deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſt trägt— für entlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 M.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene ünd defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Vie drei Mnsketiere 3 Von Alexandre Dumas. Aus den Fr 5 ſ 1 von Anguſt Zoller. Viertes i. Bändchen. 1844. I. Die Haushaltung Bonacieur. Der Cardinal ſprach zum zweiten Male über den Punkt der Diamant⸗Neſtelſtifte mit dem König. Ludwig XIII. war über dieſe Wiederholung betroffen und dachte, es müßte ein Geheimniß dahinter liegen, daß er ihm dieſen Gegenſtand ſo dringend empfahl. Mehr als einmal hatte ſich der Konig dadurch ge⸗ demüthigt geſehen, daß der Cardinal, der eine vortreffliche Polizei beſaß, obgleich dieſe noch nicht die Vollendung der modernen Polizei erreicht hatte, über das, was in ſei⸗ nem eigenem Haushalt vorging, beſſer unterrichtet war, als er ſelbſt. Er hoffte nun aus einem Geſpräche mit Anna von Oeſterreich einiges Licht zu gewinnen und ſo⸗ dann mit irgend einem Geheimniß, das der Cardinal wüßte, zu ſeiner Eminenz zurückzukehren, was ihn unend⸗ lich in den Augen ſeines Miniſters erhöhen würde. Er ſuchte deßhalb die Königin auf und knüpfte ſeiner Gewohnheit gemäß die Unterredung mit neuen Drohungen gegen die Menſchen an, von denen ſie umgeben war. Anna von Oeſterreich ſenkte den Kopf, ließ den Strom verlau⸗ fen, ohne zu antworten, und hoffte, er würde am Ende von ſelbſt ſtille ſtehen; aber das war es nicht, was Lud⸗ wig XII. wollte: Ludwig XIII. wollte einen Wortwech⸗ ſel, aus dem irgend ein Lichtfunke hervorſpringen würde, überzeugt, der Cardinal hätte einen Hintergedanken und bereitete ihm eine von jenen furchtbaren Ueberraſchungen, welche Seine Eminenz herbeizuführen wußte. Er gelangte zu dieſem Ziele durch ſeine Beharrlichkeit im nſchuldigen. „Aber,“ rief Anna von Oeſterreich, dieſer unbeſtimm⸗ ten, ſchwankenden Angriffe müde,„aber, Sire t ſagt mir nicht Alles, was Ihr auf dem Herzen habt. Was habe ich denn gethan? Sprecht, welches Verbrechen habe ich begangen? Es iſt nicht möglich, daß Eure Majeſtät all' vieſen Lärmen wegen eines an meinen Bruder ge⸗ ſchriebenen Briefes macht.“ Seinerſeits auf eine ſo unmittelbare Weiſe angegrif⸗ fen, wußte der König nicht, was er antworten ſollte. Er dachte, es wäre der geeignete Augenblick, die Aufforderung die er erſt am Vorabend des Feſtes machen ollte. „Madame,“ ſprach er mit Hoheit,„es wird alsbald ein Ball im Rathhauſe ſtattfinden. Ich erwarte, daß Ihr unſern braven Schöppen die Ehre anthun werdet, daſelbſt in Cermonienkleider und beſonders mit den Diamant⸗Ne⸗ ſtelſtiften geſchmückt, die ich Euch an Eurem Namensfeſte gegeben habe, zu erſcheinen. Das iſt meine Antwort.“ Die Antwort war furchtbar; Anna von Oeſterreich glaubte, Ludwig XIII. wüßte Alles, und der Cardinal hätte von ihm dieſe lange Verſtellung von ſechs bis ſieben Tagen erreicht, die übrigens in ſeinem Charakter lag. Sie wurde ungemein bleich, ſtützte ihre bewunderungswür⸗ dig ſchöne Hand, welche jetzt von Wachs zu ſein ſchien, auf eine Conſole, ſchaute den König mit erſchrockenen Au⸗ „ gen an und antwortete keine Sylbe. „Ihr verſteht, Madame,“ ſagte der König, der ſich an dieſer Verlegenheit in ihrer ganzen Ausdehnung er⸗ götzte, aber ohne die Urſache zu errathen,„Ihr verſteht?“ „Ja, Sire, ich verſtehe,“ ſtammelte die Königin. „Ihr werdet auf dieſem Ball erſcheinen?“ Ja „ „Mit Euren Neſtelſtiften?“ „Ja* Die Bläſſe der Königin nahm wo moglich noch zu, der König bemerkte es, und genoß dies mit jener kalten Grauſamkeit, welche eine von den ſchlimmen Seiten ſeines Charakters bildete.„ fahren wird. Ich bin verloren! Mein Gott! mein Gott! zwiſchen die zitternden Arme geſenkt. „Dann iſt die Sache abgemacht,“ ſprach der König, „und das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen hatte.“ „Aber an welchem Tage ſoll dieſer Ball ſtattfinden 2“ fragte Anna von Oeſterreich. Ludwig KIII. fühlte inſtinktmäßig, daß er auf die ſe Frage, welche die Königin mit beinahe ſterbender Stimme gethan hatte, nicht antworten ſollte. „Sehr bald, Madame,“ ſagte er,„aber ich erinnere mich nicht mehr genau des Datums und werde den Car⸗ dinal fragen.“ „Alſo hat Euch der Cardinal dieſes Feſt angekün⸗ digt!“ rief die Konigin. „Ja, Madame,“ erwiederte der König erſtaunt.„Aber warum dieß?“ „Er hat Euch geſagt, Ihr ſollet mich auffordern, dabei mit dieſen Neſtelſtiften zu erſcheinen.“ „Das heißt, Madame 4 „Er, Sire!“ „Was liegt daran, ob er oder ich? Iſt dieſe Auffor⸗ derung etwa ein Verbrechen?“ „Nein, Sire!“ „So werdet Ihr alſo erſcheinen?“ „Ja, Sire!“ „Gut,“ ſprach der König ſich entfernend,„ich zähle darauf.“ Die Königin machte eine Verbeugung, weniger aus Etikette, als weil ihre Kniee unter ihr brachen. Der König ſchien entzückt. „Ich bin verloren,“ murmelte die Königin,„verloren, denn der Cardinal weiß Alles. Und er iſt es, der den König antreibt, welcher nichts weiß, aber bald Alles er⸗ mein Gott!“ Sie kniete auf ein Kiſſen nieder und betete, den Kopf Ihre Lage war in der That furchtbar. Buckingha war nach London zurückgekehrt. Frau vou Chevreuſe be⸗ fand ſich in Tours. Mehr überwacht als je hatte die Kö⸗ nigin das dumpfe Gefühl, daß ſie von einer ihrer Frauen verrathen wurde, ohne ſich ſagen zu können, von welcher. La Porte konnte den Louvre nicht verlaſſen. Sie hatte nicht eine Seele auf der Welt, der ſie ſich anvertrauen durfte. Bei dem Unglück, das ſie bedrohte, und bei der Ver⸗ laſſenheit, der ſie preisgegeben war, brach ſie in heftiges Schluchzen aus. „Kann ich Eurer Majeſtät zu nichts nützen,“ ſprach plötzlich eine Stimme voll Sanftmuth und Mitleid. Die Königin wandte ſich lebhaft um, denn man konnte ſich im Ausdrucke dieſer Stimme nicht täuſchen: es war eine Freundin, welche ſo ſprach. An einer von den Thüren, welche in das Gemach der Königin führten, erſchien wirklich die hübſche Madame Bonacieux; ſie war, als der König eintrat, damit beſchäf⸗ tigt geweſen, Kleider und Weißzeug in einem Cabinet zu ordnen. Sie konnte ſich nicht entfernen und hatte Alles gehört. Die Königin ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, als ſie ſich überraſcht ſah; denn in ihrer Angſt er⸗ kannte ſie anfangs die junge Frau nicht, die ihr La Porte gegeben hatte. „O, befürchtet nichts, Madame,“ ſagte die junge Frau, die Hände faltend und ſelbſt über die Bangigkeit der Königin weinend.„Ich gehöre Eurer Majeſtät mit Leib und Seele, und ſo ferne ich von derſelben bin, ſo un⸗ tergeordnet meine Stellung iſt, ſo glaube ich doch das Mittel gefunden zu haben, Eure Majeſtät aller Pein zu entziehen.“ „Ihr! O Himmel, Ihr!“ rief die Königin.„Aber ſeht, ſchaut mir ins Geſicht. Ich bin von allen Seiten verrathen; kann ich mich Euch anvertrauen?“ „Oh Madame!“ rief die junge Frau auf die Kniee fal⸗ lend,„o bei meiner Seele, ich bin bereit, für Euch zu ſterben!“ Dieſer Ruf kam aus der Tiefe des Herzens und man konnte ſich über ſeine Wahrheit ſo wenig, als bei dem erſten täuſchen. „Ja, fuhr Madame Bonacieur fort,„ja es gibt Verräther hier. Aber bei dem Namen der heiligen Jung⸗ frau ſchwöre ich Euch, daß Niemand ergebener ſein kann, als ich es Eurer Majeſtät bin. Dieſe Neſtelſtifte, welche der König fordert, Ihr habt ſie dem Herzog von Bucking⸗ ham gegeben, nicht wahr? Dieſe Neſtelſtifte waren in einem Kiſichen von Roſenholz verſchloſſen, das er unter ſeinem Arme trug. Täuſche ich mich, iſt es nicht ſo 2“ „Oh! mein Gott, mein Gott!“ murmelte die Kö⸗ nigin, der die Zähne vor Angſt klapperten. „Nun, dieſe Neſtelſtifte,“ fuhr Madame Bonacieur fort,„man muß ſie wieder bekommen.“ „Ja, allerdings, das muß ſein!“ rief die Königin, „aber wie ſoll man dieß machen, wie dazu gelangen 2“ „Man muß Jemand zu dem Herzog ſchicken.“ „Aber wen? wen 2... wem mich anvertrauen?“ „Habt Vertrauen zu mir, Madame; erweiſt mir dieſe Ehre, und ich werde den Boten finden.“ „Aber ich werde ſchreiben müſſen!“ „Oh! ja, das iſt unerläßlich. Zwei Worte von der Hand Eurer Majeſtät und Euer Privatſiegel.“ „Aber dieſe zwei Worte ſind meine Verdammung, die Eheſcheidung, die Verbannung!“ „Ja, wenn ſie in ſchändliche Hände fallen Aber ich ſtehe dafür, daß dieſe zwei Worte ihrer Adreſſe zugeſtellt werden.“ „O mein Gott! Ich muß alſo mein Leben, meine Ehre, meinen Ruf in Eure Hände legen.“ „Ja, ja, Madame, das muß ſein, und ich werde Alles dieß retten!“ „Aber wie? ſagt mir dieß wenigſtens.“ „Mein Gatte iſt vor zwei oder drei Tagen in Freiheit geſetzt worden, ich habe noch nicht Zeit ge⸗ habt, ihn zu ſehen; es iſt ein braver, ehrlicher Mann, der weder Haß noch Liebe für irgend Jemand hegt. Er wird thun, was ich haben will. Gr wird auf einen Befehl von mir abreiſen, ohne zu wiſſen, was er mit ſich trägt, und den Brief Euerer Majeſtät an ſeine Adreſſe ab⸗ geben, ohne zu erfahren, daß er von Eurer Majeſtät herrührt.“ F Die Königin ergriff die zwei Hände der jungen Frau mit leidenſchaftlicher Begeiſterung, ſchaute ſie an, als wollte ſie in der Tiefe ihres Herzens leſen und küßte ſie zärtlich, als ſie nur Aufrichtigkeit in ihren ſchönen Augen gewahr wurde. „Thu' dieß,“ rief ſie,„und Du haſt mir das Leben, Du haſt mir die Ehre gerettet!“ „O, übertreibt nicht den Dienſt, den ich Euch zu leiſten ſo glücklich bin. Ich habe Eurer Majeſtät, die nur das Opfer treuloſer Complotte iſt, nichts zu retten.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr, mein Kind,“ ſprach die Königin,„und Du haſt Recht.“ 6 „Gebt mir alſo den Brief, Madame, die Zeit drängt.“ DDie Königin lief nach einem kleinen Tiſche, worauf ſich Dinte, Papier und Federn befanden. Sie ſchrieb zwei Zeilen, verſiegelte den Brief mit ihrem Siegel und ſtellte ihn Madame Bonacieur zu. „Nun aber,“ ſagte die Königin,„nun aber vergeſſen wir eine ſehr nothwendige Sache.“ „Welche?“ „Das Geld.“ Madame Bonacieux erröthete. „Ja, das iſt wahr,“ ſagte ſie,„und ich geſtehe Eurer Majeſtät, daß mein Mann. „Dein Mann hat keines, nicht wahr, das willſt Du mir ſagen?“ „Gewiß, er hat, aber er iſt ſehr geizig, das iſt ſein Fehler. Uebrigens darf ſich Euere Majeſtät hiedurch nicht beunruhigen laſſen, wir werden Mittel finden — 14 „Ich habe auch keines,“ ſprach die Königin(diejeni⸗ gen, welche die Memoiren von Frau von Moteville leſen, werden über dieſe Antwort nicht ſtaunen),„aber warte!“ Anna von Oeſterreich lief nach ihrem Geſchmeide⸗ käſtchen.„Halt!“ ſagte ſie,„hier iſt ein Ring von großem Werthe, wie man mich ni von meinem Bruder, dem König von Spanten; er ge⸗ hoͤrt mir, und ich kann darüber verfügen. Nimm die⸗ ſen Ring, mache ihn zu Gelde und Dein Mann mag reiſen.“ „In einer Stunde ſoll Euch gehorcht ſein.“ „Du ſiehſt die Adreſſe,“ fügte die Königin bei, in⸗ dem ſie ſo leiſe ſprach, daß man kanm hoͤren konnte, was ſie ſagte:„An Mylord Herzog von Buckingham in London.“ „Der Brief ſoll ihm ſelbſt eingehändigt werden.“ „Edelmüthiges Kind!“ rief Anna von Oeſterreich. Madame Bonacieur küßte der Königin die Hände, verbarg das Papier in ihrem Schnürleib und verſchwand mit der Leichtigkeit eines Vogels. Zehn Minuten nachher war ſie in ihrem Hauſe. Sie hatte, wie ſie der Königin geſagt, ihren Gatten, ſeit er in Freiheit geſetzt worden war, nicht wieder ge⸗ ſehen und wußte nichts von der Veränderung, welche in ihm in Beziehung auf den Cardinal vorgegangen warz eine Veränderung, die ſich durch die Schmeichelei und das Geld Seiner Eminenz bewerkſtelligt und ſeitdem durch einige Beſuche des Grafen von Rochefort gekräf⸗ tigt hatte, welcher der beſte Freund von Bonacieur wurde und dieſen ohne alle Mühe glauben machte, die Entführung ſeiner Frau ſei nicht durch irgend eine Schuld herbeigeführt worden, ſondern er habe dieſelbe nur als eine politiſche Vorſichtsmaßregel zu betrachten. Sie fand Herrn Bonacieur allein; der arme Mann brachte mit großer Anſtrengung wieder Ord⸗ nung in das Haus, deſſen Geräthe er beinahe alles zer⸗ trümmert, deſſen Schränke er beinahe leer fand, da die Gerechtigkeit nicht zu den drei Dingen gehört, welche der König Salomo als keine Spuren von ihrem Durch⸗ zuge zurücklaſſend bezeichnet. Die Magd war bei der Verhaftung ihres Herrn entflohen. Der Schrecken hatte ſich des arinen Mädchens ſo ſehr bemächtigt, daß es un⸗ abläßig von Parie bis nach Burgund, ſeinem Geburts⸗ lande, marſchirte. Der würdige Krämer hatte ſogleich nach ſeiner Rück⸗ kehr in ſein Haus ſeine Frau hievon benachrichtigt, und ſeine Frau hatte ihm hierauf mit ihrem Glückwunſche und mit der Ankündigung geantwortet, daß der erſte Augenblick, wo ſie ſich ihren Verpflichtungen entziehen könnte, ganz und gar einem Beſuche bei ihm gewidmet werden ſolle. Dieſer erſte Augenblick ließ fünf Tage auf ſich war⸗ ten, was unter allen andern Umſtänden Meiſter Bona⸗ hr lang vorgekommen ſein würde; aber er hatte Beſuche, den er dem Cardinal gemacht, und in den Beſuchen, die ihm Rochefort machte, reichlichen Stoff zum Nachdenken gefunden und bekanntlich verkürzt die Zeit nichts ſo ſehr, als das Nachdenken. Ueberdieß wa⸗ ren die Betrachtungen von Bonacieur insgeſammt roſen⸗ farbig. Rochefort nannte ihn ſeinen Freund, ſeinen lie⸗ ben Bonacieur, und hörte nicht auf, ihn zu verſichern, der Cardinal halte große Stücke auf ihn. Der Krämer ſah ſich bereits auf dem Wege der Ehre und des Glückes. WMadame Bongcieux hatte ihrerſeits auch nachge⸗ dacht, aber allerdings über etwas ganz Anderes, als über den Ehrgeiz. Unwillkürlich wurden ihre Ge⸗ danken beſtändig von dem ſchönen, muthigen jungen Manne in Bewegung geſetzt, der ſo ſehr verliebt zu ſein ſchien. Mit achtzehn Jahren an Herrn Bona⸗ cieux verheirathet, ſtets unter den Freunden ihres Gatten lebend, welche gar wenig fähig waren, irgend „ fangenſchaft?“ 13 ein Gefühl einer jungen Frau einzuflößen, deren Herz hoch über ihrer bürgerlichen Stellung ſtand, war Ma⸗ dame Bonacieur unempfindlich für gewöhnliche Verfüh⸗ rung geblieben; der Titel eines Edelmanns übte beſonders in dieſer Cpoche einen großen Einfluß auf das Bürger⸗ thum aus, und d'Artagnan war Edelmans; übérdieß trug er die Uniform der Garden, welche nach der Mus⸗ ketier⸗Uniform am meiſten bei den Damen geſchätzt wurde. Er war, wir wiederholen es, ſchön, jung, abenteuerlich. Er ſprach von Liebe als ein Mann, welcher liebt und nach Gegenliebe dürſtet; darin lag mehr, als er be⸗ durfte, um einen Kopf von dreiundzwanzig Jahren zu verdrehen. Und Madame Bonacieux war gerade zu die⸗ ſem glücklichen Lebensalter gelangt. Die zwei Gatten, oögleich ſie ſich ſeit mehr als acht Tagen nicht geſehen hatten, obgleich im Ver⸗ laufe dieſer Woche wichtige Ereigniſſe unter ihnen vor⸗ gefallen waren, begegneten ſich alſo nicht ganz phne Zwang; deſſenungeachtet gab Herr Bonacieur ei ahre Freude kund und ging mit offenen Armen auf ſeine Frau zu. Madame Bonacieur bot ihm die Stirne. „Sprechen wir ein wenig,“ ſagte ſie. „Wie?“ fragte Bonacieur erſtaunt. „Ja, allerdings; ich habe Dir eine Sache von der größten Wichtigkeit mitzutheilen.“ „In der That, ich habe ebenfalls einige ſehr ernſt⸗ hafte Fragen an Dich zu richten. Ich bitte Dich, erkläre mir ein wenig Deine Lufihe. „Es handelt ſich in dieſem Augenblicke h⸗ von„ ſagte Madame Bonacieur. „Und wovon handelt es ſich denn? von meiner Ge⸗ „Ich habe ſie an demſelben Tage erfahren; S da Du keines Verbrechens, keiner Intriguen ſchul warſt, da Du nichts wußteſt, was mand hätte gefährden können, ſo legte ich nicht mehr Gewicht auf dieſes Ereigniß, als es verdiente.“ „Ihr ſprecht freundlich, Madame!“ verſetzte Bo⸗ nacieux, verletzt durch die geringe Theilnahme, welche ſeine Frau für ihn an den Tag legte.„Wißt Ihr, daß ich einen und eine Nacht in einem Kerker der Ba⸗ ſtille ſaß!“ „Ein Tag und eine Nacht ſind bald vorüber. Laſſen wir Deine Gefangenſchaft und kommen wir auf das, was mich hieher führt.“ „Wie? was Dich hieher führt! Alſo nicht das Verlangen, einen Gatten wiederzuſehen, von dem Du ſeit acht Tagen getrennt biſt?“ fragte der Krämer in äußerſt gereiztem Tone. „Zuerſt dieß und dann etwas Anderes.“ „Sprich!“ „Eine Sache von dem größten Intereſſe, wovon vielleicht unſer zukünftiges Glück abhängt.“ Unſer zukünftiges Glück hat die Geſtalt bedeu⸗ tend Herändert, ſeitdem ich Dich nicht mehr geſehen habe, und es ſollte mich nicht wundern, wenn in einigen Monaten pon jetzt an uns gar viele Leute darum benei⸗ den würden.“ „Ja, beſonders wenn Du die Anweiſungen befolgen willſt, 6 Dir geben werde.“ „ 6. 2— „Ja, Dir! Es iſt eine gute und heilige Handlung zu vollbringen, mein Freund, und zugleich viel Geld da⸗ bei zu gewinnen.“ Madame Bonacieur wußte, daß ſie, von Geld ſprechend, ihren Mann bei der ſchwachen Seite faßte. Aber ein Menſch, und wäre es auch ein Krämer, iſt, wenn er zehn Minuten mit dem Cardinal von Richelien geſprochen hat, nicht mehr derſelbe Menſch. „Viel Geld zu gewinnen!“ ſagte Bonacieur. 15 6„Wie viel ungefähr?“ „Etwa tauſend Piſtolen.“ „Was Du von mir zu verlangen haſt, iſt alſo ſehr wichtig?“ „Ja!“ „Was iſt zu thun?“ „Du reiſeſt ſogleich, ich gebe Dir ein Papier, das Du unter keinem Vorwande aus Deinen Händen läſſeſt, und was Du nur an ſeine Adreſſe abgibſt.“ „Und wohin ſoll ich reiſen?“. S „Nach London.“ ₰ „Ich nach London! Gehe, Du ſcherzeſt; ich habe nichts in London zu thun!“ „Aber für Andere iſt es nothwendig, daß Du dahin gehſt. „Wer ſind die Anderen? Ich ſage Dir, daß ich nichts mehr als Blinder thue, und will nicht nur wiſ⸗ ſen, was ich mich ausſetze, ſondern für wen ich mich ausſetze.“ +„Eine vornehme Perſon ſchickt Dich, eine vor⸗ nehme Perſon erwartet Dich. Die Belohnung wird + Deine Wünſche übertreffen. Das iſt Alles, was ich Dir verſprechen kann.“ „Abermals Intriguen! immer Intriguen! ich danke, ich traue jetzt nicht mehr, und der Herr Cardinal hat ntch hierüber aufgeklärt.“ „Der Cardinal?“ rief Madame Bonaciear,„haſt Du den Cardinal geſehen?“ z hat mich rufen laſſen,“ antwortete der Krä⸗ mer ſtolz. „Und Du haſt ſeiner Einladung Folge geleiſtet, un⸗ kluger Mann?“ ch muß geſtehen, daß es nicht in meine Wahl ſtand, mich zu ihm zu begeben oder nicht zu ih 1 n ich befand mich zwiſchen zwei Wa t läugnen, daß ich, da ich damals begeben; den Ich kann nich 16 Eminenz nicht kannte, ſehr entzückt geweſen wäre, mich von dieſem Beſuche frei machen zu können.“ „Er hat Dich alſo mißhandelt? er hat Dich be⸗ droht?“ „Er hat mir die Hand gereicht und mich ſeinen Freund genannt— ſeinen Freund! hörſt Du wohl? Ich bin der Freund des großen Cardinals!“ „Des großen Cardinals!“ „Wollt Ihr ihm vielleicht dieſen Titel ſtreitig mächen? Madame?“ Ich heſtreite nichts, ich ſage nur, daß die Gunſt eines Miniſters eine Eintagsfliege iſt, und daß man ein Thor ſein muß, um ſich an einen Miniſter zu hängen. Es gibt Gewalten, die über den ſeinigen ſtehen, und nicht auf der Laune eines Menſchen oder dem Ausgang eines Ereigniſſes beruhen; mit dieſen Gewalten muß man ſich verbinden.“ „Es thut mir leid, Madame, aber ich kenne keine andere Gewalt, als die des großen Mannes, dem ich zu dienen die Ehre habe.“ „Du dienſt alſo dem Cardinal 2“ an ein * „Ja, Madame, und als ſein Diener werde ich 3 nicht zugeben, daß Ihr Euch in Komplotte gegen die Sicherheit des Staates einlaßt, und eine Frau, die keine Franzöſin iſt und ein ſpaniſches Herz hat, in ihren In⸗ triguen unterſtützt. Zum Glücke iſt der große Cardinal vorhanden. Sein wachendes Auge dringt bis in die Tiefe des Herzens.“ Bonacieur wiederholte Wort für Wort eine Phraſe, die er den Grafen von Rochefort hatte ſagen hören. Aber die arme Frau, die auf ihren Gatten ge⸗ rechnet und ſich in pieſer Hoffnung bei der Königin für ihn verantwortlich gemacht hatte, zitterte darum nicht minder über die Gefahr, in die ſie ſich beinahe geſtürzt, ſa wie über die Ohnmacht, in welche ſie ſich verſetzt ſah. Da ſie jedoch die Schwäche und beſonders von der —— gan Ver Fol und ſollt 6 — 6 ſſollten.“ Die drei Musketiere. U. 17 die Habgier ihres Mannes kannte, ſo verzweifelte ſie noch nicht daran, ihn zu ihrem Ziele zu lenken. „Ah, Ihr ſeid ein Cardinaliſt, mein Herr,“ rief ſie,„ah! Ihr dient der Partei derjenigen, welche Eure Frau mißhandeln und Eure Königin beleidigen!“ „Die Privatintereſſen ſind nichts den allgemeinen Intereſſen gegenüber. Ich bin für diejenigen, welche den Staat retten,“ ſagte Bonacieur mit Emphaſe. Das war abermals eine Phraſe des Grafen von Rochefort, die er im Kopfe behalten hatte und hier gut angebracht glaubte. „Und wißt Ihr, was der Staat iſt, von dem Ihr ſprecht?“ ſagte Madame Bonacieur die Achſeln zuckend. 8 „Begnügt Euch, ein Bürger ohne alle feine Unterſchei⸗ dungen zu ſein, und haltet Euch auf der Seite, welche Euch am meiſten Vortheil bietet.“ „Ei, ei!“ erwiederte Bonacieur, und ſchlug auf einen Sack mit gerundetem Wanſte, der einen ſilbernen Ton von ſich gab.„Was ſagt Ihr hievon, Frau Pre⸗ vigerin?“ „Woher kommt dieſes Geld?“ „Ihr errathet es nicht?“ „Vom Cardinal?“ „Von ihm und von meinem Freunde, dem Grafen von Rochefort.“ „Von dem Grafen von Rochefort! Aber das iſt ja derjenige, welcher mich weggeſchleppt hat.“ „Das kann ſein, Madame.“ „Und Ihr nehmt Geld von dieſem Menſchen an?“ „Habt Ihr mir nicht geſagt, dieſe Entführung ſei ganz politiſcher Natur geweſen?“ „Ja, aber der Zweck dabei war, mich zu einem Verrath an meiner Gebieterin zu veranlaſſen, mir durch Foltern Geſtändniſſe zu erpreſſen, welche die Ehre und vielleicht das Leben der erhabenen Fürſtin bloßſtellen 18 „Madame,“ entgegnete Bonacieur,„Euere erhabene 4 Fürſtin iſt eine treuloſe Spanierin, und was der große Cardinal thut, iſt wohl gethan.“ „Mein Herr,“ ſprach die junge Frau,„ich kannte Euch als feig, geizig und einfältig, aber ich wußte nicht, daß Ihr ehrlos ſeid!“ 5 „Madame,“ ſagte Bonacieur, der ſeine Frau nie zornig geſehen hatte, und vor dem ehelichen Grimme zu⸗ rückwich;„Madame, was ſagt Ihr da?“ „Ich ſage, daß Ihr ein Elender ſeid!“ fuhr Ma⸗ dame Bonacieur fort, der es nicht entging, daß ſie wie⸗ der einigen Einfluß auf ihren Gatten gewann.„Ah! Ihr treibt Politik, Ihr! und zwar cardinaliſtiſche Po⸗ litik! Ah! Ihr verkauft um ſchnödes Gold Leib und Seele an den Teufel!“ 5 „Nein, aber an den Cardinal.“ „Das iſt ganz daſſelbe. Wer Richelieu ſagt, jagt Satan.“ „Schweigt, Madame, ſchweigt, man könnte Euchhören!“ „Ihr habt Recht, und ich würde mich Euerer Feig⸗ heit ſchämen.“ 3. 5 „Aber was verlangt Ihr denn von mir„laßt hören!“ „Ich habe Euch geſagt, mein Herr, daß Ihr ſie⸗ 4 henden Fußes abreiſen und den Auftrag, deſſen ich Euch würdige, ſogleich vollziehen ſollt, unter dieſer Bedingung vergebe ich Alles, vergeſſe Alles;— mehr noch“— ſie reichte ihm die Hand—„ich ſchenke Euch wieder meine Freundſchaft.“ Bonacieur war feig und geizig, aber er liebte ſeine Frau; er wurde erweicht. Ein Mann von fünfzig Jah⸗ ren hegt nicht lange einen Groll gegen eine Frau von dreiundzwanzig. Madame Bonacieur ſah, daß er zögerte, und ſagte: F „Nun, ſeid Ihr entſchloſſen?“ meine liebs Freundin, bedenkt doch einen ne h⸗ on e, die Intriguen machen mir bange. Ich habe die Baſti nes, abgeſtumpftes Weib. Ah! Ihr habt Furcht! Nun überwindliche Entſchloſſenheit zu leſen war, 19 Augenblick, was Ihr von mir fordert; London iſt wei von Paris, ſehr weit, und es iſt vielleicht mit dem uf⸗ trag, den Ihr mir gebt, Gefahr verbunden.“ „Was iſt daran gelegen, wenn Ihr ſie vermeivets „Hört, Madame Bonacieur, hört,“ ſagte der Kr mer,„ich widerſetze mich entſchieden Euerem Anſinn geſehen. Brrrru! Die Baſtille iſt furchtbar. W ich nur daran denke, überläuft mich ein Schauer. hat mich mit der Folter bedroht. Wißt Ihr, was die Folter iſt? Keile, die man einem zwiſchen die Beine treibt, bis die Knochen krachen! Nein, ich bin ent⸗ ſchloſſen, ich gehe nicht. Ei, den Teufel! warum geht Ihr nicht ſelbſt? Denn in der That, ich glaube, daß ich mich jetzt in Beziehung auf Euere Perſon nicht ge⸗ täuſcht habe: Ihr ſeid ein Mann und dazu noch einer der wüthendſten!“ 3— „Und Ihr, Ihr ſeid ein Weib, ein elendes, alber⸗ wohl! wenn Ihr nicht in dieſem Augenblick reist, laſſe ich Euch auf Befehl der Königin verhaften und in die Baſtille ſetzen, die Ihr ſo ſehr fürchtet.“ Boncieur verſank in tiefes Nachdenken; er erwog reiflich in ſeinem Gehirne die zwei Grimme, den des Cardinals und den der Königin: der des Cardinals ge⸗ wann in einem ungeheuern Grade die Oberhand. „Laßt mich von Seiten der Koͤnigin verhaften,“ ſprach er,„ich fordere meine Freilaſſung von Seiner Eminenz.“ Madame Vonacieux ſah ein, daß ſie zu weit ge⸗ gangen war, und erſchrak darüber, daß ſie ſich hatte ſo fortreißen laſſen. Sie betrachtete einen Augenbick nicht ohne Bangigkeit dieſes alberne Geſicht, auf dem lich bei Albernen, welche Furcht haben. „Nun gut, es ſei ſol“ jagte ſe, 20 weiter, als ein Weib, und Ihr beſonders, Herr Bona⸗ cieur, der Ihr mit dem Cardinal geſprochen habt; aber dennoch iſt es ſehr hart,“ fügte ſie bei,„daß mein Gatte, daß ein Mann, auf deſſen Liebe ich rechnen zu dürfen glaubte, mich ſo unfreundlich behandelt und meine Launen 33 nicht befriedigt.“ „Weil Euere Launen zu weit führen könnten,“ entgegnete Bonacieur triumphirend,„und weil ich nicht Frau ſeufzend,„gut, reden wir nicht mehr davon.“ 6„Wenn Ihr nur wenigſtens ſagen wolltet, was ich in London zu thun hätte,“ fragte Bonacieur, dem es etwas ſpät einſiel, daß ihm Rochefort aufgetragen hatte, er ſolle die Geheimniſſe ſeiner Frau zu erforſchen ſuchen. „Ihr braucht es nicht zu wiſſen, antwortete die junge Frau, welche ein inſtinktmäßiges Mißtrauen nun wieder zurücktrieb,„es handelte ſich um eine Bagatelle, wie ſie die Frauen oft zu bekommen wünſchen, um einen Einkauf, wobei viel zu gewinnen geweſen wäre.“ Aber je mehr ſich die junge Frau vertheidigte, deſto mehr wurde Bonacieux der Meinung, das Geheimniß, welches ſie ihm anzuvertrauen ſich weigerte, müßte von großem Belang ſein. Er beſchloß deßhalb, ſogleich zu dem Grafen von Rochefort zu laufen und ihm mitzu⸗ theilen, die Königin ſuche einen Boten, um ihn nach Eng⸗ land zu ſchicken. „Berzeiht, wenn ich Euch verlaſſe, meine liebe Madame Bonacieux,“ ſagte er,„aber da ich nicht wußte, daß Ihr kommen würdet, ſo hatte ich mich mit einem von meinen Freunden zuſammenbeſtellt, ich komme ſogleich wieder, und wenn Ihr eine halbe Mi⸗ J nute auf mich warten wollt, ſo hole ich Euch ab, ſo⸗ bald ich meinen Freund abgefertigt habe, und führe S. leicht am Ende Recht; ein Mann ſieht in der Politit aue. 3„Ich werde alſo Verzicht leiſten,“ ſprach die junge 1 21 Euch, da es bereits ſpät zu werden anfängt, in den Lou⸗ vre zurück.“. „Ich danke, mein Herr,“ erwiederte Madame Bona⸗ cieur.„Ihr ſeid nicht muthig genug, um mir von irgend einem Nutzen zu ſein, und ich werde allein in den Louvre zurückkehren.“ „Wie es Euch gefällig iſt, Madame Bonacieur,“ ver⸗ ſetzte der Erkrämer.„Werde ich Euch bald wiederſehen 72 „Ohne Zweifel; in der nächſten Woche wird mir mein Dienſt hoffentlich einige Freiheit gönnen, und ich gedenke dieſe zu benützen, um die Ordnung in unſern Sa⸗ chen wieder herzuſtellen, welch gebracht worden ſein müſſen.„ „Gut, ich erwarte Euch; Ihr ſeid mir nicht böſe?“ „Ich! nicht im mindeſten.“ „Alſo, auf baldiges Wiederſehen?“ e ein wenig durcheinander „Gewiß.“ Bonacieur küßte ſeiner Frau die Hand und entfernte ſich raſch. „Schoͤn,“ ſagte Madame Bonacieur, als ihr Mann die Hausthüre geſchloſſen hatte und ſie ſich allein befand, „dieſem Schwachkopf fehlte nichts mehr, als daß er ein Cardinaliſt wurde. Und ich, die ich der Königin dafür ſtand, ich, die ich meiner armen Gebieterin verſprochen habe„Ah! nein Gott! mein Gott! ſie wird mich für eine von den Elenden halten, von denen der Pallaſt wim⸗ melt und die man in ihre Nähe gebracht hat, um ſie zu beſpähen! Ah! Herr Bonacieur, ich habe Euch nie ſehr geliebt, aber jetzt ſteht es noch ſchlimmer! Ich haſſe Euch und gebe Euch mein Wort, Ihr ſollt es mir bezahlen.“ In dem Augenblick, wo ſie dieſe Worte ſprach, ver⸗ nahm ſie einen Schlag an den Plafond, ſie hob den Kopf in die Höhe und eine Stimme, welche durch die Decke kam, rief ihr zu: „Liebe Madame Bonacieur, öffnet mir die kleine Thüre am Gange und ich komme zu Euch hin II. Der Liebhaber und der Gatte. „Aber, Madame Bonacieur,“ ſagte d'Artagnan, durch die Thüre eintretend, welche ihm die junge Frau öffnete, „erlaubt mir, Euch zu bemerken, Ihr habt da einen trau⸗ rigen Mann.“ „Hörtet Ihr denn unſer Geſpräch?“ fragte Madame Bonacieur lebhaft und ſchaute vabei d'Artagnan unruhig an. „Vollkommen.“ 62 „Aber, mein Gott, wie dies 2“ „Durch ein mir bekanntes Verfahren, durch welches ich auch Euer etwas belebteres Geſpräch mit den Sbirren e Cardinals vernahm.“ „Und was habt Ihr von dem, was wir ſagten, ver⸗ ſtanden?“ „Tauſenderlei Dinge. Vor Allem, daß Euer Gatte ein hohler Tropf iſt; daß Ihr glücklicher Weiſe in Ver⸗ legenheit waret, denn dieß iſt mir ſehr angenehm, weil es mir Gelegenheit bietet, Euch zu Dienſten zu ſein, und Gott weiß, daß ich bereit bin, mich für Euch in die Flam⸗ men zu ſtürzen; endlich, daß die Königin eines braven, geſcheiten und ergebenen Mannes zu einer Reiſe nach Lon⸗ don bedarf. Ich beſitze wenigſtens zwei von dieſen Eigen⸗ ſchaften, und hier bin ich.“ Madame Bonacieur antwortete nicht; Hetz offnung ſchlug gewaltig vor Freude, und eine geheime erglänzte in ihren Augen⸗ und welche Bürgſchaft könnt Ihr mir geben,“fragte ſie„wenn ich einwillige, Euch dieſe Sendung anzuvertrauen?“ „Meine Liebe für Euch. Sprecht, befehlt, was ſoll ich thun?“ „Mein Gott, mein Gott,“ murmelte die junge Frau, „darf ich Euch ein ſolches Geheimniß anvertrauen, Herr? Ihr ſeid beinahe noch ein Kind.“ „Geht, ich ſehe, daß irgend Jemand für mich gut ſtehen müßte.“ „Ich kann nicht läugnen, daß mich dieß ungemein beruhigen würde.“ 6„Kennt Ihr Athos?“ „Nein!“ „Porthos? 4 „Nein!“ „Aramis?“ „Nein. Wer ſind dieſe Herren?“ „Musketiere des Königs. Kennt Ihr Herrn von Treville, ihren Kapitän?“ „O ja, dieſen kenne ich; nicht perſönlich, aber ich babe oft von ihm als einem braven und rechtſchaffenen Edelmann ſprechen hören.“ 8 „Ihr befürchtet nicht, von ihm an den Kardinal ver⸗ rathen zu werden, nicht wahr?“ „O nein, gewiß nicht.“ „Nun, ſo enthüllt dieſem Euer Geheimniß, und fragt ihn, ob Ihr es mir, ſo wichtig, ſo koſtbar, ſo furchtbar es auch ſein mag, anvertrauen könnt?“ „Aber das Geheimniß gehört nicht mir und ich kann es nicht auf dieſe Art enthüllen.“ „Ihr wolltet es Herrn Bonacieur anvertrauen,“ ſprach dArtagnan etwas ärgerlich. 2 „Wie man einen Brief einem hohlen Baume, dem 1 Flügel einer Taube, dem Halsbande eines Hundes anver⸗ traut.“ „Und doch ſeht Ihr wohl, daß ich Euch liebe.“ „Iht ſagt es.“ „Ich bin ein gefälliger Mann!“ „Ich glaube es.“ „Ich habe Muth.“ „Oh! davon bin ich überzeugt.“ 24 „Dann ſtellt mich auf die Probe.“ Madame Bonacieur ſchaute den jungen Mann durch ein letztes Zögern zurückgehalten an. Aber es lag ein ſol⸗ cher Eifer in ſeinen Augen, eine ſolche Ueberzeugungskraft in ſeiner Stimme, daß ſie ſich hingezogen fühlte, dAr⸗ tagnan ſich anzuvertrauen. Ueberdies befand ſie ſich in einem von den Verhältniſſen, wo man Alles für Alles wagen muß. Die Königin war eben ſo wohl durch eine zu große Zurückhaltung, als durch ein zu großes Ver⸗ trauen verloren. Dann müſſen wir geſtehen, daß ſie das Gefühl, welches ſich unwillkürlich in ihr für dieſen jungen Beſchützer regte, vollends zu ſprechen bewog. „Hoͤrt,“ ſprach ſie, ich füge mich Eueren Betheurun⸗ gen, ich gebe Eueren Verſicherungen nach; aber ich ſchwöre Euch vor Gott, der uns hört, daß ich, wenn Ihr mich verrathet und meine Feinde mir vergeben und mich tödten, Euch meines Todes anklage.“ „Und ich ſchwoͤre Euch vor Gott, Madame,“ ſagte d'Artagnan,„daß ich, wenn ich bei der Vollziehung Eu⸗ rer Befehle ergriffen werde, ſterbe, ehe ich irgend etwas thue oder ſage, was einen Menſchen gefährden könnte,“ Hienach vertraute ihm die junge Frau das furchtbare Geheimniß an, das ihm der Zufall theilweiſe vor der Sa⸗ maritaine geoffenbart hatte. Das war ihre gegenſeitige Liebeserklärung. D'Artagnan ſtrahlte vor Stolz und Freude. Das Geheimniß, welches er nun beſaß, die Frau, die er liebte, Vertrauen und die Liebe machten einen Rieſen aus ihm. „Ich reiſe,“ ſagte er,„ich reiſe auf der Stelle.“ „Wie! Ihr reiſt!“ rief Madame Bonacieur,„und Euer Kapitän, Euer Regiment?“ „Bei meiner Seelel Ihr habt mich das ganz und gar vergeſſen gemacht, liebe Conſtance. Ja, Ihr habt Recht, ich bedarf eines Urlaubs.“ „Abermals ein Hinderniß!“ murmelte Madame Bo⸗ nacieur ſchmerzlich. „Oh! was dieſes betrifft,“ rief d'Artagnan nach kurzem Bedenken,„ſeid ruhig, ich werde es zu beſeitigen wiſſen.“ „Wie dies?“ „Ich ſuche noch dieſen Abend Herrn von Treville auf und veranlaſſe ihn, für mich dieſe Gunſt bei ſeinem Schwager, Herrn des Eſſarts nachzuſuchen.“ „Nun, noch etwas Anderes.“ „Was?“ fragte d Artagnan, als er ſah, daß Ma⸗ dame Bonacieur fortzufahren zögerte.. „Habt Ihr vielleicht kein Geld?“„ „Vielleicht iſt zu viel,“ erwiederte dArtagnan lächelnd. „Gut,“ verſetzte Madame Bonacieur, öffnete einen Schrank und zog varaus den Sack hervor, den eine halbe Stunde vorher ihr Gatte ſo verliebt geſtreichelt hatte; „gut, ſo nehmt dieſen Sack.“ „Den des Cardinals!“ rief in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrechend dArtagnan, der, wie man ſich erin⸗ nert, durch die Wegnahme ſeiner Fließen nicht eine Silbe von der Unterredung des Krämers und ſeiner Frau ver⸗ loren hatte. „Den des Cardinals,“ antwortete Madame Bona⸗ eieur;„Ihr ſeht, daß er ſich unter einer ſehr ehrwürdigen Geſtalt präſentirt.“ „Bei Gott! rief dArtagnan,„es wird voppelt be⸗ luſtigend ſein, die Königin mit dem Gelde Seiner Emi⸗ nenz zu retten!“ „Ihr ſeid ein liebenswürdiger und artiger junger Mann,“ ſagte Madame Bonacieux.„Glaubt mir, Ihre Majeſtät wird nicht undankbar ſein.“ S „Oh! ich bin bereits großartig belohnt,“ rief dAr⸗ tagnan.„Ich liebe Euch. Ihr erlaubt mir, es Euch zu ſagen, das iſt bereits mehr Glück, als ich zu hoffen wagte,“ „Stille,“ ſr Madame Bonacieux zitternd.. n „Was?“ 2 „Man ſpricht auf der Straße.“ 3 „Es iſt die Stimme „Meines Mannes, ja ich erfenne ſie D'Artagnan lief an die Thüre und ſtieß den Rie⸗ t gel vor. 6 „Er wird nicht eher eintreten, als bis ich wegge⸗ gangen bin,“ ſprach er,„und dann öffnet Ihr ihm.“ „Aber ich ſollte ebenfalls weggegangen ſein. Wie g ließe ſich das Verſchwinden des Geldes rechtfertigen, wenn ich hier wäre?“ „Ihr habt Recht, wir müſſen fortgehen.. „Wie dies? Er wird uns gehen ſehen.“ 1 „Dann müſſen wir in meine Wohnung hinauf.“ 3 „Ah!“ rief Madame Bonacieur,„Ihr ſagt mir dies in einem Tone, der mir bange macht.“ k Madame Bonacieur ſprach dieſe Worte mit einer Thräne in den Augen. D'Artagnan gewahrte dieſe Thräne und warf ſich beunruhigt, gerührt vor ihr uf die Kniee. „Bei mir,“ ſagte er,„ſeid ſo ſicher, wie in der Kirche, darauf gebe ich Euch mein Edelmannswort.“ „So laßt uns gehen,“ erwiederte ſie;„ich traue Euch, mein Freund.“ D'Artagnan öffnete vorſichtig den Riegel wieder. 1 Beide ſchlüpften leicht wie Schatten durch die innere Thüre des Ganges, ſtiegen geräuſchlos die Treppe hinauf und traten in das Zimmer dArtagnan's. Sobald ſich der junge Mann hier befand, verbarri⸗ kadirte er zu größerer Sicherheit die Thüre; dann näher⸗ ten ſich beide dem Fenſter und ſahen durch einen Spalt des Ladens Herrn Bonacieut, der mit einem in einen Mantel gehüllten Mann ſprach. 1 Bei dem Anblicke dieſes Mannes im Mantel ſprang d'Artagnan auf und ſtürzte mit halb gezoge⸗ 27 nem Degen nach der Thüre. Es war der Mann von Meung. „Was wollt Ihr thun 2. rief Madame Bonarieur „Ihr richtet uns zu Grunde.“ „Aber ich habe geſchworen, dieſen Menſchen zu tten agte dArtagnan. „Euer Leben iſt in dieſem Augenblick Anderem ge⸗ weiht und gehört nicht Euch. Ich verbiete Euch im Namen der Königin, Euch in irgend eine Gefahr zu be⸗ geben, außer in die der Reiſe.“ „Und in Euerem Namen befehlt Ihr mir nichts?“ 3„In meinem Namen,“ ſagte Madame Bonacieur ütßerſt bewegt,„in meinen Namen bitte ich Euch. Aber horchen wir! Es ſcheint mir, ſie ſprechen von mir.“ 4 DArtagnan näherte ſich dem Fenſter und lauſchte. Herr Bonacieur hatte die Thüre wieder geöffnet und eeehrte, als er die Wohnung leer fand, zu dem Manne im Mantel zurück, den er einen Augenblick allein gelaſſen hatte. Sie iſt fort,“ ſprach er,„ſie wird in den Louvre zurückgekehrt ſein.“ „Ihr wißt gewiß,“ erwiederte der Fremde,„daß ſie nicht vermuthet, in welcher Abſicht Ihr weggegan⸗ gen ſeid?“ „Allerdings,“ antwortete Bonacieur mit anmaßen⸗ dem Tone.„Es iſt eine zu oberflächliche Frau.“ „Iſt der Cadett von den Garden zu Hauſe?“ „Ich glaube es nicht. Sein Laden iſt, wie Ihr ſeht, geſchloſſen, und man ſieht kein Sche i vie Spalten glänzen.. S „Gleich viel, man pollte ſich vergewiſetn⸗. „Wie dies 2 „Indem man an die Thüre klopfen wiee „Ich werde nach ſeinem Bedienten ftagen.“ „Geht!“ Bonacieur kehrte in ſein Haus ging wu 28 dieſelbe Thüre, durch welche die zwei Flüchtlinge geſchlüpft waren, ſtieg bis zu dem Vorplatze d'Artagnan's hinauf und klopfte. Niemand antwortete. Um eine größere Figur zu ſpielen, hatte Porthos dieſen Abend Planchet entlehnt. D'Artagnan hütete ſich wohl, ein Lebenszeichen von ſich zu geben. In dem Augenblick, wo der Finger von Bonacieur an der Thüre ertönte, fühlten die jungen Leute ihre Her⸗ zen gewaltig ſchlagen. „Es iſt Niemand zu Hauſe,“ ſagte Bonacieux. „Gut, doch gehen wir immerhin zu Euch hinein. Wir ſind mehr in Sicherheit, als auf einer Thürſchwelle.“ „Ah, mein Gott,“ murmelte Madame Bonacieur, „wir werden nichts mehr hören.“ „Im Gegentheil,“ ſprach d'Artagnan,„wir hören nur beſſer.“ D'Artagnan hob die drei bis vier Fließen auf, welche aus ſeinem Zimmer ein zweites Dyonyſiusohr machten, breitete einen Teppich auf dem Boden aus, legte ſich auf die Kniee und gab Madame Bonacieux durch ein Zeichen Prereken⸗ ſie möge ſich, wie er, gegen die Oeffnung neigen. ſprach der Unbekannte. „Ich ſtehe dafür,“ ſagte Bonacieux. „Und Ihr glaubt, daß Euere Frau 4 „In den Louvre zurückgekehrt iſt.“ . Ohne mit irgend Jemand zu ſprechen, außer mit Euch?“ „Ich bin deſſen gewiß.“ „Das iſt ein wichtiger Punkt, verſteht Sr „Alſo hat die die ich Euch überbracht habe, einigen Werth?. „Einen ſehr großen WVerth„mein lieber Bonacieur, ich will es Euch nicht verbergen.“ „Ihr wißt gewiß, daß Niemand zu Hauſe iſt,“ ——— * „Dann wird der Cardinal mit mir zufrieden ſein.“ „Ich zweifle nicht daran.“ „Der große Cardinal!“ „Ihr wißt gewiß, daß Euere Frau in Euerer Unter⸗ redung mit Euch keinen Eigennamen ausgeſprochen hat.“ „Ich glaube nicht.“ „Sie hat weder Frau von Chevreuſe, noch Herrn von Buckingham, noch Frau von Vernet genannt?“ „Nein, ſie hat mir nur geſagt, ſie wolle mich nach London ſchicken, um den Intereſſen einer vornehmen Per⸗ ſon zu dienen.“ „Der Verräther!“ murmelte Madame Bonacieur. „Stille,“ ſagte d'Artagnan und nahm ſie bei der Hand, die ſie ihm, ohne daran zu denken, überließ. 1 „Wie dem ſein mag,“ fuhr der Mann in dem Man⸗ tel fort,„Ihr ſeid ein Thor, daß Ihr Euch nicht geſtellt habt, als wollet Ihr den Auftrag übernehmen. Ihr hättet jetzt den Brief, der Staat, den man bedroht, wäre ge⸗ retteth und Ihr ₰„Und ich? „Nun, der Cardinal würde Euch in den Adelſtand erheben.“ .„Hat er Euch dieß geſagt?“ „Ja, er wollte Euch dieſe Ueberraſchung bereiten.“ „Seid ruhig,“ erwiederte Bonacieur,„meine Fra betet mich an, und es iſt noch Zeit.“ „Der Dummkopf!“ murmelte Madame Bonacieur. „Stille!“ ſagte d'Artagnan und drückte ihr die Hand 3 noch ſtärker. „Wie iſt es noch Zeit?“ verſetzte der Mann in dem Mantel. „Ich kehre in den Louvre zurück, ich frage nach Ma⸗ dame Bonacieux, ich ſage, ich habe mir die Sache über⸗ vacht, ich knüpfe die Angelegenheit wieder an, ich erhalte den Brief und laufe zu dem Cardinal.“ S——— 30 „Nun! geht geſchwinde. Ich werde bald zurückkeh⸗„ ren, um den Erfolg Eueres Ganges zu erfahren.“ Der Unbekannte entfernte ſich. „Der Schändliche!“ ſagte Madame Bonacieux, ſich mit dieſem Beinamen abermals an ihren Gatten wendend. 5 „Stille!“ wiederholte d'Artagnan, und drückte ihr die Hand immer ſtärker. Ein furchtbares Gekreiſche unterbrach jetzt die Be⸗ trachtungen von d'Artagnan und Madame Bonacieur. Es war ihr Gatte, der das Verſchwinden ſeines Sackes bemerkt hatte und um Hülfe gegen Diebe ſchrie. „O mein Gott! rief Madame Bonacieur,„er wird das ganze Quartier in Aufruhr bringen!“ Bonacieur ſchrie lange Zeit, aber da dergleichen Ge⸗ ſchrei, weil es ſehr häufig vorkam, Niemand nach der Rue des Foſſoyeurs zog, und da überdieß das Haus des Krämers ſeit einiger Zeit in ziemlich ſchlimmem Rufe ſtand, ſo ging er, als er Niemand kommen ſah, hinaus, ohne in ſeinem Gekreiſche nachzulaſſen, und man vernahm ſeine Stimme, welche ſich in der Richtung der Rue du⸗ Bar entfernte. „Und nun, da er fort iſt, iſt es an Euch wegzugehen,“ ſagte Madame Bonacieur.„Muth und beſonders Klug⸗ heit! Bedenkt, daß Ihr Euch der Königin weiht.“ 1 „Ihr und Euch!“ rief d'Artagnan,„ſeid ruhig, ſchöne Conſtance, ich werde Ihrer Dankbarkeit würdig wiederkehren, aber werdet Ihr mich dann auch Eurer Liebe würdig halten?“. „Die junge Frau antwortete nur durch eine leb⸗ hafte Röthe, welche ihre Wangen färbte. Einige Augenblicke nachher entfernte ſich auch d'Artagnan, ebenfalls in einen großen Mantel gehüllt, aus welchem cavaliermäßig die Scheide eines langen Degens vor⸗ ſtand. Geld zu gewinnen war, bot ſich ihm dar, und hatte ihn 34 Madame Bonacieur folgte ihm mit jenem langen Liebesblicke, womit die Frau den Mann begleitet, von dem ſie ſich geliebt fühlt; aber nachdem er an der Straßen⸗ ecke verſchwunden war, fiel ſie auf die Knie, faltete die Hände und rief: „O! mein Gott! mein Gott! beſchütze die Königin, beſchütze mich!“ 1II. Feldzugsplan. DArtagnan begab ſich geraden Wegs zu Herrn von Treville. Er hatte überlegt, daß in einigen Minuten der Cardinal durch dieſen verdammten Unbekannten, wel⸗ cher ſein Agent zu ſein ſchien, benachrichtigt wäre, und dachte mit Recht, daß man keinen Augenblick verlieren dürfte. Das Herz des jungen Mannes überſtrömke vor Freude. Ein Abenteuer, wobei Ruhm zu erwerben und als erſte Ermuthigung einer Frau genähert, vie er an⸗ 4 betete. Dieſer Zufall that beinahe mit dem erſten Schlage mehr für ihn, als er von der Vorſehung zu verlangen gewagt hätte. Herr von Treville befand ſich mit ſeinem gewöhn⸗ lichen Hofe von Edelleuten in ſeinem Salon. D'Ar⸗ tagnan, den man als einen Vertrauten des Hauſes kannte, begab ſich geradezu in ſein Cabinet und ließ ihn benachrichtigen, daß er ihn in einer wichtigen Angelegen⸗ heit erwarte. D'Artagnan war hier ſeit eiwa fünf Minuten, als Herr von Treville eintrat. Bei dem erſten Blicke und aus der Freude, die aus ſeinem Antlitz ſtrahlte, er⸗ ſ kannte der würdige Kapitän, daß wirklich etwas Neues vorging. Den ganzen Weg entlang hatte d'Artagnan ſich ge⸗ fragt, ob er ſich Herrn von Treville anvertrauen oder ob( er ihn nur bitten ſollte, ihm Carte blanche in einer wich⸗ 1 tigen Angelegenheit zu bewilligen. Aber Herr von Tre⸗ ville war ſtets ſo vollkommen gut gegen ihn geweſen, er 1 war ſo ſehr dem König und der Königin ergeben, er haßte den Cardinal ſo von ganzem Herzen, daß der junge Mann ſich entſchloß, ihm Alles zu ſagen. „Ihr habt mich bitten laſſen, mein junger Freund?“ ſprach Herr von Treville. „Ja, mein Herr,“ ſagte d'Artagnan,„und Ihr wer⸗ det mir hoffentlich vergeben, daß ich Euch geſtort habe, wenn Ihr erfahrt, wie wie wichtig die Angelegenheit iſt, um die es ſich handelt.“ „Sprecht, ich höre!“ Es handelt ſich um nichts weniger,“ ſagte dAr⸗ tagnan, die Stimme dämpfend,„als um die Ehre, und vielleicht um das Leben der Königin.“ „Was ſprecht Ihr da?“ fragte Herr von Treville, ſchaute rings um ſich her, ob ſie auch gewiß allein wä⸗ ren, und heftete dann wieder den Blick auf d'Artagnan. „Ich ſage, gnädiger Herr, daß mir der Zufall ein Geheimniß in die Hände geſpielt hat. „Das Ihr hoffentlich bewahren werdet) junger Mann! Bei Eurem Leben warne ich Euch!“ „Das ich aber Euch anvertrauen muß, gnädiger Herr, denn Ihr allein könnt mich in der Sendung unter⸗ ſtützen, die ich von der Königin erhalten habe.“ „Iſt das Geheimniß das Eure?“ „Nein, es iſt das der Königin.“ „Seid Ihr von Ihrer Majeſtät bevollmächtigt, es mir anzuvertrauen?“ „ Die drei Musketiere. U. 3 33 „Nein, es iſt mir im Gegentheil das tieſſte Still⸗ ſchweigen anempfohlen.“ „Und warum woilt Ihr es mir gegenüber brechen?“ „Weil ich, wie ich Euch ſage, ohne Euch nichts thun kann, und weil ich fürchte, Ihr könntet mir die Gnade, um die ich Euch bitte, abſchlagen, wenn Ihr nicht wüßtet, in welcher Abſicht ich Euch bitte.“ „Behaltet Euer Geheimniß, junger Mann, und nennt mir Euern Wunſch.“ „Ich wünſche, Ihr würdet mir bei Herrn des Eſſarts einen Urlaub von vierzehn Tagen verſchaffen.“ „Wann dies?“ „Noch in dieſer Nacht.“ „Ihr verlaßt Paris?“ „Ich gehe in einem Auftrage.“ „Könnt Ihr mir ſagen, wohin?“ „Nach London.“ „Hat Jemand ein Intereſſe dabei, daß Ihr Euer Ziel nicht erreicht?“ „Der Cardinal würde, glaube ich, Alles in der Welt dafür geben, wenn es mir nicht gelänge.“ „Und Ihr reiſt allein?“ „Ich reiſe allein.“ „In dieſem Falle kommt Ihr nicht über Bondy hinaus; das ſage ich Euch, ſo wahr ich Treville Wie ſo?“* „Man läßt Euch ermorden.“ „Dann ſierbe ich in der Erfüllung meiner Pflicht.“ „Aber Eure Sendung iſt nicht vollzogen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach d'Artagnan. „Glaubt mir,“ fuhr Treville fort,„bei dergleichen Unternehmungen müſſen es vier ſein, wenn einer ankom⸗ men ſoll.“ „Ihr habt Recht, gnädiger Herr,“ ſagte dAr⸗ tagnan,„aber Ihr kennt Porthos, Athos und Aramis und wißt, daß ich über dieſe verfügen kann.“ Ohne ihnen das Geheimniß anzuvertrauen, das ich nicht wiſſen wollte?“ „Wir haben uns ein für allemal blindes Vertrauen und Ergebenheit unter jeder Bedingung geſchworen. Ueber⸗ dieß koͤnnt Ihr ihnen ſagen, daß Ihr volles Vertrauen in mich ſetzt, und ſie werden nicht minder gläubig ſein, als Ihr.“ „Ich kann nicht mehr thun, als jedem von ihnen einen Uklaub von vierzehn Tagen ſchicken: Athos, der immer noch an ſeiner Wunde leidet, um die Bäder von Forges zu beſuchen; Porthos und Aramis, um ihrem Freunde zu folgen, den ſie in einer ſo ſchmerzlichen Lage nicht verlaſſen wollen. Die Ueberſendung des Urlaubs wird ihnen zum Beweiſe dienen, daß ich die Reiſe billige.“ „Ich danke, gnädiger Herr, für dieſe hundertfache üte.“ 6„Sucht ſie alſo ſogleich auf, und bringt Alles noch in dieſer Nacht zur Ausführung. Doch ſchreibt mir vor Allem Euer Urlaubsgeſuch an Herrn des Eſſarts. Viel⸗ leicht hattet Ihr einen Spion auf Euren Ferſen und Euer Beſuch, der in dieſem Falle dem Cardinal bereits bekannt iſt, wird hierdurch legitimirt.“ D'Artagnan faßte die Meldung ab; Herr von Tre⸗ ville übernahm ſie mit der Verſicherung, vor zwei Uhr WMorgens würden die vier Urlaube in den Wohnungen der verſchiedenen Reiſenden ſein. „Habt die Güte, den meinigen zu Athos zu ſchicken,“ ſagte d'Artagnan.„Ich befürchte ein ſchlim⸗ mes Zuſammentreffen, wenn ich nach Hauſe kehren würde.“ „Seid unbeſorgt. Gott befohlen und glückliche Reiſe! Doch hört,“ ſagte Herr von Treville zurückru⸗ end. D'Artagnan kehrte noch einmal um⸗ 35 3„Habt Ihr Geld!“ DArtagnan ließ den Sack erklingen, den er in ſei⸗ ner Taſche hatte. „Genug?“ fragte Herr von Treville. „Dreihundert Piſtolen.“ „Gut; damit kann man bis an das Ende der Welt kommen.“ „DArtagnan verbeugte ſich vor Herrn von Treville, der ihm die Hand reichte; der junge Garde drückte ſie mit einer Miſchung von Ehrfurcht und Dankbarkeit. Seit ſeiner Ankunft in Paris hatte er nur Rühmehswerthes von dieſem vortrefflichen Manne zu erfahren gehabt, den er ſtets würdig, redlich, groß in ſeinem ganzen Beneh⸗ men fand. Zuerſt ſuchte er Aramis auf; er war nicht mehr zu ſeinem Freunde gekommen ſeit dem bekannten Abend, wo er Madame Bonacieur folgte. Mehr noch, er hatte den jungen Musketier kaum geſehen, und ſo oft er ihn wie⸗ derſah, glaubte er das Gepräge tiefer Schwermuth auf ſeinem Antlitz wahrzunehmen⸗ Auch dieſen Abend wachte Aramis düſter und träu⸗ meriſch; dArtagnan richtete einige Fragen an ihn über dieſe lange anhaltende Schwermuth; Aramis entſchul⸗ digte ſich mit einem Commentar über das neunzehnte . Kapitel des heiligen Auguſtin, den er in lateiniſcher Sprache bis zur nächſten Woche ſchreiben müßte, was ſeinen Geiſt 1 ſehr in Anſpruch nähme. Die zwei Freunde hatten kaum einige Minuten mit⸗ 3 3 einander geplaudert, als ein Diener von Herru von Tre⸗ ₰ ville mit einem verſiegelten Päckchen eintrat. „Was iſt das?“ fragte Aramis. „Der Urlaub den der Herr verlangt hat,“ antwortete der Lackei.“ Ich ich habe keinen Urlaub verlangt“ „Schweigt und nehmt,“ ſagte dArtagnan.„Und Bhr, mein Freund, habt hier eine halbe Piſtole für —— Euere Mühe. Ihr ſagt Herrn von Treville, Herr Ara⸗ mis laſſe ihm von Herzen danken. Geht.“ Der Bediente verbeugte ſich bis zur Erde und trat ab. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Aramis. „Nehmt, was Ihr zu einer Reiſe von vierzehn Tagen braucht, und folgt mir.“ „Aber ich kann Paris dieſen Augenblick nicht ver⸗ laſſen, ohne zu wiſſen „Aramis hielt inne. „Was aus ihr geworden iſt, nicht wahr?“ fuhr d'Artagnan fort. „Aus wem?“ „Aus der Frau, welche hier war, aus der Frau mit dem geſtickten Taſchentuch.“ „Wer ſagt Euch, daß eine Frau hier war?“ fragte Aramis und wurde dabei bleich wie der Tod. „Ich habe ſie geſehen.“ „Und Ihr wißt, wer es iſt?“ „Ich glaube es wenigſtens zu vermuthen.“ „Hört,“ ſprach Aramis,„da Ihr ſo viele Dinge wißt, wißt Ihr vielleicht auch, was aus dieſer Frau ge⸗ worden iſt?“ „Meiner Ueberzeugung nach iſt ſie nach Tours zu⸗ rückgekehrt.“ „Nach Tours? ja, ſo iſt es; Ihr kennt ſie. Aber warum iſt ſie nach Tours zurückgekehrt, ohne mir etwas davon zu ſagen?“ „Weil ſie verhaftet zu werden bange hatte.“ „Warum hat ſie mir nicht geſchrieben?“ „Weil ſie Euch einer Gefahr auszuſetzen befürch⸗ tete „D'Artagnan, Ihr gebt mir das Leben wieder!“ rief Aramis;„ich hielt mich für verachtet, für verra⸗ then. Ich war ſo glücklich, ſie wieder zu ſehen, und nnte nicht glauben, ſie würde ihre Freiheit für mich 37 auf das Spiel ſetzen, und doch, aus welcher andern Ur⸗ ſache ſollte ſie nach Paris gekommen fein?“ „Aus derſelben Urſache, die uns heute zu der Reiſe nach England veranlaßt.“ 3 „Und was iſt dies?“ „Ihr ſollt es eines Tages erfahren, Aramis; für den Augenblick aber werde ich die Zurückhaltung der Nichte des Doctors nachahmen.“ Aramis lächelte, denn er erinnerte ſich deſſen, was er an einem gewiſſen Abend ſeinen Freunden erzählt hatte. „Nun alſo, da ſie Paris verlaſſen hat, und da Ihr es gewiß wißt, d'Artagnan, ſo hält mich nichts hier zu⸗ rück, und ich bin bereit, Euch zu folgen. Ihr ſagt, wir gehen„ 5 „Zunächſt zu Athos, und wenn Ihr mitkommen wollt, ſo bitte ich Euch um Eile, denn wir haben bereits viel Zeit verloren. Doch bald hätte ich vergeſſen, ſetzt Bazin davon in Kenntniß.“ „Wird uns Bazin begleiten?“ „Bielleicht. In jedem Fall iſt es gut, wenn er uns vorläufig zu Athos folgt.“ Aramis rief Bazin, und nachdem er demſelben Befehl gegeben hatte, ihn bei Athos aufzuſuchen, ſagte er:„Nun wollen wir gehen.“ Ehe er jedoch ſein Zimmer verließ, nahm er ſeinen Mantel, ſeinen Degen und ſeine Piſtolen, und öffnete vergeblich mehrere Schubladen, um nachzuſe⸗ hen, ob nicht etwa irgend ein verirrtes Goldſtück zu finden wäre. Nachdem er ſich von der Fruchtloſigkeit ſeiner Nach⸗ ſuchung überzeugt hatte, folgte er d'Artagnan, indem er ſich fragte, wie es käme, daß der junge Cadett bei den Garden ſo gut wie er ſelbſt wüßte, wer die Frau gewe⸗ ſen, der er Gaftfreundſchaft gegeben, und beſſer als er, was aus ihr geworden. Als ſie aus dem Hauſe traten, legte Aramis ſeine Hand auf den Arm von d'Artagnan, ſchaute ihn feſt an und ſagte: 38 „Ihr habt mit Niemand von dieſer Frau geſprochen?“ „Mit Niemand auf dieſer Welt.“ „Nicht einmal mit Athos und Porthos?“ „Ich habe nicht davon gehaucht.“ „Dann iſt es gut.“ Und über dieſen wichtigen Punkt bexuhigt, ſetzte Ara⸗ mis den Weg mit dArtagnan fort, und Beide gelangten bald zu Athos. Als ſie eintraten hielt er ſeinen Urlaub in der einen, den Brief von Herrn von Treville in der andern Hand. „Könnt Ihr mir erklären, was dieſer Brief und die⸗ ſer Urlaub bedeuten ſollen?“ ſprach Athos erſtaunt. „Mein lieber Athos, es iſt mein Wille, da es Eure Geſundheit durchaus heiſcht, daß Ihr vierzehn Tage aus⸗ ruht. Geht in die Bäder von Forges oder in jedes andere Bad, das Euch zuſagen mag, und ſorgt, daß Ihr Eure Geſundheit bald wieder herſtellt. Euer wohlaffectionirter Treville.“ „Nun! dieſer Urlaub und dieſer Brief bedeuten, daß Ihr mir folgen ſollt, Athos!“ „In die Bäder von Forges?“ „Dahin oder anderswohin.“ „Im Dienſte des Königs?“ „Des Königs oder der Königin: ſind wir nicht Die⸗ ner Ihrer Majeſtäten?“ In dieſem Augenblick trat Porthos ein. „Bei Gott,“ ſagte er,„das iſt eine ſeltſame Ge⸗ ſchichte. Seit wann bewilligt man bei den Musketieren den Leuten einen Urlaub, wenn ſie ihn nicht verlangen?“ „Seitdem es Freunde gibt, die einen ſolchen für ſie erbitten,“ erwiederte d'Artagnan. 2 „Ah, ah,“ ſagte Porthos,„da ſcheint etwas Neues vorzugehen.“ „Ja, wir reiſen,“ ſprach Aramis. „Nach welchem Lande?“ fragte Porthos. 39 „Meiner Treu', ich weiß es nicht,“ erwiederte Athos. „Frage hierüber d'Artagnan.“ „Nach London, meine Herren,“ ſagte d'Artagnan. „Nach London!“ rief Porthos,„und was ſollen wir in London machen?“ „Das kann ich Euch nicht ſagen, meine Herren, Ihr müßt mir trauen.“ „Aber um nach London zu gehen,“ fügte Porthos bei,„braucht man Geld und ich habe keines.“ „Ich auch nicht,“ ſagte Aramis. „Ich eben ſo wenig,“ ſprach Athos. „Ich aber habe,“ verſetzte dArtagnan, zog ſeinen Schatz aus ſeiner Taſche und legte ihn auf den Tiſch. „In dieſem Sacke ſind dreihundert Piſtolen. Jeder von uns nimmt fünf und ſiebzig davon. Das iſt genug, um nach London zu reiſen und wieder zurückzukehren. Ueber⸗ dies ſeid ruhig, wir erreichen nicht alle London.“ „Und warum dies?“ „Weil aller Wahrſcheinlichkeit nach einige von uns auf dem Marſche bleiben werden.“ „Wir unternehmen alſo einen Feldzug?“ 2 zwar einen ſehr gefährlichen, das ſage ich u „Ei, da wir Gefahr laufen, uns umbringen zu laſ⸗ ſen,“ ſprach Porthos,„ſo möchte ich wenigſtens wiſſen, warum?“ „Du wirſt bald der Sache auf dem Grunde ſein,“ ſprach Athos. „Ich bin indeſſen auch der Meinung, von Porthos,“ ſagte Aramis. „Hat der König die Gewoh heit, Euch Rechenſchaft abzulegen! Nein; er ſagt Euch ganz einfach; Meine Her⸗ ren, man ſchlägt ſich in Gascogne vder in Flandern⸗ Begebt Euch dahin, ſchlagt Euch. Warum? Ihr küm⸗ mert Euch nicht darum.“ 8 „D'Artagnan hat Recht,“ ſagte Athos.„Hier ſind unſere drei Urlaube, welche von Herrn von Trebille kom⸗ men, und hier dreihundert Piſtolen, welche Gott weiß woher kommen. Laſſen wir uns toͤdten, wo man uns ſagt, daß wir hingehen ſollen. Lohnt ſich das Leben nur der Mühe, ſo viele Fragen darüber zu machen. D'Artagnan, ich bin bereit, Dir zu folgen?“ „Und ich auch,“ ſprach Porthos. „Und ich ebenfalls,“ rief Aramis.„Auch iſt es mir gar nicht unangenehm, Paris zu verlaſſen. Ich bedarf der Zerſtreuung.“ „Gut! ſeid nur ruhig, Ihr ſollt Zerſtreuung finden, meine Herren,“ ſagte d'Artagnan, „Und nun, wann reiſen wir?“ fragte Athos. „Sogleich,“ antwortete d'Artagnan,„es iſt keine Minute zu verlieren!“ „Holla, Grimaud, Planchet, Mousqueton, Bazin!“ riefen die vier jungen Leute ihren Lackeien zu.„Schmiert unſere Stiefeln und führt unſere Pferde vom Hotel herbei!“ Jeder Musketier ließ wirklich in dem allgemeinen Ho⸗ tel wie in einet Kaſerne ſein Pferd und das ſeines Lackeis. Planchet, Grimaud, Mousqueton und Bazin entfern⸗ ten ſich eiligſt. „Nun wollen wir den Feldzugsplan entwerfen,“ ſagte Porthos.„Wohin gehen wir zuerſt?“ „Nach Calais,“ antwortete dArtagnan.„Das iſt die geradeſte Linie, um nach London zu gelangen.“ „Nun ſo hoͤrt meinen Rath,“ verſetzte Porthos. „Sprich!“ „Vier mit einander reiſende Menſchen wären ver⸗ dächtig; d'Artagnan wird jedem von uns ſeine Inſtruc⸗ tion geben. Ich reiſe voraus auf der Route von Bou⸗ logne, um den Weg zu lichten; Athos geht zwei Stun⸗ 3 den ſpäter auf der Route von Amiens ab; Aramis folgt uns auf der von Noyon; dArtagnan reiſt auf einer ihm beliebigen Straße in den Kleidern von e . Planchet, während uns Planchet als d»Artagnan und in der Uniform der Garden folgt.“ „Meine Herren,“ ſagte Athos,„es iſt meine Anſicht, vaß es nicht zuträglich ſein kann, die Lackeien bei einer ſolchen Angelegenheit in das Vertrauen zu ziehen; ein Geheimniß wird zufällig von Edelleuten verrathen, aber ſtets von den Bedienten verkauft.“ „Der Plan von Porthos ſcheint mir unausführbar,“ ſprach d'Artagnan,„inſofern ich ſelbſt nicht weiß, welche Inſtructionen ich Euch geben ſoll. Ich bin der Ueber⸗ bringer eines Briefes, das iſt das Ganze. Ich kann nicht vrei Abſchriften von dem Briefe machen, weil er verſiegelt iſt. Wir müſſen alſo meiner Meinung nach in Geſell⸗ ſchaft reiſen. Dieſer Brief iſt hier in meiner Taſche.“ Und er deutete auf die Taſche, in welcher der Brief ver⸗ wahrt war.„Werde ich getödtet, ſo nimmt ihn einer von Euch, und Ihr ſetzt den Marſch fort. Wird dieſer ge⸗ tödtet, ſo iſt die Reihe an einem Andern, u. ſ. f. Wenn nur einer ankommt, das iſt genug.“ „Bravo, d'Artagnan, Dein Rath iſt auch der mei⸗ nige,“ ſprach Athos.„Man muß überdies conſequent ſein. Ich will die Bäder gebrauchen; Ihr begleitet mich. Statt die Bäder von Forges zu gebrauchen, wähle ich Seebäder; das ſteht in meinem Belieben. Man will uns verhaften, ich zeige den Brief von Herrn von Treville, und Ihr zeigt Eure Urlaube; man greift uns an, wir vertheidigen uns; man ſtellt uns vor Ge⸗ richt, wir behaupten ſteif und feſt, daß wir nichts An⸗ deres beabſichtigen, als uns ein Dutzendmal in das Meer zu tauchen; mit vier vereinzelten Menſchen hätte man zu leichten Kauf, während wir vier vereinigte Männer eine Truppe bilden; wir bewaffnen die vier Lackeien mit Piſtolen und Mousquetons; ſchickt man eine Armee gegen uns, wir liefern ihr eine Schlacht on, wie und der Ueberlebende bringt den Brief dArtagnan geſagt hat.“ 2 „Wohl geſprochen!“ rief Aramis.„Du ſprichſt nicht viel, Athos, aber wenn Du ſprichſt, klingt es wie ein Evangelium. Ich ſchließe mich dem Plane von Athos an. Und Du, Porthos?“ „Ich ebenfalls,“ antwortete Porthos,„wenn er dArtagnan zuſagt. D'Artagnan iſt als Ueberbringer des Briefes natürlich das Haupt der Unternehmung;z er mag entſcheiden, wir führen aus.“ „Gut!“ ſagte d'Artagnan;„ich entſcheide mich für den Plan von Athos, und wir reiſen in einer halben Stunde.“ „Angenommen!“ riefen im Chor die drei Musketiere. Jeder von ihnen ſtreckte die Hand nach dem Sacke aus, nahm fünf und ſiebenzig Piſtolen und traf Anſtalt zu ſchleuniger Abreiſe. IV. Die Reiſe. Um zwei Uhr Morgens zogen unſere vier Aben⸗ teuerer durch die Barierre St. Denis aus Paris; ſo lange es Nacht war, blieben ſie ſtumm. Unwillkührlich unterzogen ſie ſich dem Einfluſſe der Dunkelheit und erblickten überall Hintexhalte. Bei den erſten Strahlen des Tages löſten ſich ihre Zungen. Mit der Sonne kehrte ihre Heiterkeit wieder: es war wie am Vorabend einer Schlacht; das Herz klopfte in der Bruſt, die Au⸗ gen lachten, man fühlte, daß das Leben von dem man vielleicht bald ſcheiden ſollte, am Ende doch ein ſchönes Ding war. Der Anblick der Caravane hatte übrigens etwas Furchtbares: die Rappen der Musketiere, ihre martialiſche Tournure, die Gewohnheit der Schwadron, welche die 8 Schritten. 43 edlen Gefährten der Soldaten regelmäßig maſchiren läßt, hätten das ſtrengſte Incognito verrathen. Die Bedienten folgten, bis an die Zähne bewaffnet. Alles ging gut bis Chantilly, wo man gegen acht uhr Morgens anlangte. Man mußte frühſtücken und ſtieg vor einer Herberge ab, die ſich durch ein Schild den heiligen Martin darſtellend, wie er die Hälfte ſeines Mantels einem Armen gibt, empfahl. Man ſchärfte den Lackeien ein, die Pferde nicht abzuſatteln und ſich zu ſchleunigem Wiederaufbruche bereit zu halten. Die vier Freunde traten in das gemeinſchaftliche Wirthszimmer und ſetzten ſich zu Tiſche. Ein Herr, welcher auf der Straße von Dampmartin angelangt war, ſaß an demſelben Tiſche und frühſtückte. Er fing an von Regen und ſchönem Wetter zu ſprechen. Die Reiſenden antworteten; er trank ihre Geſundheit. Die Reiſenden erwiederten dieſe Höflichkeit. S Aber in dem Augenblick, wo Mousqueton ankündigte, die Pſerde wären bereit, und man vom Tiſche aufſtand, ſchlug der Fremde Porthos die Geſundheit des Cardinals vor. Porthos antwortete: er wäre ganz damit einver⸗ ſtanden, wenn der Fremde ebenfalls die Geſundheit des Königs trinken wollte. Der Fremde antwortete? er kenne keinen andern König, als ſeine Eminenz. Por⸗ thos nannte ihn einen Trunkenbold; der Fremde zog ſeinen Degen. „Ihr habt eine Albernheit begangen,“ ſprach Athos. „gleich viel, jetzt läßt ſich nicht mehr zurückweichen. Tödtet dieſen Menſchen, und holt uns ſo ſchnell als möglich wieder ein.“ Und alle drei beſtiegen wieder ihre Pferde und jagten mit verhängten Zügeln davon, während Porthos ſeinem Gegner verſprach, er werde ihn mit allen in der 5 . Fechtkunſt bekannten Stößen durchbohren. „Dies der erſte,“ ſagte Athos nach fünſhunert „Aber warum hat dieſer Menſch eher Porthos, als ijeden Andern angegriffen?“ fragte Aramis. Pf „Weil Porthos viel lauter ſprach, als wir, weshalb er ihn für unſern Führer gehalten hat.“ 6 „Ich habe immer geſagt, dieſer gascogneſche Cadett 3 wäre ein wahrer Brunnen der Weisheit,“ murmelte Athos. At 1 Und die Reiſenden ſetzten ihren Marſch fort. In Beauvais hielt man zwei Stunden an, ſowohl d 1 um die Pferde ausſchnaufen zu laſſen, als um Porthos Fe zu erwarten. Als dieſer nach Verlauf von zwei Stun⸗ S 3 den nicht erſchien und auch keine Nachricht von ihm ein⸗ traf, begab man ſich wieder auf den Weg. we Eine Meile von Beauvais an einer Stelle, wo die Straße zwiſchen zwei Böſchungen eingezwängt war, ſtieß man auf acht bis zehn Menſchen, welche den Umſtand„ benützend, daß man hier das Pflaſter aufgebrochen hatte, ausſahen, als arbeiten ſie hier, um Löcher zu graben und Kothgeleiſe anzubringen, Aramis, welcher ſeine Stiefeln in dieſem künſtlichen 8 Schlammloche zu beſchmutzen fürchtete, redete ſie mit harten Worten an. Athos wollte ihn zurückhalten, es in war zu ſpät. Die Arbeiter fingen an die Reiſenden zu 8 verſpotten, und ihre Frechheit brachte den kalten Athos i ſo ſehr außer ſich, daß er ſein Pferd gegen einen von P ihnen antrieb. Nun wich jeder dieſer Menſchen bis zu dem Gra⸗ ben zurück und ergriff eine verborgene Muskete. Aramis wurde von einer Kugel getroffen, die durch ſeine Schul⸗ ter drang, Mousqueton von einer andern, welche im 2 fleiſchigen Theile der Lende ſtecken blieb. Mousqueton d ſiel indeſſen allein vom Pferde, nicht als ob er ſchwerer verwundet geweſen wäre, aber da er die Wunde nicht ſehen konne, ſo hielt er ſich ohne Zweifel für viel gefähr⸗ licher verletzt, als er es in der That war. 3 „Das iſt ein Hinterhalt! rief d'Artagnan,„laſſen wir unſer Zündkraut unverbrannt, und vorwärts!“ 83 45 1 ² l Aramis, ſo ſehr er auch verwundet war, faßte ſein b Pferd bei der Mähne und dieſes trug ihn mit den An⸗ dern fort. Das von Mousqueton holte ſie wieder ein tt und galoppirte ganz allein und in ſeiner Reihe. 5 ai„Das gibt uns ein Pferd zum Wechſeln,“ ſagte Athos. l„Ein Hut wäre mir lieber,“ ſprach d'Artagnan, „der meinige iſt von einer Kugel fortgeriſſen worden. Es iſt nur ein Glück, daß der Brief, den ich trage, nicht darin war.“ „Bei Gott! ſie werden den armen Pprthos tödten⸗ wenn er vorüber kommt,“ ſprach Aramis. „Wenn Porthos auf den Beinen wäre, ſo müßte er uns bereits eingeholt haben,“ ſagte Athos.„Meiner Meirung nach hat der Truntenbold auf dem Kampſplaße den Ranſch verloren.“ Und man galoppirte noch zwei Stunden lang, ob⸗ gleich die Pferde ſo ermüdet waren, daß man befürchten i mußte, ſie werden bald den Dienſt verſagen. es Die Reiſenden hatten einen Seitenweg eingeſchlagen, in der Hoffnung, auf dieſe Art weniger beunruhigt zu u werden; aber in Crevecvur erklärte Aramis, er könnte nicht weiter reiten. In der That, es hatte ſeines ganzen P Muthes bedurft, den er unter ſeiner eleganten Form und unter ſeinen artigen Manieren verbarg, um bis hieher zu . gelangen. Jeden Augenblick erbleichte er und man war genöthigt, ihn auf ſeinem Pferde zu unterſtützen; man hob ihn vor der Thüre einer Schenke herab, ließ ihm Bezin, der übrigens bei einem Scharmützel mehr hin⸗ derlich als nützlich war, und zog weiter, in der Hoffnung, erſt in Amiens Nachtlager zu halten. „Beim Teufel!“ ſagte Athos, als ſie ſich auf zwei Herren und auf Grimaud und Planchet zuſam⸗ mengeſchmolzen wieder auf der Straße befanden, ſtehe Euch dafür, daß mich von hier bis Calais „beim Teufel! ich werde nicht ihr Narr ſein, und SA — 46 nicht dazu bringen, den Mund zu öffnen oder den Degen zu ziehen. Ich ſchwöre.. „Schwören wir nicht,“ ſagte dArtagnan,„galop⸗ piren wir lieber, wenn es unſere Pferde geſtatten.“ Die Reiſenden drückten ihre Sporen in den Bauch ihrer Roſſe, welche, mächtig aufgeſtachelt, ihre Kräfte wieder fanden. Man langte in Amiens um Mitter⸗ nacht an und ſtieg vor der Herberge zur goldenen Lilie ab. Der Wirth ſah aus, wie der ehrlichſte Mann von der Welt. Er empfing die Reiſenden, ſeinen Leuchter in der einen, die baumwollene Mütze in der andern Hand; er wollte die zwei Reiſenden jeden in einem vortrefflichen Zimmer einquartieren. Zum Unglück lag jedes von dieſen Zimmern am äußerſten Ende des Gaſt⸗ hauſes. D'Artagnan und Athos weigerten ſich hie⸗ gegen. Der Wirth antwortete, er hätte keine andere Ihrer Excellenzen würdige Zimmer; aber die Reiſenden erklärten, ſie würden in einer gemeinſchaftlichen Stube jeder auf einer Matraze ſchlafen, die man auf den Bo⸗ den werfen könnte; der Wirth beſtand auf ſeiner Mei⸗ nung, die Reiſenden gaben nicht nach, und er mußte thun, wie ſie haben wollten. Sie hatten ihe Bett geordnet und ihre Thüre von innen verbarrikadirt, als man vom Hofe aus an ihre Läden klopfte. Sie fragten, wer da wäre, erkannten die Stimme ihrer Bedienten und öffneten. Es waren wirk⸗ lich Planchet und Grimaud. „Grimaud reicht hin, um die Pferde zu bewachen,“ ſagte Planchet.„Wenn die Herren erlauben, ſo werde ich mich quer vor ihre Thüre legen. Auf dieſe Art ſind ſie ſicher, daß man nicht bis zu ihnen gelangt.“ „Und auf was willſt Du ſchlafen?“ ſagte dAr⸗ tagnan. ein Bund Stroh. „Hier iſt mein Bett,“ antwortete Planchet und zeigte c— ——— a S 8 c— 8 8—— — 47 „Komm' alſo,“ ſprach d'Artagnan,„Du haſt Recht, das Geſicht des Wirthes will mir nicht zuſagen, es iſt zu freundlich.“ Planchet ſtieg durch das Fenſter ein und legte ſich quer vor die Thüre, während ſich Grimaud in dem Stalle einſchloß, nachdem er zuvor die Verſicherung gegeben hatte, er und die Pferde würden um fünf Uhr Morgens bereit ſein. Die Nacht ging ziemlich ruhig vorüberz; man ver⸗ ſuchte es wohl gegen zwei Uhr Morgens die Thüre zu öffnen; aber da Planchet plötziich erwachte und:„Wer da!“ rief, ſo antwortete man ihm: man habe ſich ge⸗ täuſcht und zog ab. Um vier Uhr Morgens vernahm man einen gewaltigen Lärmen im Stalle. Grimaud hatte die Hausknechte wecken wollen und dieſe ſchlugen ihn. Als man das Fenſter öffnete, ſah man den armen Burſcheu bewußtlos auf der Erde ausgeſtreckt. Ein Hieb mit der Heugabel hatte ihm den Kopf verletzt. Planchet ging in den Hof hinab und wollte die Pferde ſatteln: die Pferde waren reh; nur das von Gri⸗ maud, welches am Tage vorher fünf bis ſechs Stun⸗ den ohne Herrn gereist war, hätte den Marſch ſortſetzen können. Aber in Folge eines unbegreiflicheu Irrthums, hatte der Thierarzt, den man ohne Zweifel holen ließ, um dem Pferde des Wirthes zur Ader zu laſſen, dem von Grimaud zur Ader gelaſſen. Die Sache fing an beunruhigend zu werden: alle dieſe raſch aufeinander folgenden Begebenheiten wa⸗ ren vielleicht das Reſultat des Zufalls, aber ſie konn⸗ ten eben ſo wohl die Frucht eines Komplottes ſein. Athos und d'Artagnan gingen hinaus, während ſich Planchet erkundigte, ob man nicht in der Gegend drei Pferde zu kaufen finden könnte. der Thüre ſtanden wirklich zwei Pferde geſattelt und m friſch und kräftig. Das fügte ſich gut, wo die Herren wären; man antwortete ten die Nacht in dem Wirthshauſe zugebracht und bezahlten in dieſem Augenblicke ihre Zeche. Athos ging hinab, um die Rechnung zu berichtigen, während d'Artagnan und Planchet an der Hausthüre ſtehen blieben; der Wirth befand ſich in einem unteren, nach hinten gelegenen Zimmer; man bat Athos, dahin zu ehen. Athos trat ohne Mißtrauen ein und zog zwei Gold⸗ ſtücke hervor, um zu bezahlen. Der Wirth war allein und ſaß vor einem Bureau, an dem eine von den Schubladen halb offen war. Er nahm das Geld, das ihm Athos darbot, drehte es wiederholt in der Hand um und rief plötzlich, es wäre falſch und er würde ihn und ſeine Ge⸗ fährten als Falſchmünzer in Verhaft nehmen laſſen. „Schurke,“ ſprach Athos gegen ihn vorrückend,„ich werde Dir die Ohren abſchneiden!“ Aber der Wirth bückte ſich, nahm zwei Piſtolen aus einer von den Schubladen, und richtete ſie, um Hülfe rufend, gegen Athos. In demſelben Augenblick traten vier bis an die Zähne bewaffnete Männer durch die Seitenthüren ein und warfen ſich auf Athos. „Ich bin verloren,“ ſchrie Athos mit der vollen Ge⸗ walt ſeiner Lunge;„Staub aus, dArtagnan, ſtich an! ſtich an!“ Und er drückte ſeine beiden Piſtolen ab. D'Artagnan und Flanchet ließen ſich dieſen Zuruf nicht wiederholen; ſie machten die zwei Pferde, welche vor der Thüre ſtanden, los, ſprangen in den Sattel, ſtießen ihnen die Sporen in den Leib und jagten im ſtärkſten Ga⸗ lopp davon. „Weißt Du, was aus Athos geworden iſt?“ fragte d'Artagnan im Laufe. „Ach! gnädiger Herr,“ erwiederte Planchet, habe zwei auf ſeine Schüſſe fallen ſehen, nd einem Blicke, den ich noch durch die Glasthüre kam es mir vor, als fuchteite er mit den andern.“ i ———— 8 49 nd„Braver Athos!“ murmelte dArtagnan.„Wenn ich bedenke, daß man ihn ſo im Stiche laſſen muß! n, Uebrigens erwartet uns vielleicht zehn Schritte von hier re daſſelbe Schickſal. Vorwärts! Planchet, vorwärts! Du n, biſt ein wackerer Burſche.“ zu„Ich habe es Euch geſagt, gnädiger Herr,“ antwor⸗ tete Planchet,„die Picarden erkennt man erſt beim Ge⸗ d⸗ brauche; übrigens bin ich hier in meiner Heimath und nd das feuert mich an.“ 2 en Beide ſpornten auf das Schönſte und gelangten in s einem Zuge nach Saint Omer. Hier ließen ſie ihre Pferde ief ausſchnaufen, wobei ſie aus Furcht vor irgend einem Un⸗ e⸗ falle die Zügel um den Arm ſchlangen, und aßen, vor der Thüre ſtehend, einen Biſſen aus der Fauſt, wonach ſie ich ihren Marſch wieder fortſetzten. Hundert Schritte vor den Thoren von Calais ſtürzte us das Pferd von dArtagnan, es war unmöglich, daſſelbe wie⸗ ufe der auf die Beine zu bringen; das Blut lief ihm aus der Naſe und aus den Augen; es war noch das von Planchet hne übrig, aber dieſes ſtand ſtille und man konnte es nicht fen einen Schritt mehr weiter treiben. Zum Glücke waren ſie, wie geſagt, nur noch hundert Se SSchritte von der Stadt entfernt. Sie ließen die beiden n! Roſſe auf der Landſtraße und liefen nach dem Hafen. Planchet machte ſeinen Gebieter auf einen Herrn auf⸗ ruf merkſam, der eben mit ſeinem Bedienten ankam und nur fünfzig Schritte vor ihnen ging. Sie näherten ſich raſch dieſem Herrn, der große Eile zu haben ſchien. Seine Stiefeln waren mit Staub bedeckt, und er fragte, ob er nicht ſogleich nach England überfah⸗ ren könnte.. „NRichts wäre leichter,“ antwortete der Patron eines ſegelfertigen Schiffes;„aber dieſen Morgen iſt ein Befehl eingetroffen, Niemand ohne ausdrückliche Erlaubniß des Herrn Cardinals paſſiren zu laſſen.“ Die drei Musketiere. II. 50 „Ich habe dieſe Erlaubniß,“ ſagte der Herr, ein Pa⸗ pier aus ſeiner Taſche ziehend:„hier iſt ſie.“ „So laßt ſie vom Hafen⸗Gouverneur unterzeichnen und gönnt mir den Vorzug vor den anderen Schiffen.“ „Wo kann ich den Gouverneur finden?“ „In ſeinem Landhauſe?“ „Und wo liegt dieſes?“ „Eine Viertelmeile von der Stadt! Ihr ſeht es dort, am Fuße jener Anhöhe, mit dem Schieferdache.“ „Gutl“ rief der Herr und ſchlug von ſeinem Be⸗ dienten gefolgt den Weg nach dem Landhanſe des Gou⸗ verneurs ein. D'Artagnan und Planchet folgten dem Herrn in einer Entfernung von fünfhundert Schritten. Sobald ſie vor der Stadt waren, beſchleunigte d'Ar⸗ tagnan ſeine Schritte und holte den Herrn ein, als er eben in ein kleines Gehölze eintrat. „Mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„Ihr ſcheint mir große Eile zu haben.“ „Im höchſten Maße.“ 6 „Ich bin hierüber in Verzweiflung, denn da ich eben⸗ ſ große Eile habe, ſo wollte ich Euch um einen Dienſt itten.“ „Um welchen?“ 3 „Mich vorausgehen zu laſſen. Ich habe ſechzig Mei⸗ len in vier und vierzig Stunden zurückgelegt und muß morgen Mittag in London ſein.“ „Ich habe denſelben Weg in vierzig Stunden gemacht und muß morgen früh um zehn Uhr in London ſein.“ „Ich bin in Verzweiflung, mein Herr, aber da ich zuerſt angekommen, werde ich nicht als zweiter gehen.“ „Es thut mir unendlich leid, ich bin als zweiter an⸗ gekommen, aber ich werde zuerſt gehen.“ „Im Dienſte des Königs?“ ſprach der Herr. „In meinem Dienſte!“ antwortete d'Artagnan. . 3 r M r ir 51 „Aber es ſcheint mir, Ihr ſucht einen garſtigen Streit mit mir anzufangen?“ „Beim Teufel! wie ſoll es anders ſein?“ „Was verlangt Ihr von mir?“ „Wollt Ihr es wiſſen?“ „Allerdings.“ „Nun! ich verlange den Befehl, den Ihr bei Euch tragt, inſoferne ich keinen habe und doch deſſelben noth⸗ wendig bedarf.“ „Ihr ſcherzt hoffentlich?“ „Ich ſcherze nie.“ „Laßt mich ziehen.“ „Ihr kommt nicht von der Stelle.“ „Mein braver junger Mann, ich werde Euch den Schädel zerſchmettern. Holla! Lubin, meine Piſtolen.“ „Planchet,“ ſagte d'Artagnan,„übernimm Du den Bedienten, ich nehme den Herrn.“ Durch die erſte That ermuthigt, ſprang Planchet auf Lubin, warf ihn ſtark und kräftig, wie er war, auf den Boden und ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt. „Macht Euer Geſchäft ab, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet,„ich bin mit dem meinigen fertig.“ Dies gewahrend, zog der Unbekannte ſeinen Degen und fiel gegen d'Artagnan aus, aber er hatte es mit einem gewaltigen Gegner zu thun. In drei Sekunden brachte ihm d'Artagnan drei De⸗ genſtöße bei, bei jedem Stoße ſagte er: „Einen für Athos, einen für Porthos, einen für Aramis!“ Beim dritten Stoße ſtürzte der Unbekannte wie eine träge Maſſe zur Erde. D'Artagnan hielt ihn für todt oder wenigſtens für ohnmächtig, und näherte ſich ihm, um den Befehl zu neh⸗ men; aber in dem Augenblicke, wo er die Hand aus⸗ ſtreckte, um ihn zu ſuchen, brachte ihm der Verwundete, der ſeinen Degen nicht losgelaſſen hatte, einen Stich in die Bruſt bei und rief: „Einen für Euch!“ „Und einen für Dich! Wer zuletzt lacht, lacht am beſten!“ ſchrie d'Artagnan wüthend und ſpießte ihn mit n vierten Stoße durch den an den Bode Biesmal ſchloß der Fremde, ohnmächtig geworden, die Augen. D'Artagnan durchſuchte die Taſche, in welche er ihn hatte den Ueberfahrtsbefehl ſtecken ſehen, und ergriff ihn. Er war auf den Namen des Grafen von aus⸗ geſtellt. Einen kehtn Blick auf den ſchönen jungen Mann werfend, der kaum fünf und zwanzig Jahre alt ſein mochte, und den er hier auf der Erde ausgeſtreckt, des Bewußt⸗ ſeins beraubt, vielleicht gar todt zurücklaſſen mußte, ſeufzte er über das ſeltſame Geſchick, welches die Menſchen da⸗ hin bringt, daß ſie einander zerſtören im Intereſſe von Leuten, die ihnen fremd find, und denen ihr Daſein häufig ganz unbekannt iſt. Bald aber wurde er ſeiner Betrachtungen durch Lu⸗ bin Se der ein furchtbares Jammergeſchrei ausſtieß und mit aller Gewalt um Hilfe rief. Planchet faßte ihn bei der Gurgel und ſchnürte ſie ihm aus Leibeskräften zuſammen. „Gnädiger Herr,“ ſagte er,„ſo lange ich ihn ſo halte, wird er ſicherlich nicht ſchreien, das weiß ich gewiß, aber ſobald ich ihn reſi wird er wieder zu kreiſchen anfangen. Es iſt ein Normann und die Normannen ſind hartnäckige Burſche.“ Lubin ſuchte wirklich, ſo gepreßt er auch war, einige Tone von ſich zu geben. „Warte!“ ſprach dArtagnan, nahm ſein xſceuch 1n knebelte 53 1„Nun wollen wir ihn an einen Baum binden!“ ſagte Planchet.* Dies wurde gewiſſenhaft ausgeführt. Dann ſchleppte 1 man den Grafen von Wardes in die Nähe ſeines Be⸗ i dienten, und da die Nacht bereits einbrach und beide, der nVerwundete und der Geknebelte, ſich mehre Schritte in einem Gehölze befanden, ſo mußten ſie offenbar bis am andern Tage hier bleiben. „Und nun zum Gouverneur„ rief d'Artagnan. n„Es ſcheint mir, Ihr ſeid verwundet?“ ſagte Planchet. „Das iſt jetzt von keiner Bedeutung, wir wollen ⸗ uns mit dem Dringenderen beſchäftigen, und dann nach der Wunde fragen, die mir übrigens durchaus nicht ge⸗ n fährlich zu ſein ſcheint.“ , Und beide eilten mit großen Schritten nach dem ⸗ Landhauſe des würdigen Beamten. e Man kündigte den Grafen von Wardes an. D'Artagnan wurde eingeführt. n„Ihr habt einen von dem Cardinal unterzeichneten g Paß?“ ſagte der Gouverneur. „Ja, mein Herr, hier iſt er.“ „Ah, ah! er iſt in Ordnung und mit guten Em⸗ pfehlungen verſehen,“ ſprach der Gouverneur. „Das iſt ganz einfach,“ erwiederte d'Artagnan,„ich 6 gehöre zu ſeinen getreueſten Anhängern.⸗ „Es ſcheint, Seine Eminenz will irgend Jemand verhindern, nach England zu kommen?“ — o „Ja, einen gewiſſen d'Artagnan, einen Bearner 4 Edelmann, der mit drei von ſeinen Freunden von Pa⸗ ris abgereiſt iſt, in der Abſicht, ſich nach London zu begeben.“ „Kennt Ihr ihn perſönlich,“ fragte der Gou⸗ verneur. „Wen?“ „Dieſen d»Artagnan.“ „Sehr gut!“ 54 „Gebt mir ein Signalement von ihm.“ „Nichts leichter!“. D'Artagnan gab Zug für Zug das Signalement des Grafen von Wardes..* „Hat er einen Begleiter?“ fragte der Gouverneur. „Ja, einen Bedienten, Namens Lubin.“ „Man wird auf ſie Acht haben, und wenn man ihrer habhaft wird, mag Seine Eminenz ruhig ſein, ſie ſollen unter ſicherem Geleite nach Paris zurückgeführt werden.“ „Wenn Ihr dies thut, mein Herr Gouverneur,“ ſprach d'Artagnan,„werdet Ihr Euch ein großes Ver⸗ dienſt um den Cardinal erwerben.“ „Ihr ſeht ihn wohl bei Eurer Rückkehr, mein Herr „Ohne Zweifel.“ „Sagt ihm, ich bitte Euch, ich ſei ſein getreuer Diener.“ „Ich werde nicht verfehlen, dies zu thun.“ Erfreut über dieſe Verſicherung, vifirte der Gouver⸗ neur den Paß und ſtellte ihn d'Artagnan zu. D'Artagnan verlor keine Zeit mit unnützen Com⸗ plimenten, verbeugte ſich vor dem Gouverneur, dankte ihm und ging weg. Sobald er mit Planchet aus dem Hauſe war, ſetz⸗ ten ſie ſich in raſchen Lauf, machten einen langen Um⸗ weg, um das Gehölze zu vermeiden, und gelangten durch ein anderes Thor nach der Stadt zurück. Das Schiff war immer noch zur Abfahrt bereit. Der Patron wartete am Hafen. „Nun, wie ſteht es?“ ſagte er, ſobald er d'Artag⸗ nan gewahr wurde. „Hier iſt der vifirte Paß,“ erwiederte dieſer. „Und der andere Herr?“ 6 „Er wird heute nicht mehr abreiſen,“ ſprach d'Ar⸗ 55 tagnan„aber ſeid ruhig, ich bezahle die Ueberfahrt für uns Beide.“ 2 „In dieſem Fall, zu Schiffe,“ ſprach der Patron. „Zu Schiffe,“ wiederholte d'Artagnan. ₰ Und er ſprang mit Planchet in den Nachen; fünf . Minuten nachher waren ſie an Bord. Es war höchſte Zeit; ſie befanden ſich kaum eine halbe Meile in See, als d'Artagnan eine Flamme be⸗ merkte und einen Knall hörte. Es war der Kanonenſchuß, der das Schließen des Hafens ankündigte. Nun mußte man ſich endlich mit der Wunde von wArtagnan beſchäftigen. Zum Glücke war ſie, wie er ſelbſt gedacht hatte, nicht gefährlich. Die Degenſpitze hatte eine Rippe getroffen und war von dem Beine ab⸗ geglitten; überdieß hatte ſich das Hemd an die Wunde feſtgeklebt und ſo waren aus dieſer nur einige Tropfen Blutes hervorgedrungen. D'Artagnan fühlte ſich im höchſten Maße von der Anſtrengung ermattet. Man breite ihm eine Matratze auf dem Verdeck aus, er warf ſich darauf und entſchlum⸗ merte. . Am andern Morgen bei Tagesanbruch befand er ſich noch drei bis vier Meilen von der Küſte von . Frenkreich entfernt; der Wind war in der ganzen Nacht 1 ſehr ſchwach geweſen und man hatte eine kleine Strecke zurückgelegt. Um zwei Uhr ging das Schiff in dem Hafen von Dover vor Anker. Um halb drei Uhr ſetzte dArtagnan den Fuß auf den Boden von England und rief:„Endlich bin ich hier!“ Aber damit war es noch nicht genug. Man mußte London erreichen. In England war die Poſt ziemlich gut bedient. D'Artagnan und Planchet nah⸗ men jeder einen Klepper. Ein Poſtillon ritt voraus, in vier Stunden langten ſie vor den Thoren der Haupt⸗ ſtadt an. . Der Herzog befand ſich mit dem Koͤnig auf der agd. DArtagnan kannte London nicht. D'Artagnan ver⸗ ſtand kein Wort Engliſch; aber er ſchrieb den Namen Buckingham auf ein Papier und Jedermann zeigte ihm das Hotel des Herzogs. D'Artagnan fragte nach dem erſten Kammerdiener Buckinghams, der ihn auf allen ſeinen Reiſen begleitet hatte und vollkommen Franzöſiſch ſprach. Er ſagte ihm er komme von Paris in einer Angelegenheit, bei der es ſich um Leben und Tod handle, und müſſe ſeinen Herrn ſogleich ſprechen. Die Sicherheit, mit der d'Artagnan ſein Verlangen ausdrückte, überzeugte Patrice, ſo hieß dieſer Miniſter des Miniſters. Er ließ zwei Pferde ſatteln und übernahm es, den jungen Garde zu führen. Planchet hatte man ſteif wie ein Rohr von ſeinem Roſſe herabgehoben. Die Kräfte des armen Burſchen waren völlig erſchöpft. D'Artagnan ſchien von Eiſen. Man kam in dem Schloſſe an und zog hier Erkun⸗ digungen ein; der König und Buckingham waren auf der Beize in einem zwei bis drei Meilen von da entfernten Moore. In zwanzig Minuten befand man ſich an der bezeich⸗ neten Stelle. Bald hörte Patrice die Stimme ſeines Herrn, der ſeinen Falken zurückrief. „Wen ſoll ich Mylord⸗Herzog ankündigen?“ fragte Patrice. „Den jungen Mann, der eines Abends auf dem Neuf bei der Samaritaine Händel mit ihm geſucht „Eine ſonderbare Empfehlung!“— „Ihr werdet ſehen, daß ſie ſo viel werth iſt, als irgend eine andere.“ — —— v Patrice ſetzte ſein Pferd in Galopp, etreichte den Herzog und kündigte ihm in den ſo eben erwähnten Wor⸗ ten einen Boten an, der ſeiner harrte. Buckingham erkannte d'Artagnan ſogleich, und da er vermuthete, daß in Frankreich etwas vorging, wovon man ihn in Kenntniß ſetzen wollte, ſo nahm er ſich nicht die Zeit, zu fragen, wo derjenige wäre, der ihm Kunde brächte, ſondern galoppirte, da er von ferne die Uniform der Garden erkannt hatte, gerade auf d'Artagnan zu. Patrice hielt ſich aus Discretion entfernt. „Es iſt der Königin doch kein Unglück widerfahren?“ rief Buckingham, alle ſeine Gedanken, ſeine ganze Liebe in dieſer Frage verbreitend. „Ich glaube nicht, aber ich bin der Ueberzeugung, daß ſie eine große Gefahr läuft, der Eure Herrlichkeit allein ſie entziehen kann.“ „Ich?“ rief Buckingham.„Sollte ich ſo glücklich ſein, ihr in irgend einer Beziehung nützen zu können? Sprecht, ſprecht!“ „Nehmt dieſen Brief,“ ſagte d'Artagnan. „Dieſen Brief? von wem kommt er 2“ „Von Ihrer Majeſtät, wie ich glaube.“ „Von Ihrer Majeſtät,“ ſprach Buckingham und er⸗ bleichte dergeſtalt, daß dArtagnan meinte, er würde in Ohnmacht fallen. Er erbrach das Siegel. „Woher dieſer Riß?“ ſagte er und zeigte d'Artagnan eine Stelle, wo er durchbohrt war. „Ah, ah!“ rief d'Artagnan,„ich hatte das nicht ge⸗ ſehen. Der Degen des Graſen von War s wird dieſes Loch gemacht haben, als er mir in die Bruſt „Ihr ſeid verwundet?“ fragte Buckingham. „Ol nichts,“ erwiederte d'Artagnan;„eine Schramme.“ „Gerechter Himmel! was habe ich geleſen?“ rief der Herzog.„Patrice, bleibe hier, oder vielmehr ſuche hatte. Während der Herzog auf dieſe Erzählung hörte, 58 den König auf, wo er auch ſein mag, und ſage Seiner Majeſtät, daß ich mich zu entſchuldigen bitte; aber eine n Angelegenheit von höchſtem Belang rufe mich nach Lon⸗ v don zurück. Kommt, Herr, kommt!“ g Und Beide ſchlugen im Galopp den Weg nach der Hauptſtadt ein. A T n a 6 L Die Gräfin von Winter. 5 d Den ganzen Weg entlang ließ ſich der Herzog über Alles von d'Artagnan Bericht erſtatten, nicht über Alles, g was vorgefallen war, ſondern über das, was dArtagnan davon wußte. Indem er das, was aus dem Munde des ſ jungen Mannes kam, mit ſeinen Erinnerungen zuſammen d fügte, konnte er ſich einen genauen Begriff von der Lage d machen, von deren Gewicht ihm der Brief der Königin, ſo kurz er auch war, einen Maßſtab gab. Er wunderte c ſich beſonders darüber, daß es dem Cardinal, dem ſo viel d daran liegen mußte, daß der junge Mann England nicht 11k erreichen könnte, nicht gelungen war, denſelben auf dem Wege aufgreifen zu laſſen. Als er ſein Erſtaunen hier⸗ über kund gab, erzählte ihm dArtagnan von den Vor⸗ ſichtsmaßregeln, die er genommen, und wie er durch die aufopfernde Ergebenheit ſeiner drei Freunde, die er blu⸗ tend und zerſtreut auf der Straße zurückgelaſſen, mit einem Degenſtiche ſich durchgeſchlagen, der durch das Billet der Königin gedrungen war, und den er dem Gra⸗ fen von Wardes mit ſo furchtbarer Münze zurürkbezahlt die mit der großten Einfachheit vorgetragen wurde, ſchaute ſelben Metall am Halſe trug. Aus Beſcheidenheit war er dArtagnan mit erſtaunter Miene an, als könnte er nicht begreifen, wie ſo viel Muth, ſo viel Klugheit, ſo viel Ergebenheit mit einem Geſichte in Einklang zu brin⸗ gen wären, das kaum zwanzig Jahre andeutete. Die Pferde gingen wie der Wind, und in wenigen Minuten befanden ſie ſich vor den Thoren von London. D'Artagnan hatte geglaubt, in der Stadt anlangend, würde der Herzog den Gang des ſeinigen etwas hemmen; aber dem war nicht ſo. Er ſetzte ſeinen Weg in größter Eile fort und kümmerte ſich nicht darum, ob er die Leute auf der Straße niederwarf. Wirklich ereigneten ſich mehrere Unfälle dieſer Art während des Rittes durch die Stadt. Aber Buckingham drehte nicht einmal den Kopf, um zu ſehen, was aus denjenigen, welche er nie⸗ derwarf, geworden war. D'Artagnan folgte ihm mitten unter Schreien, welche viel Aehnlichkeit mit Verfluchun⸗ gen hatten. In dem Hofe ſeines Hotels ſprang Buckingham von ſeinem Pferde, warf dieſem gleichgültig den Zügel auf den Hals und ſtürzte nach der Treppe. D'Artagnan that daſſelbe, jedoch mit etwas mehr Unruhe für dieſe edlen Thiere, deren Verdienſt er zu ſchätzen vermocht hatte; aber es wurde ihm der Troſt zu Theil, wahrzunehmen, daß drei bis vier Bedienten aus den Küchen und Ställen herbeiliefen und ſich ſogleich der Pferde bemächtigten. Der Herzog ging ſo raſch, daß dArtagnan Mühe hatte, ihm zu folgen. Er durchſchritt nach einander meh⸗ rere Salons von einer Eleganz, von der ſelbſt die vor⸗ nehmſten Herren Frankreichs keinen Begriff hatten, und gelangte endlich in ein Schlafgemach, das zugleich ein Wunder von Geſchmack und Reichthum war. In dem Alkoven dieſes Gemachs war eine in der Tapete ange⸗ brachte Thüre, welche der Herzog mit einem kleinen gol⸗ denen Schlüſſel offnete, den er an einer Kette von dem⸗ d'Artagnan zurückgeblieben. Aber in dem Augenblick, wo Buckingham die Schwelle dieſer Thüre überſchritt, drehte er ſich um und ſprach, als er das Zögern des jungen ſt Mannes wahrnahm: „Kommt, und wenn Ihr die Ehre habt, vor Ihrer„ erſcheinen zu dürfen, ſo ſagt ihr, was Ihr hier Ermuthigt durch dieſe Aufforderung, folgte dAr⸗ tagnan dem Herzog, der die Thüre hinter ſich ſchloß. Beide befanden ſich nun in einer kleinen mit perſiſcher Seide lapezirten und mit Gold geſtickten Kapelle, welche mit einer großen Anzahl von Kerzen ſcharf beleuchtet war. Ueber einer Art von Altar und unter einem Prachthimmel von blauem Sammet, überragt von weißen und rothen Federn, gewahrte man ein Porträt in natürlicher Größe, Anna von Oeſterreich, ſo vollkommen ähnlich darſtellend, daß d'Artagnan unwillkührlich einen Schrei des Erſtau⸗ nens ausſtieß. Man hätte glauben ſollen, Ihre Majeſtät wäre im Begriffe zu ſprechen. Auf dem Altar und unter dem Porträt ſtand das Kiſtchen, welches die Diamant⸗Neſtelſtifte enthielt. Der Herzog näherte ſich dem Altar, kniete davor nieder, wie ein Prieſter vor dem Chriſtusvilde, und öffnete das Kiſichen. 5 „Seht,“ ſprach er, und zog eine große ganz von Diamanten funkelnde blaue Bandſchleife daraus hervor, „ſeht, hier ſind dieſe koſtbaren Reſtelſtifte, mit denen ich mich begraben zu laſſen geſchworen hatte. Die Königin, hat ſie mir gegeben, die Königin nimmt ſie mir wieder, ihre Wille geſchehe, wie der Gottes, in allen Dingen, Dann küßte er, einen nach dem andern, alle dieſe Stifte, von denen er ſich trennen ſollte. Plötzlich ſtieß er einen furchtbaren Schrei aus. „Was gibt es?“ fragte d'Artagnan unruhig.„Was begegnet Euch, Mylord?“. „— * „Alles iſt verloren!“ rief Buckingham, der ſo bleich wurde, wie ein Hingeſchiedener;„zwei von dieſen Neſtel⸗ ſtiften fehlen; es ſind nur noch zehn.“ 2 „Hat Mylord dieſelben verloren, oder glaubt er, man könnte ſie ihm geſtohlen haben?“ „Man hat ſie mir geſtohlen,“ erwiederte der Herzog, „und das iſt ein Streich des Cardinals! Seht, die Bänder, an denen ſie befeſtigt waren, ſind mit der⸗ Scheere durchſchnitten.“ „Sollte Mylord vermuthen, wer den Diebſtahl begangen hat?.. Vielleicht ſind ſie noch in Händen der Perſon.“ „Geduld!“ rief der Herzog.„Ich trug dieſe Neſtel⸗ ſtifte nur ein einziges Mal vor acht Tagen auf einem Balle des Königs in Windſor. Die Gräfin von Winter, mit der ich geſpannt war, näherte ſich mir auf dieſem Ball. Dieſe Annäherung war eine Rache der eiferſüch⸗ tigen Frau. Seitdem habe ich ſie nicht wieder geſehen. Sie iſt eine Agentin des Cardinals.“ „Alſo gibt es auf der ganzen Welt Agenten von ihm!“ rief dArtagnan. „Oh! ja, ja,“ ſprach Buckingham vor Zorn mit den Zähnen knirſchend;„ja, es iſt ein furchtbarer Snit Doch wann ſoll der bewußte Ball ſtatt⸗ finden?“ „Nächſten Montag.“ „Nächſten Montag! Fünf Tage alſo? Das iſt mehr Zeit als wir brauchen. Patrice!“ rief der Herzog, die Thüre der Kapelle öffnend,„Patrice!“ Der Kammerdiener erſchien. Meinen Juwelier und meinen Sekretär!“ Der Kammerdiener entfernte ſich mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit und mit einer Stummheit, woraus ſich erkennen ließ, daß er blind und ohne Erwiederung zu gehorchen gewoͤhnt war. ber obgleich man dem Juwelier zuerſt 62 hatte, erſchien doch der Sekretär vor dieſem. Dieß war ganz einfach, denn er wohnte im Hotel. Er fand Buckingham in ſeinem Schlafzimmer vor einem Tiſche ſißend und eigenhändig einige Briefe ſchreibend. „Herr Jakſon,“ ſprach er,„Ihr begebt Euch ſtehen⸗ den Fußes zum Lordkanzler und ſagt ihm, daß ich ihn mit Vollziehung dieſer Befehle beauftrage. Ich verlange, daß ſie ſogleich bekannt gemacht werden ſollen.“ „Aber, gnädigſter Herr, wenn der Lordkanzler mich nach den Motiven fragt, die Eure Herrlichkeit zu ſo außerordentlichen Maßregeln veranlaſſen konnten, was ſoll ich antworten?“ „So habe es mir gefallen, und ich habe Niemand über meinen Willen Rechenſchaft zu geben.“ „Iſt das die Antwort, die er Seiner Majeſtät zu überbringen hat,“ verſetzte der Sekretär lächelnd,„wenn Seine Rlajeſtät zufällig ſo neugierig ſein ſollte, wiſſen zu wollen, warum kein Schiff aus den Häfen Groß⸗ britanniens auslaufen darf?“ „Ihr habt Recht, mein Herr,“ antwortete Bucking⸗ ham;z„er mag in dieſem Falle dem König ſagen, ich habe den Krieg beſchloſſen, und dieſe Maßregel ſei mein erſter feindſeliger Akt gegen Frankreich.“ Der Sekretär verbeugte ſich und trat ab. Wir ſind nun von dieſer Seite ruhig,“ ſprach Buckingham, ſich gegen dArtagnan umwendend.„Wenn die Neſtelſtifte noch nicht nach Frankreich abgegangen ſind, ſo werden ſie erſt nach Euch ankommen.“ „Wie dieß?“ „Ich habe einen Emöargo auf alle Schife gelegt, welche ſich zu dieſer Stunde in den Häfen Seiner Ma⸗ jeſtät befinden, und ohne beſondere Erlaubniß wird es keines wagen, die Anker zu lichten.“ D'Artagnan ſchaute mit Staunen dieſen Mann an, der die unbeſchränkte Gewalt, womit ihn das Ver⸗ trauen des Koͤnigs bekleidet hatte, im Dienſte ſeiner —— ———— 8 8 8 X S S* — 63 Liebſchaften verwendete. Buckingham nahm an dem Geſichtsausdrucke des jungen Mannes wahr, was in ſeinem Innern vorging, und lächelte. „Ja,“ ſagte er,„ja, Anna von Oeſterreich iſt meine wahre Königin, auf ein Wort von ihr verrathe ich mein Vaterland, meinen König, meinen Gott. Sie hat mich gebeten, den Proteſtanten von La Rochelle nicht die Hülfe zu ſchicken, die ich ihnen zugeſagt hatte, und ich habe es gethan. Ich habe mein Wort gebrochen, aber gleich viel, ich gehorchte ihrem Wunſche; ſagt, wurde ich nicht groß⸗ müthig für meinen Gehorſam bezahlt, denn dieſem habe ich ihr Porträt zu verdanken.“ D'Artagnan ſtaunte bedenkend, an welch' ſchwachen und unbekannten Fäden oft die Geſchicke der Voͤlker und das Leben der Menſi hängen. Er war ganz in Betrachtungen verſunken, als der Goldſchmied eintrat: es war ein Irländer und einer der geſchickteſten Männer ſeiner Kunſt, welcher ſelbſt geſtand, daß er jährlich hundert tauſend Livres bei dem Herzog von Buckingham gewann. „Herr O Reilly,“ ſagte der Herzog, indem er ihn in die Kapelle führte,„betrachtet dieſe Diamant⸗Neſtel⸗ ſtifte und ſagt mir, was das Stück werth iſt.“ Der Goldſchmied warf einen Blick auf die zier⸗ liche Form der Faſſung, berechnete einen nach dem an⸗ dern den Werth der Diamanten und antwortete ohne Zögern: 6 „Fünfzehnhundert Piſtolen das Stück. „Wie viel Tage braucht man, um zwei ſolche zwei fehlen.“ „Acht Tage, Mylord.“ 1 Reſtelſtifte zu machen, wie dieſe ſind? Ihr ſeht, daß Stück; übermorgen muß ich ſie haben.“ „Mylord wird ſie haben.“ „Ihr ſeid ein koſtbarer Mann, Herr „Ich bezahle Euch dreitauſend Piſtolen für das 5 OMllyz — aber das iſt noch nicht Alles; dieſe Stifte kann man Niemand anvertrauen, ſie müſſen in meinem Pallaſte acht werden.“ „Unmöglich, Mylord, nur ich bin im Stande, die Arbeit ſo auszuführen, daß man den Unterſchied zwiſchen den neuen und den alten nicht ſieht.“ „Dann ſeid ihr mein Gefangener, mein lieber Herr O'Reilly, und dürft den Pallaſt von dieſer Stunde nicht mehr verlaſſen: entſchließt Euch alſo. Nennt mir diejenigen von Eueren Gehülfen, deren Ihr bedürft, und bezeichnet mir die Werkzeuge, die ſie mitbringen 3 ſollen.“ Der Goldſchmied kannte den Herzog, er wußte, daß jede Gegenbemerkung vergeblich geweſen wäre, und faßte 14 alſo ſogleich ſeinen Entſchluß. „Es wird mir erlaubt ſin, Meine Frau davon in Kenniniß zu ſetzen?“ fragte er. „Oh i es iſt Euch auch erlaubt, ſie zu ſehen, mein lieber SReilly; ſeid unbeſorgt, Euere Gefangenſchaft ſoll ſanft ſein, und da jede Störung eine Schadloshaltung heiſcht, ſo nehmt außer dem Preiſe für die zwei Neſtel⸗ ſtifte, dieſe Anweiſung auf tauſend Piſtolen, damit Ihr leichter die Beſchwerde vergeßt, die ich Euch verurſache. DArtagnan konnte ſich nicht von ſeinem Erſtaunen über dieſen Miniſter erholen, der mit vollen Händen Menſchen und Millionen in Bewegung ſetzte. Der Goldſchmied ſchrieb an ſeine Frau und ſchickte ihr die Anweiſung auf tauſend Piſtolen, mit dem Auf⸗ trage, ihm dagegen ſeinen geſchickteſten Geſellen, in Sortiment von Diamanten, die er ihr dem Gewicht und Titel nach bezeichnete, und eine Anzahl von Inſtrumenten, 18 deren er bedurfte, zuzuſenden⸗ Buckingham führte den Golbſchmied in das für ihn beſtimmte Zimmer, welches nach Verlauf einer halben Stunde in eine Werkſtätte verwandelt war; dann ſtellte er eine Wache vor jede Thüre mit dem . — — ſtrengen Verbote, irgend Jemand außer ſeinem Kammer⸗ diener Patrice einzulaſſen. Es bedarf kaum der Erwäh⸗ nung, daß es dem Goldſchmied O'Reilly und ſeinem Ge⸗ e hülfen unter keinem Vorwand den Pallaſt zu verlaſſen geſtattet war. Nachdem der Herzog dieſen Punkt geordnet hatte, v kehrte er zu d'Artagnan zurück. „Nun, mein junger Freund,“ ſprach er,„nun ge⸗ r S uns beiden; was wollt Ihr, was wünſcht Ihr?“ n„Ein Bett,“ antwortete d'Artagnan;„das iſt in dieſem Augenblicke für mich das weſentlichſte Bedürfniß.“ 6 Buckingham gab d'Artagnan ein Zimmer, das an te das ſeinige ſtieß. Er wollte den jungen Mann bei der Hand behalten, nicht als ob er ihm mißtraut hätte, ſon⸗ in dern um einen Menſchen bei ſich zu haben, mit dem er bbeſtändig von der Königin ſprechen koͤnnte. Eine Stunde nachher wurde in London die Ordon⸗ nanz verkündigt, kein nach Frankreich beſtimmtes Schiff aus den Häfen auslaufen zu laſſen, nicht einmal das l⸗ Briefpaquetbvot. Dieß war in Aller Augen eine Kriegs⸗ hr erklärung zwiſchen den zwei Königreichen. 4 Am zweiten Tage um eilf Uhr waren die Dia⸗ en mant⸗Meſtelſtifte vollendet, und vahei ſo genau nach⸗ en geahmt, ſo vollkommen ähnlich, daß Buckingham die neuen nicht von den alten unterſcheiden konnte, und daß as geübteſte Auge eines Kenners ſolcher Gegenſtände 6 getäuſcht haben würde. Sogleich ließ der Herzog d'Artagnan rufen. Hier ſind die Diamant⸗Neſtelſtifte, die Ihr hol wolltet. Seid mein Zeuge, daß ich Alles gethan h was in der Macht eines Menſchen lag. „Seid unbeſorgt, Mylord, ich werde erzählen, was ich geſehen habe; aber Eure Herrlichkeit legt die Neſtel⸗ ſifte nicht wieder in das Kiſtchen.“ „Das Kiſichen wäre unbequem für Euch. Ue Die drei Musketiere.. 5 4 „ dieß iſt es für mich um ſo koſtbarer, als es mir allein bleibt. Ihr werdet ſagen, daß ich es behalte.“ „Euer Auftrag ſoll Wort für Wort vollzogen wer⸗ den, Mylord.“. „Und nun,“ ſprach Buckingham und ſchaute dabei den jungen Mann feſt an,„wie ſoll ich meine Schuld gegen Euch abtragen?“ D'Artagnan erröthete bis unter das Weiß der Au⸗ gen. Er ſah, daß der Herzog ein Nittel ſuchte, ihn zu bewegen, irgend etwas anzunehmen, und der Gedanke, daß das Blut ſeiner Gefährten und das ſeinige mit eng⸗ liſchem Golde bezahlt werden ſollte, widerſtrebte ganz und gar ſeiner Denkungsart. „Verſtändigen wir uns, Mylord,“ verſetzte d'Artag⸗ nan,„wägen wir die Umſtände vorher genau ab, damit nicht nachher ein Mißverſtändniß daraus entſtehe. Ich bin im Dienſte des Koͤnigs und der Königin von Frank⸗ reich und gehöre zu der Compagnie der Garden des Herrn des Eſſarts, welcher, wie ſein Schwager, Herr von Treville, Ihren Majeſtäten ganz beſonders ergeben iſt. Ich habe alſo Alles für die Königin und nichts für Eure Herrlichkeit gethan. Uebertieß hätte ich vielleicht von Allem dem gar nichts ausgeführt, würde es ſich nicht darum gehandelt haben, einer Perſon angenehm zu ſein, welche meine Dame iſt, wie die Königin die Eure.“ „Ja,“ ſprach der Herzog lächelnd,„und ich glaube ſogar die andere Perſon zu kennenz es iſt„4 ihn der junge Mann lebhaft. „Mylord, ich habe ſie nicht genannt,“ „Das iſt wahr,“ ſprach der Herzog.„Alſo muß ich dieſer Perſon für Eure Aufopferung dankbar ſein?“ „Ihr habt es geſagt, Lord; denn gerade zu die⸗ ſer Stunde, wo von einem Kriege die Rede iſt, ge⸗ ſtehe ich, daß ich in Eurer Herrlichkeit nur einen Eng⸗ länder und folglich einen Feind ſehe, dem ich noch viel lieber auf dem Schlachtfelde, als in dem Park⸗ n f ( —— —— 67 von Windſor oder in den Corridors des Louvre begegnen würde, was mich indeſſen nicht abhalten ſoll, meine Sen⸗ dung zu vollziehen und mich im Falle der Noth in Er⸗ füllung derſelben tödten zu laſſen; aber ich wiederhole Eurer Herrlichkeit, ohne daß ſie perſönlich mir mehr für das zu danken hat, was ich für mich bei dieſem zweiten Zuſammentreffen thue, als für das, was ich bei dem er⸗ ſten für ſie gethan habe.“ „Wir ſagen:„„Stolz wie ein Schottländer,““ mur⸗ melte Buckingham. „Und wir ſagen:„„Stolz wie ein Gascogner,““ antwortete d'Artagnan.„Die Gascogner ſind die Schott⸗ länder Frankreichs.“ D'Artagnan verbeugte ſich vor dem Herzog und ſchickte ſich an abzugehen. „Nun? Ihr geht, wie Ihr da ſeid! Auf welchem Wege, wie?“ „Das iſt wahr!“ „Gott verdammme mich! die Franzoſen bedenken gar nichts.“ „Ich hatte vergeſſen, daß England eine Inſel iſt, und daß Ihr der König derſelben ſeid.“ „Geht in den Hafen, fragt nach der Brigg, der Sund, ſtellt dem Kapitän dieſen Brief zu; er wird Euch nach einer Bucht führen, wo man Euch gewiß nicht er⸗ wartet, und wo gewöhnlich nur Fiſcherſchiffe landen.“ „Wie heißt dieſe Bucht?“ „Saint Valery. Doch wartet: hier angelangt, geht in eine ſchlechte Herberge ohne Namen und Schild, neine wahre Matroſenſchenke; Ihr könnt Euch nicht täuſchen; es gibt nur eine daſelbſt.“ „Hernach?“ „Ihr fragt nach dem Wirthe und ſagt ihm: For⸗ ward.“ „Was ſoll das heißen 2“ 2 „Vorwärts; das iſt das Loſungswort. Er wird 68 Euch ein geſatteltes Pferd geben und den Weg nennen, den Ihr einzuſchlagen habt; auf dieſelbe Art findet Ihr vier Relais auf Eurer Route. Wenn Ihr wollt, ſo gebt Ihr jedem derſelben Eure Adreſſe in Paris, und die vier Pferde werden Euch dahin folgen. Zwei davon kennt Ihr bereits und es ſchien mir, Ihr wußtet ſie als Liebhaber zu ſchätzen. Es ſind die beiden, welche wir ritten. Glaubt mir, die zwei andern ſtehen nicht unter ihnen. Dieſe vier Pferde ſind für das Feld ausgerüſtet. So ſtolz ihr auch ſein mögt, werdet Ihr Euch doch nicht weigern, eines für Euch und die drei andern für Eure Gefährten anzuneh⸗ men. Ihr nehmt ſie ja, um damit Krieg gegen uns zu führen. Der Zweck heiligt die Mittel, wie Ihr Franzoſen ſagt, nicht wahr?“ „Ja, Mhlord, ich nehme Euer Anerbieten an,“ ſprach d'Artagnan,„und wir werden, wenn es Gott ge⸗ fällt, einen guten Gebrauch von Euren Geſchenken machen.“ „Nun, Eure Hand, junger Mann, vielleicht treffen wir uns bald auf dem Schlachtfelde, mittlerweile ſcheiden wir gewiß als gute Freunde.“ „Ja Mylord, aber in der Hoffnung, bald Feinde zu werden.“ „Seid ruhig, ich verſpreche es Euch.“ „Ich baue auf Euer Wort, Mylord.“ 5 DArtagnan verbeugte ſich vor dem Herzog und lief raſch nach dem Hafen. Dem Tower von London gegenüber fand er das be⸗ zeichnete Schiff, ſtellte den Brief dem Kapitän zu, der ihn von dem Hafengouverneur viſiren ließ und ſogleich unter Segel ging. Fünfzig Schiffe warteten zum Auslaufen bereit. Als dArtagnan Bord an Vord an einem derſelben vorüberfuhr, glaubte er die Frau von Meung zu er⸗ kennen, dieſelbe, welche der unbekannte Edelmann Mylady genannt, und d»Artagnan ſo ſchön gefunden hatte. t r r r t r r * u n r⸗ te. lage. Aber mit Hülfe der raſchen Strömung und eines guten Windes ging ſein Schiff ſo geſchwind, daß er in einem Augenblicke den übrigen Fahrzeugen aus dem Ge⸗ ſichte war. Am andern Tage gegen neun Uhr Morgens ankerte man vor Saint Valery. D'Artagnan wandte ſich ſogleich nach der bezeich⸗ neten Herberge und erkannte dieſelbe aus dem Ge⸗ ſchrei, welches daraus hervordrang: man ſprach von dem Kriege zwiſchen England und Frankreich, als von einer nahe bevorſtehenden und unzweifelhaften Sache, und die Matroſen feierten zum Voraus ein luſtiges Ge⸗ D'Artagnan durchſchritt die Menge, ging auf den Wirth zu und ſprach das Wort„Forward“ aus. So⸗ gleich deutete ihm der Wirth durch ein Zeichen an, er möge ihm folgen, entfernte ſich mit ihm durch eine Thüre, welche nach dem Hofe ging, führte ihn in den Stall, wo ein vollig geſatteltes und aufgezäumtes Pferd ſeiner harrte, und fragte ihn: ob er ſonſt noch etwas bedürfte. „Ich brauche nur den Weg kennen zu lernen, den ich einzuſchlagen habe,“ ſagte dArtagnan. „Geht von hier nach Blangy, und von Blangh nach Neufchatel. In Neufchatel ſteigt bei der Herberge zur goldenen Egge ab, ſagt dem Wirthe das Lo⸗ ſungswort, und Ihr werdet wie hier ein Pferd mit Sat⸗ tel und Zeug finden.“ tagnan. „Amen!“ erwiederte der junge Mann und ritt im Galopp von dannen. 3 „Habe ich Euch etwas zu entrichten?“ fragte d'Ar⸗ „Es iſt Alles bezahlt,“ antwortete der Wirth, zwar reichlich. Geht alſo, und Gott geleite u 5 Vier Stunden ſpäter war er in Neufchatel. Er befolgte ſtreng die Inſtruktionen, welche er er⸗ halten hatte. In Neufchatel, wie zuvor in Saint Valery, fand er ein Pferd mit Sattel und Zeug, das ſeiner harrte. Er wollte die Piſtolen aus dem Sattel neh⸗ men, den er verließ, und zu dem andern übertragen; die Halfter waren bereits mit ähnlichen Piſtolen aus⸗ gerüſtet. „Eure Adreſſe in Paris?“ „Hotel der Garden, Compagnie des Eſſarts.“ „Gut,“ antwortete der Wirth. Welche Route ſoll ich nehmen?“ fragte dAr⸗ tagnan. „Die von Rouen. Ihr laßt aber die Stadt zu Gurer Rechten. In dem kleinen Dorfe Ecouis haltet Ihr an. Es gibt dort nur eine Herberge, die zum Franzöſiſchen Thaler. Beurtheilt ſie nicht nach ihrem Ausſehen. In ihrem Stalle findet Ihr ein Pferd, das ſo viel werth iſt, wie dieſes. „Daſſelbe Loſungswort?“ „Ganz daſſelbe.“ „Gott befohlen, Meiſter!“ „Glückliche Reiſe, edler Herr. Bedürft Ihr ſonſt noch etwas?“ D'Artagnan machte mit dem Kopfe ein vernei⸗ nendes Zeichen und gab ſeinem Pferde die Sporen. In Ecouis wiederholte ſich dieſelbe Scene. Er fand einen eben ſo zuvorkommenden Wirth, ein friſches, ausgeruhtes Pferd, ließ ſeine Adreſſe zurück, wie er es vorher gethan hatte, und ritt mit derſelben Eile nach Pontoiſe. In Pontoiſe wechſelte er zum letzten Male, und um neun Uhr Abends ſprengte er in vol⸗ lem Galopp in den Hof von Herrn von Treville. Er hatte beinahe ſechszig Lieues in zwölf Stunden zu⸗ rückgelegt. Herr von Treville empfing ihn, als ob er ihn Sn vemſelben Morgen geſehen hätte, nur drückte er „ 71 ihm die Hand etwas lebhafter, als gewöhnlich. Er theilte ihm mit, daß die Compagnie des Herrn des Eſſarts im Louvre die Wache hatte und daß er ſich ſogleich auf ſei⸗ nen Poſten begeben könnte. VI. Vas Ballet der Merlaiſon. Am andern Tage ſprach man in allen Straßen von Paris nur von dem Balle, den die Herren Schoppen der Stadt dem König und der Königin gaben, und wobei Ihre Majeſtäten das berühmte Ballet der Merlaiſon, das Pieblingsballet des Königs, tanzen ſollten.. Man traf wirklich ſeit acht Tagen im Stadthauſe alle Anſtalten zu dieſer feierlichen Soirée. Der Stadt⸗ werkmeiſter hatte Gerüſte aufgeſchlagen, auf welchen die eingeladenen Damen ihre Plätze bekommen ſollten. Die Spezereihändler der Stadt hatte die Säle mit zweihun⸗ dert Flambeaur von weißem Wachs geſchmückt, was in jener Zeit als ein unerhörter Luxus zu betrachten warz es waren endlich zwanzig Geiger beſtellt worden, und man hatte ihnen das Doppelte des gewöhnlichen Lohnes be⸗ willigt, in Betracht— ſagt der Bericht— daß ſie die ganze Nacht ſpielen mußten. Um zehn Uhr Morgens erſchien der Sieur de La Coſte, Fähnrich der Garden des Königs, gefolgt von zwei Gefreiten und von mehreren Leibbogenſchütze und forderte von dem Rathösſchreiber der Stadt, Na⸗ mens Clement, alle Schlüſſel der Thüren, der Zim⸗ mer und Bureaur des Stadthauſes. Dieſe Schlüſſel wurden ihm ſogleich zugeſtellt. An jedem derſelben war ein Zettelchen befeſtigt, das zum Erkennen dienen übertragen. Um eilf Uhr kam du Hallier, Kapitän der Gar⸗ den, mit fünfzig Bogenſchützen, die ſich ſogleich in dem Stadthauſe an den Thüren, die man ihnen bezeichnete, anfſtellten. um drei Uhr langten zwei Compagnien von den Garden an, eine franzöſiſche und eine ſchweizeriſche. Die Compagnie der franzöſiſchen Garden beſtand zur Hälfte aus der Mannſchaft des Herrn du Gallier, zur Hälfte aus der des Herrn des Eſſarts. Um ſechs Uhr ſingen die Eingeladenen an einzu⸗ treten. Bei ihrem Eintritte wurden ihnen Plätze im großen Saale auf den hiezu beſtimmten Gerüſten an⸗ gewieſen. Um neun Uhr traf die Gemahlin des erſten Prä⸗ fidenten ein. Da dieſe nach der Königin die bedeutendſte Perſon des Feſtes war, ſo wurde ſie von den Herren der Stadt empfangen und in die Loge derjenigen gegenüber geführt, welche die Königin einnehmen ſollte. Um zehn Uhr trug man in dem kleinen Saale, auf der Seite der St. Jean⸗Kirche, und zwar dem ſil⸗ bernen Buſſet der Stadt gegenüber, das von vier Bogenſchützen bewacht wurde, das Zuckerwerk für den König auf. um Mitternacht hörte man einen gewaltigen Lär⸗ men und zahlreiche Zurufe. Es war der König, welcher durch die Straßen zog, die von dem Louvre nach dem Stadthauſe führten und insgeſammt durch farbige Lam⸗ pen beleuchtet wurden. Die Herren Schöppen, vor denen Sergeanten, jeder einen Flambeau in der Hand tragend, gingen, eilten, in ihre Tuchgewänder gekleidet, dem König ent⸗ gegen, den ſie auf den Stufen trafen, wo ihn der Prevot der Kaufleute mit einer Anrede willkommen ſollte, und von dieſem Augenblicke an war dem Sieur de la Coſte die Bewachung aller Thüren und Zugänge — — 1 6 der die Ttacht eines ſpaniſchen Cavaliers angelegt hatte. hieß, die der König dadurch erwiederte, daß er ſein ſpätes Erſcheinen entſchuldigte, wobei er den Fehler auf den Herrn Cardinal warf, der ihn bis eilf Uhr, um Staatsangele⸗ genheiten mit ihm zu beſprechen, zurückgehalten hätte. Seine Majeſtät erſchien im Ceremonienkleide, und ſein Gefolge beſtand aus Seiner Königl. Hoheit Monſieur, dem Grafen von Soiſſons, dem Großprior, dem Herzog von Longueville, dem Herzog d'Elbeuf, dem Grafen d'Har⸗ court, dem Grafen de la Roch⸗Guyon, Herrn von Lian⸗ evurt, Herrn von Baradas, dem Grafen von Cramail und dem Chevalier Souveray. Jedermann bemerkte, daß der König traurig und mißſtimmt war. Man hatte ein Kabinet für den König und ein an⸗ deres für Monſieur bereitet; in jedem von dieſen Kabine⸗ ten lagen Maskenkleider. Daſſelbe hatte man für die Königin und die Frau Präſidentin gethan. Die Herren und Damen vom Ge⸗ folge Ihrer Majeſtäten ſollten ſich zwei und zwei in Zimmern ankleiden, welche zu dieſem Ende eingerichtet waren. Ehe der König in das Kabinet eintrat, gab er Be⸗ fehl, ihn ſogleich zu benachrichtigen, wenn der Herr Car⸗ dinal erſcheinen würde. Eine halbe Stunde nach dem Eintritt des Königs ertönten neue Zurufe; dieſe verkündeten die Ankunft der Konigin; die Schoppen der Stadt thaten daſſelbe, was ſie bereits gethan hatten, und gingen, Sergeanten voran, ih⸗ rem erhabenen Gaſte entgegen. Die Königin erſchien in dem Saale. Man be⸗ merkte, daß ſie, wie der Köuig, traurig und angegriffen ausſah· In dem Augenblick, wo ſie eintrat, öffnete ſich der worhang einer kleinen Tribüne, die bis jetzt geſchloſſen ge⸗ weſen war, und man erblickteden bleichen Kopf des Cardinals, 74 Seine Augen hefteten ſich auf die der Königin und ein Lächeln furchtbarer Freude umzuckte ſeine Lippen; die Kö⸗ nigin trug ihre Diamant⸗Neſtelſtifte nicht. Die Königin verweilte einige Zeit, um die Kompli⸗ mente der Herren der Stadt in Empfang zu nehmen und die Begrüßungen der Damen zu erwiedern. Plötzlich erſchien der König mit dem Cardinal an einer von den Thüren des Saales. Der Cardinal ſprach ſehr leiſe mit ihm und der König war äußerſt bleich. Der Koͤnig durchſchritt die Menge; er war ohne Maske und hatte ſich nicht einmal die Zeit genommen, die Bänder ſeines Wammſes knüpfen zu laſſen; ſo nä⸗ herte er ſich der Königin und ſprach mit erſchütternder Stimme zu ihr: „Madame, wenn ich fragen darf, warum tragt Ihr Guere Diamant⸗Reſtelſtifte nicht, da Ihr doch wißt, daß es mir angenehm geweſen wäre, dieſelben zu ſehen?“ Die Koͤnigin ſchaute um ſich her und erblickte hinter 1 ven Cardinal, der mit wahrhaft teufliſcher Miene lä⸗ elte. „Sire,“ antwortete die Königin mit bebender Stim⸗ me,„ich fürchtete, unter dieſer großen Menſchenmaſſe könnte mir damit ein Unglück begegnen.“ „Und Ihr habt Unrecht gehabt, Madame. Wenn ich Euch vieſes Geſchenk machte, ſo geſchah es, damit Ihr Euch damit ſchmücken ſolltet. Ich wiederhole, Ihr habt Unrecht gehabt.“ Die Stimme des Königs zitterte vor Zorn. Jeder⸗ mann ſah und hörte mit Erſtaunen, und Niemand begriff, was vorging. „Sire,“ ſagte die Königin,„ich kann ſie im Louvre holen laſſen und dadurch den Wünſchen Euerer Majeſtät entſprechen.“. „Thut das, Madame, thut das, und zwar ſo bald als möglich; denn in einer Stunde beginnt das Ballet.“ 5 r t f e it er hatte nicht Zeit, eine Frage an ihn zu richten, ein Schrei der Bewunderung drang aus dem Munde aller 75 Die Königin verbeugte ſich, um damit ihre Folg⸗ ſamkeit anzudeuten, und begab ſich mit ihren Damen in das für ſie beſtimmte Kabinet. Der König kehrte ebenfalls in das ſeinige zurück. Es herrſchte einen Augenblick Unruhe und Verwir⸗ rung in dem Saale.* Jedermann konnte bemerken, daß etwas zwiſchen dem König und der Königin vorging; aber beide ſprachen ſo leiſe, daß ſich alle Anweſenden aus Ehrfurcht einige Schritte zurückzogen und ſomit Niemand etwas vernahm. Die Geigen ertönten mit aller Gewalt, aber Niemand hörte ſie. Der König trat zuerſt aus ſeinem Kabinet. Er trug ein äußerſt elegantes Jagdcoſtume und Monſieur und die übrigen Großen hatten ſich gekleidet wie er. Es war dies das Coſtüme, welches dem Konig am beſten ſtand, und ſo gekleidet ſchien er allerdings der erſte Edelmann ſeines Königreichs zu ſein. Der Cardinal näherte ſich dem König und überga ihm ein Etui, der König öffnete es und fand darin zwei Diamant⸗Neſtelſtifte. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte er den Cardinal. „Nichts,“ antwortete dieſer;„wenn die Koͤnigin Reſtelſtifte trägt, woran ich zweifle, ſo zählt ſie, Sire, und wenn Ihr nur zehn findet, ſo fragt Ihre Majeſtät, wer ihr die Stifte, die Ihr hier in Händen habt, genom⸗ men haben könnte.“ Der Koͤnig ſchaute den Cardinal forſchend an, aber Anweſenden. Schien der Koͤnig der erſte Edelmann ſei⸗ nes Reiches zu ſein, ſo war die Königin ſicherlich die ſchönſte Frau Frankreichs. 5 Die Tracht einer Jägerin ſtand ihr allerdings wun⸗ derbar ſchön. Sie trug einen Filzhut mit blauen Fe⸗ 76 dern, ein durch Diamant⸗Agraffen befeſtigtes perlgraues Sammetoberkleid und ein durchaus mit Silber geſtick⸗ tes Unterkleid von blauer Seide. Auf ihrer linken Schulter glänzten die Neſielſtifte, gehalten von einer leife von derſelben Farbe wie die Federn und das Unterkleid. Der König bebte vor Freude, der Cardinal vor Zorn; doch in der Entfernung, in der ſie von der Königin ſtan⸗ den, konnten ſie die Stifte nicht zählen. Die Königin hatte ſie, ſo viel war gewiß; nur fragte es ſich, hatte ſie zehn oder zwölf? In dieſem Augenblick gaben die Geigen das Zeichen zum Ballet. Der RKönig ſchritt gegen die Frau Präſiden⸗ tin vor, mit der er tanzen ſollte, und Seine Hoheit Mon⸗ ſieur näherte ſich der Königin. Man ſtellte ſich in Ord⸗ nung und das Ballet begann. Der König ſigurirte der Königin gegenüber, und ſo oft er an ihr vorüberkam, verſchlang er mit ſeinen Bli⸗ cken die Neſtelſtifte, die er nicht abzuzählen vermochte. Kalter Schweiß bedeckte die Stirne des Cardinals. Das Ballet dauerte eine Stundez es hatte ſechszehn Entre's. Sobald das Ballet vorüber war, führte jeder Herr unter dem Beifallklatſchen des ganzen Saales ſeine Dame an ihren Platz. Aber der König benützte das ihm zu⸗ kommende Vorrecht, ſeine Dame da zu laſſen, wo er ſich gerade befand, um lebhaft auf die Königin zuzu⸗ gehen. „Ich danke Euch, Madame,“ ſprach er,„für die Bereitwilligkeit, mit der Ihr meinen Wünſchen Folge ge⸗ leiſtet habt, aber ich glaube, es fehlen Euch zwei Neſtel⸗ ſtifte, die ich Euch hier überbringe.“ Bei dieſen Worten überreichte er die zwei Stifte, die ihm der Cardinal gegeben hatte. „Wie, Sire!“ rief die Königin, die Erſtaunte i u 3 c——— 77 ſpielend,„Ihr gebt mir noch zwei andere, dann habe ich vierzehn.“ Der König zählte wirklich und die zwölf Neſtelſtifte fanden ſich an der Schulter Ihrer Majeſtät. Der König rief den Cardinal und fragte in ſtrengem Tone:„Ei, was ſoll das bedeuten, Herr Cardinal?“ „Das bedeutet, Sire,“ antwortete der Cardinal,„daß ich wünſchte, die Königin würde dieſe Stifte annehmen, und da ich es nicht wagte, dieſelben Ihrer Majeſtät an⸗ zubieten, ſo wählte ich dieſes Mittel.“ „Und ich bin Eurer Eminenz hiefür um ſo mehr zu Dank verpflichtet,“ antwortete Anna von Oeſterreich mit einem Lächeln, welches bewies, daß ſie durchaus nicht von dieſer geiſtreichen Galanterie bethört wurde,„als ich die Ueberzeugung hege, daß dieſe zwei Stifte allein Euch mehr koſten, als die zwölf Andern Seine Maieſtät gekoſtet haben.“ Dann zog ſich die Königin, nachdem ſie den König und den Cardinal gegrüßt, wieder in das Zimmer zurück, in welchem ſie ſich angekleidet hatte und wo ſie ſich ent⸗ kleiden ſollte. n Die Aufmerkſamkeit, welche wir am Anfang dieſes Kapitels den von uns eingeführten hohen Perſonen ſchen⸗ ken mußten, entfernte uns einen Augenblick von demjeni⸗ gen, welchem Anna von Oeſterreich den unerhörten Triumph zu verdanken hatte, den ſie über den Cardinal davon trug, und der unbekannt, verloren unter der an der Thüre ſich drängenden Menge, dieſe Scene betrachtete, welche nur für vier Perſonen, für den Konig, die Königin, Seine Eminenz und ihn begreiflich war. Die Königin hatte ihr Zimmer wieder erreicht und dArtagnan ſchickte ſich an, abzugehen, als er fühlte, daß man leicht ſeine Schulter berührte; er wandte ſich um und ſah eine junge Frau, die ihn durch ein Zeichen auf⸗ forderte, ihr zu folgen. Das Geſicht vieſer jungen Frau war mit einer ſchwarzen Sammetmaske hederkt; aber trotz 78 vieſer Vorſichtsmaßregel, welche übrigens mehr Andern, als ihm galt, erkannte er ſogleich ſeine gewöhnliche Füh⸗ rerin, die leichte und geiſtreiche Madame Bonacieur. Am Tage vorher hatten ſie ſich kaum bei dem Schwei⸗ er Germain, wohin ſie d'Artagnan hatte rufen laſſen, geſprochen. Die junge Frau eilte ſo ſehr, der Königin die vortreffliche Nachricht von der Rückkehr ihres Boten zu überbringen, und ſomit konnten die beiden Liebenden nur ſehr wenige Worte mit einander wechſeln. Von einer dop⸗ pelten Empfindung, von der Liebe und der Neugierde ge⸗ trieben, folgte d'Artagnan Madame Bonacieur. Auf dem ganzen Wege und je mehr es in den Hausfluren öde wurde, wollte d'Artagnan die junge Frau anhalten, er⸗ greifen, betrachten, und wäre es auch nur für einen Au⸗ genblick, aber lebhaft wie ein Vogel entſchlüpfte ſie ſtets ſeinen Händen, und wenn er ſprechen wollte, wurde er durch ihren mit einer kleinen gebieteriſchen Miene voll Liebreiz auf den Mund gelegten Finger daran erinnert, daß er unter der Herrſchaft einer Macht ſtand, der er blindlings gehorchen mußte und die ihm auch die mindeſte Klage unterſagte; nachdem Beide ein paar Minuten lang die Kreuz und Qrer gegangen waren, öffnete Madame Bo⸗ nacieur eine Thüre und führte den jungen Mann in ein völlig dunkles Kabinet. Hier gab ſie ihm ein neues Zei⸗ chen, ſtumm zu bleiben, ſchloß eine zweite, unter einer Tapete verborgene, Thüre auf, deren Oeffnung plötzlich ein lebhaftes Licht verbreitete, und verſchwand. DArtagnan blieb einen Augenblick unbeweglich und ſem Zimmer drang, die warme und von Wohlgerüchen geſchwängerte Luft, die an ihn heranſtrömte, die Unter⸗ haltung von mehreren Frauen in zugleich ehrfurchtsvoller und zierlicher Sprache, das mehrmals wiederholte Wort Majeſtät zeigten ihm plotzlich ganz klar, daß er ſich in — fragte ſich, wo er wäre; aber ein Lichtſtrahl, der aus die⸗ Zimmer der Königin ſtoßenden Kabinet t ————— 79 Der junge Mann blieb im Schatten ſtehen und war⸗ tete der Dinge, die da kommen ſollten. Die Königin ſchien heiter und glücklich, worüber die Perſonen ihrer Umgebung ohne Zweifel gewaltig ſtaunten, da ſie im Gegentheil gewöhnlich beinahe kummervoll ausſah⸗ Die Konigin warf dieſes heitere Gefühl auf die Schoͤnheit des Feſtes, auf das Vergnügen, das ihr das Ballet verurſacht hätte, und da es nicht erlaubt iſt, einer Königin zu wi⸗ derſprechen, ſo überboten ſich alle in Lobeserhebungen über die Galanterie der Herren Schöppen der Stadt Paris. Obgleich d'Artagnan die Königin nicht kannte, ſo unterſchied er doch bald ihre Stimme von den übrigen Stimmen, einmal an dem leicht fremdartigen Accent und dann an jenem Gefühle der Oberherrſchaft, dem natürli⸗ chen Gepräge bel allen fürſtlichen Reden. Er hörte, wie ſie ſich der offenen Thüre näherte und ſich von derſelben entfernte. Er ſah ſogar zwei⸗ oder dreimal, wie der Schatten eines Körpers das Licht unterbrach. Endlich kamen plötzlich eine Hand und ein Arm von bewunderungs⸗ würdiger Form und Weiße durch die Tapete hervor. D'Artagnan begriff, daß dieß ſeine Belohnung war. Er warf ſich auf ein Knie, ergriff dieſe Hand und drückte ehrfurchtsvoll ſeine Lippen darauf. Dann zog ſich dieſe Hand zurück und ließ in der ſeinigen einen Gegenſtand, in welchem er einen Ring erkannte. Alsbald ſchloß ſich die Thüre wieder und d'Artagnan befand ſich in völliger Finſterniß. D'Artagnan ſteckte den Ring an ſeinen Finger und wartete abermals. Offenbar war noch nicht Alles zu Ende. Auf die Belohnung ſeiner Ergebenheit mußte der Lohn ſeiner Liebe folgen. Das Ballet war allerdings getanzt, aber das Feſt hatte kaum ſeinen Anfang genommen. Man ſpeiſte um drei Uhr zu Nacht und die Glocke von St. Jean hatte bereits vor einiger Zeit drei Viertel nach zwei Uhr geſchlagen. Der Lärmen der Stimmen nahm in de hat in dem 8⁰ anſtoßenden Zimmer allmählig ab. Dann hörte man, wie ſich derſelbe entfernte; die Thüre des Kabinets, in wel⸗ chem ſich d'Artagnan befand, öffnete ſich wieder und Ma⸗ 1 dame Bonacieur trat heraus. „Endlich kommt Ihr!“ rief d'Artagnan. 3 „Stille!“ ſprach die junge Frau und legte ihre Hand auf ſeine Lippen;„ſtille! und geht auf demſelben Wege zurück, auf dem Ihr gekommen ſeid.“ „Aber wo und wann werde ich Euch wiederſehen?“ rief d'Artagnan. Eein Billet, das Ihr bei Eurer Rückkehr zu Hauſe findet, wird Euch das ſagen. Geht, geht!“* Bei dieſen Worten öffnete ſie die Flurthüre und drängte dArtagnan aus dem Kabinet. D'Artagnan gehorchte wie ein Kind ohne Wiverſtand, ohne Einwendung, woraus hervorgeht, daß er wirlich ſehr verliebt war. VII. Vas Rendezvons. Gott über den Trunkenen und den Verliebten. D'Artagnan lief in aller Eile nach Hauſe, und ob⸗ gleich es Morgens vrei Uhr war und er die abſcheulich⸗ ſien Quartiere von Paris zu durchwandern hatte, begeg⸗ nnete ihm doch nichts Schlimmes. Bekanntlich wacht ein Er fand die Thüre zu ſeinem Gange halb offen, ſtieg die Treppe hinauf und klopfte auf eine zwiſchen ihm und ſeinem Lackaien abgemachte Weiſe ſachte an. 7 , r 81 Planchet, den er zwei Stunden vorher mit dem Befehle, auf ihn zu warten, aus dem Stadthauſe zurückgeſchickt hatte, öffnete ihm. „Hat Jemand einen Brief für mich gebracht?“ fragte d'Artagnan lebhaft. „Niemand hat einen Brief gebracht, gnädiger Herr,“ antwortete Planchet;„aber es iſt einer ganz allein ge⸗ kommen.“ „Was willſt Du damit ſagen, Dummkopf?“ „Ich will damit ſagen, daß ich bei meiner Rück⸗ kehr, obgleich ich den Schlüſſel Eurer Wohnung in der Taſche hatte, und dieſer nicht aus derſelben gekommen war, auf dem grünen Teppich des Tiſches in Eurem Schlafzimmer einen Brief gefunden habe.“ „Und wo iſt dieſer Brief?“ „Ich ließ ihn, wo er war, gnädiger Herr. Es geht nicht mit natürlichen Dingen zu, daß Briefe auf dieſe Art zu den Leuten kommen. Wäre wenigſtens das Fenſter offen oder nur auch halb geöffnet geweſen, ſo würde ich nichts ſagen. Aber nein, Alles war hermetiſch verſchloſſen. Seid auf Eurer Hut, Herr, dennn ſicherlich iſt hiebei ein Zauberwerk im Spiele.“ Während dieſer Zeit ſtürzte der junge Mann in das Zimmer und öffnete den Brief. Er war von Madame Bonacieur und in folgenden Worten abgefaßt: „Man hat Euch lebhaften Dank abzuſtatten und zu überbringen. Findet Euch dieſen Abend gegen zehn Uhr in St. Eloud vor dem Pavillon ein, der ſich an der Eck des Hauſes von Herrn d'Eſtrées erhebt. Als d'Artagnan dieſen Brief las, fühlte er, wie ſich d liebkoſt erweiterte und zuſammenſchnürte. S war der erſte Liebesbrief, den er erhielt, das erſte Rendezvous, das ihm bewilligt wurde. Von der Die drei Musketiere. II. ſeln Berz unter jenem ſüßen Kampfe, der Liebende quält Truſkenheit der Freude übervoll, war ſ S nahe nn, auf der Schele de ittiſhen Paratieſes, dos 82 man Liebe nennt, zu brechen. „Nun, gnädiger Herr,“ ſagte Planchet, der ſeinen Gebieter abwechſelnd blaß und roth werden ſah.„Nicht wahr, ich hatte richtig errathen, es iſt eine abſcheuliche Geſchichte?“ „Du täuſcheſt Dich, Planchet,“ antwortete dArtag⸗ nan,„und zum Beweiſe haſt Du hier einen Thaler, um meine Geſundheit dafür zu trinken.“ 6 „Ich danke dem gnädigen Herrn für den Thaler, den er mit gibt, und verſpreche ihm, ſeine Anweiſungen pünkt⸗ lich zu befolgen; darum iſt es aber nicht minder wahr, daß Briefe, welche auf dieſe Art in die geſchloſſenen Häuſer kommen 4 „Vom Himmel fallen, mein Freund, vom Himmel fallen.“ „Der gnädige Herr iſt alſo zufrieden?“ fragte Planchet. „Mein lieber Planchet, ich bin der gliücklichſte der Sterblichen.“ „Und ich darf das Glück des⸗gnädigen Herrn be⸗ nützen, um mich ſchlafen zu legen?“ „Ja, gehe.“ „Alle Segnungen des Himmels mögen auf den gnä⸗ digen Herrn herabſtrömen; darum iſt es aber nicht minder wahr, daß dieſer Brief„ Und Planchet zog ſich, den Kopf ſchüttelnd und mit einer Miene des Zweifels zurück, den d'Artagnan's Groß⸗ muth nicht gänzlich zu beſeitigen vermocht hatte. Allein in ſeinem Zimmer las d'Artagnan das Billet wieder und wieder. Dann küßte er wohl zwanzigmal dieſe von ſeiner ſchönen Geliebten geſchriebenen Zeilen. Endlich legte er ſich nieder, entſchlummerte und träumte goldene Träume. Um ſieben Uhr Morgens ſtand er auf und rief Planchet, der, das Geſicht noch nicht ganz von der er e. ⸗ er nit ß⸗ let tal en. te ief der 83 Unruhe des vorhergehenden Tages gereinigt, bei dem zwei ten Rufe die Thüre öffnete. „Planchet,“ ſagte d'Artagnan zu ihm,„ich entferne mich vielleicht für den ganzen Tag. Du biſt alſo bis ſieben Uhr Abends frei; aber um ſieben Uhr halte dich mit zwei Pferden bereit.“ „Ah, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet,„es ſcheint, wir wollen uns die Haut noch an verſchiedenen Stellen durchſtechen laſſen.“. „Du nimmſt Deinen Mousqueton und Deine Pi⸗ olen. „Schön, ſagte ich's doch!“ rief Planchet.„Da⸗ hinter ſteckt ganz beſtimmt der verdammte Brief.“ „Sei ruhig, alberner Tropf, es handelt ſich ganz einfach um eine Vergnügungspartie.“ „Ja, wie bei den Luſtreiſen von neulich, wo es Ku⸗ geln regnete und die Wolfsfallen blühten.“ „Wenn Du übrigens Furcht haſt, Planchet,“ ſprach d'Artagnan,„ſo werde ich allein gehen. Ich will lieber allein reiſen, als einen zitternden Gefährten bei mir haben.“ „Der gnädige Herr thut mir Unrecht,“ ſagte Plan⸗ chet,„es ſcheint mir doch, er hat mich bei der Arbeit geſehen.“ „Ja, aber ich glaubte, Du hätteſt all! Deinen Muth auf einmal verbraucht.“ 3 „Der gnädige Herr wird ſehen, daß ich vorkommen⸗ den Falls noch übrig habe, nur bitte ich, nicht zu ver⸗ ſchwenderiſch damit umzugehen, wenn mir noch lange et⸗ was davon bleiben ſoll.“ „Meinſt Du, Du könneſt heute Abend noch eine ge⸗ wiſſe Summe ausgeben?“ „Ich hoffe es.“ „Gut, ich zähle auf Dich.“ „Zur genannten Stunde werde ich bereit ſein. Ich glaubte nur, der gnädige Herr hätte nur ein Pferd im Stalle der Garden.“ 3 „Vielleicht findet ſich in dieſem Augenblick nur eines daſelbſt, aber dieſen Abend werden vier dort ſein.“ „Unſere Reiſe war, ſcheint es, eine Remonte⸗ Reiſe 2“ „Ganz richtig,“ ſagte dArtagnan, ſchärfte Planchet ſeinen Auftrag durch eine Geberde noch einmal ein und entfernte ſich. Herr Bonacieur ſtand an ſeiner Thüre. Es war die Abſicht dArtagnans, vorbeizugehen, ohne mit dem wür⸗ digen Krämer zu ſprechen; aber dieſer grüßte ihn auf eine ſo ſüße, ſo liebreiche Weiſe, daß ſich der Mieths⸗ mann nicht nur genöthigt ſah, den Gruß zurückzugeben, ſondern auch ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen. Wie ſollte man nicht ein wenig Herablaſſung gegen einen Mann zeigen, deſſen Frau einem für denſelben Abend Rendezvvus vor dem kleinen Pavillons von Herrn d'Eſtrées in Si. Clond gegeben hat? D'Artagnan näherte ſich ihm mit der liebenswürdigſten Miene, die er anzunehmen im Stande war. Man kam natürlich auf die Einkerkerung des armen Mannes zu ſprechen. Herr Bonacieur, der nicht wußte, daß dArtagnan ſeine Unterredung mit dem Manne von Meung gehort hatte, erzählte ſeinem jungen Mieths⸗ manne die Verfolgungen dieſes Ungeheuers von Laßmann, den er unabläſſig während ſeiner Mittheilungen als den Henker des Cardinals bezeichnete, und verbreitete ſich mit vielen Worten über die Baſtille, die Riegel, die Pforten, die Luftlöcher, die Gitter und die Folter⸗ werkzeuge. DArtagnan hörte ihm mit muſterhafter Gefälligkeit zu und ſagte, als er geendigt hatte: „Und wie iſt es mit Madame Bonacieur? Wißt Ihr, wer ſie entführt hat; denn ich vergeſſe nicht, daß ich die⸗ ſem unangenehmen umſtande die Ehre Eurer Bekannt⸗ ſchaft zu danken habe.“ „Ah!“ rief Herr Bonacieur,„ſie haben ſich W— W— 85 wohl gehütet, mir dies zu ſagen, und meine Frau hat mir bei allen Göttern geſchworen, daß ſie nichts wüßte. Aber Ihr ſelbſt,“ fuhr Bonacieur mit äußerſt gutmüthi⸗ gem Tone fort,„was iſt mit Euch in allen dieſen Tagen vorgegangen? Ich habe weder Euch, noch Eure Freunde geſechen, und Ihr habt wohl nicht auf dem Pflaſter von Paris all' den Staub geſammelt, den Planchet geſtern aus Euren Stiefeln klopfte?“ „Ihr habt Recht, mein lieber Herr Bonacieux. Meine Freunde und ich machten eine kleine Reiſe.“ „Weit von hier?“ „O mein Gott, nein! höchſtens vierzig Meilen; wir führten Herrn Athos nach den Bädern von Forges, wo meine Freunde zurückgeblieben ſind.“ „Und Ihr ſeid zurückgekehrt, nicht wahr?“ verſetzte Herr Bonacieur, indem er ſeinem Geſichte ein höchſt witziges Ausſehen zu geben trachtete.„Ein hübſcher Junge, wie Ihr, erhält keine lange Urlaube von ſeiner Gelieb⸗ ten. wir wurden ungeduldig zurückerwartet, nicht wahr?“ „Meiner Treue,“ erwiederte der junge Mann lachend, „ich geſtehe Euch dieß um ſo eher, mein lieber Herr Bonacieur, als ich ſehe, daß man Euch nichts verbergen kann. Ja, ich wurde erwartet, und zwar ſehr ungeduldig, das mögt Ihr glauben.“ Eine leichte Wolke zog über die Stirne von Bona⸗ cieur, aber ſo leicht, daß es d'Artagnan nicht gewahr wurde. „Und wir werden für unſern Eifer belohnt?“ fuhr der Krämer mit einer beinahe unmerklichen Verände⸗ rung ſeiner Stimme fort, mit einer Veränderung, welche dArtagnan eben ſo wenig bemerkte, als er die augen⸗ blickliche Wolke wahrnahm, welche einen Augenblick vor⸗ her das Antlitz des würdigen Mannes verdüſtert hatte. „Ah! ſchweigt doch,“ ſagte vArtagnan lachend. 86 „Nein,“ verſetzte Bonacieur, ich ſage Euch dieß nur, um zu erfahren, ob wir ſpät nach Hauſe kommen.“ „Warum dieſe Frage, mein lieber Wirth?“ entgeg⸗ nete dArtagnanz;„habt Ihr vielleicht im Sinne, auf mich zu warten?“ „Nein, aber ſeit meiner Verhaftung und dem Dieb⸗ ich eine Thüre öffnen höre, und zwar beſonders bei Nacht. Verdammt! was wollt Ihr? Ich bin kein Kriegs⸗ mann.“ „Schon gut, erſchreckt meinetwegen nicht, wenn ich um zwei Uhr, um drei Uhr erſt zuruckkehre, erſchreckt nicht, wenn ich auch gar nicht nach Hauſe komme.“ Dießmal wurde Bonacieur ſo bleich, daß es d'Ar⸗ tagnan nicht entgehen konnte, der ihn auch fragte, was ihm wäre. „Nichts,“ antwortete Bonacieur,„nichts, ſeit mei⸗ nen Unglücksfällen bin ich Schwächen unterworfen, die mich plötzlich befallen, und es hat mich ſo eben ein Schauder überlaufen. Gebt nicht darauf Achtung, Ihr, Euch nur damit zu beſchäftigen habt, glücklich zu ſein.“ Dann habe ich Beſchäftigung, denn ich bin es.“ „Noch nicht, wartet noch. Ihr ſagtet dieſen Abend.“ 3. „Wohl, dieſer Abend wird kommen, Gott ſei Dank! Und Ihr erwartet ihn wohl mit eben ſo großer Unge⸗ duld, als ich? Vielleicht wird Madame Bonacieur das eheliche Gemach beſuchen.“ „Madame Bonacieur iſt dieſen Abend nicht frei,“ erwiederte der Gatte ſehr ernſt;„ſie wird durch ihren Dienſt im Louvre zurückgehalten.“ „Deſto ſchlimmer für Euch, mein lieber Wirth, deſto ſchlimmer; wenn ich glücklich bin, wünſche ich, „5 ſtahle, der bei mir begangen wurde, erſchrecke ich, ſo oft 87. die ganze Welt wäre es; aber es ſcheint, das iſt nicht möglich.“ Und der junge Mann entfernte ſich, laut lachend über den Scherz, von dem er glaubte, er allein vermöchte ihn zu verſtehen. „Unterholtet Euch gut,“ erwiederte Bonacieur mit einer Gräberſtimme. Aber d'Artagnan war bereits zu weit entfernt, um ihn zu hören, und hätte er ihn gehört, ſo würde er es in ſeiner Gemüthsſtimmung gewiß nicht verſtanden haben. Er wandte ſich nach dem Hotel von Herrn von Tre⸗ ville; ſein Beſuch war am Tage vorher, wie man ſich erinnern wird, ſehr kurz geweſen und hatte wenig Erläu⸗ terungen herbeigeführt. Er fand Herrn von Treville in der vollen Freude ſei⸗ nes Herzens. Der König und die Königin hatten ſich auf dem Balle höchſt freundlich gegen ihn benommen. Der Cardinal war allerdings im höchſten Maaße ver⸗ drießlich geweſen. Er entfernte ſich ſchon um ein Uhr Morgens, Unpäßlichkeit vorſchützend. Ihre Majeſtäten kehr⸗ ten erſt um ſechs Uhr in den Lonvre zurück. „Nun,“ ſprach Herr von Treville, die Stimme däm⸗ pfend und mit dem Blicke alle Winkel des Zimmers durchforſchend, um zu ſehen, ob ſie allein wären:„nun, ſprechen wir von Euch, mein junger Freund, denn Eure glückliche Rückkehr ſpielt offenbar eine Roll bei der Freuve des Konigs; bei dem Triumphe der Könkgin und bei der Demüthigung Seiner Eminenz. Ihr müßt auf Eurer Hut ſein.“ „Was habe ich zu befürchten?“ antwortete d'Ar⸗ tagnan, ſo lange ich mich des Glückes erfreue, bei Ihren Majeſtäten in Gunſt zu ſtehen?“ „Glaubt mir, Alles. Der Cardinal iſt nicht der Mann, eine Myſtification zu vergeſſen, ſo lange er noch nicht mit dem Myſtificirenden abgerechnet hat. Und die⸗ 88 ſer ſcheint mir ganz das Ausſehen eines gewiſſen jungen Menſchen von meiner Bekanntfchaft zu haben.“ „Glaubt Ihr, der Cardinal ſei ſo gut unter⸗ ſ als Ihr, und wiſſe, daß ich in London geweſen n. „Teufel! Ihr ſeid in London geweſen und von Lon⸗ don habt Ihr dieſen ſchönen Diamant mitgebracht, der an Eurem Finger glänzt? Nehmt Euch in Acht, mein lieber d'Artagnan. Es iſt nichts Gutes um ein Geſchenk von einem Feinde. Gibt es nicht hierüber einen lateiniſchen Veis „Ja, allerdings,“ antwortete d'Artagnan, der nie die erſte Regel der Elemente hatte in den Kopf bringen können und oft durch ſeine Unwiſſenheit ſeinen Lehrer in Verzweiflung brachte,„ja, allerdings, es gibt einen hierüber.“ „Ganz gewiß,“ ſprach Herr von Treville, dem es nicht an einem wiſſenſchaftlichen Anſtrich fehlte.„Und Herr von Benſerade citirte mir ihn eines Tages Geduld ah! ich hab' es: Timeo Danaos et dona ferentes. Das bedeutet:„Mißtrauet dem Feinde, wenn er Euch Geſchenke gibt.“ „Dieſer Diamant kommt nicht von einem Feinde, gnädiger Herr,“ entgegnete d'Artagnan,„er kommt von der Königin.“ „Von der Königin! oh! oh!“ ſprach Herr von Tre⸗ ville,„das iſt ein wahrhaft königlicher Juwel, der tauſend Piſtolen wie einen Heller werth iſt. Durch wen hat Euch die Königin dieſes Geſchenk zuſtellen laſſen?“ „Sie hat es mir ſelbſt übergeben.“ „Wo?“ „In dem Cabinet, welches an das Zimmer ſtößt, wo ſie ihre Toilette wechſelte.“ „Wie?“ 5* 5* „Indem ſie mir die Hand zum Kuſſe reichte.“ „Ihr habt die Hand der Königin geküßt?“ rief Herr von Treville d'Artagnan anſchauend. „Ihre Majeſtät hat mir die Ehre erzeigt, mir dieſe Gnade zu bewilligen.“ „Und dies in Gegenwart von Zeugen? Unkluge, dreifach unkluge Frau!“ „Nein, gnädiger Herr, ſeid unbeſorgt, Niemand hat es geſehen,“ erwiederte d'Artagnan und erzählte Herrn von Treville den Hergang der Sache. „O die Weiber! die Weiber!“ rief der alte Sol⸗ dat,„ich erkenne ſie an ihrer romanhaften Einbildungs⸗ kraft. Alles entzückt ſie, was geheimnißvoll klingt. Alſo habt Ihr nur den Arm geſehen, und nicht weiter? Ihr würdet der Königin begegnen und ſie nicht wieder erken⸗ nen? Sie würde Euch begegnen und nicht wiſſen, wer Ihr ſeid?“ „Nein, aber durch dieſen Diamant... verſetzte der junge Mann. „Hört,“ ſprach Herr von Treville,„ſoll ich Euch geben, einen guten Rath, einen Freundes⸗ rath?“* „Ihr werdet mir eine Ehre erweiſen, gnädiger Herr,“ ſprach d'Artagnan. „Wohl! ſo geht zu dem erſten beſten Goldſchmied und verkauft dieſen Diamant um das, was er Euch da⸗ für gibt; ſo jüdiſch es auch ſein mag, ſo werdet Ihr doch immerhin achthundert Piſtolen dafür bekommen. Pi⸗ ſtolen haben keinen Namen, junger Mann, aber dieſer Ring hat einen furchtbaren, der den Träger deſſelben ver⸗ rathen kann.“ „Dieſen Ring verkaufen! einen Ring, den ich von meiner Fürſtin erhalten habe! nie!“ ſagte d'Artagnan. „Dann dreht den Stein nach innen, armer Narr; denn man weiß, daß ein Junker gus Gascogne 90 keine ſolche Juwele in dem Schmuckkäſtchen ſeiner Mut⸗ ter findet.“ „Ihr glaubt alſo, daß ich etwas zu befürchten habe?“ fragte d'Artagnan. „Das heißt, junger Mann, daß Derjenige, welcher auf einer Mine einſchläft, deren Lunte angezündet iſt, ſich im ic mit Euch als in der Sicherheit betrachten darf.“ „Teufel!“ ſprach d'Artagnan, den der beſtimmte Ton des Herrn von Treville zu beunruhigen anfing,„Teu⸗ fel! und was ſoll ich thun?“ „Stets und vor Allem auf Eurer Hut ſein. Der Kardinal hat ein beharrliches Gedächtniß und eine lange Hand; glaubet mir, er wird Euch einen ſchlimmen Streich ſpielen.“ „Aber welchen?“ „Weiß ich es? Hat er nicht alle Ränke des Teufels in ſeinem Dienſte? Das Geringſte, was Euch wider⸗ fahren kann, iſt, daß man Euch verhaftet.“ „Wie, man ſollte es wagen, einen Mann im Dienſte Seiner Majeſtät zu verhaften?“. „Bei Gott, man hat ſich bei Athos viel darum be⸗ kümmert; glaubt jeden Falls, junger Thor, einem Manne, der ſeit dreißig Jahren bei Hofe lebt, entſchlummert nicht in Eurer Sicherheit, over Ihr ſeid verloren. Seht viel⸗ mehr im Gegentheil überall Feinde, das ſage ich Euch. Sucht man einen Streit mit Euch, weicht aus, und wäre es ein Kind von zehn Jahren, das mit Euch an⸗ binden würde; greift man Euch bei Tag oder bei Nacht an, nehmt fechtend Euern Rückzug und ſchämt Euch deſſen nicht; geht Ihr über eine Brücke, ſo betaſtet die Bretter, aus Furcht, es könnte etwas unter Euren Füßen weichen; kommt Ihr an einem Orte vorüber, wo man ein Haus baut, ſchaut in die Höhe, es könnte Euch ein Stein auf den Kopf fallen; kehrt Ihr ſpät in der Nacht heim, ſo laßt Euch von Eurem Bedienten begleiten, und — — vieſer ſei bewaffnet, wenn Ihr Euch überhaupt auf Euern Bedien ten verlaſſen könnt. Mißtraut aller Welt, Euern Freunden, Euerem Bruder, Euerer Geliebten beſonders.“ D'Artagnan erröthete. S „Meiner Geliebten,“ wiederholte er mechaniſch,„und warum ihr mehr, als einer andern.“ „Die Geliebte iſt das Lieblingsmittel des Cardinals, es gibt kein wirkſameres; eine Frau verkauft Euch um zehn Goldſtücke, dies beweiſt Dalila. Ihr kennt die hei⸗ lige Schrift, he?“ D'Artagnan dachte an das Rendezvous, das ihm Madame Bonacieur für dieſen Abend gegeben hatte, aber unſerem Helden zum Lobe ſei es geſagt, die ſchlechte Meinung, welche Herr von Treville im Allgemeinen von den Frauen hatte, flößte ihm nicht den geringſten Ver⸗ dacht gegen ſeine junge Wirthin ein. „Doch bei dieſer Gelegenheit,“ verſetzte Herr von Treville,„was iſt denn aus Euern drei Gefährten ge⸗ worden?“ „Ich war im Begriffe, Euch zu fragen, ob Ihr keine Kunde von ihnen erhalten hättet.“ „Keine, mein Herr.“ „Nun, ich habe ſie auf meiner Reiſe zurückgelaſſen. Porthos in Chantilly mit einem Duell auf den Armen, Aramis in Crevecdeur mit einer Kugel in der Schulter, Athos in Amiens mit einer Falſchmünzer⸗Anklage auf dem Leibe.“ „Seht Ihr!“ rief Herr von Treville,„und wie ſeid Ihr entkommen?“ „Ich muß geſtehen durch ein Wunder, gnädiger Herr, mit einem Degenſtich in die Bruſt, und indem ich den Grafen von Wardes in die Goſſe der Straße von Calais, wie ein Schmetterling an die Tapete, ſpießte.“ „Da ſeht Ihr abermals! Von Wardes, einen Mann des Cardinals, einen Vetter von Rochefort; hoͤrt, mein Freund, es kommt mir ein Gedanke.“ ſchäftchen. Nehmt Euch in Acht, ich muß Euch wieder⸗ holen, das Weib hat uns insgeſammt in das Verderben geſtürzt, und wird uns verderben, ſo lange wir beſtehen. Glaubt mir, reiſt noch dieſen Abend.“. gen zu reiſen, wenn Ihr in dieſer Nacht nicht getödtet werdet.“ glaube ich, nicht.“ „Aber Euere Gefährten.“ „Ich denke nicht, daß es ihnen daran fehlt. Wir„ ſind jeder mit fünfundſiebenzig Piſtolen in der Taſche von Paris abgereiſt.“ nichts Neues vorfällt.“ 92 „Sprecht, gnädiger Herr.“ „An Eurer Stellg würde ich etwas thun.“ „Was?“ „Während ich Seine Eminenz ſuchen ließe, würde ich ganz in aller Stille den Weg nach der Picardie ein⸗ Den Teufel! ſie verdienen wohl dieſe kleine Auf⸗ merkſamkeit von Euch.“ ſchlagen und mich nach meinen drei Gefährten erkundi⸗* „Der Rath iſt gut und ich werde morgen reiſen.“ „Morgen! und warum nicht dieſen Abend?“ „Dieſen Abend hält mich eine unerläßliche Angele⸗ genheit in Paris zurück.“ „Ah! junger Mann! junger Mann! irgend ein Lieb⸗ „Unmöglich, gnädiger Herr.“. „Ihr habt Euer Wort gegeben?²“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Das iſt ein ander Ding, aber verſprecht mir mor⸗ „Ich verſpreche es Euch.“ „Braucht Ihr Geld?“ „Ich habe noch fünfzig Piſtolen. Mehr brauche ich, „Werde ich Euch noch vor Euerem Abgange ſehen?“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, gnädiger Herr, wenn „Dann glückliche Reiſe.“ „Ich danke, gnädiger Herr.“ 2 „DArtagnan Herabſchiedete ſich von Herrn von Tre⸗ ville, mehr als je gerührt durch ſeine wahrhaft väterliche Fürſorge für ſeine Musketiere. Er ging nach und nach zu Athos, zu Porthos und zu Aramis. Keiner von ihnen war zurückgekehrt. Auch ihre Bedienten waren noch abweſend und man hatte nicht die geringſte Kunde von ihnen. Wohl hätte er ſich gerne bei ihren Geliebtinnen nach ihnen erkundigt, aber er kannte weder die von Porthos, noch die von Aramis;— Athos hatte keine. Als er an dem Hotel der Garden vorüberkam, warf er einen Blick in den Stall, drei von den vier Pferden waren bereits eingetroffen. Obgleich ſehr erſtaunt, war Flanchet doch ſchon im Zuge, ſie zu ſtriegeln, und hatte zwei derſelben völlig gereinigt. „Ah! gnädiger Herr!“ ſprach er als er d'Artagnan gewahr wurde,„wie freut es mich, Euch zu ſehen!“ „Und warum Planchet?“ fragte der junge Mann. „Habt Ihr Vertrauen zu Herrn Bonacieux, unſerem e 8 2 nicht im mindeſten.“ Hu varan thut Ihr ſehr wohl, gnädiger Herr.“ „Woher dieſe Frage?“ „Daher, daß ich, während Ihr mit ihm plaudertet, Euch beobachtete, ohne Euch zu hören; ſein Geſicht hat zwei⸗ bis vreimal die Farbe gewechſelt.“ „Bah!“ „Nur mit dem Briefe beſchäftigt, den er erhalten, hat es der gnädige Herr nicht wahrgenommenz aber ich, Wirt den im Gegentheil der auf eine ſo ſeltſame Weiſe in das Haus gekommene Brief behutſam gemacht hatte, ich habe keine Bewegung ſeiner Phyſiognomie verloren.“ „und Du fandſt ſie?“ „Verrätheriſch, gnädiger Herr.“ „In der That?“ „Mehr noch— ſo bald ihn der gnädige Herr ver⸗ 94 laſſen hatte und an der Straßenecke verſchwunden war,* nahm Herr Bonacieur ſeinen Hut, verſchloß die Thüre und lief aus Leibeskräften durch die entgegengeſetzte Straße.“ „Du haſt wirklich Recht, Alles dies kommt mir ſehr zweideutig vor; ſei ohne Sorge, wir bezahlen ihm un⸗ ſern Miethzins nicht eher, als bis er uns die ganze Ge⸗ ſchichte auf eine kategoriſche Weiſe erklärt hat.“ 3 † „Der gnädige Herr ſcherzt, aber er wird ſehen.“ „Was willſt Du, Planchet! was geſchehen ſoll, ſteht im Buche des Schickſals geſchrieben.“ „Der gnädige Herr verzichtet alſo nicht auf ſeinen Abendſpazierritt?“ „Ganz im Gegentheil, Planchet, je mehr ich Herrn Bonacieur grolle, deſto mehr bin ich entſchloſſen, mich bei dem Rendezvous einzufinden, das mir der Brief ge⸗ geben hat, der Dich ſo ſehr beunruhigt.“ „Wenn es alſo der Entſchluß des gnädigen Herrn iſt.,.“ „Der unerſchütterliche Entſchluß, mein Freund. Um ſieben Uhr halte Dich hier am Hotel bereit. Ich hole Dich ab.“ Als Planchet ſah, daß keine Hoffnung vorhanden war, ſeinen Herrn zu bewegen, auf ſein Vorhaben Ver⸗ zicht zu leiſten, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus und ſchickte ſich an, auch das dritte Pferd zu ſtriegeln. D'Artagnan, im Grunde ein junger Mann voll Klugheit, ging, um zu Mittag zu ſpeiſen, ſtatt nach Hauſe zu kehren, zu dem gascogniſchen Prieſter, der zur Zeit, wo die vier Freunde auf der Hefe waren, dieſen ein Chokoladefrühſtück gegeben hatte. . VIII. Der Pavillon. um ſieben Uhr befand ſich d'Artagnan bei dem Ho⸗ tel der Garden. Er fand Planchet unter den Waffen. 95 * Das vierte Pferd war eingetroffen. Planchet hatte ſeinen Mousqueton und eine Piſtole bei ſich. D'Artagnan war mit ſeinem Degen bewaffnet und ſteckte zwei Piſtolen in ſeinen Gürtel. Dann ſchwangen ſich beide zu Pferd und zohen geräuſchlos ab. Es war finſtere Nacht, und Nie⸗ mand ſah, wie ſie ſich entfernten. Planchet marſchirte 7 zehn Schritte hinter ſeinem Herrn. D'Artagnan ritt über die Quais, zog durch die Porte de la Conferance und folgte ſodann dem reizenden Wege, der nach Saint Cloud führt und damals noch viel ſchö⸗ ne war, als heut zu Tage. So lange man in der Stadt war, hielt ſich Planchet in der ehrfurchtsvollen Entfernung, die er ſich vorgeſchrie⸗ ben hattez aber als der Weg oͤder und dunkler zu werden 2 anfing, näherte er ſich ganz ſachte, ſo daß er, als man den Bois de Boulogne erreichte, auf eine ganz natürliche Weiſe neben ſeinem Herrn marſchirte. Wir können nicht verhehlen, daß die zitternde Bewegung der großen Bäume und der Reflex des Mondes in dem düſteren Gehölze ihm eine lebhafte Unruhe verurſachte. D'Artagnan bemerkte, 2 daß in ſeinem Bedienten etwas Außerordentliches vorging, d und fragte ihn: „Ci, mein Herr Planchet, was haben wir denn 2 1„Findet Ihr nicht, gnädiger Herr, daß die Wälder gerade wie die Kirchen ſind?“ n — —P „Warum dies, Planchet?“ „Weil man in dieſen, wie in jenen nicht laut zu 6 ſprechen wagt.“ Warum wagſt Du nicht laut zu ſprechen, Planchet.? Weil Du Furcht haſt?“ „Furcht gehört zu werden, ja, gnädiger Herr.“ „Furcht gehört zu werden? Unſer Geſpräch iſt doch moraliſcher Natur und Niemand wird etwas dagegen ein⸗ zuwenden haben.“ „Ah, gnädiger Herr,“ verſetzte Planchet, auf den in ihm vorherrſchenden Gedanken zurückko d„daß dieſer Herr Bonacieur etwas Duckmäuſeriſches in ſeinen Augenbrauen und etwas Widerwärtiges in dem Spiele ſeiner Lippen hat, iſt gewiß nicht zu läugnen!“ „Wer Teufel heißt Dich an Bonacieux denken?“ „Gnädiger Herr, man denkt an das, was man kann, und nicht an das, was man will.“ „Weil Du ein Haſenherz biſt, Planchet.“ „Gnädiger Herr, wir wollen nicht die Klugheit mit der Feigheit verwechſeln; die Klugheit iſt eine Tugend.“ „Und Du biſt tugendhaft, nicht wahr, Planchet?“ „Gnädiger Herr, iſt das nicht ein Musketenlauf, was da unten glänzt? Wenn wir uns bückten?“ „Wahrlich,“ murmelte d'Artagnan, der ſich des Raths von Herrn von Treville erinnerte,„wahrlich, dieſes Thier würde mir am Ende bange machen.“ Und er ſetzte ſein Pferd in Trab. Planchet folgte der Bewegung ſeines Herrn ſo ge⸗ nau, als ob es ſein Schatten geweſen wäre, und hielt ſich trabend an ſeiner Seite. „Werden wir die ganze Nacht ſo marſchiren, gnä⸗ diger Herr?“ fragte er. „Nein, Planchet, denn Du biſt an Ort und Stelle.“ „Wiel ich bin an Ort und Stelle! Und der gnä⸗ dige Herr?“ „Ich gehe noch einige Schritte.“ „Und der gnädige Herr läßt mich hier allein?“ „Haſt Du bange, Planchet?“ „Nein, aber ich erlaube mir nur zu bemerken, daß die Racht ſehr kalt ſein wird, daß die Kühle Rheuma⸗ tismen verurſacht und daß ein Lackei, der Rheumatismen hat, ein trauriger Bedienter iſt, beſonders für einen ſo rüſtigen Mann, wie der gnädige Herr.“ „Wohl, wenn Du frierſt, Planchet, ſo gehe in eine von den Schenken, die Du da unten ſiehſt, und erwarte mich morgen früh um ſechs Uhr vor der Thüre.“ „Gnädiger Herr, ich habe den Thaler, den Ihr 4 ze 97 mir dieſen Morgen gegeben, ehrfurchtsvoll verſpeiſt und vertrunken, ſo daß mir kein elender Sou mehr übrig bleibt, falls ich frieren würde.“ „Hier iſt eine halbe Piſtole. Morgen alſo.“ DArtagnan ſtieg vom Pferde, warf Planchet den Zügel über den Arm, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ging raſch weg⸗ „Gott, was ich kalt habe!“ rief Planchet, ſobald er ſeinen Herrn aus dem Geſichte verloren hatte, und um ſich ſo ſchnell als möglich wieder zu erwärmen, klopfte er eiligſt an die Thüre eines Hauſes, das mit allen Zeichen einer Weichbildſchenke geſchmückt war. D⸗Artagnan, der einen kleinen Fußpfad eingeſchlagen hatte, ſetzte mittlerweile ſeine Wanderung fort und er⸗ reichte Saint Cloud, aber ſtatt der Landſtraße zu folgen, wandte er ſich hinter das Schloß, ging durch eine ziem⸗ lich verborgene Gaſſe und befand ſich bald vor dem be⸗ zeichneten Pavillon. Dieſer lag an einem vollig öden Orte. Eine große Mauer, an deren Ecke er den Pa⸗ villon gewahr wurde, zog ſich an der einen Seite dieſer Gaſſe hin, auf der andern beſchützte eine Hecke, in deren Hintergrund ſich eine elende Hütte erhob, einen kleinen Garten gegen die Vorübergehenden. Er hatte die Stelle des Rendezvvus erreicht, und da man ihm nicht angedeutet hatte, daß er ſeine Gegenwart durch ein Signal kundgeben ſollte, ſo wartete er. Es ließ ſich nicht das geringſte Geräuſch verneh⸗ men; man hätte in der That glauben ſollen, man wäre hundert Meilen von der Hauptſtadt entfernt. D⸗Artagnan lehnte ſich an die Hecke, nachdem er einen Blick hinter ſich geworfen hatte. Jenſeits der Hecke des Gartens und der Hütte hüllte ein düſterer Nebel den unermeßlichen Raum in ſeine Falten, wo Paris ſchläft, eine gähnende Leere, in welcher noch einige leuchtende Punkte, düſtere Sterne dieſer Hölle, glänzten Die drei Musketiere. U. 7 3 Aber für dArtagnan kleideten ſich alle dieſe An⸗ ſichten in eine glückliche Geſtalt, alle Gedanken hatten ein Lächeln, alle Finſterniſſe waren durchſichtig. Die Stunde des Rendezvous ſollte ſchlagen. Nach Verlauf von einigen Minuten ließ wirklich der Glockenthurm von Saint Cloud langſam zehn Schläge aus ſeinem bloͤcken⸗ den Rachen fallen. Es lag etwas Trauriges in dieſer ehernen, mitten in der Nacht wehklagenden Stimme. Aber jeder von dieſen Schlägen, welche die erwartete Stunde bildeten, vibrirte harmoniſch in dem Herzen des jungen Mannes. Seine Angen blieben auf den kleinen an der Ecke der Mauer liegenden Pavillon gerichtet, deſſen Fenſter insgeſammt durch Läden verſchloſſen waren, mit Aus⸗ nahme eines einzigen im erſten Stockwerke. Durch dieſes Fenſter glänzte ein ſanftes Licht, welches das zitternde Laubwerk einiger Linden verſilberte, die, eine Gruppe bildend, ſich vor dem Parke erhoben. Hinter dieſem ſo anmuthig beleuchteten Fenſter erwartete ihn offenbar die hübſche Madame Bonacieur. Von dieſem ſüßen Gedanken gewiegt, harrte dAr⸗ tagnan eine halbe Stunde ohne die geringſte Ungeduld, die Augen auf die reizende kleine Wohnung geheftet, von der dArtagnan theilweiſe den Plafond mit den vergoldeten Leiſten erblickte, welche auf die Eleganz des Uebrigen ſchließen ließen. Im Glockenthurme von Saint Cloud ſchlug es halb eilf Uhr. Diesmal durchlief ein Schauder ſeine Adern, ohne daß dArtagnan begriff, warum. Willeicht bemächtigte ſich die Kälte ſeiner, und er nahm eine ganz körperliche Empfindung für einen moraliſchen Eindruck.. Dann kam ihm der Gedanke, er hätte ſchlecht ge⸗ leſen und das Rendezvous wäre erſt auf eilf Uhr be⸗ ſtimmt. . Er näherte ſich dem Fenſter, ſtellte ſich in einen —— . Scherben den Fußteppich und zwiſchen denſelben ſoh Lichtſtrahl, zog den Brief aus der Taſche und las ihn abermals; er hatte ſich nicht getäuſcht: das Rendezvous war auf zehn Uhr feſtgeſetzt. Er begab ſich wieder auf ſeinen Poſten und fing an über dieſe Stille, über dieſe Einſamkeit ſehr traurig zu werden. Es ſchlug eilf Uhr. D'Artagnan fing wirklich an zu fürchten, es könnte Madame Bonacieur etwas widerfahren ſein. Er ſchlug dreimal in ſeine Hände— das gewöhn⸗ liche Zeichen der Verliebten— aber Niemand antwor⸗ tete, nicht einmal das Echo.. Dann dachte er, nicht ohne einen gewiſſen Aerger varüber zu fühlen, die junge Frau wäre, ihn erwartend, vielleicht eingeſchlafen. Er näherte ſich der der Mauer und ſuchte hinaufzuſteigen, aber ſie war neu beſtrichen und d'Artagnan brach ſich vergeblich die Nägel ab. In dieſem Augenblick bemerkte er die Bäume, deren Blätter fortwährend von dem Lichte verſilbert wurden, und da einer derſelben auf den Weg vorſprang, ſo glaubte er, aus ſeinen Zweigen würde ſein Blick in den Pavillon dringen können. Der Baum war leicht zu erſteigen. D'Artagnan zählte überdies erſt zwanzig Jahre und erinnerte ſich ſeiner Schülerübungen. Sogleich befand er ſich mit⸗ ten unter den Zweigen und durch die durchſichtigen Scheiben tauchten ſeine Angen in das Innere des Pavillon. Seltſamer Anblick, der dArtagnan vom Scheitel bis zur Fußſohle ſchauern machte— E⸗ ſanfte Licht, vieſe ruhige Lampe beleuchtete eine Scene furchtbarer Zerſthrung; eine von den Fenſterſcheiben war zerbro⸗ chen, die Thüre hatte man eingeſtoßen und ſie hing halb zertrümmert an ihren Angeln, ein Tiſch, auf dem ein elegantes Abendbrod geſtanden haben mußte, lag auf dem Boden, die Flaſchen beſtreuten mit ihren 5 100 man Früchte und Speiſen umhergeworfen; Alles zeugte dafür, daß in dieſem Zimmer ein heftiger, verzweiflungs⸗ voller Kampf ſtattgefunden hatte; d'Artagnan glaubte ſogar mitten unter dieſem ſeltſamen Durcheinander Fetzen von Kleidern und Blutflecken an dem Tiſchtuche und an den Vorhängen zu erkennen. Er beeilte ſich mit gräßlichem Herzklopfen wieder auf die Straße herabzuſteigen und wollte ſehen, ob er keine andere Spuren von Gewaltthat wahrnehmen könnte. Das ſanfte Licht glänzte immer noch in der Stille der Nacht. D'Artagnan bemerkte jetzt, was ihm früher entging, da ihn nichts vorher zu einer näheren Prüfung antrieb, daß der Boden, da und dort eingetreten und durchlöchert, verworrene Spuren von Menſchentritten und Pferdshufen zeigte. Ueberdieß hatten die Räder eines Wagens, der von Paris zu kommen ſchien, in der weichen Erde einen tiefen Eindruck ausgehöhlt, der nicht über die Höhe des Pavillon ging und gegen Paris zurückkehrte. Seine Nachſuchungen weiter verfolgend, fand d'Ar⸗ tagnan in der Nähe der Mauer einen Frauenhandſchuh, der jedoch an allen Punkten, wo er die ſchmutzige Erde nicht berührt hatte, von tadelloſer Friſche war. Es war in der That einer von den duftendrn Handſchuhen, wie ihn die Liebenden ſo gerne einer hübſchen Hand entreißen. Je länger d'Artagnan ſeine Forſchungen fortſetzte, deſto mehr perlte reichlicher, eiſiger Schweiß auf ſeiner Stirne. Sein Herz ſchnürte ſich in furchtbarer Angſt zuſammen, ſein Athem wurde keuchend und dennoch ſagte er ſich, um ſich zu beruhigen, dieſer Pavillon hätte vielleicht nichts mit Madame Bonacieur ge⸗ mein; es wäre ihm vor dieſem Pavillon und nicht in demſelben von der jungen Frau Rendezvous gege⸗ ben worden; ſie könnte in Paris durch ihren Dienſt, durch die Eiferſucht ihres Gatten zurückgehalten wor⸗ ——,— ——,— * leicht eiwas Neues vorgefallen, und es müßten ihn Nach⸗ 101 den ſein. Aber alle dieſe Betrachtungen wurde Breſche geſchoſſen, zerſtört, niedergeworfen durch jenes ſchmerz⸗ liche innere Gefühl, das ſich bei gewiſſen Veranlaſſungen unſeres ganzen Seins bemächtigt und uns durch Alles das, was wir zu hören beſtimmt ſind, zuruft, ein großes Unglück ſchwebe über uns. D'Artagnan wurde nun beinahe wahnſinnigz er lief nach der Landſtraße, ſchlug denſelben Weg ein, den er bereits gemacht hatte, und ging bis zu der Fähre, um den Fährmann zu befragen. Gegen ſieben Uhr Abends hatte der Fährmann eine in einen ſchwarzen Mantel gehüllte Frau übergeſetzt, der ſehr viel daran zu liegen ſchien, daß man ſie nicht erkenne, aber gerade wegen der Vorſichtsmaßregel, die ſie nahm, betrachtete ſie der Fährmann mit größerer Auf⸗ merkſamkeit und erkannte, daß es eine junge und ſchöne Frau war. Damals, wie heut zu Tage, gab es eine Menge von jungen und ſchönen Frauen, welche nach St. Cloud kamen, und denen ſehr viel daran lag, nicht erkannt zu werden, und dennoch zweifelte d'Artagnan nicht einen Augenblick daran, daß Madame Bonacieux von dem Fähr⸗ mann erkannt worden war. D'Artagnan benützte die Lampe, welche in der Hütte des Fährmanns glänzte, um das Billet von Madame Bonacieur noch einmal zu leſen und ſich zu überzeugen, vaß er ſich nicht getäuſcht, daß das Rendezvous in St. Cloud, und nicht anderswo, vor dem Pavillon des Herrn dEſtrées und nicht in einer andern Straße ſtattfinden ſollte. Alles wirkte zuſammen, um d'Artagnan zu beweiſen, daß ſeine Ahnungen ihn nicht täuſchten und daß ſich ein großes Unglück ereignet hatte. Er l raſch Luf dem Wege nach den Schloſſ zu⸗ rück; es kam ihm vor, als wäre in dem Pavillon viel⸗ richten dort erwarten. 102 Die Gaſſe war immer noch öde und derſelbe ruhige, ſanfte Schein verbreitete ſich aus dem Zimmer. D'Ar⸗ tagnan dachte nun an das blinde und taube Gemäuer, das aber ohne Zweifel geſehen hatte, und vielleicht ſpre⸗ chen konnte. Die Thüre des Zauns war geſchloſſen, aber er ſprang über die Hecke und näherte ſich der Hütte trotz des Bellens eines Kettenhundes. Auf die erſten Schläge antwortete Niemand; es herrſchte eine Todesſtille in der Hütte wie in dem Pa⸗ villon; da jedoch dieſe Hütte ſeine letzte Zuflucht war, ſo blieb er beharrlich. Bald glaubte er im Innern ein leichtes Geräuſch zu vernehmen, ein furchtſames Geräuſche, ein Geräuſch, das zitterte, gehort zu werden. D'Artagnan hörte nun auf zu klopfen, und bat mit einem Tone ſo voll von Unruhe und Verſprechungen, voll Schrecken und Schmeichelei, daß ſeine Stimme auch den Furchtſamſten beruhigen mußte. Endlich wurde ein alter, wurmſtichiger Laden ein wenig geoffnet, aber ſogleich wieder geſchloſſen, als der Schein einer elenden Lampe, welche in einem Winkel brannte, das Wehrgehänge, den Griff des Degens und den Schaft der Piſtolen von dAr⸗ tagnan beleuchtete. So raſch die Bewegung geweſen war, ſo hatte d'Artagnan doch Zeit gehabt, flüchtig den Kopf eines Greiſes wahrzunehmen. „In des Himmels Namen!“ rief er,„hort mich. Ich erwarte Jemand, der nicht kommt, und ſterbe vor Unruhe. Sollte ein Unglück in der Gegend vorgefallen ſein? Sprecht!“ Das Fenſter ðffnete ſich langſam zum zweiten Male und daſſelbe Geſicht erſchien wieder, nur war es viel bleicher als das erſte Mal. DArtagnan erzählte ganz unumwunden ſeine Ge⸗ ſchichte, beinahe bis auf die Namen. Er ſagte, wie er mit einer jungen Frau vor dieſem Pavillon hätte Rendezvous haben ſollen und wie er, da ſie nicht erſchie⸗ — — —— 103 nen, auf eine Linde geſtiegen wäre und bei dem Scheine der Lampe die Zerſtörung im Innern des Zimmers ge⸗ ſehen hätte. Der Greis hörte ihm aufmerkſam zu und beſtätigte vurch Zeichen, daß es ſich ſo verhalten müßte. Als d'Ar⸗ tagnan geendigt hatte, ſchüttelte er den Kopf mit einen Miene, die nichts Gutes andeutete. „Was wollt Ihr ſagen?“ rief d'Artagnan.„Ich beſchwöre Euch im Namen des Himmels, erklärt Euch.“ „Oh! Herr,“ ſprach der Greis,„fragt mich nichtz denn wenn ich Euch ſagte, was ich geſehen habe, würde es mir ſicherlich ſchlimm ergehen.“ „Ihr habt aiſo etwas geſehen 20 verſetzte dArtagnan. „In dieſem Falle bitte ich Euch um Gotteswillen,“ fuhr er, dem Alten eine Piſtole zuwerfend fort,„ſagt, ſagt, was Ihr geſehen habt, und ich gebe Euch mein Wort als Cvelmann, daß nichts von dem, was Ihr mir mit⸗ theilt, über meine Lippen kommen ſoll.“ Der Greis las in dem Geſichte dArtagnans ſo viel Schmerz und Offenherzigkeit, daß er ihm ein Zeichen gab, er möge hören, und mit leiſer Stimme ſprach; „Es war ungefähr neun Uhrz ich vernahm ein Ge⸗ räuſch auf der Straße, und wollte wiſſen, was das ſein koͤnnte, als man ſich meiner Thüre näherte und ich ſah, daß Jemand herein zu kommen ſuchte. Da ich arm bin und mich nicht vor Dieben zu fürchten habe, ſo öff⸗ nete ich und erblickte einige Schritte von mir drei Män⸗ nerz im Schatten ſtand ein Wagen mit angeſpannten Pferden und Handpferden. Die Handpferde gehörten offenbar den drei Männern, welche als Reiter gekleidet waren. „„was „„Aber meine guten Herren,““ rief ich, verlangt Ihr?““ „„Du mußt eine Leiter haben,““ ſprach derjenige von wi ihnen, welcher der Anführer der Escorte zu ſein ſchien⸗ 104 Ja Herr, diejenige, mit welcher ich mein Obſt ſammele.““ „„Gieb ſie uns, und geh wieder in Deine Hütte; hier iſt ein Thaler für die Störung. Erinnere Dich je⸗ doch, daß Dir, wenn Du ein Wort von dem ſagſt, was Du ſehen vder hören wirſt,(und Du wirſt ſehen und hören, wie ſehr wir Dich auch bedrohen mögen), daß Du, ſage ich, verloren biſt.““ „Bei dieſen Worten warf er mir einen Thaler zu, den ich aufhob und er nahm meine Leiter.“- „Nachdem ich die Thüre der Hecke hinter ihnen ver⸗ ſchloſſen hatte, ſtellte ich mich wirklich, als kehrte ich in das Haus zurück, aber ich ging ſogleich wieder durch eine Hinterthüre hinaus, ſchlüpfte in den Schatten und es ge⸗ lang mir, das Hollundergebüſche zu erreichen, aus dem ich Alles jehen konnte, ohne ſelbſt geſehen zu werden. „Die drei Männer hatten den Wagen ohne Geräuſch vorfahren laſſen und zogen einen kleinen, dicken, kurzen, ärmlich gekleideten Mann daraus hervor, welcher vorſich⸗ tig die Leiter hinaufkletterte, duckmäuſeriſch in das In⸗ nere des Zimmers ſchaute, leiſe wieder herabſtieg und mit gedämpfter Stimme murmelte: „„Sie iſt es!““ „Sogleich näherte ſich derjenige, welcher mit mir geſprochen hatte, der Pavillonthüre und öffnete ſie mit einem Schlüſſel, den er bei ſich trug, verſchloß die Thüre wieder und verſchwand. Zu gleicher Zeit ſtiegen die zwei Anderen die Leiter hinauf. Der kleine Alte blieb am Kutſchenſchlag, der Kutſcher hielt die Wagenpferde und gin Lackei die Sattelpferd. „Plötzlich ertönte ein gewaltiges Geſchrei in dem Pavillon. Eine Frau lief an das Fenſter und öffnete es, als wollte fie ſich hinausſtürzen. Aber ſobald ſie die zwei Männer erblickte, warf ſie ſich zurück; die zwei Männer ſprangen ihr in das Zimmer nach. Nun ſah ich nichts mehr, aber ich vernahm den — it 105 Lärmen von Geräthe, das man zerbrach. Die Frau kreiſchte und rief um Hülfe. Bald wurde ihr Geſchrei erſtickt. Die drei Männer näherten ſich, die Frau in ihren Armen tragend, dem Fenſter. Zwei ſtiegen auf der Leiter herab und brachten ſie in des Wagen, in den der kleine Alte nach ihr hineinkletterte. Derſtnige, welcher in dem Pavillon geblieben war, verſchloß den Kreuzſtock wieder, trat einen Augenblick nachher durch die Thüre heraus und überzeugte ſich, daß die Frau in dem Wagen gut unter⸗ gebracht war; ſeine zwei Gefährten erwarteten ihn bereits zu Pferde. Er ſprang ebenfalls in den Sattel; der Lackei nahm ſeinen Platz neben dem Kutſcher; der Wagen ent⸗ fernte ſich, von den drei Reitern geleitet, im Galopp und Alles war vorüber. Von dieſem Augenblick an habe ich nichts mehr gehört, nichts mehr geſehen.“ Niedergeſchmettert von einer ſo furchtbaren Kunde hlieb d'Artagnan ſtumm und unbeweglich, während in ſeinem Innern alle Teufel des Zorns und der Eiferſucht wütheten. „Aber mein edler Herr,“ verſetzte der Greis, auf den dieſe Verzweiflung eine größere Wirkung hervorbrachte, als wenn er geſchrieen und geweint hätte;„laßt Euch doch nicht vom Schmerze ſo ſehr niederbeugen, ſie haben ſie Euch nicht getödtet, das iſt die Hauptſache.“ „Wißt Ihr vielleicht,“ ſprach d'Artagnan,„wer der Mann iſt, der dieſe holliſche Expedition anführte?“ „Ich kenne ihn nicht.“ „Aber da er mit Euch ſprach, ſo konntet Ihr ihn doch wohl ſehen?“ „Ah! Ihr verlangt ſein Signalement von mir.“ a— „Ein großer, magerer Mann von ſchwärzlicher Ge⸗ ſichtsfarbe, mit ſchwarzem Schnurrbart, ſchwarzen Augen und der Miene eines Edelmanns.“ „Der iſt es!“ rief dArtagnan,„abermals er! immer 106 er! das iſt mein böſer Dämon, wie es ſcheint! Und der Andere?“ „Welcher?“ „Der Kleine?“ „Ah! das iſt kein vornehmer Herr! Dafür ſtehe ich. Auch trug er keinen Degen, und die Andern behandelten ihn durchaus nicht mit Achtung.“ „Irgend ein Lackei,“ murmelte d'Artagnan.„Oh! arme Frau, arme Frau! Was haben ſie mit Dir ge⸗ macht?“ „Ihr habt mir Geheimhaltung verſprochen,“ ſagte der Greis. „Ich erneuere Euch mein Verſprechen. Seid unbe⸗ ſorgt, ich bin ein Edelmann. Ein Edelmann hat nur ſein Ehrenwort, und ich habe Euch das meinige gegeben.“ Mit tief verwundeter Seele ſchlug d'Artagnan wie⸗ der den Weg nach der Fähre ein. Bald konnte er nicht glauben, daß es Madame Bonacieur geweſen und er hoffte ſie am andern Tage wieder im Louvre zu finden; bald befürchtete er, ſie konnten einen Liebeshandel mit einem Andern haben, und ein Eiferſüchtiger hätte ſie über⸗ fallen und entführt. Er ſchwankte, er wüthete, er ver⸗ zweifelte. „O wenn meine Freunde hier wären!“ rief er,„dann hätte ich wenigſtens Hoffnung, ſie wieder zu finden; aber wer weiß, was aus ihnen geworden iſt?“ Es war beinahe Mitternacht, und er mußte Plan⸗ chet aufſuchen. D'Artagnan ließ ſich nach und nach alle Schenken öffnen, in denen er etwas Licht bemerkte. In keiner derſelben fand er Planchet. Bei der ſechsten be⸗ dachte er, daß die Nachforſchung etwas gewagt war. D'Artagnan hatte ſeinen Bedienten erſt auf ſechs Uhr Morgens beſtellt und derſelbe befand ſich in ſeinem Rechte, wo er auch ſein mochte. Ueberdieß kam dem jungen Manne der Gedanke, daß er, wenn er in der Gegend des Ortes liebe, wo das Ereigniß vorgefallen war, vielleicht einige 65 und den Grobheiten, die die Arbeiter, die Lackeien und die zu ahnen. Aufklärung über dieſe geheimnißvolle Geſchichte erhalten würde. In der ſechsten Schenke blieb dArtagnan alſe, verlangte eine Flaſche Wein erſter Qualität, und zog ſich in den dunkelſten Winkel zurück, entſchloſſen hier den Tag zu erwarten. Aber auch diesmal wurde er in ſeiner Hoff⸗ nung getäuſcht, und obgleich er mit geſpitzten Ohren horchte, vernahm er doch mitten unter den Flüchen, den Späßen Fuhrleute, welche die ehrenwerthe Geſellſchaft bildeten, in die er gerathen war, unter ſich austauſchten, durchaus nichts, was ihn hätte auf die Spur der entführten Frau bringen können. Er ſah ſich alſo genöthigt, nachdem er ſeine Flaſche müßig und um kein Aufſehen zu erregen, geleert hatte, in ſeinem Winkel eine ſo gut als moͤglich entſprechende Lage zu ſuchen und wohl oder übel zu ſchla⸗ fen. D'Artagnan zählte, wie man ſich erinnern wird, erſt zwanzig Jahre, und in dieſem Alter hat der Schlaf un⸗ verjährbare Rechte, die er gebieteriſch auch von den ver⸗ 3 zweiflungsvollſten Gemüthern fordert. Gegen ſechs Uhr Morgens erwachte d'Artagnan mit jener Unbehaglichkeit, welche gewöhnlich bei Tagesanbruch nach einer ſchlechten Nacht eintritt. Seine Toilette machte ihm nicht lange zu ſchaffen; er betaſtete ſich, um ſich zu überzeugen, daß man nicht ſeinen Schlaf zu einer Berau⸗ bung benützt hatte, und als er ſeinen Diamant am Fin⸗ ger, ſeine Börſe in der Taſche und ſeine Piſtolen im Gürtel fand, ſtand er auf, bezahlte ſeine Flaſche und ging hinaus, um nachzuſehen, ob ihn das Glück im Aufſuchen ſeines Lackeien am Morgen nicht mehr begünſtigen würde, als in der Nacht. Das Erſte, was er durch den feuchten, gräulichen Nebel erblickte, war wirklich der ehrliche Plan⸗ chet, der ihn, die zwei Pferde an der Hand, vor der Thüre einer kleinen Winkelſchenke erwartete, vor welcher d'Artagnan vorüber gegangen war, ohne nur ihr Daſein IX. Porthos. Statt ſich umittelbar nach Hauſe zu begeben, ſtieg d'Artagnan vor dem Hotel des Herrn von Treville ab und ſprang raſch die Treppe hinauf. Diesmal war er entſchloſſen, ihm Alles zu erzählen, was ſich ereignet hatte. Wahrſcheinlich würde er ihm in der ganzen Angelegenheit guten Rath geben; indem Herr von Treville die Königin beinahe täglich ſah, ſo könnte dieſer auch bei Ihrer Ma⸗ jeſtät Erkundigungen über die arme Frau einziehen, welche man ohne Zweifel ihre Ergebenheit für ihre Gebieterin bezahlen ließ. Herr von Treville hörte die Erzählung des jungen Mannes mit einem Ernſte an, woraus hervorging, daß er in dieſem ganzen Abenteuer etwas Anderes ſah, als eine Liebesintrigue. Als d'Artagnan vollendet hatte, ſprach er: „Hm! das riecht auf eine Meile nach dem Cardinal.“ „Aber, was iſt zu thun?“ fragte d'Artagnan. „Nichts, durchaus nichts, zu dieſer Stunde, als Pa⸗ ris, wie ich Euch geſagt habe, ſo ſchnell als möglich zu verlaſſen. Ich werde die Königin ſehen, ich werde ihr alle einzelnen Umſtände von dem Verſchwinden der armen Frau, wovon ſie vielleicht noch gar nichts weiß, mitthei⸗ len; dieſe Umſtände werden ihr als Leitfaden dienen, und bei Eurer Rückkehr habe ich vielleicht gute Kunde für Euch. laßt Euch auf mich.“ D'Artagnan wußte, daß Herr von Treville, obgleich Gascogner, nicht die Gewohnheit hatte, zu verſprechen, und daß er, wenn er zufällig verſprach, Wort hielt. Er verabſchiedete ſich alſo von ihm, voll Dankbarkeit für das Vergangene und für die Zukunft, und der würdige Kapitän, der eine lebhafte Theilnahme —— d'Artagnan anrief. für dieſen ſo muthigen, ſo entſchloſſenen jungen Mann fühlte, drückte ihm liebevoll die Hand und wünſchte ihm glückliche Reiſe.. Entſchloſſen, ſogleich den Rath des Herrn Lon Tre⸗ ville in Ausführung zu bringen, wanderte dArtagnan nach der Rue des Fvoſſopeurs, um beim Packen ſeines Mantelſacks gegenwärtig zu ſein. Als er ſich Nro 11 näherte, erkannte er Herrn Bonacieur, der in einem Mor⸗ genanzuge auf der Schwelle ſeiner Thüre ſtand. D'Ar⸗ tagnan erinnerte ſich alles deſſen, was ihm der kluge Planchet Tags zuvor über den zweideutigen Charakter ſei⸗ nes Wirthes geſagt hatte, und ſchaute ihn aufmerkſamer an, als je zuvor. Außer der gelblichen krankhaften Bläſſe, welche die Infiltrirung ver Galle in das Blut andeutet und nur zufällig ſein könnte, bemerkte dArtagnan etwas duckmäuſeriſch Treuloſes in der Art und Weiſe, wie er ſein Geſicht zu runzeln gewohnt war. Ein Schelm lacht nicht auf dieſelbe Art, wie ein ehrlicher Mann, ein Heuch⸗ ler weint nicht dieſelben Thränen, wie ein Mann von Treu' und Glauben. Jede Falſchheit iſt eine Maske, ſo gut dieſe auch gemacht ſein mag, mit etwas Geduld und Aufmerkſamkeit gelangt man immer dazu, ſie von dem Geſichte zu unterſcheiden. D'Artagnan kam es alſo vor, Herr Bonacieur trage eine Maske und zwar eine der unangenehmſten, die man ſechen konnte. Ueberwältigt von dem Widerwillen, den ihm di Menſch einflößte, ging er an ihm vorüber, ohne mit. zu ſprechen, als Herr Bonacieur, wie am Tage zuvor, „Eil ei! junger Mann,“ ſprach er,„es ſcheint, wir machen Faſchingsnächte? Morgens ſieben Uhr, Peſt! Ihr wollt wahrſcheinlich den Gebrauch umdrehen, und kommt zu der Stunde nach Hanſe, wo Andere ausgehen.“ „Euch kann man dvieſen Vorwurf nicht mach 110 Meiſter Bonacieur, denn Ihr ſeid ein wahres Muſter von einem geordneten Mann. Wenn man eine hübſche, junge Frau hat, braucht man allerdings dem Glücke nicht nach⸗ zulaufen; das Glück ſucht Euch auf, nicht wahr, Herr Bonacieur?“ Bonacieur wurde bleich wie der Tod, und ſchnitt eine Grimaſſe, welche ein Lächeln bedeuten ſollte. „Ahl ah!“ ſprach Bonacieur,„Ihr ſeid ein luſtiger Geſelle. Aber wo ſeid Ihr denn die ganze Nacht um⸗ hergelaufen, junger Herr? Es muß, wie es ſcheint, auf den Nebenwegen nicht ſehr gut geweſen ſein.“ DArtagnan ſenkte ſeine Augen gegen ſeine ganz mit Koth bedeckten Stiefeln, aber bei dieſer Bewegung traf ſein Blick zugleich die Schuhe und Strümpfe des Krä⸗ mers; man hätte in der That glauben ſollen, ſie wären in denſelben Schlamm getaucht worden; an den einen, an den andern zeigten ſich ganz dieſelben Schmutz⸗ ecken. Plötzlich durchzuckte ein Gedanke d'Artagnan's Geiſt; der kleine, kurze, dicke, gräuliche, lackeiartige, ſchlecht ge⸗ kleidete Mann, der ohne alle Achtung von den Kriegs⸗ leuten behandelt wurde, welche die Escorte bildeten, war Bonacieur ſelbſt. Der Mann hatte die Entführung ſei⸗ ner Frau geleitet. D'Artagnan fühlte ungeheure Luſt, dem Krämer an die Gurgel zu ſpringen und ihn zu erdroſſeln; aber er war, wie geſagt, ein kluger Burſche und hlelt ſich zu⸗ Aber der Aufruhr, der in ſeinem Innern vorging, te ſich ſo ſichtbar auf ſeinem Antlitz aus, daß Bo⸗ naeieur darüber in Schrecken gerieth und einen Schritt zurückzuweichen ſuchte, aber er befand ſich gerade vor dem geſchloſſenen Thürflügel, und die ſes materielle Hinderniß, auf das er ſtieß, zwang ihn, auf ſeiner Stelle zu bleiben. „Eil ei! Ihr ſpaßt, mein guter Herr,“ ſagte dArtagnan,„mir ſcheint es, wenn meine Stiefeln —„c— 57————— 3+— — —-)) —— c c——— 411 des Schwammes bedürfen, ſo fordern Euere Schuhe und Euere Strümpfe einiger Maßen die Bürſte. Solltet Ihretwa ebenfalls herumgeſtrichen ſein, Meiſter Bonacieur? Ah! Teufel, das wäre unverzeihlich bei einem Manne von Euerem Alter, und vollends bei einem Manne, der eine ſo hübſche Frau hat, wie Ihr.“ „Ah! mein Gott, nein,“ ſagte Bonacieur, aber ich war geſtern in Saint⸗Mandé, um Erkundigungen über eine Magd einzuziehen, da ich nothwendig eine ſolche dingen muß; und da die Wege ſchlecht waren, ſo brachte ich all' den Schmutz mit, deſſen ich mich aus Mangel an Zeit noch nicht entledigen konnte.“ Der von Bonacieux als Ziel ſeiner Wanderung be⸗ zeichnete Ort war ein neuer Beweis zu Beſtätigung des Verdachtes, welcher ſich in d'Artagnan geregt hatte. Bo⸗ nacieur nannte Saint⸗Mandé, weil Saint⸗Mandé gerade in entgegengeſetzter Richtung von Saint⸗Cloud lag. Dieſe Vermuthung gereichte ihm zum erſten Troſte. Wußte Bonacieur, wo ſeine Frau war, ſo konnte man immerhin zu gewagten Mitteln greifen und den Krämer zwingen, den Mund aufzuthun und ſein Geheimniß zu verrathen. Man mußte dieſe Vermuthung in Gewißheit verwandeln. „Ich bitte um Vergebung, mein lieber Herr Bona⸗ cieux, wenn ich mit Euch ohne alle Umſtände verfahre,“ 1 ſprach d'Artagnan,„aber nichts greift ſo ſehr an, als eine Nacht nicht geſchlafen zu haben, und mich plagt ein wüthender Durſt; erlaubt mir ein Glas Waſſer bei Euch zu trinken, Ihr wißt, Nachbarn verweigern das einander nicht.“ 5 Und ohne die Antwort ſeines Wirthes abzuwarten, trat d'Artagnan raſch in das Haus ein, und warf einen Blick auf das Bett. Es war unberührt und Bonacieur hatte ſich nicht ſchlafen gelegt. Es unter⸗ lag keinem Zweifel, er war erſt ſeit einer oder zw Stunden zurückgekehrt und hatte ſeine Frau —— 112 Ort, wohin man ſie führte, oder wenigſtens bis zum erſten Relais begleitet. ch danke, Meiſter Bonacieur,“ ſagte dArtagnan ſein Glas leerend,„das war Alles, was ich von Euch wollte. Nun gehe ich in mein Zimmer, laſſe mir von Planchet meine Stiefeln putzen, und iſt er damit fertig, ſo ſchicke ich ihn, wenn Ihr wollt, zu Euch, daß er Euere Schuhe bürſtet.“ t Und er verließ den Krämer, der über dieſen ſeltſa⸗ men Abſchied ganz erſtaunt war und ſich fragte, ob er ſich nicht durch irgend eine unbeſonnene Rede bloßgegeben habe. Oben auf der Treppe fand d'Artagnan ſeinen Diener Planchet in wer größten Beſtürzung. „Ah! gnädiger Herr,“ rief der Lackei, ſobald er ſei⸗ nen Herrn erblickt,„endlich ſeid Ihr hier, ich konnte Euere Rückkehr kaum erwarten!“ „Was gibt es denn?“ „Oh! ich wette hundert, ich wette tauſend, gnädiger Herr, gegen eines, das Ihr den Beſuch nicht errathet, den ich in Euerer Abweſenheit für Euch erhalten habe.“ „Wann?“. e einer halben Stunde, während Ihr bei Herrn von Treville waret.“ „Wer iſt denn hier geweſen? ſprich.“ „Herr von Cavvis.“ „Herr von Cavois 2“* „In Perſon.“ „Der Kapitän der Leibwachen Seiner Eminenz?“ „Er ſelbſt.“ „Er wollte mich ohne Zweifel verhaften?“ S Miene.“ „Er ſah freundlich aus, ſagſt Du?“ „Er war ganz Honig, gnädiger Herr.“ „Wirklich?“ „Ich habe es vermuthet, trotz ſeiner freundlichen 118 8 „Er ſagte, er käme von Seiner Eminenz, die Euch ſehr wohl wollte, um Euch zu bitten, ihm in das ve Royal zu folgen.“* „Und Du haſt ihm geantwortet?“ „Es wäre dies nicht moglich, inſofern Ihr Euch außer dem Hauſe befändet, wie er ſelbſt ſehen könnte.“ „Was ſagte er hierauf?“ „Ihr würdet wohl nicht verfehlen, ihn im Verlauf des Tages zu beſuchen; dem fügte er ganz leiſe bei: „„Sage Deinem Herrn, Seine Eminenz ſei ſehr wohl ge⸗ ſinnt für ihn, und ſeine Glück hänge vielleicht von dieſer e. Zuſammenkunft ab.““ „Dieſe Falle war für den Cardinal ziemlich unge⸗ ſchickt geſtellt,“ verſetzte der junge Mann lächelnd. ⸗„Ich habe die Falle auch geſehen und erwiederte, e würdet bei Euerer Rückkehr in Verzweiflung ge⸗ rathen.“ „„Wohin iſt er gegangen?““ fragte Herr von r Cavois. t,„„Nach Troyes in der Champagne,““ antwor⸗ . tete ich. „„Und wann iſt er abgereiſt?““ 6 n„„Geſtern Abend.““ „Planchet, mein Freund,“ unterbrach ihn d'Artagnan, „Du biſt in der That ein koſtbarer Burſche.“ „Ich dachte begreiflich, wenn Ihr Herrn von Cavois ſehen wolltet, ſo wäre es immer. Zeit, mich Lügen zu ſtrafen und zu ſagen, Ihr hättet keine Reiſe unter⸗ ommen; ich hätte in dieſem Falle gelogen, und da ich kein Edelmann bin, ſo kann ich wohl lügen.“ 1„Sei unbeſorgt, Du ſollſt Deinen Ruf als wahr⸗ heitsliebender Mann behalten; in einer Viertelſtunde rei⸗ 5 en wir.“ 5„Dieſen Rath wollte ich eben dem gnädigen Herrn ₰ geben; und wohin gehen wir, das mochte ich h erfah⸗ ren, ehne zu neugierig zu ſein?“ G Be dei Musketiere, n. — — X 1¹4⁴ fahren, was aus Athos, Porthos „Oh! gewiß! gnädiger Herr,“ erwiederte Planchet, „und ich reiſe, wann Ihr wo wie ich glaube, in dieſem Augenblick beſſer für uns als die Pariſer Luft. Alſo.. „Schnüre Dein Bündel, wärts; ich gehe die Hände in nen Vervacht ſchöpft, voraus. der Garden ein. Doch— beiläufig geſagt— Du hatteſt Recht in Beziehung auf unſern Wirth, eine ſchändliche Canaille.“ „Gerade in entgegengeſetzter Richtung von der Ge⸗ gend, die Du genannt haſt. Du ſcheinſt übrigens keine ſo Eile zu haben, um Nachrichten von Grimaud, Mousqueton und Bazin zu erhalten, wie ich, um zu er⸗ und Aramis geworden iſt.“ Ut; die Provinzluft taugt, Planchet, und dann vor⸗ der Taſche, damit man kei⸗ Du holſt mich im Hotel das iſt offenbar wenn ich Euch etwas ſage; Oh! glaubt mir immer, ich D'Artagnan ging verabredeter keinen bin ein Phyſiognomiker, ich!“ Maßen zuerſt hinab Vorwurf machen zu S und wandte ſich, um ſich müſſen, zum letzten Male nach der Wohnung ſeiner drei Freunde; man hatte keine Nachricht von ihnen erhalten; nur ein ganz von Wohlgerüchen geſchwängerter Brief von und zierlicher Handſchrift war für Aramis äußerſt zarter eingelaufen. D'Artagnan über nuten nachher traf Planchet mit ihm in den Ställen des Brtel der Garden zuſammen. nahm denſelben. Zehn Mi⸗ Um keine Zeit zu verlieren, hatte dArtagnan ſein Pferd bereits ſelbſt geſattelt. „Gut ſo,“ ſagte er zu Planchet, als er den Mantel⸗ ſac feſtgeſchnallt hatte;„nun ſattle auch die drei anderen— Pferde und dann vorwärts.“ „Glaubt Ihr, daß wir jeder mit zwei Pferden ſchnel⸗ ler teiſen?“ fragte Planchet mit ſeiner verſchmitzten Miene. „Nein, nein, ſchlechter Spaßvogel,“ antwoktete d'Ar⸗ tagnan,„aber mit unſeren vier Pferden können wir unſere 1¹⁵ drei Freunde zurückbringen, wenn wir ſie überhaupt noch lebend finden.“ „Dus wäre ein großes Gläck,“ ſprach Planche „aber man darf nicht an der Barmherzigkeit Gottes ver⸗ zweifeln.“ „Amen,“ rief d'Artagnan und ſtieg zu Pferde. Beide verließen das Hotel der Garden, jedoch auf verſchiedenen Straßen, der Eine um den Weg durch die Barrieren de la Villete zu nehmen, der Andere um durch die Barriöre Montmartre zu reiten und jenſeits Saint⸗ Denis ſollten ſie ſich ſodann wiederzuſammenſinden— ein 3 1 ſtrategiſches Manveuvre, das von beiden Seiten mit glei⸗ cher Pünktlichkeit ausgeführt, von den glücklichſten Reſul⸗ r taten gekroͤnt wurde. D'Artagnan und Planchet ritten alſo miteinander in Pierreſitte ein. Planchet war allerdings muthiger bei Tag als bei Nacht. Seine natürliche Klugheit verließ ihn jedoch kei⸗ b nen Augenblick. Er hatte keinen von den Vorfällen der 6 erſten Reiſe vergeſſen und glaubte in allen Menſchen, ei denen er auf der Straße begegnete, Feinde zu erblicken. Dem zu Folge hielt er unabläſſig den Hut in der Hand, was ihm ſtrenge Verweiſe von Seiten d'Artagnan's zu⸗ i8 zog, welcher befürchtete, man möchte ihn bei dieſem Ueber⸗ i⸗ maß von Höflichkeit für einen Mann von geringem Stande 5 es anſehen. n„ Wurden die Vorübergehenden wirklich durch das artige Benehmen Planchets gerührt oder hatte man dieß⸗ l⸗ mal Niemand an dem Wege des jungen Mannes in Hin⸗ en terhalt gelegt— unſere Reiſenden gelangten jedenfalls ohne irgend einen Unfall zu erleben, nach Chantilly und ſiegen vor dem Gaſthauſe zum großen Sanct Martin ab, demſelben, in welchem ſie bei ihrer erſten Reiſe angehal⸗ ten hatten. Der Wirth trat ehrfurchtsvoll auf die Schwelle ſei⸗ ner Thüre, als er einen jungen Mann, gefolgt von einem Lackei und zwei Handpferden kommen ſah. Da d'Art bereits eilf Meilen zurückgelegt hatte, ſo hielt er es für ieich, einzukehren, ob Porthos in dem Wirthshauſe äre oder nicht. Vielleicht wäre es auch nicht der Klug⸗ heit gemäß, mit der Thüre in's Haus zu fallen und ſich mit dem erſten Worte zu erkundigen, was aus dem Mus⸗ ketier geworden. Durch dieſe Betrachtungen bewogen, ſtieg d'Artagnan ab, ohne ſich nach irgend Jemand zu erkundigen, empfahl die Pferde ſeinem Lackei, trat in ein kleines Zimmer, das zur Aufnahme von Gäſten beſtimmt war, welche allein zu bleiben wünſchten, und verlangte von dem Wirthe eine Flaſche von ſeinem beſten Wein und ein Frühſtück ſo gut, als man es haben konnte; dieſes Verlangen beſtärkte noch mehr den Gaſtgeber in der guten Meinung, die er beim erſten Blicke von dem Reiſenden gefaßt hatte. D'Artagnan wurde auch mit wunderbarer Geſchwin⸗ digkeit bedient. Das Regiment der Garden rekrutirte ſich unter den erſten Evelleuten des Koͤnigreichs; von einem Lackei gefolgt und mit vier prachtvollen Pferden reiſend, mußte alſo d'Artagnan trotz der Einfachheit ſeiner Uni⸗ form nothwendig eine Senſation hervorbringen. Der Wirth wollte ihn ſelbſt bedienen. Als d'Artagnan dies ſah, ließ er zwei Gläſer herbeiſchaffen und knüpfte folgendes Ge⸗ ſpräch an: „Meiner Treu', mein lieber Wirth,“ ſprach dAr⸗ tagnan, die zwei Gläſer füllend,„ich verlangte von Eue⸗ rem beſten Wein, und wenn Ihr mich getäuſcht habt, ſo ſollt Ihr da geſtraft werden, wo Ihr ſündigtet, inſofern Ihr mit mir trinken müßt, da ich es haſſe, allein eine Flaſche zu leeren. Nehmt alſo dieſes Glas und laßt uns trinken. Auf was wollen wir trinken, um keine empfind⸗ liche Seite zu verletzen? Trinken wir auf die Wohlfahrt Eures Gaſthofes.“ „Eure Herrlichkeit erweiſt mir eine große Ehre,“ ſprach der Wirth,„und ich danke von Herzen für dieſen guten Wunſch.“ „Täuſcht Euch nicht,“ ſprach dArtagnan, liegt in meinem Toaſt viekleicht mehr Selbſtſucht, als Ihrw 1 glauben möget. Nur in den Gaſthöfen, welche gedei nde man gute Aufnahme; in denjenigen, welche in det Abnahme begriffen ſind, geht Alles darunter und darüber, und der Reiſende iſt das Opfer der Verlegenheiten ſeines Wirthes. Da ich aber viel und beſonders viel auf dieſer Straße reiſe, ſo wünſchte ich, daß es allen Gaſtgebern wohl erginge. 4 „In der That,“ ſprach der Wirth, es ſcheint mir, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich die Ehre habe, den gnädigen Herrn zu ſehen.“ „Bah! ich bin mehr als zehnmal durch Chantilly gereiſt und dabei wenigſtens drei⸗ bis viermal bei Euch eingekehrt. Ich war ſogar erſt vor zehn bis zwölf Tagen hier. Damals begleitete ich Freunde, Musketiere. Zum Beweiſe hiefür erinnere ich Euch daran, daß Einer von ihnen mit einem Fremden, einem Unbekannten in Streit gerieth, der, Gott weiß warum, Händel mit ihm ſuchte.“ „Ah, ja, wahrhaftig!“ ſprach der Wirth.„Eure Herrlichkeit meint wohl Herrn Porthos?“ „Das iſt gerade der Name meines Reiſegeſährten. Mein Gott! mein lieber Wirth, ſagt mir, ſollte ihm etwa ein Unglück widerfahren ſein?“ „Eure Herrlichkeit muß wohl wahrgenommen haben, daß er ſeine Reiſe nicht fortſetzen konnte.“ „In der That, er verſprach uns, ſogleich nachzufol⸗ gen, und wir haben ihn nicht wiedergeſehen. 2 „Er hat uns die Ehre erzeigt, hier zu bleiben.“ „Wie? er hat Euch die Ehre erzeigt, hier zu blei⸗ ben?“ „Ja, gnädiger Herr, in dieſem Wir ſi nd ſogar ſehr in Unruhe.“ 4 „Worüber?“ ueber gewiſſe Ausgaben, die er „Gut! aber er wird die Ausgaben, die er gemacht hat, bezahlen.“ „Ah, gnädiger Herr, Ihr gießt mir in der That Balſam in das Blut. Wir haben große Vorſchüſſe gelei⸗ ſtet, und noch dieſen Morgen erklärte uns der Wundarzt, wenn ihn Herr Porthos nicht bezahlte, ſo würde er ſich Pran mich halten, da ich ihn hätte holen laſſen.“ „Porthos iſt alſo verwundet?“ „Ich wüßte es Euch nicht zu ſagen, gnädiger Herr.“ „Wie, Ihr wüßtet es mir nicht zu ſagen? Ihr ſoll⸗ tet doch beſſer unterrichtet ſein, als irgend Jemand.“ „Ja, aber wir in unſerem Stande ſagen nicht Alles, was wir wiſſen, beſonders wenn wir dabon unterrichtet find, daß unſere Ohren für unſere Zunge haften müßten.“ „Kann ich Porthos ſehen?“ „Gewiß, gnädiger Herr, geht die Treppe hinauf, und klopft im erſten Stocke an Nr. 1, nur thut ihm kund, daß Ihr es ſeid.“ „Wie, ich ſoll ihm kundthun, daß ich es bin?“ „Ja, es könnte Euch ſonſt ein Unglück widerfahren.“ „Und welches Unglück ſoll mir widerfahren?“ „Herr Porthos koͤnnte Euch für Jemand aus dem Hauſe halten und Euch in Einem Anfalle von Zorn den Degen durch den Leib rennen oder die Hirnſchale zer⸗ ſchmettern.“ „Was habt Ihr ihm denn gethan?“ „Wir haben Geld von ihm gefordert!“ „Ah! Teufel, ich begreife es. Das iſt eine For⸗ derung, welche Porthos ſehr übel aufnimmt, wenn er ſ bei Kaſſe iſt; aber ich weiß, daß er dies ſein ollte.“ 2 „Das haben wir auch gedacht, gnädiger Herr; da in dieſem Hauſe große Ordnung herrſcht, und wir jede Woche unſere Rechnungen machen, ſo überreichten wir ihm nach Verlauf von acht Tagen unſere Note, aber es ſcheint, wir n in he ch hatten hiezu einen ungünſtigen Augenblick gewählt, denn bei dem erſten Worte, das wir über dieſen Gegenſtand ſprachen, wünſchte er uns zu allen Teufeln; allerdings hatte er den Tag vorher geſpielt.“ „Wie, er hatte geſpielt, und mit wem?“ „O mein Gott, wer weiß? Mit einem durchreiſen⸗ den vornehmen Herrn, dem er eine Partie Landsknecht an⸗ tragen ließ.“ „Das iſt es, der Unglückliche wird wohl Alles ver⸗ loren haben.“ „Bis auf ſein Pferd, gnädiger Herr, denn als der Fremde abreiſen wollte, gewahrten wir, daß er das Pferd des Herrn Porthos durch ſeinen Lackei ſatteln ließ. Wir machten ihm hierüber eine Bemerkung, aber er erwiderte uns, wir miſchten uns in Dinge, die uns nichts angingen und das Pferd gehörte ihm. Wir ließen auch Herrn Por⸗ thos von dem, was vorfiel, in Kenntniß ſetzen, doch er antwortete, wir wären Schufte, daß wir an Worte eines Edelmannes zweifelten, und da dieſe eſagt hätte, das Pferd gehorte ihm, ſo müßte es auch ohl ſo ſein.“ „Daran erkenne ich ihn,“ murmelte d'Artagnan. „Darauf ließ ich ihm ſagen,“ fuhr der Wirth fort, „von dem Augenblick, wo wir beſtimmt ſchienen, uns in Betreff der Bezahlung nicht zu verſtehen, müßte ich hof⸗ fen, er würde wenigſtens die Güte haben, die Gunſt ſeiner Kundſchaft meinem Kollegen, dem Wirthe zum goldenen Adler, zuzuwenden; aber Herr Porthos autwortete mir, da mein Gaſthof der beſte wäre, ſo wünſchte er hier zu bleiben. Dieſe Antwort war zu ſchmeichelhaft, als daß ich hätte auf ſeiner Abreiſe hätte beſtehen ſollen. Ich be⸗ ſchränkte mich alſo darauf, ihn zu bitten, mir ſein Zim⸗ mer, das ſchönſte im Gaſthofe, zurückzugeben und ſich mit einem hübſchen Cabinet im dritten Stocke zu begnügen. Hierauf aber erwiederte Herr Porthos, da er jeden Au⸗ genblick ſeine Geliebte, eine der vornehmſten Damen des Hofes, erwartete, ſo müßte ich einſehen, daß das Zimmer, welches er zu bewohnen mir die Ehre erwieſe, immer noch ſehr mittelmäßig für eine ſolche Perſon wäre. Vollkom⸗ men die Wahrheit des Geſagten erkennend, glaubte ich dennoch auf meiner Forderung beſtehen zu müſſen. Aber er gab ſich nicht einmal die Mühe, ſich in eine Discuſſion mit mir hierüber einzulaſſen, nahm ſeine Piſtole, legte ſie auf ſeinen Nachttiſch und erklärte, daß er bei dem erſten Worte, welches man über ein Ausziehen nach einem andern Gaſthofe oder im Innern des Hauſes zu ihm zu ſprechen ſich erfrechte, demjenigen die Hirnſchale zerſchmettern würde, der ſo unklug wäre, ſich in eine Angelegenheit zu miſchen, die ihn nichts anginge. Seit dieſer Zeit, gnädiger Herr, betritt außer ſeinem Bedienten Niemand mehr ſein Zimmer.“ „Mousqueton iſt alſo hier?“ „Ja, gnädiger Herr. Fünf Tage nach ſeiner Abreiſe iſt er ſehr übler Laune zurückgekehrt. Es ſcheint, es iſt ihm eine Unannehmlichkeit auf ſeiner Reiſe widerfah⸗ ren. Leider iſt er noch flinker als ſein Herr und kehrt für dieſen das Unterſte zu oberſt; da er glaubt, man könnte ihm verweigern, was er fordert, ſo nimmt er Alles, was er braucht, ohne zu fordern.“ „Ich habe bei Mousqueton allerdings ſtets eine un⸗ gewöhnliche Ergebenheit und Geiſteskraft wahrgenommen,“ erwiederte d'Artagnan. S „Das iſt möglich, gnädiger Herr; aber ſetzt den Fall, ich komme nur viermal im Jahre mit einer ſolchen Erge⸗ benheit und Geiſteskraft in Berührung, ſo bin ich ein zu Grunde gerichteter Mann.“* „Nein, denn Porthos wird Euch bezahlen.“ „Hm,“ murmelte der Wirth mit zweifelhaftem Tone. „Er iſt der Günſtling einer vornehmen Dame, die ihn wegen einer Bagatelle, die er Euch ſchuldig iſt, nicht im Stiche laſſen wird.“ „Wenn ich es wagte, Euch zu ſagen, was ich hier⸗ über denke„ „Was denkt Ihr hierüber?“ „Ich dürfte noch mehr ſagen: was ich hierüber weiß.“ „Was Ihr wißt?“ „Und ſogar, was ich ganz gewiß weiß.“ „Und was wißt Ihr gewiß? Laßt hören!“ „Ich dürfte ſagen, ich kenne dieſe vornehme Dame.“ „Ihr?“ „Ja, ich.“ a „Und woher kennt Ihr ſie?“ „O, gnädiger Herr, wenn ich mich Euerer Verſchwie⸗ genheit anvertrauen dürfte. „Sprecht! und auf Edelmannswort, J Vertrauen nicht zu bereuen haben.“ „Wohl, gnädiger Herr. Ihr begreift ruhe zu allerhand Dingen Anlaß gibt.“ „Was habt Ihr gemacht?“ ollt Euer „Oh! nichts, was nicht in der Befugniß eines Gläu⸗ bigers läge.“ „Nun?“ „Herr Porthos übergab uns ein Billet für dieſe Her⸗ zogin, mit dem Befehl, es auf die Poſt zu bringen. Sein Bedienter war noch nicht angelangt. Da er ſein Zimmer nicht verlaſſen konnte, ſo mußten wir ſeine Aufträge zur Beſorgung übernehmen.“ „Weiter 2 „Statt den Brief auf die Poſt zu bringen, was nie ganz ſicher iſt, benützten wir die Gelegenheit, da gerade einer von unſern Aufwärtern nach Paris ging und beauftragten ihn, den Brief der Herzogin ſelbſt zu⸗ zuſtellen. Dies hieß den Abſichten von Herrn Porthos entſprechen, der uns ſeinen Brief ſo ſehr empfohlen hatte, nicht wahr?“ „Ungefähr.“. „Nun, gnädiger Herr, wißt Ihr, wer dieſe große Dame iſt? „Nein, ich habe nur Porthos von ihr ſprechen hören.“ „Wißt Ihr, wer dieſe angebliche Herzogin iſt?“ „Ich wiederhole Euch, ich kenne ſie nicht.“ „Es iſt eine alte Frau, die Gattin eines Prokura⸗ tors beim Chatelet, gnädiger Herr, Madame Coquenard; ſie hat wenigſtens ihre fünfzig Jahre auf dem Rücken und ſpielt noch die Eiferſüchtige. Das kam mir auch ganz ſonderbar vor— eine Prinzeſſin, die in der Rue aur Ours wohnt!“ „Woher wißt Ihr dies?“ Weil ſie in einen gewaltigen Zorn gerieth, als ſie den Brief empfing und ſagte: Herr Porthos wäre ein „Ihr ſagtet, Porthos habe einen Degenſtich bekom⸗ men.“ „Ja, aber er hat mir ſtreng verboten, darüber zu ſprechen.“ „Warum dies?“ „Weil er ſich gerühmt hatte, er werde dieſen Frem⸗ den, mit dem Ihr ihn im Streite zurückließet, durchboh⸗ ren, während dieſer Fremde im Gegentheil ihn trotz aller ſeiner Prahlereien zu Boden ſtreckte. Da nun Herr Por⸗ thos ein ſehr eitler Mann iſt, nicht nur ſeiner Herzogin gegenüber, die er durch Erzählung ſeines Abenteuers für ſich gewinnen zu können geglaubt hatte, ſo will er Rie⸗ mand zugeſtehen, daß er einen Degenſtich erhalten hat.“ „Alſo hält ihn ein Degenſtich im Bette zurück?“ „Und zwar ein Hauptſtich. Die Seele Eures Freun⸗ des muß mit Pflöcken im Körper befeſtigt ſein.“ „Ihr waret alſo dabei?“ „Gnädiger Herr ich folgte ihnen aus Neugierde, ſah den Kampf, ohne daß die Knpfenen mich ſehen konnten.“ „Und wie ging es dabei zu?“ „Oh! die nicht lange, dafür kann ich Euch wohl ſtehen. Sie nahmen ihre Stellung. Der Fremde machte eine Finte und ſtieß zu, und zwar ſo ſchnell, daß Herr Porthos, als er zur Parade gelangte, bereits drei Zoll Eiſen in der Bruſt hatte. Der Fremde ſetzte ihm ſogleich die Spitze ſeines Degens an die Gurgel, aber als ſich Herr Porthos der Gnade ſeines Gegners preisgege⸗ ben ſah, erklärte er ſich für überwunden, der Fremde fragte ihn hierauf nach ſeinem Namen, und als er erfuhr, daß er Herr Porthos und nicht Herr d'Artagnan hieß, ſo bot er ihm ſeinen Arm, führte ihn bis zum Hotel, und verſchwand.“ „Alſo wollte der Frempe Herrn d'Artagni Leben gehen?“ „Es ſcheint ſo.“ „Und wißt Ihr, was aus ihm geworden iſt?“ „Nein, ich hatte ihn bis zu dieſem Augenblicke nicht geſehen, und er iſt uns auch ſeitdem nicht wieder zu Ge⸗ ſicht gekommen.“ „Gut, ich weiß, was ich wiſſen wollte. Ihr ſagt alſo, das Zimmer von Porthos ſei im erſten Stocke Nro. 17“ „Ja, gnädiger Herr, das ſchönſte des Gaſthofes; ein Zimmer, das ich ſchon mehr als zehnmal zu vermiethen Gelegenheit gehabt hätte.“ „Bah, beruhigt Euch,“ ſprach dArtagnan lachend, „Porthos wird Euch mit dem Gelde der Herogin Co⸗ quenard bezahlen.“ gnädiger Herr, Proeuratorsfrau oder Sege 124 wenn ſie nur ihre Börſe öffnen wollte, das wäre mir z gleich viel; aber ſie hat geradezu erklärt, ſie wäre der ſe Forderungen und Treuloſigkeiten des Herrn Porthos müde, be und ſie würde ihm nicht einen Pfennig ſchicken.“ „Und habt Ihr dieſe Antwort Euerem Gaſte wieder 21 mitgetheilt?“ ei „Wir hüteten uns wohl, er würde geſehen haben, auf I ur welche Weiſe wir ſeinen Auftrag beſorgten.“ de „Alſo wartet er immer noch auf ſein Geld 24 „O mein Gott, ja, er hat geſtern erſt geſchrieben, ei ze diesmal brachte ſein Bedienter den Brief auf die m oſt.“ u „Und Ihr ſagt, die Perſon ſei alt und häßlich?“ p „Wenigſtens fünfzig Jahre alt, gnädiger Herr, und L durchaus nicht ſchön, wie Pathaud behauptet.“ ſt „Dann ſeid ohne Sorgen, ſie wird ſich erweichen m Ueberdies kann Euch Porthos nicht viel ſchulvig ſe ein.“ nicht viel ſchuldig! Bereits zwanzig Piſto⸗ 8 8 len, k t nicht zu rechner. Oi er verſagt ſich nicht man ſieht, daß er gut zu leben gewohnt u . a „Wenn ihn ſeine Geliebte auch verläßt, ſo wird er doch Freunde finden, dafür bürge ich Euch. Seid alſo ganz ruhig, mein lieber Wirth, und verwendet alle Sorge ie auf ihn, welche ſein Zuſtand fordert.“ ſe „Der gnädige Herr hat mir verſprochen, den Mund ber die Procuratorsfrau nicht zu öffnen und keine Silbe 55 über die Wunde zu ſagen?“ „Das iſt eine abgemachte Sache. Ihr habt mein Wort darauf.“ „Oh, er würde mich ſicherlich umbringen!“ „Seid ohne Furcht! Er iſt nicht ſo teufelmäßig als er ausſieht.“ ienach ſtieg dArtagnan die Treppe hinauf, der Wirth aber war in Beziehung auf die zwei Dinge, 12⁵ auf welche er ſehr viel zu halten ſchien, in Beziehung auf ſeine Schuldforderung und ſein Leben, bedeutend mehr beruhigt. Sben an der Treppe war an die am meiſten in das Auge fallende Thüre der Hausflur mit ſchwarzer Dinte — ein rieſiges Nro. 1. geſchrieben; d'Artagnan klopfte an und trat auf die Einladung, welche hierauf erfolgte, in das Zimmer. Porthos lag im Bette und ſpielte zum Zeitvertreib eine Partie Lanzknecht mit Mousqueton, während ſich ein mit Rebhühnern beladener Spieß vor dem Feuer drehte und in jeder Ecke eines großen Kamins auf zwei Gluth⸗ pfannen zwei Kaſſerole kochten, aus denen der doppelte Wohlgeruch von Gibelotte und Matelote lieblich hervor⸗ ſtrömte. Die Oberfläche eines Schrankes und die Mar⸗ mortafel einer Kommode waren überdieß mit leeren Fla⸗ ſchen bedeckt. 4 Bei dem Anblicke ſeines Freundes erhob Pe ein Freudengeſchrei; Mousqueton ſtand ehrfurchtsvolt uf, trat ihm ſeinen Platz ab und ging zu den Gluthpf en, um einen Blick in die Kaſſerole zu werfen, deren Ober⸗ aufſicht ihm anvertraut zu ſein ſchien. „Ah, bei Gott, Ihr ſeid es,“ ſprach Porthos zu Artagnan.„Seid mir willkommen und entſchuldigt, daß ich Euch nicht entgegengehe. Aber,“ fügte er bei, und ſchaute dArtagnan zugleich mit einer gewiſſen Unruhe an, „Ihr wißt, was mir begegnet iſt?“ „Nein.“ Der Wirlh hat Euch nichts geſagt?“ 6 be nach Euch gefragt und bin ſogleich herauf⸗ orthos ſchien freier zu athmen. „Unv was iſt Euch denn begegnet, mein lieber Por⸗ , fuhr dArtagnan fort. ₰ Als ich gegen meinen Widerſacher ausfiel, d ereits drei Degenſtiche beigebracht hatte und 126 vierten den Garaus machen wollte, ſtieß ich mit dem Fuß an einen Stein und verſtauchte mir das Knie.“ „Wirklich?“ „Auf Ehre! Zum Glück für den Schurken, denn ich hätte ihn todt auf dem Platze gelaſſen, dafür ſiehe ich Euch.“ „Und was iſt aus ihm geworden?“ „Oh! ich weiß es nicht. Er hatte genug und zog ab, ohne den Reſt von mir zu fordern; aber Ihr, mein lieber dArtagnan, was iſt Euch begegnet?“ „Alſo,“ fuhr d'Artagnan fort,„alſo feſſelt Euch dieſe Verſtauchung an das Bett?“ „Ah! mein Gott, ja, nichts Anderes; übrigens werde ich in einigen Tagen wieder auf den Beinen ſein.“ „Aber warum habt Ihr Euch nicht nach Paris transportiren laſſen, Ihr müßt Ench hier grauſam lang⸗ weilen?“ z war meine Abſicht, doch ich muß Euch etwas Las?“ „Gerade weil ich mich grauſam langweilte, wie Ihr ſagtet, und die fünf und ſiebzig Piſtolen in meiner Taſche hatte, die Ihr mir zutheiltet, ließ ich, um mich zu zer⸗ ſtreuen, einen Edelmann, der vorüberzog, zu mir herauf⸗ kommen und bot ihm eine Würfelpartie an. Er willigte ein, und, meiner Treue, meine fünf und ſiebenzig Piſtolen gingen aus meiner Taſche in die ſeinige über, mein Pferd gar nicht zu rechnen, das er noch in den Kauf bekam⸗ Aber Ihr, mein lieber dArtagnan?“ „Was wollt Ihr, mein lieber Porthos, nicht auf jede Weiſe bevorzugt ſein,“ ſagte rt „Ihr kennt das Sprüchwort:„Unglück im Spiele, in der ſeid zu glücklich in der Liebe, als daß ſich nicht das ſollte. Aber was kümmert um den Unſchlag des Glückes? Habt Ihr, glücklicher Burſche, der Ihr ſeid, nicht Euere Her⸗ zogin, die Euch nothwendig zu Hülfe kommen muß?“ „Seht, mein lieher dArtagnan, wie Alles gegenwär⸗ tig bei mir ſchief geht,“ antwortete Porthos mit der frei⸗ müthigſten Miene von der Welt;„ich ſchrieb ihr um etliche fünfzig Louisd'or, der ich in Betracht der Lage, in welcher ich mich befände, durchaus bedürfte.“ „Nun?“ „Nun! ſie muß auf ihren Gütern ſein, denn ſie hat mir gar nicht geantwortet!“ „Wahrhaftig!“ „Nein; auch ſchickte ich ihr geſtern eine neue Epiſtel, noch viel dringenderen Inhaltes als die erſte zu; aber da Ihr jetzt hier ſeid, ſo ſprechen wir von Euch, mein Liebſter! Ich geſtehe, daß ich über Euch unruhig zu wer⸗ den anfing. Doch Euer Wirth benimmt ſich gut gegen Euch, mein lieber Porthos,“ ſprach dArtagnan und deutete auf die vollen Kaſſerole und die leeren Flaſchen. „Cossi! Cossile erwiederte Porthos.„Der Unver⸗ ſchämte brachte mir ſchon vor drei oder vier Tagen ſeine Rechnung, aber ich warf beide, ſeine Rechnung und ihn, zur Thüre hinaus, ſo daß ich hier wie eine Art von Sie⸗ ger, wie ein Eroberer lebe. Auch bin ich, wie Ihr ſeht, bis an die Zähne bewaffnet, da ich immer in meiner Stellung angegriffen zu werden befürchten muß.“ Ihr ſcheint mir indeſſen von Zeit zu Zeit Ausfälle „ ſprach dArtagnan lachend und deutete aber⸗ die Flaſchen und Kaſſerole. ein, leider nicht ich,“ ſagte Porthos.„Dieſe elende Verſtauchung hält mich im Bette, aber Mousqueton zieht zu Felde und bringt Proviant mit. en mein ſeh Freund,“ fuhr Porthos fort,„Ihr„daß wir Ver⸗ ſärkung bekommen, wir hedürfen einen Zuſatz an Victua⸗ lien.“ 128 „Mousquetvn,“ ſprach d'Artagnan,„Du mußt mir einen Gefallen thun.“ „Welchen, gnädiger Herr?“ „Du mußt mir Dein Recept für Planchet geben; ich könnte ebenfalls belagert werden, und es würde mir leid thun, wenn ich nicht dieſelben Vortheile genöße, mit denen Du Deinen Herrn erfreuſt.“ „Ei, mein Gott, gnädiger Herr,“ ſprach Mousqueton mit beſcheidener Miene,„nichts leichter auf der Welt. Man muß nur geſchickt ſein, das iſt das Ganze. Ich bin im Felde aufgezogen worden, und mein Vater uni in müßigen Augenblicken ein wenig Wild⸗ ütz e. 4 „Und wns machte er die übrige Zeit?“ „Gnädiger Herr, er trieb ein Gewerbe, da mer ſehr glücklich vorkam.“ 6 1„Welches?“ Da er in der Zeit der Kriege der Katholit Hugenotten lebte und ſah, wie die Katheliken die notten und die Hugenotten die Katholiken ausr; Alles im Namen der Religion, ſo hatte er ſich ei miſchten Glauben gebildet, was ihm bald Katholik, bald Hugenott zu ſein erlaubte. Er ging nun gewöhnlich, ſeine Stutzbüchſe auf der Schulter, hinter den Hecken ſpazieren, welche die Wege begränzen, und wenn er einen Katholiken allein kommen ſah, ſo gewann die proteſtantiſche Religion ſogleich in ſeinem Innern die Oberhand. Er ſenkte ſeine Stutzbüchſe in der Richtung des Reiſenden, und wenn die⸗ ſer etwa zehn Schritte von ihm entfernt war, knühfte ein Geſpräch an, welches beinahe immer dami daß ihm der Reiſende, um ſein Leben zu retten, ſein B örſe abtrat. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß er ſich, wenn er einen* Hugenotten erblickte, von einem ſo glühenden katholiſchen Eifer erfaßt fühlte, daß er gar nicht begriff, wie er eine Vier⸗ telſtunde vorher an dem hohen Vorzuge unſerer heiligen 129 Religion hatte zweifeln können. Denn ich, mein Herr, ich 1 bin Katholik, während mein Vater, ſeinen Grundſätzen ge⸗ treu, aus meinem ältern Bruder einen Hugenotten machte.“ „Und wie hat dieſer würdige Mann geendet?“ fragte d'Artagnan. „Oh! auf die allerunglücklichſte Weiſe, gnädiger Herr. Er befand ſich eines Tags in einem Hohlwege zwiſchen einem Hugenotten und einem Katholiken. Er hatte bereits mit Beiden zu thun gehabt, Beide erkannten ihn wieder, vereinigten ſich gegen ihn und hingen ihn an einem Baume auf. Dann kamen ſie in das Wirthshaus des nächſten Dorfes, wo ich mit meinem Bruder trank, und erzählten den albernen Streich, den ſie gemacht hatten.“ „Und was thatet Ihr?“ ſprach d'Artagnan. „Wir ließen ſie reden,“ erwiederte Mousqueton;„da ſie jedoch, als ſie das Wirthshaus verließen, eine entgegen⸗ geſetzte Route enſchlugen, ſo legte ſich mein Bruder an . dem Wege des Katholiken und ich mich an dem des Pro⸗ teſtanten in Hinterhalt. Zwei Stunden nachher war Alles vorbei. Wir hatten mit Jedem das Geſchäft abgemacht, jedoch nicht ohne die Klugheit unſeres Vaters zu bewun⸗ dern, der ſo vorſichtig geweſen war, jeden von uns in einer andern Religion erziehen zu laſſen.“ „In der That, Mousqueton, Dein Vater ſcheint, wie Du behaupteſt, ein ſehr geſcheiter Schelm geweſen zu ſein. Und Du ſagſt alſo, der brave Mann habe in ſeinen müßigen Augenblicken die Wildſchützenhanbthierung ge⸗ trieben?“ 3„Ja, gnädiger Herr, er hat mich eine Schlinge bin⸗ den und mit Legangeln umgehen gelehrt. Als ich nun ſah, daß uns unſer Schurke von einem Wirth mit Maſſen von ſchwer verdaulichem Fleiſche, höchſtens gut für Bau⸗ ern und keineswegs zuträglich für zwei ſo ſehr geſchwächte Mägen, fütterte, ſo pflegte ich wieder ein wenig mein altes Gewerbe. Während ich im Walde ſpazieren ging, Die drei Musletiere. II. 130 Rande des Waſſers lag, ließ ich Leinen in die Teiche gleiten. Auf dieſe Art fehlt uns, Gott ſei Dank! jetzt nichts mehr, wie ſich der gnädige Herr ſelbſt überzeugen kann. Wir haben Feldhühner und Kaninchen, Karpfen und Aale, lauter leichte und geſunde, für Kranke zweck⸗ dienliche Nahrungsmittel.“ „Aber der Wein,“ ſprach dArtagnan,„wer liefert den Wein? Euer Wirth?“ „Das heißt: ja und nein.“ „Wie, ja oder nein?“ „Er liefert ihn allerdings, aber er weiß nicht, daß er dieſe Ehre hat.“ „Erklärt Euch näher, Mousqueton. Euere Unter⸗ haltung iſt äußerſt lehrreich.“ „So hoͤrt, gnädiger Herr; der Zufall wollte, daß ich auf meinen Wanderungen einen Spanier traf, der viele Länder und unter Anderem auch die neue Weit ge⸗ ſehen hatte.“ „In welchem Zuſammenhang kann die neue Welt mit den Flaſchen ſtehen, die ich auf dem Schranke und auf der Kommode erblicke?“ „Geduld, gnädiger Herr, Alles zu ſeiner Zeit.“ „Das iſt richtig, Mousqueton; fahre fort, ich höre.“ „Dieſer Spanier hatte einen Lackeien in ſeinem Dienſte, der mit ihm nach Meriko gereiſt war. Dieſer Lackei war mein Landsmann und wir knüpften um ſo leichter ein freundſchaftliches Verhältniß an, als eine große Aehnlichkeit der Charaktere zwiſchen uns ſtatt fand. Wir liebten Beide ganz beſonders die Jagd und er erzählte mir, wie die Eingebornen des Landes auf den Ebenen von Pampas den Tiger und den Büffel ganz einfach mit Schlingen jagen, die ſie den furchtharen Thieren um den Hals werfen. Anfangs wollte ich nicht glauben, daß man einen ſolchen Grad von Geſchicklichkeit erreichen könnte, auf zwanzig bis dreißig Schritte das Ende des * legte ich Schlingen auf die Wechſel; während ich aum 13¹ Strickes dahin zu werfen, wohin man will. Aber ich mußte die Wahrheit anerkennen, als er mir Proben zur Beſtäti⸗ gung ſeiner Behauptung gab. Mein Freund ſtellte eine Flaſche auf dreißig Schritte von ſich auf, und bei jedem Wurfe faßte er den Hals mit der Schlinge. Ich übte mich in dieſer Kunſt, und da mich die Natür mit einigen Fähigkeiten ausgerüſtet hat, ſo werfe ich heute den Laſſo mit ſo viel Geſchicklichkeit als irgend ein Menſch in der Welt. Nun begreift Ihr? unſer Wirth hat einen ſehr wohl ausgerüſteten Keller, deſſen Schlüſſel er jedoch immer bei ſich tragt. Dieſer Keller aber hat ein Luftloch, durch dieſes Luftloch werfe ich nun den Laſſo, und da ich weiß, wo der rechte Winkel iſt, ſo ſchöpfe ich aus dieſem. Auf dieſe Art, gnädiger Herr, ſteht die neue Welt mit den Flaſchen auf dem Schranke und auf der Kommode in Verbindung. Wollt Ihr nun unſern Wein koſten und uns ohne Vorurtheil ſagen, was Ihr davon denkt?“ „Ich danke, mein Freund, ich danke, ich habe leider ſchon gefrühſtückt.“ „Gut;“ ſprach Porthos,„ſtelle den Tiſch hieher, Mousqueton, und während wir frühſtücken, wird uns d'Ar⸗ tagnan erzählen, was ihm in den zehn Tagen, ſeitdem er uns verlaſſen hat, begegnet iſt.“ „Sehr gerne,“ erwiederte d'Artagnan. Während Porthos und Mousqueton mit dem Appetit von Wiedergeneſenden und mit der Herzlichkeit von Brü⸗ dern frühſtückten, welche die Menſchen im Unglücke ein⸗ ander näher bringt, erzählte d'Artagnan, wie Aramis in Crebecoeur verwundet zurückzubleiben genöthigt worden war, wie er Athos in Amiens unter den Händen Lon vier Menſchen, die ihn der Falſchmünzerei angeklagt, ſich her⸗ umſchlagend zurückgelaſſen hatte, und wie er, d'Artagnan, um England zu erreichen, genöthigt geweſen war, den Grafen von Wardes an den Boden zu ſpießen. Dieß war die Gränze der Mittheilung d'Artagnans; er ſprach nur davon, daß er bei ſeiner Rückkehr aus nun bereits von einem von ſeinen Handpferden befreit war. Großbritannien vier prachtvolle Pferde mitgebracht hätte, wovon eines für ihn, und ein anderes für jeden von ſeinen Gefährten; dann ſchloß er, indem er Porthos ankündigte, das für ihn beſtimmte ſtünde bereits in dem Stalle des Gaſthofes. In dieſem Augenblick trat Planchet ein. Er meldete ſeinem Herrn, die Pferde hätten hinreichend ausgeruht, und man könnte wohl bis zum Abend Clermont erreichen und dort ein Lager ſuchen. Da d'Artagnan in Beziehung auf Porthos ziemlich beruhigt war, und es ihn drängte, auch von ſeinen zwei andern Freunden Kunde zu erhalten, ſo reichte er dem Kranken die Hand und ſagte ihm, er werde ſogleich ab⸗ reiſen, um ſeine Nachforſchungen fortzuſetzen. Er hoffe übrigens auf demſelben Wege zurückzukehren und gedenke Porthos, wenn er ſich in ſechs bis acht Tagen noch in dem Hotel zum großen Sanct Martin befände, im Vor⸗ überziehen mitzunehmen. Porthos erwiederte: aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ihm ſeine Verſtauchung die Abreiſe um dieſe Zeit och nicht erlaubenz überdieß müßte er in Chantilly blei⸗ ben, um die Antwort ſeiner Herzogin abzuwarten. D'Artagnan wünſchte ihm, es möchte dieſe Antwort bald und erfreulich eintreffen, empfahl Porthos noch ein⸗ mal der Sorge Mousqueton's, bezahlte dem Wirthe ſeine Rechnung und ſetzte ſeine Reiſe mit Planchet fort, der 3 Die Theſe von Aramis. D'Artagnan hatte Porthos weder etwas von der Wunde, noch von der Procuratorsfrau geſagt. Es war ein ſehr kluger Burſche, unſer Bearner, trotz ſeiner Jugend. Er ſtellte ſich, als glaubte er Alles, was ihm der ruhmredige Musketier erzählte, wobei er von der Ueberzeugung aus⸗ 3 ging, daß man immer eine moraliſche Ueberlegenheit über die Menſchen hat, deren Leben man kennt, ohne es ſie 3 ſogleich fühlen zu laſſen und ihren Stolz dadurch zu ver⸗ 1 letzen. D'Artagnan aber, der feſt entſchloſſen war, ſeine drei Gefährten zu Werkzeugen ſeines Glückes zu machen und Nutzen aus ihnen bei ſeinen zukünftigen Intriguen zu 6 4 ziehen, freute ſich zum Voraus, in ſeiner Hand die un⸗ 3 ſichtbaren Fäden zu vereinigen, mit deren Hülfe er ſie zun lenken gedachte. Auf dem ganzen Marſche jedoch ſchnürte ihm eine ₰ gewaltige Traurigkeit das Herz zuſammen. Er dachte an ₰ die junge und hübſche Madame Bonacieur, die ihm den 6 Preis für ſeine Ergebenheit reichen ſollte. Fügen wir j⸗ doch ſogleich bei, daß dieſe Traurigkeit bei dem jungen ₰ Manne weniger von der Klage über ſein vetlornes Glück, aals von ſeiner Furcht herrührte, es könnte der armen Frau ein Unglück widerfahren ſein. Für ihn gab es keinen weifel mehr, ſie war das Opfer einer Rache des Cardi⸗ nals; die Rache ſeiner Eminenz war bekanntlich furchtbar. Wie hatte er Gnade vor den Augen dieſes Miniſters ge⸗ funden? Das wußte er ſich ſelbſt nicht zu erklären, und Herr von Cavoi würde ihm dies wohl enthüllt haben, wenn ihn der Kapitän der Garden zu Hauſe getroffen hätte. Nichts leiht der Zeit raſchere Flüge k den Weg ſo ſehr ab, als ein Gedank 134 alle Fähigkeiten der Organiſation des Denkenden verſchlingt. Das äußere Daſein gleicht ſodann einem Schlummer, deſſen Traum dieſer Gedanke iſt; durch ſeinen Einfluß hat die Zeit kein Maaß, der Raum keine Entfernung mehrz man geht von einem Orte aus und kommt an einem an⸗ dern an, das iſt das Ganze. Von dem durchlaufenen Zwiſchenraum iſt unſerem Gedächtniſſe nichts gegenwärtig geblieben, als ein unbeſtimmter Nebel, in dem ſich tauſend verworrene Bilder bon Bäumen, Bergen und Landſchaften gegenſeitig verwiſchen. In dieſer geiſtigen Abweſenheit iegte vArtagnan in dem Gange, den es ſeinem Pferde zu nehmen beliebte, die ſechs bis acht Meilen zurück, welche Chantilly von Crevecveur trennen, ohne daß er ſich, in dieſem Dorfe anlangend, eines der Dinge erinnerte, denen er auf ſeinem Ritte begegnet war. Hier erſt kehrte ſein Gedächtniß zurück; er ſchüttelte den Kopf, bemerkte die Schenke, wo er Aramis gelaſſen hatte, und trabte auf das Thor zu. Dießmal war es kein Wirth, ſondern eine Wirthin, die ihn empfing. D'Arta⸗ gnan war Phyſiognomiker, er überſchaute mit einem Blicke vas dicke, heitere Geſicht der Herrin des Ortes und be⸗ griff, daß es hier keiner Verſtellung bedürfte und daß er von Seiten einer ſo luſtigen Phyſiognomie nichts zu be⸗ fürchten hätte. „Meine gute Dame,“ fragte ſie d'Artagnan,„könnt Ihr mir wohl ſagen, was aus einem von meinen Freunden ge⸗ worden iſt, den wir vor etwa zwölf Tagen hier zu laſſen genöthigt waren?“ „Ein hübſcher junger Mann von drei bis vierund⸗ zwanzig Jahren, ſanft, liebenswürdig, wohlgebaut?“ „So iſt es, überdieß an der Schulter verwundet.“ „Ganz richtig. Nun, mein Herr, er befindet ſich im⸗ mer noch hier.“ „Ah, bei Gott, melne liebe Dame,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan abſteigend und Planchet den Zügel ſeines Pferdes zuwerfend, hr gebt mir das Leben wieder; wo iſt dieſer 135 theure Aramis, damit ich ihn umarme; denn ich geſtehe, es drängt mich, ihn wieder zu ſehen.“ „Um Vergebung, gnädiger Herr, ich zweifle, ob er Euch in dieſem Augenblicke empfangen kann.“ „Warum? iſt eine Frau bei ihm?“ „Jeſus, mein Gott! der arme Junge! nein, gnädiger Herr, es iſt keine Frau bei ihm.“ „Nun, wer iſt denn bei ihm?“ „Der Pfarrer von Montdidier und der Superior der Jeſuiten von Amiens.“ „Gott im Himmel!“ rief d'Artagnan.„Sollte es mit dem armen Jungen ſo ſchlimm ſtehen?“ „Nein, gnädiger Herr, im Gegentheil, aber in Folge ſeiner Krankheit hat ihn die Gnade berühtt, und er iſt entſchloſſen, in den geiſtlichen Stand einzutreten.“ „Ganz richtig,“ ſprach d'Artagnan,„ich hatte vergeſſen, daß er nur einſtweilen Musketier war.“ „Beſteht der gnädige Herr immer noch darauf, ihn zu ſehen?“ „Mehr als je.“ „Nun, der gnädige Herr darf nur die Treppe rechts im Hofe hinaufgehen, im zweiten Stocke Nro. 5 D'Artagnan eilte in der angegebenen Richtung weg und fand eine von den äußern Treppen, wie man ſie noch heut zu Tage in den Höfen der alten Gaſthäuſer ſieht. Aber man gelangte nicht auf dieſe Art in die Wohnung des zukünftigen Abbé; die Zugänge zu dem Zimmer von Aramis waren nicht mehr und nicht minder bewacht, als die Gärten der Armida. Bazin ſtand in der Hausflur Wache und verſperrte ihm den Weg mit um ſo größerer Unerſchrockenheit, als er ſich endlich dem Ziele nahe ſah, nach welchem er ewig mit frommem Ehrgeize geſtrebt hatte. Der arme Bazin hatte ſtets davon geträumt, einem Manne der heiligen Kirche zu dienen, und er erwartete mit Un⸗ geduld den Augenblick, den er unabläßig in der Zukunft erblickt hatte, wo Aramis envlich die Kaſake mit der Sutane 136 vertauſchen würde; nur das von dem jungen Mann oft wie⸗ derholte Verſprechen, daß dieſer Augenblick nicht mehr lange ausbleiben könnte, hatte ihn in dem Dienſte eines Musketiers zurückgehalten, in einem Dienſte, wo, wie er ſagte, ſeine Seele nothwendig zu Grunde gehen mußte. Bazin ſchwamm alſo in einem Mekre von Freude. Aller Wahrſcheinlichkeit nach würde ſein Herr dießmal nicht wieder zurücktreten. Das Zuſammentreffen des körperlichen Schmerzes mit dem moraliſchen Schmerze hatte endlich die ſo lange er⸗ ſehnte Wirkung hervorgebracht. An Leib und Seele lei⸗ dend, hatte Aramis ſeine Augen und ſeinen Geiſt auf die Religion gerichtet, und ſein doppelter Unfall, das heißt, das plötzliche Verſchwinden ſeiner Geliebten und ſeine Verwundung an der Schulter, war ihm als eine WVerkündigung des Himmels erſchienen. Man begreift, daß Bazin bei der gegenwärtigen Lage der Dinge nichts unangenehmer ſein konnte, als die An⸗ kunft von d'Artagnan, welche ſeinen Herrn wieder in den Strudel weltlicher Gedanken, die ihn ſo lange fortgeriſſen hatten, zurückwerfen konnte. Er beſchloß alſo, die Thüre muthig zu vertheidigen, und da er, inſoferne es bereits von der Wirthin verrathen war, nicht ſagen konnte, Ara⸗ mis befände ſich nicht zu Hauſe, ſo ſuchte er dem An⸗ kommenden zu beweiſen, es wäre das höchſte Maaß von Indiscretion, ſeinen Herrn in der frommen Konferenz zu ſtören, die ſchon am Morgen angefangen hätte und nach der Ausſage Bazins nicht vor Abend zu Ende gehen könnte. Aber dArtagnan nahm keine Rückſicht auf die Be⸗ redſamkeit des Meiſter Bazin, und da er es nicht über ſich ſeines Freundes einzulaſſen, ſo ſchob er ihn ganz einfach mit einer Hand auf die Seite und drehte mit der andern den Knopf der Thüre von Nro. 5 gewinnen konnte, ſich in eine Polemik mit dem Diener — 137 Die Thüre öffnete ſich und dArtagnan trat in das Zimmer ein. Aramis ſaß in einem ſchwarzen Oberrocke mit einer runden und platten Kopfbedeckung, welche nicht wenig Aehnlichkeit mit einer Calotte hatte, vor einem länglichen, mit Papierrollen und ungeheuren Folianten bedeckten Tiſche. Zu ſeiner Rechten ſaß der Superior der Jeſuiten, zu ſeiner Linken der Pfarrer von Montdidier. Die Vor⸗ hänge waren halb geſchloſſen und ließen nur ein myſtiſches, glückſeliger Träumerei entſprechendes Licht eindringen. Alle weltlichen Gegenſtände, welche das Auge berühren, wenn man in das Zimmer eines jungen Mannes eintritt, und beſonders wenn dieſer junge Mann ein Musketier iſt, waren wie durch einen Zauber verſchwunden, und es hatte ohne Zweifel die Furcht, es könnte ihr Anblick ſeinen Herrn auf Gedanken von dieſer Welt zurückbringen, Ba⸗ zin veranlaßt, den Degen, die Piſtolen, den Federhut und die Stickereien und Spitzen jeder Art und Gattung bei Seite zu ſchaffen. Aber an ihrer Stelle glaubte dArtagnan in einem dunkeln Winkel etwas wie eine Geißel an einem Nagel hängen zu ſehen. Bet dem Geräuſche, das vArtagnan verurſachte, als er die Thüre öffnete, hob Aramis ſeinen Kopf in die Höhe und erkannte ſogleich den Freund. Aber zum großen Er⸗ ſtaunen des jungen Mannes ſchien ſein Anblick keinen großen Eindruck auf den Musketier hervorzubringen, ſo ſehr hatte ſich ſein Geiſt von allen irdiſchen Dingen los⸗ geſchält. „Guten Morgen, mein lieber d'Artagnan,“ ſprach Aramis,„glaubt mir, daß ich glücklich bin, Euch wieder⸗ zuſehen.“— Mnd ich auch,“ erwiederte dArtagnan,„obgleich ich noch nicht ganz gewiß weiß, ob es Aramis iſt, mit dem ich ſpreche.“ F⸗ 138 „Mit ihm ſelbſt, mein Freund, mit ihm ſelbſt, aber was konnte Dich zu einem Zweifel veranlaſſen„ „Ich befürchtete mich im Zimmer glaubte Anfangs in die Wohnung eines Dieners der hei⸗ ligen Kirche einzutreten. Dann erfaßte mich ein neuer Schrecken, als ich Euch in Geſellſchaft dieſer Herren fand, venn ich glaubte, Ihr wäret ernſtlich krank.“ ie zwei ſchwarzen Herren ſchleuderten d'Artagnan, deſſen Abſicht ſie begriffen, einen beinahe drohenden Blick zu, aber d'Artagnan kümmerte ſich nicht darum. „Ich ſtore Euch vielleicht, lieber Aramis„ fuhr er fort,„denn nach dem, was ich ſehe, muß ich glauben, daß Ihr dieſen Herren Beichte ableget.“ Aramis erröthete unmerklich. „Ihr mich ſtören! ei, ganz im Gegentheil, lieber Freund, das ſchwöre ich Euch. Und zum Beweiſe erlaubt mir vor Allem, mich zu freuen, daß ich Euch geſund und wohlbehalten wiederſehe.“ „Ah, nun koment er endlich,“ dachte d'Artagnan,„es ſteht nicht ganz ſchlimm!“ „Denn dieſer Herr, mein Freund, iſt einer dräuenden Gefahr entgangen,“ fuhr Aramis ſalbungsreich fort, indem er mit der Hand auf d'Artagnan deutete. „Lobet Gott, mein Herr,“ erwiederten die zwei Geiſt⸗ lichen und verbeugten ſich gleichzeitig. „Ich habe dies nicht verſäumt, meine Ehrwürdigen,“ antwortete der junge Mann und gab ihnen den Gruß zurück. „Ihr kommt zu gelegener Zeit, lieber d'Artagnan, und Ihr werdet an der Discuſſion Theil nehmen, dieſe mit Euerem Lichte erleuchtend. Der Herr Principal von Amiens, der Herr Pfarrer von Montdidier und ich argu⸗ mentiren über gewiſſe theologiſche Fragen, deren Intereſſe uns ſeit geraumer Zeit in Anſpruch nimmt. Ich werde entzückt ſein, Eure Meinung varüber zu vernehmen.“ 139 „Die Meinung eines Mannes vom Schwerte entbehrt jeglichen Gewichts,“ antwortete d'Artagnan, der über die Wendung, welche die Dinge nahmen, unruhig zu werden anfing,„und Ihr könnt Euch, glaubt mir, ganz an die Wiſſenſchaft dieſer Herren halten.“ —„Im Gegentheil,“ verſetzte Aramis,„Eure Meinung wird höchſt werthvoll für uns ſein. Hort, wovon es ſich handelt: der Herr Prinzipal glaubt, meine Theſe müſſe hauptſächlich dogmatiſch und didaktiſch ſein.“ „Eure Theſe! Ihr macht alſo eine Theſe?“ „Allerdings,“ antwortete der Jeſuit,„für die Prü⸗ fung, die der Ordination vorhergeht, iſt eine Theſe uner⸗ läßlich.“ „Der Ordination!“ rief dArtagnan, welcher nicht glauben konnte, was ihm die Wirthin und Bazin geſagt hatten.„Ordination!“ wiederholte er, und ließ ſeine Au⸗ gen erſtaunt auf den drei Perſonen, welche er vor ſich hatte, umher laufen. „Da nun,“ fuhr Aramis fort, indem er auf ſeinem Fauteuil eine Haltung annahm, als ſäße er in einem Chor⸗ ſtuhle, und indem er zugleich ſeine frauenartig weiße und fleiſchige Hand, die er in der Luft hielt, um das Blut zurückkehren zu machen, wohlgefällig betrachtete;„da nun, 3 wie Ihr gehört habt, dArtagnan, der Herr Principal meine Theſe dogmatiſch haben will, während ich wünſche, daß ſie ideal ſein möchte, ſo hat mir der Herr Prin⸗ 7 cipal nachfolgenden Gegenſtand vorgeſchlagen, welcher noch ſ⸗ nnicht behandelt worden iſt, und worin ich allerdings Stoff — zu prachtvollen Entwickelungen finden werde: 63² „Utramque manum in benedicendo clericis inferioribus necessariae sit“*). *) Dieſe Latinität und die nachfolgende Theologie wolle der Leſer gefälligſt weder dem Ueberſetzer noch der Correctur, ſondern einzig und allein dem Originale des Herrn Alexandre Dumas zuſchreiben. D. Ueberſ. D'Artagnan, deſſen wiſſenſchaftliche Bildung wir ken⸗ nen, veränderte ſein Geſicht eben ſo wenig bei dieſer Ci⸗ tation, als bei derjenigen, welche ihm Herr von Treville in Beziehung auf die Geſchenke gemacht hatte, von denen habe ſie vom Herzog von Buckingham er⸗ alten. „Was ſo viel heißen will,“ fuhr Mamis fort, um hm die Sache zu erleichtern:„die zwei Hände ſint für die Prieſter der niederen Ordnung unerläßlich, wenn ſie den Segen geben.“ „Ein bewunderungswürdiger Gegenſtand!“ rief der Jeſuit. der Pfarrer, der, im Lateiniſchen ungefähr eben ſo bewan⸗ dert wie d»Artagnan, ſorgfältig den Jeſuiten beobachtete, um gleichen Schritt mit ihm zu halten und ſeine Worte wrie ein Echo zu wiederholen. DArtagnan blieb vollkommen gleichgültig bei der Begeiſterung der zwei ſchwarzen Männer. „Ja, bewunderungswürdig! prorsus admirapile!“ fuhr Aramis fort,„aber es heiſcht ein tiefes Studium der Kirchenväter und der heiligen Schrift. Ich erkläre nun dieſen gelehrten geiſtlichen Herren, und zwar in aller De⸗ muth, daß ich in der Wachtſtube der Musketiere und beim Dienſte des Königs dieſes Studium etwas vernachläßigt habe. Ich würde mich bequemer, facilius natans, bei einem Gegenſtande meiner Wahl finden, der bei dieſen rein theologiſchen Fragen wäre, was die Moral für die Meta⸗ phyſik in der Philoſophie iſt.“ DArtagnan langweilte ſich ganz bedeutend. „Seht, welches Pxordium!“ rief der ZJeſuit. „Exordium!“ wiederholte der Pfarrer, um etwas zu ſagen.„ „Que tatem!“ m ad modum inter colorum immensi- f eiien Stitenblic auf PAtagnan „Bewunderungswürdig und dogmatiſch,“ wiederholte — 4 . . und ſtellt die drei göttlichen Gewalten dar. Der Reſt, 144 „ und ſah ihn dergeſtalt gähnen, daß er den Kiefer beinahe ausrenkte. „Sprechen wir Franzöſiſch, mein Vater,“ ſagte er zu dem Jeſuiten,„Herr dArtagnan wird mehr Genuß an unſern Worten finden.“ „Ja, ich bin müde von der Reiſe,“ ſagte dArtagnan, „und all' das Lateiniſche entgeht mir.“ „Vor Allem,“ ſprach der Jeſuit, etwas aus der Faſ⸗ ſung gebracht, während der Pfarrer äußerſt erfreut d'Ar⸗ tagnan voll Dankbarkeit anſchaute;„betrachtet einmal den Nutzen, den man aus dieſer Gloſſe ziehen könnte.“ „Moſes, ein Diener Gottes.. er iſt nur ein Die⸗ ner, verſteht Ihr wohl, Moſes ſegnet mit den Händen, er läßt ſich die zwei Arete halten, während die Hebräer ihre Feinde ſchlagen. Er ſegnet alſo mit beiden Händen. Ueber⸗ dies ſagt das Cvangelium: Inposuite manus, und nicht manum, leget die Hände, und nicht die Hand auf.“ „Leget die Hände auf,“ wiederholte der Pfarrer mit einer Geberde. „Bei dem heiligen Petrus dagegen, deſſen Nachfol⸗ ger die Päpſte ſind,“ fuhr der Jeſuit fort:„porrige di- gitos, ſtrecket die Finger aus, Begreift Ihr das nun?“ „Gewiß,“ erwiederte Aramis, der ein Vergnügen an dieſer Abhandlung zu haben ſchien,„gewiß, aber die Sache iſt ſehr kitzeliger Natur.“ „Die Finger,“ wiederholte der Jeſuit;„der heilige Petrus ſegnete mit den Fingern? Der Papſt ſegnei alſo auch mit den Fingern? Und mit wie viel Fingern ſegnet er?. Mit drei Fingern. Einen für den Vater, einen für den Sohn und einen für den heiligen Geiſt.“ Alle Anweſenden bekreuzten ſich. D'Artagnan glaubte dieſes Beiſpiel nachahmen zu müſſen.„ „Der Papſt iſt der Nachfolger des heiligen Petrus 142 ordines inferiores der kirchlichen Hierarchie erſcheint im Namen der heiligen Erzengel und Engel. Die nieder⸗ ſten Geiſtlichen, wie unſere Diacone und Sarriſtane, ſeg⸗ nen mit den Weihwedeln, welche als eine unbegränzte Zahl n ſegnenden Fingern zu betrachten find. Dies iſt der ganze auf ſeine Einfachheit zurückgeführte Gegenſtand, Argumentum omni denudatum ornamento. Aus die⸗ ſem,“ fuhr der Jeſuit fort,„wollte ich zwei Bände von dem Umfange des Folianten hier machen.“ Und in ſeiner Begeiſterung ſchlug er auf den heili⸗ gen Chryſoſtomus in Folio, daß der Tiſch ſich unter ſei⸗ nem Gewichte bog, D'Artagnan bebte. ch aſſe gewiß den Schönheiten dieſer Theſe Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren,“ ſagte Aramis,„aber ich muß zu gleicher Zeit erkennen, daß ich ihrer Laſt erliegen würde. Ich hatte folgenden Tert gewählt; ſagt mir lieber d'Ar⸗ tagnan, ob er Eurem Geſchmack entſpricht: Non inutile est desiderium in oblatione, oder beſſer: Etwas Be⸗ dauern bei dem Opfer, das ich dem Herrn darbringe, ſteht mir nicht übel an.“ „Halt!“ rief der Jeſuit, dieſe Theſe riecht nach Ke⸗ tzerei. Es iſt ein ähnlicher Vorſchlag in dem Auguſti⸗ nus des Ketzervaters Janſen enthalten, deſſen Buch frü⸗ her oder ſpäter von Henkershand verbrannt werden wird. Nehmt Euch in Acht, mein junger Freund, Ihr neigt Euch zu falſchen Lehren, Ihr richtet Euch zu Grunde, mein junger Freund.“ „Ihr richtet Euch zu Grunde,“ ſprach der Pfarrer ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd. „Ihr berührt den bekannten Punkt vom freien Wil⸗ len, der eine menſchliche Klippe iſt. Ihr greift die In⸗ ſinuationen der Pelagianer und Semi⸗Pelagianer an.“ ber mein Ehrwürdiger.. verſetzte Aramis, etäub dem Hagel von Argumenten, der auf ————— 5 S„„ h — — 143 *„Wie wollt Ihr beweiſen,“ fuhr der ZJeſuit fort, man Gott ein Opfer darbringt? Hört folgendes Dilem⸗ ma: Gott iſt Gott, und die Welt iſt der Teufel. Die „ Welt bedauern, heißt den Teufel bedauern. Das iſt mein Schluß.“ „Das iſt auch der meinige,“ ſagte der Pfarrer. „Aber ich bitte.. verſetzte Aramis. „Desideras diabolum! Unglücklicher!“ rief der Jeſuit. 2 ohne daß er ihm zum Sprechen Zeit ließ,„wie wollt Ihr beweiſen, daß man die Welt bedauern muß, wenn „Er bedauert den Teufel. Ha! mein junger Freund,“ ſprach der Pfarrer ſeufzend,„bedauert den Teufel nicht, darum bitte ich Euch.“ D'Artagnan wirbelte es im Kopfe. Es kam ihm vor, als wäre er in einem Narrenhauſe, und als ſollte er ein Narr werden, wie diejenigen, welche er vor ſich ſah. Nur war er genöthigt zu ſchweigen, da er die Sprache nicht verſtand, welche man in ſeiner Gegenwart ſprach. „Aber hört mich doch,“ ſagte Aramis mit einer Höflichkeit, unter der etwas Ungeduld durchzuſcheinen an⸗ fing;„ich ſage nicht, daß ich bedaure, nein; ich werde nie dieſes Wort ausſprechen, welches nicht orodor wäre Der Jeſuit hob die Arme zum Himmel auf und der Pfarrer that daſſelbe. „Nein, aber gebt wenigſtens zu, daß es nicht ſehr ſchön iſt, dem Herrn nur das anzubieten, was man mit vollkommenem Ueberdruſſe und Widerwillen betrachtet. Habe ich Recht, d'Artagnan?“ Ich glaube, bei Gott!“ rief dieſer. h „ ¹ n auf. es fehlt der Welt nicht an Reize i e Welt, folglich bringe ich ein O fer; Der Pfarrer und der Jeſuit ſprangen Lon ihren Stüh⸗ Folgendes iſt mein Ausgangspunktz es iſt ein Syl⸗ e die Schrift ganz beſtimmt: Bringt dem Herrn ein Opfer dar.“ „Das iſt wahr,“ ſprachen die Antagoniſten. „Und dann,“ ſagte Aramis, ſich in das Ohr knei⸗ pend, um es roth zu machen, wie er die Hände ſchüttelte, damit ſie weiß würden,„und dann habe ich hierüber ein gewiſſes Ringelgedicht gemacht, das ich im vorigen Jahre Herrn Voviture mittheilte und worüber mir dieſer große 3 Mann tauſend Artigkeiten ſagte.“ 1 Ein Ringelgedicht?“ ſagte der Jeſuit verächtlich. S6 Ringelgedicht?“ ſprach der Pfarrer maſchinen⸗ „Sprecht, ſprecht,“ rief dArtagnan,„das bringt ein wenig Abwechslung in die Sache.“ Nein, es iſt religiöſer Natur,“ antwortete Aramis, „es iſt Theologie in Verſen.“ „Teufel,“ murmelte dArtagnan. „Hört,“ ſagte d'Aramis mit einer beſcheidenen Miene, 3 welche nicht ganz von einer gewiſſen Färbung von Heu⸗ chelei frei war:. Vous qui pleurez un passé plein de charmes, Et qui tratnez des jours infortunés, Lous vos malheurs se verront terminés Quand à Dieux vous offrirez vos larmes Vous qui pleurez.*) DArtagnan und der Pfarrer ſchienen erfreut, der Jeſuit beharrte bei ſeiner Meinung. „Hütet Euch vok dem profanen Geſchmack in dem theologiſchen Style. Was ſagt der heilige Auguſtin? Severus sit clericorum sermo.“ S *) Ihr, die Ihr eine reizvolle Vergangenheit bewein unſelige Tage hinſchleppt, all' Euer Ja ehmen, wenn ſ, die 3h „Jo, die Rede ſei klar,“ ſprach der Pfarrer. er ſah, daß ſein Acolyte vom rechten Wege abkam,„Eure Theſe wird höchſtens den Damen gefallen. Sie wird den Erfolg eine Plaidoirie von Herrn Patrou haben.“ —„Möge es Gott gefallen!“ rief Aramis entzückt. „Ihr ſeht es,“ rief der Jeſuit,„die Welt ſpricht noch mit lauter Stimme in Euch. Altissima voce. Ihr folgt der Welt, mein junger Freund, und ich fürchte, die Gnade iſt noch nicht ganz wirkſam.“ ₰. „Beruhigt Euch, ehrwürdiger Herr, ich ſtehe für ch.“ „Weltliche Anmaßung!“ „Ich kenne mich, mein Vater, mein Entſchluß iſt unwiderruflich.“ „Alſo beſieht Ihr darauf, dieſe Theſe auszuführen?“ „Ich fühle mich berufen, dieſe und keine andere zu behandeln. Ich will ſie fortſetzen und Ihr werdet hoffent⸗ lich mit den Verbeſſerungen zufrieden ſein, die ich nach Eurem Rathe dakan vorgenommen habe.“ „Arbeitet langſam,“ ſprach der Pfarrer,„wir laſſen Euch in vortrefflicher Stimmung zurück.“ „Ja, der Boden iſt ganz eingeſät,“ ſagte der Jeſuit, zund wir haben nicht zu befürchten, daß ein Theil des Korns auf einen Felſen, ein anderer an den Weg falle, und daß die Vögel des Himmels das Uebrige freſſen. Aves coeli comederunt jllam.“ „Die Peſt erſticke Dich mit Deinem Latein,“ ſagte Artagnan, der kaum mehr an ſich halten konnte. „Gott befohlen, mein Sohn,“ ſprach der Pfarrer, „morgen alſo.“ „Morgen, junger Verwegener,“ ſagte der Jeſuit, „Ihr verſprecht ein Licht der Kirche zu werden. Wolle der Himmel, daß dieſes Licht nicht zu eineim vethehrenden Feuer werde.“ Die drei Musketiere. n. „Eure Theſe,“ unterbrach ihn der Jeſuit raſch, als —— 146 Die zwei ſchwarzen Männer ſtanden auf, grüßten Aramis und d'Artagnan und gingen nach der Thüre. Bazin, der im Zimmer ſtehen geblieben war und die ganze Controverſe mit frommem Jubel gehört hatte, ſtürzte ihnen entgegen, nahm das Brevier des Pfarrers, das Meßbuch des Jeſuiten und marſchirte ehrfurchtsvoll vor ihnen her, um ihnen den Weg zu bahnen. Aramis begleitete ſie bis unten an die Treppe und kam ſogleich wieder zu d'Artagnan zurück, der noch in Träume verſunken war. Allein einander gegenüber beobachteten die zwei Freunde Anfangs ein verlegenes Stillſchweigen. Einer mußte daſſelbe jedoch brechen und da d'Artagnan entſchloſ⸗ ſen ſchien, die Ehre ſeinem Freunde zu überlaſſen, ſo fing dieſer an: „Ihr ſeht, daß ich zu meinem Grundgedanken zurück⸗ gekehrt bin.“ „Ha, die wirkſame Gnade hat Euch berührt, wie dieſer Herr ſo eben ſagte.“ S„ „Oh, der Plan, mich zurückzuziehen, hat ſich längſt gebildet, und Ihr habt mich bereits davon ſprechen hören, nicht wahr, mein Freund?“ „Allerdings, aber ich glaubte, Ihr wolltet ſcherzen.“ „Mit ſolchen Dingen? Oh! dArtagnan!“ „Gott verdamme mich, man ſcherzt auch mit dem Tode.“ „Und man hat Unrecht, dArtagnan, denn der Tod ſi die Pforte, welche zum Heil oder zum Verderben ührt.“ „Einverſtanden! aber laſſen wir die Theologie bei Seite, wenn es Euch beliebt, Aramis. Ihr müßt für den Reſt des Tages genug haben. Ich, meines Theils, habe das wenige Lakeiniſch, was ich nie konnte, völ⸗ lig vergeſſen. Dann muß ich geſtehen, daß ich ſeit dieſem Morgen um zehn Uhr ohne Speiſe und Trant — c geblieben bin und einen ganz teufelmäßigen Hunger * habe.“ „Wir werden ſogleich zu Mittag ſpeiſen, lieber Freund; nur erinnert Euch, daß es heute Freitag iſt, und an einem ſolchen Tage kann ich weder Fleiſch eſſen, noch eſſen ſehen. Wollt Ihr Euch mit meinem Mittags⸗ e„es beſteht aus gekochten Vierecken und b* „Was verſteht Ihr unter Vierecken?“ fragte dAr⸗ tagnan unruhig. „Ich verſtehe darunter Spinat,“ erwiederte Aramis. „Aber für Euch werde ich Eier beifügen laſſen, und das iſi eine ſchwere Verletzung der Vorſchrift, denn die Eier ſind Fleiſch, da ſie das Huhn erzeugen.“ „Dieſes Mahl iſt oben nicht ſehr ſaftig; doch gleich viel, um bei Euch zu bleiben, will ich mich dem unter⸗ ziehen.“ „Ich bin Euch vankbar für dieſes Opfer,“ ſprach Aramis;„aber wenn es Eurem Körper nichts nützt, ſo wird es doch Eurer Stele nützen, das könnt Ihr über⸗ zeugt ſein.“ „Alſo Ihr tretet entſchieden in den geiſtlichen Stand ein, Aramis? Was werden Eure Freunde, was wird Herr von Treville ſagenz ſie werden Euch als Deſerteur behandeln, das gebe ich Euch zum voraus kund.“ „Ich trete ſicht in den geiſtlichen Stand ein, ich trete zu demſelben zurück. Ich hatte die Kirche der Welt zu Liebe verlaſſen, denn Ihr wißt, daß ich mir Gewalt anthun mußte, um die Kaſake des Musketiers zu neh⸗ men.“ „Ich, ich weiß nichts davon.“ „Wie 2 Ihr wißt nicht, wie ich das Seminat laſſen habe?“ eim 2 „Hört meine Geſchichte; übrigens ſagt „ und ging in das Haus zurück. 148 beichtet einander, und ich lege Euch meine Beichte ab, dArtagnan.“ „Und ich gebe Euch zum voraus die Abſolution; Ihr wißt, daß ich ein gr Kerl bin.“ „Scherzt nicht mit heiligen Dingen, mein Freund.“ „So ſprech alſo, ich höre.“ „Ich war im Seminar von meinem neunten Jahre und zählte jetzt einundzwanzig; noch drei Tage und ich wäre Abbé geworden und Alles wäre abgethan geweſen. „Als ich mich eines Abends meiner Gewohnheit ge⸗ mäß in ein Haus begab, das ich oft beſuchte— was wollt Ihr? man iſt jung, man iſt ſchwach— trat ein Offizier, der mich mit eiferſüchtigem Auge das Leben der Heiligen der Gebieterin des Hauſes vorleſen ſah, plötzlich und unangemeldet ein. Gerade an dieſem Abend hatte ich eine Epiſode von Judith überſetzt und ich theilte meine Verſe der Dame mit, welche mir alle mögliche Compli⸗ menie darüber ſagte und ſie, über meine Schulter geneigt, mit mir zum zweiten Male las. Die Stellung, welche — ich kann es nicht läugnen— etwas nachläſſig war, verletzte den Offizier: er ſagte nichts, aber als ich weg⸗ ging, folgte er mir; er holte mich ein und ſprach; „Herr Abbe, liebt Ihr Stockſchläge 20 „Ich kann es nicht ſagen, mein Herr,““ erwie⸗ S ich,„da es Niemand gewagt hat, mir ſolche zu e en.““ „„Nun, ſo hört mich, Herr Abbét wenn Ihr noch einmal in das Haus kommt, wo ich Euch getroffen habe, ſo werde ich es wagen.““ Ich glaube, ich hatte Furcht; ich wurde bleich, ich fühlte, daß die Beine beinahe unter mir brachen, ich ſuchte eine Antwort, fand keine und ſchwieg. „Der Offizier erwartete eine Antwort, und da er ſah, daß ſie ausblieb, ſo lachte er, wandte mir den Rücken 149 Ich begab mich in das Seminar. bin ein guter Edelmann und habe lebhaft Blut, wie Ihr bemerken konntet, mein lieber d'Artagnan. Die Beleidigung war furchtbar, und obgleich die Welt nichts davon erfahren hatte, ſo fühlte ich doch, vaß ſie in der Tiefe meines Herzens tobte. Ich erklärte meinen Oberen, ich wäre nicht hi ichend für die Ordination vorbereitet, und auf meine itte verſchob man die Cere⸗ monie auf ein Jahr. „Dann ſuchte ich den beſten Fechtmeiſter von Paris auf; ich ſchloß einen Vertrag mit ihm ab, dem zu Folge er mir jeden Tag eine Lection in der Fechtkunſt zu geben atte, und jeden Tag nahm ich, ein ganzes Jahr hindurch, dieſe Lection. Am Jahrestag der mir widerfahrenen Be⸗ leidigung hängte ich meine Sutane an einen Nagel, legte ein vollſtändiges Cavaliercoſtume an und ging auf einen Ball, den eine mir befreundete, ame gab, wo ich meinen Mann zu treffen überzeugt ſein konnte. Es war in der Rue de Francs⸗Bourgevis, ganz nahe bei der Force. „Mein Offizier hatte ſich wirklich eingefunden; ich näherte mich ihm, als er zärtlich eine Frau anſchauend, ein Liebeslied ſang, und unterbrach ihn mitten in der zweite⸗ Strophe. „„Mein Herr,“ ſprach ich,„„mißfällt es Euch im⸗ mer noch, wenn ich ein gewiſſes Haus der Rue Payenne immer noch Stockſchläge ge⸗ 1 beſuche, und werdet Ihr mir ben, wenn es mir einfällt, Euch ungehorſam zu ſein?““ „Der Offizier ſah mich erſtaunt an und ſagle: „„Was wollt Ihr von mir, mein Herr? ich kenne Euch nicht.““ Abbé,““ erwiederte ich,„„der Ich bin der kleine vas Leben der Heiligen vor ſetzt.““ Ah, ah, ich erinnere mich,““ ſprach lieſt und Judith in Verſe über⸗ der Offizier, ir200 2 nachläſſig lachend,„„was wollt Ihr von mir?“ * 15⁰ „„Ich wollte, Ihr hättet Muße, einen Spaziergang mit mir zu machen.““ „„Morgen früh, wenn Ihr wollt, und zwar mit dem S größten Vergnügen.““ „„Nein, nicht morgen früh, wenn es Euch beliebt, ſondern ſogleich.““ „„Wenn Ihr es vurchl verlangt „„Ja, ich verlange es.““ „„Dann gehen wir.— Meine Damen,““ ſprach der Offizier,„„läßt Euch nicht ſtören. Ich brauche nur ſo viel Zeit, um dieſen Herrn zu tödten, und werde dann ſo⸗ gleich zurückkommen und meine zweite Strophe vollen⸗ en.““ 1 „Wir entfernten uns.“ „Ich führte ihn in die Rue Payenne, gerade an die Stelle, wo er mir ein Jahr vorher zur ſelben Stunde das erwähnte Compliment gemacht hatte. Es war herr⸗ licher Mondenſchein. Wir nahmen den Degen in die Hand, mit dem erſten Stoße ſtreckte ich ihn maustodt zur tde „Teufel!“ rief d'Artagnan. 2 „Da nun,“ fuhr Aramis fort,„da nun die Damen ihren Sänger nicht zurückkommen ſahen und man ihn in der Rue Payenne mit einem gewaltigen Degenſtiche durch den Leib fand, ſo dachte man, ich hätte ihn auf dieſe Weiſe gebettet, und die Sache erregte Aufſehen. Ich war alſo genöthigt, für einige Zeit auf die Sutane zu verzichten. Athos, deſſen Bekanntſchaft ich um dieſe Zeit machte, und Porthos, der mir außer meinen Lectionen einige Fechterkunſtgriffe beigebracht hatte, beſtimmten mich, um eine Musketierkaſake zu bitten. Der König, der mei⸗ nen Vater, welcher bei der Belagerung von Arras getsd⸗ tet worden war, ſehr lieb gehabt hatte, bewilligte mir dieſe Kaſake. Ihr begreift folglich, daß heute für mich der Augenblick gekommen iſt, in den Schpoß der Kirche zurückzukehren.“ Neugierigen pumpen unſere Thränen aus, wie dies die Fliegen mit dem Blute eines verwundeten Hirſches machen.“ „Ach! mein lieber Aramis,“ ſprach d'Artagnan eben⸗ falls einen Seufzer ausſtoßend.„Was Ihr da ſagt, iſt gerade meine Geſchichte.“ „Wie?“ 2 „Ja, eine Frau, die ich liebte, die ich anbetete, iſt mir mit Gewalt entführt worden. Sie iſt vielleicht ein⸗ gekerkert, vielleicht todt.“ „Aber Ihr habt doch wenigſtens den Troſt, Euch ſagen zu koͤnnen, daß ſie Euch nicht freiwillig verlaſſen hat, daß ihr, wenn Ihr keine Kunde von ihr erhaltet, alle Verbindung mit Euch unterſagt iſt, während. „Während?“ „Nichts,“ erwiederte Aramis,„nichts.“ „Alſo verzichtet Ihr für immer auf die Welt? Das iſt Euer feſter, unwiderruflicher Entſchluß?“ „Für immer. Ihr ſeid heute mein Freund, morgen werdet Ihr für mich nur ein Schatten ſein, oder viel⸗ mehr Ihr werdet gar nicht für mich beſtehen. Was die Welt betrifft, ſie iſt ein Grab und nichts Anderes.“ ſ„Teufel! das iſt ſehr traurig, was Ihr mir da agt.“ „Was wollt Ihr? mein Beruf zieht mich fort, ent⸗ führt mich.“ D'Artagnan lächelte und antwortete nicht, Aramis fuhr fort:. „Und dennoch hätte ich, während ich noch an der Welt halte, gerne mit Euch über Euch, über unſere Freunde geſprochen.“ „Und ich,“ ſagte d'Artagnan,„hätte gerne über Euch ſelbſt geſprochen; aber ich ſehe Euch ſo ſehr vom Allem losgeſchält. Liebe behandelt Ihr mit Pfui, die Freunde ſind Schatten, die Welt iſt ein Grab.“— 4— 153 „Ach, Ihr werdet es an Euch ſelbſt erfahren,“ ſprach Aramis mit einem Seufzer. †„Es ſei alſo nicht mehr die Rede davon unter uns,“ ſagte d'Artagnan,„ und wir wollen dieſen Brief verbren⸗ nen, der Euch ohne Zweifel eine neue Treuloſigkeit von 5 Eurer, Griſette oder von Euerer Kammerjungfer ankün⸗ digte. „Welchen Brief?“ rief Aramis lebhaft. „Einen Brief, der in Euerer Abweſenheit für Euch iſt, und den man mir für Euch übergeben at.“ „Aber von wem iſt dieſer Beief2 „Von irgend einer thränenreichen Zofe, von einer verzweiflungsvollen Griſette, vielleicht von der Kammer⸗ jungfer der Frau von Chevreuſe, welche genöthigt geweſen ſein wird, mit ihrer Gebieterin nach Tours zurückzukehren, und ohne Zweifel, um ſich niedlich zu machen, parfumir⸗ tes Papier genommen und ihren Brief mit einer Herzogs⸗ krone verſiegelt hat.“ „Was ſagt Ihr da⸗ „Ich werde ihn wohl verloren haben,“ ſprach der junge Mann, indem er ſich den Anſchein gab, als ſuchte er denſelben.„Zum Glücke iſt die Welt ein Grab, ſind 1 die Menſchen und folglich die Frauen nur Schatten, iſt 1 die Liebe ein Gefühl, über das Ihr Pfui macht.“ 3„Ah, dArtagnan!“ rief Aramis,„Du bringſt mich um. „Da iſt er endlich,“ ſprach d'Artagnan und zog den 3% Brief aus ſeiner Taſche. Aramis ſprang auf, nahm den Brief und las oder vielmehr verſchlang ihn; ſein Antlitz ſtrahlte. „Die Zofe ſcheint einen hübſchen Styl zu haben,“ ſagte dArtagnan nachläſſig. „Ich danke, dArtagnan!“ rief Arami ßer ſich.„Sie hat ſich genothigt geſehen, zurückzukehren. Sie iſt mir nicht ungetreuz ſie noch. Komm, mein Freund, komm, daß ich Dich umarme, das Glück erſtickt mich!“ n 6 l ſchaffen, gie d'Artagnan dem munter gewordenen Ara⸗ 154 und die zwei Freunde fingen an, um den ehrwürdi⸗ gen Sanct Chryſoſtomus zu tanzen, und ſtampften mit den Füßen auf die Blätter der Theſe, welche auf den Boden gefallen waren. 6. In dieſem Augenblicke trat Bazin mit dem Spinat und dem Eierkuchen ein. „Fliehe, Unglücklicher!“ rief Aramis, und warf ihm ſeine Calotte in das Geſicht.„Kehre dahin zurück, wo Du hergekommen biſt, bringe dieſes furchtbare Gemüſe und die abſcheuliche Beilage weg! Verlange einen geſpick⸗ ten Haſen, einen fetten Kapaun, eine Hammelskeule mit Knoblauch und vier Flaſchen alten Burgunder.“ Bazin, der ſeinen Herrn anſchaute und dieſe Verän⸗ derung durchaus nicht begreifen konnte, ließ ſchwermüthig den Eierkuchen in den Spinat und den Spinat auf den Boden fallen. „Das iſt der Augenblick, Euer Daſein dem König der Könige zu opfern,“ ſprach d'Artagnan,„wenn Ihr ihm eine Artigkeit erzeigen wollt. Non inutile deside- rium in oblatione.“ „Geht zum Teufel mit Eurem Latein! Laßt uns trinken, lieber d'Artagnan, Tod und Teufel! laßt uns trinken und erzählt mir ein wenig, was da unten vorge⸗ fallen iſt.“ Die Frau von Athos. üſſen uns nun noch Kunde von Athos ver⸗ mis, als er ihn von dem, was ſeit ihrer Abreiſe in der „ Pferde, welche die Stallknechte am Zaume halten; es iſt ein fürſtliches Vergnügen, auf ſolchen Pferden zu reiſen.“ e 2„Nun, mein lieber Aramis, Ihr werdet Euch die⸗ ſes Vergnügen machen, denn eines von den drei Pferden gehört Euch.“ de „Ah, ah! und welches?“. „Dasjenige, welches Ihr auswählt. Ich gebe keinem ſa den Vorzug.“ 6 „Und die reiche Decke gehört auch mein?“ „Allerdings.“ u „Ihr ſcherzt, dArtagnan.“ „Ich ſcherze nicht mehr, ſeitdem Ihr wieder franzö⸗„ ſiſch ſprecht.“ „Alſo gehören mir dieſe vergoldeten Holfter, dieſe Sammetſchabracke, dieſer ſilberbeſchlagene Sattel?“. „Euch ſelbſt, wie jenes Pferd, das ſich bäumt, mir, wie jenes andere tänzelnde Athos gehört.“ „Teufel, das ſind drei herrliche Thiere!“ „Es freut mich, daß ſie Eurem Geſchmacke entſpre⸗ chen.“ „Es iſt alſo der Koͤnig, der Euch dieſes Geſchenk gemacht hat?“. „Sicherlich iſt es nicht der Cardinal, aber kümmert Euch nicht darum, woher ſie kommen, und denkt nur da⸗ ran, daß eines derſelben Euch gehört.“ „Ich nehme das, welches der rothe Bediente hält.“ „Vortrefflich.“ „Bei Gott,“ rief Aramis,„das befreit mich von dem Reſte meines Schmerzes. Ich würde es mit dreißig Ku⸗ geln in dem Leibe beſteigen. Ah, bei meiner Seele, die ſchönen Steigbügel! Hollah! Bazin komm hieher; ſo⸗ „Pu einen Degen, ſtülpe meinen Hut auf, bürſte el und lade meine Piſtolen!“ trübe und lahm auf der Schwelle. meinen M „Letzteres iſt unnöthig, „es ſind geladene Piſtolen in Eueren Holftern.“ Bazin ſeufzte. betuhigt Euch. Man gewinnt „Auf, Meiſter Bazin, das himmliſche Reich unter allen Lebenslagen.“ rTheolog,“ „Der gnädige Herr war ein ſo gute ſagte Bazin weinerlich,„er wäre Biſchof oder vielleicht Cardinal geworden.“ „Nun, mein armer Bazin, ſieh und bedenke ein wenig: ich bitte Dich, wozu nützt es, ein Mann der Kirche zu ſein. Man vermeidet es deßhalb nicht, in den Krieg zu ziehen⸗ Du ſiehſt, daß der Cardinal den erſten Feldzug mit der Pik Partiſane in der Fauſt macht, und H la Valette— was ſagſt Du von ihm? er iſt ebenfalls Cardinal. Frage ſeinen Lackei, wie voft er ihm Charpie . gemacht hat.“ „Ach ich weiß es „Alles iſt heutzutage verkehrt in der elt. Während dieſer Zeit waren die zwei jungen Leute und der arme Lackei die Treppe hinabgegangen⸗ „Halte mir den Steigbügel, Bazin,“ ſprach Aramis. lund er ſprang mit ſeiner gewöhnlichen Anmuth und Leichtigkeit in den Sattel; aber nach einigen Vol⸗ ten und Courbetten ves edlen Thieres fühlte ſein Rei⸗ ter ſo unerträgliche Schmerzen, vaß er erbleichte und wankte. D'Artagnan, der ihn in der Vorausſicht dieſes Unfalles nicht aus dem Geſichte verloren hatte, lief hin⸗ zu, faßte ihn in ſeinen Armen auf und führte ihn in ſein „Es iſt gut, ſagte er,„und ich „Ihr ſeid ein eherner „Rein, ich habe Glück, wie wollt Ihr in Erwartung meiner Rü toerde Athos allein aufſuchen.“ Mann,“ erwiederte Aramis. „nierhruch ihn vArtagiun, gnädiger Herr„ ſeufzte Bazin. Zimmer⸗ mein lieber Aramis, pftegt Euch,“ das iſt das Ganze. Aber ctehr lbent Keine Theſe? keine Gloſſe über die Finger und die Seg⸗ nungen mehr, nicht wahr?“ Aramis lächelte. „Ich werde Verſe machen,“ ſprach er. „Ja, nach dem Wohlgeruche des Billets der Kam⸗ merjungfer von Frau von Chevreuſe duftende Verſe. Lehrt Bazin die Proſodie, das wird ihn beruhi⸗ gen. Was Euer Pferd betrifft, ſo reitet es jeden Tag ein wenig, und Ihr gewöhnt Euch dadurch an ſeine Ma⸗ noeuvres.“ „O, was das betrifft, ſeid unbeſorgt,“ ſprach „„Ihr werdet mich bereit finden, Euch zu olgen.“ Sie nahmen Abſchied, und zehn Minuten nachher trabte d'Artagnan in der Richtung von Amiens, nachdem er zuvor ſeinen Freund der Wirthin und Bazin empfohlen hatte. Wie ſollte er Athos wiederfinden und würde er ihn überhaupt finden? D'Artagnan hatte Athos in einer äußerſt kritiſchen Lage zurückgelaſſen und der letztere konnte wohl unter⸗ legen ſein. Dieſer Gedanke verdüſterte die Stirne d'Ar⸗ tagnan's und veranlaßte ihn ganz leiſe Racheſchwüre zu bilden. Von allen ſeinen Freunden war Athos der älteſte und folglich derjenige, welcher ihm in Geſchmack und Sympathien ſcheinbar am wenigſten nahe ſtand. Er hegte jedoch für dieſen Edelmann einen ſichtbaren Vorzug. Das edle ſtolze Ausſehen von Athos, dieſe Blitze vovn Große, welche von Zeit zu Zeit aus den Schatten her⸗ vorſprangen, in denen er ſich freiwillig eingeſchloſſen hielt, dieſe unveränderliche Gleichheit der Laune, die den um⸗ 5 gänglichſten Gefährten der Welt aus ihm machte, dieſe beißende Heiterkeit, dieſer Muth, den man hätte blind nennen können, wenn er nicht das Reſultat der ſeltenſter Kaltblütigkeit geweſen wäre, alle dieſe Eigenſchaften nah⸗ men mehr als Achtung, mehr als Freundſchaft bei N X— * n* 159 wArtagnan, ſie nahmen ſeine volle Bewunderung in Anſpruch. Selbſt Herrn von Treville, dem eleganten und edlen Hofmanne gegenüber konnte Athos in ſeinen Tagen ſcho⸗ ner Laune mit Vortheil eine Vergleichung aushalten, er war von mittlerer Geſtalt, aber dieſe Geſtalt war ſo be⸗ wunderungswürdig gebaut, ſo verhältnißrichtig, daß er bei ſeinen Kämpfen mit Porthos dieſen Rieſen, deſſen Kör⸗ perkraft unter den Musketieren ſprüchwörtlich geworden war, mehr als einmal gebeugt hatte. In ſeinem Kopfe mit den blitzenden Augen, mit der Adlernaſe, mit dem Brutuskinn lag ein Charakter unbeſchreiblicher Größe und Anmuth; ſeine Hände, auf die er keine Sorgfalt verwendete, brachten Aramis zur Verzweiflung, der die ſeinigen mit Hülfe von ſehr viel Mandelteig und wohl⸗ riechendem Oel pflegte; der Ton ſeiner Stimme war zu⸗ gleich durchdringend und melodiös, und dabei war etwas ganz Unerklärliches bei Athos, der ſich immer klein und dunkel machte, dieſe ſcharfe Vertrautheit mit der Welt und den Gebräuchen der guten Geſellſchaft, dieſe Gewohn⸗ heit der Lebensweiſe in gutem Hauſe, welche, ohne daß er es wußte, in ſeinen geringſte Handlungen ſichtbar wurde. Sollte ein Feſtmahl ſtattfinden, ſo vermochte es Niemand in der Welt beſſer zu ordnen, als er, indem er jeden Gaſt an den Platz und nach dem Range ſetzte, worauf er durch ſeine Ahnen oder durch ſich ſelbſt An⸗ ſpruch zu machen hatte. War von heraldiſcher Wiſſen⸗ ſchaft die Rede, ſo kannte Athos alle edlen Familien des Königreichs, ihre Genealogie, ihre Verbindungen, ihre Wappen und den urſprung ihrer Wappen. Die Etikette hatte keine, wenn auch noch ſo kleinliche Rückſichten, die ihm fremd geweſen wären; er war vertraut mit den Rech⸗ Kenntniſſe in dem Jagdweſen und in der Falknerei, und hatte eines Tags, als er über vieſe große ten der großen Grundeigenthümer, er beſaß vollkommene unſ ſprach, den König Ludwig XIII., der doch für einen Meiſter galt, in Erſtaunen geſetzt. Wie alle große Herren dieſer Zeit, war er ein vollendeter Reiter und ein ausgezeichne⸗ ter Fechter. Mehr noch; man hatte ſeine Erziehung, ſogar hin⸗ ſichtlich der ſcholaſtiſchen Studien, welche damals unter Edelleuten ſo ſelten zu finden waren, ſo wenig vernach⸗ läſſigt, daß er oft bei den lateiniſchen Brocken, welche Aramis zum Beſten gab und Porthos verſtehen wollte, ſich eines Lächelns nicht enthalten konnte. Einige Male war es ſogar zum großen Erſtaunen ſeiner Freunde vor⸗ gefallen, daß er, wenn Aramis ſich eines Fehlers in den Rudimenten ſchuldig machte, das Verbum in ſein Tem⸗ pus und das Nomen in ſeinen Caſus ſetzte. Ueberdies war ſeine Redlichkeit unantaſtbar, in einem Jahrhun⸗ dert, wo es die Kriegsmänner mit ihrer Religion und ihrem Gewiſſen, die Liebenden mit dem ſtrengen Zart⸗ gefühle und die Armen mit dem ſiebenten Gebote des Herrn ſo leicht nahmen. Athos war alſo ein ſehr unge⸗ wöhnlicher Mann. Und doch ſah man dieſe ſo ausgezeichnete Natur, dieſes ſo ſchoͤne Geſchöpf, dieſes ſo geſund organiſirte Weſen ſich unmerklich dem materiellen Leben zuwenden, wie ſich die Greiſe den körperlichen und geiſtigen Schwächen zuwenden. In ſeinen Mußeſtunden, und dieſe kamen ſehr häufig vor, erloſch Athos ganz in ſeinem leuchtenden Theile und ſeine glänzende Seite verſchwand in einer tiefen Nacht. Wenn dann der Halbgott unſichtbar wurde, blieb kaum noch ein Menſch übrig. Den Kopf geſenkt, das Auge matt, das Wort ſchwer und peinlich, ſchaute Athos lange Stunden hin⸗ durch ſeine Flaſche, ſein Glas oder Grimaud an, der gewohnt, ihm auf Zeichen zu gehorchen, in dem ſtum⸗ men Blicke ſeines Gebieters ſein geringſtes Verlan⸗ gen las, das er auch ſogleich befriedigte. Fand eine Zuſammenkunft der vier Freunde in einem von dieſen Augenblicken ſtatt, ſo war ein gewaltſam ausgeſtoßenes Wort das einzige Contingent, das Athos zu ihrem Ge⸗ ſpräche lieferte. Dagegen trank Athos ganz allein wie vier, und zwar ohne daß dies durch etwas Anderes, als durch ein ſtärkeres Runzeln der Stirne und durch eine tiefere Traurigkeit ſichtbar wurde. 3 DArtagnan, deſſen forſchenden, durchdringenden Geiſt wir kennen, war bis jetzt noch nicht im Stande geweſen, ſo ſehr ihm auch daran lag, ſeine Neugierde in dieſer Beziehung zu befriedigen, irgend einen Grund für bieſe ſeltſame Erſcheinung aufzufinden und ſich die Ereigniſſe klar zu machen, die verſelben vorhergegangen ſein muß⸗ ten. Nie empſieng Athos Briefe, nie that Athos einen Schritt, der nicht allen ſeinen Freunden bekannt geweſen wäre. Man konnte nicht ſagen, der Wein verſetzte ihn in dieſe Traurigkeit, denn er trank im Gegentheil nur, um dieſe Traurigkeit zu bekämpfen, welche ſich, wie be⸗ merkt, durch dieſes Gegenmittel noch düſterer geſtaltete. Man konnte dieſes Uebermaß von ſchwarzer Laune nicht dem Spiele zuſchreiben, denn im Gegenſatze gegen Por⸗ thos, welcher mit ſeinen Flüchen oder mit ſeinen Liedern alle Wechſelfälle des Spieles begleitete, blieb Athos eben ſo unempfindlich, wenn er gewonnen, als wenn er verloren § hatte. Man hatte geſehen, wie er in Geſellſchaft der Musketiere an einem Abend dreitauſend Piſtolen gewann, dann ſein Pferd, ſeine Waffen, ja ſogar das Wehrgehänge für Gallatage verlor, Alles nn und noch hundert Louisd'or dazu, vhne e ſchönen ſchwarzen Augenbraunen auch nur eine halbe Linie erhöht oder geſenkt hätten, ohne ß ſeine Hände ihre Perlmutterfarbe verloren, ohne vaß ſeine Unterhaltung, welche an dieſem Abend ſehr an⸗ hätte. Eben ſo wenig war es, wie bei unſern Nach⸗ barn, den Engländern, ein atmoſphäriſcher Einfluß, Die drei Muskeiere. U. 4¹ „ 3 genehm war, ruhig und freundlich zu ſein aufgehört was ſein Antlitz verdüſterte, denn dieſe Traurigkeit wurde im Allgemeinen tiefer gegen die ſchönen Tage des Jah⸗ res: Juni und Juli waren die furchtbarſten Monate von Athos. Für die Gegenwart hatte er keinen Kummerz er zuckte die Achſeln, wenn man von der Zukunft mit ihm ſprach. Sein Geheimniß lag alſo in der Vergangenheit, wie man dies auf eine unbeſtimmte Weiſe d'Artagnan geſagt hatte. Dieſe geheimnißvolle, über ſeine ganze Perſon ver⸗ Preitete Färbung machte den Mann noch viel intereſſan⸗ ter, der nie, ſeibſt nicht einmal in dem Zuſtande voll⸗ kommener Trunkenheit, weder mit den Augen noch mit vem Munde etwas verrathen hatte, wie geſchickt auch die Fragen geſtellt geweſen ſein mochten, die man an ihn richtete. „Der arme Athos iſt vjelleicht zu dieſer Stunde todt,“ vachte dArtagnan,„und todt durch meinen Feh⸗ ler, denn ich habe ihn in dieſe Angelegenheit verwickelt, deren Urſprung er nicht kannte, deren Erfolg er nicht kennen lernen wird, und woraus er nicht den geringſten Nutzen ziehen ſoll.“ „Abgeſehen davon, gnädiger Herr,“ erwiederte Plan⸗ chet,„daß wir ihm wahrſcheinlich das Leben zu verdan⸗ ken haben. Ihr erinnert Euch, wie er ſchrie:„Staub aus, dArkagnan, ich bin gefangen!“ Und nachdem er ſeine zwei Piſtolen abgefeuert hatte, was für einen furcht⸗ baren Lärmen machte er mit ſeinem Degen, ätte glauben ſollen, es wären zwanzig Menſchen, oder bielmehr— zwanzig raſende Teufel!“ Dieſe Worte verdoppelten den Eifer d»Artagnan's, der ſein Pferd antrieb, welches, keines Antriebs bedürftig, ſeinen Reiter im ſchnellſten Galopp forttrug. Gegen eilf Uhr Morgens erblickte man Amiens; um halb zwölf Uhr war man vor der Thüre des ſchlimmen Wirthshauſes. DArtagnan hatte vft gegen den teuloſen Wirth 6 „Ah, gnädiger Herr, ſprecht mir nicht 163 auf eine Rache geſonnen, wie ſie den Menſchen durch 8 die Hoffnung tröſtet. Er trat alſo in den Gaſthof, den Hut in vie Augen gedrückt, die linke Hand an dem Griffe ſeines Degens und die Reitpeitſche mit der Ne ſchwin⸗ gend ein⸗ „Erkennt Ihr mich,“ ſprach er zu dem Wirthe, der ihm, um ihn zu begrüßen, entgegentrat⸗ „Ich habe nicht die Ehre, gnävigſter Herr,“ ant⸗ wortete der Wirth, veſſen Auge noch von dem glänzenden Aufzuge d'Artagnan's geblendet war⸗ „Ah, Ihr kennt mich nicht?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Gut. Zwei Worte ſollen Euch das Gröchtriß zurückgeben. Was habt Ihr mit dem Edelmann 8 macht, den Ihr vor vierzehn Tagen der Falſchmünzerei zu bezüchtigen die Frechheit hattet?“ Der Wirth erbleichte, denn wArtagnan hatte ſeine drohendſte Stellung angenommen und Planchet formte ſich nach ſeinem Gebieter. hievon!“ rief der Wirth mit äußerſt kläglicher Stimme.„Ah, gnädiger Herr, wie theuer mußte ich dieſes Verſehen bezahlen. Ah, ich bin ein unglücklicher Mann!“ „Sprecht, was iſt aus dieſem Gdelmann geworden 26 „Hoͤrt mich gnädigſt an, und verfahrt glimpflich. Habt die Gnade, ſetzt Euch.“ Stumm vor Zorn und Aufregung, ſetzte ſich dAr⸗ tagnan drohend wie ein Richter. Planchet lehnte ſich ſtolz an ſeinen Stuhl. „Hört die ganze Geſchichte, gnädiger Herr,“ fuhr der Wirth zitternd fortz„denn jetzt erkenne ich Euch. Ihr ſeid weggeritten, als ich den unſeligen Streit mit dem Evelmann hatte, von dem Ihr ſprecht.“ „Ja, das war ich. Ihr ſeht alſo, daß Ihr keine Gnade zu erwarten habt, wenn Ihr nicht die 9 lle Wahr⸗ heit bekennt.“ 164 „Wollt mich gnädigſt anhoren, und Ihr ſollt Alles erfahren.“ „Ich höre.“ „Ich war von den Behörden in Kenntniß geſetzt worden, es würde ein berühmter Falſchmünzer mit meh⸗ reren von ſeinen Gefährten, die ſich alle als Garden oder Musketiere verkleidet hätten, in meinem Gaſthofe ankom⸗ men. Eure Pferde, Eure Lackeien, Euer Geſichter, gnädigſter Herr, Alles war mir genau bezeichnet wor⸗ den.“ „Weiter, weiter,“ ſprach d'Artagnan, welcher als⸗ bald erkannte, woher ein ſo ſcharfes Signalement gekom⸗ men war. h ergriff alſo auf Befehl der Behörde, die mir eine Verſtärkung von ſechs Mann zuſchickte, diejenigen Maßregeln, die ich für zweckmäßig hielt, um mich der Perſonen der angeblichen Falſchmünzer zu verſichern.“ „Auch noch!“ rief d»Artagnen, dem der Ansdruck Falſchmünzer furchtbar die Ohren erhitzte. „Vergebt mir, gnädiger Herr, daß ich ſolche Dinge ſage, aber ſie dienen gerade zu meiner Rechtfertigung. Die Behoͤrde hatte mir bange gemacht, und Ihr wißt, daß ein Wirth die Behörde ſchonen muß.⸗ „Aber noch einmal, wo iſt dieſer Edelmann? was iſt aus ihm geworden? iſt er todt? lebt er „Geduld, gnädiger Herr, wir kommen ſogleich dar⸗ an. Es geſchah, was Ihr wißt, und Eure ſchleunige Albreiſe ſchien zu dem Verfahren zu berechtigen,“ fügte der Wirth mit einer Schlauheit bei, welche d'Artagnan nicht entging.„Dieſer Edelmann, Euer Freund, verthei⸗ digte ſich wie ein Verzweifelter, Sein Bedienter, der durch ein unvorhergeſehenes Unglück Streit mit den Leu⸗ ten von der Behörde geſucht hatte, welche als Stall⸗ knechte verkleidet waren „Ah, Elender,“ rief dArtagnan,„Ihr waret alſo ei ſe v ( n — 165 einv erſtanden, und ich weiß nicht, warum ich Euch nicht ſogleich Alle umbringe?“ „Ah, nein, gnädiger Herr, wir waren nicht alle ein⸗ verſtanden, wie Ihr ſehen werdet. Euer Herr Freund (vergebt, daß ich ihn nicht bei dem ehrenwerthen Namen nenne, den er ohne Zweifel führt, aber wir wiſſen vieſen Namen nicht), Euer Herr Freund zog ſich, nachdem er zwei Menſchen mit ſeinen zwei Piſtolenſchüſſen kampfun⸗ fähig gemacht hatte, fechtend zurück, indem er ſich mit ſeinem Degen vertheidigte, wobei er einen von meinen Leuten zum Krüppel hieb und mich mit einem Schlage mit der flachen Klinge betäubte.“ „Aber, Henkersknecht, wirſt Du bald zu Ende kom⸗ men?“ rief dArtagnan.„Athos! was geſchah mit Athos?“ „Indem er ſich fechtend zurückzog, wie ich dem gnä⸗ digen Herrn geſagt habe, fand er hinter ſich die Keller⸗ treppe, und da die Thüre offen war, ſo ſprang er hinein. Sabald er ſich im Keller befand, zog er den Schlüſſel ab und verrammelte ſich von innen. Da man überzeugt war, daß man ihn hier wieder finden konnte, ſo ließ man ihn frei.“ „Gerechter Gott! Ihn einzukerkern, gnädiger Herr? Er tikerte ſich jelbſt en, dns ſchwöre ich Guch. Er hatte zuvor ein tüchtiges Stück Arbeit gemacht. Ein Mann lag todt auf dem Platze, zwei andere waren ſchwer verwundet. Der Todte und die zwei Verwundeten wur⸗ den von ihren Kameraden weggebracht und nie habe ich mehr von dem Einen oder von den Andern ſprechen hö⸗ ren. Ich ſelbſt, als ich wieder zum Bewußtſein kam, ſuchte den Herrn Gouverneur auf, dem ich Alles erzählte, was vorgefallen war; ich fragte ihn, was ich mit dem —— „Ja,“ ſprach vArtagnan,„man kümmerte ſich nicht varum, ihn zu todten, man ſuchte ihn nur einzukerkern.“ Gefangenen machen ſollte, aber der Gouverneur ſah aus, als ob er aus den Wolken fiele. Er ſagte mir, er ver⸗ ſtehe gar nicht, was ich da ſpreche, die Befehle, die ich erhalten, ſeien nicht von ihm ausgegangen, und wenn ich ſo unglücklich wäre, mich gegen irgend Jemand zu äußern, er hälte den geringſten Antheil an dieſem heilloſen Streite, ſo würde er mich hängen laſſen. Es ſcheint, ich hatte„ mich getäuſcht, gnädiger Herr, und den Einen für den Andern genommen, und derjenige, welcher verhaftet wer⸗ den ſollte, war gerettet.“ „Aber Athos?“ rief d»Artagnan, deſſen Ungeduld ſich noch durch die Art und Weiſe vervoppelte, wie die Be⸗ hoͤrde die ganze Sache von ſich abgelehnt hatte;„was iſt aus Athos geworden?“ „Da mir daran liegen mußte, eiligſt mein Unrecht gegen den Gefängenen gut zu machen,“ antwortete der Wirth,„ſo lief ich nach dem Keller, um ihn wieder in Freiheit zu ſetzen. Ah, gnäviger Herr, das war kein Menſch mehr, das war ein Teufel. Bei meinem Freiheits⸗ antrage erklärte er, es wäre eine Falle, die man ihm ſtellen wollte, und ehe er herausginge, würde er Bedin⸗ gungen machen. Ich erwiederte ihm ganz demüthig, denn ich verläugnete mir die ſchlimme Lage nicht, in die ich mich dadurch gebracht hatte, daß ich an einen Musketier Seiner Majeſtät Hand legte; ich erwiederte ihm, ich wäre bereit, mich allen ſeinen Bedingungen zu unter⸗ ziehen.“ „Vor Allem„ ſprach er,„verlange ich, daß man mir meinen Bedienten völlig bewaffnet zurückgibt.“ 3 „Man beeilte ſich, dieſem Befehle zu gehorchen, denn Ihr begreift wohl, gnädiger Herr, daß wir bereit waren, Alles zu thun, was Euer Freund verlangte. Herr Gri⸗ maud(ieſer hat ſeinen Namen genannt, obgleich er nicht viel ſpricht), Herr Grimaud wurde alſo, obſchon verwun⸗ det, in den Keller hinabgelaſſen. Sobald er ſich bei ſei⸗ nem Herrn befand, verrammelte dieſer wieder die „ ſich eines lauten Lach 167 unſerer Schenkſiube zu wo it Thüre und befahl uns, in bleiben.“ „Aber wo iſt er denn?“ rief Artaguan,„ Athos?“ Keller, gnädiger Herr „Wie, Unglücklicher? Ihr haltet im Keller feſt? „Gütiger Gott! nein, gnäviger Herr. Wir ihn im Keller feſthalten! Ihr wißt alſo nicht, was er in dem Keller gemacht hat? Achl wenn Ihr ihn herausbringen könntet, ich wäre Euch mein ganzes Leben dankbar, ich würde Euch anbeten, wie meinen Schutzvatron!“ „Alſo iſt er va? ich finde ihn dort?“ „Allerdings, gnädiger Herr. Er beſteht darauf, im cht man ihm durch das Keller zu bleiben. Jeden Tag rei Luftloch Brod am Ende einer Gabel, und Fleiſch, wenn er es verlangt. Aber ſein ſtärkſter Verbrauch beſteht leider— nicht in Brod und Fleiſch. Einmal verſuchte ich es, mit wei von meinen Aufwärtern hinabzuſteigen, doch er ge⸗ rieth in eine furchtbare Wuth. Ich hörte vas Geräuſch ſeiner Piſiolen, die er lud und ſeines Mousquetons, den ſein Bedienter lud. Als wir ſie ſodann fragten, was ſie beabſichtigten, ſo antwortete er: ſie hätten zuſammen no vierzig Schüſſe abzufeuern, und ſie würden ſie cher ab⸗ euern, als daß ſie einem von uns den Eintritt in den Keller geſtatteten. Ich ging ſodann zu dem Gouverneur, gnädiger Herr, um mich zu beklagen. Dieſer aber er⸗ wieverte mir, es wiederführe mir nur, was ich verdiente, und das würde mich wohl lehren, in Zukunft ehrenwerthe Evelleute, welche bei mir einkehrten, nicht mehr zu belei⸗ digen.“ Und ſeit dieſer Je verſetzte dArtagnan, der ens über das erbarmungswürdige Geſſcht des Wirthes nicht enthalten konnte. „Und ſeit dieſer Zeit, gnädiger Herr,“ ſprach dieſer, „führen wir das trautigſte Leben, das man ſich denken 4 ihn ſeit dieſer Zeit „ kann, denn Ihr müßt wiſſen, daß alle meine Vorräthe im Keller aufbewahrt ſind: unſer Wein in Flaſchen und un⸗ ſer Wein im Faſſe, das Bier, das Oel und die Specereien, der Speck und die Würſte. Und da es uns verboten iſt, hinabzuſteigen, ſo ſind wir genothigt, den Reiſenden, die bei uns ankommen, Eſſen und Trinken zu verweigern, ſo daß unſer Gaſthof von Tag zu Tag abnimmt. Verweilt Euer Freund noch eine Woche in unſerm Keller, ſo ſind wir geſchlagene Leute.“ „Und das wäre nicht mehr als Gerechtigkeit, Schuft! Sagt, hat man uns nicht an unſerer Miene angeſehen, daß wir Leute von Stand und keine Falſchmünzer waren?“ Ja, gnädiger Herr, ja, Ihr habt Recht. Aber hoͤrt, hört, wie er wüthet!“ „Ohne Zweifel wird man ihn geſtört haben.“ „Man muß ihn wohl ſtören,“ rief der Wirth.„Es find ſo eben zwei vornehme Engländer bei uns angekom⸗ men.“ „Was weiter?“ „Was weiter! Die Engländer lieben den guten Wein, wie Ihr wißt, und dieſe haben vom beſten verlangt. Meine Frau wird von Eurem Freunde ſich die Erlaubniß erbeten haben, eintreten zu dürfen, um dieſe Herren be⸗ friedigen zu können. Und er hat es wahrſcheinlich wie ge⸗ wöhnlich abgeſchlagen. Ah, gütiger Gottl der Teufelslär⸗ men verdoppelt ſich!“ D'Artagnan hörte wirklich auf der Seite des Kellers ein gewaltiges Getöſe. Er ſtand auf. Der Wirth ſchritt, die Hände ringend vor ihm her, Planchet folgte ihm, den geladenen Mousqueton in der Hand und ſo näherte er ſich dem Orte der Handlung. Die zwei fremden Herren waren in Verzweiflung. Sie hatten einen langen Ritt gemacht, und ſtarben beinahe vor Hunger und Durſt. „ „ 169 „Das iſt eine wahre Tyrannei!“ riefen ſie in ſehr gutem Franzöſiſch, obgleich mit etwas fremdem Accent; „es iſt eine wahre Tyrannei, daß dieſer Hauptnarr die guten Leute nicht will über ihren Wein ſchalteh laſſen, Auf! treten wir die Thüre ein, und wenn er zu wüthend iſt, ſo ſchlagen wir ihn todt.“ „Ganz ſchön, meine Herren,“ ſagte vArtagnan, ſeine Piſtolen aus dem Gürtel ziehend.„Ihr werdet Niemand todtſchlagen, wenn es beliebt.“ „Gut, gut,“ ſprach hinter der Thüre die ruhige Stimme von Athos,„man laſſe ſie nur ein wenig eintre⸗ ten, dieſe Kleinkinderfreſſer, und wir werden ſehen.“ So muthig die beiden engliſchen Herren auch zu ſein ſchienen, ſo ſchauten ſie ſich doch zögernd an; man hätte glauben ſollen, es befände ſich in dem Keller einer von den ausgehungertſten Wehrwölfen, rieſigen Helden der Volksſage, in deren Höhlen Niemand ungeſtraft ein⸗ dringt. Es herrſchte ein Augenblick Stillſchweigen, aber der Zankſüchtigſte von ihnen ſtieg die fünf oder ſechs Stufen hinab, aus denen die Treppe beſtand, und gab der Thüre einen Fußtritt, daß eine Mauer hätte berſten müſſen. „Planchet,“ ſprach HArtagnan, ſeine Piſtolen vüſtend, „ich übernehme den obern, übernimm Du den untern. Ah! meine Herren, Ihr wollt eine Schlacht! Ganz gut, ſie ſoll Euch geliefert werden.“ „Mein Gott,“ rief Athos mit hohler Stimme,„ich höre dArtagnan, wie es mir ſcheint.“ „In der That!“ ſchrie dArtagnan,„ich bin es, mein Freund.“ „Ah, dann iſt es gut,“ ſprach Athos,„wir wollen ſie bearbeiten, dieſe Thürenſtürmer!“ Die Fremden hatten den Degen ergriffen, aber ſie fanden ſich zwiſchen zwei Feuer geſtellt; ſie zögerten noch einen Augenblick, doch der Stolz trug wie das erſte Mal den Sieg davon und ein zweiter Fußtritt machte die Thüre in ihrer ganzen Höhe erkrachen. „Halt' Dich fertig, dArtagnan, halt' Dich fertig!“ brüllie Athos,„halt Dich fertig! ich ſchieße!“ „Meine Herren!“ rief d'Artagnan, den die Ueber⸗ legung nie verließ,„meine Herren, bedenkt wohl! Gevuld, Athos. Ihr fangt einen ſchlimmen Handel an, und wer⸗ det ſicherlich dabei zermalmt. Ich und mein Bedienter, wir feuern dreimal, eben ſo viele Kugeln werden Euch vom Keller aus zugeſchleudert; dann haben wir noch unſere Degen, mit denen mein Freund und ich ziemlich gut zu ſpielen wiſſen, das verſichere ich Euch. Laßt mich Eure und meine Sache abmachen. Sogleich werdet Ihr zu trinken bekommen, darauf gebe ich Euch mein Ehren⸗ wort.“ „Wenn noch etwas übrig iſt,“ knurrte Athos mit ſpöttiſcher Stimme. Der Wirth fühlte, wie ihm der kalte Schweiß über den Rücken lief. „Wie2 wenn noch etwas übrig iſt!“ murmelte er. „Der Teufel! es wird wohl noch etwas übrig ſein,“ erwiederte d'Artagnan.„Seid unbeſorgt, ſie werden zu zwei nicht den ganzen Keller ausgetrunken haben. Meine Herren, ſteckt Eure Degen in die Scheide!“ „Gut, aber ſteckt Ihr ebenfalls Eure Piſtolen in den Gürtel!“ „Gern!“ DArtagnan gab das Beiſpiel, wandte ſich ſodann gegen Planchet um und deutete ihm durch ein Zeichen an, er ſolle ſeinen Mousqueton entladen. Hiedurch überzeugt, ſteckten die Engländer ihre Degen brummelnd in die Scheide. Man erzählte ihnen die Ge⸗ ſchichte der Einkerkerung von Athos, und da ſie gute Edel⸗ leute waren, ſo gaben ſie dem Wirthe Unrecht.„ „Nun, meine Herren,“ ſagte d'Artagnan,„geht in — 17¹ Guer Zimmer hinauf, und ihn zehn Minuten, dafür ſtehe ich Euch, bringt man Euch, was Ihr wünſchen moget.“. Die Engländer grüßten und entfernten ſich. „Da ich jetzt allein bin, mein lieber Athos,“ ſagte vArtagnan,„ſo offnet mir die Thüre, ich bitte Euch „Sogleich,“ erwiederte Athos. Dann vernahm man ein Geräuſche von unter ein⸗ ander geworfenen Reißbündeln und knarrenden Balken. Dieß waren die Contreescarpen und Baſteien von Athos, welche der Belagerte ſelbſt zerſtörte. Nach einem Augen⸗ blicke wankte die Thüre und man ſah den bleichen Kopf von Athos erſcheinen, der mit raſchem Blicke die Gegend unterſuchte. DArtagnan warf ſich ihm an den Hals und um⸗ armte ihn zärtlich; dann wollte er ihn aus ſeinem feuch⸗ ten Aufenthalte herausziehen. Nun aber bemerkte er erſt, vaß ſein Freund wankte. „Ihr ſeid verwunvet,“ ſprach er. „Ich nicht im Mindeſten, ich bin ſchwer betrunken, das iſt das Ganze. Und um vieß zu bewerkſtelligen, iſt nie ein Menſch in der Welt beſſer verfahren. Bei Gott! Herr Wirth, ich habe für meinen Theil wenigſtens Hun⸗ dert und fünfzig Flaſchen getrunken.“ „Barmherzigkeit!“ rief der Wirth,„wenn der Diener nur halb ſo viel getrunken hat, als der Herr, ſo bin ich zu Grund gerichtet.“ „Grimaud iſt ein Lackei von gutem Hauſe, der ſich nicht erlaubt haben würde, auf dieſelbe Weiſe ſein Täg⸗ liches zu ſich zu nehmen, wie ich. Er trank nur aus dem Faſſe. Halt! ich glaube er hat vergeſſen den Zapfen wie⸗ der hineinzuſtecken. Hört Ihr, das läuft!“ D'Artagnan brach in ein ſchallendes Gelächter aus, das den Schauder des Wirthes in ein hitziges Fieber ver⸗ wandelte, In demſelben Augenblick erſchien auch Grimaud hinter ſeinem Herrn, den Mousqueton auf der Schulter, den Kopf wackelnd, wie trunkene Sathrn auf den Gemäl⸗ den von Rubens. Er war hinten und vorne mit einer fetten Flüſſigkeit benetzt, in der der Wirth ſein beſtes Olivenöl erkannte. Der Zug ging durch den großen Saal und verfügte ſich in das ſchönſte Zimmer des Gaſthofes, welches aus eigener Machtvollkommenheit in Beſchlag nahm. Während dieſer Zeit ſtürzten der Wirth und ſeine Frau in den Keller, der für ſie ſo lange verſchloſſen geweſen war, hier aber harrte ihrer ein furchtbares Schauſpiel. Jenſeits der Feſtungswerke, die aus Reißbüſcheln, Brettern, Balken und leeren Fäſſern beſtanden, welche Athos nach allen Regeln der Strategie aufgehäuft, nun aber Breſche gemacht hatte, um herausgehen zu können, ſah man in Teichen von Oel und Wein die Gebeine von allen verſpeiſten Schinken ſchwimmen, während eine Maſſe zerbrochener Flaſchen den linken Winkel des Kellers füllte, und ein Faß, deſſen Hahn offen geblieben war, durch dieſe Deffnung die letzten Tropfen ſeines Blutes vergoß. Das Bild der Verwüſtung und des Todes herrſchte hier, nach Worten eines alten Dichters, wie auf einem Schlacht⸗ felde. Von fünfzig an den Balken aufgehängten Würſten waren kaum noch zehn übrig. Das Jammergeſchrei des Wirthes und der Wirthin durchdrang nun das Kellergewölbe und ſelbſt d'Artagnan ward von ihrem lauten Weheklagen bewegt. Athos wandte nicht einmal den Kopf um. Auf den Schmerz folgte die Wuth. Der Wirth bewaffnete ſich mit einem Bratſpieß und rannte in ſeiner Verzweiflung in das Zimmer, in das ſich die zwei Freunde zurückgezogen hatten. „Wein!“ ſprach Athos, als er den Wirth erblicte. †„Wein!“ rief der Wirth voll Verwunderung.„Wein Ihr habt mir für mehr als hundert Piſtolen getrunken, ich bin ein geſchlagener, verlorener, zu Grunde gerichte Mann!“ 88 *„Bah!“ ſagte Athos,„unſer Durſt iſt immer gleich geblieben.“ „Wenn Ihr Euch noch mit dem Trinken begnügt hättet, aber Ihr habt alle Flaſchen zerbrochen.“ „Ei, warum mußtet Ihr mich auf einen Haufen treiben, der herunterrumpelte. Das iſt Euer Fehler.“ „All mein Oel iſt zu Grunde gegangen.“ „Das Oel iſt ein vortrefflicher Balſam für die Wunden, und der arme Grimaud mußte doch die, welche Ihr ihm beigebracht habt, ein wenig einſchmieren.“ „Alle meine Würſte ſind aufgegeſſen.“ „Es gibt eine ungeheure Menge Ratten in dieſem Keller.“ 6„Ihr werdet mir Alles bezahlen,“ rief der Wirth verzweiflungsvoll. „Dreifacher Schurke,“ ſagte Athos aufſtehend, aber er ſiel ſogleich wieder zurück und gab dadurch einen Maßſtab von ſeinen Kräften. D'Artagnan kam ihm, die Reitpeitſche ſchwingend, zu Hülfe. Der Wirth wich einen Schritt zurück und machte ſich durch einen Thränenſtrom Luft. 3 Das wird Euch die Gäſte, welche Euch Gott ſchickt, auf eine hoflichere Weiſe behandeln lehren,“ ſprach d'Artagnan. 2 „Gott ſchickt? ſagt der Teufel.“ „Mein lieber Freund, erwiederte d'Artagn an,„wenn Ihr unſere Ohren noch länger peinigt, ſo ſchließen wir uns alle vier in den Keller ein, und wir werden dann ob der Schaden wirklich ſo groß iſt, als Ihr agt.“ † 174 „Ja, ja,“ ſprach der Wirth,„ich geſtehe, ich habe . Unrecht, aber Gnade und Barmherzigkeit für jede Sünde. di Ihr ſeid vornehme Herren und ich bin ein armer Wirth: Ihr werdet Mitleid mit mir haben.“ Ah! wenn Du ſo ſprichſt,“ ſagte Athos,„ſo zer⸗ reißt Du mir das Herz, und die Thränen entſtrömen p h meinen Augen, wie der Wein Deinen Fäſſern entſtrömte. Man iſt kein ſo eingefleiſchter Teufel, wie man ausſieht. h Komm her, ſchwatzen wir miteinander.“ Der Wirth trat unruhig näher. e „Komm her, ſage ich Dir, und fürchte Dich nicht,“ fuhr Athos fort.„In dem Augenblick, wo ich Dich be⸗. wollte, hatte ich meine Börſe auf den Tiſch ge⸗— „Ja, Hnädiger Herr.“ „Dieſe Börſe enthielt ſechszig Piſtolen; wo iſt ſie?“ „In der Gerichtskanzlei deponirt; man ſagte, es wäre falſche Münze.“ „Gut! laſſe Dir meine Börſe zurückgeben und be⸗ 7 halte die ſechszig Piſtolen.“ 5 „Aber, der gnädige Herr weiß doch, daß die Ge⸗„ richtskanzlei nichts mehr zurückgibt, was ſie einmal in ihrer Kaſſe hat; wenn es falſche Münze wäre, dann dürfte man noch hoffen, aber leider ſind es gute Gold⸗ ſtücke.“ „Mache das mit der Kanzlei ab, mein braver Mannz darum kümmre ich mich um ſo weniger, als mir kein Livre mehr übrig bleibt.“ „Hört,“ ſagte dArtagnan,„wo iſt das alte Pferd von Athos?“ „Im Stalle.“ „Wie viel iſt es werth?“ „Höchſtens fünfzig Piſtolen.“ „Es iſt achtzig werth, nimm es und Alles iſt ab⸗ ethan.“ 13„Wie Du verkauſſt mein Pferd?“ ſprach Athos, 175 „Du verkaufſt meinen Bajazet? und auf was ſoll ich den Feldzug machen? auf Grimaud?“ .„Ich bringe Dir ein anderes,“ ſagte d'Artagnan. „Ein herrliches!“ rief der Wirth. „Wenn ein ſchoͤneres und jüngeres für mich vor⸗ p handen iſt, ſo nimm das alte, und— zu. trinken!“ „Von welchem?“ fragte der Wirth wieder er⸗ heitert. „Von dem, welcher hinten bei den Latten liegt; es ſind noch fünfundzwanzig Flaſchen davon übrig; die andern wurden insgeſammt bei meinem Sturze zer⸗ brochen. Raſch hinab!“ „Das iſt ein wahrer Teufelskerl von einem Men⸗ „ ſchen,“ ſagte der Wirth bei Seite,„bleibt er nur vier⸗ „ zehn Tage hier und bezahlt Alles, was er trinkt, ſo bin ich wieder geborgen.“ „Und vergiß nicht,“ fuhr d'Artagnan fort,„vier Flaſchen von demſelben zu den engliſchen Herren hinauf zu tragen.“ „Run, mein Freund,“ ſprach Athos,„während er ven Wein holt, erzähle mir, was aus den Anderen ge⸗ orden iſt; laß horen.“ ₰ zwiſchen zwei Theologen gefunden hatte. Als er ſeine Erzählung endigte, erſchien der Wirth mit den verlang⸗ en Flaſchen und mit einem Schinken, der zu ſeinem Glücke außerhalb des Kellers geblieben war. „Das iſt gut,“ ſagte Athos ſein Glas und das von vArtagnan füllend,„ſo viel von Porthos und Aramis; aber Ihr, mein Freund, was habt Ihr und was iſt Euch perſönlich begegnet? Ihr ſeht ſo trübſelig aus.“ n„Ach! ich bin wahrlich der unglücklichſte von uns Allen.“ „Du! unglücklich, wArtagnan?“ ſprach Athos. D'Artagnan theilte ihm mit, wie er Porthos mit„ einer Quetſchung im Bette, und Aramis an einem Tiſche S en 6 worden wäre.“ 176 hören, ſprich, auf welche Art biſt Du unglück⸗ lich? „Später,“ ſagte d»Artagnan. „Später, und warum ſpäter? weil Du glaubſt, ich ſ ſei betrunken, dArtagnan? Merkt Dir wohl, ich habe nie klarere Ideen, als wenn ich im Weine ſchwimme.„ Sprich alſo, ich bin ganz Ohr.“ D'Artagnan erzählte ſein Abenteuer mit Madame Bonacieur. Athos hörte ihm zu, ohne eine Miene zu verändern; als er vullendet hatte, rief der Musketier: „Erbärmli chkeiten, lauter Erbärmlichkeiten!“ „Erbärmlichkeiten! das iſt immer Euer Wort,“ ſprach dArtagnan;„das ſteht Euch ſehr ſchlecht, Euch, der Ihr nie geliebt habt.“ Das todte Auge von Athos flammte plötzlich, aber es war nur ein Blitz; es wurde wieder matt, wie vorher. „Das iſt wahr,“ ſagte er ruhig,„ich habe nie ge⸗ ebt.“ „Ihr ſeht alſo wohl, Marmorſeele,“ ſprach dAr⸗ tagnan,„daß Ihr Unrecht habt, gegen uns, die wir ein zärtliches Herz beſitzen, hart zu ſein.“ „Zärtliches Herz, durchlöchertes Herz.“ „Was ſagt Ihr da?“ „Ich ſage, daß die Liebe eine Lotterie, wo iſt der⸗ jenige, welcher gewinnt, den Tod gewinnt. Glaubt mir, mein lieber d'Artagnan, Ihr ſeid ſehr glücklich, daß Ihr verloren habt. Wenn ich Euch rathen ſoll, ſo verliert immer.“ „Sie hatte das Anſehen, als liebte ſie nich ſo ſehr. „Sie hatte das „Oh! ſie liebte mich.“ „Kind! es gibt keinen Menſchen, der nicht geglaubt hätte, ſein Liebchen liebte ihn, und der nicht uner ℳ 177 „Euch ausgenommen, Athos, der Ihr nie geliebt a t.“ 5„Das iſt wahr,“ ſprach Athos nach kurzem Still⸗ ſchweigen,„ich habe nie geliebt. Laß' uns trinken.“ „Aber unterſtützt mich belehrt mich, Ihr, der Ihr* „ ein Philoſoph ſeid,“ ſprach dArtagnan,„ich bedarf der Weisheit und des Troſtes.“ „Des Troſtes, worüber?“ „Ueber mein Unglück.“ „Euer Unglück macht mich lachen,“ ſagte Athos die Achſeln zuckend,„ich mochte wohl wiſſen, was Ihr ſagtet, wenn ich Euch eine Liebesgeſchichte erzählen würde.“ „Die Euch begegnet iſt?“ „Oder einem von meinen Freunden, was iſt daran gelegen.“ „Sprecht, Athos, ſprecht.“ „Wir wollen trinken, das wird beſſer ſein.“ „Trinkt und erzählt.“ „Wirklich, das läßt ſich machen,“ ſagte Athos, ſein Glas leerend und wieder füllend;„dieſe zwei Dinge gehen vortrefflich zuſammen.“ Athos ſammelte ſich, aber je mehr er ſich ſammelte, deſto bleicher ſah ihn dArtagnan werden; er hatte die Periode der Trunkenheit erreicht, wo gewohnliche Trinker fallen und einſchlafen. Ihr wollt es durchaus haben?“ fragte er. „Ich bitte Euch darum,“ ſagte d'Artagnan. „Fuerem Wunſche ſoll willfahrt werden. Einer Lon meinen Freunden, hört Ihr wohl? nicht ich,“ ſprach Athos ſich mit einem vüſteren Lächeln unterbrechend;„einer von den Grafen meiner Provinz, das heißt ein Dandolo oder ein Montmorench, verliebte ſich in ſei⸗ nem fünfundzwanzigſten Jahre in ein ſechszehnjähriges Mädchen, das ſo ſchoͤn war wie eine Liebesgöttin. Dur die Raivetät ihres Alters leuchtete ein glühender Geiſt, Die drei Musketiere. n. kein Frauengeiſt, ſondern ein Dichtergeiſt; ſie gefiel nicht, ſie berauſchte; ſie lebte in einem kleinen Dorfe bei ihrem Bruder, der Pfarrer war. Beide waren im Lande ange⸗ kommen, ohne daß man wußte, woher; aber wenn man ſah, wie ſchoͤn ſie, wie fromm ihr Bruder war, ſo dachte man nicht daran, ſie zu fragen, woher ſie kämen. Ueber⸗„ dieß behauptete man, ſie wären von guter Herkunft. Mein Freund, welcher der Gebieter dieſer Ländereien war, hätte ſie nach ſeinem Belieben verführen oder mit Gewalt wegnehmen können, denn er war der Herr; wer wäre zwei Fremden, zwei Unbekannten zu Hülfe gekommen? Zu ſeinem Unglücke war er ein ehrlicher Mann und heirathete ſie. Der Narr, der Dummkopf, der Tropf!“ „Aber warum dieß, da er ſie liebte?“ fragte d'Ar⸗ agnan. „Nur Geduld,“ erwiederte Athos.„Er führte ſie in ſein Schloß und machte ſie zur erſten Dame der Provinz; und man muß ihr hierin Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, ſie wußte ihren Rang vortrefflich zu be⸗ haupten.“ „Nun?“ fragte d'Artagnan. 3„Nun! eines Tags, als ſie mit ihm auf der Jagd war,“ fuhr Athos mit gedämpfter Stimme und ſehr ſchnell ſprechend fort,„fiel ſie vom Pferde und wurde ohnmäch⸗ tig; der Graf eilte ihr zu Hülfe und da ſie in ihren Kleidern beinahe erſtickte, ſo ſchlitzte er dieſe mit ſeine Dolche und entblößte ihre Schulter. Errathet, was auf ihrer Schulter hatte, d'Artagnan?“ 2 „Kann ich es wiſſen?“ „Eine Lilie,“ ſprach Athos.„Sie war gebrand⸗ markt.“ und Athos leerte mit einem Zuge das Glas aus, vas er in der Hand hatte. „Gräßlich!“ rief d'Artagnan,„was erzählt Ihr mir „Die Wahrheit, mein Lieber. Der Engel war ein Teufel. Das arme Mädchen hatte geſtohlen.“ „Und was that der Graf?“ i ʒ er hatte auf ſeinen „Der Graf war ein hoher Herr; ze niedere Gerichtsbarkeit; er zerriß 5 die Rleider der Gräfin vollends, band ihr die Hände auf den Rücken und knüpfte ſie an einem Baume auf.“ „Himmel! Athos, ein Mord!“ rief dArtagnan: ein Mord, nicht mehr,“ ſprach Athos bleich wie an Wein.“ „Ja, der Tod.„Aber es ſcheint, es fehlt uns Und er ergriff die letzte Flaſche, welche noch übrig war, am Halſe, ſette ſie an den Mund und leerte ſie au einen Zug, als wäre es ein gewohnliches Glas geweſen. Dann ließ er den Kopf zwiſchen ſeine beiden Hände ſinken, wArtagnan aber blieb ſtumm vor Schrecken. „Das heilte mich von allen Frauen, von den ſchö⸗ nen, von den poetiſchen und von den verliebten,“ ſprach Aihos ſich wieder erhebend und ohne daran zu denken, die Fabel von dem Grafen fortzuſetzen.„Gott gewähre Euch cben ſo viel! Trinken wir!“ alſo todt?“ ſtammelte HArtagnan. „Sie iſt 5 „Beim Teufel!“ erwiederte Athos.„Doch reicht mi Euer Glas. Schinken, Schuft!“ rief er.„Wir kön nicht mehr trinken!“ „Aber ihr Bruder?“ fügte dArtagnan ſchüchtern bei. „Ihr Bruder?“ verſetzte Athos. „Ja der Prieſter.“ Ich ſchickte nach ihm, um ihn ebenfalls aufhängen b war mir zuvorgekommen und hatte ſei⸗ am Abend zuvor verlaſſen.“ Wußte man, wer ver Elende war? ebhaber und der Mitſchuldige „Er war der erſte Li der Schoͤnen, ein würdiger Mann, der ſich den Anſchein gab, als wäre er Pfarrer, um ſie zu vecheirathen und ihr eine Zukunft zu ſichern; er wird hoffentlich geviertheilt worden ſein.“ . — — kückkehr „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief d»Artagnan ganz betäubt von dieſer furchtbaren Begebenheit. „Eßt doch von dieſem Schinken, d'Artagnan, er iſt vortrefflich,“ ſagte Athos und legte eine Schnitte auf den Teller des jungen Mannes.„Wie Schade, daß nicht we⸗ nigſtens nur vier wie dieſer in dem Keller geweſen ſind.. Ich hätte fünfzig Flaſchen mehr getrunken.“ 6 D'Artagnan vermochte dieſes Geſpräch nicht länger zu ertragen, denn es hätte ihn toll gemacht; er ließ den Kopf auf ſeine Hände ſinken und ſtellte ſich, als ent⸗ ſchliefe er. „Die jungen Leute können nicht mehr trinken,“ ſprach Athos und ſchaute ihn mitleidig an,„und doch iſt dieſer noch einer von den beſten! DArtagnan blieb ganz betäubt bu Mittheilung von Athos. Es erſchienen ihm Dinge dunkel in dieſer halben Offenbarung. m war ſie von einem völlig betrunkenen Menſchen einem hulb Be⸗ trunkenen gemacht worden. Aber trotz der Schwankung, welche in dem Gehirn durch den Dunſt von zwei oder drei Flaſchen Burgunder entſteht, war dArtagnan, als et am andern Morgen erwachte, jedes Wort noch ſo gegenwärtig⸗ als ob die Sylben, wie ſie von dem Munde des Einen fielen, in den Geiſt des Andern gedruckt worden wären. Der Zweifel, der ſich in ihm regte, erzeugte ein noc 18¹ afteres Verlangen, begab ſich zu ſei das Geſpräch zuknüpfen, aber er fa urückgekehrt, das heißt, Menſchen. Der nachdem er ein Lächeln ausgetauſ ſeinen Gedanken ſelbſt entgegen. „Ich war geſtern ſehr tagnan,“ rief er,„ich meiner immer noch etwas nem aufgere Pulſe. viel lebh und er Abſicht, Musketier, mit ihm fühlte gten ausſchweifende Dinge p Während er dieſe Freund ſo feſt an, gerieth. Nicht doch,“ erwiederte ich mich recht erinnere, liches geſprochen.“ Ihr h Euch eine hoͤchſt klägliche Ge und dabei ſah er ven jungen in der Tiefe ſeiner Seele leſen Meiner ſprach reu', mehr betrunken . nicht mehr erinnern kann.“ Athos ließ ſich nicht m und er verſetzte: „Es kann Worte ſetzt mich in mal weingrün ſelige Geſchichten 3 Amme in das Hirn gep u erzä Gewißheit zu nem Freunde in vom vorigen nd Athos bereits den feinſten, cht hatte, betrunken, ſchweren Zunge ch wette reisgegeben ſprach daß dieſer dadur ſo habt h ſ Mann ch nicht ent flanzt bekommen, der feſten Abend wieder an⸗ ganz zu ſich ſelbſt undurchdringlichſten einen Händedruck und kam indeſſen mein lieber dAr⸗ eute Morgen an und an mei⸗ ich tauſenderlei dies h „daß habe.“ aute er ſeinen ch in Verlegenheit d wenn „un dArtagnan, Außerordent⸗ r nichts Erſtaunen. ichte erzählt 3 an, als Ich glaubte ch u haben, wollte er dArtagnan als Ihr, da ſen Worten abbezahlen, „es ſcheint, ich mich gar it die gangen ſein, mein lieber Trunkenheit ne Att von der Andere eine traurige⸗ ich ein⸗ Eurer Bekanntſchaft war,“ fuhr d'Artagnan, ſeinen ein Hauptfehler, ich geſtehe es zu; aber abgeſehen davon bin ich ein guter Trinker.“ Athos ſagte dieß auf eine ſo natürliche Weiſe, daß d'Artagnan in ſeiner Ueberzeugung erſchüttert wurde. „O! das iſt es, in der That,“ ſprach der junge Mann, der hinter die Wahrheit zu kommen ſuchte. „Dergleichen iſt es. Ich erinnere mich, wie man ſich eines Traumes erinnert, daß wir von Gehenkten ge⸗ ſprochen haben.“ „Ah, Ihr ſeht wohl,“ ſagte Athos erbleichend, während er zu lächeln ſuchte,„ich wußte es, die Ge⸗ henkten ſind mein Alp.“ „Ja, ja,“ entgegnete d'Artagnan,„das Gedächtniß kehrt wieder bei mir ein: es war die Rede wartet nur„ es war die Rede von einer Frau.“ „Seht,“ erwiederte Athos, beinahe bleifarbig ge⸗ worden,„das iſt meine große Geſchichte von der blonden Frau. Wenn ich dieſe erzähle, bin ich bis zur Bewußt⸗ loſigkeit betrunken.“ „Ja, das iſt es,“ ſagte dArtagnan,„die Geſchichte von der blonden Frau, groß und ſchoͤn, mit blauen Augen.“ „Ja, und gehenkt.“ „Durch ihren Gatten, der ein hoher Herr von — Freund feſt anſchauend, fort. „Seht Ihr, wie man einen Menſchen gefährden 3 konnte, wenn man nicht mehr weiß, was man ſagt,“ 3 fuhr Athos fort und zuckte die Achſeln, als ob er ſich ſelbſt bemitleidete.„Gewiß, ich will mich nicht mehr betrinken, dArtagnan, es iſt eine gar zu ſchlechte Ge⸗ wohnheit. „Bald hätte ich vergeſſen,“ ſagte Athos,„ich danke für das Pferd, das Ihr mir gebracht habt.“ Euch „Iſt es nach Eurem Geſchmack?“. „Ja, aber es iſt kein Pferd für Strapatzen.“ N 183 „Ihr täuſcht Euch. Ich habe zehn Meilen in weniger als anderthalb Stunden mit ihm gemacht, und es ſchien nicht mehr ermüdet, als wenn es einmal auf der Place Saint Sulpice im Kreiſe umher geritten wor⸗ den wäre*).“ „Ei, ei, das iſt ſehr ärgerlich.“ „Aergerlich?“ „Ja, ich habe mich deſſelben entäußert.“ „Wie dies“ „Hört: als ich dieſen Morgen um ſechs Uhr er⸗ wachte, ſchlieft Ihr wie ein Dachs, und ich wußte nicht, was ich machen ſollte. Ich war noch ganz ver⸗ dumpft von unſerer geſtrigen Schwelgerei. Ich ging hinab in den großen Saal und ſah einen von unſern Engländern, der mit einem Roßtäuſcher um ein Pferd handelte. Das ſeinige war am Zerſpringen eines Blut⸗ gefäßes geſtorben. Ich nähere mich ihm und ſage, als ich gewahr wurde, daß er hundert Piſtolen für einen Schweißfuchs bot:„Bei Gott, mein edler Herr, ich habe auch ein Pferd zu verkaufen.““ „„Und zwar ein ſehr ſchönes„u ſprach er.„„Ich habe es geſtern geſehen. Der Knecht Eures Freundes führte es an der Hand.“ „Glaubt Ihr, es ſei hundert Piſtolen werth?““ Ja. Wollt Ihr es mir um vieſen Preis geben?““ „Nein, aber ich ſpiele mit Euch darum.““ S „Wie 2 „„Mit Würfeln 2 4 „Geſagt, gethan, und ich habe das Pferd verloren. Doch hört wohl,“ fuhr Athos fort,„die Decke habe ich wieder gewonnen.“ DArtagnan machte eine ziemlich verdrießliche Miene. *) Der Leſer wolle nicht vergeſſen, daß in dieſem Buche immer von franzöſiſchen Meilen, Lieues, die Rede iſt. De veberſ. „ 184 „Das iſt Euch unangenehm?“ ſprach Athos. „Allerdings, ich muß es Euch geſtehen,“ erwie⸗ derte d'Artagnan.„Dieſes Pferd ſollte dazu dienen, uns an einem Schlachttage kenntlich zu machen; es war ein Pfand, ein Andenken. Athos, Ihr habt Un⸗ recht gehabt.“ „Ei, mein lieber Freund, verſetzt Euch an meine Stelle,“ entgegnete der Musketier,„ich langweilte mich zum Sterben, und dann auf Ehre, ich liebe die eng⸗ liſchen Pferde nicht. Hoͤrt, wenn es ſich nur darum handelt, von irgend Jemand erkannt zu werden, gut, ſo wird der Sattel genügen. Er iſt auffallend genug. Was das Pferd betrifft, ſo werden wir irgend eine Entſchuldigung finden, um ſein Verſchwinden zu be⸗ gründen. Was Teufels! ein Pferd iſt ſterblich. Ge⸗ ſetzt, das meine hätte den Wurm oder den Rotz be⸗ kommen!“ D'Artagnan's Antlitz erheiterte ſich nicht. „Es iſt mir verdrießlich,“ fuhr Athos fort,„daß Ihr ſo viel auf dieſe Thiere zu halten ſcheint, denn ich bin mit meiner Geſchichte noch nicht zu Ende.“ „Was habt Ihr weiter noch gemacht?“ „Nachdem ich mein Pferd verloren hatte, neun gegen zehn(ſeht, was für ein Wurf!) kam mir der Gedanke, um das Eurige zu ſpielen.“ „Nein, ich brachte ihn ſogleich in Ausführung.“ „Ah, den Henker!“ rief dArtagnan unruhig. „Ich ſpielte und verlor.“ „Mein Pferd?“ „Euer Pferd, ſieben gegen achtz um ein Auge. Ihr kennt das Sprüchwort?“ „Athos, ich ſchwöre, Ihr ſeid nicht bei Vernunft.“ „Mein Lieber, das hättet Ihr mir geſtern ſagen ſollen, als ich Euch die tollen Geſchichten erzählte, und * „Ja, aber es blieb doch hoffentlich bei dem Ge⸗ danken?“ 185 nicht heute. Ich verlor es alſo ſammt Sattel und Zeug.“— „Aber das iſt abſcheulich!“ „Nur Geduld, Ihr habt nicht Recht. Ich wäre ein vortrefflicher Spieler, wenn ich nicht hartnäckig würde, aber das iſt der Fall, wie beim Trinken. Ich wurde alſo hartnäckig.“ „Aber um was konntet Ihr denn ſpielen? Es blieb Euch ja nichts mehr übrig.“ „Allerdings, mein Freund, es blieb Euch noch der Diamant übrig, der an Eurem Finger glänzt und den ich geſtern bemerkt hatte.“ „Dieſer Diamant!“ rief d'Artagnan, und fuhr mit der Hand an ſeinen Ring. „Und da ich Kenner bin, inſoferne ich einige für n Rechnung beſeſſen hatte, ſchätzte ich ihn auf tauſend Piſtolen.“ „Ich hoffe,“ ſprach d'Artagnan halbtodt vor Schrecken, „Ihr erwähntet meines Diamants nicht?“ „Im Gegentheil, lieber Freund, Ihr begreift doch, daß dieſer Diamant unſer einziges Rettungsmittel war. Mit ihm konnte ich unſer Reutzeug⸗ unſere Pferde, und ſogar Geld für die Reiſe wieder gewinnen.“ „Athos, Ihr macht mich zittern!“ rief d'Artagnan. „Ich ſprach alſo von Eurem Diamant mit meinem Gegenſpieler, der ihn ebenfalls wahrgenommen hatte. Was Teufel, mein Lieber, Ihr tragt an Eurem Finger einen Stern des Himmels und wollt, man ſoll nicht darauf auf⸗ merkſam werden? Unmöglich.“ „Vollendet, mein Lieber, vollendet!“ ſprach d'Artag⸗ nan,„denn auf Ehre, Ihr bringt mich um mit Eurer Kaliblütigkeit.“ „Wir theilten alſo dieſen Diamant in zehn Theile von je hundert Piſtolen“ „Ah, Ihr wollt ſcherzen und mich auf die Probe ſtellen,“ ſagte d'Artagnan, den der Zorn an den n 186 zu faſſen anfing, wie Minerva den Achill in der Jlias faßt. 3 „Nein, ich ſcherze nicht, Mord und Teufel! Ich hätte Euch wohl ſehen mögen! Vierzehn Tage lang hatte ich kein menſchliches Antlitz zu Geſicht bekommen, und war durch dieſes ewige Umarmen der Weinflaſchen rauh⸗ borſtig geworden.“. „Das iſt kein Grund, um meinen Ring auf das Spiel zu ſetzen,“ entgegnete d'Artagnan, die Hand krampfhaft zuſammenpreſſend. „Hört alſo das Ende. Zehn Theile zu hundert Pi⸗ ſtelen, ohne Revanche. Auf dreizehn Würfe verlor ich Alles. Auf dreizehn Würfe! Dreizehn iſt immer eine eſeh für mich geweſen; es geſchah am 13. Juli, daß „Tod und Teufel!“ rief d'Artagnan aufſpringend; die Geſchichte dieſes Tages ließ ihn die des vorhergehenden vergeſſen. „Geduld,“ ſprach Athos,„ich hatte einen Plan. Der Engländer war ein Original. Ich ſah ihn am Morgen mit Grimaud plaudern, und dieſer meldete mir, er habe ihm den Antrag gemacht, er möge in ſeine Dienſte tre⸗ ten. Ich ſpiele mit ihm um Grimaud, den ſtillſchweigenden Grimaud, in zehn Portionen getheilt.“ „Ah, Gottes Wunder!“ rief d'Artagnan und brach in ein lautes Gelächter aus. „Grimaud ſelber, hört Ihr wohl, und mit den zehn Theilen von Grimaud, der nicht ganz einen Du⸗ katen werth iſt, gewinne ich den Diamant wieder. Sagt mir alſo noch einmal, die Beharrlichkeit ſei keine Tugend.“ „Meiner Treue! das iſt drollig!“ rief dArtagnan getröſtet, und hielt ſich vor Lachen die Seiten. „Ihr begreift, daß ich, als' ich mich wieder bei Kräften fühlte, abermals um den Diamant zu ſpielen anfing.“ 6 6 v 6 e „ 1 3 2 —— 187 „Ah, Teufel!“ ſagte d»Artagnan verdüſtert. „Ich gewann Euer Reitzeug wieder und dann Euer Pferd, dann mein Reitzeug, dann mein Pferd, und verlor abermals. Kurz, ich habe Euer Reitzeug wieder bekommen und das meinige. Und ſo ſtehen nun die Das war ein vortrefflicher Wurf, und ich blieb dabei.“ D'Artagnan athmete, als ob man ihm das ganze Wirthshaus von der Bruſt genommen hätte. „Der Diamant bleibt mir alſo?“ ſprach er ſchüchtern. „Unberührt, mein lieber Freund. Auch das Reitzeug Eueres Bucephalus und des meinigen.“ „Aber was ſollen wir mit dem Reitzeug ohne Pferde machen?“ „Ich habe hierüber einen Gedanken.“ „Athos, Ihr macht mich beben.“ „Hört: Ihr habt ſeit langer Zeit nicht mehr geſpielt, dArtagnan!“ „Und ich habe auch keine Luſt zu ſpielen.“ „Verſchwören wir nichts. Ihr habt ſeit langer Zeit nicht mehr geſpielt, ſagte ich, Ihr müßt folglich eine glückliche Hand haben.“ „Gut, und hernach?“ „Gut, der Engländer und ſein Gefährte ſind noch hier. Ich bemerkte, daß es ihnen ſehr leid thut, unſer Reitzeug nicht zu beſitzen. Ihr ſcheint viel auf Euer Pferd zu halten. An Euerer Stelle würde ich um Euer Reit⸗ zeug gegen Euer Pferd ſpielen.“ „Aber er wird nicht um ein einziges Reitzeug wollen.“ * wie Ihr.“ „Ihr würdet dies thun?“ ſagte d'Artagnan unent⸗ ſchloſſen, ſo ſehr bemächtigte ſich ſeiner, ohne daß er ſich deſſen bewußt war, das Vertrauen von Athos. „Spielt um beide. Bei Gott, ich bin kein Egoiſt, — * 188 „Bei meinem Ehrenwort, auf einen Wurf!“ „Da ich die Pferde verloren habe, ſo muß mir 6 viel daran liegen, wenigſtens das Reitzeug zu be⸗ alten.“ „So ſpielt um Euern Diamant.“ „Oh, das iſt ein ander Ding; nie, nie!“ „Teufel!“ ſprach Athos,„ich würde Euch vorſchlagen, um Planchet zu ſpielen, da dies aber bereits geſchehen ſo wird der Engländer ohne Zweifel nicht mehr wollen.“ „Entſchieden, mein lieber Athos,“ ſagte d'Artagnan, „ich will lieber gar nichts mehr wagen.“ „Das iſt Schade,“ ſprach Athos kalt.„Der Engländer iſt ganz geſpickt mit Piſtolen. Ei, mein Gott, verſucht doch einen Wurf. Ein Wurf iſt bald gemacht.“ „Und wenn ich verliere?“ „Ihr werdet gewinnen.“ „Aber wenn ich verliere?“ „Gut, ſo gebt Ihr ihm unſer Reitzeng.“ „Es mag ſein, einen Wurf,“ ſprach d'Artagnan. Athos ſuchte den Engländer auf und fand ihn im Stalle, wo er das Reitzeug der Freunde mit lüſternem Auge betrachtete. Die Gelegenheit war günſtig. Er machte ſeine Bedingungen: Beider Reitzeug gegen ein Pferd oder hundert Piſtolen, nach Belieben. Der Engländer rechnete ſchnell. Das Reitzeug war wenigſtens dreihundert Piſtblen werth. Er ſchlug ein. DArtagnan warf die Würfel zitternd und bekam merad; Ihr bekommt die Pferde mit Sattel und Zeug, mein Herr.“ Triumphirend nahm ſich der Engländer nicht einmal die Mühe, die Würfel zu rollen. Er warf ſie auf den Tiſch, ohne hinzuſehen, ſo ſehr war er von S* die Zahl drei. Seine Bläſſe erſchreckte Athos, welcher nur die Worte ſprach:„Das iſt ein trauriger Wurf, Ka⸗ 189 ſeinem Siege überzeugt. D'Artagnan hatte ſich umge⸗ dreht, um ſeinen Verdruß zu verbergen. „Halt, halt, halt!“ ſprach Athos in ſeinem ruhi⸗ gen Tone.„Das iſt ein außerordentlicher Wurf, und ich habe ihn nur viermal in meinem Leben geſehen. Zwei Aß!“ Der Engländer ſchaute und wurde vom größten Staunen ergriffen. D'Artagnan ſchaute ebenfalls und wurde roth vor Freude. „Ja,“ fuhr Athos fort,„nur viermal: einmal bei Herrn von Crequi, zum zweiten Male bei mir im Felde, in meinem Schioſſe**, als ich noch ein Schloß hatte, ein drittes Mal bei Herrn von Treville, und ein viertes Mal in einer Schenke, wo es mich traf und ich dabei hundert Louisd'or nebſt einem Abendbrod verlor.“ „Der Herr nimmt alſo ſein Pferd wieder 2 ſprach der Engländer. „Allerdings,“ ſagte dArtagnan. „Dann findet keine Revanche ſtatt.“ „Unſere Bedingungen lauteten; keine Revanche, wie Ihr Euch erinnern werdet.“ „Allerdings; das Pferd ſoll Euerem Bedienten über⸗ geben werden.“ „Einen Augenblick,“ ſagte Athos.„Mit Euerer Er⸗ laubniß, mein Herr, ich wünſchte ein Wort mit meinem Freunde zu ſprechen.“ „Sprecht!“ Athos nahm dArtagnan bei Seite. „Nun?“ fragte dArtagnan.„Was willſt Du noch on mir, Verſucher? Du willſt, daß ich ſpiele?“ „Ich will, daß Du nachdenkſt.“ „Worüber?“ „Du haſt das Pferd wieder genommen?“ „Gewiß.“ „Du haſt Unrecht. Ich würde die hundert Piſto⸗ len nehmen. Du weißt, daß Du um unſer Reitzeug 190 das Pferd, oder um hundert Piſtlen geſpielt haſ.“ „Ja.“ „Ich würde die hundert Piſtolen nehmen.“ „Gut, und ich nehme das Pferd.“ „Und Ihr habt Unrecht, mein Freund, das wieder⸗ hole ich Euch. Was wollen wir mit einem Pferde für uns Beide machen? Ich kann doch nicht hinten auf⸗ ſitzen. Wir würden ausſehen, wie zwei Haimonskinder, die ihre Brüder verloren haben. Ihr könnt mich doch nicht ſo ſehr demüthigen, daß Ihr auf dieſem pracht⸗ vollen Schlachtroſſe neben mir herreitet. Ich nähme, ohne einen Augenblick zu ſchwanken, die hundert Pi⸗ ſtolen. Wir brauchen Geld um nach Paris zurückzu⸗ kommen.“ „Es liegt mir Alles an dieſem Pferde, Athos.“ „Und Ihr habt Unrecht, mein Freund. Ein Pferd macht einen Seitenſprung, ein Pferd bäumt ſich und über⸗ ſchlägt, ein Pferd frißt aus einer Krippe, aus der ein rotziges Thier gefreſſen hat, dann iſt ein Pferd, oder viel⸗ mehr es ſind hundert Piſtolen verloren. Ferner muß der Herr ſein Pferd ernähren, während im Gegentheil hundert Piſtolen ihren Herrn ernähren.“ „Aber wie ſollen wir zurückkommen?“ „Auf den Pferden unſerer Bedienten. Bei Gott! man wird uns immer noch am Geſichte anſehen, daß wir Leute von Stand ſind.“ „Wir werden uns gut ausnehmen auf ſolchen Mäh⸗ ren, während Aramis und Porthos auf ihren ſchönen Roſſen einherreiten.“ „Aramis! Porthos!“ rief Athos und brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Was gibt es denn?“ fragte dArtagnan, der die Heiterkeit ſeines Freundes nicht begreifen konnte. „Nichts, nichts, fahrt nur fort,“ ſagte Athos. „Alſo Euer Rath„„ S eben in einem Staubwirbel verſchwunden iſt, war mir ein 191 „Iſt, die hundert Piſtolen zu nehmen, dArtag⸗ nan; mit den hundert Piſtolen können wir ſchwelgen bis zum Ende des Monats. Wir haben Strapatzen aus⸗ geſtanden, ſeht Ihr wohl, und bedürfen ein wenig der Ruhe.“ ku„Ich, ausruhen? o nein, Athos! Sobald ich in Pa⸗ ris bin, forſche ich wieder nach dieſer armen Frau.“ „Wohl, glaubt Ihr etwa, Euer Pferd wäre Euch zu dieſem Behufe nützlicher, als ſchoͤne Louisd'or? MNehmt die hundert Piſtolen, mein Freund, nehmt die hundert Piſtolen.“ D'Artagnan bedurfte nur eines Grundes, um ſich zu fügen, und dieſer ſchien ihm vortrefflich. Ueberdies be⸗ fürchtete er, in den Augen von Athos egviſtiſch zu erſchei⸗ nen, wenn er länger auf ſeinem Willen beharren würde. Er willigte alſo ein, und wählte die hundert Piſtolen, die ihm der Engländer ſogleich ausbezahlte. Nun dachte man nur an die Abreiſe. Der Friedens⸗ ſchluß mit dem Wirthe koſtete außer dem alten Pferde von Athos ſechs Piſtolen. D'Artagnan und Athos nah⸗ men die Pferde von Planchet und Grimaud. Die zwei Bedienten begaben ſich, die Sättel auf ihren Koͤpfen tra⸗ gend, zu Fuß auf den Weg. So ſchlecht beritten die Freunde auch waren, ſo ge⸗ wannen ſie doch bald einen Vorſprung vor ihren Lackeien und langten in Crevecveur an. Sie erblickten von ferne Aramis, der ſich ſchwermüthig auf ſein Fenſtergeſimſe ſtützte und nachſchaute, wie der Horizont in eine Staub⸗ wolke gehüllt wurde. „He, holla, Aramis! was macht Ihr denn da?“ riefen die zwei Freunde. „Ah, Ihr ſeid es, d'Artagnan, Ihr ſeid es, Athos?“ ſprach der junge Mann.„Ich dachte darüber nach, mit welcher Schnelligkeit die Güter dieſer Welt verſchwinden. Mein engliſches Roß, das ſich von hier entfernte, und 192 lebenbiges Bild von der Hinfälligkeit aller irdiſchen Dinge. Das Leben ſelbſt läßt ſich in die drei Worte auflöſen: kuit, est, erit.“ „Das will ſagen 2“ fragte dArtagnan, der die Wahr⸗ heit zu ahnen anfing. „Das will ſagen, daß ich ſo eben einen albernen Handel abgeſchloſſen habe. Sechzig Louisd'or um ein Pferd, das nach ſeinem Gange zu ſchließen wenigſtens fünf Meilen in einer Stunde zurücklegen kann.“ D'Artagnan und Athos brachen in' ein Gelächter aus. „Mein lieber d'Artagnan,“ ſagte Aramis,„ſeid mir nicht zu ſehr gram, ich bitte Euch. Noth kennt kein Ge⸗ bot. Ueberdies bin ich am meiſten geſtraft, da mich die⸗ ſer heilloſe Roßhändler wenigſtens um fünfzig Louisv'or betrogen hat. Ah! Ihr ſeid gute Haushalter, Ihr Bei⸗ den. Ihr reitet auf den Pferden Eurer Lackeien, und laßt Euch Eure Luruspferde ſachte und in kleinen Tagemärſchen an der Hand nachführen.“ In demſelben Augenblick hielt ein Fourgon, den man ſeit einigen Minuten auf der Straße von Amiens erblickte, vor dem Gaſthofe an, und man ſah Grimaud und Plan⸗ chet, ihre Sättel auf dem Kopfe, ausſteigen. Der Four⸗ gon kehrte leer nach Paris zurück, und die zwei Lackeien hatten ſich anheiſchig gemacht, den Kutſcher auf dem ganzen Wege zechfrei zu halten, wenn er ſie mitnehmen würde. mis, als er ſah, was vorging.„Nur die Sättel 2“ „Begreift Ihr nun?“ ſprach Athos. „Meine Freunde, das iſt gerade, wie bei mir. Ich habe Sattel und Zeug inſtinktmäßig behalten. Holla, Bazin, trage mein neues Reitzeug zu denen von dieſen Herren.“ „Und was habt Ihr mit Euren Doctoren gemacht?“ agte d'Artagnan. „Was iſt das? was ſoll das bedeuten 2“ ſagte Ara⸗ * 194 Die Freunde fanden ihn beinahe geneſen und folglich minder bleich, als er bei d'Artagnans erſtem Beſuche ge⸗ weſen war. Er ſaß vor einem Tiſche, auf dem, obgleich er allein war, ein Mittagsbrod für vier Perſonen figu⸗ rirte. Dieſes Mittagsbrod beſtand aus zierlich zugerich⸗ teten Fleiſchſpeiſen, ausgeſuchten Weinen und vortrefflichem Obſt. „Ah, bei Gott!“ ſprach er aufſtehend,„Ihr kommt wie gerufen, meine Herren. Ich war gerade hei der Suppe und Ihr könnt mit mir zu Mittag ſpeiſen.“ „Oh, oh!“ rief dArragnan,„hat Mousqueton ſolche Flaſchen mit dem Laſſo gefangen; dann finde ich hier ein geſpicktes Fricandeau und einen Lendenbraten „Ich ſtärke mich,“ ſagte Porthos, ich ſtärke mich. Nichts ſchwächt ſo ſehr, als dieſe Teufel von eihngr Habt Ihr ſchon Quetſchungen gehabt, Athos?“ „Niemals, nur erinnere ich mich„ daß ich bei un⸗ ſerem Streite in der Rue Ferou einen Degenſtich bekam, der nach Verlauf von vierzehn oder achtzehn Tagen genau dieſelbe Wirkung hervorbrachte.“ „Aber dieſes Mittagsbrod war nicht für Euch allein, mein lieber Porthos,“ ſagte Aramis. „Nein,“ erwiederte Porthos,„ich erwartete einige Edelleute aus der Nachbarſchaft, die mir ſo eben ſagen ließen, ſie würden nicht kommen; Ihr nehmt ihre Stel⸗ len ein, und ich verliere nichts bei dem Tauſche. Holla, Mousqueton, Stühle! und man verdopple die Fla⸗ ſchen!“ ſpicktes Kalbfleiſch mit Artiſchocken. „Und ich, Hammelskeule,“ ſprach Porthos. „Und ich Hühnerfricaſſee,“ fagte Aramis, „Wißt Ihr, was wir hier eſſen?“ ſagte Athos nach Zehn Minuten. 6 „Bei Gott!“ antwortete dArtagnan,„ich eſſe ge⸗ „Ihr täuſcht Euch, meine Herren,“ erwiederte Athos ernſt.„Ihr verſpeiſt Pferdefleiſch.“ Geht doch,“ rief d'Artagnan⸗ „Pferdefleiſch!“ brummte Arami des Ekels. orthos allein antwortete nicht. 8 „Ja, Pferdefleiſch, nicht wahr, Porthos, wir ſpeiſe Pferdefleiſch, und vielleicht Sattel und Zeug dazu?“ „Nein, meine Herren, ich habe das Reitzeug behal⸗ ten,“ ſagte Porthos. „Meiner Treue, wir ſind alle gleich viel werth,“ rief Aramis,„es iſt, als ob wir uns das Wort gegeben hätten.“ „Was wollt Ihr, dieſes Pferd beſchämte meine Gäſte und ich wollte ſie nicht demüthigen.“ „Und vann iſt Guere Herzogin immer noch in den Bädern, nicht wahr?“ fragte dArtagnan. „Immer noch,“ erwiederte Porthos.„Auch ſchien der Gouverneur der Provinz, einer von den Edelleuten, die ich heute zum Mittagsbrode erwartete, ein ſo großes Verlangen danach zu haben, daß ich es ihm ſchenkte.“ „Geſchenkt,“ rief d'Artägnan. „Oh! mein Gott, ja, geſchentt, das iſt das rechte Wort,“ ſprach Porthos,„es war wenigſtens hundert und fünfzig Lonisd'or werth, und der Knicker wollte mir nicht mehr vafür geben, als achtzig.“ „Ohne den Sattel?“ ſagte Aramis. „Ja, ohne den Sattel.“ “ ſprach Athos,„daß „Ihr bemerkt, meine Herren, ls den beſten Handel von uns allen ge⸗ s mit einer Grima n Porthos aberma macht hat.“ Dann eniſtand ein ſchallendes Gelächter, wodurch der arme Porthos ganz verdutzt wurde, aber man erzählte ih Heiterkeit, an der er ſeiner bald die Urſache dieſer ſchvoll Antheil nahm. 2 wohnheit gemäß, geräu „Auf dieſe Art ſind wir alſo alle bei Kaſſe,“ ſagte d'Artagnan. „Was mich betrifft,“ entgegnete Athos,„ich fand den ſpaniſchen Wein von Aramis ſo gut, daß ich ſechzig Flaſchen in den Fourgon der Bedienten packen ließ, ich bedeutend vom Gelde entblößt worden in.“ 2 „Und ich,“ ſprach Aramis,„ſtellt Euch vor, daß ich meinen letzten Sou der Kirche von Montdidier und den Jeſuiten von Amiens geſchenkt, daß ich überdies Ver⸗ bindlichkeiten eingegangen hatte, welche erfüllt werden mußten: ich habe Meſſen für mich und Euch, meine Herren, beſtellt, die man leſen wird, und bei denen wir uns, wie ich gar nicht zweifle, vortrefflich befinden werden.“ „Und ich,“ ſagte Porthos,„glaubt Ihr, meine Ouetſchung habe nichts gekoſtet? Die Wunde von Mous⸗ queton nicht zu rechnen, für den ich jeden Tag zweimal den Chirurgen kommen laſſen mußte.“ „Wohl, wohl,“ verſetzte Athos, mit dArtagnan und Porthos ein Lächeln austauſchend,„ich ſehe daß Ihr Euch ſehr großmüthig gegen den armen Burſchen benommen habt. So benimmt ſich nur ein guter Herr.“— „Kurz, wenn ich meine Rechnung bezahlt habe, wer⸗ den mir höchſtens dreißig Thaler übrig bleiben.“ „Und mir ungefähr zehn Piſtolen,“ ſprach Aramis. „Es ſcheint, wir ſind die Kroͤſus' der Geſellſchaft,“ ſagte Athos,„wie viel habt ihr noch von Eueren hundert Piſtolen übrig?“ „Von meinen hundert Piſtolen? Erſtlich habe ich Euch fünfzig davon gegeben.“ „Ihr glaubt?“ „Ah! es iſt wahr, ich erinnere mich.“ „Dann habe ich dem Wirthe ſechs bezahlt.“ „Velches Vieh, dieſer Wirth! Warum habt Ihr ihm ſechs Piſtolen gegeben?“ „Weil Ihr es mich hießet.“ 3 ich bin zu gut. Kurz, es bleiben übr g 2 „Fünf und zwanzig Piſtolen,“ antwortete d'Ar⸗ tagnan. „und ich,“ ſprach Athos, etwas kleine Münze aus der Taſche ziehend,„ſeht hier.“ „Ihr, nichts.“ „Meiner Treue, oder ſo wenig, daß es nicht der Mühe werth iſt, es zur Maſſe zu ſchlagen.“ „Nun wollen wir berechnen, wie viel wir beſitzen: Porthos?“ „Dreißig Thaler.“ „Aramis?“ „Zehn Piſtolen.“ „Und Ihr, d'Artagnan?“ „Fünf und zwanzig.“ „Das macht im Ganzen?“ fragte Athos. „Vierhundert und fünf und ſiebenzig Livres,“ ant⸗ wortete d'Artagnan, ein Archimed im Rechnen. „Bei unſerer Ankunft in Paris werden uns immer⸗ hin noch vierhundert übrig bleiben,“ rief Porthos.„Vor⸗ trefflich! doch wir wollen jetzt ſpeiſen, der zweite Gang wird kalt.“* ₰ Nunmehr über ihre Zukunft beruhigt, erwieſen die vier Freunde dem Mittagsbrode alle Ehre; die Ueberreſte deſſelben aber wurden den Herren Mousqueton, Bazin, Planchet und Grimaud überlaſſen. Als d'Artagnan in Paris ankam, fand er einen Brief von Herrn des Eſſarts, der ihn von dem feſten Entſchluß Seiner Majeſtät, am erſten Mai den Feldzug zu eröffnen, benachrichtigte und ihn darauf aufmerkſam machte, daß er ſich ungeſäumt zu equipiren habe. 198 Er lief ſogleich zu ſeinen Kameraden, die er eine halbe Stunde zuvor v rlaſſen hatte und jetzt ſehr traurig, oder vielmehr ſehr inrne fand. Sie waren bei Athos im Rathe verſammelt, was immer Umſtände von ernſter Bedeutung ankündigte. Es hatte wirklich jeder in ſeiner Wohnung einen ähn⸗ lichen Brief von Herrn von Treville erhalten. Die vier Philoſophen ſchauten ſich ganz verdutzt anz . Treville kannte keinen Scherz, was die Disciplin etraf. „Wie hoch ſchätzt Ihr dieſe Equipirungen?“ fragte d»Artagnan. „O! das läßt ſich ſo ungefähr ſagen,“ erwiederte Aramis,„wir haben in dieſem Augenblick unſere Rechnung mit ſpartaniſcher Knickerei gemacht und gefunden, daß jeder von uns fünfzehnhundert Libres braucht.“ „Vier mal fünfzehn macht ſechzig, das ſind ſechstau⸗ ſend Livres,“ ſprach Athos. „Mir ſcheint,“ entgegnete dArtagnan,„tauſend Livres wären hinreichend für Jeden. Ich ſpreche allerdings nicht als Spartaner, ſondern als Procurator.. Das Wort Procurator erweckte Porthos. „Halt! ich habe einen Gedanken,“ rief er. „Das iſt ſchon etwas; ich habe nicht einmal einen — v—— — Schatten von einem Gedanken,“ ſprach Athos kalt;„aber d'Artagnan iſt ein Narr, meine Herren. Tauſend Livres! Ich erkläre, daß ich für meine Equipirung allein zwei⸗ tauſend brauche.“ „Vier mal zwei macht acht,“ ſagte Aramis;„wir brauchen alſo achttauſend Liores, um uns zu equipiren, wobei nicht zu vergeſſen, daß wir die Sättel bereits haben.“ „Und dann,“ ſagte Athos, der, um dieſen, eine ſchöne Zukunft in Ausſicht ſtellenden, Gedanken auszuſprechen, wartete, bis dArtagnan, welcher Herrn von Treville dan⸗ en woilte, die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte,„und 3 vann der ſchoͤne Diamant, der an dem Finger Freundes funkelt. guter Kamerad, um Brüder in der Verlegenheit zu laſſen, während er an ſeinem Mittelfinger vas Loſegeld für einen König trägt.“ Was Teufels, dArtagnan iſt XIII. Die Equipirungsjagd. Am meiſten in Unruhe von den vier Freunden ſchwebte offenbar vArtagnan, obgleich dieſer in ſeiner Eigenſchaft als Garde viel leichter zu equipiren war, als die Herren Musketierez aber unſer Junker aus Gascogne atte, wie man bereits ſehen konnte, einen vorſichtigen, etwas geizigen Charakter, und war dabei eitel, um Por⸗ thos die Spitze bieten zu können. Mit der Unruhe ſeiner Eitelkeit verband ſich bei. dArtagnan in dieſem Augenblick eine minder egoiſtiſche Unruhe. Alle Erkundigungen, die er über Madame Bonacieur einzog, blieben erfolglos. Herr von Treville hatte mit der Königin geſprochen; die Koͤnigin wußte nicht, wo die junge Krämerin war, und verſprach, ſie ſuchen zu laſſen. Aber dieſe Zuſage war ſehr unbeſtimmt und diente d»Artagnan nicht zur Beru⸗ higung. Athos verließ ſein Zimmer nicht; er war entſchloſ⸗ ſen, keinen Schritt zum Behuf ſeiner Equipirung zu un⸗ ½ ternehmen. „Es bleiben uns vierzehn Tage,“ ſagte et zu ſeinen Freunden;„wohl! wenn ich nach Verlauf dieſer vierzehn Tage nichts gefunden habe, oder vielmehr, wenn mich nichts aufgeſucht hat, ſo werde ich, da ich ein zu guter Katholik bin, um mir mit einem Piſtolenſchuſſe den Hirn⸗ ſchädel zu zerſchmettern, einen ehrlichen Streit mit vier Leibwachen Seiner Eminenz oder mit acht Engländern ſuchen und mich ſchlagen, bis mich Einer toͤdtet, was in Betracht der Quantität nicht ausbleiben kann. Man wird dann ſagen, ich ſei im Dienſte des Konigs geſtorben, und ich werde meinen Dienſt gethan haben, ohne daß ich mich zu equipiren brauche.“ Porthos ging fortwährend, die Hände auf dem Rücken und den Kopf ſchüttelnd, auf und ab und ſagte: „Ich habe meinen Gedanken.“ Aramis ſah ſorgenvoll und verwahrloſt aus, und ſprach nichts. Aus dieſen unglücklichen Einzelnheiten kann man erſe⸗ hen, daß Verzweiflung in der Gemeinde herrſchte. trübe Stimmung ihrer Herren. Mousqueton kaufte Kru⸗ ſtenvorräthe ein; Bazin, der ſtets ein gottesfürchtiger Mann geweſen war, verließ die Kirche nicht mehr; Planchet ſah die Mücken fliegen und Grimaud, den das allgemeine Unglück nicht dazu bringen konnte, daß er das ihm von ſeinem Herrn auferlegke Stillſchweigen gebrochen hätte, ſtieß Seufzer aus, daß ſich die Steine hätten erbarmen mögen. 8Gie drei Freunde, denn Athos hatte, wie geſagt, geſchworen, keinen Schritt für ſeine Equipirung zu thun, die drei Freunde gingen am frühen Morgen aus und kehr⸗ ten ſehr ſpät nach Hauſe. Sie irrten in den Straßen umher und betrachteten jeden Pflaſterſtein, um zu ſchauen, ob nicht etwa ein Vorübergehender ſeine Börſe hätte fal⸗ len laſſen. Man hätte glauben ſollen, ſie verfolgten eine Fährte, ſo aufmerkſam waren ſie überall, wo ſie gingen. Wenn ſie ſich begegneten, richteten ſie verzweiflungsvolle Blicke an einander, welche zu fragen ſchienen; haſt Du etwas gefunden? Da jedoch Porthos zuerſt ſeine Gedanken gefunden Die Lackeien theilten wie die Renner Hippolyts die ————, 201 und dieſen ſodann mit der größten Beharrlichkeit verfolgt hatte, ſo war er auch der Erſte, der an das Werk ging. Es war ein Mann der Ausführung, dieſer würdige Por⸗ thos. D'Artagnan bemerkte ihn eines Tags, wie er nach der Saint⸗Leu⸗Kirche wandelte, und folgte ihm inſtinkt⸗ mäßig. Er trat in den heiligen Ort ein, nachdem er zu⸗ vor ſeinen Schnurrbart in die Höhe geſtrichen und den Knebelbart lang gezogen hatte, was von ſeiner Seite ſtets äußerſt eroberungsſüchtige Pläne andeutete. Da dArtag⸗ nan einige Vorſichtsmaßregeln traf, ſo glaubte Porthos nicht geſehen worden zu ſein. Porthos lehnte ſich an die eine Seite eines Pfeilers, d'Artagnan, ſtets unbemerkt, an die andere. Es wurde gerade eine Predigt gehalten, weßhalb die Kirche ſehr voll war. Porthos benützte dieſen Um⸗ ſtand, um die Frauen zu beäugeln. Durch Musqueton's Bemühungen kündigte ſein Aeußeres entfernt nicht die Trübſal des Innern an. Sein Filzhut war wohl etwas abgetragen, ſeine Feder wohl etwas verſchoſſen, ſeine Stickereien wohl etwas matt geworden, ſeine Spitzen wohl etwas verzerrt; aber in dem Halblichte verſchwanden alle 3 Bagatellen und Porthos war immer der ſchoͤne orthos. Artagnan bemerkte auf einer Bank, zunächſt bei dem Pfeiler, an welchem Porthos und er lehnten, eine Art von reifer Schönheit, etwas vergelbt, etwas vertrock⸗ net, aber ſteif und hochmüthig unter ihrer ſchwarzen Haube. Die Augen von Porthos ſenkten ſich verſtohlen auf dieſe Dame und ſchweiften dann ſogleich wieder im Schiffe der Kirche umher. Die Dame, welche von Zeit zu Zeit erröthete, ſchleuderte mit Blitzesſchnelligkeit einen Blick auf den flatterhaften Porthos und ſogleich fing Porthos wieder an, ſeine Augen mit aller Wuth umher irren zu laſ⸗ ſen. Offenbar ſtachelte dieſes Benehmen die Dame mit der ſchwarzen Haube ganz ungemein; denn ſie biß 7 202 ſich in die Lippen, daß ſie bluteten, kratzte ſich an der rückte Lerzweiflungsvoll auf ihrem Stuhle hin und her. Als dies Porthos gewahr wurde, ſtrich er ſeinen Schnurrbart abermals in die Höhe, zog ſeinen Knebelbart zum zweiten Mal lang und fing an, einer ſchönen Dame in der Nähe des Chors Zeichen zu machen, einer Dame, die nicht nur eine ſchöne Dame, ſondern ohne Zweifel auch eine vornehme Dame war; denn ſie hatte einen Neger⸗ knaben, der das Kiſſen brachte, auf dem ſie kniete, und eine Kammerfrau hinter ſich, welche die mit einem Wap⸗ pen geſtickte Taſche in der Hand hielt, in der ihr Gebet⸗ buch verwahrt wurde. Die Dame mit der ſchwarzen Haube verfolgte den Blick von Porthos in allen ſeinen Irrfahrten, und erkannte, daß er auf der Dame mit dem Sam⸗ ſe dem Negerknaben und der Kammerfrau gehef⸗ tet blieb. Während dieſer Zeit gab ſich Porthos nicht die ge⸗ ringſte Blöße; er blinzelte mit den Augen, legte die Finger auf ſeine Lippen und ſchoß wiederholt ein kleines mörde⸗ riſches Lächeln ab, von dem die ſchöne Verachtete wirklich ermordet wurde. Auch ſtieß ſie in Form eines mea culpa und ſich an die Bruſt ſchlagend, ein ſo kräftiges Hm! aus, daß ſich alle Welt und ſogar die Dame mit dem rothen Kiſ⸗ ſen umwandte; Porthos hielt feſt. Er hatte wohl ver⸗ ſtanden, aber er ſpielte den Tauben. Die Dame mit dem rothen Kiſſen brachte, denn ſie war ſehr ſchön, eine gewaltige Wirkung auf die Dame mit der ſchwarzen Haube hervor, welche in ihr eine furchtbare Nebenbuhlerin erblickte, eine große Wirkung auch auf Porthos, der ſie viel jünger und auch viel hüb⸗ ſcher fand, als die Dame mit der ſchwarzen Haube, eine große Wirkung auf dArtagnan, der in ihr die Dame von Meung, von Calais und Dover erkannte, die ſein „ — 203 Verfolger, der Mann mit der Narbe, mit dem Titel M⸗ lady begrüßt hatte. 6. Ohne die Dame mit dem rothen Kiſſen aus dem Auge zu verlieren, fuhr d'Artagnan fort, das Beneh⸗ men von Porthos zu verfolgen, das ihn im höchſten Maaße beluſtigte; er glaubte zu errathen, daß ſeine Dame mit der ſchwarzen Haube die Procuratorsfrau von der Rue aux Ours war; dies um ſo mehr, als die Saint⸗Leu⸗Kirche unferne von der genannten Straße lag. Durch Folgerung errieth er auch, daß ſich Porthos für ſeine Niederlage in Chantilly, wo ſich die Proeurators⸗ frau ſo widerſpenſtig im Punkte der Börſe gezeigt hatte, ſeine Rache nehmen wollte. Bei Allem dem aber entging es vArtagnan nicht, daß kein einziges Geſicht die Galanterien von Porthos erwiederte. Es waren nur Chimären und Illuſionen; aber gibt es für eine wahre Liebe, für eine wahre Eifer⸗ ſucht eine andere Wirklichkeit, als die Illuſionen und Chi⸗ mären? Die Predigt war zu Ende. Die Proeuratorsfrau ging auf den Weihkeſſel zu. Porthos kam ihr zuvor und ſteckte ſtatt eines Fingers die ganze Hand hinein. Die Procuratorsfrau lächelte im Glauben, Porthos verſetzte ſich für ſie in Unkoſten, aber ſie wurde ſchnell und grau⸗ ſam enttäuſcht. Als ſie nur noch drei Schritte von ihm entfernt war, drehte er den Kopf und heftete ſeine Augen unveränderlich auf die Dame mit dem rothen Kiſſen, welche ſich erhoben hatte und, von ihrem Regerknaben und der Kammerfrau gefolgt, herbeikam. Als die Dame mit dem rothen Kiſſen nahe bei Porthos war, zo6 dieſer ſeine träufende Hand aus dem Weihkeſſel; die ſchöne An⸗ dächtige berührte mit ihrer zarten Hand die plumpe von Porthos, machte lächelnd das Zeichen des Kreuzes und verließ die Kirche. Das war zu viel für die Procuratorsfrau; ſie zweifelte nicht mehr daran, daß dieſe Dame und Porthos in einem Liebesverhältniß ſtünden; wäre ſie eine vornehme da ſie aber nur eine Procuratorsfrau war, ſo begnügte ſie ſich, Porthos mit gepreßter Wuth zu ſagen: „Ei, Herr Porthos, Ihr bietet mir kein Weih⸗ waſſer?“ Porthos machte bei dem Klange dieſer Stimme eine Bewegung, etwa wie ein Menſch, der nach einem Schlafe von hundert Jahren erwachen würde. „Ma„ WMadame!“ rief er,„ſeid Ihr es wirk⸗ lich? Wie befindet ſich Euer Gemahl, der liebe Herr Coquenard? Iſt er immer noch ein ſo großer Filz, wie früher? Wo hatte ich denn die Augen, daß ich Euch während der zwei Stunden, welche die Predigt dauerte, nicht einmal bemerkte?“ „Ich war nur zwei Schritte von Euch entfernt, mein Herr,“ antwortete die Procuratorsfrau,„aber Ihr bemerktet mich nicht, weil Ihr nur Augen für die ſchöne Dame hattet, der Ihr ſo eben Weihwaſſer gegeben abt.“ Porthos ſtellte ſich, als geriethe er in Verlegenheit. „Ah!“ ſagte er,„Ihr habt wahrgenommen „Man müßte blind ſein, um es nicht zu ſehen.“ „Ja,“ ſprach Porthos nachläſſig,„es iſt eine Her⸗ zogin, eine Freundin von mir, mit der ich wegen der Eiferſucht ihres Gatten nur unter den größten Schwierig⸗ keiten zuſammenkommen kann, und die mich benachrichtigt hatte, ſie würde heute, einzig und allein um mich zu ſehen, in dieſer baufälligen Kirche, in dieſem abgelegenen, öden Quartiere erſcheinen.“ 2 „Herr Porthos,“ erwiederte die Procuratorsfrau, „würdet Ihr wohl die Güte haben, mir den Arm auf fünf Minuten zu bieten? Ich möchte gern mit Euch ſprechen.“ „Wie, Madame!“ ſagte Porthos, ſich ſelbſt zublinzelnd, Dame geweſen, ſo würde ſie in Ohnmacht gefallen ſein; 205 wie ein Spieler, der über den Thoren lacht, welchen er zu fangen im Begriffe iſt. In dieſem Augenblick ging d»Artagnan, Mylady Ler⸗ folgend, vorüber. Er warf Porthos einen Seitenblick zu und las den Triumph in ſeinem Auge. „Ei, ei,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, in dem Geiſte der äußerſt leichten Moral jener Epoche raiſonnirend,„da iſt Einer, der wohl in der vorgeſchriebenen Friſt equipirt werden vürfte.“ Dem Drucke des Armes ſeiner Procuratorsfrau nach⸗ ebend, wie eine Barke dem Steuerruder nachgibt, ge⸗ langte Porthos in die Nähe des Kloſters Saint Magloire, in einen wenig beſuchten, an beiden Enden durch vrei Kreuze eingeſchloſſenen Gang. Man ſah hier bei Tage nur eſſende Bettler oder ſpielende Kinder. „Ah, mein Herr Porthos,“ rief die Procuratorsfrau, nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß ſie von Niemand, der nicht zu der gewöhnlichen Bevölkerung dieſer Oert⸗ Ic gehörte, geſehen oder gehört werden konnte;„ah, ein Herr Porthos, Ihr ſeid, wie es ſcheint, ein großer „Ich, Madame?“ fragte Porthos, ſich ſpreizend. „Und warum dies?“ „Nun die Zeichen von vorhin und das Weihwaſſer ſo eben! Es iſt mindeſtens eine Prinzeſſin, dieſe Dame mit ihrem Negerknaben und ihrer Kammerfrau.“ „Ihr täuſcht Euch. Mein Gott, nein,“ antwortete Porthos;„es iſt ganz einfach eine Herzogin.“ „Und der Läufer, der an der Thüre wartete, und die Carroſſe mit einem Kutſcher in großer Livree!“ Porthos hatte weder den Läufer, noch die Caroſſe geſehen; aber mit dem Blicke einer eiferſüchtigen Frau hatte Madame Coquenard Alles wahrgenommen. Porthos bedauerte, daß er die Dame mit dem rothen Kiſſen nicht bei dem erſten Schlage zu einet Prinzeſſin gemacht hatte. 206 „Ah, Ihr ſeid vas Lieblingskind der Schönen, Herr Porthos,“ verſetzte die Procuratorsfrau ſeufzend. „Ihr mögt wohl venken,“ erwiederte Porthos,„daß es mir bei einem Aeußern, wie es mir die Natur ver⸗ gönnt hat, nicht an Glück fehlen kann.“ „Mein Gott, wie ſchnell die Männer doch vergeſſen!“ rief die Procuratorsfrau, die Augen zum Himmel erhebend. „Mir ſcheint es, weniger ſchnell, als die Frauen,“ antwortete Porthos,„denn am Ende kann ich wohl ſagen, daß ich Euer Opfer war, als ich mich verwundet, ſter⸗ bend, von den Aerzten verlaſſen ſah. Ich, der Sprößling einer erhabenen Familie, der ich mich Eurer Freundſchaft anvertraut hatte, wäre beinahe in einer ſchlechten Her⸗ berge in Chantilly von Anfang an meinen Wunden und dann vor Hunger geſtorben, und zwar, ohne daß Ihr mich nur einer Antwort auf die dringenden Briefe würdigtet, 3 die ich an Euch ſchrieb.“ „Aber, Herr Porthos murmelte die Procu⸗ ratorsfrau, welche fühlte, wenn ſie das Betragen der Unrecht hatte. „Ich, der ich für Euch die Gräfin von Penaflor opferte!“ „Ich weiß es wohl.“ 3„Die Baronin von...“ „Herr Porthos, peinigt mich nicht.“ 3„Die Gräfin von. „Herr Porthos, ſeid edelmüthig!“ „Ihr habt Recht, Madame, ich werde nicht voll⸗ enden.“ „Die Schuld liegt an meinem Manne, der nichts von Anlehen hören will.“ „Madame Coquenard,“ ſprach Porthos,„erinnert Euch des erſten Briefes, den Ihr mir geſchrieben habt, und ver tief in meinem Herzen eingeprägt iſt.“. Die Procuratorsfrau ſtieß einen Seufzer aus. vornehmen Damen jener Zeit in Betracht zog, daß ſie woll Ihr will daß und 207 „Aber die Summe, die Ihr von mir entlehnen wolltet,“ ſprach ſie,„war auch etwas ſtark. Ihr ſagtet, Ihr brauchtet tauſend Livres.“ „Madame Coquenard, ich gab Euch den Vorzug. Ich dürfte nur an die Herzogin von.. ſchreibeu. Ich wrill ihren Namen nicht ſagen, denn ich bin ganz außer Standes, eine Frau zu compromittiren. Ich weiß nur, ich höchſtens eine Zeile an ſie gekoſtet hätte, daß es mi und ſie würde mir fünfzehn hundert geſchickt haben.“ Die Procuratorsfrau vergoß eine Thräne. 1„Hetr Porthos,“ ſagte ſie,„ich ſchwöre Euch, daß Ihr mich ſchwer beſtraft habt, und daß Ihr Euch, wenn ſir Euch Wuit in einer G Verlegenheit be⸗ findet, nur an mich wenden dürft.“ „Pfui, Madame,“ rief Porthos wie emport,„ſpre⸗ wir von Geld, wenn es Euch beliebt; denn das iſt demüthigend.“ „Alſo liebt Ihr mich nicht mehr 2. fragte die Pro⸗ „ curatorsfrau langſam und traurig. Porthos beobachtete ein majeſtätiſches Still⸗ ſchweigen. „Alſo auf dieſe Weiſe antwortet Ihr mir? Ach! ich begreife!“ „Denkt an die Beleidigung, die Ihr mir zugefügt habt, Madame! ſie iſt hier feſt geblieben,“ ſprach Porthos und preßte die Hand an das Herz. „Ich werde ſie wieder gut machen, hoͤrt wohl, üeber Porthos.“ 3 „Ueberdies, was vetlangte ich von Euch?“ verſetzte Porthos mit einem gutmüthigen Achſelzucken;„ein An⸗ lehen, nichts weiter; im Ganzen bin ich kein unvernünf⸗ tiger Menſch; ich weiß daß Ihr nicht reich ſeid, Madame Coquenard, und daß Euer Mann die armen Prozeßkrämer beſteuern muß, um ein paar Thaler aus ihnen zu zichen. Ohl wenn Ihr eine Gräfin, eine Mar uiſe, oder eine Herzogin wäret, dann würden ſich die ganz anders Un torsfrau und hr 208 verhalten, und ich wüßte keine Entſchuldigung für Euch zu finden.“ Die Procuratorsfrau war gereizt. „Vernehmt, Porthos,“ ſprach ſie,„daß meine Geld⸗ kaſſe, obgleich nur die Kaſſe einer Procuratorsfrau, viel⸗ leicht beſſer geſpickt i„als die aller Eurer zu Grunde gerichteten Zieraffen.“ „Das iſt eine doppelte Beleidigung für mich,“ ſagte Porthos, ſeinen Arm von dem der Procurators⸗ frau losmachend, denn wenn Ihr reich ſeid, Madame Coquenard, ſo iſt Eure Weigerung völlig unentſchuld⸗ bar.“ „Wenn ich Euch ſage reich,“ erwiederte die Pro⸗ curatorsfrau, welche einſah, daß ſie ſich etwas zu weit hatte fortreißen laſſen,„ſo darf man meine Worte nicht buchſtäblich nehmen. Ich bin nicht reich, aber wohl⸗ habend.“ „Gut, Madame,“ ſagte Porthos.„Sprechen wir nicht mehr hievon, ich bitte Euch. Ihr habt mich ver⸗ kannt; jede Sympathie iſt zwiſchen uns erloſchen.“ „Undankbarer Menſch!“ „Ihr habt wohl ein Recht, Euch zu beklagen,“ ſagte Porthos.. „Geht alſo mit Eurer Herzogin! Ich halte Euch nicht zurück.“ „Ah, ſie iſt doch nicht gar ſo ſchlimm, wie ich glaubte.“ „Hört, Herr Porthos, ich wiederhole zum letzten Male, liebt Ihr mich noch 2“ „Ach, Madame,“ entgegnete Porthos, mit dem ſchwermüthigſten Tone, den er anzunehmen vermochte, „wenn wir in einen Krieg ziehen, in einen Krieg, wo mir meine Ahnungen ſagen, daß ich meinen Tod finden werde ℳ „Oh! ſprecht nicht ſolche Dinge,“ rief die Prorura⸗ ach in ein Schluchzen aus. ſi „———— e. eld⸗ iel⸗ nde rs⸗ me d⸗ e. zu l⸗ ir „Irgend etwas ſagt mir dies,“ fuhr Porthos, immer ſchwermüthiger wetdend, fort. „Geſteht vielmehr, daß Ihr eine neue Liebe hegt⸗“ „Nein, gewiß nicht, ich rede offenherzig mit Euch⸗ Kein neuer Gegenſtand rührt mich, und ich fühle, daß ſogar hier im Grunde meines Herzens etwas für Euch ſpricht. Aber in vierzehn Tagen wird, wie Ihr wißt oder vielleicht nicht wißt, dieſer unſelige Feldzug eröffnet, und ich ſehe mich auf eine abſcheuliche Weiſe durch meine Equipirung in Anſpruch genommen. Dann muß ich eine Reiſe zu meiner Familie machen, welche in dem entfern⸗ teſten Theile der Bretagne wohnt, um die für meinen Auszug erforderlichen Summen zu erhalten.“ Porthos bemerkte einen letzten Kampf zwiſchen der Liebe und dem Geize. „Und da die Güter der Herzogin,“ fuhr er fort, „die Ihr ſo eben in der Kirche geſehen habt, bei den mei⸗ nigen liegen, ſo machen wir die Reiſe miteinander. Eine Reiſe, wie Ihr wißt, erſcheint bekanntlich viel kürzer, wenn man ſie zu zwei macht.“ „Ihr habt alſo keine Freunde in Paris, Herr Por⸗ thos?“ ſagte die Proeuratorsfrau. „Ich glaubte welche zu haben,“ erwiederte Porthos mit ſeiner ſchwermüthigen Miene,„aber ich habe einge⸗ ſehen, daß ich mich täuſchte.“ „Ihr habt Freunde, Herr Porthos, Ihr habt,“ ver⸗ ſetzte die Procuratorsfrau mit einer Begeiſterung, über die ſie ſelber erſtaunte.„Ihr ſeid der Sohn meiner Tante, folglich mein Vetter. Ihr kommt von Noyon in der Picardie; Ihr habt mehrere Prozeſſe in Paris und keinen Procurator. Werdet Ihr wohl Alles dies be⸗ halten?“ „Vollkommen, Madame.“ „Kommt zur Mittageſſenszeit.“ „Sehr gut.“ Die drei Musketiere. U. 210 „Und haltet Euch feſt bei meinem Manne, der gar verſchmitzt iſt, trotz ſeiner ſechsundſiebenzig Jahre.“ „Sechsundſiebenzig Jahre! Peſt! was für ein ſchö⸗ nes Alter!“ ſprach Porthos. „Ein hohes Alter wollt Ihr ſagen, Herr Porthos. Der liebe alte Mann kann mich auch jeden Augenblick zur Wittwe machen,“ fuhr ſie, Porthos einen bezeichnen⸗ den Blick zuwerfend, fort. Glücklicher Weiſe iſt nach einem unter uns abgeſchloſſenen Heirathsvertrage der über⸗ lebende Theil der Erbe des ganzen Vermögens.“ „Des ganzen?“ ſagte Porthos. „Des ganzen.“ „Ihr ſeid eine vorſichtige Frau, wie ich ſehe, meine liebe Madame Coquenard,“ ſprach Athos, der Proeurato⸗ rin zärtlich die Hand drückend. „Wir ſind alſo ausgeſöhnt, lieber Herr Porthos,“ ſagte ſie, ſich zierend. „Für das ganze Leben,“ erwiederte Porthos mit der⸗ ſelben Miene. „Auf Wiederſehen alſo„mein Verräther.“ „Auf Wiederſehen, meine Vergeßliche.“ „Morgen, mein Engel!“ „Morgen, Flamme meines Lebens!“ XIV. Mylndy. D'Artagnan war Mylady gefolgt, ohne daß er von ihr bemerkt wurde. Er ſah ſie in den Wagen ſteigen und hörte ſie dem Kutſcher Befehl geben„nach Saint⸗Get⸗ main zu fahren. Es wäre fruchtlos geweſen, einem in ſtarkem Lrche S 242 Und was wollt Ihr in Saint⸗Germain thun?“ fragte Athos. Hierauf erzählte ihm d'Artagnan, wie er in der Kirche der Dame begegnet war, welche ihn, nebſt dem Herrn im ſchwarzen Mantel und der Narbe am Schlafe, beſtändig in Unruhe erhielt. „Das heißt, Ihr ſeid verliebt in dieſe, wie Ihr es in Madame Bonacieur waret,“ ſprach Athos, verächtlich die Achſeln zuckend, als fühlte er Mirleid mit der menſch⸗ lichen Schwäche. „Ich? Keineswegs,“ rief d'Artagnan,„ich bin nur begierig, das Geheimniß aufzuklären, in das ſie verwickelt iſt. Ich weiß mir keinen Grund anzugeben, aber ich bilde mir ein, dieſe Frau, ſo unbekannt ſie mir iſt und ſo un⸗ bekannt ich ihr bin, übe einen Einfluß auf mein Leben aus.“ „Ihr habt im Ganzen Recht,“ ſprach Athos,„ich kenne keine Frau, bei der es ſich der Mühe lohnen würde, ſie aufzuſuchen, wenn ſie einmal verloren iſt. Madame Bonacieur iſt verloren, deſto ſchlimmer für ſie, ſie mag ſich wieder ſuchen.“. „Nein, Athos, nein, Ihr täuſcht Euch,“ ſprach dArtagnan, ich liebe meine arme Conſtance mehr als je, und wenn ich den Ort wüßte, wo ſie ſich befindet, ſo würde ich, und wäre ſie am Ende der Welt, ſchleu⸗ nigſt gehen und ſie den Händen ihrer Feinde entreißen. Aber ich weiß dieſen Ort nicht; alle meine Nachforſchun⸗ gen waren ftuchtlos. Ihr ſeht wohl ein, man muß ſich zerſtreuen.“ „Zerſtreut Euch mit Mhlady, mein lieber d'Artag⸗ nan, ich wünſche es Euch von ganzem Herzen, wenn es Euch unterhalten kann.“ „Hört, Athos,“ erwiederte dArtagnan,„ſtatt Euch hier eingeſchloſſen zu halten, als wäret Ihr im Arreſte, ſteigt zu Pferde und reitet mit mir nach Saint⸗Germain.“ „Mein Lieber,“ ſagte Athos, ſich reite meine —— 3 t e Weg zurück und erreich 213 habe ich keine, ſo gehe ich „Wohl!“ ſprach dArtagnan, über die Unfreunblich⸗ eit von Athos lächelnd, die ihn bei einem Andern ſicher⸗ lich verletzt haben würde,„ich bin weniger ſiolz, als Ihr, ich reite das, was ich finde. Alſo auf Wiederſehen, mein lieber Athos!“ „Auf Wiederſehen,“ ſagte der Musketier und machte Grimaud ein Zeichen, die Flaſche zu entpfropfen, die er gebracht hatte. D'Artagnan und Planchet ſprangen in den Sattel, und ſchlugen die Straße nach Saint⸗Germain ein. Auf dem ganzen Wege ging dArtagnan das, was Athos dem jungen Manne von Madame Bonacieux ge⸗ ſagt hatte, im Kopfe um. Oögleich dArtagnan nicht von ſehr ſentimentalem Charakter war, ſo hatte doch die hübſche Krämerin einen wirklichen Eindruck auf ſein Herz hervorgebracht: er war, wie er ſagte, bereit, um ſie auf⸗ zuſuchen, bis an das Ende der Welt zu gehen. Aber die Welt hat, inſofern ſie rund iſt, viele Enden, und er Pferde, wenn ich habe, Fuße.“ wußte nicht, nach welcher Seite er ſeine Richtung nehmen ſollte. Mittlerweile ſuchte er zu erfahren, wer Mylady wäre. Mylady hatte mit dem Manne in dem ſchwarzen Mantel geſprochen und kannte ihn alſo. In d'Artagnan's Geiſte aber war es ſicherlich der Mann mit dem ſchwar⸗ zen Mantel, der Madame Bonacieur zum zweiten Male entführt hatte, wie dies bei dem erſten Male der Fall geweſen. D'Artagnan log alſo nur halb, was im Gan⸗ zen unbedeutend lügen heißt, wenn er ſagte, indem er MWylady aufſuche, ſuche er zu gleicher Zeit Conſtance auf. Dies bei ſich bedenkend und ſein Pferd von Zeit zu n aufmunternd, legte dArtagnan den te Saint⸗Getmain. Er kam an dem Pavillon votüber, in welchem zehn Jahre ſpäter Lud⸗ Zeit mit den Spore . wig XIV. geboren werder bollte, und ſchaute, durch eine ziemlich öͤde Straße reitent rechts und links, ob er nicht irgend eine Spur von ſeiner ſchönen Engländerin finden würde, als er im Erdgeſchoße eines hübſchen Hauſes, das, nach dem Gebrauche jener Zeit, kein Fenſter nach der Straße zu hatte, ein ihm bekanntes Geſicht erblickte. Die⸗ ſes Geſicht ging auf einer Art von Terraſſe ſpazieren, welche mit Blumen geſchmückt war. Planchet erkannte es zuerſt. „Ei, gnödiger Herr,“ ſagte er, ſich an dArtagnan wendend,„erinnert Ihr Euch des Geſichtes nicht mehr, das dort Maulaffen feil hat?“ „Nein,“ antwortete dArtagnan,„und doch weiß ich daß ich dieſen Menſchen nicht zum erſten Male ehe.“ „Bei Gott, ich glaube es wohl,“ verſetzte Planchet, das iſt der arme Lubin, der Lackei des Grafen von War⸗ des, den Ihr vor einem Monat in Calais auf dem Wege kat dem Landhauſe des Gouberneurs ſo übel zugerichtet a t.. „Ah! ja, ſo iſt es,“ ſprach d'Artagnan,„ich erkenne ihn nun wieder. Glaubſt Du, daß er Dich auch erkennt?2“ „Meiner Treue, gnädiger Herr, er war ſo voll Angſt, daß ich nicht denken kann, ich werde ihm im Gedächtniß geblieben ſein.“ „Nun, ſo geh' und rede mit dem Burſchen, erkun⸗ dige Dich geſprächsweiſe, ob ſein Herr noch lebt.“ Planchet ſtieg ab, ging gerade auf Lubin zu, der ihn wirklich nicht erkannte, und die zwei Bedienten fingen an, in ſchönſter Eintracht mit einander zu plaudern, während d'Artagnan die zwei Pferde in ein Gäßchen trieb, rund um ein Haus ging und zurückkehrte, um dem Geſpräche, hinter einem Haſelſtrauche verſteckt, beizuwohnen. Kaum hatte er ſich einen Augenblick ſeinen Beob⸗ achtungen hingegeben, als er das Geräuſche eines Wa⸗ gens vernahm und die Carroſſe von Mylady ihm gegen⸗ —— 21⁵ über anhielt. Er konnte ſich icht täuſchen, Mylad) ſaß darin. D'Artagnan legte ſic auf den Hals ſeines Pfer⸗ es, um Alles zu ſehen, ohne geſehen zu werden. Mylady ſchaute mit ihrem reizenden blonden Kopfe aus dem Rutſchenſchlage heraus und gab ihrer Zofe Befehle. Die letztere, ein hübſches, lebhaftes, behendes Mäd⸗ chen, die wahre Kammerjungfer einer vornehmen Dame, ſprang von dem Fußtritte herab, auf dem ſie nach der Sitte jener Zeit ſaß, und wandte ſich nach der Terraſſe, wo d'Artagnan Lubin bemerkt hatte. DArtagnan folgte der Zofe m n und ſah ſie nach der Terraſſe gehen. Zufälliger Weiſe aber hatte ein Befehl aus dem Innern des Hauſes Lubin hineinge⸗ rufen, und Planchet, der nach allen Seiten hinſchaute, um zu erforſchen, wo ſein Herr verſchwunden ſein möchte, war allein geblieben. Die Kammerfrau näherte ſich Planchet, den ſie für Lubin hielt, gab ihm ein Billet und ſagte; „Für Euern Herrn.“ „Für meinen Herrn?“ fragte Planche „Ja— und es hat große Eile— ſchwinde.“ Hienach kehrte ſie nach dem Wagen zurück, der wieder nach der Seite, von welcher er hergekommen war⸗ umgekehrt hattez ſie ſprang auf den Fußtritt und die Carroſſe entfernte ſich. Planchet wandte das Billet um und um, lief dann, an den leidenden Gehorſam gewöhnt, von der Terraſſe herab, eilte in das Gäßchen und traf nach zwanzig Schrit⸗ ten ſeinen Herrn, der Alles geſehen hatte und ihm ent⸗ gegenkam. „Für Euch, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet, das Billet dem jungen Manne überreichend. „Für mich 2“ entgegnete dArtagnan, vbiſt Du deſ⸗ ſen ganz gewiß?“ t ſehr erſtaunt. nehmt alſo ge⸗ 216 „Bei Gott!“ ſch bin deſſen gewiß, die Kammerjung⸗ fer ſagte:„„Für Deinen Herrn.““ Ich habe keinen an⸗ dern Herrn außer Euch, alſo.. Ein hübſcher Biſſen von einem Mädchen, dieſe Zofe, meiner Treue.“ DArtagnan öffnete den Brief und las folgende Worte: „Eine Perſon, welche ſich mehr für Euch intereſſirt, als ſie ſagen kann, wünſchte zu wiſſen, an welchem Tage Ihr im Walde ſpazieren zu gehen im Stande ſeid, mor⸗ gen erwartet ein ſchwarz und rother Bedienter im Hotel zum goldenen Felde Euere Antwort.“ „Oh! oh!“ ſagte dArtagnan zu ſich ſelbſt,„das iſt ein wenig lebhaft. Es ſcheint, Mylady und ich leiden an demſelben Uebel. Nun, Planchet, laß hoͤren, wie befindet ſich Herr von Wardes? Er iſt alſo nicht todt?“ „Nein, gnädiger Herr, es geht ſo gut, als es mit vier Degenſtichen im Leibe gehen kann; denn Ihr habt dieſem Edelmann vier ganz tadelloſe beigebracht, und er iſt noch ſehr ſchwach, da er beinahe all ſein Blut verlo⸗ ren hat. Lubin erkannte mich nicht, wie ich dem gnädi⸗ gen Herrn zum poraus ſagte, und erzählte mir das ganze Abenteuer von Anfang bie zu Ende.“ „Sehr gut, Planchet, Du biſt der König der La⸗ ckeien; jetzt ſteige zu Pferde und wir wollen der Caroſſe nachreiten.“ Das dauerte nicht lange; nach fünf Minuten er⸗ blickte man die Carroſſe, welche auf der Biegung der Straße ſtille hielt. Ein reich gekleideter Cabalier befand ſich am Kutſchenſchlage. Der Zwieſprach zwiſchen Mylady und dem Caxalier war ſo belebt, daß d'Artagnan auf der andern Seite des Wagens ſtille hielt, ohne daß Jemand, außer der hübſchen Zofe, ſeine Gegenwart bemerkte. Die Unterredung fand in engliſcher Sprache ſtatt, von der dArtagnan nichts. verſtand, aber an dem Aus⸗ drucke glaubte der junge Mann zu erkennen, daß die ⸗ ſchöne Engländerin ſehr zornig war; ſie ſchloß mit einer ⸗ Geberde, die ihm keinen Zweifel über die Natur der Un⸗ terhaltung ließ, das heißt, mit einem Fächerſchlage, der ntt ſolcher Gewalt zur Anwendung kam, daß das kleine e weibliche Geräthe in tauſend Stücke flog. Der Cavalier brach in ein Gelächter aus, das My⸗ lady in Verzweiflung zu bringen ſchien. D'Artagnan meinte, dieß wäre der geeignete Augen⸗ blick, um in das Mittel zu treten; er näherte ſich dem Kutſchenſchlage, entblößte ehrfurchtsvoll ſein Haupt und ſprach: „Madame, erlaubt mir, Euch meine Dienſte anzu⸗ bieten; es ſcheint mir, dieſer Cavalier hat Euch in Zorn gebracht. Sprecht ein Wort, und ich übernehme es, ihn für ſeinen Mangel an Höflichkeit zu beſtrafen.“ „Mein Herr,“ antwortete ſie in gutem Franzöſiſch, „mit freudigem Herzen würde ich mich unter Euern Schutz ſtellen, wenn die Perſon, welche mit mir ſtreitet, nicht mein Bruder wäre.“ „Oh! dann verzeiht mir,“ ſagte d'Artagnanz„Ihr S begreift, daß ich das nicht wußte, Madame.“ „Was hat ſich denn dieſer Narr in unſere Angele⸗ genheit zu miſchen,“ rief, ſich zu dem Kutſchenſchlage herabbeugend, der Cavalier, den Mylady als ihnen Ver⸗ wandten bezeichnet hatte;„und warum zieht er nicht ſeines —— . Wegs?“ „Selbſt Narr,“ erwiederte dArtagnan, ſich ebenfalls auf den Hals ſeines Pferdes herabbeugend und durch den 5 Kutſchenſchlag redend,„ich ziehe nicht meines Wegs, weil es mir hier zu bleiben beliebt.“ Der Cavalier richtete einige engliſche Worte an ſeine Schweſter. „Ich ſpreche Franzöſiſch mit Euch,“ rief d»Artagnan; 418„ich bitte Euch alſo, macht mir das Vergnügen und ant⸗ wortet mir in derſelben Sprache. Ihr ſeid der Bruder dieſer Dame, gut! aber Ihr ſeid glücklicher Weiſe nicht der meinige.“ Man hätte glauben ſollen, Mylady würde furchtſam, wie dies gewöhnlich eine Frau iſt, bei dieſem Anfange der Ausforderung zu vermitteln ſuchen, um zu verhindern, daß der Streit nicht zu weit käme, aber ſie warf ſich im Ge⸗ Fnell in ihren Wagen zurück und rief dem Kutſcher kalt zu: „Fahre nach dem Hotel!“ Die hübſche Zofe warf einen unruhigen Blick auf dArtagnan, deſſen gefälliges Ausſehen einen günſtigen Ein⸗ druck auf ſie hervorgebracht hatte. Die Carroſſe fuhr weiter und ließ die zwei Männer einander gegenüber. Kein materielles Hinderniß trennte ſie mehr. Der Reiter machte eine Bewegung, um dem Wagen zu folgen, aber d'Artagnan, bei welchem der hereits gäh⸗ rende Zorn ſich noch mehr dadurch vermehrte, daß er in demſelben den Engländer erkannte, der ihm ſein Pferd und Athos beinahe ſeinen Diamant abgewonnen hatte, fiel ihm in den Zügel und hielt ihn zurück⸗ „Ei! mein Herr,“ ſagte er,„Ihr ſcheint mir noch mehr Narr zu ſein, als ich, denn es kommt mir vor, als wolltet Ihr vergeſſen, daß ſich ein kleiner Streit zwiſchen uns entſponnen hat.“ „Ah! ah!“ entgegnete der Engländer,„Ihr ſeid es, Meiſter? Ihr müßt alſo immer irgend ein Spiel ſpielen?“ a, und das erinnert mich daran, daß ich Revanche zu nehmen habe. Wir werden ſehen, mein lieber Herr, ob Ihr den Raufdegen eben ſo gut handhabt, als den Würfelbecher.“ „Ihr müßt bemerken, daß ich keinen Degen bei mir habe, ſprach der Engländer;„wollt Ihr den Taperen gegen einen Unbewaffneten ſpielen?“ „Ich hoffe, Ihr werdet zu Hauſe einen beſitzen. Jeden n, ———— 2¹9 Falls habe ich zwei, um einen mit Euch.“ „Unnöthig,“ ſprach der Engländer,„ich bin hinreichend mit vergleichen Werkzeug verſehen.“ „Gut, mein würdiger Herr,“ entgegnete d'Artagnan, „wählt Euern längſten Degen und zeigt ihn mir dieſen Abend.“ „Wo, wenn ich bitten darf?“ „Hinter dem Louxembourg, das iſt ein reizendes QOuar⸗ tier für Spaziergänge, wie ich ſie Euch vorſchlage.“ „Schön, man wird ſich einfinden.“ „Zu welcher Stunde?“ „Um ſechs Uhr.“ „Ihr habt auch wohl ein paar Freunde?“ „Ich habe drei, welche ſich eine Ehre daraus machen würden, daſſelbe Spiel zu ſpielen, wie ich.“ „Drei? vortrefflich! wie ſich das trifft!“ rief d'Ar⸗ tagnan,„das iſt gerade meine Jahl.“ „Und nun, wer ſeid Ihr?“ fragte der Engländer. „Ich bin Herr dArtagnan, gascogniſcher Edelmann, diene bei der Leibwache, Compagnie von Herrn des Eſſarts. Und Ihr?“ „Ich bin Lord Winter, Baron von Sheffild „Gut! ich bin Euer Diener, mein Herr Bart ſprach wArtagnan, obgleich Euere Namen ſehr ſchwer zu behal⸗ ten ſind.“ Und er ſpornte ſein Roß und galoppirte Paris zu. Wie das ſeine Gewohnheit bei ſolchen Gelegenheiten war, ſtieg er unmittelbar bei Athos ab. Er fand dieſen auf einem großen Canapé liegend, wo er, wie er ſagte, wartete, bis ſeine Equipirung ihn aufſuchen würde. DArtagnan erzählte Athos, abgeſehen von dem Briefe an Herrn von Wardes, Alles, was vorgefallen war. Athos war entzückt, als er erfuhr, daß er ſich mit einem Engländer ſchlagen ſollte. Wir haben erzählt, daß dies ſein Lieblingsgedanke war. Man ließ ſogleich Porthos und Aramis durch die und weun Ihr wollt, ſo piele ich o Lackeien aufſuchen und ſie von der Lage der Dinge in Renntniß ſetzen. Porthos zog ſeinen Degen aus der Scheide, focht ge⸗ gen die Wand, ging von Zeit zu Zeit rückwärts und und machte Verbeugungen, wie ein Tänzer. Aramis, der immer noch an ſeinem Gedichte arbeitete, ſchloß ſich in dem Cabinet von Athos ein und bat, ihn nicht eher zu ſtören, als bis es Zeit wäre, vom Leder zu ziehen. Athos forderte von Grimaud durch ein Zeichen eine neue Flaſche Wein. DArtagnan orbnete in ſeinem Innern einen kleinen Plan, deſſen Ausführung wir ſpäter ſehen werden, und der ihm ein anmuthiges Abenteuer verhieß, wie man an dem Lächeln ſehen konnte, das von Zeit zu Zeit ſich über ſein träumeriſches Antlit hinzog. 2 XV. Engländer und Franzoſen. Zur beſtimmten Stunde begab man ſich mit den vier Lackeien hinter dem Lurembourg in ein Gehege, das den Ziegen überlaſſen war. Athos gab dem Ziegenhirten ein Gelbſtück, damit er ſich entferne. Die Lackeien mußten Wache halten. Bald näherte ſich eine ſtillſchweigende Truppe dem⸗ ſelben Gehege, trat ein und ſtieß zu den Musketieren. Dann fanden nach den engliſchen Gebräuchen die Volrſtellungen ſtatt. Die Engländer waren insgeſammt Leute von hohem Stande; die bizarren Namen der drei Freunde wurden deshalb für ſie ein Gegenſtand, nicht nur des Erſtaunens, ſondern auch ver Unruhe. „Bei Allem dem,“ ſprach Lord Winter, als die e⸗ d er in zu n r Freunde genannt waren,„bei Allem dem wiſſen wir nicht, wer Ihr ſeid, und wir ſchlagen uns mit ſolchen Namen nicht. Das ſind ja wahre Schäfernamen.“ „Es ſind auch, wie Ihr vorausſetzt, Mylord, nur falſche Namen.“, „Wir müſſen um ſo mehr ein großes Verlangen darnach tragen, die wahren Namen kennen zu lernen, antwortete der Engländer. „Ihr habt wohl gegen uns geſpielt, ohne uns zu kennen,“ ſagte Athos,„und uns dabei unſere zwei Pferde abgewonnen.“ „Das iſt wahr, aber wir wagten nur unſere Piſtolen. Man ſpielt mit der Diesmal ſetzen wir unſer Blut ein. ganzen Welt, man ſchlägt ſich nur mit ſeines Gleichen.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Athos. Und er nahm denjenigen von den vier Engländern, mit welchem er ſich ſchlagen ſollte, bei Seite und nannte ihm ganz leiſe ſeinen Namen. Porthos und Aramis thaten ihrerſeits daſſelbe. „Genügt das,“ ſprach Athos zu ſeinem Gegner, „und findet Ihr meine Abkunft vornehm genug, um mir die Gnade zu erzeigen, den Degen mit mir zu kreuzen 2“ „Ja, mein Herr, verbeugend. „Gut! ſoll ich Euch nun etwas ſagen?“ verſetzte Athos kalt. „Was?“ fragte der Engländer. „Ihr hättet viel beſſer daran gethan, nicht von mir zu fordern, daß ich meinen Namen nenne.“ „Warum dies?“ „Weil man mich für todt hält, und ich aus Grün⸗ den wünſchen inuß, man möge nicht erfahren, daß ich lebe, weshalb ich genöthigt ſein werde, Euch zu icht in der Welt herum⸗ „ antwortete der Engländer ſich tödten, damit mein Geheimniß ni getragen wird“ 22 Der Engländer ſchaute Athos an und glaubte, dieſer ſcherze; aber Athos ſcherzte durchaus nicht. „Meine Herren,“ ſagte Athos, ſich an ſeine Ge⸗ fährten und an ſeine Gegner wendend,„ſind wir fertig?“ ſ„Ja,“ antworten einſtimmig Engländer und Fran⸗ zoſen. „Dann legt Euch aus!“ ſprach Athos. Und alsbald glänzten acht Degen in den Strahlen der untergehenden Sonne, und raſch begann der Kampf mit einer Erbitterung, der unter zweifach einander feind⸗ lichen Leuten ganz natürlich war. Athos focht mit eben ſo viel Ruhe und Methode, als ob er in einem Fechtſaale ſtünde. Ohne Zweifel von ſeinem zu großen Selbſtver⸗ trauen durch ſein Abenteuer in Chantilly zurückgekom⸗ men, ſpielte Porthos ein Spiel voll Feinheit und Klugheit. Aramis, der den dritten Geſang ſeines Gedichtes S wollte, arbeitete wie ein Mann, der große e hat. Athos tödtete zuerſt ſeinen Gegner. Er hatte ihm nur einen Stoß beigebracht, aber dieſer war, wie er vorhergeſehen, tödtlich geweſen; der Degen drang durch das Herz. Porthos ſtreckte hierauf ſeinen Gegner zu Bodenz er hatte ihm den Schenkel durchſtochen. Da ihm der Engländer ſeinen Degen übergab, ſo nahm er ihn in ſeine Arme und trug ihn in ſeinen Wagen⸗ Aramis bedrängte ſeinen Gegenkämpfer ſo kräftig, daß er ihn, nachdem er ihn beinahe fünfzig Schritte aus ſeiner Stellung gebracht hatte, kampfunfähig machte. trieb ganz einfach ein Vertheidigungs⸗ ſpiel. Als er ſeinen Gegner ſehr ermüdet ſah, ſchlug er ihm mit einem ſehr heftigen Quartſtoß den Degen aus der Fauſt. Sobald der Baron ſich entwaffnet ſah, machte er ein paar Schritte rückwärts, aber bei die⸗ ſer Bewegung glitt ſein Fuß aus und er fiel auf die Erd e. D'Artagnan war mit einem Sprunge auf ihm und ſetzte ihm den Degen an die Gurgel. „Ich könnte Euch tödten, mein Herr,“ ſagte er zu dem Engländer,„und Ihr ſeid in meinen Händen, aber ich ſchenke Leben.“ Euch Eurer Schweſter zu Liebe das D'Artagnan war im höchſten Maße erfreut: hiedurch war der Plan verwirklicht, den er zum voraus gefaßt, und deſſen Entwickelung auf ſeinem Geſichte das von uns beſprochene Lächeln verbreitet hatte. Entzückt darüber, daß er es mit einem Edelmann von ſo ſchönem Charakter zu thun hatte, ſchloß der Eng⸗ länder dArtagnan in ſeine Arme, ſagte den drei Mus⸗ ketieren tauſend Schmeicheleien, und da der Gegner von Porthos bereits in ſeinen Wagen gebracht war und ſich der von Aramis aus dem Staube gemacht hatte, ſo pachte man nur noch an den Todten. Als ihn Porthos und Aramis in der Hoffnung, ſeine Wunde würde nicht tävtlich ſein, entkleideten, fiel eine ſchwere Boͤrſe aus ſeinem Gürtel. D'Artagnan hob ſie auf und reichte ſie Lord Winter. „Ei! den Teufel, was ſoll ich denn damit machen?“ ſprach der Engländer. „Gebt die Börſe ſeiner Familie zurück,“ erwiederte dArtagnan. „Seine Familie kümmert ſich viel um eine ſolche Erbärmlichkeit! tauſend Louisd'vr. Behaltet die Börſe für Eure Lackeien!“ Sie etbt eine Rente von fünfzehn⸗ Während dieſer Zeit hatte ſich Athos ſeinem Freunde dArtagnan genähert. Lockeien, ſondern „Ja,“ ſprach er,„geben wir die Börſe nicht unſern den engliſchen.“ Athos nahm die Börſe, warf ſie dem Kutſcher in die Hand und rief:„Für Euch und Eure Kameraden.“ Dieſe Großartigkeit der Manieren bei einem gänzlich entblößten Menſchen ſetzte ſogar Porthos in Erſtaunen, und dieſe franzöſiſche Freigebigkeit hatte, von Lord Winter und ſeinem Freunde wieder erzählt, überall, nur nicht bei den Herren Grimaud, Mousqueton, Planchet und Bazin, den günſtigſten Erfolg. „Und nun, mein junger Freund, denn Ihr erlaubt mir hoffentlich, daß ich Euch dieſen Namen gebe,“ ſagte Lord Winter;„noch dieſen Abend, wenn es Euch genehm iſt, ſtelle ich Euch Lady Clarick, meiner Schwe⸗ ſter, vor, denn ſie ſoll Euch ebenfalls gewogen werden, und da ſie bei Hofe nicht übel angeſchrieben iſt, ſo wird vielleicht in Zukunft ein Wort von ihr nicht unvortheil⸗ haft für Euch ſein.“ DArtagnan erröthete vor Vergnügen und verbeugte ſich zum Zeichen der Einwilligung. ord Winter gah vArtagnan, ehe er ihn verließ, die Adreſſe ſeiner Schweſter; ſie wohnte auf der Place Rohale, was vamals das Modequartier war, Nro. 6. Ueberdieß machte er ſich anheiſchig, ihn zum Behuf der Vorſtellung abzuholen. D'Artagnan gab ihm um acht Uhr bei ſeinem Freunde Athos Rendezvous. Dieſe Vorſtellung bei Mylady nahm den Kopf unſeres Gascogners gewaltig in Anſpruch. Er er⸗ innerte ſich, auf welch' ſeltſame Weiſe dieſe Frau bis jetzt in ſein Geſchick verwickelt geweſen war⸗ Nach ſeiner Ueberzeugung war es ein Geſchöpf des Cardi⸗ nals, und dennoch ſah er ſich unwiderſtehlich durch eines von jenen Gefühlen, von denen man ſich keine Rechenſchaft gibt, zu ihr hingezogen. Er befürchtete nur, Mylady möchte in ihm den Mann von Meung und Dover wieder erkennen. Dunn würde ſie wiſſen, daß er einer von den Freunden des Herrn von Tre⸗ ville wäre und folglich mit Leib und Seele dem König 225 gehöre, wodurch er ſogleich einen Theil ſeiner Vortheile verlieren müßte, da er Mylady bekannt, wie er ſie kannte, ein gleiches Spiel mit ihr ſpielen würde. Was den An⸗ fang einer Intrigue zwiſchen ihr und dem Grafen von Wardes betrifft, ſo bekümmerte ſich unſer junger Mann nur ſehr wenig um dieſen Umſtand, obgleich der Marquis jung, hübſch, reich und bei dem Cardinal ſehr in Gunſt war. Es will nicht wenig heißen, wenn man zwanzig Jahre zählt, beſonders, wenn man in Tarbes geboren iſt. DArtagnan fing damit an, daß er in ſeinem Zim⸗ mer eine glänzende Toilette machte; dann kehrte er zu Athos zuruͤck und erzählte dieſem ſeiner Gewohnheit gemäß Alles. Athos hörte ruhig ſeine Pläne an, ſchüttelte ſo⸗ dann den Kopf und empfahl ihm mit einer gewiſſen Bit⸗ terkeit große Vorſicht. „Wie?“ ſprach er,„Ihr habt vor Kurzem erſt eine Frau verloren, die Ihr gut, ſchön, vollkommen nanntet, und Ihr lauft bereits einer andern nach 20 D'Artagnan fühlte die Wahrheit dieſes Vorwurfes. „Ich liebe Madame Bonacieur mit dem Herzen, während ich Mylady mit dem Kopfe liebe,“ ſagte er, „und indem ich mich bei ihr einführen laſſe, ſuche ich mir Licht über die Rolle zu verſchaffen, die ſie bei Hofe ſpielt.“ 44 „Die Rolle ſie ſpielt, bei Gott! das iſt nach Allem, was Ihr mir erzählt habt, nicht ſchwer zu erra⸗ then. Es iſt eine Emiſſärin des Cardinals, eine Frau, die Euch in eine Falle locken wird, in der Ihr ganz ein⸗ ſach Euren Kopf laſſen müßt.“ „Teufel! Athos, es ſcheint mir, Ihr ſeht die Dinge ſehr ſchwarz.“ „Mein Lieber, ich mißtraue den Frauenz was wollt Ihr! ich habe meinen Lohn dahin; und ganz beſonders mag ich nichts von den Blonden wiſſen, Mylady iſt blond, ſagtet Ihr mir?“ Die drei Musketiere. U.. 15 Maßregel, wodurch die Engländer „Sie hat Haare vom ſchönſten Blond, das man ſehen kann.“ „Ah! mein armer dArtagnan!“ rief Athos. 8 „Hört: ich will mir Licht verſchaffen, und wenn ich weiß, was ich wiſſen will, halte ich mich ferne.“ ic„Verſchafft Euch Licht,“ ſagte Athos phlegma⸗ Lord Winter erſchien zur beſtimmten Stunde, aber zu rechter Zeit benachrichtigt, ging Athos in das zweite Zimmer. Er fand alſo d'Artagnan allein, und da es beinahe acht Uhr war, ſo führte er den jungen Mann mit ſich fort. Eine elegante Carroſſe wartete Lor der Haus⸗ thüre; ſie war mit zwei vortrefflichen Pferden beſpannt, und man hatls in einem Augenblick die Place Rohale erreicht. Mylady Winter empfing d'Artagnan auf eine ſehr anmuthige Weiſe. Ihr Hotel war mit verſchwenderiſcher Pracht aus⸗ geſtattet, und ſie hatte, obgleich die meiſten Engländer, durch den Krieg vertrieben, Frankreich verließen oder es zu raſ⸗ im Begriffe waren, neue Ausgaben hiefür gemacht, woraus hervorging, daß die allgemeine fernt wurden, ſie nicht traf. „Ihr ſeht hier,“ ſprach Lord Winter,„Ihr ſeht hier einen jungen Edelmann, der mein Leben in ſeinen Händen hatte und keinen Mißbrauch von ſeinem Vortheile machen wollte, obgleich wir doppelte Feinde waren, einmal, weil ich ihn beleidigt hatte, und dann weil ich ein Engländer bin. Dankt, ihm alſo, wenn Ihr einige Freundſchaft für mich fühlt.“ Mylady zog die Augenbraunen etwas zuſammen, eine kaum bemerkbare Wolke lagerte ſich über ihrer Stirne, und ein ſo ſeltſames Lächeln erſchien auf ihren Lippen, daß der junge Mann, der gieſe dreifache . 1 —— Ruance gewahr wurde, von einem leichten Schauder er⸗ um ihre Eindrücke zu verbergen, daß ihr das Geſpräch 227 faßt wurde. Der Bruder ſah nichts; er hatte ſich umgedreht, um mit dem Lieblingsaffen von Mylady zu ſpielen, der ihn am Wamms zupfte. „Seid willkommen, mein Herr,“ ſprach Mylady mit'einer Stimme, deren Weichheit in ſeltſamem Widerſpruch mit den Symptomen ſchlechter Laune ſtand, welche d'Artagnan bemerkt hatte,„denn Ihr habt Euch heute ein ewiges Recht auf meine Dankbarkeit er⸗ worben.“ Der Engländer drehte ſich jetzt wieder um und er⸗ zählte den Kampf, ohne auch nur das Geringſte zu über⸗ gehen. Mylady hörte ihm mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuz aher man ſah leicht, wie ſehr ſie ſich auch anſtrengte, durchaus nicht angenehm war; ras Blut ſtieg ihr in den Kopf und ihr kleiner Fuß bewegte ſich unruhig unter dem Kleide. Lord Winter bemerkte nichts; als er vollendet hatte, näherte er ſich einem Tiſche, auf welchen man ein„6 ſilbernes Brett mit einer Flaſche ſpaniſchen Wein geſtellt hatte; er füllte zwei Gläſer und lud d'Artagnan ein, zu trinken. 6 D'Artagnan wußte, daß es eine große Unhoflichkeit gegen einen Engländer wäre, ſich zu weigern, einen Toaſt mit ihm zu trinken. Er trat zu dem Tiſche und ergriff vas zweite Glas, verlor jedoch Mylady nicht aus dem Geſichte, und gewahrte im Spiegel die Veränderung, welche in ihren Zügen vorging. Nun, da ſie nicht mehr beobachtet zu ſein glaubte, belebte ein Gefühl, das der Wilvheit glich, ihr Antlitz. Sie biß mit ihren ſchönen Zähnen in das Taſchentuch. ₰ Die hübſche Zofe, welche d'Artagnan bereits ge⸗ ſehen hatte, trat ein; ſie ſagte einige Worte in eng⸗ liſcher Sprache zu Lord Winter, der augenblicklich, ſich mit dringenden Geſchäften entſchuldigend, d'Artagnan um Erlaubniß bat, ſich entfernen zu dürfen, mit dem Auſtrag an ſeine Schweſter, Verzeihung für ihn zu er⸗ langen. D'Artagnan tauſchte einen Händedruck mit Lord Winter und kam zu Mylady zurück. Das Geſicht dieſer Frau hatte mit überraſchender Beweglichkeit ſeinen an⸗ muthigen Ausdruck wieder angenommen; es deuteten nur einige kleine rothe Flecken auf ihrem Taſchentuche an, daß ſie ſich die Lippen blutig gebiſſen hatte. Ihre Lippen waren herrlich, man hätte glauben ſollen, ſie wären aus Korallen geformt. Das Geſpräch nahm eine heitere Wendung. My⸗ lady ſchien ganz von ihrer vorhergehenden Stimmung zurückgekommen. Sie erzählte, daß Lord Winter nur ihr Schwager und nicht ihr Bruder war; ſie ſelbſt hatte einen jüngeren Sohn geheirathet, der ſie als Wittwe mit einem Kinde hinterließ. Dieſes Kind war der einzige Erbe von Lord Winter, wenn dieſer nicht heirathete. Alles dieß ließ d'Artagnan einen Schleier erſchauen, der etwas ber⸗ hüllte; aber er vermochte noch nichts unter dem Schleier zu unterſcheiden. 5 Nach einer Unterredung von einer halben Stunde hatte dArtagnan indeſſen die Ueberzeugung gewonnen, daß Mylady ſeine Landsmännin warz ſie ſprach das Franzöſiſche mit einer Reinheit und Eleganz, daß kein Zweifel übrig blieb. D'Artagnan verſchwendete galante Redensarten und GErgebenheits⸗Betheuerungen. Mylady lächelte wohl⸗ wollend bei allen Albernheiten, welche unſerem Gas⸗ cogner eniſchlüpften. Endlich war die Stunde zum Aufbruch gekommen; d'Artagnan beurlaubte ſich von My⸗ lady und Lerließ den Saal als der Glicklichſte der Sterblichen. Auf der Treppe begegnete er der hübſchen Zofe, welche ſanft an ihn anſtreifte, bis unter die Augen erröthete und ihn mit ſo weicher Stimme wegen dieſer Berührung um Verzeihung bat, daß dieſe auch augenblick⸗ lich bewilligt wurde.. D'Artagnan kam am andern Tage wieder, und wurde noch ju als am Abend zuvor, em⸗ pfangen. Lord Winter war nicht anweſend, und My⸗ lady machte ihm alle Honneurs. Sie ſchien ein großes Intereſſe an ihm zu nehmen, fragte ihn, wo er wohnte, wer ſeine Freunde wären, und ob er nicht zuweilen daran gedacht hätte, in den Dienſt des Herrn Cardinals zu treten. D'Artagnan war, wie man weiß, ſehr klug für einen jungen Mann von zwanzig Jahren, und erinnerte ſich alsbald ſeines Verdachts in Bezichung auf Mylady. Er ſprach mit großen Lobeserhebungen von Seiner Emi⸗ nenz und ſagte Mhlady, er würde nicht verfehlt haben, bei der Leibwache des Cardinals ſtatt bei der des Königs einzutreten, wenn er zum Beiſpiel Herrn von Cavois ſtatt Herrn von Treville gekannt hätte. Mylady gab dem Geſpräch eine andere Wendung, ohne daß es nur entfernt den Anſchein einer Abſicht hatte, und fragte d'Artagnan auf die gleichgültigſte Weiſe der Welt, ob er je in England geweſen ſei. D'Artagnan antwortete, er ſei von Treville dahin geſchickt worden, um eine Remonte von Pferden zu un⸗ terhandeln, und habe auch vier Stücke als Muſter mit⸗ gebracht. Mylady biß ſich im Verlaufe des Geſpräches wie⸗ derholt auf die Lippen, ſie hatte es mit einem jungen Manne zu thun, der ſich keine Blößen gab. D'Artagnan zog ſich zu derſelben Stunde, wie am Tage vorher, zurück. In der Flur begegnete er abermals der hübſchen Ketty, ſo hieß die Zofe. Sie ſchaute ihn mit einem Ausdruck geheimen Wohlwollens an. Aber vArtagnan war ſo ſehr mit der Gebieterin beſchäftigt, daß er nur gewahr wurde, was von ihr herrührte. Am zweiten Tage kam d'Artagnan abermals und am vritten ebenſo, und jedes Mal wurde ihm ein freundliche⸗ rer Empfang von Mylady zu Theil. Jeben Abend begegnete er auch der hübſchen Zofe auf der Treppe oder in der Hausflur. Aber d'Artagnan ließ, wie ge harrkichkeit ver armen Ketty unbeachtet. Ein Procuratorsmahl. Das Duell, bei welchem Porthos eine ſo glän⸗ zende Rolle geſpielt hatte, ließ ihn indeſſen das Mit⸗ tagsmahl nicht vergeſſen, zu welchem er von der Frau des Procurgtors eingeladen worden war⸗ Am anvern Tage gegen ein Uhr ließ er ſich von Mousqueton den letzten Bürſtenſtrich geben, und wanderte der Rue aur Durs zu. Sein Herz klopfte, aber nicht wie das von dArtagnan, von einer jungen und ungeduldigen Liebe. Nein, ein materielles Intereſſe leitete ſeine Schritte. Er ſollte endlich die geheimnißvolle Schwelle überſchreiten, pie unbekannte Treppe erſteigen, welche einer nach dem andern die alten Thaler von Meiſter Coquenard erſtiegen hatten. Er ſollte wirklich eine gewiſſe Kiſte ſehen, de⸗ en Bild ihm zwanzigmal in ſeinen Träumen erſchienen war; eine Kiſte von langer und tiefer Form, mit Schloſ⸗ ſern und Riegeln verſehen, und mit eiſernen Bändern an den Boden befeſtigt; eine Kiſte, von der er ſo oft hatte ſprechen horen, und welche die Hände des Pro⸗ eurators nun vor ſeinen bewundernden Blicken öffnen . ſollten. 2 Und er, der in der Welt umherirrende Menſch, der die ſeltſame Be⸗ 231 Mann ohne Vermögen, ohne Familie, der an Herbergen Gaſthöfen, Schenken und Wirthſchaſten aller Art gewöhnte Solvat, der Gourmand, genöthigt, ſich meiſtens an Zu⸗ fallsſchmäuſe zu halten, ſollte ſich an den Tiſch einer bür⸗ gerlichen Haushaltung ſetzen, ein gemächliches Inneres „ koſten. Täglich in der Eigenſchaft eines Vetters bei einer guten Tafel erſcheinen, die gelbe, gefaltete Stirne des alten Procurators entrunzeln, die jungen Schreiber durch den Unterricht im Baſſettſpiele, im Lanzknecht und im Würfeln mit den feinſten Kunſtgriffen rupfen und ihnen in Form eines Honorars für die Lection, die er ihnen in einer Stunde geben würde, die Erſparniſſe eines Monats abnehmen, Alles dies lag in den ſeltſamen Sitten jener Zeit und war in der Vorausſicht ungemein ergötzlich für Porthos. Der Musketier erinnerte ſich wöhl der ſchlimmen Gerüchte, welche über die Procuratoren, ihre Knickerei, ihre Faſitage im Umlaufe waren. Da er aber im Gan⸗ zen die Procuratorin, abgeſehen von einigen ökonomiſchen Anfällen, welche er ſtets ſehr unzeitig fand, ziemlich frei⸗ gebiggeſehen hatte, wohl verſtanden für eine Procura⸗ torsftu, ſo hoffte er ein auf eine angenehme Weiſe ein⸗ gerichtetes Haus zu finden. An der Thüre regten ſich jedoch einige Zweifel in dem Musketier. Der Zutritt hatte durchaus nichts Ein⸗ ladendes. Er fand einen übelriechenden ſchwarzen Gang, eine nur ſchlecht beleuchtete Treppe, mit einem Fenſter, 8 durch deſſen eiſerne Stangen das graue Licht eines be⸗ nachbarten Hoſes mühſam eindrang. Im erſten Stocke kam er vor eine niedere und, wie die Hauptthüre des großen Chatelet, mit ungeheuren eiſernen Nägeln beſchla⸗ gene Thüre. Porthos klopfte mit dem Finger an. Ein großer, bleicher und unter einem Walde von ſtruppigen Haaren verborgener Schreiber öffnete und grüßte mit der Miene eines Mannes, der ſich genöthigt ſieht, an einem — S — —— . 5 Andern den Kraft bezeichnenden hohen Wuchs, das mili⸗ täriſche, für den Stand zeugende, Kleid und das friſch⸗rothe Geſicht zu achten, das die Gewohnheit, gut zu leben, andeutet. Ein zweiter kleinerer Schreiber hinter dem erſten, ein anderer größerer Schreiber hinter dem zweiten, ein Gaſſenjunge von zwölf Jahren hinter dem dritten. - Im Ganzen drei und ein halber Schreiber, was für jene Zeit eine Schreibſtube von ſehr bedeutender Kund⸗ ſchaft ankündigte. Obgleich der Musketier erſt um ein Uhr erſcheinen ſpollte, war doch die Procuratorin ſeit der Mittagſtunde mit ihrem Auge auf der Lauer, und zählte auf das Herz und vielleicht auch auf den Magen ihres Anbeters, daß er vor der beſtimmten Zeit erſcheinen werde. Madame Coquenard kam alſo beinahe in demſelben Augenblicke aus der Zimmerthüre, wo ihr Gaſt durch die Treppenthüre eintrat, und die Erſcheinung der würdigen Dame entzog Porthos einer großen Verlegenheit. Die Schreiber ſahen äußerſt neugierig aus, und er blieb völlig ſtumm, da er nicht wußte, was er dieſer aufſteigenden Tonleiter ſagen ſollte. „Das iſt mein Vetter!“ rief die Proeuratorin. Tre⸗ tet doch ein, tretet ein, Herr Porthos!“ Der Name Porthos brachte die gehörige Wirkung auf die Schreiber hervor, welche zu lachen anfingenz aber Porthos wandte ſich um und auf alle Geſichter kehrte der Ernſt zurück. Man gelangte in das Kabinet des Procurators, nach⸗ dem man ein Vorzimmer, in welchem die Schreiber wa⸗ ren, und die Schreibſtube, in der ſie hätten ſein ſollen, durchſchritten hatte. Die letztere war eine Art von ſchwar⸗ zem Saale, mit beſchriebenem Papier tapezirt. Aus ver Schreibſtube heraustretend, ließ man die Küche zur Rech⸗ ten und gelangte in das Empfangszimmer. Alle dieſe Zimmer, welche mit einander in Ver⸗ bindung ſtanden, brachten Porthos durchaus keine * gute Begriffe bei. Man mußte die Worte von ferne durch alle dieſe offenen Thüren hören; dann hatte er im Vorübergehen einen raſchen, forſchenden Blick in die Küche geworfen und ſich zur Schande der Proeu⸗ ratorsfrau und zu ſeinem eigenen Bedauern geſtanden, daß er nichts von dem Feuer, von der Belebtheit, von der Bewegung wahrzunehmen im Stande geweſen war, wie dergleichen gewöhnlich im Augenblicke eines guten Mahles im Heiligthum der Gern⸗ und Guteſſerei zu herrſchen pflegt. Der Procurator war ohne Zweifel zum Voraus von ſeinem Beſuche in Kenntniß geſetzt worden, denn er gab nicht das geringſte Erſtaunen bei dem Anblicke von Por⸗ thos kund, der ſich ihm mit voͤllig freier Miene näherte und ihn höflich begrüßte. „Wir ſind Vettern, wie es ſcheint, mein Herr Por⸗ thos?“ ſagte der Procurator und ſtand, ſich mit den Armen ſtützend, von ſeinem Rohrſtuhle auf. Der Greis war in ein großes ſchwarzes Wamms gehüllt, in welchem ſich ſein ſchmächtiger Körper ver⸗ lor, und ſah gelb und vertrocknet aus. Seine kleinen grauen Augen glänzten wie Karfunkel und ſchienen nebſt ſeinem Munde, der in beſtändigen Grimaſſen begriffen war, der einzige Theil ſeines Geſichtes zu ſein, wo noch Leben wohnte. Leider fingen die Beine an, dieſer ganzen Knochenmaſchine den Dienſt zu verweigern. Seit den fünf oder ſechs Monaten, wo ſich dieſe Schwäche fühl⸗ bar gemacht hatte, war der würdige Procurator beinahe der Sklave ſeiner Gattin geworden. Der Vetter wurde mit Reſignation aufgenommen und nicht weiter. Wäre Meiſter Coquenard noch flink auf den Beinen geweſen, ſo würde er alle Verwandtſchaft mit Porthos abgelehnt haben. „Ja, wir ſind Vettern,“ ſprach, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen, Porthos, der überdieß nie darauf gerechnet hatte, der Gatte werde ihn mit Begei⸗ ſterung aufnehmen. „Durch die Frauen, glaube ich,“ ſagte der Procu⸗ rator boshaft.* Porthos fühlte dieſen Spott nicht und hielt ihn für eine Naivetät, worüber er in ſeinen dicken Schnurrbart lachte; Madame Coquenard, welche wußte, daß der nalve Proecurator eine äußerſt ſeltene Varietät in der Gattung iſt, lächelte ein wenig und erröthete viel. Herr Coquenard hatte ſeit der Ankunft von Porthos ſeine Augen unruhig auf einen großen, ſeinem eigenen Schreibtiſche gegenüber ſtehenden Schrank geworfen. Porthos begriff, daß dieſer Schrank, obgleich er ſeiner Form nach durchaus nicht demjenigen entſprach, welchen er in ſeinen Träumen geſehen hatte, das glückſelige Ge⸗ räthe ſein mußte, und er beglückwünſchte ſich darüber, daß die Wirklichkeit ſechs Fuß mehr Hoͤhe hatte, als der Traum. 2 Meiſter Coquenard trieb ſeine genealogiſchen Forſchun⸗ gen nicht weiter; aber ſeinen unruhigen Blick vom Schranke wieder Porthos zuwendend, begnügte er ſich, zu ſagen: „Euer Herr Vetter wird wohl, ehe er in das Feld zieht, uns die Ehre erweifen, mit uns zu Mittag zu eſſen, nicht wahr, Madante Coquenard?“ Dießmal empfing Porthos den Stich in den vollen Leib und fühlte ihn; Madame Coquenard ſchien ihrerſeits nicht unempfindlicher zu ſein, denn ſie fügte bei: „Mein Vetter wird nicht wieder kommen, wenn er findet, daß wir ihn ſchlecht behandeln; aber im entgegen⸗ geſetzten Falle hat er zu wenig Zeit noch in Paris zuzu⸗ bringen und folglich uns zu ſehen, als daß wir ihn nicht. um jeden Augenblick bitten ſollten, über den er noch zu verfügen vermag.“ „Oh! meine Beine, meine armen Beine!“ murmelte Herr Coquenard und ſuchte zu lächeln. Dieſe Hülfe, welche Porthos in dem Augenblicke 235 — zugekommen war, wo man ihn in ſeinen gaſtronomiſchen Hoffnungen angegriffen hatte, flößte dem Musketier große Dankbarkeit für ſeine Procuratorin ein. Bald ſchlug die Mittageſſensſtunde; man ging in das Speiſezimmer, eine große dunkle Stube der Küche ge⸗ *„ genüber. Die Schreiber, denen, wie es ſcheint, die ungewöhn⸗ lichen Gerüche im Hauſe nicht entgangen waren, beobach⸗ teten eine militäriſche Pünktlichkeit und hielten, bereits ſich niederſetzend, ihre Tabourets in ver Hand. Man ſah ſie zum voraus die Kinnbacken mit furchtbaren Neigungen be⸗ wegen.„Bei Gott!“ dachte Porthos, indem er einen Blick auf die drei Ausgehungerten warf, denn der Gaſſen⸗ junge wurde, wie man ſich denken kann, nicht zu der Ehre des Herrentiſches zugelaſſen.„Bei Gott! an der Stelle meines Vetters würde ich ſolche Freſſer nicht behalten. Man ſollte glauben, es wären Schiffbrüchige, die ſeit ſechs Wochen nicht gegeſſen.“. Herr Coquenard wurde auf ſeinem Rollſtuhle von Madame Coquenard hereingeſchoben, welche Porthos, bis er den Tiſch erreichte, zuvorkommend im Rollen unter⸗ ſtützte. Kaum war er im Zimmer, als er ſeine Naſe und ſeine Kinnbacken nach dem Beiſpiele ſeiner Schreiber in Bewegung ſetzte. „Oh, oh!“ ſagte er,„das iſt eine einladende Suppe.“ „Was Teufel riechen ſie denn Außerordentliches in dieſer Suppe?“ ſagte Porthos zu ſich ſelbſt bei dem An⸗ blicke einer blaſſen, weißlichen, aber völlig blinden Fleiſch⸗ brühe, auf der einige ſeltene Kruſten, wie die Inſeln eines Archipels, ſchwammen.. Madame Coquenard lächelte und auf ein Zeichen von ihr beeilte ſich Jedermann niederzuſitzen. Herr Coquenard wurde zuerſt bevient, dann Porthos, hierauf füllte Madame Coquenard ihren Teller und theilte —— — die Kruſten ohne Fleiſchbrühe unter die Ungeduldigen aus. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre des Speiſezimmers knarrend von ſelbſt, und Porthos erblickte vurch die halbgeoffneten Flügel den kleinen Schreiber, der, da er nicht an dem Mahle Theil nehmen durfte, ſein Brod bei dem doppelten Geruche von der Küche und dem Speiſe⸗ zimmer verzehrte. Nach der Suppe brachte die Magd eine geſottene Henne, ein Prachtſtück, bei deſſen Anblick ſich die Augen⸗ lider der Gäſte ſo ſehr erweiterten, daß man glaubte, ſie müßten zerreißen. „Man ſieht, Ihr liebt Eure Familie, Madame Coquenard,“ ſprach der Procurator mit einem beinahe tra⸗ giſchen Lächeln,„das iſt offenbar eine Galanterie, die Ihr Eurem Vetter erweiſt.“ Die arme Henne war alt und mit einer von den vicken, rauhen Häuten bekleidet, welche die Knochen mit aller Anſtrengung nicht zu durchdringen vermögen. Man mußte ſie lange geſucht haben, um ihre Aufſitzſtange zu finden, auf die ſie ſich zurückgezogen hatte, um an Alters⸗ ſchwäche zu ſterben. „Teufel!“ dachte Porthos,„das iſt voch ſehr trau⸗ rig. Ich ehre das Alter, aber ich mache mir wenig dar⸗ aus, wenn es geſotten oder gebraten iſt.“ Und er ſchaute in der Runde umher, um zu beob⸗ achten, ob ſeine Meinung getheilt würde; aber er ſah im Gegentheil nur flammende Augen, welche zum voraus dieſe erhabene Henne, den Gegenſtand ſeiner Verachtung, verſchlangen. Madame Coquenard zog die Platte zu ſich heran, loſte geſchickt die zwei großen ſchwarzen Pfoten, die ſie ihrem Gatten auf den Teller legte, ſchnitt den Hals ab, den ſie mit dem Kopfe für ſich nahm, trennte einen Flü⸗ gel für Porthos ab und gab der Magd, welche es gebracht hatte, das Thier zurück, das beinahe unberührt zurück⸗ 237 kehrte und verſchwunden war, che der Musketier Zeit hatte, die Veränderungen zu beobachten, welche dieſe Ent⸗ täuſchung je nach den Charakteren und Temperamenten der Umſitzenden auf den Geſichtern hervorbrachte. Nach der Henne machte eine Platte mit Bohnen ihre Aufwartung, in der einige Schöpſenknochen, von denen man Anfangs glauben konnte, ſie wären mit Fleiſch be⸗ kleidet, ſich zu zeigen ſchienen. Aber die Schreiber ließen ſich durch dieſen Trug nicht bethören, und aus ihren dü⸗ ſteren Mienen wurden in die Fügungen des Schickſals er⸗ gebene Geſichter. Madame Coquenard theilte dieſes Gericht mit der Mäßigung einer guten Hauswirthin unter die jungen Leute aus. Nun kam die Reihe an den Wein, Herr Coquenard ſchenkte aus einem ſehr magern Weinkruge jedem von den jungen Leuten das Drittel eines Glaſes ein, nahm für ſich ungefähr in gleichem Verhältniß und die Flaſche ging ſogleich zu Porthos und Madame Coquenard über. Die jungen Leute füllten das Drittel Wein mit Waſſer; wenn ſie die Hälfte des Glaſes getrunken hatten, füllten ſie es abermals, und ſo machten ſie dies fortwäh⸗ rend, wodurch ſie am Ende des Mahles ein Getränke ver⸗ ſchluckten, das von der Farbe des Rubins zu der des Rauchtopaſes übergegangen war. Porthos verſpeiſte ſchüchtern ſeinen Flügel. Er trank auch ein halbes Glas von dieſem ſo ſpärlich zugemeſſenen Weine und erkannte ihn als einen Montreuil. Meiſter Coquenard ſah ihn den Wein ungemiſcht trinken und ſtieß einen Seufzer aus. „Eßt Ihr vielleicht von dieſen Bohnen, mein Vetter Porthos?“ ſprach Madame Coquenard mit jenem Tone, welcher ſagen will:„Glaubt mir, eßt nichts davon.“ „Ich danke, meine Baſe,“ erwiederte er,„ich habe keinen Hunger mehr.“ 238 wie er ſich benehmen ſollte. Der mehrmals: „Ah, Madame Coquenard, ich mache euch mein Com⸗ rocurator wiederholte pliment, Euer Mittagsbrod iſt ein wahres Feſtmahl!“ Porthos glaubte, man wolle ihn myſtificiren und fing an, ſeinen Schnurrbart in die Höhe zu ſtreichen und die Stirne zu falten. Aber der Blick von Madame Coquenard ermahnte ihn zur Geduld. In dieſem Augenblick ſtanden die Schreiber auf einen Wink des Procurators langſam vom Tiſche auf, legten ihre Serbietten noch langſamer zuſammen, verbeugten ſich und traten ab. „Geht, Ihr jungen Leute, geht und verdauet durch Arbeiten,“ ſagte der Procurator ernſthaft. Als die Schreiber ſich entfernt hatten, erhob ſich Madame Cogquenard und holte aus einem Speiſe⸗ ſchranke ein Stück Käſe, eingemachte Quitten und einen Kuchen, den ſie aus Mandeln und Honig ſelbſt verfertigt hatte. Herr Coquenard runzelte die Stirne, weil er zu viel Gerichte erblickte. „Ein Feſtmahl, ganz entſchieden!“ rief er, ungedul⸗ dig ſich auf ſeinem Stuhle hin und her bewegend.„Ein wahres Feſtmahl! Epulac epularum: Lucullus ſpeiſt bei Lucullus zu Mittag!“ Porthos ſchaute die Flaſche an, die in ſeiner Nähe ſand, und hoffte mit Wein, Brod und Käſe zu Mittag zu ſpeiſen. Aber der Wein ging bald aus, die Flaſche war leer. Herr und Madame Coquenard hatten nicht das Anſehen, als ob ſie es bemerkten. „Das iſt gut,“ ſprach Porthos zu ſich ſelbſt,„ich weiß nun, woran ich bin.“ Er leckte ein wenig an einem Löffel voll eingemach⸗ ter Qujtten und verbiß ſich die Zähne in dem zähen Teige von Ni. adame Coquenard. Gs trat ein Stillſchweigen wußte nicht, 239 „Nun iſt das Opfer gebracht,“ ſprach er. err Coquenard fühlte nach den Leckereien eines ſol⸗ chen Mahles, das er einen Erceß nannte, das Bevürfniß, Sieſta zu halten. Porthos hoffte, dies würde an Ort und Stelle und in demſelben Raume vorgehen, aber der Procurator wollte nichts davon hören. Man mußte ihn in ſein Zimmer zurückbringen, und er ſchrie, ſo lange er nicht vor ſeinem Schranke war, auf deſſen Rand er ſodann aus Vorſicht ſeine Füße ſtellte. Die Procuratorin führte Porthos in ein anſtoßendes 3immer.. .„Ihr könnt dreimal in der Woche zu Tiſche kommen,“ ſagte Madame Coquenard. „Ich danke,“ erwiederte Porthos,„ich mache nicht gerne Mißbrauch von ſolchen Emladungen. Ueberbieß muß ich an meine Equipirung denken.“ „Das iſt wahr,“ ſprach die Procuratorin ſeufzend, „dieſe unglückliche Equipirung nimmt Euch in Anſpruch, nicht wahr?“ „Ach ja,“ ſagte Porthos. „Aber worin beſteht denn die Equipirung Eueres Corps, Herr Porthos?“ 3„Oh! in Mancherlei,“ ſprach Porthos,„die Muske⸗ tiere ſind, wie Ihr wißt, Elite⸗Soldaten, und fie brauchen 4 3 viele Dinge, welche die Garden und die Schweizer ent⸗ behren können.“ 4 „Nennt ſie mir einzeln.“ „Das kann ſich belaufen auf...“ erwiederte Porthos, der ſich lieber über den Geſammtbetrag, als über die ein⸗ zelnen Punkte ausſprechen wollte. 6 Die Procuratorin wartete zitternd. S „Auf wie viel?“ fragte ſie;„ich hoffe, es wird nicht mehr als„ hier blieb ſie ſtecken, es fehite ihr das Wert. „Oh! nein, es beträgt nicht über zwei tauſend fünf hundert Livres. Ich glaube r, daß ich bei einiger Sparſamkeit mit zwei tauſend ausreichen könnte.“ „Guter Gott! zwei tauſend Livres!“ rief ſie, „aber das iſt ein ganzes Vermögen, und mein Mann wird ſich nie herbeilaſſen, eine ſolche Summe zu borgen!“ Porthos machte eine ſehr bezeichnende Grimaſſe; Madame Coquenard verſtand ihren Sinn. „Ich fragte nach den einzelnen Punkten,“ ſprach ſie, „weil ich viele Verwandte und Kunden bei dem Handels⸗ ſtande habe, und folglich überzeugt ſein känn, daß ich die Sachen um hundert Procent unter dem Preiſe bekomme, den Ihr dafür bezahlen müßt.“ „Ah! ah!“ rief Porthos,„wenn Ihr dies damit andeuten wolltet... „Ja, mein lieber Herr Porthos. Ihr braucht alſo vor Allem„ „Ein Pferd.“ „Ja, ein Pferd. Gut! das iſt es gerade, was ich für Euch abmachen kann.“ 3 „Ah!“ ſprach Porthos ſtrahlend,„in Beziehung auf mein Pferd ſtehen alſo die Angelegenheiten ganz gut; dann brauche ich noch ein Pferd für meinen Bedienten und ein Felleiſen. Was die Waffen betrifft, ſo dürft Ihr Euch nicht darum bekümmern, dieſe habe ich be⸗ reits.“ „Ein Pferd für Eueren Bedienten?“ verſetzte die Procuratorin zögernd.„Aber das klingt ſehr vornehm.“ „Ei! Madame,“ ſprach Porthos ſtolz,„bin ich ein Schlucker?“ Mein. Ich wollte Euch nur ſagen, ein hubſches Maulthier ſehe gleichſam eben ſo gut aus, wie ein Pferd, und es ſcheine mir, wenn ich Euch ein gutes Maulthier für Euern Mousgueton verſchaffen würde„ „Es mag ſein, ein hübſches Maulthier; Ihr habt Recht, ich habe ſehr vornehme ſpaniſche Herren ge⸗ e————+ 1———„„— —— 2u ſehen, deren ganzes Gefolge auf Maulthieren ritt. Aber en Ihr werdet dann begreifen, Madame. Coquenard, daß ich 8 ein Maulthier mit Feverbuſch und Schelle haben muß.“ ſie,„Seid unbeſorgt,“ erwiederte die Procuratorin. nn„Nun iſt noch das Felleiſen übrig,“ ſagte Porthos. zu„Oh! das darf Euch nicht beunruhigen,“ rief Ma dame Coquenard,„mein Mann beſitzt fünf oder ſechs Fell⸗ e; eiſen, und Ihr ſucht Euch das beſte aus; es iſt beſonders eines darunter, das er ſehr gerne mit auf Reiſen nahm, ſie, man könnte eine ganze Welt hineinpacken.“ [s⸗„Euer Felleiſen iſt alſo leer?“ fragte Porthos. die„Gewiß, es iſt leer,“ antwortete die Procuratorin. ne,„Ah! dasjenige, welches ich brauche,“ rief Porthos, iſt ein wohl ausgerüſtetes, meine Theuere.“ nit Madame Coquenard ſtieß neue Seufzer aus. Mo⸗ liére hatte damals ſeinen Geizigen noch nicht geſchrieben. lſo Madame Coquenard gebührt alſo der Vorrang vor Har⸗ pagon. Der Reſt der Equipirung wurde nach und nach auf ich dieſelbe Weiſe debattirt, und das Reſultat der Sitzung war, daß die Procuratorin von ihrem Gatten acht hundert uf Livres in haarem Gelde verlangen und das Pferd und t; das Maulthier liefern ſollte, welchen beiden Geſchöpfen ten die Ehre zugedacht war, Porthos und Mousqueton zum rſt Ruhme zu tragen. be⸗ Als dieſe Bedingungen feſtgeſtellt und die Intereſſen vertragsmäßig beſtimmt waren, nahm Porthos von Ma⸗ die dame Coquenard Abſchied und kehrte .Hunger nach ſeiner Wohnung zurück. ein es rd, ier bt 13 Kind mit der ſiegreichſten Miene an. XVI. Zofe und Gebicterin. Trotz der Stimme ſeines Gewiſſens, trotz der weiſen Rathſchläge von Athos und der zarten Erinnerung an Madame Bonaecieür, verliebte ſich d'Artagnan von Stunde zu Stunde mehr in Mylady; auch verfehlte er nicht, ihr täglich auf eine Weiſe den Hof zu machen, von der der eitle Gascogner überzeugt war, ſie müßte früher oder ſpäter eine Erwiederung zur Folge haben. Als er eines Tags, die Naſe hoch tragend, leichten 3 Sinnes, wie ein Menſch, der einem Goldregen entgegen⸗ ſicht, nach dem Hotel von Mylady kam, traf er die Zofe 2 unter der Einfahrt; aber diesmal begnügte ſich die hübſche Ketth nicht mit einem flüchtigen Lächeln, ſie nahm ihn ſachte bei der Hand. „Gut!“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt,„ſie iſt mit einer Botſchaft ihrer Herrin an mich beauftragt; ſie wird mir ein Rendezvous bezeichnen, das man mir mündlich zu geben, nicht gewagt hat,“ und dabei ſchaute er das ſchöne —— „Ich wünſchte ein paar Worte mit Euch zu ſprechen, Herr Chevalier,“ ſtammelte die Kammerjungfer. „Sprich, mein Kind, ſprich,“ ſagte d'Artagnan,„ich 1 höre.“. 1 „Hier, Bnsglich; was ich euch zu ſagen habe, iſt zu lang und beſonders zu geheim.“ „Nun! was iſt aber dann zu machen?“ „Wenn der Herr Chevalier mir folgen wollte,“ ſagte Ketty ſchüchtern. „Wohin Du willſt, mein ſchönes Kind.“ 2 „So fommt.“ und Ketty, die ſeine Hand nicht losgelaſſen hatte, — — — Theilnahme für Euch den Entſchluß gefaßt, es Euch kund 243 zog ihn nach ſich auf eine düſtere Wendeltreppe, und öff⸗ nete eine Thüre, nachdem ſie etwa fünfzehn Stufen hin⸗ aufgeſtiegen waren. „Tretet ein, Herr Chevalier, hier ſind wir allein un können ruhig mit einander ſprechen.“ 3 „Was iſt das für ein Zimmer, mein ſchoͤnes Kind? fragte d'Artagnan. „Das meinige, gnädiger Herr; es ſteht mit dem meiner Gebieterin durch dieſe Thüre in Verbindung. Aber ſeid ohne Sorgen, ſie kann nicht hören, was wir ſprechen, da ſie ſich nie vor Mitternacht ſchlafen legt.“ D'Artagnan ließ ſeine Blicke umherſchweifen. Das kleine Zimmer war reizend, ſowohl was den Geſchmack, als was die Reinlichkeit betrifft, aber unwillkührlich hefteten ſich ſeine Augen auf die Thüre, von der ihm Ketty geſagt hatte, ſie führe nach dem Zimmer von My⸗ lady. Keity errieth, was in der Seele bes jungen Mannes vorging und ſeufzte. „Ihr liebt alſo meine Gebieterin ſehr, Herr Cheva⸗ lier?“ fragte ſie⸗ „Ich weiß nicht, ob ich ſie wahrhaft liebe, ich weiß nur, daß ich wahnſinnig in ſie verliebt bin.“ Ketty ſtieß einen zweiten Seufzer aus. „Ach! mein Herr, das iſt Schade.“ „Was Teufels ſiehſt Du denn darin ſo Unange⸗ nehmes?“ „Ich meine, weil meine Gebietetinuch gar nicht liebt.“ „Wie!“ rief dArtagnan,„ſollte ſie Dich beauftragt haben, mir dies zu ſagen „Oh! nein, gnädiger Herr, aber ich habe aus zu thun.“ „Ich danke, meine gute Ketty, aber nur für die geſagt habe, nicht wahr 2 Abſicht, denn Du wirſt wohl zugeben, daß eine ſolche Eröffnung nicht gerade angenehm iſt.“ „Das heißt, Ihr glaubt nicht an das, was ich Euch „Ich geſtehe, daß ich, bis Du mir irgend einen Be⸗ weis für Deine Behauptung zu geben vermagſt 4 „Was ſagt Ihr zu dieſem?“ Ketty zog aus ihrem Buſen ein kleines Billet ohne Aufſchrift hervor. „Für mich?“ rief d'Artagnan, ſich raſch des Brief⸗ chens bemächtigend, und mit der Geſchwindigkeit eines Gedankens zerriß er den umſchlag, trotz des Geſchreis, das Ketty erhob, als ſie ſah, was er thun wollte, oder vielmehr, was er that. „Ah! mein Gott! Herr Chevalier, was macht Ihr da?“ ſprach ſie.. „Ei! bei Gott,“ erwiederte d'Artagnan,„muß ich nicht von dem, was an mich gerichtet iſt, Kenntniß neh⸗ men?“ Und er las:„Ihr habt auf mein erſtes Billet* nicht geantworiet; ſeid Ihr leidend oder habt Ihr ver⸗ geſſen, mit welchen Ihr mich 6 dem Ball von Frau von Guiſe anſahet? Die Gelegen eit iſt da, Graf, laßt ſie nicht entſchlüpfen.“ DArtagnan erbleichte, er war in ſeiner Eigenliebe verletzt, er glaubte ſich in ſeiner Liebe verwundet. „Dieſes Billet iſt nicht für mich!“ rief er. „Nein, es iſt für einen Andern; Ihr habt mir nicht Zeit graſene Euch zu ſagen.“ „Für einen Andern! ſein Name! ſein Name!“ rief Artagnan wüthend. „Für den Grafen von Wardes.“ Die Erinnerung an die Scene in Saint⸗Germain trat plötzlich wieder vor den Geiſt des anmaßenden Gascog⸗ ners und beſtätigte die Eröffnung Ketty's. „Armer, lieber Herr dArtagnan,“ ſprach dieſe wird.“ 245 in einem Tone voll Mitleids und drückte dem jungen Manne abermals die Hand. „Du beklagſt mich, gute Kleine,“ ſagte d'Artagnan. „Oh! ja, von ganzem Herzen, denn ich weiß, was Liebe heißt.“ „Du weißt, was Liebe heißt?“ fragte dArtagnan und ſchaute ſie zum erſten Male mit einer gewiſſen Auf⸗ merkſamkeit an. „Ach! ja.“ „Nun wohl! dann würdeſt Du viel beſſer daran thun, ſtatt mich zu beklagen, mir hülfreiche Hand bei meiner Rache an Deiner Gebieterin zu gönnen.“ „Und was für eine Rache wollt Ihr nehmen?“ „Meinen Nebenbuhler aus ſeiner Stelle ver⸗ drängen.“ „Dazu werde ich Euch nie behülflich ſein, Herr Che⸗ valier,“ erwiederte Ketty lebhaft. „Und warum nicht?“ „Aus zwei Gründen.“ „Aus welch n2 „Erſtens, weil meine Gebieterin euch nie lieben „Weißt Du dies?“ „Ihr habt ſie in ihrem Innerſten verwundet.“ „In welcher Beziehung kann ich ſie verwundet haben, ich, der ich, ſeitdem ich ſie kenne, zu ihren Füßen liege, wie ein Sklave 2 Sprich, ich bitte Dich.“ ch werde dies nur dem Manne geſtehen„„der in der Tiefe meines Herzens zu leſen vermag.“ D'Artagnan ſchaute Ketty zum zweiten Male an. Das junge Mädchen war von einer Friſche und wofür manche Herzogin ihre Krone gegeben ätte. „Ketty, ich werde in der Tiefe Deines Herzens reſen, darüber beruhige Dich, mein liebes Find; aher geht, geht geſchwinde.“ „O nein,“ rief Ketty,„Ihr liebt mich nicht, Ihr liebt meine Gebieterin; das habt Ihr mir ſo eben geſagt.“ „Und das hält Dich ab, mir den zweiten Grund zu nennen?“ „Der zweite Grund, mein Herr Chevalier,“ ſprach Ketth, durch den Ausdruck der Augen des jungen Mannes te„der zweite Grund: in der Liebe jeder für i Jetzt erinnerte ſich dArtagnan der ſchmachtenden Blicke Kettys, ihres Lächelns und ihrer uuterdrückten Seufzer, ſo oft er ihr begegnete; doch ganz und gar von dem Verlangen beſeelt, der vornehmen Dame zu gefallen, hatte er die Zofe verachtet:„wer den Adler jagt, küm⸗ mert ſich nicht um den Sperling.“ Aber diesmal begriff unſer Gascogner blitzgeſchwinde, welchen Nutzen man aus dieſer Liebe ziehen konnte, die ihm Ketty auf eine ſo naive Weiſe zugeſtanden hatte— Auffangen der an den Grafen von Wardes gerichteten Briefe, Einverſtändniß am Platze, Eintritt zu jeder Stunde durch das Zimmer von Ketty, welches an das ihrer Ge⸗ bieterin ſtieß. Der Treuloſe opferte, wie man ſieht, be⸗ reits in Gedanken das arme Mädchen der vornehmen Dame auf. Es ſchlug Mitternacht und man hörte beinahe um vieſelbe Zeit das Glöckchen in dem Zimmer von Mylaty ertönen. „Großer Gott!“ rief Ketty,„meine Herrin ruft, D'Artagnan ſtand auf, nahm ſeinen Hut, als o zu gehorchen beabſichtigte, öffnete aber raſch ſtatt d Treppenthüre die Thüre eines großen Schrankes und kauerte ie unter die Kleider und Mäntel von Mylady nein. „Was macht Ihr denn?“ rief Ketty. DArtagnan, der zum voraus den Schlüſſel genom⸗ *— en 3 217 men hatte, ſchloß ſich in ſeinen Schrank ein, ohne zu antworten. „Nun!“ rief Mylady mit einer ſcharfen Stimmez „ſchläfſt Du, daß Du nicht kommſt, wenn ich läute. D'Artagnan hörte, daß die Verbindungsthüre heftig geoͤffnet wurde. „Hier bin ich, Mylady, hier bin ich!“ rief Kelih ihrer Gebieterin entgegenlaufend. Alle Beide traten in das Schlafzimmer ein und da die Thüre offen blieb, konnte d'Artagnan noch einige Zeit Mylady ihre Kammerjungſer zanken hören; endlich be⸗ ruhigte ſie ſich, und es kam auf ihn die Rede, während Ketty ihre Gebieterin bediente. „Ei!“ ſagte Mylady,„ich habe unſern Gascogner dieſen Abend nicht geſehen.“ „Wie, Madame,“ ſprach Ketty,„er iſt nicht gekom⸗ Sollte er flatterhaft ſein, ehe er glücklich geweſen iſt„ „Ohl nein, Herr von Treville, oder Herr des Eſſarts werden ihn abgehalten haben. Ich verſtehe mich darauf, Ketty; dieſen halte ich feſt.“ „Was wird die gnädige Frau mit ihm machen?“ „Was ich mit ihm machen werde? ſei unbeſorgt, Ketty; zwiſchen dieſem Menſchen und mir liegt ein Ding, das er nicht kennt. Er hat mich beinahe um meinen Credit bei ſeiner Eminenz gebracht. Ol ich werde mich rächen.“ „Ich glaubte, die gnädige Frau liebte ihn 2 „Ich, ihn lieben! ich verabſcheue ihn. Ein Einfalts⸗ pinſel, der das Leben von Lord Winter in den Händen hat, ihn nicht tödtet und wir dadurch einen Verluſt von drei mal hunderttauſend Livres Rente zuzieht.“ S „Das iſt richtig,“ ſagte Ketty.„Euer Soehn wäre der einzige Erbe ſeines Oheims und bis zu ſeiner Voll⸗ jährigkeit hättet Ihr die NRutznießung ſeines Vermögens gehabt.“.* D'Artagnan ſchauerte bis in das Mark ſeiner Kno⸗ chen, als er hörte, wie ihm dieſes liebreizende Geſchöpf, mit der ſcharfen Stimme, die ſie nur mit großer Mühe im Geſpräche zu verbergen vermochte, vorwarf, daß er einen Mann nicht getödtet habe, von dem ſie, wie er ſelbſt geſehen hatte, von Beweiſen der Freundſchaft über⸗ häuft wurde. „Auch hätte ich mich bereits an ihm gerächt,“ fuhr Mylady fort,„wenn mir nicht der Cardinal, ich weiß nicht aus welchem Grunde, befohlen hätte, ihn zu ſchonen.“ „Oh! ja, aber Madame hat die kleine Frau nicht geſchont, die er liebte.“ „Ah! die Krämerin aus der Rue des Foſſoheurs! hat er nicht bereits vergeſſen, daß ſie lebte! eine ſchöne Rache, meiner Treue!“ Der kalte Schweiß lief d'Artagnan von der Stirne: dieſes Weib war ein Ungeheuer. Er horchte wieder, aber leider war die Toilette be⸗ endigt. „Gut,“ ſprach Mylady,„geh in Dein Zimmer, und ſuche morgen eine Antwort auf den Brief zu bekommen, den ich Dir gegeben habe.“ „Für Herrn von Wardes?“ fragte Ketty. „Allerdings.“ „Das iſt ein Mann,“ ſprach Ketty,„der mir vor⸗ kommt, als wäre er gerade das Gegentheil von dem ar⸗ men Herrn d'Artagnan.“ „Geht, Mademviſelle,“ ſagte Mylady,„ich liebe die Commentare nicht.“ D'Artagnan hörte die Thüre zumachen, dann vernahm er das Geräuſch von zwei Riegeln, welche Mylady vor⸗ ſchob, um ſich in ihrem Zimmer einzuſchließen. Ketty drehte auf ihrer Seite, aber ſo ſachte als möglich, den Schlüſſel einmal um. Dann ſtieß d'Artagnan die Thüre des Schrankes auf. „Oh! mein Gott!“ ſprach Ketty mit gedämpfter 249 Stimme;„was habt Ihr denn und wie bleich ſeht Ihr aus!“ „Das abſcheuliche Geſchöpf!“ murmelte dArtagnan. „Stille! ſtille! kommt heraus; es iſt nur eine dünne Scheidewand zwiſchen meinem Zimmer und dem von Mylady; man hört in dem einen ganz genau, was in dem andern geſprochen wird. „Schon gut; aber ich gehe nicht eher heraus, als bis Du mir geſagt haſt, was aus Madame Bonakieur geworden iſt.“ Das arme Mädchen ſchwur d'Artagnan auf das Cru⸗ eifir, daß ſie es nicht wiſfe, da ihre Gebieterin ihre Ge⸗ heimniſſe nie mehr als zur Hälfte durchdringen laſſe. Nur glaube ſie dafür ſtehen zu können, daß ſie nicht todt ſei. Was die Urſache betraf, aus der Mylady beinahe ihren Credit bei dem Cardinal verloren hätte, ſo wußte Ketty auch hievon nicht mehr. Aber dießmal war d'Ar⸗ tagnan cher eingeweiht, als ſie. Da er Mylady in dem Augenblick, wo er ſelbſt England verließ, auf einem con⸗ ſignirten Schiffe geſehen hatte, ſo vermuthete er, daß von den Diamant⸗Neſtelſtiften die Rede war. Am klarſten trat bei Allem hervor, daß der wahre Haß, der tiefe Haß, der eingefleiſchte Haß von Mylady gegen ihn davon herrührte, daß er ihren Schwager nicht getödtet hatte. DArtagnan kehrte am andern Tage zu Mylady zu⸗ rück. Sie war ſehr übler Laune. DArtagnan begriff, daß das Ausbleiben des Briefes die gereizte Stimmung bei ihr zur Folge hatte. Ketty trat ein, wurde aber äußerſt hart von Mylady behandelt. Ein Blick, den ſie dArtagnan zuwarf, wollte ſagen:„Ihr ſeht, wie ich um Euretwillen leide.“ Doch am Ende des Abends beſänftigte ſich die ſchöne Löwin; ſie hörte lächelnd die zärtlichen te dAr⸗ tagnan's und gab ihm ſogar ihre Hand zu küſſe. ts wArtagnan ſich entfernte, wußte er nicht mehr, was er denken ſollte, da er aber ein Gascogner war, den man nicht ſo leicht den Kopf verlieren machte, ſo erſann er in ſeinem Innern ein Plänchen. Er fand Ketty an der Thüre und ging wie am vor⸗ hergehenden Tage mit ihr hinauf, um Neuigkeiten von ihr zu erfahren. Ketty war viei geſcholten worden; man hatte ſie der Nachläſſigkeit beſchuldigt. Mylady konnte das Stillſchweigen des Grafen von Wardes gar nicht be⸗ greifen und ſie hatte ihr beſohlen, am Morgen um neun Uhr in ihrem Schlafzimmer zu erſcheinen, um ihre Auf⸗ träge zu vernehmen. D'Artagnan ließ ſich von Ketty das Verſprechen geben, am andern Tage in ſeine Wohnung zu kommen, um ihm den Inhalt dieſer Befehle mitzutheilen. Die Arme verſprach Alles, was d'Artagnan haben wollte: ſie liebte wahnſinnig.. um eilf Uhr ſah er Ketty kommen. Sie hielt ein neues Billet von Mylady in der Hand. Dießmal ſuchte es das arme Kind dArtagnan nicht einmal ſtreitig zu machen und ließ ihn gewähren. Sie gehörte mit Leib und Seele dem ſchönen Soldaten. D'Artagnan öffnete dieſes zweite Billet, das eben⸗ falls weder mit einer Unterſchrift noch mit einer Adreſſe verſehen war, ünd las, wie folgt: „Ich ſchreibe Euch zum dritten Male, um Euch zu ſagen, daß ich Euch liebe. Hütet Euch, daß ich Euch nicht zum vierten Male ſchreibe, um Euch zu ſagen, daß ich Euch haſſe.“ D'Artognan wurde wiederholt blaß und roth, wäh⸗ rend er dieſes Billet las. „Oh! Ihr liebt ſie immer noch!“ ſprach Keity, die nicht einen Moment die Augen von dem Geſichte des jungen Mannes abgewendet hatte. „Nein Ketty, Du täuſcheſt Dich; ich liebe ſie nicht mehr, aber ich will mich für ihrt Verachtung rächen.“ Ketih ſeufzte 251 3 D'Artagnan nahm eine Feder und ſchrieb: „Madame, bis jetzt hatte ich gezweifelt, ob Eure bei⸗ ven erſten Billets auch gewiß an mich gerichtet wären, ſo ſehr wähnte ich mich einer ſolchen Ehre unwürdig. „Heute aber muß ich an das Uebermaß Euerer Güte glauben, weil nicht nur Euer Brief, ſondern auch Euere ammerfrau mir die Verſicherung geben, daß ich das Glück habe, von Euch geliebt zu werden. „Ich werde heute Abend um eilf Uhr meine Vetzei⸗ hung erflehen. Einen Tag länger zögern, wäre jetzt in meinen Augen eine neue Beleidigung. „Derjenige, welchen Ihr zum glücklichſten Sterblichen macht.“ Dieſes Billet war nicht gerade eine Fälſchung— d'Artagnan unterzeichnete es nicht— aber es war eine Unzartheit, es war ſogar, aus dem Geſichtspunkte unſerer gegenwärtigen Sitten betrachtet, etwas wie eine Schänd⸗ ichkeit; man ſcheute ſich in jenet Zeit weniger, als dieß gegenwärtig der Fall iſt. Ueberdieß wußte d'Artagnan durch das eigene Geſtändniß von Mylavy dieſe des Ver⸗ raths an wichtigeren Häuptern ſchuldig) und er hegte nur eine ſehr geringe Achtung vor ihr. Auch hatte er ſich an ihr wegen ihrer Koketterle gegen ihn und wegen ihres Benehmens gegen Mavame Bonacieur zu rächen. Der Plan von d'Artagnan war ganz einfach. Durch das Zimmer von Ketty gelangte er in das ihrer Gebieterin. Fr verwirrte die Treuloſe, er drohte, ſie durch einen öffentlichen Lärm zu compromittiren, und echielt von ihr urch den Schrecken alle Auskunft, die er über das Schick⸗ ſal von Conſtance zu haben wünſchte. Vielleicht ſollte ſogar die Freiheit der hübſchen Krämerin vas Reſultat dieſer Zuſammenkunft ſein. „Hier,“ ſprach der junge Mann und ſtellte Ketty das Billet ganz verſiegelt zu,„gib dieſen Brief Mhlady; iſt die Antwort von Herrn von Wardes.“ Die arme Ketty wurde bleich wie der Tod; ſie ver⸗ muthete, was das Billet enthielt. „Höre, mein liebes Kind,“ ſagte d'Artagnan zu ihr, „Du begreifſt, daß Alles dies auf die eine vder auf die andere Weiſe endigen muß; Mylady kann entdecken, daß Du das erſte Billet meinem Bedienten übergeben haſt, ſtatt es dem Bedienten des Grafen einzuhändigen; daß ich die anderen entſiegelt habe, welche Herr von Wardes entſtegeln ſollte. Dann wird Dich Mylady fortjagen, und Du kennſt ſie, ſie iſt nicht die Frau, ihre Rache hierauf † zu beſchränken.“ „Ach,“ rief Ketty,„wofür habe ich mich Allem dem ausgeſetzt!“ „Für mich, ich weiß es wohl, meine Schönſte,“ ſagte der junge Mann;„auch bin ich Dir in hohem Maße dankbar, das ſchwöre ich.“„ „Aber was enthält denn Euer Billet?“ „Mylady wird es Dir ſagen.“ „Ah, Ihr liebt mich nicht!“ rief Ketty,„und ich bin ſehr unglücklich!“ Ketty weinte viel, ehe ſie ſich entſchloß, dieſen Brief Muylady zu übergeben; aber endlich entſchloß ſie ſich den⸗ noch aus Ergebenheit für den jungen Musketier, und das war Alles, was d'Artagnan in vieſem Augenblick wollte. prtiſer Wyſterien und Gerölſtein. Sittengemälde aus der neueſten Zeit von 3 Eugen Sue. Deutſch von Erwin v. Moosthal. 27 Bändchen, geheftet à 6 Kreuzer jeder Band; alſo complett 2 fl. 42 kr. Im Laufe eines Jahres ſind von dieſem Werke 60,000 Eremplare allein in Frankreich und 100,000 Eremplare belgiſcher Nachdrücke verkauft worden! Und doch iſt dieſes Werk kein nur Frankreich angehoͤrendes, ſondern ein Bild der Welt, voll der ſchönſten und praktiſchſten chriſt⸗ lich-moraliſchen Ideen, wie nur je ein Werk dieſer Art ſie enthält; dabei von einer Meiſterſchaft der Darſtel⸗ lung, ſpannenden Situationen und einem Reichthum von Begebenheiten, wie wir kein Aehnliches in der euro⸗ äiſchen Literatur beſitzen. Die Ueberſetzung unſerer deuſchen Ausgabe wird als die Gelungenſte von den Vorhandenen aligemein anerkannt, die mit der Schönheit des Originals wetteifert, und durch deren Beſitz man wohl nur allein den Genuß vollkommen von dieſem Werke hat ur Nachricht! n„Spindlerſchen belletriſtiſchen Aus⸗ lande“ erſchienen complett: 8 Fämmtliche Werke von Frau Emilie Flygare⸗Carlén, welche in Schweden wie in Deutſchland mit derſelben Begeiſterung und Begierde verſchlungen werden, wie die Schriften von Fräulein Friederike Bremer. Folgende Romane ſind bis jetzt von dieſer berühmten Dichterin in Schweden erſchienen und werden von uns in vortreflicher deutſcher Ueberſetzung geliefert: Waldemar Klein. Die Milchbrüder. Guſtav Lindorm; Die Kircheinweihung von oder: Hamarby. Führe z nin in Ver- Der Profeſſor und ſeiue Schützlinge. Liſttön. Der Kammerer Laßmann v Stjutsjunge. als alter Junggeſell u.ſ. Stuttgart, im Oktober 1844. Pie Verlagohandlung. Spindler's illuſtrirtes Volkstaſchenbucht Vergissmeinnicht.. Taſchenbuch 5 der Liebe, der Freundſchaft und dem Familienleben des deutſchen Volkes gewidmet von Carl Spindler. Für das Jahr 1845. Mit 19 Illuſtrationen in Holz⸗ und 4 Stahlſtichen von L. Weißer. . 16 Bogen breit S. elegant geheftet. Preis 5 1 Kreuzer oder 16 Neugroſchen. Der Jahrgang 1875 enthalt folgende Etzählungen on Spindler: Chriſtliche Hauschronik. Mit ſechs Holzſtichen. I. Erzählungen beim Licht: 1) vom rothen Männel aus Straßburg. Mit . 1 Stahlſtich und 1 Holzſtich; 3 2) von der Frau Demuth und von der Frau Hurrl Mit 1 Stahlſtich; vie Wordkammer in Conſtanz. Mit 1 Stahlſtich; e die Prinzeſſin von Hornberg. Mit 1 Holzſtich; 5 Legende der ſieben Frauen von Föhrenbach. 6 die Geſchichte vom ſtummen Wenß. Benzenweiler. Mit 1 Holzſti 3 . Eine Geſpenſtergeſchichte. Mit 2 Holzſtichen. Das waliſche Krarenmamnerl.(Eine ober⸗ 3 öſreichiſche Geſchichte.) Mit 1 Holſich. V. Mylord und Mylady. Mit 2 Polzſtichen. l. Der Thalermann. Mit 4 Bolzüſch ViI. Der Ring des Ala rich. Mit? Holzſlchen. Jeder Band Sretzr oder 4 Neugroſchen. weltpr anorama. Eine Ehrynik der neueſten Reiſen und Abenteuer bei allen Nationen der Welt, mit beſonderer Rückſicht auf die politiſchen Sreigniſe der Gegenwart. Nach den beſten Quellen des Auslandes. 3 Bis jetzt erſchienen: 3 Band 1—3. C. Dickens(o%) amerikaniſche Reiſe⸗ bemerkungen für Jedermann. Band 4— 5. Oberſt Seotts Tagebuch über einen Aufenthalt in der Esmailla, dem Hoflager Abd⸗el⸗ Kaders, e über Reiſen in Maroecs und Algier. Band 7— 15. C. Maſſon's Reiſen in Belußſchiſtun, Afghaniſtan und Pendſchah; während eines zwölfjäh⸗ rigen Aufenthalts in diefen Ländern.(1826— 1838.) 6 Band 16— 19. Samuet Laing, Esg. Tagebuch über eine Reiſe durch Norwegen in den Jahren 1834, 1835, 1836, Darſtellung der ile ſtnatswirth⸗ 6 ſchaftlichen und politiſchen Zuſtände dieſes Landes⸗ Band 20— 23. Sämuel Laing, Esqe, Reiſe in Schweden im Jahr 1838. Beobachtungen über den moraliſchen, politiſchen und öconomiſchen Zu⸗ ſtand der ſchwebiſchen Ration. Band 2 29. Cyprien Robert, die Slaven der Tückei: Serbier, Montenegriner, Bosnier, Alba⸗ neſen und Bulgaren; ihre Hülfsquellen, ihre Ten⸗ denzen und ihre polſſchen Fortſchritte. Bant 36 39. Vidorq(ehemal Polizeiſpion). Die wihen Lon Paris. 1— 10. Theil. fff 10 11 12 14 15 — Jeder Band 12 Kreuzer oder 4 Neugroſchen. Weltpanorama. Eine Chronik der neueſten Reiſen und Abenteuer bei allen Nationen der Welt, mit beſonderer Rückſicht auf die politiſchen Ereigniſſe der Gegenwart. Nach den beſten Quellen des Auslandes. Bis jetzt erſchienen: Band 1—3. C. Dickens(Boz) amerikaniſche Reiſe⸗ bemerkungen für Jedermann. Band 4—6. Oberſt Scotts Tagebuch über einen Aufenthalt in der Esmailla, dem Hoflager Abd⸗el⸗ Kaders, ſowie über Reiſen in Marocco und Algier. Band 7 15. C. Maſſon's Reiſen in Belußſchiſtan, Afghaniſtan und Pendſchah; während eines zwölfjäh⸗ rigen Aufenthalts in Liefen Ländern.(1826— 1838.) Band 16 19. Samuet Laing, Esg., Tagebuch über eine Reiſe durch Norwegen in den Jahren 1834, 1835, 1836, Darſtellung der ſittlichen, ſtaatswirth⸗ ſchaftlichen und politiſchen Zuſtände dieſes Landes. Band 20— 23. Sämuel Laing, Esg., Reiſe in Schweden im Jahr 1836. Beobachtungen über den moraliſchen, politiſchen und öconomiſchen Zu⸗ ſiant der ſchwediſchen Ration. Vand 29. Cyprien Robert, die Slaven der Türkei Serbier, Montenegriner, Bosnier, Alba⸗ neſen und Bulgaren; ihre Hülfsquellen, ihre Ten⸗ enzen und ihre ppliſchen Fortſchritte. Bans 30 39. Vidorq(ehemal Polizeiſpion). Die Merien n Paris 1—10. Theil