Yie drei Musketiere. Von Alexandre Dumas. As dem Fra n ſiſ von Auguſt Zoller. Siebentes bis zehntes Bändchen. Worin von der Eguipirung von Aramis und Porthos die Bede iſt. Seitdem jeder von den vier Freunden ſeiner Fauipi⸗ rung nachjagte, fand keine beſtimmie Zuſammenkunft mehr unter ihnen ſtatt: die Einen ſpeiſten ohne die Andern, wo man ſich traf, vder vielmehr man traf ſich, wo man konnte. Der Dienſt nahm auch einen Theil der ſo ſchnell verrinnenden Zeit weg. Nur hatte man ſich unter einan⸗ der verabredet, einmal in der Woche gegen ein Uhr in der Wohnung von Athos zuſammen zu kommen, in Betracht, vaß der letztere ſeinem Schwure getreu nicht mehr über ſeine Thürſchwelle ging. Gerade der Tag, an welchem Ketty d»Artagnan auf⸗ geſucht hatte, war auch der Tag der Zuſammenkunft. Kaum hatte Ketty das Haus verlaſſen, als ſich dArtag⸗ nan nach der Rue Fervu wandte. Er fand Athos und Aramis, welche philoſophirten. Aramis war halb Willens, zu der Sutane zurückzukehren, Athos rieth ihm, ſeiner Gewohnheit gemäß, weder ab, noch ermuthigte er ihn dazu. Athos war dafür, Jedem ſeinen freien Willen zu laſſen. Er gab nur Rathſchläge, die man nicht von ihm forderte, und man mußte ſie zwei⸗ mal fordern „Im Allgemeinen fordert man Rathſchläge nur,“ ſagte er,„um ſie nicht zu befolgen, oder wenn man ſie befolgt, um Jemand zu haben, dem man zum Vorwurfe machen kann, daß er ſie gegeben.“ Porthos kam einen Augenblick nach d'Artagnan. Die Verſammlung der vier Freunde war alſo vollzählig. Die vier Geſichter drückten vier verſchiedene Gefühle aus: das von Porthos die Ruhe, das von d'Artagnan die Hoffnung, das von Aramis die Unruhe, das von Athos die Sorgloſigkeit. Nach einem kurzen Geſpräche, in welchem Porthos durchblicken ließ, eine ſehr hochgeſtellte Perſon wolle es gütigſt übernehmen, ihn aus der Verlegenheit zu ziehen, trat Mousqueton ein. Er bat Porthos, in jeine Wohnung zu kommen, wo, wie er mit ſehr kläglicher Miene ſagte, ſeine Gegenwart vringend nothwendig wäre. „Betrifft es meine Equipirung?“ fragte Porthos. „Ja und nein,“ antwortete Mousqueton. „Aber was willſt Du denn Er „Kommt, gnädiger Herr!“ Porthos ſtand auf, grüßte ſeine Freunde und folgte Mousqueton.. Einen Augenblick ſpäter erſchien Bazin auf der Thür⸗ ſchwelle. „Was willſt Du von mir, mein Freund?“ ſaßte Aramis mit jener Weichheit der Sprache, die man jedes Mal bei ihm bemerkte, ſo vft ihn ſeine Gedanken zu der Kirche zurückführten. „Ein Mann erwartet den gnädigen Herrn zu Hauſe,“ antwortete Bazin. „Ein Mann! was für ein Mann?“ „Ein Bettler.“ „Gib ihm ein Almoſen, Bazin, und ſage ihm, er möge für einen armen Sünder beten.“ „Dieſer Bettler will mit aller Gewalt Euch ſpre⸗ chen, und behauptet, Ihr würdet ſehr erfreut ſein, ihn zu ſehen.“ „Hat er nichts Beſonderes für mich?“ llerdings.„„Wenn Herr Aramis,““ ſagte er, —— e⸗ zů er, — „„zögert, mich hier aufzuſuchen, ſo meldet ihm, ich komme von Tours.““ „Von Tours? ich gehe!“ rief Aramis.„Meine Herren, ich bitte tauſendmal um Vergebung, aber ohne Zweifel bringt mir dieſer Menſch Nachrichten, welche ich erwarte.“ Und ſogleich aufſtehend entfernte er ſich in raſchem Laufe. Es blieben noch Athos und d'»Artagnan. „Ich glaube, daß dieſe Spitzbuben ihre Sachen ge⸗ bre haben. Was denkt Ihr davon, d'Artagnan?“ ſagte Athos. „Ich weiß, daß Porthos im ſchönſten Zuge iſt,“ er⸗ wiederte dArtagnan,„und was Aramis betrifft, ſo bin ich in der That nie ernſtlich in Unruhe geweſen. Aber Ihr, mein lieber Athos, der Ihr ſo edelmüthig die Piſtolen des Engländers ausgetheilt habt, die Euch von Rechts wegen zukamen, was gedenkt Ihr zu thun 2 „Ich bin ſehr froh, daß ich dieſen Schurken getödtet habe, inſofern er die alberne Neugierde hatte, meinen wahren Namen kennen lernen zu wollen; aber wenn ich ſeine Piſtolen eingeſackt hätte, ſo würden ſie mich drücken, wie ein Gewiſſensbiß.“ „Ei, ei, mein lieber Athos, Ihr habt ein wahrhaft unbegreifliches Zartgefühl.“ „Laſſen wir dasl! Was ſagte mir doch Herr von Treville, der mir geſtern die Ehre erzeigte, bei mir ein⸗ zuſprechen,— daß Ihr ſehr haͤufig die verdächtigen Eng⸗ länder beſuchtet, welche der Cardinal beſchützt.“ „Das heißt, daß ich einer Engländerin Beſuch mache, derjenigen, von welcher ich mit Euch geſprochen habe.“ „Ah, ja, die blonde Frau, in Beziehung auf welche ich Euch Rathſchläge gab, die Ihr zu befolgen Euch na⸗ türlich wohl gehütet habt.“ „Ich habe Euch meine Gründe genannt. Ich bin nun feſt überzeugt, daß dieſe Frau bei der Entführung von Madame Bonacieux mitgewirkt hat.“ „Ja, und ich begreife, daß Ihr, um eine Frau auf⸗ zufinden, einer andern den Hof macht. Das iſt der längſte Weg, aber der unterhaltendſte.“ Wir wollen die zwei Freunde verlaſſen, die ſich nichts Wichtiges zu ſagen hatten, um Aramis zu folgen. 8 Wir haben geſehen, mit welcher Geſchwindigkeit der junge Mann, als er hörte, der Unbekannte, der ihn ſpre⸗ chen wollte, käme von Tours, Bazin folgte, oder vielmehr ihm vorauslief. Er machte gleichſam nur einen Sprung von der Rue Ferou nach der Rue Vaugirard⸗ S Beim Eintritt in ſeine Wohnung fand er wirklich einen Mann von kleinem Wuchſe, geſcheidten Augen, aber mit Lumpen bedeckt. „Ihr verlangt nach mir,“ ſagte der Musketier. „Das heißt, ich verlange nach Herrn Aramis. Heißt Ihr ſo2“ „Allerdings. Habt Ihr mir etwas zu übergeben?“ „Ja, wenn Ihr mir ein gewiſſes geſticktes Taſchen⸗ tuch zeigt.“ „Hier iſt es,“ ſprach Aramis, indem er einen Schlüſſel aus der Bruſt zog und ein kleines, mit Perlmutter inkru⸗ ſtirtes Kiſichen von Ebenholz öffnete,„ſeht, hier iſt es.“ Eut,“ ſprach der Bettler,„ſchickt Euren Bedienten weg.“ Bazin hatte wirklich, neugierig zu erfahren, was der Betkler von ſeinem Herrn wollte, ſeinen Schritt nach dem des letzteren geregelt und war beinahe zu derſelben Zeit mit ihm angekommen. Aber dieſe Geſchwindigkeit nützte ihn nicht ſehr viel. Auf die Aufforderung des Bettlers gab ihm ſein Herr ein Zeichen, ſich zu entfernen, und er mußte gehorchen. Sobald Bazin ſich entfernt hatte, warf der Bett⸗ ler einen raſchen Blick um ſich her, um ſicher zu ſein, daß ihn Miemand hören oder ſehen koͤnnte, öffnete ſeine mit einem ledernen Gürtel nur ſchlecht verſchloſ⸗ ſene und zerlumpte Ueberweſte, und fing an, ſein L v E fr f 2 9 r B 1 ² * Wamms oben aufzutrennen, aus dem er einen Brief her⸗ vorzog. Aramis ſtieß ein Freudengeſchrei bei dem Anblick des Siegels aus und öffnete mit einer beinahe religiöſen Ehr⸗ furcht den Brief, welcher Folgendes enthielt: „Freund! das Schickſal will, daß wir noch einige Zeit getrennt ſein ſollen; aber die ſchönen Tage der Ju⸗ gend ſind nicht unwiederbringlich verloren. Thut Eure Pflicht im Felde, ich thue die meinige anderswo. Nehmt, was der Ueberbringer Euch zuſtellen wird. Macht den Feldzug als ſchöner und braver Edelmann mit, und denkt an mich. Adieu, oder vielmehr auf Wieder⸗ ſehen!“ Der Bettler trennte immer noch auf. Er zog, eine nach der andern, aus ſeinen ſchmutzigen Kleidern hundert und fünfzig Doppelpiſtolen hervor, die er auf dem Tiſche an einander reihte; dann öffnete er die Thüre, grüßte und ging ab, ohne daß der junge Mann in ſeinem Erſtaunen ein Wort hatte an ihn richten können. 2 Aramis las den Brief noch einmal und bemerkte, daß derſelbe eine Nachſchrift hatte. „N. S. Ihr könnt dem Ueberbringer einen guten Empfang zu Theil werden laſſen⸗ Et iſt Graf und Grand von Spanien.“ Goldene Träume!“ rief Aramis,„o! das ſchöne Leben! ja, wir ſind jung! ja, wir werden noch ſchöne Tage haben! o! Dir! Dir, meine Liebe, mein Blut, mein Alles, Alles, Alles, meine ſchöne Ge⸗ liebte!“ Und er küßte den Brief leidenſchaftlich, ohne nur das Gold anzuſchauen, das auf dem Tiſche funkelte. Bazin kratzte an der Thüre, Aramis hatte keine Ur⸗ ſache mehr, ihn entfernt zu halten und erlaubte ihm, ein⸗ zutreten. Bazin blieb ganz erſtaunt bei dem Anblicke des Gol⸗ des und vergaß dArtagnan zu melden, der neugierig zu erfahren, was es mit dem Bettler wäre, zu Aramis kam, nachdem er Athos verlaſſen hatte. Da ſich aber dArtagnan bei Aramis keinen Zwang zin vergaß. nan,„wenn das die Pflaumen ſind, die man Euch von Tours ſchickt, ſo macht dem Gärtner, der ſie pflanzt, mein Kompliment.“ den Preis für das Gedicht in einſilbigen Verſen geſchickt, das ich da unten angefangen habe.“ „Ah, wahrhaftig?“ rief Artagnan.„Nun wohl! das iſt Alles, was ich ſagen kann.“ „Wie, gnädiger Herr,“ rief Bazin,„ein Gedicht wird Ihr macht Alles, was Ihr wollt, Ihr könnt noch Herrn Voiture und Herrn von Benſerade gleichkommen.“ „Bazin, mein Freund,“ ſagte Aramis,„ich glaube, Du miſcheſt Dich in das Geſpräch.“ Bazin begriff, daß er Unrecht hatte, ſenkte den Kopf und trat ab. „Wie?“ ſprach d'Artagnan lächelnd.„Ihr laßt Guch Eure Erzeugniſſe mit Gold aufwiegen? Ihr ſeid ſehr glücklich, mein Freund! Aber nehmt Euch in Acht, Ihr verliert den Brief, der aus Eurer Kaſake hervorſieht und' ohne Zweifel auch von Eurem Buchhändler kommt.“ Aramis erröthete bis unter das Weiß der Augen, vrückte ſeinen Brief tiefer hinein und knoͤpfte ſein Wamms wieder zu. „Mein lieber dArtagnan„ ſagte er,„wir wollen, wenn es Euch genehm iſt, unſere Freunde aufſuchen, und da ich jetzt reich bin, heute wieder anfangen, mit anthat, ſo meldete er ſich ſelbſt, als er ſah, daß it Ba⸗ „Ah, Teufel, mein lieber Aramis,“ ſprach vArtag⸗ „Ihr täuſcht Euch, mein Lieber,“ erwiederte Aramis, 4 ſtets verſchwiegen.„Mein Buchhändler hat mir ſo eben Euer Buchhänvler iſt großmüthig, mein lieber Aramis; ſo hoch bezahlt? Das iſt unglaublich! Oh, gnädiger Herr! — einander zu Mittag zu ſpeiſen, bis 3h r ebenfalls reich ſeid.“ „Meiner Treue!“ erwiederte dArtagnan, mit großem Vergnügen.„Wir haben ſeit geraumer Zeit kein anſtän⸗ diges Mittagsmahl mehr eingenommen, und da ich, was mich betrifft, dieſen Abend ein etwas gewagtes Unterneh⸗ men auszuführen habe, ſo wäre es mir, ich muß es ge⸗ ſtehen, nicht unangenehm, den Kopf mit einigen Flaſchen altem Burgunder zu erwärmen.“ „Es mag ſein, alter Burgunder, ich haſſe ihn auch nicht,“ ſprach Aramis, dem der Anblick des Goldes die Gedanken an Zurückgezogenheit abgeſtreift hatte. Er ſteckte drei bis vier Doppelpiſtolen in ſeine Taſche, um den Bedürfniſſen des Augenblicks zu genügen, und ſchloß die übrigen in das mit Perlmutter inkruſtirte Kiſt⸗ chen von Ebenholz, worin das bereits bekannte Taſchentuch lag, das ihm als Talismann gedient hatte. Die zwei Freunde begaben ſich zuerſt zu Athos, der es, getreu ſeinem Schwure nicht auszugehen, übernahm, vas Mittagbrod in ſeine Wohnung bringen zu laſſen. Da er ſich ſehr gut auf die gaſtronomiſchen EFin⸗ zelnheiten verſtand, ſo machten dArtagnan und Aramis keine Schwierigkeit, ihm dieſe wichtige Sorge zu über⸗ laſſen. Sie waren auf dem Wege zu Porthos, ls ſie an der Ecke der Rue du Bac Mousqueton begegnetet, der mit kläglicher Miene ein Maulthier undt ein Pferd vor ſich hertrieb. »Artagnan ſtieß aus, dem es nicht an einer Beimiſchung von fehlte. 7 1 „Oh! die abſcheuliche Mähre!“ ſagte Aramis. „Was wollt Ihr, mein Lieber,“ verſetzte dArtagnan, einen Schrei des Erſtaunens Freude Ah! mein gelbes Pferd!“ rief er,„ſeht dieſes Pferd men bin.“ „Wie, der gnädige Herr kennt dieſes Pferd?“ ſprach Mousqueton. „Es hat eine ganz origenelle Farbe,“ rief Aramis, es iſt das einzige, das ich mit einer ſolchen Haut geſe⸗ hen habe.“ „Ich glaube wohl!“ ſagte d'Artagnan;„ich habe es 8 8 3 auch um drei Thaler verkauft, und das muß der Haut wegen geweſen ſein, denn das Gerippe iſt ſicherlich keine achtzehn Livres werth. Aber wie kommt dieſes Pferd in Deine Hände, Mousqueton?“ „Oh! ſprecht mir nicht hievon, gnädiger Herr,“ er⸗ wiederte der Bediente;„das iſt ein abſcheulicher Streich vom Gemahle unſerer Herzogin.“ „Wie ſo, Mousqueton 2“ „Ja, wir ſind ſehr wohl gelitten bei einer Frau von hohem Stande, bei der Herzogin von... Doch um Ver⸗ gebung, mein Herr hat mir Verſchwiegenheit empfohlen. Sie hatte uns genöthigt, ein kleines Andenken, ein ſpani⸗ ſches Roß und ein andalufiſches Maulthier, anzunehmen, und Beides war herrlich anzuſchauen. Der Gemahl erfuhr die Sache, confiscirte unterwegs die 3ei prächtigen Thiere, die man uns ſchickte, und vertauſchte ſie mit dieſen ab⸗ ſcheulichen. „Die Du ihm zurückbringſt?“ „Natürlich,“ aßtwortete Mousqueton.„Ihr begreift, daß wir keine ſolche hiere für diejenigen annehmen kön⸗ nen, welche uns ver rochen waren.“ „Nein, bei Gttt! obgleich ich Porthos gerne auf meinem gelben Pferpe geſehen haben möchte. Das hätte mir eine Idee dabn gegeben, wie ich ausſah, als ich nach Paris kam. Aber ſpir wollen Dich nicht aufhalten, Mous⸗ quelon; geh' undbeſorge den Auftrag Deines Herrn. Iſt er zu Hauſe?“ 8 — „das iſt das Pferd, auf welchem ich nach Paris gekom⸗ 2 — ——— 8 „Ja, gnädiger Herr; aber in ſehr verdrießlicher Laune,“ ſprach Mousqueton. Und er ſetzte ſeinen Weg nach dem Quai des Grands⸗ Auguſtins fort, während die zwei Freunde an der Thüre ves unglücklichen Porthos läuteten. Dieſer hatte ſie durch den Hof ſchreiten ſehen, und war nicht Willens zu oͤffnen. Sie läuteten alſo vergebens. Mousqueton aber trieb ſeine zwei Mähren vor ſich her über den Pont Neuf und erreichte die Rue aur Ours. Hier angelangt, band er, nach dem Befehle ſeines Herrn, Pferd und Maulthier an den Klopfer der Thüre des Procurators und kehrte ſodann, ohne ſich um ihr ferneres Schickſal zu bekümmern, zu ſeinem Herrn zurück, um die⸗ ſem zu melden, daß ſein Auftrag vollzogen ſei. Nach einiger Zeit machten die unglücklichen Thiere, die ſeit dem Morgen nichts gefreſſen hatten, indem ſie den Klopfer aufhoben und wieder fallen ließen, einen ſolchen Lärmen, daß der Procurator ſeinem Gaſſenjungen befahl, ſich in der Nachbarſchaft zu erkundigen, wem das Pferd und das Maulthier gehorten⸗ Madame Coquenard erkannte ihr Geſchenk und konnte Anfangs dieſe Zurückſendung gar nicht begreifen; aber bald bekam ſie Licht durch den Beſuch des Musketiers. Der Zorn, der in den Angen von Porthos funkelte, trotz des Zwangs, den er ſich anzuthun ſuchte, erſchreckte die empfindſame Liebende. Mousqueton hatte ſeinem Herrn wirklich nicht verborgen, daß er d'Artagnan und Aramis begegnet war, und daß d'Artagnan in dem gelben Pferde die Bearner Mähre erkannt, auf der er nach Paris ge⸗ kommen war und die er ſodann um drei Thaler verkauft hatte. Porthos entfernte ſich, nachdem er der Procuratorin im Kloſter Saint⸗Magloire Rendezvous gegeben hatte. Als der Procurator Porthos gehen ſah, lud er ihn zum Mittageſſen ein, ders Nusketier aber ſchlug dieſe Einlavung nit einer Miene voll Majeſtät aus⸗ X 14 Coquenard begab ſich ganz zitternd nach Kloſter Snint⸗Magloire, denn ſie ahnete die Vor⸗ würfe, die ihrer h) arrten; aber ſie war völlig verblendet durch die großartigen Manieren von Porthos. l i es, was ein in ſeiner Eitelkeit verletzter Menſch von Verwünſchungen und Vorwürfen auf das Haupt einer rau herabſtrömen laſſen kann, ließ Porthos auf das ge⸗ beugte Haupt der Procuratorin ſtrömen. „Ach! ich glaubte äußerſt klu „Wohl! Madame,“ erwiederte Porthos,„wenn er Euch mehr als fünf Thaler ſchuldig war, ſo iſt Euer Pferdehändler ein Dieb.“ „Es iſt nicht verboten, das Wohlfeile n entgegnete die ſchuldigend. „Nein, Madame, aber diejenigen, welche das Wohl⸗ feile ſuchen, müſſen Anderen erlauben, ſich nach edelmü⸗ thigeren Freunden umzuſe hen. Hierauf wandte ſich Porthos auf den Abſätzen und ch zu entfernen. zu ſuchen, Proruratorsftau, ſich ent⸗ machte einen Schritt, um ſi „Herr Porthos! Herr Porthos!⸗ rief die Procuratorin, „ich habe Unrecht, ich erkenne es; ich hätte nicht fellſchen ſollen, da es ſich barum handelte, einen Cavalier, wie Ihr ſeid, zu equipiren.“ Porthos machte, ohne zu antworten, einen zweiten Schritt zum Rückzug. ie Procuratorin glaubte ihn Wolke zu erblicken, um r Herzoginnen und Marquiſen, die ihm Säcke voll Gold vo Fü ü echen.“ men, Herr Por⸗ 5 thos!“ rief ſie,„bleibt und laßt mit Euch ſpr Het St und Liel ſtät Abe ſchei Cog nch Vor⸗ lendet Nenſch einer hen, A dler; hart⸗ 15 „Mit Euch ſprechen bringt mir Unglück,“ entgegnete Porthos. „Sagt mir doch, was wünſcht Ihr?“ „Nichts; denn das kommt gerade auf daſſelbe her⸗ aus, als wenn ich etwas wünſchen würde.“ Die Procuratorin hing ſich Porthos an den Arm und rief im Ueberſtrömen ihres Schmerzes: „Herr Porthos, ich bin unwiſſend in allen dieſen Dingen. Weiß ich, was ein Pferd iſt! Weiß ich, was Equipirung heißt!“ „Dann müßt Ihr Euch an mich halten, der ich mich darauf verſtehe; aber Ihr wolltet ſparen und folglich auf Wucher leihen.“ „Das war ein Unrecht von mir, Herr Porthos, und ich werde es auf mein Ehrenwort wieder gut machen.“ „Und wie dieß 2“ fragte der Musketier. „Hört. Dieſen Abend geht Herr Coquenard zu dem Herrn Herzog von Chaulnes, der ihn hat rufen laſſen. Es findet eine Berathung ſtatt, welche wenigſtens zwei Stunden dauert. Kommt zu mir, wir werden allein ſein und unſere Angelegenheit ordnen.“ „Gut. Das heiße ich vernünftig ſprechen, meine Liebe.“ „Ihr verzeiht mir 2“ „Wir werden ſehen,“ erwiederte Porthos maje⸗ ſtätiſch. Und ſie trennten ſich nach wiederholtem;„Dieſen Abend alſo.“ „Teufel!“ dachte Porthos auf dem Rückwege,„es ſcheint mir, ich nähere mich dem Geldkaſten von Herrn Coquenard.“ Bei Uacht ſind alle Rutzen grau. Der ſo ungeduldig von Porthos und von d'Arkagnan erwartete Abend erſchien. D'Artagnan fand ſich wie gewöhnlich gegen neun Uhr bei Mylady ein. Er traf ſie in der angenehmſten Laune; nie hatte ſie ihn ſo gut empfangen. Unfer Gascogner ſah mit dem erſten Blicke, daß das vermeintliche Billet des Grafen von Wardes pon Ketty ihrer Gebieterin zu⸗ geſtellt worden war, und daß dieſes Billet ſeine Wirkung hervorbrachte. RKetth trat ein, um Sotbets zu reichen. Ihre Ge⸗ bieterin machte ihr die freundlichſte Miene, lächelte ihr auf das Anmuthigſte zu; aber die Arme war ſo traurig über die Anweſenheit d'Artagnan's bei Mylady, daß ſie das Wohlwollen der letzteren gar nicht gewahr wurde. D'Artagnan ſchaute die zwei Frauen nach einander an und mußte ſich geſtehen, daß ſich die Natur bei ihrer Bildung getäuſcht hatte; der vornehmen Dame hatte ſie eine giftige, treuloſe Seele, der Zofe ein liebendes, treues Herz gegeben. Um zehn Uhr fing Mylady an unruhig zu ſcheinen; vArtagnan errieth ihre Gedanken ſehr wohl; ſie ſchaute auf die Uhr, erhob ſich, ſetzte ſich wieder und lächelte dArtagnan mit einer Miene zu, als wollte ſie ſagen: „Ihr ſeid allerdings liebenswürdig, aber Ihr wäret ent⸗ zückend, wenn Ihr Euch eniferntet.“ DArtagnan ſtand auf und nahm ſeinen Hut; My⸗ lady reichte ihm die Hand zum Kuſſe. Der junge Mann fühlte, daß ſie ihm ſeine Hand drückte, und begriff, daß dieß durch ein Gefühl, nicht der Coquetterie, ſondern der Dankbarkeit für ſeinen Aufbruch geſchehe. „Sie liebt ihn wahnſinnig!“ murmelte er. —— — c Die drei Musketiere. M. 17 Dießmal erwartete ihn Ketty weder im Vorzimmer, noch auf der Flur, noch im Thorwege. D⸗Artagnan mußte ganz allein die Treppe und das kleine Zimmer finden. Ketty hatte an einem Tiſche ſitzend das Geſicht in den Händen verborgen und weinte. Sie hörte dArtagnan eintreten, aber ſie hob den Kopf nicht in die Höhe. Der junge Mann näherte ſich ihr und nahm ſie bei der Hand; dann brach ſie in ein Schluchzen aus. Mylady hatte, wie d'Artagnan vorausſetzte, als ſie den Brief ehielt, den ſie für eine Antwort des Grafen von Wardes hielt, im Uebermaß ihrer Freude der Zofe Alles geſagt und ihr als Belohnung für die Art und Weiſe, wie ſie ſich ihres Auftrags entledigt, eine Börſe geſchenkt: In ihr Zimmer zurückkehrend hatte Ketty die Börſe in einen Winkel geworfen, wo ſie neben drei oder vier Goldſtücken, welche herausgefallen Waren, offen liegen blieb. Bei der Stimme d'Artagnan's ſchaute das arme Mädchen endlich empor. D'Artagnan erſchrack über die Peränderung in ihren Geſichtszügen; ſie faltete die Hände mit flehender Miene, aber ohne daß ſie ein Wort zu ſprechen vermochte. So wenig empfindſam das Herz d'Artagnans war, ſo fühlte er ſich doch gerührt durch dieſen ſtummen Schmerz; aber er hing zu feſt an ſeinen Entwürfen und beſonders an dieſem, als daß er es hätte über ſich gewinnen können, etwas an dem Programm zu verändern, das er zum voraus gemacht hatte⸗ Er ließ Ketty keine Hoffnung, das von ihm heſchloſſene kecke Unternehmen zu verhindern. Nur ſtellte er es ihr als das dar, was es in Wirklichkeit war, das heißt als eine einfache Rache für die Coquetterie von Mylady, und als das einzige Mittel von ihr die gewünſchte Auskunft über Madame Bongeieur dadurch zu r⸗ 2— — —— en daß er ſie durch Furcht vor Scandal beherrſchen würde. Dieſer Plan war um ſo leichter ausführbar, als Mylady aus Gründen, die man ſich nicht erklären konnte, die jedoch von großem Gewichte zu ſein ſchienen, RKetty den Befehl gegeben hatte, alle Lichter in ihrem Zimmer und ſogar die in dem Zimmer der Zofe aus⸗ zulöſchen. Bald hörte man Mylady, welche in ihr Gemach zurückkehrte. DArtagnan ſtürzte ſogleich in den Schrank; kaum war er hinein geſchlüpft, als die Glocke ertönte. Ketty ging zu ihrer Gebieterin hinein und ließ die Thüre dießmal nicht offen, aber die Scheidewand war ſo dünn, daß man beinahe Alles hörte, was zwiſchen den zwei Frauen geſprochen wurde. Mylady ſchien trunken vor Freude; ſie ließ ſich von⸗ Ketth die geringſten Einzelnheiten der angeblichen Zuſam⸗ menkunft der Kammerjungfer mit dem Grafen von War⸗ des wiederholen,— wie er ihren Brief empfangen, wie er geantwortet hätte, was der Ausvpruck ſeines Geſichts geweſen wäre, ob er ſehr verliebt geſchienen; auf alle dieſe Fragen antwortete die arme Ketty, welche ſich keine Blöße geben durfte, mit einer erſtickten Stimme, deren ſchmerzhaften Ton ihre Gebieterin nicht einmal bemerkte — ſo ſelbſtſüchtig iſt das Glück. Als endlich die Stunde nahte, wo der Graf von Wardes erſcheinen ſollte, ließ Mylady in der That Alles hei ſich auslöſchen, und hieß Ketth in ihr Zimmer zurück⸗ kehren und den Grafen von Wardes bei ihr einführen, ſobald er ſich zeigen würde. Ketty hatte nicht lange zu warten. Kaum hatte d'Artagnan durch das Schlüſſelloch ſeines Schrankes geſehen, daß das ganze Zimmer in Finſterniß gehüllt war, ſo ſprang er in dem Augenblick, wo Ketiy die Verbindungsthüre wieder ſchloß, aus ſeinem Verſtecke herbor „Was ſoll dieſes Geräuſch bedeuten?“ fragte Myladh⸗ „Ich bin es,“ ſagte d'Artagnan mit halber Stimme, „ich der Graf von Wardes.“ „O, mein Gott, mein Gott!“ murmelte Ketih, „er konnte nicht einmal die Stunde abwarten, die er ſelbſt feſtgeſetzt hatte.“ „Nun!“ ſprach Mylady mit zitternder Stimme, „warum tritt er nicht ein? Graf, Graf, Ihr wißt, daß ich Euch erwarte.“ Auf dieſen Ruf ſchob d'Artagnan Ketty ſachte bei Seite und eilte in das Zimmer von Mylady. Müſſen Wuth und Schmerz eine Seele foltern, ſo iſt dies im höchſten Maße bei einem Liebenden der Fall, welcher unter einem Namen, der nicht ihm gehört, an ſeinen glücklichen Nebenbuhler gerichtete Liebesbetheu⸗ rungen empfängt. DArtagnan befand ſich in einer peinvollen Lage, die er nicht vorher geſehen hatte; die Eiferſucht marterte ſein Herz und er litt beinahe ſo ſehr, wie die arme Ketih, welche in demſelben Augenblick in dem anſtoßenden Zim⸗ mer weinte. „Ja, Graf,“ ſagte Mylady mit ihrer weichſten Stimme und drückte ihm dabei eine von ſeinen Händen; ja, ich bin glücklich durch die Liebe, die mir Eure Blicke und Eure Worte ausdrückten. Aber ich liebe Euch auch. Morgen, morgen will ich irgend ein Pfand von Euch, das beweiſen ſoll, daß Ihr an mich denkt, und da Ihr mich vergeſſen könntet, ſo nehmt.“ Und ſie zog einen Ring von ihrem Finger und ſteckte ihn an den von dArtagnan. Es war ein prächtiger Saphir, umgeben von Brillanten. Die erſte Bewegung von d»Artagnan war, ihr den⸗ ſelben zurückzugeben; aber Mylady fügte bei: „Nein, nein, behaltet dieſen Ring, mir zu Liebe. Ueberdieß leiſtet Ihr mir, indem Ihr ihn annehmt,“ 20 ſetzte ſie mit bewegter Stimme hinzu,„einen größeren+ Dienſt, als Ihr Euch vorſtellen könnt.“ „Dieſe Frau iſt doch voll von Geheimniſſen,“ dachte d'Artagnan. In dieſem Augenblicke fühlte er ſich geneigt, Alles zu enthüllen. Er öffnete den Mund, um Mhylady zu ſagen, wer er wäre, und welcher Racheplan ihn herbei⸗. geführt hätte; aber ſie fügte hinzu: „Armer Engel, den dieſes Ungeheuer von einem Gascogner heinahe getödtet hätte!“ Das Ungeheuer war er. „Oh!“ fuhr Mylady fort;„habt Ihr noch an Euren Wunden zu leiden 2“ „Ja, viel,“ erwieberte d'Artagnan, der nicht wußte, was er ſagen ſollte. „Seid ruhig,“ antwortete Mylady, in einem für ihren Zuhörer wenig beruhigenden Tone,„ich werde Euch„ rächen, grauſam rächen!“ „Peſt,“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt,„der Augen⸗ blick der Offenbarung iſt noch nicht gekommen.“ D'Artagnan hrauchte einige Zeit, um ſich von dieſem 3 kleinen Dialog zu erholen: alle racheſüchtigen Gedanken, die er mitgebracht hatte, waren völlig verſchwunden. Dieſe Frau übte eine unglaubliche Macht über ihn aus; er haßte ſie und betete ſie zugleich an; er hatte nie ge⸗ glaubt, daß zwei ſo entgegengeſetzte Gefühle in einem Herzen wohnen und in ihrer Vereinigung eine ſeltſame, gleichſam teufliſche Liebe bilden können⸗ Es hatte indeſſen ein Uhr geſchlagen; man mußte ſich zurückziehen. In dem Augenblick, wo d'Artagnan Mylady verließ, fühlte er nur ein lebhaftes Bedauern, ſich von ihr entfernen zu müſſen, und bei dem leiden⸗ ſchaftlichen Lebewohl, das ſie an einander richteten, wurde eine neue Zuſammenkunft für die nächſte Woche 8 verabredet. Die arme Ketty hoffte einige Worte mit dArtag⸗ nan ſprechen zu können, wenn er durch ihr Zimmer gehen würde; aber Mylady geleitete ihn ſelbſt in der Dun⸗ kelheit und verließ ihn erſt auf der Treppe. Am andern Morgen lief dArtagnan zu Athos. Er war in ein ſo ſeltſames Abentener verwickelt, daß er ihn um ſeinen Rath bitten wollte, und erzählte ihm deßhalb Alles, was vorgefallen war. Athos runzelte wiederholt die Stirne.. „Eure Mylady,“ ſprach er,„ſcheint mir ein heilloſes Geſchöpf zu ſein. Aber es war von Euch darum nicht minder unrecht, ſie zu täuſchen, und Ihr habt nun auf die eine oder auf die andere Weiſe eine Feindin auf dem Nacken. Während Athos ſprach, ſchaute er beſtändig den mit Diamanten umgebenen Saphir an, der an dem Finger von d'Artagnan die Stelle des Ringes der Konigin einge⸗ nommen hatte, welcher ſorgfältig in ein Käſtchen ver⸗ ſchloſſen worden war. „Ihr ſchaut dieſen Ring an,“ ſagte der Gascogner, 6 darauf, vor den Blicken ſeines Freundes ein ſo reiches eſchenk glänzen laſſen zu können. „Ja,“ ſagte Athos,„er erinnert mich an ein Fami⸗ lienjuwel.“ „Der Ring iſt ſchön, nicht wahr?“ ſprach d'Artagnan. „Herrlich!“ antwortete Athos, ich glaubte nicht, daß zwei Saphire von ſo ſchönem Waſſer vorhanden wären. Habt Ihr ihn gegen Euren Diamant ausge⸗ tauſcht? „Nein,“ ſagte d'Artagnan,„es iſt ein Geſchenk von meiner ſchönen Englänverin obet vielmehr von meiner ſchönen Franzöſin, denn, obgleich ich ſie nicht darüber be⸗ fragt habe, bin ich doch überzeugt, daß ſie in Frankreich geboren iſt.“ „Dieſer Ring iſt Euch von Mylady zugekommen?“ rief Athos mit einer Stimme, in der ſich leicht die große Gemüthsbewegung erkennen ließ. „Von ihr ſelbſt, ſie hat ihn mir in dieſer Nacht ge⸗ en. geb „Zeigt mir den Ring,“ ſprach Athos. „Hier iſt er,“ antwortete d'Artagnan und zog ihn vom Finger. Athos betrachtete denſelben und wurde ſehr bleich. Dann probirte er ihn an dem Ringfinger ſeiner linken Hand. Er ging ſo gut an dieſen Finger, als ob er dafür gemacht worden wäre. Eine Wolke des Zorns und der Rache zog über die gewöhnlich ſo ruhige Stirne des Edelmanns hin. „Es kann unmoglich derſelbe ſein,“ ſprach er.„Wie ſollte ſich dieſer Ring in den Händen von Mylady Clarick finden! Und doch läßt ſich kaum zwiſchen zwei Juwelen eine ſolche Aehnlichkeit denken!“ „Kennt ihr dieſen Ring?“ fragte d'Artagnan. 2„Ich glaubte ihn zu erkennen,“ erwiederte Athos, „aber ich täuſchte mich bhne Zweifel.“ Und er gab dArtagnan den Ring zurück, ſchaute ihn aber fortwährend an. 3 „Ich bitte Euch!“ ſprach er nach einem augenblihh vich bitte Euch,“ d'Artagnan, nehmt dieſen Ring von Eurem Finger oder dreht den Saphir nach Innen. Er ruft ſo grauſame Erinnerungen in mir zurück, daß ich nicht den Kopf hätte, mit Euch zu plaudern. Wolltet Ihr nicht Rath von mir haben? Sagtet Ihr mir nicht, Ihr wäret in Verlegenheit, was Ihr thun ſollet? Aber halt, gebt mir dieſen Ring zurück. Derjenige, von welchem ich ſprechen wollte, muß an einer von den Seiten des Steines in Folge eines Unfalls geritzt ſein.“ DArtagnan zog den Ring abermals von ſeinem Fin⸗ ger und gab ihn Athos. Athos bebte:„Seht,“ ſprach er;„ſeht! iſt das nicht ſeltſam!“ Und er zeigte dArtagnan die Ritze, deren er ſich er⸗ innerte, „Aber von wem hattet Ihr dieſen Saphir, Athos?“ „Von meiner Mutter, die ihn von ihrer Mutter erbte. Wie ich Euch ſage, es iſt ein alter Juwel, der nie aus der Familie kommen ſollte.“ „Und Ihr habt ihn verkauft?“ fragte dArtagnanzögernd. 3„Nein,“ antwortete Athos mit ſeltſamen Lächeln. „Ich habe ihn während einer Liebesſtunde verſchenkt, wie er an Euch verſchenkt worden iſt.“ D'Artagnan wurde ebenfalls nachdenkend. Es kam ihm vor, als erblickte er in dem Leben von Mylady Ab⸗ gründe mit düſteren, furchtbaren Tiefen.. Er ſteckte den Ring nicht an ſeinen Finger, ſondern in ſeine Taſche. „Hört,“ ſprach Athos und faßte ihn bei der Hand, „Ihr wißt, daß ich Euch liebe, dArtagnanz hätte ich einen Sohn, ich könnte ihn nicht mehr lieben als Euchz nun, glaubt mir, verzichtet auf dieſe Frau. Ich kenne ſie 4. nicht, aber eine Art von innerer Anſchauung ſagt mir, daß es ein verlorenes Geſchöpf iſt und daß etwas Unſeliges in . eihr ſein muß.“ „Und Ihr habt Recht,“ ſprach dArtagnan,„glaubt mir, ich trenne mich von ihr. Ich geſtehe Euch, auch mich erfüllt dieſe Frau mit Schrecken.“ „Werdet Ihr den Muth haben?“ ſagte Athos. „Ich werde ihn haben,“ antwortete dArtagnan,„und „war in dieſem Augenblick.“ „Wohl, mein Kind, Ihr habt Recht,“ ſprach der t Edelmann und drückte dem Gascogner mit wahrhaft vä⸗ 4 terlicher Zuneigung die Hand.„Gott wolle, daß dieſe Frau, vie kaum in Eure Eriſtenz eingetreten iſt, keine trau⸗ rige Spur darin zurücklaſſe.“ Und Athos grüßte dArtagnan mit dem Kopfe, wie ein Menſch, der zu verſtehen geben will, vaß es ihm nicht wäre, mit ſeinen Gedanken allein hleiben zu önnen. Als d»Artagnan nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, N —————— hätte das arme Kind nicht mehr verändert, als dies durch eine Stunde der Eiferſucht und des Schmerzes geſchehen war. Sie wurde von ihrer Gebieterin zum Grafen von Wardes geſchickt. Ihre Gebleterin war poll vor Liebe, trunken vor Freude. Sie wollte wiſſen, wann der Graf ihr eine zweite Zuſaminenkunft geben würde. Bleich und zitternd ſah die arme Ketty der Antwort von dArtagnan entgegen.. Athos übte einen großen Einfluß über dieſen jungen Mann aus. Der Rath ſeines Freundes hatte ihn in Verbindung mit den Gefühlen ſeines eigenen Herzens und der Erinnerung an Madame Bonacieur, welche ihn nur ſelten verließ, in dem Entſchluſſe befeſtigt, jetzt, da ſein Stolz gerettet war, Mylady nicht wieder zu ſehen. Statt jeder Antwort nahm er eine Feder und ſchrieb folgenden Brief, den er eben ſo wenig unterzeichnete, als den vor⸗ hergehenden: „Rechnet nicht auf mich, Madame, ſeit meiner Wie⸗ derherſtellung habe ich ſo viele Unterhaltung dieſer Art 3 bewilligen, daß ich eine gewiſſe Ordnung in dieſe Sache bringen mußte. Kommt die Reihe an Euch, ſo werde ich die Ehre haben, Euch davon in Kenntniß zu ſetzen.“ Von dem Saphir kein Wort; der Gascogner wollte ihn auf neuen Befehl als eine Waffe gegen Mylady behalten. Man hätte übrigens Unrecht, die Handlungen einer Epoche aus dem Geſichtspunkte einer andern zu betrachten. Was man heute als eine Schmach für einen Mann von Welt halten würde, war in jener Zeit etwas ganz Ein⸗ faches und Natürliches. S. DArtagnan gab den Brief Ketty offen; dieſe las ihn Anfangs, ohne ihn zu verſtehen, und wäre beinahe wahnſinnig geworden, als ſie ihn zum zweiten Male las. — fand er Ketty, die auf ihn wartete. Ein Monat Fileber — — ———— — Ketty konnte nicht an dieſes Glück glauben. DAr⸗ tagnan war genöthigt, ihr mündlich die Verſicherung zu wiederholen, die ihr der Brief ſchriftlich gab. Wie groß auch die Gefahr war, welche die Arme bei dem heftigen Charakter von Mylady lief, wenn ſie dieſes Billet ihrer Gebieterin einhändigte, ſo ging ſie doch ſo geſchwind, als ſie konnte, nach der Place Rohale zurück. Das Herz der beſten Frau iſt unbarmherzig bei den Schmerzen einer Nebenbuhlerin. Mylady öffnete den Brief mit derſelben Eile, mit der ihn Ketiy gebracht hatte, aber bei den erſten Worten, die ſie las, wurde ſie leichenblaß, dann zerknitterte ſie gen gegen Ketty. „Was ſoll dieſer Brief?“ ſprach ſie. „Es iſt die Antwort auf den der gnädigen Frau, erwiederte Ketty zitternd. Unmöglich!“ verſetzte Mylady,„unmöglich kann n an eine Frau einen ſolchen Brief geſchrieben haben.“ Dann rief ſie plötzlich: „Mein Gott! ſollte er wiſſen—„ Und ſie hielt bebend inne. Sie knirſchte mit den Zähnen, ihr Geſicht war leichenfarbig. Sie wollte einen Schritt gegen das Fenſter machen, um Luft zu ſchöpfen; aber ſie konnte nur den Arm ausſtrecken, es gebrach ihr an Kraft und ſie fank auf einen Stuhl zurück. Ketth glaubte, ſie befände ſich unwohl und eilte zu ihr, um den Schnürleib zu öffnen. Aber Mylady ſprang auf und rief lebhaft: „Was willſt Du? Warum legſt Du Hand an mich?“ „Ich glaubte, Mylady befinde ſich unwohl und wollte ihr Hülfe leiſten,“ antwortete die Zofe, ganz erſchrocken den furchtbaren Ausdruck, den das Geſicht ihrer„ ebieterin angenommen hatte. ch mich unwohl befnden! hältſt Du mich für 3 3 6 5 . ein erbärmliches Weib? Wenn man mich beleidigt, befinde ich mich unwohl, ich räche mich, verſtehſt Du wohl?“ Und ſie gab Ketiy ein Zeichen, ſich zu entfernen. III. Rachetraum. Am Abend gab Mylady Befehl, Herrn d'Artagnan einzuführen, ſobald er ſeiner Gewohnheit gemäß kommen würde. Aber er kam nicht. Am andern Tage beſuchte Ketty den jungen Mann abermals und erzählte ihm Alles, was am Abend vor⸗ her vorgefallen war. D'Artagnan lächelte. Dieſer eifer⸗ ſüchtige Zorn war ſeine Rache. Am zweiten Abend war Mylady noch ungeduldiger, als Tags zuvor, ſie erneuerte den Befehl in Beziehung auf den Gascogner; aber ſie wartete vergeblich, wie 4½ Tage vorher. Am nächſten Morgen erſchien Ketty aber⸗ mals bei d'Artagnan, nicht heiterer, nicht aufgeräumter, als an den zwei vorhergehenden Tagen, ſondern im Ge⸗ gentheil zum Sterben traurig. D'Artagnan fragte das arme Mädchen, was ſie hätte; aber ſie zog ſtatt jeder Antwort einen Brief aus ihrer Taſche und händigte ihm denſelben ein. Dieſer Brief war von der Handſchrift der Mylady, nur mit dem Unterſchiede, daß er diesmal wirklich für d'Artagnan und nicht für Herrn von Wardes beſtimmt war. Er öffnete und las Folgendes: „Lieber Herr dArtagnan, es iſt nicht ſchön, ſeine Freunde zu vernachläſſigen, beſonders in dem Augen⸗ blicke, wo man ſie auf lange Zeit zu verlaſſen im Be griffe iſt. Mein, Schwager und ich haben Euch geſt ———— e und vorgeſtern vergebens erwartet. Wird dies heute Abend ebenſo ſein? Eure dankbare Lady Winter.“ „Das iſt ganz einfach,“ ſprach Artagnan.„Ich erwartete dieſen Brief. Mein Credit ſteigt durch das Sinken des Grafen von Wardes.“ 7„Werdet Ihr gehen,“ fragte Ketty. „Höre, mein liebes Kind,“ ſagte der Gascogner, der ſich in ſeinen eigenen Augen darüber zu entſchuldigen ſuchte, daß er von dem Verſprechen, welches er Athos geleiſtet hatte, abgehen wollte;„Du begreifſt, daß es unpolitiſch n wäre, einer ſo beſtimmten Einladung nicht Folge zu leiſten. n Würde Mylady mich nicht zurückkommen ſehen, ſo dürfte ſie das Abbrechen meiner Beſuche nicht begreifen, und könnte n irgend etwas vermuthen, und wer weiß, wie weit die 5 Rache einer Frau von dieſem Schlage gehen würde.“ ⸗„O mein Gott!“ ſprach Ketty,„Ihr wißt die Dinge „ ſo darzuſtellen, daß Ihr immer Recht habt. Aber Ihr r, werdet ihr den Hof machen, und wenn Ihr Mylady dies⸗ mal unter Eurem wahren Namen und mit Eurem wahren 6 Geſichte gefallen würdet, ſo wäre es noch viel ſchlimmer, ⸗ als das erſte Mal.“ r, Der Inſtinkt ließ das arme Mädchen einen Theil e⸗ von dem, was da kommen ſollte, ahnen.. D'Artagnan ſuchte ſie ſo gut als möglich zu beru⸗ higen, und verſprach ihr, unempfindlich für die Verfüh⸗ er rungen von Mylady zu bleiben. Er ließ dieſer antworten: er wäre äußerſt dankbar für ihre Güte und würde ihrem Befehle gehorchen; aber ir er wagte es nicht, ihr zu ſchreiben, aus Furcht, vor ſo r. geübten Augen, wie vor denen von Mylady, ſeine Hand⸗ ſchrift nicht gehörig verſtellen zu können. WMit dem Schlag neun Uhr war dArtagnan auf der Place Royale. Die Bedienten, welche im Vor⸗ immer warteten, waren offenbar von ſeiner Erſchei⸗ ung in Kenntniß geſetzt, denn ſobald er kam ſogar — ehe er gefragt hatte, ob Mylady ſichtbar wäre, lief einer von ihnen weg, um ihn zu melden. „Laßt ihn eintreten,“ ſprach Mylady mit raſchem, aber ſo durchdringendem Tone, daß es dArtagnan im Vorzimmer hörte. Man führte ihn ein. „Ich bin für Niemand zu Hauſe,“ ſprach Mylady, „verſtehſt Du, für Niemand.“ Der Lackei entfernte ſich. DArtagnan warf einen neugierigen Blick auf My⸗ lady. Sie war bleich und hatte ermüdete Augen, mochte dies von Thränen oder von Schlafloſigkeit herrühren. Man hatte abſichtlich die gewöhnliche Zahl der Lichter vermindert, und dennoch gelang es der jungen Frau nicht, die Spuren des Fiebers zu verbergen, von dem ſie ſeit zwei Tagen verzehrt wurde. DArtagnan näherte ſich ihr mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit. Sie machte eine gewaltige Anſtrengung, um ihn zu empfangen, aber nie hat ein verſtörteres Geſicht ein liebenswürvigeres Lächeln Lügen geſtraft. Auf die Frage, welche d»Artagnan über ihre Ge⸗ ſundheit an ſie richtete, antwortete Mylady: „Schlecht, ſehr ſchlecht.“ „Dann begehe ich eine Unbeſcheidenheit,“ ſagte dAr⸗ tagnan,„Ihr bedürft ohne Zweifel der Ruhe, und ich entferne mich.“ „Nein, im Gegentheil, bleibt Herr dArtagnan. Eure liebenswürdige Geſellſchaft wird mich zerſtreuen.“ „Sie iſt nie ſo reizend geweſen,“ dachte dArtagnan. „Wir wollen ihr Trotz bieten.“ Mylady nahm die liebevollſte Miene an, die ſie anzunehmen vermochte, und verlieh ihrer Unterhaltung allen möglichen Reiz. Zu gleicher Zeit gab das Fie⸗ ber, das ſie einen Augenblick verlaſſen hatte, ihren Augen den Gianz, ihren Wangen das Colvrit, ihren Lippen den Karmin wieder. D'Artagnan fand aber⸗ er Tone,„könnt Ihr ſo grauſam ſein, eine ſolch 29 mals die Circe, die ihn bereits in ihren Zauber verſtrickt hatte. Mylady lächelte und d'Artagnan fühlte, daß er ſich für dieſes Lächeln verdammen laſſen würde.“ Es gab einen Augenblick, wo er etwas wie einen Gewiſſensbiß über das fühlte, was er gegen ſie gethan hatte. Nach und nach wurde Mylady mittheilſam. Sie fragte d»Artagnan, ob er eine Liebe im Herzen trüge. „Ach!“ rief d'Artagnan mit ſeinem empfindſamſten e Frage an mich zu richten, an mich, der ich, ſeitdem ich Euch geſehen habe, nur für Euch, für Euch allein athme und ſeufze!“ Mylady lächelte ein ſeltſames Lächeln. „Alſo liebt Ihr mich?“ ſprach ſie. „Habe ich nöthig, Euch dieß zu ſagen? Habt Ihr es nicht ſelbſt wahrgenommen?“ „Allerdings, aber Ihr wißt, je ſtolzer die Herzen ſind, deſto ſchwieriger ſind ſie zu erobern.“ „Oh! die Schwierigkeiten erſchrecken mich nicht,“ ſprach d'Artagnan,„nur die Unmöglichkeiten können mich erſchrecken.“ „Nichts iſt einer wahren Liebe unmöglich,“ ſagte Mylady. „Nichts, Madame?“ „Nichts!“ wiederholte Mylady. „Teufel,“ dachte d'Artagnan,„die Note verändert ſich. Sollte ſie vielleicht verliebt in mich werden? Sollte ſie geneigt ſein, mir einen zweiten Saphir zu geben, dem ihnhi⸗ welchen ſie mir für Herrn von Warbes gegeben at?“ „Laßt hören,“ ſagte Mylady,„was würdet Ihr thun, um mir die Liebe zu beweiſen, von der Ihr ſprecht?“ „Alles, was man von mir verlangte. Man befehle, ich bin hereit.“ „Zu Allem 2“ ₰ N ——————— 30 „Zu Allem!“ rief d'Artagnan, welcher zum voraus wußte, daß er nicht viel wagte, wenn er eine ſolche Ver⸗ pflichtung einginge. „Schön! plaudern wir ein wenig,“ ſprach Mylady und rückte ihren Stuhl dem von d'Artagnan näher. „Ich höre, gnädige Frau,“ ſprach dieſer. Mylady blieb einen Augenblick nachdenkend und un⸗ entſchieden, dann ſchien ſie einen Entſchluß zu faſſen und ſagte: „Ich habe einen Feind.“ „Ihr, Madame?“ rief d'Artagnan, den Erſtaunten ſpielend.„Mein Gott, iſt es möglich bei Eurer Schönheit und Güte!“ „Einen Todfeind.“ „In der That?“ „Einen Feind, der mich ſo grauſam beleidigt hat, daß zwiſchen ihm und mir ein Krieg auf Leben und Tod ſtattfindet. Könnte ich auf Euch als auf eine Hülfstruppe rechnen?“ D'Artagnan begriff ſogleich, was das racheſüchtige Geſchöpf beabſichtigte. „Ihr könnt es,“ ſprach er mit Emphaſe.„Mein Arm und mein Leben gehören Euch, wie meine Liebe.“ „Dann,“ ſprach Mylady:„da Ihr in demſelben Grade edelmüthig ſeid, in dem Ihr liebt. „Nun?“ fragte dArtagnan. „Nun!“ verſetzte Mylady nach kurzem Stillſchweigen, „hört von heute auf, von Unmöglichkeiten zu ſprechen.“ „Tödtet mich nicht durch ſo viel Glück!“ rief d'Ar⸗ tagnan, ſtürzte auf die Kniee und bedeckte die Hände, die man ihm überließ, mit Küſſen. „Räche mich an dieſem heilloſen Wardes,“ dachte Mylady,„und ich werde mich Deiner alsbald zu entledi⸗ gen wiſſen, doppelter Dummkopf, lebendige Degenklinge!“ Ja, ſage mir, Du liebeſt mich, nachdem Du mich 66. — 1 r⸗ Liebe unwahrſcheinlich vorkommt, und weil ich ſie wie weinen gemacht hat.“ Mylady lebhaft. 3¹ ſo ſchändlich betrogen haſt, heuchleriſches, gefährliches Weib,“ dachte dArtagnan,„und ich verlache Dich dann mit demjenigen, welchen Du durch meine Hand beſtrafen willſt.“ DArtagnan ſchaute empor und ſagte: „Ich bin bereit.“ „Ihr habt mich alſo begriffen, lieber Herr d'Ar⸗ tagnan,“ ſprach Mylady. „Ich würde einen von Euren Blicken errathen.“ „Ihr werdet alſo für mich Euren Arm gebrauchen, der ſich bereits einen ſo hohen Ruf erworben hat 2“ „Sogleich.“ „Und wie werde ich Euch je für einen ſolchen Dienſt danken können?“ ſprach Mylady. „Eure Liebe iſt die einzige Belohnung, welche ich verlange,“ erwiederte d'Artagnan,„die einzige, die Eurer und meiner würdig iſt.“ „Eigennütziger!“ ſagte ſie lächelnd. S „Ah!“ rief d'Artagnan, einen Augenblick durch die Leidenſchaft fortgeriſſen, welche in ſeinem Herzen zu ent⸗ zünden dieſe Frau die Gabe beſaß:„ah! weil mir Eure meine Träume verſchwinden zu ſehen befürchte, drängt es mich, die beſtimmte Verſicherung aus Eurem Munde zu empfangen.“ „Verdient Ihr denn bereits ein ſolches Geſtändniß2“ „Ich bin zu Euren Befehlen,“ ſagte d'Artagnan. „Gewiß?“ rief Mylady mit einem leichten Zweifel. „Nennt mir den Elenden, der dieſe ſchönen Augen „Wer ſagt Euch, daß ich geweint habe?“ fragte „Es ſchien mir ſo „Frauen wie ich weinen nicht,“ verſetzte Mylady. „Deſto beſſer! O ſagt mir dann, wie er heißt.“ „Bedenkt, daß ſein Name ganz mein Geheimniß iſt.“ „Ich muß ihn jedoch wiſſen.“ „Ja, Ihr ſollt ihn erfahren. Seht, welches Vertrauen ich in Euch ſetze!“ „Ihr erfüllt mich mit Freude! Wie heißt er?“ „Ihr kennt ihn.“ 3 „Wirklich?“ „Ja!“ „Es iſt keiner von meinen Freunden?“ ſprach dAr⸗ tagnan zögernd, um an ſeine Unwiſſenheit glauben zu machen. „Wenn es einer von Euren Freunden wäre, würdet Ihr alſo zögern!“ rief Mylady, und ein drohender Blitz zuckte aus ihren Augen. „Nein, und wäre es mein Bruder,“ ſprach dAr⸗ tagnan, als würde er von der Begeiſterung fortgeriſſen. Unſer Gascogner betheuerte, ohne zu wagen, denn er wußte, wohin er ging. „Ich liebe Eure Ergebenheit,“ ſagte Mylady. „Ach! liebt Ihr nur das an mir?“ fragte dAr⸗ tagnan. „Ich werde Euch das ein andermal ſagen,“ antwor⸗ tete ſie und nahm ihn bei der Hand. Und dieſer Druck machte dArtagnan ſchaudern„als ob ihn das Fieber, welches Mylady verzehrte, durch die Berührung ebenfalls ergreifen würde.. „Werdet Ihr mich eines Tags lieben?“ rief er.„O wenn dieß der Fall wäre, ich könnte den Verſtand daräbet verlieren!“ D'Artagnan war in der That trunken vor Freude und in ſeinem Wahnſinn glaubte er beinahe an die Zärtlichkeit von Mylady, er glaubte beinahe an das Verbrechen von Wardes. Wenn Wardes in dieſem Au⸗ getödtet. 2 genblicke unter ſeiner Hand geweſen wäre, er hätte ihn ₰ 32 N Ar⸗ zu irdet Blitz Ar⸗ n. ner bis auf den Grund ſeiner Seele zu leſen ſuchte. oder ich bin todt.“ Die drei Musketiere. M. 33 Mylady ergriff die Gelegenheit⸗ „Er heißt..“ ſprach ſie. „Von Wardes, ich weiß es,“ unterbrach dArtagnan. „Unggwoher wißt Ihr dies?“ fragte Mylady, in⸗ dem ſie ſeine beiden Hände nahm und in ſeinen Augen D'Artagnan fühlte, daß er ſich hatte hinreißen laſ⸗ ſen und daß er einen Fehler gemacht hatte. „Sprecht, ſprecht, ſprecht doch!“ wiederholte My⸗ lady.„Woher wißt Ihr es?“ „Woher ich es weiß2“ ſprach d'Artagnan. * „Ich weiß es, weil geſtern von Wardes in einem Salon, wo ich mich befand, einen Ring zeigte, von dem er behauptete, er habe ihn von Euch bekommen.“ „Der Elende!“ rief Mylady. Dieſer Beiname trug ſeinen Klang, wie man leicht begreift, bis tief in das Herz von d'Artagnan. „Nun wohl. fuhr ſie fort. „Wohl! ich werde Euch rächen an dieſem Elenden!“ verſetzte dArtagnan, und gab ſich dabei das Anſehen von Don Japhet von Armenien. „Ich danke Euch, mein muthiger Freund!“ rief Mylady,„und wann werde ich gerächt ſein?“ „Morgen, ſogleich, wenn Ihr wollt.“ Mylady wollte ausrufen: Sogleich! Aber ſie be⸗ dachte, daß eine ſolche Eile nicht ſehr erfreulich für dAr⸗ tagnan wäre. Ueberdies hatte ſie tauſenderlei Vorſichtsmaßregeln zu nehmen, ihrem Vertheidiger tauſenderlei Rathſchläge zu geben, damit er Erklärungen vor Zeugen mit dem Marguis vermeiden möchte. „Morgen,“ ſprach dArtagnan,. i „Nein,“ ſagte ſie,„Ihr werdet Ihr werdet nicht ſterben. Ich weiß etw „Was wißt Ihr?“ „Es ſcheint mir, Ihr hattet Euch bei Eurem Streit mit ihm nicht über das Gluck zu beklagen.“ „Das Glück iſt eine Courtiſane, heute günſtig, kann es mich morgen verrathen.“ „Das will ſagen: Ihr zögert jetzt.“ „Nein, ich zögere nicht, Gott ſoll mich bewahren, „Stille!“ unterbrach ſie ihn,„ich höre meinen Schwager. Er braucht Euch nicht hier zu finden.“ Sie ſchellte. Ketty erſchien. „Geht durch dieſe Thüre,“ ſagte ſie zu d'Artag⸗ en und ſtieß dabei eine kleine verborgene Thüre auf. „Kommt um eilf Uhr wieder, und wir werden unſere Unterredung zu Ende bringen. Ketty führt Euch bei mir eln.“ Das arme Kind glaubte umzufinken, als ſie dieſe Worte hörte. „Nun, was macht Ihr denn, Mademoiſelle, Ihr bleibt hier unbeweglich, wie eine Statue? Hört Ihr, führt dieſen Herrn zurück, und um eilf Uhr, vergeßt es nicht.“ „Es ſcheint, alle ihre Rendezvous finden um eilf Uhr ſtatt,“ dachte d'Artagnan.„Das iſt eine feſte Gewohnheit.“ Mylady reichte ihm eine Hand, die er zärtlich küßte Sachte, dachte er ſich entfernend und kaum auf die Vorwürfe von Keity antwortend; ſachte, wir wollen kein Thor ſein. Offenbar iſt dieſe Frau eine große Miſſe⸗ thäterin. Sei auf deiner Hut, d'Artagnan. Vos Geheimniß von Mylady. DArtagnan hatte das Hotel verlaſſen, ſtatt ſo⸗ gleich zu Ketty hinaufzugehen, um hier die Stuntt P . i ———————— — . Kus dem Herzen dArtagnan's. Er erinnerte ſi 35 ſeiner Unterredung mit Mylady abzuwarten, und dies aus zwei Gründen: einmal vermied er auf dieſe Art die Vorwürfe, den Tadel und die Bitten des jungen Mäd⸗ chens, und dann war es ihm nicht unangenehm, Zeit zu kalter Ueberlegung zu haben, um wo möglich in die Ge⸗ danken dieſer Frau einzudringen. Am klarſten war ihm dabei, daß er ſich der Ge⸗ fahr ausſetzte, wahnfinnig in Mylady verliebt zu wer⸗ den, und daß ſie ihn im Gegentheil ganz und gar nicht liebte und nie lieben würde. Einen Augenblick ſah er ein, daß es das Geſcheiteſte wäre, wenn er nach Hauſe kehren und einen langen Brief ſchreiben würde, in wel⸗ chem er geſtände, er und der Graf von Wardes wären für ſie bis jetzt eine und dieſelbe Perſon, und er könnte daher, wenn er ſich nicht eines Selbſtmordes ſchuldig machen wollte, die Verbindlichkeit nicht übernehmen, den Grafen von Wardes zu tödten, über den ſie ſich ihrer Behauptung nach zu beklagen hätte; aber mit der Ueberzeugung, daß ſie ihn haßte und nur als ein feiles Werkzeug ihrer Rache betrachtete, das ſie zerbrechen würde, wenn ſie ſich deſſelben bedient hätte, kehrte auch das Verlangen, für ſich ſelbſt Rache zu üben, in ſein Herz zurück. Er wollte dieſe Frau beherrſchen, die mit ihm ſpielte und ihn in ſeiner reinen, aufrichtigen Liebe als Mitſchuldige an der Entführung von Madame Bo⸗ naeieur verwundet hatte. Er ging fünf bis ſechsmal auf der Place Rohale, durch entgegengeſetzte Gefühle in Bewegung erhalten, umher, und wandte ſich von zehn zu zehn Schritten zu⸗ rück, um das Licht in dem Zimmer von Mylady zu be⸗ trachten, das man durch die Jalouſien erblickte; offenbar hatte die junge Frau diesmal weniger Eile, in ihr Zim⸗ mer zurückzukehren, als das erſte Mal. Endlich ſchlug es eilf Uhr. Bei dieſem Getöſe entwich alle Unentſchloſſenheit ſich der 36 Einzelnheiten der Unterredung, die ſo eben zwiſchen My⸗ lady und ihm ſtattgefunden hatte, und in einer, unter ſolchen Umſtänden ſo häufig vorkommenden, raſchen Wen⸗ dung des Entſchluſſes trat er mit klopfendem Herzen und entzündetem Kopfe in das Hotel und ſtürzte in das Zim⸗ mer von Ketty. Das junge Mädchen wollte, bleich wie der Tod, an allen Gliedern zitternd, d'Artagnan zurückhalten, aber Mylady Jatte, das Ohr auf der Lauer, das durch ſeinen Eintritt verurſachte Geräuſch vernommen, öffnete die Thüre und hieß ihn hereinkommen. D'Atagnan hatte ſeine Vernunft verloren, er glaubte von einer von den phantaſtiſchen Intriguen fortgezogen zu werden, wie man ſie im Traume erfährt. Er ging auf Mylady zu, der Anziehungskraft weichend, welche der Magnet auf das Eiſen ausübt. Die Thüre ſchloß ſich hinter ihm. Ketty ſtürzte ebenfalls nach der Thüre. Die Liferfucht, die Wuth, der beleidigte Stolz, ale J— Leidenſchaften, welche ſich in dem Herzen eines verliebten weiblichen Weſens ſtreiten, trieben ſie zu einer Offen⸗ barung; aber ſie war verloren, wenn ſie zugeſtand, daß ſie die Hände bei einer ſolchen Machination im Spiele gehabt hatte, und was mehr als Alles in Betracht kam, — dArtagnan war für ſie verloren; dieſer letzte Liebes⸗ gedanke rieth ihr, noch ein Opfer zu bringen. DArtagnan überließ ſich ſeiner Seits ganz den Eingebungen ſeiner Eitelkeit. Es war nicht mehr ein Nebenbuhler, den man in ihm liebte, ſondern es hatte. das Anſehen, als liebte man ihn ſelbſt. Eine geheime 3 Stimme ſagte ihm wohl im Hintergrunde ſeines Her⸗ zens, er wäre nur die Waffe, pie man liebkoſte, bis ſie den Tod gegeben hätte, aber der Stolz, die Ei⸗ genliebe, die Tollheit brachten dieſe Stimme zum Schweigen, erſtickten dieſes Gemurmel. Dann ver⸗ glich ſich der Gasrogner mit der Doſe Selhſtvertrauen, y⸗ ter n⸗ nd n⸗ un er en ie te en 8 er N S 5. ——— welche am andern Tage einen Streit zwiſchen ihm und 37 die wir an ihm kennen, mit dem Grafen von Wardes und fragte ſich, warum man nicht am Ende ihn ſelbſt. wegen ſeiner ſelbſt lieben könnte. Durch das Blendwerk dieſer Gedanken war Mylady für ihn nicht mehr das Weib mit den unſeligen Abſichten, die ihn einen Augenblick vorher erſchreckt hatten; es war eine reizende Frau, welche die Liebe ſelbſt zu fühlen ver⸗ ſprach, die ſie einflößte. Aber Mylady, welche nicht dieſelben Gründe hatte, wie d»Artagnan, um zu vergeſſen, entzog ihn bald ſeinen Betrachtungen und rief ihn zu der Wirklichkeit dieſer Zuſammenkunft zurück; ſie fragte ihn, ob die Maßregeln, dem Grafen von Wardes herbeiführen ſollten, bereits in ſeinem Kopfe feſtgeſtellt ſeien. D'Artagnan jedoch, deſſen Gedanken einen ganz andern Gang genommen hatten, vergaß ſich wie ein Thor und antwortete auf eine ſchmeichelnde Weiſe; in ihrer Nähe, wo er ſich ganz nur dem Glücke hingebe, ſie zu hören und zu ſehen, könne er ſich unmöglich mit Duellen und Degenſtößen beſchäftigen. Dieſe Kälte für das einzige Intereſſe, von dem ſie in Anſpruch genommen war, erſchreckte Mylady, deren Fragen dringender wurden. DArtagnan hatte nie ernſtlich an dieſes Duell ge⸗ dacht; er wollte dem Geſpräch eine andere Wendung geben, aber es lag nicht in ſeinen Kräften. Mylady hielt die Unterredung innerhalb den Gränzen, die ſie zum voraus mit ihrem unwiderſtehlichen Geiſte und mit ihrem eiſernen Willen feſtgeſetzt hatte. DArtagnan hielt ſich nun für ſehr geiſtreich, indem er Mhlady rieth, Wardes zu vergeben ünd auf ihre wüthenden Pläne Verzicht zu leiſten. Aber bei den erſten Worten, die er ſprach das Geſicht der jungen Frau einen fin druck an.“ 3 38 „Habt Ihr vielleicht Furcht, lieber Herr d'Artagnan?“ rief ſie in einem ſpitzigen, ſpöttiſchen Tone, der ſeltſam in den Ohren des jungen Mannes klang. „Ihr denkt nicht daran, meine theure Seele,“ erwiederte d'Artagnan,„aber wenn dieſer arme Graf Wardes am Ende minder ſchuldig wäre, als Ihr glaubt?“ 6„In jedem Fall,“ verſetzte Mylady ernſt,„in jedem Fall hat er mich getäuſcht, und von dem Augen⸗ blick an, wo er mich getäuſcht hat, verdient er den Tod.“ „Er wird alſo ſterben, da Ihr ihn verurtheilt,“ ſprach d'Artagnan mit ſo feſtem Tone, daß dieſer Mylady als der Ausdruck einer jede Prüfung beſtehenden Erge⸗ beuheit erſchien. Alsbald lächelte ſie ihm von neuem zu. „Ja, ich bin ganz bereit,“ rief nun d'Artagnan in unwillkührlicher Begeiſterung;„aber zuvor wünſchte ich einer Sache gewiß zu ſein.“ „Und welcher?“ fragte Mylady. „Daß Ihr mich liebt.“ „Daß Ihr hier ſeid, dient zum Beweiſe, wie ich glaube,“ antwortete ſie mit ſcheinbarer Verlegenheit. „Ja; ich bin auch Euer mit Leib und Seele. Ver⸗ fügt über meinen Arm!“ Ich danke, mein tapferer Vertheidiger, und eben ſo, wie ich Euch meine Liebe dadurch beweiſe, daß ich Euch hier empfange, eben ſo werdet Ihr mir die Eurige 6 beweiſen, nicht wahr?“ „Ganz gewiß. Aber wenn Ihr mich liebt, wie Ihr mir ſagt, habt Ihr nicht ein wenig bange für mich?“ „Was ſollte ich befürchten?“ „Daß ich gefährlich verwundet, ſogar getödtet„ werde?“ „Unmöglich!“ ſprach Mylady,„Ihr ſeid ein ſo muthiger Mann, ein ſo geſchickter Degen!“ ——— 2 — 5 ———— — 5 39 „Ihr würdet alſo ein Mittel nicht vorziehen, das Euch rächte, während der Kampf dabei überflüſſig wäre?“ Mylady ſchaute den jungen Mann ſtillſchweigend anz ihre klaren Augen hatten einen ſeltſam düſteren Ausdruck angenommen. „In der That,“ ſprach ſie,„ich glaube, Ihr zau⸗ dert abermals!“ „Nein, ich zaudere nicht, aber es thut mir in der That leid um den armen Grafen von Wardes, ſeitdem Ihr ihn nicht mehr liebt, und es ſcheint mir, ein Mann muß ſchon durch den Verluſt Euerer Liebe ſo grauſam beſtraft ſein, daß er keiner anderen Züchtigung mehr bedarf.“ „Wer ſagt Euch, daß ich ihn geliebt habe?“ fragte Mylady. „Wenigſtens kann ich jetzt ohne zu große Abge⸗ ſchmacktheit glauben, daß Ihr einen Andern liebt.“ ſprach der junge Mann in hoflichem Tone,„und ich wiederhole Euch, ich intereſſire mich für den Grafen.“ „Ihr?“ fragte Mylady. „Ja, ich.“ „Und warum Ihr?“ „Weil ich allein weiß. „Was? „Weil er bei weitem nicht ſo ſchuldig gegen Euch iſt, oder geweſen iſt, als es ſcheint.“ „In der That?“ ſprach Mylady mit unruhiger Miene,„erklärt Euch, denn ich weiß wahrhaftig nicht, was Ihr damit ſagen wollt.“ Und ſie ſchaute d'Artagnan mit Au ſich allmälig ein düſteres Feuer entzündete „Ja, ich bin ein Mann von n, in denen ſprach vArtagnan, entſchloſſen ein En „und ſeitdem Ihr mir Eure Liebe ge ſeitdem ich ihres Beſitzes gewiß bin, denn ich beſitze ſie?“ 8 „Ganz und gar. Fahrt fort.“ „Seitdem fühle ich mich verwandelt. Ein Geſtänd⸗ niß bedrückt mich.“ „Ein Geſtändniß?“ „Hätte ich an Eurer Liebe gezweifelt, ſo würde ich es nicht abgelegt haben, aber Ihr liebt mich, nicht wahr, Ihr liebt mich?“ „Allerdings.“ „Wenn ich mich alſo aus einem Uebermaaß von Liebe gegen Euch ſchuldig gemacht hätte, würdet Ihr mir vergeben?“ „Vielleicht. Aber das Geſtändniß,“ ſprach ſie er⸗ bleichend,„was haht Ihr mir zu geſtehen?“ „Ihr hattet am vorigen Donnerſtag dem Grafen Wardes in dieſem Zimmer Rendezvous gegeben, nicht wahr?“ „Ich! nein! das iſt nicht der Fall!“ ſprach Mylady mit ſo feſter Stimme unt, mit ſolcher Ruhe im Geſichte, daß d'Artagnan, wenn er nicht vollkommene Gewißheit gehabt hätte, gezweifelt haben würde. „Lügt nicht, mein ſchöner Engel, es wäre unnütz,“ ſprach dArtagnan, und zwang ſich dabei zu einem Lächeln. „Wie ſo? Sprecht doch! Ihr peinigt mich zu Tode.“ „Dieſer Ring— iſt in meinen Händen. Der Graf von Wardes von Donnerſtag und dArtagnan von heute ſind eine und dieſelbe Perſon.“ Der Unkluge erwartete ein Staunen vermiſcht mit Scham, einen kleinen Sturm, der ſich in Thränen auf⸗ löſen würde; aber er täuſchte ſich gewaltig, und ſein Irrthum währte nicht lange. Bleich und furchthar erhob ſich Mylady und Hollte dArtagnan, der in ihrer Nähe war, durch einen hefti⸗ gen Schlag auf die Bruſt zurückſtoßen und ſich von ihm entfernen. D⸗Artagnan hielt ſie am Kleide zu⸗ rück, um ihre Vergebung zu erflehen, aber mit einer —— 55* 41 kräftigen, entſchloſſenen Bewegung ſuchte ſie zu entfliehen⸗ Da zerriß das Kleid oben am Leibe und Artagnan er⸗ blickte auf einer von ihren ſchönen Schultern, welche nun entblößt war, zu ſeinem unausſprechlichen Schrecken die Lilie, das nie zu tilgende Mahl, das die Hand des Hen⸗ kers aufvrückt. „Großer Gott!“ rief er, das Kleid aus den Hän⸗ den laſſend, und blieb ſtumm, unbeweglich, zu Eis ge⸗ worden an ſeiner Stelle. Aber Mylady fühlte ſich gerade durch den Schrecken dArtagnan's verrathen. Ohne Zweifel hatte er Alles geſehen; der junge Mann wußte nun ihr Geheimniß, ein furchtbares Geheimniß, das außer ihr der ganzen Welt unbekannt war.. Sie wandte ſich um, nicht mehr als Weib, ſondern als ein verwundetes Pantherthier „Ah! Elender!“ ſprach ſie,„Du haſt mich feig ver⸗ rathen, und mehr noch, Du biſt im Beſitze meines Ge⸗ heimniſſes! Du ſollſt ſterben!“ Und ſie lief nach einem kleinen Kiſtchen mit einge⸗ legter Arbeit, das auf ihrer Toilette ſtand, öffnete es mit fieberhaft zitternder Hand, zog einen kleinen Dolch mit goldenem Griff und dünner ſpitziger Klinge heraus und ſtand mit einem Sprunge wieder vor d'Artagnan, welcher ſitzen geblieben war. Obgleich der junge Mann viel Muth beſaß, erſchrack er doch vor dieſem verſtörten Geſichte, dieſen hervortre⸗ tenden Augen, dieſen bleichen Wangen, dieſen blutigen Lippen; er ſtand auf und wich zurück, wie er es vor einer Schlange gethan hätte, die auf ihn zugekrochen wäre, fuhr inſtinktmäßig mit ſeiner von Schweiß befeuchteten Hand an den Degen und zog ihn aus der Scheide. Aber ohne durch den Anblick der blanken Klinge beunruhigt zu werden, rückte Mylady auf ihn zu, um ihm einen Stoß beizubtingen, und hielt nicht cher ——— 42 ſue⸗ als bis ſie die Spitze der Klinge auf ihrer Bruſt fühlte. Nun ſuchte ſie den Degen mit ihren Händen zu faſſen, aber d'Artagnan entzog ihn fortwährend ihren Griffen, ſtreckte ihr denſelben, ohne zu ſtoßen, bald gegen die Bruſt, bald gegen die Augen entgegen und wich immer mehr zurück, in der Abſicht, die Thüre zu ſuchen, welche zu Ketty führte, und durch dieſe ſeinen Rückzug zu nehmen. Mylady drang während dieſer Zeit mit furchtbarer Anſtrengung und einem wahren Löwengebrülle auf ihn ein Da dies jedoch am Ende wie ein Duell ausſah, ſo beruhigte ſich d»Artagnan nach und nach. „Gut, ſchöne Dame, gut,“ ſprach er;„aber ich bitte Euch um Gotteswillen, beſänftigt Euch, oder ich zeichne eine zweite Lilie auf Eure andere Schulter.“ „Heilloſer, Elender!“ heulte Mylady. Doch fortwährend die Thüre ſuchend, war d'Artagnan nur auf ſeine Vertheidigung bedacht. Bei dem Geräuſche, das ſie durch das Umwerfen der Geräthſchaften verurſachten, ſie, um zu ihm zu gelangen, er, um ſich hinter dem Geräthe vor ihr zu ſchützen, öffnete Ketth die Thüre. D'Artagnan, der beſtändig manveuvrirt hatte, um ſich der Thüre zu nä⸗ hern, war nur noch drei Schritte von dieſer entfernt. Mit einem einzigen Sprunge warf er ſich aus dem Zim⸗ mer von Mylady in das der Zofe, und verſchloß ſchnell wie der Blitz die Thüre wieder, gegen die er ſich mit ſeiner ganzen Macht ſtützte, während Ketty die Riegel vorſtieß. Dann ſuchte Mylady den Gewölbpfeiler umzu⸗ ſtürzen, der fie in ihr Zimmer einſchloß, und zwar mit Kräften, welche weit über denen einer Frau ſtanden. Da ſie fühlte, vaß dies unmöglich war, ſo verſetzte ſie der Thüre Dolchſtöße, von denen einige das Holz in ſeiner ganzen Dicke durchdrangen.. it e — Jeder Stoß war von einer furchtbaren Verwünſchung begleitet. „Geſchwinde, geſchwinde, Ketty,“ ſprach d'Artagnan mit leiſer Stimme,„mache, daß ich aus dieſem Hotel komme; denn wenn wir ihr Zeit gönnen, ſich umzudrehen, läßt ſie mich durch ihre Bedienten tödten. Eilen wir, verſtehſt Du wohl, es hängt Leben und Tod davon ab!“ RKetiy verſtand nur zu gut. Sie führte ihn in der Dunkelheit über die Stufen hinab. Es war die höchſte Zeit. Mylady hatte bereits geſchellt und weckte das ganze Haus auf; der Portier zog auf die Stimme Retty's in demſelben Augenblicke die Schnur, wo Mylady„Oeffnet nicht!“ rief. Der junge Mann floh, während ſie ihn mit einer ohnmächtigen Geberde bedrohte. In der Secunde, in der ſie ihn aus dem Geſicht verlor, ſtürzte ſie ohnmächtig in ihrem Zimmer nieder. V. Wie Athos, ohre ſich die geringſite Mühe zu geben, ſeine Equipirung fand. D'Artagnan war in ſo gewaltiger Auftegung, daß er, ohne ſich im Geringſten darum zu bekümmern, was aus Ketty würde, in größter Eile die Hälfte von Paris durchlief und nicht eher ſtille hielt, als bis er ſich vor der Thüre won Athos befand. Die Verwirrung ſeines Geiſtes, der Schrecken, der ihn ſpornte, das Geſchrei einiger Pa⸗ trouillen, die ihn verfolgten, bewirkten nur, daß er ſeinen Lauf noch mehr beſchleunigte. 8 Er flog durch den Hof, ſtieg die zwei Treppen hin⸗ auf, und klopfte an die Thüre, daß ſie hätte in Stücke ſpringen ſollen. Grimaud öffnete, die Augen vom Schlafe aufge⸗ ſe ſchwollen. DArtagnan ftürzte mit folcher Gewalt in das Vorzimmer, daß er ihn beinahe niedergeworfen hätte. Trtz der gewöhnlichen Stummheit von Grimaud kam ihm dießmal das Wort. Bei dem Anblick des ent⸗ blößten Degens, den dArtagnan in der Hand hielt, bil⸗ 4 dete ſich der arme Burſche ein, er habe es mit einem 4 Mörder zu thun, und rief: E „Zu Hülfe! zu Hülfe! zu Hülfe!“ u „Schweig, Unglücklicher!“ ſprach der junge Mann, ich bin d'Artagnan. Erkennſt Du mich nicht mehr? wo u iſt Dein Herr?“ „Ihr, Herr d'Artagnan?“ rief Grimand erſchrocken, „unmöglich!“ 5 „Grimaud,“ ſagte Athos, im Schlafrocke aus ſeinem— tretend,„ich glaube, Du erlaubſt Dir zu ſpre⸗ chen!“ „Ah, gnädiger Herr, weil„ „Stille!“ A Grimaud begnügte ſich mit dem Finger auf dAr⸗ tagnan zu deuten. S Athos brach bei all' ſeinem Phlegma in ein Geläch⸗ ter aus, das durch die verſtörte Miene ſeines jungen A Freundes gar wohl motivirt war. 3 „Lacht nicht, mein Freund!“ rief d'Artagnan,„um ir des Himmels willen, lacht nicht, denn bei meiner Seele ſage ich Euch, es iſt kein Grund zum Lachen vorhanden.“ ſe Und er ſprach dieſe Worte mit einer ſo feierlichen 6 Betonung und mit einem ſo unzweideutigen Ausdrucke des 5 aß Athos ihn bei der Hand nahm und aus⸗ „Solltet Ihr verwundet ſein, mein Freund Ihr 4 ſeht ſehr bleich aus.“ 2 aber es iſt mir ſo eben ein furchtbares Aben⸗ d Seid Ihr allein, Athos?“ 1d t⸗ l⸗ n, o , — ſein.“ ſchwarzen Wimpern und Brauen?“ dem eahn der linken Sie „Bei Gott, wer ſoll denn zu dieſer Stunde bei mir „Gut, gut!“ D'Artagnan ſtürzte in das Zimmer von Athos. „Ei, ſo ſprecht doch,“ ſagte dieſer, die Thüre ver⸗ ſchließend und die Riegel vorſchiebend, um nicht ge⸗ ſtört zu werden.„Iſt der König todt? Habt Ihr den Herrn Cardinal umgebracht? Ihr ſeid ganz verwirrt. Sprecht! laßt hören! denn ich ſterbe in der That vor Unruhe.“ „Athos,“ antwortete d'Artagnan,„ſeid bereit, eine unglaubliche, unerhörte Geſchichte zu hören!“ „Redet doch,“ ſagte Athos. „Nun wohl,“ fuhr d' Ken ſich nach dem Ohr von Athos beugend und die Stimme dämpfend fort, „Mylady iſt mit einer Lilie auf der Schulter bezeichnet.“ „Ah!“ rief der Musketier, als ob ihn eine Kugel das Herz getroffen hätte. Saht, Artagnan,„ſeid Ihr ſicher, daß die Andere todt iſt?“ „Die Andere?“ Lerſetzte Athos mit ſo dumpfer Stimme, daß es d' kaum hörte. „Ja, die, von welcher Ihr mir eines Tages in Amiens erzählt habt.“ Athos ſtieß einen Seufzer aus, und ließ ſeinen Kopf in die Hände fallen. „Dieſe,“fuhr d'Artagnan fort,„iſt eine Frau von ſechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren.“ „Blond 2 fragte. Athos. „Ja.“ „Blaue, klare Augen, von ſeltſamer Scht mit „Ja. „Groß, gut gewachſen? es fehlt ihr ein „Ja.“ 46 „Die Lilie iſt klein und roth von Farbe und etwas ge verwiſcht durch Pflaſter, welche man aufgelegt hat?“ ſn „Ihr ſagt jedoch, dieſe Fran ſei eine Engländerin?“ „Id.. „Man nennt ſie Mylady, aber ſie kann deſſenungeachtet 8 eine Franzöſin ſein, Lord Winter iſt nur ihr Schwager.“ 3 „Ich will ſie ſehen, d'Artagnan!“ 1 8„Nehmt Euch in Acht, Athos, nehmt Euch in Acht. D Ihr wolltet ſie tödten? Sie iſt die Frau, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten und Euerer nicht zu fehlen.“ „Sie wird es nicht wagen, etwas zu fagen, denn 6i das hieße ſich ſelbſt angeben.“ 1 „Sie iſt zu Allem fähig! Habt Ihr ſie je wüthend Eu geſehen?“ „Nein,“ ſprach Athos. i „„Eine Tigerin, ein Panterthier! ach, mein lieber k Athos, ich fürchte ſehr, eine gräßliche Rache auf uns herabbeſchworen zu haben!“ D'Artagnan erzählte nun Alles, den wahnſinnigen Zorn von Mylady und ihre Todesdrohungen. 6 „Ihr habt Recht, und ich würde mein Leben für ein Es Haar geben,“ ſprach Athos.„Zum Glücke verlaſſen wir 5 Paris übermorgen, wir ziehen höchſt wahrſcheinlich nach heil La Rochelle, und wenn wir einmal fort ſind ſr „Wird ſie Euch verfolgen bis an das Ende der Welt, Athos, wenn ſie Euch wieder erkennt. Laßt alſo ihren lich Haß ſich gegen mich allein wenden.“ „Ei, mein Lieber, was iſt daran gelegen, daß ſie mich tödtet!“ ſagte Athos.„Glaubt Ihr etwa, ich hänge am Leben?“ „Unter Allem dem iſt ein furchtbares Geheimniß 2 — verborgen. Dieſe Frau iſt der Spion des Cardinals⸗ Das bin ich feſt überzeugt.“ Gel n dieſem Falle ſeid auf Eurer Hut. Wenn der neh Cardinal nicht eine hohe Bewunderung wegen der Ange⸗ legenheit von London für Euch hegt, ſo hegt er einen 47 gewaltigen Haß. Aber da er Euch am Ende nichts offen vorwerfen kann und der Haß befriedigt werden muß, be⸗ ſonders wenn es ein Cardinalshaß iſt, ſo hütet Euch wohl! Wenn Ihr ausgeht, geht nicht allein aus, wenn Ihr eßt, nehmet Eure Vorſichtsmaßregeln; mißtraut Allem, ſelbſt Eurem Schatten.“ „Zum Glücke handelt es ſich nur darum,“ ſprach dArtagnan,„bis übermorgen in Bangigkeit umherzugehen. Denn ſind wir einmal bei der Armee, ſo haben wir es hoffentlich nur noch mit Männern zu thun.“ „Indeſſen,“ ſagte Athos,„verzichte ich auf meine Einſperrungspläne und gehe überall hin mit Euch. Ihr müßt nach der Rue des Foffoyeurs zurückkehren; ich werde Euch begleiten.“ „Es ſei, mein lieber Athos; aber laßt mich Euch zuerſt den Ring zurückſtellen, den ich von dieſer Frau empfangen habe. Der Saphir gehört Euch. Habt Ihr mir nicht geſagt, es wäre ein Familienjuwel?“ „Ja, mein Vater kaufte ihn um zweitauſend Tha⸗ ler, wie er mir einſt ſagte. Er bildete einen Theil von den Hochzeitsgeſchenken, die er meiner Mutter machte. Es iſt ein prächtiger Stein. Meine Mutter gab ihn mir, und ich, ein Narr, wie ich war, ſtatt ihn wie eine heilige Reliquie zu bewahren, ſchenkte ihn meinerſeits die⸗ ſer Elenden.“ „Gut, nehmt den Ring zurück, an dem Ihr begreif⸗ lich hängen müßt.“ „Ich den Ring zurücknehmen, nachdem er durch die Hände dieſer Schändlichen gegangen iſt? Nie! Dieſer Ring iſt beſchmutzt, d'Artagnan.“ „Dann verkauft oder verpfändet ihn; man wird Euch wohl tauſend Thaler darauf leihen. Mit dieſer Summe macht Ihr Eure Angelegenheiten bequem ab. Mit dem erſten Gelde, das Ihr einnehmt, löſt Ihr ihn ſodann wieder und nehmt ihn von ſeinen alten Flecken gereinigt zurück, denn er iſt durch die Hände von Wucherern gegangen.“ 8. 48 Athos lächelte. „Ihr ſeid ein entzuckender Junge, mein lieber dAr⸗ tagnan,“ ſprach er.„Ihr richtet durch Eure ewige Heiter⸗ keit die armen Geiſter in ihrem Kummer auf. Nun denn, ja, verpfänden wir dieſen Ring, der mir gehoͤrt, aber un⸗ ter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“. „Daß fünfhundert Thaler für Euch und fünfhundert für mich ſind.“ „Was denkt Ihr, Athos? Ich bedarf nicht des vier⸗ ten Theils dieſer Summe, ich, der ich bei den Garden ſtehe, und wenn ich meinen Sattel verkaufe, ſo verſchaffe ich mir den Betrag. Was brauche ich? ein Pferd für Planchet, das iſt Alles. Dann vergeßt Ihr, daß ich auch einen Ring beſitze.“ „An dem Ihr noch mehr zu hängen ſcheint, als ich an dem meinigen. Wenigſtens glaubte ich dies zu bemerken.“ „Ja, denn in einem äußerſten Falle kann er uns nicht nur aus einet hroßen Verlegenheit, ſondern auch aus einer großen Gefahr ziehen. Das iſt kein einfacher Diamant, es iſt zugleich ein Talisman.“ „Ich verſtehe Euch nicht, aber ich glaube an das, was Ihr ſagt. Um wieder auf meinen Ring, oder viel⸗ mehr auf den Eurigen zurückzukommen, Ihr nehmt die Hälfte der Summe, die man Euch darauf leihen wird, oder ich werfe ihn in die Seine, und ich zweifle, ob, wie bei Polykrates, ein Fiſch ſo gefällig iſt, ihn uns wieder zu bringen.“ „Gut, ich nehme es an,“ ſagte d'Artagnan. In dieſem Augenblick trat Grimaud in Begleitung von Planchet ein. Dieſer war unruhig über ſeinen Herrn und neugierig zu erfahren, was ihm begegnet ſein möchte. reit war, machte er Grimaud das Zeichen eines Man⸗ Achos kleidete ſich an, und als er auszugehen be⸗ nes, auf den man zielt. Der Diener nahm ſeinen Mous⸗ mů 6 d'Ar⸗ eiter⸗ denn, un⸗ ndert vier⸗ arden chaffe für auch s ich ken.“ uns auch acher das, viel⸗ t die wird, wie ieder tung inen ſein be⸗ Nan⸗ ous⸗ 49 queton von der Wand, und ſchickte ſich an, ſeinen Herrn zu begleiten. D'Artagnan und Athos gelangten ohne irgend einen Unfall in der Rue des Foſſoheurs. Herr Bonacieux ſtand an ſeiner Thüre und ſchaute d'Artagnan auf eine pöbel⸗ haft ſcherzende Weiſe an. „Eh! mein lieber Miethsmann,“ ſagte er,„beeilt Euch, es wartet ein hübſches Mädchen in Eurem Zim⸗ mer, und Ihr wißt, die Frauen lieben es nicht, daß man ſie warten läßt.“ „Es iſt Ketty,“ rief d'Artagnan und lief in den Gang. Auf dem nach ſeinem Zimmer führenden Boden fand er das arme Kind, das ſich ganz zitternd an die Thüre lehnte. Sobald ſie ihn erblickte, ſagte ſie: „Ihr habt mir Euern Schutz verſprochen, Ihr habt mir gelobt, mich vor ihrem Zorne zu retten. Erinnert Euch, daß Ihr es ſeid, der mich zu Grunde gerichtet hat.“ „Ja, allerdings;“ erwiederte d'Artagnan;„ſei ruhig Aber was iſt denn nach meinem Abgang vorge⸗ allen?“ „Weiß ich es2“ ſagte Ketty.„Auf ihr Geſchrei liefen alle Lackeien herbei; ſie war furchtbar aufgebracht und ſpie alle Verwünſchungen der Welt gegen Euch aus. Dann dachte ich, ſie würde ſich erinnern, daß Ihr durch mein Zimmer in das ihrige eingedrungen wäret, und ſie müßte in mir Eure Mitſchuldige erkennen. Ich nahm das wenige Geld, das ich beſaß, meine koſtbarſten Kleidungs⸗ ſtücke und flüchtete mich.“ „Armes Kind, aber was ſoll ich mit Dir machen? Ich reiſe übermorgen ab.“ „Alles, was Ihr wollt, Herr Chevalier. Macht, daß ich Paris, daß ich Frankreich verlaſſe., „Ich kann Dich doch nicht mit mir zur Belagerung von La Rochelle führen,“ ſprach d'Artagnan. „Nein, aber Ihr könnt mich in der Provinz unter⸗ Die drei Musketiere. M. 4 50 bringen, bei irgend einer Dame von Eurer Bekanntſchaſtz in Eurer Heimath zum Beiſpiel.“ „Oh, meine liebe Freundin, in meiner Heimath ha⸗ ben die Damen keine Kammerfrauen. Doch halt! ich weiß, was zu thun iſt. Planchet, hole mir Aramis. Er möge ſogleich kommen. Wir haben etwas ſehr Wichtiges mit ihm zu ſprechen.“ „Ich begreife,“ ſagte Athos;„aber warum nicht Porthos? Es ſcheint mir, ſeine Marquiſe.. „Die Marquiſe von Porthos würde ſich eher, als ſie ſich eine Kammerfrau hielte, von den Schreibern ihres Mannes ankleiden laſſen,“ ſprach dArtagnan lachend. „Ueberdieß dürfte Ketty nicht gerne in der Rue aur Hurs wohnen, nicht wahr, Ketty?“ „Ich werde wohnen, wo man will,“ ſagte Ketth, „vorausgeſetzt, ich bin dabei gut verborgen und man weiß nicht, wo ich mich aufhalte.“ „Jetzt, Ketth, da wir uns zu trennen im Begriffe 1 und Du folglich nicht mehr auf mich eiferſüchtig „„ 4 „Herr Chevalier,“ ſprach Keith,„nah oder ſern, ich werde Euch beſtändig lieben.“ „Wo Teufels niſtet ſich die Beſtänvigkeit ein!“ mur⸗ melte Athos.. „Auch ich,“ ſagte d»Artagnan,„auch ich werde Dich ſtets lieben, glaube mir. Aber hore, antworte mir. Ich lege ein großes Gewicht auf die Frage, die ich an Dich richte. Sollteſt Du nie von einer jungen Frau haben ſprechen hören, die man in einer Nacht wegführte?“ „Halt Oh! mein Gott, Herr Chevalier, liebt Ihr dieſe Frau noch?“ „Nein, einer meiner Freunde liebt ſie— Athos, den Du hier ſiehſt.“ „Ich!“ rief Athos mit dem Ausdrucke eines Men⸗ ſchen, der gewahr wird, daß er auf einer Natter geht. „Allerdings Ihr,“ erwiederte dArtagnan„ Athos die rs ty, eiß iffe en 51 Hand drückend.„Ihr wißt wohl, wie ſehr wir an dem Schickſale der guten Madame Bonacieur Theil nehmen. Ueberdieß wird Ketty nicht plaudern. Nicht wahr, Ketty? Du begreifſt, mein Kind,“ fuhr d'Artagnan fort„es iſt die Frau des abſcheulichen Affen, den Du bei Beinem Eintritte unten an der Thüre geſehen haſt.“ „Oh! mein Gott!“ rief Ketty,„Ihr erinnert n an meine Angſt; wenn er mich nur nicht erkannt „Wie, erkannt? Du haſt alſo dieſen Menſchen ſchon geſehen?“ „Er iſt zweimal zu Mylady gekommen.“ „Um welche Zeit?“ „Vor etwa vierzehn oder achtzehn Tagen.“ „Ganz richtig.“ „Und geſtern Abend iſt er wieder erſchienen.“ „Geſtern Abend?“ „Ja, einen Augenblick, eheo Ihr ſelbſt eingetroffen „Mein lieber Athos, wir ſind von einem Netze von ſeid.“ Spionen umgeben! Und Du glaubſt, er habe Dich erkannt, Ketty?“ „Ich ſenkte meine Haube, als ich ihn erblickte, aber vielleicht war es zu ſpät.“ — „Geht hinab, Athos, man mißtraut Euch weni⸗ ger, als mir, und ſeht, ob er immer noch vor der Thüre ſteht.“ Athos ging hinab und kam ſogleich wieder zurück. „Der Krämer iſt fort,“ ſprach er,„und das Haus iſt geſchloſſen.“ 8 „Er wird ſich ohne Zweifel entfernt haben, um zu melden, daß alle Tauben im Schlage ſind.“ „Gut! aber wir wollen ausfliegen,“ ſagte Athos, „und nur Planchet hier laſſen, um uns⸗ Nachricht zu bringen.“ 52 „Noch eine Minute!— Aramis, nach dem wir ge⸗ ſchickt haben? „Das iſt richtig, erwarten wir Aramis.“ In demſelben Augenblicke trat Aramis ein. Man ſetzte ihm die ganze Angelegenheit auseinander und ſagte ihm, daß er nothwendig unter allen ſeinen hohen Bekannten einen Platz für Ketty ſuchen müßte. Aramis dachte einen Augenblick nach und ewiederte dann erröthend: „Wird Euch wirklich ein großer Dienſt dadurch er⸗ wieſen?“ 4 „Ich werde Euch mein ganzes Leben dafür dankbar — 5 ſein.“ „Nun wohl. Frau von Bois⸗Trach hat mich für eine von ihren Freundinnen, welche, glaube ich, in der Provinz wohnt, um eine ſichere Kammerfrau gebeten, und wenn Ihr mir für dieſes Mädchen ſtehen könnt, d'Artagnan ℳ% „Oh! gnädiger Herr,“ rief Ketty,„ich werde gewiß der Perſon, die mich in den Stand ſetzt, Paris zu ver⸗ laſſen, mit Leib und Seele ergeben ſein.“ „Dann geht die Sache vortrefflich,“ ſprach Aramis. Er ſetzte ſich an einen Tiſch, ſchrieb ein paar Worte, verfiegelte ſie mit einem Ringe und händigte das Billet Ketty ein.— „Du weißt nun, mein Kind,“ ſagte dArtagnan,„daß es hier nicht beſſer für uns iſt, als für Dich. Wir müſ⸗ ſen uns jetzt trennen, werden uns aber in ſchöneren Tagen wiederfinden.“ Und an welchem Orte und zu welcher Zeit wir uns wieder ſehen werden,“ ſprach Ketty,„Ihr werdet mich Euch ſo innig liebend finden, wie ich Euch heute liebe.“ Einen Augenblick nachher trennten ſich die drei jun⸗ gen Männer und ließen nur Planchet zurück, um das Haus zu bewachen. Aramis kehrte in ſeine Wohnung zurück, wäh⸗ ge⸗ nder hen erte er⸗ bar für der ten, mt, viß er⸗ is. te, llet aß 53 rend Athos und d'Artagnan für Unterbringung des Sa⸗ phir ſorgten. Man fand, wie unſer Gascogner vorhergeſehen hatte, leicht dreihundert Piſtelen auf den Ring. Ueberdies be⸗ merkte der Jude, wenn man denſelben an ihn verkaufen wollte, ſo würde er ſogar fünfhundert Piſtolen dafür ge⸗ ben, da er ein prachtvolles Ohrgehänge daraus machen laſſen könnte. Mit der Thätigkeit von zwei Soldaten und der Wiſ⸗ ſenſchaft von zwei Kennern brauchten Athos und d'Ar⸗ tagnan kaum drei Stunden, um die ganze Equipirung des Musketiers einzukaufen. Athos war vornehmer Mann bis an die Nagelſpitzen. Sobal ihm etwas anſtand, bezahlte er den verlangten Preis, ohne daß er nur den geringſten Verſuch machte, etwas davon abzubrechen. D'Artagnan wollte ihm hierüber Bemerkungen machen, aber Athos legte dieſem lächelnd die Hand auf die Schulter, und dArtagnan begriff, daß für ihn, den kleinen gascogniſchen Edelmann, das Handeln gut war, aber nicht für einen Mann von fürſtlichem Ausſehen. Der Musketier fand ein herrliches andaluſiſches Roß, ſchwarz wie Gagath, mit Feuer ſchnaubenden Naſenlöchern, eleganten, zarten Beinen und ſechs Jahre alt. Er unter⸗ ſuchte das Pferd und erkannte es als tadellos. Man bot es für tauſend Franken. Vielleicht hätte er es für we⸗ niger bekommen, aber während ſich d'Artagnan mit dem Pferdehändler über den Preis beſprach, zählte Athos die hundert Piſtolen auf den Tiſch. Grimaud hatte ein picardiſches Pferd, unterſetzt und ſtark, das dreihundert Livres koſtete. Nachdem der Sattel für letzteres Pferd und die Waffen für Grimaud gekauft waren, blieb kein Sou mehr von den hundert und fünfzig Piſtolen von Athos übrig. D'Artagnan bot ſeinem Freunde etwas von dem ihm zu⸗ kommenden Theile an. Aber Athos beſchränkte ſich ſtatt ieder Antwort darauf, die Achſeln zu zucken. 54 „Wie viel würde der Jude für den Ring geben, wenn man ihm denſelben als volles Eigenthum überließe?“ fragte er. „Fünfhundert Piſtolen.“ „Das heißt zweihundert Piſtolen mehr; hundert Pi⸗ ſtolen für Euch, hundert Piſtolen für mich. Das iſt ein Kehrz Glück, mein lieber Freund, kehrt zu dem Juden zurück.“ „Wie Ihr wollt. „Dieſer Ring würde offenbar zu traurige Erinnerun⸗ gen in mir zurückrufen; dann haben wir ihm auch nie die dreihundert Piſtolen heimzubezahlen, ſo daß wir bei dieſem Handel zweitauſend Livres verlieren würden. Sagt ihm, der Ring gehöre ihm, dArtagnan, und kommt mit zweihundert Piſtolen zurück. „Ueberlegt, Athos.“ „Das baare Geld iſt in dieſen Zeitläuften theuer, und man muß Opfer zu bringen wiſſen. Geht, d'Ar⸗ tagnan, geht. Grimaud wird Euch mit ſeinem Mous⸗ queton begleiten.“ Nach einer halben Stunde kam d'Artagnan mit den zweihundert Piſtolen und ohne daß ihm Unfall begegnet war, zurück. So fand Athos in ſeiner Wirthſchaft Mittel, auf die er nicht gerechnet hatte. VI. Cine ſüße Erſcheinung. Zur beſtimmten Stunde waren die vier Freunde bei Athos verſammelt. Ihre Unruhe, ihre Bangigkeit in Be⸗ W 55 enn treff der Equipirung war völlig verſchwunden, und jedes e?“ Geſicht behielt nur noch den Ausdruck ſeiner eigenen und geheimen Unruhe, denn hinter jedem gegenwärtigen Glücke iſt eine Furcht vor der Zukunft verborgen. Pi⸗ Plötzlich trat Planchet ein und brachte zwei Briefe ein mit der Adreſſe für d'Artagnan. den Der eine war ein zierlich zuſammengefaltetes Billet von länglicher Form, mit einem hübſchen Siegel von grünem Wachs, auf dem ſich eine Taube mit einem grü⸗ un⸗ nen Zweige im Schnabel eingedrückt fand. nie Der andere war ein großer viereckiger Brief, auf dem bei das furchtbare Wappen von Seiner Eminenz, dem Car⸗ agt dinal Herzog, glänzte. nit Bei dem Anblicke des kleinen Briefes hüpfte d'Ar⸗ tagnan's Herz vor Freude, denn er glaubte die Hand⸗ ſchrift zu erkennen, und obgleich er dieſelbe nur einmal e geſehen, ſo hatte ſich doch die Erinnerung tief in ſeinem % Innern eingegraben.. i6⸗ 3 Er nahm alſo den kleinen Brief und entſiegelte ihn en„Geht nächſten Mittwoch,“ ſchrieb man ihm,„von iet ſechs bis ſieben Uhr auf der Straße von Chaillot ſpazie⸗ ren, und ſchaut ſorgfältig in jeden Wagen, der an Euch die vorüber kommt. Aber wenn Euch an Eurem Leben und an dem der Menſchen gelegen iſt, die Euch lieben, ſo ſprecht kein Wort. Macht keine Bewegung, woraus man eeerſehen konnte, daß Ihr diejenige erkannt habt, welche Alles wagt, um Euch einen Augenblick zu ſehen“ * Keine Unterſchrift. „Das iſt eine Falle,“ ſprach Athos,„geht nicht hin, d'Artagnan.“ „Ich glaube aber die Handſchrift ganz wohl zu er⸗ kennen,“ ſagte d'Artagnan. 6 „Sie kann nachgemacht ſein,“ entgegnete Athos.„ ſechs bis ſieben Uhr iſt um dieſe Zeit die St 56 Chaillot ganz verlaſſen. Ihr könntet eben ſowohl im Walde von Bondy ſpazieren gehen.“ „Doch wenn wir Alle gingen 2“ ſagte d'Artaguan. „Was Teufels, man wird nicht alle vier, nebſt vier Lackeien, vier Pferden und den Waffen verſchlingen; das müßte eine ſchöne Unverdaulichkeit zur Folge haben.“ „Dann wäre es auch eine ſchöne Gelegenheit, unſere Roſſe zu zeigen,“ ſprach Porthos. „Aber wenn es eine Frau iſt, die Euch ſchreibt,“ ſagte Aramis,„und wenn dieſe Frau nicht geſehen zu werden wünſcht, ſo bedenkt, daß Ihr ſie compromittirt, Artagnan, was einem Edelmann gar übel ſteht.“ „Wir bleiben etwas zurück,“ rief Porthos,„und er allein reitet voraus.“ „Ja, aber eine Piſtole iſt bald aus einem Wagen abgefeuert, der im Galopp fortgeriſſen wird.“ „Bah!“ erwiederte dArtagnan,„man wird mich nicht treffen.“ „Wir holen dann den Wagen ein, und bringen Alle um, welche ſich in demſelben befinden. Dadurch haben wir immerhin eben ſo viele Feinde weniger.“ „Er hat Recht,“ ſagte Porthos,„eine Schlacht kann ſchaden, wir müſſen ohnehin unſere Waffen ver⸗ uchen.“ „Meiner Treue! wir wollen uns dieſes Vergnügen gönnen,“ verſetzte Aramis mit ſeiner ſanften, gleichgültigen Miene. „Wie Ihr wollt,“ ſprach Athos. „Meine Herren,“ ſagte d'Artagnan,„es iſt halb fünf Uhr, und wir haben kaum Zeit, uns auf den Weg nach Chaillot zu machen.“ „Wenn wir zu ſpät ritten,“ ſagte Porthos,„ſo würde man uns nicht mehr ſehen, und das wäre ſehr Schade. Vorwärts alſo, meine Herren.“ „Aber Ihr vergeßt den zweiten Brief,“ rief Athos. -——— c——— ——— de n. n, ne r —— 57 „Das Siegel ſcheint mir anzudeuten, daß er geöffnet zu werden verdient. Ich meines Theils muß Euch erklären, daß ich mich viel mehr um dieſen bekümmere, als um den kleinen Wiſch, den Ihr ganz zart in Euren Buſen geſteckt habt.“ D'Artagnan erröthete. „Nun wohl,“ ſprach der junge Mann,„ſehen wir, meine Herren, was Seine Eminenz von mir will.“ D'Artagnan entſiegelte und las: „Herr dArtagnan, Garde des Konigs, Compagnie des Eſſarts, wird dieſen Abend um acht Uhr im Palais⸗ Cardinal erwartet.“ La Houdiniere, Kapitän der Leibwache.“ „Teufel!“ rief Athos,„das iſt ein Rendezvvus, wel⸗ ches viel mehr beunruhigen muß, als das andere.“ „Ich gehe zu dem zweiten, wenn ich von dem erſten zurückkomme,“ ſprach d'Artagnan.„Das eine ſoll um ſieben, das andere um acht Uhr ſtattfinden. Ich habe Zeit zu Allem.“ „Hm! ich ginge nicht,“ entgegnete Aramis.„Ein galanter Ritter darf bei einem Rendezvous nicht fehlen, das ihm eine Dame gibt. Aber ein kluger Edelmann kann ſich entſchuldigen und nicht zu Seiner Eminenz gehen, beſonders wenn er einige Gründe hat, zu glauben, daß man ihn nicht rufe, um ihm Complimente zu machen.“ „Ich bin der Meinung von Aramis,“ fügte Porthos ei. „Meine Herren,“ antwortete d»Artagnan,„ich habe bereits durch Herrn von Cavois eine ähnliche Einladung zu ſeiner Eminenz erhalten. Ich vernachläßigte ſie, und am andern Tage begegnete mir ein großes Unglück. Cyn⸗ ſtance verſchwand. Was auch daraus werden mag, ich gehe in jedem Falle hin.“ „Wenn dies Euer feſter Entſchluß iſt, ſo aus,“ ſprach Athos. 38 „Aber die Baſtille?“ ſagte Aramis. „Bah! Ihr werdet mich herausziehen,“ erwiederte d'Artagnan. „Allerdings,“ verſetzten Aramis und Porthos mit bewunderungswürdiger Beſtimmtheit, und als ob dies eine ganz einfache Sache wäre.„Allerdings werden wir Dich herausziehen, aber mittlerweile, da wir übermorgen ab⸗ reiſen, würdet Ihr beſſer daran thun, Euch der Gefahr der Baſtille nicht auszuſetzen.“ „Thun wir, was in unſern Kräften liegt,“ ſprach Athos,„verlaſſen wir ihn dieſen Abend nicht. Erwarten wir ihn jeder an einer Thüre des Pallaſtes, je mit drei Musketieren hinter uns. Bemerken wir, daß ein Wagen mit geſchloſſenem Schlage und von verdächtigem Ausſehen herauskommt, ſo fallen wir darüber her. Es iſt ſchon ſehr lange, daß wir keinen Strauß mehr mit den Leib⸗ wachen des Herrn Cardinals ausgefochten haben, und Herr von Treville muß uns für todt halten.“ „Ihr ſeid offenbar zum Heerführer geboren, Athos,“ ſprach Aramis.„Was ſagt Ihr zu dieſem Plane, meine Herren 7“ „Vortrefflich!“ wiederholten die jungen Leute im hor. „Gut!“ ſprach Porthos,„ich laufe nach dem Hotel und benachrichtige unſere Kameraden, damit ſie ſich auf dem Platze des Palais⸗Cardinal bereit halten; Ihr laßt mittlerweile die Pferde durch die Bedienten ſatteln.“ „Ich, was mich betrifft, habe kein Pferd,“ entgeg⸗ nete dArtagnan,„aber ich will eines Lon Herrn von Treville nehmen.“ „Das iſt unnöthig,“ verſetzte Aramis.„Ihr nehmt eines von den meinigen.“ „Wie viel habt Ihr denn?“ fragte d'Artagnan. „Drei,“ antwortete Aramis lächelnd. Mein Lieber,“ ſagte Athos,„Ihr ſeid ſicherlich — —— c e c—„ 59 der am beſten bezahlte Dichter von Frankreich und Na⸗ derte varra.“ „Hört mein lieber Aramis, Ihr werdet nicht wiſſen, mit was Ihr mit drei Pferden thun ſollt? nicht wahr? Ich eine begreife ſogar nicht, warum Ihr drei Pferde gekauft Dich habt.“ 3 ab⸗„Ich habe auch nur zwei gekauft,“ erwiederte Aramis. ½ fahr„Das dritte iſt Euch alſo vom Himmel zugefallen.“ „Nein, das dritte iſt mir dieſen Morgen von einem 1 rach Bedienten ohne Livree zugeführt worden, der mir nicht rten ſagen wollte, wem er gehörte, und mir die Verſicherung drei gab, er habe den Befehl von ſeinem Gebieter erhalten. gen„Oder von ſeiner Gebieterin,“ unterbrach ihn d'Ar⸗ hen tagnan. chon„Das macht nichts zur Sache,“ fuhr Aramis erro⸗ eibl⸗ thend fort,„und der mir die Verſicherung gab, ſage ich, err er habe Befehl von ſeinem Gebieter oder ſeiner Gebie⸗ terin erhalten, dieſes Pferd in meinen Stall zu bringen, ,ohne zu ſagen, woher es käme.“ eine„Dergleichen begegnet nur einem Dichter,“ ſprach Athos ernſt. im„Nun, wir wollen dieß benützen,“ ſagte d'Artagnan. Welches von den zwei Pferden werdet Ihr reiten? Das, otel welches Ihr gekauft habt oder das, weiches man Euch auf geſchenkt hat?“ aßt„Offenbar das, welches man mir geſchenkt hat. Ihr begreift, d'Artagnan, daß ich eine ſolche Beleidi⸗ eg⸗ gung. on„„Dem unbekannten Geber nicht anthun kann,“ ver⸗ ſetzte d'Artagnan. „Oder der geheimnißvollen Geberin,“ ſprach Athos. „Das gekaufte iſt Euch alſo unnütz.“ „Beinahe.“ „Ihr habt es ſelbſt ausgewählt?“ mt „ „Ja, und zwar mit der größten Sorgfalt. Die Sicherheit des Reiters, hängt, wie ihr wißt, beinahe immer von ſeinem Pferde ab.“ „Nun wohl, überlaßt es mir um den Preis, den es Euch koſtet.“ „Ich wollte es Euch anbieten, mein lieber d'Artag⸗ nan, und dabei Euch jede Zeit gönnen, die Ihr nöthig haben könntet, um mir diefe Bagatelle zurückzubezahlen.“ „Und wie viel koſtet Euch das Pferd?“ „Achthundert Livres.“ „Hier ſind vierzig Doppelpiſtolen, mein Freund,“ ſprach d»Artagnan und zog dieſe Summe aus ſeiner Taſche. „Ich weiß, daß dies die Münze iſt, in der man Euch Eure Gedichte bezahlt.“ „Ihr ſeid alſo bei Kaſſe?“ „Reich, ſehr reich, mein Lieber!“ Und dArtagnan ließ in ſeiner Taſche den Reſt ſeiner Piſtolen klingen. „Schickt Euren Sattel in das Hotel der Musketiere, und man wird Euch Euer Pferd mit den unſerigen hie⸗ her führen.“. „Sehr gut, aber es iſt bald fünf Uhr, eilen wir!“ Eine Viertelſtunde nachher erſchien Porthos am Ende der Rue Ferou auf einem prächtigen Roſſe. Mousqueton folgte ihm auf einem Auvergner Pferde, das kleiner, aber ſtark war. Porthos glänzte vor Stolz und Freude. Zu gleicher Zeit ſah man Aramis von dem andern Ende der Straße auf einem herrlichen engliſchen Renner; Bazin folgte ihm auf einem Rothſchimmel und führte ein kräftiges mecklenburger Roß am Zügel, das für dAr⸗ tagnan beſtimmt war. Die zwei Musketiere begegneten ſich vor der Thüre. S und dArtagnan hetrachteten dieſelben durch das Fenſter. „Teufel l ſagte Aramis,„Iyr habt da ein herrliches Die ahe es g⸗ hig . e. ch 64 „Ja,“ antwortete Porthos,„es iſt das, welches man mir gleich von Anfang ſchicken ſollte. Ein ſchlechter Spaß des Gemahls hatte es durch ein anderes erſetzt; aber er iſt ſchön dafür beſtraft worden, und ich habe vollſtändige Genugthung erhalten.“ Grimaud zeigte ſich ebenfalls, das Pferd ſeines Herrn an der Hand haltend; d'Artagnan und Athos kamen herab, ſchwangen ſich neben ihren Gefährten in den Sattel und es ritten alle vier nach dem Quai, Athos auf dem Pferde, das er ſeiner Gattin, Porthos auf dem Pferde, das er der Proeuratorin, Aramis auf dem Pferde, das er ſeiner Ge⸗ liebten und d'Artagnan auf dem Pferde, das er ſeinem guten Glücke, der ſchonſten Geliebten der Welt, zu ver⸗ danken hatte. Die Bedienten folgten ihnen. Die Caval⸗ cade brachte, wie dies Porthos vorher gedacht hatte, eine gute Wirkung hervor, und wenn ſich Madame Coquenard auf dem Wege von Porthos gefunden und geſehen hätte, wie vornehm er auf ſeinem ſpaniſchen Roſſe ausſah, ſo ſo würde ſie den Aderlaß nicht bedauert haben, den ſie an der Geldkaſſe ihres Mannes vorgenommen hatte. In der Nähe des Louvre begegneten die vier Freunde Herrn von Treville, der von Saint⸗Germain zurückkam. Er hieß ſie ſtille halten, um ihnen ſein Compliment über ihre Equipirung zu ſagen, was in einem Augenblick einige hundert Müſſiggänger um ſie verſammelte. D'Artagnan benützte dieſen Umſtand, um mit Herrn von Treville von dem Briefe mit dem großen rothen Sie⸗ gel und dem herzoglichen Wappen zu ſprechen. Es ver⸗ ſich, daß er von dem andern keine Silbe verlauten ieß. Herr von Treville billigte ſeinen Entſchluß und ver⸗ ſicherte ihn, daß, wenn er am andern Morgen nicht wie⸗ der erſchienen wäre, er ihn zu finden wiſſen würde, wo er auch ſein möchte. In dieſem Augenblick ſchlug die Glocke der Sama⸗ 62 ritaine ſechs Uhr. Die vier Freunde entſchuldigten ſich mit einer Zuſammenkunft und nahmen von Herrn von Treville Abſchied. Ein kurzer Galopp brachte ſie auf die Straße von Chaillot. Der Tag fing an ſich zu neigen. Wagen fuh⸗ ren hin und her. In einiger Entfernung von ſeinen Freunden bewacht, ſenkte d'Artagnan ſeine Blicke in die Tiefe jedes Wagens. Er gewahrte jedoch kein ihm be⸗ kanntes Geſicht.. Endlich, nachdem er eine Viertelſtunde gewartet hatte und die Abenddämmerung völlig eingebrochen war, fuhr ein Wagen in ſtarkem Galopp auf der Straße von Sebres herbei. Eine Ahnung ſagte d'Artagnan zum voraus, die⸗ ſer Wagen müſſe die Perſon enthalten, welche ihn hieher beſchieden hatte. Der junge Mann war ſelbſt ganz er⸗ ſtaunt, als er fühlte, wie heftig ſein Herz pochte. Bei⸗ nahe in derſelben Sekunde ſchlüpfte ein Frauenkopf aus dem Kutſchenſchlage herbor, zwei Finger auf dem Munde, als wollte man Stillſchweigen empfehlen oder einen Kuß zuſenden. D'Artagnan ſtieß einen leichten Schrei der Freude aus. Dieſe Frau oder vielmehr dieſe Erſcheinung — denn der Wagen war mit der Geſchwindigkeit einer Viſion vorüber gezogen— war Madame Bo⸗ nacieur. 3 Durch eine unwillkührliche Bewegung und trotz der Empfehlung, die an ihn ergangen war, ſetzte dArtagnan ſein Pferd in Galopp und holte den Wagen mit einigen Sprüngen wieder ein, aber die Scheibe des Kutſchen⸗ ſchlages war hermetiſch verſchloſſen und die Erſcheinung verſchwunden. D'Artagnan erinnerte ſich nun der Worte, die man ihm in dem Billet eingeſchärft hatte:„wenn Euch an Eurem Lehen und an dem der Menſchen gelegen iſt, die hättet.“ Ihr liebt, ſo hleibt unbeweglich, als ob Ihr nichts geſehen * on on h⸗ ten die be⸗ tte hr es ie⸗ er r ei⸗ us e, uß er g it U= er in n 1. n Er hielt alſo ſtille und zitterte, nicht für ſich, ſon⸗ dern für die arme Frau, die ſich offenbar, indem ſte ihn auf dieſe Stelle beſchied, einer großen Gefahr ausgeſetzt atte. . Die Kutſche ſetzte ihren Weg in größter Eile fort, fuhr nach Paris hinein und verſchwand. D'Artagnan war ganz verblüfft auf demſelben Platze geblieben und wußte nicht, was er denken ſollte. War es Madame Bonacieur und ſie kehrte nach Paris zurück, warum dieſes flüchtige Rendezvous? warum dieſer einfache Austauſch eines Blickes? warum dieſer zugeworfene Kuß? War es dagegen nicht ſie, was immer noch ſein konnte, denn das geringe Tageslicht machte einen Irrthum ganz leicht möglich; war es nicht ſie, ſollte dies dann nicht der Anfang eines Ueberfalls ſein, den man gegen ihn mit dem Köder dieſer Frau im Sinne hatte, da man ſeine Liebe für dieſelbe gar wohl kannte? Die drei Freunde näherten ſich ihm. Alle drei hat⸗ ten vollkommen einen Frauenkopf aus dem Kutſchenſchlage erſcheinen ſehen, aber keiner von ihnen, mit Ausnahme von Athos, kannte Madame Bonacieur. Athos war aller⸗ dings der Meinung, ſie ſei es geweſen, aber minder un⸗ ruhig mit dieſem hübſchen Geſichte beſchäftigt, als dAr⸗ tagnan, hatte er einen zweiten Kopf, einen Män⸗ nerkopf, im Hintergrunde des Wagens zu ſehen ge⸗ glaubt. „Wenn dem ſo iſt,“ ſprach d'Artagnan,„ſo bringen ſie dieſelbe ohne Zweifel von einem Gefängniſſe in das andere. Aber was wollen ſie mit dieſem armen Geſchoͤpfe machen? Und wie ſoll ich es je wiederfinden?“ „Freund,“ ſprach Athos ernſt,„erinnert Euch, da man nur bei den Todten nicht Gefahr läuft, ihnen auf Erden wieder zu begegnen. Ihr wißt etwas ſo gut wie ich, nicht wahr? Wenn nur Eure Geliebte nicht todt iſt, falls ſie es iſt, der wir ſo eben begegnet haben, ſo werdet Ihr ſie eines Tages wiederfinden und vielleicht, mein Gott,“ fügte er mit dem ihm eigenthümlichen menſchen⸗ ſlhe Tone vei,„vielleicht früher, als Euch lieb ſein wird!“ Es ſchlug halb acht Uhr. Der Wagen war zwanzig Minuten ſpäter, als zu der für das Rendezvous beſtimm⸗ ten Stunde gekommen. Die Freunde erinnerten d'Artag⸗ nan daran, daß er einen Beſuch zu machen hatte, bemerk⸗ ten jedoch, daß es immer noch Zeit wäre, ſich davon zu entbinden. Aber d'Artagnan war zugleich halsſtarrig und neugierig. Er hatte ſich in den Kopf geſetzt, nach dem Palais⸗Cardinal zu gehen, um zu erfahren, was ihm Seine Eminenz ſagen wollte. Nichts konnte ihn in ſeinem Entſchluß wankend machen. Man gelangte nach der Rue St. Honoré und vor das Palais⸗Cardinal, und traf die zwölf zuſammenberufe⸗ nen Musketiere, welche, ihre Kameraden erwartend, auf⸗ und abgingen. Man erklärte ihnen erſt hier, um was es ſich handelte. D'Artagnan war ſehr bekannt bei dem ehrenwerthen Corps der Musketiere. Man wußte, daß er einſt eine Stelle hei demſelben bekommen ſollte und betrachtete ihn zum Voraus als einen Kameraden. Dem zu Folge nahm jeder gerne die Sendung an, für welche er beſchieden war. Ueberdies hatte man aller Wahrſcheinlichkeit nach dem Herrn Cardinal und ſeinen Leuten einen ſchlimmen Streich zu ſpielen, und zu ſolchen Unternehmungen waren die wür⸗ digen Herren ſtets bereits. Athos cheilte ſie in drei Gruppen, übernahm das 1 Commando der einen, übergab die zweite Aramis, die dritte Porthos und jede Gruppe legte ſich einem Eingang gegenüber in den Hinterhalt. 6 D Artagnan trat muthig durch die Hauptpforte ein. Obgleich ſich der junge Mann kräftig unterſtützt fühlte, war er doch nicht ganz ruhig, als er Stufe für 6. Stufe die große Treppe hinaufftieg. Sein Benehmen mein hen⸗ ſein nzig mm⸗ tag⸗ nerk⸗ n zu und dem ihm inem vor tufe⸗ auf⸗ s es then eine ahm war. dem reich vür⸗ das die ang ein. hlte, für men 65 gegen Mylady glich einigermaßen einem Verrath und er vermuthete, die politiſchen Beziehungen, welche zwiſchen dem Cardinal und dieſer Frau beſtanden; überdies war Herr von Wardes, den er ſo übel zugerichtet hatte, einer von den Getreuen Seiner Eminenz, und d'Artagnan wußte, daß Seine Eminenz, wenn ſie einerſeits furchtbar für ihre Feinde war, andererſeits eine große Anhänglichkeit an Ihre Freunde bewies. „Hat Herr von Wardes unſere ganze Angelegenheit dem Cardinal erzählt, woran nicht zu zweifeln iſt, hat er mich erkannt, was mir ſehr wahrſcheinlich vorkommt, ſo darf ich mich beinahe als einen Verurtheilten betrachten,“ ſagte d'Artagnan den Kopf ſchüttelnd.„Aber warum hat er bis heute gewartet? Das iſt ganz einfach: Mylady wird Klage gegen mich geführt haben, mit jenem heuch⸗ leriſchen Schmerze, der ſie ſo intereſſant macht. Und letz⸗ teres Verbrechen hat das Ueberlaufen des Gefäßes bewirkt.“ „Zum Glück,“ fügte er bei,„find meine Freunde un⸗ ten und werden mich nicht wegfühnen laſſen, ohne mich zu vertheidigen. Indeſſen kann die Compagnie der Muske⸗ tiere von Herrn von Treville nicht für ſich allein den Krieg gegen den Cardinal führen, der über die Streitkräfte von ganz Frankreich zu verfügen hat, und vor dem der Koͤnig ohne Willen und die Konigin ohne Macht iſt. D'Ar⸗ tagnan, mein Freund, Du biſt muthig, Du biſt klug, Du haſt vortreffliche Eigenſchaften, aber die Weiber werden Dich zu Grunde richten!“ Er war bis zu dieſem traurigen Schluſſe gelangt, als er in das Vorzimmer eintrat. Hier übergab er ſeinen Brief dem Huiſſier vom Dienſte, der ihn in den Warte⸗ ſaal führte und ſich in das Innere des Pallaſtes verfügte. In dieſem Warteſaal befanden ſich fünf bis ſechs Leibwachen des Herrn Cardinals, die ihn, da ſie dArtag⸗ nan erkannten und wußten, daß er es war, der Juſſac ver⸗ wundet hatte, mit ſonderbarem Lächeln anſchauten. Dieſes Lächeln erſchien dArtagnan als ein ſchlimmes Die drei Mustetiere, M. 66 Vorzeichen. Aber da unſer Gascogner nicht leicht einzu⸗ ſchüchtern war, oder vielmehr da er in Folge eines den Söhnen ſeiner Heimath natürlichen Stolzes nicht leicht ſehen ließ, was in ſeiner Seele vorging, wenn das, was vorging, der Furcht glich, ſo pflanzte er ſich unerſchrocken vor den Herren Garden auf und wartete, die Hand auf die Hüfte geſtützt, in einer Stellung, der es nicht an Majeſtät fehlte. Der Huiſſier kehrte zurück und machte d'Artagnan ein Zeichen, ihm zu folgen. Es kam dem jungen Manne vor, als ob die Garden unter ſich flüſterten, als ſie ihn* weggehen ſahen. D'Artagnan kam zuerſt durch einen Flur, ſodann durch einen Salon, trat in eine Bibliothek ein und ſtand vor einem Manne, der an einem Bureau ſaß und ſchrieb. Der Huiſſier, der ihn eingeführt hatte, zog ſich zu⸗ rück, ohne ein Wort zu ſprechen. D'Artagnan glaubte Anfangs, er hätte es mit einem Richter zu thun, der En ſeinen Aeten arbeitete, aber er bemerkte, daß der Mann an dem Bureau, Worte an den Fingern ſkandirend, ſchrieb oder vielmehr Zeilen von un⸗ gleicher Länge corrigirte. Er ſah, daß er einem Dichter gegenüber ſtand. Nach einem Augenblick ſchloß der Dichter ſein Manuſcript, auf deſſen Decke Mirame, Tragödie in fünf Acten, geſchrieben war, und ſchaute empor. D'Artagnan erkannte den Cardinal.. 1 zu den icht was cken auf an nan nne ihn* ann and„ ieb. zu⸗ em — den un⸗ hter hter ödie —— Vil. Eine furchtbare Erſcheinung. Richelieu ſtützte ſeinen Ellbogen auf ſein Manuſeript, ſeine Wange auf feine Hand und ſchaute d'Artagnan einen Augenblick an. Niemand beſaß ein tiefer forſchendes Auge als der Cardinal, und der junge Mann fühlte die⸗ ſen Blick wie ein Fieber durch die Adern rennen. Er blieb indeſſen feſt, hielt ſeinen Hut in der Hand und erwartete das Belieben Seiner Eminenz, ohne zu viel Stolz, aber auch ohne zu viel Demuth. „Mein Herr,“ ſprach der Cardinal,„ſeid Ihr ein d»Artagnan aus Bearn?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Es gibt mehrere Zweige von d'Artagnan in Tarbes und in der Umgegend; zu welchem gehort Ihr?“ „Ich bin der Sohn desjenigen, welcher die Religions⸗ kriege mit dem großen König Heinrich, dem Vater Seiner Allergnädigſten Majeſtät, gemacht hat.“ „Gut. Ihr ſeid es, der etwa vor ſieben oder acht Monaten von ſeiner Heimath abgereiſt iſt, um in der Hauptſtadt ſein Glück zu ſuchen?“. „Ja, Monſeigneur.“ „Ihr ſeid durch Meung gekommen, wo Euch etwas begegnete; ich weiß nicht mehr genau, was, aber irgend etwas.“ „Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan,„es begegnete „Unnothig, unnöthig,“ verſetzte der nem Lächeln, welches andeutete, daß er gut kannte, wie derjenige, welcher ſi „Ihr waret an Herrn von Trevi pfo — Treville iſt ein geſchickter Phyſiognomiker, der die Men⸗ Beſuch nicht 68 „Ja, Monſeigneur, aber gerade bei dieſer unglücklichen Angelegenheit in Meung „Ging der Empfehlungsbrief verloren,“ unterbrach ihn Seine Eminenz,„ja, ich weiß es. Aber Herr von ſchen beim erſten Blicke kennt, und er hat Euch in der Compagnie ſeines Schwagers, des Herrn des Eſſarts,. untergebracht, wobei er Euch Hoffnung ließ, Ihr würdet eines Tages bei den Musketieren eintreten?“ „Monſeigneur iſt vollkommen unterrichtet.“ „Seid dieſer Zeit iſt Euch Vielerlei begegnet. Ihr ſeid eines Tages hinter den Carmelitern ſpazieren gegan⸗ gen, wo es beſſer geweſen wäre, Ihr hättet Euch anders⸗ wo befundenz dann habt Ihr mit Eueren Freunden eine Reiſe nach den Bädern von Forges gemacht. Sie ſind auf der Route zurückgeblieben, Ihr aber habt Euren Weg fortgeſetzt. Das iſt ganz einfach, Ihr hattet Geſchäfte in England.“ 6 „Monſeigneur,“ ſagte dArtagnan ganz verblüfft,„ich begab mich„ „Auf die Jagd nach Windſor oder anderswohin, das geht Niemand etwas an. Ich weiß vas, ich, weil es mein Stand iſt, Alles zu wiſſen. Bei Euerer Rückkehr ſeid Ihr von einer hohen Perſon empfangen worden, und ich ſehe mit Vergnügen, daß Ihr das Andenken bewahrt habt, welches Ihr von ihr erhieltet.“. D'Artagnan trug den Diamant am Finger, den er von der Königin hatte, und drehte raſch den Stein nach Innen; aber es war zu ſpät. „Am andern Tage nach dieſem Empfang beſuchte Euch Herr von Cavois,“ fuhr der Cardinal fort.„Er pat Euch in den Palaſt zu kommen, Ihr gabt ihm dieſen zurück und hattet Unrecht.“ 2 ſ C * 1 9 G i ———— 1 „Monſeigneur, ich befürchtete, die Ungnade Euerer Eminenz wüf mich gezogen zu haben.“ „Und warum dirs, mein Herr? Weil Ihr die ch on n⸗ er et re die ſen 69 Befehle Euerer Vorgeſetzten mit mehr Muth und Ver⸗ ſtand befolgt habt, als dies bei irgend einem andern der Fall geweſen ſein dürfte? Ihr ſolltet meine Ungnade auf Euch gezogen haben, während Ihr Lob verdient? Ich be⸗ ſtrafe nur die Leute, welche nicht gehorchen, und nicht diejenigen, welche, wie Ihr.. zu gut.. gehorchen. Und zum Beweiſe erinnert Euch an das Datum des Ta⸗ ges, an welchem ich Euch zu mir beſchied, und ſucht in Gedächtniſſe, was an dieſem Tage vorgefallen i 2 P An dieſem Tage hatte die Entführung von Madame Bonacieur ſtattgefunden. DArtagnan ſchauerte und erinnerte ſich, daß eine halbe Stunde vorher die arme Frau an ihm vorüber ge⸗ kommen war, ohne Zweifel abermals durch dieſelbe Macht weggeführt, der man ihr Verſchwinden zuſchreiben mußte. „Da ich ſeit einiger Zeit nicht mehr von Euch ſprechen hörte,“ fuhr der Cardinal fort,„ſo wollte ich wiſſen, was Ihr machtet. Uebrigens ſeid Ihr mir immer⸗ hin einigen Dank ſchuldig, denn es konnte Euch nicht entgehen, wie ſehr man Euch unter allen Umſtänden ſchonte.“ D'Artagnan verbeugte ſich. „Dies rührte nicht allein von einem Gefühle natür⸗ licher Billigkeit her,“ fuhr der Cardinal fort,„ſondern auch von einem Plane, den ich mir in Beziehung auf Euch gemacht hatte.“ D'Artagnan war immer mehr erſtaunt. Ich wollte Euch,“ ſprach der Cardinal,„ich wollte Euch dieſen Plan an dem Tage auseinanderſetzen, an wel⸗ chem Ihr meine erſte Einladung empfangen habt, aber Ihr kamet nicht. Zum Glück iſt durch nichts verloren, und Ihr ſollt ihn he Euch zu mir, Herr d'Artagnan, Ihr erung noch u Evelmann, um ſtehend hören zu mü 70 Der Cardinal deutete hiebei mit dem Finger auf einen Stuhl, aber der junge Mann war über das, was vorging, ſo verwundert, daß er, um zu gehorchen, auf ein zweites Zeichen wartete. „Ihr ſeid muthig, Herr d»Artagnan,“ fuhr Seine Eminenz fort,„Ihr ſeid klug, was noch mehr iſt. Ich liebe die Menſchen von Kopf und Herz. Erſchreckt nicht,“ ſprach er lächelnd,„unter den Menſchen von Herz verſtehe ich die Menſchen von Muth; aber ſo jung Ihr ſeid und obgleich Ihr erſt in die Welt eintretet, habt Ihr doch mächtige Feinde. Wenn Ihr Euch nicht hütet, ſo werden ſie Euch in das Verderben ſtürzen.“ „Ach, Monſeigneur,“ antwortete der junge Mann, „ſie werden dies leicht zu Stande bringen, denn ſie ſe ſtark und wohl unterſtützt, während ich allein e en“ „Ja, das iſt wahr, aber obgleich allein, habt Ihr bereits viel gethan, und werdet, wie ich nicht zweifle, noch viel thun. Ihr bedürft jedoch meiner Anſicht nach der Führung auf der abenteuerlichen Laufbahn, die Ihr ein⸗ geſchlagen habt, denn wenn ich mich nicht täuſche, ſeid Ihr mit dem ehrgeizigen Gedanken, Euer Glück zu ma⸗ chen, nach Paris gekommen.“ „Ich bin in dem Alter toller Hoffnungen, Monſeig⸗ neur,“ erwiederte dArtagnan. s gibt tolle Hoffnungen nur für die Thoren, mein Herr, und Ihr ſeid ein Mann von Geiſt. Laßt hören, was würdet Ihr zu einer Fähnrichsſtelle bei meiner Leib⸗ wache und zu einer Compagnie nach dem Feldzuge ſagen?“ „Ah! Monſeigneur„4 „Ihr nehmt an, nicht wahr?“ „Monſeigneur,“ erwiederte d'Artagnan mit verlegener Mi ſtaunt. e „Wie, Ihr weigert Euch?“ rief der Cardinal er⸗ r uf as uf ne ch t he nd och en nn, ſie ein hr och der ſeid na⸗ ig⸗ ein en, ib⸗ uge 7¹ „Ich bin bei der Leibwache Seiner Majeſtät und habe keinen Grund, damit unzufrieden zu ſein.“ „Aber es ſcheint mir, daß meine Leibwachen auch die Seiner Majeſtät ſind, und daß man, wenn man in einem franzöſiſchen Corps dient, dem König dient.“ „Monſeigneur, Euere Eminenz hat meine Worte un⸗ richtig verſtanden.“ „Ihr wollt einen Vorwand, nicht wahr? Ich be⸗ greife. Nun, Ihr habt den Vorwand. Das Vorrücken, der Feldzug, der ſich eröffnet, die Gelegenheit, die ich Euch 5 biete— das genügt für die Welt; für Euch kommt noch das Bedürfniß ſicherer Protection dazu. Denn Ihr müßt wiſſen, Herr dArtagnan, daß ſchwere Klagen gegen Euch bei mir erhoben worden ſind. Ihr widmet Euere Tage und Euere Nächte nicht ausſchließlich dem Dienſte des Königs.“ D'Artagnan erröthete. „Ueberdieß,“ fuhr der Card' neyfort und legte ſeine Hand auf einen Haufen Papiere,„überdies habe ich hier einen ganzen Stoß, der Euch betrifft. Aber ich wollte zuvor mit Euch ſprechen, ehe ich ihn las. Ich weiß, daß Ihr ein entſchloſſener Mann ſeid, und Euere Dienſte könn⸗ ten Euch, unter guter Leitung, ſtatt Euch zum Unheil zu führen, viel eintragen. Auf! überlegt und entſcheivet Euch.“ „Euere Güte macht mich ganz verwirrt, Monſeig⸗ neur,“ antwortete d'Artagnan,„und ich erkenne in Euerer Eminenz eine Seelengröße, die mich klein macht, wie einen Wurm der Erde, aber da mir Monſeigneur frei⸗ müthig zu ſprechen erlaubt. D'Artagnan hielt inne. „Jo, ſprecht.“ „So werde ich Euerer Eminenz ſagen, daß alle meine Freunde bei den Musketieren und Leibwachen des Königs und alle meine Feinde in Folge eines mir ganz unbe⸗ greiflichen Unſterns bei Euerer Eminenz dienen. Ich wäre 72 3 alſo hier ſehr unwillkommen und müßte da unten in einem ſchlimmen Lichte erſcheinen, wenn ich das, was mir Mon⸗ bl ſeigneur bietet, annehmen würde.“ v „Solltet Ihr bereits den ſtolzen Gedanken haben, ich u biete Euch nicht das, was Ihr werth ſeid, mein Herr?“ u ſagte der Cardinal mit verächtlichem Lächeln.. „Monſeigneur, Euere Eminenz iſt hundertmal zu gut d gegen mich, und ich glaube im Gegentheil nicht genug n gethan zu haben, um eine ſolche Güte zu verdienen. Die de Belagerung von la Rochelle wird eröffnet, Monſeigneur; h ich werde unter den Augen Euerer Eminenz dienen, und wenn ich das Glück gehabt habe, mich bei dieſer Belage⸗ d rung ſo zu benehmen, daß ich Euere Blicke auf mich ziehe, nun, dann habe ich eine glänzende Handlung hinter mir, d welche die Protection rechtfertigt, der Ihr mich zu wür⸗ 9 digen die Güte haben werdet. Alles zu ſeiner Zeit. Später werde ich vielleicht das Recht haben, mich zu ge⸗ ben, heute hätte ich und Anſehen, mich zu verkaufen.“ d „Das heißt, J ſihlagt es aus, mir zu dienen, mein Herr?“ ſprach der Cardinal mit einem ärgerlichen Tone, unter dem jedoch eine gewiſſe Achtung durchdrang.„Bleibt e alſo frei und bewahrt Euern Haß und Euere Sym⸗ 9 pathien.“ „Monſeigneur„ b „Gut, gut,“ ſagte der Cardinal,„ich grolle Euch ſ darum nichtz aber verſteht wohl: man hat alle Verpflich⸗ d tung, ſeine Freunde zu vertheidigen und zu belohnen; ſei⸗ nen Feinden iſt man nichts ſchuldig. Dennoch will ich( Euch einen Rath geben. Haltet Euch gut, nehmt Euch 1 wohl in Acht, denn von dem Augenblick, wo ich meine Hand von Euch abziehe, gebe ich keinen Heller mehr für Euer Leben.“ „Ich werde mich beſtreben,“ antwortete der Gas⸗ demüthig und zugleich mit einer gewiſſen Sicher⸗ 5 73 m„Erinnert Euch ſpäter, und in einem gewiſſen Augen⸗ n⸗ blick, wenn Euch Unheil widerfährt,“ ſagte Richelieu mit vorleuchtender Abſicht,„daß ich Euch aufgeſucht habe, ch und daß ich gethan habe, was in meinen Kräften lag, 2 um dieſes Unheil von Euch abzuwenden.“ .„Was auch geſchehen mag,“ erwiederte d'Artagnan, ut die Hand auf ſeine Bruſt legend und ſich verbeugend,„ich ug werde eine ewige Dankbarkeit gegen Euere Eminenz für ie das verwahren, was Ihr mir in dieſem Augenblick gethan nd„Gut alſo! wir werden uns, wie Ihr ſagtet, Herr vArtagnan, nach dem Feldzuge wieder ſehen. Ich folge e, Guch mit den Augen, denn ich werde unten ſein,“ fuhr r, der Cardinal fort und zeigle d'Artagnan eine prachtvolle r⸗ Rüſtung, die er anlegen ſollte.„Und wenn wir zurück⸗ t. ommen, rechnen wir ab.“ e⸗ 5„Oh! Monſeigneur!“ rief dArtagnan,„erſpart mir die Laſt Euerer Ungnade; bleibt neutral, Monſeigneur, in enn Ihr findet, daß ich als ritterlicher Mann handle.“ 5 e,„Jüngling,“ ſagte Richelieu,„wenn ich Euch noch bt einmal ſagen kann, was ich Euch heute geſagt habe, ſo gelobe ich, es Euch zu ſagen.⸗ Die letzten Worte Richelieu's drückten einen furcht⸗ baren Zweifel aus; dArtagnan war mehr darüber be⸗ ch ſtürzt, als dies bei einer Drohung der Fall geweſen wäre, ⸗ denn dies war eine Verkündigung. Der Cardinal ſuchte i⸗ ihn alſo vor einem Unglück zu bewahren, das ihn bedrohte. ch Er öffnete den Mund, um zu antworten, aber der Cardi⸗ nal entließ ihn mit einer ſtolzen Geberde. DArtagnan entfernte ſich, aber an der Thüre drückte — es ihm beinahe das Herz ab, und es fehlte wenig, ſo wäre er umgekehrt. Doch das ſtrenge, ernſte Antlitz von Athos erſchien ihm. Machte er mit dem Cardinal den 8 Vertrag, den dieſer ihm vorſchlug, ſo würde ihm Athos keine Hand mehr geben, Athos würde ihn verleugnen. 74 . Dieſe Befürchtung hielt ihn ab; ſo mächtig iſt der ga Einfluß eines wahrhaft großartigen Charakters auf ſeine an ganze Umgebung. re D'Artagnan ſtieg dieſelbe Treppe hinab, auf der er d' herauf gekommen war; er fand vor der Thüre Athos no und die vier Musketiere, welche auf ſeine Rückkehr war⸗„ br teten und unruhig zu werden anfingen. D'Artagnan be⸗ ruhigte ſie mit einem Worte, und Planchet lief umher, vr um die Andern zu benachrichtigen, daß es unnöthig wäre, de länger Wache zu halten, in Betracht, daß ſein Herr ſc wohlbehalten das Palais des Cardinals verlaſſen hätte.* Sobald ſie zu Athos zurückgelangt waren, erkun⸗ digten ſich Aramis und Porthos nach der Urſache dieſer b ſeltſamen Beſtellung; aber d'Artagnan ſagte ihnen nur, n Herr von Richelien habe ihn kommen laſſen, um ihm den Eintritt bei ſeinen Leibwachen mit dem Grade eines Fähnrichs anzutragen; er aber habe dieſes Anerbieten„ „Und Ihr habt Recht gehabt,“ riefen einſtimmig Aramis und Porthos. Athos verſank in eine tiefe Träumerei und erwie⸗ derte nichts. Aber als er mit d'Artagnan allein war, ſagte er: „Ihr habt gethan, was Ihr thun mußtet, aber Ihr habt vielleicht Unrecht gehabt.“ DArtagnan ſtieß einen Seufzer aus, denn dieſe Stimme antwortete auf eine geheime Stimme ſeiner die ihm ſagte, daß großes Unglück ſeiner arrte. Der nächſte Tag ging in Vorkehrungen für die Ab⸗ reiſe hin. D'Artagnan verabſchiedete ſich von Herrn von Treville. Noch zu dieſer Stunde glaubte man, die Trennung der Gardeh und der Musketiere würde aur 6 4 ausgeſchlagen. 75 er ganz kurz ſein; der König würde ſein noch ne an demſelben Tage halten, und am andern Mörgen ab⸗ reiſen. Herr von Treville beſchränkte ſich älſo darauf, er dArtagnan zu fragen, ob er ſeiner bedürfte; d'Artag⸗ s nan aber antwortete ſtolz, er hätte Alles, was er r⸗„ brauchte. e⸗ Die Nacht verſammelte alle Kameraden der Garden r, von der Compagnie des Eſſarts und von der Compagnie e der Musketiere von Herrn von Treville, welche Freund⸗ rr ſchaft miteinander geſchloſſen hatten. Man vrerließ ſich, en um ſich wieder zu ſehen, wann es Gott gefiele und wenn es Gott gefiele. Die Nacht war alſo, wie man ſich n⸗ denken kann, eine im höchſten Maße geräuſchvolle, denn er bei einem ſolchen Falle läßt ſich die äußerſte Unruhe nur r, mit der äußerſten Sorgloſigkeit bekämpfen. en Am Morgen trennten ſich die Freunde beim erſten es Schalle der Trompeten; die Musketiere liefen nach dem Hotel von Herrn von Treville, die Garden nach dem en 1 des Herrn des Eſſarts. Jeder von den Kapitänen führte ig ſeine Compagnie ſogleich nach dem Loubre, wo ſie der König Revue paſſiren ließ. ie⸗ Der König war traurig und ſchien Frank zu ſein, was ihm von ſeinem guten Ausſehen benahm. Es hatte r: ihn in der That am Tage vorher mitten im Parlament, hr während er zu Gerichte ſaß, das Fieber ergriffen. Er war darum nicht minder entſchloſſen, an demſelben Tage eſe 5 abzugehen, und wollte, trotz aller Bemerkungen, die man ner. ihm machte, die Revue halten, in der Hoffnung, durch ner„ dieſes erſte, kräftige Entgegenſtreben die Krankheit zu be⸗ ſiegen, die ſich ſeiner bemächtigte. Ib⸗ Sls die Revue vorüber war, marſchirten die Garden allein aus, da die Musketiere erſt mit dem König ab⸗ von gehen ſollten, wodurch es Porthos vergönnt war, mit ſei⸗ vie ner herrlichen Cquipirung einen Ritt durch die Rue aur nu Ours zu machen.* Die Proruratorin ſah ihn in ſeiner neuen Uniform und auf ſeinem ſchönen Pferde vorüberreiten. Sie liebte ihn zu ſehr, um ihn ſo abziehen zu laſſen; ſie machte Cr ihm ein Zeichen abzuſteigen und zu ihr zu kommen. kat Porthos war prächtig: ſeine Sporen klirrten, ſein Pan⸗ zer glänzte, ſein Schwert ſchlug ſtolz an ſeine Beine. 3 Dießmal fühlten die Schreiber keine Luſt zu lachen, au ſo ſehr hatte Porthos das Anſehen eines Ohrenab⸗ ſch ſchneiders. ſic Der Musketier wurde bei Herrn Coquenard einge⸗ Ar führt, deſſen kleines graues Auge vor Zorn blitzte, als er ſeinen angeblichen Vetter ganz flammend erblickte. Eines hha jedoch tröſtete ihn einigermaßen: man ſagte allgemein, ie es würde ein ſehr heftiger Feldzug werden, und er hoffte ganz ſtille im Grunde ſeines Herzens, Porthos würde da⸗ un bei das Leben verlieren. At Porthos machte Herrn Coquenard ſein Kompliment be und verabſchiedete ſich von ihm. Meiſter Coquenard„ wünſchte ihm alles mögliche Glück. Madame Coquenard konnte ihre Thränen nicht zurückhalten, aber ihr Schmerz gab zu keinem böſen Gedanken Anlaß; man wußte, daß ſie ſehr an ihrem Verwandten hing, über den ſie manchen Streit mit ihrem Gatten durchzufechten 7 atte. So lange die Procuratorin ihrem ſchönen Vetter mit den Augen folgen konnte, neigte ſie ſich zum Fenſter her⸗ aus, daß man hätte glauben können, ſie wolle ſich her⸗ ausſtürzen, und winkte mit dem Sacktuch. Porthos ve empfing alle dieſe Zeichen der Zärtlichkeit als ein Mann,. der an dergleichen Kundgebungen gewöhnt iſt. Nur, als er um die Straßenecke ritt, nahm er ſeinen Hut vom Kopfe und ſchwenkte ihn zum Lebewohl. Aramis ſchrieb einen langen Brief. An wen? Nie⸗ mand wußte es. Retty, welche an demſelben Abend nach Tours abreiſen ſollte, wartete auf dieſen geheimen Brief im Nebenzimmer. † Athos trank in kleinen Zügen die letzte Flaſche von i ſeinem ſpaniſchen Wein.. Während dieſer Zeit deſilirte d'Artagnan mit ſeiner Compagnie. Als er nach dem Faubourg Saint⸗Germain 5 kam, drehte er ſich um und ſchaute die Baſtille heiter 6 2 an, der er bis dahin glücklich entgangen war. Da er e nur die Baſtille anſchaute, ſah er Mylady nicht, die ihn, z auf einem Iſabell reitend, mit dem Finger zwei Men⸗ . ſchen von ziemlich ſchlimmem Ausſehen bezeichnete, welche ſich ſogleich den Reihen näherten, um ihn zu betrachten. E Auf eine Frage, die ſie mit dem Blicke machten, ant⸗ 5 wortete Mylady, er wäre es. Sobald ſie ſich überzeugt hhatte, daß kein Verſehen bei Ausführung ihres Auftrags „ tſtattfinden konnte, ſpornte ſie ihr Pferd und verſchwand. te Die zwei Männer folgten ſodann der Compagnie und beſtiegen beim Ausgang aus dem Faubourg Saint⸗ t Antvine Pferde, welche ein Bedienter ohne Livree für ſie bereit hielt. rd d rz VII. n 5 Die Belagerung von La Pochelle. Die Belagerung von La Rochelle war eines der be⸗ 6 deutendſten Ereigniſſe unter der Regierung Ludwig XKIII. 6 4 Die politiſchen Abſichten des Cardinals, als er dieſe Belagerung unternahm, waren von hoher Bedeutung. Von den wichtigen Städten, welche Heinrich der W. den ugenotten als Verſicherungsplätze gab, ur noch La Nochelle übrig. Der Cardinal wollte Bollwerk des Calvinismus zerſtören. 78 dern calviniſtiſchen Städte ein neues Gewicht bekommen hatte, war überdieß der letzte für die Engländer in Frank⸗ 6 reich offene Hafen; und wenn er denſelben für England, 1 den ewigen Feind Frankreichs, verſchloß, vollendete er das 8 Werk von Jeanne d'Arc und dem Herzog von Guiſe. Baſſompierre, der zugleich Proteſtant und Katholik 8 war, Proteſtant aus Ueberzeugung, Katholik als Com⸗ Kt mandeur vom heiligen Geiſt, Baſſompierre, ein Deutſcher von Geburt, ein Franzoſe ſeinem Herzen nach, der ein beſonderes Commando bei der Belagerung von La Ro⸗ chelle hatte, ſagte auch, als er an der Spitze mehrerer anderer proteſtantiſcher Edelleute angriff: ſe „Ihr werdet ſehen, meine Herren, wir find ſo dumm und nehmen La Rochelle.“ tr Und Baſſompierre hatte Recht. Die Kanonade der Inſel Re weiſſagte ihm die Verfolgungen der Hugenotten; Pa die Einnahme von La Rochelle war die Vorrede zur Wiederrufung des Edicts von Nantes.. Aber neben dieſen allgemeinen Abſichten des nivell⸗ renden Miniſters, welche der Geſchichte angehören, muß ha der Chronikſchreiber die kleinen Geſichtspunkte des ver⸗ liebten Mannes und eiferſüchtigen Nebenbuhlers erkennen. ſui Richelieu war, wie Jeder nun weiß, in die Königin verlieht geweſen; hatte dieſe Liebe bei ihm einen einfachen v politiſchen Zweck, oder war es eine von den tiefen Lei⸗ venſchaften, wie ſie Anna von Oeſterreich den Männern, Ka von denen ſie umgeben war, einflößte? Wir wiſſen dieß 66 nicht zu ſagen; aber jeden Falls könnte man aus der früheren Entwickelung dieſer Geſchichte erſehen, vaß Buckingham bei mehreren Umſtänden den Sieg über ihn davon getragen hatte, und beſonders hatte er ihn bei⸗ der Geſchichte von den Neſtelſtiften auf eine grauſame Weiſe myſtificirt. Es handelte ſich alſo für Richelieu nicht nut va von, Frankreich von einem Feinde zu befreien, ſonder ek auch ſich an einem Nebenbuhler zu rächen. Die Rache ⸗ ſollte groß und glänzend und beſonders eines Mannes ſ würdig werden, der die Kräfte eines ganzen Königreichs as als Schwert in der Hand hält. Richelieu wußte, daß er, England bekämpfend, über it Buckingham triumphirte, daß er England in den Augen k. ⸗ Furopas demüthigend, Buckingham in den Augen der Königin demüthigte. ₰ Während Buckingham ſeiner Seits nur die Ehre Englands vorſchob, wurde er von Intereſſen in Be⸗ it wegung geſetzt, die denen des Cardinals völlig ähn⸗ . lich waren: Buckingham verfolgte ebenfalls eine Pri⸗ vatrache. Buckingham hatte unter keinem Porwande wieder Eingang als Botſchafter in Frankreich ſinden können. 6 Daraus geht hervor, daß der wahre Einſatz bei der 6 Partie, welche die zwei mächtigen Reiche nach dem Be⸗ lieben zweier verliebter Männer ſpielten, ein einfacher Blick von Anna von Oeſterreich war. Den erſten Vortheil hatte der Herzog von Bucking⸗ ham errungen. Er erſchien unerwartet im Angeſicht der Inſel Re mit neunzig Schiffen und ungefähr zwanzig⸗ tauſend Mann, überfiel den Grafen von Toiras, der auf der Inſel für den König commandirte, und bewerkſtelligte nach einem blutigen Kampfe ſeine Landung. Wir bemerken im Vorübergehen, daß bei dieſem Kampfe der Baron von Chantal fiel. Der Baron von Chantal ließ als Waiſe eine Enkelin von achtzehn Mo⸗ naten zurück. Dieſe Enkelin wurde ſpäter Frau von Sevigné. Der Graf von Toiras zog ſich in die Citadelle Saint⸗ Martin mit der Garniſon zurück, und warf etwa hundert Mann in ein kleines Fort, das man das Fort de la Prée nannte. Dieſes Ereigniß hatte die Entſchließungen des 80 Cardinals beſchleunigt, er ſchickte, bis der König und er, wie dieß heabſichtigt war, den Oberbefehl bei der Belagerung von La Rochelle übernehmen könn⸗ ten, Monſieur ab, um die erſten Operationen zu leiten, und es gingen alle Truppen, über die er zu verfügen im Stande war, nach dem Kriegsſchau⸗ platze ab. Zu dieſem als Vorhut abgeſchickten Detachement gehörte auch unſer Freund d'Artagnan. Der König ſollte, wie geſagt, folgen, ſobald er ſei⸗ nen großen Gerichtstag im Parlamente gehalten hätte. Als er ſich am 25. Juni von dieſem erhob, fühlte er ſich vom Fieber ergriffen. Er wollte nichtsdeſtoweniger ab⸗ reiſen, aber ſein Zuſtand verſchlimmerte ſich und er war genöthigt, in Villeroy zu bleiben. Wo der König ſtille hielt, mußten auch die Mus⸗ fetiere verweilen. Dadurch geſchah es, daß d'Artag⸗ nan, der ganz einfach bei den Garden war, ſich wenigſtens für den Augenblick von ſeinen Freunden Athos, Porthos und Aramis getrennt ſah. Dieſe Trennung, welche für ihn nur eine Unannehmlichkeit war, würde ihm gewiß zu ernfllicher Unruhe gereicht haben, wenn er die unbekannten Gefahren hätte ahnen können, von denen er umgeben war. Deſſenungeach⸗ tet langte er in dem vor La Rochelle aufgeſchlagenen La⸗ ger an. Es befand ſich noch Alles in demſelben Zuſtande. Der Herzog von Buckingham und ſeine Engländer fuh⸗ ren als Herren der Inſel Re fort, obgleich ohne Erfolg, die Citadelle von Saint⸗Martin und das Fort de la Pröe zu belagern; und die Feindſeligkeiten mit La Ro⸗ chelle hatten ſeit zwei oder drei Tagen in Beziehung auf ein Fort begonnen, das der Herzog von Angouléme der Nähe erbauen ließ. Die Garden unter dem Commando von Hert de⸗ nit gei ha unt übe wa Liel 8¹ i des Eſſars hatten ihre Wohnung im Kloſter der Mi⸗ 8 nimen. Aber d'Artagnan, der ganz und gar von dem Ehr⸗ zu geize, zu den Musketieren überzugehen, eingenommen war, 8 hatte wenig Freundſchaft mit ſeinen Kameraven gemacht, und fand ſich ſo vereinzelt und ſeinen eigenen Betrachtungen überlaſſen. Dieſe Betrachtungen waren eben nicht ſehr lachend. ſei⸗ Seit einem Jahre, ſeit dem er in Paris angekommen tte war, hatte er ſich in die öffentlichen Angelegenheiten ge⸗ ſich miſcht, und ſeine eigenen Angelegenheiten waren, was ab⸗ Liebe und Glück betrifft, nicht weit vorgerückt. wut Was die Liebe betrifft, war Madame Bonacieur die einzige Frau, die er wahrhaft geliebt hatte, und us⸗ Madame Bonacieur war verſchwunden, ohne daß er nur tag⸗ im Geringſten etwas von ihrem Leben oder Aufenthalte ſich zu entdecken vermochte. In Betreff des Glückes hatte er, der Schwache, ieſe ſich den Cardinal, das heißt, den Mann, vor dem vie heit Größten des Reiches, bei dem Koͤnig anzufangen, zitter⸗ eicht ten, zum Feinde gemacht. hnen Dieſer Mann konnte ihn niederſchmettern, zertre⸗ ach⸗ ten, und hatte es nicht gethan. Für einen ſo ſcharf⸗ La⸗ ſihtigen Geiſt, wie ihn d'Artagnan beſaß, war dieſe ein Licht, durch das er eine beſſere Zukunft er⸗ ickte. Dann hatte er ſich noch einen andern Feind gemacht, olg, der ſeiner Anſicht nach weniger zu fürchten, aber, wie er inſtinktmäßig fühlte, darum doch nicht zu verachten war⸗ Dieſer Feind war Mylady. Allen dieſen gegenüber durfte er ſich des Schutzes und des Wohlwollens der Königin verſichert halten; aber das Wohlwoilen der Königin war zu jener Zeit eine wei⸗ tere Urſache der Verfolgung, und ihre Protectihn beſchützte bekanntlich ſehr ſchlecht, was bei Chalais und Madame Bonacieur ſichtbar wurde. Die drei Musketiere M. 6 82 Der offenbarſte Gewinn, den er unter allen dieſen Verhältniſſen errungen hatte, war der Diamant von fün bis ſechstauſend Livres, den er an ſeinem Finger trug, und auch dieſer Diamant, inſoferne ihn dArtagnan in ſeinen ehrgeizigen Plänen behalten wollte, um ihn eines Tages als Zeichen der Wiedererkennung bei der Königin„ 3 zu benützen, hatte, da er ſich deſſelben nicht entäußern 9 ionnte, vorläufig nicht mehr Werth, als die Kieſelſteine, 92 auf die er mit ſeinen Füßen trat. Wir ſagen, als die Kieſelſteine, auf die er mit ſ ſeinen Füßen trat, denn d'Artagnan ſtellte dieſe Be⸗ trachtungen an, während er einſam auf einem hübſchen Pfade ſpazieren ging, der von dem Lager in eine be⸗ nachbarte Stadt führte. Unter dieſen Betrachtungen aber war er weiter gegangen, als er glaubte, und der Tag fing an ſich zu neigen, als er bei dem letzten Strahle der untergehenden Sonne hinter einer Hecke hervor einen Flintenlauf glänzen ſah. 5 D'Artagnan hatte ein lebhaftes Auge und einen raſchen Geiſt. Er begriff, daß die Flinte nicht allein gekommen war, und daß derjenige, welcher ſie trug, ſich nicht in freundſchaftlichen Abſichten hinter der Hecke verborgen hatte. Er beſchloß alſo, das Weite zu ſuchen, als er auf der andern Seite der Straße hin⸗ ter einem Felſen das Ende einer zweiten Flinte er⸗ blickte. Das war offenbar ein Hinterhalt. Der junge Mann warf einen Blick auf die erſte Flinte und ſah mit einer gewiſſen Unruhe, daß ſie ſich in der Richtung nach ihm ſenkte. Aber ſobald er gewahr wurde, daß die Mündung des Laufes unbeweglich blieb warf er ſich mit dem Bauche auf die Erde. Zu gle Zeit ging der Schuß los, und er hörte das Ziſchen Kugel, welche über ſeinem Kopfe hinflog. Es war keine Zeit zu verlieren. D'Artagnan ſpra auf und in demſelben Augenblicke ſprengte die ande — 8— c c—— —— e— — ahle inen inen llein rug, ecke zu hin⸗ er⸗ 83 Flinte die Kieſelſteine von der Stelle auf, wo er ſich vorher mit dem Geſichte auf die Erde geworfen hatte. D'Artagnan war feiner von den unnöthig muthi⸗ gen Männern, welche einen lächerlichen Tod ſuchen, da⸗ mit man von ihnen ſage, ſie ſeien nicht einen Schritt zurückgewichen. Ueberdieß handelte es ſich hier nicht mehr um den Muth, denn d'Artagnan war in einen Hinterhalt gefallen. „Kommt noch ein dritter Schuß,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſo bin ich ein todter Mann.“ Und ſogleich entfloh er nach dem Lager zu mit der Geſchwindigkeit der Menſchen ſeiner Heimath, welche durch ihr behendes Weſen berühmt geworden find. Aber ſo raſch er auch lief, ſo hatte doch derjenige, welcher zuerſt geſchoſſen, Zeit gefunden, ſein Gewehr wieder zu laden; und er feuerte ihm einen zweiten Schuß nach, der diesmal ſo gut gezielt war, daß die Kugel durch ſeinen Hut drang und dieſen zehn Schritte von ihm ſchleuderte. Da dArtagnan keinen andern Hut beſaß, ſo hob er dieſen im Laufe vom Boden auf, und langte ganz bleich und athemlos in ſeiner Wohnung anz er ſetzte ſich hier nieder, ohne Jemand ein Wort zu ſagen, und dachte über das Vorgefallene nach. Dieſes Ereigniß konnte drei Urſachen haben. Die erſte und natürlichſte ließ fich in einem Hinter⸗ halte von Rochellern ſuchen, denen es nicht leid geweſen wäre, einen von den Garden des Königs zu tödten, denn ſie würden ſich dadurch einen Feind weiter vom Halſe ge⸗ ſchafft haben, und dieſer Feind hätte eine wohlgeſpickte Börſe in ſeiner Taſche tragen können. D'Artagnan nahm ſeinen Hut, unterſuchte das Loch der Kugel und ſchüttelte den Kopf. Die Kugel war nicht von einer Muskete, ſondern von einer Büchſe. Die Ge⸗ natigkeit des Schuſſes hatte ihn ſchon auf den Gedanken gebracht, er wäre aus einem Privatgewehre abgefenert 84 worden. Es war alſo kein militäriſcher Hinterhalt, wie dies aus dem Caliber der Kugel hervorging. Es konnte auch ein gutes Andenken von dem Car⸗ dinal ſein. Man erinnert ſich, daß er in dem Augen⸗ blick, wo er durch den glücklichen Sonnenſtrahl begün⸗ ſtigt den Flintenlauf erblickte, ſelbſt über die Lang⸗ muth Seiner Eminenz in Beziehung auf ſeine Perſon ſtaunte. Aber dArtagnan ſchüttelte den Kopf mit zweifel⸗ hoafter Miene. Bei Leuten, nach denen er nur die Hand auszuſtrecken hatte, nahm der Cardinal nur ſelten zu ſol⸗ chen Mitteln ſeine Zuflucht. Es konnte eine Rache von Mylady ſein. Dieſe Vermuthung war vernünftiger. Vergebens ſuchte er ſich der Züge oder der Tracht der Mörder zu erinnern; aber er war genöthigt geweſen, ſich ſo raſch zu entfernen, daß er nicht Muße gehabt hatte, etwas wahrzunehmen. „Ah! meine armen Freunde,“ murmelte d'Artagnan, „wo ſeid Ihr? und wie fehlt Ihr mir!“ D'Artagnan brachte eine ſchlimme Nacht hin. Drei oder viermal erwachte er plötzlich, weil er ſich einbilvete, man nähere ſich ſeinem Bette, um ihn zu erdolchen. Aber der Tag erſchien, ohne daß die Dunkelheit einen Unfall herbeigeführt hätte.. D'Artagnan verleugnete ſich jedoch nicht, daß auf⸗ geſchoben nicht aufgehoben war. Er blieb den ganzen Tag in ſeiner Wohnung, wobei er ſich vor ſich ſelbſt mit dem ſchlechten Wetter entſchuldigte. Am zweiten Tage um neun Uhr wurde Marſch ge⸗ ſchlagen. Der Herzog von Orleans viſitirte die Poſten. Die Leibwachen eilten zu den Waffen; d'Artagnan nahm ſeine Stelle unter ſeinen Kameraven ein. Monſieur zog an der Front der Truppen vorübet; dann näherten ſich ihm alle Oberoffiziere, um ihm den. Hyof zu machen, darunter auch Herr des Eſſart. —— ⸗ ht n, bt rei te, n. en f⸗ Nach Kurzem kam es d'Artagnan vor, als ob ihn Herr des Eſſart durch ein Zeichen zu ſich beſchiede. Er wartete auf eine neue Geberde ſeines Vorgeſetzten, aus Furcht, er konnte ſich täuſchen, und als dieſe Geberde wiederholt wurde, verließ er die Reihen und trat vor, um den Befehl einzuholen. „Monſieur verlangt Freiwillige zu einer gefährlichen Sendung, die jedoch denjenigen, welche ſie erfüllen, Ehre bringt, und ich habe Euch ein Zeichen gemacht, damit Ihr Euch bereit halten möget.“ „Ich danke, mein Kapitän,“ antwortete d'Artagnan, dem nichts erwünſchter war, als ſich unter den Augen des Generallieutenants auszuzeichnen. Die Rocheller hatten wirklich in der Nacht einen Ausfall gemacht, und eine Baſtei wieder genommen, der ſich zwei Tage vorher die royaliſtiſche Partei be⸗ mächtigt hatte; es handelte ſich darum, eine Recognos⸗ cirung vorzunehmen, um zu ſehen, wie die Baſtei bewacht würde. Nach einigen Angenblicken erhob Monſieur die Stimme und ſprach: „Ich bedarf zu dieſem Auftrage drei oder vier Frei⸗ willige, geführt von einem ſichern Manne.“ „Was den ſichern Mann betrifft, ſo habe ich dieſen bei der Hand,“ erwiederte Herr des Eſſarts und deutete auf d'Artagnan,„und in Beziehung auf die Freiwilligen darf Monſeigneur nur ſeinen Willen kundgeben und es wird nicht an Leuten fehlen.“ „Vier Freiwillige, um ſich mit mir tödten zu laſſen,“ ſpräch d'Artagnan den Degen erhebend. Zwei von ſeinen Kameraden bei den Garden ſtürzten ſogleich hervor, zwei Soldaten verbanden ſich mit ihnen und die gewünſchte Zahl war voll. D'Artagnan wies daher alle Andere zurück, da er denen, welche zuerſt ge⸗ kommen waren, ihr Recht auf Beforderung nicht ſchmä⸗ lern wollte. 86 Man wußte nicht, ob die Rocheller nach der Ein⸗ nahme dieſe Baſtei geräumt oder ob ſie eine Garniſon darin gelaſſen hatten. Man mußte alſo den bezeichneten DOrt ziemlich nahe unterſuchen, um ſich hierüber Gewiß⸗ heit zu verſchaffen. D'Artagnan ging mit ſeinen vier Gefährten ab und folgte dem Laufgraben. Die zwei Garden marſchirten in demſelben Glied mit ihm und die Soldaten kamen hinter ihm. So gelangten ſie, ſich bedeckend, bis auf hundert Schritte zur Baſtei; als ſich d'Artagnan hier umwandte, ſah er, daß die Soldaten verſchwunden waren. Er glanbte, ſie wären aus Furcht zurückgeblieben, und rückte weiter vor. An der Biegung der äußerſten Grabenmauer waren ſie nur noch ungefähr ſechzig Schritte von der Baſtei ent⸗ fernt. Man ſah nichts, und die Baſtei ſchien ganz verlaſſen. Die drei Verlorenen berathſchlagten, ob ſie weiter gehen ſollten, als plötzlich eine Rauchwolke ſichtbar wurde und ein Dutzend Kugeln um d'Artagnan und ſeine Ge⸗ fährten ziſchten. Sie wußten, was ſie wiſſen wollten: die Baſtei wurde bewacht, ein längerer Aufenthalt an dieſem gefährlichen Orte wäre eine nutzloſe Unklugheit geweſen. D'Artagnan nnd die zwei Garden ihchen um und be⸗ gannen einen Rückzug, der mehr einer Flucht glich. Als ſie die Ecke des Laufgrabens erreichten, der ihnen als Wall dienen ſollte, ſtürzte einer von den Garden; eine Kugel hatte ihm die Bruſt durchbohrt; der andere war wohlbehalten und ſetzte ſeinen Lauf nach dem Lager fort. DArtagnan wollte ſeinen Gefährten nicht ſo verlaſ⸗ ſen und beugte ſich über ihn herab, um ihn aufzuheben; aber in dieſem Augenblicke wurden zwei Schüſſe abge⸗ feuert; eine Kugel zerſchmetterte dem bereits verwundeten ⸗ in⸗ on en iß⸗ nd in er rt te, te, er en t⸗ er ſich auf die Seite warf; aber durch dieſe 87 Garden den Kopf, die anbere prallte an dem Felſen ab, nachdem ſie auf zwei Zoll an d'Artagnan vorüber geflogen war. Der junge Mann wandte ſich lebhaft um, denn die⸗ ſer Angriff konnte nicht von der Baſtei kommen, die durch die Ecke des Laufgrabens maskirt war. Sogleich fielen ihm die zwei Soldaten ein, die ihn verlaſſen hatten, und er erinnerte ſich dabei der Mörder, die ihm zwei Tage vorher nach dem Leben getrachtet. Er beſchloß daher, dießmal zu unterſuchen, woran er ſich zu halten hätte, und fiel auf den Leib ſeines Kameraden nieder, als ob er todt wäre. Alsbald ſah er, wie ſich zwei Köpfe über einem ver⸗ laſſenen Werke, dreißig Schritte von ihm, erhoben. Es waren die unſerer zwei Soldaten. D'Artagnan hatte ſich nicht getäuſcht. Dieſe Leute waren ihm nur gefolgt, um ihn zu tödten, in der Hoffnung, der Tod des jungen Mannes würde dem Feinde auf Rechnung gebracht werden. Da er jedoch nur verwundet ſein und ihr Verbrechen anzeigen konnte, ſo näherten ſie ſich ihm, um ihm den Garaus zu machen. Durch die Liſt d'Artagnan's getäuſcht, verſäumten ſie es glücklicher Weiſe, ihre Gewehre wieder zu laden. Als ſie auf zehn Schritte von ihm entfernt waren, ſtand d'Artagnan, der bei ſeinem Falle ſein Schwert feſt in der and behalten hatte, raſch auf, und befand ſich mit einem Sprunge bei ihnen. Die Mörder begriffen, daß ſie, wenn ſie nach dem Lager entfliehen würden, ohne ihren Mann getödtet zu haben, von dieſem angeklagt werden würden; es war auch ihr erſter Gedanke, zum Feinde überzugehen. Der Eine von ihnen nahm ſeine Flinte beim Laufe und bediente ſich verſelben als einer Keule. Er führte einen furchtbaren Schlag nach d'Artagnan, der ihn dadurch vermied, daß wegun 88 ließ er dem Banditen freien Raum, und dieſer lief ſo⸗. gleich nach der Baſtei. Da die Rocheller, welche dieſelbe bewachten, nicht wiſſen konnten, in welcher Abſicht dieſer Mann zu ihnen kam, ſo gaben ſie Feuer auf ihn, und er ſtürzte mit zer⸗ ſchmetterter Schulter nieder. Während dieſer Zeit warf ſich dArtagnan auf den zweiten Soldaten und griff ihn mit dem Degen an. Der Kampf währte nicht lange, der Elende hatte zu ſeiner Vertheidigung nichts als die abgefeuerte Flinte. Der Degen des Garden glitt an dem Laufe des unnütz gewor⸗ denen Gewehres ab und durchdrang den Schenkel des Mörders, welcher niederfiel. D'Artagnan ſetzte ihm ſogleich ſeine Degenſpitze an die Gurgel. „Ohl tödtet mich nicht,“ rief der Bandit,„Gnade! Gnade! mein Offizier, und ich werde Euch Alles ſagen.“ „Iſt Dein Geheimniß ſo viel werth, daß ich Dir das Leben ſchenke?“ frahte der junge Mann. „Ja, ſobald Ihr das Leben zu etwas ſchätzt, wenn man erſt zwanzig Jahr alt iſt, wenn man ſchoͤn und brav iſt, wie Ihr, und Alles erreichen kann.“ EFlender,“ ſagte vArtagnan,„ſprich ſchnell. Wer hat Dir den Auftrag gegeben, mich zu ermorden 2“ „Eine Frau, die ich nicht kenne, die man aber Mylavy nannte.“* „Doch wenn Du dieſe Frau nicht kennſt, woher weißt Du ihren Namen 2“ „Mein Kamerad kannte ſie und nannte ſie ſo. Sie verhandelte mit ihm und nicht mit mir. Er hat ſogar in ſeiner Taſche einen Brief von dieſer Perſon, der von iete Belang für Euch ſein muß, wie ich ihn ſagen örte.“ „Aber wie kommſt Du dazu, an dieſem Hinterhalt Antheil zu nehmen?“ — t — 8 3 „Er machte mir den Vorſchlag, vieſen Streich zu zwei auszuführen, und ich willigte ein.“ „Und wie viel hat ſie Euch für dieſes Unternehmen gegeben?“ „Hundert Louisd'or.“ „Schoͤn,“ ſprach der junge Mann lachend,„ſie denkt doch, ich ſei etwas werth. Hundert Louisd'or, das iſt eine Summe für Schurken Eurer Art; auch begreife ich, daß Du eingewilligt haſt, und ich begnadige Dich, jedoch unter einer Bedingung.“ „Unter welcher?“ fragte der Soldat unruhig, als er ſah, daß noch nicht Alles zu Ende war. „Daß Du mir den Brief holſt, den Dein Kamerad in ſeiner Taſche hat.“ „Aber das iſt nur eine andere Art, mich zu tödten,“ rief der Bandit.„Wie ſoll ich dieſen Brief unter dem Feuer der Baſtei holen?“ „Du mußt Dich entſchließen, ihn herbei zu ſchaffen, oder ich ſchwoͤre Dir, daß Du von meiner Hand ſtirbſt.“ „Gnade! Herr, Barmherzigkeit! Im Namen der jungen Dame, die Ihr liebt, die Ihr vielleicht todt glaubt, und die es nicht iſt!“ rief der Bandit, ſich auf die Kniee erhebend und mit der Hand ſtützend, denn er fing an mit dem Blute auch die Kräfte zu verlieren. „Woher weißt Du, vaß es eine junge Frau gibt, die ich liebe, und daß ich dieſe junge Frau todt geglaubt habe?“ fragte d'Artagnan. „Aus dem Briefe, den mein Kamerad in ſeiner Taſche hat.“ „Du ſiehſt alſo wohl, daß ich dieſen Brief bekommen muß,“ ſprach d'Artagnan.„Nicht mehr gezögert, oder wie ſehr es mir auch widerſtrebt, mein Schwert zum zweiten Male in das Blut eines Elenden zu t biſt, ich ſchwore Dir, ſo wahr ich ein eh n —— 90 Bei dieſen Worten machte d'Artagnan eine ſo dro⸗ hende Geberde, daß ſich der Verwundete erhob. „Halt, halt!“ rief er, ſeinen Muth wieder durch den Schrecken gewinnend,„ich gehe. ich gehe.“ D'Artagnan nahm die Büchſe des Soldaten, ließ ihn vor ſich hergehen und trieb ihn gegen ſeinen Gefährten zu, indem er ihm von Zeit zu Zeit mit der Spitze ſeines Degens in die Hüfte ſtach. Es war furchtbar anzuſchauen, wie dieſer Unglückliche, auf ſeinem Wege eine lange Blut⸗ ſpur zurücklaſſend, bleich vor dem nahe bevorſtehenden 3 Tode, ſich, ohne geſehen zu werden, bis zu dem Leichnam ſeines Kameraden hinzuſchleppen ſuchte, der zwanzig Schritte von ihm entfernt lag. Der Schrecken war ſo ſtark auf ſeinem mit kaltem Schweiß bedeckten Geſichte ausgeprägt, daß d'Artagnan Mitleid bekam und ihn verächtlich anſchaute. „Nun!“ ſprach er,„ich will Dir zeigen, welch ein Unterſchied zwiſchen einem Manne von Herz und einem Feigen, wie Du biſt, ſtattfindet. Bleibe, ich werde gehen!“. Und mit behendem Schritte, das Auge auf der Lauer, um jede Bewegung des Feindes zu beobachten, alle Vor⸗ theile des Terrains benützend, gelangte d'Artagnan bis zu dem zweiten Soldaten. Es gab zwei Mittel, ſeinen Zweck zu erreichen: ihn auf der Stelle zu durchſuchen oder ihn, ſich einen Schild aus ſeinem Leibe machend, nach dem Laufgraben zu tra⸗ gen und hier erſt zu durchſuchen.. D'Artagnan zog das zweite Mittel vor und lud den Moͤrder in dem Augenblick, wo der Feind Feuer gab, auf ſeine Schulter. Ein leichter Stoß, ein letzter Schrei, ein Beben des Todeskampfes bewieſen d'Artagnan, daß ihm derjenige, welcher ihn ermorden wollte, das Leben gerettet hatte. D'Artagnan erreichte wieder den Laufgraben und warf den Leichnam neben den Verwundeten. en hn u, es en, ut⸗ en am zig em n ein em rde er, or⸗ ihn id ra⸗ den auf des ige, arf Brieftaſche, eine Börſe, worin ſich offenbar ein Theil von fallen waren, ſchleuderte die Börſe dem Verwundeten zu um zu trinken, aufgehalten und den Wagen um zehn Mi⸗ Sogleich begann er die Unterſuchung: eine hhtr der Summe fand, die der Bandit erhalten hatte, ein Be⸗ cher und Würfel bildeten die ganze Hinterlaſſenſchaft des Todten. Er ließ den Becher und die Würfel, wo ſie hinge⸗ und öffnete gierig die Brieftaſche. Mitten unter unwichtigen Papieren fand ſich folgen⸗ der Brief, den er mit Gefahr ſeines Lebens geholt hatte. „Da ihr die Spur dieſer Frau verloren habt, und ſie nun in Sicherheit in dem Kloſter iſt, wohin Ihr ſie nie hättet gelangen laſſen ſollen, ſo ſucht wenigſtens den Mann nicht zu verfehlen. Verfehlt Ihr ihn, ſo wißt Ihr, daß ich eine lange Hand habe, und daß Ihr die hundert Louisd'or, die Ihr von mir erhalten habt, theuer bezahlen müßt.“ Keine Unterſchrift. Deſſenungeachtet kam der Brief unleugbar von Mylady. Er behielt ihn alſo, als ein Ar⸗ tenſtück zum Behuf der Ueberweiſung, und da er ſich hin⸗ ter der Ecke des Laufgrabens in Sicherheit befand, ſo fing er an den Verwundeten auszufragen. Dieſer geſtand, daß er es mit ſeinem Kameraden, demſelben, welcher ſo eben getödtet worden war, übernommen hatte, eine junge Frau, die von Paris durch die Barriere de la Vilette abreiſen ſollte, zu entführen, daß ſie ſich aber in einer Schenke, nuten verſäumt hatten. „Aber was hättet Ihr mit dieſer Frau gemacht?“ fragte d'Artagnan bange. „Wir ſollten ſie in ein Hotel der Place Ina Su⸗ gen,“ erwiederte der Verwundete. „Ja, ja,“ murmelte d'Artagnan,„das iſ lady ſelbſt.“ Nun begriff der junge Mann ſchaud 92 furchtbare Rachedurſt dieſe Frau antrieb, ihn, ſo wie vie⸗ jenigen, welche ihn liebten, zu Grunde zu richten, und wie ſehr ſie mit den Angelegenheiten des Hofes vertraut war, da ſie Alles entdeckt hatte. Ohne Zweifel hatte ſie ihre Nachrichten dem Cardinal zu verdanken. Aber dage⸗ gen ſah er auch mit einem Gefühle wahrer Freude ein, daß die Königin endlich den Kerker erkundet, in welchem die arme Madame Bonacieur ihre Ergebenheit büßen mußte, und daß ſie dieſelbe dieſem Kerker entzogen hatte. Von dieſer Zeit wurde es, wie Athos vorhergeſagt hatte, möglich, Madame Bonacieur wieder aufzufinden, und ein Kloſter war nicht uneinnehmbar. Dieſer Gedanke vollendete die Milde in ſeinem Her⸗ zen. Er wandte ſich gegen den Verwundeten um, welcher ängſtlich alle die verſchiedenen Ausvrücke in ſeinem Ge⸗ ſichte verfolgte, und reichte ihm den Arm. „Auf!“ ſprach er,„ich will Dich nicht ſo verlaſſen. Stütze Dich auf mich, und kehren wir in das Lager zurück.“ „Ja,“ ſagte der Verwundete, der kaum an ſo viel Großmuth glauben konnte,„aber geſchieht dies nicht, um mich hängen zu laſſen?“ „Du haſt mein Wort und zum zweiten Male ſchenke ich Dir Dein Leben.“ Der Verwundete ſank auf die Kniee und küßte ſei⸗ nem Retter abermals die Füße. Aber d'Artagnan, der durchaus keinen Grund hatte, ſo nahe beim Feinde zu bleiben, kürzte ſelbſt die Dankbarkeitsbezeugungen ab. Der Garde, welcher dei dem erſten Feuer der Ro⸗ cheller zurückgeeilt war, hatte den Tod ſeiner vier Gefähr⸗ ten angekündigt. Man war alſo ſehr erſtaunt und äußerſt vergnügt im Regimente, als man den jungen Mann wohl⸗ behalten ankommen ſah. D'Artagnan erklärte den Degenſtich ſeines Ge⸗ fährten durch einen Ausfall, den er improviſirte. Er E d ut ſie eE⸗ n, en en t n, ⸗ er e 1. er — erzählte den Tod des andern Soldaten und die Gefah denen ſie preisgegeben geweſen waren. Seine Erzählung hatte einen wahren Triumph für ihn zur Folge. Die ganze Armee ſprach einen Tag lang von dieſer Expedition, und Monſieur ließ ihm darüber ſeine Complimente machen. Wie übrigens jede ſchöne Handlung ihre Belohnung mit ſich trägt, ſo war das Reſultat der ſchönen Hand⸗ lung d'Artagnan's, daß ſie ihm die verlorene Ruhe wie⸗ der gab. Der junge Mann glaubte in der That ruhig ſein zu können, da von ſeinen zwei Feinden der eine todt, der andere ſeinen Intereſſen ergeben war. Dieſe Sache bewies Eines, nämlich: daß d'Artagnau Mylady noch nicht kannte. X. Anjon-Wein. Nachdem man beinahe verzweifelte Nachrichten vom König erhalten hatte, fing das Gerücht von ſeiner Wie⸗ vergeneſung an ſich zu verbreiten, und da er große Eile hatte, in Perſon zu der Belagerung zu kommen, ſo ſagte man, er würde reiſen, ſo bald er wieder zu Pferde ſtei⸗ 6 gen könnte. Citadelle Saint⸗Martin und das Fort de Monſieur, welcher wußte, daß er jeden Tag in dem Oberbefehl durch den Herzog von Angouléme, durch Baſſompierre oder durch Schomberg erſetzt wer⸗ den konnte, die ſich um das Commando ſtritten, that mittlerweile nur wenig, verlor ſeine Zeit durch Um⸗ hertappen und wagte kein großes Unternehmen, um die Engländer von der Inſel Re zu vertreiben, wo ſie die Prée be⸗ 5 94 7 lagerten, während die Franzoſen ihrerſeits La Rochelle vie belagerten. fäl DArtagnan war, wie geſagt, ruhiger geworden, mr wie dies ſtets nach einer überſtandenen Gefahr, oder wenn S nan die Gefahr für verſchwunden hält, der Fall iſt. zu ESes blieb ihm nur eine Sorge, die, daß er keine Nach⸗ richt von ſeinen Freunden erhielt. 6 Aber eines Morgens wurde ihm durch folgenden von wr . Villeroy datirten Brief Alles klar: 1 „Herr d'Artagnan,“ zu „Die Herren Athos, Porthos und Aramis machten, ſei nachdem ſie bei mir ein gutes Mahl eingenommen hatten, f einen ſo gewaltigen Lärmen, daß ihnen der Herr Schloß⸗ richter, ein ſehr ſtrenger Mann, einige Tage Zimmer⸗ vo arreſt gab. Ich vollziehe ihre Befehle, indem ich Euch zwoölf Flaſchen von meinem Anjou⸗Weine ſchicke, dem ſie großes Lob ſpenden; ſie wünſchen, Ihr moget ihren Lieb⸗ die lingswein auf ihre Geſundheit trinken. au Ich bin, mein Herr, mit der größten Achtung ter Euer B ergebenſter und gehorſamſter Diener da Godeau, gl Gaſtwirth der Musketiere.“ W „Vortrefflich!“ rief dArtagnan,„ſie gedenken mei⸗ G ner bei ihren Vergnügungen, wie ich ihrer bei mei⸗ de nem Kummer gevachte. Ich werde gewiß auf Ihre Ge⸗ ſundheit trinken, und zwar von ganzem Herzen und nicht ge allein.“ Und d'Artagnan lief zu zwei Garden, mit denen er Fr mehr Freundſchaft geſchloſſen hatte, als mit den andern, ſic um ſie einzuladen, den köſtlichen Wein mit ihm zu trin⸗ Ei ken, der von Villeroy angekommen war. Der Eine von na ihnen war für denſelben Abend, der Andere für den dar⸗ all auf folgenden eingeladen; ſo wurde alſo die Zuſammen⸗ 3 kunft auf den zweiten Tag feſtgeſetzt.* V DiArtagnan ſchickte ſeine zwöf Flaſchen Wein in le n, in n . 6 vie Trinkſtube der Garden, mit dem Befehle, ſie ſorg⸗ fältig aufzubewahren. Als der Tag des Feſtes erſchien, mußte Planchet ſchon um neun Uhr ſich an Ort und Stelle zu begeben, um die nothwendigen Vorbereitungen zu treffen, während die Stunde zum Mittagsmahle auf ein Uhr feſtgeſetzt war. Stolz, zur Würde eines Haushofmeiſters erhoben worden zu ſein, war Planchet darauf bedacht, ſich ſeiner Aufgabe als ein geſcheiter Menſch zu entledigen. Er nahm zu dieſem Ende noch einen Bedienten von einem der Gäſte ſeines Herrn, Namens Fourreau, nebſt Baiſemont, dem falſchen Soldaten, zu ſich, der unſern Helden hatte tödten wollen, und, zu keinem Corps gehoͤrend, in den Dienſt von dArtagnan oder vielmehr in den von Planchet getreten war, ſeitdem ihm d'Artagnan das Leben geſchenkt hatte. Zu der für das Mahl beſtimmten Stunde erſchienen die zwei Gäſte, nahmen Platz und die Gerichte wurden aufgetragen; Planchet wartete auf mit der Serviette un⸗ ter dem Arm, Fourreau entſtöpſelte die Flaſchen und Baiſemont, der Reconvalescent, goß den Wein, der durch das Schütteln einen Satz bekommen zu haben ſchien, in gläſerne Karaffen über. Die erſte Flaſche von dieſem Wein war etwas trüb, Baiſemont goß den Satz in ein Glas und dArtagnan erlaubte ihm, daſſelbe zu trinken, denn der arme Teufel hatte noch nicht viel Kraft. Die Gäſte hatten die Suppe gegeſſen und waren gerade im Begriff, das erſte Glas an die Lippen zu ſetzen, als plotzlich die Kanone im Fort Louis und im Fort NReuf ertönte. Die Garden glaubten, es handle ſich um einen unvorhergeſehenen Angriff von Seiten der Engländer, oder von Seiten der Belagerten, und liefen nach ihren Degen; d'Artagnan machte es eben ſo und alle drei eilten an ihren Poſten. Aber kaum waren ſie außerhalb der Trinkſtube, als ſie ſich durch das gewaltige Geräuſche gefeſſelt fahen. Von allen Seiten ertönte der Ruf;„Es lebe der König! Aee 96 Es lebe der Herr Cardinal!“ und die Trommler ſchlugen in allen Richtungen. Der König hatte wirklich in ſeiner Ungeduld zwei Etapen verdoppelt und traf in dieſem Augenblick mit ſei⸗ nem ganzen Hauſe und einer Verſtärkung von zehntauſend Mann ein. Vorne und hinter ihm zogen die Musketiere. D'Artagnan hatte mit ſeiner Compagnie Spalier zu ma⸗ chen, und begrüßte mit einer ausdrucksvollen Geberde ſeine Freunde und Herrn von Treville. Sobald die Empfangsceremonie vorüber war, ver⸗ ſammelten ſich die vier Freunde. „Bei Gott!“ rief d'Artagnan,„Ihr hättet nicht beſ⸗ ſer ankommen können; das Fleiſch hat gewiß noch nicht Zeit gehabt, kalt zu werden. Nicht wahr, meine Herren“ fügte der junge Mann ſich an die zwei Garden wendend bei, die er ſeinen Freunden vorſtellte. „Ah! ah! es ſcheint, wir bankettiren,“ ſprach Porthos. „Ich hoffe, es iſt keine Frauensperſon bei dem Mahle?“ ſagte Aramis. „Gibt es trinkbaren Wein in Euerer Schenke?“ fragte Athos. „Eil bei Gott den Euerigen, lieber Freund,“ ant⸗ wortete d'Artagnan. „Unſeren Wein?“ rief Athos. „Ja, den, welchen Ihr mir geſchickt habt.“ „Wir haben Euch Wein geſchickt?“ „Ihr wißt doch, von dem köſtlichen Wein von den Rebhügeln von Anjvu? 6 „Ja, ich weiß wohl, von welchem Weine Ihr ſprecht.“ n „Von dem Wein, welchem Ihr den Vorzug gebt.“ „Allerdings, wenn ich weder Champagner noch Cham⸗ bertin habe.“ „Nun! in Ermanglung des Champagner und des Chambertin werdet Ihr Euch mit dieſem begnügen.“ Lec Au der iſt ſuc nic mi wei ſei⸗ end ere. na⸗ rde er⸗ eſ⸗ icht n end ach em 7 nt⸗ den Ihr am⸗ 97 „Wir haben alſo Anjou⸗Wein kommen laſſen, wir Leckermäuler?“ ſprach Porthos. „Nein, es iſt der Wein, den man mir in Euerem Auftrage geſchickt hat.“ „In unſerem Auftrag!“ riefen die Musketiere. „Aramis habt Ihr den Wein geſchickt?“ fragt „Nein; und Ihr Porthos?“ „Nein.“ „Ganz wohl, aber Euer Wirth, Godeau, der der Musketiere.“ „Meiner Treu, er mag kommen woher er will, daran iſt nichts gelegen;“ ſagte Porthos,„wir wollen ihn ver⸗ ſuchen und wenn er gut iſt trinken.“ „Nein,“ entgegnete Athos,„wir wollen den Wein nicht trinken, der aus einer unbekannten Quelle kommt.“ „Ihr habt Recht, Athos,“ ſprach d'Artagnan.„Nie⸗ mand von Euch hat den Gaſtwirth Godeau beauftragt, mir den Wein zu ſchicken?“ „Nein; und dennoch iſt er Euch in unſerem Auf⸗ trage zugeſchickt worden L“ „„Hier iſt der Brief,“ erwiederte d'Artagnan, und übergab ſeinen Kameraden das Billet. „Das iſt nicht ſeine Handſchrift,“ rief Athos;„ich kenne ſie, denn ich habe vor dem Abgange die Rechnun⸗ gen der Brüderſchaft geordnet.“ „Ein falſcher Brief,“ ſagte Porthos,„wir hatten keinen Zimmerarreſt.“ „D'Artagnan,“ ſprach Aramis im Tone des Por⸗ wurfs,„wie konntet Ihr glauben, wir hätten Lärmen ge⸗ macht!„ DArtagnan erbleichte, und ein krampfhaftes Zittern ſchüttelte ſeine Glieder.. „Du jagſt mir Schrecken ein,“ ſagte Athos, der ihn nur bei bedeutenden Gelegenheiten dutzte;„was iſt denn vorgefallen?“ „Raſch, laßt uns laufen, meine Freunde!“ riefd Ar⸗ Die drei Musketiere. M. 7 98 „ſollte es abermals eine Rache von dieſer Frau ſein?“ Athos erbleichte ebenfalls. D'Artagnan ftürzte nach der Trinkſtube; die drei Musketiere und die zwei Garden folgten ihm. s Erſte was d'Artagnan beim Eintritt in den al in das Auge fiel, war Briſemont, der ſich in ren Convulſionen auf dem Boden wälzte. Bleich wie der Tod ſuchten ihm Planchet und Fourreau lfe zu leiſten, aber jeder Beiſtand war offenbar frucht⸗ zuſammengezogen. „Ah!“ rief er, als er d'Artagnan gewahr wurdez „ah! das iſt abſcheulich: Ihr gebt Euch das Anſehen, als wolltet Ihr mich begnadigen und vergiftet mich.“ Ich!“ rief d'Artagnan,„ich, Unglücklicher! Was ſagſt Du da?“ „Ich ſage, daß Ihr mir dieſen Wein gegeben habt, ich ſage, daß Ihr mich habt trinken heißen, ich ſage, daß Ihr Euch an mir rächen wolltet, ich ſage, daß dieß ab⸗ ſcheulich iſt!“ „glaubt es nicht: 5. ſchwöre Euch„„ „Aber es lebt ein Gott! Gott wird Euch beſtrafen! Mein Gott, laß ihn einen Tag leiden, was ich leide.“ „Beim heiligen Evangelium,“ ſprach d'Artagnan ſich auf den Sterbenden ſtürzend,„ich ſchwöre Euch, ich wußte gicht, daß dieſer Wein vergiftet war, und wollte ſo eben ſelbſt davon trinken.“ ſchied unter verdoppelten QOualen. Porthos die Flaſchen zerbrach und Aramis etwas ſpät den Befehl gab, einen Beichtiger zu holen. „ tagnan, deſſen Geiſt ein furchtbarer Verdacht durchzukte: los; alle Züge des Sterbenden waren vom Todeskampfe „Glaubt es nicht, Briſemont,“ rief d'Artagnan, „Ich glaube Euch nicht,“ ſagte der Soldat, und ver⸗ „Schändlich! ſchändlich!“ murmelte Athos, vihre „Oh! meine Freunde,“ ſprach d'Artagnan,„Ihr. 1 habt mir abermals das Leben gerettet, und zwar nicht allei fuhr ſes ten ſteh zuri todt dur mei —* 99 te: allein mir, ſondern auch dieſen Herren. Meine Herren,“ fuhr er, ſich an die Garden wendend fort, vich bitte die⸗ ſes ganze Abenteuer zu verſchweigen; hohe Perſonen könn⸗ rei ten in einer Beziehung zu dem, was Ihr geſehen habt, ſſtehen, und das Schlimme von Allem dem würde auf uns den zurückfallen.“ in„Ah! gnädiger Herr,“ ſtammelte Planchet, mehr todt als lebendig,„ah! gnädiger Herr, da bin ich ſchon eau durchgeſchlüpft.“ cht⸗„Wie Schurke!“ rief d'Artagnan,„Du wollteſt alſo pfe meinen Wein trinken?“ „Auf die Geſundheit des Königs, gnädiger Herrz dez ich wollte eben ein armſeliges Gläschen leeren, als Fourreau als mir ſagte, man rufe mich.“ „Ach!“ ſprach Fourreau, dem die Zähne vor Schrecken Bas klapperten,„ich wollte ihn entfernen, um allein trinken zu können.“ abt,„Meine Herren,“ ſagte d'Artagnan,„Ihr begreift, daß daß ein ſolches Mahl nach dem, was vorgefallen iſt, nur ab⸗ ſehr traurig ſein koͤnnte: entſchuldigt alſo gütigſt, und wollt mich, ich bitte, an einem anderen Tage mit Euerer an, Geſellſchaft beehren.“ Die zwei Garden nahmen die Ent⸗ ſchuldigungen dArtagnam's hoflich auf und entfernten ſich, en! da ſie wohl begreifen mochten, daß die vier Freunde allein . zu ſein wünſchten.. ſich Als der junge Garde und die drei Musketiere ohne ßte Zeugen waren, ſchauten ſie ſich mit einer Miene an, aus ben der hervorging, daß ſie die ernſte Bedeutung ihrer Lage begriffen. er⸗ WVor Allem,“ ſprach Athos, wollen wir dieſes Zimmer verlaſſen; ein Todter iſt eine ſchlechte Geſellſchaft.“ end Planchet,“ ſagte d'Artagnan,„ich empfehle Dir den über den Leichnam des armen Teufels zu wachen; er ſoll in geweihter Erde begraben werden. Allerdings hatte er Ihr ein Verbrechen begangen, aber er bereute es.“ icht Die vier Freunde entfernten ſich aus dem Zimmer und überließen Planchet und Fourreau die Sorge, Briſe⸗ mont die letzte Ehre zu erweiſen.. Der Wirth gab ihnen eine andere Stube, in die man ihnen weich geſottene Eier und Waſſer brachte, das Athos ſelbſt aus dem Brunnen ſchöpfte. Mit ein paar Worten wurden Porthos und Aramis über die Lage der Dinge † in's Klare geſetzt. „Nun! wohl,“ ſagte dArtagnan zu Athos,„Ihr ſeht, es iſt ein Krieg auf Leben und Tod.“ Athos ſchüttelte den Kopf und erwiederte: ja, ich ſehe es wohl, aber glaubt Ihr, ſie es. „Ich bin es feſt überzeugt.“ ich muß Euch geſtehen, daß ich noch daran zweifle.“ „Aber die Lilie auf der Schulter. „Es iſt eine Engländerin, welche irgend ein Ver⸗ brechen in Frankreich begangen haben wird, wofür man ſie gebrandmarkt hat.“ 8 „Athos, es iſt Euere Frau, ſage ich Euch,“ antwor⸗* tete d Artagnan;„erinnert Ihr Euch nicht, wie ſehr ſich die zwei Signalements gleichen?“ „Ich glaubte die andere müßte todt ſein, ich hatte ſie ſo gut gehenkt!“ Nun war die Reihe andArtagnan, den Kopfzu ſchütteln. Aber was läßt ſich am Ende machen?“ ſprach der ne Mann. 1 „Offenbar kann man nicht ewig mit einem Schwerte ſei über dem Haupte bleiben,“ ſagte Athos,„und man muß aus dieſer Lage herauskommen.“ „Aber wie?“. „Hört: verſucht es irgendwo mit ihr zuſammen zu kommen und zu einer Erklärung mit ihr zu ge langen. Sagt ihr:„„Krieg oder Friede. Ich geb 3 Euch mein Ehrenwort als Edelmann, nie etwas bon Euch zu ſagen, nie etwas gegen Euch zu thun. V riſe⸗ nan thos rten inge Ihr ſie ran er⸗ nan bor⸗ ſich atte eln. der 3 erte nuß men ge⸗ gebe von Von 1 Euerer Seite fordere ich einen feierlichen Eid, neutral in Beziehung auf meine Perſon zu ſein; wollt Ihr dies nicht, ſo ſuche ich den Kanzler, den König, den Henker auf; ich bringe den ganzen Hof gegen Euch in Auf⸗ ruhr, ich gebe Euch als Gebrandmarkte anz ich ſtelle Euch vor Gericht und wenn man Euch freiſpricht, nun wohl! dann tödte ich Euch, ſo wahr ich ein Evelmann bin, an dem nächſten beſten Eckſteine, wie ich einen wüthenden Hund umbringen würde.“ „Dieſes Mittel gefällt mir,“ erwiederte dArtagnan, „aber wie mit ihr zuſammenkommen?“ „Die Zeit, mein theuerer Freund, die Zeit führt die Gelegenheit herbei; die Gelegenheit iſt die Martingale; je höher man ſpielt, deſto mehr gewinnt man, wenn man zu warten weiß.“ „Ja; aber umgeben von Mördern und Giftmiſchern zu warten „Bah!“ rief Athos,„Gott⸗ hat uns bis daher be⸗ wahrt, Gott wird uns auch fernerhin bewahren.“ „Allerdings uns. Doch wir ſind im Ganzen ge⸗ nommen Männer, und es liegt in unſerem Stande, unſer Leben zu wagen; aber ſie..“ fügte er mit halber Stimme bei. „Wer, ſie?“ fragte Athos. „Conſtance.“. „Madame Bonacieur? Ah! das iſt richtig,“ ſprach „Armer Freund! Ich vergaß, daß Ihr verliebt eid.“ „Ei, wohl!“ ſagte Aramis;„aber habt Ihr nicht aus dem Briefe geſehen, der ſich bei dem Schurken fand, welcher Euch ermorden wollte, daß ſie in einem Kloſter iſt? Man befindet ſich ganz wohl in einem Kloſter, und ſobald die Belagerung vorüber iſt, verſpreche ich Euch meines Theils„ „Gut, Fut,“ rief Athos.„Ja mein lieber Aramis, wir wiſſen, daß Euere Wünſche auf die Religion abzielen.“ „Ich bin nur einſtweilen Musketier,“ ſagte Aramis demüthig. „Er ſcheint lange Zeit keine Briefe mehr von ſeiner Geliebten empfangen zu haben,“ ſagte Athos leiſe;„aber merkt nicht varauf, wir kennen das.“ „Mir ſcheint, es gibt ein ganz einfaches Mittel,“ rief Porthos. „Welches?“ fragte d'Artagnan. „Sie iſt in einem Kloſter, ſagt Ihr?“ „Id. „Nnn, ſo bald die Belagerung vorüber iſt, entführen wir ſie aus dieſem Kloſter.“ „Aber, man muß auch wiſſen, in welchem Kloſter ſie ſich befindet.“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Porthos. „Doch, wenn ich bedenke,“ ſprach Athos,„behauptet Ihr nicht, mein lieber dArtagnan, die Königin habe das Kloſter für ſie ausgewählt?“ „Ja, ich glaube es wenigſtens.“ „Gut! da kann uns Porthos helfen.“ „Wie dies, wenn ich bitten darf?“ „Durch Euere Marguiſe, durch Euere Herzogin, Euere Prinzeſſin; ſie muß einen langen Arm haben.“ „Stille!“ etwiederte Porthos und legte einen Finger auf ſeine Lippen;„ich halte ſie für eine Cardinaliſtin und ſie darf nichts wiſſen.“ „Dann übernehme ich es, Kunde von ihr zu ethal⸗ ten,“ ſagte Aramis. „Ihr! Aramis?“ riefen die drei Freunde;„Ihr, und wie dies?“ „Durch den Almoſenier der Königin, mit dem ich hefreundet bin,“ antwortete Aramis erröthend. Die vier Freunde hatten ihr beſcheidenes Mahl zu ſich genommen und trennten ſich auf dieſe Verſicherung, mit dem Verſprechen, ſich am Abend wieder zu ſehen⸗ D'Artagnan kehrte zü den Minimen zurück, und die er er en tet as er 103 Musketiere begaben ſich nach dem Quartiere des Königs, wo ſie ſich ihre Wohnungen einrichten zu laſſen hatten . XI. Pie Wirthſchaft zum Bothen Taubenſchlag. Kaum in dem Lager angelangt, wollte der König, welcher ſo große Eile hatte, dem Feinde gegenüber zu ſtehen, und den Haß des Cardinals gegen Buckingham theilte, alle Vorkehrungen treffen, einmal um die Eng⸗ länder von der Inſel Re zu verjagen, und dann um die Belagerung von La Rochelle kräftiger zu betreiben; aber er wurde gegen ſeinen Willen durch die Uneinigkeiten aufgehalten, welche zwiſchen den Herren Baſſompierre und Schomberg gegen den Herzog von Angvouléme aus⸗ brachen. Herr von Baſſompierre und Schomberg waren Mar⸗ ſchälle von Frankreich und forderten ihr Recht, das Heer unter dem Befehle des Königs zu commandiren; aber der Cardinal, welcher befürchtete, im Innern ſeines Herzens ein Hugenotte werde Baſſompierre die Engländer und die Rocheller, ſeine Religivnsbrüder, nur wenig bedrängen, ſuchte im Gegentheil den Herzog von Angouléme zu be⸗ günſtigen, den der König auf ſeinen Antrieb zum Genkral⸗ Lieutenant ernannt hatte. Dadurch war man genöthigt, wenn man nicht die Herren Baſſompierre und Schomberg die Armee verlaſſen ſehen wollte, jedem pon ihnen ein beſonderes Commando zu übergeben. Baſſompierre nahm ſeine Quartiere im Norden der Stadt vom Lalen bis Dompierre, der Herzog von Angouléme nahm die ſeinigen im Oſten von Dompierre bis Perigny, und Herr von Schomberg im Süden von Petigny bis Angoulin.“ Die Wohnung von Monſieur war in Dompierre, die des Königs bald in Eſtré, bald in la Jarri. Die Wohnung des Cardinals war auf den Dünen bei dem Pont de la Pierre in einem einfachen Hauſe ohne alle Verſchanzung. Monfieur überwachte auf dieſe Weiſe Baſſompierre, der König den Herzog von Angvuléme und der Cardinal Herrn von Schomberg. Sobald dieſe Anordnung getroffen war, beſchäf⸗ tigte man ſich damit, die Engländer von der Inſel zu vertreiben. Die Conjuncturen waren günſtig. Die Engländer, welche vor Allem guter Lebensmittel bedürfen, um gute Soldaten zu ſein, hatten viele Kranke in ihrem Lager, da ſie nur geſalzenes Fleiſch und ſchlechten Zwieback zu „eſſen bekamen. Das Meer war um dieſe Jahreszeit an allen oſtlichen Küſten ſehr gefährlich, und das Geſtade war von der Spitze des Aiguillon bis zu dem Laufgraben chſtäblich bei jeder Fluth mit zertrümmerten Pinaſſen, Robergen und Feluken bedeckt; daher kam es, daß ſich die Leute des Königs in ihrem Lager hielten, und Bucking⸗ ham, der aus Halsſtarrigkeit noch anf der Inſel Re ver⸗ weilte, mußte eines Tages genöthigt werden, die Belage⸗ rung aufzuheben. Aber da Herr von Toiras melden ließ, im feindlichen Lager bereite ſich Alles zu einem neuen Sturme vor, ſo meinte der König, man müßte der ganzen Sache ein Ende machen, und gab die nöthigen Befehle zu einer entſcheidenden Affaire. Belagerung zu ſchreiben, ſondern wir wollten im Ge⸗ Es war nicht unſere Abſicht, ein Tagebuch der gentheil nur die Ereigniſſe berichten, welche mit der Geſchichte, die wir erzählen, in beſonderem Zuſam⸗ menhang ſtehen, und wir begnügen uns alſo, mit zwei Worten zu bemerken, daß das Unternehmen zur großen Fifiedeiheit des Koͤnigs großen Nuhme „ des Cardinals glückte. Fuß für Fuß zurückgetrieben, bei jedem Zuſammentreffen geſchlagen, waren die Engländer genöthigt, zweitauſend Todte auf der Wahlſtätte zurücklaſ⸗ fend, ſich wieder einzuſchiffen; unter dieſen Todten waren fünf Oberſten, drei Oberſt⸗Lieutenants, zweihundert und fünfzig Kapitäne und zwanzig Evelleute von hohem Rang; ferner verloren die Engländer viele Feldſtücke und ſechzig Fahnen; die letzteren wurden von Claude von Saint⸗Si⸗ mon nach Paris gebracht und mit großem Gepränge in den Gewölben von Notre⸗Dame aufgehängt. Im Lager ertönten Te Peun die ſich von da durch ganz Frankreich verbreiteten. Dem Cardinal blieb es alſo überlaſſen, die Belage⸗ rung fortzuſetzen, ohne daß er, wenigſtens für den von den Engländern etwas zu befürchten atte. Aber die Ruhe war, wie geſagt, nur eine augen⸗ blickliche. Es war ein Abgeſandter des Herzogs von Buckingham, Namens Montaigu, aufgefangen worden, und man hatte den Beweis eines Buͤndniſſes zwiſchen 3, Reiche, Spanien, England und Lothringen er⸗ angt. Dieſes Bündniß war gegen Frankreich gerichtet. Außerdem hatte man in der Wohnung des Herzogs von Buckingham, die er in großer Eile zu verlaſſen ge⸗ weſen war, Papiere gefunden, welche dieſes Bändniß be⸗ ſtätigten, wie der Herr Cardinal in ſeinen Memviren ver⸗ ſchert, und Frau von Chevreuſe und folglich die Konigin bedeutend compromittirten. 3 Auf dem Cardinal laſtete die ganze Verantwortlich⸗ keit, denn man iſt nicht unumſchränkter Miniſier, ohne verantwortlich zu ſein. Auch waren alle Quellen und Mittel ſeines umfaſſenden Genies Tag und Nacht in An⸗ ſpruch genommen, um das geringſte Geräuſch zu verneh⸗ 1 das ſich in einem von den großen Reichen Europas erhob. 106 Der Cardinal kannte die Thätigkeit und beſonders den Haß Buckinghams; triumphirte das Bünbniß, von dem Frankreich bedroht wurde, ſo war ſein ganzer Ein⸗ fluß verloren. Die ſpaniſche und die öſterreichiſche Poli⸗ tik hatten ihre Repräſentanten im Louvre. Er, Richelieu, der franzöſiſche Miniſter, der vorzugsweiſe nationale Mi⸗ niſter, war verloren. Der König, der ihm wie ein Kind gehorchte, haßte ihn, wie ein Kind ſeinen Lehrmeiſter haßt, und übertieß ihn der vereinigten Rache von Monſieur und der Königin. Er war verloren und Frankreich vielleicht auch; dem Allem mußte man zuvorkommen. Jeden Augenblick waren die Eilboten zahlreicher, und man fah ſie einander Tag und Nacht in dem kleinen Haüſe am Pont de la Pierre folgen, wo der Cardinal ſeine Reſidenz aufgeſchlagen hatte. Es waren Mönche, welche die Kutte ſo ſchlecht tru⸗ gen, daß man leicht erkennen konnte, ſie gehören haupt⸗ ſächlich der ſtreitenden Kirche an; Frauen, die in ihren Pagen⸗Kleidern etwas beengt waren, und deren weite Ho⸗ ſen die gerundeten Formen nicht völlig verbergen konntenz Bauern endlich mit geſchwärzten Händen, aber zarten Beinen, in denen man den Mann von Stand auf eine Meile in der Runde erkannte. Dann kamen noch andere minder angenehme Beſuche, denn wiederholt verbreitete ſich das Gerücht, der Cardinal wäre beinahe ermordet worden. Allerdings behaupteten die Feinde Seiner Eminenz, ſie ſelbſt habe ungeſchickte Mörder in das Feld geſchickt, um vorkommenden Falls das Recht zu Repreſſalien zu haben, aber man muß weder das, was die Miniſter, noch das, was ihre Feinde ſagen, glauben. Dies hielt jedoch den Cardinal, dem ſeine erbittertſten Verleumder den Muth nicht abgeſprochen haben, nicht ab, viele nächtliche Ritte zu machen, bald um dem Herzog von Angouléme wichtige Befehle zu eröffnen, bald um ſich mit dem König zu bereden, bald um ſich mit irgend einem ——— — 1. i⸗ , i⸗ d t, d ht d en al u⸗ t⸗ en 0. nz en ne ſe, al z, kt, och ten ab, on ſich em 107 pi zu beſprechen, den man nicht in ſeinem Hauſe ſehen ollte. Die Musketiere, welche bei der Belagerung nicht viel zu thun hatten, waren nicht ſtrenge gehalten und führten ein luſtiges Leben. Dies war hauptſächlich unſern drei Genoſſen um ſo leichter, als ſie, mit Herrn von Treville befreundet, von dieſem ohne Schwierigkeit die Erlaubniß erhielten, länger auszubleiben und auch nach dem Schließen des Lagers außen zu verweilen. Eines Abends, als d'Artagnan, der den Dienſt in den Laufgräben hatte, ſie nicht begleiten konnte, kamen Athos, Porthos und Aramis auf ihren Schlachtroſſen, in ihre Kriegsmäntel gehüllt, eine Hand auf dem Kohhen ihrer Piſtole, aus einer Schenke, zum Rothen Tauben⸗ ſchlag genannt, zurück, welche zwei Tage vorher von Athos auf der Straße nach Jarrie entdeckt worden war. Sie verfolgten den Weg, der nach dem Lager führte, und wa⸗ ren dabei aus Furcht vor einem Hinterhalt wohl auf ihrer Hut, als ſie ungefähr eine Viertelſtunde von dem Dorfe Boisneau das Geräuſch von Pferden zu hören glaubten, welche auf ſie zukamen. Sogleich hielten alle Drei ſtille und ſchloßen ſich, die Mitte der Straße behauptend, eng an einander an. Nach einem Augenblick, als der Mond eben unter einer Wolke hervortrat, ſahen ſie wirklich an der Biegung der Straße zwei Reiter, welche, ſobald ſie unſere Freunde erblickten, ebenfalls ſtille hielten und mit ſich zu Rathe zu gehen ſchienen, ob ſie ihren Weg fort⸗ ſetzen oder umkehren ſollten. Dieſes Zögern erregte Ver⸗ dacht bei den Musketieren; Athos rückte einige Schritte vor und rief mit feſter Stimme: „Wer da?“ „Wer da, Ihr ſelbſt?“ erwiederte einer von den Reitern.. „Das iſt keine Antwort!“ ſprach Athos.„Wer da? oder wir feuern.“ „Beſinnt Euch wohl, ehe Ihr dies thut, meine Her⸗ * 108 ren,“ entgegnete eine vibrirende Stimme, welche zu befeh⸗ len gewohnt zu ſein ſchien. „Das iſt ein Oberofficier, der dieſe Nacht ſeine Runde macht,“ ſprach Athos, ſich gegen ſeine Freunde umwendend.„Was wollen wir thun, meine Herren?“ „Wer ſeid Ihr?“ rief dieſelbe Stimme mit demſel⸗ 3 ben befehlenden Tone;„antwortet oder Ihr dürftet Euch ſchlecht bei Euerem Ungehorſam befinden.“ „Musketiere des Königs!“ erwiederte Athos, immer mehr überzeugt, daß der, welcher ſie fragte, auch das Recht hiezu hatte. „Welche Compagnie?“ „Compagnie von Treville.“ „Rückt vor und gebt mir Rechenſchaft, was Ihr zu dieſer Stunde hier zu machen habt.“ Die drei Musketiere rückten etwas verblüfft vor, denn alle drei waren überzeugt, daß ſie es mit einem Mächti⸗ gern zu thun hatten. Man überließ indeſſen Athos die orge das Wort zu führen. Einer von den zwei Reitern war ungefähr zehn chritte von ſeinem Gefährten entfernt; Athos gab Por⸗ hos und Aramis ein Zeichen, ebenfalls zurückzubleiben, und ritt allein vorwärts. m Vergebung, mein Officier,“ ſprach Athos,„aber wir wußten nicht, mit wem wir es zu thun hatten, und Ihr könnt ſehen, wir halten gute Wache.“ uer Name fragte der Officier, der einen Theil ſeines Geſichtes mit dem Mantel verhüllte. hr ſelbſt, mein Herr,“ ſagte Athos, den dieſes Verhör zu emporen anfing,„gebt mir, ich bitte Euch, den Beweis, daß Ihr das Recht habt, mich ſo zu fragen?“ Euer Name?“ wiederholte der Reiter, und ließ den Mantel ſo fallen, daß ſein Geſicht entblößt war. „Der Herr Cardinal!“ rief der Musketier erſtaunt. Name?“ fragte Seine Eminenz zum dritten Male. * 8 antwortete der Musketier. 109 Der Cardinal gab dem Stallmeiſter ein Zeichen und dieſer näherte ſich. „Die drei Musketiere werden uns folgen,“ ſprach er mit leiſer Stimme; man ſoll nicht erfahren, daß ich das Lager verlaſſen habe, und wenn ſie uns folgen, ſind wir ſicher, daß ſie Niemand etwas davon ſagen.“ „Wir ſind Edelleute, Monſeigneur,“ ſprach Athos, „verlangt unſer Ehrenwort und ſeid unbeſorgt. Wir wiſſen, Gott ſei Dank! ein Geheimniß zu bewahren.“ Der Cardinal heftete ſeine durchdringenden Augen auf den kühnen Redner. „Ihr habt ein feines Ohr, Herr Athos,“ ſprach der Cardinal.„Aber nun hört: ich bitte Euch, nicht aus WMißtrauen, ſondern meiner Sicherheit wegen, mir zu folgen. Ohne Zweifel ſind Eure zwei Gefährten die Herren Porthos und Aramis.“ „Ja, Euere Eminenz,“ antwortete Athos, während die zwei zurückgebliebenen Musketiere, den Hut in der Hhand, ſich näherten.. 6„Ich kenne Euch, meine Herren,“ ſagte der Car⸗ dinal,„ich kenne Euch. Ich weiß, daß ich Euch nicht ganz zu meinen Freunden zu zählen habe, und das thut mir leid. Ich weiß aber auch, daß Ihr brave, wackere Edelleute ſeid, und daß man ſich Euch anver⸗ trauen kann. Herr Athos, erweiſt mir die Ehre, mich zu begleiten, Ihr und Eure zwei Freunde, und ich werde dann eine Escorte haben, um welche mich Seine Majeſtät beneiden müßte, wenn wir ihr begegnen würden;“ Die drei Musketiere verbeugten ſich bis auf den Hals ihrer Pferde. „Ei, bei meiner Ehre!“ rief Athos,„Euere Emi⸗ „nenz hat Recht, uns mitzunehmen. Wir ſtießen unter⸗ wegs auf abſcheuliche Geſichter, und hatten ſogar mit vier von dieſen Geſichtern einen Zank im Rothen Tau⸗ . benſchlag. nit welchem ich zu ſchaffen hatte, ihn zum Fenſter hinaus. Es ſcheint,“ fuhr Athos mit 1¹⁰ „Einen Zank! und warum meine Herren?“ ſagte „Ich liebe die Zänkereien nicht, wie Ihr ißt.“ „Gerade deßhalb habe ich die Ehre, Euere Eminenz von dem, was vorgefallen, in Kenntniß zu ſetzen; denn ſie könnte es von Andern erfahren und auf einen falſchen Bericht glauben, wir wären ſchuldig.“ „Und was war das Reſultat dieſes Streites?“ fragte ver Cardinal die Stirne faltend. „Mein Freund Aramis, den Ihr hier ſeht, hat einen kleinen Degenſtich in den Arm bekommen, was ihn jedoch nicht abhalten wird, wie Ihr wohl bemerken möget, mor⸗ gen den Sturm mitzumachen, wenn Euere Eminenz zu dieſem Befehl geben ſollte.“ „Aber Ihr ſeid nicht die Menſchen, die ſich auf dieſe Art Degenſliche geben laſſen?“ ſagte der Cardinal. „Sprecht offen, meine Herren, Ihr habt ſicherlich einige zurückgegeben 2 Beichtet, Ihr wißt, ich habe das Recht, Abſolution zu ertheilen.“ „Ich, gnädiger Herr,“ ſagte Athos,„ich habe nicht einmal den Degen gezogen, aber ich nahm denjenigen, um den Leib und warf einigem Zögern fort,„daß er ſich beim Fallen den Schen⸗ kel gebrochen habt.“ „Ah! ahi“ rief der Cardinal,„und Ihr, Herr Por⸗ thos?“ „ch, Monſeigneur, ergriff, da ich wußte, daß das Duell verboten iſt, eine Bank und verſetzte einem von dieſen Schurken einen Streich, der ihm, glaube ich, die Schulter zerſchmettert hat.“ „Gut,“ ſagte der Cardinal,„und Ihr, Herr Aramis?“ „Ich, Monſeigneur, da ich ein ſehr ſanftes Ge⸗ müth habe und überdies, was Monſeigneur vielleicht nicht weiß, in den geiſtlichen Stand einzutreten im Begriffe bin, wollte meine Kameraden trennen, als 2 2 Feig einer Deg mir und daß durch es ſc fortg Men mach Und wußt ange der Atho der Ehre zur ich e lute wir was Min ſpräe war ſagte Lärn te hr enz enn en 111 einer von dieſen Elenden mir verrätheriſcher Weiſe einen Degenſtich durch den linken Arm beibrachte. Da ging mir die Geduld aus und ich zog meinen Degen ebenfalls, und als er wieder angriff, glaube ich bemerkt zu haben, daß er ſich, indem er ſich auf mich warf, meine Klinge durch den Leib rannte. Ich weiß nur, daß er flel und es ſchien mir, als ob man ihn mit ſeinen zwei Genvoſſen fortgetragen hätte.“ „Teufel, meine Herren!“ ſprach der Cardinal,„drei Menſchen wegen einer Wirthshauszänkerei wehrlos zu machen! Ihr ſcheint mir keine faule Hände zu haben! Und worüber entſpann ſich der Streit2“ „Die Elenden waren berauſcht und wollten, da ſie wußten, daß dieſen Abend eine Frau in der Schenke angekommen war, die Thüre ſprengen.“ „Dieſe Frau war wohl jung und hübſch?“ fragte der Cardinal mit einiger Unruhe. „Wir haben ſie nicht geſehen, Monſeigneur,“ ſagte os. „Ihr habt ſie nicht geſehen? Ah! ſehr gut!“ verſetzte der Cardinal lebhaft.„Ihr habt wohl daran gethan, die Ehre einer Frau zu vertheidigen, und da ich gerade ſelbſt. zur Herberge zum Rothen Taubenſchlag gehe, ſo werde ich erfahren, ob Ihr die Wahrheit geſprochen habt.“ „Monſeigneur,“ ſagte Athos ſtolz,„wir ſind Edel⸗ leute und würden uns keine Lüge erlauben, und wenn wir damit unſer Leben retten könnten.“ „Auch zweifle ich nicht einen Augenblick an dem, was Ihr mir ſagt, Herr Athos, ich zweifle nicht im Mindeſten daran. Doch,“ fügte er bei, um dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung zu geben,„doch dieſe Dame war wohl allein?“ „Sie hatte einen Cavalier bei ſich eingeſchloſſen,“ ſagte Athos,„Da ſich dieſer Cavalier jedoch, trotz des Lärinens, nicht zeigte, ſo läßt ſich annehmen, daß er ein Feiger iſt.“ 112 „Richtet nicht vorlaut, ſagt das Evangelium,“ ent⸗ gegnete der Cardinal. Aramis verbeugte ſich. „Und nun, meine Herren, iſt es gut,“ fuhr Seine Eiinen fort;„ich weiß, was ich wiſſen wollte, folgt mir.“ Die drei Musketiere ritten hinter dem Cardinal, der wieder das Geſicht in ſeinen Mantel hüllte, ſein Pferd in Marſch ſetzte und ſich acht bis zehn Schritte vor ſeinen vier Gefährten hielt. Man gelangte bald zu der einſamen, ſtillen Her⸗ berge. Ohne Zweifel wußte der Wirth, welcher erhabene Beſuch erſcheinen würde, und hatte deßhalb die Läſtigen weggeſchickt. Zehn Schritte von der Thüre entfernt gab der Car⸗ dinal ſeinem Stallmeiſter und den Musketieren ein Zeichen, Halt zu machen. Ein völlig geſatteltes Pferd war an den Laden angebunden. Der Cardinal klopfte dreimal und auf eine beſondere Weiſe. Ein in einen Mantel ge⸗ hüllter Mann trat heraus und wechſelte raſch einige Worte mit dem Cardinal, wonach er zu Pferde ſtieg und ſich in der Richtung von Surgeère, was auch zugleich die Richtung von Paris war, entfernte. „Vorwärts, meine Herren,“ ſprach der Cardinal. „Ihr habt mir die Wahrheit geſagt, meine edlen Herrn,“ fügte er, ſich an die Musketiere wendend, bei, „und es iſt nicht meine Sache, wenn unſer Zuſammen⸗ treffen an dieſem Abend nicht vortheilhaft für Euch aus⸗ fällt. Mittlerweile folgt n Der Cardinal ſtieg ab, die Musketiere thaten das⸗ ſelbe. Der Cardinal warf den Zügel ſeines Pferdes ſeinem Stallmeiſter zu, die drei Musketiere banden den Zügel der ihrigen an die Läden. Der Wirth blieb auf der Schwelle ſeiner Thüre. n war der Cardinal nur ein Offizier, der eine Port — Her ſagt be, ten ſetze meir höch Erd Aus der verm abent Card Dien welch aber Verſt ent⸗ eine olgt der ferd vor er⸗ ene igen ar⸗ hen, mal ge⸗ nige und die 5 len bei, ren⸗ us⸗ as⸗ des den üre. eine 113 „Habt Ihr ein Zimmer im Erdgeſchoße, wo dieſe Herren mich bei einem guten Feuer erwarten können?“ ſagte der Cardinal. Der Wirth öffnete die Thüre einer großen Stu⸗ be, in welcher man eben im Begriffe war, einen ſchlech⸗ ſe Ofen durch einen großen, vortrefflichen Kamin zu er⸗ etzen. „Ich habe dieſe hier,“ ſagte er. „Das iſt gut,“ verſetzte der Cardinal.„Tretet ein, meine Herren und erwartet mich gefälligſt. Ich werde höchſtens eine halbe Stunde ausbleiben.“ Und während die drei Musketiere in die Stuhe im Erdgeſchoße eintraten, ſtieg der Cardinal, ohne weitere Auskunft zu verlangen, die Treppe hinauf, wie ein Menſch, der ſich nicht den Weg zeigen zu laſſen braucht. XII. Von dem Mutzen der Ofenröhren. Offenbar hatten unſere drei Freunde, ohne es zu vermuthen und einzig und gllein durch ihren ritterlichen, abenteuerlichen Charakter ogen, Jemand, den ver Cardinal mit ſeinem beſondern Schutze heehrte, einen Dienſt erwieſen. Wer war nun dieſer Jemand 2 Das war eine Frage, welche die drei Musketiere auch an ſich richteten. Da ſie aber ſahen, daß keine von den Antworten, welche ihr Verſtand zu geben vermochte, genügend war, ſo rief Porthos den Wirth und forderte Würfel. Die drei Musketiere. M. 8 Sendung zurückkommen, mit der Ihr mich beauftragen 114 Porthos und Aramis ſetzten ſich an einen Tiſch und fingen an zu ſpielen; Athos ging nachdenkend auf und ab. Nachdenkend auf und ab gehend kam Athos wieder⸗ holt an einer Ofenröhre vorüber, deren eine Hälfte abge⸗ brochen war, während das andere Ende in ein oberes Zim⸗ mer ging, und ſo oft er vorüber ging, hörte er ein Ge⸗ murmel von Worten, das am Ende ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Athos näherte ſich und unterſchied einige Worte, die ihm ohne Zweifel eine ſo große Theilnahme zu ver⸗ vienen ſchienen, daß er ſeinen zwei Gefährten ein Zeichen gab, ſie mögèn ſchweigen, während er ſein Ohr an die Mündung der Röhre legte. „Hört, Mylady,“ ſprach der Cardinal,„die Sache iſt äußerſt wichtig, ſetzt Euch, wir wollen uns beſprechen.“ „Mylady?“ murmelte Athos. „Ich höre Euere Eminenz mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit,“ antwortete eine Frauenſtimme, welche den Mus⸗ ketier beben machte. „Ein kleines Schiff mit engliſcher Bemannung, deſſen Kapitän mir ergeben iſt, erwartet Euch an der Mündung der Charente, bei dem Fort de la Pointe. Es wird mor⸗ gen unter Segel gehen.“ Ich muß mich alſo noch in dieſer Nacht dahin be⸗ geben?“ In dieſem Augenblick, das heißt, ſobald Ihr meine Iuſtructionen erhalten habt. Zwei Männer, die Ihr bei Eurem Abgange vor der Thüre findet, werden Euch als Geleite dienen. Ihr laßt mich aber zuerſt gehen, und eütfernt Euch eine halbe Stunde nach mir.“ Gut, Monſeigneur. Nun aber wollen wir auf die werdet, und da mir Alles daran gelegen iſt, fortwähren das Vertrauen Eurer Eminenz zu verdienen, ſo ſetzt m gnädigſt in klaren und ſcharfen Worten die Sache au einander, damit ich keinen Irrthum begehe.“ Es herrſchte inen Augenblick tiefes Stillſchweig 6 und ab. der⸗ bge⸗ im⸗ Ge⸗ nkeit orte, ver⸗ chen die ache en erk⸗ Nus⸗ eſſen dung mor⸗ be⸗ neine r bei als und f die ragen hrend mir aus⸗ eigen — 11⁵ unter den Sprechenden, offenbar wog der Cardinal vor⸗ her die Ausdrücke ab, deren er ſich bedienen wollte, und Mylady faßte alle ihre geiſtigen Fähigkeiten zuſammen, um die Dinge, die er ihr ſagen würde, vollſtändig zu begreifen, und wenn ſie geſagt wären, ihrem Gedächtniſſe einzuprägen. Athos benützte dieſen Augenblick, um ſeine Freunde aufzufordern, die Thüre von Innen zu ſchließen und dann zu ihm heranzutreten, um mit ihm zu hören. Die zwei Musketiere, welche die Bequemlichkeit liebten, brachten einen Stuhl für jeden von ihnen und einen weiteren für Athos herbei. Alle drei ſetzten ſich, hielten die Köpfe neben einander und horchten mit ge⸗ ſpanntem Ohre. „Ihr begebt Euch nach London,“ fuhr der Cardinal nun fort.„Seid Ihr in London angekommen, ſo ſucht Ihr Buckingham auf.“ „Ich erlaube mir, Euerer Eminenz zu bemerken,“ ſagte Mylady,„daß ſeit der Geſchichte mit den Diamant⸗ Neſtelſtiften, wegen der mich der Herzog ſtets im Ver⸗ dacht gehabt hat, Seine Herrlichkeit mir mißtraut.“ „Es handelt ſich auch diesmal,“ entgegnete der Car⸗ dinal,„nicht darum, ſein Vertrauen zu gewinnen, ſon⸗ dern ſich ihm auf eine offene und loyale Weiſe als Unter⸗ händlerin zu nähern.“ „Auf eine offene und loyale Weiſe?“ wieverholte Mylady mit einer unbeſchreiblich doppelſinnigen Beto⸗ nung. 8 „Ja, offen und loyal,“ verſetzte der Cardinal mit demſelben Tone,„dieſe ganze Angelegenheit muß offen behandelt werden.“ „Ich werde die Inſtructionen Seiner Eminenz buch⸗ ſtäblich befolgen und ſehe denſelben entgegen.“ „Ihr ſucht Buckingham in meinem Namen auf und ſagt ihm, ich wiſſe von allen Vorbereitungen, die er treffe, aber ich kümmere mich nicht im Geringſten dar⸗ % 116 um, indem ich bei der erſten Bewegung, die er wagen würde, die Königin verderbe.“ „Wird er glauben, daß Eure Eminenz im Stande iſt, dieſe Drohung zu erfüllen?“ „Ja, denn ich habe Beweiſe.“ „Ich muß dieſe Beweiſe ſeiner Prüfung vorlegen können.“ „Allerdings, und Ihr ſagt ihm; erſtens, daß ich den Bericht von Bois⸗Robert und vom Marquis von Beautru über die Zuſammenkunft bekannt mache, die der Herzog mit der Koͤnigin bei der Frau Connetable an demſelben Abend gehabt hat, wo die letztere ein Maskenfeſt gab. Ihr ſagt ihm, damit ihm kein Zweifel übrig bleibt, daß er daſelbſt in dem Coſtume des Groß⸗ moguls erſchienen iſt, das der Chevalier von Guiſe tra⸗ gen ſollte, dem er es um dreitauſend Piſtolen abgekauft hat.“ „Gut, Monſeigneur.“ „Alle Einzelnheiten über ſeinen Ein⸗ und Austritt im Loubre in der Nacht, wo er ſich unter dem Coſtume eines italieniſchen Wahrſagers eingeſchlichen hat, ſind mir be⸗ kannt; Ihr ſagt ihm, damit er nicht an der Aechtheit meiner Nachrichten zweifelt, er habe unter ſeinem Man⸗ tel ein weites, mit ſchwarzen Thränen, Todtenköpfen und Rnochen in Form von Andreaskreuzen heſätes Gewand getragen; denn im Falle der Ueberraſchung ſollte er für das Geſpenſt der weißen Dame gehalten werden, welche, wie Jedermann weiß, im Loupre erſcheint, ſo oft ein grpßes Ereigniß in Erfüllung geht.“ Sſt das Alles, Monſeigneur?“ „Sagt ihm auch, ich wiſſe alle Einzelnheiten von ſeinem Abenteuer in Amiens. Ich werde daraus einen geiſtreich abgefaßten kleinen Ro i —— ————— 117 „Sagt ihm ferner; ich halte Montaigu feſt, Mon⸗ taigu ſei in der Baſtille. Man habe allerdings keinen Brief bei ihm gefunden, aber die Folter könne ihn dazu bringen, Alles zu geſtehen, was er weiß und ſelbſt. das, was er nicht weiß.“ „Vortrefflich!“ „Fügt endlich bei: Seine Herrlichkeit habe bei der Eile, mit der er die Inſel Re verließ, einen gewiſſen Brief von Frau von Chevreuſe liegen laſſen, der die Königin ganz bedeutend compromittire, indem daraus hervorgehe, daß Ihre Majeſtät nicht nur die Feinde des Königs lie⸗ ben könne, ſondern auch mit denen Frankreichs conſpirire. Ihr habt Alles, was ich Euch geſagt, wohl behalten, nicht wahr?“ „Eure Eminenz mag ſelbſt urtheilen: der Ball der Frau Connetable, die Nacht im Louvre, die Abendunter⸗ haltung von Amiens, die Verhaftung von Montaigu, der Brief von Frau von Chevreuſe.“ „So iſt es,“ ſprach der Cardinal,„ſo iſt es. Ihr habt ein ſehr glückliches Gedächtniß, Mylady.“ i „Aber,“ verſetzt diejenige, an welche der Cardinal dieſes Compliment gerichtet hatte,„wenn ſich der Herzog trotz aller dieſer Gründe nicht ergibt- und Frankreich zu bedrohen fortfährt?“ „Der Herzog iſt verliebt, wie ein Narr, oder viel⸗ mehr wie ein Dummkopf,“ erwiederte Richelieu mit tiefer Bitterkeit„Wie die alten Paladine, hat er dieſen Krieg nur unternommen, um einen Blick von ſeiner Schönen zu erlangen. Weiß er, daß dieſer Krieg der Dame ſeiner Gedanken, wie er ſagt, die Ehre und vielleicht die Frei⸗ heit koſten kann, ſo wird er ſich doppelt in Acht nehmen, pafür ſiehe ich Euch.“ „Und dennoch,“ ſagte Mylady mit einer Beharrlich⸗ keit, welche bewies, daß ſie den Auftrag, den man ihr gab, bis an ſein Ende durchſchauen wollte,„und dennoch, 8 wenn er feſt bleibt?“ 118 — „Wenn er feſt bleibt⸗— ſagte der Cardinal. „das iſt nicht wahrſcheinlich.“ „Es iſt möglich,“ entgegnete Mylady. „Wenn er feſt Hleibt.“ Seine Eminenz machte eine Pauſe und ſprach ſodann:„wenn er feſt bleibt, gut! ſo hoffe ich auf eines von den Ereigniſſen, welche die Geſtalt der Staaten verändern.“ „Wenn Seine Eminenz die Güte haben wollte„mir igniſſe anzuführen,“ auf die Zukunft theilen.“ „Nun wohl, zum Beiſpiel,“ antwortete Richelieu, „als im Jahr 1610 wegen einer Urſache, welche der un⸗ gefähr ähnlich iſt, die den Herzog in Bewegung ſetzt, König Heinrich IV., glorreichen Andenkens, zu gleicher Zeit einen Einfall in Flandern und Italten machte, um Oeſterreich von zwei Seiten anzugreifen,— nun, geſchah es da nicht, daß ein Ereigniß Oeſterreich rettete?2 Warum ſollte der König von Frankreich nicht dieſelbe Chance ha⸗ ben, wie der Kaiſer?“ „Euere Eminenz beliebt von dem Meſſerſtiche in der Rue de la Feronnerie zu ſprechen.“ Allerdings,“ ſagte der Cardinal. ürchtet Eure Eminenz nicht, die Ravaillacs werde dieje den Gedanke Hinrichtung nigen zurückſchrecken, welche einen n haben dürften, ſein Beiſpiel nach⸗ Es gibt zu allen Zeiten und in allen Ländern, be⸗ ſonders wenn die Länder durch die Religion getheilt ſind, 4 Fanatiker, deren höchſter Wunſch es iſt, Märthrer zu werden. Halt! in dieſem Augenblick fällt mir ein, daß die Püritaner gegen den Herzog von Buckingham wüthend ſind, und daß ihre Prediger ihn als den Antichriſt be⸗ Zeichnen.“ „Nun 2“ fragte Mylady. „Nun!“ fuhr der Cardinal mit gleichgültiger Miene 1¹9 fort,„es würde ſich für den Augenblick z. B. nur darum handeln, eine hübſche, junge, geſchickte Frau zu finden, die ſich ſelbſt an dem Herzog zu rächen hätte. Eine ſolche ine Frau läßt ſich finden. Der Herzog iſt ein Mann, der bei ſo den Weibern Glück hat, und ſäte er auch viel Liebe durch alt„ ſeine Verſprechungen ewiger Treue aus, ſo mußte er da⸗ f gegen ebenfalls viel Haß durch ſeine ewige Untreue aus⸗ tir ſtreuen.“ „Gewiß,“ ſagte Mylady,„eine ſolche Frau läßt ſich en finden.“ 3 „Gut, eine Frau, welche das Meſſer von Jacques u, Clement oder von Ravaillac einem Fanatiker in die Hände n⸗ zu drücken wüßte, würde Frankreich retten.“ 5„Ja, aber ſie wäre die Mitſchuldige einer Mordthat.“ er„Hat man je die Mitſchuldigen von Ravaillac oder n Jacques Clement kennen gelernt?“ h„Nein, denn ſie waren vielleicht zu hoch geſtellt, als n daß man es hätte wagen ſollen, ſie da zu ſuchen, wo ſie ⸗ 8 ſich befanden. Man würde den Juſtizpalaſt nicht um Alles in der Welt verbrennen, Monſeigneur.“ r„Ihr glaubt alſo, daß der Brand des Juftizpalaſtes einer andern Urſache, als dem Zufall zuzuſchreiben iſt?“ fragte Richelieu in einem Tone, in dem er eine Frage ohne alle Bedeutung geſtellt haben würde. „Ich, Monſeigneur,“ antwortete Mylady,„ich glaube nichts. Ich führe eine Thatſache an, das iſt das Ganze. . Ich ſage nur, wenn ich Mademoiſelle von Montpenſier„ oder Königin Marie von Medicis hieße, würde ich weniger . Vorſichtsmaßregeln nehmen, als jetzt, da ich ganz einfach 5 Lady Winter heiße.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Richelieu.„Was würdet Ihr alſo verlangen?“* „Ich würde einen Befehl verlangen, der Alles das zum Voraus beſtätigte, was ich zur Wohlfahrt Frank⸗ reichs thun zu müſſen glauben würde.“ „Aber vor Allem müßte man die Frau finden, w 120 ich ſie bezeichnet habe, und die ſich an dem Herzog zu rächen hätte.“ „Sie iſt gefunden,“ ſprach Mylaby.— „Dann müßte man den elenden Fanatiker finden, der als Werkzeug für die Gerechtigkeit Gottes dienen würde.“ „Man wird ihn finden.“ „Wohl,“ ſagte der Herzog,„dann wird es Zeit ſein, den Befehl zu fordern, den Ihr ſo eben von mir verlangt habt.“ „Euere Eminenz hat Recht,“ erwiederte Mylady,„und ich habe Unrecht gehabt, in der Sendung, womit ſie mich beehrt, etwas Anderes zu ſehen, als das, was es wirklich iſt, das heißt Seiner Herrlichkeit von Seiten Seiner Emi⸗ nenz zu melden, daß Ihr die verſchiedenen Verkleidungen lungen iſt, Feſtezu nähern; daß Ihr Beweiſe von der von der Königin im Loubre einem gewiſſen Aſtrologen, welcher kein Anderer iſt, als der Herzog von Buchngham, hewilligten Zuſammen⸗ kunft in Händen habt; daß von Euch ein äußerſt geiſt⸗ reicher Roman über das Abenteuer in Amiens mit dem Plane des Gartens„ wo dieſe Geſchichte vorfiel und mit den Porträts der Perſonen, welche dabei eine Rolle ſpielten, beſtellt worden iſt; daß Montaigu ſich in der Baſtille befindet, und daß ihn die Folter bewegen könne, Dinge zu ſagen, deren er ſich erinnert, und ſogar Dinge, die er Lergeſſen hat; endlich, daß Ihr einen gewiſſen Brief von Frau von Chevreuſe beſitzt, der ſich in der Wohnung Seiner Herrlichkeit gefunden hat und nicht nur die Schreiberin deſſelben, ſondern auch diejenige, in deren Namen er eſchrieben worden iſt, bedeutend rompromittirt. Bleibt er deſſenungeachtet feſt, ſo habe ich, da ſich, wie geſagt, mein Auftrag hierauf beſchränkt, — Ce de 12¹ nur Gott zu bitten, er möge ein Wunder zur Reitung Frankreichs thun.“ „So iſt es, nicht wahr, Monſeigneur, und ich habe nichts Anderes zu vollbringen?“ „So iſt es,“ erwiederte der Cardinal trocken. „Und nun,“ ſprach Mylady, ohne daß ſie die Ver⸗ änderung in dem Tone des Cardinals zu bemerken ſchien, „nun, da ich die Inſtruktionen Eurer Eminenz in Bezie⸗ hung an Euere Feinde erhalten habe, ſo wird mir Mon⸗ ſeigneur erlauben, ihm ein paar Worte über die meinigen zu ſagen.“ „Ihr habt alſo Feinde?“ fragte Richelieu. „Ja, Monſeigneur, gegen die Ihr mir Eure Unter⸗ ſtützung ſchulvig ſeid, denn ich habe ſie mir Eurer Emi⸗ nenz Jlenend zugezogen.“ „Und wer find ſie?“ fragte der Cardinal. „Vor Allem eine kleine Intrigantin, Namens Bona⸗ cieur.“ „Sie iſt im Gefängniſſe von Nantes., „Das heißt, ſie war dort,“ entgegnete Mylady; „aber die Königin hat ſich von dem König einen Befehl zu verſchaffen gewußt, mit deſſen Hülfe ſie dieſelbe in ein Kloſter bringen ließ.“ „In ein Kloſter?“ ſagte der Herzog. —„Ja, in ein Kloſter.“ „Und in welches?“ „Ich weiß es nicht; das Geheimniß iſt wohl verwahrt.“ „Ich werde es erfahren.“ „Und Eute Eminenz wird mir ſagen, in welchem Kloſter ſich dieſe Frau befindet?“ Cardinal. „Gut. Nun habe ich noch einen andern Feind, der mir viel furchtbarer iſt, als die kleine Madame Bo⸗ nacieux.“ „Und wen?“ „Ich ſehe nichts Ungeeignetes darin,“ ſprach der 122 „Ihren Liebhaber.“ „Wie heißt er?“ „Oh! Eure Eminenz kennt ihn wohl,“ rief Mylady vom Zorne fortgeriſſen;„es iſt der böſe Genius von uns Beiden. Es iſt derjenige, welcher bei einem Zuſammen⸗ treffen mit den Leibwachen Eurer Eminenz den Sieg zu Gunſten der Musketiere des Königs entſchieden hat; es iſt derjenige, welcher dem Grafen von Wardes, Eurem Emif⸗ ſär, vier Degenſtiche verſetzte und dadurch die Angelegen⸗ heit mit den Neſtelſtiften ſcheitern machte; es iſt der Mann, der mir, weil er weiß, daß ich ihm Madame Bonacieur entführte, den Tod geſchworen hat.“ „Ahl ah!“ ſagte der Cardinal,„ich weiß, von wem Ihr ſprechen wollt.“ 2 „Ich will von dem elenden d'Artagnan ſprechen.“ „Das iſt ein kecker Geſelle,“ rief der Kardinal. „Und gerade, weil er ein kecker Geſelle iſt, hat man ihn um ſo mehr zu fürchten.“ „Man müßte einen Beweis von ſeinem Einverſtänd⸗ niß mit Buckingham haben,“ ſprach der Herzog. „Einen Beweis!“ rief Mylady,„es werden mir zehn zu Gebot ſtehen.“ „Gut, dann iſt es die einfachſte Sache der Welt. Liefert mir dieſen Beweis und ich ſchicke ihn in die Baſtille.“ „Wohl, Monſeigneur, aber hernach?“ „Wenn man in der Baſtille iſt, gibt es keine Her⸗ nach,“ entgegnete der Cardinal mit dumpfer Stimme. „Ah, bei Gott!“ fuhr er fort,„wenn es mir ſo leicht wäre, mich meines Feindes zu ntledigen, als es mir leicht iſt, Euch den Eurigen vom Halſe zu ſchaffen, und wenn Ihr gegen ſolche Leute Strafloſigkeit für mich ver⸗ langtet „Monſeigneur,“ verſetzte Mylady,„Zug um Zug, Leben um Leben, Menſchen um Menſchen: gebt mir dieſen, und ich gebe Euch den andern,“ ady uns len⸗ zu s iſt niſ⸗ en⸗ nn, eur em „Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt,“ erwiederte der Cardinal,„und will es ſogar nicht einmal wiſſenz aber ich hege den Wunſch, Euch angenehm zu ſein, und ich ſehe nichts Ungeeignetes darin, Euch zu gewähren, was Ihr in Beziehung auf ein ſo untergeordnetes Geſchöpf verlangt, um ſo mehr, als dieſer kleine d'Artagnan, wie Ihr mir ſagt, ein lockerer Geſelle, ein Raufbruder, ein Verräther iſt.“ „Ein Schändlicher! Monſeigneur, ein Schändlicher!“ „Gebt mir Dinte, Feder und Papier,“ ſagte der Cardinal. Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein, aus welchem hervorging, daß der Cardinal damit beſchäftigt war, die Ausdrücke zu ſuchen, in denen das Billet ge⸗ ſchrieben werden ſollte, oder es wirklich zu ſchreiben. Athos, der kein Wort von der Unterredung verloren hatte, nahm ſeine zwei Gefährten bei der Hand und führte ſie an das andere Ende der Stube.. „Nun,“ ſagte Porthos,„was willſt Du? und läßt Du uns nicht den Schluß des Geſpräches hören?“ „Stille!“ entgegnete Athos, leiſe redend,„wir haben Alles vernommen, was wir vernehmen mußten; übrigens ich Euch nicht ab, den Reſt zu hören, aber ich muß gehen.“ „Du mußt gehen?“ fragte Porthos.„Aber wenn der Cardinal nach Dir verlangt, was ſollen wir ant⸗ worten?“ „Ihr wartet nicht, bis er nach mir verlangt, Ihr ſagt ihm, ich ſei als Kundſchafter vorausgeritten, weil mich gewiſſe Worte unſeres Wirthes auf den Gedanken gebracht hätten, der Weg wäre nicht ſicher. Ueberdieß werde ich dem Stallmeiſter des Cardinals ein paar Worte zuflüſtern. Das Weitere geht mich an, kümmre Dich nicht darum.“ „Sei klug, Athos,“ ſagte Aramis. 124 „Seid ruhig,“ antwortete Athos,„Ihr wißt, daß ich kaltes Blut habe.“ 4 Porthos und Aramis nahmen wieder Platz bei der † Ofenröhre ein. zwei Athos ging hinaus, ohne ein Geheimniß daraus zu Die machen, nahm ſein Pferd, das mit denen ſeiner zwei nach Freunde an die Läden angebunden war, überzeugte mit bew vier Worten den Stallmeiſter von der Nothwendigkeit einer Vorhut bei der Rückkehr, unterſuchte, ſcheinbar mit großer die Pünktlichkeit, das Zündkraut auf ſeiner Piſtole, nahm den geſa Degen zwiſchen die Zähne und ritt wie ein verlorener berd Poſten auf dem Wege voraus, der nach dem Lager führte. denſ Aus . den folg XIII. „ Ten war Eheliche Sreue. Geh Der Cardinal kam, wie es Athos vorhergeſehen hatte, zu alsbald herab. Er öffnete die Thüre der Stube, in welche fähr die Musketiere eingetreten waren, und fand Porthos, der⸗ Her in einem ſehr hitzigen Würfelſpiele mit Aramis begriffen Rei war. Mit einem Blicke durchforſchte er alle Winkel der ſie Stube und ſah, daß einer von ſeinen Leuten fehlte Gal „Was iſt aus Herrn Athos geworden?“ fragte er. ohne „Monſeigneur,“ antwortete Porthos,„er iſt als Kund⸗„ ſchafter vorausgeritten wegen einiger Worte unſeres Wir⸗ thes, aus denen er entnehmen mußte, der Weg wäre nicht ſicher.“ keit „Und Ihr, was habt Ihr gemacht, Herr Porthos 2“ ſeine „Ich habe Aramis fünf Piſtolen abgenommen 2“. „Und nun könnt Ihr mit mir zurückkehren?“. 3 ihre „Wir ſiehen Euerer Eminenz zu Befehl.“ 5 F zu wei mit ner ßer den ner te. e, he er⸗ en er — v „Zu Pferde alſo, meine Herrn, denn es iſt ſpät.“ Der Stallmeiſter war vor der Thüre und hielt das Pferd des Cardinals am Zügel. Eine Gruppe von zwei Menſchen und drei Pferden erſchien im Schatten. Dieſe zwei Menſchen waren diejenigen, welche Mylady nach dem Fort de la Pointe geleiten und ihre Einſchiffung bewachen ſollten. Der Stallmeiſter beſtätigte dem Cardinal das, was die zwei Musketiere ihm bereits in Beziehung auf Athos geſagt hatten. Der Cardinal machte eine billigende Ge⸗ berde und ſchlug den Rückweg ein, wobei er ſich mit denſelben Vorſichtsmaßregeln umgab, die er bei ſeinem Ausgang genommen hatte. Laſſen wir ihn beſchützt von ſeinem Stallmeiſter und den zwei Musketieren ſeinen Weg nach dem Lager ver⸗ folgen, und kehren wir zu Athos zurück. Eine Zeit lang hatte er ſeinen Marſch in gleichem Tempo fortgeſetzt, aber als er aus dem Geſichte war, warf er ſein Pferd auf die rechte Seite, machte einen Umweg und kehrte auf etwa zwanzig Schritte in das Gehölze zurück, um das Vorüberziehen der kleinen Truppe zu beobachten; als er die eingefaßten Hüte ſeiner Ge⸗ fährten und die goldene Franſe an dem Mantel des Herrn Cardinals erkannte, wartete er, bis ſich die Reiter um die Ecke der Straße wandten, und ſobald er ſie aus dem Geſichte verloren hatte, ſprengte er im Galopp nach dem Wirthshauſe zurück, das man ihm ohne Schwierigkeit oͤffnete. Der Wirth erkannte ihn. „Mein Officier,“ ſprach Athos,„hat vergeſſen, der Dame im erſten Stocke eine Sache von großer Wichtig⸗ keit zu empfehlen, und ich bin von ihm abgeſchickt, um ſeinen Fehler gut zu machen.“ „Geht hinauf,“ ſagte der Wirth,„ſie iſt noch in ihrem Zimmer.“ Athos benützte dieſe Erlaubniß, ſtieg, ſo leicht als 126 er es vermochte, die Treppe hinauf, gelangte auf die in Flur und ſah durch die halb geöffnete Thüre Vyla welche ihren Hut knüpfte. Er trat in das Zimmer ein und verſchloß die Thüre fort hinter ſich. die Athos ſtand an der Thüre in ſeinen Mantel gehüllt, beir ſeinen Hut tief in die Augen gedrückt. die Als Mylady dieſe ſtumme, unbewegliche, einer Statue Leil ähnliche Geſtalt erblickte, wurde ihr bange. „Wer ſeid Ihr und was wollt Ihr?“ rief ſie. 5 „Wahrlich, ſie iſt es,“ murmelte Athos. blie Und er ließ den Mantel fallen, hob den Hut in die Höhe und trat vor Mylady. E „Erkennt Ihr mich, Madame?“ ſprach er. Gr Mylady wich zurück, als hätte ſie eine Schlange Wi erſchaut. nic Wohl, ſagte Athos,„ich ſehe, Ihr erkennt Un mich.“ 6 ac „Der Graf de La Fore!“ murmelte Mylady er⸗ uns bleichend, und wich immer mehr zurück, bis die Wand bee ſie hinderte weiter zu gehen. oſt „Ja, Mylady,“ antwortete Athos,„der Graf de a Före in Perſon, der eigens von der andern Welt„w zurückkommt, um das Vergnügen zu haben, Euch zu ſehen. Setzt Euch und wir wollen uns beſprechen, wie für der Cardinal ſagt.“. Von einem namenloſen Schrecken beherrſcht ſetzte ſich Mylady, ohne eine Silbe zu ſtammeln. erzt „Ihr ſeid ein auf die Erde geſchickter Teufel,“ ſagte„ din Athos,„Euere Macht iſt groß, ich weiß es, aber Ihr„ wißt auch, daß die Menſchen oft mit Gottes Hülfe die furchtbarſten Teufel beſiegt haben. Ihr habt Euch ſchon einmal auf meinem Wege gezeigt, ich glaubte Euch ni⸗ dergeſchmettert zu haben, aber wenn mich nicht Alles trüßt, hat Euch die Hölle wiedererweckt.“ Bei vieſen Worten, welche gräßliche Erinnerungen die % hüre üllt, atue die 127 in ihr zurückriefen, ließ Mylady mit einem dumpfen Geufzer das Haupt ſinken. Ja, die Hölle hat Euch wiedererweckt,“ fuhr Athos fort,„die Hölle hat Euch einen andern Namen gegeben, die Hölle hat Euch reich gemacht, die Hölle hat Euch beinahe ein neues Geſicht verliehen, aber ſie hat weder die Flecken Euerer Seele, noch die Brandmarkung Eueres Leibes getilgt.“ Mylady ſtand auf, als ob ſie von einer Feder ge⸗ hoben würde, und ihre Augen ſchleuderten Blitze. Athos blieb ſitzen. „Ihr hieltet mich für todt, nicht wahr, wie ich Euch für todt hielt, und der Name Athos hatte den Grafen de La Fere verborgen, wie der Name Mylady Winter Anna Lon Breuil verbarg? Ranntel Ihr Euch nicht ſo, als Euer ehrenwerther Bruder unſere Ehe ſchloß 2 Unſere Stellung iſt in der That ſeltſam,“ fuhr Athos lachend fort,„wir lebten bis jetzt beide nur, weil wir uns für todt hielten, und weil eine Erinnerung weniger beengt, als ein lebendes Weſen, obgleich eine Frinnerung oft eine verzehrende Sache iſt.“ „Sprecht,“ ſagte Mylady mit dumpfer Stimme, „wer führt Euch zu mir, und was wollt Ihr von mir?“ „Ich will Euch ſagen, daß ich Euch, obgleich unſichtbar für Euere Augen, nicht aus dem Geſichte verloren habe!“ „Ihr wißt, was ich gethan?“ „Ich kann Euch Euere Handlungen Tag für Tag erzählen, ſeit Euerem Eintritt in den Dienſt des Car⸗ dinals bis zu dieſem Abend.“ Ein ungläubiges Lächeln zog an den bleichen Lippen von Mylady hin. „Hoͤrt! Ihr habt die zwei Diamant⸗Neſtelſtifte von der Schulter des Herzogs von Buckingham geſchnitten;— Ihr habt Madame Bonacieur entführen laſſen;— Ihr habt, in den Grafen von Wardes verliebt und im Glauben dieſen zu empfangen, dArtagnan Euete Thüre geöffnetz 2 WMylady mit dumpfer Stimmez„Herr d'Artagnan muß 128 run — Ihr wolltet Wardes, weil Ihr glaubtet, er habe Euch 5 betrogen, durch ſeinen Nebenbuhler tödten laſſen;— Ih 6 f wolltet, als dieſer Nebenbuhler Euer ſchmachwolles Ge⸗ ſet heimniß entdeckt hatte, ihn ebenfalls durch Meuchler, die Ihr ihm nachſchicktet, ermorden laſſen;— Ihr habt, als 3 Ihr ſahet, daß die Kugeln den Mann verfehlten, vergif⸗ teten Wein mit einem falſchen Briefe geſchickt, um Eue⸗ es rem Opfer glauben zu machen, er käme von ſeinen der Freunden;— Ihr habt endlich in dieſem Zimmer auf W dem Stuhle ſitzend, auf dem ich jetzt ſitze, vorhin gegen als den Cardinal die Verbindlichkeit übernommen, den Her⸗ zog von Buckingham ermorden zu laſſen, und zwar im der Austauſch für das Verſprechen, das er Euch leiſtete, byr d'Artagnan zum Tode zu befördern.“ WMylady war leichenblaß. „Ihr ſeid alſo Satan in eigener Perſon?“ ſagte ſie. „Vielleicht,“ erwiederte Athos,„doch hört; ermordet den Herzog von Buckingham oder laßt ihn ermorden, 6 pie daran iſt mir wenig gelegen, ich kenne ihn nicht und ha überdies iſt er ein Feind Frankreichs; aber krümmt nicht Hi ein einziges Haar von d'Artagnan, denn er iſt ein treuer Freund, den ich liebe und vertheidige, oder ich ſchwöre ei Euch bei dem Haupte meines Vaters, das Verbrechen, De welches Ihr zu begehen verſucht oder begangen habt, iſt Euer letztes.“ Herr dArtagnan hat mich grauſam verletzt,“ ſagte ſterben.“ „In der That, iſt es möglich, Euch zu verletzen Madame?“ ſprach Athos lachend;„er hat Euch verletz und muß ſterben!“ „Er muß ſterben!“ verſetzte Mylady.„Er zuerſt und ſie hernach.“ Athos war wie von einem Schwindel befallen 5 der Anblick dieſes Geſchöpfes, das nichts mehr mi dem Weibe gemein hatte, erweckte gräßliche Erin . Eu Ihr Ge⸗ die als rgif⸗ Eue⸗ einen auf egen Her⸗ ſtete, ſie. rdet den, und nicht euer vöre hen, i agte muß tzen, letzt terſt len; mit 129 rungen in ihm; er bedachte, daß er ſie ſchon einmal in einer viel weniger gefährlichen Lage ſeiner Ehre hatte opfern wollen; ſeine Mordluſt kehrte glühend zurück und bemächtigte ſich ſeiner mit der Gewalt eines Fiebers. Er erhob ſich ebenfalls, fuhr mit der Hand nach dem Gür⸗ tel, zog eine Piſtole herbor und ſpannte ſie. Bleich wie eine Leiche, wollte Mylady ſchreien, aber es drang über ihre vereiſte Zunge nur ein rauher Ton, dem Röcheln eines wilden Thieres ähnlich; an die düſtere Wand gedrückt, erſchien ſie mit ihren aufgelöſten Haaren als das ſchauderhafte Bild des Schreckens. Athos hob kangſam die Piſtole in die Höhe, ſtreckte den Arm ſo aus, daß das Gewehr beinahe die Stirne von Mylady berührte, und ſprach dann mit einer Stimme, die um ſo furchtbarer klang, als die erha⸗ bene Ruhe eines unbeugſamen Entſchluſſes daraus her⸗ vortrat. „Madame, Ihr werdet auf der Stelle das Pa⸗ pier herausgeben, das Euch der Cardinal unterzeichnet hat, oder bei meiner Seele, ich zerſchmettere Euch die Hirnſchale.“ Bei einem anderen Manne würde Mylady vielleicht ein Zweifel übrig geblieben ſein, aber ſie kannte Athos. Dennoch blieb ſie unbeweglich. „Ihr habt eine Sekunde, um Euch zu entſcheiden,“ rief er. Mylady ſah an dem Zuſammenziehen ſeines Geſich⸗ tes, daß der Schuß losgehen ſollte; ſie fuhr raſch mit der Hand an ihre Bruſt, zog ein Papier hervor und reichte es Athos mit den Worten; „Nehmt und ſeid verflucht!“ Athos nahm das Papier, ſteitte die Piſtole wieder in ſeinen Gürtel, näherte ſich der Lampe, um ſich zu über⸗ zeugen, duß es gewiß das geforderte Papier wäre, ent⸗ faltete es und las:— Die drei Misketiere. W. 6 9 130 „Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Träger dieſes gethan, was er gethan hat.“ D. 3. Auguſt 1628.„Richelieu.“ „Und nun,“ ſprach Athos, indem er ſeinen Mantel wieder nahm und den Hut auf den Kopf ſetzte,„und nun, da ich Dir die Zähne ausgeriſſen habe, beiß', wenn Du kannſt.“— Hierauf verließ er das Zimmer, ohne ſich nur um⸗ zuſchauen. Vor der Thüre fand er die zwei Männer und das Pferd, das ſie an der Hand hielten. „Meine Herren,“ ſagte er,„Monſeigneur befiehlt, wie Ihr wißt, dieſe Frau ohne Zeitverluſt nach dem Fort de la Pointe zu führen und ſie nicht eher zu verlaſſen, als bis ſie an Bord iſt.“ Da dieſe Worte wirklich mit dem Befehl, den ſie erhalten hatten, übereinſtimmten, ſo verbeugten ſie ſich ₰ leicht zum Zeichen der Beſtätigung. Athos ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte im Galopp davon. Doch ſtatt der Straße zu folgen, ritt er quer durch das Feld, trieb ſein Pferd kräftig mit den Sporen an und hielt von Zeit zu Zeit ſtille, um zu horchen. Bei einem von ſeinen Halten vernahm er auf der Straße den Tritt von mehreren Pferden. Er zweifelte nicht daran, daß es der Cardinal mit ſeiner Escorte wäre. Sogleich ſprengte er noch eine Strecke voraus, ſtieg dann raſch ab, rieb ſein Pferd mit Heidekraut und Baumblättern, ſprang wieder in den Sattel und ſtellte ſich auf der Straße ungefähr zweihundert Schritte von dem Lager auf.— „Wer da!“ rief er von ferne, als er der Reiter an⸗ ſichtig wurde. „Das iſt, glaube ich, unſer braver Musketier,“ ſagte der Cardinal. a, Monſeigneur,“ erwiederte Athos, er iſt es. err Athes, ſprach Richelieu,„empfangt meinen Dank) daß Ihr uns o gut Wache gehalten habt. Mein ————— Herren, wir ſind an Ort und Stelle, reitet durch das Thor links; das Loſungswort iſt: der König und Re“ Nach dieſen Worten grüßte der Cardinal die drei Freunde mit dem Kopfe und ritt, gefolgt von ſeinem Stallmeiſter, nach rechts, denn dieſe Nacht ſchlief er ſelbſt im Lager. „Nun, wie ſteht es?“ fragten Porthos und Aramis, als der Cardinal außer dem Bereiche ihrer Stimmen war, „hat er das von ihr geſorderte Papier unterzeichnet?“ „Allerdings,“ antwortete Athos ruhig,„ich habe es hier.“ Und die drei Freunde wechſelten keine Silbe mehr bis zu ihrem Quartiere, und ſagten nur den Wachen das Loſungswort. Man ließ nun Planchet durch Mousqueton ſagen, ſein Herr werde gebeten, wenn er von der Laufgraben⸗ Wache abkomme, ſich ſogleich nach der Wohnung der Musketiere zu begeben. Mylady machte, wie es Athos vorhergeſehen hatte, keine Schwierigkeit, den Männern zu folgen, als ſie dieſelben vor der Thüre erblickte; wohl hatte ſie einen Augenblick Luſt, ſich zu dem Cardinal zurückführen zu laſſen und ihm Alles zu erzählen, aber eine Enthüllung von ihrer Seite führte eine Enthüllung von Seiten Athos herbeiz ſie würde wohl ſagen, Athos habe ſie gehängt, aber Athos würde ſagen, ſie wäre gebrandmarkt; ſie dachte alſo, es wäre das Klügſte zu ſchweigen, in der Stille abzureiſen, mit ihrer gewöhnlichen Gewandtheit die Sendung zu erfüllen, die ſie übernommen hatte, und wenn Alles zur Zufriedenheit des Cardinals vollzogen wäre, Rache von ihm zu fordern. Nachdem ſie die ganze Nacht gereiſt war, langte ſie um ſieben Uhr Morgens im Forte de la Pointe an; um acht Uhr war ſie an Bord und um neun Uhr lichtete das Schiff die Anker und ſegelte nach England. XIV. Pie Paſtei aint Gervais. Als d»Artagnan bei den drei Freunden eintraf, fand er ſie in demſelben Zimmer verſammelt. Athos dachte 6 nach, Porthos kräuſelte ſeinen Schnurrbart, Aramis betete aus einem reizenden, in blauen Sammet gebundenen, kleinen Buch. „Bei Gott!“ ſagte er,„meine Herren, ich hoffe, vaß ſich das, was Ihr mir ſagen wollt, wohl der Mühe loh⸗ nen wird, ſonſt könnte ich Euch nicht verzeihen, daß Ihr mich veranlaßt habt, allein die Mauern einer Baſtei nie⸗ . verzureißen! Ahl daß Ihr nicht dabei waret, es ging 33 hübſch warm zu.“ „Wir befanden uns anderswo, wo es auch nicht kalt war,“ antwortete Porthos, während er ſeinem Schnurr⸗ bart eine ihm eigenthümliche Biegung verlieh. 0 „Stille!“ ſagte Athos. „Oh! oh!“ rief dArtagnan, der das leichte Runzeln der Stirne des Musketiers wohl verſtand,„es ſcheint Neuigkeiten zu geben.“ „Aramis,“ ſprach Athos,„ich glaube, Du haſt vor⸗ geſtern in der Herberge zum Parpaillot*) gefrühſtückt; wie ißt man dort?“ „Ich war für meine Perſon ſehr ſchlecht verſorgt; vorgeſtern war Faſttag und ſie hatten nur Fleiſchſpeiſen.“ Wie!“ rief Athos,„in einem Seehafen haben ſie keine Fiſche?“ „Sie ſagen,“ antwortete Aramis, und wandte ſich wieder zu ſeiner frommen Lecture,„ſie ſagen, der Damm, den der Herr Cardinal bauen laſſe, vertreibe ſie in vas offene Meer.“. „Das iſt es nicht, was ich von Euch wiſſen wollte, Gin wrächtlicher Beiname für die Galbiniſten⸗ W 133 Aramis,“ entgegnete Athos,„ich wollte Euch fragen, ob Ihr ohne Zwang geweſen, ob Euch Niemand geſtör abe.“ „Es ſcheint mir, wir hatten nicht zu viele läſtige Gäſte. Ja, in Beziehung auf das, was Ihr wiſſen wollt, Athos, werden wir uns ziemlich wohl beim Par⸗ paillot befinden.“ „Alſo auf, zum Parpaillot,“ ſprach Athos,„denn hier ſind die Wände wie Papierblätter.“ D'Artagnan, der an die Handlungsweiſe ſeines Freundes gewöhnt war, und an einem Worte, an einem Zeichen, an einer Geberde von ihm erkannte, wenn es ſich um eine Angelegenheit von Bedeutung handelte, nahm den Arm von Athos und entfernte ſich mit ihm, ohne ein Wort zu ſagen. Porthos folgte mit Aramis plaudernd. Auf dem Wege begegnete man Grimaud. Athos machte ihm ein Zeichen mitzugehen. Grimaud gehorchte ſeiner Gewohnheit gemäß ſtillſchweigend. Der arme Burſche hatte am Ende beinahe das Sprechen verlernt. Man gelangte in die Trinkſtube zum Parpaillot. Es war ſieben Uhr Morgens und es wurde eben Dag. Die vier Freunde beſtellten ein Frühſtück und traten in eine Stube ein, wo ſie nach der Ausſage des Wirthes nicht geſtört werden würden. Zum Unglück war die Stunde zu einer Berathung ſchlecht gewählt. Man hatte gerade Tagwache geſchlagen⸗ Jeder ſchüttelte den Schlaf von den Gliedern und nahm, um die feuchte Luft zu vertreiben, in der Trinkſtube einen Schluck zu ſich; Dragoner, Schweizer, Garden, Muske⸗ tiere, Chevaulegers folgten ſich ſo raſch, daß ſich der Wirth gut dabei ſtehen mußte, aber den Abſichten der vier Freunde entſprach dies keineswegs. Sie erwiederten auch die Grüße, Toaſte und Späſſe ihrer Genoſſen auf eine ſehr verdrießliche Weiſe.. „Wir werden uns hiedurch einen Streit zuziehen,“ 134 ſprach Athos,„und wir brauchen dies gegenwärtig nicht. D'Artagnan erzählt uns von Eurer Racht; wir erzählen Euch die unſere nachher.“ „In der That,“ ſprach ein Chevauleger, der ſich hin⸗ und herwiegte und langſam etwas Branntwein aus einem Glaſe, das er in der Hand hielt, koſtete,„in der That, Ihr waret auf der Laufgraben⸗Wache, mein Herr Garde, und es ſcheint mir, Ihr hattet einen Strauß mit den Rochellern auszufechten.“ D'Artagnan ſchaute Athos an, als wollte er ihn fragen, öb er dem Eindringling antworten ſollte, der ſich in das Geſpräch miſchte. „Nun,“ ſagte Athos,„hörſt Du nicht, daß Herr von Buſigny Dir die Ehre erweiſt, das Wort an Dich zu richten? Erzähle, was vorgefallen iſt, da es dieſe Herren zu wiſſen wünſchen.“ „Haht Ihr nicht eine Baſtei genommen?“ fragte ein Schweizer, der Rum aus einem Bierglaſe trank. „Ja, Herr,“ antwortete dArtagnan ſich verbeugend, „wir haben dieſe Ehre gehabt; wir haben ſogar, wie Ihr hören konntet, unter eine von den Ecken ein Fäßchen Pulver gebracht, das beim Aufſpringen eine hübſche Breſche machte, abgeſehen davon, daß der übrige Theil des Baues, infoferne die Baſtei nicht von geſtern war, gewaltig erſchättert wurde.“ „Welche Baſtei iſt es?“ fragte ein Dragoner, der an ſeinem Säbel eine Gans geſpießt hielt, die er herbei brachte, um ſie braten zu laſſen. „Die Baſtei Saint Gerpais,“ antwortete dAr⸗ tagnan,„aus der die Rocheller unſere Arbeiter beun⸗ ruhigten.“ und die Affaire war hitzig?“ 3 „Gewiß. Wir haben fünf Mann, die Rocheller acht bis zehn verloren.“ „Balzembleu!“ rief der Schweizer, der trotz der bewunderungswürdigen Sammlung von Schwüren, welche . e n e 1 die deutſche Sprache beſitzt, die Gewohnheit franzöfiſch zu ſchwören angenommen hatte. „Doch es iſt wahrſcheinlich,“ ſagte der Chevauleger, „daß ſie dieſen Morgen Pionniere abſchicken werden, um die Baſtei wieder in Stand zu ſetzen.“ „Ja, das iſt wahrſcheinlich,“ bemerkte d'Artagnan. „Meine Herren,“ ſagte Athos,„eine Wette!. 4 „Ah, ja, eine Wette!“ rief der Schweizer. „Welche?“ fragte der Chevauleger. „Wartet,“ ſprach der Dragoner und legte ſeinen Säbel wie einen Spieß über die zwei großen Feuerböcke im Kamin.„Unglückswirth! eine Bratpfanne, ſogleich, daß ich keinen Tropfen von dem Fette dieſes achtungs⸗ werthen Vogels verliere.“ „Er hat Recht,“ ſagte der Schweizer,„Gänſefett iſt ſehr gut bei Eingemachtem „So,“ rief der Dragoner,„nun, Euere Wette. Laßt hören, Herr Athos.“ „Ja, die Wette,“ wiederholte der Chevauleger. „Wohl, Herr von Buſigny, ich wette mit Euch,“ antwortete Athos,„daß meine drei Gefährten, die Herren Porthos, Aramis, dArtagnan und ich in der Baſtei Saint Gervais frühſtücken und uns daſelbſt eine Stunde lang, die Uhr in der Hand, aufhalten, was der Feind auch thun mag, um uns zu vertreiben.“ Porthos und Aramis ſchauten ſich anz ſie fingen an zu begreifen. „Aber, Freund,“ ſprach d'Artagnan, ſich an das Ohr von Athos beugend,„Du willſt uns ohne Barm⸗ herzigkeit tödten laſſen.“ „Wir werden viel eher getödtet,“ antwortete Athos, wenn wir nicht dahin gehen.“ „Ah, meiner Treue, meine Herren,“ ſprach Porthos, ſich auf dem Stuhle umdrehend und ſeinen Schnurrbart kräuſelnd,„das iſt hoffentlich eine ſchöne Wette!“ „Ich nehme ſie auch an,“ erwiederte Herr von 136 Buſigny.„Nun handelt es ſich nur noch darum, den 6 Einſatz zu beſtimmen.“ „Ihr ſeid zu vier, meine Herren, ſagte Athos,„wir n Grimaud begriff ſoglch, daß es ſich um ein Früh⸗ 1 ſtück im Freien handelte, nahm den Korb, packte das Fleiſch ein, legte die Flaſchen dazu und hob den Korb ₰ ſopann auf ſeinen Arm. 3 h b ſind auch zu vier, ein Mittagsbrod nach Belieben für 3 acht Perſonen, iſt das Euch genehm 1 1„Vortrefflich,“ verſetzte Herr von Bufigny.„ 8 „Vollkommen,“ ſprach der Dragoner. A 8„Es ſei ſo,“ ſagte der Schweizer. Si5 Der vierte Zuhoͤrer, der bei dem ganzen Geſpräche b eeeeine ſtumme Rolle geſpielt hatte, machte ein Zeichen mit dem Kopfe zum Beweiſe, daß er dem Vorſchlage beitrat. 2 33„Das Frühſtück dieſer Herren iſt bereit,“ rief der 6 Wirth. 3„Gut, ſo bringt es,“ ſagte Athos. 2 Der Wirth gehorchte; Athos winkte Grimaud herbei, zeigte ihin einen großen Korb, der in einer Ecke ſtand, 5 und befahl ihm durch eine Geberde, das aufgetragene 3 Fleiſchwerk in Servietten zu hüllen. ₰ „Aber wo wollt Ihr mein Frühſtück verzehren?“ ſagte der Wirth. „Was iſt Euch daran gelegen,“ erwiederte Athos, „wenn man Euch nur bezahlt?“ Und er warf majeſtätiſch zwei Piſtolen auf den 3 „Muß ich herausgeben, mein Herr Offizier?“ fragte„ der Wirth. „Nein, fügt nur zwei Bouteillen Champagner bei, s Uebrige iſt für die Servietten.“ Wirth machte kein ſo gutes Geſchäft, als er eglaubt hatte. Aber er entſchädigte ſich da⸗ den vier Gäſten zwei Flaſchen Anjon⸗Wein ſchen Champagner gab⸗ 137 „ „Herr von Buſigny,“ ſagte Athos,„wollt Ihr die Güte haben, Eure Uhr nach der meinigen zu richten, oder mir erlauben, die meinige nach der Eurigen zu regeln?“ „Sehr wohl, mein Herr,“ ſprach der Chevauleger, und zog eine ſehr ſchöne, mit Diamanten eingefaßte Uhr aus ſeiner Taſche,„ich habe halb acht Uhr.“ „Sieben Uhr fünfunddreißig Minuten,“ entgegnete Athos.„Wir wiſſen alſo, daß meine Uhr um fünf Mi⸗ nuten voraus geht.“ Die jungen Leute grüßten die Umſtehenden, welche im höchſten Maße erſtaunt waren, und ſchlugen den Weg nach der Baſtei Saint Gervais ein, gefolgt von Grimaud, der den Korb trug, ohne zu wiſſen, wohin er ging, aber auch bei dem leidenden Gehorſam, an den er ſich gewöhnt hatte, nicht dachte, darnach zu fragen. So lange ſie noch inner des Lagers waren, wechſelten die vier Freunde kein Wort; es folgten ihnen viele Neugierige, welche von der eingegangenen Wette wußten, und ſehen wollten, wie ſie ſich herausziehen würden. Aber ſobald ſie die Umſchanzungslinie hinter ſich hatten und ſich in freier Luft befanden, glaubte dArtagnan, der durchaus nicht wußte, wovon es ſich handelte, es wäre Zeit, ſich eine Aufklärung zu er⸗ bitten. „Und nun, mein lieber Athos,“ ſprach er,„er⸗ zeigt mir die Freundſchaft, mir zu erklären, wohin wir gehen?“ „Ihr ſeht es wohl,“ antwortete Athos,„wir gehen in die Baſtei.“ „Aber was machen wir dort?“ „Ihr wißt es wohl, wir frühſtücken vaſelbſt.“ „Aber warum frühſtücken wir nicht beim Parpaillot?“ „Weil wir uns ſehr wichtige Dinge zu ſagen ha⸗ ben, und weil es unmöglich wäre, in dieſem Wirths⸗ hauſe zu ſprechen, bei allen den Ueberläſtigen, die dort 138 kommen, grüßen, plaudern. Hier,“ fuhr Athos, auf die Baſtei deutend, fort,„hier wird man uns wenigſtens 5 nicht ſtoren.“ „Es ſcheint mir,“ ſprach d'Artagnan mit der Klug⸗ d heit, die ſich ſo gut und auf eine natürliche Weiſe bei ihm mit einem außerordentlichen Muth verband,„es ſcheint„ mir, wir hätten einen verborgenen Ort auf den Dünen ſt am Ufer des Meeres finden können.“ n „Wo man geſehen hätte, wie wir vier uns mit ein⸗ ander beſprachen, ſo daß nach Verlauf einer Viertelſtunde 1 der Cardinal durch ſeine Spivne benachrichtigt geweſen wäre, wir berathſchlagten uns.“„ „Ja,“ ſagte Aramis,„Athos hat Recht; Animad- vertuntur in desertis.“ „Eine Wüſte wägnicht übel geweſen,“ ſprach Por⸗ thos,„aber wie ſie finden können?“ „Es gibt keine e, wo nicht ein Vogel über das Haupt hinfliegen, ein Fiſch über das Waſſer ſpringen 6 oder ein Haſe aus ſeinkEm Lager laufen kann, und ich glaube, Vogel, Fiſch, Haſe, Alles hat ſich zum Spion des Cardinals gemacht. Es iſt alſo beſſer, wir verfolgen unſer Unternehmen, vor dem wir übrigens ohne Schmach nicht mehr zurückweichen können. Wir haben eine Wette eingegangen, eine Wette, welche nicht vorhergeſehen wer⸗ den konnte, und deren wahre Urſache, das weiß ich ge⸗ wiß, Niemand zu errathen vermag. Um zu gewinnen, halten wir eine Stunde in der Baſtei aus. Entweder werden wir angegriffen oder wir werden nicht angegriffen. Wenn nicht, ſo gewinnen wir hinreichend Zeit, uns zu beſprechen, und Niemand wird uns hören, denn ich ſtehe dafür, daß die Mauern dieſer Baſtei keine Ohren haben⸗ Greift man uns an, ſo beſprechen wir unſere Ange⸗ legenheiten dennoch, und bedecken wir uns durch unſere Vertheidigung mit Ruhm. Ihr ſehet, daß Alles zu un⸗ ſerem Vortheil iſt.“ f i e n 139 „Eil“ rief dArtagnan,„wir werden ſicherlich eine Kugel erwiſchen.“ „Ja, mein Lieber,“ erwiederte Athos,„Ihr wißt, daß die am meiſten zu fürchtenden Kugeln nicht die vom Feinde ſind.“ „Aber mir ſcheint, für ein ſolches Unternehmen,“ ſprach Porthos,„hätten wir wenigſtens unſere Musketen mitnehmen ſollen.“ „Ihr ſeid ein Thor, Freund Porthos, warum ſich mit einer unnützen Bürde belaſten?“ „Ich finde eine gute Muskete mit zwölf Patronen und dem Pulverſack, dem Feinde gegenüber, nicht unnütz.“ „Wie,“ ſprach Athos,„habt Ihr nicht gehört, was d»Artagnan geſagt hat?“ „Was hat er geſagt?“ fragte Porthos. „DArtagnan hat erzählt, Angriffe in dieſer Nacht wären acht bis zehn Franzoſen und eben ſo viele Rocheller getödtet worde.“ „Weiter?“ „Man hat nicht Zeit gehabt, ſie zu plündern, nicht wahr? inſoferne man für den Augenblick etwas Eiligeres zu thun hatte?“ „Nun?“ „Nun, wir werden ihre Musketen, ihre Pulverſäcke und ihre Patronen finden, und ſtatt vier Musketen und zwölf Kugeln haben wir fünfzehn Gewehre, und koͤnnen wohl hundert Schüſſe thun.“ „Oh! Athos,“ rief Aramis,„Du biſt in der That ein großer Mann!“ Porthos verbeugte ſich zum 6 der Beipflichtung. DArtagnan allein ſchien nicht völlig überzeugt. Wahrſcheinlich theilte Grimaud die Zweifel des jungen Mannes, denn als er ſah, daß man fortwährend der Baſtei zumarſchirte, was er bis jetzt noch nicht geglaubt atte, zog er ſeinen Herrn an dem Rockſ oße. „Wohin gehen wir?“ fragte er mit einer Geberde. Athos deutete auf die Baſtei. „Aber,“ ſprach der ſtillſchweigende Grimaud, ſiets in demſelben Dialekte,„aber wir werden unſere Haut dort laſſen.“ „ 1. ⸗ Athos hob die Augen und den Finger zum Himmel 8 vo empor. be Grimaud ſtellte ſeinen Korb auf die Erde und ſetzte ſich den Kopf ſchüttelnd nieder. be Athos nahm eine Piſtole aus ſeinem Gürtel, ſchaute, T ob ſie mit Zündkraut verſehen wäre, ſpannte und hielt zu den Lauf Grimaud an das Ohr. di Grimaud war auf den Beinen, als ob ihn eine Feder di empor geſchnellt hätte. . Athos hieß ihn d ein Zeichen den Korb nehmen ſa und vorausgehen. gehorchte. ſi 6 Der arme Burſche hatte bei dieſer Pantomime von einem Augenblick durchaus nicht mehr gewonnen, als daß ₰ G er von der Nachhut zur Vorhut gekommen war. Als die vier Freunde die Baſtei erreichten, wandten ſie ſich um. Mehr als vierhundert Soldaten von allen Waffen waren an einem Thore des Lagers verſammelt, und man konnte in einer getrennten Gruppe Herrn von Buſignh, den Dragoner, den Schweizer und den vierten cheilnehmer an der Wette unterſcheiden. Achos nahm ſeinen Hut ab, ſteckte ihn an das Ende ſeines Degens und ſchwenkte ihn in der Luft. Alle Zuſchauer gaben ihm den Gruß zurück und be⸗ gleiteten dieſe Höflichkeit mit einem Hurrah, das bis zu ihnen drang.— Hienach verſchwanden alle vier in der Baſtei, wohin ihnen Grimaud porausgegangen war. XV. Ver Bath der Musketiere Die Baſtei war, wie dies Athos vorhergeſehen, nur von einem Dutzend Todter, ſowohl Franzoſen, als Rocheller beſetzt. Herren,“ ſprach Athos, der das Commando bei dieſem Zug übernommen hatte,„während Grim aud die Tafel zurichtet, fangen wir an, die Gewehre und Patronen zu ſammeln. Wir können übrigens ſprechen, ſo lange wir dieſes Geſchäft beſorgen, denn dieſe Herren,“ fügte er auf die Todten deutend bei,„hören uns nicht.“ „Wir könnten ſie immerhin in die Gräben werfen,“ ſagte Porthos,„nachdem wir uns zuvor verſichert, daß ſie nichts in den Taſchen haben.“ „Allerdings,“ verſetzte Athos,„aber das iſt das ₰ Geſchäft von Grimaud.“ „Wohl,“ ſprach d'Artagnan,„ſo mag ſie Grimaud hernach durchſuchen und in die Gräben werfen.“ „Das ſei ferne von uns,“ rief Athos,„ſie können uns nützlich ſein.“ „Dieſe Todten könnten uns nützlich ſein?“ fragte Porthos,„ei, Du wirſt ein Narr, mein lieber Freund.“ „Urtheilt nicht vorlaut, ſagen das Evangelium und der Herr Cardinal,“ antwortete Athos.„Wie viele Flinten, meine Herren?“ 3„Zwölf,“ antwortete Aramis. „Wie viel Schüſſe zu feuern?“ „Etwa hundert.“ 6 „Das iſt ſo viel, als wir bäuchenz laden wir die Gewehre.“ Die vier Musketiere machten ſich an die Arbeit, Als ſie das letzte Gewehr geladen hatten, veutete Grimaud mit einem Zeichen an, das Frühſtück ſei bereit Achos antwortete, ſiets mit einer Gebe 5 142 6 zu d gut, und zeigte Grimaud eine Art von Niſche. Dieſer laſſe begriff, daß er darin Wache halten ſollte. Um ihm je⸗ doch das Aergerliche ſeiner Trennung etwas zu verſüßen, erlaubte ihm Athos ein Brod, zwei Kalbsrippchen und eine Flaſche Wein mitzunehmen. Sch Mnd nun zu Tiſche,“ ſprach Athos. 4 Ath Die vier Freunde ſetzten ſich auf die Erde, die Beine gla gekreuzt, wie Türken oder wie Schneider. vei „Doch jetzt,“ ſagte dArtagnan,„jetzt, da Du nicht ein mehr gehört zu werden befürchten mußt, wirſt Du uns dur hoffentlich Dein Geheimniß mittheilen?“ M „Ich hoffe Euch zugleich Vergnügen und Ruhm zu ac verſchaffen, meine Herren,“ antwortete Athos.„Ich habe vo Euch einen reizenden Spaziergang machen laſſen. Hier iſt ein äußerſt ſchmackhaftes Fruhſtück und dort unten d ſtehen fünfhundert ie wie Ihr durch die Schieß⸗ ſcharten ſehen könnt, die uns für Narren oder für Helden do zwei Claſſen von Schwachköpfen, die ſich ziemlich 1 eichen.“* 8„Aber das Geheimniß?“ ſagte d'Artagnan. „Das Geheimniß,“ erwiederte Athos,„beſieht darin, d daß ich geſtern Abend Mylady geſehen habe.“ e DArtagnan ſetzte eben ſein Glas an die Lippen, 2 aber bei dem Namen Mylady zitterte ſeine Hand ſo ſehr, daß er es auf den Boden ſtellte, um den Inhalt nicht zu verſchütten. „Du haſt Deine Fr„ „Stille,“ unterbrach ihn Athos.„Ihr vergeßt, mein Lieber, daß dieſe Herren nicht wie Ihr in das Geheimniß meiner häuslichen Angelegenheiten eingeweiht ſind. ch habe Myhlady geſehen.“ „Und wo dies 2“ fragte d'Artagnan. „Ungefähr zwei Meilen von hier, in der Herberge zum Rothen Tanbenſchlag.“ 3 „Dann bin ich verloren!“ rief dArtagnan. „Rein, noch nicht ganz,“ verſetzte Athos,„denn 143 zu dieſer Stunde muß ſie die Küſte von Frankreich ver⸗ laſſen haben.“ DArtagnan athmete. „Aber wer iſt denn dieſe Mylady?“ fragte Porthos. „Eine reizende Frau„ erwiederte Athos, ein Glas Schaumwein koſtend.„Canaille von einem Wirth!“ rief Athos,„der uns Anjou⸗Wein für Champagner gibt und glaubt, wir laſſen uns hintergehen! Ja,“ fuhr er fort, „eine reizende Frau, der unſer Freund d'Artagnan irgend einen ſchikimen Streich geſpielt hat, für den ſie ſich da⸗ durch zu rächen ſuchte, vaß ſie ihn vor einem Monat mit Musketenſchüſſen tödten laſſen wollte, daß ſie ihn vor acht Tagen zu vergiften trachtete und daß ſie geſtern ſich vom Cardinal ſeinen Kopf erbat.“ „Wie! vom Cardinal meinen Kopf erbat?“ rief dArtagnan bleich vor Schrecken. „Gewiß!“ ſprach Porthos,„das iſt ſo wahr wie das Evangelium; ich habe es mit meinen eigenen zwei Ohren gehört.“ „Ich ebenfalls,“ fügte Aramis bei. „Dann,“ verſetzte dArtagnan und ließ entmuthigt die Arme ſinken,„dann iſt es unnütz, länger zu kämpfen; es iſt beſſer, ich zerſchmettere mir die Hirnſchale und Alles iſt vorbei.“ „Das iſt die letzte Dummheit, die man zu machen hat,“ ſprach Athos,„inſofern es die einzige iſt, für die es kein Gegenmittel gibt.“ „Aber bei ſolchen Feinden werde ich nie entkommen 30 erwiederte d'Artagnan.„Zuerſt meinen Unbekannten von Meung; ſodann Herrn von Wardes, dem ich vier Degen⸗ ſtiche beigebracht habe; ferner Mylady, deren Geheimniß ich entdeckte, und endlich den Cardinal, deſſen Rache ich ſcheitern gemacht habe.“ „Gut,“ ſprach Athos,„Alles das macht zuſam⸗ men nur vier, einer gegen einen, bei Gott! Wenn wir den Zeichen glauben dürfen, die uns Grimaud 144 macht, ſo werden wir es mit einer viel größeren An⸗ zahl von Menſchen zu thun haben. Was gibt es, Gri⸗ des Gewichts der Umſtände, erlaube Euch zu ſprechen; doch ich bitte Eu aßt Eu kurz. Was ſeht Ihr?“ 2 6 „Eine Truppe! „Von wie viel Perſonen?“ „Von zwanzig Menſchen.“ „Was für Menſchen 2“ 4 „Sechszehn Gefangene, vier Solbaten.“ „Auf wie viel Schritte ſind ſie von uns entfernt?“ 1„Auf fünfhundert Schritte.“ *„Gut, wir haben noch Zeit, dieſes Huhn vollends zu verzehren und ein Glas Wein zu trinken. Auf Deine 3 Geſundheit, d'Artagnan!“ „Auf Deine Ge eit!“ wiederholten Porthos und Aramis. „Wohl denn, auf meine Geſundheit, obgleich ich nicht glaube, daß mich Eure Wünſche viel nützen werden.“ *„Bah!“ rief Athos,„Gott iſt groß, wie die An⸗ hänger Mahomeds ſagen, und die Zukunft liegt in ſeinen Händen.“ Nachdem Athos ſein Glas geleert hatte, ſtand er leichgultig auf, nahm das nächſte, beſte Gewehr und äherte ſich einer Schießſcharte.. Porthos, Aramis und dArtagnan thaten daſſelbe. Grimaud erhielt Befehl, ſich hinter die vier Freunde zu ellen, um die Gewehre wieder zu laden. Bald ſah man die Truppe erſcheinen; ſie folgte einem ſchlauchartigen Laufgraben, der eine Verbindung zwiſchen der Baſtei und der Stadt bildete. „Bei Gott!“ ſprach Athos,„es war wohl der Wiühe werth, unſer Mahl wegen zwanzig ſolcher, mit Kar guen und Schaufeln bewaffneter Schufte zu unter Grimand hätte ihnen nur durch ein 5 An⸗ ri⸗ ube uch Die drei Musketiere. U. 145 Zeichen bedeuten dürfen, ſie ſollen gehen, und ich bin überzeugt, ſie würden uns in Ruhe gelaſſen haben.“ „Ich bezweifle es,“ ſprach d»Artagnan,„dent ſie rücken ſehr entſchloſſen heran. Uebrigens ſind bei den Arbeitern vier mit Musketen bewaffnete Soldaten ind ein Brigadier.“ „Weil ſie uns nicht geſehen haben,“ entgegnete Athos. „Meiner Treue,“ ſagte Aramis,„es widerſtrebt mir, auf dieſe armen Teufel von Bürgersleuten zu ſchießen.“ „Ein ſchlechter Prieſter,“ rief Porthos,„der mit Ketzern Mitleid hat.“ „In der That,“ ſagte Athos,„Aramis hat Recht, und ich will ſie warnen.“ „Was Teufels macht Ihr denn?“ entgegnete d Ar⸗ tagnan.„Ihr wollt Euch, ſcheint es, niederſchießen laſ⸗ ſen, mein Lieber.“ Aber Athos hörte nicht auf dieſen Rath, ſondern ſtieg auf die Breſche, wandte ſich, ſein Gewehr in der einen, den Hut in der andern Hand, höflich grüßend an die Soldaten und Arbeiter, welche erſtaunt über dieſe Erſcheinung ungefähr fünfzig Schritte vor der Baſtei ſtehen blieben, und rief: „Meine Herren, einige Freunde und ich ſitzen hier in dieſer Baſtei beim Frühſtück. Ihr wißt aber wohl, wie unangenehm es iſt, geſtört zu werden, wenn man frühſtückt: wir bitten Euch alſo, wenn Ihr unerläßliche Geſchäfte hier habt, entweder zu warten, bis wir unſer Mahl vollendet haben, oder ſpäter wieder zu kommen, wenn Ihr nicht, was das Heilſamſte wäre, Luſt habt, die Partei der Re⸗ bellen zu verlaſſen und mit uns auf die Geſundheit des Königs von Frankreich zu trinken.“ „Nimm Dich in Acht, Athos,“ ſagte dArtagnan, „ſiehſt Du nicht, daß ſie auf Dich anlegen?“ „Allerdings,“ erwiederte Athos,„aber es ſind Bürger, 146 die ſehr ſchlecht ſchießen und ſich nicht darum kümmern, ob ſie mich treffen.“ Es wurden in der That in demſelben Augenblick vier Flintenſchüſſe abgefeuert, und die Kugeln ſchlugen um Athos her an die Mauern, aber keine traf ihn. Bier Schüſſe antworteten ihnen beinahe in derſelben ₰ Sekunde, aber unſere Freunde hatten beſſer gezielt, als die Angreifenden: drei Soldaten ſtürzten maustodt nieder und ein Arbeiter war verwundet. „Grimaud, eine andere Muskete,“ ſagte Athos, im⸗ mer noch auf der Breſche ſtehend. Grimaud gehorchte ſogleich. Die drei Freunde hatten ihre Gewehre ſelbſt wieder geladen, der Brigadier und zwei Pionniere wurden todt zu Boden geſtreckt, der Reſt der Truppe ergriff die Flucht. „Auf! meine Herren, einen Ausfall,“ rief Athos. Und die vier Freunde ſtürzten aus dem Fort hervor, gelangten bis zum Schlachtfeld, rafften die vier Musketen„ der Soldaten und die Halbpieke des Brigadier auf, und„ zogen ſich, überzeugt, die Fliehenden würden erſt in der Stadt ſtille halten, mit ihren Siegestrophäen in die Ba⸗ ſtei zurück.. „Lade unſere Gewehre wieder, Grimaud,“ ſprach* Athos,„und wir, meine Herren, wollen zu unſerem Früh⸗ ſtück zurückkehren und unſer Geſpräch fortſetzen⸗ Wo waren wir?“ „Ich erinnere mich,“ antwortete dArtagnan,„Du ſagteſt, Mylady habe Frankreich verlaſſen, nachdem ſie meinen Kopf von dem Cardinal verlangt hatte.“. wohi geht ſi fügte dArtagnan bei, 6 Mylady's Reiſeplan ſehr in Anſpruch zu nehmen „Sie geht nach England,“ erwiederte Athos. welcher Abſicht?“ der Abſicht, Buckingham zu ermorden pder er —,— 6. — — — ier im en ls der m⸗ ten ind keſt er das wohl begreifen, dArtagnan dieſer Fau eine 147 „Aber das iſt ganz heillos,“ rief dArtagnan Lolt Staunen und Entrüſtung. „Oh! was das betrifft,“ entgegnete Athos,„darum kümmere ich mich nicht viel. Nun, da Du fertig biſt, Grimaud,“ fuhr Athos fort,„nimm die Halbpieke unſeres Brigadier, binde eine Serviette daran und pflanze ſie dann auf unſerer Baſtei auf, damit dieſe rebelliſchen Rocheller ſehen, daß ſie es mit braven und loyalen Soldaten des Königs zu thun haben.“ Grimaud gehorchte, ohne zu antworten, und einen Augenblick nachher wehte eine weiße Fahne über dem Haupte der vier Freunde. Freudengeſchrei und donnernder Beifall begrüßten ihre Erſcheinung. Die Hälfte des Lagers war an den Barrieren. „Wie,“ verſetzte d'Artagnan,„Du kümmerſt Dich wenig darum, ob ſie Buckingham ermordet oder ermorden läßt? Der Herzog iſt unſer Freund.“ „Der Herzog iſt Engländer, der Herzog kämpft gegen uns, ſie mag alſo mit ihm machen, was ſie will, ich kümmere mich ebenſo wenig darum, als um eine leere Flaſche.“. Und bei dieſen Worten ſchleuderte Rthos eine Flaſche, deren Inhalt er bis auf den letzten Bluis⸗ tropfen in ſein Glas gegoſſen hatte, zwanzig Schritie von ſich. „Einen Augenblick—“ ſagte d»Artagnan,„ich gebe b Herzog nicht ſo raſch auf, er ſchenkte uns ſehr ſchöne erde.“ „Und beſonders ſehr ſchöne Sättel,“ ſprach Porthos, der die Galone des ſeinigen an ſeinem Mantel trug. „Auch will Gott die Bekehrung und nicht den Tod des Sünders,“ ſagte Aramis.— „Amen!“ ſprach Athos,„und wir werden ſpäter hierauf zurückkommen, wenn es Euch beliebt. Doch ich war am meiſten darauf bedacht— und Du wirſt Art von Blankett abzunehmen, das ſie dem Cardinal ausgepreßt hatte, und mit deſſen Hülfe ſie ſich unge⸗ ſtraft Deiner und vielleicht unſerer Perſonen entledigen konnte.“ Aber das iſt doch ein wahrer Teufel, dieſes Geſchopf!“ ſprach Porthos und reichte Aramis, welcher Geflügel zerlegte, ſeine Serviette. „Und dieſes Blankett,“ fragte d'Artagnan,„dieſes Blankett blieb in ihren Händen?“ „Nein, es ging in die meinigen über. Wenn ich ſagen würde, es wäre dies ohne Mühe geſchehen, ſo müßte ich lügen.“ „Mein lieber Athos,“ ſprach d'Artagnan,„ich zähle nicht mehr, wie oft Ihr mir das Leben gerettet abt.“ „Alſo um zu ihr zurückzukehren, haſt Du uns ver⸗ laſſen?“ fragte Aramis. „Allerdings.“ „Und Du beſitzeſt den Brief des Cardinals?“ ſagte d'Artagnan. „Hier iſt er,“ antwortete Athos. Und er zog das koſtbare Papier aus der Taſche ſei⸗ ner Kaſake hervor. ₰ DArtagnan entfaltete es mit einer Hand, deren Zittern er nicht einmal zu verbergen ſuchte, und las: „Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates t der Träger dieſes gethan, was er gethan hat. Den 3. Auguſt 1628. Richelieu.“ In der That,“ ſagte Aramis,„das iſt eine Abſo⸗ lution nach allen Regeln.“ „Man muß dieſes Papier vernichten,“ ſprach dAr⸗ tagnan, der ſein Todesurtheil zu leſen ſchien. „Ganz im Gegentheil,“ erwiederte Athos,„man es ſorgfältig aufbewahren, und ich würde dieſes ier nicht hergeben, wenn man es mit Goldſtücken be⸗ — 149 „Und was wird ſie nun wohl thun?“ fragte der junge Mann. „Wahrſcheinlich,“ antwortete Athos,„wahrſcheinlich wird ſie dem Cardinal ſchreiben, ein verdammter Muske⸗ tier, Namens Athos, habe ihr mit Gewalt ihren Geleits⸗ brief entriſſen. Sie wird ihm in demſelben Briefe en Rath geben, ſich zu gleicher Zeit ſeiner, ſo wie ſeiner zwei Freunde, Porthos und Aramis, zu entlidigen Der Cardinal wird ſich erinnern, daß es dieſelben Menſchen ſind, denen er immer auf ſeinen Wegen begegnet. Dann wird er an einem ſchönen Morgen d'Artagnan verhaften laſſen, und damit er ſich ganz allein nicht zu ſehr lang⸗ weilt, uns, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, in die Ba⸗ ſtille ſchicken.“ „Ei, den Teufel!“ rief Porthos,„es ſcheint mir, Du machſt da ſehr ſchlechte Späſſe, mein Lieber?“ „Ich ſpaſſe nicht,“ ſagte Athos. „Weißt Du,“ verſetzte Porthos,„daß es eine gerin⸗ gere Sünde wäre, dieſer verdammten Mylady den Hals umzudrehen, als ihn dieſen armen Teufeln von Hugenot⸗ ten umzudrehen, welche nie ein anderes Verbrechen be⸗ gangen haben, als daß ſie die Pſalmen franzöſiſch ſingen, die wir lateiniſch ſingen.“ „Was ſagt der Abbé dazu?“ fragte Athos ruhig. „Ich ſage, daß ich der Meinung von Porthos bin,“ antwortete Aramis. „Und ich ebenfalls,“ ſprach d'Artagnan. „Zum Glücke iſt ſie ferne von hier,“ verſetzte Porthos, „denn ich geſtehe, ſie würde mich hier ſehr beengen.“ „Sie beengt mich in England eben ſo ſehr, als in Frankreich,“ ſagte Athos. „Sie beengt mich überall,“ ſprach dArtagnan. „Aber da Du ſie in Deinen Händen hatteſt, rief Porthos,„warum haſt Du ſie nicht ertränkt, erdroſſelt, aufgehenkt?,„ Nur die Todten kommen nicht wieder 150 „Ihr glaubt das?“ erwiederte der Musketier mii ei⸗ nem düſtern Lächeln, das d'Artagnan allein verſtand. „Ich habe einen Gedanken,“ ſprach d'Artagnan. „Laß hören,“ ſagten die Musketiere. „Zu den Waffen!“ ſchrie Grimaud. Die jungen Leute ſprangen raſch auf und liefen nach ihren Gewehren. Es rückte eine kleine Truppe, aus zwanzig bis fünf⸗ undzwanzig Mann beſtehend, heran. Aber dießmal waren 3 es nicht mehr Arbeiter, ſondern Soldaten der Garniſon. „Wenn wir in das Lager zurückkehrten,“ ſprach Par⸗ thos.„Es ſcheint mir, die Partie iſt ungleich.“ „Unmöglich aus drei Gründen,“ antwortete Athos. „Erſtens haben wir unſer Frühſtück noch nicht vollendet, zweitens haben wir uns noch wichtige Dinge zu ſagen, drittens fehlen noch zehn Minuten, his die Stunde abge⸗ laufen iſt.“ „Wohl,“ ſagte Aramis,„wir müſſen jedoch einen Schlachtplan feſtſtellen.“ „Das iſt ganz einfach,“ ſagte Athos;„ſobald der Feind in Schußweite kommt, geben wir Feuer. Rückt er weiter vor, ſo geben wir abermals Feuer; wir feuern, ſo lange wir geladene Gewehre haben; wenn das, was ſo⸗ dann von der Truppe übrig bleibt, Sturm laufen will, ſo laſſen wir die Belagernden bis in den Graben heran⸗ ſteigen und werfen ihnen ſodann einen Flügel von dieſer Mauer, welche nur noch durch ein Wunder Gleichgewicht hält, auf den Kopf.“ „Bravo,“ ſagte Porthos,„Du biſt entſchieden zum General geboren, Athos, und der Cardinal, der ſich für einen großen Kriegsmann hält, iſt offenbar ſehr wenig im ergleiche mit Dir.“ ine Herren,“ ſprach Athos,„nicht auf zwei Sei⸗ meinigen,“ ſagte dArtagnan⸗ ich bitte. Nehmt jeder Euern Mann auf 151 „Und ich den meinigen,“ ſagte Porthos. „Und ich ebenfalls, ſagte Aramis. „Gebt Feuer!“ ſagte Athos. Die vier Flintenſchüſſe machten nur einen Knall und vier Soldaten ſtürzten zu Boden. Sogleich ſchlug der Tambour und die kleine Trüppe rückte im Sturmſchritt vor. Dann folgten ſich die Schüſſe unregelmäßig, aber mit der größten Genauigkeit gezielt; doch die Rocheller rückten, als hätten ſie die numeriſche Schwäche der Feinde gekannt, ſtets im Geſchwindſchritt vor. Bei drei Schüſſen fielen immer zwei Mann; deſſen⸗ ungeachtet wurde der Marſch der Uebrigbleibenven nicht langſamer. Am Fuße der Baſtei angelangt, waren die Feinde noch zwölf bis fünfzehn Mann ſtark. Eine letzte Ladung empfing ſie, hielt dieſelben aber nicht auf. Sie ſprangen in den Graben und ſchickten ſich an, die Breſche zu erſteigen. „Auf, meine Freunde, rief Athos,„endigen wir mit einem Schlage. Zur Mauer! zur Mauer!“ Und von Grimaud unterſtützt, ſtemmten ſich die vier Freunde mit dem Laufe ihrer Flinten an einen enormen Mauerflügel, der ſich neigte, als ob ihn der Sturmwind faßte, und, ſich von ſeiner Baſe ablöſend, mit furchtbarem Geräuſch in den Graben ſtürzte. Dann vernahm man ein gewaltiges Geſchrei, eine Staubwolke ſtieg zum Himmel auf und Alles war vorbei. „Sollten wir ſie vom Erſten bis zum Letzten zer⸗ ſchmettert haben?“ ſagte Athos. „Meine Treu', es ſieht ſo aus,“ erwiederte dAr⸗ tagnan. „Nein,“ ſagte Porthos,„ſeht dort zwei oder drei, welche ſich hinkend fortzuſchleppen ſuchen.“ Drei oder vier von den Unglücklichen ſlohen wirklich, mit Koth und Blut bedeckt, in den Hohlweg, und erreich⸗ 152 ten die Stadt. Das war Alles, was von der Truppe übrig blieb. Athos ſchaute auf ſeine Uhr. „Meine Herren, wir ſind nun eine Stunde hier, und die Wette iſt gewonnen. Aber man muß ſchön ſpielen, und dArtagnan hat uns überdieß ſeinen Gedanken noch nicht geſagt.“ Nach dieſen Worten ſetzte ſich der Musketier mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Kaltblütigkeit zu den Ueberreſten des Frühſtücks. „Ihr wollt meinen Plan kennen lernen?“ ſprach d'Artagnan zu ſeinen drei Gefährten, als ſie nach dem Angriffe, der eine ſo traurige Entwickelung für die kleine der Rocheller gehabt hatte, wieder beim Frühſtück aßen. „Ja,“ antwortete Athos, Ihr ſagtet, Ihr hättet einen Gedanken.“ „Richtig, ich habe es nun wieder,“ rief dArtagnan. „Ich reiſe zum zweiten Mre nach England, ſuche Herrn von Buckingham auf und benachrichtige ihn von dem Com⸗ plotte, das gegen ihn geſponnen wird.“ h werdet vas nicht thun, dArtagnan,“ ſprach os kalt. warum nicht? Habe ich es nicht bereits ge⸗ than?“ 5 Ja, aber damals waren wir nicht im Kriege begrif⸗ fen, und Herr von Buckingham war zu jener Zeit ein Verbündeter von uns und kein Feind. Was Ihr thun wollt, würde man als einen Verrath tariren.“ nen begriff das Gewicht dieſes Urtheils und ſchwieg. „Aber es ſcheint mir, ich habe ebenfalls einen Ge⸗ vanken,“ ſprach Porthos. den Gedanken von Herrn Porthos,“ ſagte ramis. ———— e— „Ich verlange einen Urlaub von Herrn von Tre⸗ ville unter irgend einem Vorwande, den Ihr ſinden wer⸗ det, denn ich bin nicht ſo ſehr ſtark in Vorwänden. My⸗ lady kennt mich nicht. Ich nähere mich ihr, ohne daß ſie mich fürchtet, und wenn ich meine Schöne treffe, er⸗ droſſele ich ſie.“ „Ei,“ ſagte Athos,„ich bin nicht abgeneigt, dem Gedanken von Porthos beizupflichten.“ „Pfui,“ ſprach Aramis,„eine Frau umbringen! Halt! ich habe den wahren Gedanken.“ „Laßt ihn hören, Aramis,“ erwiederte Athos, wel⸗ 5 cher große Achtung für den jungen Musketier hegte. 3„Man müßte die Koͤnigin in Kenntniß ſetzen.“ „Ah, meiner Treue, ja,“ ſprachen zu gleicher Zeit Porthos und d'Artagnan,„ich glaube, wir haben ein Mittel gefunden.“ „Die Königin in Kenntniß ſetzen?“ fragte Athos, „und wie dies? Haben wir Verbindungen bei Hofe? Können wir Jemand nach Pariß ſchicken, ohne daß man es im Lager erfährt? Von hier nach Paris ſind es hun⸗ dert und vierzig Meilen; unſer Brief hat noch nicht An⸗ gers erreicht und wir ſitzen bereits im Gefängniſſe.“ „Was die Aufgabe betrifft, Ihrer Majeſtät einen Brief ſicher zuzuſtellen,“ ſagte Aramis erröthend,„ſo übernehme ich dies. Ich kenne in Tours eine geſchickte Piſen Aramis hielt inne, als er Athos lächeln ſah. „Nun, Athos? Ihr nehmt dieſes Mittel nicht an?“ fragte d'Artagnan. „Ich weiſe es nicht gänzlich zurück,“ antwortete Athos;„aber ich wollte Aramis nur bemerken, daß er das Lager nicht verlaſſen kann, daß jeder Andere, als Einer von uns, nicht ſicher iſt; daß zwei Stunden, nach⸗ dem der Bote abgegangen, alle Kapuziner, alle Alguazils, alle Schwarzmützen des Cardinals Euren Brief auswen⸗ 1— 5 — ——— 154 dig kennen, und daß man Euch, Euch und Eure geſchickte Perſonen, verhaften wird.“. „Abgeſehen davon,“ ſprach Porthos,„daß die Köni⸗ gin Herrn von Buckingham, aber keineswegs uns retten wird.“ „Meine Herren,“ ſagte d'Artagnan,„was Porthos einwendet,, iſt ſehr vernünftig.“ „Ah ah! was geht in der Stadt vor?“ rief Athos. „Man ſchlägt Generalmarſch.“ Die vier Freunde horchten und der Lärm der Trom⸗ meln drang wirklich bis zu ihnen. „Ihr werdet ſehen, daß man ein ganzes Regiment ſchickt,“ ſagte Athos. „Ihr hofft doch nicht gegen ein ganzes Regiment Stand zu halten,“ ſprach Porthvs. „Warum nicht?“ erwiederte der Musketier.„Ich fühle mich jetzt im Zuge, und würde vor einer ganzen Armee Stand halten, Henn wir nur ſo vorſichtig gewe⸗ ſen wären, ein Dutzend Flaſchen mehr mitzunehmen.“ „Bei meinem Ehrenwort, der Trommler nähert ſich,“ ſagte d'Artagnan. 3„Laßt ihn ſich nähern!“ rief Athos.„Es iſt eine Viertelſtunde Wegs von hier nach der Stadt, und folg⸗ lich auch von der Stadt hieher. Das iſt mehr Zeit, als wir brauchen, um unſern Plan feſtzuſtellen. Wenn wir von hier weggehen, finden wir nie mehr einen ſo paſſen⸗ den Ort. Und halt, gerade jetzt kommt mir der wahre Gedanke.“ „Sprecht alſo!“ „Erlaubt mir, daß ich Grimaud einige unerläßliche Befehle gebe.“ Athos machte ſeinem Bedienten ein Zeichen, ſich zu nähern. „Grimaud,“ ſprach Athos, auf die Todten veu⸗ tend, die in der Baſtei lagen,„Du nimmſt dieſe — — 3— —— d e⸗ ne g⸗ s ir n⸗ re he zu u⸗ ſe — hen,“ ſagte Athos.„Er iſt es, ven wir von dem, 155⁵ Herren, ſtellſt ſie an die Mauer, ſetzeſt ihnen ihre Hüt auf den Kopf und gibſt ihnen ihre Flinten in die Hand.“ 3 15 großer Mann!“ rief d'Artagnan,„ich verſtehe „Ihr verſteht?“ fragte Porthos. „Und Du, verſtehſt Du Grimaud?“ ſagte Athos. Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Mehr braucht es nicht,“ ſprach Athos.„Kommen wir auf meinen Gedanken zurück.“ „Ich wünſchte jedoch zu begreifen,“ ſprach Porthos. „Das iſt unnoͤthig!“ „Ja, ja, den Gedanken von Athos!“ riefen zugleich d'Artagnan und Aramis. „Dieſe Mylady, dieſe Frau, dieſes Geſchöpf, dieſer Teufel, hat, wie Ihr mir, glaube ich, ſagtet, einen Schwager, d'Artagnan?“ „Ja, ich kenne ihn genau, und ich bin überzeugt, er keine große Sympathie für ſeine Schwägerin egt.“ „Das iſt nicht ſchlimm,“ antwortete Athos,„und es wäre ſogar das Beſte, er würde ſie haſſen und verab⸗ ſcheuen.“ „In dieſem Falle ſind wir nach Wünſchen bedient.“ „Indeſſen möchte ich doch einſehen,“ ſprach Porthos, „was Grimaud macht.“ „Stille, Porthos,“ ſagte Aramis. „Wie heißt dieſer Schwager?“ „Lord Winter.“ „Wo hält er ſich gegenwärtig auf?“ „Er iſt bei dem erſten Kriegslärm nach Londun zu⸗ rückgekehrt.“ „Nun, das iſt gerade der Mann, den wir brau⸗ was vorgeht, in Kenntniß ſetzen müſſen. Wir laſſen ihn wiſſen, daß ſeine Schwägerin im Begriffe iſt, emand zu ermorden, und bitten ihn, ſie 156 dem Geſichte zu verlieren. Es gibt in London hoffentlich Anſtalten nach Art der Madelonetten oder der Reuerin⸗ nen. Er läßt ſeine Schwägerin dahin bringen und wir ſind ruhig.“ „Ja,“ ſagte dArtagnan, bis ſie wieder heraus iſt.“ „Ah, meiner Treue, Ihr verlangt zu viel, d'Artag⸗ nan,“ ſagte Athos,„ich habe Euch Alles gegeben, wes ich beſaß, und leugne nicht, daß Ihr meinem Sacke auf den Grund gekommen ſeid.“ „Ich meines Theils denke, es iſt das Beſte,“ ſprach Aramis,„wir ſetzen zugleich die Königin und Lord Win⸗ ter in Kenntniß.“ „Ja, aber durch wen laſſen wir den Brief nach Tours, und den Brief nach London tragen?“ „Ich ſtehe für Bazin,“ ſagte Aramis. „Und ich für Planchet,“ fügte dArtagnan bei. „In der That,“ ſprach Porthos,„wenn wir das La⸗ ger nicht verlaſſen können, ſo können es doch wenigſtens unſere Lackeien verlaſſen.“ „Allerdings,“ bemerkte Aramis,„noch heute ſchrei⸗ ben wir die Briefe, geben ihnen Geld und ſie gehen ab.“ „Wir geben ihnen Geld?“ fragte Athos.„Ihr habt alſo Geld?“ DDie vier Freunde ſchauten ſich an, und eine Wolke zog über ihre Stirnen hin. „Geſchwinde!“ rief dArtagnan.„Ich ſehe ſchwarze Punkte und rothe Punkte, die ſich da unten bewegen. Was ſpracht Ihr von einem Regiment, Athos? Es iſt ein wahres Heer.“ „In der That, da kommen ſie. Seht, die Duck⸗ mäuſer! Sie rücken ohne Trommel und Trompete heran. Biſt Du fertig, Grimand?“ Grimaud machte ein bejahendes Zeichen und deu⸗ tete auf ein Dutzend Todte, die er in den pittoreske⸗ ſten Stellungen gufgepflanzt hatte. Die Einen hat⸗ ten ihre Gewehre Heſchultert, die Andern ſahen aus, . „ 157 als ſchlügen ſie an, wieder Andere hielten den Degen in der Fauſt. „Bravo!“ rief Athos,„das macht Deiner Einbil⸗ dungskraft Ehre!“ „Das iſt ganz gleichgültig,“ ſagte Porthos,„ich möchte jedoch einſehen.“ „Machen wir uns vorerſt aus dem Staube,“ er⸗ wiederte d'Artagnan. „Einen Augenblick, meine Herren, einen Augenblick, gönnen wir Grimaud Zeit, abzutragen.“ „Ah,“ ſagte Aramis,„ſeht die ſchwarzen Punkte und die rothen Punkte werden ſichtbar größer, und ich bin der Meinung von d'Artagnan, Ich glaube, daß wir keine Zeit zu verlieren haben, um das Lager wieder zu erreichen.“ „Meiner Treue,“ ſprach Athos,„ich habe nichts gegen den Rückzug einzuwenden. Wir haben auf eine Stunde gewettet, und ſind anderthalb Stunden geblieben. Das iſt mehr als genug. Vorkärts, meine Herren!“ Grimaud war ſchon mit dem Korbe vorausge⸗ gangen. Die vier Freunde gingen hinter ihm hinaus und machten etwa zehn Schritte, als ihnen Athos zurief: „Meine Herren! was machen wir?“ „Haſt Du etwas vergeſſen?“ fragte Aramis. „Die Fahne! Mord und Teufel! Man darf keine Fahne in den Händen des Feindes laſſen, ſelbſt wenn es eine Serviette iſt.“ Und Athos ſtürzte in die Baſtei, erſtieg die Platt⸗ form und nahm die Fahne ab. Als aber die Rocheller in Schußweite gelangt waren, eroͤffneten ſie ein furcht⸗ bares Feuer auf dieſen Mann, der ſich gleichſam zum Vergnügen den Schüſſen auszuſetzen ſchien. Doch man hätte glauben ſollen, Athos würde durch einen Zauber beſchützt; die Kugeln flogen ziſchend um ihn her, keine einzige berührte ſine Perſon. ——— 158 Athos ſchwang ſeine Fahne, indem er den Leuten on der Stadt den Rücken zukehrte und die im Lager begrüßte. von der einen Seite ein Geſchrei der Wuth, von der an⸗ dern ein Geſchrei der Begeiſterung. Eine zweite Ladung folgte der erſten, und drei Ku⸗ geln durchlöcherten die Serbiette und machten wirklich eine Fahne aus ihr. Das ganze Lager rief:„Steigt herab, ſteigt herab!“ Athos ſtieg herab, ſeine Kameraden, weiche ängſt⸗ lich ſeiner harrten, ſahen ihn zu ihrer großen Freude wieder erſcheinen. „Vorwärts, Athos, vorwärts!“ rief d'Artagnan, vziehen wir aus; jetzt, da wir Alles gefunden haben, wäre es thöricht, wenn wir uns tödten ließen.“ Aber Athos fuhr fort, majeſtätiſch einherzumarſchiren; und da ſeine Gefährten ſahen, daß jede Bemerkung frucht⸗ los war, ſo regelten ſiehihren Gang nach dem ſeinigen. Grimaud und ſein Korb waren vorausmarſchirt und befanden ſich beide außerhalb des Bereichs eines Angriffes. Nach einem Augenblicke vernahm man den Lärm eines furchtbaren Gewehrfeuers. „Was iſt das?“ fragte Porthos,„und wonach ſchießen ſie? Ich höre die Kugeln nicht pfeifen, und ſehe Niemand.“ „Sie ſchießen nach unſern Todten,“ antwortete os. „Aber unſere Todten werden nicht antworten.“ „Ganz richtig, dann glauben ſie an einen Hinter⸗ halt, berathſchlagen, ſchicken ein Parlamentär ab, und wenn ſie den Spaß gewahr werden, ſind wir außer dem Bereiche der Kugeln. Es iſt daher unnöthig, uns durch große Eile ein Seitenſtechen zuzuziehen.“ Von zwei Seiten erſcholl ein mächtiges Geſchrei, S— 4 159 „Oh! ich begreife,“ ſprach Porthos erſtaunt. „Das iſt ein Glück,“ ſagte Athos, die Achſeln * n zuckend. Als die Franzoſen ihre vier Freunde im Schritte zurückkommen ſahen, erhoben ſie ein Freudengeſchrei. Endlich vernahm man ein neues Musketenfener, die 2 4 Kugeln prallten diesmal an den Kieſelſteinen um die vier Freunde her auf und ziſchten unheilſchwanger in ihre Dhren. Die Rocheller hatten ſich der Baſtei bemächtigt. „Das ſind ſehr ungeſchickte Leute,“ ſagte Athos. „Wie viel haben wir getödtet?“ „Zwölf bis fünfzehn.“ „Wie viel haben wir nievergeſchmettert?“ „Acht bis zehn.“ 6„Für Alles dies nicht einmal eine Schramme! Doch was habt Ihr an der Hand, dArtagnan? Blut, wie es mir ſcheint!“ „Es iſt nichts,“ erwiederte dArtagnan. „Eine verlorene Kugel!“ t„Nicht einmal.“ „Was iſt es denn?“ Athos liebte d»Artagnan wie ſein eigenes Kind und dieſer düſtere und unbeugſame Charakter hegte zuweilen, wie wir ſchon früher bemerkten, eine wahrhaft väterliche Sorge für den jungen Mann. „Eine Verletzung der Haut,“ antwortete dArta ⸗ nan,„meine Finger ſind zwiſchen zwei Steine gekommen, zwiſchen den der Mauer und den meines Ringes, da öff⸗ nnrete ſich die Haut.“ Das kommt davon her, daß man Diamanten trägt,“ ſprach Athos verächtlich. „Ah, in der That,“ rief Porthos,„er beſitzt einen Diamant. Und warum des Teufels klagen wir, daß wir n Geld haben, da er einen Diamant beſitzt „Halt, ganz richtig,“ ſagte Argmi 2 „Das iſt guk, Porthos, diesmal habt Ihr einen Gedanken.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Porthos, ſich bei dem Kompli⸗ mente von Athos hrüſtend,„da er einen Diamant hat, ſo wollen wir ihn verkaufen.“ „Aber es iſt der Diamant der Königin,“ entgegnete d'Artagnan. „Ein Grund mehr,“ verſetzte Athos.„Die Königin rettet Herrn von Buckingham, ihren Liebhaber, nichts iſt billiger; die Königin rettet uns, ihre Freunde, nichts iſt moraliſcher. Verkaufen wir den Diamant. Was denkt der Herr Abbé hierüber? Ich frage Porthos nicht um ſeine Meinung; er hat ſie bereits ausgeſprochen.“ „Ich denke,“ antwortete Aramis erröthend,„daß dArtagnan, da ſein Ring nicht von einer Geliebten kommt und folglich kein Liebespfand iſt, denſelben ver⸗ kaufen kann.“ „Mein Lieber, Ihr ſprecht wie die Theologie in Perſon. Es iſt alſo Eher Rath?„ „Den Diamant zu verkaufen,“ erwiederte Aramis. „Gut!“ rief d'Artagnan heiter.„Verkaufen wir den Diamant und ſprechen wir nicht mehr davon.“ Das Gewehrfeuer dauerte fort, aber die Freunde befanden ſich außerhalb der Schußweite und die Rocheller ſchoſſen nur, um ihr Gewiſſen zu entlaſten. „Meiner Treue, es war Zeit, daß Porthos auf diefe Idee kam: wir ſind im Lager. Alſo meine Herren, kein Wort mehr von der ganzen Geſchichte. Man bemerkt uns, man kommt uns entgegen; man wird uns im Triumphe hineintragen!“ Es war in der That, wie wir bemerkt haben, das ganze Lager in Bewegung. Mehr als zweitau⸗ ſend Perſonen hatten, wie einem Schauſpiel, der glück⸗ lichen Prahlerei der pier Freunde beigewohnt, deren wahre Urſache man nicht von ferne errieth. Man hörte nichts als den Ruf;„Es leben die Garden! ——— c— S— c c— inen npli⸗ hat, nete igin iſt iſt enkt um daß ten er⸗ uf ** ——— 161 Es leben die Musketiere!“ Herr von Buſigny war der erſte, der herbeikam, um Athos die Hand zu drücken und vie Wette für verloren zu erklären. Der Schweizer und der Dragoner ahmten ihm nach und alle Kameraden folgten dem Schweizer und dem Dragoner. Das Hände⸗ vrücken, Glückwünſchen, Umarmen wollte kein Ende neh⸗ men, es entſtand ein unauslöſchliches Gelächter über die Rocheller und der Tumult nahm ſo ſehr zu, daß der Herr Cardinal in der Meinung, es ſei ein Aufruhr ausgebro⸗ chen, La Houdiniere, den Kapitän ſeiner Leibwachen, ab⸗ ſchickte, der ſich erkundigen mußte, was vorging. Es wurde die Sache dem Boten mit dem ganzen Feuer der Begeiſterung erzählt. „Nun?“ fragte der Cardinal, als er La Houdiniere zurückkommen ſah. „Monſeigneur,“ erwiederte dieſer,„drei Musketiere und ein Garde haben mit Herrn von Buſigny gewettet, in der Baſtei Saint Gervais zu frühſtückenz ſie hielten zwei Stunden gegen den Feind und tödteten, ich weiß nicht wie viele Rocheller.“ „Habt Ihr nach dem Namen der drei Musketiere gefragt?“ „Ja, Monſeigneur.“ „Wie heißen ſie?“. „Es ſind die Herren Athos, Porthos und Aramis.“ „Immer meine drei Braven,“ murmelte der Cardi⸗ nal.„Und der Garde?“ „Herr d'Artagnan.“ „Immer mein junger Tollkopfl Dieſe vier Menſchen müſſen entſchieden mir gehören.“ Am Abend deſſelben Tages ſprach der Cardinal mit Herrn von Treville über die That vom Morgen, welche das Geſpräch ves ganzen Lagers bildete; Herr von Tre⸗ ville, der die Begebenheit aus dem Munds derjenigen erfahren hatte, welche die Helden derſelben waren, erzählte Die drei Musletiere. m. 11 162 ſie Seiner Eminenz in allen ihren Einzelheiten, ohne die Epiſode der Serviette zu vergeſſen. „Das iſt ſchön, Herr von Treville,“ ſagte der Car⸗ dinal,„ich bitte Euch, verſchafft mir dieſe Serviette, ich laſſe drei goldene Lilien varauf ſticken und gebe ſie Eue⸗ rer Compagnie als Standarte.“ „Monſeigneur,“ erwiederte Herr von Treville,„das wäre eine Ungerechtigkeit gegen die Garden, Herr d'Ar⸗ tagnan gehört nicht mein, ſondern Herrn des Eſſarts.“ „Gut! ſo nehmt ihn,“ ſprach der Cardinal,„es iſt nicht mehr als billig, daß die vier braven Mili⸗ täre, die ſich ſo ſehr lieben, in einer Compagnie vienen.“ t An demſelben Abend theilte Herr von Treville dieſe gute Botſchaft den drei Musketieren und d'Artagnan mit, und lud alle vier auf, den andern Tag zum Früh⸗ ſtück ein. DArtagnan gerieth außer ſich vor Freude. Muske⸗ tier zu ſein war, wicn weiß, der Traum ſeines gan⸗ zen Lebens⸗ Auch die drei Freunde waren ſehr erfreut. „Meiner Treue,“ ſprach d'Artagnan zu Athos,„Du haſt einen glorreichen Gedanken gehabt, und wir erlang⸗ ten dabei Ruhm, wie Du ſagteſt, und konnten eine Unter⸗ redung von größtem Gewichte pflegen.“ „Die wir jetzt wieder aufnehmen können, wann es uns beliebt, denn mit Gottes Hülfe werden wir von nun an für Cardinaliſten gelten.“ An demſelben Abend machte d'Artagnan Herrn des Eſſarts ſeine Aufwartung, um ihm ſein Avancement mit⸗ zutheilen. Hert des Eſſarts, der dArtagnan ſehr gewogen war, pot dieſem ſeine Dienſte an, denn die Corps⸗Veränderung hatte bedeutende Equipirungskoſten zur Folge.„ D'Arkagnan ſchlug das Anerbieten aus, aber er wollte die gute Gelegenheit henützen und bat ihn, ven — r Diamant ſchätzen zu laſſen, den er ihm zuſiellte und de ich er zu Geld zu machen wünſchte. Am andern Morgen um acht Uhr trat der Bebiente vom Herrn des Eſſarts bei d'Artagnan ein und übergab das ihm einen Sack mit ſiebentauſend Franken. Dies war Ar⸗ der Preis für den Diamant der Königin. „es † Kili⸗ gnie XVI. dieſe nan Familien-Angelegenheit. oke Athos hatte das rechte Wort gefunden: man mußte an⸗„ aus der Angelegenheit von Buckingham eine Familien⸗ 8 Angelegenheit machen. Eine Familien⸗Angelegenheit war nicht der Nachforſchung des Cardinals unterworfen. Du Eine Familien⸗Angelegenheit ging Niemand etwas an. Man konnte ſich vor der ganzen Welt mit einer Fami⸗ lien⸗Angelegenheit beſchäftigen. Aramis hatte den Gedanken gefunden; die Lackeien. 2 Porthos hatte das Mittel gefunden: den Diamant. D'Artagnan allein hatte nichts gefunden, er, ſonſt nun der Erfindungsreichſte unter den vier Freunden, aber es iſt auch zu bemerken, daß ihn ſchon der Name von My⸗ nie lady lähmte. Ah! wir täuſchen uns, er hatte einen Käu⸗ fer für ſeinen Diamant gefunden. Bei dem Frühſtück von Herrn von Treville herrſchte die ungezwungenſte Heiterkeit. D'Artagnan hatte bereits ſeine Uniform. Da er bezahe von demſelben Wuchſe wor, wie Aramis, und da Mamis, von dem Buchhändler, der ihm ſein Gedicht abgekauft hatte, wi nern wird, reichlich bezahlt, Alles doppe dArtagnan eine vollſtändige Eguipirung D'Artagnan wäre auf dem Höhenpunkte ſeiner Wün⸗ ſche geſtanden, wenn er nicht Mylady wie eine düſtere Wolke am Horizont hätte hervortreten ſehen. Rach dem Frühſtück kam man übepein, ſich am Abend in der Wohnung von Athos zu verſammeln und dort die Angelegenheit zu Ende zu führen. D Artagnan brachte den Tag damit hin, ſeine Mus⸗ ketier⸗Uniform in allen Straßen des Lagers zu zeigen. Am Abend verſammelten ſich die Freunde zur be⸗ ſtimmten Stunde; es blieben nur noch drei Dinge zu entſcheiden: Was man dem Bruder von Mylady ſchreiben ſollte; Was man der geſchickten Perſon in Tours ſchreiben ollte; Und welche Bedienten die Briefe beſorgen ſollten. Jeder bot den ſeinigen an. Athos rühmte die Ver⸗ ſchwiegenheit von Grimaud, der nur ſprach, wenn ihm ſein Herr den Mund auftrennte; Porthos pries die Kraft Lon Mousqueton, der gebaut war, daß er vier Männer von gewöhnlicher Leibesbeſchaffenheit hätte abprügeln koͤn⸗ nen; Aramis vertraute auf die Gewandtheit von Bazin und ſprach mit pomphaften Lobeserhebungen von ſei⸗ nem Candidaten; d'Artagnan endlich hatte ein vollkom⸗ menes Zutrauen zu dem Muthe Planchets und erinnerte daran, wie er ſich in der ſo kitzeligen Angelegenheit von Boulogne benommen hatte. Dieſe vier Tugenden ſtrit⸗ ten lang um den Preis und gaben zu glänzenden Reden Anlaß, die wir in Betracht ihrer Ausdehnung nicht an⸗. führen. „Leider,“ ſprach Athos,„müßte der, welchen man abſchickt, die vier Tugenden vereinigt beſitzen.“ „Aber wo ließe ſich ein ſolcher Bediente finden?“ „Nicht zu finden, ich weiß wohl,“ antwortete Athos; „nehmt alſo Grimaud.“ 65„ „Nehmt Mousqueton.“ „Nehmt Bazin“ * * „Nehmt Planchet. Planchet iſt ehrlich und ge⸗ wandt, vas ſind ſchon zwei von den vier Eigenſchaften.“ „Meine Herren,“ ſprach Aramis,„die Hauptſache iſt nicht, zu ermeſſen, welcher von unſern vier Bedienten der verſchwiegenſte, der ſtärkſte, der gewandteſte und der 2 muthigſte iſt; die Hauptſache iſt, daß wir ermeſſen, welcher das Geld am meiſten liebt.“ „Was Aramis ſagt, iſt ſehr vernünftig,“ verſetzte Athos,„man muß auf die Fehler der Menſchen ſpecu⸗ liren, und nicht auf ihre Tugenden. Mein Herr Abbé, Ihr ſeid ein großer Moraliſt.“ „Allerdings,“ erwiederte Aramis,„denn wir be⸗ dürfen guter Bedienung, nicht nur damit unſer Plan gelingt, ſondern daß wir nicht ſcheitern, weil es, wenn wir ſcheitern, um die Köpfe geht, nicht um die der Lackeien.. „Leiſer, Aramis,“ ſagte Ahos.. .„Das iſt wahr,“ ſprach Aramis;„nicht um die der Lackeien, ſondern um die der Herren. Sind uns unſere Bedienten ſo ſehr ergeben, daß ſie das Leben für uns — wagen? Nein. „Meiner Treue,“ entgegnete d'Artagnan,„ich wolli beinahe für Planchet ſtehen.“ „Gut! mein lieber Freund, ſo fügt ſeiner natür⸗ lichen Ergebenheit eine ſchöne Summe bei, wodurch er — ſ. Wohilhabenheit gelangt, und ſteht dann zweimal ür ihn.“ „Ehl guter Gott, Ihr werdet gleichfalls betrogen werden,“ ſagte Athos, der Optimiſt war, wenn es ſich um Dinge, und Peſfimiſt, wenn es ſich um Menſchen handelte;„ſie werden Alles verſprechen, um Geld zu bekommen, und unter Weges wird ſie die Furcht ab⸗ holten, zu handeln. Sind ſie einmal gefangen, ſo bindet man ſiez ſind ſie gebunden, ſo geſtehen ſie. Was Teufels, wir ſind keine Kinder! Um nach Eng⸗ 166 land zu gehen(Athos dämpfte ſeine Stimme), muß man ganz Frankreich durchreiſen, während das Land von Spionen und Kreaturen des Cardinals wimmelt; man muß einen Paß haben, um ſich einzuſchiffen; man muß Engliſch verſtehen, um nach dem Wege nach London zu fragen. Mir kommt die Sache ſehr ſchwierig vor.“ „Keineswegs,“ entgegnete d'Artagnan, dem Alles daran lag, die Sache durchzuſetzen;„mir kommt ſie 3 im Gegentheil ganz leicht vor. Es verſteht ſich, bei Gott! von ſelbſt, daß, wenn man an Lord Winter von niederträchtigen Dingen, von Abſcheulichkeiten des Cardinals „Leiſer,“ ermahnte Athos. „Von Intriguen und Staatsgeheimniſſen ſchriebe,“ fuhr d'Artagnan ſich der Ermahnung fügend fort,„es verſteht ſich, ſage ich, dann von ſelbſt, daß wir bei lebendigem Leibe gerädert würden, aber vergeßt doch um Gottes willen nicht, daß wir ihm, wie Ihr ſelbſt geſagt habt, Athos, in Familienangelegenheiten ſchreiben, daß wir uns einzig und allein an ihn wenden, damit er Mylady bei ihrer Ankunft in London außer Stand ſetzt, uns zu ſchaden. Ich werde ihm einen Brief ungefähr in folgenden Ausdrücken ſchreiben.“ „Laßt hören,“ ſagte Aramis und nahm zum voraus das Geſicht eines Kritikers an. „Mein Herr und theurer Freund... „Ah! ja, theurer Freund an einen Engländer!“ unterbrach ihn Athos.„Gut angefangen, d»Artagnan, ſchon wegen dieſes einzigen Wortes würdet Ihr gevier⸗ theilt, ſtatt gerädert.“ „Wohl, es ſei, ich werde alſo ganz kurz„„Mein Herr““ ſagen.“ der große Stücke auf den Wohlanſtand hielt. „Ihr könnt ſogar Mhlord ſagen,“ erwiederte „Mylord, erinnert Ihr Euch des kleinen Ziegenge⸗ heges beim Lurembourg?“ „Gut! jetzt kommt der Lurembourg, man wird glau⸗ ben, es ſei eine Anſpielung auf die Königin Mutter! das iſt geiſtreich!“ ſprach Athos. „Wohl, ſetzen wir ganz einfach: Mylord, erinnert Ihr Euch eines gewiſſen kleinen Geheges, wo man Euch das Leben gerettet hat?“ „Mein lieber d'Artagnan,“ ſprach Athos,„Ihr wer⸗ det ſtets ein ſehr ſchlechter Briefſteller ſein. Wo man Euch das Leben rettete! pfui! das iſt nicht würdig; einen anſtändigen Mann erinnert man nicht an dergleichen Dienſte; eine Wohlthat vorwerfen, heißt beleidigen.“ „Ah! mein Lieber,“ erwiederte d»Artagnan,„Ihr ſeid unerträglich, und wenn ich unter Eurer Cenſur ſchreiben muß, ſo verzichte ich darauf.“ „Und daran thut Ihr wohl. Handhabt die Muskete und den Degen, mein Freund, bei ſolchen Uebungen be⸗ nehmt Ihr Euch vortrefflich; aber überlaßt die Feder dem Herrn Abbé, das iſt ſeine Sache.“ „Ja gewiß,“ ſprach Porthos,„überlaßt die Feder Aramis, der Theſen in lateiniſcher Sprache ſchreibt.“ „Nun wohl, es ſei,“ ſagte d'Artagnan,„entwerft Ihr dieſen Brief, Aramis; aber im Namen des heiligen Vaters! nehmt Euch wohl in Acht, ich hechle Euch eben⸗ falls durch, das ſage ich Euch zum voraus.“ Das iſt mir äußerſt angenehm,“ antwortete Aramis mit dem naiven Selbſtvertrauen, das jeder Dichter be⸗ ſitzt;„aber man theile mir die betreffenden Umſtände mit. Ich habe wohl beiläufig gehört, dieſe Schwägerin wäre eine ſchurkiſche Perſon, ich habe ſogar ſelbſt den Beweis hiefür erhalten, als ich ihre Unterredung mit dem Cardinal hörte 4 „Leiſer, Donner und Teufel!“ ſprach Athos. „Aber,“ fuhr Aramis fort,„die Einzelheiten ſind mir nicht bekannt.“ 3 .„Mir auch nicht,“ ſagte Porthos. D'Artagnan und Athos ſchauten ſich einige Zeit ſtillſchweigend an. Endlich, als Athos ſich etwas geſam⸗ melt hatte, machte er, noch bleicher als gewöhnlich, ein Zeichen der Einwilligung. DArtagnan begriff, daß er ſprechen konnte. „Wohl, ſo hört, was zu ſchreiben iſt,“ verſetzte 5 WArtagnan,„Mylord, Guere Schwägerin iſt eine Schändliche, die Euch tödten laſſen wollte, um Euch zu beerben; aber ſie konnte Euern Bruder nicht heirathen, da ſie ſchon in Frankreich verheirathet war und Artagnan hielt inne, als ob er nach dem Worte ſuchte— und ſchaute Athos an. „Von ihrem Gatten fortgejagt wurde,“ ſagte Athos. „Weil ſie gebrandmarkt war,“ fuhr dArtagnan ſort. „Bah!“ rief Porthos,„unmöglich! Sie wollte ihren Schwager tödten laſſen?“ „Ja.“ „Sie war verheirathet?“ fragte Aramis. a.“* „Und ihr Gatte bemerkte, daß ſie eine Lilie auf der Schulter hatte?“ rief Porthos. Dieſe drei Ja wurden von Athos, jedes mit düſterer Betonung ausgeſprochen. nd wer hat die Lilie geſehen?“ fragte Aramis. „D'Artagnan und ich, oder vielmehr, um die chro⸗„ nologiſche Ordnung zu heobachten, ich und dArtagnan, antwortete Athvs. Und der Gatte dieſes abſcheulichen Geſchöpfes lebt noch?“ ſprach Aramis. „Er lebt noch.“* „Ihr wißt es gewiß?“ „Ich weiß es gewiß.“ Es herrſchte ein furzes Stillſchweigen, während it 1 in er deſſen jeder die Eindrücke nach ſeiner eigenthümlichen Na⸗ tur in ſich verarbeitete. —— „Dießmal,“ ſagte Athos, das Stillſchweigen zuerſt unterbrechend,„dießmal hat uns d'Artagnan ein vortreff⸗ liches Programm gegeben, und das muß man vor Allem ſchreiben.“ „Teufel, Ihr habt Recht, Athos,“ verſetzte Ara⸗ mis,„und der Entwurf iſt kitzelig. Der Herr Kanzler wäre ſelbſt in Verlegenheit, einen Brief von dieſem Gewichte abzufaſſen, und der Herr Kanzler faßt doch ein Protokoll ſehr gut ab. Doch gleich viel! ſchweigt, ich ſchreibe.“ Aramis nahm eine Feder, dachte einen Augenblick nach, ſchrieb acht bis zehn Zeilen mit einer zierlichen Frauenhandſchrift, und las ſodann mit weicher Stimme, als ob jedes Wort ängſtlich von ihm erwogen worden wäre, wie folgt: „Mylord, Die Perſon, welche Euch dieſe Zeilen ſchreibt, hat die Ehre gehabt, den Degen in einem kleinen Gehege der Rue d'Enfer mit Euch zu kreuzen. Da Ihr ſeitdem wiederholt die Güte hattet, Euch den Freund dieſer Per⸗ ſon zu nennen, ſo glaubt ſie Euch für dieſe Freundſchaft durch einen guten Rath danken zu müſſen. Zweimal wäret Ihr beinahe das Opfer einer nahen Verwandtin geworden, die Ihr für Euere Erbin haltet, weil Ihr nicht wißt, daß ſie, che ſie in England eine Ehe eingegangen hatte, bereits in Frankreich verheirathet war; aber das pritte Mal, das Euch jetzt bevorſteht, könntet Ihr unter⸗ liegen. Euere Verwandtin iſt von La Rochelle nach Eng⸗ land abgereist. Ueberwacht ihre Ankunft, denn ſie hat große, furchtbare Pläne. Wenn Ihr durchaus wiſſen wollt, was ſie zu thun fähig iſt, ſo lest Ihre Vergangen⸗ heit auf ihrer linken Schulter.“ „Das iſt vortrefflich,“ rief Athos.„Ihr habt die Feder eines Staats⸗Sekretärs, mein lieber Aramis. Lord Winter wird wohl auf ſeiner Hut ſein, wenn der Nath überhaupt zu ihm gelangt, und fiele er in die Hände einer Eminenz, ſo dürften wir nicht dadurch gefährdet werden. Da jedoch der Bediente, dem die Ueberlieferung übertragen wird, uns glauben machen könnte, er ſei in London geweſen, während er in Chatelleraut angehalten hat, ſo wollen wir ihm nur die Hälfte der Summe geben und die andere Hälfte für die Antwort verſprechen. Habt Ihr den Diamant,“ fuhr Athos fort. „Ich habe etwas Beſſeres, ich habe das haare Geld,“ antwortete d'Artagnan. Und er warf den Sack auf den Tiſch. Beim Klange des Goldes ſchlug Aramis die Augen auf, Porthos bebte, Athos blieb unempfindlich. „Wie viel iſt in dieſem Säckchen?“ ſagte er. „Siebentauſend Livres in Louisd'or zu zwolf Franes.“ „Siebentauſend Livres!“ rief Porthos;„dieſer kleine Diamant war ſiebentauſend Livres werth!“ „Es ſcheint, Porthos, da ſie hier liegen; ich glaube nicht, daß unſer Freund d'Artagnan von dem ſeinigen dazu gethan hat.“ „Aber, meine Herren, bei allem dem denken wir gar nicht an die Königin; ſorgen wir doch auch ein wenig für die Geſundheit ihres lieben Buckingham, das ſind wir ihm mindeſtens ſchuldig.“ „Ganz richtig,“ ſprach Athos,„doch das geht Ara⸗ mis an.“ „Wohl,“ ſagte dieſer Kröthend,„was ſoll ich thun?“ „Das iſt ganz einfach,“ antwortete Athos,„einen zweiten Brief an die gewandte Perſon ſchreiben„welche in Tours wohnt.“* Aramis nahm die Feder wieder auf, dachte aber⸗ mals einen Augenblick nach und ſchrieb folgende Zei⸗ —.„Ah! ah!“ ſagte Athos,„dieſe gewandte Pe „Alſo Baſe.“ 17¹ len, die er ſogleich der Billigung ſeiner Freunde warf: „Meine liebe Baſe. nit Euch verwandt?“ „Geſchwiſterkind,“ ſprach Aramis. 8 Aramis fuhr fort: 6„Meine liebe Baſe, Seine Eminenz der Cardinal, den Gott zum Wohle Frankreichs und zur Verwirrung der Feinde des Reiches erhalten möge, iſt auf dem Punkte, den ketzeriſchen Rebellen von La Rochelle ein Ende zu ma⸗ chenz es iſt wahrſcheinlich, daß die Hülfe der engliſchen Flotte nicht einmal im Angeſicht des Platzes ankommen wird; ich möchte beinahe ſagen, ich weiß gewiß, daß 3 Herr von Buckingham durch ein großes Ereigniß abzu⸗ 8 reiſen verhindert ſein wird. Seine Eminenz iſt der er⸗ 7 habenſte Politiker der Vergangenheit, der Gegenwart und wahrſcheinlich auch der Zukunft. Er würde die Sonne anslöſchen, wenn ſie ihn beengte. Theilt dieſe glücklichen Nachrichten Euerer Schweſter mit, meine liebe Baſe. Ich träumte, der verdammte Engländer wäre todt. Ich weiß nicht mehr, ob durch das Eiſen oder durch Gift: nur deſſen bin ich gewiß, daß er todt war, und Ihr wißt, meine Träume täuſchen mich nie. Haltet Euch alſo verſichert, mich bald zurückkommen zu ſehen.“ „Vortrefflich,“ rief Athos;„Ihr ſeid der König der Dichter, Ihr ſprecht wie die Apokalypſe und ſeid wahr wie das Cvangelium. Es braucht jetzt nur noch die Adreſſe auf den Brief geſetzt zu werden.“ „Das iſt ſehr leicht,“ ſagte Aramis. Er legte den Brief niedlich zuſammen und ſchrieb: „An Mademoiſelle Michon, Weißnähterin in Tours.“ Die drei Freunde ſchauten ſich lachend an. Sie B getäuſcht. — 172 — „Nun begreift Ihr wohl, meine Herren,“ ſagte id Aramis,„daß Bazin allein dieſen Brief nach Tours wal bringen kann. Meine Baſe kennt nur Bazin und hat nur zu ihm Vertrauen. Bei jedem Andern würde die Sache Ne ſcheitern. Ueberdieß iſt Bazin ehrgeizig und gelehrt. Ba⸗ wa zin hat die Geſchichte geleſen, meine Herren, er weiß,„ daß Sirtus der Fünfte Pabſt geworden iſt, nachdem er Schweine gehütet hat, und da er zugleich mit mir zur Kirche da übertreten will, ſo verzweifelt er nicht daran, ſelbſt ein⸗ W mal Pabſt oder wenigſtens Cardinal zu werden. Ihr be⸗ 5 ge greift, daß ein Menſch, der ſolche Abſichten hegt, ſich ih nicht fangen läßt, oder wenn er gefangen wird, eher das Märtyrerthum erduldet, als daß er ſprechen würde.“ ſn „Sehr gut,“ ſagte d'Artagnan,„ich laſſe Euch gerne Bazin gehen, laßt mir dagegen Planchet gelten. at Mylady hat ihn einſt mit Stockſchlägen aus dem Hauſe gejagt. Planchet aber hat ein gutes Gedächtniß und c wenn er irgendwo eine Rache vorausſetzen kann, ſo würde n er ſich eher bei lebendigem Leibe rädern laſſen, als darauf„ Verzicht leiſten. Sind die Angelegenheiten von Tours die Eurigen, Aramis, ſo ſind die von London die meinigen. Ich bitte alſo, Planchet zu wählen, welcher überdies ſchon einmal mit mir in London geweſen iſt und ganz deutlich auszuſprechen verſteht: London, Sir, if you please und my master, Lord d'Artagnan. Mit dieſem, wird er ſeinen Weg hin und zurück machen.“ In dieſem Falle,“ ſprach Athos,„muß Planchet ſiebenhundert Livres für die Hinreiſe und fiebenhundert für die Rückreiſe bekommen, und Bazin dreihundert für die Hinreiſe und dreihundert für die Rückreif Dadurch ſchmilzt die Summe auf fünftauſend Livr herab. Wir nehmen jeder tauſend Lipres, um ſie n% Gutdünken zu verbrauchen, und behalten einen Foſ von tauſend Livres übrig, den der Abbé für 4 ordentliche Fälle oder gemeinſchaftliche Bedürfniſſe aufbe⸗ wahrt. Iſt Euch dies angenehm?“ e„Mein lieber Athos,“ ſagte Aramis, Ihr ſprecht wie Neſtor, der, wie Jedermann weiß, der weiſeſte der Griechen war.“ 2 5„Gut, das iſt abgemacht,“ verſetzte Athos„Planchet he und Bazin werden reiſen. Im Ganzen iſt es mir nicht leid, daß Grimaud bei mir bleibt. Er iſt an meine Art und 6 Weiſe gewöhnt, und darauf halte ich große Stücke. Der geſtrige Tag mußte ihn bereits erſchüttern, dieſe Reiſe würde ihn zu Grund richten.“ 3 Man ließ Planchet kommen und gab ihm ſeine In⸗ ch ſtructionen. Er wurde von vArtagnan unterrichtet, die ihm zuerſt den Ruhm, dann vas Geld und endlich die Gefahr ſe ankündigte. d„Ich werde den Brief in dem Aufſchlage meines Ro⸗ ckes tragen,“ ſagte Planchet,„und ihn verſchlingen, wenn . man mir ihn nehmen will.“ „Aber dann kannſt Du Deinén Auftrag nicht beſorgen,“ entgegnete d'Artagnan. §„Ihr gebt mir dieſen Abend eine Abſchrift, die ich aus⸗ 5 wendig lerne.“ D'Artagnan ſchaute ſeine Freunde an, als wollte er ſagen: „Nun, was hatte ich Euch verſprochen?“ d„Du haſt acht Tage,“ fuhr er, ſich an Planchet wen⸗ dend, fort,„um zu Lord Winter zu gelangen, Du haſt acht Tage, um hieher zurückzukommen, im Ganzen ſechs⸗ t zehn Tage. Wenn Du am ſechszehnten Tage nach Deiner rt Abreiſe Abends nicht zurückgekommen biſt, kein Geld, und wenn es acht Uhr fünf Minuten wäre.“ ſprach „Dann kauft mir eine uhr, gnädiger Herr, Pinnchet. Nimm dieſe,“ ſagte Athos und gab ihm die ſei⸗ nige mit ſeiner ſorgloſen Großmuth,„ſei ein braver G Burſche und bedenke, daß, wenn Du plauderſt, wenn Du ſchwatzeſt, Du Schuld biſt, vaß Deinem Herrn, der ſo großes Vertrauen auf Deine Treue hat, daß er für Dich haftete, der Hals abgeſchnitten wird. Aber be⸗ denke auch, daß ich Dich, wenn durch Deinen Fehler dArtagnan Unglück widerfährt, überall finden werde, um Dir den Bauch aufzuſchlitzen.“ Oh, gnädiger Herr!“ ſagte Planchet, gedemüthigt durch dieſen Verdacht und beſonders erſchrocken über die ruhige Miene des Musketiers. „Und ich,“ rief Porthos, ſeine großen Augen in ihren Hoͤhlen rollend,„bedenke, daß ich Dich lebendig erdroßle.“ „Oh, gnädiger Herr!“ Und Planchet fing an zu weinen; wir vermögen nicht anzugeben, ob dies aus Schrecken wegen der Drohungen, die man ihm machte, oder aus Rührung darüber geſchah, daß er die vier Freunde ſo enge verbunden ſah. DArtagnan faßte ihn bei der Hand und ſprach: „Siehſt Du, Planchet, dieſe Herren ſagen Dir dies Alles aus Liebe für mich, aber im Grunde ſind ſie Dir wohl geneigt.“ „Ah, gnädiger Herr,“ erwiederte Planchet,„entwever ſchlage ich mich durch, oder man ſchneidet mich in Stücke, und wenn man mich in Stücke ſchneidet, ſo dürft Ihr überzeugt ſein, daß keines von dieſen ſprechen wird.“ Es wurde beſchloſſen, daß Planchet am andern Mor⸗ gen um acht Uhr abgehen ſollte, damit er, wie er geſagt hatte, während der Nacht den Brief auswendig lernen könnte. Bei dieſer Anordnung gewann er gerade zwölf Stunden. Er mußte am ſechszehnten Tage Abends acht Uhr zurückgekommen ſein. Als er am andern Morgen zu Pferde ſteigen wollte, nahm dArtagnan, der eine gewiſſe Vorliebe für den Herzog von Buckingham in ſeinem Innern fühlte, Plan⸗ 6 chet bei Seite und ſprach: „Höre, wenn Du den Brief Lord Winter zugeſtellt * haſt, und gr ihn geleſen hat, ſo ſagſt Du ihm noch 175 weiter:„„Wacht über Seiner Herrlichkeit, Lord Bucking⸗ ham, denn man will ihn ermorden!““ Siehſt Du, Plan⸗ . chet, das iſt aber ſo ernſt und ſo wichtig, daß ich es nicht einmal meinen Freunden geſtehen wollte, ich vertraue Dir dieſes Geheimniß an, und daß ich es nicht einmal für eine Kapitänsſtelle niederſchreiben möchte.“ gt 4„Seid unbeſorgt, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet, Ihr werdet ſehen, ob man auf mich zählen kann.“ Und auf einem vortrefflichen Pferde, von dem er ſich 6 zwanzig Meilen von da trennen ſollte, um die Poſt zu nehmen, ritt Planchet im Galopp von dannen, das Herz 8 eein wenig gepreßt durch das traurige Verſprechen, das ihm die Musketiere gemacht hatten, aber im Ganzen in der beſten Stimmung. —— Bazin ging am andern Tage nach Tours ab und 4 hatte acht Tage, um ſeinen Auftrag zu beſorgen. *. Die vier Freunde hatten, wie man ſich leicht denken kann, während der ganzen Dauer dieſer zwei Abweſen⸗ heiten, das Auge mehr, als je, auf der Lauer, die Naſe im Winde und das Ohr im Horchwinkel. Ihre Tage gingen damit hin, daß ſie zu erfahren ſuchten, was man ſagte, daß ſie die Gänge des Cardi⸗ nals beobachteten und die ankommenden Couriere witterten. Mehr als einmal wurden ſie von einem unüberwindlichen Zittern befallen, wenn man ſie zu irgend einem unerwar⸗ teten Dienſte rief. Sie hatten ſich übrigens zu ihrer eigenen Sicherheit zu hüten: Mylady war ein Geſpenſt, das, wenn es einmal den Menſchen erſchienen war, ſie nicht mehr ruhig ſchlafen ließ. Am Morgen des achten Tages trat Bazin friſch, wie immer, und lächelnd, wie gewöhnlich, in die Schenke zum Parpaillot ein, wo die vier Freunde gerade beim Früh⸗ ſtücke ſaßen, und ſagte, wie dies verabredet war: „Herr Aramis, hier iſt die Antwort Euerer Baſe.“ Die vier Freunde tauſchten einen freudigen Blick aus, —— 8——— vie Hälfte des Geſchäftes war abgemacht. Allerdings war dies das kürzere und leichtere. Aramis nahm unwillkürlich erröthend den Brief, der von einer plumpen Handſchrift und ohne Orthographie war. „Guter Gott!“ rief er lachend,„ich gerathe gewiß noch in Verzweiflung, nie wird die arme Michon wie Herr von Voiture ſchreiben.“ „Was ſoll das heißen: die arme Michon?“ fragt einem Geſpräch mit den vier Freunden begriffen war. „Oh! mein Gott, weniger als nichts,“ antwortete 9 Aramis,„eine kleine reizende Nähterin, die ich ſehr lieb habe, und von der ich mir einige Zeilen ihrer Hand al Andenken erbat.“ 5 „Gottes Blut!“ rief der Schweizer,„wenn ihr . der Schweizer, welcher, als der Brief ankam, gerade in Seele ſo groß iſt, als ihre Handſchrift, ſo ſitzt Ihr ſehr im Glücke, mein Kamerad. „Laßt ſehen, was ſie mir ſchreibt,“ ſagte Athos. Athos warf einen Blick auf den Brief und las, u ieden Verdacht zu entfernen, der hätte entſtehen können ganz laut: „Mein Vetter, meine Schweſter und ich, wir errg⸗ then die Träume ſehr gut und wir haben eine furchtb Angſt davor; aber von Eurem wird man hoffentlich ſag können; Träume lügen. Adieu! Bleibt geſund und mach daß wir von Zeit zu Zeit etwas von Euch h Aglas Mi „Von welchem Traume ſpricht ſi 9oner. „Ei, bei Gott!“ rief Aramis,„ ſt ganz ein⸗ fach, von einem Traume, den ich gehabt und ihr erzählt „Ah ja, bei Gott! Das iſt ganz einfach, wenn ngs der phie wiß wie agte e in tete lieb als ihre ſehr ein⸗ ählt venn 177 man ſeine Träume erzählt. Aber ich, was mich betrifft, ich träume nie.“ „Ihr ſeid ſehr glücklich,“ ſagte Athos aufſtehend, „und ich wollte, ich könnte daſſelbe von mir ſagen.“ „Nie,“ verſetzte der Schweizer, entzückt, daß ein Mann, wie Athos, ihn um etwas beneidete,„nie, nie!“ Als d»Artagnan ſah, daß Athos aufſtand, machte er es ebenſo, nahm ihn beim Arm und ging mit ihm hinaus. Porthos und Aramis blieben zurück, um den Späſ⸗ 1 des Dragoners und des Schweizers die Spitze zu bieten Bazin legte ſich auf einen Bund Stroh nieder, und da er mehr Einbildungskraft als der Schweizer hatte, ſo träumte er, Aramis ſei Papſt geworden und ſchmückte ihn mit einem Cardinalshut. Aber Bazin hatte, wie geſagt, durch ſeine glückliche Rückkehr den vier Freunden nur einen Theil der Unruhe benommen, welche auf ihnen laſtete. Die Tage des War⸗ tens ſind lang und d'Artagnan beſonders hätte gewettet, jeder Tag habe achtundvierzig Stunden. Er vergaß die nothwendige Langſamkeit der Schiff⸗ ſahrt, er übertrieb die Macht von Mylady, er verlieh dieſer Frau, die ihm einem Dämon ähnlich zu ſein ſchien, übernatürliche Hülfskräfte; er bildete ſich bei dem gering⸗ ſiten Geräuſche ein, man komme, um ihn zu verhaften, und bringe Planchet herbei, um ihn mit ihm und ſeinen Freunden zu confrontiren. Dieſe Unruhe wurde ſo groß, vaß ſie auch Porthos und Aramis ergriff; nur Athos blieb unempfindlich. Es war, als ob es gar keine Ge⸗ ſahr um ihn her gäbe und als ob er ſeine gewöhnliche Atmoſphäre athmete. Am ſechszehnten Tage beſonders wurden dieſe Zei⸗ chen ver Aufregung bei d'Artagnan und ſeinen zwei Freun⸗ den ſo ſichtbar, daß ſie nicht am Platze bleiben konnten 12 Die drei Musketiere. M. 178 und wie Schatten auf dem Wege umherirrten, auf wel⸗ 8 chem Planchet zurückkehren ſollte. „Wahrlich,“ ſagte Athos zu ihnen,„Ihr ſeid Kin⸗ der, daß Euch eine Frau ſo bange macht. Ei, was kann denn am Ende geſchehen? Daß man uns einſperrt? Man wird uns auch wieder aus dem Gefängniſſe ziehen, wie man Madame Bonacieur herausgezogen hat. Daß man uns enthauptet? Jeden Tag ſetzen wir uns im Laufgra⸗ ben noch viel Schlimmerem aus, denn eine Kugel kann uns das Bein zerſchmettern und ich bin überzeugt, daß uns ein Wundarzt bei Weitem größere Schmerzen ver⸗ urſacht, wenn er uns den Schenkel abſchneidet, als ein enker, wenn er uns den Kopf abſchlägt. Seid alſo ruhig; in zwei Stunden, in vier, in ſechs Stunden ſpäte⸗ ſtens wird Planchet hier ſein; denn er hat einzutreffen 8 verſprochen, und ich ſetze großes Vertrauen auf die Ver⸗ ſprechungen von Planchet.“ „Aber wenn er nicht kommt?“ fragte dArtagnan. „Wenn er nicht kommt, nun ſo wird er aufgehalten worden ſein. Das Pferd kann ihn abgeworfen haben, es kann einen Sprung über die Brücke gemacht haben, er kann ſo raſch gelaufen ſein, daß er eine Bruſtentzündung bekommen hat. Ei, meine Herren, wir müſſen auch die Ereigniſſe in Rechnung bringen. Das Leben iſt ein gro⸗ ßer Roſenkranz von kleinen Unglücksfällen, die der Philo⸗ ſoph lachend abkörnt. Seid Philoſophen, wie ich, meine Herren, ſetzt Euch zu Tiſche und trinkt. Nichts e Zukunft ſo roſenfarbig erſcheinen, als wenn man ſie durch ein Glas Chambertin anſchaut.“* „Das iſt ſehr gut,“ antwortete HArkagnan,„abe ich bin es müde, wenn ich friſch trinke, fürchten zu müſſen, der Wein könnte aus dem Keller von Mylady ommen.“ ſhr ſeid ſehr heikel,“ ſagte Athos,„eine ſo ſchöne A rau 179 vel⸗ „Eine Gebrandmarkte!“ rief Porthos mit ſeinem din⸗ plumpen Lachen. ann Athos bebte, ſtrich mit der Hand über die Stirne, kan um den Schweiß abzutrocknen, und ſtand ebenfalls mit wie 5 einem Nervenzittern auf, das er nicht zu bewältigen ver⸗ nan 8 mochte. r Der Tag ging indeſſen hin und der Abend kam noch ann langſamer heran, aber er kam doch endlich; die Trink⸗ daß ſtuben füllten ſich mit Gäſten. Athos, der ſeinen Antheil er⸗ an dem Diamant in die Taſche geſteckt hatte, verließ den ein Parpaillot nicht mehr. Er fand in Herrn von Buſigny, lſo der ihnen übrigens ein vortreffliches Mittagsmahl gege⸗ it⸗ bben hatte, einen würdigen Partner. Sie ſpielten wie fen gewöhnlich mit einander, als es ſieben Uhr ſchlug: man er⸗ hrrte die Patrouillen vorüberziehen, welche die Poſten verdoppelten. Um halb acht Uhr wurde Retraite ge⸗ ſchlagen. ten„Wir ſind verloren,“ ſagte vArtagnan Athos in es das Ohr. „Ihr wollt ſagen, wir haben verloren,“ erwiederte Athos ruhig und warf zehn Louisd'or auf den Tiſch, die er aus ſeiner Taſche gezogen hatte.„Auf, meine Her⸗ ren,“ fuhr er fort;„man ſchlägt die Retraite, gehen wir ſchlafen.“ Athos verließ den Parpaillot, von d'Artagnan ge⸗ folgt. Aramis gab Porthos den Arm und kam hinte ihnen. Aramis kaute Verſe und Porthos riß ſich vo Zeit zu Zeit ein Haar aus dem Schnurrbart als Zeichen der Verzweiflung. Aber plötzlich zeigte ſich in der Dunkelheit ein Schat⸗ ten, deſſen Form d'Artagnan bekannt war, und eine Stimme ſagte: „Gnädiger Herr, ich bringe Euch Euern denn es iſt friſch heute Abend.“ „Planchet!“ rief dArtagnan trunken „Planchet!“ riefen Porthos und Arami 186 „Ja wohl, Planchet!“ ſagte Athos.„Was iſt dar⸗ d über zu ſtaunen? Er hatte verſprochen, um acht Uhr u zurückzukommen, und eben ſchlägt es acht Uhr. Bravo, Planchet, Ihr ſeid ein Mann von Wort, und wenn Ihr je a Euern Herrn verlaßt, ſo nehme ich Euch in meine Dienſte.“ 6 „Oh! nein, nie,“ ſagte Planchet,„nie verlaſſe ich— Herrn d'Artagnan.“ 5 Und in demſelben Augenblick fühlte d'Artagnan, daß. ihm Planchet ein kleines Billet in die Hand ſchob. t D'Artagnan hatte große Luſt, ſeinen Planchet zu 9 umarmen;z aber er fürchtete, dieſes Zeichen des Erguſſes 2 gegen ſeinen Lackei auf ofſener Straße könnte einem Vor⸗ ehenben auffallend erſcheinen, und er hielt ſich zurück. „Ich habe das Billet,“ ſagte er zu Athos und zu ſeinen Freunden. „Das iſt gut,“ ſprach Athos,„kehren wir nach Hauſe und leſen wir es.“ 6 Das Billet brannte HArtagnan in der Hand. Er wollte ſeinen Marſch beſchleunigen, aber Athos nahm ihn beim Arme, faßte ihn feſt und der junge Mann war ge⸗ nöthigt, gleichen Schritt mit ſeinem Freunde zu halten. Endlich trat man in das Zelt ein und zündete eine Lampe an. Während Planchet bei der Thüre blieb, damit die vier Freunde nicht überraſcht würden, erbrach dAr⸗ tagnan mit zitternder Hand das Siegel und öffnete den ſo ſehnſüchtig erwarteten Brief. . Er enthielt eine halbe Zeile von ächt brittiſcher Handſchrift und lakoniſcher Gedrängtheit: Thank you; be easy. Was ſagen danke, ſeid ruhig.“ Athos nahm d'Artagnan den Brief aus den Händen, näherte ihn der Lampe, brannte ihn an und ließ ihn nicht aus dem Auge, bis er in Aſche verwandelt war. WDann rief er Planchet und ſagte: „Nun, mein Junge, kannſt Du die ſiebenhunder 8——— 189 das weiß ich gewiß,“ ſügte ſie bei.„Mein Gewiſſen und Eure Artigkeit, mein Herr, bürgen mir hiefür.“ So ſchmeichelhaft auch dieſes Kompliment war, ſo antwortete voch der Offlzier nicht, ſondern zog aus ſeinem Gürtel eine kleine ſilberne Pfeife hervor, derjenigen ihn⸗ lich, welcher ſich die Hochbootsleute auf Kriegsſchifſen bedienen, und pfiſf dreimal auf vrei verſchievenartige Mo⸗ dulationen; ſogleich erſchienen mehrere Männer, ſpann⸗ ten die Pferde aus und führten den Wagen unter eine Remiſe. Der Offizier forderte, ſteis mit derſelben ruhigen Höflichkeit, ſeine Gefangene auf, in das Haus einzu⸗ treten. Dieſe nahm, ſtets mit demſelben lächelnden Geſichte, ſeinen Arm und trat mit ihm unter eine nie⸗ drige Thüre, welche durch ein nur im Hintergrunde be⸗ 3 leuchtetes Gewolbe nach einer ſteinernen Treppe führte; vann blieb man vor einer zweiten ſtarken Thüre ſtehen, pie ſich, nachdem ſie der junge Mann mit eimem Schlüſſel aufgeſchloſſen hatte, den er bei ſich trug, ſchwerfällig auf ihren Angeln drehte und das für Mylady beſtimmte Zimmer öffnete. Mit einem einzigen Blicke hatte die Gefangene das Zimmer in ſeinen kleinſten Einzelnheiten überſchaut. Es war eine Stube, deren Geräthe ein für ein Ge⸗ fängniß reinliches, anſtändiges, für die Wohnung eines ſreien Menſchen aber ſtrenges Ausſehen hatte. Die eiſer⸗ nen Stangen an den Fenſtern und die Riegel an ver Thüre entſchieden jedoch den Prozeß zu Gunſten des Gefängniſſes. Einen Augenblick verließ die ganze Seelen⸗ ſtärke dieſes Geſchöpf, das ſeine Kraft in ſo mächtige Quellen geſtählt hatte. Sie ſiel auf einen Stuhl zur kreuzte die Arme, ließ den Kopf ſinken und erwar jeden Augenblick, es würde ein Richter erſcheinen, zu verhören. Aber es kam Niemand, außer Marineſoldaten, welche die Koſſer und dieſe in eine Ecke niederſetzten, wonach ſie ſich entfernten, Off ohne ein Wort zu ſprechen. Ste Offizier wohnte allen dieſen Verrichtungen mit 3 derſelben Ruhe bei, welche Mylady beſtändig an ihMm. ert wahrgenommen hatte, ſprach ſelbſt kein Wort und ließ zzerk ſich mit einer Geberde ſeiner Hand oder mit einem Tone ſeiner Pfeife gehorchen. ken Man hätte glauben ſollen, zwiſchen dieſem Manne eine Sid ſeinen Untergebenen beſtehe die Sprache nicht, die heit man mit der Zunge ſpricht, oder ſie ſei überftüſſig geworden. Endlich konnte Mylady nicht mehr länger von halten. Sie unterbrach das Stillſchweigen und kan rief: Zu „In des Himmels Namen, mein Herr, was ſoll ſta Alles, was hier vorgeht, bedeuten? Macht meiner Unruhe ein Ende. Ich habe Muth, jeder Gefahr, die cch vorherſehe, jedem Unglück, das ich begreife, zu ein trotzen. Wo bin ich und was bin ich? Bin ich frei? hin Warum dieſe eiſernen Stangen und dieſe Thüren? Bin ich eine Gefangene? Welches Verbrechen habe ich begangen?“ hr ſeid hier in der für Euch beſtimmten Woh⸗ n Madame Ich habe Befehl erhalten, Euch auf e See abzuholen und in dieſes Schloß zu bringen. Dieſen Befehl habe ich, wie ich glaube, mit aller Strenge eines Soldaten, aber zugleich mit aller Höflichkeit G eeines Edelmannes vollzogen. Hiemit endigt ſich, wenig⸗ 6 iens für jetzt, der Auftrag, den ich bei Euch zu erfüllen habe, das Uebrige geht eine andere Perſon an.“ Und die andere Perſon, wer iſt ſie?“ fragte My⸗ ady. Könnt Ihr mir nicht ihren Namen ſagen?“ al In dieſem Augenblick vernahm man auf der Treppe ſ ein gewaltiges Klirten von Sporen„einige Stimmen machten ſich im Vorübergehen hörbar und erloſchen dann 2 wieder. Das Geräuſch eines einzelnen Trittes näherte 3 en, mit hm. ieß ne ne ie ig bin es.“ 191 „Dieſe Perſon, hier iſt ſie, Madame,“ ſagte der Offizier, den Gang öffnend und eine ehrfurchtsvolle S Stellung nehmend. Zu gleicher Zeit erſchien ein Mann auf der Schwelle; er war ohne Hut, trug einen Degen an ſeiner Seite und zerknitterte ein Sacktuch zwiſchen ſeinen Fingern. Mylady glaubte dieſen Schatten im Schatten zu er⸗ S kennen. Sie ſtützte ſich mit einer Hand auf den Arm eines Lehnſtuhles und reckte den Kopf, um 8 heit entgegen zu gehen. Der Fremde näherte ſich langſam; ſobald er in den von der Lampe geworfenen Lichtkreis eintretend näher kam, wich Myhlady unwillkührlich zurück. Als ihr kein Zweifel mehr übrig blieb, rief ſie mit dem höchſten Er⸗ ſtaunen: ⸗ „Wie, mein Bruder, Ihr ſeid es?“ „Ja, ſchöne Dame,“ antwortete Lord Winter mit einer halb höflichen, halb ironiſchen Verbeugungz ich „Aber dieſes Schloß?“ „Gehört mir.“ „Dieſes Zimmer?“ „Iſt das Euere.“ „Ich bin alſo eine Gefangene?“ „Ungefähr.“. 3 „Aber das iſt ein ganz abſcheulicher Mißbrauch der Gewalt?“ wrir ruhig mit einander, wie es ſich zwiſchen einem Bruder fehle wartete: und einer Schweſter geziemt.“ Dann wandte er ſich nach der Thüre um und ſagte, als er ſah, daß der junge Offizier auf ſeine letzten Be⸗ „Es iſt gut, ich danke Euch, laßt uns u un alle Herr Felton.“ „Keine große Worte! Setzen wir uns und plaudern XVIII. ſche Planderei eines Pruders und einer Schweſter. ert Während Lord Winter die Thüre ſchloß, einen Laden at aufſtieß und einen Stuhl näher zu dem ſeiner Schwägerin wel rückte, tauchte Mylady träumeriſch ihren Blick in die Tiefen der Möglichkeit und entdeckte den ganzen Faben, lan den ſie nicht von ferne hatte gewahr werden können, ſo ſchl lang ſie nicht wußte, in welche Hände ſie gefallen war. wi Sie kannte ihren Schwager als einen guten Edelmann, ſet als einen treuherzigen Jäger, als einen unerſchrockenen Spieler, unternehmend bei Frauen, aber von weniger als mittlerer Kraft in Intriguen. Wie war es ihm gelungen, ihre Ankunft zu entdecken, ſie ergreifen zu laſſen; und ha warum hielt er ſie feſt? Athos hatte ihr wohl einige Worte geſagt, woraus hervorging, daß ihr Geſpräch mit dem Cardinal in S fremde Ohren gefallen war, aber ſie konnte nicht glauben, 6 aß er ſo geſchickt und ſo raſch eine Gegenmine zu graben 5 Lic vermocht hatte. Sie befürchtete vielmehr, ihre früheren Dperationen in England wären entdeckt worden. Bucking⸗ ham konnte errathen haben, daß ſie die zwei Neſtelſtifte abgeſchnitten hatte, und wollte ſich für dieſen kleinen de Verrath rächen. Aber Buckingham war unfähig, ſich zu t irgend einer harten Maßregel gegen eine Frau verleiten. zu laſſen, beſonders wenn man glauben konnte, dieſe Frau werde zu ihren Handlungen durch ein Gefühl von 6 Eiferſucht angetrieben. Dieſe Vermuthung kam ihr als die wahrſchein⸗ e ſte vor. Sie glaubte, man wollte ſich für die Ve nheit rächen und nicht der Zukunft entgegentr jedem Falle beglückwünſchte ſie ſich, daß ſie e ihe Schwaers gefale war, bei dem 193 als wenn ſie in die Hände eines unmittelbaren und ge⸗ ſcheiterten Feindes gerathen wäre. „Ja, plaudern wir, mein Bruder,“ ſagte ſie mit . einer Art von Vergnügen, entſchloſſen, ſich aus der Un⸗ terredung trotz aller Verſtellung, mit der Lord Winter den vabei zu Werke gehen könnte, die Aufklärung zu verſchaffen, erin welcher ſie bedurſte, um ihr Benehmen darnach einzurichten. die Ihr haht Euch alſo dafür beſtimmt, nach Eng⸗ den, land zurückzukehren,“ ſagte Lord Winter,„trotz des Ent⸗ ſo ſchluſſes, den Ihr mir ſo oft in Paris kund gabt, nie ar. wieder einen Fuß auf das Gebiet von Großbrittannien zu nn, ſetzen?“ 3 nen Mylady antwortete auf eine Frage mit einer andern als Frage. „Erklärt mir vor Allem,“ ſagte ſie,„wie Ihr mich und habt ſo ſcharf beobachten laſſen, daß Ihr nicht allein von 3 meiner Ankunft, ſondern auch von dem Tage, der Stunde 4 aus und dem Hafen, wo ich eintraf, benachrichtigt waret?“ in Lord Winter nahm dieſelbe Taktik an, wie Mylady. 1 en, Er glaubte, da ſie dieſe angewendet hatte, müßte ſie die ben richtige ſein. ren„Sagt Ihr mir, meine liebe Schweſter,“ verſetzte er, ng⸗„was Ihr in England thun wolltet?“ ifte„Ich komme, nur um Euch zu beſuchen,“ erwiederte nen Mylady, ohne zu wiſſen, wie ſehr ſie durch dieſe Antwort zu den Verdacht erſchwerte, den der Brief d'Artagnan's in iten dem Geiſte ihres Schwagers erregt hatte, und nur in der Abſicht, das Wohlwollen ihres Zuhörers durch eine Lüge zu gewinnen. „Um mich zu beſuchen?“ fragte Lord Winter. „Allerdings, um Euch zu beſuchen. Was iſt hierin Staunen Erregendes?“ Und Ihr hattet keinen andern Zweck bei Euerer Reiſe nach England, als den, mich zu ſehen?“ Nein.“ Die drei Musketiere M. 13 194 „Alſo habt Ihr Euch für mich allein die Mühe ge⸗ geben über den Kanal zu fahren?“ „Für Euch allein.“ „Teufel, welche Zärtlichkeit, meine Schweſter!“ „Bin ich denn nicht Eure nächſte Verwandtin 2“ fragte Mylady in dem Tone der rührendſten Naivetät. „Und ſogar meine einzige Erbin, nicht wahr?“ ſagte Lord Winter, ſeine Augen auf die von Mylady hef⸗ tend,„das heißt durch Euren Sohn!“ Welche Macht auch Mylady über ſich ſelbſt beſaß, ſo konnte ſie ſich doch eines Bebens nicht enthalten, und da Lord Winter, während er die letzten Worte ſprach, ſeine Hand auf den Arm ſeiner Schweſter gelegt hatte, ſo entging ihm dieſes Beben nicht. Der Schlag kam in der That unmittelbar und ging tief. Der erſte Gedanke, welcher ſich in dem Innern Myladys regte, war, daß Ketty ſie verrathen und dem Baron die geizige Abneigung mitgetheilt hätte, deren Zei⸗ chen ſie unkluger Weiſe vor ihrer Kammerjungfer ſich en⸗ ſchlüpfen ließ. Und ſie erinnerte ſich auch des wüthenden Ausfalls, den ſie gegen dArtagnan gemacht hatte, als er ihrem Schwager das Leben rettete. „Ich begreife nicht, Mylord,“ fragte ſie, um Zeit zu gewinnen und um ihren Gegner zum Sprechen zu bringen.„Was ſollen Gure Worte bedeuten?“ Iſt viel⸗ leicht ein unbekannter Sinn darunter verborgen?“ „Oh! mein Gott, nein,“ erwiederte Lord Winter mit einer ſcheinbaren Gutmüthigkeit.„Ihr habt das Verlangen mich zu ſehen und kommt nach England. Ich erfahre von dieſem Verlangen oder ich vermuthe vielmeh daß Ihr es fühlt, und um Euch alle Unannehmlichkeiten einer nächtlichen Ankunft in eiſtem Hafen, alle Anſtren⸗ gungen des Ausſchiffens zu erſparen, ſtelle ich Euch einen Wagen zur Verfügung. Er führt Euch hieher in dieſes Schloß, veſſen Gouverneur ich bin, und ich habe, da ich jeden Tag an dieſen Ort komme, um das doppelle Ver⸗ lan ge⸗ 2 tät. 24 ef⸗ aß, ind ch, te, ing ern em ei⸗ nt⸗ en eit zu el⸗ ter s ch hr, ten en⸗ en ſes ich ex⸗ 195 langen, uns zu ſehen, vollſtändig zu befriedigen, ein Zimmer für Euch einrichten laſſen. Was liegt in Dieſem mehr Staunen Erregendes, als in dem, was Ihr mir geſagt habt?“ „NRein, ich ſtaune nur darüber, daß Ihr von meiner Ankunft zuvor benachrichtigt geweſen ſeid.“ „Das iſt jedoch die allereinfachſte Sache, meine liebe Schweſter. Ihr konntet wohl ſehen, daß der Kapitän Eures kleinen Fahrzeuges, ehe er in die Rhede einlief, um die Erlaubniß zur Hafeneinfahrt zu erlangen, einen Nachen vorausſchickte, der ſein Logbuch und ſein Mann⸗ ſchaftsregiſter überbrachte. Ich bin Hafencommandant und man übergab mir dieſes Buch, in welchem ich Euren Namen erkannte. Mein Herz ſagte mir, was mir Euer Mund ſo eben beſtätigt hat; es ſagte mir, in welcher Ab⸗ ſicht Ihr Euch den Beſchwerden einer ſo gefährlichen oder wenigſtens in dieſem Augenblicke ſo ermüdenden See ausſetztet, und ſchickte Euch meinen Kutter entgegen. Das Uebrige wißt Ihr.“ Mylady begriff, daß Lord Winter Unwahrheit ſprach, und gerieth darum nur noch mehr in Schrecken. „Mein Bruder,“ fuhr ſie fort,„war es nicht Mylord EuAngham, den ich dieſen Abend auf dem Hafendamme a „Er ſelbſt. Oh! ich begreife, daß Ihr bei ſeinem Anblick betreten waret,“ verſetzte Lord Winter.„Ihr kommt aus einem Lande, wo man ſich viel mit ihm be⸗ ſchäftigen muß, und ich weiß, daß ſeine Rüſtungen gegen Euren Freund, den Cardinal, ſehr beunru⸗ igen.“ „Meinen Freund, den Cardinal!“ rief Mylady, als ſie einſah, daß Mylord Winter über dieſen Punkt, wie über den anderen von Allem unterrichtet zu ſein ſchien. „Iſt es nicht Euer Freund?“ erwiederte der Baron mit gleichgültigem Tone.„Ah, um Vergebung, ich glaubte es. Doch wir werden ſpäter auf Mylord Herzog zurück⸗ 196 kommen. Wir wollen uns nicht von der ſentimentalen Wendung entfernen, welche das Geſpräch genommen hatte. Ihr ſagtet, Ihr kämet, um mich zu ſehen?“ Ja. Nun wohl, ich antwortete Euch, Ihr würdet nach Brherin werden und wir würden uns jeden Tag ehen.“ „Soll ich alſo ewig hier bleiben?“ fragte Mylady mit einem gewiſſen Schrecken. „Wenn Euch dieſe Wohnung ſchlecht vorkommt, meine Schweſter, ſo verlangt, was Euch fehlt, und ich werde mich beeilen, es Euch geben zu laſſen.“ „Ich habe meine Frauen, meine Leute nicht bei mir.“ „Ihr ſollt Alles das haben, Madame. Sagt mir, auf welchem Fuße Euer erſter Gatte Euer Haus einge⸗ ichtet hatte, und ich werde es, obgleich ich nur Euer Schwager bin, auf demſelben Fuße einrichten.“ „Mein erſter Gatte!“ rief Mylady und ſchaute Lord Winter mit verſtörten Augen an. „Ja, Euer franzöfiſcher Gatte!“ ich ſpreche nicht von meinem Bruder. Uebrigens wenn ihr es vergeſſen habt, könnte ich ihm, da er noch lebt, ſchreiben, und er wird mir wohl Auskunft über dieſen Gegenſtand geben.“ Ein kalter Schweiß perlte auf der Stirne von Mylady. „Ihr ſpottet,“ ſagte ſie mit dumpfer Stimme. „Sehe ich ſo aus?“ fragte der Baron, indem er aufſtand und einen Schritt zurückging. „Oder vielmehr, Ihr beleidigt mich,“ fuhr ſie fort, preßte mit ihren krampfhaften Händen die zwei Arme des Lehnſtuhls und ſuchte ſich auf den Fauſtgelenken zu er⸗ heben.“ lich.„In der That, Madame, glaubt Ihr, dies ſei möglich?“ „Mein Herr,“ ſprach Mylady,„Ihr ſeit entweder „Euch beleidigen! ich?“ ſagte Lord Winter verächt⸗ alen tte. ach Tag lady mt, ich ir mir, nge⸗ Fuer ord von abt, vird dy. er ort, des er⸗ hi⸗ ſei eder 197 trunken oder wahnſinnig. Geht und ſchickt mir meine Frauem“ „Dieſe Frauen ſind ſehr indiseret, meine Schweſter. Könnte ich euch nicht als Zofe dienen? Auf dieſe Art blieben alle unſere Geheimniſſe in der Familie.“ „Unverſchämter!“ rief Mylady, und als pb ſie von einer Feder emporgeſchnellt würde, ſprang ſie gegen den Baron, der ſie voͤllig ruhig erwartete, jedoch mit einer Hand an dem Griffe ſeines Degens. „Ei, ei,“ ſagte er,„ich weiß, daß Ihr die Gewohn⸗ heit habt, die Leute zu ermorden, aber ich werde mich ver⸗ das ſage ich Euch, und wäre es auch gegen Eu „Oh! Ihr habt Recht,“ ſprach Mylady,„Ihr kommt mir feig genug vor, um Hand an eine Frau zu legen.“ „Wenn dies geſchehen würde, ſo wäre ich entſchulvigt. Meine Hand wäre übrigens nicht die erſte Männerhand, die ſich an Euch gelegt hätte, denke ich.“ Und der Baron deutete mit einer langſamen, anſchul⸗ digenden Geberde auf die linke Schulter von Mylady, die er beinahe mit dem Finger berührte. Mylady ſtieß ein dumpfes Röcheln aus und wich bis in die Ecke des Zimmers zurück, wie ein Panther, der ſich anſtemmt, um ſeinen Sprung zu machen. „O brüllt, ſo lange Ihr wollt,“ rief Lord Winter, „aber verſucht nicht, zu beißen, denn ich ſage Euch, die Sache würde zu Eurem Nachtheil ausfallen; es gibt hier keine Proruratoren, welche die Erbfolge zum voraus ord⸗ nenz es gibt hier keinen fahrenden Ritter, der der ſchönen Dame zu Liebe, welche ich gefangen halte, Streit mit mir anfangen würde; aber ich habe ganz in der Nähe Rich⸗ ter, welche über eine Frau verfügen werden, die ſchamlos genug iſt, durch eine Doppelehe in die Famllie von Lord Winter, meinem älteren Bruder einzudringen, und dieſe Richter werden Euch einem Henker überliefern, der Eure beiden Schultern gleich macht.“ 198 Die Augen von Mylady ſchleuderten ſo mächtige Blitze, daß Lord Winter, obgleich er Mann war und be⸗ waffnet vor einer wehrloſen Frau ſtand, die Kälte der Furcht bis in die Tiefe ſeiner Seele fühlte. Nichtsdeſt⸗ weniger fuhr er mit wachſendem Grimme fort:. „Ja, ich begreife, nachdem Ihr meinen Bruder beerbt habt, wäre es Euch angenehm geweſen, auch mich zu beerben. Aber wißt zum voraus, Ihr könnt mich tödten oder tödten laſſen, meine Vorſichtsmaßregeln ſind getroffen. Nicht ein Penny von dem, was ich beſitze, ſoll in Eure Hände vder in die Eures Sohnes übergehen. Seid Ihr nicht reich, beſitzt Ihr nicht beinahe eine halbe Million, und könntet Ihr nicht auf Eurem unſeligen Pfade ſtille ſtehen, wenn Ihr nicht das Böſe aus grenzenloſer Luſt ver⸗ übtet! Oh! ich ſage Euch, wenn mir das Andenken an meinen Bruder nicht heilig wäre, müßtet Ihr in einem Staatsgefängniſſe vermodern oder in Tyburn die Neugierde der Matroſen befriedigen! Ich werde ſchweigen, aber Ihr müßt Eure Gefangenſchaft ruhig ertragen. In vierzehn h Tagen bis drei Wochen gehe ich mit dem Heere nach La Rochelle ab, doch am Vorabend meiner Abreiſe holt Euch 3 ein Schiff, das ich abgehen ſehen werde, und das Euch nach unſern Colonien im Süden führt, und ſeid unbeſorgt, ich gebe Euch einen Geſellſchafter, der Euch die Hirnſchale bei dem erſten Verſuche zerſchmettern wird, den Ihr wagt, um nach England oder auf den Continent zurück⸗ zukommen.“ 4 Mylady horte mit einer Aufmerkſamkeit, wobei ſich ihre eniflammten Augen immer mehr erweiterten. „Ja, aber zu dieſer Stunde,“ fuhr Lord Winter fort „bleibt Ihr in dieſem Schloſſe. Die Mauern deſſelben ſind dick, die Thüren ſtark, die Gitter feſt und überdieß geht Euer Fenſter gerade auf die See hinab. Die Leute von meiner Schiffsmannſchaft, welche mir auf Leben und Tod ergeben ſind, werden um dieſe Wohnung her aufgeſtellt und bewachen alle Zugänge, welche zu dein Hofe führen⸗ htige dbe⸗ der eſto⸗ eerbt ze ödten ffen. Eure Ihr llion, ſtille ver⸗ n an inem ierde Ihr rzehn La Fuch Euch orgt, chale Ihr rück⸗ ſich fort, ſind geht von Tod tellt ren. 199 Wäret Ihr auch im Hofe, ſo müßtet Ihr noch durch drei Gitter gelangen. Der Befehl iſt genau. Ein Schritt, eine Geberde, ein Wort, woraus ſich auf einen Entwei⸗ chungsverſuch ſchließen ließe, und man gibt Feuer auf Euch. Tödtet man Euch, ſo hat die engliſche Juſtiz mir Dank zu ſagen, daß ich ihr ein Geſchäft erſpart habe. Ah, Eure Züge nehmen ihre Ruhe wieder an, Euer Antlitz gewinnt wieder ſeine Sicherheit. Zehn Tage, vierzehn Tage, ſagt Ihr? bah! bis dahin wird mir ein Gedanke kommen: ich habe einen erfindungs⸗ reichen, einen hoͤlliſchen Geiſt, und werde ſchon irgend ein Opfer treffen. In vierzehn Tagen von heute an, ſagt Ihr Euch, werde ich ferne von hiex ſein. Verſucht es einmal!“. Als ſich Mylady verrathen ſah, preßte ſie ſich die Nägel in das Fleiſch, um jede Bewegung zu bewältigen, welche ihrer Phyſiognomie irgend einen andern Ausdruck, als den des Schreckens hätte geben können. Lord Winter fuhr fort.„ „Den Ofſicier, welcher allein hier in meinem Na⸗ men commandirt, habt Ihr geſehen und kennt ihn alſo bereits. Ihr konntet wahrnehmen, daß er einem Befehle zu gehorchen weiß; denn Ihr ſeid nicht von Portsmouth hierher gekommen, ohne den Verſuch zu machen, ihn zum Sprechen zu bringen. Was ſagt Ihr von ihm? Hätte eine Marmorſtatue unempfindlicher, ſtummer ſein können Ihr habt die Macht Eurer Verführungsmittel ſchon an vielen Männern verſucht und leider iſt es Euch ſtets ge⸗ lungen. Verſucht ſie auch bei dieſem, und wenn Ihr zu S Ziele kommt, ſo erkläre ich Euch für den Teufel elbſt.“ Er ging nach der Thüre und öffnete ſie heftig. „Man rufe mir Herrn Felton!“ ſagte er.„Wartet noch ein wenig und ich werde Euch ihm empfehlen.“ Es herrſchte einen Augenblick ein ſeltſames Still⸗ ſchweigen zwiſchen dieſen zwei Perſonen, während deſſen 200 man das Geräuſch eiues langſamen und regelmäßigen Schrittes hörte, der ſich dem Zimmer näherte. Bald ſah man im Schatten der Hausflur eine menſch⸗ liche Form, und der junge Lieutenant, mit dem wir be⸗ reits Bekanntſchaft gemacht haben, erſchien, die Befehle des Barons erwartend, auf der Schwelle. „Tretet ein, mein lieber John,“ ſprach Lord Winter, „tretet ein und ſchließt die Thüre.“ Der junge Officier trat ein. „Schaut nun dieſe Frau an,“ ſagte der Baron,„ſie iſt jung, ſie iſt ſchön, alle Verführungsmittel der Welt ſtehen ihr zu Gebot. Hört wohl, es iſt ein Ungeheuer, das ſich mit fünfundzwanzig Jahren ſo vieler Verbrechen ſchuldig gemacht ha als Ihr in einem Jahre in den Ar⸗ chiven unſerer Tribunale leſen könnt. Ihre Stimme nimmt zu ihren Gunſten ein, ihre Schönheit dient als Koder für ihre Opfer. Sie wird es verſuchen, Euch zu verführen, ſie wird es ſogar vielleicht verſuchen, Euch zu tödten. Ich habe Euch aus dem Elend gezogen, Felton, ich habe Euch zum Lieutenant ernennen laſſen, ich habe Euch einmal das Lehen gerettet, Ihr wißt, bei welcher Gelegenheit. Ich bin Euch nicht nur ein Beſchützer, ſon⸗ dern ein Freund, nicht nur ein Wohlthäter, ſondern ein Vater. Dieſe Frau iſt nach England gekommen, um ge⸗ gen mein Leben zu conſpiriren. Ich halte dieſe Schlange in meinen Händen; ich habe Euch rufen laſſen und ſage Euch: Freund Felton, John, mein Kind, hüte Dich und hüte mich vor dieſer Frau. Schwöre mir bei Deinem Seelenheil, ſie für die verdiente Strafe aufzubewahren. Felton, ich baue auf Dein Wort, John Felton, ich glaube an Deine Rechtſchaffenheit.“ „Mylord,“ erwiederte der junge Officier, ſein reines Auge mit allem Haſſe füllend, den er in ſeinem Herzen finden konnte;„Mylord, ich ſchwöre Euch, daß es ſein wird, wie Ihr wünſcht.“ Mylady nahm dieſen Blick wie ein in ihr Schick⸗ gen ch be⸗ hle er, ſie elt er, en lr⸗ me ls zu n, be e n⸗ in e⸗ ———————— —— 201 7 7 ſal ergebenes Opfer auf. Man könnte unmöglich einen unterwürfigeren und ſanfteren Ausdruck ſehen, als den welcher jetzt auf ihrem ſchönen Antlitz herrſchte. Kaum erkannte Lord Winter in ihr die Tigerin, die er einem Augenblick vorher zu bekämpfen ſich anſchickte. „Sie wird vieſes Zimmer nie verlaſſen, hört Ihr wohl, John,“ fuhr der Baron fort,„ſie wird mit Nie⸗ mand Briefe wechſeln, ſie wird nur mit Euch ſprechen, wenn Ihr überhaupt Euch herablaſſen wollt, ein Wort an ſie zu richten.“ „Es iſt genug, Mylord, ich habe geſchworen.“ „Und nun, Madame,“ ſprach der Baron,„und nun verſucht es, Euren Frieden mit Gott zu machen, denn von den Menſchen ſeid Ihr gerichtet.“ Mylady ließ das Haupt ſinken, als ob ſie durch die⸗ ſes Urtheil zu Boden getreten wäre. Lord Winter ent⸗ fernte ſich mit einer Geberde gegen Felton, der ihm ſolgte und die Thüre ſchloß. Einen Augenblick nachher hörte man in der Flur den ſchweren Gang eines Marineſoldaten, der mit ſeiner Art in der Hand Wache ſtand. Mylady verharrte einige Minuten in derſelben Stel⸗ lung, denn ſie meinte, man könnte ſie durch das Schlüſ⸗ ſelloch beobachten. Dann hob ſie ſachte das Haupt, das einen furchthar drohenden, trotzigen Ausdruck angenommen hatte. Sie lief an die Thüre, um zu horchen, ſchaute durch das Fenſter und begrub ſich wieder in einen weiten Lehnſtuhl. Sie überlegte. XIX. Officier. Der Cardinal erwartete mittlerweile Kunde aus England. Aber es kam keine Nachricht, wenn nicht — 202 ine angenehme, bedrohliche. So gut La Rochelle ein⸗ geſchloſſen war, ſo ſicher der Erfolg durch die Maßregeln, die man ergriffen, und beſonders durch den Damm er⸗ ſcheinen durfte, der keine Barke mehr in die belagerte Stadt eindringen ließ, ſo konnte die Blokade doch noch lange Zeit dauern, und das war eine große Schmach für die Waffen des Königs und eine große Bedrückung für den Herrn Cardinal, der allerdinge nicht mehr Ludwig Xlll. mit Anna von Oeſterreich zu veruneinigen hatte, was bereits abgemacht war, wohl aber Herrn von Baſ⸗ ſompierre verſohnen ſollte, der ſich mit dem Herzog von Anguoléme entzweit hatte. Die Stadt hatte trotz der unglaublichen Beharrlich⸗ keit ihres Bürgermeiſters eine Meuterei verſucht, um ſich zu ergeben. Der Bürgermeiſter ließ die Meuterer hän⸗ gen. Dieſe Strafe brachte die ſchlimmſten Köpfe zur Ruhe, die ſich entſchloſſen, ſich Hungers ſterhen zu laſſen, da ihnen dieſer Tod immerhin langſamer und weniger ſicher vorkam, als das Stranguliren. Von Zeit zu Zeit ergriffen die Belagerer Boten, welche die Rocheller an Buckingham ſchickten, oder Spione welcher Buckingham an die Rocheller abſandte. In dem einen, wie in dem andern Falle war der Prozeß ſchnell abgemacht. Der Cardinal ſprach das ein⸗ zige Wort; Gehenkt! Man lud den König ein, das Hän⸗ gen mit anzuſehen; der König kam kraftlos herbei und wählte ſich einen guten Platz, um die Operation in allen ihren Einzelnheiten anſchauen zu können. Dies diente für ihn ſtets einigermaßen zur Zerſtreuung, aber er lang⸗ weilte ſich deſſenungeachtet und ſprach alle Augenblicke von einer Rückkehr nach Paris, ſo daß Seine Eminenz, wenn es an Boten und Spionen gefehlt hätte, trotz ihrer Einbilvungskraft in große Verlegenheit gerathen wäre. ffing, war der Ueberbringer eines Briefes. Dieſer Brie ichtsdeſtoweniger ging die Zeit vorüber, und die Rocheller ergaben ſich nicht. Der letzte Spion, den man in⸗ ln, er⸗ erte für für wig tte, aſ⸗ von ich⸗ ſ an⸗ zur ſen, iger ten, one der ein⸗ än⸗ und llen für ng⸗ licke enz, hrer die nan rief 203 ſagte allerdings Buckingham, daß die Stadt die äußerſte Noth erreicht habe, aber ſtatt des Beiſatzes:„Wenn Eure Hülfe nicht vor vierzehn Tagen eintrifft, werden wir uns ergeben,“ war ganz einfach beigefügt:„Wenn Eure Hülfe nicht vor vierzehn Tagen eintrifft, werden wir bei Eurer Erſcheinung Hungers geſtorben ſein.“ Die Rocheller ſetz⸗ ten ihre Hoffnung alſo auf Buckingham. Buckingham war ihr Meſſias. Hätten ſie eines Tages auf eine ſichere Weiſe erfahren, daß ſie nicht mehr auf Buckingham rech⸗ nen dürften, ſo wäre offenbar ihr Muth mit der Hoffnung gefallen. Der Cardinal erwartete alſo mit großer Ungeduld Nachrichten aus England, die ihm melden würden, Bucking⸗ ham käme nicht. Die Frage, die Stadt im Sturme zu nehmen, wurde oft im Rathe des Königs verhandelt. Einmal ſchien La Rochelle uneinnehmbar und dann wußte der Cardinal, was er auch geſagt haben mochte, gar wohl, daß der Schrecken des bei einem ſolchen Zuſammentreffen, vergoſſenen Blutes, bei einem Zuſammentreffen, wo Franzoſen gegen Franzoſen käm⸗ pfen ſollten, für die Politik eine retrograde Bewegung von ſechzig Jahren war, und der Cardinal war um dieſe Zeit das, was man heut zu Tage einen Mann des Fortſchrit⸗ tes nennt. In der That die Plünderung von La Rochelle und die Ermordung von drei bis viertauſend Hugenotten, welche ſich tödten ließen, glichen im Jahre 1628 nur zu ſehr der Niedermetzelung der Bartholomäusnacht im Jahre 1572. Dieſes Mittel, das dem König, einem guten Ka⸗ tholiken, keineswegs widerſtrebte, ſcheiterte ſtets an der Behauptung der belagernden Generale:„La Rochelle iſt auf keine andere Weiſe, als durch den Hunger zu nehmen.“ Der Cardinal konnte ſeinen Geiſt nicht von der Angſt frei machen, in die ihn ſeine furchtbare krin Lerſetzte; denn auch er hatte die ſeltſamen Verhältniſſe 204 pleſer Frau begriffen, die bald eine Schlange, bald eine Löwin war. Hatte ſie ihn verrathen? war ſie todt? Er kannte ſie hinreichend, um zu wiſſen, daß ſie, für ihn oder gegen ihn handelnd, Freundin oder Feindin, ohne große Hinderniſſe nicht unbeweglich blieb. Aber von welcher Seite kemen dieſe Hinderniſſe? Das war es, was er nicht wiſſen konnte. Uebrigens zählte er auf Mylady, und zwar mit Recht. Er hatte in der Vergangenheit dieſer Frau ge⸗ wiſſe Dinge errathen, die nur ſein rother Mantel bedecken konnte; und er fühlte, daß dieſe Frau ihm aus dem einen oder dem andern Grunde zugethan war, da ſie nur in ihm in der Gefahr, von der ſie bedroht war, eine höhere Stütze finden konnte. Er beſchloß alſo, den Krieg ganz allein zu führen ind einen fremden Erfolg nur ſo zu erwarten, wie man einen günſtigen Zufall erwartet. Er fuhr fort, den furchtbaren Bamm errichten zu laſſen, welcher La Rochelle aushungern ſollte, und warf mittlerweile ſeine Augen auf vie unglückliche Stadt, welche ſo viel tiefes Elend, ſo viele heldenmüthige Tugenden in ſich ſchloß, und erinnerte ſich des Wortes von Ludwig XI., ſeinem politiſchen Vor⸗ gänger, wie er ſelbſt der Vorgänger von Robespierre war. Er erinnerte ſich des Marims von Gevatter Triſtan: „Divide et impera.“ Als Heinrich 1V. Paris belagerte, ließ er Brod und Lebensmittel über die Mauern werfen. Der Cardinal ließ kleine Zettel hinüberwerfen, in welchen er den Rochellern vorſtellte, wie ungerecht, ſelbſtſüchtig und barbariſch das Verfahren ihrer Häupter wäre. Dieſe Häupter hatten Ge⸗ treide im Ueberfluß und vertheilten es nicht. Sie nahmen als Grundſatz an, denn ſie hatten Grundſätze, daß wenig vns⸗ ob die Weiber, Kinder und Greiſe umkämen, weni ſur die Männer, welche die Mauern vertheidigen ſollten, ſtark und geſund blieben. Bis jetzt war dieſer Grund⸗ ——————————„ —— 205 e ſatz, ſei es aus Ergebenheit, ſei es aus Ohnmacht da⸗ r gegen zu reagiren, ohne allgemein anerkannt zu werden, r von der Theorie zur Praris übergegangen; aber durch e die erwähnten Zettel geſchah ein Angriff auf denſelben. r Dieſe Zettel erinnerten die Männer daran, daß die Kin⸗ r der, Weiber und Greiſe, die man ſterben ließ, ihre Söhne, Frauen und Väter waren, daß es billiger wäre, t wenn jeder dem allgemeinen Elend unterworfen würde, da⸗ ⸗ mit dieſelbe Lage Aller Einhelligkeit in den Beſchlüſſen her⸗ n beiführen müßte. n Aber in dem Augenblick, wo der Cardinal bereits n ſein Mittel Früchte tragen ſah und ſich wegen der An⸗ e wendung deſſelben Glück wünſchte, gelangte ein Einwoh⸗ ner von La Rochelle, der durch die königlichen Linien ge⸗ n drungen war— Gott weiß, auf welche Weiſe, denn n Baſſompierre, Schomberg und der Herzog von Angouléme n beobachteten, ſelbſt wieder von dem Cardinal überwacht, e 5 eine große Wachſamkeit— ein Einwohner von La Ro⸗ ſ chelle ſagen wir, gelangte, von Portsmouth kommend, o in die Stadt und ſagte aus, er habe eine herrliche Flotte te geſehen, welche noch vor acht Tagen auslaufen werde. ⸗ Ueberdieß kündigte Buckingham dem Bürgermeiſter an, r. daß endlich das große Bündniß gegen Frankreich ſich er⸗ klärt habe, und daß zu gleicher Zeit die engliſchen, kai⸗ ſerlichen und ſpaniſchen Heere das Königreich überfallen d werden. Dieſer Brief wurde öffentlich auf allen Plätzen ß vorgeleſen. Man klebte eine Abſchrift an die Straßenecken n und diejenigen, welche Unterhandlungen angeknüpft hatten, 8 brachen dieſelben wieder ab, entſchloſſen, die in ſo kurzer e⸗ Zeit angekündigte Hülfe zu erwarten. n Dieſer unvorhergeſehene Umſtand verſetzte Richelien g wieder in ſeine frühere Unruhe und nöthigte ihn, ſeine n Augen abermals dem Meere zuzuwenden. n Während dieß vorging, führte die tönigliche Wier, d⸗ frei von der Unruhe ihres einzigen und wahren Hauptes, 1 206 und Trank und nicht an Geld. Alle Corps wetteiferten an Kühnheit und Heiterkeit. Spione auffangen und hän⸗ gen, kecke Erpeditionen auf dem Damme oder auf der See ausführen, Tollheiten erſinnen und ſie kalt in das Werk ſetzen, das war der Zeitvertreib, der die Armee die für Rocheller, welche von Angſt und Hußger verzehrt wurden, ſo langen Tage kurz finden ließ, dieſe Tage, ger waren. 1 Wenn zuweilen der Cardinal, äbelcher ſtets wie der letzte Gendarme, umher ritt, ſeinen nachdenkenden Blick über die Werke hinſchweifen ließ, welche unter einem Befehle von Ingenieurs errichtet wurden, die er aus allen Winkeln Frankreichs herbeirief, und er begegnete einem Musketier von der Compagnie von Treville, ſo ſchaute er ihn auf eine ſeltſame Weiſe an, und ließ ſeinen Blick ſogleich wieder anderswohin ſchweifen, wenn er in ihm nicht einen von den vier Gefährten erkannte. An einem Tage, wo der Cardinal von einem töͤdt⸗ lichen Aerger zernagt, ohne Hoffuung auf die Unterhand⸗ lungen mit der Stadt, ohne Nachrichten aus England, in keiner andern Abſicht ausgeritten war, als gerade, um auszureiten, gelangte er, nur von Cahnſac und La Hou⸗ tiniere begleitet, während er auf dem Ufer hinzog und die Unermeßlichkeit ſeiner Träume mit der Unermeßlichkeit des Oceans vermiſchte, im kurzen Schritte ſeines Pferdes auf einen Hügel, von deſſen Höhe herab er, hinter einer Hecke vor der großen Sonnenhitze unter einer Gruppe von Bäumen geſchützt, ſieben von leeren Flaſchen umge⸗ bene Menſchen liegen ſah. Vier von dieſen Menſchen ware unſere Musketiere, welche ſich anſchickten, das Vor⸗ leſeines Briefes zu hören, den einer von ihnen bekom⸗ men ite. Dieſer Brief war ſo wichtig, daß man ihm zu Liebe auf einer Trommel Karten und Würfel im Stiche ließ. ein luſtiges Leben; es fehlte im Lager nicht an Speiſe welche für den Cardinal, der ſie belagerte, noch viel län⸗ iſe en n⸗ er as ee rt e, n⸗ er en m 207 Die drei Andern beſchäftigten ſich, eine ungeheure mit Stroh umflochtene Flaſche Collioure⸗Wein aufzuma⸗ chen. Es waren die Lackeien von dieſen Herren. Der Cardinal war, wie geſagt, finſterer Laune, und nichts verdoppelte, wenn er ſich in dieſer geiſtigen Stimmung befand, ſeinen Aerger ſo, wie die Heiter⸗ keit der Andern. Ueberdieß hegte er einen ſeltſamen Argwohn und glaubte, gerade die Urſache ſeiner Trau⸗ rigkeit errege die Heiterkeit der Fremden. Er gab La Houtiniere und Cahuſac ein Zeichen, ſtille zu hal⸗ ten, ſtieg vom Pferde und näherte ſich dieſen verdäch⸗ tigen Lachern, in der Hoffnung, er könnte mit Hülfe des Sandes, der ſeinen Schritt unhörbar machte und der Hecke, die ſeinen Gang bedeckte, einige Worte von dem Geſpräche horen, das ihm ſo intereſſant erſchien. Erſt zehn Schritte von der Hecke erkannte er das gas⸗ cogniſche Geplauder d'Artagnan's, und da er bereits wußte, daß dieſe Leute zu den Musketieren gehörten, ſo zweifelte er nicht daran, die drei Andern wären diejeni⸗ gen, welche man die Unzertrennlichen nannte, das heißt Athos, Porthos und Aramis. Man kann ſich leicht denken, daß ſein Verlangen, etwas von dem Geſpräche zu hören, ſich durch dieſe Ent⸗ deckung nur noch vermehrte. Seine Augen nahmen einen ſeltſamen Ausdruck an und er näherte ſich der Hecke mit dem Tritte einer Tigerkatze; aber er war noch nicht im Stande geweſen, mehr als einige unbeſtimmte Sylben ohne einen richtigen Sinn aufzufaſſen, als ein kurzer kräf⸗ tiger Ruf ihn beben machte und die Aufmerkſamkeit der Musketiere erregte. „Offizier!“ rief Grimaud. „Ihr ſprecht, glaube ich, Burſche,“ ſagte Athos, ſich auf einem Ellbogen erhebend und Grimaud miti⸗ nem flammenden Blicke anblitzend., Grimaud fügte auch kein Wort mehr bei, er be⸗ 208 guügte ſich, den Zeigefinger in der Richtung der Hecke auszuſtrecken, und deutete durch vieſe Geberde den Cardi⸗ nal und ſeine Escorte an. Mit einem Sprunge waren die vier Musketiere auf den Beinen und grüßten ehrfurchtsvoll. Der Cardinal ſchien wüthend. „Es ſcheint, daß man ſich bei den Herren Mus⸗ ketieren bewachen läßt,“ ſagte er.„Kommt der Englän⸗ der zu Lande oder ſollten ſich die Musketiere für hohe Ofſiziere halten?“ „Monſeigneur,“ antwortete Athos, denn er allein hatte mitten unter dem allgemeinen Schrecken vie Ruhe und Kaltblütigkeit des vornehmen Mannes behalten, die ihn nie verließ.„Monſeigneur, wenn die Musketiere nicht im Dienſte ſind oder wenn ihr Dienſt zu Ende iſt, ſo trinken und würfeln ſie und ſind für ihre Lackeien ſehr hohe Offiziere.“ „Lackeien!“ brummte der Cardinal,„Lackeien, wel⸗ che Befehl haben, ihre Herren zu benachrichtigen, wenn Jemand vorüber kommt, das ſind keine Lackeien, ſondern Wachen.“ „Seine Eminenz ſieht jedoch, daß wir, wenn wir dieſe Vorſichtsmaßregeln nicht getroffen hätten, uns der Unannehmlichkeit ausgeſetzt haben würden, ſie vorübergehen zu laſſen, ohne ihr unſere Ehrfurcht zu bezeugen und unſern Dank für die Gnade abzuſtatten, daß ſie uns vereinigte. D'Artagnan,“ fuhr Athos fort,„Ihr, die Ihr Euch ſo eben nach einer Gelegenheit ſehntet, Mon⸗ ſeigneur Eure Dankbarkeit auszudrücken, habt ſie nun gefunden und werdet ſie benützen.“ Dieſe Worte wurden mit dem unſtörbaren Phlegma, as Athos in den Stunden der Gefahr bezeichnete, und mit der außerordentlichen Höflichkeit geſprochen, die in Augenblicken aus ihm einen König machte, ieſtätiſcheres Anſehen hatte, als die Könige v Hecke ardi⸗ auf Nus⸗ län⸗ hohe llein kuhe die tiere iſt, ſehr wel⸗ venn dern wir der ehen und uns die kon⸗ nun ma, und in der von 209 D'Artagnan näherte ſich und ſprach einige Worte des Dankes, welche bald unter dem düſteren Blicke des Car⸗ vinals erloſchen. „Gleich viel, meine Herren,“ fuhr der Cardinal fort, ohne daß es ſchien, als ließe er ſich durch den Zwiſchen⸗ fall, welchen Athos benützt hatte, nur im Geringſten von ſeiner erſten Abſicht entfernen,„gleichviel, ich liebe es nicht, daß einfache Soldaten, weil ſie den Vorzug haben, in einem privilegirten Corps zu dienen, auf dieſe Art die großen Herren ſpielen, und die Disciplin iſt für ſie die⸗ ſelbe, wie für die ganze Welt.“ Athos ließ den Cardinal ſeinen Satz vollkommen enden, verbeugte ſich ſodann zum Zeichen der Beipflich⸗ tung und verſetzte: „Die Disciplin, Monſeigneur, iſt wie ich hoffe, von uns in keiner Beziehung vergeſſen worden, wir ſind nicht im Dienſte und glaubten, da wir nicht im Dienſte ſind, über unſere Zeit nach unſerem Gutdünken verfügen zu können. Sollte uns Eure Eminenz durch einige beſon⸗ dere Befehle beglücken wollen, ſo ſind wir bereit zu ge⸗ horchen. Monſeigneur ſieht,“ fuhr Athos die Stirne run⸗ zelnd fort, denn dieſes Verhör fing an, ihn ungeduldig zu machen,„daß wir, um auf den erſten Trommelſchlag be⸗ reit zu ſein, mit unſern Waffen ausgezogen ſind.“ Und er deutete mit dem Finger auf die vier Mus⸗ keten, welche in der Nähe der Trommel, auf der die Würfel und Karten lagen, aufgepflanzt waren. „Eure Eminenz wolle überzeugt ſein,“ fügte dAr⸗ tagnan bei,„daß wir ihr entgegengekommen wären, wenn wir hätten vermuthen können, ſie wäre es, die ſich uns in ſo kleiner Geſellſchaft näherte.“ Der Cardinal biß ſich in den Schnurrbart und auch etwas in die Lippen. „Wißt Ihr, wie Ihr ausſeht, ſtets wie in n Angenhlicke beiſammen, bewaffnet und bewacht von Euren Die drei Musketiere m. 14 2¹0 Bedienten?“ ſprach der Cardinal.„Ihr ſeht aus, wie Verſchwörer.“ „Oh! was das hetrifft, Monſeigneur, das iſt wahr,“ ſprach Athos.„Wir conſpiriren allerdings, wie Seine Eminenz an jenem Morgen ſehen konnte, aber nur gegen die Rocheller.“ „Ei, meine Herren Politiker,“ entgegnete der Cardi⸗ nal, ebenfalls die Stirne faltend,„man würde vielleicht in Eurem Gehirne das Geheimniß von allerlei Dingen finden, wenn man darin leſen könnte, wie Ihr in dem Briefe geleſen habt, den Ihr verbargt, als Ihr mich kommen ſaht.“ Athos ſtieg das Blut in das Geſicht, er machte einen Schritt gegen Seine Eminenz. * „Man ſollte glauben, Ihr hegtet wirklich einen Arg wohn gegen uns, Monſeigneur, und wir hätten ein wah Verhör zu beſtehen.“ „Und wenn es nun wirklich ein Verhör wäre fragte der Cardinal. 3 „Monſeigneur, ich habe Eurer Eminenz geſagt, d ſie nur zu fragen hätte und daß wir zu antworten bereit wären.“ „Was für ein Brief war das, den Ihr vorhin ge⸗ leſen habt, Herr Aramis, und was verbargt Ihr?“ „Einen Brief von einer Frau, Monſeigneur.“ „Oh ich begreife,“ ſprach der Cardinal,„man muß bei ſolchen Briefen discret ſein; aber man kann ſiee doch einem Beichtiger zeigen, und Ihr wißt, ich gehörd dem geiſtlichen Stande an.“ „Monſeigneur,“ ſagte Athos mit einer um ſo furcht⸗ bareren Ruhe, als er bei dieſer Antwort um ſeinen Kopf ſpielte,„Monſeigneur, der Brief iſt von einer Frau, aber Marion Delorme, noch Frau von Combalot, noch von Chaulnes unterzeichnet.“ Der Cardinal wurde bleich wie der Tod. Ein wilder 3— Blitz zuckte aus ſeinen Augen. Er wandie ſich um, als ur wie hr,“ Seine egen rdi⸗ eicht ngen dem mich ichte lrg⸗ hre e ge⸗ uß och em ht⸗ opf ber c der 6 reit — 211 wollte er Cahuſac und La Houtiniöre einen Befehl geben Athos ſah dieſe Bewegung und machte einen Schritt gegen die Musketen, auf welche die drei Freunde ihre Augen als Männer gerichtet hatten, die ſehr wenig geneigt waren, ſich verhaften zu laſſen. Der Cardinal war zu drei, die Musketiere, ihre Bedienten mit einbegriffen, zu ſieben. Er dachte, die Partie wäre um ſo weniger gleich, wenn Athos und ſeine Gefährten wirklich conſpirirten, und durch eine der raſchen Wendungen, über vie er ſtets zu verfügen im Stande war, verwandelte ſich ſein ganzer Zorn in ein Lächeln. „Gut, gut,“ ſprach er,„Ihr ſeid wackere junge Leute, ſtolz in der Sonne, getreu in der Dunkelheit, und es iſt kein Fehler, über ſich ſelbſt zu wachen, wenn man ſo gut über Andere wacht. Meine Herren, ich habe die Nacht durchaus nicht vergeſſen, wo Ihr mir als Escorte bei meinem Ritte nach dem rothen Jaubenſchlag dientet. Wenn irgend eine Gefahr auf der Route, die ich zu machen habe, zu befürchten wäre, ſo würde ich Euch bitten, mich zu begleiten. Da aber dieß nicht der Fall iſt, ſo bleibt, wo Ihr ſeid, endiget Eure Flaſchen, Eure Partie und Euren Brief. Gott befohlen, meine Herren!“ Hienach beſtieg er wieder ſein Pferd, das ihm Ca⸗ huſac entgegen brachte, grüßte ſie mit der Hand und ent⸗ ſernte ſich. Die vier jungen Leute ſtanden unbeweglich und folgten ihm mit den Blicken, ohne ein einziges Wort zu ſprechen, bis er verſchwunden war. Dann ſchauten ſie ſich an. Alle ſahen beſtürzt aus, denn trotz des freundſchaft⸗ lichen Abſchiedes des Cardinals begriffen ſie, daß Seine Eminenz mit Wuth im Herzen weghing. Athos allein lächelte verächtlich. Als der Cardinal außer dem Bereiche der Stimme und des Geſichtes war, rief Porthos, welcher große 2¹2 Luſt hatte, laſſen: „Dieſer Grimaud hat ſehr ſpät geſchrieen!“ Grimaud war im Begriff zu antworten, um ſich zu entſchuldigen. Athos hob den Finger auf und Gri⸗ maud ſchwieg. „Würdet Ihr den Brief abgegeben haben, Aramis?“ ſagte dArtagnan. „Ich,“ erwiederte Aramis mit ſeiner flötenartigſten Stimme,„ich war entſchieden. Wenn er die Ausliefe⸗ rung verlangt hätte, ſo würde ich ihm mit einer Hand den Brief übergeben und mit der andern den Degen durch den Leib gerannt haben.“* „Das erwartete ich,“ ſagte Athos, und darum habe ich mich zwiſchen Euch und ihn geworfen. Dieſer Mann iſt in der That ſehr unklug, daß er auf eine ſolche Art ſeine üble Laune auß einen Andern fallen zu mit andern Menſchen ſpricht. Man ſollte glauben, er habe es ſein Leben lang nur mit Weibern und Kindern zu thun gehabt.“ 3 „Mein lieber Athos!“ rief dArtagnan,„ich bewun⸗ dere Euch, aber wir hatten im Ganzen doch linrecht“ „Wie, Unrecht,“ entgegnete Athos,„wem gehört denn dieſe Luſt, die wir athmen? wem dieſes Meer, an welchem wir lagern? wem dieſer Brief von Euerer Geliebten? Etwa dem Cardinal? Dieſer Menſch bildet ſich am Ende ein, die ganze Welt gehöre ihm. Ihr ſtandet ſtammelnd, erſtaunt, vernichtet da, als ob die Baſtille vor Euch em⸗ por ſtarrte, und die rieſige Meduſa Euch in Stein ver⸗ wandelte. Heißt verliebt ſein conſpiriren? Ihr ſeid in eine Frau verliebt, die der Cordinal einſperren ließ, Ihr wollt ſie den Händen des Cardinals entziehen, das iſt die Partie, die Ihr mit Seiner Eminenz ſpielt. Dieſer Brief iſt Euer Spiel. Warum ſolltet Ihr Euer Spiel Euerem Gegner zeigen? Er mag es errathen! Wir errathen das ſeinige gar wohl.“ nün die au Fr ſich d' ſich Hri⸗ 32“ ſten efe⸗ and rch be nn lrt rn 2¹3 „Was Ihr da ſagt, Athos, iſt allerdings ſehr ver⸗ nünftig,“ ſprach d'Artagnan. „Dann ſei nicht mehr von dem, was vorgefallen iſt, die Rede, und Aramis nehme den Brief ſeiner Baſe da auf, wo ihn der Herr Cardinal unterbrochen hat.“ Aramis zog den Brief aus ſeiner Taſche. Die drei Freunde näherten ſich ihm und die drei Lackeien lagerten ſich abermals um die Strohflaſche. „Ihr habt nur eine oder zwei Zeilen geleſen,“ ſagte dArtagnan.„Leſt alſo den Brief von Anfang an.“ „Gerne,“ erwiederte Aramis. „Mein lieber Vetter, „Ich glaube wohl, daß ich mich entſchließen werde, nach Bethune abzureiſen, wo meine Schweſter unſere kleine Magd in ein Karmeliterinnen⸗Kloſter gebracht hat. Die⸗ ſes arme Kind hat ſich darein ergeben. Es weiß, daß es nicht anderswo leben kann, ohne daß das Heil ſeiner Seele gefährdet wäre. Wenn jedoch unſere Familienan⸗ gelegenheiten ſich ordnen, wie wir es wünſchen, ſo glaube ſch, daß die Arme es wagen wird, ſich verdammen zu laſ⸗ ſen, und daß ſie zu denjenigen zurückkehrt, nach welchen ſie ſich um ſo mehr ſehnt, als ſie weiß, daß man ſtets an ſie denkt. Einſtweilen iſt ſie nicht zu unglücklich. Ihr einziger Wunſch iſt ein Brief von ihrem Bräutigam. Ich weiß ſehr wohl, daß ſolche Waaren ſchwer durch die Git⸗ ter gehen, aber im Ganzen, mein lieber Vetter, bin ich— und ich habe Euch hievon Beweiſe gegeben— nicht gar zu ungeſchickt, und ich übernehme dieſen Auftrag. Meine Schweſter dankt Euch für Euere beſtändige Erinnerung; ſie ſchwebte einen Augenblick in großer Unrühe, aber jetzt iſt ſie ein wenig beruhigt, weil ſie ihren Gehülfen hinunter⸗ geſchickt hat, damit nichts Unvorhergeſehenes vorfallen kann „Adieu, mein lieber Vetter, gebt ſo oft als möglich Nachricht von Euch, das heißt, ſo oft, als Ihr es ſicher thun zu können glaubt. Ich umarme Euch. Marie Michon.“ 214 „D wie viel Dank bin ich Euch ſchuldig, Aramis, rief bArtagnan.„ heuere Conſtance! endlich habe ich alſo Kunde von ihr! Sie lebt, ſie iſt in Sicherheit in i ſie iſt in Bethune! Wo liegt Bethune, thos?⸗ „Auf der Gränze von Artois und Flandern; iſt die Belagerung einmal aufgehoben, ſo können wir eine Reiſe dahin machen.“ „Und das wird hoffentlich nicht mehr lange währen,“ ſprach Porthos;„denn man hat dieſen Morgen wieder ei⸗ nen Spion gehängt, welcher behauptete, die Rocheller wä⸗ ren am Oberleder ihrer Stiefeln. Nehme ich nun an, daß ſie die Sohlen eſſen, wenn ſie das Oberleder verzehrt haben, ſo ſehe ich nicht ein, was ihnen nachher noch übrig bleiben ſoll, wenn ſie nicht einander ſelber verſpeiſen. wollen.“ „Arme Tröpfe!“ ſprach Athos und leerte ein Glas vortrefflichen Bordeaurwein, der, ohne damals den Ruf wie heutigen Tages zu haben, dieſen darum doch nicht we⸗ niger verdiente.„Arme Tröpfe, als ob die katholiſche Religion nicht die vortheilhafteſte und angenehmſte der Religionen wäre. Doch gleich viel,“ fuhr er fort, nach⸗ dem er mit der Zunge am Gaumen geſchnalzt hatte,„es nd brave Leute. Aber was Teufels macht Ihr denn, Ara⸗ mis, Ihr ſteckt dieſen Brief in Euere Taſche?“ „Ja,“ ſagte dArtagnan,„Athos hat Recht, man muß ihn verbrennen. Wer weiß jedoch, ob der Herr Cardinal nicht ein Geheimniß beſißt, um die Aſche zu be⸗ fragen.“. „Er muß wohl eines beſitzen,“ erwiederte Athos. „Aber was wollt Ihr denn mit dieſem Briefe ma⸗ chen?“ fragte Porthos. „RKommt hieher, Grimaud,“ ſagte Athos. Brimaud ſtand auf und gehorchte. „Zur Strafe dafür, daß Ihr ohne Erlaubniß geſpro⸗ chen haht, mein Freund, werdet Ihr dieſes Stück Papier 4 eſſen, und für den Dienſt, den Ihr uns leiſtet, trinkt Ihr ſodann dieſes Glas Wein. Hier, nehmt zuerſt den Brief, kaut kräftig.“ Grimaud lächelte und die Augen auf bas Glas ge⸗ richtet, das Athos bis an den Rand gefüllt hatte, zer⸗ * kaute er das Papier und verſchlang es. „Bravo, Meiſter Grimaud!“ rief Athos,„und nun vieſes. Gut, ich entbinde Euch der Verpflichtung, Dank zu ſagen.“ Grimaud trank ſtillſchweigend das Glas Bordeaur⸗ wein, aber ſeine zum Himmel aufgeſchlagenen Augen ſpra⸗ chen, ſo lange dieſe ſüße Beſchäftigung dauerte, eine Sprache, die, obgleich ſtumm, darum doch nicht minder ausdrucksvoll war. „Und nun,“ ſagte Athos,„wenn nicht der Herr Car⸗ dinal den geiſtreichen Gedanken hat, Grimaud den Bauch zu laſſen, können wir, glaube ich, beinahe ruhig ein.“ Während dieſer Zeit ſetzte Seine Eminenz ihren ſchwermüthigen Spazierritt fort und murmelte wiederholt zwiſchen ſeinem Schnurrbarte: „Entſchieden, dieſe vier Männer müſſen mein ſein!“ XX. Erſter Tag der Gefangenſchaft. Rehren wir zu Mylady zurück, die uns ein Blick auf die Küſte von Frankreich einen Moment aus dem Geſichte verlieren ließ. Wir werden ſie in der verzweifelten Lage wieder fin⸗ den, in der wir ſie zurückgelaſſen haben, einen Abgrund düſterer Betrachtungen, eine finſtere Hölle grabend, an deren Pforte ſie beinahe jede Hoffnung zurückgelaſſen hat, zum erſten Male zweifelt, zum erſten Male fürch⸗ tet ſie. Bei zwei Gelegenheiten hat ſie ihr Glück verlaſſen, bei zwei Gelegenheiten hat ſie ſich entdeckt und verrathen geſehen, bei zwei Gelegenheiten ſcheiterte ſie an dem böſen Geiſte, den ohne Zweifel der Herr ſandte, um ſie zu be⸗ kämpfen. DArtagnan hat ſie beſiegt, ſie, die unbeſiegbare Macht des Boöſen. Er hat ſie in ihrer Liebe verletzt, in ihrem Stolze gedemüthigt, und nun richtet er ſie in ihrem Vermögen zu Grunde, ſchlägt er ſie in ihrer Freiheit, bedroht er ſie ſogar in ihrem Leben. Mehr noch, er hat eine Ecke ihrer Maske aufgehoben, dieſer Aegide, mit der ſie ſich bedeckt, die ſie ſo ſtark macht. DArtagnan hat von Buckingham, den ſie haßt, wie ſie alles haßt, was ſie geliebt hat, den Sturm abgewen⸗ det, mit dem ihn Richelien in der Perſon der Königin bedrohte. D'Artagnan hat ſich für Wardes ausgegeben, für den ſie eine glühende Tigerliebe, unbezähmbar, wie bei allen Frauen dieſes Charakters, hegte. D'Artagnan kennt das furchtbare Geheimniß, das nach ihrem Schwure Nie⸗ mand kennen ſollte, ohne zu ſterben. In dem Augenblick, wo ſie von Richelien ein Blankett erhalten hat, mit deſſen Hülfe ſie ſich an ihrem Feinde zu rächen gedenkt, wird ihr dieſes Blankett aus den Händen geriſſen, und d'Ar⸗ tagnan hält ſie gefangen und will ſie nach irgend einem ſchändlichen Botanybay, nach irgend einem abſcheulichen Tyburn des indiſchen Oceans ſchicken. Denn alles dies kommt ohne Zweifel von dAr⸗ tagnan. Von wem ſollte ſo viel auf ein Haupt ge⸗ häufte Schmach kommen, wenn nicht von ihm? Er allein konnte Lord Winter all die furchtbaren Ge⸗. 3— —— —— fin⸗ und an hat, ch⸗ ſen, hen ſen be⸗ are = S —— —* — 217 heimniſſe mittheilen, die er nach einander durch eine un⸗ ſelige Verbindung von Umſtänden erfahren hat. Wie viel Haß zerſetzt ſie! Hier, unbeweglich und die Augen ſtarr und glühend in ihrem einſamen Zimmer, während das Geräuſch des dumpfen Schnaubens, das zu⸗ weilen aus der Tiefe ihrer Bruſt hervorkommt, das To⸗ ſen der Wellen begleitet, welche ſteigen, brauſen und brül⸗ len und ſich wie eine ewige, unmächtige Verzweiflung an den Felſen brechen, auf denen das ſtolze düſtere Schloß erbaut iſt, während ihr ſtürmiſcher Zorn mit ſeinen Blitzen ihren Geiſt erleuchtet, hier faßt ſie gegen Madame Bona⸗ eieur, gegen Buckingham und beſonders gegen d'Artagnan in der fernen Zukunft ſich verlierende Rache⸗ pläne. Ja, aber um ſich zu rächen, muß man frei ſein, und um frei zu ſein, wenn man gefangen iſt, muß man eine Mauer durchbrechen, Gitterſtangen losmachen, einen Boden durchhoͤhlen, lauter Unternehmungen, welche ein geruldiger und ſtarker Mann zu Ende führen kann, vor denen jedoch die fieberhaften Aufregungen einer Frau ſchei⸗ tern müſſen. Um Alles dies zu thun, muß man überdies Zeit, Monate, Jahre haben, und ſie hat, wie ihr Mylord Winter, ihr brüderlicher und furchtbarer Kerkermeiſter, ſagte, nur zehn bis zwölf Tage. Und dennoch, wenn ſie ein Mann wäre, würde ſie Alles dies verſuchen, und es würde ihr vielleicht gelin⸗ gen: warum hat ſich der Himmel ſo getäuſcht, indem er e männliche Seele in einen ſo ſchwachen zarten Leib egte. Die erſten Augenblicke der Gefangenſchaft waren auch furchtbar. Mit einigen krampfhaften Zuckungen der Wuth, die ſie nicht zu überwinden vermochte, wurde die Schulv weiblicher Schwäche an die Natur abgetragen. Rach und nach aber hat ſie die Ausbrüche ihres tollen Zornes be⸗ wältigt, das Reivenzittern, welches ihren Körper bewegte, iſt verſchwunden und ſie hat ſich nun auf ſich ſelbſt zurück⸗ gewunden, wie eine müde Schlange, wenn ſie ausruht. „Auf, auf! ich war eine Thörin, daß ich mich hin⸗ reißen ließ,“ ſpricht ſie, in den Spiegel ſchauend, der ihren Augen den glühenden Blick zurückwirft, durch den ſie ſich ſelbſt zu befragen ſcheint,„keine Gewaltthätig⸗ keit! die Gewaltthätigkeit iſt ein Zeichen der Schwäche und ich habe nie durch dieſes Mittel geſiegt. Wenn ich vielleicht von meiner Kraft gegen Frauen Gebrauch machen würde, hätte ich Hoffnung, ſie noch ſchwächer zu fin⸗ den, als ich ſelbſt bin, und ſie folglich zu überwältigen; aber ich kämpfe gegen Männer und bin für ſie nur eine Frau. Wir wollen als Frau kämpfen. Meine Kraft liegt in meiner Schwäche.“ Als wollte ſie ſich ſelbſt von den Veränderungen Rechenſchaft geben, die ſie in ihrer ſo ausvrucksvollen und ſo edeln Phyſiognomie zu bewerkſtelligen im Stande war, ließ ſie dieſe ſodann nach und nach alle Aus⸗ drücke annehmen, von dem des Zornes, der ihr Geſicht krampfhaft zuſammenzog, bis zu dem des ſanfteſten, zärtlichſten, verführeriſchſten Lächelns. Ihre Haare er⸗ hielten unter ihren geſchickten Händen alle Wellen⸗ formen, von denen jie glaubte, ſie dürften die Reize ihrer Züge erhoͤhen. Endlich murmelte ſie mit ſich ſelbſt zufrieden: „Noch iſt nichts verloren, ich bin immer noch ſchön.“ Es war ungefähr acht Uhr Abends. Mylady be⸗ merkte ein Bett und dachte, die Ruhe von ein paar Stunden würde nicht nur ihren Kopf und ihre Gedan⸗ ken, ſondern auch ihren Teint erfriſchen. Doch ehe ſie ſich niederlegte, kam ihr noch eine beſſere Idee; ſie hatte von Abendbrod ſprechen hören. Schon war ſie ſeit ge⸗ raumer Zeit in dieſem Zimmer und man konnte nicht länger zögern, ihr das Mahl zu bringen. Die Gefangene wollte keine Zeit verlieren, und ſie beſchloß ſchon an 219 dieſem Abend einen Verſuch zu machen, das Terrain zu ſondiren und die Charaktere der Leute zu erforſchen, denen ihre Bewachung anvertraut war. Ein Licht erſchien unter der Thüre, es kündigte die Rückkehr ihrer Kerkermeiſter an. Mylady, welche ſich erhoben hatte, warf ſich raſch wieder in ihren Lehnſtuhl, den Kopf zurückgebogen, die Haare aufgelöſt und zer⸗ ſtreut, den Hals halb entbloͤßt unter zerknitterten Spitzen, eine Hand auf ihrem Herzen, die andere her⸗ abhängend. Man öffnete die Riegel, die Thüre ächzte auf ihren Angeln; Tritte erſchollen im Innern und näherten ſich. „Stellt den Tiſch hierher,“ ſagte eine Stimme, in der Mylady die Feltons erkannte. Der Befehl wurde vollzogen. „Bringt Lichter und laßt die Wache ablöſen,“ fuhr Felton fort, und dieſer doppelte Befehl, den der junge Lieutenant denſelben Menſchen ertheilte, gab Mylady die Ueberzeugung, vaß ihre Diener und ihre Wächter dieſel⸗ ben Menſchen waren, nämlich Soldaten. Endlich wandte ſich Felton, der Mylady noch nicht angeſchaut hattt hihr um. „Ahl ah!“ ſaß,„ſie ſchläft, gut, bei ihrem Erwachen wird ſie zu Racht ſpeiſen.“ Er machte einige Schritte, um ſich zu entfernen. „Aber, mein Lieutenant,“ ſagte der Soldat, der etwas weniger ſtoiſch war, als ſein Vorgeſetzter, und ſich Mylady genähert hatte,„dieſe Frau ſchläft nicht.“ „Wie, ſie ſchläft nicht?“ ſprach Felton,„was macht ſie denn?“ „Sie iſt ohnmächtig. Ihr Geſicht iſt ſehr bleich, 3 ich höre, wie ſehr ich auch lauſche, keinen Athem⸗ ug. „Ihr habt Recht,“ erwiederte Felton, nachdem er Mylady von dem Platze, wo er ſtand, ohne einen Schritt S gegen ſie zu thun, angeſchaut hatte.„Benachrichtigt Lord 220 Winter, ſeine Gefangene ſei in Ohnmacht gefallen, denn Uh ich weiß nicht, was ich thun ſoll, da für dieſen Fall ant nicht vorhergeſehen iſt.“ Der Soldat ging ab, um den Befehlen ſeines W Offfeiers zu gehorchen. Felton ſetzte ſich auf einen Stuhl, der ſich zufällig in der Nähe der Thüre fand,„ ris und wartete, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne die ge⸗ ringſte Geberde zu machen. Mylady beſaß die große, von den Frauen ſo ſehr ſtudirte, Kunſt, Alles mit Hülfe 3h eines Refleres, eines Spiegels oder eines Schattens zu ſehen; ſie bemerkte Felton, der ihr den Rücken zukehrte; fan ſie ſchaute ihn beinahe zehn Minuten beſtändig an, und während dieſer zehn Minuten wandte ſich der kalte Wäch⸗ In ter nicht ein einziges Mal um. wo Sie bedachte nun, daß Lord Winter kommen und der durch ſeine Gegenwart ihrem Kerkermeiſter eine neue ha Kraft verleihen würde. Ihr erſter Verſuch war geſchei⸗ in tert; ſie faßte ihren Entſchluß als eine Frau, welche auf ihre Mittel zählt. Dieſem Entſchluſſe zu Folge hob ſpi ſie den Kopf, öffnete die Angen und ſtieß einen ſchwachen pee Seufzer aus. Tr Bei dieſem Seufzer wandte ſich Felton um. Ki „Ah! Ihr ſeid erwacht, Madame,“ ſprach er,„ich fün habe alſo nichts mehr hier zu thun. Wenn Ihr etwas Wi braucht, ſo ruft.“ ge „Oh, mein Gott, mein Gott! was habe ich gelit⸗ ten,“ murmelte Mylady mit der wohlklingenden Stimme, Fe nec Alle bezauberte, die ſie in das Verderben ſtürzen 5 wollte. Und ſich auf ihrem Stuhle aufrichtend, nahm ſie ſei eine noch anmuthigere und zugleich nachläſſigere Stel⸗ wi lung an. Felton ſtand auf 3 „Ihr werdet auf dieſe Art dreimal des Tags be⸗ 3 dient werden, Madame,“ ſprach er,„Morgens um ie neun Uhr, Mittags um ein Uhr und Abends um acht denn Fall ines inen and, ge⸗ oße, ülfe zu rte; und ch⸗ und teue hei⸗ lche hob chen „ich was lit⸗ me, zen ſie 2 tel⸗ 2 *2 be⸗ um ch * 221¹ Uhr. Wenn Euch das nicht genehm iſt, ſo könnt Ihr andere Stunden ſtatt derer, welche ich Euch vorſchlage, nennen, und man wird ſich in dieſer Beziehung Euern Wünſchen fügen.“ „Aber ſoll ich denn immer in dieſer großen, trau⸗ rigen Stube allein bleiben?“ fragte Mylady. „Eine Frau ars der Gegend iſt beſtellt, ſie wird morgen im Schloſſe ſein und zu Euch kommen, ſo oft Ihr ihre Gegenwart wünſcht.“ „Ich danke Euch, mein Herr,“ antwortete die Ge⸗ fangene demüthig. Felton grüßte leicht und wandte ſich nach der Thüre. In dem Augenblick, wo er über die Schwelle treten wollte, erſchien Lord Winter, gefolgt von dem Soldaten, der ihn von Mylady's Ohnmacht in Kenntniß geſetzt hatte, in der Flur; er hielt einen Flacon mit Riechſalz in der Hand. „Wie! was geht denn hier vor?“ ſprach er mit ſpöttiſchem Tone, als er ſah, daß ſeine Gefangene auf⸗ recht ſtand und Felton zu gehen im Begriff war.„Die Todte iſt alſo wieder erweckt? Mein Gott, Felton, mein Find, haſt Du denn nicht wahrgenommen, daß man Dich für einen Neuling hielt und den erſten Akt einer Komödie mit Dir ſpielte, deſſen gange Entwickelung zu verfol⸗ gen wir ohne Zweifel das Vergnügen haben werden.“ „Ich habe es wohl gedacht, Mylord,“ erwiederte Felton,„aber da die Gefangene im Ganzen doch eine Frau iſt, ſo wollte ich die Rückſicht nehmen, die ein Mann von guter Gebhurt einem weiblichen Weſen ſchon ſeinetwegen ſchuldig iſt.“ Mylady bebte am ganzen Leibe. Dieſe Worte liefen wie Eis durch alle ihre Adern. „Dieſe ſchönen Haare,“ verſetzte Lord Winter lä⸗ chelnd,„dieſe ſchönen, ſo geſchickt ausgebreiteten Haare. dieſe weiße Haut, pieſer ſchmachtende Blick haben Dich F nicht verführt, Marmorherz?“ — „Nein, Mylord,“ antwortete der unempfindliche junge Mann,„glaubt mir, es bedarf mehr, als der Frauen⸗ Kunſtgriffe und Coquetterien, um mich zu beſtechen.“ hät „Wenn dem ſo iſt, mein braver Lieutenant, ſo mag ihre Mylady etwas Anderes erſinnen, und wir wollen bee ſpeiſen.„Oh! ſei ruhig, ſie hat eine fruchtbare Einbil⸗ ½ We dungskraft, und der zweite Akt der Komodie wird bald ſpit dem erſten folgen.“ Fel Nach dieſen Worten nahm Lord Winter Felton beim gan Arme, und ging lachend mit ihm weg. gut „Oh! ich werde ſchon finden, was Du brauchſt, murmelte Mylady zwiſchen den Zähnen,„armer, ver⸗ in unglückter Mönch, verkehrter Soldat, der Du Dir Deine Fr Uniform aus einer Kutte geſchnitten haſt.“ Bo „Doch, was ich noch bemerken wollte,“ verſetzte Lord Winter, auf der Schwelle ſtehen bleibend,„dieſes Schei⸗ ein tern braucht Cach den Appetit nicht zu benehmen. Koſtet vor das Huhn und die Fiſche, die ich bei meinem Ehrenwort Un nicht habe vergiften laſſen. Ich bin ziemlich wohl mit meinem Koche zufrieden, und da er nichts von mir zu erben hat, ſo ſetze ich volles Vertrauen inihn. Macht da es wie ich. Gott befohlen, liebe Schweſter. Bei Eurer na nächſten Ohnmacht ſehen wir uns wieder.“ Das war Alles, was Mylady zu ertragen vermochte. in Ihre Hände zogen ſich krampfhaft auf dem Lehnſtuhl zu⸗ au ſammen. Ihre Zähne knirſchten dumpf, ihre Augen folg⸗ Si ten der Bewegung der Thüre, welche ſich hinter Lord W Winter und Felton ſchloß, und als ſie ſich allein ſah, fühlte ſie ſich von einer neuen Kriſe der Verzweiflung ein befallen. Sie ſchaute nach dem Tiſche, gewahrte ein Meſſer, ſtürzte darauf los und ergriff es. Aber es trat wi ſogleich eine grauſame Enttäuſchung ein, die Klinge war Ri rund, und von biegſamem Silber. die Ein ſchallendes Gelächter wurde an der Thüre höt⸗ bar, und dieſe öffnete ſich wieder.* „Ah! ah!“ rief Lord Winter,„ah, ah! ſiehſt D unge uen⸗ mag acht nbil⸗ bald beim ſt,“ ver⸗ ein Lord oſtet wort mit r zu tacht urer chte. zu⸗ folg⸗ Lord chei⸗ war ganze Entſchloſſenheit wieder erwachen. 223 wohl, mein braver Felton, was ich Dir geſagt habe Dieſes Meſſer war für Dich beſtimmt, mein Kind, ſie hätte Dich umgebracht. Siehſt Du, das iſt eine von ihren Verkehrtheiten, daß ſie ſich der Leute, welche ſie beengen, auf die eine oder auf die andere Weiſe entledigt. Wenn ich auf Dich gehört hätte, ſo wäre das Meſſer ſpitzig und von Stahl geweſen, dann gäbe es keinen Felton mehr; ſie hätte Dich erſtochen und nach Dir die ganze Welt. Siehſt Du, John, wie ſie das Meſſer ſo gut zu halten weiß!“ Mylady hielt in der That noch die unſchädliche Waffe in ihrer Hand. Die letzte Beleidigung löste ihre Hände, it und ſogar ihren Willen auf. Das Meſſer fiel zu Boden. „Ihr habt Recht, Mylord,“ ſprach Felton mit einem Ausvrucke des tieſſten Ekels, der in dem Herzen von Mylady wiederhallte,„Ihr habe Recht und ich hatte Unrecht.“ Hienach entfernten ſich Beide abermals. Aber diesmal horchte Mylady aufmerkſamer, als das erſte Mal, und ſie hörte, wie ihre Tritte nach und nach im Hintergrunde der Flur erſtarben. „Ich bin verloren,“ murmelte ſie,„ich befinde mich in der Gewalt von Leuten, auf die ich nicht mehr Einfluß ausüben werde, als auf Bildſäulen von Erz oder Granit. Sie kennen mich auswendig und ſind gegen alle meine Waffen gepanzert.“ Doch dieſe Sache kann unmöglich,“ ſprach ſie nach einem Augenblick,„ſo endigen, wie ſie es beſchloſſen haben.“ Die Furcht und das Gefühl der Schwäche ſchwammen, wie dies die letztere Betrachtung, dieſe inſtinktmäßige Rückkehr zur Hoffnung, andeutete, nicht lange oben in dieſer tiefen Seele. WMylady ſetzte ſich zu Tiſche, aß von mehreren Ge⸗ richten, trank ein wenig ſpaniſchen Wein und fühlte ihre 224 Che ſie ſich ſchlafen legte, hatte ſie bereits die Worte, die Schritte, die Geberden, die Zeichen und ſogar das Stillſchweigen ihrer Kerkermeiſter erklärt, analifirt, von allen Seiten betrachtet, in allen Punkten geprüft, und aus dieſem geſchickten, geiſtreichen Studium hatte ſie entnom⸗ men, daß Felton jedenfalls der weniger unverwundbare von Beiden war. Ein Wort beſonders tauchte immer wieder im Geiſte der Gefangenen auf. „Wenn ich auf Dich gehört hätte,“ hatte Lord Winter zu Felton geſagt. Felton hatte alſo zu ihren Gunſten geſprochen, da ihn Lord Winter nicht hören wollte. „Dieſer Menſch,“ wiederholte Mylady,„hat alſo, mag er nun ſchwach oder ſtark ſein, einen Schimmer von Mitleid in ſeinem Herzen. Dieſen Schimmer werde ich zu einem Brande anfachen, der ihn verzehren ſoll. Der Andere kennt mich, er fürchtet mich und weiß, was er von mir zu erwarten hat, wenn ich je ſeinen Händen ent⸗ komme. Es iſt alſo vergeblich, etwas gegen ihn zu verſuchen. „Aber bei Felton iſt es etwas Anderes. Er iſt ein unſchuldiger reiner junger Mann, ein tugendhafter Menſch, wie es ſcheint. Bei ihm gibt es ein Mittel, ihn zu ver⸗ derben.“ Und Mylady legte ſich nieder und entſchlummerte ein Lächeln auf den Lippen. Wer ſie ſchlafend geſehen hätte, würde geglaubt haben, ein junges Mächen liege vor ihm und träume von dem Blumenkranze, den es beim nächſten Feſte auf ſeiner Stirne tragen ſollte. zorte, das von as nom⸗ dbare, geiſte Lord „da alſo, r von e ich Der s er ent⸗ n zu t ein nſch, ver⸗ e ein ätte, ihm hſten Bie drei Musketiere. m. 5 XXI. Zweiter Tag der Gefangenſchaft. Mylady träumte, ſie habe d»Artagnan endlich gefaßt und wohne ſeiner Hinrichtung bei; der Anblick ſeines un⸗ ter dem Henkerbeile entſtrömenden verhaßten Blutes brachte dieſes reizende Lächeln auf ihre Lippen. Sie ſchlief, wie ein Gefangener ſchläft, der durch ſeine erſte Hoffnung ge⸗ wiegt wird. Als man am andern Morgen in ihr Zimmer eintrat, lag ſie noch im Bette. Felton verweilte in der Flur. Er brachte die Frau, von der er am Abend zuvor ge⸗ ſprochen hatte. Dieſe Frau trat ein, näherte ſich dem Bette von Mylady und bot ihr ihre Dienſte an. Mylady war gewöhnlich bleich, ihre Geſichtsfarbe konnte alſo diejenige täuſchen, die ſie zum erſten Male ſah. „Ich habe das Fieber,“ ſprach ſie,„und war die ganze Nacht hindurch auch nicht einen Augenblick im Stande zu ſchlafen. Ich leide furchtbar. Werdet Ihr menſchlicher ſein, als man es geſtern gegen mlch geweſen iſt? Ich verlange nichts Anderes, als liegen bleiben zu dürfen.“ „Wollt Ihr, daß man einen Arzt rufe?“ ſprach die rau. Felton hörte dieſen Dialog an, ohne ein Wort zu lagen. Mylady überlegte, daß ſie, je mehr man ſie mit Menſchen umgeben würde, deſto mehr Leute hätte, die ſie zum Mitleid bewegen könnte, und daß ſich ſodann die Wachſamkeit von Lord Winter verdoppeln müßte. Ueber⸗ dies konnte der Arzt erklären, die Krankheit wäre nur geheuchelt, und Mylady wollte, nachdem ſie die erſte Partie verloren hatte, die zweite nicht ebenfalls verlieren, „Einen Arzi holen,“ ſagte ſie,„wozu ſoll dies nützen? Dieſe Herren haben geſtern erklärt, mein Uebel wäre eine Komödvie. Heute würde wohl daſſelbe der Fall ſein. Denn ſeit geſtern Abend hat man Zeit genug gehabt, den Arzt zu benachrichtigen.“ „Nun, ſo ſagt ſelbſt,“ ſprach Felton ungeduldig, „welche Behandlung Ihr befolgt wiſſen wollt.“ „Ei, mein Gott, weiß ich es denn? ich fühle, daß ich leide, und nicht weiter. Man gebe mir, was man will, es iſt mir ganz gleichgültig!“ „Holt Lord Winter,“ ſagte Felton, der ewigen Kla⸗ gen müde. „Oh! nein, nein!“ rief Mylady,„nicht, mein Hert, ruft ihn nicht! Ich beſchwöre Euch, ich befinde mich wohl; ich brauche nichts; ruft ihn nicht!“ Sie ſprach dieſe Worte mit einer ſo natürlichen Hef⸗ tigkeit, daß Felton, davon hingeriſſen, einige Schritte in das Zimmer that. „Er iſt bewegt,“ dachte Mylady. „Wenn Ihr jedoch wirklich leidet, Madame,“ ſagte Felton,„ſo wird man einen Arzt holen, und täuſcht Ihr uns, nun, um ſo ſchlimmer für Euch; aber wir haben uns wenigſtens nichts vorzuwerfen.“ Mylady antwortete nicht, ſondern ſie warf ihren ſchönen Kopf auf das Kiſſen zurück und fing an zu weine und zu ſchluchzen. Felton betrachtete ſie mit ſeiner gewöhnlichen Unem⸗ pfindlichkeit. Doch da er ſah, daß die Kriſis ſich aus⸗ zudehnen drohte, ging er weg. Die Frau folgte ihm⸗ Lord Winter erſchien nicht. „Ich glaube, ich fange an, klar zu ſehen,“ murmelte WMylady mit einer wilden Freude und begrub ſich unte ihren Betttüchern, um allen denjenigen, welche ſie bes achten könnten, dieſen Ausbruch innerer Befriedigung 3 verbergen. Es ſchlug zehn Uhr. „Nun iſt es Zeit, die Krankheit aufhören zu laſſen 227 e eine ſagte ſie.„Wir wollen aufſtehen, und ſchon heute eini⸗ Denn gen Erfolg zu gewinnen ſuchen. Ich habe nur zehn n Arzt ſa und bis dieſen Abend ſind bereits zwei davon abge⸗ aufen.“ duldig, Als die Leute am Morgen in das Zimmer von Mylady eintraten, brachten ſie ihr das Frühſtück. Sie e, daß dachte, man würde nicht mehr lange zögern, um es weg⸗ s man zunehmen, und ſie würde hiebei Felton wieder ſehen. Mylady täuſchte ſich nicht. Felton erſchien aber⸗ Kla⸗ mals und gab, ohne nachzuſehen, ob Mylady das Früh⸗ ſtück berührt hatte oder nicht, Befehl, den Tiſch wegzu⸗ Herr, tragen, den man gewöhnlich ganz ſervirt brachte. wohl; Felton blieb zurück. Er hielt ein Buch in ſeiner Hand. In einem Fauteuil in der Nähe des Kamins en Hef⸗ liegend, hatte Mylady, ſchön, bleich und ergeben, das ritte in einer Jungfrau, welche das Märthrthum er⸗ wartet. Felton näherte ſich ihr und ſprach: dame,“„Lord Winter, der ein Katholik iſt, wie Ihr, Ma⸗ täuſcht dame, glaubte, die Entbehrung der Gebräuche und Cere⸗ ber wir monien Eurer Religion dürfte ſchmerzlich für Euch ſein. Er erlaubt alſo, daß Ihr jeden Tag die gewöhnlichen f ihren Gebete Curer Meſſe leſt, und hier iſt ein Buch, wel⸗ weinn ches das Ritual enthält.“ 3 Bei der Miene, mit der Felton dieſes Buch auf das Unem⸗ Liſchchen legte, an welchem Mylady ſaß, bei dem Tone, ch aus⸗ mit dem er die zwei Worte Eurer Meſſe ausſprach, te ihm. bei dem verächtlichen Lächeln, womit er dieſelbe begleitete, hob Mylady das Haupt und ſchaute den Officier auf⸗ urmelle merkſamer an. h unter An dem ernſten Schnitte des Haares, an der über⸗ i be triebenen Tracht, an der Stirne, die ſo glatt war, wie gung zu Marmor, aber hart und undurchdringlich wie dieſer, er⸗ . kannte ſie einen von den finſtern Puritanern, wie ſie ſolche ſo häufig ſowohl an dem Hofe des Koͤnigs Jacob, als laſſe,“ an dem des Königs von Frankreich getroffen hatte, an „ welchem ſie zuweilen trotz der Grinnerung an die Sanet Bartholvmäusnacht Zuflucht ſuchten. Sie hatte eine von den raſchen Eingebungen, wie ſie nntette von Genie an großen Kriſen in den äußer⸗ ſten Momenten, die über Glück und Leben entſcheiden ſollen, zu bekommen pflegen. 5 Die zwei Worte Eurer Meſſe und ein einziger Blick auf Felton geworfen, hatten ihr in der That das ganze Gewicht der Antwort enthüllt, welche ſie zu geben im Begriffe war. Aber mit der ihr eigenthümlichen geiſtigen Geſchwin⸗ —digkeit bot ſich dieſe Antwort, ſogleich gänzlich geformt auf ihren Lippen bar und ſie erwiederte mit einer verächt⸗ lichen Betonung, welche ſie mit dem Ausdruck in Ein⸗ klang brachte, den ſie in der Stimme des jungen Man⸗ nes wahrgenommen hatte: „Ich, mein Herr? meine Meſſe? Lord Winter, der verdorbene Katholif, weiß ganz wohl, daß ich nicht, ſeiner Religion angehöte, und es iſt nur eine Falle, die er mir legen will.“ „Von welcher Religion ſeid Ihr den, Madame?“ fragte Felton mit einem Staunen, das er trotz ſeinet Selbſtbeherrſchung nicht völlig zu verbergen vermochte. „Ich werde es ſagen!“ rief Mhlady mit einer er⸗ heuchelten Bgeiſterung, ich werde es an dem Tage ſagen, wo ich genug für meine Religion gelitten habe. Der Blick Feltons enthüllte vor Mhlady vie gare Ausdehnung des Raumes, den ſie ſich durch dieſes einzig Wort geoffnet hatte. Der junge Mann blieb indeſſen ſtumm und unbeweg⸗ lich. Sein Blick hatte allein geſprochen. „Ich bin in den Händen meiner Feinde,“ fuhr ſie in jenem Tone der Begeiſterung fort, von demn wußte, wie ſehr er den Puritanern eigenthümlich w Gott mich retten, oder ich mag für me Gitt untigehen! Das iſt die Antwort, vi! ich Gu Lort tete es z veru gen Ihr Lort dig dem gege lady Ben die Leh nah min gem letzt Sol genr mit zwat liebe Wyl gleie Sanci „ wie äußer⸗ heiden nziger t ds geben chwin⸗ formt rächt⸗ Ein⸗ Man⸗ zinter, nicht, e, die ne?“ ſeiner r er⸗ agen, ganze nzige we⸗ t ſie ſie war einen Fuch 229 Lord Winter zu überbringen bitte,“ fügte ſie bei und deu⸗ tete mit der Fingerſpitze auf das Gebetbuch, jedoch ohne es zu berühren, als hätte ſie durch eine ſolche Berührung verunreinigt werden müſſen,„Ihr könnt dieß zurückbrin⸗ gen und Euch deſſelben für Euch ſelbſt bedienen; denn Ihr ſeid ohne Zweifel ein doppelter Mitſchuldiger von Lord Winter, mitſchuldig bei ſeiner Verfolgung, mitſchul⸗ dig bei ſeiner Ketzerei.“ Felton antwortete nicht. Er nahm das Buch mit demſelben Gefühle des Widerwillens, das er bereits kund⸗ gegeben hatte, und zog ſich nachdenkend zurück. Lord Winter erſchien gegen fünf Uhr Abends. My⸗ lady hatte den ganzen Tag Zeit gehabt, den Plan für ihr Benehmen zu entwerfen. Sie empfing ihn als eine Frau, die bereits wieder in alle ihre Vortheile eingetreten iſt. „Es ſcheint,“ ſagte der Baron, ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, demjenigen gegenüber, welchen Mylady ein⸗ nahm, und ſtreckte die Füße nachläßig gegen den Ka⸗ min aus, es ſcheint, wir haben eine kleine Apoſiafie gemacht.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr?“ „Ich will damit ſagen, daß Ihr, ſeit wir uns zum letzten Male geſehen haben, die Religion verändert habt. Solltet Ihr zufällig einen dritten, proteſtantiſchen Gatten genommen haben?“ Erklärt Euch, Mylord,“ entgegnete die Gefangene mit Majeſtät;„denn ich ſage Euch, daß ich Eure Worte zwar höre, aber nicht verſtehe.“ „Dann habt Ihr gar keine Religivn, und vas iſt mir lieber,“ verſetzte Lord Winter kichernd. Das iſt gewiß mehr nach Euren Grundſäßen,“ ſprach Mylady kalt. Ich muß Euch geſtehen, daß mir dieß Lollkomfen gleichgültig iſt.“ „Geſteht immerhin dieſe religiöſe Gleichgültigkeit, 230 Eure Ausſchweifungen und Verbrechen ſind hinreichende Belege hiefür.“ „Wie, Ihr ſprecht von Ausſchweifungen, Frau Meſ⸗ ſalina, Ihr ſprecht von Verbrechen, Lady Macbeth? Ent⸗ weder habe ich unrecht verſtanden, oder Ihr ſeid bei Gott! ſehr unverſchämt.“ „Ihr ſprecht ſo, weil man uns hört, mein Herr,“ erwiederte Mylady mit kaltem Tone„„und weil Ihr Kerkermeiſter und Henker gegen mich einnehmen wollt.“ „Meine Kerkermeiſter, meine Henker! potz tauſend, Madame, Ihr ſtimmt einen kurioſen Ton an und die Ko⸗ mödie von geſtern verwandelt ſich heute Abend in eine Tragödie. Uebrigens werdet Ihr in acht Tagen da ſein, wo Ihr ſein ſollt, und meine Aufgabe iſt geendigt.“ „Schandfleck, heilloſer Schandfleck!“ rief Mylady mit der Begeiſterung des Opfers, das ſeine Richter her⸗ ausfordert.* „Bei meinem Ehrenworte, ich glaube die drollige Perſon wird verrückt,“ ſagte Lord Winter.„Seid ruhig, Frau Puritanerin, oder ich laſſe Euch in den Kerker werfen. Bei Gott! mein ſpaniſcher Wein ſteigt Euch in den Kopf, nicht wahr? Aber ſeid unbeſorgt, dieſe Trunkenheit iſt nicht gefähriich und wird keine Fol⸗ gen haben.“ Und Lord Winter zog ſich hienach fluchend zurück, was in jener Zeit eine ganz cavaliere Gewohnheit war. Felton ſtand allerdings vor der Thüre und hatte kein Wort von dieſer ganzen Scene verloren⸗ Mylady hatte ihn richtig errathen. „Ja, gehe, gehe!“ ſagte ſie zu ihrem Schwager, „die Folgen kommen im Gegentheil: aber Du ſollſt ſie erſt erfahren, wenn es nicht mehr Zeit iſt, dieſelben z vermeiden.“ Es trat wieder eine völlige Stille ein. Zwei Stun verliefen und man brachte das Abendbrod; man fand hende Meſ⸗ Ent⸗ Hott! ert, Ihr hmen ſend, Ko⸗ eine ſein, lady her⸗ llige Seid den ſteigt orgt, Fol⸗ rück, war. kein ger, zu tun⸗ fand 23¹ Mylady mit ihrem Gebete beſchäftigt, mit einem Gebete, das ſie von einem Diener ihres zweiten Gatten, einem äußerſt ſtrengen Puritaner, gelernt hatte. Sie ſchien in eine ſolche Begeiſterung verſetzt, daß man hätte glauben ſollen, ſie gäbe nicht im Geringſten auf das Achtung, was um ſie her vorging. Felton befahl durch ein Zeichen, ſie nicht zu ſtören, und als Alles in Ordnung war, ent⸗ fernte er ſich geräuſchlos mit den Soldaten. Mylady wußte, daß ſie beobachtet werden konnte, ſie ſetzte deshalb ihr Gebet bis zum Schluſſe fort und es kam ihr vor, als ob der Soldat, der an ihrer Thüre Wache hielt, nicht mehr in demſelben Schritte marſchirte, ſondern horchte. Für den Augenblick wollte ſie nicht mehr; ſie ſtand auf, ſetzte ſich zu Tiſche, aß wenig und trank nur Waſſer. Eine Stunde nachher kam man, um den Tiſch weg⸗ zunehmen. Aber Mylady bemerkte, daß Felton die Sol⸗ daten diesmal nicht begleitete. Er fürchtete alſo, ſie zu oft zu ſehen. Sie wandte ſich ab, um zu lächeln, denn in dieſem Lächeln lag ein ſo triumphirender Ausdruck, daß ſie hie⸗ durch allein ſchon verrathen worden wäre. Abermals ließ ſie eine halbe Stunde vergehen, und da in dieſem Augenblicke Alles in dem alten Schloſſe ſtill war und man nur das ewige Gemurmel des Meeres, dieſes ungeheure Athemholen des Oceans, vernahm, ſo ſmmte ſie mit ihrer reinen, klangreichen, vibrirenden Stimme den erſten Vers von folgendem, damals bei den Puritanern ſehr beliebten, Pſalm an; F »Herr Du verläßt uns nur, Zu prüfen unſre Stärke, Doch Deine Himmelshand Beut dann den Preis für unſere Werke. Dieſe Verſe waren nicht ausgezeichnet, dazu feb ie im Gegentheil noch viel: aber die Proteſtanten kümmerten ſich nichts um die Poeſie. Während Mylady ſang, horchte ſie zugleich. Der Soldat, welcher vor ihrer Thüre Wache hielt, ſtand ſtille, als ob er in Stein verwandelt worden wäre. Mylady konnte hienach die Wirkung heurtheilen, die ſie hervorge⸗ bracht hatte. Sie ſetzte nun ihren Geſang mit unausſprechlicher Inbrunſt und Gefühlsfülle fort. Es kam ihr vor, als verbreiteten ſich die Töne in der Ferne unter den Ge⸗ wölben und müßten wie ein magiſcher Zauber das Herz ihrer Kerkermeiſter erweichen. Es ſcheint jedoch, der Sol⸗ dat, welcher Schildwache ſtand, ohne Zweifel ein eifriger Katholik, ſchüttelte den Zauber ab, denn er öffnete das in der Thüre angebrachte Gitter und ſprach: „ „Schweigt, Madame, Euer Geſang iſt traurig, wie ein de profundis, und wenn man, außer dem Vergnügen hier in Garniſon zu ſein, auch noch ſolche Dinge hören müßte, ſo wäre es nicht auszuhalten.“ „Stille,“ ſagte eine tiefe Stimme, in der My⸗ lady die Feltons erkannte.„In was miſcht Ihr Euch, Burſche? Hat man Euch geboten, dieſe Frau km Singen zu hindern? Nein! man hat Euch geſagt, Ihr ſollt ſie bewachen, auf ſie ſchießen, wenn ſie zu ent⸗ weichen verſuchen würde. Bewacht ſie, ſchießt auf ſie, wenn ſie entweichen will, aber ändert nichts an dem Befehl.“ Ein Ausdruck unnennbarer Freude erleuchtete das Antlitz von Mylady; aber dieſer Ausdruck war flüchtig, wie der Wiederſtrahl eines Blitzes, und ohne daß es ſchien, als hätte ſie das Zwiegeſpräch gehört, von dem ſie kein Wort verlor, fuhr ſie zu ſingen fort, indem ſie ihrer Stimme den ganzen Zauber, den ganzen Umfang, die ganze Verführungskraft verlieh, womit dieſelbe von einem Dämon ausgerüſtet war. ——— vo P be rel erten Der tille, lady rge⸗ icher als Ge⸗ Herz Sol⸗ iger das wie igen ren Ry⸗ ch, im Ihr nt⸗ ſie, em das tig, es ſie rer die em er kurz zuvor zu hören geglaubt 233 Für ſo viel Thränen, Elend, Bann und Ketten Bleibt mir Gebet noch Kraft und Jugend, Gott zählt ſie ſelbſt, die Schaar der Schrecken Und lohnt ſie mit dem Lohn der Tugend. Dieſe Stimme von einem unerhörten Umfange und voll erhabener Leidenſchaft gab der rohen, ungeſchliffenen Poeſie dieſer Pſalmen eine Zauberkraft, welche ſelbſt die begeiſterten Puritaner nur ſelten in den Geſängen ihrer Brüder fanden: Felton glaubte den Engel ſingen zu hö⸗ ren, der die drei Hebräer im feurigen Ofen tröſtete. Mylady fuhr fort; „Er kommt gewiß, gerechter großer Gott, Des Leidens Löſetag, Und immer bleibt uns Märtyrthum und Tod, Ob jener auch die Hoffnung täuſchen mag. Dieſer Vers, in den die furchtbare Zauberin ihre ganze Seele legte, vollendete die Verwirrung in dem Herzen des jungen Officiers. Er öffnete heſtig die Thüre und Mylaty ſah ihn bleich wie immer, aber mit glühen⸗ den, brinahe irren Angen eintreten. „Warum ſingt Ihr ſo,“ ſprach er,„und mit einer ſolchen Stimme?“ „Ich bitte um Vergebung, mein Herr,“ erwiederte Mylady mit ſanftem Tone.„Ich vergaß, daß meine Lieder in vieſem Hauſe nicht gebräuchlich find. Ich habe Euch ohne Zweifel in Eurem Glauben verletzt, aber ich ſchwöre Euch, es geſchah unwillkührlich. Verzeiht mir aſtit Fehler, der vielleicht groß, aber gewiß abſichts⸗ os iſt.“ Mylady war in dieſem Augenblicke ſo ſchön, die re⸗ ligiöſe Begeiſterung, in welche ſie ſich verſetzt hatte, gab ihrem Geſichte einen ſolchen Ausdruck, daß es Felton in ſeiner Verblendung vorkam, als ſähe er den Engel, atie 234 „Ja, ja,“ antwortete er,„ja, Ihr ſtört die Leute, die dieſes Schloß bewohnen, Ihr bringt ſie in Auf⸗ regung.“ Der arme Wahnſinnige bemerkte nicht einmal das Unzuſammenhängende ſeiner Rede, während Mylady ihr Luchsauge in die tiefſte Tiefe ſeiner Seele tauchte. „Ich werde ſchweigen,“ ſprach Mylady die Augen niederſchlagend mit der ganzen Weichheit, die ſie ihrer Stimme zu verleihen im Stande war, mit der ganzen Reſignation, die ſie ihrer Haltung zu geben vermochte. „Nein, nein, Madame,“ erwiederte Felton,„ſingt nur etwas weniger laut, beſonders bei Nacht.“ Nach dieſen Worten Lerließ Felton eilig das Zimmer, da er fühlte, daß er nicht länger ſeine Strenge der Ge⸗ fangenen gegenüber zu beobachten im Stande war. „Ihr habt wohl gethan, Lieutenant,“ ſagte der Sol⸗ dat.„Solche Geſänge drehen das Herz um; doch man gewöhnt ſich am Ende daran. Die Stimme iſt ſo ſchön!“ Dritter Dag der Gekangenſchaft. Felton war gekommen, aber es blieb noch ein Schritt zu thun; man mußte ihn zurückhalten oder er mußte vielmehr ganz allein bleiben, und Mylady ſah nur dunkel das Mittel, das ſie zu dieſem Reſultate führen ſollte. Man brauchte noch mehr, man mußte ihn zu Sprechen bringen, um ebenfalls mit ihm zu ſprechen denn Mylady wußte wohl, daß ihre größte Verſuchung kraft in ihrer Stimme lag, welche ſo geſchickt die ganze 3 eute, Auf⸗ das ihr ugen hrer nzen ingt ner, Ge⸗ Sol⸗ nan n 1 ein er ſah ate um 6⸗ —— —— 235 Tonleiter von dem menſchlichen Worte bis zur himmli⸗ ſchen Sprache durchlief. Aber trotz dieſer Verführungskraft konnte Mylady an dem geringſten Zufalle ſcheitern, denn Felton war un⸗ terrichtet. Von nun an beobachtete ſie alle ſeine Hand⸗ lungen, alle ſeine Worte, den einfachſten Blick ſeiner Augen, jede Geberde, jedes Athemholen, das man als einen Seufzer deuten konnte, kurz ſie ſtudirte Alles, wie ein geſchickter Schauſpieler, dem man eine Rolle in Fache gegeben hat, in welchem er nicht gewohnlich auftritt. Lord Winter gegenüber war ihr Benehmen leichter; in Beziehung auf ihn hatte ſie ſchon am Tage vorher ihren ganzen Operationsplan feſtgeſtellt; ſtumm und wür⸗ dig in ſeiner Anweſenheit bleibend, ihn zuweilen durch eine geheuchelte Verachtunng, durch ein geringſchätzendes Wort reizend, ihn zu Drohungen und Gewaltthätigkeiten antreibend, die einen Contraſt mit ihrer Reſignation bil⸗ den würden, dies war ihr Plan: Felton würde ſehen, er würde vielleicht nichts ſagen, aber er würde ſehen. Am Morgen kam Felton, wie gewöhnlich, Mylady ließ ihn allen Vorbereitungen zu ihrem Frühſtück beiwoh⸗ nen, ohne ein Wort an ihn zu richten. In dem Augenblick, wo er ſich entfernen wollte, belebte ſie auch ein Schimmer der Hoffnung, denn ſie glaubte, er wäre zu ſprechen im Begriff; aber ſeine Lip⸗ pen bewegten ſich, ohne daß ein Ton aus ſeinem Munde kam, mit einer gewaltigen Anſtrengung gegen ſich ſelbſt verſchloß er die Worte, die ſeinen Lippen zu entſchlüpfen trachteten, und verließ das Zimmer. Gegen Mittag trat Lord Winter ein. Es war ein ſchöner Sommertag und ein Strahl der bleichen Sonne Englands, welche erleuchtet und erwärmt, drang durch die Gitter des Gefäng⸗ niſſes. 236 Moylaby ſchaute durch das Fenſter und ſtellte ſich, als ob ſie das Heffnen der Thüre nicht hörte. „Ah, ah,“ ſagte Lord Winter,„nachdem man Ko⸗ mödie geſpielt hat, nachdem man Tragödie geſpielt hat, ſpielt man jetzt Melancholie.“ Die Gefangene antwortete nicht. „Ja, ja, ich verſtehe,“ fuhr Lord Winter fort. Ihr möchtet wohl auf dieſem Geſtape in Freiheit ſein, Ihr möchtet wohl auf einem guten Schiffe die Wellen dieſer ſmaragdgrünen See durchfurchen. Ihr möchtet, ſei es zu Waſſer oder zu Land, mir einen von den guten kleinen Hinterhalten legen, die Ihr ſo ſchön einzurichten wißt. Geduld, Geduld! in vier Tagen iſt Euch das Geſtade erlaubt, iſt Guch die See geöffnet, mehr geöffnet viel⸗ leicht, als Ihr wünſchen moͤget, denn in vier Tagen iſt. England von Euch befreit.“ Mylady faltete die Hände und ſchlug ihre ſchönen Augen zum Himmel auf. „Herr, Herr,“ ſprach ſie mit engeliſcher Weichheit der Geberde und Betonung,„vergib dieſem Manne, wie ich ihm ſelber vergebe!“ „Ja, bete, Verdammte!“ rief der Barh,„Dein Gebet iſt um ſo edelmüthiger, als Du Dich, ich ſchwöre es Dir, in der Gewalt eines Menſchen befindeſt, der Dir nicht vergeben wird.“ Und er entfernte ſich. In dem Momente, wo er hinausging, glitt ein ſcharfer Blick durch die halbgesffnete Thüre, und ſie ge⸗ wahrte Felton, der ſich raſch auf die Seite drückte, um nicht geſehen zu werden. Dann warf ſie ſich auf die Kniee und fing an zu beten. Mein Gott! mein Gott!“ ſagte ſie,„Du weißt, für was für eine heilige Sache ich leide. Gib mir die Kraft, das Leiden zu ertragen.“ Die Thüre wurde ſachte geöffnet, die ſchöne Be⸗ 6 Ihr Ihr ſer nen ßt. ade el⸗ iſt en 237 terin gab ſich den Anſchein, als hätte ſie es nicht eininal gehört, und fuhr mit einer thränenreichen Stimme fort: „Rächender Gott! Gott der Güte! wirſt Du die ſchändlichen Pläne dieſes Mannes in Erfüllung gehen laſſen?“ Jetzt erſt ſtellte ſie ſich, als hörte ſie das Geräuſch der Tritte Feltons, und raſch wie ein Gedanke aufſprin⸗ gend, erröthete ſie, als ſchämte ſie ſich, auf den Knieen getroffen worden zu ſein. „Ich ſtöre Betende nicht gerne, Madame,“ ſprach Felton mit ernſtem Tone.„Laßt Euch alſo nicht durch mich unterbrechen, ich beſchwöre Euch darum.“ „Woher wißt Ihr, daß ich betete?“ ſagte Mylady mit einer von Schluchzen erſtickten Stimme.„Ihr täuſch⸗ tet Euch, mein Herr, ich betete nicht.“ „Glaubt Ihr denn, Madame, antwortete Felton, mit demſelben Ernſte, doch mit etwas weicherem Ausdruck, „glaubt Ihr, ich halte mich für berechtigt, ein Geſchöpf, vas ſich vor ſeinem Schoͤpfer niederwerfen will, daran zu verhindern? das wolle Gott verhüten! Ueberdieß ſteht den Schuldigen die Reue wohl an, welches Verbrechen ſie auch begangen haben mögen, ein Schulviger iſt mir heilig zu den Füßen Gottes.“„ „Schuldig, ich?“ entgegnete Mylady mit einem Lä⸗ cheln, das einen Engel des jüngſten Gerichts entwaffnet haben würde.„Schuldig, o mein Gott! Du weißt, ob ich es bin? Sagt, ich ſei verdammt, mein Herr! Aber Ihr wißt, Gott, der die Märtyrer liebt, läßt es oft zu, daß die Unſchuldigen auf dieſer Erde verdammt werden.“ „Mogt Ihr verdammt, mögt Ihr unſchuldig, mögt Ihr eine Märthrin ſein,“ antwortete Felton,„Ihr habt um ſo mehr Grund zu beten, und ich werde Euch mit⸗ meinem Gebete unterſtützen.“ „Oh! Ihr ſeid ein Gerechter,“ rief Mylady ihm zu Füßen fallend,„hört, ich kann es nicht länger in mir verſchließen, denn ich fürchte, es könnte mir in dem 238 Augenblicke, wo ich den Kampf aushalten und meinen Glauben bekennen ſoll, an Kraft mangeln; hort das m Flehen einer Frau, welche von der Verzweiflung erfaßt E iſt. Man täuſcht Euch, mein Herr, aber hiebon foll nicht ni die Rede ſein. Ich bitte Euch nur um eine Gnade, und wenn Ihr ſie mir gewährt, werde ich Euch dafür in dieſer pi und in der andern Welt ſegnen.“ d „Sprecht mit dem Herrn, Madame,“ ſagte Felton, ge „ich habe zum Glücke nicht den Auftrag, zu vergeben ke oder zu ſtrafen. Gott hat dieſe Verantwortlichkeit einem öheren übertragen.“ er „Mit Euch, nein, mit Euch allein. Hört mich und fͤ 5 nicht zu meinem Untergange, zu meiner Schmach k ei.“ „Wenn Ihr dieſe Schmach verdient habt, Madame, wenn Ihr die Schande Euch ſelbſt zuzuſchreiben habt, ſo müßt Ihr Euch geduldig unterwerfen und in Gottes fä Willen fügen.“ „Was ſagt Ihr? Ohl Ihr verſteht mich nicht. Wun 5 ich von Schande ſpreche, ſo meint Ihr, ich ſpreche von einer Beſtrafung, von Gefängniß oder von Tod. Möchte es dem Himmel ſo gefallen. Was liegt mir an dem Tod oder am Gefängniß?“ „Nunbegreie ich uch nicht, Mabnme,“ ſagte Felton. „Oder Ihr ſtellt Euch, als ob Ihr mich nicht be⸗ 5 griffet, mein Herr,“ erwiederte die Gefangene mit einem 5 zweifelhaften Lächeln. „Nein, Madame, bei der Ehre eines Soldaten, bei 6 dem Glauben eines Chriſten.“ „Wie! Ihr kennt die Abſichten von Lord Winter in Beziehung auf meine Perſon nicht?“ „Ich kenne ſie nicht.“ 6 „Unmöglich! Ihr ſein Vertrauter!“ „Ich lüge nie, Madame.“ „Doch er verſtellt ſich zu wenig, als daß man ih nicht errathen ſollie.“ 3 inen das faßt nicht und ieſer ton, eben nem und ach me, ttes enn von hte Lod on. be⸗ em 239 „Ich ſuche nichts zu errathen, ich warte bis man mir etwas anvertraut, und außer dem, was er mir in Eurer Gegenwart geſagt hat, iſt mir von Lord Winter nichts anvertraut worden.“ „Wie!“ rief Mylady mit einem unglaublichen Ge⸗ präge von Wahrheit,„Ihr ſeid alſo nicht ſein Mitſchul⸗ diger! Ihr wißt nicht, daß er mir eine Schmach anzuthun gedenkt, der alle Strafen der Erde nicht an Abſcheulich⸗ keit gleichkommen.“ „Ihr täuſcht Euch, Madame,“ entgegnete Felton e„Lord Winter iſt keines ſolchen Verbrechens ähig.“ „Gut!“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt,„er nennt das ein Verbrechen, ohne zu wiſſen, was es iſt.“ Dann ſprach ſie laut: „Der Freund des Schändlichen iſt zu Allem fähig.“ „„Wen nennt Ihr den Schändlichen 2“ fragte Felton. „Gibt es in England zwei Menſchen, denen ein ſol⸗ cher Name gebührt?“ „Ihr ſprecht von George Villiers,“ ſagte Felton, deſſen Blicke flammten. „Den die Heiden, die Ungläubigen und die Gottloſen Herzog von Buckingham nennen,“ verſetzte Mylady;„ich hätte nicht geglaubt, es könnie in ganz England ein Menſch leben, der einer ſo langen Erläuterung bedürfte, um denjenigen zu erkennen, von welchem ich ſprechen wollte.“ „Die Hand des Herrn iſt über ihm ausgeſtreckt, er wird der verdienten Strafe nicht entgehen.“ Felton ſprach in Beziehung auf den Herzog nur das Gefühl der Verwünſchung aus, das alle Engländer gegen den Mamn hegten, den guch die Katholiken ganz einfach Satan nannten. 240 „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Mylady, „wenn ich Dich bitte, über dieſen Menſchen die ihm gebührende Strafe zu verhängen, ſo weißt Du, daß es nicht mein eigenes Rachewerk iſt, was ich verfolge, ſon⸗ dern die Befreiung eines Volkes, die ich vom Himmel erflehe.“ „Ihr kennt ihn alſo?“ fragte Felton. „Endlich fragt er mich!“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt, voll Freude, ſo ſchnell zu einem ſo großen Reſul⸗ tate gelangt zu ſein. „Ob ich ihn kenne! oh ja! zu meinem Unglück, zu meinem ewigen Unglück.“ Und Mylady rang die Hände, als ob ſie von einem Parorismus des Schmerzes be⸗ fallen wäre. Felton fühlte ohne Zweifel in ſeinem Innern, daß ihn die Kraft verließ; er machte einige Schritte. gegen die Thüre; aber die Gefangene, welche ihn nicht aus den Augen ließ, lief ihm nach und hielt ihn zurück. „Mein Herr!“ rief ſie,„ſeid barmherzig, hort meine Bitte. Das Meſſer, welches mir die unſelige Klugheit des Barons genommen hat, weil er weiß, welchen Ge⸗ brauch ich davon machen will Oh! hört mich bis zu Ende. Dieſes Meſſer, oh! gebt es mir nur auf eine Minute zurück, gebt es mir aus Gnade, aus Mitleid. Ich umfaſſe Euere Kniee! Ihr ſchließt die Thüre, ich will nicht Euch an das Leben gehen. Gott! Euch an das Leben gehen, Euch, dem einzigen Gerechten, guten und theilnehmenden Weſen, das ich getroffen habe! Euch, meinem Retter vielleicht. Eine Minute, nur eine Minute dieſes Meſſer und ich gebe es Euch durch das Gitter der Thüre zurück! Nur eine Minute, Herr Felton, und Ihr habt mir die Ehre gerettet!“ „Euch tödten!“ rief Felton voll Schrecken und ve „C loe nif ver wa der ge Mylady, i ihm daß es ſon⸗ Himmel zu ſich Reſul⸗ c, z Hände, be⸗ „daß gegen is den meine ugheit Ge⸗ mich r auf tleid. „ich h an guten Fuch, inute der Ihr und 241¹ vergaß ſeine Hände denen ſeiner Gefangenen zu entziehenz „Euch tödten!“ „Ich habe es ausgeſprochen, mein Herr,“ murmelte Mylady, indem ſie die Stimme finken ließ und kraft⸗ los auf den Boden niederfiel,„ich habe mein Geheim⸗ niß ausgeſprochen! Er weiß Alles, mein Gott! ich bin verloren!“ blieb unbeweglich und unentſchloſſen auf der Stelle. „Er zweifelt noch,“ dachte Mylady,„ich bin nicht wahr genug geweſen.“ Man hörte in der Flur gehen, Mylady erkannnte den Tritt von Lord Winter. Felton erkannte ihn ebenfalls und machte einen Schritt gegen die Thüre. Mylady ſprang auf und ſagte mit gepreßter Stimme; „Oh! nicht ein Wort, nicht ein Wort zu dieſem Menſchen von Allem, was ich Euch geſagt habe, oder ich bin verloren; und Ihr ſeid es.. Ihr„ Als die Tritte nun näher kamen, ſchwieg ſie aus Furcht, ihre Stimme könnte gehört werden, und legte dabei mit einer Geberde unſäglichen Schreckens ihre ſchöne Hand Felton auf den Mund. Felton ſtieß Mylady ſanft zurück und dieſe ſank auf eine Bank. Lord Winter ging an der Thüre vorüber, ohne ſtille zu ſtehen, und man vernahm das Geräuſch der Tritte, wie ſie ſich entfernten. Bleich wie der Tod verharrte Felton einen Augen⸗ blick mit geſpanntem Ohre horchend, als aber das Ge⸗ räuſch gärzlich erſtorben war, athmeie er wie ein Menſch, der aus einem Traume erwacht, und ſtürzte aus dem Zimmer. „Ah!“ ſagte Mylady, als ſie die Tritte Feltons in entgegengeſetzer Richtung ſich ebenfalls verlieren hörte, „endlich biſt Du mein.“ Die drei Musketiere. W. 16 242 Dann verdüſterte ſich ihre Stirne wieder. a „Wenn er bei dem Baron plaudert, bin ich ver⸗ i loren,“ ſagte ſie,„denn der Baron, der wohl weiß, daß ich mir nicht das Leben nehme, wird mir in ſeiner Ge⸗ genwart ein Meſſer in die Hände geben, und Felton wird ſehen, daß dieſe ganze große Verzweiflung nur ein C Spiel war.“ n Sie ſtellte ſich vor den Spiegel und beſchaute ſicht n nie war ſie ſo ſchön geweſen. b „Oh! ja,“ ſprach ſie lächelnd,„aber er wird nicht g plaudern.“ Am Abend erſchien Lord Winter, als man Mylady n ihr Mahl brachte. ſ „Mein Herr,“ ſprach Mylady,„iſt Euere Gegen⸗ r wart eine nothwendige Beigabe meiner Gefangenſchaft, d könntet Ihr mir nicht den Zuwachs an Qualen erſparen, den mir Euere Beſuche verurſachen?“ 2 „Wie, meine liebe Schweſter, habt Ihr mir nicht. ſ auf eine ganz empfindſame Weiſe mit dieſem ſchönen, G heute aber gegen mich ſo grauſamen, Munde angekündigt, n Ihr wäret einzig und allein in der Abficht, mich nach Gefallen ſehen zu können, nach England gekommen, nur um dieſen Genuß zu haben, deſſen Entbehrung 9 Ihr ſo ſehr fürchtetet, wie Ihr mir ſagt, daß Ihr Alles hiefür gewagt habt, Seekrankheit, Sturm, Gefangen⸗ ſchaft? Uebrigens hat mein Beſuch dießmal einen Grund.“ Mylady bebte; ſie glaubte Felton hätte geſprochenz nie vielleicht fühlte dieſe Frau, welche ſo mächtige und entgegenſetzte Gemüthsbewegungen erfahren hatte, ihr Herz ſo heftig ſchlagen. Sie ſaß; Lord Winter nahm einen Lehnſtuhl, ſtellte ihn neben ſie, ſetzte ſich und zog ein Papier aus ſeiner Taſche, das er langſam entfaltete. „Hört,“ ſprach er,„ich wollte Euch dieſen Paß zeigen, den ich ſelbſt abgefaßt habe, und der Eich —, ——„„— 1c h ver⸗ , daß er Ge⸗ Felton ur ein ſich: d nicht Nylady Hegen⸗ iſchaft, ſparen, nicht hönen, indigt, nach mmen, hrung Alles angen⸗ einen ochen; e und „ihr ſtellte ſeinet Paß Euch 243 als Verhaltungs⸗Vorſchrift in dem Leben vienen ſoll, vas ich Euch laſſe.“ Dann las er ſeine Augen von Mylady nach dem Papier wendend: „Befehl, die Charlotte Backſon, welche durch die Gerichte des Königreichs Frankreich gebrandmarkt, aber nach der Strafvollziehung wieder frei gelaſſen worden iſt, nach der Name iſt noch nicht eingetragen,“ unter⸗ brach ſich Winter,„wenn Ihr einem Orte den Vorzug gebt, ſo ſagt es mir, beträgt die Entfernung wenigſtens zwei tauſend Meilen von London, ſo ſoll Euch willfahrt werden. Ich fahre alſo fort: Befehl, die Charlotte Back⸗ ſon, welche durch die Gerichte des Königreichs Frank⸗ reich gebrandmarkt, aber nach der Strafvollziehung wie⸗ der frei gelaſſen worden iſt, nach zu führen. Sie wird an dieſem Orte bleiben, ohne ſich je mehr als drei Meilen davon zu entfernen. Im Falle eines Fluchtver⸗ ſuches ſoll die Todesſtrafe an ihr vollzogen werden. Sie erhält täglich fünf Schillinge für Koſt und Woh⸗ nung.“ „Dieſer Befehl betrifft mich nicht,“ ſprach My⸗ lady kalt,„da ein anderer Name, als der meinige, ein⸗ getragen iſt.“ „Ein Name! habt Ihr einen Namen?“ „Ich habe den Eueres Bruders.“ „Ihr täuſcht Cuch; mein Bruder iſt nur Euer zweiter Gatte, und der erſte lebt noch. Sagt mir ſeinen Namen und ich werde ihn an die Stelle von Char⸗ lotte Backſon ſetzen. Nicht? Ihr wollt nicht? Ihr ſchweigt. Gut; Ihr werdet unter dem Namen S Backſon in das Gefangenen⸗Regiſter einge⸗ ragen.“ WMuylady blieb ſtumm; dießmal aber geſchah es nicht aus Verſtellung, ſondern vor Schrecken. Sie glaubte, der Befehl werde alsbald vollſtreckt werden, ſie brfürchtete, Lord Winter habe ihre Avreiſe beſchlen⸗ 244 nigt; ſie hielt ſich dazu verurtheilt, ſchon an demſelben Abend weggebracht zu werden; für einen Augenblick war in ihrem Innern Alles verloren, als ſie plötzlich be⸗ merkte, daß der Befehl noch nicht mit einer Unterſchrift verſehen war. Die Freude, welche ihr vieſe Entdeckung gewährte, ſo groß, daß ſie nicht die Kraft beſaß, ſie zu ver⸗ ergen. „Ja, ja,“ ſprach Lord Winter, als er wahrnahm, was in ihr vorging,„ja, Ihr ſucht die Unterſchrift, und ſagt Euch:„„Noch iſt nicht Alles verloren, da dieſe Akte nicht unterzeichnet iſt. Man zeigt ſie mir, um mir Schrecken einzuflößen, das iſt das Ganze.““ Ihr täuſcht Euch: morgen wird dieſer Befehl Lord Buckingham zu⸗ geſchickt, übermorgen kommt er von ſeiner Hand unter⸗ zeichnet und mit ſeinem Siegel verſehen zurück, und vier⸗ undzwanzig Stunden nachher, dafür ſtehe ich Euch, be⸗ ginnt der Anfang ſeiner Vollſtreckung. Gott befohlen, Madame, ich habe Euch ſonſt nichts zu ſagen.“ „Und ich, mein Herr, ſtehe Euch dafür, daß dieſer Mißbrauch der Gewalt, daß dieſe Verbannung unter einem fremden Namen eine Niederträchtigkeit iſt.“ „Wollt Ihr vielleicht lieber unter Euerem eigenen Namen gehenkt werden. Ihr wißt, die engliſchen Geſetze find unerbittlich im Punkte einer Doppelehez erklärt Euch ganz offen; obgleich mein Name oder vielmehr der mei⸗ nes Bruders in dieſe Geſchichte verflochten iſt, ſcheue ich doch den Skandal eines öffentlichen Prozeſſes nicht, wenn ich überzeugt ſein kann, daß ich mit einem Schlage aon Euch befreit werde.“. Mylady antwortete nicht, wurde aber leichenblaß⸗ „Oh! ich ſehe, daß Ihr die Auswanderung vor⸗ zieht. Vortrefflich, Madame, ein altes Sprichwort behauptet: Reiſen bilden die Jugend. Meiner Treue, Ihr habt nicht ganz Unrecht, das Leben iſt ſo ſchon Darum bin ich auch pafür beſorgt, daß Ihr es mir ———— 8 * ſelben war e chrift ihrte, ver⸗ ahm, und dieſe mir uſcht zu⸗ nter⸗ vier⸗ be⸗ hlen, ieſer inem enen eſetze Fuch mei⸗ e ich venn von vor⸗ vort eue, ön! inir ⸗ nicht nehmt. Es bleibt alſo noch der Punkt der fünf Schillinge zu ordnen; ich zeige mich hier etwas ſparſam, nicht wahr? Das kommt davon her, daß ich darauf be⸗ dacht bin, Euch die Möglichkeit zu benehmen, Euere Wächter zu beſtechen. Uebrigens beſitzt Ihr immer noch Euere Reize, um ſie zu verführen. Benützt ſie, wenn der Umſtand, daß Ihr bei Felton geſcheitert ſeid, Euch nicht einen Widerwillen gegen dergleichen Verſuche beige⸗ bracht hat.“ „Felton hat nicht geſprochen,“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt,„noch iſt nichts verloren.“ „Und nun, Madame, auf Wiederſehen! Morgen werde ich Euch den Abgang meines Boten melden.“ Lord Winter ſtand auf, verbengte ſich ironiſch vor Mylady und verließ das Zimmer. WMrylad athmete: ſie hatte noch vier Tage vor ſich, vier Tage genügten für ſie, um Felton vollends zu ver⸗ führen. Ein furchtbarer Gedanke tauchte in ihr auf, der Gedanke, Lord Winter könnte Felton ſelbſt abſchicken, um den Befehl von Buckingham unterzeichnen zu laſſen; auf dieſe Art entging ihr Felton, denn es bedürfte des Zau⸗ bers einer fortwährenden Verführung, wenn die Gefan⸗ gene ihren Plan zum Ziele führen ſollte. Doch, wie geſagt, ein Umſtand beruhigte ſie: Fel⸗ ton hatte nicht geſprochen. Sie wollte nicht das Ausſehen haben, als würde ſie durch Drohungen von Lord Winter beunruhigt, ſetzte ſich zu Tiſche und ſpeiſte. Dann warf ſie ſich, wie am Tage vorher, auf die Knier und betete mit lauter Stimme. Der Soidat hörte wie am Tage vorher auf, im Gange umherzumarſchiren, blieb vor der Thüre ſtille ſtehen und lauſchte. Bald vernahm ſie leichtere Tritte, als die der Wache, welche aus dem Hintergrunde der Flur kamen und vor ihrer Thüre ſiille hielten. 246 „Er iſt es,“ ſagte ſie.. Und ſie ſtimmte denſelben religiöſen Geſang an, der am Abend vorher Felton ſo ſehr eraltirt hatte. Aber die Thüre blieb verſchloſſen, obgleich ihre ſanfte, volle, ſonore Stimme harmoniſcher, ergreifender vibrirt hatte, als je. Wohl glaubte Mylady bei einem flüchti⸗ gen Blicke, den ſie nach dem Gitter warf, die glühenden Augen des jungen Mannes geſehen zu haben, aber ob dies nun Wirklichkeit oder eine Viſion war, diesmal hatte er die Macht über ſich ſelbſt, nicht einzutreten. Nur meinte Mylady einige Augenblicke, nachdem ſie ihren religiöſen Geſang vollendet hatte, einen tiefen Seufzer zu vernehmen; dann entfernten ſich dieſelben Tritte, welche ſie hatte kommen hören, langſam und wie mit Widerwillen. XXIII. Pierter Tag der Gefangenſchaft. Als Felton am andern Tage bei Mylady eintrat, ſtand ſie auf einem Stuhle und hielt einen, mittelſt mehrer in Streifen zerriſſener Batiſt⸗Sacktücher gefloch⸗ tenen Strick in der Hand. Bei dei Geräuſch, das Fel⸗ ton durch das Oeffnen der Thüre verurſachte, ſprang My⸗ lady leiſe vom Stuhle herab und ſuchte den improviſirten Strick hinter ſich zu verbergen. Der junge Mann war noch bleicher, als gewöhnlich und ſeine von der Schlafloſigkeit gerötheten Augen bezeug⸗ ten, daß er eine fieberhafte Nacht zugebracht hatte. Aber ſeine Stirne war mehr als je mit einem tiefen Ernſte bewaffnet. trat, ttelſt loch⸗ Fel⸗ My⸗ irten lich, eug⸗ iefen . 247 Er ging langſam auf Mylady, die ſich niedergeſetzt hatte, zu, nahm das mörderiſche Geflechte, das ſie aus Unachtſamkeit oder abſichtlich hatte vorſehen laſſen, an ei⸗ nem Ende und fragte kalt: „Was ſoll das bedeuten, Madame?“ „Dies? nichts,“ erwiederte Mylady mit jenem ſchmerzhaften Ausdrucke lächelnd, den ſie ihren Zügen ſo gut zu geben wußte.„Die Langweile iſt, wie Ihr wißt, der Todfeind der Gefangenen. Ich langweilte mich und ſuchte mich durch das Flechten dieſes Strickes zu zerſtreuen.“ Felton ſchaute nach dem Punkte an der Wand, vor dem er Mylady auf dem Stuhle ſtehend getroffen hatte, auf welchem ſie jetzt ſaß, und er gewahrte über ihrem Kopfe eine vergoldete Krampe in der Mauer befeſtigt, die zum Aufhängen von Waffen oder Kleidern beſtimmt war. „Und warum ſtandet Ihr auf dieſem Stuhle?“ fragte er. „Was kümmert das Euch?“ entgegnete Mylady. „Aber ich wünſche es zu wiſſen.“ „Fragt mich nicht,“ ſagte die Gefangene:„Ihr wißt wohl, daß es uns wahren Chriſten verboten iſt, zu lügen.“ „Nun, ich will Euch ſagen,“ ſprach Felton,„was Ihr thatet, oder was Ihr vielmehr thun wolltet. Ihr wolltet den unſeligen Gedanken zur Ausführung bringen, den Ihr in Euerem Innern nährt. Wenn Euer Gott die Lüge verbietet, Madame, ſo verbietet er noch viel ſtrenger den Selbſtmord.“ „Wenn Gott eines von ſeinen Geſchöpfen ungerech⸗ ter Weiſe verfolgt, zwiſchen den Selbſtmord und die Schande geſtellt ſieht,“ antwortete Mylady im Tone tie⸗ fer Ueberzeugung,„glaubt mir, mein Herr, dann ver⸗ gibt Gott den Selbſtmord, denn der Selbſtmord wird zum Märthrthum.“ hr ſagt zu viel oder zu wenig; ſprecht, Madame, in des Himmels Namen, erklärt Euch.“ 248 „Soll ich Euch die Unglücksfälle meines Lebens erzählen, damit Ihr ſie als Fabeln behandelt? Soll ich Euch meine Pläne nennen, damit Ihr ſie meinem Ver⸗ folger angebt? Nein, mein Herr. Ueberdies, was liegt Euch an Leben oder Tod einer unglücklichen Verdamm⸗ ten! Ihr ſeid nur für meinen Leib verantwortlich, inſo⸗ fern man, wenn Ihr einen Leichnam zeigt, der als der meinige erkannt wird, nicht mehr von Euch verlangen wird. Ja, Eure Belohnung wird vielleicht ſogar verpop⸗ pelt werden.“ „Mir, Madame, mir!“ rief Felton,„Ihr könnt glauben, ich würde den Preis Eures Lebens annehmen? O Ihr glaubt nicht, was Ihr da ſprecht.“ „Laßt es gut ſein Felton, laßt es gut ſein,“ ſprach Mylady voll Heftigkeit.„Jeder Soldat iſt ehrgeizig, nicht wahr? Ihr ſeid Lieutenant; nun, Ihr werdet meinem Leichenzuge mit dem Grade eines Kapitäns folgen.“ „Aber was habe ich Euch denn gethan,“ rief Feltvn erſchüttert,„daß Ihr mir eine ſoche Verantwortlichkeit vor Gott und den Menſchen aufbürdet? In einigen Ta⸗ gen ſeid Ihr ferne von hier, Madame; Euer Leben ſteht nicht mehr unter meiner Bewachung und dann,“ fügte er mit einem Seufzer bei,„dann werdet Ihr thun, was Euch beliebt.“ „Alſo Ihr,“ ſprach Mylady, als ob ſie einer heili⸗ gen Entrüſtung nicht länger widerſtehen könnte,„Ihr, ein heiliger Mann, Ihr, den man einen Gerechten nennt, Ihr verlangt nichts Anderes, als daß man Euch wegen meines Todes nicht eines Verſehens beſchuldigen könne?“ „Ich muß über Euer Leben wachen, Madame, und werde darüber wachen.“ „Aber begreift Ihr auch den Auftrag, den Ihr erfüllt Iſt er an und für ſich ſchon grauſam, wenn ich ſchuldig wäre, welchen Namen werdet Ihr ihm n r⸗ n⸗ o⸗ er en p⸗ nt 2 et ns on eit a⸗ ht te as li⸗ r, t, en 2 nd hr nn m geben, welchen Namen wird ihm der Herr geben, wenn ich unſchuldig bin?“ „Ich bin Soldat, Madame, und vollziehe die Bi fehle, die ich erhalten habe.“ „Glaubt Ihr, daß Gott beim jüngſten Gerichte die blinden Henker von den ungerechten Richtern trennen wird? Ihr wollt nicht, daß ich meinen Leib tödte, und macht Euch zum Agenten des Menſchen, der meine Seele tödten will.“ „Ich wiederhole Euch,“ verſetzte Felton erſchüttert, „es droht Euch keine Gefahr, und ich ſtehe für Lord Winter, wie für mich ſelbſt.“ „Wahnſinniger!“ rief Mylady,„armer Wahnſinniger, der für einen andern Menſchen ſtehen will, während die Weiſeſten, die Gottgefälligſten für ſich ſelbſt zu ſtehen zö⸗ gern, und der ſich auf vie ſtärkſte, glücklichſte Partei ſchlägt, um die ſchwächſte, unglücklichſte niederzutreten!“ „Unmöglich, Madame, unmoglich,“ murmelte Felton, der in der Tiefe ſeiner Seele die Richtigkeit dieſer Worte fühlte.„Als Gefangene werdet Ihr durch mich nicht die Freiheit erhalten, als Lebende erhaltet Ihr durch mich nicht den Tod.“ „Ja,“ rief Mylady,„ich werde verlieren, was mir theurer iſt, als das Lebenz ich werde die Ehre verlieren, Felton, und Euch, Euch mache ich vor Gott und den Menſchen für meine Schmach, meine Schande verantwortlich.“ Diesmal konnte Felton trotz ſeiner wirklichen oder ſcheinbaren Unempfinvlichkeit dem Einfluſſe nicht wider⸗ ſtehen, der ſich ſeiner bereits bemächtigt hatte. Dieſe ſchöne Frau, ſo weiß wie die reinſte Viſivn, bald in Thränen zerfließend, bald drohend zu ſehen, der Macht des Schmerzes und der Schönheit bloß geſtellt zu ſein, das war zu viel für ein durch glühende Tränme eines »exaltirten Glaubens bereits unterhöhltes Gehirn, für ein zugleich von der brennenden Liebe des Himmels und von dem verzehrenden Haſſe der Menſchen durchnagtes Herz. Mylady ſah ſeine Unruhe; ſie fühlte durch innere Anſchauung die Flamme entgegengeſetzter Leidenſchaften, welche mit dem Blute in den Adern des jungen Fana⸗ tikers brannten, und einem geſchickten Generale ähnlich, der, wenn er ſieht, daß der Feind zurückzuweichen im Be⸗ griffe iſt, mit einem Siegesgeſchrei auf ihn losmarſchirt, ſtand ſie auf, ging ſchön wie eine Prieſterin des Alter⸗ thums, begeiſtert wie eine chriſtliche Jungfrau, den Arm ausgeſtreckt, die Haare zerſtreut, mit einer Hand ſcham⸗ haft das über der Bruſt zuſammengezogene Kleid haltend, den Blick erleuchtet von dem Feuer, das bereits eine Ver⸗ wirrung in den Sinnen des jungen Puritaners hervorge⸗ bracht hatte, auf ihn zu und rief mit ihrer ſanften Stimme, e ſie bei dier Gelegenheit eine furchtbare Gewalt ver⸗ ieh: „So wirf ſein Opfer vor den Baal, Und wirf den Märtyrer dem Löwen vor. Gott weckt in Dir der Reue Qual, Vom Abgrund dringt mein Ruf zu ihm empor. Felton blieb wie verſteinert auf ſeiner Stelle. „Wer ſeid Ihr! wer ſeid Ihr!“ rief er die Hände faltend.„Seid Ihr Engel oder Teufel! Heißt Ihr Eloah oder Aſtarte?“ „Haſt Du mich nicht erkannt, Felton? Ich bin we⸗ der ein Engel noch ein Teufel. Ich bin eine Tochter der Erde, ich bin eine Schweſter Deines Glaubens und nichts weiter.“ „Ja, ja,“ ſprach Felton,„ich zweifelte noch, aber jetzt glaube ich.“ „Du glaubſt und biſt dennoch der Schuldgenoſſe die⸗ ſes Belialskinpes, das man Lord Winter nennt? Du glaubſt und läßt mich in den Händen meiner Feinde, des Feindes de ah der ts ber ie⸗ bſt des 251 von England, des Feindes von Gott; Du glaubſt, und dennoch überantworteſt Du mich demjenigen, welcher die Welt mit ſeinen Ketzereien und Ausſchweifungen erfüllt und befleckt, dieſem ſchändlichen Sardanapal, den die Blinden den Herzog von Buckingham und die Gläubigen den Antichriſt nennen!“ „Ich Euch Buckingham überantworten! was ſagt Ihr da?“ „Sie haben Augen,“ rief Mylady,„und werden nicht ſehen; ſie haben Ohren, und werden nicht hören!“ „Ja, ja,“ ſprach Felton, indem er mit ſeinen Hän⸗ den über ſeine mit Schweiß bedeckte Stirne hinſtrich, als wollte er den letzten Zweifel entfernen;„ja, ich erkenne die Stimme, die in meinen Träumen mit mir ſpricht; ja, ich erkenne die Züge des Engels, der mir allnächtlich erſcheint und meiner ſchlafloſen Seele zuruft:„Schlage; rette England, rette Dich, denn Du wirſt ſterben, ohne Gott entwaffnet zu haben!““ Sprecht, ſprecht!“ rief Fel⸗ ton,„denn ich kann Euch jetzt verſtehen.“ Ein Blitz furchtbarer Freude, aber raſch wie der Gedanke, ſprang aus den Augen Myladys hervor. So flüchtig auch dieſes mörderiſche Zucken geweſen war, ſo entging es doch Felton nicht, und er bebte, als ob dieſer Blitz die Abgründe des Herzens dieſer Frau erleuch⸗ tet hätte. Felton erinnerte ſich plötzlich der Bemerkungen Lon Lord Winter, der Verführungen von Mylady, ihrer erſten Verſuche bei ihrer Ankunft. Er wich einen Schrizt zu⸗ rück, ließ den Kopf ſinken, hoͤrte aber nicht auf, ſie anzu⸗ ſchauen, als ob er von dieſem ſeltſamen Geſchöpfe ver⸗ zaubert wäre und ſeine Augen ſich nicht von ihr trennen könnten. Mylady war nicht die Frau, um ſich in dem Sinne dieſes Zögerns zu täuſchen. Unter den ſcheinbaren Auf⸗ regungen verließ ſie ihre eiſige Kaltblütigkeit nicht. Ehe ihr Felton geantwortet hatte und ſie ſich genöthigt ſah, 252 vas Geſpräch wieder aufzunehmen, das ſo ſchwer in dem⸗ ſelben Tone der Begeiſterung fortzuſetzen war, ließ ſie ihre Arme zurückſinken, als ob die weibliche Schwäche die Sberhand über den Enthuſiasmus der Begeiſterten ge⸗ wänne. „Aber nein,“ ſprach ſie,„mir kommt es nicht zu, vie Judith zu ſein, welche Bethulien von dieſem Ho⸗ lofernes befreien wird. Das Schwert des Ewigen iſt zu ſchwer für meinen Arm. Laßt mich alſo der Schande durch den Tod entfliehen, laßt mich meine Zu⸗ flucht zum Märtyrthum nehmen. Ich verlange von Euch nicht die Freiheit, wie dies eine Schuldige thun würde, nicht die Rache, wie es eine Heidin thäte. Ich bitte Euch, ich ſlehe Euch auf meinen Knieen an; laßt mich ſterben, und mein letzter Seufzer ſoll eine Segnung für meinen Retter ſein.“ Bei dieſer ſanften flehenden Stimme, bei die⸗ ſem ſchüchternen, niedergeſchlagenen Blicke näherte ſich Felton. Allmählig hatte die Zauberin das magiſche Gewand angethan, das ſie nach Belieben anlegte und ablegte, das heißt die Schonheit, die Sanftmuth, die Thränen und vor Allem den unwiderſtehlichen Reiz myſtiſcher Wol⸗ luſt, einer Wolluſt, die verzehrender wirkt, als jede andere. „Ach!“ ſprach Felton,„ich vermag nur Eines, Euch zu beklagen, wenn Ihr mir beweiſt, daß Ihr ein Opfer ſeid. Aber Lord Winter erhebt grauſame Anſchuldigungen gegen Euch. Ihr ſeid Chriſtin, Ihr ſeid meine Religionsſchweſter. Ich fühle mich zu Euch hingezogen, ich, der ich nie einen andern Menſchen geliebt habe, als meinen Wohlthäter, ich, der ich im Le⸗ ben nur Verräther und Gottloſe gefunden habe! Aber Ihr, Madame, die Ihr in Wahrheit ſo ſchön, ſcheine nach ſo rein ſeid, Ihr habt alſo, und dem A d ⸗ de hr ne hr en e⸗ el 253 da Euch Lord Winter auf dieſe Weiſe verfolgt, große Frevel verübt?“ „Sie haben Augen,“ wiederholte Myladh mit einem Ausdrucke unſäglichen Schmerzes,„und werden nicht ſehen; ſie haben Ohren und werden nicht horen.“ „Aber ſo ſprecht doch,“ rief der junge Officier, „ſprecht, ſprecht!“ „Euch meine Schmach und meine Schande anver⸗ trauen!“ rief Mylady, Schamröthe im Geſicht;„denn oft iſt das Verbrechen des Einen die Schande des Andern Euch meine Schande anvertrauen, einem Manne, ich die Frau! O,“ fuhr ſie fort, und legte dabei verſchämt die Hand auf die ſchönen Augen⸗„Ohl nie, nie, werde ich dies im Stande ſein!“ „Mir, einem Bruder 1“ rief Felton. Mylady ſchaute ihn lange mit einem Ausdrucke an, den der Officier für Zweifel hielt, während es nichts Anderes, als Beobachtung und hauptſächlich Abſicht zu blenden war. Nun faltete Felton flehend die Hände. „Wohl!“ ſprach Mylady,„ich will mich einem Bru⸗ der anvertrauen, ich will es wagen.“ In dieſem Augenblicke hoͤrte man die Tritte von Lord Winter, aber diesmal begnügte ſich der furchtbare Schwager von Mylady nicht damit, wie am Tage vorher, vor der Thüre vorüberzugehen und ſich wieder zu entfer⸗ nen, ſondern er blieb ſiehen und wechſelte zwei Worte mit der Wache; die Thüre öffnete ſich und er trat ein. Während vieſe zwei Worte gewechſelt wurden, war Felton raſch zurückgewichen, und als Lord Winter erſchien, ſtand er einige Schritte von der Gefangenen entfernt. Der Baron trat langſam ein und ließ ſeinen for⸗ ſchenden Blick von der Gefangenen auf den jungen Offi⸗ cier überſchweifen. „Ihr ſeid ſchon ſehr lange hier, John ſagte er. „Hat Euch dieſe Frau ihre Verbrechen erzähtt? Dann be⸗ greife ich die Dauer der Uuterhaltung“ 254 Felton bebte und Mylady fühlte, daß ſie verloren war, wenn ſie dem aus der Faſſung gebrachten Puritaner nicht zu Hülfe kam. „Ah, Ihr fürchtet, Eure Gefangene dürfte Euch entkommen,“ ſprach ſie.„Ei, ſo fragt doch Euren Ker⸗ kermeiſter, welche Gnade ich mir ſo eben von ihm erbe⸗ ten habe.“ „Ihr habt Euch eine Gnade erbeten?“ ſprach der Baron argwöhniſch. „Ja, Mylord,“ erwiederte der junge Mann verwirtt. „Und welche Gnade? Laßt hören!“ fügte Lord Winter bei. „Ein Meſſer, das ſie mir eine Minute, nachdem ſie es empfangen, durch das Gitter der Thüre zurückgeben will,“ antwortete Felton. „Es iſt alſo irgend Jemand hier verborgen, den dieſe anmuthreiche Perſon erſtechen will?“ verſetzte Lord Winter mit ſpöttiſchem, verächtlichem Tone. „Ich bin hier,“ antwortete Mylady. „Ich habe Euch die Wahl zwiſchen Amerika und Tyburn gelaſſen,“ entgegnete Lord Winter.„Wählt Ty⸗ burn, Mylady. Glaubt mir, der Strick iſt ſicherer, als das Meſſer.“ Felton fühlte einen Schauer durch das Mark ſeiner Knochen. Wahrſcheinlich bemerkte Lord Winter dieſe Be⸗ wegung. „Ihr habt Recht,“ ſprach Mylady,„und ich habe bereits daran gedacht;“ dann fügte ſie mit dumpfer Stimme bei:„ich werde noch einmal daran denken.“ Felton erbleichte und machte einen Schritt vorwärts, denn er erinnerte ſich, daß Mylady, als er eintrat, einen Strick in der Hand gehalten hatte. „Traue nicht, John,“ ſagte der Baron.„John, mein Freund, ich habe mich auf Dich verlaſſen. Nimm Dich in Acht, Du biſt von mir unterrichtet. Sei übrigens gu⸗ ten Muths, mein Kind! In drei Tagen werden wir von —— dieſer ich ſi ſo de und dreht Wyl Zim ich geſch bern — — — —— — N—— 255⁵ dieſem Geſchöpfe befteit ſein und an dem Orte, wohin ich ſie ſchicke, wird ſie Niemand mehr ſchaden.“ „Ihr hoͤrt ihn!“ rief Mylady, die Stimme erhebend ſo daß der Baron glaubte, ſie wende ſich an den Himmel, und daß Felton begriff, es gelte ihm. Felton ließ das Haupt ſinken und träumte. Der Baron nahm den Officier beim Arme und drehte ſogleich den Kopf über ſeine Schulter zurück, um Mylady nicht aus dem Geſichte zu verlieren, bis er das Zimmer verlaſſen hätte. „Ach, ich bin noch nicht ſo weit vorgerückt, als ich glaubte,“ ſagte die Gefangene, als die Thüre wieder geſchloſſen war.„Der Baron hat ſeine gewöhnliche Al⸗ bernheit in eine unbeſtimmte Klugheit verwandelt; das iſt die Rachgier, die den Menſchen bildet. Felton zögert noch. Ah, das iſt kein entſchloſſener Menſch, wie dieſer verdammte d'Artagnan.“ Mylady wartete indeſſen mit Ungeduld, denn ſie ver⸗ muthete mit Recht, der Tag würde nicht vorübergehen, ohne daß Felton wieder käme. Eine Stunde nach der ſo eben von uns erzählten Scene hoͤrte ſie leiſe an der Thüre Bald offnete ſich die Thüre und ſie erkannte elton. Der junge Mann trat raſch in das Zimmer ein, ließ die Thüre hinter ſich offen und bedeutete Mylady durch ein Zeichen, ſie möge ſchweigen. Sein Geſicht war ganz verſtört. „Was wollt Ihr von mir,“ ſagte ſie. „Hört,“ antwortete Felton mit leiſer Stimme;„ich habe die Wache entfernt, um hier bleiben zu können, ohne daß man weiß, daß ich gekommen bin, um mit Euch ſprechen zu können, ohne daß man hört, was ich Euch ſage. Der Baron hat mir eine furchtbare Ge⸗ ſchichte erzählt.“ Mylady nahm wieder das Lächeln des in ſein Schick⸗ gebenen Opfers an⸗ 256 „Entweder ſeid Ihr ein Teufel, oder der Baron, mein Wohlthäter, mein Vater, iſt ein Ungeheuer. Ich kenne Euch ſeit vier Tagen, ich liebe ihn ſeit zehn Jahren. Ich darf alſo zwiſchen Euch Beiden zögern. Erſchreckt nicht über das, was ich Euch ſage. Ich bedarf der Ue⸗ berlegung, Ich komme nach Mitternacht zu Euch und Ihr werdet mich überzeugen.“ „Nein, Felton, nein, mein Bruder,“ entgegnete ſie. „Das Opfer iſt zu groß, und ich fühle, was es Euch koſtet. Nein, ich bin verloren, richtet Euch nicht auch zu Grunde. Mein Tod wird viel beredter ſein, als mein Leben, und das Stillſchweigen des Leichnams wird Euch eher überzeugen, als das Wort der Gefangenen. „Schweigt, Madame!“ rief Felton,„und laßt mich nicht ſolche Worte hören. Ich bin gekommen, damit Ihr mir bei Eurer Ehre gelobet, damit Ihr mir ſchwöret bei Allem, was heilig iſt, nicht Hand an Euer Leben zu legen.“ 8„Ich will nicht geloben,“ antwortete Myladh,„denn Niemand achtet den Eid ſo ſehr wie ich, und wenn ich geloben würde, dann müßte ich es auch halten.“ „Gut,“ ſagte Felton,„ſo verſprecht es wenigſtens nur bis zu dem Augenblicke, wo wir uns wieder geſehen haben werden. Beſteht Ihr auf Eurer Abſicht, wenn wir uns wieder geſehen haben, ſo ſeid Ihr frei, und ich ſelbſt gebe Euch die Waffe, die Ihr von mir verlangt.“ „Es ſei!“ ſagte Mylady,„Cuch⸗zu Liebe werde ich warten.“ „Schwöret mir!“ „Ich ſchwöre bei unſerem Gotte! Seid Ihr zu⸗ frieden?“ „Wohl,“ erwiederte Felton,„in dieſer Nacht alſo!“ Und er ſtürzte aus dem Zimmer, verſchloß die Thüte und verharrte außen, die Pieke des Soldaten in der Hand, als ob er die Wache bezogen hätte⸗ wiede ſie fi Zeich Art kehrte ihren Gott ich, helfe mein Euch t mich it Ihr et bei en e „denn nn ich igſtens. geſehen in wir ſelbſt de ich hr zu⸗ alſo 1“ Thüre Hand, 257 Der Soldat kam zurück, Felton gab ihm ſeine Waffe wieder. Mylady ſah nun durch das Gitter der Thüre, dem ſie ſich genähert hatte, wie ſich der junge Mann mit allen Zeichen einer irrſinnigen Inbrunſt geberdete und in einer Art von Entzücken durch die Hausflur wegeilte. Sie aber kehrte, ein Lächeln wilder Verachtung auf den Lippen, an ihren Platz zurück und ſprach den furchtbaren Namen Gottes blasphemirend, bei dem ſie geſchworen hatte: „Mein Gott, wahnſinniger Fanatiker, mein Gott bin ich, ich und derjenige, welcher mir zu meiner Rache ver⸗ helfen wird.“ XXIV. Fünfter Tag der Gefangenſchaft. Mylady war bereits zu einem halben Triumphe ge⸗ langt und der Erfolg verdoppelte ihre Kräfte. Es war keine Schwierigkeit, wie ſie es bis dahin ge⸗ than hatte, Menſchen zn beſiegen, welche ſich leicht ver⸗ führen ließen und von der galanten Erziehung des Hofes raſch in die Falle gelockt wurden. Mylady war ſchön genug, um die Sinne zu reizen, und geſchickt genug, um alle Hinderniſſe des Geiſtes zu überwältigen. Aber diesmal hatte ſie gegen eine rohe, gedrängte, in ihrer Strenge unempfindliche Natur zu kämpfen. Die Religion und die Buße hatten aus Felton einen für ge⸗ wöhnliche Verſuchungsmittel unempfindlichen Mann ge⸗ macht. In dieſem exaltirten Kopfe bewegten ſich ſo weit umfaſſende Pläne, ſo ſtürmiſche Entwürfe, daß darin kein Platz mehr für die Liebe war, für dieſes Gefühl, das ſich Die drei Musketiere.. 258 durch die Muße nährt und durch die Verdorbenheit der Sitten groß wird. Mylady hatte mit ihrer falſchen Tugend in der Mei⸗ nung eines gegen ſie eingenommenen Mannes und durch ihre Schönheit in dem Herzen und den Sinnen eines un⸗ ſchuldigen Menſchen Breſche gemacht. Nichtsdeſtoweniger verzweifelte ſie manchmal während dieſes Abends an dem Geſchicke und an ſich ſelbſt. Sie rief Gott nicht an, wie wir wiſſen, ſie hegte Vertrauen zu dem Geiſte des Böſen, dieſer ungeheuern Souveränetät, welche in allen Finzelnheiten des menſchlichen Lebens herrſcht und für die wie in der arabiſchen Fabel ein Granatkern hinreicht, um eine ganze verlorene Welt wieder aufzubauen. Gut auf den Empfang von Felton vorbereitet, konnte Mylady ihre Batterien für den andern Tag aufpflanzen; ſie wußte, daß ihr nur noch zwei Tage übrig blieben, daß, wenn der Befehl einmal von Buckingham unterzeichnet war(und Buckingham würde ihn um ſo leichter unter⸗ zeichnen, als in dem Befehle ein falſcher Name einge⸗ tragen war und er die Frau, um die es ſich handelte, nicht zu erkennen vermöchte), daß, wenn dieſer Befehl einmal unterzeichnet war, ſagen wir, der Baron fie ſogleich einſchiffen würde; ſie wußte auch, daß die zur Deportation verurtheilten Frauen ſich minder mächtiger Waffen bei ihren Verführungsplänen bedienen, als die angeblich tu⸗ gendhaften Frauen, deren Schönheit die Sonne der Welt beſcheint, deren Geiſt die Stimme der Mode rühmt, die ein Wiederſchein der Ariſtokratie mit ſeinem zauberhaften Glanze vergoldet. Eine zu einer entehrenden Strafe ver⸗ urtheilte Frau zu ſein, hindertnicht ſchön zu ſein; aber es iſt ein Hinderniß, je wieder zu Macht zu gelangen. Wie alle Menſchen von einem wahren Genie kannte Mylady die ihrer Naiur zuſtehende Mitte. Die Armuth widerſtrebte ihr, der Zuſtaid der Verachtung minderte ihre Größe um zwei Drittheile. 2 Wyl Herr ordn Dem dara konn geizi man Ung man zwei Viel zurt Fre woh zehr ertr dop ihre die weſ gan din din tzer ihr kan hin ſch Lei Ca gle t der Mei⸗ durch un⸗ hrend Sie auen netät, ebens l ein ieder onnte nzen; daß, chnet nter⸗ inge⸗ delte, efeh gleich ation n bei h tu⸗ Welt die haften ver⸗ iſt ein nſchen Natur . uſtand theile. 259 Mylaby war nur Königin unter den Königinnen. Ihre Herrſchaft bedurfte der Luſt befriedigten Stolzes; unterge⸗ ordnete Menſchen zu beherrſchen, war für ſie eher eine Demüthigung als ein Vergnügen. Gewiß wäre ſie aus ihrer Verbannung zurückgekehrt, varan zweifelte ſie nicht einen Augenblick; aber wie lange konnte dieſe Verbannung dauern? Für eine thätige, ehr⸗ geizige Natur, wie die von Mylady, ſind die Tage, die man nicht damit beſchäftigt iſt, emporzuſteigen, verlorene Unglückstage. Wie alſo ſoll man die Tage nennen, die man damit hinbringt, daß man herabſteigt! Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre verlieren, das iſt eine Ewigkeit. Vielleicht nach dem Tode oder der Ungnade des Cardinals zurückkommen, zurückkommen, wenn wArtagnan und ſeine Freunde glücklich und triumphirend die für ihre Dienſte wohl verdiente Belohnung erhalten hätten: das waren ver⸗ zehrende Gedanken, welche eine Frau, wie Mylady, nicht ertragen konnte. Der Sturm, welcher in ihr tobte, ver⸗ doppelte indeſſen ihre Kraft, und ſie hätte die Wände ihres Kerkers geſprengt, wenn ihr Körper einen Augenblick die Verhältniſſe ihres Geiſtes anzunehmen im Stande ge⸗ weſen wäre. Unter allen dieſen Geihsbewegungen ſtachelte ſie ganz beſonders noch die Eiung an den Cardinal⸗ Was mußte der unruhige, mißtrauiſche, argwöhniſche Car⸗ dinal von ihren Stliſchweigen denken, ſagen? der Car⸗ dinal, nicht nit ihee einzige Stütze, ihr einziger Beſch ü⸗ tzer in der Geßart ſondern auch das Hauptwerkzeug ihres zukünftigen Se ihrer zukünftigen Rache? Sie kannte ihn: ſie wußie daß ſie bei ihrer Rückkehr immer⸗ hin eine vergebliche Reiſe und ihre Gefangenſchaft vor⸗ ſchützen mochte, daß ſie immerhin die ausgeſtandenen Leiden mit den ſchwärzeſten Farben ausmalen mochte, der Cardinal würde ihr mit jener ſpöttiſchen Ruhe des zu⸗ gleich durch die Kraft und das Genie mächtigen Skep⸗ 260 „Ihr hättet Euch nicht fangen laſſen ollen!“ Mylady raffte ihre ganze Energie zuſammen, mur⸗ melte in der Tiefe ihrer Gedanken den Namen Felton, den einzigen Strahl des Tages, der bis in die Hölle drang, in die ſie geſtürzt war, und der Schlange ähnlich, welche ihre Ringe rollt und entrollt, um ſich ſelbſt Rechen⸗ ſchaft von ihrer Kraft zu geben, hüllte ſie Felton zum voraus in die tauſend Falten ihrer erfindungsreichen Einbil⸗ dungskraft. Indeſſen verlief die Zeit. Die Stunden ſchienen eine nach der andern im Vorübergehen die Glocke zu erwecken und jeder Ton des ehernen Schlägels hallte in dem Herzen der Gefangenen wieder. Um neun Uhr machte Lord Winter den gewöhnlichen Beſuch, beſchaute die Fenſter und die Gitterſtangen davor, ſondirte den Boden und die Wände, beträchtete den Kamin und die Thüren, ohne daß während dieſer langen und ſorgfältigen Unterſuchung Mylady oder er ein einziges Wort ſprachen. Ohne Zweifel begriffen Beide, daß die Lage der Dinge zu ernſt geworden war, um die Zeit mi unnöthigen Worten und iſ etfolgloſem Zörne zu Lerliere „Gut,“ ſagte der Bero als er ſie verließ,„Ih werdet dieſe Nacht noch hicht entweichen.“ um zehn uh ſührte Felton eine Wache auf. Mylady erkannte ſeinen Tritk; ſie ereh ihn jetzt, wie eine Liebende den Geliebten ihres Hetzen erräth, und dennoch verachtete, verabſcheute Mladh vieſen ſchwachen Fanatiker. Es war nicht die verabredete Sde und Felton trat nicht ein. Zwei Stunden ſpäter, als es Mitternacht ſchlug, wurde die Wache abgelöſt. Diesmal war es die Stunde, und Mylady wartete van dieſem Augenblicke an mit ver größten Ungeduld. zugel „ent denn MWyl nen ſeine keit; zwei wie wes lügt nich trag wür erla wiſſ gew kom So Fel 261 ſſen Die neue Wache fing an, in der Flur auf und ab⸗ zugehen. 2 nur⸗ Nach zehn Minuten kam Felton. ton, Mylady horchte. olle„Höre,“ ſprach der junge Mann zu der Wache, lich,„entferne Dich unter keinem Vowande von dieſer Thüre; hen⸗ denn Du weißt, daß in der letzten Nacht ein Soldat vou zum Mylord beſtraft worden iſt, weil er einen Augenblick ſei⸗ bil⸗ nen Poſien verlaſſen hatte, und ich hielt doch während ſeiner kurzen Abweſenheit Wache.“ eine„Ja, ich weiß es,“ ſagte der Soldat. cken„Ich empfehle Dir alſo die pünktlichſte Wachſam⸗ rzen keit; aber,“ fügte er bei,„ich will hineingehen und zum zweiten Mal das Zimmer dieſer Frau viſitiren, welche, chen wie ich befürchte, Unſeliges gegen ſich ſelbſt beabſichtigt, vor, weshalb ich Befehl erhalten habe, ſie zu überwachen.“ min„Gut,“ murmelte Mylady,„der ſtrenge Puritaner und lügt!“ ige Der Soldat begnügte ſich zu lächeln. die„Teufel! mein Lieutenant,“ ſprach er,„Ihr ſeid mit nicht der unglürklichſte, daß man Euch einen ſolchen Auf⸗ ren trag gegeben hat.“ Ih Felton erröthete; untet llen andern Umſtänden würde er dem Soldaten, der ſich einen ſolchen Scherz auf. erlaubte, einen Verweis ertheilt haben. Aber ſein Ge⸗ wie wiſſen murmelte zu laut, als daß ſein Mund zu ſprechen und gewagt hätte. chen„Wenn ich e, ſagte er,„ſo komm'; wenn man kommt, ſo rufe ich trat„Sehr wohl, mein Lieutenant,“ antwortete der Soldat. hlug, Felton trat bei Mylady ein. Mylady ſtand auf. „Seid Ihr hier?“ ſagte ſie. rtete„Ich hatte Euch zu kommen verſprochen,“ erw Felton,„und ich bin gekommen.“ 262 „Ihr habt mir noch etwas Anderes verſprochen.“ „Was denn, mein Gott!“ rief der junge Mann, der trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung fühlte, wie ſeine Kniee zit⸗ terten und der Schweiß ſeine Stirne befeuchtete. „Ihr habt perſprochen, mir ein Meſſer zu bringen und es mir nach unſerer Unterredung zu laſſen.“ „Verſchont mich mit ſolchen Worten, Madame,“ ſagte Felton;„es gibt keine Lage, die ſo ſchrecklich wäre, daß ſie ein Geſchoͤpf Gottes berechtigte, ſich den Tod zu geben. Ich habe mir überlegt, daß ich mich nie einer ſolchen Sünde ſchuldig machen würde.“ „Ah! Ihr habt überlegt,“ ſprach die Gefangene, ſich in ihrem Lehnſtuhle mit verächtlichem Lächeln zurück⸗ werfend.„Und ich habe mir auch überlegt!“ „Was?“ „Daß ich einem Menſchen, der ſein Wort nicht hält, nichts zu ſagen hätte.“ „Ohl mein Gott,“ murmelte Felton. „Ihr könnt Euch entfernen, ich werde nichts ſpre⸗ chen. „Hier iſt das Meſſer,“ ſagte Felton und zog aus ſeiner Taſche die Waffe, die er mitzubringen verſprochen hatte, aber der Gefangenen zu geben zögerte. „Laßt ſehen,“ ſagte Mylady. „Was wollt Ihr damit machen 2“ „Bei meinet Ehre, ich gebe Euch das Meſſer ſo⸗ gleich zurück. Ihr legt es auf dieſen Tiſch und bleibt zwiſchen ihm und mir.“ 5 Felton überreichte Mylady die Waſſe ſie prüfte auf⸗ merkſam die Härtung und verſuchte die Spitze an ihren Fingern. „Gut,“ ſagte ſie und gab das Meſſer dem jungen ſficier zurück,„das iſt ein ſchöner, guter Stahl id ein treuer Freund, Felton.“ it ſeiner Gefangenen vergbredet war. n nahm die Waffe und legte ſie auf den Tiſch⸗ Geb ſtan verſe voll Toc zum gelo die derſ Go ma zu imn Lip der 3 zit⸗ ingen me,“ wäre, od zu einer gene, urück⸗ hält, ſpre⸗ g aus rochen er ſo⸗ bleibt e auf⸗ ihren jungen — Tiſch⸗ 263 Mylady folgte ihm mit den Augen und machte eine Geberde der Zufriedenheit. „Nun hört mich,“ ſprach ſie. Die Aufforderung war unnöthig, der junge Mann ſtand vor ihr und lauſchte auf ihre Worte, um ſie zu verſchlingen. „Felton,“ ſagte Mylady mit einer ſchwermuths⸗ vollen Feierlichkeit,„Felton, wenn Euere Tochter, die Tochter Eueres Vaters zu Euch ſpräche:„„Noch jung, zum Unglück ziemlich ſchön, hat man mich in eine Falle gelockt, ich widerſtand; man verdoppelte die Schlingen, die Hinterhalte, die Gewaltsſtreiche um mich her, ich wi⸗ derſtand; man läſterte die Religion, der ich diene, den Gott, den ich anbete, ich widerſtand; dann überhäufte man mich mit Beleidigungen, und da man meine Seele nicht zu verderben vermochte, ſo wollte man meinen Leib für immer brandmarken.“ Mylady hielt inne, ein bitteres Lächeln zog über ihre Lippen hin. „Endlich,“ ſprach Felton,„was that man endlich 2“ „Endlich eines Abends beſchloß man dieſen Wider⸗ ſtand, den man nicht beſiegen konnte, zu lähmen; man miſchte eines Abends ein narkotiſches Mittel in mein Waſſer; kaum hatte ich mein kleines Mahl beendigt, als ich von einer ſeltſamen Schläfrigkeit befallen wurde; obgleich ich kein Mißtrauen hegte, ergriff mich doch eine ſchwankende Furcht und ich ſuchte gegen den S zu kämpfen; ich ſtand auf, ich wollte zum Fenſter läufen, um Hülfe rufen, aber meine Beine verſagten mir den Dienſt, es war mir, als ſenkte ſich der Plafond auf mich herab und drückte mich mit ſeinem Gewichte nieder; ich ſtreckte den Arm aus, ich verſuchte es zu ſprechen; aber ich konnte nur unartikulirte Töne ausſtoßen, eine unüber⸗ windliche Erſtarrung bemächtigte ſich meiner, ich hielt mich an einem Stuhl, denn ich fühlte, daß ich dem Fallen nahr war, bald aber genügte dieſe Stütze für 261 melne ſchwachen Arme nicht mehr, ich ſank auf ein Knie, dann auf beide, ich wollte beten, meine Zunge war in Eis verwandelt. Gott hörte und ſah mich ohne Zweifel nicht, und ich glitt, die Beute eines todtähnlichen Schla⸗ fes, auf den Boden. „Von Allem, was während dieſes Schlafes vor⸗ ging, habe ich keine Erinnerung mehr, ich weiß nur noch, daß ich in einem runden, reich ausgeſtatteten Zim⸗ mer erwachte, in welches das Tageslicht durch eine Oeff⸗ nung in der Decke drang. Keine Thüre ſchien den Ein⸗ gang in daſſelbe zu gewähren und man hätte glauben ſollen, es wäre ein prächtiges Gefängniß. „Lange bemühte ich mich, mir Rechenſchaft von dem Orte, wo ich mich befand, und von den einzelnen Umſtänden zu geben, welche mich dahin gebracht hattenz mein Geiſt ſchien vergebens zu kämpfen, um die drückende Finſterniß des Schlafes abzuſchütteln, dem ich mich nicht zu entreißen vermochte; ich hatte unbeſtimmte Vorſtellun⸗ gen von einem durchlaufenen Raume, vom Rollen eines Wagens, aber Alles dies war ſo düſter und ſchwankend in meinem Geiſte, daß die Ereigniſſe einem andern Le⸗ ben, als dem meinigen anzugehören und doch mit dem meinigen durch eine phantaſtiſche Doppelheit vermengt zu ſein ſchienen. „Einige Zeit kam mir der Zuſtand, in dem ich mich befand, ſo ſonderbar vor, daß ich zu träumen glaubte. Allmälig aber trat die Wirklichkeit ſchreckens⸗ voll vor mich, ich war nicht mehr in dem Hauſe, das ich ſonſt bewohnte, ſo weit ich es nach dem Sonnen⸗ lichte beurtheilen konnte, war der Tag ſchon zu zwei Dritteln abgelaufen, am Abend zuvor war ich einge⸗ ſchlummert und mein Schlaf hatte alſo heinahe vierund⸗ zwanzig Stunden gedauert. Was war während dieſer langen Zeit vorgefallen? „Ich erhob mich wankend. Alle meine lahmen Bewegungen bewieſen, daß der Einfluß des narkoti⸗ ſche Zim eing übri ſie hatt war ſuch um und Zim kein lieg der ich ſoll Gef mü geg em hät es ren Fin An kug unt nie, r in eifel hla⸗ vor⸗ nur zim⸗ eff⸗ Fin⸗ ben von lnen ten; ende icht lun⸗ ines kend Le⸗ dem t zu ich men ens⸗ das nen⸗ wei ge⸗ nd⸗ eſer men oti⸗ 265 ſchen Mittels noch nicht ganz aufgehört hatte. Das Zimmer war übrigens zur Aufnahme eines weiblichen Weſens eingerichtet und der vollendetſten Coquette wäre kein Wunſch übrig geblieben, den ſie nicht erfüllt geſehen hätte, wenn ſie ihren Blick in dieſem Gemache umherlaufen ließ. „Offenbar war ich nicht die erſie Gefangene, die ſich in dieſem glänzenden Kerker eingeſchloſſen geſehen hatte, aber Ihr begreift, Felton, je ſchöner der Kerker war, deſto mehr mußte er mich in Schrecken ſetzen. „Ja, es war ein Gefängniß; denn vergebens ver⸗ ſuchte ich, hinauszukommen, ich ſondirte alle Wände, um eine Thüre zu entdecken, überall gaben ſie einen vollen und zugleich matten Ton von ſich. „Zwanzig Mal machte ich vielleicht die Runde im Zimmer, um irgend einen Ausweg zu ſuchen, es war keiner vorhanden; der Müdigkeit und dem Schrecken unter⸗ liegend, ſank ich in einen Lehnſtuhl. „Mittlerweile rückte die Nacht raſch heran und mit der zunehmenden Finſterniß vermehrte ſich meine Angſtz ich wußte nicht, ob ich da, wo ich ſaß, ſitzen bleiben ſollte, es kam mir vor, als wäre ich von unbekannten Gefahren umgeben, in die ich bei jedem Schritte ſtürzen müßte. Obgleich ich ſeit dem vorhergehenden Tage nichts gegeſſen hatte, ließ mich doch meine Furcht keinen Hunger empfinden. „Kein Geräuſch von außen, nach dem ich die Zeit hätte ermeſſen können, drang zu mir: ich vermuthete nur, es möchte etwa ſieben oder acht Uhr ſein; denn wir wa⸗ ren im Monat Oktober und es herrſchte bereits volle Finſterniß der Nacht. „Plötzlich machte mich das Knarren einer auf ihren Angeln ſich vrehenden Thüre heftig erbeben, eine Feuer⸗ kugel erſchien über der gläſernen Oeffnung des Plafond und ich ſah zu meinem größten Schrecken, daß einige Schritte vor mir ein Mann ſtand. Gin Tiſch mit zwei Couverts, auf dem ein voll⸗ 266 ſtändiges Abendbrod aufgetragen war, hatte ſich, wie durch einen Zauber, mitten im Zimmer erhoben. „Dieſer Mann war derjenige, welcher mich ſeit einem Jahre verfolgte, der meine Entehrung geſchworen hatte, und mir mit den erſten Worten, die aus ſeinem Munde kamen, begreiflich machte, daß ich durch ſeinen Entſchluß jeder Hoffnung beraubt wäre, wieder in Frei⸗ heit geſetzt zu werden.“ „Der Schändliche!“ murmelte Felton. „Oh ja! der Schänvliche!“ rief Mhlady, den An⸗ theil gewahrend, den der junge Offizier, deſſen Seele an ihren Lippen zu hängen ſchien, an dieſer ſeltſamen Erzäh⸗ lung nahm,„ohl ja! der Schändliche, er glaubte da⸗ durch, daß er mich im Schlafe entführen ließ, wäre Alles abgemacht; er kam in der Hoffnung, ich würde meine Schande hinnehmen, weil die That vollbracht war, er bot mir ein Vermögen im Austauſche für mein Herz. „Alles, was ein Frauenherz an erhabener Verach⸗ tung, an Worten des Abſcheus in ſich zu ſchließen im Stande iſt, ergoß ich über dieſen Menſchen; ohne Zweifel war er an dergleichen Vorwürfe gewöhnt, denn er hörte mich ruhig, lächelnd, die Arme über die Bruſt gekreuzt anz als er glaubte, ich habe Alles geſagt, näherte er ſich mir, um meine Hand zu ergreifen, aber ich ſprang nach dem Tiſche, ergriff ein Meſſer, hielt es an meine Bruſt und rief: „„Noch einen Schritt und Ihr habt Euch außer meiner Schande auch meinen Tod vorzuwerfen.““ „Ohne Zweifel lag in meinem Blicke, in meiner Stimme, in meiner ganzen Perſon jene Wahrheit der Geberde, der Stellung und des Tones, welche auch die verdorbenſten, verkehrteſten Gemüther überzeugt, denn er blieb ſtille ſtehen. „„Euern Tod?““ ſagte er zu mir,„„oh! nein. Ihr ſeid eine zu reizende Hefangene, als daß ich Euch ſo zu verlieren einwilligen ſollte. Adieu, meine Schonſte, wie ſeit ren nem inen rei⸗ An⸗ an zäh⸗ da⸗ les eine ach⸗ im eifel oörte reuzt e er rang eine ußer einer der die n er nein. Euch nſte, 267 um Euch wieder zu beſuchen, werde ich warten, bis Ihr Euch in eine beſſere Stimmung verſetzt habt.““ „Nach dieſen Worten pfiff er. Die Flammenkugel ſtieg in die Höhe und verſchwand. Ich befand mich wie⸗ der in der Finſterniß. Einen Augenblick nachher hörte ich daſſelbe Geräuſch einer ſich öffnenden und wieder ſchließenden Thüre. Die Feuerkugel wurde abermals herabgelaſſen und ich ſah mich allein. Dieſer Augenblick war furchtbar, hätte ich noch einige Zweifel über mein unglück gehabt, ſie wären unter einer jammervollen Wirklichkeit verſchwunden, ich befand mich in der Gewalt eines Menſchen, den ich nicht nur verabſcheute, ſondern den ich auch verachtete, eines Men⸗ ſchen, der mir bereits einen unſeligen Beweis von dem, was er zu thun im Stande war, gegeben hatte.“ „Aber, wer war denn dieſer Menſch?“ fragte Felton. Mylady beantwortete dieſe Frage nicht und fuhr in ihrer Erzählung fort; „Ich brachte die Nacht, bei dem geringſten Ge⸗ räuſche zitternd, auf einem Stuhle zu; um Mitternacht etwa erloſch die Lampe und ich befand mich wieder in völliger Dunkelheit, aber die Stunden gingen vorüber, ohne daß mein Verfolger zum zweiten Male erſchienz der Tag brach an, der Tiſch war verſchwunden, nur hatte ich das Meſſer immer noch in der Hand. „Auf dieſem Meſſer beruhte meine ganze Hoffnung. „Ich war von Müdigkeit ganz entkräftet, die Schlaf⸗ loſigkeit brannte in meinen Augen; denn ich hatte es nicht gewagt, auch nur einen Augenblick zu ſchlummern. Der Tag beruhigte mich, ich warf mich auf mein Bett⸗ ohne mich von meinem Befreiungsmeſſer zu trennen, das ich unter dem Kopfkiſſen verbarg. „Als ich erwachte, ſtand abermals ein gedeckter Tiſch im Zimmer. „Diesmal machte ſich trotz meiner Befürchtungen, 268 trotz meiner Angſt ein peinlicher Hunger fühlbar, ich hatte ſeit achtundvierzig Stungen keine Nahrung zu mir genommen; ich aß Brod und etwas Obſt; da ich mich aber des narkotiſchen Mittels erinnerte, mit dem das Waſſer vermiſcht geweſen war, das ich getrunken hatte, ſo berührte ich das, welches auf dem Tiſche ſtand, nicht, ſondern füllte mein Glas an einem marmornen, über meiner Toilette an der Wand befeſtigten Handbrunnen. „Trotz dieſer Vorſichtsmaßregel ſchwebte ich nichts⸗ deſtoweniger in großer Angſt, aber meine Furcht war diesmal nicht gegründet, ich brachte den Tag hin, ohne daß ich etwas von dem fühlte, was ich gefürchtet hatte. „Damit man mein Mißtrauen nicht wahrnähme, war ich darauf bedacht, die Flaſche halb zu leeren. „Es kam der Abend, doch ſo finſter es auch wurde. meine Augen ſingen an, ſich daran zu gewöhnen, mitten in der Dunkelheit ſah ich, wie der Tiſch verſank. Nach einer Viertelſtunde kam er wieder mit meinem Abendbrod beladen, und einen Augenblick nachher wurde mein Zim⸗ mer mit derſelben Lampe beleuchtet. „Ich war entſchloſſen, nur Speiſen zu mir zu neh⸗ men, in welche man unmöglich Schlafmittel miſchen konnte; zwei Eier und etwas Obſt bildeten mein Mahl, dann ſchöpfte ich ein Glas Waſſer aus meiner Schutz⸗ quelle und trank es. „Bei dem erſten Schlucke kam es mir vor, als hätte es nicht mehr denſelben Geſchmack, wie am Mor⸗ gen; ein jäher Verdacht regte ſich in mir; ich hielt inne, aber ich hatte bereits ein halbes Glas getrunken. Den Reſt goß ich mit Abſchen ass und wartete, Angſtſchweiß auf der Stirne. „Ohne Zweifel hatte mich ein unſichtbarer Zeuge Waſſer aus dem Brunnen nehmen ſehen und benützte erade mein Vertrauen, um meinen ſo kalt beſchloſſenen, o grauſam verfolgten Untergang ſicher zu bewerk⸗ ſtelligen. tom kau völl mie einz mei Kop mic Sc beb erfi Gre der zu ich in peit mie ich mir mich das atte, icht, über n. hts⸗ war ohne atte. hme, urde. itten Kach brod im⸗ neh⸗ ſchen ahl, hutz⸗ als Nor⸗ ne, Den weiß euge ützte nen, 269 Es verging keine halbe Stunde, als dieſelben Symp⸗ tome wieder eintraten; nur kämpfte ich länger, da ich kaum ein halbes Glas Waſſer getrunken hatte, und ſtatt völlig zu entſchlummern, verfiel ich in eine Art von Schlafſucht, die mir das Gefühl von Allem, was um mich her vorging, ließ, ohne daß ich zu jliehen vermochte. „Ich ſchleppte mich nach meinem Bette, um dort das einzige Vertheidigungsmittel zu ſuchen, das mir übrig blieb, mein Rettungsmeſſer, aber ich war nicht im Stande, das Kopfkiſſen zu erreichen, ſank in die Kniee und klammerte mich mit deu Händen an eine von den Bettſäulen an.“ Felton wurde furchtbar bleich und ein krampfhaftes Schauern durchlief ſeinen ganzen Körper. „Das Gräßlichſte dabei war,“ fuhr Mylady mit bebender Stimme fort, als ob ſie noch mit derſelben Angſt erfüllt wäre, wie in jenem furchtbaren Augenblicke,„das Gräßlichſte dabei war, daß ich diesmal das Bewußtſein der Gefahr hatte, die mich bevrohte, daß meine Seele, ſo zu ſagen, in meinem entſchlummerten Körper wachte, daß ich ſah, daß ich hoͤrte; Alles dies war freilich nur wie in einem Traume, aber darum war es nicht minder peinlich. „Ich ſah die Lampe, welche hinaufgezogen wurde und mich allmälig in der Finſterniß ließ. „Dann hörte ich das mir ſo wohlbekannte Geräuſch 5. Thüre, obgleich ſich dieſe Thüre nur zweimal geöffnet atte. „Ich fühlte inſtinktmäßig, daß man ſich mir näherte; man ſagt, der unglückliche in den Wüſten Amerikas Umherirrende fühle ſo die Annäherung der Schlange. „Ich wollte meine Kräfte zuſammenraffen, ich ver⸗ ſuchte es zu ſchreien; durch eine unglaubliche Willens⸗ Energie, hob ich mich ſogar in die Höhe, doch nur, um ſogleich wieder zurückzufallen. 270 „Aber ſagt mir endlich, wer war denn Euer Ver⸗ folger?“ rief der junge Officier. Mylady überſchaute mit einem Blicke, welche Pein ſie Felton, bei allen Eizelnheiten ihrer Geſchichte verwei⸗ lend, verurſachte, aber ſie wollte ihm keine Folter er⸗ ſparen. Je mehr ſie ihm bas Herz zu brechen vermoͤchte, deſto gewiſſer würde er ſie rächen. Sie fuhr alſo dieß⸗ mal ebenfalls fort, als ob ſie ſeinen Ausruf nicht gehört hätte, oder als ob ſie glaubte, der Augenblick, ihm zu antworten, wäre noch nicht gekommen. „Als er mich anblickte, hoͤrte ich ihn ſchreien: „„Dieſe elenden Puritaner! ich wußte wohl, daß ſie ihre Henker ermüdeten, hielt ſie aber für minder ſtark gegen ihre Verführer.““ Felton hörte zu, ohne daß er etwas Anderes ver⸗ nehmen ließ, als eine Art von Schnauben, der kalte Schweiß rieſelte von ſeiner Marmorſtirne und ſeine dem Rocke verborgene Hand zerfleiſchte ſeine ruſt. „Meine erſte Bewegung,“ fuhr Mylady fort,„als ich zu mir ſelbſt kam, war, daß ich unter dem Kopfkiſſen das Meſſer ſuchte, welches ich nicht zu erreichen im Stande geweſen warz hatte es nicht zur Vertheidigung gedient, ſo konnte es wenigſtens zur Sühnung dienen. „Als ich aber dieſes Meſſer ergriff, kam mir ein furcht⸗ barer Gedanke. Ich habe geſchworen, Euch Alles zu ſagen und werde Euch Alles ſagen; ich habe Euch Wahr⸗ heit verſprochen und werde mein Wort halten, und ſollte ich dabei zu Grunde gehen.“ „Es kam Euch der Gedanke, an dieſem Menſchen Rache zu nehmen, nicht wahr?“ rief Felton. „Nun! ja,“ erwiederte Mylady,„ich weiß wohl, dieſer Gedanke war nicht der einer Chriſtin. Ohne Zweifel blies ihn der ewige Feind unſerer Seele meinem ein. Nun, was ſoll ich Euch noch weiter ſagen⸗ Felt das mir Abf mic näc zu eſſer als neh das und hat zu mic wa hun felt füh ich darn mie zu lich in dan Ti e⸗ zein ei⸗ er⸗ hte, ieß⸗ hört en: ihre egen ver⸗ kalte ſeine ſeine „als iſſen ande t, ſo rcht⸗ zu ahr⸗ ollte ſchen vohl, Ohne inem agen⸗ 271 Felton,“ fuhr Mylady mit dem Tone eines Weibes fort, das ſich eines Verbrechens anklagt,„dieſer Gedanke kam mir und verließ mich nicht mehr. Für dieſe mörderiſche Abſicht habe ich jetzt vielleicht die Strafe zu tragen.“ „Fahrt fort, fahrt fort,“ rief Felton,„es drängt mich, Euch zur Rache gelangen zu ſehen.“ „Ohl ich beſchloß, ſie ſobald als möglich in das Werk zu ſetzen, ich zweifelte nicht daran, er würde in der nächſten Nacht wieder kommen. Bei Tage hatte ich nichts zu befürchten. „Als die Frühſtücksſtunde kam, zögerte ich nicht zu eſſen und zu trinken; ich war entſchloſſen, mich zu ſtellen, als ſpeiſte ich auch zu Nacht, aber nichts zu mir zu nehmen, und mußte alſo durch die Nahrung am Morgen das Faſten am Abend bekämpfen. „Von meinem Frühſtück nahm ich ein Glas Woſſer und verbarg es, weil mich der Durſt am meiſten gepeinigt hatte, als ich achtundvierzig Stunden ohne zu eſſen und zu trinken geblieben war. „Der Tag verging ohne einen andern Einfluß auf mich, als daß er mich in meinem Entſchluß beſtärkte; nur war ſch dafür beſorgt, daß mein Geſicht in keiner Bezie⸗ hung den Gedanken meiner Seele kundgab, denn ich zwei⸗ felte nicht daran, daß man mich beobachtete; wiederholt fühlte ich ſogar ein Lächeln auf meinen Lippen. Felton, ich wage es nicht, Euch zu geſtehen, bei welchem Ge⸗ danken ich lächelte, Ihr konntet von einem Abſchen gegen mich ergriffen werden.“ „Fahrt fort, fahrt fort,“ ſprach Felton,„Ihr ſeht wohl, daß ich höre, und daß es mich drängt, zum Ende zu gelangen.“ „Der Abend kam,“ fuhr Mylady fort,„die gewöhn⸗ lichen Ereigniſſe traten ein; mein Abendbrod wurde wie in den vorhergehenden Tagen in der Dunkelheit ſervirt, S erleuchtete ſich die Lampe und ich ſetzte mich zu 272 „Ich aß nur etwas Obſt, ſtellte mich, als ob ich ein wenig Waſſer aus der Flaſche einſchenkte, trank ſodann das, welches ich mir in meinem Glaſe aufbewahrt hatte, ſuchte dabei jedoch ſo geſchickt zu manveuvriren, daß meine Sh„ wenn ich welche hatte, keinen Verdacht ſchöpfen onnten. „Nach dem Abendbrod gab ich dieſelben Zeichen der Erſtarrung kund, wie am Tage vorher, aber dießmal that ich, als ob ich entſchlummerte, wie wenn ich der Müdig⸗ keit unterläge, oder wie wenn ich mich an die Gefahr ge⸗ wöhnt hätte. „Nun fand ich mein Meſſer, und während ich mich ſchlafend ſtellte, preßte ich krampfhaft das Heft in der Hand. „Es vergingen zwei Stunden, ohne daß etwas Neues vorfiel. Jetzt, v mein Gott! wer mir das am Tage vorher geſagt hätte, jetzt fürchtete ich, er könnte nicht kommen. „Endlich ſah ich die Lampe ſachte ſich erheben und in der Vertiefung des Plafond verſchwinden; mein Zimmer erſüllte ſich mit Finſterniß, aber ich ſtrengte mich an, die Dunkelheit mit dem Blicke zu durchdringen. „Es gingen etwa zehn Minuten vorüber, ich hörte kein anderes Geräuſch, als das der Schläge meines Herzens. „Ich flehte den Himmel an, er möge ihn kommen laſſen. „Endlich hoͤrte ich das bekannte Knarren der Thüre, die ſich öffnete und wieder ſchloß, trotz eines dicken Tep⸗ pichs erdröhnte der Boden unter einem Tritte und ich ſah unerachtet der Finſterniß einen Schatten, der ſich mir näherte.“ „Eilt, eilt!“ unterbrach Felton die Erzählerin,„ſeht Ihr nicht, daß mich jedes Euerer Worte brennt, wie ge⸗ ſchmolzenes Blei.“ „Da raffte ich alle meine Kräfte zuſammen,“ fuhr Myl Rac ich ſ Mef nahe Sch die Bru ſpitz griff dien Pur bark Ihr rann liebt nun todte Freil ſage mir Wel der zitte ein ſein nes Geſi terte Di ein dann atte, eine pfen der that dig⸗ rge⸗ mich der eues Tage nicht und nmer „die hörte eines nmen hüre, Tep⸗ h ſah mir „ſeht e ge⸗ fuhr 273 Mylady fort,„ich erinnerte mich, daß die Stunde der Rache oder vielmehr der Gerechtigkeit geſchlagen hatte, ich ſah mich wie eine zweite Judith an, ich hielt mein Meſſer in der Hand und als ich bemerkte, daß er mir nahe genug war, ſtieß ich es ihm mit einem letzten Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung mitten in die Bruſt. „Der Elende! er hatte Alles vorhergeſehen, ſeine Bruſt war durch ein Panzerhemd beſchützt, die Meſſer⸗ ſpitze ſprang ab. „„Ah! ah! rief er, indem er mich beim Arme er⸗ griff und mir die Waffe entriß, die mich ſo ſchlecht be⸗ dient hatte,„„Ihr trachtet mir nach dem Leben, ſchöne Puritanerin; aber das iſt mehr als Haß, das iſt Undank⸗ barkeit. Beruhigt Euch, mein ſchönes Kind; ich glaubte, Ihr wäret ſanft geworden. Ich bin keiner von den Ty⸗ rannen, welche die Frauen mit Gewalt zurückhalten. Ihr liebt mich nicht? Ich bezweifelte es mit meiner Eitelkeit, nun bin ich überzeugt. Morgen ſeid Ihr frei.““ „Ich hatte nur ein Verlangen, das, von ihm ge⸗ tödtet zu werden. „„Nehmt Euch in Acht,““ ſprach ich,„„denn meine Freiheit iſt Euere Schande.““ „„Erklärt Euch deutlicher, ſchöne Sybille.““ „„Ja, denn ſobald ich dieſen Ort verlaſſen habe, ſage ich Alles; ich ſage, welche Gewaltthat Ihr an mir verübt habt; mit lauter Stimme erzähle ich der Welt von meiner Gefangenſchaft, von dieſem Schloſſe der Ehrloſigkeit. Ihr ſeid ſehr hoch geſtellt, aber tittert! Ueber Euch iſt ein König! über dem König lebt ein Gott!““ „So ſehr mein Verfolger noch Herr über ſich zu ſein ſchien, ſo vermochte er doch eine Bewegung des Zor⸗ nes nicht zu bewältigen. Ich konnte den Ausdruck ſeines Geſichtes nicht ſehen, aber ich fühlte wie ſein Arm zit⸗ terte, auf dem meine Hand lag. Die drei Musketiere. M. 274 „Dann werdet Ihr nicht von hinnen gehen,““ ſprach er. „Gut! gut!““ rief ich,„es wird die Stelle mei⸗ nes Todes auch die Stelle meines Grabes ſein. Ich werde hier ſterben, und Ihr werdet ſehen, ob ein Ge⸗ ſpenſt, das anklagt, nicht furchtbarer iſt, als ein Leben⸗ der mit allen ſeinen Drohungen.““ „Man wird Euch keine Waffen laſſen.““ „„Es gibt eine, welche die Verzweiflung in den Bereich jedes Menſchen gelegt hat, der Muth beſitzt, ſich verſelben zu bedienen. Ich werde Hungers ſterben.““ „„Hört,““ ſprach der Elende,„„iſt der Frieve nicht mehr werth, als ein ſolcher Krieg? Ich ſchenke Euch ſo⸗ gleich die Freiheit, ich erkläre Euch für eine Tugend, ich nenne Euch die Lucretia Englands.““ „„Und ich ſage, daß Ihr der Sertus ſeid, ich klage Cuch vor den Menſchen an, wie ich Euch vor Gott an⸗ geklagt habe, und wenn es ſein muß, unterzeichne ich, wie Lucretia, meine Anklage mit Blut.““ „Ah! ah!““ erwiederte mein Feind mit ſpöttiſchem Tone,„„das iſt etwas Anderes. Meiner Treu, Ihr ſeid im Ganzen hier ſehr gut, es ſoll Euch an nichts fehlen, und wenn Ihr Hungers ſterbt, ſo iſt es Euer Fehler.““ „Nach dieſen Worten entfernte er ſich, ich hörte die Thüre öffnen und ſchließen und ich blieb, ich geſtehe es, weniger in meinen Schmerz, als in die Schmach, nicht gerächt worden zu ſein, begraben. „Er hielt Wort. Der ganze Tag, die ganze Nacht vergingen, ohne daß ich ihn wieder ſah, aber auch ich hielt Wort und berührte weder Speiſe noch Trank, ent⸗ ſchloſſen, mich durch den Hunger zu tödten. „Ich brachte den Tag und die Nacht in Gebeten hin; denn ich hoffte, Goit würde mir meinen Seibſt⸗ mord vergeben. In der zweiten Nacht öffnete ſich die Thüre —— n mei⸗ Ich Ge⸗ eben⸗ den „ſich 1 nicht h ſo⸗ d, ich klage tan⸗ „ wie ſchem Ihr nichts Euer te die he es, nicht Nach ich ich „ent⸗ ebeten Seibſt⸗ Thüre. — — 275 Ich lag auf dem Boden, die Kräfte verließen mich allmälig. „Bei dem Geräuſche richtete ich mich auf eine Hand auf. „„Nun!““ ſprach eine Stimme, die zu furchtbar in meinen Ohren klang, als daß ich ſie nicht hätte erkennen ſollen,„nun! ſind wir ein wenig beſänftigt, werden wir unſere Freiheit mit dem einfachen Verſprechen zu ſchweigen bezahlen? Hört, ich bin ein guter Menſch,““ fügte er bei,„„und obgleich ich die Puritaner nicht liebe, laſſe ich ihnen wie den Puritanerinnen, wenn ſie hübſch ſind, Gerechtigkeit widerfahren. Aufl leiſtet mir en kleinen Eid auf das Kreuz, mehr verlange ich n „„Auf das Kreuz!““ rief ich mich erhebend, denn bei dem Tone der verhaßten Stimme hatte ich meine ganze Kraft wieder gewonnen:„„auf das Kreuz ſchwöre ich, daß kein Verſprechen, keine Drohung, keine Marter mir den Mund verſchließen ſoll; auf das Kreuz ſchwöre ich, Euch als einen Mörder, als einen Ehrenräuber, als einen Feigen anzuklagen; auf das Kreuz ſchwöre ich, wenn es mir je gelingt, dieſen Ort zu verlaſſen, Rache zu fordern gegen Euch im Namen des ganzen Menſchen⸗ geſchlechts.““ „„Nehmt Euch in Acht,““ erwiederte er mit einer vrohenden Betonung, die ich noch nicht von ihm gehört hatte,„„es ſteht mir ein Mittel zu Gebot, das ich nur im äußerſten Falle anwenden werde, um Euch den Mund zu verſchließen, oder wenigſtens zu verhindern, daß man auch nur ein Wort von dem glaubt, was Ihr ausſagt.““ „Ich raffte alle meine Kräfte zuſammen, um ihm mit einem ſchallenden Gelächter zu antworten„ „Er ſah, daß unter uns nun ein Krieg auf Leben und Tod ausgebrochen war. „Hoͤrt,““ ſagte er,„„ich gebe Euch noch den Reſt der Nacht und den morgigen Tag. Bedenkt 276 wohl. Verſprecht zu ſchweigen, und Reichthum, Achtung, Ehre ſollen Euch umgeben; droht Ihr zu ſprechen, ſo überantworte ich Euch der Schande.““ rief ich,„„Ihr?““ „Der ewigen, untilgbaren Schande.““ „„Ihr?““ wiederholte ich.„Ah! ich ſage Euch, Fel⸗ ton, ich hielt ihn für wahnſinnig.“ „Oh! laßt mich,“ rief ich,„geht, wenn Ihr nicht wollt, daß ich mir in Euerer Gegenwart die Hirn⸗ ſchale an der Wand zerſchmettere.““ an„Gut, Ihr wollt es ſo haben; morgen Abend alſo.““ „„Morgen Abend,““ erwiederte ich, ſank auf den Boden nieder und biß vor Wuth in den Teppich. Felton ſtützte ſich auf einen Schrank und Mylady ſah mit teufliſcher Freude, daß der junge Officier viel⸗ leicht nicht die Kraft haben würde, die Erzählung bis zu Ende zu hören. XXV. Ein Vorwurt zu einer klaſſiſchen Lragidie. Nach einem kurzen Stillſchweigen, während deſſen Mylady den jungen Officier, der ihr zuhörte, zu beobach⸗ ten beſchäftigt war, fuhr ſie in ihrer Erzählung fort; „Ich hätte beinahe drei Tage nichts gegeſſen und nichts getrunken, und war furchtbaren Qualen preisgege⸗ benz; zuweilen zog es wie Wolken über meine gepreßte Stirne hin, meine Augen verſchleierten ſich, meine Ge⸗ danken geriethen in Verwirrung. „Per Abend kam; ich war ſo ſchwach, daß ſch Augenblick in Ohnmacht ſank, und ſo oſt ich † d b ſ G n n ng, ſo Fel⸗ irn⸗ bend den ady viel⸗ zu ſſen ach⸗ und ege⸗ eßte Ge⸗ ich —, 277 ohnmächtig wurde, dankte ich Gott, denn ich glaubte, mein Tod nahe heran. „Mitten in einer ſolchen Ohnmacht hoͤrte ich, daß ſich die Thüre öffnete. Der Schrecken brachte mich zum Bewußtſein. „Mein Verfolger trat mit einem maskirten Manne⸗ ein; er war ſelbſt maskirt; ich erkannte ſeinen Tritt, ich erkannte ſeine Stimme, ich erkannte das impoſante Weſen, das die Hölle ſeiner Perſon zum Unglück der Menſchheit verliehen hat. „„Nun!““ ſprach er,„ſeid Ihr entſchloſſen, mir den Eid zu leiſten, den ich von Euch verlange?““ „„Ihr habt es geſagt, die Puritaner haben nur ein Wort; das meinige habt Ihr vernommen, ich habe ge⸗ lobt, Euch auf Erden vor dem Gerichte der Menſchen, im Himmel vor dem Gerichte Gottes zu verfolgen!““ „„Ihr beharrt alſo auf Euerer Abſicht?““ „„Ich ſchwöre es vor Gott, der mich hört; ich nehme vie ganze Welt zum Zeugen Eueres Verbrechens, und dies bis ich einen Rächer gefunden habe.““ „„Ihr ſeid eine Metze,“ rief er mit einer Donner⸗ ſtimme,„„und ſollt die Strafe der Metzen erdulden!. Gebrandmarkt in den Augen der Welt, die Ihr anrufen wollt, verſucht es dieſer Welt zu beweiſen, daß Ihr weder wahnwitzig noch ſchuldig ſeid.““ „Dann ſich an den Mann wendend, der ihn begleitete:“ „„Henker, thue Deine Schuldigkeit.“ „Ohl ſeinen Namen! ſeinen Namen!“ rief Felton abermals; nennt mir ſeinen Namen.“ „Trotz meines Geſchreis, trotz meines Widerſtands, denn ich fing nun an, zu begreifen, daß es ſich für mich um etwas Schlimmeres, als um den Tod handelte, packte mich nun der Henker, warf mich zu Boden, ſchnürte mir die Arme feſt zuſammen, und vom Schluchzen halb er⸗ ſtickt, beinahe ohne Bewußtſein, Gott anrufend, der mich nicht hörte, ſtieß ich plötzlich einen furchtbaren Schtei des 278 Schmerzes und der Schande aus: ein glühendes Eiſen, ein rothes Eiſen, das Eiſen des Henkers hatte man auf meine Schulter gedrückt.“ Felton ſchnaubte und brüllte. 2 „Seht,“ ſprach Mylady, ſich mit der Majeſtät einer Königin erhebend,„ſeht Ihr, wie man für das reine Mädchen, das ein Opfer war der Rohheit eines heilloſen Miſſethäters, ein neues Märtyrthum erſonnen hatte. Lernt das Herz der Menſchen kennen, und dient 1 an minder leicht als Werkzeug ihrer ungerechten P a e.“ 8 Mit einer raſchen Geberde öffnete Mylady ihr Kleid, zerriß den Batiſt, welcher ihre Schulter bedeckte, und zeigte, roth vor geheucheltem Zorn und geſpielter Scham, —— — dem jungen Manne das untilgbare Mal, das ihre ſo ſchöne Schulter entehrte. „Aber ich ſehe hier eine Lilie,“ rief Felton. „Darin liegt gerade die Niederträchtigkeit,“ ant⸗ wortete Mylady,„die Brandmarkung von England!.. Er hätte beweiſen müſſen, von welchem Tribunal mir dieſelbe aufgedrückt worden wäre, und ich hätte einen öffentlichen Aufruf an alle Gerichte des Königreichs er⸗ gehen laſſen. Aber die Brandmarkung von Frankreich, durch ſie war ich wirklich gebrandmarkt.“ Das war zu viel für Felton. Bleich, unbeweglich,. S niedergeſchmettert durch dieſe furchtbare Enthüllung, ge⸗ blendet durch die übermenſchliche Schoͤnheit dieſer Frau, die ſich mit einer Schamloſigkeit vor ihm enthüllte, welche er erhaben fand, ſtürzte er endlich vor ihr auf die Knice nieder, wie dies die erſten Chriſten vor jenen heiligen Märtyrerinnen thaten, welche die Verfolgung der Kaiſer in dem Circus der blutgierigen Lüſternheit des Pobel bloßſtellte. Das Brandmahl verſchwand, die Schönhei allein blieb übrig. 2 Bergebung, Vergebung!“ rief Felton,„o Verg ſen, auf ſtät das nes nen ient ten eid, und am„ ſo nt⸗ mir iſen er⸗ ich, ich, ge⸗ au, niee igen iſer vermöchte ſic die Schmach nicht zu ertragen, ſchpfes!“ rief Felton.„Und Du haſt ihn Mylady las in ſeinen Augen; Liebe, Liebe! „Vergebung, wofür?“ fragte ſie. „Vergebung dafür, daß ich mit Euren Verfolgern in Verbindung ſtand.“ Mylady reichte ihm die Hand⸗ „So ſchön! ſo jung!“ rief Felton und bedeckte ihre Hand mit Küſſen. Mylady ließ auf ihn einen von den Blicken fallen, welche aus einem Sklaven einen König machen. Felton war Puritaner. Er ließ die Hand dieſer Frau los, um ihr die Füße zu küſſen. Er liebte ſie bereits nicht mehr, er betete ſie an. Als dieſe Kriſe vorüber war, als Mylady ihre Kalt⸗ blütigkeit, die ſie nie verlaſſen hatte, wieder gewonnen zu haben ſchien, ſprach er: „Und nun habe ich Euch nur Eines noch zu fragen: nennt mir den Namen Eueres wahren Henkers, denn für mich gibt es nur einen; der Andere war das Werkzeug und nicht mehr.“ Wie, Bruder!“ rief Mylady,„ich ſoll ihn Dir nennen, und Du haſt ihn noch nicht errathen?“ „Wie!“ verſetzte Felton,„Er abermals erl.. immer er!... Er, der wahre Schuldige?“ „Der wahre Schuldige iſt der Verwüſter Englands, der Verfolger der ächten Gläubigen, der feige Räubet der Ehre ſo vieler Frauen! Er, der aus einer Laune ſei⸗ nes verdorbenen Herzens England ſo viel Blut vergießen läßt, der heute die Proteſtanten beſchützt und ſie morgen verrathen wird.“ „Buckingham! alſo Buckingham!“ rief Felton au⸗ ßer ſich. Mylady verbarg ihr Geſicht in den Händen, 4. e ſie vieſer Mann erinnerte. „Buckingham! der Henker dieſes enge 280 nem Donner niedergeſchmettert, mein Gott! und Du läßt e ihn erhaben, geehrt, mächtig, zu unſer Aller Verderben!“ b „Gott verläßt den, der ſich ſelbſt verläßt,“ ſprach L Mylady. 0 „Er will alſo auf ſein Haupt die den Verdammten geziemende Strafe herabrufen,“ fuhr Felton mit wachſe der Begeiſterung fort.„Die menſchliche Rache ſoll alſo„ b der göttlichen Rache zuvorkommen!“ 2 k b „Die Menſchen fürchten und ſchonen ihn.“ k „O, ich fürchte ihn nicht und werde ihn nicht ſcho⸗ nen!“ rief Felton. Mylady fühlte ihre Seele in hoͤlliſcher Freude ſchwimmen. „Aber in welchem Zuſammenhange,“ fragte Felton, „ſteht Lord Winter, mein Beſchützer, mein Vater, mit Allem dem? „Hört, Felton,“ erwiederte Mylady,„neben feigen und verächtlichen Menſchen finden ſich erhabene, edelmüthige Naturen; ich hatte einen Bräutigam, einen Mann, der mich liebte und den ich liebte, ein Herz wie das Eurige, Felton, ein Mann, wie Ihr. Ich ging zu ihm und er⸗ zählte ihm Alles. Er kannte mich und zweifelte nicht ei⸗ nen Augenblick. Es war ein hochgeſtellter Herr, in allen Beziehungen Buckingham gleich. Er ſprach nichts, er gürtete nur ſein Schwert um, hüllte ſich in ſeinen Man⸗ tel, und begab ſich nach Buckingham Palace.“ 3 „Ich hegreife,“ ſagte Felton,„obgleich man bei ſol⸗ chen Menſchen ſich nicht des Schwertes, ſondern des Dol⸗. ches bedienen muß.“ „Buckingham war am Tage vorher abgereiſt, als Botſchafter nach Spanien geſchickt, wo er um die Hand der Infantin für König Carl I., der damals noch Prinz von W 6 war, werben ſollte. Mein Bräutigam kam Hört,““ ſprach er zu mir,„dieſer Menſch iſt abgereiſt, und folglich für den Augenblick meiner Rache ⸗ ——————,— 1 ch ten en⸗ lſo entgangen; aber mittlerweile ſchließen wir unſere Ver⸗— bindung, wie wir dies beabſichtigten, und dann baut auf Lord Winter, daß er ſeine Ehre und die ſeiner Gemahlin aufrecht zu erhalten wiſſen wird.““ „Lord Winter!“ rief Felton. „Ja,“ antwortete Mylady,„Lord Winter und nun begreift Ihr wohl Alles, nicht wahr? Buckingham blieb beinahe ein Jahr abweſend. Acht Tage vor ſeiner An⸗ kunft ſtarb Lord Winter plötzlich und hinterließ mich als ſeine einzige Erbin. Woher kam der Schlag? Gott, der Alles weiß, weiß auch dies ohne Zweifel. Ich klage Niemand an.“ „O welch ein Abgrund! Welch ein furchtbarer Ab⸗ grund!“ rief Felton. „Lord Winter war geſtorben, ohne ſeinem Bruder etwas zu ſagen. Das furchtbare Geheimniß ſollte vor Allem verborgen bleiben, bis es wie ein Gewitter über dem Haupte des Schuldigen ausbrechen würde; Euer Be⸗ ſchützer hatte nur mit Widerwillen die Heirath ſeines Bruders mit einem jungen Mädchen ohne Vermögen an⸗ geſehen. Ich fühlte, daß ich keine Stütze bei einem Manne zu erwarten hatte, der in ſeinen Erbſchaftshoff⸗ nungen betrogen worden war, und zog nach Frankreich, entſchloſſen, mein ganzes übriges Leben daſelbſt zuzubrin⸗ gen. Aber da ſich mein Vermogen in England befand, und jede Verbindung durch den Krieg abgebrochen war, ſo fehlte es mir an Allem, und ich ſah mich Benöthigt, da⸗ hin zurückzukehren. Vor ſechs Tagen landete ich in Portsmouth.“ „Was geſchah weiter?“ fragte⸗Felton. „Buckingham erfuhr ohne Zweifel meine Rückkehr, er ſprach darüber mit Lord Winter und ſagte ihm, ſeine Schwägerin wäre eine Geſchändete, eine Gebrandmarkte. Die edie, reine Stimme meines Gatten konnte mich nicht mehr vertheidigen. Lond Winter glaubte Alles, was man⸗ ihm ſagte, um F als er ein Intereſſe dabei hatte, 282 es zu glauben. Er ließ mich verhaften und hierher füh⸗ ren, und ſiellte mich unter Eure Obhut. Das Uebrige wißt Ihr. Uebermorgen deportirt er mich. Uebermorgen ſchickt er mich in die Verbannung unter ehrloſe Verbre⸗ cher. Oh! der Faden iſt gut geſponnen, das Complott iſt geſchickt angelegt, aber meine Ehre wird es nicht überleben. Ihr ſeht wohl, daß ich ſterben muß, Felton. Felton, gebt mir vas Meſſer 2 Und nach dieſen Worten ſank Mylady, als ob alle ihre Kräfte erſchöpft wären, ſchwach und ſchmachtend in die Arme des jungen Officiers. „Nein, nein!“ rief er,„nein, Du ſollſt leben, rein und geehrt. Du ſollſt über Deine Feinde triumphiren!“ Mylady ſtieß ihn ſachte mit der Hand zurück, wäh⸗ rend ſie ihn mit dem Blicke an ſich zog. „O den Tod! den Tod!“ ſprach ſie, die Stimme und die Augen verſchleiernd.„O den Tod eher, als die Schande!.. Felton, mein Bruder, mein Freund, ich beſchwöre Dich!“ „Nein,“ rief Felton,„nein, Du ſollſt leben und gerächt werden.“ „Felton, ich bringe Unglück Allem, was mich um⸗ gibt. Felton, verlaſſe mich! Felton, laß mich ſterben!“ „Wohl, ſo ſterben wir mit einander!“ rief er. Es ertönten mehrere Schläge an der Thür. „Horch!“ ſprach ſie,„man hat uns belauſcht; man komml! Es iſt vorbei; wir ſind verloren!“ „Nein,“ ſprach Felton,„es iſt die Wache, die mir meldet, daß eine Runde kommt.“ „Dann eilt an die Thüre und öffnet ſelbſt.“ Felton gehorchte. Dieſe Frau war bereits ſein gan⸗ zer Gevanke, ſeine ganze Seele. Er ſtand dem Sergenten gegenüber, der eine Wach⸗ 8 patrouille commandirte. „Was gibt es?“ fragte der junge Officier⸗ *„ „3he habt mir geſagt, ich ſollte die Thüre öffnen, — — n — tt t n an — 283 wenn ich um Hülfe rufen hörte, aber Ihr vergaßt, mir den Schlüſſel zu laſſen. Ich hörte Euch rufen, ohne daß ich verſtand, was Ihr verlangtet, wollte die Thüre öff⸗ nen, aber ſie war von Innen verſchloſſen, und ich rief deshalb den Sergenten.“ „Und hier bin ich,“ ſagte der Sergent. Verwirrt, beinahe verrüͤckt, blieb Felton lautlos. Mylady begriff, vaß ſie ſich der Lage der Dinge be⸗ mächtigen mußte. Sie lief nach dem Tiſche und ergriff das Meſſer, welches Felton darauf gelegt hatte. „Und mit welchem Rechte wollt Ihr mich hindern zu ſterben?“ fragte ſie. „Großer Gott!“ rief Felton, als er das Meſſer in ihrer Hand blinken ſah. In dieſem Angenblick erſcholl ein ironiſches Gelächter in der Flur. Von dem Geräuſche herbeigezogen, ſtand der Baron im Schlafrocke, den Degen unter dem Arm, auf der Thürſchwelle. „Ah! ah!“ ſagte er,„wir ſind im letzten Acte der Tragödie angelangt. Ihr ſeht, Felton, das Drama hat alle die von mir bezeichneten Phaſen verfolgt; aber ſeid unbeſorgt, das Blut wird nicht fließen.“ Mylady begriff, daß ſie verloren wäre, wenn ſie nicht Felton einen unmittelbaren und furchtbaren Beweis von ihrem Muthe geben würde. „Ihr täuſcht Euch, Mylord, das Blut wird fließen. Mochte es auf diejenigen zurückfallen, welche es fließen machen?“ Felton ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte auf ſie zu⸗ Es war zu ſpät, Mylady hatte geſtochen. Aber das Meſſer hatte glücklicher Weiſe— wir ſollten ſagen geſchickter Weiſe— vas ſtählerne Blanſchet, getroffen, das in jener Zeit wie ein Panzer die Bruſt der Frauen be⸗ ſchützte. Es war, das Kleid zerreißend, abgeglitten und ſchräg zwiſchen dem Fleiſch und den Rippen eingedrungen⸗ 284 Das Kleid von Mylady war darum nicht minder in einer Sekunde mit Blut befleckt. Mylady ſank zurück und ſchien ohnmächtig. Felton entriß ihr das Meſſer. „Seht Mylord,“ ſprach er mit düſterer Miene. „Dieſe Frau war unter meine Obhut geſtellt und hat ſich z getodtet. „Seid unbeſorgt, Felton,“ ſprach Lord Winter,„ſie iſt nicht todt. Die Teufel ſterben nicht ſo leicht; ſeid un⸗ beſorgt und erwartet mich in meinem Zimmer.“ „Aber, Mylord „Geht, ich befehle es Euch!“ 3 Felton gehorchte dem Befehle ſeines Vorgeſetzten, 2 aber er ſteckte das Meſſer in ſeinen Buſen, als er ſich entfernte. Lord Winter begnügte ſich, die Frau zu rufen,„ welche Mylady bediente, und als dieſe gekommen war, empfahl er ihr die noch immer ohnmächtige Gefangene und ließ ſie mit dieſer allein. 7 Da jedoch die Wunde trotz ſeines Argwohns von Bedeutung ſein konnte, ſo ſchickte er ſogleich einen Rei⸗ tenden ab, um den Arzt zu holen. XXVI. Flucht. Die Wunde von Mylady war, wie Lord Winter 6 gedacht hatte, durhaus nicht geſährlich. Sobald ſie ſich mit der für ihre Bedienung beſtimmten Frau allein be⸗ fand, ſchlug ſie die Augen wieder auf.* Aber man mußte Schwäche und Schmerz heucheln; vas war nicht ſchwierig für eine Schauſpielerin wie Mylady. Die arme Frau, welche ſie auszukleiden ſich Peeilte, wurde auch dergeſtalt bethört von ihrer Ge⸗ N fangenen, daß ſie, trotz der Einwendungen von Mylady⸗ auf ihrem Willen, die ganze Nacht bei ihr zu wachen, beharrte. Aber die Gegenwart dieſer Frau hinderte Mylab nicht am Nachdenken. Es blieb kein Zweifel mehr, Fel⸗ ton war überzeugt, Felton gehoͤrte ihr. Wäre ein Engel dem jungen Mann erſchienen, um Mylady anzuklagen, er würde ihn ſicherlich in der Stimmung ſeines Innern für einen Abgeſandten des Teufels gehalten haben. Mylady lächelte bei dieſem Gedanken; denn Felton war von nun an ihre einzige Hoffnung, ihr einziges Ret⸗ tungsmittel. Aber in Lord Winter konnte ein Verdacht gegen ihn entſtanden ſein. Felton konnte jetzt ſelbſt überwacht werden. Gegen vier Uhr Morgens erſchien der Arztz doch ſeit der Zeit, wo Mylady ſich ſtach, hatte ſich die Wunde bereits wieder geſchloſſen. Der Arzt konnte alſo weder ihre Richtung, noch ihre Tiefe ermeſſen. Er erkannte nur an dem Pulſe der Kranken, daß die Sache von keiner Bedeutung war. Am Morgen ſchickte Mylady unter dem Vorwande, die ganze Nacht nicht geſchlafen zu haben, und der Ruhe zu bedürfen, die Frau weg, welche bei ihr wachte⸗ Sie hegte einigermaßen die Hoffnung, Felton S zur Frühſtücksſtunde erſcheinen, aber er kam nicht. Hatten ſich ihre Befürchtungen verwirklicht? Sollte ihr Felton, von dem Baron beargwohnt, in dem ent⸗ ſcheidenden Augenblicke fehlen? Sie hatte nur noch einen Tag. Lord Winter hatte ihr die Einſchiffung auf den 23. angekündigt und man hatte bereits den Morgen des 22. erreicht. Nichtsveſtoweniger war⸗ tete ſie noch geduldig bis zur Stunde des Mittags⸗ mahles. Obgleich ſie am Morgen nichts gegeſſen hatte, wurde doch das Mittagsbrod zur gewöhnlichen Situnde 286 gebracht. Mylady bemerkte mit Schrecken, daß die Uni⸗ form der Soldaten, welche ſie bewachten, ſich verändert hatte. Sie wagte es jetzt zu fragen, was aus Felton geworden wäre? Man antwortete ihr: Felton wäre vor einer Stunde zu Pferde geſtiegen und weggeritten. Sie erkundigte ſich, ob ſich der Baron immer noch im Schloſſe befände. Der Soldat bejahte dieſe Frage mit der Bemerkung, er hätte Befehl erhalten, ihn zu benachrichtigen, wenn ihn die Gefangene zu ſprechen wünſchte. Mylady antwortete, ſie wäre für den Augenblick zu ſchwach und wünſchte nur allein zu bleiben. Der Soldat trat, das Mittagsbrod zurücklaſ⸗ ſend, ab.— Felton war entfernt. Die Marineſoldaten hatten ſich verändert: man mißtraute alſo Felton. Dies war der letzte Schlag für die Gefangene. Sobald ſie ſich allein ſah, ſtand ſie auf. Das Bett, in welchem ſie aus Klugheit und damit man ſie für ſchwer verwundet halten möge, geblieben war, brannte fie wie ein glühender Roſt. Sie warf einen Blick nach der Thüre. Der Baron hatte ein Brett vor das Gitter na⸗ gein laſſen. Ohne Zweifel befürchtete er, es dürfte ihr mit Hülfe dieſer Oeffnung durch irgend ein teufliſches Mittel gelingen, die Wachen zu verführen. Mhlady lächelte vor Freude; ſie konnte ſich allen ihren Gemüthsbewegungen, ohne beobachtet zu werden, hingeben! ſie durchlief das Zimmer mit der Exaltation einer Wahnſinnigen oder einer in einem eiſernen Käſig eingeſchloſſenen Tigerin. Wäre ihr das Meſſer geblieben, ſie hätte ſicherlich daran gedacht, nicht mehr ſich ſelbſt, ſondern diesmal den Baron zu ermorden. um ſechs Uhr trat Lord Winter, bis an die Zähne bewaffnet, ein. Dieſer Mann, in dem Mylady bis t, er ie er . hr es en on ig n, ſt, ne bis 287 dahin nur einen eleganten, artigen Edelmann geſehen hatte, war ein bewundrungswürdiger Kerkermeiſter ge⸗ worden. Er ſchien Alles vorher zu ſehen, Alles zu er⸗ rathen, Allem zuvor zu kommen. Ein einziger Blick auf Mylady unterrichtete ihn von Allem, was in ihrer Seele vorging. „Gut,“ ſagle er,„aber Ihr werdet mich heute noch nicht umbringen. Ihr habt keine Waffe mehr und überdies bin ich auf meiner Hut. Ihr hattet ſchon an⸗ gefangen, meinem armen Felton den Kopf zu verdrehen. Er ſtand bereits unter Euerem hölliſchen Einfluſſe, aber ich will ihn retten; er wird Euch nicht mehr ſehen. Alles iſt vorbei. Packt Euere Kleidungsſtücke zuſammen. Morgen reiſt Ihr ab. Ich hatte die Einſchiffung auf den 23. feſtgeſtellt; aber je näher die Sache gerückt wird, deſto ſicherer iſt ſie. Morgen Mittag habe ich Euern Ver⸗ bannungsbefehl, von Buckingham unterzeichnet, in mei⸗ nen Händen. Sprecht Ihr ein einziges Wort zu irgend Jemand, ehe Ihr Euch auf dem Schiffe befindet, ſo läßt Euch mein Sergent die Hirnſchale zerſchmettern, vazu hat er Befehl. Sprecht Ihr auf dem Schiffe ein Wort zu irgend Jemand, ehe es der Kapitän geſtattet, ſo läßt Euch dieſer in vas Meer werfen, das iſt ſo ab⸗ gemacht. Auf Wiederſehen; dies hatte ich Euch heute zu eröffnen. Morgen ſehe ich Euch noch einmal, um Abſchied zu nehmen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Baron. WMWolady hatte dieſe ganze drohende Tirade, ein Lächeln auf den Lippen, aber die Wuth im Herzen, angehört. Man trug das Abendbrod auf. Mylady fühlte, daß ſie der Kräfte bedurfte. Sie wußte nicht, was in dieſer Nacht vorgehen konnte, welche drohend herannahte, denn ſchwere Wolken wälzten ſich am Himmel hin ung ferne Blitze kündigten einen Sturm an. Der Sturm brach wirklich gegen zehn Uhr Abende aus. Mylady fand einen Troſt darin, daß die Natur die Verwirrung ihres Herzens theilte. Der Donner rollte in der Luft, wie der Zorn in ihrem Herzen. Es war ihr, als brauste der Wind über ihre Stirne, wie über die Bäume hin, deren Zweige er krümmte, deren Blätter et fortriß. Sie heulte wie der Ocean, und ihre Stimme verlor ſich in der großen Stimme der Natur, welche ebenfalls zu ſeufzen und zu verzweifeln ſchien. Von Zeit zu Zeit betrachtete ſie einen Ring, den ſie am Finger trug. Der Jaſten dieſes Ringes ent⸗ hielt ein feines, ſcharfes Gift; dies war ihre letzte Zuflucht. Plötzlich hörte ſie an ein Fenſter klopfen, und bei dem Schimmer eines Blitzes erblickte ſie ein männliches Geſicht hinter den Gitterſtangen. Sie lief nach dem Fenſter und öffnete es. „Felton!“ rief ſie,„ich bin gerettet!“ „Ja,“ ſagte Felton,„aber ſtille, ſtille! Ich brauche Zeit, um Euere Stangen zu durchſägen. Nehmt Euch in Acht, daß ſie Euch nicht durch das Gitter in der Thüre ſehen.“ „Oh! das dient zum Beweiſe, daß der Herr für uns iſt, Felton,“ verſetzte Mylady,„ſie haben das Gitter mit einem Brette verſchloſſen.“ „So iſt es gut! Gott hat ſie wahnſinnig gemacht,“ ſprach Felton. „Aber was habe ich zu thun?“ fragte Mylady. „Nichts, nichts, verſchließt nur dieſes Fenſter wie⸗ der. Legt Euch ſchlafen, oder legt Euch wenigſtens ganz angekleidet in Euer Bett. Sobald ich fertig bin, klopfe ich an die Scheibe. Aber könnt Ihr mir auch ſolgen?“ „O gewiß!“ „Eure Wunde?“ „Macht mir Schmerzen, aber hindert mich nicht zu gehen.“ unt Be Kn me hin keu ge ſie au we ur lte ar ber ter me den nt⸗ tzte bei ches dem uche uch der für itter cht,“ wie⸗ ſtens bin, auch 289 „Haltet Euch alſo auf das erſte Zeichen bereit.“ Mylady ſchloß das Fenſter, löſchte ihre Lampe aus und kauerte ſich, wie ihr Felton empfohlen hatte, in ihr Bett. Inmitten der Klagen des Sturmes hoͤrte ſie das Knirſchen der Feile an den Stangen und bei dem Schim⸗ mer jedes Blitzes gewahrte ſie den Schatten Feltons hinter den Scheiben. Sie brachte eine Stunde hin, ohne zu athmen, keuchend, Schweiß auf der Stirne, das Herz zuſammen⸗ gepreßt von furchtbarer Angſt bei jeder Bewegung, die ſie in der Flur hörte. Es gibt Stunden, welche ein Jahr dauern. Nach Verlauf einer Stunde klopfte Felton abermals. Mylady ſprang aus ihrem Bette und öffnete. Zwei ausgebrochene Stangen bildeten eine Oeffnung, durch welche ein Menſch ſchlüpfen konnte. „Seid Ihr bereit?“ fragte Felton. „Ja; ſoll ich etwas mitnehmen?“ „Geld, wenn Ihr habt?“ „Glücklicher Weiſe hat man mir das, was ich be⸗ ſaß, gelaſſen.“ „Deſio beſſer, denn ich habe das meinige aufge⸗ braucht, um eine Barke zu miethen.“ „Nehmt,“ ſagte Mylady und legte Felton einen Sack Gold in die Hände. Felton nahm den Sack und warf ihn an den Fuß der Mauer. „Wollt Ihr nun kommen?“ ſprach er. „Hier bin ich!“ Mylady ſtieg auf einen Stuhl und ſchlüpfte mit dem ganzen obern Theile ihres Körpers durch das Fenſter. Sie fah, daß der junge Officier auf einer Strickleiter über dem Abgrunde hing. Zum erſten Male erinnerte ſie eine Bewegung des Schreckens daran, daß ſie ein Weib war. Die gähnende Leere machte ihr bange⸗ Die drei Musketiere M. ¹9 290 „Ich dachte es mir,“ ſagte Felton. „Es iſt nichts,“ ſprach Mylady,„ich werde mit geſchloſſenen Augen hinabſteigen.“ „Habt Ihr Vertrauen zu mir?“ ſagte Felton. „Könnt Ihr noch fragen?“ „Reicht mir Euere zwei Hände, treuzt ſie; ſo iſt es gut.“ Felton band ihr die zwei Fauſtgelenke mit ſeinem Taſchentuch zuſammen und umwickelte das Taſchentuch mit einem Stricke. „Was macht Ihr?“ fragte Mylady erſtaunt. „Legt Euere Arme um meinen Hals und fürchtet Euch nicht.“ 2 „Aber Ihr werdet durch mich das Gleichgewicht ver⸗ lieren, und wir ſtürzen Beide hinab.“ „Seid unbeſorgt; ich bin ein Seemann!“ Mn hatte keine Sekunde, um ſich zu beſinnen. Mylady legte ihre beiden Arme um den Hals von Felton und ließ ſich aus dem Fenſter gleiten. Felton fing an langſam und eine nach der andern die Sproſſen hinabzuſteigen. Trotz des Gewichtes der zwei Körper wiegte ſie der Orkan in der Luft. Puelichi Felton inne. „Was gibt es?“ fragte Mylady. „Stille!“ ſagte Felton,„ich hoͤre Tritte!“ „Wir ſind entdeckt!“ Es wurde wieder einen Augenblick ſtille. „Nein,“ ſprach Felton,„es iſt nichts.“ „Aber was iſt denn das für ein Geräuſch 2 „Das der Patrouille, welche auf dem Rundengang geht.“ „Wo iſt der Rundengang?“ „Gerade unter uns.“ „Sie wird uns entdecken.“ Wenn keine Blitze kommen, nicht.“ Sie nicd inen an die Leite ſtßen“ nit em uch tet er⸗ en. ton ern der ng Gürtel in das Waſſer, da er ſeins koſtbare Beute Nie⸗ 294 „Glücklicherweiſe iſt dieſe um ſechs Fuß zu kurz.“ „Mein Gott! hier kommen ſie!“ „Schweigt!“ zlle Beide blieben zwanzig Fuß über der Erde un⸗ beweglich und ohne zu athmen aufgehängt. Während dieſer Zeit gingen die Soldaten lachend und plaudernd unter ihnen hin. Es war für die Flüchtlinge ein furchtbarer Augen⸗ Die Patrouille zog weiter. Man hörte, wie ſich das Geräuſch ihrer Tritte immer mehr entfernte und das Gemurmel ihrer Stimmen immer ſchwächer wurde. „Nun find wir gerettet,“ ſprach Felton. Mylady ſtieß einen Seufzer aus und wurde ohn⸗ mächtig. Felton fuhr fort hinabzuſteigen. Als er unten an der Leiter angelangt war, und keine Stütze mehr für ſeine Füße fühlte, klammerte er ſich mit den Händen an, und als er die letzte Sproſſe erreicht hatte, ließ er ſich an den Fauſtgelenken herabhängen und berührte die Erde. Er bückte ſich, hob den Goldſack auf und faßte ihn zwiſchen den Zähnen. Dann nahm er Mylady in ſeine Arme und entfernte ſich raſch, in entgegengeſetzter Richtung bon der, welche die Patrouille eingeſchlagen hatte. Bald verließ er den Rundengang, ſtieg durch die Felſen hinab und ließ, an dem Ufer des Meeres angelangt, einen ſcharfen Ton ſeiner Pfeife hören. Ein ähnliches Signal antwortete, und fünf Mi⸗ nuten nachher ſah er eine Barke mit vier Mann er⸗ ſcheinen. k Die Barke kam ſo nahe als möglich zum Ufer heran, aber ſie hatte hier nicht genug Tiefe, um den Rand erreichen zu können. Felton ging bis an den mand anvertrauen wollte. Zum Glücke fing der Sturm an ſich ein wenig zu legen. Das Meer war jedoch immer noch aufgeregt. Die kleine Barke hüpfte wie eine Nußſchale über die Wellen hin. „Zur Schlupe!“ ſagte Felton,„und raſch vor⸗ wärts.“ Die vier Männer fingen an zu arbeiten, aber die See ging zu hoch, als daß die Ruder eine ſtarke Wir⸗ kung hätten äußern können. Doch man entfernte ſich wenigſtens vom Schloſſe. Das war die Hauptſache. Die Nacht hatte Waſſer und Land in tiefe Finſterniß gehüllt, und bereits war es un⸗ möglich, das Ufer von der Barke aus zu unterſcheiden, man hätte alſo noch viel weniger die Barke vom ufer aus unterſcheiden können. Ein ſchwarzer Punkt ſchwankte auf dem Meere. Das war die Schlupe. Während die Barke mit aller Kraft ihrer vier Ru⸗ derer vorrückte, band Felton den Strick und das Sacktuch los, womit die Hände von Mylady zuſammengeknüpft waren. Nachdem er ihre Hände gelöſt hatte, nahm er See⸗ waſſer und ſprengte es ihr in das Geſicht. Mylady ſtieß einen Seufzer aus. „Wo bin ich?“ ſagte ſie. „Gerettet!“ antwortete der junge Officier. „Oh! gerettet! gerettet!“ rief ſie.„Ja, hier iſt der Himmel, hier iſt das Meer! Die Luft, die ich athme, iſt die Freiheit. Ah! Dank, Felton, tauſend Dank!“ Der junge Mann vrückte ſie an ſein Herz. „Aber was habe ich denn an den Händen?“ fragte Mylady;„es ſcheint, man hat ſie mir in einen Schraub⸗ ſtock gepreßt.“ Mylaby hob die Arme auf; die Fauſtgelenke waren in der That gequetſcht. 293 „Ach!“ ſeufzte Felton, die ſchönen Hände anſchauend und ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf. „Ol es iſt nichts, es iſt nichts!“ rief Mylady; ⸗ ich erinnere mich nun wieder.“ Mylady ſuchte mit den Augen um ſich her. * e„„Er iſt da,“ ſprach Felton und ſtieß mit dem Fuß ⸗ an den Goldſack. Man näherte ſich der Schlupe. Der Matroſe von . 1 der Wache rief die Barke an. Die Barke antwortete. d„Was für ein Schiff iſt das?“ fragte Mylady. „Das, welches ich für Euch gemiethet habe.“ „Wohin wird es mich bringen?“ „Wohin Ihr wollt, nur müßt Ihr mich in Ports⸗ mouth an das Land ſetzen.“ „Was wollt Ihr in Portsmvuth machen?“ fragte Mylady. ⸗„Die Befehle von Lord Winter vollziehen,“ antwor⸗ h tete Felton mit düſterem Lächeln. t„Welche Befehle?“ „Ihr begreift nicht?“ ⸗„Nein, erklärt Euch, ich bitte.“ „Da er mir mißtraute, wollte er Euch ſelbſt be⸗ wachen, und ſchickte mich ab, um für ihn von Bucking⸗ ham Eueren Deportativns⸗Befehl unterzeichnen zu laſſen.“ ſt„Aber, wenn er Euch mißtraute, wie konnte et Euch h. vieſen Auſtrag anvertrauen?⸗ d 4„Konnte er glauben, ich wüßte, was ich trüge, da er mir nichts geſagt hatte und ich das Geheimniß von Euch erfuhr?“ e„Das iſt richtig. Und Ihr geht nach Ports⸗ mouth?“ „Ich habe keine Zeit zu verlieren; morgen iſt der 23. und Buckingham geht morgen it der Flotte ab.“ „Er geht morgen ab! Wohin?“ „Nach La Rochelle.“ 294 „Er darf nicht abgehen!“ rief Mylady, ihre ge⸗ wöhnliche Geiſtesgegenwart verlierend. „Seid ruhig,“ erwiederte Felton,„er wird nicht abgehen.“ Mylady bebte vor Freude, ſie hatte tief im Herzen des jungen Mannes geleſen: der Tod Buckinghams ſtand mit allen Buchſtaben darin geſchrieben. „Felton,“ ſagte ſie,„Ihr ſeid groß, wie Judas Maccabäus! Sterbt Ihr, ſo ſterbe ich mit Euch. Das iſt Alles, was ich Euch ſagen kann.“ „Leiſe, wir ſind an Ort und Stelle.“ Man berührte wirklich die Schlupe. Felton ſtieg zuerſt die Leiter hinauf und reichte My⸗ lady die Hand, während ſie die Matroſen unterſtützten, denn die See war noch ſtürmiſch. Einen Augenblick nachher befanden ſie ſich auf dem Verdeck. „Kapitän,“ ſprach Felton,„hier iſt die Perſon, von der ich geſagt habe, und die Ihr geſund und wohl⸗ behalten nach Frankreich bringen müßt.“ „Gegen tauſend Piſtolen,“ entgegnete der Kapitän. „Ich habe Euch fünfhundert gegeben.“ „Ganz richtig.“ „Und hier ſind die andern fünfhundert,“ ſprach My⸗ lady und fuhr mit der Hand in den Goldſack. „Nein,“ erwiederte der Kapitän,„ich habe nur ein Wort und dieſes gab ich dem jungen Manne: die anderen fünfhundert Piſtolen iſt man mir erſt ſchuldig, wenn wir in Boulogne ankommen.“ „Und wir werden ankommen?“ „Geſund und wohlbehalten,“ ſprach der Kapitän, „ſo wahr ich Jack Buttler heiße.“ „Gut,“ ſprach Mylady,„wenn Ihr Euer Wort haltet, ſo gebe ich Euch nicht fünfhundert, ſondern tau⸗ ſend Piſtolen.“ „Dann Hurrah für Euch, meine ſchoͤne Dame!“ 295 rief der Kapitän,„und Gott möge mir oft Kunden wie Euere Herrlichkeit ſchicken!“ „Mittlerweile führt uns in die kleine Bucht von Chicheſter,“ ſagte Felton,„vor Portsmouth, Ihr wißt, es iſt verabredet, daß Ihr uns dahin bringen ſolltl« Der Kapitän erwiederte dieſe Worte durch den Be⸗ fehl zu dem erforderlichen Manoeuvre, und um ſieben Uhr Abends ankerte das fleine Schiff in der bezeichneten Bucht. Während dieſer Fahrt erzählte Felton Mylady Alles, wie er ſtatt nach London zu gehen, das Schiff gemiethet hatte, wie er zurückgekehrt war, wie er mit Hülfe von Lücken, hervorſpringenden Steinen und Klammern, die er befeſtigte, um ſeinen Füßen einen Halt zu geben, die Mauer erſtiegen und endlich, zu dem Gitter gelangt, die Leiter angebunden hatte: das Uebrige wußte Mylady. Mylady ſuchte ihrer Seits den jungen Officier in ſeinem Vorhaben zu ermuthigen und zu beſtärken, aber bei den erſten Worten, die aus ihrem Munde kamen, ſah ſie, daß der Fanatiker eher einer Dämpfung, als einer Aufmunterung bedurfte⸗ Es wurde verabredet, daß Mylady Felton bis zehn Uhr erwarten ſollte; wäre er um zehn Uhr nicht zurück, ſo ſollte ſie abſegeln. In der Vorausſetzung, daß er frei wäre, ſollte er ſodann in Frankreich im Kloſter der Karmeliterinnen in Bethune mit ihr zuſammentreffen. —— — ———— S2 3 XXVII. Was in Porthsmnuth um 23. Auguſt 1628 vorſiel. Felton nahm von Mylady Abſchied, wie ein Bru⸗ der, der einen einfachen Spaziergang machet will, 46 von ſeiner Schweſter Abſchied nimmt, indem er ihr die Hand küßte. Seine ganze Perſon ſchien in den Zuſtand ihrer ge⸗ wöhnlichen Ruhe zurückverſetzt zu ſein; nur war in ſeinen Augen ein ſeltſamer, dem Wiederſcheine eines Fiebers ähnlicher, Glanz vorherrſchend. Seine Stirne war noch bleicher, als früher, ſeine Zähne waren zuſammengepreßt und ſeine Sprache machte ſich durch ein gewiſſes Stoßen der Töne bemerkbar, woraus ſich ſchließen ließ, daß finſtere Gedanken in ſeinem Innern ihr Lager genom⸗ men hatten. So lange er ſich auf der Barke befand, die ihn nach dem Lande führte, war ſein Geſicht Mylady zugewendet, die ihm, auf dem Verdecke ſtehend, mit den Augen folgte. Alle Beide hatten nur wenig bange vor einer Verfolgung. Man betrat das Zimmer von Mylady nie vor neun Uhr, und man brauchte drei Stunden, um vom Schloſſe aus London zu erreichen. Felton ſtieg an das Land, erkletterte den kleinen Kamm, der auf die Höhe des abſchüſſigen Ufers führte, grüßte Mylady zum letzten Male und lief nach der Stadt. Nach hundert Schritten konnte er, weil ſich das Terrain ſenkte, nur noch den Maſt der Schlupe ſehen. Er eilte in der Richtung von Portsmouth fort, deſſen Thürme und Häuſer er in einer Entfernung von un⸗ gefähr einer halben Meile im Morgennebel vor ſich er⸗ blickte. Jenſeits Portsmouth war das Meer mit Schiffen bedeckt, deren Maſten, einem Walde durch den Winter entblätterter Pappelbäume ähnlich, ſich unter dem Hauche des Windes ſchaukelten. Während ſeines raſchen Laufes durchging Felton das, was ihm zehn Jahre aſcetiſcher Betrachtungen und ein langer Aufenthalt unter den Puritanern an wahren und falſchen Beſchuldigungen gegen den Liebling von Jacob VI. und Carl* geliefert hatten. — unbemerkbaren, Atome erblickt. 297 Wenn Felton die öffentlichen Verbrechen dieſes Mi⸗ niſters, ſchreiende Verbrechen, ſo zu ſagen europäiſche Verbrechen, mit den unbekannten und perſönlichen Ver⸗ brechen verglich, mit denen ihn Mylady belaſtete, ſo fand er, daß der ſchuldigere von den zwei Menſchen, welche Buckingham in ſich ſchloß, derjenige war, deſſen Leben das Volk nicht kannte. Seine ſo ſeltſame, ſo neue, ſo glühende Liebe ließ ihn die ſchändlichen, erdichteten An⸗ klagen von Lady Winter ſo anſehen, wie man durch ein Vergrößerungsglas im Zuſtande furchtbarer Ungeheuer die, in der Wirklichkeit einer Ameiſe gegenüber völlig Der raſche Lauf entzündete ſein Blut noch mehr. Der Gedanke, daß er eine furchtbarer Rache preisge⸗ gebene Frau hinter ſich ließ, die er liebte oder viel⸗ mehr wie eine Heilige enbetete, die Aufregung der vor⸗ hergehenden Stunden und Tage, die gegenwärtige Anſtren⸗ gung, Alles dies eraltirte ſeine Seele über das Maaß menſchlicher Gefühle. Er erreichte Portsmouth gegen acht Uhr Morgens. Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen. Die Trom⸗ meln wurden in den Straßen und im Hafen gerührt. Die zum Einſchiffen beſtimmten Truppen marſchirten nach dem Meere zu. Felton gelangte mit Staub bedeckt und von Schweiß triefend nach dem Admiralitäts⸗Pallaſt. Sein gewöhnlich bleiches Geſicht war purpurroth vor Grimm und Hitze. Die Wache wollte ihn zurückweiſen, aber Fel⸗ ton rief den Anführer des Poſtens, zog aus ſeiner Taſche den Brief, welchen er zu überbringen hatte und ſagte nur die Worte: „Eilbote von Lord Winter.“ Bei dem Namen des Lords, den man als einen der vertrauteſten Freunde Seiner Herrlichkeit kaunte, gab der Anführer der Poſten Befehl, Felton, der über⸗ 2 un 298 dies die Uniform eines Marine⸗Officiers trug, paſſiren zu laſſen. Felton ſtürzte in den Pallaſt. In dem Augenblick, wo er in die Flur eintrat, erſchien auch ein beſtaubter, athemloſer Mann, der vor der Thüre ein Poſtpferd ſtehen ließ, das ſogleich vor Erſchöpfung in die Kniee ſank. Felton und er wandten ſich zu gleicher Zeit an Patrick, den erſten Kammerdiener des Herzogs. Felton nannte den Baron Winter. Der Unbekannte wollte Nie⸗ mand nennen und behauptete, er dürfe ſich nur dem Her⸗ zog allein zu erkennen geben. Jeder wollte vor dem an⸗ dern den Eintritt erlangen. Patrick, welcher wußte, daß Lord Winter in dienſt⸗ lichen und freundſchaftlichen Verhältniſſen zu dem Herzog ſtand, gab demjenigen, der in des Lords Namen kam, den Vorzug. Der Andere war genothigt zu warten, und es ließ ſich leicht ſehen, wie er dieſe Zögerung ver⸗ wünſchte. Der Kammerdiener ließ Felton durch einen großen Saal gehen, in welchem die Deputirten von La Rochelle, den Prinzen von Soubiſe an der Spitze, warteten, und führte ihn in ein Cabinet, wo Buckingham, aus dem Bade kommend, ſeine Toilette vollendete, der er diesmal, wie immer, eine beſondere Aufmerſamkeit widmete. „Der Lieutenant Felton,“ ſagte Patrick,„von Lord Winter geſchickt.“ „Von Lord Winter?“ wiederholte Buckingham,„Laßt ihn eintreten.“ Felton trat ein. In dieſem Angenblicke warf Buckingham einen reichen, mit Gold geſtickten Schlafrock auf das Canapé, um ein durchaus mit Perlen geſticktes Wamms von blauem Sammet anzuziehen. „Warum iſt der Baron nicht ſelbſt gekommen?“ fragte Buckingham.„Ich erwartete ihn dieſen Morgen?“ „Er hat mich beauftragt, Eurer Herrlichkeit zu ſa⸗ gen, dieſe wen hat Her lich hal ſog 299 gen,“ antwortete Felton,„daß er ſehr bedauers, nicht dieſe Ehre haben zu können, aber er ſei durch eine noth⸗ wendige Bewachung im Schloſſe abgehalten.“ r⸗„Ja, ja,“ ſprach Buckingham,„ich weiß das, er en hat eine Gefangene⸗“ 3„Gerade von dieſer Gefangenen wollte ich mit Eurer un Herrlichkeit ſprechen,“ verſetzte Felton⸗ „Nun, ſo ſprecht!“ e⸗„Was ich zu ſagen habe, kann nur von Eurer Herr⸗ 1 lichkeit gehört werden.“ 6„Laß uns allein, Patrick, ſprach Buckingham, aber halte Dich im Bereiche der Glocke auf. Ich werde Dich ⸗ ſogleich rufen.“ 09 Patrick ging hinaus. 2„Wir ſind allein, mein Herr,“ ſagte Buckingham, nd„ſprecht nun.“ „Mylord,“ erwiederte Felton,„der Baron von Winter hat Euch kürzlich geſchrieben und Euch in ſeinem e Briefe gebeten, einen Deportationsbefehl bezüglich auf eine 9 junge Frau Namens Charlotte Backſon zu unterzeichnen.“ nd„Ja, mein Herr, und ich habe ihm geantwortet, er möge mit dieſen Befrhl bringen oder ſchicken, und ich l werde ihn unterzeichnen.“ d„Hier iſt er, Mylord.“ 2„Gebt,“ ſagte der Herzog. Er nahm das Papier aus den Händen Feltons und aßt warf einen raſchen Vlick darauf. Als er ſah, daß es der⸗ jenige war, welchen man ihm angekündigt hatte, legte er arf) ihn auf den Tiſch, ergriff eine Feder und ſchickte ſich an, t denſelben zu unterzeichnen. tes„Um Vergebung, Mylord,“ ſprach Felton, den 2. Herzog zurückhaltend.„Wziß Eure Herrlichkeit, daß der Name Charlotte Backſon ücht der wahre Name dieſe jungen Frau iſt?“ „Ja, mein Herr, ich weiß es,“ antwortete der zog die Feder in das Dintenfaß tauchend⸗ 300 „Alſo kennt Eure Herrlichkeit ihren wahren Namen?“ Bu fragte Felton in kurzem Tone. „Ich kenne ihn.“ feit Der Herzog näherte die Feder dem Papiere. Felton erbleichte. we „Und mit dem wahren Namen vertraut,“ ſprach W Felton,„wird Eure Herrlichkeit dennoch unterzeichnen?“ „Allerdings,“ erwiederte Buckingham,„eher zwei⸗ wi mal, als einmal.“ „Ich kann nicht glauben,“ fuhr Felton mit einer ſo Stimme fort, welche immer mehr abgeſtoßen klang,„ich kann nicht glauben, daß Eure Herrlichkeit weiß, daß es ka ſich um Lady Winter handelt.“ B „Ich weiß es vollkommen, obgleich ich ſtaune, daß ſch Ihr es wißt.“. „Und Eure Herrlichkeit wird dieſen Befehl ohne Ge⸗ 5 wiſſensbiſſe unterzeichnen?“ Buckingham ſchaute den jungen Mann ſtolz an. „Ei! Herr, wißt Ihr,“ ſagte er,„daß Ihr ganz ſe ſeltſame Fragen an mich ſtellt, und daß es einfältig von E mir iſt, darauf zu antworten?“ „Antwortet, gnädigſter Herr,“ ſprach Felton;„die Lage der Dinge iſt bedeutungsvoller, als Ihr wohl glauben C möget.“ Buckingham dachte, da der junge Mann von Lord 1 Winter abgeſchickt käme, ſo ſpräche er ohne Zweifel in deſſen Namen und beſänftigte ſich.( „Ohne irgend einen Gewiſſensbiß,“ ſagte er,„und der Baron weiß ſo gut wie ich, daß Mylady eine große Verbrecherin iſt, und daß man es beinahe als eine Be⸗ gnadigung betrachten muß, wenn man ihre Strafe auf Deportation beſchränkt.“ Der Herzog legte die Feder auf das Papier. „Ihr werdet dieſen Befehl nicht unterzeichnen, M⸗ d,“ ſprach Felton, und machte einen Schritt gegen Herzog. 20 lton rach 2 wei⸗ iner „ich es daß Ge⸗ ganz von Lage uben Lord el in „und roße Be⸗ auf My⸗ gegen 301 „Ich werde dieſen Beſehl nicht unterzeichnen?“ ſh 3 Buckingham,„und warum nicht?“ „Weil Ihr in Euch gehen und Mylady Gerechtig⸗ 3 feit widerfahren laſſen werdet.“ „Man würde Ihr Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wenn man ſie nach Tyburn ſchickte,“ ſagte Buckingham. „Mylady iſt eine Schändliche.“ „Gnädigſter Herr, MWylady iſt ein Engel. Ihr wißt es wohl, und ich fordere Lon Euch ihre Freiheit.“ „Seid Ihr ein Narr,“ rief Buckingham,„daß Ihr ſo ſprecht!“ „Mylord, entſchuldigt mich, ich ſpreche, wie ich fann. Bedenkt jedoch, Mylord, was Ihr zu thun im Begriffe ſeid, und fürchtet Euch, das Maß zu über⸗ ſchreiten.“ „Wie 2. Gott vergebe mir,“ rief Buckingham, „ich glaube, er droht mir!“ „Nein, Mylord, ich bitte noch und ſage Euch: ein Tropfen Waſſer reicht hin, um das volle Gefäß überlau⸗ ſen zu machen. Ein leichter Fehler genügt, um die Strafe auf das, trotz ſo vieler Verbrechen bis auf dieſen Tag verſchonte, Haupt zu ziehen.“ „Herr Felton,“ ſprach Buckingham,„Ihr entfernt Euch und gebt Euch ſogleich in Verhaſt.“ „Und Ihr, Ihr werdet mich bis zum Ende hoͤren, Mylord. Ihr habt das junge Mädchen verführt, Ihr habt die Unglückliche beſchmutzt, mißhandelt. Macht Eure Verbrechen gegen ſie wieder gut; laßt ſie frei ziehen, und ich werde nichts Anderes von Euch fordern.“ „Ihr werdet nicht fordern?“ ſprach Buckingham, Felton mit Erſtaunen anſchauend und auf jede Silbe der vier Worte, die er ſprach, einen beſondern Nachvruck legend. „Mylord,“ fuhr Felton fort, ſich immer mehr auf⸗ reizend, je länger er ſprach,„ganz England iſt Eurer Frevel müde, Mylord, Ihr habt die königliche Gewalt, die Ihr an Euch geriſſen, gemißbraucht, Mlord⸗ Ihr ——— 302 ſeid Gott und den Menſchen zum Abſcheu. Gott wird Euch ſpäter beſtrafen, aber ich, ich beſtrafe Euch heute.“ „Ah, das iſt zu ſtark,“ rief Buckingham mit einem Schritte gegen die Thüre. Felton verſperrte ihm den Weg. „Ich bitte Euch in Demuth; unterzeichnet den Frei⸗ laſſungsbefehl von Lady Winter. Bedenkt, daß es die Frau iſt, die Ihr entehrt habt.“ „Entfernt Euch, Herr,“ ſagte Buckingham,„voder ich rufe und laſſe Euch von meinen Leuten wegjagen.“ „Ihr werdet nicht rufen,“ ſagte Felton und warf ſich zwiſchen den Herzog und die Glocke, welche auf ei⸗ nem mit Silber eingelegten Tiſchchen ſtand.„Nehmt Euch in Acht, Mylord, Ihr ſeid jetzt in den Händen Gottes.“ „In den Händen des Teufels, wollt Ihr ſagen!“ rief Buckingham, die Stimme verſtärkend, um Leute her⸗ beizuziehen, ohne dieſe jedoch unmittelbar aufzufordern. „Unterzeichnet, Mylord, unterzeichnet die Freigebung von Lady Winter,“ ſagte Felton und ſtieß ein Papier vor den Herzog. „Gewalt? ſcherzt Ihr? Holla, Patrick!“ „Unterzeichnet, Mylord!“ „Nie!“ „Nie?“ „Herbei!“ rief der Herzog und lief zu gleicher Zeit nach ſeinem Degen. Aber Felton ließ ihm nicht Zeit, ihn zu ziehen; er hielt ganz entblößt und unter ſeinem Wamms verborgen das Meſſer, mit dem ſich Mylady geſtochen hatte. Mit einem Sprunge war er an dem Herzog. In dieſem Augenblick trat Patrick in den Saal und rief: „Mylord, ein Brief von Frankreich.“ „Von Frankreich!“ ſprach der Herzog, der jetzt Alles wohl Meſſ mich Als ßend von der Win big, hera zu gab auf und bei Vor die Sti ner laß ſie er en it a st 303 Alles um ſich her vergaß und nur daran dachte, von wem wohl dieſer Brief käme. Felton benützte dieſen Augenblick und ſtieß ihm das Meſſer bis an das Heft in die Seite. „Ha, Verräther!“ ſchrie Buckingham,„Du haſt mich ermordet!“ „Moͤrder! Mörder!“ heulte Patrick. Felton warf ſeine Blicke umher, um zu entfliehen. Als er die Thüre geöffnet ſah, ſtürzte er in das anſto⸗ ßende Zimmer, wo erwähntermaßen die Abgeordneten von La Rochelle warteten, eilte durch dieſes und lief nach der Treppe. Aber auf der erſten Stufe begegnete er Lord Winter, der ihn, als er ihn bleich, verſtört, leichenfar⸗ big, an der Hand und im Geſicht mit Blut befleckt, herabſtürzen ſah, an der Gurgel faßte und ihm zurief: ch wußte es! ich hatte es geahnet. Eine Minute zu ſpät! Ohl ich Unglücklicher! ich Unglücklicher!“ Felton leiſtete keinen Widerſtand. Lord Winter über⸗ gab ihn den Wachen, die ihn bis auf weitere Befehle auf eine kleine, das Meer beherrſchende, Terraſſe führten, und eilte ſelbſt in das Cabinet von Buckingham. Bei dem von dem Herzog ausgeſtoßenen Geſchrei, bei dem Rufe Patricks lief der Mann, welchen Felton im Vorzimmer getroffen hatte, haſtig in das Cabinet. Er fand den Herzog auf einem Sofa ausgeſtreckt, die Wunde mit kramfhafter Hand zudrückend.. „La Porte,“ ſprach der Herzog mit ſterbender Stimme,„La Porte, kommſt Du von ihr?“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete der getreue Die⸗ ner von Anna von Oeſterreich,„aber vielleicht zu ſpät.“ Stille, La Porte! man könnte Euch hören. Patrick, laß Niemand herein. Ohl ich ſoll nicht erfahren, was ſie mir ſagen läßt. Mein Gott, ich ſterbe!“ Und der Herzog fiel in Ohnmacht. Indeſſen waren Lord Winter, die Abgeordneten, die 5. —e 4 ——— Anführer der Erpedition, die Beamten des Hauſes Buckingham in ſein Zimmer eingedrungen. Ueberall er⸗ ſcholl ein Geſchrei der Verzweiflung. Die Kunde, welche den Pallaſt mit Klagen und Seufzern erfüllte, über⸗ ſtrömte bald und verbreitete ſich in der Stadt. Ein Kanonenſchuß kündigte an, daß etwas Neues, Unerwartetes vorgefallen war. Lord Winter raufte ſich die Haare aus. „Um eine Minute zu ſpät!“ rief er,„um eine Mi⸗ nute zu ſpät! O, mein Gott, welch ein Unglück!“ Man hatte ihm wirklich Morgens um ſieben Uhr gemeldet, eine Strickleiter hänge an einem von den Fen⸗ ſtern des Schloſſes. Er war ſogleich in das Zimmer von Mylady gelaufen, hatte dieſes leer, das Fenſter offen und die Gitterſtangen durchſägt gefunden. Er erinnerte ſich wieder, was ihm von vArtagnan durch ſeinen Boten mündlich empfohlen worden war. Er zitterte für den Herzog, lief in den Stall, ohne ſich Zeit zu nehmen, ein Pferd ſatteln zu laſſen, beſtieg das nächſte beſte, eilte im ſtärkſten Galopp davon, ſprang im Hofe herab, eilte die Treppe hinauf und begegnete, wie wir erzählten, Felton auf der erſten Stufe. Der Herzog war jedoch nicht todt. Er kam wieder zu ſich, öffnete die Augen und Aller Herzen waren von neuer Hoffnung belebt. „Meine Herren,“ ſagte er,„laßt mich mit Patrick und La Porte alein„Ahl Ihr ſeid es, Lord Win⸗ terl Ihr habt mir dieſen Morgen einen ſeltſamen Narpen geſchickt; ſeht den Zuſtand, in welchen er mich ver⸗ ſetzt hat!“ „Oh! Mylord,“ rief der Baron,„Mylord, ich werde mich nie zu tröſten wiſſen.“ „und Du hätteſt Unrecht, mein guter Winter,“ erwieberte Buckingham und reichte ihm die Hand.„Ich kenne keinen Menſchen, der es verdiente, von einem ande werd Ser und derh von ſchw könn das ſuch meh meh geſc muſes ler⸗ elche über⸗ eues, Mi⸗ Uhr Fen⸗ r von offen nnerte Boten r den n, ein lte im te die Felton wieder n von ßatrick Win⸗ Karren e werde inter,“ „Ich einem 305 andern Menſchen ein ganzes Leben hindurch beklagt zu werden. Aber ich bitte Dich, laß uns allein.“ Der Baron entfernte ſich ſchluchzend. Es blieben in dem Cabinet nur noch der verwundete Herzog, La Porte und Patrick. Man ſuchte einen Arzt und konnte ihn nicht finden. „Ihr werdet leben, Mylord, Ihr werdet leben,“ wie⸗ derholte, vor dem Sofa des Herzogs knieend, der Bote von Anna von Oeſterreich. „Was ſchrieb ſie mir?“ fragte der Herzog mit ſchwacher Stimme, von Blut triefend und furchtbare Schmerzen bewältigend, um von der Geliebten ſprechen zu können.„Was ſchrieb ſie mir? Lies mir ihren Brief vor!“ „Oh! Mylord!“ rief La Porte. „Nun, La Porte, ſiehſt Du nicht, daß ich keine Zeit zu verlieren habe?“ La Porte erbrach das Siegel und legte dem Herzog das Pergament unter die Augen; aber Buckingham ver⸗ ſuchte vergebens, die Schrift zu unterſcheiden. „Lies doch,“ ſagte er,„lies voch. Ich ſehe nichts mehr, lies doch, denn bald vielleicht werde ich auch nicht mehr hören und ſterben, ohne zu erfahren, was ſie mir geſchrieben hat.“ La Porte machte keine Schwierigkeiten mehr und las: „Mylord, „Bei dem, was ich, ſeit ich Euch kenne, für Euch und durch Euch gelitten habe, beſchwöre ich Euch, wenn Euch an meiner Ruhe etwas gelegen iſt, die großen Rü⸗ ſtungen zu unterbrechen, welche Ihr gegen Frankreich in das Werk ſetzt, und einen Krieg aufzugeben, von dem man ganz laut ſagt, die Religion ſei die ſcheinbare Urſache, und von dem man ganz leiſe ſagt, Euere Liebe für mich ſei die verborgene Urſache. Dieſer Krieg kann nicht nur für Frankreich und England große Kataſtrophen, ſondern auch für Euch ein Unglück herbeiführen, über das ich mich nie mehr tröſten würde. S 8 Die drei Musketiere U. 20 306 „Wacht über Euer Leben, das man bedroht und das mir von dem Augenblicke an theuer ſein wird, wo ich nicht mehr genöthigt bin, in Euch einen Feind zu ſehen. Eure wohlergebene Anna.“ Buckingham raffte den ganzen Reſi ſeines Lebens zu⸗ ſammen, um dieſen Brief zu hören. Sobald er zu Ende war, fragte er, als hätte er eine bittere Enttäuſchung darin gefunden: „Habt Ihr mir nichts Anderes mündlich zu ſagen, La Porte?“ „Allerdings, gnädigſter Herr. Die Königin beauf⸗ tragte mich, Euch zu ſagen, Ihr möget auf Eurer Hut ſ denn ſie habe ſichre Kunde, daß man Euch ermorden wolle.“ „Und das iſt Alles? das iſt Alles?“ verſetzte Bu⸗ ckingham ungeduldig. „Sie hat mich auch noch beauftragt, Euch zu ſagen, daß ſie Euch ſtets liebe.“ „Ah!“ rief Buckingham,„Gott ſei gelobt! Mein Tod wird für ſie nicht der Tod eines Fremden ſein.“ La Porte zerfloß in Thränen. „Patrick,“ ſprach der Herzog,„bringe mir das Käſtchen, in welchem die Diamant⸗Neſtelſtifte eingeſchloſſen waren.“ Patrick brachte den verlangten Gegenſtand, in welchem La Porte ein früheres Eigenthum der Königin erkannte. „Jetzt das kleine Kiſſen von weißem Atlas, auf welches ihre Chiffre in Perlen geſtickt iſt.“ Patrick gehorchte abermals. „Seht, La Porte,“ ſprach Buckingham,„das find die einzigen Pfänder, die ich von ihr beſitze. Dieſes ſilberne RKäſichen und dieſe zwei Briefe. Ihr gebt ſie Ihrer Ma⸗ jeſtät zurück und zum letzten Andenken(er ſuchte einen koſtbaren Gegenſtand um ſich her). fügt Ihr...“ —— + — — 5) —— 307 „ das Er ſuchte abermals, aber ſeine durch den Tod ver⸗ ich finſterten Blicke begegneten nur dem Meſſer, das Feltons en. Händen entfallen war, und deſſen Klinge noch von friſch⸗ rothem Blute rauchte. „Und Ihr fügt dieſes Meſſer bei,“ ſprach der Herzog, zu⸗ und drückte La Porte die Hand. Ende Er legte das kleine Kiſſen in das ſilberne Käſtchen, hung ließ das Meſſer hineinfallen und machte La Porte ein Zeichen, daß er nicht mehr ſprechen könne. Dann erfaßte gen, ihn eine letzte krampfhafte Zuckung, die er nicht mehr zu bekämpfen vermochte, und er glitt am Sofa auf den auf⸗ Boden herab. Hut Patrick ſtieß ein furchtbares Geſchrei aus. Bucking⸗ den ham wollte zum letzten Male lächeln, aber der Tod ſchlug ſeinen Gedanken in Feſſeln und dieſer blieb wie ein letztes Bu⸗ Lebewohl auf ſeine Lippen und auf ſeine Stirne geprägt. In dieſem Augenblicke traf der Arzt des Herzogs agen, ½ ganz verſtört ein. Er war ſchon an Bord des Admiral⸗ ſchiffes geweſen, und man hatte ſich genöthigt geſehen, ihn Mein dort ſuchen.* 4 Er näherte ſich dem Herzog, nahm ſeine Hand, hielt ſie einen Augenblick in der ſeinigen und ließ ſie wieder das* fallen. loſſen„Alles iſt vergeblich,“ ſprach er,„er iſt todt!“ „Todt! Todt!“ rief Patrick. „in Bei dieſem Schrei drang der ganze Haufe wieder in nigin den Saal und überall herrſchte Beſtürzung und Aufruhr. Sobald Lord Winter Buckingham entſeelt ſah, lief er zu Felton zurück, den die Soldaten auf der Terraſſe 6 des Pallaſtes bewachten. „Elender,“ ſprach er zu dem jungen Manne, der ſeit d die dem Tode Buckinghams wieder die Ruhe und Kaltblütig⸗ berne keit gewonnen hatte, die ihn nicht mehr verlaſſen ſollte. Ma⸗„Elender, was haſt Du gethan?“ ſuchte„Ich habe mich gerächt,“ antwrtete er. ———————— 308 „Du!“ rief der Baron,„ſage, daß Du dieſem verfluchten Weibe als Werkzeug gedient 6 aber r 6. Dir, dieſes Verbrechen ſoll i ein!“ „Ich weiß nicht, was Ihr damit ſagen wollt,“ entgegnete Felton ruhig,„und ich begreife nicht, von was Ihr ſprechen wollt, Mylord: ich habe den Herzog von Buckingham getödtet, weil er Euch es ſelbſt zwei⸗ mal abſchlug, mich zum Kapitän zu ernennen. Ich habe ihn für ſeine Ungerechtigkeit beſtraft, das iſt das Ganze.“ Lord Winter ſchaute die Leute, welche Felton banden, erſtaunt an und wußte nicht, was er von einer ſolchen Unempfindlichkeit denken ſollte. Nur Eines lagerte ſich wie eine Wolke auf Feltons Stirne. Bei jedem Tritte, den er hörte, glaubte der naive Puritaner den Tritt und die Stimme von Mylady zu hören, welche käme, um ſich in ſeine Arme zu werfen, ſich mit ihm an⸗ zuklagen und dem Verderben zu überantworten. Plotzlich bebte er. Sein Blick war auf einen Punkt im Meere gerichtet, das man von der Terraſſe aus, auf welcher er ſich befand, völlig beherrſchte. Mit dieſem Adlerblicke des Seemanns hatte er da, wo ein Anderer nur eine auf den Wellen ſich wiegende Möve geſehen hätte, das Segel der Slupe erſchaut, die nach der Küſte von Frankreich ſteuerte. Er erbleichte, fuhr mit der Hand nach dem bre⸗ chenden Herzen und begriff den ganzen Verrath. „Eine letzte Gnade,“ ſagte er zu dem Baron. „Welche?“ fragte dieſer. „Wie viel Uhr iſt es?“ Der Baron zog ſeine Uhr und antwortete: „Neun Uhr, weniger zehn Minuten.“ Mylady hatte ihre Abfahrt um anderthalb Stun⸗ letztes —— ——— S e+— — —„— em er tes ℳ on og ei⸗ ch as n, en te m en he n⸗ kt uf m er en ſte te⸗ er ſuchte ihnen daher denſelben, wie die Memoiren des 309 den vorgerückt. Sobald ſie den Kanonenſchuß hörte, der ein unglückliches Ereigniß verkündigte, gab ſie Befehl, die Anker zu lichten. Die Barke ſchwamm in großer Entfernung von dem Geſtade unter einem blauen Himmel. „Es war ſo Gottes Wille,“ ſprach Felton, mit der Reſignation des Fanatikers, jedoch ohne ſeine Augen von dem Fahrzeuge losmachen zu können, an deſſen Bord er ohne Zweifel das weiße Geſpenſt derjenigen zu unterſcheiden glaubte, welcher ſein Leben geopfert werden ſollte. Lord Winter folgte ſeinem Blicke, ſchaute in ſein leidendes Antlitz und errieth Alles. „Du ſollſt vorerſt allein beſtraft werden, Elender,“ ſagte der Lord zu Felton, der ſich, die Augen nach der See gekehrt, wegführen ließ,„aber ich ſchwore Dir bei dem Andenken an meinen Bruder, den ich unendlich liebte, daß Deine Mitſchuldige nicht gerettet iſt.“ Felton neigte das Haupt, ohne eine Sylbe zu ſprechen. Der Baron aber ſtieg raſch die Treppe hinab und begab ſich nach dem Hafen. XXVIII. In Frankreich. Als der König von England Carl 1. den Tod des Herzogs erfuhr, fürchtete er vor Allem, die Rocheller könnten durch eine denſelben ſo furchtbare Nachricht entmuthigt werdenz; Cardinals ſagen, ſo lange als möglich zu verbergen, üefc die Häfen in ſeinem ganzen Königreich ſchließen und ſ fältig darüber wachen, daß kein Schiff auslaufen könnte, bis das Heer, welches Buckingham ausrüſtete, abgegangen wäre, und übernahm es ſelbſt, in Ermangelung von Bu⸗ ckingham die Abfahrt zu leiten. Er trieb die Strenge ſogar ſo weit, daß er in Eng⸗ land den Botſchafter von Dänemark, der ſich bereits ver⸗ abſchiedet hatte, und den gewöhnlichen Botſchafter von Holland zurückhielt, der in den Hafen von Vließlingen die indiſchen Schiffe zurückführen ſollte, welche Carl l. den Vereinigten Niederlanden zurückgegeben hatte. Da er aber ſeinen Befehl erſt fünf Stunden, nach⸗ dem die Sache vorgefallen war, das heißt gegen zwei Uhr Nachmittags erließ, ſo waren bereits zwei Schiffe aus dem Hafen ausgelaufen; das eine führte Mylady, welche das Ereigniß vermuthete und in ihrem Glauben noch be⸗ ſtätigt wurde, als ſie ſah, daß ſich die ſchwarze Flagge auf dem Admiral⸗Schiffe entwickelte. Wen das zweite Schiff führte und wie es hinauskam, werden wir ſpäter mittheilen. Während dieſer Zeit ging nichts Neues im Lager von La Rochelle vor. Nur beſchloß der Koͤnig, der ſich wie immer, im Lager aber vielleicht noch ein wenig mehr als anderswo, langweilte, das Feſt des Heiligen Ludwigs incognito in Saint⸗Germain mitzumachen, und erſuchte den Cardinal, eine Escorte von zwanzig Musketieren für ihn bereit zu halten. Der Cardinal, den die Langweile des Königs manchmal anſteckte, bewilligte mit großem Vergnügen ſeinem königlichen Lieutenant einen Urlaub, und dieſer verſprach ihm am 15ten September zurück zu ein. Von ſeiner Eminenz benachrichtigt, traf Herr von Treville Anſtalt zur Reiſe, und da er, ohne die Urſache zu wiſſen, mit dem lebhaften Verlangen und ſogar dem ge⸗ bieteriſchen Bedürfniß ſeiner Freunde nach Paris zurückzu⸗ kehren, vertraut war, ſo bezeichnete er ſie zur Theilnahme an der Escorte. te, en u⸗ g⸗ er⸗ on die E ch⸗ lhr us be⸗ 89* — —— 31¹ Die vier jungen Leute erfuhren die Neuigkeit eine Viertelſtunde nach Herrn von Treville, denn ſie waren di 355 erſten, denen er ſie mittheilte. Nun wußte dArtagnan die Gunſt zu ſchätzen, die ihm der Cardinal dadurch be⸗ willigt hatte, daß er ihn zu den Musketieren übertreten ließ. Ohne dieſen Umſtand hätte er im Lager zurück⸗ bleiben müſſen, während ſeine Freunde reisten. Es iſt kaum zu bemerken, vaß das ungeduldige Ver⸗ langen, wieder nach Paris zu kommen, von der Furcht vor der Gefahr herrührte, der Madame Bonacieur preis⸗ gegeben ſein müßte, wenn ſie im Kloſter von Bethune mit Mylady ihrer Todtfeindin zuſammen treffen würde. Aramis hatte auch, erwähnter Maßen, unmittelbar an Marie Michon, die Weißnähterin von Tours, geſchrieben, welche ſich ſo ſchoner Bekanntſchaften erfreute, damit ſie von der Königin die Erlaubniß für Madame Bonacieur erwirken möchte, das Kloſter verlaſſen und ſich nach Loth⸗ ringen oder Belgien zurückziehen zu dürfen. Die Antwort ließ nicht lange auf ſich warten und ſchon nach acht bis zehn Tagen hatte Aramis folgenden Brief em⸗ pfangen: „Mein lieber Vetter, Ihr erhaltet hier die Erlaubniß, unſere kleine Dienerin aus dem Kloſter in Bethune zul⸗ rückzuziehen, da ihr Euerer Anſicht nach die Luft daſelbſt nicht zuträglich iſt; meine Schweſter ſchickt Euch dieſe Erlaubniß mit großem Vergnügen, denn ſie liebt das kleine Mädchen gar ſehr, dem ſie in der Folge nützlich zu ſein ſich vorbehält. „Ich umarme Euch. „Marie Michon.“ Dieſem Briefe war eine in folgenden Worten abge⸗ faßte Vollmacht beigefügt: „Die Superiorin des Kloſters in Bethune wird der. Perſon, welche ihr dieſes Billet zuſtellt, die Wovizin über⸗ geben, die auf meine Empfehlung und unter meinem Pa⸗ tronat in ihr Kloſter eingetreten iſt. „Im Louvre am 10ten Auguſt 1628. Anna.“ „Man begreift, wie ſehr die Verwandtſchafts⸗Ver⸗ hältniſſe zwiſchen Aramis und einer Weißnähterin, welche die Königin ihre Schweſter nannte, unſere Freunde belu⸗ ſtigten; aber nachdem Aramis wiederholt bis unter das Weiße der Augen bei den plumpen Späßen von Porthos erröthet war, bat er ſeine Genoſſen, nie mehr zu dieſem Gegenſtand zurückzukehren, und erklärte zugleich, wenn man ihm noch ein Wort hierüber ſagen ſollte, ſo würde er ſeine Baſe nun und nimmermehr als Vermittlerin in ſolchen Angelegenheiten benützen. Es war alſo nicht mehr von Marie Michon unter den vier Musketieren die Rede, welche übrigens in Händen hatten, was ſie haben wollten, nämlich den Befehl, Madame Bonacieux aus dem Kloſter der Karmeliterinnen in Bethune zu nehmen. Dieſer Befehl nützte ihnen aller⸗ dings nicht viel, ſo lange ſie ſich im Lager von La Ro⸗ chelle, das heißt an dem anderen Ende von Frankreich, befanden. Auch war d'Artagnan im Begriff, ſich von Herrn von Treville, unter einfacher Andeutung der Wich⸗ tigkeit ſeiner Abreiſe, einen Urlaub zu erbitten, als ihm wie ſeinen Freunden die Nachricht ertheilt wurde, daß ſich der Koͤnig mit einer Escorte von zwanzig Musketieren, worunter auch ſie, nach Paris begeben würde. Die Freude war groß. Man ſchickte die Bedienten dem Gepäcke voraus und zog am 1ö6ten Morgens ab. Der Cardinal begleitete ſeine Majeſtät von Surgéres bis Maupes, und hier nahmen der Koͤnig und ſein Mi⸗ niſter unter großen Freundſchaftsbetheuerungen pon ein⸗ ander Abſchied. Obgleich der König, welcher Zerſtreuung ſuchte, — 6 5 — ——— ———„ * e 1. 6 8 n v N 8— 8— „ — 313 ſo ſchnell als es ihm möglich war, reiſte, denn er wollte am 23ſten in Paris ſein, hielt er doch von Zeit zu Zeit ſtille, um die Elſter beizen zu ſehen, ein Vergnügen, an dem ihm Herr von Luynes, der erſte Gatte von Frau von Chevreuſe, Geſchmack beigebracht hatte und wofür er ſtets eine große Vorliebe hegte. Von den zwanzig Mus⸗ ketieren freuten ſich immer ſechzehn, wenn dies der Fall war, über die Ruhe, welche dann eintrat, aber vier murr⸗ ten gewaltig. D'Artagnan beſonders hatte ein beſtändiges Summen in den Ohren, was Porthos alſo erklärte: „Eine ſehr vornehme Dame hat mich belehrt, es be⸗ deute dieſes, daß man irgendwo von Dir ſpreche.“ Endlich am 23ſten in der Nacht zog die Escorte durch Paris, der König dankte Herrn von Treville ünd bevollmächtigte ihn, Urlaube auf vier Tage, unter der Bedingung zu ertheilen, daß ſich keiner von den Begün⸗ ſtigten bei Strafe der Baſtille an einem öffentlichen Orte ſehen ließe. Die vier erſten Urlaube, wurden, erhielten, wie ſich leicht denken läßt, unſere vier Freunde. Athos erhielt ſogar ſechs Tage ſtatt vier, und ließ die⸗ ſen ſechs Tagen noch zwei Nächt beifügen, denn ſie rei⸗ ſten am 24ſten Abends fünf Uhr ab, und Herr von Tre⸗ ville ſtellte den Urlaub vom 25ſten Morgens aus. „Ei! mein Gott,“ ſprach d'Artagnan, der bekannt⸗ lich nie an Etwas verzweifelte,„wir machen viel Weſens um eine ganz einfache Sache; wir reiten ein paar Pferde zu Tode, was liegt daran, ich habe Geld; in zwei Ta⸗ gen bin ich in Bethune, überreiche der Superiorin den Brief der Königin und führe den theuern Schatz, den ich ſuche, nicht nach Belgien, nicht nach Lothringen, ſondern nach Paris, wo er beſſer verborgen ſein wird, beſonders ſo lange der Herr Cardinal vor La Rochelle liegt. Sind wir einmal aus dem Felde zurück, ſo erhalten wir von der Königin, hälftig durch die Protectivn ihrer Baſe, —— hälftig für die Dienſte, die wir ihr perſönlich geleiſtet haben, Alles, was wir wollen. Bleibt alſo hier und er⸗, ſchöpft Euch nicht durch unnütze Anſtrengung. Ich und Planchet genügen für eine ſo einfache Expedition.“ Hierauf erwiederte Athos ruhig: „Wir beſitzen auch Geld, denn ich habe den Reſt des Diamants noch nicht ganz vertrunken, und Porthos und Aramis haben ihn noch nicht ganz verſpeiſt. Wir werden alſo eben ſo gut vier Pferde, als eines zu Tode reiten. Aber bedenkt, dArtagnan,“ fügte er mit ſo fin⸗ ſterer Betonung bei, daß dieſep von einem Schauer er⸗ griffen wurde,„bedenkt, daß Bethune eine Stadt iſt, wo der Cardinal einer Frau Renvezvous gegeben hat, welche, wohin ſie auch geht, ſtets das Unglück mit ſich führt. Wenn Ihr nur mit vier Männern zu thun hättet, d'Ar⸗ tagnan, ſo ließe ich Euch allein ziehen. Ihr habt es mit einem Weibe zu thun, ziehen wir zu vier, und möge es Gott gefallen, daß wir mit unſern vier Bedienten die hinreichende Zahl bilden.“ „Ihr erſchreckt mich, Athos!“ rief dArtagnan; „mein Gott! was befürchtet Ihr denn?“ „Alles!“ antwortete Athos. D'Artagnan ſchaute die Geſichter ſeiner Freunde forſchend an, auf denen, wie auf dem Geſichte von Athos, das Gepräge tiefer Unruhe ſcharf hervortrat, und man ſetzte den Ritt in großer Eile, aber ohne ein Wort zu ſprechen, fort. Als ſie am 25ſten in Arras anlangten, und d'Ar⸗ tagnan vor dem Gaſthaus zur goldenen Egge abſtieg, um ein Glas Wein zu trinken, kam ein Reiter aus dem Hofe der Poſt heraus, wo er die Pferde gewechſelt hatte und ſprengte mit verhängtem Zügel auf der Straße nach Paris fort. In dem Augenblicke, wo er durch das große Thor in die Straße ritt, oͤffnete der Wind den Mantel, in den er ſich gehüllt hatte, obgleich man erſt im Monat et r — nd eſt os ir de r⸗ e, de nd m m tte ich ße el, tat —— 31⁵5 Auguſt war, und lüpfte ſeinen Hut, den der Reiſende in der Sekunde, wo er ſich bereits von ſeinem Kopfe ge⸗ trennt, mit der Hand faßte und raſch wieder in die Stirne drückte. D'Artagnan heftete ſeine Blicke auf dieſen Menſchen, erbleichte und ließ ſein Glas fallen. „Was habt Ihr gnädiger Herr 2“ fragte Planchet, Holul herbei meine Herren, meinem Gebieter wird un⸗ wohl!“ Die drei Freunde liefen herbei und fanden d'Artag⸗ nan, der ſtatt ſich übel zu befinden, nach ſeinem Pferde eilte. Sie hielten ihn auf der Schwelle zurück. „Wo, des Teufels, willſt Du denn hin 2“ rief ihm Athos zu. „Er iſt es!“ erwiederte dArtagnan bleich vor Zorn und Schweiß auf der Stirne;„er iſt es, laßt mich, ich muß ihn einholen.“ „Aber, wer iſt es denn?“ „Er! dieſer Menſch!“ „Welcher Menſch?“ „Dieſer verfluchte Menſch, mein böſer Genius, dem ich ſtets begegnete, wenn ich von einem Unglück bedroht war, derjenige, welcher die furchtbare Frau begleitete, als ich ſie zum erſten Male erblickte; derjenige, welchen ich ſuchte, als ich unſern Freund Athos herausforderte; derjenige, welchen ich an demſelben Morgen gewahr wurde, wo man Madame Bonacieur entführte; ich habe ihn geſehen, er iſt es! der Mann von Meung, ich habe ihn wieder erkannt, als der Wind ſeinen Mantel öffnete.“ „Teufel!“ ſprach Athos träumeriſch. „Zu Pferde! meine Herren, zu Pferde! wir wollen ihn verfolgen und werden ihn ſicherlich einholen. „Mein Lieber,“ ſagte Aramis,„bedenkt, daß er auf der entgegengeſetzten Straße von der reitet, die wir einzuſchlagen haben, vaß er ein friſches Pferd hat und daß unſere Pferde ermüdet ſind, daß wir folglich unſere 316 Pferde, ohne die geringſte Hoffnung ihn einzuholen, zu Tode reiten werden. Laſſen wir alſo den Mann, d'Artag⸗ nan, und retten wir die Frau.“ „He, Herr!“ rief ein Stallknecht, der dem Unbe⸗ kannten nachlief.„He, Herr, hier iſt ein Papier, das aus Eurem Hute fiel. He, Herr, he!“ „Mein Freund,“ ſprach d'Artagnan,„eine halbe Pi⸗ ſtole für dieſes Papier.“ „Meiner Treue, Herr, mit dem größten Vergnügen, hier iſt es!“ Entzückt über den guten Tagelohn, den er gemacht hatte, kehrte der Stallknecht in den Hof des Wirthshau⸗ ſes zurück; d'Artagnan entfaltete das Papier. „Nun?“ fragten ſeine Freunde lauſchend. „Ein einziges Wort!“ antwortete dArtagnan. „Ja,“ ſagte Aramis,„aber dieſes Wort iſt der Name einer Stadt.“ „Armentidres,“ las Porthos.„Armentiéres, ich kenne das nicht.“ „Und der Name dieſer Stadt iſt von ihrer Hand ge⸗ ſchrieben.“ „Wir wollen das Papier ſorgfältig bewahren,“ ſprach dArtagnan.„Meine halbe Piſtole iſt vielleicht nicht ver⸗ loren. Zu Pferde, meine Freunde, zu Pferde!“ Und die vier Gefährten ſprengten im Galopp auf der Straße nach Bethune fort. Das Rloſter der Rarmeliterinnen in Pethune. Die großen Verbrecher tragen eine Art von Vorherbeſtimmu mit ſich, durch welche ſie alle Hin⸗ * ————— 317 derniſſe zu überwinden vermögen, die ſie allen Gefahren entgehen läßt, bis zu dem Augenblick, den die Vorſehung als Klippe ihres frevelhaften Glückes bezeichnet hat. Dies war bei Mylady der Fall. Sie fuhr mitten durch die Kreuzer der beiden Nationen und gelangte ohne irgend einen Unfall nach Boulogne. Als ſich Mylady in Portsmouth ausſchiffte, war ſie eine Engländerin, durch die Verfolgungen Frankreichs aus La Rochelle vertrieben. Nach einer zweitägigen Fahrt ſich in Boulogne ausſchiffend, gab ſie ſich für eine Franzöſin aus, welche die Engländer in ihrem Haſſe gegen Frank⸗ reich in Portsmouth mißhandelten. Mylady trug übrigens den wirkſamſten von allen Päſſen mit ſich, ihre Schönheit und die Freigebigkeit, mit der ſie die Piſtolen ausſtreute. Von den gebräuchlichen Formalitäten durch das höfliche Lächeln und die galanten Manieren eines alten Hafengouverneurs befreit, der ihr die Hände küßte, hielt ſie ſich in Boulogne nur ſo lange auf, bis ſie einen in folgenden Worten abgefaßten Brief auf die Poſt gegeben hatte: „An Seine Eminenz, Monſeigneur den Cardinal von Richelieu, im Lager vor La Rochelle. „Monſeigneur, Eure Eminenz mag unbeſorgt ſein. Seine Herrlichkeit, der Herzog von Buckingham wird nicht nach Frankreich abgehen.“ Boulogne den 25. Abends. Mylady**w.“ „N. S. Nach dem Wunſche Eurer Eminenz begeb ich mich in das Kloſter der Karmeliterinnen in Bethune, wo ich weiteren Befehlen entgegenſehe.“ Mylady begab ſich wirklich noch an demſelben Abend auf den Weg. Die Nacht überfiel ſie. Sie ſah ſich genöthigt an⸗ zuhalten und ſchlief in einem Gaſthofe. Am andern Mor⸗ 318 gen um fünf Uhr reiſte ſie wieder ab und hatte nach drei Stunden Bethune erreicht. Sie ließ ſich das Kloſter der Karmeliterinnen zeigen und verfügte ſich ſogleich nach demſelben. Die Superio⸗ rin kam ihr entgegen. Mylady wies ihr den Befehl des Cardinals. Die Aebtiſſin ließ ihr ein Zimmer geben und Frühſtück vorſetzen. Alles Vergangene hatte ſich vor den Augen dieſer Frau verwiſcht, und den Blick auf die Zukunft gerichtet, ſah ſie nur das hohe Glück, das ihr der Cardinal vorbe⸗ hielt, den ſie ſo gut bedient hatte, ohne daß ſein Name in irgend einer Beziehung mit dieſer blutigen Angelegen⸗ heit vermiſcht war. Die ſtets neuen Leidenſchaften, welche ſie verzehrten, gaben ihrem Leben das Ausſehen jener Wolken, die am Himmel aufſteigen, ein Wiederſchein bald von Azur bald von Feuer, bald von der ſchwarzen Farbe des Sturmes find und keine andere Spuren, als die Verwüſtung und den Tod zurücklaſſen. Nach dem Frühſtück machte ihr die Aebtiſſin ihren Beſuch. In dem Kloſter gibt es wenig Zerſtreuungen und es drängte die gute Vorſteherin, bald Bekannt⸗ ſchaft mit ihrer neuen Koſtgängerin anzuknüpfen. Mylady wollte der Aebtiſſin gefallen, und dieß war etwas Leichtes für eine Frau von ſo hervorſtechenden Eigenſchaften. Sie verſuchte es, liebenswürdig zu ſein: ſie war bezaubernd und verführte die Superiorin durch ihr ſo wechſelreiches Geſpräch und durch die über ihre ganze Perſon ausgegoſſene Anmuth. Die Aebtiſſin, eine Tochter aus adeligem Hauſe, liebte beſonders die Hofgeſchichten, welche ſo ſelten bis an das Ende des Koͤnigreichs gelangen und nur mit Mühe die Kloſtermauern überſpringen, an deren Schwelle das Geräuſch der Welt erſtirbt. Mylady dagegen war ſehr auf dem Laufenden mit allen ariſtokratiſchen Intriguen, in deren Mitte ſie fünf — W— v N 2 — — 3¹9 bis ſechs Jahre beſtändig gelebt hatte. Sie fing alſo an, die gure Aebtiſfin mit den weltlichen Ränken und Geſchich⸗ ten des Hofes von Frankreich, vermiſcht mit den über⸗ triebenen Andachtsübungen des Königs zu unterhalten. Sie lieferte ihr die Chronik der Scandale der vornehmen Herren und Damen des Hofes, welche die Aebtiſſin dem Namen nach vollkommen kannte, berührte obenhin die Liebſchaft der Königin mit Buckingham und ſprach viel, damit man ein wenig ſprechen moͤchte. Aber die Aebtiſſin begnügte ſich zu hören und zu lächeln, und antwortete nicht. Da Mylady jedoch ſah, daß dieſe Art von Erzählungen ſie ſehr zu ergötzen ſchien, ſo fuhr ſie fort, ließ jedoch das Geſpräch auf den Cardi⸗ nal übergehen. Dabei gerieth ſie aber in große Verlegenheit, denn ſie wußte nicht, ob die Aebtiſſin Royaliſtin oder Cardi⸗ naliſtin war. Sie hielt ſich deßhalb in einer klugen Mitte. Aber die Aebtiſſin, welche ihrerſeits eine noch klügere Zu⸗ rückhaltung beobachtete, beſchränkte ſich varauf, eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe zu machen, ſo oft die Rei⸗ ſende den Namen ſeiner Eminenz ausſprach. Mylady fing an zu glauben, ſie würde ſich in dieſem Kloſter gewaltig langweilen. Sie beſchloß daher, etwas zu wagen, um ſogleich zu erfahren, woran ſie ſich zu hal⸗ ten hätte. Da ſie wiſſen wollte, wie weit die Discretion der Aebtiſſin ging, ſo fing ſie an, auf eine zuerſt ſehr verkleidete Weiſe Schlimmes von dem Cardinal zu ſprechen; dann rückte ſie näher und erzählte von den Liebſchaften des Miniſters mit Frau von Aiguil⸗ lon, mit Marion de Lorme und einigen andern galanten Frauen. Die Aebtiſſin hörte aufmerkſam zu, belebte ſich all⸗ mählig und lächelte. „Gut,“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt,„ſie findet Ge⸗ ſchmack an meiner Unterhaltung. Iſt ſie eine Cardina⸗ ſo treibt ſie es wenigſtens nicht auf eine fanatiſche eiſe.“ Dann ging ſie auf die Verfolgung über, welche ſich der Cardinal gegen ſeine Feinde zu Schulden kommen ließ. Die Aebtiſſin beſchränkte ſich darauf, ſich zu be⸗ kreuzen, ohne zu billigen oder zu mißbilligen. Dies beſtätigte Mylady in ihrer Meinung, daß die Nonne mehr Royaliſtin als Cardinaliſtin war. Mylady fuhr immer mehr ſteigernd fort. „Ich bin ſehr unwiſſend in allen dieſen Verhält⸗ niſſen,“ ſagte die Aebtiſſin endlich,„aber wie ferne wir auch vom Hofe leben, wie ſehr wir auch außerhalb der weltlichen Intereſſen geſtellt ſind, ſo haben wir doch äu⸗ ßerſt traurige Beiſpiele von der Wahrheit deſſen, was Ihr uns da erzählt, und eine von unſern Koſtgängerinnen hat viel unter der Rache uud den Verfolgungen des Herrn Cardinals gelitten. „Eine von Euren Koſtgängerinnen?“ fragte My⸗ lady.„O mein Gott! arme Frau! wie ſehr beklage ich ſie!“ „Und Ihr habt Recht, denn ſie iſt ſehr zu bekla⸗ gen. Gefängniß, Drohungen, Mißhandlungen, Alles mußte ſie ausſtehen. Aber im Ganzen,“ verſetzte die Aeb⸗ tiſſin„hatte der Herr Cardinal vielleicht triftige Gründe ſo zu handeln, und obgleich ſie wie ein Engel ausſieht, ſo darf man die Menſchen doch nicht nach ihrem Ge⸗ ſichte beurtheilen.“ „Gut,“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt,„wer weiß, ich entdeke vielleicht hier etwas. Und ſie verlieh ihren Zügen einen Ausdruck vollkom⸗ mener Unſchuld. „Ach, ich weiß wohl,“ ſprach Mylady,„man ſagt, es ſei den Phyſiogonomien nicht zu trauen. Aber wem ſoll man denn Glauben ſchenken, wenn nicht dem ſchö⸗ nen Werke des Herrn? Ich, was mich betrifft, werde mein ganzes Leben getäuſcht werden; doch ſtets wer fühl ſchu brec die zudr We fra hieh ſetzt derr pfie fän irge reic nen dür gän ſuc Die ſche ſich men be⸗ die ady ält⸗ wir der äu⸗ Ihr hat errn My⸗ lage kla⸗ lles Aeb⸗ ünde ieht, Ge⸗ ich kom⸗ ſagt, wem ſchöͤ⸗ erde ſtets — werde ich einer Perſon trauen, deren Geſicht mir Mitge⸗ fühl einflößt.“ „Ihr ſeid alſo verſucht, dieſe junge Frau für un⸗ ſchuldig zu halten?“ fragte die Aebtiſſin. „Der Herr Cardinal beſtraft nicht allein die Ver⸗ brechen,“ erwiederte Mylady;„es gibt gewiſſe Tugenden, die er noch heftiger verfolgt, als gewiſſe Frevel.“ „Erlaubt mir, Madame, Euch mein Erſtaunen aus⸗ zudrücken,“ ſagte die Aebtiſſin. „Und worüber?“ fragte Mylady auf eine naive Weiſe. „Ueber die Sprache, die Ihr führt.“ „Was findet ihr denn Wunderbares in dieſer Sprache?“ fragte Mylady lächelnd. „Ihr ſeid die Freundin des Cardinals, da er Euch hieher ſchickt, und dennoch„ „Und dennoch ſpreche ich Schlimmes von ihm,“ ver⸗ ſetzte Mylady, den Gedanken der Superiorin vollendend. „Wenigſtens ſagt Ihr nichts Gutes von ihm.“ „Dies geſchieht, weil ich nicht ſeine Freundin, ſon⸗ dern ſein Opfer bin,“ erwiederte ſie ſeufzend. „Doch dieſer Brief, durch den er Euch mir em⸗ pfiehlt„ „Iſt ein Befehl für mich, in einer Art von Ge⸗ füngniß zu verharren, bis er mich durch ſeine Schergen..“ „Aber warum habt Ihr Euch nicht geflüchtet?“ „Wohin ſollte ich gehen? Glaubt Ihr, es gäbe irgend einen Ort der Erde, wohin der Cardinal nicht reichen könnte, wenn er ſich die Mühe geben will, ſei⸗ nen Arm auszuſtrecken? Wäre ich ein Mann, ſo dürfte dies noch möglich ſein, aber eine Fraul! Was ſoll ich als Frau machen? Hat die junge Koſt⸗ ſiuhen, die Ihr bei Euch habt, zu entfliehen ver⸗ ucht?“ „Nein, das iſt wahr; doch bei ihr iſt es etwas Die drei Musketiere. m. 2¹ 322 Anderes. Sie wird, wie ich glaube, durch irgend eine Liebſchaft in Frankreich zurückgehalten.“ „Wenn ſie liebt,“ ſprach Mylady mit einem Seufzer, „iſt ſie nicht ganz unglücklich.“ „Alſo ſehe ich,“ fragte die Aebtiſſin, und ſchaute Mylady mit wachſender Theilnahme an,„alſo ſehe ich abermals eine arme Verfolgte vor mir?“ „Ach ja,“ antwortete Mylady. Die Aebtiſſin betrachte Mylady einen Augenblick mit großer Unruhe, als ob ein neuer Gedanke in ihrem Geiſte rege geworden wäre. „Ihr ſeid keine Feindin unſeres heiligen Glaubens,“ ſprach ſie ſtammelnd. „Ich rief Mylady,„ich eine Proteſtantin? Oh nein! ich rufe Gott zum Zeugen an, daß ich im Gegen⸗ theil eine eifrige Katholikin bin.“ .„Dann, Madame,“ ſprach die Aebtiſſin lächelnd, „dann möget Ihr Euch beruhigen; denn das Haus, in welchem Ihr Euch befindet, ſoll kein harter Kerker für Euch ſein, und wir werden Alles thun, was in unſern Kräften liegt, um Eure Gefangenſchaft angenehm zu machen. Ueberdieß findet Ihr hier die junge Frau, welche ohne Zweifel wegen einer Hofintrigue verfolgt wird. Sie iſi liebenswürdig, anmuthig, und wird Euch gefallen.“ „Wie heißt ſie?“ „Sie iſt mir von einer ſehr hochgeſtellten Perſon unter dem Namen Ketty empfohlen worden. Ich habe ihren andern Namen nicht zu erfahren geſucht.“ „Ketty!“ rief Mylady.„Seid Ihr deſſen gewiß?“ „Daß ſie ſich ſo nennen läßt? Ja, Madame. Solltet Ihr ſie etwa kennen?“ Mylady lächelte bei dem Gedanken, dieſe junge Frau könnte ihre ehemalige Zofe ſein. In die Erinnerung an dieſes Mädchen miſchte ſich eine Erinnerung des Zorns, und die Rachgier verſtörte ſchnell die Züge von Mylady, welche jedoch beinahe in demſelben Augenblicke den ru⸗ hige dieſe vor wele frag heut ſagt müß Zur weck welc rige behr Ane Tag durc ſtrer Ruh ſich, türl erin unbe glüc ſom ihre wen und wier muf die eine fzer, aute ich mit eiſte ens,“ O5 egen⸗ elnd, in für nſern zu velche Sie . . erſon habe iß olltet Frau an n lady, n ru⸗ 323 higen, wohlwollenden Ausdruck wieder annahmen, den dieſe Frau mit den hundert Geſichtern ihrem Geſichte zu⸗ vor verliehen hatte. „Und wann könnte ich dieſe junge Dame ſehen, für welche ich bereits eine ſo große Sympathie in mir fühle?“ fragte Mylady. „Dieſen Abend,“ erwiederte die Aebtiſſin,„noch heute. Aber ihr reiſt ſeit vier Tagen, wie Ihr mir ſelbft ſagt, ſeid dieſen Morgen um fünf Uhr aufgeſtanden und müßt der Ruhe bedürfen. Legt Euch nieder und ſchlaft. Zur Stunde des Mittagseſſen werden wir Euch er⸗ wecken.“ Obgleich Mylady, unterſtützt durch alle Aufregungen, welche ein neues Abenteuer in ihrem nach Intriguen gie⸗ rigen Gemüthe erzeugte, leicht des Schlafens hätte ent⸗ behren konnen, ſo nahm ſie doch nichtsdeſtoweniger das Anerbieten der Superiorin an. Seit zehn bis vierzehn Tagen hatte ſie ſo verſchiedenartige Gemüthsbewegungen durchlebt, daß, wenn auch ihr eiſerner Koͤrper die An⸗ ſtrengungen zu ertragen vermochte, ihre Seele doch der Ruhe bedurfte. Sie nahm alſo von der Aebtiſſin Abſchied und legte ſich, ſanft gewiegt durch Rachegedanken, auf die ſie na⸗ türlich der Name Ketty gebracht hatte, zu Bette. Sie erinnerte ſich des von dem Cardinal ihr geleiſteten, beinahe unbegrenzten Verſprechens, falls ſie ihre Unternehmungen glücklich zu Ende führen ſollte. Es war ihr geglückt und ſomit konnte ſie ſich an d'Artagnan rächen. Eines jedoch erſchreckte Mylady, das Andenken an ihren Gatten, den Grafen La Feére, den ſie todt oder wenigſtens aus dem Vaterlande entfernt geglaubt hatte und in Athos, dem beſten Freunde von dArtagnan, wiederfand. Aber wenn er der Freund von d»Artagnan war, ſo mußte er ihm auch in allen ſeinen Hanvlungen, durch die er den Plan Seiner Eminenz vereitelt hatit Beiſtand geleiſtet haben; wenn er der Freund von dArtagnan war, ſo war er der Feind des Cardinals, und ohne Zweifel würde es ihr gelingen, ihn in daſſelbe Rachewerk zu ver⸗ ſtricken, in welchem der junge Musketier ſeinen Untergang finden ſollte. Alle ihre Ausſichten waren angenehme Gedanken für t Sanft von dieſen gewiegt, entſchlummerte ſie ald. Sie wurde durch eine weiche Stimme erweckt, die an dem Fuße ihres Bettes ertönte. Mylady öffnete die Augen und ſah die Aebtiſſin in Begleitung einer jungen Frau mit blonden Haaren und zurtem Teint, welche einen Blick voll wohlwollender Neugierde auf ſie heftete. Das Geſicht dieſer jungen Frau war ihr völlig un⸗ pekannt. Beide ſchauten ſich prüfend und mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit an, während ſie die üblichen Höflichkeiten austauſchten. Beide waren ſehr ſchön, aber von verſchie⸗ denartiger Schönheit. Mylady lächelte jedoch, als ſie erkannte, daß ſie bei Weitem den Sieg über die junge Frau in Vornehmheit des Ausſehens und ariſtokratiſchen Ranieren davon trug. Allerdings iſt das Novizenkleid, in welchem die junge Frau erſchien, nicht ſehr vortheil⸗ haft, um einen Streit dieſer Art auszuhalten. Die Aebtiſſin ſtellte ſie einander vor, und nachdem vieſer Förmlichkeit Genüge geleiſtet war, ließ ſie die beiden jungen Frauen, durch ihre Pflichten nach der Kirche ge⸗ rufen, allein. Da die Novize ſah, daß Mylady im Bette lag, ſo wollte ſie der Superiorin folgen; aber Mylady hielt ſie zurück. „Wie, Madame,“ ſprach ſie,„kaum habe ich Euch erblickt, und Ihr wollt mich bereits wieder Eurer Ge⸗ genwart berauben, auf die ich, ich geſtehe es, für die Dauer meiner Anweſenheit an dieſem Orte ein wenig rechnete.“ glat ſchli Mer Die nach und Bet Ich ſoll ſche Kli von war, eifel ver⸗ gang für e ſie die die ngen einen un⸗ licher keiten ſchie⸗ s ſie junge iſchen kleid, theil⸗ chdem beiden e ge⸗ 8, ſo lt ſie Euch r Ge⸗ die wenig 325 „Nein, Madame,“ antwortete die Novizin,„ich glaubte nur, die Zeit ſchlecht gewählt zu haben. Ihr ſchlieft, Ihr ſeid müde.“ „Wohl,“ erwiederte Mylady,„was können ſchlafende Menſchen Beſſeres erwarten, als ein gutes Erwachen? Dieſes Erwachen habt Ihr mir gegeben. Laßt es mich nach meinem Wohlgefallen genießen.“ Und hierauf nahm ſie die junge Frau bei der Hand und zog ſie nach einem Stuhle, der in der Nähe ihres Bettes ſtand. Die Novizin ſetzte ſich. „Mein Gott,“ ſprach ſie,„wie unglücklich bin ich! Ich befinde mich nun ſechs Monate hier ohne einen Schatten von Zerſtreuung; Ihr kommt; Eure Gegenwart ſollte für mich eine liebliche Gefährtin ſein, und wahr⸗ ſcheinlich habe ich nun in den nächſten Augenblicken das Kloſter zu verlaſſen.“ „Wie 2“ ſprach Mylady,„Ihr geht alſo ſo bald von hier?“ „Wenigſtens hoffe ich es,“ erwiederte die Novizin mit einem freudigen Ausdrucke, den ſie nicht im Minde⸗ ſten zu verbergen bemüht war. „Ihr habt, wie ich höre, durch den Cardinal gelit⸗ ten,“ fuhr Mylady fort.„Das iſt ein weiterer Grund der Sympathie zwiſchen uns.“ „Alſo iſt das, was mir unſre gute Mutter geſagt hat, eine Wahrheit? Ihr ſeid ebenfalls ein Opfer des Cardinals?“ „Stille,“ entgegnete Mylady,„ſelbſt hier dürfen wir nicht ſo von ihm ſprechen. Mein ganzes Unglück fommt davon her, daß ungefähr das, was Ihr ſo eben ſagtet, in Gegenwart einer Frau äußerte, die ich für meine Freundin hielt und die mich berrieh. Und Ihr, ſeid Ihr auch das Opfer eines Verraths?“ „Nein,“ antwortete die Novizin,„ſondern meiner Anhänglichkeit an eine Frau, die ich liebte, für die ich 326 das Leben hingegeben hätte, für die ich es noch hinge⸗ ben würde.“ „Und die Euch verlaſſen hat, nicht wahr?“ „Ich war ſo ungerecht, dies zu glauben; aber ſeit ein paar Tagen habe ich den Beweis vom Gegentheil er⸗ langt und danke Gott dafür. Es würde mich das Leben gekoſtet haben, wenn ich hätte glauben müſſen, ich wäre ganz und gar von ihr vergeſſen worden. Aber Ihr, Ma⸗ dame,“ fuhr die Novizin fort,„es ſcheint mir, Ihr ſeid frei, und wenn Ihr fliehen wolltet, ſo würde es nur von Euch abhängen.“ „Wohin ſoll ich gehen, ohne Freunde, ohne Geld, in einer Gegend von Frankreich, die ich nicht kenne, W „Oh!“ rief die Novizin,„was die Freunde betrifft, Ihr werdet ſie überall finden, wo ihr wollt, denn Ihr ſcheint ſo gut zu ſein, und ſeid ſo ſchön!“ „Darum bin ich nicht minder allein verfolgt,“ fügte Mylady bei und verſüßte ihr Lächeln, daß es einen wahr⸗ haft engeliſchen Ausdruck annahm. „Hört,“ ſprach die Novizin,„man muß die Hoff⸗ nung auf den Himmel nicht aufgeben. Seht, es kommt immer ein Augenblick, wo das Gute, was wir gethan haben, vor Gott für unſere Sache ſpricht, und es iſt vielleicht ein Glück für Euch, daß Ihr, ſo niedrig auch meine Stellung iſt, ſo wenig ich Macht beſitze, mich ge⸗ troffen habt, denn wenn ich dieſen Ort verlaſſe, nun, dann werde ich einige mächtige Freunde haben, die, nachdem ſie für mich in's Feld gezogen ſind, auch für Euch zu Felde ziehen können.“ „Oh! wenn ich ſagte, ich wäre allein,“ erwiederte Mylady, in der Hoffnung, die Novizin zum Sprechen zu bringen, wenn ſie ſelbſt ſprechen würde,„ſo äußerte ich dieß nicht, weil ich nicht auch einige hohe Bekanntſchaf⸗ ten habe, ſondern weil dieſe Bekanntſchaften vor dem Car⸗ dingl zittern. Die Königin ſelber wagt es nicht, mir ge⸗ ige⸗ ſeit er⸗ eben äre Ma⸗ ſeid von zeld, nne, rifft, Ihr ügte ahr⸗ off⸗ mmt than s iſt auch ge⸗ nun, die, für erte nzu ich haf⸗ Far⸗ ge⸗ 327 gen dieſen furchtbaren Miniſter beizuſtehen, und ich habe den Beweis, daß Ihre Majeſtät, trotz ihres vortrefflichen Herzens, mehr als einmal genöthigt geweſen iſt, die Per⸗ ſonen, welche ihr Dienſte geleiſtet hatten, dem Zorne Seiner Eminenz preiszugeben.“ „Glaubt mir, Madame, es kann bei der Königin den Anſchein haben, als hätte ſie dieſe Perſonen ver⸗ laſſen, aber man muß dem Scheine nicht glauben; je mehr ſie verfolgt werden, deſto mehr denkt Ihre Majeſtät an dieſelben, und oft in dem Augenblicke, wo ſie wäh⸗ nen, die Königin denke am wenigſten an ſie, erhalten ſie den Beweis einer herzlichen Erinnerung.“ „Ach! ich glaube es wohl,“ ſprach Mylady.„Die Königin iſt ſo gut!“ „Ihr kennt ſie alſo, dieſe ſchöne und edle Köni⸗ gin, da Ihr ſo von ihr ſprecht!“ rief die Novizin be⸗ geiſtert. „Das heißt,“ verſetzte Mylady, in ihren Verſchan⸗ zungen bedrängt,„ich habe nicht die Ehre, ſie perſön⸗ lich zu kennen, aber ich kenne viele von ihren vertraute⸗ ſten Freunden. Ich kenne Herrn von Putange; ich habe in England Herrn Dujart kennen gelernt; ich kenne Herrn von Treville.“ „Herrn von Treville!“ rief die Novizin,„Ihr kennt Herrn von Treville?“ „Ja vollkommen, ſehr gut ſogar.“ „Den Kapitän der Musketiere des Königs 2“ „Den Kapitän der Musketiere des Königs.“ „Oh! nun werdet Ihr ſehen,“ ſprach die Novizin, „daß wir ſogleich ganz gut mit einander bekannt, ja bei⸗ nahe Freundinnen ſein werden. Wenn Ihr Herrn von Treville kennt, ſo müßt Ihr in ſeinem Hauſe geweſen ſein.“ „Oft,“ antwortete Mylady, welche die Lüge bis zum Ende führen wollte, als ſie bemerkte, daß ſie auf dieſem Wege zum Ziele kam. 328 „Ihr müßt bei ihm einige von ſeinen Musketieren kei geſehen haben?“ ker „Alle diejenigen, welche er gewöhnlich empfängt,“ ta erwiederte Mylady, ſür welche dieſes Geſpräch ein wirk⸗ liches Intereſſe zu gewinnen anfing. zer „Nennt mir einige von denen, die Ihr kennt, und de Ihr werdet ſehen, daß ſie zu meinen Freunden gehören.“ „Ich kenne,“ ſprach Mylady etwas verlegen,„ich„ de kenne Herrn von Louvignh, Herrn von Courtivon, Herrn von Feruſſac.“ ket Die Novizin ließ ſie ausſprechen; als ſie aber ſah, daß Mylady inne hielt, ſo fragte ſie; de „Kennt Ihr nicht einen Edelmann, Namens Athos?“ Mylady wurde ſo bleich, wie die Leintücher, in„ denen ſie lag, und konnte ſich, ſo ſehr ſie ſich auch zu beherrſchen wußte, eines Schreis nicht enthalten, wäh⸗ lat rend ſie die Novizin bei der Hand faßte und mit dem Blicke verſchlang.. „Wie? was habt Ihr? Oh! mein Gott,“ fragte die arme junge Frau,„habe ich etwas geſagt, was Euch verletzte?“ zu „Nein, aber der Name iſt mir aufgefallen, weil ich dieſen Mann ebenfalls kenne und weil es mir ſeltſam vorkommt, daß ich Jemand finde, der ſo genau mit ihMm bu bekannt iſt.“ „O ja, ſehr genau bekannt, und zwar nicht allein ſo mit ihm, ſondern auch mit ſeinen Freunden, den Herren an Aramis und Porthos.“ jet „In der That? Auch ſie kenne ich,“ rief M⸗ he welche eine eiſige Kälte in ihr Herz dringen 3 ühlte. 1 „Nun, wenn Ihr ſie kennt, ſo müßt Ihr wiſſen, daß faä es gute und hrave Kameraden ſind. Warum wendei Ihr we Euch nicht an ſie, wenn Ihr der Hülfe bedürft?“ „Das heißt,“ ſtammelte Mylady,„ich ſtehe in ren ,4 irk⸗ und ich rrn 24 in zu äh⸗ em gte veil am hm ein ren 329 keiner wirklichen Verbindung mit einem von ihnen. Ich kenne ſie, weil ich einen von ihren Freunden, Herrn dAr⸗ tagnan, von ihnen ſprechen hörte.“ „Ihr kennt alſo Herrn d'Artagnan!“ rief die Novi⸗ zen, ebenfalls die Hände von Mylady faſſend und ſie mit den Augen verſchlingend. 5 Dann ſagte ſie, als ſie den ſeltſamen Ausdruck in dem Blicke Mylady's gewahr wurde: „Um Vergebung, Madame, in welcher Eigenſchaft kennt Ihr ihn 7“ „Wie meint Ihr?“ ſprach Mylady verlegen.„In der Eigenſchaft eines Freundes.“ „Ihr täuſcht mich, Madame,“ verſetzte die Novizen, „Ihr ſeid ſeine Geliebte geweſen!“ „Ihr ſeid es geweſen, Madame,“ entgegnete My⸗ ady, „Ich!“ rief die Novizin. „O ja, Ihr; ich kenne Euch jetzt. Ihr ſeid Ma⸗ dame Bonacieux. junge Frau wich voll Staunen und Schrecken zurück. „Oh! leugnet nicht, antwortet,“ ſprach Mylady. „Nun ja, Madame, ich liebe ihn. Sind wir Neben⸗ buhlerinnen?“ Das Geſicht von Mylady beleuchtete ſich mit einem ſo wilden Feuer, daß Madame Bonacieur unter allen andern Umſtänden von Angſt erfüllt entflohen wäre; aber jetzt wurde ſie einzig und allein durch die Eiferſucht be⸗ herrſcht. h „Sprecht, laßt hören, Madame,“ fuhr Madame Bonacieur mit einer Energie fort, der ſie gar nicht fähig zu ſein ſchien.„Seid Ihr ſeine Geliebte ge⸗ weſen?“* „Oh! nein!“ rief Mylady mit einer Betonung, die keinen Zweifel an der Wahrheit deſſen, was ſie ſagte, übrig ließ.„Nie! nie!“ „ 330 „Ich glaube Euch,“ ſprach Madame Bonacieur, „aber warum dieſer Schrei?“ „Wie, Ihr begreift nicht,“ ſagte Mylady, welche ſich von ihrer Unruhe erholt und ihre ganze Geiſtesgegen⸗ wart wieder gewonnen hatte. „Wie ſoll ich begreifen? ich weiß nichts.“ „Ihr begreift nicht, daß d'Artagnan, der mein Freund war, mich zu ſeiner Vertrauten gewählt hatte?“ „Wirklich?“ „Ihr begreift nicht, daß ich Alles weiß, Eure Ent⸗ führung aus dem kleinen Hauſe in St. Germain, ſeine Verzweiflung, die ſeiner Freunde, ihre Nachforſchungen ſeit jenem Augenblick? Und ich ſoll nicht ſtaunen, wenn ich mich, ohne es zu vermuthen, in der Nähe von Euch befinde, von Euch, von der wir ſo oft mit einander ge⸗ ſprochen haben, von Euch, die er mit der ganzen Macht ſeiner Seele liebt, von Euch, die er mich lieben machte, ehe ich Euch geſehen hatte! Ah! theure Conſtance, end⸗ lich, endlich finde ich Euch!“ Und Mylady ſtreckte ihre Arme nach Madame Bo⸗ nacieux aus, welche nunmehr überzeugt in dieſer Frau, die ſie einen Augenblick vorher für ihre Nebenbuhlerin ge⸗ halten hatte, jetzt einzig und allein eine ergebene und auf⸗ richtige Freundin erblickte. „Oh! vergebt mir! vergebt mir!“ ſagte ſie und ſank auf ihre Schulter,„ich liebe ihn ſo ſehr!“ Die zwei Frauen hielten ſich einen Augenblick um⸗ armt. Wenn die Kräfte von Mylady ihrem Haſſe gleich⸗ gekommen wären, ſo würde dieſe Umarmung nur mit dem Tode von Madame Bonacieur geendigt haben. Aber da ſie die junge Frau nicht erſticken konnte, ſo lächelte ſie ihr zu. „Oh! theure, ſchone Kleine,“ ſagte Mylady,„wie glücklich bin ich, Euch zu ſehen. Laßt mich Euch an⸗ ſchauen.“ Und bei dieſen Worten verſchlang ſie die Novi⸗ zin wirklich mit ihren Blicken.„Ja, Ihr ſeid es. Nach he n⸗ nd t⸗ ne en nn ch e⸗ te, d⸗ o⸗ f⸗ —— 331 dem, was er mir von Euch geſagt hat, erkenne ich Euch zu dieſer Stunde, ich erkenne Euch vollkommen.“ Die arme junge Frau konnte nicht ahnen, was Grau⸗ ſames hinter dem Walle dieſer reinen Stirne, hinter die⸗ ſen blinzelnden Augen vorging, worin ſie nur das Intereſſe des Mitleids las. „Ihr wißt alſo, was ich gelitten habe,“ ſprach Ma⸗ dame Banacieur,„da er Euch ſein Leiden mitgetheilt hat. Aber für ihn dulden iſt Glück.“ Mylady wiederholte mechaniſch: „Ja, das iſt Glück.“ Sie dachte an etwas Anderes. „Und dann,“ fuhr Madame Bonacieur fort,„mein Unglück iſt ſeinem Ende nahe: morgen, dieſen Abend vielleicht werde ich ihn wiederſehen, und dann beſteht die Vergangenheit nicht mehr für mich.“ „Dieſen Abend? morgen?“ rief Mylady, durch dieſe Worte ihrer Träumerei entriſſen.„Was wollt Ihr da⸗ mit ſagen? Erwartet Ihr vielleicht Nachricht von ihm?“ „Ich erwarte ihn ſelbſt.“ „Ihn ſelbſt! D'Artagnan hier!“ „Ihn ſelbſt.“ „Das iſt unmöglich! Er befindet ſich mit dem Car⸗ dinal bei der Belagerung von La Rochelle und wird erſt nach der Einnahme der Stadt nach Paris zurückkehren.“ „Ihr glaubt dies, aber ſagt: iſt meinem d'Artag⸗ nan, dieſem trefflichen und loyalen Edelmanne, etwas unmoglich?“ „Ah! ich kann es nicht glauben.“ „Nun, ſo leſt doch,“ ſprach im Uebermaße ihrer Freude und ihres Stolzes die unglückliche junge Frau und überreichte Mylady den Brief. „Die Handſchrift von Frau von Chevreuſe!“ ſagte Mylady zu ſich ſelbſt.„Ich war überzeugt, daß mit die⸗ ſer ein Einverſtändniß ſtattfand.“ Und ſie las mit gierigen Blicken folgende Zeilen: 332 „Mein liebes Kind, haltet Euch bereit. Unſer Freund wird Euch bald beſuchen, und zwar nur, um Euch dem Gefängniſſe zu entreißen, wo Ihr Euch Eurer Sicherheit wegen verborgen halten mußtet. Trefft Eure Vorkehrungen zur Reiſe und verzweifelt nie an uns. „Unſer vortrefflicher Gascogner hat ſich ſo eben wieder brav und getreu gezeigt, wie immer. Sagt ihm, daß man ihm irgendwo für den Rath, den er ertheilt, ſehr dankbar ſei.“ „Ja, ja,“ ſprach Mylady,„ja dieſer Brief iſt genau. Wißt Ihr vielleicht, worin dieſer Rath beſteht?“ „Nein; ich vermuthe nur, daß er die Königin von irgend einer Machination des Cardinals benachrich⸗ tigt hat.“ „Ja, ſo iſt es ohne Zweifel,“ erwiederte Mylady, gab den Brief Madame Bonacieur zurück und ließ ihr nachdenkendes Haupt auf die Bruſt ſinken. In dieſem Augenblick hoͤrte man den Galopp eines Pferdes. „Oh!“ rief Madame Bonacleur, an das Fenſter ſtürzend,„ſollte er es ſein?“ Mylady war vor Erſtaunen in Stein verwandelt in dem Bette geblieben. Es begegneten ihr plötzlich ſo viele unerwartete Dinge, daß ſie zum erſten Male den Kopf verlor. „Er! er!“ murmelte ſie,„ollte er es ſein?“ Und ſie verharrte mit ſtarren Augen in ihrem Bette. „Ach! nein,“ ſprach Madame Bonacieur,„es iſt ein Mann, den ich nicht kenne. Es ſcheint, er kommt hierher;z er reitet langſamer— er hält vor der Thüre— er läutet.“ Mylady ſprang aus dem Bette. „Seid Ihr gewiß, daß er es nicht iſt?“ ſagte ſie. „O ja, ganz gewiß.“ „Ihr habt vieileicht ſchlecht geſehen?“ ſei fü er m re en m, lt, u. on ch⸗ dy, ihr nes ſter in den Und iſt nmt ſie. geöffnet und es erſchien ein Mann. 333 „Oh! ich würde ihn erkennen, wenn ich nur die Feder ſeines Hutes, das Ende ſeines Mantels erblickte.“ Mylady kleidete ſich fortwährend an. „Gleich viel, Ihr ſagt, dieſer Mann komme hieher?“ „Ja, er iſt bereits in das Kloſter eingetreten.“ „Das geſchieht entweder Euret⸗ oder meinetwegen.“ „O mein Gott! wie aufgeregt ſeht Ihr aus!“ „Ja, ich geſtehe, ich hege nicht Euer Vertrauen, ich fürchte Alles von dem Cardinal!“ „Stille!“ ſagte Madame Bonacieur,„man kommt.“ Die Thüre öffnete ſich wirklich und die Aebtiſſin trat ein. „Kommt Ihr vor Boulogne?“ fragte ſie My⸗ ady. „Allerdings,“ antwortete dieſe, indem ſie ihre wieder zu erlangen ſuchte.„Wer fragt nach mir?“ „Ein Mann, der ſeinen Namen nicht nenſen will, aber von dem Cardinal kommt.“ „Und mich ſprechen will?“ ſagte Mylady. „Der eine Dame ſprechen will, welche von Boulogne eingetroffen ſein ſoll.“ „Dann laßt ihn eintreten, Madame!“ „Oh! mein Gott, mein Gott!“ rief Madame Bo⸗ nacieur,„ſollte es eine ſchlimme Kunde ſein?“ „Ich befürchte es.“ „Ich laſſe Euch mit dieſem Fremden allein; aber ſobald er ſich entfernt hat, kehre ich mit Eurer Erkaubniß wieder zurück.“ „Ich bitte Euch darum.“ Die Aebtiſſin und Madame Bonacieur verließen das Zimmer. Mylady blieb, die Augen auf die Thäre geheftet, allein. Bald hörte man auf der Treppe das Klirren von Sporen. Dann näherten ſich Tritte; es wurde die Thüre 334 Mylaby ſtieß einen Freudenſchrei aus. Dieſer Mann war der Graf von Rochefort, die ergebenſte Seele Seiner Eminenz. XXX. Zwei Varietäten von Teufeln. Ah!“ riefen zu gleicher Zeit Rochefort und Mylady, „Ihr ſeid es?“ „Ja, ich bin es?“ „Und Ihr kommt?“ fragte Mhlady. „Von La Rochelle.— Und Ihr?“ „Von England.“ „Buckingham?“ „Todt oder gefährlich verwundet. Als ich abreiste, ohne etwas von ihm erlangen zu können, ermordete ihn ein Fanatiker.“ „Ah,“ ſprach Rochefort lächelnd,„das iſt ein äußerſt glücklicher Zufall, worüber ſich Seine Eminenz ungemein freuen wird. Habt Ihr ihn davon in Kenntniß geſetzt?“ „Ich habe ihn von Boulogne aus geſchrieben. Aber wie kommt Ihr hieher?“ „Seine Eminenz war in Unruhe, und ſchickte mich aus, um Euch zu ſuchen.“ „Ich bin erſt geſtern hier angekommen.“ „Und was habt Ihr ſeit geſtern gemacht?“ „Ich habe meine Zeit nicht verloren.“ „Ol das kann ich mir wohl denken.“ „Wißt Ihr, wen ich hier getroffen habe 2* „Nein.“ niſ ian Be wor Abe ann ner dy, te, ihn erſt ein 2 ber Abgange herauf kam und mir mit Gewalt den Geleits⸗ 395 „Wie ſoll ich?“ „Die junge Frau, welche die Königin dem Gefäng⸗ niſſe entriſſen hat.“ „Die Geliebte des kleinen dArtagnan?“ „Ja, Madame Bonacieux, deren Zufluchtsſtätte der Cardinal nicht kannte.“ „Nun,“ ſprach Rochefort,„das iſt abermals ein Zufall, der dem andern die Stange halten kann. Der Herr Cardinal iſt in der That ein vom Glücke privile⸗ girter Mann.“ „Koͤnnt Ihr Euch mein Erſtaunen denken,“ fuhr Mylady fort,„als ich mich dieſer Frau gegenüber fand?2“ Kennt ſie Euch?“ „Nein.“ „Dann hält ſie Euch für eine Fremde?“ Mylady lächelte.„Ich bin ihre beſte Freundin.“ „Bei meiner Ehre!“ ſprach Rochefort,„nur Ihr, meine liebe Gräfin, könnt folche Wunder bewirken.“ „Es geſchah zur rechten Zeit, Chevalier,“ ſagte My⸗ lady;„denn wißt Ihr, was vorgeht?“ „Nein.“ „Man will ſie morgen oder übermorgen mit einem Befehle der Königin holen.“ „Wirklich? und wer dieß 2“ „D'Artagnan und ſeine Freunde.“ „In der That? Sie bringen es dahin, daß wir fie in die Baſtille ſchicken müſſen.“ „Warum iſt dieß nicht bereits geſchehen 2“ „Was wollt Ihr? Der Herr Cardinal hat für dieſe Menſchen eine mir ganz unbegreifliche Schwäche.“ „Wirklich? nun ſo ſagt ihm Folgendes, Rochefort; ſagt ihm, daß unſere Unterredung in der Herberge zum Rothen Taubenſchlag von dieſen vier Menſchen gehört worden iſt; ſagt ihm, daß einer von ihnen nach ſeinem brief entriß, den er mir gegeben hatte; ſagt ihm, daß ſie Lord Winter von meiner Fahrt nach England benachrich⸗ tigen ließen; daß ſie auch dießmal beinahe meine Sen⸗ dung vereitelt hätten, wie ſie die mit den Neſtelſtiften ver⸗ eitelten. Sagt ihm, daß von dieſen vier Menſchen, nur zwei, d'Artagnan und Athos, zu fürchten findz ſagt ihm, daß der dritte der Liebhaber von Frau von Chevreuſe iſt; man muß dieſen leben laſſen; man weiß ſein Geheimniß, er kann von Nutzen ſein; der vierte, Porthos, iſt ein Ein⸗ faltspinſel, ein alberner Geck, mit dem man ſich nicht zu beſchäftigen braucht.“ „Aber dieſe vier Menſchen müſſen zu dieſer Stunde bei der Belagerung von La Rochelle ſein.“ „Ich glaubte dieß, wie Ihr, aber ein Brief, den Madame Bonacieur von Frau von Chevreuſe erhalten und nir unkluger Weiſe mitgetheilt hat, gibt mir die Ueber⸗ zeugung, daß dieſe vier Menſchen vielmehr in das Feld gezogen ſind, um ſie zu entführen.“ „Teufel, was iſt da zu machen?“ „Was hat Euch der Cardinal in Beziehung auf mich aufgetragen?“ „Eure geſchriebenen oder mündlichen Depechen in Empfang zu nehmen und mit Poſtpferden zurückzukehren. Sobald er weiß, was Ihr gethan habt, wird er Befehl geben, was Ihr thun ſollt.“ „Ich muß alſo hier bleiben?“ „Hier oder in der Umgegend.“ „Ihr könnt mich nicht mitnehmen?“ „Nein, der Befehl iſt ſtreng. In der Gegend des Lagers könntet ihr erkannt werden, und Eure Gegenwart würde, wie ihr wohl begreift, Seine Eminenz beſonders nach dem, was da prüben vorgefallen iſt, compromittiren. Doch ſagt mir jetzt ſchon, wo ihr Nachrichten vom Car⸗ dinal erwarten wollt, damit ich ſtets weiß, wo ich Euch treffen kann.“ ank Se ihr Fre gen ten bee den zur bei ſie rich⸗ Sen⸗ ver⸗ nur ihm, iſt; miß, Ein⸗ tze unde den und eber⸗ Feld mich n in hren. efehl d des wart nders — Lahrſcheinlich bin ich nicht im Stande, hier zu bleiben.“ „Warum?“ 5 „Ihr vergeßt, daß meine Feinde jeden Augenblick ankommen können.,““ „Das iſt wahr, aber dann wird dieſe kleine Frau Seiner Eminenz entſchlüpfen.“ „Bah!“ ſprach Mylady mit einem Lächeln, das nur ihr eigenthümlich war,„Ihr vergeßt, daß ich ihre beſte Freundin bin.“ 4 „Ah! das iſt wahr; ich darf alſo dem Cardinal ſa⸗ gen, in Beziehung auf dieſe Frau„ „Koͤnne er ruhig ſein.“ „Nicht mehr? Weiß er, was dieß zu bedeuten hat?“ „Er wird es errathen.“ „Waos ſoll ich nun thun?“ „Sogleich abreiſen. Es ſcheint mir die Nachrich⸗ welche Ihr bringt, ſind wohl werth, daß man ſich eeilt.“ „Mein Wagen iſt in Lilliers gebrochen.“ „Vortrefflich!“ „Wie vortrefflich?“ „Ja, ich brauche Euern Wagen.“ „Und wie ſoll ich dann reiſen?“ „Zu Pferde.“ „Ihr habt gut ſprechen, hundertundachtzig Meilen!“ „Was iſt das?“ „Sie ſollen gemacht werden. Und hernach?“ „Wenn Ihr durch Lilliers kommt, ſchickt Ihr mir den Wagen und gebt Eurem Bedienten Befehl, ſich mir zur Sis zu ſtellen.“ ut.“ „Ihr habt ohne Zweifel einen Befehl des Carvinals bei Euch?“ „Ich habe eine Vollmacht bei mir.“ „Ihr zeigt ſie der Aebtiſſin, und ſagt Ihr, man Die drei Musketiere M. 22 338 werde mich heute oder morgen abholen, und ich habe der Perſon zu folgen, die ſich in Eurem Namen ein⸗ finde.“ „Sehr gut!“ „Vergeßt nicht, mich hart zu behandeln, wenn Ihr bei der Aebtiſſin von mir ſprecht.“ „Wozu ſoll dieß nützen?“ „Ich bin ein Opfer des Cardinals und muß wohl dieſer armen kleinen Madame Bonacieur Vertrauen ein⸗ flößen.“ „Das iſt richtig. Wollt Ihr mir nun einen Bericht von Allem dem machen, was vorgefallen iſt?“ „Ich habe Euch die Ereigniſſe erzählt, Ihr beſitzt ein gutes Gedächtniß. Wiederholt die Dinge, wie ich ſie Euch mittheilte; ein Papier geht verloren.“ „Ihr habt Recht. Nur damit ich weiß, wo ich Euch finden kann und nicht unnütz in der Gegend um⸗ herlaufe.“ „Das iſt richtig; wartet!“ „Wollt Ihr eine Karte?“ „Oh! ich kenne dieſes Land vortrefflich.“ „Ihr? wann ſeid Ihr hier geweſen?“ „Ich bin hier erzogen worden.“ „Wirklich!“ „Seht, irgendwo erzogen worden zu ſein, nützt doch zu etwas.“: „Ihr werdet mich alſo erwarten?2 „Laßt mich einen Augenblick nachdenken„halt, ja, in Armentières.“ „Was iſt das, Armentières?“ „Eine kleine Stadt an der Lys. Ich habe nur über den Fluß zu ſetzen und bin in einem fremden Lande.“ „Vortrefflich! aber wohlberſtanden, Ihr geht nur über den Fluß im Falle einer großen Gefahr?“ „Natürlich.“ habe ein⸗ Ihr wohl ein⸗ ericht eſitzt h ſie o ich um⸗ 339 „Wie ſoll ich aber dann erfahren, wo Ihr ſeid?“ „Ihr bedürft Eures Bedienten nicht?“ „Rein.“ „Es iſt ein ſicherer Mann?“ „Unter jeder Bedingung.“ „Gebt ihn mir; niemand kennt ihn, ich laſſe ihn an dem Orte zurück, von dem ich mich entferne, und er führt Euch dahin, wo ich bin.“ „Und Ihr ſagt, Ihr werdet mich in Armentisres erwarten?“ „In Armentiéres.“ „Schreibt mir dieſen Namen auf ein Stückchen Pa⸗ pier, damit ich ihn nicht vergeſſe. Der Name einer Stadt kann unmoglich compromittiren, nicht wahr? „Wer weiß? doch gleich viel,“ ſagte Mylady und ſchrieb den Namen auf ein Blättchen Papier;„ich ge⸗ ſährde mich dadurch.“ .„Gut,“ ſprach Rochefort, nahm das Papier My⸗ lady aus den Händen, faltete es zuſammen und ſteckte es in das Futter ſeines Hutes.„Seid übrigens unbeſorgt, ich mache es wie die Kinder und wiederhole den Namen den ganzen Weg entlang, wenn ich das Papier verliere. Nun, iſt das Alles?“ „Ich glaube.“ „Wir wollen einmal unterſuchen: Buckingham todt oder ſchwer verwundet; Eure Unterredung mit dem Car⸗ dinal von den vier Musketieren gehört; Lord Winter von Eurer Ankunft in Portsmouth benachrichtigt; d'Artagnan und Athos in die Baſtille; Aramis der Liebhaber von Frau von Chevreuſe; Porthos ein Gimpel; Madame Bo⸗ nacieux wieder gefunden; Euch den Wagen ſo bald als möglich ſchicken; Euch meinen Bedienten zur Verfügung ſtellen; ein Opfer des Cardinals aus Euch machen, da⸗ mit die Aebtiſſin keinen Verdacht ſchöpft; Armentières an nUufern der Lysz iſt es ſo?“ — — 5 340 „In der That, mein lieber Chevalier, Ihr ſeid wahres Wunder von Gedächtniß. Doch fügt noch „Was?“ „Ich habe ein ſehr hübſches Wäldchen geſehen, das an den Kloſtergarten ſtoßen muß. Sagt, es ſei mir erlaubt, in dieſem Wäldchen ſpazieren zu gehen. Wer weiß, ich muß vielleicht durch eine Hinterpforte von hier fort.“ „Ihr denkt an Alles.“ „Und Ihr, Ihr vergeßt etwas.“ „Was denn?“ „Zu fragen, ob ich Geld brauche.“ „Das iſt richtig. Wie viel wollt Ihr?“ „Alles, was Ihr an Gold bei Euch habt.“ „Ich habe ungefähr fünfhundert Piſtolen bei mir.“ „Ich etwa eben ſo viel. Mit tauſend Pi⸗ ſtolen kann man Allem Trotz bieten. Leert Eure Taſchen.“ „Hier.“ „Gut. Und Ihr reiſt?“ „In einer Stunde. Ich bleibe nur ſo lange, um einen Biſſen zu eſſen, und ſchicke mittlerweile nach einem Poſtpferde.“ „Vortrefflich. Adieu, Graf!“ „Adien, Gräfin.“ „Empfehlt mich dem Cardinal.“ „Empfehlt mich Satan.“ Mylady und Rochefort tauſchten ein Lächeln und trennten ſich. Eine Stunde nachher ſprengte Rochefort im ſtärk⸗ ſten Galopp aus Bethune. Nach fünf Stunden kam e durch Arras. Unſere Leſer wiſſen bereits, wie er von dArtag nan wiedererkannt wurde, wie dieſes Wiedererkenn („ ſeid noch hen, s ſei hen. von — 341 den vier Musketieren Furcht einflößte und ihrer Reiſe neue Thätigkeit verlieh. XXRI. Ein Tropfen Waſſer. Kaum war Rochèfort weggegangen, als Madame Slen zurückkehrte; ſie fand Mylady mit lachendem eſichte. „Nun,“ ſprach die junge Frau,„was Ihr befürchtet habt, iſt eingetroffen. Dieſen Abend oder Morgen läßt Euch der Cardinal holen.“ „Woher wißt Ihr es?“ „Ich habe es aus dem Munde des Boten vernom⸗ men.“ „Setzt Euch zu mir,“ ſprach Mylady. „Hier bin ich.“ „Wartet, ich will mich überzeugen, ob uns Niemand belauſcht.“ „Warum dieſe Vorſicht?“ „Ihr ſollt es erfahren.“ Mylady ſtand auf, ging an die Thüre, öffnete ſie, ſchaute in die Flur, kehrte zurück und ſetzte ſich wieder neben Madame Bonacieux. „Er hat alſo ſeine Rolle gut geſpielt,“ ſprach ſie. „Wer ſo?“ „Derjenige, welcher ſich bei der Aebtiſſin als ein Ab⸗ geſandter des Cardinals angeſtellt hat.“ „Er ſpielte alſo eine Rolle?“ „Ja, mein Kind.“ „Dieſer Menſch iſt kein?“ „Dieſer Menſch,“ erwiederte Mylady ihre Stimme fend,„dieſer Menſch iſt mein Bruder.“ 342 „Euer Bruder!“ rief Madame Bonacieur. „Nur Ihr wißt dieſes Geheimniß, mein Kind, und wenn Ihr es irgend Jemand in der Welt anvertraut, ſo bin ich verloren und Ihr vielleicht ebenfalls.“ „O mein Gott!“ „Hört, was vorgefallen iſt: mein Bruder, der mir zu Hülfe eilte und mich im Falle der Noth mit Gewalt von hier wegbringen wollte, traf den Emmiſſär des Car⸗ dinals, der mich abholen ſollte. Er folgte ihm, und als ſie auf einen einſamen, verborgenen Weg gelangt waren, zog er den Degen und forderte den Boten auf, ihm die Papiere zu übergeben, die er bei ſich trug. Der Bote wollte ſich vertheidigen, mein Bruder tödtete ihn. „O!“ rief Madame Bonacieur ſchaudernd. „Bedenkt wohl, es war das einzige Mittel. Mein Bruder beſchloß nun, Liſt an die Stelle der Gewalt zu ſetzen. Er nahm die Papiere, erſchien hier als Abgeord⸗ neter des Cardinals, und in ein paar Stunden wird mich ein Wagen im Auftrag ſeiner Eminenz abholen.“ „Ich begreife, Euer Bruder ſchickt Euch den Wagen.“ „Richtig, aber das iſt noch nicht Alles. Der Brief, den Ihr empfangen habt, und von dem Ihr glaubt, er komme von Frau von Chevreuſe„ „Nun?“ „Er iſt falſch.“ „Wie dies?“ „Ja, falſch; es iſt eine Falle, damit Ihr keinen Widerſtand leiſtet, wenn man Euch holen will.“ „Aber dArtagnan wird kommen und mich holen.“ „Ihr täuſcht Euch, d'Artagnan und ſeine Freunde ſind bei der Belagerung von La Rochelle.“ „Woher wißt Ihr dies?“ „Mein Bruder begegnete Emiſſären des Carding in Musketiertracht. Man würde Euch vor die Thür 8 rufen haben. Ihr würdet geglaubt haben, Euere Freund 343 wären erſchienen; man hätte Euch ergriffen und nach und Paris zurückgeführt.“ „ſo„O mein Gott! mein Kopf verliert ſich miten in dieſem Chavs von Niederträchtigkeiten. Ich fühle, daß ich wahnſinnig werden würde, wenn dieß lange ſo fort⸗ mir vauerte,“ ſprach Madame Bonacieur und legte ihre Hände valt an die Stirne. ar⸗„Hört.“ als„Was?“ ren,„Ich höre den Tritt eines Pferdes. Es iſt das von die meinem Bruder, welcher abreiſt. Ich will ihm ein letz⸗ ote tes Lebewohl ſagen; kommt.“ Mylady öffnete das Fenſter und bedeutete Madame Bonacieur durch ein Zeichen, ſie möge zu ihr heran treten. tein Rochefort ritt im Gallopp vorüber. zu„Adieu, Bruder!“ rief Mylady. d⸗ Der Graf ſchaute empor, ſah die zwei jungen nich Frauen und winkte Mylady im raſchen Laufe freund⸗ ſchaftlich zu. n.“„Dieſer gute George!“ ſagte ſie, das Fenſter ſchlie⸗ ief, ßend mit einem Ausdrucke voll Zärtlichkeit und Schwer⸗ er muth im Geſichte. Und hienach ſetzte ſie ſich wieder auf ihren Platz, als ob ſie in rein perſönliche Betrachtungen verſun⸗ ken wäre. „Liebe Dame,“ ſprach Madame Bonacieur,„ent⸗ ſchuldigt, daß ich Euch unterbreche, aber mein Gott! was rathet Ihr mir denn zu thun? Ihr habt mehr Er⸗ fahrung, als ich, ſprecht, ich höre.“ „Vor Allem kann ich mich täuſchen,“ erwiederte My⸗ lady,„und es iſt wohl möglich, daß Euch d'Artagnan und ſeine Freunde wirklich zu Hülfe kommen.“ „Oh! das wäre zu ſchöͤn,“ rief Madame Bona⸗ „aber ſo viel Gluck gibt es nicht für mich auf der elt.“ „Ihr begreift, daß es nur eine die Zeit beteffende nen A nde Frage, eine Art von Wettlauf wäre, wer zuerſt ankäme; tragen Euere Freunde den Sieg in der Geſchwindigkeit davon, ſo ſeid ihr gerettet; gewinnen die Schergen des Cardinals einen Vorſprung, ſo ſeid Ihr verloren.“ „Ja! ja! ohne Barmherzigkeit verloren. Aber was ſoll ich thun? was ſoll ich beginnen?“ „Es gäbe ein einfaches, ganz natürliches Mittel.“ „Oh! nennt es, nennt es mir.“ „Es beſtünde darin, daß Ihr in der Gegend verbor⸗ gen warten und Euch überzeugen würdet, was für Men⸗ ſchen nach Euch verlangen.“ „Aber, wo warten?“ „Oh! das unterliegt keiner Schwierigkeit; ich ſelbſt verweile und verberge mich einige Meilen von hier, bis mich mein Bruder abholt; wenn Ihr wollt, nehme ich Euch mit mir, wir verbergen uns miteinander und warlen ge⸗ meinſchaftlich auf Erlöſung.“ „Man wird mich nicht ziehen laſſen, ich bin gleich⸗ ſam als Gefangene hier.“ „Da man meint, ich reiſe auf einen Befehl des Car⸗ dinals, ſo wird man nicht annehmen, Ihr habet große Eile mir zu folgen. „Und dann?“ „Der Wagen iſt vor der Thüre, Ihr ſagt mir Lebewohl, Ihr ſteigt auf den Fußtritt, um mich zum letz⸗ ten Male in Euere Arme zu ſchließen, der Bediente mei⸗ nes Bruders, der mich fortführt, wird unterrichtet, er gibt dem Poſtillon ein Zeichen und wir eilen im Galopp davon.“ „Aber d'Artagnan, wenn d'Artagnan kommt?“ Werden wir es nicht erfahren?“ „Wie dies?“ „Nichts leichter,— wir ſchicken dieſen Bedienten 1 meines Bruders, auf den wir uns verlaſſen können, zurück; er nimmt unter einer Verkleidung ſein Quar⸗ tier dem Klyſter gegenüber; kommen Emiſſäre des ——— —— äme; igkeit des was tel.“ bor⸗ Nen⸗ elbſt bis uch ge⸗ ich⸗ ar⸗ oße mir letz⸗ nei⸗ gibt opp 34⁵ Cardinals, ſo rührt er ſich nicht, erſcheinen aber Hert dArtagnan und ſeine Freunde, ſo führt er ſie an den Ort, wo wir uns aufhalten.“ „Er kennt ſie alſo?“ „Allerdings; hat er nicht Herrn d'Artagnan bei mir geſehen?“ „Oh! ja, ja, Ihr habt Recht. So wird Alles gut gehen, ſo macht ſich die Sache vortrefflich; aber brechen wir nicht bald auf?“ Um ſieben Uhr oder ſpäteſtens um acht Uhr ſind wir an der Gränze, und bei dem erſten Lärmen verlaſſen wir Frankreich.“ „Und was ſoll ich bis dahin machen?“ „Warten.“ „Aber wenn ſie kommen?“ ſi„Der Wagen meines Bruders wird vor ihnen hier ein.“ „Wenn ich im Augenblicke, wo man Euch abholt, von Euch entfernt bin, beim Mittagsbrode, beim Abend⸗ brode zum Beiſpiel?“ „So hört, was Ihr thun könnt.“ „Was?“ „Sagt unſerer guten Aebtiſſin, Ihr bätet ſie, mein Mahl mit mir theilen zu dürfen, damit Ihr mich ſo wenig als möglich zu verlaſſen hättet.“ „Wird ſie es erlauben?“ „Was kann hiebei als ungeeignet erſcheinen 2“ „Oh! ſchön, ſchön! auf dieſe Art verlaſſen wir uns nicht einen Augenblick.“ „Nun, ſo geht zu ihr hinab und tragt ihr Euere Bitte vor, mein Kopf iſt mir ſo ſchwer und ich will einen Gang durch den Garten thun.“ „Geht, und wo treffe ich Euch wieder?“ „Hier, in einer Stunde!“ „Oh! ich danke Euch; wie gut ſeid Ihr doch!“ „Wie ſollte ich nicht innige Theilnahme für Euch 346 hegen, da Ihr ſo ſchön und liebenswürdig ſeid, und ſeid Ihr denn nicht auch die Freundin von einem meiner beſten Freunde?“ „Der theuere d'Artagnan! oh! wie wird er Euch danken!“ „Ich hoffe es. Aber nun vorwärts; Alles iſt verab⸗ redet; laßt uns hinabgehen.“ „Ihr geht in den Garten?“ „Ja.“ „Folgt der Flur; eine kleine Treppe wird Euch führen.“ „Gut; ich danke Euch.“ Und ein reizendes Lächeln austauſchend verließen ſich die zwei Frauen. Mylady hatte die Wahrheit geſprochen: der Kopf war ihr ſchwer, denn ihre noch ungeordneten Pläne trieben ſich wie in einem Chaos durcheinander. Sie bedurfte der Einſamkeit, um etwas Ordnung in ihre Gedanken zu bringen; ihr Blick in die Zukunft war nicht klar und ſie brauchte Ruhe und Stille, um allen ihren Ideen eine beſtimmte Form, feſte Anhaltspunkte zu geben. Das Dringendſte war, Madame Bonacieur zu ent⸗ führen und an einen ſichern Ort zu bringen, um fie er⸗ forderlichen Falls als Geißel zu gebrauchen. Mylady fing an, den Ausgang des furchtharen Zweikampfes zu fürchten, den ihre Feinde mit eben ſo viel Hartnäckigkeit verfolgten, als ſie ihn mit Erbitterung durchzufechten ſuchte. Ueberdies fühlte ſie, wie man den Sturm kommen fühlt, daß dieſer Ausgang nahe war und nothwendig furchtbar werden mußte. Die Hauptſache erſchien alſo für ſie, Madame Bo⸗ nacieux in ihren Händen zu halten. Madame Bonacieur war das Leben d'Artagnan's, es war mehr, als ſein Leben, es war die Frau, die er liebte. Es war, wenn das Glück umſchlagen ſollte, ein Mittel zu unter⸗ nic ſeid ſten ab⸗ en ein 347 handeln und auf eine ſichere Weiſe gute Bedingungen zu erzielen. Dieſer Punkt war nun feſtgeſtellt. Madame Bona⸗ cieux folgte ihr ohne Mißtrauen; einmal mit ihr in Ar⸗ mentiéres verborgen, konnte man ſie leicht glauben machen, dArtagnan wäre nicht nach Bethune gekommen. In ſpäteſtens vierzehn Tage mußte Rochefort zurücktehren. Während dieſer vierzehn Tage würde ſie wohl einen Plan erſinnen, um ſich an den vier Freunden zu rächen. Langweile könnte ſie, Gott ſei Dank! keine bekommen, denn ſie hätte den ſüßeſten Zeitvertreib zu erwarten, den die Ereigniſſe einer Frau ihres Charakters zu gewähren im Stande ſind; ſie hätte ein ſchönes Rachewerk zu vollführen. Unter dieſen Träumen ſchaute ſie umher und ordnete in ihrem Kopfe die Topographie des Gartens; Mylady war ein guter Feldherr, der zugleich den Sieg und die Niederlage vorher berechnet und ſich bereit hält, je nach den Chancen der Schlacht vorwärts zu marſchiren oder ſich fechtend zurückzuziehen. Nach Verlauf einer Stunde hörte ſie eine ſanfte Stimme, welche ihr rief; es war Madame Bonacieux. Die gute Aebtiſſin hatte natürlich zu Allem ihre Ein⸗ willigung ertheilt, und um den Anfang zu machen, ſollten ſie mit einander Abendbrod nehmen. Als ſie in den Hof kamen, vernahmen ſie das Ge⸗ eines Wagens, der vor dem Thore anhielt. Mylady orchte. „Hört Ihr?“ ſprach ſie. „Ja, das Rollen eines Wagens.“ „Es iſt der, welchen uns mein Bruder ſchickt.“ „Oh! mein Gott!“ „Auf! Muth gefaßt!“ Man läutete an der Kloſterpforte, Mylady hatte ſich nicht getäuſcht. „Geht in Euer Zimmer hinauf,“ ſagte ſie zu Madame 348 Bonacieur.„Ihr habt wohl einige Juwelen, die Ihr mitzunehmen wünſchen werdet.“ „Ich habe ſeine Briefe,“ erwiederte ſie. „Nun wohl! ſo geht undholt ſie; kommt dann ſo⸗ gleich zu mir, wir nehmen geſchwinde etwas Abendbrod; vielleicht reiſen wir einen Theil der Nacht, wir bedürfen unſerer Kräfte.“ „Großer Gott!“ ſprach Madame Bonacieur;, mein Herz droht zu zerſpringen, ich kann nicht von der Stelle.“ „Muth gefaßt! meine Theuere, Muth gefaßt! Be⸗ denkt, daß Ihr in einer Viertelſtunde gerettet ſeid, und daß Ihr das, was Ihr thut, für ihn thut.“ „Ja, ja! Alles, Alles für ihn. Ihr habt mir durch ein einzigss Wort meinen Muth wieder ge⸗ geben.“ Mylady eilte in ihr Zimmer, ſie fand hier den Bedienten von Rochefort und gab ihm ſeine Inſtruk⸗ tionen. Er ſollte vor dem Thore warten; würden zufällig die Musketiere erſcheinen, ſo ſollte der Wagen im Ga⸗ lopp um das Kloſter fahren und Mylady in einem Dörfchen erwarten, das auf der andern Seite des Ge⸗ hölzes lag. In dieſem Falle würde Mylady durch den Garten gehen und das Dörſchen zu Fuß zu erreichen ſuchen; Mylady kannte dieſen Theil von Frankreich erwähnter Maßen ganz vortrefflich. Würden die Musketiere nicht erſcheinen, ſo ſollten die Dinge vor ſich gehen, wie es verabredet war. Ma⸗ dame Bonacieux ſtieg in den Wagen, unter dem Vor⸗ wande, ihr Lebewohl zu ſagen und ſie entführte Madame Bonacieur. Madame Bonacieur trat ein und um ihr jeden Arg⸗ wohn zu benehmen, wenn ſie einen ſolchen hätte, wieder⸗ holte ſie dem Bedienten in ihrer Gegenwart den letzten Theil ſeiner Inſtruktivn. Ihr p⸗ od; fen ein e Be⸗ und mir ge den uk⸗ lig a⸗ em e⸗ ten en; ter ten a⸗ or⸗ me 8⸗ er⸗ ten 349 Mylady machte einige Fragen in Beziehung auf den Wagen; es war eine mit drei Pferden beſpannte Chaiſe, geführt von einem Poſtillon. Der Lackei von Rochefort ſollte als Courrier vorausreiten. Mylady hatte Unrecht, wenn ſie einen Argwohn bet Madame Bonacieur befürchtete. Die arme, junge Frau war zu rein, um bei einem andern weiblichen Weſen eine ſolche Treuloſfigkeit zu ahnen. Ueberdies war ihr der Name der Gräfin Winter, den ſie vrn der Aebtiſfin hatte ausſprechen hören, vollig unbekannt und ſie wußte nicht einmal, daß eine Frau einen ſo großen und unſe⸗ ligen Antheil an den Unglücksfällen ihres Lebens gehabt atte. „Ihr ſeht,“ ſprach Mylady, nachdem der Lackei weg⸗ gegangen war,„Alles iſt bereit. Die Aebtiſſſin hat keine Bermuthung und glaubt, man hole mich auf Befehl des Cardinals. Dieſer Menſch ertheilt die letzten Befehle; nehmt ein wenig Speiſe, trinkt einen Tropfen Wein und dann vorwärts.“ „Ja,“ ſprach Madame Bonacieur mechaniſch,„ja vorwärts!“ Mylady gab ihr ein Zeichen, ſich ihr gegenüber zu ſetzen, ſchenkte ihr ein Glas ſpaniſchen Wein ein und legte ihr ein Stückchen Huhn vor. „Seht,“ ſprach ſie,„wie uns Alles begünſtigt, es wird bereits Nacht. Mit Tagesanbruch ſind wir an Ort und Stelle, und Niemand wird ahnen können, wo wir uns befinden. Muth gefaßt, nehmt etwas zu Euch.“ Madame Bonacieur aß maſchinenmäßig einige Biſſen und benetzte ihre Lippen mit dem Weine. „Auf, muthig!“ ſprach Mylady, indem ſie ihr Glas“ an die Lippen ſetzte,„macht es, wie ich.“ Aber in dem Augenblick, wo ſie zu trinken im Be⸗ griffe war, blieb ihre Hand ſchwebend. Sie hatte in der Ferne das Brauſen eines näher rückenden Galoppes ge⸗ 350 hört und beinahe zu gleicher Zeit kam es ihr vor, als dd vernähme ſie das Gewieher von Pferden.„ Dieſes Geräuſch entriß ſie ihrer Freude, wie uns das Brauſen des Sturmes mitten in einem ſchönen Traume al erweckt; ſie erbleichte und lief nach dem Fenſter, während ei Madame Bonacieur, am ganzen Leibe zitternd, aufſtand und ſich, um nicht zu fallen, auf ihren Stuhl ſtützte. zit Man ſah noch nichts, man hörte nur den Galopp immer deutlicher. di „O mein Gott!“ rief Madame Bonacieur,„was be bedeutet dieſes Geräuſch 2“ S „Es rührt von unſern Freunden oder von unſern Feinden her,“ antwortete Mylady mit furchtbarer Kalt⸗ S „Bleibt, wo Ihr ſeid, ich werde es Euch W agen.“ Madame Bonacieux hlieh an ihrem Platze ſtehen, da ſtumm, unbeweglich und bleich, wie eine Bildſäule. Das Geräuſch wurde indeſſen immer ſtärker. Die M Pferde konnten nicht mehr über fünfhundert Schritte ent⸗ fernt ſein. Wenn man ſie noch nicht ſah, ſo kam dies es davon her, daß die Straße eine Krümmung bildete. Aber geh das Getöſe war ſo deutlich, daß man die Zahl der Pferde an ihrem Hufſchlage hätte unterſcheiden können. rie Mylady ſchaute mit aller Macht der geſpannteſten Aufmerkſamkeit. Es war gerade noch hell genug, daß her man die Ankommenden zu erkennen vermochte. von Plötzlich ſah ſie an der Wendung des Weges betreßte den Hüte glänzen und Federn wogen. Sie zählte zwei, dann fünf, dann acht Reiter. Der eine von ihnen ritt den ſchn übrigen um zwei Pferdelängen voraus. Mylady brüllte. In demjenigen, welcher ſich an der zu Spitze befand, erkannte ſie dArtagnan. „O mein Gott!“ rief Madame Bonacleur,„was trin gibt es denn?“ „s iſt die Uniform der Leibwachen des Herrn Car⸗ Fra dinals— kein Augenblick zu verlieren!“ ſchrie Mhladh, „laßt uns fliehen, eiligſt fliehen! „Ja, ja, fliehen,“ wiederholte Madame Bonacieur, aber ohne, durch den Schrecken auf ihren Platz gebannt einen Schritt machen zu können. Man hörte die Reiter unter dem Fenſter vorüber ziehen. „Kommt doch, kommt doch!“ rief Mylady und ſuchte die junge Frau am Arme fortzuſchleppen,„den Garten benützend können wir noch entfliehen; ich habe den Schlüſſel; aber eilen wir, in fünf Minuten iſt es zu ſpät!“ Madame Bonacieur verſuchte zu gehen, machte zwei Schritte und ſank in die Kniee. In dieſem Momente hörte man das Rollen des Wagens, der bei dem Anblick der Musketiere im Galopp davon eilte. Dann erſchollen drei oder vier Schüſſe. „Zum letzten Male, wollt Ihr kommen!“ rief Mylady. „O! mein Gott! mein Gott! Ihr ſeht wohl, daß es mir an Kraft gebricht, Ihr ſeht wohl, daß ich nicht gehen kann, flieht allein.“ „Allein fliehen? Euch hier laſſen 2 Nein, nie, nie!“ rief Mylady. Plötzlich zuckte ein bleicher Blitz aus ihren Augen hervor. Sie lief nach dem Tiſche und goß in das Glas von Madame Bonacieux den Inhalt eines Ringkaſtens, den ſie mit ſeltſamer Geſchwindigkeit öffnete. ſ9 6 war ein röthliches Kügelchen, das ſogleich molz. Dann nahm ſie das Glas mit feſter Hand und ſagte zu Madame Bonacieur: „Trinkt, trinkt, dieſer Wein wird Euch Kräfte geben, trinkt!“ Und ſie näherte das Glas den Lippen der jungen Frau, die es maſchinenmäßig trank. „Ah! ich wollte mich nicht auf dieſe Art rächen“ —— 352 ſprach Mylady, indem ſie mit einem hölliſchen Lächeln das Glas auf den Tiſch ſetzte;„aber meiner Treue, man thut nur, was man kann.“ Und ſie ſtürzte aus dem Zimmer. Madame Bonacieur ſah ſie fliehen, ohne ihr folgen zu können. Sie war, wie jene Menſchen, welche träumen, man verfolge ſie und vergebens zu gehen verſuchen. Einige Minuten gingen vorüber. Ein furchtbares Getöſe erhob ſich vor der Thure. Jeden Augenblick erwartete Madame Bonacieur das Wiedererſcheinen von Mylady, welche jedoch nicht zurückkehrte. Mehrere Male drang, ohne Zweifel aus Schrecken, ein kalter Schweiß auf ihre glü⸗ hende Stirne. Envlich vernahm ſie das Aechzen der Gitter, welche man oͤffnete. Der Lärmen von Stiefeln und Sporen ertönte auf der Treppe; in einem gewaltigen Gemurmel von Stimmen, die ſich näherten, glaubte ſie ihren Namen ausſprechen zu hören. Plötzlich ſtieß ſie ein mächtiges Freudengeſchrei aus und ſtürzte nach der Thüre; ſie hatte die Stimme von d'Artagnan erkannt. „D'Artagnan! dArtagnan!“ rief ſie,„ſeid Ihr es? ieher!“ „Conſtance! Conſtance!“ antwortete der junge Mann, „mein Gott wo ſeid Ihr?“ In demſelben Augenblicke wich die Thüre der Zelle vor einem kräftigen Stoße. Mehrere Männer traten in das Zimmer; Madame Bonacieur war in einem Lehnſtuhl geſunken, ohne ſich von der Stelle bewegen zu können. D'Artagnan warf eine noch rauchende Piſtole, die er in der Hand hielt, von ſich und fiel vor ſeiner Geliebten auf die Kniee. Athos ſteckte die ſeinige in den Gürtel, Porthos und Aramis, welche ihre entblößten Degen in der Hand hielten, ſtießen ſie in die Scheide. „Oh! d'Artagnan, mein geliebter d'Artagnan, Du kommſt endlich! Du hatteſt mich nicht getäuſcht! Du biſt es!“ * thut lgen nen, nige ame elche ohne glü⸗ elche oren rmel men aus von es 2 ann, Zelle n in ſtuhl . . bten rtel, nin Du es 1 lichſten Vermuthung preisgegeben zu ſein Ja, ja, Conſtance! endlich vereinigt!“ „Oh ſie mochte immerhin ſagen, Du würdeſt nich kommen, ich hoffte dennoch und wollte nicht fliehen. Oh! wohl habe ich varan gethan! Wie glücklich bin ich!“ 3 Bei dem Worte ſie ſtand Athos, der ſich ruhig niedergeſetzt hatte, plötzlich auf. „Sie? wer ſie?“ fragte dArtagnan. „Meine Gefährtin, diejenige, welche mich aus Freund⸗ ſchaft meinen Verfolgern entziehen wollte, diejenige, welche Euch für Leibwachen des Cardinals haltend ſo eben ent⸗ flohen iſt.“. „Euere Gefährtin?“ rief d'Artagnan und wurde ſo bleich, wie der weiße Schleier ſeiner Geliebten.„Von welcher Gefährtin ſprecht Ihr?“ „Von derjenigen, deren Wagen vor der Thüre ſtandz von einer Frau, die ſich Eure Freundin nennt, d'Artagnanz von einer Frau, der Ihr Alles erzählt habt.“ „Ihr Name?“ rief dArtagnan.„Mein Gott, wißt Ihr ihren Namen nicht?“ „Allerdings, man hat ihn in meiner Gegenwart ausgeſprochen. Wartet, aber das iſt ſeltſam„ gh! mein Gott! meine Sinne verwirren ſich„ich ſehe nicht mehr... „Hierher, meine Freunde, hierher, ihre Hände ſind kalt, wie Eis!“ rief dArtagnan.„Großer Gott, ſie ver⸗ liert das Bewußtſein!“ Während Porthos mit aller Gewalt ſeiner Stimme um Hülfe rief, lief Aramis, um ein Glas Waſſer zu holen, nach dem Tiſche. Aber er blieb plötzlich ſtehen, als er die furchtbare Verſtörung in den Geſichtezügen von Athos wahrnahm, der, an dem Tiſche ſtehend, die Haare ſtarr, das Antlitz vor Beſtürzung in Stein ver⸗ wandelt, eines von den Gläſern betrachtete und der gräß⸗ Die drei Musketiere. u. 2 354 „Oh!“ ſagte Athos,„oh! nein, das iſt unmöglich! Gott würde ein ſolches Verbrechen nicht zugeben.“ „Waſſer! Waſſer!“ rief d'Artagnan,„Waſſer!“ „Ol arme Frau, arme Frau,“ murmelte Athos mit gebrochener Stimme. Madame Bonacieux öffnete die Augen wieder unter den Küſſen von d'Artagnan. „Sie kommt zu ſich!“ rief der junge Mann.„Oh! mein Gott, mein Gott, ich danke Dir!“ „Madame,“ ſprach Athos,„Madame, im Namen des Himmels! wem gehoͤrt dieſes leere Glas?“ „Mir, Herr,“ antwortete die junge Frau mit ſier⸗ bender Stimme. „Doch wer hat den Wein eingeſchenkt, der in dieſem Glaſe war?“ „Sie!“ „Aber wer denn, ſie?“ „Ah, ich erinnere mich,“ erwiederte Madame Bona⸗ cieur,„die Gräfin Winter.“ Die vier Freunde ſtießen einen einzigen, gleichzeitigen Schrei aus; aber die Stimme von Athos beherrſchte die andern. In dieſem Augenblick wurde das Antlitz von Madame Bonacieur leichenblaß. Ein dumpfer Schmerz warf ſie nieder. Sie fiel keuchend in die Arme von Porthos und Aramis. D'Artagnan ergriff die Hände von Athos mit einer unbeſchreiblichen Seelenangſt. Wie!“ ſagte er,„Du glaubſt?“ Seine Stimme erloſch unter gewaltigem Schluchzen. „Ich glaube Alles,“ antworteie Athos, und biß ſich in die Lippen, daß das Blut hervorquoll. „D'Artqgnan! D'Artagnan!“ rief Madame Bona⸗ cieur, wo biſt Du? Verlaſſe mich nicht, Du ſiehſt, daß ich ſterbe.“ 1—— mit nter Oh! des ſter⸗ ſem n⸗ igen die ame ſie und iner zen. ſich na⸗ ſtürzte neben ſeine Geliebte, ſo bleich, ſo ſtarr wie ſie, nieder. rung, welche ſtets auf große Kataſtrophen folgt. D'Artagnan ließ die Hände von Athos los, die er in ſeinen krampfhaft zuſammengepreßten Fäuſten hielt. Ihr ſo ſchönes Geſicht war völlig verſtört, ihre gla⸗ ſigen Augen hatten bereits keinen Blick mehr, ein krampf⸗ haftes Zittern ſchüttelte ihren ganzen Leib und der Schweiß floß in Strömen von der Stirne herab. 2 „In des Himmels Namen lauft, ruft, Porthos, Aramis, fordert Hülfe!“ „Vergeblich,“ ſprach Athos,„vergeblich! Für ein Gift, das ſie einfloͤßt, gibt es kein Gegengift!“ „Ja, ja, Hülfe! Hülfe!“ murmelte Madame Bona⸗ cieur,„zu Hülfe!“ Dann alle ihre Kräfte zuſammenraffend, nahm ſie den Kopf des jungen Mannes zwiſchen ihre zwei Hände, ſchaute ihn eine Sekunde an, als ob ihre ganze Seele in ihren Blick übergegangen wäre, und drückte mit einem jammervollen Schrei ihre Lippen auf die ſeinigen. „Conſtance! Conſtance!“ rief d'Artagnan. Ein Seufzer drang aus dem Munde von Madame Bonacieur hervor, der den von dArtagnan berührte. Dieſer Seufzer war die ſo keuſche, ſo liebevolle Seele, welche zum Himmel aufſtieg. D'Artagnan hielt nur noch eine Leiche in ſeinen Armen. Der junge Mann ſtieß einen Schrei aus und Porthos weinte. Athos ſtreckte die Fauſt zum Himmel empor. Aramis machte das Zeichen des Kreuzes. 8 In dieſem Augenblick erſchien ein Mann an der Thüre, beinahe ſo bleich wie diejenigen, welche ſich im Zimmer befanden. Er ſchaute um ſich her, ſah Madame Bonacieur todt und d'Artagnan in Ohnmacht. Er erſchien gerade in jenem Augenblick der Erſtar⸗ 356 Ich hatte mich nicht getäuſcht,“ ſagte er,„hier iſt Herr d'Artagnan und Ihr ſeid ſeine drei Freunde, die Herren Athos, Porthos und Aramis.“ Die Männer, deren Namen genannt worden waren, ſchauten den Fremden mit Erſtaunen an. Es kam ihnen Allen vor, als müßten ſie ihn kennen. „Meine Herren,“ verſetzte der Fremde,„Ihr ſucht Alle, wie ich, eine Frau auf, die,“ fügte er mit einem furchtbaren Lächeln bei,„hier durchgekommen ſein muß, denn ich ſehe dort eine Leiche.“ Die drei Freunde blieben ſtumm; nur erinnerte ſie die Stimme, wie zuvor das Geſicht, an einen Mann, den ſie bereits geſehen hatten; aber ſie konnten ſich nicht ent⸗ ſinnen, unter welchen Umſtänden. „Meine Herren,“ fuhr der Fremde fort,„da Ihr mich nicht als einen Mann wiedererkennen wollt, der Euch ohne Zweifel das Leben zu verdanken hat, ſo muß ich mich wohl nennent ich bin Lord Winter, der Schwager jener Frau.“ Die drei Freunde gaben einen Schrei des Staunens von ſich. Athos ſtand auf, reichte ihm die Hand und ſprach; „Seid willkommen, Mylord, Ihr gehört zu uns.“ „Ich reiſte fünf Stunden nach ihr von Ports⸗ mouth ab,“ ſprach Lord Winter;„ich kam drei Stunden nach ihr in Boulogne an, ich verfehlte ſie um zwanzig Minuten in Saint⸗Omer; endlich verlor ich in Lilliers ihre Spur. Ich überließ mich dem Zufalle, erkundigte mich nach Euch, als ich Euch im Galopp vorüber⸗ reiten ſah. Ich erkannte Herrn d'Artagnan, rief Euch, aber Ihr antwortetet mir nicht. Ich wollte Euch folgen, doch mein Pferd war zu müde, um mit den Eurigen gleichen Schritt halten zu können, und dennoch ſcheint es, Ihr ſeid bei allem Eurem Eifer zu ſpät gekommen.“ ————— — ſ⸗ —„— 2— ———— int n. „Ihr ſeht es,“ ſprach Athos und zeigte Lord Win⸗ ter die todte Madame Bonacieur und dArtagnan, den Porthos und Aramis in das Lcben zurückzurufen ſuchten. „Sind alle Beide todt?“ fragte Lord Winter kalt. „Zum Glücke, nein,“ antwortete Athos,„dArtag⸗ nan iſt nür ohnmächtig.“ 5 „Deſto beſſer!“ ſprach Lord Winter. D'Artagnan öffnete in dieſem Momente die Augen wieder. Er entriß ſich den Armen von Porthos und Aramis und warf ſich wie ein Wahnfinniger auf die Leiche ſeiner Geliebten. Athos ſtand auf, ging mit langſamem, feierlichem Schritte auf ſeinen Freund zu und ſagte, als dieſer in ein Schluchzen ausbrach, mit ſeiner ſo edlen, ſo überzeu⸗ genden Stimme: „Freund! ſei ein Mann, die Weiber beweinen die Todten, die Männer rächen ſie!“ „Oh! ja,“ ſprach dArtagnan,„ja, wenn es ge⸗ ehe ſoll, um ſie zu rächen, ſo bin ich bereit, Dir zu olgen.“ Athos benützte dieſen Augenblick der Kraft, welche die Hoffnung auf Rache ſeinem unglücklichen Freunde wie⸗ der verlieh, und machte Porthos und Aramis ein Zei⸗ chen, die Aebtiſſin zu holen. Die Freunde trafen ſie in der Flur völlig verwirrt von ſo vielen Ereigniſſen. Sie rief einige Nonnen, welche gegen alle klöſterliche Gebräuche vor den fünf Männern erſchienen. „Madame,“ ſagte Athos, indem er d'Artagnan beim Arme nahm,„wir überlaſſen Eurer frommen Sorge den Leib dieſer unglücklichen Frau. Sie war ein Engel auf Erden, ehe ſie ein Engel im Himmel wurde. Be⸗ handelt ſie wie eine von Euren Schweſtern, wir werden eines Tages wiederkehren, um auf ihrem Grabe zu beten.“ DArtagnan verbarg ſein Antlitz an der Bruſt ſeines Freundes und brach abermals in ein Schluchzen aus. 358 „Weine,“ ſagte Athos,„weine, Herz voll Liebe, Jugend und Leben! Ach, ich wünſchte wohl auch wie Du weinen zu können.“ Und er zog ſeinen Freund fort, zärtlich wie ein Vater, tröſtend wie ein Prieſter, groß wie der Mann, der viel gelitten hat. 6 Alle fünf begaben ſich nun, von ihren Bedienten ge⸗ folgt, die ihre Pferde am Zügel führten, nach der Stadt Bethune und hielten vor der erſten Herberge an, die ſie erblickten. „Aber verfolgen wir denn nicht dieſe Frau?“ fragte d'Artagnan. „Später,“ antwortete Athos,„ich habe Maßregeln zu nehmen.“ „Sie wird uns entkommen,“ entgegnete der junge Mann,„ſie wird uns entkommen, Athos, und das iſt Deine Schuld.“ „Ich ſiehe für ſie,“ ſprach Athos. DArtagnan hatte ein ſolches Zutrauen zu dem Worte ſeines Freundes, daß er das Haupt neigte und ohne eine Silbe mehr von ſich zu geben in die Herberge eintrat. Porthos und Aramis ſchauten ſich an und konnten die Sicherheit von Athos nicht begreifen. Lord Winter glaubte, er ſpräche ſo, um den Schmerz von d»Artagnan zu betäuben. „Nun meine Herren,“ ſagte Athos, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß fünf Zimmer im Hauſe frei waren, znun wollen Hir uns jeder in ſein Zimmer zurückziehen. Für dArtagnan iſt es Bedürfniß, allein zu weinen, und„ ſe Euch, zu ſchlafen. Ich übernehme Alles, ſeid unbe⸗ orgt.“ „Es ſcheint mir jedoch,“ erwiederte Lord Winter,* „daß es mich angeht, wenn Maßregeln gegen die Gräfin zu nehmen ſind, denn es iſt meine Schwägerin.“ „Und es iſt meine Frau,“ ſprach Athos. D Artagnan bebte, denn er begriff, daß Athos ſei⸗ ——— S 359 iebe, ner Rache ſicher war, da er ein ſolches Geheimniß ent⸗ Du hüllte, Porthos und Aramis ſchauten ſich erbleichend anz 3 Lord Winter glaubte, Athos wäre verrückt. ein„Zieht Euch nun zurück,“ ſagte Athos,„und laßt ann, mich machen. Ihr ſeht wohl, daß die Sache mich als 6 den Gatten betrifft. Nur gebt mir das Papier, d'Artag⸗ ge⸗ nan, wenn Ihr es nicht verloren habt, das aus dem tadt Hute jenes Mannes gefallen iſt, und worauf der Name ſie der Stadt geſchrieben ſteht.“ „Ah!“ rief dArtagnan, pich begreife, der von ihrer gte Hand geſchriebene Name.. „Du ſiehſt wohl,“ ſprach Athos,„daß es einen geln Gott im Himmel gibt!“ nge iſt rte XXXII. ine. Der Mann mit dem rothen Mantel. ten Die Verzweiflung von Athos hatte einem zuſammen⸗ erz gedrängten Schmerz Platz gemacht, der die glänzenden dieſes Mannes noch leuchtender hervortreten i eß. Nur mit einem Gedanken beſchäftigt, mit dem an en. das Verſprechen, das er geleiſtet, und an die Verant⸗ nd ₰ wortlichkeit, die er übernommen hatte, zog er ſich zuletzt h⸗ in ſein Zimmer zurück, bat den Wirth, ihm eine Karte von der Gegend zu verſchaffen, beugte ſich über dieſe, be⸗ trachtete die auf derſelben gezogenen Linien, fand daß vier verſchiedene Wege von Bethune nach Armentieres führten, und ließ die Bedienten rufen. g Planchet, Grimaud, Mousqüeton und Bazin er⸗ ſchienen und erhielten Kare, pünktliche und ernſte Befehle er, fin ei⸗ ₰ 360 von Athos. Sie ſollten mit Tagesanbruch abgehen und ſich jeder auf einem andern Wege nach Armentieres be⸗ geben. Planchet, der Geſcheiteſte von allen, ſollte den einſchlagen, welchen, von dem Bedienten von Rochefort begleitet, der Wagen verfolgt hatte, auf den die drei Freunde ſchoſſen. Athos ließ die Bedienten zuerſt ins Feld rücken, einmal weil er, ſeitdem dieſe Leute in ſeinem Dienſte und in dem ſeiner Freunde ſtanden, bei jedem von ihnen verſchiedenartige und weſentliche Eigenſchaften erkannt hatte, und dann, weil Bedienten, wenn ſie ſich nach etwas erkunvigen, den Bauern weniger Mißtrauen einflößen, als ihre Herren, und mehr Sympathie bei denjenigen finden, an welche ſie ſich wenden. Endlich kannte auch Mylady die Herren, während ihr die Knechte fremd waren. Alle vier ſollten ſich am andern Tage um eilf an einem bezeichneten Orte einfinden. Wenn ſie den Aufent⸗ halt von Mylady entdeckt hätten, ſollten drei, um ſie zu bewachen, zurückbleiben, der vierte aber ſollte wieder nach Bethune kommen, um Athos Kunde zu geben und den drei Freunden als Führer zu dienen. Als dieſe Verordnungen getroffen waren, gingen auch die Bedienten ſchlafen. Athos erhob ſich nun von ſeinem Stuhle, gürtete ſein Schwert um, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ver⸗ ließ die Herberge; es war zehn Uhr, um zehn Uhr fin⸗ den ſich bekanntlich in der Provinz nur ſelten Menſchen auf den Straßen. Athos aber ſuchte offenbar irgend Je⸗ mand, an den er eine Frage richten könnte. Endlich ging ein Verſpäteter vorüber, er näherte ſich demſelben und ſagte einige Worte. Der Mann, an den er ſich wandte, wich erſchrocken zurück; er beantwortete jedoch die Frage des Musketiers durch ein Deuten. Athos bot dieſem Menſchen eine halbe Piſtole, wenn er ihn begleiten würde, gber er ſchlug es aus. —,— und be⸗ den ort rei en, ſte en int as 6 t⸗ —,— — 6 361 Athos wandte ſich nach einer Straße, die ihm der Befragte mit dem Finger bezeichnet hatte, aber als er auf einen Kreuzweg gelangte, gerieth er abermals in eine ſichtbare Verlegenheit. Da er jedoch auf dieſem Kreuz⸗ weg mehr als irgendwo einem Menſchen zu begegnen hoffen durfte, ſo blieb er ſtille ſtehen. Bald kam auch wirklich ein Nachtwächter. Athos wiederholte die Frage, die er hereits an die erſte Perſon, die er getroffen, ge⸗ richtet hatte. Der Nachtwächter gab denſelben Schrecken kund, weigerte ſich ebenfalls, Athos zu begleiten, und zeigte ihm mit der Hand den Weg, den er einzuſchlagen hatte. Athos ging in der ihm angegebenen Richtung vor⸗ wärts und erreichte die am entgegengeſetzten Ende liegende Vorſtadt. Hier ſchien er abermals unruhig und verlegen und ſtand zum dritten Male ſtille. Zum Glücke kam ein Bettler vorüber, der ſich Athos näherte und ihn um ein Almoſen bat. Athos bot ihm einen Thaler an, wenn er ihn begleiten würde. Der Bettler zögerte einen Moment, aber beim Anblick des in der Dunkelheit ſchimmernden Geldſtückes entſchloß er ſich und marſchirte Athos voraus. Als ſie die Ecke einer Straße erreicht hatten, zeigte er ihm von ferne ein kleines, einſam gelegenes düſteres Haus. Athos eilte auf daſſelbe zu, während der Bettler, nachdem er ſeine Belohnung erhalten hatte, aus Leibes⸗ kräften davonlief.* Athos ging rings um das Haus, ehe er die Thüre unter der rothen Farbe unterſcheiden konnte, mit der es angemalt war. Kein Licht ſchien durch die Spalten der Fenſterläden, kein Geräuſch ließ vermuthen, daß es be⸗ wohnt wurde; es war ſtumm und traurig wie ein Grab. Athos klopfte dreimal, ohne daß man antwortete; bei dem dritten Schlage näherten ſich im Innern Tritte, die Thüre öffnete ſich halb und ein Mann von hohem 362 Wuchſe, bleicher Geſichtsfarbe, ſchwarzen Haaren und ſchwarzem Barte erſchien. Athos und er wechſelten einige Worte mit leiſer Stimme, dann machte der Mann von hohem Wuchſe dem Musketier ein Zeichen, daß er eintreten könnte. Athos benützte ſogleich dieſe Erlaubniß und die Thüre ſchloß ſich hinter ihm. Der Mann, den Athos in ſo großer Entfernung auf⸗ geſucht und nur mit Mühe gefunden hatte, ließ ihn in ein Laboratorium eintreten, wo er eben daran arbeitete, die klappernden Knochen eines Skelettes mit Eiſendraht an einander zu befeſtigen. Der ganze Körper war bereits Lſanifist, nur der Kopf allein lag noch auf dem he. Alles übrige Geräthe deutete an, daß der Mann, bei dem man ſich befand, ſich mit den Naturwiſſenſchaften beſchäftigte; es waren hier gläſerne Gefäße voll von Schlangen mit Aufſchriften nach den Gattungen, getrock⸗ nete Eidechſen glänzten wie Smaragde in großen Rahmen von Holz, Bündel von wildwachſenden, wohlriechenden Kräutern, ohne Zweifel mit Eigenſchaften und Kräften ausgerüſtet, die dem großen Haufen unbekannt waren, hingen am Plafond und in den Ecken der Stube. Keine Familie, kein Geſinde war zu bemerken; der Mann von hohem Wuchſe bewohnte das Haus allein⸗ Athos warf einen kalten gleichgültigen Blick auf alle dieſe Gegenſtände und ſetzte ſich auf die Einladung des Mannes, den er aufgeſucht hatte, zu dieſem. Er erklärte ihm die Urſache ſeiner Erſcheinung und den Dienſt, den er von ihm forderte; aber kaum hatte er ihm ſein Verlangen auseinandergeſetzt, als der Unbe⸗ kannte, der vor dem Musketier ſtehen geblieben war, voll Schrecken zurückwich und zu willfahren ſich weigerte. Athos zog aus ſeiner Taſche ein kleines Papier, auf welches zwei Zeilen mit einer Unterſchrift und einem — c c nd ſer os f⸗ in e, t6 n — 363 Siegel verſehen geſchrieben waren, und bot es demjenigen dar, welcher zu frühzeitig Zeichen des Widerſtrebens kund⸗ gab. Der Mann von hohem Wuchſe hatte kaum dieſe zwei Zeilen geleſen, die Unterſchrift geſehen und das Siegel erkannt, als er ſich berbeugte, zum Beweiſe, daß er keine Einwendung mehr zu machen hätte und zu ge⸗ horchen bereit wäre. Athos verlangte nicht mehr, ſtand auf, verließ das Haus, ging auf demſelben Wege, auf dem er gekommen war, wieder durch die Straßen, kehrte in das Hotel zurück und ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein. Mit Tagesanbruch trat dArtagnan bei ihm ein und fragte, was zu thun wäre. „Warten,“ antwortete Athos. Einige Augenblicke nachher ließ die Aebtiſſiin des Kloſters die Musketiere benachrichtigen, daß die Beerdi⸗ gung des Opfers von Mylady um die Mittagsſtunde ſtattfinden ſollte. Von der Giftmiſcherin hatte man keine Kunde. Nur wußte man, daß ſie durch den Garten ent⸗ flohen war, man hatte auf dem Boden die Spur ihrer Tritte erkannt und die Thüre wieder geſchloſſen gefunden; der Schlüſſel war verſchwunden. Zur bezeichneten Stunde begaben ſich Lord Winter und die vier Freunde in das Kloſter, alle Glocken wurden geläutet, die Kapelle war geöffnet, nur das Gitter des Chors war geſchloſſen. Mitten im Chor war der Leichnam des Opfers in ſeinen Novizen⸗Kleidern ausgeſtellt. Auf jeder Seite des Chors und hinter dem Gitter war die ganze Gemeinde der Karmeliterinnen verſammelt, welche von hier aus den Gottesdienſt hörte und ihren Geſang mit dem Geſange der Prieſter vermiſchte, ohne die Laien zu ſehen und ohne von ihnen geſehen zu werden. An der Thüre der Kapelle fühlte d'Artagnan, vaß ihn der Muth abermals verließ, er wandte ſich, um Athos zu ſuchen, aber Athos war verſchwunden. Seiner Racheſendung getreu, hatte ſich Athos in den Garten führen laſſen, folgte auf dem Sande den leichten Tritten der Frau, von der überall eine blutige Spur zurückblieb, wo ſie erſchien, gelangte bis zu der Thüre, öffnete dieſe und drang in den Wald. Alle ſeine Zweifel wurden nun beſeitigt: der Weg, auf welchem der Wagen verſchwunden war„lief um den Wald. Athos folgte dieſem Wege eine Zeit lang, die Augen auf den Boden geheftet; leichte Blutſpuren, welche entweder von einer Verwundung des Mannes, der den Wagen als Courrier begleitete, oder von einer Wunde eines Pferdes herrührte, beſprengelten den Weg. Noch ungefähr einer Dreiviertelsmeile, fünfzig Schritte von Feſtubert entfernt, erſchien ein groͤßerer Blutfleck; der Boden war von den Pferden vertreten. Zwiſchen dem Walde und dieſer verrätheriſchen Stelle, etwas hinter der vertretenen Erde, fand man dieſelbe Spur von kleinen Tritten; der Wagen hatte ſtille gehalten. Hier hatte Mylady den Wald verlaſſen und war in den Wagen geſtiegen. Befriedigt durch dieſe Entdeckung, welche alle ſeine Vermuthungen beſtätigte, kehrte Athos in das Gaſthaus zurück, wo er Planchet fand, der ungeduldig ſeiner harrte. Alles war, wie es Athos vorhergeſehen hatte. Planchet hatte ſeinen Weg verfolgt und wie Athos die Blutſpuren bemerkt, wie Athos hatte er die Stelle erkannt, wo die Pferde anhielten; aber er war weiter ge⸗ gangen, als Athos, und hatte im Dorfe Feſtubert, im Wirtshauſe trinkend, ohne viel fragen zu müſſen, erfahren, daß um halb neun Uhr am Abend vorher ein verwundeter Mann, der eine in einer Poſtchaiſe reiſende Dame be⸗ gleitete, einzukehren genöthigt geweſen war, da ihm die Schmerzen nicht weiter zu reiſen geſtatteten. Der Unfall war auf Rechnung von Räubern geſetzt worden, welche den Wagen im Walde angehalten haben ſollten. Der Mann war im Dorfe zurückgeblieben, die Frau hatte friſche Pferde genommen und ihre Reiſe fortgeſetzt. — 365 Planchet ſuchte denPoſtillon auf und fand ihn auch Er hatte die Dame bis Fromelles geführt und von Fro⸗ melles war ſie nach Armentieres gereiſt. Planchet ſchlug einen Seitenweg ein und erreichte Armentieres um acht Uhr Morgens. Es war hier nur ein Wirthshaus, das zur Poſt. Planchet gab ſich für einen Lackei ohne Stelle aus, der einen Herrn ſuchte. Er hatte noch keine zehn Minuten mit den Leuten vom Hauſe geſprochen, als er bereits wußte, daß um eilf Uhr Abends eine Frau ganz allein angekommen war, ein Zimmer genommen, den den Wirth gerufen und dieſem geſagt hatte, ſie wünſchte einige Zeit in der Gegend zu bleiben. Planchet brauchte nicht mehr zu wiſſen. Er lief nach dem zum Zuſammentreffen beſtimmten Ort, fand die drei Lackeien pünktlich an ihrem Poſten, ſtellte ſie als Schildwachen vor alle Ausgänge des Gaſthauſes und kehrte zu Athos zurück, der gerade die letzte Meldung von Planchet angehort hatte, als ſeine Freunde wieder erſchienen. Auf allen Geſichtern waren finſtere Wolken gelagert, ſelbſt auf dem ſanften Antlitz von Aramis. „Was ſoll geſchehen?“ fragte d'Artagnan. „Warten,“ antwortete Athos. Jeder zog ſich in ſein Zimmer zurück. Abends um acht Uhr gab Athos Befehl, die Pferde zu ſatteln und Lord Winter und ſeine Freunde zu be⸗ nachrichtigen, ſie möchten ſich zu dem Zuge bereit halten. In einem Augenblick waren alle fünf fertig. Jeder unterſuchte ſeine Waffen und ſetzte ſie in gehörigen Stand. Athos ſtieg zuletzt hinab und fand d'Artagnan bereits un⸗ geduldig zu Pferde. „Geduld d'Artagnan,“ ſprach Athos,„es fehlt noch iner.“ Die vier Freunde ſchauten erſtaunt um ſich her, denn ſie ſuchten vergeblich in ihrem Geiſte, wer der Eine wäre, der noch fehlen ſollte.. 366 In dieſem Augenblice führte Planchet das Pferd von Athos herbei. Der Musketier ſprang leicht in den Sattel. „Wartet auf mich,“ ſagte er,„ich komme ſogleich.“ Und er ſprengte im Galopp davon. Eine Viertelſtunde nachher kam er wirklich in Be⸗ 6 gleitung eines maskirten und in einen großen rothen Man⸗ tel gehüllten Mannes zurück. Lord Winter und die drei Musketiere fragten ſich gegenſeitig mit den Blicken. Keiner von ihnen konnte die Andern belehren, denn ſie wußten insgeſammt nicht, wer da es auf Befehl von Athos geſchah. Um neun Uhr ſetzte ſich die kleine Reitertruppe, von Planchet geführt, in Marſch und ſchlug den Weg ein, den der Wagen verfolgt hatte. Sie boten einen traurigen Anblick, vie ſechs Män⸗ ner, welche in der Stille hinritten, jeder in ſeine Gedan⸗ ken vertieft, düſter wie die Verzweiflung, ernſt wie die Strafe. XXXIII. Das Gericht. Es war eine ſtürmiſche, finſtere Nacht. Schwere Wolken jagten am Himmel hin und verſchleierten den 3 Glanz der Geſtirne! der Mond ſollte erſt um Mit⸗ mer eines Blitzes, der am Horizonte zuckte, die Straße, wie ſie ſich weiß und einſam entrollte. Erloſch der Blitz, ſo trat wieder dieſelbe Finſterniß ein. dieſer Mann war. Sie dachten jedoch, es müßte ſo ſein, p ternacht aufgehen. Zuweilen gewahrte man beim Schim⸗ rd en E⸗ ie er , E e . 8 ——— 367 Jeden Augenblick rief Athos dArtagnan zu, der ſiets an der Spitze der kleinen Gruppe ritt, und noöthigte ihn, in ſein Glied zurückzukehren, das er nach einem Augen⸗ blick abermals verließ. Er hatte nur einen Gedanken, den vorwärts zu gehen, und er ging. Man zog in der Stille durch das Dorf Feſtubert, wo der verwundete Bediente zurückgeblieben war, und dann längs dem Dorf Riche⸗ bourg. In Herlier angelangt wandte ſich Planchet, der die Colonne ſtets anführte, nach links. Wiederholt hatten es Lord Winter, Porthos oder Aramis verſucht, den Mann mit dem rothen Mantel an⸗ zureden, aber auf jede Frage, die man an ihn richtete, verneigte er ſich, ohne zu antworten. Die Reiſenden be⸗ griffen ſodann, daß der Unbekannte ſein Stillſchweigen aus triftigen Gründen beobachtete und hoͤrten auf, ihn auszuforſchen. Ueberdies nahm der Sturm immer mehr zu, die Blitze folgten ſich raſcher, der Donner fing an zu rollen und der Wind, der Vorläufer des Orkans, pfiff durch die Federn und Haare der Reiter. Die Reitertruppe ſchlug einen Trab an. Jenſeits Fromelles kam der Sturm zum Ausbruch. Man zog die Mäntel an. Es waren noch drei Meilen zurückzulegen, man machte ſie unter Strömen von Regen. DArtagnan hatte ſeinen Hut abgenommen und den Man⸗ tel nicht angezogen. Er fand ein Vergnügen daran, das Waſſer über ſeine glühende Stirne und ſeinen von Fie⸗ berſchauer geſchüttelten Körper rinnen zu laſſen. In dem Augenblicke, nachdem die kleine Truppe durch Goskal geritten war und ſich vor der Poſt befand, machte ſich ein an einen Baum gelehnter Mann von dein Stamme los, mit dem er in der Dunkelheit vermengt ge⸗ blieben war, und trat, ſeinen Finger auf die Lippen le⸗ gend, bis in die Mitte der Straße vor.. Athos erkannte Grimaud. „Was gibt es?“ rief d Artagnan.„Sollte ſie Ar⸗ mentieres verlaſſen haben?“ Grimaud machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zei⸗ chen. D Artagnan knirſchte mit den Zähnen. „Stille, d'Artagnan,“ ſprach Athos,„ich habe Alles übernommen und es iſt folglich meine Sache, Gri⸗ maud zu befragen.“ „Wo iſt ſie?“ fragte Athos. Grimaud ſtreckte die Hand in der Richtung der Lys aus. „Fern von hier?“ Grimaud zeigte ſeinem Herrn einen gebogenen Finger. „Allein?“ Grimaud bejahte durch ein Zeichen. „Meine Herren,“ ſagte Athos,„ſie iſt eine halbe Meile von hier, in der Richtung des Fluſſes.“ „Gut,“ ſprach d'Artagnan;„führe uns Grimaud.“ Grimaud ging querfeldein und diente der Cavalcade als Führer. Nach ungefähr fünfhundert Schritten fand man ei⸗ nen Bach, den man durchwatete. Bei dem Schimmer eines Blitzes gewahrte man das Dorf Erquinheim. „Iſt es hier?“ fragte d'Artagnan. Grimaud ſchüttelte verneinend den Kopf. „Stille alſo,“ ſprach Athos. Und die Truppe ſetzte ihren Weg fort. Ein anderer Blitz leuchtete. Grimaud ſtreckte den Arm aus, und bei dem bläulichen Scheine der Feuer⸗ ſchlange unterſchied man ein kleines, einzeln ſtehendes Haus am Rande des Fluſſes, hundert Schritte von ei⸗ ner Fähre. Ein Fenſter war erhellt“ „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſprach Athos. In dieſem Augenblick erhob ſich ein in einem 4 — ——— lr⸗ ei⸗ abe ri⸗ der ger. albe d.“ cade ei⸗ das den euer⸗ endes n ei⸗ einem 369 Graben liegender Mann: es war Mousqueton. Er deutete mit dem Finger nach dem erleuchteten Fenſter. „Sie iſt hier,“ ſagte er. „Und Bazin?“ fragte Athos. „Während ich das Fenſter bewachte, bewachte er die Thüre.“ „Gut, ſagte Athos,„Ihr ſeid alle getreue Diener.“ Athos ſprang von ſeinem Pferde, deſſen Zügel er den Händen von Grimaud überließ, und ging auf das Fenſter zu, nachdem er den übrigen Mitgliedern ſeiner Truppe durch ein Zeichen angedeutet hatte, ſie mögen ſich nach der Thüre wenden. Das kleine Haus war von einer lebendigen, zwei bis drei Fuß hohen, Hecke umgeben. Athos ſprang über die Hecke und gelangte bis zu dem Fenſter, das der Läden entbehrte, deſſen Halbvorhänge aber ſorgfältig zugezogen waren. Er ſtieg auf die ſteinerne Randleiſte, damit ſein Auge über die Höhe der Vorhänge reichen moͤchte. Beim Schimmer einer Lampe ſah er eine in einem Mantel von düſterer Farbe gehüllte Frau auf einem Schemel in der Nähe eines erlöſchenden Feuers ſitzen. Sie ſtützte ihren Ellenbogen auf einen ſchlechten und hatte ihren Kopf in ihre elfenbeinweiße Hände gelegt. Man konnte ihr Geſicht nicht unterſcheiden, aber ein finſteres Lächeln zog über die Lippen von Athos hin. Es war keine Täuſchung moglich. Er ſah diejenige, welche er ſuchte. In dieſem Augenblick wieherte ein Pferd. Mylady ſchaute empor, erblickte dicht vor dem Fenſter das bleiche Antlitz von Athos und ſtieß einen Schrei aus. Athos begriff, daß ſie ihn erkannt hatte, ſtieß mit dem Knie und der Hand an das Fenſter, dieſes gab nach, die Scheiben zerbrachen und Athos ſprang, dem Geſpenſte der Rache ähnlich, in das Zimmer. Die drei Musketiere. M. 24⁴ Mylady lief nach der Thür und öffnete ſie. Noch bleicher, noch drohender, als Athos, ſtand d'Artagnan auf der Schwelle. Mylady wich kreiſchend zurück. D'Artagnan glaubte, ſie hätte ein Mittel zu entfliehen, und zog, ihr Entkom⸗ men befürchtend, eine Piſtole aus ſeinem Gürtel. Aber Athos hob die Hand und ſprach: „Stecke die Waffe wieder an ihren Ort, dArtagnan. Dieſe Frau ſoll gerichtet und nicht ermordet werden. Warte noch einen Augenblick, d'Artagnan und Du ſollſt befriedigt ſein. Tretet ein, meine Herren.“ DArtagnan gehorchte, denn Athos hatte die feier⸗ liche Stimme und die mächtige Geberde eines vom Herrn im Himmel abgeſandten Richters. Hinter d'Artagnan träten Porthos, Aramis, Lord Winter und der Mann im rothen Mantel ein. Die vier Lackeien bewachten die Thüre und das Fenſter. Mylady war auf ihren Sitz zurückgeſunken und ſtreckte die Hände aus, als wollte ſie dieſe furchtbare Erſcheinung beſchwören. Als ſie ihren Schwager erblickte, ſtieß ſie einen gräßlichen Schrei aus. „Was verlangt Ihr?“ rief Mylady. „Wir verlangen,“ antwortete Athos,„Anna von Breuil, die ſich Anfangs Gräfin de la Fere und ſodann Lady Winter, Baronin von Sheffield genannt hat.“ „Ich bin es,“ murmelte ſie in höchſter Beſtürzung. „Was wollt. Ihr von mir?“ „Wir wollen Euch richten nach Euern Verbrechen,“ ſagte Athos.„Es ſteht Euch frei, Euch zu vertheidigen; rechtfertigt Euch, wenn Ihr könnt. Herr dArtagnan, Euch kommt die erſte Anklage zu.“ DArtagnan ſchritt vor und ſprach: Vor Gott und den Menſchen klage ich dieſe Frau an, Conſtance Bonacieux, welche geſtern Abend verſchieden iſt, vergiftet zu haben.“ Er wandte ſich gegen Porthos und Aramis um. —r— — ber an. en. lſt er⸗ rrn an im er. te ing ſie on nn n,“ n an, rau den 371 „Wir bezeugen es,“ ſagten mit einer Bewegung die zwei Musketiere. D'Artagnan fuhr fort: „Vor Gott und den Menſchen klage ich dieſe Frau darüber an, daß ſie mich in dem Weine vergiften wollte, den ſie mir von Villeroi mit einem falſchen Briefe zu⸗ ſchickte, als ob der Wein von meinen Freunden käme. Gott hat mich gerettet, aber ein Mann, Namens Briſe⸗ mont, iſt ſtatt meiner geſtorben.“ „Wir bezeugen es,“ ſagten einſtimmig Porthos und Aramis. „Vor Gott und den Menſchen,“ ſprach d'Artagnan weiter,„klage ich dieſe Frau an, mich zur Ermordung des Grafen von Wardes angereizt zu haben, und da Nie⸗ mand hier iſt, um die Waheit dieſer Beſchuldigung zu bezeugen, ſo bezeuge ich ſie. Ich habe es geſagt.“ Nach dieſen Worten trat dArtagnan mit Porthos und Aramis auf die andere Seite des Zimmers. „An Euch, Mylord,“ ſagte Athos. Der Baron trat ebenfalls vor und ſprach: „Vor Gott und den Menſchen klage ich dieſe Frau darüber an, daß ſie den Herzog von Buckingham ermor⸗ den ließ.“ „Der Herzog von Buckingham ermordet!“ riefen mit einem Schrei alle Anweſenden. „Ja,“ erwiederte der Baron,„ermordet! Auf den Brief, den Ihr mir, um mich zu warnen, geſchrieben habt, ließ ich dieſe Frau verhaften und übergab ſie einem redlichen Diener zur Bewachung. Sie verführte dieſen Menſchen, drückte ihm den Dolch in die Hand, hieß ihn den Herzog ermorden und in dieſem Augenblicke bezahlt iece mit ſeinem Kopfe das Verbrechen dieſer urie.“ Ein Schauer durchlief die Richter bei der Enthüllung dieſer noch unbekannten Verbrechen. „Das iſt noch nicht Alles,“ verſetzte Lord Winter. „Mein Bruder, der Euch zu ſeiner Erbin eingeſetzt hatte, iſt in drei Stunden an einer ſeltſamen Krankheit geſtorben, welche auf dem ganzen Körper ſchwarzblaue Flecken zurückläßt. Meine Schweſter, wie iſt Euer Gatte geſtorben?“ „Gräulich!“ riefen Porthos und Aramis. „Mörderin von Buckingham! Mörderin von Felton! Morderin meines Bruders! ich verlange Gerechtigkeit gegen Euch, und wenn ſie mir nicht gegeben wird, ſo werde ich ſie mir ſelbſt nehmen!“ Und Lord Winter reihte ſich an dArtagnan an und ließ den Platz für einen andern Ankläger frei. Mylady's Stirne ſank in ihre beiden Hände, ſie ſuchte ihre, durch einen tödtlichen Schwindel verwirrten Gedanken zu entwirren. „Nun iſt es an mir,“ ſprach Athos ſelbſt zitternd, wie ein Löwe bei dem Anblick einer Schlange zittert, „nun iſt es an mir. Ich heirathete dieſe Frau, als ſie noch ein junges Mädchen war; ich heirathete ſie wider den Willen meiner Familie; ich gab ihr mein Vermögen, ich gab ihr meine Hand, und eines Tages bemerkte ich, daß dieſe Frau gebrandmarkt war. Dieſe Frau trug das Brandmal einer Lilie auf der linken Schulter.“ „Oh!“ rief Mylady ſich erhebend,„ich fordere Euch auf, das Tribunal, welches dieſen ſchändlichen Spruch über mich verhängt hat, aufzufinden. Ich fordere Euch auf, denjenigen, welcher ihn vollſtreckte, zu finden.“ „Stille!“ ließ ſich eine Stimme vernehmen,„dies zu beantworten, kommt mir zu!“ Und der Mann mit dem rothen Mantel trat eben⸗ falls näher. „Wer iſt dieſer Mann? wer iſt dieſer Mann?“ rief durch den Schrecken niedergeſchmettert Mylady, deren Hagre ſich löſten und auf dem leichenblaſſen S empor ſtarrten, als ob ſie lebendig geweſen wären. 373 Aller Augen wandten ſich nach dieſem Manne, denn mit Ausnahme von Athos war er Allen unbekannt. Doch auch Athos ſchaute ihn mit eben ſo großer Verwunderung an, wie die Andern; er wußte nicht, wie derſelbe im Zuſammenhang mit dem furchtbaren Drama ſtehen konnte, das ſich in dieſem Augenblicke entwickelte. Nachdem er ſich mit langſamen und feierlichen Schritten und auf eine Weiſe Mylady genähert hatte, daß ihn der Tiſch von ihr trennte, nahm der Unbekannte ſeine Maske ab. Mylady ſchaute einige Zeit mit allen Zeichen eines wachſenden Schreckens das bleiche, mit ſchwarzen Haa⸗ ren und ſchwarzem Barte umgebene Geſicht an, deſſen einziger Ausdruck eine eiſige Unempfindlichkeit war. Dann rief ſie plötzlich aufſtehend und bis an die Wand zurück⸗ weichend: „Oh! nein, nein, nein! Das iſt eine hölliſche Er⸗ ſcheinung! Er iſt es nicht! Zu Hülfe, zu Hülfe!“ ſchrie ſie mit rauher Stimme, und wandte ſich nach der Wand um, als ob ſie ſich mit ihren Händen einen freien Durch⸗ gang hätte öffnen können. „Aber wer ſeid ihr denn?“ riefen alle Zeugen dieſer Stcene. „Fragt dieſe Frau,“ antwortete der Mann mit dem rothen Mantel;„denn Ihr ſeht wohl, daß ſie mich wie⸗ der erkannt hat.“ „Der Henker von Lille! der Henker von Lille!“ rief Mylady, von wahnſinnigem Schrecken erfaßt und ſich, um nicht zu fallen, mit den Händen an die Wand anklammernd. Alle Anweſenden wichen zurück und der Mann mit dem rothen Mantel ſtand allein mitten in der Stube. „Oh! Gnade! Barmherzigkeit!“ rief die Elende, Suf die Knie ſtürzend. Der Unbekannte wartete, bis es wieder ſiille Kwer den war, und ſprach ſodann; 374 „Ich ſagte Euch, daß ſie mich wiedererkannt hatte. Ja, ich bin der Henker der Stadt Lille. Hört meine Geſchichte.“ Aller Augen waren auf den Mann geheftet, deſſen Worten man mit ängſtlicher Gier entgegenharrte. „Dieſe Frau war einſt ein junges Mädchen, ſo ſchön, wie ſie heute iſt. Sie war eine Nonne in dem Kloſter der Benedictinerinnen von Templemar. Ein jun⸗ ger Prieſter von ſchlichtem, gläubigem Herzen verſah den Gvottesdienſt in der Kirche dieſes Kloſters. Sie unternahm es ihn zu verführen, und es gelang ihr. Sie hätte auch einen Heiligen verführt. „Ihre Gelübde, die Gelübde von Beiden, waren heilig, unwiderruflich; ihre Liebſchaft konnte nicht lange dauern, ohne Beide in das Verderben zu ſtürzen. Sie bewog ihn, mit ihr die Gegend zu verlaſſen; aber um die Gegend zu verlaſſen und gemeinſchaftlich zu fliehen, um einen andern Theil von Frankreich zu erreichen, wo ſie ruhig leben könnten, weil ſie unbekannt wären, brauch⸗ ten ſie Geld und keines von Beiden beſaß Geld. Der Prieſter ſtahl die heiligen Gefäße und verkaufte ſie, aber da ſie ſich abzureiſen anſchickten, wurden Beide verhaftet. „Acht Tage nachher hatte ſie den Sohn des Ker⸗ kermeiſters verführt und ſich geflüchtet. Der junge Prie⸗ ſter wurde zu zehn Jahren Kettenſtrafe und zur Brand⸗ markung verurtheilt. Ich war der Henker der Stadt Lille, wie dieſe Frau ſagt. Ich mußte den Schuldigen brandmarken, und der Schuldige, meine Herren, war mein Bruder. „Ich ſchwor, daß dieſe Frau, welche ihn zu Grunde gerichtet hatte und mehr als ſeine Mitſchuldige war, weil ſie ihn zum Verbrechen antrieb, wenigſtens ſeine Strafe theilen ſollte. Ich vermuthete, an welchem Orte ſie verborgen war, verfolgte ſie, erreichte ſie, knebelte und drückte ihr daſſelbe Mal auf, das ich meinem Bru⸗ der aufgedrückt hatte. — ne en ſo m 1. n n e ie E r r t. ⸗ 2 r e r, e te te „Am Tage nach meiner Rückkehr nach Lille gelang es meinem Bruder, ebenfalls zu entweichen. Man klagte mich der Mitſchuld an und verurtheilte mich ſo lange, als er ſich nicht wieder in Haft gegeben hätte, im Gefängniß zu bleiben. Mein armer Bruder wußte nichts von dieſem Urtheil. Er war mit der ehemaligen Nonne wieder zu⸗ ſammengetroffen und mit ihr nach Berri gezogen, wo er eine kleine Pfarre erhielt. Dieſe Frau galt für ſeine Schweſter. „Der Herr des Gutes, auf welchem die Kirche des Pfarrers lag, ſah die angebliche Schweſter und verliebte ſich in ſie in einem Grade, daß er ihr die Ehe antrug. Da verließ ſie denjenigen, welchen ſie in das Verderben ge⸗ bracht hatte, um dem Manne zu folgen, den ſie in das Verderben ſtürzen ſollte, und wurde Gräfin de la Fore.“ Aller Augen wandten ſich gegen Athos, deſſen wirklicher Name dies war. Athos aber beſtätigte mit einem Zeichen ſeines Kopfes, daß Alles, was der Hen⸗ ker geſagt hatte, der Wahrheit entſprach. Dieſer fuhr fort: „In Verzweiflung, entſchloſſen ſich eines Daſeins zu entledigen, dem ſie Ehre, Glück, Alles geraubt hatte, kam mein armer Bruder nun nach Lille zurück, und als er von dem Spruche hörte, der mich ſtatt ſeiner verurtheilt hatte, gab er ſich freiwillig in Haft und hängte ſich an demſelben Abend an dem Luftloche ſeines Ker⸗ kers auf. „Um denjenigen, welche mich verurtheilt hatten, Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß ſie Wort hielten. Kaum war die Identität des Leich⸗ nams nachgewieſen, als man mich wieder in Freiheit ſetzte. Dies iſt das Verbrechen, deſſen ich ſie anklage, dies die Urſache, warum ich ſie gebrandmarkt habe.“ „Herr d'Artagnan,“ ſprach Athos,„welche Strafe verlangt Ihr gegen dieſe Frau?“ 376 „Die Todesſtrafe!“ antwortete d'Artagnan. „Mylord von Winter,“ fuhr Athos fort,„welche Strafe verlangt Ihr gegen dieſe Frau?“ „Die Todesſtrafe!“ antwortete Lord Winter. „Meine Herren Porthos und Aramis,“ ſagte Athos, „Ihr, die Ihr ihre Richter ſeid, welche Strafe verhängt Ihr gegen dieſe Frau?“ „Die Tovesſtrafe!“ antworteten mit dumpfer Stimme die zwei Musketiere. Mylady ſtieß ein furchtbares Geheule aus und ſchleppte ſich auf den Knieen einige Schritte gegen ihre Richter. Athos ſtreckte die Hand gegen ſie aus. „Anna von Breuil, Gräfin de la Fère, Mylady Winter,“ ſagte er,„Eüre Verbrechen haben die Men⸗ ſchen auf Erden und Gott im Himmel ermüdet. Wenn Ihr ein Gebet wißt, ſo ſprecht es, denn Ihr ſeid ver⸗ urtheilt und müßt ſterben.“ Bei dieſen Worten, die ihr keine Hoffnung mehr übrig ließen, richtete ſich Mhlady in ihrer ganzen Höhe auf und wollte reden. Aber es fehlten ihr die Laute. Sie fühlte, daß eine mächtige, unwiderſtehliche, unver⸗ ſöhnliche Hand ſie an den Haaren faßte und unwiderruf⸗ lich fortzog, wie das Verhängniß den Menſchen fortzieht. Sie verſuchte es daher nicht einmal, Widerſtand zu lei⸗ ſten, und verließ die Hütte. Lord Winter, dArtagnan, Athos, Porthos und Aramis gingen nach ihr hinaus; die Bedienten folgten ihren Herren, und die Stube blieb einſam mit ihren zer⸗ brochenen Fenſtern, ihrer oſſenen Thüre und ihrer rauchi⸗ gen Lampe, welche vüſter auf dem Tiſche fortörannte. * — XXXIV. s, t Vie Hinrichtung. ne Es war um die Mitternachtsſtunde. Der durch das Abnehmen ausgeſchweifte und durch die letzten Spuren nd des Sturmes blutig gefärbte Mond ging hinter dem re Dorfe Armentiéres auf, das auf dem bleichen Schimmer die düſtere Silhouette ſeiner Häuſer und das Skelett ſeines hohen, durchbrochenen Glockenthurms hervorhob. Vorne wälzte die Lys, einem Fluſſe von geſchmolzenem Zinn n⸗ ähnlich, ihre Waſſer, während man auf dem anvern Ufer das in Profil einer ſchwarzen Maſſe von Bäumen auf einem r⸗ ſtürmiſchen, von ſchweren, bräunlichen Wolken bedeckten 3 Bimmel erblickte. Zur Linken erhob ſich eine alte verlaſſene Mühle mit unbeweglichen Flügeln, in deren Trümmern von Zeit zu Zeit eine Nachteule ihr monotones, ſchrilles e. Geſchrei hören ließ. Da und dort erſchienen in der Ebene r⸗ rechts und links vom Wege, auf dem ſich der traurige f⸗ 3 Zug bewegte, niedrige, unterſetzte Bäume, welche wie miß⸗ geſtaltete Zwerge ausſahen, die ſich niedergekauert hätten, i⸗ um in dieſer finſteren Stunde Menſchen aufzulauern. Zuweilen öffnete ein mächtiger Blitz den Horizont in d ſeiner ganzen Breite, ſchlängelte ſich über die ſchwarze n Maſſe der Bäume hin und trennte wie ein furchtbarer ⸗. Säbel den Himmel und das Waſſer in zwei Theile. Richt e leiſeſte Wind bewegte die ſchwerfällige Atmoſphäre. Eine Todtenſtille laſtete auf der ganzen Natur, der Boden war feucht und ſchlüpfrig von dem gefallenen Regen und . die wiederbelebten Gräſer und Kräuter ſtrömten ihre Wohlgerüche mit neuer Energie aus. Zwei Bediente ſchleppten Mylady, welche jeder von ihnen an einem Arme hielt. Der Henker ging hinter ihr. *. Lord Winter, dArtagnan, Athos, Porthos und Aramis gingen hinter dem Henker. Planchet und Bazin kamen zuletzt. Die zwei Diener führten Mylady nach dem Fluſſe. Ihr Mund war ſtumm, aber ihre Augen ſprachen mit jener unausſprechlichen Beredſamkeit und flehten abwech⸗ ſelnd zu Jedem, den ſie anſchaute. Als ſie ſich einige Schritte voraus ſah, ſagte ſie zu den Bedienten: „Tauſend Piſtolen für jeden von Euch, wenn Ihr meine Flucht begünſtigt; wenn Ihr mich aber Euern Herren ausliefert, ſo habe ich hier in meiner Nähe Rächer, die Euch meinen Tod theuer bezahlen laſſen werden!“ Grimaud zögerte, Mousqueton zitterte an allen Gliedern. Athos, der die Stimme von Mylady gehoͤrt hatte, näherte ſich raſch, Lord Winter that daſſelbe. „Schickt dieſe Bedienten Weg,“ ſagte er,„ſie hat mit ihnen geſprochen, ſie ſind nicht mehr ſicher.“ Man rief Planchet und Bazin, welche die Stelle von Grimaud und Mousqueton einnahmen. An den Rand des Waſſer gelangt, trat der Henker zu Mylady und band ihr die Hände und die Füße. WDa brach ſie das Stillſchweigen und rief:„Ihr ſeid feige, elende Mörder, Ihr erhebt Euch zu zehn, um eine Frau umzubringen. Nehmt Euch in Acht, wenn man mir aüch keine Hülfe bringt, ſo wird man mich doch rächen!„. „Ihr ſeid kein Weib,“ ſprach Athos kalt,„Ihr ge⸗ hört nicht dem Menſchengeſchlechte an, Ihr ſeid ein der Hölle entſprüngener Teufel, den wir wieder dahin zurück⸗ ſchicken werden.“ „Oh! meine tugendhaften Herren,“ ſprach Mylady, „gebt wohl Acht, daß derjenige von Euch, welcher ein Haar von meinem Haupte berührt, nicht auch ein Mörder iſt.“ —.— „ —— 379 „Der Henker kann tödten, ohne darum ein Mörder zu ſein, Madame,“ ſprach der Mann mit dem rothen Mantel und klopfte dabei an ſein breites Schwert.„Er iſt der Nachrichter, er iſt der letzte Richter, und nichts Anderes.“ Während er ſie band und dieſe Worte ſprach, ſtieß Mylady wiederholt ein Geſchrei aus, das gar düſter und ſeltſam klang, als es durch die Nacht hinflog und ſich in der Tiefe des Waldes verlor. „Wenn ich ſchuldig bin, wenn ich die Verbrechen begangen habe, deren Ihr mich bezüchtigt,“ heulte Mylady, „ſo führt mich vor ein Tribunal. Ihr ſeid nicht die Richter, die mich verdammen können.“ „Ich habe Euch Tyburn vorgeſchlagen,“ entgegnete Lord Winter,„warum habt Ihr es nicht angenommen?“ „Weil ich nicht ſterben will,“ rief Mylady, gegen * Henker ſich ſträubend,„weil ich zu jung bin, um zu erben.“ „Die Frau, welche Ihr in Bethune vergiftet habt, war noch jünger, als Ihr, und iſt dennoch geſtorben,“ ſagte d'Artagnan. „Ich werde in ein Kloſter eintreten, ich werde den Schleier nehmen,“ rief Mylady. „Ihr waret in einem Kloſter,“ ſprach der Henker, „und Ihr habt es verlaſſen, um meinen Bruder zu ver⸗ derben.“ Mylady ſtieß abermals ein Angſtgeſchrei aus und fiel auf die Kniee. Der Henker hob ſie bei den Armen auf und wollte ſie nach dem Nachen tragen. „Oh! mein Gott, mein Gott!“ rief ſie.„Wollt Ihr mich denn ertränken?“ Dieſes Geſchrei hatte etwas ſo Herzzerreißendes, daß d'Artagnan, der Anfangs der Erbittertſte im Verfolgen von Mylady war, ſich auf einem Baumſtumpf niederließ, das Haupt neigte und die Ohren mit ſeinen flachen 380 n verſtopfte; aber dennoch horte er ſie ſchreien und drohen. DArtagnan war der jüngſte von allen dieſen Män⸗ nern; ſein Herz erweichte ſich. „Oh! ich kann dieſes furchtbare Schauſpiel nicht an⸗ ſehen,“ ſagte er; ich kann nicht zugeben, daß dieſe Frau ſo ſtirbt.“ Mylady hatte die letzten Worte gehört und gab ſich wieder einem Strahle der Hoffnung hin. „D'Artagnan! d'Artagnan!“ rief ſie,„erinnerſt Du Dich, daß ich Dich geliebt habe?“ Der junge Mann ſtand auf und machte einen Schritt gegen ſie. Athos ſtand ebenfalls auf, zog ſeinen Degen und ſtellte ſich ihm in den Weg. „Wenn Ihr noch einen Schritt macht, d'Artagnan,“ ſprach er,„ſo mögen ſich unſere Schwerter kreuzen.“ DArtagnan ſiel auf die Kniee und betete. „Auf!“ fuhr Athos fort,„Henker, thue Deine pfücht.“ „Gern, gnädiger Herr,“ antwortete der Henker; „denn ſo wahr ich ein guter Katholik bin, glaube ich, daß ich gerecht handle, wenn ich mein Geſchäft an dieſer Frau vollziehe.“ Athos trat näher zu Mhlady und ſprach: „Ich vergebe Euch das Böſe, was Ihr mir zuge⸗ fügt habt, ich vergebe Euch meine zertrummerte Zu⸗ kunft, meine verlorene Ehre, meine befleckte Liebe und mein für immer durch die Verzweiflung, in die Ihr mich geſtürzt habt, zu Grunde gerichtetes Glück. Sterbt im Frieden!“ Lord Winter kam ebenfalls heran und ſagte: „Ich vergebe Euch die Vergiftung meines Bru⸗ ders, die Ermordung Seiner Herrlichkeit, des Lord Buckingham, ich vergebe Euch den Tod des armen ten vo den ihn tun erfe mei und ſpro Lys Die nied n⸗ 381 Felton, ich vergebe Euch, was Ihr gegen meine Perſon verſucht habt. Sterbt in Frieden“ „Und mir,“ ſprach d'Artagnan,„vergebt mir, Ma⸗ dame, daß ich durch einen, eines Edelmannes unwürdigen, Betrug, Euren Zorn hervorgerufen habe, und dagegen vergebe ich Euch die Ermordung meiner armen Freundin und die grauſame Rache, die Ihr an mir verübt habt. Sterbt in Frieden!“ „I am lost!“ murmelte Mylady engliſch, I must die 1“ 4) Dann erhob ſie ſich und warf einen von den leuch⸗ tenden Blicken um ſich, die aus einem Flammenauge her⸗ vor zu ſpringen ſchienen. Sie ſah nichts. Sie horchte, ſie horte nichts. Sie hatte nur Feinde um ſich her. „Wo ſoll ich ſterben?“ fragte ſie. „Auf dem andern Ufer,“ antwortete der Henker. Dann ließ er ſie in ſeine Barke eintreten, und als er den Fuß auf dieſe ſetzte, um ihr zu folgen, überreichte ihm Athos eine Summe Geldes⸗ „Nehmt,“ ſprach er,„hier iſt der Lohn der Hinrich⸗ tung, damit man ſehe, daß wir als Richter handeln.“ „Gut,“ verſetzte der Henker,„dieſe Frau ſoll nun erfahren, daß ich nicht mein Gewerbe treibe, ſondern meine Pflicht erfülle.“ Und er warf das Geld in den Fluß. „Seht,“ ſagte Athos,„dieſe Frau hat ein Kind, und dennoch hat ſie kein Wort von ihrem Kinde ge⸗ ſprochen.“ Der Nachen entfernte ſich nach dem linken Ufer der Lys, die Schuldige und den Nachrichter mit ſich tragend. Die Anderen blieben auf dem rechten Ufer, und waren niedergekniet. 7) Ich bin verloren! ich muß ſterben! * 382 Der Nachen glitt langſam den Strick der Fähre ent⸗ lang unter dem Reflexe einer bleichen Wolke, welche in dieſem Augenblick über dem Waſſer ſchwebte. Man ſah ihn am andern Ufer landen. Die Perſonen zeichneten ſich ſchwarz auf dem röthlichen Horizont ab. Mylady war es während der Ueberfahrt gelungen, den Strick, der ihre Füße band, loszumachen. Als ſie ſich nahe am Ufer befand, ſprang ſie leicht zu Boden und er⸗ griff die Flucht. Aber der Boden war feucht: oben auf der Boͤſchung angelangt, glitt ſie aus und fiel auf ihre Kniee nieder. Ein abergläubiſcher Gedanke berührte ſie ohne Zweifel. Sie ſah ein, daß der Himmel ihr ſeinen Beiſtand ver⸗ ſagte und verharrte in der Stellung, in der ſie ſich befand, das Haupt gebeugt und die Hände feſt an einander ge⸗ ſchloſſen. Da ſah man vom andern Ufer den Henker langſam ſeine Arme erheben, ein Strahl des Mondes ſpiegelte ſich auf der Klinge ſeines breiten Schwertes. Die beiden Arme ſielen nieder, man hörte das Ziſchen des Schwertes, und eine verſtümmelte Maſſe zerarbeitete ſich unter dem Streiche. Dann nahm der Henker ſeinen rothen Mantel ab, legte den Körper darauf, warf den Kopf dazu, knüpfte den Mantel an ſeinen vier Enden zuſammen, lud ihn auf ſeine Schulter und ſtieg wieder in den Nachen. Als er die Mitte der Lys erreicht hatte, hielt er die Barke an, hob ſeine Laſt über den Fluß und rief: „Gottes Gerechtigkeit mag walten!“ Und er ſchleuderte den Leichnam in die Tiefe des Waſſers, das ſich über demſelben ſchloß. ihr Ab „he Fre —— „Das iſt falſch, er hat mir kürzlich erſt geſchrieben! ber am andern Tage mußte ſie wohl der unſeligen Kunde glauben ſchenken. La Porte, wie alle Menſchen in XXXV. Eine Botſchaft des Cardinals. Drei Tage nachher kamen die vier Musketiere nach Paris zurück. Sie hatten ſich innerhalb der Gränzen ihres Urlaubs gehalten und ſtatteten noch an demſelben Abend Herrn von Treville ihren gewöhnlichen Beſuch ab. „Nun, meine Herren,“ fragte ſie der brave Kapitän, „habt Ihr Euch bei Eurem Ausfluge gut unterhalten2“ „Wunderbar,“ antwortete Athos in ſeinem und ſeiner Freunde Namen. Am 6. des darauf folgenden Monats verließ der König, dem Verſprechen getreu, das er dem Cardinal in Beziehung auf ſeine Rückkehr nach La Rochelle geleiſtet hatte, die Stadt Paris noch ganz betäubt von der Nach⸗ richt, die ſich über die Ermordung Buckinghams ver⸗ breitete. Obgleich davon unterrichtet, daß der Mann, den ſie ſo ſehr geliebt hatte, von einer Gefahr bedroht war, wollte die Königin, als man ihr dieſen Tod ankündigte, nicht daran glauben. Sie rief ſogar unkluger Weiſe aus; England durch den Befehl des Königs Carl I. zurückge⸗ halten, kam als Ueberbringer des ketzten und traurigen Geſchenkes an, das Buckingham der Königin überſchicte. Der König war voll Freude, als er die Nachricht erhielt. Er gab ſich nicht einmal die Mühe, dieſe Freude zu verbergen, ſondern ließ ſie ſogar gefliſſentlich in Ge⸗ genwart der Königin hervorbrechen. Ludwig XIII. fehlte es, wie allen ſchwachen Geiſtern, ganz an Edelmuth. Bald aber wurde der König wieder düſter und übler Laune. Seine Stirne war keine von denen, welche ſich auf lange Zeit erheiterten. Er fühlte, daß er ſich, in das Lager zurückkehrend, wieder in ſeine Sklaverei begab, und dennoch kehrte er zurück. Der Cardinal war für ihn die bezaubernde Schlange, und er war der Vogel, der von Zweig zu Zweig hüpft, ohne ihr entweichen zu können. Die Rückkehr nach La Rochelle war auch äußerſt traurig. Unſere Freunde beſonders ſetzten ihre Kameraden 3 in Erſtaunen. Sie ritten dicht neben einander mit düſte⸗ rem Auge und geſenktem Haupte. Nur Athos allein hob ſeine breite Stirne von Zeit zu Zeit empor, ein Blitz leuchtete in ſeinen Augen, ein bitteres Lächeln zog über ſeine Lippen hin und er überließ ſich wieder, wie ſeine Kameraden, ſeinen finſtern Träumereien. Sogleich nach der Ankunft der Escorte in einer Stadt zogen ſich die vier Freunde, ſobald ſie den Konig nach ſeiner Wohnung geleitet hatten, entweder nach ihren Quartieren oder in eine abgelegene Schenke zurück, wo ſie weder ſpielten noch tranken, ſondern nur, ſorgfältig umherſchauend, ob ſie Niemand hören könnte, leiſe mit einander ſprachen. Als der König eines Tages auf dem Wege halt ge⸗ macht hatte, um die Elſter zu beizen, und die vier Freunde ihrer Gewohnheit gemäß, ſtatt der Jagd zu folgen, in einem Wirthshauſe an der Landſtraße ſaßen, ſprengte ein Mann, der von La Rochelle kam, mit verhängtem Zügel heran, hielt vor der Thüre, um ein Glas Wein zu trinken,& und ſchaute in das Innere der Stube, in der ſich die vier Musketiere befanden. „Holla! Herr dArtagnan,“ ſprach er,„ſeid Ihr es nicht, den ich da innen ſehe 2“ ——— . te er 16 d e, t, ſt en e⸗ ob itz er ne er 389 das glauben konnte, was er hörte.„Habt Ihr nicht ge⸗ ſagt, ſie wäre todt?“ „Dreimal verſuchte ſie es, mich zu tödten, und ich verzieh ihr; aber ſie brachte eine Frau um das Leben, die ich liebte; dann nahmen wir ſie, meine Freunde und ich, gefangen, hielten Gericht und verurtheilten ſie.“ DArtagnan erzählte nun die Vergiftung von Ma⸗ dame Bonacieur in dem Kloſter der Karmeliterinnen in Bethune, das Gericht in dem einſamen Hauſe und die Hinrichtung an dem Ufer der Lys. Ein Schauer lief dem Cardinal durch den ganzen Leib und doch ſchauerte der Cardinal nicht ſo leicht. Aber, als bemeiſterte ſich ſeiner plotzlich ein ſtum⸗ mer Gedanke, erhellte ſich allmälig das bis daher ſo düſtere Antlitz des Cardinals und erlangte die vollkom⸗ menſte Heiterkeit. „Ihr habt Euch alſo,“ ſprach er mit einer Stimme, deren Weichheit in ſeltſamem Widerſpruch mit der Strenge der Worte ſtand,„Ihr habt Euch alſo zu Rich⸗ tern aufgeworfen, ohne zu bedenken, daß diejenigen, welche ſtrafen und nicht den Auftrag dazu haben, Mör⸗ der ſind?“ „Monſeigneur, ich ſchwöre, daß ich nicht einen Au⸗ genblick die Abſicht gehabt habe, meinen Kopf gegen Euch zu vertheidigen; ich werde mich der Strafe unter⸗ ziehen, die Eure Eminenz über mich ausſpricht. Ich hänge nicht ſo ſehr an dem Leben, daß ich den Bod fürchten ſollte.“ „Ja, ich weiß es, Ihr ſeid ein beherzter Mann,“ ſprach der Cardinal mit beinahe zärtlichem Tone;„ich kann Euch alſo zum Voraus ſagen, daß man Gericht äber Euch halten, ja ſogar Euch verurtheilen wird.“ „Ein Anderer könnte Seiner Eminenz entgegnen, er habe ſeine Begnadigung in der Taſche; ich aber be⸗ e me zu antworten; befehlt, Monſeigneur i ereit. 390 „Eure Begnadigung?“ ſragte Richelieu erſtaunt. „Ja, Monſeigneur,“ erwiederte d'Artagnan. „Und von wem unterzeichnet? Vom König?“ Der Cardinal ſprach dieſe Worte mit einem beſon⸗ deren Ausdrucke der Verachtung. „Nein, von Eurer Eminenz.“ „Von mir? Ihr ſeid ein Narr, mein Herr.“„ „Monſeigneur wird ohne Zweifel ſeine Handſchrift erkennen.“ Bei dieſen Worten überreichte d'Artagnan dem Car⸗ dinal das koſtbare Papier, das Athos Mylady entriſſen und diArtagnan übergeben hatte, dem es als Schutz⸗ wache dienen ſollte. Seine Eminenz nahm es und las es langſam und jede Silbe beſonders betonend. „Auf meinen Befehl und zum Wohle des Staates hat der Träger des Gegenwärtigen gethan, was er ge⸗ than hat.“ „Im Lager von La Rochelle, den 3. Aug. 1628. „Richelieu.“ Der Cardinal verſank in eine tiefe Träumerei; nach⸗ dem er das Papier geleſen hatte, gab er es aber d'Ar⸗ kagnan nicht zurück. „Er überlegt, durch welche Strafe er mich zum 8 Tode befoͤrdern foll,“ ſagte der Gascogner ganz leiſe zu X ſich ſelbſt.„Gut, er ſoll ſehen, wie ein Edelmann ſtirbt.“ Der junge Musketier war in der beſten Verfaſſung, um heldenmüthig vom Leben zu ſcheiden. Richelien dachte immer noch nach, rollte das Pa⸗ pier in ſeiner Hand zuſammen und rollte es iee as einander. Dann ſchaute er auf und zeftlid⸗ Ad⸗ lerblick auf dieſe redlichen, offenen, geſcheiten Züge, auf dieſes von Thränen in Folge der Leiden, die er ſeit einem Monat ausgeſtanden, durchfurchte Antlitz, und dachte zum dritten und vierten Male„wie viel dieſes . zwanzig Jahren Zukunft vor ſich hatte, und — welche Mittel ſeine Thätigkeit, ſein Muth und ſein Geiſt. einem guten Herrn bieten könnten. 8 brach ihn der Cardinal und klopfte ihm, eniz Anderer Seits hatten ihn die Verbrechen, die Macht, das hölliſche Genie von Mylady mehr als einmal er⸗ ſchreckt. Er fühlte etwas wie eine geheime Freude darü⸗ ber, daß er für immer von dieſer gefährlichen Schuldge⸗ noſſin befreit war. Langſam zerriß er das Papier, welches ihm dAr⸗ tagnan ſo edelmüthig übergeben hatte. „Ich bin verloren,“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt. Und er verbeugte ſich tief vor dem Cardinal, wie ein Menſch, der da ſagt:„Gnädiger Herr, Ener Wille ſoll geſchehen.“ Der Cardinal trat zu dem Tiſche und ſchrieb, ohne ſich zu ſetzen, ein paar Zeilen auf ein Pergament, das zu zwei Dritteln bereits voll geſchrieben war, und drückte ſein Siegel darunter. „Das iſt meine Verurtheilung,“ dachte d'Artagnan, er erſpart mir die Unannehmlichkeiten der Baſtille und den langſamen Gang eines Gerichts. Ich finde das noch ſehr liebenswürdig von ihm.“ „Nehmt,“ ſprach der Cardinal zu dem jungen Manne,„ich habe Euch ein Blankett genommen und gebe Euch ein anderes. Der Name fehlt auf dieſem Pa⸗ tent, Ihr werdet ihn ſelbſt eintragen.“ DArtagnan ergriff das Papier zögernd und warf einen Blick darauf. Es war eine Lieutenants⸗Stelle bei den Muske⸗ tieren. D'Artagnan iel dem Cardinal zu Füßen. 5 „Monſeigneur,“ rieß er,„mein Leben gehört von nun an Euch, verfügt darüber; aber ich verdiene die Gunſt nicht, die Ihr mir bewilligt: ich habe drei Freunde, welche würdiger... „Ihr ſeid ein braver Junge, vArtagnan, 392 widerſpänſtige Natur beſiegt zu haben, vertraulich auf die chulter;„macht mit dieſem Patent, was Ihr wollt, da der Name weiß iſt; nur erinnert Euch, daß ich es Euch gebe.“ „Ich werde es nie vergeſſen,“ antwortete d'Artag⸗ nan,„Eure Eminenz varf deſſen verſichert ſein.“ Der Cardinal wandte ſich um und rief mit lauter Stmme:„Rochefort.“ Der Chevalier hatte ſich ohne Zweifel vor der Thüre aufgehalten, und trat ſogleich ein. „Rochefort,“ ſagte der Cardinal,„Ihr ſeht hier Herrn d'Artagnan, ich nehme ihn unter die Zahl mei⸗ ner Freunde auf. Man umarme ſich alſo und ſei ver⸗ nünftig, wenn man ſein Leben lieb hat.“, Rochefort und d»Artagnan küßten ſich mit dem Rande ihrer Lippen; aber der Cardinal war da und beob⸗ achtete ſie mit wachſamem Auge. Sie verließen zu gleicher Zeit das Zimmer. „Wir treffen uns wieder, nicht wahr, mein Herr?“ ſprachen ſie. „Wann es Euch gefällig iſt,“ ſagte d'Artagnan. „Die Gelegenheit wird ſich finden,“ erwiederte Rochefort. „Was dag“ brummte der Cardinal die Thüre öffnend. Die Männer lächelten ſich zu, drückten ſich die Hand und verbeugten ſich vor Seiner Eminenz. „Wir fingen an unruhig zu werden,“ ſprach Athos, als der Musketier zurückkam. „Hier bin ich, meine Freunde,“ antwortete dAr⸗ tagnan. 5 3„Frei?“ 5 „Nicht allein frei, ſondern in Gunſten.“ „Ihr werdet uns das erzählen.“ „Noch dieſen Abend. Doch für dieſen Augenblick trennen wir uns.“ DArtagnan begab ſich wirklich noch denſelben —— während unſeres Zuges nach Bethune iſt der Abend in vie Wohnung von Athos, den er im beſten Zuge fand, ſeine Flaſche ſpaniſchen Wein zu leeren, ein Geſchäft, dem er gewiſſenhaft jeden Abend oblag. Er erzählte ſeinem Freunde, was zwiſchen ihm und dem Cardinal vorgefallen war, zog ſein Patent aus der Taſche und ſprach: „Nehmt, mein lieber Athos, was Euch ganz na⸗ türlich zukommt.“ Athos lächelte mit ſeinem ſüßen, reizenden Lächeln und erwiederte: „Freund, für Athos iſt es zu viel, für den Gra⸗ fen de la Fere iſt es zu wenig. Behaltet vieſes Pa⸗ tent, es gehort Euch; ach! Ihr habt es theuer genug bezahlen müſſen.“ D'Artagnan entfernte ſich aus dem Zimmer von Athos und trat in das von Porthos. Er fand ihn in einem prächtigen Rocke mit glän⸗ zenden Stickereien bedeckt und ſich im Spiegel beſchauend. „Ah! ah!“ rief Porthos,„Ihr ſeid es, lieber Freund; wie findet Ihr, daß mir dieſer Rock ſteht?“ „Vortrefflich,“ ſprach d'Artagnan;„doch ich komme, um Euch ein Kleid anzutragen, das Euch noch viel beſ⸗ ſer ſtehen wird.“ „Welches?“ „Das eines Lieutenants bei den Musketieren.“ DArtagnan erzählte Porthos ſeine Unterredung mit i Cardinal, zog das Patent aus ſeiner Taſche und agte: „Nehmt, mein Lieber, ſchreibt Eueren Namen dar⸗ auf und ſeid ein guter Chef für mich.“ Porthos warf einen Blick auf das Patent und gab es zum großen Erſtaunen des jungen Mannes zurück. „Ja,“ ſprach er,„das würde mir ſehr ſchmeicheln, aber ich könnte dieſe Gunſt nicht lange genug genießen; Gatte mei⸗ 394 ner Herzogin geſtorben, und da mir die Kaſſe des Seli⸗ ſi die Hand reicht, ſo heirathe ich die Wittwe. Seht, ch habe ſo eben meinen Hochzeits⸗Anzug probirt. Be⸗ haltet das Lieutenants⸗Patent, mein Lieber, behaltet es.“ Und er legte es d'Artagnan wieder in die Hände. Der junge Mann begab ſich zu Aramis. Er fand ihn vor einem Betpulte knieend, ſeine Stirne auf ein Andachtsbuch geſtützt. D'Artagnan erzählte ihm ſeine Zuſammenkunft mit dem Cardinal, zog ſein Patent zum dritten Male aus der Taſche und ſprach: „Ihr, unſer Freund, unſer Licht, unſer unſichtbarer Beſchützer, empfangt dieſes Patent; Ihr habt es mehr als jeder Andere durch Eure Weisheit und Euere ſtets von gutem Erfolge begleiteten Rathſchläge verdient.“ „Ach! theurer Freund,“ erwiederte Aramis,„un⸗ ſere letzten Abenteuer haben mir einen volligen Wider⸗ willen gegen das Leben des Kriegers beigebracht. Dieß⸗ mal ſteht mein Entſchluß unwiderruflich feſt: nach der Belagerung trete ich hei den Lazariſten ein. Behaltet die⸗ ſes Patent, d'Artagnan. Das Waffenhandwerk fagt Euch ſu Ihr werdet ein kühner und abenteuerlicher Kapitän ein.“ Das Auge feucht von Dankbarkeit, ſtrahlend vor Freude kehrte dArtagnan zu Athos zurück, den er im⸗ mer noch bei Tiſche und ſein letztes Glas Malaga beim Scheine einer Lampe beäugelnd fand. „Auch ſie haben mich zurückgewieſen,“ ſagte er. „Ganz einfach, lieber Freund, keiner war dieſes Vorzugs würdiger, als Ihr.“ Er nahm eine Feder, ſchrieb auf das Patent den Namen dArtagnan's und gab es ihm zurück. „Ich werde alſo keine Freunde mehr haben,“ ſprach der junge Mann.„Ach! nichts mehr, als bittere Erin⸗ nerungen.“ Und er ließ ſein Haupt zwiſchen ſeine beiden Hände ————— 395 fallen, während zwei Thränen an ſeinen Wangen herab⸗ rollten. „Ihr ſeid noch jung,“ erwieverte Athos,„und Euere bittern Erinnerungen haben Zeit, ſich in ſüße Erinnerungen zu verwandeln.“ Epilog. Der Hülfe der engliſchen Flotte, und der von Bucking⸗ ham verſprochenen Diverſion beraubt, ergab ſich La Ro⸗ chelle nach einer einjährigen Belagerung; am 25. October 1628 unterzeichnete man ſeine Capitulation. Der König hielt am 23. December deſſelben Jahres ſeinen Einzug in Paris. Man feierte ihm einen Triumph, als ob er den Feind und nicht Franzoſen beſiegt hätte. Er zog unter Bogen von grünem Laubwerk durch den Fau⸗ bourg Saint⸗Jacques ein. DArtagnan nahm Beſitz von ſeinem Grade. Porthos verließ den Dienſt und heirathete im Verlaufe des darauf folgenden Jahres Madame Coquenard. Die ſo ſehr er⸗ ſehnte Kiſte enthielt achtmalhunderttauſend Livres. Mousqueton trug eine prächtige Livrse und genoß die Befriedigung, nach der er ſein ganzes Leben getrachtet bite⸗ nämlich hinter einer vergoldeten Carroſſe ſtehen zu dürfen. Aramis verſchwand plotzlich nach einer Reiſe in das Lothringiſche und hörte auf ſeinen Freunden zu ſchreiben. Man erfuhr ſpäter durch Frau von Chebreuſe, daß er in ein Kloſter in Nanch eingetreten war. Bazin wurde Laienbruder. Athos blieb Musketier unter dem Befehle von dAr⸗ tagnan bis zum Jahre 1633, zu welcher Zeit er, in Folge einer Reiſe in Rouſſillon, unter dem Vorwande eine kleine Erbſchaft gemacht zu haben, ebenfalls quittirte. F 396 Grimaud folgte Athos. D'Artagnan ſchlug ſich dreimal mit Rochefort und verwundete ihn dreimal.. „Ich werde Euch wahrſcheinlich das vierte Mal töd⸗ ten,“ ſagte er zu ihm und reichte ihm die Hand, um ihn aufzuheben. „Es iſt alſo beſſer für Euch und für mich, wir blei⸗ ben hier,“ antwortete der Verwundete.„Corbleu! ich bin mehr Euer Freund, als Ihr wohl glauben möget, denn bei unſerem erſten Zuſammentreffen durfie ich nur ein Wort zu dem Cardinal ſagen, und man hätte Euch den Hals abgeſchnitten.“ Sie umarmten ſich, aber dießmal mit vollem Her⸗ zen und ohne einen Hintergedanken. Planchet erhielt von Rochefort den Grad eines Ser⸗ genten im Regimente Piemont. Herr Bonacieur lebte in vollkommener Ruhe, wußte durchaus nicht, was aus ſeiner Frau geworden war, und kümmerte ſich auch nicht darum. Eines Tags hatte er die Unklugheit, ſich dem Cardinal in das Gedächtniß zurück⸗ zurufen. Der Cardinal ließ ihm antworten, er werde dafür ſorgen, daß es ihm in Zukunft an nichts mangle. Am andern Tage ging Herr Bonacieur wirklich Abends um ſieben Uhr aus, um ſich nach dem Louvre zu begeben, und erſchien nie mehr in der Rue des Foſſoyeurs. Die Meinung derjenigen, welche ſich für ſehr gut unter⸗ richtet hielten, war, er genieße freie Nahrung und Woh⸗ Seiner freigebigen Eminenz. nung in irgend einem königlichen Schloſſe auf Roſten ſſſſſiſ