Vie drei Musketiere Von Alexandre Dumas. A us dem F r 3 ſ von Aunguſt Zoller. — ———— Erſtes bis drittes Bändchen. „ 6 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandl 1844. VII Von dieſer Stunde an fanden wir keine Ruhe mehr, bis wir in den gleichzeitigen Werken irgend eine Spur von dieſen außerordentlichen Namen entdeckten, die unſere Neugierde ſo ſehr rege ge⸗ macht hatten. Der Catalog der Bücher, welche wir laſen, um zu dieſem Ziele zu gelangen, würde allein einen ganzen Band füllen, was Hielleicht ſehr lehr⸗ reich, aber ſicherlich ſehr wenig ünterhaltend für unſere Leſer wäre. Wir begnügen uns, ihnen mit⸗ zutheilen, daß wir in dem Augenblick, wo wir, entmuthigt durch ſo viele fruchtloſe Nachforſchungen, das Suchen aufzugeben im Begriffe waren, endlich geführt durch die Rathſchläge unſeres gelehrten und berühmten Freundes Paulin Paris ein Manuſctipt in Folio fanden, das unter der Nummer 4772 oder 4773, wir erinnern uns nicht mehr genau⸗ im Regiſter eingetragen war, und den Titel hatte „Mémoire de M. le Comte de La Per concérnant quelques uns des événements qui se passdret en France vers la fin du regne du roi Louis XIII et le commence- ment du règne de Louis XIV. Man kann ſich leicht denken, wie groß ünſere Freude war, als wir dieſes Manuſeript, unſere letzte Hoffnung, durchblätterten und auf der 20. Stile den Namen Athos, auf der 27. den Namen Porthos und auf der 34. den Namen Aramis fanden Die Entdeckung eines völlig unbekannen 5 nuſcriptes in einer Zeit, wo man die Wiſſenſchaft der Geſchichte auf einen ſo hohen Grad gebracht hat, erſchien uns als ein beinahe wunderbarer Fund. Wir beeilten uns auch, um die Erlaubniß nachzu⸗ ſuchen, daſſelbe drucken zu laſſen, in der Abſicht eines Tages vor der Académie des inscriptions et belles lettres mit dem Gepäcke von Andern zu erſcheinen, wenn es uns, was ſehr wahrſcheinlich iſt, nicht gelingen würde zu der Académie frangaise mit unſerm eigenen Gepäcke zu kommen. Dieſe Er⸗ laubniß— wir müſſen es ſagen— wurde uns äußerſt huldvoll ertheilt, was wir hier anführen, um die Böswilligen, welche behaupten, wir leben unter einer in Beziehung auf Schriftſteller wenig bereitwilligen Regierung, öffentlich Lügen zu ſtrafen. Wir übergeben nun heute unſern Leſern den erſten Band dieſes koſtbaren Manuſcriptes unter dem ihm gebührenden Titel und machen uns anheiſchig, wenn dieſer Band, wie wir nicht zweifeln, von dem verdien⸗ ten Erfolge gekrönt wird, ungeſäumt den zweiten erſcheinen zu laſſen. Da der Pathe ein zweiter Vater iſt, ſo laden wir unſere Leſer einſtweilen ein, ſich an uns und nicht an den Grafen de La Fere in Beziehung auf Vergnügen oder Unluſt zu halten. E Hienach gehen wir zu unſerer echichte über. . — —— S Die drei Geſchenke von Hetln dArtagnan, dem Pater. An dem erſten Montag des Monats April 1625 ſchien der Marktflecken Meung, wo der Verfaſſer des Romans der Roſe geboren wurde, in einem ſo voll⸗ ſtändigen Aufruhr begriffen zu ſein, als ob die Huge⸗ notten gekommen wären, um eine zweite Rochelle zu ma⸗ chen. Mehrere Bürger beeilten ſich, als ſie die Frauen die Straßen entlang fliehen ſahen und die Kinder auf den Thürſchwellen ſchreien hörten, den Küraß ümzuſchnal⸗ len und, ihre etwas unſichere Haltung durch eine Muskete oder eine Partiſane unterſtützend, ſich nach der Herberge zum Freimüller zu wenden, vor der ſich von Minute zu Minute anwachſend eine lärmende, neugierige, feſte Gruppe drängte. Zu dieſer Zeit waren die paniſchen Schrecken gar häufig und wenige Tage vergingen, ohne daß die eine oder die andere Stadt in ihren Archiven irgend ein Er⸗ eigniß dieſer Art einzutragen hatte. Da gab es adelige Herren, welche unter ſich Krieg führten; da war der Koͤnig, der den Cardinal bekriegte; da war der Spanier, der den König bekriegte. Außer vieſen ſtillen vder oͤffent⸗ lichen, geheimen oder geräuſchvollen Kriegen, gab es Diebe, Bettler, Hugenotten, Wölfe und Lackeien, welche —————— 10 nit aller Welt Krieg fuͤhrten. Die Bürger bewaffneten ſich immer gegen die Diebe, gegen die Wölfe, gegen die Lackeien;— häufig gegen die adeligen Herren und die nz— zuweilen gegen den König;— aber nie 6 Cardinal und den Spanier. In Folge dieſer Gewohnheit geſchah es, daß die Bürger an genanntem erſtem Montgg des Monats April 1625, als ſie das Ge⸗ räuſche hörten und weder die gelb und rothen Standarten, noch die Livree Berzogs von Richelien ſahen, nach der Herberge zum S liefen. Hier angelangt, dermochte jeder die Urſache dieſes Lärms zu erſchauen und zu erkennen. Ein junger Menſch entwerfen wir ſein Porträt mit einem Federzuge: man denke ſich Don Quirote im achtzehnten Jahre; Don Quirote ohne Bruſtſtück, ohne Panzerhemd und ohne Beinſchienen; Don Quirote in einem Wamms, deſſen blaue Farbe ſich in eine unbeſtimm⸗ bare Nuance von Weinhefe und Himmelazur verwandelt hatte. Langes, braunes Geſicht; hervorſpringende Backen⸗ knochen, Zeichen der Schlauheit, außerordentlich ſtark ent⸗ wickelte Kiefermuskeln, ein untrügliches Zeichen, an dem der Gascogner ſelbſt ohne Baret zu erkennen iſt, und unſer junger Mann trug ein mit einer Art von Feder Porziertes Baret; das Auge offen und geſcheit; die Naſe gebogen, aber fein gezeichnet; zu groß für einen Jüngling, zu klein für einen gemachten Mann, und ein wenig geüb⸗ ies Pge würde ihn für einen xeiſenden Pächtersſohn ge⸗ halten haben, hätte er nicht des langen Degen getragen, der an einem ledernen Wehrgehänge befeſtigt an die Waden⸗ ſeines Eigenthümers ſchlug, wenn er zu Fuß war, und an s rauhe Fell ſeines Pferdes, wenn er ritt. n unſer junger Mamn hatte ein Pferd, und vie⸗ ſes Roß war eben ſo merkwürdig, als es bemerkt wurde⸗ Es war ein Klepper aus dem Bearn, zwölf bis vierzehn Fahre alt, von gelber Farbe, ohne Haare am Schweif⸗ ber nicht ohns Jeſelgeſchwüre an den Beien, ein Thier, —.——— — 11 das, während es den Kopf im Gehen tiefer hielt, als die Kniee, was die Anwendung des Sprungriemens überflüſ⸗ ſig machte, muthig noch ſeine acht Meilen im Tage zu⸗ ruͤcklegte. Unglücklicher Weiſe waren die verborgenen Eigenſchaften dieſes Pferdes ſo gut unter ſeiner ſeltſa⸗ men Haut und unter ſeinem fehlerhaften Gange ver⸗ ſteckt, daß in einer Zeit, wo ſich Jedermann auf Pferde verſtand, die Erſcheinung der genannten Mähre in Meung, woſelbſt ſie vor ungefähr einer Viertelſtunde durch das Beaugenchthor eingetroffen war, eine allgemeine Senſa⸗ tion hervorbrachte, deren Ungunſt bis auf den Reiter zu⸗ rückſprang. Und dieſe Senſation war für den jungen d'Artagnan (ſo hieß der Don Quixote dieſer zweiten Rozinante), um ſo peinlicher, als er ſich die lächerliche Seite nicht verber⸗ gen konnte, die ihm, ein ſo guter Reiter er auch wax, ein ſolches Pferd gab. Es war ihm nicht unbekannt, daß dieſes Thier einen Werth von höchſtens zwanzig Livres hatte; die Worte, von denen das Geſchenk begleitet wurde, waren allerdings unſchätzbar. „Mein Sohn,“ ſagte der gascogniſche Edelmann in dem reinen Patvis des Bearn, von dem ſich Hein⸗ rich IV. nie hatte losmachen können,„mein Sohn, die⸗ ſes Pferd iſt in dem Hauſe Deines Vaters vor bald drei⸗ zehn Jahren geboren, und ſeit dieſer Zeit hier geblieben, was Dich bewegen muß, daſſelbe zu lieben. Verkaufe es nie, laſſ' es ruhig und ehrenvoll an Altersſchwäche ſer⸗ ben und wenn Du einen Feldzug mit ihm machſt, ſo ſchone es, wie Du einen akten Diener ſchonen würdeſt Am Hofe,“ fuhr d'Artagnan, der Vater, fort, wenn Du die Ehre haſt dahin zu gehen, eine Ehre, auf die wir übrigens durch unſern alten Adel Anſpruch zu machen hahen, halte würdig Deinen Namen als Evelmann uſ⸗ recht, der von unſern Ahnen ſeit fünfhundert Jahten auf eine ruhmvolle Weiſe geführt worden iſt, halte h uf⸗ recht für Dich und für die Geinigen Unter den Seini⸗ gen verſtehe ich Deine Verwandten und Deine Freunde; dulde nie etwas, außer von dem Herrn Cardinal und von dem König. Durch ſeinen Muth, höre wohl, nur durch ſeinen Muth macht ein Edelmann heut zu Tage ſein Glück. Wer eine Sekunde zittert, läßt ſich vielleicht den Koͤder entgehen, welche ihm das Glück gerade während dieſer Sekunde darreichte. Du biſt jung, Du mußt aus zwei Gründen tapfer werden; einmal weil Du ein Gas⸗ cogner und dann weil Du mein Sohn biſt. Fürchte die Gelegenheit nicht und ſuche die Abenteurer; ich habe Dich den Degen handhaben gelehrt, Du beſitzeſt einen eiſernen Kniebug, eine ſtählerne Handwurzel; ſchlage Dich bei je⸗ der Veranlaſſung; ſchlage Dich um ſo mehr, als Zwei⸗ kämpfe verboten ſind, und weil es deshalb eines doppel⸗ ten Muthes bedarf, ſich zu ſchlagen. Mein Sohn, ich habe Dir nur fünfzehn Thaler, mein Pferd und die Rath⸗ ſchläge zu geben, die Du ſo eben vernommen haſt. Deine Mutter wird das Recept zu einem gewiſſen Balſam beifü⸗ gen, das ſie von einer Zigeunerin erhalten hat, und das die wunderbare Kraft beſitzt, jede Wunde zu heilen, die nicht gerade das Herz berührt. Ziehe aus Allem Nutzen, lebe glücklich und lange. .„Ich habe nur ein Wort beizufügen. Ich will „Dir ein Beiſpiel nennen, nicht das meinige, denn ich bin nie bei Hof erſchienen und habe nur die Religions⸗ kriege als Freiwilliger mitgemacht; ich ſpreche von Heir von Treville, der einſt mein Nachbar war und die Ehre hatte, als Kind mit unſerem König Ludwig XE, den Gott erhalten möge, zu ſpielen. Zuweilen arteten ihre Spiele in Schlachten aus und hei dieſen Schlachten war der König nicht immer der ſtärkere. Die Schläge, welche er erhielt, flößten ihm große Ach⸗ tung und Freundſchaft für Herrn von Treville gin. Später ſchlug ſich Herr von Treville fünfmal während ſeiner erſten Reiſe nach Paris mit Andern; ſeit dem 13 Tode des ſeligen Königs bis zur Volljährigkeit des jun⸗ gen, ohne die Kriege und Belagerungen zu rechnen, ſie⸗ benmal, und ſeit dieſer Volljährigkeit bis auf den heuti⸗ gen Tag hundertmal!— Nun iſt er trotz der Edirte, der Ordonnanzen und der Urtheilsſprüche, Kapitän der Musketiere, d. h. Anführer einer Legion von Cäſaren, welche der Koͤnig ſehr hoch achtet und der Cardinal fürchtet, er, der, wie Jedermann weiß, ſich ſonſt vor nichts zu fürchten pflegt. Mehr noch, Herr von Treville nimmt 10,000 Thaler jährlich ein; das iſt alſo ein ſehr vornehmer Herr.— Er hat angefangen, wie Du, be⸗ ſuche ihn mit dieſem Briefe und richte Dein Benehmen ſeinen Vorſchriften ein, damit es Dir ergehe, wie hm.“ Wonach Herr dArtagnan der Vater ſeinem Sohne ſeinen eigenen Degen umgürtete, ihn zärtlich auf beide Wangen küßte und ihm ſeinen Segen gab. Das väterliche Zimmer verlaſſend, fand der junge Mann ſeine Mutter, welche ihn mit dem berühmten Re⸗ cepte erwartete, zu deſſen häufiger Anwendung die ſo eben erhaltenen Rathſchläge ihn nöthigen ſollten. Der Abſchled war von dieſer Seite länger und zärtlicher, als von der⸗ andern. Nicht als vb Herr d'Artagnan ſeinen Sohn, der ſein einziger Sprößling war, nicht geliebt hätte, Herr dArtagnan war ein Mann, und er hätte es als eines Mannes unwürdig erachtet, ſich ſeiner Rührung hinzuge⸗ ben, während Frau dArtagnan Weib und mehr noch Mutter war. Sie weinte im Uebermaaß, und zum Lobe von Herrn d'Artagnan müſſen wir ſagens, paß er, trotz ſeiner Anſtrengungen, ruhig zu bleiben, wie es ein zu⸗ känftiger Musketier ſein ſollte, von der Natur hingeriſſen wurde und eine Menge Thränen vergoß, von denen er nur mit großer Mühe die Hälfte verbergen konnte. An demſelben Tage begab ſich der junge Mann auf den Weg, ausgerüſtet mit den drei väterlichen Geſchenken, welche, wie geſagt, aus fünfzehn Thalern, dem Pferde —————————— 3 1 — der Gegenſtand des Geſpräches zu ſein und horchte. Dies⸗ und dem Briefe an Herrn von Treville beſtanden; die Rathſchläge waren, wie man ſich wohl denken kann, in den Kauf gegeben worden. Mit einem ſolchen Vademe⸗ eum erſchien dArtagnan in moraliſcher wie in phyſiſcher Beziehung als eine getreue Kopie des Helden von Cer⸗ vantes, mit dem wir ihn ſo glücklich verglichen, als wir uns durch unſere Geſchichtſchreiberpflichten veranlaßt ſahen, ſein Bild zu entwerfen. Don Quirote hielt die Wind⸗ mühlen für Rieſen und die Schafe für Armeen, dAr⸗ tagnan nahm jedes Lächeln für eine Beleidigung und jeden Blick für eine Herausforderung. Demzufolge hielt er die Fauſt von Tarbes bis Meung geſchloſſen und fuhr wenig⸗ ſtens zehnmal des Tages an ſeinen Degenknopf; die Fauſt traf indeſſen keinen Kinnbacken und der Degen kam nicht aus der Scheide. Nicht als ob der Anblick der unglück⸗ lichen gelben Mähre nicht oftmals ein Lächeln auf den Geſichtern der Vorübergehenden hervorgerufen hätte, aber da über dem Klepper ein Degen von achtungswerther Größe klirrte und über dieſem Degen ein mehr wildes als ſtolzes Auge glänzte, ſo unterdrückten die Vorüberge⸗ henden ihre Heiterkeit, oder wenn dieſe Heiterkeit mächti⸗ ger wurde, als die Flugheit, ſo ſuchten ſie wenigſteus, wie die antiken Masken, nur auf einer Seite zu lachen; vArtagnan blieb alſo majeſtätiſch und unverletzt in ſei⸗ 12 Empfindlichkeit bis zu dem unſeligen Städtchen eung. Pier aber, als er an der Thüre des Freimüllers vom Pferde ſtieg, ohne daß irgend Jemand, Wirth, Kellner oder Hausknecht, erſchien, um ihm den Steigbügel am Auftritt zu halten, erblickte dArtagnan an einem halbge⸗ offneten Fenſter des Erdgeſchoſſes einen Edelmann von ſchöner Geſtalt und vornehmem Ausfehen mit leicht ge⸗ runzeltem Geſichte, der mit zwei Perſonen ſprach, welche ihm mit großer Unterthänigkeit zuzuhören ſchienen. D'Ar⸗ tagnan glaubte ganz natürlich„ſeiner Gewohnheit gemäß, Fntſte in te⸗ er ir ie mal hatte ſich d'Artagnan nur zur Hälfte getäuſcht; es war zwar nicht von ihm die Rede, aber von ſeinem Pferde, deſſen Eigenſchaften der Edelmann ſeinen Zuhs⸗ rern aufzählte und da dieſe Zuhörer, wie geſagt, große Ehrfurcht für den Erzähler zu hegen ſchienen, ſo brachen ſie jeden Augenblick in ein neues, ſchallendes Gelächter aus. Da nun ein halbes Lächeln hinreichte, um den jun⸗ gen Mann zum Zorne zu reizen, ſo begreift man leicht, welchen Eindruck eine ſo geräuſchvolle Heiterkeit auf ihn hervorbringen mußte. D'Artagnan wollte ſich jedoch vorerſt von der Phy⸗ ſiognomie des Frechen Rechenſchaft geben, der es wagle, ſich über ihn luſtig zu machen. Er heftete ſeinen Blick voll Stolz auf den Fremden und erkannte in ihm einen Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, mit ſchwar⸗ zen, durchdringenden Augen, bleicher Geſichtsfarbe, ſtark hervortretender Naſe und ſchwarzem, vollkommen zuge⸗ ſtutztem Schnurrbart; derſelbe trug ein Wamms und veil⸗ chenblaue Beinkleider mit Schnürneſteln von ähnlicher Farbe. Dieſes Wamms und dieſe Beinkleider ſchienen, obwohl neu, doch zerknittert, wie lange in einem Mantel⸗ ſack eingeſchloſſene Reiſekleider. D'Artagnan machte alle ſeine Bemerkungen mit der Geſchwindigkeit des ſchärſſten Beobachters und ohne Zweifel von einem inſtinktartigen Gefühle angetrieben, das ihm ſagte, dieſer Fremde müßte großen Einfluß auf ſein zukünftiges Leben aus⸗ üben. Da nun in dem Moment, wo dArtagnan ſein Auge auf den Epelmann mit der veilchenblauen Hoſe heftete, dieſer Herr in Beziehung auf die bearniſche Mähre eine ſeiner gelehrteſten und tiefſten Erläuterungen zum Beſten gab, ſo brachen ſeine Zuhörer in ein ſchallendes Geläch⸗ aus, und er ſelbſt ließ ſichtbar gegen ſeine Ge⸗ oheheit, wenn man ſo ſagen darf, ein bleiches Lächeln über ſein Wutlitz ſchweben. Diesmal konnte kein ntſtehen⸗ ptägnan war wirklich beleivigt. Er 3 an dem Fenſter 16 dieſer Uebetzeugung, drückte er ſein Baret tief in die Au⸗ gen und rückte, indem er ſich Mühe gab, einige von den Hofmienen nachzuahmen, die er in der Gascogne bei rei⸗ ſenden vornehmen Herren aufgefangen hatte, eine Hand auf das Stichblatt ſeines Degens, die andere auf die Hüfte geſtützt, vor. Leider verblendete ihn der Zorn im⸗ mer mehr, je mehr er vorſchritt, und ſtatt einer würdigen ſtolzen Rede, die er in ſich zu ſeiner Herausforderung vorbereitet hatte, fand er an ſeiner Zungenſpitze nichts mehr, als eine plumpe Perſoͤnlichkeit, die er mit einer wüthenden Geberde begleitete. „He, mein Herr,“ rief er,„mein Herr, der Ihr Euch hinter jenem Laden verbergt, ja Ihr, ſagt mir doch ein wenig, über wen Ihr lacht, und wir lachen dann ge⸗ meinſchaftlich.“ Der Edelmann richtete langſam die Augen von dem Pferde auf den Reiter, als ob er einiger Zeit bedürfte, um zu begreifen, daß ſo ſeltſame Worte an ihn geſprochen würden; da ihm ſodann kein Zweifel mehr übrig blieb, ſo runzelte er leicht die Stirne und antwortete nach einer ziemlich langen Pauſe mit einem nicht zu beſchreibenden Ausdrucke von Ironie und Keckheit Herrn d»Artag⸗ nan; „Ich ſpreche nicht mit Euch, mein Herr.“ „Aber ich ſpreche mit Euch, mein Herr,“ rief der junge Mann, ganz außer ſich über dieſe Miſchung von Frechheit und guten Manieren, von Anſtand und Ver⸗ achtung. Der Unbekannte betrachtete ihn noch einen Augen⸗ blick mit ſeinem leichten Lächeln und zog ſich langſam vom Fenſter zurück, ging dann aus dem Wirthshauſe, näherte ſich d'Artagnan bis auf zwei Schritte und blieb ſeine ſpöttiſche Miene hatten die Heiterkeit von den⸗ jenigen vermehrt, mit denen er pkauderte, und welche geblieben waren. Als d'Artagnan ihn Fuß ſeine rend wan er zu l beka Far von Her Unb wal Vor irge fäll kant billi an, ren, nom es i 7 Fre Er fort vor dem Pferde ſtehen. Seine ruhige Haltung und ch U⸗ en i⸗ nd ie n⸗ en i9 ts er hr E⸗ e, en b, er en 3 17 ihn auf ſich zukommen ſah, zog er ſeinen Degen einen Fuß aus der Scheide. „Dieſes Pferd iſt offenbar oder war vielmehr in ſeiner Jugend Goldfuchs,“ ſprach der Unbekannte, wäh⸗ rend er in den begonnenen Unterſuchungen fortfuhr, und wandte ſich dabei an ſeine Zuhörer am Fenſter, ohne daß er nur im Geringſten die Erbitterung von d'Artagnan zu bemerken ſchien.„Es iſt eine in der Botanik ſehr bekannte, aber bis jetzt bei den Pferden ſehr ſeltene Farbe.“ „Wer über das Pferd lacht,“ rief der Nebenbuhler von Treville wüthend, würde es nicht wagen, über den Herrn zu lachen.“ „Ich lache nicht oft, mein Herr,“ erwiederte der Unbekannte,„wie Ihr ſelbſt an meinen Geſichtszügen wahrnehmen könnt, aber ich halte etwas darauf, mir das Vorrecht zu lachen, ſo oft es mir beliebt, zu wahren.“ „Und ich,“ rief d'Artagnan,„ich will nicht, daß ſ Jemand über mich lache, wenn es mir miß⸗ fällt.“ „In der That, mein Herr?“ erwiederte der Unbe⸗ S ruhiger als je,„nun denn, das iſt ganz recht und illig.“ Und auf ſeinen Ferſen ſich drehend, ſchickte er ſich an, durch das große Thor in das Gaſthaus zurückzukeh⸗ ren, wo d»Artagnan ein völlig geſatteltes Pferd wahrge⸗ nommen hatte. Aber d'Artagnan beſaß nicht den Charakter, mit dem es ihm moglich geweſen wäre, einen Menſchen, ver die Frechheit gehabt hatte, über ihn zu ſpotten, los zu geben. Er zog ſeinen Degen gänzlich aus der Scheide und fuhr fort ſeinen Streit zu verfolgen. „Umgedreht, mein Herr Spötter, damit ich Euch nicht auf den Rücken ſchlage.“ „Mich ſchlagen, mich?“ ſagte der Andere, ſich auf Die drei Musketiere. 1. 2 den Ferſen umdrehend, und ſchaute den jungen Mann mit eben ſo großer Verwunderung als Verachtung an.„Auf, mein Lieber, Ihr ſeid ein Narr!“ Dann fuhr er mit lei⸗ ſer Stimme und als vb er mit ſich ſelbſt ſpräche, fort: „Das iſt ärgerlich; was für ein Fund für Seine Maje⸗ ſtät, welche auf allen Seiten Leute ſucht, um die Muske⸗ tiere zu rekrutiren.“. Er hatte kaum vollendet, als d'Artagnan einen ſo wüthenden Schlag mit der Spitze ſeines Degens nach ihm führte, daß er ohne Zweifel, wenn er nicht einen ſehr raſchen Sprung rückwärts gemacht, zum letzten Mal geſcherzt hätte. Der Unbekannte ſah jetzt, daß die Sache über den Spaß hinaus ging, zog ſeinen Degen, begrüßte ſeinen Gegner und nahm eine Fechterſtellung ein. Aber in demſelben Augenblick fielen ſeine zwei Zu⸗ hörer in Begleitung des Wirthes mit Stöcken, Schaufeln„ und Feuerzangen über d'Artagnan her. Dies gab dem Angriffe eine ſo raſche und vollſtändige Diverſion, daß der Gegner von dArtagnan, während ſich dieſer umwandte, um gegen einen Hagel von Schlägen Widerſtand zu lei⸗ ſten, den Degen mit verſelben Gelaſſenheit einſteckte und aus einem varſtellenden Mitgliede, das er beinahe gewor⸗ den wäre, wieder Zuſchauer des Kampfes wurde,— eine Rolle, der er ſich mit ſeiner gewöhnlichen Unempfind⸗ lichkeit entledigte. Nichtsdeſtoweniger murmelle er durch die Zähne: „Die Peſt über alle Gascogner! Setzt ihn wieder auf ſein vrangefarbiges Pferd, und er mag zum Teufel gehen.“— „Nicht ohne Dich getödtet zu haben, Feiger!“ rief dArtagnan, während er ſich ſo gut als möglich und ohne einen Schritt zurückzuweichen gegen ſeine drei Feinde, die ihn mit Schlägen überflutheten, zur Wehr ſetzte... „Abermals eine Gasconnade,“ murmelte der Cpel mann.„Bei meiner Ehre, dieſe Gascogner ſind unver⸗ 3 beſſe habe ſage einer tagn Der endl den ande bein nied auf Aüf gen deihe wied einer ihm ten indet Oeff der frag Wir Men „er ſeine hergt n mit „Auf, t lei⸗ fort: Maje⸗ uske⸗ n ſo nach einen etzten ß die egen, llung ufeln dem ß der ndte, lei⸗ und wor⸗ — find⸗ uch ieder eufel er!“ glich drei Zu⸗ behr del⸗ wer⸗ heraus.“ beſſerlich! Setzt alſo den Tanz fort, da er es durchaus haben will. Wenn er einmal müde iſt, wird er ſchon ſagen, es ſei genug.“ Aber der Unbekannte wußt? noch nicht, mit was für einem hartnäckigen Menſchen er es zu thun hatte; dAr⸗ tagnan war nicht der Mann, der Gnade gefordert hätte. Der Kampf dauerte alſo noch einige Seeunden fort, doch endlich ließ dArtagnan erſchöpft ſeinen Degen fahren, den ein Schlag mit einer Heugabel entzwei brach. Ein anderer Schlag, welcher ſeine Stirne traf, ſchmetterte ihn beinahe zu derſelben Zeit blutend und faſt ohnmächtig nieder. In dieſem Augenblick lief man von allen Seiten auf den Schauplatz, der Wirth befürchtete ein ärgerliches Aüfſehen und trug den Verwundeten mit Hülfe von eini⸗ gen Kellnern in die Küche, wo man ihm Pflege ange⸗ deihen ließ. Der Edelmann aber hatte ſeinen früheren Platz wieder an dem Fenſter eingenommen und betrachtete mit einer gewiſſen Ungeduld die umherſtehende Menge, welche ihm durch ihr Verweilen einen großen Verdruß zu berei⸗ ten ſchien. „Nun! wie geht es dem Wüthenden?“ ſagte er, indem er ſich bei dem Geräuſche, verurſacht durch das Oeffnen der Thüre, umkehrte und an den Wirth wandte, der ſich nach deſſen Befinden erkundigt hatte. „Euere Excellenz iſt geſund und wohlbehalten 2“ fragte der Wirth. „Ja, vollkommen wohl und geſund, mein lieber Wirth, und ich frage Euch, was aus unſerem jungen Menſchen geworden iſt?“ „Es geht beſſer mit ihm,“ erwiederte der Wirth; Her iſt in Ohnmacht gefallen.“ „In der That?“ ſprach der Edelmann. „Doch ehe er in Ohnmacht fiel, raffle er alle ſeine Kräfte zuſammen, rief nach Euch und forderte Cuch „Aber dieſer Burſche iſt alſo der Teufel in Perſon!“ rief der Unbekannte. „O nein, Euere Ercellenz, es iſt nicht der Teufel, entgegnete der Wirth mit einer verächtlichen Grimaſſe, „denn während ſeiner Ohnmacht haben wir ihn durch⸗ ſucht und in ſeinem Päckchen nicht mehr als ein Hemd, in ſeiner Börſe nicht mehr als zwölf Thaler gefunden, was ihn jedoch nicht abhielt, kurz bevor er in Ohnmacht fiel, zu bemerken, wenn dergleichen in Paris geſchehen wäre, müßtet Ihr dies ſogleich bereuen, während Ihr es hier erſt ſpäter bereuen würdet.“ „Dann iſt es irgend ein verkleideter Prinz von Ge⸗ 8 S ——— blüt,“ ſagte kalt der Unbekannte. „Ich theile Euch dies mit, mein gnädiger Herr, eſchte der Wirth,„damit Ihr auf Eurer Hut ſein moͤget.“ „Und er hat Niemand in ſeinem Zorn genannt?“ „Allerdings, er ſchlug an ſeine Taſche und ſagte: „„wir wollen ſehen, was Herr von Treville zu der Be⸗ leidigung ſagen wird, die ſeinem Schützling widerfah⸗ ren iſt.““ „Herr von Treville?“ ſprach der Unbekannte mit wachſender Aufmerkſamkeit;„er ſchlug an ſeine Taſche, während er den Namen des Herrn von Treville aus⸗ ſprach? Seht, mein lieber Wirth, indeß Euer jun⸗ ger Mann in Ohnmacht lag, habt Ihr ſicherlich nicht verſäumt, ein wenig in dieſe Taſche zu ſchauen. Was fand ſich darin?“ „Ein Brief mit der Adreſſe von Herrn von Tre⸗ ville, Kapitän der Musketiere.“ „In der That?“ ha Der Wirth, welcher eben nicht mit ſehr großer charffinnigkeit begabt war, gewahrte den Ausdruck en ſeine Worte der Phyſiognomie des Un „Es iſt, wie ich Euerer Excellenz zu ſagen die Ehre 8 bekann⸗ ten Krer gen Unrt mir noch ſiich verſe Ande eine einig nicht mit mit bequ Frau ihm Aber Aerg könn nach ſon!“ fel,“ naſſe, urch⸗ em, nden, nacht hehen hr es Ge⸗ err,“ ſein 2 agte: Be⸗ rfah⸗ mit aſche, aus⸗ jun⸗ nicht Was Tre⸗ Ehre roßer sdruck ekann⸗ 21 ten gaben. Dieſer entfernte ſich von dem Geſimſe ves Kreuzſtocks, auf das er ſich bis jetzt mit dem Ellenbo⸗ gen geſtützt hatte, und faltete die Stirne, wie ein in Unruhe verſetzter Menſch. „Teufel!“ murmelte er zwiſchen den Zähnen,„ſollte mir Treville dieſen Gascogner geſchickt haben? Er iſt noch ſehr jung! Aber ein Degenſtich bleibt ein Degen⸗ ſtich, welches Alter auch derjenige haben mag, der ihn verſetzt, und man mißtraut weniger einem Kinde als jedem Andern; zuweilen genügt ein ſchwaches Hinderniß, um einem großen Plane in den Weg zu treten.“ Und der Unbekannte verſank in ein Nachdenken, das einige Minuten währte. „Hört einmal, Wirth,“ ſagte er,„werdet Ihr mich nicht von dieſem Wüthenden befreien? Ich kann ihn mit gutem Gewiſſen nicht tödten und dennoch,“ fügte er mit einem kalt drohenden Ausdrucke bei,„iſt er mir un⸗ bequem. Wo verweilt er?“ „In dem erſten Stockwerke in der Stube meiner Frau, wo man ihn verbindet.“ „Seine Kleidungsſtücke und ſeine Taſche find bei ihm? Er hat ſein Wamms nicht ausgezogen?“ „Alles dies blieb im Gegentheil unten in der Küche. Aber wenn Euch dieſer junge Laffe unbequem iſt „Gewiß. Er veranlaßt in Eurem Gaſthauſe ein Aergerniß, das ehrliche Leute nicht werden aushalten können. Geht hinauf, macht meine Rechnung und be⸗ nachrichtigt meinen Lackei.“ „Wie! der gnädige Herr verläßt uns ſchon 2 „Ihr wißt es wohl, da ich Euch Befehl gegeben habe, mein Pferd zu ſatteln. Hat man mir nicht Folge geleiſtet?“ „Allerdings, und das Pferd ſteht völlig zur Abreiſe aufgezäumt unter dem großen Thore, wie Eure Ercellenz ſelbſt hat ſehen können.“ 3 „Das iſt gut. Thut, was ich Euch geſagt habe. „O weh!“ ſprach der Wirth zu ſich ſelbſt;„ſollte er vor dem kleinen Jungen bange haben?“ Aber ein gebieteriſcher Blick des Unbekannten machte bere ſeinen Gedanken raſch ein Ende. Er verbeugte ſich de⸗ dAr müthig und ging ab. alſo „Mylady*) ſoll dieſen Burſchen nicht gewahr werden,“ war ⸗ fuhr der Fremde fortz„ſie muß bald vorüber kommenz bereits eine 5 zögert ſie etwas. Entſchieden iſt es beſſer, wenn ich zu jetzt Pferde ſteige und ihr entgegen reite... Könnte ich nur war erfahren, was dieſer an Treville gerichtete Brief enthält!“ ſalle Und fortwährend murmelnd wandte ſich der Fremde nach roſit der Küche. haft Während dieſer Zeit war der Wirth, der nicht daran zweifelte, daß die Gegenwart des jungen Menſchen den Dar Unbekannten aus ſeiner Herberge triebe, zu ſeiner Frau hinaufgegangen und hatte d'Artagnan hier wieder ſeiner benc Sinne Meiſter gefunden. Er machte ihm begreiflich, die Polizei könnte ihm einen ſchlimmen Streich ſpielen, da fras er mit einem vornehmen Herrn Streit angefangen hätte, venn nach der Meinung des Wirthes konnte der Unbe⸗ erſt kannte nur ein vornehmer Herr ſein, und beſtimmte ihn, trotz ſeiner Schwäche aufzuſtehen und ſeinen Weg fortzu⸗ ſetzen. Halb betäubt, ohne Wamms und den Kopf mit Leinwand umwickelt, ſtand d'Artagnan auf und fing an, von dem Wirthe getrieben, hinabzuſteigen; aber als er in die Küche kam, war das Erſte, was er bemerkte, ſein abe 5 Herausforderer, welcher ruhig an dem Fußtritte einer dA die 3 ſchweren, mit zwei plumpen normanniſchen Pferden be⸗ ſchr ſpannten Caroſſe planderte. Die Perſon, mit der er ſprach, war eine Fran 3 zu — Wir wiſſen ſehr wohl, daß der Ausdruck Mylady nur gebräuchlich iſt, wenn der Familienname darauf folgt, aber wir finden ihn ſo im Manuſcripte und können keine Beränderung auf uns nehmen. Al. Dumas. ——— S — — ſollte achte de⸗ den,“ reits ch zu nur iR nach aran den Frau ſeiner , die „ da ätte, inbe⸗ ihn, rtzu⸗ f mit an, er ſein einer be⸗ Frau ylaby folgt, keine as. von zwanzig bis zwei und zwanzig Jahren, deren Kopf in den Kutſchenſchlag eingerahmt ſchien. Wir haben bereits erwähnt, mit welch raſchem Forſchertalente d'Artagnan eine Phyſiognomie aufzufaſſen wußte; er ſah alſo mit dem erſten Blicke, daß die Frau jung und hübſch war. Dieſe Schönheit ſiel ihm um ſo mehr auf, als ſie eine in den ſüdlichen Gegenden, welche d'Artagnan bis jetzt bewohnt hatte, ganz fremde Erſcheinung war. Es war eine Blonde mit langen, auf die Schultern herab⸗ ſallenden Locken, großen, ſchmachtenden blauen Augen, roſigen Lippen und Alabaſterhänden; ſie ſprach ſehr leb⸗ haft mit dem Unbekannten. „Alſo befiehlt mir Seine Eminenz..“ ſagte die Dame. „Sogleich nach England zurückzukehren, und ſie zu benachrichtigen, wenn der Herzog London verlaſſen hat.“ „Und was meine übrigen Inſtructionen betrifft? fragte die ſchöne Reiſende. „Sie ſind in dieſer Kapſel enthalten, welche Ihr erſt jenſeits des Kanals öffnen werdet.“ „Sehr wohl; und Ihr, was macht Ihr?“ „Ich, ich kehre nach Paris zurück.“ „Ohne das freche Bürſchchen zu züchtigen?“ fragte die Dame. Der Unbekannte war im Begriffe zu antworten, aber in dem Augenblick, wo er den Mund öffnete, ſprang dArtagnan, der Alles gehort hatte, auf die Thür⸗ ſchwelle. „Das freche Bürſchchen züchtigt Andere,“ rief er, „und ich hoffe, daß derjenige, welchen er zu züchtigen hat, ihm diesmal nicht entkommen wird, wie das erſte Mal.“ „Nicht entkommen wird?“ entgegnete der Unbekannte, die Stirne faltend. „Nein, vor einer Dame, denke ich, werde 3h e nicht wagen, zu entfliehen.“ „Bedenkt,“ rief Mylady, als ſie ſah, daß der Edelmann die Hand an den Degen legte,„bevenkt, daß. die geringſte Zögerung Alles verderben kann.“ „Ihr habt Recht,“ rief der Edelmann,„reiſt alſo Eurer Seits, ich reiſe meiner Seits ebenfalls.“ dieſe Das nan' Und die Dame mit einem Zeichen des Kopfes be⸗ grüßend, ſprang er zu Pferde, während der Kutſcher der Caroſſe ſein Geſpann kräftig mit der Peitſche antrieb. Die zwei Sprechenden entfernten ſich alſo im Galopp, jedes in einer entgegengeſetzten Richtung der Straße. „Eh! Eure Rechnung,“ ſchrie der Wirth, deſſen Er⸗ gebenheit für den Reiſenden ſich in tiefe Verachtung ver⸗ wandelte, als er ſah, daß er abging, ohne ſeine Zeche zu bezahlen. „Bezahle Schlingel,“ rief der Reiſende ſtets galop⸗ pirend ſeinem Bedienten zu, der dem Wirthe ein Paar Geldſtücke vor die Füße warf und dann eiligſt ſeinem Herrn nachgalobpirte⸗ „Ah! Feiger, ah! Elender, ah! falſcher Edelmann!“ rief d'Artagnan und lief dem Bedienten nach. Aber der Verwundete war noch zu ſchwach, um eine ſolche Erſchütterung auszuhalten. Kaum hatte er zehn Schritte gemacht, als ihm die Ohren klangen, eine Blen⸗ dung ſich ſeiner bemächtigte, eine Blutwolke über ſeine Augen hinzog, und er unter dem fortwährenden Ausrufe: „Feiger! Feiger! Feiger!“ auf die Straße ſtürzte. „Er iſt in der That ſehr feig!“ murmelte der Wirth, indem er ſich d'Artagnan näherte und ſich durch dieſe Schmeichelei mit dem armen Jungen zu verſöhnen ſuchte, wie der Held in der Fabel mit ſeiner S i e aber ſie iſt ſehr ſchön.“ Wer, ſie?“ fragte der Wirth. Mylaby.„ ſtammelte und ſl zum Male in „Ja, ſehr feig,“ ſagte dArtagnan mit t zu e ohne dAr hina deret mar den keine Wir Abw fel heilt Oel gabe Roß ſo v ner Taſe Tha Trer grof wüh wied won geri der „daß alſo s be⸗ rder trieb. lopp, er⸗ che zu alop⸗ Paar einem nn!“ neine zehn Blen⸗ ſeine srufe: wirth, dieſe uchte, „ vacher lzum „Gleich viel,“ ſprach der Wirth,„aber es bleibt mir dieſer da, den ich ſicherlich einige Tage behalten werde. Das macht immer eilf Thaler Gewinn.“ Man weiß bereits, daß ſich der Inhalt von d'Artag⸗ nan's Börſe gerade auf eilf Thaler belief. Der Wirth hatte auf eilf Tage Krankheit den Tag zu einem Thaler gerechnet; aber er hatte die Rechnung ohne ſeinen Reiſenden gemacht. Am andern Morgen ſtand wArfagnan ſchon um fünf Uhr auf, ging in die Küche hinab und verlangte außer einigen andern Ingredienzien, deren Liſte uns nicht zugekommen iſt, Wein, Oel, Ros⸗ marin und bereitete ſich, das Recept ſeiner Mutter in der Hand, einen Balſam, mit dem er ſeine zahlreichen Wun⸗ den ſalbte, erneuerte ſeine Compreſſen ſelbſt und wollte keine Hülfeleiſtung von Seiten eines Arztes geſtatten. Der Wirkſamkeit des Zigeunerbalſams und auch ein wenig der Abweſenheit jedes Arztes hatte es d»Artagnan ohne Zwei⸗ fel zu danken, daß er ſchon an demſelben Abend wieder auf den Beinen und am andern Tage beinahe völlig ge⸗ heilt war. In dem Augenblick aber, als er den Rosmarin, das Oel und den Wein bezahlen wollte— die einzige Aus⸗ gabe des Herrn, der ſtrenge Diät hielt, während das gelbe Roß, wenigſtens nach der Ausſage des Wirthes, dreimal ſo viel gefreſſen hatte, als ſich vernünftiger Weiſe bei ſei⸗ ner Geſtalt voräusſetzen ließ— fand d'Artagnan in ſeiner Taſche nur noch ſeine kleine Sammetbörſe, ſo wie die eilf Thaler, welche ſie enthielt; doch der Brief an Herrn von Treville war verſchwunden. WDer junge Mann ſuchte Anfangs dieſen Brief mit großer Geduld, drehte ſeine Taſchen um und um, durch⸗ wühlte ſeinen Mantelſack, öffnete und ſchloß ſeine Börſe wieder und wiederz als er aber die Ueberzeugint ge⸗ . wonnen hatte, daß der Brief nicht mehr zu finsen ar, gerieth er in einen dritten Anfall von Wuth; ihn zu einem neuen Verbrauch von aromatiſchem Wein und Oel veranlaſſen ſollte; denn als man ſah, daß dieſer junge Brauſekopf ſich erhitzte und drohte, er werde Alles im Hauſe kurz und klein ſchlagen, wenn man ſeinen Brief nicht fände, ergriff der Wirth einen Spieß, ſeine Frau einen Beſenſtiel und ſein Aufwärter nahm von denſelben Stöcken, welche zwei Tage vorher benützt worden waren. „Meinen Empfehlungsbrief,“ ſchrie d'Artagnan,„mei⸗ nen Empfehlungsbrief, oder ich ſpieße Euch alle wie Or⸗ tolane.“ Unglücklicher Weiſe trat ein Umſtand der Ausfüh⸗ rung ſeiner Drohung in den Weg; ſein Degen war er⸗ wähntermaßen beim erſten Kampfe in zwei Stücke zer⸗ brochen worden, was er vollig vergeſſen hatte. Als vArtagnan wirklich vom Leder ziehen wollte, ſah er ſich ganz einfach mit einem Degenſtumpfe von acht bis zehn Zoll bewaffnet, den der Wirth ſorgfältig wieder in die Scheide grſteckt hatte. Den übrigen Theil der Klinge hatte der Herr der Herberge geſchickt auf die Seite gebracht, um ſich eine Spicknadel daraus zu machen. Dieſe Enttäuſchung dürfte wohl unſern jähzornigen jungen Mann nicht zurückgehalten haben, aber der Wirth bedachte, daß die Forderung, die ſein Reiſender an ihn ſtellte, eine völlig gerechte war. „In der That,“ ſprach er und ſenkte dabei ſeinen Spieß,„wo iſt der Brief?“ „Wo iſt dieſer Brief?“ rief dArtagnan.„Ich ſage Euch vor Allem, daß dieſer Brief für Herrn von Treville beſtimmt iſt, und daß er ſich wiederfinden muß; iſt dies nicht der Fall, ſo wird Er ſchon machen, daß er geſun⸗ den wird!“ Dieſe Drohung ſchüchterte den Wirth vollends ein. Nach dem König und dem Herrn Cardinal war Herr von Treville derjenige Mann, deſſen Namen vielleicht am öfteſten von den Militären und ſogar von den Bürgern wied vorhe ausg Emit nann ner? nen ſpiel ſuche der 8 hatte Gas zu n ruhie erwie dieſe werd wort ganz das Alle ſen tauſ ternl Wir als und dieſer Alles Brief Frau elben aren. mei⸗ Or⸗ sfüh⸗ r er⸗ zer⸗ Als r ſich zehn n die hatte racht, nigen Wirth n ihn ſeinen ſage reville dies — geſun⸗ s ein. rr von t am ürgern 27 wiederholt wurde. Wohl war noch der Vater Joſeph Lorhanden, aber ſein Name wurde immer nur ganz leiſe ausgeſprochen, ſo groß war der Schrecken, den die graue Eminenz einflößte, wie man den Vertrauten des Cardinals nannte. Er warf auch ſeinen Spieß weit von ſich, befahl ſei⸗ ner Frau, daſſelbe mit ihrem Beſenſliele zu thun und ſei⸗ nen Dienern ihre Stocke abzulegen, ging mit ſeinem Bei⸗ ſpiel voran und fing an, nach dem verlorenen Brieſe zu ſuchen. „Enthielt dieſer Brief etwas Werthvolles?“ ſagte 6 Wirth, nachdem er einen Augenblick fruchtlos geſucht hatte. „Heiliger Gott, ich glaube es wohl!“ erwiederte der Gascogner, der mit Hülfe dieſes Schreibens ſeinen Weg zu machen hoffte,„er enthielt mein Glück.“ „Anweiſungen auf Spanien?“ fragte der Wirth un⸗ ruhig. „Anweiſungen auf den Privatſchatz Seiner Majeſtät,“ erwiederte dArtagnan, der darauf zählte, er werde durch dieſe Empfehlung in den Dienſt des Koͤnigs aufgenommen werden, und deßhalb ohne zu lügen dieſe etwas kecke Ant⸗ wort geben zu können glaubte. „Teufel!“ rief der Wirth ganz in Verzweiflung. „Aber daran liegt nichts,“ fuhr d'Artagnan mit ganz nationaler Dreiſtigkeit fort,„daran liegt nichts, das Geld kommt gar nicht in Betracht; der Brief war Alles. Ich hätte lieber tauſend Piſtolen verloren, als die⸗ ſen Brief.“ Er würde nicht mehr gewagt haben, wenn er zwanzig tauſend geſagt hätte, aber eine gewiſſe jugendliche Schüch⸗ ternheit hielt ihn zurück. Ein Lichtſtrahl vurchdrang plötlich den Geiſt des Wirthes, der von einem entſetzlichen Grauen befällen würde, als er nichts fand. „Dieſer Brief iſt durchaus nicht verloren,“ rief er. „Ah!“ ſeufzte dArtagnan. „Nein. er iſt Euch geſtohlen worden.“ „Geſtohlen! und von wem?“ „Von dem Edelmann von geſiern. Er iſt in die Küche hinab gegangen, wo Euer Wamms lag, und da⸗ ſelbſt allein geblieben. Ich wollte wetten, daß er ihn geſtohlen hat.“ „Ihr glaubt?“ erwiederte dArtagnan nicht ſehr über⸗ zeugt, denn er kannte den ganz perſönlichen Belang dieſes Briefes und ſah nichts dabei, was einen Andern nach dem Beſitze deſſelben hätte lüſtern machen können. Keiner von den Dienern, keiner von den anweſenden Gäſten würde etwas damit gewonnen haben, wenn er ſich das Papier zugeeignet hätte. „Ihr ſagt alſo,“ verſetzte dArtagnan,„Ihr habet dieſen frechen Edelmann im Verdacht 2“ „Ich ſage, daß ich vollkommen hievon überzeugt bin,“ fuhr der Wirth fortz„als ich ihm mittheilte, Euere Herr⸗ lichkeit wäre ein Schützling des Herrn von Treville, und Ihr hättet ſogar einen Brief an dieſen erlauchten Herrn, ſchien er ſehr unruhig zu werden und fragte mich, ww diefer Brief wäre, und ging ſogleich in die Küche hinab, weil er wußte, daß Euer Wamms dort lag.“ „Dann iſt er mein Dieb,“ ſagte d'Artagnan,„ich werde mich bei Herrn von Treville darüber beklagen, und Herr von Treville wird ſich beim König beklagen.“ Hienach zog er majeſtätiſch zwei Thaler aus ſeiner Taſche, gab ſie dem Wirth, der ihn mit dem Hute in der Hand bis vor die Thüre begleitete, beſtieg wieder ſein gelbes Roß, das ihn ohne weitern Unfall bis zu der Porte Saint⸗Antoine in Paris trug, wo es der Eigenthümer um drei Thaler verkaufte, was ſehr gut bezahlt war, in Betracht, daß d'Artagnan daſſelbe während des letzten Marſches bedeutend über⸗ trieben hatte. Der Roßtäuſcher, welchem dArtagnan ——— die Mähre gegen erwähnte neun Livres abtrat, ver⸗ barg außer Farb ris, ſo la der( war Foſſo nahm übrig die ſ Herr gehei de lo mach und beger welck ganz gemi glück ſchie Meu auf Hoff ſchlie bis um ten zu b die da⸗ ihn über⸗ ieſes nach einer vürde apier habet bin,“ Herr⸗ „und errn, hinab, ich agen, gen.“ ſeiner Hute beſtieg Unfall we was agnan über⸗ tagnan ver⸗ 29 barg auch dem jungen Manne keineswegs, daß er dieſe außerordentliche Summe nur wegen der Originalität der Farbe des Thieres bezahle. D'Artagnan hielt alſo zu Fuß ſeinen Einzug in Pa⸗ ris, trug ſein Päckchen unter dem Arme und marſchirte ſo lange umher, bis er eine Stube zu miethen fand, die der Geringfügigkeit ſeiner Mittel entſprach. Dieſe Stube war eine Art von Manſarde und lag in der Rue des Foſſoyeurs in der Nähe des Luxemburg. Sobald d'Artagnan den Miethpfennig bezahlt hatte, nahm er Beſitz von ſeiner Wohnung und brachte den übrigen Theil des Tages damit hin, daß er an ſein Wamms und an ſeine Strümpfe Poſamenten annähte, die ſeine Mutter von einem beinahe neuen Wammſe von Herrn d'Artagnan, dem Vater, abgetrennt und ihm ins⸗ geheim zugeſteckt hatte. Dann ging er auf den Quai de la Ferraille, um eine neue Klinge in ſeinen Degen machen zu laſſen, hienach kehrte er zum Louvre zurück und erkundigte ſich bei dem erſten Musketiere, dem er begegnete, nach dem Hotel von Herrn von Treville, welches in der Rue du Vieur⸗Colombier lag, das heißt ganz in der Nähe der Wohnung, welche dArtagnan gemiethet hatte— ein Umſtand, der ihm als ein Vorzeichen für den Erfolg ſeiner Reiſe er⸗ chien. Zufrieden mit der Art und Weiſe, wie er ſich in Meung benommen hatte, ohne Gewiſſensbiſſe in Beziehung auf die Vergangenheit, auf die Gegenwart bauend, voll Hoffnung für die Zukunft, legte er ſich hierauf nieder und ſchlief den Schlaf des Gerechten. Dieſer noch ganz provinzmäßige Schlaf währte bis zur neunten Stunde des Morgens, wo er aufſtand, um ſich zu dem berühmten Herrn von Treville, der drit⸗ ten Perſon des Reiches nach der väterlichen Schätzung, zu begeben. Vas Porzimmer des Herrn von Treville. Herr von Troisville, wie ſeine Familie noch in Gascogne hieß, oder Herr von Treville, wie er ſich ſelbſt am Ende in Paris nannte, hatte wirklich gerade wie v'Artagnan angefangen, nämlich ohne einen Sou Geldeswerth, aber mit jenem Grundſtocke von Kühn⸗ heit, Geiſt und Ausdauer, wodurch der ärmſte gascog⸗ niſche Krautjunker mehr an Hoffnungen als väterliches Erbtheil erhält, als der reichſte Edelmann des Pericord oder Berry in Wirklichkeit empfängt. Sein kecker Muth, ſein noch viel keckeres Glück in einer Zeit, wo die Schläge wie Hagel fielen, hatten ihn auf die Höhe der ſchwer erklimmbaren Leiter gehoben, die man die Gunſt des Hofes nennt, und deren Stufen er vier und vier auf einmal erſtiegen hatte. Er war der Freund des Koͤnigs, der, wie Jeder⸗ mann weiß, das Andenken ſeines Vaters Heinrich IV. ſehr in Ehren hielt. Der Vater von Herrn von Treville hatte ihm ſo treu in ſeinen Kriegen gegen die Ligue ge⸗ dient, daß er ihm in Ermanglung des baaren Gelves— eine Sache, die dem Bearner ſein ganzes Leben abging, veun er bezahlte ſeine Schulden ſtets mit dem weinzigen Dinge, das er nicht zu entlehnen brauchte, mit Witz— daß er ihm in Ermangelung des baaren Geldes, ſagen wir, nach der Uebergabe von Paris die Vollmacht ver⸗ lieh, als Wappen einen goldenen Löwen im rothen Felve mit dem Wahlſpruche: üdelis et fortis, zu führen; vas war viel für die Ehre, aber mittelmäßig für das Ver⸗ mögen. Als der berühmte Gefährte des großen Heinrich ſtarb, hinterließ er auch ſeinem Herrn Sohne als ein⸗ ziges Erbe nur ſeinen Degen und ſeinen Wahlſpruch⸗ Dieſer doppelten Gabe und dem fleckenloſen Namen, von vem ſie begleitet war, hatte Herr von Treville ſeine in ſich erade Sou ühn⸗ scog⸗ liches icord Ruth, die Hoͤhe die und eder⸗ IV. reville e ge⸗ es— bging, nzigen itz— ſagen ver⸗ Felde ihren; Ver⸗ einrich s ein⸗ ſpruch. von ſeine 3¹ Zulaſſung in das Haus des jungen Prinzen zu verdan⸗ ken, wo er ſich ſo gut ſeines Schwertes bediente, und ſeiner Deviſe ſo treu war, daß Ludwig Klll. einer ver beſten Degen ſeines Königreichs, zu ſagen pflegte, wenn er einen Freund hätte, der ſich ſchlagen wollte, ſo würde er ihm den Rath geben, zum Secundanten zuerſt ihn und vann Herrn von Treville oder ſogar vielleicht dieſen vor ihm zu nehmen. Ludwig KIII. hegte eine wahre Anhänglichkeit für Treville, eine königliche Anhänglichkeit, eine ſelbſtſüchtige Anhänglichkeit allerdings, darum aber nicht minder eine Anhänglichkeit. In dieſer unglücklichen Zeit ſtrebte man mit aller Macht vanach, ſich mit Männern von dem Schlage Treville's zu umgeben. Viele konnten ſich den Beinamen fortis geben, der die zweite Hälfte ſeiner Deviſe bildete, aber Wenige Edelleute hatten Anſpruch darauf, ſich Rdelis zu nennen, wie der erſte Theil hieß. Treville gehörte zu den letzteren; er war eine von den ſeltenen Organiſationen mit dem gehorchenden Ver⸗ ſtande des Hundes, mit dem blinden Muthe, mit dem raſchen Auge, mit der ſchnellen Hand, ein Mann, dem das Auge nur gegeben worden war, um zu ſehen, ob der König mit Jemand unzufrieden wäre, und dieſen Je⸗ mand, einen Besme, einen Maurevers, einen Poltrot Lon Meré, einen Vitry niederzuſchlagen. Treville hatte bis jetzt nur die Gelegenheit gefehlt, aber er lauerte da⸗ rauf, er hatte ſich gelobt, ſie beim Schopfe zu faſſen, ſobald ſie in den Bereich ſeiner Hand käme. Ludwig X. machte aus Treville den Kapitän ſeiner Musketier, welche für Ludwig XIII. hinſichtlich ver Ergebenheit vder vielmehr hinſichtlich des Fanatismus geweſen ſind, was die ſchottiſche Leibwache für Ludwig Kl. und die Ordi⸗ nären für Heinrich III. waren. Der Cardinal war ſeiner Seits und in dieſer Beziehung nicht hinter dem König zurück. Als dieſer oder vielmehr erſte Koͤnig von Frankreich die furchtbare Eile wahrnahm, mit der ſich Ludwig XIII. umgab, wollte er ebenfalls ſeine Leibwache haben. Er lei hatte alſo ſeine Musketiere, wie Ludwig XIII,, und von man ſah dieſe mächtigen Nebenbuhler in allen Provinzen gen von Frankreich und ſogar in auswärtigen Staaten die zun berühmten Männer für ihre großen Schwertſtreiche aus⸗ ſie heben. Ludwig XIII. und Richelieu ſtritten ſich auch von oft, wenn ſie Abends eine Partie Schach ſpielten, über lied das Verdienſt ihrer Anhänger. Jeder lobte die Haltung ten und den Muth der ſeinigen, und während ſie ſich ganz tan laut gegen Zweikämpfe und Streitigkeiten ausſprachen, ihre ſtachelten ſie die dieſelben ganz in der Stille gegen ein⸗ ſtete ander auf, und waren von wahrem Kummer oder von wur unmäßiger Freude über das Unterliegen oder den Sieg ihrer Leute erfüllt. So geben dies wenigſtens die Me⸗ tige moiren eines Mannes an, der bei einigen dieſer Nieder⸗— lagen und hei vielen von dieſen Siegen betheiligt war. Ueb Treville hatte ſeinen Herrn bei der ſchwachen Zeit Seite gefaßt, und dieſer Geſchicklichkeit verdankte er die ſer lange und beſtändige Gunſt eines Königs, der nicht den Feit Ruf großer Treue in ſeinen Freundſchaften hinterlaſſen der hat. Er ließ ſeine Musketiere vor den Cardinal Ar⸗ wir, mand Dupleſſis mit einem verſchmitzten Lächeln para⸗ wor diren, wobei ſich die Haare des Schnurrbarts Seiner ten Eminenz vor Zorn ſträubten. Treville verſtand ſich vor⸗ der trefflich auf den Krieg dieſer Zeit, wo man, wenn man ſtell nicht auf Koſten des Feindes leben konnte, auf Koſten trotz ſeiner Landsleute lebte; ſeine Soldaten bildeten eine gegen und Jedermann, nur gegen ihn nicht, unbotmäßige Lagios eine lebendiger Teufel. Jun Den Hals und die Bruſt entblößt, weinſchwerz ner geſchunden, verbreiteten ſich die Musketiere des Königs, Fra oder vielmehr die von Herrn von Treville, in den früh Schenken, auf den Spaziergängen, bei den öffentlichen, das Spielen, ſchrieen, ſtrichen den Schnurrbart in die Höhe,, wun ließen den Degen klirren, ſtießen mit wahrer Luſt dig XIII. n. Er „ und⸗ ovinzen en die e aus⸗ auch „ über altung ganz rachen, n ein⸗ er von Sieg ie Me⸗ Nieder⸗ war. wachen er die cht den erlaſſen al Ar⸗ para⸗ Seiner h vor⸗ n man Koſten e gegen Lazion ſchwer Konigs, ntlichen Höhe, in 33 Leibwachen des Herrn Cardinal und zogen unter kauſender⸗ lei Scherzen am hellen Tage und auf offener Straße vom Leder; ſie wurden zuweilen getödtet, aber ſie wußten gewiß, daß man ſie in dieſem Falle beweinte und rächte, zuweilen tödteten ſie, aber ſie wußten eben ſo gewiß, daß ſie nicht im Gefängniß zu verſchimmeln hatten, denn Herr von Treville war da, um ſie zurückzufordern. Das Lob⸗ lied des Herrn von Treville wurde auch in allen Tonar⸗ ten von dieſen Leuten geſungen, die, obgleich ſie den Sa⸗ tan nicht fürchteten, vor ihm zitterten, wie Schüler vor ihrem Lehrer, ſeinem geringſten Worte gehorchten und ſtets bereit waren, ſich tödten zu laſſen, um einen Vor⸗ wurf abzuwaſchen. Herr von Treville hatte ſich Anfangs dieſes mäch⸗ tigen Hebels für den König und die Freunde des Königs — dann für ſich ſelbſt und für ſeine Freunde bedient. Uebrigens findet man in keinem von den Memoiren dieſer Zeit, welche ſo viele Memoiren hinterlaſſen hat, daß die⸗ ſer würdige Edelmann, ſelbſt nicht einmal von ſeinen“ Feinden, und er hatte deren ſo viele unter den Leuten von der Feder, als unter denen vom Degen; nirgends, ſagen wir, findet man, daß dieſer würdige Edelmann angeklagt worden wäre, er habe ſich für die Mitwirkung ſeiner Sei⸗ ten bezahlen laſſen. Bei einem ſeltenen Intriguengeiſte, der ihn auf dieſelbe Stufe mit den ſtärkſſen Intriganten ſtellte, war er ein ehrlicher Mann geblieben. Mehr noch, trotz der großen Stoßdegen, welche lendenlahm machen, und der angeſtrengten Uebungen, welche ermüden, war er einer der galanteſten Straßenläufer, einer der feinſten Jungfernknechte, einer der gewürfeltſten Schönredner ſei⸗ ner Zeit geworden; man ſprach von dem Glücke bei Frauen von Herrn von Treville, wie man zwanzig Jahre früher von dem von Baſſompierre geſprochen hatte, und das wollte viel ſagen. Der Kapitän war alſo be⸗ wundert, gefürchtet und geliebt, und dieß bildet uſt 3 Die drei Musketiere. 3 ſeine Befehle ertheilte und, wie der König auft laſſen. 34 den Culmiationspunkt menſchlicher Glücksum⸗ tände. . Ludwig XKIV. verſchlang alle kleine Geſtirne ſeines einer Hofes in ſeiner weiten Ausſtrahlung, aber ſein Vater, anla eine Sonne pluribus impar, ließ ſeinen perſönlichen ner Glanz jedem von ſeinen Günſtlingen, ſeinen eigenthüm⸗ d'Ar lichen Werth jedem von ſeinen Höflingen. Außer dem Lever einſe des Königs und dem des Cardinals zählte man damals die in Paris mehr als zweihundert einigermaßen beſuchte Le⸗ beſch vers. Unter den zweihundert kleinen Levers war das von bar Treville eines von denjenigen, nach welchen man ſich am Deg meiſten drängte. Der Hof ſeines in der Rue du Vieur⸗Colombier ge⸗ brau legenen Hotels glich einem Lager, und vieß von Morgens Off ſechs Uhr im Sommer und von acht Uhr im Winter., müf Fünfzig oder ſechzig Musketiere, welche ſich hier abzulöſen z ſchienen, um ſtets eine impoſante Zahl darzuſtellen, gin⸗ rückt gen beſtändig in völliger Kriegsrüſtung und zu Jeglichem gen bereit umher. Auf einer von den großen Treppen, auf Han deren Raume unſere moderne Civiliſation ein ganzes Ge⸗ gene bäude errichten würde, ſtiegen die Bittſteller von Paris gebe auf und ab, welche itgend einer Gunſt nachliefen; ferner ſich, die Edelleute aus der Provinz, welche begierig darnach ſich trachteten, eingemuſtert zu werden, und die in allen Far⸗ Mal ben verbrämten Lackeien, die an Herrn von Treville dieß dieſe Botſchaften ihrer Gebieter überbrachten. In den Vorz habt zimmern ruhten auf langen, kreisförmigen Bänken di Auserwählten, das heißt diejenigen, welche berufen ware ſchlir Das Geſumme dauerte vom Morgen bis zum Abend, ketie während Herr von Treville in ſeinem an dieſes Vorzim mer ſtoßenden Kabinet Beſuche empfing, Klagen anhörte, ſeinem Balkon im Loubre, ſich nur an das Fenſter zu ſtellen hatte, un Menſchen und Waffen Reyue paſſirenz ksum⸗ ſeines Vater, nlichen thüm⸗ Lever amals te Le⸗ von ch am er ge⸗ orgens Binter. zulöſen gin⸗ lichem „ auf s Ge⸗ Paris ferner arnach Far⸗ lle die Vor en dieß waren, Abend, orzim⸗ nhörte, auf ſter zuß iren zuh die Andern, 35 Den Tag, an welchem dArtagnan ſich hier einfand, war die Verſammlung äußerſt impoſant, beſonders für einen Provinzbewohner, der eben erſt aus ſeiner Heimath anlangte; dieſer Provinzbewohner war allerdings Gascog⸗ ner und damals beſonders ſtanden die Landsleute von dArtagnan nicht im Rufe, als ließen ſie ſich ſo leicht einſchüchtern. In der That, ſobald man einmal durch die ſtarke, mit langen Nägeln mit viereckigen Köpfen beſchlagene Thüre gelangt war, ſiel man unmittel⸗ bar mitten in eine Truppe von Männern vom Degen, die ſich im Hofe durchkreuzten, einander anriefen, mit einander ſtritten und ſpielten. Um ſich durch dieſe brauſenden Wogen eine Bahn zu brechen, hätte man Offſizier, vornehmer Herr oder hübſche Frau ſein müſſen. Mitten durch dieſes Gedränge und dieſe Unordnung rückte unſer junger Mann mit zitterndem Herzen, den lan⸗ gen Raufdegen an die magern Beine drückend und eine Hand an den Rand ſeines Filzes haltend, mit dem verle⸗ genen provinzialen Halblächeln, das eine gute Haltung geben ſoll, ſachte vorwärts. Hatte er eine Gruppe hinter fich, ſo athmete er freier; aber er begriff wohl, daß man ſich umwandte, um ihm nachzuſchauen und zum erſten Male in ſeinem Leben kam ſich d'Artagnan, der bis auf dieſen Tag eine ziemlich gute Meinung von ſich ſelbſt ge⸗ habt hatte, lächerlich vor. Als er zur Treppe gelangte, war die Sache noch ſchlimmer er fand hier auf den erſten Stufen vier Mus⸗ ketiere, die ſich mit folgender Uebung beluſtigten, wäh⸗ rend zehn bis zwölf von ihren Kameraden auf dem Ruhe⸗ platz der Treppe warteten, bis es an ſie käme, an der Partie Theil zu nehmen. Einer von ihnen, der mit ent⸗ blößtem Degen auf der oberſten Stufe ſtand, verhinverte herauf zu ſteigen, ob er bemühle ſich we⸗ nigſtens, ſie daran zu verhindern. Dieſe drei Anderi fochten mit ſehr behenden Degen gehen ihn. DArtagnan 36 hielt Anfangs ihre Eiſen für Fechtrappiere und glaubte, ſie wären mit Knöpfen verſehen; aber bald erkannte er an gewiſſen Schrammen, daß jede Waffe im Gegentheil gehörig zugeſpitzt und ſcharf geſchliffen war. Und bei jeder von dieſen Schrammen lachten nicht nur die Zu⸗ ſchauer, ſondern auch die handelnden Perſonen, wie die Narren. Derjenige, welcher in dieſem Augenblick vie oberſte Stufe behauptete, hielt ſeine Gegner vortrefflich in Ach⸗ tung. Man bildete einen Kreis um ſie. Es war Be⸗ dingung hiebei, daß bei jedem Stoße der Berührte die Partie verlaſſen mußte, und dadurch ſeine Audienzreihe zu Gunſten des Berührenden verlieren ſollte. In fünf Minuten waren drei geſtreift, der eine an der Hand⸗ wurzel, der andere am Kinn, der dritte am Ohr, wäh⸗ rend der Vertheiviger, der ihnen dieſe Schrammen bei⸗ brachte, nicht berührt war, eine Geſchicklichkeit, die ihm eine dreimalige Audienzreihe zu ſeinen Gunſten eintrug. So ſchwer unſer junger Reiſender auch in Erſtaunen zu ſetzen— nicht war, ſondern ſein wollte, ſo ſetzte ihn die⸗ ſer Zeitvertrieb doch ſehr in Erſtaunen: er hatte in ſei⸗ ner Provinz, auf dieſem Boden, wo ſich die Köpfe doch ſo ſchnell erhitzen, etwas mehr als Präliminarien zu Zweikämpfen geſehen, und die Gasconnade der vier Spieler erſchien ihm als die ſtärkſte von allen denienigen, von denen er bis jetzt ſelbſt in der Gascogne gehört hatte. Er glaubte ſich in das berühmte Land ver Rieſen verſetzt, wohin Gulliver ging und wo er ſo gewaltig bange hatte; und er war noch nicht eimal am Ziele: es blieben noch der Ruheplatz und das Vor⸗ zimmer. Auf dem Ruheplatz der Treppe ſchlug man ſich nicht, man erzählte ſich Geſchichten von Frauen und im Vorzimmer Geſchich vom Hofe. Auf dem Ruhe platz erröthete dArfägnan; im Vorzimmer ſchaudert er. Seine rege Pnherirrende Einbildungskraft, dig * vor An die kei leu aubte, nte er entheil d bei e Zu⸗ ie die oberſte Ach⸗ r Be⸗ te die zreihe fünf Hand⸗ wäh⸗ n bei⸗ e ihm ntrug. en zu n die⸗ in ſei⸗ e doch ien zu vier nigen, gehört d der er eimal Vor⸗ nicht d inm Ruhe uderte „bi 8 % 37 ihn in der Gascogne für Kammermädchen und zuweilen ſogar für junge Eveldamen furchtbar machte, hatte nie, ſelbſt nicht einmal in den Augenblicken des Delirirens, die Hälfte von dieſen verliebten Abenteuern und den vierten Theil von dieſen, durch die bekannteſten Namen und nichts weniger als verſchleierten Einzelnheiten er⸗ höhten, Heldenthaten geträumt. Aber wenn ſeine Liebe für gute Sitten auf dem Ruheplatz verletzt wurde, ſo bereitete man ſeiner Achtung vor dem Cardinal in dem Vorzimmer ein wahres Aergerniß. Hier hörte d'Artagnan zu ſemem größten Erſtaunen ganz laut die Politik, welche Europa zittern machte, und das Privatleben des Cardi⸗ nals kritiſiren, für deſſen Herabſetzung ſo viele hochgeſtellte und mächtige Herren geſtraft worden waren; dieſer große, von Herrn d'Artagnan dem Vater verehrte Mann, diente als ein Gegenſtand des Spottes für die Musketiere von Herrn von Treville, welche ſich über ſeine krummen Beine und ſeinen gewölbten Rücken luſtig machten; Einige ſangen Spottlieder über Madame dAiguillon, ſeine Ge⸗ liebte, und über Frau Combalet, ſeine Nichte, während Andere gegen die Pagen und die Leibwachen des Car⸗ dinal⸗Herzogs Verabredungen trafen, lauter Dinge, welche d'Artagnan als monſtruöſe Un zöglichkeiten vor⸗ kamen. Indeſſen trat zuweilen plötzlich und ganz unverſe⸗ hens der Name des Koͤnigs mitten unter dieſe rardinali⸗ ſtiſchen Scherze wie eine Art von Knebel, der für einen Augenblick allen Anweſenden den ſpöttiſchen Mund ver⸗ ſtopfte; man ſchaute ſachte um ſich her und ſchien die Indiscretlon der Scheidewand des Kabinets von Herrn von Treville zu fürchten. Aber bald brachte irgend eine Anſpielung das Geſpräch wieder auf Seine Eminenz, und die Ausbrüche des Spottes traten nur ſtärker hervor und keine von ſeinen Handlungen blieh i einer kräftigen Be⸗ euchtung verſchont. 2 „Gewiß ſind dieß Leute, insgeſammt nach 38 der Baſtille gebracht und gehängt werden,“ dachte dAr⸗ tagnan mit Schrecken,„und ich ohne Zweifel mit ihnen, denn von dem Augenhlick an, wo ich ſie gehört und ver⸗ ſtanden habe, wird man mich für ihren Mitſchuldigen halten. Was würde mein Herr Vater ſagen, der mir ſo ſehr Achtung vor dem Cardinal eingeſchärft hat, wenn er mich in Geſellſchaft von ſolchen Bauern wüßte?“ D'Artagnan, wie man ſich leicht denken kann, wagte es alſo nicht, an dem Geſpräche Theil zu nehmen, er ſchaute nur mit allen ſeinen Augen, hoͤrte nur mit allen ſeinen Ohren, ſeine fünf Sinne gierig ſpannend, um nichts zu verlieren, und trotz ſeines Vertrauens auf die väterlichen Ermahnungen fühlte er ſich, in Folge ſeiner Geſchmacksrichtung und von Feinen In⸗ ſtinkten hingeriſſen, mehr geneigt, die unerhörken Dinge, die ſich in ſeiner Gegenwart ereigneten, zu loben als zu tadeln. Da er indeſſen der Menge der Höflinge von Herrn von Treville völlig fremd war, und da man ihn zum erſten Male an dieſem Orte bemerkte, ſo fragte man ihn, was er wünſchte. Auf dieſe Frage nannte d'Ar⸗ tagnan demüthig ſeinen Namenz er berief ſich auf ſeinen Titel als Landsmann und erſuchte den Kammer⸗ diener, der dieſe Frage an ihn gerichtet hatte, Herrn von Treville für ihn um eine kurze Audienz zu bit⸗ ten, welche Bitte man im Tone eines Beſchützers zu geeigneter Zeit und geeigneten Ortes vorzutragen ver⸗ ſprach. DArtagnan erholte ſich allmälig von ſeinem erſten Staunen und hatte nun Muße, die Trachten und Geſich⸗ ter ein wenig zu ſtudiren. Der Mittelpunkt der belebteſten Gruppe war ein Musketier von großer Geſtalt, hochmüthigem Antlitz und einer Bizzarrerie in ſeher Kleidung, welche die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn lenkte. Er trug in dieſem Augen⸗ blick die Uniformo⸗Kgſäke nicht, wozu er auch in jener d»'Ar⸗ hnen, er⸗ digen uir ſo nn er kann, men, mit nend, auens In⸗ inge, ls zu Herrn zum man d'Ar⸗ auf nmer⸗ Herrn bit⸗ rs zu er⸗ erſten eſich⸗ r ein 6 und meine lugen⸗ jener 8 Zeit geringerer Freiheit, aber größerer Unabhängigkeit nicht durchaus verbunden war, ſondern er hatte rinen etwas abgetragenen Leibrock an, und auf dieſem Kleide gewahrte man ein prachtvolles Wehrgehänge mit goldenen Stickereien, das funkelte wie ein Waſſerſpiegel im vollen Sonnenſcheine. Ein langer, karmeſinrother Mantel fiel anmuthig über die Schultern und ließ vorne nur vas glänzende Wehrgehänge ſehen, woran ein rieſiger Rauf⸗ degen befeſtigt war.. Dieſer Musketier war ſo eben von der Wache abge⸗ kommen, beklagte ſich über Schnupfen und huſtete von Zeit zu Zeit mit einer gewiſſen Affektation. Deßhalb hatte er den Mantel genommen, wie er zu ſeiner Umge⸗ bung ſagte, und während er von oben herab ſprach und verächtlih ſeinen Schnurrbart kräuſelte, bewunderte man mit großer Begeiſterung— d'Artagnan mehr, als jeder Andere— das geſtickte Wehrgehänge. „Was wollt Ihr, es kommt in die Mode,“ ſagte der Musketier;„es iſt eine Thorheit, ich weiß es wohl, aber es iſt einmal Mode. Ueberdieß muß man doch anch das Geld ſeines Erbtheils verbrauchen.“ „Ah! Porthos!“ rief Einer von den Umherſte⸗ henden,„verſuche es nicht, uns glauben zu machen, dieſes Wehrgehänge ſei Dir durch die väterliche Groß⸗ muth zugefallen; die verſchleierte Dame hat es Dir ohne Zweifel gegeben, mit der ich Dir an einem Sonntage in der Nähe der Porte Saint⸗Honoré be⸗ gegnete. „Nein, auf Ehre und Edelmannswort, ich habe es ſelbſt und zwar um meine eigenen Pfennige gekauft,“ ant⸗ wortete derjenige, welchen man mit dem Namen Porthos bezeichnete. „Ja, wie ich dieſe neue Börſe mit Dei gekauft habe, was mir meine Geliebte in die glte geſteckt hat,“ ſprach ein anderer Musketier. 40 „Wahrhaftig, ich habe zehn Piſtolen dafür bezahlt,“ ſagte Porthos. Die Bewunderung verdoppelte ſich, obgleich der Zweifel noch fortbeſtand. „Nicht wahr, Aramis?2“ fragte Porthos und wandte ſich dabei gegen einen dritten Musketier um. Dieſer bildete eiinen vollſtändigen Kontraſt mit dem Fragenden, der ihn mit dem Namen Aramis bezeichnet hatte. Es war ein junger Mann von kaum zwei bis dreiundzwanzig Jahren, mit naem, ſüßlichem Geſichte, ſchwarzem, ſanftem Auge und' mit Wangen, ſo roſig, wie ein Pfirſich im Herbſte; ſein feiner Schnurrbart zog eine völlig gerade Linte auf ſeiner Oberlippe; ſeine Hände ſchienen ſich vor m Herabhängen zu hüten, aus Furcht, ihre Adern könnten anſchwellen, und von Zeit zu Zeit kneifte er ſich die Ohren, um ſie in einem zarten, durch⸗ ſichtigen Incarnat zu erhalten. Er hatte die Gewohnheit, wenig zu ſprechen, viel zu grüßen und geräuſchlos zu lachen, wobet er ſeine ſchönen Zähne zeigte, auf die er, wie auf ſeine ganze Perſon, die größte Sorgfalt zu ver⸗ wenden ſchien. Er beantwortete die Aufforderung ſeines Freundes mit einem beſtätigenden Kopfnicken. Dieſe Beſtätigung ſchien allen Zweifeln in Beziehung auf das Wehrgehänge ein Ende zu machen; man bewun⸗ derte es fortwährend, aber man ſagte nichts mehr davon, und das Geſpräch ging in Folge von einer der raſchen— Wendungen des Gevankens auf einen andern Gegenſtand über. „Was denft Ihr von dem, was der Stallmeiſter von Chalais erzählt?“ fragte ein anderer Musketier, ohne ſeine Worte unmittelbar an Einen von der Gruppe zu richten, ſondern im Gegentheil ſich an alle Umſtehenden wendend. „Und was erzählt er?“ ſagte Porthos mit anmaß⸗ lichem Tone. Er erzählt, er habe in Brüſſel Rochefort, den —— ſ der dte em net bis te, wie ine nde ht, eit ch⸗ eit, er, er⸗ es ng n⸗ n, en er —— Vertrauten des Cardinals als Kapuziner verkleidet ge⸗ troffen; der verfluchte Rochefort hatte in dieſer Verklei⸗ dung Herrn von Laigues, gerade wir er iſt, als einen wahren Einfaltspinſel geſpielt.“ „Als einen wahren Einfaltspinſel,“ fragte Porthos, „aber iſt die Sache gewiß?“ „Ich habe es von Aramis gehört,“ antwortete der Musketier. „Wirklich?“ „Ei! Ihr wißt es wohl, Porthos,“ fragte Aramis, „ich habe es Euch ſelbſt geſtern erzählt; ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Sprechen wir nicht mehr davon, das iſt Euere Mei⸗ nung,“ erwiederte Porthos. Sprechen wir nicht mehr davon! Peſt! wie Ihr doch ſo raſch ſchließt. Wie! Der Cardinal läßt einen Evelmann beſpähen, er läßt ihm ſeine Korreſpondenz durch einen Verräther, durch einen Dieb, durch einen Galgenſtrick ſtehlen; läßt mit Hülfe dieſer Späher und dieſer Korreſpondenz Chalais unter dem thö⸗ richten Vorwand, er habe den Koͤnig ermorden und Mon⸗ ſieur mit der Königin verheirathen wollen, den Hals ab⸗ ſchneiden! Niemand wußte etwas von dieſem Räthſel, Ihr erfuhrt es geſtern zum allgemeinen Erſtaunen, und wäh⸗ rend wir über dieſe Muigkeit noch ganz verwundert ſind, Ihr heute und ſagt: Sprechen wir nicht mehr avon!“ „„Sprechen wir alſo davon, wenn Ihr es wünſcht,“ erwiederte Aramis geduldig. „Wäre ich der Stallmeiſter des armen Chalais,“ erief Porthos,„ſo würde dieſer Rochefort einen ſchlimmen Augenblick mit mir erleben.“ „Und Ihr würdet einen ſchlimmen Augenblick mit dem Herzog Roth erleben,“ verſetzte Aramis. „Ah! der Herzog Roth! bravo, hravo, ver Herzog Roth!“ erwiederte Porthos in die Hände klatſchend.„Der Herzog Roth, das iſt reizend. Ich werde den Wik ver⸗ . 3 S breiten, ſeid nur ruhig. Wie viel Geiſt hat er doch, die⸗ ſer Aramis! Es iſt ein wahres Unglück, daß Ihr Enren zu Beruf nicht verfolgen konntet, mein Lieber, was für ein zu köſtlicher Abbe wäre doch aus Euch geworden!“ re „Ah! das iſt nur eine augenblickliche Verzoͤgerung,“ 5 entgegnete Aramis,„ich werde es eines Tages ſein; Ihr wißt wohl, Porthos, daß ich zu dieſem Behuf die Theo⸗ he logie zu ſtudiren fortfahre.“ di „Er thut, was er ſagt,“ rief Porthos,„er thut es B früher oder ſpäter.“ ie „Früher,“ ſprach Aramis. je „Er wartet nur Eines ab, um ſich gänzlich hiefür zu vo entſcheiden und die Sutane zu nehmen, welche hinter ſei⸗ ner Uniform hängt,“ ſagte ein anderer Musketier. w „Und was wartet er denn ab?“ fragte ein Dritter. g „Er wartet, bis die Koͤnigin der Krone Frankreichs be einen Erben geſchenkt hat.“ V „Scherzen wir nicht hierüber, meine Herren,“ ſprach w Porthos;„ſie iſt, Gott ſei Dank! noch in dem Alter, um V der Krone einen Erben zu ſchenken.“ „Man ſagt, Herr von Buckingham ſei in Frankreich,“ 3 verſetzte Aramis mit einem ſpöttiſchen Lächeln, das dieſem ſcheinbar ſo einfachen Worte eine ziemlich ſkandalöſe Be⸗ deutung verlieh. „Aramis, mein Freund,“ unterbrach ihn Porthos, ſi „diesmal habt Ihr Unrecht, Eure Manie, Witze zu ma⸗ chen, läßt Euch beſtändig alle Gränzen überſpringen; wenn Herr von Treville Euch hörte, ſo dürftet Ihr eine ſolche Sprache theuer zu bezahlen haben.“* „Wollt Ihr mir eine Lektion geben, Porthos!“ rief ſe Aramis und durch ſein ſanftes Auge zuckte ein Blitz. 3 „Mein Lieber, ſeid Musketier oder Abbé, ſeid das 4 Eine oder das Andere, aber nicht das Eine und das An⸗ dere, erwieverte Porthos.„Hört, Athos hat Euch noch vor Kurzem geſagt: Ihr eßt an allen Raufen! Ahl er⸗ zürnt Euch nicht, es wäre vergeblich, Ihr wißt wohl, was die⸗ ren ein , Ihr heo⸗ r zu ſei⸗ tter. eichs rach um ich,“ eſem Be⸗ thos, ma⸗ wenn olche das rief 43 zwiſchen Euch, Athos und mir abgemacht iſt. Ihr geht zu Madame d'Aiguillon und macht ihr den Hofz Ihr geht zu Frau von Bois⸗Trach, der Baſe von Frau von Cheve⸗ reuſe, und man ſagt, Ihr ſtehet bedeutend in Gnade bei ver Dame. Oh! mein Gott, Ihr braucht Euer Glück nicht einzugeſtehen; man fragt Euch nicht um Euer Ge⸗ heimniß, denn man kennt Eure Discretion. Aber da Ihr dieſe Tugend beſitzt, ſo macht in des Teufels Namen in Beziehung auf Ihre Majeſtät davon Gebrauch⸗ Beſchäftige ſich mit dem König und dem Cardinal wer will und wie jeder will; aber die Königin iſt geheiligt, und wenn man von ihr ſpricht, ſo muß es in Gutem geſchehen.“ „Porthos, Ihr ſeid anmaßend, wie ein Narziß,“ er⸗ wiederte Aramis.„Ihr wißt, daß ich die Moral haſſe, außer, wenn ſie von Athos gepredigt wird. Was Euch betrifft, mein Lieber, Ihr habt ein viel zu prachtvolles Wehrgehänge, um in dieſem Punkte ſtark zu ſein. Ich werde Abbé, wann es mir beliebt; mittlerweile bin ich Musketier; in dieſer Eigenſchaft ſage ich, was mir gefällt, und in dieſem Augenblick gefällt es mir zu ſagen, daß Ihr mich ungeduldig macht!“ „Aramis!“ „Porthos!“ „He! meine Herren! meine Herren!“ rief man um ſie her. „Herr von Treville erwartet Herrn dArtagnan,“ unterbrach der Bediente, die Thüre des Kabinets oͤffnend. Bei dieſer Ankündigung, während der die Thüre offen blieb, ſchwieg Jeder, und unter dieſem Stillſchweigen durch⸗ ſchritt der junge Gascogner das Vorzimmer und trat bei dem Kapitän der Musketiere ein, nicht ohne ſich von gan⸗ zem Herzen Glück zu wünſchen, daß er gerade zu rechter Zeit dem Ende dieſes ſeltſamen Streites entging. Die Audienz. err von Treville war in dieſem Augenblicke in einer abſcheulichen Laune; nichtsdeſtoweniger grüßte er höflich zwe den jungen Mann, der ſich bis zur Erde vor ihm ver⸗ beugte, und nahm lächelnd ſein Kompliment auf, deſſen zen bearneſiſcher Ausdruck ihn zugleich an ſeine Jugend und nick an ſeine Heimath erinnerte— eine doppelte Erinnerung, welche den Menſchen in jedem Alter zum Lächeln bewegt., ſen Aber beinahe in demſelben Augenblick trat er, d'Artagnan lich mit der Hand ein Zeichen machend, als wollte er ihn um bei Erlaubniß bitten, die Andern abzufertigen, ehe er mit ihm anfinge, trat er, ſagen wir, an die Thüre, und rief drei⸗ M mal, jedes Mal die Stimme verſtärkend, ſo daß er alle kru Intervall⸗Töne zwiſchen dem befehlenden und dem aufge⸗ reizten Accente durchlief: die „Athos! Porthos! Aramis!“ Die uns bereits bekannten zwei Musketiere antworte⸗ mi ten auf die zwei letzten von dieſen drei Namen, verließen ſogleich die Gruppen, unter denen ſie ſtanden, und gingen 1ih auf das Kabinet zu, deſſen Thüre ſich hinter ihnen ſchloß, we ſobald ſie die Schwelle überſchritten hatten. Ihre Haltung erregte, obgleich ſie nicht ganz ruhig war, durch ihre zu⸗ de gleich würdevolle und ehrerbietige Ungezwungenheit die m Bewun erung von d'Artagnan, der in dieſen Menſchen be Halbgötter und in ihrem Anführer einen mit allen ſeinen 8S Blicken bewaffneten Jupiter erblickte. 2 di Als die Musketiere eingetreten waren, als die Thüre hinter ihnen geſchloſſen war, als das Gemur⸗ mel im Vorzimmer, dem der Aufruf ohne Zweifel neue Nahrung gab, wieder angefangen und Herr von Treville endlich drei bis viermal ſein Kabine ſchweigend und mit gefalteter Stirne, immer an Por⸗ ner lich er⸗ ſſen und ng, egt. nan ihm rei⸗ alle fge⸗ orte⸗ eßen ngen Moß, tung zu⸗ die ſchen einen die mur⸗ veifel Herr binet, Por⸗ 45⁵ thos und Athos vorübergehend, welche ſteif und ſtumm wie auf der Parade, daſtanden, der ganzen Länge 23 durchritten hatte, blieb er plötzlich vor ihnen ſtehen ma ſie vom Kopf bis zum Fuße mit einem zornigen Blicke und rief: „Wißt Ihr, was mir der König geſagt hat, und zwar erſt geſtern Abend, wißt Ihr es, meine Herren 2“ „Nein,“ antworteten die zwei Musketiere nach kur⸗ zem Stillſchweigen;„nein, gnädiger Herr, wir wiſſen es nicht.“ „Aber ich hoffe, Ihr werdet uns die Ehre erwei⸗ ſen, es uns zu ſagen,“ fügte Aramis in ſeinem höf⸗ ii Tone und mit der anmuthigſten Verbeugung ei. „Er hat mir geſagt, er würde in Zukunft ſeine Musketiere unter der Leibwache des Herrn Cardinal re⸗ krutiren.“ „Unter der Leibwache des Cardinal, und warum dies 2“ fragte Porthos lebhaft. „Weil er ſah, daß ſein Treberwein durch eine Ver⸗ miſchung mit gutem Weine aufgefriſcht werden mußte.“ Die zwei Musketiere errötheten bis unter das Weiße ihrer Augen. D'Artagnan wußte nicht, wo er war, und wäre gern hundert Fuß unter der Erde geweſen. „Ja, ja,“ fuhr Herr von Treville hitziger wer⸗ dend fort,„und Seine Majeſtät hat Recht, denn, auf meine Ehre, die Musketiere ſpielen eine traurige Rolle bei Hofe. Der Herr Cardinal erzählte geſtern beim Spiele des Königs mit einer Miene des Bedauerns, die mir ſehr mißſiel, dieſe verdammten Musketiere, dieſe lebendigen Teufel, und er legte auf dieſe Worte einen jroniſchen Nachdruck, der mir noch mehr mißfiel; dieſe Kopfſpalter, fügte er bei und ſchaute mich dabei mit ſeinem Tigerkatzenauge an, hätten ſich geſtern in der Rue Ferou in ein Schenke verſpätet, und eine Runde 9on ſeiner Leihwache, ich glaubte, er wollte mir i ————— Geſicht lachen, wäre genöthigt geweſen, die Ruheſtörer verhaften. Mord und Tod! Ihr müßt etwas davon wiſſen! Musketiere verhaften! Ihr waret dabei, Ihr leugnet es nicht, man hat Euch erkannt, und der Car⸗ dinal hat Euch genannt. Es iſt freilich mein Fehler, ja, mein Fehler iſt es, da ich mir meine Leute auswähle. Seht doch, Araniis, warum des Teufels habt Ihr mich um die Kaſake gebeten, da Ihr doch ſo gut unter der Sutane geweſen wäret. Und Ihr, Porthos, habt Ihr ein ſo ſchönes goldenes Wehrgehänge, nur um einen Strohdegen daran zu tragen! Und Athos, ich ſehe Athos nicht. Wo iſt er?“ „Gnädiger Herr,“ antwortete Aramis traurig,„er iſt krank, ſehr krank.“ „Krank, ſehr krank, ſagt Ihr, und woran leidet er 7 „Man befürchtet an den Blattern, gnädiger Herr,“ antwortete Porthos, der auch ein Wort mitſprechen wollte, „was ſehr unangenehm wäre, denn es würde ſicherlich ſein Geſicht verderben.“ „Blattern! Abermals eine glorreiche Geſchichte, die Ihr mir da erzählt, Porthos! In ſeinem Alter an den Pocken krank?— Nein!. Aber verwundet ohne Zweifel, vielleicht getödtet,— Ah! wenn ich es wüßte. Gottesblut! meine Herren Musketiere, ich dulde es nicht, daß man ſich auf dieſe Art in ſchlechten Schenken umhertreibt, auf der Straße Händel anfängt und an jeder Ecke vom Leder zieht. Ich will nicht, daß man ſich vor den Leibwachen des Herrn Cardinal lächerlich macht, denn dieſe ſind brave, ruhige, gewandte Leute, die ſich nie der Verlegenheit ausſetzen, verhaftet zu werden, und die ſich übervieß nicht verhaften laſſen, gewiß nicht, ich bin es überzeugt! Sie würden eher auf dem Platze ſterben, als einen Schritt zurückweichen Sich flüchten, aus dem Staube machen, Ferſengelbnheben, das iſt gut für die Musketiere des Rönigs, das!“ den g nicht für ſ ten n bluti Gew Atho Tone rathe lehnt denn kein Mun beleit Auge binet Gäh Leibt von wie gleic ſtich Leib Seit ſchli Lout Kön den Mo örer von Ihr Far⸗ ja, ihle. mich der 3or inen thos „er eidet llte, rlich die den ohne ßte. e es nken an man rlich ute, den, icht, latze ten, gut 47 Porthos und Aramis bebten vor Wuth. Sie wüt den gerne Herrn von Treville erwürgt haben, wenn ſie nicht gefühlt hätten, daß ihn die große Liebe, welche e für ſie hegte, zu dieſer Sprache veranlaßte. Sie ſtampf⸗ ten mit dem Fuß auf den Boden, biſſen ſich die Lippen blutig und preßten das Stichblatt ihres Degens mit aller Gewalt zuſammen. Außen hatte man erwähntermaßen Athos, Porthos und Aramis rufen hören, und an dem Tone der Stimme des Herrn von Treville hatte man er⸗ rathen, daß er ſehr zornig war. Zehn neugierige Köpfe lehnten an der Tapete und erbleichten vor Ingrmm; denn ihre feſt an die Thüre gehaltenen Ohren verloren kein Wort von dem, was geſprochen wurde, während ihr Mund Sylbe für Sylbe die für die ganze Bevölkerung beleidigenden Reden des Kapitäns wiederholte. In einem Augenblick war das ganze Hotel von der Thüre des Ka⸗ binets bis zu dem nach der Straße führenden Thore in Gährung. „Ah! die Musketiere des Koͤnigs laſſen ſich von den Leibwachen des Herrn Cardinal verhaften!“ fuhr Herr von Treville fort, in ſeinem Inneren eben ſo wüthend, wie ſeine Soldaten, aber ſeine Worte abſtoßend und gleichſam eines nach dem andern wie eben ſo viele Dolch⸗ ſtiche in die Bruſt ſeiner Zuhörer bohrend.„Ah! ſechs Leibwachen ſeiner Eminenz arretiren ſechs Musketiere Seiner Majeſtät! Mord Element! ich habe meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt. Ich begebe mich auf der Stelle nach dem Louvrez ich nehme meine Entlaſſung als Kapitän des Königs und bewerbe mich um eine Lieutenantsſtelle bei den Garden des Cardinals, und wenn er es mir abſchlägt, Mord Element! ſo werde ich Abbé.“ Bei dieſen Worten kam es von dem Gemurmel ßen zu einem völligen Ausbruch; überall hörte man nur Schwüre und Flüche. Die Mord⸗Elemente! die Goltesblut! 1½ Tod und Teufel! durchtreuzten ſich in sk. der Luft. D Artagnan ſchaute ſich nach einer Tapete um, um ſich dahinter zu verbergen, und hatte ſehr große Luſt unter den Tiſch zu kriechen. „Wohl! mein Kapitän,“ ſprach Parthos außer ſich, „wir waren allerdings ſechs gegen ſechs, aber wir wur⸗ den verrätheriſcher Weiſe überfallen und ehe wir Zeit Atho hatten, den Degen zu ziehen, ſtürzten zwei von uns todt Stim nieder, und Athos war, als ſchwer verwundet, nichts Kam mehr werth. Denn Ihr kennt Athos, Kapitän; nun, nachz zweimal verſuchte er es, ſich zu erheben, aber zweimal zu S ſiel er wieder zu Boden. Wir haben uns indeſſen nicht ergeben; nein, man hat uns mit Gewalt fortgeſchleppt. Auf dem Wege flüchteten wir uns. Athos hielt man für todt, ließ ihn ruhig auf dem Schlachtfelde liegen und Bew achtete es nicht der Mühe werth, ihn wegzuſchaffen. Das entg iſt die ganze Geſchichte. Was den Teufel! Kapitän, man gewinnt nicht alle Schlachten, der große Pompejus hat fügte die von Pharſalus verloren und Franz I., der, wie ich ſagen hörte, ſeinen Mann werth war, unterlag in der Kön Schlacht bei Pavia.“ „Und ich habe die Ehre, Euch zu verſichern, daß Athe ich Einen mit ſeinem eigenen Degen tödtete,“ ſagte Ara⸗ mis;„denn der meinige war bei der erſten Parade zer⸗ brochen. Getödtet oder erdolcht, gnädiger Herr, wie es Euch gefällig iſt.“„ Fra „Ich wußte das nicht,“ erwiederte Herr von Treville grof mit etwas ſanfterem Tone;„der Herr Cardinal hat, wie des es ſcheint, übertrieben.“ blei „Aber halten zu Gnaden, Herr Kapitän,“ ſprach Aramis, der, da er Herrn von Treville etwas beſänftigt fah, eine Bitte vorzubringen wagte;„ſagt nicht, gnädi⸗ die ger Herr, daß Athos verwundet iſt: er wäre in Ver⸗ zweiflung, wenn dieß zu den Ohren des Konigs käme und da die Wunde ſehr bedeutend zu ſein ſcheint, inſoferne ſie durch die Schulter tief in die Bruſt eingedrungen iſt, ſo wäre zu befürchten apete roße fich, wur⸗ Zeit todt nichts nun, eimal nicht leppt. man n und Das „man us hat ic ich in der „dß Ara⸗ e er⸗ wie es Lreville t, wie ſprach ſänftigt gnädi⸗ n Ver⸗ inſoferne gen 6 49 In demſelben Augenblick hob ſich der Thürvorhang und ein edler, ſchöner, aber furchtbar bleicher Kopf er⸗ ſchien unter der Franſe. „Athos!“ riefen die zwei Musketiere. „Ihr habt nach mir verlangt, gnädiger Herr,“ ſprach Athos mit einer ſchwachen, aber vollkommen ruhigen Stimme,„Ihr habt nach mir verlangt, wie mir meine Kameraden ſagen, und ich beeile mich, Euerem Befehle nachzukommen. Hier bin ich, gnädiger Herr, was ſteht zu Dienſten?“ Mit dieſen Worten trat der Musketier feſten Schrit⸗ tes, in tadelloſer Haltung, gegürtet wie gewöhnlich, in das Cabinet. Im Innerſten ſeines Herzens durch dieſen Beweis von Muth gerührt, eilte ihm Herr von Treville entgegen⸗ „Ich war eben im Zuge, dieſen Herren zu bemerken,“ fügte er bei,„daß ich meinen Musketieren verbiete, ihr Leben unnöthig auszuſetzen, denn brave Leute ſind dem König ſehr theuer, und der König weiß, daß ſeine Mus⸗ — die bravſten Leute dieſer Erde ſind. Eure Hand, thos.“ Und ohne eine Antwort des ſo eben Angekommenen auf dieſen Beweis von Zuneigung abzuwarten, faßte Herr von Treville ſeine rechte Hand und drückte ſie mit aller Kraft, wobei er nicht gewahr wurde, daß Athos, wie groß auch ſeine Selbſtbeherrſchung war, eine Bewegung des Schmerzes nicht zu bewältigen vermochte und noch wurde, was man kaum hätte für möglich halten ollen.. Die Thüre war halb offen geblieben, ſo ſehr hatte die Ankunft von Athos, deſſen Verwundung, trotz des Geheimniſſes, Allen bekannt war, Aufſehen erregt. Ein Freuvengeſchrei war das Echo der letzten Worte des Ka⸗ pitäns und von der Begeiſterung hingeriſſen, zeigten ſich einige Köpfe durch die Oeffnungen der Tapete. Ohne Die drei Musketiere. 1. 4 50 Zweifil war Herr von Treville im Begriff durch kräftige erla Worte dieſen Einbruch in die Geſetze der Etikette zurück⸗ ketie zudrängen, als er fühlte, daß ſich die Hand von Athos da ſ krampfhaft in der ſeinigen zuſammenzog, und dabei ſeine vera Blicke nach ihm richtend bemerkte, daß derſelbe einer Ohnmacht nahe war. In demſelben Augenblick fiel Athos, und der alle ſeine Kräfte zuſammengerafft hatte, um den tagn Schmerz zu bekämpfen, wie todt auf den Boden nieder. und „Einen Wundarzt!“ rief Herr von Treville.„Den Ste meinigen, den des Königs, den nächſten beſten! Einen Wundarzt! oder, Gottesblut! mein braber Athos ver⸗ verſe ſcheidet!“ fand Auf das Geſchrei von Herrn von Troville ſtürzte herg Alles in ſein Cabinet, ohne daß er daran vachte, die ſeine Thüre gegen irgend Jemand zuverſchließen und alle An⸗ gen weſenden drängten ſich um den Verwundeten. Aber dieſer nanr Eifer wäre fruchtlos geweſen, wenn ſich der geforderte Trer Arzt nicht in dem Hotel ſelbſt befunden hätte; vieſer heit durchſchritt die Menge, näherte ſich dem immer noch ohn⸗ Stel mächtigen Athos, und da ihn das Geräuſch und Gedränge in ſeiner Thätigkeit hemmten, ſo verlangte er als Erſtes bung und Weſentlichſtes, daß man den Musketier in ein benach⸗ verg partes Zimmer bringe. Sogleich offnete Herr von Tre⸗ mili pille eine Thüre und zeigte Porthos und Aramis, welche als ihren Kameraven auf ihren Armen trugen, den Weg. ſind Pinter dieſer Gruppe marſchirte der Wundarzt und hinter ſehle dem Wundarzt ſchloß ſich die Thüre. Nun wurde das vpoll Cabinet von Herrn von Treville, dieſer ſonſt ſo geachtete Ort, ein zweites Vorzimmer. Jedermann ſchwatzte, ſprach, declamirte, ſchwur, fluchte ganz laut und wünſcht den Cardinal und ſeine Leibwachen zu allen Teufeln. Nach einem Augenblick kehrten Porthos und Aramis zurück; der Chirurg und Herr von Treville waren allei dem Verwundeten geblieben. Endlich kam auch Herr von Treville in ſein Cabin urück. Der Verwundete hatte das Bewußtſein wied äftige rück⸗ Athos ſeine einer lthos, den ieder „Den Einen ver⸗ ſtürzte „Pie e An⸗ dieſer rderte dieſer n ränge Erſtes enach⸗ Tre welche Weg. hinter e das achtete watzte, inſchte . lramis allein abinet wieder 51 erlangt und der Wundarzt erklärte, der Zuſtand des Mus⸗ ketiers dürfte ſeine Freunde durchaus nicht beunruhigen, da ſeine Schwäche einzig und allein durch den Blutverluſt veranlaßt worden wäre. Herr von Treville gab nun ein Zeichen mit der Hand und Jedermann entfernte ſich, mit Ausnahme von d'Ar⸗ tagnan, der durchaus nicht vergaß, daß er Audienz hatte und mit der Hartnäckigkeit eines Gascogners an derſelben Stelle geblieben war. Als ſich Alle entfernt hatten und die Thüre wieder verſchloſſen war, wandte ſich Herr von Treville um und fand ſich allein mit dem jungen Manne. Durch das vor⸗ hergehende Ereigniß hatte er einigermaßen den Faden ſeiner Gedanken verloren. Er fragte daher den hartnäcki⸗ gen Bittſteller nach ſeinem Verlangen. D'Artagnan nannte ſeinen Namen. Raſch tauchten in Herrn von Treville alle Erinnerungen an Gegenwart und Vergangen⸗ heit wieder auf und er war im Laufenden über feine Stellung. „Um Vergebung,“ ſprach er lächelnd,„um Verge⸗ bung, mein lieber Landsmann, aber ich hatte Euch völlig vergeſſen. Was wollt Ihr! ein Kapitän iſt nur ein Fa⸗ milienvater, dem eine größere Verantwortlichkeit vbliegt, als einem gewöhnlichen Familienvater. Die Soldaten ſind große Kinder; da ich aber darauf halte, daß die Be⸗ ſehle des Königs und beſonders die des Herrn Cardinals vollzogen werden DArtagnan konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Aus dieſem Lächeln urtheilte Herr von Trebille, daß er es mit keinem Albernen zu thun hätte, und gerade auf die Sache losgehend veränderte er das Geſpräch und ſagte: „Ich habe Euern Vater ſehr geliebt; was kann ich für ſeinen Sohn thun? Beeilt Euch, meine Zeit gehört nicht mir.“ „Gnädiger Herr,“ ſprach dArtagnan, als ich Lar⸗ ves verließ und hierher kam, hatte ich die Abſicht, Euch etwas für Euch thun, junger Mann. Unſere Söhne der Provinz bedeutend verändert haben. Das Geld, das 52 in Erinnerung an dieſe Freundſchaft, die Ihr nicht aus ville dem Gedächtniß verloren habt, um eine Musketier⸗Kaſake vier zu bitten. Aber nach Allem, was ich ſeit zwei Stunden Jede geſehen, begreife ich, daß eine ſolche Gunſt ungeheuer wäre, und ich zittere, ſie nicht zu verdienen.“ „Es iſt allerdings eine Gunſt, junger Mann,“ ant⸗ des wortete Herr von Treville,„aber ſie kann nicht ſo hoch mit über Euch ſtehen, als Ihr glaubt oder zu glauben Euch bege das Anſehen gebt. Indeſſen hat eine Entſcheidung Seiner Majeſtät für dieſen Fall vorgeſehen und ich ſage Euch was mit Bedauern, daß Niemand unter die Musketiere aufge⸗ ſein nommen wird, ohne eine vorhergehende Probe von einigen Feldzügen, gewiſſen Waffenthaten oder einem zweijährigen ſteh Dienſt in einem andern Regimente, das weniger begünſtigt Dir iſt, als das unſere.“ * — DArtagnan verbeugte ſich, ohne zu antworten. Er dieſe fühlte noch mehr Begierde in ſich, die Musketier⸗Uni⸗ rene form anzuziehen, ſeit er bemerkte, daß man ſo viele dieſ Hinderniſſe zu überwinden hatte, um vieſelbe zu bekom⸗ reit men.— Ren „Aber,“ fuhr Treville fort und heftete dabei auf mic ſeinen Landsmann einen ſo durchdringenden Blick, daß etw man hätte glauben ſollen, er wollte im Grunde ſeines Herzens leſen;„aber aus Liebe für Euern Vater, meinen A alten Landsmann, wie ich Euch geſagt habe, will ich von Bearn ſind gewohnlich nicht reich und ich zweifle, vaß ſich die Verhältniſſe ſeit meiner Abreiſe aus Ihr mitgebracht habt, wird alſo zum Leben nicht zu vie ſein.“ DArtagnan richtete ſich mit einer ſtolzen Miene auf welche wohl ſagen wollte, er verlange von Niemander ein Almoſen. „Schon gut, junger Mann, ſchon gut,“ fuhr Tre⸗ * 53 aus ville fort, ich kenne dieſe Mienen, ich bin nach Paris mit aſake vier Thalern in der Taſche gekommen und hätte mich mit nden Jedem geſchlagen, der mir geſagt haben würde, ich wäre euer nicht im Stande den Loubre zu kaufen.“ D'Artagnan richtete ſich noch höher aufz in Folge ant⸗ des Verkaufs ſeines Pferdes begann er ſeine Laufbahn hoch mit vier Thalern mehr, als Herr von Treville die ſeinige Euch begonnen hatte. einer„Ihr habt es alſo, wie ich ſagte, nöthig, das Euch was Ihr beſitzt zu bewahren, ſo ſtark auch dieſe Summe ufge⸗ ſein mag. Aber Ihr habt auch nöthig, Euch in den nigen Uebungen zu vervollkommnen, die einem Edelmann an⸗ rigen ſtehen. Ich werde noch heute einen Brief an den nſtigt Direktor der königlichen Academie ſchreiben, und ſchon morgen ſeid Ihr unentgelvlich aufgenommen. Schlagt Er dieſes kleine Geſchenk nicht aus. Unſere hoͤchſtgebv⸗ Uni⸗ renen und reichſten Evelleute bewerben ſich zuweilen um viele dieſe Gunſt, ohne ſie erlangen zu können. Ihr werdet ekom⸗ reiten, fechten und tanzen lernen. Ihr werdet gute enntniſſe erlangen, und von Zeit zu Zeit beſucht Ihr auf mich, um mir zu ſagen, wie weit Ihr ſeid und ob ich vaß etwas für Euch thun kann.“ 3 ſeines So wenig d'Artagnan mit den Hoffitten bekannt teinen u. ſo entging ihm doch die Kälte vieſes Empfangs nicht. Ach! mein gnädiger Herr,“ ſagte er,„ich ſehe, weifle, wie ſehr der Empfehlungsbrief, den mir mein Vater ein⸗ aus gehändigt hatte, mir heute fehlt.“ das„In der That,“ erwiederte Herr von Treville,„ich u viel! wundere mich, daß Ihr eine ſo weite Reiſe ohne dieſes. othwendige Viaticum, unſer einziges Hülfsmittel, unter⸗ e auf, nommen habt.“ ari„Ich hatte es, Gott ſei Dank, in gutet Form pei mir,“ rief d'Artagnan,„aber es iſt mir geſtohlen de orden.“ Und er erzählte die ganze Seene in Meung, zeich⸗ genblick mit der Erwarteten geſprochen hatte.“ f„Ihr wißt nicht, was der Gegenſtand ihres Ge⸗ riches war“ nete den Unbekannten in ſeinen geringfügigſten Einzeln⸗ heiten, Alles mit einer Wärme, mit einer Wahrheit, die Herrn von Treville entzückte. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach der letztere nachfinnend; „Ihr hattet alſo ganz laut von mir geſprochen?“ „Ja, gnädiger Herr, ich hatte allerdings dieſe Un⸗ klugheit begangen; ein Name, wie der Eurige, mußte mir auf der Reiſe als Schild diehen. Ihr könnt Euch denken, daß ich mich oft unter den Schutz deſſelben ge⸗ ſtellt habe.“ Schmeichelei war damals ſehr in der Mode, und Herr von Treville liebte den Weihrauch, wie ein Könrg oder Cardinal. Er konnte alſo nicht umhin, mit ſichtbarer Befrie⸗ digung zu lächeln, aber dieſes Lächeln verſchwand bald wieder, er kam ſelbſt auf das Abenteuer in Meung zu⸗ rück und fuhr fort: „Hatte dieſer Edelmann nicht eine leichte Narbe an der Wange?“ „Ja, wie von dem Ritzen einer Kugel.“ „War er nicht ein Mann von ſchoͤnem Geſicht?“ „Ja.“. o hoher Geſtalt?“ „Ja.“ „Von bleicher Geſichtsfarbe und braunen Haaren?“ „Ja, ja, ſo iſt es. Wie kommt es, gnädiger Herr, däß Ihr dieſen Menſchen kennt? Ach! wenn ich ihn wieder finde, und ich werde ihn wieder finden, ich ſchwore es Euch, und wäre es in der Hölle. 5 „Er erwartete eib⸗ Frau?“ fuhr Treville fort. „Er iſt wenigſtens abgereiſt, nachdem er einen Au⸗ „Er übergab ihr eine Kapſel, ſagte, dieſe enthalte Iu⸗ uktionen, und ſchärfte ihr ein, ſie erſt in London zu glaul kennt wo e Eure men, wenr ſeht, an e brech vhäl „we berü ſend wie entn lofig nenz lege des den zu tau zwe von glei zeln⸗ die end; Un⸗ ußte ge⸗ und önrg frie⸗ bald zu⸗ an 55 „Dieſe Frau war eine Engländerin?“ „Er nannte ſie Mylady.“ „Er iſt es!“ murmelte Treville,„er iſt es! Ich glaubte, er wäre noch in Brüſſel.“ „Oh! gnädiger Herr, wenn Ihr dieſen Menſchen kennt,“ rief d'Artagnan,„ſo ſagt mir, wer er iſt und wo er ſſt; dann entbinde ich Euch von Allem, ſelbſt von Eurem Verſprechen, mich unter die Musketire aufzuneh⸗ men, denn vor Allem will ich mich rächen.“ „Hütet Euch wohl, junger Mann,“ rief Treville; wenn Ihr ihn auf der einen Seite der Straße kommen ſeht, geht im Gegentheil auf die andere, ſtoßt Euch nicht an einem ſolchen Felſen, er würde Euch wie Glas zer⸗ brechen.“ „Wenn ich ihn je wieder finde,“ ſprach d'Artagnan, „hält mich dieß nicht ab* „Sucht ihn einſtweilen nicht auf,“ verſetzte Treville, „wenn ich Euch gut zu Rathe ſein ſoll.“ Plötzlich hielt Treville, von einem raſchen Verdachte berührt, inne. Der gewaltige Haß, den der junge Rei⸗ ſende ſo laut gegen dieſen Menſchen kund gab, der ihm, wie ſehr wahrſcheinlich war, den Brief ſeines Vaters entwendet hatte, dieſer Haß verbarg er nicht eine Treu⸗ loſigkeit? war dieſer junge Mann nicht von Seiner Emi⸗ nenz abgeſandt? kam er nicht, um ihm eine Falle zu legen? war dieſer angebliche d'Artagnan nicht ein Emiſſär des Cardinals, den man in ſein Haus zu bringen ſuchte, den man in ſeine Nähe geſtellt hatte, um ſein Vertrauen zu erſchleichen und ihn ſpäter zu verderben, wie dieß iauſendmal geſchehen war? Er ſchaute d'Artagnan das zweite Mal noch ſchärfer an, als das erſte Mal. Dieſe von ſchlauem Geiſte und geheuchelter Unterthänigkeit gleichſam funkelnde Phyſiognomie vermochte ihn nur we⸗ nig zu beruhigen. — Ich weiß, daß er Gascogner iſt, dachte Herr von Treville, aber er kann es eben ſo wohl füt den —— 56 Cardinal, als für mich ſein. Wir wollen ihn einmal auf die Probe ſtellen.„Mein Freund,“ ſprach er lang⸗ ſam,„ich will Euch als den Sohn meines alten Freun⸗ des, denn ich halte die Geſchichte dieſes verlorenen Brie⸗ fes für wahr, ich will Euch, ſage ich, um die Kälte, die Ihr Anfangs bei meinem Empfang bemerkt haben möget, wieder gut zu machen, die Geheimniſſe unſerer Politik offenbaren. Der König und der Cardinal ſind die beſten Freunde; ihre ſcheinbaren Streitigkeiten ſollen nur die Albernen täuſchen. Ich will nicht, daß ein Landsmann, ein hübſcher Cavalier, ein braver Burſche, von vieſen Fin⸗ tenmachern bethört werde und wie ein Einfaltspinſel hinter denen her, welche darin zu Grunde gegangen ſind, in das Garn gehe. Bedenkt wohl, daß ich dieſen zwei mächtigen Herren ergeben bin und daß meine ernſt⸗ en Schritte nie einen andern Zweck haben werden, als dem König und dem Cardinal, einem der erhabenſten e zu dienen, welche Frankreich hervorgebracht hat. arnach richtet Euch nun, junger Mann, und wenn Ihr, ſei es Euerer Familie, ſei es Euerer freundſchaft⸗ lichen Verbindungen wegen oder aus Inſtinkt gegen den Cardinal einen Groll hegt, wie wir ihn oft bei unſern Evelleuten zum Vorſchein kommen ſehen, ſo ſagt uns Lebewohl und verlaßt uns. Ich werde Euch in tauſenderlei Dingen unterſtützen, aber ohne Euch eine nähere Verbindung mit meiner Perſon zu geſtatten. Ich hoffe jevenfalls durch meine Freimüthigkeit meinen Freund aus Euch zu machen, denn bis zu dieſer Stunde ſeid Ihr der einzige junge Menſch, mit dem ich ſo ge⸗ ſprochen habe.“ Treville ſagte hiebei zu ſich ſelbſt: — Wenn der Cardinal dieſen jungen Fuchs an mich abgeſandt hat, ſo wird er, der wohl weiß, wie ſehr er mir verhaßt iſt, nicht verfehlt haben, ſeinem Spion kundzugeben, das beſte Mittel mir den Hof zu machen ſei, das Schlimmſte von ihm zu ſagen. Det nmal lang⸗ reun⸗ Brie⸗ , die öget, olitik beſten rdie nann, Fin⸗ pinſel ſind, zwei ernſt⸗ rden, nſten hat. wenn haft⸗ gegen bei ſagt h in eine atten. einen tunde 0 ge⸗ s an wie einem Hof Der 57 liſtige Gevatter wird mir auch trotz meiner Verſichevun⸗ gen antworten, er verabſcheue den Cardinal.— Es ging ganz anders, als Treville erwartete; dAr⸗ tagnan antwortete mit der groͤßten Einfachheit: „Mein gnädiger Herr, ich komme mit ähnlichen An⸗ ſichten und Abſichten nach Paris. Mein Vater hat mir eingeſchärft, von Niemand, als von dem König, dem Car⸗ dinal und von Euch, die er für die drei Erſten von Frank⸗ reich hält, Etwas zu dulden.“ D'Artagnan fügte Herrn von Treville den beiden Anderen bei, wie man hier bemerkt, aber er dachte, dieſe Beifügung könnte nichts ſchaden. Ich hege alſo die größte Verehrung für den Herrn Cardinal,“ fuhr er fort,„und die tiefſte Achtung für ſeine Handlungen. Deſto beſſer für mich, gnädiger Herr, wenn Ihr, wie Ihr ſagt, freimüthig mit mir ſprecht, denn Ihr werdet mir dann die Ehre erweiſen, dieſe Geſchmacks⸗ ähnlichkeit zu ſchätzen; habt Ihr aber irgend einen aller⸗ dings ſehr natürlichen Argwohn gehabt, ſo fühle ich, daß ich mich zu Grunde richte, indem ich die Wohrheit ſage; das wäre um ſo ſchlimmer, als ich Euere Werthſchätzung verlieren würde, und gerade dieſes iſt es, worauf ich in der Welt den höchſten Werth lege.“ Herr von Treville war überraſcht durch den letzten Punkt So viel Offenherzigkeit, ſo viel Scharffinn erreg⸗ ten ſeine Bewunderung, hoben aber ſeinen Zweifel nicht gänzlichz je höher dieſer junge Mann über anderen jun⸗ gen Leuten ſtand, deſto mehr war er zu fürchten, wenn er ſich täuſchte. Deſſenungeachtet drückte er dArtagnan die Hand und ſagte: „Ihr ſeid ein ehrlicher Burſche, aber in dieſem Au⸗ genblick kann ich nicht mehr thun, als ich Euch ſo eben angeboten habe. Mein Hotel iſt ſtets für Euch offen. Da Ihr zu jeder Stunde bei mir einſprechen und folglich jede Gelegenheit benützen könnt, ſo werdet Ihr wahrſchein⸗ üich ſpäter erreichen, was Ihr zu erreichen wünſcht.“ 58 „Das heißt, gnädiger Herr,“ erwiederte d'Artagnan, „Ihr werdet warten, bis ich mich deſſen würdig gemacht habe. Nun gut!“ fügte er mit der Vertraulichkeit eines Gascogners bei: Ihr ſollt nicht lange zu warten haben.“ Und er grüßte, um ſich zu entfernrn, als ob das Uebrige nur ihn anginge. „Aber wartet doch,“ rief Herr von Treville ihn zu⸗ rückhaltend,„ich habe Euch einen Brief an den Vorſtand der Academie angeboten. Seid Ihr zu ſtolz, ihn anzu⸗ nehmen, Junker?“ „Nein, gnädiger Herr,“ entgegnete d'Artagnan,„ich ſtehe Euch dafür, daß es mit dieſem nicht gehen ſoll, wie mit dem andern. Ich werde ihn ſo gut bewahren, daß er, ich ſchwöre es Euch, an ſeine Adreſſe gelangen ſoll, und wehe dem, der er verſuchen würde, ihn mir zu rauben.“ Herr von Treville lächelte bei dieſer Groß ſprecherei, ließ ſeinen jungen Landsmann in der Fenſtervertiefung zu⸗ rück, wo die Unterredung ſtattgefunden hatte, ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb den verſprochenen Empfeh⸗ lungsbrief. Während dieſer Zeit fing d'Artagnan, da er nichts Beſſeres zu thun hatte, an, einen Marſch an den Fenſterſcheiben zu trommeln, beſchaute die Musketiere, welche ſich einer nach dem andern entfernten, und folgte ihnen mit dem Blicke, bis ſie an der Wendung der Straße verſchwanden. Nachdem Herr von Treville den Brief geſchrieben hatte, verſiegelte er ihn, ſtand auf und näherte ſich dem jungen Manne, um ihm denſelben einzuhändigen, aber ge⸗ rade in dem Augenblick, wo d'Artagnan die Hand aus⸗ ſtreckte, um ihn in Empfang zu nehmen, war Herr von Treville ſehr erſtaunt, als er ſeinen Schützling einen Sprung machen, vor Zorn roth werden und unter dem Ausrufe aus dem Cabinet ſtürzen ſah: „Ah! Gottesblut! dießmal ſoll er mir nicht ent⸗ kommen!“ „Wer denn?“ fragte Herr von Treville. Verri „Wer zu m gen Di gen Tre wol der dieſ Lar hal ih hie Le 59 an„Er, mein Dieb,“ antwortete d'Artagnan.„Ah cht Verräther!“ nes Und er verſchwand. n.“„Närriſcher Teufel!“ murmelte Herr von Treville. ige„Wenn das nicht eine geſchickte Manier iſt, ſich davon zu machen, da er geſehen hat, daß ſein Stoß fehlgegan⸗ zu⸗ gen iſt.“ and zu⸗ „ich wie 4 daß ſoll, IV. n.“ Vie Schulter von Athos, das Wehrgehänge von u⸗ ich Porthos und das Taſchentuch von Aramis. 3 Von Wuth entbrannt hatte d'Artagnan in drei Sprün⸗ 1 gen das Vorzimmer hinter ſich und er ſtürzte nach der de Treppe, deren Stufen er zu vier und vier hinab eilen igte olite, als er blindlings fortſtürmend einen Musketier, aße der durch eine Nebenthüre von Herrn von Treville kam, ſo gewaltig mit der Stirne auf die Schulter ſtieß, daß dieſer laut aufſchrie oder vielmehr brüllte. b „Entſchuldigt iich,“ ſagte d»Artagnan, der ſeinen ge⸗ e fortzuſetzen verſuchte,„entſchuldigt mich, aber ich s⸗ habe Eile.“ Kaum war er die erſte Treppe hinabgeſtiegen, als ung ihn eine eiſerne Hand bei der Schärpe packte und zurück uf⸗ hr habt Eile,“ rief der Musketier, bleich wie ein Leinkuch,„unter dieſem Vorwande ſtoßt Ihr mich; Ihr ſagt:„Entſchuldigt mich,““ und glaubt, das nz, junger Mann. Glaubt Ihr, we Lon Treville heute habt ein wenig cavaliermäßig mit uns ſprechen hören, könne man uns behandeln, wie er mit uns ſpricht? Benehmt Euch die Täuſchung, Ihr ſeid nicht Herr von Treville, Ihr!“ „Meiner Treue,“ erwiederte d'Artagnan, welcher Athos erkannte, der, nachdem der Arzt den Verband vor⸗ genommen hatte, wieder nach ſeiner Wohnung zurück⸗ kehrte,„meiner Treue, ich habe es nicht abſichtlich gethan, und weil ich es nicht abſichtlich gethan habe, ſagte ich: „„Entſchuldigt mich.““ Das ſcheint mir genug zu ſein. Ich wiederhole Euch indeſſen, daß ich bei meiner Ehre Eile habe, große Eile. Laßt mich los, ich bitte Euch, laßt mich dahin, wo ich zu thun habe.“ „Mein Herr,“ ſprach Athos, indem er ihn losließ, „Ihr ſeid nicht artig. Man ſieht, daß Ihr von fern herkommt.“ D'Artagnan hatte ſchon drei bis vier Stufen über⸗ ſchritten, aber die Bemerkung von Athos hielt ihn vlötz⸗ lich zurück. „Bei Gott! mein Herr,“ ſprach er,„aus ſo weitee Ferne ich auch kommen mag, ſo werdet Ihr mir doch keinen Unterricht in den feinen Manieren ertheilen, das ſage ich Euch.“ „Vielleicht,“ erwiederte Athos. „Ah! wenn ich nicht ſo ſehr Eile hätte,“ rief d'Artagnan,„und wenn ich nicht Einem nachlaufen würde!„ „Ei!“ mein eiliger Herr,„mich werdet Ihr finden, ohne mir nachzulaufen, verſteht Ihr?“ „Und wo dies, wenn es geſällig wäre 2“ Bei den Karmeliter⸗Barfüßern.“ „Zu welcher Stunde?“ „Gegen Mittag.“. „Gegen Mittag, gut; ich werde dort ſein.“— „Laßt mich nicht lange warten, denn ein Viertel 61 uns nach der Mittagsſtunde laufe ich Euch nach, das ſage t uns ich Euch, und ſchneide Euch die Ohren im Laufen ab.“ nicht„Gut!“ rief d'Artagnan;„ich werde zehn Minuten vor Mittag mich einfinden.“ lcher Und er ſing wieder an zu rennen, als ob ihn der vor⸗ Teufel holte, in der Hoffnung, ſeinen Unbekannten zu rück⸗ finden, den ſein ruhiger Gang noch nicht weit geführt 1 than, haben konnte. ich: Aber an dem Thore der Straße plauderte Porthos ſein. mit einem Wache ſtehenden Soldaten. Zwiſchen den zwei Ehre Sprechenden war gerade Raum für einen Mann. D'Ar⸗ Euch, tagnan glaubte, dieſer Raum würde für ihn genügen, und ſtürzte vor, um wie ein Pfeil zwiſchen beiden durchzu⸗ ließ, ſchießen. Aber dArtagnan hatte ohne den Wind gerech⸗ ferne net. Als er eben im Begriffe war, durchzudringen, fing ſich der Wind in dem langen Mantel von Porthos und über⸗ d'Artagnan prallte gerade in den Mantel. Porthos hatte löt ohne Zweifel Gründe, dieſen weſentlichen Theil ſeiner Kleidung nicht preiszugeben, denn ſtatt das Blatt, wel⸗ veite⸗ ches er feſthielt, fahren zu laſſen, zog er es an ſich, ſo doch daß dArtagnan durch eine umdrehende Bewegung, die das ſich leicht durch den Widerſtand des hartnäckigen Por⸗ hos erklären läßt, ſich in den Sammet einwickelte. Als d'Artagnan den Musketier fluchen horte, wollte rief er ſich unter dem Mantel, der ihn verblendete, herbor⸗ aufen arbeiten und ſuchte ſeinen Weg in den Falten. Er fürchtete beſonders die Friſche des, uns bereits bekann⸗ nden, ten, glänzenden Wehrgehänges beſchädigt zu haben, als er aber ſchüchtern die Augen öffnete, fand es ſich, daß ſeine Naſe zwiſchen den beiden Schultern von Porthos, das heißt gerade auf dem Wehrgehänge ſtak. Ach! wie die meiſten Dinge dieſer Welt, die nur den Schein für ſich haben, war das Wehrgehänge vorne von Gold und hinten von Büffelleder. Da Porthos, ein Hoch⸗ muthsnarr, wie er war, kein Wehrgehänge ganz von ſo hatte er wenigſtens die Hälfte iertel —— 2 62 davon: man begreift jetzt die Nothwendigkeit des Schnu⸗ pfens und das dringliche Bedürfniß eines Mantels. 6 „Donner und Teufel!“ ſchrie Porthos, während er 3. ſich mit aller Gewalt anſtrengte, von d'Artagnan loszu⸗ ie kommen, der ihm am Rücken krappelte,„ſeid Ihr denn hio wahnſinnig, daß Ihr Euch ſo auf die Leute werft!“ n „Entſchuldigt mich,“ ſagte d»Artagnan, als er wie⸗ Fer der unter den Schultern des Rieſen erſchien,„aber ich Gen hatte Eile, ich laufe Einem nach, und niſſe Vergeßt Ihr vielleicht Eure Augen, wenn Ihr Je⸗ mand nachlauft?“ fragte Porthos. zehl „Nein,“ antwortete d'Artagnan gereizt,„nein, und Tret meinen Augen hab' ich es ſogar zu danken, daß ich das ſehe, was Andere nicht ſehen.“ find Porthos verſtand oder verſtand nicht, jedenfalls er⸗ Mä faßte ihn der Zorn und er rief: 4 rei „Mein Herr, man wird Euch zu ſtriegeln wiſſen, wenn Ihr Euch an den Musketieren reibt.“ 6 „Striegeln, mein Herr!“ ſagte d'Artagnan,„das ſ Wort iſt hart.“ „Es iſt das eines Mannes, der ſeinen Feinden in Sr das Geſicht zu ſehen gewohnt iſt“ „Ahl bei Gott, ich weiß wohl, daß Ihr den Cur⸗ gen den Rücken nicht zukehrt.“ hen Und über ſeinen Witz entzückt, entfernte ſich der 65 junge Mann laut lachend. fur Porthos ſchäumte vor Wuth und machte eine Be⸗ heb wegung, um ſich auf d'Artagnan zu ſtürzen. „Später, ſpäter,“ rief dieſer,„wenn Ihr Euren Vo Mantel nicht mehr anhabt.“ i „Um ein Uhr alſo, hinter dem Luxembourg.“ ſoi „Sehr wohl, um ein Uhr,“ erwiederte dArtagnan, Sid ſich um die Straßenecke wendend. nich Aber weder in der Straße, die er durchlaufen hatte, noch in derjenigen, in welcher er jetzt ſeine Blicke fur umherlaufen ließ, ſah er irgend Jemand. So ſachte 63 chnu⸗ der Unbekannte gegangen war, ſo hatte er doch einen Vorſprung gewonnen; vielleicht war er auch in ein Haus eingetreten. D'Artagnan erkundigte ſich bei Allen, denen er begegnete, nach ihm, ſtieg bis zur Fähre hinab und ſtieg wieder durch die Rue de Seine und die la Croix⸗ Rouge hinauf, doch nichts, durchaus nichts. Dieſes Laufen wir⸗ war aber in ſo ferne für ihn vortheilhaft, als je mehr r ich der Schweiß ſeine Stirne überſtrömte, deſto mehr ſein Gemüth ſich abkühlte. Er fing nun an, über die Ereig⸗ r Je⸗ niſſe, die er ſo eben erlebt hatte, nachzudenken, ſie waren zahlreich und unglücklich; es war kaum eilf Uhr und be⸗ reits hatte ihm der Morgen die Ungunſt von Herrn von 1 Treville zugezogen, der die Art und Weiſe, wie dArtag⸗ nan ihn verlaſſen hatte, nothwendig etwas cavaliermäßig jsi⸗ finden mußte. Dann hatte er zwei Duelle mit zwei Männern angebunden, von denen beide im Stande waren, viſſen drei dArtagnan zu tödten, mit zwei Musketieren endlich, ntt zwei von dieſen Weſen, die er ſo hoch ſchätzte, daß das er ſie in ſeinem Geiſte und in ſeinem Herzen über alle E andere Menſchen ſtellte. en Dieſe Cynjunctur war ſehr traurig. In der Ue⸗ berzeugung, von Athos getödtet zu werden, bekümmerte Guri⸗ ſich der junge Mann begreiflicher Weiſe nicht viel um Porthos. Da jevoch die Hoffnung das Letzte iſt, was in der dem Herzen des Menſchen erliſcht, ſo fing er wirklich an zu hoffen, er könnte dieſe zwei Duelle, freilich mit Be⸗ furchtbaren Wunden, überleben, und im Fall des Ueberlebens machte er ſich für die Zukunft folgende Gutin Vorſtellungen: „Was für ein hirnloſer Tölpel bin ich! Dieſer Prave und unglückliche Athos iſt an der Schulter ver⸗ wundet und ich ſtürze mit dem Kopfe darauf zu, ge⸗ gnan⸗ rade wie ein Stier. Mich wundert nur, daß er mich laufen nicht todt zu Boden ſtreckte; er hatte das Recht dazu, Blice und der Schmerz, den ich ihm verurſacht habe, muß furchtbar geweſen ſein. Was Porthos hetrifft,— ah Por⸗ ſachte bild formen. Ah! hier iſt er gerade.“ derte. Aramis bemerkte dArtagnan ebenfalls; da 64 thos! das iſt drolliger.“ Und umwillkürlich fing der junge Mann an zu lachen, wobei er indeſſen umher⸗ ſchaute, ob durch dieſes vereinzelte Gelächter ohne Grund Niemand verletzt würde.„Die Sache mit Porthos iſt vrolliger, darum bin ich aber nicht weniger ein elender Dummkopf. Wirft man ſich ſo auf die Leute ohne: „Habt Acht!“ zu rufen, nein! und ſchaut man ihnen unter den Mantel, um zu ſehen, was nicht da iſt! Er hätte mir gewiß vergeben. Er hätte mir vergeben, wäre ich nicht ſo unklug geweſen, von dem Wehrgehänge zu ſprechen, allerdings mit verblümten Worten! ja, ſchön verblümt! Ah! verdammter Gascogner, der ich bin, ich würde in der Bratpfanne Witze machen. Auf! d'Artag⸗ nan, mein Freund,“ fuhr er fort, indem er mit ſich ſelbſt mit aller Anmuth ſprach, die er ſich ſchuldig zu ſein glaubte,„entgehſt Du, was nicht ſehr wahrſcheinlich iſt, ſo haſt Du in Zukunft eine vollkommene Höflichkeit zu beobachten. Man muß Dich von neuem bewundern, als Muſterbild nennen. Zuvorkommend und höflich ſein, heißt nicht feig ſein. Man ſchaue nur Aramis an, er iſt die Sanftmuth, die Artigkeit ſelbſt und Niemand iſt noch der Meinung geweſen, er ſei ein Feiger! Nein, gewiß nicht, und von nun an will ich mich ganz nach ſeinem Vor⸗ Immer vorwärts marſchirend und mit ſich ſelbſt ſprechend war dArtagnan bis auf einige Schritte zu dem Hotel dAiguillon gelangt, und vor dieſem Hotel hatte er Aramis wahrgenommen, welcher munter mit drei Edelleuten von der Leibwache des Königs plau⸗ er nicht vergaß, daß ſich Herr von Treville dieſen Mor⸗ — — gen in ſeiner Gegenwart ſo ſtark ausgevrückt hatté und ein Zeuge der Vorwürfe, welche den Musketieren zu Theil wurden, ihm in keiner Beziehung angenehm war, ſo gab er ſich den Anſchein, als würde er ihn — gar nicht gewahr⸗ D'Artagnan aber, der im Gegen⸗ theil runget ten ur artigſt lächelt ihr G 6 ſehen, Mani heit, ziehen ſich u gemiſe ſeinen linkiſc ein T aus 1 ihm d lichkei der li das 2 wie ſ und tuch hatte Aram tuch cogne Dur Bois hat, theil ganz mit ſeinen Verſöhnungs⸗ und Höſlichkeltsertlä⸗ rungen beſchäftigt war, näherte ſich den vier jungen Leu⸗ ten und machte eine tiefe Verbeugung, begleitet mit dem artigſten Lächeln. Aramis nickte leicht mit dem Kopf, lächelte aber nicht. Alle vier unterbrachen jedoch ſogleich ihr Geſpräch. D'Artagnan war nicht ſo thöricht, um nicht einzu⸗ ſehen, daß er hier zu viel war, aber er hatte in den Manieren der ſchönen Welt noch nicht genug Gewandt⸗ heit, um ſich auf eine geſchickte Art aus einer Lage zu ziehen, wie es in der Regel die eines Menſchen iſt, der ſich unter Leute, die er nicht kennt, und in ein Geſpräch gemiſcht hat, das ihn nichts angeht. Er ſuchte eben in ſeinem Innern nach einem Mittel, ſich auf die wenigſt linkiſche Weiſe zurückzuziehen, als er ſah, daß Aramis ein Taſchentuch entfallen war, auf das er, ohne Zweifel aus Unachtſamkeit, ſeinen Fuß geſtellt hatte; dies ſchien ihm der günſtige Augenblick zu ſein, um ſeine Unſchick⸗ lichkeit wieder gut zu machen; er bückte ſich, zog mit der lieblichſten Miene, die er ſich zu geben vermochte, das Taſchentuch unter dem Fuße des Musketiers hervor, wie ſehr dieſer ſich auch anſtrengte, es zurückzuhalten, und ſprach, indem er ihm daſſelbe übergab: „Ich glaube, mein Herr, Ihr würdet dieſes Taſchen⸗ tuch wohl nicht gerne verlieren.“ Das Taſchentuch war in der That reich geſtickt und hatte eine Krone und ein Wappen in einer von den Ecken. Aramis erröthete im höchſten Grade, er riß das Taſchen⸗ tuch mehr, als er es nahm, aus den Händen des Gas⸗ Logners. „Ah! ah!“ rief Einer von den Umſtehendenz„wirſt Du noch behaupten, Du ſteheſt ſchlecht mit Frau von Bois⸗Trach, da dieſe anmuthige Dame die Gefälligkeit hat, Dir ihre Taſchentücher zu leihen?“ Aramis ſchleuderte d'Artagnan einen von den Bli⸗ 66 cken zu, welche einem Menſchen begreiflich machen, daß von er ſich einen Todfeind zugezogen hat; aber ſogleich wieder dies ſeine ſüßliche Miene annehmend, ſprach er: daß „Ihr täuſcht Euch, meine Herren, dieſes Taſchentuch ihm gehört nicht mir, und ich weiß nicht, warum dieſem ſowe Menſchen in den Kopf gekommen iſt, es eher mir, als ſein einem von Euch zuzuſtellen, zum Beweiſe: hier iſt das meinige in meiner Taſche.“ Leib Bei dieſen Worten zog er ſein eigenes Taſchentuch hervor, ebenfalls ein ſehr elegantes Tuch und feiner Ba⸗ Wot tiſt, obgleich Batiſt damals noch theuer war, aber ohne beide Wappen, ohne Stickerei und nur mit einem einzigen es n Buchſtaben, mit dem ſeines Eigenthümers, bezeichnet. Diesmal gab vArtagnan keinen Ton von ſich; er hatte ſeinen Mißgriff erkannt. Aber die Freunde von Aramis ließen ſich durch deſſen Leugnen nicht überreden, theil und der Eine von ihnen wandte ſich mit geheucheltem Man Ernſte an ihn und ſprach: „Wenn es ſo wäre, wie Du behaupteſt, mein lie⸗ ter ber Aramis, ſo würde ich mich genöthigt ſehen, es von keine Dir zurückzufordern, denn Bois⸗Trach iſt, wie Du Geſpt weißt, einer von meinen innigſten Freunden und man der ſoll keine Trophäen aus dem Eigenthum ſeiner Gattin gen machen.“ „Du ſtellſt Dein Verlangen nicht auf die geeignete Man Weiſe,“ erwiederte Aramis,„und während ich die Ge⸗ wäh rechtigkeit Deiner Forderung im Grunde würdige, müßte; Seit ich ſie der Form wegen zurückweiſen.“ ten „In der That,“ wagte dArtagnan ſchüchtern zu ohne bemerken,„ich habe das Tuch nicht aus der Taſche von Aramis fallen ſehen. Er hatte den Fuß darauf, das iſt lich das Ganze, und weil er den Fuß darauf hatte, glaubte ich, das Taſchentuch gehöre ihm.“ laub „Und Ihr habt Euch getäuſcht,“ antwortete Aramis nicht kalt, ohne auf dieſe Entſchuldigung Werth zu legen. Rüſſ Dann ſich an den wendend, welcher ſich den Freund daß ieder ntuch eſem als das ntuch Ba⸗ ohne zigen t er von eden, eltem nlie⸗ von Du man attin ignete Ge⸗ nüßte n zu e von as iſt aubte ramis legen. reund 67 von Bois⸗Trach genannt hatte, fuhr er fort:„Ueber⸗ dies, mein lieber Inniger von Bois⸗Trach, bedenke ich, daß ich ſelbſt ein nicht weniger zärtlicher Freund von ihm bin, als Du ſein kannſt, ſo daß dieſes Tuch eben⸗ ſowohl aus Deiner Taſche, als aus der meinigen gefallen ſein kann.“ „Nein, auf meine Ehre,“ rief der Soldat von der Leibwache Seiner Majeſtät. „Du ſchwörſt bei Deiner Ehre und ich bei meinem Worte, und dabei muß nun nothwendig einer von uns beiden lügen. Halt, es iſt das Geſcheiteſte, Montaran, es nimmt jeder von uns die Hälfte davon.“ „Von dem Taſchentuch?“ „Ja.“ „Vortrefflich,“ riefen die zwei Andern.„Das Ur⸗ theil des Salomo. Aramis, Du biſt in der That ein Mann von Weisheit.“ Die jungen Leute brachen in ein ſchallendes Geläch⸗ ter aus und die Sache hatte, wie man ſich denken kann, keine weitere Folge. Nach einem Augenblick hörte das Geſpräch auf, die drei Soldaten von der Leibwache und der Musketier drückten ſich herzlich die Hände und gin⸗ gen auseinander. „Das iſt der Augenblick, um mit dieſem artigen Mann Frieden zu ſchließen,“ ſagte d'Artagnan, der ſich während des letzten Theils der Unterredung etwas bei Seite gehalten hatte, zu ſich ſelbſt, und mit dieſem gu⸗ ten Gefühle trat er näher zu Aramis, der ſich entfernte, ohne ihm weitere Aufmerkſamkeit zu ſchenken. „Mein Herr,“ ſprach er,„Ihr werdet mich hoffent⸗ lich entſchuldigen.“ „Ahl mein Herr,“ unterbrach ihn Aramis,„er⸗ laubt mir, Euch zu bemerken, daß Ihr in dieſer Sache nicht gehandelt habt, wie ein artiger Mann hätte handeln üſſen. „Wie, Herr! Ihr meint„4 „Ich meine, Herr, daß Ihr kein Dummkopf ſeid, und daß Ihr, obgleich Ihr aus der Gascogne kommt, wohl wißt, daß man nicht ohne Grund auf den Taſchen⸗ tüchern marſchirt. Was den Teufel, Paris iſt nicht mit Batiſt gepfloſtert.“ „Mein Herr, Ihr habt Unrecht, daß Ihr mich zu demüthigen ſucht,“ ſagte d'Artagnan, bei dem der ange⸗ borene Streitgeiſt lauter ſprach, als ſeine friedlichen Ent⸗ ſchließungen.„Ich bin allerdings aus der Gascogne, und da Ihr dieß wißt, ſo brauche ich Euch nicht zu ſagen, daß die Gascogner wenig Ausdauer beſitzen, und wenn ſie ſich einmal entſchuldigt haben, ſei es auch wegen einer Grobheit, ſo find ſie überzeugt, ſie haben um die Hälfte mehr gethan, als ſie hätten thun ſollen.“ „Mein Herr,“ erwiederte Aramis,„was ich Euch ſage, ſage ich nicht um Streit herbeizuführen. Ich ge⸗ höre, Gott ſei Dank! nicht zu den Raufern, und da ich nur einſtweilen Musketier bin, ſo ſchlage ich mich bloß, wenn ich dazu genöthigt werde, und ſtets mit Widerſtreben. Aber dießmal iſt es eine Angelegenheit von Belang, denn Ihr habt die Ehre einer Dame ge⸗ fährdet.“ „Ich? was wollt Ihr damit ſagen?“ rief d'Ar⸗ tagnan. „Warum hattet Ihr die Ungeſchicklichkeit, mir dieſes Taſchentuch zurückzuſtellen?“ „Warum hattet Ihr die Ungeſchicklichkeit, es fallen zu laſſen?“ „Ich habe geſagt und wiederhole, mein Herr, e dieſes Tuch nicht aus meiner Taſche gekommen „Nun, dann habt Ihr zweimal gelogen, mein Herr, denn ich habe es ſelbſt herausfällen ſehen.“ „Ahl Ihr ſprecht aus dieſem Tone, Herr Gas⸗ cogner? nun wohl! ich werde euch Lebensart beis bringen“ id, mt, en⸗ mit zu ge⸗ nt⸗ ind en, ſie ner lfte uch nich mit heit ge⸗ Ar⸗ eſes llen err, men err, as⸗ 3 bei⸗ „Und ich werde Euch in Euere Meſſe mein Herr Abbé. Zieht vom Leder, und zu wenn es Euch gefällig iſt.“ „Nein, mit Euerer Erlaubniß, mein ſchöner S. wenigſtens nicht hier. Seht Ihr nicht, daß wir dem tel dAiguillon gegenüberſtehen, das voll von Kreaturen des Cardinals iſt. Wer ſagt mir, daß Euch nicht Seine Eminenz beauftragt hat, ihm meinen Kopf zu verſchaffen. Nun hänge ich auf eine lächerliche Weiſe an meinem Kopf, in Betracht, daß er mir ſehr gut zu meinen Schultern zu paſſen ſcheint. Ich will Euch wohl tödten, ſeid ganz ru⸗ hig, aber in der Stille, an einem heimlichen, verborgenen Orte, damit Ihr Euch gegen Niemand Eures Todes rüh⸗ men könnt.“ „Es mag wohl ſein, aber verlaßt Euch nicht darauf, und nehmt Euer Taſchentuch mit, ob es Euch gehört, oder nicht, Ihr habt vielleicht Gelegenheit es zu benützen.“ „Der Herr iſt ein Gascogner?“ fragte Aramis. „Ja, aber der Herr verſchiebt einen Zweikampf nicht aus Klugheit.“ „Die Klugheit iſt eine für Musketiere ziemlich über⸗ flüſſige Tugend, wie ich wohl weiß, aber ſie iſt unerläßlich für Geiſtliche, und da ich nur proviſoriſch Muskerier bin, ſo bemühe ich mich klug zu bleiben. Um zwei Uhr werde ich die Ehre haben, Euch im Hotel des Herrn von Tre⸗ ville zu erwarten, dort zeige ich Euch geeignete Stellen.“ Die zwei jungen Leute grüßten, Aramis ging die Straße hinauf, welche nach dem Lurembvurg führte, wäh⸗ rend d'Artagnan, als er ſah, daß die beſtimmte Stunde nahe rückte, den Weg nach den Karmeliter⸗Barfüßern ein⸗ ſchlug. Dabei ſagte er zu ſich ſelbſt:„Ich kann offenbar nicht mit dem Leben durchkommen, aber wenn ich getödtet . ſo werde ich doch wenigſtens von einem Musketier getödtet. ———— Die Wusketiere des Rönigs und die Leib- wache des Herrn Cardinal. de D'Artagnan kannte Niemand in Paris. Er ging a daher nach dem beſtimmten Orte, ohne einen Sekundanten mitzubringen, entſchloſſen, ſich mit denen zu begnügen, 6 welche ſein Gegner gewählt haben würde. Ueberdieß war pe es ausdrücklich ſeine Abſicht, offen, aber zugleich ohne Schwäche jede Entſchulvigung auszuſprechen; er fürchtete, es koͤnnte dieſes Duell zur Folge haben, was gewöhnlich dr pie Folge eiuer Angelegenheit dieſer Art iſt, wenn ſich ein K junger und kräftiger Mann mit einem verwundeten und) 5 geſchwächten Gegner ſchlägt: überwunden verdoppelt er den de Triumph ſeines Widerſachers, als Sieger wird er der Pflichtvergeſſenheit und eines leichten Muthes angeklagt. Wenn wir den Charakter unſeres Abenteuerers nicht ſchlecht geſchildert haben, ſo kann es den Leſern nicht ent⸗ d gangen ſein, daß d'Artagnan durchaus kein gewöhnlicher* Menſch war. Während er ſich ſtets wiederholte, ſein Lod w müßte unvermeidlich ſein, ergab er ſich durchaus nicht„ darein, ganz geduldig zu ſterben, wie ein anderer minder 8 muthiger Menſch an ſeiner Stelle gethan haben würde.— Er zog die verſchiedenen Charaktere derjenigen in Betracht, mit welchen er ſich ſchlagen ſollte, und fingan, ſeine Lage 1 klarer zu vurchſchauen. Durch die loyalen Entſchuldigun⸗ 2 gen, die er auszuſprechen gedachte, hoffte er ſich aus Athos, deſſen vornehmes Ausſehen und ſtolze Miene ihm 5 ungemein gefielen, einen Freund zu machen. Er ſchmel⸗ chelte ſich, Porthos mit dem Wehrgehänge⸗Abenteuer ein zuſchüchtern, das er, wenn er nicht auf der Stelle getödtet 1 würde, Jedermann erzählen könnte, und eine ſolche Er⸗ zählung, ſagte er ſich, müßte, auf eine geſchickte Weiſe verbreitet, Porthos in hoͤchſtem Maße lächerlich machenz vor dem duckmäuſeriſchen Aramis war ihm nicht beſon⸗ ders bange, und wenn es bis zu ihm käme, ſo meinte er, 2 es würde ihm wohl gelingen, ihn ganz und gar abzuför⸗ dern oder wenigſtens, wie es Cäſar gegen die Soldaten des Pompejus empfohlen hatte, durch tüchtige Hiebe in das Geſicht für immer die Schönheit zu Grunde richten, ging auf die er ſo ſtolz war. nten Dann beſaß dArtagnan jenen unerſchütterlichen gen,— Grundſtock von Entſchloſſenheit, den in ſeinem Gemüthe wir die Ermahnungen ſeines Vaters gebildet hatten, welche ohne darauf hinausliefen, daß er von Niemand, außer von dem tete König, dem Cardinal und von Herrn von Treville etwas nlich dulden ſollte. Er flog alſo mehr, als er ging, nach dem wein Kloſter der Karmeliter⸗Barfüßer, einem Gebäude ohne. und Fenſter, das an unfruchtbaren Wieſen, einem Zuſatze züu den dem Pré⸗ aur⸗ Cleres lag, und von Leuten, welche keine der. Zeit zu verlieren hatten, gewöhnlich zu Zweikämpfen be⸗ gt. nützt wurde. nicht Als d»Artagnan auf dem kleinen Grundgebiete ankam, ent⸗ das ſich am Fuße des Kloſters ausdehnte, wartete Athos icher erſt ſeit fünf Minuten, und es ſchlug gerade Mittag. Er Tod war alſo pünktlich wie die Samaritanerin, und der ſtrengſte 1 nicht in Beziehung auf Duelle hätte nichts zu bemerken gehabt. Athos, welcher noch immer grauſam an ſeiner Wunde acht, litt, obgleich ſie um neun Uhr von dem Chirurgen des Lage Herrn von Treville verbunden worden war, ſaß auf einem igun⸗ Brunnen und erwartete ſeinen Gegner mit der tühläen Haltung und der würdigen Miene, die ihn nie verließ. Bei ihm dem Anblick von vArtagnan ſtand er auf und ging ihm mei⸗ höflich einige Schritte entgegen; dieſer näherte ſich ſeinem Widerſacher, den Hut in der Hand. „Mein Herr,“ ſagte Athos,„ich habe zwei von i 72 nen Freunden benachrichtigen laſſen, die mir als Sekun⸗ danten dienen werden; aber dieſe zwei Freunde ſind noch nicht eingetroffen. Ich wundere mich, daß ſie zögern, denn es iſt ſonſt nicht ihre Gewohnheit.“ „Ich meines Theils habe keinen Sekundanten, mein Herr,“ erwiederte d'Artagnan,„denn erſt geſtern in Paris eingetroffen, kenne ich hier Niemand außer Herrn von Treville, dem ich durch meinen Vater empfohlen worden bin, welcher ſich zu ſeinen Freunden zu zählen die Ehre at.“ Athos überlegte einen Augenblick. „Ihr kennt nur Herrn von Treville?“ fragte er. „Ja, mein Herr, ich kenne nur ihn.“ „Ei, denn!“ fuhr Athos halb mit ſich ſelbſt, halb zu dArtagnan ſprechend fort,„wenn ich Euch todte, werde ich das Anſehen eines Kinderfreſſers haben!“ „Nicht zu ſehr, mein Herr,“ erwiederte d'Artagnan mit einer Verbeugung, der es nicht an Würde mangelte; „nicht zu ſehr, da ihr mir die Ehre erweiſt, den Degen gegen mich mit einer Wunde zu ziehen, die Euch ſehr be⸗ läſtigen muß.“ „Sie iſt mir auf mein Wort ſehr läſtig, und ich muß Euch ſagen, Ihr habt mir ſehr wehe gethan; aber ich werde die linke Hand nehmen, was unter ſolchen Um⸗ ſtänden meine Gewohnheit iſt. Glaubt nicht, daß ich Euch eine Gnade gewähre, denn ich ſtoße gleichmäßig mit beiden Händen; ja, Ihr ſeid ſogar im Nachtheil, ein Linker iſt ſehr unbequem für Leute, die nicht zuvor davon in Renntniß geſetzt ſind. Ich bedaure daher unge⸗ ein, Euch dieſen Umſtand nicht früher mitgetheilt zu haben.“ „Mein Herr,“ ſagte d'Artagnan, ſich abermals ver⸗ für ich Euch im hoöchſten Maße Dank weiß.“ „Ihr macht mich verlegen,“ erwiederte Athos beugend,„Ihr ſeiv in der That von einer Höflichkeit, wo⸗ — it ſeiner edelmänniſchen Miene;„ich bitte, ſprechen 73 un⸗ wir von etwas Anderem, wenn es Euch nicht unang och iſt. Ah, Gottesblut! wie habt Ihr mir weh geth n Schulter brennt mir.“ „Wenn Ihr mir erlauben wollt,“„ ſagte dAr⸗ ein tagnan ſchüchtern. ris„Was denn, mein Herr?“ on„Ich beſitze einen Wunderbalſam für Wunden, einen den Balſam, den mir meine Mutter gegeben hat, und von hre dem ich an mir ſelbſt eine Probe gemacht habe.“ „Nun denn?“ „Nun denn, ich bin überzeugt, daß dieſer Balſam Euch in weniger als drei Tagen heilen würde, und nach Ablauf dieſer drei Tage, mein Herr, wäre es mir immer zu eine große Ehre, Euch zu Dienſten zu ſtehen.“ rde D'Artagnan ſprach dieſe Worte mit einer Einfachheit, die ſeinen höflichen Sitten Ehre machte, ohne ſeinem. an WMuthe Eintrag zu thun. te;„Bei Gott, mein Herr,“ ſagte Athos,„das iſt ein en Vorſchlag, der mir gefällt. Nicht als ob ich ihn anneh⸗ be⸗ en würde, aber auf eine Meile erkennt man daran den Evelmann. So ſprachen und handelten die Tapfern in ich der Zeit von Karl dem Großen, nach denen jeder Kava⸗ ber lier ſich zu formen ſuchen muß. Leider befinden wir uns 3 m⸗ nicht mehr in der Zeit dieſes großen Kaiſers; wir leben 3 ich in der Zeit des Herrn Cardinals und in drei Tagen von ßig heute an erführe man, ſo gut das Geheimniß auch be⸗ ein wahrt ſein mag, daß wir uns ſchlagen follen, und man onürde ſich unſerem Kampft widerſetzen. Ei, den Teufel! g. dieſe faulen Burſche kommen nicht.“ zu„Wenn Ihr Eile habt, mein Herr,“ ſagte dAr⸗ tagnan zu Athos mit derſelben Einfachheit, mit der er er⸗ ihm einen Augenblick vorher das Duell um drei Tage zu vo⸗ verſchieben den Vorſchlag gemacht hatte,„wenn Ihr Eile habt und es Euch gefällig wäre, mich ſogleich abzuför⸗ o legt Euch, ich bitte, keinen Zwang an. „Abermals ein Wort, das mir gefällt,“ ſprach Athos mit einem anmuthigen Zeichen des Kopfes gegen vArtagnan.„Er iſt kein Menſch ohne Geiſt, und iſt ſicherlich ein Mann von Herz,“ dachte er.„Mein Herr, ich liebe die Leute von Eurem Schlage, und ſehe, daß ich, wenn wir einander nicht tödten, ſpäter ein großes Vergnügen an Eurer Unterhaltung finden werde. Wir wollen dieſe Herren abwarten, denn ich habe Zeit genug, und ſo wird es pünktlicher ſein. Ah, ich glaube, da kommt einer!“ Am Ende der Rue de Vaugirard erſchien wirklich der rieſige Porthos. „Wie,“ rief d'Artagnan,„Euer erſter Zeuge iſt Herr Porthos?“ „Ja; iſt Euch dieß etwa unangenehm?“ „Nein, keineswegs.“ „Und hier iſt der zweite.“ D'Artagnan wandte ſich nach der von Athos bezeich⸗ neten Seite und erkannte Aramis. „Wie!“ rief er mit einem noch mehr verwunderten Tone,„Euer zweiter Zeuge iſt Herr Aramis?“ „Allerdings; wißt Ihr nicht, daß man nie einen von uns ohne den Andern ſieht, und daß man uns bei den Musketieren wie bei den Leibwachen, bei Hofe wie in der Stadt Athos, Porthos und Aramis, oder die drei Unzertrennlichen nennt? Da Ihr jedoch von Dar oder von Pau kommt „Von Tarbes,“ ſagte dArtagnan. „So iſt es euch erlaubt, dieſe Dinge nicht zu wiſ⸗ ſen,“ ſprach Athos. „Meiner Treu“,“ erwiederte d'Artagnan,„man nennt Euch mit Recht ſo, und mein Abenteuer, wenn es einiges Aufſehen macht, wird wenigſtens beweiſen, da Eure Verbindung nicht auf Kontraſten beruht.“ 3 begrißt E ———————— te 8 d gen iſt err, daß ßes Wir g, nmt lich err ich⸗ rten inen bei ie in drei von Dich, Athos?“ fragte Aramis. Zeichen, durch das er ihn bat, die Urſache ihres vrtagnan ſchweben. 75 Athos mit der Hand. Dann blieb er, ſich gegen tagnan umwendend, ſehr erſtaunt ſtille ſtehen. 18 Beiläufig bemerken wir, daß er ſein gewechſelt und ſeinen Mantel abgelegt hatte. „Ah! ah!“ rief er,„was iſt das 7 „Mit dieſem Herrn ſchlage ich mich,“ ſprach a und deutete mit der Hand auf dArtagnan. „Ich ſchlage mich ebenfalls mit ihm,“ ſigte Porthos. 1 „Aber erſt um ein Uhr,“ erwiederte d»Artagnan. „und ich ſchlage mich auch mit dieſem Herrn,“ ſagte Aramis, der in dieſem Augenblick herankam. „Aber erſt um zwei Uhr,“ entgegnete d'Artagnan, mit derſelben Ruhe. „Doch ſage mir, aus welchem Grunde ſchlägſt Du „Meiner Treu', ich weiß es nicht, er hat mir an der Schulter wehe gethan; und Du, Porthos?“ „Meiner Treu', ich ſchlage mich, weil ich mich ſchlage,“ antwortete Porthos erröthend. Athos, dem nichts entging, ſah, wie ſich ein feines Lächeln über die Lippen des Gascogners hinzog. „Wir haben einen Streit über den Putz gehabt,“ ſagte der junge Mann. „Und Du, Aramis?“ fragte Athos. „Ich ſchlage mich wegen eines theologiſchen Punk⸗ tes,“ antwortete Aramis und gab zugleich d'Artagnan ein geheim zu halten. Athos ſah ein zweites Lächeln über die ewn un „In der That?“ ſagte Athos. „Ja, ein Punkt über den heiligen iter gchen wir verſchiedener Meinung 5. 6 ascogner. 3 76 „Das iſt entſchieden ein Menſch von Geiſt,“ mur⸗ melte Athos. „Und nun, da Ihr beiſammen ſeid, meine Herren,“ ſagte d'Artagnan,„erlaubt mir meine Entſchuldigungen vorzutragen.“ Bei dem Worte Entſchuldigungen zog eine Wolke über die Stirne von Athos hin; ein hochmüthiges Lächeln glitt über die Lippen von Porthos und ein ver⸗ neinendes Zeichen war die Antwort von Aramis. „Ihr verſteht mich nicht, meine Herren,“ ſagte dArtagnan ſein Haupt, auf welchem in dieſem Augen⸗ blick ein Sonnenſtrahl ſpielte, der die feinen, kecken Li⸗ nien vergoldete, hoch aufrichtend.„Ich bitte Euch um Vergebung, falls ich nicht im Stande ſein ſollte, meine Schuld an alle drei abzutragen; denn Herr Athos hat das Recht, mich zuerſt zu tödten, was Eurer Schuld⸗ forderung, Herr Porthos, viel von ihrem Werthe be⸗ nimmt, und die Eurige, Herr Aramis, beinahe zu nichte macht. Und nun, meine Herrn, wiederhole ich, entſchul⸗ gt mich, abek nur in dieſer Beziehung, und ausge⸗ legtl“ Bei dieſen Worten und mit der ritterlichſten Geberde, die man ſehen konnte, zog d'Artagnan ſeinen Degen. Das Blut war ihm in den Kopf geſtiegen und er hätte in die⸗ ſem Augenblick ſeinen Degen gegen alle Musketiere des Königreichs gezogen, wie er es gegen Athos, Porthos und Aramis that. Es war ein Viertel nach zwölf Uhr. Die Sonne ſtand in ihrem Zenith und die zum Schauplatz des Zweikampfes gewählte Stelle war völlig ihrer Gluth ausgeſetzt. „Es iſt ſehr warm,“ ſagte Athos, ebenfalls ſei⸗ nen Degen ziehend,„und dennoch kann ich mein Wamms nicht ablegen. Ich habe ſo eben gefü daß meine Wunde blutet und ich müßte den Herrn bele deſſ ich mic Bel wer ten kon Une mis ſich mur⸗ i en eine iges ver⸗ agte gen⸗ Li⸗ um eine hat uld⸗ be⸗ chte hul⸗ sge⸗ rde, Das die⸗ des und onne des luth ſei⸗ mein 77 beläſtigen fürchten, wenn ich ihn Blut ſehen. deſſen Ausſtrom er nicht ſelbſt veranlaßt hätte.“ „Das iſt wahr, mein Herr,“ ſagte vArtagnan,„und ich verſichere Euch, daß ich, mag der Ausſtrom durch mich oder durch einen andern veranlaßt ſein, ſtets mit Bedauern das Blut eines ſo braven Edelmannes ſehen werde; ich werde mich alſo ebenfalls im Wamms ſchlagen.“ „Vorwärts!“ rief Porthos,„genug der Artigkei⸗ ten, bedenkt, daß wir warten, bis die Reihe an uns kommt.“ „Sprecht für Euch allein, Porthos, wenn Ihr ſalche Ungereimtheiten vorzubringen habt,“ unterbrach ihn Ara⸗ mis.„Ich, was mich betrifft, ich finde die Dinge, die ſich dieſe Herren ſagen, ſehr gut geſagt und ganz zweier 5 Edelleute würdig.“ „Wenn es beliebt, mein Herr,“ ſprach Athos, ſich auslegend. „Ich erwarte Eure Befehle,“ entgegnete d'Artag⸗ nan den Degen kreuzend. Aber die zwei Raufdegen hatten kauch hei ihrer Be⸗ rührung geklirrt, als eine Corporalſchaft von t Leib⸗ wachen Seiner Eminenz, befehligt von Herrn von Juſſac, ſich an der Ecke des Kloſters zeigte. „Die Leibwachen des Cardinals!“ riefen zugleich Porthos und Aramis.„Den Degen in die Scheide, meine Herrn, den Degen in die Scheide!“ Aber es war zu ſpät. Man hatte die zwei Käm⸗ pfenden in einer Stellung geſehen, welche keinen S an ihren Abſichten zuließ. Halloh!“ rief Juſſac, indem er gegen ſie und ſeinen Leuten ein Zeichen gab, daſſelbe zu Musketiere, man ſchlägt ſich uſo *Cr iete, wie ſteht es damit?“ . ſeid ſehr edelmüthig, meine ete Gar ithos voll Groll, denn Juſſac war iner vaß Ihr Euch ſchlagt, ſo ſtehe ich Euch dafür, daß wir uns wohl hüten werden, Euch daran zu hindern. Laßt uns alſo gewähren, und Ihr ſollt ein Vergnügen haben, das Euch gar keine Mühe koſtet.“ „Meine Herren,“ entgegnete Juſſac,„zu meinem größten Bedauern erkläre ich Euch, taß dieß unmoöͤglich iſt. Unſere Pflicht geht Allem vor. Steckt ein, wenn es Euch beliebt, und folgt uns.“ „Mein Herr,“ ſprach Aramis, Juſſac parodirend, „mit größtem Vergnügen würden wir Eurer freundlichen Einladung Folge leiſten, wenn es von uns abhinge, aber leider iſt dies unmöglich. Herr von Treville hat es uns verboten. Geht alſo Eures Weges, das iſt das Beſte, was Ihr thun könnt.“ Dieſer Spott brachte Juſſac außer ſich. „Wir greifen Euch an,“ ſprach er,„wenn Ihr nicht gehorcht.“ „Sie ſind ihrer fünf,“ ſagte Athos mit leiſer Stimme,„und wir ſind nur zu drei; wir werden Vabermals geſchlagen und müſſen hier ſterben, denn ich erkläre, daß ich beſiegt nicht vor dem Kapitän er⸗ ſcheine.“ Athos, Porthos und Aramis traten ſogleich näher zu einander, während Juſſac ſeine Leute in Linie ſtellte. Dieſer einzige Augenblick genügte für dArtagnan, ſeinen Entſchluß zu faſſen. War dies eines von den Er⸗ eigniſſen, welche über das Leben eines Menſchen entſchei⸗ den, ſo war eine Wahl zwiſchen dem König und dem Cardinal zu treffen, und hatte er gewählt, ſo mußte er vabei beharren. Sich ſchlagen, hieß dem Geſetze unge⸗ horſam ſein, hieß ſeinen Kopf wagen, hieß mit einem Male ſich einen Miniſter zum Feinde machen, der mäch⸗ tiger war, als der König ſelbſt. Dies begriff der junge Maün, und wir haben zu ſeinem Lobe zu erwähnen, da er nicht eine Sekunde zögerte. Er wandte ſich Pe Athos und ſeine Freu etw dock Gel eine das ohr ſein „Il Eu tra ver we aßt en, em lich enn nd, hen ber uns ſte, 79 „Ich habe an Euren Worten, wenn es erlaubt ſi, etwas auszuſetzen. Ihr ſagtet, Ihr wäret nur zu wei doch mir ſcheint es, wir ſind unſerer vier.“ „Aber Ihr gehört nicht zu den Unſern,“ ſprach 8 Porthos. „Allerdings,“ entgegnet⸗ vArtagnan,„nicht dem Gewande, aber dem Gemüthe nach. Mein Herz iſt das eines Musketiers, das fühle ich wohl, meine Herren und das reißt mich fort. 1* „Entfernt Euch, junger Mann,“ rief Juſſac, der ohne Zweifel aus ſeinen Geberden und dem Ausdrucke ſeines Geſichtes die Abſicht von dArtagnan errathen hatte. „Ihr könnt Euch zurückziehen, wir erlauben es. Rettet Eure Haut, geht geſchwinde.“ D'Artagnan wich nicht von der Stelle. „Ihr ſeid entſchieden ein herrlicher Junge,“ ſagte athoc, und drückte dem Gascogner die Hand. .„Vorwärts, vorwärts, entſchließen wir uns,“ ſprach Juſſac. 6 „Auf! ſagten Porthos und Aramis,„wir müſſen 4 etwas thun!“ „Der Herr iſt volt Edelmuth,“ ſprach Athos. Alle drei zogen die Jugend von d'Artagnan in Be⸗ tracht und fürchteten ſeine Unerfahrenheit. „Wir werden unſerer nur drei ſein, wovon der eine verwundet, nebſt einem Kinde, und man wird nichtsdeſto⸗ weriger ſagen, wir wären vier Männer geweſen.“ „Ja, aber zurückweichen!“ entgegnete Porthos. „Das iſt ſchwierig,“ ſagte Athos. „Es iſt unmoglich,“ bemerkte Aramis. D'Artagnan begriff ihre Unentſchloſſenheit. „Meine Herren, ſtellt mich immerhin auf die Probe,“ tief er,„und ich ſchwöre Euch bei meiner Ehre, daß 3 8 von dieſer Stelle gehen will, Wenn wir beſtegt an, ſich Blößen zu geben. DArtagnan„ der „D'Artagnan, mein Herr.“ Err „Nun wohl, Athos, Porthos, Aramis und d'Artag⸗ dop nan, vorwärts!“ rief Athos. En „Gut, meine Herren, Ihr habt Euch entſchieden?“ ſein rief Juſſac zum pritten Mal. Ju „Es iſt geſchehen,“ entgegnete Athos. ähr „Und was gedenkt Ihr zu thun 2“ fragte Juſſac. den „Wir werden die Ehre haben, Euch anzugreifen,“ antwortete Aramis, indem er mit der einen Hand den auf Hut lüpfte und mit der andern den Degen zog. „Ah! Ihr leiſtet Widerſtand!“ rief Juſſac⸗ töd „Gottesblut! darüber wundert Ihr Euch 24 Zr Und die neun Kämpfer ſtürzten gegen einander mit ver einer Wuth los, welche eine gewiſſe Methode nicht aus⸗ ſchloß. Athos nahm einen gewiſſen Cahuſac, den Lieb⸗ ant ling des Cardinals, auf ſich; Porthos hatte Biscarat der gegen ſich und Aramis ſah ſich zwei Feinden gegenüber⸗ me geſtellt. D'Artagnan hatte gegen Juſſac zu kämpfen. bed Das Herz des jungen Gascogners ſchlug, daß es Er ihm beinahe die Bruſt zerſprengte, nicht aus Furcht, denn davon hatte er keinen Schatten, ſondern aus ſich Eifer; er kämpfte wie ein wüthender Tieger, drehte hat ſich zehnmal um ſeinen Gegner und veränderte zwan⸗ ſch zigmal ſeine Stellungen und ſein Terrain. Juſſac war, wie man es damals nannte, ein Freund der Klinge und hatte viele Uebung; aber nur mit der größten Mühe ver⸗ mochte er ſich gegen einen Wiverſacher zu wehren, der raſch und behende alle Augenblicke von den Regeln der Kunſt abging, von allen Seiten zugleich angriff, während er da⸗ als ein Menſch parirte, der die größte Achtung für ine Oberhaut hegt. Endlich verlor Juſſac bei dieſem Strrite die Geduld; wüthend darüber, daß er von einem Menſchen im Schache gehalten wurde, den er für ein Kind angeſehen hatte, erhitzte er ſich und tag⸗ n?“ fen,“ den tmit aus⸗ Lieb⸗ carat über⸗ ß es urcht, aus drehte zwan⸗ war, und e e raſch Kunſt er da⸗ ng für dieſem r von den er d fing e i öoahufar wandte ſich um, es war die höchſte Zeit, Di drei Musketiere. I. 81 Ermangelung der Praris eine tiefe Theorie beſaß, ver⸗ doppelte ſeine Thätigkeit. Juſſac wollte der Sache ein Ende machen und führte einen furchtbaren Streich nach ſeinem Gegner; aber dieſer parirte Prime, und während Juſſac ſich wieder erhob, ſtieß er ihm, einer Schlange ähnlich unter ſeinem Stahle hingleitend, den Degen durch den Leib. Juſſac fiel wie eine träge Maſſe zu Boden. D'Artagnan warf nun einen raſchen, unruhigen Blick auf das Schlachtfeld. Aramis hatte bereits einen von ſeinen Gegnern ge⸗ tödtet, aber der andere bedrängte ihn lebhaft. Doch war Aramis in einer guten Stellung und er konnte ſich noch vertheidigen. Biscarat und Porthos hatten gleichzeitig gegen ein⸗ ander geſtoßen. Porthos hatte einen Degenſtich durch den Arm und Biscarat einen durch den Schenkel bekom⸗ men. Aber da weder die eine noch die andere Wunde bedeutend war, ſo fochten ſie nur mit um ſo größerer Erbitterung. Abermals von Cahuſac verwundet, erbleichte Athos ſichtbar, doch er wich nicht einen Fuß breit zurück; er hatte nur den Degen in eine andere Hand genommen und ſchlug ſich jetzt mit der linken.. 5 DArtagnan konnte nach den Duellgeſetzen jener Zeit Einem beiſtehen; während er mit den Augen denjenigen von ſeinen Gefährten aufſuchte, der ſeiner Hülfe bedürfte, erhaſchte er einen Blick von Athos. Dieſer Blick war in hohem Grade beredt. Athos wäre lieber geſtorben, als daß er um Hülfe gerufen hätte. Aber er konnte blicken und mit dem Blicke Unterſtützung fordern. DArtagnan errieth ihn, machte einen furchtharen Sprung und ſiel Cahuſac mit dem Rufe in die Seite: Gegen mich, mein Herr Garde, oder ich tödte ——— 3 62 Achos, den ſein außerordentlicher Muth allein aufrecht hieit, ſiel auf ein Knie. „Gottes Blut!“ rief er vArtagnan zu,„tödtet ihn Wa nicht, junger Mann, ich bitte Euch, ich habe eine alte nich Geſchichte mit ihm abzumachen, wenn ich geheilt bin. Ent⸗ Ath waffuet ihn nur, bindet ihm den Degen. Das iſt es! † nnt gut ſehr gut!“ alle Dieſer Ausruf wurde Athos durch den Degen von Se Cahuſac entriſſen, welcher zwanzig Fuß hinausſprang. ſich T'Artagnan und Cahuſac ſtürzten zugleich auf ihn zu, ſoll der Eine, um ihn wieder zu ergreifen, der Andere, um tag ſich deſſelben zu bemächtigen. Aber dArtagnan kam als 9 der vehendere zuerſt an Ort und Stelle und ſetzte ſeinen Ve Fuß darauf. † der Cahuſac lief nach demjenigen von den Garden, wel⸗ chen Aramis getövtet hatte, bemächtigte ſich ſeines De⸗ feh gens und wollte gegen vArtagnan zurückgehen, aber auf ſeinem Wege begegnete er Athos, der während dieſer der Pauſe von einem kurzen Augenblick, die ihm d'Artagnan ſo verſchaffte, Athem geſchöpft hatte, und aus Furcht, d'Ar⸗ tagnan konnte ihm ſeinen Feind tödten, den Kampf wieder ſei beginnen wollte. S DArtagnan begriff, daß es eine Unhöflichkeit wäre, ſti Athos nicht gewähren zu laſſen. Nach einigen Secunden ſtürzte Cahuſae wirklich, die Gurgel von einem Degenſtiche F vurchbohrt, nieder. In dieſem Augenblick ſetzte Aramis D ſeinem niedergeworfenen Feinde den Degen auf die Bruſt ta und nöthigte ihn, um Gnade zu bitten⸗ Run blieben noch Porthos und Biscarat übrig. Por⸗ C ga während er ſich ſchlug, tauſenderlei Prahle⸗ eien preis, fragte Biscarat, wie viel Uhr es wohl ſein möchte, und beglückwünſchte ihn wegen der Compagnie, welche ſein Bruder bei dem Regiment Navärra bekommen hatte; aber unter pieſen Spöttereien gewann er nichts. Bisrarat war einer von jenen Eiſenmännern, welcht nur etsptot ſind. X cht Es mußte indeſſen ein Ende gemacht werden. Die ihn Wache konnte kommen und alle Kämpfer, verwundete oder nichtverwundete, Royaliſten oder Cardinaliſten, verhaften⸗„ 3 Athos, Aramis und d'Artagnan ſtellten ſich um Bisca⸗ es! rat und forderten ihn auf, ſich zu ergeben. Obgleich allein gegen Alle und mit einem Degenſtich durch den von Schenkel, wollte Biscarat Stand halten; aber Juſſac, der ng. ſich auf ſeinen Ellenbogen erhoben hatte, rief ihm zu, er zu, ſolle ſich ergeben. Biscarat war ein Gascogner wie dAr⸗ um tagnan. Er ſtellte ſich taub, bezeichnete zwiſchen zwei als Paraven eine Stelle auf dem Boden und ſagte, einen inen Vers der Bibel parodirend:„Hier wird Bisecarat ſterben, der einzige von denen, die bei ihm find!“ 6 wel⸗„Aber ſie ſind ihrer vier gegen Dich, endige, ich be⸗ De⸗ fehle es Dir!“ 7 auf„Ahl wenn Du es ehlſt, dann iſt es etwas An⸗ 3 ieſer deres,“ erwiederte Bis,„da Du mein Brigadier biſt, ſo muß ich Dir gehonrchen.“ nn Und einen Spung rückwärts machend, zerbrach er 5 6 2 ſeinen Degen, um hn nicht übergeben zu müſſen, warf die Stücke über die Kloſtermauer und kreuzte, ein cardinali⸗ vüte ſüſches Lied pftſend, die Arme über der Bruſt.. iwe Der Mu wird immer geachtet, ſelbſt bei einem ſüche Feinde. Die Musketiere begrüßten Biscarat mit ihren Degen unp ſteckten dieſe wieder in die Scheide. DAr⸗ Pruſt tagnan tht daſſelbe und trug dann, unterſtützt von Bis⸗ carat, belcher allein aufrecht geblieben war, Fuſſac, Por⸗ Cahuſpe und denjenigen von den Gegnern von Aramis, ahle⸗ nur eine Wunde bekommen hatte, ünter die Kle⸗ 1 ſein lle. Der vierte war, wie geſagt, todt⸗ Dann gnie, zöen ſie an der Glocke und wanderten, nächdem vier Pegen über fünf den Sieg davon getragen hatten, freü⸗ icht etrunken nach dem Hotel von Herrn von Trebille Man oh ſie Arin in Arm die ganze Breite der Stra nneh⸗ men und jeden Musketier, dem ſie begegnet inhermarſchiren, ſo daß am Ende ein w u 84 daraus wurde. D'Artagnan's Herz ſchwamm in Selig⸗ fü keit. Er ging zwiſchen Athos und Porthos, die er ſanft E an ſeinen Leib drückte. „Wenn ich auch noch nicht wirklich Musketier bin,“ ti ſprach er zu ſeinen neuen Freunden, als er die Schwelle des Holels von Herrn von Treville überſchritt,„ſo bin 6 ich doch jetzt wenigſtens als Lehrling aufgenommen, nicht wahr?“ ſa bi 2 ——— A n de tl VI. il Seine Majeſtit der Rönig Tudwig der ſ Dreizehnte. Dieſe Begebenheit machte großes Aufſehen r von Treville ſchmähte viel mit lauter S ſeine Musketiere und wünſchte ihnen ganz leiſe Gluͤck. e Da aber keine Zeit zu verlieren war, um den Koͤnig 3 b zu benachrichtigen, ſo begab er ſich eiligſt in den Louvre. Es war ſchon zu ſpät. Der Koͤnig var mit i dem Cardinal eingeſchloſſen, und man ſagte, Lerſelbe arbeitete, und könnte in dieſem Augenblick Nie tand empfangen. Am Abend kam Herr von Treville zem t Spiele des Königs. Der Koͤnig gewann, und ſa Seine Majeſtät ſehr geizig war, ſo war ſie auch vol 1 trefflicher Laune. Sobald der König Treville von fern erblickte, rief er ihm zu:„Kommt hierher, Hert Kapitän, daß ich Guch ſchmäle; wißt Ihr, daß Seine Eminenz Klage über Euere Musketiere bei„ir ns⸗ ig⸗ führt hat und dieß mit einer Gereiztheit, daß Seine nft Eminenz heute Abend krank iſt. Ei, ei, es ſind do ite Teufel, Leute zum Hängen, Euere Muel n, tiere!“ elle„Nein, Sire,“ erwiederte Treville, der mit bem bin„ erſten Blicke bemerkte, welche Wendung die Sache nahm, icht„nein, gerade im Gegentheil, es ſind gute Geſchöpfe, ſanft wie die Lämmer, und hegen, wofür ich mich ver⸗ bürge, den einzigen Wunſch, daß ihr Degen nur im Dienſte Euerer Majeſtät aus der Scheide kommen möge. Aber was wollt Ihr, die Leibwachen des Herrn Cardi⸗ nals ſuchen unabläßig Streit mit ihnen und für die Ehre des Corps ſehen ſich die armen jungen Leute zur Ver⸗ theidigung genöthigt.“ „Hort Herrn von Treville!“ ſagte der König,„hört ihn! Sollte man nicht glauben, er ſpreche von einer reli⸗ giöſen Gemeinſchaft! In der That, mein lieber Kapitän, ich habe Luſt, Euch Euer Patent abzunehmen und es Fräulein von Chemerault zu geben, der ich eine Abtei zugeſagt habe. Denkt aber nicht, ich werde Euch auf das Wort glauben. Man nennt mich Ludwig den Ge⸗ e rechten, und wir werden ſogleich ſehen!“ gen„Gerade, weil ich auf dieſe Gerechtigkeit baue, Sire, ück. erwarte ich ruhig und geduldig, was Euerer Majeſtät nig 1 beliebt.“ „Wartet immerhin, mein Herr, wartet immerhin, werde Euch nicht lange warten laſſen,“ ſprach der Das Glück nahm wirklich eine Wendung, und der König das, was er gewonnen hatte, zu anfing, ſo war es ihm nicht unangenehm, e wand zu haben, um— man entſchuldige dei Ausdruck, deſſen Urſprung wir nicht kenne den Großen zu machen. Der König ſtan d ſieckte das Geld, das vor ihm lag und zum — 86 Theil von ſeinem Gewinn herrührte, in die Taſche und ſagte: „Vieuville, nehmt meinen Platz ein; ich habe in wichtigen Angelegenheiten mit Herrn von Treville zu ver⸗ handeln. Ah! ich hatte achtzig Louis vor mir. Legt dieſelbe Summe auf, damit diejenigen, welche ver⸗ ₰ loren haben, ſich nicht beklagen können. Vor Allem Ge⸗ rechtigkeit.“ Dann wandte er ſich gegen Herrn von Tre⸗ ville, ging mit ihm nach einer Fenſtervertiefung und fuhr fort: „MNun, mein Herr, Ihr ſagt, die Leibwachen Sei⸗ ner Eminenz haben Streit mit Euren Musketieren fangen?“ „Ja, Sire, wie immer.“ „Und wie kam das, ſprecht? denn Ihr wißt, mein lieber Kapitän, ein Richter muß alle Parteien hoͤren.“ „Ah! mein Gott! auf die einfachſte und natürlich⸗ ſte Weiſe. Drei meiner beſten Soldaten, welche Euere Majeſtät dem Namen nach kennt, und deren Ergebenheit Ihr mehr als einmal gewürdigt habt, denn ich kann den Koͤnig verſichern, daß ihnen ihr Dienſt ſehr am Herzen liegt; drei von meinen beſten Soldaten, ſage ich, die Herren Athos, Porthos und Aramis, machten eine Luſt⸗ partie mit einem Junker aus Gascogne, den ich Ihnen demſelben Morgen empfohlen hatte. Die Partie ſollte, wie ich glaube, in Saint⸗Germain ſtattfinden, und ſie hatten ſich bei den Karmeliter⸗Barfüßern zuſammenbe⸗ ſtellt, als ſie von Herrn von Juſſac, den Herren Cahuſac und Biscarat und zwei anderen Leibwachen geſtört wur⸗ den, welche gewiß nicht ohne eine ſchlimme Abſicht gegen die Cdicte in ſo hice Geſellſchaft dahin kamen.“ e vie Abſicht gehabt, ſich ſelbſt zu ſchlagen.“ Guerir Majsſtät, zu n was fünf bewaffnete Män⸗ Ahl ah! Ihr bringt mich auf den Gedanken, ſie 3 „Ich klage ſie nicht an, Sire, aber ich überlaſſe es und e in ver⸗ nir. ver⸗ ₰ Ge⸗ Fre⸗ fuhr Sei⸗ nge⸗ nein lich⸗ uere heit den rzen die uſt⸗ hnen llte, ſie nbe⸗ uſac vur⸗ egen ben.“ de Ce Kind, ſagt Ihr?“ ner an einem ſo öden, berlaſſenen Orte, wie die gend des Karmeliter⸗Kloſters iſt, thun können.“ „Ja, Ihr habt Recht, Treville, Ihr habt Recht.“ „Als ſie meine Musketiere erblickten, gaben dann ihren Plan auf und vergaßen ihren Privathaß dem Corpshaß; denn es iſt Euerer Majeſtät nicht un⸗ bekannt, daß die Musketiere, die ganz und gar nur dem Konige angehören, die natürlichen Feinde der Leibwache ſind, welche dem Herrn Cardinal angehören.“ 2 „Ja, Treville, ja,“ ſagte der König ſchwermüthig, „es iſt ſehr traurig, glaubt mir, in Frankreich zwei Parteien, zwei Köpfe des Königthums zu ſehen, aber dies Alles ſoll ein Ende nehmen. Ihr ſagt alſo, die Leibwachen haben Streit mit den Musketieren geſucht?“ „Ich ſage, daß die Sache wahrſcheinlich ſo gegan⸗ gen iſt, aber ich ſchwöre nicht, Sire. Ihr wißt, wie ſchwer es iſt, die Wahrheit zu erkennen, und wenn man nicht mit dem bewundernswürdigen Inſtinkte begabt iſt, der Ludwig Klll. den Beinamen„der Gerechte“ erwor⸗ ben hat „Und Ihr habt Recht, Treville; aber Euere Mus⸗ ketiere waren nicht allein, es befand ſich noch ein Kind bei ihnen.“ „Ja, Sire, und ein verwundeter Mann, ſo daß drei Musketiere des Königs, wobei ein Verwundeter und ein Kind, nicht allein gegen fünf der furchtbarſten Leibwachen des Herrn Cardinals Stand gehalten, ſon⸗ dern auch vier von ihnen zur Erde niedergeſtre ha⸗ S „Aber das iſt ja ein wahrer Sieg!“ rief ganz ſtrahlendz„ein vollſtändiger Sieg 3 „Ja, Sire, eben ſo vollſtändig als der „Vier Mann, worunter ein Verwundeter, 88 —— „Kaum ein Jüngling, der ſich bei dieſer Gelegen⸗ heit ſo vortrefflich benommen hat, daß ich mir die Frei⸗ heit nehme, denſelben Seiner Majeſtät zu empfehlen.“ „Wie heißt er?“ älteſten Freunde; der Sohn eines Mannes, der mit dem König, Euerem Vater, glorreichen Andenkens, den Par⸗ teigänger⸗Krieg gemacht hat.“ „Und Ihr ſagt, dieſer junge Menſch habe ſich gut benommen? Erzählt mir das, Treville; Ihr wißt, ich liebe Erzählungen von Krieg und Kämpfen.“ Und der Koͤnig richtete ſich auf und ſtrich ſich ſtolz den Schnurrbart in die Höhe. „Sire,“ erwiederte Treville,„Herr dArtagnan iſt, —— da er nicht die Ehre hat, Musketier zu ſein, ſo trug er bürgerliche Kleidung; als die Leibwachen des Herrn Car⸗ dinals erkannten, wie jung er war und daß er nicht zu em Corps gehörte, ſo forderten ſie ihn auf, ſich zurück⸗ zuziehen, ehe ſie angreifen würden.“ „Ihr ſeht alſo, Treville,“ unterbrach ihn der König, „daß ſie der angreifende Theil geweſen ſind.“ „Allerdings, Sire, es unterliegt keinem Zweifel mehr; ſie forderten ihn alſo auf, ſich zu entfernen, er aber ant⸗ wortete; er wäre ſeinem Herzen nach Musketier und ge⸗ horte ganz und gar Seiner Majeſtät, und würde alſo bei den Herren Musketieren bleiben.“ Wackerer Jüngling!“ murmelte der König. Er blieb in der That bei ihnen, und Euere Maje⸗ Cardinal ſo ſehr erboſt iſt.“. hat Juſſac verwundet?“ rief der König;„er, das iſt unmöglich, Treville.“ „D'Artagnan, Sire. Es iſt der Sohn eines meiner wie ich Euch geſagt habe, beinahe noch ein Kind, und nen ſo feſten Kämpen an ihm, daß er es war, ge den furchtbaren Degenſtich beibrachte, worßber „Es iſt, wie ich Euerer Majeſtät zu ſagen die Ehr 5 will ihn ſehen, und wenn man etwas für ihn thun ſein.“ gen den Gebieter auflehnte, ſo verbeugte er ſich ehr ketiere von der ihnen bewilligten Ehre benachrichtigt. 89 „Juſſac, einer der beſten Degen des Königreichs! „Wohl! Sire, er hat ſeinen Meiſter gefunden.“ „Ich will dieſen jungen Menſchen ſehen, Treville⸗ i kann, nun, wir werden ſorgen.“ 2 „Wann wird Euere Majeſtät denſelben zu empfangen geruhen?“ „Morgen um die Mittagsſtunde, Treville.“ „Soll ich ihn allein bringen?“. „Nein, bringt mir alle vier miteinander. Ich will allen zugleich danken; ergebene Männer ſind ſelten, Tre⸗ ville, und man muß die Ergebenheit belohnen.“ „Um die Mittagsſtunde werden wir im Louvre „Ah! über die kleine Treppe, Treville, über die kleine Treppe, der Cardinal braucht es nicht zu er⸗ fahren.„ „Sehr wohl, Sire.“ 4 „Ihr verſteht, Treville, ein Ediet bleibt immer ein Eviet, und es iſt am Ende verboten, ſich zu ſchlagen.“ „Aber dieſes Zuſammentreffen, Sire, liegt ganz außer⸗ halb der gewöhnlichen Bedingungen des Duells, es iſt ein Streit, und es dient dabei zum Beweis, daß fünf Leib⸗ wachen des Cardinals gegen meine drei Musketiere und Herrn d'Artagnan waren.“ „Das iſt richtig,“ ſprach der Konig,„aber gleich viel, kommt immerhin über die kleine Treppe.“ Treville lächelte, da es aber ſchon viel war, daß er dieſes Kind dazu gebracht hatte, daß es ſi voll por dem König und verabſchiedete ſich m Erlaubniß. Schon an demſelben Abend wurden die drei ſie den König ſchon ſeit langer Zeit kannten, ſog ſie vadurch nicht beſonders in's uer aber dA einer gascogniſchen Einbildungskraft erblickte darin ünftiges Glück und brachte die Nacht in goldenen nhin. Schon um acht Uhr Morgens war er bei DArtagnan fand den Musketier und zum Ausgehen bereit. Da man ſich erſt zur Mittags⸗ ſtunde bei dem König einzufinden hatte, ſo beabſichtigte er mit Porthos und Athos eine Partie in einem, nahe bei den Ställen des Luxembourg liegenden, Ballhauſe zu machen. Athos lud d'Artagnan ein, ihn zu begleiten, und obgleich er dieſes Spiel nicht kannte, an dem er nie Theil genommen hatte, willigte dieſer doch in den Vorſchlag ein, da er nicht wußte, was er von neun Uhr Morgens bis Mittag mit ſeiner Zeit machen ſollte. Die zwei Musketiere waren ſchon eingetroffen und ſpielten mit einander zum Zeitvertreib, ohne die Regeln zu beobachten. Athos, der in allen körperlichen Uebun⸗ gen ſehr ſtark war, ſtellte ſich ihnen mit d'Artagnan ge⸗ genüber und forderte ſie heraus. Aber bei ſeiner erſten Bewegung bemerkte er, obgleich er mit der linken Hand ſpielte, daß ſeine Wunde noch zu neu war, um ihm eine ſolche Uebung zu geſtatten. D'Artagnan blieb a allein, und da er ſich für zu ungeſchickt erklärte, um eine regel⸗ mäßige Partie aufrecht zu erhalten, ſo fuhr man fort, ſich die Bälle zuzuſenden, ohne das Spiel zu berechnen⸗ Aber einer von den Bällen flog, von der herkuliſchen Fauſt von Porthos geſchleudert, ſo nahe an d'Artagnan's Ge⸗ ſicht vorüber, daß, wenn er ihn getroffen hätte, ſtatt an vorbei zu ſchießen, ſeine Audienz verloren geweſen väre, inſofern es ihn ohne allen Zweifel in die Unmög⸗ keit verſetzt hätte, vor dem König zu erſcheinen⸗ WDa nun ſeiner gascogniſchen Einbildungskraft zu Folge von dieſer Audienz ſeine ganze Zukunft abhing, ſo verbeugte er ſich höflich vor Pehe und Aramis und erklärte, er würde die Partie nicht eher aufnehmen, ls bis er im Stande wäre ihnen Widverſtand zu in won⸗ nahn ein! am erſte meir anſ Mer eine geſtt geſp auf hab um mir Sti tiſc nich wü wonach er ſeinen Platz bei der Corde auf der Ga nahm. Unglücklicher Weiſe befand ſich unter den Zuſchauern ein Mann von der Leibwache Seiner Eminenz, der, noch ganz grimmig über die Niederlage, die ſeine Kameraden am Tage vorher erlitten hatten, feſt entſchloſſen war, die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um Rache zu nehmen. Er meinte, dieſe Gelegenheit böte ſich ihm, und ſagte, ſich an ſeinen Nachbar wendend: „Man darf ſich nicht wundern, daß dieſer junge Menſch vor einem Balle bange hat; es iſt ohne Zweifel eine Musketier⸗Lehrling.“ D'Artagnan drehte ſich um, als ob ihn eine Schlange geſtochen hätte, und ſchaute den Mann, der das kecke Wort geſprochen, feſt an. „In Gottes Namen!“ fuhr dieſer, ſeinen Knebelbart auf eine freche Weiſe kräuſelnd fort,„ſchaut mich an, ₰ ſo lange Ihr wollt, mein kleiner Herr; was ich geſagt habe, habe ich geſagt.“ „Und da das, was Ihr geſagt habt, zu klar iſt, um einer Erläuterung zu bedürfen, ſo bitte ich Euch⸗ mir zu folgen,“ antwortete d'Artagnan mit dumpfer Stimme. „Wann dies?“ fragte der Garde mit derſelben ſpöt⸗ tiſchen Miene. ——— *„Sogleich, wenn es Euch gefällig iſt.“ „Und Ihr wißt ohne Zweifel, wer ich bin?“ ch ich weiß es nicht und kümmere mich auch 1 nicht darum.“ „Ihr habt Unrecht, denn wenn Ihr meinen Namen wüßtet, wäret Ihr vielleicht minder eilig.“ „Bernajoux, Euch zu dienen.“ 3 „Wohl mein Herr Bernajoux,“ erwiederte tagnan ruhig,„ich will Euch vor de ü warten.“ 6 wAr⸗ „Geht, Herr, ich folge Euch.“ „Beeilt Euch nicht zu ſehr, mein Herr, damit man nicht gewahr wird, daß wir mit einander gehen; Ihr be⸗ greift, daß bei unſerem Geſchäfte zu viele Menſchen läſtig wären.“ „Ganz gut,“ antwortete der Garde, erſtaunt, daß ſein Name keine größere Wirkung auf den jungen Men⸗ ſchen hervorgebracht hatte. Der Name Bernajour war in der That Jedermann bekannt, d'Artagnan allein vielleicht ausgenommen; denn es war einer von denjenigen, welche am häufigſten bei den täglichen Streitigkeiten vorkamen, welche alle Edicte des Konigs und des Cardinals nicht zu unterdrücken im Stande geweſen waren. Porthos und Aramis waren ſo ſehr mit ihrer Partie beſchäftigt und Athos ſchaute ihnen mit ſo viel Aufmerkſamkeit zu, daß ſie nicht einmal ihren jungen Ge⸗ fährten hinausgehen ſahen, der, wie er zu dem Garde Seiner Eminenz geſagt hatte, vor der Thüre wartete; nach einem Augenblick folgte ihm Bernajoux. Da vArtagnan keine Zeit zu verlieren hatte, in Betracht, daß die Audienz bei dem König auf die Mittagsſtunde beſtimmt war, ſo ſchaute er um ſich her und ſagte zu ſei⸗ nem Gegner, als er keinen Menſchen auf der Straße erblickte: „Meiner Träue, es iſt ein Glück für Euch, obgleich Ihr Bernajour heißt, daß Ihr es nur mit einem Mus⸗ ketier⸗Lehrling zu thun habt; ſeid indeſſen ruhig, ich werde uir alle Mühe geben. Legt Euch aus!“ „Aber,“ erwiederte der Mann, den d'Artagnan auf dieſe Art herausforderte,„mir ſcheint dieſer Platz ſehr ſchiecht gewählt, wir wären viel beſſer hinter der Abtei Saint⸗Germain oder auf dem Pré⸗aux⸗Clercs.“ „Was Ihr da ſagt, iſt ſehr verſtändig,“ ent⸗ gegnete dArtagnan;„lelder kann ich nur über we⸗ — nig Zeit verfügen, da ich gerade um zwölf Uhr in Rer gele ford Aus geg Jul 93 Rendez⸗vous habe. Ausgelegt alſo, mein Herr, aus⸗ an gelegt!“ be⸗ Bernajour war nicht der Mann, der eine ſolche Auf⸗ ſtig forderung zweimal an ſich ergehen ließ. In demſelben Augenblick glänzte ſein Degen in ſeiner Hand und er ſiel aß gegen ſeinen Widerſacher aus, den er bei ſeiner großen en⸗ Jugend leicht einzuſchüchtern hoffte. Aber d'Artagnan hatte den Tag vorher ſeine Lehre nn gemacht und ganz friſch geſchliffen durch ſeinen Sieg, enn ganz aufgeblaſen von ſeinem zukünftigen Glücke, war er den entſchloſſen, keine Hand breit zurückzuweichen; die zwei des Degen waren auch ſogleich gebunden, und da d'Artagnan nde feſt auf ſeiner Stelle blieb, ſo machte ſein Gegner einen Schritt rückwärts. Aber d'Artagnan ergriff den Augen⸗ blick, wo, bei dieſer Bewegung, die Klinge von Bernajour von der Linie abwich, machte ſeine Klinge los, führte einen Hieb von oben herunter und traf ſeinen Gegner in ½ die Schulter. Sogleich machte d'Artagnan ſeiner Seits 1 einen Schritt zurück und hob ſeinen Degen in die Höhe, aber Bernajoux rief ihm zu, es wäre nichts, ſtürzte wie blind auf ihn zu und rannte ſich ſelbſt in den Degen ſei⸗ nes Feindes. Da er indeſſen nicht fiel, da er ſich nicht für beſiegt erklärte, ſondern nur ſeine Stellung mehr nach em Hotel des Herrn de la Tremouille zu nahm, in deſſen Dienſten er einen Verwandten hatte, ſo bedrängte ihn dArtagnan, welcher nicht wußte, wie ſchwer ſein Gegner verwundet war, auf das lebhafteſte und hätte ihm ohne Zweifel mit einem dritten Streiche den Garaus gemacht, als auf das Geräuſch, welches von der Straße bis zu dem Ballſpiele hinaufdrang, zwei von den Freunden des Garde, welche ihn hatten einige Worte mit dArta echſeln und in Folge hievon hinausgehen ſehen, un Degen in der Fauſt aus dem Ballhauſe ſtürzten u den Sieger herfielen. Aber ſogleich erſchienen Athos Porthos und Aramis ebenfalls und nöthigten we —— 94 ma Leibwachen in dem Augenblicke, wo ſie ihren jungen Ka⸗ 6 meraden angriffen, zum Rückzuge. Jetzt fiel Bernajour Bege zu Boden, und da vie Leibwachen nur zu zwei gegen vier ſchlu waren, ſo ſchrieen ſie;„Zu Hülfe Hotel dela Tremouille!“ ihrer Auf dieſes Geſchrei lief Alles, was ſich in dem Hotel ſo ſe befand, heraus und fiel über die vier Gefährten her, welche † ſucht ihrer Seits;„Uns zu Hülfe, Musketiere!“ zu ſchreien gelar anfingen. Thor Dieſer Ruf fand in der Regel Gehör, denn man der kannte die Musketiere als Feinde Seiner Eminenz und als liebte ſie wegen ihres Haſſes gegen den Cardinal. Auch einig ergriffen die Leibwachen der Compagnien, welche nicht dem dem Herzog Roth gehoͤrten, wie ihn Aramis genannt hatte, berei in der Regel bei dieſen Streitigkeiten Partei für die erwa Musketiere des Konigs. Von drei Garden von der Com⸗ pagnie von Herrn des Eſſarts, welche vorübergingen, ka⸗ ohne men alſo zwei den vier Gefährten zu Hülfe, während der zu ſi andere nach dem Hotel von Herrn von Treville lief und iſt; daſelbſt:„Zu Hülfe, Musketiere, uns zu Hülfe!“ rief. geſtr Da gewöhnlich das Hotel von Herrn von Treville voll gehe von Soldaten dieſer Waffe war, welche ihren Kameraden ſchnell zu Hülfe eilten, ſo wurde das Gefecht allgemein, jung aber die Oberhand war auf der Seite der Musketiere; nen die Leibwachen des Cardinals und die Leute von Herrn an, de la Tremouille zogen ſich in das Hotelzzurück, deſſen von Thore ſie noch zeitig genug ſchloſſen, um ihre dieſe Feinde zu verhindern, daß ſie nicht mit ihnen ein⸗ mer hrachen. Den Verwundeten hatte man gleich Anfangs düſte und zwar, wie geſagt, in ſehr ſchlimmem Zuſtande weg⸗ gebracht. dieſe Pie Aufregung hatte unter den Musketieren und ihren „Verbütdeten den höchſten Grad erreicht und man berath⸗ dien ſchlagte bereits, ob man nicht, um die Unverſchämtheit in der Bevienten des Herrn de la Tremvuille zu beſtrafen, Ver welche einen Ausfall auf die Musketiere des Königs zu— Ka⸗ our vier e!“ otel lche eien man und luch dem atte, die om⸗ ka⸗ der und rief. voll raden mein, tiere; Herrn deſſen ihre ein⸗ fangs weg⸗ ihren erat⸗ mtheit trafen, igs zu in vergangener Nacht einen Hirſch zu Seiner Majeſtät Vergnügen geſtellt. Anfangs antwortete der König 18 — 95 machen gewagt hatten, Feuer an das Hotel legen ſollte⸗ Ein Vorſchag zu dieſem Ende wurde gemacht und mit Begeiſterung aufgenommen, als es zum Glück eilf Uhr ſchlug; d'Artagnan und ſeine Gefährten erinnerten ſich ihrer Audienz, und da ſie es bedauert hätten, wenn ein ſo ſchöner Streich ohne ſie ausgeführt worden wäre, ſo ſuchten ſie die Köpfe zu beſchwichtigen, was ihnen auch gelang. Man begnügte ſich, einige Pflaſterſteine an die Thore zu werfen, aber dieſe widerſtanden und man war der Sache müde; überdies hatten diejenigen, welche man als Anführer des Unternehmens betrachten mußte, ſeit einigen Augenblicken die Gruppe verlaſſen und gingen nach dem Hotel des Herrn von Treville zu, der ſie, bereits von dieſem neuen Handgemenge unterrichtet, erwartete. „Raſch in den Louvre,“ ſagte er,„in den Louvre, ohne einen Augenblick zu verlieren, wir müſſen den König zu ſehen ſuchen, ehe uns der Cardinal zuvorgekommen iſt; wir erzählen ihm die Sache als eine Folge der geſtrigen Angelegenheit, und Beides wird zugleich durch⸗ gehen. 8 Herr von Treville begab ſich in Begleitung der vier jungen Leute nach dem Louvre, aber zum großen Erſtau⸗ nen des Kapitäns der Musketiere kündigte man dieſem an, der Koͤnig ſei auf die Hirſchjagd nach dem Walde von Saint⸗Germain gezogen. Herr von Treville ließ ſich dieſe Nachricht zweimal wiederholen, und jedes Mal be⸗ merkten ſeine Gefährten, wie ſich ſein Antlitz ver⸗ düſterte. „Hatte Seine Majeſtät ſchon geſtern die Abſicht, dieſe Jagd zu machen?“ fragte er. „Rein, Euere Ercellenz,“ autwortete der Kammer⸗ diener,„der Oberjäger meldete dieſen Morgen, man habe ſiehen, die ihm dieſe Jagd gewähren ſollte, und er ent⸗ fernte ſich nach dem Frühſtück. „Und hat der Koͤnig den Cardinal geſehen?“ fragte Herr von Treville. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ antwortete der Kam⸗ merdiener,„denn ich habe heute früh die Pferde an den Wagen Seiner Eminenz angeſpannt geſehen, ich fragte, wohin ſie ginge und man antwortete mir: uach Saint⸗ Germain.“ „Man iſt uns zuvorgekommen,“ ſagte Herr von Tre⸗ ville.„Meine Herren, ich werde den König dieſen Abend ſprechen; Euch aber rathe ich nicht, Euch dahin zu wagen.“ Dieſer Rath war zu vernünftig und kam über⸗ dies von einem Manne, der den König zu gut kannte, als daß die vier jungen Leute ihn zu bekämpfen geſucht hätten⸗ Herr von Treville forderte ſie auf, nach Hauſe zu gehen und Nachricht von ihm zu erwarten. In ſein Hotel zurückkehrend, bedachte jedoch Herr von Treville, daß es für ihn das Klügſte wäre, zuerſt Klage zu führen. Er ſchickte deßhalb einen von ſeinen Bedienten zu Herrn de la Tremouille mit einem Briefe, worin er ihn bat, die Leibwache des Herrn Cardinals aus ſeinem Hauſe zu entfernen und ſeinen Leuten einen Ver⸗ weis darüber zu geben, daß ſie die Frechheit gehabt hät⸗ ten, einen Ausfall gegen die Musketiere zu machen. Aber bereits durch ſeinen Stallmeiſter unterrichtet, mit dem Bernajour, wie man weiß, verwandt war, ließ ihm Herr de la Tremouille antworten, es wäre weder an Herrn von Treville, noch an ſeinen Musketieren ſich zu beklagen, ſondern im Gegentheil an ihm, deſſen Leute die Mustetiere angegriffen und verwundet hätten, und dem ſie ſein Hotel hätten in Brand ſtecken wol⸗ len. Da jedoch der Streit zwiſchen dieſen beihe hohen Herren hätte lange dauern können, inſöſern — erſa er k dari ſich wen tete von ein Pa Ve jed der uns unt ich unt ſuc me nic ſo ko be ent⸗ igte am⸗ den gte, int⸗ Tre⸗ bend zu ber⸗ gut pfen auf, nzu Herr zuerſt einen riefe, s aus Ver⸗ hät⸗ achen. „mit ihm an ich zu te die und wol⸗ beiden ſöferne 6 97 natürlich jeder auf ſeiner Meinung beharren mußte, ſo erſann Herr von Treville ein Auskunftsmittel, durch das er die ganze Sache zu beendigen beabſichtigte; es beſtand darin, Herrn de la Tremouille ſelbſt aufzuſuchen. Er begab ſich alſo ſogleich in ſein Hotel und ließ ſich melden. Die zwei Herren begrüßten ſich ſehr artig, denn wenn auch keine Freundſchaft unter ihnen beſtand, ſo ach⸗ teten ſie ſich doch gegenſeitig. Beide waren Männer von Herz und Ehre, und da Herr de la Tremouille, ein Proteſtant, den König nur ſelten ſah und keiner Partei angehörte, ſo erfaßte er ſeine geſellſchaftlichen Verhältniſſe gewöhnlich ohne Vorurtheil. Dießmal war jedoch ſein Empfang, obgleich artig, doch kälter, als in der Regel. „Mein Herr,“ ſagte Herr von Treville,„jeder von uns glaubt, er habe ſich über den andern zu beklagen, und ich bin gekommen, damit wir dieſe Angelegenheit in Gemeinſchaft in's Reine bringen.“ „Gerne,“ erwiederte Herr de la Tremonille,„aber ich habe Euch zu bemerken, daß ich gut unterrichtet bin und daß alles Unrecht auf Seiten Eurer Musketiere zu ſuchen iſt.“ „Ihr ſeid ein zu vernünftiger und gerechter Mann, mein Herr,“ ſagte Herr von Treville,„um den Vorſchlag nicht anzunehmen, den ich Euch machen will.“ „Macht ihn, ich höre.“ „Wie geht es Herrn Bernajour, dem Vetter Eures Stallmeiſters?“ „Sehr ſchlecht, mein Herr, außer dem nicht be⸗ ſonders gefährlichen Degenſtich, den er in den Arm be⸗ kommen hat, iſt ihm noch ein anderer durch die Lunge beigebracht worden, und der Arzt prophezeit das Schlimmſte.“ „Hat der Verwundete ſein Bewußtſein erhalten 2“ Die drei Musketiere. J. 7 „Vollkommen.“ „Spricht er?“ „Mit einiger Schwierigkeit, aber er ſpricht.“ be „Nun gut, mein Herr, gehen wir zu ihm. Beſchwö⸗ E ren wir ihn im Namen Gottes, vor den er vielleicht bald di gerufen werden wird, die Wahrheit zu ſagen. Er ſoll w Richter in ſeiner eigenen Sache ſein und was er ſagt, ni werde ich glauben.“ lie Herr de la Tremouille überlegte einen Augenblick g und willigte dann ein, da man nicht wohl einen vernünf⸗ tigeren Vorſchlag machen konnte. ve Beide ſtiegen in das Zimmer hinab, in welchem d der Verwundete lag. Als dieſer die beiven edeln Her⸗ w ren eintreten ſah, verſuchte er es, ſich auf ſeinem Bette T zu erheben, aber er war zu ſchwach, und erſchöpft zi durch dieſe kurze Anſtrengung fiel er beinahe bewußtlos z zurück. E Herr de la Tremouille näherte ſich ihm und ließ ihn an flüchtigen Salzen riechen, die ihn wieder in das Leben zurückriefen. Herr von Treville forderte Herrn de la Tre⸗ mouille auf, den Kranken ſelbſt zu befragen, damit man L ihn nicht beſchuldigen könnte, er habe einen Einfluß auf ſt denſelben ausgeübt. Es geſchah, was Herr von Treville vorhergeſehen d hatte. Zwiſchen das Leben und den Tod geſtellt, dachte n Bernajoux nicht einen Augenblick daran, die Wahrheit zu verſchweigen, und erzählte den zwei Herren den Vorfall ganz genau, wie er ſich ereignet hatte. Das war Alles, was Herr von Treville haben wollte; er wünſchte Bernajour eine baldige Wiederge⸗ eſung, nahm von Herrn de la Tremouille Abſchied, ehrte ſogleich in ſein Hotel zurück und ließ die pier Freunde benachrichtigen, daß er ſie beim Mittageſſen erwartt. 9 ert von Treville empfing ſehr gute, jedoch anti⸗ „—— vo⸗ al ſoll agt, lick ünf⸗ hem Her⸗ ette öpft tls ihn eben Tre⸗ man auf ſehen chte it zu rfall ben erge⸗ chied, vier eſſen anti⸗ Königs ein Sturm tobte. ſtät war, ſo hielt ſie die Höflinge doch nicht ab en. Für ſie iſt es immer noch beſſer mit einem zorni⸗ Musketiere zögerten alſo nicht und traten einen Schri 99 eardinaliſtiſche Geſellſchaft. Man begreift leicht, daß ſich das Geſpräch während des ganzen Mittageſſens um die beiden Niederlagen drehte, welche die Leibwachen Seiner Eminenz erlitten hatten. Da nun d'Artagnan der Held dieſer zwei Tage geweſen war, ſo fielen ihm alle Glück⸗ wünſche zu, die ihm Athos, Porthos und Aramis nicht nur als gute Kameraden, ſondern auch als Männer über⸗ ließen, an denen die Reihe in dieſer Beziehung ſchon oft genug geweſen war. Gegen ſechs Uhr äußerte Herr von Treville, er ſei verpflichtet, ſich nach dem Louvre zu begeben, da jedoch die von Seiner Majeſtät bewilligte Audienzſtunde vorüber war, ſtellte er ſich, ſtatt den Eingang bei der kleinen Treppe zu fordern, mit den vier jungen Leuten im Vor⸗ zimmer auf. Der Koͤnig war noch nicht von der Jagd zurückgekommen. Unſere jungen Leute warteten, unter die Schaar der Höflinge gemiſcht, kaum eine halbe Stunde, als ſich alle Thüren öffneten und man den König an⸗ kündigte. Bei dieſer Ankündigung bebte d'Artagnan bis in das Mark ſeiner Knochen. Der nächſtfolgende Augenblick 3 ſollte aller Wahrſcheinlichkeit nach über ſein ganzes Leben entſcheiden. Seine Augen waren voll Furcht auf die Thüre geheftet, durch welche Seine Majeſtät eintreten mußte. Ludwig XIII. erſchien zuerſt in dem Vorzimmer. Er trug ein noch ganz beſtanbtes Jagdgewand, hatte große Stiefeln an und hielt eine Peitſche in der Hand. Bei dem erſten Blicke erkannte d'Artagnan, daß in dem Geiſte des So ſichtbar auch dieſe Stimmung bei ſeiner M den königlichen Vorgemächern an ſeinem Wege aufzu gen Auge, als gar nicht geſchen zu werden, Die dr ——— 100 vor, während d'Artagnan im Gegentheil hinter ihnen ver⸗ borgen blieb. Aber obgleich der König Athos, Porthos und Aramis perſoͤnlich kannte, ging er doch an ihnen vorüber, ohne ſie anzuſchauen, ohne mit ihnen zu ſprechen, als ob er ſie nie geſehen hätte. Als die Augen des Königs ſich einen Moment auf Herrn von Treville hefte⸗ ten, hielt er dieſen Blick mit ſolcher Feſtigkeit aus, daß der König ſein Geſicht abwandte, worauf Seine Maje⸗ ſtät forwährend brummelnd ſich in ein inneres Gemach zurückzog. „Die Angelegenheiten ſtehen ſchlimm,“ ſagte Athos lächeind,„und man wird uns dießmal noch nicht zu Or⸗ densrittern machen.“ „Wartet hier zehn Minuten,“ ſprach Herr von Tre⸗ ville,„und wenn Ihr mich nach Ablauf dieſer Zeit nicht herauskommen ſeht, ſo kehrt in mein Hotel zurück, denn es iſt unnütz, daß Ihr dann länger hier verweilt.“ Die jungen Leute warteten zehn Minuten, eine Vier⸗ telſtunde, zwanzig Minuten; als ſie ſahen, daß Herr von Treville nicht wieder erſchien, entfernten ſie ſich, ſehr un⸗ ruhig über das, was geſchehen würde. Herr von Treville war keck in das Cabinet des Kö⸗ nigs getreten und hatte Seine Majeſtät, in einem Fauteuil ſitzend und ſeine Stiefeln mit dem Griffe ſeiner Peitſche klopfend, in ſehr übler Laune gefunden, was ihn nicht ab⸗ hielt, den König mit dem großten Phlegma nach ſeinem Befinden zu fragen. „Es ſteht ſchlecht, mein Herr, ſehr ſchlecht,“ erwie⸗ derte der König,„ich langweile mich.“ Dies war in der That die ſchlimmſte Krankheit von Ludwig XIII., der häufig einen von ſeinen Höf⸗ lingen am Arme nahm, in ein Fenſter zog und zu ihm ſagte;„Mein Herr So und So, langweilen wir uns mit einander.“ „Wiel Ew. Majeſtät langweilt ſich,“ ſprach Herr 101 von Treville,„habt Ihr heute nicht das Vergnügen der Jagd genoſſen?“ en 3„Ein ſchönes Vergnügen! auf meine Ehre, ganz entartet, und ich weiß nicht, ob das Wild keine Fährte es ehr hat oder ob die Hunde keine Naſe mehr haben. te⸗ Wir treiben einen Zehnender auf, wir reiten ihm ſechs aß Stunden nach, und da er eben im Begriff iſt, Halt zu je⸗ machen, da Simon eben das Horn an den Mund ſetzen ich will, Halali zu blaſen, krack! verſchlägt die ganze Meute die Spur und ſchießt einem Spießer nach. Ihr werdet ſehen, daß ich genöthigt bin, auf dieſe Jagd Verzicht zu leiſten, wie ich auf die Beize verzichtet habe. Ach! ich bin ein ſehr unglücklicher Koͤnig, Herr von Treville, ich re⸗ hatte nur noch einen Geierfalken, er iſt vorgeſtern ge⸗ ch ſtorben.“ nn„In der That, Sire, ich begreife Euere Verzweif⸗ lung, und das Unglück iſt groß; aber ich denke, es bleibt er⸗ Euch noch eine gute Anzahl von Falken und Sperbern on übrig.“ un⸗„Und kein Menſch, um ſie zu unterrichten; die Fal⸗ eniere verſchwinden und nur ich allein verſtehe noch die ks runſt der Jägerei. Nach mir wird Alles aus ſein, und ui man wird nur noch mit Fuchsfallen und Marderfallen ſche jagen. Wenn ich noch Zeit hätte, Schüler zu bilden! ab⸗ Aber ja, da iſt der Herr Cardinal, der mir nicht einen em Augenblick Nuhe läßt, der mir von Spanien ſpricht, der mir von Oeſterreich ſpricht, der mir von England ſpricht! vie⸗ Ah! was den Herrn Cardinal betrifft, Herr von Treville, ich bin unzufrieden mit Euch.“ heit Herr von Treville erwartete den König auf dieſer öf⸗ Stelle, er kannte ihn von lange her, er wußt ihm alle dieſe Klagen nur eine Vorrede, nur eine A mit. Aufregung waren, um ſich ſelbſt zu ermuthigen, u 3 er dahin kommen wollte, wohin er endlich e war. „und in welcher Hinſicht bin ich ſe ung geweſen, Eurer Majeſtät zu mißfallen?“ fragte Herr von Treville, das tiefſte Erſtaunen heuchelnd. „Erfüllt Ihr auf dieſe Weiſe Eure Aufgabe, mein Herr?“ fuhr der König fort, ohne unmittelbar auf die Frage von Herrn von Treville zu antworten;„habe ich 5 f Euch zu dieſem Ende zum Kapitän meiner Musketiere ernannt, daß ſie einen Menſchen ermorden, ein ganzes Quartier in Aufruhr bringen und Paris niederbrennen⸗ wollen, ohne daß ihr mir ein Wort davon ſagt? Doch während ich mich ereifere, Euch anzuklagen,“ fuhr der 3 König fort,„ſitzen die Ruheſtörer ohne Zweifel bereits im Gefängniß, und Ihr kommt, um mir anzuzeigen, daß Gerechtigkeit gepflogen worden iſt.“ 1 „Sire,“ antwortete ruhig Herr von Treville,„ich komme im Gegentheil, um dieſe von Euch zu ver⸗ langen.“ 6 „Und gegen wen?“ rief der Konig. „Gegen die Verläumder,“ ſprach Herr von Tre⸗ ville. „Ah! das iſt doch ganz neu,“ verſetzte der Koͤnig. „Werdet Ihr mir nicht zugeſtehen, daß ſich Eure drei 1 verdammten Musketiere, Athos, Porthos und Aramis und Euer Junker von Bearn wie Wüthende auf den armen Bernajour geworfen und denſelben dergeſtalt⸗ mißhandelt haben, daß er wahrſcheinlich noch in dieſer Stunde verſcheiden wird! Werdet Ihr nicht zugeben, daß ſie hierauf das Hotel des Herzogs de la Tremouille belagert haben und daſſelbe in Brand ſtecken wollten, was in Kriegszeiten vielleicht kein ſehr. großes Unglück geweſen wäre, inſoferne es ein Huge⸗ nottenneſt iſt, jedoch in Friedenszeiten ein ärgerliches Beiſpiel geben würde. Sagt, wollt Ihr Alles dies ab⸗ leugnen?“ „Und wer hat Euch dieſe ſchöne Erzählung gelie⸗ fert, Sire?“ fragte Herr von Treville ruhig. „Wer mir vieſe ſchöne Erzählung geliefert hat, 103 mein Herr? wer ſoll es ſein, wenn nicht derjenige, wel⸗ 4 cher wacht, wenn ich ſchlafe, welcher arbeitet, wenn ich 6 mich beluſtige, welcher Alles lenkt, innerhalb und außer⸗ f halb des Königreichs, in Frankreich, wie in Europa?“ ch„Seine Majeſtät beliebt ohne Zweifel von Gott zu 5 ſprechen,“ ſagte Herr von Treville,„denn ich kenne nur 6 Gott, der ſo hoch über Seiner Majeſtät ſteht.“ .„Nein, mein Herr, ich ſpreche von der Stütze des Staates, von meinem einzigen Diener, von meinem ein⸗ 3 zigen Freunde, von dem Herrn Cardinal.“ n„Seine Eminenz iſt nicht Seine Heiligkeit, Sire!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Herr?“ „Daß nur der Pabſt unfehlbar iſt, und daß ſich 6 vieſe Unfehlbarkeit nicht auf die Cardinäle erſtreckt.“ „Ihr wollt behaupten, er täuſche mich, Ihr wollt bbehaupten, er verrathe mich? Ihr klagt ihn alſo an⸗ 1 ſprecht, geſteht freimüthig, daß Ihr ihn an⸗ g t.“ „MNein, Sire, aber ich ſage, daß er ſich ſelbſt täuſcht, ich ſage, daß er ſchlecht unterrichtet geweſen iſt, 6 1. ich ſage, vaß er ſich beeilt hat, die Musketiere Seiner 3 i6* Majeſtät anzuklagen, gegen die er ungerecht iſt, und daß Nachrichten nicht aus guten Quellen geſchöpft e Anklage kommt von Herrn de la Tremouille, bers ſelbſt. Was habt Ihr hierauf zu er⸗ Liedern?“ 8 * Ich könnte erwiedern, Sire, er ſei zu ſehr bei hr der Sache betheiligt, um unpartheiiſcher Zeuge bei dieſer Frage zu ſein, aber weit entfernt hievon, Sire, ich kenne den Herzog als einen lohalen Edelmann, und ele vie Sache ſeinem Ausſpruch anheim, jedoch u Bedingung.“ „Unter welcher?“ „Daß Euere Majeſtät ihn kommen 1 ſelbſt Auge in Auge ohne Zeugen befragt, 104 ich vor Eurer Majeſtät ſogleich erſcheinen darf, ſobald ſie der Herzog geſehen hat.“* „Gut ſo!“ rief der König,„und Ihr fügt Euch in das, was der Herr de la Tremouille ausſprechen wird?“ „Ja, Sire.“ „Ihr unterwerft Euch der Genugthuung, die er fordert.“ „Vollkommen.“ „La Chesnay!“ rief der König,„la Chesnaye!“ Der vertraute Kammerdiener des Königs, der ſich immer in der Nähe der Thüre aufhielt, trat ein. „La Chesnaye,“ ſprach der König,„man gehe ſo⸗ gleich und hole mir Herrn de la Tremouille; ich will ihn noch dieſen Abend ſprechen.“ „Euere Majeſtät gibt mir ihr Wort, daß ſie Niemand ſehen wird, als Herrn de la Tremouille und mich?“ „Niemand, auf mein adeliges Wort!“ „Morgen alſo, Sire.“ „Morgen, mein Herr.“ „Um welche Stunde, wenn es Euerer Majeſtät ge⸗ fällig wäre?“ „Wann es Euch beliebt.“ „Aber ich müßte Euere Majeſtät aufzuwectn be⸗ fürchten, wenn ich zu früh käme.“* „Mich aufwecken! Schlafe ich! Ich ſchlafe nicht mehr, mein Herr; ich träume nur zuweilen, das iſt das Ganze. Kommt alſo ſo frühe, als Ihr wollt, um ſieben Uhr etwa; aber nehmt Euch in Acht, wenn Euere Musketiere ſchuldig ſind.“* Wenn meine Musketiere ſchuldig ſind, Sire, ſo ſollen die Schuldigen in die Hände Euerer Majeſtät überliefert werden, welche nach Gutdünken über ſie ver⸗ fügen wird. Fordert Euere Majeſtät noch mehr, ſo mag ſie ſprechen, ich bin bereit, ihr zu gehorchen.“ ————„— 4) ———— X — „Nein, mein Herr, nein; man hat mich nicht ohne Grund Ludwig den Gerechten genannt. Morgen alſo, mein Herr, morgen.“ „Gott beſchütze Euere Majeſtät bis dahin.“ So wenig der König ſchlief, ſo ſchlief Herr von Treville doch noch viel ſchlechter; er hatte noch an dem⸗ ſelben Tage den drei Musketieren und ihrem Gefährten Rachricht geben laſſen, daß ſie ſich am andern Morgen um halb ſieben Uhr bei ihm einfinden ſollten. Er nahm ſie mit ſich, ohne eine Verſicherung, ohne ein Ver⸗ ſprechen, und ohne ihnen zu verbergen, daß ihr Glück 6 un ſogar das ſeinige davon abhing, wie die Würfel ielen. Unten an der kleinen Treppe angelangt, hieß er ſie warten. Wenn der König gegen ſie aufgebracht wäre, ſollten ſie ſich entfernen, ohne geſehen zu werden, er ſie ampfangen wollte, ſo dürfte man ſie nur rufen. In dem Privatvorzimmer des Königs traf Herr von Treville la Chesnay, der ihm mittheilte, man habe den Herzogz de la Tremouille am Abend vorher nicht in ſei⸗ nem Hotel getroffen, er ſei zu ſpät nach Hauſe gekom⸗ ment, um ſich noch in den Louvre zu begeben, vor einem Rugenblick erſt ſei er erſchienen und er befinde ſich zu die⸗ ſer Stunde bei dem König. Dieſer Umſtand war Herrn von Treville ſehr ange⸗ nehm, denn er war nun überzeugt, daß keine fremde Mei⸗ g zwiſchen die Angabe von Herrn de la Tremouille und ihn ſchlüpfen würde. Kaum waren zehn Minuten abgelaufen, ſo öffnete ſich in der That die Kabinetsthüre des Königs und Herr von Treville ſah den Herzog de la Tremouille herauskom⸗ men, der auf ihn zutrat und zu ihm ſagte: „Herr von Treville, Seine Majeſtät hat mich kom⸗ men laſſen, um ſich zu erkundigen, wie ſich die Dinge geſtern Morgen in meinem Hotel zugetragen haben. Ich 106 habe die Wahrheit geſprochen, das heißt, daß meine Leute den Fehler gemacht haben, und daß ich bereit ſei, mich bei Euch zu entſchuldigen. Da ich Euch gerade hier finde, ſo nehmt dieſe Entſchuldigung gefälligſt an und haltet mich ſtets für einen Euerer Freunde.“ „Mein Herr Herzog,“ ſagte Herr von Trebille, „ich hegte ein ſolches Zutraueu Eurer Rechtſchaf⸗ fenheit, daß ich keinen andern Verheidiger bei Seiner Majeſtät, als Euch ſelbſt haben ite Ich ſehe, daß ich mich nicht getäuſcht habe, danke Euch da⸗ für, daß es noch einen Mann gbt ben dem man, ohne ſe zu irren, ſagen kann, was von Euch geſagt ha e.“ „Gut! gut!“ ſprach der König, der„lle dieſe Kom⸗ plimente zwiſchen den Thürflügeln mit gehört hatte; „nur ſagt ihm, Treville, da er Euer Fre zu ſein be⸗ hauptet, daß ich zu den ſeinigen zu gehöre ſche, daß er mich vernachläßige, daß ich ihn bald dre Jahre nicht mehr geſehen habe, und daß ich ihn überhaupt nur ſehe, wenn ich ihn holen laſſe. Sagt ihm das in meinem Na⸗ men, denn das ſind Dinge, die ein König nicht ſelbſt ſa⸗ gen kann.“ „Ich danke, Sire, ich danke,“ ſprach der Herzog, „aber Euere Majeſtät mag wohl glauben, daß nicht die⸗ jenigen, ich ſage dieß nicht in Beziehung auf Herrn von Treville, daß nicht diejenigen, welche dieſelbe zu jeder Stunde des Tages um ſich ſieht, ihr am meiſten ergeben ſind. deſto beſſer, Herzog, deſto beſſer, ſagte der Koͤnig und trat bis vor die Thüre.„Ah! Ihr ſeid es, Treville, wo ſind Euere Musketiere? Ich habe Euch vorgeſtern befohlen, ſie zu bringen, warum habt Ihr es nicht gethan?“ „Ah! Ihr habt gehört, was ich geſprochen habe; 8 Sie ſind unten, Sire, uyd 2 l ſae Lm½ ———— 107 niß wird ihnen la Chesnay ſagen, daß ſie herauf ch kommen.“ e,„Ja, ja, ſie ſollen ſogleich kommenz es iſt bald et acht Uhr und um neun Uhr erwarte ich einen Beſuch. Geht, Herr Herzog, und kommt gewiß wieder. Tretet le, ein, Treville.“ f Der Herzog verbeugte ſich und ging. In dem Augen⸗ er blick, wo er die Thür öffnete, erſchienen die drei Muske⸗ aß tiere und d'Artagnan, von la Chesnay geführt, oben an a⸗ der Treppe. ne„Kommt, meine Braven, kommt,“ ſagte der König; gt„ich muß Euch ſchelten.“ Die Musketiere näherten ſich unter Verbeugungen, n⸗ d'Artagnan folgte hinter ihnen. e;„Wie Teufels!“ fuhr der König fort,„Ihr vier habt e⸗ ſieben Leibwachen Seiner Eminenz in zwei Tagen kampf⸗ aß unfähig gemacht! Das iſt zu viel, meine Herren, zu viel. ht Auf dieſe Art wäre Seine Eminenz genöthigt, ſeine Kom⸗ pagnie in drei Wochen zu erneuern, und ich die Ediete a⸗ in aller Strenge zur Anwendung zu bringen. Zuſällig einen, ſa⸗ dann wollte ich nichts ſagen, aber ſieben, ich wiederhole es, as iſt zu viel.“ 8,„Sire, Euere Majeſtät ſieht wohl, daß ſie ganz zer⸗ e knirſcht und reumüthig erſcheinen, um ihre Entſchuldigun⸗ on gen vorzubringen.“ er„Ganz zerknirſcht und reumüthig! hm!“ rief der Koͤ⸗ nig,„ich traue ihren heuchleriſchen Geſichtern nicht ganz; ich ſehe beſonders da hinten ein Gascognergeſicht. Tretet e näher, mein Herr.“ nd DArtagnan begriff, daß das Kompliment an ihn ge⸗ le, richtet war, und näherte ſich, ſeine verzweiflungsvollſte rn Miene annehmend. ht„Wie, Ihr ſagtet, es ſei ein Jüngling? es iſt ein Kind, Herr von Treville, ein wahres Kind. Hat dieſer uſſac den böſen Degenſtoß gegeben 2, „und Bernajoux die zwei ſchönen Streiche.“ N 108 „Wahrhaftig!“ „Abgeſehen davon,“ ſprach Athos,„daß ich, wenner mir mich nicht den Händen von Biscarat entriſſen hätte, ſiebe ſicherlich nicht die Ehre haben konnte, in dieſem Augen⸗ aber blick Euerer Majeſtät meine unterthänigſte Reverenz zu iſt machen.“ noch „Es iſt alſo ein wahrer Teufel, dieſer Bearner, Ventre⸗ſaint⸗gris! Herr von Treville, wie der Konig, mein„ ſind Vater, geſagt haben würde. Bei dieſem Gewerbe muß man viele Wämmſer durchlöchern und viele Degen zer⸗ Fau brechen.— Die Gascogner ſind wohl ſtets arm, nicht gab wahr?“ ner „Sire, ich darf wohl behaupten, daß man noch keine Golbmine in ihren Bergen gefunden hat, obgleich Ihnen äuß der Herr im Himmel dieſes Wunder als Belohnung für GCv⸗ die Art und Weiſe ſchuldig wäre, wie ſie die Anſprüche nig des Königs, Eueres Vaters, unterſtützt haben.“ hie „Dadurch iſt geſagt, daß ſie mich ſelbſt zum König † Um gemacht haben, Treville, inſoferne ich der Sohn ₰ Ge meines Vaters bin. Ganz wohl, ich ſage nicht, nein. La Chesnay, ſeht nach, vb Ihr alle meine Taſchen durch⸗ Pe wühlend vierzig Piſtolen findet, und wenn Ihr ſie findet, Eu bringt ſie mir. Und nun, junger Mann, legt die Hand ma auf das Herz und ſprecht, wie hat ſich die Sache zuge⸗ ben tragen?“ nic „D'Artagnan erzählte das Abenteuer des vorigen Tages mit allen Einzelnheiten; wie er aus Freude,„ Seine Majeſtät zu ſehen, nicht hatte ſchlafen können und drei Stunden vor der Aldienzzeit zu ſeinen Frgun⸗ 3h den gekommen war; wie ſie ſich mit einander in ein mi Ballhaus begeben hatten, und wie er, weil er Furcht ge⸗ äußert, einen Ball in das Geſicht zu bekommen, von Bernajour verſpoltet worden war, daß Fieſer ſein Spot⸗ ten beinahe mit dem Verluſte ſeines Lebens und Hert de la Tremouille mit dem ſeines Hotels hätte bezahlen müſſen 109 „Es iſt gut ſo,“ murmelte der König,„ja, ſo hat mir der Herzog die Sache erzählt. Armer Cardinal, ſieben Menſchen in zwei Tagen und zwar ſeine liebſten; aber damit iſt es genug, meine Herren, verſteht Ihr? es iſt genug; Ihr habt Euere Rache für die Rue Ferou und noch mehr genommen; Ihr müßt zufrieden ſein.“ „Wenn es Euere Majeſtät iſt,“ ſagte Treville,„wir ſind es.“ „Ja, ich bin es,“ fügte der König bei, nahm eine Fauſt voll Gold aus den Händen von la Chesnay, über⸗ gab ſie dArtagnan und ſagte:„Hier, zum Beweiſe mei⸗ ner Zufriedenheit.“ Damals waren die ſtolzen Ideen, wie ſie jetzt der äußere Anſtand heiſcht, noch nicht in der Mode Ein Gvelmann nahm Geld unmittelbar aus der Hand des Kö⸗ nigs und fühlte ſich nicht im geringſten dadurch gedemü⸗ thigt. D'Artagnan ſteckte alſo die vierzig Piſtolen, ohne Umſtände zu machen, in die Taſche und bedankte ſich im Gegentheil ganz unterthänig bei dem Koͤnig. „So! ſo!“ ſprach der König und ſchaute auf die Pendeluhr;„es iſt nun halb neun Uhr und Ihr müßt Euch entfernen; ich habe Euch geſagt, ich erwarte Je⸗ mand um neun Uhr. Ich danke Euch für Euere Erge⸗ benheit, meine Herren. Ich kann ſtets darauf zählen, nicht wahr?“ „Oh! Sire,“ riefen einſtimmig die vier Gefährten, „wir laſſen uns für Euere Majeſtät in Stücke hauen.“ „Gut, gut; aber bleibt ganz, das iſt mehr werth, Ihr feiv mir ſo nützlicher.„Treville,“ fügte der Konig mit halber Stimme bei, während ſich die Andern ent⸗ fernten,„da kein Platz bei den Musketieren offen iſt, und ich überdieß als Bedingung der Aufnahme in dieſes Corps ein Röviziat feſkgeſetzt habe, ſo bringt dieſen Jungen in die Kompagnie der Garden des Herrn des Eſſarts, Eueres Schwagers. Ahl bei Gott, Treville, ich frrue mich über die Grimaſſe, die der Cardinal machen wird; er wird * ſe 110 wüthend ſein, aber daran iſt mir nichts gelegen, ich bin in meinem Rechte.“ Und der König begrüßte mit der Hand Herrn von Treville, dieſer ging ab und ſuchte ſeine Musketiere auf, die er in einer Theilung der Piſtolen mit d'Artagnan be⸗ griffen fand. Und der Cardinal war, wie Seine Majeſtät geſagt hatte, wirklich wüthend, ſo wüthend, daß er acht Tage die Spielpartie des Königs nicht beſuchte, was den König nicht abhielt, ihm das freundlichſte Geſicht von der Welt ſchmeichelhafteſten Tone zu fragen: „Nun, mein Herr Cardinal, wie geht es dem armen Bernajour und dem armen Juſſac, Ihren Leuten?“ X zu machen und ihn, ſo oft er ihm begegnete, mit dem 3 — 2 N * 3 8 2 Als ſich d'Artagnan außerhalb des Lonvre befand und W mit ſeinen Freunden über die Verwendung ſeines Antheils B den wierzig Piſtolen berathſchlagte, rieth ihm Athos, ein gutes Gaſtmahl im Fichtenapfel zu beſtellen, Porthos, einen Lackei zu nehmen, und Aramis, ſich eine anſtändige Geliebte zu verſchaffen. „ Das Mahl wurde an demſelben Tage ausgefücet und der Lackei ſervirte dabei. Das Mahl hatte Athos beſtellt, den Lackei hatte Porthos geliefert. Dieſer war ein Pi⸗ Farde, den der glorreiche Musketier an demſelben Tage bin on uf, be⸗ agt ge nig elt em nd ils os, o8, ige n t, i⸗ ge in der Wohnung, welche aus einem Vos 111 und aus dieſer Veranlaſſung auf dem Pont de la Tour⸗ nelle anwarb, während er in das Waſſer ſpuckende Kreiſe machte. Porthos behauptete, dieſe Beſchäftigung ſei ein Beweis einer überlegenden und contemplativen Organiſa⸗ tion, und nahm ihn ohne weitere Empfehlung mit ſich. Das vornehme Ausſehen dieſes Edelmanns, für deſſen Rechnung er ſich angeworben glaubte, hatte Planchet— dieß war der Name des Picarden— verführt; es trat eine kleine Enttäuſchung bei ihm ein, als er ſah, daß der Platz bereits durch einen Zunftgenoſſen Namens Mous⸗ gueton beſetzt war, und Porthos ihm eröffnete, daß, ſein Hausſtand, ſo groß er auch wäre, zwei Bedienten nicht zuließe, und daß er in den Dienſt von d'Artagnan treten müßte. Als er aber dem Mahle beiwohnte, das ſein Herr gab, und dieſen bei der Bezahlung eine Hand voll Gold aus der Taſche ziehen ſah, hielt er ſein Glück für gegründet und dankte dem Himmel, daß er ihn habe in die Hände eines ſolchen Kröſus fallen laſſenz in dieſer Meinung beharrte er bis nach dem Feſtm eſſen Abhub er ein langes Faſten wieder gut die Chimären Planchet's verſchwanden,„ Bett ſeines Herrn machte. Dieſes Bet einem Schlafzimmer beſtand. Planchet ſch e Po zimmer auf einer Decke, welche dem Bette von d'Arkag⸗ nan entzogen wurde, und worauf dieſer von nun an Ver⸗ zicht leiſtete. Athos beſaß einen Bedienten, Namens Grimaud, den er für ſeinen Diennt auf eine ganz eigenthümliche Weiſe dreſſirt hatte. Er war ſehr ſchweigſam, dieſer würdige Herr, wohlverſtanden, wir ſprechen von Athos. In den fünf oder ſechs Jahren, die er im vertrauteſten Umgans mit ſeinen zwei Gefährten Porthos und Aramis lebte, erinnerten ſich vieſe wohl ihn lächeln, aber nie la⸗ chen geſehen zu haben. Seine Worte waren kurz, aus⸗ rucksvoll, ſie ſagten immer das, was ſie ſagen wollten, 6 * — S — N 112 und nicht mehr; keine Ausſchmückungen, keine Stickereien, keine Arabesken. Seine Rede war eine Thatſache ohne irgend eine Epiſode. Oögleich Athos erſt dreißig Jahre zählte und ein Mann von großer körperlicher und geiſtiger Schönheit war, kannte doch Niemand eine Geliebte von ihm. Er ſprach nie von Frauen; er hielt jedoch auch„ Niemand davon ab, in ſeiner Gegenwart von ihnen zu ſprechen, obgleich man leicht wahrnehmen konnte, daß dieſe Art von Unterhaltung, in die er ſich nur mit bitteren Worten und menſchenfeinvlichen Bemerkungen miſchte, ihm ganz geſonders unangenehm war. Seine Zurückhaltung, ſein herbes Weſen, ſeine Stummheit gaben ihm beinahe das Ausſehen eines Greiſes; um von ſeinen Gewohnheiten nicht abgehen zu müſſen, hatte er Grimaud daran ge⸗ wöhnt, ihm auf eine einfache Geberde, auf eine einzige Bewegung ſeines Mundes zu gehorchen. Nur in höchſt wichtigen Fällen ſprach er mit ihm. Grimaud, der ſei⸗ nen Herrn wie das Feuer fürchtete, obgleich er für ſeine Perſon eine große Anhänglichkeit und für ſeinen Geiſt eine große Verehrung hegte, glaubte zuweilen vollkommen verſtanden zu haben, was er verlangte, eilte, den erhalte⸗ nen Befehl auszuführen, und that gerade das Gegenth⸗ davon. Dann zuckte Athos die Achſeln und prügelte Gri⸗ mand, ohne in Zorn zu gerathen. An ſolchen Tagen ſprach er ein wenig. Porthos hatte einen Charakter, der, wie man bereits bemerken kann, dem von Athos gerade entgegengeſetzt war: er ſprach nicht nur viel, ſondern er ſprach auch laut; es war ihm indeſſen, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu 5 laſſen, wenig daran gelegen, ob man ihm zuhörte oder nicht; er ſprach, weil es ihm Vergnügen machte, zu ſprechen und ſich zu hören; er ſprach von allen Dingen mit Ausnahme der Wiſſenſchaften; in dieſer Hinſicht nahm er einen eingefleiſchten Haß zum Vorwand, den er, wie er vorgab, ſeit ſeiner Kindheit gegen die Gelehrten . 6 113 hegte. Er hatte kein ſo vornehmes Ausſehen, wie Athos, und das Gefühl ſeiner niedrigeren Stellung in Beziehung auf das Aeußere machte ihn am Anfang ihrer Verbin⸗ dung oft ungerecht gegen dieſen Edelmann, denn er ſo⸗ dann durch ſeine glänzende Toilette zu überbieten ſich be⸗ mühte. Aber mit ſeiner einfachen Musketier-Kaſake und einzig und allein durch die Art und Weiſe, wie er den Kopf zurückwarf und den Fuß vorſetzte, nahm Athos ſo⸗ gleich wieder den ihm gebührenden Platz ein und verwies den pomphaften Porthos auf den zweiten Rang. Porthos tröſtete ſich damit, daß er das Vorzimmer des Herrn von Treville und die Wachtſtuben des Louvre mit dem Ge⸗ räuſche ſeines Glückes bei Frauen erfüllte, wovon Athos nie ſprach, und nachdem er vom Bürgeradel zum Kriegs⸗ adel, von der Robine zur Baronin übergegangen war, handelte es ſich im gegenwärtigen Augenblicke bei Por⸗ thos um nichts Geringeres, als um eine fremde Prinzeſ⸗ ſin, die ihm ein ungeheueres Wohlwollen kund gegeben hatte. Ein altes Sprüchwort ſagt: wie der Herr, ſo der Diener. Gehen wir alſo vom Diener von Athos zum Diener von Porthos, von Grimaud zu Mousqueton über. Mousqueton war ein Normann, deſſen frieblichen Namen Boniface ſein Herr in den unendlich klangreicheren und kriegeriſcheren Mousqueton verwandelt hatte. Er war in den Dienſt von Porthos unter der Bedingung ge⸗ treten, nur mit Kleidern und Wohnung, aber dies auf eine prachtvolle Weiſe, verſehen zu werden⸗ Er verlangte nur zwei Stunden täglich, um ſich einer Induſtrie zu widmen, mit deren Ertrag er ſeine übrigen Bevürfniſſe beſtreiten wollte. Porthos hatte den Handel angenom⸗ menz die Sache ſtand ihm auf dieſe Art ganz gut an⸗ Er ließ Mousqueton Wämmſer aus ſeinen alten Kleidern und abgetragenen Mänteln zuſchneiden, und mit Hülfs Die drei Musketiere. 1. 5 8 ——— reich demascirter Degen zum Beiſpiel, der ſeiner Form elnss geſcheiten Schneiders, der den alten Röcken durch 3 dert Wenden ein neues Anſehen verlieh, und deſſen Frau man in ſei im Verdacht hatte, ſie veranlaſſe Porthos, etwas von ſei⸗ verka nen ariſtokratiſchen Gewohnheiten herabzuſteigen, ſpielte Zeit Mousqueton im Gefolge ſeines Herrn eine ziemlich gute gewe Figur. Beſit Was Aramis betrifft, deſſen Charakter wir hinrei⸗ chend geſchildert zu haben glauben,— einen Charakter, hatte den wir überdies, wie den ſeiner Gefährten, in ſeiner ein Entwickelung verfolgen können, ſo hieß ſein Lackei Bazin. er a Da ſein Herr Hoffnung hatte, eines Tages in den geiſt⸗ und lichen Stand einzutreten, ſo war er immer ſchwarz ge⸗ ſagt kleidet, wie dies der Diener eines Geiſtlichen ſein ſoll. nur Er war ein Berrichon*), von ungefähr fünfunddreißig laſſe pis vierzig Jahren, ſanft, friedlich, fett, pflegte in den Por Mußeſtunden, die ihm ſein Herr ließ, fromme Bücher zu rich leſen, und ſpeiſte, ſtreng genommen, für zwei zu Mittag, lige wobei er ſich übrigens mit wenigen Schüſſeln begnügte, Ath dieſe aber mußten vortrefflich zubereitet ſein. Im Uebri⸗ mil gen war er ſtumm, blind, taub, aber von feuerfeſter Treue. dieſ Nun, da wir die Herren und die Diener wenigſtens vber⸗ ſein flchlich kennen, wollen wir zu den Wohnungen der Ein⸗ Go zelnen übergehen. der Athos wohnte in der Rue Ferou, zwei Schritte vom der Lurembourg; ſeine Wohnung beſtand aus zwei kleinen⸗ tru ſehr reinlich ausgeſtatteten Zimmern in einem meublirten Ta Hauſe, deſſen noch ſehr junge und in der That noch ſehr leg hübſche Wirthin vergeblich mit ihm liebäugelte. Einige Pe Ueberreſte großer ehemaliger Herrlichkeit glänzten da und vort an den Wänden dieſer beſcheidenen Wohnung; ein nach aus der Zeit Franz l. herrühren mochte, und deſſen mit koſtbaren Evelſteinen ineruſtirter Griff wohl zwei hun⸗ 23² Aus Berry. h n te te i⸗ S er n. ſt⸗ e⸗ ll. ig en zu 8, te, ri⸗ ue. er⸗ in⸗ om en, ten ehr ige und ein m ſſen n⸗ weiſel. 1¹⁵ ert Piſtolen werth war; dennoch hatte ſich Athos ſelbſt in ſeinen größten Verlegenheiten nie herbeigelaſſen, ihn zu verkaufen oder zu verpfänden. Dieſer Degen war lange Zeit ein Gegenſtand ſehnſüchtigen Trachtens ven Porthi geweſen. Porthos hätte zehn Jahre ſeines Lebens für pen Beſitz dieſes Degens gegeben. Als er eines Tags Rendezvvus mit einer Herzogin hatte, verſuchte er es, ihn von Athos zu entlehnen. Ohne ein Wort zu ſprechen, leerte Athos ſeine Taſchen, ſuchte er alle ſeine Juwelen zuſammen, Börſen, goldene Nadeln und Ketten, Alles bot er ihm an, aber von dem Degen ſagte er, er wäre an ſeine Stelle befeſtigt und ſollte dieſe nur verlaſſen, wenn ſein Herr ſelbſt ſeine Wohnung ver⸗ laſſen würde. Außer dieſem Degen beſaß er noch ein Porträt, einen vornehmen Mann aus der Zeit Hein⸗ rich III., in äußerſt eleganter Tracht und mit dem Hei⸗ ligen⸗Geiſt⸗Orden darſtellend, und dieſes Porträt glich Athos in Beziehung auf gewiſſe Linien, es lag eine Fa⸗ milienähnlichkeit darin, aus der ſich erkennen ließ, daß dieſer vornehme Mann, ein Rittes der Orden des Königs, ſein Vorfahre war. Eine Lade endlich, von prachtvoller Goldſchmiedsarbeit mit demſelben Wappen verziert, wie der Degen und das Porträt, bildete einen Kaminaufſatz, der gewaltig von der übrigen Ausſtattung abſtach. Athos trug den Schlüſſel dieſer Lade ſtets bei ſich, aber eines Tages öffnete er ſie vor Porthos, und dieſer hatte Ge⸗ legenheit, ſich zu überzeugen, daß die Lade nur Briefe und Papiere enthielt— Biebesbriefe und Familienpapiere ohne Porthos hatte eine geräumige Wohnung von äußerſt prunkvollem Ausſehen in der Rue du Vieur⸗Colombier⸗ So oft er mit einem von ſeinen Freunden an ſeinen Fen⸗ ſtern vorüber kam, an deren einem Mousqueton ſtets in großer Livree ſtand, hob Porthos den Kopf und die Hand in die Höhe und ſagte:„Hier iſt meine Wohnung.“ Aber nie fand man ihn zu Hauſe, nie lud er Jemand ein, mit ihm hinaufzuſteigen, und Niemand konnte ſich einen Begriff davon machen, welche wirkliche Reichthümer jeſe prunkvolle Außenſeite in ſich ſchließen dürfte. W Aramis hatte eine kleine Wohnung, beſtehend aus einein Ankleidezimmer, einem Speiſezimmer und einem Schlafzimmer; das letztere lag, wie die ganze Wohnung, i im Erdgeſchoß und ging auf einen friſchen, grünen, ſchat⸗ w tigen und für die Augen der Nachbarſchaft undurchdring⸗ lichen kleinen Garten. v₰. 3 Von d'Artagnan wiſſen wir, wie er wohnte und wir. haben bereits mit ſeinem Lackei, Meiſter Planchet, Bekannt⸗. ſchaft gemacht. Urtagnan war von Natur ſehr neugierig, wie alle Leute, die den Intriguengeiſt beſitzen, und gab ſich alle Miche, um zu erfahren, wer Athos, Porthos unt Aramis, genau genommen, wären; denn unter dieſen Kriegs⸗ 3 namen verbarg jeder von den jungen Leuten ſeinen wah⸗ ren adeligen Namen, Athos beſonders, in dem man auf eine Meile den hochgeborenen Mann erkannte. Er wandte ſich alſo an Porthos, um Auskunft über Athos und Aramis zu erhalten, und an Aramis, um Porthos kennen zu lernen. Leider wußte Porthos von dem Leben ſeines ſchweig⸗ ſamen Kameraden ſelbſt nicht mehr, als was zufällig und von ferne her davon bekannt geworden war. Man ſagte, er habe furchtbares Unglück in ſeinen Liebesangelegenhei⸗ ten gehabt, ein ſchändlicher Verrath habe das Leben dieſes trefflichen jungen Mannes auf immer vergiftet. Worin beſtand dieſer Verrath? Niemand wußte es. Was Porthos betrifft, ſo konnte man ſein Leben, abgeſehen von ſeinem wahren Namen, den, wie die ſeiner beiden Kameraden, nur Herr von Treville wußte, leicht kennen lernen. Durch ihn, den eiteln, indis⸗ creten, ſchaute man, wie durch einen Kryſtall. Die e 1 Nachſorſchung nach ſeinen Verhälthältniſſen, würde uut et dadurch irre geleitet worden ſein, wenn man glles Gute, was er von ſich ſelbſt ſagte, geglaubt hätte. Aramis ſah aus, als ob er kein Geheimniß beſä— während er von Myſterien vollgepfropft warz er wortete wenig auf die Fragen, die man über Andere an e ihn richtete, und wußte geſchickt denjenigen auszuweichen, welche ſeine Perſon betrafen. Als ihn d'Artagnan eines g⸗ 3 ¹8 Tags lange über Porthos ausgeforſcht und von ihm das Gerücht von dem Glücke des Musketiers bei einer Prin⸗ zeſſin erfahren hatte, wollte er auch wiſſen, wie es mit den Liebeshändeln desjenigen ſtünde, mit dem er ſich un⸗ alle 1 nerhielt. 2 3 Mnd Ihr, mein lieber Gefährte,“ ſagte er,„Ihr, er Ihr von Baroninnen, Gräfinnen, Prinzeſſinnen nis, Anderer ſprecht?“ 2 1„Um Vergebung,“ unterbrach ihn Aramis,„ich habe auf geſprochen, weil Porthos ſelbſt davon ſpricht, weil er alle Er dieſe ſchönen Dinge vor mir ausgeſchrieen hat. Aber i hos glaubt mir, mein lieber Herr dArtagnan, wenn ich es hos 3 aus einer andern Quelle wüßte, oder wenn er es mir anvertraut hätte, ſo gäbe es für ihn keinen verſchwiege⸗ eig⸗ neren Beichtvater, als ich bin.“ ii„Ich zweifle nicht daran,“ erwiederte dArtagnan, gte„aber es ſcheint mir, Ihr habt Euch ſelbſt mit den Wap⸗ hei⸗ pen ſehr vertraut gemacht, was ein gewiſſes Taſchentuch eſes beweiſt, dem ich die Ehre Euerer Bekanntſchaft zu dan⸗ ken habe.“ Aramis ärgerte ſich dießmal nicht, ſondern er nahm ſein beſcheidenſte Miene an und antwortete mit rührendem Lone Vergeßt nicht, mein Lieber, daß ich der Kirche angehdren will und alle weltliche Veranlaſſungen fliehe Das Taſchentuch, welches Ihr geſehen habt, iſt nicht mir anvertraut worden, ſondern einer von meinen Freunden vergaß es bei mir. Ich mußte es 3 ir nehmen, um ſie nicht zu compromiltipen, ihn 118 Dame, die er liebt. Ich, was mich betrifft, ich habe ent keine Geliebte und will keine haben, und folge hierin dem ſehr vernünſtigen Beiſpiel von Athos, welcher eben⸗ we falls keine hat.“ Gl Aber, den Teufel! Ihr ſeid nicht Abbé, ſo lange 3 Ihr die Musketier⸗Kaſafe tragt.“ „Musketier ad interim, mein Lieber, wie der Car⸗ rr dinal ſagt, Musketier wider meinen Willen, aber glaubt un mir, im Herzen Geiſtlicher. Athos und Porthos haben Te mich, um mich zu beſchäftigen, da hinein geſchoben;z im ab Augenblick, wo ich ordinirt werden ſollte, hatte ich eine ka kleine Streitigkeit mit... Aber das intereſſirt Euch nicht ke und ich raube Euch eine koſtbare Zeit.“„ ſie „Im Gegenthlil, vas intereſirt mich ſehr,“ rief dArtagnan,„und ich habe in dieſem Augenblicke durch⸗ de aus nichts zu thun.“ „Wohl, aber ich muß mein Brevier beten,“ ant⸗ wortete Aramis,„ſodann einige Verſe machen, welche h Madame d'Aiguillon von mir verlangt hat. Ferner ſi muß ich mich nach der Rue Saint⸗Honoré begeben, 6 um Schminke für Frau von Chevreuſe zu kaufen. Ihr a ſeht, mein lieber Freund, daß, wenn Ihr auch keine Eile 1 habt, ich doch ſehr bedrängt bin.“ Nach dieſen Worten reichte Aramis ſeinem jungen d Gefährten freundlich die Hand. DArtagnan war nicht im Stande, mehr über ſeine drei neuen Freunde zu erfahren, ſo ſehr er ſich auch Mühe gab. Er entſchloß ſich alſo, für die Ge genwart Alles zu glauben, was man von ihrer Ver⸗ gangenksit ſagte, mit der Hoffnung, in der Zukunft ſicherere und umfaſſendere Nachrichten zu erhalten. Einſtweilen betrachtete er Athos als einen Achilles, ſ als einen Ajar und Aramis als einen Jo eph uchrigens führten die vier jungen Leute ein luſti⸗ ges Leben. Athos ſpielte, aber ſtets unglücklich. Er 11¹9 be entlehnte indeſſen nie einen Sou von ſeinen Freunden, in obgleich ihnen ſeine Börſe ſtets zu Dienſten ſtand, und n wenn er auf Ehrenwort geſpielt hatte, ließ er ſeinen Gläubiger um ſechs Uhr am andern Morgen wecken, um ihm ſeine Schuld vom vorhergehenden Abend zu be⸗ ge zahlen. Porthos gab ſtarke Leidenſchaften kund: an Ta⸗ r⸗ gen, wo er gewann, war er übermüthig und freigebig, b und wenn er verlor, verſchwand er völlig auf mehrere ben Tage, wonach er mit bleicher Miene und langen Zügen, im aber mit Geld in den Taſchen wieder zum Vorſchein ine kam. Aramis ſpielte nie. Er war der ſchlimmſte Mus⸗ cht tetier und der abſcheulichſte Tiſchgeſellſchafter, den man ſich denken konnte. Er hatte ſtets etwas zu arbeiten. rief Mitten in einem Mahle, wenn Jeder in der Aufregung ch⸗ des Weines und der Wärme des Geſprächs glaubte, man hätte wenigſtens noch zwei bis drei Stunden bei Tiſche nt⸗ zu bleiben, ſchaute Aramis zuweilen auf ſeine Uhr, et⸗ c hob ſich mit einem anmuthigen Lächeln und beurlaubte ner ſich von der Geſellſchaft, um, wie er ſagte, zu einem , Caſuiſten zu gehen, mit dem er eine Zuſammenkunft ver⸗ Ihr bredet hätte. Ein ander Mal kehrte er nach ſeiner Woh⸗ File nung zurück, um eine Theſe zu ſchreiben, und bat ſeine Freunde, ihn nicht zu ſtören. Athos aber lächelte mit gen dem ſchwermüthigen Lächeln, das ſo gut zu ſeinem ſchö⸗ nen Grſichte ſtand, und Porthos trank und ſchwur, iber aus Aramis würde nie etwas Anderes als ein Dorf⸗ 1 ſich pfarrer werden. Ge⸗ Planchet, der Diener von vArtagnan, ertrug das er⸗ Glück auf eine vortreffliche Weiſe; er erhielt dreißig unft Sous täglich und kam einen Monat lang heiter, wie ten. ein Dompfaffe, und ſehr freundlich gegen ſeinen Herrn lles, zurück. Als ein entgegengeſetzter Wind auf das Haus⸗ Jo⸗ weſen der Rue des Foſſoheurs zu blaſen anfing, das heißt, als die vierzig Piſtolen vom König Ludwig iſti⸗ Xl. verzehrt oder wenigſtens beinahe verzehrt wa⸗ Er ren, ſthnmte er Klagen an, wolcht Athos ekelhaft, 120 Porthos unſchicklich und Aramis lächerlich fand. Athos wur rieth d'Artagnan, den Burſchen zu entlaſſen, Porthos nich wollte, daß man ihn zuvor abprügle und Aramis be⸗ hauptete, ein Herr dürfe nur die Komplimente anhoͤren, ſcha die man ihm ſage. hatt „Das könnt Ihr leicht behaupten,“ erwiederte d'Ar⸗ eine tagnan, Ihr Athos, der Ihr ſtumm mit Grimaud lebt, heit ihm zu ſprechen verbietet und folglich nie ſchlimme Worte mit ihm wechſelt; Ihr, Porthos, der Ihr einen pracht⸗ geg vollen Haushalt führt, und für Euren Diener Mousque⸗ Tre ton ein Gott ſeid, und Ihr endlich, Aramis, der Ihr, den ſtets mit Eueren theologiſchen Studien beſchäftigt, Euerem er Diener Bazin, einem frommen, religiöſen Menſchen, die den tiefſte Ehrfurcht einflößt: aber ich, der ich ohne Mittel ſtet und ohne einen beſtimmten Stand bin, ich, der ich nicht We Musketier und nicht einmal Garde bin, was ſoll ich SHo thun, um Planchet Zuneigung, Schrecken oder Achtung gu einzuflößen?“ erſ „Die Sache iſt ſchwierig,“ antworteten die drei fiür Freunde;„s iſt eine häusliche Angelegenheit; es iſt mit den Bevienten, wie mit den Frauen, man muß ſie ſogleich un auf den Fuß ſetzen, auf dem ſie bleiben ſollen.“ ve DArtagnan überlegte und beſchloß, Planchet provi⸗ tä ſoriſch braun und blau zu prügeln, was mit der Gewiſſen⸗ G haftigkeit ausgeführt wurde, welche d'Artagnan in allen ſic gen beobachtete; nachdem er ihn gehörig abgewammſt te, verbot er ihm, ſeinen Dienſt ohne ſeine Erlaubniß zu verlaſſen.„Denn,“ fügte er bei,„denn die Zukunft kann mir nicht entgehen, ich erwarte mit Beſtimmtheit beſſere Zeiten, Dein Glack iſt alſo gemacht, wenn Du bei mir bleibſt, und ich bin ein zu guter Herr, um Deinem Glücke durch Genehmigung des Abſchieds, den Du von mir verlangſt, im Wege zu ſtehen.“ Dieſe Handlungsweiſe fläßte den Musketieren große Achtung vor der Politik d'Artagnans ein. Planchet 124 3 hos wurde ebenfalls von Bewunderung ergriffen und ſprach hos nicht mehr vom Gehen. be⸗ Das Leben der vier jungen Leute war ein gemein⸗ ren, ſchaftliches geworden; dArtagnan, der keine Gewohnheit hatte, da er von ſeiner Provinz ankam, und mitten in Ar⸗ eine ihm ganz neue Welt fiel, nahm alsbald die Gewohn⸗ eb heiten ſeiner Freunde an.. orte Man ſtand gegen acht Uhr Morgens im Winter und cht⸗ gegen ſechs Uhr im Sommer auf, holte bei Herrn von ue Treille das Loſungswort und erkundigte ſich zugleich nach hr, dem Stande der Angelegenheiten. DArtagnan, obgleich rem er kein Musketier war, that den Dienſt mit einer rühren⸗ die den Pünktlichkeit; er war ſtets auf der Wache, weil er ittel ſtets demjenigen von ſeinen drei Freunden, welcher ſeine icht Woache bezog, Geſellſchaft leiſtete. Man kannte ihn im ich Hotel der Musketiere, und Jeder behandelte ihn als einen ung guten Kameraden. Herr von Treville, der ihn mit dem erſten Blick gewürdigt hatte und eine wahre Zuneigung drei für ihn faßte, empfahl ihn beſtändig dem Koͤnig. mit Die drei Musketiere liebten den jungen Kameraden leich ungemein. Die Freundſchaft, welche dieſe vier Menſchen verband, und ihr Bedürfniß, ſich drei⸗ bis viermal ovi⸗ täglich zu ſehen, ſei es wegen eines Duells, ſei es in ſſen⸗ Geſchäften oder wegen einer Luſtparthie, machten, daß ſie llen ſich unabläßig nachliefen, wie Schattenund man begeg⸗ nete den Unzertrennlichen immer, wie ſie ſich vom Lure bourg nach der Place Saint⸗Sulpice oder von der Rue unft du Vieur⸗Colombier nach dem Lurembvurg ſuchten. theit Mittlerweile gingen die Verſprechungen des Herrn bei von Treville ihren Gang. An einkm ſchönen Morgen be⸗ fahl der König dem Herrn Chevalier des Eſſarts, dAr⸗ tagnan als Cadet in ſeine Gatdencompagnie aufzunehmen. Elufzend zog d'Artagnan dieſes Gewand an, das er um den Preis von zwei Jahren ſeines Lebens gegen die Mus⸗ ketierkaſake vertauſcht hätte. Aber Herr von Treville ver⸗ prach dieſe Gunſt nach einem Noviziat von zwei Jahren, das ſich indeſſen abkürzen ließ, wenn ſich für d'Artagnan eine Gelegenheit darbot, dem König einen Dienſt zu lei⸗ HBerr ſten oder eine glänzende Waffenthat auszuführen. D'Ar⸗ bewil tagnan beruhigte ſich bei dieſem Verſprechen und trat Mus ſchon den andern Tag ſeinen Dienſt an. ware Nun war es an Athos, Porthos und Aramis, mit Als d'Artagnan die Wache zu beziehen. Die Compagnie des man Herrn Chevalier des Eſſarts bekam alſo vier Mann, ſtatt zuſar eines einzigen, an den Tagen, wo d'Artagnan Dienſt hatte. er a und Nun Aus umh Ritt konn ter ſäen, ſeine viI. ehe Antl Eine Hof-Intrigue.— der ein mat den. Die vierzig Piſtolen von König Ludwig XIII. nah⸗ men, wie alle Dinge dieſer Welt, nachdem ſie einen An⸗ fang gehabt hatten, auch ein Ende, und ſeit dieſem Ende waren unſere vier Gefährten in eine Klemme gerathen⸗ Einige Zeit hatte Athos die Verbindung mit ſeinen eige⸗ nen Pfennigen unterſtützt. Ihm folgte Porthos und es war dieſem in Folge einer von ſeinen gewoͤhnlichen Ver⸗ ſchwendungen gelungen, beinahe vierzehn Tage lang Ji Bedürfniſſe von Jedermann zu beſtreiten; endlich kam di Reihe an Aramis, der ſich auf das Zuvorkommendſte aus pfänden und, wie er ſagte, durch den Verkauf ſeiner thev⸗ logiſchen Bücher einige Piſtolen zu verſchaffen wußte. 123 nan Man nahm nun, wie gewoͤhnlich, ſeine Zuflucht zu lei⸗ Herrn von Treville, der einige Vorſchüſſe auf den Sold Ar⸗ bewilligte. Aber dieſe konnten nicht lange für drei trat Musketiere, welche mit vielen Rechnungen im Rückſtande aren, und für einen Garde, der keine hatte, ausreichen. mit Als man endlich ſah, daß Alles zu Ende ging, raffte des man mit einer letzten Anſtrengung acht bis zehn Piſtolen ſtatt zuſammen, mit denen Porthos ſpielte. Zum Unglück hatte tte. er an dieſem Tage eine ſchlechte Ader und verlor Alles und darüber noch fünfundzwanzig Piſtolen auf Ehrenwort. Nun wurde die Verlegenheit ſehr bedenklich, man ſah die Ausgehungerten auf den Quais und in den Wachtſtuben umherlaufen, wo ſie bei ihren auswärtigen Freunden alle Mittagsbrode einſammelten, deren ſie habhaft werden konnten; nach der Meinung von Aramis mußte man un⸗ ter glücklichen Umſtänden Mahle rechts und links aus⸗ ſäen, um im Unglücke einige erndten zu können. 5 Athos wurde viermal eingeladen und nahm jedesmal ſeine Freunde mit ihren Lackeien mit ſich. Porthos fand ſechs Gelegenheiten und ließ ebenſo ſeine Kameraden daran Antheil nehmen; Aramis hatte acht; es war dieß ein Wenſch, der, wie man bereits wahrnehmen konnte, wenig Lärmen und viel Geſchäfte machte. D'Artagnan aber, der noch Niemand in der Hauptſtadt kannte, fand nur ah⸗ ein Chokoladefrühſtück bei einem Prieſter aus ſeiner Hei⸗ An⸗ math und ein Mittagsbrod bei einem Cornett der Gar⸗ nde den. Er führte ſein Heer zu dem Prieſter, dem man ſei⸗ hen. nen Mundvorrath für zwei Monate verzehrte, und zu dem ige⸗ ornett, welcher Wunder that, aber man ſpeiſt ſtets nur es inmal, ſelbſt wenn man viel ſpeiſt, wie Planchet ſagte. Ber⸗ DArtagnan fühlte ſich daher ſehr betrübt darüber, ie daß er nur anderthalb Mahle, denn das Frühſtück bei die dem Prieſter konnte nur für ein halbes Mahl zählen, ſei⸗ us⸗ nen Gefährten als Wiedervergeltung für die Schmänſe hev anbieten konnte, welche Athos, Porthos und Aramis ver⸗ chafft hatten. Er glaubte ſich der Geſellſchaft verpflich⸗ & 124 tet; er vergaß in ſeiner jugenvlichen Gutmüthigkeit, daß er dieſe Geſellſchaft einen Monat lang gänzlich ernährt zugel hatte, und ſein geſchäftiger Geiſt fing an zu arbeiten. Er ihm bedachte, daß dieſe Verbindung von vier jungen, muthigen, wünſ unternehmenden, thätigen Männern einen andern Zweck haben müßte, als müßige Spaziergänge, Fechtſtunden und Beſu mehr oder minder geiſtreiche Späſſe. In der That, vier Menſchen wie ſie, von der Borſe bis zum Leben einander die z ergebene Menſchen, die ſich beſtändig unterſtützten, vor läuſit nichts zurückwichen, die gemeinſchaftlich gefaßten Be⸗ dArt ſchlüſſe einzeln vder mit einander ausführten, vier Arme, bereit welche allen vier Winden Trotz boten oder ſich nach einem einzigen Punkte wandten, mußten unvermeidlich, ſei es brave unterirdiſch, ſei es am lichten Tage, ſei es untergrabend vund oder durchſtechend, ſei es mit Liſt oder mit Gewalt, mich ſich einen Weg nach dem Ziele öffnen, das ſie erreichen wollten, mochte es noch ſo gut beſchützt, noch ſo weit der i entfernt ſein. Das Einzige, worüber dArtagnan er⸗ geren ſtaunte, war, daß ſeine Gefährten noch nicht hieran ge⸗ dacht hatten. bei de Er dachte daran, und zwar ſehr ernſtlich; er zer⸗ Verſt brach ſich den Kopf, um eine Richtung für dieſe einzige, ungef aber vierfach vermehrte Kraft zu finden, mit der man, ſiem Porte vie er nicht zweifelte, wie mit dem Hebel, den Archimed chte, die Welt müßte aus ihren Fugen heben können, man leiſe an ſeine Thür klopfte. D'Artagnan weckte lanchet auf und befahl ihm, zu öffnen. Aus den Worten, dArtagnan weckte Planchet auf, Mein darf der Leſer nicht ſchließen, es ſei Nacht geweſen oder noch nicht Tag geworden. Nein, es hatte ſo eben vi Uhr Nachmittags geſchlagen. Planchet hatte zw Stunden vorher von ſeinem Herrn Mittagsbrod verlan und war mit dem Sprüchwort abgefertigt worden:„ ſchläft, ſpeiſt“ Und Plonchet ſpeiſte ſchlafend. Ein Mann von ziemlich einfacher Miene und bürger lichem Ausſehen wurde eingeführt. zugehört, aber der Bürger erklärte dArtagnan, er h ihm im Vertrauen etwas Wichtiges mitzutheilen und die zwei Männer ſich anſahen, gleichſam um eine vor⸗ braven jungen Manne reden hoͤren,“ ſagte der Bürger, ger machte eine neue Pauſe und fuhr dann fort: 8 bei der Königin iſt, mein Herr, und der es weder an Verſtand noch an Schönheit gebricht. Man hat mich vor ungefähr drei Jahren veranlaßt, ſie zu heirathen, obgleich ſie ganz beſonders begünſtigt.“ 125 Planchet hätte gerne zum Nachtiſch der Unterredung wünſche mit ihm unter vier Augen zu ſein. DArtagnan ließ Planchet abtreten und hieß ſe Beſuch ſitzen. Es herrſchte ein kurzes Stillſchweigen, während deſſen läufige Bekanntſchaft mit einander zu machen, wonach dArtagnan ſich verbeugte, zum Zeichen, daß er zu hören bereit ſei. „Ich habe von Herrn d'Artagnan als von einem ſehr vund dieſer Ruf, in dem er gerechter Weiſe ſteht, hat mich beſtimmt, ihm ein Geheimniß anzuvertrauen.“ „Sprecht, mein Herr, ſprecht,“ ſagte d'Artagnan, der inſtinktmäßig etwas Vortheilhaftes roch. Der Bür⸗ „Ich habe eine Frau, welche Weißzeugverwalterin ſie nur ein kleines Vermögen beſitzt, weil Herr de la Porte, der Mantelträger der Königin, ihr Pathe iſt und „Nun, mein Herr?“ fragte d'Artagnan. „Nun!“ verſetzte der Bürger,„nun, mein ₰H Meine Frau iſt geſtern Morgen, als ſie aus ihrem Ar⸗ beitszimmer ging, entführt worden.“* Und von wem iſt Euere Frau entführt worden?“ „Ich weiß es nicht gewiß, mein Herr, aber ich habe emand im Verdacht.“ zund wer iſt die Perſon, die Ihr im Verdachte „Ein Mann, der ſie ſeit geraumer Zeit verfolgte.“ „Teufel!“ * 126 „Aber, mein Herr, ich muß Euch ſagen,“ fuhr der Bürger fort,„daß in Allem dem weniger Liebe, als Po⸗ litik zu ſuchen iſt.“ „Weniger Liebe als Politik?“ erwiederte d'Artagnan mit ſehr nachdenklicher Miene,„und wen habt Ihr im Verdacht?“ „Ich weiß nicht, ob ich Euch meinen Verdacht offen⸗ baren ſoll.. „Mein Herr, ich muß Euch bemerken, daß ich durch⸗ aus nichts von Euch verlange. Ihr ſeid zu mir gekom⸗ men, Ihr ſagtet mir, Ihr habet mir ein Geheimniß an⸗ zuvertrauen. Thut, wie es Euch beliebt, Ihr habt noch Zeit, Euch zurückzuziehen.“ „Nein, nein, Herr, nein, Ihr habt das Ausſehen eines ehrlichen jungen Mannes und ich vertraue Euch. Ich glaube alſo nicht, daß meine Frau wegen ihrer Liebſchaften, ſondern wegen der einer viel vornehmeren Dame verhaftet worden iſt.“ Ah, ah! etwa wegen der Liebſchaften von Frau von Brois⸗Trach?“ rief d'Artagnan, der dem Bürger gegen⸗ über das Anſehen haben wollte, als wäre er ganz auf dem Laufenden mit den Angelegenheiten des Hofes. „Höher, mein Herr, höher!“ „Von Madame d'Aiguillon?“ MNoch hoher!“ „Von Frau von Chevreuſe?“ „Noch hoher, viel höher!“ „Von der„ dArtagnan hielt inne. „Und mit wem?“ „Mit wem? wenn nicht mit dem Herzog von „Dem Herzog von„— Ja, mein Herr,“ antwortete der Bürger und 9 ſeiner Stimme einen beinahe unmerklichen Ton. „Aber woher wißt Ihr das Alles?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der erſchrockene Bürger ſo leiſe, daß man ihn kaum hören konnte. went Stre wo 329 rder enn Euer Mann der meinige iſt, ſo werde ich mit einem Po⸗ Streiche doppelte Rache nehmen, das iſt das Ganzez aber wo dieſen Menſchen finden? gnan„Ich weiß es nicht.“ rim„Habt Ihr nicht die geringſte Kunde Wohnung?⸗ offen⸗„Keine; als ich eines Tages meine Frau na em Louvre zurückführte, kam er gerade heraus, während ſie urch⸗ einzutreten im Begriffe war, und dabei hat ſie mir ihn ekom⸗ gezeigt.“ ß an⸗„Teufel, Teufel!“ murmelte dArtagnan,„das iſt noch Alles ſo unbeſtimmt. Von wem habt Ihr die Entfüh⸗ rung Eurer Frau erfahren?“ ſehen„Von Herrn de la Porte.“ 3 Ich„Hat er Euch einzelne Umſtände angegeben?“ aften,„Er wußte nicht weiter.“ haftei„Und Ihr habt von keiner anderen Seite etwas er⸗ fahren?“ u von„Allerdings; ich habe gehört. egen„Was?“ f dem„Aber ich weiß nicht, ob ich nicht eine große Un⸗ kugheit begehe.“ „Ihr kommt noch einmal auf dieſen Punkt. Nun muß ich Euch aber bemerken, daß es dießmal ein wenig zu ſpät iſt, um zurückzuweichen.“ „Ich weiche auch nicht zurück,“ rief der Bürger u ter verſchiedenen Flüchen, mit denen er ſich wohl Mut wollte.„Ueberdies, ſo wahr ich Bonati . 5 „Ihr heißt Bonacieur?“ unterhrach ihn vAr⸗ tagnan. 3 Ja, das iſt mein Name.“ Ihr ſagtet, ſo wahr ich Bonacieur heißel Entſchul⸗ digt, daß ich Cuch unterbrochen habe, aber es kam mir vor, als wäre mir dieſer Name nicht unbekannt.“ Die drei Musketiere. I. 130 „Das iſt möglich, mein Herr, ich bin Euer Haus⸗ eigenthümer.“ „Ah! ah!“ rief d»Artagnan halb aufſtehend und rüßend,„Ihr ſeid mein Hauseigenthümer?“ k„Ja, mein Herr, ja, und da Ihr ſeit den drei Monaten, die Ihr bei mir wohnt, wahrſcheinlich durch, Eure Geſchäfte zerſtreut, meinen Miethzins zu bezahlen vergeſſen habt, ich Euch aber nicht ein einziges Mal lich preßte, ſo dachte ich, Ihr würdet auf meine Zartheit keti Rückſicht nehmen.“ Gat „Allerdings, mein lieber Herr Bonacieur,“ er⸗ ü wiederte d'Artagnan,„glaubt mir, daß ich von Dank keit für ein ſolches Benehmen erfüllt bin, und daß ich, wie eine geſagt, wenn ich Euch in irgend einer Beziehung nützlich ſein kann.. „Ich glaube Euch, mein Herr, ich glaube Euch, und Mo hege, ſo wahr ich Bonacieur heiße, Vertrauen zu Euch.“ nur geh Eu „Vollendet alſo, was Ihr mir mitzutheilen ange⸗ fangen habt.“ nan Der Bürger zog ein Papier aus ſeiner Taſche und überreichte es dArtagnan. trrze „Ein Brief!“ ſprach der junge Mann. 1 künf „Den ich dieſen Morgen erhalten habe.“ DArtagnan öffnete, und da der Tag ſich zu neigen anfing, ſo trat er näher an das Fenſter. Der Bürger ſollte folgte ihm. ſchei „„Suchet Eure Frau nicht,“ las dArtagnanz anzu ſie wird Euch zurückgegeben werden, wenn man ihrer nicht mehr bedarf. Macht Ihr einen Schritt, um ſie aufzufinden, ſo ſeid Ihr verloren.““ „Das iſt ſehr beſtimmt,“ fuhr d'Artagnan fort „Im Ganzen aber iſt es nur eine Drohung.“ „Ja, aber dieſe Drohung erſchreckt mich, mein Herr; ich bin durchaus kein Mann vom Degen und fürchte mich vor der Baſtille.“ „Herr,“ ſprach d'Artagnan,„ich ſehne mich ebet Bon aus⸗ und drei urch hlen Mal theit er⸗ ank wie blich und ſch.“ nge⸗ und igen rger anz hrer ſie fort. habe err mich eben 13¹ ſo wenig nach der Baſtille, als Ihr. Wenn es ſich ₰ um einen Degenſtoß handelte, vas möchte noch gehen.“ „Ich habe jedoch bei dieſer Veranlaſſung ſehr auf Euch gezählt, mein Herr.“ „Ja!“ „Als ich Euch beſtändig von Musketieren von herr⸗ lichem Anſehen umgeben ſah und erfannte, daß es Mus⸗ ketiere von Herrn von Treville und folglich Feinde des Cardinals waren, ſo dachte ich, Ihr und Eure Freunde würdet entzückt ſein, unſerer armen Königin Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen und zugleich Seiner Eminenz einen ſchlimmen Streich zu ſpielen.“ „Allerdings!“ „Und dann dachte ich auch, inſofern Ihr mir drei Monate Miethzins ſchuldig wäret, an die ich Euch nie gemahnt habe„ „Ja, ja, Ihr habt mir dieſen Grund bereits ge⸗ nannt, und ich finde ihn vortrefflich.“ „Beabſichtigend ferner, ſo lange Ihr mir die Ehre erzeigen werdet, bei mir zu bleiben, um von Eurem zu⸗ künftigen Miethzins zu ſprechen „Schon gut.“ „Und fügt dem bei, ſolltet Ihr Euch in dieſe daß ich Euch im Falle der Noth, m Augenblick, wider alle Wahr⸗ ſcheinlichkeit, in einer Klemme be anzubieten gedenke „Vortrefflich; Bonaeieur?“ „Ich bin wohlhabend, das iſt ten Seefahreks Jean Mocquet anl 6 begreifen könnt, mein Herr. der Bürger⸗ Ihr ſeid alſo reich, mein lieber Herr 3 mir ſo ein zwei bis dreitauſend Thaler Renten in meinem Kramladen und beſonders ich einige Kapitalien bei der letzt finden, fünfzig Piſtolen das rechte Wort. Ich dadurch erworben, daß en Reiſe bes berühm⸗ egte, ſo daß ihr wohl Ah! doch— rief 132 Was? fragte dArtagnan. „Was ſehe ich?“ es „Wo?“ „Auf der Straße, Eurem Fenſter gegenüber, in tag r Vertiefung jener Thüre, ein Mann in einen Mantel ten, gehüllt.“ dem „Er iſt es!“ riefen zu gleicher Zeit d'Artagnan ſetzt und der Bürger, denn beide hatten ihren Mann er⸗ kannt. war „Ah! diesmal,“ ſchrie d'Artagnan, nach ſeinem De⸗ tend gen laufend,„diesmal ſoll er mir nicht entgehen.“ und Und vom Leder ziehend ſtürzte er aus dem Zimmer. Hau Auf der Treppe begegnete er Athos und Parthos, zu: die ihn beſuchen wollten. Sie gaben Raum, d'Artagnan ſchoß wie ein Pfeil zwiſchen ihnen durch. „He da! wohin läufſt Du denn?“ riefen zugleich die zwei Musketiere. „Der Mann von Meung,“ erwiederte d'Artagnan und verſchwand. D'Artagnan hatte ſeinen Freunden mehr als ein⸗ mal ſein Abenteuer mit dem Unbekannten, ſo wie die 7 Erſcheinung der ſchönen Reiſenden mitgetheilt, der dieſer † Menſch eine, wie es ſchien, ſo wichtige Sendung anver⸗ traute. 8 Es war die Meinung von Athos geweſen, d'Artag⸗ zurü nan habe ſeinen Brief bei dem Streite verloren. Ein Er Evelmann wäre ſeiner Anſicht nach— und nach dem durc Portrait, das d'Artagnan von dem Unbekannten entworfen ihm hatte, konnte es nur ein Edelmann ſein— ein Edelmann Stra wäre der Gemeinheit zu ſtehlen unfähig geweſen. Porthos hatte in Allem dieſem nur ein. verliebtes Rendezvous geſehen, das ein Cavalier einer Dame, ode eine DBame einem Cavalier gab, und durch die Anwe⸗ ſenheit von dArtagnan und ſeinem gelben Roſſe geſtort tönen wurde. 133 es beſſer, gar nicht nach Ergründung zu trachten. Sie konnten alſo aus den paar Worten von d'Ar in tagnan ſchließen, wovon die Rede war, und da ſie dach ntel ten, wenn d'Artagnan ſeinen Mann getroffen oder aus dem Geſichte verloren hätte, würde er zurückkommen, ſo nan ſetzten ſie ihren Weg fort. er⸗ Als ſie in das Zimmer von d'Artagnan eintraten, war es leer. Die Folgen des Zuſammentreffens befürch⸗ De⸗ tend, welches ohne Zweifel zwiſchen dem jungen Manne und dem Unbekannten ſtattfinden würde, hatte es der ner. Hauseigenthümer für klug erachtet, ſich aus dem Staube s, u machen. nan eich an M 3 VArtaguan zeigt ſich in einem eigenthüm- eſer lichen Lichte. ver⸗. 3 Nach Verlauf einer halben Stunde kehrte d'Artagnan tag⸗ zurück, wie dieß Athos und Porthos vorhergeſehen hatten. Ein Er hatte auch diesmal ſeinen Mann verfehlt, welcher wie dem durch ein Zauberwerk verſchwunden war. D'Artagnan war rfen ihm mit dem Degen in der Fauſt durch alle benachbarte ann Straßen nachgelaufen, ohne etwas zu finden, was dem Geſuchten glich. Dann kam er auf das zurück, wobei er ielleicht hätte anfangen ſollen, und klopfte an die Thüre, an die ſich der Unbekannte gelehnt hatte; aber vergeblich önen. Niemand antwortete, und Nachha dem Geräuſche angezogen, auf ihre Thür oder die Naſe burch vas Fenſter ſteckten, Aramis ſagte, bei ſo geheimnißvollen Dingen wöre 3 ließ er zehn bis zwölfmal hinter einander den Klopfer er⸗ ch mehr gewinnen können.“ 134 Verſicherung, dieſes Haus, deſſen Kreuzſtöcke auch ſämmtlich verſchloſſen waren, ſei ſeit ſechs Monaten völlig unbewohnt. S Während d'Artagnan in den Straßen umherlief und an die Thüren klopfte, hatte ſich Aramis bei ſeinen zwei Gefährten eingefunden, ſo daß d'Artagnan, in ſein Zim⸗ mer zurückkehrend, die Verſammlung vollzählig fand. „Nun?“ ſagten die drei Musketiere zugleich, als ſie ſeid d»Artagnan, Schweiß auf der Stirne und das Geſicht uns vom Zorn ganz verſtört, eintreten ſahen. „Nun!“ rief dieſer und warf ſeinen Degen auf das Are Bett,„der Menſch muß der Teufel in Perſon ſeinz er iſt verſchwunden, wie ein Phantom, wie ein Schatten, wie 1 einf ein Geſpenſt.“ „Glaubt Ihr an Erſcheinungen?“ fragte Athos ſei⸗ dA nen Kameraden Porthos. wrie ch? ich glaube nur das, was ich geſehen habe, und da ich nie Erſcheinungen geſehen habe, ſo glaube ich Sa nicht daran.“ „Die Bibel,“ ſagte Aramis,„macht es uns zum Ge⸗ ber ſetz, daran zu glauben: der Schatten Samuels erſchien 1 Erö dem Saul, und es iſt dies ein Glaubensartikel, den ich beſſ nicht gern in Zweifel ziehen ſehen würde.“ hait „In jedem Fall iſt dieſer Mann, Menſch oder Teu⸗ fel, Körper oder Schatten, Täuſchung oder Wirklichkeit, ſich zu meiner Verdammniß geboren; denn durch ſeine Flucht will entgeht uns ein herrliches Geſchäft, meine Freunde, ein Geſchäft, wobei man hätte hundert Piſtolen und vielleicht „Wie das?“ fragten Porthos und Aramis. Athos aber begnügte ſich, ſeinem Stummheitsſyſteme getreu, d'Artagnan nur mit einem Blicke zu befragen. „Planchet,“ ſagte d'Artagnan zu ſeinem Bedienten, der in dieſem Augenblick durch die ein wenig geöffnete Thür ſeinen Kopf ſteckte, um wo möglich einige Brocken von dem Geſpräche zu erhaſchen,„geh' hinab zu meinem lich hut. und wei im⸗ ſie ſicht das iſt wie ſei⸗ abe, ich Ge⸗ hien ich Teu⸗ keit, ucht ein eicht teme . ten, fnete ocken nem 135 Hauseigenthümer Bonacieur und ſage ihm, er möge uns ein halb Dutzend Flaſchen Beaugeney⸗Wein ſchicken. Ich ziehe dieſen vor.“ „Ah, Du ſcheinſt offenen Credit bei Deinem Haus⸗ eigenthümer zu haben 2“ fragte Porthos. 3 „Ja,“ antwortete d Artagnan,„von heute an, und ſeid nur ruhig, wenn ſein Wein ſchlecht iſt, ſo muß er uns andern holen.“ „Man muß gebrauchen und nicht mißbrauchen,“ ſagte Atamts ſpruchreich. „Ich habe immer behauptet, d'Artagnan wäre der einſichtsvollſte Kopf unter uns vieren,“ bemerkte Athos, der, nachdem er dieſe Meinung ausgeſprochen, auf welche dArtagnan mit einer Verbeugung antwortete, alsbald wieder in ſein gewöhnliches Stillſchweigen verſiel. „Aber nun laßt einmal hören, wie verhält ſich die Sache?“ fragte Porthos. „Ja,“ ſprach Aramis,„theilt es uns mit, mein lie⸗ ber Freund, wenn nicht die Ehre einer Dame bei dieſer Eröffnung betheiligt iſt; in dieſem Falle würdet. Ihr beſſer daran thun, das Geheimniß für Euch zu be⸗ halten.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte d'Artagnan,„es wird ſich Niemands Ehre bei dem, was ich Euch mittheilen will, zu beklagen haben.“ Und hienach erzählte er ſeinen Freunden Wort für Wort, was ſich zwiſchen ihm und ſeinem Hauswirthe be⸗ geben hatte, und wie der Mann, der die Frau des würdigen Hauseigenthümers entführt, derſelbe war, mit 2 er an der Herberge zum Freimüller Streit gehabt atte. Eure Angelegenheit iſt nicht ſchlimm,“ ſagte Athos, nachdem er den Wein als Kenner gekoſtet und mit einem Zeichen angedeutet hatte, daß er ihn gut finde,„und man könnte wohl aus dieſem braven Mann fünfzig bis ſechzi 136* Piſtolen herausziehen. Nun entſteht nur noch die Frage, um ob fünfzig bis ſechszig Piſtolen ſo viel werth ſind, daß, doar man vier Köpfe dafür auf das Spiel ſetzt.“ „Aber bemerkt wohl,“ rief d'Artagnan,„daß eine„w Frau bei dieſer Angelegenheit betheiligt iſt, eine entführte bef Frau, eine Frau, die man ohne Zweifel bedroht, die man zu wahrſcheinlich martert, und zwar Alles dies, weil ſie ihrer wü Gebieterin treu iſt.“ 2 und „Bemerkt wohl, dArtagnan,“ ſprach Aramis,„Ihr erhitzt Euch meiner Anſicht nach ein wenig zu ſeht über re das Schickſal von Madame Bonaeieur. Das Weib iſt ſteh für unſer Verderben geboren und von ihm rührt alles unſer Unglück her.“ ſpre Bei dieſer Sentenz von Aramis runzelte Athos die Vor Stirne und biß ſich in die Lippen. ch bin nicht wegen Madame Bonacieux unruhig,“ rief dArtagnan,„ſondern wegen der Königin, die der König verläßt, die der Cardinal verfolgt, und welche vie ſ. ihrer Freunde einen nach dem andern fallen erin eht.“ „Warum liebt ſie das, was wir am meiſten auf †„daf der Welt verabſcheuen: die Spanier und die Engländer?“ ſich „Ei! meiner Treue!“ ſprach Athos,„ich muß ge⸗ auf ſtehen, dieſer Engländer iſt im höchſten Maße würdig, bezie geliebt zu werden. Ich habe nie eine ſo erhabene Miene erſchaut, wie die ſeinige.“ Por Abgeſehen davon, daß er ſich kleidet, wie kein ande⸗ rer Menſch,“ ſprach Porthos,„ich war im Louvre an dem„ſein Tage, wo er ſeine Perlen ausſtreute, und ich habe zwei aufgerafft, die ich für zehn Piſtolen das Stück verkaufte Und Du, Aramis, kennſt Du ihn?“ „So gut, als Ihr, meine Herren, denn ich befant mich unter denjenigen, die ihn im Garten von Amiens angehalten haben, wo mich der Stallmeiſter der Kö⸗ nigin, Herr von Putange, eingeführt hatte. Ich war ge damals für den König grauſam S „Was mich nicht abhalten würde,“ ſagte d'Artagnan „wenn ich wüßte, wo ſich der Herzog von kri S nehmen und zu der Königin geſchehen, um den Cardinal wüthend zu machen; denn unſer wahrer, 137 um dieſe Zeit im Seminar und die befindet, ihn bei der Hand zu zu führen, und ſollte es nur un wir Mittel und Wege finden ſprach Athos, Vorſpiegelung kommen laſſen?“ „Sie befürchtet es.“ „Wartet, Aramis.“ „Was?“ fragte Porthos. „Immer zu! erinnern.“ „Und nun bin ich überzeugt,“ „daß die Verhaftnahme dieſer Kamm ſich auf vie Ereigniſſe, bezieht.“ „Der Gascogner iſt voll kluger Porthos mit Bewunderung. „Ich höre ihn ſehr gerne ſprechen „ſein Patvis ergötzt mich.“ rief Aramis,„höret mich an.“ „Meine Herren„ „Hoͤren wir vor.“ wiger Feind, meine Herren, iſt der Cardinal, und könnten, ihm einen auſamen Streich zu ſpielen, ſo würde ich, ich ge⸗ gerne meinen Kopf einſetzen.“ „Und der Krämer hat Euch geſagt, d'Artagnan,“ „man habe den Buckingham durch eine Ich ſuche mich gewiſſer Umſtände zu von denen wir reden, und pielleicht auf die Geg nwart des Herrn von Buckingham in Paris 4 Geſchichte kam mir unſer einziger * ſprach d'Artagnan, erfrau der Königin Gedanken,“ ſagte „ verſetzte Athos, Aramis,“ ſprachen die drei Freunde. 3 der Theologie, den ich Rath frage.“ Geſtern befand ich mich Athos lächelte. bei meinen Studien zuweilen um „Er wohnt in einem öden Quartiere,“ fort;„es entſpricht aber ſeinem Geſchmacke bei einem gelehrten Doctor fuhr Aramis „ſeiner Be⸗ ſchäftigung. In dem Augenblick nun, wo ich aus ſeinem Hauſe trat. Aramis hielt inne. „Nun!“ fragten ſeine Zuhörer,„in dem Augenblick, wo Ihr aus ſeinem Hauſe tratet.“ Aramis ſchien gegen ſich ſelbſt zu arbeiten, wie ein Menſch, der mitten im Zuge des Lügens ſich durch ein unvorhergeſehenes Hinderniß gehemmt ſieht; aber die Au⸗ gen ſeiner drei Gefährten waren auf ihn geheftet Ohren erwarteten geſpannt die Fortſetzung, es g Mittel zurückzuweichen. 2 „Dieſer Doctor hat eine Nichte,“ fuhr Aramis fort. „Ah! er hat eine Nichte,“ unterbrach ihn Porthos. „Eine ſehr achtungswerthe Dame,“ ſagte Aramis. Die drei Freunde brachen in ein Gelächter aus. Aramis,„ſo erfahrt Ihr nichts mehr.“ „Wir ſind gläubig wie Mahomedaner und ſtumm wie Katafalke,“ erwiederte Athos. „Ich fahre alſo fort,“ ſprach Aramis.„Dieſe Nichte zu gleicher Zeit mit mir bei ihm, und ich machte ihr das Anerbieten, ſie an ihren Wagen zu führen.“ unterbrach ihn Porthos, der unter andern Fehlern auch Bekanntſchaft, mein Freund.“ und daß Euch dies bei den Frauen ſchadet.“ der bereits klar dem Abenteuer auf den Grund ſah,„die Sache iſt ernſt; laſſen wir alſo wo möglich alles Scherzen.“ „Ein großer, brauner Mann, mit adeligen Manieren tagnan.“ „Ah! wenn Ihr lacht oder wenn Ihr zweifelt,“ ſagte „Ah! ſie hat einen Wagen, die Nichte des Doctors?“ den einer großen Zungenfeſſelloſigkeit beſaß;„eine ſchoͤne „Porthos,“ ſprach Aramis,„ich habe Euch bereits mehr als einmal bemerkt, daß Ihr ſehr indiscret ſeid, „Meine Herren! meine Herren!“ rie d'Artagnan, „verl wir aufſu beſucht ihren Oheim zuweilen; geſtern befand ſie ſich nun halt, ſo etwa in der Art des Eurigen, vAr⸗ trä zwa den Ath iſt v von Mus täuſe fort. os. 6. agte imm ichte nun das rs 2 auch ereits ſeid, nan, zen.“ nieren d'Ar⸗ chone täuſchen ließ,“ ſprach Athos,„aber das Geſicht ℳ ſichtsmaßregeln, um Theologie zu ſtudiren.“ „verlieren wir die Zeit nicht mit unnützem Geſ wir wollen uns zerſtreuen und die Frau des Kr aufſuchen; das iſt der Schlüſſel der Intrigue.“ 1R „Vielleicht derſelbe,“ ſagte dieſer. 4 „Wohl möglich,“ fuhr Aramis fort„nähe ſich mir plötzlich, in Begleitung von fünf bis ſechs Men⸗ ſchen, die ihm ungefähr auf zehn Schritte folgten, und ſagte mit dem höflichſten Tone zu mir:„Mein Herr Herzog, und Sie, Madame,“ fuhr er, ſich an die Dame wendend, fort, die ich am Arm führte. ½ „Ah! die Nichte des Doctors?“ Stille Porthos!“ ſprach Athos; Ihr ſeid uner⸗ träglich.“ „„Wollet gefälligſt in dieſen Wagen ſteigen, und zwar ohne den geringſten Widerſtand zu verſuchen, ohne den mindeſten Lärmen zu machen.““ „Er hielt Euch für Buckingham!“ rief dArtagnan. „Ich glaube es,“ antwortete Aramis. „Aber dieſe Dame?“ fragte Porthos. „Er hielt ſie für die Königin!“ ſagte d'Artagnan. „Allerdings!“ erwiederte Aramis. „Der Gascogner hat den Teufel im Leibe,“ rief Athos,„nichts entgeht ihm.“. 2 „Es iſt nicht zu leugnen,“ ſprach Porthos,„Aramis iſt von der Geſtalt des ſchönen Herzogs und hat etwas von ſeiner Tournure; dennoch ſcheint es mir, daß die Musketier⸗Tracht„ „Ich trug einen ungeheuren Mantel,“ entgegnete Aramis. „Im Monat Juli? Teufel!“ rief Porthos;„befürch⸗ tet der Doctor, man würde Dich erkennen?“ „Ich begreife, daß ſich der Spion durch die Tournure „. „Ich hatte einen großen Hut,“ ſagte Aramis. „Oh! mein Golt,“ rief Porthos,„was für Vor⸗ „Meine Herren, meine Herren,“ ſagte dArtagnan, tze 140 „Eine Frau von ſo untergeordneter Stellung! Ihr glaubt, dArtagnan!“ ſprach Porthos verächtlich die Lip⸗ tagt pen verziehend. insg „Es iſt die Pathin von La Porte, dem vertrauten Car Diener der Königin, habe ich Euch das nicht geſagt, meine Herren? Und dann war es diesmal vielleicht Be⸗ wen rechnung von der Königin, daß ſie ſo tief unten Beiſtand frag ſuchte. Die erhabenen Köpfe ſieht man von ferne, und ſcha der Cardinal hat ein gutes Geſicht.“ „Wohl!“ ſprach Porthos,„doch ſetzt zuerſt mit dem im Krämer einen Preis feſt und zwar einen guten Preis.“ „Das iſt unnöthig,“ entgegnete d'Artagnan,„denn ich glaube, wenn er uns nicht bezahlt, ſo wird man uns von einer andern Seite bezahlen.“ arm In dieſem Augenblick ertönte auf der Treppe das Geräuſch eiliger Tritte, die Thüre öffnete ſich mit Getöſe ben, und der ungluckliche Krämer ſtürzte in das Zimmer, wo„ma der Rath gehalten wurde. hafte „Ahl meine Herren,“ rief er,„rettet mich, im Na⸗ men des Himmels, rettet mich; es find vier Männer da, die mich verhaften wollen; rettet mich, rettet mich.“ nan Porthos und Aramis ſprangen auf. ſchütz „Einen Augenblick,“ rief d'Artagnan und gab ihnen welch ſogleich ein Zeichen, ihre halb gezogenen Degen wieder die. 2 in die Scheide zu ſiecken;„es bedarf hier nicht des Mu⸗ wahr thes, ſondern der Klugheit.“ „Doch wir laſſen nicht. rief Porthos⸗ der „Ihr laßt d'Artagnan machen,“ ſprach Athos;„ich wiederhole es, er iſt der Einſichtsvollſte von uns, und ich ſchwe meines Theils erkläre, daß ich ihm gehorche. Thu', was ins 2 Du willſt, vArtagnan.“ ärt In dieſem Augenblick erſchienen die vier Leibwachen; 5 an der Thüre des VPorzimmers, doch als ſie vier Mus⸗ ketiere mit dem Degen an der Seite in aufrechter Hal⸗ tung erblickten, zögerten ſie, weiter zu gehen. ₰ 144 Ihr„Tretet ein, meine Herren, tretet ein,“ rief dAr⸗ Lip⸗ tagnan; Ihr ſeid hier in meiner Wohnung und wir ſind insgeſammt treue Diener des Koͤnigs und des Herrn uten Cardinals.“ ſagt,„In dieſem Falle werdet Ihr Euch nicht widerſetzen, Be⸗ wenn wir die Befehle, die wir erhalten haben, vollſtrecken?“ ſtand fragte derjenige, welcher der Anführer der kleinen Mann⸗ und ſchaft zu ſein ſchien. „Im Gegentheil, meine Herren, wir werden Euch dem im Falle der Noth unterſtützen.“ .„Was ſpricht er da?“ murmelte Porthos. denn„Du biſt ein Einfaltspinſel,“ ſagte Athos,„ſchweige!“ uns„Aber Ihr habt mir verſprochen..„ flüſterte der arme Krämer ganz leiſe. das„Wir können Euch nur retten, wenn wir frei blei⸗ Setöſe ben,“ antwortete dArtagnan raſch und ebenfalls leiſe, wo„machen wir aber Miene, Euch zu vertheidigen, ſo ver⸗ haftet man uns ebenfalls.“ Na⸗„Es ſcheint mir jedoch.. r da,„Kommt, meine Herren, kommt,“ ſprach d'Artag⸗ . nan laut;„Ich habe keinen Grund, den Herrn zu be⸗ ihnen welcher Veranlaſſung! er wird es Euch ſelbſt ſagen, um wieder die. Bezahlung meiner Hausmiethe zu fordern. Iſt dieß Mu⸗ wahr, Herr Bonacieur? Antwortet!“ der Herr ſagt Euch nicht. S „ich„Schweigt über mich, ſchweigt über meine Freund ſchweigt beſonders über die Konigin, oder Ihr ſtürzt All ins Verderben, ohne Euch zu retten. Vorwärts, vor⸗ wärts, meine Herren, führt dieſen Mann weg!“ Und dArtagnan ſtieß den ganz betäubten Krämer in die Hände der Leibwachen und ſagte:. „Ihr ſeid ein Halunke, mein Lieber, Ihr kommt nd verlangt Geld von mir, von einem Musketiere! ort ins Gefängniß! Noch einmal, meine He ü ſchützen. Ich ſah ihn heute zum erſten Male und aus „Es iſt die reine Wahrheit,“ rief der Krämer,„aber 142 Ma von eine ihn ins Gefängniß und haltet ihn ſo lange als möglich unter Schloß und Riegel— ich gewinne dadurch Zeit, zu bezahlen.“ Die Sbirren verwickelten ſich in Dankſagungen und nahmen ihre Beute mit ſich fort.„Ih In dem Augenblick, wo ſie hinausgingen, klopfte wArtugnan ihrem Führer auf die Schulter, füllte zwei billi Gläſer mit Beaugench⸗Wein, den er der Freigebigkeit des ihm Herrn Bonacieur zu verdanken hatte, und ſprach: „Werde ich nicht auf Euere Geſundheit, werdet Ihr ſich nicht auf die meinige trinken?“ 9 läut „Das wäre eine große Ehre für mich,“ antwortete Wal der Anführer der Sbirren, und ich nehme es dankbar an.“ „Auf Euere Geſundheit alſo, mein Herr„ wie heißt Ihr?“ und „Boisrenard.“ ſtreck „Boisrenard!“ „Auf die Euerige, mein edler Herr, wie heißt Ihr, derht wenn es gefällig iſt?“ ſproc „D'Artagnan.“ „Auf die Euerige, Herr dArtagnan.“ „Und vor Allem,“ rief d'Artagnan, als erfaßte ihn nun eine Begeiſterung,„auf die des Königs und des Cardinals!“ blicke Der Anführer der Sbirren hätte e an der Aufrichtigkeit von d'Artagnan gezweifelt, wenn der Wein ſchlecht geweſen wäre, aber der Wein war gut und er; ſomit überzeugt. „Aber was für einen teufeliſchen Unrath habt Ihr da gemacht?“ ſagte Porthos, als der Alguazil ſeinen Gefäͤhrten gefolgt war und die vier Freunde ſich wieder allein hefanden.„Pfui! vier Musketiere laſſen einen glücklichen, der um Hülfe ruft, in ihrer Mitte verhaften! Ci Ein Epelmann trinkt mit einem Schergen!“ „Porthos,“ ſprach Aramis,„Athos hat Dir be⸗ reits bemerkt, Du ſeiſt ein Einſaltspinſel, und ich pftichte in ſeiner A t bei. DArtagnan, Du biſt ein großer 143 Mann, und wenn Du einmal an der Stelle von Herrn on Treille ſtehſt, ſo bitte ich um Deine Protektion für eine Abtei.“ 5„Ah, das macht mich ganz verwirrt,“ ſagte Porthos; „Ihr billigt, was dArtagnan gethan hat „Ich glaube bei Gott wohl,“ erwiederte Athos;„ich zwei billige nicht nur, was er gethan hat, ſondern ich wünſche des ihm ſogar Glück vazu.“ „Und nun, meine Herren,“ ſprach dArtagnan, ohne Ihr ſich die Mühe zu geben, Porthos ſein Benehmen zu er⸗ läutern,„Alle für Einen, Einer für Alle, das iſt unſer rtete Wahlſpruch, nicht wahr?“ an.“„Indeſſen,“ ſagte Porthos. wie„Strecke die Hand aus und ſchwöre,“ riefen Athos und Aramis zu gleicher Zeit. Beſiegt durch das Beiſpiel, ganz leiſe fluchend, ſtreckte Porthos die Hand aus und die vier Freunde wie⸗ Ihr, derholten mit einer Stimme die von d'Artagnan vorge⸗ pprochene Formel. 3 „Alle für Einen, Einer für Alle.“ „So iſt es gut,“ ſagte d'Artagnan;„Jeder gehe ihn nn ruhig nach Hauſe, und aufgepaßt, von dieſem Augen⸗ lsi blicke an liegen wir im Streite mit dem Cardinal.“ der Wein d er einen vieder Eine Mäuſefalle im ſiebzehnten Zahrhundert. Die Mäuſefalle iſt keine Erfindung unſerer Tage; lobald die Geſellſchaften bei ihrer Bildung irgend eine 144 3 erfunden hatten, erfand dieſe ihrerſeits die Män⸗ efalle. Da unſere Leſer vielleicht noch nicht mit dem Roth⸗ wälſch der Rue de Jeruſalem vertraut ſind, und da wir Di ſeit den vierzehn Jahren, die wir ſchreiben, zum erſten 6 Male dieſes Wort in dieſer Bedeutung anwenden, ſo wol⸗ i len wir ihnen erklären, was eine Mäuſefalle iſt. Wenn man in irgend einem Hauſe irgend eine eines Verbrechens verdächtige Perſon verhaftet hat, ſo hält man dieſe Verhaftnahme geheim; man legt vier oder ſeine fünf Menſchen im erſten Zimmer in Hinterhalt, man gefar öffnet die Thüre allen denjenigen, welche anklopfen, ſchließt ſie wieder hinter ihnen und verhaftet dieſelben; nach Ver⸗ ache lauf von zwei bis drei Tagen hat man alle diejenigen, welche mit dem betreffenden Hauſe in Verbindung ſtehen, ging in Händen. Das iſt eine Mäuſefalle. Man machte alſo eine Mäuſefalle aus der Wohnung li des Meiſter Bonacieur, und wer daſelbſt erſchien, wurde 10 ergriffen und von den Leuten des Cardinals ausgefragt. 8 Es bedarf kaum der Erwähnung, daß diejenigen, welcheſ gen zu vArtagnan kamen, von den Ausforſchungen befreit 5 blieben, inſoferne ein beſonderer Gang nach ſeiner Woh⸗ ſeut nung im erſten Stocke führte. eberdies kamen die drei Musketiere allein dahin. ſ ei Jeder von ihnen hatte einzeln ſich auf Kundſchaft ge⸗f eine legt, aber keinem war es gelungen, etwas zu ent⸗; decken. Athos war ſogar ſo weit gegangen, Herrn ſe ge von Treville zu beftagen, worüber ſein Kapitän in uicht Betracht der gewöhnlichen Schweigſamkeit des würdi⸗ zine gen Musketiers nicht wenig erſtaunte. Herr von Tre⸗ ville wußte nur, daß das letzte Mal, als er den König,„a die Königin und den Cardinal geſehen, der Cardinal licht eine ſehr ſorgliche Miene hatte, der König ſehr un⸗ ruhig war, und die Augen der Königin andeuteten, daß ſie geweint vder gewacht hatte; aber Letzteres Leranlaßte 145⁵ keine Verwunderung bei ihm, denn die Königin wachte und weinte viel ſeit ihrer Verheirathung. Herr von Treville empfahl jedenfalls Athos den Dienſt des Königs und beſonders den bei der Königin, und erſuchte ihn, dieſelbe Empfehlung ſeinen Kameraden zu überbringen. 3 D'Artagnan verließ ſeine Wohnung nichtz er hatte ſein Zimmer in ein Obſervatorium verwandelt. Von ſeinem Fenſter aus ſah er diejenigen ankommen, welche gefangen genommen wurden. Da er ferner die Dielen ſeines Stubenbodens aufgebrochen hatte und nur ein ein⸗ facher Plafond ihn von dem unter ihm liegenden Zimmer trennte, wo die Verhöre ſtattfanden, ſo vernahm er Alles, was zwiſchen den Inquifitoren und den Angeklagten vor⸗ ging. Die Verhöre, welche ſtets mit einer ſorgfäktigen Durchſuchung der verhafteten Perſonen verbunden waren, glichen ſich beinahe völlig ihrem Inhalte nach:„Hat Euch Madame Bonacieur etwas für ihren Gatten oder für ir⸗ gend eine andere Perſon zugeſtellt?“ „Hat Euch Herr Bonacieur irgend etwas für ſeine oder für irgend eine andere Perſon zuge⸗ e t* „Hat Euch die eine oder der andere von ihnen irgend eine vertrauliche Mittheilung gemacht?“ „Wenn ſie etwas wüßten, ſo würden ſie nicht ſo fragen,“ ſagte dArtagnan zu ſich ſelbſt.„Was wollen ſie nur erfahren? Ob ſich der Herzog von Buckingham nicht in Paris befindet, und ob er nicht mit der Königin eine Zuſammenkunft gehabt hat oder haben ſoll.“ D'Artagnan blieb bei dieſer Anſicht ſtehen, der es nach Allem, was er erfahren hatte, nicht an Wahrſchein⸗ üchteit gehrach. Mittlerweile war die Mäuſefalle permanent und vie Wochſamkeit von d'Artagnan ebenſo. Am zweiten Tage Die drei Musketiere 1. nach der Verhaftung des armen Bonacieur, als Athos tagr vArtagnan eben verlaſſen hatte, um ſich zu Herrn von Deg Treville zu begeben, als es gerade neun Uhr geſchlagen Pla und Planchet, der ſeines Herrn Bett noch nicht gemacht e gerade ſeine Arbeit verrichtete, hörte man an die Dausthüre klopfen. Alsbald wurde dieſe Thüre geöffnet Der und wieder verſchloſſen. Es hatte ſich Jemand in der viell Mäuſefalle fangen laſſen. mwaff D'Artagnan ſtürzte nach der Stelle, wo die Dielen Ath weggenommen waren, legte ſich mit dem Bauche auf den Boden und horchte. Es wurde ein Geſchrei vernehmbar, dann folgte ein ſtarkes Seufzen, das man zu erſticken ſuchte, von einem Verhöre war nicht die Rede. „Teufel!“ ſprach d'Artagnan zu ſich ſelbſt,„es Die ſcheint mir, das iſt eine Frau; man durchſucht ſie, ſie widerſteht, man thut ihr Gewalt an. Die Schurken!“ D'Artagnan hatte, trotz ſeiner Klugheit., die größte rief Mühe, ſich von der Seene entfernt zu halten, welche un⸗ n vorging. ſich „Aber ich ſage Euch, daß ich die Hausfrau bin, ließ meine Herren, ich ſage Euch, daß ich Madam Bonacieur in, ich ſage Euch, daß ich im Dienſte der Könign erle „rief die Unglückliche.* Madame Bonacieux!“ murmelte dArtagnan;„ſollte ich ſo glücklich ſein, das gefunden zu haben, was Jeder⸗ mann ſucht?“ „Gerade Euch haben wir hier erwartet,“ ſprachen die Fragenden unten. Die Stimme der Frau wurde immer dumpfer; das Tafelwerk ertönte von einer geräuſchvollen Bewegung, das Opfer widerſtand, ſo weit eine Frau vier Männern wider⸗ ſtehen kann.— „Vergebung, meine Herren, vergebt. murmelte dir Stimme, welche nur noch unartikulirte Töne hören ließ. ebeln ſie! ſie ſchleppen ſie fort!“ risf d'Ar S2 — — 8 — — —. — S „Sie ——— 147 lthos tagnan und ſprang wie eine Feder auf.„Meinen von Degen! ich habe ihn zum Glück an einer Seite. agen 1 Planchet!“ nacht„Gnädiger Herr!“. ndie„Lauf ſchnell, ſuche Athos, Porthos und Aramis auf⸗ ffnet Der Eine von dieſen Dreien wird ſicherlich zu Hauſe ſein; der vielleicht ſind alle drei heimgekehrt. Sie ſollen ſich be⸗ waffnen und raſch hieher kommen. Ah, ich erinnere mich, ielen Athos iſt bei Herrn von Treville.“ f den„Aber wohin geht Ihr, gnädiger Herr, wohin geht bar, Ihr?“ icken„Ich ſteige durch das Fenſter hinab,“ rief d'Artagnan, „um ſchneller an Ort und Stelle zu ſein. Du, lege die „es Diele wieder ein, fege den Boden, geh' durch die Thüre ſie und laufe, wohin ich Dir geſagt habe.“ „O, mein Herr, mein Herr, Ihr bringt Euch um,“ rößte rief Planchet. un⸗„Schweige, Dummkopf,“ ſprach d'Artagnan, und ſich mit der Hand an der Randleiſte des Fenſters haltend, bin, ließ er ſich vom erſten Stockwerke, das glücklicher Weiſe ieur nicht hoch war, hinabfallen, ohne die geringſte Verletzung igin erleiden zu müſſen. Dann klopfte er an die Thüre und murmelte ollte dabei: der⸗„Ich will mich ebenfalls in der Mäuſefalle fangen laſſen, aber wehe den Katzen, die ſich an einer ſolchen die Maus reiben.“ Kaum hatte der Klopfer unter der Hand des F das jungen Mannes ertönt, als das Geräuſch aufhörte; es das näherten ſich Tritte, die Thüre öffnete ſich und dAr⸗ der⸗ tagnan ſtürzte mit bloßem Degen in das Zimmer des Meiſter Bonacieux, deſſen Thüre, ohne Zweifel durch eine telte Feder in Bewegung geſetzt, ſich von ſelbſt wieder ören ſchloß. Dann vernahmen diejenigen, welche noch das unglück⸗ Ar⸗ liche Haus von Vongeieur bewohnten, ſo wie die nächſten 148 Nachbarn ein gewaltiges Geſchrei, ein Stampfen, ein bla Degengeklirre und ein Zertrümmern von Geräthſchaften; einen Augenblick nachher konnten die Menſchen, welche erſtaunt über dieſen Lärmen ſich an ihre Fenſter geſtellt neh hatten, um die Urſache zu erfahren, deutlich ſehen, wie die Thüre ſich wieder öffnete und vier ſchwarz ge⸗ St kleidete Menſchen nicht heraus gingen, ſondern flogen, nic wie ſcher gewordene Raben, am Boden und an den Tiſch⸗ ecken Federn von ihren Flügeln zurücklaſſend, d. h. anſ von ihren Kleidern und Stücke von ihren Män⸗ p teln.. D'Artagnan hatte mit leichter Mühe den Sieg er⸗ Ze rungen, denn uur ein einziger von den Alguazils war be⸗ hat waffnet und dieſer vertheidigte ſich nur der Form wegen. Die drei andern hatten es allerdings verſucht, den jungen tu Mann mit Stühlen, Bänken und Töpfen niederzuſchlagen, aber zwei bis drei Schrammen mit dem Flammberge des oh Gascogners flößten ihnen den gehoͤrigen Schrecken ein. Zehn Minuten waren hinreichend, ihre Niederlage zu be⸗ en und dArtagnen blieb Herr des Schlacht⸗ feldes. Die Nachbarn, welche ihre Fenſter mit der den Be⸗ ih wohnern von Paris in jenen Zeiten fortwährender Auf⸗ ſtände und Streitigkeiten eigenthümlichen Kaltblütigkeit ze geüffnet hatten, ſchloßen ſie wieder, ſobald ſie die vier ſchwarzen Männer entfliehen ſahenz ihr Inſtinkt ſagte ihnen, vaß für den Augenblick alles zu Ende warz über⸗ dieß war es bereits ſpät geworden, und damals, wie heut 9 zu Tage legte man ſich im Quartier des Lurembourg frühe 5 ſchlafen. Allein mit Madam Bonacieur, drehte ſich dAr⸗ tagnan nach dieſer um. Die arme Frau war auf einen Lehnſtuhl zurückgeſunken und halb ohnmächtig. D'Artagnan ſchaute ſie mit einem raſchen Blicke prü⸗ fend an. Es war eine reizende Frau von fünfund⸗ zwanzig ſechsundzwanzig Jahren, brünett, mit ein en; lche tellt wie ge⸗ en, ſch⸗ än⸗ er⸗ be⸗ gen. igen gen, des ein. be⸗ icht⸗ Be⸗ Auf⸗ gkeit vier ſagte iber⸗ heut frühe Ar⸗ auf htig. prü⸗ fund⸗ mit blauen Augen, leicht aufgeſtülpter Naſe und einem von Roſa und Opal marmorirten Teint. Hier aber hörten die Zeichen auf, durch die man ſie hätte mit einer vor⸗ nehmen Dame vermiſchen können⸗ Die Hände waren weiß, aber nicht zart, die Füße kündigten keine Frau von Stand an. Zum Glücke konnte ſich dArtagnan noch nicht mit allen dieſen Einzelnheiten beſchäftigen. Während d'Artagnan Madanie Bonacieur prüfend anſchaute und bis zu den Füßen gelangt, ſah er auf dem Boden ein feines Batiſtſacktuch, das er ſeiner Gewohn⸗ heit gemäß aufhob, und erkannte an der Ecke dieſelbe Zeichnung, die er an dem Taſchentuche wahrgenommen hatte, wegen deſſen er ſich mit Aramis beinahe auf Leben und Tod hätte ſchlagen müſſen. Von dieſer Zeit an mißtraute dArtagnan allen mit Wappen verzierten Sack⸗ tüchern, und er ſteckte deshalb das von ihm aufgehobene, ohne ein Wort zu ſagen, in die Taſche von Madame Bonacieur. In dieſem Augenblick kam Madame Bonacieur wie⸗ der zu ſich; ſie ſchlug die Augen auf, ſchaute erſchrocken um ſich her und ſah, daß das Zimmer leer und ſie mit ihrem Befreier allein war. Sie reichte ihm alsbald lächelnd die Hände. Madame Bonacieur beſaß das rei⸗ zendſte Lächeln in der Welt. „Ah! mein Herr,“ ſprach ſie, Ihe habt mich ge⸗ rettet. Erlaubt mir, daß ich Euch danke.“ „Madame,“ ſagte vArtagnan,„ich habe nicht mehr gethan, als jeder Edelmann an meiner Stelle gethan würde. Ihr ſeid mir alſo keinen Dank ſchul⸗ g. 7 „Gewiß, mein Herr, gewiß, und ich hoffe, Euch beweiſen zu können, daß Ihr keiner Undankbaren einen Dienſt geleiſtet habt. Aber was wollten denn dieſe Menſchen, die ich Anfangs für Diebe gehalten habe, und warum iſt Herr Bonacieu nicht hier 2“ — 150 „Madame, dieſe Menſchen waren bei weitem ge⸗ fährlicher, als dieß Diebe ſein könnten; denn es ſind Schergen des Herrn Cardinals, und was Euern Gatten, en Herrn Bonacieux, betrifft, ſo befindet ſich dieſer nicht hier, weil man ihn geſtern verhaftet und nach der Ba⸗ ſtille abgeführt hat.“ „Mein Mann in der Baſtille!“ rief Madame Bo⸗ nacieux;„o mein Gott, was hat er denn gethan, dieſer arme liebe Mann, er die Unſchuld ſelbſt!“ und etwas wie ein Lächeln trat auf dem noch er⸗ ſchrockenen Antlitz der jungen Frau hervor. „Ah, was er gethan hat, Madame?“ ſprach d'Ar⸗ tagnan,„ich glaube, ſein Verbrechen beſteht einzig und allein darin, daß er zugleich das Glück und das Unglück hat, Euer Gatte zu ſein.“ „Aber, mein Herr, Ihr wißt alſo...“ „Ich weiß, daß man Euch entführt hat, Madame.“ „Und wer hat dieß gethan? Wißt Ihr es? O! wenn Ihr es wißt, ſo ſagt es mir.“ „Ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, mit ſchwarzen Haaren, dunkler Geſichtsfarbe und einer tabe am linken Schlafe.“ „So iſt es, ſo iſt es, aber ſein Name?“ vahſ weggebracht hatte?“ „Er war von dem Entführer ſelbſt davon benach⸗ richtigt worden.“ „Und hat er irgend einen Verdacht in Beziehung auf die Urſache dieſes Ereigniſſes?“ fragte Madame Bo⸗ nacieur mit einer Verlegenheit. „Er ſchrieb daſſelbe einer politiſchen Urſache zu.“ „Anfangs zweifelte ich daran, und nun theile ich ſeine Anſicht. Alſo hat dieſer gute Herr Bonacieur mich nicht einen Augenblick im Verdacht gehabt?“ Ah! ſein Name? Ich weiß ihn nicht.“ d mein Mann, wußte er, daß man mich ge⸗ weit hievon entfernt, Madame. Er war ge⸗ ind en, cht a⸗ ⸗ ſer lr⸗ nd ick 32 en, er — werden wir ſicher ſein?“ 151 zu ſiolz auf Euere Klugheit und beſonders auf Guere Liebe.“ Ein zweites, beinahe unmerkliches Lächeln umſpielte die roſigen Lippen der ſchonen jungen Frau. „Aber wie iſt es Euch gelungen zu entfliehen 2“ fuhr d'Artagnan fort. „Ich benützte einen Augenblick, wo ich allein blieb, und da ich ſeit dieſem Morgen wußte, was ich von meiner Entführung zu halten hatte, ſo ließ ich mich mit Hülfe meiner Bettücher vom Fenſter herab und lief hierher, da ich meinen Mann hier zu finden glaubte.“ ₰„um Euch unter ſeinen Schutz zu ſtellen.“ „Oh! nein, der arme liebe Mann, ich wußte wohl, daß er unfähig wäre, mich zu vertheidigen. Da er uns aber zu etwas Anderem dienen konnte, ſo wollte ich ihn hievon in Kenntniß ſetzen.“ „Wovon?“ „O, das iſt nicht mein Geheimniß, ich kann es Euch alſo nicht ſagen.“ „Uebrigens,“ ſprach dArtagnan,„„(verzeiht Ma⸗ dame, daß ich, ein einfacher Soldat, Euch an Klugheit erinnere), übrigens glaube ich, daß wir uns hier nicht am geeigneten Orte zu vertraulichen Mittheilungen be⸗ finden. Die Menſchen, welche ich in die Flucht geſchla⸗ gen habe, werden binnen Kurzem mit bewaffneter Mann⸗ ſchaft zurückkehren, und wenn ſie uns hier finden, find wir verloren. Ich habe wohl drei von meinen Freunden benachrichtigen laſſen, aber wer weiß, ob man ſie zu Hauſe traf.“ „Ja, ja, Ihr habt Recht,“ rief Madame Bonacieur erſchrocken, fliehen wir, retten wir uns!“ Bei dieſen Worten nahm ſie d'Artagnan beim Arm, und ſuchte ihn fortzuziehen. „Aber wohin ſliehen?“ ſprach d'Artagn „Wo das Uebrige wird ſich finden.“ Und der junge Mann und die junge Frau gingen raſch, ohne ſich die Mühe zu geben, die Hausthüre zu verſchließen, durch die Rue des Foſſoyeurs, durchwander⸗ ten die Rue des Foſſés⸗Monſieur⸗le⸗Prince und hielten erſt auf der Place Saint⸗Sulpice an. „Und was fangen wir nun an?“ fragte d'Artagnan, „und wohin ſoll ich Euch führen?“ „Ich bin ſehr in Verlegenheit, Euch hierauf zu ant⸗ worten,“ ſagte Madame Bonacieur.„Es war meine Abſicht, Herrn de la Porte durch meinen Mann benach⸗ richtigen zu laſſen, damit der erſtere uns genau ſagen könnte, was ſeit drei Tagen im Louvre vorgegangen iſt, und ob es nicht gefährlich für mich wäre, dort zu er⸗ ſcheinen.“ „Aber ich kann eben ſo wohl Herrn de la Porte benachrichtigen,“ ſagte d'Artagnan. „Allerdings, nur iſt dabei ein unglücklicher Umſtand zu bedenken. Herrn Bonacieur kennt man im Louvre und ieße ihn paſſiren, während man Euch nicht kennt und die Thüre vor Euch verſchließen würde.“ „Ah, bah!“ ſprach d'Artagnan,„Ihr habt gewiß an irgend einer Pforte des Louvre einen Hausmeiſter, der Euch ergeben iſt, und mit Hülfe eines Loſungs⸗ wortes„ Madame Bonacieur ſchaute den jungen Mann feſt an. „Und wenn ich Euch dieſes Loſungswort geben würde,“ ſprach ſie,„würdet Ihr es wohl vergeſſen, ſo⸗ bald Ihr Euch deſſelben bedient hättet?“ ſagte d'Artagnan mit einem Tone, der keinen Zweifel an ſeiner Aufrichtigkeit übrig ließ. „Gut, ich glaube Euch, Ihr ſeht aus, wie ein bra⸗ ver junger Mann. Ueberdieß iſt Euer Glück vielleicht die Folge Eurer Ergebenheit.“ „Entfernen wir uns zuerſt von dieſem Hauſe und „Bei meiner Ehre, ſo wahr ich ein Edelmann bin,“ th die tas ab vo 3 —— r—— 3 reits beſchriebene Wohnung. „Ich werde ohne ein Verſprechen und freiwillig Alles thun, was in meinen Kräften liegt, um dem König zu dienen und der Königin angenehm zu ſein,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan.„Verfügt alſo über mich, wie über einen Freund.“ ich, wohin werdet Ihr mich einſtweilen brin⸗ gen?“. „Habt Ihr Niemand, wo Herr de la Porte Euch abholen könnte?“ „Nein, ich will mich Niemand anvertrauen.“ „Halt! ſprach dArtagnaß„wir ſind an der Thüre von Athos. Ja, ſo geht es.“ „Wer iſt Athos?“ „Einer von meinen Freunden.“ „Aber wenn er zu Hauſe iſt, ſo ſieht er mich.“ „Er iſt nicht zu Hauſe, und ich nehme den Schlüſſel mit, nachdem ich Euch in ſein Zimmer geführt habe.“ „Und wenn er zurückkommt?“ „Er wird nicht zurückkommen. Ueberdieß wird man ihm ſagen, ich habe eine Frau gebracht und dieſe Frau befinde ſich in ſeiner Wohnung.“ „Das wird meinen Ruf zu ſehr gefährden, wißt Ihr wohl!“ „Was iſt Euch daran gelegen? Man kennt Euch nicht, und abgeſehen davon, befinden wir uns in einer Lage, wo man ſich einiger Maßen über die Schicklichkeit wegſetzen muß.“ „Gehen wir alſo zu Euerem Freunde. Wo wohnt er?“ „In der Rue Ferou, zwei Schritte von hier.“ „Vorwärts!“ Und beide ſetzten ſich wieder in Marſch. Athos war, wie d'Artagnan vorausgeſehen hatte, nicht zu Hauſe. Die⸗ ſer nahm den Schlüſſel, den man ihm als einem Freunde des Miethmannes zu geben gewohnt war, ſtieg die Treppe hinauf und führte Madame Bonacieur in die von uns be⸗ 134 „Ihr ſeid zu Hauſe,“ ſprach er,„ſchließt die Thüre hat von innen und öffnet Riemand, wenn Ihr nicht dreimal ma auf folgende Weiſe klopfen hört: gebt Acht.“ Und er Loe flopfte dreimal, zweimal kurz hinter einander und ſehr we ſtark, einmal entfernter und leichter. „Gut,“ ſprach Madame Bonacieur.„Nuw iſt es an wu mir, Euch Inſtruktionen zu geben.“ 4 „Ich hoͤre.“ d „Begebt Euch nach der Pforte des Louvre auf der Seite der Rue de lEchelle und fragt nach Germain.“ „Gut, und dann?“ „Er wird Euch fragen, was Ihr wollt, und Ihr bei antwortet ihm mit den zwei Worten Tours und Brüſſel. Sogleich wird er ſodann zu Euern Befehlen ſtehen.“ 6 „Und was ſoll ich ihm befehlen?“ „Herrn de la Porte, den Kammerdiener der Königin zu holen.“ „Und wenn er ihn geholt hat und Herr de la Porte der kommt?“ „So ſchickt Ihr ihn zu mir.“ „Ganz gut. Aber wo und wie werde ich Euch wie⸗ derſehen?“ Iſt Guch viel daran gelegen, mich wiederzuſehen?“ „Gewiß.“ „Ueberlaßt mir die Sorge hiefür und ſeid ruhig.“ „Ich baue auf Euer Wort.“ „Rechnet darauf.“ D'Artagnan grüßte Madame Bonacieur und warf ihr den verliebteſten Blick zu, den er auf ihrer reizenden kleinen Perſon zu concentriren vermochte, und während er die Treppen hinabſtieg, hörte er die Thüre doppelt hinter ſich verſchließen. Mit zwei Sprüngen war er am Louvre. Als er durch die Pforte an der Rue de Echelle trat, ſchlug es zehn Uhr. Die von uns mitgetheilten EFreigniſſe waren im Verluuf einer halben Stunde erfolgt. Alles ging, wie es Madame Bonacieux vorhergeſagt 155 üre hatte. Auf das beſtimmte Loſungswort verbeugte ſich Ger⸗ nal main; zwei Minuten nachher befand ſich la Porte in der er Loge; mit zwei Worten theilte ihm d'Artagnan das Noth⸗ ehr wendige mit und bezeichnete ihm den Aufenthalt von Ma⸗ dame Bonacirur. Sobald de la Porte die Adreſſe genau an nußte, entfernte er ſich in größter Eile; kaum hatte er jiedoch zehn Schritte gemacht, als er zurückkehrte und zu dArtagnan ſagte: der„Junger Mann, einen Rath!“ „Welchen?“„ „Man könnte Euch wegen deſſen, was vorgefallen iſt, Ihr beunruhigen.“ ſſel. 3„Ihr glaubt?“ „Ja. Habt Ihr einen Freund, deſſen Uhr nachgeht?“ „Nun?“ igin„Geht zu ihm, damit er bezeugen kann, Ihr wäret um halb zehn Uhr bei ihm geweſen. Das nennt man in orte der Juſtiz ein Alibi.“ D'Artagnan fand den Rath klug. Er lief über Hals und Kopf und kam zu Herrn von Treville. Aber ſtatt wie wie⸗ alle Welt in den Salon zu gehen, bat er, in ſein Cabinet eingelaſſen zu werden. Da d'Artagnan einer von den täg⸗ lichen Gäſten des Hotels war, ſo ſetzte man ſeiner Bitte keine Schwierigkeiten entgegen und benachrichtigte Herrn von Treville, ſein junger Landsmann, der ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe, verlange eine Privataudienz Nach fünf Minuten fragte Herr von Treville d'Artagnan, in was er ihm zu Dienſt ſein könnte, und welchein Um⸗ ſar ſeinen Beſuch zu ſo ſpäter Stunde zuzuſchreiben hätte? „Um Vergebung, gnädiger Herr,“ ſprach d'Artagnan, der den Augenblick ſeines Alleinſeins dazu benützt hatte, die Uhr um drei Viertelſtunden zurückzurückenz„ich dachte, da es erſt neun Uhr funfundzwanzig Minuten wäre, ſo könnte ich mich wohl noch bei Euch einfinden.“ „Neun Uhr, fünfundzwanzig Minuten!“ 156 von Treville und ſchaute nach ſeiner Pendeluhr;„das iſt unmoͤglich!“ „Seht ſelbſt, gnädiger Herr, dort iſt der Beweis.“ „Es iſt richtig,“ verſetzte Herr von Treville,„ich hätte geglaubt, es wäre ſpäter. Doch laßt hören, was wollt Ihr von mir?“ D'Artagnan machte nun Herrn von Treville eine lange Geſchichte über die Königin, er ſetzte ihm ſeine Befürch⸗ tungen in Beziehung auf Seine Majeſtät auseinander, er erzählte was er von den Projecten des Cardinals in Betreff Buckinghams hatte ſagen hören, und Alles dies mit einer Ruhe, mit einer feſten Haltung, wodurch ſich Herr von Treville um ſo leichter bethören ließ, als er er⸗ wähnter Maßen ſelbſt wahrgenommen hatte, daß etwas Neues zwiſchen dem König, der Königin und dem Cardi⸗ nal vorging. Als es zehn Uhr ſchlug, verließ d'Artagnan Herrn von Treville, der ihm für ſeine Nachrichten dankte und ihm den Dienſt des Königs und der Königin im Auge und im Herzen zu haben empfahl. Aber unten an der Treppe erinnerte ſich d'Artagnan, daß er ſeinen Stock vergeſſen hatte. Er ſtieg ſchnell wieder hinauf, kehrte in das Cabinet zurück, rückte die Uhr mit dem Finger an ihre Stunde vor, damit man am andern Morgen nicht bemerken könnte, daß man ſie in Unordnung gebracht hatte, und da er nun eines Zeugen für ſein Alibi gewiß war, lief er wieder die Treppe hinab und befand ſich in Kur zem abermals auf der Straße. vas nge s in dies ſich er⸗ vas rdi⸗ rrn und uge der tock ein an icht tte, var, dur⸗ ch⸗ 3 Frinnerungen zurückließen, als vb ſie Xl. Die Intrigue ſchürzt ſich. Als dArtagnan ſeinen Beſuch bei Herrn von Treville gemacht hatte, nahm er den weiteſten Weg, um nach Hauſe zu gehen. 9n was dachte d'Artagnan, als er ſich ſo weit von ſeiner Straße entfernte, die Geſtirne des Himmels betrach⸗ tete, bald ſeufzte, bald lächelte. Er dachte an Madame Bonacieur. Für einen Mus⸗ ketierlehrling war dieſe junge Frau beinahe ein Liebes⸗ ideal. Hübſch, myſteriss, beinahe in alle Geheimniſſe des Hofes eingeweiht, welche ſo viel reizenden Ernſt auf ihren anmuthigen Zügen wiederſpiegelten, ſtand ſie im Ver⸗ vacht, nicht unempfindlich zu ſein, was für Neulinge in der Liebe einen unwiderſtehlichen Reiz bildet. Ueberdies hatte ſie dArtagnan aus den Händen dieſer Teufel befreit, die ſie mißhandeln und durchſuchen wollten. Und dieſer wichtige Dienſt hatte Dankbarkeitsgefühl unter ihnen ge⸗ Set, welche ſo leicht einen zärtlicheren Charakter an⸗ nehmen. D'Artagnan ſah bereits, ſo raſch gehen die Träume auf den Flügeln der Einbildungskraft, einen Boten von der jungen Frau vor ſich, der ihm ein Rendezvousbillet, eine goldene Kette oder einen Diamant zuſtellte. Wir haben ſchon erwähnt, daß junge Cavaliere, ohne ſich zu ſchämen, Geld von ihrem König annahmen; fügen wir noch bei, daß in jenen Zeiten leichter Moral ſie auch nicht in Beziehung auf ihre Geliebtinnen errötheten, und daß dieſe ihnen beinahe beſtändig koſtbare und dauerhafte ebrechlichkeit ihrer Gefühle durch die Feſtigkeit ihrer Geſchenke hätten beſiegen wollen. Man machte damals ſeinen Weg durch die Frauen, ohne ſich deſſen zu ſchämen. Diejenigen, welche nur ſchön waren, gaben ihre Schönheit, und hievon rührt ohne Zwei⸗ fel das Sprüchwort: daß das ſchönſte Mädchen der Welt nur das geben kann, was ſie hat. Die Reichen geben überdies einen Theil ihres Geldes und man könnte eine große Anzahl von Helden aus dieſer galanten Epoche anführen, welche von Anfang nicht ihre Sporen und nach⸗ her nicht ihre Schlachten ohne die mehr oder minder ge⸗ ſpickte Börſe gewonnen hätten, welche ihnen ihre Geliebte an den Sattelbogen befeſtigte. D'Artagnan beſaß nichts; die Blödigkeit des Pro⸗ vinzialen,— ein leichter Firniß, eine ephemere Blüthe, ein Flaum des Pfirſichs,— war unter dem Winde der wenig orthodoren Rathſchläge verdunſtet, welche die drei Musketiere ihrem Freunde gaben. D'Artagnan betrach⸗ tete ſich, nach dem ſeltſamen Gebrauche jener Zeit, in Paris wie im Felde, und dies nicht mehr und nicht we⸗ niger als in Flandern: der Spanier da unten, die Frau hier. Es war überall ein Feind, den man zu überwinden hatte, überall waren es Steuern, die man eintreiben zu müſſen glaubte. Aber wir können nicht leugnen, daß d'Artagnan in dieſem Augenblicke von einem edlern, uneigennützigeren Gefühle bewegt war. Der Krämer hatte ihm geſagt, er wäre reich; der junge Mann konnte ſich leicht denken, daß bei einem albernen Menſchen, wie Herr Bonacienx, die Frau den Kaſſenſchlüſſel in der Hand haben mußte. Aber Alles dies übte durchaus keinen Einfluß auf die Empfin⸗ dung aus, welche der Anblick von Madame Bonacieux hervorgebracht hatte, und das Intereſſe war dieſem Liebes⸗ 2 anfang, der Folge dieſes Anblicks, beinahe fremd. geblie⸗ ben; wir ſagen beinahe, denn der Gedanke, daß eine ſond Wol und feine beſa dem eine bei Fra wir kein aber rung dahi Nic der wür iſt das glei ihre dem tagr den gaß war oder konr dene Wer dieß ten en, ön ei⸗ welt ben ine che ch⸗ ge⸗ bte ro⸗ der rei ch⸗ in we⸗ rau den zu in ren er daß ber fin⸗ eux es⸗ lie⸗ eine die ———„— 159 ſchöne, anmuthige, geiſtreiche junge Frau zu gleicher Zeit reich iſt, benimmt dieſem Liebesanfang durchaus nichts, ſondern verſtärkt denſelben vielmehr. Es gibt bei der Wohlhabenheit eine Menge don ariſtokratiſchen Launen und Bedürfniſſen, die der Schönheit ſehr gut ſtehen. Ein feiner weißer Strumpf, ein ſeidenes Kleid, ein Spitzen⸗ beſatz, ein ſchöner Schuh am Fuß, ein friſches Band auf dem Kopfe machen eine häßliche Frau nicht hübſch, aber eine hübſche Frau ſchön, abgeſehen von den Händen, die bei Allem dem gewinnen. Die Hände müſſen bei den Frauen müßig bleiben, um ſchoͤn zu bleiben. Dann war d'Artagnan, wie der Leſer wohl weiß, da wir ihm ſeinen Vermögensſtand nicht verborgen haben, kein Millionär; er hoffte, es eines Tages zu werden; aber die Zeit, die er ſelbſt für dieſe glückliche Verände⸗ rung der Dinge feſtſtellte, war ziemlich weit entfernt. Bis dahin, welche Verzweiflung, eine Frau die tauſenderlei Nichtswürdigkeiten verlangen zu ſehen, welche das Glück der Frauen bilden, und ihr eben dieſe tauſenderlei Nichts⸗ würdigkeiten nicht geben zu koͤnnen! Wenn die Frau reich iſt und der Liebhaber iſt es nicht, ſo bietet ſie ſich ſelbſt das an, was ihr der Liebhaber nicht bieten kann, und ob⸗ gleich ſie gewöhnlich ſich dieſen Genuß mit dem Gelde ihres Mannes verſchafft, ſo iſt es doch dieſer ſehr ſelten, dem der Dank zufließt. Geneigt, der zärtlichſte Liebhaber zu ſein, war d'Ar⸗ tagnan mittlerweile der ergebenſte Freund. Mitten unker den verliebten Entwürfen auf die Frau des Krämers, ver⸗ gaß er die ſeinigen nicht; die hübſche Madame Bonacieur war ganz die Frau, die man auf der Ebene St. Denis oder auf dem Markte St. Germain ſpazieren führen konnte, in Geſellſchaft von Athos, Porthos und Aramis, denen er eine ſolche Eroberung mit Stolz zeigen würde. Wenn man lang gegangen iſt, ſtellt ſich der Hunger einz dieß hatte dArtagnan ſeit einiger Zeit bemerkt. Man ürde jene kleinen Mittagsmahle machen, wobei man auf 160 der einen Seite die Hand eines Freundes und auf der ie andern den Fuß einer Geliebten berührt. Und dann ſoll. würde dArtagnan in dringlichen Augenblicken und pein⸗ lichen Lagen der Retter ſeiner Freunde werden. zu! Herr Bonacieur aber, den d'Artagnan in die Hände des der Sbirren geſtoßen, den er laut verleugnet und dem er D2 ganz leiſe Rettung verſprochen hatte? Wir müſſen unſern lag, Leſern geſtehen, daß dArtagnan auf keine Weiſs hieran balſ dachte oder daß er, wenn er auch daran dachte, ſich höch⸗ aus ſtens ſagte; er wäre ganz gut da, wo er ſich befände, wo vom dieß auch ſein möchte. Für den Augenblick wollen wir es den. machen, wie der verliebte Gascogner; wir kommen jedoch etwe ſpäter auf den würdigen Krämer zurück. Während d'Artagnan ſeine zukünftige Liebe über⸗ d'Ar vachte, mit der Nacht ſprach und den Sternen zulächelte, lag ging er die Rue Cherche⸗Midi oder Chaſſe⸗Midi hinauf, D' wie man ſie damals nannte. Da er ſich in dem Quar⸗ und tiere von Aramis befand, ſo kam ihm der Gedanke, ſei⸗ unte nem Freunde einen Beſuch zu machen und ihm die derſe 8 Gründe auseinanderzuſetzen, die ihn bewogen hatten, den⸗ ſelben durch Planchet auffordern zu laſſen, er möge ſich vorke ſogleich nach der Mäuſefalle begeben. Wäre Aramis zu d'Ar Hauſe gefünden worden, ſo würde er ohne Zweifel nach der det Rue des Foſſoyeurs gelaufen ſein und dort Niemand, ges als ſeine zwei Kameraden gefunden haben, welche eben alst ſo wenig, wie er ſelbſt gewußt hätten, was dieß bedeu⸗ ſchlu ten ſollte. Dieſe Störung verdiente wohl aufgeklärt zu ſtehe werdenz das war es, was ſich dArtagnan ganz laut wiede ſagte tagne Ganz leiſe dachte er, es wäre für ihn eine Gele⸗ genheit, von der hübſchen, kleinen Madame Bona⸗ 5 cieur zu ſprechen, welche ſeinen Geiſt, wenn nicht ſein Berz, bereits gänzlich erfüllt hatte. Bei einer erſten Liebe darf man keine Discretion fordern; dieſe erſtt in de Liebe iſt von einer ſo großen Freude begleitet, der ann ein⸗ inde ner ſern eran öch⸗ wo r es doch ber⸗ elte, auf, uar⸗ ſei⸗ die den⸗ ſich s zu nach tand, eben edeu⸗ rt zu laut Hele⸗ ona⸗ ſein erſten erſte daß 16¹ ſie ausſtrömen muß, wenn ſie uns nicht erſticken ſoll. Paris war ſeit zwei Stunden düſter und fing an öde zu werden. Es ſchlug eilf Uhr auf allen Glockenthürmen des Faubourg St. Germain. Das Wetter war mild. DArtagnan folgte einer Gaſſe, welche auf der Stelle lag, wo ſich jetzt die Rue d'Aſſas hinzieht. Er athmete die balſamiſchen Ausdünſtungen ein, welche von dem Winde aus der Rue de Vaugirard und den daran anſtoßenden, vom Abendthau erfriſchten, Gärten herübergetragen wur⸗ den. Aus der Ferne tönte das durch gute Fenſterläden etwas gedämpfte Geräuſch auf der Ebene zerſtreuter Schenken. Am Ende der Gaſſe angelangt, wandte ſich d'Artagnan nach links. Das von Aramis bewohnte Haus lag zwiſchen der Rue Caſette und der Rue Servandoni. D'Artagnan hatte bereits die Rue Caſſette durchſchritten und erkannte die Hausthüre ſeines Freundes, welche unter Sykomoren und Rebwinden vergraben war, die über derſelben einen ſchweren Wulſt bildeten, als er etwas wie ainen Schatten erblickte, der aus der Rue Servandoni her⸗ vorkam. Dieſes Etwas war in einen Mantel gehüllt und d'Artagnan hielt es Anfangs für einen Mann. Aber an der Feinheit des Wuchſes und der Unſicherheit des Gan⸗ ges erkannte er bald, daß es eine Frau war. Dieſe Frau, als wäre ſie nicht gewiß über das Haus, das ſie ſuchte, ſchlug die Augen auf, um ſich zu orientiren, blieb ſtille tagnan's. „Wenn ich ihr meine Dienſte anbieten würde,“ dachte vielleicht iſt ſie auch hübſch. Oh! ja. Aber eine Frau, welche um dieſe Zeit in den Straßen umherläuft, ſucht in der Regel nichts Anderes, als ihren Liebhaber. Peſt! Die drei Musketiere. 1. 11 ſtehen, kehrte ſich um, ging einige Schritte rückwärts und wieder vorwärts. Das reizte die Neugierde d'Ar⸗ er;„an ihrem Weſen erkennt man, daß ſie jung iſt; 162 Rendezövus zu ſtören, wäre ein ſchlimmer Eingang zu meinem Liebeshandel.“ Die junge Frau ging indeſſen immer vorwärts, und zählte die Häuſer und Fenſter. Das war indeſſen weder eine ſchwierige, noch eine langwierige Sache. Es gab Thů in dieſem Theile der Straße nur drei Hotels und zwei war Fenſter, welche auf die Straße gingen. Das eine war die vas eines Pavillons, welcher mit der Wohnung von Aramis parallel lag, das andere das von Aramis der ſelbſt. gefle „Bei Gott,“ ſprach d'Artagnan, dem die Nichte des mal Theologen einfiel, zu ſich ſelbſt,„bei Gott, es wäre drol⸗ lig, wenn dieſe verſpätete Taube das Haus unſeres Freun⸗ und 3. des aufſuchen würde. Aber, bei meiner Seele, das ſieht geöf 36 ganz ſo aus. Ah, mein lieber Aramis, dießmal wollen einig wir Dir auf die Sprünge kommen.“ Inn D'Artagnan machte ſich ſo ſchmal als möglich und verbarg ſich auf der dunkelſten Seite der Straße bei einer ein Le Bank, welche im Hintergrunde einer Niſche and. Die junge Frau ſchritt immer vorwärts; abgeſehen von dem leichten Gange, der ſie verrathen hatte, ließ ſie Zim ein leichtes Huſten vernehmen, das eine äußerſt friſche; ware Stimme vffenbarte. D'Artagnan dachte, es wäre ein Sig⸗ der nal. Aber ob nun das Huſten durch ein gleichbedeutendes ſie, Zeichen erwiedert wurde, das der Unentſchloſſenheit der; nächtlichen Sucherin ein Ende machte, oder ob ſie ohne ihrer fremde Hülfe erkannt hatte, daß ſie am Ziele ihrer Wan⸗ lebhe derung angelangt war,— ſie näherte ſich entſchloſſen; Sac inne ſicht tagn dem Fenſterladen von Aramis und klopfte dreimal wicke in gleichen Zwiſchenräumen mit gekrümmtem Finger deſſel daran. „Das iſt allerdings bei Aramis,“ murmelte d'Ar⸗* zi ches tagnan.„Ah, mein Herr Heuchler, ich ertappe Euch be den theologiſchen Studien!“ erinn 8 zu und veder gab zwei war von amis e des drol⸗ reun⸗ ſieht vollen und einer Niſche eſehen eß ſie friſche Sig⸗ tendes it der ohne Wan⸗ hloſſen reima Finger d'Ar⸗ ⸗ ——— 163 Die Unbekannte hatte kaum dreimal geklopft, als der innere Kreuzſtock ſich öffnete und ein Licht durch den Laden ſichtbar wurde. „Ah, ah!“ flüſterte der Horcher,„nicht durch die Thüren, ſondern durch die Fenſter, ah, ah! der Beſuch war erwartet. Schön! der Laden wird ſich öffnen und die Dame einſteigen. Sehr gut!“ Aber zum großen Erſtaunen von d'Artagnan blieb der Laden geſchloſſen, das Licht, welches einen Angenblick geflammt hatte, verſchwand wieder und Alles verſank aber⸗ mals in die frühere Dunkelheit. D'Artagnan dachte, dieß könnte nicht lange ſo dauern und horchte und ſchaute mit geſpannten Ohren und weit geöffneten Augen. Er hatte Recht. Nach Verlauf von einigen Sekunden ertönten zwei dumpfe Schläge im Innern. Die junge Frau auf der Straße antwortete durch ein einmaliges Klopfen und der Laden öffnete ſich. Man kann ſich leicht denken, mit welcher Gier dAr⸗ tagnan ſchaute und horchte. Zum Unglück hatte man das Licht in ein anderes Zimmer gebracht. Aber die Augen des jungen Mannes waren an die Nacht gewohnt. Ueberdieß haben die Augen der Gascogner, wie man verſichert, die Eigenſchaft, daß ſie, wie die Katzen, in der Finſterniß ſehen. DArtagnan bemerkte alſo, wie die junge Frau aus ihrer Taſche einen weißen Gegenſtand herausholte, den ſie lebhaft entwickelte, und der ſodann die Geſtalt eines Sacktuches annahm. Sobald dieſer Gegenſtand ent⸗ wickelt war, zeigte ſie der Perſon im Hauſe eine Ecke deſſelben. Dies erinnerte d'Artagnan an das Taſchentuch, das er zu den Füßen von Madame Bonacieur gefunden, wel⸗ ches ihn an das zu den Füßen von Aramis gefundene erinnert hatte. „Was Teufel konnte denn dieſes Taſchentuch bedeuten 2. 164 Auf der Stelle, wo er ſtand, vermochte dArtagnan vas Geſicht von Aramis nicht zu ſehen. Wir ſagen, von Spi Aramis, weil dArtagnan nicht im Geringſten zweifelte, es f vaß es ſein Freund wäre, welcher aus dem Innern mit Liebe der Dame außen ſprach. Die Reugierde trug den Sieg über die Klugheit davon, und den Umſtand benützend, daß Nech die zwei Perſonen, welche wir in Scene geſetzt haben, war ganz von der Aufmerkſamkeit gefeſſelt zu ſein ſchienen, die Dän ſie dem Anblick des Taſchenkuchs widmeten, verließ er an ſ ſein Verſteck und drückte ſich, raſch wie ein Blitz, aber einge das Geräuſch ſeiner Tritte dämpfend, an eine Mauerecke, von wo aus ſein Auge vollkommen in das Innere der zu 1 Wohnung von Aramis dringen konnte. beſta Hier angelangt, ſtieß d'Artagnan beinahe einen Schrei es d' des Erſtaunens aus. Nicht Aramis ſprach mit dem nächt⸗ ſtinkt lichen Beſuche, ſondern eine Frau. D'Artagnan ſah wohl genug, um die Form ihrer Kleidung zu erkennen, aber von nicht genug, um ihre Züge zu unterſcheiden. Piſch In demſelben Augenblick zog die Frau in der Woh⸗ ſich nung ein zweites Taſchentuch hervor, und vertauſchte es zen C mit dem, welches man ihr gezeigt hatte. Dann wurden einige Worte zwiſchen den zwei Frauen gewechſelt, der Schr Laden verſchloß ſich wieber, die Frau, welche ſich außen Man befand, wandte ſich um und ging auf vier Schritte, die ſchon Kappe ihres Mantels niederſchlagend, an dArtagnan vor⸗ holt über; aber letztere Vorſichtsmaßregel war zu ſpät genom⸗ ſchör men worden, d'Artagnan hatte bereits Madame Bonacieur und erkannt. Madame Bonacieux! Dieſer Verdacht hatte ſich ſchon in ſeinem Geiſte geregt, als ſie das Taſchentuch hervor⸗ zog; aber welche Wahrſcheinlichkeit war vorhanden, daß Madame Bonacieur, die nach Herrn la Porte geſchickt hatte, um ſich nach dem Loubre zurückführen zu laſſen, allein um halb zwölf Uhr in der Racht, auf die Gefahr ahermals verhaftet zu werden, in den Straßen umherlau⸗ ſen würde. nan von elte, mit Sieg daß ben, „die er aber ecke, der chrei ächt⸗ wohl aber Voh⸗ irden der ußen die vor⸗ nom⸗ cieur ſchon rvor⸗ daß chickt aſſen, efahr rlau⸗ ruhigen. Dieſe Betheuerungen waren nichts füt Madam Es mußte alſo eine ſehr wichtige Angelegenheit im Spiele ſein, und was für wichtige Angelegenheiten gibt es für eine Frau von fünfundzwanzig Jahren? Die Liebe. Aber ſetzte ſie ſich für eigene Rechnung oder für Nechnung einer andern Perſon ſolchen Zufällen aus? Das war es, was ſich der junge Mann ſelbſt fragte; denn der Dämon der Eiferſucht nagte nicht mehr und nicht minder an ſeinem Herzen, als wenn er bereits ein in volles Recht eingeſetzter Liebhaber geweſen wäre, Es gab übrigens ein ſehr einfaches Mittel, ſich zu überzeugen, wohin Madame Bonacieur ging. Dies beſtand darin, ihr zu folgen, und es war ſo einfach, daß es dArtagnan auf eine ganz natürliche Weiſe und in⸗ ſtinktmäßig anwandte. Aber bei dem Anblicke des jungen Mannes, der ſich von der Mauer ablöste, wie eine Statue aus ihrer Niſche, und bei dem Geräuſche der Tritte, die ſie hinter ſich erdröhnen hörte, ſtieß Madame Bonatieur einen kur⸗ zen Schtei aus und entfloh. D'Artagnan lief ihr nach. Es war für ihn keine Schwierigkeit, eine Frau zu erreichen, die durch ihren Mantel im Laufe gehemmt wurde. Er hatte ſie alſo ſchon innerhalb des erſten Drittels der Straße einge⸗ holt, in die ſie ſich flüchtete. Die Unglückliche war er⸗ ſchöpft, nicht vor Ermüdung, ſondern vor Schrecken, und als ihr d'Artagnan die Hand auf die Schulter legte, ſtürzte ſie auf die Kniee und ſchrie mit erſtickter Stimme: S „Tödtet mich, wenn Ihr wollt, aber Ihr ſollt nichts erfahren.“ DArtagnan ſchlang ſeinen Arm um ihren Leib, und hob ſie auf. Da er aber an ihrem Gewichte be⸗ merkte, daß ſie einer Ohnmacht nahe war, ſo beeilte er ſich, ſie durch Betheuerungen ſeiner Ergebenheit zu be⸗ 166 Bonacieur, denn man kann ſolche mit den ſchlimmſten Abſichten der Welt geben, aber die Stimme war Alles. Die junge Frau glaubte den Klang dieſer Stimme zu er⸗ kennen; ſie öffnete die Augen, warf einen Blick auf den Mann, der ihr ſo bange gemacht hatte, erkannte d'Artag⸗ nan und ſtieß ein Freudengeſchrei aus. „Ah, Ihr ſeid es, Ihr ſeid es,“ ſprach ſie,„Gott ſei gelobt!“* „Ja, ich bin es,“ erwiederte d'Artagnan,„ich, den Gott geſandt hat, über Euch zu wachen.“ „Seid Ihr mir in dieſer Abſicht gefolgt?“ fragte mit einem Lächeln voll Koketterie die junge Frau, deren etwas ſpöttiſcher Charakter wieder die Oberhand gewann und bei der alle Furcht von dem Augenblicke an verſchwun⸗ den war, wo ſie einen Freund in demjenigen erkannte, den ſie für einen Feind gehalten hatte. „Nein,“ ſprach dArtagnan,„nein, ich geſtehe es, der Zufall hat mich Euch in den Weg geführt. Ich ſah eine Frau an das Fenſter eines meiner Freunde klopfen.“ 5 „Eines Eurer Freunde?“ unterbrach ihn Madame Bonacieur. „Allerdings; Aramis iſt einer meiner beſten Freunde.“ „Aramis? wer iſt dies?“ „Geht doch! wollt Ihr etwa behaupten, Ihr kennet Aramis nicht?“ „Ich höre zum erſten Male ſeinen Namen aus⸗ ſprechen.“ Haus?“ „Allerdings!“ „Und Ihr wußtet nicht, daß es von einem jungen Menſchen bewohnt war?“ „Nein.“ „Von einem Musketier?“ „Reineswegs.“ „Ihr kommt alſo auch zum erſten Male an dieſes ſehe war Fre zug dig. verl ein ſten lles. er⸗ den tag⸗ t ſei den tagte deren vann wun⸗ den e es, Ich eunde dame nde.“ kennet aus⸗ dieſes ungen zu ſehen.“ „Ihr habt alſo nicht ihn aufgeſucht?“ „Durchaus nicht. Ueberdieß habt Ihr wohl ge⸗ ſeten⸗ daß die Perſon, mit der ich ſprach, eine Frau „Allerdings; aber dieſe Frau gehört wohl zu den Freundinnen von Aramis 2“ „Ich weiß es nicht.“ „Da ſie bei ihm wohnt.“ „Das geht mich nichts an.“ „Aber wer iſt ſie denn?“ „Oh! das iſt nicht mein Geheimniß.“ „Liebe Madame Bonacieur, Ihr ſeid reizend, aber zugleich die geheimnißvollſte Frau...“ „Verliere ich dabei?“ .„Mein„ Ihr ſeid im Gegentheil anbetungswür⸗ „Dann gebt mir den Arm.“ „Sehr gerne: und nun?... „Nun führt mich.“ „Wohin?“ „Wohin ich gehe.“ „Aber wohin geht Ihr?“ „Ihr werdet es ſehen, da Ihr mich an der Thüre verlaſſen müßt.“ „Soll ich Euch erwarten?“ „Das wird unnöthig ſein.“ „Ihr werdet alſo allein zurückkehren 2“ „Vielleicht ja, vielleicht nein.“ „Aber wird die Perſon, die Euch ſodann begleitet, ein Mann oder eine Frau ſein?“ „Ich weiß es noch nicht.“ „Das werde ich wohl erfahren.“ „Wie dies?“ „Ich werde Euch erwarten, um Euch he „In dieſem Falle; adieu!“ — „Wie ſo?“ „Ich bedarf Eurer nicht.“ „Aber Ihr habt gebeten „Um die Hülfe eines Edelmannes und nicht um die verwachung eines Spions.“ „Das Wort iſt ein wenig hart.“. „Wie nenntan diejenige, welche den Leuten wider thren Willen folge 7“ „Indiscrete.“— „Das Wort iſt zu weich.“ „Nun, Madame, ich ſehe wohl, daß man Alles thun muß, was Ihr haben wollt.“ „Warum habt Ihr Euch des Verdienſtes beraubt, es ſogleich zu thun?“ bht es nicht Menſchen, welche zu bereuen wiſ⸗ ſen „Ihr bereuet alſo ernſilich?“ „Ich weiß vieß ſelbſt nicht. Ich weiß nur ſo viel, daß ich Euch Alles zu thun verſpreche, was Ihr haben wollt, wenn Ihr mich Euch bis dahin begleiten laßt, wo⸗ hin Ihr geht.“ „Und Ihr verlaßt mich ſodann?“ Ja,“ „Dhne mich bei meinem Austritt zu beſpähen 2 „Nein.“ „Auf Ehrenwort?“ So wahr ich ein Edelmann bin 1 7 Gebt mir Euren Arm und dann vorwärts!“ welche ſich halb lachend, halb zitternd daran hing, und beide gewannen die Höhe der Rue de la Harpe. Hier angelangt, ſchien die junge Frau zu zögern, wie ſie dieß. bereits in der Rue de Vaugirard gethan hatte. Aber ſie erkannte wohl an gewiſſen Zeichen die Thüre, näherte ſich † dieſer und ſprach: PArtagnan bot ſeinen Arm Madame Bonacieur, „Nun, mein Herr, hier habe ich Geſchäfte. ch mich blick meit befü 3 Pfer dem wied Fra den 6 Ihr Wor fort, Blic mir in n ſcher lang ſager lich. decke ben die der hun ubt, wiſ⸗ viel, aben wo⸗ ieur, und Hier dieß r ſie — 169 danke Euch tauſendmal für das ehrenvolle Geleite, das mich vor allen Gefahren beſchützt hat; aber der Augen⸗ blick, Wort zu halten, iſt gekommen. Ich bin am Orte meiner Beſtimmung.“ „Und Ihr habt bei Euerer Rückkehr nichts mehr zu befürchten?“ „Ich habe nur die Diebe zu fürchten.“ „Iſt das nichts?“ „Was könnten ſie mir nehmen? ich habe keinen Pfennig bei mir.“ „Ihr vergeßt das ſchöne geſtickte Taſchentuch mit dem Wappen.“ „Welches 24 „Das, welches ich zu Euern Füßen gefunden und wieder in Euere Taſche geſteckt habe.“ „Schweigt, ſchweigt, Unglücklicher!“ rief die junge Frau.„Wollt Ihr mich verderben?“ „Ihr ſeht, daß immer noch Gefahr für euch vorhan⸗ den iſt, da Euch ein einziges Wort zittern macht und Ihr eingeſteht, daß Ihr verloren wäret, wenn man dieſes Wort hören würde. Ah! Madame,“ fuhr dArtagnan fort, indem er ihre Hand ergriff und mit glühenden ſchen*⸗ Blicken betrachtete,„ſeid edelmüthiger, vertraut Euch mir an; habt Ihr nicht in meinen Augen geleſen, daß in meinem Herzen nur Ergebenheit und Mitgefühl herr⸗ „Allerdings,“ antwortete Madame Bonacieur,„ver⸗ langt meine Geheimniſſe von mir und ich werde ſie Euch agenz aber bei denen anderer iſt mir dieß nicht mög⸗ „Gut,“ ſprach d'Artagnan,„ich werde ſie zu ent⸗ 8 decken wiſſen; da dieſe Geheimniſſe Einfluß auf Euer Le⸗ ben üben können, ſo müſſen ſie die meinigen werden.“ ſich Ernſte, der dArtagnan unwillkührlich beben machte. Oh miſcht Euch in keiner Beziehung in das, was mich betri „Hütet Euch wohl,“ rief die junge Frau mit einem 170 ſucht mich nicht in der Erföllung meiner Aufgabe zu un⸗ terſtützen, ich bitte Euch darum, im Namen der Theil⸗ nahme, die ich Euch einfloße, den Ihr mir geleiſtet habt, und den ich in meinem ganzen Leben nicht vergeſſen werde. Glaubt vielmehr das, was ich Euch ſage. Beſchäftigt Euch nicht mehr mit mir, ich möge gar nicht mehr für Euch beſtehen, es ſei, als ob Ihr mich gar nicht geſehen hättet.“ tagnan gereizt. „Ihr habt dieſen Namen ſchon zwei⸗ oder dreimal ausgeſprochen, mein Herr, und ich ſagte Euch doch, daß ich ihn nicht kenne.“ „Ihr kennt den Mann nicht, an deſſen Laden Ihr ge⸗ klopft habt? Ihr haltet mich doch für gar zu leichtgläu⸗ big, Mavame!“ „Geſteht, daß Ihr, um mich zum Sprechen zu ſchafft.“ „Ich erfinde nichts, ich ſchaffe nichts, Madame, ich ſage vie ſtrenge Wahrheit.“ „Und Ihr behauptet, einer von Eueren Freunden wohne in dieſem Hauſe?“ „Ich behaupte es, und wiederhole es zum dritten Freund iſt Aramis.“ 5 Herr, ſchweigt.“ ſprach dArtagnan,„ſo würdet Ihr darin ſo viel Neu⸗ fürchten.“ 3 ve jünge Frau, den Kopf ſchüttelnd. im Namen des Dienſtes, „Muß Aramis daſſelbe thun, wie ich?“ fragte d'Ar⸗ 6 Male, in dieſem Hauſe wohnt mein Freund, und dieſer „Wenn Ihr mein Herz ganz unberhüllt ſehen könntet,“ gierde leſen, daß Ihr Mitleid mit mir hättet, und ſo riel Liebe, daß Ihr ſogleich eben dieſe Neugierde beftie⸗ digen würdet. Man hat von Liebenden nichts zu be⸗ veranlaſſen, dieſe Geſchichte erfindet und dieſe Perſon † „Alles das wird ſich ſpäter erklären, für jetzt, mein 5 faßt verſ nah bei Tuc Euc doch dieſ gefä meit ich Ihr ſteht die mele der es ſ erwe beug weig „Ihr ſprecht ſehr raſch von Liebe, mein Herr,“ ſagte nicht — 171 „Weil die Liebe mich raſch und zum erſten Male er⸗ faßt hat, und weil ich noch nicht zwanzig Jahre alt bin.“ Die junge Frau ſchaute ihn verſtohlen an. W „Hört, ich bin der Sache bereits auf der Spur,“ verſetzte dArtagnan.„Vor drei Monaten hätte ich bei⸗ nahe ein Duell mit Axamis wegen eines Taſchentuchs ge⸗ habt, das ganz dem ähnlich iſt, das ihr der Frau, welche bei ihm war, gegen ein auf dieſelbe Weiſe bezeichnetes Tuch vorwieſet.“ „Mein Herr,“ erwiederte die junge Frau,„ich ſchwöre Euch, Ihr ermüdet mich mit dieſen Fragen.“ „Aber Ihr, die Ihr ſo klug ſeid, Madame, bedenkt doch; wenn man Euch verhaften würde und man fände ge⸗ dieſes Taſchentuch bei Euch, würdet Ihr hiedurch nicht läu⸗ gefährdet?“ „Warum denn, ſind die Anfangsbuchſtaben nicht die nzu meinigen: C. B. Conſtance Bonacieur?“ erſon„Oder Camille von Bois⸗Tracy.“ „Stille, mein Herr, ſtille! da die Gefahren, denen ich ausgeſetzt bin, Euch nicht zurückhalten, ſo bedenkt, wie Ihr gefährdet ſeid.“ 3ch2 unden„Ich? „Ja, Ihr, Euere Freiheit iſt bedroht, Euer Leben ritten ſteht auf dem Spiele, wenn Ihr mich kennt.“ dieſer„Dann verlaſſe ich Euch nicht mehr.“ „Mein Herr,“ ſprach die junge Frau flehend und mein die Hände faltend,„mein Herr, im Namen des Him⸗ els, im Namen der Ehre eines Militärs, im Namen ntet,“ der Ritterlichkeit eines Edelmanns, entfernt Euch; hört, Neu⸗ es ſchlägt Mitternacht, es iſt die Stunde, wo man mich ſo viel erwartet.“ befrie⸗ †„Madame,“ erwiederte der junge Mann ſich ver⸗ zu be⸗ſ beugend,„wenn man mich ſo bittet, kann ich nichts ver⸗ weigern, ſeid ruhig, ich entferne mich.“ ſagte„Aber Ihr folgt mir nicht, Ihr beſpäht teit!“ „Ahl Ihr ſeid zu reizend,“ ſprach dArtagnan trau⸗ 172 „Ich gehe ſogleich nach Hauſe.“ „Oh! ich wußte wohl, daß Ihr ein braver junger Mann ſeid!“ rief Madame Bonacieux, indem ſie ihm eine Hand reichte und die eine an den Klopfer einer beinahe in der Mauer verborgenen Thüre legte. D'Artagnan ergriff die Hand, die man ihm darbot, und bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. „Ach! ich wollte, ich hätte Euch nie geſehen,⸗ rief vArtagnan mit jener naiven Rohheit, welche die Frauen häufig den künſtlichen Redensarten der Höflichkeit vor⸗ ziehen, weil ſie den Grund der Denkungsart enthüllt und zum Beweiſe dient, daß das Herz den Sieg über den Geiſt davon trägt. „Nun!“ erwiederte Madame Bonacieur mit beinahe ſchmeichelndem Tone, und drückte dabei d'Artagnan's Hand, welche die ihrige noch nicht verlaſſen hatte, „nun! ich ſage noch nicht ſo viel, wie Ihr: was für heute verloren iſt, iſt nicht für die Zukunft verloren. Wer weiß, ob ich nicht, wenn ich eines Tags entbunden bin, Euere Neugierde befriedige.“ „Und leiſtet Ihr meiner Liebe daſſelbe Verſprechen?“ rief d'Artagnan in der hochſten Freude. „Ah! von dieſer Seite will ich mich zu nichts ver⸗ pflichten, das hängt von den Geſühlen ab, die Ihr mir einzufloßen wiſſen werdet.“ „Alſo heute, Madame„ „Heute, mein Herr, ſtehe ich erſt bei der Dankbar⸗ rig,„und Ihr mißbraucht meine Liebe.“ „Nein, ich gebrauche Euern Cdelmuth, das iſt das Ganze. Aber glaubt mir, bei gewiſſen Menſchen findet ſich Alles wieder.“ „Oh! Ihr macht mich zum glücklichſten Sterblichen. Vergeßt dieſen Abend nicht, gedenket dieſes Verſprechens.“ Seid unbeſorgt, zu geeigneter Zeit, an geeigne — Gott Hant veiſc Wort Mad ganz ich g geber ſame Mad langſ Ecke geöfft tem Orte werde ich mich an Alles erinnern. Aber nun geht, geht, in des Himmels Namen! Man erwartete mich auf den Schlag Mitternacht, und ich habe mich bereits verſpätet.“—* „Um fünf Minuten.“ „Ja, aber unter gewiſſen Umſtänden ſind fünf Minu⸗ ten fünf Jahrhunderte.“ ei man liebt.“„ „Ei! wer ſagt Euch denn, daß ich es nicht mit Liebenden zu thun habe?“ or⸗. Ein Mann erwartet Euch,“ rief d'Artagnan, ein 7 S und Mann 2 „Geht, ſoll der Streit ſchon wieder beginnen,“ ſprach ahe Madame Bonacieur mit einem leichten Lächeln, das nicht ganz von einer Färbung von Unruhe frei war. „Nein, nein, ich gehe, ich gehe, ich entferne mich, für ich glaube Euch, ich will das volle Verdienſt meiner Er⸗ Wer gebenheit haben, und wäre dieſe auch eine Albernheit. bin, Gott befohlen! Madame, Gott befohlen!“ Und als fühlte er nicht die Kraft in ſich, von der Hand, die er hielt, ſich anders, als durch ein gewaltſa⸗ ſames Losreißen zu trennen, lief er raſch weg, während 4 Madame Bonacieur, wie bei dem Fenſterladen, dreimal 3 mir langſam und in denſelben Zwiſchenräumen klopfte; an der 6 Ecke der Straße drehte er ſich um; man hatte die Thüre gesffnet und wieder geſchloſſen. Die ſchöne Krämerin war bar⸗ verſchwunden. DArtagnan ſetzte ſeinen Weg fort, er hatte ſein u Wort gegeben, Madame Bonacieur nicht zu beſpähen, und hätte ſein Leben von dem Orte, wohin ſie zu gehen im das Begriff war, und von der Perſon abgehängt, die ſie be⸗ indet gleiten ſollte, d'Artagnan wäre nach Hauſe gegangen, weil es zugeſagt hatte. Nach fünf Minuten befarz er ſich in der Rue des Foſſoyeurs. S6 „Armer Athos,“ ſprach er,„er wird nicht wiſſen⸗ was dieß heißen ſoll. Er iſt ohne Zweifel mich erwar⸗ — — — — 174 auſe gegangen, und tend eingeſchlafen, oder er iſt dort wird er erfahren haben, daß t eine Frau in ſeine † murt Wohnung gekommen iſt. Eine Frau bei Athos. Uebri⸗ gens war auch eine bei Aramis,“ fuhr d'Artagnan fort. Baſt mit durch „Das iſt eine ganz ſeltſame Geſchichte, und ich bin neu⸗ gierig, zu erſahren, wie das Alles enden wird.“ „Schlimm, gnädiger Herr, ſchlimm,“ antwortete rend eine Stimme, an welcher der junge Mann Planchet er⸗ dver kannte, denn nach Art der Leute, welche ganz und gar ab u von ihren Gedanken in Anſpruch genommen find, war er laut mit ſich ſprechend in den Gang gelangt, an deſſen die Treppe lag, die nach ſeinem Zimmer ührte. a „Wie ſo, ſchlimm? Was willſt Du damit ſagen, 50 Dummkopf?“ fragte d'Artagnan, und was iſt denn vor⸗ gefallen?“ ſage „Alles mögliche Unglück.“ Herb „Was denn?“ Haus „Erſtens hat man Athos verhaftet.“ ville, „Verhaftet! Athos! verhaftet! Warum?“ zurüe „Man hat ihn in Euerer Wohnung gefunden und ſür Euch gehalten.“ „Und durch wen iſt er verhaftet worden?“ d'Art „Durch die Wache, welche die ſchwarzen Menſchen , wollte, welche Ihr ihr in die Flucht geſchlagen habt.“ „Warum hat er nicht ſeinen Namen genannt? War⸗ um hat er nicht geſagt, daß er gar nichts von dieſer An⸗ gelegenheit wüßte?“ 4 „Er hat ſich wohl gehütet, gnädiger Herr ſich mir im Gegentheil und ſagte:„„Dein ſeiner Freiheit in dieſem Augenblick, ich nicht, weiß uyd ich nichts weiß. Man wird glauben, er ſei verhafen, und dadurch gewinnt er Zeit. In drei Tagenß thode ſage ich, wer ich bin, und dann muß man mich wohl gehen laſſen.““ . und ine bri⸗ ort. eu⸗ tete er⸗ gar rert eſſen mer igen, vor⸗ und nſchen lagen War⸗ eAn⸗ äherte bedarf Alles er ſei Tagen h wohl „Bravo, Athos! edles Herz, daran erkenne ich ihn,“ murmelte d'Artagnan.„Und was thaten die Sbirren?“ „Vier haben ihn, ich weiß nicht wohin, nach der Baſtille oder nach dem Fort⸗l'Evöque geführt, zwei ſind mit den ſchwarzen Männern zurückgeblieben, welche Alles durchſuchten und alle Papiere in Beſchlag nahmen. Wäh⸗ rend dieſer Expedition hielten die zwei letzten Wache vor der Thüre; ſobald Alles zu Ende gebracht war, zogen ſie ab und ließen das Haus leer und offen.“ „Und Porthos und Aramis 2“ „Ich fand ſie nicht, ſie kamen nicht.“ „Aber ſie können jeden Augenblick kommen, denn Du haſt ihnen ſagen laſſen, daß ich ſie erwarte?“ „Ja, gnädiger Herr.“ i „Gut, geh' nicht von der Stelle; wenn ſie kommen, ſage ihnen, was mir begegnet iſt, ſie mögen mich in der Herberge zum Fichtenapfel erwarten; hier iſt Gefahr, das Haus kann beſpäht werden. Ich laufe zu Herrn von Tre⸗ ville, um ihm Alles mitzutheilen, und kehre dann zu ihnen zurück.“ „Ganz wohl, gnädiger Herr,“ ſprach Planchet. „Aber Du bleibſt, Du haſt keine Furcht?“ ſagte dArtagnan, noch einmal zurückkehrend, um ſeinem Diener Muth einzuſchärfen. „Seid ruhig,“ erwiederte Planchet,„Ihr kennt mich noch nicht; ich bin muthig, wenn ich einmal an⸗ fange; ich brauche nur anzufangen; überdieß bin ich ein Picarde.“ „Abgemacht alſo,“ ſagte d'Artagnan:„Du läßt Dich eher tödten, als daß Du von Deinem Poſten weichſt.“ „Ja, Herr, es gibt nichts, was ich nicht thun würde, um Euch meine Anhänglichkeit zu beweiſen.“ „Gut,“ ſprach dArtagnan zu ſich ſelbſt;„die Me⸗ thode, welche ich bei dieſem Butſchen in Anwendung ge⸗ bracht habe, ſcheint offenbar gut zu ſein; ich werde bei Gelegenheit davon Gebrauch machen.“ 173 Und mit der ganzen Geſchwindigkeit ſeiner, durch die verſchiedenen Märſche dieſes Tages bereits etwas ermüde⸗ ien Beine lief d'Artagnan nach der Rue du Colombier. Berr von Treville war nicht zu Hauſe; ſeine Com⸗ Compagnie. Man mußte nothwendig zu Herrn von Treville ge⸗ langen; es war ſehr wichtig, ihn von allen Vorgängen in Kenntniß zu ſetzen. D'Artagnan beſchloß, den Verſuch zu machen, in den Louvre zu kommen. Seine Uniform als Garde von der Compagnie des Herrn des Eſſarts ſollte ihm als Paß dienen. Er ging alſo durch die Rue des Petits⸗Auguſtins hinab und an dem Quai hinauf, um den Pont Meuf zu erreichen. Einen Augenblick kam ihm der Gedanke, in der Fähre über den Fluß zu ſetzen, als er aber am Rande des Waſſers ſtand, ſteckte er mechaniſch die Hand in die Taſche und bemerkte, daß er kein Geld bei ſich hatte, um den Fährmann zu bezahlen. In dem Augenblick, wo er zu der Höhe der Rue aus zwei Perſonen beſtehende Gruppe hervorkommen, de⸗ ren Erſcheinung ihn ſehr in Erſtaunen ſetzte. Die zwei Perſonen, welche die Gruppe bildeten, wa⸗ ren ein Mann und eine Frau. Die Frau hatte die Tournure von Madame Bona⸗ cieur, und der Mann war Aramis zum Täuſchen ähnlich. Die Frau trug überdieß den ſchwarzen Mantel, deſ⸗ noch vor ſich ſah. wie dieſe Vorſicht bewies, ein Intereſſe dabei, nicht erkannt zu werden. 5 pagnie hatte die Wache im Louvre; er war bei ſeiner Guenegaud gelangte, ſah er aus der Rue Dauphine eine ſen Umriſſe dArtagnan auf dem Laden der Rue Vaugi⸗ rard und auf der Thüre der Rue de la Harpe abgezeichnet Mehr noch, der Mann trug die Musketier⸗Uniform. Die Mantelkappe der Frau war vorgeſchlagen; der Mann hielt ein Sacktuch vor ſein Geſicht; Beide hatten, auch Louv aber dieſe Arar in ſe und liebte geſch nach hübſc ihm keit d ner g Er 5 ſpotte § in da zu ve 3( — man. ſich g Same beleuc Brück E vor i . einen Beton Theile Die ch die müde⸗ ier. Com⸗ ſeiner ge⸗ ängen erſuch iform ſſarts uſtins uf zu i Kande n die „um Rue eine de⸗ wa⸗ ona⸗ nlich. deſ⸗ augi⸗ chnet orm. der tten, annt 7 Sie ſchlugen den Weg nach der Brücke ein; es war auch der Weg von d'Artagnan, da ſich dieſer nach dem Louvre begab. D'Artagnan folgte ihnen. Kaum hatte er aber zwanzig Schritte gemacht, als er überzeugt war, daß dieſe Frau nur Madame Bonacieur, dieſer Mann nt Aramis ſein könnte. Sogleich regte ſich der ganze Argwohn der Eiferſucht in ſeinem bewegten Herzen. Er glaubte ſich doppelt verrathen: von ſeinem Freunde und von derjenigen, welche er bereits wie eine Geliebte liebte. Madame Bonacieur hatte ihm bei allen Göttern geſchworen, ſie kenne Aramis nicht, und eine Viertelſtunde nach dieſem Schwure findet er ſie am Arme von Aramis. D'Artagnan überlegte ſich nicht einmal, daß er die hübſche Krämerin erſt ſeit drei Stunden kannte, daß ſie ihm zu nichts verpflichtet war, als zu ein wenig Dankbar⸗ keit dafür, daß er ſie aus den Händen der ſchwarzen Män⸗ ner gerettet, und daß ſie ihm gar nichts verſprochen hatte. Er betrachtete ſich als einen beleidigten, verachteten, ver⸗ ſpotteten Lebhaber, das Blut und der Zorn ſtiegen ihm in das Geſicht und er beſchloß, ſich Aufklärung über Alles zu verſchaffen. Die junge Frau und der junge Mann bemerkten, daß man ihnen folgte und verdoppelten ihre Schritte. DArtagnan lief ſchneller, überholte ſie und kehrte ſich gegen ſie in dem Augenblicke um, wo ſie ſich vor der Samaritaine befanden, welche durch einen Scheinwerfer beleuchtet wurde, der ſein Licht über dieſen Theil der Brücke verbreitete. D'Artagnan blieb vor ihnen ſtehen und ſie ſtanden vor ihm ſtille. „Was wollt Ihr, mein Herr?“ fragte der Musketier, einen Schritt zurückweichend und mit einer fremdartigen Betonung, woraus dArtagnan erſah, daß er ſich in einem Theile ſeiner Vermuthung getäuſcht hatte. Die drei Musketiere. I. 12 178 „Das iſt nicht Aramis,“ rief er. „Nein, mein Herr, es iſt nicht Aramis, und aus Eurem Ausrufe erkenne ich, daß Ihr mich für einen An⸗ dern gehalten habt, und vergebe Euch deshalb.“ „Ihr vergebt mir!“ rief d'Artagnan. „Ja,“ erwiederte der Unbekannte,„laßt mich meines Wegs ziehen, da Ihr mit mir nichts zu ſchaffen habt.“ „Ihr habt Recht, mein Herr, ich habe mit Euch nichts zu thun, wohl aber mit dieſer Frau.“. „Mit dieſer Frau! Ihr kennt ſie nicht,“ ſprach der Fremde. „Ihr täuſcht Euch, Herr, ich kenne ſie.“ „Ah,“ ſagte Madame Bonacieur mit einem Tone des Vorwurfs,„ah, mein Herr, ich hatte Euer Ehrenwort als Militär und Edelmann und glaubte hierauf zählen zu dürfen.“— „Und ich, Madame,“ erwiederte dArtagnan verlegen, „Ihr habt mir verſprochen... „und wir wollen weiter gehen.“ Betäubt, niedergebeugt, vernichtet durch Alles, was ihm begegnete, blieb d'Artagnan indeſſen mit gekreuzten Armen vor dem Musketier und Madame Bonaeieur ſtehen. Der Musketier trat zwei Schritte vorwärts und ſuchte d'Artagnan mit der Hand auf die Seite zu ſchieben. D'Artagnan ſprang zurück und zog ſeinen Degen. Zu gleicher Zeit und mit Blitzesſchnelligkeit zog der Unbekannte ebenfalls vom Leder. 3 „Im Namen des Himmels, Mylord,“ rief Madame Bonacieur, ſich zwiſchen die Kämpfenden werfend und nach den Degen greifend. „Mylord,“ rief dArtagnan, plötzlich durch einen Ge⸗ danken erleuchtet,„Mylord, um Vergebung. Gnädiger Herr, ſolltet Ihr es ſein „Mylord, Herzog von Buckingham,“ ſagte Madame „Nehmet meinen Arm, Madame,“ ſprach der Fremde, Al ru nu ein ler de ol 179 Bonacieur mit heller Stimme,„und nun könnt Ihr uns Alle ins Verderben ſtürzen.“ W„Mylord, Madame, ich bitte um Vergebung, tau⸗ ſendmal um Vergebung; aber ich liebte ſie, Mylord, und eints war eiferſüchtig, und Ihr wißt, was lieben heißt, Mylord. Vergebt mir und ſagt mir, wie ich mich für Eure Herr⸗ Euch lichkeit kann tödten laſſen?“ 2 „Ihr ſeid ein braver junger Mann,“ ſprach Bucking⸗ ham und reichte d'Artagnan eine Hand, die dieſer ehr⸗ e furchtsvoll drückte.„Ihr bietet mir Eure Dienſte, ich nehme ſie an, folgt mir auf zwanzig Schritte bis zum die Louvre, und wenn uns Jemand beſpäht, tödtet ihn.“ wor D'Artagnan nahm ſeinen bloßen Degen unter den Arm, ließ Madame Bonacieur und den Herzog zwanzig n3 Schritte vorausgehen und folgte ihnen, bereit, buchſtäblich die Auweiſung des edlen und eleganten Miniſters von egen 3 Carl I. zu vollſtrecken. mn Glücklicher Weiſe hatte der junge Mann keine Ge⸗ ₰ legenheit, dem Herzog dieſen Beweis von Ergebenheit ab⸗ was zulegen, und die junge Frau und der hübſche Musketier erreichten die Pforte des Louvre an der Rue de lEchelle, ohne beunruhigt zu werden. Un DArtagnan begab ſich ſogleich nach der Schenke zum Scigarie wo er Porthos und Aramis fand, die ſeiner arrten. n Er gab ihnen keine nähere Erklärung über die Stö⸗ 9 rung, die er beiden verurſacht hatte, ſondern ſagte ihnen vame nur, er habe die Angelegenheit, wobei er ihren Beiſtand nach k⸗ einen Augenblick für nothwendig erachtet, allein abgemacht. 3 Fortgezogen durch den Gang unſerer Erzählung, wol⸗ len wir die drei Freunde nach Hauſe gehen laſſen und Herzog mit ſeiner Führerin in den Gängen des Louvre folgen. B Schwierigkeit in dem Louvre Eingang; von Madame F Bonacieur war es bekannt, daß ſie im Dienſte der Köni⸗ re gin ſtand. Der Herzog trug die Uniform der Musketiere de von Herrn von Treville, welche erwähnter Maßen an die⸗ w ſem Abend die Wache hatten. Ueberdies war Germain im V Intereſſe der Königin und wenn etwas vorfiel, ſo wäre B Madame Bonacieux ganz einfach beſchuldigt worden, ſie tr habe ihren Liebhaber in den Louvre gebracht; ſie nahm n das Verbrechen auf ſich: ihr Ruf war allerdings verloren, m aber welchen Werth hat in der Welt der Ruf einer kleinen Krämerin! eute vom Gefolge beſtimmten Theiles vom Louvre. Sie verſchloß die Thüre hinter ſich, nahm den Herzog bei der Hand, machte taſtend einige Schritte, faßte ein Geländer, berührte mit dem Fuße eine Stufe und fing an eine Treppe hinaufzuſteigen, wobei der Herzog zwei Stockwerke zählte. Dann wandte ſie ſich nach der rechten Seite, folgte Grorge Pilliers, Herzog von Buchingham. Madame Bonacieur und der Herzog fanden ohne R Sobald der Herzog und die junge Frau ſich im In⸗ V nern des Hofes befanden, folgten ſie ungefähr zwanzig„ zo Schritte einer Mauer. Rachdem ſie dieſen Raum durch⸗ S wandert hatten, ſtieß Madame Bonacieux an eine kleine bi Thüre, welche bei Tag offen, aber in der Nacht gewöhn⸗ di lich geſchloſſen war. Die Thüre gab nach, Beide traten 3 ein und befanden ſich in der Dunkelheit; Madame Bona⸗ w eieur kannte jedoch alle Winkel und Räume dieſes für die a at un ne ge T einer langen Flur, ſtieg wieder ein Stockwerk hinab,. machte noch einige Schritte, ſteckte einen Schlüſſel in ein D Schloß, öffnete eine Thüre und ſchob den Herzog in ein m nur durch eine Nachtlampe beleuchtetes Zimmer und ve ſagte zu n„Bleibt hier, Mylord Herzog, man wird kommen!“ Hierauf entfernte ſieſich durch die⸗ * ohne ame öni⸗ tiere die⸗ im äre ſie ihm ren, nen In⸗ zig ch⸗ ine hu⸗ ten na⸗ die Sie der er, ine rke gte b, ein ein nd an ie⸗ 181 ſelbe Thüre, weiche ſie mit dem Schlüſſel wieder ver⸗ ſo daß ſich der Herzog buchſtäblich gefangen and. So ſehr von aller Welt getrennt der Herzog von Buckingham war, ſo befiel ihn doch nicht die geringſte Furcht; eine der hervorſpringendſten Seiten ſeines Cha⸗ rakters beſtand im Aufſuchen des Abenteuerlichen, und in der Liebe zum Romantiſchen. Brav, kühn, unternehmend, war es nicht das erſte Mal, daß er ſein Leben in ſolchen Verſuchen wagtez er hatte erfahren, daß die angebliche Botſchaft von Anna von Oeſterreich, deren Inhalt ver⸗ trauend er nach Paris kam, eine Falle war, und ſtatt nach England zurückzukehren, hatte er die Lage, in die man ihn verſetzt, mißbraucht und der Königin erklärt, er würde nicht zurückkehren, ohne ſie geſehen zu haben. Die Koͤnigin hielt ſeinem Drängen Anfangs eine gänzliche Weigerung entgegen, ſpäter aber befürchtete ſie, der Her⸗ zog könnte außer ſich gerathen und eine Thorheit begehen. Schon war ſie entſchloſſen, ihn zu empfangen und ihn zu bitten, er möge ſogleich abreiſen, als gerade an dem Abend dieſer Entſcheidung Madame Bonacieux, welche den Her⸗ zog ſuchen und nach dem Louvre zu führen beauſtragt war, verhaftet wurde. Zwei Tage lang wußte man durch⸗ aus nicht, was aus ihr geworden war und Alles blieb ausgeſetzt. Aber ſobald ſie ihre Freiheit wieder erlangt und mit La Porte die Verbindung wiederhergeſtellt hatte, nahmen die Dinge wieder ihren Lauf, und ſie erfüllte den gefahrvollen Auftrag, den ſie ohne ihre Verhaftung drei Tage früher vollführt haben würde. Als ſich Buckingham allein ſah, näherte er ſich einem Spiegel. Die Musketierkleidung ſtand ihm vortrefflich. Damals ein Mann von fünf und dreißig Jahren, galt er mit Recht für den ſchönſten Baron und zierlichſten Ca⸗ valier von Frankreich und England. Der Liebling bon zwei Koͤnigen, im Beſitze eines Vermögens von Millio⸗ 182 nen, allmächtig in einem Reiche, das er nach ſeiner Laune umſtürzte oder beruhigte, hatte George Villiers, Herzog von Buckingham, eine von jenen fabelhaften Exiſtenzen unternommen, welche im Verlauf von Jahrhunderten die Nachwelt in fortwährendes Erſtaunen ſetzen. Seiner ſicher, überzeugt von feiner Macht, gewiß, daß die Ge⸗ ſetze, welche Andere beherrſchen, ihn nicht erreichen konn⸗ ten, ging er gerade auf das Ziel los, das er ſich vorge⸗ ſetzt hatte, und war daſſelbe auch ſo erhaben, ſo blendend, daß es für einen Andern eine Thorheit geweſen wäre, nur ſeinen Blick darauf zu werfen. So war es ihm gelungen, ſich wiederholt der ſchönen und ſtolzen Anna von Oeſter⸗ reich zu nähern und durch die Macht der Verblendung ihre Liebe zu gewinnen. George Villiers ſtellte ſich, wie geſagt, vor einen Spiegel und gab ſeinem ſchönen blonden Haare die Wellenlinien wiever, die das Gewicht ſeines Hutes nieder⸗ gebrückt hatte, ſtrich ſeinen Schnurrbart in die Höhe und lächelte voll Freude, glücklich und ſtolz, dem ſo lange er⸗ ſehnten Augenblick nahe zu ſein, ſich ſelbſt in übermüthi⸗ ger Hoffnung zu. In dieſem Augenblick oͤffnete ſich eine verborgene Tapetenthüre und es erſchien eine Frau. Buckingham ſah dieſe Erſcheinung im Spiegel; er ſtieß einen Schrei aus, es war die Königin!„ Anna von Oeſterreich zählte damals ſechs und zwan⸗ zig bis ſieben und zwanzig Jahre, das heißt ſie ſtand in dem vollen Glanze ihrer Schoͤnheit. Ihr Gang war der einer Königin oder Göttin. Ihre Augen, welche Sma⸗ ragdreflere warfen, waren unendlich ſchön und zugleich voll Sanftmuth und Majeſtät. Ihr Mund war klein und friſchroth, und obgleich ihre Unterlippe, wie bei allen Prinzen vom Hauſe Oeſterreich, etwas vor die Oberlippe hervortrat, ſo war er doch äußerſt anmuthig in ſeinem Lächeln, aber ungemein verächtlich in der Geringſchätzung. Ihre Haut war betühmt wegen ihrer ſammetartigen Weich⸗ 183 heit; ihre Hand und ihre außerordentlich reizenden Arme wurden von den Dichtern der Zeit als unvergleichlich be⸗ ſungen. Ihre Haare, welche in ihrer Jugend Blond, nun⸗ mehr kaſtanienbraun geworden waren, umrahmten auf eine bewunderungswürdige Weiſe ihr Antlitz, dem der ſtrengſte Richter nur etwas weniger Roͤthe und der anſpruchsvollſte Bildhauer nur ein wenig mehr Zartheit in der Naſe hätte wünſchen können. Buckingham blieb geblendet; nie war ihm Anna von Oeſterreich auf den Bällen, bei den Feten, bei den Car⸗ ouſels ſo ſchön vorgekommen, als ſie ihm in dieſem Augenblick erſchien, angethan mit einem einfachen weißen Seidenkleide und in Begleitung von Donna Eſtefania, der einzigen von ihren ſpaniſchen Frauen, welche nicht durch die Eiferſucht des Königs oder die Verfolgungen von Richelien vertrieben worden war. Anna von Oeſterreich ging zwei Schritte vorwärts: Buckingham ſtürzte auf ſeine Kniee und küßte, ehe es die Koͤnigin verhindern konnte, den Saum ihres Kleides. „Herzog, Ihr wißt bereits, daß ich Euch nicht habe ſchreiben laſſen?“ „O ja, Madame, ja, Ew. Majeſtät. Ich weiß, daß ich ein Thor, ein Wahnſinniger geweſen bin, glauben zu können, der Schnee würde ſich beleben, der Marmor er⸗ wärmen; aber was wollt Ihr? wenn man liebt, glaubt man leicht an die Liebe; überdies habe ich bei dieſer Reiſe nicht Alles verloren, da ich Euch ſehe.“ „Ja,“ erwiederte Anna,„aber Ihr wißt, warum und wie ich Euch ſehe, Mylord. Ich ſehe Euch aus Mit⸗ leid für Euch ſelbſt; ich ſehe Euch, weil Ihr, unempfind⸗ lich für alle meine Qualen, hartnäckig in einer Stadt verweilt, wo Ihr Euer Leben wagt und meine Ehre blos⸗ ſtellt. Ich ſehe Euch, um Euch zu ſagen, daß uns Alles trennt, die Tiefe des Meexes, die Zwiſtigkeiten der König⸗ reiche, die Heiligkeit der Schwüre. Es iſt ein wahrer Frevel, gegen ſo viele Ding ſehe Euch endlich, um Euch mehr ſehen dürfen.“ „Sprecht, Madame, ſprech Königin, erwiederte bfen, Mylord. Ich aß wir uns nicht Buckingham,„die Sanftheit Eur Seimme verhüllt die Pärte Eurer Worte. Ihr ſprecht revel! aber der Frevel liegt in der Trennung von Herz welc für einander geſchaffen hatte.“ „Mylord!“ rief die Königin,„Ihr vergeß Euch nie geſagt habe, ich liebe Euch.“ „Aber Ihr habt mir auch nie geſagt, Ihr mich nicht, und in der That, eine ſolche Aeußerung war von Seiten Eurer Majeſtät eine zu große Undankbarkeit. Denn ſagt mir, wo würdet Ihr eine Liebe finden, die der meinigen gliche, eine Liebe, welche weder die Zeit, noch die Entfernung, noch die Verzweiflung zu erſticken ver mögenz eine Liebe, die ſich mit einem entfallenen Bande, einem verlorenen Blicke, einem entſchlüpften Worte be⸗ gnügt? Vor drei Jahren, Madame, habe ich Euch zum erſten Male geſehen, und ſeit drei Jahren liebe ich Euch auf dieſe Weiſe. Soll ich Euch ſagen, wie Ihr gekleivet waret, als ich Euch zum erſten Male ſah, ſoll ich jedes Stück Eurer damaligen Toilette beſchreiben? Ich ſehe Euch noch vor mir: Ihr ſaßet, nach ſpaniſcher Sitte, auf Pol⸗ ſtern; Ihr hattet ein Kleid von grüner Seide mit Gold⸗ und Silberſtickerei, hängende, an Euren ſchönen, an Euren bewunderungswürdigen Armen mit großen Diamanten be⸗ feſtigte Aermel, eine geſchloſſene Krauſe, auf Furem Haupte eine kleine Mütze von der Farbe Eures Kleides und auf dieſer Mütze eine Reiherfeder. Ol ich ſchließe die Augen und ſehe Euch, wie Ihr damals waret. Ich öffne ſie wie⸗ der, und ſehe Euch, wie Ihr jetzt ſeid— noch hundert⸗ mal ſchöner!“ 5 Welche Thorheit!“ murmelte Anna von Oeſter⸗ reich, die nicht den Muth beſaß, dem Herzog zu grol⸗ 3 1 ch ht rte die er et ⸗ en e⸗ te uf n e⸗ t⸗ F⸗ l⸗ len, weil er ihr Porträt ſo gut in ſeinem Innern bewahrt hatte;„welche Thorheit, eine vergebliche Leidenſchaft mit ſolchen Erinnerungen zu nähren!“ „Und wovon ſoll ich denn leben? ich habe nur Er⸗ innerungen. Das iſt mein Glück, mein Schatz, meine Hoffnung! So oft ich Euch ſehe, finde ich einen Diamant mehr, den ich in dem Gefäſſe meines Herzens einſchließe. Dieſer iſt der vierte, den Ihr ſallen laßt und ich aufraffe; denn in drei⸗Jahren, Madame, habe ich Euch nur vier Mal geſehen, das erſte Mal, wovon ich ſo eben geſprochen, das zweite Mal bei Frau von Chevreuſe, das dritte Mal in den Gärten von Amiens.. „Herzog,“ rief die Königin,„ſprecht mir nicht von dieſem Abend.“ „Oh, ſprechen wir im Gegentheil davon, Madame, ſprechen wir davon, es iſt der ſchönſte, leuchtendſte Abend meines Lebens. Ihr erinnert Euch jener herrlichen Nacht! Wie ſchön und balſamiſch war die Luft, wie war der Himmel ſo blau und mit Sternen beſtreut. Ah! damals, Madame, konnte ich einen Augenblick mit Euch allein ſein; damals waret Ihr bereit, mir Alles mitzutheilen, die Vereinzelung Eures Lebens, den Kummer Eures Herzens. Ihr lehntet Euch auf meinen Arm, halt, auf dieſen hier. Ich fühlte, als ich meinen Kopf nach Eurer Seite neigte, wie Eure ſchönen Haare mein Geſicht ſtreiften, und ſo oft ſie es ſtreiften, bebte ich vom Scheitel bis zu den Zehen. Oh! Königin! Königin! Oh! Ihr wißt nicht Alles, was ein ſolcher Augenblick an himm⸗ liſchen, paradieſiſchen Freuden in ſich ſchließt. Meine Güter, mein Vermögen, meinen Ruhm, mein ganzes übriges Leben würde ich für einen ſolchen Augenblick und für eine ſolche Nacht hingeben: denn in dieſer Nacht, Madame, in dieſer Nacht liebtet Ihr mich, das ſchwöre ich Euch.“ „Mylord, ja, es iſt möglich, daß der Einfluß des nern werdet.“ Ortes, der Zauber dieſer ſchönen Nacht, das Blendwerk Eures Blickes, daß dieſe tauſend umſtänbe, welche ſich zu⸗ weilen vereinigen, um eine Frau ins Verderben zu ſtürzen, ſich in dieſem unſeligen Augenblick um mich gruppirt haben; aber Ihr mußtet wahrnehmen, Mhlord, daß die Koͤnigin der ſchwach werdenden Frau zu Hülfe kam: bei dem erſten Worte, das Ihr zu ſagen wagtet, bei der erſten ſein auf die ich zu antworten hatte, rief ich die Hülfe herbei. „Oh! ja, ja, das iſt wahr, und eine andere Liebe, als die meinige, wäre dieſer Prüfung unterlegen. Aber meine Liebe iſt glühender und beſtändiger daraus hervor⸗ gegangen. Ihr glaubtet mich zu fliehen indem Ihr nach Paris zurückkehrtet, Ihr glaubtet, ich würde es nicht wa⸗ gen, den Schatz zu verlaſſen, deſſen Bewachung mein Herr mir übertragen hatte. Ah! was iſt mir an allen Schätzen der Welt und an allen Königen der Erde gele⸗ gen! Nach acht Tagen war ich zurückgekehrt, Madame. Diesmal hattet Ihr mir nichts zu ſagen. Ich hatte meine. Gnade, mein Leben eingeſetzt, um Euch zum zweiten Male zu ſehen. Ich berührte nicht einmal Eure Hand und Ihr vergabt mir, als Ihr mich ſo unterwürfig, ſo reumüthig erblicktet.“ 3 „Ja, aber die Verläumdung hat ſich aller dieſer; Thorheiten bemächtigt, an denen ich, wie Ihr wohl wißt, nicht im Geringſten ſchuldig war. Der König hat, durch den Cardinal angereizt, ein furchtbares Geſchrei erhoben; Frau von Vernet wurde fortgejagt, Putange verbannt Frau von Chevreuſe fiel in Ungnade, und als Ihr als Botſchafter nach Frankreich zurückkehren wolltet, widerſetzt ſich der König ſelbſt, Mylord, wie Ihr Euch wohl erin „Ja, und Frankreich wird die Weigerung ſeines Kö nigs mit einem Kriege bezahlen. Ich kann Euch nicht mehr ſehen, Madame, wohl! Ihr ſollt jeden Tag von mir ſprechen hören. Was glaubt Ihr, welchen Zweck dieſ werk u⸗ zen, pirt bei 187 Erpedition von Re und das von mir beabſichtigte Bünd⸗ niß mit den Proteſtanten von La Rochelle haben? Das Vergnügen, Euch zu ſehen. Ich habe nicht die Hoff⸗ nung, mit gewaffneter Hand bis nach Paris vorzudringen, das weiß ich wohl. Aber dieſer Krieg kann einen Frieden herbeiführen; dieſer Friede wird die Perſon eines Unterhändlers nöthig machen, und dieſer Unterhändler werde ich ſein. Man wird es nicht mehr wagen, mich zurückzuweiſen, ich werde nach Paris zurückkommen, Euch ſehen, und einen Augenblick glücklich ſein. Tauſende von Menſchen müſſen allerdings mein Glück mit ihrem Leben bezahlen, aber was liegt mir daran, wenn ich nur Euch ſehe. Alles dieß iſt vielleicht thoricht, vielleicht wahnſinnig, aber ſagt mir, welche Frau hat einen lie⸗ benderen Liebhaber, welche Königin einen glühenderen Diener?“ „Mylord! Mylord! Ihr beruft Euch zu Eurer Ver⸗ theidigung auf Dinge, welche Euch noch mehr anklagen. Mylord, alle dieſe Beweiſe von Liebe, die Ihr mir geben wollt, find beinahe Verbrechen.“ „Weil Ihr mich nicht liebt, Madame; wenn Ihr mich liebtet, würdet Ihr Alles dies ganz anders anſehen; wenn Ihr“ mich liebtet, oh! es wäre zu viel Glück, ich würde närriſch werden. Ah! Frau von Chevreuſe, von der Ihr ſo eben geſprochen habt, Frau von Chevreuſe war minder grauſam als Ihr. Holland liebte ſie und ſie er⸗ wiederte ſeine Liebe.“ „Frau von Chevreuſe war nicht Königin,“ murmelte Anna von Oeſtreich, wieder Willen durch den Ausdruck einer ſo innigen Liebe beſiegt. „„Ihr würdet mich alſo lieben, wenn Ihr nicht Ihr Päret, Madame, Ihr würdet mich alſo lieben? Ich darf alſo glauben, daß Euch nur die Würde Eures Ranges ſo grauſam gegen mich macht! Ich darf glauben, daß der arme Buckingham, wenn Ihr Frau von Chevreuſe geweſen wäret, hätte hoffen durfen? Dank für dieſe 188 i ort⸗, oh! meine ſchoͤne Majeſtät! hundertfachen ank!“ „Ah, Mylord, Ihr habt ſchlecht verſtanden, falſch ausgelegt; ich wollte nicht fagen„ „Stille, ſtille,“ erwiederte der Herzog,„wenn ich glücklich durch einen Irrthum bin, habt nicht die Grau⸗ ſamkeit, ihn mir zu entreißen. Ihr ſagtet mir ſelbſt, man habe mir eine Falle gelegt. Ich werde vielleicht mein Leben darin laſſen: denn ich habe ſeltſamer Weiſe ſeit ei⸗ niger Zeit Vorgefühle meines nahe bevorſtehenden Todes.“ Und der Herzog lächelte ein zugleich trauriges und anmu⸗ thiges Lächeln. „Oh! mein Gott!“ rief Anna von Oeſterreich mit ei⸗ nem Ausdrucke des Schreckens, welcher eine größere Theil⸗ nahme für den Herzog kundgab, als ſie geſtehen wollte. „Ich ſage dies nicht, um Euch zu erſchrecken, Madame. Nein, es iſt ſogar lächerlich, daß ich es Euch ſage. Glaubt mir, dergleichen Träume beſchäf⸗ tigen mich durchaus nicht. Aber das Wort, das Ihr ſo eben zu mir geſprochen, die Hoffnung, die Ihr mir bei⸗ nahe gegeben, wird Alles, ſogar mein Leben bezahlt haben.“ „Auch ich, Herzog,“ ſprach Anna von Oeſterreich, „auch ich habe Ahnungen und Träume. Ich ſah Euch ſ verwundet, blutend auf der Erde ausge⸗ reckt.“ „Auf der linken Seite verwundet, nicht wahr, und zwar mit einem Meſſer?“ unterbrach Buckingham die Königin. „Ja, ſo iſt es, Mhlord, ſo iſt es, auf der linken Seite mit einem Meſſer, wer konnte Euch ſagen, daß mir dies träumte? Ich habe es nur Gott in meinein Gebete anvertraut.“ „Ich verlange nicht mehr, und Ihr liebt mich, Ma⸗* dame, das iſt gewiß.“ „Ich liebe Euch, ich?“ mrücks“ 189 „Ja, Ihr. Würde Euch Gott dieſelben Träume ſchicken, wie mir, wenn Ihr mich nicht liebtet; hätten wir dieſelben Ahnungen, wenn ſich unſer beiderſeitiges Daſein nicht durch das Herz berührte! Ihr liebt mich, o Königin, und werdet mich beweinen.“ „Oh mein Gott! mein Gott!“ rief Anna von Oeſterreich,„das iſt mehr, als ich ertragen kann. Geht, Herzog, im Namen des Himmels, geht, entfernt Euch! Ich weiß nicht, ob ich Euch liebe oder ob ich Euch nicht liebe; aber ich weiß nur ſo viel, daß ich nicht meineidig ſein werde. Haht alſo Mitleid mit mir und geht. Oh! wenn Ihr in Frankreich getroffen würdet, wenn Ihr in Frankreich ſterben würdet, und ich könnte glauben, Eure Liebe für mich wäre die Urſache Eures Todes— ich wüßte mich nie mehr zu troſten: ich würde wahnſinnig. Geht alſo, geht, ich flehe Euch an.“ „Oh'i wie ſchön ſeid Ihr ſo, v wie liebe ich Euch!“ ſprach Buckingham. „Entfernt Euch, geht, ich bitte Euch, und kommt ſpäter wiederz; kommt als Botſchafter, als Miniſter, kommt umgeben von Garden, die Euch vertheidigen, von Dienern, die Euch bewachen werden, und dann fürchte⸗ ich nicht mehr für Euer Leben und werde mich glücklich ſchätzen, Euch wieder zu ſehen.“ „1 iſt e wahr, was Ihr mir ſagt?“ —— „Nun wohl, ein Pfand Eurer Huld, einen Gegen⸗ ſtand, der von Euch kommt und mich daran erinnert, daß ich nicht träumte, irgend eine Sache, die Ihr ge⸗ tragen habt und die ich ſelbſt tragen kann, einen Ring, ein Halsband, eine Kette.“ „Und geht Ihr gewiß, wenn ich Euch gebe, was Ihr von mir verlangt?“ „Ja, ſogleich, ja.“ 8 „Ihr verlaßt Frankreich? Ihr kehrt nach England dieſe ſchöne Hand, ſtand dann auf und rief: „Ja, ich ſchwöre es.“ Vone „Dann wartet einen Augenblick.“ iet Anna von Oeſterreich ging in ihr Gemach zurück ſ licher und kam heinahe in demſelben Augenblick wieder heraus. ſ miſch Sie hielt in der Hand ein mit Gold incruſtirtes Kiſtichen von Roſenholz. ſich „Hört, Mhlord Hetzog, hört,“ ſprach ſe,„behal⸗ ſiaſſn tet dieß zur Erinnerung an mich.“ Buckingham nahm das Kiſichen und ſank zum zwei⸗ ten ten Male auf die Kniee. gon „Ihr habt mir verſprochen abzureiſen,“ ſprach die 3 Königin. halb „Und ich halte mein Wort, Eure Hand, Eure Hand, ten t Madame, und ich reiſe.“ 6 ſin Anna reichte ihm die Hand, indem ſie zugleich die g Augen ſchloß und ſich auf Eſtefania ſtützte, denn ſie Evelt fühlte, daß ihre Kräfte zuſammenbrachen. gegen Buckingham drickte ſeine Lippen leivenſchaftlich auf 1 ein G örka Gefar cieur „Che ſechs Monate vergehen, habe ich Euch wie⸗ der geſehen, wenn ich nicht todt bin, Madame, und. follte ich auch die ganze Wel⸗ umkehren.“ Seinem Verſprechen getreu, ſtürzte er aus dem Zimmer. 5 Auf der Flur traf er Madame Bonacieur, die ihn ewartete und mit denſelben Vorſichtsmaßregeln und mit— demſelben Glücke aus dem Louvre zurückführte. XIII. Berr Bonacieur. Bei dieſer ganzen Geſchichte ſpielte eine Perſon mit, über die man ſich, trotz ihrer precären Lage, nur wenig zu beunruhigen ſchien; dieſe Perſon war Herr die ſie auf ie⸗ nd m hn nit— Bonacieur, der ehrenwerthe Märtyrer politiſcher und ver⸗ liebter Intriguen, die ſich in dieſer zugleich ſo ritter⸗ lichen und ſo galanten Epoche ſo gut mit einander ver⸗ miſchten. Zum Glücke erinnert ſich der Leſer, oder er erinnert ſich auch nicht, daß wir ihn nicht aus dem Blicke zu laſſen verſprochen haben. Die Schergen, welche ihn verhaftet hatten, führ⸗ ten ihn geraden Weges nach der Baſlille, wo man ihn ganz zitternd an einem Zuge Soldaten, welche ihre Musketen luden, vorübergehen ließ. Von hier in eine halb unterirdiſche Gallerie gebracht, wurde er von Sei⸗ ten derjenigen, welche ihn verhaftet hatten, der Gegen⸗ ſtand der gröbſten Beleidigungen, der größten Mißhand⸗ lungen. Die Sbirren ſahen, daß ſie es mit keinem Evelmann zu thun hatten und verfuhren gegen ihn, wie gegen einen wahren Schlucker. Nach Verlauf einer halben Stunde machte ein Ge⸗ richtsſchreiber ſeinen Qualen, aber nicht ſeiner Unruhe ein Ende, indem er befahl, Herrn Bonacieur in die Ver⸗ hörkammer zu bringen. Gewöhnlich befragte man die Gefangenen in ihrem Zimmer, aber mit Herrn Bona⸗ cieur machte man nicht ſo viel Umſtände. Zwei Garden ergriffen den Krämer, ließen ihn durch einen Hof ſchreiten, ſodann in eine Flur eintreten, wo drei Schildwachen ſtanden, öffneten eine Thüre und ſtießen ihn in eine niedrige Stube, in der das ganze Geräthe aus einem Tiſche, einem Stuhl und einem Commiſſär beſtand. Der Commifſär ſaß auf dem Stuhle und ſchrieb auf dem Tiſche. Die zwei Garden führten den Gefangenen vor den Tiſch und entfernten ſich auf ein Zeichen des Commiſſärs aus dem Bereiche ſeiner Stimme. Der Commiſſär, welcher bis dahin ſeinen Kopf geſenkt gehalten hatte, erhob ihn nun, um zu ſehen, mit wem er es zu thun hätte. Dieſer Commiſſär war ein Mann von widerlicher Miene, mit ſpitziger Naſe, gelben, her⸗ 3 vorſtehenden Backenknochen, kleinen, aber forſchenden und war lebhaften Augen, ein Mann, deſſen Phyſiogno eine Geiz WMiſchung von Marder und Fuchs zu ſein ſchien ein Liebe von einem langen Halſe getragenes Haupt trat, ſich wie⸗ ganz gend, aus ſeinem ſchwarzen Gewande mit der⸗ Gefi ſelben Bewegung hervor, wie man dieſe bei ver Schild⸗ kröte wahrnimmt, wenn ſie den Kopf aus ihrer Schale man herausſtreckt.. 5 Er fing damit an, daß er Herrn Bonacieur nach„gla ſeinem Namen und ſeinem Vornamen, ſeinem Alter und Vert ſeinem Domicil fragte. Der Angeklagte antwortete, giert er hieße Jacques Michel Bonacieur, wäre einundfünfzig weiß Jahr alt, Krämer, der ſich vom Geſchäfte zurückgezogen, und wohne in der Rue des Foſſoyeurs, Nro. 11. zwei Statt in dem Verhöre fortzufahren, hielt ihm wie der Commiſſär nun eine lange Rede über die Gefahr, die ein unbedeutender Bürger lauft, wenn er ſich in bin, die öffentlichen Angelegenheiten miſche. Dieſe Predigt lch verband er mit einer Erläuterung, worin er von der ſicher Macht und den Handlungen des Herrn Cardinals, dieſes Card unvergleichlichen Miniſters, dieſes Beſiegers früherer Miniſter, dieſes Beiſpiels zukünftiger Miniſter ſprach, von Ihr einer Macht und von Handlungen, denen Niemand un⸗ geſtraft in den Weg treten würde.. Boch Nach dieſem zweiten Theile ſeiner Rede heftete genot er ſeinen Sperberblick auf den armen Bonacieux, und rathe forderte ihn auf, den Ernſt ſeiner Lage in Betracht zu in de iehen. 46 Die Betrachtungen des Krämers waren alle ange⸗ dabei ſtellt. Er wünſchte den Augenblick zum Teufel, wo Herr WMack La Porte den Gedanken gehabt hatte, ihn mit ſeiner Bona Pathin zu verheirathen, und mehr noch den Augenblick, wo eben dieſe Pathin in die Garderobe der Königin auf⸗ zen L genommen wurde.. der b Der Grund des Charakters von Meiſter Bonacieur„das 193 und war verhärtete Selbſtſucht, vermiſcht mit ſchmutzigem eine Geize und gewürzt mit außerordentlicher Feigheit. Die Sein Liebe, die ihm ſeine junge Frau eingeflößt hatte, war ein wie⸗ ganz ſecundäres Gefühl und konnte mit den aufgezählten der⸗ Gefühlen nicht in den Kampf treten. ild⸗ Herr Bonacieur überdachte ſich in der That, was hale man ihm ſo eben geſagt hatte. „Aber, mein Herr Commiſſär,“ ſprach er ſchüchtern, nach„glaubt mir, daß ich mehr, als irgend ein Menſch das und Verdienſt der unvergleichlichen Eminenz, von der wir re⸗ tete, giert zu werden die Ehre haben, kenne und zu ſchätzen ifzig weiß.“ gen,„Wirklich?“ fragte der Commiſſär mit einer etwas zweifelhaften Miene.„Aber wenn dem in der That ſo iſt, ihm wie ſeid Ihr in der Baſtille?“ ahr,„Wie ich hier bin, oder vielmehr warum ich hier in bin,“ erwiederte Bonacieux,„das kann ich Euch unmög⸗ digt lich ſagen, in Betracht, vaß ich es ſelbſt nicht weiß; aber der ſicherlich nicht, weil ich, wenigſtens wiſſentlich, den Herrn eſes Cardinal beleidigt habe.“ erer„Ihr müßt doch ein Verbrechen begangen haben, da von Ihr hier des Hochverraths angeklagt ſeid.“ un⸗„Des Hochverraths!“ rief Bonacieur erſchrocken.„Des Hochverraths! wie ſollte ein armer Krämer, der die Hu⸗ tete genotten haßt und die Spanier verabſcheut, des Hochver⸗ und raths angeklagt ſein? Bedenkt doch, mein Herr, dieß iſt zu in der That rein unmöglich.“ „Herr Bonacieur,“ ſprach der Commiſſär, und ſchaute dabei den Angeklagten an, als ob ſeine kleinen Augen die Macht beſäßen, in der Tiefe der Herzen zu leſen,„Herr Bonacieur, habt Ihr eine Frau?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete der Krämer, am gan⸗ zen Leibe zitternd, denn er fühlte, daß in dieſem Punkte der böſe Knoten der ganzen Angelegenheit liegen müßte; „das heißt, ich hatte eine.“ Die drei Musketiere. 13 „Wie? Ihr hattet eine! Was habt Ihr gemacht, wenn Ihr ſie nicht mehr beſitzt?“ „Man hat ſie mir entführt, mein Herr.“ „Man hat ſie Euch entführt?“ ſprach der Commiſſär. „Ah!“ ngen fühlte bei dieſem Ah, daß ſich die Ange⸗ legenheit immer mehr verwickelte. „Man hat ſie Euch entführt?“ verſetzte der Com⸗ miſſär;„und wißt Ihr, wer der Mann iſt, der dieſen Raub begangen hat?“ „Ich glaube ihn zu kenneg.“ „Wer iſt es?“ „Bedenkt, daß ich nichts behaupte, mein Herr Com⸗ miſſär, ſondern nur vermuthe.“ „Wen habt ihr im Verdacht? Antwortet offenherzig.“ Herr Bonacieur war in der größten Verlegenbeit; ſollte er Alles leugnen oder Alles ſagen? Würde er Alles leugnen, ſo könnte man glauben, er wüßte zu viel, um zu geſtehen; würde er Alles ſagen, ſo wäre dieß ein Be⸗ weis von gutem Willen. Er entſchloß ſich, Alles zu ſagen. „Ich habe,“ ſprach er,„einen großen Mann von bräunlicher Geſichtsfarbe und ſtolzer Miene im Verdacht, ver ganz ausſieht, wie ein vornehmer Herr; er folgte uns wiederholt, wie es mir vorkam, wenn ich meine Frau vor der Pforte des Louvre erwartete, um ſie nach meiner Wohnung zu führen.“ Der Commiſſär ſchien ſich etwas beunruhigt zu fühlen⸗ „Und ſein Name?“ ſprach er. „Ah, was ſeinen Namen betrifft, den weiß ich nicht. Aber wenn ich ihm je begegne, und wäre es unter tau⸗ ſend Menſchen, werde ich ihn ſogleich wieder erkennen, dafür ſtehe ich Euch.“ Die Stirne des Commiſſärs verfinſterte ſich. „Ihr werdet ihn unter tauſend Menſchen wieder er⸗ kenen, ſagt Ihr?“ fuhr er fort. daß heißt erken heute in K Frau rief genth zu de richte nur gültig glück ſurcht für il wird Allem denen über, Gott ſter 2 gewöh fanger Comn richts 2 „Das heißt,“ erwiederte Vonacieur, welcher einſaß, — nacht, ſiſſär. Ange⸗ Com⸗ dieſen Som⸗ zig.“ beit; Alles „um Be⸗ agen. von dacht, euns vor teiner ihlen. nicht. tau⸗ nnen, 195 daß er einen falſchen Weg eingeſchlagen hatte,„das heißt „Ihr habt mir geantwortet, Ihr würdet ihn wieder erkennen,“ ſprach der Commiffär,„ſchon gut; das iſt für heute genug. Ehe wir weiter gehen, muß Jemand davon in Kenntniß geſetzt werden, daß Ihr den Räuber Eurer Frau kennt.“ „Aber ich habe Euch nicht geſagt, ich kenne ihn!“ rief Bonacieur in Verzweiflung.„Ich fagte Euch im Ge⸗ gentheil„„ „Führt den Gefangenſ ab,“ ſprach der Commiſſär zu den Wachen. „Und wohin ſoll man ihn führen?“ fragte der Ge⸗ richtsſchreiber. „In einen Kerker.“ „In welchen?“ „Oh, mein Gott! in den nächſten beſten, wenn er nur feſt iſt,“ erwiederte der Commiſſär mit einer Gleich⸗ gültigkeit, die den armen Bonacieur ſchaudern machte. „Wehe, wehe!“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„das Un⸗ glück laſtet auf meinem Haupte; meine Frau wird ein furchtbares Verbrechen begangen haben; man hält mich für ihren Mitſchuldigen und beſtraft mich mit ihr. Sie wird geſprochen, ſie wird eingeſtanden haben, ich ſei mit Allem vertraut; eine Frau iſt ſo ſchwach! Ein Kerker! den nächſten beſten! ſo geht es! eine Nacht iſt bald vor⸗ über, und dann morgen Galgen und Rad; Oh! mein Gott, mein Gott, erbarme Bich meiner!“ Ohne im Geringſten auf das Klagegeſchrei von Mei⸗ ſter Bonacieur zu hören, ein Geſchrei, woran ſie übrigens gewöhnt ſein mußten, nahmen die zwei Wachen den Ge⸗ fangenen beim Arm und führten ihn weg, während der Commiſſär in Eile einen Brief ſchrieb, auf den der Ge⸗ richtsſchreiber wartete. Bonacieur ſchloß kein Auge; nicht als ob ſein Ker⸗ 196 ker zu widrig geweſen wäre, ſondern weil ſeine Unruhe zu groß war. Er blieb die ganze Nacht auf ſeiner Bank und zitterte bei dem geringſten Geräuſche, und als die erſten Strahlen des Tages in ſeine Kammer drangen, kam es ihm vor, als hätte das Morgenroth eine Leichenfärbung angenommen. Plötzlich hörte er die Riegel klirren und er ſprang erſchrocken auf. Der Unglückliche glaubte, man komme, um ihn zu holen und nach dem Schaffot zu führen. Aber ſeinen Gerichtsſchreiber vom igen Tage erſcheinen ſah, war er ſehr geneigt, ihnen t den Hals zu fallen. als er ſtatt des erwarteten P ſeinen Commiſſär und „Eure Angelegenheit hat ſich ſeit geſtern Abend ſehr verwirrt, mein braver Mann,“ ſagte der Commiſſär,„und ich rathe Euch, die Wahrheit unumwunden zu geſtehen, denn nur Eure Reue vermag den Zorn des Cardinals zu beſchwören.“ „Ich bin bereit, Alles zu ſagen,“ rief Bonacieur, „wenigſtens Alles, was ich weiß. Fragt, ich bitte Euch.“ „Vor Allem: wo iſt Eure Frau?“ „Ich ſagte Euch doch, man habe ſie mir entführt.“ „Ja, aber ſeit geſtern um fünf Uhr Nachmittags iſt ſie durch Eure Hülfe entflohen.“ „Meine Frau iſt entflohen?“ rief Bonacieux.„Oh, die Unglückliche! Mein Herr, wenn ſie entflohen iſt, habe ich nicht die Schuld, ich ſchwöre es Euch.“ ſein, ſcheit aber d'Art kraft Fluch Nach was und rief Geſie miſſä Atho Herr rief „Was hattet Ihr dann bei Herrn d'Artagnan, Eurem Nachbar zu thun, mit welchem. Ihr an dieſem Tage eine lange Conferenz hieltet.“ „Ah! ja, Herr Commiſſät, ja, das iſt wahr, und ich geſtehe, daß ich Unrecht hatte. Ja, ich bin bei Herrn d'Artagnan geweſen.“ „Und was war der Zweck Eures Beſuches?“ ch wollte ihn bitten, mir bei Aufſuchung mn ner Frau beizuſtehen. Ich glaubte, berechtigt zu miſſä uhe zu nk und erſten am es rbung prang mme, Aber r und ſah, ſehr „und tehen, ils zu cieux, uch.“ ihrt.“ gs iſt „Oh, habe urem eine ſein, ſie zurückzufordern; aber ich täuſchte mich, wie es ſcheint, und bitte um Vergebung.“ „Was antwortete Herr dArtagnan?“ „Herr dArtagnan hat mir ſeinen Beiſtand zugeſagt; aber ich ſah bald ein, daß er mich verrieth.“ „Ihr wollt der Juſtiz eine Lüge aufbürden! Herr d'Artagnan hat einen Vertrag mit Euch abgeſchloſſen, kraft dieſes Vertrags die Leute von der Polizei in die Flucht geſchlagen, welche Eure Frau verhafteten, und alle Nachforſchungen fruchtlos gemacht.“ „Herr dArtagnan hahneine Frau entführt? Ei, ei, was ſagt Ihr mir da?“. „Zum Glücke iſt Herr dArtagnan in unſern Händen und Ihr ſollt ihm gegenüber geſtellt werden.“ „Ah! meiner Treue, das iſt mir ungemein lieb;“ rief Bonacieur,„es ſoll mir gar nicht leid thun, ein Geſicht von meiner Bekanntſchaft zu ſehen.“ „Laßt Herrn d'Artagnan eintreten,“ ſprach der Com⸗ miſſär zu den zwei Wachen. Die Wachen ließen Athos eintreten. „Herr d'Artagnan,“ ſprach der Commiſſär, ſich an Athos wendend,„erklärt, was zwiſchen Euch und Heſem Herrn vorgefallen iſt.“ „Aber Ihr zeigt mir ja gar nicht d'Artagnan,“ rief Bonacieur. „Wie, das iſt nicht dArtagnan?“ ſprach der Com⸗ miſſär. „Keineswegs,“ antwortete Bonacieux. „Wie heißt dieſer Herr?“ fragte der Commiſſär. „Ich kann es Euch nicht ſagen, ich kenne ihn nicht.“ „Wie, Ihr kennt ihn nicht?“ „Nein!“ „Ihr habt ihn nie geſehen?“ „Allerdings, aber ich weiß nicht, wie er heißt.“ „Euer Name?“ fragte der Commiſſär. „Athos,“ antwortete der Musketier. „Das iſt nicht der Name eines Menſchen, ſondern der eines Berges,“ rief der arme Unterſuchungsrichter, der den Kopf zu verlieren anfing. „Es iſt mein Name,“ ſprach Athos ruhig. he Ihr ſagtet doch, Ihr hießet dArtagnan?“ Ich?„ „Ja, Ihr!“ ich erwiederte: Ihr glaubt? Meine Wachen meinten, ſie überdieß konnte ich mich tär „Mein Herr, Ihr beleid wüßten es gewiß; ich 3 ihnen nicht widerſprechenz . „Durchaus nicht,“ entgegnete Athos gelaſſen. „Ihr ſeid Herr dArtagnan?“ „Seht, Ihr ſagt es mir noch einmal.“ „Aber ich ſage Euch, mein Herr Commiſſär,“ rief Bonacieur,„daß man hier keinen Augenblick zweifeln darf. Herr d'Artagnan wohnt in meinem Hauſe, und ich muß ihn folglich kennen, obgleich er mir meinen Miethzins nicht bezahlt, und gerade aus dieſem Grunde. Herr dArtagnan iſt ein junger Mann, von faum neun⸗ zehn bis zwanzig Jahren und dieſer Herr iſt gewiß dreißig Jahre alt. Herr d'Artagnan ſteht bei den Gar⸗ den des Herrn des Eſſarts, und dieſer Herr iſt bei der Compagnie der Musketiere von Herrn von Treville. Schaut die Uniform an, mein Herr Commiſſär, ſchaut die Uni⸗ „und „Es iſt wahr,“ murmelte der Commiſſär,„es iſt bei Herr Tiger form an.“ Gott wahr!“ In dieſem Augenblicke wurde die Thüre raſch ge⸗ öffner, und ein Bote, eingeführt von einem Gefangen⸗ wärter der Baſtille, übergab dem Commiſſär einen Brief. „O! die Unglückliche!“ rief der Commiſſär. „Wie was ſagt Ihr? von wem ſprecht Ihr? Hof⸗ fentlich nicht von meiner Frau?“ thut, „Man hat zu mir geſagt: Ihr ſeid Herr d'Artagnan; ſteht das gekat einen das ie Majeſtät der Juſtiz!“ † daß daß verfli mich iſt ſe ſprack Bona Strei habt, ſehe ſoll.“ welche hier d Bona aus k hat. ndern , der nan; hen tiz!“ rief. eifeln und einen inde. teun⸗ ewiß Gar⸗ i der chaut Uni⸗ ſt bei ge⸗ igen⸗ ½ einen Hef⸗ „Im Gegentheil gerade von ihr. Eure Angelegenheit ſteht ganz ſchön!“ „Ah,“ rief der Krämer in Verzweiflung,„macht mir das Vergnügen, und ſagt mir, wie ſich meine Angelegen⸗ heit durch das verſchlimmern kann, was meine Frau thut, während ich im Gefängniß ſitze.“ „Weil das, was ſie thut, Folge eines unter Euch ab⸗ gekarteten Planes, eines hölliſchen Planes iſt.“ „Ich ſchwöre Euch, Herr Commiſſär, daß Ihr in einem gewaltigen Irrthume befangen ſeid, daß ich nicht das Mindeſte von dem weiß, was meine Frau thun ſollte; daß ich dem, was ſie geſagt hat, völlig fremd bin, und daß ich ſie, wenn ſie Dummheiten begangen hat, verleugne, verfluche.“ Ei,“ ſprach Athos zu dem Commiſſär,„wenn Ihr mich hier nicht braucht, ſo ſchickt mich irgendwohin. Er iſt ſehr langweilig, dieſer Herr Bonacieur.“ „Führt die Gefangenen wieder in ihre Kerker,“ ſprach der Commiſſär, mit derſelben Geberde Athos und Bonacieux bezeichnend,„und man ſoll ſie mit der größten Strenge bewachen.“ „Wenn Ihr indeſſen mit Herrn d'Artagnan zu thun habt,“ ſagte Athos mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe,„ſo ſe ich nicht ganz ein, warum ich ſeine Stelle vertreten o l.“ „Thut, was ich geſagt habe.“ rief der Commiſſär, „und beobachtet das tieſſte Stillſchweigen⸗ hirt Ihr?“ Athos folgte den Wachen die Achſeln zuckend, und HBerr Bonacieux ein Klagegeſchrei ausſtoßend, das einem Tiger hätte das Herz zerreißen mögen. Man führte den Krämer in denſelben Kerker, in welchem er die Nacht zugebracht hatte, und kieß ihn hier den ganzen Tag. Den ganzen Tag weinke Herr Bonacieux, wie ein wahrer Krämer, denn er war durch⸗ aus kein Mann vom Schwerte, wie er uns ſelbſt geſagt Abends gegen neun Uhr, in dem Augenblick, wo er Umf ſich entſchloß, zu Bette zu gehen, horte er Tritte in ehe der Hausflur. Dieſe Tritte näherten ſich ſeinem Ker⸗ ſein ker, die Thüre wurde geoͤffnet, die Wachen er⸗ ſah, ſchienen. 1 als olgt mir,“ ſagte ein Gefreiter, der hinter den wah Wachen ging. er, „Euch folgen!“ rief Bonacieur,„Euch folgen, zu beich dieſer Stunde! und wohin denn, mein Gott?“ ſtieß „Wohin wir Euch zu führen den Befehl haben.“ der „Aber das iſt keine Antwort.“ dieſe „Es iſt die einzige, die wir euch geben können.“ anle „Ah! mein Gott, mein Gott,“ murmelte der arme maß Krämer,„dießmal bin ich verloren.“ ohn Und er folgte maſchinenmäßig ohne Widerſtand den die Wachen, die ihn holten. Er ging durch dieſelbe Flur, in d durch die er bereits gegangen war, durchſchritt einen erſten ten. Hof und dann ein zweites Hauptgebäude. Vor dem Thore du⸗ des Einfahrthofes fand er einen von vier Wachen zu 4 gera Pferde umgebenen Wagen. Man ließ ihn in dieſen Wa⸗ gen einſteigen, der Geſreite ſetzte ſich neben ihn. Man Croi verſchloß den Kutſchenſchlag mit einem Schlüſſel, und ges Beide befanden ſich in einem fahrenden Gefängniſſe. des Das Gefährt ſetzte ſich langſam wie ein Leichen⸗ſ ſollt wagen in Bewegung. Durch das geſchloſſene Gitter ge⸗f konn wahrte der Gefangene die Häuſer und das Pflaſter fühl und nicht mehr. Aber als wahrer Pariſer erkannte etwa Bonacieur jede Straße an den Eckſteinen, an den Ger Schilden, an den Scheinwerfern. In dem Augenblick, als da ſie zu St. Paul, wo man die Verurtheilten der den Baſtille hinrichtete, gelangten, war er einer Ohnmacht vern nahe und bekreuzte ſich zweimal. Er glaubte, der man Wagen würde hier halten, aber er ging weiter. † halt Später erfaßte ihn abermals ein gewaltiger Schrecken, da er an dem Kirchhofe St. Jean vorüberfuhr, wo man die Staatsverbrecher beerdigte. Ein einkiger 201 o er Umſtand beruhigte ihn einigermaßen, der, daß man ihnen, te in ehe man ſie begrub, gewöhnlich den Kopf abſchnitt, und Ker⸗ ſein Kopf ſaß noch auf ſeinen Schultern. Als er aber er⸗ ſah, daß der Wagen die Straße nach der Gröéve einſchlug, als er die ſpitzigen Dächer des Stadthauſes bemerkte und den wahrnahm, daß man unter die Arcade einbog, glaubte er, für ihn ſei Alles zu Ende. Er wollte dem Gefreiten beichten; da ſich dieſer aber ihn zu hören weigerte, ſo ſtieß er ein ſo erbarmungswürdiges Geſchrei aus, daß ihm . der Gefreite erklärte, wenn er nicht aufhörte, ihn auf dieſe Art zu betäuben, ſo würde er ihm einen Knebel anlegen. Dieſe Drohung beruhigte Bonacieur einiger⸗ arme maßen. Wollte man ihn auf der Gréve hinrichten, ſo lohnte es ſich nicht der Mühe, hn zu knebeln, da man den die Richtſtätte beinahe erreicht hatte. Der Wagen fuhr Flur, in der That über den unſeligen Ort hin, ohne anzuhal⸗ rſten ten. Jetzt war nichts mehr zu befürchten, als die Croir⸗ hore ⸗Trahoir, und der Wagen nahm ſeinen Weg wirklich n zu gerade in dieſer Richtung. Wa⸗ Dießmal konnte man nicht mehr zweifeln. Auf der Man Croix⸗du⸗Trahoir wurden Verbrecher untergeordneten Ran⸗ und ges hingerichtet. Bonacieur hatte ſich des St. Paul oder des Gröveplatzes würdig gehalten. An der Croix⸗du⸗Trahvir chen⸗ ſollten ſein Leben und ſein Schickſal ſich endigen! Er r ge⸗ konnte das unglückliche Kreuz noch nicht ſehen, aber er laſter fühlte gleichſam, wie es ihm entgegen kam. Als nur noch annte etwa zwanzig Schritte zurückzulegen waren, hörte er ein n den Geränſch und der Wagen hielt ſtille. Das war mehr, blick, als der arme Krämer, bereits durch die ſich raſch folgen⸗ n den Gemüthsbewegungen niedergeſchmettert, zu ertragen macht vermochte. Er ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus, den der man für den letzten Aehemzug eines Sterbenden hätte eiter. halten koͤnnen, und ſank ihn Ohnmacht. ecken, wo neiger XIV. Der Wann von Meung. Der Zuſammenlauf fand nicht in Folge der Erwar⸗ tung eines Menſchen ſtatt, der gehenkt werden ſollte, ſon⸗ dern er wurde durch die Anſchauung eines Gehenkten ver⸗ anlaßt. Einen Augenblick aufgehalten, fuhr der Wagen bald wieder weiter, ſetzte ſeinen Weg durch die Menge fort, gelangte in die Rue St. Honoré, wandte ſich nach der Rue des Bons⸗Enfants und hielt vor einer niedern Pforte an. Die Thüre öffnete ſich; zwei Wachen nahmen Bo⸗ nacieur, der von dem Gefreiten unterſtützt wurde, in ihre Arme und man ſtieß ihn in einen Gang, ließ ihn eine Treppe hinaufſteigen und ſetzte ihn in einem Vorzimmer nieder. Alle dieſe Bewegungen hatten ſich für ihn maſchi⸗ nenmäßig bewerkſtelligt. Er war gegangen, wie man im Traume geht; er hatte die Gegenſtände in einem Nebel geſehen. Seine Ohren hatten Töne aufgenommen, ohne ihre Bedeutung zu verſtehen. Man hätte ihn in dieſem Augenblick hinrichten können, und er würde nicht die ge⸗ ringſte Geberde zu ſeiner Vertheidigung unternommen, kei⸗ nen Schrei ausgeſtoßen haben, um das Mitleid zu er⸗ flehen. Er verharrte alſo auf der Bank, den Rücken an die Wand gelehnt und die Arme herabhängend, auf derſelben Stelle, wo ihn die Wachen niedergeſetzt hatten. Da er jedoch um ſich herſchauend nichts Bedrohliches gewahr wurde, da nichts eine wirkliche Gefahr andeutete, da die Bank auf geziemende Weiſe ausgepolſtert und die Wand mit ſchönem Corduanleder tapeziert war, da prächtige † Vorhänge von rothem Damaſt, von goldenen Spangen allm an, oben mant es, 3 mit ſtand Ausſ paar findli nen mehr gehen trat ten ſe gunge luftlo obglei Ein t auf t entrol dem zer, breiter einen länge unddr haare Dieſet gehalten, von dem Fenſter herabwogten, ſo begriff er 203 allmählig, daß ſeinr Furcht übertrieben war, und er fing an, ſeinen Kopf nach rechts und links und von unten nach oben zu bewegen. Durch dieſe Bewegung, der ſich Nie⸗ mand widerſetzte, gewann er etwas Muth und er wagte es, zuerſt ein Bein und dann das andere vorzuziehen, und mit Hülfe ſeiner Hände erhob er ſich auf ſeiner Bank und ſtand bald auf ſeinen Füßen. war⸗ In dieſem Augenblick öffnete ein Offizier von gutem ſon⸗ Ausſehen einen Thürvothang! derſelbe wechſelte noch ein ver⸗ paar Worte mit einer in dem anſtoßenden Zimmer be⸗ agen findlichen Perſon, wandte ſich ſodann gegen den Gefange⸗ enge nen um und ſagte: h der„Seid Ihr Bonacieur?“ Sä„Ja, mein Herr Offizier,“ ſtammelte der Krämer, Bo⸗ mehr todt als lebendig,„Euch zu dienen.“ ihre„Tretet ein,“ ſagte der Offizier. eine Und er trat auf die Seite, daß der Krämer durch⸗ mer gehen konnte. Dieſer gehorchte ohne Erwiederung und ſchi⸗ das Zimmer ein, in welchem man ihn zu erwar⸗ im en ſchien. trhel Es war ein großes, an den Wänden mit Vertheidi⸗ ohne gungs⸗ und Angriffswaffen geſchmücktes, geſchloſſenes und eſem luftloſes Cabinet, in welchem bereits ein Feuer brannte, ge⸗ obgleich man erſt am Ende des Monats September war. „kei⸗ Ein viereckiger, mit Büchern und Papieren bedeckter Tiſch, er⸗ auf welchem ein ungeheurer Plan der Stadt Rochelle entrollt war, nahm die Mitte des Zimmers ein. Vor die dem Kamine ſtand ein Mann von mittlerer Geſtalt, ſtol⸗ lben zer, hochmüthiger Miene, mit durchdringenden Augen, a er breiter Stirne und abgemagertem Geſichte, das noch durch vahr † einen von dem Schnurrbarte überragten Knebelbart ver⸗ die längert wurde. Obgleich er erſt ſechsunddreißig bis ſieben⸗ Land f unddreißig Jahre alt ſein mochte, ſo fingen doch Haupt⸗ hiige † haare, Schnurrbart und Knebelbart an grau zu werden⸗ ngen † Dieſer Mann, ohne Degen, hatte ganz das Ausſehen ff er eines Kriegers, und ſeine büffelledernen, noch leicht mit hor Staub bedeckten Stiefeln deuteten an, daß er im Verlaufe Kan des Tags geritten war. wie Dieſer Mann war Armand⸗Jean Dupleſſis, Cardinal Her von Richelieu, nicht wie man ihn uns darſtellt, hinfällig wie ein Greis, leidend wie ein Märtyrer, mit gebroche⸗ zwei nem Körper, erloſchener Stimme, in einem großen Lehn⸗ ſtuhl wie in ein vorausgenommenes Grab begraben, nur„doe durch die Kraft ſeines Genies lebend und den Kampf mit Europa einzig und allein durch die ewige Thätigkeit ſei⸗ Car nes Geiſtes aushaltend; ſondern ſo wie er in Wirklichkeit zu dieſer Zeit war, das heißt ein gerader und galanter rief Cavalier, zwar ſchwach von Körper, aber unterſtützt von welc jener moraliſchen Kraft, die aus ihm einen der außer⸗„abe ordentlichſten Menſchen machte, welche je gelebt haben; Der ſich vorbereitend endlich, nachdem er den Herzog von Nevers in ſeinem Herzogthum Mantua aufrecht erhalten, und nachdem er Nimes, Caſtres und Uzés genommen hatte, die Engländer von der Inſel Re zu vertreiben und La mer, Rochelle zu belagern. Beim erſten Anblick bezeichnete nichts den Cardinal, und es war für diejenigen, welche ſein Geſicht nicht kann⸗ Herz ten, unmöglich zu errathen, vor wem ſie ſich befanden. die. Der arme Krämer blieb vor der Thüre ſtehen, wäh⸗ rend die Augen der von uns ſo eben beſchriebenen Perſon auf ihn gerichtet waren und bis in die tieſſte Tiefe ſeiner unre Gedanken dringen zu wollen ſchienen. 3 wäre „Iſt das Bonacieur?“ fragte er nach kurzem Still⸗ † ſchweigen. Cart „Ja, Monſeigneur,“ antwortete der Offizier. „Gut; gebt mir dieſe Papiere und laßt uns allein.“ gnäd Der Oſfizier nahm die bezeichneten Papiere vom 8 Tiſch, ſtellte ſie demjenigen zu, welcher ſie verlangte, ver⸗ beugte ſich bis zur Erde und trat ab.* Bonacieur erkannte in dieſen Papieren das Ver⸗ 3 aufe inal illig che⸗ ehn⸗ nur mit ſei⸗ keit nter von ßer⸗ en von ten, tte, La nal, nn⸗ äh⸗ rſon iner n.“ om er⸗ zer⸗ hör in der Baſtille. Von Zeit zu Zeit hob der Mann am Kamine die Augen von den Schriften auf und bohrte ſie wie zwei Dolche dem armen Krämer in den Grund des Herzens. Nachdem der Cardinal zwei Minuten geleſen und zwei Sekunden geprüft hatte, war er entſchieden. „Dieſer Kopf da hat nicht conſpirirt,“ murmelte er, „doch gleich viel, ſehen wir ein wenig nach.“ „Ihr ſeid des Hochverraths angeklagt,“ ſprach der Cardinal langſam. „Das hat man mir bereits geſagt, Monſeigneur,“ rief Bonacieur, indem er dem Fragenden den Titel gab, welchen er von dem Offiziere hatte ausſprechen horen; „aber ich ſchwöre Euch, daß ich nichts davon wußte.“ Der Cardinal unterdrückte ein Lächeln. „Ihr habt mit Eurer Frau, mit Frau von Chevreuſe und mit Mylord Herzog von Buckingham coſſpirirt.“ „In der That, Monſeigneur,“ antwortete der Krä⸗ mer,„ich habe ſie alle dieſe Namen ausſprechen hören.“ „Und bei welcher Veranlaſſung?“ „Sie ſagte der Cardinal von Richelien habe den Herzog von Buckingham nach Paris gelockt, un ihn und die Koͤnigin mit ihm zu verderben.“ „Das ſagte ſie?“ rief der Cardinal heftig. „Ja, Monſeigneur; aber ich erwiederte ihr, ſie hätte Unrecht, ſolche Worte zu ſprechen, und Seine Eminenz wäre unfähig„ A „Schweigt! Ihr ſeid ein Dummkopf,“ verſetzte der Cardinal. „Meine Frau hat mir gerade daſſelbe geantwortet, gnädigſter Herr.“ „Wißt Ihr, wer Eure Frau entführt hat?“ „Nein, Monſeigneur!“ „Ihr habt jedoch Verdacht?“ „Ja, Monſeigneur, aber dieſer Verdacht ſchien dem Herrn Commiſſär ärgerlich zu ſein und ich habe ihn nicht mehr.“ „Eure Frau iſt entflohen; wußtet Ihr es?“ „Nein, Monſeigneur, ich habe es erſt erfahren, ſeit⸗ dem ich im Gefängniß bin, und zwar einzig und allein durch die Vermittlung des Herrn Commiſſärs, eines ſehr liebenswürdigen Mannes!“ Der Cardinal unterdrückte ein zweites Lächeln. „Dann wißt Ihr alſo auch nicht, was aus Eurer Frau ſeit ihrer Flucht geworden iſt?“ Durchaus nicht, Monſeigneurz aber ſie muß in den Louvre zurückgekommen ſein.“ „Um ein Uhr Morgens war ſie noch nicht zurückge⸗ kehrt.“ „Aber mein Gott, was iſt dann aus ihr geworden?“ „Man wird es erfahren, ſeid ruhig; man verbirgt dem Cardinal nichts; der Cardinal weiß Alles.“ „Glaubt Ihr in dieſem Fall, Monſeigneur, der Car⸗ dinal werde ſich herablaſſen, mir zu ſagen, was aus mei⸗ ner Frau geworden iſt?“ „Vielleicht; aber zuvor müßt ihr Alles geſtehen, was Ihr in Beziehung auf die Verhältniſſe Eurer Frau zu Frau von Chevreuſe wißt.“ „Monſeigneur, ich weiß nichts, ich habe dieſe nie ge⸗ ſehen.“ tet, unmittelbar in Euer Haus zurück?“ lern, zu denen ich ſie führte.“ „Mit wie viel Leinwandhändlern?“ „Mit zwei, gnädigſter Herr.“ „Wo wohnen ſie?“ „Der eine in der Rue de Vaugirard, der andere der Rue de la Harpe.“ „Gingt Ihr mit ihr zu ihnen hinein?“* . * „Kehrte Eure Frau, wenn Ihr ſie im Louvre abhol⸗ „Beinahe nie, ſie hatte Geſchäfte mit Leinwandhänd⸗ gehe wart Bon der. 2 Rue 4 läutei „und kehrt 1 wünſc E mit d pflegte drehte 6 ſchwin 207 nicht„Nie, Monſeigneur, ich eiwartete ſie an der Thüre.“ „Welchen Vorwand nahm ſie, um allein hinein zu gehen 2 ſeit⸗„Keinen, ſie ſagte mir, ich ſollis warten, und ich allein wartete.“ ſehr„Ihr ſeid ein gefälliger Gatte, mein lieber Herr Bonacieur,“ ſprach der Cardinal. „Er hat mich ſeinen lieben Berrn genannt,“ ſagte urer der Krämer zu ſich ſelbſt;„Teufel, die Sache geht gut.“ „Würdet Ihr die Thüren wieder erkennen?“ 2 den„Ja.“ „Wißt Ihr die Nummern?“ ckge⸗ 3 .„Velche ſind es?“ 2„Nro. 25 in der Rue de Vaugirard, Nro. 75 in der birgt Rue de la Harpe.“ „Gut,“ ſagte der Cardinaſ. Car⸗ † Bei dieſen Worten nahm er ein ſilbernes Glöckchen mei⸗ ſläutete und der Offiziere trat wieder ein. t ₰„Sucht mir Rochefort,“ ſagte er mit leiſer Stimme, was ein ſoll ſogleich hieher kommen, ſobald er zurückge⸗ uzu ſkehrt iſi.“ „Der Graf iſt da,“ erwiederte der Offizier,„und wünſcht mit Eurer Eminenz zu ſprechen.“ 2 1„Er komme, er komme!“ ſagte der Cardinal lebhaft. hol⸗ Der Offizier entfernte ſich mit der Geſchwindigkeit mit der alle Diener Richelien's dieſem zu gehorchen pflegten. 1 git Eurer Eminenz!“ murmelte Bonacieux, und drehte ganz verwirrt ſeine Augen in ihren Höhien. 3 Es waren noch keine fünf Secunden ſeit dem Ver⸗ chwinden des Offiziers abgelaufen, als die Thüre ſich öff⸗ und eine neue Perſon eintrat. Er iſt es!“ rief Bonacieux. er?“ fragte der Cardinal. ge⸗ änd⸗ 208 hat. Der Cardinal läutete zum zweiten Male. Der Offi⸗ zier erſchien wieder. „Uebergebt dieſen Menſchen ſeinen zwei Wachen und er ſoll warten, bis ich ihn vor mich rufe.“ „Nein, Monſeigneur, nein, er iſt es nicht,“ ſchrie Herr iſt ein rechtſchaffener Mann.“ dinal. Der Offizier nahm Bonacieur beim Arme und führte fand. Die zuletzt eingeführte Perſon folgte Bonacieur un⸗ geduldig mit den Augen, bis man ihn aus der Thüre ge⸗ näherte ſie ſich lebhaft dem Cardinal und ſprach; „Sie haben ſich geſehen!“ „Wer?“ fragte die Eminenz. „Er und ſie.“ „Die Königin und der Herzog!“ rief Richelieu. 7 a. „Und wo?“ „Im Louvre.“ „Wißt Ihr es gewiß?“ „Ganz gewiß!“ „Wer hat es Euch geſagt?“ geben iſt, wie Ihr wißt.“ „Warum hat ſie es nicht früher geſagt?“ „Die Koͤnigin ließ zufälliger Weiſe oder aus Miß trauen Frau von Surgis in ihrem Zimmer ſchlafen un ₰ behielt ſie ganzen Tag.“, „„Derjenige, welcher mir meine Frau entführt Bonacieux,„ich habe mich getäuſcht; es iſt ein Anderer, der nicht die geringſte Aehnlichkeit mit ihm hat. Dieſer; „Jührt dieſen Dummkopf weg,“ ſprach der Car⸗ ihn in das Vorzimmer, wo er ſeine zwei Wachen bracht hatte, und ſobald dieſe wieder verſchloſſen war, gebliei „Frau von Lannay, welche Eurer Eminenz ganz er⸗ woll gnäd Frau Weiß und bedeck Stim mich, Alkov ſelben asnii ſie we ſein.“ tführt Offi⸗ n und ſchrie derer, Dieſer Car⸗ führte achen run⸗ re ge⸗ war, Alkobens und entfernte ſich. nz er⸗ 209 „Das iſt ſchön, wir ſind geſchlagen; doch wir wollen unſere Entſchädigung nehmen.“ „Ich werde Euch von ganzem Herzen unterſtützen, gnädiger Herr, ſeid ruhig.“ „Wie iſt das gegangen?“ „Um halb ein Uhr war die Königin bei ihren Frauen—“ „Gut.“ „Als man ihr ein Taſchentuch von Seiten ihrer Weißzeugverwalterin zuſtellte.“ „Hernach?. „Sogleich gab die Köͤnigin eine große Unruhe kund und erbleichte trotz der Schminke, mit der ſie ihr Antlitz bedeckt hatte.“ „Hernach, hernach?“ „Sie ſtand jedoch auf, und ſagte mit bewegter Stimme:„Meine Damen, wartet hier zehn Minuten auf mich, ich komme zurück“ Und ſie öffnete die Thüre ihres „Warum hat Frau von Lannoh Euch nicht in dem⸗ ſelben Augenblick davon unterrichtet?“ „Es war noch nichts gewiß. Ueberdies hatte die Königin geſagt:„Meine Damen, wartet auf mich,“ und ſſie wagte es nicht, ungehorſam gegen ihre Gebieterin zu ſein.“ „Und wie lange iſt die Königin aus dem Zimmer geblieben?“ „Drei Viertelſtunden.“ „Keine ihrer Frauen begleitete ſie 2“ „Donna Eſtefania allein.“ Namenszuge zu holen und ſich ſogleich wieder zu entfe „Und ſie kehrte dann zurück?“ „Ja, um ein kleines Kiſtchen von Roſenholz mit ihre „Nein.“ „Weiß Frau von Lannoy, was in dieſem Kiſtchen enthalten war?“ „Ja: die Diamant⸗Neſtelſtifte, welche ſeine Majeſtät der Königin gegeben hatte.“ „Und ſi ſie kehrte ohne das Kiſtchen zurück?“ Ja. Fe iſt die Meinung von Frau von Lannoh, ſie habe es Buckingham gegeben?“ „Sie iſt feſt davon überzeugt.“ „Wie ſo 2“ als Kammerdame der Königin nach dem Kiſichen, ſtellte ſich beunruhigt darüber, daß ſie es nicht fand, und fragte endlich die igin danach.“ „Und die Königin...5 rem Goldſchmiede geſchickt.“ wahr iſt oder nicht.“ „Ich bin dort geweſen.“ „Nun, der Goldſchmied 4 „Hat keine Sylbe davon Beſte.“ Eminenz„ — wahr?“ enz mich hätte meinen Satz vollenden laſſen“ „Wißt Ihr nun, wo ſich die Herzogin von Chevreuſe Herzog von Sen verborgen „Im Verlauf des Tages ſuchte Frau von Lannoh „Man muß dahin gehen und ſich überzeugen, ob „Gut! gut! Rochefort, es iſt noch nicht Alles verloken und vielleicht vielleicht ſteht Alles auf's; „Ich zweifle allerdings nicht, daß das Genie Guter „Die Thorheiten meines Agenten wieder gut macht, „Das war ich im Begriffe zu ſagen, wenn Euere Beſt ſen No. auf.“ laſſe ſein.“ 3 ſucht Vue ſehr roth und erwiederte, ſie habe am vorher einen von den Neſtelſtiften zerbrochen und die Sache, um den Schaden wieder gut zu machen, zu ih⸗ blick dinal der zurüc ſtreng ſchen in die händl 8 5 ichen jeſtät ſie nnoy tellte ragte Tage die u ih⸗ b es Alles auf's Furer acht, Fuere reuſe 3 „Nein, Monſeigneur, meine Leute konnten mir nichts Beſtimmtes hierüber ſagen.“ „Ich weiß es.“ „Ihr, Monſeigneur?“ „Wenigſtens vermuthe ich es. Die eine von die⸗ ſen zwei Perſonen hielt ſich in der Rue be Vaugirard Ny. 25 die andere in der Rue de la Harpe No. 75 auf.“ eett Euere Eminenz, daß ich beide verhaften aſſe?“ ſe„Es iſt ohne Zweifel zu ſpät, ſie werden abgereiſt ein.“ „Gleichviel, man kann ſich Gewißheit verſchaffen.“ „Nehmt zehn Mann von meinen Wachen und durch⸗ ſucht die zwei Häuſer.“ „Ich gehe, Monſeigneur.“ Rochefort eilte aus dem Zimmer. Als der Cardinal allein war, dachte er einen Augen⸗ blick nach und läutete ſodann zum dritten Male. Derſelbe Offizier erſchien. den Gefangenen eintreten,“ ſprach der Car⸗ inal. Meiſter Bonacieur wurde abermals eingeführt und der Offizier zog ſich auf ein Zeichen des Cardinals zurück. „Ihr habt mich getäuſcht,“ ſprach der Cardinal mit ſtrengem Tone. 6 rief Bonacieur,„ich Euere Eminenz täu⸗ en. „Wenn Euere Frau in die Rue de Vaugirard und in die Rue de la Harpe ging, ging ſie nicht zu Leinwand⸗ händlern.“ „Wohin ging ſie denn, gerechter Gott!“ „Sie ging zu der Herzogin von Chebreuſe und zu dem Herzog von Buckingham.“ „Ja,“ ſagte Bonacieur, alle ſeine inneru igen in ſich ſammelnd,„ja, ſo iſt es, Cuere Eminenz hat Recht. Ich bemerkte meiner Frau wiederholt, man müßte ſtaunen, daß Leinwandhändler in ſolchen Häuſern wohnten, in Häuſern ohne Schild, und jedesmal brach meine Frau in ein Gelächter aus. Ah! Monſeigneur,“ fuhr Bonacieur ſich dem Cardinal zu Füßen werfend fort,„ah! Ihr ſeid wohl der Cardinal, der große Car⸗ dinal, der Mann von erhabenem Geiſte, den alle Welt verehrt!“ So geringfügig auch der Sieg war, den er über einen ſo gewöhnlichen Menſchen, wie Bonackeur, davon getragen hatte, ſo freute ſich der Cardinal doch nichts⸗ deſtoweniger einen Augenblick darüber; aber ſogleich, als wäre ein neuer Gedanke in ihm aufgetaucht, ſpielte ein Lächeln um ſeine Lippen, und er ſprach dem Krämer die Hand reichend: „Steht auf, mein Freund, Ihr ſeid ein braver Mann.“ „Der Cardinal hat meine Hand berührt! ich habe die Hand des großen Mannes berührt!“ rief Bonacieux. „Der große Mann hat mich ſeinen Freund genannt.“ „Ja, mein Freund, ja,“ ſprach der Cardinal mit dem väterlichen Tone, den er zuweilen anzunehmen wußte, wodurch aber nur diejenigen hintergangen wurden, die ihn nicht kannten;„und da man Euch ungerechter Weiſe im Verdacht gehabt hat, ſo verdient Ihr eine Entſchä⸗ digung. Nehmt dieſen Sack mit hundert Piſtolen und verzeiht mir.“ „Ob ich Euch vergebe, Monſeigneur!“ ſagte Bona⸗ cieur, zögerte jedoch, den Sack zu nehmen, ohne Zweifel aus Furcht, das angebliche Geſchenk dürfte nur ein Scherz ſein.„Es ſtand Euch ganz frei, mich verhaften zu laſſen, es ſteht Euch vollkommen frei, mich foltern, mich hängen zu laſſen, Ihr ſeid der Herr und ich hätte kein Wörtchen darüber zu ſagen gehabt. Euch. verzeihen, Monſeigneur? Geht, Ihr denkt nicht an dergleichen.“ mut alſo ſein Eue Unte Bon Dan zimn Ee! räuſe Meiſ verlo würd merk ſagt, mit! hinzi der b tieft trat 213 hat„Ahl mein lieber Herr Bonacieur, Ihr wollt Groß⸗ nan muth üben, ich ſehe es, und danke Euch dafür. Ihr nehmt ſern alſo dieſen Sack und geht, ohne zu ſehr unzufrieden zu rach ſein?“ ur,“„Ich gehe entzückt, Monſeigneur.“ fend„Lebt wohl alſo, oder vielmehr auf Wiederſehen, denn ar⸗ ich hoffe, wir werden uns wiederſehen.“ Lelt„So öft es Monſeigneur haben will, ich ſtehe ganz Euerer Eminenz zu Befehlen.“ iber„Seid ruhig, das wird oft vorkommen, denn Euere von Unterhaltung hat mich in hohem Maße ergoͤtzt.“ hts⸗„Ah! Monſeigneur!“ als„Auf Wieverſehen, Herr Bonacieur, auf Wiederſehen.“ ein Der Cardinal machte ein Zeichen mit der Hand, das die Bonacieur mit einer Verbeugung bis zur Erde erwiederte. Dann eütfernte er ſich rückwärts, und als er im Vor⸗ er zimmer war, hörte ihn der Cardinal aus vollem Halſe ſchreien:„Es lebe Monſeigneur! Es lebe ſeine Eminenz! abe Ee lebe der große Cardinal!“ eur. Der Cardinal vernahm mit einem Lächeln die ge⸗ räuſchvolle Kundgebung der enthufiaſtiſchen Gefühle von mit Meiſter Bonacieur; als ſich das Geſchrei in der Ferne ßte, verloren hatte, ſagte er: „Das iſt nunmehr ein Menſch, der ſich für mich eiſe würde todt ſchlagen laſſen.“ chä⸗ Und der Cardinal betrachtete mit der größten Auf⸗ und merkſamkeit die Karte von la Rochelle, welche, wie ge⸗ ſagt, auf ſeinem Schreibtiſche ausgebreitet lag, und zog na⸗ mit dem Bleiſtift eine Linie, wo ſich der bekannte Damm ifel hinziehen ſollte, der achtzehn Monate ſpäter den Hafen ein der belagerten Stadt ſchloß. ften Als er ganz in ſeine ſtrategiſchen Betrachtungen ver⸗ en tieft war, öffnete ſich die Thüre wieder und Rochefort ätte trat ein. hen,„Nun?“ ſprach der Cardinal, ſich mit einer Schnel⸗ . ligkeit erhebend, aus der das hohe Gewicht zu erkennen 214 ertheilt hatte. „Nun,“ ſprach dieſer,„eine junge Frau von ſechs⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig h ein Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren haben wirklich, die eine vier Tage, der andere fünf, in den von S Eminenz bezeichneten Häuſern gewohnt; aber die Frau iſt in der vergangenen Nacht und der Mann dieſen Morgen abgereiſt.“ „Sie waren es!“ rief der Herzog auf die Pendeluhr ſchauend;„und nun,“ fuhr er fort,„iſt es zu ſpät, um ihnen nachzuſetzen; die Herzogin iſt in Tours, der Herzog in Boulogne. Man muß ſie in London treffen.“ „Was ſind Euerer Eminenz Befehle?“ war, das er auf den Auftrag legte, den er dem Grafen „Kein Wort verlaute von dem, was vorgefallen iſt. Die Königin verharre in vollkommener Sicherheitz ſie darf nicht erfahren, daß wir ihr Geheimniß wiſſen; ſie ſoll glauben, wir forſchen irgend einer Verſchwörung nach. Schickt mir den Siegelbewahrer Seguier.“ „Und dieſer Menſch? was hat Euere Eminenz mit ihm gemacht?“ „Was für ein Menſch?“ fragte der Cardinal. „Dieſer Bonacieur?“ „Ich habe Alles aus ihm gemacht, was man aus ihm machen konnte. Ich habe ihn zum Spion ſeiner Frau gemacht.“ Der Graf von Rochefort verbeugte ſich als ein Mann, der e eb Ueberlegenheit ſeines Herrn anerkennt, und ging ab. ſchrieb einen Brief, den er mit ſeinem Privatſiegel ve ſchloß, und läutete. Der Offizier trat zum vierten Ma ein. 2 Laßt mir Vitray kommen,“ ſprach er,„und ſag ihm, er ſolle ſich zu einer Reiſe bereit halten.“ geſtiefelt und geſpornt vor ihm. Eeinen Augenblick nachher ſtand der verlangte Mann Wieder allein, ſetzte ſich der Cardinal abermals nac unt Hie zu Eb jetzt hal der zog zzwe ben geb ſchi Por bete lege rafen ſechs⸗ von eine inenz der eiſt.“ eluhr „um erzog niſi. ſie ſie nach. mit zwo 21⁵ „Vitray,“ ſagte der Cardinal,„Ihr geht ſogleich nach London ab. Ihr haltet Euch nicht einen Angenblick unter Wegs auf; dieſen Brief übergebt Ihr Mylady. Hier iſt eine Anweiſung von zweihundert Piſtolen; geht zu meinem Schatzmeiſter und laßt ſie Euch ausbezahlen. Eben ſo viel erhaltet Ihr, weun Ihr in ſechs Tagen von jetzt an zurück ſeid und Eueren Auftrag gut vollzogen habt.“ Ohne ein Wort zu erwiedern, verbeugte ſich der Bote, nahm den Brief und die Anweiſung von zweihun⸗ dert Piſtolen und ging ab. Der Brief enthielt Folgendes: „Mylady, „Findet Euch auf dem erſten Balle ein, den der Her⸗ zog von Buckingham beſucht. Er wird an ſeinem Wamms Diamant⸗Reſtelſtifte tragen. Nähert Euch vemſel⸗ ben und ſchneidet zwei davon ab. „Sobald dieſe Neſtelſtifte in Eueren Händen ſind, gebt mir Nachricht.“. XV. Civildiener und Eriegsdirner. Als am Tage nach dieſen Ereigniſſen Athos nicht er⸗ ſchien, wurde Herr von Treville durch dArtagnan und Porthos von ſeinem Verſchwinden in Kenntniß geſetzt. Aramis hatte ſich einen Urlaub von fün beten und befand ſich, der Sage nach, in Fam legenheiten in Ronen. 8 216 hätte ſein können. Er begab ſich alſo ſogleich zu dem Criminalunter⸗ richter. Man ließ den Offizier kommen, der den Poſten an der Croir⸗Rouge rommandirte, und aus den Nachrich⸗ ten, die man nach und nach erhielt, ging hervor, daß Athos für den Augenblick im Fort⸗l'Evéque einquartirt war. Athos hatte alle Prüfungen durchgemacht, denen Bonacieur unterworfen geweſen war. Wir haben der Confrontationsſcene zwiſchen den zwei Gefangenen beigewohnt. Athos, welcher bis vahin nichts geſagt hatte, aus Furcht, ebenfalls beunruhigt, könnte d'Ar⸗ tagnan die für ihn erforderliche Zeit noch nicht gehabt haben, erklärte von dieſem Augenblick, er heiße Athoös und nicht dArtagnan. Er fügte bei, er kenne weder Herrn noch Madame Bonacieur; er habe noch nie mit einem von beiden geſprochen, er ſei gegen zehn Uhr Abends gekom⸗ men, um Herrn d'Artagnan, ſeinen Freund, zu beſuchen, aber bis zu dieſer Stunde ſei er bei Herrn von Treville geweſen, wo er zu Mittag geſpeiſt habe; zehn Zeugen könnten, fügte er bei, dieſe Thatſache beweiſen und er nannte mehrere ausgezeichnete Edelleute, worunter den Herrn Herzog de la Tremouille. Der zweite Commiſſär wurde nicht minder verwirrt, Musketiers, an dem er, wie dieß Civilbeamte Kriegsmän⸗ nern gegenüber zu thun lieben, ſo gerne ſein Müthchen gekühlt hätte, aber der Name von Herrn von Troville und dee des Herrn Herzogs verdienten Beachtung. Der Geringſte und Unbekannteſte unter ihnen war, ſobald er die Uniform ſeiner Compagnie trug, ſeiner Hülfe und ſeines Beiſtands ſo ſicher, als es nur ſein eigener Bruder * als der erſte, durch die einfache und feſte Erklärung des thos wurde ebenfalls zu dem Cardinal geſchickt, um Unglück befand ſich dieſer bei dem König im demſelben Augenblick traf Herr von Treville, der des bei zu Kön dina Fra den Freu Chet als Eng und Chev trigu ihren Chev glaul verw in fi Köni Keu dieſen That ſii ni habe Corre eine G ſei na Intrig 217 der von dem Criminalunterrichter und dem Gouverneur des Fort⸗lEvéque kam, ohne Athos gefunden zu haben, bei dem König ein. Als Kapitän der Musketiere hatte Herr von Treville zu jeder Stunde Eintritt bei dem König. Man kennt die Vorurtheile des Königs gegen die Königin, welche auf eine geſchickte Weiſe durch den Car⸗ dinal genährt wurden, der im Punkte der Intriguen Frauen viel mehr mißtraute, als Männern. Eine von den bedeutendſten Urſachen dieſer Vorurtheile war die Freundſchaft von Anna von Oeſterreich für Frau von Chevreufe. Dieſe zwei Frauen machten ihm mehr Unruhe, als die Kriege mit dem Spanier, die Streitigkeiten mit England und die Finanzverlegenheiten. In ſeinen Augen und ſeiner Ueberzeugung nach unterſtützte Frau von Chevreuſe die Königin nicht nur in ihren politiſchen In⸗ triguen, ſondern auch, was ihn noch viel mehr quälte, in ihren Liebeshändeln. Bei dem erſten Wörte des Cardinals, daß Frau von Chebreuſe, die man an ihrem Verbannungsorte Tours glaubte, nach Paris gekommen ſei und fünf Tage hier verweilend die Polizei verſpottet habe, gerieth der Koönig in furchtbaren Zorn. Launiſch und ungetreu wollte der König Ludwig der Gerechte und Ludwig der Keuſche heißen. Der Nachwelt wird es ſchwer werden, dieſen Charakter zu begreifen, den die Geſchichte nur durch Thatſachen und nie durch Urtheile erklärt. Als aber der Cardinal beifügte, Frau von Chevreuſe ſei nicht nur nuch Paris gekommen, ſondern die Königin habe ſich mit ihr, mit Hülfe einer der geheimnißvollen Correſpondenzen in Verbindung geſetzt, die man damals eine Cabale nannte; als er verſicherte, er, der Cardinal, ſei nahe daran geweſen, die verborgenſten Fäden dieſer Intrigue zu enthüllen, aber in dem Augenblicke, wo man die Abgeordnete der Königin hei der Verbannten, auf der 218 That mit allen Beweiſen, ſicher hätte verhaften können, habe ein Musketier es gewagt, den Gang der Gerechtig⸗ keit gewaltſam zu unterbrechen und mit dem Degen in der Hand über ehrliche Männer des Geſetzes herzufallen, welche beauftragt geweſen ſeien, die ganze Angelegenheit unparteiiſch zu unterſuchen, um ſie dem Könige vor Au⸗ gen zu legen, da konnte Ludwig KIII. nicht mehr an ſich halten: er machte einen Schritt gegen das Gemach der Königin, mit jener bleichen und ſtummen Entrüſtung, die dieſen Fürſten, wenn ſie zum Ausbruch kam, bis zur kalten Grauſamkeit führte. Und dennoch hatte der Cardinal in der ganzen Sache noch nicht ein Wort von dem Herzog von Buckingham geſprochen. Jetzt trat Herr von Treville ein, kalt, höflich und in tadelloſer Haltung. Durch die Gegenwart des Cardinals und durch die Veränderung in den Geſichtszügen des Konigs ſich Herr von Treville ſtark, wie Simſon vor den Philiſtern. Ludwig XIII. legte bereits die Hand an den Knopf der Thüre. Bei dem Geräuſche, das Herrn von Treville's Eintritt verurſachte, drehte er ſich um. „Ihr kommt zu gelegener Zeit, mein Herr,“ ſprach der König, der, wenn ſeine Leidenſchaften einen gewiſſen Grad erreicht hatten, ſich nicht mehr zu verſtellen ketieren.“ GEürer Majeſtät ſchöne Dinge von Ihren Civildienern zu melden.“ „Wenn es gefällig wäre?“ fragte der König ſtolz. 2. Lon dem, was vorgegangen war, unterrichtet, fühlte wußte,„und ich erfahre ſchöne Dinge von Euren Mus⸗ „Und ich,“ ſprach Herr von Treville kalt,„ich habe „Ich habe die Ehre, Euere Majeſtät zu benachrich⸗ tigen,“ fuhr Herr von Treville in demſelben Tone fort, „da Leut wie laub zu eine Fort eine Mus men Eue Athe der ſagte bei t Cahi Bei Trev Cahr die chen, der e pagn dem deſſel von mehr hes ſproc nen, tig⸗ n in llen, heit Au⸗ ran mach ung, zur ache ham id in durch önigs ühite den dnopf ille's prach viſſen ſtellen Mus⸗ habe rn zu ſtolz. hrich⸗ fort, 219 „daß eine Anzahl von Procuratoren, Commiſſären und Leuten von der Polizei— ſehr ſchätzenswerthe Leute, aber, wie es ſcheint, ſehr erbittert gegen die Uniform, ſich er⸗ laubt hat, einen von meinen Musketieren in einem Hauſe zu verhaften, über die offene Straße zu führen, und auf einen Befehl, den man mir zu zeigen ſich weigerte, in Fort⸗L'Cvöque zu werfen, und Alles dieß, ſage ich, iſt einem von meinen Musketieren, oder vielmehr Eueren Musketieren, Sire, einem Manne von tadelloſem Beneh⸗ men, von beinahe erhabenem Rufe, einem Manne, der Euerer Majeſtät auf eine günſtige Weiſe bekannt iſt, Herrn Athos, widerfahren. „Athos,“ ſprach der König maſchinenmäßig;„ja, in der That, ich kenne dieſen Namen.“ „Euere Majeſtät beliebe ſich ſeiner zu erinnern,“ ſagte Herr von Treville,„Athos iſt der Musketier, der bei dem ärgerlichen Duelle, das Ihr kennt, Herrn von Cahuſac ſchwer zu verwunden das Unglück gehabt hat. Bei dieſer Gelegenheit, Monſeigneur,“ fuhr Herr von Treville, ſich an den Cardinal wendend, fort,„Herr von Cahuſae iſt völlig wiederhergeſtellt, nicht wahr?“ „Ich denke,“ ſagte der Cardinal, ſich vor Zorn in die Lippen beißend. „Herr Athos wollte alſo einen ſeiner Freunde beſu⸗ chen, welcher gerade nicht zu Hauſe war, einen Bearner, der als Cadett bei den Garden Seiner Majeſtät, Com⸗ pagnie des Eſſarts, ſteht; aber kaum befand er ſich in dem Zimmer ſeines Freundes und hatte in Erwartung deſſelben ein Buch genommen, als ein vermiſchter Haufen von Schergen und Soldaten das Haus belagert und mehre Thüren einſtößt. Der Cardinal machte dem König ein Zeichen, wel⸗ ches bedeuten ſollte: „Es geſchah in der Angelegenheit, von der ich ge⸗ ſprochen habe.“ 220 Wir wiſſen Alles, was Ihr uns da ſagt, denn es iſt Alles in unſerem Dienſte geſchehen.“ „Dann geſchah es auch im Dienſte Euerer Majeſtät, daß man einen Unſchuldigen von meinen Musketieren er⸗ griff, wie einen Miſſethäter zwiſchen zwei Wachen ſtellte und mitten durch eine freche Pöbelſchaar dieſen ehrenfeſten Mann führte, der zehnmal ſein Blut im Dienſte Seiner Majeſtät vergoſſen hat und noch zu vergießen bereit iſt.“ „Bah!“ ſprach der König erſchüttert,„iſt die Sache wirklich ſo gegangen?“ „Herr von Treville gibt nicht an,“ verſetzte der Car⸗ inal mit dem größten Phlegma,„daß dieſer unſchulvige Musketier, dieſer ehrenfeſte Mann, eine Stunde vorher vier Inſtructions⸗Commiſſäre, welche ich zu Unterſuchung dem Degen in der Fauſt angriff und in die Flucht ſchlug.“ „Ich fordere Euere Eminenz auf, dieß zu beweiſen,“ rief Herr von Treville mit ſeiner ganzen gascogniſchen Freimüthigkeit und mit ſeiner vollen militäriſchen Derb⸗ heit;„denn Herr Athos, ein Mann von vortrefflichen Eeigenſchaften, erzeigte mir eine Stunde vorher die Ehre, nachdem er bei mir zu Mittag geſpeiſt hatte, in dem Salon meines Hotels mit dem Herrn Herzog von de la Tremouille und mit dem Herrn Grafen von Chalus zu plaudern.“ Der König ſchaute den Cardinal an. wortete der Cardinal ganz laut auf die ſtumme Frage Seiner Majeſtät,„und die Mißhandelten haben folgendes abgefaßt, das ich Eurer Majeſtät zu überreichen die Ehre habe.“ ein Protokoll von Civildienern ſo viel werth, mit ſtolzer Betonung. einer ſehr wichtigen Angelegenheit abgeſchickt hatte, mit „Ein Protokoll beglaubigt, was ich ſagte,“ ant⸗ hrenwort eines Kriegsmanns?“ erwiederte Herr UU von rech ich vorg fort des men unte über brac den ſprae färbt Card Stur denn zehn ſein. laſſen „7 Vorf genbl felte n es eſtät, ner⸗ ſtellte feſten einer iſt.“ Sache Car⸗ lvige orher hung mit lucht ſen,“ ſchen Derb⸗ lichen Fhre, dem de la 18 zu ant⸗ rage endes Ehre verth, Herr 221 „Ruhig, ruhig, Treville ſchweigt,“ ſagte der König. „Hegt Seine Eminenz einen Verdacht gegen einen von meinen Musketieren,“ ſprach Treville,„ſo iſt die Ge⸗ rechtigkeit des Herrn Cardinals hinreichend bekannt, daß ich ſelbſt eine Unterſuchung verlange.“ „In dem Hauſe, wo dieſe gerichtliche Beſichtigung vorgenommen wurde,“ fuhr der Cardinal leidenſchaftslos fort,„wohnt, wie ich glaube, ein Bearner, ein Freund des Musketiers.“ „Ja, Euere Eminenz, ſo iſt es.“ „Glaubt Ihr nicht, daß dieſer junge Menſch ſchlim⸗ men Rath gegeben hat„ „Herrn Athos, einem Manne, der doppelt ſo alt iſt,“ unterbrach ihn Herr von Treville;„nein, Monſeigneur, hat Herr d'Artagnan den Abend hei mir zuge⸗ racht.“ „Ahl es ſcheint in der That die ganze Welt brachte den Abend bei Euch zu?“ erwiederte der Cardinal. „Sollte Euere Eminenz an meinem Worte zweifeln?“ ſprach Herr von Treville, deſſen Slirne der Zorn roth ärbte. „Nein, davor ſoll mich Gott bewahren!“ ſagte der Cardinal;„aber es handelt ſich nur darum, zu welcher Stunde er bei Euch war?“ „Ah! das kann ich Euerer Eminenz genau ſagen, denn als er eintrat, ſah ich auf der Uhr, daß es halb zehn Uhr war, obgleich ich glaubte, es müßte ſpäter ſein. „Und um welche Zeit hat er Euer Hotel ver⸗ laſſen?“ 62 „„Um halb eilf Uhr, gerade eine Stunde nach dem Vorfall.“ „Aber,“ fuhr der Cardinal fort, der nicht einen Au⸗ genblick an der Redlichkeit des Herrn von Treville zwei⸗ felte und gewahr wurde, daß der Sieg ſeinen Händen entſchlüpfen ſollte;„aber Athos iſt doch in dem Hauſe der Rue des Foſſoyeurs verhaftet worden.“ „Iſt es einem Freunde verboten, einen Freund zu beſuchen, einem Musketier von meiner Compagnie mit einem Garde von der Compagnie des Eſſarts Brüderſchaft zu halten?“ „Ja, wenn das Haus, wo man mit dieſem Freunde Brüderſchaft pflegt, verdächtig iſt.“ 3„Weil dieſes Haus verdächtig iſt, Treville,“ ſprach dder König,„vielleicht wußtet Ihr das nicht?“ „In der That, Sire, ich wußte es nicht. Jedenfalls kann es überall verdächtig ſein, nur ziehe ich in Abrede, daß es in dem Theile, welchen Herr d'Artagnan bewohnt, verdächtig iſt, denn ich darf wohl im Vertrauen auf ſeine eignen Aenßerungen verſichern, daß es keinen ergebeneren Diener Euerer Majeſtät, keinen innigeren Bewunderer des Herrn Cardinals gibt.“ „Iſt das nicht jener d'Artagnan, welcher eines Tags bei dem unglücklichen Streite in der Nähe des Kloſters der Karmeliter⸗Barfüßer Juſſac verwundete?“ fragte der König und ſchaute dabei den Cardinal an, der vor Aerger im ganzen Geſicht roth wurde. „Und am andern Tage Bernajour. Ja, Sire, ja, es iſt derſelbe, Euere Majeſtät hat ein gutes Gedächt⸗ niß.“ „Nun, was wollen wir beſchließen?“ ſagte der Kö⸗ nig.„Ich werde die Schuld beweiſen.“ „Uund ich leugne ſie. Aber Seine Majeſtät hat Rich⸗ ter und dieſe Richter ſollen entſcheiden.“ „Ganz gut,“ verſetzte der König,„übergeben wir den ganzen Prozeß den Richtern; es iſt ihre Sache zu urthei⸗ en, und ſie werden urtheilen.“ reinſte Leben, durch die vorwurfsfreiſte Tugend Nur iſt es ſehr traurig,“ ſprach Herr von Treville, in den gegenwärtigen unglücklichen Zeiten ein Mann der wir wen ſtre es Er lege von heit Kür nich glau weiſ Lärr Got nicht ſtät Trev Deg Herr am beſſe Atho nan, der im Mus fällen Card — ²— 223 auſe der Bosheit und Verfolgung nicht entgeht. Die Armee wird auch ſehr unzufrieden ſein, dafür kann ich ſtehen, e wenn ſie ſieht, daß ſie bei Polizei⸗Angelegenheiten der mit ſtrengſten Behandlung preisgegeben wird.“ chaft Das Wort war unklug, aber Herr von Trebille hatte es mit dem Stande der Dinge vertraut ausgeſprochen. unde Er wollte eine Exploſion herbeiführen, denn bei dieſer Ge⸗ legenheit gibt eine Mine Feuer und Feuer erleuchtet. rach„Polizei⸗Angelegenheiten!“ rief der König, die Worte von Herrn von Treville aufnehmend.„Polizei⸗Angelegen⸗ falls heiten! und was wißt denn Ihr davon mein Herr? rede, Kümmert Euch um Euere Musketiere und macht mir ohnt, nicht den Kopf toll. Hört man Euch, ſo ſollte man ſeine glauben, Frankreich wäre in Gefahr, wenn unglücklicher⸗ neren weiſe ein Musketier verhaftet wird! Ei! was für ein des Lärmen um einen Musketier. Ich laſſe zehn verhaften, bei Gott, hundert, ja die ganze Compagnie, und man ſoll Tags nicht muckſen.“. ſters„Die Musketiere ſind ſchuldig, ſobald Euere Maje⸗ der ſtät einen Verdacht gegen ſie hegt,“ entgegnete Herr von erger Treville,„auch ſeht Ihr mich bereit, Sire, Euch meinen Degen zu übergeben; denn ich zweifle nicht daran, daß der „ja, Herr Cardinal, nachdem er meine Soldaten verklagt hat, ächt⸗ am Ende auch mich verklagen wird, und es iſt ſomit beſſer, daß ich mich ſelbſt in Verhaft gebe, mit Herrn Kö⸗ Athos, der bereits verhuftet iſt, und mit Herrn d'Artag⸗ nan, den man noch verhaften wird.“ Rich⸗„Gascogner⸗Kopf, wollt Ihr wohl endigen!“ rief der König. r den„Sire,“ antwortete Treville, ohne die Stimme thei⸗ im Geringſten zu dämpfen,„befehlt, mir meine Musketier zurückzugeben oder ein Urtheil über ihn zu ville, fällen.“ Nann„Man wird ein Urtheit über ihn fällen“ ſugt gend Cardinal. „Run, deſto beſſer, in dieſem Falle werde ich Seine Majeſtät um Erlaubniß bitten, für ihn plaidiren zu dürfen.“ Der König fürchtete ein großes Aufſehen und ſprach: „Wenn Seine Eminenz nicht perſönlich Motive hätte„ Der Cardinal ſah den König kommen und ging ihm entgegen. „Um Vergebung,“ ſagte er,„wenn Seine Majeſtät in mir einen Richter von vorgefaßter Meinung erblickt, ſo ziehe ich mich zurück. „Hört,“ ſprach der König,„ſchwört Ihr mir bei meinem Vater, daß Herr Athos während des Vorfalls bei Euch geweſen iſt und keinen Theil daran genommen hat?“ 5 der Ihr das ſeid, was ich liebe und am hochſten auf der Welt verehre, ſchwöre ich!“ „Wollt bedenken, Sire,“ ſprach der Cardinal,„wenn wir den Gefangenen ſo entlaſſen, wird man nie mehr die Wahrheit erfahren.“ „Bei Euerem glorreichen Vater und bei Euch ſelbſt, † „Herr Athos wird ſtets vorhanden und bereit ſein, Rede und Antwort zu ſtehen, wenn ſie ihn zu befragen Luſt haben,“ entgegnete Herr von Treville. „Er wird nicht deſertiren, dafür ſtehe ich.“ „Gewiß, er wird nicht deſertiren,“ ſprach der König, „man kann ihn immer wieder finden, wie Herr von Tre⸗. ville ſagt. Ueberdieß,“ fügte er, die Stimme dämpfend und ſeine Eminenz mit einem flehenden Blicke anſchauend, 8„überdieß wollen wir ſie ſicher machen, das iſt Po⸗ litik.“ 4 Dieſe Politik Ludwigs XIII. machte Richelieu lächeln. ieht⸗ Sire,“ ſprach er,„Euch ſteht das Recht gnadigung zu.“ t der Begnavigung iſt nur auf Schu ————— ille. nig, Tre⸗. fend tend, Po⸗ elieu techt chul⸗ —— — den ſeine Ruhe nicht einen Augenblick verlaſſen hatte. 3 dige anwendbar,“ entgegnete Treville, der das letzte Wort haben wollte,„und mein Musketier iſt unſchuldig. Ihr laßt alſo nicht Gnade, ſondern Gerechtigkeit widerfahren, Sire.“ „Er iſt im Fort⸗lCvéque?“ ſagte der König. „Ja, Sire, und in engem Gewahrſam, in einem Kerker, wie der letzte Verbrecher.“ „Teufel! Teufel!“ murmelte der König,„was ſoll man da thun?“ „Den Freilaſſungsbefehl unterzeichnen und Alles iſt abgemacht,“ ſprach der Cardinal;„ich halte, wie Euere Majeſtät, die Gewährſchaft des Herrn von Treville für mehr als genügend.“ Treville verbeugte ſich ehrfurchtsvoll mit einer Freube, die nicht ganz von einer Beimiſchung von Furcht frei war; er hätte einen hartnäckigen Widerſtand dieſem plötzlichen Nachgeben vorgezogen. Der König unterzeichnete den Freilaſſungsbefehl, den Herr von Treville ohne Verzug forttrug. In dem Augenblick ſeines Abgangs lächelte ihm der Cardinal freundſchaftlich zu und ſagte zu dem König: „Es herrſcht eine ſchöne Harmonie bei Euren Mus⸗ ketieren zwiſchen den Führern und Soldaten, das iſt ſehr erſprießlich für den Dienſt und ſehr ehrenvoll für Alle.“ „Er wird mir demnächſt einen ſchlimmen Streich ſpielen,“ ſagte Treville.„Man hat nie das letzte Wort bei einem ſolchen Menſchen. Aber eilen wir; der König kann ſogleich wieder anderer Meinung werden; denn im Ganzen iſt es ſchwieriger, einen Menſchen wieder nach der Baſtille oder dem Fort⸗'Evéque zu bringen, der ein⸗ mal herausgekommen iſt, als einen Gefangenen zu be⸗ wachen, den man eingekerkert hat.“ Herr von Treville hielt triumphirend ſeinen Ein⸗ zug im Fort⸗l'Evéque, wo er den Musketier be⸗ Die drei Musketiere, 1.—— 6 226 Als er⸗ zum erſten Male d'Artagnan wieder ſah, ſprach er: „Ihr kommt gut weg. Euer Degenſtich bei Juſ⸗ ſac iſt nun bezahlt. Es bleibt noch der bei Bernajoux, aber ſeid immerhin auf Eurer Hut!“ Herr von Treville hatte übrigens Recht, dem Car⸗ dinal zu mißtrauen und zu giauben, es ſei noch nicht Alles vorbei! denn faum hatte der Kapitän der Mus⸗ ketiere hinter ſich geſchloſſen, als Seine Eminenz zu dem König ſagte: „Nun, da wir allein ſind, wollen wir ernſthaft— ſprechen, wenn es Eurer Majeſtät gefällig iſt.— Sire, 8 der Herzog von Buckingham war fünf Tage lang in Paris, und iſt erſt dieſen Morgen abgereiſt.“ XVI. Worin der Herr Sirgelbewahrer Seguier mehr⸗ mals die Glocke ſuchte, un zu länten, wie er dies auch ſonſt that. Man kann ſich unmöglich einen Begriff von dem Eindrucke machen, den dieſe paar Worte auf Ludwig RIII. machten. Er wurde abwechſelnd blaß und roth, und der Cardinal ſah ſogleich, daß er mit einem Schlage das verlorene Terrain wieder gewonnen hatte. „Herr von Buckingham in Paris!“ rief der König. „Und was hat er hier gemacht?2“ 2 „Ohne Zweifel⸗mit den Hugenotten und den Spa⸗ niern, Euern Feinden, conſpirirt.“ „Nein, bei Gott, nein! gegen mein Glück mit Frau von Chevreuſe, Frau von Longueville und den Condé conſpirirt.“ „Oh, welcher Gedanke, Sire! Die Koͤnigin iſt zu klug, zu vernünftig und liebt Euere Majeſtät zu ſehr.“ „Das Weib iſt ſchwach, mein Herr Cardinal,“ 8 ſah, jou, Car⸗ nicht Mus⸗ dem ihaft Sire, g i 227 ſprach der König,„und was das zu ſehr Lieben betrifft, ſo habe ich meine Anſicht hierüber.“ „Nichtsdeſtoweniger behaupte ich,“ ſagte der Cardi⸗ nal,„daß der Herzog von Buckingham in rein politiſchen Zwecken nach Paris gekommen iſt.“ „Und ich bin überzeugt, daß er anderer Dinge wegen ſich hier eingefunden hat, mein Herr Cardinal. Aber wenn die Koͤnigin ſchuldig iſt, ſo mag ſie zittern!“ „Im Ganzen,“ erwiederte der Cardinal,„obgleich mein Geiſt nur mit dem groͤßten Widerſtreben bei einem ſolchen Verrathe verweilt, bringt mich doch Euere Ma⸗ jeſtät auf einen Gedanken: Frau von Lannoh, die ich auf den Befehl Euerer Majeſtät wiederholt befragt habe, ſagt mir, Ihre Majeſtät habe in der vorhergehenden Nacht ſehr lange gewacht, dieſen Morgen viel geweint und den ganzen Tag geſchrieben.“ „So iſt es,“ ſprach der König;„gewiß an ihn. Cardinal, ich muß die Papiere der Königin haben.“ „Aber wie dieſe nehmen, Stte! Es ſcheint mir, daß weder ich, noch Euer Majeſtät einen ſolchen Auftrag vollziehen kann.“ „Wie hat man ſich bei der Marſchallin d'Ancre be⸗ nommen?“ rief der König, im höchſten Grade zornig. hat zuerſt ihre Schränke und dann ſie ſelbſt unter⸗ ucht.“ „Die Marſchallin d'Anere war nur die Marſchallin d'Ancre, eine florentiniſche Abenteurerin, Sire, und wei⸗ ter nichts, während die erhabene Gemahlin Eurer Maje⸗ ſtät Anna von Oeſterreich, Königin von Frankreich, das heißt eine der größten Fürſtinnen der Welt iſt.“ „Sie iſt darum nur um ſo mehr ſchuldig, mein Herg Herzog! Je mehr ſie Ihre hohe Stellung vergeſſen hat, deſto tiefer iſt ſie hinabgeſtiegen. Ich bin überdieß ſchon längſt entſchloſſen, allen dieſen kleinen politiſchen nitiguen und Liebeshändeln ein Ende zu machen. Sie hat auch einen gewiſſen La Porte bei ſich, 228 „Den ich für den Schließnagel von Allem dem halte,“ ſagte der Cardinal. „Ihr glaubt alſo, wie ich, daß ſie mich täuſcht?“ ſprach der Konig. „Ich glaube und wiederhole Euerer Majeſtät, daß die Koͤnigin gegen die Macht ihres Königs conſpirirt; aber ich habe keineswegs geſagh gegen ſeine Ehre.“ „Und ich ſage Euch, gegen Beides. Ich ſage Euch, daß die Königin mich nicht liebt; ich ſage Euch, daß ſie einen Andern liebt; ich ſage Euch, daß ſie den Herzog Ihr ihn nicht wäh⸗ von Buckingham liebt! Warum habt rend ſeines Aufenthalts in Paris verhaften laſſen 2“ „Den Herzog verhaften! Den erſten Miniſter von Karl I. verhaften! Bevenkt doch, Sire, welches Aufſehen müßte dies machen, und wenn der Vervacht Euerer Ma⸗ jeſtät einigen Beſtand bekommen hätte, woran ich immer noch zweifle, welch' ein furchtbarer Lärmen! welch' ein verzweiflungsvoller Scandal!“ „Aber da er ſich wie ein Vagabund, wie ein Dieb bloßſtellte, mußte man. ℳ Ludwig XIII. hielt erſchrocken über das, was er zu ſagen im Begriff war, ſelbſt inne, während Richelieu, ſeinen Hals ausſtreckend, vergeblich das Wort erwartete, das auf ſeinen Lippen feſt hielt. „Man müßte?7“... 2 „Nichts,“ ſagte der König,„aber Ihr habt ihn doch während der ganzen Zeit, die er ſich in Paris auf⸗ hielt, nicht aus dem Geſichte verloren?“ „Nein, Sire.“ „Wo wohnte er?“ „In der Rue de la Harpe, Nro. 75.“. „Wo iſt dies 2“ „Neben dem Luxembourg.“ „Und Ihr ſeid überzeugt, daß die Königin und er ſich nicht geſehen haben?“ ch glaube, daß die Köniain an feſt aàn ihren Pfichten höngi, Sie.⸗ — —„— 70 dem t 2 daß irt; ch, ſie z0g von hen Na⸗ ner ein er u, te, hn uf⸗ ſelbſt in Kenntniß ſetzen.“ „Aber ſie wechſelten Briefe, an ihn hat die Königin den ganzen Tag geſchrieben. Mein Herr Herzog, ich n dieſe Briefe haben.“ „Sire, wenn indeſſen.. „Mein Herx Herzog, ich will ſie haben, um vh Preis es auch ſein mag.“ „Ich erlaube mir indeſſen, Euerer Majeſtät zu be⸗ merken „Verrathet Ihr mich alſo auch, Herr Cardinal, daß Ihr Euch ſiets 3 dieſe Art meinem Willen widerſetzt? Seid Ihr im Einverſtändniß mit dem Spanier und dem Engländer? mit Frau von Chevreuſe und der Königin?“ „Sire,“ antwortete der Cardinal lächelnd,„ich glaubte mich vor einem ſolchen Verdachte geſchützt.“ „Mein Herr Cardinal, Ihr habt mich verſtanden, ich will dieſe Briefe haben.“ „Es dürfte nur ein Mittel geben.“ „Welches?“ „Man müßte den Herrn Siegelbewahrer Seguier da⸗ mit beauftragen. Die Sache gehört ganz zu den Ver⸗ pflichtungen ſeines Amtes.“ „Man ſoll ihn ſegleic holen laſſen.“ „Er muß bei mir ſein, Sire. Ich habe ihn zu mir beſtellt, und als ich in den Louvre ging, Befehl gegeben, ihn warten zu laſſen, wenn er ſich einfinden würde.“ hole ihn ſogleich herbei.“ „Die Befehle Euerer Vißeſö ſollen vollzogen wer⸗ den, aber„„. „Was aber?“ ² „Aber die Königin wird ſich vielleicht weigern, zu gehorchen.“ „Meinen Befehlen?“ „Ja, wenn ſie nicht weiß, daß dieſe v dem Koͤnig herrühren.“ „Gut! damit ſie nicht dar —— 230 „Eure Majeſtät wird nicht vergeſſen, daß ich Alles, was in meinen Kräſten lag, gethan habe, um einem Bruche zu begegnen.“ „Ja, Herzog, ja, ich weiß, daß Ihr vielleicht zu nach⸗ ſichtig ſeid, und ich ſage Euch, daß wir ſpäter hierüber ſprechen müſſen.“ „Wann es Eurer Majeſtät belieben wird; aber ich werde ſtets glücklich und ſtolz ſein, Sire, mich dem guten Einvernehmen zu opfern, das nach meinen Wünſchen be⸗ ſtändig zwiſchen dem König und der Königin von Frank⸗ reich herrſchen moge.“ „Gut, Cardinal, gut. den Herrn Siegelbewahrer holen.“ Und Ludwig XIII. öffnete die Verbi ging in die Flur, welche von ſeinen Zi Anna von Oeſterreich führte. Die Königin befand ſich inmitten ihrer Frauen; um ſie her ſaßen Frau von Guitaut, Frau von Sablé, Frau von Montbazon und Frau von Guémené. In einem Win⸗ ndungsthüre, und mmern in die von ihr von Madrid gefolgt war. Frau von Gubmené las vor und Jedermann horchte aufmerkſam auf die Vorleſerin mit Ausnahme der Königin, welche im Gegentheil dieſe Lecture befohlen hatte, um, während ſie ſich ſtellte, als hoͤrte ſie, dem Faden ihrer eigenen Gedanken folgen zu können. Dieſe Gedanken, ſo ſehr ſie auch durch einen letzten Wiederſchein der Liebe vergoldet wurden, waren darum doch nicht minder trauriger Natur. Des Vertrauens ihres Gattens beraubt, verfolgt von dem Haſſe des Cardinals, der ihr nicht vergeben konnte, daß ſie ein zärtlicheres Ge⸗ fühl zurückgewieſen, das Beiſpiel der Königin Mutter vor gequält wurde, obgleich Maria v den Memoiren jener Zeit glaub Cardinal dieſes Gefühl ugeſtand, en darf, Anfangs dem das Anna von Oeſterreich Aber laßt mir mittlerweile kel ſtand die ſpaniſche Kammerfrau, Donna Eſtefania, die — Augen, welche von dieſem Haſſe ihr ganzes Leben hindurch on Medicis, wenn man les, che ch⸗ ber ich ten be⸗ nk⸗ —,———— 231 beſtändig zurückwies— hatte dieſe ihre ergebenſten Diener, ihre innigſten Vertrauten, ihre liebſten Günſtlinge fallen ſehen. Sie brachte Unglück Allem dem, was ſie berührtez ihre Freundſchaft war ein unſeliges Zeichen, das die Ver⸗ folgung hervorrief. Frau von Chevreuſe und Frau von Vernet waren verbannt; La Porte verbarg ſeiner Gebie⸗ terin nicht, daß er jeden Augenblick einer Verhaftung entgegen ſah. Während ſie aber in ihre düſteren Gedanken vertieft war, öffnete ſich die Thüre und der König trat ein. Die Vorleſerin ſchwieg ſogleich, alle Damen ſtanden auf und es herrſchte allgemeines Stillſchweigen. Der Kö⸗ nig enthielt ſich aller Höflichkeitsbezeugungen, blieb vor der Königin ſtehen und ſagte mit bebender Stimme: „Madame, Ihr erhaltet einen Beſuch von dem Herrn Kanzler, der Euch gewiſſe Angelegenheiten mittheilen wird, mit denen ich ihn beauftragt habe.“ Die unglückliche Königin, welche man beſtändig mit Eheſcheidung, Verbannung und ſogar mit einem Urtheil bedrohte, erbleichte unter der Schminke, und konnte nicht umhin zu erwiedorn: „Aber warum dieſer Beſuch, Sire? was wird mir der Herr Kanzler ſagen, das mir Euere Majeſtät nicht ſelbſt ſagen könnte?“ Der König wandte ſich auf den Ferſen um, ohne eine Antwort zu geben, und beinahe in demſelben Augen⸗ blick kündigte der Kapitän der Garden, Herr von Gui⸗ taut, den Beſuch des Herrn Kanzlers an. Als der Kanzler erſchien, war der König bereits durch eine andere Thüre abgegangen. Der Kanzler trat halb lächelnd, halb erröthend ein, wie wir ihn im Verlaufe dieſer Geſchichte wieder finden werden. Es kann nicht ſchaden, wenn unſere Leſer ſogleich Bekanntſchaft mit ihm machen. Dieſer Kanzler war ein drolliger Menſch. Des Roches le Masler, Kanonikus bei Notre⸗Dame, früher Kammer⸗ 232 diener des Cardinals, ſchlug ihn Seiner Eminenz als ei⸗ nen ergebenen zuverläßigen Mann vor. Der Cardinal vertraute hierauf, und befand ſich gut dabei. Man erzählte ſich gewiſſe Geſchichten von ihm; un⸗ ter andern folgende: 3 Nach einer ſtürmiſchen Jugend hatte er ſich in ein RKloſter zurückgezogen, um wenigſtens eine Zeit lang die Thorheiten ſeiner Jugend zu büßen; aber bei ſei ¹ tritt konnte der arme Reumüthige nicht ſo ſchnell die Thüre ſchließen, daß die Leidenſchaften, welche er floh, nicht mit ihm eingezogen wären. Er war ohne Unterlaß von ihnen belagert, und der Superior, dem er dieſe Un⸗ gnade anvertraut hatte, empfahl ihm, da er ihn vor die⸗ ſen Anfällen ſchützen wollte, um den verſuchenden Teufel zu beſchwören, zu der Glocke ſeine Zuflucht zu nehmen und mit aller Gewalt zu läuten. Durch den verkündigen⸗ den Lärknen würden die Mönche benachrichtigt werden, daß die Verſuchung einen Bruder belagerte, und die ganze Gemeinde würde Gebete für ſein Heil verrichten. Der Rath ſchien dem zukünftigen Fenle gut. Er beſchwor den böſen Geiſt mit ſtarfer nterſtützung der Gebete, welche die Mönche verrichteten. Aber der Teufel läßt ſich nicht leicht aus einem Orte vertreiben, wo er ſeine Garniſon eingelegt hat. In demſelben Maße, in dem man die Erorcismen verdoppelte, verdoppelte er ſeine Verſuchungen, ſo daß 1 die Glocke Tag und Nacht, das große Verlangen des Renmüthigen nach Abtödtung des Fleiſches kundgebend, ertönte. Die Mönche hatten Tag und Nacht keine Ruhe mehr; ſie mußten den ganzen Tag die Treppen auf⸗ und ſpringen, welche zu der Kapelle führten; in der Na waren ſie außer den Completen und Frühmetten noch genöthigt, ſich zwanzigmal aus ihren Betten zu erheben und auf den Boden ihrer Zellen niederzuſtürzen. Man weiß nicht, der Teufel nachließ, oder vb — e— e— —— — e—— O— e——— — e 3 — „———————— 3 233 ei⸗ die Möſche müde wurden; es iſt nur gewiß, daß der nal Reumüthige nach Verlauf von drei Monaten mit dem Rufe des furchtbarſten Beſeſſenen, der je gelebt, wieder in⸗ in der Welt erſchien. Als er das Kloſter Perließ, trat er in die Magiſtra⸗ ein tur, wurde Parlaments⸗Präſident, an der Stelle ſeines die Oheims, ſchlug ſich auf die Partei des Cardinals, was in⸗ nicht wenig Scharfſinn verrieth, erhielt ſeine Ernennung die als Kanzler, diente ſeiner Eminenz mit dem größten Eifer h, in ſeinem Haſſe gegen die Königin Mutter und in ſeiner aß Rache gegen Anna von Oeſterreich, ſtachelte die Richter in n⸗ der Angelegenheit von Chalais auf, unterſtützte die Verſuche je⸗ von Herrn von Laffemas, dem Großwildmeiſter von Frank⸗ fel reich, und erhielt endlich, in das volle, ſo wohl erworbene en Vertrauen des Cardinals eingeſetzt, den ſeltſamen Auftrag, n⸗. zu deſſen Vollſtreckung er ſich bei der Königin einfand. n, Die Königin ſtand noch bei ſeinem Eintritte, aber ze ſo bald ſie ihn gewahr wurde, ſetzte ſie ſich nieder in ihr Fauteuil und gab ihren Frauen ein Zeichen, auf ihre Fr Kiſſen und Tabourets niederzuſitzen. Mit einem im höch⸗— er ſten Maße ſtolzen Tone fragte Anna von Oeſterreich: fel„Was wollt Ihr, mein Herr? und in welcher Ab⸗ er ſicht erſcheint Ihr hier?“ „Um hier im Namen des Königs, Madame, und in en aller Ehrfurcht, die ich Eurer Majeſtät ſchuldig bin, eine ß genaue Durchſuchung Eurer Papiere anzuſtellen.“ es„Wie! mein Herr! eine Durchſuchung meiner Pa⸗ d, piere! Mir dies! Das iſt eine unwürdige Handlungsweiſe,“ „Wollt mir vergeben, Madame, aber unter dieſen Umſtänden bin ich nur das Werkzeug, deſſen ſich der Kö⸗ * nig bedient. Iſt Seine Majeſtät nicht ſo eben von hier h 7 weggegangen? Hat er Euch nicht ſelbſt aufgefordert, die⸗ h ſes Beſuches gewärtig zu ſein 2“ n„Sucht alſo, mein Herr. Ich bin, wie es ſcheint, eine Verbrecherin; Eſtefania, gebt ihm die Schlüſſel zu 5 en Tiſchen und meinen Sectetären.“ Der Kanzler ſuchte der Form wegen in dieſen Meu⸗ bels, aber er wußte wohl, daß die Königin den Brief, welchen ſie am Tage geſchrieben, nicht in einem derſelben verſchließen würde. Nachdem der Kanzler zwanzigmal die Schubladen des Secretärs geoffnet und wieder verſchloſſen hatte, mußte er, wie ſehr er auch zögerte, mußte er, ſage ich, mit ſei⸗ nem Auftrage zu Ende kommen, das heißt, die Königin ſelbſt durchſuchen. Der Kanzler rückte gegen Anna von Oeſterreich vor und ſagte mit äußerſt verlegenem Tone und verwirrter Miene: „Nun habe ich noch die Hauptdurchſuchung vorzu⸗ nehmen.“ „Welche?“ fragte die Königin, die nicht begriff oder vielmehr nicht begreifen wollte. „Seine Majeſtät weiß gewiß, daß heute ein Brief von Euch S worden und daß derſelbe noch nicht an ſeine Adreſſe abgegangen iſt. Dieſer Brief findet ſich weder in Eurem Tiſche noch in Eurem Secretär, und doch iſt er irgendwo.“ „Solltet Ihr es wagen, Hand an Eure Königin zu legen!“ rief Anna von Oeſterreich, ſich hoch aufrichtend und einen Blick auf den Kanzler heftend, deſſen Ausdruck beinahe drohend wurde. „Ich bin ein getreuer Unterthan des Königs, Ma⸗ dame, und Alles, was Seine Majeſtät mir befiehlt, werde ich thun.“ „Wohl, das iſt wahr,“ ſprach Anna von Oeſterreich, „und der Herr Cardinal iſt von ſeinen Spionen gut be⸗ dient worden. Ich habe heute einen Brief geſchrieben und dieſer iſt noch nicht abgegangen. Hier iſt der Brief.“ Und die Königin legte hiebei ihre ſchöne Hand an den Lelb. „Dann gebt mir hieſen Brief, Madame,“ ſprach der Kanzler. erde hn nur dem Fu ge m Herr,“ Anna. U⸗ ef, en en te ei⸗ in on ne u⸗ —— 5—— — 235 „Wäre es des Königs Willen geweſen, den Brief ſich ſelbſt zuſtellen zu laſſen, ſo würde er ihn von Euch ge⸗ fordert haben. Aber ich wiederhole Euch, er hat mich beauftragt, ihn zu fordern, und wenn Ihr mir denſelben nicht geben ſolltet „Nun?“ „So bin ich ebenfalls beauftragt, ihn zu nehmen.“ „Wie? was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß meine Befehle weit gehen, Madame, und vaß ich bevollmächtigt bin, das verdächtige Papier ſogar an der Perſon Eurer Majeſtät zu ſuchen.“ „Wie abſcheulich!“ rief die Königin. „Wollt Euch alſo etwas leichter ergeben, Madame.“ „Dieſes Benehmen iſt eine ſchändliche Gewaltthat; wißt Ihr das, mein Herr?“ „Der Koͤnig befiehlt, Madame, entſchuldigt.“ „Ich werde es nicht dulden, nein, nein, eher ſter⸗ ben!“ rief die Königin, bei der ſich das kaiſerliche Blut der Spanierin und der Oeſterreicherin empörte. Der Kanzler machte eine tiefe Verbeugung; mit der klaren Abſicht, nicht einen Zoll von der Erfüllung des Auf⸗ trags, den er übernommen, zurückzuweichen, und wie es etwa ein Henkersknecht in der Folterkammer hätte thun mögen, näherte er ſich Anna von Oeſterreich, aus deren Augen man in dieſem Momente Thränen der Wuth hervorſtürzen ſah. Die Königin war, wie geſagt, eine große Schönheit. Der Auftrag konnte als äußerſt delikat angeſehen werden, aber der König war durch die Gewalt ſeiner Eiferſucht gegen Buckingham dazu gelangt, daß er gegen Niemand mehr Eiferſucht fühlte. Ohne Zweifel ſuchte der Kanzler Seguier in dieſer Minute mit ſeinen Augen den Strang der berüchtigten Glocke, da er ihn aber nicht fand, ſo faßte er ſeinen Ent⸗ ſchluß und ſtreckte die Hand nach dem Orte aus, wo das Papier nach der Königin Geſtändniß verwahrt war. Anng von Oeſterreich wurde ſo hleich, daß man Käe ſollen, ſie würde ſterben: einen Schritt rückwärts machend, ſtützte ſie ſich, um nicht zu fallen, mit der linken Hand auf einen Tiſch, der hinter ihr ſtand, zog mit der rechten. ein Papier aus ihrem Buſen hervor, und reichte es dem — Siegelbewahrer. „Nehmt, hier iſt der Brief!“ rief die Königin mit zitternder Stimme,„nehmt und befreit mich von Eurer gehäſſigen Gegenwart.“ Der Kanzler, der ebenfalls von einer leicht begreif⸗ lichen Aufregung zitterte, nahm den Brief, verbeugte ſich bis zur Erde und trat ab. Kaum war die Thüre hinter ihm geſchloſſen, als die Königin halb ohnmächtig in die Arme ihrer Frauen ſank. Der Kanzler trug den Brief zum Koͤnig, vhne ein einziges Wort zu leſen. Der König ergriff ihn mit zit⸗ ternder Hand, ſuchte die Adreſſe, welche fehlte, wurde ſehr bleich, oͤffnete ihn langſam und las den Inhalt ſehr raſch, als er bei den erſten Worten bemerkte, daß er an den ——— —— 1——— c— c— König von Spanien gerichtet war. Es war ein förmlicher Angriffsplan gegen den Car⸗ dinal. Die Königin forderte ihren Bruder und den Kaiſer von Oeſterreich auf, ſich zu ſtellen, als würden ſie, verwundet durch die Politik Richelieu's, der ſich unabläſſig mit der 5 Erniedrigung des Hauſes Oeſterreich beſchäſtigte, Frankreich den Krieg erklären und ſodann als Friedensbedingung die g S— Entfernung des Cardinals fordern; aber von Liebe war d nicht mit einem Worte in dieſem Briefe die Rede. Ganz freudig hierüber erkundigte ſich der König, ob K der Cardinal noch im Louvre wäre. Man ſagte ihm,. fe Seine Eminenz erwartete im Arbeitskabinet die Befehle ol Seiner Majeſtät. P Der König begab ſich ſogleich zu ihm. E „Hoͤrt, Herzog,“ ſprach er,„Ihr hattet Recht, und de ich hatte Unrecht. Die ganze Intrigue iſt politiſcher Na⸗ ſa tur, und die Liebe wird in dieſem Briefe nicht mit einer iſt Sylbe berührt. Dagegen iſt ſehr viel von Euch die Rede.“ ie in t⸗ r n er et r — 237 Der Cardinal nahm den Brief und las ihn mit der größten Aufmerkſamkeit. Nachdem er damit zu Ende war, las er ihn noch einmal. „Gut, Ew. Majeſtät,“ ſagte er.„Ihr ſeht, wohin meine Feinde zielen. Man bedroht Euch mit zwei Krie⸗ gen, wenn Ihr mich nicht entfernt. An Eurer Stelle, Sire, würde ich in der That bei ſo mächtigem Andringen nachgeben, und ich würde mich wahrhaft glücklich fühlen, mich von den Geſchäften zurückziehen zu dürfen.“ „Was ſagt Ihr da, Herzog?“ „Ich ſage, Sire, daß meine Geſundheit in dieſen Kämpfen zu Grunde geht; ich ſage, daß ich aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach die Strapatzen der Belagerung von La Rochelle nicht aushalten kann, und daß Ihr beſſer Herrn von Condé oder Herrn von Baſſompierre oder irgend einen tapfern Mann, der ſeinem Stande nach zum Krieg⸗ führen beſtimmt iſt, hiezu ernennen würdet, und nicht mich, der ich ein Mann der Kirche bin, nicht mich, den man beſtändig von ſeinem Berufe abwendet, um mich zu Dingen zu gebrauchen, für welche ich keine Geſchicklichkeit beſitze. Ihr werdet glücklicher im Inneren und, ich zweifte nicht daran, auch größer im Aeußeren ſein.“ „Mein Herr Herzog,“ ſprach der König,„ich begreife, ſeid nur ruhig. Alle diejenigen, welche in dieſem Briefe genannt ſind, und die Königin ſelbſt, ſollen beſtraft wer⸗ den, wie ſie es verdienen.“ „Was ſagt Ihr, Sire? Gott behüte mich, daß die Koͤnigin meinetwegen die geringſte Unannehmlichkeit er⸗ fahre; ſie hat mich immer für ihren Feind gehalten, Sire, obgleich Eure Majeſtät bezeugen kann, daß ich ſtets ihre Partie, ſogar gegen Euch genommen habe. Oh! wenn ſie Eure Majeſtät in Beziehung auf vie Ehre verrathen würde; dann wäre es etwas Anderes und ich wäre der Erſte, der ſagen müßte: keine Gnade für die Schuldige! Zum Glücke iſt dem nicht ſo, und Eure Majeſtät hat einen neuen Be⸗ weis hiefür erlangt.“* 238 „Das iſt wahr, Herr Cardinal,“ erwiederte der Rö⸗ nig,„und Ihr habt Recht, wie immer. Aber die Königin verdient darum nicht minder meinen ganzen Zorn.“ „Ihr habt den Ihrigen auf Euch gezogen, Sire, und wenn ſie Euerer Majeſtät ernſtlich grollen würde, ſo könnte ich es wohl begreifen!. 3 „So werde ich ſtets meine Feinde und die Eurigen †. behandeln, Herzog, ſo hoch ſie geſtellt ſein mögen, und welche Gefahr ich auch bei ſtrenger Behanvlung derſelben laufen würde.“ „Die Königin iſt meine Feindin, aber nicht die Eu⸗ rige, Sire. Sie iſt im Gegentheil eine gehorſame und tadelloſe Gattin. Laßt mich alſo für ſie in das Mittel treten.“ „Sie demüthige ſich und komme mir zuerſt entgegen.“ „Im Gegentheil, Sire, gebt Ihr das Beiſpiel. Ihr habt zuerſt Unrecht gehabt, denn in Euch iſt der Verdacht gegen die Königin entſtanden.“ 3 „Ich den erſten Schritt thun?“ ſagte der König. „Nie!“ 3 „Sire, ich flehe Euch an.“ „Uebrigens, wie ſollte ich ihr zuerſt entgegen kommen?“ „Indem Ihr irgend eine Sache thun würdet, von der Ihr wüßtet, daß ſie ihr angenehm wäre.“ „Was?“ „Gebt einen Ball. Ihr wißt, wie gerne die Königin tanzt. Ich ſtehe dafür, daß ihr Groll bei einer ſolchen Aufmerkſamkeit nicht Stand halten wird.“ 4 „Mein Herr Cardinal, es iſt Euch bekannt, daß ich die weltlichen Freuden nicht liebe.“ „Die Königin wird Euch um ſo dankbarer ſein, als ſie Eure Antipathie gegen dieſes Vergnügen kennt. Ueber⸗ dieß wird es für ſie eine Gelegenheit bieten, die ſchönen Diamant⸗Reſtelſtifte zu tragen, die Ihr derſelben an ihrem Namenstage geſchenkt habt, ohne daß ſie ſich bis jetzt damit ſchmücken konnte.“ e— 5—————,—„—. „ * ———— co c 8 — — gin und nte gen und en u⸗ ind tel „Wir werden ſehen, Herr Cardina ſehen,“ ſagte der König, der in ſeiner Frei eines Verbrechens, um das er ſich nichts kü dig, und in Beziehung auf einen Fehler, di fürchtete, unſchuldig zu finden, ganz geneigt U ihr auszuſöhnen;„wir werden ſehen, aber v. Ehre, Ihr ſeid zu nachſichtig.“ „Sire,“ ſprach der Cardinal,„überlaßt die Strenge Euren Miniſtern, die Nachſicht iſt eine königliche Tugend, wendet dieſelbe an, und Ihr werdet Euch überzeugen, vaß Ihr Euch gut dabei befindet.“ Als der Cardinal hienach die Pendeluhr eilf Uhr ſchlagen hörtgzmachte er eine tiefe Verbeugung, bat den Koͤnig, ſich beurlauben zu dürfen, und forderte ihn, ehe er ſich entfernte, noch einmal auf, ſich mit der Königin zu verſöhnen. Anna von Oeſterreich, welche in Folge davon, daß man ihr den Brief abgenommen hatte, Vorwürfe erwar⸗ tete, war ſehr erſtaunt, als ſie den König am andern Tage Annäherungsverſuche bei ihr machen ſah. Ihre erſte Bewegung war zurückweiſend. Der Stolz der Frau und die Würde der Königin waren ſo grauſam verletzt wor⸗ den, daß ſie ſich nicht ſogleich von dieſem Schlage erholen konnte. Aber durch die Frauen ihrer Umgebung beſiegt, nahm ſie die Miene an, als wollte ſie allmählig ver⸗ geſſen. Der König benützte den erſten Moment eines Ent⸗ gegenkommens, um ihr beſtändig zu ſagen, er gedenke ein Feſt zu geben. Ein Feſt war etwas ſo Seltenes für die arme Anna von Oeſterreich, daß bei dieſer Ankündigung, wie es der Cardinal vorhergeſehen hatte, die letzte Spurihres Grolles, wenn nicht in ihrem Herzm doch wenigſtens auf ihrem Geſichte verſchwand. Sie fragte, an welchem Tage dieſes Feſt ſtatt haben ſollte, aber der König antwortete, er müſſe ſich übet vieſen Punkt mit dem Cardinal verſtändigen. Der Könia fraate den Cardinal wirklich jeden Tag, — 240 Feſt gegeben werden würde, und jeden Tag der Cardinal unter irgend einem Vorwande, it hierüber auszuſprechen.. achten Tage nach der von uns mitgetheilten ekam der Cardinal einen Brief mit dem Stempel wondon, der nur folgende Zeilen enthielt: „Ich habe ſie, aber ich kann London nicht verlaſſen, weil es mir an Geld fehlt; ſchickt mir fünfhundert Pi⸗ ſtolen und vier bis fünf Tage nach Empfang derſelben bin ich in Paris.“ An demſelben Tage, an welchem der Cardinal dieſen Brief empfangen hatte, richtete der König ſeine gewoͤhn⸗ liche Frage an ihn. Richelieu zählte an den Fingern und Jagte ganz leiſe zu ſich ſelbſt: „Sie wird, ſchreibt ſie, vier bis fünf Tage nach Em⸗ pfang des Geldes ankommen; das Geld braucht vier bis fünf Tage, um dort anzukommen, ſie braucht vier bis fünf age um hierher zu kommen: das macht zehn Tagez nun rechnen wir noch conträre Winde, etwaige Unfälle, Wei⸗ berſchwäche dazu und ſetzen wir zwölf Tage.“ „Nun, Herr Herzog,“ ſprach der König,„habt Ihr Eure Rechnung gemacht?“ 5 „Ja, Sire, heute iſt der 20. September; die Schöp⸗ pen der Stadt geben am 3. Oktober ein Feſt. Das trifft vortrefflich zuſammen; dann habt Ihr nicht das Ausſehen, als wollet Ihr Euch um die Begütigung der Königin bemühen.“ „Doch,“fügte der Cardinal bei,„vergeßt nicht, Sire, am Vorabend des Feſtes, Ihrer Majeſtät zu ſagen, daß 8 Ihr zu ſehen wünſcht, wie ihr die Diamant⸗Rebelſtifte iehen.“—