8 0 8 Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen eines Buches, eine dem hinterlegen, welche bei wird. nmüſſen, bei Entgegennahme Werthe deſſelben entſprchende Summe deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bicher: 6 Bücher: auf 1 Monat W Pf 2W— 5. Auswäptige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der I Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ . lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 Ansieihenelt Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſt beſonders darauf aufmerkſam gemacht, der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſt N— werden und — geſetzt und wird daß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ ehen haben. „ Karl der Rühne. Von Alerander Pumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Gottlob Fink. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1857. nÿ⸗ 3 SW — 2 ſ Die Fackel und das Schwert. Das eben erzählte Ereigniß war an ſich ſelbſt ſchon bedeutungsvoll genug, wurde es aber noch mehr durch ſeine Folgen. Jede Stadt konnte Luſt bekommen, es den Gentern nachzumachen. Die erſte Stadt, die ihr Beiſpiel befolgte, war Mecheln.. Hier brach ein Aufruhr aus, ohne daß man die Urſache genau anzugeben wußte. Das Volk ver⸗ ſammelte ſich bewaffnet auf dem Marktplatz und riß dreien der reichſten Bürger ihre Häuſer ein. Dann kam Antwerpen. Man mußte vor allen Dingen Mecheln züch⸗ tigen. Der Herzog befand ſich in Brüſſel. Es war die Soche eines Tages. Er ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Edelleute, die ihre Panzerhemden anzogen, und denen ihre mit Helmen und Lanzen bewaffneten Diener folgten. Voraus zog eine kleine Schaar picardiſcher Bo⸗ genſchützen. Carl zog in Mecheln ein, ohne daß Jemand Widerſtand verſuchte. 7 Er ſtieg in ſeinem Palaſt ab und begann eine Unterſuchung. Er wollte ein furchtbares Cxempel ſtatujren; aber auch dieſes Mal wieder legte ſich der Fath ins Mittel. Ein Gerichtshof wurde eingeſett. Einige vornehme Bürgepwurden einſtimmig ge⸗ wählt, um ſich mit degt atbgeber des Herzogs zu verſtändigen, und qm driten T Tah ſah ſich Leut der Furchtbare dezp ngen,(inen ſue zu unter⸗ zeichnen, der 5 Geßt. Freiheiten Laſſeh zurückgab. ſ Jetzt legt das V kſeine nieder und trug d die ieht ie 5 iligen i nach St. Ba⸗ von zurink rg Gent, Endlſch an 41 uli i die Hefe goleert hatte, nachdent ſr den Kelch bis aber ₰ mit gyimmig Racheſe wi n in ſeinem Innern. Die am wenigſten Gravirten wurden zu Geld⸗ ſtrafen, andere noch überdieß zur Verbannung, die Fädelsführer aber zum Loh verurtheilt. Mehrere Hintichtungen fanden auf dem gewöhn⸗ lichen Platze Statt; endlich als man glaubte, es ſei Zeit zur G nade, wurde das Schaffot vor dem Palaſte des Herzogs aufgeſchlagen. Ein Verurtheilter beſtieg es; man verband ihm die Augen und hieß ihn niederknieen; dann for⸗ derte der Prieſter, der ihm beiſtand, ihn auf, ſeine Seele Gott zu befehlen, der Scharfrichter zog ſein Schwert und ließ es vor den Ohren des armen Sünders ziſchen. In dieſem Augenblick erſchien der Herzog auf dem Balkon und machte ein Zeichen. Der Scharfrichter ſenkte ſein Schwert, ohne zu ſchlagen; der Prieſter nahm dem armen Sünder die Binde von ſeinen Augen, der Herzog rief: „Gnade!“ und alles Volk ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus. Der Verurtheilte war mehr todt als lebendig; er fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu ſich kam, hatte man die größte Mühe, ihn zu überzeugen, daß er noch lebe. Die Rathgeber hatten Recht gehabt: die Milde richtete weit mehr aus als der Zorn vermochte. Antwerpen ſchickte Deputirte, um ſich zu unter⸗ werfen. Der Herzog drückte ein Auge zu; zwei wichtige Angelegenheiten beſchäftigten ihn: er mußte Lud⸗ wig Xl im Auge behalten und Lüttich beſtrafen. Beginnen wir mit Lüttich. Man erinnert ſich des letzten Vertrags aus Ver⸗ anlaſſung von Dinant. Lüttich hatte Geldverbindlichkeiten, die es nicht erfüllen konnte; die reiche Stadt war zahlungs⸗ unfähig geworden. Nun ſollte Lüttich entweder mit Geld oder mit Menſchen bezahlen. In Ermanglung von Geld ſoll⸗ ten Köpfe herhalten. Lüttich konnte nicht mit Thalern und wollte nicht mit Köpfen bezahlen. Die Köpfe wurden geſchätzt, der Stadt, ſie habe außer dem und man bedeutete ſo und ſo viel für 6 die Köpfe zu bezahlen: alle ſechs Monate ſechzig⸗ tauſend Gulden. Die Zahlungsfriſt rückte heran und Lüttich hatte nicht die Hälfte der Summe. Es war eigentlich keine Regierung mehr in Lüttich; die herzoglichen Beamten beſaßen durchaus keine Macht. Der beliebte Volksmann, Herr von Raes, wagte es nicht, die Stadt zu bewohnen, ſo wenig traute er ſeinen eigenen Freunden; er hielt ſich an einem Freiplatz, in St. Pierre auf. Je näher der Zahlungstermin kam, um ſo größer wurde die Gährung. Im Anfang ſchien die Hülfe vom Himmel zu kommen. Gegen Oſtern begannen die Heiligen Wunder zu verrichten. Wohl verſtanden, die lütticher Heiligen waren antiburgundiſch. Dann erſchienen allmälig wieder wahre oder vermeintliche Abgeſandte des Königs von Frankreich. Endlich zeigten ſich die Kinder des grünen Zeltes, jene verlorenen Söhne der Aufſtände und Revolutionen, die aus ihren Wäldern hervorkamen und wie die Wölfe das Blutvergießen witterten; nur daß die Wölfe nach, dieſe aber immer vor einem Gemetzel kamen. Man hinterbrachte dem Fürſten alle dieſe Nach⸗ richten. Der Amtmann von Lyon, ſagte man ihm, ſei angekommen; die Lütticher hätten ihn auf den Hü⸗ gel von Lottring, an die Wiege der Carlovinger geführt, nach Herſtal, dem Geburtsort Pipin's. Hier habe der Amtmann von Lyon vor Notaren N und Zeugen im Namen des Königs von Frankreich Beſitz ergriffen. Lüttich ſei alſo nicht mehr burgundiſch, auch nicht einmal walloniſch, ſondern franzöſiſch, und der König von Frankreich könne es nicht zu Grunde gehen laſſen. 3 Dann ſah Carl eines ſchönen Morgens den Bi⸗ ſchof von Lüttich, Ludwig von Bourbon, in Beglei⸗ tung aller ſeiner Edelleute zu ſich kommen. Lud⸗ wig von Bourbon wohnte in Huy, aber die Lüt⸗ ticher waren unter dem Vorwand, daß Huy und St. Trond als untergebene Städte ihren Antheil am Tribut für den Herzog von Burgund zu be⸗ zahlen hätten, gegen Huy ausmarſchirt. Der Biſchof hatte ſich durch den Vorwand nicht täuſchen laſſen und die Lütticher nicht erwartet, ſondern die Flucht ergriffen. Der Herzog Carl begann ſeine Regierung, von der er Wunder verſprochen hatte, unter ſchlechten Auſpicien. Er war ſo ziemlich Gefangener der Genter ge⸗ weſen und hatte ſich durch Unterzeichnung eines Ver⸗ trags, den er als ſchmachvoll betrachtete, loskaufen müſſen. Jetzt floh auch ſein Vetter Ludwig von Bour⸗ bon mit ſeinen Edelleuten vor den Lüttichern. Wehe den Lüttichern! Auf die ſollte all der Zorn fallen, der ſeit dem Tod des alten Herzogs in Carl's Herzen ſich geſammelt hatte. Für's Erſte ließ Carl, um die Lütticher und ih⸗ ren Protektor, den König von Frankreich, zugleich zu erſchrecken, fünfhundert Engländer aus Calais kommen, wohin der König Eduard zweitauſend Mann geſchickt hatte. Fünfhundert genügten zur De⸗ monſtration, und dieſe war furchtbar für Frankreich. Sie hatte für den Herzog ſelbſt etwas Schreck⸗ liches. Sein Großvater Johann ohne Furcht, der vor Nichts turhaſchrett⸗ und den man auch Johann ohne Furcht vor einem Verbrechen hätte nennen können, hatte ſich geſcheut dieſen Ver⸗ rath zu begehen; denn es war ein Hochverrath für einen franzöſiſchen Prinzen, die Engländer herbei⸗ zurufen. Carl beging überdieß durch ſeine Verbindung mit den York auch einen Verrath gegen ſeine Mutter, die aus dem Hauſe Lancaſter ſtammte. Ein Bund nit den Engländern war ſo At wie ein Vertrag mit dem Teufel. Chatelain, der Ge⸗ ſchichtſchreiber des Herzogs, ſagt von den Englän⸗ dern:„Dieſe Nation iſt von der Art, daß man nichts von ihr ſchreiben kann, außer von ihren Sünden.“ Bald erfuhr man zum Gipfel des Scandals, daß die fünfhundert Engländer einer Vermählung zwiſchen einem Lancaſter und einer York anwohnen, und daß die beiden Roſen, welche ſich auf der an⸗ dern Seite des Canals erwürgten, gemeinſam auf Thron Carl's des Furchtbaren wiederaufblühen ollten. Dann hatte der neue Herzog den Wahlſpruch angenommen: je l'ay empris(ich habe es unter⸗ nommen). Was hatte er unternommen? Die Theilung Frankreichs, das war klar. — — 9 Bei ſeiner Thronbeſteigung war ein Komet er⸗ ſchienen, der nach der allgemeinen Meinung großes Unglück bedeutete; für wen anders als für Frank⸗ reich? Ich habe es unternommen, ſo lautete der Wahl⸗ ſpruch, welcher für das Original des Van Eyckſchen Gemäldes paßte, der Wahlſpruch des Mannes mit der gerunzelten Stirne, mit der gallichten Geſichts⸗ farbe und dem leidenſchaftlichen Ausdruck; des Mannes mit den ſtarken Armen, dem ſtarken Rück⸗ grath, mit den kräftigen Beinen und den langen Händen; des gewaltigen Kämpen, der jeden Geg⸗ ner zu Boden warf; des Mannes mit der braunen Farbe, mit dem üppigen langen Haar und den engelhellen Augen. Und bei all dem war er der Sohn einer frommen, ſpröden Begine, die eine Stadt hatte verbrennen und achthundert Mann hängen oder erſäufen laſſen, weil ein Gaſſenjunge ihren Sohn Baſtard geſchimpft hatte. Aber vor allen Dingen und ſogar vor der Heirath mußte er die Sache mit den Lüttichern ab⸗ machen. Der Herzog ließ ſie nach altem Brauch mit Fackel und Schwert herausfordern. Er hatte vom letzten Zuſammenſtoß her noch fünfzig Geißeln in der Hand. Einen Augenblick dachte er daran ſie umbringen zu laſſen; der Herr von Humbercourt brachte ihn davon ab. Er marſchirte gegen Lüttich; die Lütticher zogen verzweiflungsvoll ihm entgegen. Die beiden Armeen ſtießen bei St. Trond auf einander. 10 St. Trond wurde von Reinhart von Rouvroy bewacht, demſelben Manne, welchen Ludwig XI abgeſchickt hatte, um ſeinen Sieg bei Montlhery zu verkündigen.. Comines, der den Herzog begleitete, ſah die lütticher Armee von weitem und ſchätzte ſie auf dreißigtauſend Mann. Bare von Surlet ſtand an ihrer Spitze nebſt Raes und ſeiner Frau Pentecote d'Arkel, einer tapfern Amazone, die an der Spitze des Volkes galoppirte und mannhaft focht. Das Stadtbanner wurde von dem Herrn von Bierlo getragen. Endlich befand ſich in den Reihen der Lütticher der Amtmann von Lyon, der in gutem Glauben fortwährend eine Unterſtützung von Seiten Lud⸗ wig's Xl verſprach. Am 28. October 1467 Morgens ſtellte ſich die lütticher Armee vor dem Dorfe Bruſtem auf und bot die Schlacht an. Es war die erſte Schlacht, welche Carl der Furchtbare als Herzog geliefert hatte. Man fürchtete, ſeine Tollkühnheit möchte Alles auf's Spiel ſetzen; ſeine Rathgeber erlaubten ihm blos einen einfachen Klepper, nicht aber ſein Schlachtroß zu beſteigen und ſeinen Generalen den Tagesbefehl vorzuleſen; nach dieſer Vorleſung nah⸗ men ihn die Graubärte wieder in Verwahrung und hielten ihn in einer Heeresabtheilung zurück, die ſich nicht bewegte. Die Lütticher oder vielmehr die Leute von Ton⸗ S X 8 8 50—————— X v 11 gern griffen an; die Lütticher hatten ſich hinter großen und vollen Waſſergräben verſchanzt. Carl ſchickte den Angreifern ſeine Bogenſchützen und ſeine leichte Artillerie entgegen. Die Leute von Tongern wurden zurückgeworfen, aber von den Lüttichern unterſtützt. Nichtsdeſtoweniger drangen die Bogenſchützen vor und nahmen die Verſchanzungen weg. Aber während dieſer Bewegung hatte jeder Mann die zwölf Pfeile aus ſeinem Köcher verſchoſ⸗ ſen. Als daher die Lütticher ſahen, daß nicht mehr geſchoſſen wurde, gingen ſie ihnen wieder mit ihren Piken zu Leibe, und da ſie weniger ſchwer bewaff⸗ net waren als ihre Feinde, ſo holten ſie dieſelben leicht ein und richteten ein großes Blutbad unter ihnen an. Die Banner des Herzogs wichen zurück. Jetzt nahmen Philipp von Creve-Coeur, Herr von Esquerdes, und der Baron von Emmerich den Reſt der Bogenſchützen und einen Theil des Armee⸗ corps und griffen von Neuem an, während der Herzog mit der Reiterei und den Engländern in der Nachhut ſtehen blieb. Die Lütticher konnten dieſen Angriff nicht aus⸗ halten und lösten ihre Reihen. Die Bogenſchützen warfen ihre Bogen und Arm⸗ brüſte weg, zogen ihre Schwerter und fielen über die Flüchtlinge her. Comines erzählt die Schlacht in wenigen Zeilen wie folgt: „Die Lütticher mit ihren langen Piken griffen an und tödteten im Nu vier⸗ oder fünfhundert Mann; ſie brachten alle unſere Fahnen zum Wei⸗ chen. Da ließ der Herzog die Bogenſchützen ſeines Treffens marſchiren, die von Philipp von Creve⸗ Coeur, einem verſtändigen Mann, und mehreren anderen tüchtigen Leuten geführt wurden, unter lautem Kriegsgeſchrei über die Lütticher herſielen und dieſelben im Nu in die Flucht ſchlugen.“ St. Trond capitulirte. Es wurde beſchloſſen, daß die Stadt zwanzigtauſend Gulden bezahlen und zehn Mann ausliefern ſollte. Sie bezahlte die zwanzigtauſend Gulden und lieferte die zehn Mann aus, welche ſämmtlich ent⸗ hauptet wurden. 4 Darin lag eine ſchreckliche Warnung für Lüttich. 8 ſu 11. November lagerte der Herzog vor der Stadt. Lüttich konnte ſich noch vertheidigen; nur mußte man, um dieß mit einigem Vortheil zu thun, einige Häuſer einreißen, die den gegen die Mauern heran⸗ rückenden Feind ſchützten. Aber unglücklicherweiſe gehörten dieſe Häuſer den Kirchen, und die Prieſter, welche wohl wußten, daß ſie von dem Herzog Nichts zu fürchten hatten, widerſetzten ſich einer Einreißung. Es gab zwei Parteien in Lüttich; die eine wollte ſich auf's Aeußerſte vertheidigen, die andere ver⸗ langte, man ſolle ſich auf Gnade und Ungnade ergeben. Letztere wählte dreihundert Deputirte und ſchickte ſie zu dem Herzog. 4 Nach der Behandlung, welche die Abgeſandten von St. Trond und Tongern erlitten hatten, war eine ſolche Sendung keineswegs beneidenswerth. Die dreihundert Mann kamen hemdätmelig, bar⸗ häuptig und barfüßig im Lager des Herzogs an. Die Stadt ergab ſich auf Gnade und Ungnade, verwahrte ſich jedoch gegen Feuer und Plünderung. Für Lüttich verging die Nacht in einem unbe⸗ ſchreiblichen Tumult. Gegen zwei Uhr Morgens ſah die Kriegspartei, daß ſie in der Minderheit war, und verließ die Stadt in der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ſie von dem Sieger keine Gnade zu hoffen hatte. Man erwartete den Herzog im Verlauf des Tags, aber er wollte durch kein Thor einziehen und ließ daher zwanzig Klafter Mauer einreißen, ſo wie den Graben ausfüllen; er wollte ſchlechter⸗ dings durch die Breſche einziehen, um Lüttich als eine im Sturm genommene Stadt betrachten zu können. Carl ritt dießmal ſein Streitroß und zog im Schritt, den bloſen Degen in der Fauſt, und in ſeinem Kriegspanzer ein; nur trug er über ſeinem Panzer einen reich mit Edelſteinen beſäten Mantel. Jeder Einwohner hatte Befehl barhäuptig und mit einer Fackel in der Hand vor ſeiner Hausthüre zu ſtehen. Niemand wußte was aus ihm werden ſollte; Niemand konnte ſagen, ob er am folgenden Tage noch leben würde. Der Herzog war düſter, wie ein heranziehendes Ungewitter, das jeden Augen⸗ blick ſeine Donner zu entladen droht. Carl gefiel ſich darin Lüttich vom 17. bis zum 26. November in dieſer Angſt zu laſſen. Am 26. begann die Sturmglocke des Stadt⸗ hauſes ein Trauergetöne... die arme Glocke läu⸗ tete ihren eigenen Tod an. 8 S 14 Der Herzog hatte auf demſelben Platz, wo ſonſt der Fürſtbiſchof Gericht hielt, ſeinen Thron auf⸗ ſchlagen laſſen. An ſeiner Seite befand ſich Ludwig von Bourbon. Auf dem Platz ſtand das Volk waffenlos, ge⸗ ſenkten Hauptes, in der Haltung eines armen Sün⸗ ders, der ſein Urtheil erwartet. Dieſes Mal wurden nicht blos die Einwohner zum Tode verurtheilt: die Stadt ſelbſt ſollte dem Untergang geweiht werden. Es blieb ihr nur noch übrig ihr Urtheil anzu⸗ hören. Ein einfacher Gerichtsdiener verlas es. Lüttich hatte keine Wälle, keine Thürme, keine Fahnen, keine Artillerie mehr; es war keine Stadt mehr: man konnte von allen Seiten hineinkommen, wie in ein Dorf. Lüttich hatte kein Geſetz, keine ſtädtiſche, keine bisthümliche Gerichtsbarkeit, keine Zünfte mehr; ſein Bürgermeiſter, d. h. ſeine Stimme, ſein Sach⸗ walter, d. h. ſein Schwert, wurden ihm genommen. Lüttich ſollte künftig unter der Gerichtsbarkeit ſeiner Nachbarn, d. h. ſeiner Feinde, der Städte Namur, Löwen und Maſtricht, ſtehen. Außer den ſechsmalhunderttauſend Gulden vom erſten Vertrag ſollte es noch einmalhundertfünfzehntauſend Franken Strafe bezahlen und zwölf Menſchen dem Herzog ausliefern, der ſie gefangen halten oder hinrichten laſſen konnte.— Drei von ihnen wurden auf das Schaffot geführt und begnadigt; die neun Andern wurden hingerichtet. Aber da man den Lüttichern ihr politiſches, 9 n gerichtliches und commercielles Leben nahm, ſo mußte man ihnen auch das Symbol dieſes Lebens, ihre Freitreppe nehmen. Die Freitreppe war für Lüttich, was das Palladium für Troja war. Ein Artikel des Urtheilsſpruches lautete: „Die Freitreppe ſoll weggenommen werden, ohne daß man ſie jemals wieder herſtellen oder auch nur ihr Bild in dem Wappen der Stadt wieder anbrin⸗ gen darf.“ Und in der That wurde die Freitreppe von Grund aus weggeriſſen; der Herzog nahm ſie fort, wie Napoleon dreihundertundfünfzig Jahre ſpäter das goldene Kreuz des großen Jwan aus Moskau mitnahm, nur daß Carl glücklicher war, als der moderne Held, und ſeine Trophäe bis nach Brügge bringen konnte. Hier wurde die Freitreppe vor der Börſe aufgeſtellt und durch eine Inſchrift verur⸗ theilt, ihr Unglück und ihre Schmach ſelbſt zu er⸗ zählen. Die Lütticher hatten überdieß ein Bildniß der Fortuna auf ihrem Markte; der Herzog befahl, ſie niederzureißen und nur die Kugel übrig zu laſſen; dieſe ließ er dann durch einen dicken Nagel feſt machen, damit ſie ſich nicht mehr drehen konnte. Wer hätte geglaubt, daß eine ſo ſchwer gezüch⸗ tigte Stadt nicht unterworfen wäre, daß ein ſo tief gedemüthigtes Volk ſein Haupt wieder erheben und ſich gleich dem niedergedonnerten Enceladus noch einmal in ſeinem Grab umdrehen würde? Wir haben geſagt, daß der Herzog unermeßlich reich war, denn ſein Vater hatte ihm große Schätze hinterlaſſen; da er indeß bedeutungsſchwere Ereig⸗ 16 6* niſſe vorherſah, ſo wollte er dieſes Geld nicht an⸗ taſten, ſondern machte einen Reſervefonds daraus. Er fand es weit einfacher, eine außerordentliche Steuer zu erheben, die ſein Volk ihm unter einem dreifachen Vorwand bezahlen ſollte: erſtens wegen ſeiner Thronbeſteigung; zweitens wegen ſeines Krie⸗ ges mit den Lüttichern und drittens wegen ſeiner Vermählung mit Margareth von York. Die Steuer war übermäßig hoch, aber welche Stadt, ſelbſt Gent nicht ausgenommen, hätte nach dem Fall Lüttichs Widerſtand leiſten ſollen? Die Vermählung des Herzogs fand endlich in Brügge ſtatt. Der erhabene Gemahl glaubte, dieß ſei eine gute Gelegenheit, um ſich dem Adel gegenüber als einen eben ſo ſtrengen Richter zu zeigen, wie er es gegen das Volk geweſen war. Er ließ einem jun⸗ gen Edelmann, einem gewiſſen Baſtard de la Ha⸗ maide, Sohn des Johann de la Hamaide, Herrn von Condé, den Kopf abſchlagen. Der junge Menſch hatte es freilich wohl verdient. Als er eines Tages beim Ballſpiel einen zwei⸗ felhaften Wurf that, berief er ſich auf einen Dom⸗ herrn, welcher zuſchaute, und dieſer gab ihm Unrecht. Da beſchwur der Baſtard unter entſetzlichen Flüchen, daß er ſich rächen werde. Der Domherr entfloh. Aber als das Spiel zu Ende war, ſchwang ſich der Baſtard, um ſein Wort zu halten, auf ſein Pferd und jagte nach dem Landhaus, das der Geiſtliche bewohnte.— Er fand hier nur den Bruder des Letzteren., —— m e⸗ er he ch ne 8 n⸗ a⸗ n nt. ei⸗ m⸗ ht. en ich ein er Als dieſer Menſch, der ganz unſchuldig war und von dem Vorgang nichts wußte, einen Edelmann in raſendem Zorn mit dem Degen in der Fauſt in ſein Zimmer hereindringen ſah und Todesdrohungen ausſtoßen hörte, fiel er auf die Kniee und faltete ſeine Hände. Der Edelmann hieb ihm beide zugleich mit ſei⸗ nem Schwerte ab. Damit nicht zufrieden, that er noch drei Schwert⸗ ſchläge und machte ſeinem Opfer den Garaus. Als der Herzog von dieſem Mord erfuhr, ließ er den Baſtard de la Hamaide mitten im Hoflager feſtnehmen und ins Gefängniß führen, indem er beim heiligen Georg ſchwur, daß ihm die gebüh⸗ rende Strafe werden ſolle. Und wirklich gaben ſich Vater, Oheim, die ganze Familie und der ganze Adel vergebliche Mühe, Gnade für den Miſſethäter zu erbitten: der ſchöne Mörder— und ohne Zweifel war es ſeine Schön⸗ heit, wodurch er namentlich bei den Frauen ſo großes Mitleid erregte— wurde auf dem öffent⸗ lichen Hinrichtungsplatz enthauptet, ſodann vervier⸗ theilt und wie ein ganz gemeiner Uebelthäter auf das Rad geflochten. War das ſtrenge Juſtiz, oder war es eine neue Anwandlung von Zorn? Einige Tage vorher hatte der Herzog eine jener Demüthigungen erlitten, die er nicht ungerächt zu laſſen pflegte, und die er gleichwohl nicht gerächt hatte. . Der Connetable von Saint⸗Pol, der vermöge ſeiner Würde im Dienſte des Königs von Frank⸗ reich ſtand, in Folge ſeiner Beſitzungen aber ſich Dumas, Karl der Kühne. II. 2 18 als Vaſall des Herzogs betrachten mußte, wat nach Brügge gelommen, um der Vermählung ſeines Lehensherrn anzuwohnen. Nun hatte der Graf von Saint⸗Pol inmitten all dieſes verſammelten Adels einen ſo königlichen Einzug gehalten, daß man ihn ſelbſt für den ein⸗ zigen und wahren Herrn der Stadt hätte halten können. Sechs Trompeter zu Pferd eröffneten den Zug; ſodann kamen ſeine Bannerträger mit gezückten Schwertern, dann er ſelbſt, dann ſechs Pagen hinter ihm, und hinter den Pagen eine Menge von Edel⸗ leuten. Die Folge davon war, daß der Herzog dem Connetable, als er Audienz begehrte, durch zwei Edelleute ſagen ließ, er werde ihn nicht empfangen. Man hoffte, der Graf werde Entſchuldigungen vorbringen, allein er antwortete blos: „Nicht als Graf von Saint⸗Pol bin ich mit all dieſem Pomp erſchienen, ſondern als Connetable des Königs von Frankreich. Ich habe mich nach den Gebräuchen des Königreichs gehalten, und wäre der König in Paris, ſo würde ich dort eben ſo ein⸗ ziehen, wie ich geſtern hier eingezogen bin. Da nun Brügge unter der Oberhoheit Frankreichs ſteht, ſo habe ich blos von meinem Rechte Gebrauch ge⸗ macht. Ich werde warten, bis es dem Herzog be⸗ liebt, mich zu empfangen.“ Der Graf wartete wirklich zwei Tage; aber als der Herzog am dritten immer noch nicht nach ihm ſchickte, reiste er wieder ab, wie er gekommen war, jedoch ohne Trompeter. ach es en en in⸗ en 83 en 2 el⸗ m ei n. en Ul le ch re R⸗ 19 Endlich hielt Margarethe von York ihren Einzug in der Stadt Brügge. Sie erſchien in einer Sänfte, die von engliſchen Bogenſchützen getragen wurde, und ließ ſich vor dem Palaſt von Burgund abſetzen, wo die verwittwete Herzogin Iſabella ſie empfing. Die beiden Damen umarmten ſich. Dachten ſie wohl bei dieſer Umarmung daran, daß zwiſchen ihnen Beiden hundertfünfzig Jahre Bürgerkrieg lagen und Blut genug, um die Themſe von ihrer Quelle bis zu ihrer Mündung roth zu färben? Der König von Frankreich hatte ſich bei dieſer Vermählung durch ſeinen Almoſenier la Balue ver⸗ treten laſſen; dieſer fand hier den päbſtlichen Le⸗ gaten, welcher für Lüttich Fürbitte einlegte. Lüttich war gänzlich zu Grunde gerichtet und konnte die Termine ſeiner Strafe nicht bezahlen; um die letzte Zahlung zu leiſten, hatten die Lütti⸗ cher die Geſchmeide ihrer Frauen und ſogar ihre Trauringe verkaufen müſſen. Der Herzog antwortete den Abgeſandten des Pabſtes: „Lüttich muß bezahlen und wird bezahlen.“ Am Hochzeitabend gerieth das Bett der Neu⸗ vermählten in Brand. War dieß eine Warnung, welche der Himmel dem Herzog wegen ſeiner Hartherzigkeit ertheilte? Es wurden große Feſte gefeiert, unter andern ein Turnier, das man, ohne Zweifel in Erinnerung an die eherne Freitreppe von Lüttich, das Tur⸗ nier der goldenen Freitreppe nannte, und bei welchem der Baſtard von Burgund den Sieg davontrug. Als Zwiſchenſpiel erſchien ein Leopard, der auf einem Einhorn ſaß, mit dem Banner Eng⸗ lands und überreichte dem Herzog eine Maßliebe; dann kam die kleine Zwergin Maria's von Burgund als Schäferin verkleidet und führte einen großen goldenen Löwen, der vermöge einer Springfeder ſeinen Rachen öffnete und ein Lied brüllte. Hierauf kam, von zwei Rieſen geleitet, ein ſechzig Fuß langer Wallfiſch, der im Trockenen ſchwamm, mit dem Schweif wedelte und ungeheure Spiegel zu Augen hatte; aus ſeinem Bauch ſtiegen Sirenen und hinter dieſen Ritter hervor, welche kämpften und dann Frieden ſchloſſen, während die Sirenen ſangen; endlich öffnete das Ungeheuer ſeinen unermeßlichen Rachen wieder, verſchlang ſeine Kinder und ſchwamm auf demſelben Weg, den es gekommen war, wieder fort. Was aber am meiſten Aufſehen erregte und zu denken gab, das waren zwei Ritter, zwei Freunde, Herkules und Theſeus, oder auch Carl und Eduard, wenn man will, die einen König ſchlugen und ent⸗ waffneten. Der König kniete vor ihnen und be⸗ kannte ſich als ihren Leibeigenen. Wenn dieſe zwei Freunde, dieſe zwei Sieger der Herzog von Burgund und der König von Eng⸗ land waren, wer war dann dieſer beſiegte und ent⸗ waffnete König, der ſich als ihr Leibeigener erklärte, anders als der König von Frankreich, Ludwig XI? rd, ng⸗ be; nd en der uf er em en ter nn ich en uf rt. e, d, it⸗ e⸗ er g⸗ it⸗ te, 17 21 II. Die Schlinge von Peronne. Der König von Frankreich, Ludwig Xl, ſah alles das durch die Augen ſeines Spions la Balue, oder beſſer, durch die Augen ſeines Genies, durch jenen bewundernswürdigen Inſtinkt der Spinne, welche bei der geringſten Bewegung ihres Gewebes erräth, ob ſie es mit einer Beute, oder mit einem Feinde zu thun hat. Sobald er den Tod des alten Herzogs von Burgund erfahren, hatte er alles vorhergeſehen, was kommen würde, und ſeine Maßregeln darnach getroffen. Er hatte ein kühnes Wageſtück unternommen, aber er war auch wirklich der Mann, der ſolche plötzliche Einfälle auszuführen wußte; er hatte Paris in Vertheidigungszuſtand geſetzt. Dieß war gerade das Gegentheil von dem, was der Herzog that, der Gent ſo zu ſagen an Ketten legte und die Feſtungswerke von Lüttich einriß. Carl VI hatte die Pariſer entwaffnet; Carl VII hatte ſich ihnen immer nur mit entſchiedenem Wider⸗ willen anvertraut, denn in dem großen National⸗ krieg war ihre Haltung höchſt zweifelhaft geweſen; Ludwig XI dagegen verfolgte ſein Syſtem und hielt feſt an jener Politik, die ihn bereits veranlaßt hatte, Dammartin aus dem Gefängniß hervorzuholen, um ihn an die Spitze der Armee zu ſtellen. Solche Widerſprüche gefielen dem phantaſtiſchen 22 und gleichwohl berechnenden Geiſt Ludwigs Kl. Wir werden ihn in Peronne ſein Leben auf einen einzigen Wurf ſetzen ſehen. Aber er ſagte ſich, daß Paris Frankreich ſei; er ahnte die künftige Bedeutung der Hauptſtadt; die moderne Centraliſation hatte ihm von ferne vor den Augen geſchwebt. In ſeinen Augen war der König von Paris König von Frankreich. Deßhalb rüſtete und befeſtigte er Paris; auch behandelte er die Stadt mit ungemeiner Schonung. Er kannte die Pariſer, hatte er ihnen ja doch Aal⸗ paſteten aus Mantes kommen laſſen. Er hatte Paris ſteuerfrei erklärt und hielt dieſe Verordnung feſt, ſo dringend auch ſeine Geldnoth ſein mochte. Ein einziger Punkt, auf welchem der König entſchieden beharrte, war die Bewaffnung: zu Pferde zu ſteigen, oder Soldaten zu ſtellen, war das uner⸗ bittliche Geſetz, welchem ſich ſelbſt das Parlament, das Chatelet, die Rechnungskammer, das Steueramt und ſogar die Kirchen unterwerfen mußten. Sodann befahl Ludwig Xl eine Muſterung. Bei dieſer erſchienen achtzigtauſend Bewaffnete und fünfundſechzig Banner. Der König ſchickte ihnen dreihundert Fäſſer Wein. Man trank auf ſeine und der Königin Geſund⸗ heit; das wollte er, denn ſo lange er ſelbſt ſich wohl befand, ſollte, meinte er, Frankreich niemals bedeutend erkranken. Warum hätten auch all dieſe guten Bürgers⸗ leute nicht auf die Geſundheit eines der Ihrigen trinken ſollen? War er denn wirklich ein König, 23 dieſer einfache Mann, der ganz allein durch die Straßen ging, mit dem Erſten Beſten plauderte, in Privathäuſer und Kaufläden trat, bei ſeinem Ge⸗ vatter Denis Heſſelin zu Nacht ſpeiste und die Kö⸗ nigin, eine ſavoyiſche Prinzeſſin, mit ſeiner Mai⸗ treſſe Perrette von Chalons ins Bad und zu dem Präſidenten Dauvet zum Souper ſchickte? Er trug ſeine guten Bürger in ſeinem Herzen. Eines Tags beſchwerte man ſich bei ihm, daß ein vormänniſcher Mönch zwei Bürger ohne Beweiſe angeklagt habe. Er ließ den Verläumder mit einem Stein um den Hals, wie einen Hund, in die Seine werfen. Dann mußte man ſie bevölkern, dieſe gute Stadt, die ſo viel gelitten hatte. Zu dieſem Zweck that der König daſſelbe, was Romulus gethan hatte, um Rom zu bevölkern: er ließ bei Trompetenſchall verkünden, daß die Angehörigen aller Nationen, die wegen Mords. Diehltahls 55e A 8ftchtiqᷓ geworden ſelen in Paris ei W ſiñden ſolleñ. Dieß war ein Heines Thör, däs ö7 höheñ Lüt⸗ tich zu öffnete. Aber leider war es ſehr weit von Lüttich nach Paris. Der Waffenſtillſtand ging mit dem 15. Juli 1468 zu Ende. Der König machte ſich auf einen alsbaldigen Angriff gefaßt, denn er wußte, daß die Fürſten einen Vertrag unter ſich abgeſchloſſen hat⸗ ten, um einen zweiten Wohlfahrtskrieg zu beginnen, und zwar dieſes Mal mit Hülfe der Eng⸗ länder. Der Herzog von Bretägne war der Einzige, 24 welcher der Coalition ſein Wort hielt; er rückte in die Normandie ein. Aber der König, der nur mit ihm allein zu thun hatte, ging ihm ſehr ſcharf zu Leibe; er nahm ihm Bayeux, Vire und Coutances wieder ab. Woher kam es, daß der Herzog von Burgund nach ſo vielen feindſeligen Kundgebungen nicht vom Platze ging? England fehlte ihm, und Lüttich lag zwar im Todeskampf, vegte ſich aber immer noch. Dann hatte der König eine Idee gehabt: er hatte ſich einen bis jetzt noch unbekannten Bundes⸗ Sien erworben, nämlich das Land Frankreich ſelbſt. Er rief einer alten verloren gegangenen Tra⸗ dition zu Folge die Reichsſtände zuſammen. Sechzig Städte ſchickten ihre Deputirten: jede einen Prieſter und zwei Laien. Hundertundachtzig Abgeordnete hatten ſich eingefunden. „Will das Königreich die Normandie verlieren?“ fragte Ludwig Xl die Abgeordneten. „Nein,“ antworteten ſie einſtimmig. „Nun wohl,“ fuhr der König fort,„wenn man die Normandie meinem Bruder oder dem Herzog von Bretagne anvertraut, ſo iſt es ſo viel, als ob man ſie den Engländern gäbe.“ Und in der That bot man dieſen zwölf Städte an, um ſich ihrer Unterſtützung zu verſichern. Sie wollten nicht blos dieſe zwölf Städte, ſondern auch einen Sold. Weil ſie zu viel verlangten, erhielten ſie gar Nichts. „— 8 h 25 Die Reichsſtände wollten an dieſen Verrath von Seiten eines franzöſiſchen Prinzen nicht glauben; der König zeigte ihnen eine vermuthlich von War⸗ wick gegengezeichnete Abſchrift von dem Schreiben ſeines Bruders. Warwick war fortwährend mit Ludwig Kl ſehr befreundet. Eduard konnte den Krieg wollen, Eng⸗ land wollte ihn nicht. Der König war damals ſo wenig Herr ſeiner Politik, als es die Königin heut⸗ zutage iſt. Die Biſchöfe und die Lords ſchickten Warwick nach Rouen. 2 Ludwig Xl ging dahin, um ihn zu empfangen er fetirte ihn nach ſeiner eigenen Weiſe, nicht mit Turnieren und Schauſtellungen, welche die Augen erfreuten, aber die Taſchen leer ließen, ſondern er führte die Engländer zu den Tuch⸗ und Sammt⸗ ſabrikanten in der Stadt und ſagte zu ihnen:„Da wählet Euch aus.“ Hinter ihm ſtanden Lakaien mit großen Geldſäcken, die Alles bezahlten, was die Engländer genommen hatten. Die Folge davon war, daß die normänniſchen Kaufleute einen ge⸗ waltigen Unterſchied machten zwiſchen den engliſchen Freunden Ludwigs Xl, die ihnen viel zu löſen gaben, und den engliſchen Freunden des Herzogs von Burgund, welche ſie ruinirt hatten. Ludwig Rl ließ ferner, da er die Goldgier der Engländer kannte, ausdrücklich für ſie große Gold⸗ ſtuͤcke prägen, die das Gewicht von zehn Thalern hatten und ſo breit waren, daß nur ein einziges in eine Hand ging. So ſtand alſo Ludwig Kl. mit England, und die Vermählung des Herzogs mit Margareth von York hatte an dieſem Verhältniß Nichts geän⸗ dert. Hören wir jetzt, was in Lüttich vorging. Man hat behauptet, Ludwig XI habe ſich, als er die Abnahme ſeiner Kräfte ſpürte, Kinderblut in die Adern ſpritzen laſſen; dieſe chirurgiſche Lüge brachte die arme Stadt Lüttich buchſtäblich in Aus⸗ führung. Statt ihres auf dem Schlachtfeld und dem Schaffot verlorenen Blutes ſpritzte ihr die Rückkehr der Verbannten ein noch patriotiſcheres und heißeres Blut in die Adern, als bisher darin gerollt hatte. Die Verbannten waren ſo zahlreich, daß ſie allein eine Armee ausmachten; eine furchtbare Armee, die den Tod nicht fürchtete, denn der Tod war für dieſe Unglücklichen nur das Ende ihrer Leiden. Es war ein gräßlicher Anblick um dieſe Soldaten mit ihren zerlumpten Kleidern, ihren ungekämmten Bär⸗ ten, ihren über die Schultern herabfallenden Haa⸗ ren, ihren Knotenſtöcken und Piken, die ſie in ihren Fäuſten ſchwangen. Sie hörten ſagen, daß die verzweifelnde Stadt Lüttich in einer letzten Anſtrengung ſterben wolle; ſie eilten herbei, um ihren Antheil am Tode der Voterſtadt zu verlangen. Am 4. Auguſt machten ſie einen vergeblichen Verſuch im Vorübergehen Bouillon zu nehmen. Am 8. September zogen ſie unter dem Ruf:„Es lebe der König,“ in Lüttich ein. Sie ſahen ſo ſchrecklich aus, daß die Stadt ihnen vielleicht ihre Thore verſchloſſen haben würde, wenn ſie noch welche gehabt hätte. ——— 8. m hr ſie e, ür 8 nit ir⸗ Q⸗ en idt er en m en nn 27 Sie trafen in Lüttich den päbſtlichen Legaten und verſuchten es mit Bitten. Das Leiden hatte ſie demüthig gemacht: ſie knieten vor dem Prälaten nieder. „Wir ſind Sterbende,“ ſagten ſie zu ihm;„betet für uns, wie man für Sterbende betet. Wir können nicht mehr ſo leben wie bisher. Das Leben im Walde iſt allzuhart. Man weiſe uns nicht zurück, denn ſonſt bürgen wir nicht mehr für uns ſelbſt.“ Der Legat, der bereits bei dem Herzog zu ihren Gunſten eingeſchritten, aber zurückgewieſen worden war, dachte an den Biſchof. Der Biſchof war im Ganzen milder gegen ſie geweſen als der Herzog, und hatte gemeinſame In⸗ tereſſen mit ihnen. Sie waren zu Grunde gerichtet, ſie hatten ihre Freiheit verloren, ſie beſaßen kein Recht und kein Obdach mehr, aber der Biſchof ſei⸗ nerſeits beſaß kein Bisthum mehr. Das Intereſſe mußte ſie alſo zuſammenführen. Der Legat ſtellte ſich an die Spitze ihrer An⸗ führer, zog mit ihnen nach Maſtricht zu dem Biſchof und brachte ihn halb gutwillig, halb gezwungen, nach Lüttich zurück. Während dieſer Zeit wurde in Peronne eine ſchöne Theaterſcene aufgeführt. Der Herzog von Burgund hatte eine Armee daſelbſt geſammelt. Wenn er nicht gemeinſchaftlich mit dem Herzog von Bretagne gehandelt hatte, ſo geſchah dieß ohne Zweifel, weil er ſich ſtarh genug glaubte, um allein zu handeln. Auf einmal erhielt er ein Schreiben von dem König von Frankreich. Ludwig Kl ſchrieb ihm, mit Vermittlern komme nie etwas Gutes heraus; er hege deßhalb ein großes Verlangen ihn ſelbſt zu ſehen und unmittelbar mit ihm zu unterhandeln, wie einſt in Vincennes, und erſuche ihn folglich um ſicheres Geleit bis in ſein Lager. Ein ſolches Entgegenkommen konnte dem Herzog nur ſchmeicheln. Sein ritterlicher Sinn mußte ſehr bekannt ſein, wenn ſein Feind kein Bedenken trug ſich ſeinen Händen zu überantworten. Er antwortete dem König eigenhändig und ſchickte ihm den verlangten Geleitsbrief, den er ebenfalls ſelbſt geſchrieben hatte. Dieſer Geleitsbrief, der in der Bibliothek der Rue Richelieu(Nr. 9675) aufbewahrt iſt, lautete etwa wie folgt: „Ihr könnt, ſo oft es Euch beliebt, über Chaulny und Noyon ſicher hierher kommen, Euch aufhalten und wieder zurückreiſen, ohne daß Euch irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt wird. Aber was man am deuklichſten darin liest, das iſt die Phraſe: „Für jeden Fall, der nur immer ein⸗ treffen mag.“ „8. Oktober 1468. Carl.“ Merket Euch dieſes Datum vom 8. Oktober, es iſt von großer Wichtigkeit. Es iſt gerade ein Mo⸗ nat verſtrichen, ſeit die Verbannten nach Lüttich zu⸗ rückgekehrt ſind. Der König trug kein Bedenken mehr; die Phraſe, die geſperrt gedruckt iſt, machte jede Zweideutigkeit unmöglich. Für jeden Fall, der nur immer ein⸗ treffen mochte, durfte der Herzog den König nicht 8; zu n, m un 29 verhindern nach Chaulny oder Noyon zurückzu⸗ kehren. War nicht überdieß auch während des vorigen Kriegs der Graf von Charolais ohne Geleitsbrief nach Paris gekommen und hatte mit dem König geſprochen? Der König hätte blos die Barriere hinter ihm ſchließen zu laſſen gebraucht, ſein Feind befand ſich nur hundert Schritte von der Baſtille weg. Ludwig Xl, der einfache ſchlichte Mann, der bürgerliche König, der nicht den mindeſten Anſpruch auf Ritterlichkeit machte, hatte Das nicht gethan; wie konnte alſo der Herzog einen ſolchen Treubruch begehen? Der König reiste daher ganz vergnügt und wohlgemuth ab: er hatte endlich ſeine Rache ge⸗ nommen und Carl von Melun den Kopf abſchlagen laſſen, wie er ihm ſchon lange als Lohn für ſeinen Verrath zugeſchworen. Vielleicht hatte er übrigens dieſen Augenblick nur gewählt, um Dammartin ſämmtliche Güter des Hingerichteten zu ſchenken. Da er Frankreich und ſeine Armee in den Händen des alten Leuteſchinders ließ, ſo konnte er ihm nicht ſchön genug thun. Wenn der Herzog ſeinen Gaſt zurückhielt, ſo mußte Dammartin ihn herausverlangen. Jedermann mißbilligte den gewagten Schritt des Königs; aber vergebens erinnerte man ihn, daß ein Komet erſchienen ſei und am Himmel das Unglück irgend eines Großen auf Erden verkündet habe; vergebens erinnerte man ihn an eine Prophezeiung, daß er im Laufe des Jahres eines gewaltſamen Todes ſterben werde; Ludwig Xl wollte von nichts hören. Am 9. October, alſo am Tag nach der Unter⸗ zeichnung des Geleitsbriefes und höchſt wahrſchein⸗ lich an demſelben Tag, wo der König ihn empfan⸗ gen hatte, machte er ſich auf den Weg. Die Be⸗ gleiter, die er mitnahm, waren der Connetable von Saint⸗Pol, der Cardinal la Balue, der Herzog von Bourbon, der Baron von Beaujeu, der Erzbiſchof von Lyon und der Biſchof von Avranches, ſein Beichtvater. Seine Leibwache beſtand aus achtzig Schotten und etwa ſechszig Reitern. Dazu kam noch Triſtan, ſein Großprofoß; Oli⸗ vier Ledain, ſein Barbier, Kammerdiener, Vertrau⸗ ter und Factotum; endlich ſein Aſtrolog Galeotti. Der König hatte gewünſcht, daß Philipp von Creve⸗Coeur, Baron von Esquerdes, ihm mit den burgundiſchen Bogenſchützen entgegen komme. Er traf ſie an dem bezeichneten Ort. Herr von Creve⸗Cveur meldete Seiner Majeſtät, daß der Herzog ihn dieſſeits des Flüßchens Doing erwarte. „Dann müſſen wir uns tummeln,“ ſagte der Kö⸗ nig,„denn ich hege großes Verlangen meinen lieben Vetter zu ſehen.“ Sobald er den Herzog in der Ferne erblickte, ſetzte er ſein Pferd in Galopp, ſprengte auf ihn zu und küßte ihn. Carl nahm im Anfang dieſe Liebkoſungen ziem⸗ lich kalt auf; er hatte nie großes Vertrauen in Ludwig Kl geſetzt und traute ihm in dieſem Augen⸗ blick nicht mehr als ſonſt. Aber der König ſchien dieſe Kälte nicht zu be⸗ ter⸗ ein⸗ an⸗ Be⸗ von von chof ſein ten li⸗ au⸗ ti. von den tät, ing Kö⸗ ben kte, zu m⸗ in en⸗ 31 merken; er ſchlang ſeinen Arm um den Hals ſeines Vetters und ließ ſeine Hand auf der Schul⸗ ter des Herzogs ruhen, während er mit ihm wei⸗ ter ritt. In Peronne fand der König ſeine Wohnung bei dem Steuereinnehmer der Stadt eingerichtet, denn das Schloß, ein altes Gebäude aus dem ſiebenten Jahrhundert, war in allzuſchlechtem Zuſtand. Kaum hatte Ludwig Kl ſeine Wohnung bezogen, ſo erfuhr er, daß die Armee des Marſchalls von Burgund ausrücke und ſich unter den Mauern der Stadt lagern werde. Dieſer Marſchall von Burgund war ſein perſön⸗ licher Feind. Der König hatte viele Feinde; dieſer war einer von den ſchlimmſten. Als der Dauphin genöthigt geweſen war aus der Dauphins zu entfliehen, hatte der Marſchall von Burgund ihn begleitet, und zur Belohnung für dieſen Dienſt hatte der König ihm bei ſeiner Thron⸗ beſteigung die Herrſchaft Epinal geſchenkt; aber die Einwohner, welche nicht dem Marſchall von Bur⸗ gund gehören wollten, hatten bei dem Parlament Verwahrung eingelegt und ſtützten ſich auf Briefe. Carls VII, der bei Vereinigung ihrer Stadt mit der Krone verſprochen hatte, daß ſie niemals als Lehen abgetreten werden ſolle. Nun gab das Parlament, welches von Ludwig XI Inſtructionen erhalten hatte, den Einwohnern vollkommen Recht. Der Marſchall erklärte, daß er als Burgunder das Parlament von Paris nicht anerkenne und folg⸗ lich die Stadt mit Gewalt nehmen werde. N Der König ermächtigte die Einwohner ſich an Johann von Calabrien zu übergeben. Johann von Colabrien war ein ebenſo ſtolzer Degen wie der Marſchall von Burgund: die Herr⸗ ſchaft Epinal blieb ihm,— bis der König ſeiner⸗ ſeits ſie ihm wieder abnahm. Daher der Haß. Nach dem Narſchall von Burgund kam Anton von Chateauneuf, Herr von Lau, ein anderer Feind des Königs, der ſich noch weit mehr zu beklagen hatte als der Marſchall. Der König hatte ihn früher ſehr gehätſchelt und ihn zum Oberkämmerer ſowie zum Mundſchenk gemacht, aber im Wohlfahrtskrieg war Herr von Chateauneuf auffallend lau geworden, ſo daß der König in großen Zorn gerathen war. Er hatte ihn verhaften und auf das Schloß Aſſon bringen laſſen, aber weil er den Mauern und Riegeln nicht recht traute, war er auf die Idee gekommen, für ſeinen ehemaligen Günſtling ein Gefängniß im Gefängniß zu bauen; er hatte ſich daher die Mühe genommen, mit ſeiner eigenen königlichen Hand einen jener eiſernen Käfige zu zeichnen, von denen er ſpäter ſo häufigen Gebrauch machte, und dieſes Modell hatte er dem Baſtard von Bourbon, Admiral von Frank⸗ reich, zugeſchickt, mit dem Auftrag, beſagten Käfig ſo genau als möglich machen zu laſſen, den Ge⸗ fangenen hinein zu ſtecken und den Schlüſſel ihm ſelbſt zu überſenden. Aber der Baſtard von Bourbon, der dieſes doppelte Gefängniß zu grauſam fand, hatte einfach zur Antwort gegeben: 33 an 3 „Wenn der König ſeine Gefangenen auf ſolche lzer Art behandeln will, ſo mag er ſie ſelbſt bewachen; err⸗ dann kann er aus ihnen Alles machen was er will, ier⸗ ſogar Fleiſchpaſteten, wenn er Luſt hat. ℳ Herr von Chateauneuf wurde vor der Gefahr, die ihm drohte, gewarnt; er war, ſagt man, der ton Liebhaber der Frau von Arcinge, Gemahlin des eind Schloßcommandanten, und entwiſchte mit ihrer Hülfe. gen Der König gerieth über dieſe Flucht in einen ſo heftigen Zorn, daß er Herrn von Arcinge, Raimon⸗ und net, den Sohn ſeiner Frau, und den königlichen en Procurator von Uſſon enthaupten ließ. von Wie wenn alle Feinde Ludwigs KI ſich in der Peronne ein Rendezvous gegeben hätten, erſchien ihn auch der Sohn des verſtorbenen Herzogs von Sa⸗ ſen, voyen, Philipp von Breſſe, daſelbſt. echt Der König begann unruhig zu werden: es war inen eine ſeltſame Art einem Gaſt Ehre zu erweiſen, niß wenn man alle ſeine Feinde um ihn verſammelte. nen, Vielleicht kamen ſie aber von ſelbſt, wie die ener Wölfe, wenn ſie Blut wittern. r ſo Ludwig glaubte ſich in dem Hauſe des Steuer⸗ atte einnehmers, wo man ihn einquartirt hatte, nicht ank⸗ ſicher und verlangte eine Wohnung im alten Schloß, äfig in jenem Schloß des Grafen Herbert, wo der Va⸗ Ge⸗ ſall ſeinen König tödtete, wo der Sage zufolge das ihm Blut Carl's des Einfältigen auf dem Boden des Cabinets neben dem Schlafgemach noch immer zu eſes ſehen war. fach Dem König wurde ſein Verlangen ohne Wider⸗ rede bewilligt. Alle ſeine Feinde lachten und zeigten ihre ſpitzen, Dumas, Farl der Kühne. II. 3 „.. 3 34 hungrigen Zähne. War es nicht ein Wunder, eine gütige Fügung des Himmels, eine freundliche Schi⸗ ckung der Vorſehung, daß der ſchlaue Fuchs von ſelbſt in die Falle gelaufen war? 8 Der Herzog brauchte weiter nichts zu thun als das Schloß hinter ihm zu ſchließen und nicht mehr zu öffnen; oder auch konnte er ſeinen Gefangenen in einen jener Käfige ſtecken, wozu er ſelbſt die Zeichnung gemacht hatte. Aber Carl hielt ſein Wort; der König hatte ſich ihm anvertraut und ſollte es nicht zu bereuen haben; da ſich jedoch der König in Peronne im Schloſſe des Grafen von Vermandois befand und daſſelbe Zimmer bewohnte, wie einſt Carl der Ein⸗ fältige, da er auf dem Fußboden deſſen Blut vor ſeinen Augen hatte, ſo konnte ſich ja der Herzog von Burgund immerhin in Bezug auf gewiſſe Ar⸗ tikel, welche er dem Vertrag beizufügen wünſchte, den der König ihm anbieten wollte, etwas zäher zeigen. Inzwiſchen muß man glauben, daß er der Ge⸗ walt der Umſtände nachgab. Man erinnert ſich, daß die Verbannten am 8. September in Lüttich eingezogen waren; höchſt wahrſcheinlich erfuhr es der Herzog zwiſchen dem 10. und 11. Man hatte jetzt den 10. October. Auf einmal verbreitete ſich das Gerücht, Humber⸗ court, ſowie der Biſchof von Lüttich und die Dom⸗ herren ſeien getödtet. Glaubte der Herzog an die Nachricht oder ſtellte er ſich blos ſo? Wenn ſie ſich beſtätigte, ſo war ſie für den —— — 35 König von Frankreich unheilvoller als für den Herzog von Burgund. Denn wenn der König wirklich an der Empö⸗ rung geſchürt hätte, welchen Augenblick hätte er dann zum Ausbruch gewählt? den Zeitpunkt, wo er ſich perſönlich ſeinem Feinde überlieferte! Dieſe Maulwurfspolitik war offenbar einem ſo ſcharf und ſo fern blickenden Manne wie Ludwig XI nicht zuzutrauen. Freilich iſt es nicht ſelten, daß weitſichtige Leute in der Nähe ziemlich ſchlecht ſehen. Jedenfalls würde ſich Ludwig Xl, wenn der Biſchof wirklich und zwar auf ſein Anſtiften getödtet worden wäre, nicht blos mit dem Pabſt, ſondern auch mit dem Herzog von Bourbon, einem der Degen, auf die er am zuverläſſigſten rechnete, über⸗ worfen haben. Aber bekanntlich waren dieſe Rachrichten durch⸗ aus falſch: die Verbannten hatten nicht blos ihren Biſchof nicht getödtet, ſondern ihn mit der größten Verehrung nach Maſtricht zurückgebracht; ſie hatten ſogar einem ihrer Leute, der ſich eine beleidigende Aeußerung über ihn erlaubte, ſummariſch den Pro⸗ zeß gemacht und ihn unterwegs an einen Baum aufgeknüpft. Ob nun der Herzog an dieſe Nachrichten glaubte oder ſich blos ſo ſtellte, jedenfalls handelte er, wie wenn er daran glaubte. „Ha,“ rief er,„es iſt alſo wahr, daß der Kö⸗ nig blos hieher gekommen iſt, um mich hinter's Licht zu führen und mich in eine trügeriſche Sicher⸗ heit einzuwiegen! Ich hatte vollkommen Recht ge⸗ gen dieſe giftige Natter auf der Hut zu ſein, und 36 ich hätte ihm die Zuſammenkunft verweigern ſollen; er iſt es, der durch ſeine lichtſcheuen Umtriebe die⸗ ſes ſchlimme und grauſame Geſindel von Lüttich aufgewiegelt hat; aber beim heiligen Georg! die Lütticher ſollen exemplariſch beſtraft werden, und mein Vetter Ludwig ſoll es zu bereuen haben.“ Er gab ſogleich Befehl die Thore der Stadt zu ſchließen und Niemand ohne eine von ihm ſelbſt unterzeichnete Erlaubniß hinauszulaſſen. Da ſein Gewiſſen ihm Vorwürfe darüber machte, ſo gebrauchte er den Vorwand, es ſei ihm eine volle Schätulle mit Gold und Edelſteinen geſtohlen worden, und dieſe müſſe um jeden Preis wieder aufgefunden werden. Aber gegen ſeine Vertrauten machte er aus der wahren Urſache dieſer Maßregel durchaus kein Hehl; er ging düſter und aufgeregt in der Stadt umher, nahm diejenigen, denen er begegnete, zu Zeugen für den Verrath des Königs, rief Jedem, der es hören wollte, die Nachrichten von Lüttich zu, die er bedeutend übertrieb, und ließ ſich zu furchtbaren Rachedrohungen hinreißen, ohne Zweifel um die Gemüther auf das vorzubereiten, was er thun wollte, damit man ſich nicht gar zu ſehr darüber entſetzen ſollte. Vald rollte das Echo dieſer Nachrichten nebſt der Kunde von dem Zorn des Herzogs wie ein Donner unter den Gewölben des alten Schloſſes. Ludwig hörte auf einmal eine große Bewegung in den Sälen und Gängen, Woffengeklirre und Fußtritte. Die Thüren wurden geſchloſſen und ver⸗ riegelt; man rief ihm zu, er ſei Gefangener. — —„———— —— — ſt in ig id r⸗ 37 Die Urſache dieſer Veränderung wußte er noch nicht und erfuhr ſie erſt am folgenden Tag. Ludwig Xl ſah die Bedenklichkeit ſeiner Lage ein, ließ jedoch den Muth nicht ſinken. Er hatte immer ſein Taſchengeld, wie er es nannte, bei ſich, und dieſes Taſchengeld beſtand im vorliegenden Fall aus fünfzehntauſend Goldthalern. Er gab ſie einem Vertrauten, um ſie unter den Räthen des Herzogs zu vertheilen, aber man hielt ihn für ſo rettungs⸗ los verloren, und Carl ſtellte ſich ſo ungebärdig an, daß der Mann, welchem der Gefangene die fünfzehntauſend Goldthaler zur Vertheilung über⸗ gbe hatte, den größten Theil davon für ſich be⸗ hielt. In der Stadt herrſchte die größte Aufregung, und der 12. October verging in angſtvoller Erwar⸗ tung deſſen, was der Herzog thun würde. Am 13.— man bemerke wohl, daß der Herzog nothwendig jetzt die Wahrheit wiſſen mußte— rief Carl ſeine Räthe zuſammen. Die Sitzung währte den ganzen Tag und einen Theil der Nacht hin⸗ durch; es verſteht ſich von ſelbſt, daß die Feinde des Königs dabei eine berathende Stimme hatten. Der König ſeinerſeits hatte ſich Tags zuvor er⸗ boten den Frieden ſo zu beſchwören, wie er ihn vorgeſchlagen hatte; d. h. er verpflichtete ſich dem Herzog jeden genügenden Erſatz zu leiſten, ihn nach Lüttich zu begleiten und für ſeine Rückkehr nach Franfreich Geißeln zu ſtellen. . Aber der Herzog hatte dieſe Vorſchläge nicht einmal angehört, denn im Rathe war beſchloſſen worden den König gefangen zu halten, ſeinen Bru⸗ der Carl zu holen und ſich mit ihm über die Re⸗ gierung des Reiches zu verſtändigen. Schon war der Bote bereit, ſchon hatte er ſeine Reiſekamaſchen angezogen, ſchon ſtand ſein Pferd geſattelt im Hof. In dieſem Augenblick beſann ſich der Herzog anders. Der betreffende Bruder des Königs lebte ſeit langer Zeit in der Bretagne, er hatte Verpflichtun⸗ gen gegen den Herzog, deſſen Gaſt er geweſen war; war es wohl politiſch von Carl von Burgund, wenn er einen Bretagner zum König von Frank⸗ reich machte? Und dann war der König allerdings hinter Schloß und Riegel, aber Dammartin, der Chef ſeiner Leuteſchinder und ſeiner Armee, der ſchönſten, die Ludwig je gehabt hatte, war vollkommen frei. Sicherlich kam es zu einem furchtbaren Krieg. Dammartin, welcher die Haut Carl's von Melun geerbt hatte, durfte ſich von den Freunden des letz⸗ tern nicht viel verſprechen, und dann führte Alles auf die Vermuthung, daß er dem König aufrichtig ergeben ſei.. So erhielt denn der Eilbote im Augenblick, wo er ſeinen Fuß in den Steigbügel ſetzte, Gegenbefehl. III. Das Sühnopfer. Während der Herzog Befehle und Gegenbefehle ertheilte, ohne zu einem rechten Entſchluß zu kom⸗ — ne rd og eit n⸗ w; nd, nk⸗ ter hef en, rei. ieg. lun letz⸗ lles htig wo fehl. fehle kom⸗ 39 men, ereignete ſich eine Scene anderer Art unter den düſteren Gewölben des Schloſſes, das Lud⸗ wig Kl als Gefängniß diente. Der König war ſehr abergläubiſch; er glaubte an die Aſtrologie, an die Conjunctur der Sterne, an den Einfluß der Planeten. Er hatte, wie wir bereits geſagt haben, ſeinen Aſtrologen Galeotti bei ſich. Dieſer Aſtrolog war, wenn auch kein ſehr ge⸗ lehrter, doch ein ſehr verſchmitzter Mann, und hatte ſich lange am Hof des Ungarkönigs Matthias Cor⸗ vin aufgehalten. Ludwig X hatte ihn über ſeinen Plan zum Herzog zu reiſen um Rath gefragt, und Galeotti hatte denſelben gutgeheißen. Meinte er es ehrlich damit? war er von den Feinden des Königs beſtochen, daß er ihm dieſen Rath ertheilen ſollte? Man weiß es nicht, aber faktiſch iſt, daß er ihn ertheilt hatte. Der König, der ſeine Reiſe nach Peronne für einen ungemein pfiffigen Streich gehalten hatte und jetzt bei der Wendung, welche die Freigniſſe nah⸗ men, einſah, daß er eine Thorheit begangen, war froh Jemand zu haben, auf den er ſeinen Zorn fallen laſſen konnte, und ſchob ſeine eigene Unvor⸗ ſichtigkeit gänzlich ſeinem Aſtrologen in die Schuhe. Wir haben geſagt, daß er die vertrauteſten Perſonen ſeiner Hausgenoſſenſchaft mitgenommen hatte, und daß ſein Gefolge aus Triſtan, ſeinem Großprofoß, aus Olivier Ledain, ſeinem Barbier, und aus ſeinem Aſtrologen Galeotti beſtand. Er wollte, obſchon er Gefangener war, ſich überzeugen, ob er immer noch König ſei und ſich das Vergnügen machen könne Goleotti hängen zu laſſen; er rief daher Triſtan und fragte ihn, ob er bereit ſei ihm unter allen Umſtänden zu gehor⸗ chen. Triſtan antwortete, der Ort und die Lage thun Nichts zur Sache; der König von Frankreich ſei, ob gefangen oder nicht, immer der König von Frankreich, und ſo lange ihm, Triſtan, ein Lebens⸗ hauch bleibe, werde er dem König im Gefängniß wie anderswo gehorchen. Dieß war Alles was Ludwig XI verlangte. Er ſagte alſo Triſtan, um was es ſich handle. Triſtan hegte gegen den Aſtrologen jenen natür⸗ lichen Haß, jenen inſtinktmäßigen Widerwillen, wo⸗ mit die rohe Kraft immer die Intelligenz anſieht; er war jedesmal froh, wenn es Jemand zu hängen gab, aber ganz beſonders freute er ſich, daß Galeotti jetzt daran kommen ſollte. Er erklärte ſich alſo bereit ſogleich an's Werk zu gehen, aber Ludwig XI wollte, obſchon er feſt entſchloſſen war ſich an dem Aſtrologen zu rächen, ſeinen Entſchluß noch durch eine letzte Beſprechung mit ihm beſtärken. Nur wurde ausgemacht, daß, wenn der König dem hinausgehenden Aſtrologen nachrufe:„Geht, es iſt ein Gott über uns,“ dieß bedeuten ſollte: „Freund Triſtan, da iſt ein Mann, der Dir ge⸗ hört, Du kannſt mit ihm anfangen was Du willſt.“ wonnte ſich dagegen, was ja auch möglich war, der Aſtrolog rechtfertigen, und verabſchiedete der König ihn mit den Worten:„Gehet hin im Frie⸗ den, Vater!“ ſo ſollte Triſtan ihm kein Haar krümmen. Aber dieſer letztere Fall war nicht ſehr 41 wahrſcheinlich, ja ſogar ſo unwahrſcheinlich, daß der Großprofoß, um keine Zeit zu verlieren, ſeine zwei Geſellen rief und ihnen befahl einen Ring⸗ nagel in einen Balken einzuſchlagen und einen Strick daran zu befeſtigen. Die zwei Burſche waren eben mit dieſer Opera⸗ tion beſchäftigt, als Galeotti vorüberging, um ſich zu dem König zu begeben. Der Aſtrolog warf nur einen flüchtigen Blick auf ſie und ihren Vorgeſetzten, der ihnen mit einer Aufmerkſamkeit zuſah, welche ſein tiefes Intereſſe für die Sache bewies; aber dieſer Blick genügte, um ihn zu überzeugen, daß eine Hinrichtung ſtatt⸗ finden ſolle, und da vermuthlich ſein Gewiſſen in Betreff der Peronner Reiſe nicht ganz rein war, ſo lief es ihm eiskalt durch die Adern. Der Anblick des Königs war keineswegs geeig⸗ net ihn zu beruhigen. Ludwig XI überhäufte ihn mit Vorwürfen, und ohne Zweifel wußte Galeotti keine genügende Ent⸗ ſchuldigung vorzubringen, denn Triſtan, der mit der größten Spannung an der Thüre lauſchte, hörte den König im größten Zorn rufen: „Entfernt Euch, Herr Zauberer! Herr Magier! Herr Charlatan! und erinnert Euch, daß ein Gott über uns iſt.“ „Triſtan gab ſeinen Leuten ein Zeichen; der Aſtrolog war ihm verfallen. Aber der König beſann ſich eines Andern; er war ein ſo eingefleiſchter Witzbold, daß er ſeinen Aſtrologen nicht zum Strick gehen laſſen wollte, ohne ſich vorher noch einen Spaß mit ihm zu machen. 42 Er rief ihn alſo zurück. 4„Noch einen Augenblick,“ ſagte er,„eine letzte rage!“ „Sprecht, Sire,“ ſagte Galeotti mit einer Ver⸗ beugung. „Beſinne Dich aber wohl, ehe Du antworteſt, denn dieſe Frage iſt vielleicht weit wichtiger als ſie ausſieht.“ „Ich warte, Sire.“ „Kannſt Du mit Hülfe Deiner angeblichen Wiſ⸗ ſenſchaft Deine Todesſtunde vorherſagen?“ Der Aſtrolog brauchte ſich nicht lange zu be⸗ ſinnen, um zu begreifen. „Sire,“ antwortete er,„ich kann dieß blos, wenn ich ſie mit der letzten Stunde einer andern Perſon in Verbindung bringe.“ „Erkläre dieß deutlicher,“ ſagte der König. „Nun wohl, Sire,“ antwortete Galeotti,„Alles was ich mit Beſtimmtheit von meinem Tode weiß, beſchränkt ſich darauf, daß ich vierundzwanzig Stun⸗ den vor Euer Majeſtät ſterben werde.“ Ludwig Xl ſah den Aſtrologen beſtürzt an; dieſer aber blieb vollkommen ruhig und ließ ſich durch keine Bemerkungen des Königs aus ſeiner Faſſung bringen; er blieb feſt bei ſeiner Behaup⸗ tung, daß er berufen ſei im Himmel oder in der Hölle die Ankunft der Seele Ludwigs XI zu ver⸗ künden, die nur vierundzwanzig Stunden nach ſeiner eigenen eintreffen werde. Die Folge war, daß Triſtan die Zimmerthüre des Königs aufgehen ſah, und daß der König, ſtatt den Aſtrologen im Zorn zu entlaſſen, ihn freundlich —— 5 ch er p⸗ er r⸗ er tre att ich 43 beim Arme nahm und bis an das Ende des Gan⸗ ges begleitete, indem er unaufhörlich wiederholte: „Gehet im Frieden, mein Vater, gehet im Frieden!“ Triſtan hatte ſich mit ſeinem Ringnagel und mit ſeinem Strick vergebliche Mühe gemacht. Als der Aſtrolog das Zimmer des Königs ver⸗ ließ, ging der Herzog über die Zugbrücke des Schloſſes. Er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt: er durfte den König weder tödten noch gefangen halten; er hätte ſich dadurch nicht blos einer Wortbrüchigkeit ſchul⸗ dig gemacht, er hätte nicht blos das goldene Fließ geſchändet, ſondern auch eine Handlung falſcher Politik begangen. Er that beſſer, wenn er ihn ſchwächte und kleiner machte. Als Ludwig Xl den Herzog erblickte, kehrte ſein Selbſtvertrauen wieder; er wußte recht gut, welchen Vortheil ruhige Ueberlegung gegenüber aufbrauſendem Zorn gewährt, und er ſah aus den erſten Worten Carls, daß er ſehr aufgeregt war. Wirklich zitterte die Stimme des Herzogs. „Seine Haltung“, ſagt Comines,„war vollkom⸗ men beſcheiden, aber ſeine Gebärde und ſeine Worte waren heftig.“ „Mein Bruder,“ fragte der König in ſanftem Tone,„bin ich in Eurem Haus und in Eurem Lande nicht in Sicherheit?“ „Allerdings, Herr,“ antwortete der Herzog,„Ihr ſeid ſo vollkommen in Sicherheit, daß ich, wenn ich einen Pfeil auf Euch zufliegen ſähe, mich vor Euch ſtellen würde, um Euch mit meinem eigenen Leibe zu decken. Nur handelt es ſich jetzt um Unterzeich⸗ jetzt ſtreitig gemacht hatte. nung des Vertrags, welchen mein Rath Euch vor⸗ legen wird.“ „Ich hoffe, daß es mir erlaubt ſein wird meine Meinung darüber zu ſagen,“ verſetzte der König. „He,“ fuhr der Herzog fort, ohne die Hoffnung des Königs in Betreff der Discuſſionsfreiheit zu beſtärken oder zu vernichten,„wollt Ihr nicht mit mir nach Lüttich ziehen und den Verrath ſtrafen helfen, den die Lütticher an mir begangen haben?“ „Ja bei Gott,“ antwortete der König,„aber laßt uns vor allen Dingen den Vertrag erörtern und beſchwören; dann werde ich Euch mit ſo viel oder ſo wenig Leuten, als Ihr wollt, nach Lüttich begleiten.“ Der Herzog entfernte ſich und machte ſeinen Räthen Platz. Aber die Räthe hatten ihre beſtimmten Befehle. Man ließ Ludwig Xl discutiren ſo lange und ſo viel er wollte; aber als er lange genug geſprochen hatte, antworteten die burgundiſchen Commiſſäre mit unzerſtörbarer Ruhe: „Es muß ſo ſein 1. der Herr Herzog will es ſo haben.“ Diejenigen, die gerne wiſſen möchten, wie viel dem König am 14. October 1468 Stück für Stück entriſſen wurde, mögen die Ordonnanzen von dieſem Tag leſen, die ſiebenunddreißig Folioſeiten füllen. Sie können dieſe Urkunde auf der Nationalbibliothe! finden. Der König unterzeichnete die Abtretung alles deſſen, was man den burgundiſchen Herzogen bis 45 Er gab ſeinem Bruder nicht mehr die Nor⸗ mandie, welche Carl ohne Zweifel ſeinem Schwager Eduard zudachte, ſondern die Landſchaft Brie, ſo daß Burgund der Stadt Päris um zehn Meilen näher gerückt wurde. Der Friede wurde auf einem Stück des wahren Kreuzes, das man aus den Koffern des Königs nahm, beſchworen. Dieſe Reliquie hatte Carl dem Großen gehört und war in der Kirche St. Laud zu Angers aufbewahrt worden. Der König betrachtete ſie als die heiligſte aller Reliquien und war, ſo behauptete er wenigſtens, feſt uberzeugt, daß man einen auf dieſe heilige Re⸗ liquie geſchworenen Eid nicht brechen könne, ohne noch in demſelben Jahr, wo man dieſe Sünde be⸗ gehe, zu ſterben. Ludwig Xl hatte an Dammartin zwei Briefe geſchrieben, aus welchen ſich allerlei mangelnde Details ergänzen laſſen. Wir haben geſagt, daß das, was den Herzog von Burgund am meiſten oder vielmehr einzig und allein beunruhigte, Dammartin und ſeine Armee war. Der erſte Brief trägt das Datum vom 9. Octo⸗ ber, an welchem Tag der König in Peronne ankam; nur werden darin zwei Diüge erzählt, welche be⸗ weiſen, daß dieſer Brief nicht am 9., ſondern am 14. Abends oder am 15. Morgens geſchrieben wor⸗ den iſt. In der That befiehlt Ludwig XI darin Dammartin ſeine Armee zu entlaſſen, dann fügte er hinzu, die Lütticher haben ihren Biſchof in Ton⸗ gern abgeholt, und der Friedensvertrag ſei unter⸗ zeichnet. Nun aber holten die Lütticher ihren Biſchof am 9., alſo an demſelben Tag, wo der König in Pe⸗ ronne geſchrieben haben ſollte, in Tongern ab, und da der elektriſche Telegraph damals noch nicht er⸗ funden war, ſo konnte der König am 9. in Peronne nicht wiſſen, was an demſelben Tag in Tongern vorging. Ebenſo wenig konnte Ludwig XI am 9. ſeinem Marſchall Dammartin ſchreiben, der Vertrag ſei unterzeichnet, da dieſe Unterzeichnung erſt am 14. ſtattfand. Dieſer Brief wurde alſo dem König höchſt wahr⸗ ſcheinlich diktirt und muß am 14. Abends oder am 15. Morgens geſchrieben worden ſein.*) Der zweite Brief iſt in demſelben Geiſt geſchrie⸗ ben und enthält blos den Befehl, die Armee nach den Pyrenäen zu ſchicken. Aber leider wurde der Bote des Königs von einem Krieger des Herzogs von Burgund auf's Sorgfältigſte überwacht, und Dammartin als alter Fuchs ließ ſich durch dieſe Komödie nicht irre ma⸗ chen. Er antwortete dem Herzog von Burgund ganz einfach: „Wenn Ihr den König nicht zurückſchickt, ſo wird das ganze Reich kommen und ihn holen.“ In Paris wurde die Nachricht, daß Alles zu Ende ſei, mit großem Vergnügen aufgenommen. So wenig man Ludwig Kl liebte, ſo ſah man ihn doch lieber lebend als todt, lieber frei als gefangen, *²) Wir verdanken dieſe einſichtsvolle Bemerkung unſerem großen Geſchichtſchreiber Michelet. 2„ 5 35 — 47 beſonders wenn er auf dieſe Art in Gefangenſchaft gerathen oder umgekommen wäre. Schon am folgenden Tag brachen die beiden Fürſten nach Lüttich auf. Ludwig Xl hatte ſeine Schotten und dreihundert Mann bei ſich, welche Dammartin ihm geſchickt hatte. Als man den Lüttichern ſagte, daß der König von Frankreich gegen ſie heranrücke, wollten ſie es nicht glauben. Der König von Frankreich war ja ihr Freund, ja noch mehr, ihr Mitſchuldiger. Lüttich hatte, wie man weiß, keine Mauern, keine Thore, keine Gräben mehr, aber die Einwohner hatten Alles aufgeopfert, ja ſogar die Ornamente ihrer Kirchen verkauft, um wieder eine Art von Ringmauer aufzuführen. Dem Tode geweiht, wie antike Republikaner, zogen ſie viertauſend Mann ſtark gegen vierzigtau⸗ ſend aus. Oh ſie noch eine letzte Hoffnung hegten, oder ob ſie den König, der ſie verrieth, beſchämen wollten, ſie griffen mit dem Ruf:„Es lebe der König!“ an. Der König trat aus d „Es lebe Burgund!“ Er verläugnete nicht blos die Lütticher, ſondern er verläugnete auch Frankreich, er würde nöthigen⸗ falls den lieben Gott verläugnet haben. Man brauchte nicht zu fürchten, daß er ſich durch zu großen Hochmuth zu Grunde richten würde; er pflegte zu ſeinen Vertrauten zu ſagen: „Wenn der Hochmuth vorn auf dem Roſſe ſitzt, ſo ſind Schande und Schaden nicht weit hinten.“ ℳ Man verſchmähte es dieſe Handvoll Leute en Reihen und rief: ———— — = ⸗ *.=——— C — regelmäßig zu bekämpfen: Jeder griff nach ſeinem Belieben an, ohne ſeinem Banner zu folgen; man hatte Eile in die Stadt zu kommen, um zu plündern. Ebenſo gut hätte man einen Leichnam ausgraben können in der Hoffnung, daß man ſein Geſchmeide mit ihm vergraben habe. Als die Lütticher dieſe Unordnung ſahen, bra⸗ chen ſie aus den Breſchen ihrer Mauern hervor, fielen über die Burgunder her und richteten ein großes Blutbad an. Man begriff jetzt, daß man ſich mit dieſen Ver⸗ zweifelten vorzuſehen hatte. Der Baron von Humbercourt war verwundet, der Baron von Sargines getödtet worden. Die ganze Armee des Herzogs rückte gegen Lüttich vor und ſetzte ſich in einer Vorſtadt feſt. Der König und die Franzoſen nahmen ihre Quartiere in einem großen Meierhof in einiger Entfernung von der Stadt. Niemand war auf die Idee gekommen, daß man einen Ausfall zu befürchten haben könnte. Wie konnten dieſe Sterbenden ſich unterſtehen einen ſol⸗ chen Verſuch zu machen! Gegen Mitternacht wurde Lärm geſchlagen und das Lager wurde angegriffen. Von wem? Von den Städtern? Das war kaum zu glauben. Nein: von ſechshundert Mann aus Franchimont, Holzhauern, Kohlenbrennern, wie ſie Alle ſind. Dieſe ſechshundert, Andere ſagen ſogar blos dreihundert, Mann hatten ſich auf das Lager gewor⸗ fen, um vierzigtauſend Mann anzugreifen, die unter den Befehlen eines Königs und eines Herzogs ſtanden. — ie r⸗ er n. 49 Hätten ſie, ſtatt, wie die Chroniſten ſagen, mit einem ſchrecklichen Kriegsgeſchrei anzugreifen, in aller Stille angegriffen, wer weiß, was da ge⸗ ſchehen wäre? Der Herzog war der Erſte, der erwachte; er ſprang aus dem Bett, waffnete ſich und ging hinab. Die Einen riefen:„Es lebe Burgund!“ die Andern: „Es lebe der König!“ Er befand ſich mitten unter dem Feind. Der Herr des Hauſes, wo der Herzog wohnte, und der Beſitzer des Meierhofs, wo der König ſich einquartirt hatte, waren die Führer dieſer Kohlen⸗ brenner, die ſich, ohne Etwas von Leonidas und ſeinen dreihundert Spartanern zu wiſſen, in das burgundiſche Lager ſtürzten, wie die Spartaner ſich in das perſiſche Lager geſtürzt hatten. Das Quartier des Königs wurde zu gleicher Zeit angegriffen, wie das des Herzogs; aber der Erſtere wurde beſſer bewacht, als der Letztere. Die ſchottiſchen Bogenſchützen ſtellten ſich vor dem Meierhof auf und ſchoßen nicht blos auf die Franchimonter, welche den König angriffen, ſondern auch auf die Burgunder, die ihn vertheidigen wollten. Nachdem die Franchimonter zurückgeworfen waren, blieb der Stadt keine Hoffnung mehr übrig; die⸗ jenigen, die ihr Leben zu retten wünſchten, wurden benachrichtigt, daß ſie während der Nacht abziehen könnten. Dieß war ſehr leicht, denn die noch unvoll⸗ endete neue Ringmauer ſtand nach allen Seiten offen. Es war hohe Zeit! Der Herzog hatte auf den folgenden Tag den Sturm beſchloſſen. Dumas, Karl der Kühne. II. Als der König dieſen Entſchluß erfuhr, bot er Alles auf, um ſeine Ausführung zu verhindern. Man dürfe, ſagte er, mit dem Todeskampfe eines Volkes, das durch dieſen nächtlichen Ausfall bewieſen habe, weſſen es fähig ſei, kein Spiel treiben. In zwei Tagen werde es ſich von ſelbſt auf Gnade und Ungnade ergeben. „Schon gut,“ ſagte der Hetzog,„wenn der König Furcht hat, ſo mag er ſich nach Namur flüchten.“ Der König blieb. Die Lütticher hielten ſich an dieſem Tage auf keinen Angriff gefaßt: es war Sonntag. Sie hatten ſeit acht Tagen gewacht und waren todtmüde. Zur feſtgeſetzten Stunde marſchirte die burgun⸗ diſche Armee gegen die Verſchanzungen; ſie war in zwei Enden an. Aber zum großen Erſtaunen der Anführer wie der Soldaten wurden die Zugänge ganz und gar nicht vertheidigt: es war Eſſenszeit und Jedermann war zu Tiſche gegangen. „In jedem Haus,“ ſagt Comines,„fanden wir den Tiſch gedeckt.“ Um Mittag wurde das Plünderungsgeſchäft ſchon mit voller Wuth betrieben. Der König ſeinerſeits dinirte während dieſer Zeit. Der Herzog kam zu ihm. „Was ſollen wir mit fragte Carl. Wir wollen uns durchaus mit dem König Ludwig und noch weniger mit dem Lütticher Volk keine un⸗ zwei Colonnen getheilt und griff die Stadt an ihren Lüttich anfangen, Sire?“ ter ern. ines eſen In nund der en.“ auf tten gun⸗ r in hren wie gar rann wir chon Zeit. re 2⁴ dwig un⸗ 51 paſſende Vergleichung erlauben, aber es war ge⸗ rade, wie wenn man Macaire gefragt hätte: „Was wollen wir mit Bertrand anfangen?“ Die Antwort war Ludwigs Xl würdig. Höret und erwäget ſie: „Mein Vater,“ ſagte er,„hatte neben ſeinem Palaſt einen großen Baum, auf welchem die Raben ihre Neſter bauten. Da dieſe Raben ihn ärgerten, ſo ließ er die Neſter einmal, zweimal zerſtörén. Als im folgenden Jahre die Raben von Neuem an⸗ fingen, ließ mein Vater den Baum mit der Wurzel ausreißen, und ſeitdem ſtörten die Raben ihn nicht mehr im Schlafe.“ Die Raben waren die Lütticher, Lüttich war der Baum. Die Stadt wurde mit der Wurzel ausgeriſſen, d. h. dem Erdboden gleich gemacht. Gleichwohl mordete man am erſten Tage nur zweihundert Perſonen, aber drei Monate nachher hatte das Hängen und Erſäufen noch kein Ende. Ein Schriftſteller Monſterus verſichert, man habe vierzigtauſend Männer gehängt und zwölftauſend Frauen und Mädchen erſäuft. Nehmen wir nur die Hälfte, alſo ſechsundzwanzigtauſend an, ſo kom⸗ men immer noch dreizehntauſend auf das Gewiſſer des Königs und dreizehntauſend auf das Gewiſſen des Herzogs. Am 2. November, d. h. zwei Tage nach der Einnahme von Lüttich, reiste der König endlich nach Frankreich zurück. Er hatte drei ſchwere Wochen durchgem ſchwer, daß er bei ſeiner Ankunft in Paris krank wurde. Der Herzog begleitete ihn eine halbe Meile über Lüttich hinaus. Die Herren von Esquerdes und von Emmerich ritten bis nach Notre⸗Dame von Lieſſe in der Pi⸗ cardie mit. Acht Tage nachher brach auch der Herzog von Lüttich auf. Er hinterließ den Befehl, die Stadt gleich Dinant niederzubrennen und zu zerſtören. Als er ſich eine Meile vor der Stadt umdrehte, konnte er die Flamme und den Rauch ſehen; ſein Befehl wurde vollzogen. 1v. Der gute Vertrag, welchen der Herzog von Burgund hat. Während dieſer Zeit war Ludwig X ſehr ver⸗ ſtimmt. Er, der gewandte Mann, der Muſterkönig, der moderne Tiberius, der ſo ſchöne Theorien über die Gewalt aufſtellte, er hatte ſich fangen laſſen wie ein Kind.. Er wurde, wie wir bereits geſagt haben, krank vor Wuth. Aber er wollte nicht ſterben; er hatte eine Rache zu en. Zuerſt ließ er ſie an Elſtern, Krähen und naus. eß lautet unklar, aber wartet. Eines Mor⸗ 2 . in r⸗ er ie 1e nk he en 53 gens, als er ſich in der Reconvalescenz befand, ging er wie gewöhnlich über ſeine Schmach brü⸗ tend durch die Straßen von Paris. Er kam an ein Haus, vor welchem ein Käſig hing. In dem Käfig hüpfte eine Elſter herum. „Perrette!“ rief der Vogel. Der König drehte ſich um. „Perrette! Perrette!“ wiederholte die Elſter. Dieß war der Name der Maitreſſe des Königs; auch nannte man die Stadt Peronne ſo. Der König ging wüthend nach Hauſe. Noch am ſelben Tag, erzählt Johann von Troyes, wurden alle Elſtern, Krähen und Eulen eingefangen und an den König abgeliefert; zugleich wurde auf⸗ geſchrieben, wo man die beſagten Vögel bekommen hatte und was ſie ſprechen konnten. Der König ließ, wie man ſieht, ſeine Wuth an Allem aus. Er war aber auch, wie Chatelain ſagt, der ge⸗ demüthigſte König, den man ſeit tauſend Jahren geſehen hatte. Der Herzog von Burgund glaubte ihn nach der gehäſſigen Rolle, welche Ludwig KI geſpielt hatte, verloren und für immer zu Grunde gerichtet. Der König glaubte es ſelbſt. Beide täuſchten ſich. „Die Fürſten,“ bemerkt Michelet,„wußten es ſelbſt nicht, wie wenig Treue und Ehre man zu jener Zeit von ihnen verlangte.“ Ludwig XI hatte auf dieſer Reiſe einen großen Vortheil errungen: er hatte ſich mit den Räthen des Herzogs in Verbindung geſetzt und durch die Leichtigkeit, womit er ſeine fünfzehntauſend Gold⸗ thaler geſpendet, bewieſen, daß er eine offene Hand hatte und vorkommenden Falls nicht den Knauſer ſpielen würde. Der Herzog dagegen war geizig; er verſchenkte wenig und dieſes Wenige meiſtens an die unrechten Leute; überdieß war er aufbrauſend, heftig und beleidigte Jedermann. Der König hatte ſich ungemein verbindlich ge⸗ zeigt, und da der Inhalt des Geleitsbriefes bekannt war, ſo ſpielte er die ſchöne Rolle, die Rolle des Biedermännes, des Opfers. Da er ſich endlich mit heiler Haut aus dieſer Schlinge gerettet hatte, worin er ſo leicht ſein Leben oder wenigſtens ſeine Freiheit hätte laſſen können, ſo nahm man es als eine ausgemachte Sache an, daß er ein kluger und gewandter Mann ſei. So kam es, daß mehrere dieſer Räthe, welche den Vertrag mit ihm erörtert hatten, kopfſchüttelnd von ihm weggingen und zu ſich ſagten: „Es wäre beſſer dieſem Manne zu dienen, der ſo gut zu belohnen und zu ſtrafen weiß, als dem Herzog Carl, der zwar tüchtig ſtraft, aber ſchlecht belohnt.“ Dieſe Erwägung war es, die ſpäter Comines dem Könige zuführte. So trocken auch die Geſchichte iſt, ſo gewährt es meines Erachtens doch ein gewiſſes Intereſſe, die brutale Kraft Carl's und die unerſchöpfliche ſeines Nebenbuhlers einander gegenüber zu 6 Augenblick jedoch glaubt ſich dieſer Letztere beſiegt; krank; er meint vor Aerger zu ——— — ——— —— 6 55 ſterben. Aber nein, er rafft ſich mit einem Male wieder auf. Es iſt ihm eine Idee gekommen:— er will Unfrieden ſtiften zwiſchen ſeinem Bruder Carl und ſeinem Vetter Carl. Er wird ſeinem Bruder weder die Champagne noch Brie geben, dieſe Brücke, die man von Burgund nach der Isle de France hin⸗ übergeworfen hat; er wird ihm etwas Beſſeres geben, mehr als man für ihn gefordert hat, mehr als er ſelbſt begehrt. Der König ſtellt ſich kränker als er iſt, und gibt ſeinem Bruder Guyenne. „Es iſt eine Abſchlagszahlung auf die Erbſchaft,“ ſagt er zu ihm.„Bald werdet Ihr nicht blos Guyenne, ſondern auch ganz Frankreich bekommen. Zerbröckelt alſo dieſes Frankreich nicht, das vielleicht ſchon in einigen Monaten, jedenfalls aber vor Jah⸗ resfriſt Euch zufallen wird... Die Aerzte haben mir ja das Leben abgeſprochen.“ Ludwig Xl befand ſich ſehr wohl, als er ſo ſprach. Der junge Prinz ließ ſich von ſeinem Bruder übertölpeln; er nahm Guyenne mit tauſend Freu⸗ den an, er wollte nicht markten; ſtatt der lauſigen Champagne erhielt er den ſchönen, ewig blühenden, ewig duftenden Süden mit Bordeaux als Hauptſtadt. Eein Gascogner, der bei dem Bruder des Königs in großer Gunſt ſtand, wußte ihm ohne Mühe be⸗ greiflich zu machen, daß Guyenne das Paradies auf Erden ſei. Der junge Prinz war ſo vergnügt, daß er ſo⸗ gleich nach Paris eilte, um ſeinem Bruder in die Arme zu ſinken. 56 Eine einzige Sache wunderte ihn, nämlich daß der König ſich nach einer ſo ſchweren Krankheit ſo wohl befand. Inzwiſchen verzieh er ihm ſeine gute Geſundheit. Wer aber wurde jetzt wüthend? Zuerſt der Herzog von Bretagne; der Hebel, womit er Frank⸗ reich nach Belieben aus den Angeln heben wollte, entſchlüpfte ſeinen Händen!— Dann die Engländer, die hundertfünfzig Jahre um den Beſitz dieſer ſchönen Guyenne geſtritten hatten, wo der Held ihrer Balla⸗ den, ihr ſchwarzer Prinz, groß gewachſen war; dieſer ſchönen Guyenne ſollten ſie jetzt für immer Lebe⸗ wohl ſagen!— Endlich der Herzog von Burgund, der den jungen Prinzen in der Champagne und in Brie haben wollte, damit er ihm den Weg durch Frankreich offen erhielt und in Folge deſſen die Schlüſſel von Paris zur Verfügung ſtellte. Der liebe Herzog gebärdete ſich daher auch wie ein Teufel in einem Weihkeſſel: er wurde von Allem in Kenntniß geſetzt und konnte doch nichts ver⸗ hindern. Wer ſetzte ihn in K Kenntniß? Ein Mann, der dem König Alles verdankte, den der König mit Purpur bekleidet und aus Nichts zum Cardinal gemacht hat, la Balue, der ihn wahr⸗ ſcheinlich ſchon in Peronne verrathen hatte. Als Zul des Verraths winkte ihm ein feſter, eiſerner Käfig. „Ein eiſerner Käfig,“ hatte la Balue in Bezug auf Lau geſagt,„iſt der allerſicherſte Gewahrſam für einen Gefangenen.“ Der arme Cardinal hatte keine Ahnung davon, 9 n, 57 daß er mittelſt dieſer Aeußerung einen lebensläng⸗ lichen Pachtvertrag über die Gefängniſſe von Loches abſchloß. S wir zu dem König und beſonders zu ſeinem Bruder zurück. Am 10. Juni inſtallirte ſich der junge Prinz in Guyenne. Am 11. Juli machte England eine Revolution; wenn ich ſage England, ſo meine ich Warwick.— Am 11. Juli verheirathete Warwick ſeine Tochter mit Clarence, dem Bruder des Königs von Eng⸗ land; er hatte ſie Anfangs für Eduard beſtimmt, dieſer aber hatte ſie nicht gewollt. Warwick, der Königsmacher, wie man ihn nannte, verdrängte Eduard eben ſo leicht vom Thron, als er ihn darauf gehoben hatte. Eduard glaubte ſich noch König, als er von aller Welt verlaſſen war. Eines Morgens tritt der Erzbiſchof von York, Warwicks Bruder, in ſein Zimmer. Der König ſchlief; der Erzbiſchof weckte ihn auf. „Ihr müßt aufſtehen, Sire!“ „Ei was,“ antwortete der König,„es iſt zu früh, ich bin noch ſchläferig.“ Aber der Erzbiſchof beharrte auf ſeiner Auf⸗ forderung. „Es hängt nicht von Eurem Willen ab, Sire. Ihr müßt aufſtehen und zu meinem Brudet War⸗ wick kommen!“ Eduard ſtand auf, kleidete ſich an und ging mit dem Erzbiſchof. Warwick ſchickte ihn in ein Schloß im Norden und hatte ſomit zwei Könige in Gewahrſam. Heinrich VI ſaß im Tower zu London. Dieſe Revolution zwang den Herzog von Bur⸗ gund, ſein Augenmerk von Frankreich abzuwenden und auf England zu richten. Die Revolution währte freilich nicht lange. Carl ſchrieb nach London und drohte, ſeine flandriſchen Häfen für den engliſchen Handel zu verſchließen. Die Kaufleute der City wurden un⸗ ruhig. Warwick ſah ſich genöthigt, Eduard zu holen und nach London zurückzubringen. Als der König wieder da war, begriff Warwick, daß es für ihn in England keine Sicherheit mehr gabz er ging alſo mit ſeinen Anhängern zur See und klopfte mit ſeinen achtzig Schiffen an den Tho⸗ ren von Calais an, wo er Gouverneur war. Sein Statthalter verweigerte ihm zu öffnen. Warwick fuhr die Seine hinauf, nahm an der Küſte fünfzehn burgundiſche Schiffe weg und ver⸗ kaufte ſie in Rouen. König Ludwig bot dem Herzog Entſchädigung an. Die einzige wahre Genugthuung wäre geweſen, wenn er Warwick fortgejagt hätte, aber juſt dieſe bot er nicht an. Der Herzog ließ alle franzöſiſchen Kaufleute in ſeinen Staaten verhaften und blokirte Warwick in den Häfen der Normandie. Ludwiß XI kam auf die Idee, Margarethe von Anjou mit Warwick zu verföhnen und Beide zu einer Landung in England zu veranlaſſen. Warwick und Margarethe von Anjou ſollten alſo unter demſelben Banner kämpfen und zwar Warwick mit dem Ruf:„Es lebe Lancaſter!“ Lan⸗ caſter ſollte ſich auf Warwick ſtützen. Margarethe mußte vor allen Dingen vergeſſen, daß Heinrich V ſich in London im Gefängniß befand, ſie mußte vergeſſen, daß ſie ſelbſt mit dem Strick um den Hals in London umhergeführt worden war. Dieß Alles war jedoch eine Kleinigkeit für Lud⸗ wig XI: er brachte die Verſöhnung zu Stande. Warwick landete in England und wurde bei Barnet getödtet. Damit Niemand an ſeinem Tod zweifeln konnte, ſtellte man ſeinen Leichnam in London aus. An demſelben Tage landete auch Margarethe und wurde am 4. Mai 1471 bei Tewkesbury ge⸗ ſchlagen. Sie gerieth in Gefangenſchaft und wurde nach London gebracht. Ihr junger Sohn wurde nach dem Kampf kaltblütig ermordet. Endlich gelangte ein ſchrecklicher Buckeliger in den Tower, drang bis zu Heinrich VI und erdolchte ihn. Dieſer ſchreckliche Buckelige nannte ſich damals Gloceſter und ſpäter Richard III. Verlaſſet hier die Geſchichtſchreiber und leſet Shakeſpeare, den größten und vermuthlich wahrſten Hiſtoriker dieſer Cpoche; er iſt wahrheitsliebender als Paſton, Plumpton, Hall, Grafton, und man kann ihm keinen andern Vorwurf machen, als daß er vielleicht etwas gar zu blind Hollingshid ge⸗ folgt iſt. Während dieſes Kampfes waren drei Jahre ver⸗ floſſen und hatten Ludwig Kl einige Ruhe gegönnt. Aber er mußte ſie theuer bezahlen. 60 In Wahrheit hatte er dem neuen Herzog von Guyenne, dem er ſein Erbe, d. h. Frankreich, un⸗ mittelbar nach ſeinem Tod, der nicht mehr lange ausbleiben könne, verſprochen hatte, ein doppeltes ſchweres Unrecht angethan. Das erſte beſtand darin, daß er von der Krank⸗ heit, an welcher er zu ſterben verſprochen hatte, wieder geneſen war; aber bekanntlich nahm es Ludwig Kl nicht ſo genau, wenn es ſich um einen Wortbruch handelte, und vermuthlich machte er ſich dießmal noch weniger Bedenken als gewöhnlich. Das zweite beſtand darin, daß er der Krone einen Erben gegeben hatte. Der Dauphin Carl VIII war am 30. Juni 1470 geboren. Somit gab es für den Herzog von Guyenne keine Hoffnung mehr Frankreich zu bekommen, wenn er es nicht ſelbſt nahm. Der junge Prinz ſollte verheirathet werden: der Graf von Foix, der kaum erſt dem Herzog von Bretagne ſeine älteſte Tochter gegeben hatte, bot jetzt ſeine jüngſte; der Herzog von Burgund bot ſeine einzige Tochter an. Wenn der Herzog von Guyenne die Tochter des Grafen von Foir heirathete, ſo bot er rechts Sitt Schwiegervater, links ſeinem Schwager die and. Wenn er die Tochter des Herzogs von Burgund heirathete und wenn der Herzog von Burgund, was wahrſcheinlich war, keine männliche Nachkommen⸗ ſchaft hinterließ, ſo vereinigte er eines Tags die Niederlande mit Guyenne, und Frankreich gerieth zwiſchen zwei Feuer. — 61 Die zwei Heirathen waren alſo dem König Lud⸗ wig XI im höchſten Grad zuwider; aber die Allianz, die er am allermeiſten fürchtete, war die mit dem Herzog von Burgund. Man muß die lebhaften, originellen und deut⸗ lich mit dem Stempel ſeines Geiſtes geprägten Briefe leſen, die Ludwig Xl an Herrn du Bouchage ſchrieb, damit er ſeinem Bruder den Gedanken an eine Ver⸗ mählung mit der kleinen Maria ausſchwatzen ſollte. „Herr du Bouchage, mein Freund, ſagt doch meinem Bruder, daß er bei der Burgunderin weder großes Vergnügen, noch Nachkommenſchaft finden werde; man ſagt, das Mädchen ſei ſehr krank und aufgeſchwollen. Wenn Ihr es dahin bringt, daß mein Bruder ſie nicht heirathet, ſo werdet Ihr mich überglücklich machen.“ Andererſeits zitterte Ludwig bei dem Gedanken, daß er mit England noch ein Hühnchen zu rupfen hatte. Indem König Eduard Warwick bei Barnet und Margarethe von Anjou bei Tewkesbury ſchlug, hatte er in Wirklichkeit den König von Frankreich geſchlagen. Ein König in Eduard's Alter iſt in der Regel ſehr auf Siege erpicht; dieſer hatte bereits zwei regelmäßige Schlachten gewonnen, in denen er perſönlich und zu Fuß wie ein einfacher Edel⸗ mann kämpfte. Der Herzog von Burgund machte gar kein Ge⸗ heimniß aus ſeiner Abſicht Frankreich zu zerſtückeln; er war äußerſt erbittert über Ludwig XI, ſowie darüber, daß Warwick ihm an den Küſten Frank⸗ reichs ſeine Schiffe weggekapert und in Rouen ver⸗ kauft hatte. 62 Der Herzog von Guyenne, ein großer Jäger, äußerte ſich in Betreff ſeines Bruders: „Wir wollen ihm ſo viele Windhunde auf den Leib hetzen, daß er nicht mehr weiß, wohin er fliehen ſol 2 Die Herzogin von Savbyen, Ludwig's Schweſter und, wie wir bereits geſagt haben, ſeine erbitterte Feindin, hatte auch noch einen Bruch zwiſchen ihm und dem Herzog von Mailand zu Stande gebracht. Der Sohn Johann's von Calabrien, der mit der Tochter des Königs ſo gut wie verlobt war, gab zu verſtehen, dieſer könne ſein Mädchen geben, wem er wolle. Offenbar mußte man glauben, mit dem armen König ſei es auf der Neige. Im Norden der Herzog von Burgund, im Oſten der Herzog von Savoyen, im Süden der Herzog von Guyenne, im Weſten der Herzog von Bretagne! An den vier Enden des Königreichs vier gezückte Degen, deren Streben nach ſeinem Herzen ging. Ludwig Xl wirkte ſich vor allen Dingen von dem römiſchen Stuhl für ſich und ſeine Nachkommen auf ewige Zeiten den Titel eines Domherrn von Notre⸗Dame von Clery aus. Dann befahl er, daß man an einem beſtimmten Tag Punct zwölf Uhr Mittags in ganz Frankreich auf die Kniee fallen und drei Ave für den Be⸗ ſtand des Friedens beten ſolle. Ohne Zweifel hatte die heilige Jungfrau von Clery ihrem Domherrn Nichts abzuſchlagen, und Gott wurde von dem allgemeinen Gebete gerührt, denn auf einmal erfuhr man, der Herzog von Guyenne, der immer ſehr ſchwächlich geweſen, ſei vom viertägigen Fieber befallen worden. Ha! wenn das viertägige Fieber Domherren gehabt hätte, wie würde Ludwig IW den Pabſt um ſeine Aufnahme unter dieſelben angegangen haben! Mittlerweile empörte ſich, wie es ſcheint, ein braver Prieſter, der Abt von St. Jean d'Angely, über das Aergerniß, das der Bruder des Königs durch ſein öffentliches Zuſammenleben mit Frau von Thouars gab, und beſchloß dem Skandal ein Ende zu machen. Um dieſen frommen Zweck zu erreichen, ſchälte er einen Pfirſich mit einem ver⸗ gifteten Meſſer und bot ihn der Favoritin an. Sie kränkelte zwei Monate und ſtarb am 14. De⸗ cember 1471. Vermuthlich hatte der Herzog von Guyenne die Ueberreſte von dem Pfirſich der Frau von Thouars gegeſſen oder ſich deſſelben Meſſers bedient, denn er ſtarb ebenfalls, am 24. Mai 1472. Hatte Ludwig Xl dabei ſeine Hand im Spiel? Es wäre ganz und gar nicht unmöglich, denn er wünſchte dieſen Tod ſehnlich. Die Sache war höchſt einfach: war er nicht Landesvater, ehe er Bruder des Herzogs von Guyenne war? und war es nicht eine Tugend, ſeine Privatgefühle den politiſchen Bedürfniſſen zum Opfer zu bringen? Das Bedürfniß nach dem Tode des Herzogs von Guyenne aber wurde furchtbar gefühlt. Man höre, was er an Dammartin darüber ſchrieb: 64 „Mein Herr Großmeiſter, ich habe Nachricht erhalten, daß der Herzog von Guyenne in den letz⸗ ten Zügen liege; er iſt unrettbar verloren: einer ſeiner vertrauteſten Diener hat es mir durch einen Expreſſen zu wiſſen gethan; er glaubt nicht, daß der Herzog noch vierzehn Tage leben werde, jeden⸗ falls ſei dieß der längſte Termin. Wenn ich andere Nachrichten erhalte, ſo werde ich es Euch unver⸗ züglich zu wiſſen thun. Damit Ihr an der Zuver⸗ läſſigkeit meines Berichterſtatters nicht zweifelt, ſage ich Euch, daß es der Mönch iſt, mit dem der Herzog von Guyenne ſeine Horen liest. „Ich bin darüber ſehr erſchrocken und habe mich vom Kopf bis zum Fuß bekreuzt. Lebt wohl! „Montils⸗les⸗Tours, den 18. März.“ Dieſer Todesfall befreite den König auf eine ſo erwünſchte Art von einer Verlegenheit, daß nur wenige Leute, beſonders unter ſeinen Feinden, ihn daran unſchuldig glaubten. Was dem Gerücht vom Brudermord noch mehr Glauben verſchaffte, war die Anekdote von Bran⸗ tome. Wir geben ſie, wohlverſtanden, für Das was ſie werth iſt; man braucht dem Herrn von Bourdeilles nicht auf's Wort zu glauben. Er erzählt wie folgt: Der Narr des Herzogs von Guyenne, ein ſehr drolliger Burſche, war nach dem Tod ſeines Herrn in die Dienſte des Königs getreten. Eines Tags hörte er dieſen, der ſich allein in der Kirche von Notre⸗Dame von Clery glaubte, folgendermaßen zu ſeiner theuren Schutzpatronin beten: „Ach meine gute Dame! mei⸗e liebe Gebieterin! 65 meine große Freunbin, auf die ich immer meine Zuverſicht geſetzt habe, ich bitte Dich, Gott für mich anzuflehen und meine Fü ſprecherin bei ihm zu ſein, daß er mir den Tod meines Bruders vergebe, den ich durch den ſchlechten Abt von St. Jean vergiften ließ. Ich bekenne es Dir als meiner guten Patro⸗ nin und Gebieterin, aber was hätte ich auch thun können? er ſtörte beſtändig die Ruhe in meinem Reiche. Erwirke mir alſo Vergebung, und ich weiß ſchon, was ich Dir alsdann ſchenken werde!“ Wie dem nun ſei, Carl von Burgund hatte ein zu großes Intereſſe dabei dieſe Gerüchte im Gang zu erhalten, als daß er ſie hätte fallen laſſen; er machte ſie zum Gegenſtand eines furchtbaren Mani⸗ feſtes und zog als Vertreter der himmliſchen Ge⸗ rechtigkeit in Frankreich ein. Er kündigte dem König Krieg auf Tod und eben an. Zuerſt erſchien er vor dem Städtchen Nesle; es wurde von 500 Bogenſchützen aus dem Land unter dem Befehl eines Capitäns Namens Petit Picard vertheidigt. Sie lehnten nicht blos alle Unterhand⸗ lungen ab, ſondern tödteten auch den Herold, der im Namen des Herzogs gekommen war. Die Einwohner ihrerſeits wollten ſich nicht den Gefahren eines Sturmes ausſetzen, ſondern ver⸗ langten zu parlamentiren. Man verſprach den Bogenſchützen das Leben, wenn ſie ihre Waffen niederlegten. Die Entwaff⸗ nung begann wirklich, als vier Schützen, die ſich nicht ergeben wollten, zwei Burgunder tödteten. Nun wurde Alles abgebrochen. Der Herzog Dumas, Karl der Kühne. II. 0 66 kam in dem Augenblick an, wo die Soldaten in die Stadt drangen, und als er den Vorfall erfuhr, war er der Erſte der rief:„Alles umgebracht!“ Sämmtlichen Bogenſchützen, die man bekommen konnte, wurden die Hände abgehauen, der Haupt⸗ mann wurde gehängt. Die Einwohner wurden ſammt und ſonders nie⸗ dergemetzelt; man verſchonte ſelbſt die Frauen, die Greiſe und die Kinder nicht. Der Herzog ritt durch die Straßen und rief: „Das ſind die Früchte des Kriegsbaumes!“ 6r ritt in eine Kirche, wo die Soldaten eben eine Menge Menſchen niedermetzelten; ſein Pferd ſtand bis über die Hufe in Blut. Ei es geht ja ganz gut,“ ſagte er;„ich ſehe, daß ich gute Metzger habe.“ Zwei Tage ſpäter kam die Reihe an Roye. Das Städtchen hatte eine ſtarke Beſatzung, 1400 Bogenſchützen und 200 Lanzenträger unter den Be⸗ fehlen der Barone von Mouy und von Balagny. Die Edelleute wollten ſich vertheidigen? aber die Bogenſchützen, welche fürchteten, man möchte ihnen ebenfalls die Hände abhauen wie ihren Brüdern in Nesle, ließen ſich an den Wällen hinab und er⸗ gaben ſich. Als nun die Ritter ſich ſelbſt überlaſſen blieben, knüpften ſie Unterhandlungen an; das Leben wurde ihnen geſchenkt, aber ſie mußten ihre Waffen ſtrecken und im bloßen Wamms mit einem Stock in der Hand aus der Stadt ziehen. Am 27. Juni ſtand der Herzog vor Beau⸗ vais. Ludwig Kl, der in der Bretagne war, um — 8 e⸗ ie ch n rd e. 0 e⸗ 1 ie en rn er⸗ en re em 67 Machecoul und Ancenis zu nehmen, warf einen Blick nach Nordoſten. Sein Erſtaunen war groß: er hatte dem Conne⸗ table von Saint⸗Pol befohlen, Nesle zu ſchleifen, die kleinen Feſtungen zu zerſtören und nur die gro⸗ ßen zu vertheidigen. Saint⸗Pol hatte von dem Allem Nichts gethan. Eine politiſche Fledermaus, hatte er ſeinen Titel in Frankreich, ſeine Güter aber in Burgund und in der Picardie. Dagegen ſchrieb Saint-Pol dem König einen Brief um den andern, worin er ihn auf's Drin⸗ gendſte aufforderte gegen den Herzog von Burgund zu marſchiren. Dießmal erkannte der König, daß er ihn verrieth. Den Herzog von Bretagne, den er ſchon an der Kehle hielt, wieder loszulaſſen! Ludwig Xl war nicht ſo dumm, um die Intrigue nicht zu durchſchauen. Er ſchickte ſeinen alter ego, Dammartin, den Todfeind des Connetabels ab. Saint⸗Pol erhielt Befehl ihm die Hälfte des Commandos abzutreten. Von dieſem Augenblick an konnte der König ſchlafen, der Connetabel wurde tüchtig über⸗ wacht. Wir haben geſagt, daß Carl vor Beauvais an⸗ gekommen war. Dieß war eine der Feſtungen, die man verthei⸗ digen mußte, und gleichwohl hatte ſie nicht die mindeſte Beſatzung; nur hatten ſich in der vorher⸗ gehenden Nacht Herr von Balagny und einige der Edelleute, die in Roye capitulirten, hineinge⸗ worfen. Philipp von Creve⸗Cveur, welcher den burgun⸗ 5* 68 diſchen Vortrab commandirte, griff die Stadt an ihrem ſchwächſten Thore, dem von Limacon, an. Zum Unglück für den Herzog beſchloſſen die Einwohner von Beauvais, welche ſein grauſames Verfahren gegen die Leute von Nesle wußten, ſich auf's Aeußerſte zu vertheidigen, und dieſer Ent⸗ ſchluß ſtand ſo feſt, daß ſie nicht einmal mit dem Herold, welchen der Baron von Esquerdes ihnen ſchickte, parlamentiren wollten. Die Stadt hatte eine gute Ringmauer; nur be⸗ ſtand auf der Seite des Thores von Limacon die einzige Vertheidigung aus einem kleinen iſolirten Fort. Der Baron von Balagny ſchloß ſich daſelbſt mit einigen Büchſenſchützen ein, damit die Einwoh⸗ ner Zeit bekamen ſich auf den Sturm vorzubereiten. Er hielt ſich tapfer und zog ſich erſt zurück, als er einen Pfeilſchuß in den Schenkel bekommen hatte; ſeine Leute kehrten mit ihm in die Stadt zurück. Nachdem das Fort geräumt war, glaubten die Burgunder, Beauvais ſei bereits genommen, und verbreiteten ſich in der Vorſtadt unter lautem Ge⸗ ſchrei:„die Stadt iſt erobert!“ Man fand es nicht einmal der Mühe werth den Laufgraben zu eröffnen; der Herzog, der eben an⸗ kam, befahl den Sturm. Die Leitern waren zu kurz. Man ließ die Artillerie kommen. Aber offenbar waren die Munitionswagen zurückgeblieben: nach einigen Schüſſen fehlte es bereits an Pulver. Inzwiſchen wurden die eiſernen Thore geſprengt, und der Feind hätte ſich ihrer bemächtigen können, wenn die Bürger nicht durch den Widerſtand des — 1—— ie S 8 h t⸗ P n ſt r e d e⸗ ch 6. 8 69 Herrn von Balagny Zeit gewonnen hätten ihre Vertheidigungsmittel hier anzuhäufen. Sie hatten Feldſchlangen beigeſchafft, die Büchſenſchützen hatten ſich auf der Mauer aufgeſtellt, die Weiber und Kinder trugen Steine herbei. Man begann alſo tüchtig auf die Burgunder zu ſchießen. Auch der König ſeinerſeits vertheidigte Beauvais ſo gut er konnte; er gelobte der Mutter Gottes von Clery eine ſilberne Stadt und verpflichtete ſich, kein Fleiſch zu eſſen, bis ſein Gelübde erfüllt wäre. Auch die Einwohner, die alle ihre materiellen Mittel aufboten, verſäumten diejenigen Mittel nicht, deren ſich Ludwig XI bediente. Sie beſaßen eine ſehr wunderthätige Heilige, die aus Beauvdis ſelbſt gebürtig war und ihre Wiege ſtets beſchützt hatte. Vierzig Jahre vorher hatte ſie, als die Engländer die Stadt belagerten, ſichtbar in Nonnenkleidern an der Spitze der Einwohner gekämpft. Auch dießmal verließ ſie ihre Mitbürger nicht; nur ließ ſie ſich durch ein junges Mädchen, Namens Jane Lainé, erſetzen, das ſich unbewaffnet ins ärgſte Kampfgewühl ſtürzte, zum Widerſtand aufmunterte und einem Burgunder die herzogliche Fahne in dem Augenblick aus den Händen riß, wo er ſie auf der Mauer aufpflanzen wollte. Inzwiſchen war, wie geſagt, das Thor von Li⸗ macon geſprengt worden, und man kämpfte da Mann gegen Mann; die Burgunder wollten bereits Sheinet als die Leute von den Mauern auf den edanken kamen brennende Faſchinen von den Zin⸗ nen hinabzuwerfen. 70 Dieſe Faſchinen fielen den Belagerern auf die Köpfe, ſo daß ſie zurückwichen. 3 Das Feuer ergriff jetzt auch das Thor und das Fallgitter, ſo daß der ganze Bogengang in Flam⸗ men ſtand. Niemand konnte daran denken durch dieſe Glut zu dringen; man wartete alſo, bis ſie erlöſchen würde. Aber die Einwohner unterhielten das Feuer, indem ſie die umſtehenden Häuſer einriſſen und die Balken in die Flammen warfen. Man kämpfte an dieſem Tage von Morgens eilf bis Abends ſechs Uhr. Abends ſechs Uhr bemerkte man von der Pariſer Straße her, welche der Herzog nicht bewacht hatte, weil er zu dieſem Behufe über die Hiſe hätte ſetzen müſſen, eine gewaltige Staubwolke. Es waren die Ritter von Laroche Teſſon und von Fontenailles, die in aller Eile mit der Beſatzung von Noyon dem bedrängten Beauvais zu Hülfe zogen und fünfzehn Meilen in einem Marſch zurück⸗ gelegt hatten. Das Volk empfing ſie mit lautem Jubelgeſchrei. Dieſe tapferen Männer gönnten ſich trotz ihrer Müdigkeit keine Ruhe, ſondern überließen ihre Pferde den Frauen, zogen ihre Schwerter und eilten auf die Mauern mit dem Ruf: „Montjoie und St. Denis.“ Man unterhielt das Feuer unter dem Thor fortwährend, aber auf ihre Befehle errichtete man hinter demſelben eine gewaltige Barrikade aus Steinen und Zimmerholz. Am folgenden Morgen erblickte der Herzog auf der 4 e, n id ig ck⸗ ei. er de uf or an us Stadtmauer drei⸗ bis vierhundert wohlbewaffnete Streiter, die er Tags zuvor nicht bemerkt hatte. Er gerieth wie gewöhnlich in großen Zorn, der ihm alle Beſinnung raubte, und ſetzte jetzt ſeinen Kopf darauf Beauvais zu nehmen, was Anfangs nicht in ſeinem Feldzugsplan gelegen hatte: er ließ Laufgräben machen, ſetzte ſich in den Häuſern der Vorſtadt feſt und befahl ſein ganzes Belagerungs⸗ geräth herbeizuſchaffen, das nicht weniger als fünf Stunden Wegs einnahm. Aber er vernachläſſigte noch immer die Straße von Paris beſetzen zu laſſen. Die Folge davon war, daß am 28. der Mar⸗ ſchall von Rouault mit hundert Lanzen in der Stadt einzog. Am 29. erſchienen der Marſchall von Poitou, der Seneſchall von Carcaſſonne, der Seneſchall von Toulouſe, der Baron von Torcy, der Profoß von Paris, der Amtmann von Senlis, der Capitän Sal⸗ lazar, und Jeder von ihnen brachte ſeine Leute mit. Endlich am 30. kam die Beſatzung von Amiens heranmarſchirt. „Der Herzog von Burgund hatte eine ganze Armee, die von den erſten Namen Frankreichs be⸗ fehligt wurde, gegen ſich. Beauvais ſah nicht mehr wie eine belagerte Stadt aus, ſondern als wollte es ein fröhliches Feſt feiern; überall an den Straßenecken waren Weinfäſſer angeſtochen, um den Soldaten und Ein⸗ wohnern Erfriſchungen zu bieten; vor den Haus⸗ tbüren ſtanden gedeckte Tiſche, an denen Bürger und Krieger brüderlich ihre Mahlzeiten einnahmen; 72 Jeder hatte ſeine Waffen in der Nähe liegen; wenn Lärm geſchlagen wurde, ſprang man nach ſeiner Axt, nach ſeinem Schwert, nach ſeinem Streit⸗ kolben oder ſeiner Lanze und lief nach den Wällen. Die Burgunder beſchoſſen die Mauer eine ganze Woche lang, bis ſie zuletzt eine Breſche machten, die groß genug war, daß ſie den Sturm verſuchen konnten. Er wurde auf den 9. Juli feſtgeſetzt. Der Herzog überwachte die Vorbereitungen per⸗ ſönlich, und als er die Befürchtung äußerte, es ſeien nicht genug Faſchinen vorhanden, um den Graben auszufüllen, bemerkte der Baſtard von Burgund: „Seid ganz ruhig, gnädigſter Herr, die Leichen unſerer Leute werden ihn ſchon ausfüllen.“ Abends kehrte Carl in ſein Zelt zurück und warf ſich in voller Kleidung, beinahe in voller Rüſtung, auf ſein Bett. „Glaubet Ihr,“ ſagte er zu den Offizieren ſei⸗ ner Umgebung,„glaubet Ihr, daß dieſe Städter da morgen einen Sturm erwarten?“ „Ja gewiß,“ antworteten Alle einſtimmig. „Nun wohl, ich ſage Euch, daß Ihr morgen Niemand vorfinden werdet.“ Die Offiziere ſchüttelten zweifleriſch die Köpfe. Aber der Herzog war ſo keidenſchaftlich, ſo ſtarr⸗ köpfig und ſo hochmüthig, daß er ſich ſelbſt belog und meinte, er könne durch die bloſe Kraft ſeines Willens über Menſchen und Ereigniſſe nach Belieben verfügen. Der Sturm dauerte von Tagesanbruch bis eilf Uhr Morgens; der Herzog wurde es nicht müde — w P 6 W — — 73 ſeine Leute tödten zu laſſen. Er verlor ihrer fünf⸗ zehnhundert in den Stadtgräben. Dreimal erklommen die Burgunder die Höhe der Wälle und pflanzten ihre Fahnen auf; dreimal wurden ſie über die Mauer hinabgeworfen und die Fahnen ihnen entriſſen. Um eilf Uhr befahl der Herzog in eigener Per⸗ ſon den Rückzug. Gleichwohl wollte er es noch mit der Liſt ver⸗ ſuchen: burgundiſche Soldaten mußten als Bauern und Gemüſegärtner verkleidet in die Stadt ſchleichen und daſelbſt Feuer anlegen; allein ſie wurden er⸗ kannt und umgebracht. Endlich am 22. Juli, nach vierundzwanzigtägiger Belagerung, zog die burgundiſche Armee geräuſch⸗ los in dunkler Nacht, aber in guter Ordnung ab. Sie marſchirte nach der Normandie und bezeichnete ihren ganzen Weg mit Brennen und Sengen. Das Glück des Herzogs von Burgund hatte ſeinen Gipfel erreicht. Die mißglückte Belagerung von Beauvais war die erſte Schlappe, welche dem Sinken ſeines Sternes voranging. Die Vorſehung ſchickt den Eroberern ſolche War⸗ nungen zu, denen ſie keine Beachtung ſchenken. Der König war hoch erfreut, als er die Auf⸗ hebung der Belagerung erfuhr, und wollte ſich den Einwohnern von Beauvais dafür erkenntlich zeigen. Er ſchenkte daher der Stadt allerlei Vorrechte: ſie ſollte adelige Lehen beſitzen und halten; ſie ſollte vom Rachbann befreit ſein; die Maires und die Schöffen ſollten von den Bürgern frei gewählt wer⸗ den und die allgemeine Verſammlung der Einwoh⸗ * ner zur Berathung ihrer Intereſſen einberufen; die Stadt ſollte für alle Zeiten von jeder Kriegs⸗ oder andern Steuer befreit ſein; außer der alljährigen Dreifaltigkeitsprozeſſion zur Feier des Sieges, wel⸗ chen die Beauvaiſer im Jahr 1433 über die Eng⸗ länder erfochten, ſollte am 27. Juni jeden Jahres eine zweite Prozeſſion zur Erinnerung an die von den Burgundern aufgehobene Belagerung ſtattfin⸗ den; als rühmende Anerkennung des Muthes, wel⸗ chen Johanna Lainé, auch Johanna Hachette genannt, ſo wie die anderen Frauen und Töchter von Beau⸗ vais bewieſen, indem ſie auf die Zinnen ſtiegen und den Feind zurückwarfen, ſollten dieſelben bei der Prozeſſion der heiligen Agradesma den Vortritt vor den Männern haben und unmittelbar hinter der Geiſtlichkeit kommen; an ihrem Hochzeittag und ſo oft es ihnen beliebte, ſollten ſie ſich nach Gutdünken putzen und ſchmücken dürfen, ohne daß man ein Luxusgeſetz auf ſie anwenden und ſie darüber ta⸗ deln könne; endlich ſollte die burgundiſche Fahne, welche Johanna Hachette einem Soldaten aus der Hand geriſſen, in der Jakobinerkirche aufbewahrt werden. Später verheirathete der König die Heldin von Beauvais mit einem Bürger Namens Collin Pilon und befreite das Ehepaar von allen Steuern und Taxen, ſowie von der Stadt⸗ und Thorwache. Der Herzog von Burgund ſeinerſeits ſetzte ſeinen Marſch nach der Normandie fort, nahm Eu und St. Valery, ſcheiterte vor Dieppe, kehrte nach Rouen zurück, verweilte dort vier Tage, um den Herzog von Bretagne zu erwarten, und als er ſah, daß dieſer ie er en n⸗ el⸗ nt, nd er or er en in a⸗ e, er rt on on nd en nd en on ſer 75 nicht kam, ſchloß er einen Waffenſtillſtand, der am 23. October unterzeichnet wurde. Fünf Tage früher hatte der Herzog von Bre⸗ tagne den ſeinigen unterzeichnet. Ludwig Kl hatte entſchieden Glück: er hatte dem Herzog von Bretagne Machecoul und Ancenis genommen; der Herzog von Burgund hatte ihm Beauvais nicht nehmen können und war von Dieppe zurückgewieſen worden, und der Herzog von Guyenne war geſtorben. Ein ſehr bedeutender Umſtand war ferner, daß Comines, der bei dem Herzog von Burgund geboren und auferzogen worden, der all ſein Eigenthum am Hofe des Herzogs beſaß, dieſer bekannte Chroniſt und eifrige Diener des edlen Hauſes Burgund, auf die Seite des Königs trat. Und man bemerke wohl, daß Comines allein blieb; Chatelain war gerade um die Zeit, in welche unſere Erzählung fällt, am 20. März 1474 geſtorben. V Ein Diener, der ſeines Herrn würdig iſt. Wie kam es, daß Carl der Kühne nach ſo gro⸗ ßem Lärm, nach ſo vielen Drohungen und ſo win⸗ zigen Reſultaten, mit ſeinem hartnäckigen, ewigen Feind, dem König von Frankreich, einen neuen Waffenſtillſtand einging? 76 Das erklärt ſich daraus, daß der Herzog von Burgund ſich ſeit langer Zeit mit einer Idee trug, die er zur Ausführung bringen wollte; er gedachte das alte Königreich Burgund wieder herzuſtellen iu natürlich ſich ſelbſt zum König ernennen zu aſſen. Das Haupthinderniß, das der Verwirklichung dieſes Planes im Wege ſtand, war der Umſtand, daß er über Burgunder, Flamänder, Wallonen und Deutſche herrſchte, in Wirklichkeit aber weder Deut⸗ ſcher, noch Wallone, noch Flamänder, noch Burgun⸗ der war. Was war er denn? Er ſagt es ſelbſt in einer ſchrecklichen Schimpf⸗ rede über die hartköpfigen Flamänder, einem Rede⸗ ſtück, das der Stadtſchreiber von Ypern uns auf⸗ bewahrt hat: „Ihr hartſchädeligen flämiſchen Dickköpfe, glaubt Ihr denn, es ſei Niemand ſo klug wie Ihr? Nehmt Euch wohl in Acht, ich bin halb Franzoſe und halb Portugieſe.“ Das bedeutete mit andern Worten:„Schaut Euch vor, ich bin ein Fremder.“ Zwei oder drei Jahre ſpäter war er auch kein Franzoſe mehr, denn in einer feierlichen Audienz, wo die franzöſiſchen Geſandten ihm Erſatz für die famöſen Schiffe boten, welche Warwick in Rouen weggekapert und verkauft hatte, rief er: „Bei uns Portugieſen iſt es der Brauch, daß wir unſere Freunde, wenn ſie die Freunde un⸗ ſerer Feinde werden, zu den fünfmalhunderttauſend Teufeln der Hölle ſchicken.“ —„—— c „——,—, (— 8 8—, e— n 9, te en zu ¹9 nd t⸗ n⸗ f⸗ e⸗ if⸗ bt mt b ut in , ie , n⸗ nd 77 Aber um aus ſeinem Herzogthum Burgund ein Königreich zu machen, fehlte ihm noch gar Vieles: z B. Geldern, Oberelſaß, Cöln, ein Theil der Schweiz und Lothringen. Er begann mit Geldern. Geldern gehörte dem alten Herzog Arnold. Dieſer hatte einen Sohn, der auf Anſtiften der eigenen Mutter ſeinen Vater ins Gefängniß warf und ſich der Regierung bemächtigte. Carl ſtellte ſich, als habe er großes Mitleid mit dem alten Mann er ließ ſich vom Pabſt und von dem Kaiſer als Schiedsrichter zwiſchen Vater und Sohn aufſtellen. Nun thaten der Pabſt und der Kaiſer Alles, was der Herzog wünſchte: der Pabſt, weil er ſich ewig mit dem Verlangen trug einen Kreuzzug gegen die Türken auf die Bahn zu bringen; der Kaiſer, weil er Marie von Burgund für ſeinen Sohn Ma⸗ rimilian zu bekommen hoffte. Carl entſchied zu Gunſten des alten Herzogs; das war ganz natürlich. Der Greis war dem Tode nahe und hatte kaum noch Zeit ſein Teſtament zu machen: er ſetzte den Herzog von Burgund als Erben ein. Der Sohn wurde ſeinerſeits als Vatermörder eingekerkert. Nur vergaß man bei dieſer Gelegenheit einen armen Jungen von zehn Jahren, dem man außer der Erbſünde kein Verbrechen nachweiſen konnte, der aber dennoch ſeines Erbes beraubt wurde. Die Stadt Nymwegen, die ſich nicht wie ein Stück Vieh verkaufen laſſen wollte, begriff dieſes 78 Unrecht ſo gut, daß ſie den Jungen adoptirte und zum Herzog ausrief. 3 Aber Nymwegen unterlag nach einer langen Belagerung und der zehnjährige Knabe wurde, wie ſein Vater und ſchon vor dieſem ſein Großvater, ins Gefängniß geſchickt. Nach der Eroberung Nymwegens richtete der Herzog ſein Augenmerk auf das obere Elſaß; das untere gehörte ihm bereits und er hatte daſelbſt einen Vogt Namens Hagenbach. Carl rückte mit einer ganzen Armee, d. h. mit fünftauſend Lanzen heran. Colmar ſchloß ſeine Thore; die Einwohner von Mühlhauſen beteten in allen Straßen die Gebete der Sterbenden. Baſel beleuchtete, um nicht über⸗ rumpelt zu werden, jede Nacht die Rheinbrücke. Die Schweizer waren gute Freunde der Elſäßer; ſie hatten Mühlhauſen das Bürgerrecht ertheilt und beteten für dieſe Stadt. Hagenbach ſeinerſeits pflanzte das herzogliche Banner auf berniſchem Gebiete auf. Dießmal beſchwerten ſich die Berner bei dem Herzog ſelbſt und ſagten ihm, ſie haben ſich über ſeinen Vogt zu beklagen, der ihnen allen möglichen Schabernack anthue. „Was liegt daran, ob mein Vogt meinen Nachbarn angenehm iſt oder nicht?“ antwortete der Herzog.„Die Hauptſache iſt, daß er mir ange⸗ nehm iſt.“. Die Schweizer entſagten jetzt der burgundiſchen Allianz und ſchloßen einen Vertrag mit Ludwig XI. Dieß paßte vortrefflich zu der Berechnung Carls, F nd en vie ns der s en mit on ete er⸗ er; und iche dem äber chen inen der nge⸗ chen XI. arls, 79 der ſich ſchon lange die Schweiz zum Feind wünſchte: er wünſchte ihr die Kantone wieder abzunehmen, die früher dem Königreich Burgund angehört hatten, und jetzt lieferte man ihm einen Vorwand. Er ſtreckte alſo vorläufig die Hand aus und Oberelſaß war ſein. Dann ließ er ſich, um ſeinen Plan weiter zu verfolgen, von dem Kurfürſten von Cöln zum Be⸗ ſchützer und Vertheidiger des Kurfürſtenthums ernennen. Mittlerweile ſtarb der Herzog von Lothringen. Wie Carl ſich des kleinen Herzogs von Geldern bemächtigt hatte, ſo bemächtigte er ſich jetzt des jungen René von Vaudemont; aber er hatte nur den Erben, nicht das Erbe. Die vornehmen Herren des Landes empörten ſich. Er gab ihnen ihren Herzog zurück und ließ ſich dafür vier Plätze abtreten. Er hatte alſo Geldern, gewiſſermaßen auch Cöln, einen Theil des Elſaßes und vier Städte in Loth⸗ ringen. Somit glaubte er genug zu beſitzen, um ſich zum König ernennen zu laſſen. War er einmal König, ſo wollte er ſein Reich ſchon arrondiren. Die Erhebung zur Königswürde hing von dem Kaiſer ab. Geſchwächt, machtlos und arm, that dieſer vor⸗ ausſichtlich in der Hoffnung auf eine Verbindung ſeines Sohnes mit Maria von Burgund Alles, was der Herzog nur wünſchen mochte. Es wurde eine Beſprechung beſchloſſen und die 80⁰ Stadt Metz dazu auserſehen. Der König von Eng⸗ land und der König von Frankreich wurden einge⸗ laden, Vertreter dahin zu ſchicken. Aber im Augenblick, wo die Zuſammenkunft ſtattfinden ſollte, erhob ſich eine Schwierigkeit. Der Herzog wollte ein Thor der Stadt beſetzen; er hätte dann ſo viele Leute, als er nur gewollt hätte, hin⸗ eingezogen, aber die Stadt, die dem Herzog von Burgund mißtraute, antwortete, es ſei nur für ſechshundert Mann Platz vorhanden, und dieſer ſei bereits von den Leuten des Kaiſers eingenommen. Man wählte Trier ſtatt Metz. Aber die Zu⸗ ſammenkunft brachte die Sache nicht nur nicht ins Reine, ſondern führte auch ein Zerwürfniß zwiſchen den beiden Fürſten herbei. Carl erſchien mit einem Prunk, der einen weit reicheren Kaiſer als Fried⸗ rich war hätte erdrücken müſſen. „Sire,“ ſagte der Herzog von Burgund, ſich verneigend,„ich danke Euch, daß Ihr meinetwegen eine ſo lange Reiſe unternommen habt.“ „Herr Herzog,“ antwortete Friedrich,„die Kaiſer ſind wie die Sonne: ſie beglänzen mit ihrer Ma⸗ jeſtät auch die entfernteſten Fürſten und erinnern ſie dadurch an ihre Pflicht des Gehorſams.“ Der Herzog von Burgund war vom Pferde ge⸗ ſtiegen, um dieſes Compliment zu empfangen. Der Kaiſer winkte ihm, wieder aufzuſitzen. Die beiden Fürſten ritten neben einander durch die Stadt Trier und zeigten der Menge allen mög⸗ lichen Anſchein freundſchaftlicher Vertraulichkeit. Der Kaiſer wohnte im erzbiſchöflichen Palaſt, der Herzog im St. Maximinskloſter. — 81 Acht Tage vergingen mit Unterhandlungen, Feſten und Turnieren. Der Herzog verlangte den Königstitel nebſt der Würde des Reichsſtatthalters und überdieß die vier Bisthümer Lüttich, Uitrecht, Tournay und Cambroi. Er würde auch Lothringen verlangt haben, wenn ihn nicht ein beſonderer Umſtand zurückgehalten hätte; als er ſich nämlich, wie wir bereits erzählt, des jungen René von Vaudemont bemächtigte, hatte der König Ludwig ſogleich einen in Paris ſtudirenden Neffen des Kaiſers feſtnehmen laſſen. An Lothringen war alſo wenigſtens für den Augenblick nicht zu denken. Der Kaiſer ſeinerſeits wünſchte die Vermählung ſeines Sohnes Marx mit der Erbin von Burgund. Mar zählte achtzehn Jahre, Maria fünfzehn; das Alter war alſo vollkommen paſſend. Warum zögerte der Herzog noch immer? Der Sohn des Kaiſers hatte allerdings Erlaubniß erhalten, an ſeine Braut zu ſchreiben, aber dieß verpflichtete den Herzog zu nichts: Maria war ſchon drei⸗ oder viermal verlobt geweſen, und jeder ihrer Bräutigame hatte dieſelbe Erlaubniß erhalten. Am 4. November 1473 glaubte man endlich Alles bereinigt. Carl wurde von dem Kaiſer mit dem Herzogthum Geldern belehnt und leiſtete ihm für alle vom Reich abhängigen Herrſchaften den Huldigungseid. Die Feier der Inveſtitur ſollte am folgenden Tage ſtattfinden. Die St. Maximinskirche waa mit den koſtbarſten Dumas, Karl der Kühne. 1I. 6 82 Teppichen des Herzogs behangen; die Altäre prangten von goldenen, ſilbernen und Almandin⸗Gefäſſen; die Reliquienkäſtchen waren mit Diamanten und Edelſteinen geſchmückt. Der Thron des Herzogs war ein wenig unter dem Kaiſerthron aufgeſchlagen; der Scepter, der Mantel, die Krone und das könig⸗ liche Banner waren öffentlich ausgeſtellt. Georg von Baden, Biſchof von Metz, ſollte den neuen König ſalben, alle Vorbereitungen zur Ceremonie waren getroffen, als man Morgens um zwei Uhr dem Herzog meldete, der Kaiſer habe ſich in der Nacht auf eine Barke geſetzt und ſei die Moſel hinabgefahren. Der Herzog mußte alſo bleiben, was et war. Zugleich erhielt er eine andere Nachricht, die ihn beinahe eben ſo ſehr erzürnte, wie die erſte, nämlich die Kunde von der Hinrichtung ſeines Vogtes Hagenbach. 4 Wir haben bereits einige Worte über dieſen Hagenbach geſagt; kommen wir auf ihn zurück. Er war derſelbe Mann, der ſich, als dem Herzog Philipp dem Guten in einer Krankheit die Haare ausgegangen waren, mit einer Scheere vor der Thüre des Palaſtes aufgeſtellt und allen Herein⸗ tretenden die Haare abgeſchnitten hatte. Carl hatte die Anekdote nicht vergeſſen; er liebte Leute dieſes Schlags, die pünktlich und ohne lange Umſtände jeden Befehl vollzogen. Deßhalb hatte er auch den Schweizern, als ſie ſich über Hagen⸗ bach beklagten, die oben angeführte Antwort ertheilt. Zum Unglück für Carl wußte dieſer Mann, der ihm ſelbſt ſo wohl gefiel, Niemand ſonſt zu gefallen. —— — 8 8 S S X b S — N— N8— —* 83 Er hatte ſich mit den Kleinen und den Großen zu⸗ gleich überworfen: mit den Kleinen, indem er auf das Korn, den Wein und das Fleiſch eine Steuer legte, die man den böſen Pfennig nannte; mit den Großen, indem er ihnen ihr Jagdrecht ſtreitig machte. In der Stadt Thann hatten aus Veranlaſſung dieſes böſen Pfennigs Unruhen ſtattgefunden; der Magiſtrat hatte bei dieſer Gelegenheit vier Depu⸗ tirte zu Hagenbach geſchickt. „Ah!“ ſagte dieſer,„Cure Stadt will nicht baar bezahlen? Nun, ſo ſoll ſie in natura bezahlen.“ Und er ließ den vier Deputirten die Köpfe ab⸗ ſchlagen. Manchmal nahm er ſich nicht einmal die Zeit, den Henker holen zu laſſen, und konnte in Folge eines Streits oder ſogar ohne einen Streit eigen⸗ händig mit der erſten beſten Waffe, die ihm zur Hand war, Denjenigen niederſtoßen, der ihm mißfiel. Alles an ihm war übermüthig, ſogar ſeine Livree und ſeine Waffen. Seine Livree war weiß und grau, und auf ſeiner Bruſt trug er einen Wappenſchild mit drei Würfeln im rothen Feld und der Inſchrift: Ich paſſire. Und in der That paſſirte Peter von Hagenbach immer und überall. Er pflegte zu ſagen: „Ich weiß wohl, daß ich der Verdammniß ver⸗ fallen werde; aber ſo lange ich lebe, will ich thun was mir gefällt. Bin ich einmal todt, ſo mag der Teufel meinen Leib und meine Seele nehmen. Ich 6 5 84 kann dann nichts mehr damit anfangen und werde ſie nicht reclamiren.“ Beſonders durch ſeine ſchamloſen Ausſchweifun⸗ gen zog er ſich den allgemeinen Abſcheu zu. Als er einmal einer Nonne nachſtellte, die ihre Eltern aus dem Kloſter genommen und verborgen hatten, ließ er durch Trompeter öffentlich auf den Straßen ausrufen, wer die Nonne verſteckt halte, ſolle ſie bei Todesſtrafe ihm vorführen. Eines Tages machte er in der einer Dame den Hof— kein Ort war ihm heilig— der Altar war vollkommen für die Meſſe geſchmückt, und Peter plauderte, den Ellbogen auf den Altar geſtützt, mit dieſem Frauenzimmer. Der Prieſter kam, um das Hochamt zu beginnen, aber Peter von Hagenbach rief ihm drohend zu: „He! Pfäfflein, ſiehſt Du nicht, daß ich an Deinem Altar amte? Suche Dir einen andern!“ Der Prieſter mußte wirklich an einem andern Altar die Meſſe halten, und in dem Augenblick, wo er die Hoſtie einweihte, bemerkte man, daß Peter von Hagenbach ſeine Geliebte küßte. Endlich ſoll Peter von Hagenbach, wenn man Herrn von Barante glauben darf, noch Schlimmeres gethan haben.* Wir ſagen, wenn man glauben darf, weil Herr von Barante die Quelle nicht angibt, woraus er die Anekdote geſchöpft hat, die wir jetzt erzählen wer⸗ den, und weil ſelbſt unſer gewiſſenhafter und ge⸗ lehrter Michelet geſteht, daß er dieſe Quelle nicht habe auffinden können. Erzählen wir ſie ihm nach. 8 85 Eines Tags fiel es Hagenbach ein, ein Feſt zu geben, dann ſchickte er auf einmal alle Männer weg und ließ die Frauen ganz nackt ausziehen, ſo daß ſie blos noch ihre Kopfbedeckung behalten durften. Hierauf ließ er die Ehemänner zurückkommen und befahl ihnen ihre Frauen herauszufinden. Dieje⸗ nigen, welche ſich täuſchten, wurden die Treppe hinab⸗ geworfen; die andern aber beglückwünſchte der Vogt auf eine ganz eigenthümliche Art, indem er ſie nämlich zwang ſo viel Wein zu trinken, daß ſie ſterbenskrank wurden. Aber was dem Herzog am meiſten ſchadete, das waren die Beleidigungen, welche dieſer Menſch den freien Städten und den Schweizern anthat. Er ließ ſich einmal öffentlich über Straßburg aus und ſagte: „Man darf keine Vorrechte mehr dulden, welche den gemeinen Leuten die Macht in die Hände geben. Die Fürſten ſollen regieren, nicht aber die Schneider und Schuſter.“ Von Baſel ſagte er: „Wenn mir der Herzog die Erlaubniß gibt, ſo will ich in drei Tagen Baſel für ihn nehmen.“ Er verhöhnte den Berner Bären und ſagte: „Der Winter rückt heran: wir wollen ihm ſein Fell abziehen und uns einen Pelz daraus machen.“ Mittlerweile verbreitete ſich das Gerücht, daß die Eidgenoſſenſchaft durch Vermittlung Ludwigs XI mit dem Herzog Sigismund, dem alten Feind der Schweizer, ein Bündniß abgeſchloſſen habe. Es verhielt ſich wirklich ſo. Noch mehr, der Herzog von Burgund hielt das 86 Elſaß, wenigſtens einen Theil davon, als nicht ein⸗ gelöstes Pfand im Beſitz. Ludwig Kl gibt die Hälfte der zur Einlöſung erforderlichen Summe her; die Städte ſchießen die übrige Hälfte zuſammen, und der Heſterreicher Sigismund erklärt dem Herzog von Burgund, daß er ihn auffordere, die nicht an ſeinen Großvater verpfändeten Städte zurückzugeben. Das Geld liege in Baſel, er könne es erheben laſſen. Es bildete ſich alſo ein gewaltiger Bund zwiſchen den Rheinſtädten, den Schweizern und Frankreich. Dieſe Kunde hatte Peter von Hagenbach unver⸗ ſehens überräſcht. Er beſaß keine Nachrichten vom Herzog von Burgund und glaubte alſo, er müſſe für ihn vor allen Dingen die Städte behaupten und Beſatzungen hineinlegen. Er beſetzte Thann und marſchirte gegen Breiſach, wo er während der Freitagsmeſſe ankam. An dieſem Tage war er fromm. Kachdem er ſeinen Einzug in die Stadt gehalten, begab er ſich nach der Kirche, und da der Geiſtliche die Paſſion vorlas, ſo rief er ihm zu, er ſolle augenblicklich von vorn anfangen. Daſſelbe that man ſpäter für Ludwig XIV. Enſisheim hatte ſeine burgundiſche Beſatzung verjagt und ſeine Thore geſchloſſen. Peter von Hagenbach zog in der Nacht vom Oſterſonntag von Breiſach aus und ſagte: „Wir wollen den Leuten da drüben den Oſter⸗ ſegen bringen!“ Er täuſchte ſich: die Einwohner hatten eine Wache auf den Glockenthurm geſtellt. Dieſe ſah ihn „—— 1——————— 5 —— — 87 mit ſeinen Truppen herankommen und machte Lärm; er wurde zurückgeworfen. Dieß war eine Schlappe, die er im Angeſicht von Leuten erlitt, welche ihn haßten. Er zweifelte nicht daran, daß man ihn bald ſelbſt in Breiſach belagern würde, und er beſchloß ſich in Vertheidi⸗ gungsſtand zu ſetzen. Die Einwohner befanden ſich in der großen Meſſe. Er ſchickte in alle Kirchen Ausrufer und ließ den Gläubigen ohne Unterſchied auf Alter, Stand und Geſchlecht befehlen, unverzüglich an den Feſtungs⸗ werken zu arbeiten. Dieſer Befehl war tyranniſch und ſabbathſchän⸗ deriſch zugleich. Das Gerücht verbreitete ſich, es ſtecke noch etwas Furchtbareres darunter. Die Stadt habe nicht genug Lebensmittel, um die Einwohner und die Beſatzung zu erhalten; ſobald daher die Einwohner draußen ſeien, werde man die Thore ſchließen, die Arbeiter nicht mehr hereinlaſſen und die in den Häuſern Zurückgebliebenen umbringen. Dieſe Gerüchte harmonirten unglücklicherweiſe ſehr gut mit dem ganzen Gebahren des Vogtes und fanden daher allgemeinen Glauben. Ein armer Teufel, der zur deutſchen Beſatzung gehörte, Namens Friedrich Vögelin, ein kleiner Mann, aber mit großem Muth begabt, von Pro⸗ feſſion ein Schneider, verſtändigte ſich mit dem Bürger, bei dem er einquartirt war und der zu den angeſehenſten der Stadt gehörte; ſie beſuchten mit⸗ einander die Poſten der deutſchen Soldaten. Vö⸗ gelin war Hauptmann, was ihm bei den Kriegern ein eben ſo großes Anſehen gab, als der Bürger 88 bei ſeinen Laudsleuten hatte. Sie brachten es da⸗ hin, daß Soldaten und Bürger verſprachen ſich bei Tagesanbruch bewaffnet auf dem Hauptplatz einzu⸗ finden. Die Soldaten hatten ſich um ſo bereitwilliger gezeigt, als ſie ſeit langer Zeit nicht mehr ausbe⸗ zahlt worden waren, und Vögelin hatte ihnen ge⸗ ſagt, es handle ſich um ihren Sold. Um ſechs Uhr Morgens, als Soldaten und Bür⸗ ger verabredetermaßen verſammelt waren, begab ſich Vögelin zum Vogt. „Was bedeutet dieſer Lärm auf dem Platz?“ fragte Hagenbach,„und was willſt Du von mir?“ „Meine Soldaten haben keinen Sou,“ antwor⸗ tete Vögelin. „Was macht das?“ „Sie verlangen ihre Bezahlung.“ „Sie ſollen.... bekommen,“ antwortete Ha⸗ genbach,„und wenn Du Dir's einfallen läſſeſt etwas Anderes zu verlangen, ſo laſſe ich Dich in den Fluß werfen.“ Vögelin thut, als ob er ſich in dieſes Argument füge, aber kaum iſt er zu ſeinen Leuten zurückge⸗ kehrt, ſo läßt er trommeln. Bei dieſem Lärm geht Hagenbach, der weder Gott noch Teufel fürchtet, auf den Platz hinab, zieht ſein Schwert und will auf Vögelin ein⸗ hauén. Man hätte glauben können, dieß ſei ein verab⸗ redetes Signal: Männer, Weiber, Kinder, Alles machte ſich über Hagenbach her. Der Vogt flüchtete ſich in ein benachbartes in nt e⸗ er b, n⸗ es es 89 Haus, wurde aber verfolgt. Vögelin ſelbſt mußte den Elenden vertheidigen, denn die Soldaten und Bürger wollten ihn zerreißen. Da der Preis für die an das Haus Burgund verpfändeten Beſitzungen dem Herzog Carl ausbe⸗ zahlt oder wenigſtens deponirt war, ſo daß er das Geld nur zu erheben brauchte, ſo betrachtete ſich der Herzog Sigismund als oberſten Gerichtsherrn. Er ernannte Hermann von Eptingen zum Landvogt, was Peter von Hagenbach bisher für den Herzog Carl geweſen war, und gab dem neuen Statthalter eine Wache von zweihundert Reitern, die ihm voll⸗ kommen genügte, um ſeine Autorität aufrecht zu erhalten, da die ganze Bevölkerung ihm zugethan war und ſeine Ankunft mit lautem Jubel begrüßte. Einige Tage nach dem Landvogt kam der Her⸗ zog Sigismund ſelbſt. Er fand Peter von Hagen⸗ bach als Gefangenen. Er ernannte ein Gericht von ſechzehn Rittern, die von acht Städten, nämlich Straßburg, Colmar, Schlettſtadt, Freiburg im Breisgau, Breiſach, Baſel, Bern und Solothurn geſtellt werden ſollten. Das Tribunal verurtheilte Peter von Hagenbach einſtimmig zum Tode. Dieſer verlangte keine andere Gnade, als mit dem Beil enthauptet zu werden. Acht Henker ſtellten ſich zu dieſem Geſchäfte ein. Es waren die Henker der acht Städte, welche die Richter geſchickt hatten. Der von Colmar wurde als der erfahrenſte ausgewählt. Der Erxſtatthalter wurde, nachdem er aus der Ritterſchaft geſtoßen worden, zwiſchen zwei Fran⸗ 90 ziskanermönchen auf den Hinrichtungsplatz geführt. Es geſchah dieß bei Nacht: Fackeln beleuchteten den Trauerzug, eine unermeßliche Menſchenmaſſe beglei⸗ tete ihn. Das Schaffot war auf einer Wieſe vor dem Stadtthor aufgeſchlagen. Der Verurtheilte ſtieg feſten Schrittes die Stufen hinan und gab dann ein Zeichen, daß er zu ſprechen wünſche. Alles ſchwieg. „Ihr Alle, die Ihr mich höret,“ ſprach Hagen⸗ bach,„ſeid mir Zeugen, daß ich den Tod nicht fürchte, obſchon ich ihn nicht auf dieſe Art, ſondern mit den Waffen in der Hand erwartet habe. Ich beklage nicht mein eigenes Leben, ſondern all das Blut, das in Folge meines Todes fließen wird; denn be⸗ denket wohl, daß der Herzog mich nicht ungerächt laſſen wird. Ich bitte Gott um Verzeihung, daß ich ein ſolches und ein noch härteres Urtheil ver⸗ dient habe. Ihr Alle, über die ich ſeit vier Jahren als Statthalter geſetzt war, verzeihet mir, was ich aus Mangel an Weisheit oder aus Bosheit gethan habe; ich war ein Menſch, verzeihet mir.“ Sodann erklärte er, daß er der Kirche von Brei⸗ ſach ſeine goldene Kette und ſeine ſechzehn Pferde hinterlaſſe, ſprach eine Weile mit ſeinem Beichtvater und legte ſein Haupt auf den Block. Alsbald blitzte das Schwert in den Händen des Scharfrichters und der vom Rumpfe getrennte Kopf rollte auf den Boden. Dieſer Kopf gehörte von Rechtswegen demjeni⸗ gen, der ihn abgehauen hatte, d. h. dem Scharf⸗ richter von Colmar, der ihn als Trophäe ſeinen — N 8 f ⸗ ſ⸗ n 91 Mitbürgern heim brachte. Man kann ihn noch jetzt in Colmar ſehen; es iſt der Kopf eines Mannes von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, mit rothen Haaren und übereinander gebiſſenen Zähnen, der wahre Kopf eines Verurtheilten, der ſeine Hals⸗ ſtarrigkeit bis über den Tod hinaus bewahrt. VI. Der Herold von England. Wie Hagenbach vorhergeſehen hatte, war der Herzog Carl im höchſten Grad erbittert: er verlor zugleich einen ergebenen Diener und eine reiche Provinz. Er ſchloß mit Eduard IW einen Vertrag, kraft deſſen er ihm Frankreich gab und ſich für ſeine Perſon mit Nevers, der Champagne und den Städ⸗ ten an der Somme begnügte. Der Herzog unterzeichnete dieſen Vertrag am 25. Juli 1474. Dann begab er ſich am 30. zu ſeinen Leuten, die ſchon ſeit zwölf Tagen das Städtchen Neuß be⸗ lagerten. Neuß gehörte zum Erzbisthum Cöln. Der Erz⸗ biſchof Robert von Bayern, der mit ſeinem Kapitel im Streit lag, hatte die Gerichtsbarkeit des Kaiſers abgelehnt und den Herzog von Burgund als Schirm⸗ vogt und Vertheidiger angenommen. Dieſer hatte 92 der Stadt den Befehl zugeſchickt ſich zu unterwerfen; aber ſein Herold ward beſchimpft, ſein Wappen im Koth herum gezogen, und die Vornehmern der Stadt, die Stiftsherren ſowie die adeligen Laien hatten den Erzbiſchof Hermann von Hens, einen Bruder des Landgrafen, denſelben, der ſpäter Her⸗ mann der Friedliebende genannt wurde, zum Erz⸗ biſchof erwählt. Am 15. Juli hatte ſich der neue Erzbiſchof nach Neuß geworfen, wo er ſich ein volles Jahr be⸗ hauptete. X Der Himmel verdüſterte ſich für den Herzog von Burgund; ſein Glück ſchien ihn zu verlaſſen; da aber die Warnungen nur mit kleinen Dingen be⸗ gannen, ſo hob er die Belagerung nicht auf, ſon⸗ dern beging den Fehler hartnäckig darauf zu be⸗ ſtehen. kam es, daß man wieder Muth gegen ihn gewann; er war noch immer der Furchtbare, aber nicht mehr der Unüberwindliche. Der junge René von Lothringen, welchem der Herzog ſein Land nehmen wollte, ſchloß jetzt einen Vertrag mit Ludwig XI, und da ſein Großvater, der alte König Rens, die Abſicht gehabt hatte ihn zu enterben, um dem Herzog von Burgund die Provence zu geben, ſo nahm Ludwig XI Anjou als Pfand. Die Schweizer ihrerſeits erklärten dem Herzog den Krieg, drangen in der Franchecomté ein und gewannen ſeinen Generalen die Schlacht von Heri⸗ court ab. Die Schweizer waren ſchon damals ſehr tüchtige — 1—— 8——, — nz im er en en r⸗ rz⸗ ich e⸗ on da e⸗ e⸗ hn er er en er, hn die ou 0g nd ri⸗ 93 Krieger ſie hatten es kurz vorher dadurch bewieſen, daß ſie das öſtreichiſche Joch abſchüttelten. Ludwig Xl hatte mit ihnen ſchon früher in der Schlacht von St. Jakob Bekanntſchaft gemacht, und obſchon er ſie geſchlagen, ſo war ihm doch die Art, wie ſie ſich tödten ließen, in furchtbarer Erinnerung ge⸗ blieben. Die Schweizer begannen nebſt den Engländern einen Begriff von der künftigen Wichtigkeit des Fußvolkes zu geben und zu zeigen, daß daſſelbe der Mittelpunkt werden ſollte, um welchen ſich die ganze moderne Strategie drehen würde. Nur kämpften die engliſchen Bogenſchützen aus der Ferne, während die ſchweizeriſchen Pikenmänner Mann gegen Mann fochten, und zwar, um die Entfernung noch kleiner zu machen, ihre Piken nicht, wie die andern Völker, am Ende, ſondern in der Mitte hielten. Dieſe Bergbewohner glaubten feſt— und die Erfahrung hat ihnen Recht gegeben— daß ſie in dichtgeſchloſſenen Reihen und mit eingelegten Helle⸗ barden ſelbſt die furchtbarſten bepanzerten Ritter zurückwerfen könnten.. Sie ſchloſſen ſich alſo, wenn es ſich um einen Angriff handelte, feſt zuſammen und drangen blind⸗ lings auf den Feind ein. Nichts vermochte dieſen Männern zu widerſte⸗ hen, die eine ſo gewaltige Lebenskraft beſaßen, daß ſie ſogar mit tödtlichen Wunden noch immer fort⸗ kämpften; ſelbſt das Gift konnte ihnen nichts an⸗ haben. Leſet was ſechzig Jahre ſpäter der getreue 94 Diener von ihnen ſchreibt:„Da die Italiener,“ erzählt Fleuranges,„wußten, wie die Schweizer tranken— noch heutzutage ſagt man, trinken wie ein Schweizer— ſo vergifteten ſie nicht das Waſ⸗ ſer, ſondern den Wein in den Städten, durch welche die Schweizer kommen ſollten. Die Schweizer tran⸗ ken den Wein und befanden ſich pudelwohl dabei.“ Mit dieſen derben Kuhhirten ſollte es der Her⸗ zog von Burgund zu thun bekommen. Ludwig XI hatte, wie wir bereits geſagt, in der letzten Zeit mit ihnen unterhandelt. Die Kan⸗ tone verkauften an ihn ſechstauſend Mann für je vier und einen halben Gulden monatlich. Für dieſe viereinhalben Gulden ließ er ſie ſeine Kriege führen und verpflichtete ſich ihnen Hülfe zu leiſten. Gleich⸗ wohl konnte er ſich dieſer Verpflichtung auch ent⸗ ziehen, wenn er ihnen jährlich zwanzigtauſend Gulden bezahlte, die ſtets in Lyon bereit liegen ſollten. Der Herzog von Burgund, der Neuß nur als ein Frühſtück betrachtete und dann ſeine umfaſſenden Pläne gegen Frankreich ausführen wollte, hatte nicht blos eine einzige, ſondern vier Armeen vor dieſem Städchen: eine lombardiſche, die Jakob von Savoyen ihm zugeführt; eine engliſche, die er von Eduard gemiethet; eine franzöſiſche, die er in ſeinen Staaten geworben hatte, und endlich eine deutſche. Und mit dieſen vier Armeen konnte er das arm⸗ ſelige Neſt nicht nehmen. Aus dem Lager der Belagerer wurde allmählig eine förmliche Stadt, die man vor die Stadt baute. Carl hatte ſich ein Haus aufführen laſſen, von wo * * S cS 8 S——— 1—c— — r⸗ 95 aus er die Belagerung leitete; er blieb fortwäh⸗ rend unter den Waffen und ſchlief, ohne Zweifel in Folge eines Gelübdes, auf einem Stuhl./ Und während dieſer Zeit erfuhr er alle mög⸗ lichen Nachrichten, die ihn immer mehr in Wuth verſetzten. Luremburg wurde von den Deutſchen über⸗ zogen. Perpignan wurde den Aragoniern wieder ab⸗ genommen. Ludwig Kl zog in die Picardie ein. René von Vaudemont, ein Kind, bot ihm mit Feuer und Schwert Trotz. Seine Feſtung Pierrefonds hatte ſich ergeben. Die Engländer, die er fortwährend erwartete, kamen fortwährend nicht. Endlich kam das deutſche Reich der Stadt Cöln zu Hülfe: zehn Fürſten, fünfzehn Herzoge oder Markgrafen, ſechshundert fünfundzwanzig Ritter und das Contingent von achtundſechszig Reichsſtäd⸗ ten rückten heran. Aber der Kaiſer, der noch immer ſeinen Sohn mit der Erbin von Burgund zu vermählen hoffte, wollte ſich nicht gänzlich mit Carl überwerfen: er ſchlug ihm vor, den päbſtlichen Legaten, der ſich in der kaiſerlichen Armee befand, als Schiedsrichter anzunehmen. Der Herzog war hoch erfreut ſo wohlfeilen Kaufs davonzukommen und willigte ſo⸗ gleich ein. König Ludwig rückte beſtändig vorwärts und war bereits in Artvis. Der Legat begab ſich am 9. Juni 1475 mit den kaiſerlichen und den burgundiſchen Räthen nach Neuß. 96 Am 26. deſſelben Monats hob der Herzog ſein Lager auf. Er hatte ſo eben erfahren, daß die Engländer, die ſchon lange gezögert, endlich in Calais gelandet waren. Wer hatte ſie dahin berufen? Der König von Frankreich einmal nicht; wohl aber mochte der Herzog von Burgund einigermaßen und der Graf von St. Pol ſehr bedeutend die Hand dabei im Spiel haben. Wir werden ſogleich das Haupt dieſes Letzteren fallen ſehen; begründen wir zuvörderſt, warum es fiel. Der Connetable wußte recht gut, daß der König und der Herzog ihn ſeit der Belagerung von Beau⸗ vais tödtlich haßten: der Herzog, weil er ihm nicht gegen den König, der König, weil er ihm nicht gegen den Herzog gedient hatte. Der König und der Herzog waren daher über⸗ eingekommen den Connetable aus dem Wege zu ſchaffen; die mit der Unterhandlung beauftragten Geſandten hatten ihre Unterſchriften ausgewechſelt. Der Connetable wurde von den beiden Fürſten als ſtrafwürdiger Verräther erklärt, und jeder ver⸗ pflichtete ſich ihn binnen acht Tagen hinrichten zu laſſen, wenn er ihn in ſeine Hände bekäme. Aber kaum war der Vertrag unterzeichnet, ſo kam Ludwig XI auf den Argwohn, der Herzog könnte ſich wit dem Connetable verſöhnen und den Haß des Königs bei ihm geltend machen wollen. Er beſchloß daher ihm zuvorzukommen, d. h. St. Pol für ſich und gegen den Herzog zu gewin⸗ 97 1 nen, und zu dieſem Behuf ſchlug er dem Conne⸗ table eine Zuſammenkunft vor. „ Der Connetable erklärte ſich bereit, ergriff aber t ſeine Maßregeln. Die Beſprechung fand auf der Landſtraße bei Ham ſtatt. Eine Barriere war auf dem Weg errichtet, um n den König von dem Grafen zu trennen. Die Brücke d von Montereau hatte in dieſer Beziehung Erinne⸗ rungen hinterlaſſen, welche dem Connetable nicht n geſtatteten Vorſichtsmaßregeln zu verſäumen. 8 Der Graf von St. Pol hatte dreihundert be⸗ waffnete Edelleute ſammt ihrem Gefolge hinter ſich ig und trug unter ſeinem Gewand einen Panzer. 1⸗ Der König, der ein wenig zögerte, ließ ſich ht durch Comines entſchuldigen und ſeine nahe An⸗ ht kunft anmelden. Endlich erſchien er mit ſechshundert Reitern, r⸗ welche der Graf von Dammartin, der bitterſte Feind zu des Connetable, commandirte. en Ludwig Xl ritt mit nur fünf oder ſechs Perſo⸗ lt. nen ſeines Gefolges auf der Straße voran. 8 St. Pol entſchuldigte ſich wegen ſeiner ſtarken r⸗ Bedeckung.. „Aber,“ ſagte er,„wenn ich einiges Mißtrauen gezeigt habe, ſo geſchieht dieß wegen des Grafen ſo von Dammartin.“ og„Ach was!“ antwortete der König,„heute iſt en der Tag der allgemeinen Verſöhnung; ich will zwi⸗. ſchen Euch Beiden Frieden ſtiften. ℳ h. Und er rief Dammartin, der ganz allein in⸗ heranritt. Dumas, Karl ber Kühne. II. 7 — ℳ„ 6 98 Ludwig Xl begab ſich zuerſt auf die andere Seite der Barriere und umarmte St. Pol. „Und jetzt,“ ſagte er,„ſoll von der Vergangen⸗ heit keine Rede mehr ſein; aber Ihr werdet doch Alles halten was Ihr mir verſprochen habt?“ „Ich ſchwöre es Euch, Sire,“ antwortete der Connetable. „Ich kann mich alſo darauf verlaſſen, daß Ihr zu mir haltet?“ „Gegen Jedermann, Sire.“ „Dann komm her, Dammartin, und umarme unſern Freund.“ Der Graf näherte ſich und gehorchte. Hierauf führte Ludwig Xl den Connetable nach Noyon und bewirthete ihn feſtlich. Tags darauf kehrte der Graf nach St. Quentin zurück.* Warum der König dem Connetable auf ſo ver⸗ bindliche Weiſe entgegenkam? Wer vermöchte es zu ſagen? Ohne Zweifel be⸗ durfte er ſeiner noch zu irgend einem geheimniß⸗ vollen Anſchlag, den er gerade ſchmieden wollte. Die Befürchtungen Ludwig's Xl, daß der Her⸗ zog ſeinerſeits den Connetable für ſich zu gewinnen ſuchen möchte, erwieſen ſich nicht als unbegründet: zwei Tage nach ſeiner Beſprechung mit dem König erhielt der Connetable eine Botſchaft von dem Her⸗ zog von Burgund, der ihm einen Jahresgehalt von zehntauſend Thalern anbot, wenn er ſeine bei Montlhery gegebenen Verſprechungen hielte. Der Connetable ließ den Herzog ſeiner zuver⸗ läſſigſten Treue verſichern und ihm ſagen, er werde — „ 99 demnächſt Gelegenheit zu finden wiſſen den König beim Kragen zu packen und an ihn auszuliefern. Sobald ſich Ludwig XKl einmal in den Händen des Herzogs von Burgund befinde, wolle er(der Connetable) auch die Königin und den Dauphin feſtnehmen und in die Verbannung ſchicken. Wenn Frankreich dann keinen König, keine Kö⸗ nigin und keinen Dauphin mehr habe, ſo könne der Herzog ganz nach Belieben ſchalten und walten⸗ Inzwiſchen waren die Meinungen im Rathe des Königs ſehr getheilt. Der König wünſchte den Waffenſtillſtand mit dem Herzog von Burgund zu verlängern; die Räthe dagegen erklärten, da der Herzog mit den Schweizer⸗ kantonen und Oeſtreich im Krieg liege, ſo könne der König gar nichts Beſſeres thun, als den Schwei⸗ zern und dem Erzherzog Sigismund zu Hülfe zu kommen. Aber Comines als alter Freund des Herzogs ſtellte ſich auf die Seite des Königs und beſtand auf der Verlängerung des Waffenſtillſtandes. „Gebt ihm ſeinen Waffenſtillſtand,“ ſagte er zu Ludwig XI,„laßt ihn ſeinen Kopf an dieſen deut⸗ ſchen Ländern zerſtoßen, die weit größer und mäch⸗ tiger ſind als man glaubt. Wenn er einen Platz genommen und einen Strauß ausgefochten hat, ſo wird er ſogleich einen neuen anfangen: er iſt von der unerſättlichſten Unternehmungsluſt, und je mehr man ihn ſich verwickeln läßt, um ſo weniger wird er ſich herausfinden können. Ihr könnt Euch nicht beſſer an ihm rächen, als wenn Ihr ihn geradezu gewähren laßt. Dieſes Deutſchland iſt ſo groß und 100„ ſo ſtark, daß er ſich dort gänzlich aufreiben wird. Der Kaiſer iſt allerdings ein Menſch, der weder Verſtand noch Muth beſitzt und ſich lieber Alles gefallen ließe, als daß er ſein Geld hergäbe; aber die Reichsfürſten werden ſchon Ordnung zu ſchaffen wiſſen.“ Der König hörte auf Comines und befand ſich ſehr wohl dabei. Er ſtand in Unterhandlung mit dem Herzog, als die Engländer landeten, und nun konnte Carl ſich nicht förmlich mit ihnen vereinigen, ohne den Waffenſtillſtand zu brechen. St. Pol hatte, wie man jetzt begreift, die Eng⸗ länder herbeigerufen, weil er die Angelegenheiten des Königs und des Herzogs verwirren mußte, um ſeine eigenen zu entwirren. Der Herzog glaubte, die Engländer würden in der Normandie landen und die Seine herauffahren; aber nein, ſie landeten in Calais, ganz nahe bei Flandern, beinahe auf burgundiſchem Gebiet. Carl, der ſie recht ſchnell zu entfernen wünſchte, eilte nach Brügge, um Geld einzutreiben, und traf am 14. Juli mit Eduard zuſammen. Dieſer war in eigener Perſon erſchienen, und zwar mit vierzehntauſend Bogenſchützen, fünfhundert Reitern und dem ganzen Adel Englands. Der Herzog beeilte ſich blos deßhalb ſo, weil er die engliſche Armee ſo ſchnell als möglich nach Frankreich hineinzutreiben wünſchte. Inzwiſchen ſchickte Eduard ſeinen Herold Jarre⸗ tiere an Ludwig Xl ab. Der Herold überreichte dem König in Gegenwart des ganzen Hofes die Herausforderung ſeines Gebieters. 101 Eduard forderte in dieſer Kriegserklärung Lud⸗ wig Xl auf, ihm ſein Königreich Frankreich zurück⸗ zugeben, widrigenfalls er alle Schuld wegen des Unheils und Blutvergießens, das aus ſeiner Wei⸗ gerung erfolgen müßte, von ſich abwälze. Dieſes Schreiben war in ſo ſchönem franzöſiſchem Stil abgefaßt, daß es auf der Hand lag, daß es von keinem Engländer kommen konnte.* Der König las ganz leiſe: die Herren in ſeiner Umgebung waren äußerſt geſpannt auf den Inhalt der Botſchaft, aber Ludwig Xi war nicht der Mann, der ſeine Angelegenheiten vor aller Welt aus⸗ ſchwatzte. Er legte ſeine Hand an die Schulter des He⸗ rolds und führte ihn in ein Nebenzimmer. Hier begann Ludwig XI ihm mit der Vertrau⸗ lichkeit vorzuplandern, welche ihm ſo leicht die Her⸗ zen von untergeordneten Perſonen gewann. „Ich weiß recht gut,“ ſagte er,„daß, wenn mein Vetter, der König von England, Euer Ge⸗ bieter, in mein Reich kommt, um mich zu bekriegen, er dabei nicht lediglich ſeinem eigenen Willen ge⸗ horcht; ich bin ihm deßhalb auch nicht im Mindeſten gram darüber und werde ſtets ſein Freund und 1 Bruder bleiben. Wenn er dieſen Zug unternommen hat, ſo geſchah es auf das Andringen des Herzogs von Burgund und ſeines engliſchen Parlamentes; aber er kann es nicht ſehen, daß die günſtige Zeit 3 ſchon beinahe verſtrichen iſt, und der Herzog von * Vurgund kann ihm nicht den mindeſten Beiſtand . leiſten. Er kommt ganz aufgerieben und ruinirt von der Belagerung von Neuß zurück. Seine Ar⸗ 102 mee befindet ſich in einem ſo ſchlechten Zuſtand, daß er es nicht wagen wird ſie den Engländern zu zeigen. Ich weiß ferner recht gut, daß mein Bruder von England ein Einverſtändniß mit dem „Connetable unterhält, deſſen Nichte er geheirathet hat; aber er traue ja nicht zu ſehr, denn er könnte leicht hintergangen werden. Ich wüßte gar viel von den Wohlthaten zu erzählen, die ich ihm er⸗ wieſen, und von den Verräthereien, womit er mich belohnt hat. Dieſer Menſch will nur mit allen Parteien ein heuchleriſches Spiel treiben und im Trüben fiſchen...“ Jarretiere hörte ſchweigend zu. Der König fuhr alſo fort: „Euer Herr würde weit beſſer thun, mit ſeinen alten Feinden einen ehrlichen Frieden zu ſchließen, als auf die Verheißungen ſeiner neuen Freunde zu bauen. Ueberdieß iſt der Friede Gott wohlgefälli⸗ ger als alles Andere, und deßhalb wünſche ich ihn ſehnlich. Meldet dieß alſo Euerm Herrn als ge⸗ treuer Diener, denn es iſt zu ſeinem eigenen Beſten. Auch ſoll es Euer Schaden nicht ſein, und wenn mein Vetter aus England ſich durch Eure freund⸗ liche Vermittlung beſtimmen läßt auf einen Vergleich einzugehen, ſo ſollt Ihr als Zeichen meiner Freund⸗ ſchaft tauſend Goldthaler erhalten, außer den drei⸗ hundert, die ich Euch jetzt geben will.“ Jarretiere wurde durch dieſe Anerbietung und noch mehr durch den vertraulichen Ton des Königs gewaltig angelockt; er verſprach den geringen Ein⸗ fluß, den er auf ſeinen Herrn haben könne, gel⸗ tend zu machen; geſtand, daß Eduard keine ſonder⸗ liche Luſt zum Krieg habe, und rieth Seiner Maje⸗ ſtät, wenn ſie ihrerſeits ihren Herold abſende, denſelben an Lord Howard und Lord Stanley zu ſchicken. Dann fügte er hinzu: „Und auch ein wenig an mich, Sire, damit wir ihm mit gutem Rath an die Hand gehen.“ Ludwig Xl kehrte mit dem engliſchen Herold in das Zimmer zurück, wo ſämmtliche Edelleute voll Ungeduld warteten; man bemerkte, daß der König auffallend heiter war. „Herr von Argenton,“ ſagte er zu Comines— er hatte ihm nämlich die Herrſchaft Argenton ge⸗ ſchenkt und nannte ihn ſeitdem immer mit dem be⸗ treffenden Titel—„Herr von Argenton, laßt drei⸗ ßig Ellen rothen Sammt abmeſſen, um ſie dem engliſchen Herold zu geben.“ Dann fügte er leiſe hinzu: „Alles geht ganz gut; verlaßt ihn nicht, ſon⸗ dern unterhaltet Euch fortwährend mit ihm und ſorget, daß Niemand vor ſeiner Abreiſe mit ihm ſpreche.“ Hierauf begann der König, ohne Etwas von ſeiner Beſprechung mit dem Herold zu ſagen, über den Brief ſeines Vetters zu ſcherzen, der viel zu fett geworden ſei, um jetzt noch Krieg zu führen und nach ſeiner Gewohnheit zu Fuß zu kämpfen. Ludwig's XI Aeußerungen gegen Jarretiere er⸗ wieſen ſich als vollkommen richtig. Cduard glaubte die Stufen des Thrones bereits von der Armee des Herzogs von Burgund beſetzt, die Truppen 104 des Königs geſchlagen oder wenigſtens gänzlich ab⸗ gehetzt und in ſchlechtem Zuſtand zu finden. Dagegen zeigte ſich in Calais weder ein Herzog noch eine Armee. Nur die Herzogin von Burgund erſchien, um ihren Bruder zu begrüßen. Endlich kam auch der Herzog, aber allein. War es alſo wahr, was der König über die Vernichtung dieſer Armee zu Jarretiere geſagt hatte? Aber der Herzog wollte ſich erklären. Zu ſeinem großen Erſtaunen fand Eduard, daß ſein Schwager weit eifriger darauf bedacht war Lothringen für ſich ſelbſt zu erobern, als ihm zur Eroberung Frankreichs die Hand zu bieten. Dann ſprach Carl von nichts Anderem, als wie er die Elſäſſer und die Leute von Ferrette beſtra⸗ fen wolle, die, wie wir bereits erzählt, ſeinem t Peter von Hagenbach den Kopf abgeſchlagen hatten. Dieſe neuen Pläne, die dem König von Eng⸗ land gänzlich unbekannt waren und ſo ſchlecht mit den Verpflichtungen harmonirten, welche der Herzog von Burgund gegen Eduard eingegangen hatte, wurden von dem letztern endlich in den Vorſchlag zuſammengefaßt, den Krieg nicht gemeinſchaftlich, ſondern vereinzelt und Jeder für ſich anzufangen. Während die Engländer über die Somme mar⸗ ſchirten und über Laon und Soiſſons in Frankreich einzögen, würde er, Carl, Luxemburg und Loth⸗ ringen, das ihm ſo ſehr am Herzen lag, wieder⸗ nehmen, ſodann über Nancy in der Champagne einrücken und in Rheims mit Eduard zuſammen⸗ ſtoßen. W — 105 Dort ſollte er dann gekrönt werden. Der Vorſchlag ſah ganz wie ein ſchlechter Witz aus, und die Engländer nahmen ihn ſo auf. Sie forderten den Herzog auf, er ſolle ſie we⸗ nigſtens perſönlich begleiten, wenn er ihnen auch nicht mit ſeiner Armee zu Hilfe kommen wolle. Carl nahm mit ihnen den Weg über Guines, St. Omer, Arras, Doullens und Peronne, lautet Land, das ihm ſelbſt gehörte. Sie Engländer hatten großes Rühmen von der Gaſtfreundlichkeit des Hauſes Burgund gehört und ſich daher bei ihrem Marſch durch die Städte des Herzogs auf gute Lewirthung gefaßt; aber nein, Carl mißtraute ſeinen Gäſten, zog ſelbſt in ſeine Städte ein, ſchlief in ſeinen Paläſten und ließ ſe Schwager Eduard auf irgend einem Meier⸗ hof, deſſen Armee aber geradezu unter freiem Him⸗ mel campiren. Wenn die Engländer ſich beklagten, ſo ſagte er zu ihnen: „Ach, geduldet Euch nur noch bis St. Quentin. Dort ſteht der Connetable, der Euch ſo dringend eingeladen hat; er erwartet Euch bei offenen Tho⸗ ren.“ Der Vertrag von Piequigny. Man kam vor St. Quentin an. 4 Die Engländer glaubten in eine befreundete 106 Stadt einzurücken; ſie marſchirten ohne ſtrenge Kriegsordnung, weil ſie hofften, man werde ihnen mit dem Kreuz und dem Banner entgegenkommen. Als ſie auf fünfhundert Schritte vor die Thore kamen, begann die Artillerie zu ſchießen. Eduard glaubte, es ſeien Freudenſchüſſe, aber man meldete ihm, daß der erſte Schuß ſcharf geladen geweſen ſei und einen Mann getödtet habe. Der zweite tödtete zwei Mann. Dann ſah man die Beſatzung herausrücken und ſich in Schlachtordnung aufſtellen. Der Connetable wies jetzt ungeſcheut ſeine Zähne. Die Engländer, die ſich eingebildet hatten, ganz ungehindert in Frankreich einziehen zu können, fan⸗ den jetzt weiter nichts als einen Platz, um ihr La⸗ ger zu ſchlagen. Frankreich öffnete ſich vor ihnen, verſchloß ſich aber wieder hinter ihnen. Der Herzog ſeinerſeits ſprach ihnen beſtändig vor, daß er ſie verlaſſen müſſe, um ſeinen Krieg in Lothringen zu führen. Eduard ſah, daß ihn in Betreff des Empfangs, der ihn in Frankreich erwarte, Jedermann getäuſcht hatte, nur der König von Frankreich nicht. In ſeiner Nähe befanden ſich Stanley und Ho⸗ ward, die jeden Augenblick zu ihm ſagten: „Da ſeht Ihr, Sire!“ Der Herold Jarretiere bildete das Echo. Im Augenblick, wo die Engländer, durch die Kanonade von St. Quentin zurückgetrieben, ſich ganz verblüfft fragten, wie ſie denn eigentlich daran —c — S— ige en en. re rd ete en ie ch 107 ſeien und was das Alles bedeute, brachte man den Diener eines beim Hauſe des Königs angeſtellten Edelmanns als Gefangenen ein. Der Edelmann hieß Jakob von Granet; den Namen des Dieners hat die ariſtokratiſche Geſchichte vergeſſen. Dieß war der erſte Gefangene, den man machte: man führte ihn vor den König Eduard, der ihn verhörte und ſodann gnädig wieder entließ. Als der arme Teufel ſich entfernte, hielten zwei vornehme Herrn ihn an und ſchenkten ihm jeder ein Goldſtüͤck. Der Eine ſagte: Ich bin Stanley; der Andere: Ich bin Howard; empfehlet uns Eurem Gebieter. Der Diener kam hocherfreut nach Compiegne zurück, wo der König war, erbat ſich eine Audienz und erzählte ſeine ganze Geſchichte. Der König hielt ihn für einen Spion: das Unglück wollte, daß Jakob von Granet einen Bruder im Dienſt des Herzogs von Bretagne hatte; daher das Mißtrauen. Der Bediente wurde verhaftet und in Ketten ge⸗ worfen. Aber in den Ausſagen dieſes Mannes lag zu viel Wahrheit, als daß Ludwig XI lange ſich hätte täuſchen ſollen. Er ließ ihn zehnmal des Tages aus dem Gefängniß kommen und gewann bei jedem Verhör die feſtere Ueberzeugung, daß er Unrecht habe, ſo mißtrauiſch zu ſein. Was der Mann ſagte, ſtimmte vollkommen mit den Aeußerungen des Herolds Jarretiere überein. Der König trug ſich ſchon lange mit dem Ge⸗ 108 danken, ſelbſt einen Geſandten zu den Engländern zu ſchicken. Unglücklicherweiſe hatte er keinen Herold bei der Hand. Er ſaß an der Tafel und konnte, wie der Vater des Cid, nicht eſſen. Ihm gegenüber befand ſich Comines, der die Urſache ſeiner Beklommenheit und ihn aufforderte, einen Entſchluß zu aſſen. Auf einmal ſchien der König ſeiner Sache ſicher zu werden. „Ah!“ ſagte er,„jetzt habe ich's, Argenton.“ „Was iſt es, Sire?“ „Ihr kennet des Halles, meinen Kammer⸗ herrn?“ „Ja, Sire! den Sohn Merichons, des ehema⸗ ligen Maire von la Rochelle.“ „Ganz recht. Er hat einen Bedienten, den ich geſehen habe, und der ein geſcheidter Kerl iſt: ich möchte ihn als Herold ausſtatten und ins Lager der Engländer ſchicken. Diniret jetzt in Eurem Zimmer, laßt dieſen Diener holen und traget ihm die Sache vor.“ Herr von Argenton kannte dieſe Gewohnheit des Königs, ſich ſo viel als möglich geringer Leute zu bedienen, die er im Allgemeinen zu Unterhand⸗ lungen ſehr geſchickt fand. Er ging auf ſein Zim⸗ mer und ließ den Diener holen. Das Geſicht dieſes Menſchen, der Merindol hieß, war keineswegs vielverſprechend; er ſchien auf den erſten Blick ganz und gar nicht zur Rolle eines Herolds oder Geſandten geſchaffen zu ſein. Inzwi⸗ ſchen fand Comines, als er eine Weile mit ihm ge⸗ rn er er eit zu na⸗ ich ich ger hm eit ute nd⸗ im⸗ dol auf nes wi⸗ ge⸗ 109 ſprochen hatte, daß er nicht blos viel Verſtand, ſon⸗ dern auch namentlich eine einſchmeichelnde Beredt⸗ ſamkeit beſaß. Dieß war Ludwig X, der ihn nur ein einzigesmal geſehen und gehört hatte, im Ge⸗ dächtniß geblieben. Comines rückte alſo bald förmlich mit der Sprache heraus. Der Unglückliche war wie aus den Wolken ge⸗ fallen; er warf ſich Comines zu Füßen und flehte ihn an, er möchte einen Würdigeren zu dieſem Auf⸗ trag auserſehen. Aber Comines hob ihn auf, lud ihn zum Eſſen ein, ſprach lange mit ihm, ſtellte ihm die Sendung in ihrem wahren Lichte dar, bewies ihm, daß nicht die mindeſte Gefahr damit verbunden ſei, verſprach ihm viel Geld, fragte ihn, woher er ſei? und als der Mann la Rochelle als ſeine Geburtsſtadt nannte, verſprach er ihm irgend eine angenehme Stelle auf der Inſel Rhé. Mittlerweile kam der König herauf; er dachte ſich's, daß der arme Teufel Schwierigkeiten machen würde, und wollte ſie ſelbſt heben. Er verſtand ſich trefflich darauf und war überhaupt, wenn er wollte, der überredungsfähigſte Menſch von der Welt. Merindol willigte endlich ein. Aber wo ſollte man das nothwendige Herolds⸗ coſtüm herbekommen? Ludwig Xl wußte auch hier Rath zu ſchaffen. Er ſchickte ſeinen Oberſtallmeiſter Alain von Vil⸗ lers fort und ließ das Banner eines Trompeters holen. Dieſes Banner wurde ſchnell zu einem Heroldsrock mit den Wappen Frankreichs zugeſtutzt; den Reſt des Coſtüms entlehnte man bei einem 110 Herold des Bruders des Herrn von Bourbon. Dann ließ man ein Pferd kommen, und unſer Mann, der ſeinen Heroldsanzug in einem kleinen Mantelſack vorn auf dem Sattel zuſammengerollt hatte, zog alſo auf ſeine Sendung aus, ohne mit einer le⸗ bendigen Seele geſprochen zu haben. Er traf im engliſchen Lager juſt in dem Augen⸗ blick ein, wo der Herzog von Burgund es verließ, um ſich zu ſeiner Armee nach Luxemburg zu bege⸗ ben; der Zeitpunkt war alſo vortrefflich gewählt. Der improviſirte Herold rechtfertigte das be⸗ harrliche Vertrauen, das Ludwig Kl in ihn geſetzt hatte: er empfahl ſich den Lords Stanley und Ho⸗ ward und bat um eine Audienz bei dem Könige von England. Sie wurde ihm noch an demſelben Abend un⸗ mittelbar nach der Tafel bewilligt. Eduard, ein großer Eſſer, befand ſich nach ſeinen Mahlzeiten immer in vortrefflicher Stimmung, um Friedens⸗ vorſchläge anzuhören. Nachdem der Herold Lud⸗ wigs XI ſeine Botſchaft auseinandergeſetzt hatte, rief der König ſeinen Rath zuſammen und entſchloß ſich nach einer kurzen Diskuſſion für den Frieden. Der buckelige Gloceſter war der einzige, der dagegen ſtimmte, drang aber natürlich mit ſeiner An⸗ ſicht nicht durch. Merindol wurde mit einem Sicherheitsgeleite für Bevollmächtigte zu Ludwig Kl zurückgeſchickt. Ein engliſcher Herold begleitete den Herold des Königs von Frankreich. Ehe dieſer das Lager verließ, hatte Eduard IV — ,—— nn der ack 0g le⸗ en⸗ eß, ge⸗ be⸗ etzt o⸗ ige in⸗ ein en 18⸗ d⸗ te, oß er n⸗ ite — 8 V 111 ihn kommen laſſen und ihm einen mit Goldſtücken gefüllten ſilbernen Becher geſchenkt. Der König Ludwig ſeinerſeits empfing Merin⸗ dol vortrefflich, ſchenkte ihm eine bedeutende Geld⸗ ſumme und ernannte ihn zum Steuerbeamten auf der Inſel Rhé. Am folgenden Tag verſammelten ſich die Be⸗ vollmächtigten in einem Dorf bei Amiens. Die Engländer verlangten im Anfang die Krone Frankreichs, die Normandie und die Guyenne, be⸗ gnügten ſich aber zuletzt mit fünfundſiebzigtauſend Thalern baar Geld. Ueberdieß wurde beſchloſſen, daß der Dauphin die Tochter des Königs von England heirathen, und daß dieſe neun Jahre hindurch eine im Tower zu London von den Einkünften der Grafſchaft Guyenne zu bezahlende Rente von ſechzigtauſend Thalern beziehen ſolle; nach Verfluß dieſer neun Jahre ſolle ſie mit ihrem Gemahl in Frankreich wohnen. Endlich wurden den Engländern einige kleine Vergünſtigungen für ihre Waaren bewilligt. Eduard war ſo wüthend über den Herzog von Burgund, daß er ſich gegen den König von Frank⸗ reich aus freien Stücken erbot ihm alle Perſonen zu nennen, die ihn verriethen, und ihm die ſchrift⸗ lichen Beweiſe ihres Verraths zu liefern. Als die Geſandten zu dem König zurückkamen, den ſeine geſpannte Neugierde bis nach Amiens getrieben hatte, und ihm den Erfolg der Unter⸗ handlungen meldeten, wollte Ludwig Xl gar nicht daran glauben, ſo vortheilhaft erſchien ihm die Sache. 112 Er konnte ſelbſt nach der Unterzeichnung des Vertrags kaum daran glauben. So kam Ludwig XI alſo mit einer Geldzahlung weg; allerdings ließ er unter der Hand eben ſo große Summen fließen, als im Vertrag feſtgeſetzt waren: ein Lord erhielt zehntauſend Thaler, ein anderer zwanzigtauſend, ein dritter einen lebens⸗ länglichen Gehalt; überdieß bewirthete der König alle dieſe Leute in Amiens, hielt offene Tafel, gab den Engländern vier Tage lang tüchtig zu eſſen und zu trinken, und ſchickte ſie mit vollen Taſchen und Mägen wieder heim. Dagegen erhielt er die Beweisſtücke, die Eduard ihm verſprochen hatte. Dieſer Friede wurde der Friede von Picquigny genannt. Der Herzog war wie vom Donner gerührt, als er erfuhr, daß Alles aus ſei. Noch mehr aber erſchrack der Connetable, denn er begriff wohl, daß wahrſcheinlich er ſelbſt die Kriegskoſten zu zahlen haben würde. Er hatte alles Mögliche aufgeboten, um einiger⸗ maßen zu dem Frieden mitzuwirken; er miſchte ſich unaufhörlich hinein und meldete dem König, die Engländer würden ſich mit einigen Städtchen, wo ſie ihre Winterquartiere halten könnten, z. B. mit Eu und St. Valery, begnügen. Der König, der die Engländer gar nicht in ſeinem Lande einquar⸗ tiren wollte, ließ dieſe zwei Städtchen anzünden, und als die Bevollmächtigten die Sache zur Sprache brachten, antwortete man ihnen, ſie ſeien zufällig abgebrannt. — ,„ c— S——— — 8 —— e— ng ſo etzt ein ns⸗ nig Eduard war übrigens mit ſeinem künftigen Schwiegervater ſo wohl zufrieden, daß er ſich erbot, im folgenden Jahr wieder über den Canal zurück⸗ zukommen, um den Herzog von Burgund zu ver⸗ nichten, wenn Ludwig Kl nur die Hälfte der Krie koſten bezahlen wolle. Ludwig lehnte den Antrag ab: er begann mit Comines zu glauben, daß der Herzog ſich ſchon ſelbſt vernichten würde. Dagegen verlangte er nur eine einzige Sache, nämlich mit ſeinem Vetter in Frieden oder wenig⸗ ſtens im Waffenſtillſtund zu bleiben, damit dieſer alle Muße hätte ſeinen Krieg mit der Schweiz und dem deutſchen Reich zu führen. Er verſprach ſich ungeheuer viel von den achtzehn Fuß langen Lanzen, deren Wirkungen er in der Schlacht von St. Jakob geſehen hatte, und er hoffte ſehr, der Herzog von Burgund werde ſich mit ſeiner ganzen Ritterſchaft darein verrennen. Er ſelbſt hegte ein großes Verlangen ſich endlich die zwei Dorne auszureißen, die ihn unaufhörlich in die Seite ſtachen, den Dorn im Süden und jenen andern im Norden: Armagnac und Saint⸗Pol. Statt Armagnac ſollten wir eigentlich Nemours ſagen; ſchon im Jahr 1473 hatte man Johann von Armagnac, den Mann zweier Frauen, wovon die eine ſeine Schweſter war, aus dem Wege geſchafft. Ludwig XKl hatte ihn in Lectoure belagert und nach Einnahme der Stadt unter den Augen ſeiner Frau erdolchen laſſen. Dieß war ſchon Etwas: la Balue ſaß im Käfig, Dumas, Karl der Kühne. I. 8 8 8⸗ 8 114 Melun war enthauptet, Armagnae ermordet, Alencon zum Tode verurtheilt, ſo daß er nur noch aus Gnade lebte, und der Herzog von Guyenne war, ob nun an Gift oder nicht, geſtorben. Es blieben alſo nur noch Saint⸗Pol und Nemours. hnd Nemours— ein anderer Armagnac— ſah mit ſolcher Beſtimmtheit voraus, daß die Reihe an ihn kommen würde, daß er an Saint⸗Pol, der durch Heirath ſein Neffe war, ſchrieb: „Da ich jeden Augenblick abgefaßt werden kann, ſo will ich Euch meine Kinder ſchicken; bringt ſie in Sicherheit.“ Seit fünfzehn Jahren hatten dieſe zwei Burſche bald den König von Frankreich, bald den König von England, bald den Herzog von Burgund auf's Schmählichſte verrathen, und jeder Verrath hatte ihnen eine Provinz oder einen Titel eingetragen. Nemours z. B. hatte in ganz Frankreich Güter, von den Pyrenäen bis ins Hennegau. Saint⸗Pol war der vollendetſte Typus von Un⸗ dankbarkeit, den man nur ſehen konnte. Der König hatte ihn mit Güte überhäuft und war dreimal beinahe durch ihn geſtorben; ich will ſagen umgekommen, denn ein König kommt um, ſtirbt aber nicht. Das erſte Mal machte Saint⸗Pol den Verräther bei Montlhery und gewann dabei den Degen des Connetable, eine Frau, eine reiche Mitgift, ſowie die Statthalterſchaft von der Normandie. Das zweite Mal übergibt ihm Ludwig Xl Fe⸗ ſtungen und eine Heeresmacht im Süden, und da on ade un ur an ch n, in he ig te 115 verbindet er ſich mit dem Herzog von Guyenne und dem Herzog von Burgund gegen Lugwig Xl. Das dritte Mal endlich vergißt ſich Carl der Kühne in Cöln und Neuß; er fängt mit dem deut⸗ ſchen Reich Krieg an; da holt Saint⸗Pol den Eng⸗ länder und bringt ihn nach Frankreich. Dieß wurde durch die Briefe bewieſen, welche Eduard dem König Ludwig Xl eingehändigt hatte. Man mußte um jeden Preis Saint⸗Pol zu be⸗ kommen ſuchen. Der König gab für dieſen Mann eine Provinz hin und ließ ſich eine andere nehmen: er gab Loth⸗ ringen und ließ ſich das Elſaß nehmen. Er ſagte daher mit ſeinem ſchalkhaften Lächeln:„Mein edler Vetter von Burgund hat es mit dein Connetable gemacht, wie man es mit dem Fuchs macht. Er hat das Fell, das einen prächtigen Pelz gibt, be⸗ halten, und ich ſoll nur das Fleiſch bekommen, das für nichts gut iſt.“ Der Vertrag, kraft deſſen der König Lothringen an den Herzog abtrat, der ſeinerſeits den Conne⸗ table preisgeben mußte, wurde am 13. September 1475 abgeſchloſſen. Tags darauf erſchien Ludwig RI mit fünfhundert Mann vor St. Quentin, das ihm ſeine Thore öffnete. Saint⸗Pol hatte ſich nach Mons zu ſeinem Freund, er nur von einem einfachen Kammerdiener des Her⸗ zogs überwacht und glaubte, daß er nichts zu fürchten habe. Aber am 16. Oktober erſchien ein Sekretär des 8* 116 Herzogs und brachte den Befehl, man ſolle Saint⸗ Pol genau bewachen. Endlich erſchien ein letzter Bote mit dem Befehl Saint⸗Pol am 24. auszuliefern, wenn Naoncy bis dahin nicht genommen wäre: Um dieſen letzten Befehl recht zu verſtehen, muß man wiſſen, daß der Herzog ſeinerſeits Ränke brauchte. Er hätte Loth⸗ ringen haben und Saint⸗Pol nicht ausliefern mögen, weil dieſer Mann in ſeinen Händen immer eine Waffe gegen den König von Frankreich wur. Ludwig Kl errieth dieß doppelte Spiel und be⸗ drohte ſeinen Vetter. „Wenn Ihr mir Soaint⸗Pol nicht herausgebt,“ ſagte er,„ſo rücke ich als Euer Feind und nicht mehr als Euer Verbündeter in Lothringen ein.“ Der Herzog belagerte Nancy. War Nancy ein⸗ mal genommen, ſo hatte er ganz Lothringen, und was fragte er dann nach dem König von Frankreich? Seine Ingenieure verſprachen ihm Nancy am 20. zu nehmen; deßhalb ſchrieb Carl:„Wenn Nancy am 24. nicht genommen iſt, ſo liefert Saint⸗Pol aus.“ Wurde Nancy am 20. genommen, ſo behielt er die Stadt und lieferte Saint⸗Pol nicht aus. Zum Unglück für dieſen hatten die burgundiſchen Ingenieure ſich getäuſcht. Am 24. verhafteten Hugonet und Humbercourt den Connetable; dieß waren ſeine zwei Todfeinde und ſie hatten keine Minute verloren. Drei Stunden nach der Verhaftung traf ein Befehl ein, der einen neuen Aufſchub geſtattete; aber es war zu ſpät. Saint⸗Pol wurde am 24. November in Mons 117 ausgeliefert, am 27. deſſelben Monats in die Ba⸗ ſtille gebracht und am 19. Dezember, nachdem er Alles geſtanden hatte, auf dem Greveplatz ent⸗ hauptet. Wem dieſer Tod am meiſten ſchadete, das war der Herzog von Burgund. Der Connetable war ſein Jugendfreund; der Herzog hatte ihn in ſeine Staaten aufgenommen, er hatte ihm Sicherheit ver⸗ ſprochen, und dennoch lieferte er ihn aus Habſucht aus. Auf dieſe Art begann Carl ſeinen ganzen Ruhm zu verlieren: ſeinen Kriegsruhm durch die Belage⸗ rung von Neuß, die er ſo ſchmählich hatte aufgeben müſſen; ſeinen ſtaatsmänniſchen Ruhm durch die Landung der Engländer, die er ſo ſchlecht unterſtützt hatte; ſeinen guten Namen als Ehrenmann durch die Preisgebung des Grafen von Saint⸗Pol, den er auf ſo traurige Art ausgeliefert. Jedermann ſagte jetzt ganz laut, der Herzog von Burgund ſei auf dem Weg des Verderbens be⸗ griffen. Gleichwohl ward ihm noch ein Augenblick des Glanzes beſchieden: der Tag, wo er ſeinen Einzug in Nancy hielt, nämlich der 29. November 1475, fünf Tage nach der Auslieferung des Connetable. Der Herzog ritt ſein Streitroß. Er ſtrahlte von Gold und Gdelſteinen. Er trug ein rothes Barett, das mit ſeiner Herzogskrone eingefaßt war, die aus ſo koſtbaren Diamanten und Perlen beſtand, daß man ſogte, ſie ſei ein ganzes Herzogthum werth. Hinter ihm kamen zwölf Pagen in ſo prächtigen Gewändern, daß man noch nie etwas Aehnliches geſehen hatte. 118 Neben ihm ritten der Prinz von Tarent, Sohn des Königs von Neapel, der Herzog von Cleve, die Grafen von Naſſau, von Marle, von Chimay, von Campobaſſo, und endlich Anton, der große Baſtard von Burgund.„— Er begab ſich in die St. Georgskirche, hörte da die Meſſe, ſchwur die Freiheiten der Stadt und die Privilegien des Herzogthums aufrecht zu erhalten, und kehrte dann zu Fuß zurück; ſein prächtig auf⸗ gezäumtes Pferd ließ er den Stiftsherren der Ca⸗ thedrale. Dieß war ihr Heimfallsrecht. Carl beſaß endlich Lothringen. Er hatte es freilich theuer erkauft. Er hatte den Vertrag angenommen, welchen Nancy zur Bedingung der Uebergabe gemacht hatte; er wollte dieſe Stadt zu ſeiner Reſidenz machen und daher nicht ruiniren. Er rief die Verbannten zu⸗ rück, ſchonte die Güter der Anhänger Rens's, be⸗ zahlte die Schulden ſeines Feindes und verpflichtete ſich nach dem alten Brauch der Herzoge Lothringens in Perſon Recht zu ſprechen. Dieſes ſchöne, reiche Nancy gefiel ihm beſſer, als jede andere Stadt, beſſer als Dijon, beſſer als irgend eine Stadt in ſeinem ungebärdigen und hoch⸗ müthigen Flandern; er wollte es noch verſchönern und zum Sitz eines oberſten Gerichtshofs machen; er wollte endlich einen prächtigen Palaſt da bauen und in dieſem Palaſt ſein Leben beſchließen. Aber vor allen Dingen mußte er dieſe elenden Schweizer züchtigen, die ſich unterſtanden hatten ihm den Krieg zu erklären. 1zt 119 VIII. Der Stier von Uri und die Kuh von Unterwalden. Die eidgenöſſiſchen Truppen hatten bereits die Feindſeligkeiten begonnen, Ausfälle in die burgun⸗ diſche Mark gemacht und Blamont in Brand ge⸗ ſteckt; überdieß hatten die Berner Truppen, um ſich der Jurapäſſe zu verſichern, die Feſtungen Jougne, Orbe und Granſon überfallen, welche dem Baron von Chatel⸗Guyon, einem der vornehmſten Herren des burgundiſchen Hofes, gehörten. Dieſe Schweiz, welche Cayl unterwerfen wollte, war für ihn mehr als eine Provinz, die er zu ſeinen Beſitzungen zu fügen gedachte; ſie war für ihn ein Lebenszweck, ein Weg, der ihn zum Ziel ſeines Ehrgeizes führte. „Aber,“ ſagte man zu ihm,„nehmt Euch in Acht, gnädigſter Herr, die Schweizer ſind vortreff⸗ liche Soldaten.“ „Um ſo beſſer,“ antwortete er,„ich werde ſie ſchlagen und dann in meine Armee ſtecken; ſie müſ⸗ ſen mir meine Pläne ausführen helfen.“ Wir kennen dieſe Pläne. Der Herzog hatte in dem guten König René einen Freund, der ihm die Arme entgegenſtreckte; Jakob von Savoyen, Mar⸗ ſchall von Burgund bürgte ihm für den kleinen Herzog von Savoyen und ſeine Mutter. War er einmal Herr des weſtlichen Alpenab⸗ hangs, ſo wälzte er ſich vollends nach Italien hin⸗ unter; Hannibals Weg ſtand ihm offen. Nur war 120 Carl glücklicher als der carthagiſche Held, den er beſtändig im Mund führte, denn er hatte jenſeits der Alpen keinen Feind zu fürchten; im Gegentheil hätte er dort nur Freunde und Verbündete ge⸗ troffen. Die Hauptſache war alſo, daß man dieſe Schwei⸗ zer, die ihm den Weg verſperrten, über den Hau⸗ fen warf. Inzwiſchen hielt ihn ein Umſtand etwas auf. Er fürchtete nämlich, der König von Frankreich möchte ihm den Balg St. Pols ſtreitig machen und ſich mit dem Fleiſch begnügen. Aber Ludwig Xl war kein ſolcher Narr. Wenn er den Herzog in ſeinem Krieg gegen die Schwei⸗ zer aufhielt, ſo verhinderte er ihn ja, in ſein Ver⸗ derben zu rennen. Der König überlieferte daher aus freien Stücken und ohne alle Erörterung St. Quentin. Der Herzog marſchirte alſo gegen dieſe Kuh⸗ hirten, wie er die Bewohner der Kantone in ſei⸗ nem übermüthigen Trotz nannte. Ludwig KXl hatte dieſen erklärt, daß Frankreich in Anbetracht des mit dem Herzog von Burgund abgeſchloſſenen Waffenſtillſtandes ihnen nicht mit ſeinen Soldaten zu Hülfe kommen könne. Aber für dieſen Fall, der, wie man ſich erinnert, im Ver⸗ trag vorgeſehen war, ſollte der König den Schwei⸗ zern zwanzigtauſend Gulden jährlich bezahlen. Er bezahlte ſie wirklich und bot ihnen ſogar einen Vorſchuß für das künftige Jahr an. Die Schweizer dankten dafür; ſie hatten Alles, was ſie an Mannſchaft und Geld brauchten. 121 Unter dem Vorwand eine Wallfahrt nach Notre⸗ Dame du Puy in Velay auszuführen, ſetzte ſich der König in Dijon feſt. Er wollte Alles ſehen, Alles erfahren; das Schauſpiel intereſſirte ihn ungemein. Mitten im Winter, am 11. Januar 1476 brach Carl von Nancy auf, um ſich an die Spitze ſeiner Truppen zu ſtellen⸗ Er hatte nie eine ähnliche Streitmacht beiſam⸗ men gehabt. Zu den dreißigtauſend Mann, die er aus Loth⸗ ringen mitbrachte, ſtieß noch der Graf von Ro⸗ mont mit viertauſend Streitern; überdieß waren ſechstauſend Mann aus Piemont und dem mailän⸗ diſchen Gebiet bei ihm eingetroffen; ſeine Artillerie war prächtig und mit ſämmtlichen in Lothringen er⸗ beuteten Kanonen vermehrt; ſeine Gepäckwagen bildeten eine unabſehbare Reihe; er führte den ganzen Schatz ſeines Vaters, die reiche Beute aus den alten flämiſchen Städten mit ſich: Kapellen, Reliquienkäſten, goldene Heilige, ſilberne Apoſtel, damascirte Rüſtungen, Almandingeräthe, Fahnen, Zelte und Pavillone. Dieſe Pracht erinnerte an die alten Ueberliefe⸗ rungen aus den Perſerkriegen; er war der Kerxes des Mittelalters mit ſeinem Hof von Herzogen und Prinzen, ſeinen Kaufleuten,„luſtigen Dirnen“ und Dienern, die ſich mitten unter den Kriegern befan⸗ den; kurz dieſer ganze Troß, der hinten herzog, war zweimal ſtärker, als die Armee ſelbſt. Die Schweizer boten einen ganz andern An⸗ blick dar: Richts als Holz und Eiſen. 122 Als der Herzog den Kantonen den Krieg er⸗ klärte, hatte ihr Geſandter geantwortet: „Ihr könnt bei uns nichts holen, gnädigſter Herr; unſer Land iſt arm und unfruchtbar; unſere Gefangenen werden kein reiches Löſegeld bezahlen können; an den Sporen Eurer Ritter und den Säu⸗ men ihrer Pferde iſt mehr Gold und Silber als Ihr in der ganzen Schweiz vorfinden werdet.“ Die beiden brutalen Mächte, die gegen einander marſchirten, mußten alſo bald zuſammentreffen; der Löwe von Burgund und der Bär von Bern ſollten mit einander raufen. Der Graf von Romont befehlte den Vortrab; war er einmal in Jougne, ſo befand er ſich in ſei⸗ ner Heimath.— Die Schweizer gaben ohne Wider⸗ ſtand Jougne und Orbe preis. Endlich gelangte man vor Yverdun. Die Schweizer waren entſchloſſen, ſich hier zu vertheidigen; aber die Einwohner der Stadt, die ihren ehemaligen Herrn liebten, verſtändigten ſich mit ihm, um ihm die Stadt zu übergeben. Der Plan war ganz einfach: zwei Häuſer ſtan⸗ den hart an den Wällen; die Städter ſollten eine OHeffnung in die Mauer machen und die Burgunder ſollten in der Nacht durch dieſelbe hereinziehen. So geſchah es denn; die herzoglichen Soldaten drangen in die Stadt unter dem Ruf:„Burgund, Burgund! Die Stadt iſt unſer.“ Die Schweizer ſtürzten halbbewaffnet und halb⸗ gekleidet aus den Häuſern hervor: ſie waren Män⸗ ner, die ſich nicht leicht einſchüchtern ließen; über⸗ dieß ſprachen ſie eine fremde Sprache, was in ſol⸗ — v 8—— V — 8— — S 8 123 chen Fällen ſchon etwas werth iſt; ſie riefen einan⸗ der, erkannten, vereinigten ſich und traten unter Anführung des Hans Schürpf von Luzern ihren Rückzug nach dem Schloß an. Hans Müller von Bern wurde an die Zugbrücke geſtellt, um den Rück⸗ zug zu decken. Die tapfern Bergbewohner verloren nicht mehr als fünf Mann. Ein ſechster wäre beinahe auch umgekommen: im Augenblick, wo alle ſeine Kameraden in die Feſtung einmarſchirt waren und man bereits die Brücke aufgezogen hatte, ſah man ihn mit einer Armbruſt und einem Schwert bewaffnet herbeieilen. Von einem Burgunder verfolgt, drehte er ſich um, ſchoß einen Pfeil auf ihn ab, fiel dann über ihn her, machte ihm mit ſeinem Schwert den Garaus, zog ihm ſei⸗ nen Bolzen aus der Bruſt und begann dann auf's Neue nach der Feſtung zu laufen. Er wurde von einem zweiten Feind beinahe eingeholt, kehrte ſich abermals um, tödtete ihn wie den erſten, zog wie⸗ derum ſeinen Pfeil heraus und ſchoß denſelben einem dritten Burgunder in die Bruſt. Dießmal hielt er es jedoch für unnöthig ihn herauszuziehen, da die Zugbrücke inzwiſchen herabgelaſſen worden war. Als der Graf von Romont vor dem Schloſſe erſchien, empfingen ihn die Schweizer, welche die Backöfen eingeriſſen hatten, mit Ziegelſteinen. Die Belagerer füllten die Gräben mit Stroh und Reiſig aus und zündeten es an. Aber kaum hatte die Flamme die Thore beleckt, als die Schweizer ſie öffneten und über die Bur⸗ 124 gunder, die auf dieſen Ausfall nicht gefaßt waren, herfielen. Sie ſchlugen ſie in die Flucht, verwundeten den Grafen und nahmen in der Stadt Alles weg, was ſie zur Verproviantirung der Burg brauchten. Am folgenden Tag kam eine Abtheilung Berner, um die Beſatzung zu verſtärken; die Burgunder glaubten, dieß ſei der Vortrab der Schweizer, und wurden von ſolcher Angſt ergriffen, daß ſie augen⸗ blicklich die Stadt räumten. Die Schweizer ſteckten dieſelbe in Brand und zogen ſich mit ihrer Artillerie in das Schloß von Granſon zurück. Dieſe Feſtung gedachten ſie auf das hartnäckigſte zu vertheidigen. Am 19. erſchien der Herzog von Burgund mit ſeiner ganzen Armee. Er wollte den Schweizern den Puls fühlen und ließ augenblicklich Sturm laufen. Er verlor zweihundert Mann in den Gräben der Feſtung. Fünf Tage ſpäter wurde ein zweiter Sturm mit dem gleichen Muthe zurückgeſchlagen. Jetzt änderte der Herzog ſeine Taktik. Er pflanzte ſeine Artillerie auf Anhöhen auf und be⸗ gann das Schloß zu bombardiren. Das Unglück wollte, daß Georg von Stein, der Feſtungskommandant, erkrankte, und daß Hans Til⸗ lier, der Befehlshaber der Artillerie, auf einer Feldſchlange, die er ſelbſt richtete, getödtet wurde; endlich gerieth, ob nun aus Unvorſichtigkeit oder n, 18 r, er d n⸗ d on ſte it m Er e⸗ er il⸗ er e er 125 aus Verrath, das Pulvermagazin in Brand und flog in die Luft. Dazu kam noch, daß die Lebensmittel ausgin⸗ gen. Zwei Krieger, die vortreffliche Schwimmer waren, ſetzten ihr Leben auf's Spiel, ſchwammen mitten durch die feindlichen Barken über den See und liefen nach Bern, um daſelbſt die Noth der Beſatzung von Granſon zu ſchildern. Unglücklicherweiſe hatten die Leute vom alten Bund dem Ruf ihrer Brüder noch nicht Folge ge⸗ leiſtet; die Hülfstruppen aus dem Reich waren noch nicht eingetroffen; Bern beſaß nur eine Kernſchaar, zu deren Befehlshaber Nicolaus von Scharnachthal ernannt worden war, und die Eidgenoſſen hatten beſchloſſen Nichts zu wagen, bevor ſie in gehöri⸗ ger Zahl wären. Man ſchickte blos unter Anführung Heinrich Dittlingers einige Boote mit Lebensmitteln und Munition abz aber Granſon war auf der Seeſeite eben ſo ſtreng blokirt, wie auf dem Land: die Ber⸗ ner ſahen aus der Ferne die ſchon halb zerſtörte Burg, ſie ſahen die Nothſignale, welche die Garni⸗ ſon von den halb eingeſtürzten Wällen herab ihnen machte; aber ſie konnten ihr keine Hülfe bringen. Mittlerweile verlangte ein deutſcher Edelmann, tamens Ramſchwag,*) mit den Belagerten zu par⸗ lamentiren. Er kam, wie er ſagte, im Auftrag des *) Johann von Müller nennt bieſen Verräther Conchant und bezeichnet ihn als einen burgunbiſchen Edelmann.„Ohne Beweis,“ ſagt der große Geſchichtsſchreiber,„haben Einige die deutſche Nation und die Edlen von Ramſchwag mit der Infamie dieſes Elenden beflecken wollen.“ A. d. Ueb. 126 Markgrafen Philipp von Baden; er ſprach deutſch und bot der Beſatzung ehrenvolle Bedingungen an. Er behauptete, alle Kantone ſeien mit Feuer und Schwert verheert worden; Bern allein ſei, weil es ſich auf Gnade und Ungnade ergeben habe, ver⸗ ſchont geblieben. Jetzt brach ein heftiger Zwieſpalt unter den Schweizern los: Hans Müller wollte ſich unter den Trümmern der Feſtung begraben; Hans Wyler verlangte, man ſolle ſich ergeben. Die letztere Anſicht drang durch. Man ſchenkte dem Parlamentär hundert Thaler, um ſich ſeiner Fürſprache zu verſichern, und die Beſatzung ließ ſich von ihm waffenlos ins Lager des Herzogs von Burgund führen. Carl hörte einen großen Lärm und fragte, was los ſei; man antwortete ihm, die Beſatzung der Fe⸗ ſtung komme, um ſich zu ergeben. Er konnte nicht daran glauben und trat auf die Schwelle ſeines Zeltes vor: die achthundert Schweizer ſtanden wirk⸗ lich vor ihm. „Gnädigſter Herr,“ ſprach der Parlamentär, „da iſt die Beſatzung von Granſon, die ſich Euch zu Willen und Gnaden ergibt.“ „Iſt es auch wirklich wahr?“ fragte der Her⸗ zog, der noch immer zweifelte. „Ihr ſeht es ja,“ ſagte Ramſchwag. „Nun wohl,“ verſetzte der Herzog,„mein Wille iſt, daß ſie gehenkt und erſäuft werden, und meine Gnade iſt, daß man ihnen die nöthige Zeit läßt Gott um Verzeihung ihrer Sünden zu bitten.“ „Bravo!“ ſagten der Graf von Romont und der ſch n. er il T⸗ n n er 127 Sire von Chatel⸗Guyon;„wenn man Niemand verſchont, ſo ſind die Kriege bald zu Ende.“ Bei dieſen Worten und auf ein Zeichen des Herzogs wurden die Gefangenen umzingelt und in zwei Haufen getheilt: die Beſatzung von Granſon war für den Strick, die von Yerdun für den Waſſertod beſtimmt. Man verkündete den Gefangenen dieſes Urtheil; ſie hörten es ruhig und ohne alle ängſtliche Auf⸗ regung an; nur Wyler fiel vor Müller auf die Kniee und bat ihn um Verzeihung, daß er ihn mit ſich ins Verderben gezogen habe. Müller hob ſeinen Kameraden auf und umarmte ihn zum Zei⸗ chen der Verzeihung. Mittlerweile kamen die Leute von Eſtavayer (Stäfis), die drei Jahre vorher von den Schweizern ſchwer mißhandelt worden waren, und die von Yverdun, denen ſie kaum erſt ihre Stadt angezün⸗ det hatten. Sie nahmen das Henkeramt für ſich in An⸗ ſpruch; ihr Verlangen dünkte den Herzog gerecht und er befriedigte es. Eine Stunde ſpäter begann die Execution. Das Henken währte acht Stunden. Die Bäume um die Feſtung her dienten als Galgen; an eini⸗ gen hingen zehn bis zwölf Leichen. 5 Als ſodann das Henken vorüber war, ſagte der erzog: „Das Erſäufen wollen wir morgen vornehmen; man muß nicht alle ſeine Vergnügungen an einem einzigen Tag genießen.“ 128 Am folgenden Tag ſchritt man wirklich zu die⸗ ſer Arbeit. für Carl beſtieg eine koſtbar ausgerüſtete, mit Tep⸗ Ao pichen und Sammtkiſſen belegte, mit geſtickten Se⸗ Pe geln und tauſendfarbigen Wimpeln geſchmückte Ho Barke; auf dem Hauptmaſt flatterte die Fahne von dir Burgund. au Die herzogliche Barke bildete den Mittelpunkt St von hundert andern, die mit Bogenſchützen beſetzt ha waren. der Mitten in dieſen Kreis führte man die Gefan⸗ der genen; dann ſtürzte man einen um den andern in un den See, und wenn ſie auf die Oberfläche zurück⸗ vo kamen, wurden ſie von den Bogenſchützen mit Ru⸗ Si dern todtgeſchlagen oder mit Pfeilen erſchoſſen. der Alle ſtarben heroiſch als Märtyrer, nicht ein der einziger bat um Gnade. ret Aber dieſe Seelen ſtiegen zu Gott empor und die ſchrieen um Rache. Im Anfang der Belagerung von Granſon hatte Niclaus von Scharnachthal noch nicht mehr als me achttauſend Mann unter ſeinen Fahnen verſammelt. Mit dieſen achttauſend Mann ſtellte er ſich bei ge Murten auf und wartete dort. 1 Von allen Seiten ſtrömten die Eidgenoſſen her⸗ bei: Peter von Faucigny kam aus Freiburg mit ge fünfhundert Mann; Peter von Romsthal aus Biel mit zweihundert; Konrad Wög aus Solothurn mit ne achthundert. ih Mit dieſer Verſtärkung glaubte Niclaus vovn un Scharnachthal eine Bewegung wagen zu können und marſchirte gegen Neufchatel. W ie⸗ ep⸗ Se⸗ ckte on nkt etzt an⸗ in ick⸗ tu⸗ ein nd tte als lt. bei er⸗ mit iel mit on ten 129 Kaum war er dort, als Heinrich Göldli mit fünfzehnhundert Mann aus Zürich, Baden, dem Aargau und der Umgegend zu ihm ſtieß; dann Petermann Rot mit achthundert Mann aus Baſel; Harfurter mit achthundert aus Luzern; Raoul Re⸗ ding mit viertauſend aus den Urkantonen, d. h. aus Schwyz, Uri, Unterwalden, Zug und Glarus. Sodann kamen die Leute aus St. Gallen, Schaff⸗ hauſen und Appenzell. Hierauf das Contingent der Stadt Straßburg: ſechshundert Reiter, von denen der Biſchof zweihundert ausgerüſtet hatte, und zwölfhundert Büchſenſchützen. Endlich Hermann von Eptingen mit den Vaſallen des Erzherzogs Sigismund. Baſel ſchickte überdieß als Beitrag zu den Kriegskoſten die vierzigtauſend Gulden, welche der Erzbiſchof für den Rückkauf der Provinz Fer⸗ rette in der Kaſſe dieſer Stadt niedergelegt, und die der Herzog von Burgund bekanntlich nicht hatte nehmen wollen. Zu Ende Februars belief ſich die Geſammt⸗ macht der Schweizer auf etwa zwanzigtauſend Streiter. Dem Herzog war dieſe Vergrößerung der eid⸗ genöſſiſchen Armee nicht unbekannt, aber er küm⸗ merte ſich nicht darum. Was vermochten dieſe unerfahrenen Bauern gegen die beſten Soldaten der Welt? Im Anfang hatte man ihn beredet ſie in ſei⸗ nem Lager zu Granſon zu erwarten; aber als er ihren Anmarſch erfuhr, hatte er keine Ruhe mehr und zog ihnen entgegen. Das alte Schloß Vaumarcus beherrſchte den Weg von Granſon nach Neufchatel; Weg Dumas, Karl der Kühne. II. 130 * war ſehr ſchmal und bot nur eine enge Paſſage zwiſchen den Bergen und dem See dar. Als der Commandant von Vaumarcus dieſe prächtige Armee ſah, verging ihm jeder Gedanke an eine Vertheidigung; er ließ die Thore der Fe⸗ ſtung öffnen, ging dem Herzog entgegen und bat ihn um Dienſte in ſeiner Armee. Der Herzog erſetzte ihn durch den Herrn Georg von Roſembos, welchem er hundert Bogenſchützen gab, um das Schloß und die anliegenden Höhen zu bewachen. Die Schweizer marſchirten ihrerſeits an den Ufern der Reuß langſam und vorſichtig hin. Denn ſie wußten nicht, wo ſie mit ihrem Feind zuſam⸗ mentreffen würden. Den Burgundern galt dieß ganz gleich: ſie wa⸗ ren feſt überzeugt, daß ſie die Schweizer überall zertreten würden, wo ſie ihnen in den Weg kämen. Am 1. März gingen die Schweizer über die Reuß. Am 2. ſchlugen die Männer von Schwyz und von Thun, die an dieſem Tag die Vorhut bil⸗ deten, nachdem ſie im Lager die Meſſe gehört hat⸗ ten, einen Weg ins Gebirge ein, ließen das Schloß Vaumarcus links liegen, und als ſie auf die Höhe kamen, fanden ſie dieſelbe von Roſembos mit ſechzig Bogenſchützen beſetzt. Der Kampf begann ſogleich; die Burgunder wur⸗ den zurückgeworfen. Jetzt erreichten die Schweizer den höchſten Gip⸗ fel der Anhöhen und ſahen von da aus die ganze burgundiſche Armee heranmarſchiren; ſie dehnte ſich am Ufer des Sees bis über Conciſe aus und um⸗ ſage ieſe nke Fe⸗ bat org zu den enn am⸗ wa⸗ rall en. die wy bil⸗ t⸗ loß öhe ig ur⸗ nze ſich m⸗ 131 ſchloß mit ihrem linken Flügel halbmondartig das Gebirge. Der Herzog ſeinerſeits bemerkte ſie. Er ſtieg von ſeinem kleinen Klepper ab, ließ ſich einen großen, ganz mit Eiſen bedeckten Grau⸗ ſchimmel vorführen, ſchwang ſich hinauf und rief: „Vorwärts! marſchiren wir gegen dieſe Lum⸗ penhunde, obgleich das Bauernpack nicht verdient, daß Ritter wie wir ihm die Ehre erweiſen.“ Die Schweizer hatten, als ſie die Burgunder bemerkten, vier Boten abgeſchickt, um Niclaus von Scharnachthal zu melden, daß man die burgundiſche Armee erblicke und der Kampf ſich unwiderruflich entſpinnen werde, indem die Leute von Schwyz und von Thun trotz ihrer numeriſchen Schwäche feſt entſchloſſen ſeien keinen Fuß breit zurückzuweichen. Und in der That wollte ſich dieſe Vorhut, ob⸗ ſchon ſie kaum fünfzehnhundert Mann zählte, nicht den Anſchein geben, als ob ſie einen Zuſammen⸗ ſtoß fürchtete; ſie ſtieg in der beſten Ordnung, in einem Eilmarſch nach einer kleinen Ebene hinab, wo die Carthauſe von Lance ſtand. Die Schweizer lehnten ſich vermöge eines in⸗ ſtinktartigen ſtrategiſchen Gefühls an die Car⸗ thauſe an. Als dann die Eidgenoſſen die Geſänge der deut⸗ ſchen Reiter hörten, welche in dieſem Augenblick die Meſſe feierten, ſteckten ſie ihre Spieße in die Erde, fielen auf ihre Kniee und betheiligten ſich bei der Meſſe, die im feindlichen Lager abgehalten wurde. Der Herzog, der ſie auf den Knieen ſah, täuſchte ſich in Betreff ihrer Abſicht. 5 132 „Beim heiligen Georg!“ rief er,„ich glaube, die Hallunken bitten um Gnade.“ Dann ritt er vor die Front und kommandirte: „Kanoniere, gebt Feuer! Sie ſollen erfahren, daß ſie von mir keine Gnade zu erwarten haben.“ Die Kanoniere gehorchten; die Kugeln ſchlugen in die Reihen der knieenden Schweizer ein. Einige der frommen Soldaten ſanken blutig und verſtüm⸗ melt zuſammen; die andern blieben auf den Knieen und beteten. Der Herzog kommandirte eine zweite Salve, die auch ſogleich gegeben wurde. Aber als der Wind den Pulverrauch vertrieben hatte, da ſah Carl, daß die Schweizer zum Kampf bereit auf ihren Beinen ſtanden. Die Meſſe war vorüber und ein Corps von dreitauſend Mann unter Niclaus von Scharnach⸗ thal ſelbſt war ſoeben zum Vortrab geſtoßen. Die Schweizer marſchirten jetzt raſch gegen den Herzog vor, ſie bildeten drei viereckige, ganz von Piken ſtarrende Haufen, in deren Mitte die Ban⸗ nerträger ihre Fahnen ſchwangen, die eben ſo ſtolz flatterten, wie die herzoglichen Banner. Zwiſchen den Haufen befand ſich die Artillerie, die eben ſo ſchnell wie die andern Truppen heran⸗ rückte und während des Marſches Feuer gab. Die Flügel des ungeheuren Drachen wurden von den Leuten des Felix Schwarzmurer aus Zürich und des Hermann von Müllinen gebildet, die leicht bewaffnet auf der einen Seite am Berg, auf der andern am See hinzogen. be, en, n. gen ige im⸗ een ben npf on ch⸗ en on an⸗ olz rie, an⸗ en u et, rg, 133 Der Herzog rief ſein Banner herbei und ließ es vor ſich aufpflanzen; dann ſetzte er einen gol⸗ denen Helm mit einer diamantenen Krone auf ſein Haupt und beauftragte den Herrn von Chatel⸗ Guyon, das Bataillon zur Linken, ſowie den Herrn von Aimeries, das Bataillon zur Rechten anzugrei⸗ fen. Für ſich ſelbſt behielt er das Centrum vor. Inzwiſchen war der verwegene Fürſt ſo unvor⸗ ſichtig vorangerückt, daß er noch nichts als ſeine Vorhut bei ſich hatte; dieſe beſtand allerdings aus ſeinen beſten Rittern. Der Baron von Chatel⸗Guyon griff mit un⸗ glaublichem Ungeſtüm an: dieſe Schweizer hatten ihm alle ſeine Herrſchaften genommen, und da er ein ſehr ſtarker und ſehr muthiger Mann war, der ſich verzweifelt mitten unter die Piken geworfen hatte, ſo durchbrach er einen Augenblick das Ba⸗ taillon und drang beinahe bis zur Mitte vor. Er war nur noch zwei Schritte von dem Schwyzer Banner entfernt und ſtreckte bereits den Arm aus, um es zu ergreifen, als ein Berner Namens Hans in der Gruob ihn mit einem zweihändigen Schwert⸗ ſtreich zu Boden ſchlug. Zu gleicher Zeit bemächtigte ſich Heinrich Els⸗ ner von Luzern der Fahne des Ritters von Cha⸗ tel⸗Guyon. Auf dem rechten Flügel ging es den Burgun⸗ dern eben ſo ſchlecht oder noch ſchlechter: Ludwig von Aimeries war beim erſten Angriff getödtet worden; Johann von Lalaing, der an ſeine Stelle getreten, war gleichfalls gefallen, und ebenſo der 134 Sire von Poitiers, der nach ihnen das Commando übernommen hatte. 2 Im Centrum kämpfte der Herzog; aber er hatte gleich beim erſten Angriff zwei oder drei ſeiner be⸗ ſten Ritter niederſinken geſehen; ſein Fahnenträger war zu Boden geworfen worden, und ſein Banner wäre, wenn der Herzog es nicht ſelbſt ergriffen hätte, dem Feind in die Hände gefallen. Er hatte es hier nicht mit Menſchen, ſondern mit einer wah⸗ ren eiſernen Mauer zu thun. Und überdieß ſetzte ſich dieſe eiſerne Mauer, die einen Augenblick ſtehen geblieben war, von Neuem in Bewegung und trieb Alles vor ſich her. Der Herzog mußte weichen: er wurde auf bei⸗ den Flanken überflügelt und fühlte ſich durch eine unwiderſtehliche Macht zurückgetrieben. Er wich Schritt vor Schritt zurück; er brüllte vor Wuth, ſchlug unaufhörlich drein und empfing Schläge, aber er wich zurück. Er wich zurück, bis er ſein Lager und den Reſt ſeiner Armee wiederfand. Dort hatte er einen Augenblick Ruhe, ſprang zur Erde, ſetzte einen andern Helm auf und nahm ein anderes Pferd. Sein Helm war durch einen Keulenſchlag zertrümmert und die Krone daran in Stücke zerbrochen worden; ſein Pferd war ver⸗ wundet, es trof von Blut und konnte ſich kaum auf den Beinen halten. Sobald er ein neues Pferd beſtiegen und einen neuen Helm aufgeſetzt hatte, ließ er von Neuem zum Angriff blaſen. Aber in dieſem Augenblick ſah der Herzog auf — ———— do e⸗ er er en tte h⸗ ie em ei⸗ mne or ge, eſt ng hm en er⸗ auf ten auf 135 den Hügeln von Champigny und von Bonvillars ein neues feindliches Corps zum Vorſchein kommen; es war wenigſtens doppelt ſo ſtark, als dasjenige, das ihn ſo derb zurückgeſchickt hatte; es kam im Sturmſchritt mit lautem Geſchrei unter dem Ruf: „Granſon! Granſon!“ die Höhen herab und ließ ſeine Artillerie ſpielen. Carl befahl ſogleich, daß man den neuen An⸗ greifern die Spitze bieten ſolle; aber kaum war das Manöver ausgeführt, als man von der entgegen⸗ geſetzten Seite ein ſchreckliches Getöſe hörte. Es waren die Hörner der Leute von Uri und Unterwalden, zwei Rieſenhörner, welche der Tradition zufolge Pipin und Carl der Große ihren Vätern geſchenkt hatten, und die man den Stier von Uri und die Kuh von Unterwalden nannte. Bei dieſem Getöſe, das um ſo furchtbarer er⸗ ſchien, weil es ganz unbekannt war, ſo daß man es für das Gebrüll irgend eines rieſigen Thieres hätte halten können, hielt der Herzog an und ſagte: „Beim heiligen Georg! was ſoll das be⸗ deuten?“ „Das ſind unſere Brüder aus den alten Schwei⸗ zer⸗Bünden, die in den Hochgebirgen wohnen; das ſind die Leute, vor denen die Oeſtreicher ſo oft da⸗ vongeſprungen ſind,“ antwortete ein Gefangener von der Beſatzung von Vaumarcus.„Dort kom⸗ men die Leute von Glarus; ich erkenne ihren Land⸗ ammann Tſchudi. Hier ſind die von Schaffhauſen; hier der Bürgermeiſter von Zürich mit ſeinem Corps. Wehe Euch! gnädigſter Herr, denn das ſind die 136 Pachkommen der Männer von Morgarten und von Sempach.“ „Ja, wehe mir!“ murmelte der Herzog,„denn wenn ſchon ihre Vorhut mir ſo großen Schaden zugefügt hat, wie wird es erſt gehen, wenn ich es mit der ganzen Armee zu thun habe?“ In der That griff die ganze Schweizer Armee das Lager auf drei Seiten an; dieſes aber beſtand aus einer Menge von Krämern, Gauklern und Freudenmädchen, die aus der Armee des Herzogs eine wandernde Bevölkerung machten. All dieſe Leute wurden von Angſt ergriffen, und aus ihrer Mitte erſcholl der Ruf: Fliehe wer kann! Die Italiener waren die Erſten, die in wildem Schreck davonliefen. Gleichwohl verlor Carl den Muth nicht; er ſammelte ſeine Leute und ſuchte ſie in Schlachtord⸗ nung zu ſtellen; aber jetzt begann der Kanonen⸗ donner auf drei Punkten zugleich. Von dieſem Augenblick an entſtand eine ſchreck⸗ liche Verwirrung, ein unbeſchreiblicher Tumult; jeder dachte nur noch an ſeine eigene Sicherheit. Der Herzog galoppirte unter lautem Geſchrei mitten unter der entſetzten Menge umher und hieb auf die Flücht⸗ linge ein, trieb ſie aber dadurch nur noch mehr zur Flucht an. Nie hat man eine vollſtändigere Verwirrung geſehen. „Die Eidgenoſſen,“ ſagt der Chroniſt,„fielen über dieſe ſchönen geputzten Edelleute her und hieben — von denn aden h es rmee tand und zog8 ſſen, iehe dem er ord⸗ en⸗ eck⸗ der Der ter t⸗ zur ng en en — 137 ſie nieder, ſo daß die armen Burgunder wie Spreu vor dem Winde auseinanderflogen.“ Als der Herzog Alles verloren ſah, begann er ebenfalls zu fliehen; ſein Narr Glorioſus, der wie gewöhnlich während der Schlacht an ſeiner Seite geblieben war, entfloh mit ihm. „Ach! gnädigſter Herr,“ fagte er in weinerlichem und zugleich komiſchem Ton,„wie hat man uns dießmal hannibaliſirt?“ Und gleichwohl kamen, ſo behauptet die Straß⸗ burger Chronik, nicht mehr als ſechshundert Bur⸗ gunder und fünfundzwanzig Schweizer um's Leben. Aber die Nicderlage war nur um ſo handgreif⸗ licher. Der Pariſer Chroniſt Johann von Troyes erhebt darüber ein Jubelgeſchrei, welches als das Echo von ganz Frankreich betrachtet werden kann. „Und,“ ſagte er,„der Herzog entflieht, ohne anzu⸗ halten, und ſchaut oft hinter ſich nach dem Ort, wo man ihn ſo übel zugerichtet hat, bis er nach Joigne kommt, acht ſtarke Meilen, wohl ſo groß, als ſechzehn Meilen in dem ſchönen Frankreich, das Gott erhalten und behüten möge.“ Und in der That hatte der Herzog Carl mit dieſen ſechshundert Burgundern mehr verloren, als Philipp von Valois bei Crech, Johann der Eute bei Poitiers, Carl V bei Azincourt: er hatte den Nimbus der Unüberwindlichkeit, der ihn umgab, verloren; er war nicht mehr Carl der Furchtbare. Baueintölpel, Kuhhirten, wie er ſie nannte, hatten ihn in die Flucht geſchlagen und verfolgt; ſie waren in ſeinem Lager und durchſuchten ſein 138 Zelt; ſie waren im Beſitz ſeiner Waffen, ſeiner Schätze, ſeiner Kanonen. Allerdings wußten die Schweizer, mit Ausnahme der Kriegsmaſchinen, den Werth ihrer Beute nicht zu ſchätzen: ſie nahmen die Diamanten für Glas, das Gold für Kupfer, das Silber für Zinn. Die ſammtenen Zelte, die Gold⸗ und Silberſtoffe, die Damaſte, die engliſchen und niedevländiſchen Spitzen wurden ellenweiſe, wie gewöhnliche Leinwand, unter die Soldaten vertheilt, und Jeder nahm ſein Stück davon mit. Auch der herzogliche Schatz wurde unter die Eidgenoſſen vertheilt; alles Silber wurde in einem Helm, alles Gold handvollweiſe gemeſſen. Vierhundert Kanonen, achthundert Büchſen, fünf⸗ hundert Fahnen und ſiebenundzwanzig große Banner wurden unter die Städte vertheilt, welche der Eid⸗ genoſſenſchaft Soldaten zugeſchickt hatten; Bern, als diejenige Stadt, die am meiſten zum Sieg beige⸗ tragen, erhielt den kryſtallenen Reliquienkaſten, die ſilbernen Apoſtel und die heiligen Gefäße. Ein Urner, der in das Zelt des Herzogs kam, fand auf dem Boden den mit Edelſteinen eingefaßten italieniſchen Hut deſſelben. Der Hut war zwanzig⸗ tauſend Goldthaler werth; der Bergmann ſetzte ihn einen Augenblick auf, aber ob er ihn nun zu weit oder zu eng fand, er warf ihn weg und ſagte:„Ich will mir lieber eine tüchtige Rüſtung ausſuchen.“ Der Herzog trug bei feierlichen Gelegenheiten einen großen Diamant, der in der ganzen Chriſten⸗ heit nicht ſeinesgleichen hatte, am Hals; das mit Edelſteinen eingefaßte Etui, worin dieſer Diamant lag, fiel einem Schweizer in die Hände, der ihn ———— ne ht ——— 139 aber nur für ein Stück Cryſtall hielt und mit Ver⸗ achtung wegwarf. Als er jedoch etwa hundert Schritte weggegangen war, beſann er ſich eines Beſſern und kehrte zurück, um den Diamant zu ſuchen; eben wollte das Rad eines Karrens darüber weggehen; er hob ihn auf und verkaufte ihn um einen Thaler an den Pfarrer von Montagny. Später kaufte ein Handelsmann Namens Bartholomäus May dieſen Diamant und verkaufte ihn ſeinerſeits an die Republik Genua, die ihn an Ludwig Sforza, genannt il moro, wieder verkaufte. Endlich nach dem Tod dieſes mailändiſchen Herzogs kaufte ihn Julius Il für zwanzigtauſend Dukaten. Er kam urſprünglich aus der Krone des Großmoguls und ſchmückt heutzutage die päbſtliche Tiaraz er iſt zwei Millionen werth. An dem Platz, wo der erſte Zuſammenſtoß zwi⸗ ſchen dem Herzog von Burgund und Niclaus Schar⸗ nachthal ſtattgefunden, fand man im Sand zwei andere Diamanten, die mit einem Schwertſtreich aus der Krone des Herzogs herausgehauen waren. Einer davon wurde das Eigenthum eines reichen Augsburger Kaufmanns, Namens Jakob Fugger, welcher ihn zwei mächtigen Potentaten verweigerte: dem Kaiſer Carl W wollte er ihn nicht geben, weil dieſer ihm ſchon vorher eine große Summe ſchuldete, die er nicht wieder bekommen konnte, und dem Sultan Soliman nicht, weil er wünſchte, daß ein ſo koſtbarer Stein in der Chriſtenheit bleiben ſollte. Heinrich VIII erwarb ihn für fünftauſend Pfund Sterling, und ſeine Tochter Maria brachte ihn nebſt anderem Geſchmeide Philipp II von Spanien als 140 Mitgift zu; ſeit dieſer Zeit iſt er im Schatze des Hauſes Oeſterreich geblieben. Der zweite und kleinere wurde ſechzehn Jahre nach der Schlacht in Luzern um fünftauſend Dukaten verkauft; der Kaufmann, der ihn an ſich brachte, ſtand mit Portugal in Verbindung und verkaufte ihn an Emanuel den Großen. Gegen das Ende des ſechzehnten Jahrhunderts kam Don Antonio, Prior von Crato, der letzte Sprößling der Familie Braganza, nach Paris, wo er ſtarb. Der Diamant wurde hierauf von Ricolaus von Harlay, Baron von Sancy, gekauft, und unter dieſem Namen Sancy bildete er einen Theil der franzöſiſchen Krondia⸗ manten, die während der erſten Revolutionskriege verkauft wurden. Er gehörte der Frau Fürſtin Paul Demidoff; wir wiſſen nicht, ob er in der Fa⸗ milie geblieben iſt. IX. Die Schlacht von Murten. Der König Ludwig war, wie man ſich ohne Zweifel erinnert, bis nach Lyon gekommen, unter dem Vorwand einer Wallfahrt zur Mutter Gottes von Puy in Velay. Dieſer fromme Monarch legte eine ganz beſondere Verehrung für die Mutter Gottes an den Tag: zu ſeinen beſten Freundinnen —————— ie nt n ch ⸗ e 1⸗ ——————— 141 gehörten bereits die Mutter Gottes von Embrun, die von Clery und die Mutter Gottes der Siege; er wollte nun auch die Mutter Gottes von Puy, deren heiliges Bild der Prophet Jeremias ſelbſt in Holz geſchnitten hatte, in ſeine Intereſſen ziehen. Die Mutter Gottes war wunderthätig geweſen. Als daher Ludwig K! die Niederlage von Granſon erfuhr, hielt er es für ſeine Pflicht der glorreichen Madonna ſeinen Dank zu ſagen. Am 7. März über⸗ nachtete er in einem kleinen Wirthshaus von Puy. Drei Abgeordnete des Capitels waren ihm entge⸗ gengeeilt; ſie wollten niederknieen, um zu ihrem König zu ſprechen, aber er erlaubte ihnen nicht dieſe demüthige Stellung anzunehmen. „Erhebet Euch,“ ſagte er,„und wenn Ihr einen Wunſch an mich habt, ſo ſchreibt ihn in Form eines Geſuches nieder und übergebet es mir: ich werde ſtets Alles thun was in meinen Kräften ſteht, um meiner ſehr geehrten Dame, der heiligen Jungfrau, Eurer und meiner Schutzheiligen, meine Ehrfurcht zu bezeugen. Kehret in Eure Kirche zurück, wohin ich gehen werde. Ziehet mir nicht in Proceſſion entgegen; ich komme nicht, um bei Euch Compli⸗ mente und Huldigungen zu empfangen, ſondern ich komme als demüthiger Pilger, welcher die Segnun⸗ gen der Kirche begehrt. Erwartet mich an der Thüre der Cathedrale und ſtimmet bei meiner Ankunft das Salve regina an.“ So geſchah es. Ehe der König in die Kirche trat, zog er ein Chorhemd an; ſodann begehrte und erhielt er die Dispenſation von dem alten Herkom⸗ men barfuß bis zum Altar gehen zu müſſen, und 142 verrichtete an dieſem Tag in Anbetracht ſeiner Mü⸗ digkeit blos ein kurzes Gebet. Zugleich legte er dreihundert Thaler auf den Altar. Als er nach Lyon zurückkam, erſchien der Kö⸗ nig René. Dieſer war in das vom Herzog von Burgund geſtiftete Bündniß eingetreten und wollte ſich jetzt bei Ludwig Xl deßhalb entſchuldigen. Der arme Fürſt ahnte wohl, daß ſein Königreich Provence weder auf Carl von Maine, ſeinen Neffen, noch auf Rens II ſeinen Enkel, kommen würde, und er hatte es dieſen Prinzen auch bereits durch ein Gleichniß zu verſtehen gegeben. Er hatte eines Tags eine Hammelskeule zwei Windhunden zugeworfen, die ſich um das Fleiſch herumbiſſen. Während ſie ſich nun in der größten Wuth um die Beute ſtritten, befahl René eine Dogge loszulaſſen. Die Dogge, die ſtärker war als die beiden Windhunde, fiel über das Fleiſch her und trug es davon, was ihr viel⸗ leicht nicht gelungen wäre, wenn ſich die beiden Windhunde gegen ſie vereinigt hätten. Der gute König René war alt; Carl von Maine war krank; Ludwig XI dachte, all dieſe Leute wür⸗ den wohl nicht mehr lange leben. Er war charmant gegen ſeinen alten Oheim und überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten; er veranſtaltete ihm zu Ehren täg⸗ lich neue Feſte, that Alles um ihm Vergnügen zu machen, verehrte ihm eine Menge Juwelen, Bücher, Medaillen, Gemälde, kurz Alles was er dem alten Herrn nur am Auge abſehen konnte. Während er nun ſeinem Oheim mit den Waaren Freude machte, fiſchte er ihm die Händlerinnen weg; er kehrte mit ü⸗ er 6⸗ d 3t e —— — S* 143 zwei Maitreſſen, der Paſſe⸗Filon und der Gigonne, nach Paris zurück. Dieß war bei ihm ein Anzei⸗ chen großen Wohlbehagens. Aber der gute König René war nicht der einzige, der bei Ludwig Xl wieder anklopfte: auch der Herzog Galeazzo entſchuldigte ſich wegen ſeines Bündniſſes mit dem Herzog von Burgund und ſchrieb dieſe Art von Verrath an ſeinem alten Freund, dem König von Frankreich, der Furcht zu, die man ihm eingejagt habe: er bot hunderttauſend Dukaten, damit Seine Majeſtät ihm dieſe Narrheit vergeſſe. Der König brauchte Galeazzo und erklärte ihm, daß er umſonſt vergeſſe. Endlich ſchickte auch die Herzogin von Savoyen ſelbſt eine Botſchaft nach Lyon, um ſich mit ihrem Bruder zu verſöhnen. Aber in Bezug auf ſie war Ludwig mit ſich im Reinen: ſie gehörte der Familie an und hatte viel von ihm. Während ſie an den König ſchrieb, reiste ſie ſelbſt nach Lauſanne zu dem Herzog. Wir haben geſagt, daß Carl mit ſeinem Narren bis nach Jougne geflohen war. Hier fand er kaum ein Zimmer, um ausruhen zu können, denn das Schloß war verbrannt worden und rauchte noch. Er raſtete alſo nur eine kurze Weile und hielt ſich eigentlich erſt in Lauſanne auf, wo er ſeine Armee wieder zu ſammeln verſuchte. Er befand ſich alſo in Lauſanne, nicht in der Stadt ſelbſt, ſondern in ſeinem Lager auf der An⸗ höhe, welche die Ausſicht auf die Alpenkette ge⸗ währt. Hier trieb er ſich allein und menſchenſcheu herum; er hatte geſchworen ſeinen Bart nicht ab⸗ 144 ſchneiden zu laſſen, bevor er den Schweizern eine förmliche Schlacht geliefert hätte, und nun ſchickte er nach allen Seiten Befehle aus, um die Deſer⸗ teure wieder zuſammenzutreiben und neue Truppen aufzubieten; im Uebrigen überließ er ſich einer ſtil⸗ len, düſtern Verzweiflung. Seine Kräfte verließen ihn und er wurde krank. Sein Arzt Angelo Catto, ein ſehr geſchickter Italie⸗ ner, unternahm es ihn geiſtig und körperlich zu⸗ gleich zu curiren. Er ſette ihm Schröpfköpfe und veranlaßte ihn Wein zu trinken. Der Herzog trank gewöhnlich nur eine Art von Tiſane. Nach Verfluß von vierzehn Tagen hatte die Cur gewirkt und Carl begann ſeine gewohnte Le⸗ bensweiſe, ſeine kriegeriſche Thätigkeit wieder. Er erhielt viertauſend Italiener vom Pabſt; er ergänzte ſein engliſches Corps, er ließ aus Flan⸗ dern ſechstauſend Wallonen und aus den Nieder⸗ landen zweitauſend Ritter kommen, die nebſt ihren Vaſallen eine Cavallerie von fünf bis ſechstauſend Mann ausmachten. Er war in ſeinen Willens⸗ äußerungen nie ſo furchtbar geweſen und hatte nie ein ſo hartes Commando geführt: er befahl Alles nur noch bei Todesſtrafe. Er hielt eine Revue, und da belief ſich ſeine Macht auf dreiundzwanzigtauſend Mann, das Fuhr⸗ weſen und die Artillerie nicht gerechnet. Dieß war indeſſen nicht genug: er wartete noch und zog wei⸗ tere neuntauſend Mann an ſich, die er ſo ziemlich von allen Weltgegenden her bekam. Endlich führte ihm der Graf von Romont viertauſend Savoyarden c—,— — W w W —,———— 145⁵ zu, ſo daß ſich ſeine Geſammtmacht auf ſechs bis achtunddreißigtauſend Mann belief. Er war alſo wieder mächtiger als vor Granſon, und mit ſeiner Macht hatte ſich ſein ganzer Hoch⸗ muth wieder eingeſtellt. Jetzt ſollte weder Johann von Calabrien noch Maximilian ſeine Tochter Maria erhalten, ſondern der junge Herzog von Savoyen; das Berner Ge⸗ biet wurde zum Voraus getheilt. Man wollte mit einem Angriff auf Murten beginnen; an einem ein⸗ zigen Tag ſollte der ganze Feldzug beendet ſein. Carl ſagte: „Ich werde in Murten frühſtücken, in Freiburg zu Mittag eſſen und in Bern zu Nacht ſpeiſen.“ Alſo gegen Murten wollte er ſeine erſte An⸗ ſtrengung richten: Murten war der Vorpoſten, die große Schildwache von Bern. Die Schweizer ihrerſeits blieben nicht unthätig; die regierenden Herren der Cantone ſchrieben Briefe über Briefe nach Frankreich und Deutſchland. Straßburg ſchickte ſein Contingent, achthundert Roth⸗ röcke; Colmar ſtellte ſein rothes und blaues, Lin⸗ dau ſein weißes und grünes, Waldshut ſein ſchwar⸗ zes Contingent. Der König von Frankreich ſchickte nicht einen einzigen Mann, aber er bot Geld ſo viel man nur wolle, um Truppen auszuheben. Wir täuſchen uns, wenn wir ſogen, daß er nicht einen einzigen Mann geſchickt habe; er ſchickte Rens von Lothringen, dieſen ſchönen ausgeplünderten jungen Prinzen, dieſen lebendigen Beweis für die Dumas, Farl der Kühne. II. 10 146 Brutalität und Ungerechtigkeit des Herzogs von Burgund. Rens wollte perſönlich kämpfen, und da er zu arm war, um die Koſten ſeiner Ausrüſtung zu beſtreiten, ſo hatte er ſich an ſeine Großmutter gewendet. Jedermann liebte ihn und hatte Sym⸗ pathie für ihn. Als er nach Lyon kam, fragten ihn die Bürger und Kaufleute, was ſeine Lipree ſei; er antwortete: weiß, roth und grau; und am folgenden Tage trugen ſämmtliche Kaufleute und Bürger Federn von dieſen drei Farben auf ihren Hüten. Als er incognito und verkleidet durch ſein liebes Lothringen reiste, ging er nach St. Nicblas in der Nähe von Nancy, um die Meſſe zu hören. Nach der Meſſe kam eine Frau bei ihm vorüber und ſteckte ihm, ohne ſich etwas anmerken zu laſſen, eine Börſe, die nicht weniger als vierhundert Gul⸗ den enthielt, in ſeine Taſche. Der junge Prinz dankte dieſer Frau und fragte ſie um ihren Namen: ſie wollte ihn nicht ſagen, aber ſpäter erfuhr er, daß es die Wittwe eines ſeiner ehemaligen Diener Namens Walleter war. Auch dießmal ging die Prophezeiung des Her⸗ zogs Carl nicht in Erfüllung. Er frühſtückte nicht— in Murten, dinirte nicht in Freiburg, ſoupirte nicht in Bern, ſondern er war auch beim zehnten Sturm, welchen er gegen das Bollwerk der Schweiz unter⸗ hatte, noch nicht weiter vorgerückt als beim erſten. „So lang uns ein Tropfen Blut in den Adern bleibt, werden wir uns wehren,“ ſchrieb Bubenberg, der heldenmüthige Vertheidiger von Murten. Und während dieſer Zeit kamen die Männer 147 von Uri, von Unterwalden, vom Entlibuch, von Thun, vom Oberland, die Aargauer, die Bieler, die Stadtbasler und die biſchöflichen Basler, wie auch die Leute des Herzogs Sigismund in Bern an. Man erwartete nur noch die Züricher. Endlich am 21. Juni Abends, als in Bern Al⸗ les in den Kirchen war und zu Gott flehte, meldete man die Ankunft der Züricher: ſie rückten mit den Thurgauern, mit den Badenern und mit den Frei⸗ ämtlern an. Im Nu war Bern illuminirt, und vor jedem Haus ſtand ein gedeckter Tiſch; aber die neuen Gäſte tranken nur im Vorübergehen ein Glas Wein; ſie fürchteten zu ſpät zu kommen. Man umarmte ſie und rief ihnen zu: Viel Glück! Abends um zehn Uhr verließen ſie unter Ah⸗ ſingung ihrer Kriegslieder die Stadt Bern: ſie mar⸗ ſchirten bei einem heftigen Regen die ganze Nacht hindurch und kamen mit Tagesanbruch vor Mur⸗ ten an. Der Herzog hatte, wie wir bereits geſagt haben, ſechs bis achtunddreißigtauſend Mann; die Stärke der Eidgenoſſen belief ſich auf etwa dreißigtauſend. Carl konnte nicht glauben, daß die Schweizer es wagen würden ihn anzugreifen; vergebens ſagte man ihm, es würde am folgenden Tag zur Schlacht kommen, er lachte über dieſe Warnung. Hätte er an einen Angriff geglaubt, ſo würde er ohne Zweifel ſeine Armee anders aufgeſtellt und z. B. den Grafen von Romont mit ſeinen Sa⸗ voyarden nicht auf der andern Seite von Murten 10* 148 gelaſſen haben; er hätte ohne Zweifel ſeine Artillerie in Schlachtordnung geſtellt, ſo daß ſie ihm dienen konnte, und ſeiner Reiterei eine zum Angriff vor⸗ theilhafte Stellung angewieſen. Er that nichts von allem dem. Deßhalb prophezeite auch ſein Leibarzt und Aſtrolog Angelo Catto, welcher bereits die Nieder⸗ lage von Granſon vorausgeſagt hatte, das Unglück von Murten. Am Vorabend der Schlacht hatte der Prinz von Tarent ſich von dem Herzog verabſchiedet. Auch er hatte auf die Hand Marias von Burgund ge⸗ hofft, aber er ſah wohl, daß Carl nur ſein Geſpötte mit ihm trieb, wie er es mit Johann von Cala⸗ brien, mit dem Herzog von Savoyen und mit Ma⸗ rimilian getrieben. Er hatte ſich bek Granſon gut geſchlagen, hielt es aber jett für unnöthig bei Mur⸗ ten mitzukämpfen. Bei der Nachricht vom Anrücken der Schweizer⸗ Contingente hatte man den Herzog veranlaſſen wol⸗ len die Belagerung aufzuheben und den Feind in der Ebene zu erwarten; aber er hatte ſich hart⸗ näckig geweigert. Sein linker Flügel, den der große Baſtard von Burgund und der Baron von Rapenſtein comman⸗ dirten, erſtreckte ſich bis an die Mauern von Murten und lehnte ſich an die See. Das Mitteltreffen unter Hugo von Chatel⸗ Guyon und Philipp von Creve⸗Cveur nahm den Raum zwiſchen den Dörfern Grentz und Courti⸗ von ein. Carl ſelbſt commandirte den rechten Flügel, der nd r⸗ ick ch e⸗ 149 aus ſeinen berittenen Bogenſchützen, den Engländern und der beſten Reiterei der Armee beſtand. Aber dieſe ganz neue, ſchlecht exercirte, aus Söldlingen zuſammengeſetzte und von Anführern, die perſönliche Beſorgniſſe um ihre Zukunft hegten, commandirte Armee rechtfertigte nur allzuſehr die prophetiſchen Befürchtungen Angelo Catto's. Der Herzog ſelbſt war nicht mehr der Mann ſeiner ſchönen und glorreichen Tage er ſchien jenen Feldherrnblick, der über den Schlachtfeldern ſchwebt, verloren zu haben; er war eigenſinnig und aufbrau⸗ ſend, er verfiel bald in heftige beinahe epileptiſche Zuckungen, bald in eine Art von Erſtarrung, und war ein lebendiges Beiſpiel jenes Wahnſinns, womit die Vorſehung diejenigen ſchlägt, welche ſie ſtürzen will. Bei Tagesanbruch verſammelten ſich die Häup⸗ ter der ſchweizeriſchen Armee zu einem Kriegsrath, um die Schlachtordnung feſtzuſtellen. Es wurde beſchloſſen, daß ein eidgenöſſiſches Corps in Verbindung mit den Einwohnern der Gegend die neuntauſend Mann ſtarke Abtheilung des Grafen von Romont abſchneiden ſolle, ſo daß ſie ſich nicht an der Schlacht betheiligen könne; das Hauptcorps ſolle inzwiſchen den Herzog an⸗ greifen. Den Befehl über die Vorhut erhielt Hans von Hallwyl, Bürger von Bern, aber einer alten Pa⸗ trizierfamilie aus dem Aargau angehörig. Er war noch jung, aber dennoch ein alter Soldat aus den böhmiſchen Kriegen; er hatte dem berühmten Hunyad die Türken aus Ungarn vertreiben geholfen. Man 150 gab ihm die Freiburger, die Oberländer und die Entlibucher. Oswald von Thierſtein nebſt dem Herzog von Rens commandirte die Reiterei; er hatte überdieß viele Pikenmänner, Hellebardiere und Artilleriſten unter ſeinen Befehlen. Das Haupttreffen commandirte Hans Waldmann von Zürich, welchem man Wilhelm Herter, den Hauptmann der Straßburger, beigegeben hatte. Hier waren alle Banner bewacht von tauſend mit Piken, Hellebarden und Streitäxten bewaffneten Kriegern, die man unter den Tapferſten auserwählt e. hatt Wilhelm Hartenſtein von Luzern führte die Nachhut. Tauſend Mann zogen als Plänkler der Haupt⸗ macht voran. Die Burgunder konnten weder den Marſch noch die Stellung der Eidgenoſſen ſehen, da dieſelben durch eine zwiſchen Murten und der Sane befind⸗ liche Bergkette, die parallel mit dem Fluß lauft, gedeckt und überdieß die beiden Abhänge dieſer Hü⸗ gel ſtark bewaldet waren. Hinter dieſem für das Auge undurchdringlichen Vorhang ſtellten die Schwei⸗ zer ihre Schlachtordnung auf. Im Augenblick, wo man gegen den Feind zie⸗ hen wollte, fragte Wilhelm Herter, der Hauptmann von Straßburg, ob es nicht gut wäre einige Ver⸗ ſchanzungen, ſei es nun mit einer Art von Wagen⸗ burg oder mit Poliſſaden, zu errichten, um den An⸗ prall der burgundiſchen Reiterei zu brechen; aber Felir Keller von Zürich antwortete ihm: die von dieß iſten ann den tte. mit ten ihlt die och en id⸗ ft, ü⸗ as ei⸗ ie⸗ in r⸗ n⸗ n⸗ er 151 „Wenn unſere treuen Bundesgenoſſen guten Willen haben an unſerer Seite zu kämpfen, ſo iſt der Augenblick gekommen. Wir werden nach dem Brauch unſerer Väter gegen den Feind marſchiren und handgemein werden; die Befeſtigungskunſt iſt nicht unſere Sache.“ Der Herzog hatte ſeine Leute ſchon am frühen Morgen bei einem ſtarken Regen unter die Waffen treten laſſen; als er aber ſah, daß das Pulver naß und die Bogenſehnen ſchlaff wurden, ließ er ſie wieder in's Lager rücken. Dieß war der Augenblick, welchen die Schweizer wählten. Hans von Hallwyl, welcher die Vorhut comman⸗ dirte, gab jetzt das Signal. „Wackere Eidgenoſſen und Verbündete,“ ſprach er,„Ihr ſeht da dieſelben Leute, die Ihr bei Gran⸗ ſon geſchlagen habt, vor Euch. Sie kommen, um ihre Rache zu nehmen. Ihre Anzahl iſt groß, aber die Menge jagt Euch keine Furcht ein. Denkt an die ſchönen Schlachten, die unſere Väter gewonnen haben. Vor hundertundſiebenunddreißig Jahren haben ſie an einem ähnlichen Tag in derſelben Ge⸗ gend bei Laufen einen großen Sieg erfochten. Ihr ſeid tapfer wie ſie; Gott wird mit Euch ſein. Da⸗ mit er uns dieſe Gnade gewähre, laßt uns nieder⸗ inien, Freunde, und unſer Gebet verrichten.“ Und ſie knieten Alle nieder und falteten die Hände. In dieſem Augenblick hörte der Regen auf; ein Windſtoß vertrieb die Wolken; der Himmel klärte ſich auf, die Sonne ſtrahlte. 152 Die Schweizer ſahen jetzt die Ebene; in der Ebene den Feind und hinter dem Feinde den See. Bei dieſem Anblick zog Hans von Hallwyl ſein wert. „Brave Männer,“ rief er,„Gott ſchickt uns ſeine Sonne; denkt an Eure Weiber und Kinder. Und r, Jünglinge, werdet Ihr den Italienern erlau⸗ ben Euch Gure Bräute zu entführen?“ Von jetzt an mußte man ſie nur noch zurückhal⸗ ten, ſie rückten in guter Ordnung und mit dem Ruf: ranſon, Granſon! vor. or ihnen biß ſich eine Schaar von Berghun⸗ Dieß war eine gute Vorbedeutung. Man meldete dem Herzog, daß die Schweizer gegen ſeine Verſchanzungen heranrücken; er wollte es nicht glauben und mißhandelte den Edelmann, welcher ſagte, daß er ſie mit ſeinen eigenen Augen geſehen habe. Wiederholte Artillerieſalven lockten ihn aus ſei⸗ ner Wohnung; er ſah und erkannte bie Vorhut Hallwyls, ſowie das Hauptcorps Waldmanns, die zuſammen die Verſchanzungen angriffen. Zu gleicher Zeit rückte die lothringiſche Reite⸗ i vor. Der Herzog ſtieg zu Pferd und griff dieſe Rei⸗ terei an, die bereits durch die Artillerie der Ver⸗ ſchanzungen zum Wanken gebracht worden war. Die burgundiſche Reiterei würde ſie wahrſcheinlich n die Flucht geſchlagen haben„ wenn nicht jetzt re ———— der See. ſein eine Und au⸗ al⸗ uf: un⸗ n⸗ er te en i⸗ 153 ſchweizeriſches Fußvolk mit ſeinen furchtbaren Piken⸗ den Lothringern zu Hülfe gekommen wäre. Der Herzog trug ſich nichtsdeſtoweniger mit gu⸗ ten Siegeshoffnungen; aber auf einmal hörte er zu ſeiner Rechten einen furchtbaren Tumult. Es war Hallwyl mit ſeinen Leuten, welche die Batterie umgangen, ſich ihrer bemächtigt hatten und nun auf die Burgunder feuerten, während Bu⸗ benberg mit dem Ungeſtümm eines Stieres aus hervorbrach und dem Herzog in die Flan⸗ ken fiel. Beinahe im ſelben Augenblick umging die ſchwei⸗ zeriſche Nachhut das burgundiſche Heer, um ihm den Rückzug abzuſchneiden.. Carl wurde von drei Seiten angefaßt; auf der vierten Seite war der See. Es war keine Flucht wie bei Granſon; im Ge⸗ gentheil war hier der Widerſtand furchtbar: die Engländer, die Garde des Herzogs und die Leute von ſeinem Hof ließen ſich tödten; inzwiſchen aber wich die Armee zurück und bemerkte bald, daß ſie in den See kam. Erſt zu dieſer Stunde war die Niederlage voll⸗ ſtändig. Viele, ſagt das Murtner Volkslied, viele ſpran⸗ gen in die See, ohne daß ſie Durſt hatten. Die Fußgänger ertranken, die Reiter drangen mit ihren Pferden hinein, aber da der See nicht ſehr tief war, ſo ſah man noch genug von ihren Körpern hervorragen, um auf ſie, wie auf die Scheibe, ſchießen zu können; überdieß ſchickte man Rachen . 154 „mit Bogenſchützen, die ſich einen Theil des Tages hindurch mit dieſem Spiel amüſirten, in den See. Die Tradition erzählt, nur ein einziger Reiter ſei davongekommen, und auch dieſer nur, weil er ſich dem heiligen Urſus, Schutzpatron von Solothurn, gemeiht hatte. Noch heutigen Tags finden die Fiſcher von Murten zuweilen Waffenrüſtungen und Gebeine in ihren Netzen. Der Herzog verlor in dieſer Schlacht zehntau⸗ ſend Mann und mit ihnen die Blüthe ſeiner Ritter⸗ ſchaft. Jakob von Maes, der das herzogliche Banner trug, ließ ſich bei Vertheidigung deſſelben tödten. Uebrigens wäre es auch nutzlos geweſen ſich zu ergeben: die Schweizer gaben keinen Pardon. Grau⸗ ſam wie bei Murten, war ein Sprüchwort, das lange Zeit in der Schweiz und in Burgund gäng und gäbe blieb. p Nachdem die Schweizer dem alten Gebrauch zu⸗ folge drei Tage auf dem Schlachtfeld zugebracht, um gegen Jedermänniglich zu behaupten, daß der Sieg wirklich ihnen gehöre, machten ſie eine unge⸗ heure Grube, in welche man die Todten warf, die ſodann mit ungelöſchtem Kalk bedeckt wurden. Nach Verfluß von vier Jahren wurde die Grube wieder geöffnet, und da fand man nur noch die Gebeine; aus dieſen machte man ein Beinhaus, das ſehr be⸗ rühmt wurde. Die Schweizer zeigten den Reiſenden an den Gebeinen ihrer Feinde die Spuren der furchtbaren Schwertſtreiche, die ihre Väter geführt hatten. — c5 ₰ u⸗ er⸗ che en zu U⸗ as g U⸗ er E⸗ ie ch r r t 15⁵ Auf dieſes Beinhaus ſetzte man eine lateiniſche Inſchrift, die in der Ueberſetzung alſo lautet: „Dem allgütigen und allmächtigen Gott hat die Armee des ſehr berühmten und ſehr tapfern Her⸗ zogs von Burgund, die Murten belagerte und von den Schweizern geſchlagen wurde, dieſes Denkmal hier zurückgelaſſen.“ Weltbekannt iſt der Vers des ſchweizeriſchen Dichters Haller: „Steh ſtill, Helvetier, hier liegt das kühne Heer, Vor welchem Lüttich fiel und Frankreichs Thron er⸗ bebte; Nicht unſerer Ahnen Zahl, nicht künſtliches Gewehr, Die Eintracht ſchlug den Feind, die be⸗ lebte. Lernt, Brüder, eure Kraft: ſie iſt in eurer Treu; Ach, würde ſie noch jetzt bei jedem Leſer neu!“ Als im Jahr 1798 ein franzöſiſches Armeecorps unter dem General Brune Beſitz von Murten er⸗ griff, erblickte es in dieſen Inſchriften eine Beleidi⸗ gung gegen den franzöſiſchen Ruhm und zerſtörte ſie ſammt dem Beinhaus. Als ſpäter Bonaparte das Schlachtfeld von Mur⸗ ten beſuchte, erzählte man ihm dieſe Heldenthat. „Sie haben Unrecht gehabt,“ ſagte er:„die Burgunder waren damals keine Franzoſen.“ Der Herzog gerieth beinahe in Gefangenſchaft; nur mit zwölf Mann ſchlug er ſich durch die Schwei⸗ zer durch und kam nach einem Ritt von zwölf Meilen glücklich nach Morges. Er hatte abermals ſeine vierzigtauſend Mann wie einen Rauch verdunſten geſehen; abermals war ſein Lager, ſeine Artillerie, ſein Gepäck in die Hände ſeiner Feinde gefallen. Und man muß ein furchtbares Strafgericht des Himmels darin erkennen, daß der hochmüthigſte Fürſt der Chriſtenheit von beſcheidenen Hirten, von ar⸗ men Bauern zu Boden geworfen wurde. Freilich hatten dieſe Hirten, dieſe Bauern Herde zu vertheidigen, die ihnen gehörten; freilich waren ſie freie Männer. X. Letzte Verwegenheit. Carl hielt ſich nur einen Augenblick in Morges auf; er begab ſich von da nach Gex, das der Her⸗ zogin von Savoyen gehörte, und wo er blieb. Die Herzogin, die ſeine Wuth begriff, beſuchte ihn da, wie ſie ihn ſchon in Lauſanne beſucht hatte, und that Alles, um ihn ein wenig zu beruhigen und zu tröſten. Sie hatte ihre Kinder bei ſich. Carl wußte, daß ſie bereits mit dem König von Frankreich unterhandelte. Um ſich ihrer zu ver⸗ ſichern, lud er ſie ein, mit ihm in die Franche⸗ Comté zu kommen. Die Herzogin, die dort nichts zu ſchaffen hatte, lehnte die Einladung ab und er⸗ klärte, daß ſie durchaus ſchon am nächſten Tage nach Savoyen und Piemont zurückkehren müſſe. Der Herzog beſtand nicht auf ſeiner Forderung, F —— war die des ürſt ar⸗ rde ren es er⸗ te te, en on r⸗ e⸗ t8 v⸗ e 9, 157 befahl aber Olivier de la Marche, ſich zwei oder drei Meilen von Gex in einen Hinterhalt zu legen und die Herzogin von Savoyen, ſowie ihre Kinder, und ganz beſonders den jungen Erbherzog zu ent⸗ führen. Olivier de la Marche wollte einige Bemerkun⸗ gen machen, aber der Herzog ſchnitt ihm das Wort ab mit ſeiner gewohnten Phraſe: „Bei Eurem Kopf!“ Olivier de la Matche gehorchte. Er legte ſich auf der Straße von Ger nach Genf in Hinterhalt und entführte die Herzogin, ihre beiden Töchter und einen jungen Prinzen, den er für Ludwig Jakob, den Erben von Savoyen hielt. Glücklicher⸗ weiſe aber war dieſer von dem Grafen von Riva⸗ role, dem Hofmeiſter ſeines Bruders, in das Korn geworfen worden, und Olivier de la Marche bekam nur den Prinzen Philibert in ſeine Gewalt. Man denke ſich den Zorn des Herzogs, als er den Mißgriff erkannte: er hatte ein abſcheuliches, nicderträchtiges und noch obendrein nutzloſes Ver⸗ brechen begangen. Der Erbe Savoyens befand ſich in Chambery, und ſeine Verfolger hatten nicht die Macht ihn dort aufzuſuchen. Nach Verfluß einiger Monate, als Carl ſich von ſeinem furchtbaren Schlag erholt hatte, rief er die Stände der Franche-Comté nach Salins zu⸗ ſammen und führte da eine Sprache, wie er ſie etwa vor Granſon und Murten hätte führen können. Er wollte eine Armee von vierzigtauſend Mann ſammeln, die Schweizer ſchlagen, über die Alpen marſchiren, in Italien einrücken, das Königreich Burgund gründen. WMan glaubte, er habe den Verſtand verloren, und er hatte auch wirklich nie Verſtand gehabt; ſein Hochmuth und ſeine Brutalitét hatten von je⸗ her ſehr hart an Wahnwitz geſtreift. Die Stände antworteten ihm, daß ſie ihm höch⸗ ſtens dreitauſend Mann geben, ſonſt aber nichts für ihn thun können. „Schon gut,“ ſagte der Herzog,„ich werde nach Flandern gehen; dort wird man mir Gehör ſchenken; ich habe da treue Unterthanen.“ Er log, und er wußte wohl, daß er log: nach der Schlacht von Granſon hatten die Flamänder ſeine Tochter zurückgewieſen; dieſe Erbin, um deren Hand vier Prinzen ſich geſtritten, beſaß jetzt nicht einen einzigen Höfling mehr, ſo zerrüttet erſchienen die Umſtände des Herzogs. Er ging nicht nach Flandern und er that wohl daran: vielleicht hätten Gent, das er zu Grunde gerichtet, Lüttich, das er zerſtört, Dinant, das er verbrannt hatte, ihn nicht mehr losgelaſſen. Er nahm ſeinen Wohnſitz in der Nähe von Joux, dem ſpäteren Gefängniß Mirabeaus, in einem traurigen Juraſchloß, und bildete ein Lager, in welches Rie⸗ mand kam, und wo er täglich ein neues Unglück, einen neuen Abfall, einen neuen Verrath erfuhr. Der Saft vertrocknete in dem Baum; bald fie⸗ len auch die Blätter und die Zweige. Alle dieſe wiederholten Schläge nahm er trau⸗ rig und düſter mit einem Kopfnicken auf, das zu 1 eich en, bt; chts rde hör ach der ren icht en ohl nde er em en ie⸗ ick, ie⸗ u⸗ 159 ſagen ſchien:„Wir wollen doch ſehen, wer zuerſt müde wird, ich oder das Schicſal.“ „Und gleichwohl,“ ſagt Comines,„wäre es eine große Wohlthat für ihn geweſen, ſprechen, ſeinen Schmerz gegen einen Freund ergießen zu können.“ Einen Freund! Comines vergift Etwas: der Herzog hatte die drei ſchönſten Diamanten der Welt beſeſſen, aber einen Freund hatte er nicht haben können; vielleicht hatte er einen einzigen ge⸗ habt, St. Pol, und dieſen hatte er an den König von Frankreich verkauft. Es wäre kein Wunder geweſen, wenn der Schmerz ihn wahnſinnig gemacht hätte; ſeine Fa⸗ milie war ohnehin eine Ndrrenfamilie; man denke nur an Carl VI, Heinrich Vl und Wilhelm. Aber gerade das Uebermaaß ſeiner Verzweiflung erhielt ihn beim Verſtand. Inzwiſchen erſchien der König von Frankreich wieder auf dem Schauplatz. Für's Erſte hatte er ſeinerſeits ſelbſt die Her⸗ zogin von Savoyen, ſeine Schweſter und alte Fein⸗ din, die ihn um Befreiung hatte anrufen müſſen, entführen laſſen. Sodann ſprach er den Schweizern ſehr ernſtlich zu einem Einfall in Burgund zu, denn er gedachte ihnen das Land hernach abzukaufen; auch gab er dem Herzog Rens Geld, um Lothringen wieder zu nehmen; und überdieß ſuchte er Flandern aufzu⸗ wiegeln.— Zum Unglück für die Flamänder war es nicht das erſte Mal, daß Ludwig Kl in ihrem Land operirte. 160 Carl brach, ſobald er einige tauſend Mann zu⸗ ſammengebracht hatte, nach Nancy auf. Es war zu ſpät: der Herzog René war kaum erſt in ſeiner Hauptſtadt eingezogen und hatte die Thore derſelben verſchloſſen. Inzwiſchen war Nancy wieder erobert, aber nicht verproviantirt, und René mußte, um die Stadt zu behaupten, ebenfalls eine Armee anwerben. René überließ Nancy ſeinen tapfern Lothringern und einigen Unglücksgefährten, und begab ſich in die Schweiz, um Soldaten anzuwerben. Sein großer und beharrlicher Freund, der Kö⸗ nig von Frankreich, ſollte ihm dazu behülflich ſein. Nach der Schlacht von Murten hatten die Schweizer Geſandte an Ludwig Xl abgeſchickt; dieſe hatten den alten Fuchs in ſeiner Höhle zu Pleſſis⸗les⸗Tours getroffen, wo er mit geſpitzten Ohren auf Nachrichten wartete. Die Nachrichten waren gut, ſogar beſſer als nach Granſon, was beinahe unglaublich ſchien: der König war allerliebſt gegen die Abgeordneten der Kantone, und dieſe rauhen Sieger wurden ihrer⸗ ſeits durch Liebkoſungen beſiegt. Adrian von Bu⸗ benberg, der tapfere Vertheidiger Murtens, erhielt hundert Mark Silber; die anderen Geſandten je zwanzig Mark. Ueberdieß ſchloß Ludwig Xl einen Handel mit ihnen ab: er warb ſie für den jungen Herzog von Lothringen an. Dieß war ein Krieg, bei welchem er kein Intereſſe hatte, den er aber wegen ſeiner Moralität im Gang zu erhalten ſuchte Er bürgte für den Sold. Die Schweizer ſollten jetzt anfangen nicht mehr . 161 für ſich ſelbſt zu fechten, ſondern ihre Arme zu ver⸗ miethen, ihr Blut zu verkaufen. Dieſe unerſchrockenen Streiter, die bei Granſon fünfundzwanzig und bei Murten vielleicht zweihun⸗ dert Mann verloren und dafür Millionen gewon⸗ nen hatten, fanden nach und nach das Kriegshand⸗ werk ſehr einträglich und beinahe nicht gefährlicher als die Gemſenjagd. Ueberdieß liebten ſie dieſen jungen René, der ſo tüchtig dreinſchlug und gar nicht ſtolz war. Vor der Schlacht bei Murten, als einige Edelleute ſich weigerten den Ritterſchlag zu empfangen, weil man an dieſem Tage ſo vielen Bürgerlichen die Kette um den Hals hing und die Sporen anheftete, war der junge Herzog, frei von allem Hochmuth, mitten unter ſeinen guten Freunden niedergekniet und hatte mit ihnen den Ritterſchlag empfangen. In dieſem Augenblick durchzog er die Schweiz, um ſeine Kriegsgefährten um ihre Hülfe zu beſtür⸗ men, und er führte— als Schmeichelei gegen die Herrn von Bern— einen zahmen Bären mit ſich, der gleichfalls bat, indem er an die Thüren krazte, die ſein Herr offen zu ſehen wünſchte. Gleichwohl ließen ſich die Städte von ſeinen Bitten und Thrä⸗ nen nicht ſehr rühren; aber als die Geſandten mel⸗ deten, daß der König von Frankreich den Sold verbürge, da that ſich auf einmal eine andere Stimmung kund. Es gab vier Gulden monatlich zu verdienen! Um dieſen Preis hätte der Herzog René die ganze Schweiz haben können; er mußte ſagen: Genug. Er hatte zehntauſend Mann. Dumas, Karl der Kühne. II. 11 162 Das war noch nicht Alles; dieſe zehntauſend Mann mußten nach Lothringen geführt werden, und man befand ſich am Ende Decembers. Die Wege waren vom Schnee verſchüttet. Und dann gab der König zwar allerdings Geld her, aber er war auch in ſeiner Freigebigkeit ſtets ein Harpax geweſen: er gab nur das Allernothwendigſte; im Kriege aber iſt dieſes nicht genug, beſonders bei Deutſchen, dem durſtigſten Volke Europa's. In Baſel verlangten die Schweizer, als ihnen ihr Sold bezahlt war, noch ein Draufgeld, d. 6 eine Ergänzung des Soldes. Dieſes Draufgeld mochte ſich auf fünfzehnhundert Gulden belaufen, und Rens hatte ſeinen letzten Thaler hergegeben⸗ Ein ihm ergebener Edelmann gab ſeine Kinder in Verſatz und nahm die fünfzehnhundert Gulben auf dieſelben auf. Ihr glaubt wohl, damit ſei Alles aus? Mit nichten: nach dem Draufgeld kam das Trinkgeld. — Trinkgeld heißt das erſte Wort, das Ihr beim Eintritt in die Schweiz vernehmet, Trinkgeld das letzte, das Euch über die Gränze hinüber begleitet. Rens brachte glücklich das Trinkgeld auf und konnte endlich abmarſchiren. Er war zu Fuß, eben ſo gekleidet wie ſeine Soldaten, und trug wie ſie die Hellebarde auf der Schulter. Aber nach fünf oder ſechs Meilen wurden un⸗ ſere Männer müde. Warum ſollten ſie marſchiren, während ſie doch ſo bequem auf dem Rhein hinun⸗ terfahren konnten? Sie ſetzten ſich in größter Un⸗ ordnung mit Freudenmädchen in die Boote;— ———— ſend den, ege der uch en: ber dem nen eld fen, en. in auf Mit eld. eim das tet. nte ine der un⸗ en, un⸗ ln⸗ die er theuer zu büßen hatte 163 dieſe Bergleute trieben es, ſeit ſie Geld hatten, ſo liederlich wie vornehme Herrn;— der Rhein rieß ſie fort; die Boote ſcheiterten; drei⸗ oder vierhun⸗ dert Mann ertrinken; die andern wiſſen nicht, wem ſie die Schuld beilegen ſollen, und werfen ſie daher auf den unglücklichen René. Der Herzog von Burgund hatte Correſponden⸗ ten in Neuchatel; ſie ſchrieben ihm:„Seid ruhig, die weizer werden niemals ankommen.“ ie kamen indeſſen doch an, aber langſam und unter großen Schwierigkeiten. Der Winter war für ſie und auch für den Herzog von Burgund ſehr hart geweſen. Ein entſetzlicher Winter! Vierhun⸗ dert Mann erfroren in der Chriſtnacht im Lager; viele erfroren Hände und Füße. Und dabei kein old; nichts als harte Worte und furchtbare Strafen. Ein Edelmann, der all dieſer Mühſeligkeiten müde war, hatte das Unglück zu ſagen: „Da dieſer Herzog ſich ſo ſehr nach Nancy ſehnt, ſo ſollte man ihn in eine Kanone laden und ihn hineinſchießen.“* 5 Carl erfuhr es und ließ den ſchlechten Witz⸗ macher aufknüpfen. Gleichwohl war er nahe daran den Muth ganz zu verlieren, als ein Gascogner, der aus Nancy entwiſchte, ihm meldete, man habe dort bereits die Pferd verzehrt und ſei jetzt an den Hunden und Katzen. Dieß bewog ihn noch zu warten. Inzwiſchen befahl er eine andere Hinrichtung, 11* . 164 Mehrere Edelleute aus der Hofhaltung des Her⸗ zogs Rens ſtchten in die belagerte Stadt zu ge⸗ langen, und wurden von den Burgundern gefangen genommen. Carl befahl ſie alleſammt aufzuknüpfen. Einer von ihnen, Siffren von Baſchi, verlangte vor den Herzog geführt zu werden, da er ihm ein höchſt wichtiges Geheimniß mitzutheilen habe. Dieſes Geheimniß beſtand darin, daß der Günſt⸗ ling Carl's, ein italieniſcher Bandenchef, Namens Campobaſſo, ihn verrathe. Und in der That verrieth Campobaſſo ihn dop⸗ pelt: er hatte ſich zuerſt gegen den König von Frank⸗ reich erboten den Herzog von Burgund zu ermorden. Ei, mein Gott, der König von Frankreich würde es gern angenommen haben; in ſolchen Gewiſſens⸗ ſachen waren ſeine Skrupel nicht ſehr großz aber er hielt den Italiener für minder verächtlich als er wirklich war, und glaubte der Herzog wolle ihm nur durch Campobaſſo's Vermittlung irgend ein Schreiben ablocken, das ihn vor der ganzen Chri⸗ ſtenheit blosſtellen würde. Statt daher dem Con⸗ dottiere zu antworten, ſchrieb er dem Herzog, wel⸗ chen Antrag man ihm gemacht habe, und forderte ihn zur Wachſamkeit auf. Der Herzog, der nicht glauben konnte, daß der König ſo zärtlich um ſein Wohl beſorgt ſei, ließ die Anzeige unbeachtet. Campobaſſo mußte alſo von dieſer Seite her alle Hoffnung aufgeben. Er wandte ſich daher an den Herzog René und erbot ſich ihm— wohlverſtanden gegen gute Be⸗ * E 165 zahlung— zum Gelingen ſeines Unternehmens för⸗ derlich zu ſein. Rens ließ ſich auf kein beſtimmtes Verſprechen ein, ſondern ſagte blos, er wolle das Reſultat ab⸗ warten. Dieſen Verrath wollte Siffren von Baſchi dem Herzog aufdecken; aber der Graf von Campobaſſo, der am Zelt ſeines Gebieters wachte, erklärte im Nomen deſſelben, Siffren müſſe augenblicklich auf⸗ geknüpft werden. Der Befehl wurde vollzogen. René hatte hundertundzwanzig Gefangene, die unter die Aufſicht des Baſtards von Vaudemont geſtellt waren. Als er die Hinrichtung Siffrens erfuhr, befahl er die hundertundzwanzig Burgunder zu hängen, was augenblicklich ausgeführt wurde. Ueber den Köpfen der Gehenkten wurde fol⸗ gende Inſchrift angeſchlagen: „Wegen der ſchändlichen Unmenſchlichkeit und des fluchwürdigen Mordes, der an dem Grafen Siffren von Baſchi und ſeinen Gefährten, die in ehrlichem Dienſt ihres Herrn gefangen wurden, von dem Herzog von Burgund begangen worden iſt, der ſeinen Blutdurſt nicht ſtillen kann, muß ich hier ſterben.“ „Prügelſpiel Bauernſpiel“ ſagt ein altes Sprüch⸗ wort; was ſoll man zu dem Spiel von Fürſten ſagen, die ihre points mit Gehenkten markiren? Am 26. December ließ Carl ſtürmen, wurde aber zurückgeſchlagen. Am ſelben Tag brach René mit ſeiner ganzen Armee von Baſel auf, um ſeiner guten Stadt Nancy endlich zu Hülfe zu kommen. N 165 Am 4. Januar 1477 paſſirte er die Meurthe und befand ſich kaum zwei Meilen von den Bela⸗ gerern hinweg. Auf die Nachricht von der Annäherung der loth⸗ ringiſchen Armee hatte Campobaſſo ſeit zwei Tagen den Herzog von Burgund verlaſſen; freilich hatte er zuvor die Verſicherung erhalten, daß man ihm die Stadt Commercy, die ihm geſchenkt und hernach wieder genommen worden war, definitiv zurückgeben werde. Er ließ Leute im Lager zurück, welche zur all⸗ gemeinen Flucht auffordern ſollten, und einige Andere, denen er einen noch lichtſcheueren Auftrag ertheilte. So wie die Sachen jett ſtenden, mußte Carl der Kühne nothwendig ſterben: die im Lager zurück⸗ gelaſſenen Leute ſollten dafür ſorgen. Campobaſſo zog ſich etwa zwei Meilen weit auf die Brücke von Bouxieres zurück, über welche die burgundiſche Armee ihren Rückzug bewerkſtelligen mußte; hier ſtellte er ſich mit ſeinen Lombarden und Neapolitanern auf die Lauer und wartete den Verlauf der Dinge ab. René hatte zwanzigtauſend Mann bei ſich; der Herzog beſaß kaum viertauſend. Carl hatte die Schlachten von Granſon und Murten gegen geringere Streitkräfte verloren; was durfte er alſo in Nancy erwarten? Es gab noch ein Mittel die Schlacht zu ver⸗ meiden; aber Niemand getraute ſich dem Herzog zur Aufhebung der Belagerung zu rathen; eben ſo gut hätte man ſich in die Höhle des Löwen wagen können. — 1———„— X— X S S=—* N v—* — 50 167 Gleichwohl nahm der Graf von Chimay ſein Herz in beide Hände und rückte mit dem Vorſchlag heraus. Er traf Carl wie gewöhnlich ganz düſter und mit Ausnahme eines Helmes in vollſtändiger Waf⸗ fenruͤſtung; der Herzog legte ſeine Waffen beinahe nie mehr ab. „Gnädigſter Herr, ich will Euch einen Vorſchlag machen, den Niemand zu machen wagt... darf ich ſprechen?“ fragte der Graf. Der Herzog richtete ſeinen Kopf empor und nickte bejahend. „Gnädigſter Herr, wir haben Nachricht erhalten, daß der Herzog René mit zwanzigtauſend Mann heranrückt; wir beſitzen kaum viertauſend.“ „Nun, was weiter?“ fragte der Herzog. „Ich bin mit Euern weiſeſten Rathgebern der Meinung, daß Ew. Hoheit die Belagerung auf⸗ heben und ſich ins Luremburgiſche begeben ſollte, um Euch dort ein wenig zu erholen und Eure Ar⸗ mee zu verſtärken. Während dieſer Zeit würde dem Herzog René das Geld ausgehen, ſeine Söld⸗ ner würden ihn verlaſſen, und dann könnten wir von Neuem gegen ihn zu Felde ziehen.“ Carl runzelte die Stirne. „Man ſieht wohl,“ ſagte er,„daß Ihr ein Vaudemont ſeid. Nun wohl, ſo miſſet denn, daß ich, wenn Ihr auch mit Eurem ganzen Anhang mich verlaſſen ſolltet, ganz allein kämpfen würde. Mein Feind iſt zu jung, als daß ich vor ihm zu⸗ rückweichen ſollte.“ „Gnädigſter Herr,“ verſetzte der Graf,„ich habe 168 meine Pflicht gethan, indem ich Euch meinen Rath ertheilte. Wenn es jetzt zum Kampfe kommt, ſo wird es ſich zeigen, ob ich es aufrichtig und ehrlich meine.“ Die einzige Antwort des Herzogs beſtand darin, daß er ein Verbot erließ ungerufen in ſein Zelt zu kommen. Gleichwohl rief Carl vor der Schlacht ſeinen Kriegsrath zuſammen. „Nun,“ ſagte er,„die Lumpenhunde rücken heran, die Trunkenbolde kommen, um zu ſaufen und zu freſſen; was ſollen wir thun?“ Alle waren der Anſicht, man müſſe ſich, wie der Graf von Chimay geſagt hatte, ins Luxem⸗ burgiſche zurückiehen. Aber der Herzog hatte ſeinen Rath zuſammen⸗ berufen, um ihm ſeine Vefehle zu ertheilen, nicht um ſein Gutachten einzuholen. „Beim heiligen Georg, mein Vater und ich haben die Lothringer zu beſiegen gewußt, und wir wollen ſie daran erinnern. Heute Abend muß die Stadt geſtürmt, morgen muß die Schlacht geliefert werden.“ Er hatte geſchworen das Dreikönigsfeſt in Nancy zu feiern. Die Belagerten wußten nicht, daß René ſo nahe war; aber er ließ auf dem Kirchthurm des Dorfes St. Nicolas ein großes Feuer anzünden. Sie be⸗ griffen, daß dieſes Feuer die Ankunft ihres Herzogs bedeutete, und gaben ſich daher doppelte Mühe, um den Sturm zurückzuſchlagen. Derſelbe blieb nicht nur erfolglos, ſondern die c„ ir ie rt es 169 Beſatzung verfolgte auch noch die Stürmenden bis unter ihre Zelte. In der Nacht ließ der Herzog von Burgund neue Verſchanzungen graben und neue Geſchütze aufführen. Die Lothringer rückten auf dem neuen Wege von Straßburg heran und beſetzten das Dorf Neufville. Als der Morgen kam, wollte der Herzog, der in voller Rüſtung geſchlafen hatte, ſeinen Helm aufſetzen: der Löwe, welcher die Zier deſſelben bildete, ſiel herab. „Hoc est signum Pei“(das iſt ein Zeichen von Gott), ſagte er. Man brachte ihm ſeinen großen Rappen; er beſtieg ihn ganz nachdenklich und rückte gegen den Feind vor. Die Burgunder kamen an einen Bach, den ſie überſchreiten mußten, und der von geſchmolzenem Schnee ſehr angeſchwollen war. Der Herzog und ſeine Leute waren alſo gänzlich durchnäßt, als ſie ſich in Schlachtordnung aufſtellten. Joſſe von Lalaing— je mehr man von dieſer heldenmüthigen Familie tödtete, um ſo mehr neue Mitglieder tauchten auf, um ſich gleichfalls tödten zu laſſen— Joſſe von Lalaing, der Großbailli von Flandern, commandirte den linken Flügel; der Herzog und der große Baſtard ſtanden mit der Artillerie im Centrum. Die Lombarden unter Gia⸗ como Galeotto bildeten den rechten Flügel. Campobaſſo war zwei Stunden nach dem Her⸗ zog von Lothringen nach St. Nicolas gekommen; er erbot ſich in ſeinen Reihen zu kämpfen. 170 Aber René wandte ſich gegen ſeine Leute und fragte ſie: „Wollt Ihr dieſen Mann unter uns haben?“ Sie ſchüttelten die Köpfe. „Nein,“ ſagten Alle;„ieſer italieniſche Ver⸗ räther ſoll nicht an unſerer Seite kämpfen. Unſere Väter haben ſih niemals ſolcher Leute und ſolcher Kniffe bedient, um den Sieg zu erringen.“ Campobaſſo mußte ſeine Schmach verſchlucken und ſich zurückziehen. Er bewachte, wie wir geſagt haben, bereits die Meurthebrücke bei Bouxieres; jetzt beſetzte er auch noch die Moſelbrücke bei Conde, damit für den höchſt wahrſcheinlichen Fall einer Niederlage ſein ehemaliger Gebieter ihm nicht ent⸗ wiſchen könne. Mit der Unermeßlichkeit der göttlichen Liebe läßt ſich gar nichts Anderes vergleichen, als der unend⸗ . Haß der Schlechten gegen ihre früheren Wohl⸗ thäter. Es ſchneite ſtark, als die Schweizer durch ihre Plänkler erfuhren, daß der Herzog nur noch eine Viertelſtunde von ihnen entfernt ſei. Alle rückten luſtig vor. Sie hatten ſo eben in St. Nicolas gut gefrühſtückt; jeder Mann hatte ſeine Suppe und zwei Gläſer Wein bekommen, während die Burgunder nichts als ein eiskaltes Bad genommen hatten. Man ſchickte ein Corps von drei⸗ bis viertauſend Mann ab, um die Flanke des Feindes zu umgehen und ſich der Höhen zu bemächtigen, die ſeine Stel⸗ lung beherrſchten. er⸗ ere her ken agt dé, ler nt⸗ ißt d⸗ l⸗ re ne in te n, es id n ⸗ 171 So hatte man es bei Murten gemacht, und die Schweizer hatten ſich ſehr wohl dabei befunden. Das Hauptheer der Lothringer ſtand unter den Befehlen des Herzogs René und hatte keinen an⸗ dern General als ihn. Er ritt denſelben Grau⸗ ſchimmel, den er ſchon bei Murten geritten hatte. Ueber ſeiner Rüſtung trug er einen Rock mit ſeinen Farben, roth, weiß und grau, und darüber noch ein Gewand von Goldſtoff, deſſen rechter Ermel aufgeſchlitzt war, damit er ſeinen Arm frei bewegen konnte. Um ihn ſchaarte ſich die ganze lothringiſche Ritterſchaft, achthundert Mann ſtark. Die burgundiſche Artillerie hatte kaum Zeit eine Salve zu geben, als man die Hörner von Uri und Unterwalden erdröhnen hörte. Die Poſaune des jüngſten Gerichts hätte für den Herzog nicht ſchreck⸗ licher ſein können. Gleichwohl ließ er ſich ſeinen Schrecken nicht anmerken und befahl ein Manöver, in Folge deſſen die Bogenſchützen den durch die furchtbaren Hörner angekündigten Schweizern die Stirne boten. Der Kampf währte nicht lange; die Flucht be⸗ gann auf dem rechten Flügel, als Galeotto, der Befehlshaber deſſelben, fiel. Ebenſo konnte der linke Flügel dem Angriff René's und ſeiner achthundert Ritter nicht wider⸗ ſtehen: er wurde durchbrochen und floh den Fluß entlang, in der Hoffnung bei Bouxieres über die Meurthebrücke zu gelangen. Campobaſſo bewachte dieſelbe. Der Herzog ſelbſt kämpfte noch immer: er hatte 172 ein Gelübde gethan dießmal nicht zu fliehen. Er ſah die Flammen ſeines Lagers und bewegte ſich nicht von der Stelle; aber als ein neues Schnee⸗ geſtöber kam, verſchwand er in demſelben und wurde nie wiedergeſehen. Die Beſatzung von Nancy hätte ihrerſeits einen Ausfall gemacht und zog auf dem Schlachtfeld umher, wo ſie die Flüchtlinge und die Verwundeten tödtete. Das Gemetzel dauerte noch um Mitternacht. Der Herzog von Lothringen verfolgte die Flücht⸗ linge bis nach Bouxieres und kehrte dann in ſeine Hauptſtadt zurück. Nancy erwartete ihn bei feſtlicher Beleuchtung. Er zog durch das Liebfrauenthor ein und brachte vor allen Dingen Gott in der St. Georgskirche ſeinen Dank darz ſodann begab er ſich in ſeinen Palaſt, wohin ihn die ganze Bevölkerung unter lautem Jubel begleitete. Vor der Thüre fand er eine eigenthümliche Trophäe: es waren die Köpfe all der Pferde, Hunde, Maulthiere, Eſel und Katzen, von denen die Be⸗ lagerten ſeit einem Monat gelebt hatten. 2 René blieb die ganze Nacht auf. Er erkundigte ſich bei Allen, die ankamen, nach dem Herzog von Burgund. Viele hatten den Kühnen mit dem Schwert oder der Streitaxt kämpfen geſehen; aber es gab einen Augenblick, wo Niemand mehr ſagen konnte, was aus ihm geworden war. Die Letzten, die etwas von ihm wuften, hatten ihn am Zuſammenfluß zweier Bäche unweit eines gefrorenen Sumpfes geſehen. Er ſich hnee⸗ und einen nher, dtete. t ücht⸗ ſeine ung. achte irche inen inter liche nde, Be⸗ igte von oder inen was tten nes 173 Ein Mann behauptete, er habe den Herzog im Augenblick, wo die Armee ihre Flucht begann, rufen gehört:„Nach Luxemburg!“ Ein Anderer erzählte, Carl habe mitten im Gewühl einen ſo derben Pikenſtoß erhalten, daß er ganz erſchüttert und betäubt geworden ſei, allein der Ritter von Citey habe ihn aufrecht erhalten und wieder in ſeinen Steigbügel feſtgeſetzt, und nun habe ſich der Herzog, ſobald er wieder ganz zu ſich gekommen ſei, von Neuem ins bichteſte Ge⸗ wühl geſtürzt. René, der an die Flucht ſeines Feindes glaubte, ſchicte auf allen Straßen Boten aus und ließ zu⸗ gleich auf dem Schlachtfelde unaufhörlich ſuchen. Nach zwei Tagen wußte man noch nicht, ob Carl lebte oder todt war; und René hatte große Angſt, er möchte ihn noch einmal zurückkehren ſehen, als der Graf von Campobaſſo ſich anmelden ließ. Der Herzog dachte, Niemand könne ihm beſſer die gewünſchten Aufſchlüſſe ertheilen als dieſer Mann, und ließ ihn daher augenblicklich vor. Wirklich brachte der Italiener einen Pagen aus dem Hauſe Colonna mit, der im Dienſte des Her⸗ zogs von Burgund geſtanden hatte und jetzt ver⸗ ſicherte, er habe ſeinen Herrn fallen geſehen. Der Junge erzählte, ein Bäcker von Nancy habe ihm zuerſt einen Schlag auf den Kopf verſetzt, und ein Reiter, der nicht gewußt, mit wem er es zu thun hatte, habe ihn mit ſeiner Pike vollends niedergeſtoßen. Am 9. Januar begann man unter Anleitung des Knaben von Neuem nach dem Leichnam zu 174 ſuchen. Der junge Führer nahm ſeinen Weg nach dem St. Johannisteich. Hier lagen in der Nähe der St. Johanniskapelle etwa zwölf Leichname, die bereits ausgeplündert waren und im Schlamme ſteckten. Eine arme Wäſcherin von der Hofhaltung des Herzogs bemerkte am Finger eines dieſer Leichname einen Ring und ſtieß einen Schrei aus. Sie er⸗ kannte den Ring als denſelben, den ſie bei dem Herzog von Burgund geſehen hatte. Der Leichnam lag mit dem Geſicht im Schlamm; man kehrte ihn um, und nun rief die arme Frau: „Ach, mein Fürſt!“ Er war indeß ſchwer zu erkennen; der Kopf war halb in das Eis eingefroren geweſen; die da⸗ raus hervorſehende Wange war von Hunden oder Wölfen gefreſſen worden, und das Fleiſch der an⸗ dern Wange war am Eis hängen geblieben. Aber gewiſſe charakteriſtiſche Zeicken geſtatteten, daß man den Herzog erkannte; zuerſt eine Norbe, die er noch von Montlhery her hatte; zwei Zähne, die er bei einem Sturz vom Pferd eingefallen; zwei Abſceſſe, die er an der Schulter und am Unterleib gehabt, und woran ſein portugieſiſcher Leibarzt Matthias Lupi ihn behandelt hatte; endlich ein Nagel an der linken Zehe, der ins Fleiſch einge⸗ wachſen war, und worüber er ſich nach der Ver⸗ ſicherung ſeiner Kammerdiener, ſo wie ſeines Kam⸗ merherrn Olivier de la Marche, zuweilen beklagte. Seine neuen Wunden beſtanden in einem Schwert⸗ oder Arthieb, der ihm den Kopf geſpalten hatte, und in zwei Lanzenſtichen. Man meldete dem Herzog von Lothringen in nach Nähe , die ckten. des name ⸗ dem nam ihn 175 aller Eile, daß der Leichnam ſeines Feindes aufge⸗ funden worden ſei. Er freute ſich ungemein darüber, denn er war überzeugt, daß nur die Todten nicht wiederkehren. Er ließ den Leichnam auf einer von vier Män⸗ nern getragenen Sänfte nach Kancy bringen und in ein Haus niederlegen, das einem gewiſſen Georg Marqueiz gehörte. Hier wuſch man ihn mit warmem Waſſer und mit Wein. Der Körper war mehr klein als groß, ſchnee⸗ weiß und ſehr kräftig; er wurde auf einen Tſch gelegt und der Kopf ruhte auf einem ſeidenen Kiſſen; die Hände waren zuſammengelegt, neben ihm be⸗ fanden ſich das Kreuz und das Weihwaſſer. Dann ließ man das Publikum hereinkommen, damit Jedermann ſich überzeugen konnte, daß er wirklich todt war. So blieb er drei Tage und drei Nächte;„Einige beteten für ihn“, ſagt der Chroniſt,„Andere bete⸗ ten nicht.“ Endlich kleidete man den armen Leichnam; man zog ihm ein Kamiſol von weißem Atlas, ſo wie ſcharlachrothe Stiefel mit goldenen Sporen an, warf ihm einen carmoifinrothen Atlasmantel über, ſetzte die Herzogskrone auf ſeine geſpaltene Stirne und ſein verſtümmeltes Geſicht, und legte ihn endlich auf ein ſchwarzſammtenes Paradebett unter einem Zelt von ſchwarzem Atlas. Jetzt kam der Herzog von Lothringen mit ſeinem Gefolge und beſprengte ihn mit Weihwaſſer. Er trat zuerſt ein, entblößte ſein Haupt und kniete nieder. 176 „Ach!“ ſagte er,„das iſt alſo unſer guter Herr und Gebieter.“ Dann ergriff er ſeine Hand, die auf dem Leichen⸗ tuch lag, und fügte hinzu: „Ach! mein lieber Vetter, Gott ſei Eurer Seele gnädig! Aber Ihr habt uns viel Leid und Kummer bereitet.“ Hierauf ließ er in der ganzen Stadt ausrufen, daß jeder Hausbeſitzer mit einer Kerze in der Hand die Leiche zu begleiten habe. Dieſelbe wurde feierlich nach der St. Georgs⸗ kirche gebracht. Alle Ritter und Diener des Hauſes Burgund, die in Gefangenſchaft gerathen waren, folgten dem Zug. Das war Alles was von dieſer ſtolzen Macht übrig blieb, vor welcher ganz Europa gezittert hatte. Der Herzog wurde in der mehrerwähnten St. Georgskirche beigeſetzt. Dreiundſiebenzig Jahre nach ſeinem Tod, d. h. im Jahr 1550 ließ ihn ſein Enkel Carl V von Nancy nach Brügge bringen. Hier fand er das Grab ſeiner Tochter Maria. Die arme Prinzeſſin war mit Maximilian von Oeſtreich vermählt worden, aber ſchon in ihrem fünfundzwanzigſten Jahre in Folge eines Sturzes vom Pferde geſtorben; ſie hinterließ zwei Kinder: Philipp von Heſtreich, der drei Jahre und neun Monate, und Margareth, die vierzehn Monate und fünf Tage alt war. Als Philipp II den Thron Carls V beſtieg, ließ er für den Vater ein Grab erbauen, das dem Grabe der Lochter ähnlich war. In einer Rechnung err en⸗ ele ner en, ind nd, ten cht St. on ab nit er ge eß re n g ig 177 aus dem Jahr 1568 ſteht zu leſen, daß die Koſten dieſes Grabes ſich auf achtzigtaufend fünfhundert und fünfundneunzig Gulden beliefen. Hier ruhen ſie noch jetzt nebeneinander in der dritten Kapelle rechts am Eingang. Carl iſt mit ſeinem Schlachtharniſch bedeckt; er hat die Herzogs⸗ krone auf dem Haupt, den Orden des goldenen Vließes auf der Bruſt, einen Löwen zu ſeinen Füßen, ſeinen Helm zur Rechten und ſeine Handſchuhe zur Linken, nebſt ſeinem Wahlſpruch:„Ich hab's unter⸗ nommen, wohl bekomm mirs.“ Dieſes Grabmal, eines der prächtigſten, die man nur ſehen kann, iſt ganz von Kupfer, und die Ver⸗ goldung allein hat achtzigtauſend Brabanterthaler gekoſtet. Die Verzierungen ſind von Silber und Email, und ringsum befinden ſich die Wappen der europäiſchen Fürſtenhäuſer, mit denen der Herzog verwandt war. Man hatte das Grabmal vergoldet, man mußte auch den Leichnam vergolden; das Monument trägt folgende Inſchrift: „Hier ruht der ſehr hohe, ſehr mächtige und ſehr großmüthige Fürſt Carl, Herzog von Burgund, Lothringen, Brabant, Limburg, Luxemburg und Geldern; Graf von Flandern, Artvis und Bur⸗ gund; Pfalzgraf von Hennegau, Holland, Seeland, Namur und Zütphen; Markgraf des heiligen römi⸗ ſchen Reichs; Herr von Friesland, von Salins und Mecheln; der mit großer Kraft, Beharrlichkeit und Großmuth ausgeſtattet, lange Zeit in großen Unter⸗ nehmungen, Schlachten und Siegen, bei Montlhery, Dumas, Farl der Kühne. II. 178 in der Normandie, in Artois, Lüttich und anderswo glücklich war, bis das Glück ihm den Rücken kehrte und er in der Dreikönigsnacht 1477 vor Nancy ums Leben kam. Sein Leichnam wurde in beſagter Stadt Nancy beigeſetzt, ſpäter aber durch den ſehr hohen, ſehr mächtigen und ſehr ſiegreichen Fürſten Carl, Kaiſer des heiligen römiſchen Reichs, den fünften mit Namen, ſeinen Enkel, den Erben ſeines Namens, ſeiner Siege und Herrſchaften, nach Brügge ge⸗ bracht, wo der König Philipp von Caſtilien, Leon, Aragonien und Navarra, Sohn des beſagten Kaiſers Cark, ihn in dieſes Grab legen ließ neben ſeiner Tochter und einzigen Erbin Maria, Gemahlin des ſehr hohen und ſehr mächtigen Prinzen Maximilian, Erzherzogs von Oeſtreich, nachmaligen römiſchen Königs und Kaiſers. Laßt uns zu Gott für ſeine Seele beten. Amen.“ Wenn Ihr nach Nancy kommt und die Ge⸗ ſchichte des Kühnen Euch einfällt, ſo laßt Euch auf einer Thürſchwelle eine große ſchwarze Marmor⸗ platte zeigen. Dieß iſt die Stelle, wo der Leichnam des Herzogs Carl in der Straße niedergelegt wurde, bevor er ins Haus des Georg Marqueiz kam. Nur laſſet Euch durch die Größe des Steines nicht täuſchen; er hat acht Fuß. Er hätte Carl dem Großen dienen können, und er hat nur Carl dem Furchtbaren gedient. Hier ſollte unſere Erzählung ſchließen, allein ſie wäre, dünkt es uns, unvollſtändig, wenn wir nicht auch den König Ludwig, der über das traurige Ende des Herzogs von Burgund eine ſolche Freude empfand, daß er für das Reliquienkäſtchen des heil. wo rte m8 adt en, wl, ten ns, ge⸗ on, ers ner des an, hen eine Ge⸗ auf or⸗ am de, nes und lein wir rige ude eil. 179 Martin von Tours ein ſilbernes Gitter gelobte, bis an ſein Grab begleiten wollten. Epilog. Wie der Fuchs in ſeiner Haut ſtarb. Zur ſelben Stunde, wo die Schlacht von Nancy geliefert wurde, las Angelo Catto, dieſer Leibarzt und Aſtrolog, welcher den Herzog von Burgund verlaſſen hatte, um in den Dienſt des Königs von Frankreich zu treten, vor ſeinem neuen Herrn in St. Martin zu Tours die Meſſe, denn er war auch Prieſter und wurde ſpäter ſogar Erzbiſchof von Vienne. „Sire“, rief er plötzlich,„consummatum est“ (les iſt vollbracht)„Euer Feind iſt todt!“ So hatte fünfzehnhundert Jahre früher ein Augur vor Titus Livius geſagt:„Zu dieſer Stunde iſt Pompejus bei Pharſalus geſchlagen worden und Cäſar iſt Sieger.“ Erſt zwei Tage ſpäter erhielt Ludwig Rl offi⸗ cielle Nachrichten, die jedoch nur bis zum Verluſt der Schlacht gingen; den Tod Carls des Kühnen vernahm er erſt am vierten Tage. Er war einen Augenblick gänzlich verblüfft und rathlos. Was ſollte er thun? Vor allen Dingen mußte Frankreich durch dieſen Tod diejenigen Piorit 180 wiedergewinnen, deren es ſich zum Vortheil ſeines Feindes, dieſes Hauſes Burgund, hatte entäußern müſſen; denn dieſes Haus Burgund, das vom fran⸗ zöſiſchen Königshaus ſtammte, hatte Frankreich mehr Schaden gethan, als Heinrich V, Heinrich VI und alle Eduarde zuſammen. Der erſte Gedanke Ludwigs XI war von der Art, daß er auch einem ganz gewöhnlichen Men⸗ ſchen, einem Eduard IV oder einem Friedrich III hätte kommen können: er wollte den Dauphin mit der Erbin von Burgund vermählen, und zwar trotz der Verſchiedenheit des Alters; denn der Dauphin war acht Jahre alt und Maria zwanzig; durch dieſe Vermählung gedachte er feſten Fuß in Deutſch⸗ land zu faſſen und Frankreichs Traum zu einer ſpätern Epoche, nämlich die Rheingränze, zur Wirk⸗ lichkeit zu machen. Aber das führte höchſt wahrſcheinlich zu einem Krieg mit England und mit dem deutſchen Reich. Ludwig Xl haßte den Krieg und wollte ihn nicht von Neuem entzünden. Er mußte alſo, wo immer möglich, ohne Schwert⸗ ſtreich Artois und Burgund, die Sommeſtädte und die Picardie wieder zu bekommen ſuchen. Das Unternehmen war ſchwierig, beinahe un⸗ ſinnig; aber für einen Mann wie Ludwig Xl gab es nichts Unmögliches. Er erblickte hauptſächlich eine Geldangelegenheit darin; mit Geld konnte er Eduard neutraliſiren, er ſpendete ihm daher mit vollen Händen. Dann waren bei dem Handel zwei Frauen be⸗ theiligt, folglich zwei Nebenbuhlerinnen vorhanden: S— X 2 6b m⸗ ab eit en, be⸗ n 181 die Königin von England und die verwittwete Her⸗ zogin von Burgund. Die Königin von England wünſchte, daß ihre Nichte Lord Rivers, ihren Bruder, heirathen ſollte; die Herzogin von Burgund wünſchte, daß ihre Toch⸗ ter ebenfalls ihren Bruder, den Herzog von Cla⸗ rence, heirathe. Lord Rivers war ein gar zu kleiner Edelmann für eine ſo reiche Erbin; der Herzog von Clarence, ein alter Trunkenbold, taugte eben ſo wenig für ſie. Ludwig Xl bekümmerte ſich nichts um die bei⸗ den Prätendenten; er dachte, ſie würden einander ſchon gegenſeitig aufreiben.— Siehe Shakeſpeare. Nun begriff Ludwig Xl auch, daß in dieſem ritterlichen Jahrhundert, wo die Ritterſchaft beinahe todt war und nur noch dem Namen nach lebte, Alles auf ihn zurückfallen mußte; daß man ihn be⸗ ſchuldigen würde, er wolle als tyranniſcher König die Wittwe und die Waiſe ausplündern. Freilich würde er ſie zum Vortheil einer Mutter ausplündern, die ſeit hundertfünfzig Jahren von einer ruchloſen Tochter, von dem undankbaren Hauſe Burgund, zerfleiſcht worden war. Der König rückte in der Picardie und in Bur⸗ gund ein. Er hatte für jede Provinz, beinahe für jede Stadt einen Vorwand, um ſie wieder zu nehmen: bei Arras war es die Confiscation; bei Abbeville das Heimfallsrecht. In Bezug auf Burgund war er mit noch weit beſſern Gründen ausgerüſtet. Ludwig Xl war der natürliche Vormund und 182 Beſchützer der jungen Maria: er nahm das Beſitz⸗ thum ſeiner Mündel, damit Andere es nicht nah⸗ men. Nun handelt es ſich nur noch darum, ob er es auch zurückgeben würde. Betrachten wir ihn bei der Arbeit. Er wünſcht vor allen Dingen und unter allen Umſtänden Arras. Er wird alſo damit den An⸗ fang machen. Arras war in der That für Frankreich eine drei⸗ fache Schutzwehr: gegen Calais, gegen England und gegen Flandern. Die Flamänder ſagten, Arras ſei das alte Erb⸗ gut ihres Grafen; ihr Kriegsgeſchrei lautete:„Ar⸗ ras! Arras!“ Aber wie ſollte man Arras nehmen, das dem Grafen von Artois gehörte? Ludwig Xl drehte die Sache ſo, daß er nicht die eigentliche Stadt verlangte. Auf die Stadt ſelbſt hatte er kein Recht und er verlangte alſo nur die Cité, das alte Biſchofsviertel, das nicht einmal Mauern beſaß und ſtets unter dem König geſtan⸗ den hatte. Ludwig Xl konnte Arras mit Gewalt nehmen: er ſetzte es bei dem Geſandten Humbercourt und dem Kanzler Hugonnet durch, daß der Baron von Creve⸗Cveur die Altſtadt von Arras für ihn beſetzte, und er zog am 4. März 1477 in die Stadt ein. Humbercourt und Hugonnet bezahlten dieſe Ab⸗ tretung mit ihren Köpfen. Ludwid Xl bedauerte ſie allerdings ſehr, aber Arras war eine ſo gute und ſchöne Stadt, daß ſie wohl zwei Köpfe werth war. Hatte doch ein elen⸗ M — N w N 2 ie 1⸗ 183 des Reſt, wie Neuß, den Herzog von Burgund dreitauſend Mann gekoſtet, und er hatte es dennoch nicht bekommen. Ueberdieß befand ſich dieſe Cité in den Händen des Herrn von Creve⸗Cdeur, und in der That, wenn Maria von Burgund auf irgend einen Großen ihres Landes rechnen durfte, ſo war es dieſer Sire von Creve⸗Coeur, Statthalter der Picardie und der Sommeſtädte, Seneſchall von Ponthieu, Haupt⸗ mann von Boulogne, Ritter des goldenen Vließes. Seine Mutter hatte die Prinzeſſin erzogen, und dieſe hatte ihn, ſo lange ſie Kind war, manchmal Bruder genannt. Seit dem Tode des Herzogs hatte ſie ihn in ſeinen Aemtern beſtätigt, hatte ihm die Hauptmannſchaft von Hesdin gegeben und ihn zu ihrem Ehrencavalier ernannt. Sicherlich würde Herr von Creve⸗Coeur aus eigenem Antrieb die Stadt nicht an Ludwig XI überliefert haben; aber er wurde vom Kanzler und vom Geſandten dazu ermächtigt, er wurde vom König beauftragt dieſen Juwel zu überwachen, und er konnte alſo eben ſo wenig dem Befehl zuwider⸗ handeln, welchen die erſteren ihm ertheilten, als die Ehre ablehnen, die letzterer ihm erwies. Ueberdieß hatte Hugonnet die Stadt nur mit Vorbehalt der Rechtsanſprüche überliefert. Ludwig Kl zog vor allen Dingen ein; was unter dieſem Vorbehalt zu verſtehen war, konnte ja ſpäter ermittelt werden. Es war eine ſehr ſchöne Sache, die Stadt Arras zu haben; aber wenn man Boulogne be⸗ kommen hätte, Boulogne, das allerſchönſte Winkel⸗ 184 chen in der Chriſtenheit, wie Chatelain ſich aus⸗ drückt, ſo wäre dieß noch weit ſchöner geweſen. Unglücklicherweiſe gehörte Boulogne dem Haus Auvergne, und der König von Frankreich hatte kein Recht auf dieſe Stadt. Bah! wer weiß? man muß nur brav ſuchen. Boulogne hatte eine ſehr wunderthätige Mutter Gottes, und Ludwig XI war bekanntlich ein über⸗ aus treuer Verehrer der heiligen Jungfrau; wir haben dieß ſchon zu wiederholtenmalen dargethan. Die Mutter Gottes von Boulogne fehlte ihm noch zu den verſchiedenen andern, und dieß ließ ihn nicht ſchlafen. Wie ſollte er die Mutter Gottes von Boulogne zu einer franzöſiſchen Mutter Gottes machen? Die Kirche der Mutter Gottes von Boulogne war ein Wallfahrtsort und reichlich beſchenkt mit Opfergaben und Votivtafeln aller Art. Ludwig Xl hatte die Idee der Mutter Gottes die Stadt ſelbſt zu ſchenken, deren Namen ſie führte; es war dieß keine politiſche Angelegenheit mehr, ſondern eine religiöſe. Er legte die Stadt in die Hand der heiligen Jungfrau, weihte ihr dieſelbe, erklärte, daß Boulogne nur der heiligen Jungfrau gehöre, und ernannte dieſe zur Gräfin von Bou⸗ logne. Nur erhielt er, der König von Frankreich, wenn die Mutter Gottes Gräfin von Boulogne war, die Stadt von ihr als Lehnsmann. Ohne Sporen, ohne Gürtel, barfuß brachte Lud⸗ wig Xl ſeine Verehrung der Mutter Gottes dar, ſchenkte ihr zum Zeichen ſeiner Vaſallenſchaft ein es , 185 goldenes Herz und ſchwur, daß er ihr die Stadt wohl behüten wolle. Er war ſomit Schutzpatron der Altſtadt von Arras als König von Frankreich, und Protector der Stadt Boulogne als Lehnsmann der Mutter Wus Peronne und Abbeville betraf ſo behielt er dieſe Städte, wie wir geſagt haben, als Vormund der Prinzeſſin von Burgund. Inzwiſchen vernahm er die Vermählung Marias mit Maximilian, dem Sohn des deutſchen Kaiſers Friedrich 1I1. Man erinnert ſich, daß dieſe Vermäh⸗ lung ſchon längſt zwiſchen dem Kaiſer und dem Herzog von Burgund verabredet war. Die Prinzeſſin fürchtete, die Königin von Eng⸗ land möchte ſie mit ihrem Bruder Rivers, die ver⸗ wittwete Herzogin von Burgund möchte ſie mit ihrem Bruder Clarence, und die flandriſchen Staa⸗ ten möchten ſie mit Adolf von Cleve verheirathen. Sie heirathete Maximilian. Im Uebrigen behielt Friedrich III bis an ſein ſeliges Ende ſeinen Ruf als Knicker: ſein Sohn brachte weder Gut noch Geld mit; ſeine Feinde nannten ihn Fürſt ohne Land. Sie hötten ihn ſogar Fürſt ohne Hemd nennen können, denn ſeine Braut mußte ſeine hochzeitliche Ausſtattung und ſeine Reiſe bezahlen. Freilich war er ein junger Deutſcher von hüb⸗ ſchem Geſicht, ſchönem Wuchs, ſchlank und gewandt, ein kühner Tyrolerjäger: mehr bedurfte es nicht, Die Vermählung fand am 18. Auguſt 1477 ſtatt. Gottes.—— um eine zwanzigjährige Prinzeſſin zu verführen. 186 Als Ludwig Kl ſah, daß er ſie nicht verhin⸗ dern konnte, wollte er wenigſtens einen Nutzen dar⸗ aus ziehen; er wußte zwar ſelbſt nicht, worin dieſer beſtehen ſollte, aber er gedachte den Einge⸗ bungen des Augenblicks gemäß zu handeln. Er hatte einen Mann um ſich, dem er ſein gan⸗ zes Vertrauen ſchenkte, während er es Comines allmählig entzog. Warum entzog er Comines ſein Vertrauen? Ja, ich weiß wohl, wenn man das Handwerk treibt, das ich treibe, ſo muß man Alles ſagen und ſich auf jede Frage gefaßt halten. Höret alſo: Comines war mit dem ganzen flandriſchen Adel verwandt; überdieß hatte Frau von Comines als Ehrendame der Prinzeſſin die ganze Heirathsange⸗ legenheit zwiſchen Maria von Burgund und Maxi⸗ milian geleitet. Der Mann ſeinerſeits, der ſich immer mehr in der Gunſt des Königs feſtſetzte, war ein Flamän⸗ der, ein Mann aus dem Volke, ein Barbier und Chirurg, welchem Ludwig Xl wohl eine Geſandt⸗ ſchaft anvertrauen konnte, da er ihm ſeinen Hals anvertraute. Er war ein verſchmitzter und gewandter Burſche und hieß Olivier Ledain; nur änderte man gerne ſeinen zweiten Namen, und die Einen nannten ihn Hlivier Teufel, die Andern Olivier Schuft. Kurz und gut, der König, der ihn zuerſt zu ſeinem Wundarzt, dann zu ſeinem Kammerdiener, hierauf zu ſeinem Barbier— man bemerke die Progreſſion— gemacht, hatte ihn endlich mit dem — —-——— 187 Titel Graf von Meulan in den Adelsſtand er⸗ hoben. Unter dieſem Titel war Olivier Ledain über die Brücke von Meulan, d. h. über die Verprovian⸗ tirung der Stadt von Paris unten her geſetzt. Aus Veranlaſſung der Vermählung Marias er⸗ nannte ihn der König zum Geſandten, denn er ge⸗ dachte durch ihn, als Flamänder und Mann des Volkes, wie wir bereits geſagt haben, zu erfahren, bis auf welchen Grad man auf die guten Leute von Gent, Lüttich und Brügge einwirken könnte. Dieß war die wahre Sendung Olivier Ledains und zugleich die geheime Sendung, welche immer die wahre iſt. Der offen zur Schau getragene Zweck derſelben war die Uebergabe eines Verwah⸗ rungsſchreibens an die Prinzeſſin: als Vaſallin des Königs konnte ſie ſich ohne die Zuſtimmung ihres Landesherrn nicht vermählen. Man machte ſich am burgundiſchen Hof ſehr luſtig über den Geſandten, weil er ſich Graf nen⸗ nen ließ und wie ein vornehmer Herr gekleidet war. Er war überdieß aus einem ganz kleinen Land⸗ ſtädtchen, aus Thielt. Dieſe flämiſchen Bürgers⸗ leute hatten auch ihre Ariſtokratie, und die Ein⸗ wohner der kleinen Städte wurden über die Achſel angeſehen. Aber alles Das verhinderte nicht, daß Olivier Etwas ſah, nämlich daß die Genter über die Ein⸗ nahme von Arras, Boulogne, Abbeville und Pe⸗ ronne wüthend waren und ſich rüſteten, um Tour⸗ nay, eine königliche Stadt, die ganz verloren mitten in ihrem Flandern lag, in Beſitz zu nehmen. 188 Als Olivier von Gent abreiste, gab er ſich den Anſchein, als ob er in Tournay einen Brief vom König abzugeben hätte; er rief die in der Nähe ſtehenden Truppen zuſammen, zog mit zweihundert Lanzen in die Stadt ein und verließ dieſelbe ganz allein wieder. Eine ſolche Nachbarſchaft war beunruhigend für die Genter, die ſich ihrer zu entledigen beſchloßen. Sie nahmen zum Hauptmann Adolf von Geldern, denſelben der ſeinen Vater eingekerkert hatte und deßhalb auch der Vatermörder genannt wurde, den⸗ ſelben welchen die Genter gerne mit ihrer Prin⸗ zeſſin vermählt hätten, und zogen aus, um Tour⸗ nay zu nehmen. Die Flamänder waren keine großen Eroberer; ſie ſchlugen ſich gut, wenn es galt Haus und Herd zu vertheidigen, aber man durfte ſie nicht hinter ihren Mauern hervorlocken. Als ſie noch drei Meilen von Tournay waren, hatten die Brügger das Ding bereits ſatt und woll⸗ ten nichts mehr davon hören. Die Genter zeigten ſich beharrlicher, rückten bis in eine der Vorſtädte vor und verbrannten ſie; am andern Morgen aber traten ſie, mit dieſer Helden⸗ that vollkommen zufrieden, ganz ruhig ihren Rück⸗ zug an. Aber da machte die Beſatzung einen Ausfall und jagte hinter ihnen her. Adolf von Geldern machte Rechtsumkehrt, bot den Franzoſen die Spitze und wurde getödtet. Die Flamänder entflohen mit Zurücklaſſung ihrer Wägen, d. h. eines ganzen Vorrathes an 189 Brod, Butter, Bier, Fleiſch, geſalzenen Fiſchen, kurz Lebensmitteln aller Art. Die Beſatzung und die Einwohnerſchaft ließen ſichs acht Tage davon wohl ſein. Die Fahne von Gent und die Leiche des Her⸗ zogs von Geldern waren der edle und blutige Theil der Trophäen dieſes Sieges. Wenn Ludwig Xl nichts erobert hatte, ſo hatte er wenigſtens ſein Beſitzthum erhalten. Dann zeichnete dieſer Verſuch gegen Tournay die Sachlage vollſtändig: man befand ſich im Krieg. Der König zog von Artois ins Hennegau. Eroberungsluſt war über ihn gekommen und machte ihn tapfer. Cambrai öffnete ihm ſeine Thore, aber er mußte Quesnoy, Bouchain und Avesnes belagern. Letz⸗ tere Stadt wurde im Sturm genommen und die ganze Einwohnerſchaft niedergemacht. Galeotto, der ehemalige Feldherr des Herzogs von Burgund, ſtand in Valenciennes und brannte die Vorſtädte nieder, um die Zugänge der Feſtung zu vertheidigen. Der König beſchloß ihn auszu⸗ hungern. Er ließ Schnitter aus Brie kommen, die in der Mitte Juni das noch grüne Korn abſchnei⸗ den mußten, das man in der Regel erſt im Auguſt ſchneidet. Dabei zeigte ſich Ludwig XI ganz umgewandelt; er war luſtig bis zu ausgelaſſener Tollheit, tapfer bis zur Verwegenheit. Am Ende huldigte das Glück doch ſeinem Genie: dieß war freilich ein engherziges, heimtückiſches, 190 kriechendes, grauſames Genie, aber immerhin ein Genie. Er allein war muthig geblieben, wenn die Stärkſten verzagt hatten, ſogar nach der Geſchichte von Peronne, wo er eine ſchmählichere Demüthi⸗ gung erlitten, als je ein König ſeit tauſend Jahren. Er, der alte König, ſchrieb an ſeinen alten Ge⸗ neral Dammartin:„Wir jungen Leute!“ und er war wirklich jung, denn in ihm wohnte die Seele des neuen Frankreich, des neuen Volkes. Und unter dem Vorwand, daß er jung ſei, ſcheute er ſich vor nichts, ging bis auf die Breſchen der Städte, die er belagerte, vor, und ſetzte ſich tollkühn den Schüſſen aus, denn man erkannte ihn, zielte auf ihn, traf ihn aber niemals. Eines Ta⸗ ges jedoch wurde er leicht verwundet, und da ſtützte er ſich auf Tannegui du Chatel, einen kräftigen Bretagner, welcher ſein ganzes Leben lang dieſes Plänklergewerbe getrieben hatte, das der König nur bei Gelegenheit trieb. Auf einmal fühlte er, daß du Chatel unter ſeinem Arm zuſammenbrach. „Was haſt Du?“ fragte er ihn. Du Chatel antwortete nicht, er war todt. Trotz alle dem ging die Vermählung der Prin⸗ zeſſin vor ſich, und dieß war eine Niederlage für Ludwig Xl. Er tröſtete ſich damit, daß er dem Herzog von Nemours den Kopf abſchlagen ließ. Er hielt ihn ſchon beinahe zwei Jahre gefan⸗ gen und ſparte ihn ohne Zweifel für eine ſolche Gelegenheit, wo er bei einem großen Kummer als Zerſtreuung dienen ſollte, auf⸗ Der Herzog von Nemours war ein Armagnac —————— 1—— — — ein die hte hi⸗ en. e⸗ ele ei, en ich n, U⸗ te en es aß n⸗ ür on n⸗ he l8 ac 191 und hatte als ſolcher dieß Schickſal wohl verdient. Sein ſchöner, ächt franzöſiſcher Name und der My⸗ thus von ſeinen Kindern, die man unter dem Schaf⸗ fot aufgeſtellt habe, um das Blut ihres Vaters aufzufangen— ein Factum, das man in keinem zeitgenöſſiſchen Schriftſteller verzeichnet findet— ver⸗ ſchafften dieſem Verräther bei empfindſamen Seelen ein gutes Andenken, das auf den allerirrthümlich⸗ ſten Vorausſetzungen beruht. Wir ſind gegen die Todesſtrafe, aber da ſie einmal exiſtirte, ſo müſſen wir geſtehen, daß Nie⸗ mand ſie beſſer verdient hatte als der Herzog von Nemours. Der König haßte keinen Menſchen grimmiger und hatte früher keinen Menſchen inniger geliebt als ihn. Der Herzog war ſein Jugendfreund. Ludwig XI hatte ihm zu lieb manche Tollheit und Ungerech⸗ tigkeit begangen, ja ſogar einmal die Richter ge⸗ zwungen, ihn einen ſchlechten Prozeß gewinnen zu laſſen. Im Wohlfahrtskrieg war es nicht des Herzogs Schuld, wenn ſein Herr und Wohlthäter nicht ſei⸗ nen Feinden in die Hände ſfiel; der König zog ſich damals, wie ein Fuchs, hinter welchem eine ganze Leute her iſt, nur durch Schliche und Ränke aus der Schlinge. Nemours kam wieder zum König, oder vielmehr der König kam wieder zu ihm: es war, als ob der Verräther ihn behext hätte; er leiſtete einen neuen Eid auf die Reliquien von Sainte⸗Chapelle, wurde auf's Neue zum Statthalter von Paris und Jle 192 de France ernannt und vergaß ſeinen Eid ſogleich wieder. Der König hatte beſchloſſen Armagnac und Ne⸗ mours zugleich aus dem Weg zu ſchaffen. Ar⸗ magnac fiel mit einem Dolch in der Bruſt; Ne⸗ mours kniete unter dem blinkenden Schwert nieder und leiſtete einen neuen Eid. Dieſer Eid war furchtbar und brachte ihn ums Leben. Am 8. Juli 1470 ſchwur er, wenn er nicht künftig treu ſei und den König von allen Anſchlä⸗ gen gegen ſeine Perſon unterrichte, ſo verzichte er darauf von Seinesgleichen gerichtet zu werden und willige zum Voraus in die Einziehung ſeiner Güter. Der König kam abermals in Gefahr, wie denn überhaupt ſein ganzes Leben eine Reihenfolge von Gefahren war. Er rief Nemours zu Hilfe; dieſer aber ſchickte ihm nicht einen einzigen Mann, ſon⸗ dern correſpondirte mit St. Pol, machte dieſem den Vorſchlag ihre beiderſeitigen Kinder zu vermählen, und verlangte in alle Komplotte gegen den König eingeweiht zu werden. In einem gegebenen Augen⸗ blick bemächtigte er ſich der Finanzen von Lan⸗ guedoc. Ludwig Xl ſeinerſeits fing die Correſpondenz zwiſchen Nemours und St. Pol auf. Jetzt glaubte er von dieſem Mann genug ver⸗ rathen zu ſein: er ſtreckte ſeine gewaltige Kralle aus, zog ihn an ſich und warf ihn in die Kerker von Pierre⸗Enciſe, ſchreckliche Gefängniſſe, aus ch S— S erecS c— —— le r 8 193 denen er mit weißen Haaren nach der Baſtille ge⸗ bracht wurde. Man mußte der Sache ein Ende machen und durfte ihn nicht entwiſchen laſſen, wie St. Pol, deſſen Perſon Ludwig XI zwar gehabt, deſſen Ge⸗ heimniſſe aber er nicht alle erfahren hatte. „Macht, daß er tüchtig ſpricht,“ ſchrieb der Kö⸗ nig dem Foltermeiſter,„preßt ihm deutliche Ge⸗ ſtändniſſe ab.“ Er ſprach nur allzu deutlich: Ludwig XI er⸗ ſchrack über ſeine Geſtändniſſe; er ſchaute in die Tiefe dieſes Abgrunds, welcher das Königthum um⸗ gibt und den man Verrath nennt. Aus den Geſtändniſſen des Herzogs von Ne⸗ mours erſah er, daß nicht blos der Herzog von Bourbon um ſämmtliche Pläne St. Pols wußte, ſondern daß auch ſein alter Freund Dammartin davon unterrichtet war und alle Vorſichtsmaßregeln getroffen hatte, um ſich ſicher zu ſtellen, im Fall die Cataſtrophe einträte. Nemours wurde in den Hallen enthauptet; aber ſeine Geſtändniſſe glichen jenem Pfeil des Parthers, von welchem Horaz ſpricht; zackig und in Gift getränkt, war er dem König ins Herz gedrungen; er bewies ihm, daß die Tugend nur ein leeres Wort, daß die Treue der unfindbare Stein aus den Feen⸗ mährchen ſei.§ Nicht ein Einziger von denen, die er begnadigt, mit Ehren und Reichthümern überhäuft, nicht ein Einziger von denen, die er geliebt hatte, war ihm treu geblieben, ſondern Alle hatten ihn verrathen Dumas, Karl der Kühne. M. 13 194 oder waren wenigſtens im Begriff geweſen ihn zu verrathen. Er ſelbſt war aber auch ein großer Verräther geweſen, wird man ſagen. Ganz richtig; aber das Gewiſſen iſt eine per⸗ ſönliche Sache: es unterhandelt nicht, ſondern thut was ihm die Pflicht gebeut. Nun aber hatte Nie⸗ mand dem König, und was noch ſchlimmer iſt, Nie⸗ hatte Frankreich gegenüber ſeine Pflicht ge⸗ than. Und dann hatte eine Reihenfolge von furchtba⸗ ri den Geiſt Ludwigs Xl niederge⸗ rückt. Im Dezember 1476 war der Herzog von Mai⸗ land am hellen Tage in San Ambroſio getödtet worden; zehn Tage ſpäter war der Herzog von Burgund geſtorben, und zwar aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach ebenfalls von Meuchlerhand. Ein Jahr ſpäter endlich war Julian von Me⸗ dici in der Cathedrale Santa Maria dei Fiori von den Prieſtern dieſer Kirche ſelbſt erdolcht worden. „Und wenn man beſchloſſen hatte, daß der Mord in einer Kirche ſtattfinden ſollte, ſo wählte man,“ ſagt Guicciardini,„zur Ausführungdes Strei⸗ ches Prieſter, damit die Majeſtät des Or⸗ tes ſie nicht aus der Faſſung bringe.“ Scheu vor Furcht, war Ludwig Kl jetzt auch noch wüthend vor Haß. Um dieſe Zeit ſchrieb er an la Tremouille in Bezug auf den Prinzen von Oranien, der ihn eben⸗ falls und noch ärger als die Andern verrathen hatte: —— „. „— c— ——,— ,— e—„ — ——— —— n „Wenn Ihr ihn bekommen könnt, ſo müßt Ihr ihn lebendig verbrennen.“ Um dieſe Zeit hatte ſich die Stadt Arras em⸗ pört und eine Deputation an die Prinzeſſin von Burgund abgeſchickt: Ludwig Xl ließ die Mitglieder dieſer Deputation ergreifen, ſammt und ſonders ent⸗ haupten und unverzüglich einſcharren. Mit Einem von ihnen, dem Parlamentsrath Dudard, ließ er noch eine ganz beſondere Operation vornehmen. Er ließ ſeinen Kopf ausgraben und erklärte ſich ſelbſt folgendermaßen darüber. „Damit man genau wiſſe, daß dieß der Kopf des beſagten Rathes iſt, habe ich ihn,“ ſagte er, „mit einer ſchönen Pelzmütze ſchmücken laſſen; er befindet ſich auf dem Markt von Hesdin und führt da den Vorſitz.“ Und er lachte, wenn er daran dachte, auf welche Art er dieſen verrätheriſchen Rath zum Präſidenten gemacht hatte. In dieſer Arras'ſchen Angelegenheit war er wahrhaft unbeugſam; Arras ſollte um jeden Preis franzöſiſches Land werden. Ein anderer Bürger von Arras, Jean Bon, wagte es gegen ihn zu conſpiriren; die National⸗ bibliothek enthält(Band 171 der verſiegelten Ur⸗ kunden von Clerembaut) folgende ſchreckliche Notiz über ſeine Verurtheilung: „Beſagter Jean Bon war im April 1477 wegen gewiſſer ſchwerer Vergehen und Verbrechen gegen den König zum Tod verurtheilt worden, aber auf Befehl deſſelben Monarchen und aus E und 1² 196 Barmherzigkeit wurde das Urtheil gemildert, ſo daß dem Jean Bon nur die Augen ausgeſtochen werden ſollten. Als man jedoch Ludwig Xl meldete, die Operation ſei ſchlecht gemacht worden, und Jean Bon ſehe noch aus einem Auge, wurden zwei Bo⸗ genſchützen abgeſchickt, um ſich vom Thatbeſtand zu überzeugen, und erhielten den Befehl ihm die Au⸗ gen vollends ganz auszuſtechen und zu vertilgen, im Fall er wirklich noch ſehen ſollte.“ Wir ſprechen nicht oder vielmehr nur ganz flüch⸗ tig von dem unglücklichen Bruder des Herzogs von Bretagne, den er in einem eiſernen Käfig gefangen hielt und beinahe verhungern ließ, ſo daß er wie ein wildes Thier heulte und an ſeinen Gittern rüttelte. Und gleichwohl behaupten Schriftſteller, die un⸗ parteiiſch waren und ſogar zu ſeinen Feinden ge⸗ hörten, Ludwig Kl ſei kein böſer Menſch geweſen. Legrand ſpricht zu wiederholten Malen von ſei⸗ ner Herzensgüte. Comines erzählt, obſchon er etwas in Ungnade gefallen war, der König habe den Verrath des Campobaſſo verabſcheut, und ſagt ſpäter, Richard UI habe ſeinem Nachbar in Frankreich ſchriftlich Freund⸗ ſchaft angeboten, dieſer aber habe ſeine Briefe nicht beantworten und den Boten nicht empfangen wollen, weil beſagter Richard ihm ſehr grauſam und ſchlecht geſchienen habe. War dieß alter Haß gegen den boshaften Buck⸗ ligen, welcher ſich ganz allein gegen den Frieden von Picquigny ausgeſprochen hatte? ——— —— —0 — — e 197 Jedenfalls bleibt es ſeltſam, daß Gloceſter einem Ludwig Xl verhaßt ſein und die Sympathien eines Ludwigs XVI gewinnen ſöllte. Bekanntlich hat dieſer Letztere die Apologie Richards 111 von Sir Robert Walpole aus dem Engliſchen überſetzt. Dieß iſt noch nicht Alles. Die Skandalchronik, eine dem großen Abmäher adeliger Köpfe feindſelige Schrift, erklärt, Ludwig Xl habe ſeibſt im Krieg das Blutvergießen zu vermeiden geſucht. Mollinet, ſein großer Feind, ſagt von ihm:„Er hätte lieber zehntauſend Thaler, als den geringſten Bogenſchützen ſeiner Compagnie verloren.“ Jetzt befinden wir uns in dem Augenblick, wo der alte König, immer mehr won ſchwindelnder Furcht bewältigt, ſich in ſein Schloß Pleſſis⸗les⸗Tours zu⸗ rückzieht, deſſen Zinnen er mit Schildwachen beſetzen läßt, während er auf den Straßen Hinterhalte legt⸗ Leſet darüber den Quentin Durward von Walter Scott, ſo werdet Ihr, abgeſehen von einem Ana⸗ chronismus, der ſich um zehn Jahre dreht, eine meiſterhafte Beſchreibung davon finden. In dieſem Augenblick verpflichtet ſich Ludwig RI, weil er es ohne Zweifel nicht wagt ſeine Ueber⸗ griffe weiter zu treiben, gegen die wider ihn ver⸗ bündeten Rheinfürſten, daß er ſich vom Gebiete des deutſchen Reichs zurückziehen und Hennegau ſowie Cambrai aufgeben wolle. Er mußte, wie er ſagte, ſich ſelbſt curiren und Frankreich purgiren. Die erſte Arznei war für Dammartin. Er ſchrieb ihm, daß er ihm zu ſeiner Erleichterung den Oberbefehl der Armee abnehmen wolle; er fügte 198 jedoch hinzu, daß damit keineswegs eine Erniedrigung, ſondern vielmehr eine Standeserhöhung für ſeinen lieben Freund verbunden ſein ſolle. Erinnerte er ſich dieſes Verſprechens? Ja, denn im folgenden Jahre wurde Dammartin zum Statt⸗ halter von Paris und Ile de France gemacht. Der Mann, welchem der König damals ſein ganzes Vertrauen ſchenkte, war dieſer ſelbe Creve⸗ Cveur, der Flamänder, deſſen Familie dem Herzog von Burgund Alles verdankte, und der für Ludwig Xl die Stadt Arras hütete. Er hatte ſie ſo gut gehütet, daß Arras ſich zweimal empört hatte. Das zweitemal erklärte Ludwig XI, daß er Ar⸗ ras vertilgen werde. Und in der That verjagte er ſämmtliche Ein⸗ wohner, welche mit Hinterlaſſung ihrer ſämmtlichen Mobilien auswandern mußten. Sodann holte man ſogar aus Languedoc ganze Familien und Gewerbsleute, um den Ort wieder zu bevölkern. Die Kirchen blieben lange geſchloſſen, denn nicht ein einziger Prieſter gab ſich dazu her die Meſſe zu leſen. Herr von Creve⸗Cveur war es, der bei Guine⸗ gatte in der berüchtigten Sporenſchlacht commandirte. Die Flamänder hatten ſich entſchloſſen die un⸗ glückliche Stadt Therouanne, deren Verwüſtung ſpä⸗ ter ſprüchwörtlich werden ſollte, wieder in Beſitz zu nehmen. Sie hatten dreitauſend deutſche Büchſenſchützen, fünfhundert engliſche Bogenſchützen, Romont und ſeine Savoyarden, welche dem Blutbade von Murten in e⸗ g ig ch ä⸗ n, ne 199 glücklich entronnen waren und zwiſchen den beiden Seen einen Weg gefunden hatten, den ganzen Adel von Flandern und Hennegau, ſowie den jungen Erzherzog Maximilian an ihrer Spitze; im Ganzen ſieben bis achtundzwanzigtauſend Mann. Creve⸗Coeur wurde von Ludwig XI abgeſchickt, um Therouanne zu Hülfe zu kommen. Er hatte Befehl eine Schlacht zu vermeiden und den Flamän⸗ dern Zeit zu laſſen, damit ſie ſich auflöſen und wieder nach Hauſe ziehen könnten: man kannte ſie, dieſe guten Flamänder, und Ludwig Xl wenigſtens war überzeugt, daß ſie ſchon nach zwei oder drei Wochen aus lauter Heimweh wieder nach Hauſe laufen würden. Der General war ſchlecht gewählt; ein Anderer hätte die Rolle des Fabius vor Hannibal ſpielen können, aber dieß konnte einem Mann nicht zuſagen, der durch die Beſchimpfung des flämiſchen Adels und durch Maximilians Drohung ihn aus dem Buch des goldenen Vließes ſtreichen zu laſſen im höchſten Grad erbittert war. Die beiden Armeen begegneten ſich in dem Au⸗ genblick, wo Creve⸗Coeur und ſeine Leute den Hügel von Guinegatte herabkamen. Creve⸗Coeur hatte nur vierzehntauſend Fußgän⸗ ger, war aber an Reiterei Maximilian ums Dop⸗ pelte überlegen. Es war dieß eine eigenthümliche Schlacht. Creve⸗Coeur warf ſich mit all ſeiner Schwer⸗ bewaffneten über den flämiſchen und kaiſerlichen Adel her, der einen ſolchen Anprall nicht aushalten 200 5 konnte und von dem Reſt der Armee abgeſchnitten wurde. Er ergriff die Flucht und wurde verfolgt. Nun aber ereignete ſich Folgendes auf dem eigentlichen Schlachtfeld, während Creve⸗Cveur den Soldaten machte, ſtatt als General aufzutreten. Die franzöſiſchen Bogenſchützen, die von den dreitauſend deutſchen Büchſenſchützen, welche größ⸗ tentheils Tyroler und, wie ihr Prinz Maximilian, Gemſenjäger waren, ſchwer mitgenommen wurden, fielen über die Flamänder her; dieſe empfingen ſie mit derben Pikenſtößen. Die Bogenſchützen wichen zurück. Während dieſer Zeit machte die franzöſiſche Be⸗ ſatzung von Therouanne einen Ausfall und faßte die Flamänder im Rückenz aber unglücklicherweiſe kam ſie auf ihrem Weg an das Lager und begann es zu plündern. Die Flamänder kehrten ſich wieder gegen die Plünderer um..* Die BVogenſchützen ihrerſeits faßten, als ſie die Flamänder zurückkommen ſahen, neuen Muth und griffen an. Jetzt aber bemerkten ſie, daß es etwas Beſſeres zu thun gab, als die Flamänder anzugreifen, näm⸗ lich wenn ſie der franzöſiſchen Beſatzung das Lager plündern halfen; die Zuletztgekommenen hatten einem alten Sprüchwort zu Folge nichts als die Beine zu erwarten. Sie machten ſich im größten Eifer an das Plün⸗ derungsgeſchäft, dann nahmen ſie die Artillerie, die ihnen in den Weg kam, und kehrten ſie gegen den Feind. P 201 Aber in dieſem Augenblick fielen Maximilian und Romont mit der ganzen Armee, ausgenommen die Reiterei, die noch immer von Creve⸗Cveur ver⸗ folgt wurde, über die Plünderer her. Der junge Erzherzog that für ſeinen erſten Waf⸗ fengang Wunder: er tödtete vier oder fünf Mann mit ſeiner eigenen Hand, gewann ſeine Artillerie wieder und jagte all dieſe abſcheulichen Räuber in die Flucht. Creve⸗Coeur kehrte von ſeiner Verfolgung zu⸗ rück; er hatte ſich etwas ſpät daran erinnert, daß er ſeine Armee hinter ſich gelaſſen hatte. Er kam und fand ſie nicht mehr vor. Jetzt galt es für ihn und ſeine Edelleute ihre Sporen klirren zu laſſen. Daher der Name Sporenſchlacht. Was bedeutet er? Daß hauptſächlich der Adel es war, der nicht Stand hielt: die Ritter allein trugen Sporen. Nur hatte der Tag zwei Phaſen: am Morgen flohen die flämiſchen Ritter, am Abend die fran⸗ zöſiſchen. Kurz und gut, Maximilian behauptete das Schlachtfeld, aber er ließ ſieben bis achthundert Mann mehr als die Franzoſen auf der Wahlſtatt. Therouanne blieb franzöſiſch und der Erzherzog kehrte, nach dem erfolgloſeſten aller Siege, die je ein General erfochten hat, nach Flandern zurück. Dieſe Niederlage machte Ludwig NKl ganz und gar nichts aus; ſein Handel blühte; ein großer Handel, ein Handel mit Menſchen und mit Städten. 202 Er kaufte die Engländer, damit ſie ſich ruhig ver⸗ hielten, und die Schweizer, damit ſie ſich rührten. Er ließ ſich als Bürger von Bern aufnehmen. Von nun an konnte er dort und in Luxemburg Alles durchſetzen, was er wollte; wie hätte man einem Mitbürger etwas anhaben können? Von nun an gehörte ihm auch das Herzogthum Burgund. Er beſuchte Dijon; er ſah, daß dieſer Stadt ein Par⸗ lament fehlte, und er gab ihr eines. Was die Pro⸗ vence als eine Landplage betrachtete— die Pro⸗ vence, ſagt man, hatte drei Landplagen: die Du⸗ rance, den Miſtral und das Parlament— was die Provence als eine Landplage betrachtete, war für Burgund ein Glück. Der König ſchwur bei der heiligen Benigna, der Schutzpatronin der Stadt, und die widerſpenſtig⸗ ſten Bürger unterwarfen ſich. Nur der Adel brummte noch; Ludwig KI ließ ihn mit ſeinen ſchönen Sonnenthalern Bekanntſchaft machen, die er für die Engländer ſchlug, und wo⸗ von er Haſtings, dem berühmten Haſtings von Shakeſpeare, einen Jahresgehalt bezahlte, und dann nahm er, um dieſen mürriſchen Adel vollends zu gewinnen, die Wittwe eines Edelmanns zur Maitreſſe. In Lyon hatte er zwei Kaufmannsfrauen ge⸗ wonnen. Ludwig Xl wußte ſich auf ſeinem Terrain zu⸗ rechtzufinden. Dieſe neue Maitreſſe war indeß eine rein pla⸗ toniſche Leidenſchaft, denn in dieſem Augenblick, d. h. gegen das Ende von 1480, nahm der arme König gewaltig ab, und die Eroberung von Burgund, das ——— +— ———1— „5 n. n. g an un r⸗ ro⸗ o⸗ ⸗ die ta, eß aft DO⸗ on nn ſe. e⸗ u⸗ U⸗ ig er noch nicht ganz beſaß, rieb ihn durch die hefti⸗ gen Gelüſte, die ſie erregte, gänzlich auf. „Ich habe,“ ſchrieb er,„in meiner Einbildungskraft kein anderes Paradies als dieſes da, und ich ſehne mich mehr mit Euch zu ſprechen, um hiefür ein Mit⸗ tel zu finden, als ich mich jemals um meines See⸗ lenheils willen nach einem Beichtvater geſehnt habe.“ Und gleichwohl zählte er nicht mehr als ſieben⸗ undfünfzig Jahre, aber er war gänzlich abgenützt. Die menſchliche Maſchine, die in ihrem feinſten Theile, dem Hirn, ſo viel funktionirt hatte, wurde allmählig ſchwächer, und nichtsdeſtoweniger war er unter ſeiner ganzen Umgebung immer der Jüngſte und Kräftigſte, oder ſchien wenigſtens ſo, weil er der Thätigſte war. 1 Und dann begann ſeine Hand, die mit ſo großer 1 Mühe den Frieden in Frankreich wiederhergeſtellt hatte, über den Jura in die Schweiz, über die Alpen 3 nach Italien, über die Pyrenäen nach Spanien hinüberzugreifen.* Man hat geſehen, wie er Rens durch die Schwei⸗ 1 * zer unterſtützt und wieder auf den lothringiſchen Thron geſetzt hatte. Nach der Ermordung des Julian von Medici, wobei die Pazzi nur die Agenten von Sixtus IV waren, bedrohte der Pabſt die Stadt Florenz mit einer Armee; Florenz hatte das Verbrechen be⸗ gangen den jungen Lorenzo zu retten. Der König wollte nicht, daß man ſeinen Banquiers, welche beim Frieden von Picquigny für ſeine Zahlungsfähigkeit gebürgt hatten und in ihrer blauen Wappenkugel ſeine drei Lilien führten, das mindeſte Leid anthue. 204 Er ſetzte Mailand in Vertheidigungsſtand und ließ den Florentinern durch Comines ſagen, ſie mögen ſich ruhig verhalten, er werde den Pabſt, wenn er irgend eine feindſelige Bewegung mache, durch ein Concilium abſetzen laſſen. Der Pabſt rührte ſich nicht. Johann II, König von Aragonien, hatte ſich an Rouſſillon feſtgeklammert; Ludwig XI klopfte ihn bald mit dem Knopf, bald mit der flachen Klinge, manchmal aber auch mit der Schneide ſeines kleinen Degens, der ſo dünn und lang war wie eine Schlan⸗ genzunge, dergeſtalt auf die Finger, daß er ſeinen Raub fahren laſſen mußte. Durch den Enkel dieſes ſelben Johann, den er mit ſo großer Mühe aus Rouſſillon verdrängte, hatte er beinahe ſchon Navarra in Beſitz genommen; der Prinz war noch ganz jung, und Ludwig XI fühlte ſich natürlich, da die Mutter deſſelben eine fran⸗ zöſiſche Prinzeſſin war, gewaltig zu ihm hingezogen. Dieſer gute König war der Beſchützer der Wai⸗ ſen, und aus dieſen Waiſen, welche er in Frank⸗ reich aufzog, um ſie nebſt ihrem Thron beſtändig unter der Hand zu haben, bildete er einen Hof für den Dauphin, den er noch immer der Lochter Eduards IV, welche vier Jahre älter war als ihr Bräutigam, zum Gatten verſprach. Er hatte ſich vom König René Anjou und die Provence abtreten laſſen. Wir haben geſagt, wie er Lorenzo von Medici in Florenz beſchützte. Alles gelang ihm, und ſo hatte er auch ſeine Schweſter verloren, dieſe gute Herzogin von Sa⸗ vo un ſch ſei ger ve wi ze] wo 205 voyen, die ſtets geneigt war gegen ihn zu fechten und dem Herzog von Burgund mit ihrer Mann⸗ ſchaft und ihrem Geld auszuhelfen. Er hatte alſo ſeine Schweſter verloren und Gott herzlich dafür gedankt. Er hatte die Oheime des kleinen Herzogs vertrieben und ſich als Vormund deſſelben erklärt, wie er ſich als Vormund der burgundiſchen Prin⸗ zeſſin aufgeworfen hatte; und mit demſelben Recht, womit er Peronne und St. Quentin beſetzt hatte, beſetzte er auch Montmeillan. Damit dem theuren Kind kein Unglück wider⸗ fahren ſollte, ließ er es gleich dem Enkel Johanns von Aragonien bei ſich erziehen. Nachdem der Herzog Adolf von Geldern getöd⸗ tet war, blieb noch ſein Sohn, der arme, ausge⸗ plünderte Junge, übrig: Ludwig XI war zu mo⸗ raliſch, um Nymwegen in den Händen Marias von Burgund— der Tochter des Räubers, zu laſſen. Nymwegen empörte ſich, vertrieb die Burgunder und übergab der Tante des Kindes die Regent⸗ ſchaft. Nun war noch England da. Eduard war zwar erſt vierzig Jahre alt, konnte aber doch jeden Au⸗ genblick an einer Indigeſtion ſterben, denn er kam gar nicht von der Tafel weg. Dann blieb die Wittwe mit einem Regenten; und mit welchem Re⸗ genten! Mit Gloceſter, dem nachmaligen Richard III. Wie war dieſer buckelige Unhold anders zu be⸗ kämpfen, als durch ein Bündniß mit dem König von Frankreich? Die Königin von England, die ſich bereits als Wittwe dachte, benahm ſich daher äußerſt rückſichtsvoll gegen Ludwig XI. 206 Freilich war auch noch die ſehr feindſelige und engliſch geſinnte Bretagne da; aber war einmal der Herzog von Guyenne todt, ſo verlor die Bretagne viel von ihrer Kraft. Ludwig Xl bedrängte ſie mit einer Beharrlich⸗ keit, welche ſelbſt die nationale Halsſtarrigkeit er⸗ müdete; er nahm der Bretagne bald eine Stadt, bald einen Mann. An Männern nahm er ihr Tanne⸗ gui Duchatel, Peter von Rohan, Guy von Laval; an Städten nahm er ihr La Rochelle und Alengon. Endlich erbte er den Herzog von Maine. Selbſt der Tod wurde ſein Verbündeter. Und alles Das that der König allein oder nur mit geringen Leuten; er allein zettelte ſein Rieſen⸗ gewebe an, und wenn ſich eine Mücke darin ver⸗ fing, ſo lief er ſchnell herbei, um zu ſehen, wie groß ſie war, und ob ſie einen Rüſſel oder einen Stachel hatte. Dann malte er wieder Miniaturbilder und zeich⸗ nete ſich ſelbſt als einen alten entlaubten Stamm, der nur noch einen einzigen Sproſſen hat. Dieſer Sproſſe war wiederum eines der Kinder, welche Ludwig Xl beſchützte. Er lebte fortwährend ganz allein in ſeinem Pleſſis⸗les⸗Tours, denn den Dauphin ließ er in Amboiſe, und ſeine Gemahlin hatte er in die Dau⸗ phins geſchickt. Er gönnte ſich nur eine einzige Erholung, die zugleich eine Ermüdung war, näm⸗ lich die Jagd; aber auch in der Jagd zeigte er ſeinen politiſchen Kopf, und nachdem er die Men⸗ ſchen in der Schlinge gefangen hatte, fing er die Thiere darin. jas tig au das ſeit ihn tel faß wie ſtre nic nac d le ⸗ R. 1r ⸗ r⸗ ie n n, er he in U⸗ ge n⸗ er n⸗ ie Oft brach er Morgens in aller Frühe auf und jagte den ganzen Tag; es war für ihn eine wich⸗ tige Angelegenheit, ob eine Jagd gut oder ſchlecht ausfiel. Eines Tags bekommt er Luſt zu jagen, und da das Wetter zweifelhaft ausſieht, ſo befragt er ſeinen Aſtrologen. Dieſer antwortet, es werde ſchön werden. Als Ludwig Xl in den Wald kommt, begegnet ihm ein Kohlenbrenner; dieſer erkennt ihn, ſchüt⸗ telt den Kopf und ſagt: „Die Jagd des Königs wird verregnet werden.“ Der König hört die Prophezeiung, ſagt nichts, faßt aber den Mann ins Auge und läßt fragen, wie er heißt und wo er wohnt. Nach zwei Stunden haben die Jäger ſich zer⸗ ſtreut und kehren ſammt und ſonders, den König nicht ausgenommen, bis auf die Haut durchnäßt, nach Hauſe zurück. „Man hole mir,“ ſagt Ludwig XI,„den Kohlen⸗ brenner, der mehr weiß als mein Aſtrolog.“ Der Kohlenbrenner kommt an; der König ſtellt den Aſtrologen und den Bauer einander gegenüber. „Mein Freund,“ ſagt er zu dem letzteren,„wie kannſt Du mehr vom Wetter verſtehen als dieſer Herr da, der ſein ganzes Leben lang die Planeten ſtudirt hat?“ 5 „Sire,“ antwortet der Kohlenbrenner,„ich kann weder leſen noch ſchreiben; ich habe nie eine Schule beſucht und bin ein durchaus unwiſſender Menſch; aber ich habe eben ſo gut wie Euer Majeſtät einen Aſtrologen in meinem Dienſt.“ 208 „Welchen?“ „Meinen Eſel, mit Verlaub zu melden, Sire.“ „Wie ſo, Deinen Eſel?“ „Ja, den Eſel, der meine Kohlen trägt; er prophezeit mir immer, was es für Wetter gibt. Wenn Regen im Anzug iſt, ſpitzt er die Ohren, trippelt ganz langſam und ſucht ſich an den Wän⸗ den zu reiben. Nach dieſen Anzeichen habe ich den Regen prophezeit.“ Der König verabſchiedete ſeinen Aſtrologen, wies dem Eſel eine Penſion an und befragte fortan nur noch ſeinen Kohlenbrenner über das Wetter. Da er Alles zu ſehen und zu wiſſen wünſcht, ſo ſteht er eines Morgens zuerſt auf, geht, wäh⸗ rend Alles ſchläft, im Schloſſe herum und begibt ſich in die Küche. Hier trifft er einen Jungen, der den Bratſpieß dreht. „Wie viel verdienſt Du, Kleiner?“ fragte er ihn. Der Junge, der einen ſchlechtgekleideten Men⸗ ſchen vor ſich ſieht, hält ihn für einen Bettler. „So viel als der König,“ antwortete er. „Und wie viel verdient der König?“ „So viel daß er ſich ſatt eſſen kann, und das kann ich auch.“ Ludwig XI war nicht der Mann einen ſolchen Philoſophen in der Küche zu laſſen; er nahm den Jungen weg und ließ ihn erziehen. Um dieſe Zeit bekam er ſeinen erſten Schlag⸗ anfall. Dieß geſchah in Chinon. Er fühlt das Bedürfniß nach Luft, will ſich dem Fenſter nähern und verlangt ſtammelnd, daß man es öffnen ſoll; * en en g⸗ as rn 1 209 aber man verweigert ihm dieſe Erleichterung unter dem Vorwand, daß er ſich erkälten könnte. Sein Arzt Angelo Catto kommt und öffnet; dann läßt er ihm zu Ader, und Ludwig XI fühlt ſich ſogleich beſſer. Jedermann kennt das ärztliche Sprichwort in Bezug auf Lähmungen, Schlaganfälle und Con⸗ geſtionen gegen das Hirn, lauter Krankheiten von einer und derſelben Familie: Der erſte Anfall iſt eine Aufforderung ohne Koſten; der zweite eine Aufforderung mit Koſten; der dritte eine förmliche Ergreifung.. So geſchah es auch mit Ludwig XI. Von dem erſten Anfall erholte er ſich und jagte vor allen Dingen Diejenigen fort, die ihn verhindert hatten frei zu athmen, als er ein ſo heftiges Bedürfniß nach Luft empfand. Sodann weidete er ſich am Anblick ſeiner Macht und hielt eine große Revue in Pont⸗de⸗LArche. Blaß und ſterbend betrachtete er mit lächelnder Miene ſeine prächtige Armee, vierzigtauſend Mann, lauter Schweizer, Deutſche oder Lyoner, die wie wahre Automatén bei Hörnerſchall manövrirten. Es waren keine Edelleute, keine Menſchen, keine Bürger, keine Bauern mehr, ſondern nur Soldaten. Frankreich wurde damals von einem König und drei Miniſtern regiert. Den König kennet ihr. Die drei Miniſter waren; Olivier Schuft; ein Auvergnate Namens Doyat, der mit ſeinen plum⸗ pen Schuhen den Herzog von Bourbon zertreten Dumas, Karl der Kühne. IMI. 14 210 . hatte; und Jakob Coythier, Leibarzt und Präſident des Rechnungshofes. 207 Dann noch du Lude, ein luſtiger Kautz, der bei Gelegenheit auch fremdes Gut mit ſich laufen ließ, aber die Kunſt beſaß den König zum Lachen zu bringen, was mit jedem Tag ſchwieriger wurde; ferner St. Pierre, der Großſeneſchall, der Heraklit dieſes Demokrit, ein düſteres Richtergeſicht, das beſtändig zu ſagen ſchien: zum Tod! zum Tod! zum Tod! Endlich Comines, der ſich in ſeinen Pelz ein⸗ hüllte, wie ein freundliches Kätzchen, das die Pfote geben will. Der König liebte ihn ſehr und ließ ihn in ſeinem Zimmer, manchmal ſogar in ſeinem Bett ſchlafen, aber ſeit der Vermählung der burgundiſchen Prin⸗ zeſſin hielt er ſich weit mehr an ſeine andern Rath⸗ geber. Bei der Rückkehr aus dem Lager kam der zweite Anfall, die Aufforderung mit Koſten. Dießmal glaubte man ihn todt; er blieb zwei Stunden lang bewußtlos in einer Gallerie auf einem Strohſack liegen. Comines bemerkte ihn in dieſem Zuſtand, wie er die Augen verdrehte und den Mund verzerrte. Da er nun nicht wußte, welchen Heiligen er für ihn anrufen ſollte— der König hatte nämlich bei⸗ nahe ſchon alle Heiligen des Kalenders in Anſpruch genommen— ſo rief er den St. Claudius an. St. Claudius erhörte das Gebet, und der König erhielt unverzüglich ſeine Sprache wieder. „Oh! oh!“ ſagte er,„ich bin noch nicht todt.“ t ———— 8 M , 211 Und er erhob ſich ſogleich und ging im Hauſe umher, aber ſehr ſchwach, mit herabhängenden Armen und ſchlotternden Beinen; ſeine rechte Seite war beinahe gänzlich gelähmt. Dieß verhinderte ihn indeſſen nicht augenblicklich ſeine Briefe zu verlangen, und er ſtellte ſich, als ob er ſie läſe. Er ſuchte ſeine vertrauteſten Freunde zu täu⸗ ſchen; als der Tod heranrückte, ſuchte er auch den Tod zu täuſchen. Aber ehe der Tod kam, wurde ihm noch ein großes Glück zu Theil. Kaum hatte er die Erbſchaft von René's Neffen, d. h. die ſchöne Provinz Maine, an ſich gezogen, ſo erhielt er aus Brügge eine Nachricht, die ihm beinahe eben ſo angenehm war wie die Kunde vom Tode Carl's des Kühnen. Maria von Burgund war geſtorben, und mit ihr erloſch das Haus Burgund. Marimilian hatte ſeine Gemahlin aufs zärtlichſte geliebt und konnte nie von ihr ſprechen hören, ohne daß ihm die Thränen in die Augen traten. Ein Zauberer Namens Triteme machte ihm den Antrag ihren Schatten zu beſchwören. Der Erzherzog nahm es an, aber der Anblick des Geſpenſtes brachte, ſagt Loechheimer, einen ſolchen Eindruck auf den armen Prinzen hervor, daß er bei Leibesſtrafe verbot je wieder einen Tod⸗ ten aus ſeinem Grabe hervorzurufen. Maria von Burgund hinterließ, wie wir bereits geſagt haben, zwei Kinder: Philipp und Margareth. Philipp der Schöne wurde der Vater Se V, 212 Margareth wurde unter ihrem Neffen Regentin von Flandern. Lh Dieſe Margareth von Oeſtreich war noch immer eine Frau, die dem Dauphin von Frankreich wohl anſtand. Die Flamänder boten ſie Ludwig Xl an, und zwar ſammt all dieſen franzöſiſchen Provinzen, die ihnen als braven und würdigen Flamändern ein Dorn im Auge waren. Sie gaben Artois und Burgund, die ihnen ſo viele Unruhe verurſacht hatten, für immer zurück. Dieß war mehr als Ludwig KI zu verlangen gewagt hätte. Seine lieben Freunde und Gevatter, Rim und Coppenole, ſuchten ihn in Pleſſis auf. Sie wunderten ſich höchlich über den Palaſt, welchen der mächtige König für ſich gewählt hatte. Sie fanden ihn in einem kleinen Stübchen mit ver⸗ gitterten Fenſtern und dicken Thüren mit maſſiven Riegeln. Da ſaß der leidenſchaftliche Jäger, und da er keine Hirſche, Rehe und Eber mehr zu jagen ver⸗ mochte, ſo hatte er eine Meute von kleinen Hunden, mit denen er von Zimmer zu Zimmer auf die Ratten und Mäuſe Jagd machte. Er war ſo mager und ſo blaß, daß er ſich in dieſem Zuſtand gar nicht zeigen wollte, und er empfing daher die beiden flämiſchen Abgeſandten in dieſem ſchlecht beleuchteten Stübchen„ wo er ſich außerhalb des Lichtſtrahles hielt. Er war in einen warmen Pelzrock gehüllt, fror jedoch beſtändig, da ſein Körper ſchon zu drei Vierteln abgeſtorben war; 1——— 213 er ſagte ſtammelnd— denn auch ſeine Zunge war beinahe gelähmt— er bedaure ungemein, daß er weder aufſtehen noch ſein Haupt entblößen könne. Dann ließ er ſich das Cvangelium bringen und ſchwur darauf mit der linken Hand. „Entſchuldigt mich, meine lieben Gevatter,“ ſagte er,„daß ich mit dieſer Hand ſchwöre; meine vechte iſt etwas ſchwach.“ Sie war eben ſo gelähmt wie die Hand Richard's III. Gleichwohl beſann er ſich eines Andern. Der Gedanke, daß dieſe Eidesleiſtung mit der linken Hand möglicherweiſe einmal als Nichtigkeits⸗ grund geltend gemacht werden könnte, gönnte ihm keine Ruhe. Er ließ ſich das Evangelium von Neuem brin⸗ gen, und da er es nicht mit ſeiner rechten Hand berühren konnte, ſo berührte er es mit dem rech⸗ ten Ellbogen. Dieſes Heirathsproject gab dem engliſchen Ver⸗ mählungsplan den Todesſtoß, aber Eduard war ſo dick und ein ſolcher Freſſer geworden, daß man ihn nicht mehr zu fürchten brauchte. Als er die Nachricht von dieſen Bruch erhielt, den er für unmöglich gehalten hätte, aß und trank er noch mehr als gewöhnlich, ſo daß er einen Stick⸗ fluß bekam und daran ſtarb. Ludwig Xl hatte noch die Freude dieſen Tod zu vernehmen. Frankreich beſaß jetzt ſeine natürlichen Gränzen: die Picardie, Burgund, die Provence, Anjou, Maine und Rouſſillon. 214 Sobald einmal die Gränzen feſtgeſtellt waren, fand ſich auch ein Mittelpunkt, eine Hauptſtadt vor. Alles das verdankte man dieſem düſtern, ränke⸗ vollen und ſpottſüchtigen Geiſte. Er wünſchte noch länger zu leben, aber mein Gott, nicht um ſeiner ſelbſt willen, ſondern um die Gebräuche, die Gewichte und Maße feſtzuſtellen. „Gott ſchenke mir noch ſechs Monate Leben,“ ſagte er zu Comines,„ſo wird es im ganzen Reich nur noch ein Recht, nur noch ein Maß und Ge⸗ wicht geben... Und dann,“ fügte er mit väter⸗ licher Miene hinzu,„möchte ich gern meine Völker erleichtern; ich habe ſie durch Auflagen etwas ſchwer gedrückt und dadurch meine Seele ſchwer belaſtet.“ Aber daran war er nicht Schuld, dieſer gute Bürger von Bern, dieſer gute Bourgeois von Pa⸗ ris: er hatte ſo viele Könige und ſo viele Prinzen, denen er Jahresgehalte bezahlen mußte. Gleichwohl war zur Zeit, wo er ſo zu Comi⸗ nes ſprach, keine Hoffnung vorhanden, daß er noch ſechs Monate leben könnte; er war ſehr krank, und man erzählte ſich über ſeine letzten Tage die abgeſchmackteſten Dinge. Er ſchlafe beſtändig, verſicherte man, und um ſich wach zu erhalten, habe er hinter einer Tapete Schäfer, die ihm den ganzen Tag auf der Schal⸗ mei ſpielen müſſen, ohne ihn zu ſehen. Dieſes Mittel war wenigſtens harmlos; das konnte man nicht von allen rühmen, die er ſonſt noch gebrauchte. Man ſagte, er trinke Kinderblut, um ſeine durch das Alter erſchöpften Kräfte einigermaßen aufzu⸗ . ———— v W — W — 85 — 215 friſchen. Abgeſehen von ſolchen albernen Mährchen bleibt ſo viel wahr, daß er ſich durchaus nicht ent⸗ ſchließen konnte zu ſterben. Er ließ ſich aus Neapel einen braven heiligen Mann, Francesco da Paola, ſchicken. Er hoffte, der fromme Eremit, der ſchon zu ſeinen Lebzeiten heilig geſprochen wurde, möchte für ihn beten, und Gott möchte ihm auf die Fürbitte ſeines Dieners ein längeres Leben ſchenken. Aber die Gebete des Heiligen wirkten nichts oder ſehr wenig. Jetzt kam der König auf die Idee— und er hatte immer ſolche Ideen— das heilige Helfläſch⸗ chen aus Rheims kommen und ſich noch einmal ſal⸗ ben zu laſſen. Der Abt von St. Remy verweigerte das ge⸗ weihte Gefäß; aber Ludwig Xl ließ dem Pabſt durch ſeinen Neffen, den er gleich den andern er⸗ kauft hatte— er würde den Teufel erkauft haben, wenn dieſer ſich mit Geld begnügt hätte— Lud⸗ wig Xl, ſagen wir, ließ dem Pabſt durch ſeinen Neffen ſchreiben, und der Abt von St. Remy er⸗ hielt Befehl die heilige Helflaſche herauszugeben. Vermuthlich war es zu ſpät, als daß das Mit⸗ tel noch hätte wirken können. Der König fühlte, daß er ſterben mußte. „Wenn der Angenblick kommt, ſo mahnt mich daran,“ ſagte er,„aber thut es mit Schonung.“ Eines Tages trat Coythier an ſein Bett. „Heute Abend wird Fuer Stündlein ſchlagen,“ ſagte er brutal. 4 2¹6 Dieß war am 24. Auguſt 1483, am Tag vor ſeinem Namensfeſt. Er ſtarb, während er ein Gebet an die Mutter Gottes von Embrun richtete. Ludwig XI wollte nicht in St. Denis begraben werdenz er glich auch in der That ſeinen Vorfah⸗ ren ſo wenig, daß dieſe ihn ſicherlich nicht erkannt oder daß ſie ihn im Falle der Erkennung aus ihrer Geſellſchaft ausgeſchloſſen haben würden. Er verlangte in Notre⸗Dame zu Clery beige⸗ ſetzt zu werden, und hatte befohlen, daß man ihn auf ſeinem Grabmal als einen jungen Menſchen im Jagdkoſtüm mit ſeinem Hund und ſeinem Jagd⸗ horn aushauen ſolle. Eine falſche und harte Maxime, die uns jeden Commentar erſpart, faßt ſeine Regierung zuſammen. Sie iſt von dem Geſchichtſchreiber Comines und lautet: „Wer den Erfolg hat, hat die Ehre!“ Ende. 2 ₰ 2