iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme e eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 5 Mt.— Pf. 1 Nr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. „ 5 2 3 5. Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. K Rönigin Margot. Von 4 Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Anguſt Zoller. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung⸗ 1845. I. Vus Jatein von Herrn von Guiſe. Am Montag, dem achtzehnten Tage des Auguſts 1572 fand ein großes Feſt im Louvre ſtatt. Die gewöhnlich dunkeln Fenſter des alten königli⸗ chen Wohngebäudes waren hell erleuchtet; die in der Regel ſo einſamen benachbarten Straßen und Plätze waren, ſeitdem es in Saint⸗Germain⸗[Auxerrois neun Uhr geſchlagen hatte, gedrängt voll von Menſchen. Dieſer lärmende, drohende Volkszuſammenlauf glich in der Dunkelheit einem düſteren, bewegten Meere, deſſen Wellen ſich geräuſchvoll von einer Stelle zur andern drängen. Dieſes Meer ſchlug auf dem Quai ausge⸗ breitet, von wo es durch die Rue des Foſſés⸗Saint⸗ Germain und durch die Rue de Laſtruce ausmündete, mit ſeinem Strome den Fuß der Mauern des Louvre und mit ſeinem Gegenſtrome die des Hotel Bourbon. Es lag trotz des königlichen Feſtes und vielleicht ſogar gerade wegen des königlichen Feſtes etwas Be⸗ drohliches in dieſem Volke; denn es vermuthete nicht, daß die Feierlichkeit, der es als Zuſchauer beiwohnte, nur das Vorſpiel zu einem auf acht Tage verſchobenen Feſte ſein ſollte, bei welchem es eingeladen werden und ſich von ganzem Herzen ergötzen würde. Der Hof feierte die Hochzeit von Frau Marga⸗ rethe von Valois, der Lochter Heinrich Il. und der Schweſter von König Karl IXK., mit Heinrich von Vyur⸗ bon, König von Navarra. Der Cardinal von Bour⸗ bon hatte wirklich am Morgen die zwei Verlobten mit dem bei den Hochzeiten der Töchter von Frankreich üblichen Ceremoniell auf einem an der Pforte von Notre⸗Dame aufgeſchlagenen Schaugerüſte vermählt. Jevermann ſtaunte über dieſe Heirath, welche ei⸗ nigen klarer Sehenden viel Stoff zum Nachdenken gab. Man konnte nicht recht die Annäherung der zwei Parteien begreifen, die ſich ſo gehäſſig einander gegen⸗ überſtanden, wie es in dieſem Augenblick bei der pro⸗ teſtantiſchen und der katholiſchen Partei der Fall war. Man fragte ſich, wie der junge Prinz von Condé dem Herzog von Anjou, dem Bruder des Königs, den Tod feines in Jarnac von Montesquiou ermordeten Va⸗ ters vergeben könnte. Man fragte ſich, wie der junge Herzog von Guiſe Coligny den Tod ſeines in Orleans von Poltrot de Méré ermordeten Vaters vergeben könnte. Mehr noch: Johanna von Navarra, die mu⸗ thige Gemahlin des ſchwachen Anton von Bourbon, welche ihren Sohn Heinrich zu der königlichen Hoch⸗ zeit, die ſeiner harrte, geführt hatte, war vor zwei Monaten geſtorben und es hatten ſich ſeltſame Ge⸗ rüchte über dieſen plötzlichen Tod verbreitet. Ueberall ſagte man ganz leiſe und an einigen Orten ganz laut, ſie hätte ein furchtbares Geheimniß entdeckt und Ca⸗ tharina von Medicis hätte dieſelbe, die Enthüllung vieſes Geheimniſſes befürchtend, mit wohlriechenden Handſchuhen vergiftet, welche von einem gewiſſen René, einem in ſolchen Dingen ſehr geſchickten Landsmanne von ihr, verfertigt worden wären. Dieſes Gerücht hatte ſich unt ſo mehr verhreitet und gekräftigt, als nach dem Tode der großen Königin auf die Bitte ihres Sohnes zwei Aerzte, worunter der berühmte Ambroiſe Pare, bevollmächtigt worden waren, den Leib zu öff⸗ nen und zu unterſuͤchen, nicht aber das Gehirn. Da man nun aber Johanna von Navarra durch den Ge⸗ ruch vergiftet hatte, ſo konnte nur das Gehirn, der einzige von der Section ausgeſchloſſene Theil des Kör⸗ ————— — it n i⸗ et n⸗ 0⸗ od ge n6 en U⸗ n, ei ze⸗ ut, a⸗ ng en n, me tte ach tes iſe ff⸗ e⸗ der ör⸗ 9 pers, die Spuren des Verbrechens bieten. Wir ſagen Verbrechen, denn Niemand zweifelte daran, daß ein ſolches begangen worden war. Das war noch nicht Alles. Der König Karl hatte bei dieſer Heirath, welche nicht nur den Frieden ſeines Reiches wiederherſtellte, ſondern auch die vornehmſten Hugenotten ſeines Landes nach Paris zog, eine Be⸗ harrlichkeit an den Tag gelegt, die man Halsſtar⸗ rigkeit nennen konnte. Da die zwei Verlobten eines Theils der katholiſchen Religion, andern Theils der reformirten angehörten, ſo war man genöthigt geweſen, ſich wegen der Dispenſation an Gregor X1II. zu wen⸗ den, der damals den päpſtlichen Stuhl in Rom inne hatte. Die Dispenſation blieb lange aus und dieſe Zögerung beunruhigte die verſtorbene Königin von Na⸗ varra ungemein. Sie drückte eines Tags gegen Karl 1X. die Befürchtung aus, die Dispenſation könnte gar nicht kommen, worauf dieſer antwortete: „Seid unbeſorgt, meine gute Tante, ich ehre Euch mehr, als den Papft, und liebe meine Schweſter mehr⸗ als ich ihn fürchte. Ich bin kein Hugenott, aber ich bin auch kein Dummkopf, und wenn der Herr Papſt eine Albernheit begeht, ſo nehme ich Margot ſelbſt bei der Hand und führe ſie mitten im Gottesdienſte an den Traualtar.“ Dieſe Worte verbreiteten ſich vom Louvre ans in die Stadt und gaben, während ſie die Hugenotten ſehr erfreuten, den Katholiken viel zu denken, denn dieſe fragten ſich, ob der König ſie ganz einfach ver⸗ riethe oder ob er irgend eine Komödie ſpielte, welche an einem ſchönen Morgen oder an einem ſchönen Abend ihre unerwartete Entwickelung fände. Beſonders dem Admiral Coligny gegenüber, welcher ſeit fünf bis ſechs Jahren einen erbitterten Krieg ge⸗ gen den König führte, erſchien das Benehmen von Karl IX. ganz unerklärlich. Nachdem er einen Preis von hundert und fünfzig tauſend Goldthalern auf ſei⸗ 10 nen Kopf geſetzt hatte, ſchwor der König nur bei ihm, nannte ihn ſeinen Vater und erklärte ganz laut, er würde ihm allein die Führung des Krieges anver⸗ rauen, ſo vaß ſelbſt Catharina von Medicis, welche bis dahin die Handlungen, den Willen und ſogar die Wünſche des jungen Prinzen beherrſcht hatte, ſich zu beunruhigen ſchien, und zwar nicht ohne Grund, denn in einem Augenblick des Erguſſes ſagte Karl IX. zu dem Avmiral in Beziehung auf den flandriſchen Krieg: „Mein Vater, es iſt hiebei noch Eines, worauf man wohl Acht haben muß: die Königin, meine Mut⸗ ter, welche ihre Naſe in Alles ſtecken will, wie Ihr wißt, weiß nichts von dieſer Unternehmung. Halten wir ſie ſo geheim, daß ſie nicht ein Bißchen davon erfährt, denn bei ihrem unruhigen, zänkiſchen Kopfe würde ſie uns Alles verderben.“ So weiſe und erfahren nun guch Coligny war, ſo konnte er doch ein ſolches Vertraͤuen nicht gänzlich geheim halten, und obgleich er mit großem Argwohn nach Paris kam, obgleich bei ſeinem Abgange von Chatillon eine Bäuerin ſich ihm zu Füßen warf und ausrief:„Oh, Herr und Meiſter! geht nicht nach Pa⸗ ris, denn wenn Ihr dahin geht, werdet Ihr dort ſterben, Ihr und Alle, die mit Euch gehen;“ erloſch doch die⸗ ſer Verdacht allmählig in ſeinem Innern und in dem von Teligny, ſeinem Schwiegerſohne, welchem der Kö⸗ nig ebenfalls große Freundſchaft bezeigte, denn er nannte ihn ſeinen Bruder, wie er den Admiral ſeinen Vater nannte, und duzte ihn, wie er dies gegen ſeine beſten Freunde that. Abgeſehen von einigen mürriſchen und mißtraui⸗ ſchen Geiſtern, waren die Hugenotten alſo völlig be⸗ ruhigt. Der Tod der Königin galt als eine Folge von Seitenſtechen, und die weiten Säle des Louvre waren voll von allen den braven Proteſtanten, denen die Heirath ihres jungen Führers Heinrich eine uner⸗ wartete Rückkehr zum Glück verhieß. Der Admiral 11 Coligny, Larochefoucault, der Prinz von Condé, Sohn, Teligny, kurz alle die Häupter der Partei triumphir⸗ ten, als ſie im Louvre allmächtig und in Paris ſo willkommen diejenigen ſahen, welche drei Monate vor⸗ her der König Karl und die Königin Catharina an Galgen, höher als die der Mörder, hatten hän⸗ gen laſſen wollen. Nur den Marſchall von Montmo⸗ rench ſuchte man vergebens unter ſeinen Brüdern, denn kein Verſprechen hatte ihn verführen, kein Schein hatte ihn täuſchen können, und er blieb zurückgezo⸗ gen in ſeinem Schloſſe Jle⸗Adam, wobri er ſich mit dem Schmerze entſchuldigte, den ihm der Tod ſeines Vaters, des Groß⸗Connetablé Anne von Montmo⸗ rency, verurſachte, welcher in der Schlacht von Saint⸗ Denis durch einen Piſtolenſchuß von Robert Stuart getödtet worden war. Da aber dieſe Begebenheit ſich vor mehr als zwei Jahren ereignet hatte und ſein ge⸗ fühlvolles Weſen in jener Zeit eine ſehr wenig mo⸗ diſche Tugend war, ſo glaubte man von dieſer über⸗ mäßig ausgedehnten Trauer nur das, was man glau⸗ ben wollte. Uebrigens gab Jedermann dem Marſchall von Montmorench Unrecht; der König, die Königin, der Herzog von Anjou und der Herzog von Alengon mach⸗ ten vortrefflich die Honneurs des königlichen Feſtes. Der Herzog von Anjou empfing die Hugenotten ſelbſt mit wohlverdienten Complimenten über die zwei Schlachten von Järnac und Montcontour, die er vor ſeinem achtzehnten Jahre gewonnen hatte, in dieſer Beziehung alſo frühreifer, als Cäſar und Alexander, mit welchen man ihn verglich, indem man, wohl ver⸗ ſtanden, die Sieger von Iſſus und Pharſalus unter ihn ſtellte. Der Herzog von Alencon ſchaute Alles mit ſeinem ſchmeichelnden, falſchen Auge an. Die Königin Catharina ſtrahlte vor Freude und beglück⸗ wünſchte, öberſtrömend von Hoflichkeiten, Heinrich von Condé zu ſeiner Vermählung mit Marig von 5 — 3 Kleve. Die Herren von Guiſe ſelbſt lächelten den furchtbaren Feinden ihres Hauſes zu, und der Herzog von Mayenne plauderte mit Herrn von Tavanne und dem Admiral über den nahe bevorſtehenden Krieg, den man Philipp 11. zu erklären mehr als je im Sinne hatte. Mitten unter dieſen Gruppen ging, das Haupt leicht gebeugt, das Ohr für jedes Wort offen, ein junger Menſch von etwa neunzehn Jahren mit feinem Auge, ſchwarzen, kurz geſchnittenen Haaren, dicken Augenbrauen, mit adlerartig gebogener Naſe, mit ſchlauem Lächeln und kaum erſt ſprießendem Barte hin und her. Dieſer junge Menſch, welcher ſich nur erſt in dem Gefechte von Arnay⸗le⸗Due durch ſeinen Muth bemerkbar gemacht hatte und Complimente über Com⸗ plimente erhielt, war der vielgeliebte Zögling von Coligny und der Held des Tages. Drei Monate vor⸗ her, das heißt, zu der Zeit, wo ſeine Mutter noch lebte, hatte man ihn den Prinzen von Bearn ge⸗ nannt. Jetzt nannte man ihn den König von Navarra in Erwartung der Epoche, wo man ihn Heinrich 1V. nennen würde. Zuweilen zog eine düſtere, raſche Wolke über ſeine Stirne hin. Ohne Zweifel erinnerte er ſich, daß ſeine Mutter vor kaum zwei Monaten geſtorben war, und er zweifelte weniger als irgend Jemand daran, daß ſie den Tod durch Gift erlitten hatte. Aber die Wolke war vorübergehend und verſchwand wie ein ſchweben⸗ der Schatten; denn diejenigen, welche mit ihm ſpra⸗ chen, die ihn beglückwünſchten, die ſich an ihn drängten, waren dieſelben Menſchen, welche die mu⸗ thige Johanna von Albret ermordet hatten. Einige Schritte von dem König von Navarra rach beinahe eben ſo gedankenvoll, beinahe eben ſo hümmert, als der erſtere freudig und offen zu ſein heuchelte, der junge Herzog von Guiſe mit Teligny. Glücklicher als der Bearner hatte ſein Ruf mit zwei⸗ den zog und den nne upt ein em cken mit hin erſt uth m⸗ von or⸗ och ge⸗ rra 1V. ber daß ar, olke en⸗ ra⸗ ihn mu⸗ rra ſein n. vei⸗ 13 undzwanzig Jahren beinahe den ſeines Vaters, des großen Franz von Guiſe, erreicht. Es war ein ſchmucker Herr von hohem Wuchſe, mit ſtolzem Blicke, und begabt mit jener natürlichen Majeſtät, welche die Leute ſagen machte, wenn er vorüberging, neben ihm erſchienen die übrigen Prinzen wie Pöbel. So jung er auch war, ſo ſahen doch die Katholiken in ihm das Haupt ihrer Partei, wie die Hugenotten das Haupt der ihrigen in dem jungen Heinrich von Navarra er⸗ blickten, deſſen Porträt wir ſo eben entworfen haben. Anfangs führte er den Titel eines Prinzen von Join⸗ ville, und er verrichtete ſeine erſte Waffenthat bei der Belagerung von Orleans unter ſeinem Vater, der in ſeinen Armen ſtarb und ihm den Admiral Coligny als ſeinen Mörder bezeichnete. Da leiſtete der junge Herzog, wie Hannibal, einen feierlichen Eid, die Ermordung ſeines Vaters an dem Admiral und ſeiner Familie zu rächen und ſeine Religionsangehörigen zu verfolgen, wobei er Gott gelobte, ihr Würgengel auß Erden zu ſein bis zu dem Tage, wo der letzte Ketzer ausgerottet wäre. Nicht ohne ein tiefes Erſtaunen ſah man dieſen ſeinem Worte gewöhnlich ſo treuen Prinzen denjenigen, welche er für ſeine ewige Feinde zu halten geſchworen hatte, die Hand reichen und ver⸗ traulich mit dem Schwiegerſohne des Mannes ſpre⸗ deſſen Tod er ſeinem ſterbenden Vater gelobt atte. Aber wie geſagt, dieſer Tag war ein Tag der Verwunderung. Mit der Kenntniß der Zukunft, welche leider den Menſchen fehlt, mit der Fähigkeit, in den Herzen zu leſen, die zum Glücke nur Gott gehört, hätte der bevorzugte Beobachter, der dieſem Feſte bei⸗ zuwohnen im Stande geweſen wäre, gewiß eines der ſeltſamſten Schauſpiele genoſſen, welche die Jahrbücher der traurigen menſchlichen Komödie liefern. Aber die⸗ ſer Beobachter, welcher auf der innern Gallerie des Louvre nicht zu finden war, fuhr auf der Straße fort, 14 mit ſeinen flammenden Augen zu betrachten, mit ſei⸗ ner drohenden Stimme zu murren. Dieſer Beobach⸗ ter war das Volk, das mit ſeinem wunderbar ge⸗ ſchärften Inſtinkte die Schatten ſeiner unverſöhnlichen Feinde tanzen ſah und ihre Eindrücke ſo genau über⸗ ſetzte, als es der Neugierige vor den Fenſtern eines hermetiſch verſchloſſenen Ballſaales thun kann. Die Muſik berauſcht und beherrſcht den Tänzer, während der Neugierige nur die Bewegung ſieht und über die Drahtpuppe lacht, welche ſich ohne allen Grund ge⸗ berdet; denn der Neugierige hört die Muſik nicht. Die Scheine, welche vor den Augen der Pariſer mitten in der Nacht hinzogen, waren die Zukunft be⸗ leuchtende Blitze ihres Haſſes. Und dennoch war im Innern fortwährend Alles lachend, und es durchlief ſogar ein Gemurmel, ſüßer und freundlicher als je, in dieſem Augenblicke den ganzen Louvre. Die junge Braut, nachdem ſie ihre Staats⸗ gewänder, den Schleppmantel und ihren langen Schleier abgelegt hatte, kehrte in den Ballſaal zurück, begleitet von der ſchönen Herzogin von Ne⸗ vers, ihrer beſten Freundin, und geführt von ihrem Bruder, Karl IX., der ſie ſeinen vornehmſten Gäſten vorſtellte. Dieſe Braut war die Tochter von Heinrich II., es war vie Perle der Krone von Frankreich, es war Marga rethe von Valois, welche der König Karl IX. in ſeiner zärtlichen Zuneigung für ſie nie anders, als „meine Schweſter Margot“ nannte. Gewiß war nie ein Empfang, ſo ſchmeichelhaft er auch ſein mochte, beſſer verdient geweſen, als der wel⸗ chen man in dieſem Augenblick der neuen Königin von Naparra bereitete. Margarethe zählte zu dieſer Zeit kaum zwanzig Jahre und war bereits der Gegenſtand der Lobeserhebungen aller Dichter, welche ſie die Einen mit Aurora, die Andern mit Cythere verglichen. Es war in ver That die Schönheit ohne Gleichen dieſes ſei⸗ ach⸗ ge⸗ chen ber⸗ ines Die rend die ge⸗ riſer be⸗ Alles und nzen ats⸗ ngen lſaal Ne⸗ hrem äſten II., war IX. „als ſtr von ſtand inen Es ieſes 15⁵ Hofes, wo Catharina von Medicis, um ihre Sirenen daraus zu machen, die ſchönſten Frauen verſammelt hatte, welche man finden konnte. Sie hatte ſchwarze Haare, einen glänzenden Teint, ein wollüſtiges, von langen Wimpern verſchleiertes Auge, einen friſchrothen, feinen Mund, einen zierlichen Hals, eine reiche, ge⸗ ſchmeidige Taille und einen in dem Atlasſchuh ſich verlierenden Kinderfuß. Die Franzoſen, welche ſie be⸗ ſaßen, waren ſtolz darauf, auf ihrem Boden eine ſo herrliche Blume blühen zu ſehen, und die Fremden, welche nach Frankreich kamen, kehrten verblendet von ihrer Schönheit, wenn fie dieſelbe nur geſehen hatten, im höchſten Maße erſtaunt über ihr Wiſſen, wenn ſie mit ihr geſprochen hatten, zurück. Margaretha war nicht nur die ſchönſte, ſondern auch die gebildetſte und gelehrteſte Frau ihrer Zeit, und man führt das Wort eines gelehrten Italieners an, der ihr vorgeſtellt wurde und nachdem er eine Stuhde lang in italieniſcher, ſpa⸗ niſcher und lateiniſcher Sprache mit ihr geplauderi⸗ hatte, als er ſie verließ, in ſeiner Begeiſterung von ihr ſagte: den Hof ſehen, ohne Margarethe zu ſehen, heißt weder Frankreich noch den Hof ſehen. Es fehlte nicht an Reden für Karl IX. und die Königin zu Navarra. Man weiß, in welchem Maße die Hugenotten Redner waren. Viele Anſpielungen auf die Vergangenheit, viele Fragen in Beziehung auf die Zukunft wurden mitten unter dieſen Reden an den König gerichtet; aber auf alle dieſe Anſpielungen ant⸗ wortete er mit ſeinen bleichen Lippen und ſeinem ver⸗ ſchmitzten Lächeln: „Indem ich meine Schweſter Margot Heinrich von Navarra gebe, gebe ich ſie allen Proteſtanten des Kö⸗ nigreiches.“ Dieſes Wort beruhigte die Einen und machte die Andern lächeln; denn es war wirklich doppelfinnig. Der eine Sinn war väterlich und Karl IX. wollte mit gutem Gewiſſen ſeinen Geiſt nicht damit beläſtigen; ¹6 der andere war verletzend für die Neuvermählte, für ihren Gemahl und ſogar für denfenigen, welcher ihn ausſprach; denn er erinnerte an einige dumpfe ſkan⸗ dalöſe Gerüchte, mit denen die Chronik des Hofes den Hochzeitrock von Margarethe von Valvis zu beflecken Mittel gefunden hatte. Herr von Guiſe plauderte indeſſen wie geſagt mit Teligay; aber er ſchenkte der Unterhaltung keine ſo beharrliche Aufmerkſamkeit, daß er ſich nicht zuweilen umgewendet hätte, um einen Blick auf die Gruppe von Damen zu werfen, in deren Mitte die Königin von Navarra glänzte. Wenn der Blick der Prinzeſſin dem des jungen Herzogs begegnete, ſo ſchien eine Wolke vie reizende Stirne zu verdunkeln, um welche Sterne von Diamanten eine zitternde Glorie bildeten und irgend ein unbeſtimmter Plan drang aus ihrer unge⸗ duldigen, bewegten Haltung hervor. Die Prinzeſſin Claudia, die ältere Schweſter von Margarethe, welche einige Jahre vorher den Herzog von Lothringen geheirathet hatte, bemerkte dieſe Un⸗ ruhe und näherte ſich ihr, um nach der Urſache zu fragen, als Jedermann vor der Königin Mutter, welche auf den Arm des jungen Prinzen von Condé geſtützt, herbeikam, zurückwich, und die Prinzeſſin ſich ferne von ihrer Schweſter gedrängt ſah. Es herrſchte nun eine allgemeine Bewegung, welche der Herzog von Guiſe benützte, um ſich Frau von Nevers, ſeiner Schwägerin, und folglich auch Margarethe zu nähern. Die Her⸗ zogin von Lothringen, welche die Königin nicht aus dem Auge verlor, ſah, ſtatt der Wolke, die ſie auf ihre Stirne wahrgenommen hatte, eine glühende Flamme über ihre Wangen hinziehen. Der Herzog kam indeſſen immer näher, und als er nur noch zwei Schritte von Margarethe entfernt war, wandte ſich dieſe, welche ihn mehr zu fühlen als zu ſehen ſchien, nach ihm um, wobei ſie ſich unendlich anſtrengte, um ihrem Geſichte die Ruhe der Sorgloſigkeit zu geben. gri 17 Der Herzog verbeugte ſich nun ehrfurchtsvoll, und während er ſich verbeugte, murmelte er mit halber Stimme: „lpse attuli.“ Was bedeutete: „Ich habe es ſelbſt gebracht.“ Margarethe gab dem jungen Herzog ſeine Be⸗ grüßung zurück und ließ aufſtehend die Antwort fallen: „Noctu pro more.“ Das heißt: „Dieſe Nacht wie gewöhnlich.“ Durch den ungeheuren gefältelten Kragen der Prin⸗ zeſſin wie in einem Sprachrohre aufgefangen, wurden dieſe Worte nur von der Perſon gehört, an welche man ſie richtete. So kurz aber auch dieſer Zwieſprach geweſen war, ſo umfaßte er doch ohne Zweifel Alles, was die zwei jungen Leute ſich zu ſagen hatten; denn nach dem Austauſche von zwei Worte gegen drei trennten ſie ſich, Margarethe die Stirne träumeriſcher und der Herzog die Stirne ſtrahlender, als ehe ſie ſich genähert hatten. Dieſe kleine Scene fand ſtatt, ohne daß der Mann, der am Meiſten dabei betheiligt war, im Ge⸗ ringſten darauf aufmerkſam zu ſein ſchien; denn der König von Navarra hatte ſeinerſeits nur ein Auge für eine einzige Perſon, welche um ſich her einen eben ſo zahlreichen Hof verſammelte, als Margarethe von Va⸗ lois. Dieſe Perſon war die ſchöne Frau von Sauve. Charlotte von Beaune Semblancay, Enkelin des unglücklichen Semblangay und Frau von Simon von Fizes, Baron von Sauve, war eine von den Hofdamen von Catharina von Medicis und eine der furchtbarſten Gehuͤlfinnen dieſer Königin, welche ihren Feinden den Liebestrank eingoß, wenn ſie ihnen nicht das floren⸗ tiniſche Gift einflößen konnte. Eine kleine Blonde, abwechſelnd ſprühend von Lebhaftigkeit oder ſchmach⸗ tend von Schwermuth, ſtets bereit zur Liebe und zur In⸗ trigue, zu dieſen zwei großen Beſchäftigungen, welche ſeit fünfzig Jahren den Hof der drei auf einander folgen⸗ den Könige einnahmen, eine Frau in der vollen Be⸗ deutung des Wortes und in dem vollen Zauber der Sache, von vem ſchmachtenden oder in Flammen glän⸗ zenden blauen Auge bis zu den zierlichen, in ihren Sammetſchuhen wohlgebogenen, kleinen Füßen, hatte ſich Frau von Sauve ſeit einigen Monaten aller Fähig⸗ keiten und Kräfte des Königs von Navarra bemächtigt, der um dieſe Zeit auf der Liebeslaufbahn wie auf der politiſchen Laufbahn debutirte, ſo daß Margaretha von Va vis, eine königliche, prachtvolle Schönheit, in dem Herzen ihres Gaiten nicht einmal mehr Bewunderung gefunden hatte; und worüber ſich Jevermann wunderte: ſelbſt Catharina von Medicis, dieſe Seele voll finſterer Geheimniſſe, hatte, während ſie ihren Heirathsplan zwiſchen ihrer Tochter und dem König von Navarra verfolgte, nicht aufgehört, die Liebe des ketzteren zu Frau von Sauve zu begünſtigen. Aber trotz dieſer mächtigen Hülfe und trotz der leichten Sitten der Zeit, hatte die ſchöne Charlotte bis jetzt Widerſtand geleiſtet, und aus vieſem unbekannten, unglaublichen Wider⸗ ſtande, aus vieſem Wiverſtande, welcher noch viel un⸗ erhörter erſchien, als die Schönheit und der Geiſt der Widerſtehenden, war in dem Herzen des Bearners eine Videnſchaft entſtanden, welche, da ſie ſich nicht befrie⸗ digen konnte, ſich auf ſich ſelbſt zurückwarf und in dem Herzen des jungen Königs die Schüchternheit, den Stolz und ſogar jene halb philoſophiſche, halb der Träg⸗ heit entſpringende Sorglofigkeit verſchlang, welche den Grund ſeines Charakters bildete. Frau von Sauve war wohl ſeit einigen Minuten in den Saal eingetreten. Mag es nun Trotz, mag es Schmerz geweſen ſein, ſie war Anfangs entſchloſſen, dem Trinmphe ihrer Rebenbuhlerin nicht beizuwohnen, und ließ unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit ihren Gatten, der ſeit fünf Jahren Staatsſecretär war, allein nach dem Louyre gehen. Als aber Catharina von en⸗ Be⸗ der än⸗ ren atte ig⸗ tigt der von dem ung rte: erer lan arra ze ieſer Zeit, iſtet, der⸗ un⸗ der eine frie⸗ dem den räg⸗ elche uten es ſſen nen, ren Mein von 19 Mebicis den Baron von Sauve ohne ſeine Gemahlin erſcheinen ſah, fragte ſie nach den Urſachen, welche ihré vielgeliebte Charlotte entfernt bielten, und da ſie er⸗ fuhr, es wäre nur eine leichte Unpäßlichkeit, ſchrieb ſie ihr ein päar Worte, denen die junge Frau zu gehorchen ſich beeilte. Anfangs ganz betrübt über ihre Abweſen⸗ heit, athmete Heinrich indeſſen doch freier, als er Herrn von Sauve allein eintreten ſah. In dem Augenblick aber, wo er, keineswegs dieſer Erſcheinung gewärtig, ſeufzend ſich dem liebenswürdigen Geſchöpfe zu nähern im Begriffe war, das er, wenn nicht zu lieben, doch wenigſtens als Gemahlin zu behandeln verdammt ſein ſollte, ſah er am Ende der Gallerie Frau von Sauve auftauchen. Nun blieb er an ſeinen Platz genagelt, die Augen ſtarr nach der Circe gerichtet, die ihn mit einem magiſchen Bande an ſich feſſelte, und ftatt ſeinen Gang zu ſeiner Gemahlin fortzuſetzen, ſchritt er mit einem Zögern; das mehr dem Staunen als der Furcht zuzu⸗ ſchreiben war, auf Frau von Sauve zu. Die Höflinge, als ſie ſahen, daß der König von Navarra, deſſen entzündbares Herz man bereits kannte, ſich der ſchönen Charlotte näherte, hatten nicht den Muth, ſich ihrem Zuſammenkommen zu wiverſetzen, und entfernten ſich gefällig, ſo daß in demſelben Augenblicke, wo Margarethe von Valvis und Herr von Guiſe vie von uns erwähnten lateiniſchen Worte wechſelten, Heinrich, bei Frau von Sauve angelangt, mit dieſer in ſehr verſtändlichem, obwohl mit gascogniſchem Accente beſtreutem, Franzöſiſch ein minder geheimmßvolles Ge⸗ ſpräch anknüpfte. Ah, mein Herz,“ ſagte er zu ihr,„Ihr kommt in dem Augenblick, wo man mir mittheilte, Ihr wäret krank, wo ich jede Hoffnung verlor, Euch zu ſehen.“ „Sollte mich Eure Majeſtät glauben machen wollen,“ antwortete Frau von Saupe,„der Verluſt dieſer Hoffnung hätte ſie viel gekoſtet?⸗ „Gottes Blut, ich glaube wohl,“ verſetzte der Bearner.„Wißt Ihr nicht, daß Ihr meine Sonne bei Tag und mein Stern bei Nacht ſeid? In der That, ich wähnte mich in der tiefſten Finſterniß, als Ihr ſo eben erſchienet und Alles beleuchtetet.“ „Dann ſpiele ich Euch einen ſchlimmen Streich, Sire.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herz?“ fragte Heinrich. „Ich will damitſagen, daß man, wenn man Herr der ſchönſten Frau von Frankreich iſt, nur Eines wünſchen kann: es möge das Licht verſchwinden, um der Dun⸗ kelheit Platz zu machen, denn in der Dunkelheit erwar⸗ tet uns das Glück.“ „Dieſes Glück, Schlimme, liegt, wie Ihr wohl wißt, in den Händen einer einzigen Perſon, und dieſe Perſon lacht und ſpottet über den armen Heinrich!“ „Oh,“ verſetzte die Baronin,„ich hätte im Gegen⸗ theil geglaubt, es wäre dieſe Perſon, welche dem König von Navarra zum Gelächter und Spotte diente.“ Heinrich erſchrack über dieſe feindſelige Haltung und dennoch bedachte er, daß ſie Trotz verrieth und daß der Trotz nur die Maske der Liebe iſt. „In der That, liebe Charlotte,“ ſagte er,„Ihr macht mir da einen ungerechten Vorwurf, und ich be⸗ greife nicht, wie ein ſo ſchöner Mund zugleich ſo grau⸗ ſam ſein kann. Glaubt Ihr denn, ich heirathe? O nein, Ventre⸗ſaint⸗gris! nicht ich!“ „Ich, vielleicht,“ verſetzte die Baronin ſpitzig, wenn die Stimme der Frau, die uns liebt und uns zum Vorwurfe macht, daß wir ſie nicht lieben, ſpitzig er⸗ ſcheinen kann. „Habt Ihr mit Euren ſchönen Augen nicht weiter geſehen, Baronin? Nein, es iſt nicht Heinrich von Navarra, welcher Margarethe von Valvis heirathet.“ „Und wer iſt es denn ſonſt?“ „Ei, Gottes Blut! es iſt die reformirte Religion, welche den Papſt heirgthet und nichts Anderes!“ dur liel daß ger er Lip wie Laß Ver Ih nne der als ich, gte der hen un⸗ ar⸗ ohl ieſe en⸗ nig ing und Ihr be⸗ au⸗ enn um er⸗ iter 21 „Nein, nein, Monſeigneur, ich laſſe mich nicht durch Eure Wortſpiele hintergehen. Eure Majeſtät ltebt Frau Margarethe, und Gott ſoll mich behüten, daß ich Euch dies zum Vorwurfe mache. Sie iſt ſchön genug, um geliebt zu werden.“ Heinrich dachte einen Augenblick nach, und während er nachdachte, zog ein feines Lächeln die Winkel feiner Lippen etwas in die Höhe. „Baronin,“ ſagte er,„Ihr ſucht Streit mit mir, wie es ſcheint, und ſeid doch nicht berechtigt dazu⸗ Laßt hören, was habt Ihr gethan, um mich von der Vermählung mit Frau Margarethe abzuhalten? Nichts. Ihr ließt mich im Gegentheil verzweifeln.“ „Und dafür beſtrafte mich Monſeigneur.“ „Wie ſo?“ „Allerdings, da Ihr heute eine Andere heirathet.“ „Ah⸗ ich heirathe, weit-Ihr richnichteliebt.“ „Wenn ich Euch geliebt hätte, Sire, müßte ich alſo in einer Stunde ſterben.“ „In einer Stunde, was wollt Ihr damit ſagen? Und welchen Tod würdet Ihr ſterben?“ „Den Tod der Eiferſucht, denn in einer Stunde wird die Königin von Navarra ihre Frauen und Eure Majeſtät ihre Herren wegſchicken.“ „Iſt das wirklich der Gedanke, der⸗Euch-beſchäf⸗ „Das ſage ich nicht; ich ſage nur, wenn⸗ich⸗Euch⸗ liebte, würde mich dieſer Gedanke furchtbar beunruhigen.“ „Nun wohl,“ rief Heinrich voll Freude, als er dieſes Geſtänvniß, das erſte, welches er empfing, hörte, „wenn nun der König von Navarra die Herren ſeines Hofes dieſen Abend nicht wegſchickte?„ „Sire,“ ſagte Frau von Sauve und ſchaute da⸗ bei den König mit einem Erſtaunen an, welches dies⸗ mal nicht geheuchelt war,„Ihr ſprecht da unmögliche und beſonders unglaubliche Dinge.“ Kbnigin Margot. I. 2 2² „Was ſoll ich thun, damit Ihr ſie glaubt?“ „Ihr müßtet mir den Beweis geben, und dieſen Beweis könnt Ihr nicht geben.“ „Allerdings, Baronin, allerdings. Bei dem hei⸗ ligen Heinrich! ich werde ihn Euch im Gegentheil ge⸗ ben!“ rief der König, die junge Frau mit einem lie⸗ beglühenden Blicke verzehrend. „Oh, Eure Majeſtät,“ murmelte die ſchöne Char⸗ lotte, die Stirne und die Augen fenkend„ich be⸗ greife nicht nein, nein, Ihr könnt dem Glücke, das Eurer harrt, unmöglich entgehen. „Es gibt vier Heinrich in dieſem Saale, meine Angebetete,“ verſetzte der König;„Heinrich von Frank⸗ reich, Heinrich von Condé, Heinrich von Guiſe; aber es gibt nur einen Heinrich von Navarra.“ „Nun?“ acht „Ja. Werdet Ihr vann überzeugt ſein, daß er bei keiner Andern iſt?“ „Ah! wenn Ihr das thut, Sire?“ rief die Dame von Sauve. E „Laßt hören,“ verſetzte Heinrich,„was werdet Ihr dann ſagen?“ „Oh, dann werve ich lagen,“ antwortete Char⸗ lotte, ich ſei wirklich von Eurer Majeſtät geliebt.“ „Ventre⸗ſaint⸗gris! Ihr müßt es ſagen, denn es iſt ſo, Baronin!“ Sauve. „Ah, bei Gott, Baronin, Ihr müßt nothwendig „Aber was iſt zu thun?“ murmelte Frau von in( eine die rer ihr reid der Ver riols an, Euch als zu u die G tauft mit ieſen hei⸗ l ge⸗ lie⸗ Char⸗ lücke, meine rank⸗ aber aug ß er Dame igen. reude t I Char⸗ nn es von endig 99 —0 in Eurer Umgebung irgend eine Kammerfrau, irgend eine Zofe haben, auf die Ihr Euch verlaſſen könnt.“ „Oh, ich habe Dariole, die mir ſehr ergeben iß, die ſich für mich in Stücke zerſchneiden ließe, ein wah⸗ rer Schatz!“ „Gottes Blut, Baronin, ſagt dieſer Zofe, ich werde ihr Glüͤck machen, wenn ich einmal König von Frant reich bin, wie mir die Aſtrologen weiſſagen.“ Charlotte lächelte, denn ſchon zu dieſer Zeit war der gascogniſche Ruf des Bearners in Beziehung auf Verſprechungen gegründet. „Nun?“ ſaßte ſie,„was verlangt Ihr von Da⸗ riole?“ „Sehr wenig für ſie, Alles für mich.“ „Laßt hören.“ „Euer Gemach liegt über dem meinigen?“ „Ja.“ „Sie warte an der Thüre. Ich klopſe vreimal an, ſie wird öffnen, und Ihr habt den Beweis, den ich Euch anbot.“ Frau von Sauve ſchwieg ein paar Secunden; dann, als ob ſie um ſich her geſchaut hätte, um nicht gehört zu werden, heftete ſie einen Moment ihre Augen auf die Gruppe, welche bei der Königin Mutter weilte; aber ſo kurz vieſer Moment auch war, ſo genügte er doch, daß Catharina und ihre Kammerdame einen Blick aus⸗ tauſchten. „Oh, wenn ich wollte,“ ſagte Frau von Sauve, mit einem Sirenentone, der das Wachs in den Ohren von Ulyſſes ſchmelzen gemacht hätte,„wenn ich Eure Majeſtät auf einer Lüge ertappen wollte „Verfucht es, mein Herz, verſucht es „Ah, meiner Treue! ich bekämpfe die Luſt dazu.“ „Laßt Euch beſiegen; Jit Luen Hnh nie ftärker, glg nach ihrer Piederlage.“ S L Fuer Verſprechen für Dariole 24 an, am Tage, wo Ihr König von Frankreich werde Heinrich ſtieß einen Freudenſchrei aus. Dieſer Schrei entſchlüpfte dem Munde des Bear⸗ ners gerade in dem Augenblick, wo die Königin von Navarra dem Herzog von Guiſe antwortete: Noctu pro more— dieſe Nacht wie gewöhnlich. Heinrich entfernte ſich nun von Frau von Sauve, ſo glücklich als der Herzog von Guiſe war, da er ſich von Margarethe von Valvis entfernte. Eine Stunde nach dieſer Doppelſcene zogen ſich der König Karl und die Königin Mutter in ihre Ge⸗ mächer zurück. Sogleich fingen die Säle an ſich zu leeren, die Gallerien ließen die Baſe ihrer Marmor⸗ ſäulen erſchauen, der Admiral und der Prinz von Condé wurden von vierhundert hugenottiſchen Edelleuten mit⸗ ten durch die bei ihrer Erſcheinung murrende Menge geführt. Helnrich von Guiſe entfernte ſich ebenfalls mit den lothringiſchen Herren und den Katholiken, ge⸗ leitet von dem Freuvengeſchrei und dem Beifallklatſchen des Volkes. Was Margarethe von Valvis, Heinrich von Na⸗ varra und Frau von Sauve betrifft, ſo weiß man, vaß ſie im Louvre ſelbſt blieben. 1l. Das Gemach der Bönigin von Mavarra. Der Herzog von Fuiſe führte ſeine Schwögerin, die Herzogin von Nevers, in ihr Hotel zurück, das in der Rue du Chaume, der Rue de Brac gegenüber, . lag hatt eine den ein getr Do! blic und in kehr mit zu 1 Kan nun gen Abn kem mer mit Jac Kar legt Ket dick oſ ieb kreich Bear⸗ von nlich. auve, r ſich n ſich Ge⸗ ich zu mor⸗ onde mit⸗ Nenge nfalls ge⸗ tſchen Na⸗ „daß 25 lag, und ging, nachdem er ſie ihren Frauen übergeben hatte, in ſeine Wohnung, um die Kleider zu wechſeln, einen Nachtmantel anzuziehen und ſich mit einem von den kurzen, ſpitzigen Dolchen zu bewaffnen, die man ein Edelmannswort nannte und die ohne den Degen getragen wurden. Im Augenblicke aber, wo er den Dolch von dem Tiſche nahm, auf welchem er lag, er⸗ blickte er ein kleines Billet, das zwiſchen der Klinge und der Scheide ſtack.„ Er öffnete es und las, wie folgt: „Ich hoffe, daß Herr von Guiſe dieſe Nacht nicht in den Louvre zurückkehren wird, oder wenn er zurück⸗ kehrt, daß er wenigſtens ſo vorſichtig ſein wird, ſich mit einem guten Panzerhemde und einem guten Schwerte zu bewaffnen.“ „Ah! ah!“ ſprach der Herzog, ſich gegen ſeinen Kammerdiener umwendend,„das iſt eine ſeltſame War⸗ nung, Meiſter Robin. Mache mir doch das Vergnü⸗ gen, mir zu ſagen, welche Perſonen während meiner Abweſenheit hier eingedrungen ſind?“ „Eine einzige, Monſeigneur.“ „Welche?“ „Herr du Gaſt.“ „In der That, ich glaubte ſeine Handſchrift zu er⸗ kennen. Weißt Du gewiß, daß du Gaſt hieher gekom⸗ men iſt? haſt Du ihn geſehen?“ „Ich habe mehr gethan, Monſeigneur, ich habe mit ihm geſprochen.“ „Gut, ich werde ſeinen Rath befolgen. Meine Jacke und meinen Degen.“ An ein ſolches Kleiderwechſeln gewöhnt, brachte der Kammerdiener das Eine und das Andere. Der Herzog legte nun ſeine Jacke an, welche aus ſo geſchmeidigen Kettengliedern beſtand, daß das Stahlgewebe kaum dicker war, als Sammet; dann ſtreifte er darüber eine Hoſe und ein grau und ſilbernes Wamms, was ſeine ieblingsfarbe war, zog lange Stiefeln an, welche bis an die Mitte ſeiner Lenden gingen, ſetzte ein ſchwarzes Sammetbaret ohne Federn und Edelſteine auf, hüllte ſich in einen Mantel von düſterer Farbe, fleckte einen Dolch in den Gürtel, gab ſeinen Begen in die Hände gen eines Pagen, der einzigen Escorte, von der er ſich rollt wollte begleiten laſſen, und ſchlug den Weg nach dem von Louvre ein. Als er aus dem Hotel trat, kündigte der Schl Wächter von Saint⸗Germain⸗LAurerrois ein Uhr ſie r Morgens an. ant So weit die Stunde auch vorgerückt war und errei ſo wenig Sicherheit man damals auf den Straßen wur hatte, ſo begegnete dem abenteuerlichen Prinzen auf das dem Wege doch kein Unfall, und er gelangte wohlbe⸗ nen halten vor die coloſſale Maſſe des alten Louvre, der ſeher ſich, nachdem alle ſeine Lichter allmälig erloſchen zigm waren, furchtbar in ſeinem Schweigen und in ſeiner ſein Dunkelheit erhob. und Vor dem königlichen Schloſſe breitete ſich ein tie⸗ fer Graben aus, auf den die meiſten Zimmer der im fiele Palaſte wohnenden Prinzen gingen. Die Gemächer dvon ſchen Margarethe lagen im erſten Stocke. Dieſer, wenn kein Graben da geweſen wäre, zu⸗ nicht gängliche, erſte Stock war in Folge der Verſchanzung Mat beinahe dreißig Fuß hoch und folglich außer dem Be⸗ inni reiche der Liebenden und der Diebe, was den Herrn Her⸗ heim zog von Guiſe nicht abhielt, muthig in den Graben Zeoh! hinabauſteigen. verſe In demſelben Augenblick hörte man das Geräuſch auch eines Fenſters, das im Erdgeſchoſſe geöffnet wurde. Dieſes Fenſter war vergittert, aber es erſchien eine den Hand, hob eine zum Voraus losgemachte Stange aus Zeit und ließ durch dieſe Oeffnung eine ſeidene Schlinge mit herabhängen. ſchw „Seid Ihr es, Gillonne?“ ſagte der Herzog mit leiſer Stimme. der „Ja,“ antwortete eine Weiberſtimme noch leiſer. der „Und Margarethe?“ 1 arzes üllte einen ände ſich dem e der Uhr und aßen au hbe⸗ der ſchen ſeiner eim on raben äuſch urde. eine as linge mit eiſer. 27 „Sie erwartet Euch.“ „Gut.“ Bei dieſen Worten machte der Herzog ſeinem Pa⸗ gen ein Zeichen; er öffnete ſeinen Mantel und ent⸗ rollte eine kleine Strickleiter. Der Prinz knüpfte eines von den Enden der Leiter an die herabhängende Schlinge. Gillonne zog die Leiter an ſich, befeſtigte ſie und der Prinz fing an, nachdem er ſeinen Degen an den Gürtel geſchnallt hatte, hinaufzuſteigen, und erreichte die Höhe ohne einen Unfall. Hinter ihm wurde die Stange wieder an ihren Platz gebracht, das Fenſter ſchloß ſich und der Page, nachdem er ſei⸗ nen Herrn friedlich hatte in den Louvre ſchlüpfen ſehen, zu deſſen Fenſtern er ihm wohl mehr als zwan⸗ zigmal auf dieſelbe Weiſe 6 kfolgt war, legte ſich, in ſeinen Mantel gehüllt, auf den Boden des Grabens und in den Schatten der Mauer. Es war eine finſtere Nacht und einige Tropfen fielen lau und breit aus der mit Schwefel und elektri⸗ ſchem Stoffe beladenen Wolke. Der Herzog von Guiſe folgte der Führerin, welche nichts Geringeres war, als die Tochter von Jacob von Matignon, Marſchall von Frankreich! Sie war die innigſte Vertraute von Margarethe, welche kein Ge⸗ heimniß vor ihr hatte, und man behauptete, unter der Zohl der Wyſterien, welche ihre unbeſtechliche Treue verſchloß, wären, ſo furchtbare, daß dieſe ſie nöthigten, auch die andern zu bewahren. Es war weder in den untern Zimmern noch in den Gängen ein Licht geblieben; nur von Zeit zu Zeit beleuchtete ein bleicher Blitz die düſteren Gemächer mit einem bläulichen Reflexe, der ſogleich wieder ver⸗ ſchwand. Beſtändig von ſeiner Führerin geleitet, die ihn an der Hond hielt, erreichte der Herzog endlich eine in der Tiefe einer Mauer angebrachte Wendeltreppe, die 28 ſich durch eine geheime, unſichtbare Thüre in das Vor⸗ gemach der Wohnung von Margarethe öffnete. Das Vorgemach war wie die Säle unten, wie e wie die Treppen, in tiefe Finſterniß gehüllt. In dieſem Vorgemache angelangt, blieb Gillonne ſtille ſtehen. „Habt Ihr mitgebracht, was die Königin zu ha⸗ ben wönſcht?“ fragte ſie mit leiſer Stimme. „Ja,“ antwortete der Herzog von Guiſe,„aber ich werde es nur Ihrer Majeſtät ſelbſt zuſtellen.“ „Kommt alſo, und zwar ohne einen Augenblick zu verlieren,“ ſprach nun mitten in der Dunkelheit eine Stimme, die den Herzog beben machte, denn er erkannte darin die von Margarethe. Und zu gleicher Zeit öffnete ſich eine Portiere von veilchenblauem, mit goldenen Lilien beſtreutem Sammet⸗ Der Herzog erblickte im Schatten die Königin ſelbſt, welche ihm in ihrer Ungeduld entgegengegangen war⸗ „Hier bin ich, Madame,“ ſprach der Herzog. Und er ſchlüpfte raſch auf die andere Seite der Portiére, welche hinter ihm herabfiel. Nun war es an Margarethe von Valois, dem Prinzen in der ihm übrigens wohl bekannten Wohnung als Führerin zu dienen, während Gillonne, welche an der Thüre geblieben war, den Finger an ihren legend, ihre königliche Gebieterin beruhigt atte Margarethe führte den Herzog, als hätte ſie ſein⸗ eiferſüchtige Unruhe errathen, bis in ihr Schlafgemach Hier blieb ſie ſtille ſtehen. „Nun!“ ſagte ſie zu ihm,„ſeid Ihr zufrieden, Herzog?“ „Zufrieden, Madame?“ fragte dieſer,„ich bitte Euch worüber?“„ „Ueber dieſen Beweis, den ich Euch gebe,“ verſetzte Margarethe mit einem leichten Ausvrucke des Aergers, Vor⸗ wie terniß lonne u ha⸗ „aber enblick kelheit enn er e von mmet. ſelbſt, war. Und rtiére, „dem hnung che an ihren ruhigt e ſeine emach. rieden, h bitte erſetzte ergers, „daß ich einem Manne angehöre, der an dem Abend ſeiner Verheirathung, ja ſogar in der Hochzeitnacht ſich ſo wenig aus mir macht, daß er nicht einmal ge⸗ kommen iſt, um mir für die Ehre zu danken, die ich ihm erwies, nicht daß ich ihn wählte, ſondern daß ich ihn zum Gemahl annahm.“ „Oh! Madame,“ verſetzte der Herzog traurig, „ſeid unbeſorgt, er wird noch kommen, beſonders wenn Ihr„s wünſcht.“ „Und Ihr ſagt dies, Heinrich,“ rief Margarethe, „Ihr, der Ihr unter Allen gerade das Gegentheil von dem wißt, was Ihr ſagt! Hätte ich den Wunſch, den Ihr bei mir vorausſetzt, würde ich Euch dann gebeten haben, in den Louvre zu kommen?“ „Ihr habt mich gebeten in den Louvre zu kommen, Margarethe, weil Ihr jede Spur unſerer Vergangen⸗ heit zu tilgen wünſcht, und weil dieſe Vergangenheit nicht nur in meinem Herzen, ſondern auch in dieſem filbernen Kiſichen lebte, das ich Euch überbringe.“ „Heinrich, ſoll ich Euch etwas ſagen?“ verſetzte Margarethe, und ſchaute den Herzog dabei feſt an. „Ihr macht nicht mehr die Wirkung eines Prinzen, ſondern die eines Schülers auf mich. Ich leugnen, daß ich Euch geliebt habe! Ich eine Flamme erſticken wollen, welche vielleicht ſterben wird, deren Refler aber nie ſtirbt! Denn die Liebſchaften von Perſonen meines Ranges beleuchten und verzehren oft ihre ganze Epoche; nein, nein, mein Herzog! Ihr könnt die Briefe Eurer Margarethe und das Kiſichen, das fie Euch gegeben hat, behalten. Von allen Briefen, welche dieſes Kiſichen enthält, verlangt ſie nur einen einzigen, und zwar nur, weil dieſer Brief eben ſo gefährlich für Euch, als für ſie iſt.“ „Alles gehört Euch,“ ſprach der Herzog,„nehmt alſo den heraus, welchen Ihr vernichten wollt.“ Margarethe durchwühlte raſch das offene Kiſtchen und nahm, einen nach dem andern, ein Dutzend Briefe 30 heraus, deren Adreſſe ſie zu beſchauen ſich begnügte, als ob bei der Anſicht dieſer Adreſſen allein ihr Ge⸗ vächtniß ſie an den Inhalt der Briefe erinnerte; aber an das Ende ihrer Forſchung gelangt, ſchaute ſie den Herzog an und ſagte erbleichend. „Mein Herr, der Brief, den ich ſuche, iſt nicht hier; ſolltet Ihr ihn zufällig verloren haben? renn daß er abgeliefert worden iſt... „Welchen Brief ſucht Ihr, Madame?“ „Denjenigen, in welchem ich Euch ſchrieb, Ihr ſolltet Euch ſogleich verheirathen.“ „Um Eure Untreue zu entſchuldigen.“ Margarethe zuckte die Achſeln. „Nein, ſondern um Euch das Leben zu reiten. Derjenige, in welchem ich Euch ſagte, daß der Kö⸗ nig unſere Liebe und meine Bemühungen, Eure zu⸗ künftige Verbindung mit der Infantin von Portugal abzubrechen, wahrnehmend, ſeinen Bruder, den Ba⸗ ſtard von Angouleme, habe kommen laſſen und, ihm 8 zwei Schwerter zeigend, geſagt habe:„Mit dieſem tödte heute Abend Heinrich von Guiſe oder ich tödte Dich morgen mit jenem.““ Dieſer Brief, wo iſt er?“ „Hier,“ antwortete der Herzog und zog ihn aus ſeiner Bruſt hervor. Margarethe riß ihn beinahe aus ſeinen Händen, öffnete ihn raſch, verſicherte ſich, daß es wirklich der geforderte war, ſtieß ein Freudengeſchrei aus und 8 näherte ihn der Kerze. Die Flamme theilte ſich ſo⸗ gleich dem Papier mit, das in einem Augenblick von dem Feuer verzehrt war. Dann, als hätte Marga⸗ rethe gefürchtet, man könnte den unklugen Rath ſogar in der Aſche ſuchen, zertrat ſie vieſe unter ihren Füßen. Der Herzog von Guiſe folgte während dieſer ganzen fieberhaften Geſchä Augen. igkeit ſeiner Geliebten mit den „Nun, Margarethe,“ ſprach er, als ſie damit u Ende war,„ſeid Ihr jetzt zufrieden?“ —— cian Lieb Gel vor ziehe „zu noch auft habe hole daß dies wo Haß von entl boch ſend wir! bie Na ſpre und Ihr mügte, Ge⸗ aber e den nicht venn Ihr etten. 2 zu⸗ tugal Ba⸗ ihm ieſem tödte er2 s den, und h ſo⸗ von r upen. nzen den it zu 31 „Ja, denn da Ihr nun die Prinzeſſin von Por⸗ cian geheiralhet habt, ſo wird mir mein Bruder Eure Liebe verzeihen, während er mir die Enthüllung eines Geheimniſſes wie vieſes, das ich in meiner Schwäche vor Euch zu verbergen nicht die Kraft hatte, nie ver⸗ ziehen hätte.“ „Das iſt wahr,“ ſprach der Herzog von Guiſe, „zu jener Zeit liebtet Ihr mich.“ „Ich liebe Euch noch, Heinrich, ich liebe Euch noch eben ſo ſehr, und vielleicht mehr als je.“ „Ja, ich, denn mehr als je bedarf ich heute eines aufrichtigen und ergebenen Freundes. Als Königin habe ich keinen Thron, als Frau keinen Gatten.“ Der Prinz ſchüttelte traurig den Kopf, „Aber wenn ich Euch ſage, wenn ich Euch wiever⸗ hole, daß mein Gatte mich nicht nur nicht liebt, ſondern vaß er mich haßt, daß er mich verachtet... Ueber⸗ dies ſcheint mir Eure Anweſenheit in dem Zimmer, wo er ſein ſollte, ein vollgültiger Beweis für dieſen Haß und vieſe Verachtung zu ſein.“ „Es iſt noch nicht ſpät, Madame, und der König von Ravarra brauchte Zeit, um ſeine Edelleute zu entlaſſen. Iſt er noch nicht gekommen, ſo wird er voch bald erſcheinen.“ „Und ich ſage Euch,“ rief Margarethe mit wach⸗ ſendem Aerger,„ich ſage Euch, daß er nicht kommen wird.“ „Madame!“ rief Gillonne, die Thüre öffnend und die Portiére aufhebend,„Madame, der König von Navarra verläßt ſein Gemach.“ „Oh! ich wußte es wohl, daß er kommen würde,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Heinrich,“ ſagte Margarethe mit kurzem Tone, und den Herzog bei der Hand ergreifend,„Heinrich⸗ Ihr ſollt ſehen, ob ich eine Frau von Wort bin und ob man auf das, was ich einmal geſprochen habe, bauen kann. Heinrich, tretet in dieſes Cabinet.“ „Madame, laßt mich gehen, wenn es noch Zeit iſt, denn bedenkt, daß ich bei dem erſten Zeichen von Liebe, das er Euch gibt, dieſes Cabinet verlaſſe.. und dann, wehe ihm!“ „Ihr ſeid ein Narr; geht hinein, geht hinein, ſage ich Euch, ich ſtehe für Alles.“ Und ſie ſtieß den Herzog in das Cabinet. Es war die höchſte Zeit. Kaum war die Thüre hinter dem Prinzen geſchloſſen, als der König von Navarra, begleitet von zwei Pagen, welche acht roſen⸗ farbige Kerzen auf zwei Candelabern trugen, lächelnd auf der Schwelle des Gemaches erſchien. Margarethe verbarg ihre Unruhe unter einer tie⸗ fen Verbeugung. „Ihr ſeid noch nicht zu Bette?“ fragte der Bear⸗ ner mit ſeinem offenen, heiteren Geſichte.„Habt Ihr mich zufällig erwartet?“ „Nein, Herr,“ antwortete Margarethe,„denn noch geſtern ſagtet Ihr mir, Ihr wüßtet wohl, unſere Heirath wäre nur eine politiſche Verbindung, und Ihr würdet mir nie Zwang anthun.“ „Ganz gut; das iſt aber kein Grund, daß wir nicht ein wenig miteinander plaudern ſollten.„Gil⸗ lonne, ſchließt die Thüre und laßt uns allein.“ Margarethe ſtand auf und ſtreckte die Hand aus, als wollte ſie den Pagen befehlen, zu bleiben. „Soll ich Euere Frauen rufen?“ fragte der Kö⸗ nig.„Ich werde es thun, wenn Ihr es wünſcht, ob⸗ gleich es mir in Beziehung auf die Dinge, welche ich Euch zu ſagen habe, lieber wäre, wenn wir unter vier Augen blieben.“ Und der König von Navarra ging auf das Ca⸗ binet zu. „Nein,“ rief Margarethe, ihm ungeſtüm entgegen⸗ zu h war als ſein ſpra blei blick die heze ſage rath fort, mer eina heſch iſt; chen und fügt muß Nan geſch mich Unſe Fall habe, Zeit on inein, hüre von oſen⸗ helnd tie⸗ Bear⸗ Ihr denn nſere Ihr wir „Gil⸗ aus, „ob⸗ e ich unter Ca⸗ egen⸗ 3³ tretend,„nein, es iſt unnöthig, ich bin bereit, Euch zu hören.“ Der Bearner wußte, was er wiſſen wollte; er warf einen raſchen, ſcharfen Blick nach dem Cabinet, als hätte er, trotz des Vorhanges, der es bedeckte, ſeine düſterſte Tiefe durchdringen wollen; dann aber ſprach er, ſeine Blicke wieder auf ſeine vor Schrecken bleiche Gemahlin zurücklenkend: 2„Wenn Ihr ſo wollt, plaudern wir einen Augen⸗ „Wie es Euerer Majeſtät gefällig iſt,“ antwortete die junge Frau, auf den Stuhl, den ihr Gemahl ihr bezeichnete, mehr zurückfallend, als ſich ſetzend. Der Bearner ſetzte ſich neben ſie. „Madame,“ fuhr er fort,„was auch viele Leute ſagen mochten, unſere Heirath iſt eine gute Hei⸗ rath.. Ich bin gut für Euch und Ihr ſeid gut für mich.“ „Aber,„ ſprach Margarethe erſchrocken. „Wir müſſen alſo,“ fuhr der König von Nävarra fort, ohne daß er das Zögern von Margarethe zu be⸗ merken ſchien,„wir müſſen als gute Verbündete gegen einander handeln, da wir heute vor Gott einen Bund beſchworen haben. Iſt das nicht auch Eure Meinung?“ „Allerdings.“ „Ich weiß, Madame, wie groß Euer Scharffinn iſt; ich weiß, wie der Boden des Hofes von gefährli⸗ chen Abgründen durchzogen iſt; nun aber bin ich jung, und habe, obgleich ich nie einem Menſchen Böſes zu⸗ fügte, eine Menge von Feinden. Zu welchem Lager muß ich diejenige rechnen, Madame, welche meinen Namen führt und mir vor dem Altare Ergebenheit geſchworen hat?“ „Oh! Herr, könntet Ihr denken 2 „Ich denke nichts, Madame, ich hoffe und will mich verſichern, daß meine Hoffnung gegründet iſt. buhr⸗ Heirath iſt offenbar nur ein Vorwand oder eine alle.“ 34 Margarethe bebte, dieſer Gedanke hatie ſich auch vielleicht in ihrem Geiſte geregt. „Sprecht nun, welches von Beiden iſt es?“ fuhr Heinrich von Navarra fort.„Der König haßt mich, der Herzog von Anjon haßt mich, der Herzog von Alencon haßt mich, Catharina von Medicis haßte meine Mutter zu ſehr, um mich nicht auch zu haſſen.“ „Oh! Herr, was ſagt Ihr?“ „Die Wohrheit, Madame,“ verſetzte der König, „und damit man nicht glauben möchte, ich wäre blind in Beziehung auf die Ermordung von Herrn von Mouy und die Vergiftung meiner Mutter, wünſchte ich wohl, es wäre Jemand hier, der mich hören könnte.“ „Oh! Herr,“ rief Margarethe lebhaft und mit der ruhigſten, lächelndſten Miene, die ſie anzunehmen ver⸗ mochte,„Ihr wißt, daß Niemand außer Euch und mir hier iſt.“ „Das iſt es gerade, warum ich mich gehen laſſe, das iſt es, warum ich Euch zu ſagen wage, daß ich weder der Thor der Schmeicheleten des Hauſes Frank⸗ reich, noch der des Hauſes Lothringen bin.“ „Sire! Sire!“ rief Margarethe. Run was gibt es denn?“ fragte Heinrich lä⸗ elnd. „Was es gibt? Solche Geſpräche ſind ge⸗ fährlich.“ „Wenn mau allein iſt, nicht,“ verſetzte der König. „Ich ſagte Euch alſo.. Margarethe war ſichtbar auf der Folter; ſie hätte gern ein Wort auf den Lippen des Königs zurückgehal⸗ ten, aber Heinrich fuhr mit ſeiner ſcheinbaren Gütmü⸗ thigkeit fort: „Ich ſagte Euch alſo, ich wäre von allen Seiten bedroht, bedroht von dem König, bedroht von dem Her⸗ zog von Alengon, bedroht von dem Herzog von Anjon, bedroht von der Königin Mutter, bedroht von dem Herzog von Guiſe, bedroht don dem Cardinal von Lot das dief kan Ihr ſche ſten ſeid dieſ geli von alle nan Sei Sin verſ Frei ich zu n Kön Han forſe ſeini Nouy vohl, t der ver⸗ mir laſſe, ß ich rank⸗ lä⸗ ge⸗ nig. hätte hal⸗ mü⸗ iten Her⸗ jo, dem von 3* 33 Lothringen, kurz bebroht von aller Welt. Man fühlt das inſtinktartig, Ihr wißt es, Madame. Gegen alle dieſe Drohungen, welche bald ngriffe werden müſſen, kann ich mich nur mit Eurer§ z denn Ihr ſeid geliebt von allen Perſon verwün⸗ ſchen.“ „Ich!“ ſprach Margarethe. „Ja, Ihr,“ verſetzte Heinrich mit dem gutmüthig⸗ ſten Tone;„ja, Ihr ſeid geliebt von König Karl; Ihr ſeid geltebt(er legte einen beſondern Nachdruck auf dieſes Wort) von dem Herzog von Alencon; Ihr ſeid geliebt von der Königin Catharina; Ihr ſeid geliebt von dem Herzog von Guiſe.“ „Mein Herr!“ murmelte Margarethe. „Nun, darf man ſich denn wundern, daß Ihr von aller Welt geliebt ſeid? Diejenigen, welche ich Euch nannte, find Eure Brüder oder Eure Verwandten. Seine Brüder und Verwandten lieben heißt nach dem Sinne Gottes leben.“ „Aber worauf zielt Ihr denn am Ende ab?“ verſetzte Margarethe. „Hört; wenn Ihr Euch, ich ſage nicht zu meiner Freundin, ſondern zu meiner Verbündeten macht, kann ich Allen Trotz bieten, während ich, wenn Ihr Euch zu meiner Feindin macht, im Gegentheil verloren bin.“ „Oh! Eure Feindin, nie Herr,“ rief Margarethe. „Meine Freundin, ebenfalls nie?„ „Vielleicht.“ „Und meine Verbündete?“ „Gewiß.“ Und Margarethe wandte ſich um und reichte dem König die Hand. Heinrich nahm ſie, küßte ſie höftich und ſprach, die Hand ſeiner Gemahlin mehr in einem Verlangen zu forſchen, als durch ein Gefühl der Zärtlichkeit in der ſeinigen behaltend: „Wohl, ich glaube Euch und nehme Euch als en, die mich 36 Verbündete an. Man hat uns verheirathet, ohne vaß wir uns kannten, ohne daß wir uns liebten; man hat uns verheirathet, ohne uns um unſere Meinung zu fragen. Wir find uns daher als Mann und Frau nichts ſchuldig. Ihr ſeht, Madame, daß ich Euren Wünſchen entgegenkomme und daß ich heute beſtätige, was ich Euch geſtern ſagte. Aber wir ſchließen frei⸗ willig eine Verbindung, zu der uns Niemand zwingt. Wir verbinden uns, wie ſich zwei redliche Herzen, die ſich gegenſeitig Schutz ſchuldig ſind, verbinden; ſo ver⸗ ſteht Ihr doch die Sache?“ „Ja, Herr,“ erwiederte Margarethe und ſuchte ihre Hand zurückzuziehen. „Nun wohl!“ ſprach der Bearner, die Augen be⸗ ſtändig auf vie Thüre des Cabinets geheftet,„da unbe⸗ ſchränkte Offenherzigkeit die erſte Probe einer freien, redlichen Verbindung iſt, ſo will ich Euch in allen ſei⸗ nen Einzelheiten den Plan mittheilen, den ich entworfen um alle dieſe Feindſeligkeiten ſiegreich zu bekäm⸗ pfen.“ „Herr“ murmelte Margarethe, ihre Augen unwillkürlich ebenfalls nach dem Cabinet wendend, während der Bearner, da er ſeine Liſt gelungen ſah, in den Bart lachte. „Hört alſo, was ich thun will,“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich den Anſchein gab, als bemerkte er die Un⸗ ruhe der jungen Frau gar nicht,„ich wi „Herr,“ rief Margarethe aufſtehend und den König beim Arme faſſend,„erlaubt, daß ich Athem ſchöpfe. die Aufregung, die Hitze, ich erſticke Margarethe war wirklich bleich und zitterte, als ob ſie zu Boden finken wollte. Heinrich eilte auf ein in gehöriger Entfernung liegendes Fenſter zu und öffnete es. Dieſes Fenſter ging auf den Fluß. „WMargarethe folgte ihm. alli ein leiſ ſeid wär halt iſt, Ver Bee mel wen Hei te daß man inung Frau Euren ätige, frei⸗ vingt. n, die er⸗ eihre n be⸗ unbe⸗ reien, ſei⸗ orfen käm⸗ ugen dend, ſah, „in⸗ Un⸗ önig als mung nſter 37 „Stille! ſtille! Sire! aus Schonung für Euch,“ murmelte ſie. „Ei! Madame,“ verſetzte der Bearner,„auf ſeine Weiſeen„habt Ihr mir nicht geſagt, wir wären allein?“ „Ja, Herr, wißt Ihr aber nicht, daß man mittelſt eines durch die Decke oder durch eine Wand geſchobenen Rohres Alles hören kann?“ „Gut, Madame, gut,“ ſprach lebhaft und ganz leiſe der Bearner.„Ihr liebt mich nicht, aber Ihr ſeid eine redliche Frau.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“. „Ich will damit ſagen, daß Ihr, wenn Ihr fähig wäret, mich zu verrathen, mich hättet fortfahren laſſen, da ich mich allein verrieth. Ihr habt mich zurückge⸗ halten. Ich weiß nun, daß Jemand hier verborgen iſt, daß Ihr eine ungetreue Gattin, aber eine getreue Verbündete ſeid, und für dieſen Augenblick,“ fügte der Bearner lächelnd bei,„bedarf ich offenherzig geſtanden, mehr der Treue in der Politik, als in der Liebe.⸗ „Sire,“ murmelte Margarethe ganz verwirrt. „Gut, gut, wir ſprechen von Allem dem ſpäter, wenn wir uns einander beſſer kennen werden„ ſagte Heinrich. Dann zuckte er die Achſeln und fuhr fort: „Athmet Iht jetzt freier, Madame?“ „Ja, Sire, ja,“ murmelte Margarethe. „In dieſem Fall,“ verſetzte der Bearner,„will ich Euch nicht länger beläſtigen. Ich war Euch nur meine Achtungsbezeigung und ein freundſchaftliches Zuvor⸗ kommen ſchuldig. Wollt Beides, wie ich es biete, von httnſpeten annehmen. Legt Euch nieder, und gute a Margarethe ſchlug zu ihrem Gemahl ein Auge, glänzend von Dantbarkeit guf, reichte ihm ebenfails die Hand und ſprach: Königin Margot. 3 „Es iſt abgemacht.“ „Politiſches Bündniß frei und redlich?“ fragte Heinrich. „Frei und redlich.“ Dann ging der Bearner nach der Thüre, mit dem Blicke Margarethe wie bezaubert nach ſich ziehend. Als der Vorhang zwiſchen ihnen und dem Schlafgemache niedergefallen war, ſprach Heinrich raſch und mit leiſer Stimme: „Ich danke, Margarethe, ich danke! Ihr ſeid eine wahre Tochter von Frankreich. Ich ſcheide ruhig. In Ermangelung Euerer Liebe wird mir wenigſtens Euere Freundſchaft nicht entgehen. Ich zähle auf Euch, wie Ihr auf mich zählen könnt. Gott befohlen, Ma⸗ dame!“ Und Heinrich küßte die Hand ſeiner Frau, wäh⸗ rend er diefelbe ſanft drückte. Dann kehrte er mit ſchnellem Schritte in ſeine Wohnung zurück. Im Cor⸗ ridor aber ſagte er zu ſich ſelbſt: „Wer Leufel iſt bei ihr? iſt es der König? iſt es der Herzog von Alencon? iſt es der Herzog von Guiſe? iſt es ein Bruder? iſt es ein Liebhaber? iſt es das Eine und das Andere? In der That, es thut mir jetzt beinahe leid, daß ich mir von der Ba⸗ ronin die Zuſammenkunft erbeten habe. Da aber mein Wort verpfändet iſt, und Dariole mich erwartet... gleich viel; ich fürchte, ſie wird ein wenig dadurch verlieren, daß ich durch das Schlafgemach meiner Ge⸗ mahlin gegangen bin, denn Ventre⸗ſaint⸗gris! dieſe Margot, wie ſie mein Schwager, Karl IX., nennt, iſt ein bewunderungswürdiges Geſchöpf.“ Mit einem Schritte, in dem ſich ein leichtes Zö⸗ gern verrieth, ſtieg Heinrich von Navarra die Treppe hinauf, welche zu den Gemächern von Frau von Sauve führte. Margarethe war ihm mit den Augen gefolgt, bis er verſchwand, und dann in ihr Zimmer zurückgekehrt. de 80 hal mu He tig Sʒ zeſ Ko liel der die Ihr übe ich tren mat fall agte dem Als ache eiſer eine uere wie Ma⸗ ä⸗ mit or⸗ iſt von er? es Ba⸗ tein „„ rch Ge⸗ ieſe iſt zö⸗ ppe on bis 39 Sie fand den Herzog an der Thüre des Cabinets. Sie Anblick verurſachte ihr beinahe einen Gewiſ⸗ ſensbiß. Der Herzog war ernſt, und ſeine gefaltete Stirne deutete bittere Gedanken an. „Margarethe iſt heute neutral,“ ſprach er,„Mar⸗ garethe wird in acht Tagen feindſelig ſein.“ „Ah, Ihr habt gehört?“ verſetzte Margarethe. „Was ſollte ich in dem Cabinet thun?“ „Und Ihr findet, daß ich mich anders benommen habe, 16 ſich die Königin von Navarra benehmen mußte?“ „Nein, aber anders, als ſich die Geliebte des Herzogs von Guiſe zu benehmen hatte.“ „Mein Herr,“ antwortete die Königin,„ich kann meinen Gemahl nicht lieben, aber Niemant iſt berech⸗ tigt, von mir zu verlangen, daß ich ihn verrathe. Sprecht ehrlich, würdet Ihr die Geheimniſſe der Prin⸗ zeſſin von Porcian, Euerer Gemahlin, verrathen?“ „Gut, gut, Madame,“ verſetzte der Herzog, den Kopf ſchüttelnd.„Ich ſehe, daß Ihr mich nicht mehr liebt, wie in den Tagen, wo Ihr mir erzähltet, was der König gegen mich und die Meinigen anzettelte.“ „Der König war der Starke, und Ihr waret die Schwachen. Heinrich iſt der Schwache und Ihr ſeid d Fſ Ich ſpiele immer dieſelbe Rolle, wie r ſeht.“ „Nur geht Ihr von einem Lager in das andere über.“ „„Das iſt ein Recht, welches ich erlangte, indem ich Euch das Leben rettete.“ „Wohl, Madame, und da man, wenn man ſich trennt, unter Liebenden Alles das zurückgibt, was man ſich zuvor geſchenkt hat, ſo werde ich Euch eben⸗ falls das Leben retten, und wir find quitt.“ Und der Herzog verbeugte ſich und ging ab, ohne 40 daß Margarethe auch nur eine Geberde machte, um ihn zurückzuhalten.* Im Vorzimmer fand er Gillonne, die ihn bis in das Zimmer des Erdgeſchoſſes führte, und in dem Graben ſeinen Pagen, mit welchem er in das Hotel Guiſe zurückkehrte. Während dieſer Zeit ſtellte ſich Margarethe, in Träume verſunken, an ihr Fenſter. „Welch eine Hochzeitnacht!“ murmelte ſie;„der Gemahl flieht mich und der Geliebte verläßt mich!“ In dieſem Augenblick ging auf der andern Seite des Grabens ein von der Tour de Bois zurückkeh⸗ render Schüler, die Fauſt auf der Hüfte, vorüber und ſang: Pourqoi doneques quand je veux Ou mordre tes pbeaux cheveux, Ou baiser ta bouche aimée, Ou toucher à ton peau sein, Contrefais-tu la nonnain Dedans un eloitre onfermée? Pourquoi gardes-tu tes yeux Et ton sein delicieux, Pon front, ta lévre jumelle? En veux-tu baiser Pluton, Lü-bas aprés que Caron Paura mise en sa nacelle? Après ton dernier trépas, Belle, tu n'auras là-bas Qu'une pouchette blémie; Et quand, mort, je te verrai, Aus ombres je niavouerai Que jadis tu fus ma mie! 41 Doncques tandis que tu vis, Change, maitresse, d'avis, Pt ne m'épargne fa bouche, Car au jour ou tu mourras Lors tu te repentiras De m'avoir été farouche.*) Darf die Wolluſt ich nicht fuͤhlen, Dir in Deinem Haar zu wühlen, Küſſen nicht der Lippen Gluth, Oder Deinem Buſen ſchmeicheln, Willſt Du denn die Nonne heucheln In des Kloſters ſtrenger Hut? Warum ſich das Aug verhülle, Stirn' und Lipp', des Buſens Fülle, Iſt ein Raͤthſel, Schoͤne, mir— Willſt Du denn erſt Pluto lachen, Wenn Du fährſt in Charons Nachen, Warum kuͤſſen nicht ſchon hier? Schoͤne, nach der Todesſtunde Prangt kein Roth auf Deinem Munde, Farblos iſt die Lippe Dir; Würd' ich dort Dich wiederſehen, Wuͤrd' ich ſtill vorübergehen, Schweigen, daß Du lieb einſt mir. Darum, Liebſte, noch im Leben Laß den Blick zu Dir mich heben, Und den Mund Dir küſſen ſuß, Denn in Deiner Todesſtunde Bricht Dir auf der Reue Wunde, Daß Dein Herz mich ſprod verſtieß. 42 Margarethe horte ſchwermüthig lächelnd auf die⸗ ſen Geſang. Als aber die Stimme des Schülers fich in der Ferne verloren hatte, ſchloß ſie das Fenſter wie⸗ der und rief Gillonne, um ſich auskleiden zu laſſen. III. Ein königlicher Dichter. Der andere Tag und die darauf folgenden ver⸗ gingen in Feſten, Schauſpielen und Turnieren. Die⸗ ſelbe Vermiſchung unter den zwei Parteien dauerte fort. Es fanden Liebkoſungen und zärtliche Freund⸗ ſchaftsbetheuerungen ftatt, daß auch der wüthendſte Pugenotte den Kopf verlieren mußte. Man ſah den Vater Cotton mit dem Baron von Courtaumer zu Mittag ſpeiſen und ſchwelgen, den Herzog von Guiſe mit dem Prinzen von Condé eine Luſtpartie auf der Seine machen. Der König ſchien ſich von ſeiner ge⸗ wöhnlichen Schwermuth geſchieden zu haben und konnte ſeinen Schwager Heinrich nicht mehr entbehren. Die Königin Mutter endlich war ſo luſtig und ſo mit Sti⸗ ckereien, Juwelen und Helmzierden beſchäftigt, daß ſie darüber den Schlaf verlor. Etwas verweichlicht durch dieſes neue Capua fin⸗ gen die Hugenotten an, ſich wieder in ſeidene Wämſer zu kleiden, Deviſen aufzuſtecken und vor gewiſſen Bal⸗ cons zu paradiren, als ob ſie Kotholiken geweſen wären. Von allen Seiten bemerkte man eine Reaction zu Gun⸗ ſten der reformirten Religion, daß man hätte glauben ſollen, der ganze Hof wolle proteſtantiſch werden. Der 5 Admiral ſelbſt ließ ſich, trotz ſeiner Erfahrung wie die — —.—e—— die⸗ ſich wie⸗ ver⸗ Die⸗ uerte und⸗ ndſte den r zu zuiſe der ge⸗ nnte Die Sti⸗ ſie fin⸗ mſer Bal⸗ ren. zun⸗ ben Der die 43 Andern täuſchen, und ſein Kopf war ſo ſehr eingenom⸗ men, daß er eines Abends zwei Stunden lang ſeinen Zahnſtocher zu gebrauchen vergaß, eine Beſchäftigung, der er ſich gewöhnlich von zwei Uhr Mittags, wo er ſein Mittagsbrod endigte, bis acht Uhr Abends, d. h. bis zu dem Augenblick überließ, wo er ſich zu Tiſche ſetzte, um zu Nacht zu ſpeiſen. An dem Abend, an welchem der Admiral ſich die⸗ ſes unglaubliche Vergeſſen ſeiner Gewohnheiten zu Schulden kommen ließ, hatte Karl IX. Heinrich von Navarra und den Herzog von Guiſe zum Gouter ein⸗ geladen; als dieſes vorüber war, ging er mit ihnen in ſein Zimmer und erklärte ihnen den geiſtreichen Me⸗ chanismus einer Wolfsfalle, die er ſelbſt erfunden hatte, als er plötzlich, ſich ſelbſt unterbrechend, fragte: „Kommt der Herr Admiral dieſen Abend nicht? wer hat ihn heute geſehen? wer kann mir Kunde von ihm geben?“ „Ich,“ ſagte der Herzog von Navarra;„falls Eure Majeſtat um ſeine Geſundheit beſorgt wäre, könnte ich ſie beruhigen, denn ich habe ihn dieſen Morgen um ſechs Uhr und dieſen Abend um ſieben Uhr geſehen.“ „Ah, ah!“ ſprach der König, deſſen einen Moment zerſtreute Augen mit durchdringender Neugierde auf ſeinem Schwager ruhten,„Ihr ſteht für einen jungen Ehemann ſehr frühe auf, Heinrich.“ „Ja, Sire,“ antwortete der König von Bearn, „ich wollte mich bei dem Cardinal, der Alles weiß, erkundigen, ob einige Edelleute, die ich erwarte„noch nicht auf dem Wege wären.“ „Noch mehr Edelleute? Ihr hattet achthundert an Eurem Hochzeitsfeſte, und jeden Tag kommen neue hinzu. Wollt Ihr uns denn überſchwemmen?“ ſprach Karl lächelnd. Der Herzog von Guiſe faltete die Stirne. „Sire,“ verſetzte der Begrner,“ man ſpricht von 1 einem Unternehmen gegen Flandern, und ich ſammle 6 um mich her alle diejenigen meines Landes und der d Umgegend, von welchen ich glaube, ſie könnte Eurer d Majeſtät nützlich ſein.“ Der Herzog erinnerte ſich des angeblichen Planes, d von dem der Bearner mit Margarethe an ihrem Hoch⸗ ei zeitstage geſprochen hatte, und horchte aufmerkſam. b „Gut, gut,“ antwortete der König,„je mehr Ihr V habt, deſto zufriedener ſind wir. Bringt ſie, bringt ſie, Heinrich! Aber was für Edelleute ſind es, tapfere, K wie ich hoffe?“ v „Ich weiß nicht, Sire, ob meine Edelleute je ſo de viel werth ſein werden, als die Eurer Majeſtät, die S des Herzogs von Anjou oder die des Herrn von Guiſe. er Aber ich kenne ſie und weiß, daß ſie ihr Wöglichſtes di thun werden.“ „Erwartet Ihr noch viele?“ m „Noch zehn bis zwölf.“ „Sie heißen?“ „Sire, ihre Namen entgehen mir, und mit Aus⸗ Le nahme von einem derſelben, der mir von Teligny als g ein vollkommener Edelmann empfohlen iſt und de La Mole heißt, wüßte ich nicht zu ſagen m „De La Mole? iſt es nicht ein Lerac de La Mole S d verſetzte der König, welcher in der genealogiſchen Wiſ⸗ m ſenſchaft ſehr bewandert war.„Ein Provengal?“ C „Ganz richtig, Sire. Ihr ſeht, ich rekrutire ſogar bis in die Provence. S „Und ich,“ ſprach der Herzog von Guiſe mit d einem ſpöttiſchen Lächeln,„ich gehe noch weiter, als d Seine Majeflät der König von Navarra, denn ich hole di bi in Piemont alle ſichere Katholiken, die ich finden de ann.“ „Katholiken oder Hugenotten,“ unterbrach ihn der bi „mir liegt wenig daran, wenn ſie nur tapfer nd.* o um dieſe Worte zu ſagen, welche in ſeinem „ mmle d der Eurer lanes, Hoch⸗ n. r Ihr ringt pfere, je ſo uiſe. chſtes Aus⸗ als e La le Wiſ⸗ ogar mit als hole nden der pfer nem 45 Geiſte Hugenotten und Katholiken vermiſchten, hatte der König eine ſo gleichgültige Miene angenommen, daß de Herzog von Guiſe darüber erſtaunt war. „Eure Majeſtät beſchäftigt ſich mit uns Flamän⸗ dern,“ ſagte der Admiral, dem von dem König ſeit einigen Tagen die Gunſt, unangemeldet einzutreten, bewilligt worden war, und der die letzten Worte Seiner Majeſtät bei ſeinem Eintritt gehört hatte. „Ah, hier iſt mein Vater, der Admiral,“ rief Karl IX., die Arme öffnend.„Man ſpricht vom Krieg, von Edelleuten, von Tapferen, und er kommt. Wo der Magnet iſt, dahin dreht ſich das Eiſen. Mein Schwager von Navarra und mein Vetter von Guiſe erwarten Verſtärkungen für Eure Armee. Hievon iſt die Rede.“ dieſe Verſtärkungen kommen,“ ſagte der Ad⸗ miral. „Habt Ihr Nachricht, Herr?“ fragte der Bearner. „Ja, mein Sohn, und beſonders von Herrn de La Mole; er war geſtern in Orleans und wird mor⸗ gen oder übermorgen in Paris ſein.“ „Teufel, der Herr Adrimal iſt alſo ein Nekro⸗ mant, daß er ſo weiß, was in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Meilen vorgeht? Ich meinerſeits möchte wohl mit derſelben Sicherheit wiſſen, was vor Orleans geſchehen wird oder geſchehen iſt. Coligny blieb unempfindlich für dieſen blutigen Stich des Herzogs von Guiſe, welcher offenbar auf den Tod von Franz von Guiſe, ſeinem Vater, anſpielte, der vor Orleans von Poltrot de Mers ermordet wor⸗ den war, nicht ohne daß man den Admiral im Ver⸗ dacht hatte, er habe zu dem Verbrechen gerathen. „Mein Herr,“ verſetzte er kalt und würdevoll,„ich bin Nekromant, ſo oft ich beſtimmt wiſſen will, was von weſentlichem Intereſſe für meine Angelegenheiten oder für die des Königs iſt. Mein Eilbote iſt vor einer Stunde von Orleans angekommen und hat mit 6 der Poſt zweiunddreißig Lieues in einem Tage zu⸗ rückgelegt. Herr de La Mole, welcher mit ſeinem Pferde reiſt, macht nur zehn des Tags, und wird erſt vierundzwanzigſten ankommen. Das iſt die ganze agie.“ „Bravo, mein Vater, gut geantwortet,“ ſagte Karl IX.„Zeigt dieſen jungen Leuten, daß zugleich die Weisheit und das Alter Eure Haupthaare und Euren Bart gebleicht haben. Wir wollen ſie auch fortſchicken, daß ſie von ihren Turnieren und Liebſchaften plaudern, und beiſammen bleiben, um von unſern Kriegen zu ſprechen.“„Geht, meine Herren, ich habe mit dem Admiral zu reden.“ Die zwei jungen Männer entfernten ſich; der Kö⸗ nig von Navarra zuerſt und der Herzog von Guiſe hernach; vor der Thüre aber ging jeder nach einer kalten Verbeugung auf einer andern Seite ab. Coligny folgte ihnen mit den Augen, nicht ohne eine gewiſſe Unruhe, denn er ſah nie dieſe zwei einge⸗ wurzelten Leidenſchaften des Haſſes ſich nähern, ohne daß irgend ein neuer Blitz daraus hervorſprang. Karl IX. begriff, was in ſeinem Innern vorging, trat auf ihn zu, legte ſeinen Arm auf den des Admirals und ſprach: 3 „Seid ruhig, mein Vater, ich bin da, um Zeden im Gehorſam und in der Achtung zu erhalten. Ich bin in Wahrheit König, ſeitdem meine Mutter nicht mehr Königin iſt, und ſie iſt nicht mehr Königin, ſeitdem Coligny mein Vater iſt.“ „Ah, Sire,“ ſprach der Admiral,„dir Königin Catharina. „Iſt eine Händelſtifterin, mit ihr iſt kein Friede möglich. Dieſe italieniſchen Katholiken ſind wüthende Menſchen, die von nichts wiſſen wollen, als von Aus⸗ rottung. Ich im Gegentheil will nicht nur Frieden ſtiften, ſondern auch denen von Eurer Religion Macht ge zu⸗ einem rd erſt ganze ſagte ch die Euren icken, dern, en zu dem Kö⸗ Guiſe einer ohne inge⸗ ohne rang. trat irals zeden bin mehr tdem nigin riede en Aus⸗ eden kacht 47 verleihen. Die Andern find zu leichtſinnig, mein Va⸗ ter, ſie ſcandalifiren mich durch ihre Liebſchaften und durch ihren ungeordneten Lebenswandel. Soll ich offen mit Dir ſprechen?“ fuhr Karl IX., ſeine Treuherzigkeit verdoppelnd, fort.„Ich mißtraue meiner ganzen Um⸗ gebung, mit Ausnahme meiner neuen Freunde. Der Ehrgeiz von Tavannes iſt mir verdächtig. Vieilleville liebt nur den guten Wein, und wäre im Stande, ſei⸗ nen König um ein Faß Malvaſier zu verrathen. Mont⸗ morench kümmert ſich nur um die Jagd und bringt ſeine Zeit zwiſchen ſeinen Hunden und ſeinen Falken hin. Der Graf von Retz iſt Spanier, die Guiſen find Lothringer. Gott ſoll mir vergeben, aber ich glaube, es gibt in Frankreich keine wahre Franzoſen, außer mir, meinem Schwager von Navarra und Dir. Doch ich bin an den Thron gefeſſelt und kann die Heere nicht befehligen. Man läßt mich kaum nach meinem Wohlgefallen in Saint Germain und in Rambouillet jagen. Mein Schwager von Navarra iſt zu jung und hat zu wenig Erfahrung. Ueberdies ſcheint er mir in allen Stücken ſeinem Vater Anton ähnlich, den die Weiber ſtets verdorben haben. Nur Du, mein Vater, Du biſt zugleich tapfer, wie Julius Cäſar, und weiſe, wie Platv. Auch weiß ich in der That nicht, was ich thun ſoll: Dich als Rath hier behalten oder Dich als General abſchicken. Wenn Du mir räthſt, wer wird befehligen? Wenn Du befehligſt, wer wird mir rathen?“ „Sire,“ antwortete Coligny,„man muß zuerſt fiegen, der Rath wird nach dem Siege kommen.“ „Das iſt Deine Anſicht, mein Vater? Wohl, es ſei. Es ſoll nach Deiner Meinung verfahren werden. Du wirſt Montag nach Flandern, und ich werde nach Amboiſe abreiſen.“ „Euere Majeſtät verläßt Paris?“ „Ja. Ich bin alles dieſes Geräuſches, aller die⸗ ſer Feſte müde. Ich bin kein Mann der Thätigkeit, ich bin ein Träumer. Ich war picht geboren, um ein König, ſondern um ein Dichter zu werden. Du bil⸗ deſt eine Art von Rath, welcher regieren wird, wäh⸗ 3 rend Du im Felde biſt, und wenn ſich meine Mut⸗ abe ter nicht darein miſcht, wird Alles gut gehen. Ich die habe bereits Ronſard eingeladen, mich dort zu befu⸗ Her chen, und dann werden wir Beide ferne vom Geräuſche reic der Welt, fern von den Böſen, unter unſern großen Bäumen, am Ufer des Fluſſes, beim Gemurmel der ſieh Bäche von göttlichen Dingen ſprechen.. es iſt dies die wel einzige Entſchädigung, die es da es auf Erden für menſchliche Dinge gibt. Doch halt, höre die Verſe, u durch welche ich ihn einlade, ich habe ſie dieſen ich Morgen gemacht.“ Coligny lächelte, Karl IX. fuhr mit ſeiner Hand über ſeine gelbe, elfenbeinglatte Stirne, und ſprach nich mit einem gewiſſen, nach dem Takte abgemeſſenen, Ge⸗ will ſange folgende Verſe: len. neu BRonsard, je connais bien que si tu ne me vois, und Tu oublies soudain de ton grand roi la voix; zu Mais pour ton souvenir, pense que je n'oublie fort Continuer toujours d'appendre en poésie, uns Et pour ce j'ai voulu t'envoyer cet écrit, zu Pour enthousiasmer ton fantastique esprit. zc— Ponc ne t'amuse plus aux soins de ton ménage, Maintenant n'est plus temps de faire jardi- nage; Il faut suivre ton roi, qui t'aime par sus tous, Pour les vers, qui de toi coulent braves et doux,„ Et crois, si tu ne viens me voir à Amboise, Qu'entre nous adviendra un bien grand noise*). *) Ich weiß es wohl, wenn mich Dein g nicht ſiehet, Daß das Gedaͤchtniß Dir des großeh Herrn entfliehet; Doch daß Du meiner denkſt, vergiß es nie, Daß ich ein Treuer bin der ſchoͤnen Poeſie, p ſ ieſen Hand prach „Ge⸗ ois, li age, rdi- ous, oux, e). iehet, ehetz ¹⁰ „Bravo, Sire, bravo!“ rieſ Coligny,„ich verſtehe mich beſſer auf den Krieg, als auf die Dichtkunſt, aber es ſcheint mir, dieſe Verſe find ſoviel werth, als die beſten von Ronſard, Dorat, und ſelbſt von F Michel de L'Hospital, dem Kanzler von Frank⸗ reich.“ „Ah, mein Vater, wie ſprichſt Du ſo wahr! denn ſiehſt Du, der Titel eines Dichters iſt derjenige, nach welchem ich vor allen andern trachte.“ „Sire,“ verſetzte Coligny,„ich wußte wohl, daß Euere Majeſtät mit den Muſen ſich unterhielt; aber ich wußte nicht, daß ſie ihren erſten Rath daraus machte.“ „Nach Dir, mein Vater, nach Dir, und damit ich nicht in meiner Verbindung mit ihnen geſtört werde, will ich Dich an die Spitze aller Angelegenheiten ſtel⸗ len. Höre alſo: ich muß in dieſem Augenblick ein neues Madrigal beantworten, das mir mein großer und lieber Dichter zugeſchickt hat. Ich kann Dir alſo zu dieſer Stunde nicht alle Papiere geben, welche er⸗ forderlich ſind, um Dich über die große Frage, die uns, Philipp II. und mich, trennt, auf das Laufende zu ſetzen. Ueberdieß liegt eine Art von Feldzugsplan Und darum ſend' ich Dir dieß heitere Gedicht, Das die Begeiſterung um Deine Verſe flicht. Laß Dich den Haushalt, Ronſard, nimmer quaͤlen, Dir moͤchte ſonſt die Muſ' in Anderem, als Garten⸗ weſen fehlen, Dem Koͤnig mußt Du folgen, der Dich ſo herzlich liebt, Weil Du die Poeſie ſo kuͤhn, ſo zart geübt. In Amboiſe höffe ich, daß mir Dein Antlitz lache, Wo nicht ſo ſchwör'ich Dichter Dir die tiefſte Rache. vor, den meine Miniſter gemacht haben. Ich werde Dir Alles ſuchen und morgen früh übergeben.“ „Um welche Stunde, Sire?“ „Um zehn Uhr. Und wenn ich zufällig mit Ver⸗ ſen beſchäftigt und in meinem Arbeitscabinet einge⸗ ſchloſſen wäre, ſo würdeſt Du dennoch hier eintreten und alle Papiere, die Du auf dem Tiſche in dieſem rothen Portefeuille verwahrt fändeſt, mitnehmen. Die Farbe des Portefeuille iſt ſo auffallend, daß Du Dich nicht täuſchen kannſt. Ich ſchreibe nun an Ronſard.“ „Gott befohlen, Sire.“ „Gott befohlen, mein Vater.“ „Eure Hand?“ „Was ſagſt Du, meine Hand? In meine Arme, an mein Herz, das iſt Dein Platz. Oh, mein alter Krieger, komm!“ Und Karl IX. zog Coligny, der ſich verbeugte, an ſich und drückte ſeine Lippen auf die weißen Haare des Admirals. Der Admiral entfernte ſich, eine Thräne trock⸗ nend. Karl IX. folgte ihm mit den Augen, ſo lange er ihn ſehen konnte, horchte, ſo lange er ihn hören konnte. Dann, als er nichts mehr ſah und nichts mehr hörte, ließ er ſein bleiches Haupt, wie dies ſeine Gewohn⸗ heit war, auf ſeine Schulter fallen und ging lang⸗ ſam von dem Zimmer, in welchem er ſich befand, in ſein Waffencabinet. Dieſes Cabinet war der Lieblingsaufenthalt des Königs. Hier nahm er ſeine Fechtſtunden bei Pompée, ſeine Lectionen in der Dichtkunſt bei Ronſard. Es fanden ſich hier die ſchönſten Vertheidigungs⸗ und An⸗ griffswaffen in großer Auswahl vereinigt. Alle Wände waren mit Streitäxten, Schilden, Piken, Hel⸗ lebarden, Piſtolen und Musketen tapezirt, und an demſelben Tage hatte ihm ein berühmter Waffenſchmied eine Büchſe gebracht, auf welcher in Silber folgende ein kirt Fre rich hat ged ſtes nich Aut ſteh und dur Cat wel weſ geſt Net ſeit miſ Pal erde Ber⸗ nge⸗ eten ſem Die Dich d me, lter ugte, aare rock⸗ e er nnte. örte, ohn⸗ ang⸗ , in des pée, An⸗ Alle Hel⸗ an mied ende 51 vier Verſe ineruſtirt waren, die der königliche Dichter ſelbſt verfaßt hatte: Pour maintenir la foy, Je suis belle et fidèle, Aux ennemis du roy, Je suis belle et eruelle.*) Karl IX. trat alſo, wie geſagt, in dieſes Cabinet ein, und nachdem er die Hauptthüre verſchloſſen hatte, hob er eine Tapete empor, welche einen Gang mas⸗ kirte, der nach einem kleinen Gemache führte, wo eine Frau, vor einem Betpulte knieend, ihr Gebet ver⸗ richtete. Da ſich dieſe Bewegung langſam bewerkſtelligt hatte und die Tritte des Königs, durch den Teppich gedämpft, nicht ſtärker ſchalten, als die eines Geſpen⸗ ſtes, ſo hörte die knieende Frau nichts, wandte ſich nicht um und fuhr fort zu beten. Karl blieb einen in Gedanken verſunken und anſchauend ſtille ehen. Es war eine Frau von vierunddreißig bis fünf⸗ unddreißig Jahren, deren kräftige Schönheit noch mehr durch die Tracht der Bäuerinnen aus der Gegend von Caux hervorgehoben wurde. Sie trug die hohe Haube, welche während der Regierung von Jſabeau von Baiern am Hofe von Frankreich ſo ſehr in der Mode ge⸗ weſen war, und ihr rothes Mieder war ganz mit Gold geſtickt, wie es gegenwärtig die Mieder der Landleute von Nettuno und Sora ſind. Das Gemach, welches ſie ſeit beinahe zwanzig Jahren bewohnte, ſtieß an das Schlafzimmer des Königs und bot ein ſeltſames Ge⸗ miſch von Eleganz und bäuerlichem Ausſehen. Der Palaſt hatte ſich ungefähr in gleichen Theilen an der *) um den Glauben aufrecht zu erhalten, bin ich ſchön und treu; gegen die Feinde des Koͤnigs bin ich ſchön und grauſam. 52 Hütte abgefärbt, wie die Hütte an dem Palaſte, ſo daß dieſes Gemach etwa die Mitte zwiſchen der Einfachheit der Dorfbewohnerin und dem Luxus der vornehmen Dame hielt. Der Betpult, an welchem ſie kniete, war wirklich von vortrefflich geſchnitztem Eichen⸗ holz und mit Sammet bedeckt, den man mit reichen goldenen Franſen beſetzt hatte, während die Bibel, denn dieſe Frau gehörte der reformirten Religion an, während die Bibel, aus der ſie ihre Gebete las, eines von den alten halbzerriſſenen Büchern war, wie man ſie in den ärmſten Häuſern trifft. Alles Uebrige war nach Maßgabe dieſes Betpul⸗ tes und dieſer Bibel. „He, Madelon!“ ſagte der König. Die knieende Frau ſchaute bei dem Tone dieſer vertrauten Stinime lächelnd empor und ſtand auf. „Ah, Du biſt es, mein Sohn,“ ſagte ſie. „Ja, Amme, komm hierher.“ Karl IX. ließ den Thürvorhang niederfallen und ſetzte ſich auf den Arm eines Lehnſtuhles. Die Amme trat zu ihm. „Was willſt Du von mir, Charlot?“ fragte ſie. Die Amme näherte ſich ihm mit einer Vertrau⸗ lichkeit, die von der mütterlichen Zärtlichkeit herrühren mochte, welche die Frau für das Kind faßt, das ſie ge⸗ ſtillt hat, der jedoch die Pamphlete jener Zeit eine un⸗ envlich weniger reine Quelle geben. „Hier bin ich,“ ſagte ſie,„ſprich!“ „Iſt der Mann, den ich habe rufen laſſen, hier?“ „Seit einer halben Stunde.“ Karl ſtand auf, näherte ſich dem Fenſter, ſchaute, ob Niemand auf der Lauer wäre, trat an die Thüre, ſpitzte das Ohr, um ſich zu verſichern, daß Niemand horchte, ſchüttelte den Staub von ſeinen Waffentro⸗ phäen, liebkoſte einen großen Windhund, der ihm Schritt für Schritt folgte, ſtehen blieb, wenn ſein Herr fiille ſtand, wieder ging, wenn ſein Herr ſich in Bet rück dur auf lag der eint mit arti knoe lief dur wel dun nen ſtat und an, Ric jagt des zu te, ſo n der s der em fie ichen⸗ eichen Bibel, n an, eines man etpul⸗ dieſer und ſie. trau⸗ ihren e ge⸗ un⸗ er aute, hüre, nand ntro⸗ ihm ſein h in 53 Bewegung ſetzte, und ſagte ſodann, zu der Amme zu⸗ rückkehrend: „Es iſt gut, Amme, laß ihn eintreten.“ Die gute Frau entfernte ſich durch denſelben Gang, durch den ſie eingetreten war, während der König ſich S einen Tiſch fſützte, auf welchem Waffen aller Art agen. Kaum hatte er dieſe Stellung genommen, als ſich abermals hob und der Erwartete eintrat. Es war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, mit grauem, ſchielendem Auge, mit einer nachteulen⸗ artig gebogenen Naſe, mit hervorſpringenden Backen⸗ knochen. Sein Geſicht ſuchte Ehrfurcht auszudrücken, lieferte aber nur ein heuchleriſches Lächeln auf ſeinen durch die Furcht gebleichten Lippen. Karl ftreckte ſachte hinter ſich eine Hand aus, welche zu dem Kolben einer Piſtole von neuer Erfin⸗ dung gelangte, die mit Hülfe eines mit einem ſtähler⸗ nen Rade in Berührung gebrachten Steines losging, ſtatt daß man hiezu vorher eine Lunte gebraucht hatte, und ſchaute mit ſeinem matten Auge die neue Perſon an, welche wir ſo eben in die Scene gebracht haben. Während dieſer Prüfung pfiff er mit merkwürdiger Richtigkeit und Melodie eines von ſeinen Lieblings⸗ jagdliedern. RNach einigen Serunden, in denen ſich das Geſicht 3 Fremden immer mehr entfärbte, ſagte der König zu ihm: „Ihr ſeid es, den man Franz von Louviers Maurevel nennt?“ „Ja, Sire.“ „Commandant der Petardirer?“ „Ja, Sire.“ „Ich wollte Euch ſehen.“ Maurevel verbeugte ſich. Königin Margot. 1. 4 . 54 „Ihr wißt,“ fuhr Karl, auf jedes Wort einen beſonderen Nachdruck legend, fort,„Ihr wißt, daß ich alle meine Unterthanen gleichmäßig liebe.“ „Ich weiß,“ ſtammelte Maurevel,„daß Eure Ma⸗ jeſtät der Vater ſeines Volkes iſt.“ „Und daß Hugenotten und Katholiken gleichmäßig meine Kinder ſind.“ Maurevel blieb ſtumm, nur wurde das Zittern, welches ſeinen Körper ſchüttelte, dem durchdringenden Blicke des Königs ſichtbar, obgleich derjenige, zu wel⸗ chem er ſprach, beinahe im Schatten verborgen war. Maurevel fiel auf die Kniee. „Sire,“ ſtammelte er,„glaubt mir „Ich glaube,“ fuhr Karl IX. fort, Maurevel im⸗ mer feſter mit einem Blicke anſchauend, ber, Anfangs glafig, nach und nach beinahe flammend wurde,„ich glaube, daß Ihr in Moncontour große Luſt hattet, den Herrn Admiral, der ſich ſo eben von hier entfernt, zu tödten; ich glaube, daß ihr Euren Streich verfehl⸗ tet und dann zum Heere des Herzogs von Anjou, unſeres Bruders, überginget; ich glaube endlich, daß Ihr ſodann zum zweiten Male zu dem Prinzen über⸗ gegangen ſeid und Dienſte in der Compagnie von Herrn Mouy von Saint⸗Phale genommen habt.“ „Oh, Sire!“ „Ein braver picardiſcher Edelmann.“ „Sire, Sire!“ rief Maurevel,„beugt mich nicht ſo ſehr nieder.“ „Es war ein würdiger Offizier,“ fuhr Karl fort, und allmählig trat ein Ausdruck beinahe wilder Grauſamkeit auf ſeinem Geſichte hervor,„ein braver Offizier, der Euch wie einen Sohn aufnahm, Euch Wohnung, Kleidung, Nahrung gab.“ Maurevel entſchlüpfte ein Seufzer der Verzweif⸗ lun ſprach der König unbarmherzig,„und eine zarte 3 3 g 6 „Ihr nanntet ihn, glaube ich, Euren Vater,“ 55 einen Freundſchaft verband Euch mit dem jungen Mouy, ich ſeinem Sohne.“ Immer noch auf den Knieen beugte ſich Maurevel Ma⸗ mehr und mehr unter der Macht des Wortes von Karl IX., welcher unempfindlich und einer Statue näßig ähnlich, deren Lippen allein mit Leben begabt ſind, aufrecht ſtand. ttern„Sprecht,“ fuhr der König fort,„ſolltet Ihr nicht ei zehntauſend Thaler von Herrn von Guiſe bekommen, wel⸗ wenn Ihr den Admiral tödten würdet?“ Ganz beſtürzt ſchlug der Mörder mit der Stirne auf den Boden. „Was den Herrn von Mouy, Euern guten Vater, im⸗ betrifft, ſo begleitetet Ihr ihn eines Tags, als er var. fangs gegen Chevreur recognoscirte. Er ließ ſeine Peitſche ich fallen und ſtieg ab, um ſie aufzuheben. Ihr waret allet allein mit ihm, nahmet eine Piſtole aus Euren Holf⸗ fernt⸗ tern, und während er ſich bückte, drücktet Ihr auf ihn rfehl⸗ ab. Als Ihr ſahet, daß er todt war, denn Ihr tödte⸗ njou, tet ihn mit dem Schuſſe, ergriffet Ihr die Flucht auf daß dem Pferde, das er Euch geſchenkt hatte.“ über⸗ Und als Maurevel bei dieſer Anklage, die in allen einzelnen Umſtänden der Wahrheit entſprach, v ſtumm blieb, fing Karl IX. wieder an, mit derſelben Richtigkeit und demſelben Wohlklang ſein Lieblings⸗ jagdlied zu pfeifen. nicht„He, Meiſter Mörder,“ ſprach er ſodann,„wißt Ihr, daß ich große Luſt habe, Euch hängen zu laſſen?“ „Oh, Majeſtät!“ rief Maurevel. ilder„Der junge Moup hat mich noch darum gebeten, rabtt und ich wußte nicht, was ich ihm antworten ſollte, Euch denn in der That, ſeine Bitte iſt ſehr gerecht.“ Maurevel faltete die Hände. „Um ſo gerechter, als ich, wie Ihr ſagtet, der Vater des Volkes bin, und die Hugenotten nun, da ich mich mit denſelben ausgeſöhnt habe, eben ſo gut zu meinen Kindern gehören, als die Katholiken.“ weif⸗ ter,“ zarte „Sire,“ ſprach Maurevel völlig entmuthigt, „mein Leben iſt in Euren Händen, macht damit, was Ihr wollt.“ „Ihr habt Recht, ich würde keinen Liar dafür geben.“ „Aber, Sire,“ ſagte der Mörder,„gibt es kein Mittel, mein Verbrechen abzukaufen?“ „Ich kenne keines. Wenn ich jedoch an Eurer Stelle wäre, was Gott ſei Dank nicht der Fall iſt.. „Nun, Sire, wenn Ihr an meiner Stelle wäret,“ murmelte Maurevel, deſſen Blick an den Lippen von Karl hing. „Ich glaube, ich würde mich aus der ganzen Ge⸗ ſchichte zu ziehen wiſſen,“ fuhr der König fort. Maurevel erhob ſich auf ein Knie und auf eine Hand und heftete ſeine Augen auf Karl, um ſich zu verſichern, daß er nicht ſpottete. „Ich liebe allerdings den jungen Moup unge⸗ mein,“ fuhr der König fort;„aber ich liebe auch mei⸗ nen Vetter von Guiſe gar ſehr, und wenn er von mir das Leben eines Menſchen forderte, deſſen Tod ein Anderer verlangen würde, ſo wäre ich in großer Ver⸗ legenheit. In Betreff guter Politik wie guter Reli⸗ gion müßte ich thun, was mein Vetter von Guiſe von mir verlangen würde, denn von Mouy erſcheint, ein ſo muthiger Kapitän er auch iſt, doch nur als ein kleiner Kamerad im Vergleich mit dem Prinzen von Lothringen. Während dieſer Worte erhob ſich Maurevel lang⸗ ſam und wie ein Menſch, der zum Leben zurückkehrt. „Das Wichtige für Euch wäre alſo in der ver⸗ zweiflungsvollen Lage, in welcher Ihr Euch befindet, daß Ihr die Gunſt meines Vetters von Guiſe zu ge⸗ winnen ſuchen würdet, und in dieſer Hinſicht erinnere ich mich einer Sache, die er mir geſtern erzählte.“ Maurevel näherte ſich einen Schritt. „„Denkt Euch, Sire,“ ſagte er zu mir,„daß was afür kein urer ret,“ von eine h zu nge⸗ mei⸗ mir ein Ver⸗ Keli⸗ uiſe eint, als nzen ang⸗ rt. ver⸗ idet, ge⸗ nere daß 57 jeden Morgen um zehn Uhr mein Todfeind, von dem Louvre zurückkehrend, durch die Straße Saint⸗Ger⸗ main⸗L'Auxerrois kommt. Ich ſehe ihn von einem vergitterten Fenſter des Erdgeſchoſſes aus. Es iſt das Fenſter der Wohnung meines ehemaligen Lehrers, des Canonicus Peter Pille. Ich ſehe alſo jeden Morgen meinen Feind vorübergehen und bitte jeden Tag den Teufel, ihn in die Eingeweide der Erde hinabzu⸗ ziehen.“ Sagt, Meiſter Maurevel, wenn Ihr der Teufel wäret, das würde meinem Vetter von Guiſe vielleicht Freude machen?“ Maurevel nahm ſein höhniſches Lächeln wieder an und ſeinen noch von Schrecken bleichen Lippen ent⸗ fielen die Worte: Sire, ich habe aber nicht die Gewalt, die Erde zu öffnen.“ „Ihr habt ſie, wenn ich mich recht erinnere, dem braven Mouy geöffnet. Ihr werdet mir hernach ſagen, daß es mit einer Piſtole geſchah. Habt Ihr ſie nicht mehr, dieſe Piſtole?“ „Verzeiht, Sire,“ verſetzte der Räuber,„aber ich ſchieße beinahe noch beſſer mit der Büchſe, als mit der Piſtole.“ „Oh!“ rief Karl IX.,„gleichviel, Piſtole oder Büchſe. Ich bin überzeugt, mein Vetter von Guiſe wird, nicht ſehr häkelig bei der Wahl des Mittels ein. „Aber ich müßte ein Gewehr haben,“ verſetzte Maurevel,„auf deſſen Genauigkeit ich mich verlaſſen könnte, denn ich hätte vielleicht von ferne zu ſchießen.“ „Ich habe zehn Büchſen in dieſem Gemache,“ ver⸗ ſetzte Karl 1X.,„mit denen ich einen Goldthaler auf hundertundfünfzig Schritte treffe. Wollt Ihr eine verſuchen?“ „Oh! Sire, mit dem größten Vergnügen,“ rief Maurevel, auf die Büchſe zuſchreitend, welche in einer 58 Ecke ſtand und an demſelben Morgen Karl IX. ge⸗ bracht worden war. „Nicht dieſe,“ ſagte der König,„nicht dieſe, denn ich habe ſie mir ſelbſt vorbehalten. Ich werde in den nächſten Tagen eine große Jagd haben, wo ſie mir hoffentlich von Nutzen iſt. Aber Ihr könnt jede andere wählen.“ „Und der Feind, Sire, wer iſt es?“ fragte der Mörder. „Weiß ich es?“ antwortete der König, den Elen⸗ den mit ſeinem verächtlichen Blicke niederſchmetternd. „Ich werde alſo Herrn von Guiſe fragen,“ ſtam⸗. melte Maurevel. Der König zuckte die Achſeln und erwiederte: „Fragt nicht, Herr von Guiſe würde nicht ant⸗ worten. Beantwortet man dergleichen Dinge? Es iſt die Sache derjenigen, welche nicht gehängt werden wollen, ſie zu errathen.“ „Aber woran ſoll ich ihn erkennen?“ „Ich habe Euch bereits geſagt, er käme jeden Morgen um zehn Uhr an dem Fenſter des Canonicus vorüber.“ „Es gehen viele Leute vor dieſem Fenſter vorüber. Wollte Eure Majeſtät nur die Gnade haben, mir ir⸗ gend ein Zeichen anzugeben.“ „Oh, das iſt ſehr leicht. Morgen zum Beiſpiel wird er ein Portefeuille von rothem Maroquin unter dem Arme haben.“ „Sire, es genügt.“ „Ihr habt immer noch das Pferd, das Euch Herr von Mouy geſchenkt hat, und das ſo gut läuft?“ „Sire, ich habe ein vortreffliches Barberroß.“ „Oh! ich bin nicht bange um Euch; nur iſt es gut, wenn Ihr wißt, daß das Klofter eine Hinter⸗ pforte hat.“ „Ich danke, Sire; betet zu Gott für mich.“ „Ei, tauſend Teufel, betet lieber zu dem Hölli⸗ ſchen, denn ohne ſeinen Schutz könnt Ihr dem Strange nicht entgehen.“ „Gott befohlen, Sire.“ „Gott befohlen. Doch halt, Herr von Maurevel, Ihr wißt, daß es, wenn man auf irgend eine Art vor übermorgen um zehn Uhr von Euch ſprechen hört, oder wenn man nachher nicht von Euch hört, im Louvre eine Oubliette*) gibt.“ Und Karl IX. fing wieder an, ruhig und richtiger als je ſeine Lieblingsmelodie zu pfeifen. IV. Der Abend des 24. Auguſt 1572. Unſer Leſer hat wohl nicht vergeſſen, daß in dem vorhergehenden Kapitel von einem Edelmann Namens de La Mole die Rede war, welcher mit einer gewiſ⸗ ſen Ungeduld von Heinrich von Navarra erwartet wurde. Dieſer Edelmann ritt, wie es der Admiral vorhergeſagt hatte, durch die Porte Saint⸗Marcel ge⸗ gen Abend am 24. Auguſt 1572 in Paris ein und ließ, einen verächtlichen Blick auf die zahlreichen Wirthshäuſer werfend, welche zu ſeiner Rechten und zu ſeiner Linken ihre maleriſchen Schilder ausſtreckten, ſein völlig dampfendes Pferd bis in das Herz der Stadt dringen, wo er, nachdem er über die Place *) Ein mit einer Fallthüre verſehenes unterirdiſches Gefaͤngniß fuͤr Leute, welche man in der Stille aus dem Weae raͤumen will, ähnlich dem, was man in Deutſchland Jungfernkuß nannte. 5 5 60 Meaubert, über den Petit⸗Pont, über den Pont⸗Notre⸗ Dame und die Quais hingezogen war, am Ende der Rue de Breſec anhielt, aus der man ſeitdem die Rue de l[Arbre⸗Sec gemacht hat, ein Name, den wir zur Erleichterung der Leſer beibehalten wollen. er Name geſiel ihm ohne Zweifel, denn er ritt hinein, und da zu ſeiner Linken ein prachtvolles, an ſeiner Stange knarrendes Schild von Eiſenblech ſeine Aufmerkſamkeit erregte, ſo machte er einen zweiten Halt und las die Worte:„Zum ſchö nenGeſtirne,“ wel⸗ che unter ein Gemälde geſchrieben waren, welches das anlockendſte Bildniß für einen ausgehungerten Reiſenden darſtellte. Es war ein gebratenes Huhn, das mitten an einem ſchwarzen Himmel ſchwebte, während ein Menſch in einem rothen Mantel nach dieſem Geſtirne ju neuen Art ſeine Arme und ſeine Börſe aus⸗ reckte. „Das iſt ein Wirthshaus, das ſich gut ankündigt,“ ſprach der Edelmann zu ſich ſelbſt,„und der Wirth muß, bei meiner Seele, ein kluger Burſche ſein. Ich habe immer ſagen hören, die Rue de l'Arbre⸗Sec wäre ein Quartier des Louvre„und wenn dieſe An⸗ ſtalt nur einigermaßen dem Schilde entſpricht, ſo werde ich mich hier vortrefflich befinden.“ Während der Ankömmling ſich dieſen MWonolog zum Beſten gab, hielt ein Anderer, der durch das entgegengeſetzte Ende der Straße, das heißt durch die ue Saint⸗Honoré eingeritten war, ebenfalls an und beſchaute mit einer gewiſſen Begeiſterung das Schild des ſchönen Geſtirnes. Derjenige, welchen wir kennen, oder wenigſtens dem Namen nach kennen, ritt einen Schimmel von ſpaniſcher Race und trug ein ſchwarzes, mit Schmel verziertes Wamms. Sein Mantel war von dunke veilchenblauem Sammet, er hatte ſchwarze lederne Stiefel, ein Schwert mit cifilirtem eiſernem Griffe und einen Dolch ähnlicher Art. Gehen wir von ſeiner Tracht zu ſeinem Geſichte über, ſo be⸗ 61 merken wir: es war ein Mann von vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, von dunkler Geſichts⸗ farbe, mit blauen Vagen, zartem Schnurrbarte, und glänzenden Zähnen, welche, wenn er ſeinen Mund zu einem feinen, ſchwermüthigen Lächeln öffnete, ſein Antlitz zu erleuchten ſchienen. Der zweite Reiſende bildete einen völligen Cont⸗ raſt mit dem erſten. Unter ſeinem Hute mit der auf⸗ geſchlagenen Krämpe erſchienen reiche, krauſe, mehr rothe als blonde Haare. Unter dieſem Hute glänzte auch ein graues Auge, das bei dem geringſten Anlaſſe in ſo heftige Flammen gerieth, daß man es dann hätte für ſchwarz halten ſollen. Das Uebrige des Geſichtes beſtand aus einem roſenfarbigen Teint, aus einer dünnen Lippe, über der ein falber Schnurrbart her⸗ vorſtand, und aus bewunderungswürdigen Zähnen. Er war im Ganzen mit ſeiner weißen Haut, mit ſeinem hohen Wuchſe und ſeinen breiten Schultern ein ſehr ſchöner Reiter in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, und ſeit einer Stunde, da er die Raſe nach allen Fenſtern emporhob, unter dem Vorwande, Wirthsſchilder zu ſuchen, hatten ihn die Frauen viel angeſchaut. Was die Männer betrifft, welche vielleicht Anfangs ſich geneigt fühlten, zu lachen, als ſie ſeinen Mantel, ſeine knappen Hoſen und ſeine Stiefeln von alterthümlicher Form erblickten, ſo verwandelten ſie dieſes angefangene Lachen in einen artigen Gruß bei der Prüfung dieſer Phoſiognomie, welche in einer Mi⸗ nute zehnerlei verſchiedene Ausdrücke annahm, abge⸗ ſehen von dem wohlwollenden Ausdrucke, welcher flets das Geſicht des verlegenen Provinzbewohners cha⸗ rakterifirt. Er war es, der ſich zuerſt an den andern Edel⸗ mann wandte, welcher, wie geſagt, ebenfalls das Schild des Gaſthofes zum ſchönen Geſtirne betrachtete. „Mordi, Herr!“ ſprach er, mit einem furchtba⸗ ren Gebirgsaccente, in welchem man den Piemonte⸗ 62 ſen unter hundert Fremden erkennen würde,„iſt man hier nicht in der Nähe des Louvre? Jedenfalls glaube ich, daß Ihr denſelben Geſchmack habt, wie ich, und das iſt ſchmeichelhaft für meine Herrlichkeit.“ „Mein Herr,“ antwortete der Andere mit einem provencalen Accente, der dem piemonteſiſchen Accente des Erſten in keiner Beziehung nachgab,„ich glaube in der That, dieſer Gaſthof liegt in der Rähe des Louvre. Uebrigens frage ich mich noch, ob ich die Ehre haben werde, Eurer Meinung zu ſein. Ich gehe mit mir zu Rathe.“ „Ihr ſeid nicht entſchloſſen, mein Herr? das Haus iſt doch gewiß einladend. Dann habe ich mich durch Eure Gegenwart anlocken laſſen. Geſteht wenigſtens, daß das Gemälde ſehr hübſch iſt.“ „Oh! allerdings, aber das iſt es gerade, was mich an der Wirklichkeit zweifeln läßt. Paris iſt voll von Betrügern, wie man mir ſagt, und man betrügt mit ſ Schilde eben ſo gut, wie mit irgend etwas An⸗ erem.“ „Bei Gott, mein Herr,“ verſetzte der Piemonfeſe, „ich bekümmere mich nicht viel um Betrügereien, und wenn der Wirth mir einen Vogel liefert, der minder gut geröſtet iſt, als der ſeines Schildes, ſo ſtecke ich ihn ſelbſt an den Spieß und verlaſſe ihn nicht eher, als bis ihn das Feuer gehörig abgebräunt hat.“ „Ihr beſtimmt mich vollends,“ ſprach der Pro⸗ vengal lachend.„Ich bitte Euch, zeigt mir den Weg, mein Herr.“ „Oh! mein Herr, bei meiner Seele, das werde ich nicht thun, denn ich bin nur Euer unterthäniger Diener, der Graf Annibal von Coconnas.“ „Und ich, mein Herr, ich bin nur der Graf Jo⸗ ſeph Bonifac Lerac de La Mole und ganz zu Euren Dienſten.“ „Dann nehmen wir uns beim Arme, mein Herr, und treten mit einander ein.“ * man aube und nem ente aube des die gehe as urch ens, mich von mit An⸗ und nder her, Pro⸗ Leg, erde iger Jo⸗ uren err, 63 Das Reſultat dieſes ausgleichenden Vorſchlages war, daß die zwei jungen Leute, welche nun von ihren Pferden ſtiegen und die Zügel in die Hände eines Hausknechtes warfen, ſich beim Arme nahmen und ſich nach der Thüre des Gaſthofes wandten, auf deſſen Schwelle der Wirth ſtand. Aber gegen die Gewohnheit ſolcher Leute ſchien der würdige Eigenthümer dieſes Hau⸗ ſes den Ankömmlingen keine Aufmerkſamkeit zu ſchenken; er war ganz vertieft in ein Geſpräch mit einem großen trockenen, gelben Burſchen, der in einem zundelfarbi⸗ gen Mantel ſtack, wie die Eule in ihren Federn. Die zwei Edelleute waren ſo nahe zu dem Wirthe und zu dem Menſchen in dem zundelfarbigen Mantel gekommen, mit dem er ſprach, daß Coconnas, ärger⸗ lich über das geringe Gewicht, welches man auf ihn und ſeinen Gefährten legte, den Wirth beim Aermel faßte. Dieſer ſchien plötzlich zu erwachen und beur⸗ laubte den Andern mit einem:„Auf Wiederſehen! Kommt bald und haltet mich beſonders beſtändig auf dem Laufenden.“ „He, Menſch!“ ſprach Coconnas,„ſeht Ihr nicht, daß man mit Euch zu thun hat?“ „Ah, ich bitte um Vergebung, meine Herren,“ ver⸗ ſetzte der Wirth,„ich ſah Euch nicht.“ „Ei, Mordi! Ihr mußtet uns ſehen, und nun, da Ihr uns geſehen habt, ſo ſagt Herr Graf, ſtatt mein Herr zu ſagen, wenn es Euch gefäl⸗ ig iſt.“ La Mole hielt ſich zurück und ließ Coconnas ſpre⸗ chen, der die ganze Sache auf ſich genommen zu haben ſchien. An ſeiner gerunzelten Stirne konnte man jedoch leicht ſehen, daß er bereit war, ihm im geeigneten Augenblicke zu Hülfe zu kommen. „Nun, was wünſcht Ihr, Herr Graf?“ fragte der Wirth mit dem ruhigſten Tone. „Das iſt ſchon beſſer, nicht wahr?“ ſagte Cocon⸗ nas, ſich gegen da Mole umwendend, der mit dem ————- — 64 Kopfe ein beſtätigendes Zeichen machte.„Der Herr Graf und ich wünſchen, angelockt durch Euer Schild, Abendbrod und Nachtlager in Eurem Gaſthofe zu finden.“ „Meine Herren, ich bin in Verzweiflung, aber ich habe nur noch ein Zimmer, und ich befürchte, es wird Euch nicht zuſagen.“ „Meiner Treue, deſto beſſer,“ ſprach La Mole, „dann wohnen wir anderswo.“ „Nein, nein, ich wohne hier,“ ſagte Coconnas, „mein Pferd iſt abgetrieben, ich nehme alſo das Zimmer, da Ihr es nicht wollt.“ „Ah, das iſt etwas Anderes,“ ſprach der Wirth, ſtets mit vemſelben unverſchämten Phlegma,„wenn Ihr nur Einer ſeid, ſo kann ich Euch gar nicht auf⸗ nehmen.“ „Mord und Tod!“ rief Coconnas,„bei meiner Treue, das iſt ein luſtiges Thier. So eben waren wir zu Zwei zu viel, nun find wir als Einer zu wenig. Du willſt uns alſo nicht beherbergen, Burſche?“ „Meine Herren, da Ihr die Sache in dieſem Tone aufnehmt, ſo will ich Euch offenherzig ant⸗ worten.“ „Antworte, aber geſchwinde!“ „Nun, ich wünſche nicht die Ehre zu haben, Euch zu beherbergen.“ 2“ fragte Coconnas vor Zorn erblei⸗ chend. „Weil Ihr keine Lackeien habt und mir dieß für ein volles Herrenzimmer zwei leere Lackeienzimmer machen würde. Wenn ich Euch nun das Herrenzim⸗ ſo laufe ich Gefahr, die andern nicht zu ver⸗ miethen.“ „Herr de La Mole,“ ſprach Coconnas, ſich um⸗ wendend,„kommt es Euch nicht auch vor, wir ſollten dieſen Burſchen zuſammenhauen.“ „Das iſt thunlich,“ ſprach La Mole und ſchickte Herr child, e zu er ich wird Nole, nas, mer, irth, venn auf⸗ iner ver⸗ um⸗ lten ckte 6⁵ fich, wie ſein Gefährte an, den Wirth mit Peitſchen⸗ hieben zu bearbeiten. Aber trotz dieſer doppelten Demonſtration, welche von Seiten der zwei, wie es ſchien, entſchloſſenen Edelleute nichts ſehr Beruhigendes hatte, gerieth der Wirth nicht aus der Faſſung und begnügte ſich, einen Schritt zurückzuweichen, um in ſeinem Hauſe zu ſein. „Man fieht,“ ſagte er ſpöttiſch lachend,„daß dieſe Herren aus der Provinz kommen. In Paris iſt die Mode, die Wirthe zu mißhandeln, welche ihre Zimmer nicht vermiethen wollen, abgekommen. Man haut die vornehmen Herren zuſammen, und nicht die Bürger, und wenn Ihr zu ſehr ſchreit, ſo rufe ich meine Nach⸗ barn, und Ihr werdet mit Hieben bearbeitet, was eine zweier Edelleute ganz unwürdige Behandlung iſt.“ „Mord und Teufel! er verſpottet uns!“ rief Co⸗ connas ganz außer ſich. „Gregor, meine Büchſe!“ ſprach der Wirth zu ſeinem Knechte, mit demſelben Tone, als wenn er ge⸗ ſagt hätte: Einen Stuhl für dieſe Herren! „Tod und Teufel!“ brüllte Coconnas, ſein Schwert eis„macht Euch doch ein wenig warm, Herr de a MWole!“ „Nein, wenn es Euch gefällig iſt, nein, denn wir uns warm machen, wird das Abendbrod 3 „Wie, Ihr findet rief Coconnas. „Ich finde, daß der Herr vom Schönen Geſtirne Recht hat. Nur weiß er ſeine Reiſenden nicht gut zu faſſen, beſonders wenn es Edelleute ſind. Stait auf eine grobe Weiſe zu uns zu ſagen:„Meine Herren, ich will nichts von Euch,““ hätte er höflich zu uns ſagen ſollen:„Meine Herren, tretet ein!““ mit dem Vorbehalte, auf ſeine Rechnung zu ſetzen: Herren⸗ zimmer ſo viel, Lackeienzimmer ſo viel, in Betracht, daß wir, wenn wir keine Lackeien haben, doch ſolche zu nehmen gedenken.“ 5 66 Hiernach ſchob La Mole den Wirth, welcher ſchon ſeine Hand nach der Büchſe ausßtreckte, ſachte auf die Seite, ließ Coconnas vorbeigehen und trat hinter ihm in das Haus. „Gleichviel,“ ſprach Coconnas,„es fällt mir ſehr ſchwer, meinen Degen wieder in die Scheide zu ſiecken, ehe ich mich verſichert habe, daß er ſo gut ſticht, als die Spicknadel dieſes Burſchen.“ „Geduld, mein lieber Gefährte,“ ſagte La Mole, „alle Gaſthöfe find voll von Edelleuten, welche durch die Hochzeitfeſte oder durch den nahe bevorſtehenden flandriſchen Feldzug nach Paris gezogen werden. Wir würden kein anderes Quartier mehr finden, und vielleicht iſt es in Paris Gewohnheit, die ankommenden Frem⸗ den ſo zu empfangen.“ „Wie geduldig ſeid Ihr doch, Herr de La Mole,“ murmelte Coconnas, vor Wuth ſeinen rothen Schnurr⸗ bart drehend und den Wirth mit den Augen anblitzend, „aber der Schurke ſoll ſich in Acht nehmen. Wenn ſeine Küche ſchlecht, wenn ſein Bett hart, wenn ſein Wein nicht drei Jahre auf Flaſchen gezogen, wenn ſein Aufwärter nicht geſchmeidig iſt, wie ein Rohr „Bah, bah, mein Herr,“ ſagte der Wirth, das Meſſer von ſeinem Gürtel an einem Stahle wetzend, „beruhigt Euch, Ihr ſeyd im Schlaraffenland.“ Dann murmelte er ganz leiſe und den Kopf ſchüttelnd: „Das iſt ein Hugenott. Die Schufte ſind ſo un⸗ verſchämt ſeit der Verheirathung ihres Bearners mit Mademoiſelle Margot.“ Mit einem Lächeln, das ſeine Gäſte beben gemacht haben würde, wenn fie es geſehen hätten, fügte er bei: „Ah! das müßte doch luftig ſein, wenn mir Hu⸗ genotten in die Hände gefallen wären, und wenn „Werden wir zu Nacht ſpeiſen? fragte Coconnas mit zornigem Tone, die Beiſeitereden des Wirthes 3 unterbrechend. die ſär Pa mi vo: un wa cot ſchon f die im ſehr ecken, „ als Mole, durch enden Wir lleicht rem⸗ ole, nurr⸗ tzend, Wenn ſein wenn . das tzend, Kopf un⸗ mit nacht bei: Du⸗ A — nnas rthes k 67 „Wie es Euch gefällt, mein Herr,“ antwortete dieſer, ohne Zweifel durch ſeinen letzten Gedanken be⸗ ſänftigt.. „Es iſt uns gefällig, und zwar bald,“ antwortete Coconnas. Dann ſich gegen La Mole umwendend, fragte er: „Ei, ſagt mir doch, mein Herr Graf, iſt Euch Paris zufällig als eine heitere Stadt vorgekommen?“ „Meiner Treue, nein,“ ſprach La Mole;„es ſcheint mir, ich habe nur verwilderte oder zurückſtoßende Ge⸗ ſichter geſehen. Vielleicht haben die Pariſer Furcht vor dem Sturme. Seht, wie ſchwarz der Himmel und wie ſchwer die Luft iſt!“ „Sagt mir, Graf, Ihr ſucht den Louvre, nicht wahr?“ „Und Ihr ebenfalls, glaube ich, Herr von Co⸗ connas.“ „Gut, wenn Ihr wollt, ſo ſuchen wir ihn mit einander. „Ei, iſt es nicht ein wenig zu ſpät, um auszu⸗ gehen?“ ſprach La Mole. „Spät oder nicht, ich muß ausgehen. Meine Be⸗ fehle ſind genau. So ſchnell als möglich nach Paris kommen und ſogleich nach der Ankunft den Herzog von Guiſe aufſuchen.“ Bei dem Namen des Herzogs von Guiſe näherte ſich der Wirth ſehr aufmerkſam. „Es ſcheint mir, dieſer Schuft behorcht uns,“ ſagte Coconnas, der als Piemonteſe ſehr ſtreitſüchtig war und dem Herrn des ſchönen Geſtirnes die unhöfliche i wie er ſeine Reiſenden empfing, nicht verzeihen onnte. „Ja, meine Herren, ich horche,“ ſagte dieſer, die Hand an ſeiner Mütze legend,„aber um Euch zu die⸗ nen. Ich höre von dem großen Herzog von Guiſe ſprechen und eile. Womit kann ich Euch dienen, meine gnädigen Herren?“ 68 „Ah, ah, dieſer Name iſt magiſch, wie es ſcheint; denn aus dem Unverſchämten iſt ein Unterthäniger ge⸗ worden. Mordi! Meiſter, Meiſter, wie heißſt Du?“ „Meiſter La Huriére,“ antwortete der Wirth, ſich verbeugend. „Nun wohl, Meiſter La Huriere, glaubſt Du vielleicht, mein Arm ſei minder ſchwer, als der des Herrn Herzogs von Guiſe, der das Vorrecht hat, Dich ſo höflich zu machen.“ „Nein, mein Herr Graf, aber er iſt minder lang,“ verſetzte La Huriere.„Ueberdieß muß ich Euch ſagen, daß dieſer große Heinrich der Abgott von uns Pari⸗ ſern iſt.“ „Welcher Heinrich?“ fragte La Mole. „Es ſcheint mir, es gibt nur einen,“ verſetzte der Wirth. „Und das iß?“ „Heinrich von Guiſe.“ „Um Vergebung, mein Freund, es gibt noch einen Andern, von dem ich Euch nichts Böſes zu ſagen bitte; dieß iſt Heinrich von Navarra, abgeſehen von Hein⸗ rich von Condé, der auch ſein Verdienſt hat.“ „Dieſe kenne ich nicht,“ erwiederte der Wirth. „Ja, aber ich kenne ſie,“ ſprach La Mole,„und da ich an den König von Navarra adreſſrt bin, ſo bitie ich Euch, in meiner Gegenwart nicht über ihn zu ſchmähen.“ Der Wirth beſchränkte ſich darauf, ohne Herrn de —— La Mole zu antworten, leicht ſeine Mütze zu berühren, und ſagte ſodann fortwährend mit freundlichen Augen gegen Coc onnas: „Der gnädige Herr wird alſo mit dem großen Her⸗ zog von Guiſe ſprechen? Der gnädige Herr iſt ein ſehr glücklicher Mann und kommt ohne Zweifelwegen „Warum?“ fragte Coconnas. „Wegen des Feſtes,“ antwortete der Wirth mit . einem ſonderbaren Lächeln. eint; r ge⸗ Du 2. ſich Du r des Dich ng, agen, Pari⸗ e der einen bitte; Hein⸗ d da bitte n zu n de hren, ugen Her⸗ ſehr —— mit 69 „Wegen der Feſte, ſolltet Ihr ſagen; denn Paris überſtrömt von Feſten, wie ich gehört habe. Man ſpricht wenigſtens nur von Bällen, von Gelagen, von Rin⸗ gelrennen. Beluſtigt man ſich nicht ungemein in Paris?“ „Mäßig, gnädiger Herr, wenigſtens bis jetzt,“ ant⸗ wortete der Wirth,„aber man wird ſich beluſtigen, wie ich hoffe.“ „Die Hochzeit Seiner Majeſtät des Königs von Navarra zieht doch viele Menſchen in dieſe Stadt,“ ſprach La Mole. „Viele Hugenotten, ja Herr,“ erwiederte La Hu⸗ riere mit rauhem Tone. Dann ſich faſſend ſprach er: „Ah, um Vergebung, die Herren ſind vielleicht von dieſer Religion?“ „Ich von dieſer Religion!“ rief Coconnas,„ich bin ein Katholik, wie unſer heiliger Vater, der Papſt. La Huriére wandte ſich gegen La Mole um, als wollte er ihn fragen; aber entweder begriff dieſer ſeinen Blick nicht oder er hielt es nicht für geeignet zu ant⸗ worten. „Wenn Ihr Seine Majeſtät den König von Na⸗ varra nicht kennt, Meiſter La Huriére, ſo kennt Ihr doch vielleicht den Herrn Admiral. Ich hörte, der Herr Admiral genöſſe einige Gunſt bei Hofe, und da ich ihm empfohlen bin, ſo wünſche ich, wenn ſeine Ad⸗ reſſe Euch nicht den Mund ſchindet, zu wiſſen, wo er wohnt.“ „Er wohnte in der Rue de Beéthiſy, mein Herr, hier rechts,“ antwortete der Wirth mit einer innern Freude, die zu einer äußern zu werden ſich nicht er⸗ wehren konnte. „Wie? er wohnte?“ fragte La Mole,„iſt er denn ausgezogen?“ „Ja, wenigſtens aus dieſer Welt.“ „Was ſoll das heißen?“ riefen gleichzeitig die zwei Edelleute.„Der Admiral iſt aus dieſer Welt ge⸗ zogen?“ Konigin Margot. 1. 5 v 70 „Wie, Herr von Coconnas,“ fuhr der Wirth mit einem boshaften Lächeln fort,„Ihr gehört zu den An⸗ hängern von Guiſe, und wißt dies nicht?“ „Was denn?“ „Daß der Admiral, als er vorgeſtern auf der Place Saint⸗Germain⸗LAuxerrois vor dem Hauſe des Canonicus Peter Pille vorüberging, einen Büchſen⸗ ſchuß bekommen hat?“ „Und er iſt todt!“ rief La Mole. „Nein, der Schuß hat ihm nur den Arm zer⸗ ſchmettert und zwei Finger abgeſchlagen, aber man hofft, die Kugeln werden vergiftet geweſen ſein.“ „Wie, Schurke! man hofft!“ rief La Mole. „Man glaubt, will ich ſagen,“ verſetzte der Wirth. „Streiten wir uns nicht über ein Wort, ich habe mich nur verſprochen.“ Und Meiſter La Huriere wandte La Mole den Rücken zu und ftreckte gegen Coconnas auf die hä⸗ miſchſte Weiſe die Zunge heraus, dieſe Geberde mit einem Blicke des Einverſtändniſſes begleitend. „In der That!“ ſagte Coconnas ſtrahlend. „In der That!“ murmelte La Mole mit ſchmerz⸗ lichem Erſtaunen. „Es iſt, wie ich Euch zu ſagen die Ehre habe,“ antwortete der Wirth. „Dann gehe ich, ohne einen Augenblick zu ver⸗ lieren, in den Louore. Werde ich wohl den König Heinrich dort finden?“ „Es iſt wahrſcheinlich, da er daſelbſt wohnt.“ „Und ich gehe auch in den Louvre,“ ſagte Cocon⸗ nas;„werde ich den Herzog von Guiſe wohl dort finden?“ „Es iſt wahrſcheinlich, ich habe ihn vorhin mit ſeinen zweihundert Edelleuten vorüberreiten ſehen.“ „Dann kommt, Herr von Coconnas,“ ſprach La Mole. mit An⸗ der auſe hſen⸗ zer⸗ man zirth. mich den hä⸗ mit merz⸗ abe, 4 ver⸗ könig A ocon⸗ dort n mit hen. ch 71 „Ich folge Euch, mein Herr,“ ſagte Coconnas. „Aber Euer Abendbrod, meine gnädigen Herrn?“ ſagte Meiſter La Huriére. „Ah,“ erwiederte La Mole,„ich ſpeiſe vielleicht bei dem König von Navarra zu Nacht.“ „Und ich bei dem Herzog von Guiſe.“ „Und ich,“ ſprach der Wirth, nachdem er den zwei Edelleuten, welche den Weg nach dem Louvre einſchlugen, mit den Augen gefolgt war,„ich will meine Pickelhaube putzen, meine Büchſe mit Zündkraut verſehen und meine Partiſane ſchleifen.“ V Vom PLoupre insbeſondere und von der Tugend im Allgemeinen. Von der erſten Perſon, die ihnen begegnete, un⸗ terrichtet, gingen die zwei Edelleute durch die Rue d'Averon, durch die Rue Saint⸗Germain⸗Auxerrois und befanden ſich bald vor dem Louvre, deſſen Thürme ſich mit den erſten Schatten des Abends zu vermiſchen anfingen. „Was habt Ihr denn?“ fragte Coconnas La Mole, der bei dem Anblicke des alten Schloſſes ſtehen blieb und mit einer gewiſſen Achtung dieſe Zugbrücken, dieſe ſchmalen Fenſter und dieſe ſpitzigen Thürme, welche plötzlich vor ſeine Augen traten, betrachtete. „Meiner Treu', ich weiß es nicht, das Herz ſchlägt mir. Ich bin doch nicht übermäßig furchtſam; aber ich weiß nicht, warum mir dieſer Palaſt ſo düſter, ich möchte ſagen, ſo furchtbar erſcheint.“ — 8 6 1 — 72 „Und ich,“ ſagte Coconnas,„ich weiß nicht, wie mir geſchieht, aber ich bin von einer beſondern Heiter⸗ keit. Mein Ausſehen iſt ein wenig vernachläßigt,“ fuhr er, mit den Augen ſeine Reiſekleider überlaufend, fort.„Bah! man erſcheint in Reitertracht. Dann ſchärften mir auch meine Befehle Eile ein. Ich werde alſo willkommen ſein, da ich pünktlich gehorcht habe.“ Und die zwei jungen Edelleute ſetzten ihren Weg fort, jeder bewegt von den Gefühlen, die er ausge⸗ drückt hatte. Es war ſtarke Wache im Louvre; alle Poſten ſchienen verdoppelt. Unſere jungen Leute waren alſo Anfangs ſehr in Verlegenheit. Aber Coconnas, wel⸗ cher bemerkt hatte, daß der Name des Herzogs von Guiſe eine Art von Talisman bei den Pariſern war, näherte ſich einer Wache, berief fich auf dieſen all⸗ mächtigen Namen und fragte, ob er nicht in den Louvre gelangen könnte. Dieſer Name ſchien ſeine gewöhnliche Wirkung auf den Soldaten hervorzubringen. Er fragte jedoch Co⸗ connas, ob er die Parole hätte. Coconnas war genöthigt, zu geſtehen, er wüßte ſie nicht. „Dann geht zurück, Herr, ſagte der Soldat. Ein Menſch, der mit dem Offizier des Poſtens plauderte und während ſeines Plauderns gehört hatte, wie Coconnas in den Louvre eingelaſſen zu werden verlangte, unterbrach in dieſem Augenblick ſein Ge⸗ ſpräch, kam zu ihm und ſagte in dem ſonderbarſten Jargon der Welt: „Was wollt Ihr von Herrn von Guiſe?“ „Ich will mit ihm ſprechen,“ antwortete Cocon⸗ nas lächelnd. „Uinmöglich, der Herzog iſt bei dem König.“ „Ich habe aber einen Avisbrief, worin ich beauf⸗ tragt bin, nach Paris zu kommen.“ „Ah, Ihr habt einen Avisbrief?“ vie er⸗ t nd, mn rde e. ßeg ge⸗ ſten alſo vel⸗ von ar, all⸗ re auf Co⸗ üßte tens atte, rden Ge⸗ rſten con⸗ 73 „Ja, und ich komme von ſehr ferne her.“ „Ah, Ihr kommt von ſehr ferne her 2 „Ich komme von Piemont.“ „Gut, gut, das iſt etwas Anderes. Und Ihr heißt?“ „Graf Annibal von Coconnas.“ „Gut, gut, gebt den Brief, Herr Annibal, gebt ihn.“ „Das iſt auf mein Wort ein ſehr artiger Mann,“ ſagte La Mole, mit ſich ſelbſt ſprechend.„Könnte ich nicht einen ähnlichen finden, der mich zu dem König von Navarra führen würde?“ „Gebt doch den Brief,“ fuhr der deutſche Edel⸗ mann, die Hand nach dem zögernden Coconnas aus⸗ ſtreckend, fort. „Mordi!“ verſetzte der Piemonteſe miß⸗ trauiſch wie ein halber Italiener,„ich weiß nicht, ob ich ſoll. Zch habe nicht die Ehre, Euch zu kennen, mein Herr.“ „Ich bin Pesme und gehöre dem Herrn Herzog von Guiſe.“ „Pesme,“ murmelte Coconnas,„ich kenne dieſen Namem nicht.“ Es iſt Herr von Besme, gnädiger Herr,“ ſagte die Wache.„Die Ausſprache täuſcht Euch. Gebt den Brief dem Herrn; ich ſtehe gut dafür.“ „Ah, Herr von Besme!“ rief Coconnas,„ich glaube wohl, daß ich dieſen Namen kenne. Hier iſt der Brief mit dem größten Vergnügen. Entſchuldigt mein Zögern, aber man muß ſich ſo benehmen, wenn man treu ſein will.“ „Gut, gut,“ ſprach Besme,„es bedarf keiner Ent⸗ ſchuldigung.“ „Meiner Treue, Herr,“ ſagte La Mole, ſich eben⸗ falls nähernd,„wolltet Ihr wohl, da Ihr ſo höflich ſeid, meinen Brief übernehmen, wie Ihr es mit dem meines Gefährten gethan habt?“ —— —,— „Wie heißt Ihr?“ „Graf Lerac de La Mole.“ Lerac de La Mole?“ „Ja.“ „Ich kenne dieſen Namen nicht.“ „Es iſt ganz einfach, daß ich Euch nicht bekannt bin, mein Herr, denn ich bin ein Fremder und komme, wie der Graf von Coconnas, von ſehr ferne her.“ „Und woher kommt Ihr?“ „Aus der Provence.“ „Ebenfalls mit einem Briefe?“ A Ja. „Für Herrn von Guiſe?“ „Nein, für Seine Majeſtät den König von Na⸗ varra. „Ich gehöre nicht dem König von Navarra,“ ſprach von Besme mit plötzlich eintretender Kälte,„ich kann alſo Euren Brief nicht übernehmen.“ Und La Mole den Rücken zuwendend, ging er in den Lonvre und machte Coconnas ein Zeichen, ihm zu folgen. La Mole blieb allein. In dieſem Augenblicke ritt durch das mit dem Thore, durch welches Coconnas und Besme gegangen waren, parallel liegende Thor eine Truppe von unge⸗ fähr hundert Mann heraus. „Ah! ahl!“ ſagte die Schildwache zu ihrem Came⸗ raden,„das iſt von Mouy mit ſeinen Hugenotten. Sie ſtrahlen in der That. Der König wird ihnen den Tod des Mörders des Admirals verſprochen haben, und da es der Menſch iſt, der den Vater von Mouy getödtet hat, ſo wird der Sohn mit einem Steine zwei Schläge thun.“ „Um Vergebung,“ verſetzte La Mole, ſich an den Soldaten wendend,„habt Ihr nicht geſagt, mein Bra⸗ ver, dieſer Offizier wäre Herr von Moup— „Ja, mein Herr.“ als die ſen de annt nme, Na⸗ rra,“ bi er in ihm dem angen unge⸗ Lame⸗ otten. ihnen haben, Mouy Steine in den Bra⸗ 7⁵ „Und diejenigen, welche ihn begleiteten, wären. „Parpaillots.“) Das habe ich geſagt.“. „Ich danke,“ ſagte La Mole, ohne daß es ſchien, als bemerkte er den verächtlichen Ausdruck, deſſen ſich Schildwache bediente;„mehr wollte ich nicht wiſ⸗ en. Und ſich gegen den Führer der Reitertruppe wen⸗ dend, ſagte er zu dieſem: „Mein Herr, ich erfahre, Ihr ſeid Herr von Mouy.“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Offizier mit höflichem Tone. „Euer unter den Anhängern der Religion ſo wohl⸗ bekannter Name macht mich ſo kühn, mich an Euch zu wenden und Euch um einen Dienſt zu bitten.“ „Um welchen, mein Herr? Doch vor Allem, mit wem habe ich zu ſprechen die Ehre?“ „Mit dem Grafen Lerac de La Mole.“ Die zwei jungen Leute begrüßten ſich. „Ich höre, mein Herr,“ ſagte Mouy. „Mein Herr, ich komme von Air und bin der Ueberbringer eines Briefes von Herrn dAunac, dem Gouverneur der Provence. Dieſer Brief iſt an den König von Navarra gerichtet und enthält wichtige, drin⸗ gende Nachrichten. Wie kann ich denſelben dem König zuſtellen? Wie kann ich in den Louvre gelangen?“ „Nichts leichter, als in den Louvre zu gelangen,“ verſetzte von Mouy;„nur glaube ich, der König von Navarra wird zu dieſer Stunde zu ſehr beſchäftigt ſein, um Euch zu empfangen. Doch gleichviel, wenn Ihr mir folgen wollt, ſo führe ich Euch bis zu ſeinem Gemache. Das Uebrige iſt Eure Sache.“ „Tauſend Dank!“ „Kommt, Herr,“ ſprach von Mouy. Von Mouh ſtieg vom Pferde, warf den Zügel ) Ein Spottname für die Hugenotten. 76 ſeinem Lackeien zu, ging nach der Pforte, gab ſich der Schildwache zu erkennen, führte La Mole in das Schloß und ſagte, die Thüre der Wohnung des Königs öffnend: „Tretet ein, mein Herr, und erkundigt Euch.“ Und ſich vor La Mole verbeugend, entfernte er ſich. Als La Mole allein war, ſchaute er um ſich her. Das Vorzimmer war leer, aber eine von den inneren Thüren offen. Er machte einige Schritte und befand ſich in einem Gange. Er klopfte und rief, ohne daß Jemand antwortete. Es herrſchte die tiefſte Stille in dieſem Theile des Louvre. „Wer ſprach mir denn von einer ſo ſtrengen Eti⸗ quette?“ dachte er.„Man kommt und geht in dieſem Palaſt, wie auf einem öffentlichen Platze.“ Und er rief abermals, aber ohne beſſern Erfolg, als das erſte Mal. „Gehen wir vorwärts,“ dachte er. Und er ſchritt durch den Gang, welcher immer finſterer wurde. Plötzlich öffnete ſich eine Thüre, und es erſchienen zwei Pagen, welche Fackeln trugen und damit eine Frau von impoſanter Geſtalt, von majeſtätiſcher Hal⸗ tung und beſonders von einer bewunderungswürdigen Schönheit beleuchteten. Es ſiel das volle Licht auf La Mole, welcher un⸗ beweglich ſtehen blieb. Die Frau blieb ebenfalls ſtehen und fragte den jungen Mann mit einer Stimme, welche wie eine koſt⸗ bare Muſik in ſeinen Ohren klang: „Was wollt Ihr, mein Herr?“ „Ah! Madame,“ erwiederte La Mole, die Augen niederſchlagend,„ich bitte Euch, entſchuldigt mich, ich verlaffe ſo eben Herrn von Mouy, der die Güte ge⸗ habt hat, mich hieher zu führen, und ich ſuchte den König von Navarra.“ „Seine Majeſtät iſt nicht hier, mein Herr; der König iſt, glaube ich, bei ſeinem Schwager. Aber kön ſag ger der hloß end; ſich. her. eren fand daß le in Eti⸗ eſem folg, nmer enen eine Hal⸗ digen un⸗ den koſt⸗ ugen „ich e ge⸗ den der Aber X7 könntet Ihr 3 ſeiner Abweſenheit nicht der Königin agen 6.„Allerdings, Madame,“ verſetzte La Mole,„wennir⸗ gend Jemand ſich herablaſſen wollte, mich zu ihr zu führen.“ „Ihr ſteht vor ihr.“ „Wie!“ rief La Mole. „Ich bin die Königin von Navarra,“ ſagte Mar⸗ garethe. La Mole machte eine ſo ungeſtüme Bewegung des Erſtaunens und Schreckens, daß die Königin lächelte. „Sprecht geſchwinde, mein Herr,“ ſagte ſie,„denn man erwarket mich bei der Königin Mutter.“ „Ohl Madame, wenn Ihr ſogleich erwartet wer⸗ det, ſo erlaubt mir, mich zu entfernen, denn es wäre mir in dieſem Augenblick unmöglich, mit Euch zu ſpre⸗ chen. Ich bin nicht im Stande, zwei Gedanken zuſam⸗ merzufaſſen; Euer Anblick hat mich geblendet. Ich denke nicht mehr, ich bewundere.“ Margarethe ging voll Anmuth und Güte auf den ſchönen jungen Mann zu, der, ohne es zu wiſſen, als voll⸗ endeter Höfling gehandelt hatte, und ſagte: „Beruhigt Euch, mein Herr, ich werde warten, und man wird auf mich warten.“ „Oh! vergebt, Madame, wenn ich Euere Majeſtät von Anfang nicht mit aller Achtung begrüßt habe, welche ſie von einem ihrer unterthänigſten Diener anzuſprechen befugt iſt.“ „Ihr hieltet mich wohl für eine von meinen Frauen?“ fuhr Margarethe fort. „Nein, Madame, ſondern für den Schatten der ſchönen Diana von Poitiers. Man ſagt mir, ſie er⸗ ſcheine zuweilen im Louvre,“ „Mein Herr,“ verſetzte Margarethe,„ich habe nicht bange, daß Ihr Euer Glück bei Hofe machen werdet. Ihr hattet einen Brief für den König, wie Ihr ſag⸗ ret? das war unnöthig. Doch gleich viel, wo iſt er 2 18 2 werde ihm denſelben zußellen. Doch eilt, ich bite U In einem Augenblick ſchob la Mole die Neſteln ſeines Wammſes auf die Seite und zog aus ſeiner Bruſt den in einem ſeidenen Umſchlage verwahrten Brief hervor. Die Königin nahm den Brief und betrachtete die Schrift. „Seid Ihr nicht Herr de La Mole?“ ſagte ſie. „Ja, Madame. Oh, mein Gott, ſollte ich das Glück haben, Euerer Majeſtät dem Namen nach bekannt zu ſein?“ „Ich habe Euren Namen von dem König, meinem Gemahl, und von meinem Bruder, dem Herzog von Alengon, ausſprechen hören. Ich weiß, daß man Euch erwartet.“ Und ſie ſteckte in ihren von Stickereien und Dia⸗ manten ſtarrenden Leib den Brief, der aus dem Buſen des jungen Mannes kam und von der Wärme ſeiner Bruſt noch lau war. La Mole folgte gierig mit den Augen jeder Be⸗ wegung von Margarethe. „Mein Herr,“ ſprach die Königin,„geht nun in die untere Gallerie hinab und wartet, bis Jemand von dem König von Navarra oder dem Herzog von Alengon kommt. Einer von meinen Pagen wird Euch führen.“ Nach dieſen Worten ſetzte die Königin ihren Weg fort. La Mole drückte ſich an die Wand, aber der Gang war ſo eng und der Wulſt der Königin von Na⸗ varra ſo breit, daß ihr ſeidenes Gewand das Kleid des jungen Mannes ſtreifte, während ein ſtarker Wohlge⸗ ruch ſich auf der Stelle verbreitete, wo ſie vorüberge⸗ kommen war. La Mole bebte am ganzen Leibe und ſuchte einen Ruhepunkt an der Mauer, da er fühlte, daß er dem Niederfallen nahe war. hie öff au hi — — 8— ekannt einem g von Euch Dia⸗ Buſen ſeiner r Be⸗ un in emand g on Euch Weg er der nNa⸗ id des ohlge⸗ iberge⸗ einen dem 79 „Kommt, Herr,“ ſagte der Page, welcher den v hatte, La Mole in die untere Gallerie zu ühren. „Oh, ja, ja!“ rief La Mole ganz berauſcht, denn da ihm der junge Mann den Weg andeutete, auf wel⸗ chem ſich Margarethe entfernt hatte, ſo hoffte er, raſch gehend, ſie noch einmal zu ſehen. Als er oben an die Treppe gelangte, erblickte er ſie wirklich im untern Stockwerke, und da Margarethe, ſei es aus Zufall, ſei es, weil das Geräuſch ſeiner Schritte bis zu ihr drang, den Kopf emporhob, ſo konnte er ſie noch einmal ſehen. „Oh!“ ſprach er, dem Pagen folgend,„das iſt keine Sterbliche, das iſt eine Göttin, und, wie Vir⸗ gilius Maro ſagt: Et vera incessu patuit dea. „Nun?“ fragte der junge Page. „Hier bin ich,“ erwiederte La Mole,„verzeiht, hier bin ich.“ Der Page ſchritt voran, ging einen Stock hinunter, öffnete eine erſte Thüre, dann eine zweite, und ſagte auf der Schwelle ſtille ſtehend: „Hier iſt der Ort, wo Ihr warten ſollt.“ La Mole trat in die Gallerie, deren Thüre ſich hinter ihm ſchloß. Es war Niemand in der Gallerie, außer einem Herrn, der auf und ab ging und ebenfalls zu warten ſchien. Schon fing der Abend an, breite Schatten von den Gewölben herabfallen zu laſſen, und obgleich die zwei Männer kaum zwanzig Schritte von einander entfernt waren, ſo konnten ſie doch ihre Geſichter nicht erken⸗ nen. La Mole näherte ſich. „Gott vergebe mir!“ murmelte er, als er nur noch ein paar Schritte von den Andern entfernt war, „ich finde den Herrn Grafen von Coconnas wieder hier.“ 80 Bei dem Geräuſch ſeiner Schritte hatte ſich der Piemonteſe bereits umgekehrt, und er ſchaute ihn mit demſelben Erſtaunen an, mit welchem er ſelbſt ange⸗ ſchaut wurde. „Mordi!“ rief er,„es iſt Herr de La Mole, oder der Teufel ſoll mich holen. Was mache ich denn da? ich ſchwöre wie der König; bah! es ſcheint, der König ſchwört noch ganz anders, als ich, und zwar ſogar in den Kirchen. Wir ſind alſo hier im Louvres“ „Wie Ihr ſeht; Herr von Besme hat Euch ein⸗ geführt?“ „Ja, es iſt ein vortrefflicher Deutſcher, dieſer Herr von Besme.„ Und wer hat Euch zum Führer ge⸗ dient?“ „Herr von Mouy. Ich ſagte Euch, die Hugenotten ſtänden nicht mehr ſo ſchlecht bei Hofe. Habt Ihr Herrn von Guiſe getroffen?“ „Nein, noch nicht.. Und Ihr, habt Ihr Audienz bei dem König von Navarra erhalten?“ „Nein, aber es kann nicht mehr lange dauern. Man hat mich hieher geführt und hier warten heißen.“ „Ihr werdet ſehen, es handelt ſich um ein großes Abendbrod, und wir ſitzen beim Schmauſe neben ein⸗ ander. Welch ein ſonderbarer Zufall! Seit zwei Stunden vereinigt uns das Schickſal. Aber was habt Ihr? Ihr ſcheint in Gedanken vertieft?“ „Ich?“ verſetzte la Mole bebend, denn er blieb immer noch wie geblendet von der Erſcheinung, die er geſehen hatte;„nein, der Ort, an dem wir uns treffen, gibt in meinem Innern zu einer Menge von Betrach⸗ tungen Anlaß. „Zu philoſophiſchen, nicht wahr? das iſt gerade wie bei mir. Als Ihr eintratet, kamen mir alle Er⸗ mahnungen meines Lehrers in den Kopf. Kennt Ihr den Plutarch, Herr Graf?“ „Wie?“ erwiederte La Male lächelnd,„das iſt einer von meinen Lieblingsſchriftſtellern.“ ch der mit ange⸗ Mole, denn tt, der zwar wre?“ h ein⸗ r Herr er ge⸗ notten t Ihr udienz auern. ißen.“ großes n ein⸗ zwei habt blieb die er reffen, etrach⸗ gerade le Er⸗ t Ihr ſt einer 81 „Gut,“ fuhr Coconnas mit ernſtem Tone fort, „dieſer große Mann hat ſich, wie es mir ſcheint, nicht getäuſcht, wenn er die Gaben der Natur mit balſami⸗ ſchen Pflanzen von unvergänglichem Wohlgeruche und von mächtiger Wirkſamkeit für die Heilung von Wun⸗ den vergleicht.“ „Verſteht Ihr Griechiſch, Herr von Coconnas?“ ſprach La Mole, ſeinen Gefährten feſt anſchauend. „Nein, aber mein Lehrer verſtand es, und er empfahl mir ſehr, wenn ich am Hofe wäre, über die Tugend zu reden.„Das hat ein gutes Ausſehen,““ ſagte er. Ich bin auch in dieſer Hinſicht gepanzert, darauf macht ich Euch aufmerkſam. Doch, ſprecht, habt Ihr Hunger*„ „Nein.“ „Es kam mir aber vor, als ob es Euch ſehr nach dem gebratenen Vogel im Schönen Geſtirne gelüſtete; ich ſterbe vor Hunger.“ „Wohl, Herr von Coconnas, da habt Ihr eine Gelegenheit, Euere Argumente über die Tugend zu benützen und Euere Bewunderung für Plutarch zu beweiſen, denn dieſer große Schriftſteller ſagt irgend⸗ wo: Es iſt gut, die Seele an den Schmerz und den Magen an den Hunger zu gewöhnen.“ „Ah! Ihr verſteht alſe Griechiſch?“ rief Coconnas erſtaunt. „Gewiß!“ antwortete La Mole,„mein Lehrer hat mir darin Unterricht gegeben.“ „Mordi, Graf, dann iſt Euer Glück geſi⸗ ſichert; Ihr macht Verſe mit König Karl IX. und ſprecht Griechiſch mit der Königin Margarethe.“ „Abgeſehen davon,“ fügte La Mole lächelnd bei, „daß ich mit dem König don Navarra Gascogniſch ſprechen kann.“ In vieſem Augenblick wurde die Thüre der Galle⸗ rie, welche nach der Wohnung des Königs führte, ge⸗ öffnet; es ertönte ein Tritt, man ſah in der Dunkel⸗ 82² heit einen Schatten ſich nahen. Dieſer Schatten wurde ein Körper. Dieſer Körper war der von Herrn von Besme. Er ſchaute den zwei jungen Männern in das Ge⸗ ſicht, um den ſeinigen zu erkennen, und bedeutete Co⸗ connas durch ein Zeichen, er möge ihm folgen. Coconnas grüßte La Mole mit der Hand. Von Besme führte Coconnas an das Ende der Gallerie, öffnete eine Thüre und befand ſich mit ihn auf der erſten Stufe einer Treppe. Hier angelangt, blieb er ſtille ſtehen, ſchaute rings ihe her, dann aufwärts, dann abwärts und ſagte endlich: „Herr von Coconnas, wo wohnt Ihr?“ „Im Gaſthofe zum Schönen Geſtirne.“ „Gut, gut, in der Rue de[Arbre⸗Sec, zwei Schritte von hier. Begebt Euch ſchnell in Euern Gafi⸗ hof und dieſe Nacht.. Er ſchaute abermals um ſich her. „Nun, dieſe Nacht?“ fragte Coconnas. „Dieſe Nacht kommt mit einem weißen Kreuze an Euerem Hute wieder hieher. Das Loſungswort iſ Guiſe. Stille, reinen Mund gehalten.“ „Um welche Stunde ſoll ich kommen?“ „Sobald Ihr die Sturmglocke hört.“ „Gut, ich werde hier ſein.“ Und ſich vor Herrn von Besme verbeugend, ent⸗ fernte er ſich, ganz leiſe ſich fragend: „Was Teufels will er damit ſagen, und warum ſoll die Sturmglocke ertönen? Gleichviel, ich bleibe bei meiner Meinung, es iſt ein vortrefflicher Deutſcher⸗ dieſer Herr von Besme. Soll ich auf den Grafen de La Mole warten? Meiner Treue, nein; er wird wahrſcheinlich mit dem König von Ravarra zu Nacht ſpeiſen.“ Und Coconnas wandte ſich nach der Rue de A⸗ bre⸗ ſtirn Gall Nav Her: Pfr Eut ich zun tra bli pfa ebe ta ge vurde von Ge⸗ Co⸗ e der t ihm rings ſagtt zwei Gaſt⸗ reuze ort iſ „ent⸗ varum bleibe tſcher, Hrafen wird Nacht eAr⸗ 83 bre⸗Sec, wohin ihn das Schild zum Schönen Ge⸗ ſtirne wie eine Geliebte zog. Während dieſer Zeit öffnete ſich eine Thüre der Gallerie, welche mit den Gemächern des Königs von Navarra in Verbindung ſtand, und ein Page trat auf Herrn de La Mole zu. „Ihr ſeid wohl der Graf de La Mole?“ ſagte er. „Ich bin es.“ „Wo wohnt Ihr?“ „Im Schönen Geſtirne.“ „Gut, das iſt vor dem Thore des Louvre. Hört: Seine Majeſtät läßt Euch ſagen, ſie könne Euch in dieſem Augenblicke nicht empfangen, werde Euch aber vielleicht in dieſer Nacht holen laſſen. Habt Ihr morgen früh keine Nachricht von dem König, ſo kommt jedenfalls in den Louvre.“ „Wenn mir aber die Schildwache den Eintritt verweigert?“ „Ah! Ihr habt Recht. Das Loſungswort iſt Navarra; ſagt dieſes Wort und alle Thüren werden ſich vor Euch öffnen.“ „Ich danke.“ „Wartet, Herr, ich habe Befehl, Euch bis an die Pforte zurückuführen, man befürchtet, Ihr könntet Euch im Louvre verirren.“ „Wie ſteht es mit Coconnas?“ ſagte La Mole zu ſich ſelbſt, als er ſich außerhalb des Palaſtes befand. „Oh! er wird ohne Zweifel bei dem Herzog von Guiſe zum Abendbrod geblieben ſein.“. Als er aber wieder bei Meiſter La Huriére ein⸗ trat, war das erſte Geſicht, welches unſer Mann er⸗ blickte, das von Coconnas, der vor einem riefigen Speck⸗ pfannekuchen ſaß. „Ohl ohi“ rief Coconnas laut lachend,„Ihr habt eben ſo wenig bei dem König von Navarra zu Mit⸗ tag, als ich bei dem Herzog von Guiſe zu Nacht geſpeiſt.“ 6 „Meiner Treue nein.“ „Und der Hunger iſt Euch gekommen?“ ſu „Ich glaube ja.“. „Trotz Plutarch?“ ſo „Herr Graf,“ erwiederte La Mole lachend,„Plu⸗ zur tarch ſagt an einer andern Stelle; derjenige, weicher fole hat, muß mit dem, welcher nicht hat, theilen. Wollt den Ihr Plutarch zu Liebe Euern Pfannekuchen mit mir theilen? Wir ſprechen, während wir eſſen, von der Tugend.“ 3 „Oh! meiner Treue, nein,“ verſetzte Coconnas, „das iſt gut im Louvre, wenn man behorcht zu t Aus den befürchtet und der Magen leer iſt. Setzt Euch Gu hierher und eßt mit mir.“ An „Hört Graf, ich ſehe, daß uns das Schickſal of⸗ die fenbar unzertrennlich macht. Schlaft Ihr hier?“ M „Ich weiß es nicht.“ „Ich auch nicht.“ ein „In jedem Falle weiß ich wohl, wo ich die Nacht Ge zubringen werde.“. e „Wo?“ „Wo Ihr fie ſelbſt zubringt; das iſt unfehlbar.“ Und Beide fingen an zu lachen und machten ſo⸗ fur dann demPfannekuchen des Meiſter La Huriére alle Ehre. in 1 * 1* vr. Vie bezahlte Schuld. Will der Leſer nun wiſſen, warum Herr de La Mole nicht vom König, warum Herr von Coconnas nicht von Herrn von Guiſe empfangen wurde, und Plu⸗ echer Wollt mir der mas, wer⸗ Euch lof⸗ Nacht ar.“ ſo⸗ hre. Ausaang. An dem Cabinet, in wehbem ſich Herr 85⁵ warum endlich Beide ſtatt im Louvre Faſanen, Feld⸗ hühner und Rehbraten zu ſpeiſen, im Gaſthauſe zum Schönen Geſtirne einen Speckpfannekuchen verzehrten ſo muß er mit uns in den alten Palaſt der Könige zurückkehren und der Königin Margarethe von Navarra folgen, welche La Mole am Eingange der Gallerie aus dem Auge verloren hatte. Als ſie die Treppe hinabſtieg, war der Herzog Heinrich von Guiſe, ven ſie ſeit ihrer Hochzeitnacht nicht geſehen hatte, in dem Cabinet des Königs. An dieſer Treppe, welche Margarethe hinabſtieg, war ein on Guiſe befand, war eine Thüre; dieſe Thüre und dieſer 18 Ausgang führten nun beide in einen Corridor, und dieſer Corrivor führte in die Gemächer der Königin Mutter, Catharina von Medicis. Catharina von Medicis war allein. Sie ſaß an einem Tiſche, den Ellenbogen auf ein halb geöffnetes Gebetbuch gelehnt, den Kopf auf ihre Hand geſtützt, welche immer noch merkwürdig ſchön war, was ſie den cosmetiſchen Mitteln des Florentiners René zu danken hatte, welcher die doppelte Stelle eines Par⸗ fumeur und eines Giftmiſchers der Königin Multer inne hatte. Die Wiltwe von Heinrich 1I. trug die Trauer⸗ kleider, welche ſie ſeit dem Tode ihres Gemahls nicht abgelegt hatte. Es war zu dieſer Zeit eine Frau von zweiundfünfzig bis dreiundfünfzig Jahren, welche durch eine Rundung voll Friſche noch Züge ihrer erſten Schönheit bewahrte. Ihr Gemach war wie ihr Ge⸗ wand das einer Wittwe. Alles hatte einen düſtern Charakter: Stoffe, Wände, Meubles. Nur ſah man über einem Prachthimmel, welcher einen königlichen Stuhl bedeckte, auf dem in dieſem Augenblick das Lieblingswindſpiel der Königin lag, das ihr Schwie⸗ gerſohn, Heinrich von Navarra, ihr geſchenkt, und Königin Margot. I. 6 66 dem man den mythologiſchen Namen Phöbe gegöben, einen gemalten Regenbogen, umgeben von der De⸗ viſe: Er bringt das Licht und die Heiterkeit, welche von Franz I. herrührte. Plötzlich und in dem Augenblick, wo die Königin Mutter tief in einen Gedanken verſunken war, welcher auf ihre mit Karmin gemalten Lippen ein langſames, zögerndes Lächeln brachte, öffnete ein Mann die Thüre, hob den Vorhang, zeigte ſein bleiches Geſicht und prach: „Alles geht ſchlecht.“ Catharina ſchaute empor und erkannte den Herzog von Guiſe. „Wie, Alles geht ſchlecht?“ erwiederte die Köni⸗ gin.„Was wollt Ihr damit ſagen, Heinrich?“ „Ich will damit ſagen, daß der König mehr als je von ſeinen verdammten Hugenotten umgarnt iſt, und daß wir, wenn wir ſeine Erlaubniß abwarten, um das große Unternehmen auszuführen, lange Zeit oder ſogar ewig warten werden.“ „Was iſt denn geſchehen?“ fragte Catharina mit dem ruhigen Geſichte, das bei ihr Gewohnheit war, dem ſie jedoch bei Gelegenheit die entgegengeſetzteſten Ausdrücke zu geben vermochte. „Zum zwanzigſten Mal habe ich an Seine Maje⸗ ſtät die Frage geftellt, ob man fortwährend die trotzi⸗ gen Reden und Drohungen ertragen würde, die ſich ſeit der Verwundung ihres Admirals die Herren jener Religion erlauben.“ „Und was antwortete mein Sohn?“ fragte Ca⸗ tharina. „Er antwortete mir:„„Herr Herzog, Ihr müßt bei dem Volke in Verdacht ſtehen, der Urheber des an meinem zweiten Vater, dem Herrn Admiral, begange⸗ nen Mordverſuches zu ſein. Vertheidigt Euch, wie es Euch beliebt. Ich, was mich betrifft, werde mich wohl ſelbſt vertheidigen, wenn man mich beleidigt.““ und — — 5 ———— geben, r De⸗ keit, önigin elcher ames, hüre, und erzog Köni⸗ rals i arten, 3Zet mit war, teſten Naje⸗ rotzi⸗ e ſich jener Ca⸗ müßt s an nge⸗ e es wohl Und v . 87 hienach wandte er mir den Rücken zu, um ſeinen Hunden Abendbrod zu geben.“ „Und Ihr ſuchtet ihn nicht zurückzuhalten?“ „Allerdings; aber er antwortete mir mit dem Euch bekannten Tone, und mich mit einem Blicke anſchau⸗ end der nur ihm eigenthümlich iſt:„„Herr Herzog, meine Hunde haben Hunger, und ſie find keine Menſchen, daß ich ſie warten laſſen könnte;““ wonach ich hieher eilie, um Euch hievon in Kenntniß zu ſetzen.“ „Und Ihr habt wohl daran gethan„ ſprach die Königin Mutter. „Aber was iſt zu beſchließen?“ „Man muß einen letzten Verſuch machen.“ „Und wer wird dies thun 0 „Ich! Iſt der König allein?“ „Rein, Herr von Tavanne iſt bei ihm.“ „Erwartet mich hier, oder vielmehr folgt mir von ferne.“ Eatharina ſtand ſogleich auf und ging nach dem Zimmer, in welchem ſich die Lieblingshunde des Kö⸗ nigs auf türkiſchen Teppichen und Sammetkiſſen be⸗ fanden. Auf Stangen, welche in der Wand befeſtigt waren, ſaßen einige Falken und ein kleiner Buntſpecht, mit welchem Kark IX. zuweilen kleine Vögel in dem Garten des alten Louvre und in dem der Tuilerien, die man zu bauen anfing, beizte. Auf dem Wege hatte ſich die Königin Mutter ein bleiches, angſtvolles Geſicht geordnet, über welches eine letzte oder vielmehr eine erſte Thräne rollte. Sie näherte ſich geräuſchlos Karl IX., der ſeinen Hunden in gleiche Theile geſchnittene Stücke Kuchen gab. „Mein Sohn,“ ſprach Catharina mit einem ſo gut geſpielten Zittern der Stimme, daß der König ebte. „Was habt Ihr, Madame?“ fragte Karl, ſich raſch umwendend. 58 S Mein Sohn,“ antwortete Catharina,„ich bilte Euch um Erlaubuiß, mich in eines Eurer Schlöſſer, gleichviel in welches, zurückzuziehen, wenn es nur weit von Paris entfernt iſt.“ „Und warum dies, Madame?“ fragte Karl IRK. auf ſeine Mutter ſein glafiges Auge heftend, das bei gewiſſen Gelegenheiten ſo durchdringend wurde. „Weil mir jeden Tag neue Beleidigungen von den Leuten der Religion*) widerfahren, weil ich noch heute Euch von den Proteſtanten ſogar im Lonvre habe bedrohen hören und weil ich ſolchen Schauſpielen nicht beiwohnen will.“ „Aber, meine Mutter,“ erwiederte Karl IX. mit einem Ausdrucke voll Ueberzeugung,„man wollte ihnen ihren Admiral tödten. Ein heilloſer Meuchler hatte dieſen armen Leuten bereits ihren braven Herrn von Mouy ermordet. Bei Gott, meine Mutter, es muß doch eine Gerechtigkeit in einem Königreiche geben.“ „Oh! ſeid unbeſorgt, mein Sohn, die Gerechtig⸗ keit wird ihnen nicht entgehen, denn wenn Ihr ſie verweigert, ſo nehmen ſie ſich dieſelbe auf ihre Weiſe: Herrn von Guiſe heute, an mir morgen, an Euch päter.. „Oh! Madame,“ ſprach Karl IRK., indem er zum erſten Male in ſeinem Tone einen Ausdruck des Zwei⸗ ſels durchdringen ließ;„Ihr glaubt?“ „Ei, mein Sohn,“ verſetzte Catharina, ſich ganz der Heftigkeit ihrer Sinnesart überlaſſend,„ſeht Ihr nicht, daß es ſich nicht mehr um den Tod von Herrn Franz von Guiſe oder um den des Admirals, um die proteſtantiſche Religion oder um die kathvliſche handelt, ſondern ganz einfach darum, an die Stelle des Sohnes von Anton von Bourbon den Sohn von Heinrich II. zu ſetzen.“ Leu de la Religion, war in jener Zeit der gewöhnliche Aus⸗ druck für die Hugenotten. zc— us⸗ 89 * „Ruhig, ruhig, meine Mutter, Ihr verfallt wie⸗ der in Eure gewöhnlichen Uebertreibungen.“ „Was iſt Eure Willensmeinung, mein Sohn?“ „Zu warten, meine Mutter, zu warten. Die ganze menſchliche Weisheit liegt in dieſem einzigen Worte. Der Größte, der Stärkſte und der Geſchickteſte beſon⸗ ders iſt derjenige, welcher zu warten verſteht.“ „Wartet alſo, ich werde nicht warten.“ Hienach machte Catharina eine Verbeugung, ging auf die Thüre zu und ſchickte ſich an, nach ihrer Woh⸗ nung zurückzukehren. Karl 1X. hielt ſie zurück und fragte: „Was ſoll ich denn thun, meine Mutter, denn ich bin vor Allem gerecht und wünſchte, daß Jedermann mit mir zufrieden wäre.“ „Catharina näherte ſich und ſprach zu Tavannes, der den Buntſpecht des Königs ſtreichelte: „Kommt, Herr Graf, und ſagt dem König, was er Eurer Anſicht nach zu thun hat.“ „Eyre Majeſtät erlaubt mir?“ ſagte der Graf. „Sprich, Tavannes, ſprich.“ „Was thut Eure Majeſtät, wenn auf der Jagd der verwundete Eber auf ſie zukommt?“ „Gottes Tod, Herr, ich erwarte ihn feſten Fußes und vurchbohre ihm die Kehle mit meiner Schweinsfeder.“ „Einzig und allein um ihn zu verhindern, Euch züu ſchaden,“ fügte Catharina bei. ⸗ „Und um mich zu beluſtigen,“ fagte der König“ mit einem Lächeln, das den bis zur Wildheit getriebe⸗ nen Muth andeutete.„Aber es würde mich nicht be⸗ luſtigen, meine Unterthanen zu tödten, und die Huge⸗ notten ſind im Ganzen meine Unterthanen, ſo gut wie die Katholiken.“ „Sire,“ verſetzte Catharina,„dann werden es die Hugenotten, Eure Unterthanen, machen wie der Eber, dem man nicht die Schweinsfeder in die Kehle ſtößt; ſie werden den Thron aufreißen.“ 90 „Bah!“ Ihr meint, Madame?“ ſagte Karl IX. mit einer Miene, als ſchenkte er den Weiſſagungen ſeiner Mutter keinen großen Glauben. „Habt Ihr heute Herrn von Mouy und die Sei⸗ nigen nicht geſehen?“ „Ja, ich habe ſie geſehen, denn ſie verlaſſen mich ſo eben. Aber Herr von Mouy verlangte nichts von mir, was nicht gerecht wäre. Er forderte den Tod des Mörders feines Vaters und den des Mörders des Admirals. Haben wir Herrn von Montgommery nicht für den Tod meines Vaters und Eures Gemahls beſtraft, obgleich dieſer Tod nur ein Zufall war?“ „Sehr gut, Sire,“ verſetzte Catharina gereizt, „ſprechen wir nicht mehr davon. Eure Majeſtät ſteht unter dem Schutze Gottes, der ihr Kraft, Weisheit und Vertrauen gibt. Ich aber, eine arme Frau, wel⸗ che Gott ohne Zweifel ihrer Sünden wegen verläßt, ich fürchte und weiche.“ Und hienach grüßte Catharina zum zweiten Male und entfernte ſich, indem ſie dem Herzog von Guiſe, welcher mittlerweile eingetreten war, durch ein Zei⸗ chen bedeutete, er möge an ihrer Stelle bleiben, um einen letzten Verſuch zu machen. Karl IX. folgte ſeiner Mutter mit den Augen, diesmal aber ohne fie zurückzurufen; dann ſchmeichelte er ſeinen Hunden und pfiff dabei eine Jagdmelodie. Plötzlich unterbrach er ſich und ſagte: „Meine Mutter iſt ein königlicher Geiſt. Wir ſollen mit Vorbedacht ein paar Dutzende Hugenotten tödten, weil ſie Gerechtigkeit von uns verlangt haben! Sind Sie denn im Ganzen nicht in ihrem Rechte?“ ein paar Dutzende?“ murmelte der Herzog von uiſe. „Ah, Ihr ſeid da, mein Herr?“ ſagte der König, welcher ſich ſtellte, als bemerkte er ihn jetzt erſt.„Ja, ein paar Putzende; ein ſchöner Abgang. Aber wenn Jemand käme und zu mir ſagte:„„Ihr ſollt von allen IX. ngen Sei⸗ mich von Tod des nery hls eizt, teht heit vel⸗ ißt, ale iſe, ei⸗ um en, lte Lir ten n! on ig⸗ a, nn en * 91 Euren Feinden auf einmal befreit werden und morgen wird nicht ein Einziger mehr übrig ſein, um Euch den Tod der Andern vorzuwerfen,““ dann, dann ſage ich nicht nein 3 „Nun, Sire?“ 3 „Tavanne,“ ſprach der König abbrechend,„Ihr ermüdet Margot; ſetzt ſie wieder auf die Stange. Es iſt kein Grund für alle Welt, ſie zu liebkoſen, weil ſie den Namen meiner Schweſter, der Königin Mar⸗ got, führt.“ Tavanne ſetzte den Specht auf die Stange und beluſtigte ſich damit, einem Windhunde die Ohren hin und her zu rollen. „Aber, Sire, wenn man Eurer Majeſtät ſagte: „Sire, Eure Majeſtät wird morgen von allen ihren Feinden befreit ſein?““ „Und durch welches Heiligen Vermittelung würde man dieſes große Wunder verrichten?“ „Wir haben heute den 24. Auguſt; es wäre alſo durch die Vermittelung des heiligen Bartholomäus.“ „Ein ſchöner Heiliger, der fich bei lebendigem Leibe ſchinden ließ,“ ſagte der König. „Deſto beſſer! je mehr er gelitten hat, deſto mehr muß er Grimm gegen ſeine Henker bewahrt haben.“ „Und Ihr, mein Vetter,“ ſprach der König,„Ihr mit Eurem hübſchen, kleinen Degen mit dem golde⸗ nen Griffe werdet von jetzt bis morgen zehntauſend Hugenotten tödten? Oh, oh, meiner Treue, Ihr ſeid ſehr luſtig, Herr von Guiſe.“ Und der König brach in ein Gelächter aus, aber ig ein ſo falſches, daß es das Echo des Zimmers in einem düſtern Tone wiederholte. „Sire, ein Wort, ein einziges Wort,“ fuhr der Herzog, unwillkührlich bebend bei dem Geräuſche dieſes Gelächters, das nichts Menſchliches hatte, fort, ein Zeichen, und Alles iſt bereit. Ich habe die Schwei⸗ zer, ich habe eilfhundert Edelleute, ich habe die Che⸗ 92 Leaulegers, ich habe die Bürger. Eure MWajeſtät hat ihre Garden, ihre Freunde, ihren katholiſchen Adel⸗ Wir ſind Zwanzig gegen Einen.“ „Nun, wenn Ihr ſo ſtark ſeid, mein Vetter, wa⸗ rum des Teufels kommt Ihr und ſchreit mir mit Allem dem die Ohren voll. H Und der König wandte ſich nach ſeinen Hun⸗ den um. Da hob ſich der Thürvorhang, Catharina erſchien wieder und ſagte zu dem Herzog „Alles geht gut. Seid beharrlich„er wird nach⸗ geben.“ Und der Thürvorhang fiel wieder vor Catharina her⸗ ab, ohne daß Karl IX. ſie ſah, oder er ſtellte ſich wenigſtens, als ſähe er fie nicht. „Aber ich muß doch riſzih ſprach der Herzog von Guiſe,„ob ich, wenn ich hue, wie ich wünſche, Euerer Majeſtät zu Gefallen bin2“ „In der That, mein Vetter Heinrich, Ihr ſetzt mir das Meſſer an die Kehle, aber ich werde wider⸗ ſtehen. Gottes Tod! bin ich denn nicht der König?“ „Nein, noch nicht, Sire: doch, ſeid Ihr es morgen.“ „Ah, man würde alſo den König von Navarra, den Prinzen von Condé in meinem Louvre tödten, ah!„„ Dann fügte er mit kaum verſtändlichem Tone bei: „Außen ſage ich nichts.“ „Sire!“ rief der Herzog,„Sie gehen dieſen Abend aus, um mit dem Herzog von Alengon, Eurem Bruder, einen Schmaus zu halten.“ „Tavanne,“ ſprach der König mit bewunderungs⸗ würdig geſpielter Ungeduld,„ſiehſt Du ni u nicht, daß Du meinen Hund plagſt. Komm, Acteva, komm!“ Und Karl IX. enifernte ſich, ohne mehr hören zu wollen, und ließ Tavanne und den Herzog von Guiſe andelt ohne mich ℳ wenn Ihr wollt, ät hat Adel „wa⸗ rmit Hun⸗ ſchien nach⸗ her⸗ ſich rzog ſche, ſetzt der⸗ 2 olt, ra, vre ei: en 8. M u ſe —————— * 93 in inehe eben ſo großer Ungewißheit als zuvor urück. Es ſpielte indeß eine Scene anderer Art bei Ca⸗ tharina, welche, nachdem ſie dem Herzog den Rath, Stand zu halten, gegeben hatte, in ihr Gemach zu⸗ rückkehrte, wo ſie die Perſonen verſammelt fand, wel⸗ che gewöhnlich ihrem Schlafengehen beiwohnten. Bei ihrer Rückkehr hatte Catharina ein eben ſo lachendes Geſicht, als es bel ihrem Abgange entſtellt geweſen war. Sie entließ nach und nach mit ihrer freundlichſten Miene ihre Frauen und ihre Höflinge. Es blieb bald Niemand mehr bei ihr, als Madame Margarethe, welche auf einem Tabouret an dem ge⸗ öffneten Fenſter ſitzend in ihre Gedanken verſunken den Himmel anſchaute. Zwei⸗ oder dreimal öffnete die Königin Mutter, als ſie mit ihrer Tochter allein war, den Mund, um zu ſprechen; aber jedes Mal drängte ein finſterer Ge⸗ danke die Worte, welche aus ihrem Munde kommen ſollten, in die Tiefe der Bruſt zurück. Mittlerweile öffnete ſich der Thürvorhang und Heinrich von Navarra erſchien. Das Windſpiel, welches auf dem Thronſtuhle ſchlief, ſprang auf und lief auf ihn zu. „Ihr hier, mein Sohn,“ ſagte Catharina bebend, „ſpeiſt ihr im Louvre zu Nacht?“ „Nein, Madame,“ antwortete Heinrich,„wir ſchwär⸗ men dieſe Nacht mit den Herren Allencon und Condé in der Stadt umher. Ich glaubte ſie hier, Euch den Hof machend, zu finden.“ Catharina lächelte und erwiederte: „Geht, meine Herren, geht. Die Männer find doch ſehr glücklich, ſo umherlaufen zu können. Nicht wahr, meine Tochter?“ Das iſt wahr,“ antwortete Margarethe,„die Frei⸗ heit iſt eine ſo ſchöne, ſo ſüße Sache!“ „Wollt Ihr damit ſagen, ich halte die Eurige 94 gefeſſelt?“ ſprach Heinrich, ſich vor ſeiner Gemahlin verbeugend. „Nein, mein Herr, ich beklage auch nicht mich, ſondern die Lage der Frauen im Allgemeinen.“ „Ihr werdet vielleicht den Herrn Admiral ſehen, mein Sohn,“ ſagte Catharina. „Ja, vielleicht.“ „Geht dahin; das iſt ein gutes Beiſpiel und Ihr gebt mir morgen Nachricht von ihm.“ „Ich gehe dahin, Madame, da Ihr dieſen Schritt gt.“ „Ich,“ ſagte Catharina,„ich billige nichts„ Aber wer iſt da? Seht nach.“ Heinrich machte einen Schritt nach der Thüre, um die Befehle von Catharina zu vollziehen; aber in dem⸗ ſelben Augenblick hoh ſich der Vorhang, und Frau von Sauve zeigte ihren blonden Kopf. „Madame,“ ſagte ſie,„es iſt René, der Parfumeur, den Eure Majeſtät hat rufen laſſen.“ Catharina warf einen Blick, raſch wie der Blitz, auf Heinrich von Navarra. Der junge Prinz erröthete leicht und erbleichte dann auf eine furchtbare Weiſe. Man hatte wirklich den Namen des Mörders ſeiner Mutter genannt. Er fühlte, daß ſein Geſicht die Be⸗ wegung in ſeinem Innern verrieth und ſtützte ſich auf das Fenſtergeſimſe. Das Windſpiel ſtieß einen Seufzer aus. 3 In demſelben Augenblick traten zwei Perſonen ein, die eine gemeldet, die andere hatte nicht nöthig,„ gemeldet zu werden. Die erſte war René, der Par⸗ ſumeur, der ſich Catharina mit der ganzen kriechendeu Höflichkeit florentiniſcher Diener näherte. Er hielt ein Kiſtchen in der Hand, das er öffnete, und man ſah alle Fächer mit Pulvern und Fläſchchen gefüllt. Die zweite war die Herzogin von Lothringen, die ältere Schweſter von Margarethal; ſie trat durch eine„ kleine verborgene Thüre, welche nach dem Cabinet des hlin nich, hen, * 95 Königs ging, ganz bleich und zitternd ein. In der Hoffnung, von Catharina, welche mit Frau von Sauve den Inhalt des von René überbrachten Kiſichens unter⸗ ſuchte, nicht bemerkt zu werden, wollte ſie ſich neben Margarethe niederſetzen, bei der der König von Na⸗ varra ſtand, die Hand an der Stirne, wie ein Menſch, der ſich an einem Blendwerk zu erholen ſucht. In dieſem Augenblick kehrte ſich Catharina um und ſagte zu Margaretha: „Meine Tochter, Ihr könnt Euch in Eure Gemä⸗ cher zurückziehen. Mein Sohn,“ fügte ſie bei,„Ihr könnt Euch in der Stadt beluſtigen.“ WMargaretha ſtand auf und Heinrich wandte ſich halb um. Die Herzogin von Lothringen ergriff Margaretha bei der Hand und ſprach leiſe und raſch zu ihr: „Meine Schweſter, im Namen des Herrn von Guiſe, der Euch rettet, wie Ihr ihn gerettet habt, entfernt Euch nicht von hier, geht nicht in Eure Woh⸗ nung.“ „He, was ſagt Ihr da, Claude?“ fragte Catha⸗ rina, ſich umwendend. „Nichts, meine Mutter.“ „Ihr habt leiſe mit Margarethe geſprochen.“ „Um ihr gute Nacht und tauſend ſchöne Dinge von der Herzogin von Nevers zu ſagen.“ „Wo iſt dieſe ſchöne Herzogin?“ „Bei ihrem Schwager, dem Herrn von Guiſe.“ Catharina ſchaute die zwei Frauen mit ihrem argwöhniſchen Auge an, runzelte die Stirne und ſagte: „Kommt hieher, Claude.“ Claude gehorchte. Catharina nahm ſie bei der Hand. „Was habt Ihr mit ihr geſprochen, Indiserete,“ murmelte ſie und drückte ihre Tochter am Handgelenke, daß ſie hätte ſchreien mögen. „Madame,“ ſprach Heinrich zu ſeiner Gemahlin, 96 (ohne zu hören, hatte er doch nicht das Geringſte von der Pantomime der Königin und der beiden Schweſtern verloren),„Madame, werdet Ihr mir die Ehre erzei⸗ gen, mir Eure Hand zum Kuſſe zu reichen?“ Margarethe reichte ihm eine zitternde Hand. „Was hat fie Euch geſagt,“ murmelte Heinrich, ſich bückend, um ſeine Lippen dieſer Hand zu nähern. „Ich ſolle nicht von hinnen gehen; im Namen des Himmels, geht auch nicht aus.“ Es war nur ein Blitz, aber beim Schimmer die⸗ ſes Blitzes, ſo raſch er auch war, errieth Heinrich ein ganzes Complott. „Das iſt noch nicht Alles,“ ſagte Margarethe, „hier iſt ein Brief, den ein provencaliſcher Edelmann überbracht hat.“ de La Mole?“ „Ja.“ „Ich danke,“ ſprach Heinrich, nahm den Brief und fieckte ihn in ſein Wamms, und an ſeiner Gemah⸗ lin vorüber gehend, legte er ſeine Hand auf die Schul⸗ ter des Florentiners und ſagte: „Nun, Meiſter Rens, wie gehen Eure Handels⸗ geſchäfte?“ „Ziemlich gut, Monſeigneur, ziemlich gut,“ ant⸗ wortete der Giftmiſcher mit ſeinem treuloſen Lächeln. „Ich glaube es wohl,“ verſetzte Heinrich,„wenn man, wie Ihr, Lieferant aller gekrönter Häupter Frank⸗ reichs und des Auslandes iſt.“ „Mit Ausnahme des Königs von Navarra,“ ant⸗ wortete der Florentiner in frechem Tone. „Ventre⸗ſaint⸗gris!“ ſprach Heinrich,„Meiſter René, Ihr habt Recht. Und doch hat mir meine Mutter, welche auch bei Euch kaufte, ſterbend Meiſter René em⸗ pfohlen. Beſucht mich morgen oder übermorgen in mei⸗ ner Wohnung und bringt Eure beſten Parfumerien mit.“ „Dies wird nicht übel ſein,“ ſprach Catharina lä⸗ chelnd,„denn man ſagt la M vo vo ni von eſtern erzei⸗ 97 „Ich habe einen feinen Geruch?“ verſetzte Heinrich lachend,„wer hat Euch das geſagt, meine Mutter? Morgot etwa?“ „Nein, mein Sohn,“ erwiederte Catharina,„Frau von Sauve.“ In dieſem Augenblick brach die Frau Herzogin von Lothringen, welche ſich trotz aller Anſtrengung nicht mehr halten konnte, in ein Schluchzen aus. Heinrich wandte ſich nicht einmal um. „Meine Schweſter!“ rief Margarethe, auf Clauve zueilend,„was habt Ihr?“ „Nichts,“ ſagte Catharina, ſich zwiſchen die zwei jungen Frauen ſtellend,„nichts, ſie hat das nervöſe das ihr Mazille mit Aromen zu behandeln em⸗ pfiehlt.“ Und ſie drückte abermals und noch kräftiger als das erſte Mal ihre ältere Tochter am Arme und ſagte dann, ſich gegen die jüngere umwendend: „Margot, habt Ihr nicht gehört, daß ich Euch bereits aufforderte, Euch zurückzuziehen? Wenn das nicht genügt, ſo befehle ich es Euch.“ „Verzeiht, Madame,“ erwiederte Margarethe bleich „Ich wünſche Eurer Majeſtät eine gute acht.“ „Und ich hoffe, Euer Wunſch wird erfüllt werden. Gute Nacht, gute Nacht!“ Margerethe entfernte ſich wankend und vergebens bemüht, einem Blicke ihres Gemahls zu begegnen, der ſich nicht einmal nach ihr umdrehte. Es herrſchte ein kurzes Stillſchweigen, während deſſen Catharina die Augen auf die Herzogin von Lothringen geheftet hielt, welche ihrerſeits, ohne zu ſprechen, die Hände gefaltet, ihre Mutter anſchaute. Heinrich wandte der Scene den Rücken zu, aber er ſah ſie dennoch in einem Spiegel, indeß er ſich den Anſchein gab, als kräuſelte er ſeinen Schnurrbart mit einer Pommade, die ihm René überreicht hatte. noch aus?“ „Ah, ja, das iſt wahr!“ rief der König von Na⸗ varra,„ah bei meiner Treue, ich vergaß, daß der Herzog von Alengon und der Prinz von Conde mich erwarten. Dieſe bewunderungswürdigen Wohlgerüche berauſchen mich und berauben mich, wie es ſcheint, des Gedächtniſſes. Auf Wiederſehen, Madame.“ „Auf Wiederſehen! Morgen gebt Ihr mir Nach⸗ richt von dem Admiral, nicht wahr?“ „Ich werde nicht ermangeln. Nun, Phöbe, was gibt es?“ „Phöbe!“ ſagte die Königin Mutter ungeduldig. „Ruft ſie zu Euch, Madame,“ ſprach der Bearner, „denn ſie will mich nicht gehen laſſen.“ Die Königin Mutter ſtand auf, nahm die kleine Hündin beim Halsbande und hielt ſie zurück, während Heinrich ſich entfernte, das Geſicht ſo ruhig und lachend, als hätte er keine Ahnung gehabt, daß er Gefahr lief, ermordet zu werden. Von Catharina von Medicis wieder losgelaſſen, lief ihm die kleine Hündin nach, um ihn einzuhvlen, aber ſie konnte nur ihre längliche Schnauze, ein trau⸗ riges, Geheul ausſtoßend, unter der Tapete durchſtrecken. „Nun, Charlotte,“ ſagte Catharina zu Frau von Sauve,„nun hole mir die Herren von Guiſe und Tavanne, welche in meinem Betzimmer ſind, und komme dann mit ihnen zurück, um der Herzogin von Lothringen, welche an ihren Vapeurs leidet, Geielei zu leiſten.“ „Und Ihr, Heinrich?“ ſagte Catharina,„geht Ihr Ihr Na⸗ der mich rüche eint, kach⸗ was ig. rner, leine rend end, lief, iſſen, olen, rau⸗ pete von und und von chaft VII. Die Vacht des 24. Auguſt 1572. Als La Mole und Coconnas ihr mageres Abend⸗ brod verzehrt hatten, denn das Geflügel des Wirths⸗ hauſes zum ſchönen Geſtirne war nur auf dem Schilde fichtbar, ſetzte ſich Coconnas in ſeinem Stuhle feſt, ſtreckte die Beine aus, ſtützte den Ellenbogen auf den Tiſch und fragte, ein letztes Glas Wein ſchlürfend: „Geht Ihr ſogleich ſchlafen, Herr de La Mole?“ „Meiner Treu', ich habe große Luſt, denn es iſt möglich, daß man mich in der Nacht weckt.“ „Mich auch,“ ſagte Coconnas,„aber ſtatt uns niederzulegen und diejenigen, welche uns holen werden, warten zu laſſen, würden wir, wie es mir ſcheint, beſſer daran thun, Karten zu verlangen und zu ſpielen. Man würde uns dann ganz vorbereitet finden.“ „Gerne wollte ich Euren Vorſchlag annehmen, mein Herr, aber um zu ſpielen habe ich wenig Geld. Ich beſitze kaum hundert Goldthaler in meinem Fell⸗ eiſen, das iſt mein ganzer Schatz, und damit ſoll ich mein Glück machen?“ „Hundert Goldthaler!“ rief Coconnas,„und Ihr enei Euch. Mordi, mein Herr, ich habe nur echs.“ „Geht doch,“ verſetzte La Mole,„ich habe Euch Eure Börſe zichen ſehen, die mir nicht nur ſehr rund, man dürfte wohl ſagen, aufgeſchwollen vor⸗ am.“ „Oh, ja,“ ſagte Coconnas,„das iſt, um eine alte Schuld zu tilgen, welche ich an einen Freund meines 100 Vaters zu bezahlen habe, der mir, wie Ihr, ein wenig Hugenotte zu ſein ſcheint. Es ſind hundert Roſenobles,“ fuhr Coconnas, an ſeine Taſche klopfend, fort.„Dieſe hundert Roſenobles aber gehören Meiſter Mercandon. Was mein Erbgut betrifft, ſo beſchränkt es ſich, wie ich Euch ſagte, auf ſechs Thaler.“ „Wie ſollen wir dann ſpielen?“ „Gerade deshalb wollte ich ſpielen. Ueberdies iſt mir ein Gedanke gekommen.“ „Laßt hören.“ „Wir kommen Beide in derfelben Abſicht nach Paris?“ „Ja.“ Beide einen mächtigen Beſchützer?“ „ „Nun, es iſt mir der Gedanke gekommen, wir wollen zuerſt um unſer Geld und dann um die erſte Gunſtbezeugung ſpielen, die uns entweder vom Hofe oder von unſerer Geliebten zufließt.“ „In der That, das iſt ſehr geiſtreich,“ ſagte La Wole lächelnd; aber ich geſtehe, ich bin nicht genug Spieler, um mein ganzes Leben auf eine Karte oder auf einen Wurf zu ſetzen; denn die erſte Gunſt, die Euch und mir zukommt, wird ohne Zweifel einen mächtigen Einfluß auf unſer ganzes Leben haben.“ „Laßen wir alſo die erſte Gunſtbezeugung des Hoſes und ſpielen wir um die erſte Gunſt unſerer Geliebten.“ „Dagegen ſehe ich nur einen Einwurf,“ ſagte La Mole. „Welchen?“ „Ich habe keine Geliebte.“ „Ich auch nicht, aber ich gedenke ungeſäumt eine zu haben. Man iſt Gott ſei Dank nicht ſo beſchaffen, daß es einem an Frauen fehlen ſollte.“ „Es wird Euch auch, wie Ihr ſagt, nicht daran fehlen, Herr von Coconnas. Da ich aber nicht daſ⸗ enig es,“ ieſe don. wie s iſt nach 2. wir erſte bofe La nug oder die nen ofes en.“ La — eine fen, ran daſ⸗ 101 ſelbe Zutrauen zu meinem Liebesgeſtirne habe, ſo hieße es Euch beſtehlen, wollte ich meinen Einſatz dem Eu⸗ rigen entgegenſtellen. Spielen wir alſo bis zu Euren ſechs Thalern. Verliert Ihr ſie unglücklicher Weiſe und wollt das Spiel fortſetzen, wohl, Ihr ſeid Edel⸗ mann und Euer Wort iſt Goldes werth.“ „Gut,“ rief Coconnas,„das heiße ich ſprechen. Ihr habt Recht, mein Herr, das Wort eines Edelmannes iſt Goldes werth, beſonders wenn dieſer Edelmann Credit bei Hofe hat. Glaubt mir, ich hätte nicht recht den Muth, gegen Euch um die erſte Gunſt zu ſpielen, die ich bekommen ſollte.“ „Ihr habt Recht, Ihr könntet fie verlieren, aber ich könnte ſie nicht gewinnen; denn da ich dem König von Navarra gehöre, ſo kann ich nichts von dem Herrn Herzog von Guiſe empfangen.“ „Ah, Parpaillot,“ murmelte der Wirth, ſeine alte Pickelhaube putzend,„ich hatte es Dir doch an⸗ gerochen.“ Und er unterbrach ſich, um das Zeichen des Kreu⸗ zes zu machen. „Ah, entſchieden,“ verſetzte Coconnas, die Karten miſchend, die ihm der Kellner gebracht hatte.„Ihr ſeid alſo„ „Was?“ „Von der Religion.“ „ 2 „Pohth ebt, 19 ſet e,“ prach e Nol „Wohl, ſetzt, ich ſei es,“ ſprach La Mole lächelnd. „Habt Ihr etwas gegen uns?“ „Oh Gott ſei Dank! nein, das iſt mir ganz gleich⸗ gültig. Ich haſſe das Hugenottenthum im höchſten Maße, aber ich verabſcheue die Hugenotten nicht, und dann iſt dies auch Mode.“ „Ja,“ verſetzte La Mole lachend,„ein Beweis hiefür iſt der Büchſenſchuß nach dem Admiral. Wol⸗ len wir um Büchſenſchüſſe ſpielen?“ Königin Margot. 1. 102 „Wie es Euch be liebt,“ ſagte Coconnas.„Wenn ich einmal ſpiele, iſt es mir gleichgültig um was.“ „Spielen wir alſo,“ ſagte La Mole, ſeine Karten zuſammenfaſſend und in ſeiner Hand ordnend. „Jo, ſpielt, und ſpielt mit Vertrauen; denn ſollte ich auch hundert Goldthaler wie die Eurigen ver⸗ lieren, ſo hätte ich doch morgen Mittel, ſie zu be⸗ zahlen.“ „Das Glück wird Euch alſo im Schlafe kommen?“ „Nein, ich werde es aufſuchen.“ „Wo dies? Sagt es mir, ich gehe mit Euch.“ „Im Louvre.“ „Ihr kehrt dieſe Nacht dahin zurück?“ „Ja, ich habe dieſe Nacht eine Privataudienz bei dem Herzog von Guiſe.“ Seitdem Cocynnas davon ſprach, daß er ſein Glück im Louvre ſuchen wolle, hatte La Huriére das Putzen ſeiner Pickelhaube unterbrochen und ſich hinter den Stuhl von La Mole geſtellt, ſo daß ihn nur Co⸗ connas ſehen konnte, und von da aus machte er ihm Zeichen, die der Piemonteſe, ganz in ſein Geſpräch und in das Spiel vertieft, nicht bemerkte. „Das iſt doch wunderbar,“ ſprach La Mole,„und Ihr hattet Recht, wenn Ihr ſagtet, wir wären un⸗ ter einem Geſtirne geboren. Ich habe dieſe Nacht auch ein Rendezvous im Louvre, aber nicht mit dem Herzog von Guiſe, ſondern mit dem König von Na⸗ varra.“ „Habt Ihr ein Loſungswort?“ „Ja.“ 6 „Ein Verſammlungszeichen?“ „Nein.“ „Nun, ich habe eines. Mein Loſungswort iſt Bei dieſen Worten des Piemonteſen machte La Huriére eine ſo ausdrucksvolle Geberde, gerade in dem Augenblick, wo der ſchwatzhafte Edelmann den Kopf emporhob, daß Coconnas mehr verßteinert durch dieſe„ Geb drei Erſt Par e gekr eine ten Hur muf mich verl Wenn 6. karten ſollte ver⸗ u he⸗ en?“ ch.“ z bei ſein das inter Co⸗ ihm räch „und un⸗ acht dem Na⸗ 103 Geberde, als durch den Coup, durch den er gerade drei Thaler verlor, inne hielt. Als La Mole das Erſtaunen wahrnahm, das auf dem Geſichte ſeines Partners ausgeprägt war, wandte er ſich um, aber er ſah nichts Anderes, als ſeinen Wirth, die Arme gekreuzt und die Pickelhaube auf dem Kopfe, die er ihn einen Augenblick vorher hatte putzen ſehen. Coconnas ſchaute den Wirth und ſeinen Gefähr⸗ ten an, denn er konnte die Geberden von Meiſter La Huriere nicht begreifen. La Huriere ſah, daß er ihm zu Hülfe kommen mußte und ſagte raſch: „Ich liebe das Spiel auch ungemein, und da ich mich näherte, um den Coup zu ſehen, auf den Ihr verloren habt, ſo nahm der gnädige Herr ohne Zweifel meine kriegeriſche Kopfbedeckung wahr, und das ſetzte ihn wohl bei einem armen Bürgersmann in Erſtaunen.“ „Ein guter Kerl!“ rief La Mole, in ein Lachen ausbrechend. 4 „Ei, mein Herr,“ verſetzte La Huriere mit be⸗ wunderungswürdig geſpielter Gutmüthigkeit und mit einer Schulterbewegung voll des Gefühls ſeiner un⸗ tergeordneten Stellung,„wir find keine Tapfere und haben nicht das feine Weſen. Es taugt für brave Edelleute, wie Ihr ſeid, goldene Helme und ſchöne Schwerter glänzen zu laſſen, und wenn wir nur un⸗ ſere Wäche pünktlich beziehen „Ahl ah!“ ſprach La Mole, die Karten miſchend, „Ihr bezieht Eure Wache?“ „Ei, mein Gott, ja, Herr Graf, ich bin Ser⸗ gent einer Compagnie der Bürgermiliz.“ Nach dieſen Worten zog ſich La Hurisre, während La Mole mit dem Ausgeben der Karten beſchäftigt war, einen Finger auf ſeine Lippen legend, um dem mehr als je verblüfften Coconnas Stillſchweigen zu empfehlen, zurück. 104 Dieſe Vorſichtsmaßregel war ohne Zweifel die Urſache, daß er den zweiten Coup eben ſo raſch ver⸗ lor, als er den erſten verloren hatte. „Nun,“ ſagte La Mole,„das macht gerade Eure ſechs Thaler. Wollt Ihr Revanche auf Euer zukünf⸗ tiges Glück?“ „Gerne,“ erwiederte Coconnas, gerne.“ „Aber ehe Ihr Euch weiter einlaßt, ſagtet Ihr mir nicht, Ihr hättet Rendezvous mit Herrn von Guiſe?“ Coconnas wandte ſeine Blicke nach der Küche und ſah die großen Augen von La Huriere, welche daſſelbe Zeichen wiederholten. „Ja,“ antwortete er,„aber es iſt noch nicht die Stunde. Sprechen wir übrigens ein wenig von Euch, Herr de La Mole.“ „Ich glaube, wir würden beſſer daran thun, vom Spiel ju ſprechen, Herr von Coconnas, denn wenn ich mich nicht ſehr täuſche, bin ich im Zuge, abermals ſechs Thaler zu gewinnen.“ „Mordi, das iſt wahr! Man ſagte mir im⸗ mer, die Hugenotten hätten Glück im Spiele. Der Teufel ſoll mich holen, ich habe Luſt, ein Hugenott zu werden.“ Die Augen von La Hurière funkelten wie zwei Kohlen; aber ganz in ſein Spiel vertieft, gewahrte ſie Coconnas nicht. „Thut das, Graf, thut das,“ verſetzte La Mole, „und obgleich die Art und Weiſe, wie Euch der Beruf hiezu gekommen iſt, ſonderbar erſcheint, ſo werdet Ihr doch unter uns willkommen ſein.“ Coconnas kratzte ſich hinter dem Ohre und erwie⸗ derte: „Wenn ich gewiß wüßte, daß Euer Glück davon herrührt, ſo wollte ich wohl, denn am Ende halte ich keine zu große Stücke auf die Meſſe, und ſeit der König ſelbſt nicht viel darauf hält„ Rel ſie oba den ruh Coc Gu Na ma vin wü wi un vo er die ber⸗ ure inf⸗ gtet von und elbe die uch, vom nals im⸗ Der t zu zwei e ſie ole, eruf Ihr wie⸗ on halte t der 105 „Und dann iſt es eine ſo ſchone, eine ſo einfache Religion,“ ſprach La Mole. „Auch iſt ſie in der Mode,“ ſagte Coconnas,„und ſie bringt offenbar Glück im Spiele; denn der Teufel ſoll mich holen, es gibt nur Aſſe für Euch, und ich be⸗ obachte Euch doch, ſeitdem wir die Karten in den Hän⸗ den haben. Ihr ſpielt offenes Spiel, Ihr betrügt nicht das muß von der Religion herkommen.“ „Ihr ſeid mir weitere ſechs Thaler ſchuldig,“ ſprach ruhig La Mole. „Ah, wie Ihr mich in Verſuchung führt,“ verſetzte Coconnas,„und wenn ich dieſe Nacht mit Herrn von Guiſe nicht zufrieden bin. „Nun?“ „So bitte ich Euch, morgen mich dem König von Navarra vorzuſtellen, und ſeid unbeſorgt, werde ich ein⸗ mal Hugenott, ſo bin ich es mehr als Luther, Cal⸗ vin, Melanchthon und alle Reformatoren der Erde.“ „Stille,“ ſagte La Mole,„Ihr gerathet in Zer⸗ würfniß mit unſerem Wirthe.“ „Oh! das iſt wahr,“ ſprach Coconnas, ſeine Augen wieder nach der Küche wendend.„Doch nein, er hört uns nicht, er iſt in dieſem Augenblick zu ſehr beſchäftigt.“ „Was macht er denn?“ fragte La Mole, der ihn von ſeinem Flatze aus nicht ſehen konnte. „Er plaudert mit... der Teufel ſoll mich holen, er iſt es!“ „Wer?“ „Der Nachtvogel, mit dem er ſchon bei unſerer Ankunft ſprach, der Mann mit dem gelben Wamms und dem zunderfarbigen Mantel. Alle Teufel, mit wel⸗ chem Feuer ſpricht er. Ei! ſagt mir doch, Meiſter La Huriére, treibt Ihr zufällig Politik?“ Dießmal aber war die Antwort von Meiſter La Huriere eine ſo kräftige, ſo gebieteriſche Geberde, daß Coconnas, trotz ſeiner Liebe für das gemalte Karten⸗ papier aufſtand und auf ihn zuging. 106 „Was habt Ihr denn?“ fragte La Mole. „Ihr verlangt Wein, gnädiger Herr,“ ſprach La Huriere, Coconnas raſch bei der Hand ergreifend; „man wird Euch geben. Gregor, Wein für dieſe Herren!“ Dann flüſterte er ihm in das Ohr: „Stille, ſtille, wenn Euch Euer Leben lieb iſt, und entlaßt Euern Gefährten.“ La Huriere war ſo bleich, der gelbe Mann ſah ſo finſter aus, daß Coconnas ſchauerte, er wandte ſich gegen La Mole um und ſagte zu dieſem: „Mein lieber Herr de La Mole, ich bitte Euch, mich zu entſchuldigen, ich verliere hinter einander fünſ⸗ zig Thaler. Ich bin im Unglück und muß befürchten, mich in Verlegenheit zu ſetzen.“ „Sehr gut, mein Herr, ſehr gut,“ ſagte La Mole, „ganz nach Eurem Belieben. Ueberdies bedaure ich es nicht, mich einen Augenblick auf mein Bett werfen zu können. Meiſter La Hurière. „Herr Graf?“ „Wenn man kommt, um mich auf Befehl des Kö⸗ nigs von Navarra zu holen, ſo weckt mich; ich bleibe angekleidet, und bin folglich ſogleich bereit.“ „Gerade wie ich,“ ſprach Coconnas,„um Seine Hoheit nicht einen Augenblick warten zu laſſen, will ich das Zeichen bereiten. Meiſter La Huriére, gebt mir eine Scheere und weißes Papier.“ „Gregor!“ rief La Hurière,„weißes Papier, um einen Brief zu ſchreiben, und eine Scheere, um den Umſchlag zu ſchneiden.“ „Ah, ganz entſchieden geht hier etwas Außerordent⸗ liches vor,“ ſagte der Piemonteſe zu ſich ſelbſt. „Gute Nacht) Herr von Coconnas,“ ſprach La Mole,„und Ihr, mein Wirth, erweiſt mir die Freund⸗ ſchaft, mir den Weg zu zeigen.“ Und La Mole verſchwand, von La Huriere ge⸗ folgt, auf der Wendeltreppe. 5 FB— h La end; dieſe und ſah e ſich Euch, fünf⸗ hten, Nole, ches n zu leibe Seine will gebt um den dent⸗ h La und⸗ ge⸗ v 107 Nun ergriff der geheimnißvolle Mann Coconnas ebenfalls beim Arme, zog ihn zurück und ſagte raſch zu ihm: „Mein Herr, es fehlte nicht viel, ſo offenbartet Ihr hundertmal ein Geheimniß, von welchem das Schickſal des Königreiches abhängt. Gott fügte es, daß Euer Mund zu rechter Zeit geſchloſſen wurde. Ein Wort mehr und ich hätte Euch mit einem Büch⸗ fenſchuſſe niedergeſtreckt. Nun ſind wir allein.“ „Aber wer ſeid Ihr denn, daß Ihr in dieſem ge⸗ bieteriſchen Tone mit mir ſprecht?“ „Habt Ihr zufällig von Herrn von Maurevel reden hören?“ „Dem Mörder des Admirals?“ „Und des Kapitän von Mouy.“ „Allerdings.“ „Ich bin der Herr von Maurevel.“ „Oh, oh!“ rief Coconnas. „Hört mich.“ „Mordi! Ich glaube wohl, daß ich Euch höre.“ „Stille,“ flüſterte Herr von Maurevel, den Finger an den Mund legend. Coconnas horchte aufmerkſam. Man hörte in dieſem Augenblick den Wirth die Thüre eines Zimmers, dann die Thüre der Hausflur ſchließen und Riegel vorſchieben, und ſah ihn dann eiligſt zurückkehren. Er vot Maurevel einen Stuhl, nahm einen drit⸗ ten für ſich und ſagte: „Alles iſt wohl verſchloſſen, Herr von Maurevel, Ihr könnt nun ſprechen.“ Es ſchlug eilf Uhr auf Saint⸗Germain⸗L'Auxer⸗ rois. Maurevel zählte einen Schlag nach dem andern, wie er vibrirend und düſter in der Nacht ertönte, und als der letzte im Raume verklungen war, ſagte er zu Coconnas, der im höchſten Maße erftaunt die Vor⸗ 108 ſichismaßregeln betrachtete, welche die zwei Männer nahmen: „Mein Herr, ſeid Ihr ein guter Katholik?“ „Ich glaube wohl,“ antwortete Coconnas. „Mein Herr, ſeid Ihr dem König ergeben?“ fuhr Maurevel fort. „Mit Leib und Seele. Ich glaube ſogar, daß Ihr mich beleidigt, indem Ihr eine ſolche Frage an mich richtet.“ „Wir werden darüber keinen Streit bekommen, Ihr folgt uns nur.“ „Wohin?“ „Gleichviel. Laßt Euch führen, es handelt ſich um Euer Glück und vielleicht um Euer Leben.“ „Ich ſage Euch, mein Herr, daß ich um Mitter⸗ nacht im Louvre zu thun habe.“ „Gerade dahin gehen wir.“ „Herr von Guiſe erwartet mich daſelbſt.“ „Uns auch.“ „Aber ich habe ein beſonderes Loſungswort,“ fuhr Coconnas fort, etwas gedemüthigt dadurch, daß er die Ehre ſeiner Audienz mit dem Herrn von Maurevel und mit Meiſter La Huriere theilen ſollte. „Wir auch.“ „Aber ich habe ein Erkennungszeichen.“ Maurevel lächelte, zog unter ſeinem Wamms eine Handvoll Kreuze von weißem Stoffe hervor, gab eines La Hurière, eines Coconnas und nahm eines für ſich ſelbſt. La Huriere befeſtigte das ſeinige an ſeine Pi⸗ ckelhaube, Maurevel band ſein Kreuz an ſeinen Hut. „Oho!“ ſprach Coconnas ganz verwundert,„das Loſungswort, das Rendezvons, das Erkennungszeichen, das war alſo für die ganze Welt.“ 5„Ja, mein Herr, das heißt, für alle gute Katho⸗ iken.“ „Es iſt ein Feſt im Louvre, ein königliches Ban⸗ kett, nicht wahr?“ rief Coconnas,„und man will dieſe inner fuhr daß e an men, m itter⸗ fuhr r die un eine eines Pi⸗ ut. „das ichen, atho⸗ Ban⸗ dieſe — 109 Hunde von Hugenvtten ausſchließen. Gut, gut, vor⸗ trefflich! Sie brüſten ſich ſchon lange genug dort!“ „Ja, ja, es gibt ein Feſt im Louvre,“ ſagte Mau⸗ revel,„ein königliches Bankett, und die Hugenotten find dazu eingeladen. Noch mehr, ſie werden die Hel⸗ den des Feſtes ſein, ſie werden das Bankett bezahlen, und wenn Ihr von den Unſern ſein wollt, ſo fangen wir damit an, daß wir ihren Hauptkämpen, ihren Gideon, dazu sinladen.“ „Den Herrn Admiral!“ rief Coconnas. „Ja, den alten Gaspard, den ich wie ein Dumm⸗ kopf gefehlt habe, obgleich ich mit der Büchſe des Kö⸗ nigs auf ihn ſchoß.“ „Darum, gnädiger Herr, putzte ich meine Pickel⸗ haube, ſchliff ich mein Schwert und wetzte ich mein Meſſer,“ ſprach mit einem ſcharfen Tone der in einen Krieger verwandelte Meiſter La Huriére. Bei dieſen Worten bebte Coconnas und wurde ſehr bleich, denn er fing an zu begreifen. „Wie! in der That?“ rief er.„Dieſes Feſt, die⸗ ſes Bankett. iſt man wil „Ihr habt ſehr lange gebraucht, um zu errathen,“ verſetzte Maurevel,„und man ſieht wohl, daß Ihr der Unverſchämtheit dieſer Ketzer nicht müde ſeid, wie wir.“ „Und Ihr nehmt es auf Euch, zu dem Admiral zu gehen, und zu„ Maurevel lächelte, zog Coconnas an ein Fenſter und ſprach: „Schaut, ſeht Ihr auf dem kleinen Platz am Ende der Straße, hinter der Kirche die Truppe, welche ſich ſchweigend, in der Dunkelheit aufftellt?“ „Ja. „Die Leute, welche dieſe Truppe bilden, haben, 3 Meiſter La Huriére, Ihr und ich, ein Kreuz am ute.“ „Nun?“ „Nun, dieſe Menſchen ſind eine Compagnie Schwei⸗ 1¹⁰ zer von den kleinen Cantonen, befehligt von Toque⸗ naut. Ihr wißt, daß die Herren von den kleinen Can⸗ tonen treue Anhänger des Königs ſind.“ „Oh, oh!“ rief Coconnas.— „Seht Ihr die Reitertruppe über den Quai kom⸗ men? erkennt Ihr den Führer?“ „Wie ſoll ich ihn erkennen?“ ſagte Coconnas ſchauernd;„ich bin erſt ſeit dieſem Abend in Paris.“ „Er iſt es, mit dem Ibr dieſe Nacht Rendezvous im Louvre habt. Er erwartet Euch.“ „Der Herzog von Guiſe?“ „Er ſelbſt. Diejenigen, welche ihn begleiten, ſind Marcel, der Exprevot der Kaufleute, und Choron, der gegenwärtige Prevot. Dieſe zwei bringen ihre Bürger⸗ Compagnieen auf die Beine, und dort kommt eben der Capitän des Quartiers in die Straße. Schaut wohl, was er macht!“ „Er klopft an jede Thüre. Aber was iſt denn an den Thüren, an die er klopft?“ „Ein weißes Kreuz, junger Mann, ein Kreuz, dem ähnlich, welches wir an unſern Hüten haben. Früher überließ man Gott die Sorge, die Seinigen zu unter⸗ ſcheiden; heut' zu Tage ſind wir höflicher und erſparen ihm dieſe Mühe.“ „Aber jedes Haus, an das er klopft, öffnet ſich, und aus jeder Thüre kommen bewaffnete Bürger hervor.“ „Er wird an das unſere klopfen, wie an die an⸗ dern, und wir werden ebenfalls kommen.“ „Alle dieſe Leute find auf den Beinen, um einen alten Hugenotten zu tödten!“ ſagte Coconnas.„Bei Gott, das iſt ſchmachvoll, das iſt ein Geſchäft für Er⸗ Iproßler und nicht für Soldaten.“ „Junger Mann,“ ſprach Maurevel,„wenn Euch die Alten widerſtreben, ſo könnt ihr Junge nehmen. Es werden ſich welche für jeden Geſchmack finden. „„ cr ec — ue⸗ n⸗ as 8./ s ind der er⸗ der hl, an em her er⸗ ren ich, ger n⸗ en gei Er⸗ uch en. en. 1¹¹ Verachtet Ihr den Dolch, ſo könnt Ihr Euch des De⸗ gens bedienen, denn die Hugenotten find nicht die Leute, welche ſich erwürgen laſſen, ohne ſich zu verthei⸗ digen. Und Ihr wißt, die Hugenotten haben, Alt oder Jung, ein zähes Leben.“ „Man wird ſie alſo insgeſammt umbringen?“ rief Coconnas. „Insgeſammt.“ „Auf Befehl des Königs?“ „Des Königs und des Herrn von Guiſe.“ „Und wann dies 20 „Sobald Ihr die Glocke in Saint⸗Germain⸗[Au⸗ rerrvis läuten hört.“ „Ah! deßhalb ſagte mir alſo der liebenswürdige Deutſche, der bei Herrn von Guiſe iſt wie heißt er doch?“ „Herr von Besme.“ „Richtig. Deshalb ſagte mir alſo Herr von Besme, ich ſolle beim erſten Tone der Sturmglocke herbeieilen.“ „Ihr habt Herrn von Besme geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen und mit ihm geſprochen.“ „Wo dies?“ „Im Louvre. Er führte mich ein, er gab mir das Loſungswort, er.. „Seht doch!“ „Mordi! er iſt es ſelbſt.“ „Wollt Ihr ihn ſprechen 2 „Bei meiner Seele! es wäre mir nicht unan⸗ genehm.“ Maurevel öffnete raſch das Fenſter. Besme kam wirklich mit etwa zwanzig Mann vorüber. „Guiſe und Lothringen,“ ſagte Maurevel. Besme wandte ſich um; er begriff, daß es ihm galt und näherke ſich. „Ah! Ihr ſeid es, Herr von Maurevel?“ „Ja, ich bin es; was ſucht Ihr?“ 112 „Ich ſuche vas Gaſthaus zum Schönen Geſtirne, um einen gewiſſen Herrn von Coconnas in Kenntniß zu ſetzen.“ „Hier bin ich, Herr von Besme,“ ſprach der junge Mann. „Ah! gut, gut, ſeid Ihr bereit?“ „Ja, was ſoll ich thun?“ „Was Euch Herr von Maurevel ſagt; vas iſt ein guter Katholik.“ „Hört Ihr?“ verſetzte Maurevel. „Ja,“ antwortete Coconnas,„aber Ihr, Herr von Besme, wohin geht Ihr?“ „Ich?“ rief Besme lachend. „Ja, Ihr,“ „Ich will dem Admiral ein Wörtchen ſagen.“ „Sagt ihm zwei, wenn es ſein muß,“ ſprach Maurevel,„und wenn er ſich vom erſten erhebt, ſo 6466 daß er wenigſtens nicht vom zweiten auf⸗ eht.“ „Seid unbeſorgt, Herr von Maurevel, ſeid un⸗ und dreſſirt mir den jungen Menſchen da gut. „Ja, ja, habt nicht bange. Die Coconnas find gute Leithunde, und Art läßt nicht von Art.“ „Adieu!“ „Geht!“ „Und Ihr?“ „Beginnt immerhin die Jagd, wir kommen ſchon zum Jägerrechte.“ Von Besme entfernte ſich, und Maurevel ſchloß das Fenſter. „Ihr hört es, junger Mann,“ ſprach Maurevel, „wenn Ihr irgend einen Privatfeind habt, ſollte er auch nicht ganz Hugenott ſein, ſetzt ihn immerhin auf die Liſte, er wird mit den andern durchgehen.“ Immer mehr erſtaunt über Alles, was er hörte und ſah, betrachtete Coconnas abwechſelnd den V T T A 9 n r ne, iß der ein err uf⸗ un⸗ ind hon loß vel, uch die er den 113 Wirth, welcher furchtbare Stellungen annahm, und Maurevel, der ganz ruhig ein Papier aus ſeiner Taſche zog. „Hier iſt meine Liſte,“ ſagte er.„Dreihundert. Möchte dieſe Nacht jeder Katholik den zehnten Theil von dem Geſchäfte verrichten, das ich verrichte, und morgen wäre kein einziger Ketzer mehr im König⸗ ei. „Stille“ ſprach La Huriere. „Was gibt es?“ ſagten gleichzeitig Coconnas und Maurevel. Man hörte den erſten Schlag der Sturmglocke in Saint⸗Germain⸗L'Auxerrois. „Das Signal!“ rief Maurevel.„Die Stunde iſt alſo vorgerückt. Es ſollte erſt um Mitternacht ſein, wie man mir ſagte Deſto beſſer! Wenn es ſich um die Ehre Gottes und des Königs handelt, find die Uhren mehr werth, welche vorgehen, als die, welche nachgehen.“ Man hörte wirklich das düſtere Läuten der Kirchen⸗ glocke. Bald ertönte ein erſter Schuß und beinahe in demſelben Augenblicke erleuchtete der Glanz mehrerer Fackeln wie ein Blitz die Rue de Arbre⸗Sec. Coconnas fuhr mit ſeiner ſchweißfeuchten Hand über die Stirne. „Man hat angefangen!“ rief Maurevel,„vor⸗ wärts!“ „Einen Augenblick,“ ſprach der Wirth;„ehe wir in das Feld ziehen, verſichern wir uns des Quartiers, wie man im Kriege ſagt. Man ſoll nicht meine Frau und meine Kinder erwürgen, während ich außen bin. Es iſt ein Hugenott hier.“ „Herr de La Mole!“ rief Coconnas aufſpringend. „Ja, der Parpaillot hat ſich in den Rachen des Wolfes geſtürzt.“ „Wie,“ ſagte Coconnas,„Ihr wollt Euren Gaſt angreifen?“ 1¹4 „Für ihn beſonders habe ich meinen Degen ge⸗ ſchliffen.“ „Oho!“ rief der Piemonteſe, die Stirne faltend. „Ich habe nie etwas Anderes getödtet, als meine Kaninchen, meine Enten und meine Hüh⸗ ner; ich weiß alſo nicht recht, wie ich mich zu benehmen habe, um einen Menſchen zu tödten. An dieſem will ich mich nun einüben. Mache ich die Sache etwas linkiſch, ſo iſt doch wenigſtens Niemand da, der über mich ſpotten kann.“ „Mordi! das iſt hart,“ entgegnete Coconnas. „Herr de La Mole iſt mein Gefährte, Herr de La Mole hat mit mir zu Nacht geſpeiſt, Herr de La Wole hat mit mir geſpielt.“ „Ja, aber Herr de La Mole iſt ein Ketzer,“ ſprach Maurevel,„Herr de La Mole iſt verurtheilt, und wenn wir ihn nicht tödten, werden ihn Andere tödten.“ „Abgeſehen davon,“ ſagte der Wirth,„daß er Euch fünfzig Thaler abgewonnen hat.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Coconnas,„aber auf eine redliche Weiſe.“ „Revlich oder nicht, Ihr müßt ihn doch immer⸗ hin bezahlen, während Ihr, wenn ich ihn tödte, quitt ſeid.“ „Vorwärts, meine Herren, vorwärts!“ rief Maurevel,„einen Büchſenſchuß, einen Degenſtoß, einen Schlag mit dem Hammer, einen Schläg mit dem Feuerbock, einen Schlag, mit was Ihr wollt; aber endigen wir damit, wenn wir, wie wir es ver⸗ ſprochen haben, zu rechter Zeit kommen wollen, um dem Herrn von Guiſe bei dem Admiral zu helfen.“ Coconnas ſeufzte. „Ich eile,“ rief La Hurisre,„wartet auf mich.“ „Mordi!“ rief Coconnas,„r wird den ar⸗ men Jungen leiden laſſen und ihn vielleicht beſtehlen⸗ nd. ner⸗ uitt rief 1¹⁵ Ich will dabei ſein, um ihm im Falle der Noth den Garaus zu machen und es zu verhindern, daß man ſein Geld nimmt.“ Durch dieſen glücklichen Gevanken bewogen, ſtieg Coconnas hinter La Huriére die Treppe hinauf. Bald hatte er ihn eingeholt, denn La Huriére verzögerte feine Schritte immer mehr, ohne Zwe einer Betrachtung. In dem Augenblick, wo er, beſtändig gefolgt, zur Thür gelangte, erſchollen m auf der Straße. Sogleich hörte man ifel in Folge von Coconnas ehrere Schüſſe La Mole von ſeinem Bette herabſpringen und den Boden unter ſeinen Tritten krachen. „Teufel!“ murmelte La Huriére etwas beunruhigt, „er iſt, glaube ich, aufgewacht!“ „Es kommt mir ſo vor,“ ſagte Coconnas. „Und er wird ſich vertheidigen?“ „Er iſt fähig dazu. Sagt doch, Meiſter La Hu⸗ riére, es wäre drollig, wenn er Euch tö „m, hm,“ murmelte der Wirth. dten würde.“ Aber da er ſich mit einer guten Büchſe bewaffnet fühlte, beruhigte er ſich wieder und ſchlug die Thüre mit einem guten Fußſtoße ein. Man ſah nun La Mole ohne Hut, gekleidet, hinter ſeinem Bette verſchanzt, zwiſchen den Zähnen und ſeine Piſtolen aber ganz an⸗ ſeinen Degen in der Hand. „Oho!“ rief Coconnas, die Naſenlöcher wie ein wildes Thier aufreißend, das Blut riecht.„Die Sache wird intereſſant, Meiſter La Huriére, vorwärts! auf ihn!“ „Ah! man will mich ermorden, wie es ſcheint,“ rief La Mole mit flammenden Augen; es, Elender!“ „und Du biſt Meiſter La Huriére beantwortete dieſe Anrede nur, indem er ſeine Büchſe ſenkte und auf den jungen Mann anſchlug; aber La Mole, der dieſe drohende Be⸗ wegung geſehen, fiel in dem Augenblick, wo der Schuß 1¹6 losging, auf die Kniee und die Kugel flog über ſeinem Kopfe hin. „Herbei!“ rief La Mole,„mir zu Hülfe, Herr von Coconnas.“ „Herbei, Herr von Maurevel, mir zu Hülfe!“ rief La Huriére. „Meiner Treue, Herr de La Mole,“ ſagte Coconnas, „ich kann in dieſer Geſchichte nicht mehr thun, als mich nicht gegen Euch ſtellen. Es ſcheint, man bringt dieſe Nacht die Hugenotten im Namen des Königs um.“ „Ah⸗ Verräther, ah, Mörder! ſo geht es! wartet Und La Mole zielte ebenfalls und drückte eine von ſeinen Piſtolen ab. La Huriére, der ihn nicht aus dem Geſichte verlor, hatte Zeit, ſich auf die Seite zu werfen. Aber Coconnas, welcher hierauf nicht ge⸗ faßt war, blieb auf ſeiner Stelle, und die Kugel ſtreifte ſeine Schulter.. „Mordi!“ rief ér, mit den Zähnen knirſchend, „das hat mich getroffen; nun iſt es an uns Beiden, da Du es willſt.“ Und er zog ſeinen Degen und ſtürzte auf La Mole los. Wäre er allein geweſen, ſo hätte ihn La Mole ohne Zweifel erwartet; aber Coconnas hatte hinter fich den Meiſter La Huriére, welcher ſeine Büchſe wie⸗ der lud, äbgeſehen von Maurevel, der, um der Auffor⸗ derung des Wirthes zu folgen, mit großen Sprüngen die Treppe heraufeilte. La Mole warf ſich deßhalb in ein Cabinet und verriegelte die Thüre hinter ſich. „Ah, Schelm!“ rief Coconnas wüthend und ſtieß mit dem Knopfe ſeines Raufdegens an die Thüre. „Warte, warte! ich will Deinen Leib mit ſo vielen Degenſtößen durchbohren, als Du mir dieſen Abend Thaler abgewonnen haſt. Ah! ich komme, um es zu verhindern, daß Du leideſt, und Du belohnſt mich da⸗ durc Wa und Thi mit und ha on ief 8, eſe tet ine eite ge⸗ ifte end, den, La Nole inter wie⸗ ffor⸗ ngen b in ſtieß hüre. ielen lbend es zu da⸗ 117 vurch, daß Du mir eine Kugel in die Schulter ſendeſt. Warte Schurke, warte!“ Während dieſer Zeit näherte ſich La Huriére 3 zerſchmetterte mit dem Kolben ſeiner Büchſe die Thüre. Coconnas ſprang in das Cabinet, aber er ſtieß mit der Naſe an die Wand. Das Cabinet war leer und das Fenſter offen. „Er wird ſich hinausgeſtürzt haben,“ ſagte der Wirth,„und da wir uns im vierten Stocke befinden, ſo iſt er todt.“ „Oder er hat ſich über das Dach des Nachbar⸗ hauſes geflüchtet,“ rief Coconnas, ſchwang ſich auf das Fenſtergefimſe und ſchickte ſich an, ihm auf dieſem abſchüſſigen Terrain zu folgen. Aber Maurevel und La Huriére eilten auf ihn zu und zogen ihn wieder in das Zimmer. „Seid Ihr ein Narr!“ riefen Beide gleichzeitig. Wollt Ihr Euch tödten?“ „Bah!“ ſagte Coconnas,„ich bin im Gebirge zu Hauſe und gewohnt, auf den Gletſchern umherzulaufen. Ueberdieß würde ich, wenn mich ein Menſch einmal beleidigt hat, mit ihm in den Himmel hinauf oder in die Hölle hinabſteigen. Laßt mich alſo gewähren.“ „Seid vernünftig,“ ſprach Maurevel,„entweder iſt er todt, oder bereits ferne. Kommt mit uns, und wenn dieſer Euch entgeht, ſo findet Ihr tauſend Andere ſtatt ſeiner.“ „Ihr habt Recht,“ brüllte Coconnas.„Tod den Hugenotten! Ich muß mich rächen, und zwar je eher deſto beſſer.“ alle Drei ſtürzten wie eine Lauwine die Treppe nab.. „Zu dem Admiral!“ rief Maurevel. „Zu dem Admiral!“ wiederholte La Huriere „Zu dem Admiral alſo, da Ihr es wollt,“ ſagte Coconnas. Konigin Margot. 1. 8 Und alle Drei eilten aus dem Gaſthauſe zum Schö⸗ nen Geſtirn, das der Bewachung von Gregor und den andern Aufwärtern überlaſſen wurde, und wandten ſich nach dem Hotel des Admirals, das in der Rue de Böthiſp lag. Eine glänzende Flamme und der Lärmen von Büchſenſchüſſen leiteten ſie in dieſer Richtung. „Wer kommt da!“ rief Coconnas,„ein Menſch ohne Wamms und ohne Schärpe.“ „Es iſt Einer, der ſich flüchtet,“ ſagte Maurevel. „Das iſt Eure Sache, da Ihr Büchſen habt,“ rief Coconnas. „Meiner Treue, nein,“ ſprach Maurevel;„ich be⸗ halte mein Pulver für beſſeres Wildpret. ² „An Euch alſo, La Huriére.“ „Wartet, wartet!“ ſprach der Wirth anſchlagend. „O ja, wartet!“ rief Coconnas,„und mittlerweile wird er entfliehen.“ Und er eilte, den Unglücklichen zu verfolgen, den er pald eingeholt hatte, denn er war bereits verwundet. Aber in dem Augenblick, wo er, um ihn nicht von hinten niederzuſtoßen, ihm zurief;„Drehe dich, drehe dich doch!“ erſcholl ein Schuß, eine Kugel ziſchte an dem Ohr von Coconnas vorüber, und der Flüchtling rollte zuſammen, wie ein im raſchen Laufe vom Blei des Jägers getroffener Haſe. Ein Triumphgeſchrei ließ ſich hinter Coconnas bö ren. Der Piemonteſe wandte ſich um und ſah La Huriere ſeine Waffe ſchwingen. „Ah, diesmal habe ich wenigſtens das Handgeld bekommen!“ rief La Huriére. „Ja, aber Ihr habt mich beinahe erſchoſſen.“ „Nehmt Euch in Acht, gnädiger Herr,“ ſchrie La Huriére. Coconnas machte einen Sprung rückwärts. Der Verndete hatte ſich auf ein Knie erhoben und war, Augenblick, wo die Warnung ſeines Wirthes den Pie⸗ 5 ganz vom Durſt nach Rache hingeriſſen, in dem 6 nd. eile den et. on ehe ing lei La eld Der ar, dem hie⸗ 1¹9 monteſen aufmerkſam machte, im Begriff, Coconnas mit ſeinem Dolche zu durchbohren. „Ah, Schlange!“ rief Coconnas. Und ſich auf den Verwundeten werfend, ſtieß er ſeinen Degen bis an das Heft in die ruſt. „Und nun,“ rief Coconnas, den Hugenotten dem Todeskampfe überlaſſend,„zu dem Admiral! zu dem Admiral!“ „Ah! ah! gnädiger Herr,“ ſprach Maurevel,„es ſcheint, Ihr beißt an.“ „Et, meiner Treue, ja,“ ſagte Coconnas;„ich weiß nicht, ob es der Pulverdampf iſt, was mich be⸗ rauſcht, oder ob es der Anblick des Blutes iſt, was mich ſo ſehr auftegt, aber, Mordi! ich finde Ge⸗ ſchmack am Tödten. Das iſt nur ein Treibjagen auf Menſchen. Bis jetzt habe ich Bären und Wölfe ge⸗ jagt, aber bei meiner Ehre ein Treibjagen auf Menſchen kommt mir luſtiger vor.“ Und alle Drei ſetzten ihren Lauf wieder fort. „ VIII. Die Grſchlachteten. Dos Hotel, welches der Admiral bewohnte, lag, wie geſagt, in der Rue de Bethiſy. Es war ein gro⸗ ßes Haus, das ſich im Hintergrunde ein Hofes mit zwei rückwärts nach der Straße laufenden Flügeln erhob. Eine durch ein großes Thor und zwei ne Gitter geöffnete Mauer bildete den Eingang zu die⸗ ſem Hofe. 120 Als die drei Parteigänger von Guiſe das Ende der Rue Béthiſp erreichten, welche die Fortſetzung der Rue des Foſſés⸗Saint⸗Germain⸗lAuxerrois bildet, ſahen ſie das Hotel von Schweizern, von Soldaten und be⸗ waffneten Bürgern umgeben. Alle hielten in der rech⸗ ten Hand entweder Schwerter, oder Pieken, oder Büch⸗ ſen, und Einige in der Linken Fackeln, welche über dieſe Scene ein düſteres, ſchwankendes Licht verbreiteten, das, den Bewegungen der Träger folgend, ſich über das Fflaſter ausdehnte, an den Mauern hinſtieg oder über dieſem lebendigen Meere flammte, wo jede Waffe ihren Glanz von ſich gab. Rings um das Hotel und in den Rues Tirechappe, Etienne und Bertin⸗Poirée erfüllte ſich das furchtbare Werk. Man vernahm ein langes Geſchrei, das Musketenfeuer raſſelte und von Zeit zu Zeit ſprang ein Unglücklicher, halbnackt, bleich, blutig, wie ein verfolgter Hirſch, in einem Lichtkreiſe worin ſich eine Welt von LTeufeln zu bewegen en. In einem Augenblick befanden ſich Coconnas, Mau⸗ revel und La Huriére, durch ihre weißen Kreuze bezeich⸗ net und von dem Willkommgeſchrei empfangen, im dickſten Haufen. Ohne Zweifel hätten ſie nicht durch⸗ kommen können; aber Einige erkannten Maurevel und ließen ihm Platz machen, Coconnas und La Huriére ſchlüpften ihm nach und allen Dreien gelang es, in den Hof zu dringen. Mitten in dieſem Hofe, deſſen drei Thore man eingeſtoßen hatte, ſtand ein Mann, um welchen die Mörder achtungsvoll freien Raum ließen, geſtützt auf einen entblößten Raufdegen und die Augen auf einen etwa fünfzehn Fuß hohen Balcon geheftet, der ſich vor dem Hauptfenſter des Hotel ausdehnte. Dieſer Mann ſtampfte ungeduldig mit dem Fuße und wandte ſich von Zeit zu Zeit, um diejenigen, welche fich zunächſt bei ihm befanden, zu befragen. „Noch nichts?“ murmelte er,„Riemand. Er ende der hen be⸗ ech⸗ üch⸗ iber ten, iber er affe und re ein von ich, eiſe gen au⸗ ich⸗ im ch⸗ und 6re in tan 121 iſt wohl gewarnt worden und entflohen. Was denkt Ihr davon, Du Gaſt?“ „Unmöglich, Monſeigneur.“ „Warum? Habt Ihr nicht geſagt, einen Augen⸗ blick vor unſerer Ankunft ſei ein Menſch, den bloßen Degen in der Hand und laufend, als ob er verfolgt würde, erſchienen, habe an die Thüre geklopft und es ſei ihm geöffnet worden?“ „Ja, Monſeigneur, aber beinahe in demſelben Augenblick kam Herr von Besme; die Thüren wur⸗ den eingeſtoßen, vas Hotel umzingelt. Der Menſch iſt wohl hineingegangen, aber ſicherlich nicht wieder her⸗ ausgekommen.“ „Seht,“ ſagte Coconnas zu La Huriére,„wenn mich nicht Alles täuſcht, iſt dies Herr von Guiſe.“ „Er ſelbſt, gnädiger Herr; ja, es iſt der große Heinrich von Guiſe in Perſon. Er wartet ohne Zwei⸗ fel, bis der Admiral herauskommt, um ihm daſſelbe zu thun, was der Admiral ſeinem Vater gethan hat. An Jeden kommt die Reihe, und, Gott ſei Dank! heute iſt ſie an uns!“ „Holla, Besme! holla!“ rief der Herzog mit ſeiner, mächtigen Stimme,„iſt es denn noch nicht aus? Und mit der Spitze ſeines Schwertes ließ er in ſeiner Ungeduld Funken aus dem Pflaſter ſpringen. In dieſem Augenblick hörte man Geſchrei in dem Hotel, dann Schüſſe, dann eine große Bewegung von Füßen und ein Geräuſch an einander geſtoßener Waffen, worauf ein abermaliges Schweigen folgte. Der Herzog machte eine Bewegung, um in das Haus zu ſtürzen. „Monſeigneur, Monſeigneur!“ ſagte Du Gaſt, ſich ihm nähernd und ihn zurückhaltend,„Euere Würde befiehlt Euch, zu bleiben und zu warten.“ „Du haſt Recht, ich danke, Du Gaſt, ich werde 122 warten. Aber in der That, ich ſterbe vor Ungeduld und Unruhe. Ah! wenn er mir entginge!“ Plötzlich näherte ſich der Lärm von Tritten.. Die Scheiben des erſten Stockes wurden von Refleren, denen einer Feuersbrunſt ähnlich, beleuchtet. Das Fen⸗ ſter, nach welchem der Herzog ſo oft die Augen aufge⸗ ſchlagen hatte, öffnete ſich oder zerſprang vielmehr in Stücke, und ein Menſch mit bleichem Geſichte und blut⸗ beflecktem Kragen erſchien auf dem Balcon. Nun?“ „Hier, hier!“ antwortete kalt der Deutſche, der ſich bückte und, ſogleich wieder aufſtehend, eine, wie es ſchien, beträchtliche Laſt emporhob. „Aber die Andern,“ ſaste ungeduldig der Herzog, „wo find die Andern?“ „Die Andern machen die Andern fertig.“ „Und Du, was haſt Du gethan?“ rück! Der Herzog machte einen Schritt zurück. In dieſem Augenblick konnte man den Gegenſtand unterſcheiden, den Besme mit ſo großer Anſtrengung an ſich zog. Es war der Leichnam eines Greiſes. Er hob ihn über den Balcon, wiegte ihn einen Augen⸗ blick im leeren Raume und warf ihn zu den Füßen ſeines Herrn. Das dumpfe Geräuſch des Falles, die Blutwellen, welche aus dem Körper hervorſprangen und das Pfla⸗ ſter beſpritzten, ſetzten ſozar den Herzog in Schrecken. Aber dieſes Gefühl dauerte nicht lange. Die Neugierde machte, daß jeder einige Schritte vorwärts ging, und eine Fackel zitterte über dem Opfer. „Der Admiral!“ riefen gleichzeitig zwanzig Stim⸗ men, welche gleichzeitig auch wieder ſchwiegen. „Ja, der Admiral,“ ſagte der Herzog, ſich dem „Besme!“ rief der Herzog,„biſt Du es envlich! „Ich? Ihr ſollt es ſehen! Weicht ein wenig zu⸗. uld en, en⸗ ge⸗ ut⸗ ch! der vie 6 nd 6. n⸗ en n, d⸗ n. de nd n⸗ m 129 Leichname nähernd, um ihn mit ſtiller Freude zu be⸗ trachten. „Der Admiral! der Admiral!“ wiederholten mit halber Stimme alle Zeugen dieſer furchtbaren Scene, drängten ſich an einander und näherten ſich ſchüchtern dem großen, niedergeſchmetterten Greiſe. „Ah, Du biſt endlich hier, Gaspard,“ ſprach der Herzog von Guiſe triumphirend.„Du haſt meinen Vater ermorden laſſen, ich räche ihn.“ Und er wagte es, den Fuß auf den Leib des pro⸗ teſtantiſchen Helden zu ſetzen; aber alsbald öffneten ſich die Augen des Sterbenden mit großer Anſtrengung, ſeine blutige, verſtümmelte Hand zog ſich zum letzten Male krampfhaft zuſammen und der Admiral ſprach, fortwährend unbeweglich, zu dem Ruchloſen mit einer Gräberſtimme: „Heinrich von Guiſe, Du wirſt auch eines Tages den Fuß eines Mörders auf Deiner Bruſt fühlen. Ich habe Deinen Vater nicht getödtet. Sei verflucht!“ Bleich und unwillkürlich zitternd, fühlte der Her⸗ zog, wie ein eiſiger Schauer ſeinen ganzen Körper durchlief. Er fuhr mit der Hand über ſeine Stirne, als wollte er die unheilſchwangere Viſion verjagen. Als er die Hand aber wieder fallen ließ, als er es wagte, den Blick wieder auf den Admiral zu richten, waren ſeine Augen geſchloſſen, ſeine Hand wieder träg ge⸗ worden, und es hatte ſich ein ſchwarzer Blutſtrom aus ſeinem Munde auf den weißen Bart ergoſſen, ein Strom, der unmittelbar auf die Worte gefolgt war, welche dieſer Mund ausgeſprochen hatte. Der Herzog hob ſein Schwert mit einer Geberde verzweifelter Entſchloſſenheit in die Höhe. „Nun, Monſeigneur,“ ſagte Besme zu ihm,„ſeid Ihr zufrieden?“ „Ja, mein Braver, ja,“ verſetzte Heinrich,„denn Du haſt gerächt..„ „Den Herzog Franz, nicht wahr?“ 124 „Die Religion,“ verſetzte Heinrich mit dumpfer Stimme.„Und nun,“ fuhr er fort, ſich gegen die Schweizer, die Soldaten und die Bürger, welche den Hof und die Straße füllten, umwendend,„zum Werke, meine Freunde, zum Werke!“ 5 „Ei, guten Morgen, Herr von Besme,“ ſagte Coconnas, ſich mit einer Art von Bewunderung dem Deutſchen nähernd, der, immer noch auf dem Balcon, ruhig ſeinen Degen trocknete. „Ihr habt ihn alſo abgefertigt!“ rief La Huriere begeiſtert.„Wie habt Ihr das gemacht, mein würdi⸗ ger Herr?“ „Oh, ganz einfach, ganz einfach! Er hörte Lär⸗ men, öffnete ſeine Thüre und ich ſtieß ihm meinen Degen in den Leib. Aber das iſt noch nicht Alles. Ich glaube, Teligny iſt daran, ich höre ſchreien.“ Man vernahm wirklich in dieſem Augenblick Angſt⸗ geſchrei, welches von einer weiblichen Stimme ausge⸗ ſtoßen zu werden ſchien. Röthliche Reflexe beleuchteten einen von den zwei Flügeln. Man ſah zwei Menſchen, welche, verfolgt von einer ganzen Reihe von Mördern, flohen. Ein Büchſenſchuß ſtreckte den Einen nieder, der Andere fand auf ſeinem Wege ein offenes Fenſter und ſprang, ohne die Höhe zu meſſen, ohne ſich um die Feinde zu bekümmern, welche ihn unten erwarte⸗ ten, unerſchrocken in den Hof. „Tödtet ihn, tödtet ihn!“ riefen die Mörder, als ſie ſahen, daß ihr Opfer entkommen ſollte. Der Menſch erhob ſich nach ſeinem Degen grei⸗ fend, der beim Falle ſeinen Händen entſchlüpft war, nahm ſeinen Lauf mit geſenktem Haupte durch die Um⸗ ſtehenden, warf drei oder vier nieder und ſchoß, mit⸗ ten unter dem Piſtolenfeuer, mitten unter den Ver⸗ wünſchungen der Soldaten, welche wüthend darüber waren, daß ſie ihn verfehlt hatten, wie der Blitz an Coconnas vorüber, der ihn mit dem Dolche in der Hand am Thore erwartete. * 125⁵ „Getroffen!“ rief der Piemonteſe, ihm den Arm mit der feinen, ſpitzigen Klinge durchſtoßend. „Feiger!“ antwortete der Flüchtling, ſeinem Feinde mit der Klinge ſeines Schwertes das Geſicht peitſchend, da er nicht Raum genug hatte, ihm einen Stoß mit der Spitze beizubringen. ² „Oh, tauſend Teufel!“ rief Coconnas,„es iſt Herr de La Mole. „Herr de La Mole!“ wiederholten La Huriére und Maurevel. „Er hat dem Admiral Nachricht gegeben,“ riefen mehrere Soldaten. „Tödtet ihn, tödtet ihn!“ brüllte man von allen Seiten. Coconnas, La Huriére und zehn Soldaten ſtürzten La Mole nach, der mit Blut bedeckt und zu jener Stufe von Exaltation gelangt, welche der letzte Vorbehalt menſchlicher Kraft iſt, ohne einen andern Führer als den Inſtinkt, durch die Straßen ſprang. Die Tritte und das Geſchrei ſeiner Feinde hinter ihm ſpornten ihn an und ſchienen ihm Flügel zu leihen. Zuweilen pfiff eine Kugel an ſeinem Ohre hin und verlieh ſeinem Lauf, ſtatt ihn zu ſchwächen, eine neue Geſchwindigkeit. Es war kein Athmen mehr, was aus ſeiner Bruſt hervorkam, ſondern ein dumpfes Röcheln; der Schweiß und das Blut tropften von ſei⸗ nen Haaren und floſſen vermiſcht über ſein Geſicht herab. Bald wurde ſein Wamms zu eng für die Schläge ſeines Herzens, und er riß es auf; bald wurde ſein Degen zu ſchwer für ſeine Hand, und er warf ihn von ſich. Zuweilen kam es ihm vor, als entfernten ſich die Tritte und als wäre er nahe daran, ſeinen Henkern zu entfliehen. Aber auf das Geſchrei der letzteren verließen andere Mörder, die ſich an ſeinem Wege befanden und ihm näher waren, ihr blutiges Geſchäft und liefen herbei. Plötzlich ſah er den Fluß ſchweigſam an ſeiner Linken hinrollen. Es kam ihm 126 vor, als fühlte er, wie der Hirſch, der vor Mattigkeit beinahe umfinkt, ein unbeſchreibliches Vergnügen, ſich hineinzuſtürzen, und nur die äußerſte Kraft des Gei⸗ ſtes vermochte ihn zurückzuhalten. Zu ſeiner Rechten war der Louvre, düſter, unbeweglich, aber voll dum⸗ pfen, unſeligen Geräuſches. Auf der Zugbrücke eilten Helme, Panzer hin und her, welche in kalten Blitzen die Strahlen des Mondes wiedergaben. La Mole dachte an den König von Navarra, wie er an Coligny gedacht hatte. Es waren ſeine zwei einzigen Beſchüter. Er raffte alle ſeine Kräfte zuſammen, ſchaute den Him⸗ mel an und that ganz leiſe das Gelübde, abzu⸗ ſchwören, wenn er der Metzelei entkommen würde, ließ durch einen Umweg die Meute, welche ihn verfolgte, etwa dreißig Schritte verlieren, lief gerade auf den Louvre zu, fürzte durch einander mit den Soldaten auf die Zugbrücke, erhielt einen Dolchſtich, welcher an ſeinen Rippen hinglitt, und trotz des Geſchreis:„Töd⸗ tet ihn, tödtet ihn!“ das hinter ihm und um ihn her erſcholl, trotz der angreifenden Stellung, welche die Schildwachen nahmen, ſchoß er wie ein Pfeil in den Hof, ſprang in das Vorhaus, erreichte die Treppe, ſtieg zwei Stockwerke hinauf, erblickte eine Thüre, lehnte ſich daran und klopfte mit Händen und Füßen. „Wer iſt da?“ flüſterte eine weibliche Stimme. „Oh, mein Gott! mein Gott!“ murmelte La Mole,„ſie kommen ich höre ſie ſie ſind da ich ſehe ſie Ich bin es ich „Wer ſeid Ihr?“ verſetzte die Stimme. La Mole erinnerte ſich des Loſungswortes. „Navarra! Navarra!“ rief er. Sogleich öffnete fich die Thür: ohne Gillonne zu ſehen, ohne zu danken, drang La Mole in einen Vorplatz, eilte durch einen Corridor, durch ein paar Gemächer und gelangte endlich in ein Zimmer, das durch eine am Plafond hängende Lampe beleuchtet war. —, ———„„ 8—G ————— e ny r. n⸗ U⸗ te, en en n d⸗ hn il ie ne nd — S 8 e F 6 r. 127 Unter Vorhängen von Sammet mit goldenen Li⸗ lien, in einem Beite von geſchnitztem Eichenholze, öff⸗ nete eine in ein Nachtgewand gehüllte Frau, auf ih⸗ ren Arm geftützt, die vor Schrecken ſtarren Augen. La Mole ſtürzte auf ſie zu und rief: „Madame, man tödtet mich, man erdroſſelt meine Brüder, man will mich auch tödten, auch erdroſ⸗ ſeln!— Ah, Ihr ſeid die Königin.. rettet mich!“ Und er ſank, eine breite Blutſpur auf dem Tep⸗ pich zurücklaſſend, zu ihren Füßen. Als die Königin von Navarra, welche ſich, von der Herzogin von Lothringen gewarnt, völlig angeklei⸗ det in das Bett gelegt hatte, dieſen bleichen, entſtellten, vor ihr knieenden Menſchen ſah, richtete ſie ſich er⸗ ſchrocken auf und rief, ihr Geſicht in den Händen ver⸗ bergend, um Hülfe. „Madame,“ ſprach La Mole und ſtrengte ſich an, um aufzuſtehen,„in des Himmels Namen, ruft nicht, wenn man Euch hört, bin ich verloren! Mörder verfolgen mich ſie ſtürzen hinter mir die Stufen herauf; ich höre ſie.. hier find ſie! hier ſind ſie!“ „Zu Hülfe!“ wiederholte die Königin von Na⸗ varra außer ſich;„zu Hülfe!“ „Ah! Ihr habt mich getödtet,“ rief La Mole in Verzweiflung,„durch eine ſo ſüße Stimme, durch eine ſo ſchöne Hand ſterben! Oh! das hätte ich für unmöglich gehalten!“ In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre, und eine Meute keuchender, wüthender Menſchen, das Ge⸗ ſicht von Blut und Pulver befleckt, Büchſen, Hellebarden und Schwerter in den Fäuſten, ſtürzte in das Zimmer. An ihrer Spitze war Coconnas. Seine rothen Haare ſträubten ſich auf ſeinem Haupte, ſein Auge war übermäßig erweitert, die Wange völlig gequetſcht von dem Schwerte von La Mole, das eine blutige Furche auf dem Fleiſche gezogen hatte. So entſtellt, war der Piemonteſe furchtbar anzuſchauen. „Mordi!“ rief er,„hier iſt er! hier iſt er! Dies mal ſoll er uns nicht entkommen!“ De La Mole ſuchte eine Waffe um ſich her und fand keine. Er warf ſeine Augen auf die Königin und ſah das tiefſte Mitleid auf ihrem Antlitz ausge⸗ prägt. Da begriff er, daß ſie allein ihn retten konnte, ſtürzte auf ſie zu und umſchlang ſie mit ſeinen Armen. Coconnas machte drei Schritte vorwärts, ſtieß die Spitze ſeines langen Degens abermals in die Schulter ſeines Feindes, und einige Tropfen warmen, friſchrothen Blutes beſprengten wie Thau die weißen, duftenden Tücher von Margarethe. WMargarethe ſah das Blut fließen, ſie fühlte das Beben des mit dem ihrigen verſchlungenen Kör⸗ pers und warf ſich mit ihm in den Raum hinter dem Bette. Es war die höchſte Zeit. Der völligen Er⸗ ſchöpfung ſeiner Kräfte nahe, ſühlte ſich de La Mole unfähig, irgend eine Bewegung zu machen. Er legte ſein leichenblaſſes Haupt auf die Schulter der jungen Frau und ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Finger klammerten ſich, ihn zerreißend, an dem feinen ge⸗ ſticten Batiſt an, der mit einer Gazewelle den Kör⸗ per von Margarethe bedeckte. „Oh! Madame,“ murmelte er mit ſterbender Stimme,„rettet mich!“ Das war Alles, was er ſagen konnte. Sein von einer Wolke, der Nacht des Todes ähnlich, verſchleier⸗ tes Auge verdunkelte ſich, der ſchwere Kopf fiel zu⸗ rück, ſeine Arme erſchlafften, ſeine Hüften beugten ſich, und er glitt, die Königin mit ſich ziehend, auf den Boden in ſein eigenes Blut. In dieſem Augenblick ſtreckte Coconnas, durch das Geſchrei begeiſtert, durch den Geruch des Blutes be⸗ rauſcht, außer ſich durch den wüthenden Lauf, den er gemacht hatte, den Arm nach dem königlichen Alkoven aus. Noch einen Augenblick und ſein Degen durch⸗ S —c 4) er! und gin ge⸗ nte, ten. tieß die ten, en, hlte ör⸗ dem Er⸗ dole egte gen iger ge⸗ kör⸗ der von ier⸗ zu⸗ ſich, den das be⸗ ner en mch⸗ 129 drang das Herz von La Mole und vielleicht zugleich das von Margarethe. Bei dem Anblick dieſes entblößten Eiſens und vielleicht mehr noch bei dem dieſer rohen Frechheit er⸗ hob ſich die Tochter der Könige in ihrer ganzen Höhe und ſtieß einen Schrei ſo voll Schrecken, Entrüſtung und Wuth aus, daß der Piemonteſe, durch ein unbe⸗ kanntes Gefühl verſteinert, innehielt. Hätte dieſe Scene nur unter denſelben handelnden Perſonen fort⸗ gedauert, ſo würde allerdings dieſes Gefühl wie ein Morgenſchnee unter der Frühlingsſonne hingeſchmolzen ſein. Aber plötzlich ſtürzte durch eine in der Wand ver⸗ borgene Thüre ein junger Menſch von ſechszehn bis ſiebenzehn Jahren, ſchwarz gekleidet, bleich, die Haare in Unordnung, herein. „Warte, meine Schweſter, warte, hier bin ich!“ „Franz! Franz! zu Hülfe!“ ſprach Margarethe. „Der Herzog von Alencon,“ murmelte La Hu⸗ riére, ſeine Büchſe ſenkend. „Mordi! ein Sohn von Frankreich!“ brummte Coconnas, einen Schritt zurückweichend. Der Herzog von Alengon warf einen Blick um ſich her. Er ſah Margarethe, die Haare aufgelöſt, ſchöner als je, an die Mauer gelehnt, von Männern umgeben, Wuth in den Augen, Schweiß auf der Stirne, Schaum an dem Munde. „Elende!“ rief er. „Rettet mich, mein Bruder!“ ſprach Margarethe erſchöpft,„ſie wollen mich ermorden!“ Eine Flamme zog über das bleiche Antlitz des Herzogs hin. Obgleich er ohne Waffen war, ging er doch, ohne Zweifel unterſtützt durch das Bewußtſein ſeines Ran⸗ ges, mit geballten Fäuſten auf Coconnas und ſeine Gefährten los, welche erſchrocken vor den Blitzen, die aus ſeinen Augen hervorſprangen, zurückwichen. 130 „Werdet Ihr auch einen Sohn von Frankreich tödten?“ ſprach er. Dann, da ſie immer mehr zurückwichen: „Oho! mein Kapitän der Garden, kommt hieher, und man hänge mir alle dieſe Schurken!“ Mehr erſchrocken bei dem Anblicke dieſes unbe⸗ waffneten jungen Menſchen, als er es wohl bei einer Compagnie von Lanzknechten geweſen wäre, hatte Co⸗ connas bereits die Thüre erreicht. La Huriore eilte mit Hirſchläufen die Treppe hinab. Die Soldaten drängten ſich und warfen ſich in der Flur nieder, um ſo ſchnell als möglich zu entfliehen. Sie fanden die Thüre zu eng im Vergleiche mit ihrem großen Verlan⸗ gen, außen zu ſein. Mittlerweile hatte Margarethe inſtinktartig ihre Damaſidege auf den jungen Mann geworfen und ſich von ihm entfernt. Als der letzte Mörder verſchwunden war, wandte ſich der Herzog von Alencon um. „Meine Schweſter!“ rief er, als er Margarethe zur mit Blut beſprengt ſah,„ſollteſt Du verwundet ein?“ Und er ſtürzte auf ſeine Schweſter mit einer Un⸗ ruhe zu, die ſeiner Zärtlichkeit Ehre gemacht hätte, hätte man ſeine Zärtlichkeit nicht beſchuldigt, ſie wäre größer, als ſie ſich für einen Bruder geziemte. „Nein,“ ſagte ſie,„ich glaube nicht, oder wenn ich es bin, ſo bin ich es nur leicht.“ „Aber dieſes Blut,“ verſetzte der Herzog, mit ſei⸗ nen zitternden Händen über den ganzen Körper von e hinſtreifend,„dieſes Blut, woher kommt es „Ich weiß es nicht,“ antwortete die junge Frau, „einer von den Elenden hat Hand an mich gelegt; vielleicht war er verwundet.“ „Hand an meine Schweſter gelegt!“ rief der Her⸗ zog.„Oh! wenn Du mir ihn nur mit dem Finger ic V ( b — 8 8 —„—, 131 ich gezeigt hätteſt, wenn Du mir geſagt hätteſt, welcher es war, wenn ich wüßte, wo ich ihn finden ſollte!... „Stille! ſprach Margarethe. er,„Und warum dies?“ ſagte Franz. „Weil, wenn man Euch zu dieſer Stunde in mei⸗ be⸗ nem Zimmer ſehen würde. ner„Kann ein Bruder nicht ſeine Schweſter beſuchen, 55 Margarethe?“ ite Die Königin heftete auf den Herzog von Alencon ten einen ſo ſtarren und dabei ſo drohenden Blick, daß um der junge Menſch zurückwich. die„Ja, ja, Margarethe, Du haſt Recht,“ ſagte er, an⸗„ich begebe mich in meine Wohnung. Aber Du kannſt nicht dieſe ganze furchtbare Nacht allein bleiden. Soll hre ich Gillonne rufen?“ ſich„Rein, nein, Niemand, gehe Franz, gehe auf dem Wege zurück, auf dem Du gekommen biſt.“ dte Der junge Prinz gehorchte, und kaum war er verſchwunden, als Margarethe, einen Seufzer verneh⸗ eihe mend, der hinter ihrem Bette hervorkam, nach der ndet Thüre des geheimen Ganges lief und dann nach der andern Thüre eilte, die ſie ebenfalls und zwar in dem Un⸗ Augenblick verſchloß, wo ein Haufen von Bogenſchützen itte, und Soldaten, welche andere im Louvre wohnende äre Hugenotten verfolgten, wie ein Orkan am äußerſten Ende des Corridors vorüberbrauſte. enn Nachdem ſie aufmerkſam um ſich hergeſchaut hatte um zu ſehen, ob ſie auch gewiß allein wäre, kehrte ſie ſei⸗ nach dem Flatze hinter ihrem Bette zurück, hob die von Damaſtdecke auf, welche den Körper von La Mole den nmt Blicken des Herzogs von Alengon entzogen hatte, ſchleppte mit aller Anſtrengung die träge Maſſe in rau, das Zimmer, ſetzte ſich, als ſie ſah, daß der Unglück⸗ egt; liche noch athmete, nieder, legte ſein Haupt auf ihren Schooß und ſprengte ihm Waſſer in das Geſicht, um er⸗ ihn wiederzubeleben. ger Jetzt erſt, als dos Waſſer den Schleier von Staub⸗ Pulver und Blut entfernt hatte, der das Antlitz des Verwundeten bedeckte, erkannte Margarethe in ihm den ſchönen Edelmann, der voll Leben und Hoffnung drei oder vier Stunden vorher ſie um ihren Schutz bei dem König von Navarra gebeten und den, ſie ſelbſt in Träume verſenkend, geblendet von ihrer Schönheit verlaſſen hatte. Margarethe ſtieß einen Schrei des Schreckens aus, denn was ſie jetzt für den Verwundeten fühlte, war nicht mehr Mitleid allein, es war Theilnahme. Der Verwundete war für ſie in der That nicht mehr ein einfacher Fremder, es war ein Bekannter. Unter ihrer Hand erſchien das ſchöne Anklitz von La Mole bald völlig wieder, aber bleich und vom Schmerze verzogen. Mit einem tödtlichen Schauer und beinahe eben ſo bleich als er ſelbſt, legte ſie die Hand auf ſein Herz; ſein Herz ſchlug noch. Dann ſtreckte ſie die Hand nach einem Riechfläſchchen aus, das auf einem nahen Tiſche lag, und ließ ihn davon einathmen. La Mole öffnete die Augen. „Oh, mein Gott!“ murmelte er,„wo bin ich?“ „Gerettet! beruhigt Euch, gerettet!“ ſprach Mar⸗ garethe. La Mole wandte mühſam ſeinen Blick nach der Königin, verſchlang ſie einen Moment mit den Augen und ſtammelte: „Oh! wie ſchön ſeid Ihr!“ 6 Und wie geblendet ſchloß er alsbald die Augen abermals und ſeufzte. Margarethe ſtieß einen leichten Schrei aus, der junge Mann erbleichte, wenn es möglich war, no mehr, und ſie glaubte einen Augenblick, dieſer Seufzer wäre der letzte geweſen. „Oh mein Gott! mein Gott!“ ſprach ſie,„habe Mitleid mit ihm.“ u Zu derſelben Zeit klopfte man heftig an die Flur⸗ thüre. auf die em h 7 ar⸗ der gen tgen der noch ufzer habe Flur⸗ 133 Margarethe ſtand, La Mole unter den Schultern haltend, halb auf. „Wer iſt da?“ rief ſie. „Madame, Madame, ich bin es!“ rief eine Frauen⸗ ſtimme,„ich, die Herzogin von Nevers.“ „Henriette!“ rief Margarethe,„oh, dabei iſt keine Gefahr! Es iſt eine Freundin, hört Ihr, mein Herr?“ La Mole ſtrengte alle ſeine Kräfte an und erhob ſich auf ein Knie. „Verſucht es, Euch zu halten, während ich öffne,“ ſagte die Königin. La MWole ſtützte ſeine Hand auf den Boden, und es gelang ihm, im Gleichgewicht zu bleiben. Margarethe machte einen Schritt nach der Thüre, zr ſie blieb plötzlich, bebend vor Schrecken, ſtille ehen. „Ach, Du biſt nicht allein?“ rief ſie, das Geräuſch von Waffen vernehmend. „Nein, ich werde von zwölf Wachen geleitet, die mir mein Schwager, Herr von Guiſe, gelaſſen hat.“ „Herr von Guiſe!“ murmelte La Molez„oh! der Mörder! der Mörder!“ „Stille!“ ſagte Margarethe, nicht ein Wort!“ Und ſie ſchaute rings um ſich her, um zu ſehen, wo ſie ihn verbergen könnte. „Einen Degen, einen Dolch!“ murmelte La Mole. „Um Euch zu vertheidigen? vergeblich! Habt Ihr nicht gehört? ſie find zu zwölf, und Ihr ſeid allein.“ „Nicht um mich zu vertheidigen, ſondern um nicht lebendig in ihre Hände zu fallen.“ „Nein, nein,“ ſprach Margarethe,„nein, ich werde Euch retten. Ah! dieſes Cabinet, kommt, kommt!“ La Mole ſtrengte ſich noch einmal an und ſchleppte ſich, unterſtützt von Margarethe, bis in das Cabinet. Margarethe ſchloß die Thüre hinter ihm, ſteckte den Schlüſſel in ihre Taſche und flüſterte ihm durch das Konigin Margot. l. 9 134 Täfelwerk zu:„Keinen Schrei, keine Klage, keinen Seufzer, und Ihr ſeid gerettet!“ Dann einen Rachtmantel über die Schultern wer⸗ fend, öffnete ſie ihrer Freundin, die ſich in ihre Arme ſtürzte. „Ah,“ ſagte ſie,„es iſt Euch nichts begegnet, nicht wahr, Madame?“ „Nein,“ ſprach Margarethe und zog den Mantel feſt zuſammen, daß man die Blutflecken, mit denen ihr Gewand beſprengt war, nicht ſehen konnte. „Deſto beſſer; aber da mir der Herr Herzog von Guiſe zwölf Wachen, um mich nach ſeinem Hotel zu⸗ rückzuführen, gegeben hat, und da ich keines ſo großen Geleites bedarf, ſo überlaſſe ich ſechs davon Euerer Majeſtät. Sechs Wachen des Herzogs von Guiſe find in dieſer Nacht mehr werth, als ein ganzes Regiment Garden des Königs.“ Margarethe wagte es nicht, dieſes Anerbieten aus⸗ zuſchlagen. Sie ließ die ſechs Mann in der Flur ſich aufſtellen, und umarmte dankend die Herzogin von Ne⸗ vers, welche mit den andern ſechs Wachen nach dem Hotel des Herzogs von Guiſe zurückkehrte, das ſie in Abweſenheit ihres Gemahls bewohnte. 1X. Vie Fchlächter. goconnas war nicht eniflohen, er hatte ſeinen Rückzug genommen. La Huriére war nicht entflohen, 71 er war weggelaufen. Der Eine war auf die Weiſe des Tigers, der Andere auf die des Wolfes verſchwun⸗ den. So kam es, daß La Huriere ſich bereits auf der. 1* 135 en Place Saint⸗Germain⸗1Auxerrois befand, als Cocon⸗ nas erſt den Louvre verließ. er⸗ Als La Huriére ſich mit ſeiner Büchſe allein ſah, me mitten unter den Menſchen, welche vorüberliefen, un⸗ ter den Kugeln, welche pfiffen, und den Leichnamen, icht die theils ganz, theils in Stücken zu den Fenſtern her⸗ ausfielen, fing er an Furcht zu bekommen, und ſuchte tel kluger Weiſe nach ſeinem Gaſthofe zurückzukehren. Als ihr er aber durch die Rue d'Averon in die Rue de lArbre⸗ Sec ausmündete, fiel er in eine Truppe von Schwei⸗ von zern und Chevaulegers, welche unter dem Befehle von zu⸗ Maurevel ſtanden. ßen„Nun!“ rief dieſer, der ſich ſelbſt den Namen erer Todtſchläger des Königs gegeben hatte,„Ihr ſeid ſchon find fertig, Ihr kehrt zurück, Herr Wirth? Was Teufels habt nent Ihr mit unſerem piemonteſiſchen Edelmann gemacht? Es wird ihm doch kein Unglück widerfahren ſein 2 aus⸗ Das wäre Schade, denn er ging gut an das Werk.“ ſich„Ich denke nicht,“ verſette La Huriére,„ich hoffe, Ne⸗ er wird uns wieder einholen!“ dem„Woher kommt Ihr?“ e in„Aus dem Louvre, wo man uns, wie ich beken⸗ nen muß, ziemlich hart empfangen hat.“ „Wer dies?“ „Der Herr Herzog von Alengon. Iſt er nicht bei der Sache?“ „Monſeigneur, der Herr Herzog von Alengon iſt bei nichts, was ihn nicht perſönlich berührt; ſchlagt ihm vor, ſeine zwei älteren Bröder als Hugenotten zu bebandeln, und er wird dabei ſein, vorausgbfetzt, daß ſich die Sache abmachen läßt, ohne daß er dadurch gefährdet wird. Aber geht Ihr nicht mit dieſen bra⸗ einen ven Leuten, Meiſter La Huriére?“ ohen,„Wohin gehen ſie“ Weiſe„Ob, mein Gott! in die Rue Montorgueil; es wun⸗ wohnt dort einer meiner Bekannten, ein hugenottiſcher f der. 136 Geiſtlicher; er hat eine Frau und ſechs Kinder. Dieſe Ketzer zeugen ungeheuer. Das wird intereſſant ſein.“ „Und Ihr, wohin geht Ihr2“ ich, ich gehe einer Privat ⸗Angelegenheit na welche Maurevel beben machte.„Ihr kennt die guten Orte und ich will dabei ſein.“ „Ah! das iſt unſer Piemonteſe,“ ſagte Maurevel. „Es iſt Herr von Coconnas,“ verſetzte La Huriére. „Ich glaubte, Ihr würdet mir folgen.“ „Peſt! dazu reißt Ihr zu ſchnell aus; und dann habe ich mich ein wenig von der geraden Linie abge⸗ wendet, um ein abſcheuliches Kind, das:„„Nieder die Papiſten! Es lebe der Admiral!““ rief, in den Fluß zu werfen. Leider muß ich glauben, daß der Burſche zu ſchwimmen verſtand. Wenn man dieſe elenden Parpaillots verſäufen will, ſo muß man ſie wohl in das Waſſer werfen, wie die Katzen, ehe ſie hell ſehen.“ „Ah! Ihr ſagt, Ihr kommt vom. Louvre. Euer Hugenott hatte ſich dahin geflüchtet?“ fragte Maurevel. „Mein Gott, ja.“ „Ich habe ihm eine Piſtolenkugel im Augenblick, wo er feinen Degen im Hofe des Admirals aufhob, zugeſandt, aber ich weiß nicht, wie es kam, ich fehlte hn. „Ich habe ihn nicht gefehlt,“ ſagte Coconnas; „ich ſtieß ihm meinen Degen in die Rippen, daß die Klinge fünf Zoll lang von der Spitze an feucht war. Auch ſah ich ihn in die Arme von Frau von Mar⸗ garethe fallen, eine ſchöne Frau, bei Gott! Doch ich geſtehe, es würde mir nicht leid thun, wenn ich wüßte, er wäre todt. Dieſer Burſche ſieht aus, als hätte er einen ſehr zankſüchtigen Charakter, und als wäre er fähig, mir ſein ganzes Leben hindurch zu grollen. Aber ſagtet Ihr nicht, Ihr würdet irgendwohin gehen?“ „Es liegt Euch alſo daran, mit mir zu kommen?“ „Geht nicht ohne mich ſprach eine Stimme,* n 4 n ( e — 137 „Es liegt mir daran, nicht auf dieſer Stelle zu bleiben. Ich habe erſt drei over vier getödtet, und t wenn ich mich erkälte, thut mir meine Schulter weh. Vorwärts, vorwärts!“ „Kapitän,“ ſagte Maurevel zu dem Anführer der Truppe,„gebt mir drei Mann, und fertigt Euren S Geiſtlichen mit dem Reſte ab.“ 1 Drei Schweizer trennten ſich von den Uebrigen 2 und ſtießen zu Maurevel. Die zwei Truppen marſchir⸗ 5 ten jedoch neben einander bis zu der Höhe der Rue Tirechappe. Hier ſchlugen die Chevaulegers und die 4 Schweizer den Weg nach der Rue de la Tonnellerie . ein, während Maurevel, Coconnas, La Huriére und is die drei Mann der Rue de la Ferroniére folgten und durch die Rue Trouſſe⸗Vache in die Rue Sainte⸗ he Avoin zogen. „Aber wohin des Teufels führt Ihr uns?“ ſprach i Coconnas, den dieſer weite Marſch ohne ein Ziel zu langweilen anfing. „Ich führe Euch zu einem zugleich glänzenden und ele nützlichen Unternehmen; nach dem Admiral, nach Te⸗ ic ligny, nach den hugenottiſchen Prinzen konnte ich Euch ⸗ nichts Beſſeres anbieten. Habt alſo Geduld! Unſer Geſchäft iſt in der Rue du Chaume, und wir ſind in lte einem Augenblick dort.“ „Sagt mir,“ fragte Coconnas,„iſt die Rue du 3; Chaume nicht in der Nähe des Templet“ die„Ja; warum?“ ar.„Es wohnt vort ein alter Gläubiger unſerer Fa⸗ ar⸗ milie, ein gewiſſer Lambert Mercandon, an den ich von ich meinem Vater hundert Roſenobles zu bezahlen beauf⸗ bin, welche ich zu dieſem Behufe in meiner Taſche abe.“ 1„Wohl,“ ſagte Maurevel,„es iſt eine ſchöne Ge⸗ bes legenheit, Euch Eurer Schuld zu entledigen.“ „Wie dies?“ L.„Heute iſt der Tag, an dem man ſeins alten 138 ihge ordnet. Iſt Euer Mercandon ein Huge⸗ nott?“ „Oh, oh!“ rief Coconnas,„ich verſtehe, er muß es ſein.“ „Stille, wir ſind an Ort und Stelle.“ „Wem gehört dieſes große Hotel mit dem Pa⸗ villon auf die Straße?“ „Es iſt das Hotel Guiſe.“ „In der That,“ ſprach Coconnas,„ich mußte nothwendig hieher kommen, da ich unter der Pas tronſchaft des großen Heinrich in Paris erſcheine. Aber Mordi! in dieſem Quartier iſt Alles ſehr ruhig, mein Lieber. Wenn man nicht zuweilen das Geräuſch eines Büchſenſchuſſes hören würde, müßte man glauben, man wäre in der Provinz. Der Teufel ſolle mich holen, alle Welt ſchläft.“ Das Hotel Guiſe ſchien in der That ſo ruhig, als in gewöhnlichen Zeiten. Alle Fenſter waren ge⸗ ſchloſſen, und ein einziges Licht glänzte hinter dem La⸗ den an dem Hauptfenſter des Pavillon, der die Auf⸗ merkſamkeit von Coconnas bei ſeinem Eintritt in die Straße auf ſich gezogen hatte. Etwas jenſeits des Hotel Guiſe, das heißt an der Ecke der Rue du Petit⸗Chantier und der des Quatre⸗ Fils, hielt Maurevel ſtille. „Hier iſt die Wohnung desjenigen, welchen wir ſuchen.“ „Das heißt die Wohnung desjenigen, welche Ihr ſucht,“ ſprach La Hurisre. „Inſofern Ihr mich begleitet, ſuchen wir ihn.“ „Wie! dieſes Haus, das einen ſo guten Schlaf zu ſchlafen ſcheint?“ 1 „Allerdings. Ihr, La Huriére, benützt das ehr⸗ liche Geſicht, das Euch die Natur irrthümlicher Weiſe verliehen habt, und klopft an dieſes Haus. Gebt Eure Büchſe Herrn von Coconnas; er ſchielt ſchon eine Stunde darnach. Werdet Ihr eingelaſſen, ſo fragt Ihr nach dem Herrn von Mouy,“ ———— — ———+„— ge⸗ uß 139 „Ah! ah!“ ſprach Coconnas,„ich begreife, Ihr habt auch einen Gläubiger im Quartiere des Temple, wie es ſcheint: „So iſt es,“ fuhr Maurevel fort.„Ihr geht alſo, den Hugenotten ſpielend, hinauf, Ihr unterrichtet Herrn von Mouy von dem, was vorfällt. Er iſt brav, er wird herunterkommen.“ „Und iſt er einmal herunter?“ fragte La Huriére. „Iſt er herunter, ſo bitte ich ihn, ſeinen Degen mit dem meinigen zu meſſen.“ „Bei meiner Seele, das iſt ein braver Edel⸗ mann,“ ſprach Coconnas,„und ich denke genau daſ⸗ ſelbe mit Lambert Mercandon zu thun. Iſt er zu alt, um es anzunehmen, ſo geſchieht es mit einem von ſei⸗ nen Söhnen oder ſeinen RNeffen.“ La Huriere klopfte ohne Widerrede an die Thüre. Bei ſeinen in der Stille der Nacht wiederhallenden Schlägen öffneten ſich die Thüren des Hotel Guiſe, und es kamen einige Köpfe durch die Oeffnungen her⸗ vor. Man ſah nun, daß das Hotel nach Art der Ci⸗ tadellen ruhig war, das heißt, weil man es mit Sol⸗ daten gefüllt hatte. Dieſe Köpfe zogen ſich beinahe in demſelben Augen⸗ blick zurück, denn ſie erriethen ohne Zweifel, um was es ſich handelte. „Er wohnt alſo hier, Euer Herr von Mouy?“ prach Coconnas auf das Haus deutend, an welches a Huriere zu klopfen fortfuhr. „Nein, es iſt die Wohnung ſeiner Geliebten.“ „Mordi! welche Höflichkeit erzeigt Ihr ihm da! pr bietet ihm Gelegenheit, den Degen unter den ugen ſeiner Schönen zu ziehen. Wir werden Kampf⸗ üchter ſein. Es wäre mir indeſſen lieber, wenn ich ſ0 ſelbſt ſchlagen könnte; meine Schulter brennt nich.“ „Und Euer Geſicht,“ fragte Maurevel,„es iſt eben⸗ fills ſtark beſchädigt?“ 140 Coconnas ſtieß eine Art von dumpfem Knurren aus und erwiederte: „Beim Teufel! ich hoffe, er iſt todt, ſonſt würde ich wohl in den Louvre zurückkehren, um ihm den Garaus zu machen.“ La Huriere klopfte immer fort. Bald öffnete ſich ein Fenſter des erſten Stock⸗ werkes, und es erſchien auf dem Balcon ein Menſch mit einer Nachtmütze, in Unterhoſen und ohne Waffen. „Wer iſt da?“ rief dieſer Menſch. Maurevel machte ſeinen Schweizern ein Zeichen. Sie zogen ſich in einen Winkel zurück, während ſich Eoconnas an die Mauer drückte. „Ah, Herr von Mouy,“ ſprach der Wirth mit ſeinem einfältigen Tone,„ſeid Ihr es?“ „Ja, ich bin es, was wollt Ihr?“ „Er iſt es,“ murmelte Maurevel, vor Freude zitternd. „Ei, Herr,“ fuhr La Huriére fort,„wißt Ihr nicht, was vorgeht? Man erwürgt den Herrn Admi⸗ ral, man ermordet Eure Religionsgenoſſen. Eilt ihnen zu Hülfe!“ „Ah!“ rief von Mouy,„ich vermuthete, daß fü dieſe Nacht etwas angezettelt würde und hätte mein braven Kameraden nicht verlaſſen ſollen. Ich komme mein Freund, ich komme, wartet auf mich.“ Und ohne das Fenſter wieder zu ſchließen, duro welches das Geſchrei einer erſchrockenen Frau und zark Bitten drangen, ſuchte Herr von Mouy ſein Wammg, ſeinen Mantel und ſeine Waffen. „Er kommt herab! er kommt herab!“ murmelt Maurevel, bleich vor Freude.„Aufgepaßt, Ihr Al⸗ dern!“ flüſterte er den Schweizern zu. Dann nahm r die Büchſe aus den Händen von Coconnas, blies aif die Lunte, um ſich zu verſichern, daß ſie gut brannk, und ſagte zu dem Wirthe, der ſich zu der Truppe zi⸗ rückgezogen hatte;„Nimm Deine Büchſe wieder!“ n v 1 o 2 v 6 g S 141 ren„Mordi!“ rief Coconnas,„der Mond tritt aus einer Wolke hervor, um Zeuge dieſes ſchönen Zwei⸗ rde kampfes zu ſein. Ich gäbe viel, wenn Herr Lam⸗ den bert Mercandon hier wäre und Herrn von Mouh als Secundant diente.“ „Wartet, wartet,“ ſprach Maurevel,„Herr von ock⸗ Mouy iſt für ſich allein ſo viel werth, als zehn Männer, nſch und wir ſechs werden vielleicht genug zu thun haben, fen. um uns ſeiner zu entledigen. Rückt vor,“ fuhr Mau⸗ revel fort, und machte den Schweizern ein Zeichen, en. an die Thüre zu ſchleichen, um ihn niederzuſchlagen, ſich wenn er herauskommen würde. „Oho!“ ſagte Coconnas, dieſe Vorbereitungen be⸗ mit trachtend,„es ſcheint, die Sache wird nicht ganz ſo vor ſich gehen, wie ich erwartete.“ Bereits hörte man das Geräuſch des Balkens, den eude Mouy zurückzog. Die Schweizer hatten ihr Verſteck verlaſſen, um ihren Platz an der Thüre einzunehmen. Ihr Maurevel und La Huriére rückten auf der Fuß ſpitze dmi⸗ vor, während Coconnas in einem Ueberreſte adeligen Eil Gefühls an ſeiner Stelle blieb, als die junge Frau, an die man nicht mehr dachte, ebenfalls auf dem fü Balcon erſchien und, die Schweizer, Maurevel und La nein Huriére erblickend, ein furchtbares Geſchrei ausſtieß. nme Von Mouy, der die Thüre halb geöffnet hatte, hielt inne. duro„Komm' wieder herauf, komm, herauf!“ rief die zart junge Frau,„ich ſehe Schwerter glänzen, ich ſehe die nm Aunte einer Büchſe ſchimmern: es iſt ein Hinterhalt!“ „Oho!“ verſetzte die Stimme des jungen Mannes melt brummend,„wir wollen ein wenig nachſehen, was At⸗ dies zu bedeuten hat.“ m ſt Und er ſchloß die Thüre wieder, ſchob den Balken aif ein, ſtieß den Riegel vor und ſtieg hinauf. nne, Die Schlachtordnung von Maursvel wurde ver⸗ e 1 ändert, als er ſah, daß Mouy nicht herauskommeu . würde. Die Schweizer ſtellten ſich auf der andern 142 Seite der Straße auf und La Huriere wartete, ſeine Büchſe in der Fauſt, bis der Feind wieder am Fenſter erſchien. Er wartete nicht lange. Von Mouy rückte, vor, zwei Piſtolen von ſo achtungswerther Länge in den Händen, daß La Huriere, der bereits auf ihn anſchlug, plötzlich bedachte, die Kugeln des Hugenotten hätten nicht mehr Weg zu machen, um die Straße zu errei⸗ chen, als ſeine Kugel, um auf den Balcon zu ge⸗ langen. „Allerdings,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„kann ich dieſen Herrn tödten; dieſer Herr kann zugleich aber auch mich tödten.“ Da nun Meiſter La Hurière, ein Wirth ſeines Standes, nur unter gewiſſen Umſtänden Soldat war, ſo beſtimmte ihn dieſe Betrachtung, ſich zurückzuziehen und Schutz in der Ecke der Rue de Brae zu ſuchen, die ſo weit entfernt war, daß er einige Mühe gehabt hätte, von hier aus, beſonders bei Nacht, die Linie zu ſinden, welche ſeine Kugel verfolgen mußte, um zu Herrn von Mouy zu gelangen. Von Mouy warf einen Blick um ſich her und ging, ſich deckend wie ein Menſch, der ſich zu einem Duell anſchickt, vor. Als er aber ſah, daß nichts kam, rief er: „He! Herr Rathgeber! es ſcheint, Ihr habt Eure Büchſe an meiner Thüre vergeſſen. Hier bin ich, was wollt Ihr von mir?“ „Ah, ah!“ ſprach Coconnas zu ſich ſelbſt,„das iſt ein Braver!“ „Nun!“ fuhr Mouh fort,„Freunde oder Feinde, wer Ihr auch ſein möget, ſeht Ihr nicht, daß ich warte?“ La Huriere beobachtete ein Stillſchweigen, Mau⸗ revel antwortete nicht, und die drei Schweizer ver⸗ hielten ſich ruhig. Coconnas wartete einen Augenblick; als er aber ſah, daß Niemand das von La Huriére angefangene unt 143³ eine und von Mouy fortgeſetzte Geſpräch unterhielt, ver⸗ ſter ließ er ſeinen Poſten, ging bis mitten in die Straße, ckte, nahm ſeinen Hut in die Hand und ſagte: den„Mein Herr, wir ſind nicht eines Mordes wegen lug, hier, wie Ihr glauben dürftet, ſondern eines Zwei⸗ tten kampfes wegen. Ich begleite einen von Euren Fein⸗ rei⸗ den, der mit Euch zu thun haben möchte, um auf ge⸗ muthige Weiſe einen alten Streit zu endigen. Ei, Mordi! kommt doch hervor, Herr von Maurevel, ich ſtatt den Rücken zu wenden. Der Herr nimmt aber es an.“. „Maurevel!“ rief von Mouy,„Maurevel, der ines Mörder meines Vaters! Maurepel, der Todtſchläger war, des Königs! Ha, bei Gott, ja, ich nehme es an!“ ehen Und auf Maurevel anſchlagend, der an das Hotel hen, Guiſe klopfen wollte, um Verſtärkung zu holen, durch⸗ tühe bohrte er ſeinen Hut mit einer Kugel. die Bei dem Lärmen des Schuſſes, bei dem Geſchrei ßte, von Maurevel kamen die Wachen, welche die Her⸗ zogin von Nevers zurückgeführt hatten, begleitet von und einigen Edelleuten, denen ihre Pagen folgten, heraus nem und rückten nach dem Hauſe der Geliebten des jungen ichts von Mouy vor. Ein zweiter Piſtolenſchuß, mitten unter die Truppe Fure abgefeuert, ſtreckte den Soldaten, der ſich zunächſt bei was Maurevel befand, todt nieder, wonach ſich von Mouy, da er keine Waffen oder wenigſtens nur unnütze „das Waffen hatte, inſofern ſeine Piſtolen abgefeuert und 1 ſeine Gegner außerhalb des Bereiches ſeines Degens inde, waren, hinter der Gallerie des Balcon verbarg. ich Indeſſen öffneten ſich da und dort die Fenſter in der Umgegend, und ſchloſſen ſich wieder oder wurden, Nau⸗ je nach dem friedlichen oder kriegeriſchen Geiſte der ver⸗ Bewohner, mit Musketen und Büchſen beſetzt. „Mir zu Hülfe, mein braver Mercandon!“ rief aber von Mouy mit einem Zeichen gegen einen bereits alten gene Mann, der aus einem Fenſter, das ſich dem Hotel 144 Guiſe gegenüber gesffnet hatte, in dieſer Verwirrung etwas zu ſehen ſuchte. „Ihr fordert Hülfe, Herr von Mouy?“ rief der Greis.„Will man an Euch?“ „An mich, an Euch, an alle Proteſtanten; ſeht hier den Beweis.“ In der That ſah von Mouy in dieſem Augenblick, wie die Büchſe von La Hurière ſich gegen ihn richtete. Der Schuß ging los, aber der junge Mann hatte Zeit, fich zu bücken, und die Kugel durchbrach eine Scheibe über ſeinem Haupte. „Mercandon!“ rief Coconnas, der beim Anblicke vieſes Kampfes vor Vergnügen bebte und ſeinen Glän⸗ biger vergeſſen hatte, aber durch die Anrede von Mouy wieder an ihn erinnert wurde;„Mercandon, Rue du Chaume, ja, ſo iſt es! Ah, hier wohnt er! das iſt Wir werden es jeder mit unſerem Manne zu thun aben.“ Und während die Leute des Hotel Suiſe die Thü⸗ ren des Haufes einſtießen, worin von Mouy ſich be⸗ fand, während Maurevel, eine Fackel in der Hand, das Haus in Brand zu ſiecken trachtete, während, ſo⸗ bald die Thüren eingeſtoßen waren, ſich ein furcht⸗ barer Kampf mit einem einzelnen Menſchen entſpann, der mit jedem Piſtolenſchuſſe, mit jedem Degenſtiche ſeinen Feind niederſtreckte, ſuchte Coconnas mit Hülfe eines Pflaſterſteines die Thüre von Mercandon einzu⸗ ſtoßen, der, ohne ſich um dieſe vereinzelte Anſtrengung zu bekümmern, aus Kräften mit der Büchſe aus ſei⸗ nem Fenſter ſchoß. Da war plötzlich dieſes ganze verlaſſene, dunkle Quartier taghell beleuchtet und wie das Innere eines Ameiſenhaufens bevölkert; denn aus dem Hotel Mont⸗ morench machten ſechs bis acht hugenottiſche Edelleute mit ihren Dienern und Freunden einen wüthenden An⸗ griff und begannen, unkerſtützt durch das Feuern aus den Fenſtern, die Leute von Maurevel und die des Ho⸗ 1¹⁵ un tel Guiſe zurückzudrängen, welche ſich endlich mit dem 8 Rücken an das Hotel lehnten, aus dem ſie hervorge⸗ kommen waren. pr Coconnas, dem es noch nicht gelungen war, die ſeht Thüre von Mercandon einzuſtoßen, obgleich er aus Leibeskräften daran arbeitete, wurde mitten in ſeinem lick ungeſtümen Treiben überfallen. Er lehnte ſich nun an tit die Mauer, nahm den Degen in die Hand und be⸗ Zeit gann nicht nur ſich zu vertheidigen, ſondern auch mit ibe ſo furchtbarem Geſchrei anzugreifen, daß er das ganze Gemenge beherrſchte. Er fuchtelte rechts und links, lice ſchlug Freund und Feind, bis ſich ein weiter leerer läu⸗ Raum um ihn her gebildet hatte. Ze öfter ſein De⸗ ou gen eine Bruſt durchbohrte, je mehr das warme Blut 6 ſeine Hände und ſein Geſicht beſpritzte, deſto mehr ge⸗ s iſt wann er, die Augen erweitert, die Raſenlöcher geöff⸗ thun net, die Zähne zuſammengepreßt, verlorenes Terrain, 1 deſto näher kam er dem belagerten Hauſe. Thü⸗ Nach einem furchtbaren Kampfe auf der Treppe und in der Flur verließ von Mouy ſein Haus als 36 wahrer Held. Mitten unter dem Gefechte ſchrie er unabläßig:„Herbei, Maurevel! Maurevel, wo biſt i Du?“ wobei er ihn mit den beleidigendſten Beinamen überhäufte. Er erſchien envlich auf der Straße, mit u⸗ einem Arme ſeine halb nackte und beinahe ohnmächtige ülſe Geliebte unterſtützend und einen Dolch zwiſchen den 5 Zähnen haltend. Flammend durch die umdrehende inzu⸗ Bewegung, die er ihm gab, zog ſein Degen weiße gung oder rothe Kreiſe, je nachdem der Mond die Klinge ſei⸗ verſilberte oder eine Fackel die blutige Näſſe glänzen machte. Maurevel war entflohen. La Huriére von Moup bis zu Coconnas zurückgedrängt, der ihn nicht 3 erkannte und mit der Degenſpitze empfing, bat auf zwei Seiten um Gnade. In dieſem Augenblick ge⸗ wahrte ihn Mercandon und erkannte in ihm an ſeiner n An⸗ weißen Schärpe einen Schlächter. Der Schuß ging n los. La Huriére ſtieß einen Schrei aus, ſtreckte die 1⁴⁵ Arme von ſich, ließ ſeine Büchſe fallen und ſtürzte, nachdem er es verſucht hatte, die Mauer zu erreichen, um ſich an irgend Etwas zu halten, mit dem Ge⸗ ſichte auf die Erde. Von Mouy benützte dieſen Umſtand, warf ſich in die Rue du Paradis und verſchwand. Die Hugenotten hatten ſo kräftigen Widerſtand geleiſtet, daß die Leute aus dem Hotel Guiſe in die⸗ ſes zurückgedrängt worden waren und die Thore des Hotel wieder verſchloſſen hatten, aus Furcht, belagert und im eigenen Hauſe gefaßt zu werden. Berauſcht von Blut und Lärmen, zu dem Zuſtande ver Exaltation gelangt, wo ſich, beſonders bei den Südländern, der Muth in Wahnſinn verwandelt, hatte Eoconnas nichts geſehen, nichts gehört. Er bemerkte nur, daß ſeine Ohren minder ſtark klangen, daß ſeine Hände und ſein Geſicht ein wenig trockneten, und ſeine Degenſpitze ſenkend ſah er nichts mehr in ſeiner Nähe, als einen ausgeſtreckten Menſchen, deſſen Geficht in eine rothe Lache getaucht war, und rings umher bren⸗ nende Häuſer. Es war ein kurzer Waffenſtillſtand, denn in dem Augenblick, wo er ſich dem Menſchen nähern wollte, in welchem er La Huriere zu erkennen glaubte, öff⸗ nete ſich die Thüre des Hauſes, die er vergebens mit Pflaſterſteinen aufzubrechen geſucht hatte, und der alte Mercandon ftürzte, gefolgt von ſeinem Sohne und zwei Reffen, auf den Piemonteſen los, der damit beſchäftigt war, wieder etwas Athem zu ſchöpfen. „Hier iſt er, hier iſt er!“ riefen Alle ein⸗ ſtimmig. Coconnas befand ſich mitten in der Straße und machte, befürchtend, er könnte von dieſen vier Men⸗ ſchen, die ihn zu gleicher Zeit angriffen, umzingelt werden, mit der Kraft von einer der Gemſen, die er ſo oft in den Gebirgen verfolgt hatte, einen Sprung rückwärts, und lehnte ſich an die Mauer des Hotel F G e d d d zte, en, Ge⸗ in and die⸗ des gert inde den atte rkte eine eine ähe, in ren⸗ dem Ute, öff⸗ mit alte zwei iftigt ein⸗ und Men⸗ ngelt ie er rung Hotel —,— 147 Guiſe. Sobald er einmal hinſichtlich eines Ueberfalls beruhigt war, nahm er ſeine Fechterſtellung und wurde wieder Spötter. „Ah, ah! Vater Mercandon,“ ſagte er,„Ihr er⸗ kennt mich nicht?“ „Ah, Elender!“ rief der alte Hugenott,„ich er⸗ kenne Dich im Gegentheil ganz wohl. Du trachteſt mir nach dem Leben, mir, dem Freunde, dem Ge⸗ fährten Deines Vaters!“ „Und ſeinem Gläubiger, nicht wahr?“ „Ja, ſeinem Gläubiger, da Du es ſagſt.“ „Wohl, gerade deshalb,“ antwortete Coconnas. „Ich will ſeine Rechnungen in Ordnung bringen.“ „Packt ihn, bindet ihn!“ rief der Greis den jungen Leuten zu, welche ihn begleiteten und bei ſei⸗ nem Rufe gegen die Mauer losſtürzten. „Einen Augenblick,“ ſagte Coconnas lachend;„um die Leute zu verhaften, braucht Ihr einen Verhafts⸗ befehl, und Ihr habt es verſäumt, einen ſolchen vom Prevot zu fordern.“ Bei dieſen Worten kreuzte er ſein Schwert mit demjenigen von den jungen Leuten, welcher ihm am nächſten war, und hieb ihm bei dem erſten Losmachen der Klinge die Handwurzel ab. Der Unglückliche wich brüllend zurück. „Einer,“ ſprach Coconnas. In dieſem Augenblicke öffnete ſich ächzend das Fenſter, unter welchem Coconnas Zuflucht geſucht hatte; Coconnas machte einen Sprung, denn er befürchtete einen Angriff von dieſer Seite, aber ſtatt eines Fein⸗ des erblickte er eine Frau; ſtatt der mörderiſchen Waffe, die er zu bekämpfen ſich anſchickte, war es ein Strauß, der zu ſeinen Füßen fiel. „Halt! eine Frau,“ ſagte er. Er grüßte die Dame mit ſeinem Degen und bückte ſich, um den Strauß aufzuheben. 14⁸ „Nehmt Euch in Acht, braver Katholik, nehmt Euch in Acht!“ rief die Dame. Coconnas erhob ſich, aber nicht ſo ſchnell, daß nicht der Dolch des zweiten Neffen ſeinen Mantel ge⸗ ſchlitzt und die andere Schulter geſtreift hätte. Die Dame ſtieß einen durchdringenden Schrei aus. Coconnas dankte ihr, beruhigte ſie mit einer Ge⸗ berde und warf ſich auf den erſten Neffen, der gegen ihn auslegte; aber bei dem zweiten Stoße glitt ſein Hinterfuß im Blute aus. Coconnas ſtürzte mit der Geſchwindigkeit einer Tigerkatze auf ihn los und durch⸗ bohrie ihm die Bruſt mit ſeinem Degen. „Gut, gut, brader Cavalier!“ rief die Dame des Hotel Guiſe,„gut, ich ſchicke Euch Hülfe.“ „Es iſt nicht der Mühe werth, Euch deshalb zu beläſtigen, Madame,“ rief Coconnas.„Schaut viel⸗ mehr bis zum Ende zu, wenn Euch die Sache inter⸗ eſſirt, und Ihr werdet ſehen, wie der Graf Annibal von Coconnas die Hugenotten in Ordnung bringt.“ In dieſem Augenblick ſchoß der Sohn des alten Mercandon eine Piſtole auf Coconnas ab, und dieſer fiel auf ein Knie. Die Dame am Fenſter ſtieß einen Schrei aus; aber Coconnas erhob ſich wieder, er war nur niedergekniet, um die Kugel zu vermeiden, welche zwei Fuß von der ſchönen Zuſchauerin in die Mauer drang. Beinahe zu derſelben Zeit vernahm man aus der Wohnung von Mercandon ein Geſchrei der Wuth, und eine alte Frau, welche in Coconnas an ſeinem Kreuze und an ſeiner weißen Schärpe einen Katholiken erkannte, ſchleuderte einen Blumentopf nach ihm, der ihn über dem Knie traf. „Gut!“ rief Coconnas,„die Eine wirft mir vie Blumen, die Andere die Töpfe zu! Wenn das ſo fortgeht, wird man die Häuſer zerſtören.“ 1⁴9 hmt„Ich danke, meine Mutter, ich danke!“ rief der junge Mann. daß„Geh, Frau, geh,“ ſprach der alte Mereandon, ge⸗„aber gib wohl auf uns Acht.“ „Wartet, Herr von Coconnas, wartet,“ ſagte die hrei junge Dame vom Hotel Guiſe,„ich will nach den Fenſtern ſchießen laſſen.“ Ge⸗„Oh! das iſt eine Hölle von Frauen, von denen gen die Einen für mich, die Andern gegen mich find,“ ſein ſagte Coconnas;„machen wir der Sache ein Ende.“ der Die Scene hatte ſich in der That ſehr verändert rch⸗ und nahte ſich offenbar ihrer Entwickelung. Coconnas gegenüber, der allerdings verwundet, aber in der gan⸗ des zen Kraft ſeiner vierundzwanzig Jahre ſtand, an die Waffen gewöhnt und durch die drei bis vier Schram⸗ zu men, die er erhalten hatte, mehr gereizt, als ge⸗ iel⸗ ſchwächt war, blieben nur noch Mercandon und ſein ter⸗ Sohn, Mercandon, ein Greis von ſechszig bis ſieben⸗ ibal zig Jahren, ſein Sohn, ein Kind von ſechszehn bis 3 achtzehn Jahren. Bieich, blond, ſchwächlich, hatte iten der Letztere ſeine entladene und folglich unnütz gewor⸗ ieſer dene Piſtole weggeworfen und handhabte zitternd ei⸗ inen nen Begen, welcher halb ſo lang war, als der des war Piemonteſen. Nur mit einem Dolche und einer leeren elche Büchſe bewaffnet, rief der Vater um Hülfe. Eine auer alte Frau, an einem Fenſter, der Mutter des jungen Mannes gegenüber, hielt ein Stück Marmor in der der Hand. Einerſeits durch die Drohungen, andererſeits und durch die Ermuthigungen aufgereizt, ſtolz durch ſeinen ez dopelte ieg, berauſcht durch Pulver und Blut, be⸗ nnte, leuchtet von dem Wiederſcheine eines in Flammen ſte⸗ über henden Hauſes, begeiſtert durch den Gedanken, daß er unter den Augen einer Frau kämpfte, deren Schön⸗ rdie heit ihm ſo erhaben gedünkt hatte, als ihm ihr Rang s ſo unbeſtreitbar vorkam, fühlte Coconnas ſeine Kräfte ſich verdoppeln, und als er ſah, daß der junge Menſch Kbnigin Margot. 1. 10 150 zögerte, kreuzte er auf deſſen kleinem Degen ſein furchtbares, blutiges Schwert. Zwei Stöße genügten, um es ihm aus der Hand zu ſchlagen. Mercandon ſuchte nun Coconnas zurückzuſtoßen, damit das aus dem Fenſter geſchleuderte Wurfgeſchoß ihn ſicherer er⸗ reichen würde. Aber um den doppelten Angriff des alten Mercandon, der ihn mit ſeinem Dolche zu durch⸗ bohren verſuchte, und der Mutter des jungen Menſchen, welche ihm mit dem Stein, den ſie in der Hand hielt, den Kopf zu zerſchmettern trachtete, zu vereiteln, er⸗ griff Coconnas ſeinen Gegner mit dem Arme um den Leib, hielt ihn gegen alle Stöße und Würfe wie ei⸗ nen Schild vor und erſtickte ihn beinahe in ſeinem herculiſchen Drucke. „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ rief der junge Menſch, „er drückt mir die Bruſt ein. Zu Hülfe! zu Hülfel“ Und ſeine Stimme ſing an ſich in einem gepreß⸗ ten, dumpfen Röcheln zu verlieren. Jetzt hörte Mercandon auf zu drohen, und er flehte. „Gnade, Gnade!“ ſagte er,„Herr von Cocon⸗ nas, Gnade, es iſt mein einziges Kind!“ „Es iſt mein Sohn! es iſt mein Sohn!“ rief die Mutier,„die Hoffnung unſeres Alters. Tödtet ihn nicht, Herr, tödtet ihn nicht!“ „Ah, wahrlich,“ rief Coconnas, in ein Gelächter ausbrechend,„ich ſoll ihn nicht tödten! Und was wollte er mir denn thun mit ſeinem Degen und ſeiner Piſtole?“ „Mein Herr,“ fuhr Mercandon, die Hände fal⸗ tend, fort,„ich habe in meinem Hauſe den von Eu⸗ rem Vater unterſchriebenen Schuldſchein, ich flelle ihn Euch zurück; ich habe zehntauſend Goldthaler, ich gebe ſie Euch; ich habe die Juwelen unſerer Familie, fie gehören; aber tödtet ihn nicht, tödtet ihn nicht. „Und ich, ich habe meine Liebe,“ ſprach mit hal⸗ 1—— S cS——, „ Se 151 die Frau im Hotel Guiſe,„ich verſpreche uch. Coconnas überlegte eine Seeunde und fragte dann raſch den jungen Menſchen: „Seid Ihr Hugenott?“ „Ich bin es,“ murmelte das Kind. „Dann müßt Ihr ſterben,“ antwortete Coconnas, die Stirne faltend, und näherte der Bruſt ſeines Gegners das ſcharſe, ſpitzige Schwert. „Sterben!“ rief der Greis,„mein armes Kind ſterben!“ Und ein Mutterſchrei erſcholl ſo voll tiefen Schmer⸗ zes, daß er für einen Augenblick den wilden Entſchluß des Piemonteſen erſchütterte. „Oh, Frau Herzogin!“ rief der Vater, ſich nach dem Fenſter des Hotel Guiſe wendend,„ſprecht für uns, und jeden Morgen und jeden Abend ſoll Euer Name in unſern Gebeten genannt werden.“ „Dann bekehre er ſich,“ verſetzte die Dame im Hotel Guiſe. „Ich bin Proteſtant,“ ſagte das Kind. „Stirb alſo,“ ſprach Coconnas, ſeinen Degen er⸗ hebend,„ſtirb alſo, da Du das Leben nicht willſt, das Dir dieſer ſchöne Mund anbot.“ WMercandon und ſeine Frau ſahen die furchtbare Klinge wie einen Blitz über dem Haupte ihres Sohnes ſchimmern. „Mein Sohn, mein Olivier,“ heulte die Mutter, „ſchwöre ab, ſchwöre ab!“ „Schwöre ab, ſchwöre ab, liebes Kind,“ ſagte der Vater, ſich zu den Füßen von Coconnas wälzend.„Laß uns nicht allein auf Erden!“ „Schwört all mit einander ab,“ rief Coconnas, „für ein Credo drei Seelen und ein Leben!“ „Ich will es wohl thun,“ erwiederte der junge Menſch. 152 „Wir wollen es thun,“ riefen Mercandon und ſeine Frau. „Dann auf die Kniee!“ ſprach Coconnas,„und Dein Sohn wiederhole Wort für Wort das Gebet, das ich ihm vorſprechen werde.“ Der Vater gehorchte zuerſt. „Ich bin bereit,“ ſagte das Kind und kniete ebenfalls nieder. Coconnas fing nun an, ihm lateiniſch die Worte des Credo vorzuſprechen. Aber mag es Zufall, mag es Berechnung geweſen ſein, der junge Olivier hatte ſich in der Nähe der Stelle niedergekniet, wohin ſein Degen geflogen war. Kaum ſah er dieſe Waffe im Bereiche ſeiner Hand, als er, ohne daß er die Worte von Coconnas zu wiederholen aufhörte, den Arm aus⸗ ſtreckte, um ſie zu ergreifen. Coconnas bemerkte die Bewegung, er gab ſich jedoch den Anſchein, als ge⸗ wahrte er nichts. In dem Augenblicke aber, wo der junge Menſch mit den Fingerſpitzen den Griff der Waffe berührte, ſtürzte er auf ihn zu, warf ihn nie⸗ der, rief:„Ha, Verräther!“ und bohrte ihm ſeinen Degen in die Kehle. Der junge Menſch ſtieß einen Schrei aus, erhob ſ. krampfhaft auf ein Knie und fiel dann todt nieder. „Ah, Henker!“ brüllte Mercandon,„Du ermordeſt uns, um uns die hundert Roſenobles zu ſtehlen, die Du uns ſchuldig biſt.. „Meiner Treue, nein,“ ſagte Cocvnnas,„zum Beweiſe„ Und bei dieſen Worten warf Coconnas dem Greiſe die Börſe zu Füßen, die ihm ſein Vater bei ſeiner Abreiſe gegeben hatte, um ſeine Schuld bei ſeinem Gläubiger zu bezahlen. „Und zum Beweiſe,“ fuhr er fort,„haſt Du hier Dein Geld!“ — — —— SrGer— ————— c— 153 ind„Und Du Deinen Tod!“ ſchrie die Mutter aus dem Fenſter. ind„Nehmt Euch in Acht, Herr von Coconnas, nehmt as Euch in Acht!“ rief die Dame im Hotel Guiſe. Aber ehe Coconnas den Kopf drehen konnte, um dieſen Rath zu befolgen oder um der Drohung zu ete entgehen, durchſchnitt pfeifend eine gewichtige Maſſe die Luft, ſiel platt auf den Hut des Piemonteſen, zer⸗ rte brach ihm ſeinen Degen in der Hand und ſtreckte ihn iag betäubt auf den Boden nieder, ohne daß er den dop⸗ tte pelten Schrei der Freude und des Jammers, der ſich ein von der Rechten zur Linken antwortete, mehr verneh⸗ im men konnte. rte Mercandon ſtürzte ſogleich, den Dolch in der Hand, us⸗ über den ohnmächtigen Coconnas, aber in dieſem Augen⸗ die blick öffnete ſich die Thüre des Hotel Guiſe, und der 6 Greis entfloh, als er die Partiſanen und Schwerter der glänzen ſah, während diejenige, welche er Frau Her⸗ der„ pogin genannt hatte, ſchön in einer furchtbaren Schön⸗ nie⸗ heit bei dem Schimmer des Brandes, glänzend von nen Diamanten und Edelſteinen, ſich halb aus dem Fenſter legte, um den Neuankommenden, den Arm gegen Co⸗ ob connas ausgeſtreckt, zuzurufen: vot„Dort, dort! mir gegenüber! Ein Edelmann in eſt einem rothen Wamms. Dieſer ja, ja, dieſer 6 die um 5 eiſe 5 ner em X.* Lod, Meſſe vder Paſtille. Margaretha hatte, wie geſagt, ihre Thüre wieder verſchloſſen und war in ihr Zimmer zurückgekehrt. Als 15⁴ ſie aber ganz zitternd eintrat, erblickte ſie Gillonne, welche, voll Schrecken nach der Thüre des Cabinets geneigt, die auf dem Bette, auf den Meubles und auf dem Teppich verbreiteten Blutſpuren betrachtete. „Oh, Madame,“ rief ſie, die Königin gewahrend, „oh, Madamel er iſt alſo todt!“ „Stille, Gillonne,“ ſprach Margaretha mit dem Tone, der die höchſte Wichtigkeit des Befehles an⸗ deutet. Gillonne ſchwieg. Margarethe zog nun aus ihrer Taſche einen klei⸗ nen vergoldeten Schlüſſel hervor, öffnete die Thüre des Cabinets und zeigte mit dem Finger Gillonne den jungen Mann. La Mole war es gelungen, ſich zu erheben und dem Fenſter zu nähern. Ein kleiner Dolch, wie ihn zu jener Zeit die Frauen trugen, fand ſich unter ſeiner Hand; der junge Edelmann ergriff ihn, als er die Thüre öffnen hörte. „Fürchtet nichts, mein Herr,“ ſprach Margarethe, „denn bei meiner Seele, Ihr ſeid in Sicherheit.“ La Mole ſank auf ſeine Kniee nieder und rief: „Oh! Madame, Ihr ſeid für mich mehr als eine Königin, Ihr ſeid eine Gottheit.“ „Bewegt Euch nicht ſo ſehr, mein Herr!“ rief argarethe,„Euer Blut fließt noch. Oh! ſchau', Gillonne, wie bleich er iſt! Sprecht, wo ſeid Ihr ver⸗ wundet?“ „Madame,“ ſprach La Mole, indem er auf Haupt⸗ punkten den durch ſeinen ganzen Körper irrenden Schmerz feſtzuſtellen ſuchte,„ich glaube, ich habe einen Dolchſtich in die Schulter und einen andern in die Bruſt bekommen. Bei den übrigen Wunden iſt es nicht der Mühe werth, daß man ſich damit beſchäftigt.“ „Wir werden es ſehen,“ ſprach Margarethe.„Gil⸗ lonne, bringe mein Kiſichen mit den Balſamen.“ Gillonne gehorchte und kehrte, in einer Hand das ne ets uf nd, em n⸗ ei⸗ üre den ind ihn ner die he, ine rief er⸗ pt⸗ den nen die es il⸗ das 1⁵⁵ Kiſtchen, in der andern ein Waſſergeſchirr von Ver⸗ meil und feine holländiſche Leinwand haltend, zurück. „Hilf mir ihn aufheben, Gillonne,“ ſagte die Königin Margarethe,„denn ſich ſelbſt erhebend, hat der Unglückliche ſeine Kräfte vollends verloren.“ „Aber, Madame,“ ſprach La Mole,„ich bin ganz verwirrt, ich kann in der That nicht dulden „Mein Herr, Ihr werdet wohl zugeben, daß ich Euch verbinde,“ ſagte Margarethe;„wenn wir Euch retten können, wäre es ein Verbrechen, Euch ſterben zu laſſen.“ „Oh!“ rief La Mole,„ich will lieber ſterben, als ſehen, wie Ihr, die Königin, Euch mit einem unwür⸗ digen Blute, wie das meinige, die Hände befleckt„ Oh, niel nie!“„ Und er wich ehrfurchtsvoll zurück. „Euer Blut, Herr,“ verſetzte lächelnd Gillonne, „ei! Ihr habt nach Belieben bereits das Bett und das Zimmer Ihrer Majeſtät damit befleckt.“ Margarethe ſchlug ihren Mantel über ihrem ganz mit rothen Flecken beſprengten Battiſtgewande zu⸗ ſammen. Dieſe Geberde voll weiblicher Schamhaf⸗ tigkeit einnerte La Mole daran, daß er die ſo be⸗ neidete, ſo ſchöne, ſo geliebte Königin, in ſeinen Armen gihalten, an ſeine Bruſt gedrückt hatte, und bei dieſer Erinnerung färbte eine flüchtige Röthe ſeine bleichen Wangen. „Madime,“ ſtammelte er,„könnt Ihr mich nicht der Sorge eines Wundarztes überlaſſen?“ „Eines katholiſchen Wundarztes, nicht wahr?“ fragte die Kinigin mit einem Ausdrucke, den er ver⸗ ſtand und der ihn beben machte. Wißt Ihr denn nicht,⸗ fuhr die Königin mit einer Stimme und einem Lächeln voll unſäglicher Weichheit fort,„daß wir Töchter von Frankreich bei unſerer Erziehung den Werth der Pflanzen kennen und die Balſam bereiten lernen? denn es iſt jeder 156 Zeit unſere Pflicht als Frauen und als Königinnen geweſen, die Schmerzen zu lindern. Wir kommen auch den beſten Wundärzten der Welt gleich, wenig⸗ ſtens wie uns unſere Schmeichler ſagen. Iſt Euch mein Ruf in dieſer Hinſicht nicht zu Ohren gekommen? Auf, Gillonne, an das Werk!“ La Mole wollte es noch einmal verſuchen, zu widerſtehen; er wiederholte, er würde lieber ſterben, als der Königin dieſe Arbeit verurſachen, welche mit dem Mitleid anfangen und mit dem Ekel endigen könnte. Dieſer Kampf diente nur dazu, ſeine Kräfte vollends zu erſchöpfen. Er wankte, ſchloß die Augen und ließ ſeinen Kopf zum zweiten Male ohnmächtig zurückfallen. Da nahm Margarethe den Dolch, den er aus den Händen hatte fallen laſſen, und durchſchnitt raſch das Schnürband, das ſein Wamms ſchloß, während Gil⸗ lonne mit einer andern Klinge die Aermel von La Mole auftrennte oder vielmehr aufſchnitt. Gillonne ſtillte mit einem in friſches Woſſer ge⸗ tauchten Stücke Leinwand das aus der Schulter und der Bruſt des jungen Mannes hervordringende Blut, während Margarethe mit einer goldenen Nadel mit abgerundeter Spitze die Wunden mit aller Zartheit und Geſchicklichkeit ſondirte, welche Meiſter Ambroiſe bei einer ſolchen Veranlaſſung hätte entwickeln önnen. Die der Schulter war tief; die der Bruſt war an den Rippen abgeglitten und durchzog nur das Fleiſch: keine von beiden drang in die Höhlen de natürlichen Feſte, welche das Herz und die Lungen beſchützt. „Schmerzliche, aber nicht tödtliche Vunde, acer- rimum humeri vulnus, non autem tethale,“ mur⸗ melte die ſchöne und gelehrte Chirurgin„gib mir den Balſam und bereite Charpie, Gillonne“ Gillonne, der die Königin dieſen jeuen Befehl er⸗ theilte, hatte hereits die Bruſt des jungen Mannes ge⸗ — i n „——— 157 en trocknet und geſalbt. Daſſelbe that ſie auch mi ſeinen en nach einer antiken Zeichnung geformten Armen, mit ig⸗ ſeinen anmuthig zurückgeworfenen Schultern, mit uch ſeinem von dicken Locken beſchattetem Halſe, der mehr n einer Statue von pariſchem Marmor, als dem verſtüm⸗ b melten Körper eines verſcheidenden Menſchen anzuge⸗ zu hören ſchien. en,„Armer junger Mann!“ murmelte Gillonne, nit nicht ſowohl ihr Werk, als denjenigen betrachtend, gen welcher Gegenſtand deſſelben geweſen war. iſte„Nicht wahr, er iſt ſchön?“ ſagte Margarethe mit gen einer ganz königlichen Offenherzigkeit. tig„Ja, Madame. Aber es ſcheint mir, daß wir ihn, ſtatt ihn ſo auf dem Boden liegen zu laſſen, auf⸗ den heben und auf das Ruhebett legen ſollten, an das er nur angelehnt iſt.“ il⸗„Ja, Du haſt Recht,“ ſprach Margarethe. La Und die zwei Frauen beugten ſich, hoben mit ver⸗ einigten Kräften La Mole auf und legten ihn auf ei⸗ ge⸗ nen großen Sopha mit geſchnitzter Rücklehne, welcher n vor dem ßenſter ſtand, das ſie halb öffneten, um ihm ut, Luft zu geben. nit Die Bewegung weckte La Mole, er ſtieß einen eit Seufzer aus und begann, die Augen wieder öffnend, iſe das unſägliche Wohlbehagen zu fühlen, das alle Em⸗ eln pfindungen des Verwundeten begleitet, wenn er bei ſeiner Rückkehr zum Leben die Friſche ſtatt der ver⸗ an zehrenden Flamme und die Balſamdüfte ſtatt des ch:„ lauen, häßlichen Blutgeruches wiederfindet. en Er murmelte einige Worte ohne Folge, welche Margarethe mit einem Lächeln und den Finger auf ern den Mund legend beantwortete. ur⸗ In dieſem Augenblicke erſcholl das Geräuſch meh⸗ en rerer Schläge an eine Thüre. „Man klopft an den geheimen Gang,“ ſagte er⸗ Margarethe. e 15⁸ „Wer kann denn kommen, Madame?“ fragte Gillonne erſchrocken. „Ich will nachſehen,“ ſagte Margarethe.„Bleibe Du bei ihm und verlaß ihn nicht einen Augenblick.“ Margarethe kehrte in ihr Zimmer zurück, ſchloß die Thüre des Cabinets und öffnete die des Ganges, der zu dem König und zu der Königin Mutter führte. „Frau von Sauve!“ rief ſie, lebhaft zurückwei⸗ chend und mit einem Ausdrucke, der, wenn nicht dem Schrecken, doch wenigſtens dem Haſſe glich, ſo wahr iſt es, daß eine Frau nie einer andern Frau vergibt, wenn ſie ihr ſelbſt einen Mann, den ſie nicht liebt, entführt.„Frau von Sauve!“ „Ja, Eure Majeſtät,“ ſprach dieſe, die Hände faltend. „Ihr hier!“ fuhr Margarethe immer mehr er⸗ ſtaunt, aber auch immer mehr gebieteriſch fort. Charlotte ſiel auf die Kniee. „Madame,“ ſagte ſie,„verzeiht mir; ich erkenne, Mavame, in welchem Grade ich ſchuldig gegen Euch bin, aber wenn Ihr wüßtet,„„der Fehler iſt nicht ganz allein mir zuzuſchreiben und ein ausdrück⸗ licher Befehl der Königin Mutter.. „Steht auf,“ ſprach Margarethe,„und da ich nicht denken kann, Ihr ſeid in der Hoffnung gekommen, Euch mir gegenüber zu rechtfertigen, ſo ſagt mir, wa⸗ rum Ihr gekommen ſeid.“ „Ich bin gekommen, Madame,“ erwiederte Charlotte, immer noch auf den Knieen und mit einem beinahe irren Blicke,„ich bin gekommen, um Euch zu fragen, ob er nicht hier wäre 27 „Hier, wer? Von wem ſprecht Ihr, Madame. denn in der That, ich begreife Euch nicht.“ „Von dem König!“ „Von dem König? Ihr verfolgt ihn bis zu mir! Ihr wißt doch wohl, daß er nicht hieher kommt!“ „Ab! Madame,“ fuhr Frau von Sauve fort, ohne au w . 15⁵⁰ t auf alle dieſe Angriffe zu antworten, und ohne daß es b ſchien, als fühlte ſie dieſelben,„oh! wollte Gott, er wäre hier!“ „Und warum dies?“ 12„Ei! mein Gott, weil man die Hugenotten er⸗ er würgt und der König von Navarra das Haupt der . Hugenotten iſt!“ „Oh,“ rief Margarethe, Frau von Sauve bei e der Hand ergreifend und ſie zum Aufftehen nöthigend, „oh, ich hatte es vergeſſen. Ueberdies glaubte ich bt⸗ nicht, es könnte ein König dieſelbe Gefahr laufen, wie andere Menſchen.“ d„Noch mehr, Madame, noch tauſendmal mehr!“ nde rief Charlotte. „In der That, die Herzogin von Lothringen er⸗ warnis mich. Ich bat ihn, nicht auszugehen. Sollte er doch ausgegangen ſein?“ „Nein, nein, er iſt im Louvre; aber man findet ne, ihn nicht. Und iſt er nicht hier.. uch„Er iſt nicht hier.“ icht„Oh!“ rief Frau von Sauve mit einem Ausdrucke üc⸗ des Schmerzes,„dann iſt es um ihn geſchehen, denn die Königin Mutter hat ſeinen Tod geſchworen.“ ich„Seinen Tod! Oh, Ihr erſchreckt mich,“ ſprach en Margarethe,„unmöglich!“ wa⸗„Madame,“ verſetzte Frau von Sauve mit der Energie, welche nur die Leidenſchaft allein verleiht,„ich erte ſage Euch, man weiß nicht, wo der König von Na⸗ nem varra iſt.“ zu„Und die Königin Mutter, wo iſt ſie?“ „Die Königin Mutter ſchickte mich ab, um Herrn von Guiſe und Herrn von Tavanne zu holen, welche beide in ihrem Betzimmer waren; dann entließ ſie 6 mich. Ich ging hierauf, verzeiht mir, Madame, in nir! meine Wohnung zurück, und erwartete wie gewöhn⸗ hne„Meinen Gemahl, nicht wahr?“ ſagie Margarethe. 160 „Er iſt nicht gekommen, Madame. Da ſuchte ich überall, da fragte ich Jedermann nach ihm. Ein ein⸗ ziger Soldat antwortete mir, er glaube ihn mitten unter Wachen geſehen zu haben, die ihn mit bloßem Degen einige Zeit, ehe die Metzelei begann, begleite⸗ ten, und die Metzelei hat bereits vor einer Stunde begonnen.“ „Ich danke Euch, Madame,“ ſprach Margarethe, „ich danke Euch, obgleich das Gefühl, das Euch bei Eurer Handlung antreibt, vielleicht eine neue Beleidigung für mich iſt.“ „Oh! dann vergebt mir, Madame,“ erwiederte ſie, „und ich kehre ſtärker durch Eure Verzeihung zurück, denn ich wage es nicht, Euch auch nur von ferne zu zu folgen.“ Margarethe reichte ihr die Hand und ſprach: „Ich will die Königin Catharina aufſuchen, kehrt in Eure Wohnung zurück. Der König von Navarra ſteht unter meinem Schutze. Ich habe ihm ein Bünd⸗ u verſprochen und werde meinem Verſprechen treu ein.“ „Aber wenn Ihr nicht bis zur Königin Mutter dringen könntet, Madame?“ „Dann wende ich mich an meinen Bruder Karl, und ihn werde ich wohl ſprechen.“ „Geht, geht, Madame,“ ſagte Charlotte, Marga⸗ rethen den Weg frei laſſend,„und Gott geleite Eure Majeſtät.“ Margarethe eilte durch den Gang, aber am Ende deſſelben angelangt, wandte ſie ſich um, um ſich zu verſichern, daß Frau von Sauve nicht zurückblieb. Frau von Sauve folgte ihr. Die Königin von Navarra ſah ſie gegen die Treppe gehen, welche nach ihrer Wohnung führte, und ſetzte ihren Weg nach den Gemächern der Königin fort⸗ — Alles war verändert. Statt der Menge eifriger 3 — 161 Höflinge, welche gewöhnlich vor der Königin, ſich ehr⸗ furchtsvoll verbeugend, ihre Reihen öffnete, traf Marga⸗ rethe nur Garden mit gerötheten Partiſanen und blut⸗ befteckten Kleidern oder Evelleute mit von Pulver ge⸗ ſchwärzten Geſichtern und zerriſſenen Mänteln, Träger von Befehlen und Depechen. Die Einen kamen, die An⸗ dern gingen, und dieſes Hin⸗ und Herlaufen bildete ein furchtbares, ungeheures Gewimmel in den Gallerien. Margareihe ging nichtsdeſtoweniger vorwärts und gelangte bis an das Vorgemach der Königin Mutter; aber dieſes Vorgemach war von zwei Reihen von Soldaten bewacht, welche nur diejenigen durch⸗ ließen, die ein gewiſſes Loſungswort hatten. Mar⸗ garethe verſuchte es vergebens, die lebendige Schranke zu durchdringen; ſie ſah wiederholt die Thüre ſich öff⸗ nen und ſchließen, und bei jeder Oeffnung erblickte ſie Catharina, verjüngt durch die Thätigkeit, als ob ſie erſt zwanzig Jahre alt wäre, ſchreibend, Briefe empfan⸗ gend, dieſe entfiegelnd, Befehle ertheilend, an Dieſen ein Worit, an Jenen ein Lächeln richtend, und die Menſchen, venen ſie am Freundlichſten zulächelte, waren die am meiſten mit Staub und Blut Befleckten. Mitten unter dem den Louvre durchbrauſenden Tumult hörte man von der Straße aus immer raſcher ſich wiederholende Flintenſchüſſe. „Nie werde ich bis zu ihr gelangen,“ ſagte Mar⸗ garethe zu ſich ſelbſt, nachdem ſie drei vergebliche Ver⸗ ſuche bei den Hellebardirern gemacht hatte. In dieſem Augenblick kam Herr von Guiſe vorüber; er hatte der Königin den Tod des Admirals gemeldet und kehrte zu der Schlächterei zurück. „Oh, Heinrich!⸗ rief Margarethe,„wo iſt der König von Navarra?“ Der Herzog ſchaute ſie mit erſtauntem Lächeln an, verbeugte ſich und ging, ohne zu antworten, mit ſeinen Wachen ab. Nargarethe lief auf einen Kapitän zu, der gerade 162 den Louvre verlaſſen wollte und ehe er abging ſeine Soldaten die Büchſen laden ließ. „Der König von Navarra,“ fragte ſie,„mein Herr, wo iſt der König von Navarra?“ „Ich weiß es nicht, Madame,“ antwortete dieſer, „ich gehöre nicht zu den Wachen Seiner Majeſtät.“ „Ah, mein lieber René,“ rief Margarethe, den Parfumeur von Catharina erkennend,„Ihr ſeid es? Ihr kommt von meiner Mutter. Wißt Ihr, was aus meinem Gemahl geworden iſt?“ „Seine Majeſtät der König von Navarra iſt nicht mein Freund, Madame, Ihr müßt Euch deſſen wohl erinnern. Man ſagt ſogar,“ fügte er mit einer Mine bei, die mehr einem Grinſen, als einem Lã⸗ cheln glich,„man ſagt ſogar, er wage es, mich zu beſchuldigen, ich habe in Gemeinſchaft mit Frau Ca⸗ tharina ſeine Mutter ermordet.“ „Nein! nein!“ rief Margarethe,„glaubt das nicht, mein guter René.“ „Oh, mir liegt nicht viel daran,“ ſagte der Par⸗ fumeur,„weder der König von Navarra noch die Sei⸗ nigen ſind in dieſem Augenblick mehr zu befürchten.“ Und er drehte Margarethe den Rücken zu. „Oh, Herr von Tavanne, Herr von Tavanne 4 rief Margarethe,„ein Wort, ich bitte ein einziges Wort.“ Tavanne blieb ſtille ſtehen. „Wo iſt Heinrich von Navarra?“ fragte Mar⸗ garethe. „Meiner Treue!“ ſagte er ganz laut,„ich glaube, er läuft mit den Herren von Alengon und Condé in der Stadt umher.“ Dann fügte er ſo leiſe, daß Margarethe kaum es hören konnte, bei: „Schöne Majeſtät, wenn Ihr denjenigen ſehen wollt, für deſſen Platz ich mein Leben geben würde, ſo klopft an das Waffencabinet des Königs.“ * C ein er, den 62 us ift ſſen ner Lä⸗ Ca⸗ cht, ar⸗ Sei⸗ e“ iges dar⸗ we, — —— „Oh! ich danke, Tavanne,“ ſprach Margarethe, welche von Allem dem, was Tavanne ſagte, nur die Hauptandeutung gehört hatte,„ich danke und gehe dahin!“ Und ſie lief weg und murmelte: „Oh! nach dem, was ich ihm verſprochen habe, nach der Art, wie er ſich gegen mich benommen hat, als dieſer undankbare Heinrich im Cabinet war, kann ich ihn nicht ſterben laſſen.“ Und ſie klopfte an die Thüre der Gemächer des Königs; aber ſie waren innen von zwei Compagnien Garden beſetzt. „Man darf nicht zu dem König herein,“ ſagte der Offizier, raſch vorſchreitend. „Aber ich!“ ſprach Margarethe. „Der Befehl iſt ällgemein.“ „Ich, die Königin von Navarra! ich, ſeine Schweſter!“ „Der Befehl läßt keine Ausnahme zu, Madame. Empfangt alſo meine Entſchuldigung.“ Und der Offizier ſchloß die Thüre wieder. „Oh, er iſt verloren!“ rief Margaretha, in höch⸗ ſtem Maße beunruhigt durch den Anblick aller dieſer finſteren Geſichter, die, wenn ſie auch nicht Rache ſchnaubten, doch wenigftens Unbeugſamkeit ausdrück⸗ ten.„Ja, ja, ich begreife Alles. man hat ſich mei⸗ ner als einer Lockſpeiſe bedient; ich bin die Falle, in der man die Hugenotlen fängt und erwürgt„ Oh! ich werde hineinkommen, und ſollte ich mich töd⸗ ten laſſen!“ Und Margarethe lief wie eine Tolle durch die Gänge und Gallerien, als ſie plötzlich an, einer klei⸗ nen Thüre vorüberkommend, ein ſanftes, düſteres, eintöniges Lied hörte. Es war ein calviniſtiſcher Pſalm, den eine zitternde Stimme in einem anſtoßenden Zimmer ſang. „Die Amme des Königs, meines Bruders, die 164 gute Madelon, iſt da!“ rief Margarethe und ſchlug ſich, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, an die S„ſie iſt da Gott der Chriſten, hilf mir!“ Und Margarethe klopfte voll Hoffnung ſachte an die kleine Thüre. Nach dem Rathe, den ihm Margarethe gegeben, nach ſeinem Geſpräche mit René, nach ſeinem Ab⸗ gange von der Königin Mutter, dem ſich wie ein gu⸗ ter Genius die arme kleine Phöbe hatte widerſetzen wollen, begegnete Heinrich von Navarra einigen ka⸗ tholiſchen Edelleuten, die unter dem Vorwande, ihm das Ehrengeleite zu geben, denſelben in ſeine Woh⸗ nung zurückführten, wo etwa zwanzig Hugenotten ſei⸗ ner warteten, welche ſich bei dem jungen Prinzen ver⸗ ſammelt hatten, und einmal verſammelt, ihn nicht mehr verlaſſen wollten, ſo gewaltig laſtete das Vor⸗ gefühl dieſer unſeligen Nacht ſeit ein paar Stunden über dem Louvre. Sie blieben alſo, ohne daß man ſie zu ſtören verſuchte. Bei dem erſten Schlage der Glocke von Saint⸗Germain⸗[Auxerrois, welche in allen Herzen wie ein Todtengeläute klang, trat Ta⸗ vanne ein und meldete Heinrich mitten unter dem tiefen Stillſchweigen, der König Karl IX. wolle ihn ſprechen. Es war kein Widerſtand zu verſuchen; auch dachte Niemand hieran. Man hörte die Plafonds und die Gallerien des Louvre unter den Füßen der Soldaten krachen, welche, beinahe zweitauſend an der Zahl, ſo⸗ wohl in den Höfen, als in den Gemächern verſam⸗ melt waren. Nachdem Heinrich von ſeinen Freunden, die er nicht wiederſehen ſollte, Abſchied genommen hatte, folgte er Tavanne, der ihn in eine an die Woh⸗ nung des Königs ſtoßende kleine Gallerie führte, wo er ihn allein, ohne Waffen und das Herz voll jeglichen Mißtrauens zurück ließ. Der König zählte ſo, Minute für Minute, zwei t . 165 lug tödtliche Stunden, horchte mit wachſendem Schrecken die auf den Klang der Sturmglocke und auf das Geraſſel hilf der Büchſenſchüſſe, ſah vurch eine Glasthüre beim Schimmer des Brandes, beim Flammen der Fackeln an die Flüchtlinge und vie Schlächter vorüberziehen, ohne „ daß er das Mordgeſchrei und Schmerzgeheul begriff, ben, ohne daß er, wie genau er auch Karl IX., die Königin Ab⸗ Mutter und den Herzog von Guiſe kannte, das furcht⸗ gu⸗ bare Drama ahnen konnte, das in dieſem Augenblick etzen in Erfüllung ging. ka⸗ Heinrich beſaß nicht den phoſiſchen Muth; er be⸗ ihm ſaß etwas Beſſeres, die moraliſche Kraft. Die Ge⸗ goh⸗ fahr fürchtend, bot er ihr lächelnd Trotz; aber der ſei⸗ Gefahr der Schlacht, der Gefahr in freier Luft, am ver⸗ hellen Tage, der Gefahr vor Aller Augen, begleitet nicht von der Harmonie der Trompeten und der dumpfen⸗ Bor⸗ vibrirenden Stimme der Trommel„. Hier nden aber war er ohne Waffen, allein, eingeſchloſſen, ver⸗ man loren in einer Halbdunkelheit, welche kaum genügte, der den Feind, der ſich bis zu ihm ſchleichen konnte, und e in das Eiſen zu ſehen, das ihn zu durchbohren vermochte. Ta⸗ Dieſe zwei Stunden waren alſo für ihn vielleicht die dem graufamſten ſeines Lebens. Während des ſtarkſten ihn Lärmens, und als Heinrich zu begreifen anfing, daß es ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach um eine organi⸗ achte firte Niedermetzelung pandelte, holte ein Kapitän den die Prinzen und führte ihn durch einen Corridor nach den aten Zimmern des Königs. Bei ihrer Annäherung öffnete „ſ ſich die Thüre, hinter ihnen ſchloß fich die Thüre wie⸗ ſam⸗ der, Alles, als ob es durch einen Zauber geſchähe. nden, Dann führte der Kapitän Heinrich bei Karl IX. ein, nmen der ſich in ſeinem Waffencabinet befand⸗ Woh⸗ Als ſie eintraten, ſaß der König in einem großen „wo Lehnſtuhle. Seine beiden Hände lagen auf den zwei lichen Armen des Stuhles, ſein Kopf ſiel auf die Bruſt herab⸗ Bei dem Geräuſch, das die Eintretenden machten, hob zwei Kbnigin Margot. I. 11 166 Karl ſeine Stirne empor, über welche Heinrich den Schweiß in großen Tropfen fließen ſah. „Guten Abend, Henriot,“ ſagte der junge König mit hartem Tone.„Ihr, La Chaſtre, laßt uns allein!“ Der Kapitän gehorchte. Es herrſchte einen Augenblick düſteres Still⸗ ſchweigen. Während dieſes Augenblicks ſchaute Heinrich un⸗ ruhig um ſich her und ſah, daß er allein war. Karl 1X. ſtand plötzlich auf. „Bei Gott!“ ſagte er, mit einer raſchen Geberde, ſeine blonden Haare zurückſtreichend und zugleich ſeine Stirne trocknend,„Ihr ſeid froh, Euch bei mir zu ſehen, nicht wahr Henriot?“ „Allerdings, Sire,“ antwortete der König von Navarra.„Ich fühle mich immer glücklich, wenn ich mich bei Eurer Majeſtät befinde.“ Ihr ſeid zufriedener, als wenn Ihr da unten wäret, wie?“ verſetzte Karl IX., mehr ſeine eigenen Gedanken verfolgend, als das Compliment von Hein⸗ rich erwiedernd. „Sire, ich begreife nicht,“ ſagte Heinrich. „Schaut und Ihr werdet begreifen.“ Mit einer raſchen Bewegung ging oder vielmehr ſprang Karl IX. nach dem Fenſter. Und ſeinen immer mehr erſchrockenen Schwager nach ſich ziehend, zeigte er dieſem die furchtbare Silhouette der Mörder, welche auf einem Schiffe die Opfer, die man ihnen jeden Augen⸗ blick brachte, erdroſſelten oder erſäuften. „Aber, in des Himmels Namen!“ rief Heinrich ganz bleich,„was geht denn in dieſer Nacht vor?“ In dieſer Nacht, mein Herr,“ ſprach Karl IX., „befreit man mich von allen Hugenotten. Seht Ihr dort unten, über dem Hotel Bourbon, jenen Rauch und jene Flamme? Jener Rauch und jene Flamme rühren von dem brennenden Hauſe des Admirals her. Seht Ihr jenen Körper, den gute Katholiken auf einem zer⸗ ——— ———-—— 18 1— 167 „ en riſſenen Strohſacke umherſchleppene Es iſt der Leich⸗ nam des Schwiegerſohnes Eures Admirals, der Leich⸗ i6 nam Eures Freundes Teligny.“ „Oh, was ſoll das bedeuten!“ rief der König von Navarra, vergeblich an ſeiner Seite den Griff ſeines l⸗„ Dolches ſuchend und zugleich vor Scham und Zorn zitternd; denn er fühlte, daß man ihn verſpottete und n⸗ bedrohte. „Das ſoll bedeuten,“ rief Karl IX. wüthend, ohne Uebergang und auf eine furchtbare Weiſe erbleichend, e,„das bedeutet, daß ich keine Hugenotten mehr um mich ne haben will, verſteht Ihr, Heinrich? Bin ich der Kö⸗ zu nig? bin ich der Herr?“ „Aber Eure Majeſtät. n„Meine Majeſtät tödiet ſchlachtet zu dieſer ich Stunde Alles, was nicht katholiſch iſt; das iſt mein 8 Vergnügen. Seid Ihr Katholik?“ rief Karl, deſſen wachſender Zorn unabläſfig ſtieg, wie eine furchtbare Fluth. n⸗„Sire, ſagte Heinrich,„erinnert Euch Eurer Worte: was liegt mir an der Religion irgend eines Menſchen, wenn er mir nur gut dient.“ „Ah, ah, ah!“ rief Karl, in ein finſteres Lachen hr ausbrechend.„Ich ſoll mich meiner Worte erinnern, er meinſt Du, Heinrich? Verba volant, wie meine er Schweſter Margot ſagt. Und ſchau',“ fügte er mit dem uf Finger nach der Stadt deutend bei,„hatten mir alle n⸗ dieſe nicht auch gut gedient? Waren ſie nicht brav 8 im Kampfe, weiſe im Rathe, ſtets ergeben? Alle wa⸗ ch ren nützliche Unterthanen, aber Hugenotten, und ich will nur Katholiken.“ Heinrich blieh ſtumm. rt„Begreift Ihr mich jetzt, Henriot?“ rief Karl 1X. d„Ich habe begriffen, Sire.“ n„Nun 2 3*„Nun, Sire, ich ſehe nicht ein, warum der König ⸗ von Navaxra das thun ſollte, was ſo viele Edelleute — 168 oder arme Menſchen nicht gethan haben; denn wenn vieſe Unglücklichen am Ende alle ſterben, ſo geſchieht es auch, weil man ihnen das vorgeſchlagen haben wird, was Euere Majeſtät mir vorſchlägt, und weil ſie ſich geweigert haben, wie ich mich weigere.“ Karl faßte den jungen Prinzen beim Arme und ſprach, einen Blick auf ihn heftend, deſſen Mattheit ſich allmälig in einen wilden Glanz verwandelte: „Ah! Du glaubſt, ich habe mir die Mühe genom⸗ men, denjenigen, welche man da unten erwürgt, die Meſſe anzubieten?“ „Sire,“ verſetzte Heinrich, ſeinen Arm losmachend, „werdet Ihr nicht in der Religion Eurer Väter ſterben? „Ja, bei Gott, und Du?“ „Nun, ich auch, Sire.“ JKarl ſtieß ein Gebrülle der Wuth aus und er⸗ griff mit zitternder Hand ſeine auf einem Tiſche lie⸗ gende Büchſe. An die Wand gelehnt, den Angſtſchweiß auf der Stirne, aber in Folge der Selbſtbeherrſchung, die ihn nie verließ, ſcheinbar ruhig, folgte Heinrich allen Bewegungen des furchtbaren Monarchen mit der Starrheit des durch die Schlange bezauberten Vogels. Karl ſpannte ſeine Büchſe, ſtampfte mit blinder Wuth auf den Boden und rief, Heinrich durch das Spiegeln ſeiner unſeligen Waffe blendend:„Willſt Du die Meſſe?“ Heinrich blieb ſtumm. Karl erſchütterte die Gewölbe des Louvre mit dem ſurchtbarſten Schwur, der je über die Lippen eines e gekommen iſt, und wurde bleich wie eine eiche. „Tod, Meſſe oder Baſtille!“ rief er, auf den Kö⸗ nig von Navarra anſchlagend. „Oh, Sire!“ rief Heinrich,„werdet Ihr mich tödten, mich, Euern Schwager?“ Heinrich hatte mit dem unvergleichlichen Geiſie, —,— „ 169 t der eine der mächtigſten Fähigkeiten ſeiner Organiſa⸗ tion war, die Antwort umgangen, welche Karl IX. ſie von ihm verlangte; denn fiel dieſe Antwort verneinend aus, ſo war Heinrich ohne allen Zweifel todt. „ Wie nach den letzten Parorismen der Wuth ſich unmittelbar der Anfang der Gegenwirkung einfindet, ſo wiederholte Karl IX. die Frage nicht, die er an . den Prinzen von Navarra gerichtet hatte, und nach zi einem Augenblick des Zögerns, während deſſen er ein dumpfes Schnauben hören ließ, wandte er ſich nach d dem offenen Fenſter um und legte auf einen Men⸗ ſchen an, der auf dem entgegengeſetzten Quai lief. „Ich muß irgend Jemand tödten,“ rief Karl 1X. todtenbleich, und abdrückend ſchmetterte er den laufen⸗ . den Menſchen nieder. ie⸗ Heinrich ſtieß einen Seufzer aus. i Und von einem gräßlichen Eifer belebt, lud Karl ohne Unterlaß ſeine Büchſe, feuerte ſie ab und ſtieß 4 Freudenſchrei aus, ſo oft der Schuß getroffen hatte. „Es iſt um mich geſchehen,“ ſagte der König von Navarra zu ſich ſelbſt.„Findet er Niemand mehr zu tödten, ſo tödtet er mich.“ as„Nun,“ ſprach plötzlich eine Stimme hinter dem du Fürſten,„iſt es geſchehen?“ Es war Catharina von Medicis, welche während des letzten Abfeuerns des Gewehres, ohne gehört zu werden, eintrat. „„Nein, tauſend Donner der Hölle!“ brüllte Karl, ſeine Büchſe in das Zimmer werfend,„nein, der Hart⸗ näckige will nicht.“ kö⸗ Catharina antwortete nicht. Sie wandte langſam ihren Blick nach der Seite des Zimmers, wo Heinrich 3 ſo unbeweglich ſtand, wie eine von den Figuren der Tapete, an die er ſich lehnte. Dann richtete ſie auf ie,* Karl ein Auge, das ſagen wollte: 170 „Nun, warum lebt er?“ „Er lebt er lebt„ murmelte Karl IX., der dieſen Blick vollkommen begriff und, wie man ſieht, ohne Zögern beantwortete,„er lebt weil er mein Verwandter iſt.“ Catharina lächelte. Heinrich ſah dieſes Lächeln und erkannte, daß hauptſächlich Catharina war, die er zu bekämpfen atte. „Madame,“ ſagte er zu ihr,„ich ſehe wohl, Al⸗ les kommt von Euch her, und nichts von meinem Schwager Karl. Ihr hattet den Gedanken, mich in dieſe Falle zu locken, Ihr gedachtet aus Eurer Tochter die Lockſpeiſe zu machen, die uns Alle verderben ſollte, Ihr trenntet mich von meiner Gattin, damit ſie nicht die Unannehmlichkeit hätte, mich unter ihren Augen tödten zu ſehen.“ „Ja, aber das wird nicht geſchehen!“ rief eine andere keuchende, leidenſchaftliche Stimme, welche, von Heinrich ſogleich erkannt, Karl IXK. vor Erſtaunen und Catharina vor Wuth beben machte. „Margarethe!“ rief Heinrich. „Margot!“ ſagte Karl IX. „Meine Tochter!“ murmelte Katharina. „Mein Herr,“ ſprach Margarethe zu Heinrich, „Eure letzten Worte klagten mich an, und Ihr hattet zugleich Recht und Unrecht; Recht, denn in der That, ich bin das Werkzeug, deſſen man ſich bediente, um Euch Alle in das Verderben zu ftürzen; Unrecht, denn ich wußte nicht, daß Ihr Eurem Untergange entgegen⸗ ginget. Ich ſelbſt, mein Herr, ſo wie Ihr mich ſeht, verdanke das Leben dem Zufall, vielleicht der Vergeſſenheit meiner Mutter; aber ſobald ich Eure Gefahr inne wurde, erinnerte ich mich meiner Pflicht. Die Pflicht einer Frau aber iſt: das Schickſal ihres Gatten zu theilen. Verbannt man Euch, mein Herr, ſo folge ich Euch in die Verbannung; kerkert man —„ ., t, aß n l⸗ m in er te, en ne on en 17¹ Euch ein, ſo mache ich mich zur Gefangenen; tödtet man Euch, ſo ſterbe ich.“ Und ſie reichte ihrem Gemahl eine Hand, welche Heinrich, wenn nicht mit Liebe, doch wenigſtens mit Dankbarkeit ergriff. „Oh! meine arme Margot,“ ſprach Karl IX., „Du würdeſt viel beſſer daran thun, ihm zu ſagen, er ſollte Katholik werden.“ „Sire,“ antwortete Margarethe mit der ihr ſo eigenen natürlichen Würde,„Sire, glaubt mir, ver⸗ langt Euch ſelbſt zu Liebe keine Feigheit von einem Prinzen Eures Hauſes.“ Catharina ſchleuderte einen bezeichnenden Blick auf Karl. „Mein Bruder,“ rief Margarethe, welche eben ſo gut als Karl IX. die furchtbare Pantomime von Catharina begriff,„mein Bruder, bedenkt, Ihr habt meinen Gatten aus ihm gemacht.“ Zwiſchen den gebieteriſchen Blick von Catharina und den flehenden von Margarethe, wie zwiſchen zwei entgegengeſetzte Principe, geſtellt, blieb Karl IX. einen Augenblick unentſchieden; endlich aber trug Oromas*) den Sieg davon. „In der That, Madame,“ ſagte er, ſich an das Ohr von Catharina neigend,„Margot hat Recht, und Henriot iſt mein Schwager.“ „Ja,“ antwortete Catharina, ſich ebenfalls dem Ohre ihres Sohnes nähernd,„aber wenn er es nicht wäre!“ ) Das gute Grundweſen oder der Gott des Guten in der Religion Zoraaſters, dem bbſen Grundweſen, Ariman, gegenübergeſetzt. 2 Der Weißdorn des Cimetiere des Innwens. In ihre Wohnung zurückgekehrt, ſuchte Marga⸗ rethe vergebens das Wort zu errathen, das Catharina von Medicis ganz leiſe zu Karl IX. geſagt und das den furchtbaren Rath über Leben und Tod, der in dieſem Augenblick gehalten wurde, kurz abgebrochen hatte. Ein Theil des Morgens wurde von ihr dazu an⸗ gewendet, La Mole zu pflegen, ein anderer, um die Löſung des Räthſels zu ſuchen, das ihr Geiſt zu begreifen ſich weigerte. Der König von Navarra wurde im Louvre ge⸗ fangen gehalten. Man verfolgte die Hugenotten mehr als je; auf die furchtbare Nacht erſchien ein Tag noch abſcheulicheren Gemetzels. Es war nicht mehr die Sturmglocke, welche von den Thürmen ertönte, es waren Te Deum, und vie freudigen Metallklänge, welche mitten unter Mord und Brand ertönten, er⸗ ſchienen vielleicht noch trauriger, als es das Todten⸗ geläute in der Dunkelheit der vorhergehenden Nacht geweſen war. Und das war noch nicht Alles; es hatte ſich etwas Selſames ereignet: ein Weißdorn, der im Frühjahre geblüht und wie gewöhnlich im Mo⸗ nat Juni ſeinen wohlriechenden Schmuck verloren hatte, trieh während der Nacht wieder Blüthen, und die Katholiken, die in dieſem Ereigniß ein Wunder ſahen und durch die Verbreitung dieſes Wunders Gott zu ibrem Schulvgenoſſen machten, zogen in Proceſſion, Kreuz und Banner voraus, nach dem Cimetiére des Innorens*), wo dieſer Weißdorn blühte. *) Kirchhof der unſchuldigen Kinder. . * 5 * 173 Dieſe ſcheinbare Beipflichtung des Himmels zu der Schlächterei verdoppelte den Eifer der Mörder. Und während die Stadt in jeder Straße, in jedem Gäßchen, auf jedem Platze eine Scene der Verwü⸗ ſtung zu bieten fortfuhr, hatte der Louvre bereits als gemeinſchaftliches Grab für alle Proteſtanten gedient, welche ſich im Augenblicke des Signals darin einge⸗ ſchloſſen fanden. Der König von Navarra, der Prinz Sre und La Mole allein waren am Leben ge⸗ ieben. Ueber La Mole beruhigt, deſſen Wunden, wie ſie am Tage vorher geſagt, gefährlich, aber nicht tödtlich waren, beſchäftigte ſich Margarethe nur noch mit Ei⸗ nem, damit, ihrem Gemahl, welcher fortwährend be⸗ droht war, das Leben zu retten. Ohne Zweifel war das erſte Gefühl, das ſich der Gattin bemächtigt hatte, ein Gefühl redlichen Mitleivs, für einen Mann, dem ſie, wie der Bearner ſelbſt ſagte, wenn ſie ihn nicht liebte, doch wenigſtens einen Bund verſprochen hatte; aber in Folge dieſes Gefühles ergriff ein anderes, minder reines, das Herz der Königin. Margarethe war ehrgeizig; Margarethe hatte bei⸗ nahe die Gewißheit eines Königreiches in ihrer Ver⸗ mählung mit Heinrich von Bourbon geſehen. Na⸗ varra, auf der einen Seite von Frankreich, auf der andern von Spanien gezerrt, welche Fetzen für Fetzen endlich die Hälfte ſeines Gebietes weggeriſſen hatten, konnte, wenn Heinrich von Bourbon die Hoffnungen verwirklichte, die ſein Muth bei den ſeltenen Gelegen⸗ heiten erregt hatte, wo es ihm ſein Schwert zu ziehen vergönnt geweſen war, ein wahres Königreich mit den Hugenotten als Unterthanen werden. Mit ihrem ſo ſcharfen und erhabenem Geiſte hatte Margarethe Alles dies in der Ferne geſehen und berechnet. Verlor ſie Heinrich, ſo verlor ſie nicht nur einen Gemahl, ſon⸗ dern auch einen Thron. Sie war gerade in dieſe Betrachtungen verſun⸗ 174 ken, als ſie an der Thüre des geheimen Ganges klopfen hörte; ſie bebte, denn es kamen nur drei Perſonen durch dieſe Thüre: der König, die Königin Mutter und der Herzog von Alengon. Sie öffnete halb die Thüre des Cabinets, empfahl mit dem Finger Gillonne und La Mole Stillſchweigen und ſchloß dem Beſuche auf. Dieſer Beſuch war der Herzog von Alengon. Der junge Mann war am Tage vorher verſchwun⸗ den. Einen Augenblick war Margarethe Willens ge⸗ weſen, ihn um ſeine Vermittelung zu Gunſten des Kö⸗ nigs von Navarra zu bitten; aber ein furchtbarer Gedanke hatte ſie zurückgehalten. Die Heirath war gegen ſein Gutheißen geſchloſſen worden. Franz haßte Heinrich, und hatte die Neutralität für den Bearner nur in der Ueberzeugung beobachtet, Heinrich und ſeine Gemahlin wären einander fremd geblieben. Ein Zei⸗ chen der Theilnahme von Margarethe, ihrem Gatten gegeben, konnte folglich, ſtatt ihn zu beſeitigen, einen von den drei Dolchen, von denen er bedroht war, ſei⸗ ner Bruſt näher bringen. Margarethe bebte deßhalb, als ſie den jungen Prinzen gewahr wurde, mehr als ſie bei dem Anblick von Karl IX. oder der Königin Mutter gebebt hätte. Wenn man ihn ſah, hätte man nicht glauben ſollen, es ginge etwas Ungewöhnliches in der Stadt oder im Louvre vor: er war mit ſeiner gewöhnlichen Eleganz gekleidet. Seine Kleider und ſeine Wäſche ſtrömten die Wohlgerüche aus, welche Karl IX. verachtete, von denen aber der Herzog von Anjou und er beſtändig Gebrauch machten. Nur ein geübtes Auge, wie das von Margarethe, konnte bemerken, daß er trotz ſeiner ungewöhnlichen Bläſſe und trotz des leichten Zitterns, welches das Ende ſeiner ſo ſchönen und frauenartig gepflegten Hände bewegte, in ſeinem Innerſten ein freudiges Gefühl verſchloß. Sein Eintritt war wie ſonſt. Er näherte ſich ſei⸗ ner Schweſter, um ſie zu küſſen. Aber ſtatt ihm die —— 175 . en Wangen zu reichen, wie ſie es Karl IX. oder dem n Herzog von Anjou gethan haben würde, verbeugte ſie 1d ſich und bot ihm die Stirne. re Der Herzog ſtieß einen Seufzer aus und drückte d ſeine erbleichenden Lippen auf die Stirne, welche ihm f.* Margarethe darbot. Dann ſetzte er ſich und fing an ſeiner Schweſter n⸗ blutige Geſchichten von der Nacht zu erzählen: den e⸗ langſamen und furchtbaren Tod des Admirals, den ö⸗ raſchen Tod von Teligny, der von einer Kugel durch⸗ er bohrt in demſelben Augenblick ſeinen Geiſt ausgehaucht ar hatte. Er hielt inne, ſprach ſachte, gefiel ſich in den te gräuelhaften Einzelheiten dieſer Nacht mit der ihm er und ſeinen Brüdern eigenthümlichen Blutgier. ne Als er endlich Alles geſagt hatte, ſchwieg er. i⸗„Nicht wahr, mein Bruder, nicht allein, um mir en dies zu erzählen, beſucht Ihr mich?“ fragte Marga⸗ rethe. i⸗ Der Herzog von Alencon lächelte. „Ihr habt mir noch etwas Anderes mitzutheilen?“ en„Nein,“ antwortete der Herzog,„ich warte.“ ick„Worauf wartet Ihr?“ te.„Habt Ihr mir nicht geſagt, theuere, vielgeliebte en, Margarethe,“ ſprach der Herzog ſeinen Stuhl dem ſei⸗ im ner Schweſter nähernd,„dieſe Heirath mit dem König nz von Navarra werde wider Euern Willen vollzogen?“ en„Ja, allerdings. Ich kannte den Prinzen von on S nicht, als man mir ihn zum Gemahl vor⸗ i ug.“ a„Und hebt Ihr mir nicht, ſeitdem Ihr ihn kennt, er beſtätigt, daß Ihr keine Liebe für ihn fühltet?“ ,„Ich ſagte es Euch allerdings.“ tig War es nicht Eure Meinung, dieſe Heirath würde ein Euer Unglück machen?“ „Mein lieber Franz,“ ſprach Margarethe,„wenn ei⸗ eine Heirath nicht die höchſte Glückſeligkeit iſt, ſo iſt die ſie beinahe immer der tiefſte Schmerz.“ ——— 2 „Nun, meine liebe Margarethe, wie ich Euch ſagte, ich erwarte„ „Was erwartet Ihr? ſprecht.“ „Daß Ihr mir Eure Freude kundgebet.“ „Worüber ſoll ich mich freuen?“ „Ueber die unerwartete Gelegenheit, die ſich Euch bietet, Euere Freiheit wieder zu erlangen.“ „Meine Freiheit!“ verſetzte Margarethe, welche den Prinzen nöthigen wollte, ſeinen Gedanken bis zum Schluſſe auszuſprechen. „Allerdings, Euere Freiheit; Ihr ſollt von dem König von Navarra geſchieden werden.“ „Geſchieden?“ ſagte Margarethe, die Augen auf den jungen Prinzen heftend. Der Herzog von Alengon ſuchte den Blick ſeiner Schweſter auszuhalten; aber bald wandten ſich ſeine Augen verlegen von ihr ab. „Geſchieden?“ wiederholte Margarethe;„wie ſo, mein Bruder? Es wäre mir ſehr lieb, wenn Ihr mich in den Stand ſetztet, die Frage grünvlich in Betracht ziehen zu können. Wie gedenkt man uns zu ſcheiden?“ „Heinrich iſt ein Hugenott,“ murmelte der Herzog. „Allerdings, aber er haite kein Geheimniß aus ſeiner Religion gemacht, und man wußte dies, als man uns verheirathete.“ „Ja, aber ſeit Eurer Verheirathung, meine Schwe⸗ ſter,“ ſagte der Herzog, deſſen Antlitz unwillkührlich ein Strahl der Freude beleuchtete,„was hat Heinrich gethan?“ „Das wißt Ihr beſſer, als irgend Jemand, Franz, da er ſeine Tage beinahe immer in Eurer Geſellſchaft, bald auf der Jagd, bald beim Mailleſpiele, bald beim Ballſchlagen zugebracht hat.“ „Ja, ſeine Tage allerdings,“ verſetzte der Herzog, „ſeine Tage, aber ſeine Nächte?“ Margarethe ſchwieg und es war an ihr, die Au⸗ gen niederzuſchlagen. „ 7 ch„Seine Nächte?“ fuhr der Herzog von Alengon fort,„ſeine Nächte?“ „Nun?“ fragte Margarethe, welche wohl fühlte, vaß ſie etwas antworten mußte. „Nun, er brachte ſie bei Frau von Sauve zu.“ „Woher wißt Ihr dies?“ rief Margarethe. „Ich weiß es, weil ich ein Intereſſe dabei hatte, he es zu erfahren,“ antwortete der junge Prinz erblei⸗ m Fei und die Stickerei an ſeinem Aermel zerknit⸗ ernd. m Margarethe fing an, das zu begreifen, was Ca⸗ tharine ganz leiſe zu Karl IX geſagt hatte; aber ſie uf ſtellte ſich, als bliebe ſie in ihrer Unwiſſenheit. „Warum ſagt Ihr mir das, mein Bruder?“ er⸗ er wiederte ſie mit einer vortrefflich geſpielten ſchwermü⸗ ne thigen Miene.„Etwa um mich daran zu erinnern, daß Niemand mich liebt und an mir hängt.. eben ſo, ſo wenig die Menſchen, welche die Natur mir als Be⸗ ich ſchützer verliehen hat, als derjenige, welchen die Kirche ht mir zum Gemahl gab?“ 2„Ihr ſeid ungerecht,“ ſprach lebhaft der Herzog g. von Alencon, und rückte ſeinen Stuhl noch näher zu us 2n ſeiner Schweſter,„ich liebe Euch und beſchütze uch.“ „Mein Bruder,“ ſagte Margarethe, ihn feſt an⸗ e⸗ ſchauend,„Ihr habt mir etwas im Auftrage der Kö⸗ ich nigin Mutter zu ſagen?“ ich„Ich! Ihr täuſcht Euch, meine Schweſter, das 1 ſchwöre ich. Was bringt Euch zu dieſem Glauben?“ nz,„Zu dieſem Glauben bringt mich der Umſtand, fi, daß Ihr die Freundſchaft, die Euch mit meinem Gemahle im verband, abbrecht, daß Ihr die Sache des Königs von Navarra verlaßt.“ og,„Die Sache des Königs von Navarra?“ verſetzte der Herzog von Alengon ganz verblüfft. u⸗„Ja, allerdings. Hört, Franz, ſprechen wir offen⸗ 7 perzig. Ihr habt zwanzigmal zugeſtanden, Ihr könnet 178 Euch nicht Einer ohne den Andern erheben, j nicht einmal aufrecht erhalten. Dieſes Bündniß. 4 „Iſt unmöglich geworden, meine Schweſter,“ unter⸗ brach ſie der Herzog von Alencon. „Und warum dies?“ „Weil der König Abſichten mit Eurem Gatten hat. Ich bitte um Vergebung: wenn ich ſage, Euer Gemahl, täuſche ich mich; mit Heinrich von Navarra, ſollte ich ſagen. Unſere Mutter hat Alles errathen. Ich verband mich mit den Hugenviten, weil ich ſie in Gunſt glaubte; nun aber tödtet man die Huge⸗ notten, und in acht Tagen werden keine fünf⸗ zig mehr im ganzen Königreich übrig bleiben. Ich reichte die Hand dem König von Navarra, weil er Euer Gatte war. Nun aber iſt er nicht mehr Euer Gatte. Was habt Ihr hiezu zu ſagen? Ihr, die Ihr nicht nur die ſchönſte Frau von Frank⸗ reich, ſondern auch der ſtärkſte Kopf des Landes ſeid.“ „Ich habe zu ſagen,“ verſetzte Margarethe,„daß ich unſern Bruder Karl kenne. Geſtern ſah ich ihn in einem von den Wuthanfällen, von denen jeder ſein Leben um zehn Jahre abkürzt. Ich habe zu ſagen, daß ſich dieſe Anfälle leider jetzt ſehr häufig wieder⸗ holen, weshalb unſer Bruder Farl aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach nicht mehr lange leben wird. Ich habe zu ſagen, daß der König von Polen ſo eben geſtorben iſt und daß man viel davon ſpricht, an ſeinet Stelle einen Prinzen des Hauſes Frankreich zu wählen. Ich habe endlich zu ſagen, daß es, wenn die Umſtände ſich ſo darſtellen, nicht der geeignete Augenblick iſt, Ver⸗ bündete zu verlaſſen, welche zur Stunde des Kampfes uns mit der Mitwirkung eines Volkes und mit der Hülfe eines Königreiches unterftützen können.“ „Und Ihr,“ rief der Herzog,„habt Ihr nicht ei⸗ nen noch viel größeren Verrath an mir geübt, indem Ihr einen Fremden Eurem Bruder vorzoget!“ „ p — 1—— e, — 179 „Erklärt Euch, Franz, worin und wie habe ich Euch verrathen?“ „Ihr habt geſtern von dem König das Leben von Heinrich von Navarra erbeten.“ 2“ fragte Margarethe mit geheuchelter Nai⸗ vetät. Der Herzog ſtand raſch auf, ging zweimal mit verwirrter Miene im Zimmer umher und nahm dann wieder die Hand von Margarethe. Dieſe Hand war ſtarr und eiſig. „Gott befohlen, meine Schweſter,“ ſagte der Prinz,„Ihr wolltet mich nicht verſtehen. Schreibt nur Euch ſelbſt die Schuld wegen alles Unglücks zu, das geſchehen dürfte.“ Margarethe erbleichte, blieb aber unbeweglich auf ihrer Stelle. Sie ſah den Herzog von Alencon weg⸗ gehen, ohne daß ſie ein Zeichen machte, um ihn zu⸗ rückzuhalten. Kaum hatte ſie ihn aber im Corridor aus dem Geſichte verloren, als er wieder zurückkam. „Hört, Margarethe,“ ſagte er,„ich habe ver⸗ geſſen, Euch Eines zu ſagen. Morgen zu dieſer Stunde iſt der König von Navarra todt.“ Margarethe ſtieß einen Schrei aus; denn der Ge⸗ danke, daß ſie das Werkzeug eines Mordes war, ver⸗ niht ihr einen Schrecken, den ſie nicht überwinden onnte. Fund Ihr werdet dieſen Tod nicht verhindern?“ ſagte ſie;„Ihr werdet Euren beſten, Euren treuſten Verbündeten nicht retten?“ „Seit geſtern iſt mein Verbündeter nicht mehr der König von Navarra.“ „Und wer iſt es denn?“ „Der Herzog von Guiſe. Die Hugenotten zer⸗ ſtörend, hat man Herrn von Guiſe zum König der Katholiken gemacht.“ „Und der Sohn von Heinrich II. erkennt einen Herzog von Lothringen als ſeinen König an 2. 180 „Ihr habt heute Euern ſchlimmen Tag, Marga⸗ rethe, und begreift nichts.“ „Ich geſtehe, daß ich vergebens in Euern Gedan⸗ ken zu leſen ſuche.“ „Meine Schweſter, Ihr ſeid von eben ſo gutem Hauſe, als die Frau Prinzeſfin von Porcian. Von Guiſe iſt nicht unſterblicher, als der König von Na⸗ varra. Nun wohl, Margarethe, ſetzt drei Dinge, drei durchaus mögliche Dinge: erſtens, daß Monfieur zum König von Polen gewählt wird; zweitens, daß Ihr mich liebet, wie ich Euch liebe; nun, ich bin König von Frankreich, und Ihr.. und Ihr ſeid Kö⸗ nigin der Katholiken.“ Margarethe verbarg ihr Haupt in ihren Händen, geblendet von der Tiefe der Pläne dieſes Jünglings, in Niemand am Hofe einen Geiſt zuzuſchreiben wagte. 5 „Aber,“ fragte ſie ſach einem Augenblick des, Stillſchweigens,„Ihr ſeid alſo nicht eiferfüchtig auf den Herzog von Guiſe, wie auf den König von Na⸗ varra?“ „Was geſchehen iſt, iſt geſchehen,“ ſprach der Herzog von Alengon mit dumpfer Stimme,„und wenn ich Grund gehabt habe, auf den Herzog von Guiſe zu ſein, nun wohl, ſo bin ich es ge⸗ weſen.“ „Nur ein Umſtand könnte das Gelingen dieſes Planes ſcheitern machen, mein Bruder,“ ſprach Mar⸗ garethe aufſtehend. „Welcher?“ „Der, daß ich Herrn von Guiſe nicht mehr „Und wen liebt Ihr denn?“ „Niemand.“ Der Herzog von Alengon ſchaute Margarethe mit dem Erſtaunen eines Menſchen an, der ſeinerſeits nicht mehr begreift, und verließ das Gemach, einen Seufzer liebe ——,— em on ta⸗ rei um hr nig Kö⸗ en, 96, ben des auf Na⸗ der enn uiſe ge⸗ eſes Nar⸗ nehr mit nicht ufzer 181 ausſtoßend und mit ſeiner eiſigen Hand ſeine Stirne preſſend, die zu zerſpringen drohte. Margarethe blieb allein und in Gedanken ver⸗ ſunken. Die Lage der Dinge fing an, klar und ſcharf ſich vor ihre Augen zu ſtellen. Der König hatte die Bartholomäusnacht machen laſſen. Die Königin Ca⸗ tharina und der Herzog von Guiſe hatten ſie gemacht. Der Herzog von Guiſe und der Herzog von Alengon verbanden ſich, um ſo viel als wöglich Nutzen aus den Verhältniſſen zu ziehen. Der Tod des Königs von Ravarra war eine natürliche Folge dieſer großen Kataſtrophe. War der König von Navarra todt, ſo bemächtigte man ſich ſeines Reiches. Margarethe blieb dann Wittwe, ohne Thron, ohne Macht und ohne andere Ausſicht, als ein Kloſter, wo ihr nicht einmal ver traurige Schmerz zu Theil geworden wäre, einen Gemahl zu beweinen, der nie ihr Gatte geweſen war. So weit kam ſie in ihren Gedanken, als die Kö⸗ nigin Catharina ſie fragen ließ, ob ſie nicht mit dem ganzen Hofe eine Pilgerfahrt nach dem Weißdorn des Cimetiere des Innocens machen wollte. Der erſte Gedanke von Margaretha war, eine Theilnahme an dieſer Cavalcade auszuſchlagen; aber ſie bedachte, daß ſie dabei vielleicht Gelegenheit finden würde, etwas Neues über das Schickſal des Königs von Ravarra zu erfahren, und dies entſchied. Sie ließ alſo antworten: wenn man ein Pferd für ſie be⸗ reit halten wollte, ſo würde ſie ſehr gerne Ihre Maje⸗ ſtäten nach dem Cimetiére des Innocens begleiten. Fünf Minuten nachher meldete ihr ein Page, wenn ſie herabkommen wollte, würde ſich der Zug in Marſch ſetzen. Margaretha machte mit der Hand Gillonne ein Zeichen, um ihr den Verwundeten zu em⸗ pfehlen, und ſtieg hinab. Der König, die Königin Mutter, Tavanne und Kbnigin Margot. I. 12 t dis vornehmſten Katholiken waren bereits zu Pferde. Margarethe warf einen raſchen Blick auf die Gruppe, welche aus ungefähr zwanzig Perſonen beſtand. Der König von Navarra war nicht dabei, wohl aber Frau von Sauve. Sie wechſelte einen Blick mit ihr, und ₰ Margarethe begriff, vaß die Geliebte ihres Gemahls ihr etwas zu ſagen hatte. Man begab ſich auf den Weg und erreichte die Rue Saint⸗Honoré durch die Rue de Laſtruce. Bei dem Anblick des Königs, der Königin Catharina und der katholiſchen Häupter ſchaarte ſich das Volk zuſam⸗ men, folgte dem Zuge wie eine ſteigende Woge und rief:„Es lebe der König! Es lebe die Meſſe! Tod den Hugenotten!“ Dieſes Geſchrei wurde begleitet von dem Schwin⸗ gen gerötheter Schwerter und rauchender Büchſen, welche andeuteten, wie viel jeder Theil an dem finſteren Er⸗ eigniſſe genommen hatte, das in Erfüllung gegangen war. Als man zu der Höhe der Rue des Prouvelles gelangte, begegnete man Menſchen, welche einen Leich⸗ nam ohne Kopf ſchleppten; es war der des Admirals. Dieſe Menſchen waren im Begriff, ihn in Montfaucon an den Füßen aufzuhängen. Man ritt in den Cimetiére des Innocens durch das Thor hinein, das ſich der Rue des Chapes gegenüber öff⸗ nete. Von dem Beſuche des Königs und der Königin Mutter in Kenntniß geſetzt, erwartete die Geiſtlichkeit Ihre Majeſtäten, um ſie anzureden. Frau von Sauve benützte den Augenblick, wo Catharina auf die Rede hörte, die man an fie hielt, um ſich der Königin von Navarra zu nähern und ſie um Erlaubniß zu bitten, ihr die Hand küſſen zu dür⸗ fen. Margarethe ſtreckte den Arm nach ihr aus. Frau von Sauve näherte ihre Lippen der Hand der Königin und ſchob ihr, während ſie dieſelbe küßte, ein kleines zuſammengerolltes Papier in den Aermel. 4 — — 3 er die Bei ind m⸗ ind od in⸗ 183 — So raſch und ſo heimlich auch Frau von Sauve ſich zurückgezogen hatte, ſo war es doch Catharina nicht entgangen. Sie wandte ſich in dem Augenblicke um, wo ihre Ehrendame die Hand der Königin küßte⸗ Die zwei Frauen ſahen dieſen Blick, der wie ein Blitz zu ihnen drang, aber ſie verriethen keine Be⸗ wegung. Frau von Sauve enifernte ſich nun von Mar⸗ garethe und nahm ihren Platz wieder bei Catha⸗ rina ein. Als dieſe die Rede, die man an ſie hielt, beant⸗ wortet hatte, machte ſie mit dem Finger und lächelnd der Königin von Navarra ein Zeichen, ſich ihr zu nähern. Margarethe gehorchte. „Ei! meine Fochter,“ ſagte die Königin Mutter, in ihrem italieniſchen Patois,„Ihr habt alſo große Freundſchaft mit Frau von Sauve?“ Margarethe lächelte und antwortete, ihrem ſchö⸗ nen Geſichte den bitterſten Ausdruck verleihend, den ſie finden konnte: „Ja, meine Mutter, die Schlange iſt gekommen, um mich in die Hand zu beißen.“ „Oh, oh,“ ſprach Catharina lächelnd,„Ihr ſeid, glaube ich, eiferſüchtig.“ „Ihr täuſcht Euch, Madame,“ verſetzte Margarethe; „ich bin nicht mehr eiferſüchtig auf den König von Ravarra, als der König von Navarra in mich verliebt iſt. Nur weiß ich meine Freunde von meinen Feinden zu unterſcheiden. Ich liebe den, welcher mich liebt, und haſſe den, welcher mich haßt. Wäre ich ohne die⸗ ſes Eure Tochter, Madame. Catharina lächelte auf eine Weiſe, aus der Mar⸗ garethe verſtehen konnte, daß, wenn ſie irgend einen Verdacht gehabt hatte, dieſer Verdacht verſchwunden war. In dieſem Augenblick zogen überdies neue Pilger die Aufmerkſamkeit der erhabenen Verſammlung an. ———— —— 184 Der Herzog von Guiſe erſchien, begleitet von einer Truppe von einem neuen Blutbade noch völlig erhitz⸗ ter Edelleute. Sie escortirten eine reich ausgeſchmückte Sänfte, welche vor dem Könige anhielt. „Die Herzogin von Nevers!“ rief Karl IX.„So komme herdei, um die Komplimente in Empfang zu nehmen dieſe ſchöne, feſte, Katholikin. Was hat man mir doch geſagt, meine Baſe? Ihr habet von Eurem Fenſter aus auf Hugenotten gebürſcht, und ſo⸗ gar einen mit einem Steinwurfe getödtet?“ Die Herzogin von Nevers erröthete im höchſten Maße und ſagte mit leiſer Stimme, vor dem König niederknieend: „Sire, es iſt im Gegentheil ein verwundeter Ka⸗ tholik, den ich aufzunehmen das Glück gehabt habe.“ „Gut, gut, meine Baſe. Es gibt zwei Arten mir zu dienen, die eine beſteht darin, daß man meine Feinde ausrottet, die andere, daß man meinen Freunden Hülfe gewährt. Man thut, was man thun kann, und ich bin überzeugt, daß Ihr, wenn Ihr mehr vermocht hättet, es gethan haben würdet.“ Während dieſer Zeit ſchrie das Volk, als es das zwi⸗ ſchen dem Hauſe Lothringen und Karl IX. herrſchende gute Einverſtändniß ſah, aus vollem Halſe:„Es lebe der König! Es lebe der Herzog von Guiſe! Es lebe die Meſſe!“ „Kommt Ihr mit uns in den Louvre zurück, Hen⸗ rielte?“ ſagte die Königin Mutter zu der ſchönen Her⸗ zogin. Margarethe berührte ihre Freundin mit dem El⸗ lenbogen. Dieſe verſtand das Zeichen und antwortete: „Nein, Madame, wenn es Eure Majeſtät mir nicht befiehlt, denn ich habe in der Stadt mit Ihrer Maje⸗ ſtät der Königin von Navarra zu thun.“ „Und was wollt Ihr mit einander machen?“ fragte Catharina. „Sehr ſeltene griechiſche Bücher ſehen, welche man 185⁵ er bei einem alten proteſtantiſchen Pfarrer gefunden, tz⸗ nach dem Thurme Saint„JacquesLa⸗Boucherie ge⸗ te bracht hat,“ antwortete Margarethe. „Ihr würdet beſſer daran thun, die letzten Huge⸗ 5 notten von dem Pont aur Moulins in die Seine wer⸗ zu z fen zu ſehen,“ ſagte Karl IX.„Das iſt der Platz at guter Franzoſen.“ on„Wir werden dahin gehen, wenn es Euerer Maje⸗ ſo⸗ ſtät gefällt,“ antwortete die Herzogin von Nevers. Catharina warf einen Blick des Mißtrauens auf en die zwei jungen Frauen; ſtets lauernd, deutete ig Margarethe denſelben und ſchaute mit ſehr ängſtlicher MWiene ſich hin⸗ und herdrehend, in großer Unruhe im da⸗ Kreiſe umher. * Dieſe geheuchelte oder wahre Unruhe entging Ca⸗ nir tharina nicht. nde„Was ſucht Ihr?“ ſprach ſie. ilfe„Ich ſuche ich ſehe nicht mehr. bin„Wen ſucht Ihr, wen ſeht Ihr nicht mehr?“ tet,„Die Sauve,“ antwortete Margarethe.„Sollte ſie nach dem Louvre zurückgekehrt ſein?“ wi⸗„Sagte ich Dir nichk, Du wäreſt eiferſüchtig,“ nde flüſterte Catharina ihrer Tochter in das Ohr.„0 ebe pestia!. Vorwärts, Henriette,“ fuhr ſie, die Achſeln ebe zuckend fort,„bringt die Königin von Navarra weg.“ Margarethe ſiellte ſich, als ob ſie immer noch en⸗ umherſchaute, neigte ſich dann an das Ohr ihrer er⸗ Freundin und ſagte zu ihr: „Führe mich raſch von hinnenz ich habe Dir Dinge El⸗ von der höchſten Wichtigkeit mitzutheilen.“ ete: Die Herzogin verbengte ſich vor Karl IX. und icht vor Eatharina und ſprach dann zu der Königin von aje⸗ Navarra: „Wird Eure Majeſtät die Gnade haben, in meine agte Sänfte zu ſteigen?“ „Gern; nur werdet Ihr genöthigt ſein, mich man nach dem Louvre zurückzuführen.“ „Meine Sänfte, wie meine Leute, wie ich ſelbſt,“ antwortete die Herzogin,„ſtehen Euerer Majeſtät zu Befehl.“ Die Königin Margarethe ſtieg in die Sänfte, und auf ein Zeichen, das ſie machte, folgte ihr die Herzo⸗ gin von Nevers und nahm ehrfurchtsvoll auf dem Vorderſitze Platz. Catharina und ihre Edelleute kehrten auf dem⸗ 7 ſelben Wege, auf dem ſie gekommen waren, nach dem Louvre zurück; nur ſah man die Königin Mutter auf dem ganzen Zuge ohne Unterlaß dem König, dieſem S Frau von Sauve bezeichnend, in das Ohr prechen. Und ſo oft ſie Frau von Sauve bezeichnete, lachte der König, wie Karl 1X. lachte, das heißt mit einem Lachen unheilſchwangerer, als eine Drohung. Sobald Margarethe fühlte, daß die Sänfte ſich in Bewegung ſetzte, und das durchdringende Forſchen von Catharina nicht mehr zu befürchten hatte, zog ſie raſch aus ihrem Aermel das Billet von Frau von Sauve hervor und las folgende Worte: „Ich habe Befehl erhalten, dem König von Na⸗ varra dieſen Abend zwei Schlüſſel zuzuftellen: der eine iſt der des Zimmers, in welchem er eingeſchloſſen iſt, der andere iſt der des meinigen. Es iſt mir einge⸗ ſchärft, ihn von ſeinem Eintritte bei mir bis morgen früh um ſechs Uhr zu behalten, „Eure Majeſtät überlege, Eure Majeſtät entſcheide, Eure Majeſtät zähle mein Leben für nichts.“ „Es unterliegt keinem Zweifel mehr,“ murmelte Margarethe,„die arme Frau iſt das Werkzeug, deſſen man ſich bedienen will, um uns Alle zu Grunde zu richten. Aber wir wollen ſehen, ob die Königin Mar⸗ got, wie mich mein Bruder Karl nennt, ſich ſo leicht zu einer Nonne machen läßt.“ „Von wem iſt dieſer Brief?“ fragte die Herzogin von Nevers auf das Papier deutend, das Margarethe — 1 — v8— n ta⸗ gen ide, elte ſſen ar⸗ icht ogin tethe 187 mit einer ſo großen Aufmerkſamkeit geleſen und wieder geleſen hatte. „Oh! Herzogin, ich habe Dir viele Dinge zu ſa⸗ gen“ antwortete Margarethe, das Papier in tauſend und aber tauſend Stücke zerreißend. 1 XII. Pertrauliche Mittheilung. „Vor Allem, wohin gehen wir?“ fragte Marga⸗ rethe,„nicht auf den Pont aur Moulins, denke ich; ich habe ſeit geſtern genug ſolcher Schlächtereien geſe⸗ hen, meine arme Henriette.“ „Ich nahm mir die Freiheit, Euere Majeſtät zu führen.. „Zuerſt und vor Allem bittet Dich meine Maje⸗ . Ihre Majeſtät zu vergeſſen Du führteſt mich di6 „Nach dem Hotel Guiſe, wenn Ihr nichts Anderes beſtimmt.“ „Nein, nein, Henriette, gehen wir zu Dir. Der Seſe von Guiſe iſt nicht dort? Dein Gatte ebenfalls nicht?“ „Oh, nein!“ rief die Herzogin mit einer Freude, welche ihre ſchönen Augen funkeln machte,„nein! we⸗ der mein Schwager, noch mein Gemahl, noch irgend emand! Ich bin, frei, frei wie vie Luft, frei wie der Pogel, frei wie die Wolken frei, meine Königin, hört Ihr? Begreift Ihr, welches Glück in dem Worte frei liegt?„5ch komme, ich gehe, ich befehle! Oh, arme Königin! Ihr ſeid nicht frei, Ihr; Ihr ſeufzt auch.“ 8 „Du kommſt, Du gehſt, Du beſiehlſt! Dient Dir Deine Freiheit nur hiezu? Sprich, Du biſt ſehr heiter, nur wegen Deiner Freiheit allein?“ we „Eure Majeſtät hat mir verſprochen, die vertrau⸗ lichen Mittheilungen zu eröffnen.“ „Abermals meine Majeſtät; höre, wir werden uns dat ärgern, Henriette. Haſt Du unſere Uebereinkunft ver⸗ geſſen2“ fra „Nein, Eure achtungsvolle Dienerin vor der Welt, Deine tolle Vertraute unter vier Augen. Iſt es nicht ſo, Madame, iſt es nicht ſo, Margarethe?“ „Ja, ja,“ ſagte Margarethe lächelnd. zu „Weder Rivalitäten des Hauſes, noch Treuloſig⸗ xeiten der Liebe, Alles gut, Alles offenherzig; ein ve Offenſiv⸗ und Devenſiv⸗Bund, einzig und allein in der lie Abſicht, das ephemere Weſen, Glück genannt, zu ſuchen m und wenn wir es finden, im Fluge zu haſchen.“ te „Gut, meine Herzogin, ſo iſt es, und um dieſen m Vertrag zu erneuern, küſſe mich.“ ſel Und die zwei reizenden Köpfe, der eine bleich und von Schwermuth verſchleiert, der andere roſig, blond ze und lachend, näherten ſich anmuthreich und vereinigten ihre Lippen, wie ſie ihre Gedanken vereinigt hatten. bi „Was giebt es alſo Neues?“ fragte die Herzogin, ä einen gierigen Blick auf Margarethe heftend. „Iſt denn ſeit zwei Tagen nicht Alles neu?“ m „Oh! ich ſpreche von der Liebe und nicht von der Politik. Wenn wir das Alter von Dame Catharina, Deiner Mutter, haben werden, ſo wollen wir Politik treiben. Aber wir zählen erſt zwanzig Jahre, meine 3 ſchöne Königin. Sprechen wir von etwas Anderem. Sollteſt Du wirklich ganz und gar verheirathet ſein?“ „Mit wem?“ ſfagte Margarethe lachend. „Ahl Du beruhigſt mich in der That.“ „Henriette, was Dich beruhigt, erſchreckt mich. Herzogin, ich muß verheirathet ſein.“ „Wann?“ — —— E r n d n n, er tik ne n. 2“ 189 „Morgen.“ „Ah, bah! wirklich? Arme Freundin! Iſt es noth⸗ wendig?“ „Durchaus.“ „Mordi! wie einer von meinen Bekannten ſagt, das iſt ſehr traurig.“ „Du kennſt alſo Einen, der: Mordi! ſagt?“ fragte lachend Margarethe. „a. „Und wer iſt der Eine?“ „Du fragſt mich immer, während es an Dir iſt, zu ſprechen. Vollende, und ich werde anfangen.“ „Zwei Worte, höre: Der König von Navarra iſt verliebt und will nichts von mir. Ich bin nicht ver⸗ liebt, aber ich will auch nichts von ihm. Indeſſen müſſen wir, das Eine und das Andere, unſere Anſich⸗ ten verändern oder wenigſtens zwiſchen heute und morgen das Anſehen haben, als veränderten wir die⸗ ſelben.“ „Nun wohl, ſo ändere Dich, und Du kannſt über⸗ zeugt ſein, daß er ſich auch ändern wird.“ „Gerade darin liegt die Unmöglichkeit, denn ich bin weniger als je geneigt, meine Geſinnung zu ver⸗ ändern.“ „Hoffentlich nur in Beziehung auf Deinen Ge⸗ „Henriette, ich habe ein Bedenken.“ „Ein Bedenken, worüber?“ „Ueber die Religion. Machſt Du einen Unterſchied zwiſchen den Hugenotten und Katholiken?“ „In der Politik 2 „Ja.“ „Allerdings.“ „Aber in der Liebe?“ „Meine theure Freundin, wir Frauen ſind ſolche Heivinnen, daß wir alle Sekten zulaſſen und mehrere Götter anerkennen.“ 190 „In. einem Einzigen, nicht wahr?“ „Ja,“ ſprach die Herzogin mit einem von Hei⸗ denthum funkelnden Blicke,„ja, denjenigen, welcher ſich iſt Eros, Cupido, Amor nennt, denjenigen, welcher einen ſeir Köcher, eine Binde und Flügel hat. Mordi! Es lebe die Frömmigkeit!“ es „Du haſt übrigens eine ausſchließliche Manier, zu bin beten; Du wirfſt den Hugenotten Steine auf den Kopf.“ vo „Ah, laß Dir ſagen, Margarethe, wie die beſten gef Gedanken, wie die ſchönſten Handlungen ſich durch den Mund des Pöbels völlig traveſtiren.“ „Des Pöbels? Es ſcheint mir, mein Bruder Karl der beglückwünſchte Dich.“ 6 zw „Dein Bruder Karl, Margarethe, iſt ein großer Jäger, der den ganzen Tag hindurch Waldhorn bläſt, was ihn ſehr mager macht Ich verwerfe ihn alſo bis auf ſeine Komplimente. Uebrigens habe ich T Deinem Bruder Karl geantwortet.... Haſt Du meine w Erwiederung nicht gehört?“ „Nein, Du ſprachſt ſo leiſe!“ w „Deſto beſſer, ſonſt hätte ich Dir nichts mehr Neues mitzutheilen. Nun das Ende Deiner Mitthei⸗ v lung, Margarethe? te „Iſt, daß„daß„ er „Sprich doch!“ „Iſt, verſetzte die Königin lachend,„daß ich mich n einer Vertraulichkeit enthalten würde, wenn der Stein, von dem mein Bruder Karl ſprach, geſchichtlich wäre.“ 2 „Gut,“ rief Henriette,„Du haſt einen Hugenot⸗* ten gewählt. Sei unbeſorgt: um Dein Gewiſſen zu beruhigen, verſpreche ich Dir, bei der erſten Gelegen⸗ heit auch einen zu wählen.“ 3 „Ah, es ſcheint, Du haſt diesmal einen Katholiken genommen.“ „Mordi!“ verſetzte die Herzogin. „But, gut, ich degreife.“ r i⸗ n, t⸗ zu n⸗ en 191 „Und wie iſt unſer Hugenott?“ „Ich habe ihn nicht gewählt; dieſer junge Menſch ſ mir nichts, und wird mir wahrſcheinlich nie etwas ein.“ 1 „Aber wie iſt er denn? Das hindert Dich nicht, mir zu ſagen, denn Du weißt, wie neugierig ich in.“ „Ein armer, junger Mann, ſchön, wie der Niſus von Benvenuto Cellini, der ſich in meine Gemächer geflüchtet hat.“ „Oho! Du hatteſt ihn nicht ein wenig berufen?“ „Armer Junge! Lache nicht zu ſehr, Henriette; denn in dieſem Augenblicke ſchwebt er vielleicht noch zwiſchen Leben und Tod.“ „Er iſt alſo krank?“ „Er iſt ſchwer verwundet.“ „Ein verwundeter Hugenott iſt beſonders in den Tagen, in denen wir uns befinden, ſehr läſtig; und was wirſt Du mit dem Verwundeten machen?“ „Er iſt in meinem Cabinet; ich verberge ihn und will ihn retten.“ „Er iſt ſchön, er iſt jung, er iſt verwundet. Du verbirgſt ihn in Deinem Cabinet? Du willſt ihn ret⸗ ten? Dieſer Hugenott wird ſehr undankbar ſein, wenn er nicht zu dankbar iſt.“ „Ich fürchte, er iſt das bereits mehr, als ich wünſchte.“ „Und er intereſfirt Dich, dieſer arme, junge Mann?“ „Nur aus Menſchenfreundlichkeit.“ „Dh, die Menſchenfreundlichkeit, meine arme Königin, iſt ſtets gerade die Tugend, die uns Frauen zu Grunde richtet.“ „Ja, und Du begreifſt, wie jeden Augenblick der König, der Herzog von Alencon, meine Mutter und ſogar mein Gemahl, in meine Wohnung kommen können.“ — ———— 192 „Du willſt mich alſo bitten, Deinen kleinen Huge⸗ notten zu bebalten, ſo lange er krank iſt, unter der Bedingung, Dir denſelben zurückzugeben, wenn er ge⸗ neſen ſein wird?“ „Lacherin!“ ſagte Margarethe,„nein, ich ſchwöre Dir, daß ich die Dinge nicht auf ſo ferne vorbereite. Nur wäre ich Dir in der That dankbar, wenn Du ein Mittel finden könnteſt, den armen Jungen zu verber⸗ gen, wenn Du das Leben erhalten könnteſt, das ich gerettet habe. Du biſt frei im Hotel Guiſe, Du haſt weder einen Schwager, noch einen Gemahl, der Dich beſpäht oder Dir Zwang anlegt, und überdies haſt Du hinter Deinem Zimmer, wo zu Deinem Glücke, meine liebe Henriette, Niemand einzutreten berechtigt iſt, ein dem meinigen ähnliches großes Cabinet. Leihe mir dieſes Cabinet für meinen Hugenotten, und wenn er geheilt iſt, öffneſt Du ihm den Käfig, und er fliegt aus. „Dagegen erhebt ſich nur eine Schwierigkeit, liebe Königin: der Käfig iſt beſetzt.“ „Wie, Du haſt alſo auch Einen gerettet?“ „Gerade das iſt es, was ich Deinem Bruder ant⸗ wortete.“ „Ah, ich begreife. Deßhalb ſprachſt Du ſo leiſe, daß ich Dich nicht hören konnte.“ „Höre, Margarethe, es iſt eine bewunderungswür⸗ dige Geſchichte, nicht minder ſchön, nicht minder poe⸗ tiſch, als die Deinige. Nachdem ich Dir ſechs von meinen Wachen gelaſſen hatte, kehrte ich mit den ſechs andern in das Hotel Guiſe zurück und ſah dem Plün⸗ dern und Brennen eines Hauſes zu, das von dem Hotel meines Bruders nur durch die Rue des Quatre⸗ Fils getrennt iſt, als ich plötzlich Frauen ſchreien und MWänner fluchen hörte. Ich gehe auf den Balcon vor und ſehe zuerſt ein Schwert, deſſen Feuer ganz allein die Scene zu erleuchten ſchien. Ich bewundere dieſes furchtbare Schwert; ich liebe die ſchönen Dinge!. — . 193 Dann ſuche ich natürlich den Arm zu unterſcheiden, der es in Bewegung ſetzt, und der Körper, dem die⸗ ſer Arm gehört. Mitten unter dem Geſchrei, unter den Streichen unterſcheide ich endlich den Mann, und ſehe... einen Helden, meine Königin, einen Tela⸗ monios Zjar; ich höre eine Stimme, eine Stentor⸗ ſtimme; ich begeiſtere mich und zittere am ganzen Leibe, bebe bei jedem Schlag, von dem er bedroht iſt, bei jedem Streich, den er führt. Das war eine Gemüths⸗ bewegung von einer Viertelſtunde, meine Königin, wie ich ſie nie gefühlt, wie ich ſie nie für möglich gehal⸗ ten habe. Ich ſtand keuchend, ſtarr, ſtumm, als plötz⸗ lich mein Held verſchwand.“ „Wie dies?“ „Unter einem Steine, den ihm eine alte Frau zuſchleuderte. Dann fand ich, wie Cyrus, meine Stimme wieder, und rief: Zu Hülfe! herbei! zu Hülfe! Unſere Wachen erſchienen, ergriffen ihn, hoben ihn auf und trugen ihn in das Zimmer, das Du für Deinen Schützling von mir verlangſt.“ „Ach! ich begreife dieſe Geſchichte um ſo mehr, theure Henriette, als ſie beinahe die meinige iſt.“ „Nur mit dem Unterſchied, meine Königin, daß ich, meinem König und meiner Religion dienend, Herrn Annibal von Coconnas nicht wegzuſchicken brauche.“ „Er nennt ſich Annibal von Coconnas?“ ver⸗ ſetzte Margarethe in ein Lachen ausbrechend. „Richt wahr, das iſt ein furchtbarer Name?“ ſprach Henriette.„Nun wohl, derjenige, welcher ihn führt, iſt deſſelben würdig. Mordi! welch ein Käm⸗ pe! und wie viel Blut hat er vergoſſen! Nimm Deine Maske vor, Königin, wir ſind am Hotel.“ „Warum ſoll ich meine Maske vornehmen?“— „Weil ich Dir meinen Helden zeigen will.“ „Iſt er ſchön?“ „Er kam mir während des Kampfes herrlich vor. Allerdings ereignete dies bei Nacht und beim Schimmer —————— 194 der Flammen. Ich geſtehe, dieſen Morgen beim Ta⸗ geslichte ſchien er mir ein wenig zu verlieren. Doch glaube ich, Du wirſt mit ihm zufrieden ſein.“ „Mein Schützling iſt alſo vom Hotel Guiſe zu⸗ rückgewieſen? Das thut mir leid, denn es iſt der letzte Ort, wo man einen Hugenotten ſuchen würde.“ „Keineswegs, ich laſſe ihn dieſen Abend hierher bringen. Man legt den Einen in den Winkel rechts, den Andern in den Winkel links.“ „Aber wenn ſie ſich, der Eine als einen Prote⸗ ſtanten, der Andere als einen Katholiken erkennen, werden ſie ſich verſchlingen.“ „Oh! es iſt keine Gefahr, Herr von Coconnas hat einen Hieb in das Geſicht bekommen, daß er bei⸗ nahe nichts ſehen kann. Dein Hugenott hat einen Stich in die Bruſt erhalten, daß er ſich beinahe nicht zu rühren vermag. Und dann ſchärfſt Du ihm ein, er ſolle völliges Stillſchweigen in Beziehung auf die Religion beobachten, und Alles wird auf das Beſte gehen.“ „Gut, es ſei.“ „Treten wir ein. Das iſt abgemacht!“ „Ich danke,“ ſagte Margarethe, ihrer Freundin die Hand drückend. „Hier, Madame, werdet Ihr wieder Majeſtät,“ ſprach die Herzogin von Nevers;„erlaubt mir, Euch die Honneurs des Hotel Guiſe zu machen, wie ſie der Königin von Navarra gemacht werden müſſen.“ Und die Herzogin ſetzte, aus dem Wagen ſteigend, beinahe ein Knie auf die Erde, um Margarethe her⸗ auszuhelfen. Dann deutete ſie mit der Hand auf die Thüre des von zwei Schildwachen, welche die Büchſe in der Fauſt hielten, bewachten Hotel, und folgte auf einige Schritte der Königin, welche majeftätiſch vor der Herzogin voranſchritt, während dieſe ihre demü⸗ thige Haltung beobachtete, ſo lange ſie geſehen werden konnte. In ihr Zimmer gelangt, ſchloß die Herzogin A le 3 155 a⸗ ihre Thüre, rief raſch ihre ſicilianiſche Kammerfrau ch und fragte in italieniſcher Sprache: „Mica, wie geht es dem Herrn Grafen?“ u⸗„Immer beſſer,“ antwortete dieſe. er„Und was macht er 2 „Er nimmt, glaube ich, in dieſem Augenblicke et⸗ er was zu ſich, Madame.“ ts,„Schön,“ ſagte Margarethe,„die Wiederkehr des Appetits iſt ein gutes Zeichen.“ te⸗„Oh! es iſt wahr, ich vergaß, daß Du eine Schü⸗ n, lerin von Ambroiſe Paré biſt. Gehe, Mica.“ „Du ſchickſt ſie weg?“ as„Ja, damit ſie Wache hält.“ ei⸗ Mica entfernte ſich. en Willſt Du nun bei ihm eintreten,“ ſprach die cht Herzogin,„oder ſoll ich ihn kommen laſſen?“ in, Weder das Eine, noch vas Andere; ich wünſchte die ihn zu ſehen, ohne geſehen zu werden.“ ſte„Was iſt Dir daran gelegen, da Du Deine Maske haſt?“ „Er kann mich an meinen Haaren, an meinen Händen, an meinen Juwelen erkennen.“ din„Oh! wie klug iſt doch meine ſchöne Königin ſeit ihrer Verheirathung.“ Margarethe lächelte. uch 30 ſehe nur ein Nittel,“ fuhr die Herzogin fie ort. —„Welches?“ „Du müßteſt durch das Schlüſſelloch ſchauen.“ „Es ſei, führe mich.“ — S — —,— er⸗ die Die Herzogin nahm Margarethe bei der Hand, hſe führte ſie an eine Thüre, über welche ein Vorhang gte herabfiel, beugte ſich auf ein Knie und näherte ihr or Auge der Oeffnung, welche der fehlende Schlüſſel ließ. mü⸗„Vortrefflich,“ ſagte ſie,„er fitzt bei Tiſche und n hat das Geſicht unſerer Seite zugewendet. Komm.“ Die Königin Margarethe nahm den Platz ihrer —————— 196 Freundin ein und näherte ihr Auge ebenfalls dem Schlüſ⸗ ſelloch. Coconnas ſaß, wie die Herzogin geſagt hatte, an einem ausgezeichnet beſtellten Tiſche, welchem alle Ehre zu machen ſeine Wunden ihn nicht verhinderten. „Ah, mein Gott!“ rief Margarethe zurückweichend. ſ giebt es denn?“ fragte die Herzogin er⸗ aunt. „Unmöglich! nein! ja! Oh, bei meiner Seele, er iſt es!“ „Wer denn?“ „Stille,“ ſprach Margarethe ſich erhebend und die Herzogin bei der Hand ergreifend.„Derjenige, welcher meinen Hugenotten tödten wollte, der ihn bis in mein Zimmer, bis in meine Arme verfolgte. Oh! welches Glück, Henriette, daß er mich nicht erblickt hat.“ „Nun, da Du ihn bei der Arbeit geſehen, war er nicht ſchön“ „Ich weiß nicht,“ ſagte Margarethe, denn„ich betrachtete den, welchen er verfolgte.“ „Und der, welchen er verfolgte, hieß?“ „Du wirſt ſeinen Namen nicht vor ihm aus⸗ ſprechen?“ „Nein, ich gelobe es Dir.“ „Herr de La Mole.“ „und wie findeſt Du ihn jetzt?“ „Herrn de la Mole?“ „Nein, Herrn von Coconnas.“. „Meiner Treue, ich geſtehe, ich finde ihn. Sie hielt inne. „Ahal“ ſprach die Herzogin,„ich ſehe, Du grollſt ihm noch wegen der Wunde, die er Deinem Hugenot⸗ ten beigebracht hat.“ „Mir ſcheint es,“ verſetzte Margarethe lachend, „daß mein Hugenott ihm nichts ſchuldig iſt, und daß der Hieb, den er ihm in's Geſicht verſetzt hat.. ſöl ge ſie la ſ⸗ e, Ue n. d. r⸗ le, nd ge, is ct ar ich 18⸗ 197 „Sie ſind alſo quitt, und wir können ſie ver⸗ ſöhnen. Schicke mir Deinen Verwundeten.“ „Nein, noch nicht, ſpäter.“ „Wann?“ „Sobald Du dem Deinigen ein anderes Zimmer geliehen haben wirſt.“ „Welches denn?“ Margarethe ſchaute ihre Freundin lachend an, die ſie nach kurzem Stillſchweigen ebenfalls anſchaute und laut i ſei,“ ſprech „Wohl, es ſei,“ ſprach die Herzogin.„Freund⸗ ſchaft mehr als je.“ „Stets aufrichtige Freundſchaft,“ antwortete die Königin. „Und das Loſungswort, das Erkennungszeichen, ſollten wir des einen oder des andern bedürfen?“ „Der dreifache Name Deines dreifachen Gottes: Eros, Cupido, Amor.“ und die zwei Frauen verließen fich, nachdem ſie ſich zum zweiten Male geküßt und zum zwanzigſten Male die Hand gedrückt hatten. ———— XIII. wie es Schlüſſel gibt, welche Thüren öffnen, für die ſie nicht beſtimmt ſind. Die Königin von Navarra fand, in den Loubre zurückkehrend, Gillonne in großer Aufregung. Frau von Sauve war in ihrer Abweſenheit erſchienen und haite den ihr von der Königin Mutter eingehändigten Königin Margot. 1. 13 198 Schlüſſel gebracht. Dieſer Schlüſſel war der des Zimmers, in welchem ſich Heinrich eingeſchloſſen be⸗ fand. Es unterlag keinem Zweifel, es war für die Königin zur Ausfuͤhrung irgend eines Planes eine Nothwendigkeit, daß der Bearner die Nacht bei Frau von Sauve zubrachte. Margarethe nahm den Schlüſſel und drehte ihn in den Händen hin und her. Sie ließ ſich von den geringſten Worten von Frau von Sauve Bericht er⸗ ſtatten, wog ſie Buchſtabe für Buchſtabe in ihrem Geiſte ab und glaubte endlich den Plan von Catha⸗ rina durchſchaut zu haben. Sie nahm eine Feder, Dinte und ſchrieb auf ein Papier: Statt dieſen Abend zu Frau von Sauve zu gehen, kommt zu der Königin von Navarra Margarethe.“ Dann rollte ſie das Papier zuſammen, ſleckte es in die Höhlung des Schlüſſels und befahl Gillonne, die⸗ ſen Schlüſſel, ſobald die Nacht gekommen wäre, unter der Thüre des Gefangenen durchzuſtecken. Als dieſes Geſchäft abgemacht war, dachte Mar⸗ garethe an den armen Verwundeten, ſchloß alle Thüren, trat in ſein Cabinet, und fand zu ihrem großen Er⸗ ſtaunen La Mole wieder in ſeinem noch ganz zerriſſe⸗ nen und von Blut befleckten Kleide. Als er ſie erblickte, verſuchte er es, aufzuſtehenz aber noch ganz wankend, vermochte er ſich nicht auf⸗ recht zu erhalten und fiel wieder auf das Canapé zu⸗ rück, aus welchem man ein Bett gemacht hatte. „Aber was geht denn vor, mein Herr,“ fragte Margarethe,„und warum befolgt Ihr ſo ſchlecht die Vorſchriften Eures Arztes? Ich hatte Euch Ruhe em⸗ pfohlen, und ſtatt mir zu gehorchen, thut Ihr gerade das Gegentheil von dem, was ich geſagt habe.“ „Oh! Madame,“ ſprach Gillonne,„es iſt durch⸗ gus nicht mein Fehler; ich habe den Herrn Grafen er+S— ——— 199 †. es gebeten, ich habe ihn angefleht, dieſe Thorheit nicht e zu begehen; aber er erklärte mir, nichts würde ihn ie länger im Louvre zurückhalten.“ ne„Den Louvre verlaſſen?“ ſprach Margarethe und ſchaute erſtaunt den jungen Mann an, der die Augen „ niederſchlug;„das iſt unmöglich. Ihr könnt nicht hn gehen; Ihr ſeid bleich und kraftlos; man ſieht Eure en Kniee zittern. Dieſen Morgen hat Eure Wunde an der r⸗ Schulter noch geblutet.“ m„Madame,“ antwortete der junge Mann,„ſo a⸗ ſehr ich Euerer Majeſtät dankbar dafür bin, daß fie mir geſtern Abend ein Aſpl gegeben hat, eben ſo ſehr ein flehe ich ſie an, mir die Erlaubniß zu geben, heute von hinnen zu gehen.“ zu„Aber ich weiß nicht, wie ich einen ſo tollen Entſchluß deuten ſoll?“ ſprach Margarethe verwun⸗ dert.„Das iſt ſchlimmer, als Undankbarkeit.“ in„Oh, Madame!“ rief La Mole, die Hände fal⸗ ie⸗ tend,„glaubt mir, weit entfernt, undankbar zu ſein, ter hegt mein Herz ein Gefühl der Dankbarkeit, das mein ganzes Leben hindurch dauern wird.“ ar⸗„Dann wird es nicht lange dauern,“ ſprach Mar⸗ en, garethe, bewegt durch dieſen Ton, der keinen Zweifel r⸗ an der Aufrichtigkeit ſeiner Worte übrig ließ;„denn ſſe⸗ entweder werden ſich Eure Wunden wieder öffnen, und Ihr ſterbt am Blutverluſte, oder man erkennt n; Euch als einen Hugenotten, und Ihr geht nicht hun⸗ uf⸗ dert Schritte, ohne daß man Euch den Garaus zu⸗ macht.“ 5„Dennoch muß ich den Louvre verlaſſen,“ mur⸗ gte melte La Mole. die„Ihr müßt!“ ſagte Margarethe, ihn mit ihrei m⸗ klaren, tiefen Blicke anſchauend; dann leicht erblei⸗ ade chend, fügte ſie bei:„Oh! ja, ich begreife. Um Vergebung, mein Herr: ohne Zweifel iſt außerhalb ch⸗ ves Louvre eine Perſon, welche Eure tne fen grauſame Unruhe verſetzt. Das iſt ganz richtig, Herr 200 de La Mole, es iſt ganz natürlich, und ich ſehe es wohl ein. Warum habt Ihr es mir nicht ſogleich ge⸗ ſagt? oder vielmehr, warum habe ich nicht ſelbſt daran gedacht? Wenn man Gaſtfreundſchaft übt, iſt es eine Pflicht, die Neigungen ſeines Gaſtes zu be⸗ ſchützen, wie man ſeine Wunden verbindet, das Ge⸗ müth zu pflegen, wie man den Leib pflegt.“ „Oh! Madame, Ihr täuſcht Euch ſehr, ich bin beinahe allein in der Welt und ganz allein in Pa⸗ ris, wo mich Niemand kennt. Mein Mörder iſt der erſte Mann, den ich in dieſer Stadt geſprochen habe, und Eure Majeſtät iſt die erſte Frau, die das Wort an mich gerichtet hat.“ „Warum wollt Ihr aber gehen?“ ſprach Marga⸗ rethe erſtaunt. „Weil ſich Euere Majeſtät in der vergangenen Nacht keine Ruhe gegönnt hat,“ ſprach La Mole,„und weil dieſe Nacht„ Margarethe erröthete. „Gillonne,“ ſagte ſie,„nun iſt es Nacht, ich denke, es iſt Zeit, daß Du den Schlüſſel fortträgſt.“ Gillonne lächelte und ging ab. „Aber wenn Ihr allein, ohne Freunde in Paris ſeid, was werdet Ihr machen? fragte Margarethe. „Mavame, ich werde bald Freunde haben; denn während ich verfolgt wurde, dachte ich an meine Mut⸗ ter, welche eine Katholikin war. Es kam mir vor, als ſähe ich ſie vor mir her, ein Kreuz in der Hand, auf dem Wege nach dem Louvre laufen, und ich that ein Gelübde, die Religion meiner Mutter wieder an⸗ zunehmen, wenn mir Gott das Leben erhalten würde. Gott hat mehr gethan, als mir das Leben erhalten, Madame, er hat mir einen ſeiner Engeln geſchickt, um es mich lieben zu laſſen.“ „Aber Ihr könnt nicht gehen; ehe Ihr hundert Scr gemacht habt, werdet Ihr ohnmächtig nieder⸗ 1 en. 5 — 201 „Madame, ich habe mich heute in dieſem Cabinet verſucht, ich gehe allerdings langſam und unter Schmer⸗ en; aber komme ich nur bis auf den Platz vor dem ouvre, ſo mag geſchehen was da will.“ Margarethe ſtützte ihren Kopf auf die Hand und dachte nach. „Und der König von Navarra?“ ſagte ſie mit Abſicht,„Ihr ſprecht mir nicht mehr von ihm? Ver⸗ ändert Ihr die Religion, ſo habt Ihr die Hoffnung verloren, in ſeinen Dienſt zu treten.“ „Madame,“ antwortete La Mole erbleichend,„Ihr berührt die wahre Urſache meines Abganges„ weiß, daß der König von Navarra die größte Gefahr läuft und daß der ganze Credit Eurer Majeſtät als Tochter von Frankreich kaum hinreichend ſein wird, um ſein Haupt zu retten.“ „Wie, mein Herr?“ fragte Margarethe,„was wollt Ihr damit ſagen und von welcher Gefahr ſprecht Ihr?“ „Madame,“ antwortete La Mole zögernd,„von dem Eabinet aus, in welchem ich mich befinde, hört man Alles.“ „Das iſt wahr,“ murmelte Margarethe für ſich allein;„Herr von Guiſe hat es mir bereits geſagt.“ Dann fügte ſie laut bei: „Nun, was habt Ihr denn gehört?“ „Zuerſt das Geſpräch, das Euere Majeſtät dieſen Morgen mit ihrem Bruder hatte.“ „Mit Franz?“ rief Margarethe erröthend. Mit dem Herzog von Alencon, ja, Madame. Dann nach Eurem Abgange das von Mademoiſelle Gillonne mit Frau von Sauve.“ „Und es ſind dieſe zwei Geſpräche? 5 „Ja, Madame. Seit kaum acht Tagen verhei⸗ rathet, liebt Ihr Euern Gemahl. Euer Gemahl wird kommen, wie der Herzog von Alengon und Frau von Sauve gekommen find. Er wird Euch ſeine Geheim⸗ niſſe miitheilen. Nun, ich ſoll ſie nicht hören; ich ——— 202 wäre indiseret, und ich kann nicht, ich ſoll nicht, und vor Allem ich will es nicht ſeyn.“ Durch den Ton, mit welchem La Mole die letzten Worte ausſprach, durch die Unruhe ſeiner Stimme, durch ſein verlegenes Weſen wurde Margarethe wie durch eine plötzliche Offenbarung erleuchtet. „Ah,“ ſagte ſie,„Ihr habt von dem Cabinet aus Alles gehört, was bis jetzt in dieſem Zimmer geſpro⸗ chen worden iſt?“ „Ja, Madame.“ Dieſe Worte wurden kaum geſeufzt. „Und Ihr wollt dieſe Nacht, dieſen Abend von hier fort, um nicht mehr zu hören?“ „Sogleich, Madame, wenn Euere Majeſtät es mir zu erkauben die Gnade haben will.“ „Armes Kind!“ ſprach Margarethe mit einem ſeltſamen Tone zarten Mitleids. Erſtaunt über eine ſo weiche Antwort, während er eine ungeftüme Erwiederung erwartete, hob La Mole das Haupt. Sein Blick begegnete dem von Marga⸗ rethe und blieb wie durch eine magnetiſche Macht an dem durchſichtigen, tiefen Blicke der Königin geheftet. „Ihr fühlt Euch alſo unfähig, ein Geheimniß zu bewahren, Herr de La Mole?“ ſprach mit ſanftem Tone Margarethe, welche, über die Lehne ihres Stuhles geneigt, halb unter dem Schatten eines ſchweren Vor⸗ hanges verborgen, ſich des Glückes erfreute, raſch in dieſer Seele zu leſen, während ſie ſelbſt undurchdring⸗ lich blieb. „Madame,“ ſprach La Mole,„ich beſitze eine elende Natur, ich mißtraue mir ſelbſt, und das Glück eines Andern macht mir Schmerz.“ „Weſſen Glück?“ fragte Margarethe lächelnd, „ah ja, das Glück des Königs von Navarra. Armer Heinrich!“ ₰ „Ihr ſeht wohl, daß er glücklich iſt, Madame,“ rief La Mole lebbhaft. von mir nem end Nole rga⸗ t an tet. zu ftem hles Vor⸗ h in ing⸗ eine lück elnd, rmer me,“ —— 203 „Glücklich?„ „Ja, da Eure Majeſtät ihn beklagt.“ DBie Königin zerknitterte die Seide ihrer Aumo⸗ niere und riß die goldenen Fäden aus. „Ihr weigert Euch alſo, den König von Navarra zu ſehen?“ ſagte ſie,„das iſt abgemacht, das iſt in Euch beſchloſſen?“ „Ich befürchte, Seine Majeſtät in dieſem Augen⸗ blick zu beläſtigen.“ „Aber den Herzog von Alengon, meinen Bruder?“ „Oh, Madame!“ rief La Mole,“ den Herzog von Alencon, nein, nein! den Herrn Herzog von Alen⸗vn noch viel weniger, als den König von Navarra.“ „Warum?“ fragte Margarethe ſo bewegt, daß ſie beim Sprechen zitterte. „Weil ich, obgleich bereits ein zu ſchlechter Huge⸗ nott, um ergebener Diener Seiner Majeſtät des Königs von Navarra zu ſein, doch noch kein hinreichend guter Katholik bin, um zu den Freunden von Herrn von Alengon und Herrn von Guiſe zu gehören.“ Dießmal ſchlug Margarethe die Augen nieder, und ſie fühlte, wie der Schlag in der tiefſten Tiefe ihres Herzens arbeitete. Sie wußte nicht zu ſagen, ob das ſeh von La Mole für ſie ſchmeichelhaft oder ſchmerz⸗ ich war. In dieſer Minute kehrte Gillonne zurück. Mar⸗ garethe befragte ſie mit einem Blicke. Die Antwort von Gillonne war, ebenfalls in einem Blicke enthal⸗ tend, bejahend. Es war ihr gelungen, den Schlüſſel dem König von Navarra zukommen zu laſſen. Margarethe richtete ihre Augen wieder auf La Mole, welcher unentſchloſſen, das Haupt auf die Bruſt geneigt und bleich wie ein Menſch, der zugleich am Körper und an der Seele leidet, vor ihr verharrte. „Herr de La Mol iſt ſtolz,“ ſagte ſie,„und ich zögere, ihm einen Vorſchlag zu machen, den er vielleicht von ſich weiſen wird.“ 204⁴ La Mole erhob ſich, machte einen Schritt gegen die Königin und wollte ſich vor ihr verbeugen, zum Zeichen, daß er zu ihren Befehlen ſtünde; aber ein tiefer, ſcharfer, brennender Schmerz preßte ſeinen Augen Thränen aus; er fühlte, daß er dem Fallen nahe war, und ergriff einen Vorhang, an welchem er ſich hielt. „Seht Ihr!“ rief Margarethe, auf ihn zulaufend und ihn am Arme haltend,„ſeht Ihr, mein Herr, daß Ihr meiner noch bedürft!“ Ein kaum bemerkbares Zucken bewegte die Lippen von La Mole. „Oh! ja,“ murmelte er,„wie der Luft, die ich athme, wie des Tages, den ich ſehe.“ In dieſem Augenblicke erſcholl ein dreimaliges Klopfen an der Thüre von Margarethe. „Hört Ihr, Madame?“ ſprach Gillonne erſchrocken. „Schon!“ murmelte Margarethe. „Soll ich öffnen?“ „Warte; es iſt vielleicht der König von Navarra.“ „Oh! Madame,“ rief La Mole, ſtark gemacht durch dieſe paar Worte, welche die Königin jedoch mit ſo leiſer Stimme ausgeſprochen hatte, daß ſie hoffte, nur Gillonne würde ſie hören;„Madame, ich flehe Euch auf den Knieen an, laßt mich fort; ja, todt oder lebendig! Habt Mitleid mit mir! Oh, Ihr antwortet nicht! Nun wohl, ich will ſprechen, und wenn ich ge⸗ ſprochen habe, werdet Ihr mich hoffentlich fortjagen.“ „Schweigt, Unglücklicher!“ ſagte Margarethe, der es einen unendlichen Zauber gewährte, die Vorwürfe des jungen Mannes zu hören,„ſchweigt doch!“ „Madame,“ verſetzte La Mole, welcher ohne Zweifel in dem Tone von Margarethe nicht die Strenge fand, die er erwartete,„Madame, ich wiederhole Euch, man hört Alles von dieſem Cabinet aus. Oh! laßt — en in en en er id 6 es n. P ſo ur ch er et e⸗ . er fe ne ge mich nicht eines Todes ſterben, den die grauſamſten Henker nicht erfinden dürften!“ „Stille, ſtille!“ ſagte Margarethe. „Oh, Madame, Ihr ſeid unbarmherzig, Ihr wollt nichts hören; aber begreift doch, daß ich Euch 4 „Seid doch ſtill, wenn ich Euch es ſage,“ unter⸗ brach ihn Margarethe, und legte ihre warme duftende Hand auf den Mund des jungen Mannes, der ſie zwiſchen ſeine zwei Hände nahm und an die Lippen drückte. „Aber, murmelte La Mole. „Aber ſchweigt doch, Kind; was für ein Rebell iſt das, der nicht ſeiner Königin gehorchen will!“ Dann ftürzte ſie aus dem Cabinet, verſchloß die Thüre wieder, lehnte ſich, mit ihrer zitternden Hand die Schläge ihres Herzens zurückdrängend, an die Wand und ſagte: „Seffne, Gillonne!“ Gillonne verließ das Zimmer und einen Augen⸗ blick nachher hob das feine, geiſtreiche, etwas unruhige Haupt des Königs von Navarra den Vorhang. „Ihr habt mich gerufen, Madame?“ ſprach der König von Navarra zu Margarethe. „Ja, mein Herr; Eure Majeſtät hat meinen Brief empfangen?“ „Ich geſtehe, nicht ohne ein gewiſſes Erſtaunen,“ ſprach Heinrich, mit einem bald verſchwindenden Miß⸗ trauen um ſich herſchauend. „Und nicht ohne eine gewiſſe Unruhe, nicht wahr?“ fügte Margarethe bei. „Ich kann es nicht leugnen, Madame; jedoch völlig umgeben von erbitterten Feinden und von Freun⸗ den, welche vielleicht noch gefährlicher ſind, als meine Feinde, erinnerte ich mich, daß ich eines Abends in Euern Augen das Gefühl des Edelmuths ſtrahlen ſah, es war der Abend unſerer Hochzeit; daß ich an einem andern Tage den Stern des Muthes darin glänzen ſah, 206 vieſer andere Tag war geſtern, war der für meinen Tod beſtimmte Tag.“ „Nun wohl, mein Herr?“ ſprach Margarethe lä⸗ chelnd, während Heinrich in der Tiefe ihres Herzens leſen zu wollen ſchien. „Wohl, Madame, Alles dies bedenkend, ſagte ich mir ſogleich, als ich Euer Billet las, das mich zu Euch beſchied: ohne Freunde, ein Gefangener, ein Entwaff⸗ neter, hat der König von Navarra nur ein Mittel, auf glänzende Weiſe zu ſterben, einen Tod zu ſterben, der in der Geſchichte eingetragen wird, er muß ver⸗ rathen von ſeiner Gattin ſterben, und ich bin gekom⸗ „Sire,“ antwortete Margarethe,„Ihr werdet Eure Sprache ändern, wenn Ihr erfahrt, daß Alles, was in dieſem Augenblicke geſchieht, das Werk einer Perſon iſt, welche Euch liebt.. und welche Ihr liebt.“ Heinrich wich bei dieſen Worten beinahe zurück und ſein graues, durchdringendes Auge ſchaute unter den ſchwarzen Brauen hervor die Königin neugierig fragend an. „Oh! beruhigt Euch, Sire,“ verſetzte die Königin lächelnd,„ich habe nicht die Anmaßung, zu glauben, dieſe Perſon ſei ich.“ „Und dennoch, Madame, ſeid Ihr es, die mir Schlüſſel überſchickt hat; dieſe Schrift iſt die urige.“ „Dieſe Schrift iſt die meinige, ich geſtehe es; dieſes Billet kommt von mir, ich leugne es nicht. Was aber dieſen Schlüſſel betrifft, ſo iſt es etwas Anderes. Es genüge Euch, zu wiſſen, daß er durch die Hände von vier Frauen ging, ehe er bis zu Euch ge⸗ langte.“ „Von vier Frauen!“ rief Heinrich verwundert. „Ja, durch die Hände von vier Frauen,“ ſprach Margarethe;„durch die Hände der Fönigin Mutter, —— a —e 2 — —— ter rig gin en, mir die es; cht. was die ge⸗ ert. rach tter, —— 207 durch die Hände von Frau von, Sauve, durch die Hände von Gillonne und durch die meinigen.“ Heinrich ſann über dieſes Räthſel nach. „Sprechen wir nun vernünftig, mein Herr,“ ſagte Margarethe,„und ſprechen wir vor Allem offenherzig. Iſt es wahr, wie man heute allgemein behauptet, daß Eure Majeſtät abzuſchwören einwilligt?“ „Dieſes Gerucht iſt unwahr, Madame, ich habe noch nicht eingewilligt.“ „Ihr ſeid jedoch entſchloſſen?“ „Das heißt, ich gehe mit mir zu Rathe. Was wollt Ihr? wenn man zwanzig Jahre alt und un⸗ gefähr König iſt, Ventre⸗ ſaint⸗gris! da gibt es Dinge, welche wohl eine Meſſe werth ſind.“ „Unter Anderem das Leben, nicht wahr?“ Heinrich konnte ein leichtes Lächeln nicht unter⸗ drücken. „Ihr ſagt mir nicht Alles, was Ihr denkt, Sire,“ ſprach Margarethe. „Ich mache Vorbehalte gegen meine Verbündeten, Madamez denn Ihr wißt, wir ſind bis jetzt nur Ver⸗ vündete. Wäret Ihr zugleich meine Verbündete i „Und Eure Frau, nicht wahr, Sire?“ „Meiner Treue, ja, und meine Frau.“ „Dann?“ „Dann wäre es vielleicht etwas Anderes, und ich würde am Ende darauf halten, König der Hugenotten zu bleiben, wie ſie ſagen„. So aber muß ich mich mit dem Leben begnügen.“ Margarethe ſchaute Heinrich mit einer ſo ſeltſa⸗ men Miene an, daß ſie den Verdacht eines minder feinen Geiſtes, als der des Königs von Navarra war, erweckt haben würde. „Und ſeid Ihr wenigſtens ſicher, zum Reſultate zu gelangen?“ ſprach ſie. „Beinahe,“ erwiederte Heinrich;„Ihr wißt, Ma⸗ 208 dame, daß man in dieſer Welt keiner Sache völlig ſicher iſt.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte Margarethe,„Eure Maje⸗ ſtät gibt ſo viel Mäßigung kund, offenbart ſo viel Uneigennützigkeit, daß ſie, nachdem ſie auf ihre Krone, auf ihre Religion Verzicht geleiſtet hat, wahr⸗ ſcheinlich, man hofft es wenigſtens, auch auf ihre Verbindung mit einer Tochter von Frankreich Verzicht leiſten wird.“ Dieſe Worte trugen eine ſo tiefe Bedeutung in ſich, daß Heinrich unwillkürlich bebte, aber dieſe Be⸗ wegung überwindend, antwortete er mit Blitzesſchnel⸗ igkeit: „Wollt Euch erinnern, Madame, daß ich in die⸗ ſem Augenblick nicht meinen freien Willen habe. Ich werde alſo das thun, was mir der König von Frank⸗ reich befiehlt. Würde man mich auch nur entfernt bei dieſer Frage, wo es ſich um nichts Geringeres, als um meinen Thron, um meine Ehre und um mein Leben handelt, zu Rathe ziehen, ſo wollte ich lieber, als meine Zukunft auf die Rechte zu ſetzen, die mir unſere gezwungene Heirath verleiht, mich als Jäger in irgend einem Schloſſe oder als Büßender in irgend einem Kloſter vergraben.“ Dieſe in ihre Lage ergebene Ruhe, dieſes Ver⸗ zichtleiſten auf die Dinge dieſer Welt erſchreckten Mar⸗ garethe. Sie dachte, dieſer Bruch der Heirath wäre vielleicht zwiſchen Karl IX., Catharina und dem Kö⸗ nig von Navarra verabredet. Warum ſollte man ſie auch nicht zur Bethörten oder zum Opfer nehmen, da ſie die Schweſter des Einen und die Tochter der An⸗ dern war? Die Erfahrung hatte ſie gelehrt, daß dies kein Grund war, auf welchen ſie ihre Sicherheit bauen konnte. Der Ehrgeiz ergriff das Herz der jungen Frau, oder vielmehr die junge Königin ſtand zu hoch über den gewöhnlichen Schwächen, um ſich zu einem Trotze der Eitelkeit hinreißen zu laſſen; bei jeder, ſelbſt 209 bei einer mittelmäßigen Frau, wenn ſie liebt, hat die Liebe keine ſolche Erbärmlichkeiten, denn die wahre Liebe iſt auch ein Ehrgeiz. „Eure Maieſtät,“ ſprach Margarethe mit einer gewiſſen ſpöttiſchen Verachtung,„hat, wie es mir ſcheint, kein großes Zutrauen zu dem Geſtirne, das über dem Haupte jedes Königs ſtrahlt.“ „Ah!“ ſagte Heinrich,„ich mag das meinige in dieſem Augenblick immerhin ſuchen, ich kann es nicht ſehen; denn es iſt in dem Sturme verborgen, der zu dieſer Stunde über mir tobt.“ „Und wenn der Hauch einer Frau dieſen Sturm verwehte und dieſes Geſtirn ſo glänzend machte, als es je war?“ „Das wäre ſehr ſchwierig,“ entgegnete Heinrich. Ihr das Daſein dieſer Frau, mein err?“ „Nein, ich leugne ihre Macht.“ „Ihr wollt ſagen, ihren Willen.“ „Ich habe geſagt, ihre Macht, und wiederhole das Wort. Die Frau iſt nur wirklich mächtig, wenn die Liebe und das Intereſſe in gleichem Grade bei ihr vereinigt ſind. Herrſcht in ihr nur eines von die⸗ ſen zwei Gefühlen, ſo iſt ſie verwundbar, wie Achill. Auf die Liebe dieſer Frau aber, wenn ich mich nicht täuſche, kann ich nicht zählen.“ Margarethe ſchwieg. „Hört!“ fuhr Heinrich fort,„bei dem letzten Schlage der Glocke von Saint⸗Germain⸗Auperrois mußtet Ihr an die Wiedererlangung Eurer Freiheit denken, die man verpfändet hatte, um die Anhänger meiner Partei zu vernichten. Ich mußte an die Ret⸗ tung meines Lebens denken. Das war das Drin⸗ gendſte. Wir verlieren dabei Navarra, ich weiß es wohl; aber Navarra iſt wenig im Vergleich mit der Freiheit, die Ihr wiedererlangt, um laut in Eurem Zim⸗ mer ſprechen zu können, was Ihr nicht zu thun wagtet, 2¹⁰ während Ihr Jemand hattet, der Euch von dieſem Cabinet aus hörte.“ Obgleich im höchſten Maße unruhig, konnte ſich Margarethe doch eines Lächelns nicht enthalten. Der König von Navarra war bereits aufgeſtanden, um in ſeine Wohnung zurückzukehren, denn es hatte ſchon vor einiger Zeit eilf Uhr geſchlagen, und im Louvre ſchlief Alles oder ſchien wenigſtens Alles zu ſchlafen. Der König machte drei Schritte nach der Thüre, vann plötzlich ſtille ſtehend, als ob er ſich jetzt erſt des Umſtandes erinnerte, der ihn zu der Königin geführt hatte, ſagte er: „Doch, Madame, habt Ihr mir nicht gewiſſe Dinge mitzutheilen, oder wolltet Ihr mir nicht Gele⸗ genheit bieten, Euch für die Friſt zu danken, die mir Eure muthige Gegenwart in dem Waffencabinet des Königs gegeben hat? In der That, Madame, es war Zeit; ich kann nicht leugnen, Ihr ſeid gerade im rech⸗ ten Augenblick, um mir das Leben zu retten, wie die Gottheit des Alterthums auf den Schauplatz herab⸗ geſtiegen.“ „Unglücklicher!“ rief Margarethe mit dumpfer Stimme, und ihren Gemahl beim Arm ergreifend. „Seht Ihr nicht, daß im Gegentheil nichts gerettet iſt: weder Eure Freiheit, noch Eure Krone, noch Euer Leben? Blinder! armer Wahnfinniger! Nicht wahr, Ihr habt in meinem Briefe nichts Anderes ge⸗ ſehen, als ein Rendezvous? Ihr glaubtet, verletzt u St Kälte, verlange Margarethe eine Genug⸗ thuung ſprach Heinrich erſtaunt,„ich ge⸗ ehe. Nargarethe zuckte die Achſeln mit einem unbe⸗ ſchreibbaren Ausdrucke.. In demſelben Augenblick ertönte ein ſeltſames Geräuſch, wie ein eiliges Kratzen, an der kleinen ge⸗ heimen Thüre. — ,— — r——— — tes 2¹1 Margarethe zog den König nach der Seite dieſer kleinen Thüre. „Hört,“ ſagte ſie. „Die Königin Mutter verläßt ſo eben ihre Ge⸗ mächer,“ flüſterte eine vor Schrecken bebende Stimme, in welcher Heinrich ſogleich die von Frau von Sauve erkannte. „Und wohin geht ſie?“ fragte Margarethe. „Sie kommt zu Eurer Majeſtät.“ Das Rauſchen eines ſeidenen Kleides bewies in derſelben Secunde, daß ſich Frau von Sauve in größter Eile wieder entfernte. „Oh, oh!“ rief Heinrich. „Ich war es überzeugt,“ ſagte Margarethe. „Und ich befürchtete es,“ ſprach Heinrich,„und zum Beweiſe, ſeht.“ Rit einer raſchen Geberde öffnete er ſein ſchwar⸗ zes Sammetwamms und zeigte Margarethe auf ſeiner Bruſt ein feines Panzerhemd von Stahl und einen langen Mailänder Dolch, der ſogleich in ſeiner Hand glänzte, wie eine Schlange in der Sonne. „Es handelt ſich wohl um Eiſen und Panzer!“ rief Margaretha.„Geht, Sire, geht, verbergt dieſen Dolch. Es iſt allerdings die Königin, aber die Köni⸗ gin ganz allein.“ „Do* 4. „Sie iſt es, ich höre ſie, ſtille!“ knd ſich an das Ohr von Heinrich neigend, ſagte ſie ihm einige Worte mit leiſer Stimme. Raſch zog ſich Heinrich hinter die Bettvorhänge zurück. Margarethe ſprang mit der Behendigkeit eines Panthers nach dem Cabinet, wo La Mole bebend war⸗ tete, öffnete es, nahm ihn bei ſeiner Hand, drückte ſie in der Dunkelheit und flüſterte ihm, ſo nahe zu ihm tre⸗ tend, daß er ihren Hauch fühlte:„Stille, Stille!“ zu. Dann, in ihr Zimmer zurückkehrend und die Thüre wieder verſchließend, löſte fie ihren Kopfputz, durchſchnitt 2¹2 mit ihrem Dolche alle Schnürbänder ihres Kleides und warf ſich in ihr Bett. Es war die höchſte Zeit. Der Schlüſſel drehte ſich im Schloſſe. Catharina hatte einen Paſſepartout für alle Thüren des Louvre. „Wer iſt da?“ rief Margarethe, während Catha⸗ rina an der Thüre eine Wache von vier Edelleuten aufftellte, welche ſie begleitet hatten. Und als wäre ſie erſchrocken über dieſen ungeſtü⸗ men Einbruch in ihr Zimmer, ſchaute Margarethe in einem weißen Nachtmantel unter den Vorhängen her⸗ vor, ſprang aus dem Bette und küßte, Catharina er⸗ kennend, mit einem Erſtaunen, das zu gut geſpielt war, als daß nicht die Florentinerin ſelbſt dadurch hätte ge⸗ täuſcht werden müſſen, ihrer Mutter die Hand. XIV. Zweite Bochzeitsnacht. Die Königin Mutter ließ ihren Blick mit wunder⸗ barer Raſchheit umherlaufen. Sammetpantoffeln am ßuße des Bettes, guf den Stühlen zerſtreute Kleider von Margarethe, ihre Augen, welche ſie rieb, um den Schlaf zu vertreiben, überzeugten Catharina, daß ſie ihre Tochter wirklich aufgeweckt hatte. Da lächelte ſie wie eine Frau, der ihre Pläne ge⸗ lungen find, zog einen Stuhl an ſich und ſagte: „Wir wollen uns ſetzen, Margarethe, und mit einander plaudern.“ „Madame, ich höre.“ „Es iſt Zeit,“ ſprach Catharina, ihre Augen mit 3— nd te d en tü⸗ er⸗ er⸗ ar, ge⸗ der⸗ ider den ſie ge⸗ mit mit 2¹13 der den Leuten, welche nachdenken oder ihr Inneres auf das Strengſte zu verbergen ſuchen, eigenthümli⸗ chen Langſamkeit ſchließend,„es iſt Zeit, meine Toch⸗ ter, daß Ihr einſeht, wie ſehr Euer Bruder und ich bemüht ſind, Euch glücklich zu machen.“ Der Eingang war erſchreckend für Jemand, der Catharina kannte. „Was will ſie mir ſagen?“ dachte Margarethe. „Euch verheirathend„ fuhr die Florentinerin fort, „haben wir einen von, den politiſchen Acten vollzogen, welche oft durch wichtige Intereſſen von den Regieren⸗ den geheiſcht werden. Aber ich muß geſtehen, mein armes Kind, wir glaubten nicht, daß der Widerwille des Königs von Navarra für Euch, die Ihr ſo jung, ſo ſchön und ſo verführeriſch ſeid, bis auf dieſen Grad hartnäckig bleiben würde.“ WMargarethe ſtand auf und machte, ihr Nachtge⸗ wand über einander ſchlagend, eine ceremoniöſe Ver⸗ beugung vor ihrer Mutter. „Ich erfahre erſt dieſen Abend,“ ſprach Catharina, „ſonſt würde ich Euch früher beſucht haben, daß Euer Gemahl weit entfernt iſt, die Rückſichten für Euch zu nehmen, die er nicht nur einer hübſchen Frau, ſon⸗ dern auch einer Tochter von Frankreich ſchuldig iſt.“ Margarethe ſtieß einen Seufzer aus, und Catha⸗ rina fuhr, ermuthigt durch dieſe ſtumme Beipflichtung⸗ fort: „Daß der König von Navarra öſſentlich eine von meinen Frauen unterhält, da reſie bis zum Scandal anbetet, daß er dieſer Liebe wegen die Frau verachtet, die man ihm in Gnaden bewilligt hat, das iſt ein Unglück, gegen welches wir keine Mittel haben, wir armen Allmächtigen! das jedoch der geringſte Edel⸗ mann unſeres Königreiches beſtrafen würde, indem er ſeinen Eidam vorforderte oder⸗ durch ſeinen Sohn vorfordern ließe.“ Königin Margot. 1. 14 Margarethe ſenkte das Haupt. „Seit geraumer Zeit,“ ſprach Catharina,„ſehe ich, meine Tochter, an Euern gerötheten Augen, an Euern bittern Ausbrüchen gegen die Sauve, daß die Wunde Eures Herzens, trotz aller Eurer Anſtrengungen, nicht fortwährend innerlich bluten kann.“ Margarethe bebte. Die Vorhänge hatten fich leicht bewegt, aber Catharina bemerkte es zum Glücke nicht. „Dieſe Wunde,“ ſagte ſie, ihre liebevolle Zärtlich⸗ keit verdoppelnd,„dieſe Wunde, mein Kind, zu heilen, iſt die Sache der Hand einer Mutter. Diejenigen, welche im Glauben, Euer Glück zu machen, Eure Hei⸗ rath beſchloſſen und in ihrer Veſorgtheit für Euch bemer⸗ ken, daß Heinrich von Navarra jede Nacht ſich im Zimmer täuſcht, können es nicht dulden, daß ein Kö⸗ niglein wie er alle Augenblicke eine Frau von Eurer Schönheit, von Eurem Range und von Eurem Ver⸗ dienſte durch die Verachtung Eurer Perſon und durch die Vernachläßigung ſeiner Nachkommenſchaft verletzt; diejenigen endlich, welche ſehen, daß dieſer tolle, freche Kopf bei dem erſten Winde, den er für günſtig hält, ſich gegen unſere Familie wenden und Euch aus ſei⸗ nem Hauſe vertreiben wird, haben ſie nicht das Recht, Eure Zukunft, ſie von der ſeinigen trennend⸗ auf eine Eurer und Euerer Lage würdigere Weiſe zu fichern?“ „Madame,“ antwortete Margarethe,„trotz dieſer Bemerkungen voll mütterlicher Liebe, die mich ehren und mit Freude erfüllen, erlaube ich mir, Eurer Ma⸗ jeſtät einzuwenden, daß der König von Ravarra mein Gatte iſt.“ Catharina machte eine Bewegung des Zorns, näherte ſich Margarethe und rief: „Er, Euer Gatte! Genügt es, um Mann und Frau zu ſein, daß die Kirche Euch geſegnet hat, und beſteht die Einweihung der Ehe nur in der Einweihung des —— h, Prieſters? Er, Euer Gatte! Ei, meine Tochter, wenn rn Ihr Frau von Sauve wäret, könntet Ihr mir dieſe de Antwort geben. Aber gegen alle unſere Erwartung cht iſt es, ſeitdem wir Heinrich von Navarra Euch ſeine Frau zu nennen bewilligt haben, eine Andere, der er ich † vieſe Rechte ſchenkte, und ſogar in dieſem Augen⸗ ce vlick..“ ſprach Catharina, die Stimme erhebend, 1„kommt, kommt mit mir, dieſer Schlüſſel öffnet die ch⸗ Wohnung von Frau von Sauve, und Ihr werdet en, ſehen.“ en,„Oh! leiſer, leiſer, Madame, ich bitte,“ verſetzte ei⸗ Wargarethe,„denn Ihr täuſcht Euch nicht nur, ſon⸗ er⸗ dern Ihr werdet auch.. im„Nun?“ kö⸗„Ihr werdet meinen Gatten erwecken.“ rer Wei dieſen Worten erhob ſich Margarethe mit er⸗. einer wahrhaft wollüſtigen Grazie. Die kurzen Vermel rch ihres halb geöffneien Nachtgewandes ließen ihren Arm tzt; von ſo reiner Form und ihre wahrhaft königliche Hand che entblößt. Sie näherte ſich mit einer Roſawachskerze ält, dem Bette und deutete, den Vorhang auf die Seite ſei⸗ ſchiebend, mit dem Finger auf das ſtolze Profil, auf das die ſchwarzen Haare und den offenen Mund des Kö⸗ nd, nigs von Navarra, der in dem in Unordnung gebrach⸗ zu en Lager im ruhigſten, tiefſten Schlafe zu liegen en. eſer Bleich, die Augen ſtarr, den Körper zurückgebogen, ren als ob ſich ein Abgrund vor ihren Schritten geöffnet Na⸗„- hätte, ſtieß Catharina nicht einen Schrei) ſondern ein ein dumpfes Brüllen aus. „Ihr ſeht, Madame,“ ſprach Margarethe,„Ihr ſeid ſchlecht unterrichtet.“ Catharina wärf einen Blick auf Margarethe, und rau vann einen zweiten auf Heinrich. Sie vereinigte in ſeht ibrem thätigen Geiſte das Bild dieſer bleichen, feuchten des Stirne, dieſer von einem leichten dunkeln Kreiſe um⸗ 2¹6 gebenen Augen mit vem Lächeln von Margarethe, und bit ſich in ſtiller Wuth in die Lippen. Margarethe geſtattete ihrer Mutter, dieſes Bild, das die Wirkung des Meduſenhauptes auf ſie machte, einen Augenblick zu betrachten. Dann ließ ſie den Vorhang fallen, kehrte auf den Fußſpitzen zu Catharina zurück, ſetzte ſich wieder auf ihren Stuhl und ſprach: „Ihr ſagtet, Madame?.. Die Florentinerin ſuchte eine Secunde lang dieſe Raivetät der jungen Frau zu ergründen. Dann, als ob ſich ihre ſcharfen Blicke auf der Ruhe von Marga⸗ rethe abgeſtumpft hätten, erwiederte ſie:„NRichts!“ und verließ mit großen Schritten das Zimmer. Sobald das Geräuſch ſich in der Tiefe der Flur verloren hatte, öffnete ſich der Bettvorhang gbermals, und Heinrich kam, das Auge glänzend, den Athem ge⸗ hemmt, die Hand zitternd, hervor und kniete vor Margarethe nieder. Er hatte nur ſeine Beinkleider und ſein Panzerhemd an, ſo daß Margarethe, als ſie ihn in dieſem Coſtume erblickte, ſich eines lauten La⸗ chens, während ſie ihm herzlich die Hand drückte, nicht enthalten konnte. „Ah! Madame, ah! Margarethe, wie kann ich je meine Schuld an Euch bezahlen?“ Und er bedeckte ihre Hand mit Küſſen, welche von da unmerklich zu den Armen der jungen Frau hinauf⸗ ſtiegen. „Sire,“ ſagte ſie, ſachte zurückweichend,„vergeßt Ihr, daß zu dieſer Stunde eine arme Frau, der Ihr das Leben zu verdanken habt, für Euch leidet und ſeufzt? Frau von Sauve,“ fügte ſie ganz leiſe bei, „hat Euch ihre Eiferſucht zum Opfer gebracht, indem ſie Euch zu mir ſchickte, und nachdem ſie Euch ihre Eiferſucht geopfert, opfert ſie Euch vielleicht auch ihr Leben; denn Ihr wißt beſſer, als irgend Jemand, daß der Zorn meiner Mutter furchtbar iſt.“ 3 217 Heinrich bebte und machte aufſtehend eine Bewe⸗ gung, um ſich zu entfernen. „Doch ich bedenke und beruhige mich,“ ſprach Margarethe mit einer bewunderungswürdigen Coquet⸗ terie.„Der Schlüſſel iſt Euch ohne Andeutung gegeben worden, und man wird glauben, Ihr habet mir dieſen Abend den Vorzug bewilligt.“ „Und ich bewillige ihn Euch, Margarethe; laßt Euch nur herbei, zu vergeſſen „Leiſer, Sire, leiſer,“ verſetzte die Wnigin, die Worte parodirend, die ſie zehn Minuten vorher an ihre Mutter gerichtet hatte.„Man hört Euch von dem Cabinet aus, und da ich noch nicht ganz frei bin, Sire, ſo bitte ich Euch, weniger laut zu ſprechen.“ „Oho!“ ſagte Heinrich halb lachend, halb verdü⸗ ſlert,„es iſt richtig, ich vergaß, daß wahrſcheinlich nicht ich dazu beſtimmt bin, das Ende dieſer intereſſanten Scene zu ſpielen. Dieſes Cabinet „Gehen wir hinein, Sire,“ erwiederte Marga⸗ rethe,„denn ich will die Ehre haben, Euerer Majeſtät einen braven Edelmann vorzuſtellen, der während der Metzelei verwundet wurde und bis in den Louvre drang, um Eure Majeſtät von der Gefahr, die ſie lief, zu benachrichtigen.“ * Die Königin ging nach der Thüre zu. Heinrich folgte ſeiner Gemahlin. Die Thüre öffnete ſich, und Heinrich blieb ganz erſtaunt ſtille ſtehen, als er in die⸗ ſem von dem Schickſal für Ueberraſchungen beſtimmten Cabinet einen Mann erblickte. Aber La Mole war noch mehr erſtaunt, da er ſich ganz unerwartet dem König von Navarra gegenüber befand. Heinrich warf Margarethe einen ironiſchen Blick zu, den dieſe vortrefflich aushielt. „Sire,“ ſprach Margarethe,„ich muß befürchten, man könnte ſelbſt in meiner Wohnung dieſen Edel⸗ mann tödten, der dem Dienſte Eurer Majeſtät ergeben iſt, und den ich unter Euern Schutz ſtelle.“ „Sire,“ ſagte nun der junge Mann,„ich bin der Graf Lerac de La MWole, den Euere Majeſtät erwar⸗ tete, und der Euch von dem armen Herrn von Te⸗ ligny, welcher an meiner Seite getödtet wurde, em⸗ pfohlen worden iſt. „Ahl ah!“ rief Heinrich,„die Königin hat mir auch wirklich ſeinen Brief zugeſtellt; aber hattet Ihr nicht noch einen andern Brief von dem Herrn Gou⸗ verneur von Languedoe 24 „Ja, Sire, mit dem Auftrage, venſelben ſogleich bei meiner Ankunft Euerer Majeſtät zu übergeben.“ „Warum habt Ihr es nicht gethan?“ „Sire, ich habe mich geſtern Abend in den Louvre begeben; aber Euere Majeſtät war ſo beſchäftigt, daß ſte mich nicht empfangen konnte.“ „Das iſt wahr,“ ſprach ver König;„aber warum habt Ihr mir den Brief nicht auf eine andere Weiſe zukommen laſſen 2* „Ich hatte Befehl von Herrn d'Auriac, ihn nur Euerer Majtſtät ſelbſt einzuhändigen; denn er enthielt, wie er mich verſicherte, einen ſo wichtigen Rath, daß er ihn nicht einem gewöhnlichen Boten anzuvertrauen wagte.“ „In der That,“ prach der König, nachdem er den Brief genommen und geleſen hatte,„es war der Rath, den Hof zu verlaſſen und mich nach Bearn zurückzuziehen. Herr d'Auriae gehörte, obgleich ein Katholik, zu meinen guten Freunden, und hatte als Gouverneur einer Provinz wahrſcheinlich Wind von dem, was vorging. Ventre⸗ſaint⸗gris, mein Herr, warum habt Ihr mir vieſen Brief nicht vor drei Ta⸗ gen zugeſtellt, ſtatt ihn nun heute zu übergeben?“ „Weil ich, wie ich Euerer Majeſtät zu bemerken vie Ehre hatte, ſo ſehr ich mich auch beeilte, erſt ge⸗ ſtern hier eintreffen konnte.“ „Das iſt ärgerlich, ſehr ärgerlich,“ murmelte der König,„denn zu dieſer Stunde wären wir in Sicher⸗ —. 2¹9 heit in La Rochelle oder auf irgend einer guien mit zwei⸗ bis dreitauſend Pferden um uns er. „Sire, was geſchehen iſt, iſt geſchehen,“ ſprach Margarethe halblaut,„und ſtatt daß Ihr Eure Zeit mit Schmähungen über die Vergangenheit verliert, muß man eher varnach trachten, aus der Zukunft ſo viel als möglich Nutzen zu ziehen.“ „Ihr hättet alſo an meiner Stelle einige Hoff⸗ nung?“ ſagte Heinrich mit ſeinem forſchenden Blicke. „Ja, gewiß, und ich würde das eingegangene Spiel als eine Partie zu drei Points betrachten, von denen ich nur den erſten verloren hätte.“ „Ah! Mabame,“ erwiederte Heinrich ganz leiſe, „wenn ich wüßte, daß Ihr Euch bei meinem Spiele zur Hälfte betheiligen würdet!“ „Wenn ich hätte wollen auf vie Seite Euerer Geg⸗ ner übergehen,“ antwortete Margarethe,„ſo würde ich ohne Zweifel nicht ſo lange gewartet haben.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Heinrich;„ich bin ein Undankbarer, und es läßt ſich, wie Ihr ſagt, heute noch Alles gut machen.“ „Ach! Sire,“ verſetzte La Mole,„ich wünſche Euerer Majeftät alles mögliche Glück; aber wir haben heute den Herrn Admiral nicht mehr.“ Heinrich lächelte mit jenem Lächeln eines ver⸗ ſchmitzten Bauern, das man bei Hof erſt an dem Tage begriff, wo er König von Frankreich wurde. „Madame,“ ſagte er, La Mole aufmerkſam an⸗ ſchauend,„dieſer Herr kann nicht bei Euch verweilen, ohne Euch unendlich läſtig zu werden und ärgerlichen Ueberraſchungen ausgeſetzt zu ſein. Was werdet Ihr mit ihm machen?“ „Sire,“ erwiederte Margarethe,„iönnten wir ihn nicht aus dem Louvre bringen? denn ich bin in jeder Beziehung Euerer Meinung.“ „Das iſt ſhwierig“ 22⁰ „Sire, kann Herr de La Mole nicht ein wenig Raum in der Wohnung Euere Majeſtät finden?“ „Ach, Madame, Ihr behandelt mich immer noch, als ob ich König der Hugenotten wäre, und beſonders als ob ich noch ein Volk hätte. Ihr wißt wohl, daß ich halb bekehrt bin.“ Eine Andere als Margarethe hätte wohl ſogleich eantwortet: Er iſt Katholik; aber die Königin wollte ſch von Heinrich fragen laſſen, was ſie von ihm zu haben wuͤnſchte. La Mole, da er dieſe Zurückhaltung feiner Beſchützerin ſah und nicht wußte, wohin er ſeinen Fuß auf dem ſchlüpfrigen Boden eines ſo ge⸗ fährlichen Hofes, wie der von Frankreich war, ſetzen ſollte, ſchwieg ebenfalls. „Aber,“ verſetzte Heinrich, den von La Mole überbrachten Brief noch einmal durchleſend,„aber was ſagt mir denn der Herr Gouverneur von Provence, Eure Mutter wäre eine Katholikin, und daher rühre ſeine Freundſchaft für Euch?“ „ünd was ſpracht Ihr denn mit mir?“ ſagte Margarethe,„nicht von einem Gelübde, das Ihr gethan, Herr Graf, von einer Religionsveränderung? Meine Gedanken verwirren ſich in dieſer Hinſicht. Helft mir doch, Herr de La Mole. Handelte es ſich nicht um nig zu wünſchen ſcheint?“ „Ach ja, aber Euere Majeſtät hat meine Erklä⸗ wagte „Weil mich das durchaus nichts anging, mein Herr; erklärt Euch gegen den König.“ . 8 wie verhält es ſich mit dieſem Ge⸗ ( ℳ „Sire, von Mördern verfolgt, ohne Waffen, bei⸗ nahe ſterbend an meinen Wunden, kam es mir vor, als erblickte ich den Schatten meiner Mutter, der mich, ein Kreuz in der Hand, nach dem Lonvre führte. Da irgend eine Sache, die dem ähnlich iſt, was der Kö⸗ rungen hierüber ſo kalt aufgenommen, daß ich es nicht ⸗ t 221 that ich das Gelübde, wenn mein Leben gerettet würde, die Religion meiner Mutter anzunehmen, der Gott geſtattet hätte, ihr Grab zu verlaſſen, um mir wäh⸗ rend dieſer furchtbaren Nacht als Führerin zu dienen. Gott hat mich hieher geleitet, Sire. Ich ſehe mich unter dem doppelten Schutze einer Tochter von Frank⸗ reich und des Königs von Navarra⸗ Mein Leben wurde auf eine wunderbare Weiſe gerettet, ich muß mein Gelübde erfüllen, Sire, und bin bereit, Katho⸗ lik zu werden.“ Heinrich runzelte die Stirne. Der Skeptiker be⸗ griff die Abſchwörung aus Intereſſe, aber er zweifelte ſehr an der Abſchwörung aus Glauben. „Der König will ſich meines Schützlings nicht an⸗ nehmen,“ dachte Margarethe. La Mole blieb ſchüchtern zwiſchen den zwei ent⸗ gegengeſetzten Willen. Er fühlte, ohne es ſich erklä⸗ ren zu können, das Lächerliche ſeiner Lage. Abermals war es Margarethe, welche ihn mit ihrem weiblichen Zartgefühle ſeiner ſchlimmen Stellung entriß. „Sire,“ ſagte ſie,„vergeſſen wir nicht, daß der arme Verwundete der Ruhe bedarf. Ich ſelbſt ſinke vor Schlaf beinahe um. Ha, ſeht, er erbleicht!“ La Mole erbleichte wirklich; aber es waren die letzten Worte von Margarethe, die er gehört und ſich verdolmetſcht hatte, was ihn erbleichen machte. „Nun wohl, Madame,“ ſprach Heinrich,„das iſt ganz einfach; können wir Herrn de La Mole nicht ruhen laſſen?“ Der junge Mann richtete einen flehenden Blick an Margarethe und ſank, von Schmerz und Anſtrengung gebrochen, trotz der Anweſenheit der zwei Majeſtäten, auf einen Stuhl. WMargarethe begriff alle Liebe, die in dieſem Blicke, alle Verzweiflung, die in dieſer Schwäche lag.“ „Sire,“ ſprach ſie,„es geziemt Euerer Majeſtät, 222 vieſem jungen Edelmann, der ſein Leben für ſeinen König gewagt hat, indem er hieher lief, um Euch den Tod des Admirals und Leligny's zu melden, während er ſelbſt verwundet war, es geziemt Eüerer Majeſtät, ſage ich, ihm eine Ehre zu erweiſen, für die er ſein ganzes Leben lang dankbar ſein wird.“ „Welche Ehre, Madame? ich bin bereit.“ „Herr de La Mole wird dieſe Nacht zu den Fü⸗ ßen Euerer Majeſtät ſchlafen, welche auf dieſem Ruhe⸗ beit ſchläft. Mit Erlaubniß meines erhabenen Ge⸗ mahls,“ fügte Margarethe lächelnd bei,„werde ich für meine Perſon Gillonne rufen und mich zu Bette begeben; denn ich ſchwöre, Sire, ich bin nicht dieje⸗ ig uns Dreien, welche am wenigſten der Ruhe edarf.“ Heinrich hatte Geiſt, vielleicht ein wenig zu viel Geiſt: ſeine Freunde und ſeine Feinde warfen es ihm wenigſtens ſpäter vor. Aber er begriff, daß die⸗ jenige, welche ihn von dem ehelichen Lager verbannte, hiezu das Recht durch die von ihm gegen ſie an den Tag gelegte Gleichgültigkeit erlangt hatte. Ueberdies rächie ſich Margarethe für dieſe Gleichgültigkeit da⸗ durch, daß ſie ihm das Leben retiete. Er antwortete alſo ohne Eigenliebe: „Madame, wenn Herr de La Mole im Stande wäre, in mein Zimmer zu gehen, ſo würde ich ihm mein eigenes Bett anbieten.“ „Ja,“ verſetzte Margarethe,„aber Euere Woh⸗ nung kann in dieſem Augenblicke weder Euch, noch Herrn de La Mole ſchützen, und die Klugheit heiſcht, daß Euere Majeſtät bis morgen hier bleibt.“ Und ohne die Antwort des Königs abzuwarten, rief ſie Gillonne, ließ die Kiſſen für den König und zu den Füßen des Königs ein Bett für La Mole bereiten, der durch vieſe Ehre ſo glücklich und zufrieden zu ſein ſchien, daß man geſchworen hätte, er fühlte ſeine Wunden nicht mehr. ——— 223 Margarethe machte dem König eine cermoniöſe Verbeugung und legte ſich, in ihr Zimmer zurückge⸗ kehrt, das auf allen Seiten gut verriegelt wurde, ſogleich zu Bette. „Nunmehr,“ ſagte Margarethe zu ſich ſelbſt, „nunmehr iſt es nöthig, daß Herr de La Mole mor⸗ gen einen Beſchützer im Louvre bekommt, und wer dieſen Abend taube Ohren gemacht hat, wird es mor⸗ gen bereuen.“ Dann gab ſie Gillonne, welche auf ihre letzten Beſehle wartete, ein Zeichen, dieſe zu empfangen. Gillonne näherte ſich. „Gillonne,“ ſagte ſie leiſe zu ihr,„mein Bru⸗ der, der Herzog von Alengon, muß morgen unter ir⸗ gend einem Vorwande Luſt haben, vor acht Uhr hieher zu kommen.“ Es ſchlug zwei Uhr im Louvre. La MWole ſprach noch einen Augenblick über poli⸗ tiſche Dinge mit dem König, der allmählig entſchlief und bald ſo laut ſchnarchte, als läge er in ſeinem Federbette in Bearn. La Mole hätte vielleicht geſchlafen wie der König, aber Margarethe ſchlief nicht. Sie drehte ſich in ihrem Bette hin und her, und dieſes Geräuſch ſtörte die Gedanken und den Schlummer des jungen Mannes. „Er iſt ſehr jung,“ murmelte Wargarethe in ihrer Schlaflofigkeit;„er iſt ſehr ſchüchtern, vielleicht iſt er ſogar. man muß vas ſehen, vielleicht iſt er ſo⸗ gar lächerlich;„ jedoch ſchöne Augen, gut ge⸗ wachſen, viele Reize; wenn er aber nicht mu⸗ thig wäre! Er floh er ſchwört ab vas iſt ärgerlich;.. der Traum fing gut anz.. vorwärts Laſſen wir den Dingen ihren Lauf und bauen wir auf ven vreifachen Gott der tollen Henriette.“ Gegen Tag entſchlief endlich Margarethe, Eros, Cupido, Amor murmelnd. * XV. Der Frauen Wille iſt Gottes Wille. Margarethe hatte ſich nicht getäuſcht. Der durch dieſe Komödie, deren Intrigne ſie ſah, ohne die Macht zu befitzen, etwas an der Entwickelung zu ändern, in dem Innern von Catharina aufgehäufte Zorn mußite ſich auf irgend Jemand ausſtrömen. Statt in ihre Gemächer zurückzukehren, ſtieg die Königin Mutter unmittelbar zu ihrer Kammerdame hinauf. Frau von Sauve erwartete zwei Beſuche; ſie hoffte auf den von Heinrich, ſie fürchtete den der Kö⸗ nigin Mutter. Halb ausgekleidet in ihrem Bette, hörte ſie, während Dariole im Vorzimmer wachte, einen Schlüſſel im Schloſſe drehen, und ſodann Tritte ſich nähern, welche ſchwer geſchienen haben müßten, wären ſie nicht durch die dicken Teppiche gedämpft worden. Sie erkannte darin nicht den leichten, eiligen Gang von Heinrich, vermuthete, man würde Dariole hin⸗ dern, ſie zu benachrichtigen, und wartete, das Ange und das Ohr geſpannt, auf ihre Hand geftützt. Der Thürvorhang wurde auf die Seite geſchoben und die junge Frau ſah mit Beben Catharina von Medicis eintreten. Catharina erſchien ruhig, aber Frau von Sauve, ſeit zwei Jahren daran gewöhnt, ſie zu ſtudiren, be⸗ griff, was dieſe ſcheinbare Ruhe an finſteren Gedanken und vielleicht an grauſamen Racheplänen verbarg. Frau von Sauve wollte, als ſie Catharina er⸗ blickte, aus dem Bette ſpringen, aber Catharina hob den Finger und bezeichnete ihr dadurch, ſie ſolle blei⸗ ben. Die arme Charlotte verharrte, gleichſam an ihren Platz gefeſſelt, und raffte innerlich alle Kräfte 8 d —————— c ihrer Seele zuſammen, um dem Sturme Trotz zu hieten, der ſich ſtillſchweigend vorbereitete. „Habt Ihr dem König von Navarra den Schlüſ⸗ ſel zukommen laſſen 2. fragte Catharina, ohne daß der Ton ihrer Stimme irgend eine Bewegung andeutete; denn dieſe Worte wurden nur mit Lippen geſprochen, welche immer mehr erbleichten. „Ja, Madame,“ antwortete Charlotte mit einer Stimme, die ſie vergebens ſo ruhig zu machen ſuchte, als es die von Catharina war. „Und Ihr habt ihn geſehen?“ „Wen?“ fragte Frau von Sauve. „Den König von Navarra.“ „Nein, Madame, aber ich erwarte ihn und glaubte ſogar, als ich einen Schlüſſel im Schloſſe drehen hörte, er käme.“ Bei dieſer Antwort, welche auf Seiten von Frau von Sauve entweder ein vollkommenes Zutrauen oder den höchſten Grad von Verſtellung andeutete, konnte ſich Catharina eines leichten Bebens nicht erwehren. Sie zog krampfhaſt ihre fette, kurze Hand zuſammen. „Und Du wußteſt doch wohl,“ ſagte ſie mit ihrem boshaften Lächeln,„Du wußteſt wohl, Charlotte, daß der König von Navarra in dieſer Nacht nicht kommen würde?“ „Ich! Madame, ich wußte dies!“ rief Char⸗ lotte mit einem Ausdrucke vortrefflich geſpielten Er⸗ ſtaunens. „Ja, Du wußteſt es.“ „Uim nicht zu kommen,“ verſetzte die junge Frau, ſchon bei dieſer Vorausſetzung ſchauernd,„um nicht zu kommen, muß er todt ſein.“ Den Muth, ſo zu lügen, gab Charlotte einzig und allein die Gewißheit einer furchtbaren Rache, falls ihr kleiner Verrath entdeckt würde. „Du haſt alſo nicht an den König von Navarra —————— ————— geſchrieben, min Carlotta?“ fragte Catharina mit demſelben ſtillen, grauſamen Lächeln. „Nein, Madame,“ antwortete Charlotte mit be⸗ wunderungswürdig naivem Tone;„Eure Maieſtät hatte mir das, wie es mir ſcheint, nicht geſagt.“ Es trat einen Augenblid ein Stillſchweigen ein, während deſſen Catharina Frau von Sauve anſchaute, wie die Schlange den Vogel anſchaut, den ſie blen⸗ den will. „Du häliſt Dich für ſchön,“ ſagte Catharina, „Du hältſt Dich für geſchickt, nicht wahr?“ „Nein, Madame,“ antwortete Charlotte,„ich weiß nur, daß Euere Majeſtät zuweilen äußerſt nach⸗ fichtig gegen mich geweſen iſt, wenn es ſich um meine Schönheit und um meine Geſchicklichkeit handelte.“ „Wohl,“ ſprach Catharing lebhaft,„Du käuſchteſt Dich, wenn Du das glaubteſt, und ich log, wenn ich es Dir ſagte. Du biſt nur eine Alberne und eine Häß⸗ liche neben meiner Tochter Margot.“ „Oh! das iſt ſehr wahr, Madame,“ ſprach Char⸗ lotte,„und ich würde es nie verſuchen, es zu leugnen, beſonders nicht gegen Euch.“ „Auch gibt der König von Navarra,“ fuhr Ca⸗ tharina fort,„meiner Tochter bedeutend den Vorzug vor Dir, und es war dies, wie ich glaube, nicht, was Du wollteſt und was wir unter uns verabredet hatten.“ „Ach! Madame,“ verſetzte Charlotte, diesmal in ein Schluchzen ausbrechend, ohne daß ſie ſich Gewalt anzuthun nöthig hatte,„wenn es ſich ſo verhält, bin ich ſehr unglücklich.“ „So verhält es ſich,“ erwiederte Catharina und bohrte wie einen doppelten Dolch den doppelten Strahl ihrer Augen in das Herz von Frau von Sauve. „Aber was bringt Euch zu dieſem Glauben?“ fragte Charlotte. „Gehe zu der Königin von Navarra hinab, und Du wirſt dort Deinen Liebhaber finden.“ „ ni n „ 3 es m ſe 4 C d ſe L u 5 w d n n o b — „Oh!“ ſeufzty Frau Latharina zückte die Achſeln. „Biſt Du zufällig eiferſüchtig?“ fragte die Kö⸗ nigin Mutter. „Ich?“ ſprach Frau von Sauve, ihre ganze 4& V — Kraft, die ſie zu verläſſen drohte, zuſammenfaſſend. „Ja, Du! ich wäre neugierig, die Eiferſucht ei⸗ ner Franzöſin zu ſehen.“ „Aber, Euere Majeſtät,“ ſprach Frau von Sauve, „wie ſoll ich anders eiferſüchtig ſein, als aus Eitelkeit. Ich liebe den König von Navarra nur ſo viel, als es für den Dienſt Euerer Majeſtät nothwendig iſt.“ Catharina ſchaute ſie einen Augenblick mit träu⸗ meriſchen Augen an. „Was Du mir da ſagſt, kann im Ganzen wahr ſein,“ murmelte ſie. „Euere Majeſtät lieſt in meinem Herzen.“ 4„Und dieſes Herz iſt mir ganz ergeben?“ „Befehlt, Madame, und urtheilt ſodann.“ 4 „Wohl, da Du Dich meinem Dienſte opferſt, 6 Charlotte, ſo mußt Du, ſtets für meinen Dienſt, in den König von Navarra ſehr verliebt und beſonders ſehr eiferfüchtig ſein, eiferſüchtig wie eine Italienerin.“ „Aber, Madame,“ ſagte Charlotte,„auf welche Weiſe iſt eine Jtalienerin eiferſüchtig?“ „Ich werde es Dir ſagen,“ verſetzte Catharina, 13 und nachvem ſie zwei⸗ bis dreimal den Kopf von oben nach unten bewegt hatte, entfernte ſie ſich ſtille und langſam, wie ſie gekommen war. ₰ Beunruhigt durch den klaren Blick dieſer Augen, welche erweitert waren, wie die der Katze oder die des Panthers, ohne daß dieſe Erweiterung ihnen et⸗ was von ihrer Tiefe benahm, ließ Charlotte die Kö⸗ nigin weggehen, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, ohne ſogar ihrem Hauche die Freiheit zu laſſen, ſich hörbar zu machen, und athmete erſt wieder, als ſie vrnahm, wie die Thüre hinter Catharina ſich ſchloh, — und Dariole krſchien, um ihr zu melden, die furcht⸗ bare Erſcheinung ſei verſchwunden. „Dariole,“ ſagte ſie dann zük ihr,„ziehe einen Lehnſtuhl an mein Bett und bringe die Nacht darin z. bitte Dich; denn ich wage es nicht, allein zu eiben.“ Dariole gehorchte, aber trotz der Geſellſchaft ihrer Kammerfrau, welche bei ihr verweilte, trotz des Lich⸗ tes der Lampe, das ſie zu größerer Ruhe angezündet zu laſſen befahl, entſchlief Frau von Sauvre erſt bei Tage, ſo lärmte in ihrem Ohre der metalliſche Klang der Stimme von Catharina. Obgleich in dem Augenblicke entſchlummert, wo der Tag zu erſcheinen anfing, erwachte Marga⸗ rethe doch bei dem erſten Tone der Trompeten, bei dem erſten Gebelle der Hunde. Sie ſtand auch ſo⸗ gleich auf und kleidete ſich in ein unendlich reizendes Negligs. Dann rief ſie ihre Frauen, ließ in ihr Vorzimmer die Edelleute vom Dienſte des Königs von Navarra einführen, öffnete ſofort die Thüre, welche unter demſelben Schlüſſel Heinrich und de La Mole einſchloß, gab dieſem mit dem Blicke einen zärtlichen ſuh Morgen, rief ihren Gatten herbei und ſagte zu m „Auf, Sire, es iſt nicht Alles dadurch gethan, vaß wir meine Mutter glauben gemacht haben, was nicht geſchehen, Ihr müßt auch Euern ganzen Hof von dem vollkommenen Einverſtändniß überzeugen, das unter uns herrſcht. Aber ſeid unbeſorgt,“ fügte ſie lächelnd bei,„und behaltet wohl meine Worte, welche die Um⸗ ſtände beinahe feierlich machen. Heute iſt es das letzte ich Euere Majeſtät auf dieſe grauſame Probe elle. Der König von Navarra lächelte und befahl ſeine Edelleute einzuführen. In dem Augenblick, wo ſie ihn begrüßten, gab er ſich den Anſchein, als bemerkte er jetzt erſt, daß — er 68 er—— pcS— 8 len ſein Mantel auf dem Bette der Königin geblieben war. Er entſchuldigte ſich, daß er ſie ſo empfangen habe⸗ nahm ſeinen Mantel aus den Händen der erröthenden Margarethe und befeſtigte ihn auf ſeiner Schulter. Dann wandte er ſich wieder gegen die Edelleute um und fragte ſie nach Neuigkeiten aus der Stadt und vom Hofe. Margarethe gewahrte aus einem Winkel ihres Auges das unmerkliche Erſtaunen, welches das innige Verhältniß, das ſich zwiſchen dem König und der Königin von Navarra kundgab, auf den Geſich⸗ tern der Herren hervorbrachte, als ein Huiſſier, ge⸗ folgt von drei bis vier Edelleuten, eintrat und den Herzog von Alengon meldete. Um ſein Erſcheinen zu bewirken, brauchte Gil⸗ lonne ihm nur mitzutheilen, der König habe die Nacht bei ſeiner Gemahlin zugebracht. Franz trat ſo raſch ein, daß er diejenigen, welche vor ihm hergingen, auf die Seite ſchiebend, ſie beinahe niederwarf. Sein erſter Blick galt Heinrich; Marga⸗ rethe bekam den zweiten. Heinrich antwortete durch einen höflichen Gruß. Margarethe verlieh ihrem Geſichte den Ausdruck der vollkommenſten Heiterkeit. Mit einem andern unbeſtimmten, aber forſchenden Blicke umfaßte nun der Herzog das ganze Zimmer. Er ſah das in Unordnung gebrachte Bett, das einge⸗ drückte doppelte Kovpfkiſſen, den auf einen Stuhl ge⸗ worfenen Hut des Königs. Der Herzog aber raſch ſich wieder faſ⸗ ſend, ſagte er: „Mein Bruder Krich⸗ ſpielt Ihr dieſen Wen Ball mit dem König? „Erweiſt mir 3 König die Ehre, mich dazu zu wählen?“ fragte Heinrich,„oder iſt es nicht eine Auf⸗ merkſamkeit von Eurer Seite, mein Schwager?“ „Nein, der König hat nicht hievon g Kdnigin Margot. 1. 230 ſagte der Herzog ein wenig verlegen;„aber ſeid Ihr nicht von ſeiner gewöhnlichen Partie?“ Heinrich lächelte, denn es waren ſeit ſeiner letzten Partie mit dem König ſo viele und ſo ernſte Dinge vorgefallen, daß es nicht zum Erſtaunen geweſen wäre, jei Karl 1X. ſeine gewöhnlichen Spieler gewechſelt ätte. „Ich gehe, mein Bruder,“ ſprach Heinrich lächelnd. „Kommt,“ verſetzte der Herzog. „Ihr geht?“ fragte Margarethe. „Ja, meine Schweſter.“ „Habt Ihr ſo große Eile?“ „Allerdings.“ „Wenn ich jedoch ein paar Minuten von Euch verlangen würde?“ Ein ſolches Verlangen war ſo ſelten in dem Munde von Margarethe, daß ihr Bruder ſie abwechſelnd er⸗ röthend und erbleichend anſchaute. „Was will ſie ihm ſagen?“ dachte Heinrich, nicht minder erſtaunt als der Herzog von Alencon. Margarethe, als hätte ſie den Gedanken ihres Gemahls errathen, wandte ſich gegen ihn um und ſagte mit einem reizenden Lächeln: „Mein Herr, Ihr könnt Euch zu Seiner Majeſtät begeben, wenn es Euch gefällt; denn das Geheimniß, das ich meinem Bruder zu enthüllen habe, iſt Euch be⸗ reits bekannt, da die Bitte, die ich hinſichtlich dieſes Geheimniſſes an Euch richtete, von Eurer Majeſtät beinahe abgeſchlagen worden iſt. Ich wünſchte Eure Majeſtät nicht zum zweiten Male dadurch zu ermüden, daß ich in ihrer Gegenwart einen Wunſch ausſprechen würde, der ihr unangenehm zu ſein geſchienen hat.“ „Was iſt es denn?“ fragte Franz, Beide ver⸗ wundert anſchauend. „Oh, oh!“ ſprach Heinrich, vor Aerger erröthend. „Ich weiß, was Ihr ſagen wollt, Madame. In der That, ich bedaure, nicht freier zu ſein; aber kann ich — 8— — S— — hr en ge re, elt nd. uch de er⸗ cht res ind ſtät iß, be⸗ ſes ſtät en, — 231 Herrn de La Mole nicht eine Gaftfreundſchaft geben, die ihm keine Sicherheit bieten würde, ſo will ich nichts deſto weniger nach Euch meinem Bruder Alencon die Perſon empfehlen, für welche IhrEuchintereſ⸗ firt. Vielleicht,“ fügte er bei, um den Worten, die wir geſperrt haben, noch mehr Kraft zu geben, „vielleicht findet mein Bruder ſogar einen Gedanken, der Euch Herrn de La Mole hier bei Euch zu hehalten geſtattet, was wohl beſſer wäre, als Alles, nicht wahr, Madame?“ „Gut, gut,“ ſagte Margarethe zu ſich ſelbſt,„ſie werden zu zwei thun, was weder der Eine noch der Andere allein gethan hätte.“ Und ſie öffnete die Thüre des Cabinets und ließ ven jungen Verwundeten heraustreten, nachdem ſie zu Heinrich geſagt hatte: „Es iſt Eure Sache, mein Herr, meinem Bruder zu erklären, warum wir uns für Herrn de La Mole intereſſiren.“ Durch dieſe Liſt gefangen, erzählte Heinrich dem Herzog von Alencon, der aus Oppoſſition halb Prote⸗ ſtant war, wie Heinrich aus Klugheit halb Katholik, die Ankunft von La Mole in Paris, und wie der junge Mann, als er ihm einen Brief von Herrn d'Auriac hatte bringen wollen, verwundet worden war. Der Herzog wandte ſich um und La Mole ſtand vor ihm. Als Franz ihn ſo ſchön, ſo bleich und folglich vurch ſeine Schönheit und Bläſſe doppelt verführeriſch ſah, fühlte er, wie ein neuer Schrecken ſich ſeines Her⸗ zens bemächtigte. Margarethe faßte ihn zugleich bei der Eiferſucht und bei der Eitelkeit. Mein Bruder„ſagte ſie zu ihm,„dieſer junge Edelmann wird demjenigen, der ihn zu verwenden weiß, nützlich ſein, dafür ſtehe ich. Nehmt Ihr ihn bei Euch auf, ſo wird er in Euch einen mächtigen 232 Herrn und Ihr werdet in ihm einen ergebenen Diener finden. In dieſen Zeitläuften, mein Bruder, muß man ſich mit ſichern Menſchen umgeben, beſonders,“ fügte ſie die Stimme ſo ſehr dämpfend bei, daß nur der Herzog von Alengon ſie hören konnte,„wenn man ehr⸗ geizig iſt und das Unglück hat, nur der dritte Sohn von Frankreich zu ſein.“ Sie legte einen Finger auf den Mund, um Franz anzudeuten, daß ſie, troß dieſer Eröffnung noch einen wichtigen Theil ihres Gedankens für ſich behielte. „Sodann,“ ſprach ſie,„werdet Ihr vielleicht im Widerſpruche mit Heinrich finden, daß es nicht ſchick⸗ lich iſt, wenn dieſer junge Mann ſo nahe bei meinen Gemächern verweilt.“ „Meine Schweſter,“ erwiederte Franz lebhaft, „Herr de La Mole, wenn es ihm gefällt, wird in einer halben Stunde in meiner Wohnung, wo er, glaube ich, nichts zu befürchten hat, einquartiert ſein. Er liebe mich und ich werde ihn lieben.“ Franz log, denn er haßte bereits La Mole im Grunde ſeines Herzens. „Gut, gut, ich täuſchte mich alſo nicht,“ murmelte Margarethe, als ſie den König von Navarra die Stirne runzeln ſah.„Ahl um den Einen und den Andern von Euch zu leiten, muß man den Einen durch den Andern leiten.“ Dann ihren Gedanken ergänzend, fuhr ſie fort: „Vorwärts, vorwärts, gut, Margarethe, würde Henriette ſagen.“ La Mole, von Margarethe gehörig unterrichtet, küßte dieſer wirklich eine halbe Stunde nachher den Saum ihres Kleides und ſtieg ziemlich behende für einen Verwundeten die Treppe hinauf, welche zu dem Herzog von Alencon führte. 5 Es vergingen mehrere Tage, während welcher die Eintracht zwiſchen Heinrich und ſeiner Gemahlin ſich immer mehr zu befeſtigen ſchien. Heinrich hatte es 233 ener dahin gebracht, daß er nicht öffentlich abſchwören man mußte; aber er hatte in die Hände des Beichtvaters ügte des Königs Verzicht geleiſtet und hörte jeden Morgen der die Meſſe, die man im Louvre las. Abends ſchlug er ehr⸗ zum Scheine den Weg nach den Gemächern ſeiner ohn Gemahlin ein, ging durch die große Thüre, plauderte einige Augenblicke mit ihr, entfernte ſich dann wieder ranz durch die kleine geheime Thüre und begab ſich zu Frau inen von Sauve, die ihn von dem Beſuche von Catharina und von der unbeſtreitbaren Gefahr, welche ihn be⸗ im drohte, in Kenntniß zu ſetzen nicht verfehlt hatte. Von hick⸗ zwei Seiten unterrichtet, verdoppelte Heinrich ſein inen Mißtrauen in Beziehung auf die Königin Mutter und dies mit um ſo mehr Grund, als das Geſicht von t Catharina unmerklich ſich zu entrunzeln anfing. Es iner geſchah ſogar eines Morgens, daß Heinrich auf ihren ich, bleichen Lippen ein wohlwollendes Lächeln wahr⸗ iebe † nahm. An dieſem Tage entſchloß er ſich nur mit der größten Mühe, etwas Anderes zu eſſen, als Eier, die im er ſelbſt hatte ſieden laſſen, und etwas Anderes zu trinken, als Waſſer, das er in ſeiner Gegenwart aus elte der Seine hatte ſchöpfen ſehen. irne Die Metzeleien dauerten fort, waren aber nichtsdeſto⸗ ern weniger dem Erlöſchen nahe. Man hatte eine ſo große den Schlächterei mit den Hugenotten vorgenommen, daß ihre Zahl bedeutend zuſammengeſchmolzen war. Die meiſten waren todt, viele hatten die Flucht ergriffen, rde einige hielten ſich noch verborgen. Von Zeit zu Zeit 2 erhob ſich ein gewaltiges Geſchrei in dieſem oder tet) jenem Quartiere. Dies geſchah, wenn man einen den von ihnen entdeckt hatte. Die Hinrichtung wurde für ſovann heimlich oder öffentlich vorgenommen, je nach⸗ em dem der Unglückliche in einem Orte ohne Ausgang verborgen war oder fliehen konnte. Im letzten Falle die herrſchte eine große Freude in dem Quartiere, wo das fich Freigniß vorfiel, denn flatt fich durch die Vertilgung es* ihrer Feinde zu beruhigen, wurden die Katholiken im⸗ 234 mer wilder, und je weniger übrig blieben, deſto mehr ſchienen ſie erbittert auf dieſe unglücklichen Reſte. Karl IX. hatte ein großes Vergnügen an der Jagd auf Hugenotten gefunden. Als er nicht mehr ſelbſt zu jagen fortfahren konnte, ergötzte er ſich an dem Lärmen der Jagd Anderer. Eines Tages von dem Mailleſpiele zurückkehrend, das nebſt dem Ballſpiele und der Jagd ſein Lieblings⸗ vergnügen war, trat er mit ſtrahlendem Antlitz, gefolgt von ſeinen gewöhnlichen Höflingen, bei ſeiner Mutter ein. „Meine Mutter,“ ſagte er, die Florentinerin um⸗ armend, welche, als ſie dieſe Freude gewahr wurde, ſogleich auch die Urſache derſelben zu errathen ſuchte, „meine Mutter, frohe Kunde! Mord und Teufel! wißt Ihr etwas? das erhabene Gerippe des Herrn Admirals, das man verloren glaubte, iſt wiedergefunden.“ „Ah! ah!“ rief Catharing. „Oh! mein Gott, ja. Nicht wahr, Ihr dachtet, wie ich, meine Mutter, die Hunde hätten ihr Hochzeits⸗ mahl damit gemacht? Mein Volk, mein liebes Volk, mein gutes Volk hatte einen Gedanken: es hing den Admiral an den Galgen von Montfaucon. De haut en pbas Gaspard on a jeté, Et puis de bas en haut on l'a monté.*) „Nun?“ ſprach Catharina. „Nun wohl, meine gute Mutter,“ verſetzte Karl IX., „ſeitdem ich weiß, daß er todt iſt, habe ich immer Luſt gehabt, den lieben Mann wiederzuſehen. Es iſt ſchön Wetter, Alles ſcheint mir heute in Blüthe zu ſtehen. Die Luft iſt voll Leben und Wohlgeruch; ich befinde mich, wie ich mich nie befunden habe. Wenn Ihr wollt, meine Mutter, ſo ſteigen wir zu Pferde und reiten nach Montfaucon.“ „Ich würde dies ſehr gerne thun, mein Sohn,“ *) Man hat Gaspard(der Name des Admirals) von oben nach unten geworfen, und dann wieder von unten nach oben gezogen. 235 nehr ſagte Catharina,„wenn ich nicht eine Beſtellung gemacht hätte, die ich nicht verfehlen darf. Stattet man einem der ſo wichtigen Mann, wie dem Admiral, einen Beſuch ab,“ nehr fügte ſie bei,„ſo muß man den ganzen Hof mit ſich an nehmen. Das wird eine gute Gelegenheit für Beob⸗ * achter ſein, um ſeltſame Beobachtungen anzuſtellen. Wtr end, werden ſehen, wer kommen und wer bleiben wird.“ 8⸗„Ihr habt meiner Treue Recht, meine Mutter. olgt Morgen alſo, das iſt beſſer! Macht Eure Einla⸗ ein. dungen, ich mache die meinigen, oder wir laden viel⸗ um⸗ mehr Niemand ein. Wir ſagen nur, wir werden da⸗ rde, hin gehen, und es iſt ſodann Jedem freigeſtellt, nach hte, Belieben zu handeln. Goti befohlen, meine Mutter, vißt ich will Horn blaſen.“ als,„Ihr werdet Euch erſchöpfen, Karl. Ambroiſe Paré ſagt es Euch unabläſſig, und er hat Recht; dieſe üebung iſt zu anſtrengend für Euch.“ btet, †„Bah, bah, bah!“ ſprach Karl,„ich wollte, ich its⸗ wüßte gewiß, daß ich nur hieran ſterben würde; ich olk, dürfte Jedermann hier begraben, ſelbſt Henriot, der den eines Tags uns Alle beerben ſoll, wie Noſtradamus Catharina runzelte die Stirne und erwiederte: „Mein Sohn, mißtraut vor Allem den Dingen, behauptet.“ welche unmöglich ſcheinen, und ſchont Euch mittlerweile.“ X.,„Nur ein paar Fanfaren, um meine Hunde zu mer erfreuen, die ſich zum Sterben langweilen. Die armen Es Thiere! Ich hätte ſie auf die Hugenotten loslaſſen zu ſollen, das würde fie erquickt haben.“ ich Und Karl IX. verließ das Zimmer ſeiner Mutter, enn trat in ſein Waffencabinet, nahm ein Horn von der erde Wand und blies mit einer Kraft, die Roland ſelbſt Ehre gemacht hätte. Es war nicht zu begreifen, wie , aus dieſem ſchwächlichen, kränklichen Körper und von dieſen bleichen Lippen ein ſo mächtiger Hauch kommen ben konnte. nach Eatharina erwartete wirklich Jemand, wie ſie ih⸗ 226 rem Sohne geſagt hatte. Einen Augenblick, nachdem dieſer weggegangen war, trat eine von ihren Frauen ein und ſprach leiſe mit ihr. Die Königin lächelte, die Perſonen ihres Hofes und folgte der ötin. von Navarra am St. Bartholomäus⸗Abend ſo diplo⸗ matiſch empfangen hatte, war in ihr Betzimmer ein⸗ getreten. „Ah! Ihr ſeid es, René.“ ſagte Catharina zu ihm, „ich erwartete Euch mit Ungeduld.“ René verbeugte ſich. „Ihr habt geſtern die Zeile erhalten, die ich Euch ſchrieb?“ „Ich habe dieſe Ehre gehabt.“ „Habt Ihr, wie ich Euch dies hieß, den Beweis des von Roggieri geſtellten Horoskops wiederholt, dieſes Horoskops, das ſo ſehr mit der Prophezeiung von Noſtradamus in Einklang ſteht, welcher behauptet, meine Söhne werden alle Drei regieren? Seit einigen Tagen haben ſich die Dinge bedeutend verändert, Rens, und ich dachte, die Geſchicke wären möglicher Weiſe weniger bedrohlich geworden.“ „Madame,“ antwortete René, den Kopf ſchüttelnd, „Eure Majeſtät weiß wohl, daß die Dinge das Ge⸗ ſchick nicht veränrern, ſondern daß das Geſchick im Gegentheil die Dinge regiert.“ „Doch Ihr habt nichtsdeſtoweniger das Opfer erneuer?“ „Ja, Madame,“ antwortete René,„denn Euch gehorchen, iſt meine erſte Pflicht.“ „Und das Reſultat?“ „Iſt daſſelbe geblieben, Madame.“ „We? das ſchwarze Lamm hat ebenfalls ſeine drei Sch eie ausgeſoßen.“ „Ebenfalls, Madame.“ Der Florentiner René, derſelbe, den der König m en te, er 0⸗ n⸗ n, is ü, t, ne 8— 237 „Ein Zeichen von drei grauſamen Todesfällen in meiner Familie?“ murmelte Catharina. „Leider!“ ſprach René. 6 „Aber ferner?“ „Ferner, Madame, fand ſich in den Eingeweiden die ſeltſame Abweichung der Leber, die wir bereits bei den zwei erſten wahrgenommen haben; ſie hatte eine umgekehrte Lage.“„. „Veränderung der Dynaſtie. Immer, immer, immer,“ murmelte Catharina.„Man wird das je⸗ doch verändern müſſen, Rene“ fuhr ſie fort. René ſchüttelte den Kop und erwiederte:„Ich habe Eurer Majeſtät bereits geſagt, das Schickſal regiert.“ „Iſt das Deine Meinung?“ „Ja, Madame.“ „Crinnerſt Du Dich des Horoskops von Johanna von Albret?“ „Ja, Madame., „Wiederhole es mir ein wenig, ich habe es ver⸗ geſſen.“ „Vjves honorata ſprach René,„morieris re- tormiddta, retzina ampliicabere.“ „Das heißt, glaube ich,“ verſetzte Catharina: „Du wirſt geehrt leben, und es fehlte der armen Frau am Nothwenvigſten! Du wirſt gefürchtet ſterben, und wir ſpotteten Alle über ſie. Du wirſt größer ſein, als Du als Königin geweſen bi ſt, und ſie ſtarb und chre Größe ruht in einem Grabe, auf das wir ihren Namen zu fetzen vergeſſen haben.“ „Madame, Eure Majeſtät überſetzt die Worte vives honorata ſchlecht. Die Königin von Navarra lebte wirklich geehrt, denn fie erfreute ſich während ihres Lebens der Liebe ihrer Kinder und der Achtung ihrer Anhänger, einer um ſo aufrichtigeren Liebe und Achtung„ je ärmer ſie war.“ „Ja,“ ſprach Catharina,„ich will Euch das: Du wirſt geehrt leben, hingehen laſſen; aber Du groß werden, oder 238 morieris reformidata, laßt hören, wie werdet Ihr mir das erklären?“ „Wie ich Euch das erklären werde? nichts leich⸗ ter. Du wirſt gefürchtet ſterben.“ „Nun wohl! iſt ſie gefürchtet geſtorben?“ „So gefürchtet, Madame, daß ſie nicht geſtorben wäre, wenn Eure Majeſtät nicht Furcht vor ihr ge⸗ habt hätte. Endlich; als Königin wirſt Pu wirſt größer ſein, als Du als Königin geweſen biſt; was aber⸗ mals wahr iſt, Madame, denn für die vergängliche Krone hat ſie nun wohl als Königin und Märtyrerin die himmliſche Krone empfangen, und wer weiß über⸗ dies, welche Zukunft ihrem Geſchlechte auf Erden vor⸗ behalten iſt.“ Catharina war in höchſtem Maße abergläubiſch. Sie erſchrack vielleicht mehr noch über die Beharrlich⸗ keit von René, als über die Beharrlichkeit der Prophe⸗ zeiungz und da für fſie ein ſchlimmer Schritt Gelegen⸗ heit war, kühn über die Lage der Dinge wegzuſprin⸗ gen, ſo ſagte ſie plötzlich und ohne einen Uebergang, außer der ſtummen Arbeit ihrer Gedanken, zu René; „Sind Parfums aus Italien angekommen?“ „Ja, Madame.“ „Ihr ſchickt mir ein Kiſſchen voll.“ „Von welchen?“ „Von den letzten, von denen„ Catharina hielt inne. „Von denen, welche die Königin von Navarra beſonders liebte?“ fragte René. „Allerdings.“ „öch habe nicht nöthig, ſie zu bereiten, nicht denn Eure Majeſtät iſt jetzt ſo gelehrt als i Findeſt Du?“ ſagte Catharina;„ſie ſchlagen wirklich an? ——— en e⸗ n, he in r⸗ . 1. „ 6 2³9 „Hat mir Eure Majeſtät nichts mehr zu ſagen 20 ſprach der Parfumeur. „Nein, nein,“ erwieverte Catharina nachdenkend; „ich glaube wenigſtens nicht. Wenn ſich indeſſen ir⸗ gend etwas Neues in den Opfern fände, ſo thut es mir gelegentlich zu wiſſen. Laſſen wir die Lämmer und verſuchen wir es mit Hühnern.“ „Ach! Madame, ich befürchte, das Opfer verän⸗ dernd, werden wir nichts an den Weiſſagungen ändern.“ „Thue, was ich Dir ſage.“ Zene verbeugte ſich und trat ab. Catharina blieb einen Augenblick in Gedanken verſunken ſitzen. Dann ſtand ſie ebenfalls auf und kehrte in ihr Schlafgemach zurück, wo ſie von ihren Frauen erwartet wurde und auf den andern Tag die Pilgerfahrt nach Montfaucon ankündigte. Die Kunde von dieſer Luſtpartie bildete für den ganzen Abend das Geräuſch des Palaſtes und das Gerücht der Stadt. Die Damen ließen ihre zierlichſten Foiletten, die Herren ihre Waffen und ihre Parade⸗ pferde bereit halten. Die Kaufleute und Handwerker ſchloſſen ihre Buden und Werkſtätten und die Müßig⸗ gänger des Volkes tödteten da und dort einige für eine gute Gelegenheit aufgeſparte Hugenotten, welche eine paſſende Geſellſchaft für den Leichnam des Admirals geben ſollten. Es war ein gewaltiges Getöſe den Abend und einen großen Theil der Nacht hin⸗ durch. La Mole hatte den traurigſten Tag der Welt zu⸗ gebracht, und auf dieſen Tag waren drei bis vier andere nicht minder traurige gefolgt. Um den Wün⸗ ſchen von Margarethe zu gehorchen, hatte ihn der Her⸗ zog von Alencon bei ſich aufgenommen, aber ſeitdem nicht wieder geſehen. Er fühlte ſich plötzlich wie ein armes, verlaſſenes Kind, beraubt der zarten, liebe⸗ vollen Sorge zweier Frauen, von denen die eine in der das auf dem Wege Ambroiſe Paré bedeckte ſie mit gummirtem Taffet, Erinnerung allein beſtändig ſeine Gedanken verzehrte. Wohl bekam er durch den Wundarzt Ambroiſe Paré, den ſie ihm ſchickte, Nachrichten von ihr; aber über⸗ bracht von einem Manne von fünfzig Jahren, welcher nichts von dem Intereſſe von La Mole für die gering⸗ ſten Dinge, welche ſich auf Margarethe bezogen, wußte, waren dieſe Nachrichten ſehr unvollſtändig und ſehr ungenügend. Allerdings war Gillonne einmal, wohl⸗ verſtanden in ihrem eigenen Namen gekommen, um ſich nach dem Verwundeten zu erkundigen. Dieſer Beſuch hatte die Wirkung eines Sonnenſtrahles in ei⸗ nem Kerker hervorgebracht, La Mole war ganz davon geblendet, und erwartete beſtändig eine zweite Erſchei⸗ nung, welche, obgleich zwei Tage ſeit der erſten abge⸗ laufen waren, nicht kam. Als der Wiedergeneſende von der glänzenden Ver⸗ ſammlung des ganzen Hofes, die am andern Tage ſtattfinden ſollte, hörte, ließ er den Herzog von Alen⸗ Lon um die Gnade bitten, daran Theil nehmen zu dürfen. Der Herzog fragte nicht einmal, ob La Mole im Stande wäre, dieſe Anſtrengung zu ertragen, ſondern antwortete nur: „Gut, man gebe ihm eines von meinen Pferden.“ Das war Alles, was La Mole wünſchte. Meiſter Ambroiſe Pars kam wie gewöhnlich, um ihn zu ver⸗ binden. La Mole ſetzte ihm auseinander, daß er noth⸗ wendig zu Pferde ſteigen müſſe, und bat ihn, eine doppelte Sorgfalt bei Anlegung des Verbandes anzu⸗ wenden. Die zwei Wunden waren übrigens wieder geſchloſſen, ſowohl die der Bruſt, als die der Schulter; nur machte ihm die der Schulter noch Schmerzen. Beide waren friſchroth, wie es bei dem Fleiſche ſein muß, der Heilung begriffen iſt. Meiſter was zu jener Zeit bei ſolchen Fällen üblich war, und verſprach La Mole, die Sache würde ganz gut ab⸗ — ———— A1 laufen, vorausgeſetzt, daß er ſich bei dem Ausfluge nicht zu viel Bewegung machen würde. La Mole war voll Freude. Abgeſehen von einer gewiſſen Schwäche, verurſacht durch den Blutverluſt, und einer keichten Betäubung, welche hiemit in Ver⸗ bindung ſtand, fühlte er ſich ſo wohl, als es nur im⸗ mer ſein konnte. Ohne Zweifel würde Margarethe bei dieſer Cavalcade ſein; er würde Margarethe wie⸗ derſehen, und wenn er bedachte, wie wohl ihm der Anblick von Gillonne gethan hatte, ſo ſetzte er die viel größere Wirkſamkeit des Anblicks ſeiner Geliebten nicht in Zweifel. La Mole verwendete alſo einen Theil des Geldes, das er bei der Abreiſe von ſeiner Familie erhalten hatte, um das ſchönſte Wamms von weißem Atlas und vie reichſte Mantelſtickerei zu kaufen, die ihm der Schneider verſchaffen konnte, welcher damals am mei⸗ ſten in der Mode war. Derſelbe Menſch lieferte ihm auch noch parfumirte lederne Stiefeln, wie man ſie zu jener Zeit trug. Das Ganze wurde ihm nur eine halbe Stunde nach der Zeit gebracht, für welche La Mole es verlangt hatte, weshalb er nicht zu viel ſa⸗ gen konnte. Er kleidete ſich raſch an, beſchaute ſich im Spiegel, fand ſich anſtändig genug geputzt, frifirt und parfumirt, um mit ſich ſelbſt zufrieden zu ſein. Endlich verſicherte er ſich durch mehrere Gänge, die er raſch in ſeinem Zimmer machte, daß, abgeſehen von einigen ſehr lebhaften Schmerzen, das moraliſche Glück die körperlichen Unannehmlichkeiten zum Schweigen bringen würde. Während dieſe Scene im Louvre vorging, fand eine andere ähnlicher Art im Hotel Guiſe ſtatt. Ein großer Mann mit rothem Haare beſchaute vor einem Spiegel einen röthlichen Streifen, der ihm auf eine unangenehme Weiſe das Geſicht durchzog. Er malte und parfumirte ſeinen Schnurrbart, und während er malte und parfumirte, dehnte er über dem unglück⸗ 242 lichen Streifen, der trotz aller zu jener Zeit üblicher kosmetiſcher Mittel hartnäckig immer wieden erſchien, er dehnte, ſage ich, eine doppelte Lage von Weiß und Roth aus. Aber als die Anwendung ungenügend war, kam ihm ein Gedanke. Eine glühende Sonne, eine Auguſtſonne ſchoß ihre Strahlen in den Hof. Er ſtieg in dieſen Hof hinab, nahm ſeinen Hut in die Hand, ſtreckte die Naſe in die Luft und ging zehn Minuten lang, ſich freiwillig der verzehrenden Flamme aus⸗ welche in Strömen vom Himmel ſiel, auf und ab. Nach Verlauf von zehn Minuten hatte der Edel⸗ mann durch einen Sonnenſchein erſten Ranges ein Ge⸗ ſicht ſo glänzend, als es der rothe Streifen war, wel⸗ cher nun nicht mehr mit dem Uebrigen im Einklang ſtand und im Vergleich gelb erſchien. Unſer Edelmann war nicht minder wohl zufrieden mit dieſem Regenbogen, den er auf das Beſte durch eine Lage Zinnober, die er darüber ausbreitete, mit dem Reſte des Geſichtes vereinigte, wonach er ein prachtvolles Gewand anzog, das ihm ein Schneiver in das Zimmer legte, ohne daß er den Schneider verlangt hatte. So geſchmückt, parfumirt, von Kopf bis zu Fuß bewaffnet, ging er abermals in den Hof hinab und ſchmeichelte einem großen Rappen, veſſen Schönheit unvergleichlich geweſen wäre, ohne einen kleinen Einſchnitt nach Art des ſeines Herrn, den ihm bei einer der letzten bürgerlichen Schlachten der Sä⸗ bel eines Reiters beigebracht hatte. Nichtsdeſtoweniger von ſeinem Pferde eben ſo bezaubert, wie er es von ſich ſelbſt war, ſaß dieſer Edelmann, den unſere Leſer gewiß ohne Mühe erkannt haben, eine Viertelſtunde vor allen Andern im Sattel und ließ den Hof des Hotel Guiſe vom Gewieher ſei⸗ nes Pferdes wiederhallen, welches, während er ſich zum Meiſter ſeines Roſſes machte, Mordies aus allen Tonarten erwiederten. Nach einem Augenblick gewährte ———— — vas Pferd, völlig gezähmt, durch ſeine Geſchmeidigkeit und feinen Gehorſam der legitimen Herrſchaft ſeines Reiters völlige Anerkennung; aber dieſer Sieg war nicht ohne Geräuſch errungen worden und dieſes Ge⸗ räuſch(hierauf hatte unſer Edelmann vielleicht gerech⸗ net), zog eine Dame an das Fenſter, welche unſer Pferdebänviger mit einer tiefen Verbeugung grüßte und die ihm auf das Anmuthigſte zulächelte. Fünf Minuten nachher ließ Frau von Nevers ih⸗ ren Intendanten rufen. „Mein Herr,“ fragte ſie,„hat man dem Grafen Annibal von Coconnas ein anſtändiges Frühſtück vor⸗ geſetzt?“ „Ja, Madame,“ antwortete der Intendant,„er hat ſogar dieſen Morgen mit beſſerem Appetit gegeſſen, als gewöhnlich.“ „Gut, mein Herr,“ ſprach die Herzogin. Dann ſich gegen ihren erſten Edelmann umwen⸗ dend: „Herr d'Arguzon, gehen wir nach dem Louvre ab, und ich bitte, habt Euer Augenmerk auf den Herrn Grafen Annibal von Coconnas, denn er iſt verwun⸗ det und folglich noch ſchwach, und es ſoll ihm nicht um alle Welt ein Unglück geſchehen. Das würde das Gelächter der Hugenotten erregen, welche ihm ſeit je⸗ nem glücklichen Sanct⸗Bartholomäus⸗Abend grollen.“ Und Frau von Nevers ſtieg ebenfalls zu Pferde und ritt ganz ſtrahlend nach dem Louvre, wo der all⸗ gemeine Sammelplatz war. Der Rörper eines todten Feindes riecht immer gut. Es war zwei Uhr Nachmittags, als eine lange Reihe von Gold, Juwelen und prachtvollen Kleidern glänzender Cavaliere in der Rue Saint⸗Denis erſchien, an der Ecke des Cimetiere des Innocens ausmündete und ſich in der Sonne zwiſchen den zwei Zeilen dü⸗ ſterer Häuſer wie eine ungeheure Schlange mit ſtrah⸗ lenden Ringen entrollte. Keine Truppe, ſo reich ſie auch ſein mag, kann einen Begriff von dieſem Schauſpiel geben. Die präch⸗ tigen, glanzvollen ſeidenen Gewänder, die eine herr⸗ liche Mode von Franz I. ſeinen Nachfolgern vermachte, hatten ſich noch nicht in die engen, düſtern Kleider ver⸗ wandelt, welche unter Heinrich 1I1. eingeführt wurden, ſo daß das Coſtume von Karl 1X., vielleicht minder reich, aber wohl eleganter als die vorhergehender Epochen, in ſeiner vollen Harmonie prangte. In un⸗ ſern Tagen gibt es Nichts mehr, was ſich möglicher Weiſe mit einem ſolchen Zuge vergleichen ließe, denn wir ſind für unſere Parade⸗Herrlichkeiten auf die Sym⸗ metrie und die Uniform beſchränkt. Pagen, Stallmeiſter, Edelleute niedern Ranges, Hunde und Pferde machten, auf den Seiten und hin⸗ ten marſchirend, aus dem königlichen Cortége ein wah⸗ res Heer. Hinter dieſem Heere kam das Volk, oder das Volk war vielmehr überall. Geleite. Es ſchrie zu gleicher Zeit Willkommen und Zeter; denn man erkannte in dem Zuge mehrere aus⸗ geſöhnte Calviniſten, und das Volk iſt unverſöhnlich. Das Volk zog voraus und bildete zugleich das Am Morgen hatte Karl IX. in Gegenwart von 245 atharina und dem Herzog von Guiſe vor Heinrich von Navarra als von einer ganz natürlichen Sache davon geſprochen, man werde den Galgen von Mont⸗ faucon, oder vielmehr den verſtümmelten Leichnam des er Admirals, der daſelbſt aufgehängt war, beſuchen. Der 5 erſte Gedanke von Heinrich war, ſich von dieſem Be⸗ ſuche loszumachen. Dies erwartete Catharina. Bei ige den erſten Worten, mit denen er ſein Widerſtreben rn ausdrückte, wechſelte ſie einen Blick und ein Lächeln en, mit dem Herzog von Guiſe. Heinrich gewahrte Bei⸗ ete des, begriff Beides, und ſagte ſich ſchnell faſſend: ü⸗.„Warum ſollte ich im Ganzen nicht gehen? Ich ah⸗ bin Katholik und meiner neuen Religion verpflichtet.“ Dann ſich an Karl IX. wendend: nn„Euere Majeſtät mag auf mich zählen, ich werde ch⸗ ſtets glücklich ſein, ſie zu begleiten, wohin ſie geht.“ rr⸗ Und er warf einen raſchen Blick um ſich her, um te, die Stirnen zu zählen, die ſich runzelten. er⸗ Derjenige von dem Zuge, welchen man am mei⸗ en, ſten mit Neugierde betrachtete, war auch dieſer Sohn der ohne Mutter, dieſer König ohne Königreich, dieſer der Hugenott, der ſich zum Katholiken gemacht hatte. Sein n⸗ kanges, charaktervolles Geſicht, ſeine etwas gemeine her Tournure, die Vertraulichkeit mit ſeinen Untergebe⸗ nn nen, eine Vertraulichkeit, die er bis zu einem für m⸗ einen König beinahe unſchicklichen Grad trieb, eine Vertraulichkeit, welche aus den Zeiten ſeiner Jugend es, herrührte, wo er, im Gebirge lebend, entſchiedene Ge⸗ in⸗ wohnheiten angenommen hatte, eine Vertraulichkeit ah⸗ endlich, die er bis zu ſeinem Tode bewahrte, bezeich⸗ der † kn ihn den Zuſchauern, von denen ihm einige zu⸗ riefen: as„In die Meſſe, Henriot, in die Meſſe!“ worauf ind Heinrich antwortete: us⸗„Ich bin geſtern darin geweſen, ich komme heute davon her, und werde morgen dahin zurückkehren. n Ventre ſaint⸗gris! das kommt mir genug vor!“ Königin Margot. 1. 16 ⁴ —————— 246 Margarethe war zu Pferde ſo ſchön, ſo friſch, ſo elegant, daß die Bewunderung um ſie her ein Concert bildete, von dem ſich, es läßt ſich nicht läugnen, einige Noten an ihre Gefährtin, die Frau Herzogin von Nevers, wandten, neben welcher ſie ritt, und deren weißes Roß, als wäre es ſtolz auf die Laſt, die es trug, raſlos den Kopf ſchüttelte. „Nun, Herzogin,“ ſagte die Königin von Navarra, „was Neues?“ antwortete Henriette,„ich weiß ichts.“ Dann fragte ſie ganz leiſe: „Und der Hugenott, was iſt aus ihm geworden?“ „Ich habe eine ziemlich ſichere Zufluchtsſtätte für ihn gefunden,“ erwiederte Margarethe;„und der große Schlächter, was haſt Du mit ihm gemacht?“ „Er wollte an dem Feſte Theil nehmen, und rei⸗ tet das Schlachtroß von Herrn von Nevers, ein Thier, ſo groß wie ein Elephant. Es iſt ein furchtbarer Cava⸗ lier. Ich habe ihm erlaubt, der Ceremonie beizuwoh⸗ nen, weil ich dachte, Dein Hugenott würde kluger Weiſe das Zimmer hüten, und es wäre auf dieſe At kein Zuſammentreffen zu befürchten.“ „Ah, meine Treue!“ antwortete Margarethe lä⸗ chelnd,„wäre er auch hier, und er iſt nicht hier, ſo hätte man deßhalb keinen Streit zu befürchten. Mein Hugenott iſt ein hübſcher Junge, aber nichts Anderes, eine Taube und kein Geier; das ruckst, aber beißt nicht. Allem nach,“ ſagte ſie mit einem unüberſetzba⸗ ren Tone und leicht die Achſeln zuckend,„Allem nach haben wir ihn wahrſcheinlich für einen Hugenotten ge⸗ halten, während er ein Brahmine iſt und ſeine Reli⸗ gion ihn das Blutvergießen verbietet.“ „Aber, wo iſt denn der Herzog von Alencon?“ fragte Henriette,„ich ſehe ihn nicht.“ „Er muß kommen, dieſen Morgen hatte er Schmer⸗ zen in den Augen und wollte nicht kommen; aber da man ſo ert ige on ren ra, iß 2 ür i⸗ r, d. h⸗ er ä⸗ ſo in t 1. ⸗ 247 weiß, daß er ſich, um nicht der gleichen Meinung, wie ſein Bruder Karl und ſein Bruder Heinrich, zu ſein, zu den Hu⸗ genotten neigt, ſo bemerkte man ihm, der König könnte ſeine Abweſenheit übel deuten, und er entſchloß ſich. Doch ſieh, man ſchaut, man ſchreit; er iſt es wohl. erwird durch die Porte Montmartre gekommen ſein.“ „In der That, er iſt es, ich erkenne ihn,“ ſagte Henriette.„Er ſieht wirklich heute ſehr gut aus. Seit einiger Zeit verwendet er große Sorgfalt auf ſich: er muß verliebt ſein. Seht doch, wie ſchön es iſt, ein Prinz von Geblüt zu ſein: er galoppirt über alle Welt hin und alle Welt fügt ſich.“ „In der That,“ ſprach Margarethe lachend,„er wird uns, Gott verzeih' es mir! niederwerfen. Laßt Eure Herren ſich anſchließen, Herzogin, denn dort iſt Einer, der, wenn er ſich nicht anſchließt, umkommt.“ „Ah, das iſt mein Unerſchütterlicher!“ rief die Herzogin„ſieh doch! ſieh doch!“ Coconnas hatte wirklich ſein Glied verlaſſen, um ſich Frau von Nevers zu nähern; aber in dem Augen⸗ blick, wo ſein Pferd über das äußere Boulevard ga⸗ loppirte, das die Straße von dem Faubourg Saint⸗Denis trennte, prallte ein Reiter von dem Gefolge des Her⸗ zogs von Alencon, der vergebens ſein ſcheu geworde⸗ nes Roß zurückzuhalten ſuchte, mit vollem Leibe an Coconnas an. Erſchüttert wankte Coconnas auf ſei⸗ nem coloſſalen Thiere; ſein Hut wollte ihm entfal⸗ len, er hielt ihn auf und wandte ſich wüthend um⸗ „Gott!“ ſagte Margarethe, ſich an das Ohr ihrer Freundin neigend,„Herr de La Mole!“ „Der ſchöne, bleiche, junge Mann?“ rief die Her⸗ zogin, unfähig, den erſten Eindruck zu bemeiſtern. „Ja, ja, derſelbe, welcher Deinen Pieponteſen beinahe niedergeworfen hätte.“ „Oh! da werden furchthare Dinge vorgehen,“ ſprach die Herzogin;„ſie ſchauen ſich an, ſie erkennen ſich.“ 248 Coconnas hatte, ſich umwendend, wirklich das Geſicht von La Mole erkannt und vor Erſtaunen den Zügel ſeines Pferdes fallen laſſen, denn er glaubte ſeinen ehemaligen Gefährten getödtet oder wenigſtens für eine gewiſſe Zeit kampfunfähig gemacht zu haben. „La Mole erkannte Coconnas ebenfalls und fühlte, wie ihm das Feuer in das Geſicht ſtieg. Während einiger Secunden, welche zum Ausdrucke aller Gefühle genüg⸗ ten, die ſich in dieſen zwei Menſchen regten, maßen fie ſich mit einem Blicke, der die beiden Frauen ſchau⸗ dern machte. Dann ſchaute La Mole rings um ſich her; er begriff ohne Zweifel, daß der Ort für eine Erklärung ſchlecht geweſen wäre, gab ſeinem Pferde die Sporen und ritt wieder zu dem Herzog von Alengon. Coconnas verharrte einen Augenblick feſt auf ſeinem Platze, drehte ſeinen Schnurrbart, deſſen Spitze er emporſteigen ließ, daß ſie hätte ein Auge ausſtechen können, und ſetzte ſich ſodann, als er ſah, daß La Mole ſich entfernte, ohne ein Wort zu ihm zu ſprechen, ſelbſt wieder in Marſch. „Ah! ah!“ ſagte mit verächtlichem Schmerze Margarethe,„ich habe mich alſo nicht getäuſcht. Oh! diesmal iſt es zu ſtark.“ Und ſie biß ſich bis auf das Blut in die Lippen. „Er iſt ſehr hübſch,“ verſetzte die Herzogin mit⸗ g. Gerade in dieſem Augenblick nahm der Herzog von Alengon wieder ſeinen Platz hinter dem König leidi und der Königin Mutter ein, ſo daß ſeine Edelleute 2 ſich an ihn haltend vor Margarethe und der Herzogin von Nevers vorüberreiten mußten. Als La Mole vor den zwei Prinzeſſinnen vorbeikam, lüpfte er ſeinen Hut, begrüßte die Königin ſich bis auf den Hals ſei⸗ nes Pferdes verbeugend und blieb entblößten Hauptes, erwartend, Ihre Majeſtät würde ihn eines Blickes würdigen. Aber Margarethe wandte ſtolz den Kopf ab. as en te n6 ie er en u⸗ ich ne de eſt en ge h, m n. t⸗ 8 ig te in le en i⸗ es 249 La Mole las ohne Zweifel den Ausdruck der Ver⸗ achtung, der auf dem Geſichte der Königin ausgeprägt war, und wurde leichenblaß. Er war, um nicht von ſeinem Pferde zu fallen, genöthigt, ſich an der Mähne feſt zu halten. „Oh, oh,“ ſogte Henriette zur Königin,„ſchau ſes an, Du Grauſame, ich glaube, es wird ihm übel. „Gut,“ ſagte die Königin mit einem verächtlichen Lächeln,„das würde uns noch fehlen. Haſt Du Salze bei Dir?“ Frau von Nevers täuſchte ſich. Obwohl wankend, gewann La Mole doch wieder Kräfte und nahm, abermals auf ſeinem Pferde befeſtigend, ſeinen Platz wieder bei dem Gefolge des Herzogs von Alengon ein. Der Zug rückte mittlerweile vorwärts. Man ſah die düſtere Silhouette des von Enguerrand von Ma⸗ rigny errichteten und eingeweihten Galgens. Nie war er ſo gut verſehen geweſen, als zu dieſer Stunde. Die Huiffiers und die Garden marſchirten voraus und bildeten einen weiten Kreis um den Zaun. Bei ihrer Annäherung flohen die auf dem Galgen ſitzenden Raben mit einem Krächzen der Verzweiflung. Der Galgen, welcher ſich in Montfaucon erhob, bot gewöhnlich hinter ſeinen Säulen einen Zufluchts⸗ ort für Hunde, welche durch häufige Beute herbeige⸗ zogen wurden, und für philoſophiſche Banditen, die hier über die traurigen Wechſelfälle des Glückes nachdach⸗ ten. An dieſem Tage gab es in Montfaucon, wenig⸗ ſtens dem Anſcheine nach, weder Hunde noch Banditen; die Huiffiers und die Garden hatten die erſtexen zu⸗ gleich mit den Raben vertrieben, und die andern wa⸗ ren mit der Menge vermiſcht, um einige von den guten Streichen auszuführen, welche die lachenden Wechſelfälle ihres Gewerbes bilden. 250 Der Zug rückte immer weiter vor. Der König und Catharina waren an der Spitze; dann kamen der Herzog von Anjvu, der Herzog von Alengon, der Kö⸗ nig von Navarra und ihre Edelleute; hierauf Frau Margarethe, die Herzogin von Nevers und alle Frauen, welche die ſogenannte fliegende Schwadron der Königin bildeten; und endlich die Pagen, die Stallmeiſter, die Bedienten und das Volk, im Ganzen zehntauſend Menſ en. Am Hauptgalgen hing eine geſtaltloſe Maſſe, ein ſchwarzer Leichnam mit geronnenem Blut und Koth befleckt und weiß von neuen Staublagen. Dem Leich⸗ nam fehlte der Kopf und er war auch an den Füßen auf⸗ gehängt. Doch erfindungsreich, wie immer, hatte der Pöbel den Kopf, durch einen Strohwiſch erſetzt, an welchem eine Maske befeſtigt war, und in den Mund dieſer Maske hatte ein Spaßmacher, der vie Gewohn⸗ des Herrn Admirals kannte, einen Zahnſtocher geſteckt. Sie boten ein zugleich finſteres und bizarres Schauſpiel, alle dieſe eleganten Herren, alle dieſe ſchö⸗ nen Frauen, als ſie wie eine Prozeſfion, gemalt von Goya, vor dieſen geſchwärzten Skeletten, vor dieſen Galgen mit den langen, fleiſchloſen Maſſen vorüber⸗ zogen. Ze glänzender die Freude der Gäſte war, einen deſto ſchärferen Contraſt bildete ſie mit dem dumpfen Stillſchweigen und der kalten Unempfindlichkeit dieſer Leichname, welche als Gegenſtände für Spottreden dienten, die ſelbſt die Spötter ſchauern machten. Viele ertrugen nur mit großer Anſtrengung dieſes furchtbare Schauſpiel, und man konnte an ſeiner Blöſſe unter der Gruppe den verſpotteten Hugenotten Heinrich er⸗ kennen, der, wie groß auch ſeine Selbſtbeherrſchung war, wie ausgebreitet auch der Grad der Verſtellung ſein mochte, womit ihn der Himmel begabt hatte, die⸗ ſen Anblicknicht auszuhalten vermochte. Er nahm den ver⸗ peſteten Geruch zum Vorwand, den alle dieſe menſch⸗ — c— „— ig er ö⸗ au en, in die in er 251 lichen Ueberreſte verbreiteten, näherte ſich Karl IK., der neben Catharina vor dem Leichnam des Admirals angehalten hatte, und ſagte: „Sire, findet Eure Majeſtät nicht, daß dieſer arme Leichnam, um länger hier zu verweilen, gar zu übel riecht?“ „Du findeſt, Henriot!“ ſprach Karl IX., deſſen Auge von wilder Freude funkelte. e „Ja, Sire. „Ich bin nicht Deiner Meinung, der Körper eines todten Feindes riecht immer gut!“ „Meiner Treue, Sire, ſprach Tavanne,„da Eure Majeſtät wußte, daß wir dem Admiral einen kleinen Beſuch machen ſollten, ſo hätte ſie Pierre Ronſard, ihren Lehrer in der Dichtkunſt, einladen ſollen: er würde auf der Stelle die Grabſchrift für den alten Gaspard gemacht haben.“ „Es bedapf hiezu ſeiner nicht“ verſetzte Karl IX., „wir werden ſie wohl ſelbſt machen; z. B. hört, meine Herren,“ ſprach der König, nachdem er einen Augenblick nachgevacht hatte. Ci-git— mais c'est mal entendu,— Pour lui le mot est trop honnéte, Iei amiral est pendu Par les pieds, à faute de téte.*) „Bravo, bravo!“ riefen die ka holiſchen Edell ute einſtimmig, während die verſammelten Hugenotten ſtill⸗ ſchweigend die Stirne runzelten. Heinreich, der gerade mit Margaretha und Frau von Nevers plauderte, gab ſich den Anſchein, als hätte er nicht gehört. „Gehen w ir, gehen wir, mein Herr,“ ſagte Ca⸗ *) Hier ruht— nein, ehrbar iſt das Wort für ihn, hie an den Füßen aufg hängt, fehlt. das iſt ein Mßverſtändniß— iu — ma hat den A miral, da es ihm an dem Kopfe 5 252 tharina, welche trotz der Parfums, mit denen fie ſich bedeckt hatte, dieſer Geruch zu beängſtigen anfing, „gehen wir, es gibt keine ſo gute Geſellſchaft, die man nicht am Ende verläßt. Sagen wir dem Herrn Ad⸗ miral Lebewohl und kehren wir nach Paris zurück.“ Sie machte mit dem Kopf eine ironiſche Geberde, wie wenn man von einem Freunde Abſchied nimmt, ſtellte ſich an die Spitze der Colonne und kehrte auf den Weg zurück, während der Zug vor dem Leichname von Coligny defilirte. Die Sonne ging am Horizont unter. Die Menge folgte den Schritten Ihrer Majeſtä⸗ ten, um die Herrlichkeiten des Zuges und die Einzeln⸗ heiten des Schauſpiels bis zum Ende zu genießen. Die Diebe liefen der Menge nach, ſo daß zehn Mi⸗ nuten nach dem Abgange des Königs Niemand mehr in der Nähe des verſtümmelten Leichnams war, den der erſte Abendwind zu beſtreifen anfing. Wenn wir ſagen Niemand, ſo täuſchen wir uns. Ein auf einem Rappen reitender Edelmann, der ohne Zweifel in dem Augenblick, wo der geſchwärzte, ge⸗ ſtaltloſe Rumpf mit der Gegenwart der Prinzen be⸗ ehrt wurde, denſelben nicht nach ſeiner Bequem⸗ lichkeit hatte betrachten können, war zurückgeblieben und ergötzte ſich daran, prüfend alle Einzelnheiten, Ketten, Klammern, ſteinerner Pfeile, den Galgen end⸗ lich anzuſchauen, welcher ihm, dem vor einigen Tagen erſt in Paris Angekommenen und mit den Vervoll⸗ kommnungen, welche eine Hauptſtadt in allen Dingen herbeiführt, nicht Vertrauten, ohne Zweifel als das Muſterbild deſſen erſchien, was der Menſch an furcht⸗ bar Häßlichem erfinden kann. Es bedarf für unſere Leſer kaum der Erwähnung, daß dieſer Mann unſer Freund Coconnas war. Ein geübtes Frauenauge hatte ihn vergebens in dem Rei⸗ terzuge geſucht und alle Reihen durchforſcht, ohne ihn wiederfinden zu können. —— 253 Herr von Coconnas war, wie geſagt, in Eutaſe vor dem Werke von Enguerrand von Marigny. Aber jene Frau war nicht die einzige Perſon, welche Herrn von Coconnas ſuchte. Ein Edelmann, bemerk⸗ bar durch ſein Wamms von weißem Atlaß und ſeiner zierlichen Feder, ſchaute, nachdem er vorwärts und auf beide Seiten geſehen hatte, nun auch rückwärts und erblickte die hohe Geſtalt von Coconnas und die rie⸗ fige Silhouette ſeines Pferdes, deſſen Profil kräftig auf dem von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne gerötheten Himmel hervortrat. Der Evelmann in dem Wamms von weißem Atlas verließ nun den Weg, den die Geſammttruppe verfolgt hatte, ſchlug einen kleinen Fußpfad ein und kehrte, einen Kreis beſchreibend, zu dem Galgen zurück. Die Dame, in der wir die Herzogin von Nevers erkannt haben, wie wir in dem großen Edelmann auf dem Rappen Coconnas erkannten, näherte ſich plötzlich Margarethe und ſagte zu ihr: „Wir haben uns Beide getäuſcht, Margarethe, denn der Piemonteſe iſt zurückgeblieben und Herr de La Mole iſt ihm gefolgt.“ „Mordi!“ verſetzte Margaretha lachend, es wird alſo etwas vorgehen. Meiner Treue, ich geſtehe, es wäre mir nicht leid, wenn ich eine andere Anſicht von ihm bekäme.“ Margarethe wandte ſich um und ſah wirklich von Seiten von La Mole das von uns erwähnte Maneuvre ausführen. Es war nun an den zwei Prinzeſſinnen, den Zug zu verlaſſen. Hiezu zeigte ſich eine ſehr günſtige Ge⸗ legenheit. Man wandte ſich vor einem von breiten Hecken eingefaßten Fußpfade, welcher aufwärts ſtieg und auf dreißig Schritte an dem Galgen vorüberging. Frau von Nevers ſagte ihrem Kapitän ein Wort in das Ohr. Margarethe machte Gillonne ein Zeichen, und die vier Perſonen ſchlugen dieſen Querweg ein, —————k˖ů— 254 um ſich gleichſam hinter dem Gebüſche, zunächſt bei dem Orte, wo die Scene vorfallen ſollte, deren Zuſchauer ſie zu ſein wünſchten, in Hinterhalt zu legen. Es war, wie geſagt, ungefähr dreißig Schritte von dieſer Stelle bis zu derjenigen, wo Coconnas ganz in Extaſe ſich vor dem Herrn Admiral geberdete.„ Margarethe, Frau von Nevers und Gillonne ſtie⸗ gen ab, der Kapitän that daſſelbe und faßte in ſeine Hände die Zügel der vier Pferde. Ein friſcher Raſen bot den den drei Frauen einen Sitz, wie ihn ſich die Prinzeſſinnen oft vergebens wünſchen. Eine Lichtung geſtattete ihnen, nicht den gering⸗ ſten Umſtand zu verlieren. La Mole hatte ſeinen Kreis beſchrieben, er ritt im Schritte hinter Coconnas, flreckte ſeine Hand aus und ſchlug ihm auf die Schulter. Der Piemonteſe wandte ſich um. „Oh!“ ſagte er,„es war alſo kein Traum, und Ihr lebt noch?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete La Mole,„Fja, ich lebe noch, es iſt nicht Euer Fehler, aber ich lebe im Ganzen.“ „Mordi! ich erkenne Euch wohl,“ verſetzte Cocon⸗ nas,„trotz Eueres bleichen Ausſehens. Ihr waret röther, als wir uns das letzte Mal ſahen.“ „Und ich,“ ſprach La Mole,„ich erkenne Euch auch, trotz der der gelben Linie, die Euer Geſicht durch⸗ ſchneidet; Ihr waret bleicher als jetzt, da ich ſie Euch machte.“ * Coconnas biß ſich in die Lippen, aber entſchloſſen, 3 das Geſpräch in ironiſchem Tone fortzuſetzen, erwie⸗ derte er: „Es iſt intereſſant, nicht wahr, Herr de La Mole, beſonders für einen Hygnotten, den Herrn Admtral ſo an einen eiſeenen Galgen aufgehängt ſehen zu kön⸗ nen; und dennoch ſagt man, es gebe Leute, welche ſo em uer ar, elle ſich tie⸗ ine ſen die ng⸗ ritt aus und ich on⸗ ret uch rch⸗ uch ſen, vie⸗ ole, ral ön⸗ ſo weit gehen, daß ſie uns beſchuldigen, wir hätten ſogar die Hugenottchen an der Mutter Bruſt getödtet!“ „Graf,“ ſprach bin nicht mehr Hugenott, ich habe die Ehre Katholik zu ſein.“ „Oho!“ rief Coconnas, in ein Gelächter ausbre⸗ chend,„Ihr ſeid bekehrt mein Herr. Oh! wie geſchickt iſt das.“ „Mein Herr,“ fuhr La Mole mit demſelben Ernſte und derſelben Höflichkeit fort,„ich hatte ein Gelübde gethan, mich zu bekehren, wenn ich dem Tode entgehen würde.“ „Graf,“ verſetzte der Piemonteſe,„das iſt ein ſehr kluges Gelübde, zu; habt Ihr nicht noch andert gethan?“ „Ja wohl, mein than,“ antwortete La Mole mit vollkommener Ruhe ſein Pferd ſtreichelnd. „Welches?“ „Das, Euch da oben, ſeht Ihr, an dem kleinen Nagel, der Euch gerade unter Herrn von Coligny zu erwarten ſcheint, aufzuhängen.“ „Vie 2“ ſagte Coconnas,„ſo ganz lebendig, wie ich bin?“ „Nein, mein Herr, nachdem ich Euch vorher mei⸗ nen Degen durch den Leib gerannt habe.“ Coconnas wurde purpurroth, ſeine Augen ſprüh⸗ ten Flammen. „Sprecht, an jenen Nagel?“ ſagte er höhniſch. „Ja“ verſetzte La Mole,„an jenen Nagel.“ „Dazu ſeid Ihr Herr.“ Vorwande ermorden, „Dann ſteige ich auf Euer Pferd, mein großer Todtſchläger,“ antwortete La Mole.„Ah! mein lieber Herr Annibal von Coconnas, Ihr glaubt, man könne ungeſtraft die Leute unter dem ehrenvollen und loyalen 255 La Mole ſich verbeugend,„ich * und ich beglückwünſche Euch da⸗ Herr, ich habe ein zweites ge⸗ * nicht groß genug, mein kleiner daß man zu Hundert gegen Einen 256 iſt! Es kommt ein Tag, wo der Mann ſeinen Mann wiederfindet, und mich dünkt, dieſer Tag iſt heute ge⸗ kommen. Ich hätte große Luſt, Euern garſtigen Kopf mit einem Piſtolenſchuſſe zu zerſchmettern; aber nein, ich würde ſchlecht zielen, denn meine Hand zittert noch von den Wunden, die Ihr mir verrätheriſcher Weiſe beigebracht habt.“ „Meinen garſtigen Kopf,“ brüllte Coconnas von ſeinem Pferde ſpringend.„Raſch zu Boden, Herr Graf, und vom Leder gezogen.“ Und er nahm den Degen in die Hand. „Ich glaube, Dein Hugenott hat„garſtiger Kopf““ geſagt,“ flüſterte die Herzogin von Nevers Margarethe in das Ohr;„findeſt Du ihn häßlich?“ „Er iſt reizend,“ erwiederte Margarethe lachend, „und ich muß geſtehen, daß die Wuth Herrn de La Mole ungerecht macht; aber ſtille, ſchauen wir.“ La Mole war wirklich auch von ſeinem Pferde geſtiegen, aber eben ſo langſam, als dies Coconnas raſch gethan hatte; er zog ſeinen Degen und nahm ſeine Stellung. „Aje!“ ſeufzte er, den Arm ausſtreckend. „Uf!“ murmelte Coconnas, den ſeinigen dehnend, venn Beide waren, wie man ſich erinnert, in der Schulter verwundet und litten bei einer zu ſchnellen Bewegug. Ein ſchlecht bewältigtes Gelächter kam aus dem Gebüſche hervor. Die zwei Prinzeſſinnen konnten nicht völlig an ſich halten, als ſie die beiden Kämpen unter Grimaſſen ſich das Schulterblatt reiben ſahen. Dieſes Gelächter drang bis zu den jungen Edelleuten⸗ welche nicht wußten, daß ſie Zeugen hatten, und ſich umwendend ihre Damen erblickten. La Mole legte aus, feſt wie ein Automate, und Coconnas kreuzte ſein Schwert mit einem ſehr ver⸗ nehmlichen„Mordi!“ „Ah! ſie gehen ganz einfach auf einander los und wer Gen con hoff hab von Feu nen tra 257 werden ſich umbringen, wenn wir nicht Ruhe ſtiften. Genug des Scherzes. Holla! meine Herren, holla!“ „Laß, laß!“ ſagte Henriette, welche, da ſie Co⸗ connas im Kampfe geſehen hatte, in ihrem Innern hoffte, Coconnas werde mit La Mole ſo leichte Arbeit haben, wie er bei den zwei Neffen und dem Sohne von Mercandon gehabt hatte. „Ohl ſie ſind in der That ſehr ſchön ſo,“ ſprach Margarethe,„fieh, man ſollte glauben, ſie ſchnaubten Feuer. Der mit Spöttereien und Herausforderungen begin⸗ nende Kampf war ſchweigſam geworden, ſeitdem die zwei Kämpen ihre Schwerter gekreuzt hatten. Beide miß⸗ trauten ihren Kräften, und der Eine wie der Andere war bei jeder zu lebhaften Bewegung genöthigt, ein ihm durch die alten Wunden entriſſenes Beben des Schmerzes zurückzudrängen. La Mole rückte indeſſen mit kleinen, ruhigen Schritten, die Augen ſtarr und glühend, den Mund halb geöffnet, die Zähne zuſam⸗ mengepreßt, gegen ſeinen Widerſacher vor, während dieſer, einen Meiſter in den Waffen in ihm erkennend, auch Schritt für Schritt zurückwich, aber doch wich. Beide gelangten ſo bis an den Rand des Grabens, auf deſſen entgegengeſetzter Seite ſich die Zuſchauer befanden. Hier, als wäre ſein Zurückweichen eine einfache Berechnung geweſen, um ſich ſeiner Dame zu nähern, blieb Coconnas ſtille ſtehen und führte bei einem etwas weiten Losmachen der Klinge ſeines Geg⸗ ners mit Blitzesſchnelligkeit einen geraden Stoß, und in demſelben Augenblick trat auf dem weißen Atlaß⸗ wammſe von La Mole ein rother Fleck hervor, der immer breiter wurde. „Muth!“ rief die Herzogin von Nevers. „Armer La Mole!“ rief Margarethe und ſtieß ei⸗ nen Schrei des Schmerzes aus. La Mole hörte dieſen Schrei, warf der Königin einen von den Blicken zu, welche tiefer in das Herz 2⁵8 dringen, als die Spitze eines Schwertes, und fiel mit einer geſchickten Finte, alle ſeine Kräfte zuſammen⸗ raffend, aus. Diesmal ſtießen die zwei Frauen nur einen Schrei aus. Die Degenſpitze von La Mole war blutig hinter dem Rücken von Coconnas erſchienen. Es fiel indeſſen weder der Eine, noch der Andere; Beide blieben aufrecht und ſchauten ſich mit offenem Munde an, denn Jeder fühlte, daß er bei der geringſten Be⸗ wegung, die er machen würde, das Gleichgewicht ver⸗ lieren müßte. Endlich ließ ſich der Piemonteſe, wel⸗ cher, gefährlicher verwundet als ſein Gegner, wahr⸗ nahm, daß ſeine Kräfte mit dem Blute entſchwan⸗ den, auf La Mole fallen und umfaßte ihn mit einem Arme, während er mit dem andern ſeinen Dolch zu ziehen ſuchte. La Mole aber machte noch einmal eine gewaltige Anſtrengung, hob ſeine Hand auf und ſchlug mit ſeinem Degenknopfe mitten auf die Stirne von Coconnas, welcher betäubt von dieſem Schlage nie⸗ derſank, aber beim Fallen ſeinen Gegner nachzog, ſo daß Beide in den Graben rollten. Margarethe und die Herzogin eilten, als ſie ſa⸗ hen, daß ſie ſich, obgleich ſterbend, den Garaus ma⸗ chen wollten, unterſtützt von dem Kapitän der Garden herbei. Doch ehe ſie zu ihnen gelangt waren, löſten ſich die Hände, ſchloſſen ſich die Augen und jeder von den zwei Kämpfenden ließ das Eiſen entſchlüpfen, das er hielt, und ſtreckte ſich in einer letzten Convulſion ſtarr aus. Eine breite Blutwoge ſchäumte um ſie her. „Oh! braver, braver La Mole,“ rief Margarethe, unfähig ihre Bewunderung länger in ſich zu verſchlie⸗ ßen.„Oh! ich bitte Dich tauſendmal um Vergebung wegen meines ſchlimmen Verdachtes.“ Und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Ach! ach!“ murmelte die Herzogin,„muthiger 259 iel Annibal!... Sagt, Madame, habt Ihr je zwei en⸗ unerſchrockenere Löwen geſehen!“ Und ſie fing an zu weinen. hrei„Bei Gott! das waren gewaltige Stößel“ ver⸗ nter ſetzte der Kapitän, bemüht, das ſtrömende Blut zu illen.„Holla!“ rief er,„Ihr dort kommt geſchwinde!“ ere; Es erſchien wirklich im Abendnebel ein Menſch, nde ver auf einem roth angeſtrichenen Karren ſaß und ein Be⸗ altes Lied von einem blühenden Weißdornſtrauche ſang, er⸗ woran ihn wohl das Wunder vom Cimetiere des In⸗ vel⸗ nocents erinnert hatte. hr⸗„Holla! he!“ wiederholte der Kapitän,„kommt an⸗ doch, wenn man Euch ruft, ſeht Ihr nicht, daß dieſe nem edlen Herren der Hülfe bedürfen?“ zu Der Mann auf dem Karren, deſſen zurückſtoßen⸗ eine des Aeußere und rohes Geſicht einen ſeltſamen Con⸗ u traſt mit den ſanften Tönen ſeines Geſanges bildeten, von hielt ſein Pferd an, ſtieg ab, beugte ſich über die nie⸗ zwei Körper und ſagte: ſo veſ„Das ſfind ſchöne Wunden, aber ich mache noch eſſere.“ ſa⸗„Wer ſeid Ihr denn?“ fragte Margarethe un⸗ ma⸗ willkürlich von einem gewiſſen Schrecken ergriffen, den welchen zu überwinden ſie nicht die Kraft beſaß. ſten„Madame,“ antwortete der Menſch, ſich bis auf der den Boden verbeugend,„ich bin Meiſter Caboche, fen, Henker des Gerichtsbezirkes von Paris, und wollte ſion an jenen Galgen Kameraden für den Herrn Admiral aufhängen. d„Wohl! und ich bin die Königin von Navarra; the, werft Euere Leichname bei Seite, breitet die Scha⸗ lie⸗ bracken unſerer Pferde in dem Karren aus, und führt ung ſachte hinter uns dieſe zwei Herren nach dem Louvre.“ iger „ Der Junftgenoſſe von Meiſter Ambrviſe Part. Mole gelegt hatte, ſchlug im Schatten der Gruppe folgend, die ihm als Führer diente, den Weg nach Paris ein. Er hielt im Louvre an und der Eigen⸗ thümer deſſelben empfing eine reiche Belohnung. Man ließ die zwei Verwundeten zu dem Herzog von Alen⸗ gon bringen und ſchickte nach Meiſter Ambroiſe Paré. Als er erſchien, war weder der Eine noch der An⸗ dere zu ſich gekommen. La Mole war am wenigſten von Beiden verwun⸗ det. Der Degenſtich hatte ihn unterhalb der rechten Achſel getroffen, aber kein weſentliches Organ verletzt. Coconnas dagegen war die Lunge durchſtochen worden, und der Hauch, der aus der Wunde hervorkam, machte das Licht einer Kerze ſchwanken. Meiſter Ambroiſe bürgte nicht für Coconnas. Frau von Nevers war in Verzweiflung. Sie hatte im Vertrauen auf die Kraft, auf die Gewandt⸗ heit und den Muth des Piemonteſen Margarethe ver⸗ hindert, ſich dem Kampfe zu widerſetzen. Sie hätte gerne Coconnas nach dem Hotel Guiſe bringen laſſen, um bei dieſer zweiten Gelegenheit die Pflege der er⸗ ſten zu erneuen; aber in Folge beſonderer Ereigniſſe konnte ihr Gemahl jeden Augenblick von Rom ein⸗ treffen, und er würde wohl die Einquartierung eines Fremden in dem ehelichen Gemache ſehr ſeltſam ge⸗ funden haben. Um die Urſache der Wunden zu verbergen, hatte Margarethe die zwei jungen Leute zu ihrem Bruder bringen laſſen, wo übrigens der Eine bereits ein⸗ guartiert war, unter dem Vorgeben, es ſeien zwei „ Der Karren, in welchen man Coconnas und La . La ppe rach gen⸗ Nan len⸗ aré. An⸗ un⸗ hten etzt. den, ichte riſe Sie ndt⸗ ver⸗ ätte ſſen, er⸗ niſſe ein⸗ ines ge⸗ ate uder ein⸗ zwei 261 Edelleute, welche bei dem Spazierritte vom Pferde geſtürzt. Aber die Wahrheit verbreitete ſich raſch durch die Bewunderung des Kapitäns, der Zeuge des Kam⸗ pfes geweſen war, und man wußte bald bei Hofe, daß zwei neue Sterne am Horizont des Ruhmes auf⸗ gingen. Gepflegt von demſelben Arzte, welcher ſeine Be⸗ mühungen unter ihnen theilte, durchliefen die zwei Verwundeten die verſchiedenen Phaſen der Wiederher⸗ ſtellung, wie ſie aus dem mehr oder minder ſchweren Grade ihrer Verwundung hervorgingen. La Mole ge⸗ langte, minder ſchwer getroffen, zuerſt wieder zum Be⸗ wußtſein. Was Coconnas betrifft, ſo hatte ſich deſ⸗ ſelben ein furchtbares Fieber bemächtigt, und ſeine Rückkehr zum Leben gab ſich durch alle Zeichen des heftigſten Deliriums kund. Oögleich in demſelben Zimmer mit Coconnas eingeſchloſſen, hatte doch La Mole, als er wieder zu ſich kam, ſeinen Gefährten nicht geſehen oder wenig⸗ ſtens durch kein Zeichen angedeutet, daß er ihn ſah. Coconnas dagegen, als er die Augen wieder öffnete, heftete ſie auf La Mole, und zwar mit einem Aus⸗ drucke, der zum Beweiſe dienen konnte, daß das Blut, welches der Piemonteſe verloren, durchaus nicht die Leidenſchaften dieſes feurigen Temperaments vermin⸗ dert hatte. Coconnas dachte, er träume und in ſei⸗ nen Träumen finde er den Feind wieder, den er zwei⸗ mal getödtet zu haben wähnte; nur dehnte ſich der Traum über die Maßen aus. Nachdem er La Mole liegend, wie er ſelbſt, durch denſelben Wundarzt verbun⸗ den, wie er auch geſehen hatte, ſah er La Mole, ſich in dem Bette erheben, an welches er noch durch das Fieber, den Schmerz und die Schwäche gefeſſelt war, dann herausſteigen, dann am Arme eines Wundarztes gehen, vann an einem Stocke gehen und endlich allein gehen⸗ Immer noch delirirend, betrachtete Coconnas die ver⸗ Königin Margot. 1. 17 ſchiedenen Perioden der Geneſung ſeines Gefährten bald mit einem ſtumpfen, bald mit einem wüthenden, ſtets aber drohenden Blicke. Alles dies bot dem glühenden Geiſte des Piemon⸗ teſen eine furchtbare Miſchung von Phantaſtiſchem und Wirklichem. Für ihn war La Mole todt, ganz todt, und ſogar eher zweimal als einmal, und dennoch er⸗ kannte er den Schatten dieſes La Mole in einem dem ſeinigen ähnlichen Bette liegend. Dann ſah er, wie geſaßt, den Schatten ſich erheben, den Schatten gehen und gräßlicher Weiſe auf ſein Bett zuſchreiten. Die⸗ ſer Schatten, vor dem ſich Coconnas gerne geflüchtet hätte, und wäre es in die Tiefe der Hölle geweſen, kam gerade auf ihn zu, ſtellte ſich an ſein Kopfliſſen und ſchaute ihn an. Es lag ſogar in ſeinen Geſichts⸗ zügen ein Gefühl ver Sanftmuth und des Mitleids, für den Ausdruck teufliſchen Spottes e Dann entzündete ſich in dieſem Geiſte, der viel⸗ leicht noch mehr krank war, als der Körper, eine blinde Leivenſchaft der Rache. Coconnas hatte nur noch ei⸗ nen Gedanken, den, ſich irgend eine Waffe zu ver⸗ ſchaffen und mit dieſer Waffe den Körper oder den Schatten von La Mole zu treffen, der ihn ſo grauſam peinigte. Man hatte ſeine Kleider auf einen Stuhl gelegt und dann weggenommen, denn ſie waren ganz mit Blut befleckt, und man hielt es deshalb für ge⸗ eignet, ſie von dem Verwundeten zu entfernen. Aber man hatte auf demſelben Stuhle ſeinen Dolch liegen laſſen, in der Vorausſetzung, er würde in langer Zeit nicht mehr Luſt bekommen, ſich deſſelben zu bedienen. Coconnas ſah den Dolch; den Augenblick benützend, wo La Moie ſchlief, verſuchte er es drei Nächte hinter einander, die Hand nach der Waffe auszuſtrecken; drei⸗ mal gebrach es ihm an Kraft, und er fiel in Ohn⸗ macht. Endlich in der vierten Nacht erreichte er den Dolch, ergriff ihn mit den Spitzen ſeiner ſich krampf⸗ ——— — „—————— n— ald ets on⸗ ind dt, er⸗ em wie hen Rie⸗ htet ſen, ſſen ts⸗ ids, ttes iel⸗ inde ver⸗ den ſam tuhl zanz Aber egen Zeit nen. en inter drei⸗ Ohn⸗ den mpf⸗ 2⁰03 haft zuſammenziehenden Finger, und verbarg ihn, einen des Schmerzes ausſtoßend, unter ſeinem Kopf⸗ iſſen. Am andern Morgen ſah er etwas bis jetzt Uner⸗ börtes. Der Schatten von La Mole, welcher jeden Tag neue Kräfte zu gewinnen ſchien, während er, un⸗ abläſſig mit der furchtbaren Erſcheinung beſchäftigt, die ſeinigen in dem ewigen Gewebe des Planes auf⸗ brauchte, der ihn von derſelben befreien ſollte, der Schatten von La Mole machte, immer rüſtiger wer⸗ dend, ein paar Gänge durch das Zimmer, befeſtigte ſodann ſeinen Mantel auf der Schulter, gürtete ſein Schwert um, ſetzte einen breitkrämpigen Hut auf den Kopf, öffnete die Thüre und ging hinaus. Coconnas athmete: er glaubte ſich von ſeinem Phantome befreit. Zwei oder drei Stunden lang kreiſte ſein Blut ruhiger und friſcher in ſeinen Adern, als dies je ſeit dem Angenblicke des Zweikampfes der Fall geweſen war. Ein Tag Abweſenheit von La Mole hätte Coconnas das Bewußtſein wiedergegeben, acht Tage würden ihn vielleicht völlig geheilt haben. Un⸗ glücklicher Weiſe kehrte La Mole nach ein paar Stun⸗ den zurück. Dieſe Rückkehr war für den Piemonteſen ein wahrer Dolchſtoß, und obgleich La Mole nicht allein erſchien, ſo hatte doch Coconnas keinen Blick für ſei⸗ nen Gefährten. Sein Gefährte verdiente es jedoch wohl, daß man ihn anſchaute. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, kurz, unterſetzt, kräftig, mit ſchwarzen Haaren, welche bis auf ſeine Augenlider herabfielen, und mit einem Barte, der gegen die Mode der Zeit den ganzen un⸗ tern Theil ſeines Geſichtes bedeckte; aber der Fremde ſchien ſich wenig um die Mode zu bekümmern. Er krug einen ganz mit braunen Flecken beſprengten ledernen Leib⸗ rock, blutrothe Hoſen, große Lederſtiefeln, eine Mütze von derſelben Farbe wie die Hoſen und einen breiten Gürtel um die Hüften, an welchem ein in ſeiner Scheide verborgenes Meſſer hing. Dieſe ſeltſame Perſon, deren Gegenwart im Louvre als eine große Abweichung von der Regel erſcheinen mußte, warf auf einen Stuhl den braunen Mantel, in den ſie gehüllt war, und näherte ſich auf eine plumpe Weiſe dem Bette von Coconnas, deſſen Augen wie durch ein Zauberwerk beſtändig auf La Mole geheftet blieben, der in einiger Entfernung ſtille ſtand. Der Fremde ſchaute den Kranken an, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ihr habt ſehr lange gewartet, mein Herr.“ konnte nicht früher ausgehen,“ verſetzte La Mole. Sn „Ei, bei Gott, Ihr hättet mich müſſen holen laſſen.“ „Durch wen?“ „Ah! das iſt wahr. Ich vergaß, wo wir ſind. Ich ſagte es dieſen Damen, aber ſie wollten nicht auf mich hören. Hätte man meine Verordnungen befolgt, ſtatt ſich an die des erzdummen Eſels zu halten, den man Ambroiſe Paré nennt, ſo wäret Ihr längſt im Stande, mit einander Abenteuern nachzulaufen vder Euch wie⸗ per einen Degenſtich zu geben, wenn es Euch gefiele; nun, man wird ſehen. Gibt er der Vernunft Gehör, Euer Freund?“ „Nicht ſehr.“ „Streckt die Zunge heraus, mein Herr.“ Coconnas ſtreckte ſeine Zunge gegen La Mole mit einer ſo furchtbaren Geberde heraus, daß der Unbe⸗ fannte zum zweiten Male den Kopf ſchüttelte. „Oho!“ murmelte er,„Zuſammenziehen der Mus⸗ keln, es iſt keine Zeit zu verlieren. Dieſen Abend werde ich Euch einen Trank ſchicken, den man ihm in drei Doſen von Stunde zu Stunde eingeben muß; zum en de re en 5 pe ie tet pf an ie⸗ le; ör, mit be⸗ us⸗ end in um 265 erſten Male um Mitternacht, zun zweiten Male um ein Uhr, zum dritten Male um zwei Uhr. „Gut. „Aber wer wird ihm den Trank eingeben?“ 7 „Ich. „Ihr ſelbſtt“ „Ja. „Ihr gebt mir Euer Wort?“ „So wahr ich ein Edelmann bin.“ „Und wenn irgend ein Arzt die geringſte Portion davon nehmen wollte, um ihn zu zerſetzen und zu ſehen, aus welchen Ingredienzien er beſteht““ „So würde ich ihn bis auf den letzten Tropfen ausſchütten.“ „Ebenfalls auf Edelmanns⸗Wort?“ „Ich ſchwöre es Euch!“ „Durch wen ſoll ich Euch dieſen Trank ſchicken?“ „Durch wen Ihr wollt.“ „Aber mein Abgeſandter... „Nun?“ „Wie wird er bis zu Euch dringen?“ „Dafür iſt vorhergeſehen. Er ſoll ſagen, er tomme im Auftrage von Herrn René, dem Par⸗ fumeur.“ „Dem Florentiner, welcher am Pont Sainte⸗ Michel wohnt?“ „Allervings, er hat zu jeder Stunde des Tages und der Racht Eintritt im Louvre.“ Der Mann lächelte und verſetzte: „In der That, das iſt das Geringſte, was ihm die Königin Mutter ſchuldig iſt. Man kommt alſo im Auf⸗ trage von Meiſter René, dem Parfumeur. Ich kann wohl einmal ſeinen Namen annehmen, denn er hat oft ohne das Patent dazu mein Gewerbe ausgeübt.“ „Nun wohl, ich zähle auf Euch,“ ſagte La Mole. „Zählt auf mich.“ „Was die Bezahlung botrifft„ 7 Oh, wir werden das mit dieſem Herrn ordnen, wenn er wieder auf den Beinen iſt.“ „Seid unbeſorgt, ich glaube, er wird im Stande ſein, Euch edelmüthig zu belohnen.“ „Ich glaube es auch; da es jedoch nicht die Ge⸗ wohnheit der Leute iſt, die mit mir zu thun haben, dankbar zu ſein,“ fügte er mit einem ſeltſamen Lächeln bei,„ſo würde ich mich nicht wundern, wenn er, ein⸗ mal auf den Beinen, mich vergäße oder ſich nicht darum kümmerte, meiner zu gedenken.“ „Gut, gut,“ ſagte La Wole, ebenfalls lächelnd, in dieſem Falle bin ich da, um ihm das Gedächtniß aufzufriſchen.“ „Es ſei, in zwei Stunden habt Ihr den Trank.“ „Auf Wiederſehen.“ „Ihr ſagt?“ „Auf Wiederſehen.“ Der Mann lächelte. „Ich,“ verſetzte er,„ich habe die Gewohnheit, ſiets Gott befohlen! zu fagen. Gott befohlen, alſo, Herr de La Mole. In zwei Stunden habt Ihr Euern Trank. Ihr verſieht, er muß um Mitternacht in drei Doſen von Stunde zu Stunde genommen werden.“ Hiernach entfernte er ſich und La Mole blieb allein mit Coconnas. Coconnas hatte dieſes ganze Geſpräch gehört, aber nichts davon begriffen. Ein leeres Geräuſch von Reden, ein hohles Geklapper von Worten war bis zu ihm gedrungen. Von der ganzen Unterredung hatte er nichts behalten, als das Wort Mitternacht. Er fuhr alſo fort, mit ſeinem glühenden Blicke La Mole zu verfolgen, der in dem Zimmer blieb und träumeriſch auf und abging.— Der unbekannte Dockor hielt Wort und ſchickte zur bezeichneten Stunde den Trank, wilchen La Mole auf ein kleines filbernes Rechaud ſtellte. Als dieſe WVorſichtsmaßregel getroffen war, legie er ſich nieder. —„—— 267 n, Dieſe Handlung von La Mole verlieh Coconnas etwas Ruhe. Er ſuchte ebenfalls die Augen zu ſchließen; de aber ſeine fieberhafte Schlaftrunkenheit war nur eine Folge ſeines delirenden Wachens. Daſſelbe Phantom, e⸗ das ihn am Tage verfolgte, jagte ihn auch in der n, Nacht auf. Durch ſeine trockenen Augenlider ſah er ln fortwährend La Mole, ſtets ſpöttiſch, ſtets drohend. u⸗ Dann wiederholte eine Stimme in ſein Ohr:„Mitter⸗ bt nacht! Mitternacht! Mitternacht!“ Plötzlich erwachte die vibrirende Glocke und ſchlug d zwölf Mal. Coconnas öffnete ſeine entflammten Augen; is der glühende Hauch ſeiner Bruſt verzehrte ſeine trocke⸗ * nen Lippen; ein unauslöſchlicher Durſt quälte ſeinen entzündeten Schlund; die kleine Nachtlampe brannte wie gewöhnlich und ihr matter Schimmer ließ tauſend Phantome vor den ſchwankenden Blicken von Coconnas tanzen. Er ſah furchtbare Erſcheinung! La Mole aus ſeinem Bette ſteigen und, nachdem er zweimal im Zimmer auf und abgegangen war, wie es der Sperber n dor dem Vogel thut, den er blendet, ihm die Fauſt rei zeigend auf ſein Bett zugehen. Coconnas ſtreckte ſeine Hand nach ſeinem Dolche in aus, ergriff ihn beim Hefte und ſchickte ſich an, ſei⸗ nem Feinde den Bauch aufzuſchlitzen. rt, La Mole näherte ſich immer mehr. on Coconnas murmelte: zu„Ab, Du biſt es, abermals Du, immer Du! Komm ie doch. 2)! Du drohſt, Du zeigſt mir die Fauſt, Du lä⸗ chelſt? komm, komm! Ah, Du ſchleichſt Dich ſachte, de Schritt für Schritt, immer näher! Komm doch, daß ich nd Dich niederbohre!“ Die Geberde mit dieſer dumpfen Drohung ver⸗ kte bindend, ließ Coconnas wirklich in dem Augenblick, wo ſich La Mole zu ihm herabneigte, unter ſeinen e Betttüchern den Blitz einer Klinge hervorſpringen; r aber die Anſtrengung des Piemonteſen, als er ſich er⸗ 268 hob, lähmte ſeine Kräfte, der nach La Mole ausge⸗ ſtreckte Arm hielt auf halbem Wege inne, der Dolch ontſchlüpfte ſeiner ſchwachen Hand, und der Sterbende ſiel auf das Kopfkiſſen zurück. „Ruhig, ruhig,“ murmelte La Mole, ſanft den Kopf emporhebend und eine Taſſe ſeinen Lippen nä⸗ hernd;„trinkt dies, mein armer Kamerad, denn Ihr brennt.“ Es war wirklich eine Taſſe, was La Mole Co⸗ conngs darbot und was dieſer für die drohende Fauſt hielt, worüber ſich das leere Gehirn des Verwundeten ſo ſehr erhitzt hatte. Aber bei der weichen Berührung des wohlthätigen Trankes, welcher ſeine Lippen befeuchtete und ſeine Bruſt erfriſchte, erhielt Coconnas ſeine Vernunft oder vielmehr ſeinen Inſtinkt wieder. Er fühlte, wie ſich ein Wohlbehagen in ihm verbreitete, das er nie zu⸗ vor empfunden hatte, öffnete ſein geſcheites Auge auf La Mole, der ihn in ſeinen Armen hielt und ihm zu⸗ lächelte, und aus dieſem kaum zuvor noch von einer düſtern Wuth zuſammengezogenen Auge rollte eine un⸗ merkliche Thräne auf ſeine glühende Wange, welche ſie gierig auffaßte. „Mordi!“ murmelte Coconnas, auf ſein Kopf⸗ kiſſen zurückfinkend,„wenn ich entkomme, Herr de La Mole, ſo ſollt Ihr mein Freund werden.“ „Ihr werdet entkommen, mein Kamerad, wenn Ihr drei Taſſen wie die, welche ich Euch ſo eben ge⸗ geben, trinken und keine ſo abſcheuliche Träume mehr machen wollt.“ Eine Stunde nachher ſtand La Mole, der nun Kran⸗ kenwärter geworden war und pünktlich den Vorſchrif⸗ ten des unbekannten Doctors folgte, zum zweiten Male auf, goß abermals eine Portion von dem Tranke in eine Taſſe und brachte dieſe Coconnas. Diesmal aber empfing ihn der Piemonteſe, ſtatt ihn mit dem Dolche in der Hand zu erwarten, mit offenen Armen —. 269 e⸗ und leerte den Trank mit Entzücken. Dann ent⸗ ch ſchlummerte er zum erſten Male mit einiger Ruhe. de Die dritte Taſſe brachte eine nicht minder wun⸗ derbare Wirkung hervor. Die Bruſt des Kranken fing en an, einen regelmäßigen, obgleich noch keuchenden, Athem ä⸗ on ſich zu geben. Seine ſteifen Glieder ſtreckten ſich hr aus, eine wohlthätige Feuchtigkeit verbreitete ſich auf der Oberfläche der brennenden Haut, und als am an⸗ o⸗ dern Morgen Meiſter Ambroiſe Paré den Verwundeten uſt beſuchte, lächelte er zufrieden und ſagte: en„Von dieſem Augenblicke ſtehe ich für Herrn von Coconnas, und dies wird keine von den am minde⸗ en ſten ſchönen Curen ſein, die ich gemacht habe.“ ine Aus dieſer halb dramatiſchen, halb burlesken er Scene, der es jedoch nicht an einer gemüthlichen Poe⸗ ich ſie fehlte, in Betracht der wilden Sitten von Cocon⸗ zu⸗ nas, ging hervor, daß die Freundſchaft der zwei Edel⸗ uf leute, welche in dem Gaſthofe zum Schönen Geſtirne zu⸗ begonnen hatte und gewaltſam durch die Ereigniſſe ner der Bartholomäusnacht unterbrochen worden war, von m⸗ da an mit neuer Gewalt wieder entſtand und bald che ſich zu einem höhern Grade emporſchwang, als die von Oreſtes und Pylades. pf⸗ Alte und neue, tiefe und leichte Wunden befanden La ſich endlich auf dem Wege der Heilung Zuerſt wieder⸗ hergeſtellt, wollte La Mole, ſeiner Krankenwärterſen⸗ nn dung getreu, das Zimmer nicht verlaſſen bis Cocon⸗ ge⸗ nas vollig geheilt wäre. Er hob ihn in ſeinem Bette ehr auf, ſo lange ihn ſeine Schwäche noch daran feſſelte; er half ihm gehen, als er ſich aufrecht zu halten an⸗ an⸗ fing; kurz, er hatte für ihn jede Sorgfalt, die ihm rif⸗ ſeine liebende, ſanfte Natur eingab, und die, unter⸗ ten ſtützt von dem kräftigen Körper des Piemonteſen, eine nke raſchere Wiedergeneſung herbeiführte, als man dies nal zu hoffen berechtigt war. em Ein und derſelbe Gedanke guälte jedoch die zwei nen jungen Leute. Jeder hatte in ſeinem Fieberwahne ge⸗ glaubt, er ſehe die Frau, welche ſein ganzes Herz erfüllte, ſich ſeinem Bette nähern. Aber ſeitdem jeder das Bewußtſein wieder erlangt hatte, kam er zur Er⸗ kenntniß, daß weder Margarethe noch Frau von Ne⸗ vers das Zimmer betreten hatte. Uebrigens war dies leicht begreiflich: konnten ſie, die Eine die Gemahlin des Königs von Navarra, die Andere die Schwägerin des Herzogs von Guiſe, ſich ein ſo öffentliches Zeichen der Theilnahme an zwei einfachen Ebelleuten erlauben? Dies war gewiß die Antwort, welche La Mole und Coconnas ſich geben mußten. Aber dieſes Nichterſchei⸗ nen, welches Folge eines gänzlichen Vergeſſens ſein konnte, war darum nicht minder ſchmerzlich. Allerdings war der Kapitän, der dem Zweikampfe beigewohnt hatte, von Zeit zu Zeit erſchienen und hatte ſich, wie aus eigenem Antrieb, nach dem Befinden der Verwundeten erkundigt. Allerdings hatte Gillonne für eigene Rechnung daſſelbe gethan. Aber La Mole hatte es nicht gewagt, mit vieſer von Margarethe, nicht, mit jener von Frau von Revers zu ſpre⸗ en. — XVIII. Die Geiſter. Eine Zeit lang hielten die jungen Leute jeder ſein Geheimniß in ſeiner Bruſt verſchloſſen. Endlich an einem Tage größerer Ausdehnuug des Gemüthes über⸗ ſrömte der Gedanke, der ſie allein beſchäftigte, ihre Lippen, und Beide bekräftigten ihre Freundſchaft durch dieſen letzten Beweis, ohne den es keine Freundſchaft gibt, nämlich durch das Vertrauen. ein Fur nun trer den ſie mel kör Sp niſſ mit Unt 271 erz Sie waren zum Sterben verliebt, ver Eine in der eine Prinzeſfin, der Andere in eine Königin. Fr⸗ Es lag für die beiden armen Seufzenden etwas Re⸗ Furchtbares in der beinahe unüberſpringbaren Entfer⸗ ie n, welche ſie von dem Gegenſtand ihrer Wünſche lin trennie. Und dennoch iſt die Hoffnung ein ſo tief in rin dem Herzen des Menſchen eingewurzeltes Gefühl, daß hen ſie hofften, trotz der Tollheit ihrer Hoffnungen. 2 Beide pflegten ihr Geſicht immer ſorgfältiger, je und mehr ſie ſich erholten. Zeder Menſch, ſelbſt der für hei⸗ körperliche Vorzüge gleichgültigſte, hat mit ſeinem ſein Spiegel ſtumme Geſpräche, Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes, nach denen er ſich beinahe immer ſehr zufrieden pfe mit der Unterhaltung von ſeinem Vertrauten entfernt. und Unſere zwei jungen Leute gehörten aber nicht zu den⸗ den jenigen, gegen welche ihre Spiegel eine zu harie Mei⸗ nne nung ausſprachen. Schmächtig⸗ bleich, zierkich, beſaß ole 2La Mole die Schönheit ausgezeichneter Standesver⸗ the, hältniſſe. Kräftig, wohl gewachſen, hochgefärbt, hatte pre⸗ Coconnas die Schönheit der Stärke. Für den letzte⸗ ren war ſeine Krankheit überdies vortheilhaft geweſen; er war magerer, bleicher geworden, ſeine Geſichts⸗ wunde, die ihm früher ſo viel Unruhe durch ihre pris⸗ matiſchen Beziehungen zu dem Regenbogen gemacht hatte, war, ohne Zweifel wie die dilupianiſche Erſchei⸗ nung, eine lange Reihe von reinen Tagen und heite⸗ ren Rächten ankündigend, verſchwunden. Die beiden Verwundeten waren übrigens fortwäh⸗ rend von der zarteſten Sorge umgeben; jeder fand an dem Tage, wo er aufſtehen konnte, einen Schlafrock ſein auf dem Stuhle, der zunächſt an ſeinem Bette ſtand, an und an dem Tage, an welchem er ſich ankleiden konnte, ber⸗ einen vollſtändigen Anzug. Mehr noch in der ihre Taſche von jedem Wamms fand ſich eine gleich gut urch geſpickte Börſe, die jeder von ihnen, wohl verſtanden, haft nur behielt, um ſie zu geeigneter Zeit dem unbekannten Beſchützer zurückzugeben, der über ihm wachte. 272 Dieſer unbekannte Beſchützer konnte nicht der Prinz ſein, bei welchem die beiden jungen Leute wohnten, venn dieſer Prinz war nicht nur nicht ein einziges Mal heraufgekommen, um ſie zu beſuchen, ſondern hatte ſich auch nicht einmal nach ihnen erkundigen laſſen. Eine unbeſtimmte Hoffnung ſagte ganz leiſe jedem Herzen, dieſer unbekannte Beſchützer wäre die Dame, die er liebte. Die zwei Verwundeten erwarteten auch mit un⸗ beſchreiblicher Ungeduld den Augenblick ihres Ausgangs. La Mole hätte, ſtärker und beſſer geheilt als Coconnas, ſeit langer Zeit ausgehen können, aber eine Art von ſtillſchweigender Uebereinkunft verband ihn mit dem Schickſale ſeines Freundes. Ihr erſter Ausgang ſollte drei Beſuchen gewidmet ſein. Der erſte dem unbekannten Arzte, deſſen vortreff⸗ licher Trank eine ſo merkwürdige Beſſerung in der Bruſt von Coconnas herbeigeführt hatte. Der zweite dem Gaſthauſe des verſtorbenen Mei⸗ ſter La Huriére, wo Jeder ſein Felleiſen und ſein Pferd zurückgelaſſen hatte. Der dritte dem Florentiner René⸗ der mit dem Titel eines Parfumeur den eines Magiers verband, nicht allein kosmetiſche Mittel und Gifte verkaufte, ſondern auch Liebestränke bereitete und weiſſagte. Endlich nach zwei Monaten, die man in der Ge⸗ neſung begriffen eingeſchloſſen zugebracht hatte, erſchien der ſo ſehnlich erwartete Tag. Wir haben geſagt, eingeſchloſſen, und das iſt vas geeignete Wort, denn wiederholt hatten ſie in ihrer Ungeduld dieſen Tag beſchleunigen wollen, aber eine vor der Thüre aufgeſtellte Schildwache hatte ihnen be⸗ ſtändig den Weg verſperrt, und ſie hatten erfahren, daß ſie nur auf ein Exeat von Meiſter Ambroiſe Paré ausgehen ſollten. Eines Tags erkannte der geſchickte Wundarzt, daß die zwei Krgnken, wenn nicht geheilt, doch wenigſtens auf Exe ſchö ſtau Vor hab Arn und den unb Tre ren lan ſein zwe loht ſein den der ma der bef Nä ma bez rer mit ein Mi Eir ten die 273 rinz auf dem Wege völliger Beſſerung waren, gab dieſes ten, Exeat, und gegen zwei Uhr Nachmittags, an einem der Mal ſchönen Herbſttage, wie ſie Paris zuweilen ſeinen er⸗ ſich ftaunten Bewohnern bietet, während ſie bereits ihren Vorrath an Reſignation für den Winter geſammelt dem haben, ſetzten die zwei Freunde, ſich gegenſeitig mit den ame, Armen unterſtützend, den Fuß vor den Louvre. La Mole machte ſich zum Führer von Coconnas, un⸗ und Coconnas ließ ſich ohne Widerſtand und ohne Be⸗ ings. denken leiten. Er wußte, daß ihn ſein Freund zu dem nas, unbekannten Doctor führte, deſſen nicht patentirter von Trank ihn in einer einzigen Nacht geheilt hatte⸗ wäh⸗ dem rend ihn alle Droguen von Meiſter Ambroiſe Paré ſollte langſam tödteten. Er hatte zwei Theile aus dem in ſeiner Börſe enthaltenen Gelde gemacht, das heißt, aus treff⸗ zweihundert Roſenobeln, und hundert davon zur Be⸗ der lohnung des unbekannten Aeskulaps beſtimmt, dem er ſeine Wiedergeneſung verdankte. Coconnas fürchtete Mei⸗ den Tod nicht, Coconnas war aber darum nicht min⸗ ſein der froh, daß er lebte. Er ſchickte ſich auch an, wie man ſieht, ſeinen Retter großmüthig zu belohnen. dem La Mole nahm den Weg nach der Rue de LAſtruce, and, der Rue Saint⸗Honoré, der Rue des Trouvelles, und ufte, befand ſich bald auf der Place des Halles. In der Nähe des alten Brunnens und auf der Stelle, die Ge⸗ man gegenwärtig mit dem Namen Carreau des Halles ſchien bezeichnet, erhob ſich ein achteckiges Gebäude von Mau⸗ rerarbeit, überragt von einer weiten hölzernen Laterne as iſt mit einem ſpitzigen Dache, auf dem eine Wetterfahne ihrer ächzte. Dieſe Laterne bot acht Oeffnungen, welche eine eine Art von hölzernem Rade durchzog, das ſich in der nbe⸗ Mitte theilte, um in den zu dieſem Ende angebrachten ihren, Einſchnitten den Kopf und die Hände des Verurtheil⸗ Paré ten oder der Verurtheilten aufzunehmen, welche man an der einen oder der andern oder an mehreren von „daß dieſen Oeffnungen ausſtellte. gſtens Dieſes ſeltſame Gebäude, das nicht die entferntefte 274 Aehnlichkeit mit allen umliegenden Gebäuden hatte, nannte man den Pilori*). Ein unförmliches, höckeriges, verſchobenes, ein⸗ äugiges und hinkendes Haus, mit einem Dache von Moos überzogen, wie die Haut eines Ausſätzigen, war wie ein Champignon am Fuße des Thurmes aufge⸗ wachſen.. Dieſes Haus war das des Henkers. Ein Menſch war ausgeſtellt und ſtreckte gegen die Vorübergehenden die Zunge heraus er gehörte zu den Dieben, die ihr Gewerbe bei dem Galgen von Mont⸗ faucon getrieben hatten, und war bei der Ausübung ſeiner Functionen verhaftet worden. Coconnas glaubte, ſein Freund wolle ihm dieſes Schauſpiel zeigen, und miſchte ſich unter die Menge der Liebhaber, welche die Grimaſſen des Leidenden durch Ziſchen und Schreien erwiederten. Coconnas war von Ratur grauſam, und dieſes Schauſpiel ergötzte ihn ungemein, nur hätte er gewünſcht, man würde, ſtatt zu ziſchen und zu ſchreien, Steine nach dem Ver⸗ urtheilten geworfen haben, der ſo frech war, die Zunge gegen die achtungswerthen Herren herauszuſtrecken, die ihm die Ehre ihres Beſuches erwieſen. Als ſich die bewegliche Laterne auf ihrer Baſe drehte, um einen andern Theil des Platzes mit dem Anblicke des Patienten zu erfreuen, und die Menge der Bewegung der Laterne folgte, wollte Coconnas der Bewegung der Menge folgen, aber La Mole hielt ihn zurück und ſagte halblaut zu ihm: „Richt deßhalb ſind wir hieher gekommen.“ „Und warum ſind wir denn hier?“ fragte Co⸗ connas. „Du wirſt es ſehen, antwortete La Mole. Die zwei Freunde duzten ſich ſeit dem Worgen Drillhäuschen. 34 tte, ein⸗ von war fge⸗ die den ont⸗ ung ieſes enge nden war ötzte ärde, Ver⸗ die ecken, Baſe dem e der 3 der tihn Co⸗ orgen 275 nach der bekannten Nacht, wo Coconnas La Mole hatte erſtechen wollen. Und La Mole führte Coconnas gerade auf das Fenſter des an den Thurm angelehnten Häuschens zu, Geſimſe ſich ein Mann mit dem Ellbogen itzte. „Ah! ah! Ihr ſeid es, meine gnädige Herren,“ ſagte der Mann, ſeine blutrothe Mütze abnehmend und ſeinen Kopf mit den ſchwarzen, dichten, bis auf die Augenlider herabfallenden Haaren entblößend.„Seid willkommen.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Coconnas, bemüht ſeine Erinnerungen zu ſammeln, denn es kam ihm vor, als hätte er dieſen Kopf während eines der Augen⸗ blicke ſeines Fiebers geſehen. „Dein Retter, mein lieber Freund,“ erwiederte La Mole,„derjenige welcher Dir in den Louvre den erfriſchenden, für Dich ſo wohlthätigen Trank brachte.“ „Oh! oh!“ rief Coconnas,„dann iſt es mein Freund Und er reichte ihm die Hand. Aber ſtatt dieſem Entgegenkommen durch eine ähn⸗ iche Geberde zu entſprechen, richtete ſich der Mann auf und entfernte ſich durch dieſes Aufrichten von den zwei Freunden um den ganzen Raum, den die Bie⸗ gung ſeines Körpers eingenommen hatte. „Mein Herr,“ ſagte er zu Coconnas,„ich danke für die Ehre, die Ihr mir erzeigen wollt, aber wenn mich kennen würdet, thätet Ihr es ohne Zweifel nicht. „Meiner Treue,“ ſprach Coconnas,„ich erkläre, daß ich Euch verpflichtet bin, und wenn Ihr der Teu⸗ wäret, denn ohne Euch wäre ich zu dieſer Stunde odt.“ „Ich bin nicht ganz der Teufel,“ erwiederte der Mann mit der rothen Mütze;„aber Viele würden oft lieber den Teufel als mich ſehen.“ 276 „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte Coconnas. „Mein Herr,“ antwortete der Mann,„ich bin Meiſter Caboche, Henker des Gerichtsbezirkes von Paris.“ „Ah!“ rief Coconnas, ſeine Hand zurückziehend. „Seht Ihr!“ ſprach Meiſter Caboche. „Nein! ich berühre Eure Hand, oder der Teufel⸗ ſoll mich holen. Streckt ſie aus. „Wirklich?“ „Streckt ſie weit aus.“ „Sier „Noch weiter„ gut und Coconnas nahm aus ſeiner Taſche das Gold, das er für ſeinen unbekann⸗ ten Arzt bereit hielt, und legte es in die Hand des Henkers. „Ich hätte lieber Eure Hand allein gehabt,“ ſagte Meiſter Caboche, den Kopf ſchüttelnd;„denn es fehlt mir nicht an Gold, wohl aber an Händen, die die mei⸗ nigen berühren. Gleichviel! Gott ſegne Euch, mein edler Herr!“ „Ihr ſeid es alſo, mein Freund,“ ſprach Cocon⸗ nas, den Henker neugierig anſchauend,„Ihr ſeid es, der foltert, rädert, viertheilt, Köpfe abſchneidet, Kno⸗ chen bricht? Ahl es freut mich ſehr, Eure Bekannſchaft gemacht zu haben.“ „Mein Herr,“ verſetzte Caboche,„ich thue nicht Alles ſelbſt, denn ſo wie Ihr vornehme Herren Lackeien habt, um zu thun, was Ihr nicht ſelbſt thun wollt, ſo habe ich meine Gehülfen, welche das grobe Geſchäft treiben und Lumpenkerle abfertigen. Nur wenn ich es mit Edelleuten, z. B. wie Ihr und Euer Gefährte, zu thun habe, dann iſt es etwas Anderes, dann mache ich mir eine Ehre daraus, alle kleine Geſchäfte der Execu⸗ tion von dem erſten bis zum letzten, d. h. von der peinlichen Frage bis zum Enthaupten zu verrichten.“ Cocomas fühlte, wie unwillkührlich ein Schauer ſeine Adern durchlief, als ob der ſchwere Keil ſeine Bei rüh ben ſich Cal die ran fot Ihr bin von ufel⸗ ahm nn⸗ des agte fehlt mei⸗ mein n⸗ des, Kno⸗ ſchaft nicht 1 keien t, ſo ſchäft ch es e, zu he ich recu⸗ der ten hauer ſeine N7 preßte und der ſtählerne Faden ſeinen Hals be⸗ rührte. La Mole wurde, ohne ſich Rechenſchaft davon ge⸗ ben zu können, von derſelben Empfindung ergriffen. Aber Coconnas überwand die Bewegung, der er ſich ſchämte, und ſagte in der Abſicht, von Meiſter Caboche mit einem letzten Scherze Abſchied zu nehmen: „Gut, Meiſter, ich halte Euch beim Worte, wenn die Reihe an mich kommt, an den Galgen von Enguer⸗ rand von Marigny gehängt zu werden oder das Schaf⸗ fot von Herrn von Nemours zu beſteigen, ſo ſollt nur Ihr mich berühren.“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Dießmal meine Hand zum Pfande, daß ich Euer Verſprechen annehme.“ Und er ſtreckte gegen den Henker eine Hand aus, welche dieſer ſchüchtern mit der ſeinigen berührte, ob⸗ 6 er ſichtbar große Luſt hatte, ſie kräftig zu aſſen. Bei dieſer einfachen Berührung erbleichte Cocon⸗ nas leicht, aber daſſelbe Lächeln blieb auf ſeinen Lip⸗ pen, während La Mole, als er ſah, daß die Menge mit der Laterne ſich drehte und ſich ihnen näherte, ihn an ſeinem Mantel zog. Coconnas, dem es im Ganzen auch lieb war, die⸗ ſer Scene ein Ende zu machen, bei der er, angetrieben von einem natürlichen Hange ſeines Charakters, weiter hineingezogen worden war, als er hatte gehen wollen, machte ein Zeichen mit dem Kopfe und entfernte fich. „Meiner Treue,“ ſprach La Mole, als er und ſein Gefährte bei der Croir du Trahvir angelangt waren, „geſtehe, daß man hier freier athmet, als bei den Hallen?“ „Ich gebe es zu,“ erwiederte Coconnas,„es freut mich aber darum nicht minder, die Bekanntſchaft von Meiſter Caboche gemacht zu haben, denn es iſt gut, wenn man überal Freunde beſitzt.“ Fönigin Margot. 1. 18 „Selbſt in dem Gaſthauſe zum Schönen Geſtirn,“ ſei ſprach La Mole lachend. tet „Oh! der arme Meiſter La Huriere,“ rief Cocon⸗ ſ„er iſt todt, ſehr todt! Ich habe die Flamme na der Büchſe geſehen, ich habe den Schlag der Kugel ſel gehört, welche klang, als hätte ſie die große Glocke Hi von Notre⸗Dame getroffen, und ließ ihn im Rinnſteine mit dem Blute liegen, das ihm aus Naſe und Mund hervorquoll. Geſetzt, es iſt unſer Freund, ſo iſt es ein Freund, den wir in der andern Welt haben.“ a So plaudernd gelangten die zwei Freunde in die r Rue de lArbre⸗Sec und gingen auf das Schild vom 6 Schönen Geſtirne zu, das noch an derſelben Stelle ächzte m und fortwährend dem Reiſenden ſeinen gaſtronomiſchen Herd und und ſeine Appetit erregende Legende bot. E Coconnas und La Mole dachten, ſie würden das Haus in Verzweiflung, die Wittwe in Trauer und die p Dienſtboten mit dem Flor um den Arm treffen; aber C zu ihrem großen Erſtaunen fanden ſie das Haus in it großer Thätigkeit, Madame La Huriére ſehr,„glänzend. und die Kellner luſtiger als je. 1 „Oh! Ungetreue,“ ſprach La Wole,„ſie wird ſich tl wieder verheirathet haben!“ Dann ſich an die neue Artemiſia wendend, ſagte er: „Wir ſind zwei Edelleute, die zu den Bekannten des Herrn La Hurière gehörten; wir haben hier zwei ſt Pferde und zwei Felleiſen gelaſſen, deren Zurückgabe wir verlangen.“ „Meine Herren,“ antwortete die Gebieterin des Hauſes, nachdem ſie ihre Erinnerungen zuſammenge⸗ ſucht hatte,„da ich nicht die Ehre habe, Euch wieder⸗ zuerkennen, ſo werde ich, wenn Ihr es wünſcht, mei⸗ nen Mann kommen laſſen. Gregor, rufe Deinen Herrn!“ Gregor ging von der erſten Küche, dem Pandä⸗ monium, in die zweite oder das Laboratvrium, wo zu ———— 1 — rn,“ con⸗ mme ugel locke eine kund ein die vom chzte ſchen 8 das die aber s in tzend ſich eer: inten zwei gabe des enge⸗ eder⸗ mei⸗ inen ndä⸗ zu 279 ſeinen Lebzeiten Meiſter La Huriére die Gerichte berei⸗ tete, die ihm ſeiner gelehrten Hände würdig erſchienen. „Der Teufel ſoll mich holen,“ murmelte Cocon⸗ nas,„es iſt mir peinlich, dieſes Haus ſo heiter zu ſehen, während es ſo traurig ſein ſollte. Armer La Huriére!“ „Er wollte mich umbringen,“ ſprach La Mole „aber ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.“ La Mole hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als auf der Schwelle ein Menſch erſchien, der eine Caſſe⸗ role in der Hand hielt, in welcher er Zwiebeln, die er it einem hölzernen Löffel umrührte, röthlichbraun machte. La Mole und Coconnas ſtießen einen Schrei des Erſtaunens aus. Bei dieſem Schrei hob der Menſch den Kopf em⸗ por, antwortete mit einem ähnlichen Schrei, ließ ſeine Caſſerole fallen und behielt nur den hölzernen Löffel in der Hand. In nomine patris,“ ſagte der Menſch, ſeinen Löffel bewegend, wie er es mit einem Weihwedel ge⸗ than haben würde, et Blii et spiritus sancti!“ „Meiſter La Huriére!“ riefen gleichzeitig die zwei jungen Leute. „Meine Herren von Coconnas und de La Mole!“ ſprach La Huriére. „Ihr ſeid alſo nicht todt?“ ſagte Coconnas. „Ihr lebt alſo noch?“ fragte der Wirth. „Ich habe Euch doch fallen ſehen,“ verſetzte Co⸗ connas,„ich habe den Lärm der Kugel gehört, welche Euch etwas, ich weiß nicht was, zerbrach. Ich ließ Euch, Blut durch die Naſe, durch den Mund und ſo⸗ gar durch die Augen vergießend, in der Goſſe liegen.“ „Alles dies iſt wahr wie das Evangelium, Herr von Coconnas; aber das Geräuſch, das Ihr hörtet, war das der Kugel, welche an meine Pickelhaube ſchlug, an der ſie glücklicher Weiſe abprallte; doch 280 der Schlag war darum nicht minder hart, und zum Beweiſe,“ fügte La Huriére, ſeine Mütze abnehmend und ſeinen kahlen Kopf zeigend, bei,„ſeht, es iſt mir kein Haar geblieben.“ Die zwei jungen Leute brachen in ein Gelächter aus, als ſie dieſe groteske Erſcheinung ſahen. „Ah! Ihr lacht,“ ſprach La Huriére etwas be⸗ ruhigt,„Ihr kommt alſo nicht mit ſchlimmen Ab⸗ fichten?“ „Und Ihr, Meiſter La Huriére, Ihr ſeid alſo von Eurem kriegeriſchen Gelüſte geheilt?“ „Meiner Treue, ja, meine Herren; und nun...“ „Und nun?“ „Nun habe ich das Gelübde gethan kein anderes Feuer mehr zu ſehen, als das meiner Küche.“ „Bravo!“ ſagte Coconnas,„das iſt klug. Doch wir haben in Euern Ställen zwei Pferde und in Euern Zimmern zwei Felleiſen gelaſſen,“ fügte der Piemonteſe bei.. „Ah, Teufel!“ verſetzte der Wirth, ſich hinter dem Ohre kratzend. 3 „Nun?“ „Zwei Pferde, ſagt Ihr?“ „Ja, im Stalle.“ „Und zwei Felleiſen?“ „Ja, im Zimmer.“ „Seht Ihr... Ihr habt mich für todt gehalten⸗ nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Ihr gebt zu, daß ich, inſofern Ihr Euch ge⸗ täuſcht habt, mich meinerſeits ebenfalls täuſchen konnte?“ „Indem Ihr uns auch für todt hieltet? Das ſtand Euch vollkommen frei.“ „Ah, das iſt es!.. da Ihr ohne Hinterlaſſung eines Teſtamentes ſtarbet,..“ fuhr Meiſter La Hu⸗ riere fort. ſel —„—— um end mir ter be⸗ Ab⸗ alſo res ch in der nier ten, ge⸗ chen Das ſung 281 „Weiter?“ „So glaubte ich, ich habe Unrecht gehabt, ich ſehe es jetzt ein„ „Was glaubtet Ihr? Sprecht.“ „Ich glaubte, ich könnte Euch beerben.“ „Ah, ah!“ riefen die zwei jungen Leute. „Es freut mich darum nicht minder, daß Ihr noch lebt, meine Herren.“ „Somit habt Ihr alſo unſere Pferde verkauft?“ ſprach Coconnas. „Ach!“ ſeufzte La Hurieére. „Und unſere Felleiſen?“ fuhr La Mole fort. „Oh! die Felleiſen, nein!.. rief La Huriere, „nur das, was darin war.“ „Sage mir, La Mole,“ verſetzte Coconnas,„das iſt ein frecher Schurke. Wenn wir ihm die Einge⸗ weide ausnehmen würden?“ Dieſe Drohung ſchien eine große Wirkung auf Meiſter La Huriére hervorzubringen, denn er ſtam⸗ melte die Worte: „Aber, meine Herren, es ſcheint mir, man kann eine Uebereinkunft treffen.“„ „Höre,“ ſagte La Mole,„ich bin es, der ſich am meiſten über Dich zu beklagen hat.“ „Allerdings, mein Herr Graf, denn ich erinnere mich, daß ich in einem Anfalle von Wahnfinn die Kühnheit hatte, Euch zu bedrohen.“ „Ja, mit einer Kugel, die mir zwei Zoll äber dem Kopfe hinging.“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Wenn Ihr Eurer Sache gewiß ſeid,“ ſprach La Huriére, mit unſchuldiger Miene ſeine Caſſerole auf⸗ hebend,„ſo bin ich zu ſehr Euer Diener, um Euch Lügen zu ſtrafen.“ „Wohl,“ ſprach La Mole,„ich für meinen Theil fordere nichts.“ „Wie, mein gnädiger Herr?“ „Aje! aje!“ rief La Huriere. „Außer einem Mittagsbrode für mich und meine Freunde, ſo oft ich mich in Deinem Quartiere beſinde.“ „Sonſt nichts?“ rief La Huriére entzückt,„ganz zu Euren Befehlen, mein gnädiger Herr.“ „Das iſt alſo eine abgemachte Sache.“ „Mit größtem Vergnügen Und Ihr, Herr von Coconnas?“ fuhr der Wirth fort,„unterſchreibt Ihr den Handel?“ „Ja, nur füge ich, wie mein Freund, eine kleine Bedingung bei.“ „Welche?“ „Daß Ihr Herrn de La Mole die ſi Thaler gebt, die ich ihm ſchuldig bin und pie ich Euch an⸗ vertraut habe.“ „Mir, Herr? Wann dies?“ „Eine Viertelſtunde, ehe Ihr mein Pferd und mein Felleiſen verkauftet.“ La Huriere machte ein Zeichen des Einverſtänd⸗ niſſes. „Ah! ich begreife,“ ſagte er. lind er ging auf einen Schrank zu und zog, ei⸗ nen nach dem andern, fünfzig Thaler hervor, die er La Mole überbrachte. „Gut,“ ſprach dieſer,„ſetzt uns einen Eierkuchen vor. Dieſe fünfzig Thaler ſind für Herrn Gregor.“ „Ah, meine gnädigen Herren!“ rief La Huriére, „Ihr habt wahrhaft fürſtliche Herzen und könnt im Leben wie im Tode auf mich zählen.“ „So macht uns den beſtellten Eierkuchen,“ ſagte Coconnas,„und ſpart weder Butter noch Speck.“ Dann ſich nach der Uhr umwendend, fügte er bei: „Meiner Treue! Du haſt Recht, La Mole, wir haben noch drei Stunden zu warten; es iſt beſſer, wir bringen ſie hier zu, als anderswo, um ſo mehr⸗ als — +— err eibt eine aler an⸗ und ind⸗ als 283 wir, wenn ich mich nicht täuſche, hier auf halbem Wege zu dem Pont Saint⸗Michel ſind.“ Die zwei jungen Leute ſetzten ſich zu Tiſche, in demſelben kleinen Zimmer, an demſelben Platze, den ſie an dem bekannten Abend des 24. Auguſt 1572 ein⸗ genommen, an welchem Coconnas La Mole den Vor⸗ ſchlag gemacht hatte, mit ihm um die erſte Geliebte zu ſpielen, die ſie haben würden. Zur Ehre der Sittlichkeit der zwei jungen Männer müſſen wir anführen, daß an dieſem Abend weder der Eine noch der Andere den Gepanken hatte, ſeinem Ge⸗ fährten einen ähnlichen Vorſchlag zu machen. XIX. Die Wohnung von Meiſter Bens, dem Parfu- meur der Rönigin Mutter. In ver Zeit, in ver die Geſchichte vorſiel, welche wir unſern Leſern erzählten, gab es, um von einem Theile der Stavt zum andern zu gelangen, nur fünf, theils ſteinerne, theils hölzerne Brücken, und dieſe fünf Brücken mündeten nach der Cité aus. Es waren dies der Pont au Change, der Pont au Meunier, der Pont Tutrer Dame, der Petit⸗Pont und der Pont Saint⸗ ichel. An andern Ort o die Circulation nothwendig war, hatte man F elche die Stelle der Brücken vertreten mußten. Dieſe fünf Brücken waren mit Häuſern beſetzt, wie es noch heut zu Tage der Ponte Vecchiv in Florenz iſt. 284 Unter vieſen fünf Brücken, von welchen jede ihre ei⸗ gene Geſchichte hat, werden wir uns hauptſächlich für den Augenblick mit dem Pont Saint⸗Michel beſchäftigen. Der Pont Saint⸗Michel war im Jahr 1373 von Stein erbaut worden. Trotz ſeiner ſcheinbaren Feſtig⸗ keit, ſtürzte er theilweiſe in Folge eines Austretens der Seine am 31. Januar 1408 ein. Im Jahre 1416 von Holz wieder aufgebaut, wurde er in der Nacht vom 16. December 1547 abermals von den Fluthen fortgeriſſen; 1550, d. h. zweiundzwanzig Jahre vor der Zeit, zu der wir gelangt find, baute man ihn noch einmal von Holz auf, und er galt, obgleich er bereits der Reparaturen bedurft hatte, als ziemlich feſt. Mitten unter den Häuſern, welche ſich die Brücke entlang an einander reihten, dem Inſelchen gegenüber, auf welchem die Tempelherren verbrannt worden waren, und worauf heut zu Tage die Ausfüllung des Pont⸗ Neuf ruht, bemerkte man ein Haus mit hölzernen Fel⸗ dern, auf welchem ſich ein breites Dach, wie das Lied eines ungeheuern Auges, herabſenkte. An dem einzigen Fenſter, das ſich im erſten Stocke übet einem Fenſter und einer hermetiſch verſchloſſenen Thüre des Erdge⸗ ſchoſſes öffnete, ſchimmerte ein röthlicher Schein durch, der die Blicke der Vorübergehenden auf die breite, niedrige, blau angemalte Fagade mit reichen vergol⸗ deten Leiſten zog. Eine Art von Fries, der das erſte Stockwerk von dem Erdgeſchoſſe trennte, zeigte eine Menge von Teufeln in den groteskeſten Stellungen und ein breites, wie die Facade, blau angemaltes Band dehnte ſich zwiſchen dem Fries und dem Fenſter des erſten Stockes mit folgender Inſchrift aus: RENE, FLOBPMTIN, Parfumeun de la Reine Mére. Die Thüre dieſer Bude war, wie geſagt, gut verriegelt, mehr aber noch, als durch ſeineRiegel, vor mächtigen Angriffen durch einen ſo furchtbaren Ruf ſei⸗ 0 v n 5 0 6 2 3 * „ ei⸗ den von ſtig⸗ ens 416 acht then vor noch reits rücke ber, ren, ont⸗ Fel⸗ Lied igen nſter dge⸗ rch, eite, gol⸗ erſte eine ngen altes nſter gut vor ſei⸗ 285 nes Bewohners geſchützt, daß diejenigen, welche an dieſer Stelle über die Brücke kamen, hier beinahe im⸗ mer einen Halbkreis beſchrieben, der ſie zu der andern Reihe der Häuſer hinüber brachte, als hätten ſie be⸗ fürchtet, der Geruch ſeiner Parfums könnte durch die Mauern bis zu ihnen dringen. WMehr noch: die Nachbarn rechts und links hatten ſich, ohne Zweifel befürchtend, ſie könnten durch dieſe Rachbarſchaft gefährdet werden, ſeitdem ſich Meiſter Zene auf dem Pont Neuf einquartiert, in der Stille einer nach dem andern aus ihren Wohnungen ge⸗ ſchlichen, ſo daß die zwei an das Haus von Rene ſto⸗ ßenden Gebäude ganz verlaſſen und geſchloſſen geblie⸗ ben waren. Trotz dieſer Einſamkeit und Verlaſſenheit je⸗ doch hatten die Vorübergehenden in ſpäter Nacht durch die geſchloſſenen Läden dieſer leeren Häuſer gewiſſe Lichtſtrah⸗ len hervorſpringen ſehen⸗ und ſie behaupteten auch, ſie hätten ein Geräuſch, dem von Klagen ähnlich, gehört, was zum Beweiſe diente, daß einige Weſen dieſe zwei Häuſer beſuchten, nur wußte man nicht, ob ſie dieſer Welt oder der andern angehörten. Die Folge hievon war, daß die Miethsleute der an die zwei verlaſſenen Häuſer ſtoßenden Gebäude fich von Zeit zu Zeit fragten, ob es nicht klug von ihnen wäre, zu thun, wie ihre Nachbarn gethan hatten. Dieſem Vorrechte des Schreckens, das Meiſter René im Publikum verſchafft hatte, verdankte er es ohne Zweifel, daß er allein Feuer nach der beſtimmten Stunde behalten durfte. Weder Runde noch Wache wagte es, einen Menſchen zu beunruhigen, der Ihrer Majeſtät in ſeiner Eigenſchaft als Landsmann und als Parfumeur doppelt theuer war. Da wir vorausſetzen, daß der Leſer, gepanzert durch die Philoſophie des achtzehnten Jahrhunderts, weder an Magie, noch an Magier glaubt, ſo laden wir ihn ein, mit uns in dieſe Wohnung zu treten, 286 welche in jener Zeit des Aberglaubens einen ſo tiefen Schrecken um ſich her verbreitete. Die Bude des Erdgeſchoſſes iſt düſter und öde von Abends acht Uhr an, wo ſie geſchloſſen wird, um ſich nicht mehr zu öffnen bis zu einer zuweilen ſehr vorge⸗ rückten Stunde des andern Tages; hier findet der tägliche Verkauf von Parfumerien, von Salben, von kosmetiſchen Mitteln aller Art Statt, mit welchen der geſchickte Chemiker Handel treibt. Zwei Lehrlinge un⸗ terſtützen ihn bei vieſem Detailverkauf, aber ſie ſchlafen nicht im Hauſe, ſondern in der Rue de la Calandre. Abends entfernen ſie ſich einen Augenblick ehe der La⸗ den geſchloſſen wird. Morgens gehen ſie vor der Thüre auf und ab, bis man die Bude wieder öffnet. Dieſe Bude des Erdgeſchoſſes iſt alſo, wie geſagt, düſter und öde. Die ziemlich tiefe und breite Bude hat zwei Thü⸗ ren; jede führt nach einer Treppe. Die eine von die⸗ ſen Treppen geht in der Wand ſelbſt hinauf; die andere iſt eine äußere und ſowohl von dem Quai, den man gegenwärtig den Quai des Auguſtins nennt, als von dem abſchüſſigen Ufer, heut zu Tage Quai des Orfevres genannt, ſichtbar. Alle beide führen in die Stube des erſten Stockes. Dieſe Stube iſt von derſelben Größe, wie die des Erdgeſchoſſes, nur theilt ſie ein in der Richtung der Brücke ausgeſpannte Tapete in zwei Gelaſſe. Im Grunde des erſten öffnet ſich die Thüre, welche nach der äußern Treppe geht; an der Seitenfläche des zweiten öffnet ſich die Thüre der geheimen Treppe; dieſe Thüre wird jedoch durch einen hohen mit Schnitz⸗ werk verzierten Schrank verborgen, der mittelſt eiſerner Klammern an ſie befeſtigt iſt und aufgeſtoßen wird, wenn man ſie öffnet. Außer René weiß nur Catha⸗ rina das Geheimniß dieſer Thüre; auf dieſem Wege kommt und geht fie; das Ohr oder das Auge an den 4„ fen von ſich ge⸗ der von der un⸗ fen dre. La⸗ üre agt, hü⸗ die⸗ dere nan von res es. des der nach des pe nitz⸗ rner ird, tha⸗ zege den 287 Schrank gelegt, in welchem Löcher angebracht find, hört und ſieht ſie, was in der Stube vorgeht. Zwei andere vollkommen ſichtbare Thüren ſind an den Seiten des zweiten Gelaſſes vorhanden. Die eine öffnet ſich nach einem kleinen vom Dache aus heleuchteten Zimmer; man erblickt darin kein anderes Gerälhe, als einen großen Ofen, Retorten, Deſtillir⸗ folben, Schmelztiegel: das iſt das Laboratorium des Alchymiſten. Die andere Thüre öffnet ſich nach einer Zelle, welche noch bizarrer iſt, als die übrige Wohnung, denn ſie iſt gar nicht beleuchtet, hat weder Täpeten noch Meubles, ſondern nur eine Art von Betaltar⸗ Der Boden beſteht aus Platten, welche ſich von dem Mittelpunkte nach den Enden zu neigen, und an dem Fuße der Wand hin läuſt eine Rinne, die nach einem Trichter ausmündet, durch deſſen Oeffnung man das düſtere Waſſer der Seine erblickt. An Nägeln, welche an der Wand befeſtigt ſind, hängen insgeſammt ſchnei⸗ dende und ſpitzige Inſtrumente von ſeltſamer Form; die Spitze iſt ſo fein, wie die einer Nadel, die Schneide iſt ſo ſcharf, wie die eines Scheermeſſers; die einen glänzen wie Spiegel, die andern find im Gegentheile mattgrau oder dunkelblau. In einer Ecke zappeln mit den Füßen an einander gebunden zwei ſchwarze Hühner: das iſt das Allerheiligſte des Augurs. Kehren wir in die Mittelſtube, in die Stube mit zwei Abtheilungen zurück. Hier wird der gemeine Haufe der Neugierigen eingeführt; hier bieten die ägyptiſchen Ibiſe, die Mu⸗ mien mit den vergoldeten Binden, das Krokodill mit dem aufgeſperrten Rachen an der Decke, die Todten⸗ köpſe mit den hohlen Augen und wackelnden Zähnen, die beſtaubten, auf eine ehrwürdige Weiſe von den Ratten zernagten Folianten dem Auge des Eintreten⸗ den das Gemiſche, aus dem die verſchiedenen Gemüths⸗ bewegungen entſpringen, welche den Geiſt hindern, ſeinen geraden Weg zu verfolgen. Hinter dem Vor⸗ 288 hange find Fiolen, Schachteln, Eimer von düſterem Inblick; Alles dieß wird durch zwei kleine, völlig gleiche, ſilberne Lampen beleuchtet, welche von irgend einem Altar von Santa⸗Maria⸗Novella oder der Kirche Dei Servi von Florenz genommen zu ſein ſcheinen und, ein wohlriechendes Oel brennend, ihre gelbliche Helle oben von dem dunkeln Gewölbe herabwerfen, an dem jede mittelſt dreier geſchwärzter Kettchen aufgehängt iſt. René iſt allein und geht, die Arme gekreuzt, mit großen Schritten und den Kopf ſchüttelnd in dem zweiten Gelaſſe der Mittelſtube auf und ab. Nach langem ſchmerzlichem Nachſinnen bleibt er vor einer Sanduhr ehen. „Ah! ah!“ ſpricht er,„ich habe vergeſſen, ſie um⸗ zudrehen, und der Sand iſt vielleicht ſeit langer Zeit abgelaufen.“ Dann ven Mond betrachtend, ver ſich mit großer Mühe von einer Wolke losmacht, welche auf der Spitze des Glockenthurmes von Notre⸗Dame zu ruhen ſcheint, fügt er bei: „Neun Uhr; kommt ſie, ſo kommt ſie wie gewöhn⸗ lich in einer oder anderthalb Stunden; die Zeit wird zu Allem zureichen.“ In dieſem Augenblick hörte man ein Geräuſch auf der Brücke. René hielt ſein Ohr an die Mündung einer langen Röhre, deren anderes Ende ſich nach der Straße in Form eines kupfernen Kopfes öffnete. „Nein,“ ſagte er,„ſie iſt es nicht; es find Männer⸗ tritte, ſie halten vor meiner Thüre an, ſie kommen hieher.“ Zu gleicher Zeit erſchollen drei dumpfe Schläge. Renè ſtieg raſch hinab. Er legte jedoch nur ſein Ohr an die Thüre, ohne noch zu öffnen. Die drei dumpfen Schläge wiederholten ſich. „Wer iſt da?“ fragte Meiſter René. „Iſt es durchaus nothwendig, daß wir unſere 3 Namen ſagen?“ fragte eine Stimme. dert eine Die die Thi Da zwe Zei blei an, der ſei rem lig en rche und, ben jede mit iten gem duhr um⸗ Zeit oßer eint, öhn⸗ wird auf n der mer⸗ men ge. ſein nſere pitze — 289 „Es iſt unerläßlich,“ antwortete René. „Ich heiße Graf Annibal von Coconnas,“ erwie⸗ verte dieſelbe Stimme, welche bereits geſprochen hatte. „Und ich bin der Graf Lerac de la Mole,“ ſagte eine andere Stimme, die ſich jetzt erſt hörbar machte. „Wartet, wartet, meine Herren; ich bin zu Eueren Dienſten.“ Zu gleicher Zeit zog René die Riegel zurück, nahm die Balken weg, öffnete den zwei jungen Leuten die Thüre und ſchloß dieſe nur wieder mit dem Schlüſſel. Dann führte er ſie über die äußere Treppe in das zweite Gelaß. La Wole machte, als er eintrat, das Zeichen des Kreuzes unter ſeinem Mantel. Er war dleich und ſeine Hand zitterte, ohne daß er ſeine Schwäche zu überwinden vermochte. Coconnas ſchaute die Sachen eine nach der andern an, und da er mitten unter ſeiner Prüfung die Thüre der Zelle erblickte, wollte er ſie öffnen. „Erlaubt, mein gnädiger Herr,“ ſprach René mit ſeinem ernſten Tone, ſeine Hand auf die von Coconnas legend,„die Beſuche, welche mir die Ehre erweiſen, hier einzutreten, haben nur dieſen Theil des Zimmers zu genießen.“ „Ah, das iſt etwas Anderes„verſetzte Coconnas, „und überdieß fühle ich, daß ich mich ſetzen muß.“ Und er ließ ſich auf einen Stuhl nieder. Es herrſchte einen Augenblick tiefes Stillſchweigen⸗ Meiſter René erwartete, daß der Eine oder der Andere von den zwei jungen Leuten ſich erklären würde. Während dieſer Zeit hörte man den pfeifenden Athem von Coconnas, der immer noch ſchlecht geheilt war. „Meiſter René,“ ſprach dieſer endlich,„Ihr ſeid ein geſchickter Mann. Sagt mir, ob ich ſtets von meiner Wunde verkrüppelt bleiben, d. h. ob ich ſtets dieſen kurzen Athem haben werde, der mich verhindert, zu ier zu ſteigen, zu fechten und Speckpfannekuchen zu eſſen.. 290 René näherte ſein Ohr der Bruſt von Coconnas und horchte aufmerkſam auf das Spiel der Lungen. „Nein, Herr Graf,“ ſagte er,„Ihr werdet ge⸗ neſen.“ „In der That?“ „Ich verſichere Euch.“ „Ihr macht mir Freude.“ Es trat ein abermaliges Stillſchweigen ein. „Wünſcht Ihr nicht noch etwas Anderes zu wiſſen, mein Herr Graf?“ „Allerdings,“ erwiederte Coconnas,„ich wünſche zu wiſſen, ob ich wirklich verliebt bin.“ „Ihr ſeid es.“ 3 „Woher wißt Ihr dieß?“ „Weil Ihr fragt.“ „Mordi! ich glaube, Ihr habt Recht. Aber in wen?“ „In diejenige, welche gegenwärtig bei jeder Ge⸗ legenheit den Schwur ſagt, den Ihr geſagt habt.“ „In der That,“ verſetzte Coconnas erſtaunt,„Ihr ſeid ein geſchickter Mann, Meiſter René. Nun iſt es an Dir, La Mole.“ La Mole erröthete und blieb verlegen. „Ei, der Teufel! ſprich doch!“ rief Coconnas. „Sprecht!“ ſagte der Florentiner. „Ich, Herr René,“ ſtammelte La Mole, deſſen Stimme allmählig ruhig wurde, ich will Euch nicht fragen, ob ich verliebt bin; ich weiß, daß ich k6 bin und verberge es mir nicht. Aber ſagt mir, ob man mich lieben wird, denn in der That, Alles, was Anfangs einen Gegenſtand der Hoffnung für mich bildete, dreht ſich jetzt gegen mich.“ „Ihr habt vielleicht nicht Alles gethan, was zu dieſem Behufe nothwendig iſt.“ „Was hat man Anderes zu thun, mein Herr, als durch ſeine Achtung und Ergebenheit der Dame ſeiner Gedanken zu beweiſen, daß ſie wirklich und innig ge⸗ liebt wird.“ 4 geb ne pat erz Eit 291 nas„Ihr wißt,“ entgegnete René,„daß ſolche Kund⸗ . gebungen zuweilen ſehr unbedeutend find.“ ge⸗„Dann muß man verzweifeln?“ „Nein, man muß ſeine Zuflucht zur Wiſſenſchaft nehmen. Es gibt in der menſchlichen Natur Anti⸗ pathien, welche man beſiegen, Sympathien, die man erzwingen kann. Das Eiſen iſt nicht der Magnet; aber wenn man es magnetifirt, zieht es ebenfalls das ſſen, Eiſen an.“, „Allerdings, allerdings,“ murmelte La Mole, nſche„aber ich habe einen Widerwillen gegen alle ſolche Beſchwörungen.“ „Ah! wenn Ihr einen Widerwillen habt“ ver⸗ ſetzte René,„dann hättet Ihr nicht kommen ſollen.“ „Stille doch, Freund!“ rief Coconnas,„willſt n?“ Du nun das Kind ſpielen? Herr René, könnt Ihr Ge⸗ mich den Teufel ſehen laſſen?“ .„Nein, mein Herr Graf.“ „Das thut mir leid, ich wollte ihm zwei Worte ſt es je und das hätte vielleicht La Mole ermu⸗ ig „Wohl, es ſei,“ ſagte La Mole,„faſſen wir die . Frage frei und offen an. Man hat mir von Figu⸗ ren geſprochen, welche dem geliebten Gegenſtande eſſen ähnlich modellirt werden. Iſt dies ein Mittel?“ nicht„Ein unfehlbares.“ bin„Und kann nichts bei einem ſolchen Verſuch dn man Leben oder der Geſundheit der Perſon, welche man was liebt, ſchaden?“ mich„Nichts.“„ „Verſuchen wir es.“ zu„Soll ich anfangen?“ ſagke Coconnas. „Nein,“ verſetzte La Mole,„da ich mich einmal als in die Sache eingekaſſen habe, ſo will ich ſie auch bis einer zu Ende führen.“ ge⸗„Wünſcht Ihr glühendy gebieteriſch, zu wiſſen, 22 woran Ihr Euch zu halten habt, Herr de La Mole?“ fragte der Florentiner. „Oh!“ rief La Mole,„es bringt mir den Tod, Meiſter René!“ In demſelben Augenblick klopfte man leiſe an die Hausthüre, ſo leiſe, daß Meiſter René allein das Geräuſch vernahm, und dieſer wohl nur, weil er es er⸗ wartete. Er näherte, ohne daß es abſichtlich zu geſchehen ſchien und zugleich einige müßige Fragen an La Vole richtend, ſein Ohr der Röhre und vernahm einige Stimmtöne, die ihn zu feſſeln ſchienen. „Faßt nun Euer Verlangen zuſammen,“ ſprach er,„und nennt den geliebten Gegenſtand.“ La Mole kniete nieder, als ob er zu einer Gott⸗ heit gefprochen hätte, und René ging durch das erſte Ge⸗ laß und ſchlüpfte geräuſchlos auf die äußere Treppe. Einen Augenblick nachher ſtreiften leichte Tritte den Boden der Bude. La Mole ſah, als er wieder aufſtand, Meiſter René vor ſich. Der Florentiner hielt in ſeiner Hand eine kleine Figurine von Wachs von ziemlich mittel⸗ mäßiger Arbeit. „Ihr wollt immer noch von der königlichen Ge⸗ bieterin Eures Herzens geliebt werden?“ fragte der Parfumeur. „Ja, und ſollte es mich mein Leben koſten und ſollte ich meine Seele dabei verlieren antwortete La Mole. „Es iſt gut,“ ſagte der Florentiner, nahm mit dem Ende ſeiner Finger ein paar Tropfen Waſſer aus einem Gefäſſe und ſchüttelte ſie, einige lateiniſche Worte ſprechend, auf das Haupt der Figurine. La Mole bebte; er begriff, daß eine Ruchloſigkeit vorging. „Was macht Ihr?“ fragte er. der hin vol 293 2.„Ich taufe dieſe kleine Figur mit dem Namen der Perſon, die Ihr liebt.“ od,„In welcher Abſicht?“ „Um die Sympathie zu gründen.“ die a Mole öffneie den Mund und wollte ihn ver⸗ uſch hindern, weiter zu gehen; aber ein ſpöttiſcher Blick er⸗ von Coconnas hielt ihn zurück. René, der die Bewegung geſehen hatte, wartete⸗ hen„Es bedarf des vollen Willens,“ ſagte er. La„Macht fort,“ erwiederte La Mole. nige Rene zog auf einem kleinen rothen Papierſtreifen einige kabaliſtiſche Charaktere, ſchob ſie durch eine ſtäh⸗ rach lerne Nadel und ſtach mit dieſer Nadel der Statuetie in das Herz. ott⸗ Seltſamer Weiſe erſchien an der Oeffnung der Ge⸗ Wunde ein Tröpſchen Blut. Dann zündete er das ppe. Papier an. den Die Wärme der Nadel machte das Wachs um vieſe her ſchmelzen und trocknete das Tröpfchen Blut. iſter„So wird durch die Kraft der Sympathie Eure and Liebe das Herz der Frau, die Ihr liebt, durchdringen ttel⸗ und in Flammen ſetzen.“ Coconnas luchte als ſtarker Geiſt in ſeinen Ge⸗ Schnurrbart und ſpottete ganz leiſe. der La Mole jedoch fühlte, liebend und abergläubiſch, wie er war, einen eiſigen Schweiß an der Wurzel und ſeiner Haare perlen. e La„Und nun,“ ſagte Rens,„und nun drückt Eure ippen auf die der Statuette und ſprecht dabei: mit„„Margatethe, ich liebe Dich, komm Marga⸗ aus rethe, komm'!“ iſche In dieſem Augenblicke hörte man die Thüre des zweiten Zimmers öffnen, und es näherten ſich leichte gkeit Tritte. Neugierig und ungläubig zog Coeonnas ſeinen Dolch, und befürchtend, wenn er es verſuchen wünde, Königin Margot. 1. ¹9 — die Tapete aufzuheben, könnte ihm René dieſelbe pe Bemerkung machen, die er ihm gemacht, als er hatte m die Thüre öffnen wollen, ſchlitzte er mit dem Dolche n die dicke Tapete und ſtieß, da er ſein Auge an die Oeffnung gelegt hatte, einen Schrei des Erſtaunens aus, den zwei Frauenſchreie erwiederten. „Was gibt es denn?“ fragte La Mole, nahe daran, die Wachsſigurine fallen zu laſſen, welche Rens nun wieder aus ſeinen Händen nahm. „Die Herzogin von Nevers und Frau Margarethe find da,“ antwortete Coconnas. „Nun wohl, Ihr Ungläubigen,“ ſprach René mit einem ſtrengen Lächeln,„zweifelt Ihr immer noch an der Macht der Sympathie?“ La Mole blieb verſteinert, als er ſeine Königin erblickte. Coconnas hatte einen Augenblick der Ver⸗ blendung, da er Frau von Nevers erkannte. Der Eine bildete ſich ein, die Zauberkünſte von Meiſter Rens hätten das Phantom von Margarethe hervorgeru⸗ fen; der Andere, als er die Thüre halb geöffnet ſah, durch welche die reizenden Phantome eingetreten wa⸗ ren, hatte bald die Erklärung dieſes Wunders in der gewöhnlichen materiellen Welt gefunden. Während La Mole ſich bekreuzte und ſeufzte, daß die Steine ſich hätten erbarmen mögen, ſah Cocon⸗ nas, der alle Zeit gehabt hatte, philoſophiſche Fragen an ſich zu ſtellen und den böſen Geiſt mit Hülfe des Weihwedels zu vertreiben, den man die Ungläubigkeit nennt, als er durch die Oeffnung des geſchloſſenen Vorhanges das Erſtaunen von Frau von Nevers und das etwas kauſtiſche Lächeln von Margarethe wahr⸗ nahm, ſah Coconnas, ſagen wir, daß der Augenblick entſcheivend war, und da er begriff, daß man für einen Freund ſprechen kann, was man nicht für ſich ſelbſt zu ſprechen wagt, ging er, ſtatt ſich an Frau von Nevers zu wenden, gerade auf Margarethe zu, ſetzte ein Knie auf die Erde, auf die Art wie bei den Markt⸗ —— — — be atte che die ens ahe ens ethe mit an igin Ber⸗ Der iſter eru⸗ ſah, wa⸗ der daß con⸗ agen des gkeit enen und ahr⸗ blick inen elbſt von ſetzte arkt⸗ 295 paraden ver große Artaxerres dargeſtellt wird, und rief mit einer Stimme, der das Pfeifen ſeiner Wunde ei⸗ nen ganz beſonderen Ausdruck verlieh: „Madame, in dieſem Augenblick hat Meiſter René auf die Bitte meines Freundes⸗ des Grafen de La MWole, Euren Schatten beſchworen. Zu meinem gro⸗ ßen Erſtaunen iſt aber nun Euer Schatten begleitet von einem Körper erſchienen, der mir ſehr theuer iſt und den ich meinem Freunde empfehle. Schatten Ihrer Majeſtät der Königin von Navarra, wollt die Gnade haben, dem Körper Eurer Gefährtin zu befeh⸗ len, auf die andere Seite des Vorhanges zu treten.“ Margarethe lachte und gab Henriette ein Zeichen, worauf dieſe auf die andere Seite ging. „La Mole, mein Freund,“ ſagte Coconnas,„ſei beredt wie Demoſthenes, wie Cicero, und bedenke, daß es um mein Leben geht, wenn Du den Schatten der Frau Herzogin von Nevers nicht überzeugſt, daß ich ſein ergebenſter, ſein gehorſamſter, ſein treueſter Die⸗ ner bin.“ „Aber?“ ſtammelte La Mole. „Thue, was ich Dir ſage, und Ihr, Meiſter René, wacht, daß uns Niemand ſtört.“ René that, was Coconnas von ihm verlangte. „Mordi! mein Herr,“ rief Margarethe,„Ihr ſeid ein Mann von Geiſt. Ich höre, ſprecht, was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Ich habe Euch zu ſagen, Madame, daß der Schatten meines Freundes, denn es iſt ein Schatten, dies beweiſt, daß er nicht das kleinſte Wörtchen von ſich gibt, ich habe Euch zu ſagen, daß dieſer Schatten mich anfleht, von der Fähigkeit Gebrauch zu machen, von der Fähigkeit, welche die Körper befitzen, von per Fähigkeit, verſtändlich zu ſprechen, und Euch zu agen: „„Schöner Schatken, der auf dieſe Art entkörperte Edelmann hat ſeinen ganzen Leib und ſeinen Athem 296 durch die Strenge Eurer Augen verloren. Wäret Ihr Ihr ſelbſt, ſo würde ich Meiſter Rens bitten, mich eher in einen Schwefelpfuhl zu ſtürzen, als daß ich eine ſolche Sprache gegen die Tochter von König Hein⸗ rich II., die Schweſter von König Karl IXK. und die Gemahlin des Königs von Navarra führte. Aber die Schatten ſind frei von gllem irdiſchen Stolze und ärgern ſich nicht, wenn man fie liebt. Bittet nun Euern Körper, Madame, die Seele des armen La Mole ein wenig zu lieben, eine Seele in Noth und Pein, wenn es je eine ſolche gab, eine Seele Anfangs von der Freundſchaft verfolgt, die ihr wiederholt meh⸗ rere Zoll Eiſen in den Leib geſtoßen hat, eine Seele, verbrannt durch das Feuer Eurer Augen, ein Feuer, das taufendmal verzehrender wirkt, als alle Feuer der Hölle. Habt alſo Mitleid mit dieſer armen Seele. Liebt ein wenig das, was der ſchöne La Mole war, und habt Ihr kein Wort mehr, ſo bedient Euch der Geberde des Lächelns. Es iſt eine ſehr verſtändige Seele, die meines Freundes, und ſie wird Alles be⸗ greifen. Laßt Euch herbei, Mordi! oder ich ſtoße meinen Degen durch den Leib von René, daß er kraft der Gewalt, die er über die Schatten beſitzt, den Eurigen, den er bereits ſo geſchickt beſchworen hat, nöthigt, Dinge zu thun, die ſich nicht ganz für einen ſo anſtändigen Schatten geziemen, wie Ihr mir einer zu ſein ſcheint.“ Bei dieſer Rede von Coconnas, der ſich vor der Königin wie Aeneas aufgepflanzt hatte, als er in die Hölle hinabſtieg, konnte ſich Margarethe eines Gelächters nicht enthalten; ſie ſchwieg jedoch, wie ſich dies unter ſolchen Umſtänden für einen königli⸗ 3 Schatten geziemt, und reichte Coconnas die and. Dieſer nahm ſie zart in die ſeinige und rief La Mole mit den Worten: „Schatten meines Freundes, komm ſogleich hieher.“ —— c — — 297 La Mole gehorchte ganz erſtaunt und zitternd. „Es iſt gut,“ ſagte Coconnas und faßte ihn hin⸗ ten am Kopfe;„nähere nun den Dunſt Deines ſchö⸗ nen braunen Geſichtes dieſer weißen dunſtigen Hand.“ Und die Geberde mit den Worten verbindend, vereinigte Coconnas dieſe zarte Hand mit dem Munde von La Mole und hielt ſie einen Augenblick ehrfurchts⸗ voll an einander, ohne daß ſich die Hand von dem zarten Drucke loszumachen ſuchte. Margarethe hatte unabläſſig gelächelt; aber Frau von Nevers lächelte nicht, ſie zitterte immer noch wegen der unerwarteten Erſcheinung der beiden Edelleute. Sie fühlte, wie ſich ihre ganze Unbehaglichkeit mit dem Fieber einer entſiehenden Eiferſucht vermehrte, denn es kam ihr vor, als hätte Coconnas ſeine Ange⸗ legenheiten nicht über denen von Andern vergeſſen Uen. La Mole ſah das Zuſammenziehen ihrer Augen⸗ brauen, gewahrte den drohenden Blitz ihrer Augen, und trotz der berauſchenden Unruhe, die ihn bei der Wolluſt des Momentes erfaßte, begriff er die Ge⸗ fahr, welche ſein Freund lief, und errieth, was er zu verſuchen hatte, um ihn verſelben zu entreißen. Er ſtand daher auf, ließ die Hand von Marga⸗ rethe in der von Coconnas, ergriff die der Herzogin von Nevers, ſetzte ein Knie auf die Erde und ſprach: „Oh ſchönſte, oh anbetungswürdigſte der Frauen, ich ſpreche von den lebenden Frauen und nicht von den Schatten(und er richtete einen Blick und ein Lä⸗ cheln an Margarethe), erlaubt einer von ihrer plum⸗ pen Hülle befreiten Seele, die Abweſenheiten ei⸗ nes ganz durch materielle Freunvſchaft entrückten Körpers gut zu machen. Herr von Coconnas, den Ihr hier ſeht, iſt nur ein Menſch, ein Menſch von ſicherem, feſtem Bau, es iſt vielleicht ein ſchön anzuſchauen⸗ des Fleiſch, aber vergänglich wie alles Fleiſch, omnis caro foenum. Obgleich dieſer Mann vom Morgen bis zum Abend die rührendſten Litaneien in Beziehung auf Euch an mich richtet, obgleich Ihr ihn die mäch⸗ tigſten Streiche habt austheilen ſehen, welche je in Frankreich geführt worden ſind, ſo wagt es doch dieſer Kämpe, ſo ſtark er in der Beredſamkeit bei ei⸗ nem Schatten iſt, nicht, mit einer Frau zu ſprechen. Deshalb hat er ſich an den Schatten der Königin ge⸗ wendet, mich aber dabei beauftragt, zu Eurem ſchö⸗ nen Körper zu ſprechen, Euch zu ſagen, daß er zu Euren Füßen ſein Herz und ſeine Seele niederlegt, daß er bittet, Eure göttlichen Augen mögen ihn mit⸗ leidig anſchauen, Eure rofigen, glühenden Finger mö⸗ gen ihn durch ein Zeichen herbeirufen, Eure vibrirende, harmoniſche Stimme möge ihm von den Worten ſa⸗ gen, die man nie vergißt, oder„enn nicht, ſo hat er mich um Eines gebeten, er hat mich gebeten, falls er Euch nicht erweichen könnte, ihm zum zweiten Male meinen Degen in den Leib zu rennen, und das iſt eine wirk⸗ liche Klinge, denn die Degen haben nur in der Sonne Schatten, ihn zu tödten, ſage ich, denn er vermöchte nicht zu leben, wenn Ihr ihn nicht bevollmächtigt, ausſchließlich für Euch zu leben.“ So viel luſtigen Aufſchwung Coconnas in ſeine Rede gelegt hatte, eben ſo viel Gefühl, ſo viel Ergrei⸗ fendes legte La Mole in ſeine Bitte. Die Angen von Henriette wandten ſich nun von La Mole ab, den ſie die ganze Zeit, die er ſprach, an⸗ gehört hatte, und gingen auf Coconnas über, um zu ſehen, ob der Ausdruck ſeines Geſichtes mit der ver⸗ liebten Rede ſeines Freundes im Einklang ſtünde. Sie ſchien befriedigt, denn roth, heftig athmend, beſiegt, ſagte ſie zu Coconnas mit einem Lächeln, das eine doppelte Reihe in Koralle eingefügter Zähne entblößte „Iſt es wahr?“ „Mordi!“ rief Coconnas, bezaubert durch dieſen Blick und brennend von dem Feuer deſſelben Flui⸗ dums,„ob es wahr iſt!. Ohl ja, Madame, es iſt — — cx eſen lui⸗ iſt 299 Lahtt, wahr bei Eurem Leben, wahr bei meinem ode!“ „Dann kommt,“ ſprach Henriette und reichte ihm die Hand mit einer Hingebung, welche das Schmachten ihres Auges verrieth. Coconnas warf ſeine Sammetmütze in die Luft und war mit einem Sprunge bei der jungen Frau, während La Mole ſeinerſeits, durch eine Geberde von Margarethe herbeigerufen, ein verliebtes Chaſſez⸗ervi⸗ ſez mit ſeinem Freunde machte. 2 In dieſem Augenblicke erſchien René an der „Stille!“ rief er mit einem Tone, der dieſe ganze Flamme auslöſchte,„ſtille!“ Und man hörte in der Tieſe der Mauer das An⸗ ſtreifen des in einem Schloſſe ächzenden Eiſens und 2. Geräuſch einer auf ihren Angeln ſich drehenden üre. „Mir ſcheint,“ ſprach Margarethe ſtolz,„es hat Niemand das Recht, hier einzutreten, wenn wir hier ſind.“ „Nicht einmal die Königin Mutter?“ flüſterte ihr René in das Ohr. Nargarethe ſtürzte ſogleich, La Wole nach ſich ziehend, nach der äußeren Treppe; Henriette und Co⸗ connas eilten ihnen, halb umſchlungen, raſch nach. Alle Vier entflogen, wie bei dem erſten indiscreten Geräuſch die anmuthigen Vögel entfliegen, die man auf einem blühenden Zweige ſich hat ſchnäbeln ſehen. „ XR. Die ſchwarzen Hühner. Es war Zeit, daß die Paare verſchwanden. Ca⸗ tharina ſteckte den Schlüſſel in das Schloß der zweiten Thüre, in dem Augenblick, da Coconnas und Frau von Nevers durch den andern Eingang eilten, und Ca⸗ tharina konnte bei ihrem Eintritte das Krachen der Treppe unter den Tritten der Flüchtlinge hören. Sie warf einen forſchenden Blick um ſich her, hef⸗ tete ihr argwöhniſches Auge auf Rene, der ſich verbeu⸗ gend vor ihr ſtand, und fragte: „Wer war da?“ „Liebende, die ſich mit meinem Worte begnügten, als ich ihnen die Verſicherung gab, daß ſie ſich liebten.“ „Laſſen wir das,“ verſetzte Catharina, die Achſeln zuckend;„iſt ſonſt Niemand mehr hier?“ „Niemand, als Euere Majeſtät und ich.“ „Habt Ihr gethan, was ich Euch befahl?“ „In Betreff der ſchwarzen Hühner?“ „Jd. „Sie ſfind bereit, Madame.“ „Ah! wenn Ihr ein Jude wäret,“ murmelte Ca⸗ tharina. „Ich, ein Jude, Madame, warum?“ „Weil Ihr die koſtbaxen Bücher leſen könntet, welche die Hebräer über die Opfer geſchrieben haben. Ich habe mir eines derſelben überſetzen laſſen und daraus erſehen, daß die Hebräer weder in dem Herzen noch in der Leber, wie die Römer, die Vorbedeutungen ſuchten, ſondern in der Beſchaffenheit des Gehirns und in der Figuration der Buchſtaben, welche durch die allmächtige Hand des Geſchicks hineingezeichnet find.“ Ral zeic Leb lehr daß me La⸗ ten rau a⸗ der ef⸗ eu⸗ en, n.“ eln tet, en. und zen gen ns rch d.“ 301 „Ja, Madame, das habe ich auch von einem alten Rabbinen, einem Freunde von mir, gehört.“ „Es gibt,“ ſprach Catharina,„auf eine Weiſe ge⸗ zeichnete Charaktere, daß ſie ein ganzes prophetiſches Leben enthüllen. Nur empfehlen die chaldäiſchen Ge⸗ hen „Empfehlen was?“ fragte René, als er ſah, daß die Königin fortzufahren zögerte. „Sie empfehlen, daß man ſeine Erfahrungen an menſchlichen Gehirnen mache, da ſie mehr entwickelt und ſympathetiſcher mit dem Willen der um Rath Fra⸗ genden ſeien.“ „Ach! Madame,“ ſagte René,„Euere Majeſtät weiß wohl, daß dieſes unmöglich iſt.“ „Schwierig, wenigſtens,“ ſagte Catharina,„denn wenn wir das in der Sanct⸗Bartholomäusnacht ge⸗ wußt hätten wiel René, was für eine reiche Ernte! Der Erſte, der zum Tode verurtheilt wird„ ich werde daran denken. Mittlerweile bleiben wir im Kreiſe des Möglichen. Iſt die Opferkammer bereit?“ „Ja, Madame.“ 2 „Gehen wir hinein.“ René zündete eine aus ſeltſamen Elementen verfertigte Kerze an, deren bald feiner, durchdringen⸗ der, bald unangenehmer, betäubender Geruch die Ein⸗ miſchung verſchiedener Stoffe kundgab; dann ging er, Catharina voranleuchtend, zuerſt in die Zelle. Catharina wählte ſelbſt unter allen Opferinſtru⸗ menten ein Meſſer von blau angelaufenem Stahl, wäh⸗ rend Rens“ eines von den zwei ſchwarzen Hühnern holte, welche in einer Ecke ihr unruhiges Goldauge rollten. „Wie werden wir verfahren?“ „Wir befragen die Leber des einen und das Gebhirn des andern. Geben uns die zwei Verſuche die gleichen Reſultate, ſo muß man daran glauben, beſonders 302 wenn dieſe Reſultate mit den früher erhaltenen im Einklange ſtehen.“ „Wo fangen wir an?“ „Mit der Leber.“ „Gut,“ ſagte René, und befeſtigte das Huhn mit zwei an den beiden Enden angebrachten Ringen ſo auf dem kleinen Altar, daß das auf den Rücken gelegte Thier zwar zappeln, aber ſich nicht von der Stelle rühren konnte. Catharina öffnete ihm die Bruſt mit einem ein⸗ zigen Meſſerſchnitte. Das Huhn ſiieß drei Schreie aus und verſchied, nachdem es ziemlich lange gezuckt hatte. „Immer die drei Schreie,“ murmelte Catharina, „drei Todeszeichen.“ Dann öffnete fie den Leib. „Und die Leber neigt ſich nach links,“ fuhr fie ſort,„immer nach links; dreifacher Tod, gefolgt von dem Verluſte eines Thrones. Weißt Du, René, daß das furchtbar iſt?“ „Man muß ſehen, Madame, ob die Zeichen des zweiten Opfers mit denen des erſten übereinſtimmen?“ René machte das todte Huhn los und warf es in eine Ecke. Dann ging er auf das andere zu, wel⸗ ches, ſein Schickſal nach dem ſeines Gefährten beur⸗ theilend, ſich demſelben zu entziehen ſuchte, in der Zelle umherlief, und als es ſich endlich beinahe ge⸗ fangen ſah, über dem Kopf von René hinflog und bei ſeinem Fluge die magiſche Kerze auslöſchte, welche Catharina in der Hand hielt. „Ihr ſeht es, René,“ ſagte die Königin,„ſo wird unſer Geſchlecht erlöſchen. Der Tod wird darüber wehen und es wird verſchwinden von der Oberfläche der Erde. Drei Söhne jedoch, drei Söhne 4 murmelte Catharina traurig. René nähm aus ihren Händen die ausgelöſchte Kerze und zündete ſie in dem anſtoßenden Zimmer wieder an. Kopf die nem thar Zug nete um mar See drei des ſuch hirr ſtab die mer Kor rin He ner mit auf egte telle ein⸗ aus tte. ina, ſie daß des n f es wel⸗ eur⸗ der ge⸗ und elche wird über läche . ſchte mer 303 Als er zurückkam, ſah er, daß das Huhn ſeinen Kopf in den Trichter geſteckt hatte. „Diesmal werde ich die Schreie vermeiden,“ ſagte die Königin,„denn ich ſchneide ihm den Hals mit ei⸗ nem Zuge ab.“ k ſnd als das Huhn befeſtigt war, ſchnitt ihm Ca⸗ tharina wirklich, wie ſie es geſagt hatte, mit einem Zuge den Kopf ab. Aber bei der letzten Zuckung öff⸗ nete ſich der Schnabel Lrei Mal und ſchloß ſich wieder, um ſich nie mehr zu öffnen. „Siehſt Du!“ ſagte Catharina erſchrocken,„in Er⸗ mangelung von drei Schreien vrei Seufzer. Alle dieſe Seelen, ehe ſie ſcheiden, zählen und rufen bis auf vrei. Betrachten wir jetzt die Zeichen des Gehirns.“ Catharina ſchlug den bleich gewordenen Kamm des Thieres ab, öffnete vorſichtig die Hirnſchale und ſuchte, dieſelben ſo trennend, daß die Lappen des Ge⸗ hirnes entblößt blieben, die Form irgend eines Buch⸗ ſtabens auf den blutigen Krümmungen zu finden, welche die Theilung des Hirnmarkes zieht. „Immer,“ rief ſie in ihre Hände ſchlagend,„im⸗ mer! und diesmal iſt das Vorzeichen deutlicher als je. Komm' und ſieh.“ René näherte ſich. Was für ein Buchſtaben iſt dies?“ fragte Catha⸗ rina auf ein Zeichen deutend. „Ein H,“ antwortete René. „Wie oft wiederholt?“ René zählte. „Viermal.“ „Nun, iſt es wirklich ſo? Ich ſehe es, das heißt Heinrich IW. Oh,“ rief ſie,„ich bin verflucht in mei⸗ ner Nachkommenſchaft.“ Sie bot einen furchtbaren Anblick, dieſe leichenblaſſe Frau, beleuchtet von der düſteren Flamme der Kerze, und die blutigen Hände krampfhaft zuſammenziehend. 304 „Er wird regieren,“ ſagte ſie mit einem Seufzer der Verzweiflung,„er wird regieren.“ „Er wird regieren,“ wiederholte René, in eine tiefe Träumerei verſunken. Bald verſchwand jedoch der finſtere Ausdruck von den Zügen von Catharina bei dem Strahle eines Gedan⸗ kens, der plötzlich aus dem Grunde ihres Gehirnes aufzutauchen ſchien. „René,“ ſagte ſie, die Hand nach dem Florenti⸗ ner ausſtreckend, ohne ihr auf die Bruſt geneigtes Haupt abzuwenden,„René, gibt es nicht eine furcht⸗ bare Geſchichte von einem Arzte in Perugia, der auf einen Schlag mit Hülfe einer Pommade ſeine Tochter und den Geliebten ſeiner Tochter vergiftete?“ „Ja, Madame.“ „Und dieſer Liebhaber war?“ fuhr Catharina im⸗ mer nachdenkend fort. „Es war der König Ladislaus, Madame.“ „Ah! ja, das iſt wahr,“ murmelte ſie.„Wißt Ihr etwas Näheres von dieſer Geſchichte?“ „Ich beſitze ein altes Buch, welches davon han⸗ delt.“ „Wohl, gehen wir in das andere Zimmer, Ihr werdet es mir leihen.“ Beide verließen die Zelle, deren Thöre René hin⸗ ter ſich ſchloß. „Hat mir Euere Majeſtät noch Befehle in neuer Opfer zu ertheilen?“ fragte der Floren⸗ iner.. „Nein, René, nein; ich bin für den Augenblick hinreichend überzengt. Wir wollen warten, bis wir uns den Kopf eines Verurtheilten verſchaffen können, und am Tage der Hinrichtung unterhandelſt Du mit dem Henker.“ Rene verbeugte ſich beipflichtend, dann näherte er ſich, die Kerze in der Hand, den Fächern, wo ſeine „ Büch eines man fütten berei täuſc von ftruce dern Buch Welt ande von nach iſt di Cath ben um ihm zuerf das blätt eine bläu Stin „mel gen eufzer eine von edan⸗ irnes renti⸗ igtes urcht⸗ au chter im⸗ Ihr han⸗ Ihr hin⸗ oren⸗ blick wir men, mit te er ſeine 305 Bücher aufgeſtellt waren, ſtieg auf den Stuhl, nahm eines heraus und gab es der Königin. Die Königin öffnete es. „Was iſt das?“ ſagte ſie.„Ueber die Art, wie man gemeine Falken und Geierfalken aufzieht und füttert, damit ſie tapfer, muthig und ſtets zur Beitze bereit ſeien.⸗ „Ah, ich bitte um Vergebung, Madame, ich täuſche mich; das iſt eine Abhanvdlung über die Jägerei von einem gelehrten Lucceſen für den berühmten Ca⸗ ſtruccio Caſtracani abgefaßt. Es ſtand neben dem an⸗ dern und iſt auf dieſelbe Weiſe gebunden. Ich habe mich getäuſcht. Uebrigens iſt es ein ſehr koſtbares Buch, denn es gibt nur drei Exemplare davon in der Welt eines gehört der Bibliothek von Venedig, das andere wurde von Eurem Ahnherrn Lorenz erkauft und von Peter von Medicis dem König Karl VIII., als er nach Florenz kam, zum Geſchenk überreicht, das dritte iſt dieſes.“ „Ich verehre es wegen ſeines Alters,“ ſprach Catharina,„gebe es Euch jedoch zurück, da ich deſſel⸗ ben nicht bedarf.“ Und fie ſtreckte ihre rechte Hand gegen René aus, um das andere in Empfang zu nehmen, während ſie ihm mit der linken Hand das zurückgab, welches ſie zuerſt erhalten hatte. Diesmal hatte ſich Rens nicht getäuſcht: es war das von ihr gewünſchte Buch. René ſtieg herab, blätterte einen Augenblick und überreichte es ihr offen. Catharina ſetzte ſich an einen Tiſch. Rens ſiellte eine magiſche Kerze zu ihr, und bei dem Schimmer der bläulichen Flamme las ſie einige Zeilen mit halber Stimme. „Gut,“ ſagte ſie, das Buch wieder ſchließend, „mehr wollte ich nicht wiſſen.“ Sie ſtand auf, ließ das Buch auf dem Tiſche lie⸗ gen und nahm nur in ihrem Innerſten den Gedanken 306 ſh. der darin gekeimt hatte und zur Reife kommen ollte. René wartete, die Kerze in der Hand, daß ihm die Königin, welche ſich zu entfernen bereit ſchien, neue Befehle geben oder neue Fragen an ihn richten würde. Catharina machte, den Kopf vorgebeugt, den Fin⸗ ger auf dem Munde, ſtillſchweigend mehrere Schritte. Dann blieb ſie plötzlich vor René ſtille ſtehen, erhob ihr rundes, raubvogelartig ſtarres Auge auf ihn und ſagte: „Geſtehe mir, Du haſt irgend einen Liebestrank für ſie gemacht?“ „Fuͤr wen?“ fragte René bebend. „Für die Sauve.“ „Ich, Madame? nie.“ „Nie?“ „Bei meiner Seele! ich ſchwöre es Euch.“ „Es iſt jedoch Magie bei der Sache, denn er liebt ſie wie ein Narr, und er iſt doch nicht berühmt durch ſeine Beſtändigkeit.“. „Wer, er, Madame?“ „Er, Heinrich der Verfluchte, verjenige, welcher einſt meinen drei Söhnen auf dem Throne folgen, den man einſt Heinrich 1V. nennen wird, und der doch der Sohn von Johanna dAlbret iſt.“ Und Catharina begleitete dieſe letzten Worte mit einem Seufzer, der René ſchauern machte; denn er er⸗ innerte ihn an die berüchtigten Handſchuhe, die er auf Befehl von Catharina für die Königin von Navarra gemacht hatte. „Er kommt alſo immer noch zu ihr?“ fragte ené. „Ich glaubte, der König von Navarra wäre gänz⸗ lich zu ſeiner Gemahlin zurückgekehrt.“ „Immer noch,“ ſagte Catharina. „Komödie, René, Komödie. Ich weiß nicht, wozu bedi hr, imen ihm hien, chten Fin⸗ itte. ehen, f ihn trank liebt durch elcher gen, doch e mit rer⸗ r auf varra fragte gänz⸗ wozu 307 dies dienen ſoll, aber Alles vereinigt ſich, um mich zu täuſchen. Meine Lochter ſelbſt erklärt ſich gegen mich; vielleicht hofft ſie auch auf den Tod ihrer Brüder, vielleicht hofft ſie auch Königin von Frankreich zu werden.“ „Ja, vielleicht,“ ſprach René, in ſeine Träumerei zurückgeworfen und ſich zum Echo des furchtbaren Zwei⸗ fels von Catharina macheno. „Nun, wir werden ſehen,“ ſagte Catharina; und ſie ging nach der Thüre im Hintergrunde, da ſie es ohne Zweifel für überfluͤſfig hielt, die Geheimtreppe hinabzuſteigen, inſofern ſie ſicher ſein konnte, daß ſie allein war. Rens ſchritt voraus, und einige Augenblicke ſpäter befanden ſich Beide in der Bude des Parfumeur. „Du haſt mir neue kosmetiſche Mittel für meine Hände und für meine Lippen verſprochen, René,“ſagte die Königin,„es kommt der Winter, und Du weißt, daß meine Haut ſehr empfindlich für die Kälte iſt.“ „Ich habe mich bereits damit beſchäftigt, Madame, und werde ſie Euch morgen bringen.“ „Morgen Abend findeſt Du mich nicht vor neun Uhr oder zehn Uhr. Den Tag hindurch verrichte ich meine Andachtsübungen.“ ſei„Gut, Madame, ich werde um neun Uhr im Louvre ein.“ „Frau von Sauve hat ſchöne Hände und ſchöne Lippen; was für einen Teig gebraucht ſie?“ „Für ihre Hände?“ „Ja, einmal für ihre Hände.“ „Pate à lHeliotrope.“ „Und für ihre Lippen?“ „Für ihre Lippen will ſie ſich des neuen Oppiats bedienen, das ich erfunden habe, und wovon ich mor⸗ gen eine Schachtel Eurer Majeſtät zu gleicher Zeit, wie ihr, zu überbringen beabſichtigte.“ Catharina blieb einen Augenblick nachdenkend⸗ 30⁸ „Uebrigens iſt ſie ſchön,“ ſprach die Königin, be⸗ ſtändig ihre geheimen Gedanken beantwortend,„und man darf ſich über dieſe Leidenſchaft des Bearners nicht wundern.“ „Und beſonders Euerer Majeſtät ergeben,“ ſagte Rens,„wenigſtens wie ich glaube.“ Catharina lächelte und zuckte die Achſeln. „Wenn eine Frau liebt,“ ſagte ſie,„iſt ſie irgend Jemand⸗ergeben, außer ihrem Geliebten? Du haſt ihr einen Liebestrank gemacht, Rens.“ „Ich ſchwöre Euch, nein, Madame.“ „Laſſen wir das gut ſein. Zeige mir das neus Opplat, von dem Du ſprachſt, und das ihr die Lippen noch friſcher und roſiger machen ſoll.“ René näherte ſich einem Lichtſtrahle und zeigte Catharina ſechs neben einander gereihte, kleine, runde ſilberne Kapſeln. „Das iſt der einzige Liebestrank, den ſie von mir verlangt hat,“ ſagte René.„Ich habe ihn allerdings, wie Euere Majeſtät ſagt, ausdrücklich für ſie bereitet, denn ſie hat ſo feine, zarte Lippen, daß ſie gleich ſehr beim Winde und bei der Sonne aufſpringen.“ Catharina öffnete eine von den Kapſeln; ſie ent⸗ hielt einen Teig von dem reizendſten Karmin. „René,“ ſprach ſie,„gib mir Teig für meine Hände; es fehlt mir, und ich will davon mitnehmen.“ René enifernte ſich mit der Kerze und ſuchte in einem beſondern Fache, was die Königin von ihm ver⸗ langte. Als er ſich jedoch ſchnell umwandte, glaubte er zu bemerken, wie Catharina mittelſt einer raſchen Bewegung eine Kapſel nahm und unter ihrem Man⸗ tel verbarg. Er war zu ſehr vertraut mit ſolchen Ent⸗ wendungen der Königin Mutter, um ſo ungeſchickt zu ſein, ſich den Anſchein zu geben, als hätte er es be⸗ merkt. Er nahm den verlangten Teig, welcher in einem mit Lilien bemalten Papiere enthalten war, und überreichte ihn der Königin. —— 309 „Ich danke, René,“ ſprach Catharina. Dann nach kurzem Stillſchweigen:„Bringe dieſes Opiat Frau von Sauve erſt in acht bis zehn Tagen. Ich will die Erſte ſein, die einen Verſuch damit macht.“ Und ſie ſchickte fich an, abzugehen. 5„Soll ich Euere Majeſtät zurückführen?“ fragte ené. „Nur bis an das Ende der Brücke,“ antwortete Catharina;„meine Edelleute erwarten mich dort mit einer Sänfte.“ Beide entfernten ſich und erreichten die Ecke der Rue de la Barillerie, wo vier Edelleute zu Pferde und eine Sänfte ohne Wappen Catharina erwarteten. Als Rene wieder nach Hauſe kam, war es ſeine erſte Sorge, ſeine Oppiatkapſeln zu zählen. Es fehlte eine. XXI. Die Wohnung von Frau von Haune. Catharina hatte ſich in ihrem Verdachte nicht ge⸗ täuſcht. Heinrich nahm ſeine Gewohnheiten wieder an und begab ſich jeden Abend zu Frau von Sauve. An⸗ fangs führte er ſeine Gänge mit dem größten Geheim⸗ niß aus; allmählig aber legte er ſein Mißtrauen wie⸗ der ab und vernachläßigte ſeine Vorſichtsmaßregeln, ſo daß Catharina keine Mühe hatte, ſich zu überzeu⸗ gen, wie die Königin von Navarra dem Namen nach Margarethe, der That nach Frau von Sauve zu ſein fortfuhr. Wir haben am Anfange dieſer Geſchichte ein paar Worte von der Wohnung der Frau von Sauve geſagt; Königin Margot. 1. 20 310 aber die von Dariole dem König von Navarra geöff⸗ nete Thüre verſchloß ſich wieder hermetiſch, ſo daß dieſe Wohnung, der Schauplatz der geheimnißvollen Liebſchaft des Bearners, uns völlig unbekannt iſt. Nach Art derjenigen, welche die Fürſten ihren Tiſchgenoſſen in den Paläſten geben, die ſie bewohnen, um ſie im Bereiche ihrer Hand zu haben, war dieſe Wohnung kleiner und minder beguem, als irgend eine in der Stadt geweſen wäre. Sie lag, wie man weiß, im zweiten Stocke ungefähr über der von Heinrich, und die Thüre öffnete ſich auf einen Gang, deſſen Ende von einem Bogenfenſter mit kleinen in Blei eingelaſſenen Scheiben beleuchtet wurde, das ſelbſt in den ſchönſten Tagen des Jahres nur ein zweifelhaftes Licht durch⸗ dringen ließ. Im Winter mußte man ſchon um drei Uhr Nachmittags eine Lampe anzünden, welche, da ſie im Sommer wie im Winter die gleiche Quantität Oel erhielt, gegen zehn Uhr Abends erloſch und ſo⸗ mit, wenn die Wintertage erſchienen waren, den zwei Liebenden eine größere Sicherheit verlieh. Ein kleines Vorzimmer mit Seidedamaſt mit gro⸗ ßen, gelben Blumen tapezirt, ein Empfangszimmer mit blauem Sammet ausgeſchlagen, ein Schlafzimmer, deſſen Bett mit ſeinen gedrehten Säulen und kirſch⸗ rothen Atlaßvorhängen den in dem Raume hinter demſelben ſtehenden Ankleideſpiegel und zwei Gemälde, die Liebſchaften von Venus und Adonis vorſtel⸗ lend, verbarg„dies war die Wohnung, heut zu Tage würde man ſagen das Neſt der reizenden Kam⸗ merdame von Königin Catharina von Medicis. Bei näherem Suchen hätte man auch einer mit allen erforderlichen Gegenſtänden verſehenen Toilette gegenüber in einem düſtern Winkel dieſes Zimmers die kleine Thüre gefunden, welche ſich nach einem Betzimmer öffnete, worin auf zwei Aufſätzen ſich ein Betpult erhob. In dieſem Zimmer hingen an der Wand, gleichſam zur Rüge der zwei von uns erwähn⸗ —— — daß llen ren en, ieſe eine 3¹1 ten mythologiſchen Bilder, mehrere Gemälde der exal⸗ tirteſten geiſtlichen Natur. Zwiſchen dieſen Gemälden ſah man an vergoldeten Nägeln Frauenwaffen; denn in jener Zeit geheimnißvoller Intriguen trugen die Frauen Waffen wie die Männer und bedienten ſich derſelben eben ſo geſchickt wie dieſe. An dieſem Abend, zwei Tage nach der Nacht, in der bei Meiſter René die von uns erzählten Scenen vor⸗ gefallen waren, ſaß Frau von Sauve in ihrem Zim⸗ mer auf einem Ruhebette, erzählte Heinrich von ihren Befürchtungen und ihrer Liebe, und führte ihm als Be⸗ weis dieſer Befürchtungen und dieſer Liebe die Auf⸗ opferung an, die ſie in der bekannten Nacht an den Tag gelegt, welche auf die Saent⸗Bartholomäusnacht gefolgt war, in jener Nacht, die, wie man ſich erin⸗ wird, Heinrich bei ſeiner Gemahlin zugebracht atte. Heinrich drückte ihr ſeinerſeits ſeine Dankbarkeit aus. Frau von Sauve war reizend an dieſem Abend in ihrem batiſtenen Nachtgewande, und Heinrich war ſehr dankbar. Mitten unter Allem dem blieb Heinrich, wirklich verliebt, träumeriſch. Frau von Sauve, welche end⸗ lich von ganzem Herzen die ihr von Catharina empfoh⸗ lene Liebe umfaßt hatte, ſchaute Heinrich oft an, um zu ſehen, ob ſeine Augen mit ſeinen Worten im Ein⸗ klange ſtünden. „Laßt hören, Heinrich,“ ſprach Frau von Sauve, „ſeid aufrichtig. Als Ihr jene Nacht in dem Cabinet Ihrer Majeſtät der Königin von Navarra mit Herrn de La Mole zu Eueren Füßen zubrachtet, bedauertet Ihr da nicht, daß dieſer Edelmann ſich zwiſchen Euch und dem Schlafzimmer der Königin befand?“ „Ja, in der That, meine Geliebte,“ ſprach Heinrich,„denn ich mußte nothwendig durch dieſes Zimmer ſchreiten, um in das zu gehen, wo ich mich 312 ſo wohl befinde, und wo ich in dieſem Augenblick ſo glücklich bin.“ Frau von Sauve lächelte. „Und Ihr ſeid nie mehr ſeitdem dahin zurück⸗ gekehrt?“ „Wie oft habe ich es Euch geſagt.“ „Und Ihr werdet nie dahin zurückkehren, ohne es mir zu ſagen?“ „Nie,“ „Würdet Ihr es mir ſchwören?“ a gewiß⸗ wenn ich noch Hugenott wäre.“ „Aber?“ „Aber die katholiſche Religion, deren Dogmen ich in dieſem Augenblick erlerne, hat mich gelehrt, daß man nie ſchwören ſoll.“ „Gascogner!“ rief Frau von Sauve, den Kopf ſchüttelnd. „Aber Ihr, Charlotte,“ ſprach Heinrich,„wenn ich Euch fragte, würdet Ihr meine Fragen beantworten?“ „Ganz gewiß,“ antwortete die junge Frau,„ich habe Euch nichts zu verbergen.“ „Laßt hören, Charlotte,“ ſagte der König,„er⸗ klärt mir aufrichtig, wie es gekommen iſt, daß Ihr nach dem verzweiflungsvollen Widerſtande, der meiner Verheirathung vorherging, minder grauſam gegen mich geworden ſeid, gegen mich, der ich ein linkiſcher Bearner, ein lächerlicher Provinzmenſch, der ich ein Prinz bin, zu arm, um die Juwelen ſeiner Krone glänzend zu erhalten.“ „Heinrich,“ ſagte Charlotte,„Ihr fordert von mir den Schlüſſel zu dem Räthſel, den ſeit dreitauſend Jahren die Philoſophen aller Länder ſuchen; Heinrich, fragt nie eine Frau, warum ſie Euch liebe, begnügt Euch, ſie zu fragen: liebt Ihr mich?“ „Liebt Ihr mich, Charlotte?“ fragte Heinrich. Ich liebe Euch,“ antwortete Frau von Sauve mit einem reizenden Lächeln, und Nieß ihre ſchöne Hand in die ihres Geliebten fallen. ick⸗ ne 313 Heinrich behielt dieſe Hand. „Aber,“ fuhr er ſeinen Gedanken verfolgend fort,„aber wenn ich dieſes Wort, das die Philoſophen vergebens ſeit vreitauſend Jahren ſuchen, errathen hätte. wenigſtens in Beziehung auf Euch, Char⸗ lotte?“ Frau von Sauve erröthete. „Ihr liebt mich,“ ſagte Heinrich,„ich habe Euch folglich nichts Anderes zu fragen, und halte mich für den glücklichſten Menſchen der Welt. Aber Ihr wißt, es fehlt zum Glücke immer etwas. Adam fand ſich mitten im Paradies nicht glücklich, und er biß in den elenden Apfel, der uns Alle das Bedürfniß der Neu⸗ gierde mitgeheilt hat, welche bewirkt, vaß jeder ſein Leben mit Aufſuchung von einem unbekannten Etwas zubringt. Sagt mir, meine Geliebte, wenn Ihr mir das meinige finden helfen wollt, hat Euch nicht die Königin Catharina zuerſt beauftragt, mich zu lieben?“ „Heinrich,“ verſetzte Frau von Sauve,„ſprecht leiſer, wenn Ihr von der Königin Mutter reden wollt.. „Oh!“ erwiederte Heinrich mit einer Sicherheit, von dem Frau von Sauve ſelbſt getäuſcht wurde,„frü⸗ her war es rathſam für mich, ihr zu mißtrauen, dieſer guten Mutter, als wir noch ſchlecht mit einander ſtan⸗ den; aber nun, da ich der Gatte ihrer Tochter bin. „Der Gemahl von Frau Margarethe,“ ſagte Char⸗ lotte, vor Eiferſucht erröthend. „Sprecht ebenfalls leiſe. Nun, da ich der Gemahl ihrer Tochter bin, ſind wir die beſten Freunde der Welt. Was wollte man? daß ich Katholik werde, wie es ſcheint. Nun wohl, die Gnade hat mich berührt, und durch die Vermittelung des heiligen Bartholomäus bin ich es geworden. Wir leben jetzt in der Familie wie gute Brüder, wie gute Chriſten.“ „Und die Königin Margarethe?“ 314 „Die Königin Margarethe? ſie iſt das Band, welches uns Alle einigt.“ „Aber Ihr ſagtet mir, Heinrich, die Königin von Navarra wäre zur Vergeltung des Opfers, das ich ihr gebracht habe, edelmüthig gegen mich geweſen. Wenn Ihr wahr geſprochen, wenn dieſer Edelmuth, wo⸗ für ich ihr eine ſo große Dankbarkeit gelobt habe, wirklich vorhanden iſt, ſo bildet ſie nur ein leicht zu bre⸗ chendes Band der Convention. Ihr könnt alſo nicht auf dieſe Stütze bauen, denn mit Eurer angeblichen Innigkeit habt Ihr auf Niemand einen großen Eindruck hervorgebracht.“ „Ich baue doch darauf, und es iſt ſeit drei Mo⸗ naten das Kopfkiſſen, auf welchem ich ſchlafe.“ „Dann habt Ihr mich getäuſcht,“ rief Frau von Sauve,„dann iſt Frau Margarethe wirklich Eure Gattin.“ Heinrich lächelte. 3 „Hört, Heinrich,“ ſprach Frau von Sauve,„das iſt jenes Lächeln, welches mich in Verzweiflung bringt, ein Lächeln, wobei mich, obgleich Ihr König ſeid, zu⸗ weilen eine grauſame Luſt erfaßt, Euch die Augen auszureißen.“ „Dann gelingt es mir doch,“ ſprach Heinrich, dieſer vorgeblichen Innigkeit Eindruck zu machen, da es Augenblicke gibt, wo Ihr mir, mag ich immerhin König ſein, mir die Augen ausreißen wollt, weil Ihr glaubt, ſie beſtehe.“ „Heinrich, Heinrich!“ rief Frau von Sauve,„ich glaube, Gott ſelbſt weiß nicht, was Ihr denkt.“ „Ich denke, mein Liebchen,“ ſprach Heinrich,„Ca⸗ tharina ſagte Euch zuerſt, Ihr ſolltet mich lieben, dann ſagte es Euch Euer Herz; und wenn dieſe zwei Stimmen zu Euch ſprechen, ſo hört Ihr nur mehr auf die Eures Herzens. Nun liebe ich Euch auch, und zwar von ganzer Seele, gerade deshalb aber würde ich Euch, wenn ich Geheimniſſe hätte, dieſelben — —— 315 nicht anvertrauen, aus Furcht, Euch zu gefährden... denn die Freundſchaft der Königin iſt veränderlich, es iſt die einer Schwiegermutter.“ Dies entſprach nicht den Wünſchen von Charlotte. Es kam ihr vor, als ob der Schleier, der ſich zwiſchen ihr und ihrem Geliebten verdichtete, ſo oft ſie die Ab⸗ gründe dieſes Herzens ohne Boden ſondiren wollte, dte Feſtigkeit einer Mauer annehmen und ſie von einander trennen würde. Charlotte fühlte bei dieſer Antwort Thränen in ihren Augen, und da es in demſelben Monmente zehn Uhr ſchlug, ſo ſagte ſie: „Sire, es iſt die Stunde, mich zu Bette zu legen. Mein Dienſt ruft mich morgen ſehr früh zur Königin Mutter.“ „Ihr treibt mich alſo dieſen Abend fort, meine Ge⸗ liebte?“ verſetzte Heinrich. „Heinrich, ich bin traurig, und da ich traurig bin⸗ ſo würdet Ihr mich widrig ſinden, und die Widrige würdei Ihr nicht mehr lieben. Ihr ſeht alſo, daß es beſſer iſt, wenn Ihr Euch entfernt.“ „Es ſei,“ ſprach Heinrich,„ich gehe, wenn Ihr es verlangt, Charlotte; aber Ventre⸗ſaint⸗gris! Ihr bewilligt mir wohl die Gunſt, Eurer Toilette beizu⸗ wohnen?“ „Aber, Sire, laßt Ihr nicht die Königin Marga⸗ rethe warten, wenn Ihr derſelben beiwohnt?“ „Charlotte,“ erwiederte Heinrich mit ernſtem Tone, „es war unter uns ausgemacht, nie von der Königin von Navarra zu ſprechen, und dieſen Abend ſcheint es mir, haben wir nur von ihr geſprochen.“ Frau von Sauve ſeufzte und ſetzte ſich vor ihre Toilette. Heinrich nahm einen Stuhl, zog ihn bis zu dem, welcher ſeiner Geliebten als Sitz diente, legte ein Knie darüber und ſagte, ſich auf die Lehne ſtützend: „Vorwärts, meine gute kleine Charlotte, daß ich ſehe, wie Ihr Euch ſchön macht, ſchön für mich, was Ihr auch ſagen möget. Mein Gott, wie viele Dinge, 316 wie viele Töpfe und Parfumerien, wie viele Säcke mit Pulvern, wie viele Phiolen, wie viele Räucher⸗ pfännchen!“ „Das ſcheint viel zu ſein,“ verſetzte Charlotte ſeufzend,„und dennoch iſt es zu wenig; denn mit Al⸗ lem dem habe ich noch nicht das Mittel gefunden, allein über das Herz Eurer Majeſtät zu herrſchen.“ „Stille, ſtille,“ ſprach Heinrich,„verfallen wir nicht wieder in die Politik. Wozu iſt dieſer kleine, zarte, feine Pinſel? nicht etwa, um damit die Augen⸗ brannen meines olympiſchen Jupiters zu malen?“ „Ja, Sire,“ antwortete Frau von Sauve lächelnd, „Ihr habt es mit einem Male errathen“ „Und dieſer hübſche, kleine elfenbeinerne Rechen?“ „Um die Linie der Haare zu ziehen.“ Und dieſe reizende ſilberne Kapſel mit dem ciſe⸗ lirten Deckel?“ „Oh! das iſt eine Sendung von René, Sire. Es iſt das berühmte Opiat, das er mir ſeit ſo langer Zeit verſpricht, um die Lippen noch milder zu machen, Eure Majeſtät zuweilen ſüß zu finden die Güte a Um zu beſtätigen, was die reizende Frau geſagt hatte, deren Stirne ſich immer mehr erheiterte, je mehr man ſie auf das Gebiet der Coquetterie brachte, drückte Heinrich ſeine Lippen auf die, welche Frau von Sauve aufmerkſam in ihrem Spiegel betrachtete. Charlotte ſtreckte die Hand nach der Kapſel aus, welche der Gegenſtand obiger Erklärung geweſen war, ohne Zweifel, um Heinrich zu zeigen, wie man den rothen Teig anwandte, als ein dumpfer Schlag an die Thüre des Vorzimmers die zwei Liebenden beben machte. „Man klopft, Madame,“ ſagte Darble, den Kopf durch die Oeffnung des Thürvorhanges ſeckend. „Sieh nach, wer klopft, und komm'zurück,“ ſprach Frau von Sauve. cke er⸗ tte A⸗ ein ir ne, n⸗ d, 2 ſe⸗ e. er te gt te, n , . en n en 317 Heinrich und Charlotte ſchauten ſich unruhig an. Heinrich wollte ſich in das Betzimmer zurückziehen, in welchem er ſchon mehr als ein Mal eine Zufluchtsſtätte gefunden hatte, als Dariole wieder erſchien. „Madame,“ ſagte ſie,„es iſt Meiſter René der Parfumeur.“ Bei dieſem Namen runzelte Heinrich die Stirne und kniff ſich unwillkührlich die Lippen. „Soll ich ihn abweiſen laſſen?“ fragte Charlotte. „Nein,“ erwiederte Heinrich,„Meiſter René thut nichts, ohne zuvor überlegt zu haben, was er thut. Kommt er zu Euch, ſo hat er hiezu ſeine Gründe.“ „Wollt Ihr Euch verbergen?“ „Ich werde mich wohl hüten. Meiſter René weiß Alles, und Meiſter Rens weiß auch, daß ich hier bin.“ „Aber iſt Euerer Majeſtät nicht aus irgend einem Grunde ſeine Gegenwart ſchmerzlich?“ „Mir?“ ſprach Heinrich, mit einer Anſtrengung, die er trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung nicht ganz ver⸗ bergen konnte,„mir, ganz und gar nicht. Wir ſtanden kalt mit einander, aber ſeit dem Sanct⸗Bartholomäus⸗ abend haben wir uns ausgeſöhnt.“ „Laß ihn eintreten,“ ſagte Frau von Sauve zu Dariole. Einen Augenblick nachher erſchien René und um⸗ faßte mit einem Male das ganze Zimmer. Frau von Sauve war immer noch vor ihrer Toilette. Heinrich hatte ſeinen Platz wieder auf dem Ruhe⸗ bette genommen. Charlotte befand ſich im Licht, Heinrich im Schatten. „Madame,“ ſprach René mit einer achtungsvollen Vertraulichkeit,„ich komme, um mich bei Euch zu ent⸗ ſchuldigen.“ „Worüber, René?“ fragte Frau von Sauve mit der Herablaſſung, welche ſchöne Frauen ſtets für dieſe 318 Welt von Lieferanten haben, die ſie umgibt und dazu dient, ſie noch hübſcher zu machen. „Darüber, daß ich Euch ſeit ſo langer Zeit ver⸗ ſprochen hatte, für dieſe ſchönen Lippen zu arbeiten, und daß ich„ „Und daß Ihr Euer Verſprechen erſt heute ge⸗ halten habt,“ ſprach Charlotte. „Erſt heute?“ wiederholte René. „Ja, erſt heute und zwar dieſen Abend habe ich die Kapſel erhalten, die Ihr mir überſchicktet.“ „Ah, in der That,“ verſetzte René mit einem ſelt⸗ ſamen Ausdrucke die kleine Opiatkapſel anſchauend, die auf dem Tiſche von Frau von Sauve ſtand und in allen Punkten denjenigen ähnlich war, die er in ſeinem Magazin hatte. „Ich hatte es errathen,“ murmelte er.„Und Ihr habt Euch des Opiats bedient? „Nein, noch nicht, ich wollte es verſuchen, als Ihr eintratet.“ Das Geſicht von René nahm einen träumeriſchen Ausdruck an, der Heinrich nicht entging, es ent⸗ gingen ihm überhaupt nur ſehr wenige Dinge. René, was habt Ihr denn?“ fragte der König. „Ich? nichts, Sire,“ antwortete der Parfumeur. „Ich warte in Demuth, bis Euere Majeſtät das Wort 3 mich richtet, ehe ich von der Frau Baronin Abſchied nehme.“ „Ei, ſtille doch,“ ſagte Heinrich lächelnd,„bedürft Ihr meiner Worte, um zu wiſſen, daß ich Euch mit Vergnügen ſehe?“ René ſchaute um ſich her, machte einen Gang durch das Zimmer, als wollte er mit dem Auge und mit dem Ohre die Thüren, die Vorhänge und Tape⸗ ten ſondiren, ſtellte ſich dann ſo, daß er mit einem Blicke Frau von Sauve und Heinrich überſchaute und erwiederte: ————.——„—.— r⸗ n, E⸗ en t⸗ w. rt ed rft nit ng nd e⸗ m nd w— 3¹9 „Ich weiß es nicht.“ Durch den wunderbaren Inſtinkt, der ihn wie ein ſechster Sinn während des ganzen erſten Theiles ſeines Lebens mitten unter den Gefahren, von denen er um⸗ geben war, leitete, aufmerkſam gemacht, daß in die⸗ ſem Augenblick etwas Sonderbares vorging, was einem innern Kampfe des Parfumeur glich, wandte ſich Hein⸗ rich gegen dieſen um und ſagte zu ihm, immer noch im Schatten verweilend, während das Geſicht des Flo⸗ rentiners völlig im Lichte war: „Ihr zu dieſer Stunde hier, Rens?“ „Sollte ich ſo unglücklich ſein, Eure Majeſtät zu beläſtigen?“ erwiederte der Parfumeur und machte einen Schritt rückwärts. „Nein; ich wünſche nur Eines zu wiſſen.“ „Was, Sire?“ „Hofftet Ihr mich hier zu treffen?“ „Ich wußte es gewiß.“ „Ihr ſuchtet mich alſo?“ „Ich bin wenigſtens glücklich, Euch zu finden.“ „Ihr habt mir etwas zu ſagen?“ „Vielleicht, Sire,“ antwortete René. Charlotte erröthete, denn ſie hatte bange, dieſe Offenbarung, welche der Parfumeur machen zu wollen ſchien, könnte ſich auf ihr früheres Benehmen gegen Heinrich beziehen. Sie ſtellte ſich daher, als ob ſie nichts gehört hätte, und rief, das Geſpräch unterbre⸗ chend und die Opiatkapſel öffnend: „Ah, in der That, René, Ihr ſeid ein vortreffli⸗ cher Mann; dieſer Teig hat eine wundervolle Farbe, und um Euch Ehre zu machen, will ich in Eurer Ge⸗ genwart Euer neues Produkt verſuchen.“ Und ſie nahm die Kapſel mit einer Hand, wäh⸗ rend ſie mit der Fingerſpitze der andern über den roſi⸗ gen Teig hinſtrich, der von dem Finger an ihre Lip⸗ pen übergehen ſollte. René bebte. 32⁰ Die Baronin näherte lächelnd das Opiat ihrem nde. René erbleichte. Heinrich, immer noch im Schatten, aber die Augen ſtarr und glühend, verlor weder eine Bewegung der Einen, noch ein Beben des Andern. Die Hand von Charlotte hatte nur noch einige Linien zu durchlaufen, um ihre Lippen zu berühren als René ſie in demſelben Augenblick beim Arm er⸗ in welchem Heinrich aufſtand, um dieß ebenfalls zu thun. Heinrich ſank geräuſchlos auf ſein Ruhebett zurück. „Einen Augenblick, Madame,“ ſprach René mit einem gezwungenen Lächeln;„Ihr ſolltet dieſes Opiat nicht ohne einige beſondere Vorſchriften anwenden.“ „Wer wird mir dieſe beſonderen Vorſchriften Mu „Wann dieß?“ „Sobald ich mit dem zu Ende bin, was ich Sei⸗ ner Majeſtät dem König von Navarra zu ſagen e.“ Charlotte machte große Augen. Sie begriff nichts von der geheimnißvollen Sprache, welche um ſie her geſprochen wurde, und verharrte, die Opiatkapſel in einer Hand haltend und das Ende ihres durch den kar⸗ minfarbigen Teig gerötheten Fingers betrachtend. Heinrich ſtand auf und nahm, bewogen durch ei⸗ nen Gedanken, der wie alle die des jungen Königs zwei Seiten hatte, eine, welche oberflächlich zu ſein ſchien, eine andere, welche tief war, er nahm, ſagen wir, die Hand von Charlotte und machte, ſo geröthet ſie auch war, eine Bewegung, um ſie an ſeine Lippen zu führen. „Einen Augenblick,“ ſprach Rene lebhaft,„einen Augenblick; habt die Güte, Madame, Eure Hände mit dieſer neapolitaniſchen Seife zu waſchen, die ich Euch E r 1 ei⸗ en s er in w⸗ ei⸗ ein en en en nit uch 32¹ zugleich mit dem Opiat zu ſchicken vergaß und Euch ſeloſt zu überbringen die Ehre habe.“ Und er zog aus einer ſilbernen Umhüllung ein Täfelchen Seife vongrünlicher Farbe hervor, legte es in ein Becken von Vermeil, goß Waſſer dazu und über⸗ reichte, ein Knie auf der Erde, das Ganze Frau von Sauve. „In der That, Meiſter René, ich erkenne Euch nicht mehr,“ ſprach Heinrich,„Ihr ſeid von einer Ga⸗ lanterie, durch die Ihr alle Stutzer des Hofes hinter Euch laßt.“ „Oh, was für ein köſtlicher Geruch!“ rief Char⸗ lotte, während fie ihre ſchönen Hände mit dem weißen rieb, der ſich von dem balſamiſchen Täfelchen öſte. Rene erfüllte ſeine Functionen als dienender Ca⸗ valier bis zum Ende, und reichte Frau von Sauve eine Serviette von feiner Leinwand, womit ſie ſich die Hände abtrocknete. „Und nun,“ ſprach der Florentiner zu Heinrich, „nun thut nach Eurem Belieben, Sire.“ Charlotte reichte ihre Hand Heinrich, der ſie küßte, und während Charlotte ſich halb auf ihrem Sitze um⸗ wandte, um zu hören, was René ſagen würde, nahm der König von Navarra ſeinen Platz wieder ein, mehr als je überzeugt, daß in dem Geiſte des Florentiners etwas Außerordentliches vorging. „Nun?“ fragte Charlotte. Der Florentiner ſchien ſeine ganze Entſchloſſenheit zuſammenzufaſſen und wandte ſich gegen Heinrich⸗ Unter der Preſſe für das sbelletriſtiſche Aus⸗ land, herausgegeben von. Spindler,* befinden ſich folgende höchſt wichtige Romanet König Carl XIV. Johann und die Schweden. Hiſtoriſch-romantiſche Schilderung M. Z. in Lruſenſtolpe, Verfaſſer»des Mohren.« A. d. Schwediſchen. Ein Name. Ein Genrebild aus dem Alltagsleben von Dr. C. A. Wetterbergh (Onkel Adam). A. d. Schwediſchen. Carl XI, Rabenins und der Herenprozeß. Ein hiſtoriſcher Roman Zeipel. A. d. Schwediſchen. Carl Xl. Ein hiſtoriſcher Roman von Arfwepſon. A. d. Schwediſchen.* Zur Machricht! uutM e fich für das„belletri⸗ ſtiſch ai, heusgegeben von C. Spindler,“ tereſſate neue Romane: Die Rechte oder „meine Gattin“ und andere Erzählungen von Frederika Bremer. A. d. Schwediſchen. N— Ein Mm Von— DOnkel Adam. A. d. Schwediſchen⸗ — Es geht an. Ein Gemälde aus dem Leben von 2 2 C. J. F. Almnuiſt. A. d. Schwediſchen. ⸗ Die Richter. Von Carl Cullberg. A. d. Schwediſchen. m 1. Juni 1845. Franckh'ſche Verlagshandlung. p Stuttgart 1„ ffffffffſf 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1