſollte. Euere Majeſtät rächt die Ehre ihrer Schweſter an einem Gecken, der meine Frau verleumdend geprahlt hat; das iſt ganz einfach, und Margarethe, deren Un⸗ ſchuld ich behaupte, wird dadurch nicht entehrt, Sire; bin ich aber von der Partie, ſo iſt es etwas Anderes; meine Mitwirkung macht aus einer Handlung der Ge⸗ rechtigkeit eine Handlung der Rache. Es iſt keine Hin⸗ richtung mehr, ſondern ein Mord, meine Frau iſt nicht mehr verleumdet, ſie iſt ſchuldig.“ „Mordien! Heinrich, Du ſprichſt goldene Worte, und ich ſagte es ſo eben noch zu meiner Mutter: Du haſt Geiſt, wie ein Teufel.“ Und dabei ſchaute Karl wohlgefällig ſeinen Schwa⸗ 188 ger an, welcher ſich, dieſes Compliment erwiedernd, ver⸗ beugte. 3 teteenenier biſt Du zufrieden, daß man Dich von dieſem Jungfernknechte befreit?“ fragte Karl. „Alles, was Euere Majeſtät thut, iſt wohl gethan,“ antwortete der König von Navarra. „Dann iſt es gut; laß mich vas Geſchäft für Dich abmachen, ſei unbeforgt, es wird nicht ſchlecht abgemacht werden.“ „Ich verlaſſe mich auf Euch, Sire.“ „Nun ſage mir, zu welcher Stunde geht er ge⸗ wöhnlich zu Deiner Frau?“ „Gegen neun Uhr Abends.“ „Und er verläßt ſie?“ „Che ich zu ihr komme, denn ich ſinde ihn nie.“ „Gegen 2. „Gegen eilf Uhr.“ „Gut; gehe dieſen Abend um Mitternacht hinab, die Sache wird geſchehen ſeyn.“ Und Karl entfernte ſich, ſein Lieblingsjagdlied pfei⸗ fend, nachdem er Heinrich zuvor herzlich die Hand ge⸗ drückt und ihm ſeine Freundſchafts⸗Verſprechungen er⸗ neuert hatte. „Ventrefaint⸗gris!“ ſagte der Bearner, Karl mit den Augen folgend,„wenn ich mich nicht ſehr täuſche, geht dieſe ganze Teufelei von der Königin Mutter aus. Sie weiß in der That nicht, was ſie erfinden ſoll, um uns zu entzweien, mich und meine Frau: eine ſo hüb⸗ ſche Ehe!“ Und Heinrich fing an zu lachen, wie er lachte, wenn ihn Niemand ſehen und hören konnte. Gegen ſieben Uhr Abends an demſelben Tage, an 6 welchem alle dieſe Ereigniſſe vorgefallen waren, ſtand ein ſchöner junger Mann, nachdem er zuvor gebadet, vor dem Spiegel in einem Zimmer des Louvre, ordnete und ſalbte ſich die Haare und trällerte dabei ein Liedchen. 8 189 Neben ihm ſchlief oder ſtreckte ſich vielmehr ein an⸗ derer junger Mann auf einem Bette. Der Eine war unſer Freund La Mole, mit dem man ſich an dieſem Tage ſo viel beſchäftigt hatte und mit dem man ſich vielleicht noch mehr beſchäftigte, ohne daß er es vermuthete, der Andere ſein Gefährte Coconnas. Dieſer ganze große Sturm war wirklich um La Mole her vorgegangen„ohne daß er hatte den Donner rollen hören und die Blitze zucken ſehen. Um drei Uhr Mor⸗ gens zurückgekehrt, war er bis drei Uhr Nachmittags liegen geblieben halb ſchlafend, halb träumend, Schlöſſer auf den beweglichen Sand bauend, den man die Zukunft nennt; dann war er aufgeſtanden, hatte der Mode ge⸗ mäß eine Stunde bei einem der beliebteſten Bader zuge⸗ bracht und ſofort bei La Hurière zu Mittag geſpeiſt; nun abermals im Louvre vollendete er ſeine Toilette, um Margarethe ſeinen gewöhnlichen Beſuch abzuſtatten. „Und Du ſagſl alſo, Du habeſt zu Mittag geſpeiſt?“ fragte Coconnas gähnend. „Meiner Treue, ja, und zwar mit großem Appetit.“ „Warum haſt Du mich nicht mitgenommen, Selbſt⸗ ſüchtiger?“ „Du ſchliefſt ſo feſt, daß ich Dich nicht wecken wollte. Aber weißt Du, Du wirſt nun zu Nacht ſtatt zu Mit⸗ tag ſpeiſen. Vergiß nur nicht, von Meiſter La Hurieère von dem Anjou⸗Wein zu verlangen, den er vor einigen Tagen bekommen hat.“ „Iſt er gut?“ „Verlange davon, ich ſage nicht mehr.“ „Und Du, wohin gehſt Du?“ „Ich,“ verſetzte La Mole, erſtaunt, daß ſein Freund nur eine ſolche Frage an ihn machte,„wohin ich gehe? ich mache der Königin den Hof.“ „Wenn ich in unſerem kleinen Hauſe in der Rue Cloche⸗Peree ſpeiſen würde“ ſagte Coconnas,„ſo fände ich die Ueberbleibſel von geſtern, und es gibt dort einen gewiſſen äußerſt erfriſchenden Alicantewein.“ ——————— 190 „Das wäre unklug, Freund Annibal, nach dem, was geſtern Nacht vorgefallen iſt. Hat man uns nicht überdieß unſer Wort abgenommen, daß wir nicht allein dahin zurückkehren würden? Gieb mir meinen Mantel.“ „Das iſt meiner Treue wahr,“ ſprach Coconnas; „ich hatte es vergeſſen. Aber wo Teufels iſt denn Dein Mantel? Ah! hier iſt er.“ „Nein, Du giebſt mir den ſchwarzen und ich will den rothen haben. Die Königin ſieht mich lieber in dieſem.“ „Suche ſelbſt, ich finde ihn nicht,“ ſagte Coconnas, nachdem er überall umhergeſchaut hatte. „Wie,“ rief Ln Mole,„Du findeſt ihn nicht, wo iſt er denn?“ „Du wirſt ihn verkauft haben?“ „Warum? ich habe noch ſechs Thaler.“ „Dann nimm den meinigen.“ „Oh! ja, in einem gelben Mantel bei grünem Wamms, ich würde ausſehen wie ein Papagei.“ „Bei meiner Treue, Du biſt ſehr häkelig. Mache es wie Du willſt.“ In dicſem Augenblicke, als La Mole Alles durch einandergeworfen hatte und ſich in Schmähworten gegen die Diebe auszulaſſen anfing, welche bis in den Louvre drängen, erſchien ein Page des Herzogs von Alengon mit dem koſtbaren Mantel. „Ah!“ rief La Mole,„da iſt er endlich.“ „Euer Mantel, mein Herr?“ ſprach der Page.. „Ja, Monſeigneur hatte ihn bei Euch holen laſſen, um ſich in Beziehung auf eine Wette Aufklärung zu ver⸗ ſchaffen, die er über die Farbe gemacht hatte.“ „Oh!“ rief La Mole,„ich verlange ihn nur, weil ich ausgehen will; wenn ihn aber Seine Hoheit noch länger zu behalten wünſchte...“ „Nein, Herr Graf, es iſt ſchon abgemacht.“ Der Page ging ab; La Mole häkeite ſeinen Man⸗ tel zu. w n 3 191 ,„Nun, wozu beſtimmſt Du Dich?“ fragte La Wole. cht„Ich weiß es nicht.“ 8 in„Werde ich Dich dieſen Abend finden?“ .“„Wie ſoll ich Dir dieß ſagen?“ 8;„Du weißt nicht, was Du in zwei Stunden thun nn wirſt?“ „Ich weiß wohl, was ich thun werde, aber ich weiß it nicht, was man mir thun wird.“ in„Die Herzogin von Nevers?“ „Nein, der Herzog von Alengon.“ 2 as,„Ich bemerke in der That, daß er Dir ſeit einiger Zeit viel Freundſchaſt erzeigt.“ w„Allerdings.“ 8 8 „Dann iſt Dein Glück gemacht,“ verſetzte La Mole lachend. „Bah!.. rief Coronnas,„ein jüngerer Prinz.“ „Oh! er hat ſo große Luſt, der ältere zu werden, em daß der Himmel viell zu ſeinen Gunſten ein Wunder thun wird. Du weißt alſo nicht, wo Du dieſen Abend ſeyn wirſt?“ 4„Nein.“ rch Zum Teufel! oder vielmehr Gott befohlen.“ en„Dieſer La Wole iſt furchtbar,“ ſagte Coconnas, „daß er immer wiſſen will, wo man iſt! Weiß man ni es? Uebrigens habe ich, wie es mir ſcheint, Luſt zu ſchlafen.“ Und er legte ſich wieder nieder. La Mole nahm ſeinen Flug nach den Gemächern der Königin. n In dem uns bekannten Corridor begegnete er dem * Herzog⸗von Alengon., „Ah! Ihr ſeyd es, Herr de La Mole?“ ſagte dieſer.„ eit„Ja, Monſeigneur,“ erwiederte La Mole, ſich ehr⸗ furchtsvoll verbengend. „Geht Ihr aus dem Louvre?“ „Nein, Hoheit, ich will Ihrer Majeſtät der Kö⸗ 3 nigin von Navarra meine Huldigung darbringen.“ 8 —„Um welche Stunde verlaßt Ihr ſie?“ 192 „Hat mir Monſeigneur Befehle zu ertheilen?“ „Für den Augenblick nicht, aber ich wünſche Euch dieſen Abend noch zu ſprechen.“ „Um welche Stunde?“ „Zwiſchen neun und zehn Uhr.“ „Ich werde die Ehre haben, mich zu dieſer Stunde Stunde bei Eurer Hoheit einzufinden.“ „Gut, ich zähle auf Euch.“ La Mole verbeugte ſich und ſetzte ſeinen Weg fort. „Dieſer Herzog,“ ſagte er,„hat Augenblicke, wo er leichenbleich ausſieht; das iſt ſonderbar!“ Und er klopfte an die Thüre der Königin; Gillonne, welche auf feine Erſcheinung zu lauern ſchien, führte ihn zu Margarethe. Dieſe war mit einer Arbeit beſchäftigt, welche ſie ſehr zu ermüden ſchien; ein Papier voll ausgeſtrichener Stellen und ein Band von Iſokrates lagen vor ihr. Sie bedeutete La Mole durch ein Zeichen, er möge ſie einen Paragraphen vollenden laſſen; als dieß geſchehen war, was nicht lange dauerte, warf ſie ihre Feder weg und lud den jungen Mann ein, ſich neben ſie zu ſetzen. La Mole ſtrahlte. Er war nie ſo ſchön, ſo heiter geweſen. „Griechiſch!“ rief er, einen Blick in das Buch werfend:„eine Rede von Iſokrates! Was wollt Ihr damit machen? Oh! oh! auf dieſem Papiere Lateiniſch! Ad Sarmatiæ legatos regiuæe Margaritæ concio... Wollt Ihr mit dieſen Barbaren in lateiniſcher Sprache reden?“ „Ich muß wohl,“ erwiederte Margaretha,„da ſie nicht Franzöſiſch ſprechen.“ „Aber, wie könnt Ihr die Antwort machen, ohne die Anrede gehört zu haben?“ „Eine Gefallſüchtigere als ich würde Euch an eine Improviſation glauben laſſen, aber für Euch, mein Hyaeinth, habe ich keine ſolche Täuſchungen: man hat mir die Rede um Voraus mitgetheilt, und ich antwortete darauf.“ zu uch de rt. er ne, erte ſie ner ihr. ſie hen weg zen. iter uch Ihr ſch! ache icht die eine inth, Rede 193 „Werden dieſe Botſchafter bald ankommen?“ „Sie ſind bereits dieſen Morgen eingetroffen.“ „Niemand weiß davon.“ „Sie ſind incognito angekommen. Ihr feierlicher Einzug iſt, wie ich glaube, auf übermorgen verſchoben. Ihr werdet übrigens ſehen.“ ſprach Margarethe mit einer zufriedenen Miene, welche von Pedanterie nicht ganz frei war,„was ich dieſen Abend gemacht habe, iſt ziemlich ciceronioniſch; doch laſſen wir dieſe Nichtswürdigkeiten. Sprechen wir von dem, was Euch begegnet iſt.“ „Mir?“ „Ja.“ „Was iſt mir denn begegnet?“ „Ah! Ihr möget immerhin den Muthigen ſpielen, ich finde Euch etwas bleich.“ „Das kommt von zu langem Schlafen her; ich klage mich deſſen in Demuth an.“ „Stille, ſtille, ſeyd kein Prahler, ich weiß Alles.“ „Habt alſo die Güte, mich auf das Laufende zu bringen, meine Perle, denn ich weiß nichts.“ „Antwortet mir unumwunden. Was hat Euch die Königin Mutter gefragt?“ „Die Königin Mutter, mich! Sie hatte alſo mit mir zu ſprechen?“ „Wie, Ihr habt ſie nicht geſehen?“ „Nein.“ „Und den König Karl?“ „Nein.“ „Und den König von Navarra?“ „Nein.“ „Aber den Herzog von Alencon habt Ihr geſehen?“ „Ja, ich habe ihm ſo eben im Corridor begegnet.“ „Was hat er Euch geſagt?“„ „Er wolle mir zwiſchen neun und zehn Uhr dieſen Abend Befehle ertheilen.“ „Nichts Andexes?“ Kinigin Margot. I. 13 194 „Nichts.“ „Das iſt ſonderbar!“ „Was findet Ihr denn ſonderbar, ſagt es mir?“ „Das Ihr von Nichts habt ſprechen hören.“ „Was iſt denn vorgefallen 2 „Es iſt vorgefallen, Unglücklicher... daß Ihr dieſen ganzen Tag über einem Abgrunde ſchwebtet““ „Ich 20 3 8 „Ja, Ihre 1 „Aus welchem Anlaß?“ „Hört. Dieſe Nacht in dem Zimmer des Königs von Navarra überraſcht, den man verhaften wollte, hat von Mouy drei Menſchen getödtet und ſich ſodann ge⸗ lüchtet, ohne daß man etwas Anderes von ihm erkannte, als den berühmten rothen Mantel.“ 1 „Nun?“ 6 „Dieſer rothe Mantel nun, der mich einmal täuſchte, a hat auch Andere getäuſcht; man hatte Euch im Verdacht, 2 klagte Euch ſogar dieſes dreifachen Mordes an. Dieſen Morgen wollte man Euch verhaften, richten, wer weiß 2... C vielleicht verurtheilen, denn Ihr hättet, um Euch zu retten, f gewiß nicht ſagen wollen, wo Ihr waret, nicht wahr?“ „Sagen, wo ich war!“ rief La Mole,„Euch com⸗ e promittiren, meine edle Königinl meine reizende Majeſtät! Dh! Ihr habt Recht, ich wäre ſingend geſtorben, um 8 Euren ſchönen Angen eine Thräne zu erſparen.“ „Ach! mein armer Freund„ ſprach Margarethe, n „meine ſchönen Augen hätten viel geweint!“ „Aber wie hat ſich dieſer große Sturm gelegt?“ I „Errathet.“ „Was weiß ich?“ „Es gab nur ein Nittel, zu beweiſen, daß Ihr nicht 2 in dem Zimmer des Königs von Navarra geweſen ſeyd.“ „Welches 2⁰ de „Zu ſagen, wo Ihr waret.“ „Nun?“ „Ich habe es geſagt.“ hr igs hat ge⸗ nte, om⸗ ſtät! um ethe, nicht y. 195 „Wem?“ „Meiner Mutter.“ „Und die Königin Catharina?“ „Die Königin Catharina weiß, daß ich Euch liebe.“ „Oh! Madame, nachdem Ihr ſo viel für mich ge⸗ than habt, könnt Ihr Alles von Euerem Diener fordern. Oh! es iſt ſchön und groß, was Ihr da gethan habt, MWargarethe. Oh! Margarethe, mein Leben gehört ganz und gar Euch!“ „Ich hoffe es, denn ich habe es denjenigen entriſſen, welche es mir nehmen wollten; aber jetzt ſeyd Ihr gerettet.“ „Und durch Euch,“ rief der junge Mann,„durch meine angebetete Königin.“ In demſelben Augenblick machte ſie ein heftiges Ge⸗ räuſch beben. La Moe warf ſich, von einem unbeſtimmten Schrecken erfaßt, zurück; Margaretha ſtieß einen Schrei aus und ſah mit ſtarren Augen nach einer zerbrochenen Fenſterſcheibe. Durch dieſe Scheibe war ein Kieſelſtein von der Größe eines Eis geflogen, der noch auf dem Boden fortrollte. La Mole ſah ebenfalls die zerbrochene Scheibe und erkannte die Urſache des Geräuſches. „Welch ein Unverſchämter,“ tief er und lief an das Fenſter. „Einen Augenblick,“ ſagte Margarethe,„es ſcheint mir, es iſt etwas on dieſen Stein angebunden.“ „In der That,“ veiſetzte La Mole,„ein Stückchen Papier.“ Margarethe ſtürzte auf das ſeltſame Wurfgeſchoß und riß das dünne Batt davon ab, das wie ein ſchmales Band zuſammengelegt mitten um den Kieſel gewickelt war. Dieſes Papier wurde durch einen Faden gehalten, der durch die Oeffnung der zerbrochenen Scheibe ging. Margarethe entfaitete den Brief und las. „Unglückeicher!“ rief ſie. 13* —————— 196 Sie reichte das Papier La Mole, welcher bleich, unbeweglich wie die Statue des Schreckens, daſtand. La Mole las, das Herz von einer ſchmerzlichen Ah⸗ nung zuſammengeſchnürt, folgende Worte: „Man erwartet Herrn de La Mole mit langen Degen in dem Corridor, welcher zu dem Herzog von Alencon führt. Vielleicht würde er lieber zu dieſem Fenſter hinaus⸗ ſteigen und ſich zu Herrn von Mouy in Mantes begeben.“ „Ei?“ fragte La Mole, nachdem er geleſen hatte, „ſind dieſe Degen, von denen die Rede iſt, länger als der meinige?“ „NRein, aber es ſind zehn gegen einen.“ „Und wer iſt der Freund, der uns dieſes Billet ſchickt?“ fragte La Mole. Margarethe nahm es noch einmal aus den Händen des jungen Mannes und heftete einen glühenden Blick darauf. „Die Handſchrift des Königs von Navarra!“ rief ſie;„da er warnt, ſo muß die Gefahr wirklich vorhanden ſeyn. Flieht, La Mole, flieht! ich bitte Euch darum.“ „Und wie ſoll ich fliehen?“ „Durch dieſes Fenſter! iſt denn in dem Billet nicht von dieſem Fenſter die Rede?“ „Befehlt, meine Königin, und ich ſpringe aus dieſem. Fenſter, und ſollte ich tauſendmal beim Falle zerſchmettert verden.“ „Wartet, wartet,“ ſprach Margarethe,„es ſcheint mir, dieſer Bindfaden trägt eine Laſt.“ „Wir wollen ſehen,“ ſagte La Mole. Und ſie zogen Beide den an der Schnur hängenden Gegenſtand an ſich und ſahen zu ihrer unſäglichen Freude das Ende einer Leiter von Roßhaar und Seide erſcheinen. „Ihr ſeyd gerettet!“ rief Margarethe. „Das iſt ein Wunder vom Himmel.“ „Nein, es iſt eine Wohlthat des Königs von Na⸗ varra.“ „Wenn es im Gegentheil eine Falle wäre,“ ſprach * —,—————— r———„— —— ——— en ick ief en cht em ert int 197 La Mole,„wenn dieſe Leiter unter meinen Füßen brechen ſollte! Madame, habt Ihr nicht heute Euere Liebe für mich zugeſtanden?“ Margarethe, der die Freude ihre Farbe wieder ver⸗ liehen hatte, wurde abermals todtenbleich. „Ihr habt Recht,“ ſagte ſie,„das iſt möglich.“ Und ſie eilte nach der Thüre. „Was wollt Ihr thun?“ rief La Mole „Mie ch ſelbſt überzeugen, ob es wahr i iſt, daß man Euch im Corridor erwartet.“ „Nie! nie! damit der Zorn auf Euch fällt!“ „Was ſoll man einer Tochter von Frankreich, einer Frau und Prinzeſſin von Geblüt thun? Ich bin dop⸗ pelt unverletzlich.“ Die Königin ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Würde, daß La Mole begriff, ſie wagte nichts und er müßte ſie machen laſſen, wie es ihr gut dünkte. Margarethe ließ La Mole unter der Obhut von Gillonne und ſtellte es ſeiner Klugheit anheim, je nach dem, was ſich ergeben würde, zu fliehen oder ihre Rück⸗ kehr abz zuwarten, und ging in den Corridor, der durch eine Verzweigung in die Bibliothek, ſo wie in mehre Empfangszimmer führte und, wenn man ihm in ſeiner ganzen Länge folgte, nach den Gemächern des Königs, der Königin Muiter und der kleinen geheimen Treppe ausmündete, auf der man zu dem Herzog von Alencon und zu Heinrich hinaufſtieg. Obgleich die Glocke kaum erſt neun Uhr geſchlagen hatte, waxen doch alle Lichter ausgelöſcht und der Corridor, abgeſehen von einem ſchwachen Schimmer, der von einem eiteni kam, in vollkommene Finſterniß gehüllt. Die Königin von Navarra wanderte feſten Schrittes vorwärts; als ſie aber kaum den dritten Theil des Corridors erreicht Ste, hörte ſie ein Flüſtern von Stimmen, welche durch die Mühe, die man ſich gab, ſie zu dämpfen, einen geheimmißvollen, erſchreckenden Ausdeuck bekamen. Doch beinahe in demſelben Angenblick hörte das Geräuſch 198 auf, als ob es ein höherer Befehl erſtickt hätte, und Alles verſank in Stillſchweigen und Finſterniß, denn ſogar jener Schimmer, ſo ſchwach er auch war, ſchien abzunehmen. Margarethe ſetzte ihren Weg fort, gerade der Ge⸗ fahr entgegen, welche, wenn ſie vorhanden war, hier ihrer wartete. Sie war ſcheinbar ruhig, obgleich ihre krampfhaft zuſammengez ogenen Hände eine furchtbare eenbrin andeuteten. Wie ſie näher kam, ver⸗ doppelte ſich d as finſtere Stillſchweigen, und ein Schat⸗ ten, dem einer Hand ähnlich, verdunkelte den zittern⸗ den, unſichern Schimmer. Als an den Seitengang des Corridors gelangte, machte plötzlich ein Mann zwei Schritte vorwärts, ent⸗ hüllte einen Handleuchter von Vermeil, bel euchtete ſie damit und rief: ie iſt Margarethe ſtand ihrem Bruder Karl gegenüber. Hinter ihm ſah ſie, eine ſeidene Schnur in der Hand, den Herzog von Alencon. Ganz im Hintergrunde ex⸗ ſchienen neben einander zwei Schatten, ohne ein an⸗ deres Licht von ſich zu geben, als das, welches das bloße Schwert ausſtrahlte, das ſie in der Hand hielten. Margarethe umfaßte das ganze Gemälde mit einem einzigen Blicke. Sie rief ihre Entſchloſſenheit zu Hülfe und erwiederte, Karl zulächelnd: „Ihr wollt ſagen: hier iſt ſie! Sire“ Karl wich einen Schritt zurück. Die Andern blieben unbewealich. „Du, Margot,“ ſagte er;„und wohin gehſt Du zu dieſer Stunde?“ „Zu dieſer Stunde,“ entgegnete Margarethe,„iſt es denn ſo „Ich frage Dich, wohin Du gehſt?“ „Ich will ein Buch der Reden von Cicero holen, das ich, wie ich glaube, bei unſerer Mutter gelaſſen habe.“ „So ohne Licht?“ — ———— —„ er. id, er⸗ n⸗ as m lfe en Ax 199 * „Ich wähnte, der Corridor wäre beleuchtet.“ „Und Du kommſt aus Deinen Zimmern?“ „Was machſt Du denn dieſen Abend?“ „Ich bereite meine Rede an die polniſchen Ge⸗ ſandten. Findet morgen nicht Rathsverſammlung ſtatt, und iſt es nicht verabredet, daß jeder ſeine Rede Euerer Majeſtät vorlegen ſoll?“ „Und Du haſt nicht irgend Jemand, der Dir bei Deiner Arbeit hilft?“ Margarethe raſſte alle ihre Kräfte zuſammen und⸗ erwiederte: „Ja, mein Bruder, Herr de La Mole; er iſt ſehr gelehrt.“ 8 „So gelehrt,“ ſprach der Herzog von Alencon, „daß ich ihn bat, wenn er bei Euch fertig wäre, meine Schweſter, mich aufzuſuchen und mir, der ich nicht ſo ſtark bin, wie Ihr, ſeinen Rath zu geben.“ „Und Ihr erwartet ihn?“ ſagte Margarethe mit dem allernatürlichſten Tone. „Ja,“ erwiederte Alencon ungeduldig. „Dann will ich ihn Euch ſchicken, mein Bruder, denn wir ſind fertig.“ „Und Euer Buch?“ fragte Karl. „Ich werde es durch Gillonne holen laſſen.“ Die zwei Brüder wechſelten ein Zeichen. „Geht,“ ſprach Karl;„und wir wollen unſere Runde fortſetzen.“ „Euere Runde?“ verſetzte Margarethe;„was ſucht Ihr denn?“ „Das rothe Männchen,“ erwiederte Karl.„Wißt Ihr nicht, daß es ein rothes Männchen giebt, welches im Louver umhergeht. Mein Bruder Alencon behauptet es geſehen zu haben, und wir ſuchen daſſelbe auf.“ „Gute Jagd,“ ſprach Margarethe. Und ſie kehrte um, jedoch nicht ohne einen Blick zurückzuwerfen. Da ſah ſie an der Wand des Corri⸗ 200 dors die vier Schatten vereinigt und, wie es ſchien, in einer Berathung begriffen. In einer Sekunde war ſie an der Thüre ihrer Wohnung. „Oeffne, Gillonne, öffne,“ ſagte ſie. Gillonne gehorchte. Margarethe ſtürzte in das Zimmer und fand La Mole, der ihrer harrte, kalt und entſchloſſen, aber das Schwert in der Fauſt. „Flieht!“ rief ſie,„flieht, ohne eine Sekunde zu verlieren. Sie erwarten Euch im Corridor, um Cuch zu tödten.“ „Ihr befehlt es?“ ſprach La Mole. „Ich will es. Wir müſſen uns trennen, um uns wiederzuſehen.“ Während der Abweſenheit von Margarethe hatte La Mole die Leiter an die Fenſterſtange befeſtigt, er ſchwang ſich hinauf; aber ehe er den Fuß auf die erſte Sproſſe ſetzte, küßte er der Königin zärtlich die Hand und ſprach: „Wenn dieſe Leiter eine Falle iſt und ich für Euch ſterbe, Margarethe, ſo erinnert Euch Eueres Ver⸗ ſprechens.“ „Es iſt kein Verſprechen, La Mole, es iſt ein Schwur. Befürchtet nichts. Gott befohlen!“ Und voll kecken Muthes glitt La Mole mehr hinab, als er auf der Leiter zu Boden ſtieg. In demſelben Angenblick klopfte man an die Thüre. Margarethe folgte La Mole mit den Augen bei ſei⸗ nem gefährlichen Unternehmen, und wandte ſich erſt um, als ſie gewiß wußte, daß ſeine Füße die Erde berührt hatten. „Madame!“ ſagte Gillonne.„Madame!“ „Nun?“ fragte Margarethe. „Der König klopft an die Thüre.“ „Oeffne.“— Gillonne gehorchte. as re. ei⸗ m, hrt 201 Die vier Prinzen ſtanden, ohne Zweifel des War⸗ tens müde, auf der Schwelle. Karl trat ein. Margarethe kam Karl, ein Lächeln auf den Lippen, entgegen. Der König warf einen raſchen Blick umher. „Was ſucht Ihr, mein Bruder?“ ſagte Marga⸗ rethe. „Ich ſuche ich ſuche..“ antwortete Karl, ei! der Teufel!„ich ſuche Herrn de La Mole.“ „Herrn de La Mole?“ „Ja, wo iſt er?“ Margarethe nahm ihren Bruder bei der Hand und führte ihn an das Fenſter. In dieſem Augenblicke ſprengten zwei Männer im ſtärkſten Galoppe ihrer Pferde davon und erreichten be⸗ reits den hölzernen Thurm; der Eine derſelben löſte ſeine Binde und ließ zum Zeichen des Abſchiedes die weiße Seide in der Nacht flattern; dieſe zwei Männer waren Orthon und La Mole. Margarethe zeigte Karl die zwei Männer mit der Fingerſpitze. „Nun!“ fragte der König,„was ſoll dieß bedeuten?“ „Dieß ſoll bedeuten,“ erwiederte Margarethe,„daß der Herr Herzog von Alengon ſeine Schnur in die Taſche und die Herren Anjon und Guiſe ihre Schwerter in die Scheide ſtecken können, inſofern Herr de La Mole dieſe Nacht nicht durch den Corridor zurückgehen wird.“ XIX. Die Atriden. Seit ſeiner Rückfehr nach Paris hatte Heinrich von Anjou ſeine Mutter, deren vielgelietter Sohn er be⸗ fanntlich war, noch nicht offen geſehen. — 202 Es war nicht mehr die leere Befriedigung einer di Etiquette, nicht mehr die peinliche Vollziehung einer H Ceremonie, ſondern die Erfüllung einer ſüßen Pflicht für dieſen Sohn, der, wenn er ſeine Mutter nicht liebte, al doch wenigſtens ſterzengt war, daß er von ihr zärtlich geliebt wurde. d Catharina zog wirklich dieſen Sohn vor, ſey es a nun wegen ſeiner Tapferkeit, ſey es wegen ſeiner Schön⸗ V heit, denn in Catharina war außer der Mutter auch die Frau zu finden, ſey es endlich, weil, wie einige„ Stundl⸗Ehroniten behaupten, Heinrich von Anjon die an eine gewiſſe glückliche Epoche geheimniß⸗ 3 voller Liebſchaften erinnerte. w Catharina wußte allein von der Rückkehr des Her⸗ m zogs von Anjon nach Paris, von der Karl nichts er⸗ fahren hätte, würde ihn nicht der Zufall gerade dem Augenblick vor das Hotel Condé geführt haben, in A welchem ſein Bruder heraustrat. Karl erwartete ihn erſt am andern Täge, und Anjon hoffte ihm die zwei 9 Schritte zu verbergen, die ſeine Ankunft um einen Tag beſchleunigt hatten, nämlich ſeinen Beſuch bei der ſchö⸗ B nen Marie von Kleve, Prinzeſſin von Condé, und ih ſeine Beſprechung mit den polniſchen Geſandten. Dieſen i Schritt, über deſſen Zweck Karl noch ungewiß geblieben war, hatte der Herzog von An⸗ gl jon ſeiner Mutter zu erflären, und der Leſer, der, wie Heinrich von Navatra, ſicherlich in einem Irrthum be⸗ ri fangen war, wird dieſe Erklärut benützen. F Als der Herzog von Anſon, ängſt erwartet, bei de Catharina eintrat, öffnete Cathari ſonſt ſo kalt, ſo ze abgemeſſen, Catharina, welche ſeit der Abreiſe ihres ſe vielgeliebten Sohnes nur Coligny, der am andern p Tage ermordet werden ſollte, mit einer gewiſſen Be⸗ zu geiſterung umarmt hatte, öffnete Catharina, ſagen wir, dem Kinde ihrer Liebe die Arme und drückte es mit V einem Erguffe mütterlicher Zärtlichkeit an die Bruſt, da 1 ner ier cht 4e ich es ön⸗ uch ige die iß⸗ er⸗ er⸗ em in ihn wei hö⸗ ind arl An⸗ wie be⸗ bei res ern Be⸗ virz mit uſt, ———— — 203 die man nur mit Erſtaunen an dieſem vertrockneten Herzen wahrnehmen konnte. Dann trat ſie zurück, ſchaute ihn an, und begann abermals, ihn zu umarmen. „Oh! Madame,“ ſagte er,„da mir der Himmel die Frende gönnt, meine Mutter ohne Zengen zu um⸗ armen, ſo tröſtet den unglücklichſten Menſchen dieſer Welt.“ „Mein Gott! mein liebes Kind,“ rief Catharina, „was iſt Ehch denn begegnet?“ „Nichts, was Ihr nicht wüßtet, meine Mutter. Ich liebe, ich werde geliebt, aber gerade dieſe Liebe, welche das Glück eines Andern bilden würde, macht mein Unglück.“ „Erklärt mir das, mein Sohn.“ „Oh! meine Mutter..., dieſe Geſandten, dieſe Abreiſe.. „Ja,“ ſprach Catharina,„die Geſandten ſind an⸗ gekommen, die Abreiſe drängt.“ „Sie hat keine Eile, meine Mutter, aber mein Bruder wird darauf dringen; er haßt mich; ich mache ihm Schatten und er will ſich meiner entledigen.“ Catharina lächelte. „Indem er Euch einen Thron giebt, armer, un⸗ glücklicher Gekrönter!“ „Oh! gleichviel, meine Mutter,“ verſetzte Hein⸗ rich,„ich will nicht abreiſen. Ich, ein Sohn von Frankreich, erzogen inmitten der feinſten Sitten, in der Nähe der beſten Mutter, geliebt von einer der rei⸗ zendſten Frauen der Erde, ſoll da hinaus in die Schnee— felder, an das Ende der Welt, langſam ſterben unter pumper, rohen Menſchen, welche ſich vom Morgen bis zum Abend betrinken und die Fähigkeiten ihres Königs nach denen eines Faſſes ermeſſen. Nein, meine WMutter.. ich will nicht abreiſen... Ich würde darüber ſterben!“ „Sprecht, Heinrich,“ ſagte Catharina und drückte 204. ihrem Sohne beide Hände,„ſprecht, iſt dieß die wahre Urſache?“ Heinrich ſchlug die Augen nieder, als wagte er es nicht, ſeiner Mutter zu geſtehen, was in ſeinem Herzen vorging. „Iſt es nicht eine andere,“ fuhr Catharina fort, „eine minder romanhafte, aber mehr vernünftige, mehr politiſche?“ „Meine Mutter, es iſt nicht mein Fehler, wenn dieſer Gedanke in meinem Geiſte geblieben iſt, und er nimmt vielleicht mehr Platz darin ein, als er einneh⸗ men ſollte. Sagtet Ihr mir aber nicht ſelbſt, das Horoſkop, das man meinem Bruder Karl bei ſeiner Geburt gezogen, verdamme ihn, jung zu ſterben?“ „Ja,“ erwiederte Catharina,„aber ein Horoſkop kann lügen, mein Sohn. Ich ſelbſt hoffe in dieſem Augenblick, daß die Horoſtope insgeſammt nicht wahr in 3 „Aber ſprecht, ſagte dieß nicht ſein Horoſtop?“ „Sein Horoſtop, ſprach von einem Vierteljahr⸗ hunderte, aber es ſagte nicht, ob damit ſein Leben oder ſeine Regierung gemeint ſei.“ „Nun wohl, meine, Mutter, macht daß ich bleibe. Mein Bruder iſt beinahe vierundzwanzig Jahre alt, in einem Jahre wird die Frage entſchieden ſein.“ Catharina verſank in tiefes Nachdenken. „Ja, gewiß,“ ſagte ſie nach einer Weile,„es wäre beſſer, wenn das ſo ſein könnte.“ „Oh! urtheilt doch ſelbſt, meine Mutter, welch' eine Verzweiflung für mich, wenn ich die Krone von Franfreich gegen die von Polen vertauſcht hätte! Wenn ich dort ſollte von dem Gedanken gemartert, werden, daß ich im Louvre inmitten dieſes eleganten, wiſſenſchaft⸗ lich gebildeten Hofes, in der Nähe der beſten Mutter der Welt regieren könnte, in der Nähe einer Mutter, welche gewohnt war, mit meinem Vater einen Theil der Bürde des Staates zu tragen, gern ſie auch mit em t, ehr enn er eh⸗ das ner kop em ahr hr⸗ der ibe. in äre lch' von enn den, aft⸗ tter ter, heil mit 205 mir getragen hätte. Oh! meine Muiter, ich wäre ein großer König geweſen!“ „Ruhig, ruhig, liebes Kind,“ ſprach Catharina, für welche dieſe Zufunft ſtets die ſüßeſte Hoffnung ge⸗ weſen war,„ruhig, verzweifelt nicht. Habt Ihr nicht Euerer Seits an irgend ein Mittel gedacht, die Sache zu ordnen?“ „Oh! gewiß, und gerade deßhalb bin ich zwei oder drei Tage früher gekommen, als man mich erwartete, wobei ich indeſſen meinen Bruder glauben ließ, es wäre Frau von Condé zu Liebe geſchehen. Dann ritt ich Lasco, dem Gewichtigſten von den polniſchen Ge⸗ ſandten entgegen, gab mich ihm zu erkennen und that bei dieſer erſten Zuſammenkunft Alles, was mir mög⸗ lich war, um mich haßenswerth zu machen, und ich hoffe, es iſt mir gelungen.“ „Oh! mein liebes Kind,“ ſprach Catharina,„das iſt ſchlimm! Ihr müßt mehr Werth auf das Intereſſe Frankreichs, als auf Eueren Widerwillen legen.“ 3 „Meine Mutter, will das Intereſſe Frankreichs, daß⸗ wenn meinem Bruder Unglück widerfährt, der Herzog von Alencon oder der König von Navarra regiere?“ „Oh! der König von Navarra, nie! nie!“ mur⸗ melte Catharina, und die Unruhe bedeckte ihre Stirne mit dem ſorgenvollen Schleier, der ſich immer darüber ausbreitete, ſo oft dieſe Frage ſich darbot. „Meiner Treue,“ fuhr Heinrich fort,„mein Bruder Alencon iſt kaum beſſer und liebt Euch nicht mehr.“ „Nun, was hat Lasco geſagt?“ verſetzte Catha⸗ rina. „Lasco zögerte ſelbſt, als ich in ihn drang, eine Audienz zu verlangen. Oh! wenn er nach Polen ſchrei⸗ ben, dieſe Wahl zu nichte machen fönnte.“ „Tollheit, mein Sohn, Tollheit! Was ein Reichs⸗ tag geheiligt hat, iſt geheiligt.⸗ 2 „Aber, meine Mutter, könnte man dieſe Polen „ 206 nicht veranlaſſen, meinen Bruder ſtatt meiner zu nehmen?“ „Das iſt, wenn nicht unmöglich, doch wenigſtens ſchwierig.“ „Gleichviel! verſucht es, ſprecht mit meinem Bru⸗ der, werft Alles auf meine Liebe für Frau von Condv. Vutter, ſagt ihm, ich ſei wie ein Verrückter in ſie verliebt, ich verliere den Verſtand darüber. Er hat mich gerade aus dem Hotel des Prinzen mit Guiſe gehen ſehen, der mir dort alle Dienſte eines guten Freundes leiſtet.“ „Ja, um die Ligue zu bilden. Ihr ſeht das nicht, aber ich ſehe es.“ „Allerdings, meine Mutter, allerdings, aber mitt⸗ lerweile benütze ich ihn. Sind wir denn nicht glücklich, wenn ein Menſch uns dient, während er ſich ſelbſt dient?“ „Und was ſagte der König, als er Euch be⸗ gegnete?“ „Er ſchien an das zu glauben, was ich ihn ver⸗ ſicherte, nämlich die Liebe allein hätte mich nach Paris zurückgeführt.“ „Hat er Euch aber nicht über den Reſt der Nacht um Rechenſchaft gefragt?“ „Gewiß, aber ich ſpeiſte bei Nantvuillet zu Nacht, wo ich einen abſcheulichen Lärmen machte, damit ſich das Gerücht hievon verbreiten und der König nicht da⸗ ran zweifeln würde, ich wäre dort.“ 1 „Alſo weiß er nichts von Euerem Beſuche bei Lasco?“ „Durchaus nichts.“ „Deſto beſſer; ich werde es verſuchen, mit ihm für Euch zu ſprechen; aber Ihr wißt, es gibt keinen wirk⸗ lichen Einfluß auf dieſe rauhe Natur“ „Oh! meine Mutter, meine Mutter, welch ein Glück, wenn ich bliebe; ich würde Euch, wenn es moög⸗ * . en 1h du w ve H ſei är nu gu für irk⸗ ein 1ög † 207 lich wäre, noch viel mehr lieben, als ich Euch jetzt liebe.“ „Wenn Ihr bleibt, wird man Euch abermals in den Krieg ſchicken.“ „Oh! mir gleichviel, wenn ich nur Frankreich nicht verlaſſe.“ „Ihr werdet machen, daß man Euch tödtet,“ „Meine Mutter, man ſtirbt nicht an Streichen.. man ſtirbt vor Schmerz, vor Kummer. Aber Karl wird mir nicht erlauben, zu bleiben; er haßt mich.“ „Er iſt eiferſüchtig auf Euch, mein ſchöner Sieger⸗ das iſt eine abgemachte Sache; warum ſeid Ihr auch ſo brav und ſo glücklich?. Warum habt Ihr, kfaum zwanzig Jahre alt, Schlachten gewonnen, wie Alexander und Cäſar? Mittlerweile entdeckt Euch aber Niemand, ſtellt Euch zufrieden, macht dem König den Hof. Noch heute verſammelt man ſich im geheimen Rathe, um die Reden, welche bei der Feſtlichkeit gehalten werden ſollen, zu leſen und zu beſprechen; ſpielt den König von Polen und überläßt mir das Uebrige. Doch ſagt, wie ging es mit Euered Expedition geſtern Abend?“ „Sie iſt geſcheitert; der Liebhaber war gewarnt und entfloh durch das Fenſter.“ „Endlich werde ich doch einmal erfahren,“ ſagte Ca⸗ tharina,„wer der böſe Genius iſt, der alle meine Pläne durchkreuzt. Vorläuſig habe ich eine Vermuthung., und wehe ihm!“ „Alſo meine Mutter?“ „Laßt mich dieſe Angelegenheit leiten“ Und ſie küßte Heinrich zärtlich auf die Angen und verließ ihr Cabinet. Bald erſchienen bei der Königin die Prinzen ihres Hauſes. Karl war in guter Laune, denn die Haltung ſeiner Schweſter Margot hatte ihn mehr gefreut, als ge⸗ ärgert; er grollte La Mole nicht und hatte im Corridor nur eifrig auf ihn gewartet, weil es eine Art von Jagd guf den Anſtand war. 208 Alengon war im Gegentheil ſehr aufgehracht. Die Abneigung, die er immer gegen La Mvole hegte, hatte ſich in dem Augenblick in Haß verwandelt, wo er erfuhr, daß La Mole von ſeiner Schweſter geliebt wurde. Margarethe war zugleich träumeriſch und aufgeweckt. Sie hatte zugleich ſich zu erinnern und zu wachen. Die polniſchen Abgeordneten hatten den Tert der Reden geſchickt, welche ſie halten wollten. Margarethe, mit der man von der Scene des vor⸗ hergehenden Abends nicht mehr geſprochen hatte, als ob diefe Scene gar nicht vorgefallen wäre, las die Reden, und außer Karl brachte Jeder zur Sprache, was es ant⸗ worten würde. Karl ließ Margarethe antworten, wie es ihr beliebte. Er zeigte ſich ſehr ſchwierig in Be⸗ ziehung auf die Wahl der Ausdrücke bei Alencvn. Die Rede von Heinrich von Anjon aber behandelte er mehr als böswillig, er tadelte und änderte daran mit hart⸗ näckiger Leidenſchaftlichkeit. Di ſe Sitzung, obgleich ſie noch nichts zum Ausbruch brachte, hatte doch eine dumpfe Erbitterung der Geiſter zur Folge. Heinrich der ſeine Rede beinahe ganz neu zu machen hatte, entfernte ſich, um dieſe Arbeit vorzunehmen. Margarethe, welcher von dem König von Navarra keine Nochricht ſeit der zugekommen war, die er ihr zum Nach⸗ theil ihrer Fenſterſcheibe gegeben hatte, kehrte in ihre Wohnung zurück, in der Hoffnung, ihn dort erſcheinen zu ſehen. Alencvn, welcher das Zögern in den Augen ſeines Bruders Anjou geleſen und einen Blick des Verſtändniſſes zwiſchen ihm und ſeiner Mutter ertappt hatte, ging in ſeine Gemächer, um über das zu träumen, was er als eine entſtehende Kabale betrachtete. Karl wollte in ſeine Schmiede gehen, um einen Spieß zu vollenden, den er ſich ſelbſt verfertigte, als Catharina ihn zurückhielt. Karl vermuthete, er würde bei ſeiner Mutter irgend eine Oppoſition gegen ſeinen Willen finden, blieb ſtehen, ſchaute ſie feſt an und fragte ſie: „Nun, was haben wir noch?“ — Die ſich daß eckt. der vor⸗ ob den, ant⸗ ten, Be⸗ Die nehr art⸗ ruch eiſter u zu men. keine kach⸗ ihre nzu eines iſſes g in als ſeine ſich gend ehen, e ⸗ 209 „Wir haben ein letztes Wort zu ſprechen, Sire. Wir haben dieſes Wort vergeſſen, und doch iſt es von ei⸗ nigem Belang. Welchen Tag beſtimmen wir für die öf⸗ fentliche Verſammlung?“ „Ah! das iſt wahr,“ ſagte der König, ſich wieder ſetzend,, wir wollen darüber ſprechen, meine Mutter. Nun, welchen Tag gefällt es Euch dazu zu beſtimmen?“ „Ich glaube,“ antwortete Catharina,„daß in dem Stillſchweigen Euerer Majeſtät, in dem ſcheinbaren Ver⸗ geſſen etwas tief Berechnetes lag.“ „Nein; warum dies, meine Mutter?“ „Weil, wie es mir ſcheint, mein Sohn, die Polen uns nicht mit ſo viel Hitze ihrer Krone nachlaufen ſehen ſollten.“ „Im Gegentheil, meine Mutter, ſie haben ſich beeilt und kommen in foreirten Märſchen von Warſchau hieher.., Ehre für Ehre, Artigkeit für Artigkeit.“ „Euere Majeſtät kann in einer Beziehung Recht haben, wie ich in einer andern nicht Unrecht haben dürfte. Es iſt alſo Eure Meinung, daß die öffentliche Sitzung beſchleunigt werden ſoll?“ „Meiner Treue, ja, Mutter; iſt es zufällig nicht auch die Eurige?“ „Ihr wißt, daß ich nie eine andere Anſicht habe, als diejenige, welche am meiſten zu Erhöhung Eueres Ruh⸗ mes beitragen kann; ich ſage Euch alſv, daß ich befürchte, wenn Ihr Euch ſo ſehr beeilt, dürfte man Euch beſchuldi⸗ gen, Ihr benütztet ſehr ſchnell die Gelegenheit, die ſich Euch bietet, das Haus Frankreich von den Laſten zu befreien, die Euch Euer Brüder auferlegt, Euch aber ſicherlich in Ruhm und Ergebenheit zurückerſtattet.“ „Meine Mutter,“ ſprach Karl,„ich werde meinen Bruder bei ſeiner Abreiſe aus dem Lande ſo reich dotiren, daß Niemand es wagen wird, nur zu denken, was Ihr befürchtet, man werde es ſagen.“ „Gut, ich ergebe mich, da Ihr eine ſo gute Antwort Königin Margot. M. 14 210 auf jeden von meinen Einwürfen habt. Aber, um dieſes kriegeriſche Volk zu empfangen, welches die Macht der Staaten nach den äußeren Zeichen beurtheilt, bedarf es einer beträchtlichen Schauſtellung von Truppen, und ich denke, es ſind nicht hinreichend auf der Ile⸗de⸗France ²*) zuſammenberufen“ „Verzeiht, meine Mutter, ich ſah dieſes Ertigniß vorher und bereitete mich darauf ver. Ich habe zwei Bataillons aus der Normandie und eines aus der Guyenne einberufen; meine Compagnie Bogenſchützen iſt geſtern aus der Bretagne eingetroffen; die in der Touraine zer⸗ ſtreuten Chevaurlegers werden morgen im Verlauf des Tages in Paris ankommen; und während man glaubt, ich habe kaum über vier Regimenter zu verfügen, kann ich zwanzig tauſend Mann aufmarſchiren laſſen.“ „Ah! ah!“ ſagte Catharina erſtaunt,„alſo fehlt es Euch nur noch an Einem, aber man wird es ſich ver⸗ ſchaffen können“ „An was?“ „An Geld. Ich glaube, Ihr ſeyd nicht übermäßig damit verſehen.“ „Im Gegentheil, Madame, im Gegentheil,“ ſprach Karl IX.„Ich habe vierzehn mal hundert tauſend Thaler in der Baſtille; meine Privaterſparniß hat ſich in dieſen Tagen auf acht mal hundert tauſend Thaler belaufen, die in meinem Keller im Louvre vergraben ſind, und im Falle der Noth hat Nantvnillet noch weitere dreimal hundert tanſend Thaler zu meiner Verfügung.“ Catharina bebte, denn ſie haite Karl bis jetzt heftig und aufbrauſend, aber nie vorſichtig geſehen. „Euere Majeſtät denkt in der That an Alles,⸗ ſagte ſie„das iſt bewunderungswürdig; und wenn ſich die Schneider, die Stickerinnen und die Juweliere ein wenig beeilen, ſo wird Euere Majeſtät im Stande ſeyhn, die Sitzung vor ſechs Wochen halten zu laſſen.“ *) Die Gegend um Paris ſonſt das Gouvernement France⸗ —,— 5) S 8 6 eſes der ich 8 gniß zwei enne ſtern zer⸗ des „ich mich äßig rach haler ieſen die Falle ndert meftig ſagte die venig „ die 211 „Sechs Wochen!“ rief Karl.„Meine Mutter, die Schneider, die Stickerinnen, die Juweliere arbeiten ſeit dem Tage, an welchem man die Ernennung meines Bru⸗ ders erfahren hat. Es lönnte im Ganzen Alles heute bereit ſeyn; aber ganz ſicher iſt Alles in drei bis vier Tagen feriig.“ „Oh! Ihr ſeyd noch eiliger, als ich glaubte, mein Sohn,“ murmelte Catharina. „Ehre für Ehre, ſage ich Euch.“ „Gut. Es ſchmeichelt Euch alſo dieſe dem Hauſe Frankreich erwieſene Ehre, nicht wahr?“ „Sicherlich.“ „Und einen Sohn von Frankreich auf dem polniſchen Throne zu ſehen, iſt Euer theuerſter Wunſch?“ „Ihr ſprecht die Wohrheit.“ „Es iſt alſo die Sache und nicht der Menſch, um was Ihr Euch kümmert und wer dort regieren mag... „Nein, nein, meine Mutter, bleiben wir, wo wir ſind, bei Gott! Die Polen haben gut gewählt. Dieſe Leute ſind gewandt und ſtark! Eine militäriſche Nation, ein Volk von Soldaten, nehmen ſie einen Feldherrn zum Jürſten; den Teufel, das iſt logiſch! Anjon iſt ganz geeig⸗ net für ihre Sache. Der Held von Jatnac und und Vontcontour paßt ihnen wie ein Handſchuh. Wen ſoll ich ihnen ſchicken? Alengon, einen Feigen? das würde ihnen einen ſchönen Begriff von den Valvis geben. Alen⸗ con würde bei der erſten Kugel fliehen, die ihm um die Ohren ziſchte, während Heinrich von Anjon, ein Schlach⸗ tenlenker, gut!... Stets das Schwert in der Fauſt, ſtets vorwärts marſchirend, zu Fuß oder zu Pferd!. Friſch auf! zugeritten, niedergehauen, tootgeſchlagen! Ah, mein Bruder Anjou iſt ein geſchickter Menſch, ein Muthiger, der ſie vvm Morgen bis zum Abend, vom erſten Tage des Jahres bis zum letzten ſchlagen läßt. Er trinkt ſchlecht, das iſt wahr, aber er wird ſie mit kaltem Blute töpten laſſen, und das iſt die Haupiſache. Der gute Hinrich 212 wird dort in ſeiner Sphäre ſein. Auf! auf! zum Schlacht⸗ felde! Bravo, Trommeln und Trompeten! Es lebe der König! es lebe der Sieger! es lebe der Feldherr! Man ruft ihn dreimal des Jahrs zum Imperator aus. Das wrd herrlich werden für das Haus Frankreich und die Ehre der Valois. Man tödtet ihn vielleicht dort, aber bei allen Teufeln, das wird ein glorreicher Tod ſeyn!“ Catharina bebte, ein Blitz zuckte aus ihren Augen und ſie rief: „Sagt, daß Ihr ihn entfernen wollt; ſagt, daß Ihr Euern Bruder nicht liebt.“ „Ah! ah! ah!“ rief Karl in ein nerviges Gelächter ausbrechend;„Ihr habt es errathen, daß ich ihn entfernen wollte? Ihr habt es errathen, daß ich ihn nicht lieke? Und wenn dies wäre, ſprecht! Meinen Bruder lieben! Warum ſollte ich ihn denn lieben? Ah! ah! ah! wollt Ihr lachen?..,“ Und je mehr er ſprach, deſto mehr belebten ſich ſeine bleichen Wangen mit einer fieberhaften Röthe.„Liebt er mich? Liebt Ihr mich? Giebt es, meine Hunde, Marie Touchet und meine Amme ausgenommen, überhaupt Jemand, der mich je ge⸗ liebt hätte? Nein, nein, ich liebe meinen Bruder nicht, ich liebe nur mich verſteht Ihr? Und ich halte meinen Bruder nicht ab, zu thun, was ich thue.“ „Sire,“ ſprach Catharina, ſich ebenfalls belebend, „da Ihr mir Euer Herz enthüllt, ſo muß ich auch das meinige öffnen. Ihr handelt als ein ſchwacher König, als ein ſchlecht berathener Monarch; Ihr entfernt Euren zweiten Bruder, die natürliche Stütze des Thrones, einen Mann, der in jeder Beziehung würdig iſt, Euch in der Regierung zu folgen, ſollte Euch Unglück widerfahren und Eure Krone dadurch erledigt werden. Denn Alengon iſt, wie Ihr ſagtet, jung, unfähig, ſchwach, mehr als ſchwach, feig!.. Und der Vearner erhebt ſich hinter ihm, verſteht Ihr?“ „Ei! Mord und alle Teufel!“ rief Karl,„was küm⸗ mere ich mich um das, was geſchehen wird, wenn ich acht⸗ der Man Das Ehre allen„ ugen daß chter ihn ihn einen Ah! rach, einer tich? mme ge⸗ nicht, einen bend, das önig, uren einen hren non r als inter küm⸗ nich n der 213 nicht mehr bin? Der Bearner erhebt ſich hinter meinem Bruder, ſagt Ihr? Bei Gott! deſto beſſer. Ich ſagte vorhin, ich liette Niemand... das war ein Irrthum: ich liebe Henriot, ja ich liebe dieſen guten Henrot, er hat eine treuherzige Miene, eine warme Hand, während ich rings um mich her nur falſche Augen erblicke und eiſige Hände berühre. Er iſt eines Verrathes gegen mich unfähia, darauf ſchwöre ich. Ueberdieß bin ich ihm eine Eutſchädigung ſchuldig, man hat ihm ſeine Mutter ver⸗ giftet, armer Junge! Leute aus meiner Familie, wie ich ſagen hörte. Ich befinde mich wohl; träfe mich aber eine Krankheit, ſo würde ich ihn rufen, er ſollte mich nicht verlaſſen, ich würde nichts annehmen, außer von ſeiner Hand, und wenn ich ſterbe, ſo mache ich ihn zum König von Frankreich und Navarra. Bei des Papſtes Bauch! ſtatt bei meinem Tode zu lachen, wie es meine Brüder thun würden, würde er weinen oder ſich wenig⸗ ſtens den Anſchein geben, als weinte er.“ Hätte der Blitz zu den Füßen von Catharina ein⸗ geſchlagen, ſie würde minder darüber erſchrocken ſeyn, als über dieſe Worte. Sie blieb wie niedergeſchmettert und ſchaute Karl mit ſtarren Augen an; nach einigen Sekunden aber rief ſie: „Heinrich von Navarra! Heinrich von Navarra, König von Frankreich! zum Nachtheil meiner Kinderi Ob! heilige Mutter Gottes, wir werden ſehen! Deshalb alſo wollt Ihr meinen Sohn entfernen?“ „Euren Sohn... Und wer bin ich denn? Der Sohn einer Wölfin, wie Romulus!“ rief Karl zitternd vor Zorn und das Auge funkelnd, als hätte es ſich ſtellen⸗ weiſe entzündet.„Euren Sohn, Ihr habt Recht, der König von Frankreich iſt nicht Euer Sohn; der König von Frankreich hat keine Brüder, der König von Frank⸗ reich hat keine Mutter; der König von Frankreich hat nur Unterthanen. Der König von Frankreich bedarf keiner Gefühle, er hat ſeine Willensmeinung. Er wird die Liebe entbehren können, aber er fordert Gehorſam.“ 214 „Sire, Ihr habt meine Worte ſchlecht ausagelegt; ich nannte denjenigen meinen Sohn, welcher mich ver⸗ laſſen ſollte. Ich liebe ihn in dieſem Augenblicke mehr, weil er der iſt, welchen ich am meiſten zu verlieren befürchten muß. Iſt es ein Verbrechen von einer Mut⸗ ter, zu wünſchen, daß ihr Kind ſie nicht verlaſſe?“ „und ich, ich ſage Euch, er wird Euch verlaſſen, ich ſage Euch, er wird Frankreich verlaſſen, er wird nach Polen gehen, und zwar in zwei Tagen, und wenn Ihr noch ein Wort beifügt, ſo geſchieht es morgen, und wenn Ihr nicht die Stirne beugt, wenn Ihr nicht die Drohung Eurer Augen erſtickt, ſo erdroßle ich ihn dieſen Ahend, wie man nach Eurem Willen den Liebling Eurer Tochter. erdroſſeln ſollte. Nur werde ich ihn nicht verfehlen, wie wir La Mole verfehlt haben.“. Catharina beugte wirklich unter dieſer Drohung die Stirne erheb ſie aber alsbald wieder und ſprach: „Ah! armes Kind, Dein Bruder will Dich tödten. Doch ſey ruhig⸗ Deine Mutter vertheidigt Dich.“ „Ah! man trotzt mir,“ rief Karl.„Nun wohl, bei dem Blute Chriſti! er wird ſterben, nicht dieſen Abend, ſondern ſogleich, auf der Stelle! Ah! eine Waffe! einen Degen! ein Meſſer! h —und nachdem er vergeblich um ſich her geſchaut hafte, um zu ſuchen, wäs er forderte, gewahrte er den leinen Dolch, den ſeine Mutter am Gürtel trug, ſtürzte darauf los, riß ihn aus der mit Silber inernſtirten Scheide und ſprang aus dem Zimmer, um Heinrich von Anjon niederzuſtoßen, wo er ihn finden würde. Als ern aber in den Vorſaal kam, verließen ihn ſeine über das Maß der menſchlichen Stärke aufgereizten und ange⸗ ſpannten Kräfte plötzlich; er ſtreckte den Arm aus, ließ die ſpitzige Waffe fallen, welche im Boden ſtecken blieb, ſtieß ein Klagegeſchrei aus, drehte ſich um ſich ſelbſt und ſtürzte nieder. 5 Zu gleicher Zeit ſchoß das Blut in Maſſe aus Mund und Naſe.. p) 8 w ſ „ egt; ver⸗ eren ut⸗ ſen, nach Ihr enn ung end, hter len, die ten. „bei end, inen haut den ürzte irten von s er das inge⸗ ließ lieb, tund und f 3 215 „Jeſus!“ rief er,„man mordet mich! Herbei! Hülfe!“ Catharina, die ihm gefolgt war, ſah ihn fallen; ſie ſchaute ihn einen Angenblick gefühllos und ohne ſich zu rühren an; dann, nicht durch die mütterliche Liebe, ſon⸗ dern durch die Schwierigkeit der Lage, zu ſich zurückge⸗ rufen öffnete ſie und rief: „Der König befindet ſich unwohl. Zn Hülfe! zu Hülſe!“ Auf dieſen Ruf drängte ſich eine Welt von Dienern, Offizieren und Höflingen um den jungen Könia. Aber ver dieſer Welt ſtürzte eine Frau herbei; ſie ſchob die Zuſchauer auf die Seite und hob den leichenbleichen Karl auf.“ „Man mordet mich, Amme, man mordet mich!“ murmelte der König, in Schweiß und Blut gebadet. „Mau mordet Dich, mein Karl?“ rief die gute Frau und ließ anf allen Geſichtern einen Blick umher⸗ laufen, der ſogar Catharina zurückweichen machte;„und wer ermordet Dich denn?“ Karl ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus und ſank vollends in Ohnmacht. „Ah! ah!“ ſprach der Arzt Ambroiſe Pars, den man ſogleich hatte holen laſſen,„der König iſt ſehr krank.“ „Nun mag es freiwillig oder mit Gewalt geſchehen,“ ſagte die unverſöhnliche Catharina zu ſich ſelbſt,„er muß eine Friſt Ind ſie verließ den König. um ihren zweiten Sohn aufzuſuchen, der ängſtlich im Betzimmer den Erfolg für ihn ſo wichtigen Unterredung erwartete. 216 XX. Das Porolkop. Als Catharina aus dem Betzimmer trat, wo ſe ihrem vielgeliebten Sohne Alles, was vorgefallen war, mitgetheilt hatte, fand ſie René in ihrem Gemache. Es war das erſte Mal, daß die Königin und der Aſtrolog ſich ſeit dem Beſuche von Catharina in ſeiner Bude auf dem Pont Saint⸗Michel wieder ſahen. Die Königin hatte ihm am Tage zuvor geſchrieben, und es war die Antwort auf dieſes Billet, welche ihr René in Perſon überbrachte. „Nun, habt Ihr ihn geſehen?“ „Ja.“ „Wie geht es ihm?“ „Eher beſſer als ſchlechter.“ „Kann er ſprechen?“ „Nein. Der Degen hat den Kehlkopf durchdrungen.“ „Ich ſagte Euch, Ihr ſolltet ihn in dieſem Falle ſchreiben laſſen.“ „Ich verſuchte es; er raffte ſelbſt alle ſeine Kräfte zuſammen; aber ſeine Hand vermochte nur zwei beinahe unleſerliche Buchſtaben zu ſchreiben, und er fiel in Ohn⸗ macht. Die Halsader wurde geöffnet und der Blut⸗ verluſt hat ihm alle ſeine Kräfte geraubt.“ „Habt Ihr dieſe Buchſtaben geleſen?“ „Hier ſind ſie.“ René zog aus ſeiner Taſche ein Papier und bot es Catharina, die es raſch entfaltete. „Cin M und ein O,“ ſagte ſie;„ſollte es wirf⸗ lich La Mole ſeyn, und wäre dieſe ganze Komödie von Margarethe nur ein Mittel, um den Verdacht abzu⸗ wenden?“ „Madame,“ ſprach Rens,„wenn ich es wagte, meine Meinung in einer Angelegenheit auszuſprechen, ſe ar, der ner Die es in n.“ alle äfte ahe hn⸗ lut⸗ irk⸗ von bzu gte, en, 2¹⁵ wo Eure Majeſtät zögert, die ihrige zu faſſen, ſo würde ich ſagen, ich halte Herrn de La Mole für zu verliebt, um ſich ernſtlich mit der Politik zu beſchäftigen.“ „Glaubt Ihr?“ „Ja, und beſonders zu verliebt in die Königin von Navarra, um mit Ergebenheit dem König zu dienen; denn es gibt keine wahre Liebe ohne Eiferſucht.“ „Und Ihr haltet ihn alſo für ganz und gar ver⸗ liebt?“ „Ich bin deſſen gewiß.“ „Sollte er ſeine Zuflucht zu Euch genommen haben?“ Sa. „Hat er Euch um irgend einen Liebestrank gebeten?“ „Nein, wir haben uns an die Wachsfigur gehalten.“ „In das Herz geſtochen?“ „In das Herz geſtochen.“ „Und dieſe Figur iſt noch vorhanden?“ „Ja, ſie iſt bei Euch.“ „Sie iſt bei mir...2 Es wäre doch ſeltſam,“ſprach Catharina,„wenn dieſe kabaliſtiſchen Vorbereitungen wirklich den Einfluß hätten, den man ihnen zuſchreibt.“ „Eure Majeſtät iſt mehr im Stande darüber zu urtheilen, als ich.“ „Liebt die Königin von Navarra Herrn de La Mole?“ „Sie liebt ihn ſo ſehr, daß ſie ſich für ihn in das⸗ Verderben ſtürzen würde, Geſtern hat ſie ihn mit Ge⸗ fahr ihrer Ehre und ihres Lebens vom Tode errettet. Ihr ſeht, Madame, und dennoch zweifelt Ihr.“ „Woran?“ „An der Wiſſenſchaft.“ „Weil mich die Wiſſenſchaft ebenfalls verrathen hat,“ erwiederte Catharina und ſchaute dabei René feſt an. Doch dieſer hielt ihren Blick auf eine bewunderungs⸗ würdige Weiſe aus. „Bei welcher Gelegenheit?“ 218 „Oh, Ihr wißt, was ich ſagen will; es ſey denn, es war der Gelehrte und nicht die Wiſſenſchaft.“ „Ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt, Madame,“ entgegnete der Florentiner.. „René, haben Eure Pra uns ihren Geruch ver⸗ loren?“ „Nein, Madame, wenn ſie von mir angewendet werden; aber es iſt möglich, daß, wenn ſie durch die Hand von Andern gehen... Catharina lächelte, ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Ener Opiat hat Wnnder gethan, Rens, und Frau von Sauve hat friſchere Lippen als je.“ „Dazu darf man nicht meinem Opiat Glück wün⸗ ſchen Madame, denn die Baronin von Sauve hat von dem Rechte jeder hübſchen Frau, launenhaft zu ſeyn, Gebrauch machend, nicht mehr von dieſem Opiat ge⸗ ſprochen. Und ich hielt es, nach der Vorſchrift Eurer Majeſtät, für geeignet, ihr nicht davon zu ſchicken. Die Kapſeln ſind daher insgeſammt noch in meinem Hauſe, ſo wie Ihr ſie dort gelaſſen habt, eine ausgenommen, welche verſchwand, ohne daß ich weiß, wer die Per⸗ ſon war; die mir ſie genommen hat, noch was dieſe Perſon damit machen wolite.“ „Es iſt gut, Rens,“ ſprach Catharina,„wir kom⸗ men vielleicht ſpäter hierauf zurück. Mittlerweile ſprechen wir von etwas Anderem.“ „Ich höre, Madame.“ „Was braucht man, um die wahrſcheinliche Lebens⸗ daner eines Menſchen zu ſchätzen?“ „Zuerſt muß man den Tag ſeiner Geburt, ſein Alter und das Zeichen wiſſen, unter welchem er das Tageslicht erblickt hat.“ „Ferner?.. „Muß man von ſeinem Blut und ven ſeinen Haaren haben.“ „Und wenn ich Euch von ſeinem Blut und ſeinem Haare bringe, wenn ich Euch ſage, unter welchem Zei⸗ — e—— —— — er⸗ det die ich: und ün⸗ von yn, ge⸗ wer Die uſe, nen, Ber⸗ ieſe om⸗ chen ens⸗ ſein das aren nem Zei⸗ 215 chen er zuerſt das Licht der Welt erblickt hat, wenn ich Euch den Tag ſeiner Geburt und ſein Alter nenne, fönnt Ihr mir dann die wahrſcheinliche Epoche ſeines Tydes offenbaren?“ „Ja, auf einige Tage.“ „Gut, ich habe bereits von ſeinen Haaren und werde mir von ſeinem Blute verſchaſſen.“ „Iſt die betreffende Perſon bei Tag oder bei Nacht geboren?“ „Um fünf Uhr drei und zwanzig Minuten Abends.“ „Seyd morgen um fünf Uhr bei mir. Die Probe muß genan zur Stunde der Geburt gemacht werden.“ „Es iſt gut,“ ſprach Catharina,„wir werden dort ſeyn“ Rens verbeugte ſich und trat ab, ohne daß er das: wirwerdendort ſeyn, bemerkt zu haben ſchien, welches doch andeutete, Catharina würde wider ihre Gewohnheit nicht allein kommen. Am andern Morgen begab ſich Catharina bei Tages⸗ anbruch zu ihrem Sohne. Um Mitternacht habe ſie ſich nach ihm erkundigen laſſen und die Antwort erhalten, Meiſter Ambroiſe René befinde ſich bei ihm und würde ihm eine Ader öffnen, wenn die Nervenaufregung fort⸗ dauerte. Noch bebend in ſeinem Schlummer, noch bleich von dem Blutverluſte, ſchlief Karl auf der Schulter ſeiner trenen Amme, die an ſein Bett gelehnt, aus Furcht, die Ruhe ihres lieben Kindes zu ſtören, ſeit drei Stunden ihre Stellung nicht verändert hatte. Ein leichter Schaum drang von Zeit zu Zeit aus den Lppen des Kranken hervor, und die Amme trocknete ihn mit feinem Battiſt ab. Auf dem Kopfkiſſen lag ein Sacktuch, auf welchem viele große Blutflecken ſichtbar waren. Catharina hatte einen Augenblick im Sinne, ſich dieſes Sacktuches zu bemächtigen; aber ſie dachte, das mit Speichel vermiſchte Blut könnte vielleicht nicht die⸗ 220 ſelbe Wirkſamkeit haben. Sie fragte die Amme, ob der Arzt ihrem Sohne nicht zur Ader gelaſſen, wie dies nach der Meldung, die man ihr gemacht, hätte geſchehen ſollen. Die Amme antwortete bejahend, denn es hatte ein ſo ſtarker Aderlaß ſtattgefunden, daß Karl zweimal in Ohnmacht gefallen war. Die Königin Mutter, welche einige mediziniſche Kenntniſſe beſaß, wie alle Fürſtinnen jener Epoche, ver⸗ langte das Blut zu ſehen. Nichts war leichter, der Arzt hatte befohlen, es aufzubewahren, um die Phänv⸗ mene zu erforſchen. Es war in einem Waſſerbecken in dem Cabinet ne⸗ ben dem Zimmer. Catharina ging hinein, um es zu unterfuchen, und während ſie es unterſuchte, füllte ſie mit der rothen Flüſſigkeit ein Fläſchchen, daß ſie zu die⸗ ſem Behufe mitgebracht hatte. Dann kehrte ſie zurück, verbarg jedoch in ihren Taſchen ihre Finger, deren Spitzen die Entheiligung verriethen, welche ſie begangen hatte. In dem Augenblick, wo ſie wieder auf der Schwelle des Cabinets erſchien, öffnete Karl die Augen und wurde von dem Anblick ſeiner Mutter berührt. Da erinnerte er ſich, wie in Folge eines Traumes, aller ſeiner von heftigem Zorne erfüllten Gedanken und rief: „Ah, Ihr ſeyd es, Madame! Kündigt Eurem viel⸗ geliebten Sohne, Eurem Heinrich von Anjon, an, daß es morgen geſchehen ſoll.“ „Mein lieber Karl,“ ſprach Catharina,„an wel⸗ chem Tage Ihr wollt. Beruhigt Euch und ſchlaft.“ Karl, als fügte er ſich dieſem Rathe, ſchloß wirk⸗ lich die Augen, und Catharina, die ihn gegeben hatte, wie man dies thut, um einen Kranken oder ein Kind zu tröſten, verließ ſein Gemach. Aber hinter ihr und ſo⸗ bald er die Thüre ſchließen hörte, richtete ſich Karl auf und ſprach plötzlich mit einer von dem Anfalle, an wel⸗ chem er noch litt, gepreßten Stimme: — 221 „Meinen Kanzler, die Siegel, den Hof.... man laſſe Alles dies kommen!“ Mit zarter Gewalt legte die Amme den Kopf des Königs auf ihre Schulter zurück und ſuchte ihn, um ihn wieder einzuſchläfern, zu wiegen, wie zur Zeit, da er noch ein Kind war. „Nein, nein, Amme,“ ſagte er,„ich werde nicht mehr ſchlafen. Ruft meine Leute, ich will dieſen Mor⸗ gen arbeiten.“ Wenn Karl ſo ſprach, mußte man gehorchen, und ſelbſt die Amme wagte es, trotz der Vorrechte, die ihr königlicher Säugling ihr bewahrt hatte, nicht, ſeinen Befehlen zuwider zu handeln. Man ließ diejenigen, welche der König verlangte, kommen, und die Sitzung wurde nicht auf den andern Tag, denn dies war unmöglich, ſondern auf fünf Tage nachher anberaumt. Zur verabredeten Stunde, das heißt um fünf Uhr begaben ſich die Königin Mutter und der Herzog von Anjon zu René, welcher, wie man weiß, von dieſem Beſuche unterrichtet, Alles zu der geheimnißvollen Zu⸗ ſammenkunft vorbereitet hatte. In dem Zimmer rechts, das heißt in dem für die Opfer beſtimmten Zimmer röthete ſich auf einem glühen⸗ den Rechaud eine Stahlplatte, welche beſtimmt war, durch ihre ſeltſamen Arabesken die Ereigniſſe des Schickſals darzuſtellen, über das man das Orakel um Rath fragte. Auf dem Altar lag das Zauberbuch, und René hatte während der Nacht, welche ſehr hell geweſen war, den Gang und die Stellung der Geſtirne ſtudiren können. Heinrich von Anjou trat zuerſt ein. Er hatte falſche Haare, eine Maske beveckte ſein Geſicht und ein großer Nachtmantel umhüllte ſeine Geſtalt. Seine Mutter kam nach ihm, und wenn ſie nicht gewußt hätte, daß ihr Sohn ihrer hier harrte, ſo würde ſie ihn ſelbſt nicht erkannt haben. Cätharina nahm ihre Maske ab; der Herzog von Anjon behielt im Gegentheil die ſeinige. „Haſt Du in die er Nacht Deine Beobachtungen an⸗ geſtellt?“ fragte Catharina. „Ja, Madame,“ erwiederte René,„und die Ant⸗ wort der Geſtirne hat mich bereits über die Vergangen⸗ heit belehrt. Derjenige, für welchen Ihr mich befragt, hat, wie alle Perſonen, die unter dem Zeichen des Kreb⸗ ſes geboren ſind, ein glühendes, beiſpiellos ſtolzes Herz. Er iſt mächtig, er hat beinahe ein Vierteljahrhundert gelebt, der Himmel hat ihm bis jetzt Ruhm und Reich⸗ thum verliehen. Iſt es ſo, Madame?“ „Es kann ſeyn,“ erwiederte Catharina. „Habt Ihr die Haare und das Blut?“ „Hier.“ Und Catharina übergab dem Negromanten eine gelb⸗ lichblonde Haarlocke und eine Phiole mit Blut. René nahm die Phiole, ſchüttelte ſie, um den Fa⸗ ſerſtoff und die wäſſerigen Theile gut zu verbinden, und ließ auf die glühende Platte einen großen Tropfen von dem Blute fallen, das ſogleich kochte und ſich bald in phantaſtiſchen Zeichnungen auf der Fläche ausbreitete. „Oh, Madame,“ rief René,„ich ſehe, wie er ſich in furchtbaren Schmerzen krümmt; hört Ihr, wie er ſeufzt, wie er um Hülfe ruft? Gewahrt Ihr, wie Alles um ihn her Vlut wird? Bemerft Ihr, wie um ſein Sterbebett her ſich große Kämpfe entſpinnen? Seht Ihr die Lanzen, ſeht Ihr die Schwerter?“ „Wird es lange dauern?“ fragte Catharina vor unſäglicher Anſregung zitternd und vie Hand von Hein⸗ rich von Anſon ergreiſend, der ſich in ſeiner glühenden Neugierde über die Gluthpfanne beugte. René näherte ſich dem Altar und ſprach ein kaba⸗ liſtiſches Gebet, wobei er mit einem Feuer und einer Ueberzeugung zu Werke ging, daß die Adern ſeiner Schläfe aufſchwollen, daß er die prophetiſchen Convulſionen und Nervenzuckungen bekam, von welchen die Pythien des Alterthums auf dem Dreifuße erfaßt und bis an ihr Todesbett verfolgt wurden. 5 an⸗ nt⸗ en⸗ gt, reb⸗ dert ich⸗ elb⸗ Fa⸗ und von d in e. ſich er Altes ſein Ihr vor ein⸗ nden kaba⸗ einer hläfe und des nihr 223 Endlich ſtand er auf und kündigte an, es wäre Alles bereit, nahm mit der einen Hand das noch zu drei Vierthellen volle Fläſchchen, und mit der andern die Haarlocke, hieß Sn das Buch auf den Zufall öff⸗ nen und ihren Blick auf die erſte beſte Stelle fallen laſſen, goß auf die Stahlplatte alles Blut und warf in die Gluthpfanne alle Haare, wobei er eine kabaliſtiſche Phraſe beſtehend aus Worten ſprach, die er ſelbſt nicht verſtand. Sogleich ſahen der Herzog von Anjon und Catha⸗ rina, wie ſich auf dieſer Platte eine weiße Figur, ähn⸗ lich der eines in ſein Schweißtuch gehüllten Leichnames, ausbreitete. Eine andere Figur, wie es ſchien die einer Frau, neigte ſich über die erſie. Zu gleicher Zeit entflammten ſich die Haare, gaben aber nur einen hellen, raſchen, einer rothen Zunge ähn⸗ lichen, Brand. „Ein Jahr!“ rief René,„käum ein Jahr, und dieſer Menſch wird todt ſeyn, und eine Frau wird allein um ihn weinen. Doch nein, hier unten am Ende der Platte iſt noch eine andere Frau, die ihn wie ein Kind in ihren Armen hält.“ Catharina ſchaute ihren Sohn an, und ſchien obgleich ſie Mutter war, zu fragen, wer wohl dieſe zwei Frauen wären? Aber René hatte kaum geendigt, als die Stahl⸗ platte wieder weiß wurde; Alles hatte ſich allmählig auf derſelben verwiſcht. Catharina öffnete nun das Buch auf den Zufall und las mit einer Stimme, deren Bewegung ſie trotz aller ihrer Selbſtheherrſchung nicht zu verbergen ver⸗ mochte, folgenden Vers: Ains a peri cil que Pon redoutait, Plutot, trop töt, si prudence n'était.*) *) So ſtarb derjenige, welchen man fürchtete, früher, zu früh, wenn nicht Klugheit wäre.„ 224 Es herrſchte einen Augenblick tiefe Stille um die Gluthpfanne. „Und wie ſind die Zeichen dieſes Monats für denje⸗ nigen, welchen Du kennſt?“ fragte Catharina. „Blühend, wie immer, Madame; wenn nicht das Geſchick durch einen Kampf mit Gott beſiegt wird, ſo iſt die Zufunft füt dieſen Mann ſehr ſicher; jedoch,...“ „Was jedoch?“ „Einer von den Sternen, welche ſeine Plejade bil⸗ den, iſt während der Zeit meiner Beobachtungen von einer ſchwarzen Wolke bedeckt geblieben.“ 8 „Oh!“ rief Catharina,„eine ſchwarze Wolke! Es wäre alſo einige Hoffnung vorhanden?“ „Von wem ſprecht Ihr, Madame?“ fragte der Her⸗ zog von Anjou. Catharina führte ihren Sohn aus dem Schimmer der Gluthpfanne und ſprach leiſe mit ihm. Während dieſer Zeit kniete René nieder und goß bei der Helle der Flamme in ſeine Hand einen letzten Bluts⸗ tropfen der im Grunde der Phiole zurückgeblieben war. „Seltſamer Widerſpruch!“ ſagte er,„ein Wider⸗ ſpruch, der zum Beweiſe dient, wie wenig haltbar die Zeugniſſe der einfachen Wiſſenſchaft ſind, welche die gewöhnlichen Menſchen treiben. Für jeden Andern als für mich, für einen Arzt, für einen Gelehrten, ſogar für Meiſter Ambroiſe Pare iſt dieß ein ſo reines, ſo fruchtbares Blut, ein Blut ſo voll von animaliſchen Säften, daß es dem Körper deſſen, aus welchem es hervorgegangen iſt, ein langes Leben verſpricht, und vennoch muß dieſe ganze Stärke bald verſchwinden, muß dieſes Leben vor einem Jahre erlöſchen.“ Catharina und Heinrich von Anjou hatten ſich um⸗ gewendet und hörten. Die Augen des Prinzen glänzten durch ſeine Maske. Oh!“ fuhr René fort,„dem gewöhnlichen Gelehr⸗ ten gehört nur die Gegenwart, während uns die Ver⸗ gangenheit und die Zukunft gehören.“„ „d w ba fol fal rir bl un un die nje⸗ das ſo bil⸗ von 2 imer ß bei luts⸗ war. ider⸗ ltbar e die als ſogar ſü ſchen n es und muß um⸗ nzten lehr⸗ Ver⸗ 225 „Ihr glaubt alſo beharrlich,“ ſagte Catharina, „daß er vor einem Jahre ſterben wird?“ „So gewiß als wir hier drei lebende Perſonen ſind, welche ebenfalls eines Tages im Sarge ruhen werden.“ „Ihr ſagtet jedoch, das Blut wäre rein und frucht⸗ bar? Ihr ſagtet, es verhieße ein langes Leben?“ „Ja, wenn die Dinge ihren gewöhnlichen Lauf ver⸗ folgen würden. Aber iſt es nicht möglich, daß ein Un⸗ „Ah! ja, Ihr verſteht, ein Unfall,“ ſprach Catha⸗ ring zu Heinrich. „Ach,“ verſetzte dieſer,„ein Grund mehr, um zu bleiben.“ „Oh, was das betrifft, daran denkt nicht, das iſt unmöglich.“ Der junge Mann wandte ſich ſodann gegen René und ſagte zu dieſem mit verändertem Stimmtone: „Ich danke, nimm dieſe Börſe.“ „Kommt, Graf,“ ſprach Catharina, ihren Sohn abſichtlich mit einem Titel nennend, der René in ſeinen Vermuthungen irre leiten ſollte. Und ſie entfernten ſich. „Oh, meine Mutter, Ihr ſeht,“ ſprach Heinrich, „ein Unfall!„. Und wenn dieſer Unfall eintritt, bin ich nicht hier, bin ich vierhundert Meilen von Euch entfernt.“ „Vierhundert Meilen macht man in acht Tagen, mein Sohn.“ „Ja, aber wer weiß, ob dieſe Leute mich zurück⸗ kehren laſſen! Warum kann ich nicht warten, meine Mutter!“ „Wer weiß!“ ſprach Catharina,„iſt der Unfall, von dem René ſpricht, nicht derjenige, welcher ſeit geſtern den König an ein Schmerzenslager feſſelt? Kehrt auf Eurer Seite zuruck, mein Kind; ich will durch die kleine Pforte des Kloſters der Auguſtinerinnen gehen; mein Königin Margot. II. 15 Pi 226 Gefolge erwartet mich in dieſem Kloſter. Geht, Hein⸗ rich, geht, und hütet Euch, Euren Bruder in Harniſch zu bringen, wenn Ihr ihn ſeht.“ MI. Orſtändniſſe. Das Erſte, was der Herzog von Anjou bei ſeiner Rücktehr im Louvre erfuhr, war, daß man den feier⸗ lichen Einzug der Geſandten auf den fünften Tag feſt⸗ geſtellt hatte. Die Schneider und die Inweliere erwar⸗ teten den Prinzen mit prachtvollen Gewändern und herr⸗ lichen Schmucſachen, die der König für ihn beſtellt hatte. Während er dieſelben mit einem Zorne anprobirte, der ſeine Augen mit Thränen befeuchtete, freute ſich Heinrich von Navarra ungemein über ein prachtvolles Halsband von Smaragden, über einen Degen mit gol⸗ denem Griffe, über einen koſtbaren Ring und ähnliche Dinge, die ihm Karl am Morgen geſchickt hatte. Alencon hatte einen Brief erhalten und ſich ſodann eingeſchloſſen, um ihn in voller Freiheit zu ſeſen. Coconnas forderte ſeinen Freund von allen Echos des Louvre. 3 Wie man ſich leicht denken kann, nur ſehr wenig darüber erſtaunt, daß er ſeinen Freund die ganze Nacht ——— c—— nicht zurückkommen ſah, fing Coconnas am Morgen an, d etwas unruhig zu werden. Demzufolge wollte er La Wole aufſuchen, wobei er ſeine Forſchungsreiſe mit dem Gaſt⸗ n hofe zum Schönen Geſtirne begann und von dem Gaſthofe ü zum Schönen Geſtirne nach der Rue ehe 3 in der Rue Cloche⸗Percée nach der Rue Tiſon, von de n Rue Tiſon nach dem Pont Saint⸗Michel, und endlich 1 yon dem Pont Saint⸗Michel nach dem Louvre ging. „J ein⸗ iſch iner eier⸗ feſt⸗ war⸗ err⸗ ſtellt irte, ſich olles gol⸗ liche daun enig tacht an Nole Gaſt⸗ thoft da Dieſe Nachforſchung war denen gegenüber, an welche ſie gerichtet wurde, auf eine bald ſo originelle, bald ſo anſpruchsvolle Weiſe ausgeführt worden, was ſich leicht begreift, wenn man den ercentriſchen Charakter von Coconnas kennt, daß ſie zwiſchen ihm und drei Herren vom Hofe zu Erklärungen führte, welche nach der Mode jener Zeit an Ort und Stelle zur Entſcheidung gebracht wurden. Coconnas war bei dieſen Zweikämpfen mit der Gewiſſenhaftigkeit zu Werk gegangen, die er gewöhnlich bei ſolchen Dingen an den Tag legte, das heißt, er hatte den Erſten getödtet und die andern Zwei verwundet, und dabei immer die Worte geſprochen: „Dieſer arme La Mole! er verſtand ſo gut Latei⸗ niſch!“ Der Letzte, der Baron von Boiſſey, ſagte deshalb zu ihm, als er fiel: „Oh! um des Himmels Willen, Coconnas, wechfle doch, ſage doch wenigſtens: er verſtand das Griechiſche.“ Das Gerücht von dem Abenteuer im Corridor verbrei⸗ tete ſich; Coconnas wurde ganz toll vor Schmerz denn er glaubte einen Augenblick, alle dieſe Könige und alle dieſe Prinzen hätten ihm ſeinen Freund getödtet und in irgend ein 2 zen h 9 9 och geworfen, oder in irgend einem Winkel begraben. Er erfuhr, daß der Herzog von Alencon von der 6 en war? und ſich über die Majeſtät weg⸗ ſetzend, die den Prinzen von Geblüt umgab, ſuchte er ihn auf und forderte eine Erklärung von ihm, wie er dieß bei einem einfachen Edelmanne gethan hätte. Alengon hatte Anfangs große Luſt, den Frechen, der ihm Rechenſchaft über ſeine Handlungen abver⸗ langte, aus der Thüre werfen zu laſſen. Aber Cocon⸗ nas ſprach mit ſo kurzem Tone, ſeine Augen flammten in einem ſolchen Feuer, das Abenteuer der drei Duelle in weniger als vierundzwanzig Stunden hatte den Pie⸗ monteſen ſo hoch geſtellt, daß er ſich die Sache über⸗ legte und, ſtatt ſich ſeiner erſten Bewegung hinzugeben, 15 228 ſeinem Edelmann mit einem teizenden Lächeln ant⸗ wortete: „Es iſt wahr, mein lieber Coconnas, daß der König, wüthend, ein ſilbernes Waſſerbecken auf die Schulter bekommen zu haben, der Herzog von Anjou unzufrieden darüber, daß ſein Kopf mit einer Orangen⸗ Compote eingeſalbt worden iſt, und der Herzog von Guiſe ſehr gedemüthigt durch die Beohrfeigung mit einer Schweinskeule, den Entſchluß faßten, Herrn de La Mole zu tödten. Aber ein Freund Eures Freundes wandte den Streich ab und die Partie ſcheiterte; dar⸗ auf gebe ich Euch mein Fürſtenwort.“ „Ah!“ ſprach Coconnas, bei dieſer Verſicherung aufathmend, wie der Blaſebalg eines Schmiedes, h WMordi, Monſeigneur, das iſt gut; ich wünſchte dieſen Freund zu kennen, um ihm meine Dankbarkeit zn beweiſen.“ Herr von Alengon antwortete nicht; aber er lächelte noch angenehmer, als er es vorher gethan, was Cocon⸗ nas glauben ließ, dieſer Freund wäre kein Anderer, als der Prinz ſelbſt. „Wohl, Monſeigneur,“ ſagte er,„da Ihr ſo weit gegangen ſeyd, daß Ihr mir den Anfang der Geſchichte erzahlt habt, ſo ſetzt Eurer Güte die Krone auf und erzählt mir das Ende. Man wollte ihn tödten, aber man hat ihn nicht getödtet, ſagt Ihr mir? Laßt hören, was hat man gethan? Ich bin muthig, ſprecht, ich weiß eine ſchlimme Kunde zu ertragen. Man hat ihn in ein tiefes Kerkerloch geworfen, nicht wahr? Deſto beſſer, das wird ihn vorſichtig machen. Er will nie auf meinen Rath hören. Uebrigens wird man ihn herausziehen, Mordi! Die Steine ſind nicht für Jeder⸗ mann hart.“ Alencon ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Das Schlimmſte bei Allem dem iſt, mein braver Coconnas, daß Dein Freund ſeit jenem Abenteuer ver⸗ — ——-„—— — — c—— — 229 . ſchwunden iſt, ohne daß Jemand weiß, wohin er ſich begeben hat.“ „Mordi!“ rief der Piemonteſe abermals erblei⸗ chend,„und wäre er in die Hölle gerathen, ich werde ou erfahrerk, wo er iſt.“ „„Höre,“ ſprach Alencon, der, obwohl aus ſehr ver⸗ o ſchidenen Gründen, eben ſo begierig war, als nit Coconnas, zu erfahren, wo ſich La Mole befand,„ich de werde Dir einen Freundesrath geben.“ „Gebt ihn, Monſeigneur,“ ſprach Coconnas,„gebt * ihn.“— „Suche die Königin Margarethe auf, ſie muß wiſ⸗ ug ſen, was aus dem, welchen Du beweinſt, geworden iſt.“ 5„Ich habe, wenn ich es Eurer Hoheit geſtehen ſoll, ſen bereits daran gedacht; aber ich wagte es nicht, denn zn abgeſehen davon, daß mir Frau Margarethe mehr im⸗ ponirt, als ich ſagen ſollte, befürchtete ich, ſie in Thrä⸗ lte nen zu finden. Da mich aber Eure Hoheit verſichert, on⸗ daß La Mole nicht todt iſt, und daß Ihre Majeſtät e wiſſen muß, wo er ſich befindet, ſo will ich mein Herz in meine beiden Hände nehmen und ſie aufſuchen,“ „Gehe, mein Freund, gehe,“ ſprach der Herzog Franz,„und wenn Du etwas erfahren haſt, theile es mir mit; denn ich bin in der That eben ſo unruhig als Du. Nur erinnere Dich, Coconnas, daß Du nicht in meinem Auftrage kommſt; denn wenn Du dieſe Un⸗ klugheit begehen würdeſt, könnteſt Du ſehr leicht gar nichts erfahren.“ „Monſeigneur,“ erwiederte Coconnas,„da mir Eure Hoheit Geheimhaltung in dieſem Punkte anempfiehlt, ſo werde ich ſtumm ſeyn, wie ein Fiſch oder wie die Königin Mutter. Guter Prinz, vortrefflicher Prinz, großherziger Prinz!“ murmelte Coconnas, während er ſich zur Königin von Navarra begab. Margarethe erwartete Coconnas, denn das Gerücht on ſeiner Verzweiflung war bereits zu ihr gedrungen, und als ſie erfuhr, durch welche Thaten ſich dieſe Ver⸗ 230 zweiflung kundgegeben, hatte ſie Coconnas auch die etwas rohe Weiſe vergeben, mit der er ihre Freundin die Frau Herzogin von Nevers behandelte, an die ſich der Piemonteſe wegen eines Zwieſpaltes, welcher unter ihnen herrſchte, nicht wenden wollte. Er wurde alſo, ſobald man ihn meldete, bei der Königin eingeführt. Coconnas trat ein, ohne eine gewiſſe Verlegenheit uberwinden zu können, die er bei Alencon berührt hatte, und die ihm mehr durch das Uebergewicht des Geiſtes⸗ als durch das des Ranges eingeflößt wurde. Aber Mar⸗ garethe empfing ihn mit einem Lächeln, das ihn gleich von Anfang beruhigte.—* „Ei, Madame,“ ſprach er,„gebt mir meinen Freund zurück, ich bitte Euch, oder ſagt mir wenigſtens, was aus ihm geworden iſt; denn ohne ihn kann ich nicht leben. Denkt Euch Euryalos ohne Niſos, Damon ohne Pythias, Oreſtes ohne Pylades, und habt Mitleid mit meinem Unglück, aus Rückſicht für einen der Helden, die ich Euch genannt habe, und deſſen Herz⸗ das ſchwöre ich Euch, an Zärtlichkeit nicht über dem meinigen ſteht.“ Margarethe lächelte, und nachdem ſie Coconnas Geheimhaltung hatte verſprechen laſſen, erzählte ſie ihm die Flucht durch das Fenſter. Ueber ſeinen Aufenthalts⸗ ort beobachtete ſie, ſo inſtändig der Piemonteſe auch bat, das tiefſte Stillſchweigen. Dies befriedigte Coconnas nur halb; er erlaubte ſich deshalb diplomatiſche An⸗ veutungen, welche auf die höchſte Sphäre hinwieſen. Für Margarethe ging daraus hervor, daß der Herzog von Alengon an dem Verlangen ſeines Cdelmanns, zu erfahren, was aus La Mole geworden war, Antheil hatte. Freund erfahren wollt,“ ſagte Margarethe,„ſo fragt den König Heinrich von Navarra. Er allein hat das Recht zu ſprechen. Ich meines Theils kann Euch nur bemerken, — Venn Ihr durchaus etwas Beſtimmtes über Euern — ———— S c S—— u h as ie er en d eit te, es, ar⸗ ind vas icht on leid der erz⸗ em nas hm lts⸗ bat, nas An⸗ ſen. rzog zu heil uern den echt ken, — — — ———— — 231 daß derjenige, welchen Ihr ſucht, lebt. Glaubt meinem Worte.“ „Ich glaube etwas noch Gewiſſerem, Madame, Euren ſchönen Augen, welche nicht geweint haben.“ Coconnas meinte einer Phraſe nichts beifügen zu müſſen, welche den doppelten Vortheil hatte, daß ſie ſeinen Gedanken und die hohe Meinung ausdrückte, die er von dem Verdienſte von La Mole hegte, und entfernte ſich, indem er über eine Verſöhnung mit Frau von Mevers nachdachte, nicht ihrer Perſon wegen, ſondern um von ihr zu erfahren, was er von Margarethe nicht hatte 3 können. Große Schmerzen ſind anormale Zuſtände, deren Joch der Geiſt ſo ſchnell abſchüttelt, als es ihm möglich iſt. Der Gedanke, Margarethe zu verlaſſen, brach Anfangs das Herz von La Mole, und er hatte mehr um den Ruf der Königin zu retten, als um ſein eigenes Leben zu bewahren, in die Flucht gewilligt. Schon am Abend des andern Tages kehrte er nach Paris zurück, um Margarethe auf ihrem Balcon zu ſehen. Margarethe aber, als ob ihr eine geheime Stimme die Rückfehr des jungen Mannes mitgetheilt hätte, brachte den ganzen Abend an ihrem Fenſter zu. Dadurch er⸗ folgte, daß ſich Beide mit dem unbeſchreiblichen Glücke wiederſahen, welches unerlaubte Genüſſe begleitet. Mehr noch: der Si und romanhafte Geiſt von La Mole fand einen gewiſſen Reiz in dieſer Widerwärtig⸗ keit. Da jedoch der wahrhaft verliebte Liebhaber nur einen Augenblick glücklich iſt, den, in welchem er fieht oder beſitzt, und während der ganzen Zeit der Abweſen⸗ heit leidet, ſo beſchäftigte ſich La Mole in glühender Begierde, Margarethe wiederzuſehen, damit, daß er ſo ſchnell als möglich das Ereigniß herbeizuführen ſuchte, das ihm dieſelbe wiedergeben ſollte, nämlich die Flucht des Königs von Navarra. Margarethe überließ ſich ihrerſeits dem Glücke, mit ſo reiner Ergebenheit geliebt zu ſeyn. Oft machte ſie ——————— 232 ſich das, was ſie als eine Schwäche betrachtete, zum Vorwurf, ſie, der männliche Geiſt, der alle Aermlich⸗ keiten der gewöhnlichen Liebe verachtete. Unempfindlich für die Kleinlichkeiten, welche für zarte Gemuͤther das ſüßeſte, das wünſchenswertheſte Glück bilden, fand ſie ihren Tag, wenn nicht glucklich ausgefüllt, doch wenig⸗ ſtens glücklich beſchloſſen, wenn ſie, gegen neun Uhr in einem weißen Nachtgewande auf ihrem Balcon erſchei⸗ nend, auf dem Quai im Schatten einen Cavalier er⸗ blickte, der ſeine Hand an ſeine Lippen oder an ſein Herz drückte. Ein bezeichnendes Huſten gewährte ſodann dem Liebenden die Erinnerung an die gliebtt timme. Zuweilen war es auch ein von einer kleinen Hand kräftig geſchleudertes Billet, einen koſtbaren Juwel enthaltend, der jedoch noch viel koſtbarer war, weil er der Entſen⸗ denden gehört hatte, als des Stoffes wegen, der ihm ſeinen Werthverlieh, was einzige Schritte von dem jungen Manne auf dem Pflaſter ertönte. Einem Raubvogel ähnlich, ſchoß dann La Mole auf ſeine Beute, drückte ſie an ſeine Bruſt, antwortete auf demſelben Wege und Margarethe verließ den Balcon nicht eher, als bis ſie in der Nacht den Tritt des Pferdes ſich verlieren hörte, das beim Kommen mit der größten Eile angetrieben wurde und ſich entfernend von einem eben ſo trägen Stoffe zu ſeyn ſchien, als der berüchtigte Coloß, der den Untergang von Troja herbeifuhrte. Man höre, warum die Königin über das Schickſal von La Mole nicht unruhig war, dem ſie übrigens aus Furcht, ſeine Schritte könnten beſpäht werden, hart⸗ näckig jedes andere Rendezvous verweigerte, als dieſe Zu⸗ ſammenkünfte auf ſpaniſche Weiſe, welche ſeit ſeiner Flucht dauerten und ſich am Abend von jedem der Taße erneuerten, welche in Erwartung des Empfang der Geſandten vergingen, der, wie man geſehen hat, auf den ausdrücklichen Befehl von Ambroiſe Paré um einige Tage verſchoben worden war. Am Abend vor dieſem Empfang, als Iderman —— — 6) um ich⸗ lich das ſie nig⸗ in hei⸗ er⸗ ſein ann me. ftig nd, ſen⸗ ihm gen gel ſie und ſie rte, ben gen der fſal aus art⸗ Zu⸗ iner der hat, um ann 233 im Louvre mit den Vorbereitungen für den nächſten Morgen beſchäftigt war, öffnete Margarethe ihr Fen⸗ ſter und trat auf den Balcon. Aber kaum war ſie daſelbſt, als La Mole eiliger als gewöhnlich und ohne den Brief von Margarethe abzuwarten den ſeinigen entſandte, der mit der gewöhnlichen Geſchicklichkeit zu den Füßen ſeiner königlichen Geliebten niederfiel. Margarethe begriff, daß der Brief etwas Beſon⸗ deres enthalten mußte, und kehrte in ihr Zimmer zu⸗ rück, um ihn zu leſen. Das Billet enthielt auf dem Recto der erſten Seite folgende Worte: „Madame, ich muß den König von Navarra ſpre⸗ chen, die Sache iſt dringend. Ich warte.“ Und auf dem zweiten Reeto die Worte, die man, die Blätter trennend, vereinzeln konnte: „Madame und meine Königin, macht, daß ich Euch einen von den Küſſen geben kann, die ich Euch ſchicke. Ich warte.“. Margarethe hatte kanm dieſen zweiten Theil des Briefes geleſen, als ſie die Stimme von Heinrich von Navarra hörte, der mit ſeiner gewöhnlichen Zu⸗ rückhaltung an die Thüre klopfte und Gillonne fragte, ob er eintreten könnte. Die Königin theilte ſogleich den Brief, ſteckte eine von den Seiten in ihren Schnürleib, die andere in ihre Taſche, lief an das Fenſter, ſchloß daſſelbe, kehrte in größter Eile zu der Thüre zurück und rief: „Tretet ein, Sire.“ So ſtille, ſo raſch, ſo geſchickt auch Margarethe das Fenſter geſchloſſen hatte, ſo war die Erſchütterung doch bis zu Heinrich gedrungen, deſſen inmitten dieſer Geſellſchaft, welcher er ſo ſehr mißtraute, ſtets ge⸗ ſpannten Sinne beinahe die äußerordentliche Feinheit erlangt hatten, welche ſie bei den in wildem Zuftande lebenden Menſchen erreichte. Doch der König von Na⸗ varra war keiner von den Tyrannen, die ihre Frauen 234 Luft zu ſchöpfen oder die Geſtirne zu betrachten verhin⸗ dern wollen.. Heinrich war freundlich und lächelnd, wie gewöhnlich. „Madame,“ ſagte er,„während alle Leute von Hof ihre Ceremonienkleider probiren, wollte ich mit Euch ei⸗ nige Worte über meine Angelegenheiten ſprechen, die Ihr fortwährend als die Eurigen betrachtet, nicht wahr?“ „Allerdings, mein Herr; ſind unſere Intereſſen nicht immer dieſelben?“ „Ja, Madame, und ich wollte Euch deßhalb fra⸗ gen, was Ihr davon denkt, daß mich der Herzog von Alencon ſeit einigen Tagen ſo ahbſichtlich ftieht, daß er ſich vorgeſtern nach Saint⸗Germain zurückgezogen hat. Sollte es nicht für ihn, der nur ſehr wenig be⸗ wacht wird, ein Mittel ſeyn, allein abzureiſen oder am Ende gar nicht abzureiſen? Sagt mir Eure Meinung, wenn es Euch beliebt, Madame. Sie wird für mich, ich geſtehe es, von großem Gewichte ſeyn, um die mei⸗ nige zu bekräftigen.“ „Eure Majeſtät hat Recht, ſich über das Stillſchwei⸗ gen meines Bruders zu beunruhigen. Ich dachte den ganzen Tag darüber nach, und es iſt meine Anſicht, daß er mit Veränderung der Umſtände ſich auch verän⸗ dert hat.“ „Das heißt, nicht wahr, daß er, da er König Karl krank und den Herzog von Anjon als König von Polen ſieht, gern in Paris bleiben würde, um die Krone von Frankreich im Auge zu haben?“ „Ganz richtig.“ „Wohl, es iſt mir lieb, er bleibe; nur verändert dieß unſern ganzen Plan; denn ich muß, um allein zu reifen, dreifach die Garantien haben, die ich ver⸗ langt hätte, um mit Eurem Bruder zu reiſen, deſſen Name und Gegenwart mich bei dem Unternehmen be⸗ ſchirmten. Ich wundere mich nur darüber, daß ich nicht von Mouy ſprechen höre; es iſt nicht ſeine Ge⸗ — — — re die we wohnheit, ſo bewegungslos zu bleiben. Habt Ihr nicht zufällig Kunde von ihm, Madame?“ „Ich, Sire,“ ſprach Margarethe erſtaunt,„wie ſoll ich?“ „Ei, bei Gott, meine Theure, nichts wäre natür⸗ licher; Ihr hattet die Güte, um mir ein Vergnügen zu machen, dem kleinen La Mole das Leben zu retten. Dieſer Junge mußte nach Mantes gehen,. und wenn man dahin geht, kann man auch zurückkehren.“ „Ah! das gibt mir den Schlüſſel zu einem Räthſel, das ich vergebens zu deuten ſuchte,“ erwiederte Marga⸗ rethe.„Ich hatte das Fenſter offen gelaſſen und fand⸗ als ich wieder eintrat, auf dem Boden eine Art von Billet.“ „Seht Ihr!“ rief Heinrich. „Ein Billet, das ich Anfangs nicht verſtand, und worauf ich kein Gewicht legte,“ fuhr Margarethe fort; ielleicht hatte ich Unrecht und es kommt von dieſer Seite.“ „Das iſt möglich,“ ſprach Heinrich;„ich wage ſogar zu ve es iſt wahrſcheinlich. Darf man das Billet ſehen?“ „Allerdings, Sire,“ antwortete Margarethe und übergab dem König das Blatt Papier, welches ſie in ihre Taſche geſteckt hatte. Der König warf einen Blick darauf. „Iſt ries nicht die Handſchrift von Herrn de La Mole?“ ſagte er. „Ich weiß nicht, die Schrift ſchien mir verſtellt.“ „Gleichviel, wir wollen leſen.“ Und er las. „Madame, ich muß den König von Navarra ſprechenz die Sache iſt dringend.. Ich warte.“ „Ah, ah!“ rief Heinrich.„Seht Ihr, er ſagt: er warte.“ „Gewiß ſehe ich es,“ ſprach Margarethe;„aber was wollt Ihr?“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! er ſoll kommen.“ „Er ſoll kommen!“ rief Margarathe, ihre ſchönen —————— 8 236 Augen voll Erſtaunen auf den König heſtend.„Wie könnt Ihr ſo etwas ſagen, Sire! Ein Menſch, den der König tödten wollte, der bezeichnet, bedroht iſt.... Er ſoll kommen, ſagt Fr? Sind die Thüren für dieſenigen gemacht, welche.. „Genöthigt waren, durch das Fenſter zu fliehen, wollt Ihr ſagen?“ „Ganz richtig, Ihr vollendet meinen Gedanken.“ „Wohl, doch wenn den Weg durch das Fenſter kennen, ſo ſollen ſie denſelben einſchlagen da ſie durchaus nicht durch die Thüre kommen dürfen; das iſt gänz einfach.“ „Ihr glaubt“, ſprach Margarethe vor Vergnügen bei dem Gedanken, ſich La Mole zu erröthend⸗ „Ich bin es überzeugt.“ „Aber wie heraufſteigen?“ „Habt Ihr die Strickleiter, die ich Euch zuſandte, nicht aufbewährt? Ah! daran würde ich Eure gewöhnliche Vorſicht nicht erkennen.“ „Gewiß, Sire,“ ſprach Margarethe. „Dann iſt die Sache abgemacht.“ „Waos befiehlt Eure Majeſtät?“ „Das iſt ganz einfach. Befeſtigt ſie an Guren Balcon und laßt ſie hinabhängen. Iſt es von Mouy, welcher wartet, und ich bin verſucht, dies zu glauben, iſt es von Mouy, und er will heraufſteigen, ſo wird dieſer würdige Freund ſteigen.“ Und ohne von ſeinem Phlegma abzugehen, nahm Heinrich die Kerze, um Margarethe bei dem Suchen der Leiter, wozu ſie ſich anſchickte, zu leuchten. Das Suchen dauerte nicht lange: ſie war in einem Schranke des bekannten Cabinets eingeſchloſſen. „Da iſt ſie,“ ſprach Heinrich...„Nun bitte ich Euch, Madame, wenn dies nicht von Eurer Gefälligkeit zu viel fordern heißt, befeſtigt dieſe Leiter an dem Valcon.“ garethe. „Warum ich und nicht Ihr, Sire?“ fragte Mar⸗ ſin ſche Zin ſeh wir fret nig ent tra es Mr ſtat len Ane the; iſt dem St von zu Ann ren, wen dte, liche uren ouh, ben, eſer ahm chen Das anke ich gfeit on.“ Lar⸗ 237 „Weil die beſten Verſchworenen auch die klügſten ſind. Der Anblick eines Mannes könnte unſern Freund ſcheu machen. Ihr begreiſt...“ Margarethe lächelte und befeſtigte die Leiter. „Gut,“ ſprach Heinrich, welcher in einer Ecke des 6 Zimmers verborgen blieb,„zeigt Euch; nun laßt die Leiter ſehen. Vortrefflich, ich bin überzeugt, Herr von Mouyh wird heraufſteigen.“ Zehn Minuten nachher ſchwang ſich wirklich ein frendetrunkener Mann auf den Balcon, zögerte aber ei⸗ —nige Sekunden, als er ſah, daß ihm die Königin nicht entgegenkam. Doch in Ermangelung von Margarethe trat Heinrich vor. „Halt!“ ſagte er freundlich,„das iſt nicht Mouy, es iſt Herr de Ln Mole. Guten Abend, Herr de La Mole. tretet ein, ich bitte Euch.“ La Mole blieb einen Augenblick ganz erſtaunt; wäre er noch an ſeiner Leiter gehängt, ſo würde er vielleicht, ſtatt auf dem Balcvn Fuß zu faſſen, rückwärts gefal⸗ len ſeyn. „Ihr habt den König von Navarra in dringenden Angelegenheiten zu ſprechen gewünſcht,“ ſagte Margare⸗ „ich ließ ihn davon in Kenntniß ſetzen, und hier iſt er.“ Heinrich ging an das Fenſter, um es zu ſchließen. „Ich liebe Bich,“ ſprach Margarethe, und drückte dem jungen Manne lebhaft die Hand. „Nun, mein Herr,“ fragte Heinrich, La Mole einen Stuhl bietend,„was ſagen wir?“ „Wir ſagen, Sire,“ antwortete dieſer,„daß ich Herrn von Mouy an der Barriere verlaſſen habe. Er wünſcht zu erfahren, ob Maurevel geſprochen hat und ob ſeine Anweſenheit im Zimmer Euerer Majeſtät bekannt iſt.“ „Noch nicht, aber es kann nicht mehr lange wäh⸗ ren, wir müſſen uns alſo beeilen.“ „Euere Meinung iſt auch die ſeinige, Sire, und wenn morgen Abend Herr von Alengon zur Abreiſe bereit 238 iſt, ſo wird ſich Herr von Mouy mit hundert und fünfzig Mann an der Porte Saint⸗Marcel einfinden; hundert und fünfzig Mann erwarten Euch in Fontainebleauz ſo erreicht Ihr Blois, Angouléme und Bordeaur.“ „Madame,“ ſprach Heinrich, ſich zu der Königin umwendend,„worgen werde ich für meine Perſon bereit ſeyn; ſeyd Ihr es auch?“ Die Augen von La Mole waren mit großer Bangig⸗ keit auf die von Margarethe geheftet. „Ihr habt mein Wort,“ erwiederte die Königin, „wohin Ihr geht, folge ich Euch; aber Ihr wißt, Herr von Alencyn muß zu gleicher Zeit mit uns abreiſen. Bei ihm gibt es keine Mitte, entweder dient er uns oder er verräth uns; zögert er, ſo rühren wir uns nicht.“ „Weiß er etwas von dieſem Plane, Herr de La Mole?“ fragte Heinrich. „Er muß vor einigen Tagen einen Brief von Herrn von Mouy erhalten haben.“ „Ah! ah!“ rief Heinrich,„und er hat mir nichts davon geſagt!“ „Mißtraut ihm, Herr,“ ſprach Margarethe,„miß⸗ traut ihm!“ „Seyd unbeſorgt, ich bin auf meiner Hut. Wie kann man Herrn von Mouy eine Antwort zukommen laſſen?“ „Kümmert Euch nicht darum, Sire. Rechts oder links von Euerer Majeſtät, ſichtbar oder unſichtbar wird er mor⸗ gen während des Empfangs der Geſandten anweſend ſeyn⸗ ein Wort in der Rede der Königin mag ihm begreiflich machen, ob Ihr einwilligt oder nicht einwilligt, ob er fliehen oder bleiben ſoll. Weigert ſich der Herzog von Alencon, ſo verlangt er nur vierzehn Tage, um Alles in Euerem Namen zu organiſiren.“ „In der That,“ ſprach Heinrich,„Herr von Mouyh iſt ein koſtbarer Mann. Könnt Ihr in Euerer Rede den Satz, den man erwartet, einſchieben, Madame?“ „Nichts leichter,“ erwiederte Margarethe⸗ — —— — ufzig tund reicht nigin ereit ngig⸗ igin, Herr Bei er er e La Herrn ichts miß⸗ Wie nmen links mor⸗ ſeyn: iflich ob er von es in Rouy den —— * x „ 239 „Nun wohl,“ ſagte Heinrich,„ich werde morgen Herrn von Alengon ſehen. Herr von Mouy mag auf ſeinem Poſten ſeyn und auch das halbe Wort verſtehen.“ „Er wird nicht ermangeln, Sire.“ „So bringt ihm meine Antwort, Herr de La Mole. Ihr habt ohne Zweifel ein Pferd, einen Diener in der Nähe.“ „Orthon erwartet mich auf dem Quai.“ „Begebt Euch zu ihm, Herr Graf. Oh! nicht durch das Fenſter, das iſt gut in der Noth. Man könnte Euch ſehen, und da man nicht wüßte, daß Ihr Euch mir zu Liebe der Gefahr bloßſtellt, ſo würdet Ihr die Kö⸗ nigin compromittiren.“ „Doch auf welchem Wege ſoll ich gehen, Sire?“ „Wenn Ihr nicht allein in den Louvre herein könnt, ſo könnt Ihr doch mit mir hinaus, denn ich beſitze das Loſungswort. Ihr habt Eueren Mantel, ich habe den meinigen; wir hüllen uns Beide ein und gelangen ohne Schwierigkeit durch die Pforte. Ueberdies wünſchte ich⸗ Orthon einige beſondere Befehle zu geben. Wartet hier, ich will ſehen, ob Niemand in den Gängen iſt.“ Heinrich ging mit der natürlichſten Miene der Welt hinaus, um den Weg zu erforſchen. La Mole blieb allein bei der Königin. Oh! wann werde ich Euch wiederſehen?“ ſprach La Mole. „Morgen Abend, wenn wir fliehen; an einem der nächſten Abende in dem Hauſe der Rue Cloche⸗Percée, wenn wir nicht fliehen.“ „Herr de La Mole, ſagte Heinrich zurückkommend, „Ihr könnt gehen, es iſt Niemand da.“ La Mole verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor der Königin. „Reicht ihm Euere Hand zum Kuſſe, Madame,“ ſprach Heinrich,„Herr de La Mole iſt kein gewöhnlicher Diener.“ Margarethe gehorchte. „Schließt die Strickleiter ſorgfältig ein,“ fügte der 24⁰ ⸗ König bei,„es iſt ein koſtbares Geräthe für Verſchworene bevarf deſſelben oft in einem Augenblicke, wo und man man es am wenigſten erwartet. Kommt, Herr de La Mole, kommt!“ XXII. Die Geſandten. Am andern Tage begab ſich die Bevölkerung von Paris nach dem Faubourg Saint⸗Antoine, durch welchen die Geſandten einziehen ſollten. Ein Spalier von Schwei⸗ zern hielt die Menge zurück und Reiter⸗Abtheilungen be⸗ ſchützten den Weg für die Herren und Damen des Hofes, welche dem Zuge entgegenritten. Bald erſchien auf der Höhe der Abtei Saint⸗An⸗ toine eine Truppe ſchwarz und gelb gekleideter Reiter, welche mit Pelz verbrämte Mäntel und Mützen trugen und breite, auf türkiſche Weiſe gekrümmte, Säbel in der Hand hatten. Die Offiziere marſchirten auf den Seiten der Linien. Hinter dieſer erſten Truppe erſchien eine zweite mit wahrhaft vrientaliſchem Lurus. Sie ritt vor den Ge⸗ ſandten, welche vier an der Zahl, prachtvoll das Fabel⸗ hafteſte der ritterlichen Königreiche des 16ten Jahrhun⸗ derts vertraten. Einer von den Geſandten war der Biſchof von Kra⸗ Er trug ein halb prieſterliches, halb kriegeriſches, kau. old und Eoelſteinen ſtrotzendes Gewand. Sein aber von G weißes Pferd mit la Tritte ſchien durch ſeine Nuüſtern Feuer zu ſchnauben. Niemand hätte gedachk, daß das edle Thier ſeit einem Monat täglich fünfzehn Meilen auf Wegen machte, welche durch das ſchlechte Wetter beinahe unbenützbar geworden waren. uger flatternder Mähne und hohem ene wo La von chen wei⸗ be⸗ fes, An⸗ iter, igen der nien. mit Ge⸗ bel⸗ hun⸗ Kra⸗ ches, Sein ohem uben. inem elche orden 241 Neben dem Biſchof ritt der Palatin Lasto, ein mächtiger Herr, der der Krone ſo nahe ſtand, daß er den Reichthum eines Königs beſaß, wie er auch den Stolz eines ſolchen hatte. Nach den zwei vornehmſten Geſandten, welche zwei andere Palatine von hoher Geburt begleiteten, kam eine Anzahl polniſcher Herren, deren mit Seide, Gold und Edelſteinen geſchirrte Pferde den lärmenden Beifall des Volkes erregten. Die franzöſiſchen Cavaliere wurden in der That, trotz des Reichthums ihrer Equipirung, von den Ankömmlingen, welche ſie verächtlicher Weiſe Barbaren nannten, völlig verdunkelt. Bis zum letzten Augenblicke hatte Catharina gehofft, der Empfang würde noch verſchoben werden, und die Entſcheidung des Königs würde ſeiner fortbeſtehenden Schwäche unterliegen. Als aber der Tag erſchien, als ſie Karl, bleich wie ein Geſpenſt, den königlichen Man⸗ tel anlegen ſah, begriff ſie, daß man ſich ſcheinbar un⸗ ter dieſen eiſernen Willen beugen mußte, und der ſicherſte Theil für Heinrich von Anjou wäre die glänzende Ver⸗ bannung, zu der man ihn verdammt hatte. Abgeſehen von den paar Worten, die er geſprochen, als er die Augen in der Sekunde öffnete, wo ſeine Mutter aus dem Cabinet trat, hatte Karl ſeit der Scene, welche die Kriſe herbeiführte, der er beinahe unterlegen wäre, nichts mehr mit ſeiner Mutter geredet. Jedermann im Louvre wußte, daß ein furchtbarer Streit zwiſchen ihnen ſtattgefunden hatte, ohne daß man die Urſache dieſes Streites kannte, und die Kühnſten zitter⸗ ten vor dieſem kalten Stillſchweigen, wie die Vögel vor der bedrohlichen Ruhe zittern, die dem Sturme vorher⸗ geht. Indeſſen hatte ſich Alles im Louvre vorbereitet, allerdings nicht wie für ein Feſt, ſondern wie für eine traurige Ceremonie. Der Gehorſam jedes Einzelnen war Königin Margot. I. 16 242 düſter und leidend. Man wußte, daß Catharina gezit⸗ tert hatte, und alle Welt zitterte. Der große Empfangsſaal des Palaſtes war zu die⸗ ſem Behufe eingerichtet worden, und da dergleichen Ver⸗ ſammlungen gewöhnlich öffentlich ſtattfanden, ſo hatten die Garden und Wachen Befehl erhalten, mit den Ge⸗ ſandten Alles, was die Zimmer und Höfe an Volk faſſen konnten, miteinzulaſſen. Was Paris betrifft, ſo war ſein Anblick der, wel⸗ chen die große Stadt ſtets unter ſolchen Umſtänden bie⸗ tet, d. h. es herrſchten überall Gedränge und Neugierde. Rur würde Jeder, der an dieſem Tage die Bevölkeruug der Hauptſtadt genau beobachtet hätte, unter den aus ehrlichen, naiv aufgeſverrten Bürgergeſichtern beſtehenden Gruppen viele in große Mäntel gehüllte Männer erſchaut haben, welche ſich durch Blicke, durch Zeichen mit der Hand antworteten, wenn ſie von einander entfernt ſtan⸗ den, und mit leiſer Stimme ein paar Worte austauſch⸗ ten, ſo oft ſie ſich näherten. Dieſe Männer ſchienen in⸗ deſſen ſehr mit dem Zuge beſchäftigt, folgten demſelben als die Erſten und erhielten, wie man glauben mußte, Befehle von einem ehrwürdigen Greiſe, deſſen ſchwarze, lebhafte Augen, trotz ſeines weißen Bartes und ſeiner gräulichen Brauen, eine friſche Thätigkeit kundgaben. Dieſem Greiſe gelang es wirklich, ſey es durch ſeine ei⸗ genen Mittel, ſey es durch die Anſtrengungen ſeiner Ge⸗ fährten, unter den Erſten in den Louvre zu ſchlüpfen, und durch die Gefälligkeit des Anführers der Schweizer⸗ eines würdigen, trotz ſeiner Bekehrung gar wenig ka⸗ tholiſchen Hugenotten, vermochte er ſich unter den Ge⸗ fandten, Margarethe und Heinrich von Navarra gerade gegenüber, aufzupflanzen. Durch La Mole unterrichtet, daß Herr von Mouy unter einer Verkleidung der Verſammlung beiwohnen ſellte, ſchaute Heinrich überall umher.“ Endlich begeg⸗ neten ſeine Blicke denen des Greiſes und verließen ihn nicht mehr. Ein Zeichen von Mouy beſeitigte alle —— 3v ——— ie⸗ er⸗ ten e⸗ ſen el⸗ ie⸗ de. tug aus den aut der an⸗ ch⸗ in⸗ ben ßte, rze, iner ben. ei⸗ Ge⸗ fen, zer. ka⸗ Ge⸗ rade ouy en geg⸗ ihn alle 243 Zweifel des Königs von Navarra. Herr von Mony war ſo gut verkleidet, daß Heinrich von Anfang nicht glauben wollte, dieſer Menſch mit dem weißen Barte könnte eine und dieſelbe Perſon mit dem unerſchütterlichen Führer der Hugenotten ſeyn, der ſich fünf bis ſechs Tage vorher ſ⸗ mächtig vertheidigt hatte. Ein Wort von Heinrich, der Königin e zugeflüſtert. zog die Blicke der Königin auf Mouyz dann irrten ihre ſchönen Augen wieder in den Tiefen des Saales umher. Sie ſuchte La Mole, aber vergeblich. La Mole war nicht da. Die Reden begannen. Die erſte war an den König.. Lasco bat ihn im Namen des Reichstages um ſeine Einwilligung dazu, daß die Krone von Polen einem Prinzen des Hauſes Frankreich angeboten würde. Karl antwortete durch eine kurze, beſtimmte Bei⸗ pflichtung, wobei er den Herzog von Anjou, ſeinen Bruder, vorſtellte, deſſen Muth er den Geſanbten gegen⸗ über großes Lob ſpendete. Er ſprach Franzöſiſch. Ein Dolmetſcher überſetzte ſeine Antwort nach jeder Pe⸗ riode, und während der Do lmetſcher ſprach, konnte man den König an ſeinen Mund ein Sacktuch drücken ſehen, das jedesmal mit Blut befleckt zurückkam. Als die Antwort von Karl beendigt war, wandte ſich Lasco gegen den Herzog von Anjou, verbeugte ſich vor ihm und fing eine lateiniſche Rede an, in welcher er ihnr den Thron im Namen der polniſchen Nation Der Herzog antwortete in derſelben Sprache und mit einer Stimme, deren Bewegung er vergebens zu bewältigen ſuchte, er nehme dankbar die ihm zugedachte Ehre an. So lange er ſprach, blieb Karl, vi Lippen zuſammengepreßt, das Ange ſur, auf ihn gerichtet, un⸗ beweglich, drohend, wie eines Adlers Auge, aufrecht ſtehen. Als der Herzog von Anjou geendigt hatte, nahm Lascv die auf einem rothen Sammetkiſſen liegende Krone 16* 244 der Jagellonen, und während zwei polniſche Herren den Herzog von Anfru mit dem Königsmantel bekleideten, legte er dieſe Krone in die Hände von Karl. Karl machte ſeinem Bruder ein Zeichen. Der Herzog von Anjon kniete vor ihm nieder, und Karl drückte ihm mit ſeinen eigenen Händen die Krone auf das Haupt. Hierauf wechſelten die zwei Könige einen der ge⸗ häſſigſten Küſſe, die ſich je zwei Brüder gegeben haben. Alsbald rief ein Herold: „Alerander Eduard Heinrich von Frankreich, Herzog von Anjou, iſt zum König von Polen gekrönt worden. Es lebe der König von Polen!“ Die ganze Verſammlung wiederholte einſtimmig: „Es lebe der König von Polen!“ Dann wandte ſich Lasco gegen die Königin von Na⸗ varra. Die Rede der ſchönen Fürſtin war bis zuletzt aufbewahrt worden. Da dies als eine Galanterie zu betrachten war, die man ihr zugeſtanden hatte, um ihren ſchönen Geiſt, wie man damals ſagte, glänzen zu laſſen, ſo horchte Jedermann mit großer Aufmerkſamkeit auf die Antwort, welche in lateiniſcher Sprache gegeben werden ſollte. Wir haben geſehen, daß Mggarethe ſie ſelbſt abgefaßt hatte. Die Rede von Lasco war mehr eine Lobeserhebung, als eine Rede. Obgleich ganz und gar Sarmate, hatte er ſich doch der Bewundrung gefügt, welche Allen die ſchöne Königin von Navarra einflößte. Seine Sprache Ovid, ſeinen Styl aber Ronſard entlehnend, ſagte er, von Warſchau mitten in der Nacht abreiſend, hätten er und ſeine Gefährten den Weg nicht zu finden gewußt, wären ſie nicht, wie die Könige aus dem Morgenlande, und ſogar noch glücklicher als dieſe Könige, durch zwei Sterne geleitet worden. Dieſe Sterne ſeyen immer glänzender erſchienen, je mehr ſie ſich Frankreich ge⸗ nähert, und nun erkennen ſie, daß es nichts Anderes geweſen, als die zwei ſchönen Augen der Königin von — 8—————.—„ en en, Ner arl auf ge⸗ en. z09 en. Na⸗ etzt zu ren ſen, auf ben ſie ng, atte die che er, er ußt, nde, wei mer ge⸗ eres von 245 Navarra. Vom Evangelium auf den Koran, von Syrien auf das ſteinige Arabien, von Nazareth auf Mekka übergehend, ſchloß er, indem er ſagte, er wäre ganz bereit, zu thun, was glühende Anhänger des Propheten thun, die, nachdem ſie einmal das Glück gehabt, ſein Grab zu erſchauen, ſich die Augen aushöh'ten, urthei⸗ lend, daß man, wenn man einen ſo ſchönen Anblick ge⸗ noſſen, nichts in der Welt mehr einer Bewunderung würdig finden könnte. Dieſe Rede wurde mit Beifallsbezengungen von Seiten derjenigen überhäuft, welche die lateiniſche Sprache inne hatten, weil ſie die Meinung des Redners theilten, und ebenſo von Seiten derjenigen, welche ſie nicht ver⸗ ſtanden, denn ſie wollten ſich das Anſehen geben, als verſtänden ſie dieſelbe. Margarethe machte zuerſt eine anmuthige Verbeu⸗ gung vor dem artigen Sarmaten, dann begann ſie dem Geſandten antwortend, während ſie aber zugleich ihre Augen auf Herrn von Mouy heftete, mit folgenden Worten: „Quod nunc bac in aula insperati adestis exuſtaremus ego et rex conjugo, nisi ideo immine- ret calamitas, scilicet non solum fratris sed etiam amici orbitas.*)“ Dieſe Worte hatten einen dopye ten Sinn, und konn⸗ ten, während ſie an Herrn von Mouy gerichtet waren, auch Heinrich von Anjou betreffen. Der Letztere verbeugte ſich auch zum Zeichen der Dankbarkeit. Karl erinnerte ſich nicht, dieſen Satz in der Rede geleſen zu haben, welche ihm einige Tage vorher mit⸗ getheikt worden war, aber er legte kein großes Gewicht auf die Worte von Margarethe, die er nur als eine Sprache einfacher Höflichkeit betrachtete. *) Euere unerwartete Anweſenheit an dieſem Hofe würde mich und meinen königlichen Gemahl mit Freude erfüllen, wenn ſie nicht ein großes Ungemach herbeifübrte, nämlich nicht allein den Verluſt eines Bruders, ſondern auch den eines Freundes. 246 7 Margarethe fuhr fort: Adeo dolemur a te dividi, ut tecum proßcisei, maluissemus, sed idem fatum, duo nunc sine ulla mora Lutetia cedere juberis, hac in urba detinet.. Proſiciscere ergo, frater; proliciscere, amice; pro- Rciscere sine nobis; proficiscentem sequuntur spes et desideria nostra.*)“ Man kann ſich leicht denken, daß Herr von Mouy mit tiefer Aufmerkſamkeit dieſe Worte hörte, die, an die Gefandten gerichtet, für ihn allein ausgeſprochen wurden. Wohl hatte Heinrich bereits zwei oder drei Mal den Kopf verneinend auf den Schultern hin und her gedreht, um dem jungen Hugenotten begreiflich zu machen, Alencon habe ſich geweigert, aber dieſe Ge⸗ berde, welche eine Witkung des Zufalls ſeyn könnte, wäre Mouy ungenügend erſchienen, wenn die Weorte von Margarethe dieſelbe nicht beſtätigt hätten⸗ Wäh⸗ rend er aber Margarethe anſchaute und mit ganzer Seele auf ihre Worte horchte, trafen ſeine ſchwarzen, unter den grauen Brauen ſcharf glänzenden Angen Ca⸗ tharina, welche, wie von einem elektriſchen Schlage be⸗ rührt, bebte und ihren Blick nicht mehr von dieſer Seite des Saales abwandte. „Das iſt ein ſeltſames Geſicht,“ murmelte ſie, indeß ſie ihr Geſicht beſtändig nach den Geſetzen des Ceremoniels gerichtet hielt.„Wer iſt dieſer Menſch, der Margarethe ſo aufmerkſam anſchaut und von Marga⸗ rethe und Heinrich ebenfalls aufmerkſam angeſchaut wird?“ fort, worin ſie von dieſem Augenblicke an die Artig⸗ keiten des polniſchen Geſandten erwiederte, während ſich * Wir find troſtlos, von Euch getrennt zu werden, während wir mit Euch zu reiſen vorgezogen hätten, aber daſſelbe Geſchick, welches heiſcht, daß Ihr Paris ohne Verzug verlaßt, feſſelt uns an dieſe Stadt. Reiſet alſo, Bruder; reiſet Freund; reilet ohne uns. Unſere Hoffnung und unſere Wünſche werden Euch folgen. „ 6 Die Königin von Navarra ſetzte indeſſen ihre Rede — 3 247 Catharina den Kopf darüber zerbrach, wer der ſchöne Greis ſeyn könnte, als ſich ihr der Ceremonienmeiſter von hinten näherte und ihr ein parfumirtes Säckchen von Atlaß übergab, das ein viereckig zuſammengelegtes Papier enthielt. Sie öffnete das Säckchen, zog das Papier heraus und las folgende Worte: „Maurevel hat mit Hülfe eines herzſtärkenden Mit⸗ tels, das ich ihm gegeben, etwas Kraft erlangt und wurde dadurch in den Stand geſetzt, den Namen des Mannes zu ſchreiben, welcher ſich in dem Zimmer des Königs von Navarra befunden hat. Dieſer Mann iſt Herr von Mouy.“ „Von Mouy!“ dachte die Königin,„wohl, ich hatte es geahnet. Aber dieſer Greis... Ei! Cospetto! dieſer Greis iſt.. Catharina verharrte das Auge ſtarr, den Mund geöffnet. Dann ſich an das Ohr des Kapitäns der Garden neigend, der an ihrer Seite ſtand, ſagte ſie: „Schaut, doch als ob es nur zufällig geſchehen würde, nach dem Herrn Lasco, welcher in dieſem Augen⸗ blick ſpricht. Seht Ihr hinter ihm einen Greis mit weißem Barte, in einem ſchwarzen Sammetkleid?“ „Ja, Madame.“ „Gut. Verliert ihn nicht aus dem Blicke.“ „Ihr meint denjenigen, welchem der König von Navarra ein Zeichen macht?“ „Allerdings. Stellt Euch mit zehn Mann an die Pforte des Louvre und ladet ihn, wenn er hinausgeht, von Seiten des Königs zum Mittagsmahle ein. Folgt er Euch, ſo führt ihn in ein Zimmer und haltet ihn darin gefangen. Weigert er ſich, ſo bemächtigt Euch ſeiner todt oder lebendig. Geht, geht.“ Nur ſehr wenig mit der Rede von Margarethe be⸗ ſchäftigt, hatte Heinrich glücklicher Weiſe ſeinen Blick auf Catharina geheftet und keinen Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes verloren. Als er die Augen der Königin Mutter 248 ½ mit ſo großer Erbitterung auf Herrn von Mouy ge⸗ richtet ſah, wurde er unruhig; er gewahrte, wie Catha⸗ rina dem Kapitän der Garden einen Befehl gab, und begrif Alles. In dieſem Augenblick machte er die Geberde, welche Herr von Nancey wahrgenommen hatte, und die in der Zeichenſprache bedeutete:„Ihr ſeyd entdeckt, flüchtet Euch ſogleich.“ Herr von Mouy begriff dieſe Geberde, welche ſo gut zu dem an ihn gerichteten Theil der Rede paßte. Er ließ ſich dieß nicht zweimal ſagen, drängte ſich durch die Menge und verſchwand. Heinrich war aber nicht eher ruhig, als bis er Herrn von Nancey zurückkehren ſah und an dem Zu⸗ ſammenziehen des Geſichtes der Königin erkannte, daß dieſer ihr meldete, er wäre zu ſpät gekommen. Die Andienz war beendigt. Margarethe wechſelte noch einige nicht offizielle Worte mit Lasco. Der König erhob ſich wankend, grüßte und entfernte ſich, auf die Schulter von Ambroiſe Paré geſtützt, der ihn nicht verließ, ſeitdem ihm der bekannte Unfall begegnet war. Catharina, bleich vor Zorn, und Heinrich, ſtumm vor Schmerz, folgten ihm. Der Herzog von Alengen hatte ſich während der Ceremonie völlig unbemerkbar gemacht. Und nicht ein einziges Mal war der Blick von Karl, der ſich nicht einen Moment von dem Herzog von Anjou abwandte, auf ihn gerichtet geweſen. Der neue König von Polen fühlte ſich verloren. Ferne von ſeiner Mutter, von dieſen Barbaren entführt, war er Anteus, dem Sohne der Erde ähnlich, welcher von den Armen des Hereules emporgehoben ſeine Kräſte verlor. Einmal jenſeits der Gränze, betrachtet ſich der Herzog von Anjon als für immer vom Throne Frankreichs ausgeſchloſſen. Statt dem König zu folgen, begab er ſich auch zu ſeiner Mutter. ge⸗ ha⸗ und ſche der tet ſo te. ſich er Zu⸗ daß elte nig die cht ar. um der ein icht te, hrt, her ifte ſich one uch 249 Er fand ſie nicht minder düſter, nicht minder un⸗ ruhig, als er ſelbſt war, denn ſie dachte an den feinen, ſpöttiſchen Kopf, den ſie während der Ceremonie nicht aus dem Geſichte verloren hatte, an den Bearner, dem das Schickſal, Könige, Prinzen, Mörder, ſeine Feinde und ſeine Hinderniſſe aus dem Wege räumend, Platz zu machen ſchien. Als ihn Catharina bleich unter ſeiner Krone, ge⸗ brochen unter ſeinem Königsmantel erblickte, als ſie ſah, wie er flehend ohne ein Wort zu ſprechen ſeine Hände dieſe ſchönen Hände, die er von ihr hatte, ſtand ſie auf und ging ihm entgegen. „Oh! meine Mutter,“ rief der König von Polen, „ich bin alſo verdammt, in der Verbannung zu ſterben.“ „Mein Sohn,“ erwiederte Catharina,„vergeßt Ihr ſo ſchnell die Weiſſagung von René? Seyd unbe⸗ ſorgt, Ihr werdet nicht lange dort bleiben.“ „Meine Mutter, ich beſchwöre Euch bei dem erſten Gerüchte, bei der erſten Muthmaßung, die Krone ven Frankreich könnte erledigt werden, benachrichtigt mich!..“ „Seyd ruhig mein Sohn, bis zu dem Tage, den wir Beide erwarten, wird beſtändig in meinem Stalle ein Pferd geſattelt ſtehen und in meinem Gemache ein zur Abreiſe nach Polen bereiter Eilbote warten.“ XIII. Oreſtes und Pylades. Als Heinrich von Anjou abgereiſt war, hätte man glauben ſollen, der Friede und das Glück wären in den Louvre an den Herd dieſer Familie der Atriden zurückgekehrt. Karl vergaß ſeine Schwermuth, erlangte ſeine kräftige Geſundheit wieder, jagte mit Heinrich und ſprach mit ihm 250 von der Jagd an den Tagen, an denen er nicht jagen konnte wobei er ihm nur Eines zum Vorwurfe machte: ſeine Unempfindlichkeit gegen die Beize, denn er ſagte, er wäre ein vollkommener Fürſt, wenn er Falken ſo gut als Schweißhunde zu dreſſiren wüßte. Catharina war wieder gute Mutter geworden, ſanft gegen Karl und Alengon, liebevoll gegen Heinrich und Margarethe, freundlich gegen Frau von Nevers und Frau von Sauve, und unter dem Vorwande, daß er in der Erfüllung eines Befehles von ihr verwundet worden ſey, trieb ſie ihre Herzensgüte ſo weit, daß ſie Maurevel zweimal in ſeinem Hauſe in der Rue de la Cériſaie beſuchte. Margarethe ſetzte ihre Liebſchaft nach ſpaniſcher Weiſe fort. Jeden Abend öffnete ſie ihr Fenſter und correſpon⸗ dirte mit La Mole durch Geberden und Briefe, und in jedem ſeiner Briefe erinnerte der jung Mann ſeine höne Königin daran, daß ſie ihm zum Lohne für ſeine Ver ebannung einige ſüße Augenblicke in der Rue Eloche⸗ Percée verſprochen hatte. Eine einzige Perſon war allein und getrennt in dem wieder ſo ruhig und friedlich gewordenen Louvre. Dieſe Perſon war unſer Freund, der Graf Annibal von Coconnas. Allerdings war es etwas, daß er La Mole am Leben wußte; es war viel, daß er immer noch von Frau von Nevers, der lachendſten, phantaſtiſchſten aller Frauen, bevorzugt wurde. Aber alles Glück einer ihm bewillig⸗ ten Zuſammenkunft mit der ſchönen gin alle Geiſtesruhe, die Margarethe Coconnas über das Schick⸗ ſal ihres gemeinſchaftlichen Freundes gäb, waren in den Augen des Piemonteſen nicht ſo viel werth, als eine einzige Stunde mit La Mole bei dem Freunde La Hurière, bei einer Kanne ſüßen Weines zugebracht oder eine Kreuz⸗ und Querfahrt nach allen Orten von Paris, agen hte: agte, ſo ſanft und und ß er ndet ß ſie e l ſcher pon⸗ d in ſeine ſeine oche⸗ tin ve tibal am Frau uen, illig⸗ alle chick⸗ in als e La oder aris, 231 wo ein ehrlicher Edelmann Riſſe in ſeiner Haut, in ſeiner Börſe oder in ſeinem Kleide bekommen konnte. Zur Schande der Menſchheit muß man geſtehen, daß Frau von Nevers nur mit großer Ungeduld dieſe Nebenbuhlerſchaft ven La Mole ertrug, nicht als ob ſie dem Provencalen abhold geweſen wäre, im Gegentheil, hingeriſſen durch den unwiderſtehlichen Inſtinft, der jede Frau unwillkührlich antreibt, gegen den Liebhaber einer andern Frau, beſonders wenn dieſe ihre Feundin iſt, ſich auf eine gefallſüchtige Weiſe zu benehmen, hatte ſie La Mole durchaus nicht mit den Blitzen ihrer Smaragdaugen verſchont, und Coconnas hätte die Hände⸗ drücke und den Aufwand an Liebenswürdiakeit der Her⸗ zogin zu Gunſten ſeines Freundes während der Tage der Laune beneiden können, an welchen das Geſtirn des Piemonteſen an dem Himmel ſeiner ſchönen Geliebten zu erbleichen ſchien. Aber Coconnas, der fünfzehn Perſonen wegen eines einzigen Blickes ſeiner Dame erwürgt hätte, war ſo weniß eiferſüchtig auf La Mole, daß er ihm häufig in Folge ſolcher Launenhaſtigkeiten der Herzogin gewiſſe vertrauliche Mittheilungen in das Ohr flüſterte, wor⸗ über der Provencale erröthet war. Hiedurch erfolgte- daß Henriette, welche die Ab⸗ weſenheit von La Mole aller Vortheile beraubte, die ihr die Geſellſchaft von Coconnas verſchafft hatte, näm⸗ lich ſeiner unverſtegbaren Heiterkeit und ſeiner nicht zu ſättigenden Vergnügungsſucht, eines Tags Margarethe auſſuchte, um ſie zu bitten, ihr den Unerläßlichen zu⸗ rückzugeben, ohne welchen der Geiſt und das Herz von Coconnas von Tag zu Tag immer mehr verdunſteten. Stets mitleidig und überdieß beſtürmt durch die Bitten von La Mole und angetrieben durch die Wünſche ihres eigenen Herzens gab Margarethe ihrer Freundin Henriette für den zweiten Tag Rendezvous in dem Hauſe mit den zwei Thüren, um dort dieſe Stoffe in 252 einer Unterredung, die Niemand unterbrechen könnte, gründlich zu behandeln. Coconnas empfing auf eine ziemlich unfreundliche Weiſe das Billet von Henriette, das ihn auf halb zehn Uhr Abends in die Rue Tiſon beſchied. Nichtsdeſto⸗ weniger begab er ſich nach dem Orte der Zuſammen⸗ kunft, wo er Henriette fand, welche ſich' bereits ſehr darüber geärgert hatte, daß ſie zuerſt angekommen war. „Pfui! mein Herr,“ ſagte ſie,„es iſt ſehr ungebil⸗ det, ich ſage nicht eine Prinzeſſin, ſondern eine Frau ſo warten zu laſſen.“ „Oh! warten,“ erwiederte Coconnas,„das iſt ein⸗ mal ein Wort von Euch. Ich wette im Gegentheil, daß wir der beſtimmten Zeit noch voraus ſind.“ 5ch ja „Bah, ich auch; ich wette, es iſt höchſtens zehn Uhr.“ „Wohl, aber in meinem Billet hieß es halbzehn Uhr.“ „Ich bin auch um neun Uhr vom Louvre wegge⸗ gangen; denn ich habe den Dienſt bei dem Herzog von Alengon, weßhalb ich, beiläufig geſagt, genöthigt ſeyn werde, Euch in einer Stunde zu verlaſſen.“ „Was Euch ganz angenehm iſt?“ „Meiner Treue, nein, der Herzog iſt ein ſehr ver⸗ drießlicher, wunderlicher Menſch, und wenn ich gezankt werden ſoll, ſo mag es lieber durch hübſche Lippen, wie die Eurigen, geſchehen, als durch einen ſchiefen Mund, wie der ſeinige.“ „Nun, das klingt ein wenig beſſer,“ verſetzte die Herzogin.„Ihr ſagt alſo, Ihr wäret um neun Uhr vom Louvre weggegangen.“ „Oh! mein Gott, ja, in der Abſicht, geraden Wegs hieher zu kommen, als ich an der Ecke der Rue de Grenelle einen Mann erblicke, der La Mole gleicht.“ „Gut, abermals La Mole.“ „Allerdings, mit Euerer Erlaubniß oder ohne dieſelbe.“ „Grober!“ hei Ic ihr un He inte, liche zehn eſto⸗ nen⸗ ſehr war. ebil⸗ Frau ein⸗ hrl⸗ hr gge⸗ von ſeyn 253 „Gut,“ ſprach Coconnas,„wir fangen unſere Höf⸗ lichkeiten wieder an.“ „Nein, aber endigt Eure Erzählung.“ „Ich verlange nicht, dieſelbe zum Beſten zu geben; Ihr fragt, warum ich ſo ſpät komme.“ „Allerdings; iſt es meine Sache, zuerſt einzutreffen?“ „Ei, Ihr habt Niemand zu ſuchen.“ „Ihr ſeid in der That verletzend, mein Lieber; doch fahrt fort. Alſo an der Rue de Grenelle ſaht Ihr einen Menſchen, der La Mole ähnlich iſt; aber was habt Ihr an Euerem Wammſe? Blut““ „Es wird mich wohl einer beim Fallen beſpritzt haben.“ „Ihr habt Euch geſchlagen?“ „Ich denke.“ „Für Euren La Mole?“ „Fürwen ſoll ich mich ſonſt ſchlagen, für eine Frau?“ „Ich danke.“ „Ich folge alſo dieſem Menſchen, der die Frech⸗ heit hatte, das Ausſehen meines Freundes zu entlehnen. Ich hole ihn in der Rue Coquillière ein, ich trete vor ihn, ich ſchaue ihm bei dem Schimmer einer Bude unter die Naſe.“ „Gut, das war wohl gethan.“ „Ja, aber es iſt ihm ſchlecht bekommen.„„Mein Herr,““ ſage ich zu ihm,„„Ihr ſeyd ein Geck, daß Ihr Euch erlaubt, entfernt meinem Freunde La Mole zu gleichen, der ein vollkommener Cavalier iſt, während man, wenn man Euch von Nahem betrachtet, ſieht, daß Ihr nur ein Landſtreicher ſeyd.““ Hienach nahm er den Degen in die Hand; ich that daſſelbe. Bei dem dritten Stoße fällt der Ungeſchickte nieder und beſpritzt mich.“ „Ihr habt ihm doch wenigſtens Hülfe geleiſtet?“ „Ich wollte es thun, als ein Reiter vorüber kam. Diesmal, Herzogin, war ich gewiß, daß ich La Mole ſah. Leider lief das Pferd im Galopp. Ich lief dem Pferde nach, und die Leute, die ſich verſammelt hatten, liefen hinter mir. Da man mich aber, inſofern mir vieſe ganze Canaille folgte und gleichſam anf meinen Ferſen brüllte, für einen Dieb halten konnte, ſo wandte ich mich um, um ſie in die Flucht zu ſchlagen, wodurch ich etwas Zeit verlor. Während dieſer Zeit war der Reiter verſchwunden. Ich verfolge ihn, ich erkundigte“ mich, ich fragte, gab die Farbe des Pferdes an; aber vergebens, Niemand hatte ihn geſehen. Endlich der Sache müde, kam ich hieher.“ „Der Sache müde!“ ſprach die Herzogin,„wie artig das iſt!“ „Hört, liebe Freundin,“ verſetzte Coconnas, ſich nachläſſig in einen Lehnſtuhl legend,„Ihr macht mir abermals Vorwürfe, in Beziehung auf dieſen armen La Mole. Ihr habt Unrecht, denn ſeht Ihr, die Freund⸗ ſchaft.... Ich wünſchte wohl ſeinen Geiſt und ſein Wiſſen zu beſitzen, ich fände am Ende eine Verglei⸗ chung, um meinen Gedanken auszudrücken. Die Freund⸗ ſchaft, ſeht Ihr, iſt ein Stern, während die Liebe... die Liebe,. nun, ich habe die Vergleichung,.. die Liebe iſt nur eine Kerze. Ihr werdet mir ſagen, es gäbe verſchiedene Arten.“ „Von Liebe? „Nein, von Kerzen, und es gebe darunter, welche den Vorzug verdienen. Die Roſakerze z. B. iſt die beſte. Aber obgleich roſa, wird ſie doch abgenutzt, wird ſie doch ver⸗ braucht, während der Stern beſtändig glänzt. Hierauf werdet Ihr mir antworten, wenn die Kerze verbraucht ſey, ſtecke man eine andere in den Leuchter.⸗ „Herr von Coconnas, Ihr ſeyd ein Alberner.“ „Bah!“ „Herr von Coconnas, Ihr ſeyd ein Frecher.“ „Bah, bah!“ „Herr von Coconnas, Ihr ſeyd ein Unverſchämter.“ „Madame, ich ſage Euch, daß Ihr Schuld ſeyd, wenn ich La Mole noch dreimal mehr vermiſſe und be⸗ flage.“ „Ihr liebt mich nicht mehr.“ — Eu eig au ich St Fü gle öfft Th ſein zu Uel „Lo wat Tiſ Er, er, aus Wi inen ndte urch der igte aber der utig ſich mir men md⸗ ſein lei⸗ und⸗ die ₰6 den lber ver⸗ rauf ucht eyd, be⸗ 255 „Im Gegentheil, Herzogin, Ihr verſteht das nicht, ich vergöttere Euch. Aber ich kann Euch lieben, ſchätzen, vergöttern, und in meinen verlorenen Augenblicken dennoch meinen Freund loben.“ „Ihr nennt alſo Eure verlorenen Augenblicke die⸗ jenigen, in welchen Ihr bei mir ſeyd.“ „Was wollt Ihr? dieſer arme La Mole ſteht un⸗ abläſſig vor meinen Gedanken.“ „Ihr zieht ihn mir vor, das iſt unwürdig! Geſteht offenherzig, daß Ihr mir ihn vorzieht. Amibal, ich ſage Euch, wenn Ihr irgend Etwas in der Welt mir vorzieht...“ „Henriette, Schönſte der Herzoginnen, für Enure eigene Ruhe bitte ich Euch, macht keine indiscrete Frage au mich. Ich liebe Euch mehr, als alle Frauen, aber ich liebe La Mole mehr, als alle Männer.“ „Gut geantwortet,“ ſprach plötzlich eine fremde Stimme. Und ein Damaſtvorhang, welcher vor einer großen Füllung aufgehoben wurde, die in die Dicke der Mauer gleitend, eine Verbindung zwiſchen den zwei Zimmern öffnete, ließ La Mole ſehen, der in dem Rahmen dieſer Thüre ſtand, wie ein ſchönes Porträt von Tizian in ſeiner goldenen Einfaſſung. „La Mole!“ rief Coconnas, ohne auf Margarethe zu achten und ohne ſich Zeit zu laſſen, ihr für die Ueberraſchung zu danfen, welche ſie ihm bereitet hatte, „La Mole, mein Freund, mein theurer Freund!“ Und er ſtürzte in die Arme ſeines Feundes und warf dabei den Stuhl nieder, auf dem er ſaß, und den Tiſch, der ſich in ſeinem Wege fand. La Mole erwiederte ſeine Umhalſungen mit Lollem Erguſſe. Während er dieſelben aber erwiederte, ſagte er, ſich an die Herzogin von Nevers wendend: „Verzeiht, Madame, wenn mein Name, unter Euch ausgeſprochen, Anlaß zu einer Störung Euerer reizenden Wirthſchaft gab. Gewiß,“ fügte er mit einem Blicke voll unendlicher Zärtlichkeit auf Margarethe bei,„gewiß ich bin nicht Schuld, daß ich Euch nicht früher ſah.“ „Du ſiehſt, Henriette,“ ſprach Margarethe,„daß ich Dir Wort gehalten habe. Hier iſt er!“ „Ich habe alſo einzig und allein den Bitten der Frau Herzogin dieſes Glück zu danken?“ ſagte La Mole⸗ „Einzig und allein ihren Bitten,“ antwortete Mar⸗ garethe. Dann ſich gegen La Mole umwendend, fuhr ſie fort: „La Mole, ich erlaube Euch, kein Wort von dem zu glauben, was ich ſage.“ Coconnas, der ſeinen Freund zehnmal an das Herz gedrückt, zehnmal ſich im Ringe um ihn gedreht hatte, der einen Leuchter an ſein Geſicht gehalten hatte, um ihn nach Wohlgefallen zu betrachten, kniete nun vor Margarethe nieder und küßte den Saum ihres Kleides. „Oh! das iſt ein Glück,“ ſprach die Herzogin von Nevers,„Ihr werdet mich nun erträglich finden.“ „Mordi! ich werde Euch finden, wie immer: anbetungswürdig; nur werde ich es Euch von beſſerem Herzen ſagen. Hätte ich nur etliche dreißig Polen, Sarma⸗ ten und andere nordländiſche Barbaren hier, um ſie zu dem Geſtändniſſe zu zwingen, daß Ihr die Königin der Schönen ſeyd.“ „Ei, ſachte, ſachte, Coconnas,“ ſprach La Mole,„was iſt denn Frau Margarethe?“ „Oh, ich widerrufe nicht,“ antwortete Coconnas mit einem halb ernſten, halb komiſchen Tone, der nur ihm eigenthümlich war;„Frau Henriette iſt die Königin der Schönen, und Frau Margarethe iſt die Schöne unter den Königinnen.“ Was aber auch der Piemonteſe ſagen oder thun mochte, er war nur von dem Glücke erfüllt, ſeinen lieben La Mole wieder gefunden zu haben, er hatte nur Augen für ihn. „Kommt, meine ſchöne Königin,“ ſprach Frau von Nevers,„kommt, und laſſen wir dieſe vollkommenen Freunde der ole. Nar⸗ ort: dem berz der nach ethe von er rem ma⸗ zu der was mit ihm der nter hun eben gen von inde 237 eine Stunde mit rinander plaudern. Sie haben ſich tau⸗ ſend Dinge zu ſagen, die unſerem Eeſpräch in die Quere kommen würden. Es iſt zwar hart für uns, aber das einzige Mittel, Herrn Annibal ſeine volle Geſundheit wieder zu geben. Thut mir alſo den Gefallen, meine Königin, da ich einmal ſo albern bin, dieſen abſcheulichen Kopf zu lieben, wie ſein Freund La Mole ſagt.“ Margarethe flüſterte La Mole, der, ſo ſehr er ſich auch ſehnte, ſeinen Freund wiederzuſehen, doch gerne die Zärtlichkeit von Coconnas etwas minder anſpruchsvoll gefunden hätte, einige Worte in das Ohr. Während dieſer Zeit ſuchte Coconnas durch alle mög⸗ liche Betheurungen ein ungezwungenes Lächeln und ein ſanftes Wort auf die Lippen von Henriette zu bringen, ein Reſultat, zu welchem er leicht gelangte. Die zwei Frauen begaben ſich nun in das Neben⸗ zimmer, wo das Abendbrod ihrer harrte. Das Erſte, worüber Coconnas ſeinen Freund im Einzelnen fragte, war der unſelige Abend, der ihm bei⸗ nahe das Leben gekoſtet hätte. Während La Mole in ſeiner Erzählung vorrückte, bebte der Piemonteſe, der doch bekanntlich in dieſem Punkte nicht leicht zu erſchüttern war, an allen Gliedern. „Und warum haſt Du Dich,“ ſagte er,„ſtatt in das Weite zu laufen, wie Du es gethan, und mir ſo große Unruhe zu bereiten, nicht zu unſerem Herrn geflüchtet? Der Herzog, der Dich vertheidigt hatte, würde Dich auch Lerborgen haben. Ich hätte bei Dir gelebt, und meine Traurigkeit würde, wenn auch geheuchelt, nichtsdeſtowe⸗ niger die einfältigen Burſche bei Hofe getäuſcht haben.“ „Zu unſerem Herrn?“ ſprach La Mole leiſe,„zu dem Herzog von Alencon?“ „Ja, nachdem, was er mir ſagte, mußte ich glauben, Du hätteſt ihm das Leben zu verdanken.“ „Ich verdanke das Lehen dem König von Navarra,“ erwiederte La Mole. Königin Margot. II. 17 258 „Oh, oh!“ rief Coconnas,„biſt Du deſſen gewiß?“ „Es iſt kein Zweifel möglich.“ „Oh, der gute, der vortreffliche König! Aber was that der Herzog von Alencon bei dieſer ganzen Geſchichte?“ „Er hielt den Strick, um mich zu erdroſſeln.“ „Mordi!“ rief Coconnas,„weißt Du das ganz ſicher, La Mole? Wie, dieſer bleiche Prinz, dieſes Pom⸗ merchen, dieſer Grünſpecht will meinen Freund erdroſſeln! Ah, ich werde ihm morgen ſogleich ſagen, was ich von dieſer ganzen Sache holte.“ „Biſt Du verrückt?“ „Es iſt wahr, er würde wieder anfangen;... doch gleichviel, das ſoll nicht ſo hingehen.“ „Stille, Coeonnas, beruhige Dich und vergiß nicht, daß es ſo eben halb eilf Uhr geſchlagen hat, und daß Du dieſen Abend den Dienſt haſt.“ „Ich kümmere mich den Teufel um den Dienſt. Ah, gut, er mag darauf rechnen! Mein Dienſt! Ich einem Menſchen dienen, der die Schnur gehalten hat!. Du ſcherzeſt! Nein!.. Das iſt ein Wink der Vorſehung. Es ſteht geſchrieben, daß ich Dich wiederfinden ſoll, um Dich nie mehr zu verlaſſen. Ich bleibe hier.“ „unglücklicher, bedenke doch, Du biſt nicht be⸗ trunken „Glücklicherweiſe, denn wenn ich es wäre, würde ich den Lonvre in Brand ſtecken.“ „Sey vernünftig, Anuibal,“ verſetzte La Mole, „fehre nach Hauſe, der Dienſt iſt etwas Heiliges.“ „Kehrſt Du mit mir zurück?“ „Unmöglich.“ 5 „Sollte man noch daran denken, Dich umzubringen „Ich glaube nicht; ich bin zu unwichtig, als daß gegen mich ein beſtimmtes Complott ſtaltfinden, ein feſter Entſchluß verfolgt werden ſollte. In einem Anfall von Laune wollte man mich tödten, und weiter nicht. Die Prinzen waren an jenem Abend heiter.“ „Was machſt Du dann?“ we Pr Fr gro mir ein ein uns län des s 2. anz m⸗ ln! on och ht, Du Ah, ſem Du ng. um 25 „Ich? nichts: ich gehe ſpazieren, ich ſchweife umher.“ „Wohl, ich werde ſpazieren gehen, wie Du, ich werde mit Dir umherf ifen; das iſt ein reizender Zuſtand. Wenn man Dich ſodann angreift, ſo ſind wir zu zwei, und wir werden ihnen wohl zu ſchaffen machen. Ah, Dein Inſekt von einem Herzog mag kommen; ich ſpieße ihn wie einen Schmetterling an die Wand.“ „Verlange doch Deinen Abſchied von ihm.“ „Das werde ich thun.“ „Benachrichtige ihn wenigſtens, daß Du ihn verläſſeſt.“ „Nichts iſt gerechter, und ich willige auch ein; ich werde ihm ſchreiben!“ „Ihm ſchreiben, Coconnas, das iſt ſehr keck, einem Prinzen von Ge lüt ſchreiben.“ „Ja, von Geblüt, dem es nach dem Geblüt meines Freundes gelüſtet. Höre wohl,“ rief Coconnas, ſeine großen tragiſchen Augen im Kopfe rollend, jich mache mir einen Spaß aus dergleichen Etiquette⸗Angelegenheiten.“ „In der That,“ ſagte La Mole zu ſich ſelbſt,„in einigen Tagen wird er weder des Prinzen, noch irgend einer andern Perſon mehr bedürfen, denn wenn er mit uns kommen will, ſo kann er dies wohl thun.“ Coconnas nahm eine Feder, ohne daß ſein Freund länger Widerſtand leiſtete, und entwarf in Elle folgen⸗ des Stück ſeiner Beredtſamkeit. „Monſeigneur, Eure Hoheit muß ſehr bewandert in den Schrift⸗ ſtellern des Alterthums, nothwendig die Geſchichte von Oreſtes und Pylades kennen, welche zwei durch ihr Unglück und ihre Freundſchaft berühmte Helden waren. Mein Freund La Mole iſt nicht minder unglücklich als Dreſtes und ich bin nicht minder zärtlich als Pylades. Er hat in dieſem Augenblick große Geſchäfte, welche meine Hülfe in Anſpruch nehmen. Ich kann mich alſo un⸗ möglich von ihm trennen, weshalb ich unter 17 260 Vorausſetzung der Genehmigung Eurer Hoheit einen kleinen Abſchied nehme, entſchloſſen, mich mit ſeinem Glücke zu verbinden, wohin es mich auch führen mag. Damit ſage ich Eurer Hoheit, wie groß die Gewalt iſt, die mich ihrem Dienſte entreißt, und auf dieſen Grund verzweifle ich nicht, meine Begnadigung zu erhalten, und wage es, mich mit aller Achtung fortwährend zu nennen Eurer Königlichen Hoheit unterthänigſten gehorſamſten Annibal von Coconnas, unzertrennlichen Freund von Herrn de La Mole.“ Als dieſes Meiſterwerk vollendet war, las Coconnas daſſelbe mit lauter Stimme La Mole vor, welcher die Achſeln zuckte. „Nun, was ſagſt Du?“ fragte Coconnas, der dieſe Bewegung nicht geſehen hatte, oder ſich wenigſtens den Anſchein gab, als hätte er ſie nicht geſehen. „Ich ſage,“ antwortete La Mole,„daß Herr von Alencon über uns ſpotten wird.“ „Ueber uns?“ „Ueber Beide.“ „Mir ſcheint, das iſt noch beſſer, als wenn er uns einzeln erdroſſelt.“ „Bah!“ rief La Mole lachend,„das Eine wird das Andere vielleicht nicht verhindern.“ „Nun, es mag kommem, was da will, ich ſchicke den Brief morgen früh ab.... Wo gehen wir ſchlafen, wenn wir uns von hier entfernen?“ „Bei Meiſter La Hurisre. Du weißt in dem kleinen Zimmer, wo Du mich erdolchen wollteſt, als wir noch nicht Hreſtes und Pylades waren.“ „Gut, ich werde meinen Brief durch unſern Wirth in den Louvre tragen laſſen.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich der Thürvorhang. 3 u da co zo in de Pi rir ret die beſ wo ſie ve Ar cai mi ſie hu der heit nich nich heit, nſte ich vage men errn inas die dieſe den von uns wird chicke afen, inen noch irth ang. „Nun?“ fragten die Pylades und Oreſtes?“ „Mordi! Madame,“ antwortete Coconnas,„Pylades und Oreſtes ſterben vor Hunger und Liebe.“ Meiſter La Huriéère trug wirklich am andern Tage das ehrfurchtsvolle Sendſchreiben von Annibal von Co⸗ connas in den Louvre. zwei Prinzeſſinnen,„wo ſind XXIV. Orthon. Heinrich war, ſelbſt nach der Weigerung des Her⸗ zogs von Alengon, welche Alles bis auf ſeine Eriſtenz in Frage ſtellte, ein wo möghlich noch größerer Freund des Prinzen geworden, als zuvor. Catharina ſchloß aus dieſer Innigkeit, die zwei Prinzen verſtänden ſich nicht nur, ſondern ſie conſpi⸗ rirten auch miteinander. Sie befragte hierüber Marga⸗ rethe; aber Margarethe war ihre würdige Tochter und die Königin von Navarra, deren größtes Talent darin beſtand, eine mißliche Erklärung zu vermeiden, war ſo wohl auf ihrer Hut gegen die Fragen ihrer Mutter, daß ſie dieſe, nachdem ſie alle beantwortet hatte, verlegener verließ, als Catharina vorher geweſen war. Die Florentinerin hatte alſo zum Leitfaden nichts Anderes, als den intriganten Inſtinkt, den ſie von Tos⸗ caua, dem intriganteſten der kleinen Staaten jener Zeit, mitgebracht hatte, und die Leidenſchaft des Haſſes, die ſie an dem Hofe von Franfreich geſchöpft, der in Bezie⸗ hung auf Intereſſen und Meinungen der getheilteſte Hof derſelben Epoche war. Sie begriff vor Allem, daß dem Bearner ein Theil ſeiner Kraft aus ſeiner Verbindung mit dem Herzog 262 von Alencon zufloß, und ſie beſchloß daher, ihn zu ver⸗ einzelnen. Von dem Tage, an welchem ſie dieſen Entſchluß gefaßt. hatte umgah ſie ihren Sohn mit der Geduld und dem Talente des Fiſchers der, wenn er die Bleic fern von den Fiſchen hat fallen laſſen, dieſelben unmerklich an⸗ Ri er ſeine Beute von allen Seiten umgarnt hat Der Herzog Franz gewahrt dieſe verdoppelte F Freund lichtei und kam ſeiner Mutter einen Schritt Heinrich ſtellte ſich, als bemerkte er nichte, bewachte aber ſeinen Verbündeten ſchärfer, als bis dahin. Jedermann erwartete ein Ereigniß. Als aber Jedermann in Erwartung dieſes für die Einen gewiſſen, für die Anderen wahrſcheinlichen Ereig⸗ niſſes lebte, ging, da die Sonne ſich eines Morgens roſig, die lane Wärme und den ſüßen Wohlgeruch, die Anzeigen eines ſchönen Tages, hervorrufend erhoben hatte, ein bleicher, auf einen Stock geſtützter Menſch, aus einem kleinen Hauſe⸗ das hinter dem Arſenal lag, und wanderte durch die Rue du Petit⸗Musc. In der Nähe der Porte Saint⸗Antvine, und nachdem er au der Promenade hin⸗ gezogen war, die ſich wie ein Wiesgrund um die craben der Baſti lle wandte, ließ er das Boulevard links und trat in den hützengarten, deſſen Verwalter ihn mit tiefen Bücklingen empfing. Es war Niemand in dieſem Garte 8 welcher, wie ſein Namen anzeigt, einer Grſellſchaft, d der der Armbruſt⸗ ſchützen angehörte. Aber hätten ſich auch Spaziergänger darin befunden, ſo wäre doch der bleiche Mann ihrer ganzen Theilnahme würdig geweſen; denn ſein langer Schnurrbart, ſein militäriſcher Gang, obgleich dieſer durch ein Leiden geſchwächt und langſanſer ſchie teten hinreichend an, daß es ein in neueſter Zeit ver⸗ wundeter Offizier war, welcher ſeine Kräfte in einer mäßigen Leibesübung verſuchte und in der Sonne wieder Leben ſchöpfte. Als gber der Mantel, in den dieſer ſcheinbar 2 ha kle al 4 an eit au pl wa * vie gel der wo die eig⸗ ens die tte, nem erte wte hin⸗ die inks ihn ſein ruſt⸗ nger hrer nger ieſer deu⸗ ver⸗ iner eder bar 263 harmloſe Menſch trotz der zunehmenden Wärme gehüllt war, ſich öffnete, ſah man ſeltſamer Weiſe ein Paar lange Piſtolen, welche an ſilbernen Agraffen von dem Gürtel herabhingen, der überdieß einen großen Dolch und einen Degen feſthielt, welcher ſo koloſſal war, daß er denſelben nicht ziehen zu können ſchien, und dieſes le⸗ bendige Arſenal vervollſtändigend mit ſeiner Scheide an magere, zitternde Beine ſchlug. Ueberdieß und zu weiterer Vorſicht warf der Spa⸗ ziergänger, obgleich ganz einſam, bei jedem Schritte einen Rundblick umher, als wollte er jede Biegung der Allee, jedes Gebüſch, jeden Graben befragen.— So drang dieſer Menſch weiter in dem Garten vor, und erreichte allmälig eine Sommerlaube, welche auf die Boulepards ging, von denen er nur durch eine dichte Hecke und einen kleinen Graben getrennt war. Hier ſtreckte er ſich auf einer Raſenbank unfern von einem Tiſchchen aus, auf welches der Wächter der Anſtalkt, der mit dem Titel eines Verwalters die Induſtrie des Schenkwirthes verband, nach wenigen Augenblicken eine Art von herzſtärkendem Tranke ſetzte.. Der Kranke war ungeſähr zehn Minuten hier und hatte wiederholt die Faiencetaſſe, deren Inhalt er in kleinen Schlücken zu ſich nahm, an den Mund geſetzt, als plötzlich ſein Geſicht trotz der intereſſanten Bläſſe, die daſſelbe bedeckte, einen furchtbaren Ausdruck annahm. Er hatte einen Reiter erblickt, welcher, in einen großen Mantel gehüllt, von der Croir⸗Faubin auf einem Fußpfade, der heutzutage die Rue de Na⸗ ples iſt, herbeikam, in der Nähe der Baſtei anhielt und wartete. Derſelbe war hier ungefähr fünf Minuten, und der Mann mit dem bleichen Geſichte, in welchem der Leſer vielleicht bereits Maurevel erkannt hat, hatte kaum Zeit gehabt, ſich etwas von der Aufregung zu erholen, von der er durch die Gegenwart des Andern ergriffen worden war, als ein junger Menſch mit einem 264 Wammſe ſo knapp, wie das eines Pagen, auf dem Wege erſchien, der ſeitdem die Rue des Foſſés⸗Saint⸗Nicolas geworden iſt, und mit dem Reiter zuſammentraf. In ſeiner Laube verborgen, konnte Maurevel Alles genau ſehen und ſogar ohne Mühe ein Geſpräch hören, deſſen Wichtigkeit für ihn man begreifen wird, wenn man erfährt, daß der Reiter von Mony und der junge Mann mit dem Wammſe Orthon war. Der Eine wie der Andere ſchauten mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit umher. Maurevel hielt den Athem an ſich. „Ihr könnt ſprechen, mein Herr,“ ſagte zuerſt Orthon, der als der Jüngere mehr Vertrauen beſaſi, „Niemand hört, Niemand ſieht Euch.“ „Es iſt gut,“ erwiederte Mouy,„Du gehſt zu Frau von Sauve, und giebſt ihr dieſes Billet, wenn Du ſie zu Hauſe findeſt. Iſt ſie nicht zu Hauſe, ſo legſt Du es hinter ihren Spiegel, wohin der König die ſei⸗ nigen zu legen die Gewohnheit hat. Dann warteſt Du im Louvre. Gibt man Dir eine Antwort, ſo bringſt Du ſie, Du weißt wohin. Haſt Du keine, ſo ſuchſt Du mich dieſen Abend mit einer Büchſe an dem Orte, den ich Dir bezeichnet habe und von welchem ich her⸗ komme.“ „Gut,“ ſprach Orthon,„ich weiß.“ „Ich verlaſſe Dich; ich habe den ganzen Tag viel zu thun. Beeile Dich nicht zu ſehr, es wäre unnöthig. Du brauchſt nicht in den Louvre zu kommen, ehe er dort iſt, und ich glaube, daß er dieſen Morgen eine Lef⸗ tion in der Beize nimmt. Geh', und zeige Dich muthig. Du biſt wiederhergeſtellt und erſcheinſt, um Frau von Sauve für die Güte zu danken, welche ſie während Deiner Geneſung für Dich gehabt hat. Gehe, mein Kind, gehe.“ Maurevel hörte mit ſtarren Augen und Schweiß auf der Stirne. Seine erſte Bewegung wgr, eine Pi⸗ ſtole von dem Haken loszumachen und auf Mouy anzu⸗ — no ege las les en, nn ige öß⸗ em aß, zu Du egſt ſei⸗ Du ngſt chſt rte, her⸗ viel hig. Lef⸗ hig. von end rein veiß Pi⸗ izu⸗ 265 ſchlagen. Als ſich aber einen Angenblick der Mantel des Letztern öffnete, ſah er unter demſelben einen ſehr feſten Panzer. Es war alſo wahrſcheinlich, daß die Ku⸗ gel an dieſem Panzer abprallen oder irgend eine Stelle des Körpers treffen würde, wo die Wunde nicht tödtlich wäre. Ueberdieß dachte er, kräftig und wohl bewaffnet hätte Mouy leichte Arbeit mit ihm, dem Verwundeten, und mit einem Seufzer zog er die bereits nach dem Hugenotten zusei Piſtole wieder an ſich. „Welch ein Unglück!“ murmelte er,„daß ich ihn hier nicht niederſtrecken kann, wo kein anderer Zeuge wäre, als dieſer kleine Räuber, dem mein zweiter Schuß ſo wohl bekommen würde.“ Maurevel aber überlegte ſich nun, daß das von Mouy Orthon eingehändigte Billet, welches dieſer Frau von Sauve zuſtellen ſollte, vielleicht wichtiger wäre, als das Leben des Hugenottenhäuptlings. „Ah!“ ſagte er,„dieſen Morgen entgehſt Du mir noch. Zieh unverſehrt Deines Weges; aber die Reihe wird kald an mich kommen, und ſollte ich Dir bis in die Hölle folgen, aus der Du hervorgegangen biſt, um mich zu verderben, wenn ich Dich nicht verderbe.“ In dieſem Augenblicke ſchlug Herr von Mouy ſeinen Mantel über dem Geſichte zuſammenen und entfernte ſich raſch in der Richtung des Temple. Orthon folate wieder den Gräben, die ihn an den Rand des Fluſſes führten. Mit mehr Fraft und Behendigkeit, als er dieß zu hoffen wagte, erhob ſich nun Maurevel, kehrte in die Rue de la Ceriſaie zurück, trat in ſeine Wohnung, ließ ein Pferd ſatteln und ritt ſodann, ſo ſchwach er auch war, auf die Gefahr, ſeine Wunden wieder zu öffnen, im Galopp durch die Rue Saint⸗Antvine, erreichte die Quais und drang in den Louvre. Fünf Minuten, nachdem er im Thorwege verſchwun⸗ den war, wußte Catharina den ganzen Vorgang, und Maurevel empfing die tanſend Goldthaler, die man ihm „ 266 für die Verhaftung des Königs von Navarra verſpro⸗ chen hatte. „Wenn mich nicht Alles täuſcht,“ ſagte Catharina, „ſo iſt vovn Mouy der ſchwarze Fleck, den René in dem Horoſfop des verfluchten Bearners gefunden hat.“ Eine Viertelſtunde nach Maurevel kam Orthon in den Louvre, ließ ſich ſehen, wie ihm dieß Herr von Mony empfahl, und gelangte in das Gemach von Frau von Sauve, nachdem er mit mehreren Bewohnern des Palaſtes geſprochen hatte. Dariole allein war in dem Zimmer ihrer Gebie⸗ terin. Catharina hatte dieſe kommen laſſen, um für ſie geviſſe wichtige Briefe abzuſchreiben, und ſie befand ſich ſeit fünf Minuten bei der Königin. „Es iſt gut,“ ſaate Orthon,„ich werde warten.“ Mit den Oertlichkeiten vertraut, ging der junge Mann in das Schlafzimmer der Baronin und legte, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß er allein war, das Billet hinter den Spiegel. In dem Augenblick, wo er ſeine Hand von dem Spiegel zurückzog, trat Catharina ein. Orthon erbleichte, denn es kam ihm vor, als wäre der raſche, durchdringende Blick der Königin zuerſt nach dem Spiegel gerichtet geweſen. „Was machſt Du da, Kleiner?“ fragte Catharina. „Suchſt Du nicht Frau von Sauve?“ „Ja, Madame, ich habe ſie lange nicht geſehen, und mußte befürchten, für einen Ungezegenen zu gelten, wenn ich länger geſäumt hätte, ihr meinen Dank ab⸗ zuſtatten.“ „Du liebſt ſie alſo ſehr, dieſe theure Charlotte?“ „Von ganzem Herzen, Madame.“ „Und Du biſt treu, wie man mir ſagt?“ „Eure Majeſtät wird begreifen, daß dieß etwas ganz Natürliches iſt, wenn ſie erfährt, daß mich Frau von Sanve auf eine Weiſe gepflegt hat, welche ich als ein einfacher Diener nicht erwarten durſte,“ w ro⸗ na, em in on rau des bie⸗ ſich n.“ nge gte, ar, em als und ten, ab⸗ vas rau als 267 „Bei welcher Veranlaſſung hat ſie Dich ſo ge⸗ pflegt?“ fragte Catharina, als wüßte ſie nichts von dem Abentener, das dem jungen Menſchen begegnet war. „Madame, als ich verwundet wurde.“ „Armes Kind!“ ſagte Catharina,„Du biſt ver⸗ wundet worden?“ „Ja, Madame,“ Wann dieß?“ „An dem Abend, da man den König von Navarra verhaften wollte. Ich hatte ſo gewaltig bange, als ich Soldaten ſah, daß ich ſchrie und um Hülfe rief; der Eine von ihnen gab mir einen Schlag auf den Kopf und ich fiel ohnmächtia nieder.“ „Armer Junge! Nun biſt Du aber völlig wieder⸗ hergeſtellt?“ „Ja, Madame.“ „Und Du ſuchſt wohl den König von Navarra auf, um wieder bei ihm einzutreten?“ „Nein, Madame; als der König von Navarra er⸗ * fuhr, daß ich mich den Befehlen Eurer Majeſtät wider⸗ ſetzt hatte, jagte er mich ohne Gnade und Barmher⸗ zigkeit fort.“ „Wirklich?“ ſprach Catharina mit theilnahmsvollem Tone.„Nun wohl, ich übernehme dieſe Angelegenheit. Doch wenn Du Frau von Sauve erwarteſt, warkeſt Du vergeblich; ſie iſt unten bei mir in meinem Csbinet beſchäftigt.“ Catharina dachte, Orthon hätte vielleicht nicht Zeit gehabt, das Billet hinter dem Spiegel zu ver⸗ bergen, und trat in das Cabinet von Frau von Sauve, um dem jungen Menſchen jede Freiheit zu laſſen. In demſelben Augenblick und während Orthon un⸗ ruhig über die unerwartete Erſcheinung der Königin Mutter ſich fragte, ob eben dieſe Erſcheinung nicht ein Complott gegen ſeinen Herrn verberge, hörte er drei ſchwache Schläge am Plafond. Dieß war das Zeichen, das er ſelbſt ſeinem Herrn im Falle der Gefahr geben b! 268 mußte, wenn ſein Herr bei Frau von Sauve war, und er über ihm wachte. Dieſe drei Schläge machten ihn beben. Eine ge⸗ heimnißvolle Offenbarung erleuchtete ihn und er dachte, der Rath wäre dießmal ihm gegeben. Er lief alſo an den Spiegel und zog das Billet hervor, das er be⸗ reits hinter denſelben gelegt hatte. Catharina folgte durch eine Oeffnung der Tapete allen Bewegungen des jungen Menſchen und ſah, wie er nach dem Spiegel ſtürzte, aber ſie wußte nicht, ob dieß geſchah, um das Billet zu verbergen oder zurück⸗ zuziehen. „Nun,“ murmelte die ungeduldige Florentinerin, „warum zögert er denn, ſich zu entfernen?“ Und ſie kehrte ſogleich mit lächelndem Geſichte in das Zimmer zurück. „Noch hier, kleiner Junge?“ fragte ſie,„worauf warteſt Du denn? Habe ich Dir nicht geſagt, ich werde für Dein Glück Sorge tragen? Zweifelſt Du, wenn ich etwas ſage?“ „Oh, Madame, Gpott ſoll mich behüten!“ erwiederte Orthon. und er näherte ſich der Königin, ſetzte ein Knie auf die Erde, küßte den Saum ihres Kleides und ent⸗ fernte ſich raſch. Als er wegging, ſah er in dem Vorzimmer den Kapitän der Garden, welcher auf Catharina wartete. Dieſer Anblick war durchaus nicht geeignet, ſeinen Ver⸗ dacht zu beſeitigen; er verdoppelte denſelben im Ge⸗ gentheil. Catharina hatte nicht ſobald wahrgenommen, daß der Thürvorhang ſich hinter Orthon wieder ſchloß, als ſie auf den Spiegel losſtürzte; aber vergeblich ſtreckte ſie ihre vor Ungeduld zitternde Hand hinter denſelben; ſie fand kein Billet. und dennoch war ſie gewiß, geſehen zu haben, wie das Kind ſich dem Spiegel genähert hatte. Es war a1 lſo be⸗ ete vie ick⸗ in, in auf rde rte nie nt⸗ den 172 er⸗ He⸗ daß als ſie ſie wie 2 269 dieß alſo geſchehen, um das Billet zu nehmen, nicht um es niederzulegen. Das Schickſal verlieh ihren Geg⸗ nern eine gleiche Kraft. Ein Kind wurde zum Mann in dem Augenblick, wo es gegen ſie kämpfte. Sie durchwühlte, beſchaute Alles: nichts war zu finden. „Oh, der Unglückliche!“ rief ſie,„ich meinte es nicht böſe mit ihm, und nun geht er, das Billet zurück⸗ ziehend, feinem Geſchicke entgegen. Holla, Herr von Nancey!“ Die vibrirende Stimme der Königin Mutter ſcholl durch den Salon und drang bis in das Vorzimmer, wo ſich der Kapitän der Garden aufhielt. Herr von Nancey lief herbei. „Hier bin ich, Madame, Was wünſcht Eure Ma⸗ jeſtät?“ „Ihr waret im Vorzimmer?“ „Ja, Madame.“ „Ihr habt einen jungen Menſchen, ein Kind her⸗ ausgehen ſehen?“ „In dieſem Augenblick.“ „Er kann noch nicht ferne ſeyn?“ „Kaum auf der Hälfte der Treppe.“ „Ruft ihn zurück.“ „Wie heißt er?“ „Orthon. Weigert er ſich, zurückzukehren ſo bringt ihn mit Gewalt. Erſchreckt ihn jedoch nicht, wenn er keinen Widerſtand leiſtet. Ich muß ihn ſogleich ſprechen.“ Der Kapitän der Garden eilte weg. Orthon war, wie er es vorhergeſehen hitte, kaum auf der Hälfte der Treppe, denn er ging langſam hinab, in der Hoffnung, den König von Navarra oder Frau von Sauve auf der Treppe zu treffen oder in irgend einem Gange zu erblicken. Er hörte ſeinen Namen rufen und bebte. Es war ſein erſter Gedanke, zu fliehen. Aber mit & 270 einer über ſeinem Alter ſtehenden Geiſtesgegenwart be⸗ griff er, daß er fliehend Alles verderben würde. Er blieb alſo ſtille ſtehen. „Wer ruft mich?“ „Ich, Herr von Nancey,“ antwortete der Kapitän der Garden, die Stufen hinatſpringend. Aber ich habe Eile,“ ſprach Orthon. „Auf Befehl Ihrer Majeſtät der Königin Mutter,“ erwiederte Herr von Naneey bei ihm anlangend. Das Kind trocknete ſich den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne lief, und ſtieg wieder hinauf. Der erſte Plan von Catharina war, den jungen Menſchen feſtzunehmen, ihn durchſuchen zu laſſen und ſich des Billets zu bemächtigen, das ſie bei ihm verbor⸗ gen wußte In Folge hievon gedachte ſie ihn des Dieb⸗ ſtahls anzuklagen, und hatte deßhalb bereits eine Dia⸗ mant⸗Agraffe, deren Entwendung ſie auf dem Kinde laſten laſſen wollte, von der Toilette lesgemacht. Aber ſie überlegte ſich, daß dieſes Mittel gefährlich wäre, in⸗ ſofern es den Verdacht des jungen Menſchen erwecken müßte, welcher ſeinen Herrn benachrichtigen könnte, der ſodann mißtrauen und ſich in ſeinem Mißtrauen nicht bloßſtellen würde. Allerdings konnte ſie den jungen Menſchen in ir⸗ gend einen Kerker führen laſſen; aber das Gerücht von ſeiner Verhaftung würde ſich, ſo geheim man dieſe vor⸗ nehmen würde, im Louvre verbreiten, und ein einziges Wort müßte Heinrich von Navarra behutſam machen. Catharina bedurfte jedoch durchaus dieſes Billets, denn ein Billet von Mouy an den König von Nararra, ein ſo ſorgfältig empfohlenes Billet mußte nothwendig eine ganze Verſchwörung enthalten. Sie legte alſo die Agraffe an den Ort, wo ſie die⸗ ſelbe genommen hatte. „Nein, nein,“ ſagte ſie,„ein Sbirrengedanke, ein ſchlechter Gedanke! Für ein Billet,... das vielleicht keinen Werth hat,“ fuhr ſie die Stirne faltend und ſo * ſe 3 nich fort Kör hab folg betr mit brin on en nd or⸗ b⸗ ia⸗ de er in⸗ en te, en 271 leiſe ſprechend fort, daß ſie ſelbſt kaum das Geräuſch ihrer Worte hören konnte.„Ci, meiner Treue! das iſt nicht mein Fehler; es iſt der ſeinige. Warum hat die kleine Schlange das Billet nicht dahin gelegt, wohin ſie es legen ſollte? Ich muß dieſes Billet haben.“ In dieſem Angenblick trat Orthon ein. 4 Das Geſicht von Catharina hatte ohne Zweifel ei⸗ nen furchtbaren Ausdruck, denn der junge Menſch blieb erbleichend auf der Schwelle ſtehen. Er war noch zu jung, um ſich vollkommen bemeiſtern zu können. „Madame,“ ſagte er,„Ihr habt mir die Ehre er⸗ wieſen, mich zurückzurufen. Worin kann ich Euer Ma⸗ jeſtät dienen?“ Das Antlitz von Catharina hellte ſich auf, als ob es ein Sonnenſtrahl beleuchtet hätte. „Ich habe Dich zurückrufen laſſen, Kind, weil Dein Geſicht mir gefällt; dann habe ich Dir auch verſprochen, mich mit Deinem Glücke zu beſchäftigen, und will die⸗ ſes Verſprechen ohne Verzug halten Man klagt uns Königinnen der Vergeßlichkeit an. Unſer Herz iſt es nicht, wohl aber unſer Geiſt, der von den Creigniſſen fortgeriſſen wird. Nun aber erinnerte ich mich, daß die Könige das Geſchick der Menſchen in ihren Händen haben, und rief Dich zurück. Komm', mein Kind, und folge mir.“ Herr von Nancey, der dieſe Scene im Ernſte nahm, betrachtete das freundliche Wohlwollen von Catharina mit großem Erſtaunen. „Kannſt Du reiten, Kleiner?“ fragte Catharina. „Ja, Madame.“ „Dann komm, in mein Cabinet, ich will Dir eine Botſchaft übertragen, die Du nach Saint⸗Germain zu bringen haſt“ „Ich ſtehe zu den Befehlen Eurer Majeſtät.“ „Laßt ein Pferd für ihn bereit halten, Rameh.“ Herr von Nanceh verſchwand. „Komm', Kind,“ ſagte Catharina. 272 Sie ging voraus, Orthon folgte ihr. Die Königin Mutter ſtieg einen Stock hinab, ſchritt dann in den Corridor, wo die Gemächer des Königs und des Herzogs von Alencon waren, erreichte rie Wendeltreppe, ſtieg noch einen Stock hinab, offnete eine Thuͤre, welche nach einer kreisförmigen Gallerie ſührte, zu der Niemand, den König und ſie ausgenommen, den Schlüſſel hatte, ließ Orthon voraus, trat nach ihm ein und zog hinter ſich die Thüre zu. Dieſe Gallerie um⸗ gab wie ein Wall gewiſſe Abtheilungen der Wohnung des Königs und der Königin Mutter. Es war wie der Gang in der Engelsburg in Rom und wie der des Pa⸗ laſtes Pitti in Florenz ein für den Foll der Gefahr vorbehaltener Ruckzugsort. Sobald die Thüre zugezogen war, fand ſich die Kö⸗ nigin mit dem jungen Menſchen in dem dunkeln Gange eingeſchloſſen. Beide machten etwa zwanzig Schritte, Catharina ſchritt voraus, Hrthon folgte Catharina. Plötzlich wandte ſich Catharina um, und Orthon fand auf ihrem Geſichte wieder denſelben düſtern Aus⸗ druck, den er zehn Minuten vorher wahrgenommen hatte. Ihre runden, denen einer Katze oder eines Pan⸗ thers ähnlichen, Angen ſchienen in der Dunkelheit Feuer auszuwerfen. „Halt!“ ſagte ſie. Orthon fühlte ſeine Schultern von einem Schauer berührt. Eine tödtliche Kälte fiel wie ein Eismautel von dem Gewölbe herab. Der Boden erſchien finſter, wie ein Sargdeckel. Der Blick von Cätharina war, wenn man ſo ſagen darf, ſpitzig und drang bis in die Bruſt des jungen Menſchen. Er drückte ſich ganz zitternd an die Wand. „Wo iſt das Billet, das Du der Königin von Na⸗ varra zuzuſtellen beauftragt warſt?“ „Das Billet?“.. ſtammelte Orthon. „Ja, oder in ihrer Abweſenheit hinter den Spiegel ſtecken ſollteſt?“ ſa ha ſic ich Lä the au hritt nigs rie eine hrte, den ein um⸗ gdes der Pa⸗ efahr Kä⸗ ane ritte, . cthon Aus⸗ imen Pan⸗ Feuer auer autel nſter, wenn Bruſt Na⸗ iegel 273 „Ich, Madame? Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt.“ „Das Billet, das Dir Herr von Mouhy vor einer halben Stunde hinter dem Schützengarten übergeben hat.“ „Ich habe kein Billet, Euere Majeſtät täuſcht ſich ſicherlich.“ 4 „Du lügſt!“ rief Catharina.„Gieb das Billet und ich halte das Verſprechen, das ich Dir geleiſtet habe.“ „Welches?“ „Ich bereichere Dich.“ „Ich habe kein Billet.“ Catharina begann ein Zähneknirſchen, das in einem Lächeln endigte. „Giebſt Du es mir, ſo erhältſt Du tauſend Gold⸗ thaler,“ ſagte ſie.. „Ich habe kein Billet, Madame.“ „Zweitauſend Thaler.“ „Unmöglich; da ich keines habe, ſo kann ich Euch auch keines geben.“ „Zehntauſend Thaler, Orthon.“ Orthon, der den Zorn wie eine Fluth vom Herzen auf die Stirne der Königin ſteigen ſah, dachte, das ein⸗ zige Mittel, ſeinen Herrn zu retten, wäre, das Billet zu verſchlingen. Er jurh mit der Hand an ſeine Taſche. errieth ſeine Abſicht und hielt ihm die Hand zurück. „Gehe, Kind!“ ſagte ſie lachend„Du biſt treu. Wollen ſich die Nhnige einen Diener wählen, ſo thun ſie wohl daran, ſich zu verſichern, ob er ein ergebenes Herz hat. Ich weiß nun, was ich von Dir zu halten habe. Nimm, hier iſt meine Börſe als erſter Lohn. Ueberbringe das Billet Deinem Herrn und ſage ihm, Du ſeyſt von heute an in meinem Dienſte. Gehe, Du kannſt ohne mich durch die Thüre hinaus, durch die wir eingetreten ſind, ſie öffnet ſich von innen.“ Nach dieſen Worten warf Catharina die Börſe dem Königin Margot. II. 15 erſtaunten jungen Menſchen zu, ging einige Schritte vor⸗ wärts und legte ihre Hand an die Mauer. Der Jünaling blieb indeſſen zögernd ſtehen. Er konnte nicht glauben, die Gefahr, die er über ſeinem Haupte hatte zuſammenziehen ſehen, ſey beſeitigt. „Zittere nicht ſo,“ ſprach Catharina,„habe ich Dir nicht geſagt, es ſtehe Dir frei, zu gehen, und wenn Du zurückkommen wollteſt, wäre Dein Glück gemacht?“ „Ich danke, Madame,“ erwiederte Orthon.„Ihr begnadigt mich alſo?“ „Mehr noch, ich belohne Dich, Du biſt ein guter Briefträger, ein vortrefflicher Liebesbote; nur vergiſſeſt Du, daß Dich Dein Herr erwartet.“ „Ah! das iſt wahr,“ ſprach der Jüngling und eilte nach der Thüre. Aber kaum hatte er drei Schritte gemacht, als der Boden unter ſeinen Füßen wich. Er wankte, ſtreckte ſeine beiden Hände von ſich, ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und verſchwand in der Oubliette des Louvre, an deren Feder Catharina gedrückt hatte. „Gut,“ murmelte Catharina,„nun werde ich wegen der Standhaftigfeit dieſes Bürſchen hundert und fünfzig Stufen hinabſteigen müſſen.“ Catharina ging in ihre Wohnung, zündete eine Blendlaterne an, kehrte in den Corridor zurück, brachte die Feder wieder in Ordnung, öffnete die Thüre einer Wendeltreppe, welche ſich in die Eingeweide der Erde zu verſenken ſchien, und gedrängt von dem nnerſättlichen Durſte einer Neugierde, die nur die Dienerin ihres Haſſes war, gelangte ſie an eine eiſerne Thüre, die ſich rück⸗ wärts öffnete und auf den Grund der Oubliette ging. Hier lag blutig, zermalmt, gerädert durch einen Sturz von hundert Fuß, aber noch zuckend, der arme Orthon. Hinter der Mauer hörte man das Waſſer der Seine rollen, welches eine unterirdiſche Infiltration bis an den Fuß der Treppe führte. Catharina trat in die feuchte, übelriechende Grube, Lä der che erg nic drü ſog den rid: ſte Pf geb ihn 275 welche ſeit ihrem Beſtande Zeugin vieler ſolcher Stürze hatte ſeyn müſſen, durchwühlte den Körper, nahm den Brief, verſicherte ſich, daß es derjenige war, welchen ſie zu haben wünſchte, ſtieß mit dem Fuße den Leichnam zu⸗ rück und drückte mit dem Daumen an einer Feder; der Boden wankte und von ſeinem eigenen Gewichte fortge⸗ zogen glitt der Leichnam über die ſchiefe Fläche hinab und verſchwand in der Richtung der Seine. Dann ſchloß ſie die Thüre, ſtieg wieder hinauf, ging in ihr Cabinet und las das Billet, welches in fol⸗ genden Worten abgefaßt war: „Dieſen Abend um zehn Uhr, Rue de lArbre⸗Sec, Gaſthof zum Schönen Geſtirne. Wenn Ihr kommt, ſo antwortet nicht, kommt Ihr nicht, ſo ſagt dem Ueber⸗ bringer Nein.“ Von Mouy Saint⸗Phale. Als Catharina dieſes Billet geleſen hatte, trat ein Lächeln auf ihre Lippen, ſie dachte nur an den Sieg, den ſie davon tragen ſollte, und vergaß völlig, um wel⸗ chen Preis ſie dieſen Sieg erkaufte. Was war aber auch Orthon? Ein treues Herz, eine ergebene Seele, ein ſchönes Kind— und weiter nichts. Das vermochte, wie man ſich leicht denken kann, nicht einen Angenblick die Schale der Wage hinabzu⸗ drücken, worauf die Geſchicke der Völker gewogen werden. Als Catharina das Billet geleſen hatte, ſtieg ſie ſogleich zu Frau von Sauve hinauf und ſteckte es hinter den Spiegel. Bei ihrer Rückkehr fand ſie am Eingang des Cor⸗ ridors den Kapitän der Garden. „Madame,“ ſagte Herr von Nancey,„das Pferd ſteht den Befehlen Euerer Majeſtät gemäß bereit.“ „Mein lieber Baron,“ erwiederte Catharina,„das Pferd iſt uunöthig: ich habe den Jungen zum Sprechen gebracht, und er iſt in der That zu albern, als daß ich ihm das Geſchäft übertragen könnte, das ich ihm anver⸗ 18 trauen wollte. Ich hielt ihn für einen Lackeien und es war höchſtens ein Stallknecht; ich gab ihm Geld und ſchickte ihn durch die kleine Pforte zurück.“ „Aber der Auſtrag?“ fragte Herr von Nancey. „Der Auftrag?“... wiederholte Catharina. „Ja, den er in Saint⸗Germain beſorgen ſollte? Befiehlt Euere Majeſtät, daß ich ihn vollziehe oder daß ich ihn durch einen meiner Leute beſorgen laſſe?“ „Nein, nein,“ erwiederte Catharina,„Ihr werdet dieſen Abend mit Eueren Lenten etwas Anderes zu thun haben.“ Und Catharina kehrte in ihre Gemächer zurück, in der Hoffnung noch dieſen Abend das Schickſat des ver⸗ fluchten Heinrich in der Hand zu halten. XXV. Das Guſthaus zum Schönen Geſtirn. Zwei Stunde nnach dem ſo eben erzählten Ereigniß, wo⸗ von nicht eine Spur, ſelbſt nicht auf dem Geſichte von Ca⸗ tharina, geblieben war, kehrte Frau von Sauve, nachdem ſie ihre Arbeit bei der Königin vollendet hatte, in ihr Zimmer zurück. Hinter ihr trat Heinrich ein, und da er von Dariole gehört hatte, daß Orthon da geweſen war, ſo ging er gerade auf dem Spiegel zu und nahm das Billet. Es war wie geſagt in folgenden Worten abge⸗ aßt: „Dieſen Abend um zehn Uhr, Rue de lAr⸗ bre⸗Sec, Gaſthof zum Schönen Geſtirne. Wenn Ihr kommt, ſo antwortet nicht; kommt Ihr nicht, ſö ſagt dem Ueberbringer: Nein. Von Mouy Saint⸗Phale.“ Eine Neberſchrift hatte es nicht. ein ku hã ge ric iht daf un der ſeit He abe ſtut gar Ab ferr ma Thi Nee und ein Ma zu in? Roß den lang ſchl und d es und lte? daß erdet thun i ver⸗ wo⸗ Ca⸗ dem ihr da war, das bge⸗ Ar⸗ enn . 27 „Heinrich wird nicht verfehlen, zu der Zuſammen⸗ kunft zu gehen,“ ſprach Catharina;„denn wenn er Luſt hätte, nicht dahin zu gehen, ſo fände er den Ueberbrin⸗ ger nicht mehr, um ihm Nein zu ſagen.“ Catharina täuſchte ſich in dieſem Punkte nicht. Hein⸗ rich erkundigte ſich nach Orthon. Dariole antwortete ihm, er wäre mit der Königin Mutter weggegangen. Da er aber das Billet an ſeinem Platze fand und wußte, daß das arme Kind eines Verrathes unfähig war, ſo be⸗ unberuhigte er ſich nicht. Er ſpeiſte wie gewöhnlich an der Tafel des Königs, welcher viel über Heinrich wegen ſeiner Ungeſchicklichkeit bei der Beize am Morgen ſpottete. Heinrich eutſchuldigte ſich damit, daß er ſagte, er wate ein Mann des Gebirgs und nicht des flachen Landes, aber er verſprach Karl die Jagd mit dem Falken zu ſtudiren. Catharina war ungemein freundlich und bat Mar⸗ garethe, als ſie von der Tafel aufſtand, ihr den ganzen Abend Geſelſſchaft zu leiſten. Um acht Uhr nahm Heinrich zwei Edelleute, ent⸗ fernte ſich mit ihnen durch die Porte Saint⸗Honoré, wachte einen langen Umweg, kehrte durch den hölzernen Thurm zurück, ſetzte über die Seine auf der Fähre von Nesle, ſtieg bis zu der Rue Saint⸗Jacques hinauf und beurlaubte hier die beiden Herren, als ob es ſich um ein Liebesabentener handelte. An der Ecke der Rue des Mathurins fand er einen in einen Mantel gehüllten Mann zu Pferde. Er näherte ſich ihm. „Mantes,“ ſagte der Mann. „Pau,“ antwortete der König. Der Mann ſtieg ſogleich ab. Heinrich hüllte ſich in den ganz beſchmutzten Mantel, beſtieg das dampfende Roß kehrte durch die Rue de la Harpe zurück, ritt über den Pont Saint⸗Michel nach der Rue Barthélemy, ge⸗ langte auf dem Pont⸗au⸗Meunier abermals über den Fluß, ſchlug ſodann den Weg nach der Rue de lArbre⸗See ein, und klopfte endlich an der Thüre des Meiſter la Hurière⸗ 278 La Mole war in dem uns bekannten Saale und ſchrieb einen langen Liebesbrief; man weiß an wen. Coconnas befand ſich mit La Huriére in der Küche, ſah zu, wie ſich ſechs Feldhühner drehten, und ſtritt mit ſeinem Freunde, dem Wirthe, bis auf welchen Grad die Hühner gebraten ſeyn mußten, daß man ſie ſchicklicher Weiſe vom Spieße nehmen könnte. In dieſem Augenblick klopfte Heinrich. Gregor öff⸗ nete und führte das Pferd in den Stall, während der Reiſende eintrat und dabei die Stiefeln auf dem Boden erſchallen ließ, als wollte er ſeine ſteif gewordenen Füße wieder erwärmen. „He, Meiſter La Huriöre,“ ſagte La Mole unter dem Schreiben,„das iſt ein Edelmann, der nach Euch verlangt.“ La Huriére ſchritt vor, maß Heinrich von dem Scheitel bis zu den Zehen, und da ihm ſein Mantel von grobem Tuche keine große Achtung einflößte, ſo ſagte er zu dem König: „Wer ſeyd Ihr?“ „Mein Gott!“ erwiederte Heinrich, auf La Mole deu⸗ tend,„ieſer Herr hat es Euch geſagt, ich bin ein Evelmann aus Gascogne und komme nach Paris, ummich bei Hofe vorzuſtellen.“ „Was wollt Ihr?“ „Ein Zimmer und ein Abendbrod.“ „Hm!“ murmelte La Huriere,„habt Ihr einen Lack⸗ eien?“ Dies war wie man weiß die gewöhnliche Frage. „Nein,“ antwortete Heinrich,„aber ich gedenke einen zu nehmen, ſobald ich mein Glück gemacht haben werde.“ „Ich vermiethe kein Herrenzimmer ohne ein Be⸗ dientenz mmer,“ ſagte La Hurière. „Selbſt wenn ich mich erbiete, Euch für Euer Zim⸗ mer und Euer Abendbrod einen Rofenoble zu bezahlen, wonach wir morgen unſern Preis feſiſtellen können 4“ m ur tr ru vo 279 und„Oh! oh! Ihr ſeyd ſehr großmüthig, mein edler Herr!“ rief La Hurière, Heinrich mißtrauiſch anſchauend. üche,„Nein, aber im Glauben, ich werde den Abend und mit die Nacht in Eurem Gaſthofe zuhringen, der mir ſehr von i einem vornehmen Herrn meines Landes, weicher denſelben icher bewohnt, empfohlen worden iſt, habe ich einen Freund zm Abendbr hie eingeladen Habt Ihr guten Ar⸗ öf⸗ bviswein.“ 3 ver 1 6 habe einen, wie ihn der Bearner nicht beſſer rinkt. euh„Gut, ich bezahle ihn beſonders. Ah! hier kommt gerade mein Gaſt.“ mter 0* Die Thüre hatte ſich wirklich geöffnet und es war buch⸗ ein zweiter, einige Jahre älterer, Cdelmann eingetreten, der einen ungeheuren Raufdegen an ſeiner Seite ſchleppte. eitel„Oh oh!“ ſagte er,„Ihr ſeyd ſehr pünktich, mein bem junger Freund. Für einen Mann, der zwethundertL euts dermt zurückgelegt hat, iſt es ſehr ſchön, auf die Minute anzu⸗ kommen.“ „Iſt dieß Euer Gaſt?“ fragte La Hurieère. dem„Ja,“ erwiederte derjenige, welcher zuerſt angekom⸗ ein men war, ging auf den Mann mit dem Raufdegen zu mich und drückte ihm die Hand;„laßt uns Abendbrod auf⸗ tragen.“ 5 „Hier oder in Eurem Zimmer?“ „Wo Ihr wollt.“ Lack⸗„Meiſter,“ ſprach La Mole, La Huriére zu ſich rufend,„befreit uns von dieſen Hugenottengeſichtern; Coconnas und ich können in ihrer Gegenwart kein Wort inen on unſern Angelegenheiten ſprechen.“ tde.„Tragt das Abendbrod im Zimmer Nro. 2. im Be⸗ dritten Stocke auf,“ ſprach La Hurieére;„geht hinauf, meine Herren, geht hinauf.“ Zim⸗ La Mole folgte ihnen mit den Augen, bis ſie ver⸗ hlen, ſchwunden waren, und ſich umwendend ſah er Cvconnas, s der den Kopf aus der Küche hervorſtreckte. Große, ſtarre 280 Augen und ein offener Mund gaben dieſem Kopfe den Ausdruck merkwürdigen Erſtaunens. La Mole näherte ſich ihm. 9 „Donner und Teufel!“ ſagte Coconas,„haſt Du geſehen?“ „Was?“ „Die zwei Herren.“ „Nun?“ „Ich wollte ſchwören, es iſt...“ „Wer?“ „Der König von Navarra und der Mann mit dem rothen Mantel.“ „Schwöre, wenn Du willſt, aber nicht zu laut.“. „Du haſt ſie alſo auch erfannt?“ „Gewiß.“ „Was machen ſie hier?“ „Du erräthſt es nicht?“ „Liebesangelegenheiten.“ „Ohne Zweifel.“ „Glaubſt Du?“ „Ich bin es feſt überzeugt.“ „La Mole, ich wollte ſo eben ſchwören, jetzt wette ich.“ „Worauf?“ „Daß es ſich um eine Conſpiration handelt.“ „Bah., Du biſt ein Narr!“ „Und ich, ich ſage Dir...“ „Ich ſage Dir, daß es ihre Sache iſt, wenn ſie conſpiriren.“ „Ah! das iſt wahr; im Ganzen gehöre ich nicht mehr Herrn von Alengon,“ ſprach Coconnas.„Sie mö⸗ gen aiſo die Geſchichte abmachen, wie es ihnen gut dünkt.“ Und da die jungen Feldhühner den Grad erreicht zu haben ſchienen, wie ſie Coconnas liebte, ſo rief der Piemonteſe, welcher den beſten Theil ſeines Mahles daraus zu machen gedachte, Meiſter La Huriére, um ſie vom Spieße zu nehmen. vot Tiſ hin An mir pla unk ſo zeu Um abh thu ſeyd ſere hat des die veri 281 den Während dieſer Zeit quartierten ſich Heinrich und von Mouy in ihrem Zimmer ein. „Nun, Sire,“ ſprach von Mouy, als Gregor den Du Tiſch gedeckt hatte,„Ihr habt Orthon geſehen?“ „Nein, aber ich habe das Billet erhalten, das er hinter den Spiegel legte. Das Kind bekam ohne Zweifel Angſt: die Königin Mutter erſchien, ſo lange es da war, und ſo ging es fort, ohne auf mich zu warten. Ich war einen Augenblick unruhig, denn Dariole ſagte mir, die Königin Mutter habe lange mit Orthon ge⸗ m prladert.“ „Oh, es iſt keine Gefahr. Der Burſche iſt gewandt, 4 und obgleich die Königin Mutter ihr Geſchäft verſteht, ſo wird er ihr doch zu ſchaffen machen, das bin ich über⸗ zeugt.“ „Und Ihr, Mouy, habt Ihr ihn wieder geſehen?“ „Nein, aber ich werde ihn dieſen Abend ſehen. Um Mitternacht muß er mich hier mit einer guten Büchſe abholen. Er wird mir die Sache unterweges erzählen.“ „Und der Menſch an der Ecke der Rue des Ma⸗ thurins?“ h.“„Was für ein Menſch?“ „Der Menſch, von dem ich Pferd und Mantel habe, ſeyd Ihr ſeiner ſicher?“ „Es iſt einer unſerer Ergebenſten. Ueberdieß kennt er Eure Majeſtät nicht und weiß nicht, mit wem er es ſie zu thun hat.“. d „Wir können alſo in vollkommener Ruhe von un⸗ cht ſeren Angelegenheiten ſprechen“? „Allerdings. Auch hält La Mole Wache.“ ut„Vortrefflich.“ „Nun, Sire, was ſagt Herr von Alengon?“ cht„Herr von Alengon will nicht mehr abreiſen. Er der hat ſich unumwunden hierüber ausgeſprochen. Die Wahl les des Herzogs von Anjou für den Thron von Polen und um die Unpäßlichkeit des Königs haben alle ſeine Entwürfe verändert.“ 282 „Alſo hat er unſern Plan ſcheitern gemacht?“ g B „Er verräth uns alſo?“- „Noch nicht; aber wird uns bei der erſten Gelegen⸗ heit verrathen“ „Feiges Herz, treuloſer Geiſt! Warum hat er auf die Briefe, die ich ihm ſchrieb, nicht geantwortet?“ „Um Beweiſe zu haben und keine zu geben. Mitt⸗ lerweile iſt Alles verloren, nicht wahr, Mouy?“ „Im Gegentheil, Sire, Alles iſt gewonnen; Ihr wißt wohl, daß die ganze Partei, abgeſehen von der Fraction des Prinzen Condé, fur Euch war und ſich des Herzogs, mit dem ſie ſich ſcheinbar in Verbindung ſetzte, nur als einer Schutzwache bedeente. Seit dem Tage der Ceremonie habe ich Alles mit Euch in Ver⸗ ein gebracht, Alles an Eure Perſon geknüpft. Hundert Mann genügten Euch, um mit dem Herzog von Alcenon zu entfliehen; ich habe fünfzehnhundert aufgeboten; in acht Tagen ſtehen ſie, auf der Straße von Pau aufge⸗ ſtellt, bereit. Das wird keine Flucht mehr ſeyn, ſondern ein Rückzug. Genügen Euch fünfzehnhundert Mann, Sire, und glaubt Ihr Euch mit einer Armee in Si⸗ cherheit?“* Heinrich lächelte, klopfte ihm auf die Schulter und ſprach: „Du weißt, Mouy, Du allein weißt es, der König von Navarra iſt ſeiner Natur nach nicht ſo erſchrocken, als man glaubt.“ „Ei! mein Gott, ich weiß es wohl, und binnen Kurzem wird es ganz Frankreich erfahren, wie ich. Aber wenn man conſpirirt, muß man ſiegen. Die erſte Be⸗ dingung des Sieges iſt die Entſcheidung, und damit die Entſcheidung raſch, vffen, eingreifend ſey, muß man überzeugt ſeyn, daß es gelingen wird. Wohl, Sire,“ fuhr von Mouy fort,„es iſt Jagd....“ „Alle acht bis zehn Tage, entweder Parforcejagd oder Beize.“ vi gen⸗ auf Nitt⸗ Ihr der ſich dung dem Ver⸗ dert enon in ifge⸗ dern ann, Si⸗ und önig cken, unen Aber Be⸗ die man ire,“ jagd 283* „Wann hat man gejagt?“ „Heute.“ „Alſo wird man in acht bis zehn Tagen abermals jagen?“ „Ohne allen Zweifel.“ „Hört: Alles ſcheint mir vollkommen ruhig. Der Herzog von Anjon iſt abgereiſt; man denkt nicht mehr an ihn. Der König erholt ſich täglich mehr von ſeiner Unpäßlichkeit. Die Verfolgungen gegen uns haben beinahe aufgehört. Macht der Königin Mutter, macht Herrn von Alengon freundliche Augen; ſagt dieſem immerhin, Ihr könnet nicht ohne ihn abreiſen. Gebt Euch alle Mühe, daß er es glaubt, was das Schwierigſte dabei iſt.“ „Sey unbeſorgt, er wird es glauben.“ „Denkt Ihr, er habe ſo großes Zutrauen zu Euch?“ „Nein, Gott ſoll mich behüten; aber er glaubt Alles, was ihm die Königin ſagt.“ „Und die Königin dient uns mit redlichem Herzen?“ „Ich habe den Beweis davon. Ueberdieß iſt ſie ehrgeizig, und die fehlende Krone von Naparra breunt ihr im Geiſte auf der Stirne.“ „Nun wohl, drei Tage vor dieſer Jagd laßt mir ſagen, wo ſie ſtattfinden wird, ob in Bondy, in Saint⸗Germain oder in Rambouillet. Fügt bei, Ihr wäret bereit, und wenn Ihr Herrn de La Mole vorünerreiten ſeht, ſo folgt ihm und reitet ſcharf zu. Seyd ihr ein⸗ mal außerhalb des Waldes, ſo mag die Königin Mutter Euch nachlaufen, wenn ſie Euch haben will. Doch ich denke, ihre normänniſchen Pferde werden nicht einmal die Hufeiſen unſerer Barberroſſe und unſerer ſpaniſchen Klepper ſehen.“ „Abgemacht, Mouy.“ „Habt Ihr Geld, Sire?“ „Nicht zu vielz doch ich denke, Margot hat.“ „Wohl, mag es Euch oder ihr gehören, nehmt ſo viel davon mit, als Ihr könnt.“ „Aber Du, was wirſt Du mittlerweile machen?“ ——.— 284 „Nachdem ich mich ziemlich thätig, wie Ihr ſeht, mit den Angelegenheiten Eurer Majeſtät beſchäftigt habe, ſo wird mir dieſelbe wohl erlauben, mich ein wenig mit dem meinigen zu beſchäftigen.“ „Thue dies, Mouy, thu' es; aber worin beſtehen Deine Angelegenheiten?“. „Hört, Sire. Orthon ſagt mir(das iſt ein ſehr verſtändiger Junge, den ich Eurer Majeſtät empfehle), Orthon ſagt mir, er habe geſtern beim Arſenal den Schurfen Maurevel getroffen, der ſich durch die Pflege von Rens wieder erholt hat und ſich wie eine Schlange in der Sonne wärmt.“ „Ah! ja, ich begreife,“ ſagte Heinrich.. „Ihr begreift, gut. Ihr werdet eines Tags König ſehn, Sire, und wenn Ihr eine Rache nach Art der meinigen zu vollbringen habt ſo werdet Ihr ſie als König vollbringen. Ich bin Soldat und muß mich als Soldat rächen. Wenn alſo alle unſere kleinen Ange⸗ legenheiten geordnet ſind, wodurch dieſem Schurken noch fünf bis ſechs Tage zur Erholung gegönnt bleiben, ſo mache ich einen Gang nach der Gegend des Arſenals und ſpieße ihn mit vier guten Degenſtichen an den Boden, wonach ich Paris mit leichterem Herzen verlaſſe.“ „Mache Deine Angelegenheiten ab, mein Freund,“ ſprach der Bearner.„Doch ſage, Du biſt mit La Mole zufrieden, nicht wahr?“ B. „Ah! ein trefflicher Junge, der Euch mit Leib und Seele ergeben iſt, Sire, und auf den Ihr wie auf mich zählen könnt... brav.... „Und beſonders diseret; er wird uns auch nach Na⸗ varra folgen; ſind wir einmal dort, ſo werden wir ſehen, was wir thun können, um ihn zu belohnen.“ Kaum hakte Heinrich dieſe Worte mit ſeinem ſpötti⸗ ſchen Lächeln ausgeſprochen, als die Thüre ſich öffnete oder vielmehr einbrach, und der Mann, deſſen Lob man ſo eben geſungen, bleich und in höchſtem Maße aufge⸗ regt erſchien. ſché Kör „ich geh Se mat den reic dem eht, be, nig hen ſehr le), den ee im ags Art als als ge⸗ och ſo als en e.“ d ole nd uf ka⸗ vir ti⸗ ete an e⸗ 285 „Seyd auf Eurer Hut, Sire!“ rief er.„Das Haus iſt eingeſchloſſen.“ „Eingeſchloſſen!“ rief Heinrich aufſpringend,„von wem?“ „Von den Garden des Königs.“ „Oho!“ ſagte Mouy, ſeine Piſtolen aus dem Gürtel ziehend,„Kampf, wie es ſcheint.“ „Ah!“ verſetzte La Mole,„es handelt ſich wohl um Piſtolen und um einen Kampf; was wollt ihr gegen fünfzig Mann machen?“ „Er hat Recht,“ ſprach der König.„Wenn es ein Wittel gäbe, ſich zurückzuziehen.“ „Es gibt eines, das mir bereits gedient hat, und wenn Eure Majeſtät mir folgen will....“ „Und Herr von Mouy?“ „Herr von Mouy kann uns ebenfalls folgen, wenn er Luſt hatz aber Ihr müßt Euch Beide beeilen.“ Man hörte Tritte auf der Treppe. „Es iſt zu ſpät,“ ſprach Heinrich. „Ah! wenn man ſie nur fünf Minuten lang be⸗ ſchäftigen könnte,“ rief La Mole,„ich würde für den König ſtehen.“ „Dann ſteht für ihn, mein Herr,“ ſprach Mony; „ich übernehme es, ſie zu beſchäftigen. Geht, Sire, geht, „Aber was wirſt Du thun?“ „Kümmert Euch nicht darum, geht immerhin!“ Herr von Mouy ließ vor Allem den Teller, die Serviette und das Glas des Königs verſchwinden, damit man glauben könnte, er wäre allein bei Tiſche.“ „Kommt, Sire, kommt!“ rief La Mole, nahm den König beim Arm und zog ihn nach der Treppe. „Mouy, mein braver Mouy!“ rief Heinrich und reichte dem jungen Mann die Hand. Mouh küßte dieſe Hand, drängte den König aus dem Zimmer und verriegelte die Thüre hinter ihm. 286 „Ja ja, ich begreife,“ ſagte Heinrich,„er wird in d ſich faſſen laſſen, während wir uns flüchten. Doch wer Sir Teufels kann uns verrathen haben?“ „Kommt, Sire, koͤmmt, ſie eilen herauf!“ Er Der Schimmer der Fackeln fing wirklich an, an den nach Wänden der engen Treppe ſichtbar zu werden, während man unten eine Art von Degengeklirre hörte. von „Raſch, Sire, raſch!“ ſagte La Mole. der Und den König durch die Dunkelheit leitend, ließ er ihn zwei Stockwerke hinaufſteigen, ſtieß die Thüre eine eines Zimmers auf, das er mit dem Riegel wieder ver⸗ über ſchloß, und öffnete das Fenſter eines Cabinets. „Sire,“ ſagte er,„fürchtet Eure Majeſtät die nes Gänge über Dächer?“ „Ich.“ ſprach Heinrich,„ich, ein Gemſenjäger?“ jeſtä „Nun, ſo folgt mir, Majeſtät. Ich kenne den er l »Weg und will Euch als Führer dienen.“ führ „Geht,“ erwiederte Heinrich,„ich folge Euch.“ La Mole ſchwang ſich zuerſt hinaus, folgte einem breiten Rande, der als Rinne diente, an deſſen Ende er eine von zwei Dächern gebildete Vertiefung feand. word Nach dieſer Vertiefung 5 fnete ſich eine Manſarde ohne Fenſter, welche in einen unbewohnten Speicher führte. ruhi „Sire,“ ſprach La Mole,„Ihr ſeyd im Hafen.“ ein „Ah, deſto beſſer,“ erwiederte Heinrich. Und er trocknete-ſich ſeine Stirne ab, worauf der Schweiß perlte. machen ſich die Dinge von ſelbſt,“ ſagte La Mole.„Der Speicher geht nach der Treppe, die Treppe mündet in einen Gang aus und dieſer Gang führt nach der Straße. Sire, ich habe den Weg ſelbſt in einer Nacht Sire gemacht welche noch viel furchtbarer war, als dieſe.“ es i „Gehen wir,“ ſprach Heinrich,„vorwärts““ La Mole ſchlüpfte zuerſt durch das Fenſter wolle erreichte die ſchlecht geſchloſſene Thüre, öffnete ſie, befand ſich oben an einer gab dem König den Strick uns 287 ird in die Hand, der als Geländer dierte, und ſagte:„Kommt wer Sire.“— Mitten auf der Treppe blieb Heinrich ſtille ſtehen. Er war zu einem Fenſter gelangt. Dieſes Fenſter ging den nach dem Hofe des Gaſthauſes zum Schönen Geſtirn. end Man ſah auf der Treppe gegenüber Soldaten laufen, von denen die einen Schwerter, die andern Fackeln in der Hand hatten. ieß Plötzlich erblickte der König von Navarra mitten in üre einer Gruppe Herrn von Mouy. Er hatte ſeinen Degen er⸗ übergeben und ging ruhig hinab. „Armer Junge,“ ſprach Heinrich;„braves, ergebe⸗ die nes Herz!“ „Meiner Treue, Sire,“ ſagte La Mole, Eure Ma⸗ r?“ jeſtät wird bemerken, daß er ſehr ruhig ausſieht. Seht, den ſ er lacht ſogar. Er muß einen guten Streich im Schilde führen, denn Ihr wißt er lacht ſelten.“„ „Und der junge Mann, der bei Euch war?“ em„Herr von Cvoconnas?“ ſagte La Mole. nde„Ja, Herr von Coconnas, was iſt aus ihm ge⸗ ndworden hne„Oh! Sire, über ihn bin ich durchaus nicht un⸗ rte. ruhig. Als er die Soldaten erblickte, ſagte er mir nur n.“ ein Wort: 6 „„„Wagen wir etwas?““ der„„Den Kopf,““ antwortete ich ihm. „„Wirſt Du Dich retten?““ La„„„Ich hoffe es.““ ppe„„Wohl ich auch.““ ach„Und ich ſchwöre Euch, daß er ſich retten wird, acht Sire. Faßt man Coconnus, ſo ſtehe ich Euch dafür, daß es in ſeinen Kram taugt ſich faſſen zu laſſen.“ „Dann geht Alles gut,“ verſetzte Heinrich;„wir ter wollen den Louvre wieder zu erreichen ſuchen.“ and„Oh, mein Gott, nichts iſt leichter: wir hüllen rick uns in unſere Mäntel und gehen hinaus. Die Straße 288 iſt voll von Menſchen, die auf den Lärm herbeigelaufen ſind, und man wird uns für Neugierige halten.“ Heinrich und La Mole fanden wirflich keine andere Schwierigkeit, um hinauszukommen, als das Gedränge des Volkes, das die Straße beſetzt hielt. Beiden gelang es, durch die Rue d'Averon zu ent⸗ ſchlüpfen. Als ſie aber in die Rue des Poulies gelangten, ſahen ſie, über die Place Saint⸗Germain'Aurerwis ſchrei⸗ tend, von Mouy und ſein Geleite unter Anführung von Herrn von Nancey, dem Kapitän der Garden. „Ah, ah!“ ſagte Heinrich,„man führt ihn, wie es ſcheint, nach dem Louvre. Teufel! die Pforten werden geſchloſſen. Man wird die Namen von allen Zurückkeh⸗ renden aufzeichnen, und wenn man mich nach ihm kom⸗ men ſieht, ſo wird es zur Wahrſcheinlichkeit, daß ich mit ihm geweſen bin.“ „Wohl, Sire,“ ſprach La Mole,„Ihr Fönnt auf einem andern Wege, als durch die Pforte, in den Louvre gelangen.“ „Wie, Teufels! ſoll ich hineinkommen?“ „Hat Eure Majeſtät nicht das Fenſter der Königin von Navarra?“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! Hert de La Mole, Ihr habt Recht. Daran dachte ich nicht! Aber wie ſoll ich die Kö⸗ nigin darauf aufmerkſam machen?“ „Oh!“ ſprach La Mole mit achtungsvoller Dankbar⸗ keit,„Eure Majeſtät verſteht ſo gut Steine zu ſchlendern!..“ XXVI. von Mouy Saint-Phule. Dießmal hatte Catharina ihre Maßregeln ſo gut ge⸗ troffen, daß ſie ihrer Sache ſicher zu ſeyn glaubte, * 3 we ent den zu ver die ſeit tha Ab den Me den kon gen ſein Au Sch falt eine das ufen dere änge ent⸗ gten, hrei⸗ von e es erden kteh⸗ kom⸗ mit auf uvre nigin habt Kö⸗ kbar⸗ 289 Demzufolge ſchickte ſie gegen zehn Uhr Margarethe weg, feſt überzeugt, was übrigens auch der Wahrheit entſprach, die Königin von Navarra wüßte nichts von dem, was gegen ihren Gatten angeſponnen wurde, ging zu dem König und bat ihn, ſein Schlafengehen noch zu verzögern. Neugierig gemacht durch die triumphirende Miene, die trotz ihrer gewöhnlichen Verſtellungsgabe das Geſiht ſeiner Mutter erleuchtete, befragte Karl die Königin Ca⸗ tharina, dieſe aber antwortete ihm mit den Worten: „Ich kann Eurer Majeſtät nur ſagen, daß ſie dieſen Abend von ihren zwei granſamſten Feinden befreit wer⸗ den wird.“ Karl bewegte die Augbrauen auf die Art eines Menſchen, der zu ſich ſelbſt ſpricht:„es iſt gut, wir wer⸗ den ſehen,“ und pfiff in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, ſeinem großen Windhunde, der ſich ſchlan⸗ genartig auf dem Bauche gegen ihn fortſchleppte und ſeinen geſcheiten Kopf auf den Schvoß ſeines Herrn legte. Nach einigen Minuten, die Catharina mit ſtarren Augen und geſpanntem Ohre zubrachte, hörte man einen Schuß im Hyfe des Louvre. „Was bedeutet dieſer Lärm?“ fragte Karl, die Stirne faltend, während ſich der Hund die Ohren ſpitzend mit einer ungeſtümen Bewegung erhob. „Nichts,“ ſprach Catharina,„ein Signal, das iſt das Ganze.“ „Und was bedeutet dieſes Signal?“ „Es bedeutet, Sire, daß von dieſem Augenblicke an Euer einziger, Euer wahrer Feind Euch zu ſchaden außer Standes iſt.“ „Hat man einen Menſchen getödtet?“ fragte Karl und ſchaute dabei ſeine Mutter mit dem Herrſcherauge an, welches bezeichnet, daß Tödtung und Gnade zwei Attri⸗ bute der königlichen Gewalt ſind. „Nein, Sire, man hat nur zwei verhaftet.“ Fönigin Margot. II. 19 290 „Oho!“ murmelte Karl,„beſtändig verborgene Comp⸗ lotte, ſtets Complotte, von denen der König nichts weiß. WMord und Teufel, meine Mutter, ich bin doch ein großer Burſche, ein hinreichend großer Burſche, um ſelbſt über mich zu wachen. und hedarf der Gängelbande und Wulſte nicht mehr. Geht mit Euerem Sohne Heinrich nach Polen, wenn Ihr regieren wollt. Aber hier, ſage ich Euch, habt Ihr Unrecht ein ſolches Spel zu ſpielen.“ „Mein Sohn,“ erwiederte Catharina,„es iſt das letzte Mal, daß ich mich in Eure Angelegenheiten miſche. Aber es war eine ſeit geraumer Zeit be⸗ gonnene Unternehmung, bei der Ihr mir ſtets Unrecht gegeben habt, und es lag mir Alles daran, Eurer Majeſtät zu beweiſen, daß ich Recht hatte,“ In dieſem Augenblicke machten mehrere Menſchen in dem Vorhauſe Halt, und man hörte, wie die Muske⸗ tenkolben einer kleinen Truppe auf die Platten nieder⸗ fielen. Beinahe gleichzeitig ließ Herr von Nancey um Erlaubniß bitten, bei dem König eintreten zu dürfen. „Laßt ihn eintreten,“ ſprach Karl. Herr von Nancey erſchien, verbeugte ſich vor dem König, wandte ſich gegen Catharina und ſprach: „Madame, die Befehle Euer Majeſtät ſind vollſtreckt. Er iſt gefangen.“ „Wie er!“ rief Catharina ſehr beſtürzt.„Habt Ihr nur Einen gefaßt?“ „Er war allein Madame.“ „Und er hat ſich vertheidigt? „Nein, er ſpeiſte ganz ruhig in einem Zimmer zu Nacht und übergab ſeinen Degen bei der erſten Auß⸗ forderung.“ „Wer dies?“ fragte der König. „Ihr werdet es ſehen,“ ſagte Catharina.„Laßt den Gefangenen eintreten, Herr von Nanceh.“ Fünf Minutrn nachhex wurde von Mouß eingeführt. . mei met daz Ca gen var die Her Ihr Mr Sch die Ma mel mei ner uns 24. han zu vorg küht Als mp⸗ veiß. oßer über ulſte nach e ich R das eiten be⸗ recht urer ſchen uske⸗ eder⸗ m fen. dem reckt. Habt er zu Auf⸗ 291 5 „Mouy!“ rief der König.„Was gibt es denn, mein Herr?“ „Ei, Sire,“ erwiederte Herr von Mouy mit vollkom⸗ mener Ruhe,„wenn mir Euere Majeſtät die Erlaubniß dazu gibt, ſo werde ich dieſelbe Fräge an ſie richten.“ „Statt dieſe Frage an den König zu thun,“ ſprach Catharina,„habt die Güte, Herr von Mouy, meinem Sohne zu ſagen, wer der Menſch war, der ſich in einer gewiſſen Nacht in dem Zimmer des Königs von Na⸗ varra befand und in dieſer Nacht im Widerſtand gegen die Befehle Seiner Majeſtät zwei Garden getödtet und Herrn von Maurevel verwundet hat?“ „Wirklich,“ ſprach Karl die Stirne faltend,„ſolltet Ihr den Namen dieſes Menſchen wiſſen, Herr von Mouy?“ „Ja, Sire. Wünſcht ihn Euere Majeſtät zu kennen?“ „Es würde mir Verguügen machen, ich geſtehe es.“ „Wohl, Sire, er hieß Mouy von Saint⸗Phale.“ „Ihr alſo?“ „Ich ſelbſt.“ Erſtaunt über dieſe Kühnheit wich Catharina einen Schritt vor dem inngen Manne zurück. „Und wie konutet Ihr es wagen, Widerſtand gegen die Befehle des Konigs zu ſagte Karl IX. „Sire, einmal wußte ich nicht, daß es ein Befehl Eurer Majeſtät war; dann ſah ich nur Ding, oder viel⸗ mehr einen Meuſchen, Herrn von Maurevel, den Mörder meines Vaters und des Herrn Admirals. Da erin⸗ nerte ich mich, daß in dem Zimmer, in welchem wir uns befinden, vor anderthalb Jahren am Abend des 24. Auguſt Eure Majeſtät mir perſönlich verſprochen harte, uns Gerech tigkeit gegen den rder widerfahren zu laſſen. Da nun ſeit jener Zrit ſehr ernſte Ereigniſſe vorgefallen ſind, ſo d uchle ich, der König wäre unwill⸗ kührlich von ſeinem Verlangen wieder abgekommen. Als ich aber Herrn von Manrevel in meinem Bertiche 19* 292 ſah, glaubte ich, der Himmel ſelbſt hätte ihn mir ge⸗ ſchickt. Eure Majeſtät weiß das Uebrige; ich habe auf dieſen Menſchen eingehauen wie ein Mörder, und auf ſeine Leute geſchoſſen wie auf Banditen.“ Karl antwortete nichts. Seine Freundſchaft für Heinrich lisß ihn viele Dinge aus einem andern Ge⸗ ſichtspunkte betrachten, als er ſie früher betrachtet hatte und dies mehr als einmal mit Schrecken. Die Königin Mutter hatte in Beziehung auf die Bartholomäusnacht in ihrem Gedächtniſſe Worte einre⸗ giſtrirt, die aus dem Munde ihres Sohnes hervorge⸗ gangen waren und Gewiſſensbiſſen glichen. „Aber was thatet Ihr zu einer ſolchen Stunde bei dem König von Navarra?“ ſprach die Königin Mutter. „Ah!“ erwiederte von Mony,„da müßte ich eine ganze Geſchichte erzählen. Doch wenn Euere Majeſtät die Geduld hat, ſie zu hören, „Ja,“ ſprach Karl,„ſprecht, ich will es haben.“ „Ich gehorche, Sire,“ erwiederte von Mouh ſich verbeugend. Catharina ſetzte ſich, einen unruhigen Blick auf den jungen Parteiführer heftend. „Wir hören,“ ſagte Karl.„Herein⸗ Actäon!“ Der Hund nahm den Platz wieder ein, den er vor der Einführung des Gefangenen inne hatte. „Sire,“ ſprach von Mony,„ich kam zu Seiner Majeſtät dem König von Navarra als Abgeordneter unſerer Brüder, Eurer getreuen Unterthanen von der Religion.“ Catharina machte Karl IX. ein Zeichen. „Seyd ruhig, meine Mutter,“ ſagte dieſer,„ich verliere kein Wort. Fahrt fort, Herr von Mouy, fahrt fort.“ „Um den König von Navarra in Kenntniß zu ſetzen,“ fuhr Herr von Mouy fort,„daß er durch ſein Abſchwören das Vertrauen der hugenoitiſchen Partei verloren hätte, daß jedoch in Erinnerung an ſeinen Vater, Anton von Har Ihr Mo an eine wir eine eſtät ſich den rvor einer neter der „ich Nouy, tzen,“ wören hätte, nvon 293 Bourbon, und beſonders an ſeine Mutter, die muthige Johanna d'Albret deren Namen unter uns hoch geachtet iſt, die Anhänger der Religion ihn in ſchuldiger Un⸗ terthänigkeit bäten, von ſeinen Rechten auf die Krone von Navarra abzuſtehen.“ „Was ſagt er?“ rief Catharina, welche trotz ihrer Selbſtbeherrſchung den unerwarteten Schlag, den er führte, nicht ohne ein wenig zu ſchreien zu empfangen vermochte. „Oh! oh!“ ſprach Karl,„dieſe Krone von Na⸗ varra, die man ohne meine Erlaubniß über allen Häuptern ſchweben läßt, gehört doch mir ein wenig, wie es mir ſcheint“ „Sire, die Hugenotten erkennen mehr als irgend Jemand das ſo eben von dem König ausgeſprochene Oberhoheitsrecht. Sie hofften auch, Eure Majeſtät zu bewegen, dieſe Krone auf einem ihr angenehmen Haupte zu befeſtigen.“ „Mir!“ rief Karl,„auf einem mir angenehmen Haupte! Mord und Teufel! von welchem Haupte ſprecht Ihr denn? Ich verſtehe Euch nicht.“ „Von dem Haupte des Herrn Herzogs von Alencon.“ Catharina wurde bleich wie der Tod und verſchlang Mouy mit einem flammenden Blicke. „Und mein Bruder Alengon wußte es?“ „Ja, Sire.“ „Und er nahm dieſe Krone an?“ „Mit Vorbehalt der Genehmigung Eurer Majeſtät, an die er uns verwies.“. „Oh! oh!“ ſprach Karl,„in der That, es iſt eine Krone, die unſerem Bruder Alengon gut ſtehen wird. Und ich dachte nicht eininal daran! Ich danke, Herr von Mouh, ich danke. Wenn Ihr noch mehr ſolche Ideen habt, ſeyd Ihr im Palaſte ſtets willkommen.“ „Sire, Ihr wäret längſt von dieſem ganzen Vor⸗ haben unterrichtet, ohne die unglückliche Angelegenheit 294 im Louvre, die mich befürchten ließ, ich wäre bei Euerer Majeſtät in Ungnade gefallen.“ „Wohl,“ verſetzte Catharina,„aber was ſagte der König von Navarra zu dieſem Plane?“ „Der König, Madame, unterwarf ſich dem Wunſche ſeiner Brüder, und ſeine Verzichtleiſtung lag bereit.“ „In dirſem Falle müßt Ihr ſeine Verzichtleiſtung haben,“ rief Catharina. „In der That, Madame, ich habe ſie zufällig bei mir, von ihm unterzeichnet und datirt.“ „Von einem früheren Datum als die Scene im Louvre?“ ſprach Catharina. „Ja, vom Tage vorher, wie ich glaube.“ Und hiebei zog Herr von Mouh aus ſeiner Taſche eine Verzichtleiſtung zu Gunſten des Herzogs von Alengon, von Heinrich geſchrieben, von ſeiner Hand unterzeichnet und mit dem genannten Datum verſehen. „Meiner Treue, ja,“ ſagte Karl,„und Alles in beſter Ordnung.“ „Und was verlangte Heinrich für dieſe Verzicht⸗ leiſtung?“ „Nichts, Madame;z die Freundſchaft von König Karl, ſagte er uns, würde ihn reichlich für den Verluſt einer Krone entſchädigen.“ Catharina biß ſich vor Zorn in die Lippen und verdrehte ihre ſchönen Hände. „Das iſt vollkommen genau, Herr von Mouy,“ ſprach der König. „Doch wenn Alles unter Euch mit dem König von Navarra abgemacht war,“ fragte die Königin Mutter, „zu welchem Ende die Zuſammenkunft, die Ihr an die⸗ ſem Abend mit ihm hattet?“* „Ich, Madame, mit dem König von Navarra?“ ſprach Herr von Mouy.„Derjenige, welcher mich ver⸗ haftet hat, wird beglaubigen, daß ich allein war; Eure Majeſtät mag ihn rufen.“ „Herr von Nancey!“ rief der König. Her Sch hau von ein nen düſt bar Hut zogs von ſtan geh beu chel tels Kar gan ſche ung bei im ſche on, hnet in cht⸗ nig luſt und ,“ von ter, die⸗ a?“ ver⸗ ure 295 Der Kapitän der Garden erſchien. „Herr von Nancey,“ fragte Catharina lebhaft,„war Herr von Mony ganz allein in dem Gaſthauſe zum Schönen Geſtirn?“ „In dem Zimmer, ja, Madame; in dem Gaſt⸗ hauſe, nein.“ „Ah,“ ſagte Catharina,„wer war ſein Gefährte?“ „Ich weiß nicht, ob es der Gefährte von Herrn von Mouy war, Madame; ich weiß nur, daß er durch eine Hinterthüre entflohen iſt, nachdem er zwei von mei⸗ nen Wachen niedergeſtreckt hatte.“ „Und Ihr habt ihn wohl erkannt?“ „Ich nicht, aber meine Wachen.“ „Und wer war es?“ fragte Karl 1IX. „Der Graf Annibal von Coconnas.“ „Annibal von Coconnas,“ erwiederte der König düſter und träumeriſch,„derjenige, welcher eine ſo furcht⸗ bare Metzelei in der Bartholomäusnacht unter den Hugenotten ausgeführt hat?“ „Herr von Coconnas, Edelmann des Herrn Her⸗ zogs von Alengon,“ antwortete Herr von Nancey. „Gut, gut,“ ſprach Karl,„entfernt Euch Herr von Nancey, und ein andermal erinnert Euch eines Um⸗ ſtandes.“ „Welches, Sire?“ „Daß Ihr in meinen Dienſten ſeyd und nur mir gehorchen ſollt.“ 2 Herr von Nancey trat mit einer ehrfurchtsvollen Ver⸗ beugung rückwärts ab. Von Mouy ſandte Catharina ein ironiſches Lä⸗ cheln zu. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. Catharina drehte an den Rundſchnüren ihres Gür⸗ tels. Karl ſtreichelte ſeinen Hund. „Aber“ was war Euer Zweck, mein Herr?“ fuhr Karl fort.„Wäret Ihr mit Gewalt zu Werke ge⸗ gangen?“ 296 „Gegen wen, Sire?“ „Gegen Heinrich, gegen Franz oder gegen mich?“ „Sire, wir hatten die Verzichtleiſtung Eures Schwa⸗ gers, die Beiſtimmung Eures Bruders, und waren, wie ich zu bemerken die Ehre gehabt habe, auf dem Wege, Eure Majeſtät um ihre Einwilligung zu bitten, als die unglückliche Geſchichte mit Herrn von Maurevel da⸗ zwiſchen kam.“ „Nun, meine Mutter,“ ſagte Karl,„in Allem dem ſehe ich nichts Schlimmes. Es lag in Eurem Rechte, Herr von Mouy, einen König zu verlangen. Ja, Na⸗ varra kann und muß ein getrenntes Königreich ſeyn. Mehr noch, dieſes Königreich ſcheint ausdrücklich gemacht zu einer Dotation für meinen Bruder Alencon, der ſtets ein ſo großes Gelüſte nach einer Krone gehabt hat, daß er, wenn wir die unſerige tragen, ſeinen Blick nicht da⸗ von abzuwenden vermag. Das Einzige, was ſich dieſer Thronbeſteigung widerſetzte, war das Recht von Henriot; da jedoch Henriot freiwillig darauf Verzicht leiſtet....“ „Freiwillig, Sire.“ „So ſcheint es, daß es der Wille Gottes iſt. Herr von Mouy, es ſteht Euch frei, zu Euern Brüdern zurückzukehren, die ich vielleicht etwas hart beſtraft habe; aber das iſt eine Angelegenheit zwiſchen Gott und mir, und ſagt ihnen, da ſie meinen Bruder, den Herzog von Alengon, zum König haben wollen, ſo füge ſich der Kö⸗ nig von Frankreich ihren Wünſchen. Von dieſem Augen⸗ blick an iſt Navarra ein Königreich und ſein Souverain heißt Franz. Ich verlange nur acht Tage, daß mein Bruder Paris mit dem einem König gebührenden Glanze und Gepränge verlaſſe. Geht, Herr von Mouh, geht. von Nancey, laßt Herrn von Mouy hinaus, er iſt rei.“ „Sire,“ ſprach von Mouy, einen Schritt vorge⸗ hend,„erlaubt Eure Majeſtät.... „Ja,“ erwiederte der König. Und er reichte dem jungen Hugenotten die Hand. Vo ehr gen „h rec her trei Eu mie ich ich vol unt bra ſetz Pft ein roit jun dan ver von ſchi für 2 wa⸗ wie ge, als da⸗ em hte, Na⸗ yn. icht tets daß da⸗ eſer 297 Von Mouy ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte ſie ehrfurchtsvoll. „Doch ſprecht,“ ſagte der König, ihn in dem Au⸗ genblicke zurückhaltend, wo er wieder aufſtehen wollte, „habt Ihr nicht gegen dieſen Schurken Maurevel Ge⸗ rechtigkeit von mir verlangt?“ Site „Ich weiß nicht, wo er iſt, um ſie Euch angedei⸗ hen zu laſſen, denn er verbirgt ſich, aber wenn Ihr ihn trefft, nehmt Euch ſelbſt Euer Recht, ich bevollmächtige Euch dazu und zwar mit ganzem Herzen.“ „Ah! Sire,“ rief Herr von Myuy,„Ihr überhäuft mich mit Güte. Eure Majeſtät verlaſſe ſich auf mich: ich weiß auch nicht, wo er iſt, aber ſeyd unbeſorgt, ich werde ihn finden.“ Hienach verbeugte ſich Herr von Mouy ehrfurchts⸗ voll vor dem König Karl und der Königin Catharina ind entfernte ſich, ohne daß die Wachen, die ihn ge⸗ bracht hatten, ſeinem Abgang ein Hinderniß entgegen⸗ ſetzten. Er durchſchritt die Gänge, erreichte raſch die Pforte und machte, ſobald er einmal außen war, nur einen Sprung von der Place Saint⸗Germain l'Auxer⸗ rois nach dem Gaſthofe zum Schönen Geſtirn, wo der junge Mann ſein Pferd wieder fand, dem er es zu ver⸗ danken hatte, daß er drei Stunden, nachdem er Paris verlaſſen, in vollkommener Sicherheit hinter den Mauern von Mantes athmete. Catharina kehrte, ihren Zorn verſchluckend, in ihre Gemächer zurück und begab ſich von da zu Margarethe. Sie fand hier Heinrich im Schlafrocke und, wie es ſchien, bereit ſich zu Bette zu legen. „Satan,“ murmelte ſie,„hilf einer armen Königin, für die Gott nichts mehr thun will.“ 295 Nvn. Zwei Böpfe für eine Brone. „Man bitte Herrn von Alencon, zu mir zu kommen,“ ſprach Karl, ſeine Mutter entlaſſend. Herr von Nancey. der geneigt war, gemäß der Auf⸗ forderung des Königs, von nun an dieſem allein zu ge⸗ horchen, machte nur einen Sprung von Karl zu ſeinem Bruder, und überbrachte ihm ohne eine Verſüßung den Befehl, welchen er erhalten hatte. Der Herzog von bebte. Er hatte von je⸗ her vor Karl gezittert und that dies noch mehr, ſeitdem er ſich durch ſein Conſpiriren Gründe gemacht hatte, ihn zu fürchten. Nichtsdeſtoweniger begab er ſich mit berechnetem Eifer zu ſeinem Bruder. Karl ſtand in ſeinem Gemache und pfiff ein Halali durch die Zähne. Als der Herzog von Alengon eintrat, gewahrte er in dem Auge von Karl einen von den Blicken voll gif⸗ tigen Haſſes, die er ſo gut kannte. „Eure Majeſtät hat mich rufen laſſen; hier bin ich, Sire. Was wünſcht Eure Majeſtät von mir? 0 „Ich wünſche Euch zu ſagen, mein guter Bruder, daß ich zur Belohnung für die große Freundſchaft, die Ihr für mich hegt, bin, heute etwas für vuch zu thun, wornach Ihr längſt trachtet.“ Fir mich?“ „Ja, fur Euch... Sucht in Eurem Geiſte etwas, wovon Ihr ſeit einiger Zeit am träumt, und ich werde Euch daſſelbe geben. „Site,“ jprach Franz,„ich ſchüöre meinem Bru⸗ der, ich wünſche nichts Anderes, als die Fortdauer der guten Geſundheit des Königs.“ „Dann müßt Ihr befriedigt ſeyn, Alencon; die Un⸗ päßlichteit, welche mich zur Zeit der Ankunft der Polen bef ich wo Ge alſ res vor wü riot er dieſ Hei dief das ſten rück die in gur hal ver ſey gen . ge⸗ em en je⸗ em te, nit ali if⸗ bin die für a 8, ich ru⸗ der ln⸗ len 299 beſiel, iſt vorüber. Mit dem Beiſtande von Henriot bin ich einem wüthenden Eber entgangen, der mich aufſchlitzen wollte, und ich befinde mich ſo wohl, daß ich nicht den Geſündeſten meines Reiches zu beneiden habe. Ihr könnt alſo, ohne ein ſchlimmer Bruder zu ſeyn, etwas Ande⸗ res wünſchen, als die Fortdauer meiner Geſundheit, welche vortrefflich iſt.“ „Ich wünſche nichts, Sire.“ „Doch, doch, Franz,“ verfetzte Karl ungeduldig;„Ihr wünſcht die Krone von Navarra, da Ihr Euch mit Hen⸗ riot und Mouy verſtändigt habt; mit dem erſten, damit er darauf Verzicht leiſte, mit dem zweiten, daß er Euch dieſelbe verſchaffe. Nun wohl, Henriot verzichtet darauf, Herr von Mouy hat mir Eure Bitte mitgetheilt, und dieſe Krone, nach der Ihr ſtrebt....“ „Nun?“ fragte Alencon mit zitternder Stimme. „Mord und Teufel! gehört Euch.“ Alencon wurde furchtbar bleich. Aber das Blut, das in ſein Herz getreten war, daß es hätte ber⸗ ſten ſollen, floß plötzlich nach den äußeren Theilen zu⸗ rück und eine brennende Röthe trat auf ſeine Wangen; die Gunſt, welche ihm der König bewilligte, brachte ihn in dieſem Augenblick Verzweiflung. „Aber, Sire,“ erwiederte er ſtammeld vor Aufre⸗ gung und vergebens bemüht, Ruhe zu gevinnen,„ich habe nichts gewünſcht und beſonders nichts dergleichen verlangt.“ „Das iſt möglich,“ ſprach der König,„denn Ihr ſeyd ſehr diseret, mein Bruder. Aber man hat für Euch gewünſcht, für Euch verlangt.“ „Sire, ich ſchwöre Euch, daß ich nie....“ „Schwört nicht!“ „Aber, Sire, Ihr verbannt mich alſo?“ „Ihr nennt das eine Verbannung, Franz? Teufel, Ihr ſeyd häkelig. Was hofftet Ihr denn Beſſeres?“ Alencon biß ſich vor Verzweiflung in die Lippen. „Meiner Trene,“ fuhr Karl Gutmüthigkeit heu⸗ * chelnd fort,„ich glaubte nicht, daß Ihr ſo populär wäret und beſonders nicht bei den Hugenotten; aber ſie verlangen Euch, und ich muß mir ſelbſt geſtehen, daß ich mich täuſchte. Dann konnte ich mir nichts Beſ⸗ ſeres wünſchen, als einen Mann, der mir gehört, einen Bruder, der mich liebt und unfähig iſt, mich zu ver⸗ rathen, an der Spitze einer zu haben, die uns ſeit dreißig Jahren bekriegt. Das wird Alles wie durch einen Zauber zur Ruhe b bringen, abgeſehen davon, daß wir dann drei Könige in der Familie ſind. Nur der arme Henriot wird nichts Anderes ſeyn, als mein Freund. Aber er iſt nicht ehrgeizi ig und dieſer Titel, welchen ſonſt Niemand anſpricht, er wird ihn nehmen.“ „Oh! Sire, Ihr täuſcht Euch, ich forder⸗ dieſen Titel, und wer hat mehr Recht darauf, als ich. Hen⸗ riot iſt nur Euer Schwager durch ein Ehebündniß, ich bin Euer Bruder durch das Blut und beſonders durch das Herz. Sire, ich flehe Euch an, behaltet mich bei Euch.“ „Nein, nein, Franz,“ erwiederte Karl,„das wäre Euer Unglück.“ „Wie ſo?“ „Aus tauſend Gründen.“ „Aber bedenkt doch ein wenig, Sire, werdet Ihr je einen ſo getreuen Gefährten finden, wie ich bin? Seit meiner Kindheit habe ich Eure Majeſtät nie ver⸗ laſſen.“ „Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl, und zu⸗ weilen hätte ich Euch ſogar ſehr ferne gewünſcht.“ „Was will der König damit ſagen?“ „Nichts, nichts,. Oh, was für ſchöne Jagden werdet Ihr dort haben! F Franz, ich beneide Euch! Wißt Ihr, daß man in dieſen Teufelsgebirgen den Bären jagt, wie hier den Eber? Ihr werdet uns Alle mit prächtigen Häuten verſehen. Man jagt das mit dem Dolche, wie Ihr wißt; man hört das Thier, man treibt es auf, man reizt es; es geht auf den Jäger zu un nei ihr bei iſt fal gn ſey El wi ein S m un N we hr n er⸗ en ißt ren mit em ian 301 und vier Schritte von demſelben richtet es ſich mit ſei⸗ nen Hintertatzen auf. In dieſem Augenblick ſtößt man ihm den Stahl in das Herz, wie dieß Henriot dem Eber bei der letzten Jagd gethan hat, Ihr wißt doch? Das iſt gefährlich. Aber Ihr ſeyd brav, Frauz und dieſe Ge⸗ fahr wird für Euch ein wahres Vergnügen ſeyn.“ „Ah! Eure Majeſtät verdoppelt meinen Kummer, denn ich werde nicht mehr mit ihr jagen.“ „Beim Donner! d ſto beſſer,“ ſpeach der König. „Es iſt weder für den Einen noch für den Andern zweck⸗ dienlich, wenn wir mit einander jagen.“ „Was will Eure Majeſtät damit ſagen?“ „Das Jagen mit mir bereitet Euch ein ſolches Ver⸗ gnügen und hat eine ſolche Aufregung bei Euch zur Folge, daß Ihr, der Ihr die Geſchicklichkeit in Perſon ſeyd, Ihr, der Ihr mit der nächſten beſten Büchſe eine Elſter auf hundert Schritte ſchießt, das letzte Mal, als wir in Geſellſchaft jagten, mit Enrem Gewehre, mit einem Gewehre, das Ihr genau kennt, auf zwanzig Schritte einen großen Eber gefehlt, und ſtatt deſſen meinem beſten Pferde das Bein zerſchmettert habt. Mord und Teufel, Franz! wißt Ihr, das gibt Stoff zum Nachdenken.“ „Oh! Sire, vergebt der Aufregung,“ ſprach Alencon, welcher leichenbleich geworden war. „Ah! ja,“ verſetzte Karl,„die Aufregung, ich weiß wohl, und gerade wegen dieſer Aufregung, die ich, glaubt mir, zu ihrem wahren Werthe anzuſchlagen weiß, ſage ch Euch: Franz, es iſt beſſer, wenn wir fern von einander jagen, beſonders wenn man ſolche Aufre⸗ gungen hat. Ueberlegt Euch dieß, mein Bruder, nicht in meiner Gegenwart, meine Gegenwart beunruhigt Euch, wie ich ſehe, ſondern wenn Ihr allein ſeyd, und Ihr werdet mir zugeſtehen, daß ich allen Grund habe, zu be⸗ fürchten, es könnte Euch beieiner neuen Jagd abermals eine Aufregung erfaſſen; dann würdet Ihr den Reiter ſtatt des Pferdes, den König ſtatt des Thieres tödten. Peſt! 8 302 ob eine Kugel zu hoch oder zu tief einſchlägt, das ver⸗ ändert das Angeſicht einer Regierung ganz gewaltig, und wir haben ein Beiſpiel davon in unſerer Familie. Als Montgommery unſern Vater Heinrich 11. durch einen Zu⸗ fall, durch Aufregung vielleicht, tödtete, brachte der Schuß nnſern Bruder Franz ll. auf den Thron und unſern Vater Heinrich nach Saint⸗Denis. Gott braucht ſo wenig, um viel zu thun.“ Der Herzog fühlte während dieſes eben ſo furcht⸗ baren als unvorhergeſehenen Stoßes den Schweiß über ſeine Stirne rieſeln. Der König konnte ſeinem Bruder unmöglich ausdrucklicher ſagen, er habe Alles errathen. Seinen Zorn unter einem Schatten von Scherz ver⸗ bergend, war Karl vielleicht noch ſchrecklicher, als wenn er die gehäßige Lava, welche ſein Herz vetzehrte, ſich hätte kochend nach Außen verbreiten laſſen. Seine Rache ſchien ganz im Verhältniß zu ſeinen Grolle zu ſtehen, und zum erſten Male lernte Alencon den Gewiſſensbiß oder vielmehr das Bedäuern kennen, daß er ein Ver re⸗ chen unternommen hatte, welches ihm in der Ausführung mißlungen war. Er hatte den Kampf ausgehalten, ſo lange er ver⸗ mochte, aber unter dieſem letzten Schlage beugte er das Haupt, und Karl ſah aus ſei en Angen die verzehrende Flamme treten, die bei Weſen von einer zarten Natur die Furchen gräbt, durch welche die Thränen hervor⸗ ſpringen. Aber Alencon gehörte zu den Menſchen, welche nur vor Wuth weinen. Karl hielt ſein Geierange ſtarr auf ihn geheftet, und athmete gleichſam jeden von den Empfindungen, jeden von den Eindrücken ein, wie ſie ſich in dem Herzen des jun⸗ gen Mannes folgten. Und jede dieſer Empfindungen er⸗ ſchien ihm ſo beſtimmt und klar, in Folge der tiefen Studien, die er in ſeiner Familie gemacht hatte, als ob das Herz von Alencon ein offenes Buch geweſen wäre. Er ließ ihn ſo einen Augenblick niedergeſchmettert, geſt wet nich All füg ſeg En Kö Fre ant He vor er unt fall wo we auf iſt, mit tre ſich und Als Zu⸗ der und cht cht⸗ ber der en. ver⸗ enn ſich ache hen, biß re⸗ ung er⸗ das nde tur or⸗ nur und von un⸗ er⸗ fen als ire. ert, unbeweglich, ſtumm. Dann ſagte er mit einer Simm in der eine haßerſüllte Feſtigkeit nicht zu verkennen wa „Mein Bruder, wir haben unſern Entſchluß geſprochen, und dieſer Entſchluß iſt rneiſchütterlich werdet reiſen.“ Alencon machte eine Bewegung. Karl ſchien es nicht zu bemerken, und fuhr fort: „Navarra ſoll ſtolz darauf ſeyn, einen Bruder des Königs Franfreich zum Fürſten zu haben. Macht, Glück, Alles ſollt Ihr haben, was te G burt geziemt, wie es Euer Bruder Heinrich bekommen hat, und wie er,“ fügte er lächelnd bei,„werdet Ihr mich aus der Ferne ſegnen. Aber gleichviel die Segnungen kennen keine Entfernung.“— „Nehmt an, oder vielmehrfügt Euch. Seyd Ihr einmal König, ſo wird man eine Frau würdig eines Sohnes von Frankreich für Euch finden, welche Euch vielleicht einen 8 andern Thron bringt.“ „Aber Eure Majeſtät vergißt ihren guten Freuud Heinrich.“ „Heinrich! wenn ich Euch ſage, daß er den Thron von Navarra nicht will. Ich habe Euch bereits bemerkt, er trete ihn Euch ab. Heinrich iſt ein luſtiger Junge, und kein Bleichgeſicht wie Ihr. Er will nach Wohlge⸗ fallen lachen und ſich beluſtigen und nicht vertrocknen, wozu wir verdammt ſind, wir unter den Kronen.“ Alencon ſtieß einen aus. „EureMajeſtät befiehlt mir alſo mich zubeſchäftigen⸗.“ „Nein, nein kümmert Euch um nichts, Franz, ich werde Alles ſelbſt ordnen. Verlaßt Euch auf mich als auf einen guten Bruder. Und nun, da Alles abgemacht iſt, geht. Theilt Euren Freunden unſere Unterredung mit, oder theilt ſie nicht mit. Ich werde Maßregeln treffen, vaß die Sache bald öffentlich wird. Geht, Franz.“ Es war nichts zu entgegnen. Der Herzog verbengte ſich und ging Wuth im Herzen ab. 304 rannte vor Begierde, Heinrich zu finden, um ihm üher Alles, was vorgefallen war, zu ſprechen. Aber er fand nur Catharina: Heinrich wich der Unter⸗ edung aus, die Königin Mutter ſuchte ſie. ls der Herzog Catharina ſah, unterdrückte er raſch ſeine Schmerzen und ſuchte zu lächeln. Minder glück⸗ Catharina, ſondern einfach eine Verbündete. Er fing alſo damit an, daß er ſich vor ihr verſtellte, denn um gute Bündniſſe zu ſchließen, muß man ſich gegenſeitig ein wenig täuſchen, Alengon redete Catharina mit einem Geſichte an, auf dem nur noch eine leichte Spur von Unruhe übrig war. 3 „Nun, Madame,“ ſagte er,„große Neuigkeiten, wißt Ihr ſie?“ „Ich weiß, daß man einen König aus Euch zu ma⸗ chen beabſichtigt.“ „Das iſt ſehr gut von meinem Bruder, Madame.“ „Nicht wahr?“ „Und ich bin beinahe verſucht, zu glauben, daß ich einen Theil meiner Dantbarkeit auf Euch zu übertragen habe; denn waret Ihr es, die ihm den Rath gegeben hat, mir einen Thron zu ſchenken, ſo habe ich dieſen Thron Euch zu danken, obgleich ich im Grunde geſtehe, daß es mir peinlich geweſen iſt, auf dieſe Art den König von Navarra zu berauben.“. „Ihr liebt Henriot ungemein, wie es ſcheint, mein Sohn?“ . „Ja, ſeit einiger Zeit ſtehen wir in inniger Ver⸗ bindung mit einander.“ „Glaubt Ihr, daß er Euch eben ſo ſehr liebt, als Ihr ihn liebt?“ „Ich hoffe es, Madame.“ „Eine ſolche Freundſchaft iſt erbaulich, wißt Ihr, beſonders unter Prinzen. Die Hoffreundſchaften gelten nicht für ſehr feſt, mein lieber Franz.“ ¹ üch als Heinrich von Anjou, ſuchte er keine Mutter in um hen. nter⸗ raſch lück⸗ erin alſo gute ein an, ibrig iten, ma⸗ me.“ ß ich agen eben ieſen ſtehe, könig mein Ver⸗ „als Ihr, elten * Sohn.“ „Meine Mutter, bedenkt, daß wir nicht nir Freunde, ſondern beinahe Brüder find.“ Catharina lächelte auf eine ſeltſame Weiſe „Gut!“ ſagte ſie.„Gibt es Brüder unter Könihen?“ „Oh! was das betrifft, wir waren Beide keine Könige, als wir dieſe Verbindung ſchloßen; wir ſollten es ſogar nie ſeyn, deßhalb liebten wir uns.“ „Ja, aber die Berhältniſſe haben ſich zu bieſer Stunde ſehr verändert.“ „Wie, ſehr verändert?“ 1 „Ja, allerdings, wer ſagt Euch, daß Ihr nicht Beide Könige ſeyn werdet?“ An dem Nervenbeben des Herzogs, an der Röthe, die ſeine Sirne übergoß, ſah Catharina, daß ihr Streich mitten in das Herz getroffen hatte.“ „Er,“ ſagte Alengon,„Heinrich, König? Und von welchem Reiche?“ „Von einem der herrlichſten der Chriſtenheit, mein „Ah!“ rief Alengon erbleichend,„was ſagt Ihr da?“ „Das, was eine gute Mutter ihrem Sohne ſagen muß, das, woran Ihr mehr als ein Mal gedacht habt, Franz.“ „Ich,“ ſprach der Herzog,„ich habe an nichts gedacht, das ſchwöre ich Euch.“ „Ich will Euch wohl glauben, denn Euer Freund, Euer Bruder Heinrich, wie Ihr ihn nennt, iſt unter ſeiner ſcheinbaren Offenherzigkeit ein ſehr gewandter und ſehr verſchmitztes Herr, der ſeine Geheimniſſe beſſer be⸗ wahrt, als Ihr die Eurigen, Franz. Hat er Euch zum Beiſpiel je geſagt, daß Herr von Mouy ſein Agent iſt?“ Während Catharina dieſe Worte ſprach, tauchte ſie ihren Blick wie ein Stilett in die Seele von Franz. Dieſer aber hatte nur eine Tugend, oder vielmehr ein hervorſpringendes Laſter: die Verſtellung. Er er⸗ trug alſo dieſen Blick ganz gelaſſen. „Von Mouy!“ ſagte er erſtaunt, und als würde Königin Margot. I. 20 S 306 dieſer Name zum erſien Male unter ſolchen Umſtänden in ſeiner Gegenwart ausgeſprochen. „Ja, der Hugenott Mouy von Saint-Phale, der⸗ ſelbe, welcher beinahe Herrn von Maurevel getörtet hätte, welher heimlich in Frankreich und in der Hauptſtadt unter allerlei Verkleidungen umherläuft, intriguirt und ein Heer auf die Beine bringt, um Euren Bruder Heinrich gegen Eure Familie zu unterſtützen.“ Catharina war es nicht bekannt, daß ihr Sohn Franz in dieſer Beziehung eben ſo viel oder ſogar mehr wußte, als ſie; ſie ſtand bei dieſen Worten deßhalb auf und ſchickte ſich an, ſich einen majeſtätiſchen Abgang zu machen. Franz hielt ſie zurück. „Meine Mutter,“ ſprach er,„noch ein Wort, wenn es Euch gefällig iſt. Da Ihr die Gnade habt, mich in Eure Politik einzuweihen, ſo ſagt mir, wie es Heinrich, dem ſo wenig Bekannten, mit ſo geringen Mitteln ge⸗ lingen ſoll, einen Krieg zu führen, welcher ſo ernſt wäre, daß er unſere Familie beunruhigen könntes“ „Kind,“ erwiederte die Königin lächelnd,„wißt, daß er von mehr als dreißigtauſend Mann unterſtützt wird, daß an dem Tage, wo er ein Wort ſpricht, dieſe dreißigtanſend Mann plötzlich, als ob ſie aus der Erde kämen, erſcheinen werden, und dieſe dreißigtauſend Mann ſind Hugenotten, bedenkt das wehl, d. h. die tapferſten Soldaten der Welt. Und dann hat er eine Protection, die Ihr Euch nicht zu verſchaffen wußtet, oder Euch nicht verſchaffen wolltet, Ihr.. „Welche?“ „Er hat den König, der ihn liebt, der ihn befördert, den König, der aus Eiferſucht gegen Eueren Bruder in Polen und aus Trotz gegen uns in ſeiner Umgebung Nachfolger ſucht. Nur ſucht er ſie anderswo als in ſei⸗ ner Familie, und Ihr ſeyd ein Blinder, wenn Ihr das nicht ſeht.“ „Der König!.„„ glaubt Ihr, meine Mutter?“ —.,— er⸗ te, adt nd der hn hr uf nn in ch, ge⸗ re, ßt, itzt eſe rde nn ten on, uch rt, in ng ei⸗ s — p 307 „Habt Ihr denn nicht wahrgenommen, daß er Hen⸗ riot, ſeinen Henriot liebt?“ „Allerdings, meine Mutter.“ „Und daß er dafür belohnt wird, denn derſelbe Henriot vergißt, daß ſein Schwager ihn in der Bartholomäusnacht erſchießen wollte, und legt ſich auf den glatten Bauch, wie ein Hund, der die Hand leckt, welche ihn geſchlagen hat.“ „Ja ja“ murmelte Franz,„ich habe es bereits be⸗ merkt, Heinrich iſt ſehr unterthänig gegen meinen Bruder Karl.“ „Er iſt wahrhaft erfindungsreich, um ihm in allen Stücken zu gefallen.“ „So ſehr, daß er ärgerlich, von dem König über ſeine Unwiſſenheit in der Falknerei verſpottet zu werden, nun die Beize ſtudiren will. Geſtern noch fragte er mich, ob ich nicht einige gute Bücher hätte, welche dieſe Kunſt behandelten.“ „Halt,“ ſprach Catharina, deren Augen funkelten, als durchzuckte ein raſcher Gedanke ihren Geiſt;„halt!.. Und was habt Ihr ihm geautwortet!“ „Ich würde in meiner Bibliothek ſuchen.“ 5„Gut,“ verſetzte Catharina,„gut, er ſoll dieſes Buch haben.“ „Aber ich ſuchte, Madame, und fand nichts.“ „Ich werde finden, und Ihr gebt ihm das Buch, als ob es von Euch käme.“ „Und was wird daraus erfolgen?“ „Habt Ihr Vertrauen zu mir, Alencon?“ „Ja, Mutter.“ „Wollt Ihr mir blindlings in Beziehung auf Heinrich gehorchen, den Ihr nicht liebt, was Ihr auch ſagen möget.“ Alencon lächelte. „Und den ich meines Theils haſſe,“ fuhr Catha⸗ rina fort. „Ja, ich werde gehorchen.“ „Am Morgen der nächſten Jagd holt das Buch hier. Ich gebe es Euch, Ihr bringt es Heinrich und. „Laßt Gott, die Vorſehung oder den Zufall das Uuebrige thun.“ Franz kannte ſeine Mutter hinreichend, um zu wiſſen, daß es nicht ihre Gewohnheit war, Gott, der Vorſehung der dem Zufall die Sorge zu überlaſſen, ihre Freund⸗ ſchaft pper ihren Haß zu unterſtützen. Aber er hütete ſich wohl, ein Wort beizufügen, verbeugte ſich wie ein Menſch, der den Auftrag den man ihm gibt, übernimmt, und zog ſich in ſeine Gemächer zurück. „Was will ſie damit ſagen?“ dachte der junge Mann, die Treppe hinauſſteigend,„ich weiß es nicht. Das iſt mir aber ganz klar, daß ſie gegen einen gemeinſchaftlichen Feind handelt. Wir wollen ſie machen laſſen.“ Während dieſer Zeit erhielt Margarethe durch Ver⸗ mittlung von La Mole einen Brief von Herrn von Mouh mit der Adreſſe des Königs von Navarra. Da dieſe zwei erhabenen Eheleute in der Politik kein Geheimniß vor ein⸗ ander hatten, ſo entſiegelte ſie dieſen Brief und las ihn. Ohne Zweifel kam ihr derſelbe intereſſant vor, denn die Dunkelheit benützend, welche bereits an den Mauern des Louvre herabzufallen anfing, ſchlüpfte Margareihe in den geheimen Gang, ſtieg die Wendeltreppe hinauf und eilte, nachdem ſie aufmerkſam überall umher geſchaut hatte, raſch wie ein Schatten vorwärts und verſchwand in dem Vor⸗ zimmer des Känigs von Navarra. Dieſes Vorzimmer wurde ſeit der Entfernung von Orthon von Niemand mehr bewacht. Dieſe Entfernung, welche wir ſeit dem Augenblicke, wo ſie der Leſer auf eine ſo tragiſche Weiſe für den ar⸗ men Orthon vor ſich gehen ſah, nicht mehr bexührten, hatte Heinrich ungemein beunruhigt. Er ſprach darüber mit Frau von Sauve und mit ſeiner Gemahlin, aber weder die Eine noch die Andere war beſſer unterrichtet als er. Frau von Sauve gab ihm nur einige Auskunft, der zu Folge es dem Geiſte von Heigrich ganz klar wurde, daß 309 das arme Kind ein Opfer irgend einer Machination der Königin Mutter geworden war, und daß er in Folge dieſer Machination mit Herrn von Mouy beinahe in dem Gaſt⸗ hauſe zum Schönen Geſtirne verhaftet worden wäre. Ein Anderer als Heinrich hätte geſchwiegen, denn er würde es nicht gewagt haben etwas zu ſagenz aber Hein⸗ rich berechnete Alles; er begriff, daß ſein Stillſchweigen ihn verrathen würde. Gewöhnlich verliert man auf dieſe Art nicht einen ſeiner Diener, einen ſeiner Vertrauten, ohne ſich nach ihm zu etkundigen, ohne nach ihm zu for⸗ ſchen. Heinrich erkundigte ſich alſo, forſchte alſo in Ge⸗ genwart des Königs und ſogar der Königin Mutter. Er fragte bei Jedermann nach Orthon, von der Schildwache, welche vor der Pforte des Louvre auf und abging, bis zum Kapitän der Garden, der ſeinen Poſten im Vorzim⸗ mer des Königs hatte; aber alle ſeine Fragen und alle ſeine Schritte waren vergeblich. Heinrich ſchien jedoch ſo ſehr von dieſem Ereigniſſe ergriffen und ſeinem armen ab⸗ weſenden Diener dergeſtalt zugethan, daß er erklärte, er würde ihn nicht eher erſetzen, als bis er die Gewißheit erlangt hätte, er wäre für immer verſchwunden. Das Vorzimmer war alſo leer, als ſich Margarethe bei Heinrich einfand. So leicht auch die Tritte der Königin waren, ſo hörte ſie Heinrich dennoch, und er rief, ſich umwendend: „Ihr, Madame!“ „Ja,“ erwiederte Margarethe,„leſt geſchwinde.“ Und ſie reichte ihm das Papier offen. Es enthielt folgende Zeilen. „Sire, der Augenblick, unſern Fluchtplan in Aus⸗ führung zu bringen, iſt gekommen. In fünf bis ſechs Tagen iſt Beize die Seine entlang, von Saint⸗Germain bis Maiſons, d. h. in der ganzen Ausdehnung des Waldes. „Geht auf dieſe Jagd, obgleich es eine Beize iſt. Zieht unter Eurem Kleide ein gutes Panzerhemd an, gür⸗ tet Euer beſtes Schwert um, reitet das flinkſte Pferd Eures Stalles. Gegen Mittag, wenn die Jagd am ſtärkſten iſt und der König dem Falfen nachgeeilt ſeyn wird, ent⸗ zieht Euch allein, wenn Ihr allein kommt, mit der Kö⸗ nigin von Navarra, wenn ſie Euch folgt. Fünfzig der Unſeten werden in dem Pavillon von Franz I. ver⸗ borgen ſeyn, wozu wir den Schlüſſel haben; kein Menſch ſoll erfahren, daß ſie dort ſind, denn ſie kom⸗ men bei Nacht und die Läden werden geſchloſſen. „Ihr reitet durch die Allee des Violettes, an deren Ende ich wachen werde; rechts von dieſer Allee, in einer kleinen Lichtung, ſind die Herren de La Mole und Cv⸗ connas mit zwei Handpferden. Dieſe friſchen Pferde ſind beſtimmt, die Curigen zu erſetzen, ſollten ſie zu⸗ fällig müde ſeyn.“ „Gott befohlen, Sire; ſeyd bereit, wir ſind es.“ Und Margarethe ſprach nach ſechzehnhundert Jahren dieſelben Worte aus, welche Cäſar an den Ufern des Rubicon ausgeſprochen hatte. „Es ſey, Madame,“ antwortete Heinrich,„ich werde mich Euch nicht widerſetzen.“ „Vorwärts, Sire, werdet ein Held, das iſt nicht ſchwierig; Ihr habt nur Euren Weg zu verfolgen; und macht mir einen ſchönen Thron,“ ſprach die Königin von Navarra. Ein unmerkliches Lächeln ſchwebte über die feine Lippe des Bearners hin. Er küßte Margarethe die Hand und ging, ein Liedchen trällernd, zuerſt hinaus, um den Gang zu erforſchen. Dieſe Vorſicht war nicht ſchlecht: in dem Augenblick, wo er die Thüre ſeines Schlafzimmers öffnete, öffnete Alencon die ſeines Vorzimmers. Heinrich machte Marga⸗ rethe ein Zeichen mit der Hand und ſagte dann ganz laut: „Ah! Ihr ſeyd es, mein Bruder, ich nenne Euch willkommen.“ Bei dem Zeichen ihres Gemahls begriff die Königin Alles und warf ſich raſch in ein Ankleidecabinet, deſſen Thüre ein dicker Vorhang bedeckte. — W MN 311 Der Herzog von Alencon krat mit ſtcten Schritt⸗ und rings umher ſchauend ein. Sind wir allein, mein Bruder?“ fragte er halblaut.. „Vollfommen allein; was gibt es denn? Ihr ſeht ganz verſtört aus.“ „Wir ſind entdeckt, Heinrich.“ „Wie! entdeckt?“ „Ja, man hat Mouy verhaftet.“ „Ich weiß es.“ „Er hat dem König Alles geſagt.“ „Was hat er geſagt?“ „Ich ſtrebe nach dem Throne von Navarra und conſpirire, um ihn zu erhalten.“ „Ah, der Teufel,“ ſprach Heinrich,„Ihr ſeyd alſo compromittirt, mein armer Bruder! Warum hat man Euch nicht auch verhaftet?“ „Ich weiß es nicht. Der König hat ſich über mich luſtig gemacht, indem er ſich ſtellte, als böte er mir den Thron von Navarra an. Ohne Zweifel hoffte er mir ein Geſtändniß zu entlocken, aber ich habe ihm nichts geſagt.“ „Und daran habt Ihr wohl gethan, Ventre⸗ſaint⸗ gris!“ rief der Bearner.„Wir wollen feſt halten, unſer Leben hängt davon ab.“ „Ja,“ verſetzte Franz,„der Fall iſt ſehr ſchwierig, und ich bin deßhalb gekommen, um Euch um Rath zu fragen, mein Bruder. Was glaubt Ihr, daß ich thun ſoll: fliehen oder bleiben?“ „Ihr habt den König geſehen, da er mit Euch ſprach?“ „Allerdings.“ „Nun wohl, ſo mußtet Ihr in ſeinem Geiſte leſen! Folgt Eurer Eingebung.“ „Ich würde lieber bleiben,“ erwiederte Franz. So ſehr auch Heinrich Herr über ſich ſelbſt war, ſo entſchlüpfte ihm doch eine Bewegung der Freude, die, obgleich faſt unmerklich, Franz nicht entging. „ 312 ibt ſprach Heinrich. hr Bolt wenn Ihr bleibt, habe ich keinen gehen. Ich woilte nur von hier fort, um u folgen, aus Ergebenheit, um meinen den ich liebe, nicht zu verlaſſen.“ iſt olſo aus mit allen unſern Plänen,“ ſprach e, Ihr laßt Euch ohne Widerſtreben von dem eſten Zuge des Mißgeſchicks hinreißen?“ ch verſetzte Heinrich,„ich betrachte es nicht als ein Mißgeſchick, hier zu bleiben. Bei meinem ſorg⸗ loſen Charakter befinde ich mich überall wohl.“ „Gut, es ſey,“ ſagte Alengon,„ſprechen wir nicht mehr davon. Laßt es mich nur wiſſen, wenn Ihr irgend einen neuen Entſchluß faßt.“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! ich werde nicht verfehlen, dieß zu thun,“ erwiederte Heinrich.„Iſt es nicht ab⸗ gemacht, daß wir keine Geheimniſſe unter uns haben?“ Alencon wollte das Geſpräch nicht weiter fortſetzen. Er entfernte ſich ganz nachdenkend; denn einen Augen⸗ blick hatte er den Vorhang des Ankleidezimmers zittern zu ſehen geglaubt. Kaum war Alengon weggegangen, als wirklich dieſer Vorhang aufgehoben wurde und Margarethe wieder erſchien. „Was denkt Ihr von dieſem Beſuche?“ fragte Heinrich. „Daß etwas Neues, Wichtiges vorgeht.“ „Und was glanbt Ihr, daß dies ſeyn mag?“ „Ich weiß es noch nicht; aber ich werde es erfahren.“ „Mittlerweile 2. Mittlerweile verfehlt nicht, morgen Abend zu mir zu kommen.“ „Ich werde nicht ermangeln Madame,“ ſprach Heinrich auf eine artige Weiſe ſeiner Gemahlin die Hand küſſend. Und Margarethe kehrte mit derſelben Vorſicht, mit der ſie ihre Wohnung verlaſſen ſolle, wieder in dieſelbe . zurück. ——————— ——