Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Cdnard Oflmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werd beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: auf 1 Monat: 1 N— Pf. „ en und 6 Bücher: ———— 1 Mk. 50 Pf. 2.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Bevor wir von den Herzogen von Burgund ſpre⸗ chen, wollen wir einige Worte über das Herzogthum ſagen; wir wollen ſehen, wie es an die Krone Frank⸗ reich zurückfiel, wie es in die Hände Philipps des Kühnen überging, und wer Philipp der Kühne war. Der alte Philipp von Valois, der Wittwer und frei war, wollte nach dem Aufhören der ſchrecklichen ſchwarzen Peſt, welche die Mitte des 14. Jahrhun⸗ derts mit Trauer erfüllte, ſeinen Sohn Johann mit ſeiner Couſine Blanca von Artvis verheirathen; aber als er die junge Prinzeſſin ſah, fand er ſie zu ſchön für ſeinen Sohn und nahm ſie ſelbſt. Er war achtundfünfzig Jahre alt, die Prinzeſſin achtzehn. Der Dauphin Johann heirathete, ſtatt ſeiner Cou⸗ ſine, die Wittwe Philipps von Burgund, der bei der Belagerung von Aiguillon gefallen war. Die Wittwe hatte einen Sohn von vier Jahren. Dieſer Sohn, den man Philipp von Rouvres 4 nannte, weil er im Schloß Rouvres geboren war, und der ohne Zweifel dieſen Namen behielt, weil er auch dort ſtarb, beſaß von ſeiner Mutter, Johanna von Boulogne, die Grafſchaften Boulogne und Au⸗ vergne, und von ſeiner Großmutter, Johanna von Frankreich, die Grafſchaften Burgund und Artois. Das Herzogthum des Kindes war alſo beinahe ſo groß wie das Königreich Frankreich. Verſtehen wir uns wohl über das Königreich Frankreich, wie es damäls war. Den Grundſtock bildete die königliche Domäne, beſtehend aus den Gebieten von Laon, Reims und Compiegne; Hugo Capet hatte das Herzogthum Frank⸗ reich hinzugefügt, welches die Grafſchaft Paris und das Gebiet von Orleans in ſich begriff. Dieſe Do⸗ mäne, ſo wie ſie am Ende des 11. Jahrhunderts war, kam fünf unſerer modernen Departements gleich: Seine, Seine⸗et⸗Hiſe, Seine⸗et⸗Marne, Diſe und Loiret. Vexin kam durch Rückfall dazu, im Jahr 1082; Artois durch Heirath, 1180; die Grafſchaft Auvergne durch Confiscation, 1198; die Grafſchaft Cvreur durch Eroberung, 1200; die Normandie, die Tou⸗ raine, Anjou und Maine durch Confiscation, 1204; Poitou und Berry durch Eroberung, 1205; Verman⸗ dois und Valvis durch Eroberung, 1215; die Vice⸗ grafſchaft Nimes durch Abtretung, 1259; die Graf⸗ ſchaft Chartres durch Kauf, 1286; das Lyonnais durch Eroberung, 1307; endlich die Dauphiné durch frei⸗ willige Abtretung, 1349. Und man bemerke, daß von den ebengenannten Provinzen eine und zwar die bedeutendſte, die Nor⸗ var, ler nna Au⸗ von ahe eich ine, ind nk⸗ ind Do⸗ ar, nd e ur ou⸗ 4; in⸗ ce⸗ af⸗ ch ei⸗ 5 mandie, ſich nicht im Beſitz unſerer Könige befand, da ſie von Eduard IIMI, in Folge der Schlacht von Crecy, zurückerobert worden war. Die andern, die Grafſchaft Auvergne, die Tou⸗ raine, Anjou, Maine, Berry, Valois, die Grafſchaft von Chartres, wurden von den Königen oft an ihre Söhne, Brüder oder Neffen als Apanagen verſchenkt und trennten ſich ſomit zeitweiſe von der Krone; auch war es mit dieſer Trennung vollkommen Ernſt, denn es geſchah zuweilen, daß der apanagirte Prinz mit der Mannſchaft und dem Geld ſeiner Apanage ſeinen König bekriegte. Man halte uns dieſe Abſchweifung zu gut: ſie war nothwendig für diejenigen von unſern Leſern, die mit der Geſchichte nicht ganz vertraut ſein ſollten. Der Dauphin Johann wurde alſo der Stiefvater eines Kindes, das, wie wir geſagt haben, beinahe mit ſeinem König an Macht wetteifern konnte; in die Rechte ſeiner Gemahlin eingetreten, wurde er der Verwalter der Güter ſeines Stiefſohnes. Was den alten Philipp von Valois betrifft, ſo welkte er nach ſeiner Verheirathung von Tag zu Tag ab und ſtarb 1350 im Schloß Nogent⸗le⸗Rotrou. Dauphin Johann wurde König von Frank⸗ rei Die Geſchichte hät ihn unter dem Titel Johann der Gute in die Reihenfolge unſerer Könige ein⸗ getragen. Man darf auf ſolche von der Geſchichte ertheilte Titel oder Zunamen keinen allzu großen Werth legen: die Geſchichte ſpricht nicht immer die Sprache, welche wir im 19. Jahrhundert ſprechen. 6 Ludwig XIII iſt der Gerechte genannt wor⸗ den, weil er unter dem Zeichen der Wage geboren war. Nun bedeutet im 14. Jahrhundert Johann der Gute keineswegs: Johann der Vortreffliche, Johann der Beſte. Nein, Johann der Gute beſagt ganz einfach: Johann der Leichtgläubige, der Leichtſinnige, der Verſchwender, der Narr. Und in dieſem Sinn verdiente Johann der Gute ſeinen Beinamen vollkommen.. Man hätte ihn auch Johann den Ritterlichen nennen können. Johann war wirklich jeder Zoll ein Edelmann. Seine Thronbeſteigung war durch zwei Edicte bezeichnet worden, welche ihm die volle Gunſt des Adels erwarben. Das erſte war eine unbegrenzte Friſt, die den adeligen Schuldnern gewährt wurde. Das zweite die Stiftung des Sternordens. Der Sternorden war das Invalidenhaus der Ritterſchaft. Ein prächtiges Haus begann ſich mitten in der 6bene Saint⸗Denis zu erheben, um die armen Ritter aufzunehmen, die dem Orden angehörten und in den Kriegen oder Turnieren zu Krüppeln geworden waren. Es wurde begonnen, ſagen wir, aber es wurde nie⸗ mals vollendet. Die Sternritter thaten das Gelübde nicht vier Schritte zurückzuweichen, ſondern ſich eher tödten oder gefangennehmen zu laſſen. Sie wurden in der That bei Poitiers gefangen⸗ genommen oder getödtet. wor⸗ oren der amn ganz nige, Zute chen m. icte des den der der tter den en. nie⸗ ier der 7 Juſt auf Poitiers wollen wir zu ſprechen kommen. Der Prinz von Wales, bekannter unter dem Namen der ſchwarze Prinz, von der Farbe ſeiner Rüſtung, verwüſtete die ſüdlichen Provinzen Frank⸗ reichs, wo er die Guyenne beſaß. Die Guyenne beſtand aus den Lehen Gascogne, Armagnac, Fezenſac, Perigord, Poitou, aus der Graf⸗ ſchaft Angouleme und der Marche. Dieſer prächtige Theil des Königreichs war durch die Scheidung Ludwigs VII von Eleonore von Guyenne, oder vielmehr durch die Vermählung dieſer Prinzeſſin mit Heinrich von Plantagenet in die Hände der Engländer gefallen. Brauche ich zu ſagen, daß die Plantagenets, eng⸗ liſche Könige von franzöſiſcher Abſtammung, ihren Namen dem Ginſterzweig(genet) verdankten, welchen Gottfried V, ihr Ahnherr, in Friedenszeiten an ſei⸗ ner Faltenmütze, in Kriegszeiten an ſeinem Helm zu tragen pflegte? Geboren an den Ufern der Loire, in dieſen ſchö⸗ nen Gefilden, wo der Ginſter gleich einem goldge⸗ ſticten Teppich die Berge von Anjou bedeckt, hatte Gottfried die Blume ſeines Heimathlandes über die Meere hinübergenommen und in ſeine Krone ver⸗ flochten.* Der ſchwarze Prinz zog alſo ſengend und bren⸗ nend durch Languedoc. Er hatte von dieſem erſten Streifzug fünftauſend Wagen voll Beute nach Bor⸗ deaux gebracht; nachdem er ſodann ſeinen Raub in Sicherheit gebracht, hatte er einen neuen Zug durch die Rouergue, die Auvergne und das Limouſin an⸗ 8 getreten; hierauf war er ins Berry herabgekommen und verwüſtete die Ufer der Loire. Der König Johann ſammelte ein Heer, ſo ſchön wie zehn Jahre vorher das Heer Philipps von Va⸗ lois bei Crech geweſen; ſo ſchön wie neunundfünfzig Jahre ſpäter das Heer des Connetable d'Albret bei Azincourt ſein ſollte; dann marſchirte er dem ſchwar⸗ zen Prinzen entgegen. Er hatte ſeine vier Söhne bei ſich: Karl, Dau⸗ phin von Frankreich; Ludwig, Herzog von Anjou; Johann, Herzog von Berry; Philipp, Herzog von Touraine. Karl war derjenige, den man Karl den Weiſen nannte; Ludwig derjenige, der bei Bari ſtarb, als er das Königreich Neapel wiedererobern wollte; Jo⸗ hann derjenige, der bei den Unruhen unter der Re⸗ gierung Karls VI eine ſo traurige Rolle ſpielte; Philipp endlich wurde der Stammvater des neuen Hauſes Burgund. Außer ſeinen vier Söhnen hatte König Johann ſechsundzwanzig Herzoge oder Grafen, hundertund⸗ vierzig Bannerherren mit ihren fliegenden Bannern und zwei Cardinallegate um ſich. Wir haben geſagt, daß er dem Prinzen von Wales entgegenzog. Aber zu jener Zeit befand ſich die Kriegswiſſen⸗ ſchaft in ihrer Kindheit, und trotz der Läufer, womit Engländer und Franzoſen das Land überſchwemmten, wußte der ſchwarze Prinz nicht, wo der König Johann war, und der König Johann wußte nicht, wo der ſchwarze Prinz war. niß und ſich ſie der einz ſo ſ hätt tauſ Feu zwei im dott war mod end! Str wir nen hön Va⸗ fzig bei ar⸗ au⸗ ou; von ſen als Jo⸗ Re⸗ te: len nn nd⸗ ern on nit en, nn er 8 Johann glaubte die Engländer vor ſich zu haben, und während er ihnen nachlief, floh er vor ihnen. Der ſchwarze Prinz glaubte die Franzoſen hinter ſich zu haben, und während er ſie erwartete, ließ er ſie wegziehen. Im Uebrigen war es ſo ziemlich die Gewohnheit der Engländer aufs Gerathewohl in Feindesland einzubrechen. So hatte es Eduard III im Jahr 1346 gemacht; ſo ſollte es Heinrich V im Jahr 1415 machen. In einer Zeit wie die unſere, wo die Kriegs⸗ wiſſenſchaft auf ihren höchſten Gipfel getrieben iſt, hätte nur ein Wunder die Engländer retten können. Die Kopfloſigkeit des Königs Johann that den gleichen Dienſt. Der König von Frankreich hatte gewiß fünfzig⸗ tauſend Mann, den Vorbann und Nachbann der Feudalität, bei ſich. Der engliſche Prinz hatte nur zweitauſend Reiſige, zweitauſend Bogenſchützen und ebenſo viele Banditen; im Ganzen höchſtens achttauſend Mann. Banditen nannte man die Reisläufer, Con⸗ dottieri und Landſtreicher, die man im Süden an⸗ warb; ſie verrichteten dieſelben Dienſte wie in unſern modernen Armeen die leichten Truppen. Sichere Berichte bezeichneten dem König Johann endlich den Ort, wo die Engländer ſtanden, und die Streitkräfte, die ſie ihm entgegenſtellen konnten. Dieſe Streitkräfte haben wir ſo eben aufgezählt; wir kennen ſie alſo. Der Ort, den ſie beſetzt hielten, war der Abhang von Maupertuis bei Poitiers. 10 Der Abhang war ein ſteiler Hügel mit Dorn⸗ büſchen überſät, mit Reben bepflanzt, mit Hecken ein⸗ geſchloſſen. Die engliſchen Bogenſchützen bedeckten den Gipfel deſſelben, wohin man nur auf einem zehn Fuß breiten und zwiſchen zwei hohen Böſchungen eingeengten Fußpfad gelangen konnte. Der Prinz von Wales und ſeine Leute waren da wie ein Haufe von Schuljungen, die man beim Obſtmauſen erwiſcht; ſie befanden ſich gänzlich in der Gewalt des Herrn, in deſſen Land ſie ſich gewagt hatten. König Johann hätte nur den Abhang mit ſeinen fünfzigtauſend Mann zu umzingeln gebraucht: nach zwei oder drei Tagen wären die Engländer ausge⸗ hungert von ſelbſt herabgekommen und hätten ſich auf Gnade und Ungnade ergeben. Der ſchwarze Held begriff dies ſo gut, daß er, als die zwei Legaten zu ihm kamen, um Blutver⸗ gießen zu verhindern, ſich erbot, Alles was er genom⸗ men, Plätze und Menſchen, zurückzugeben und ſieben Jahre lang nicht mehr gegen Frankreich zu dienen. Aber Johann der Gute lachte über dieſen Vor⸗ ſchlag: man habe die Spitzbuben in der Falle und werde ſie nicht loslaſſen, ohne ihnen tüchtig das Fell zu gerben. Das Geringſte was er verlangen könne, ſei, daß der Prinz von Wales ſich mit hundert Rittern ergebe. Der ſchwarze Prinz antwortete, wenn man eine Schlacht liefere, ſo könne ihm nichts Schlimmeres widerfahren, als daß er gefangen werde; er wolle es alſo auf die Schlacht ankommen laſſen. ihr an wi fri Tr ner der ph dir rn⸗ in⸗ ten ehn gen ren eim der at nen ach ge⸗ ſich er, ver⸗ om⸗ ben n. Vor⸗ und Fell daß tern eine eres volle 11 Herr von Talleyrand, einer der Legaten, bemerkte ihm, er könne auch getödtet werden; aber darauf antwortete der Prinz: „Ich glaube, daß es für einen Prinzen ziemlicher iſt getödtet als gefangen zu werden.“ Es blieb alſo nichts Anderes mehr übrig als die Schlacht zu liefern. Auf der einen Seite rüſtete man ſich zum An⸗ griff, auf der andern zur Vertheidigung. Der König von Frankreich ließ unter ſeinem Zelt die Meſſe leſen und nahm mit ſeinen vier Söhnen das Abendmahl; dann berief er die Häupter der Armee zuſammen, um ihren Rath zu verlangen. Alle waren der Anſicht, daß man ſich ſchlagen ſolle. Die Trompeten ertönten. Man theilte die Armee in drei Corps oder, wie man damals ſagte, in drei Treffen, jedes von ſechs⸗ zehntauſend Mann. Jedes Treffen war juſt doppelt ſo ſtark, als die Geſammtmacht der Engländer. Alle Herrn ließen ihre Fahnen flattern, der König wie die Andern; ein tapferer Ritter, Namens Gott⸗ fried von Charny, trug die Oriflamme. Der Herzog von Orleans commandirte das erſte Treffen; es hatte für ſich allein ſechsunddreißig Ban⸗ ner und zweiundſiebzig Fähnlein. Der Dauphin, den man Herzog von der Nor⸗ mandie nannte— im Vorbeigehen geſagt, er war der Erſte, der den Dauphintitel trug— der Dau⸗ phin und ſeine Brüder Ludwig und Johann comman⸗ dirten das zweite Treffen. Das dritte endlich regierte— bedienen wir uns 12 des Wortes, das im 14. Jahrhundert Brauch war— der König ſelbſt, der ſeinen jüngſten Sohn Philipp, Herzog von Touraine, einen Knaben von vierzehn Jahren, neben ſich hatte. Im Augenblick, wo der König gegen den Feind. marſchirte, rief er vier Ritter herbei. Froiſſart hat uns ihre Namen aufbewahrt. Es waren Meſſire Euſtach von Ribeaumont, Meſſire Johann von Landas, Meſſire Guichard von Beaujeu und Meſſire Guichard von Angle.. „Reitet, bis ihr die Schlachtordnung der Eng⸗ länder vor Augen habt,“ ſagte Johann zu ihnen; „dann kommet zurück und meldet, wie ſie aufgeſtellt ſind, damit ich weiß, ob wir ſie zu Fuß oder zu Pferd angreifen müſſen.“ „Gerne, Sire,“ antworteten die vier Ritter. Und ſie ſprengten als Kundſchafter fort und rit⸗ ten, bis ſie die ganze engliſche Schlachtordnung er⸗ blickten. Inzwiſchen ritt der König, der auf einem großen ſchneeweißen Roſſe ſaß, an der Front ſeiner Krieger hin, und hocherfreut ſo viele wackere Leute unter den Waffen zu ſehen, ſprach er mit lauter Stimme zu ihnen: „Nun wohl, ihr Leute, als ihr in Paris, in Or⸗ leans, in Chartres oder in Rouen waret, da be⸗ drohtet ihr die Engländer und ſagtet: Warum ſtehen wir ihnen nicht gegenüber mit der Lanze in der Hand und dem Banner an der Spitze?— Jetzt ſeid ihr ſo weit; ſeht hier die Engländer! Die Stunde iſt gekommen ihnen euren Groll zu zeigen und die Unbilden zu rächen, die ſie euch angethan habe bar wor ſpalt ritte Nac es( der und c den erku Bog „abe ſten „ſie ein e würt ihnet hinte geleg nur Du pp, ehn ind hat ont, von ng⸗ en; tellt zu rit⸗ er⸗ ßen hin, den zu Or⸗ be⸗ rum e in Jetzt Die igen than 13 haben; denn, ſeid ruhig, heute werden wir unfehl— bar und unwiderruflich mit ihnen ſtreiten.“ Und diejenigen, welche der König angeredet, ant⸗ worteten mit Jubelgeſchrei und ſagten: „So Gott uns hilft, wird Alles gut gehen!“ Mittlerweile kamen die Kundſchafter zurück, ſpalteten die Menge, welche den König umgab, und ritten auf ihn zu. Der König kam ihnen einige Schritte entgegen. „Nun wohl, meine Herren,“ fragte er,„welche Nachrichten?“ „Vortreffliche, Sire!“ antworteten ſie,„und wenn es Gott gefällt, ſo werdet Ihr einen guten Tag wi⸗ der unfere Feinde haben.“ „Nun,“ fragte der König,„wie ſind ſie aufgeſtellt, und wie können wir ſie bekämpfen?“ Da begrüßte Meſſire Euſtach von Ribeaumont den König und antwortete im Namen Aller: „Sire, wir haben die Stellung unſerer Feinde erkundet; es mögen zweitauſend Reiſige, viertauſend Bogenſchützen und fünfzehnhundert Banditen ſein.“ „Ja, wir wiſſen ihre Zahl,“ ſagke der König; „aber wie ſind ſie aufgeſtellt?“ „Sire,“ verſetzte der Ritter, der einer der wacker⸗ ſten und einſichtsvollſten Krieger ſeiner Zeit war, „ſie ſind an einem vortrefflichen Ort: ſie haben nur ein einziges Treffen, aber dieſes iſt auf bewunderns⸗ würdige Art organiſirt. Ein einziger Weg führt zu ihnen, der mit Hecken und Gebüſchen befeſtigt iſt, hinter welchen ſie ihre Bogenſchützen auf die Lauer gelegt haben; dieſer mit Hecken umſäumte Weg hat nur einen einzigen Zugang, wie er nur einen einzi⸗ Dumas, Karl der Kühne. I. 2 — 14 gen Ausgang hat, wo vier Schwerbewaffnete dicht gedrängt neben einander reiten können. Auf den Gipfel des Abhangs, zwiſchen Reben und Dornen, unter welchen man unmöglich reiten kann, ſtehen ihre Fußgänger, und vor ihnen ihre Bogenſchützen, ſo daß die Angreifer die engliſchen Bogenſchützen auf jeder Flanke und in der Front haben werden. Nun wißt Ihr, Sire, dieſe Bogenſchützen ſind nicht leicht zu überwinden.“ „Gut, Meſſire Euſtach,“ ſagte der König.„Und jetzt, wie müſſen wir nach Eurer Anſicht angreifen?“ „Sire, alle zu Fuß, mit Ausnahme von drei⸗ hundert Reitern, die unter den kühnſten, ſtärkſten und gewandteſten ausgewählt werden und tüchtige Roſſe beſitzen müſſen, um die Bogenſchützen zu durchbrechen und zu öffnen; dann ſollen ſchnell Eure Treffen kon⸗ men, die handgemein werden müſſen und— wir wollen es hoffen— mit großem Muth und großem Eifer kämpfen werden. Dieß, Sire, iſt der einzige Rath, den ich für meine Perſon ertheilen kann. Wer einen beſſern weiß, ſage ihn.“ „Es iſt unnöthig,“ verſetzte der König,„den Euer Rath gefällt mir ſehr, Meſſire Euſtach, und es ſoll gethan werden, wie Ihr angezeigt habt.“ Alsbald befahl der König den zwei Marſchällen von einem Treffen zum andern zu reiten und drei hundert der ſtärkſten, gewandteſten und beſtberittene Ritter auszuwählen, um in allen Stücken den An griffsplan zu befolgen, welchen Meſſire Euſtach von Ribeaumont vorgezeichnet hatte. Nachdem die Wahl getroffen war, befahl de König, Alle ſollen abſitzen, mit Ausnahme der drei hund ſchütz ( von hand 2 der das auch ſchit er z6 ſeine im 2 lein der( hin( iſt, ſ ſein; daß Herr Freu ſtreit gefäl und 2 ein e Schle hieß, habe dicht den ornen, n ihre ſo daß f jedet n wißt icht zu „Und ifen?“ drei⸗ en und Roſſe rechen n kon⸗ d h und iſt der theilen , denn und es chällen d drei ittenen en A ch o hl der r drei 15 hundert Ritter, welche beſtimmt waren die Bogen⸗ ſchützen zu durchbrechen. Er befahl ferner die Lanzen bis auf die Länge von fünf Fuß abzuſchneiden, damit man ſie leichter handhaben könne, und die Sporen abzulegen. Während dieſer Zeit befeſtigten ſich die Englän⸗ der nicht bloß durch Benützung der Vortheile, welche das Terrain und die Natur ihnen boten, ſondern auch durch Aufführung von Gräben, um ihre Bogen⸗ ſchützen zu decken, und der junge Prinz ſeinerſeits— er zählte noch nicht ſechsundzwanzig Jahre— ſprach ſeinen Leuten ſo gut wie möglich Muth ein. „Liebe Herrn,“ ſagte er zu ihnen,„wenn wir im Vergleich mit unſern Feinden ein kleines Häuf⸗ lein ſind, ſo wollen wir uns darum nicht ängſtigen: der Sieg liegt nicht in der Menge, ſondern da, wo⸗ hin Gott ihn ſchicken will. Wenn der Tag für uns iſt, ſo werden wir die geehrteſten Männer der Welt ſein; wenn wir fallen— denn ich nehme nicht an, daß wir überwunden werden— ſo habe ich meinen Herrn Vater und zwei Schwäger, und ihr habt gute Freunde, die uns rächen werden. Suchet wacker zu ſtreiten, und wenn es Gott und dem heiligen Georg gefällt, ſo werde ich euch ein gutes Beiſpiel geben, und ihr werdet mich heute als braven Ritter ſehen.“ Als er dieſe Worte vollendete, näherte ſich ihm ein Edelmann, der ihm bei der Anordnung der Schlacht ſehr geholfen hatte und James von Audley hieß, und ſagte: „Entſchuldiget mich, gnädigſter Herr, aber ich habe ein Gelübde gethan.“ „Welches, Ritter?“ fragte der ſchwarze Prinz. 16 „Daß ich, wenn ich mich jemals in einer von dem König von England oder einem ſeiner Söhne commandirten Schlacht befinde, der erſte Angreifer und beſte Kämpfer auf ſeiner Seite ſein oder, wo nicht, mein Leben laſſen wolle. Ich bitte Euch alſo inſtändig, lieber Herr, daß Ihr mir, zur Belohnung der Dienſte, welche ich früher dem König Eurem V ter und ſeit einiger Zeit Euch ſelbſt geleiſtet habe, erlauben möget mein Gelübde ſo wie ich es ver⸗ ſtehe und ſo gut als möglich zu erfüllen.“ Der Prinz lächelte und antwortete: Meſſire James, ſeid der Beſte von uns Allen; Ihr habt Erlaubniß.“ Und er reichte ihm die Hand. Der Ritter küßte die Hand des Prinzen und ſtellte ſich, begleitet von vier Knappen, die ihn, todt oder lebendig, im Auge behalten ſollten, an die Spitze der engliſchen Krieger, unmittelbar hinter den Bogen⸗ ſchützen. Die Schlacht begann, wie der König von Frank⸗ reich nach dem Rath des Meſſire Euſtach von Ribeau⸗ mont ſie angeordnet hatte. Die dreihundert von den Marſchällen ausgewählten Reiter warfen ſich zwiſchen die Hecken; aber kaum begannen ſie den Berg hihan zureiten, als die hinter den Hecken lauernden Bogen ſchützen, die hier weder von den Lanzen noch von den Schwertern der Reiter erreicht werden konnten, mit ihren langen Pfeilen Mann und Roß zu durch bohren anfingen. Die Pferde, die ſchmerzlich ver wundet wurden, ſtrauchelten entweder unter ihren Herren, oder bäumten ſie ſich und warfen dieſelben ab. Die Ritter konnten nicht weiter vorankommen denn verſp rückn als 1 men aber ſchwe von nacht ſen! C um ſchütz auf der l von ſire ( von Bode dami ließ ſeits tödte Ritte erſch ordn brach Verr . kam e vn Söhne reifer we h alſo hnung m Vo habe, ver Allen; und todt Spitze zogen⸗ Frank ibeau⸗ n den iſchen hitan ogen h von nnten, durch er ihren ſelben nmen denn die Leichname der Männer und der Pferde verſperrten ihnen den Weg, und ſie konnten auch nicht rückwärts gehen. Einige, die beſſer beritten waren als die Andern, machten eine Anſtrengung und ka⸗ men über das Hinderniß weg; unglücklicher Weiſe aber befanden ſie ſich nicht vor dem Treffen des ſchwarzen Prinzen, ſondern vor einem neuen Spalier von Bogenſchützen, welche ſie von vorn beſchoſſen, nachdem ihre Kameraden ſie von der Flanke beſchoſ⸗ ſen hatten. Jetzt geſchah es, daß Meſſire James von Audley, um ſein Gelübde zu erfüllen, zwiſchen den Bogen⸗ ſchützen hervordrang und mit ſeinen vier Knappen auf Monſeigneur Arnould Daudeneham ſtieß, einen der beiden Marſchälle Frankreichs, welche dieſe Art von Sturm commandirten;— der andere war Meſ⸗ ſire Johann von Clermont. Einer der erſten Schwertſtreiche, welche James von Audley führte, ſchlug Arnould Daudeneham zu Boden; aber der bretagniſche Edelmann gab ſich nicht damit ab, ihn zum Gefangenen zu machen; er über⸗ ließ dieſes Geſchäft Andern und begnügte ſich ſeiner⸗ ſeits Streiche zu führen, zu verwunden oder zu tödten. Kaum fünfzig oder ſechzig von den dreihundert Rittern, die ſich zwiſchen die Hecken geworfen hatten, erſchienen wieder am Eingang, warfen ſich in Un⸗ ordnung auf die zu Fuß nachrückenden Krieger und brachten mit ihren vor Schmerz wüthenden Pferden Verwirrung in die Reihen derſelben. Das Treffen des Herzogs von der Normandie kam zuerſt; auf dieſes wurden alſo die beiden Mar⸗ 18 ſchälle und ihre dreihundert Eiſenrüſtungen zurück geworfen. Zu gleicher Zeit ſprengte eine engliſche Abthei⸗ lung vom Berg herab mit verhängten Zügeln in all dieſe Unordnung hinein und nahm daſſelbe Treffen in der Flanke. Die Reiſigen des Herzogs von der Normandie vermochten dieſen doppelten Angriff von der Front und der Flanke nicht auszuhalten: ſie geriethen in Verwirrung, und nicht die Vorderſten— dieſe wa⸗ ren allzu ſehr gedrängt— ſondern die Hinterſten begannen zu fliehen. Auf dem höchſten Gipfel des Hügels ſtehend, ſah der ſchwarze Prinz dieſen Wirrwar und rief allen Rittern ſeiner Umgebung, die, um auszuruhen, ab⸗ geſeſſen waren, zu: „Zu Pferd, meine Herrn! Zu Pferd!“ Auf dieſen Befehl ſchwangen ſich Alle auf ihre Roſſe mit dem Ruf:„Der heilige Georg und Guyenne!“ und dieſer Ruf erſcholl ſo mächtig, daß die Leute vom Treffen des Herzogs von der Nor mandie ihn hörten und noch mehr in Angſt ge⸗ riethen. In dieſem Augenblick näherte ſich ein engliſcher Ritter, Meſſire John Chandos, dem Prinzen und ſagte zu ihm: „Herr, Herr, marſchirt voran, und der Tag iſt unſer! Gott iſt für England: helfen wir Gott! Marſchiren wir dahin, wo die Arbeit am ſchwerſten ſein wird, denn dort wird der König von Frankreich ſein; ich kenne ihn, er wird nicht fliehen, er wird ſeinen Degen nur loslaſſen, wenn er gefangen oder todt wad Eue Pri mic ich und ſetzt zen ſchi ten und Pfe An län geſ ma zun kün ohn von Br vor wä ſeit au zurück lbthei⸗ in all reffen nandie Front en in ſe wa⸗ terſten d, ſah allen n, ab⸗ f ihre und „daß Nor⸗ ſt ge⸗ liſchet und ag iſt Gott! erſten nkreich wird todet 19 todt iſt. Ihr habt geſagt, Ihr würdet heute ein wackerer Ritter ſein, der Augenblick iſt gekommen Euer Wort zu halten.“ „Laßt uns alſo reiten, John!“ antwortete der Prinz,„und von dieſem Augenblick an werdet Ihr mich immer voranmarſchiren ſehen, ohne, das verſpreche ich Euch, einen einzigen Schritt rückwärts zu thun.“ Dann wandte er ſich an ſeinen Bannerträger: „Reitet vorwärts, Banner, im Namen Gottes und des heiligen Georg!“ Der Ritter, welcher die Fahne trug, gehorchte, ſetzte ſich in Marſch, und die ganze Schaar des Prin⸗ zen folgte ihm. Voran zogen dieſe furchtbaren Bogen⸗ ſchützen, die langſam, Schritt für Schritt, vorrück⸗ ten, aber, wie der Prinz ſelbſt, niemals zurückwichen und im Marſchiren die Franzoſen mit einem dichten Pfeilhagel überſchütteten. Ein großes und gutes Beiſpiel von Seiten der Anführer hätte vielleicht unſer erſtes Treffen beſtimmt länger und feſter Stand zu halten; aber wir haben geſagt, daß dieſes Treffen den Herzog von der Nor⸗ mandie, der ſpäter Carl der Weiſe genannt wurde, zum Befehlshaber hatte. Nun erachtete es der zu⸗ künftige Carl der Weiſe für klug zu entfliehen, und ohne den neuen Angriff abzuwarten, womit der Prinz von Wales ihn bedrohte, zog er ſich mit ſeinen zwei Brüdern, den nachmaligen Herzogen von Anjou und von Berry, aus dem Gedränge und jagte feldein⸗ wärts gegen Poitiers zu davon. Als das erſte Treffen den Sohn des Königs und ſeine Brüder entfliehen ſah, löste es ſich vollſtändig auf, und dieß war um ſo verzeihlicher, als drei 20 wackere Ritter, Meſſire Johann von Landas, Meſ⸗ ſire Thibault von Vaudenay und der Herr von Saint⸗ Venant, die Gouverneure der jungen Prinzen, ſie begleiteten und noch acht bis neunhundert Lanzen mitnahmen. Es iſt wahr, daß der Herzog von der Norman⸗ die, ſo bald er ſich in Sicherheit glaubte, die Herren Johann von Landas und Thibault von Vaudenay zurückſchickte, und daß er bei ſich und ſeinen Brüdern nur etwa zwanzig Lanzen und den Herrn von Saint⸗ Venant behielt,„welcher,“ ſagt Froiſſart,„es für ebenſo ehrenvoll erachtete über das Wohl des Kron⸗ erben zu wachen, als in die Schlacht zurückzukehren.“ Der König Johann, der dieſe erſte von ſeinem Sohn befehligte Armee wie eine Wolke ſich zerſtreuen ſah und recht wohl wußte, welchen Gebrauch die Ritter, wenn es ſich einmal ums Fliehen handelte, von ihren Pferden machten, der König Johann, ſagen wir, der die Pfeile der Bogenſchützen allmälig bis ins Treffen kommen ſah, das er ſelbſt commandirte, dachte, daß der Feind herannahe, und da er, wie auch die Seinigen, nicht zurückweichen wollte, ſo rief er: „Alle abgeſeſſen!“ Und er gab ſelbſt das Beiſpiel, indem er von ſeinem großen weißen Roß abſtieg und von ſeinem Sattel eine Streitaxt losmachte, eine furchtbare Waffe in den Händen des königlichen Holzhauers. Sein jüngſter Sohn, Philipp, Herzog von Tou⸗ raine, that daſſelbe und ſtellte ſich neben ſeinen Vater. Der Junge hatte keine andere Waffe als ein kurzes Scht um nich Nich auf troff Tre eilte es ſ kame ſagt dem daß und gabe wie Eng Hier Ritt hatt eine hant Leick Art mac Löw Meſ⸗ aint⸗ , ſie anzen man⸗ erren denay üdern aint⸗ s für Kron⸗ ren.“ einem reuen h die delte, ſagen g bis dirte, wie e, ſo von einem Waffe Tou⸗ ater. urzes 21 Schwert; aber die Axt des Königs Johann genügte, um ihn ſelbſt und ſeinen Sohn zu vertheidigen. Sämmtliche Ritter ſtiegen ab und ſtellten ſich, nicht um den König her, denn der König wollte Nichts zwiſchen ſich und dem Feind dulden, ſondern auf die Seiten des Königs. Die Vorſichtsmaßregel, welche König Johann ge⸗ troffen hatte, war nicht unnütz, obſchon gefährlich. Der ganze in Angſt gejagte Haufe, der das erſte Treffen ausmachte und die Flucht ergriffen hatte, eilte nach Poitiers zu; aber Poitiers verſchloß, ehe es ſich noch verſichert hatte, ob Freunde oder Feinde kamen, vor allen Dingen ſeine Thore.„Deßhalb,“ ſagt Froiſſart,„wurde auf den Straßen und vor dem Thor ein ſo ſchreckliches Gemetzel angerichtet, daß man ſich gar keinen Begriff davon machen kann, und daß die Franzoſen ſich ſchon von Weitem er⸗ gaben, wenn ſie einen Engländer erblickten.“ Aber König Johann und ſeine Leute hielten feſt wie ein Wall, und wie bei einem Wall boten die Engländer Alles auf, um eine Breſche zu machen. Hier kämpfte Alles was beide Armeen an tapfern Rittern beſaßen. König Johann beſonders verrichtete Wunder. Er hatte ſeine Banner und die Ritter, welche ſie trugen, einen um den andern fallen geſehen; dann war man handgemein geworden, und er hatte ſich aus den Leichnamen derjenigen, die er mit ſeiner furchtbaren Art zu Boden geſchlagen, eine Verſchanzung ge⸗ macht. Ihm zur Seite war das Kind, ein ächter junger Löwe, der Sohn eines Löwen! Während ſein Vater 22 dreinſchlug, gab er Obacht und rief bei jedem neuen Angriff: „Vater, ſchützet Euch rechts!... Vater, ſchützet Euch links!“ Und um ihm Muth zu guter Wacht zu machen, rief der Vater ſeinerſeits ihm zu: „Nur kühn, Philipp! kühn, mein Junge!“ Daher blieb dem muthvollen jungen Manne der Name, und von dieſem Augenblicke an nannte man ihn Philipp den Kühnen. Wir werden ſpäter ſehen, wie er der Ahnhert der Herzoge von Burgund wurde, deren Stamm mit Philipp dem Kühnen begann und durch Johann ohne Furcht hindurchging, um zu Karl dem Kühnen zu gelangen, mit welchem wir uns in dieſem Werk hauptſächlich beſchäftigen werden. Inzwiſchen drängte ſich die ganze Schaar der Engländer auf den Punkt, wo der König von Frank⸗ reich war; denn, wie John Chandos zu dem ſchwar— zen Prinzen geſagt hatte, man war gewiß, daß der König nicht zurückweichen, ſondern bis zum letzten Augenblick Stand halten würde. Dem königlichen Streiter wurde eine kurze Ruhe zu Theil: die zwei Ritter, welche den Dauphin und ſeine Brüder eine Meile weit auf ihrer Flucht be⸗ gleitet hatten, kehrten mit erneutem Eifer in die Schlacht zurück, welche ſie hatten verlaſſen müſſen: es waren, wie wir geſagt haben, die Herren Johann von Landas und Thibault von Vaudenay. Sie kamen mit ſiebenhundert Edelleuten zurück. Unterwegs hatten ſie das noch ganz unberührt gebl und der zoſe wir was neuen chütze achen, ne der man hnhert m mit ohne en zu Werk r der Frank⸗ chwar⸗ ß det letzten Ruhe n und ht be⸗ in die üſſen ohann Sie erühtt 23 gebliebene Corps des Herzogs von Orleans getroffen und daſſelbe ins Kampfgewühl hineingetrieben. Mit dieſen Hilfstruppen und den Ueberreſten der Mannſchaft des Königs Johann waren die Fran⸗ zoſen noch dreimal zahlreicher als der Feind; aber wir haben bei drei oder vier Gelegenheiten geſehen, was ein paniſcher Schrecken vermag, wenn er unter den tapferſten Soldaten auf einmal Platz greift. Ein ſolcher Schrecken hatte ſich der Armee bemächtigt. Die tapferſten Edelleute ließen ſich um den König her tödten. Es waren dies der Herzog von Bourbon, der Herzog von Athen, der Marſchall von Clermont, Meſſire Robert von Duras, Meſſire Richard von Beaujeu, der Vicomte von Rochechouart, Euſtach von Ribeaumont, Johann von Lille, Gillian von Nar⸗ bonne, der Sire von Chateauvillain, der Sire von Montrehan, der Sire von Argentan, der Sire von Laucerre, der Sire Audry von Charny, der Sire Gottfried von Charny, den man in das königliche Banner eingewickelt fand, aus welchem er ſich ein Grabtuch gemacht hatte; kurz die Zahl der Ritter, die todt auf dem Schlachtfeld blieben, betrug mehr als zweitauſend achthundert. Aber der König hielt noch immer Stand. Er hatte einen Augenblick ausgeruht und einen Schluck Waſſer getrunken, das man ihm in einem Helm gebracht; dann hatte er, wie ein Arbeiter, der ſein unterbrochenes Geſchäft wieder aufnimmt, von Neuem angefangen dreinzuſchlagen. Man hatte ſo Viele getödtet, ſo viele Andere 24 hatten die Flucht ergriffen, daß gewiß fünf engliſche Krieger gegen Einen franzöſiſchen Edelmann ſtanden. Und beſonders groß war das Gedränge um den König her, welcher an der Krone, die er über ſeinem Helm trug, leicht zu erkennen war; aber behütet von dem kleinen Philipp, ſchlug er immer drauf los und hörte auf Nichts, obſchon ſeine Gegner ihm zu riefen: „Ergebet Euch, Sire! Ergebet Euch! Sonſt ſeid Ihr ein Mann des Todes.“ An der Spitze derjenigen, die ſo riefen, befand ſich ein franzöſiſcher Ritter, der ſich zuletzt unter Allen vorangedrängt hatte, bis er dem König gegen⸗ über ſtand. Dieſer Ritter nannte ſich Denis von Morbecque. Als er vor Johann kam, gebrauchte er ſeine Waf⸗ fen nicht, wich den Streichen aus, welche der König gegen ihn führte, und begnügte ſich auf gut franzö⸗ ſiſch zu ihm zu ſagen: „Ergebet Euch, Sire! Ergebet Euch!“ Der König ſah ſich genöthigt: er hatte keine Hoffnung mehr, und als er dieſe franzöſiſche Stimme hörte, die zu ihm ſprach, that er einen Schritt zurück, ſenkte ſeine ſtumpfgewordene, bluttriefende Axt zum Zeichen, daß er parlamentiren wolle, und fragte: „Wer ſeid Ihr?“ „Ich bin ein franzöſiſcher Ritter,“ antwortete Denis von Morbecque. „Wie kommt es dann, daß Ihr in der engliſchen Armee dienet?“ „Ich habe einen Mord begangen und mußte mich liſche nden. n den einem t von s und n zu⸗ ſt ſeid efand unter egen⸗ ecque. Waf⸗ König ranzö⸗ keine timme zurüch t zum te: ortete liſchen e mich 25 nach England flüchten, wo ich in die Dienſte des Königs Eduard getreten bin.“ „Wo iſt mein Vetter, der Prinz von Wales?“ fragte der König;„wenn ich ihn ſähe, würde ich mich ihm ergeben.“ „Ergebt Euch mir, Sire, ſo werde ich Euch zu dem Prinzen von Wales führen.“ „Nun wohl, es ſei,“ ſagte der König,„ich er⸗ gebe mich Euch. Ich ergebe mich noch lieber einem Franzoſen als einem Engländer.“ Er ließ ſeine Axt fallen und übergab ihm ſeinen Handſchuh. Der junge Prinz ſeinerſeits warf ſein Schwert weit weg, um es nicht übergeben zu müſſen. Die Schlacht war zu Ende: der König war ge⸗ fangen; doch befand er ſich deßhalb noch nicht außer Gefahr. In demſelben Augenblick, wo er ſich ergeben, hatte der ſiegreiche ſchwarze Prinz ungefähr fünfhun⸗ dert Schritte von da mitten auf dem Schlachtfeld Halt gemacht, und da er früher an ſeine Freunde als an ſeine Feinde dachte, fragte er den Grafen von Warwick und Meſſire Regnault von Cobham: „Meine Herrn, wißt Ihr Nichts von meinem braven Diener James von Audley, der, wie Ihr Euch erinnert, ein Gelübde gethan hat die Ehren des Tages erringen zu wollen?“ „O ja, Sire,“ antworteten die beiden Edelleute; „wir haben Nachrichten von ihm und wiſſen, daß er ſein Gelübde erfüllt hat; aber er iſt ſchwer verwun⸗ det und hat ſich von ſeinen Knappen außerhalb der Schlacht tragen laſſen, einige Schritte von hier.“ 26 „O,“ ſagte der Prinz,„das betrübt mich ſehr, was Ihr mir da ſaget. Ich möchte ihn gerne ſehen, um mich ſelbſt über ſeinen Zuſtand zu verſichern. Suchet ihn; wenn er die Bewegung ertragen kann, ſo bringet ihn her zu mir; wenn er zu ſchwach iſt, ſo zeiget mir die Stelle, wo er liegt, dann will ich ihn beſuchen.“ Die zwei Edelleute gingen zu dem Verwundeten und überbrachten ihm die Botſchaft des Prinzen. „Großen Dank dem Sohn meines Königs,“ ant⸗ wortete James,„daß er ſich um einen ſo armen Schlucker, wie ich bin, beunruhigt, und Gott ver⸗ hüte, daß ich ihm Mühe mache.“ Dann rief er ſeine Knappen. „Traget mich zu meinem Prinzen,“ ſagte er; „ich fühle mich ſtark, da ich die Hoffnung habe ihn zu ſehen.“ Die Knappen nahmen die Tragbahre, auf welcher der Verwundete lag, und trugen ſie vor den ſchwar⸗ zen Prinzen. Als dieſer Sire James erkannte, ſtieg er von ſeinem Pferd, beugte ſich über den Verwundeten und ſagte zu ihm: 2 „Meſſire James, laßt mich Euch danken und Euch ehren; denn wie Ihr gelobt, ſo habt Ihr die Ehren des Tages errungen, und ich erkläre, daß ich Euch für den frommſten und tapferſten von uns allen halte.“ „Herr,“ erwiderte der Ritter,„ich würde ſehr gern den Reſt meines Lebens dafür geben, wenn es ſo wäre, wie Ihr ſagt.“ „Es iſt ſo,“ antwortete der ſchwarze Prinz,„und von fünf meir Gnc Ihr ſchw die den nun einet kame Geb diger ganz wick ſo e ſagte Lärn fang ( von Hau von? word hört' ſehr, ſehen, chern. kann, ch iſt, ill ich deten n. ant⸗ rmen t ver⸗ e er; e ihn elcher hwar⸗ n und Euch Fhren Euch allen ſehr n es „und 27 von heute an behalte ich Euch als meinen Ritter mit fünfhundert Mark jährlicher Einkünfte, die Euch auf meine Erbgüter in England angewieſen ſein ſollen.“ „Sire,“ verſetzte der Ritter,„Gott laſſe mir die Gnade widerfahren, daß ich die Gunſt verdiene, die Ihr mir erweiſet.“ Als der Prinz ſodann ſah, daß Sir James ſo ſchwach war, daß er in Folge der wenigen Worte, die er geſprochen, beinahe in Ohnmacht fiel, gab er den Knappen ein Zeichen, ihn in ſeine eigene Woh⸗ nung zu tragen, damit ihm keine Pflege fehle. Aber in demſelben Augenblick bemerkte der Prinz einen großen Haufen von Kriegern, die auf ihn zu⸗ kamen, und da er dachte, daß der Lärm und die Geberden dieſer Leute eine wichtige Nachricht ankün⸗ digen, ſo widmete er dieſem neuen Umſtand ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Er wandte ſich jetzt gegen den Grafen von War⸗ wick und gegen Meſſire Regnault von Cobham, die ſo eben ſeine Boten bei Sir James geweſen, und ſagte zu ihnen: „Eilet fort, ihr Herrn, und ſehet, was all dieſen Lärm verurſacht. Sollte es nicht vielleicht die Ge⸗ fangennehmung des Königs von Frankreich ſein?“ Es war wirklich die Gefangennehmung des Königs von Frankreich. Nur war der König von Fränkreich durch einen Haufen Engländer und Gaſcogner dem Herrn Denis von Morbecque, dem er ſich ergeben hatte, entriſſen worden, und jeder zerrte ihn an ſich und ſagte: „Ich habe ihn gefangen genommen! mir ge⸗ hört er.“ 28 Auf dieſe Art lief der gute König Johann jetzt noch größere Gefahr für ſein Leben als während der Schlacht; inzwiſchen vertheidigte er ſich ſo gut als möglich und ſagte zu ihnen: „Meine Herren, führet mich, ich bitte Euch, höflich vor meinen Vetter, den Prinzen von Wales, und ſtreitet Euch nicht meinetwegen; denn ich bin, Gott ſei Dank! reich genug, um Euch alle zuſammen durch ein Löſegeld zu bereichern.“ Aber diejenigen, an welche der König ſich wandte, waren dermaßen erhitzt, daß ſie nicht auf dieſe Worte hörten, ſondern fortfuhren ſich um den Gefangenen zu ſtreiten. So ſtanden die Dinge, als der Graf von War⸗ wick und Meſſire Regnault von Cobham anlangten. Als ſie ſahen, um was es ſich handelte, und welcher Gefahr der König ausgeſetzt war, zogen ſie ihre Schwerter und riefen: „Im Namen des Prinzen von Wales befehlen wir Euch zurückzutreten!“ Die Leute gehorchten. Jetzt ſtiegen die beiden Barone von ihren Pfer⸗ den, verbeugten ſich vor dem König bis zur Erde, ſtellten ſich dann, der eine neben ihn, der andere neben den jungen Herzog Philipp, und ſagten: „Sire, von dieſem Augenblick an haften wir un⸗ ſerem Herrn für Euch und Euren Sohn, und mit Gottes Hilfe werden wir Euch geſund und wohlbe⸗ halten in ſeine Hände übergeben.“ „Laßt uns gehen,“ antwortete Johann. Fünf Minuten ſpäter ſtand der gefangene König vor dem ſiegreichen Prinzen. jeßt rend gut Fuch, ales, bin, men ndte, orte enen War⸗ gten. und nſie ehlen Pfer⸗ Erde, dere un⸗ mit hlbe⸗ önig 29 Der ſchwarze Prinz war ſeines hohen Glückes würdig. Es gab zwei Arten Johann zu behandeln: er konnte ihn als Gefangenen oder als König behandeln. Der ſchwarze Prinz behandelte ihn als König. Dieſe war ritterlicher und zu gleicher Zeit po⸗ litiſcher. Nach der Anſchauungsweiſe des 14. Jahrhunderts war mit der Gefangennehmung des Königs Frank⸗ reich ſelbſt genommen, und das Löſegeld für den König war von der Art, daß Frankreich ſich ruiniren mußte, um es zu bezahlen. Beim Einzug in London ließ der Prinz von Wales den König ein großes weißes Pferd reiten, um damit ſeine Oberlehnsherrlichkeit anzuerkennen. Er ſelbſt dagegen ritt als Vaſall auf einem klei⸗ nen Rappen neben Johann. In London wurde König Johann von Eduard III empfangen, der ihm ein großes Mahl gab. Als bei dieſer Mahlzeit der Mundſchenk des Königs von England ſeinen Herrn vor dem König von Frankreich bediente, da erhob ſich der junge Prinz ſiith gab dem Mundſchenk eine Ohrfeige und agte: „Wer hat Dich denn gelehrt den Vaſallen vor dem Herrn zu bedienen?“ Der Mundſchenk, der über einen ſo unerwarteten Angriff ganz verblüfft war, wandte ſich gegen den König von England, wie wenn er ihn um eine Er⸗ klärung angehen wollte. Dieſer aber ſprach: „Der Prinz hat Recht; der König von Frankreich 5 Dumas, Karl der Kühne. iſt mein König, und als Herzog von der Normandie bin ich nur ſein Voſall.“ Und zu dem jungen Prinzen fagte er: „Ah, Monſeigneur, man nennt Euch mit Recht Philipp den Kühnen Der König Johann plieb acht Jahre als Ge⸗ fangener in England, aber während dieſer acht Jahre kam er nach Paris zurück, wie Regulus nach Rom zurückkam. Der junge Philipp von Rouvres war 1361 ge⸗ ſtorben, und König Johann erbte, als Gemahl Jo⸗ hannas von Boulogne, die Güter des Kindes. Das von König Robert veräußerte Herzogthum Burgund fiel ſomit auf dem natürlichen Erbſchafts⸗ weg an die Krone Frankreich zurück. Als der franzöſiſche Fürſt nach London zurück⸗ reiste— eine weitere Nehnlichkeit, welche König Johann mit Regulus hatte, der nach Carthago zurück kehrte— legte er die Schenkungsurkunde, kraft wel⸗ cher er das Herzogthum ſeinem ſehr theuren Sohn, dem Herzog von Touraine, überließ, in die Hände des Kanzlers von Burgund nieder. Dieſe Urkunde ſollte ihm erſt nach dem Tode des Königs Johann zugeſtellt werden. Der König Johann ſtarb am 8. April 1364. Der junge Herzog wurde augenblicklich in ſein Erbe eingeſetzt, und am 26. Mai deſſelben Jahres brach Philipp der Kühne von Dijon auf, um als Herzog von Burgund der Salbung ſeines älteſten Bruders anzuwohnen. König Karl V beſtätigte die Schenkung ſeine Vaters und fügte noch das Hotel de Bourgogne hin zu, gel ſich iſt wa wel bau Zw 3¹ ndie zu, das ſeit langer Zeit den Herzogen von Burgund gehörte, und ihnen als Wohnung diente, wenn ſie ſich in Paris aufhielten. Recht Dieſes Hotel lag auf dem Berg Sainte⸗Geneviève.. Die Schenkungsacte über Herzogthum und Hotel Ge⸗ iſt vom 2. Juni 1364 datirt. ahre Wenn dieſes Stück von einem Prolog geſagt hat, Rom was es ſagen wollte, ſo weiß der Leſer jetzt, in welcher blutgetränkten Erde der burgundiſche Rieſen⸗ 1 ge⸗ baum gewurzelt, wovon Karl der Kühne nur ein [ Jo⸗ Zweig iſt. thum 3 hafts⸗ urück⸗ König 5 zurück⸗ t wel⸗ Sohn, Hände de des 64.— in ſein Jahres m al älteſten ſein“ ne hin T Der gute Herzog. Karl, genannt der Kühne, war der Urenkel Phi⸗ lipps des Kühnen, deſſen erſte Waffenthat wir ſo eben erzählt, und der das zweite Haus Burgund gründete. Sagen wir, auf welcher Stufe der Macht das Haus Burgund im Augenblick der Geburt des jun⸗ gen Carl, die auf den 10. November 1435 fiel, an⸗ gelangt war. Wir haben erzählt, wie das Herzogthum Vur⸗ gund an den König Johann zurückgefallen war, und wie dieſer es, kraft einer am 6. September 1363 ausgeſtellten und im folgenden Jahr von König Karl V beſtätigten Urkunde, ſeinem Sohn Philipp dem Kühnen als Apanage gegeben hatte. Wie läßt es ſich nach den Unruhen, welche das erſte Haus Burgund in Frankreich hervorgerufen und nach dem Vertrag von Bretigny, der dem König⸗ reich ſeine ſchönſten Provinzen raubte, erklären, da ein ſo weiſer König wie Karl V dieſe neue Zerſtück⸗ lung Frankreichs ohne Widerſpruch und Bedauern— wenigſtens iſt davon Nichts laut geworden— annahm Phi⸗ ir ſo gund das jun⸗ „an⸗ Bur⸗ und 1363 König hilipp e das rufen, tönig i, daß ſtücke ern— nahm! Wir könnten vor allen Dingen an die große Wahrheit erinnern, daß das Beiſpiel der Vergangen⸗ heit nur ſelten der Zukunft als Lehre und Warnung dient. Und dann hatten unſre Könige von Frankreich, ohne recht zu wiſſen was ſie thaten, die Feudalität, ſo wie Karl der Große ſie eingerichtet hatte, d. h. die einzige militäriſche Macht, die in Frankreich vor⸗ handen war, abgeſchafft; da nun dieſe Macht ihnen fehlte, ſo verſuchten ſie im 13. und 14. Jahrhundert eine künſtliche Feudalität auf die Beine zu bringen. Das Beiſpiel Philipps von Anjou, der, nachdem Ludwig XIV ihn zum König von Spanien gemacht, der Feind Frankreichs wurde, hinderte Napoleon nicht, ſeinen Bruder Joſeph zum König von Spanien, ſei⸗ nen Bruder Ludwig zum König von Holland, ſeinen Schwager Murat zum König von Reapel und ſeinen Stiefſohn Eugen zum Vicekönig von Italien zu machen. Was verſuchte Napoleon damit? Die Wieder⸗ herſtellung einer großen militäriſchen Feudalität. Indem Karl V alſo die Schenkung beſtätigte, kraft welcher König Johann das Herzogthum Bur⸗ gund ſeinem(Garls) jüngſten Bruder zuwies, han⸗ delte er zuvörderſt als pflichtgetreuer Sohn, da er den letzen Willen ſeines Vaters vollſtreckte; und in⸗ dem er eine Feudaleinrichtung begründete, folgte er überdieß den Traditionen der Politik ſeiner Zeit. Der Herzog von Anjou, ein jüngerer Bruder Karls und älterer Bruder Philipps, war Gouver⸗ neur von Languedoc und übte von da aus Einfluß auf die Provence und Italien; von Burgund aus das deutſche Reich und konnte der neue Herzog auf die Niederlande wirken. deſſen Erbſchaft der neue zu Philipp von Rouvres, Herzog erhielt, hatte Margareth, vie einzige Tochter des Grafen von Flandern, geheirathet, aber die Ehe ſch war nicht vollzogen worden. ſä Die Wittwe war alſo wieder zu verheirathen. un Dieſe Verbindung war äußerſt verlockend für Philipp: Margareth war Erbin der Graſſchaften wr Flandern, Artois, Rethel, Nevers und Franche⸗ Comté. B Aber eben darum, weil beſagte Heirath all dieſe ve Vortheile vereinigte, erregte ſie auch die heißen vo Wünſche Eduards III, der ſie für den ſchwarzen Prinzen, unſern Ueberwinder bei Poitiers, nachſuchte. au Zwar liebte Margareth von Flandern den Her⸗ ve zog Philipp; allein die Liebe kommt bei fürſtlichen 2 t in Betracht 6 Heirathen ſo gut wie gar ni Ludwig von Male war unſchlüſſig. Karl V da⸗ gegen, der mit Bangigkeit ſah, daß ſein Nebenbuhler, do der König von England, ſich noch mehr vergrößern ſo wollte, trug ſeinerſeits kein Bedenken ſich zu ſchwä⸗ e bot ſich den Flamändern Lille und Douci, F chen; er er franzöſiſch Flandern, die Nordgrenze des Reichs zu⸗ rückzugeben. Dies genügte nicht. 6 Glücklicher Weiſe— vielleicht würde man richti⸗ hatte die Mutté ja glücklicher Weiſe— hat Ludwigs von Mole, eine franzöſiſche Prinzeſſin und Tochter Philipps des Langen, dieſe Verbindung 2 ſchloſſen; ſie ging zu ihrem Sohn, der ſich zu ger ſagen un nd eue ter Ehe . für ften nche⸗ dieſe eißen arzen uchte. Her⸗ lichen V do⸗ uhler, rößern ſchwä⸗ Doual, chs zu⸗ richti⸗ Muttet ſin und ung be ſich zu 35 Eduard III hinneigte, hob ihre rechte Bruſt aus ihrem Kleid hervor und ſagte zu ihm: „Ludwig, wenn Du Dich weigerſt die Hochzeit zu machen, die Dein König und ich wünſchen, ſo ſchwöre ich Dir, daß ich mir die Bruſt, die Dich ge⸗ ſäugt hat, ausſchneibe, zu Beiner großen Unehre uñd züm ewigen Schimpf Deines Namens.“ Ludwig von Male willigte ein, und die Heirath wurde in Gent gefeiert, am 19. Juni 1369. Der Herzog von Burgund war ſomit Herzog von Burgund und, bis er einmal Flandern, Artvis, Ne⸗ vers, Rethel und die Franche-Comté erbte, Herr von Lille und von Douai. Karl V hoffte, Frankreich würde Flandern in ſich aufgehen laſſen, und die unter derſelben Herrſchaft vereinigten Völker würden durch die Intereſſen ein⸗ ander näher gebracht werden. Er täuſchte ſich: der Unterſchied ging gar zu tief. Sprache und Sitten trennten die Franzoſen von den Flamändern; nicht das reiche Flandern kam zu dem armen Burgund, ſondern das arme Burgund war eine Provinz des reichen Flandern geworden. Das flämiſche Intereſſe machte, daß die Politik des Sohnes Frankreichs ſich England zuneigte. Die Verbindung mit unſern Feinden war zuerſt eine commercielle, dann wurde ſie allmälig politiſch. Es beſtand eine politiſche Ehe zwiſchen Frankreich und Flandern; aber zwiſchen Flandern und England fand eine commercielle Ehe Statt. Dieſe Handelsehe bildete den Reichthum des Landes, ſomit auch des Fürſten. Philipp ſeinerſeits ließ im Jahr 1385 ſeinen — 36 Sohn, den Grafen von Nevers, die Erbin von Hen⸗ negau und Holland heirathen, und ergänzte ſomit die Niederlande. Fünf Jahre ſpäter, 1390, kaufte er den Grafen von Armagnac die Landſchaft Charolais ab und er⸗ gänzte ſomit Burgund. Fenſter gegen England, Thüren gegen Frank⸗ reich. Man ſehe, was die Vorſicht des weiſen Königs Karl V in der zweiten Generation herbeigeführt hatte. Der Enkel dieſes Philipp des Kühnen, der bei Poitiers ſo wacker gefochten, der in London dem Mundſchenk Eduards III eine Ohrfeige gegeben hatte, weil er den König von England vor dem König von Frankreich bediente, kurz Philipp der Gute verbün⸗ dete ſich mit Heinrich V, war Zeuge ſeiner Vermäh⸗ lung mit der Prinzeſſin Catharina und ließ den König von England, mit Ausſchluß des franzöſiſchen Königs Karl VII, zum König von Frankreich aus⸗ rufen. Er gewann mit dieſer Verleugnung ſeines Mut⸗ terlandes Frankreich allerdings die Poſitionen, welche die Somme und die Maas beherrſchen, Namur und Peronne, die Zugänge von Paris oder vielmehr Paris ſelbſt, Bar⸗ſur⸗Seine, Auxerre und Meaux. Aber er hatte auch, um dieſe Zwecke zu erreichen, die Jungfrau von Orleans ausliefern müſſen. Dann, am 4. Auguſt 1430, ſtirbt der Herzog von Brabant. Der Herzog von Burgund hatte ſo ziemlich die ganze Umgebung von Brabant: er hatte Flandern, —— S fe eD 8 S eS gel bü: Leb ank⸗ tigs ihrt bei dem atte, von bün⸗ näh⸗ den ſchen aus⸗ Mut⸗ elche und mehr 1. ichen, erzog h die dern, 37 Hennegau, Holland, Namur, Luxemburg; Brabant fehlte ihm. Brabant, das war die Centralprovinz, Löwen, Brüſſel. Brüſſel, die Königin der Niederlande; Löwen, ihre Ehrendame. Brabant fiel nicht Philipp zu, ſondern ſeiner Tante Margareth von Burgund, Gräfin von Henne⸗ gau, und ihren Stiefſöhnen Karl und Johann von Burgund, Söhnen des Grafen von Nevers, der bei Azincourt gefallen war. Er vergaß, daß er der Neffe der Einen, der Vor⸗ mund der Andern war. Er legte ſeine Hand auf Brabant. Alles das verhinderte nicht, daß der Sohn des Johann ohne Furcht, der Vater Karls des Kühnen, Philipp der Gute genannt wurde. Ihr ſeht, daß man dieſem Beiwort gut keine allzu große Bedeutung geben darf. Wir haben geſagt, daß bei Johann der Gute ſo viel bedeutete als der Leichtſinnige, der Verſchwen⸗ der, der Narr. Bei Philipp bedeutet der Gute: der Verliebte, der Höfliche, der Sinnliche. Ja, Philipp war nach den gewöhnlichen Begrif⸗ fen der gute Herzog; er war zärtlich, beſonders ge⸗ gen die Frauen— wir werden es ſogleich ſehen— und dann weinte er leicht. Er beweinte die Todten von Azincourt und ver⸗ bündete ſich mit den Engländern, welche ihnen das Lebenslicht ausgeblaſen hatten. Er beweinte ſeinen Vater Johann ohne Furcht, 38 S und zur Rache für den Mord von Monteteau ſtieß er Karl VII vom franzöſiſchen Thron. ₰ Im Uebrigen wußte er recht gut, wäs ein Mord eintragen und welchen Blutpreis man dem Mörder abpreſſen konnte. Am 21. September 1435 läßt er ſich herbei die⸗ ſen Mord zu verzeihen und ſeinen Frieden mit dem König Karl VII zu unterzeichnen. Aber unter welcher Bedingung wird er verzeihen? Er vertangt, daß man ihm die Grafſchaften Macon, Auxerre, Bar⸗ſur⸗Seine und Ponthieu abtrete. In der Picardie hat er bereits Peronne; er ver⸗ langt jetzt noch Montdidier, Roye, Saint⸗Quentin, Corbie, Amiens, Abbeville und Doullens. Ihr ſeht, daß das Verzeihen den guten Herzog ſchwer ankommt. Allerdings verſteht er ſich dazu, daß die Städte, welche königliche Städte ſind, wieder eingelöst wer⸗ den können, wenn Frankreich jemals Geld genug hat, um dieſen Rückkauf zu bewerkſtelligen. Ueberdies wird König Karl ſein Bedauern über den Tod des Johann ohne Furcht ausſprechen, jede Betheiligung daran leugnen und in Montereau für ewige Dauer eine Meſſe ſtiften, welche am Tag der Ermordung gefeiert werden ſoll. Wartet! Der gute Herzog muß ſein Herzogthum vervollſtändigen, das ſein Sohn in ein Königrei umzugeſtalten verſuchen wird. René, Herzog von Bar, iſt von dem Herzog von Burgund in der Schlacht von Bulgneville zum Ge fangenen gemacht worden. Er iſt ſeit vier Jahres „ ſta de ſor ſte ber vie eir ſta in mit Ret die beg . ieß ord der die⸗ dem en con, ver⸗ ntin, rzog ädte, wer⸗ enug über jede u für g der thum greich g von n Ge⸗ ahren 39 in einem der Thürme des Palaſtes von Dijon ein⸗ geſperrt. Der gute Herzog hat im Vertrag von Ar⸗ ras kein Wörtchen von ihm geſagt. Es iſt dies nicht aus Vergeßlichkeit geſchehen: der gute Herzog vergißt ſeine Gefangenen nicht; überdies hatte Karl VII einige Worte darüber fallen laſſen. Aber der gute Herzog hatte geantwortet: „Wir werden ſpäter ſehen.“ 2 Was den guten Herzog abhielt, war der Um⸗ ſtand, daß der Gefangene während ſeiner Haft durch den Tod ſeines Bruders das Herzogthum Anjou ſowie die Grafſchaft Provence geerbt, und daß die ſterbende Johanna II ihn auf den Thron von Neapel berufen hatte. Ein ſo reicher Gefangener mußte, wenn er nach vier Jahren aus dem Käfig kam, natürlich irgend eine der Federn aus ſeinen Flügeln an den Gitter⸗ ſtangen zurücklaſſen. René ließ ſich deren zwei ausrupfen: Neuchatel in Lothringen, Clermont in Argonne. Er bezahlte überdies achtzigtäuſend Goldthaler. Dies war derſelbe René, den man ſpäter und mit mehr Recht in der Provence den guten König René nannte, und über welchen Georg Chatelain die hübſche Chronik gemacht hat, die mit dem Vers beginnt: Sah einen jungen König, Der wurde Schäfer gar, Seine Frau war ſchön nicht wenig, Flocht Blumen in ihr Haar; . — Mit ihrem Hirtenſtäbchen, Ein Hütchen auf dem Ohr, So hütet ſie die Lämmchen, Daß keines ſich verlor. Was den Herzog Philipp betrifft, ſo haben wir geſagt, daß er ſehr gut gegen die Frauen und auch gegen ſeine Baſtarde ſehr gut war. Eines Tägs, als wir gerade nichts Beſſeres zu thun wußten, ſtöberten wir zum Zeitvertreib die Archive von Lille in der Rechnungskammer durch und haben dort Gott weiß wie viele Briefe und Ur⸗ kunden gefunden, die ſich auf die Verköſtigung der Baſtarde des guten Herzogs, auf Penſionen von Müttern und Ammen bezogen. Im Uebrigen war dieſes galante 15. Jahrhun⸗ dert die Zeit der Frauenherrſchaft. Zählen wir. Iſabelle von Bayern, die Frankreich zu Grunde richtet und verkauft. Volentine von Mailand, welche den König über die Treuloſigkeiten ſeiner Gemahlin und die Verrä⸗ thereien ſeiner Brüder tröſtet. Johanna, die das Reich rettet. Agnes Sorel, die Dame der Schönheit, die Karl VII das Schwert wieder in die Hand legt, welches die Engländer aus Frankreich verjagen wird. Jacobine von Hennegau, die tapfere Gräfin, die Frau mit vier Männern, die ihre Domänen beſſer vertheidigte, als ſich ſelbſt. caſt neu Tra wuß wir und s zu die urch Ur⸗ der von thun⸗ runde über zerrä⸗ , die legt, rjagen n, die beſſer 41 Die Religion der Zeit iſt nicht die Jungfrau, ſondern die Frau. Aber vielleicht wird das ernſte Flandern ſtren⸗ ger ſein. Gut! Leſet die Legende von der Gräfin, die dreihundertfünfundſechszig Kinder zur Welt brachte, rei undertfünfundſechzig Kinder für eine Frau, das iſt viel; man kann alſo obgeſagte Legende an⸗ fechten, aber unbeſtreitbar ſind die dreiundſechzig Ba⸗ tarde des Grafen von Clepe; unbeſtreitbar iſt, daß heen von Burgund, Biſchof von Cambrai, im bi⸗ ſchöflichen Schmuck ein Hochamt hält, bei welchem er ſich von ſeinen ſechsunddreißig Baſtarden und den Söhnen ſeiner Baſtarde am Altar bedienen läßt; unbeſtreitbar endlich iſt, daß Philipp der Gute drei legitime Frauen, ſiebenundzwanzig Maitreſſen und ſechzehn Baſtarde hat. Während man die Heilige von Vaucouleurs, die Jungfrau von Orleans, die Befreierin Frankreichs, verbrannte, was that da der gute Herzog, der ſie verkauft hatte? Er ſchritt zu ſeiner dritten Ehe und ſtiftete den ſinnbildlichen Orden des goldenen Vließes. Dieſe dritte Frau, die fünf Jahre ſpäter unſern Helden Karl gebären ſollte, war eine portugieſiſche Infantin, die eine Engländerin, Philippa von Lan⸗ caſter, zur Mutter hatte. Ihr Vater war der tapfere Baſtard Johann I, der kurz zuvor in Portugal eine neue Dynaſtie gegründet hatte, wie der Baſtard Transtamare in Caſtilien. Dies war die ſchöne Zeit der Baſtarde, und ſie wußten es wohl, die Herren, die das Glück hatten reichen Canny, ſondern Orleans? nen Portugieſin ſtiftete wie wir bereits geſagt h andere nicht haben. pelſinnigkeit gegeben. Huldigung gegen dieſe flämiſchen Maler, von über die Schultern der ſ ſchen Frau ü des Blonden über das tin, keine andere Frau allen Umſtänden Und wer waren 42 es zu ſein. Hat nicht Dunois mit zwölf Jahren erklärt, er ſei nicht der Sohn des lächerlichen, er heiße Baſtard von Alſo am Tag ſeiner Vermählung mit der brau⸗ der gute Herzog Philipp, aben, den Orden des golde⸗ nen Vließes und nahm als Wahlſpruch an: Werde Nie hat es einen Wahlſpruch von perfiderer Dop⸗ Das goldene Vließ! War dies nicht eine vlonden Haare, welche die Van Eyck bis auf Rubens, chönen Flamänderinnen wal⸗ len laſſen? War es nicht der Triumph der nordi⸗ ber die Frau des Südens? Der Sieg Schwarze? Und dieſer Wahlſpruch: Werde andere nicht haben! war er eine Verpflichtung gegen die Infan⸗ zu haben als ſie, oder viel⸗ leicht ein Verſprechen gegen all dieſe triumphirenden Schönheiten von Gent und Brügge, ihnen unter treu zu bleiben? Dieſe Vermählung gab Veranlaſſung zu uner hörten rieſigen Feſten und tollen Schmauſereien. In Brügge wurde eine Verſchwendung getrieben, die einen König ruiniren konnte. die Verſchwender? Die Ge⸗ meinde, die Stadt, Brügge. Brügge war, vermöge der ſiebzehn Nationen, die ren en, omn rau⸗ ipp, de⸗ rde Dop⸗ eine die bens, wal⸗ ordi⸗ Sieg nicht nfan⸗ r viel⸗ renden unter uner⸗ en. In e einen ie Ge⸗ ren, die 43 ihre Comtoirs da hatten, damals vielleicht die reichſte Stadt in der Welt. Die Straßen waren mit den ſchönſten und koſt⸗ barſten flandriſchen Teppichen belegt. Acht Tage lang floß der Wein ſtromweiſe in den Straßen: ein Löwe ſpie Rheinwein, ein Hirſch Beauner aus. Wäh⸗ rend der Mahlzeiten löste ein Einhorn ſie ab und ſpie Roſenwaſſer und Malvaſier aus. So war denn der Herzog von Burgund auf dem Gipfel ſeines Reichthums und ſeiner Macht ange⸗ langt, und hätte er einen Sohn gehabt, ſo wäre der⸗ ſelbe um Titel nicht verlegen geweſen: er hätte ſich Herzog von Burgund, von Lothringen, von Brabant, von Limburg und von Geldern, Graf von Flandern und von Artois, Pfalzgraf von Hennegau, von Hol⸗ land, von Seeland, von Namur und von Zütphen, Herr von Friesland, von Salins und von Mecheln nennen können. Dieſer Sohn wurde, wie wir geſagt haben, am 10. November 1435 geboren, und ſtatt des Titels: Graf von Nevers, welchen ſein Vater und ſein Groß⸗ vater bei ihrer Taufe erhalten hatten, erhielt er den Titel: Graf von Charolais. Dieſe Geburt krönte die Wünſche des Herzogs und ſteigerte den Hochmuth dieſes Fürſten, welchen die Fremden den großen Herzog des Weſtens nannten, bis zum Wahnſinn⸗ Geben wir eine Idee von dieſem Wahnſinn. Der gute Herzog war in Folge einer Krankheit genöthigt geweſen ſich den Kopf raſiren zu laſſen, und nun erſchien ein Edick, welches allen Gdelleuten kefahl ſch gleichfalls die Köpfe raſiten zu laſſen. 4⁴ Fünfhundert Edelleute gehorchten, und da Philipp der Gute ſich wohl d haben könnten ſich dem Gebot zu entziehen, daß einige die Abſicht achte, ſo beauf⸗ tragte er Meſſire Peter von Vacquembac die rebelli⸗ ſchen Köpfe zu unterſ Haare fallen zu machen. Im Uebrigen verh uchen und die widerſpenſtigen ielt es ſich mit der Geburt des herzoglichen Erben wie mit allen Gütern, welche das Maß eines großen Glückes vollmachen: wenn dieſes Glück ſeinen Höhepun mehr größer werden lang ſtationär, und kt erreicht hat, ſo daß es nicht kann, ſo bleibt es eine Zeit dann nimmt es allmälig ab, wenn es nicht auf einmal zuſammenbricht. Ueber die Anlagen des man erſt urtheilen, als er ſein ſiebentes oder achtes Jahr erreichte. Er lernte gut und ziemlich leicht, vorausgeſetzt daß ſeine Studien ſich auf Angelegenheiten der Waffen und der Ritterſchaft bezogen. nige Edelleute leſen 1 lichkeit nach konnte Damals konnten we⸗ ſchreiben; aller Wahrſchein⸗ Großvater Johann ohne ind ſein Furcht nicht einmal ſeinen Namen unterzeichnen; Herr von Barante, der ſein Siegel wiedergefunden, hat trotz aller Nachforſchungen ſeine Unterſchrift nicht aufzufinden vermocht. Mit zehn Jahren konnte Karl leſen und ſchreiben, und las oder hörte mit beſonderer Vorliebe die Sagen und Thaten Lancelot Mit zwölf Jahren ga in die Hände, und Schütze. 8 vom See und Gauvains. er wurde bald ein gewandter jungen Grafen konnte b man ihm einen Bogen Mit fünfzehn ließ man ihn auf die Jagd gehen lipp ſicht auf⸗ elli⸗ igen des das eſes nicht Zeit ab, nnte chtes eſetzt affen we⸗ hein⸗ ohne nen nden, nicht eiben, agen Bogen andter gehen, 45 woran er ungemeines Wohlgefallen fand; beſonders die Schweinsjagd war ſeine Leidenſchaft. Wenn das Schwein ſich gegen die Hunde wehrte, verlangte er ſeinen Spieß, ſprengte auf das Thier zu und tödtete es beinahe immer auf den erſten Wurf. Er liebte auch die Jagd mit Stoßvögeln; doch war ſie für ihn nur ein Zeitvertreib und keine Lei⸗ denſchaft wie die Schweinsjagd, welche ihm übrigens bloß wegen der Gefahren, die ſie mit ſich brachte, ſo wohlgefiel. Dann begann er die eigentlichen körperlichen Uebungen zu treiben, und mit ſechzehn Jahren konnte er alle jungen Leute ſeines Alters zum Ringkampf herausfordern, wie er auch in den Schranken einer der flinkſten Läufer war, die man ſehen konnte. Inmitten all dieſes Treibens hatte ſich ſein Sinn für großartige Pracht ausgebildet; er war übrigens in guter Schule. Er liebte prunkvolle Kleider und gefiel ſich darin mit einem ſtattlichen Gefolge von Knappen und Pagen auszuziehen; er hörte auch gerne ſingen, ſang aber ſelbſt nicht, weil er keine ſchöne Stimme hatte. Ber von Aury und der Sire von Roſembos waren zu ſeinen Erziehern auserwählt worden. So erreichte er ſein achtzehntes Jahr. Der Herzog, ſein Vater, glaubte den Augenblick gekommen ihn ſeine erſten Waffengänge machen zu laſſen und veranſtaltete ganz ausdrücklich ein Turnier in Brüſſel. Der junge Graf von Charolais ſollte der Platz⸗ halter ſein. Aber die Herzogin machte Einwendungen;— die Dumas, Karl der Kühne. 1. 4 46 arme Mutter fürchtete, ihrem vielgeliebten Sohn möchte ein Unglück widerfahren. Der Herzog beharrte auf ſeinem Willen. Iſabella verlangte, daß der junge Graf wenig⸗ ſtens ein Probeſtück machen ſolle, bevor er in die Schranken trete. Da ließ der Herzog ſeine Augen umherſchweifen und wählte unter allen ſeinen Rittern Jacob von Lalaing als den Würdigſten, der dem Erben von Burgund dieſen Unterricht in den Waffen geben könnte; und Jedermann lobte die Wahl und ſagte, nie ſei eine ſo große Ehre einem beſſeren Ritter er⸗ wieſen worden. Man beſchloß, daß dieſer Waffenunterricht den jungen Prinzen im Park von Brüſſel, in Gegenwart von bloß einigen Perſonen, ertheilt werden ſolle. Die Herzogin erbat ſich die Erlaubniß dieſen Uebungen anzuwohnen. Die beiden Kämpfer erſchienen zu Pferd an den beiden Enden der Allee, die ihnen als Kampfplat dienen ſollte; man gab jedem eine Lanze; dann rann ten auf Befehl des Herzogs die beiden Gegner auf einander los. Der Graf von Charolais zerſplitterte ſeine Lanz am Schilde des Sire von Lalaing, der nichtsdeſto weniger feſt in ſeinen Bügeln blieb. Der Sire von Lalaing ſeinerſeits traf den Gra fen von Charolais nicht: ſeine Lanze flog über do Helm des jungen Prinzen hinaus. Der Herzog ſah wohl, daß der alte Ritter ſeine Sohn ſchonte; er wurde roth vor Aerger und rit dem Sire von Lalaing zu: ⸗ ger ihn ma alt An ſeir bei 47 Sohn„Sire von Lalaing, mein Freund, ich habe Euch gewählt, um meinen Sohn anzufeuern, und nicht um ihn zu ſchonen. Wenn Ihr ſo handeln wollt, ſo enig⸗ macht einem Andern Platz.“. die Die Herzogin dagegen warf zu gleicher Zeit dem alten Ritter einen Blick innigen Dankes zu. eifen Aber Jacob von Lalaing hörte auf den Herzog. von Andere Lanzen wurden gebracht. Der Ritter und von ſein junger Schüler rannten auf einander los, und geben beide Lanzen wurden zerſplittert. ſagte, Diesmal war es die Herzogin, die den Ritter er er⸗ ausſchalt und ihm vorwarf, er ſei zu derb dreinge⸗ fahren. den Es wurden noch zwei oder drei neue Proben nwart veranſtaltet, welche der Graf von Charolais vortreff⸗ le. lich beſtand. dieſen Der Herzog und die Herzogin zogen alſo unge⸗ nein vergnügt nach Hauſe, denn ſie ſagten zu ſich, nden der Graf werde ſich am Turniertag ſeines Namens ofplo würdig zeigen. rann Als dann der Turniertag kam, ritt der junge er a Prinz, begleitet von ſeinem Vetter, dem Grafen von Etampes, ſowie von ſeinen jungen Genoſſen Philipp Lanz von Croy, Johann de la Tremoille, Karl von Ter⸗ sdeſt nant, und gefolgt von ſeinen beiden Erziehern, Ber von Auxy und dem Herrn von Roſembos, wirklich Gro in die Bahn, die auf dem Stadthausplatz von Brüſſel er den hergerichtet war, und brach achtzehn Lanzen hinter⸗ einander. Er wurde einſtimmig als Sieger ausge⸗ ſein! rufen und empfing den Preis aus den Händen der d ri Damen. Dieſes kriegeriſche Spiel diente als Vorſpiel für 3 48 einen ernſteren Waffengang: man war im Begriff gegen die Genter zu Felde zu ziehen, und der junge Graf hatte, als ihm ſein Vater ein Commando in der Armee verweigerte, beim heiligen Georg— dies war ſein Schwur, dieſer franzöſiſche Prinz ſchwur bei einem engliſchen Heiligen— der junge Graf, ſagen wir, hatte beim heiligen Georg geſchworen, daß er, wofern man ihn in Dijon oder Brüſſel zu⸗ rücklaſſe, nöthigenfalls im Wamms aufbrechen würde, um zu ſeinem Herrn zu gelangen und ihm Rache an ſeinen rebelliſchen Unterthanen nehmen zu helfen. Zwei Worte über die Rebellion der Genter. II. Der Löwe von Flandern. Die Urſachen der Streitigkeiten zwiſchen Unter⸗ thanen und Fürſten gehören zu denjenigen Dingen, welche die Geſchichtſchreiber immer in ein möglichſt helles Licht zu ſetzen verſuchen müſſen. Das Zerwürfniß zwiſchen den Gentern und ihrem Herrn datirte ſich ſchon von lange her.— Philipp der Gute trug ihnen einen Groll nach, weil ſie ihn bei der Belagerung von Calais im Stich gelaſſen hatten. Brügge hatte ſich empört: der Herzog hatte Brügge unterworfen und regierte da ganz deſpotiſch ohne ſich im Mindeſten um die Freiheiten und Vor⸗ rechte der Stadt zu bekümmern. Er hatte groß — griff unge in dies wur raf, oren, lzu⸗ ürde, tache lfen. ter. Inter⸗ ngen, glichſt ihrem⸗ hilipp e ihn laſſen hatte Vor große 49 Luſt es mit Gent ebenſo zu machen und auch dort ſeine abſolute Gewalt fühlen zu laſſen. Aber die erſte politiſche Tugend des guten Her⸗ zogs— wirklich eine große Tugend!— beſtand da⸗ rin, daß er zu warten wußte. Er wartete alſo und ſtellte vorläufig nur Ver⸗ ſuche an. So hatte er im Jahr 1440 ganz willkürlich den Rath von Flandern, der bisher in Gent geſeſſen, nach Courtrai verlegt. Im Jahr 1448 gefiel es ihm eine neue Salz⸗ ſteuer auszuſchreiben. Ypern und Brügge gehorchten ohne Einwendun⸗ gen. Gent verweigerte die Bezahlung. Die Stadt beſaß eine unabhängige Selbſtregie⸗ rung; ſie hatte die Art und Weiſe derſelben ſehr oft gewechſelt. Dies war ihr Recht. Sie hatte ſechsundzwanzig Geſchworne an ihrer pitze; dreizehn von ihnen waren als Räthe mit den Angelegenheiten der Stadt und der Verwaltung der Finanzen beauftragt; dreizehn andere hießen Schöffen und hatten die Juſtiz. Die Einwohner waren in drei Categorien ge⸗ theilt: die Bürger, die Zunſtleute und die Weber. Die Bürger wählten drei Räthe und drei Schöf⸗ fen; die Zunftleute und die Weber wählten je fünf Räthe und fünf Schöffen. 5 Dieſe Regierungsform ſchrieb ſich noch aus der Zeit, wo Philipp der Schöne die Flamänder über⸗ wunden hatte. Ueberdies hatte die Stadt ſeitdem noch eine an⸗ 50 dere Klaſſe von Beamten eingeführt: die Alter⸗ männer. Jede der zweiundfünfzig Zünfte hatte ihren Altermann. Der Altermann der Bürger war von Rechtswegen das Oberhaupt und der erſte Altermann der Stadt; man nannte ihn den Oberaltermann. Jeder Altermann war Bannerhüter ſeiner Zunft und hatte das Recht alle Mitglieder einzuberufen. Ein Altermann brauchte alſo bloß ſein Banner zu ergreifen und auf dem Freitagsmarkt aufzupflan⸗ zen, ſo ſchaarten ſich augenblicklich alle Angehörigen der Zunft um dieſes Banner. Es war ſehr ſelten, daß eine ſolche Verſammlung ohne Unruhen ablief. Der Herzog, der ſich über die Verweigerung der Salzſteuer ärgerte und eine Gelegenheit ſuchte, um mit Gent ebenſo zu verfahren wie mit Brügge, er⸗ klärte den Gentern, daß er die Functionen des Ober⸗ altermanns von denen des Amtmanns trenne, folglich ſeine Gewalt nicht mehr auf den Vertreter der Stadt übertragen werde. Endlich, im September 1449, legte der gute Herzog ſtarke Garniſonen nach Termonde, nach Gavre und Rüpelmonde, ließ die Canäle ſperren, decretirte die Salzſteuer von Neuem und fügte noch überdies eine Getreide⸗ und Mahlſteuer hinzu. Die Genter wrweigerten die Bezahlung hart⸗ näckiger als je. Jetzt entzog der Herzog den ſtädtiſchen Beamten alle Gewalt, ſetzte die Schöffen und Amtleute ab, und verbot in ganz Flandern allen und jeden Ge⸗ horſam gegen die Leute von Gent. er⸗ en on nn n. nd 5 Vo N 51¹ Der Herzog wäre mit der hartnäckigen Stadt ſchon lange fertig geworden, wenn er nicht nach dem Weſten geblickt hätte. Die flandriſchen Städte be⸗ fanden ſich unter der Gerichtsbarkeit Frankreichs und wandten ſich in ſehr bedenklichen Fällen häufig an dieſe Macht. Nun begann Frankreich im Jahr 1450 ſich der Engländer zu entledigen, und Karl VII, der König von Bourges, wurde allmälig wieder König von Frankreich. 1453 beſaßen die Engländer Nichts mehr in Frankreich als Calais. Es iſt wahr, daß der Herzog von Burgund dem König von Frankreich weit mehr anhaben konnte als dieſer ihm, beſonders im Fall einer Kriegserklärung. Durch Auxerre und Peronne hielt er Paris im Schach; aber rings um Paris her behaupteten die Ordens⸗ brüder vom goldenen Vließ Nemours, Montfort, Vendome. Noch mehr: der Herzog von Orleans, der Gefangene von Azincourt, welchen Philipp nach fünfundzwanzigjähriger Gefangenſchaft neuerdings für eine Summe losgekauft hatte, die in unſern Tagen drei Millionen gleichkäme, der Herzog von Hrleans, welchem er das goldene Vließ um den Hals gehängt und eine ſeiner Verwandten zur Frau gege⸗ ben hatte, war ſicherlich vollkommen bereit ihm den Uebergang über die Loire zu geſtatten. Es gibt nichts Zärtlicheres, als alte Feinde, die ſich kaum erſt ausgeſöhnt haben. Welche Waffe hatte der König von Frankreich ſeinerſeits gegen den Herzog von Burgund? Seine oberſte Gerichtsbarkeit über die franzöſiſchen Pro⸗ vinzen; ſeine Einflüſſe auf Gent und Lüttich, dieſe zwei demokratiſchen Hebel, mittelſt deren er den 52 Herzog von Burgund zurückerren konnte, wenn ihn das Gelüſte ankam gegen Frankreich zu marſchiren. Dies war zu gleicher Zeit das Glück und das Unglück, die Stärke und die Schwäche des Herzogs Philipp, daß er dieſe großen populären Städte be⸗ ſaß. Der Abſolutismus waltete überall; dieſe Kö⸗ nige von England, Frankreich und Spanien, dieſer Kaiſer von Peutſchland, der Papſt ſelbſt, Alle ſchie⸗ nen über Todte zu gebieten; das Leben iſt da, wo die Freiheit iſt. Der Herzog von Burgund allein herrſchte über Lebendige, und er bemerkte es daran, daß dieſe Lebendigen nicht gehorchten. Zum Glück für den Herzog erfuhr man plötzlich, daß die Engländer unter Talbot in Guyenne ge⸗ landet hatten. Dies gab dem König Karl VII Arbeit, ſo daß er keine Zeit mehr hatte ſich mit den Gentern zu beſchäftigen. Von dieſem Augenblick an wurde der Feldzug, von dem wir geſprochen haben, und worin der junge Graf von Charolais ſeine erſten Waffenproben ab⸗ legen ſollte, beſchloſſen. Die Genter thaten jetzt einen Schritt, um ihren Herrn zu entwaffnen, dem ſie geſchworen hatten ihn „in ſeinem Leben, in ſeinem Körper, in ſeinen Glie⸗ dern, in ſeiner Frau und in ſeinen Kindern zu re⸗ ſpectiren.“ Der Sire von Comines— derſelbe, der uns ſo hübſche Memoiren über Ludwig XKl hinter⸗ laſſen hat— der Sire von Comines, Herr von der Clyte, Landvogt von Flandern, machte den Ver⸗ mittler. Der gute Herzog verlangte vor allen Dingen —————— 53 die Auslieferung der drei Männer, welche die Salz⸗ ſteuer am heftigſten bekämpft hatten. Dieſe waren Daniel Serſander, Liévin Potter und Liévin Snopt. Die Genter weigerten ſich. Die drei Verbrecher dagegen— wohlverſtanden, Verbrecher vom Standpunkt des Herzogs, Helden vom Standpunkt des Volkes aus— beſchloſſen ſich der Mildherzigkeit ihres Herrn anzuvertrauen. Sie reisten zu ihm nach Termonde, knieten de⸗ müthig vor ihm nieder und baten um Gnade. Der Herzog verbannte Serſander für zwanzig Jahre auf zwanzig Meilen von ſeinen Staaten; Potter für fünfzehn Jahre auf fünfzehn, Snowt für zehn Jahre auf zehn Meilen. Dies war die Gnade, welche der gute Herzog ihnen widerfahren ließ! Bei dieſer Nachricht ergrimmten die Genter. Die monſtröſe Lärmglocke ließ ihr einförmiges Getöne widerhallen; man nannte ſie Roland wegen ihres unheimlichen Schalls, der zu rufen ſchien: Ro— land — ro— land— ro— land. Die furchtbare Lärmmacherin trug die Umſchrift: „Ich nenne mich Roland; wenn ich angeſchlagen werde, brennt es; wenn ich geläutet werde, iſt Krieg!“ Es war alſo Rebellion in der Stadt Gent— Rebellion nannte der gute Herzog die Erhebung die⸗ ſer braven Bürger, die durch ſeine Tyrannei aufs Aeußerſte getrieben worden— und Roland erſcholl. Wir haben einige Worte über die politiſche Or⸗ ganiſation der Genter geſagt; der Vollſtändigkeit 54 wegen müſſen wir nun auch ein paar Worte von ihrer geſellſchaftlichen Organiſation ſprechen. Vielleicht werden wir daran ſehen, ob es ſo böſe Leute waren, wie die Geſchichtſchreiber von Burgund ſagten. Erinnert ihr euch, was unter Ludwig Philipp die Journale der Regierung von den Rebellen von Lyon ſagten, unglücklichen Seidewebern, Brüdern der flämiſchen Lollards, welche auf die Fahnen ihres Aufruhrs ſchrieben: Arbeitend leben oder fech⸗ tend ſterben! Wenn ihr wiſſen wollt, woher das Wort Lollard kommt: lulla heißt auf ſchwediſch einſchläfern; im Altdeutſchen lullen, ganz leiſe ſingen. Die Lollards waren alſo Märtyrer der Arbeit, die ganz leiſe ſan⸗ gen, um ihr Elend einzulullen. Man nannte ſie auch Begarden, was Beter bedeutet. Die Frauen waren Beginen. Gehet in die alten Städte Flanderns, und ihr werdet noch jetzt dieſe Beginengemeinden ſehen, worin nicht clauſu⸗ rirte Frauen, Ronnen ohne Gelübde oder wenigſtens ſolche, die nur durch ſehr kurze Gelübde gebunden ſind, zuſammenleben;— ſie konnten ſich verheirathen und gingen aus ihrer kleinen Zelle in das armſelige Stübchen des Arbeiters über, dem ſie die Religion und die Liebe, dieſe zwei großen Tröſtungen des menſchlichen Lebens, zubrachten. Die Natur von Flandern iſt traurig: dies iſt der regneriſche Norden, der Norden der Nebel und des Kothes; der Norden des Eiſes iſt ein Paradies dagegen. Gehet etwas weiter, ſo habt ihr Holland, ein 55 künſtliches Land, deſſen Leben oder Tod von einem Loch abhängt, das man in einen Damm ſtößt; Hol⸗ land, wo der Ocean eines Tags ſich täuſchte, ſech⸗ zig Dörfer mit ſeinen Wogen bedeckte und an die Stelle dieſer ſechzig Dörfer das Harlemer Meer ſetzte. Nun wohl, wo die Natur traurig iſt, da muß man die Heiterkeit im Hauſe finden; wo die Sonnen⸗ ſtrahlen fehlen, muß man ſich an der Flamme des Herdes wärmen. Seht daher, wie die Flamänder ſich feſt zuſam⸗ menſchließen, als ob ſie einander erwärmen wollten. Sie geben, wie alle Menſchen, dem Bund zwiſchen Mann und Frau den Namen Liebe; aber ihre Ge⸗ ſellſchaften nennen ſie Freundſchaften. Man ſagte nicht: die Geſellſchaft von Lille, die Geſellſchaft von Aire; man ſagte: die Freundſchaft von Lille, die Freundſchaft von Aire. Ihr Wahlſpruch lautete:„Alle für Jeden, Jeder für Alle!“ Ihre Loſung war(in Courtrai): Mein Freund, mein Schild. Was verkündet ihr Glockenſpiel? Das göttliche Geſetz! Und wenn ihr Jacquemart mit ſeiner Frau Jacobine ausgeht, um mit ſeinem eiſernen Hammer die Stunde auf dem ehernen Tamtam zu ſchlagen, was ſingen ſie dann dazu? Den Pſalm: Siehe, wie fein und lieblich es iſt, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen! Die Geſchichtſchreiber mögen ſagen was ſie wollen, aber dieſe Leute, welche die Bruderliebe zu Pflicht erhoben haben, ſind keine böſe Men⸗ ſchen. Was war das Leben von Flandern? Die In⸗ 56 duſtrie. Was war Flandern ſelbſt? Ein Erzeugniß der Induſtrie. Das weſtliche Flandern iſt dem Salz⸗ waſſer, das öſtliche dem ſüßen Waſſer abgerungen worden. Die Induſtrie machte es wie die Eroberer: ſie warf ſich zur Königin des eroberten Landes auf. Mit welchem Recht konnte der Herzog Philipp zur Induſtrie ſagen:„Ich bin ſeit zehn, zwanzig oder dreißig Jahren Graf von Flandern!“ Die Induſtrie antwortete ihm:„Ich war lange vor dir Gräfin von Flandern, und du haſt mich nicht beerben können, denn ich bin unſterblich.“ Dann bezahlte der arme Arbeiter, der ſich rühmte einer der Herren von Gent zu ſein, dieſe Ehre theuer; dies war für ihn keine Sinecur wie für Karl V, der gleichfalls Bürger von Gent war. Er mußte viele koſtbare Zeit daran wenden. Pime is money, die Zeit iſt Geld, ſagen die Engländer, dieſe Flamänder Großbritanniens; nun rief in den Tagen der Ruhe die Glocke den Handwerker zu den Verſammlungen und Wahlen; in den Tagen der Gefahr rief Roland ihn zu den Waffen, und wenn Roland ertönte, ſo gab es keinen, der nicht geant⸗ wortet hätte: Hier! Denn Roland war die große Seele, die dieſes ganze Volk von Kaufleuten, Arbeitern und Hand⸗ werkern belebte, die klingende Seele, die große eherne Stimme, die bei allen wichtigen Begebenheiten, bei allen entſcheidenden Ereigniſſen der Stadt geſprochen hatte; wenn ſie ertönte, ſo bedeutete es Todesnoth für die Stadt, und bei ihren gewaltigen Schwin⸗ gungen bemächtigte ſich der ganzen Volksmenge ein ß n p e t 0 8— N— — 8 8— N 0 ——— 57 Taumel, der ſie unwiderſtehlich in Kampf und Tod trieb. Alle liefen zu den Waffen, vom zwanzigſten bis zum ſechzigſten Jahr; die Prieſter und Mönche ſtellten ſich in Reih und Glied. Fünfundvierzigtauſend Mann zogen aus der Stadt. Ein Maurergeſelle wurde zum Hauptmann er⸗ wählt. Ohne Zweifel war dies einer jener Maurer, die zugleich Baumeiſter und Ingenieure waren und Ca⸗ thedralen bauten wie Michel Angelo, nöthigenfalls auch Kriegsmaſchinen machten wie er. Die Genter begannen die Feindſeligkeiten. Sie erlauſchten den Augenblick, wo der Gouverneur von Gent die Meſſe hörte; ſie erſchienen vor dem Thor der Citadelle und gaben vor, daß ſie Gefangene brächten; die Schildwachen, die keinen Argwohn hegten, ließen ſie herein. Sobald ſie drinnen wa⸗ ren, war auch die Stadt genommen. Einige Tage ſpäter fielen die Schlöſſer Poucques und Schendelbeke in ihre Hände. Inzwiſchen hatte einer der Herren von Lalaing Zeit ſich mit einigen Edelleuten nach Audenarde zu werfen. Die Stadt war nicht verproviantirt. La⸗ laing half ſich mit einer ächten Herrenliſt: er lud die Bauern ein ihre Heerden und Lebensmittel hinter die Mauern zu flüchten; dann, als er die Lebens⸗ mittel und die Heerden hatte, jagte er die Bauern zum Thor hinaus. Er hielt vom 14. bis zum 30. April Stand: dann bekam er Unterſtützung und wurde entſetzt. 58 Aber ſein Entſatz gab Veranlaſſung zu einem blutigen Kampf. Die Ritter waren unvorſichtiger Weiſe mitten unter die Piken der guten Leute von Gent hineingeſprengt; ohne die Bogenſchützen aus der Picardie, welche die Genter in der Flanke nah⸗ men und zuſammenſchoſſen, würden ſie alle zuſam⸗ men geblieben ſein. Die Beſiegten zogen ſich kämpfend bis vor die Thore von Gent zurück. Am meiſten hatten ſich die Mezger ausgezeichnet; ihr Bannerträger wurde an beiden Beinen verwundet, kämpfte aber noch immer fort und ſchleppte ſich auf den Knien weiter. Die ganze Innung behauptete von einem Baſtard der Grafen von Flandern abzuſtammen und nannte ſich Prinzenkinder. Der Bannerträger hieß Corneille Sneyſſan. Unter denjenigen, die ins dichteſte Kanipfgewuhl vorgedrungen waren, befand ſich der tapfere Jacob von Lalaing, der im Park zu Brüſſel dem jungen Grafen von Charolais ſeine erſte Turnierlection ge⸗ geben hatte. Einen Augenblick kam er ſo ins Ge⸗ dränge, daß er trotz ſeiner löwenmuthigen Gegen⸗ wehr beinahe erlegen wäre. Da ſah der Reitknecht des Herrn von Bouvignies noch zur rechten Zeit die Gefahr, worin der wackere Ritter ſchwebte. Er ſtieß ſeinem Pferd die Sporen in den Leib, ſprengte, ohne eine Rüſtung oder andere Waffen als einen Wurf⸗ ſpieß zu beſitzen, zu ſeiner Unterſtützung herbei, trieb mit der Bruſt ſeines Pferdes die Piken auseinander und ſchaffte dem Ritter etwas Luft. Jacob von Lalaing benützte den günſtigen Augenblick, um ſich ——„ —— ie ne eb er n 59 durchzuſchlagen; aber während er ſich zurückzog, be⸗ merkte er, daß ſein Retter ihm nicht folgte; er drehte ſich alſo trotz ſeiner eigenen Bedrängniß nach ihm um und ſah, daß er mit einem Morgenſtern einen Schlag auf den Kopf bekommen hatte und vom Pferde geſtürzt war. Jacob von Lalaing kehrte alſo zurück, ſprengte mit dem Schwert in der Fauſt ins dichteſte Hand⸗ gemenge und entriß mit Hilfe einiger Ritter, die gleichfalls verwundet waren, den armen Teufel aus den Händen der Mezger, die ihn wie einen Ochſen zu Boden geſchlagen hatten und vollends umbringen wollten. Von einer Belagerung Gents konnte nicht die Rede ſein: dieſes Unternehmen hätte weit mehr Mannſchaft und Kriegsmaterial erfordert, als der Herzog aufwenden konnte. Er legte Beſatzungen in alle Nachbarſtädte und kam ſelbſt nach Termonde, wo er eine Schiffbrücke bauen ließ, um die beiden Scheldeufer beherrſchen und über den Fluß hinüber Streifzüge auf der andern Seite von Gent und im Norden der Stadt, im Lande Waes unternehmen zu können. Das Land Waes war, wie es noch heute iſt, ein ſehr reiches, mit Canälen, Gräben und Hecken durchſchnittenes Land; ſeine Bewohner waren früher unter dem Banner der Stadt marſchirt, und die Genter nannten ſich Herren des Landes Waes, wie der gute Herzog ſich Graf von Flandern nannte. Da es ſehr ſchwer hineinzukommen war, ſo hat⸗ ten die Einwohner bei den früheren Kriegen nur wenig gelitten. Aber ſobald die Brücke ſtand, zog eine Schaar 60 Reiſiger zum Recognosciren aus; ſie ſtand unter den Befehlen der Herren von Lannoy und von Humieres, des Baſtards von Renty und des Herrn Jacob von Lalaing; auch waren viele Bogenſchützen dabei, die als Plänkler voranzogen. So überrumpelte die Abtheilung das Dorf Lo⸗ keren. Hier lag eine kleine gentiſche Beſatzung, die ſich zurückzog, während die Bauern ſich flüchteten und in der Kirche verrammelten. Die Ritter verfolgten die Genter; die Bogen⸗ ſchützen verlegten ſich aufs Plündern, die Leute, die ſich in die Kirche geflüchtet hatten, läuteten die Sturmglocke. Die Sturmglocke iſt ein eherner Vogel; er ent⸗ fliegt vom einen Thurm bloß, um ſich auf einen andern zu ſetzen; bald riefen alle Kirchen heulend die Landleute unter die Waffen. Dieſe verſammelten ſich dreitauſend Mann ſtark, ſchlichen hinter den Hecken und Dämmen hin, gingen über die Canäle, bemächtigten ſich der Brücke von Termonde und ſchnitten auf dieſe Art den Herzog⸗ lichen den Rückzug ab. Zu gleicher Zeit ſah man eine große Flammen⸗ und Rauchſäule in die Luft wirbeln. Das Dorf Lokeren brannte; die Einwohner hatten es ſelbſt an⸗ gezündet, um die Bogenſchützen hinauszujagen. Man mußte im freien Feld kämpfen, und die Ritter begannen, als ſie die große Anzahl der Feinde erblickten, ihren Zug zu bereuen. Aber der Herr von Lalaing war da, ganz der rechte Mann zu Ex⸗ peditionen dieſer Art. Er warf ſich mitten unter die Piken, nachdem der Baſtard von Renty bereits ge⸗ ————— —————— — ie ie 61¹ nöthigt worden das herzogliche Banner fallen zu laſſen; die Bogenſchützen ſchöpften neuen Muth, war⸗ fen ihre läſtigen Panzerhemden ab, breiteten ſich über die Flügel aus und überſchütteten die ſchwerfälligen flämiſchen Bauern, die es ihnen an Schnelligkeit nicht gleichthun konnten, mit einem Hagel von Pfeilen. Aber man mußte aus dieſer Stellung hinauszu⸗ kommen ſuchen. Herr von Lalaing ging mit gutem Beiſpiel voran und ſprengte in einen Canal, welchen ſein Pferd glücklich durchwatete. Er ſelbſt war außer Gefahr, aber das genügte ihm nicht; auch die Andern mußten gerettet werden. Er ritt zehnmal über den Canal zurück, um ſeinen Leuten jenſeits Hilfe zu bringen, und bereits waren fünf Pferde unter ihm getödtet worden, als“ er bemerkte, daß ſein Bruder Philipp noch unter den Feinden war. Da ſtürzte er zum elften Mal in den Canal und befreite den Unvorſichtigen. Der Herzog ließ ihn an der Tafel zwiſchen ſich und ſeinem Sohn ſitzen, um ihn als den Tapferſten zu ehren; und als der Graf von Charolais, der ſich mit wahrer Gierde für alle Waffenthaten intereſſirte, ihn fragte, welcher Krieger ihn am beſten unterſtützt habe, da antwortete Lalaing: „Gnädigſter Herr, das war Euer Hofnarr Andreas la Plume, der mich keinen Augenblick verlaſſen at. Inzwiſchen waren die Vortheile der Flamänder nur vorübergehend, und es konnte nicht fehlen, daß der Herzog bald die Oberhand gewann. Der Graf von Etampes, der beſetzt Dumas, Karl der Kühne. I. 62 hielt, nahm nach einem hartnäckigen Kampf Nivelles. Zweihundert Mann hatten ſich in einer Kirche ver⸗ rammelt, wo ſie mit aller Macht Sturm läuteten. Die Burgunder zündeten die Kirche an; der Thurm ſtürzte ein, die Glocke erdrückte die Läutenden. Alle kamen um, nicht einem Einzigen fiel es ein ſich er⸗ geben zu wollen. Dann marſchirten die herbeigerufenen Holländer mit ihrem Contingente heran. Zwiſchen den Fla⸗ mändern und ihnen beſtand ein Krieg auf Leben und Tod, deſſen letzte Lunte das Jahr 1830 ver⸗ muthlich noch nicht verbrannt hat. Sie fielen in das ganz mit Canälen durchſchnittene Land Waes ein und glaubten ſich noch zu Hauſe; auf einem ſolchen Terrain waren Holländer nöthig, um Flamänder zu bekämpfen.* Dieſen Angriffen und Gefahren gegenüber mach⸗ ten die Genter unerhörte Anſtrengungen. Außer den ſogenannten Weißkappen bildete ſich eine Schaar, welche ſich die Brüderſchaft oder Freund⸗ ſchaft vom grünen Zelt nannten und den Ba⸗ ſtard von Blanſtröm zum Hauptmann hatte. Dieſer Name vom grünen Zelt bedeutete, daß die Brüder oder Freunde nur noch unter dem Laub⸗ dach der Bäume übernachten wollten. Erkennet ihr darin die alte germaniſche Großſprecherei, wie die Sueven in ihrem Krieg gegen Cäſar ſie an ſich hatten? Fünfzehnhundert Jahre ſpäter thaten und ſprachen die Kinder, ohne alle Ahnung von dieſem Zuſammen⸗ treffen, ganz daſſelbe, was die Väter gethan und geſprochen hatten. Ein Theil dieſer Freiwilligen, der dem geringen er⸗ der la⸗ ben er⸗ das ein hen zu ach⸗ ßer eine nd⸗ Ba⸗ daß ub⸗ ihr die ten? chen nen⸗ und gen 63 Volk angehörte, hatte einen Meſſerſchmied zum An⸗ führer gewählt. Dieſer war ein großer, rieſenſtarker Mann von unbändigem Muth; er gefiel ſeiner Schaar ſo wohl, daß ſie ſagte: „Wenn wir ſiegen, ſo wollen wir ihn zum Gra⸗ fen von Flandern machen.“ In Folge eines falſchen Berichtes ließ er ſich überrumpeln, während er den Feind zu überrumpeln glaubte, und erlitt bei Hulſt eine gänzliche Nieder⸗ lage. Er wurde mit zweitauſend Mann gefangen genommen und vor den Herzog geführt. Dieſer wünſchte Einige zu retten und erklärte, daß er Jedem, der um Gnade bitte, das Leben ſchenke; aber nicht ein einziger nahm das Anerbieten an, ſondern alle ſagten, ſie wollen lieber ſterben als um Gnade flehen. Sie wurden ſammt und ſonders gehenkt, und als ſie den Strick um den Hals hatten, riefen ſie: „Gott, nimm diejenigen auf, die für die gute Sache ſterben, denn ſie ſterben als Märtyrer.“ Als die Genter jetzt die äußerſte Bedrängniß herannahen ſahen, thaten ſie zweierlei: ſie wandten ſich an die Stadt Brügge um Hilfe und gingen den König von Frankreich um ſeine Vermittlung an. Der Brief an Karl VIM iſt noch vorhanden; es iſt ein ſchöner, edler Brief, worin die Genter ganz ein⸗ fach ihre Beſchwerdegründe gegen den Herzog von Burgund auseinanderſetzen und ſich über die ſchlechte Verwaltung ſeiner Leute beklagen. Die Geſandtſchaft an die Brügger hatte eine ge⸗ wiſſe Majeſtät: ſie beſtand aus zwölftauſend Be⸗ waffneten. 64⁴ Als dieſe zwölftauſend Mann vor die Thore von Brügge kamen, fanden ſie dieſelben verſchloſſen. Der Magiſtrat, der von ihrem Anzug unterrich⸗ tet war, erwartete ſie außerhalb der Mauern. „Ihr Herren von Gent,“ fragte er,„was be⸗ gehret ihr von uns?“ „Wir wollen euch um den Beiſtand und Schutz bitten, den Brüder einander ſchulden,“ antworteten die Geſandten. Der Magiſtrat erwiderte: „Wir haben das Volk befragt, und das Volk hat für die Neutralität geſtimmt.“ Die zwölftauſend Mann, die mit Gewalt in die Stadt dringen konnten, baten jetzt um Einlaß, nur damit ſie für ihr Geld eſſen und trinken könnten. Aber die Brügger antworteten: „Liebe Freunde, wiſſet, daß wir Niemand in unſere Stadt hineinlaſſen wollen, aber wir werden euch Brod und Bier herausſchicken. Trinket und eſſet, dann gehet nach Hauſe.“ Die Genter aßen und tranken, dann zogen ſie ab. Als die zwölftauſend Geſandten nach Hauſe ka⸗ men, erzählten ſie, wie es gegangen war. Man be⸗ ſchloß ſich an den Herzog zu wenden und Bedingun⸗ gen zu ſtellen. Aber der Herzog antwortete, er unterhandle nicht mit Rebellen; die Genter müſſen ſich auf Gnade und Ungnade ergeben, ſonſt werde er alle zuſammen über die Klinge ſpringen laſſen. Gent beſchloß im Vertrauen auf ſein gutes Recht den Kampf allein zu wagen. Roland ertönte kläglicher als je, und neue Strei⸗ NS——— ——— 3— —— on e⸗ utz en at die ur en 65 ter wuchſen aus der Erde empor. Der Muth ſtei⸗ gerte ſich im Angeſicht der Gefahr; die Köpfe wurden von einem Schwindel ergriffen. Als Gent dreißig⸗ tauſend Streiter in ſeinen Straßen verſammelt ſah, da glaubte es ſich, da es ſie nicht zählen konnte, un⸗ überwindlich wie der Ocean, der ebenfalls die Zahl ſeiner Wogen nicht kennt. 1II. Wie der Vater, ſo der Sohn. Die Genter marſchirten aus. Der größere Theil ihrer Armee bezog ein Lager bei Baerſelle, in der Nähe von Rüpelmonde, und verſchanzte ſich da. Sie hatten eine ſchöne Artillerie bei ſich. Jede Zunft hatte eine Feldſchlange machen laſſen, auf welche ihr Name gravirt war. Der Herzog beſ ſ dieſe ſſe mit ſeiner gan⸗ zen Macht anzugreifen. Er theilte ſein Heer in drei Treffen. Der Befehl über die Vorhut wurde dem Grafen von Saint⸗Pol anvertraut, unter welchem Cornelius, Baſtard von Burgund, Jacob von Lalaing und der Herr von Saveuſe ſtanden. Der Herzog ſelbſt befehligte das Hauptcorps; er hatte ſeinen Sohn, den Grafen von Charolais, bei ſich. Die Nachhut wurde dem Grafen von Etampes und dem Herzog Johann von Cleve übergeben; ſie beſtand beinahe gänzlich aus Deutſchen. 66 Der Herzog und der Graf ſchlugen nach altem Brauch mehrere Ritter. Der Graf war außer ſich vor Freude, daß er endlich einmal eine Schlacht mitmachen ſollte; er gehörte zu jenen Naturen, bei denen das Blut vorherrſcht, bei denen der Zerſtö⸗ rungstrieb ſtärker iſt als die ſocialen Inſtincte, und wo die niedergedrückte Stirne alle cerebralen Her⸗ vorragungen in die Gegend des Hinterhauptes ver⸗ weist. Der Schlachtplan war höchſt einfach, wie es ſich armen Spießbürgern gegenüber paßte, die keinen Begriff vom Krieg hatten. Philipp ſchickte einen Theil ſeiner Vorhut gegen die rebelliſche Armee aus. Nach dem erſten Angriff ſollte dieſe Abtheilung zurückweichen, um die Genter aus ihren Verſchanzungen zu locken. Kamen ſie heraus, ſo waren ſie verloren; der Herzog wollte dann mit ſeiner ganzen Armee über ſie herfallen. Es war, als hätte man dies mit den armen Leuten förmlich ausgemacht, ſo genau thaten ſie, was der Herzog vorhergeſehen hatte. Die Genter ließen ſich auf eine unvorſichtige Verfolgung der burgundiſchen Vorhut ein, welche ſich auf die Hauptarmee zurückzog. Als ſie dann in der Haſt der Verfolgung auf Schußweite herankamen, da blieſen alle Trompeten und alle Feldſchlangen gaben Feuer. Zu gleicher Zeit begannen die Bogenſchützen un⸗ ter lautem Geſchrei unabläſſig zu ſchießen; dieſe Schützen, deren lange Pfeile aus der Ferne trafen und durch die ledernen Waffenröcke drangen, waren für die wackeren Städter am allerfurchtbarſten. ht ei d r⸗ ch en 3 iff ter ſie lte un⸗ ren 67 Der Graf von Saint⸗Pol hatte viel mit den jungen Edelleuten zu kämpfen, die vor der Schlacht zu Rittern geſchlagen worden waren und ſich jetzt um jeden Preis auszeichnen wollten; er mußte ſie mit Namen rufen und konnte ſie nur durch die Er⸗ klärung in Schranken halten, daß ſie durch ihre ver⸗ einzelten und unordentlichen Angriffe den Erfolg zweifelhaft machen würden. Der ungeduldigſte von Allen war Cornelius, Baſtard von Burgund; er wollte vom Pferd ſteigen und mit den Bogenſchützen kämpfen, denn er hatte gehört, daß dies in den großen Schlachten von Poi⸗ tiers, Crecy und Azincourt ebenfalls vorgekommen war. Sein Hofmeiſter, Wilhelm von Saint⸗Seine, hatte große Mühe ihn zurückzuhalten. Aber ſo bald die Genter unter dem Pfeilhagel, womit ſie überſchüttet wurden, in Unordnung zu ge⸗ rathen anfingen, da ließen ſich dieſe jungen Leute nicht mehr wehren; der Baſtard von Burgund war einer der Erſten, der ſeine Lanze einlegte und ſich mit ſeinem Häuflein mitten unter die Fliehenden ſtürzte, aber auch einer der Erſten, der für ſeine Verwegenheit beſtraft wurde. Er trug kein Halsſtück am Harniſch; ohne Zwei⸗ fel hatte er es ſolchem Lumpenpack gegenüber für i gehalten eine vollſtändige Rüſtung anzu⸗ egen. Ein Bauer, den er hart verfolgte, wandte ſich um und ſtieß ihm ſeinen Spieß in die Kehle; die Waffe drang unter dem Kiefer ein und ging bis ins Hirn. Der junge Mann ſtürzte todt zuſammen. 68 Er wurde furchtbar gerächt. Alle Gefangenen — und es gab ihrer ſehr viele— wurden nieder⸗ gemacht oder gehenkt. Der Herzog war in Verzweiflung. „Wenn ich hunderttauſend aufknüpfen oder zu⸗ ſammenhauen ließe,“ rief er,„ſo würde mir das meinen Verluſt nicht erſetzen.“ Er hatte dieſen Baſtard beinahe ebenſo geliebt wie ſeinen legitimen Sohn. Der Todte wurde mit großem Pomp nach Brüſſel gebracht, wo die Herzogin eine prachtvolle Leichen⸗ feier veranſtaltete. Ein anderer natürlicher Sohn des Herzogs, deſſen Mutter ein adeliges Fräulein Namens Maria von Thiefferies war, erhielt jetzt den Titel als Baſtard von Burgund. Aber auch der junge Graf von Charolais war in Verzweiflung: er hatte der blutigen Schlacht bei Rüpelmonde unthätig zuſchauen müſſen, da nur die Vorhut ins Treffen gekommen war. Um ihn zu tröſten, ſchickte ihn der Herzog ins Land Waes, um zu ermitteln, ob man die Unter⸗ werfung deſſelben vollenden könne. Karl ſtieß auf eine Abtheilung Genter, die bei Moorbeek verſchanzt war. Ohne Zweifel hatten ſie einen Ingenieur bei ſich, denn ihre Feſtungswerke waren vortrefflich. Es war eine ſchreckliche Hitze: mehrere Ritter waren in ihren Panzern ohnmächtig geworden, zwei förmlich erſtickt. Der Graf von Charolais wollte um jeden Preis angreifen. Vergebens ſtellte man ihm vor, daß ſeine ——— S ————— c„— r ei e 80 i e r i — 69 Leute todesmüde ſeien und vor Hitze verſchmachten; vergebens zeigte man ihm dieſe meiſterhaft angeleg⸗ ten Verſchanzungen; er erklärte, er kümmere ſich Nichts um die Zahl und die feſte Stellung dieſer Bauern. Ber von Auxy, ſein Hofmeiſter, ſowie die Herren von Ternant und von Crequy machten ihm jetzt die dringendſten Vorhalte wegen dieſes Ungeſtüms und ſagten, er werde durch ſeine jugendliche Hitze ſeinem Vater das Spiel gänzlich verderben; der Prinz be⸗ ſtand nur um ſo heftiger auf ſeinem Verlangen, je mehr man ſich bemühte ihn zu beſchwichtigen. Endlich jedoch gab er nach. „Aber,“ ſagte er,„ſo wollen wir wenigſtens im Angeſicht dieſer Banditen hier übernachten, während man Geſchütze und Verſtärkungen herbeiholt. Dieſe können in der Nacht ankommen, und dann wollen wir morgen angreifen.“ Der Kriegsrath ging nicht darauf ein, und der junge Prinz mußte ſich fügen. Aber er raufte ſich die Haare aus, weinte vor Wuth und rief: „Einſt werde ich zu befehlen haben!“ In der That wurde er nachmals zu ſeinem und ſeines Hauſes Unglück unbeſchränkter Gebieter. Inzwiſchen hatte der König von Frankreich, als Antwort auf den Brief der Genter, bei ihrem Her⸗ zog eine Fürbitte eingelegt; allein er wurde, wie wir bereits geſagt haben, von den Engländern angegrif⸗ fen und von dem Dauphin, auf welchen wir bald zu ſprechen kommen werden, beunruhigt, ſo daß er ſeine Unterhandlungen nicht mit großem Nachdruck betrei⸗ ben konnte. Nach einem ſechswöchigen Waffenſtill⸗ 70 ſtand wurden die Feindſeligkeiten wieder aufgenom⸗ men. Nur waren die Genter diesmal in ihre Stadt eingeſchloſſen, und man mußte ſie auf das offene Feld zu locken wiſſen. Man verſuchte es mit Liſt oder vielmehr mit Verrath. Folgen wir zuvörderſt dem Herzog bei der Wie⸗ deraufnahme der Feindſeligkeiten. Der Verrath ſoll zur gehörigen Zeit und am rechten Ort erzählt werden. Der Herzog brach zu dieſem neuen Feldzug von Lille auf und marſchirte nach Courtrai. Auf ſeinem Weg befand ſich die Feſtung Schen⸗ delbeek, in welche die Genter eine Beſatzung von zweihundert Mann gelegt hatten. Vor dieſer Feſtung ſtand ein kleiner Thurm, der die Zugänge ſchützte, und darin lagen zwanzig Mann. Die burgundiſche Armee belagerte alſo vor allen Dingen den Thurm. Die Bogenſchützen ſtellten ſich ſo auf, doß ſie Jeden, der ſich etwa auf der Mauer zeigen wollte, über den Haufen ſchießen konnten. Da dieſe Mauer jedoch ſehr hoch war und die Flamänder nur mit großer Behutſamkeit zum Vor⸗ ſchein kamen, ſo drohte das Spiel ſich unendlich in die Länge zu ziehen. Jedermann weiß, mit welcher Verachtung die Ritter auf die Bauern herabſahen; man verlangte von allen Seiten Leitern, fand aber nur eine einzige und brachte dieſe herbei. ——— 71 Kaum war ſie aufgeſtellt, ſo ſtieg ein Ritter, Herr von Fallarens, hinauf. Unglücklicher Weiſe befand ſich ganz nahe bei der Thüre eine kleine Heffnung, eine Art von Schieß⸗ ſcharte, hinter welcher ein Genter mit ſeiner Pike ſtand. Sobald der Ritter in der gewünſchten Höhe angelangt war, ſtieß unſer Mann mit ſeiner Pike heraus und verſetzte ihm einen ſo heftigen Stoß, daß er über die Leiter hinabſtürzte. Ein Verwandter des Herrn von Fallarens ſtieg jetzt die Sproſſen hinan und rief, er wolle ſeinen Vetter rächen. Er nahm ſein Schwert in die Hand, um die Pike abzuhauen, ſobald ſie aus der Mauer hervorkäme. Aber der Bauer nahm ſeinen Augen⸗ blick ſo gut wahr, daß ſeine Pike blitzſchnell den Rit⸗ ter ins Viſier traf und ihm die Wange durchſtieß, ſo daß er halbtodt in den Graben ſtürzte. Fünf oder ſechs andere folgten nach und hatten alle daſſelbe Schickſal. Jetzt ließ Herr von Montaigu, welcher den Sturm commandirte, Stroh und Reiſig bringen, vor der Thüre anhäufen und anzünden. Inzwiſchen war eine andere Leiter gebracht worden, und ein Knappe, Johann von Floré, ſtieg hinauf. Er hieb ſo lange mit ſeiner Axt auf die Mauer ein, bis er zuletzt eine Heffnung zu Stande brachte. Nach dreiſtündiger Gegenwehr wurden die zwan⸗ zig Mann überwältigt; die ſieben, die noch am Le⸗ ben waren, kamen an den Galgen. Jetzt kam es an die Feſtung ſelbſt. Sie wider⸗ ſtand fünf Tage, wurde aber dann genommen; die ganze Beſatzung, ſammt dem Hauptmann, der von 72 Adel war, wurde an die Bäume gehängt, die um die Citadelle herum ſtanden. Von da zog der Herzog gegen das Schloß Poucques. Es wurde von allen Seiten blokirt. Die Außen⸗ werke wurden weggenommen, die Paliſſaden ver⸗ brannt, die erſten Brücken abgebrochen mit Aus⸗ nahme der großen Zugbrücke, welche die Belagerten mit Ketten aufzogen und womit ſie das Hauptthor maskirten. Als die Burgunder ſahen, daß es unmöglich war die Feſtung zu erſtürmen, ließen ſie ſchweres Geſchütz kommen. Dieſes richteten ſie auf eine zwiſchen zwei Thür⸗ men befindliche Stelle, wo die Mauer, wie man an den Fenſteröffnungen erſehen konnte, bloß einige Schuh dick war. Unter den herbeigeſchafften Geſchützen befand ſich ein prächtiger Böller. Mehrere Ritter waren ge⸗ kommen, um ihn arbeiten zu ſehen. Ein böſes Ge⸗ ſchick führte auch Herrn Jacob von Lalaing her, der trotz einer Beinwunde nicht ruhig im Lager bleiben konnte. Die Batterie der Belagerer war durch einen Wall von Faſchinen und Fäſſern, die man mit Erde ge⸗ füllt hatte, gegen die Kanonen der Genter geſchützt. Jacob von Lalaing trat vor, um wie die Andern dem Spiel des Böllers zuzuſehen; nur ſchaute er, unvorſichtiger als ein junger Menſch, mit dem gan⸗ zen Kopf über die Bruſtwehr hinaus. Die Belagerten ihrerſeits hatten eine jener kleinen Kanonen, die man auf den Armen an jeden ———— — e⸗ Bt. rn er, n⸗ er en 73 beliebigen Ort tragen oder auch hinter ſich her ziehen konnte, auf die Plattform gebracht. Sie richteten ſie gegen die Batterie und ein Knabe gab Feuer. Im Augenblick, wo der Schuß krachte, wälzte ſich Herr Jacob von Lalaing im Laufgraben. Man verſuchte ihn aufzurichten, aber er war todt; ein Holzſplitter, welchen die Kugel mit ſich ge⸗ riſſen, hatte ihm den ganzen obern Theil des Schä⸗ dels weggeſchlagen. Dies war eine große Trauer für die ganze Ar⸗ mee und insbeſondere für den Herzog.„Das Ein⸗ zige, was den allgemeinen Schmerz einigermaßen lindern konnte,“ ſagt der Chroniſt,„war, daß man den guten Ritter vermöge ſeiner ausgezeichneten Tu⸗ gend und Frömmigkeit des Paradieſes ſicher glaubte.“ Als die Feſtung fiel, wurde die ganze Beſatzung mit Ausnahme zweier Prieſter, eines Ausſätzigen und dreier Knaben aufgeknüpft. Einer dieſer letztern hatte den Böller abgefeuert, aber der Herzog erfuhr es erſt, als der Junge bereits fern war, und ließ ihm nachſetzen. Glücklicher Weiſe hatte der Knabe, der wohl wußte, was ihn erwartete, ſich auf die Socken ge⸗ macht und war bereits nach Gent zurückgekehrt. Nach dem Fall von Poucques begann der Her⸗ zog die Belagerung von Gavre. Dies war die Feſtung, welche die Genter überrumpelt hatten. Hier beginnt der Verrath. Nach ſechstägiger Beſchießung ſchwazte der Haupt⸗ mann Van Speek ſeinen Leuten vor, man könnte ohne Zweifel gute Bedingungen von dem Herzog er⸗ 74 halten, da dieſe Kanonade der Mauer noch beinahe nichts geſchadet habe. Er verlangte einen Waffenſtillſtand, um zu par⸗ lamentiren, und erhielt ihn auch. Dann ging er ins Loger und hatte eine lange Beſprechung mit dem Herzog und dem neuen Ba⸗ ſtard von Burgund. Aber als er ins Schloß zurückkam, erklärte er ſeinen Leuten, die Unterhandlung habe zu Nichts ge⸗ führt, und man müſſe ſich entſchließen zu ſterben, wenn nicht von Gent Hilfe komme. An einen Sieg ſei gar nicht zu denken. Dieſes Reſultat ſtimmte mit dem ganzen bisheri⸗ gen Verlauf der Dinge ſo vollkommen überein, daß die Belagerten die Wahrheit der Antwort nicht im Mindeſten bezweifelten und Van Speeks Anerbieten ſelbſt nach Gent zu gehen mit Dank annahmen. Van Speek ging alſo nebſt ſeinem Lieutenant Johann Dubois und vier Mann. Sie fanden einen Punkt der Angriffslinien ſchlecht bewacht, tödteten die Schildwachen und kamen durch. Die Schelde lag ihnen im Weg; ſie ſchwammen hinüber und gelangten nach Gent. Hier verfammelte ſich Alles um ſie und fragte nach Neuigkeiten. Da erzählte ihnen der Verräther, die Armee des Herzogs ſei durch eine Epidemie ſchwer heimgeſucht worden, und überdies habe ein großer Theil ſeiner Krieger ihn verlaſſen, weil er den Sold nicht ausbe⸗ zahlt habe. Kurz und gut, der Herzog ſtehe nur noch mit viertauſend Mann im Feld, und die Genter würden ein federleichtes Spiel mit ihm haben, wenn ten ant echt rch. nen agte des ucht iner be⸗ nur nter venn 75 ſie nur aus ihren Mauern ziehen und über ihn her⸗ fallen wollten. Gute Nachrichten glaubt man gern, und überdies hatten die Genter durchaus keinen Grund einem Manne zu mißtrauen, den ſie zum Hauptmann ge⸗ wählt, und der ihnen bisher treu gedient hatte. Es wurde ein Angriff beſchloſſen, und zugleich ſollte die Beſatzung einen Ausfall machen. Van Speek kehrte alſo nach Gavre zurück; nur ging er nicht in die Feſtung, ſondern begab ſich zu dem Herzog und meldete ihm, daß die Genter im Anzug ſeien. Der gute Herzog ſollte alſo endlich ſeine Feinde in offener Felbſchlacht vor ſeine Klinge bekommen! Da dieſe Schlacht blutig zu werden ver⸗ ſprach und er die Tollkühnheit ſeines Sohnes kannte, ſo beſchloß er ihn zu entfernen. Niemand ahnte, daß die Schlacht ſo nahe bevor⸗ ſtehe. Er ließ den Grafen kommen, äußerte lebhafte Beſorgniſſe über das Befinden der Herzogin und er⸗ ſuchte ihn nach Lille zu gehen, um ſich nach ihr zu erkundigen. Der junge Prinz reiste ohne Argwohn ab; als er aber bei ſeiner Ankunft in Lille erfuhr, daß ſeine Mutter nicht einmal unpäßlich geweſen war, da ahnte er die Liſt. „O!“ ſagte er,„es gibt gewiß eine Schlacht und mein Vater hat mich entfernen wollen; aber ſo gut er dabei iſt, will ich auch dabei ſein. Er kämpft um mein Erbgut, und es wäre eine Feigheit von mir, wenn ich fern bleiben wollte. Ich ſchwöre bei Gott, daß ich an dem Feſt Antheil nehmen werde, wenn es noch möglich iſt.“ ⸗ 76 Und ohne auf die Bitten ſeiner Mutter zu hören, ſchwang er ſich wieder auf ſein Pferd und ſtieg nicht mehr ab, bis er im Lager ankam. Am 22. Juli, kurz vor Tagesanbruch, gab er ſich den Vorpoſten zu erkennen. Um acht Uhr Morgens, im Augenblick, wo die meiſten Ritter zu ihrer Unterhaltung zuſahen, wie man die Gefangenen aufknüpfte, und als der Herzog eben mit ſeinem Sohn frühſtückte, den er wegen ſei⸗ ner ſchleunigen Rückkehr nicht auszuſchelten wagte, trat ein Mann unter Philipps Zelt und meldete ihm, die Genter ſeien fünfundvierzigtauſend Mann ſtark aus ihrer Stadt gezogen. „Sie ſollen willkommen ſein,“ ſagte der Herzog, „denn wir werden ſie tüchtig bekämpfen.“ Dann ließ er ſogleich Alarm ſchlagen, zog ſeine weiße Rüſtung, die er nur an den wichtigſten Tagen trug, an und ſtieg nebſt dem Grafen von Charolais zu Pferde. Da er nun ſeine Anordnungen ſchon Tags zuvor getroffen hatte, ſo daß alle Treffen ſchlagfertig da⸗ ſtanden und Jeder ſeinen Poſten wußte, ſo durchritt er die Front der drei Corps und ſagte: „Nun wohl, meine Freunde, ſeht, da kommen ſie! Geht dieſen ſchlechten Spießbürgern tüchtig zu Leibe, ſo werden wir heute Abend insgeſammt reiche Leute ſein.“ Mehrere Edelleute verlangten jetzt zu Rittern geſchlagen zu werden, und der Herzog gewährte ihnen dieſe Gunſt. Die Genter rückten in guter Ordnung vor: ſie hatten dreimal Halt gemacht, um in Reih und Glied og, ine gen lais wor da⸗ hritt ſie! eibe, eute ttern hnen ſie Glied 77 zu bleiben. Als ſie vor Gavre in dem Lager an⸗ langten, breiteten ſie ſich auf dem Feld aus und lehnten ihren rechten Flügel an die Schelde. In der Front hatten ſie ihre beſten Streiter, die mit Piken bewaffnet waren. Auf den Flanken ſtand ihre Artillerie mit einer furchtbaren Bedeckung von Fußgängern, die mit Streitäxten, zweiſchneidigen Schwertern und Morgen⸗ ſternen bewaffnet waren. Die Reiterei, welche der berühmte Johann von Nivelles commandirte, deſſen Name ſprüchwörtlich geworden iſt, bildete zwei Flügel. In der zweiten Linie endlich befanden ſich die Arbeiter, die nicht ſehr mit den Waffen vertraut wa⸗ ren, die älteren Männer und die Landleute, beſon⸗ ders diejenigen, die aus dem Lande Waes gekommen waren. Die Rüſt⸗ und Gepäckwagen ſtanden hinten. Die Vorhut der herzoglichen Armee begann die Schlacht unter den Befehlen des Marſchalls von Burgund, wurde aber derb zurückgewieſen. Sie hatte Befehl nicht viel zu wagen. Herr von Beauchamp, deſſen Banner man mitten unter den Gentern ſah, erhielt Befehl ſich mit ſeinem Bannerträger zurück⸗ zuziehen. Er ließ antworten: „Ich bin hier und bleibe.“ Er wäre auch beinahe geblieben, aber ſo hart es ihn auch ankam, ſah er ſich doch genöthigt den Rück⸗ zug anzutreten. Die Genter rückten beſtändig im Schritt voran. Dumas, Karl der Kühne. J. 6 Die ungeheure Menſchenmaſſe bewegte ſich wie Ein Mann. Der Herzog ließ ſeine leichte Artillerie und tau⸗ ſend Bogenſchützen unter den Befehlen Jacobs von Luremburg gegen ſie marſchiren. Aber keichte Artillerie und Bogenſchützen verloren ihre Mühe. Auf einmal flog mitten in den dichtgedrängten Reihen, welche gegen Artillerie, Reiterei und Bogen⸗ ſchützen feſt Stand gehalten hatten, ein Pulverwagen in die Luft. Da kam Mathias Kerkhofen, der An⸗ führer der flämiſchen Artillerie, welcher fürchtete, das Feuer möchte ſich den andern Wagen mittheilen, auf den unglücklichen Einfall zu rufen: „Gebt Acht!“ Dieſer Warnungsruf, der ſich in allen Reihen wiederholte, erregte die Vermuthung, man werde im Rücken angegriffen, und nun entſtand im Centrum eine ſchreckliche Unordnung, ſo daß ſo zu ſagen die Flanken der großen Maſchine krachten. Als die zweite, aus Bauern und alten Leuten beſtehende Schlachtlinie dieſe Verwirrung ſah, glaubte ſie, die erſte Linie ſei durchbrochen, und ergriff ſchleunig die Flucht. Die Fliehenden fanden die Schelde vor ſich und ſprangen hinein; auf einmal aber erſchracken ſie vor der Breite des Fluſſes, und da überdies ihre ſchweren Waffen ſie abwärts zogen, ſo gaben ſie die Hoffnung auf, das andere Ufer zu erreichen und kehrten alſo wieder um. Aber das Ufer war inzwiſchen von Feinden be⸗ ſetzt worden, welche dieſe Unglücklichen, als ſie zu landen verſuchten, mit Keulen niederſchlugen. Der au⸗ oon ren ten en⸗ gen An⸗ das len, ihen im rum die die ende die die ſich n ſie ihre e die und n be⸗ e zu 79 gute Herzog hatte Befehl ertheilt keine Gefangenen zu machen. Als Philipp die Unordnung unter den Gentern ſah, glaubte er den Augenblick gekommen, um an der Spitze ſeines Armeecorps ſelbſt anzugreifen. „Die Mutter Gottes von Burgund!“ rief er. Und nun ſprengte er nebſt ſeinem Sohn und etwa hundert Reitern ſo raſch voran, daß die Bogen⸗ ſchützen ſeiner Linie den Athem verloren und ihm nicht folgen konnten. Zweitauſend Genter hatten ſich auf einer Wieſe verſchanzt, die von drei Seiten durch eine Krümmung der Elbe und auf der vierten durch einen tiefen Graben, über welchem eine Hecke ſtand, geſchützt war. Die burgundiſche Vorhut war im Ungeſtüm ihrer Verfolgung an dieſer Wieſe vorbeigeeilt. Der Herzog, der ſich um kein Hinderniß beküm⸗ merte, rannte, fortwährend gefolgt von dem Grafen von Charolais, darauf los. Beide hatten gute Pferde; ſie ſetzten über den Graben weg, durch⸗ brachen die Hecke und befanden ſich auf einmal mit⸗ ten unter den Gentern. Dieſe ſtürzten auf die beiden vereinzelten Rei⸗ ter los. Als ſie aber in dem Ritter mit der weißen Rü⸗ ſtung ihren Herzog erkannten, den Herrn, deſſen Leben und Glieder zu reſpectiren ſie eivlich gelobt hatten; als ſie in dem Ritter mit der goldenen Rü⸗ ſtung, der ihn begleitete, ſeinen Sohn erkannten, da hielten ſie, von Ehrfurcht und Schrecken ergrif⸗ fen, inne. Dieſe fünf Minuten der Unſchlüſſigkeit retteten den Herzog und ſeinen Sohn; während dieſer fünf Minuten holten einige Ritter ſie ein. Als die Gen⸗ ter ſahen, daß der Herzog und ſein Sohn, der eine mit dem Ruf:„Mutter Gottes von Burgund!“ der andere mit dem Ruf:„St. Georg!“ auf ſie einhie⸗ ben, da begriffen ſie erſt, daß ſie auch ein Leben hatten, das eine Vertheidigung werth war, und ſtürzten jetzt mit eingelegten Piken auf ihren Herrn los. Der Herzog wurde umringt und ſein Pferd verwundet. Der Graf von Charolais erhielt eine Wunde ins Bein, verrichtete aber Wunder der Tapferkeit in Vertheidigung ſeines Vaters und rief fortwährend neue Leute herbei. Endlich erſchienen die picardiſchen Bogenſchützen und retteten die bur⸗ gundiſchen Ritter abermals. Die Genter wurden überwältigt, aber nicht ein einziger wich zurück. Jeder ließ ſich auf der Stelle, wo er focht, tödten.“ Die Ritter ſelbſt geſtanden, daß unter dieſen ge⸗ meinen und geringen Leuten, deren Namen man nicht einmal kannte, mancher genug gethan habe, um ſeinen Namen, falls er bekannt geworden wäre, mit Ruhm zu bedecken. Zwanzigtauſend Mann kamen an dieſem furcht⸗ baren Tage um, und unter den Todten befanden ſich zweihundert Prieſter und Mönche. Der Magiſtrat, die Weiber und Kinder— ſonſt war beinahe Niemand in der unglücklichen Stadt zu⸗ rückgeblieben— erfuhren die Schreckenskunde durch die erſten Leichen, welche die Schelde ihnen zutrug. Dann wurden die Leichen nach und nach zahl⸗ reicher. 2 * d S* S— 8— 81 Endlich erblickte man die Fliehenden, die von den Reiſigen des Herzogs verfolgt wurden; aber ſtatt ſie in die Stadt zu laſſen, verſchloß man ihnen die Thore, weil man fürchtete, die Burgunder möchten mit ihnen eindringen. Es war eine herzzerreißende Scene, als am fol⸗ genden Tag dreißig bis vierzigtauſend Frauen, Schwe⸗ ſtern, Mütter, Gattinnen, aus der Stadt zogen und jede ihre Angehörigen erkannte. Der Herzog ſelbſt weinte darüber. Man wünſchte ihm Glück zu ſeinem Sieg. „Ah!“ ſagte er,„wem kommt er denn zu gut? Ihr ſehet, wie viel ich dabei verliere; denn im Gan⸗ zen waren es doch bloß meine Unterthanen.“/S Er verbot dieſe unglücklichen Frauen irgendwie in ihrem frommen Geſchäft zu ſtören, und befahl, man ſolle ſie ruhig ihre Todten begraben laſſen. Er hielt ſeinen Einzug in der Stadt auf dem⸗ ſelben Roß, auf dem er gekämpft, und das vier Lan⸗ zenſtiche erhalten hatte. Am Thor kamen ihm die Schöffen und Aelteſten, barfuß und im bloßen Hemd, mit zweitauſend ſchwarz⸗ gekleideten Bürgern entgegen und flehten um Gnade. Ihre Begnadigung war eine Verurtheilung. Die Stadt verlor ihre Gerichtsbarkeit; ſie wurde eine bloße Gemeinde wie andere Städte und hatte keine Unterthanen mehr. Zwei Thore wurden vermauert und ſollten nie wieder geöffnet werden. Ueberdies wurden das ſouveräne Banner von Gent, das den flandriſchen Löwen trug, und alle Banner der Zünfte dem Roß des Siegers zu Füßen gelegt. Der Herzog gab ein Zeichen. Toiſon d'Or, der Wappenherold von Burgund hob all dieſe Fahnen auf, ſteckte ſie in einen Sack und trug ſie fort. So viel von den erſten Waffengängen des Gra⸗ fen von Charolais, der ſchon damals zu werden ver⸗ ſprach, was er ſpäter geworden iſt, nämlich Karl der Kühne. Ein anderer hoffnungsvoller Erbe. Dieſer Sieg von Gavre, welcher dem guten Her⸗ zog Thränen auspreßte, drückte ſeiner Macht das Siegel auf. Gent war überwunden wie Brügge, in ſeinen Mauern ſelbſt überwunden; der Herzog von Burgund war nun ohne alle Widerrede Graf von Flandern. Dann war nicht bloß Gent allein beſiegt, ſondern auch Frankreich, unter deſſen Gerichtsbarkeit Flan⸗ dern geſtanden, und das deutſche Reich, deſſen Ober⸗ hoheit es anerkannt hatte. Was wollte der gute Herzog mit dieſer großen Gewalt beginnen? Die Griechen waren beſiegt; Conſtantinopel war am 29. Mai 1453, juſt zwei Monate vor der Schlacht bei Gavre, von Mohamet erobert worden. Man ſagte, die Türken marſchiren gegen Rom; Mo⸗ hamet habe geſchworen, daß ſein Pferd auf dem en er en ra⸗ er⸗ rl 83 Altar der St. Peterskirche Hafer freſſen ſolle. Man erinnerte däran, daß jeder neue Sultan, wenn er in der Kaſerne der Janitſcharen ſeinen Säbel um⸗ gürtet und aus ihrer mit Waſſer gefüllten Schale getrunken hatte, dieſelbe mit Gold gefüllt zurückgab und ſagte: „Auf Wiederſehen im rothen Apfel!“ Der rothe Apfel war Rom. Nun war mit Conſtantinopel das Haupthinderniß, welches den Weg nach Rom verſperrte, beſeitigt, und wie drei Jahrhunderte früher die Kreuzfahrer über Conſtantinopel nach Jeruſalem gezogen waren, ſo wollten jetzt die Türken über Conſtantinopel nach Rom marſchiren. Der Pabſt Nicolaus V hatte große Angſt; er rief mit lautem Geſchrei die ganze Chriſtenheit um Hilfe an, und insbeſondere den großen Herzog des Abendlandes. Man erinnert ſich, daß Philipp der Gute ſo genannt wurde. Der gute Herzog ſeinerſeits träumte einen golde⸗ nen Traum. Warum ſollte er als Erwählter des Herrn nicht die Türken zurückſchlagen? warum ſollte er nicht Mohamet aus Conſtantinopel verjagen? Warum ſollte er nicht, wie Balduin von Flandern, Kaiſer des Orients werden? Der Pabſt war jeden Augenblick bereit ihn zu ſalben, wenn er ihm nur die Türken vom Hals ſchaffte. Und in der That, an wen anders konnte ſich der heilige Vater wenden, als an den Herzog von Bur⸗ gund? Etwa an den deutſchen Kaiſer Friederich III? 84 Ein drolliger Kaiſer das, den man den Friedfertigen nannte, um ihn nicht den Faullenzer zu nennen; der aus Sparſamkeit ſeine alten Röcke wenden ließ; der den trübſeligen Mäßigkeitsorden ſtiftete, von welchem kein Menſch Etwas wiſſen wollte, während Philipp der Gute den Orden vom goldenen Vließ ſtiftete, um welchen die vornehmſten Edelleute Europas ſich riſſen; Friederich III endlich, der dem Ungarkönig Mathias Corvin Hilfe gegen die Türken verweigerte und ſich dann, nachdem ſein kühner Nachbar dieſelben ganz allein zurückgeſchlagen hatte, Wien und ganz Niederöſtreich von ihm entreißen ließ! Oder an Karl VII, König von Frankreich? Ein drolliger König fürwahr, den man Karl von Go⸗ neſſe und König von Bourges nennen durfte; der ſich eines Tags genöthigt geſehen ſeinem Schuſter einen Schuh, den er bereits am Fuß hatte, zurückzugeben, weil in der königlichen Kaſſe nicht Geld genug war, um ein Paar Schuhe zu bezahlen; der, während der gute Herzog auf einem ſchönen Roß, das vier Lanzenſtiche erhalten, ſeinen Einzug in der Stadt Gent hielt, Jahr aus Jahr ein einen arm⸗ ſeligen kleinen Traber ritt, welcher beim erſten Ka⸗ nonenſchuß alle Viere in die Höhe geſtreckt hätte; Karl VII endlich, welcher beim heiligen Johannes ſchwur, während der Graf von Charolais ſchon als Knabe bei St. Georg ſchwur! Es wurde alſo ſo ziemlich beſchloſſen, daß ein neuer Kreuzzug unternommen werden ſollte, um die Türken wieder aus Conſtantinopel zu vertreiben, und daß Philipp der Gute dieſen Kreuzzug anführen ſollte. — — S„ S— S S— 3 85 Der Sammelplatz war am Hof von Burgund. Eines ſchönen Tages ſah man den Dauphin von Frankreich, den zukünftigen Ludwig XKlI, in eigener Perſon erſcheinen, um ſich den Kreuzrittern anzu⸗ ſchließen. Wie hatte der Enthuſiasmus dieſen unruhigen und gequälten Geiſt, dieſes kalte und trockene Herz ergriffen? Er war ganz einfach von ſeinem Vater aus dem Land gejagt worden. Werfen wir einen Blick auf Frankreich, das noch immer an drei ſchweren Wunden litt, die nicht ſo leicht vernarben wollten: an den Wunden, die ihm bei Crecy, bei Poitiers und bei Azincourt ge⸗ ſchlagen worden. Aber Gott hatte ein doppeltes Wunder gethan: er hatte eine Jungfrau und eine Buhlerin, Johanna von Arc und Agnes Sorel, geſchickt, und ſo war es Frankreich im Geburtsjahr des Grafen von Charo⸗ lais möglich geworden ſich der Engländer zu ent⸗ ledigen. Aber in welchem ſchrecklichen Elend hatten die Soldaten Eduards III Frankreich zurückgelaſſen! Die nördlichen Provinzen waren eine üſte ge⸗ worden; im innern Lande ſah man nur no Haiden; die Getreidefelder waren ſammt den Bauern verſchwun⸗ den. Beauce hatte ſich mit Geſträuchen überzogen, und dieſe Geſträuche waren allmälig zu wahren Wäl⸗ dern angewachſen; zwei Armeen hatten ſich darin geſucht und nur mit großer Mühe gefunden. Die Bauern flüchteten ſich in die Städte, die Städter verhungerten. Die Leichname verbreiteten die Peſt, 86 die Todten vergifteten die Lebenden. Die armen Leute, die kein Brennholz kaufen konnten, nahmen die Fenſterläden und Thüren der reichen Häuſer, in denen die Epidemie gewüthet hatte. Die Städte ver⸗ brannten ſich, nachdem ſie ſich ſelbſt getödtet hatten. In Paris war es vielleicht noch ſchlimmer; die mei⸗ ſten Häuſer waren verlaſſen, die Beamten erkundig⸗ ten ſich neugierig nach den Todten, nach etwaigen Vermächtniſſen, nach den Erben, um irgend einen Profit zu erhaſchen; ſie gingen in den Straßen umher und fragten: „Warum iſt dieſes Haus geſchloſſen?“ „Ach, ihr Herrn,“ antworteten die Nachbarn, „die Leute ſind alle geſtorben.“ „Und haben ſie keine Erben, die hier wohnen?“ „Nein, die Erben ſind entflohen und wohnen anderswo.“ „Wo?“ „Wir wiſſen es nicht.“ Eine Verordnung vom 31. Januar 1432 ver⸗ bot die verlaſſenen Häuſer einzureißen und zu ver⸗ brennen. Es ſah ganz aus, als ob die Engländer Paris verlaſſen hätten, weil ſie Nichts mehr davon wollten. Hinter den Engländern kam Karl WII, warf einen Blick hinein und machte ſich wieder auf die Sohlen. Er wollte noch Nichts von der Stadt wiſſen. Die Wölfe allein fanden ein Gefallen an ihr: ſie kamen bei Nacht herein, um Menſchenaas zu ſuchen, und wenn ſie keines fanden, ſo fielen ſie in — — ten nen in er⸗ ei⸗ ig⸗ gen en her rn, 12 nen er⸗ er⸗ wis ten. arf die adt hr: zu in P— 87 ihrem Heißhunger— denn Heerden auf dem Felde gab es auch nicht— über Kinder und Erwachſene her. „Sie erwürgten,“ ſagt der Pariſer Bürger, ein damaliges Journal(Frankreich hat immer Jour⸗ nale gehabt),„ſie erwürgten im flachen Land mehr als ſechzig bis achtzig Perſonen; ſie fraßen vierzehn zwiſchen Montmartre und der Porte St. Antoine, und zerriſſen überdies ein Kind auf dem Katzenplatz, hinter den Innocents.“ Schon zur Zeit der Einnahme von Rouen, und während Heinrich V in dieſer Stadt war, hatte man dem König von England gemeldet, daß die Wölfe die untere Normandie verwüſteten, und er hatte kein anderes Mittel zur Abhilfe gefunden, als daß er einen Wolfsjäger ernannte. Und gleichwohl geſundete Frankreich trotz alledem wieder, während England dagegen erkrankte. Vermuthlich waren ſie in unſern Bürgerkriegen von Burgundern oder Armagnacs gebiſſen worden, denn als ſie nach Hauſe zurückkamen, fingen ſie eben⸗ falls einen wüthenden Bürgerkrieg an. Daraus entſtand die politiſche Epilepſie, welche man den Krieg der beiden Roſen nannte. Wer waren die Aerzte Frankreichs? Man muß es ſagen, dieſe Aerzte waren weder der König noch die Edelleute noch die Prieſter, ſon⸗ dern lediglich die ſogenannten geringen Leute. Wer war Johanna von Arc? Ein armes Bauern⸗ mädchen aus Vaucouleurs.„G Wer war Agnes? Die Tochter des Jean Soreau, eines armen Advocaten in der Touraine; als ſie in den Adelsſtand erhoben worden, nannte ſie ſich C S.. . 20 88 Agnes la Sorelle oder la Surelle und nahm einen goldenen Hollunderzweig(Sureau) zum Wappen. Nach dieſen beiden gebenedeiten Frauen kommen Jacques Coeur und Jean Bureau. Wer war Jacques Coeur? Ein reicher Kauf⸗ mann, halb Franzoſe, halb Türke, ganz ſicher ein wenig Heide, der ſich zu Beirut in Syrien ein großes Vermögen erworben hatte und in dieſes von den Engländern eroberte, von den Fürſten ruinirte, von den Wölfen gefreſſene Frankreich Vertrauen ſetzte. Er gab ſich zum Zahlmeiſter eines Königs her, der beinahe verhungerte und in Pantoffeln umherging, weil er keine Schuhe hatte. Als ihm dann der König den Adel ſchenkte, nahm er drei Herzen zum Wap⸗ pen und umgab ſie mit dem heroiſchen Wahlſpruch: Muthigen Herzen iſt Nichts unmöglich. Wer war Jean Bureau? Ein Advocat, ein Beamter der Rechnungskammer. Er hatte ſich mit dem Artillerieweſen beſchäftigt; wann? wie? warum? das weiß ich nicht; aber gewiß iſt, daß dieſer Mann der Feder von ſeiner Schreibſtube aus eine hoch⸗ wichtige Bemerkung gemacht hatte. Er hatte bemerkt, daß bei Crecy, Poitiers und Azincourt die Bogenſchützen die Schlacht gewon⸗ nen hatten, und zwar darum weil die Ritter mit ihren Lanzen, Schwertern, Streitäxten und Keulen genöthigt waren Mann gegen Mann zu kämpfen, während die Bogenſchützen ihre Pfeile aus der Ferne abſchoſſen. Wir haben geſehen, welche trefflichen Dienſte die picardiſchen Schützen dem guten Herzog in ſeinem Krieg mit den Gentern geleiſtet. * — * de ſit ſch alſ en en in es mn er g, ig in it 7 in n⸗ it — 89 Jean Bureau ſagte ſich alſo, wenn die Bogen⸗ ſchützen mit ihren Pfeilen, die auf höchſtens hundert Schritte einen Mann tödten oder verwunden konn⸗ ten, ganze Armeen vernichteten, ſo müßte er ſelbſt mit Kanonenkugeln oder Kartätſchen, die auf fünf⸗ hundert, ſogar tauſend Schritte fünf oder ſechs Mann zugleich tödten würden, eine ganz andere Verwüſtung anrichten. Bei Belagerungen war der Vortheil noch größer; die Pfeile prallten an den Wänden ab, wäh⸗ rend die Kanonenkugeln ſie zerſtörten. Der würdige Mann theilte dieſe Betrachtung dem König Karl VIM mit, der ihn zu ſeinem Feldzeug⸗ meiſter ernannte und in den Adelsſtand erhob. Jean Bureau nahm zum Wappen drei Boden⸗ bretter(burette), wie Jacques Coeur drei Herzen genommen hatte. Nur nahm er keinen Wahlſpruch, aber das Volk machte ihm einen: Grobes Woll⸗ tuch(burc) iſt ſo gut wie Scharlach. Frankreich begann alſo wieder aufzuathmen. Aber der Adel erhob ein Zetergeſchrei. Gegen Johanna von Arc als eine Hexe! Gegen Agnes Sorel als eine Buhlerin! Gegen Jacques Coeur als einen Kaufmann aus dem Sarazenenlande! Gegen Jean Bureau als eine Schreibmaſchine! Dunois war ſo wüthend, daß er aus der Raths⸗ ſitung des Königs weglief. Alle dieſe kleinen Leute, die Frankreich retteten, waren den Großen, die Frankreich plünderten, ein ſcharfer Dorn im Auge. Die Großen beſchloſſen alſo ſich nicht auf ſolche Art bei Seite ſchieben zu 90 laſſen, ſondern Alles aufzubieten, um ihre alten Rechte wieder zu erlangen. Sie machten einen Bund gegen den König. Der Herzog von Alencon warf ſich mit Leib und Seele hinein; Bourbon, Vendome, la Tremouille, Chabannes, le Sanglier, der Baſtard von Bourbon, dieſer ehemalige Anführer der Leuteſchinder, der trotz ſeines königlichen Namens gehenkt werden ſollte wie ein gemeiner Kerl, folgten ihm blindlings. Nur fehlte es dem Bund an einem Oberhaupt. Der Herzog von Orleans war noch in England; der Herzog von Burgund unterhandelte wegen ſeines Löſegeldes, und die Sache zog ſich in die Länge, denn es handelte ſich, wie wir bereits geſagt haben, um eine Summe, die nach unſerer heutigen Berech⸗ nung drei Millionen gleichkäme, und drei Millionen, das war allerdings viel, namentlich für den Sohn eines Mannes, welchen der Vater Philipps hatte er⸗ morden laſſen; denn wenn dieſer Sohn einen Groll nachtrug, ſo waren die drei Millionen verloren. Warum aber trat nicht der Dauphin von Frank⸗ reich an die Spitze der Verbündeten? Der Dauphin wäre wirklich der erſte Mann ge⸗ weſen: der Sohn gegen den Vater, das hatte man in den königlichen Häuſern ſchon mehr als einmal erlebt. Der Dauphin war kein anderer als der zukünf⸗ tige Ludwig XI. Wir haben geſagt, wer der zukünftige Karl der Kühne war; ſagen wir jetzt auch, wer der zukünftige Ludwig XI war. Der Dauphin Ludwig Xl war ein eigenthüm⸗ — die vo: La e, , ie d; es e n, hn er⸗ oll nk⸗ ge⸗ an nal der tige üm⸗ 9¹ liches Gemiſch von Geiſt, Scharfſinn, Schlauheit, Kühnheit, Feigheit, Verſtand, Ungeduld, Heimtücke und Grauſamkeit. Statt ihn Cw. Hoheit zu nennen, hätte man ihn Ew. Unruhe nennen können, wie Einq⸗Mars ſeinen Genoſſen de Thou nannte. „Er brütete Tag und Nacht über verſchiedenen Gedanken,“ ſagte Chatelain,„und ſetzte ſich oft die wunderlichſten Dinge in den Kopf.“ Aber der vorherrſchende Zug ſeines Charakters war die Ungeduld; es drängte ihn Etwas zu ſein, nicht um es zu ſein, ſondern um handeln zu können. Während er in ſeinem Herzen weder Freundſchaft noch Zuneigung, weder Treue noch Glauben hatte, hauste in ſeinem Hirn ein ſchrecklicher Geiſt. Er hatte eine unerhörte Erfindſamkeit zumal in niedrigen Mitteln, einen unwiderſtehlichen Drang nach Ab⸗ wechslung, ein furchtbares Verlangen ſich beſtändig zu bewegen und von der Stelle zu kommen. Wohin? das war gleichgültig; er hätte, wie die ruchloſe Toch⸗ ter des Servius Tullius, ſeinen Wagen über den Leichnam ſeines Vaters hinrollen laſſen. Er hatte von dieſem Vater Nichts als ſeine Liebe zum niedrigen Volk. Karl VII, der nicht wußte, was er mit dem ſchrecklichen Jungen anfangen ſollte, hatte ihn fortgeſchickt, um in Poitou und in der Bretagne, wo die Edelleute ſich gegen die königliche Gewalt empört hatten, Frieden zu ſtiften. Im Anfang ging Alles gut. Der erſte Rebelt, an welchen der junge Prinz die Hand legte, war ein Lieutenant des Marſchalls von Retz, ihr wißt, jenes abſcheulichen Gilles von Laval, Marſchalls von Retz, an welchen ſpäter der 92 König ſelbſt die Hand legte, der verbrannt oder vielmehr erdroſſelt wurde— denn der König er⸗ laubte, daß man ihn aus den Flammen herausnahm — und in deſſen Hof man die verkalkten Gebeine von vierzig Kindern fand. Nun wohl, dieſem Gilles von Laval, dem Schrecken der Bretagne, war Lud⸗ wig zuerſt zu Leibe gegangen. Dies war nicht ſehr beruhigend für die Edelleute; ſie unterhandelten alſo, um den Prinzen, der gegen ſie ausgeſchickt worden war, für ihre Sache zu ge⸗ winnen. Der Dauphin nahm ihre Anerbietungen än, ohne ſich allzu lang bitten zu laſſen. Jetzt brach der berüchtigte Aufruhr aus, welchen die Geſchichte unter dem Namen Praguerie ver⸗ zeichnet hat. Karl VII ſaß, nachdem er in Poitiers Oſtern gehalten, an der Mittagstafel. Da kommt ein ſtaub⸗ bedeckter Courier geſtiefelt und geſpornt herein und meldet, Saint⸗Maixent ſei genommen worden. „Von wem?“ fragt der König;„es ſind ja keine Engländer mehr da.“ „Von dem Herzog von Alengon und dem Herrn de la Roche.“ Der König ruft Richemont; Richemont bietet ſeine Leute auf; man bricht mit vierhundert Lanzen auf und kommt im Galopp vor Saint⸗Maixent an, wo die Bürger ſeit vierundzwanzig Stunden kämpfen, um ihre Stadt für den König zu erhalten. Der Sieg wurde nicht einmal ſtreitig gemacht. Den Herzog von Alengon ließ man mit ſeinen Leuten ziehen.— Der Herzog von Alencon war ein Prinz nt er⸗ m ne es d⸗ te; en ge⸗ e en ern ub⸗ ind ine — 93 von Geblüt, man wollte ſich nicht ganz mit ihm überwerfen.— Die Leute des Herrn de la Roche wurden gehenkt, erſäuft oder geköpft; er ſelbſt hatte das Glück zu entfliehen. Dunvis ſelbſt war dabei; aber Dunvis war ein kluger Degen: er hatte geſehen, wie die Bürger und die armen Leute Saint⸗Maixent gegen die Edelleute vertheidigten; er begriff, daß die Bürger und die armen Leute für den König waren, welcher die Sicher⸗ heit der Straßen, folglich die Verproviantirung der Städte, folglich wohlfeile Lebensmittel wollte. Er war alſo einer der Erſten, die herbeieilten und ſich unterwarfen. Er fand den König mit viertauſend achthundert Reitern und zweitauſend Bogenſchützen, die er in ſeinem Sold hatte.— Dies war die erſte bezahlte Armee, der Kern aller modernen Heere. Der König wußte Dunvis zu ſchätzen; er empfing ihn, wie wenn Richts vorgefallen wäre. Nach Dunvis kam der Herzog von Alengon, dann der Herzog von Bourbon, dann der Dauphin. Von Tremoille und Sanglier dagegen wollte der König Nichts wiſſen. Aber wie konnte der Dauphin eine Gnade an⸗ nehmen, die ihn ſelbſt ſchützte und einigen ſeiner Genoſſen verſagt wurde? „Gnädigſter Herr,“ ſagte er zu ſeinem Vater, „ich habe Allen Begnadigung verſprochen; ich muß alſo wieder umkehren, wenn Ihr Ausnahmen macht.“ Darauf antwortete der König, der ſeinen würdi⸗ gen Sohn bereits kannte: „Ludwig, die Thore ſtehen Euch offen, um zu Dumas, Karl der Kühne. 1. 7 94 gehen, und wenn ſie Euch nicht groß genug ſcheinen, ſo will ich noch ſechzehn oder zwanzig Klafter Mauer für Euch einreißen laſſen.“ Dieſer Krieg hatte zwei gute Reſultate. Der Herzog von Bourbon beſaß im Centrum Frankreichs Corbeil und Vincennes. Man nahm ſie ihm. Dann ſchickte man den Dauphin an die Grenze, in ſeine Apanage Dauphiné. Dies war ein Vorſchuß auf ſeine Erbſchaft, ein kleines König⸗ thum. Die Antwort des Königs und ſein ſtrenges Ver⸗ fahren gegen ſeinen Sohn hatten nichts Auffallendes, wenn man den jungen Ludwig kannte. Der gute Karl VII liebte die Weiber; Ludwig war ihnen gar nicht hold und verabſcheute ganz beſonders die Ge⸗ liebte ſeines Vaters. Die Tradition will wiſſen, er habe Agnes Sorel einmal eine Ohrfeige gegeben; dies war weiter Nichts als eine Rohheit, die einem Prinzen und Ritter keineswegs zur Ehre gereichte, übrigens eine kleine Sünde für dieſen Dauphin, der ſehr wenig Prinz und ganz und gar nicht Ritter war; aber eine andere Tradition beſchuldigt ihn einer ſchwereren Unthat. Als Agnes in einem Wochen⸗ bett ſtarb, behaupteten Viele, ſie habe Gift bekommen. So jung indeß der Herr Dauphin noch war, ſo war es ein großes Unglück ihm zu mißfallen, denn wer ihm mißfiel, der lebte nicht lange. Er hatte hierin Aehnlichkeit mit dem Herzog von Gloceſter, zu deſſen Geſchichtſchreiber Shakeſpeare ſich gemacht hat; der Haß vergiftete ſeinen Athem; wenn er Je⸗ mand haßte, ſo brauchte er nur zu blaſen, und der Gehaßte ſtarb. en, uer um hm die var ig⸗ er⸗ des, ute gar Ge⸗ er en; nem chte, der itter iner hen⸗ nen. ſo denn atte ſter, nacht der 95 Er verabſcheute ſeine erſte Gemahlin, Margareth von Schottland, und die ſchöne, geiſtreiche Prinzeſſin lebte nicht lange. Sie wäre vielleicht gänzlich ver⸗ geſſen, wenn ſie nicht eines Tags den Einfall gehabt hätte, einen ſchlafenden Dichter, Alain Chartier, auf den Mund zu küſſen. Ludwig brauchte zu ſeiner Abreiſe Geld und wandte ſich an Jacques Cveur. Dieſer war ein Kaufmann, der Geldgeſchäfte machte; ohne Zweifel dachte er, er könne dem Sohn ebenſo gut Geld leihen, wie dem Vater; überdieß beſaß er Scharfſinn genug, um vorauszuſehen, welcher Segen es für Frankreich werden dürfte, wenn dieſer böſe Sohn einmal König würde. Jacques Cveur lieh alſo dem Dauphin Geld; unſer großer Geſchichtſchreiber Michelet glaubt, daß er deßhalb in Ungnade gefallen ſei; Gott bewahre uns davor, daß wir eine andere Anſicht aufſtellen möchten als Michelet. Kaum war der Dauphin in der Dauphiné, ſo begann er, da er Geld beſaß, natürlich wieder zu intriguiren; er correſpondirte mit dem Herzog von Alengon, der kaum erſt begnadigt worden; er correſpondirte mit dem König von Caſtilien und dem Herzog von Burgund; er correſpondirte endlich mit dem Papſt, deſſen Vaſall er als Herzog von Valen⸗ tinois war. Als dann das Geld von Jacgues Coeur zur Neige ging und Ludwig um neue Mittel verlegen war, da ſein Land nur wenig lieferte, kam er auf die Idee Adelsbriefe zu verkaufen— verkaufte ja auch der Papſt Ablaßſcheine!— Der Dauphin adelte 96 alſo tagtäglich Krämer und Bauern, die mit ihren Diplomen in der Taſche nach Hauſe gingen, um Pfeffer auszuwägen oder ihre Felder zu beſtellen. Einige erhielten, ſagte man, den Adel auch un⸗ entgeltlich; nur hatten ſie Dienſte geleiſtet, und Lud⸗ wig belohnte ſie daher als treue Diener. Sie hatten ihren Herrn z. B. bei Nacht begleitet, hatten, ohne zu fragen, wohin er ging, eine Hecke durchbrochen und eine Leiter an einen Balcon geſtellt. Dieſe Hecke gehörte zu einem Park; dieſer Park gehörte zum Schloß Saſſenage. Was hatte der Dauphin Ludwig im Schloſſe Saſſenage zu ſchaffen? Dies war ein Geheimniß zwiſchen der Dame des Hauſes und ihm; ein gar intereſſantes Geheimniß, welches die Abkömmlingin der Fee Meluſine jedem Andern als ihrem Gemahl hätte anvertrauen können. Der Adel würde nicht viel darüber geſagt haben, daß der zukünftige König von Frankreich das Geld etwas von unten herauf holte, bei denjenigen, die welches beſaßen; dieſe neugebackenen Edelleute, welche der Speculant in Eigenliebe ihm zugeſellte, nannte er den Adel des Dauphin, und dieſe kleine Rache tröſtete ihn. Aber Ludwig hatte die Kirche beunruhigt; er hatte ſich Eingriffe in die Rechte der Biſchöfe der Dauphiné erlaubt; man erhob alſo lautes Geſchrei wider ihn und ſeinen vertrauten Genoſſen, den Her⸗ zog von Alengon. Den Herzog von Alengon! Der König war dies⸗ mal feſt entſchloſſen ihm ſeinen Proceß zu machen. m⸗ d⸗ ne en rk ſſe iß ar in hl en, eld die nte ine er der rei er⸗ ies⸗ en. 97 Dunvis, ſein Mitſchuldiger in der erſten Verſchwö⸗ rung, übernahm es ihn in der zweiten zu verhaften. Am 27. Mai 1456 legte er die Hand an ihn und ließ ihn nicht mehr los. Was Dunvis einmal hielt, das hielt er feſt. Der ehemalige Leuteſchinder Chabannes hatte ſich verpflichtet den Dauphin zu ihm zu führen; er verzieh es ihm nicht, daß er ihn aufgeopfert hatte, als er ſelbſt begnadigt wurde. Der Dauphin verließ ſich auf ſeinen Oheim, den Herzog von Burgund, und auf ſeinen Schwieger⸗ vater, den Herzog von Savoyen. Er wußte, daß ſein Vater gegen ihn nach Lyon marſchirte; er verſuchte Widerſtand zu leiſten und ordnete ein allgemeines Aufgebot vom achtzehnten bis zum ſechzigſten Jahr an. Kein Menſch gehorchte. Es blieb ihm Nichts übrig als die Flucht. Aber auch dieſe war keineswegs leicht: Chaban⸗ nes hatte ihm einen Hinterhalt gelegt; er hatte ſich anheiſchig gemacht dem König die Dauphiné und den Dauphin darin, den Käfig ſammt dem Vogel wieder zu verſchaffen. Aber Ludwig war ein ſchlauer Fuchs, der ſelbſt einem alten Leuteſchinderhauptmann eine Naſe zu drehen wußte. Er ſchützte eine Jagd vor, ſchickte ſeine Leute auf die eine Seite und entwiſchte auf der andern. Während Chabannes die Jäger jagte, machte Ludwig ſich aus dem Staube, ritt im Galopp durch Bugey und Valromey, und gelangte nach einem Eil⸗ ritt von dreißig Meilen glücklich in die Franche⸗ Comté. 98 Hier athmete er wieder auf: die Franche⸗Comté gehörte zum Gebiet des Herzogs von Burgund. u Als Karl VII die Ankunft ſeines Sohnes am ſ Hofe des guten Herzogs erfuhr, fragte er ſogleich, wie dieſer ihn empfangen habe. d „Sehr gut,“ antwortete man ihm. 3 „So, ſo,“ ſagte Karl VII;„der Herzog wird da geſtraft werden, wo er geſündigt hat; er hat einen Fuchs aufgenommen, der ihm ſeine Hühner t freſſen wird.“,— 6 Wirklich ein wahrer Fuchs! v Während er ſeinen Leuten befahl wo möglich W gegen ſeinen Vater Stand zu halten, hatte er dieſem je geſchrieben, daß er als Bannerträger der heiligen römiſchen Kirche nicht umhin gekonnt habe der Auf⸗ n ſorderung des Papſtes Genüge zu leiſten und ſich w ſeinem theuren Oheim zu dem Kreuzzug anzuſchlie⸗ S ßen, welchen er zur Vertheidigung des katholiſchen Glaubens gegen die Türken beabſichtige. ſa Der gute Apoſtel hatte den Fall vorhergeſehen, la daß der Herzog von Burgund Miene machen könnte N ihn an ſeinen Vater auszuliefern; er ſtellte ſich alſo ur unter den Schutz des Papſtes. ſp Aber nein, er hatte Nichts zu fürchten: der gute ge Herzog und ſeine Gemahlin empfingen und behan⸗ ab delten ihn, wie ſie nur den König ſelbſt hätten em⸗ ne pfangen und behandeln können; er dagegen machte ſich um ſo kleiner, je größer man ihn machen M wollte. Sein Gelüſte ging nicht dahin dieſe ſchöne ſich Armee des Herzogs nach Conſtantinopel oder Jeru⸗ hã ſalem zu führen, um die heiligen Orte zu befreien c oder ſeinen Oheim zum Kaiſer des Orients zu ma⸗ ich m en ich ie⸗ en en, nte lſo ute an⸗ m⸗ hte hen öne ru⸗ ien ma⸗ 99 chen; er wünſchte ſie vielmehr nach Paris zu führen, um ſeinen Vater unter Vormundſchaft zu ſtellen und ſich zum König von Frankreich ausrufen zu laſſen. König von Frankreich war ein ſo ſchöner Titel, daß er kaum warten konnte, bis er ihm rechtmäßig zufiel. Aber dies taugte nicht in die Pläne des Herzogs. Er hatte mit aufmerkſamem Auge Frankreich be⸗ trachtet und die ganze Stärke dieſer Macht erkannt. Der König hatte am 7. Juli 1456 die Jungfrau von Orleans rehabilitirt; darin lag eine juridiſche Verurtheilung derjenigen, die ſie verbrannt, und des⸗ jenigen, der ſie ausgeliefert hatte. Und dann fand Philipp, als er ſeine Macht ge⸗ nau prüfte, daß er ſich doch nicht ſo wohl befand wie er ausſah; er krankte noch an Flandern und hatte Schmerzen an Holland. Ueberdies beunruhigte ihn eine Nachricht: man ſagte, die Tochter Karls VII werde ſich mit Ladis⸗ laus, König von Böhmen und Ungarn, vermählen. Nun ſtammte Ladislaus aus dem Hauſe Luxemburg, und der König von Frankreich konnte gewiſſe An⸗ ſprüche auf Luxemburg, als das Erbe ſeines Schwie⸗ gerſohnes, erheben. Der Tod ſchnitt dieſen Prozeß ab; aber wer konnte vorausſehen, daß Ladislaus mit neunzehn Jahren ſterben würde? Der gute Herzog befand ſich alſo mit all ſeiner Macht in einer gewiſſen Unbehaglichkeit, über die er ſich ſelbſt nicht klar war, die auch damals Niemand hätte erklären können, und welche nur das Auge eines modernen Geſchichtſchreibers aufzudecken ver⸗ mag. 100 Wir haben von den Anſtrengungen geſprochen, welche die Könige des 14. Jahrhunderts machten, um das Feudalverhältniß wiederherzuſtellen. Nun wohl, ſie hatten, wenn wir uns moderner Ausdrücke bedienen dürfen, eine politiſche, aber keine ſociale Feudalität hergeſtellt. Das urſprüngliche Feudalverhältniß war ein na⸗ türliches; die Macht des Grundherrn über das Ge⸗ biet, wo er ſelbſt, wie auch ſein Vater und ſein Großvater, geboren war, wo ſeine Familie feſte Wur⸗ zeln geſchlagen hatte. Im 14. und 15. Jahrhundert dagegen hatten Apanagen, Heirathen und Erbſchaften Alles umge⸗ kehrt. Philipp der Kühne, ein Franzoſe, war Her⸗ zog von Burgund; das war ganz gut, da Burgund ein franzöſiſches Land war; aber wie konnte ein Fran⸗ zoſe Graf von Flandern, Herzog von Luxemburg, Pfalzgraf von Holland ſein! In den Staaten des Herzogs von Burgund ſprach man alſo flämiſch, walloniſch, holländiſch, deutſch, franzöſiſch; fünf Sprachen und vielleicht zwanzig Dialecte, ein wahres Babel! Und überdies verab⸗ ſcheuten all dieſe Völkerſchaften einander und betrach⸗ teten ſich gegenſeitig mit eiferfüchtigem Haß. Seltſam! Vollkommen gleiche Länder, wie Lüttich und Luxemburg, Holland und Flandern, zeigten ganz entgegengeſetzte Charaktere. Und dann übte Frankreich ſchon damals einen Einfluß auf dieſe Völker, durch die Maas und Lüt⸗ tich, wo franzöſiſch geſprochen wird, und durch die Märker, die von Geburt Deutſche, von Intereſſe und Herzen aber Franzoſen ſind. — —+„— a⸗ ein ur⸗ ten ge⸗ er⸗ nd an⸗ rg, ſch, g ab⸗ ch⸗ tich anz nen üt⸗ die und 101 Selbſt der Herzog von Burgund, der eine picar⸗ diſche Familie, die Croy, Alles gelten ließ, empfing und inoculirte ſich das Allergefährlichſte, Unruhigſte und Auflöſendſte, was Frankreich hatte; er wärmte den Dämon der modernen Politik, Ludwig XI, an ſeinem Buſen. Ach ja, der demüthige, ſanfte, heimtückiſche Dau⸗ phin durchſchaute, während er die Broſamen der herzoglichen Tafel aß, recht gut die ſchwachen Theile an dem glänzenden Gerüſte, auf welchem der gute Herzog thronte. Er war in Gemappe, einem kleinen Städtchen, das auf der Straße von Paris nach Brüſſel liegt. Hier führte er ein ſehr beſcheidenes Haus, hatte kei⸗ nen Hof, lebte von einer Penſion des guten Herzogs, vom Heirathsgut ſeiner Frau und von Almoſen, welche der demüthige Herr auf allen Seiten mit ſei⸗ nem Sammtpfötchen einſammelte. Mit was beſchäftigte er ſich in Gemappe? Schein⸗ bar mit Nichts. Ein eifriger Leſer, hatte er ſeine Bibliothek kom⸗ men laſſen, und las vom frühen Morgen bis in den ſpäten Abend. Er kennt die Erfindung der Buch⸗ druckerkunſt, er folgt den Fortſchritten derſelben, und bei ſeiner Thronbeſteigung wird er Drucker aus Straßburg nach Paris kommen laſſen. Aber bei all dieſem eifrigen Studium thut er Alles, um ſeinen Vater in Verzweiflung zu bringen. In der Ferne gefährlicher als in der Nähe, imponirt er ihm durch teufliſche Mittel à la Franz Moor, und jagt ihm Furcht vor ſeiner ganzen Umgebung ein. Die vorübergehenden Schreckniſſe des alten Königs 102 werden bald zu einer beſtändigen qualvollen Angſt; Alles was er ißt und trinkt, ſcheint ihm einen ſelt⸗ ſamen Geſchmack, wie von Gift, zu haben, und aus Furcht vor Vergiftung ſtirbt er an Hunger und Durſt. Kurz vor dem Tode Karls VII ließ der Graf von Charolais, der von ſeinem königlichen Gaſt bearbei⸗ tet wurde und mit ſeinem Vater beinahe zerfallen war, bei dem alten König anfragen, ob er ihn in Frankreich empfangen könne. Es wird ihm noch weit mehr als das zu Theil: Ludwig Xl iſt König. Nie war übrigens der Tod eines Vaters mit einer ſolchen Freude aufgenommen worden, wie jetzt der Dauphin offen an den Tag legte. Er, der zu⸗ weilen ſeine guten Gefühle verbarg, machte ganz und gar keinen Hehl aus ſeinem Vergnügen über dieſes Ereigniß, das ihm die philoſophiſchſten Be⸗ trachtungen einflößte. „Ach!“ ſagte er zum nächſten Beſten,„was iſt doch die Welt, und welche verſchiedenen Schickſale ſchickt Gott nicht Jedem zu! Ich, der ärmſte Königs⸗ ſohn, der je gelebt; ich, der ich ſeit meiner Kindheit Nichts als Leiden, Drangſale und Armuth, Qualen und Elend überſtanden, der ich aus meinem Erbe und aus der Liebe meines Vaters verdrängt worden, der ich ſammt meiner Frau vom Borgen und Bet⸗ teln leben mußte, keinen Fuß breit Land, kein Dach, um mein Haupt niederzulegen, keinen rothen Heller beſaß, und von der Barmherzigkeit meines Oheims mein Daſein friſtete, ich werde jetzt auf einmal von Gott mit einem unermeßlichen Glück bedacht! Ich ð) ſqS)c — ſi lt⸗ ſt 103 bin jetzt der reichſte und mächtigſte König der Chriſten⸗ heit, noch mächtiger als mein königlicher Vater, denn ich habe meinen Oheim für mich, deſſen Freundſchaft er niemals zu erwerben wußte.“ Er war in der That über dieſes Glück ſo hoch erfreut, und beeilte ſich dermaßen in den Genuß des⸗ ſelben zu kommen, daß er unmittelbar nach Empfang der Botſchaft abreiste, und ſich nicht einmal die Zeit nahm dieſem theuren Oheim, deſſen Freundſchaft er ſo hoch ſtellte, oder ſeinem Vetter, den er beinahe zum Rebellen gemacht hatte, Lebewohl zu ſagen. Er ließ der Königin weder einen Wagen, noch ein Pferd zurück, um gleichfalls abzureiſen, ſondern rief ihr zu, ſie ſolle die Equipagen ihrer Couſine, der Gräfin von Charolais, entlehnen. V. Der König iſt todt: es lebe der König. Karl VII war am 22. Juli 1461 geſtorben. Der Herzog von Burgund befahl allen Edelleuten ſeiner Staaten ſich ſammt ihren Dienſtmannen bewaffnet in St. Quentin einzufinden. Er wußte noch nicht, wie man in Frankreich den neuen König empfangen würde. Ludwig ſelbſt wußte es ebenſo wenig und hatte deshalb in Avesnes angehalten. Der Sire von Brezé, Seneſchall der Normandie, einer der vor⸗ nehmſten Rathgeber des verſtorbenen Königs, eilte ſeinem neuen Herrn entgegen, hielt jedoch vorſichtiger 2 104 Weiſe in Bavay an und ſchickte den Sire von Aiſy ab, um die Befehle Ludwigs Xl einzuholen. Dieſe waren kurz und bündig. „Saget dem Sire von Brezé,“ antwortete der König dem Boten,„er habe ſich als Gefangener zu betrachten und meine Befehle zu erwarten.“% Dies war für die Andern nicht ſehr ermuthigend. Ludwig hatte ſogar große Luſt den Seneſchall verhaften zu laſſen, aber er wagte es nicht, weil ſich auf dem Gebiet des guten Herzogs be⸗ and. Endlich, als er ſich überzeugt hatte, daß er in Frankreich keinen Widerſtand finden würde, ließ er ſchnell ein Requiem ſingen, dem er nebſt ſeinem Oheim, welcher ihn eingeholt hatte, anwohnte; dann gab er unmittelbar nach der Meſſe Befehl, man ſolle ſich zur Abreiſe nach Rheims bereit halten, wohin er geradewegs gehen wollte, um ſich ſalben zu laſſen. In Frankreich wurde der verſtorbene König ſehr betrauert, aber in Wirklichkeit nur von dem Volke; der Adel trauerte über ſich ſelbſt, denn bei der Lei⸗ chenfeier des Königs wurde auch ihm zu Grabe ge⸗ läutet; deshalb wendete auch Tanneguy du Chatel, Neffe des berüchtigten Tanneguy, der den Axthieb bei Montereau geführt, dreißigtauſend Thaler von ſeinem eigenen Geld daran, weil er dieſe Feier nicht königlich genug fand. Die Edelleute begriffen wohl, daß ſie von dem neuen Souverän, deſſen unritter⸗ lichen Sinn man kannte, Nichts zu erwarten hatten. Als daher unter den Gewölben des Doms von Saint⸗Denis der Ruf erſcholl;„Der König iſt todt; Aiſy der zu nd. al eil be⸗ in er em nn lle in 105 es lebe der König!“ da fügte Dunvis ganz leiſe hinzu: „Jeder ſorge für ſich ſelbſt!“ Brezé hatte dies bereits gethan; man hat ge⸗ ſehen, wie ihm die Sache geglückt war. Nach ihm kam der Herzog von Bourbon, der ehemalige Mitſchuldige des Dauphin und einer der mächtigſten Fürſten des Reichs. Er war Gouver⸗ neur von Guyenne, Herzog von Auvergne, Graf von Forez, Herr von Dombes, von Beaujolais u. ſ. w.; er konnte von Bordeaur nach Savoyen reiſen, ohne fremdes Gebiet zu betreten. Der Dau⸗ phin hatte ihm früher das Connetableſchwert ver⸗ ſprochen, und er glaubte es in Avesnes zu finden; als er aber ankam, hatte er im Gegentheil ſein Gou⸗ vernement von Guyenne verloren. Der König wollte über dieſes Abſteigequartier der Engländer ſelbſt die Aufſicht führen. Aus einem ähnlichen Grund nahm er dem Ba⸗ ſtard von Orleans das Gouvernement der Normandie und Dammartin das von Poitou. Der königliche Zöllner wollte nicht, daß man an der Küſte politiſche Contrebande treibe. Uebrigens war es für Ludwig Kl ſehr nöthig in Bezug auf England klar zu ſehen. Die weiße Roſe hatte die rothe Roſe überwunden, York hatte über Lancaſter geſiegt. Ein neuer König in England konnte ſich durch einen Einfall in Frank⸗ reich ſehr populär machen: der junge Eduard und der Königsmacher Warwick konnten zu dieſem Mittel greifen; der gute Herzog war ſchon ſeit langer Zeit mit den Engländern und erſt ſeit geſtern mit dem * 106 König von Frankreich befreundet; Alles was man von ihm hoffen konnte, war, daß er ſich neutral hielt. Und wirklich war auch das Erſte, was die Engländer bei der Nachricht von Karls VII Tod thaten, daß ſie einen Boten zu dem Herzog von Bur⸗ gund ſchickten; aber Ludwig XI, der dies erfuhr, ſandte Johann von Reilhac ab, der dieſen Boten feſtnahm und ſich ſeiner Briefe bemächtigte. Dies war eine erſte Warnung für den guten Herzog, daß er an ſeinem Neffen einen Mann fin⸗ den werde, der ſich nicht im Bart kratzen laſſe. Die zweite Warnung erhielt er, als der neue König beim Anblick der großen Vorbereitungen, die ſein Verwandter machte, um ihn zur Krönung nach Rheims zu begleiten, zu Herrn von Croy ſagte: „Aber warum will denn mein theurer Oheim ſo viele Leute mitnehmen? Bin ich nicht König, und ſind die Straßen nicht ſicherer, als zur Zeit, wo die arme Jungfrau für meinen Vater that, was der Herzog heute für mich thut?“ Und wirklich verſperrte Nichts den Weg, außer die alten Höflinge und die neuen Schmeichler. Jede Stadt, jeder Flecken, jedes Dorf hatte ſeine Deputa⸗ tion und ſeine Redner; aber Ludwig XI war weni⸗ ger zugänglich als ſpäter Heinrich W, welcher be⸗ hauptete, die Redner ſeien an ſeinen grauen Haaren Schuld; wenn er eine Geſandtſchaft von Weitem ſah, ſchickte er ihr Befehl nicht näher zu kommen, oder wenn er unverſehens überraſcht wurde, ſagte er in ſeinem eigenthümlichen Ton zu dem Redner: „Faſſet Euch kurz!“ Oft kehrte er ſogar der Rede und dem Redner man tral die Tod Bur⸗ uhr, oten uten neue die nach n ſo und die der ßer ede uta⸗ eni⸗ be⸗ ren ſah, der in ner 107 den Rücken. Man hatte nie ein ſo unkönigliches Benehmen geſehen. Gleichwohl gab es gewiſſe Redner, welche der König aufmerkſam anhörte. Warum? das wußte man nicht. Einer davon war ein gewiſſer Thomas Baſin, Biſchof von Liſieux, der gegen Ludwig XI ſehr giftig war und die Chronik von Amelgard ſchrieb. Er hielt dem neuen König eine lange Predigt über die Nothwendigkeit die Steuern zu vermindern, und der König hörte ihn nicht bloß geduldig an, ſondern bat ihn auch inſtändig ſeine ſchöne Rede aufs Papier zu bringen, damit er mit Muße darüber nachdenken könne. Das Ergebniß dieſes Nachdenkens war die Abſetzung des biſchöflichen Staatsöconomen. So kam man, die Reden anhörend oder ihnen den Rücken kehrend, nach Rheims. Wer den König von Frankreich nicht gekannt hätte, würde geſchworen haben, daß der gute Herzog oder ſein Sohn der Graf von Charolais gekrönt werden ſolle. Dieſe beiden waren prachtvoll und beherrſchten von ihren ſtattlichen, mit Sammt bedeckten Pferden herab die ganze Menge. Der König dagegen ritt demüthig und armſelig, ſchlechter gekleidet als die Pferde des Herzogs, allerdings voraus, aber ſo wie ein Diener ſeinem Herrn vorauszieht. In ſeinem Gefolge waren lauter burgundiſche Herren: der Graf von Nevers, der Graf von Etampes, der Herr von Ravenſtein: Franzoſen beinahe gar keine. Hinter den burgun⸗ diſchen Herrn kamen die Pferde und Maulthiere, welche das Gepäck trugen, mit Sammtdecken, in welche das Wappen des Herzogs geſtickt war, und mit ſilbernen Glöckchen am Hals; dann zweihundert⸗ 108 vierzig prächtige, mit den herzoglichen Bannern ge⸗ ſchmückte Wagen, welche Gold⸗ und Silbergeſchirr, Geld und ſogar den Beauner Wein brachten, der bei dem Feſt getrunken werden ſollte. Zuletzt kamen die flandriſchen Ochſen und die Ardenner Schafe, die auf der Tafel prangen ſollten. Man hätte meinen können, der gute Herzog habe durch eine Wüſte zu reiſen und ſich demgemäß ver⸗ proviantiren zu müſſen geglaubt. So kam es, daß diefer ganze Pomp mehr einem Viehmarkt als einem Krönungszuge glich. Der König ſeinerſeits befaßte ſich mit dieſem materiellen Theil des Feſtes ganz und gar nicht; nur der Himmel ſchien ihn zu beſchäftigen; er blickte beſtändig aufwärts und bekreuzte ſich unaufhörlich; Ler betete Tag und Nacht, in den Kirchen, auf allen Stationen; er betete vor ſeinem Hut, den er auf einen Tiſch ſtellte. Sein Hut begann jetzt eine Art von Reliquienkäſtchen zu werden, welches die drei oder vier Mütter Gottes enthielt, denen er ſeine An⸗ dacht verrichtete. Am Vorabend der Krönung war er noch um Mitternacht in der Kirche, communicirte, betete, hörte die Meſſe und wartete ſehnſüchtig auf das heilige Helfläſchchen, das man von Saint⸗Remy brachte. So bald er hörte, daß es kam, eilte er an die Thüre, empfing es knieend, mit gefalteten Händen, betete das Hel, die Flaſche und Alles an. ℳ Unter den Krönungsfeierlichkeiten beſtand eine darin, daß man den König ganz nackt auszog und im Coſtüm Adams vor dem Sündenfall zum Altar , — 8 e— 109 ge⸗ führte; dieſer Brauch war aus leicht begreiflichen irr, Gründen abgekommen. der Ludwig Kl führte ihn in ſeiner ganzen Strenge men wieder ein; dies war eine große Demuth von ihm, die denn er war ſchon in den Kleidern ſehr häßlich und gewann ganz und gar Nichts dabei, wenn er ſich im abe Naturzuſtand ſehen ließ. ver⸗ Die vornehmſten Prälaten und Prinzen entklei⸗ deten ihn zwiſchen zwei Vorhängen, und nun ſah nem man plötzlich eine magere, bleiche Geſtalt hervor⸗ kommen, ſich vor dem Altar auf die Kniee ſtürzen ſem und die Salbung empfangen, welche der Erzbiſchof cht; an der Stirne, den Augen, dem Mund, den Ell⸗ ckte bogen, den Lenden und dem Nabel vollzog. ch; Und gleichwohl fürchtete Ludwig noch, die Cere⸗ len monie möchte nicht ganz vollſtändig ſein. auf„Bin ich auch wirklich überall geſalbt?“ fragte r. Art Man hatte die größte Mühe ihn zu beruhigen. rii Dann ließ er ſich wieder ankleiden: die Pairs Un zogen ihm Alles, vom Hemd bis zum Mantel, an und ſetzten ihn dann auf ſeinen Thron, der ſieben⸗ undzwanzig Fuß hoch war. wte Hierauf ergriff der erſte Pair, der Herzog von ige Burgund, der neben ihm ſtand, die Krone, hielt ſie te. über das Haupt des Königs empor und ſetzte ſie re, ihm dann recht paſſend auf den Kopf, indem er da⸗ rie zu rief: „Es lebeeder König! Montjoie! Saint-Denis!“ ſie Sodann führte er ihn zur Opfergabe und bezeich⸗ d nete ihm die Augenblicke, wo er ſeine Krone abneh⸗ tar men und wieder aufſetzen, auf den Altar ſteigen und wieder herabkommen ſollte. Endlich nach vollen⸗ Dumas, Karl der Kühne. 8 „—— 110 deter Ceremonie kniete Ludwig vor dem Herzog nie⸗ der; wenn er Ritter ſchlagen wollte, mußte er zuvor ſelbſt dazu geſchlagen werden. Der Herzog gab ihm mit der flachen Klinge einen Schlag auf den Rücken, und nun konnte der König ebenfalls den Ritterſchlag ertheilen. Das Krönungsmahl war prachtvoll. Der König ſaß dabei auf ſeinem Thron; nur hatte er dafür ge⸗ ſorgt, daß derſelbe diesmal nicht ſiebenundzwanzig Fuß hoch, ſondern im Bereich eines Tellers ſtand; und als ſeine Krone ihn beläſtigte, da ſie ihm bis über die Ohren hereinfiel, ſo nahm er ſie ohne Wei⸗ teres ab, ſtellte ſie auf einen Tiſch und begann jetzt ganz ungenirt zu plaudern. Aber mit wem? Etwa mit den Prinzen? Nicht doch; er plauderte mit Phi⸗ lipp Pot, der kein vornehmer Herr war, folglich nicht an der Tafel ſitzen konnte und hinter dem Lehnſtuhl des Königs ſtand. Die Feier endete mit großen Geſchenken, welche der Herzog dem König machte, und mit der Huldigung, die der Vaſall ſeinem Lehnsherrn darbrachte. Der Herzog nahm übrigens die Sache nicht zu genau: er huldigte nicht bloß für ſeine franzöſiſchen Ländereien, ſondern auch für ſeine zum deutſchen Reich gehörigen Beſitzungen: Brabant, Luxemburg, Hennegau, Na⸗ mur u. ſ. w. Es war klar, daß der Herzog von Burgund in dieſem Augenblick ſich für den wahren König von Frankreich hielt und ſeine Huldigungen ſich ſelbſt darzubringen meinte. Er konnte es auch in Paris noch glauben; denn beim Einzug, den er ſelbſt vollſtändig leitete und ern mit Me Lor ner ſen bra vor ein ein Die Ha nie⸗ uvor ihm cken, hlag önig nzig nd; bis Lei⸗ jetzt twa hi⸗ icht uhl lche ng, Der er ien, gen Na⸗ in von lbſt nn ind 11¹¹ befehligte, wurden ihm alle möglichen Ehrenbezeugun⸗ gen zu Theil. Der Herzog von Burgund beſaß, wie wir bereits geſagt, ſein Hotel in Paris; er hatte es zum Voraus in Bereitſchaft ſetzen laſſen, und dieſe Vorſichtsmaß⸗ regel war nicht unnöthig, da Philipp ſeit ſechsund⸗ zwanzig Jahren nicht mehr nach Paris gekommen war. Er traf am 20. Auguſt ein, während Ludwig XI in Saint⸗Denis zurückblieb, wo ein Trauergottes⸗ dienſt für den verſtorbenen König gehalten wurde. Dieſer kam am folgenden Tage nach und ſtieg in einem Hotel ab, das Jean Bureau in den Porche⸗ rons beſaß. Der Herzog ritt ihm mit zweihundertundvierzig Edelleuten entgegen. Der Magiſtrat und die Corporationen der Stadt erwarteten den König an der Porte Saint⸗ Denis, mit Coeur⸗Loyal, dem Herold der Stadt Paris. Der Magiſtrat übergab ihm die Schlüſſel, und Coeur⸗ Loyal ſtellte ihm fünf reich geſchmückte und auf ſchö⸗ nen Pferden reitende Damen vor, welche die fünf Buchſtaben der Stadt Paris vertraten. Der König erſchien an der Spitze von zwölftau⸗ ſend Reitern. Man hatte ihn mit Mühe dazu ge⸗ bracht, daß er zu dieſem feierlichen Einzug eine Art von Toilette machte: er trug ein carminrothes Wamms, einen weißen Atlaßmantek und ein Barett. Er ritt einen Schimmel zum Zeichen ſeiner Souveränetät. Die Schöffen hielten einen Thronhimmel über ſeinem Haupt. Beinahe unmittelbar hinter ihm kam der Herzog 112 von Burgund in prächtiger Kleidung und auf einem He herrlichen Roß. Sattel und Stirnblech dieſes Pfer⸗ Mi des waren mit Diamanten beſäet; die Kleider des Reiters ſchimmerten von ſolchen; eine Börſe, die er klu am Gürtel trug, beſtand aus den koſtbarſten Perlen; wo er hatte für mehr als eine Million Edelſteine an ſich. len Der König begab ſich direct nach Notre⸗Dame, abe um ſeine Andacht zu verrichten. In allen Straßen, des durch welche er kam, fanden Zauberſpiele ſtatt; aber der eins der ſchönſten Schauſpiele waren die Sirenen in nio der Rue du Ponceau, d. h. drei junge Mädchen, die Ch bis an den Gürtel im Waſſer ſtanden und zur Laute All oder Leier ſangen. Ihre Oberkörper waren ganz unverhüllt, der untere Leib wurde nur durch das au⸗ Waſſer verdeckt. Man hatte für die Rollen dieſer Rit unwiderſtehlichen Zauberinnen die drei ſchönſten jun⸗ ein gen Mädchen ausgeſucht. die Als man an die Hallen kam, rief ein Metzger: wu „O wackerer und edler Herzog von Burgund! Seid willkommen in der Stadt Paris! Ihr waret ten lange nicht hier, obſchon wir uns ſehr nach Euch Zu ſehnten.“ ℳ klei In Notre⸗Dame verehrte der König die Reliquien, leg leiſtete dem Biſchof den Eid, ſchlug einige Ritter und Bil begab ſich dann ins Schloß zur Tafel. Tu Die neuen Ritter ſollten bei einem Turnier im ſchl Hotel des Tournelles figuriren. Wo der Herzog der von Burgund und ſein Sohn waren, da gab es immer vog Feſtlichkeiten, und dieſe konnten ohne Turniere nicht ſchr ablaufen. von Die Platzhalter waren der Graf von Charolais, ßer Adolph von Cleve, der Baſtard von Burgund, die Kan inem Pfer⸗ des ie er rlen; ſich. ame, ßen, aber nin „ die aute ganz das ieſer jun⸗ er: und! varet Euch uien, und r im rzog nmer nicht lais, „die 113 Herren von Gruthures, von Eſquerdes und von Miraumont. Der König ſelbſt brach keine Lanze: er war zu klug, um ſein Vergnügen bei einem Spiel zu ſuchen, wobei es Püffe ſetzte. Wären ſolche nur auszuthei⸗ len geweſen, ſo würde er vielleicht mitgehalten haben; aber empfangen wollte er keine. Gegen das Ende des Turniers erſchien ein ganz unbekannter Kämpe, der aber, nachdem er ſeine Ahnenprobe abgelegt, nicht abgewieſen werden konnte.„Er ſprengte,“ ſagt Chatelain,„unter die Kämpfenden hinein und warf Alles in den Staub.“ Der König ſelbſt hatte dieſen gewaltigen Kämpen ausfindig gemacht und dafür bezahlt, daß er die Ritter gehörig zurichten ſollte; er verbarg ſich hinter einem Fenſterladen und lachte nach Herzensluſt über die furchtbaren Püffe, womit die Edelleute bedacht wurden. Der König zeigte ſich nicht bei dieſen Feſtlichkei⸗ ten, und welche Rolle würde er auch, ſelbſt als bloßer Zuſchauer, dabei geſpielt haben? Er hatte ſeine Feſt⸗ kleider zum fröhlichen Einzug in Paris bald abge⸗ legt und das Coſtüm wieder angezogen, worin ſein Bild auf uns gekommen iſt: einen groben grauen Tuchmantel, Filzhut und Reiſekamaſchen. Er ver⸗ ſchloß ſich in ſeinen traurigen Palaſt wie eine Eule, deren Farbe er auch hatte, und ging wie ein Nacht⸗ vogel nur Abends aus. Statt lärmend mit einigen ſchmucken Edelleuten und einem glänzenden Gefolge von Pagen und Knappen auszuziehen, wie ſein gro⸗ ßer Oheim, der Herzog von Orleans, oder ſein Vater Karl WM, ſchlich er ſich geräuſchlos und im Dunkeln 8. 114 mit einem gewiſſen Biſche fort, den er früher als Spion bei ſeinem Vater gebraucht, und der den Auf⸗ trag hatte dem Grafen von Charolais recht tüchtig den Hof zu machen, damit er den König die Städte an der Saone zurückkaufen laſſe. Von dem guten Herzog hoffte der König von Frank⸗ reich Alles herauszuſchlagen, was er nur wollte, denn er betrachtete ihn als einen alten Schwachkopf, den er nach Belieben gängeln könne; aber anders ver⸗ hielt es ſich mit dem jungen Grafen. Er führte ihn, beſtändig in Begleitung ſeines Freundes Biſche, zu ſchönen Damen, that ihm alle erdenklichen Ehren an, nannte ihn ſeinen lieben Vetter, gab ihHm ein Hotel in Paris, ſowie die Statthalterſchaft von der Normandie mit einem Gehalt von ſechsunddreißig⸗ tauſend Franken; Alles das zum Beweis ſeiner Er⸗ kenntlichkeit gegen den alten Herzog, dem er nie ge⸗ nug danken könne. Als dieſer daher trotz der dringenden Zureden Ludwigs endlich abreiſen wollte, da rief der König ſeinen Staatsrath, die Univerſität, das Bisthum Paris, kurz alle möglichen weltlichen und geiſtlichen Behörden zuſammen, zeigte ihnen den Herzog und ſprach: „Ihr Herren, ſeht, das iſt mein Oheim, der ein⸗ zige Menſch in der Welt, dem ich Erkenntlichkeit ſchulde: ich verdanke ihm mein Leben und meine Krone. Er will jetzt nach Hauſe zurückkehren, wäh⸗ rend ich eine Reiſe in die Touraine unternehmen will; er iſt ſo groß, daß ich ihm Nichts anzubieten vermag, was ſeiner würdig wäre, aber ich befehle Euch ihm zu Ehren eine allgemeine Proceſſion zu S—= 8 Sc=— c G 8 8S 8 S 8 8 — als Auf⸗ chtig tädte rank⸗ denn den ver⸗ ihn, hren ihm von ßig⸗ Er⸗ ge⸗ den nig um chen und ein⸗ eit eine äh⸗ nen ten ehle zu 1¹⁵ veranſtalten, wobei Ihr für ihn, für mich und für das Wohl des Königreichs beten ſollt. Er iſt mein Vater und mein Retter, und obſchon Gott es wohl weiß, ſo wünſche ich doch, daß Ihr es ihm in Euren Gebeten noch einmal ſaget; Ihr könnt für ihn nicht mehr thun als Ihr ſchuldig ſeid, und ich, ich ver⸗ danke ihm ſo viel, daß ich niemals genng thun werde.“ Der gute Herzog war ganz beſchämt durch die⸗ ſes Uebermaß von Erkenntlichkeit. Die Proceſſion fand wirklich am 23. oder 24. ſtatt; dann begab ſich der König auf die Reiſe. Der gute Herzog begleitete ſeinen Mündel bis zur Stadt hinaus; hier ſchien der König ſo ſchmerzlich betrübt über dieſe Trennung, daß er nahe daran war ſeine Reiſe abzubeſtellen; endlich jedoch gewann er es über ſich dem Herzog Lebewohl zu ſagen, was ihn einen Strom von Thränen koſtete. Sechs Tage ſpäter reiste auch der Herzog von Burgund, von Huldigungen und Schmeicheleien aller Art förmlich zu Boden gedrückt. Er war zwar über⸗ zeugt, daß man ſeinen Spaß mit ihm getrieben hatte, allein er konnte es nicht beweiſen; alle Rollen waren mit ſolcher Gewandtheit geſpielt worden, daß er Nichts dagegen zu ſagen vermochte. Drei Meilen von Paris ſah Philipp einen ganz beſtürzten Mann hinter ſich her rennen. Es war der Gouverneur von Paris, der ſich erſt jetzt eines Befehls erinnerte, welchen der König ihm ſchon vor ſechs Tagen ertheilt hatte, nämlich dem Herzog von Burgund die Schlüſſel der Feſtung zu überreichen, damit er irgend eine beliebige Beſatzung hineinlegen 116 könne; er flehte den guten Herzog an, er möchte doch dem König nicht ſagen, daß er den erhaltenen Befehl erſt ſo ſpät vollzogen habe; denn ſonſt würde er ſeine Nachläßigkeit hart zu büßen haben. Was konnte Philipp dazu ſagen? Er tröſtete den Gouverneur, ſprach ihm Muth ein, machte ihm ein ſchönes Geſchenk und ſchickte ihn mit ſeinen Schlüſſeln wieder nach Hauſe. Der Graf von Charolais hatte eine Reiſe in ſeine Heimathprovinz Burgund angetreten, deren Her⸗ zog er einmal werden ſollte, und die er noch nie be⸗ ſucht hatte. Nach dieſem Ausflug begab er ſich zu dem König nach Tours. Hier wurde er noch weit zärtlicher behandelt als der alte Herzog. Eines Tags, als der Graf von Charolais mit dem Herzog von Maine auf die Jagd geritten war, kehrte dieſer allein ins Schloß zurück: der Graf hatte ſich verloren. Da gerieth der König in ſchrecklichen Zorn. Nie hatte ihn Jemand ſo unruhig und aufgeregt geſehen. Er ließ in allen Dörfern zuſammenläuten, auf alle Thürme Feuerzeichen ſtecken und ſchickte nach allen Richtungen Boten aus. Seine Unruhe nahm mit jeder Minute zu; er zernagte den ganzen obern Theil des Stockes, den er in der Hand hielt, und that ein Gelübde, daß er weder eſſen noch trinken wolle, be⸗ vor er wiſſe, was aus ſeinem Vetter geworden ſei. Endlich um elf Uhr Abends wurde er durch den Grafen von Crövecbeur, der einen Brief von dem Verlornen brachte, aus ſeiner Angſt erlöst. Der Graf von Charolais hatte ſich allerdings der doch efehl e eer den ein ſſeln in Her⸗ be⸗ e als mit ar, atte Nie en. alle llen mit meil ein be⸗ en em 117 verirrt, ſchrieb jedoch, er habe ein gutes Nachtlager gefunden und werde erſt am folgenden Tag zurück⸗ kehren. Solche Scenen wurden von dem königlichen Schau⸗ ſpieler ſo gut durchgeführt, daß man unmöglich wiſſen konnte, wie weit ſein Benehmen Verſtellung oder Ernſt war. Es bot ſich eine Gelegenheit dar, um eine Erkal⸗ tung zwiſchen dem Grafen und ſeinem Vater herbei⸗ zuführen. Man kann ſich wohl denken, daß der König ſie nicht unbenützt ließ. Wo der Fuchs anfängt die Hühner zu freſſen. Wir haben geſagt, daß in England die weiße Roſe von York über die rothe Roſe von Lancaſter den Sieg errungen hatte. Die Schlacht von Towton hatte ihn entſchieden. Die Engländer rächten uns ſelbſt. Niemals waren, weder bei Crech, noch bei Poitiers, noch bei Azincourt, ſo viele Franzoſen auf der blutigen Wahl⸗ ſtatt liegen geblieben, als jetzt Engländer das Schlacht⸗ feld von Towton bedeckten. Man zählte die Todten und fand, daß es ſechsunddreißigtauſend ſiebenhun⸗ dert und ſiebzig waren. Am Abend des Schlachttages war Eduard IV König. Die Mutter des Grafen von Charolais war aus dem Hauſe Lancaſter und gehörte ſomit der beſieg⸗ 118 ten Partei an. Aber der Herzog vergaß über der Politik und ihren Intereſſen alle Verwandtſchafts⸗ bande und erklärte ſich für das Haus York. Der König ſchien den dringenden Bitten des Grafen von Charolais nachzugeben und verſprach Margarethen(rothe Roſe), falls ſie nach Frankreich käme, ein Aſyl zu gewähren. Sie kam und der König empfing ſie aufs Freund⸗ lichſte; er hob ſogar mit ihr den neugebornen Sohn der Herzogin von Orleans, den nachmaligen Lud⸗ wig XII, aus der Taufe. Hinſichtlich des Beiſtandes aber erſuchte er ſie einen günſtigen Augenblick abzu⸗ warten. Dieſe vorläufige Weigerung konnte um ſo weni⸗ ger übel gedeutet werden, als der Herzog von Bur⸗ gund mit Eduard IW wegen eines Waffenſtillſtandes unterhandelte. Der König ſchickte an ſeinen Oheim eine Geſandtſchaft, die ihn nebenbei um die Ermäch⸗ tigung erſuchen ſollte, für ſeine eigene Rechnung eine Salzſteuer in Burgund einzuführen. Natürlich ſchlug der Herzog dies rund ab. Jetzt ließ Ludwig XI ſeinen Unterthanen verbie⸗ ten den Engländern Hilfe zu leiſten, ja ſogar Han⸗ del mit ihnen zu treiben. Das Verbot erſtreckte ſich auch auf die franzöſiſchen Unterthanen des Herzogs; dieſer ſchickte daher ſeinerſeits Johann von Croy, Herrn von Chimay, als Geſandten ab, um ſich über das Verfahren des franzöſiſchen Königs zu beſchweren. Aber der König empfing den Geſandten des Herzogs nicht einmal; er erkaubte bloß, daß dieſer ihm wie zufällig in einer Gallerie des Palaſtes be⸗ gegnete. —, —— S——— der afts⸗ des rach reich ind⸗ ohn ud⸗ des bzu⸗ eni⸗ ur⸗ des eim äch⸗ ine lug bie⸗ an⸗ ſich 8; oy, ber en. es ſer be⸗ 119 Der Sire von Chimay fügte ſich in dieſe Be⸗ ſtimmung und ſetzte dem König den Zweck ſeiner Ge⸗ ſandtſchaft auseinander; aber Ludwig ließ ihn nicht ausſprechen, ſondern fuhr ihn an: „Ei was iſt denn Euer Herzog von Burgund für ein Mann? Iſt er etwa aus edlerem Metall gemacht als andere Fürſten?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Geſandte muthig, „denn er hat Euch gegen den Zorn Eures Vaters, des Königs Karl, geſchützt, als kein anderer Fürſt oder Herr es gewagt hätte Euch aufzunehmen.“ Der König zog ſeinen Hut über die Augen und kehrte in ſein Gemach zurück. Ludwig XI verbarg nämlich unter ſeinem wirk⸗ lichen Undank gegen den Herzog von Burgund und ſeiner ſcheinbaren Großmuth gegen Margareth von Anjou einen großen politiſchen Zweck: er wollte Margareth an ſich locken und ihre äußerſte Noth be⸗ nützen, um ihr Calais für ein Stückchen Brod wie⸗ der abzukaufen. Calais war, wie wir bereits geſagt haben, die einzige Stadt, welche die Engländer im Königreich noch beſaßen. Ludwig gab die Hoffnung nicht auf. Aber er glich den Leuten, welche das Glück haben zu ſchielen: während er nach England hinüberſchaute, ſah er, daß Spanien brannte. Er unterhandelte ſchnell mit den guten Leuten von Lüttich, d. h. mit den erbittertſten Feinden des Herzogs von Burgund; er nannte ſie ſeine Gevat⸗ ter— dies war ſein Freundſchaftsausdruck— und verpflichtete ſich ſie gegen Jedermann zu ſchützen. 120 Man wird fragen, welchen Vortheil Ludwig XI aus ſeinen Gevattern von Lüttich ziehen konnte. Einen Aufſtand in einer gegebenen Zeit! Uebri⸗ gens wird man ihn an der Arbeit ſehen. Man vernehme jetzt, was Ludwigs XI Blicke auf Spanien gelenkt hatte. Don Juan von Arragonien hatte, ſeiner zweiten Gemahlin zu Liebe, ſeinen Sohn Don Carlos von Viana, Erben von Navarra, auf die Seite geſchafft. Wie? erklärt die Geſchichte nicht genau; ſie ſchließt ihre Augen zuweilen aus Sprödigkeit oder auch weil ſie ſich hat beſtechen laſſen. Die Catalonier waren in Verzweiflung über den Tod dieſes Prinzen, der aus Anhänglichkeit an ſie den Thron von Neapel ausgeſchlagen hatte und kein größeres Glück kannte als zwiſchen Homer und Plato die ganze Welt zu vergeſſen. Der Schatten des armen Prinzen, ſagte man, wandle bei Nacht in den Straßen von Barcelona umher und rufe unter kläg⸗ lichem Geheul das Verbrechen ſeines Vaters aus. Der Graf von Foix, Schwiegerſohn Don Juans von Arragonien, hatte ſeine Hoffnungen auf Spanien; er war franzöſiſcher Vaſall und forderte Ludwig XI auf, den Todten zu rächen. Ludwig XI ſah Rouſ⸗ ſillon in der Ferne winken und erklärte in frommem Pflichtgefühl, daß er die Sache des Verſtorbenen in die Hand nehme. Ludwig Kl liebte derartige Sachen ungemein. Zwar rüſtete Warwick eine Flotte, um in Frank⸗ reich zu landen! aber Ludwig XI hatte, man weiß nicht warum, durchaus keine Furcht vor Warwick. bri⸗ licke iten von fft. ießt veil en ſie ein ato es en ig⸗ ns 121¹ Nur beſaß er gar kein Geld, um den Krieg gegen Spanien zu führen. Wohin wohl das Geld des Königs gewandert war? Vielleicht wußte es Warwick, dieſer Feind, den der König nicht fürchtete. Ludwig Kl ſchrieb eine Weinſteuer aus, ſchaffte die pragmatiſche Sanction ab, ernannte die Biſchöfe auf eigene Fauſt und ließ ſich für ihre Pfründen be⸗ zahlen; dann kündigte er, um die Frommen zu ge⸗ winnen, ehe er Etwas gegen Spanien unternahm, eine Wallfahrt nach Saint⸗Michel in Grève und nach Saint⸗Sauveur von Redon an. Dies verſchaffte ihm Gelegenheit die Bretagne näher zu betrachten; er traute ganz natürlich ihrem Herzog nicht, und bevor er nach den Pyrenäen auf⸗ hätte er gerne gewußt, was er hinter ſich ieß. Der Herzog von Bretagne hatte nur Augen und Ohren für das, was auf dieſer Wallfahrt vorging. Er verlor jedoch ſeine Zeit dabei. Der Fönig, der in ſeinen frommen Betrachtungen nicht geſtört ſein wollte, ließ am Tag vor ſeiner Abreiſe bei Trompetenſchall verkündigen, wer ihm nachfolge, werde mit dem Tod beſtraft. Er reiste alſo nicht als König, ſondern als wahrer Pilger. Er wußte, wie ſchwer es für die Könige iſt zu ſehen und zu hören; die Krone, zumal die ſeinige, die ihm, wie man weiß, zu weit war, ihm Augen und Ohren zugleich vermauert aben. Er reiste nur mit fünf geringen Dienern, die, wie er ſelbſt, ſchlecht gekleidet waren und große höl⸗ zerne Roſenkränze trugen; ſeine Garde folgte aus der Ferne mit Jean Bureau und ſeiner Artillerie.— Ludwig XI nannte Jean Bureau ſeinen Abrech⸗ nungsmeiſter, ohne Zweifel nach demſelben Grund⸗ ſatz, wornach man ſpäter die Kanonen die ultima ratio regum(den letzten Grund der Könige) ge⸗ nannt hat. Nachdem der König ſeine Andachten verrichtet hatte, ſchlich er ſich in aller Stille aus dem Weſten nach dem Süden, beſuchte im Vorbeigehen Nantes und wollte dann auch La Rochelle ſehen: es war ihm intereſſant eine kleine Republik in der Nähe zu betrachten. In La Rochelle war er ſo nahe bei Bor⸗ deaur, daß er ſichs nicht verſagen konnte auch da einen Beſuch zu machen. Aber eines Tags, als er dieſe Stadt von der Seeſeite beaugenſcheinigte, wurde er ſelbſt von einem engliſchen Kriegsſchiff geſehen. Man begreift, daß Ludwig mit ſeinem Boot nicht die Abſicht haben konnte das engliſche Schiff zu neh⸗ men, aber das engliſche Schiff kam auf den Gedan⸗ ken das Boot zu nehmen und machte Jagd darauf. Der König ergriff ſelbſt ein Ruder und begann zu arbeiten. In dieſem Augenblick war eine Ruder⸗ ſtange mehr werth als ein Scepter. Das Kriegs⸗ ſchiff konnte dem Boot nicht in die ſeichten Waſſer folgen, und der König war gerettet. Ohne Zweifel geſchah es zum Andenken an dieſe wunderbare Errettung aus Feindeshand, daß er der Stadt Bordeaux alle ihre Freiheiten zurückgab. Bor⸗ deaur hatte ſeinen Gerichtsſtand in Toulouſe, das war abſurd; der König gab alſo der Stadt nicht bloß en und⸗ ima ge⸗ chtet ſten ntes war zu Zor⸗ da er rde en. icht eh⸗ an⸗ uf ann der⸗ gs⸗ ſſer ieſe der or⸗ das loß 123 ihre eigene Gerichtsbarkeit, ſondern ſtellte auch die ganze Umgegend unter dieſelbe. Endlich machte er Bayonne zum Freihafen. Er war jetz feſt überzeugt, daß keine dieſer Städte wieder engliſch werden wollte. Don Juan ſah mit Schrecken den König näher kommen. Er ſchrieb an ihn und drohte ihm mit den Engländern, mit Warwicks furchtbaren Rüſtungen; aber wir haben bereits geſagt, daß Ludwig wohl wußte, was er von dieſer Landung der Engländer zu halten hatte. Er antwortete alſo: „Nehmt Euch in Acht! Wenn die Engländer auch kommen ſollten, ſo werden ſie wieder abziehen; aber ich werde nicht abziehen, ſondern immer da⸗ bleiben, um Euch zu beſtrafen. ℳ Und er rückte immer näher. Damit von dieſem Tod des Don Carlos von Viana nicht mehr die Rede ſein ſollte, mußte Don Juan die Landſchaft Rouſſillon abtreten. Jetzt er⸗ klärte Ludwig Xl auf einmal, Don Juan habe kein anderes Unrecht begangen, als daß er ſeinen Sohn in ein allzufeuchtes Zimmer geſetzt; dies ſei ein Feh⸗ ler, den alle Gefängniſſe haben; man könne da Nichts machen. Frau von Rambouillet ſagte, in Vincennes be⸗ iu ſich ein Zimmer, das vollkommen wie Arſenik wirke. Ludwig XKl kehrte in den Norden zurück; das Stückchen war ihm gelungen. Er konnte ſich jetzt mit den Engländern abgeben. ——— — 2 12⁴ Und ſie hatten ihm im Ganzen ſtets zu ſchaffen gemacht. Die arme Margareth von Anjou war ihm auf allen Etappen nachgereist und hatte ihn beſtändig um Mannſchaft und Geld beſtürmt. Endlich gab er ihr zwanzigtauſend Franken unter der Bedingung, daß ſie, wenn ſie den Thron beſteige, Calais an Frankreich zurückgeben müſſe. Vielleicht kannte Shakeſpeare dieſen Zug, als er ſeinen Kaufmann von Venedig ſchrieb. Allerdings verſchaffte Ludwig XI der Erbin von Lancaſter zu gleicher Zeit noch ſechzigtauſend Franken von der Bretagne. Für den Fall, daß Warwick ſich beklagte, hatte er zwei Antworten in Bereitſchaft. Fürs Erſte war er der Neffe Margarethens von Anjou und konnte ihr anſtändiger Weiſe ein Almoſen nicht verweigern. Was waren denn zwanzigtauſend Franken? Und dann hatte er ihr dieſe Summe nicht einmal geſchenkt, ſondern bloß geliehen und noch ſeine Bedingungen daran geknüpft. Zweitens gingen die ſechzigtauſend Franken aus der Bretagne ihn Nichts an. Dieſe Summe kam von dem Herzog, und er konnte dem Herzog nicht verwehren nach Belieben mit ſeinem Geld zu ſchalten. Was die Hilfstruppen betraf, die Margareth verlangte, ſo war das etwas Anderes; Ludwig gab nicht einen einzigen Soldaten her; wenn ſie welche erwerben konnte, um ſo beſſer für ſie! Er hieß ſie ihr Glück in der Normandie verſuchen, zu deren Gou⸗ verneur er, vielleicht in Vorausſicht deſſen was jetzt eintrat, den Grafen von Charolais ernannt hatte. affen auf ndig b er ung, an s er von nken atte von oſen ſend icht noch aus kam icht ten. reth gab lche ſie Ou⸗ etzt tte. 125 Der Freundſchaft ſeines edlen Vetters ſicher, küm⸗ merte er ſich nicht um das was in ſeinem Gouver⸗ nement vorging; wenn Karl ſich eines Tags erin⸗ nerte, daß er von mütterlicher Seite her ein Lanca⸗ ſter ſei und folglich die rothe Roſe mit normanniſchem Blut begießen müſſe, um ihr ihre hellen Farben wiederzugeben, dann brauchte Ludwig ja nur ſeinen Vetter zu verleugnen. Und ohne Zweifel ſah Warwick ein, daß er keinen Grund hatte dem König von Frankreich zu grollen; denn er zog mit ſeiner prachtvollen Flotte aus, be⸗ gnügte ſich aber an den Küſten der Normandie und des Poitou hinzufahren; freilich hatte Jean Bureau auf den Küſten entlang eine mächtige Artillerie auf⸗ geſtellt, und eine Armee manövrirte am Meeresufer, ſo daß ſie die engliſchen Schiffe nicht aus den Au⸗ gen ließ. Die Folge davon war, daß Warwick zu der Ueberzeugung kam, er könne in Frankreich nichts utes ausrichten, und daher in der Bretagne un⸗ weit Breſt landete. Aber auf einmal ſcheint der König den Kopf zu verlieren, ſo verworren wird ſeine Politik. Er befreit die Dauphiné von den Jagdgeſetzen. Er bewilligt der halbabgebrannten Stadt Tou⸗ louſe eine Steuerfreiheit auf hundert Jahre. Er gibt die Grafſchaft Rouſſillon, die er nur Du mas, Karl der Kühne. I. 9 126 durch ſo viele lichtſcheue Ränke gewonnen hat, dem Grafen von Foix. Endlich gibt er dem Herzog Sforza, welcher das Haus Anjou aus Italien vertreibt und den Orleans das Erbe der Valentine Visconti vorenthält, dieſem Tyrannen und Uſurpator gibt er Genua und Savona, und erlaubt ihm außerdem noch Aſti von dem alten Herzog von Orleans zurückzukaufen. In welcher Abſicht thut er Alles das? Wartet. Ludwig XI hält große Stücke auf Rouſſillon und Aſti; noch wichtiger aber ſind ihm ſeine Städte an der Somme: er will einen Verſuch machen ſie Phi⸗ lipp dem Guten, ſei es auf freundſchaftlichem Weg oder mit Gewalt, wieder abzunehmen. Er hat vor allen Dingen Frankreich im Auge und will ein com⸗ pactes, aus gleichartigen Theilen zuſammengeſetztes, ein wahrhaft franzöſiſches Frankreich. Er wird ſicherlich Rouſſillon dem Grafen von Foix, der es während dieſer Zeit nur für ihn hütet, wie⸗ der abnehmen. Er wird vielleicht Genua, Savona und Aſti dem Herzog Sforza wieder abnehmen, der bei ſeinem Banditenleben jeden Augenblick umkommen, ermordet oder vergiftet werden kann. Aber der Graf von Foix und der Herzog von Mailand waren ſeine Freunde; der Eine wird ihm ſeine vortrefflichen baskiſchen Infanteriſten, der An⸗ dere ſeine guten lombardiſchen Reiter leihen. Er wird Infanterie und Cavallerie, kurz eine kleine Armee haben, die er ohne Gewiſſensbiſſe tödten laſſen kann: denn Basken und Lombarden ſind beinahe Feinde⸗ Und während man die Basken und die Lombarden He Ste Sch von Ric ſpro alle Fad Nit ſämn ſucht dem das eans ieſem onma, alten artet. und e an Phi⸗ Weg or com⸗ tztes, Foir, wie⸗ dem inem ordet von ihm Er rmee ann: inde. den 127 tödtet, wird man ſeine guten Bauern nicht tödten, die das arme Frankreich beackern müſſen, das wäh⸗ rend der Regierung Karls VII ſo lange brach ge⸗ legen hat. Während nun Ludwig Kl ſeine baskiſchen Fuß⸗ gänger und ſeine lombardiſchen Reiter hat, was wird er da mit dem alten Herzog von Burgund an⸗ fangen, für welchen er den Mitgliedern ſeines Rathes, der Univerſität und dem Bisthum von Paris Ge⸗ bete befohlen hat? Die franzöſiſchen Gebete hatten den guten Herzog Nichts genützt, und er war ſchwer erkrankt. Die Herzogin hatte ihr Beginenhaus verlaſſen und der Graf von Charolais war aus ſeiner Statthalterſchaft herbeigeeilt, um ihn zu pflegen. Ludwig XI hätte auch zu ihm eilen mögen; Nie⸗ mand hätte in dieſem Augenblick durch den Tod des Herzogs mehr eingebüßt, als er: er hätte ſeine Städte an der Somme verloren. So lange der alte Herzog lebte, konnte Ludwig hoffen dieſe unglückſeligen Städte wieder zu erhalten, die nächſt Calais ſeinen Schlaf ſo gewaltig ſtörten; aber von dem Grafen von Charolais war nach dem Tod des Herzogs Nichts zu erwarten; er hatte ſich entſchieden ausge⸗ ſprochen und wollte in Betreff dieſer Städte ein für allemal Nichts hören. Drei Städte hingen alſo an dem abgenützten Faden, welchen man das Leben eines Greiſen nennt. Die Grafen von Croy machten ſich ans Werk. Mit Ausnahme des Herrn von Chimay waren ſie ſämmtlich dem König von Frankreich ergeben.— Sie ſuchten dem Herzog einzureden, daß es in ſeinem 128 Intereſſe liege Ludwig XI die Somme wiedernehmen zu laſſen. ſt Der alte Herzog glaubte kein Wort, gab aber m nach: er wollte wie Ludwig XIV ruhig ſterben. Er zn unterzeichnete die Abtretung oder vielmehr Rückab⸗ tretung gegen die Summe von viermalhunderttauſend kle Thalern; er hoffte, Ludwig XI werde nicht bezahlen er können. Th Der König hatte für dieſe Bezahlung nur eine ihn Friſt von vier Monaten genommen: ſie ſollte in obe zwei Terminen, am zwölften September und achten October, geleiſtet werden. die Am zwölften September kamen die erſten zwei⸗ malhunderttauſend Thaler; am achten October die von letzten. Lyo Dies geſchah in Anweſenheit der Grafen von legt Croy. „Croy, Croy,“ ſagte der Herzog, indem er das Ein Geld traurig in ſeine Schatzkammer ſchickte,„Croy, ſo ke Croy, man kann nicht zwei Herren dienen. Auguſtus hatte nicht mit weinerlicherer Stimme Gem gerufen: Varus, gib mir meine Legionen wieder! fähic Im Uebrigen verlangte der König bei allen land Käufen, die er abſchloß, Geiſeln; er ſelbſt hatte keine 4 Söhne, aber er ſtellte dafür die Söhne Anderer. Stre Die Worte Chriſti parodirend, ſagte er wie der zärt⸗ Engl liche Jeſus:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen.“ Wart Wenn ſie dann zu ihm kamen, ſo ließ er ſie nicht Hand mehr nach Hauſe gehen. So hatte er den Erben mayo des Hauſes Albret, die Söhne des Herzogs von Engle Alengon, den kleinen Grafen von Foir, den kleinen zehnta Herzog von Orleans, deſſen Pathe er war. D men ber Er kab⸗ ſend hlen eine hten wei⸗ die von das roy, mme ! llen keine erer. zärt⸗ en. nicht rben von inen — 129 Er hatte den Grafen von Foir mit ſeiner Schwe⸗ ſter vermählt; er wollte den Herzog von ODrleans mit ſeiner Tochter vermählen: der Bräutigam war zwei Jahre alt. Es war eine gute Vorſicht von Ludwig XI, den kleinen Herzog in ſeiner Gewalt zu haben, während er Genua, Savona und Aſti, d. h. den ſchönſten Theil vom Erbe dieſes Kindes, auslieferte: konnte ihm nicht Sforza zum Dank für dieſes Erbe zur Er⸗ oberung Savoyens behilflich ſein? Bis Ludwig Savoyen bekam, nahm er einſtweilen die Prinzen des Landes. Eines Tags wagte ſich der alte Herzog Philipp von Breſſe, den ſein Sohn vertrieben hatte, bis nach hon; der König von Frankreich, ſein Schwiegerſohn, legte Hand an ihn und ſchickte ihn nach Loches. oches war der Magnetberg aus Tauſend und Eine Nacht; hatte man einmal den Fuß hineingeſetzt, o kam man nicht mehr los. In dieſem Haus Savoyen, wo Ludwig ſeine Gemahlin geholt hatte, gab es noch eine heiraths⸗ fähige Tochter: er bot ſie dem König von Eng⸗ land an. Der Graf von Charolais ſah und parirte dieſen Streich, indem er eine Vermählung des Königs von England mit Eliſabeth Rivers zu Stand brachte, trotz arwick, welcher Eduard IW eine Gemahlin von der Hand Ludwigs XI geben wollte, und trotz dem Lord⸗ „welcher geſagt hatte: Ehe der König von dieſe Frau heirathet, wird es mehr als zehntauſend Menſchen das Leben koſten. Diesmal alſo wurde Ludwig Xl von dem Grafen 130 von Charolais geſchlagen: das war die Revanche für die Städte an der Somme; zwiſchen dem Grafen und dem König ſtand die Partie jetzt gleich. Der gute Herzog befand ſich in Hesdin. Der König ſchickte die Königin und die Prinzeſſinnen zu ihm, dann kam er ſelbſt und ſpielte bei dem alten Herrn den Liebenswürdigen, den Gutmüthigen und Zuvorkommenden. Der Herzog ſprach nicht mehr von dieſen unglückſeligen Städten an der Somme, es that ihm gar zu leid, daß er ſie weggegeben hatte: Ludwig glaubte, er habe ſie vergeſſen. Er ſprach vom Rückkauf der Städte Boulogne und Lille. Der alte Herzog wagte nicht Nein zu ſagen. „Charolais würde nie darein willigen,“ antwor⸗ tete er. Ein Blitz flammte in den Augen Ludwigs XI. „Schon gut,“ ſagte er,„überlaßt es mir dieſen böſen Sohn zur Vernunft zu bringen, ich werde ihn Euch ſo geſchmeidig machen wie einen Handſchuh.“ Philipp erinnerte ſich, wie Ludwig XI ſeinen Vater Karl VII zur Vernunft gebracht hatte. Dieſe vertrauliche Beſprechung fand in einem Walde ſtatt; der gute Herzog hatte Furcht vor dieſem Fuchs, der eine Tigerklaue unter ſeinem Fell verbarg: er entfloh. Der König wollte die Reiſe nicht umſonſt ge⸗ macht haben: er beſuchte alſo die flandriſchen und picardiſchen Städte Abbeville, Arras, Tournay, im⸗ mer nach ſeinem Syſtem, in beſcheidenem Aufzug, ohne Pomp, wie ein einfacher Privatmann; er hegte noch immer ſeinen alten Haß gegen Empfangsfeier⸗ lichkeiten, Feſte und Anreden. In Abbeville erwarteten ihn ſämmtliche Einwoh⸗ ſei ein ihn rec der alſt ſeh ſchl We hal Gef Sei ſcho da irget bis Star Stra liche iche fen Der zu lten ieſe tatt; der floh. ge und „im⸗ fzug, hegte feier⸗ woh⸗ 131 ner auf dem Marktplatz und in den anliegenden Straßen; aber er ließ ſein Gefolge eine Viertelſtunde von der Stadt zurückbleiben, ſtieg vom Pferde und ging allein und zu Fuß in die Stadt, wie wenn er ein ganz gewöhnlicher Bürgersmann wäre. Man bemerkte indeß, daß er ein Fremder war, die Leute in der Vorſtadt hielten ihn auf und fragten: „Seid Ihr dem Könige begegnet?“ „Ich bin er ſelbſt,“ antwortete er. Aber die braven Leute, die ſeinen alten Hut und ſeinen abgeſchabten Rock anſahen, hielten ihn für einen Narren oder einen Spaßmacher, und begannen ihn zu verhöhnen; ſie faßten ihn wirklich von ſeiner rechten Seite auf, denn Ludwig war in der That der größte Poſſenreißer ſeiner Zeit. Er ließ ſich alſo auf den Spaß ein; da ſeine Spöttereien aber ſehr derb waren„ ſo drohte die Sache eine ſchlimme Wendung für ihn zu nehmen. Glücklicher Weiſe kam in dieſem Augenblick das Gefolge und half ihm dazu, daß er erkannt wurde; ſonſt lief er Gefahr geſteinigt zu werden. Von dieſem Tag an ſchlich er ſich immer durch Seitengaſſen in eine Stadt und begab ſich ganz un⸗ bemerkt in ſeine Wohnung; oſt hatte er die Stadt ſchon wieder verlaſſen, ehe man nur erfuhr, daß er da geweſen war. Die Folge davon war, daß, wenn man den König irgendwo erwartete, die Schöffen ſämmtliche Thore is auf ein einziges ſchließen ließen, und hatte die Stadt keine Thore, ſo verrammelten die Bürger alle Straßen mit Ausnahme der Hauptſtraße. Der könig⸗ liche Gaſt mußte daher wohl oder übel durch das * 132 offen gebliebene Thor oder die nicht verrammelte Straße ſeinen Einzug halten. Eines Tages, als er incognito durch ein Dorf kam, wünſchte er einen Brief zu ſchreiben; nun aber waren alle ſeine Secretäre mit verſchiedenen Arbeiten beſchäftigt, und er hatte Niemand um ſich, der ſchrei⸗ ben konnte. Der gute König verſtand zwar dieſe Kunſt ſelbſt vollkommen, ſchrieb aber nicht gern mit eigener Hand. Er bemerkte unter ſeiner Umgebung einen Mann, der einen Schreibzeug am Gürtel trug, und rief ihn herbei. Der Mann beeilt ſich dem König zu gehorchen, öffnet ſeinen Schreibzeug und will eine Feder neh⸗ men; da fallen zwei Würfel heraus. „Oh, oh,“ ſagte der König,„was ſind denn das für Bonbons?“ „Remedium contra pestem“(Mittel gegen die Peſt), antwortete der Schreiber, ohne ſeine Faſſung zu verlieren. „Du ſcheinſt mir ein lockerer Taugenichts zu ſein,“ verſetzte der König, dem dieſe Antwort wohl gefiel; „Du gehörſt fortan mir.“ Und der Mann trat wirklich unverzüglich in ſeine Dienſte. — ——+————— e—„— c—— e„—„ — elte orf ber iten rei⸗ ieſe mit ung rug, hen, neh⸗ das die ung in,“ fiel; eine 133 Die beiden Vetter. Während all dieſer Spazierfahrten des Königs von Frankreich befand ſich der Graf von Charolais zu Gorcum in Holland. Eines ſchönen Tags kam Olivier de la Marche, Stallmeiſter des Grafen, zu dem Herzog von Bur⸗ gund; er war von ſeinem Sohn abgeſchickt, um ihm eine Thatſache zu melden, die nicht ohne Bedeutung war. Eine Art von Bravo, genannt der Baſtard von Rubempré, der lange Zeit im Solde des Herzogs geſtanden, aber ſeit einem Jahr in den Dienſt des Königs von Frankreich getreten, war zu Gorcum in dem Augenblick erwiſcht worden, wo er über die Le⸗ bensart des Grafen, über die Stunden ſeiner Spa⸗ zierritte und die Perſonen, die ihn gewöhnlich um⸗ gaben, genaue Erkundigungen einzog. In einer Kirche verhaftet, wohin er geflohen war, hatte be⸗ ſagter Baſtard ſich ſo ſchlecht verantwortet, daß der Graf nicht daran zweifelte, dieſer Menſch habe von dem König den Auftrag erhalten ihn zu entführen, wie zwei Jahre vorher Philipp von Breſſe entführt worden war. Dieſer Argwohn wurde noch dadurch beſtärkt, daß die Begleiter des Baſtards bei der Nach⸗ richt von ſeiner Verhaftung entflohen waren und ihre Barke in dem Hafen von Hermus zurückgelaſſen hatten. Sie waren ungefähr vierzig Mann ſtark. Ueberzeugt oder nicht überzeugt, ſchien Jeder⸗ mann die Anſicht des Grafen zu theilen. 13⁴ Ludwig Xl hatte alſo ſeine Maske abgeworfen und mußte künftig als ein erklärter Feind behandelt werden. Der Graf von Charolais benützte den Augenblick. Dieſer Friede, den man ihm aufgenöthigt hatte, war ihm ſchon längſt zur Laſt. Der Verrath der Grafen von Croy lag am Tage; unter dem unſichtbaren Hauch, der dieſe Leute vorantrieb, war ihre Macht beinahe königlich geworden: ſie beſaßen die deutſche Mark, Luremburg, die engliſche Mark, Boulogne und Guignes, die franzöſiſche Mark, die Städte an der Somme; Hennegau befand ſich in ihren Händen, ſie empfingen den königlichen Herrſchaftswein in Valen⸗ ciennes; alles das war ihren binnen zwei Jahren Schlag um Schlag zugefallen. Wenn der König von Frankreich mit ſeinem Ehrgeiz hinter dieſen Leuten ſtand, ſo marſchirten ſie ſchnell vorwärts. Der Graf ſetzte dem Herzog, der es ſchon lange ſah, alles das auseinander und erklärte den Croy in einem Manifeſt Krieg auf Leben und Tod. Die ängſtlichſten unter den Günſtlingen flüchteten ſich; einer von ihnen wollte ein letztes Mittel verſuchen und ging den guten Herzog um Schutz an. Philipp verſpricht ihm ſolchen, nimmt einen Spieß, geht wan⸗ kend hinaus und ruft um Hilfe. Aber Niemand kam; im Gegentheil entfloh Alles, Jedermann glaubte, der alte Herzog ſei todt und begraben; man hielt ihn für ſein Geſpenſt. Von dieſem Augenblick an wechſelt der junge Herzog ſeine Haut; er läßt die des Grafen von Charolais fallen und ſchlüpft in die Haut Karls des Furchtbaren, wie man ihn Anfangs nannte. — „— — ec„ rfen delt lick. var fen ren cht nd er ſie n⸗ en on en ge ie h; en p n⸗ d lt e vo 135 Seine erſte That war, daß er den Schatzmeiſter ſeines Vaters umbringen ließ; ein alter Groll eines verſchwenderiſchen Sohnes. Vermuthlich hatte dieſer Schatzmeiſter ihm Geld verweigert. Dann führte er am 24. April 1465 eine Steuer ein, die im Mai bezahlt werden mußte; zugleich erhielt der ganze bur⸗ gundiſche und niederländiſche Adel Befehl, ſich am 7. Mai unter ſeinen Bannern zu verſammeln. Dies geſchah. Am 7. Mai hielt Karl Muſterung über 1400 Ritter und 8000 Bogenſchützen, ohne die Feuer⸗ ſchlündner, die Soldaten mit den dreiſeitigen Degen und die Fuhrleute zu rechnen. Gegen wen waren alle dieſe Rüſtungen gerich⸗ tet? Offenbar gegen die große Kreuzſpinne, wie Chatelain ſagt. So wenig Staatsklugheit und Geduld Karl be⸗ ſaß, ſo benützte er doch den günſtigen Augenblick, wo unter den Fürſten eine große Erbitterung gegen den König vorherrſchte. Welche neue Tyrannei hatte Ludwig XI denn begangen? Er hatte ein Jagdgeſetz einführen wollen. „Der Grundherr,“ ſagt Michelet,„ſchloß ſeine Bauern gleichſam unter Schloß und Riegel ein; vom Himmel bis zur Erde gehörte Alles ihm: die Wäl⸗ der, die Vögel in der Luft, der Fiſch im Waſſer, das Thier im Gebüſch, die Welle, die dahin fließt, die Glocke, die in der Ferne ertönt.“ Da wo der Grundherr ſein Recht hatte, da konnte das Wild, Hirſche, Schweine, Rehe, Haſen, Kanin⸗ 136 chen das grüne Getreide abfreſſen und umwühlen; die Taube konnte es an den Aehren freſſen. Wenn indeß Hirſch, Schwein oder Reh zu viele Verwüſtungen anrichteten, ſo kam eines Tags der Grundherr mit ſeiner Meute, mit Pferden und Hunde⸗ jungen; er jagte den Hirſch, das Schwein oder das Reh, und was von den Zähnen des Hirſches oder dem Rüſſel des Schweines verſchont geblieben war, das wurde von den Pfoten der Hunde und den Hufen der Pferde zertreten. In der Dauphiné war Ludwig KI zu gleicher Zeit, wo er die Edelleute ihres Adels beraubte und Bauern adelte, die erſte Idee einer Jagdreform ge⸗ kommen; er hatte ſie eines Tags bei einem Herrn von Montmorency verſucht. Dieſer edle Herr wollte, als ihm die Ehre wider⸗ fuhr den König bei ſich zu empfangen, eine große Jagd veranſtalten, und ließ zu dieſem Zweck Netze, Spieße und eine Menge anderer Zerſtörungswerk⸗ zeuge im Hof ſeines Schloſſes zuſammenbringen. Der König gab, ohne dem Herrn Etwas zu ſagen, einem alten Diener Befehl dieſe Geräthſchaften an⸗ zuzünden, die daher alle in Flammen aufgingen, ſo daß die Jagd nicht ſtattfinden konnte. Man ſagt, er habe bereits ein Ediet fertig ge⸗ halten, kraft deſſen alle Diejenigen, die Netze, Schlin⸗ gen oder dergleichen beſaßen, Befehl erhielten ſolche binnen vier Tagen an die königlichen Amtleute ab⸗ zugeben. Dieſelbe Verordnung verbot den Prinzen und Edelleuten jeden Ranges bei Leibes⸗ und Geldſtrafe zu jagen. 137 Ein Edelmann aus der Normandie hatte trotz des königlichen Verbotes einen Haſen gejagt und gefangen, mit der Bemerkung, daß er ſelbſt König auf ſeinen Gütern ſei; Ludwig Kl hatte ihm, um ihm das Gegentheil zu beweiſen, ein Ohr abſchnei⸗ den laſſen. Nicht als ob Ludwig XI die Jagd verabſcheut hätte; er liebte ſie im Gegentheil ſo ſehr, daß alle dieſe Verbote, verſichert man, keinen andern Zweck hatten, als ihm allein dieſes Recht vorzubehalten. Dann ließ ſich der König etwas noch weit Auf⸗ fallenderes und Schmählicheres zu Schulden kommen: er bezahlte den Bauern den Schaden, den ſeine Thiere ihnen zufügten. In ſeinem Koſtenverzeichniß hatte man folgende Poſten geleſen: „Einen Thaler an eine arme Frau, deren Schaf die Windhunde des Königs zerriſſen haben. „Einen Thaler an eine andere, deren Gans der Hund des Königs, genannt Maguet, in der Nähe von Blois todt gebiſſen hat. „Einen Thaler an eine andere, deren Katze die Jagd⸗ und Windhunde des Königs bei Montlouis der Straße von Tours nach Amboiſe erwürgt aben.“ Endlich:„einen Thaler an einen armen Mann, deſſen Korn die Bogenſchützen, als ſie über ſein Feld marſchirten, um geradenwegs auf die große Haupt⸗ ſtraße zu gelangen, zertreten haben.“ Es gab alſo keinen Grundherrn und keine Bauern mehr, wenn der König als der Herr der Herren mit den Bauern rechnete. 138 Man kann ſich denken, in welche Aufregung die Edelleute geriethen. Der König hatte ihnen bereits den Krieg genom⸗ men, jetzt nahm er ihnen auch noch die Jagd; was ſollte ihnen denn übrig bleiben? Der erbittertſte unter allen Fürſten war der Her⸗ zog von Bretagne, der beinahe ein König war und von dieſer tückiſchen eiferfüchtigen Hand, die ſich überall einſchlich und ſich auf Alles legte, am mei⸗ ſten zu verlieren hatte. Er beſchloß jedoch daſſelbe Spiel zu ſpielen wie der König und ſchickte ihm eine große Geſandtſchaft. Ludwig empfing ſie aufs Vortrefflichſte und ſuchte das Oberhaupt dieſer Geſandtſchaft auf ſeine Seite zu bringen; aber als er eben den Mann gewonnen zu haben glaubte, reiste dieſer plötzlich ab und ent⸗ führte ihm noch überdies ſeinen Bruder, den Herzog von Berry. Man wollte nach der Gewohnheit der Zeit den älteren mit dem jüngeren bekriegen; dies war noch das Beſte, wenn man nicht den Vater mit dem Sohn bekriegen konnte. Am 22. März erklärt ſich alſo der Herzog von Bretagne als Feind eines Jeden, welcher der Feind des Herzogs von Burgund ſein würde, und zwar den Herrn König ſelbſt nicht ausgenommen. Drei Armeen ſollten alſo gegen Ludwig XI aus⸗ marſchiren. Eine burgundiſche und flämiſche Armee unter dem Befehl Karls. Eine bretagniſche Armee unter dem Befehl des Herzogs von Bretagne. nom⸗ was Her⸗ und ſich mei⸗ wie aft. chte eite nen ent⸗ zog den och ohn on ind en 139 Eine Armee von Mißvergnügten unter dem Be⸗ fehl des Herzogs von Bourbon. Eine ſolche Kriegsmacht hätte einen größern Krie⸗ ger als Ludwig XI war mit Angſt erfüllen können; aber er erſchrack gerade deßhalb nicht, weil er kein großer Krieger war. Man muß bemerken, daß er von den ſiebenund⸗ zwanzig Provinzen des Reichs nur vierzehn beſaß. Er hatte jedoch eine reſpectable Anzahl von Bo⸗ genſchützen, einige ſolide Ordonnanzcompagnien, eine ſchöne und gute Artillerie. Das Geld fehlte. Bah! einem genialen Mann wie Ludwig KI fehlte das Geld niemals. Ludwig Kl mochte kein Geld haben, um einen neuen Hut zu kaufen, aber er fand zweimalhunderttauſend Thaler, um die Städte der Somme zurückzukaufen. Beſaß er nicht gute Freunde im Ausland unter den Kaufleuten von Venedig und den Bankiers von Florenz? Und glaubt Ihr etwa, er habe dem Peter von Medici, ſeinem Freund und getreuen Rathgeber, um⸗ ſonſt die Erlanbniß gegeben die drei franzöſiſchen Lilien in ſein Wappen zu ſetzen? Dann hatte der gute König Ludwig ſchon ſeit langer Zeit eine Idee im Kopf, die er zur Ausfüh⸗ rung zu bringen wünſchte. Die Gelegenheit war gut. Dieſe Idee war die Poſt, die Pferdepoſt, welche ganz natürlich die Briefpoſt herbeiführte. Dieſes war eine Nachahmung der alten Poſten des römiſchen 140 Kaiſerreichs: aber Ludwig XI machte es wie Moliere, er nahm das Gute wo er es fand. Von vier Meilen zu vier Meilen ſollte eine Station eingerichtet werden, wo die Couriere des Königs, aber bei Todesſtrafe keine andere Perſon, friſche Pferde erhalten ſollten. Der König bezahlte die damals ungeheure Summe von zehn Sous für jedes Pferd, das eine Station d. h. vier Meilen zurückgelegt hatte. Diesmal war er wirklich die Spinne mitten in ihrem Gewebe: die Nachrichten kamen aus dem Um⸗ kreis in den Mittelpunkt, die Befehle ſtrahlten aus dem Mittelpunkte in den Umkreis aus. Dann ſchloß er ein Bündniß mit Böhmen und Venedig. Venedig ſollte ihm Galeeren leihen; Böhmen ſollte Luremburg angreifen. Seine andern Bundesgenoſſen, über die man ſich ſo ſehr gewundert hatte, ließen es jetzt auch nicht fehlen. Sforza ſchickte ſeinen eigenen Sohn Galeazzo mit achthundert Reitern und drei⸗ oder viertauſend Infanteriſten in die Dauphiné. Ferdinand der Ba⸗ ſtard hielt mit ſeinen Schiffen die Provengalen im Schach. Der Graf von Foix gab ſeine Basken. Der König zog ins Feld. Er wollte in aller Schnelligkeit Frankreich von einem Ende zum andern durchziehen und ſeine Feinde vereinzelt ſchlagen. Dies war die Taktik, die ſpäter auch Napoleon anwandte. Die franzöſiſche Armee war nicht ſehr zahlreich, hielt aber vortreffliche Mannszucht, ſo daß mit Aus⸗ nal tete ten „N in los Ste die Er und als delt gew Bor Bou nich wel Arm nebſt gean Frar es ſ ( erklä ſeit häuf ſchaf Du iere, eine des ere nme tion in Um⸗ aus und nen icht 1330 end Ba⸗ ller ern n ich, 18⸗ 141 nahme des Feindes Niemand ihr Herannahen fürch⸗ tete: Bauern, Geiſtliche, Kaufleute fühlten ſich mit⸗ ten in dieſer Armee ſo ſicher wie in Paris ſelbſt. „Niemals,“ ſagt ein Zeitgenoſſe,„hat man den Krieg in ſo annehmlicher Geſtalt geſehen.“ Ludwig marſchirte gerade auf das Bourbonnais los. Er ließ Bourges hinter ſich, ohne ſich um die Stadt oder ihre Garniſon zu bekümmern, eine Taktik, die wiederum der modernen Kriegführung entſpricht. Er nahm in drei Tagen Saint⸗Amand, Montrond und Montlucon. Die Stadt Sancerre ergab ſich, als ſie ſah, mit welcher Milde die Beſiegten behan⸗ delt wurden, von ſelbſt. Nach Monatsfriſt wäre in Berry Alles beendet geweſen, wenn nicht die Leute des Herzogs von Bourbon Bourges behauptet hätten, und ebenſo im Bourbonnais, wenn der Marſchall von Burgund nicht Moulins behauptet hätte. Ludwig zählte überdies auf eine Familie, für welche er ungeheuer viel gethan hatte: die Familie Armagnac. Er hatte an den Grafen geſchrieben, daß er ihn nebſt ſeinen Söhnen erwarte, und Armagnac hatte geantwortet, ſein Haus habe von jeher dem Haus Frankreich treulich gedient und werde den König, dem es ſo viel verdanke, nicht im Stich laſſen. In der That hatte Ludwig, ohne daß man ſich erklären konnte warum, den Baſtard von Armagnac ſeit fünfzehn Jahren mit Gunſtbezeugungen über⸗ äuft: er hatte ihm Comminges ſo wie die Statthalter⸗ ſchaften Guyenne und Dauphiné übergeben, ſomit Dumas, Karl der Kühne. 1. 10 142 gewiſſermaßen den Schlüſſel der Alpen und Pyrenäen an ſeinen Degengurt gehängt. Dieſer Baſtard von Armagnac war ein Elender, auf welchem eine Verurtheilung wegen Mords und Fälſchung laſtete, und der ſeine eigene Schweſter ge⸗ heirathet hatte. Ludwig hatte ihn in der letzten Zeit zum Herzog von Nemours gemacht und ihm in der Nähe von Paris in den Diöceſen Meaux, Chalons und Sens ungeheure Beſitzungen geſchenkt; er erhob außerdem dieſe Schenkung zu einer herzoglichen Pairie und wies dem Titelträger ſeinen Platz zwiſchen den Her⸗ zogen von Burgund und Bretagne an. Eines Morgens endlich erhält der König die Nach⸗ richt von der Ankunft dieſes Nemours und vernimmt zu ſeinem großen Erſtaunen, daß derſelbe um ein Sicher⸗ heitsgeleite bittet. Der Bote hatte wirklich noch einen zweiten Auf⸗ trag: er ſollte ſich mit dem in der königlichen Armee ſtehenden Biſchof von Bayeux über die Auslieferung Ludwigs an die Fürſten verſtändigen; befand ſich der gekrönte Neuerer einmal in der Gewalt der Für⸗ ſten, ſo wollte man ihn zwingen einen Familienrath anzunehmen, der aus dem Biſchof von Bayeux und einem andern von dieſem zu erwählenden Biſchof, ferner aus acht Requetenmeiſtern und zwölf Rittern beſtehen ſollte. Ludwig XI witterte das Complott. Nemours ging zu den Fürſten über und der Graf von Armag⸗ nac führte dieſen die ſechstauſend Gaſcogner zu, welche er dem König von Frankreich verſprochen hatte. dien Stre hohe Cha enden nder, und r ge⸗ erzog von Sens rdem und Her⸗ Kach⸗ cher⸗ Auf⸗ rmee rung ſi Für⸗ rath und chof, tern urs nag⸗ zu, chen mmt 143 Man glaubte, Ludwig ſei verloren oder wenig⸗ ſtens gänzlich entmuthigt. Keineswegs! Er kannte die Gegend vortrefflich: dies war das Land, wo er früher ſeinen eigenen Vater bekriegt hatte, und es handelte ſich nur darum, die Fürſten durch raſches Manövriren zu verblüffen. Er marſchirte gegen Verneuil, nahm und zerſtörte die Stadt, ſodann ließ er Gannat durch den Mar⸗ ſchall von Comminges, Sallazar, Giresme und Cou⸗ ſinot unter ſeinen Augen angreifen. In vier Stunden war die Stadt erſtürmt; der König ließ ſich ein Ei bringen und ſchlürfte es aus, während man das Schloß wegnahm; ſodann bezog er ſein Nacht⸗ quartier in Aigueperſe. Tags darauf beſetzte ſeine Armee die Dörfer Moſat und Marſat; dann bot ſie der Armee der Fürſten eine Schlacht an. Die Fürſten wagten es nicht ſie anzunehmen. Der Herzog von Bourbon verſteckte ſich in einer Mühle. Der Herzog von Nemours verfügte ſich zu dem König, der mit ſeiner auffallenden Vorliebe für dieſen Mann ſeinen Betheurungen Gehör ſchenkte und ihm einen Waffenſtillſtand bewilligte, welcher die Auvergne, das Bourbonnais, Berry und ſogar die Mark von Burgund umfaßte, im Fall die Bur⸗ gunder ſich der Feindſeligkeiten enthalten würden. Die Fürſten ihrerſeits ſchwuren, daß ſie dem König als ihrem ſouveränen Herrn gegen Jedermann dienen wollten. Dieſer Feldzug war nur durch ein Wunder von Strategie gewonnen worden. Im Uebrigen war es hohe Zeit, daß er ein Ende nahm: der Graf von Charolais ſtand nur noch zehn Meilen von Paris, 14⁴⁴ und der König war beinahe hundert Meilen davon entfernt; wenn Ludwig ſeine Hauptſtadt verlor, ſo S riskirte er auch ſein Reich zu verlieren; er wußte das recht gut. Aber er hatte auch Nichts unterlaſſen, um Paris in guter Stimmung zu erhalten: er hatte Karl von Le Melun, einen ſeiner geſchickteſten und, wie er glaubte, ab getreueſten Unterfeldherrn, nebſt dem Biſchof von ge Cvreur, Jean la Balue, der erſt vor Kurzem er⸗ die nannt worden war und dem er den Kardinalshut in Ausſicht ſtellte, dort zurückgelaſſen. da Karl von Melun verkündete die alten Verord⸗ ha nungen über die Bewachung der Stadt; die Schar⸗ wache wurde wieder eingeſetzt, die Ketten zur Ab⸗ ein ſperrung der Straßen, die man unter Karl VI den Na Bürgern abgenommen hatte, wurden ausgebeſſert öfft und wieder in Stand geſetzt. Ste Ludwig hatte an die Einwohner von Paris ge⸗ ſchrieben: er dankte ihnen für ihre Treue, von der der ſie noch keinen Beweis gegeben hatten; er erklärte ihm ihnen, daß Paris diejenige Stadt in der Welt ſei, der die er am meiſten liebe, und meldete ihnen, daß er ſein die Königin dahin ſchicken werde, um daſelbſt ihre Par Entbindung abzuwarten. Zu gleicher Zeit predigten alle Geiſtlichen für von den König. zege Der bewundernswürdige Feldzug, den er ſo eben eini gemacht, und die Artillerie des Jean Bureau, der Nichts zu widerſtehen vermocht, hatten freilich auch ſchick einigen Einfluß auf die Gebete der Prediger. Die Uebe Geiſtlichkeit liebte Ludwig Kl nicht ſehr. Mai ihner davon r, ſo vußte ßaris von ubte, von er⸗ it in ord⸗ har⸗ Ab⸗ den ſſert ge⸗ der ärte ſei, hre für en der uch ie 145 Der Graf von Charolais und der Graf von Saint⸗Pol waren in Saint⸗Denis. Sie hatten einmal mit Jean von Popincourt und Pierre Lorfevre, welche das Thor von Saint⸗Denis zu bewachen hatten, in Unterhandlung treten und Lebensmittel für die Burgunder verlangen wollen; aber dieſe beiden Kapitäne hatten jeden Verkehr ab⸗ gelehnt und bei der erſten feindlichen Bewegung auf die Burgunder ſchießen laſſen. Der Graf erwartete die Fürſten: er wußte nicht, daß ſie geſchlagen waren und ſich unterworfen hatten. Er trat als Stellvertreter des Herzogs von Berry, eines Bruders des Königs, auf und ſchaffte in deſſen Namen überall die Steuern und Zölle ab; in Lagny öffnete er die Salzmagazine und verbrannte die Steuerregiſter. Auf einmal erfuhr der Graf von Charolais, daß der König ſiegreich heimkehre und die Abſicht habe ihm eine Schlacht zu liefern. Er ging alsbald bei der Brücke von St. Cloud über die Seine und zog ſeinem Gegner entgegen, um ihm die Rückkehr nach Paris abzuſchneiden. odann erwartete er von Anjou her den Herzog von Bretagne und den Herzog von Berry; indem er gegen Fontainebleau marſchirte, kam et ihnen um einige Etappen näher. Ludwig hatte den Herzog von Maine vorausge⸗ ſchickt, um dieſen beiden Hilfsheeren des Grafen den Uebergang ſtreitig zu machen; aber der Herzog von Maine hatte ſich nicht ſtark genug geglaubt, um ihnen den Weg abſchneiden zu können: er hatte 1¹6 ſie ihren Marſch nach Chartres fortſetzen laſſen und war in Beaugency wieder zu dem König geſtoßen. Was beabſichtigte der König? Wollte er gegen den Herzog von Bretagne oder gegen den Grafen von Charolais marſchiren? Seine Abſicht war nach Paris zurückzukehren, ohne ſich mit dem Einen oder Andern in einen Kampf einzulaſſen; aber ſo ein guter Strateg er war, ſo ſtand doch kaum zu erwarten, daß dieſes Manöver ihm gelingen würde. Der Graf von Brezé glaubte, daß man die Bre⸗ tagner leichter ſchlagen könnte als die Leute des Herzogs von Burgund, und rieth alſo dem König die erſteren anzugreifen. Er bemerkte ihm noch, bei den Bretagnern ſeien die Grafen von Lohéac, von Bueil und von Dunois, lauter alte Diener Karls VII, die es ohne Zweifel nicht wagen würden ſeinen Sohn zu bekämpfen. „Aber Ihr,“ ſagte der König lachend,„Ihr habt ja ehemals dieſes Bündniß der öffentlichen Wohl⸗ fahrt auch unterzeichnet, Seneſchall!“ „Wohl wahr,“ antwortete dieſer ebenfalls lachend, „die Andern haben allerdings meine Unterſchrift, Sire, aber Ihr habt meine Perſon.“ . „Ei nun, Seneſchall,“ fragte der König,„habt Ihr denn Angſt, daß Ihr mir von der Schlacht ab⸗ rathet?“ „Was das betrifft, nein,“ antwortete Brezé, „und ich werde es Euch bei der erſten beſten Gelegen⸗ heit zeigen.“ „Nun wohl,“ ſprach der König,„ſo laßt uns nach Paris marſchiren, und herzhaft.“ egen afen ren, inen war, över Bre⸗ des önig von VII, Sohn habt Lohl⸗ hend, hrift, . „habt t ab⸗ rezé, legen⸗ tuns 147 Der König Ludwig war jetzt hartnäckiger als die Kriegsleute. Der Graf von Charolais dagegen würde, da er ſich ganz vereinzelt ſah und die Bretagner nur lang⸗ ſam heranrückten, die Schlacht ſehr gerne vermieden haben; allein dies paßte nicht zu den Plänen des Grafen von Saint⸗Pol, der Connetable zu werden wünſchte. Am 14. ſchrieb der König nach Paris, daß er am 16. eintreffen werde, und befahl ſeinem General⸗ lieutenant Kark von Melun, ihm zweihundert Lanzen nebſt dem Marſchall von Rouault zu ſchicken. Dann ſetzte er ſeinen Marſch fort. Am 16. Morgens traf er in Chartres ein; er war die ganze Nacht marſchirt. Dort erfuhr er, daß die Armee des Grafen von Charolais in Montlhery ſtand. VIII. Die Schlacht von Montlhery. Ludwig Xl gab ſeine Vorhut dem Grafen von Brezé, der jedoch bloß recognosciren ſollte. Aber ſei es daß die Vorwürfe des Königs ihn piquirt hatten, ſei es daß dieſer geſchworene Ver⸗ räther einen neuen Verrath begehen wollte, er ſagte: „Ich werde ſie ſo nahe an einander bringen, daß Einer ſehr geſchickt ſein muß, um die Franzoſen von den Burgundern unterſcheiden zu können. Man hinterbrachte dieſe Aeußerung Ludwig Kl. . 1——,. C.—— 14⁸ Er runzelte die Stirne und ertheilte ganz leiſe einige Befehle. Ludwig wollte keine Schlacht wagen, bevor die erwarteten Verſtärkungen angekommen waren. Aber er war nicht mehr der Herr der Lage. Trotz ſeines Befehls hatte Brezé mit ſeiner Vorhut angegriffen, war aber ſchon beim erſten Zuſammen⸗ ſtoß gefallen. „Das iſt Gottes Strafgericht,“ ſagte Ludwig XI./ Die Vorhut wich zurück. Der König ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Trup⸗ pen und griff muthig an; er ſtieß auf Saint⸗Pol und warf ihn über den Haufen; dieſer hatte zu ſei⸗ nem Glück einen Wald in der Nähe, in den er ſich werfen konnte. Mittlerweile verſchanzten ſich die Bogenſchützen hinter ihren geſpitzten Pfählen und hinter den Ge⸗ päckwagen; man brachte ihnen zwei Stückfäſſer Bur⸗ gunderwein, welche ſie ſogleich anſtachen, und worin ſie neuen Muth holten. Als der Graf von Charolais erfuhr, wie es ſich mit der Schlacht verhielt, war er einen Augenblick unſchlüſſig und ſchickte dann den Baſtard von Bur⸗ gund ab. Sollte er ſelbſt vorrücken? Es war gefährlich alle ſeine Truppen in den Kampf zu führen; wenn der Graf von Rouault einen Ausfall aus Paris machte, ſo kam der Prinz zwiſchen zwei Feuer. Aber da kam Herr von Contay herbei. „Geſchwind, gnädigſter Herr, geſchwind!“ rief er, „wenn Ihr Eure Schlacht gewinnen wollt, ſo müßt Ihr Euch tummeln: die Franzoſen rücken in Reih . o ℳ r— e—— Scr ———— nige die age. rhut men⸗ XI rup⸗ Pol ſei⸗ ſich ützen Ge⸗ Bur⸗ orin ſich blick Bur⸗ rlich venn zaris f er, müßt Reih 149 und Glied an, ſie werden zuſehends ſtärker, die Sache hat Eile.“ Der Graf von Charolais bedachte ſich nicht län⸗ ger; aber wie er in allen Dingen ein extremer Kopf war, fo führte er ſeine Edelleute, ſtatt ſie auf halbem Weg Athem ſchöpfen zu laſſen, in Einem Zug gegen die Franzoſen; ſie hatten über grüne Korn⸗ und Boh⸗ nenfelder reiten müſſen und kamen ganz abgehetzt an. Als ſie das Dorf Montlhery erreichten, ſteckten ſie es in Brand. Der Wind trieb den Franzoſen den Rauch und die Flammen ins Geſicht; ſie gerie⸗ then in Verwirrung; der König und ſeine Leute wur⸗ den zurückgedrängt. Auf der Höhe machte Ludwig XI Halt, aber der Graf ſtürmte in der Hitze der Verfolgung über ihn hinaus. Der König ſuchte jetzt ſeine Nachhut, die unter den Befehlen des Herzogs von Maine ſtand; dieſer hatte ſie weggeführt. Alle Welt war mehr oder weniger Verräther. Und gleichwohl hatte ſich dieſer Herzog von Maine vorausbezahlen laſſen; der König hatte ihm die Be⸗ ſitzungen von Dunois gegeben. Sagen wir, daß die meiſten dieſer Männer das kranke Geſicht der Zeitgenoſſen hatten, welche die großen Geiſter, die ſie allzu nahe ſehen, ſchlecht ſehen. Der Graf von Charolais ſtürmte immer weiter und kam eine halbe Meile über Montlhery hinaus. Der König ſah dieſe Unvorſichtigkeit und ſuchte ihm den Rückzug abzuſchneiden. Noch fünfhundert Schritte und der Graf war verloren. 15⁰ Er verſuchte im Galopp umzukehren; er mußte ſich durchſchlagen; er wurde erkannt, und die Reiter ſtürmten von allen Seiten auf ihn ein. Ein Infan⸗ teriſt verſetzte ihm einen Pikenſtich in die Bruſt, der ihm ſeinen Panzer verbog.„ Als der Graf vor das Schloß kam, in welches er ſich zurückziehen zu können glaubte, ſah er, daß es von den Bogenſchützen des Königs beſetzt war. Er wandte ſich links, um die Ebene wieder zu er⸗ reichen; aber eine Schaar von etwa zwanzig Rei⸗ tern verfolgte ihn, er erhielt einen Degenſtich zwi⸗ ſchen ſeinen Helm und ſeinen Panzer, die ſeine Knappen ſchlecht zugeſchnallt hatten. Ein Reiter legte die Hand an ihn und rief: „Gnädigſter Herr, ich kenne Euch wohl, ergebt Euch! laßt Euch nicht tödten.“ Zum Glück warf ſich der Sohn ſeines Leibarztes, Jean Cadet ſagen die Einen, Robert Cottereau ſagen die Andern, zwiſchen Karl und ſeine Verfolger und rettete ihn. In dieſem Augenblick ſprengte, wiederum zum Glück, der Baſtard von Burgund mit ſeinen Leuten und etwa dreißig Bogenſchützen heran, die er um ſeine Fahne geſammelt hatte. Die Stange an die⸗ ſer Fahne war ſo oft abgehauen worden, daß ſie nur noch einen Fuß lang war. Der Graf hatte ſich einen Augenblick in ſo großer Gefahr befunden, daß man ihn hatte rufen hören: „Freunde, vertheidiget Euern Prinzen! laßt ihn nicht in Gefahr! Ich meinerſeits werde Euch erſt. im Tode verlaſſen: ich hin hier, um mit Euch zu leben und zu ſterben.“ — 15¹ ßte Sein Knappe Philipp von HDignies, der ſein ter Fähnlein trug, war an ſeiner Seite gefallen. an⸗ Unter den Franzoſen ging das Gerücht, der König iſt, ſei umgekommen. Ludwig ſah ein, daß er dieſes Gerücht nicht aufkommen laſſen durfte. hes Er nahm ſeinen Helm ab, ſprengte über das aß Schlachtfeld und rief: ar⸗„Rein, meine Freunde, ich bin nicht todt; ſehet er⸗ da Euern König und vertheidiget ihn herzhaft.“„— ei⸗ Wir haben geſagt, daß die burgundiſchen Bogen⸗ wi⸗ ſchützen ſich hinter ihren Pfählen und Gepäckwagen ine verſchanzt hatten, und während ſie von dieſem ſichern iter Verſteck aus ihre Pfeile abſchoßen, leerten ſie die zwei Fäſſer Burgunder, welche der Graf von Saint⸗ ebt Pol hatte anſtechen laſſen; aber die franzöſiſchen Rit⸗ ter griffen ſie nicht von vorn an, ſondern ſetzten tes, von allen Seiten über die Hecken und fielen über gen ſie her. und Als die Reiter des Barons von Ravenſtein und des Grafen von Saint⸗Pol dieſes Manöver ſahen, um ſtürmten ſie mitten durch ihre eigenen Bogenſchützen ten durch und warfen ſie übereinander. Es waren un⸗ um gefähr zwölfhundert Mann, aber ganz junge Leute, die⸗ die während eines langen Friedens herangewachſen nur waren und höchſtens in Turnieren Lanzen gebrochen hatten; ſie wurden daher im Nu durchbrochen, und ßer da ſie ſelbſt ihre Bogenſchützen in Unordnung ge⸗ en bracht hatten, ſo konnten ſie ſich auch nicht wieder ihn hinter ihnen vereinigen, ſondern ergriffen die Flucht, erſt. auf welcher ſie von den Savoyarden und Dauphine⸗ zu ſen verfolgt wurden. S — 152 Philipp von Lalaing ließ ſich tödten; er gehörte jenem tapfern Hauſe Lalaing an, das nicht floh. Der König beobachtete die Schlacht auf dem Hügel von Montlhery, wo er nur noch ſeine Garde um ſich hatte. Der Graf befand ſich in der Ebene, hatte aber ſo wenig Leute mehr, daß der König ihn mit hun— dert Reitern hätte vollends überwältigen können. Inzwiſchen kam der Graf von Saint⸗Pol, der ſich geſchont hatte, gegen Abend aus ſeinem Walde hervor, ſammelte etwa vierzig Pferde und ritt im Schritt und in guter Ordnung zu dem Grafen von Charolais. Nach und nach ſchloſſen ſich alle diejeni⸗ gen, denen man begegnete, dem Häuflein an, ſo daß es wieder zu achthundert Reitern anwuchs. Der Graf von Charolais wollte wieder die Offen⸗ ſive ergreifen, aber es waren keine Bogenſchützen mehr vorhanden, und wie konnte er ohne Bogen⸗ ſchützen die Franzoſen angreifen, die auf einer Höhe poſtirt waren und hinter den Verſchanzungen ſtan⸗ den, welche die Burgunder vor der Schlacht für ſich ſelbſt aufgeworfen hatten? Der Augenblick wäre indeß günſtig geweſen: die Franzoſen waren in großer Verwirrung; Brezé hatte mit der Vorhut, der Herzog von Maine mit der Nachhut den Verräther gemacht; nur der König allein und die unmittelbar von ihm ſelbſt befehligten Leute würden tüchtig gekämpft haben. Ohne den König, der wie Heinrich IW in ſeinen guten Tagen focht, war die Schlacht verloren. Der Abend kam. Im burgundiſchen Lager herrſchte große Zwie⸗ — rte em rde ber un⸗ der lde im von eni⸗ daß fen⸗ tzen en⸗ öhe an⸗ ſich die atte der nig ſten nen wie⸗ 153 tracht; die in Pelotons von zwanzig bis dreißig Mann vertheilte Armee war geſchlagen; die Bogen⸗ ſchützen, die von den Rittern ihrer eigenen Partei zu Boden geworfen worden, kamen zertreten und ge⸗ ſchunden zurück. Die Höhe des Getreides verhin⸗ derte die ganze Größe des Verluſtes zu überſchauen. Die beiden Fürſten waren aufrecht geblieben; ihre zwei Armeen ſchienen verſchwunden zu ſein. Der Graf von Saint⸗Pol und der Baron von Hautbourdin ließen Wagen herbeiführen, um eine Art von Verrammlung zu bilden. Man wußte nicht, in welchem Zuſtand ſich die Armee des Königs von Frankreich befand; man ſah ihre Feuer, man glaubte, ſie würde die Nacht in ihrer Stellung zubringen. Der Graf von Charolais litt an ſeiner Wunde; man nahm ihm ſeine Waffen ab und verband ihn. Er ließ ſich zwei Bündel Stroh bringen, um ſich zu ſetzen, und aß. Man befand ſich mitten unter Leichnamen, die bereits ausgeplündert und nackt waren:; es iſt unglaublich, mit welcher Raſchheit dieſe Opera⸗ tion der Ausplünderung vor ſich gegangen war. Einer der Leichname belebte ſich wieder und verlangte zu trinken; der Graf gab ihm ein wenig von ſeiner Tiſane— er trank niemals Wein— dann rief er ſeinen eigenen Arzt herbei und empfahl ihm den armen Teufel, der wirklich davon kam. Wem gehörte der Tag? Dies wäre ſehr ſchwer zu entſcheiden geweſen. Der auf dem Stroh ſitzende Graf hielt jetzt mit ſeinen Hauptleuten, die auf einem umgeworfenen Baumſtamm ſaßen, Rath. Der Graf von Saint⸗Pol war der Meinung, 15⁴ man müſſe das Gepäck im Stich laſſen, ſich nur um die Artillerie bekümmern und den Weg nach Bur⸗ gund einſchlagen. Die Gefahr ſei, da man ſich zwi⸗ ſchen dem König und Paris befinde, gar zu groß. Karl von Melun könne ſich auf einmal eines Beſſern beſinnen und einen Ausfall machen: dann werde man zermalmt— vernichtet werden. Zu dieſer Anſicht bekannte ſich auch der Baron von Hautbourdin. Der Baron von Contay war anderer Meinung. Durch einen Rückzug, ſagte er, würde man Alles verloren geben: dies wäre kein Rückzug mehr, ſon⸗ dern eine Flucht; bevor man zwanzig Meilen zurück⸗ gelegt hätte, würde die ganze Schaar ſich zerſtreuen und der Graf allein bleiben. Er glaube daher, daß man die Nacht dazu anwenden müſſe, ſich wieder zu ſammeln und in guter Ordnung eine feſte Haltung anzunehmen. „Wenn der liebe Gott den gnädigſten Herrn aus der Gefahr gerettet hat, wovon er heute bedroht war,“ ſagte er,„ſo geſchah dies, damit er ſeinen Plan zur Ausführung bringe.“ Der Graf von Charolais entſchied ſich für dieſe Anſicht, ertheilte ſeine Befehle darnach, ſprach ſeinen Leuten Muth ein, ließ Wein unter ſie vertheilen und legte ſich dann ſchlafen, um beim erſten Trompeten⸗ ſchall bereit zu ſein. Während er ſchlief, ſchickte der Graf von Saint⸗ Pol Leute auf Recognoscirung aus. Von dieſen Leuten brachte die eine Abtheilung einen Fuhrmann, der einen Krug Wein vom Dorfe her trug, die andere einen Franzikanermönch mit. A vi la ei ni te ron ng. lles ſon⸗ ück⸗ uen daß zu ung aus roht inen ieſe inen und ten⸗ int⸗ lung orfe 6 155⁵ Beide Gefangene machten die gleiche Ausſage: der König ſei abgezogen und habe nur eine einfache Wache im Schloß zurückgelaſſen. Der Franziskaner war überdies der königlichen Armee begegnet, die ſich nach Corbeil zurückzog oder vielmehr das that, was ſie immer hatte thun wollen, d. h. gegen Paris zurückmarſchirte. „Und nun,“ ſagt Comines,„gab es Leute, die laut ſchrien, man müſſe ſie verfolgen, während ſie eine Stunde vorher ganz klein zugegeben hatten.“ Und in der That entriß dieſer Rückzug des Kö⸗ nigs den Grafen einer ſehr großen Verlegenheit. Ludwig Xl hielt in Corbeil an, wo er Nachrich⸗ ten aus Paris erwartete. Er ſelbſt war auch nicht ganz ruhig. Glücklicherweiſe vertändelte der Graf von Cha⸗ rolais, ſtatt ihn zu verfolgen, ſeine Zeit damit, daß er nach altem Brauch ſeinen Sieg ausrufen ließ. Er ließ unter Trompetenſchall an den vier Ecken des Lagers verkünden, daß er bereit ſei die Schlacht an⸗ zunehmen, wenn ſich ein König, Fürſt oder Heer⸗ führer finde, der Muth genug beſitze ſie ihm anzu⸗ bieten. Natürlich antwortete Niemand, und ſo erklärte der Graf von Charolais ſich als Sieger. „Von dieſem Augenblick an,“ ſagt Comines,„be⸗ gann bei ihm jene große Anmaßung, die ihn unter allen Fürſten am unfähigſten machte einen Rath an⸗ zuhören und irgend einer andern Eingebung als ſei⸗ nem eigenen Willen zu folgen.“ Der König ſeinerſeits kehrte, da er Paris unbe⸗ weglich ſah, in die Hauptſtadt zurück. Paris wußte 156 nicht recht, was vorgefallen war. Der König be⸗ nutzte dieſen Umſtand, um Nachrichten in ſeinem eigenen Sinn zu verbreiten. Der Graf von Charo⸗ lais proclamirte ſeinen Sieg an den vier Ecken des Lagers; der König ließ den ſeinigen an den vier Ecken von Paris ausrufen. Dann ſetzte er ſich ruhig zu Tiſche. Bei wem? Bei ſeinem getreuen Diener Karl von Melun.. Bei dieſem war der König abgeſtiegen, obſchon er recht wohl wußte, daß ſein Generallieutenant ihn verrathen hatte; aber er glaubte den Augenblick noch nicht gekommen ihm Vorwürfe machen zu können, hörte alſo die vortrefflichen Gründe, womit dieſer ſein Nichterſcheinen auf dem Kampfplatz entſchuldigte, beifällig an und zeigte ſich ungemein gnädig gegen ihn, ſo wie gegen die Bürger und Bürgerinnen, welche der Gouverneur von Paris eingeladen hatte, um mit Sr. Majeſtät zu ſoupiren. Auf die Erklärung des Königs, daß die Schlacht gewonnen und die Burgunder auf der Flucht ſeien, zog eine Bande von etwa dreißig Marodeurs aus, ſtreifte bis nach Montlhery, plünderte die Flücht⸗ linge, ſammelte die weggeworfenen Waffen und die im Stich gelaſſenen Fuhrwerke. In Montlhery fanden ſie den Grafen von Cha⸗ rolais, der noch immer mit lauten Trompetenſtößen ins Blaue hinein windbeutelte. e⸗ m o⸗ es ier on on ihn och en, ſer gte, gen en, tte, acht ien, us, icht⸗ die Lha⸗ ößen 157 IX. Gebete zu Notre⸗Dame von Clery. Während der Graf auf ſolche Art ſeine Zeit verlor, wandte der König die ſeinige ſehr nützlich an, indem er ſein Paris Haus um Haus, Straße um Straße, Platz um Platz wiedergewann; im Anfang hatte er nur zweihundert Lanzen, hernach vierhundert und dann tauſend. Er ernannte den Grafen von Eu an die Stelle Karls von Melun, obſchon er letzteren äußerſt huld⸗ reich behandelte, ſeinen lieben Freund nannte und ihm Geld gab, welches er aus ganz unbekannten Ouellen ſchöpfte. Ludwig Kl hatte ſich übrigens bei ſeiner Rück⸗ kehr äußerſt klug benommen. Man hatte einen Ma⸗ rius oder Sulla einziehen zu ſehen geglaubt; aber nein, es war ein Auguſt. Der Biſchof von Paris kam, um ihm Vorſtellungen zu machen; der König hörte ſie nicht bloß mit bewundernswürdiger Geduld an, ſondern bat auch den Prälaten, als er fertig war, um ſeinen Segen. Er ermäßigte mehrere Steuern, unter anderen die auf den Weinverkauf im Detail; er gab den Geiſtlichen, den Mitgliedern der Univerſität und den königlichen Offizieren das Recht zurück den Wein ganz ſteuerfrei zu verkaufen. Er ging zu Fuß durch die ganze Stadt, und überall jubelte ihm das Volk laut zu. Auf einem dieſer Spaziergänge begegnete er einem Dumas, Karl der Kühne. 1. 11 158 Schreiber, der am Tag, wo die Burgunder vor dem Thore St. Denis erſchienen waren, in den Straßen herumgerufen hatte:„Paris iſt genommen, es leben die Burgunder!“ Dieſer Menſch war in Folge einer ganz auffallenden Milde der Richter bloß zu ein⸗ monatlicher Gefangenſchaft und einer Anzahl von Ruthenhieben verurtheilt worden. Man führte ihn eben auf einem Miſtkarren durch die Stadt. Der König fragte, wer er ſei und was er verbrochen habe. Man erwartete, er werde ihn hängen laſſen, zumal als man ſah, daß er den Henker rief und ganz leiſe mit ihm ſprach. Aber er ſagte zu dieſem bloß: „Schlagt tüchtig drauf und ſchont den Schlingel nicht, denn ich denke, er werde es wohl verdienen.% Der König hatte Bogenſchützen aus der Nor⸗ mandie kommen laſſen, aber der normänniſche Adel leiſtete ſeiner Aufforderung keine Folge. Ludwig KI richtete jetzt ſein Augenmerk auf die Umgebungen von Paris; er ſah, daß die Fürſten ſich in Etampes verſammelt hatten, daß aber dieſe Zuſammenkunft kein anderes Reſultat gehabt, als ihnen die materielle und politiſche Unmöglichkeit eines Bündniſſes, wie das ihrige war, vor Augen zu legen. Was den materiellen Standpunkt betraf, ſo konnte das Land ihre fünfzigtauſend Mann, worunter zehn⸗ tauſend Reiter, nicht ernähren. Sie waren daher genöthigt ſich von Montlhery bis nach Sens zu zer⸗ ſtreuen. Ferner war jede Armee ein Volk, welches den andern Völkern feindlich gegenüberſtand; jeder Heer⸗ führer war ein Fürſt, der in den andern Fürſten ſem ngel 159 Feinde erblickte. Zuerſt Armagnacs und Burgunder, jene alten Athleten, die ſich ſo lange in Paris als Rothkreuze und Weißkreuze bekämpft hatten; dann Deutſche und Italiener, Gibellinen und Welfen, Bre⸗ tagner und Provengalen, Oſt und Weſt; endlich ein kränklicher und leidender Herzog von Berry, der zu dem Schlachtfeld von Montlhery ein ſchiefes Geſicht ſchnitt, während der Alexander, der Cäſar dieſes Tages, der Graf von Charolais ſeine Pfauenräder ſchlug, vor Hochmuth kaum noch ſprach und diejeni⸗ gen, die erſt nach der Schlacht ankamen, aufs Bit⸗ terſte verhöhnte. „Wie es ſcheint, ſind viele Verwundete da,“ ſagte der Herzog von Berry,„das bedauere ich ſehr. n. ℳ 2ch wollte lieber, man hätte die Sache gar nicht an⸗ Ror⸗ Adel XI igen npes unft ielle wie nnte ehn⸗ aher zer⸗ den Heer⸗ rſten —. gefangen, als daß ich jetzt am Unglück ſo vieler Leute Schuld bin. Und auch Ihr ſelbſt ſeid verwundet, Vetter Charolais?“ „Ei was macht das, Vetter Berry?“ antwortete der Graf, ſich in die Bruſt werfend;„dies beweist wenigſtens, daß ich zu rechter Zeit angekommen bin, um an der Schlacht Theil zu nehmen.“ Dann wandte er ſich gegen die Burgunder und ſagte: „Höret Ihr, wie mein lieber Vetter ſpricht? Er iſt ganz betrübt wegen ſieben⸗ oder achthundert Mann, die er verwundet in der Stadt herumhinken ſieht, während ihn doch dieſe Leute gar nichts angehen und er ſie nicht einmal kennt. Was für ein Geſicht würde er erſt ſchneiden, wenn die Sache wirklich ihn anginge? Er wäre der Mann ſchnell einen Handel für ſich abzuſchließen und uns im Koth ſitzen zu 160 laſſen. Die früheren Kriege zwiſchen ſeinem Vater, dem König Karl, und meinem Vater, dem Herzog von Burgund, könnten ihm leicht ins Gedächtniß kommen, und dann würden vielleicht die Franzoſen und Bretagner ſich gegen uns wenden.“ Während die Fürſten ſich herumzankten, reiste der König, der nicht wie ſie drei oder vier verſchie⸗ dene Willen in Einklang zu bringen hatte, ohne ein Wort zu ſagen, nach der Normandie, um den dortigen Adel anzufeuern. Es war kühn Paris in einem ſol⸗ chen Augenblick zu verlaſſen, aber der König liebte ſolche gewagte, beinahe unbeſonnene Unternehmungen, die er auf gewiſſe Berechnungen ſtützte. Ihr Ge⸗ lingen machte ihm immer ungeheure Freude und gab ihm ein unglaubliches Gefühl der Selbſtbefriedigung. ueberdies ſetzte Ludwig XKl Vertrauen in ſeinen neuen Statthalter, den Grafen von Eu, und mehr noch in das gemeine Volk von Paris. Die Bürger liebten ihn nicht ſonderlich; ſie fan⸗ den, daß er ſelbſt zu ſpießbürgerlich war. So erfuhren denn auch die Fürſten von einigen dieſer Spießbürger die Abreiſe des Königs nach der Normandie und rückten in Folge dieſer Rachricht bis nach Lagny vor. Als die Parlamentsmitglieder und die angeſehe⸗ nen Bürger die Fürſten fünf oder ſechs Meilen vor den Thoren von Paris ſtehen ſahen, gingen ſie zu dem Grafen von Eu und erſuchten ihn, Geſandte an ihre Hoheiten abzuſchicken, um ſich über einen guten Frieden zu verſtändigen. Der Graf von Eu antwortete, dies ſei wirklich er, 0g niß ſen ste ie⸗ ein gen ſol⸗ bte en, 161 ſeine Abſicht, und er werde von der erſten Gelegen⸗ heit, die ſich darbiete, Gebrauch machen. Die Gelegenheit ließ nicht lange auf ſich warten: der Herzog von Berry ſchickte vier Herolde mit vier Briefen ab; ein Schreiben war an die Bürger, das zweite an das Parlament, das dritte an die Kirche und das vierte an die Univerſität gerichtet. Die Fürſten verlangten, man ſolle ihnen ſechs Notabeln ſchicken, um die Friedensbedingungen zu erörtern. Die Stadt ſchickte ihrer zwölf: Wilhelm Chartier, einen blödſinnigen Biſchof; Thomas Courcelles, einen der Richter der Jungfrau von Orleans; den Prediger Olive; die drei Thuillier, wovon der eine Theolog, der andere Advocat und der dritte Wechsler war; ſechs Domherren unter zwölf Geſandten. Die Deputation traf die Fürſten im Schloß Beauté. Der Herzog von Berry empfing ſie ſitzend. Der Held von Montlhery ſtand bis an die Zähne bewaffnet an ſeiner Seite. Ebenſo auch Dunois trotz ſeiner ſechsundſechzig Jahre und ſeiner Gicht. Der Herzog von Berry ſagte Nichts; der Graf von Charolais ließ einige Drohungen fallen und machte Anſpielungen auf Montlhery; aber Dunois bedeutete den Abgeordneten, wenn Paris ſeine Thore nicht vor Sonntag geöffnet habe, ſo werde man am Montag einen allgemeinen Sturm unternehmen. Es war Freitag, die Abgeordneten hatten keine Zeit zu verlieren. Am Samstag großer Rath in Paris, und, wie man ſich wohl denken kann, große Beſtürzung. 162 Unter den Fenſtern des Stadthauſes ſtanden die Bogenſchützen der Stadt, um den berathenden Per⸗ ſonen alle Meinungsfreiheit zu verbürgen. Aber zweihundert Schritte von da auf den Quais hielt der Graf von Eu Heerſchau über dreitauſend Reiter, fünfzehnhundert Infanteriſten, berittene Bogen⸗ ſchützen und normänniſche Bogenſchützen zu Fuß. Dies wollte beſagen:„Meine Herren Bürger, nehmt Euch wohl in Acht, was Ihr thut.“ Inzwiſchen beriethen ſich die Bürger. Einige ſagten, es wäre doch gar zu unhöflich, wenn man den Fürſten die Thore verſchlöße, und man müſſe ſie, jeden mit ſeiner Leibwache von vierhundert Mann, hereinlaſſen: im Ganzen alſo ſechszehnhundert Mann. Dieſer Rath, welcher den Vortheil hatte eines jener Auskunftsmittel an die Hand zu geben, die der Bourgeviſie immer gefallen, weil ſie dadurch zu nichts Entſcheidendem ſich verpflichtet, wäre vielleicht durchgegangen, wenn man nicht Geſchrei auf der Straße und jenes ferne Sturmgetöſe, das der große Haufen verurſacht, gehört hätte. Es war das gemeine Volk von Paris, das dieſe ſpitzbübiſchen Deputirten, welche die Plünderer in die Stadt einlaſſen wollten, ſuchte, um ſie aufzu⸗ knüpfen oder ihnen die Hälſe abzuſchneiden. Die Demonſtration war ſehr deutlich, und die⸗ jenigen, die ſie machten, bildeten einen anſehnlichen Haufen. —— Der Graf von Eu ließ das Volk unter den Fen⸗ ſtern des Stadthauſes zum großen Schrecken der Bürger ſich heiſer ſchreien; dann trat er in den Sitzungsſaal und forderte die Deputirten auf, ſie —— 0—— —— 163 1 ſollten den Herren Fürſten das Ergebniß ihrer Be⸗ rathungen mittheilen. Die Abgeordneten holten die Meinung der großen Mehrzahl der Notabeln ein und brachen auf. Es war Sonntag. Die Antwort lautete, man könne ſich zu Nichts entſchließen, bevor man den Willen des Königs wiſſe. „Dann,“ ſagte Dunvis mit ſeiner gröbſten Stimme, „dann wird morgen alſo geſtürmt.“ „Ganz wie Ihr wollt, gnädigſter Herr,“ erwie⸗ derten die Bürger. Der folgende Tag verging, ohne daß man Je⸗ mand kommen ſah; im Gegentheil machten die könig⸗ lichen Truppen einen Ausfall und brachten ſechzig Pferde mit heim. Am 28. Auguſt zog der König mit einer Armee von zwölftauſend Mann, fünfzig Pulverwagen und ſiebenhundert Fäſſern Mehl von Neuem in Paris ein. Ludwig Xl kannte ſeine Pariſer: er wußte, daß ſie treu waren, ſo lange ſie keinen Mangel lit⸗ ten; deßhalb hielt er darauf, daß ſie reichlich zu eſſen und zu trinken bekamen, und Paris hatte immer Ueber⸗ fluß an Brod und Wein. Die Fürſten bielten die obere Seine beſetzt, aber der König hatte den untern Fluß in ſeiner Gewalt. Die Lebensmittel kamen nicht von oben, ſondern von unten her. Der König ließ ſogar Aalpaſteten aus Mantes und ſie öffentlich um den halben Preis aus⸗ rufen. Inzwiſchen litten die Belagerer ſchwere Noth; es war gerade das Gegentheil von den Verhältniſſen einer gewöhnlichen Belagerung. 164 Der Herzog von Maine hatte Mitleiden mit ſei⸗ w nem Reffen, dem Herzog von Berry: er ſchickte ihm S eine Fuhre Aepfel, Kohl und Rüben. Ke Es war das zweitemal, daß die Bürger den Kö⸗ bi nig mit Heeresmacht einziehen ſahen, nachdem ſie einen Verrath gegen ihn verſucht hatten: ſie fürchte⸗ Di ten alſo zum zweitenmal ſeine Rache. Dieſe war lie indeß ſehr glimpflich; der König wies bloß drei oder we vier Deputirte, die am ſtärkſten für die Einlaſſung der Fürſten geſprochen hatten, aus der Stadt; an dem Biſchof Wilhelm Chartier rächte er ſich nur da⸗ me durch, daß er ſein Leben lang kein Wort mehr mit ihm ſprach und nach ſeinem Tod eine Grabſchrift mo auf ihn machte.„ un Mit allen dieſen Leuten mußte der König ſich Si indeß die Miene geben, als ob er kämpfen wollte. Er erklärte, daß er dem Feind entgegenziehen wolle, Co und holte alſo die Oriflamme bei dem Abt von St. ter Denis; damit jedoch der heiligen Fahne kein Unglück er widerfahren ſollte, verſchloß er ſie ſorgfältig in ſeinem De Palaſt zu Tournelles. Er rechnete auf den Hunger und auf die Unter⸗ Ca handlungen. ſei Um zu erfahren, wie es mit dem Appetit der un Fürſtenarmee ausſah, erlaubte er den Pariſern Lebens⸗ wi mittel an die ausgehungerten armen Teufel zu ver⸗ kaufen. ma Die Pariſer machten Gebrauch von der Erlaubniß. Johann von Troyes kann uns ſagen, welche die Figur die Belagerer machten. „Ihre Wangen waren behaart und hingen vor geſ Elend ſchlaff herab; von Schuhen und Strümpfen ſei⸗ hm ſie te⸗ var der ing an da⸗ mit rift ſich te. lle, St. lück em der ns⸗ ver⸗ niß. lche vor ofen 165 war keine Rede; ſie waren voll von Läuſen und Schmutz; ihr Hunger war ſo wüthend, daß ſie den Käſe nicht lange abſchabten, ſondern ſogleich hinein⸗ biſſen.“ Die Verkäufer erzählten, was ſie geſehen hatten. Dies war Alles was der König wiſſen wollte. Er ließ die Thore der Stadt ſchließen und verbot die weitere Ausfuhr von Lebensmitteln. Die Belagerer hatten nur noch unreife Trauben. Mittlerweile unterhandelte Ludwig XI; die Diplo⸗ matie war ſeine Hauptſtärke. Die erſten, die zu ihm kamen, waren die Ar⸗ magnacs. Der König zeigte keinen Groll, ſondern unterhandelte mit ihnen; freilich hatte er bereits im Sinne es ihnen ſpäter einzutränken. Dann kam der Graf von Saint⸗Pol, der gerne Connetable geworden wäre; er hatte eine lange Un⸗ terredung mit Ludwig XlI, und ohne Zweifel erhielt er diesmal die Scheide, wenn auch noch nicht den Degen. Man trat in Unterhandlung mit Johann von Calabrien, demſelben, welchem Anton de la Salle ſeinen Roman vom kleinen Johann von Saintré und von der Dame mit den ſchönen Muhmen widmete; aber mit ihm ſcheiterte die Sache. Vielleicht machte er zu große Anſprüche oder man bedurfte ſeiner nicht mehr. Der König ſah in der That über die Köpfe aller dieſer Leute weg. Am 26. Auguſt hatte er den Lüttichern Geld geſchickt. Am 30. empörten ſich die Lütticher und forderten den Herzog von Burgund zu blutigem Kampfe heraus. Am 4. September verlangten die Fürſten einen Waffenſtillſtand, der ihnen bewilligt wurde. Beide Theile erklärten, daß ſie den Waffenſtill⸗ ſtand benützen wollten, um über den Frieden zu un⸗⸗ terhandeln. Unter welchen Bedingungen? Ludwig Kl lachte darüber, als man ſie ihm zum erſten Male ſagte. Der Herzog von Berry verlangte die Normandie und Guyenne; der Graf von Charolais die Picardie; der Herzog von Bretagne die Saintonge; der Herzog von Lothringen die Bisthümer Toul und Verdun, nebſt einer Baarſumme von hunderttauſend Gold⸗ thalern, um Neapel und Metz erobern zu können. Der König zog die Unterhandlungen in die Länge. Was ihn hätte retten ſollen, ſtürzte ihn ins Ver⸗ derben. Er hatte das gemeine Volk für ſich, aber die Geiſtlichkeit, die Adeligen und die Bürgerſchaft gegen ich.. Jede Stadt hatte ihre Garniſon, aber ſie hatte auch ihren Edelmann und ihre Notabeln. Dieſe Edelleute und dieſe Notabeln machten dem armen Ludwig XKI während ſeiner ganzen Regierung viel zu ſchaffen. Sein Leben war ein langes Spiel, das immer gleich ſtand. Allerdings gewann er kurz vor ſeinem Tode die entſcheidende Partie; aber zu dieſem Behuf mußte er Armagnac, Saint⸗Pol und Nemours die Köpfe abſchneiden laſſen. ten us. nen till⸗ un⸗ 167 Im Augenblick, wo er Alles in der Hand zu haben glaubte, ſchlug ihm Alles fehl. Zuerſt iſt es der Herzog von Maine, der ſich auf gut Glück von dem Herzog von Berry in ſeinen Aemtern beſtätigen läßt. Dann kommt der Generalcontroleur der Finan⸗ zen, Doriole, der ohne Zweifel die Finanzen des Königs in ſchlechtem Zuſtand findet und ſich deßhalb der Finanzen ſeines Bruders annehmen will. Sodann der Commandant von Pontviſe, der dem Marſchall von Rouault ſchreibt, er möchte ihn bei dem König entſchuldigen, weil er ſo eben mit großem Bedauern die Feſtung an die Fürſten übergeben habe. Ferner Frau von Brezé, die Wittwe des bei Montlhery gefallenen Brezé, die ohne Zweifel den wahren Hergang beim Tod ihres Gatten erfahren hat und deßhalb im Einverſtändniß mit dem Biſchof von Bayeux die Stadt Rouen übergibt. Eines Morgens fand man die Baſtille wagen⸗ weit offen und ihre Kanonen vernagelt; man muß freilich auch ſagen, daß der Gouverneur der Vater des ehemaligen Statthalters von Paris, Karl von Melun war. Der König unterhandelte; er war der Mann der großen Opfer. Ein unbarmherziger Wundarzt, ſchnitt er ſich ſelbſt ſeine Glieder ab. Allerdings wuchſen ihm, wie den Krebſen, die abgeſchnittenen Glieder wieder an, und er ergriff beinahe jedesmal ſogleich wieder eine neue Provinz, um ſie nicht mehr loszulaſſen. Der König begab ſich zu dem Grafen von Cha⸗ rolais. „Der Friede iſt geſchloſſen,“ ſagte er zu ihm, „die Normannen wollen einen Herzog, ſie ſollen ihn ſei haben.“ le⸗ Der König mußte eine qualvolle Nacht zugebracht Al haben, ehe er dieſen Entſchluß faßte. Die Normandie! die Normandie abzutreten, eine No Provinz, die allein den dritten Theil der Steuern Jo des ganzen Königreichs bezahlte, dieſe gute Kuh, die ganz Frankreich mit Milch verſah! Einen Herzog ſeit von der Normandie zu ernennen, d. h. einem Ver⸗ zw räther— ein Herzog der Normandie wurde, wer er auch ſein mochte, nothwendig ein ſolcher— einem der Verräther die Schlüſſel Frankreichs zu übergeben! To den Engländern die Seine zu öffnen, dieſe Haupt⸗ bez ſtraße, die von Havre nach Paris geht! pag Saintonge den Schotten abzutreten! Wenn er dieſes alte Geſchenk Karls VII anerkannte, der in vag einem Augenblick der Bedrängniß eine Armee mit einer Provinz bezahlt hatte, ſo neutraliſirte er La Alle Rochelle, das den Feind auf den Rücken bekam. Ser Die Mark von Champagne dem Herzog von Lothringen abzutreten! Toul und Verdun, treue ſo ſ Verbündete ſeit mehreren Jahrhunderten, zu verra⸗ Vet then, und zwar ohne daß der Herzog von Lothringen nur huldigte. gebe Er mußte das Alles hinunterſchlucken; die Haupt⸗ ſache war, daß er Paris und ſeine Umgebung vvn pag all dieſen Prellern aus der Provinz befreite. Nach den Verträgen gedachte er nicht viel zu fragen; die Verträge ſtehen freilich auf dem Papier und scripta manent. Ja das Geſchriebene bleibt allerdings, aber nur ſo lange, bis man es verbrennt oder zerreißt. von eue ra⸗ gen pt⸗ von tach die Ppta ber t. 169 Der König glaubt von all dieſem Pack befreit zu ſein. Am 3. November begibt er ſich nach Villiers⸗ le⸗Bel, um von dem Grafen von Charolais zärtlich Abſchied zu nehmen. Jetzt kündigt ihm dieſer eine höchſt überraſchende Nachricht an: er erklärt ihm, daß er die Prinzeſſin Johanna, ſeine Tochter, heirathen wolle. „Aber lieber Vetter,“ ſagte der König,„Ihr ſeid ja dreißig Jahre alt und meine Tochter erſt zwei Jahre.“ „Ich werde dreizehn Jahre warten,“ antwortete der Graf von Charolais.„Die Verbindung mit der Tochter meines Lehensherrn iſt damit nicht zu theuer bezahlt, beſonders wenn dieſe Tochter mir die Cham⸗ pagne zubringt.“ „Ah,“ ſagte Ludwig,„ſie bringt Euch die Cham⸗ pagne zu?“ „Nun natürlich,“ antwortete der Graf,„ſammt Allem was drum und dran hängt: Langres und Sens, Laon und Vermandvis.“ „Je mehr ſie Euch zubringt,“ meinte Ludwig,„um ſo ſchwerer wird Euch das Warten werden, lieber Vetter.“ „Nein, denn inzwiſchen werdet Ihr mir Ponthieu geben.“ „Nun meinetwegen die Heirath und die Cham⸗ vagne in dreizehn Jahren.“ „Und Ponthieu ſogleich.“ „Nun ja, Ponthieu ſogleich.“ Und der König unterzeichnete. Der Graf von Charolais brach endlich auf. „Bei Gott,“ ſagte der König,„ich glaube, ich 170 habe wohl gethan, ſonſt hätte er mir auch noch Isle de France für ſeinen Sohn und inzwiſchen Paris für ſich ſelbſt abgefordert.“ Sodann ſank er auf ſeine Kniee: „Gütige Mutter Gottes von Clery,“ ſprach er, „ich ſchwöre, daß ich Dir von unſerem Goldſchmied, Indreas Mangot, einen ſilbernen Ludwig KI in Lebensgröße machen laſſe, wenn Du geſtatteſt, daß ich, wenn auch nur nach und nach, alles Das zurück⸗ nehme, was mein theurer Bruder und meine guten Vetter ſo eben mir auf einmal abgenommen haben.“ Am 25. November unternahm der König eine Wallfahrt nach Notre⸗Dame von Clery, um ſein Ge⸗ lübde zu erneuern. Unterwegs erhielt er ein Schreiben von dem Herzog von Berry, der ihm meldete, daß er mit dem Herzog von Bretagne wegen ſeines Herzogthums Normandie im Streit liege. Ludwig Kl zeigte den Brief dem Herzog von Bourbon. „Schaut,“ ſagte er,„mein Bruder kann ſich mit meinem Vetter von Bretagne nicht verſtändigen. Ich will nicht, daß zwei ſo gute Freunde ſich veruneinigen; lieber nehme ich meinem Bruder das Herzogthum Normandie wieder ab.“ Dies war in der That der erſte Schritt, welchen Ludwig Fl in dieſer Richtung that. Aber vergeſſen wir nicht, daß wir das Leben Karls des Kühnen zu beſchreiben verſuchen, und fol⸗ gen wir alſo dieſem würdigen Prinzen unter die Wälle von Lüttich und von Dinant. hin ſich wo ſie Ha net ich wir ſie Ste ein⸗ Sch flieſ es ſeie hart es unte Din nen, sle ris er, ed, in daß ück⸗ ten n ine Ge⸗ dem dem ums von mit Ich gen; hum chen eben fol⸗ die 171 X. Die Gevatter von Lüttich. Wenn Ihr an den reizenden Ufern der Maas hinwandelt, ſo bemerket Ihr, daß ſie bei Sedan und Mezieres eine lange Krümmung macht, wie wenn ſie ſich von Luxemburg entfernen und franzöſiſch bleiben wollte, wenn ſie auch wieder umkehren müßte; aber ſie muß der Richtung folgen, welche ihr durch die Hand des mächtigen Geſtalters der Erde vorgezeich⸗ net iſt; ſie muß nach den Niederlanden fließen und ſich mit den deutſchen Gewäſſern vermengen; dann wird ſie einen Augenblick wieder franzöſiſch, indem ſie die Mauern der reichen und ſtark bevölkerten Stadt Lüttich in einer letzten Umarmung liebkost. Lüttich iſt das Frankreich der Niederkande; es iſt eine vergeſſene Provinz, eine weit vorgeſchobene Schildwache; das Blut, das man in Lüttich vergießt, fließt in Wahrheit aus franzöſiſchen Adern. Vergebens ſagte man zu Lüttich, es ſei deutſch, es gehöre zum weſtphäliſchen Kreis, ſeine Intereſſen ſeien im Norden und Oſten; es wollte das Alles nicht glauben, ſondern ſympathiſirte und verkehrte hartnäckig mit dem Weſten und Süden, mit denen es gemeinſchaftliche Sache machte. Unweit Lüttich erhob ſich Dinant. Der Handel von Dinant war im Mittelalter unter dem Namen Dinanterie berühmt. Unter Dinanterie verſtand man hauptſächlich Keſſel, Pfan⸗ nen, Töpfe und kupferne Leuchter. 172 Warum war dieſer Handel von Dinant ſo be⸗ rühmt? Michelet wird es Euch ſagen, er der Alles ſieht und der mit dem Herzen erräth, was er nicht mit den Augen ſieht. Als Frankreich aus den Bürgerkriegen zu aus⸗ wärtigen Kriegen überging; als der Leibeigene, Sclave bei der Arbeit wie im Krieg, frei wurde und ſeine Haue nebſt ſeiner Pike wegwarf; als er es wagte auf einem mit dem Schweiß ſeines Körpers erkauf⸗ ten Stück Land eine Hütte zu erbauen, da bezeichnete er in dieſer Hütte einen geheiligten Platz, den Herd. Hier verſammelte ſich die Familie, hier fetirte man den Gaſt. Der Mittelpunkt des Herdes war der Keſſel⸗ haken. Der Keſſelhaken war die Vertretung des Hauſes ſelbſt; die Katze wird nicht anhänglich an das Haus, bevor man ihr die Pfoten am Keſſelhaken gerieben hat; das Haus lebt und exiſtirt in Wahrheit erſt dann, wenn der Keſſelhaken eingehängt iſt. Aber mit der Einhängung des Keſſelhakens iſt es noch nicht gethan; wenn der Keſſelhaken einge⸗ hängt iſt, muß noch etwas Anderes herabhängen: der Topf. Dieſer Topf, dieſer Keſſel, dieſer Pot, wie man ihn nannte, und woher ſich der bekannte pot au feu ſchreibt, dieſer Topf, welchen die Dinan⸗ ter machten, war der Gott des Herdes und vertrat die Penaten des modernen Hauſes. Letztere werden als Verwandte betrachtet, die von einem Brod und einem Topf leben. Frankreich fühlte ſehr gut, daß alle dieſe Leute von Lüttich und Dinant Franzoſen waren, und deß⸗ kri be⸗ les icht us⸗ ave ine igte uf⸗ tete erd. irte ſſel⸗ iſes us, ben erſt iſt nge⸗ en: Pot, nnte nan⸗ trat rden und eute deß⸗ 173 halb flüchteten ſich die Geächteten unſerer Bürger⸗ kriege immer nach Dinant und Lüttich. Mitten in Schmiedewerkſtätten, wo die Hämmer auf dem Ambos erklingen und die Feilen am Eiſen knirſchen, wird Gretry in Lüttich und Mehul in Givet geboren. Die Leibeigenſchaft war in gewiſſen Theilen der Ardennen und beſonders im Herzogthum Bouillon frühzeitig verſchwunden. In Beaumont war es ein alter Brauch, daß die Bewohner das Waſſer und Holz frei benützen und ihre Obrigkeiten ſelbſt wählen konnten. Erinnert Euch an die Empörung von Gent, die wir weiter oben erzählt haben, und die darum aus⸗ bricht, weil der Herzog von Burgund den Gentern dieſes Recht nicht zuerkennen will. Bei den Lüttichern war ſeit undenklichen Zeiten die Leibeigenſchaft in der wildeſten Geſtalt vorhan⸗ den geweſen; ſie hatten umfaſſende Waidrechte und ungeheure Gemeindegüter, deren Beſitztitel die Ge⸗ meinden freilich oft nicht aufweiſen konnten, weil dieſer Beſitz in ein fabelhaftes Alterthum hinaufgeht. Die Kirche war in ihren ſchönen Tagen nicht bloß die Erhalterin, ſondern auch die Gründerin der Freiheiten Lüttichs. Später beſtritten ihr die Bi⸗ ſchöfe dieſe Freiheiten und hoben ſie gänzlich auf; aber die Biſchöfe ſind nicht die Kirche. Zwölf Aebte, die Domherren geworden waren, gründeten in St. Lambert zu Lüttich ein Aſyl und errichteten ein Tribunal, um den Gottesfrieden auf⸗ recht zu erhalten. Der Biſchof dieſes Kapitels er⸗ hielt den Titel eines Oberrichters der Mark. Die Dumas, Karl der Kühne. I. 12 174 Gerichtsbarkeit des Ringes war im Mittelalter be⸗ rühmt; wer Recht verlangte, begab ſich an das ſoge⸗ nannte rothe Thor des biſchöfliches Palaſtes, hob einen daran befeſtigten Ring auf und ließ ihn drei⸗ mal ſtark anſchlagen, worauf der Biſchof augenblick⸗ lich kommen mußte, um ihn anzuhören. Er ſprach ſein Urtheil auf der Freitreppe. Dieſe Freitreppe war eine Colonne, auf welcher ein Kreuz ſtand, über dem ſich ein Fichtenapfel als Symbol der Aſſociation befand. Der ſtolzeſte Ritter, der auf die Freitreppe der ſchwarzen Stadt geladen wurde, gehorchte. Die Stadt Lüttich war alſo mit ihren Freiheiten auf und unter der Erde, ſo wie mit den Vorrechten ihrer Schmiede und Bergleute, die Vertreterin der Freiheit. Freilich war dieſe Freiheit, die beſtritten, ent⸗ riſſen und wieder erobert wurde, voll von Aufregung aber Freiheit heißt Leben, Leben heißt Sturm. Bloß die Todten befinden ſich vollkommen wohl und regen ſich nicht mehr. Geſchieht dies, weil es ihnen wirk⸗ lich behaglich iſt oder weil ſie todt ſind? Lüttich hatte nach der Ausrottung ſeiner Adeli⸗ gen, nach dem Krieg der Awanen und der Varoux erklärt, daß es ſeine Obrigkeiten nur noch aus den Zünften nehme, und daß man, um Bürgermeiſter zu werden, Schmied, Wagner oder Bergmann ſein müſſe. Es war wie in Rom, wo der Volkstribun weder Ritter noch Patrizier ſein konnte. Aber was geſchah in Rom? Die Patrizier ließen ſich von den plebejiſchen Familien adoptiren und wurden Conſuln. von mer be⸗ oge⸗ hob rei⸗ lick⸗ rach cher als der iten hten der ent⸗ ng; Bloß egen wirk⸗ deli⸗ roux den rzu üſſe. eer eßen und 175 Ebenſo ging es in Lüttich: die Adeligen wurden — wie Mirabeau, der Tuchhändler wurde— Tuch⸗ macher, Schneider, Weinhändler, Steinkohlengräber. Aber Lüttich ließ ſich dadurch nicht täuſchen. Im Jahr 1384 iſt der Adel ſo einflußlos in der Stadt und die vornehme Bürgerſchaft ſo geſchwächt, daß Adel und Bürgerſchaft abdanken. Jetzt ſtimmen die kleinen Zünfte wie die großen, die Arbeiter wie die Meiſter, die Lehrlinge wie die Geſellen. Nur iſt Lüttich von Anhöhen umgeben; auf die⸗ ſen haben die Adeligen ihre Schlöſſer und Thürme; ſie beſitzen gleichſam die Schlüſſel der Stadt; ſie kön⸗ nen die Zufuhr der Lebensmittel offen laſſen oder abſperren. Ja; aber Lüttich beſaß eine furchtbare Waffe. Hatte Lüttich ſich über einen vieſer furchtbaren Burg⸗ herrn zu beklagen, ſo feierten die Zünfte, d. h. ſie erklärten, daß ſie nicht mehr arbeiten wollen. Eines Morgens ſchien Alles erloſchen in der Stadt, Feuer und Rauch; zwanzigtauſend Arbeiter bewaffneten ſich, zogen gegen das Schloß und machten im Nu die Mauern der Erde gleich. Ein Ritter Namens Ramus geht mit dem Biſchof auf eine Reiſe. Bei ſeiner Rückkunft begibt er ſich an einen Ort, wo er gewiß weiß, daß man ſein Schloß ſehen muß, und ſucht es mit ſeinen Augen, aber vergebens. „Wahrhaftig, Herr Biſchof,“ rief er,„ich weiß nicht, ob ich ſchkafe oder wache; aber ich bin gewöhnt von hier aus mein Waldhaus zu ſehen, und ich be⸗ merke es heute nicht.“ „Ach mein guter Ramus,“ antwortet freundlich 176 der Biſchof, welcher der Zerſtörung des Feudalſchloſſes nicht fremd war,„erzürnet Euch nicht; ich habe aus den Steinen Eures Schloſſes ein Kloſter bauen laſſen, aber Ihr ſollt nichts dabei verlieren.“ Einſtweilen hatte der gute Ramus, wie der Bi⸗ ſchof ihn nannte, ſein Schloß verloren. Lüttich hatte nur ein einziges Unglück: die Stadt war Eigenthum der Kirche und konnte als ſolches mittelſt einer Bulle an den nächſten Beſten verſchenkt werden, der zu dieſem Behuf ganz und gar kein Biſchof zu ſein brauchte; er führte den Titel und das war Alles. Auf dieſes Vorrecht ſcheint das Wappen von Stavelot anzuſpielen; ein Wolf, der einen Hirten⸗ ſtab in den Klauen trägt. Nun verlieh das Bisthum ſeinem Titelträger das Recht auf die Stadt; hier wie in Gent war die Wahl der Behörden nur dann gültig, wenn der Biſchof ſie gutgeheißen hatte. Wenn der Biſchof ſich ärgerte, zog er ſich nach Huy oder Maſtricht zurück, das unter der ummittel⸗ baren Gerichtsbarkeit des Biſchofs und des Herzogs von Brabant ſtand, und verſchloß die Kirchen und Gerichtshäuſer. Die arme excommunicirte Stadt war dann ohne Gottesdienſt und ohne Juſtiz. In zehn Jahren war Philipp der Gute Herr von Brabant, von Limburg und Namur geworden. Dieſe zwei Provinzen und dieſe Stadt trieben dieſel⸗ ben Gewerbe wie Lüttich— Schmied⸗ und Keſſel⸗ arbeiten; daher Feindſchaft gegen Lüttich. Ein halbes Jahrhundert lang arbeitete das her⸗ zogliche Haus am Untergang der Biſchofsſtadt. oſſes aus ſſen, Bi⸗ tadt ches enkt kein und von rten⸗ das Pahl f ſie nach ittel⸗ zogs und Stadt Herr rden. ieſel⸗ eſſel⸗ her⸗ 177 Dreißig Jahre hindurch war ein Diener, ein Schmarotzer, ein unbedingter Sclave Philipps des Guten, Biſchof von Lüttich; er hieß Johann von Hainsberg. Als Herr des Biſchofs glaubte der Herzog auch Herr der Stadt zu ſein. Lüttich empörte ſich. Der Biſchof verlangte einen ſchiedsrichterlichen Spruch von ſeinem Erzbiſchof. Der Erzbiſchof entſchied ſich zu Gunſten des Her⸗ zogs von Burgund und verurtheilte Lüttich zu einer Geldbuße von zweimalhunderttauſend Gulden. Lüttich verlangte und erhielt Friſten; dieſer Spruch war nicht nur verderblich für die Stadt, ſondern er bereicherte zu gleicher Zeit auch ihren Gegner. Inzwiſchen fand der Herzog von Burgund ohne Zweifel, daß er immer noch nicht genug Gewalt über Lüttich hatte, und zwang daher den Biſchof, zu Gun⸗ ſten des jungen Ludwig von Bourbon abzudanken. Um geſetzlich zu ſein, hätte die Wahl von dem Kapitel ausgehen müſſen, das ſchon vor der Grün⸗ dung des Hauſes Burgund Fürſt geweſen war; aber das Kapitel würde ſich geweigert haben; der Herzog wandte ſich an den Papſt. Der Papſt erließ eine Bulle, welche Ludwig von Bourbon zum Biſchof von Lüttich ernannte. Der neue Biſchof, aus welchem Walter Scott in ſeinem Quentin Durward einen ehrwürdigen Greis gemacht hat, war achtzehn Jahre alt und hatte in Löwen ſtudirt. Er hielt ſeinen Einzug zu Pferd, in einer Scharlachjacke und mit ſeinem Hütchen auf dem Ohr. Indutus veste rubra, habens unum parvum 178 pileum. Sein Gefolge beſtand aus zweihundert Edelleuten, und auf ſeinen beiden Seiten ritt ein Burgund. Der Einzug war traurig; unzufrieden über die geringe Begeiſterung, die ſich kundgab, zog ſich Lud⸗ wig von Bourbon nach Huy zurück. Dorthin, verlangte er, ſolle man ihm ſein Geld ſchicken. Lüttich, das einen ſolchen Biſchof bloß für einen Scherz nahm, ſchickte ihm nicht bloß ſein Geld nicht, ſondern zog auch die dem Biſchof zuſtehende Bier⸗ ſteuer ein. Der Biſchof ſchloß die Gerichtshäuſer und Kirchen. In dieſem Augenblick empfand Ludwig XI das Bedürfniß eine Diverſion zu machen. Nie war ein unterdrücktes, gebrandſchatztes, ruinirtes Volk mehr zum Aufruhr geneigt. Um dieſelbe Zeit ließ ſich ein Mann von ſicherem Adel, aber zweifelhafter Bravour, in die Zunft der Schmiede, die vornehmſte von allen, einſchreiben. Da man gerade einem heftigen Kampf entgegen⸗ ſah, ſo waren die Schmiede hoch erfreut einen Edel⸗ mann an ihrer Spitze zu haben, der die drei fran⸗ zöſiſchen Lilien im Wappen führte. Raes brachte einige Prieſter zuſammen, die er veranlaßte die heilige Meſſe im Freien zu leſen; die Kirchen waren, wie wir oben geſagt haben, geſchloſſen. Man hatte die Meſſe; es handelte ſich darum auch die Juſtiz zu erhalten. Eines Morgens feiern die Schmiede. „Warum feiert Ihr?“ fragen die Schöffen. „Wir feiern,“ antworten ſie,„und werden ſo wr die dert ein die Lud⸗ eld inen icht, Zier⸗ hen. das ein nehr rem der gen⸗ Sdel⸗ ran⸗ e er die ſſen. wum 179 lange feiern, bis die Schöffen die Gerichtshäuſer wieder geöffnet haben.“ „Sobald die Zünfte uns Strafloſigkeit verbür⸗ gen,“ ſagen die Schöffen,„werden wir die Juſtiz wieder einſetzen.“ Von den zweiunddreißig Zünften verbürgten drei⸗ ßig die Strafloſigkeit. Raes machte jetzt den Vorſchlag die Güter des Biſchofs mit Beſchlag zu belegen. Der König von Frankreich ging mit gutem Bei⸗ ſpiel voran; juſt im Jahr 1465 legte Ludwig XI ſeine Hand an die Güter der Geiſtlichkeit. Am 4. Auguſt meldet er ſeinen lieben Freunden in Lüttich, daß er mit Gottes Hilfe den Grafen von Charolais bei Montlhery gänzlich geſchlagen habe. Die Nachricht wurde von dem Ritter Renard, der zu dieſem Behuf zum Ritter geſchlagen worden, und von Meiſter Petrus Judii, Profeſſor des Civil⸗ rechts, überbracht. Es war ein allgemeiner Enthuſiasmus, ſo daß die Lütticher bewaffnet auszogen und ein Dorf im Limburgiſchen in Brand ſteckten. 6 Sie hielten ſich für unüberwindlich, weil der König geſiegt hatte, und ſchickten daher ihrem alten Herzog einen Fehdebrief nach Brüſſel. * Die Herausforderung lautete auf Feuer und lut. „Dank, Ihr braven Leute,“ ſagten die Boten Ludwigs KI,„wir kehren zu dem König zurück und wollen ihm ſagen, daß Ihr zu Denjenigen gehöret, die wenig verſprechen, aber viel leiſten.“ Ludwig Xl hatte ſeine Zwecke erreicht: die Lüt⸗ 180 ticher hatten ſich empört; nur thaten ſie dies in einem Augenblick, wo er ihnen nicht zu Hilfe kommen konnte. Die Stadt Dinant pflegte Lüttich in allen Din⸗ gen zu folgen; diesmal ging ſie ihm ſogar voran. Dinant hatte eine Feindin auf der andern Seite der Maas; dieſe beiden Städte ſchoßen einander wüthende Blicke zu, wie Belgrad und Semlin auf beiden Ufern der Donau. Die feindliche Stadt war Bouvignes, eine ächt burgundiſche Stadt, welche die Gewerbe von Dinant nachmachte, d. h. für die Keſſelfabrik daſſelbe that, was die belgiſchen Buchhändler ſo lange Zeit für die franzöſiſche Literatur thaten. Im Jahr 1321 erbaute die Stadt Bouvignes, die gern erfahren hätte, was bei ihrer Nachbarin vorging, ihren Thurm Creve⸗Coeur. Dinant wollte auch nicht zurückbleiben und führte den Thurm Montorgueil auf. Als die Stadt Bouvignes ſah, daß Dinant ſich empörte, ſchlug ſie Pfähle in die Maas, um dem Grafen von Charolais, wenn er einmal käme, den Mbergang zu erleichtern. Als man in Dinant erfuhr, daß Ludwig XI den Grafen von Charolais bei Montlhery geſchlagen habe — man erinnert ſich, daß die Nachricht ſo gelautet hatte— machten die Einwohner mit einem jener Hanswurſte, wie es in den Arbeiterſtädten immer gibt, an der Spitze einen Ausfall; dieſer Mann, der ſich Conrad der Sänger nannte, ſchleppte einen Glie⸗ dermann mit dem Wappen des Grafen von Charo⸗ lais hinter ſich her und hing ihn an ein St. Andreas⸗ kreuz, das burgundiſche Kreuz, auf; ſodann läutete —— ———— e—„———0—— —— — —— em ite. in⸗ eite der auf icht ant at, für es 4 rin rte ſich em en en be tet ner er der ie⸗ ro⸗ ete 18¹ er eine Kuhglocke, die er dem Gliedermann an den Hals gehängt hatte, und ſchrie: „He, Ihr Hallunken, hört Ihr nicht, daß Euer Graf von Charolais Euch ruft? Kommt, kommt! der König wird ihn hängen laſſen, wie Ihr hier ſehet. Freilich kann Euch das gleichgültig ſein, da er nicht Euer Herzog iſt, ſondern ein ſchlechter Baſtard, der Sohn unſeres Biſchofs von Hainsberg.“ Die Leute von Bouvignes ihrerſeits ſteckten einen Hampelmann, der Ludwig Xl vorſtellen ſollte, mit einem Strick um den Hals in eine große Kanone und ſchoßen ihn nach Dinant hinüber. Mittlerweile aber erfährt man die Wahrheit über die Schlacht von Montlhery; man vernimmt, daß Keiner von beiden ſie gewonnen hat, daß der König in Paris iſt, und daß der Graf nebſt den Fürſten dieſe Stadt belagert. Großer Schrecken in Lüttich und Dinant! Alle Welt ruft jetzt um Frieden; die beiden Städte ſchicken Geſandte nach Brüſſel, um ihn von dem Herzog zu erbitten. Am 13. November erfährt man in Dinant, daß der Graf von Charolais ſeine Artillerie in Mezières einſchifft, um ſie die Maas hinabzuſchicken. Jetzt wendet ſich Dinant an Lüttich um Hilfe. Es waren ſchlimme Worte gefallen: man hatte den Grafen einen Baſtard, ein Pfaffenkind genannt. Dieſe Worte waren eine ſchwere Beleidigung für ſeine Mutter; die ſpröde Portugieſin, die Lancaſter⸗ ſches Blut in ihren Adern hatte, ſchwur der unver⸗ ſchämten Stadt den Untergang, und müßte ſie ihr ganzes Beſitzthum dafür opfern.— Der Graf war 182 kein Baſtard, aber er war der Enkel eines Baſtards; der Graf, der Sohn des Stifters vom goldenen Vließ, der ſelbſt zum Großmeiſter dieſes Ordens beſtimmt war, hätte kein einfacher Malteſer-Ritter werden können. Der alte Philipp ſeinerſeits, den die Herzogin beſtändig aufreizte, ſchrieb an Karl, er ſolle aus Frankreich zurückkommen, und bedrohte ihn mit dem väterlichen Zorn, wenn er nicht ſobald als möglich zurückeile. Aber das Wort Baſtard war weit geflogen; un⸗ ter den Mauern von Paris hatte es den Grafen ins Herz getroffen, und er war bei ſeiner Rückkehr von ſelbſt ſo grimmig, daß es bei ihm keiner Aufreizun⸗ gen von Seiten ſeines Vaters oder ſeiner Mutter bedurfte. Der junge Prinz wollte geradenwegs gegen Di⸗ nant ziehen; ſeine Rathgeber— er hatte deren noch und hörte ſie auch an, ſo lange ſein Vater lebte— ſeine Rathgeber machten ihm begreiflich, daß er vor allen Dingen Lüttich abfertigen müſſe; wäre dieſe Stadt einmal genommen, zum Gehorſam gebracht, oder hätte man Frieden mit ihr geſchloſſen, ſo könne man mit Dinant ſpielen, wie die Katze mit der Maus. Man unterhandelte bereits mit Lüttich; aber ein Umſtand erſchwerte die Unterhandlungen: Lüttich wollte Dinant nicht im Stich kaſſen, während der Graf alle mögliche Nachſicht verſprach, wenn man Dinant ſeinem Schickſal überlaſſen würde. Am 29. November, als die burgundiſche Armee bereits heranrückte, verſprach Lüttich noch immer Un⸗ terſtützung. ; eß, mt en in 183 In Dinant herrſchte ungeheurer Schrecken; man erwartete die verſprochene Unterſtützung von Lüttich, aber ſie kam nicht. Der hohe Handelsſtand dieſer Stadt hatte näm⸗ lich mit der hohen Handelswelt aller Länder das gemein, daß er den Frieden um jeden Preis wollte, ſelbſt um den Preis der Ehre. Die Notabeln erwirkten ſich Vollmachten, um zu dem Grafen zu gehen. Man empfahl ihnen Dinant. „Seid ganz ruhig,“ antworteten ſie. Ohne Zweifel hatten die Rathgeber des Grafen, ein Raulin, Humbercourt, Hugonnet und Carondelet, Karl dem Furchtbaren viel vorgepredigt und ihn zur Mäßigung ermahnt; denn die Deputirten, welche heftig zitterten, als ſie vor ihn geführt wurden, fan⸗ den ihn ruhig und beinahe mild. Er zog ſie zur Tafel und zeigte ihnen zum Nach⸗ tiſch ſeine Armee: achtundzwanzigtauſend Reiter mit Gold, Silber und Eiſen bedeckt, ohne die Fußgänger zu rechnen. Die Deputirten ſahen einander erblaſſend an und waren im Begriff auf ihre Kniee zu ſinken und ſich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Der Herzog lächelte. „Ich bin den Lüttichern immer ſehr gut geweſen,“ ſagte er;„iſt der Friede geſchloſſen, ſo werde ich ihnen wieder gut ſein; aber Ihr habt geſagt, alle meine Leute ſeien in Frankreich gefallen, und da habe ich Euch bloß den Reſt zeigen wollen.“ Nach dieſem Anblick blieb den Deputirten nichts Anderes übrig, als daß ſie den Frieden unterzeich⸗ 18⁴ neten, den jämmerlichen Frieden von Lüttich, wie man dieſen Vertrag mit vollem Recht ge⸗ nannt hat. Lüttich that Abbitte. Lüttich baute eine Kapelle zum ewigen Andenken an ſeine Reue und Unterwürfigkeit;— Lüttich er⸗ kannte den Herzog und ſeine Leibeserben für ewige Zeiten als Schirmvögte der Stadt an, d. h. es ſtellte ſich unter ihr herrſchaftliches Schwert;— Lüttich verzichtete auf die Gerichtsbarkeit über ſeine Nach⸗ barn, und der biſchöfliche Hof hatte weder Ring noch Freitreppe mehr;— Lüttich verpflichtete ſich an den Herzog dreimalhundert und neunzigtauſend, an den Grafen hundert und neunzigtauſend Gulden zu be⸗ zahlen;— Lüttich entſagte dem Bündniß mit Lud⸗ wig XI und lieferte ſeine Freibriefe und Verträge aus; es verzichtete auf die Befeſtigung ſeines Gebie⸗ tes, beſonders auf der Seite von Hennegau: der Her⸗ zog ſollte über die Maas hin⸗ und hergehen können, wann er wollte, und ſo oft er erſchien, ſollte man ihn mit Lebensmitteln verſehen. Unter dieſen Bedingungen ſollte Friede ſein zwi⸗ ſchen dem Herzog und dem ganzen Lütticher Gebiet, mit Ausnahme von Dinant; ferner zwiſchen dem Grafen und dem ganzen Lütticher Gebiet, mit Aus⸗ nahme von Dinant. Dieſe Ausnahme prophezeite Dinant eine trau⸗ rige Zukunft. Der Vertrag wurde unter dieſen Bedingungen unterzeichnet, aber das Schwierigſte blieb ihn der Bevölkerung von Lüttich mundgerecht zu machen, Unter den Notabeln, die ihn unterzeichnet hatten, — 185 befand ſich ein beim Volke ſehr beliebter Bürger Namens Gilles de Mes; er war ein alter Freund Karls VII, von Ludwig XI zum Ritter geſchlagen, und hatte bei der Bewegung gegen den Biſchof zu⸗ erſt das Signal gegeben. Er übernahm es ſeinen Mitbürgern die Nachricht zu verkünden. Er hatte zum Voraus ſeine kleine Rede einſtudirt. „Der Friede iſt geſchloſſen,“ ſagte er.„Wir liefern Niemand aus; nur werden einige ſich auf kurze Zeit entfernen; ich gehe ebenfalls, und möge ich nie wieder zurückkommen, wenn ſie nicht zurück⸗ kommen.“ „Und Dinant? Dinant?“ riefen alle Stimmen. „Die Einwohner von Dinant könnten den Frie⸗ den haben, aber ſie wollen ihn ſelbſt nicht,“ antwor⸗ tete Gilles de Mes. Dies war eine handgreifliche Lüge; deßhalb ſchrie auch Alles: „Ha, Verräther! ha, Verkäufer von Menſchen⸗ blut!“ Man fiel über Gilles de Mes her und übergab ihn dem Stadtrichter, der eben noch amtete. Dieſer konnte bei dem Zorn des Volkes nicht umhin ihn zum Tod zu verurtheilen. Gilles de Mes hatte einen ſolchen Lohn nicht erwartet. „Ihr lieben Leute,“ ſagte er zu den Umſtehen⸗ den,„tödtet mich nicht, laßt mich am Leben, ſchicket mich in ein Kloſter oder in ein Gefängniß. Ich will jeder Zunft hundert Gulden rheiniſch geben.“ Der Stadtrichter ſelbſt, der ihn verurtheilt hatte, bat für ihn. S 186 „Ihr lieben Leute,“ fuhr Gilles des Mes fort, „ich flehe Euch an, laßt mich am Leben. Ich will die verlorenen Kanonen auf meine Koſten wieder machen laſſen.“ Aber einer der Bürgermeiſter rief mit Härte: „Nichts da! keine Schonung gegen dieſen Mann, der die Freiheiten der Stadt verkauft hat!“ 5 Vergebens flehte der arme Sünder; der Henker enthauptete ihn mit drei Beilhieben, denn ſeine Hand zitterte. Dann ließ Lüttich das Haupt ſinken und nahm — S 4———— c den kläglichen Frieden an. n 3„ S u Die Verwüſtung von Dinant. T Gleichwohl war bei dieſer ſchönen Armee, welche n der Graf den Lüttichern gezeigt hatte, mehr äußerer he Glanz als Solidität vorhanden; ſeit langer Zeit war Niemand bezahlt worden. Man hatte während des ei franzöſiſchen Feldzugs viel ausgeſtanden, und Jeder⸗ mann verlangte nach Hauſe. be Als daher der Friede unterzeichnet war, glaubte 9 der Graf von Charolais ſeine Pläne gegen Dinant ge aufſchieben zu können. Er ließ ſeine Armee zuſam⸗ de mentreten, ritt durch ihre Reihen, dankte jedem Haupt⸗ mann und jedem Ritter für ihre guten Dienſte, bat ge um Entſchuldigung wegen der ſchlechten Bezahlung ooh des Soldes und verſprach, mit Gottes Hilfe ein an⸗ di dermal pünktlicher zu bezahlen. ill er he er r 5 te nt n⸗ at 9 ⸗ Dann beſtellte er Alle auf den Monat Juni wie⸗ der zu ſich, weil er dann ſeinen Feldzug gegen Dinant beginnen wolle. Nun hatten die Lütticher, als ſie ſahen, daß der Graf ſeine Armee hatte entlaſſen müſſen, allmälig wieder Hoffnung und Muth gefaßt. Von allen Be⸗ ſtimmungen des Vertrags war nur die Abbitte in Ausführung gekommen; dieſe hatte in Brüſſel auf dem Rathhausplatz ſtattgefunden, während der alte Herzog auf dem Balcon ſtand. Einer der Abgeordneten der ſchwarzen Stadt wagte damals zu ſagen: „Gnädigſter Herr, gebt, daß ein guter Friede zu Stande komme, beſonders zwiſchen dem Herrn Karl und den Leuten von Dinant.“ Der Kanzler antwortete: „Der gnädigſte Herr nimmt die Unterwerfung Derjenigen an, die vor ihm erſcheinen; gegen Dieje⸗ nigen, die nicht kommen, wird er ſein Recht be⸗ haupten.“ Aber um dieſes Recht zu behanpten, bedurfte es einer Armee, und die des Grafen Karl war entlaſſen. Anders verhielt es ſich jedoch mit jenen Ver⸗ bannten, jenen Geächteten, kurz jenen Kindern des grünen Zeltes, die in der Verbannung Räuber geworden waren und das Gebiet des Herzogs plün⸗ derten und verwüſteten. Obſchon der Graf den 1. Juni als Termin feſt⸗ geſetzt hatte, ſo war doch der Juli herangekommen, ohne daß die Armee beiſammen war. Die Herzogin, die gegen die Leute von Dinant den Zorn einer Frömmlerin bewahrt hatte, war wüthend darüber; 188 ſie machte ihrem Sohn Vorwürfe, daß er die Ehre ſeiner Mutter nicht zu vertheidigen wiſſe, und fand, daß er den Schimpfnamen eines Baſtards gar zu leicht hinnehme. Sie brachte auch den alten Herzog in Harniſch. Eines Tags, als Philipp der Gute in Folge einer ſchlechten Mahlzeit übel gelaunt war, fragte er die Edelleute, die ſich bei ihm befanden: „Werden meine Leute endlich ins Feld rücken?“ „Gnädigſter Herr,“ antworteten dieſe,„es iſt wenig Wahrſcheinlichkeit vorhanden. Im vorigen Jahre wurden ſie ſo ſchlecht bezahlt, daß ſie kaum mehr Kleider haben, und daß die Hauptleute nicht mehr ausrücken können, ohne ihr ganzes Corps neu zu kleiden.“ Bei dieſen Worten gerieth der Herzog in einen furchtbaren Zorn. „Was ſoll das heißen?“ rief er, indem er ſo heftig an den Tiſch ſtieß, daß er umfiel.„Ich habe zweimalhunderttauſend Goldthaler aus meinem Schatz genommen und meine Krieger ſind nicht bezahlt wor⸗ den. Ich kann alſo Niemand trauen?“ Seine Augen verdrehten ſich, ſeine Lippen zuckten krampfhaft; er bekam einen jener Schlaganfälle, deren er ſchon mehrere gehabt hatte, aber diesmal ſo hef⸗ tig, daß man ihn todt glaubte. Gleichwohl erholte er ſich wieder, und Karl be⸗ ſchloß ſeine Rache nicht länger außzuſchieben. Freilich hatte der alte Herzog, als er wieder zu ſich kam, ein öffentliches Aufgebot erlaſſen, daß bei Strafe des Stranges Jedermann in vierzehn Tagen 7 iſt en um teu en ſo be atz or⸗ ten en ef⸗ be⸗ zu bei en 189 bereit ſein ſolle. Graf Karl war beauftragt die Henkereien zu überwachen. Jedermann kam. Man begriff, daß dieſer Krieg lediglich ein Akt des Haſſes war; daß der Herzog und ſein Sohn eine perſönliche Beleidigung zu rächen hatten, und daß man ſich vor allen Dingen hüten mußte zwiſchen ihren Zorn und ihre Rache zu treten. Dreißigtauſend Mann ſtanden unter den Waffen. Niemand wagte mit der Bemerkung herauszu⸗ rücken, daß man wegen der Verſchuldung einiger vor⸗ lauten Geſellen, die ſich ein unziemliches Maskenſpiel erlaubt hatten, eine ganze Stadt beſtrafen wolle. So viel war klar, daß die Zunftmeiſter, die Bür⸗ ger und die Notabeln ſich bei dem Poſſenſpiel, das höchſt wahrſcheinlich von Geſellen und Lehrlingen aufgeführt worden war, nicht im mindeſten betheiligt hatten; vielleicht waren dieſe Geſellen und Lehrlinge nicht einmal mehr in der Stadt. Weder der Herzog noch der Graf dachten an alles das; ſobald ihre Armee bereit war, brachen ſie gegen Dinant auf. Der Herzog hatte trotz ſeines noch immerttraurigen Geſundheitszuſtandes durchaus an der Expedition Theil nehmen wollen. Der Graf war wahnſinnig und ſeine Raſerei machte ihn hart, aufbrauſend, brutal; er ſchlug mit einem Stock auf diejenigen, die einem gegebenen Befehl nicht ſogleich gehorchten. Er drohte jeden Augenblick mit dem Tod, wenn ihm Jemand mißfiel, und bei der Muſte⸗ rung, welche dem Aufbruch vorangegangen, hatte er mit eigener Hand einen Bogenſchützen getödtet, der nicht ordonnanzmäßig gekleidet war. Aber Dinant ſeinerſeits war furchtbar vertheidigt. Damas, Karl der Kühne. I. 13 190 Hatte es doch Mauern von neun Fuß Dicke und ſeine achtzig Thürme. Siebenzehnmal war Dinant von Grafen, Königen und ſogar Kaiſern belagert, aber noch niemals genommen worden. Dann hatten die Lütticher der Stadt viertauſend Mann verſprochen, und alle Verbannten, d. h. alle Banditen des Landes mit Inbegriff der Genoſſen des grünen Zeltes, hatten ihre Dienſte angeboten. Die Dinanter, welche glaubten, daß ſie nicht genug Leute bekommen könnten, hatten Alle angenommen. Montag, den 18. Auguſt 1466, begann der An⸗ griff. Der Baron von Hagenbach befehligte die Artillerie, und zwar mit ſolchem Erfolg, daß ſchon am erſten Tag die Hälfte der Vorſtädte zuſammen⸗ geſchoſſen war. Die Herolde von Burgund forderten die Bela⸗ gerten auf, ſich zu ergeben, aber ſie waren über⸗ müthiger als je und antworteten: „Welche Grille hat doch unſere alte Mumie von Herzog angewandelt, daß er ſich hier den Tod holen will? Iſt er deßwegen ſo alt geworden, um hier ein klägliches Ende zu nehmen? Und Euer Graf Karlchen, was treibt denn er unter unſern Mauern? Warum geht er nicht nach Montlhery zurück, um den edlen König von Frankreich zu bekämpfen, der uns nebſt unſern Freunden von Lüttich zu Hilfe kommen wird? Meiſter Karlchen glaubte uns zu erwiſchen, aber um Dinant zu verſchlucken, bedarf es eines an⸗ dern Schnabels und anderer Klauen, als ihm zu Gebot ſtehen.“ Gleichwohl begriffen die Belagerten bald, daß ſie von Niemand Unterſtützung erwarten durften; der nd nt S. Ue en en. ug en. die on en⸗ la⸗ er⸗ on len ier raf den ins nen en, an⸗ z ſie der 191¹ König von Frankreich hatte, wie wir ſogleich ſehen werden, ganz andere Dinge zu thun als ihnen zu Hilfe zu kommen, und Lüttich, das von ſeinen No⸗ tabeln beherrſcht wurde, wurde zum zweitenmal wort⸗ brüchig. Ueberdies wurde die Belagerung mit unerhörtem Eifer betrieben. Am 18. waren, wie wir bereits geſagt haben, die Vorſtädte eingeäſchert worden. Am 19. wurden die Mauern aus unmittelbarſter Nähe beſchoſſen. Am 20. und 21. war bereits eine ſo breite Breſche vorhanden, daß man am 22. oder 23. den Sturm hätte verſuchen können, aber der alte Herzog wollte, als er die Belagerten ſo hartnäckig ſah, noch warten; ihre Erbitterung konnte den Sturm in eine furchtbare Metzelei verwandeln. Während der Herzog den Dinantern dieſe Friſt bewilligte, ſchrieben ſie nach Lüttich und riefen de profundis, wie der Sterbende zu Gott ruft. Die Lütticher ſchämten ſich: ſie beſchloſſen den Behörden zum Trotz am 26. aufzubrechen. Aber während das VPolk auf den Mauern von Dinant focht, baten die vornehmen Bürger der Stadt ſchon am 22. um Gnade. Sie wurden das erſtemal ſchlecht empfangen und ſchickten daher am 24. eine zweite Geſandtſchaft ab. Dieſes Mal that der Herzog, als wollte er ein geneigtes Ohr leihen. Man ſagte, das ganze Volk von Lüttich ziehe aus ſeinen Mauern und komme Dinant zu Hilfe. Bei dieſem Schimmer von Milde jubelte die 192 Bourgeviſie vor Freude. Der folgende Tag war der St. Ludwigstag. An einem ſolchen Tag konnte der Herzog nicht umhin Gnade ergehen zu laſſen. Man beſchloß alſo ſich der Barmherzigkeit des 9 guten Herzogs anzuvertrauen. Mit Anbruch der Nacht öffnete Dinant ſeine„ Thore, damit alle diejenigen, die kein allzu großes 3 Vertrauen in dieſe Barmherzigkeit ſetzten, auf der Ebene und im Wald eine Zuflucht ſuchen konnten. g1 Am 25. Morgens erfuhr der Herzog, daß die V Stadt ſein ſei und daß er jeden Augenblick hinein⸗ ſie kommen könne; er ließ ſie noch an demſelben Abend J durch einen Theil ſeiner Truppen beſetzen. ge Am folgenden Mittag hielt der Graf von Cha⸗ ve rolais ſeinen Einzug. Ohne Zweifel um die Beſie⸗ de ten zu verhöhnen, ritt er mitten unter Narren und da Gauklern, die theils auf der Flöte blieſen, theils das Tamburin ſpielten. S Die burgundiſchen Soldaten hatten förmlich Be⸗ fehl erhalten, das Eigenthum zu reſpectiren, Niemand ko zu mißhandeln, Niemand etwas zu entwenden und mi bloß Lebensmittel anzunehmen. Drei Bogenſchützen, la die ein Frauenzimmer nach einem Gehölz ſchleppten, wurden feſtgenommen und an dem Galgen der Stadt vig aufgeknüpft./ zu Der Herzog hatte Anfangs zugleich mit ſeinem Sohn einziehen wollen, allein man hatte ihm zu be⸗ denken gegeben, daß er unmöglich ſich zeigen könne, 30 wenn er nicht Milde üben wolle. alle Und gleichwohl geſtatteten die von dem Grafen ertheilten Befehle den Beſiegten noch einige Hoff⸗ vor nung. ode ind s Be⸗ nd ind en, en, adt em be⸗ ne, fen ff⸗ 193 Karl hatte am Tage ſeines Einzugs die Geiſt⸗ lichen, die Weiber und Kinder in die Kirchen brin⸗ gen laſſen, unter dem Vorwand ſie der Wuth der Soldateska zu entziehen. Am folgenden Morgen wurden ſie von einem großen Geleite abgeholt und aus der Stadt gebracht. Es war ein trauriger Zug, der ſelbſt den Bur⸗ gundern das Herz zerriß. Als dieſe unglücklichen Weiber und die armen Kinder erfuhren, daß man ſie fortſchaffte und daß ihre Väter und Gatten der Juſtiz oder vielmehr der Rache des Grafen preisge⸗ geben blieben, da erhoben ſie beim Auszug aus der verurtheilten Stadt, dieſer Mutter, die ſie nicht wie⸗ der ſehen ſollten, ein ſo ſchmerzliches Klagegeſchrei, daß ſich die Steine am Weg hätten erbarmen mögen. Die Stadt blieb drei Tage beſetzt, ohne daß der Sieger einen Entſchluß zu faſſen ſchien. Karl ſchaute beſtändig gegen Lüttich, ob er Nichts kommen ſehe; er wollte ſich von den Lüttichern nicht mitten unter Mord und Plünderung überraſchen laſſen. Am 27. hielt der Herzog Kriegsrath in Bou⸗ vignes. Man beſchloß die Stadt Dinant gänzlich zu vernichten. Drei Tage wurden ihr noch geſtattet. Am 28. und 29. ſollte die Stadt geplündert, am 30. ſollte ſie niedergebrannt und ihre Aſche nach allen Winden zerſtreut werden. Der gute Herzog behielt ſich überdies ſeine Juſtiz vor, d. h. das Recht, Jeden, den er wollte, hängen oder erſäufen zu laſſen. Man hing und erſäufte achthundert Perſonen.* 194 Während dieſer Zeit plünderten die Soldaten die Stadt und die Hauptleute plünderten die Soldaten. Am 30. hatte man nicht mehr nöthig das Feuer anzuzünden, denn ſchon am 29. Nachts ein Uhr war es im Palaſt des Grafen von Cleve, eines Neffen des Herzogs, ausgebrochen. Es griff mit ſolcher Schnelligkeit um ſich, daß man weder die Schätze der Geiſtlichkeit retten, noch die reichen Gefangenen, die in den Kirchen eingeſperrt waren, herauslaſſen konnte. Alles verbrannte. Vier Thürme hielten noch Stand und hatten ſich nicht ergeben; ſie ſtürzten ein und be⸗ gruben ihre Vertheidiger in Schutt. Das Feuer bedeckte die Stadt wie ein Flammenmeer, deſſen Schaum aus Rauch beſtand; denn als Alles nieder⸗ gebrannt und nur noch Trümmer und Schutthaufen übrig waren, rief man die Leute von Bouvignes herbei, um das Ganze dem Erdboden gleich zu machen. Man bezahlte ihnen einen Taglohn für dieſe Arbeit, welche ſie ſehr gerne ganz unentgeltlich verrichtet hätten. Der Chroniſt von Lüttich, Adrian von Vieux⸗ Bois kam, um dieſen Gräuel der Verwüſtung in Augenſchein zu nehmen; er fand von dieſer ganzen Stadt, die zu den blühendſten des walloniſchen Lan⸗ des gehört hatte, Nichts unverſehrt als einen Altar des heiligen Lorenz und ein ſehr ſchönes Muttergot⸗ tesbild, das allein am Portal einer Kirche geblieben war. Und die armen Frauen, die man mit ihren Kin⸗ dern aus der Stadt getrieben hatte, was wurde aus ihnen, nachdem ihre Väter und Gatten gehängt oder erſäuft, ihre Häuſer abgebrannt und niedergeriſſen waren? Johann von Troyes wird es uns mit ſeiner furchtbaren Naivetät ſagen: „In Folge dieſer Zerſtörung kamen die grmen Einwohner an den Bettelſtab, und manche von den jungen Frauen und Mädchen gaben ſich allen Laſtern und Sünden hin, um ihr Leben zu friſten.“ Ach, guter Herzog! Ach gute Herzogin von Bur⸗ gund! Wenn ich auch glauben will, daß Gott von Euch keine Rechenſchaft über die Todten verlangt hat, ſo muß ich doch annehmen, daß er Rechenſchaft über die Lebendigen gefordert habe. Was den Grafen von Charolais betrifft, ſo hat man ihn niemals den guten Herzog genannt, ſeine Zeitgenoſſen nannten ihn den Furchtbaren, die Nachwelt nennt ihn den Kühnen; die Geſchichte wird ihn einſt den Wahnſinnigen nennen. 3ut Wo die gute Mutter Gottes den König Ludwig Kl erhort. Kehren wir zu dem guten König Ludwig XI zurück. Wir haben ihn auf ſeiner Wallfahrt zur Mutter Gottes von Clery verlaſſen, als er zu dem Herzog von Bourbon ſagte:„Ich ſehe wohl, ich werde mei⸗ nem Bruder das Herzogthum Normandie wieder ab⸗ nehmen müſſen, denn es iſt bloß ein Zankapfel zwi⸗ ſchen ihm und dem Herzog von Bretagne.“ 196 Und in der That war es dringend nöthig dieſes Herzogthum wieder zu nehmen. Gleichwohl war die Belehnung in allen Formen vor ſich gegangen. Der Graf von Tancarville, Erb⸗ connetable der Normandie, hatte das Schwert ge⸗ halten; der Graf von Harcourt, Erbmarſchall der⸗ ſelben Provinz, hatte die Fahne getragen; endlich hatte Thomas Bazin, Biſchof von Liſieux, dem Prin⸗ zen den herzoglichen Ring, der ihn mit der Normandie verlobte, an den Finger geſteckt. Aber in Betreff dieſer letzteren Ceremonie hatte der König geſagt: „Je nun, mein Bruder Karl iſt bloß verlobt: vielleicht kommen wir noch vor der Vollziehung der Ehe an.“ Ludwig XI war wie alle Witzbolde; er konnte ſich ein Bonmot nicht verſagen, und ein Witz tröſtete ihn manchmal bei einem ſchlechten Handel. Dieſe erſten Zerwürfniſſe zwiſchen dem Herzog von Bretagne und dem Herzog der Normandie, Zer⸗ würfniſſe, worüber der König bereits einige Worte gegen den Herzog von Bourbon geäußert hatte, waren aus folgendem Anlaß entſtanden. Der Herzog von Bretagne hatte den Herzog der Normandie nach Rouen begleiten wollen; Tannegui du Chatel wollte es nicht zugeben, und er hatte voll⸗ kommen Recht: im Augenblick wo man nach Rouen kam, lagen die Bretagner und die Normannen ein⸗ ander in den Haaren. Der Herzog von Bretagne ſchmeichelte ſich eine Art von Vormundſchaft über ſeinen Vetter auszu⸗ üben; dieſer dagegen wollte dem Herzog von Bre⸗ .—. ta ſo Ei der den den ihr ode und ger cout St. gen zen ihn ſ eine Stät wer thun habe tagne, der ihm gehuldigt hatte, wie ein Souverän befehlen. Wie die Herren ſich um den Vorrang ſtritten, ſo ſtritten die Diener ſich um die Aemter. Die beiden Fürſten blieben, da ſie ſich über den Einzug in Rouen nicht verſtändigen konnten, in St. Catherine. Bald verbreitete ſich das Gerücht, der Herzog der Normandie werde, ſobald er nach Rouen komme, den Herzog von Bretagne verhaften laſſen und an den König ausliefern. Daſſelbe ſagten die Normannen in Bezug auf ihren Herzog. Ob der Graf von Harcourt dieſes Gerücht glaubte oder nicht, er begab ſich ins Stadthaus von Rouen und ſagte, Karl ſei bei den Bretagnern nicht ſicher. Die ganze Stadt lief zu den Waffen; die Bür⸗ ger ſtürmten unter Anführung des Herrn von Har⸗ court zu den Mauern hinaus und machten erſt in St. Catherine Halt. Man bemächtigte ſich des jun⸗ gen Herzogs mit Gewalt, hob ihn in ſeinem ſchwar⸗ zen Gewand auf ein ungeſatteltes Pferd und ließ ihn auf dieſe Art ſeinen Einzug in die Stadt halten. Der Herzog von Bretagne zog ſich wüthend mit ſeinen Leuten zurück und plünderte unterwegs die Städte ein wenig, durch die er kam. Wer war Schuld an allen dieſen Störungen? wer rief alle dieſe Mißverſtändniſſe hervor? Sollen wir unſern Leſern die Beleidigung an⸗ thun, zu glauben, daß ſie es nicht längſt errathen haben? Der König ſetzte ſeine Wallfahrt noch immer fort. 198 In Caen traf er den Herzog von Bretagne, der höchſt unzufrieden nach Hauſe zog. Er behandelte ihn äußerſt freundlich, gab ſeinem Bruder huntertmal Unrecht, verpflichtete ſich den Herzog von Bretagne gegen Jedermann zu vertheidigen, war unendlich huldvoll gegen Dunois, gegen den Baron von Loheac, den Grafen von Dammartin und alle Vertraute des Herzogs, und erklärte, daß er Harcourt, Bueil, kurz den Creaturen des Herzogs der Normandie niemals verzeihen werde. Aber als der Herzog von Bretagne trotz dieſer ſchönen Worte immer noch zu zweifeln ſchien, da kaufte der König ihm ſeine Neutralität ab. Wie? Ganz einfach für hundert und zwanzigtauſend Goldthaler; aber was waren hundert und zwanzig⸗ tauſend Goldthaler im Vergleich mit der Normandie? Auf der einen Seite erhielt der Herzog von Bour⸗ bon, der dem Herzog der Normandie zu ſeiner Würde verholfen, die Statthalterſchaft über den ganzen Süden, um ihn wieder zu ſtürzen; deßhalb ſtellte Ludwig XKl ihn an die Spitze ſeiner Truppen, nahm ihn mit ſich und beauftragte ihn, ſich die Schlüſſel der Städte übergeben zu laſſen, die er ihm genom⸗ men hatte. Der Herzog von Bourbon, der fortwährend den König hinter ſich hatte, nahm ſchnell hinter einander Evreux, Vernon und Louviers, während der Graf von Melun, welcher die Nothwendigkeit ſeiner Ver⸗ ſöhnung mit dem König begriff, Giſors und Gournay wiedernahm. der elte mal ne lich eac, des kurz rals eſer da ſend zig⸗ die? our⸗ ide zen ellte hm iſſel om⸗ den der ßer⸗ nay raf 199 Der arme Herzog der Normandie hatte nur noch Rouen. Er ſchrieb dem Grafen von Charolais einen Brief um den andern; da aber dieſer eben mit der Verbrennung von Dinant beſchäftigt war und ihm nicht antwortete, ſo ſah er ſich genöthigt Rouen zu verlaſſen und floh nach Honfleur. Hier wollte er ſich heimlich nach Flandern ein⸗ ſchiffen, aber der unglückliche Fürſt hatte Alles gegen ſich, ſelbſt den Wind. Er wurde an die Küſte zu⸗ rückgeworfen, und da er Niemand ſo ſehr fürchtete wie ſeinen guten Bruder Ludwig, ſo ſtellte er ſich unter die Gnade des Herzogs von Bretagne, der ihm ſein Schloß Hermine bei Vannes als Wohnung anwies. Inzwiſchen zog der König in Rouen ein. Die⸗ ſelben Leute, die ſeinen Bruder beſtürmt hatten da⸗ hin zu kommen, machten jetzt auch ihm ihre Aufwar⸗ tung und baten um ſeine Nachſicht. Er aber ſprach: „Ihr bedürfet deren nicht. Indem Ihr meinem Bruder gehorchtet, habt Ihr mir ſelbſt gehorcht, da ich ihn zu Eurem Herzog ernannt hatte. Aber das Amt war zu ſchwer für einen ſo ſchwachen Geiſt. Der begangene Fehler fällt alſo mir zur Laſt und nicht Euch.“ Inzwiſchen ließ ſich Ludwig XI ſchon damals bei ſeinen Reiſen von dem Großprofoß Triſtan begleiten, einem ſehr intelligenten Mann, der auf ein einfaches Zeichen hin augenblicklich begriff. Wenn die Nacht kam, ſo wurde die auf ſolche Art bezeichnete Perſon 200 ohne alles Geräuſch feſtgenommen, geknebelt, in einen Sack geſteckt und in den Fluß geworfen. Am folgenden Tag fehlte dieſe Perſon; ſie war verſchwunden und kam nicht mehr zum Vorſchein, das war das Ganze. Die Normandie hatte ſchwere Opfer gekoſtet: Ludwig XI hatte ihretwegen eine Schändlichkeit be⸗ gangen, indem er Dinant im Stich ließ. Die Wegnahme der Normandie machte den Gra⸗ fen von Charolais bange; der König überhäufte Saint⸗Pol mit Freundſchaftsbezeugungen; es war als ob er geſagt hätte:„Nehmt Euch in Acht, lieber Vetter, nach der Normandie kommt die Picardie.“ Inzwiſchen ſetzte der Graf alles Vertrauen in Saint⸗Pol, der ihm gegen Dinant eine kräftige Hilfe geleiſtet hatte. Saint⸗Pol war allerdings Connetable des Königs von Frankreich, aber mehr nicht. Er war der Ju⸗ gendfreund und Waffenbruder des Grafen von Cha⸗ rolais; er hatte alle ſeine Beſitzungen in Burgund, und ſein Sohn aus der erſten Ehe lebte am Hofe des Herzogs. Wie ſollte man einen ſolchen Mann anfaſſen? Saint⸗Pol war verliebt, d. h. er liebte aus Ehr⸗ geiz die Schwägerin des Herzogs von Burgund, die Schweſter des Herzogs von Bourbon; er war ver⸗ liebt in die hohe Familienverbindung, in die könig⸗ liche Verwandtſchaft; er wandte ſich an den Grafen von Charolais, der ihm bemerklich machte, daß die Dame erſt zwanzig Jahre alt ſei, während er, Saint⸗ Pol, bereits ſechzig auf dem Rücken habe. Dieſer gab zur Antwort: „ 201 „Ihr habt Euch ja auch im einunddreißigſten Jahr mit der Tochter des Königs von Frankreich verlobt, die erſt drei Jahre alt iſt.“ Der König benützte den Augenblick und gab Saint⸗ Pol einen Wink. „Ihr wollt heirathen? Ihr ſtrebt nach einer hohen Verwandtſchaft?“ ſagte er zu ihm.„Ich habe alles das zu Eurer Verfügung, nicht bloß für Euch, ſon⸗ dern auch für Euern Sohn, nicht bloß für Euern Sohn, ſondern auch für Eure Tochter. Ich gebe Euch und Eurem Sohn meine zwei Nichten von Sa⸗ vohen, und Eure Tochter ſoll den Bruder derſelben heirathen. Auf dieſe Art werdet Ihr und Euer Sohn meine Neffen und Eure Tochter meine Nichte. Das iſt noch nicht Alles: Ihr ſollt auch noch meinen Oheim, den Grafen von Eu, beerben: Ihr ſollt Guiſe erhalten. Ihr werdet noch überdies Gouverneur von Rouen werden.“ Saint⸗Pol gab nach. Jetzt galt es nur noch den Herzog und den Ba⸗ ſtard von Bourbon zu gewinnen. Der König ſchenkte; er verſtand es ſo gut zurück⸗ zunehmen. Er machte den Baſtard zum Admiral von Frank⸗ reich und gab ihm eine ſeiner natürlichen Töchter. Ein Baſtard konnte nicht mehr verlangen. Dieſe Bourbonen waren ſehr unternehmend, je⸗ doch bei Weitem nicht ſo wie ihre Nachkommen, die ſeitdem das Blut der Albret, Foir und Gonzaga in ihre Adern bekamen; ſie trugen in ihrem Wappen noch nicht den berühmten Degen des Connetable mit dem ehrgeizigen Wahlſpruch: Penetrapit. Freilich 202 lich hatten ſie darin bereits die Aeußerung Ludwigs II, als er ſeinen famöſen Thurm in Bourbon l[Archam⸗ bault bauen ließ:„Wenn's Jemand verdrießt, ſo freut mich's.“ Ueberdies hatte Johann von Bourbon keine Kin⸗ der, für deren Zukunft er ſorgen mußte; ſollte er noch welche bekommen, ſo wollte man ſchon Rath ſchaffen. Ferner war die Macht des Herzogs von Bour⸗ bon nur aus Bruchſtücken zuſammengeſetzt; ſein Her⸗ zogthum war zu Faden geſchlagen, aber nicht zuſam⸗ mengenäht: es beſtand aus Berry, Auvergne, Beau⸗ jolais, Forez, Sologne, Orleanais, Velay, Vivarais, Limouſin, Perigord, Quercy und Rouergue. Der König gab ihm den dritten Theil des Reichs, aber es beſtand kein Zuſammenhang unter all dieſen Pro⸗ vinzen; eine einzige wie die Bretagne oder Norman⸗ die war weit mehr zu fürchten: denn das war nicht bloß eine Provinz, ſondern auch ein Volksſtamm. Das Herzogthum Bourbon dagegen, ſo wie der König es machte, hatte ganz und gar keinen Zuſammenhang; man konnte Berry gegen Bourbonnais, Sologne gegen Auvergne, Limouſin gegen Forez in den Kampf führen. 8 Nur war der König nicht veich genug, um die Häuſer Orleans und Anjou zu kaufen. Deßhalb entzweite er ſie, indem er den Sohn des Dunois mit einer dritten Nichte vermählte und den alten Baſtard zum Präſidenten der berüchtigten Commiſſion der Sechsunddreißig machte. Johann von Calabrien hatte in dieſem Augenblick Abſichten auf Spanien: die Katalonier boten ihm den Thron von Arragonien an. 1. Ludwig KI ſchickte ihm zwanzigtauſend Thaler n⸗ und ließ ihm hunderttauſend anbieten, um von ſeinem t Bruder dem Herzog von Bretagne das Herzogthum Berry zurückzufordern. n⸗ Da war auch noch die Baſtille, die den König cgenirte; er wollte ſich mit Karl von Melun nicht n. überwerfen, ſo lange ſein Vater die Baſtille beſetzt r⸗ hielt; aber eines Tags gegen Ende Mai 1466 ge⸗ r⸗ ſchah es, daß Meiſter Jehan le Prevot, Notar und n⸗ Secretär des Königs, durch ſubtile Mittel in die u⸗ Baſtille St. Antvine eindrang und den Gouverneur s, hinauswarf. er Worin beſtanden dieſe ſubtilen Mittel? Der Chro⸗ er niſt ſagt es nicht. o⸗ Aber der König konnte jetzt mit Karl von Melun n⸗ Streit anfangen, ihm ſeine Aemter nehmen und ihn ht ins Gefängniß werfen. n. Ah! der König begann frei zu athmen. ig Er hatte Saint⸗Pol zum Connetable, den Herzog g; von Bourbon zum Obergeneral, den Herzog von ne Bretagne zum Kerkermeiſter, Dunois zum Präſiden⸗ pf ten ſeiner Sechsunddreißiger⸗Commiſſion und den Her⸗ zog von Calabrien zum königlichen Gerichtsdiener. ie Unter ſolchen Umſtänden konnte er ſich über den Brafen von Charolais luſtig machen und ihn heraus⸗ fordern, den Krieg für das allgemeine Wohl von d Neuem zu beginnen. n Der Graf von Charolais erfuhr all dieſe Nach⸗ richten raſch hintereinander; er war wüthend darüber. cWir haben geſehen, wie er ſeine Wuth an der ar⸗ en tadt Dinant ausließ. Jetzt berief er eine Art von Congreß nach Brügge, 204 um über die Mittel zu einem Krieg gegen den König von Frankreich zu berathen. Geſandte des Herzogs von Bretagne, des Her⸗ zogs von Berry, des Herzogs von Calabrien, des Herzogs von Bourbon, des Connetable, fanden ſich dabei ein. Kamen dieſe drei letzteren, um ihren Herrn zu vertreten oder um den Grafen auszuſpioniren? Man hoffte Ludwig durch Savoyen zu Fall zu bringen. Der alte Herzog war geſtorben; ſein Sohn Amé M regierte. Er hatte Madame Yo⸗ lande von Frankreich, eine Schweſter des Königs, geheirathet; dieſe haßte ihren Bruder und war ganz Savoyardin geworden; als es ſich um ein Bündniß zwiſchen Frankreich und Burgund handelte, rieth ſie ihrem Gemahl zu einem Bündniß mit Burgund. So ſtanden die Dinge, als Ludwig der Gute auf einmal einen neuen heftigen Schlaganfall bekam. Der Graf von Charolais befand ſich in Gent. Er wurde alsbald durch einen Courier berufen und kam am 15. Juni 1466 gegen Mittag in Brügge an. Er ſprang von ſeinem Pferd herab und eilte in das Zimmer des Herzogs. Der Sterbende lag bewegungslos und beinahe ohne Bewußtſein da. Der Graf warf ſich neben ſeinem Bett auf die Kniee, ſchluchzte und rief: „Gebt mir Euren Segen, mein Vater, und wenn ich Euch beleidigt habe, verzeihet mir!“ Der Beichtvater des Herzogs befand ſich neben dem Bette. „Gnädigſter Herr,“ ſagte er,„wenn Ihr noch einige —„ 1———„— — önig Her⸗ des ſich zu zu ſein gs, anz niß ſie auf nt. ind an. s ahe die nn en ige 205 Beſinnung habt, wenn Ihr die Bitte Eures Sohnes höret, ſo gebt es durch Zeichen zu verſtehen.“ Jetzt nahm der Sterbende alle ſeine Kräfte zu⸗ ſammen, kehrte ſeine Augen gegen den Grafen und ſchien ihm ſchwach die Hand zu drücken. Dies war Alles was der Graf noch erhalten konnte. Abends zwiſchen neun und zehn Uhr ſtieß Phi⸗ lipp der Gute ſeinen letzten Seufzer aus. Obſchon man dieſen Tod vorhergeſehen hatte, ſo geberdete ſich der Graf dennoch wie wahnfinnig. Dieſer Mann von unbändigen Leidenſchaften ſchien Alles, ſelbſt den Tod, bezwingen zu wollen. Er warf ſich auf das Bett und rang die Hände unter verzweiflungsvollem Geheul. Nichts vermochte ihn zu beruhigen, bis ſich ſein Schmerz endlich durch ſein Uebermaß erſchöpfte. Mehrere Tage lang konnte er keinem ehemaligen Diener ſeines Vaters begegnen, ohne in Thränen auszubrechen. Die Leichenfeier fand Sonntag den 21. Juni Statt. Sie war glänzend. Philipp der Gute hinterließ ſeinem Sohn uner⸗ meßliche Schätze, wovon dieſer gar keine Ahnung gehabt hatte. Der alte Herzog zählte zweiundſiebzig Jahre; er hatte gerade ein halbes Jahrhundert regiert. Er hatte drei Frauen gehabt: die erſte war Madame Michelle, eine Tochter des Königs Karl VI; die zweite Bonne von Artois, eine Tochter des Grafen von Eu; die dritte Iſabella von Portugal, von welcher er drei Kinder hatte: Jodokus und Anton, die ſehr früh ſtarben, und den Herzog Karl, der ſein Nach⸗ Dumas, Karl der Kühne. 1 14 206 folger wurde, und in deſſen Perſon der Mannsſtamm des zweiten Hauſes Burgund erlöſchen ſollte. XIII. Die Sammlungsſteuer. Bei dieſem Tod des alten Herzogs gewann ſein Nachfolger nicht bloß, wie wir bereits geſagt haben, ungeheure Reichthümer, ſondern auch das was er mit noch weit größerer Ungeduld als alle Schätze der Erde erſehnte, nämlich die freie und ungehinderte Ausübung ſeines Willens. Philipp der Gute war freilich in ſeinen letzten Jahren nur noch eine Art von Schatten geweſen; aber gleichwohl geſchah es manchmal, daß der Schat⸗ ten ſich zwiſchen ſeinen Sohn und das Ziel ſtellte, das der junge Prinz ſich vorgeſetzt hatte. Karl der Furchtbare konnte alſo von nun an die zwei Worte Wollen und Können in Einklang bringen. Sein Hauptfeind, der einzige, den er wirklich zu fürchten hatte, war der König von Frankreich, Lud⸗ wig der Schlaue. Dieſer verdiente zum Unglück für Karl ſeinen Beinamen weit beſſer als der neue Herzog von Bur⸗ gund. Welche Großthaten hatte denn Karl der Furchtbare bisher ausgeführt? Er hatte als Knabe der Schlacht von Gavre gegen die Genter angewohnt; er hatte ſpäter bei dem Scharmützel von Montlhery commandirt— —„—— c— nm ein en, mit der rte ten en; at⸗ lte, die ng d⸗ en ur⸗ we cht ter 207 — denn das Gefecht von Montlhery war nichts als ein Scharmützel geweſen— und endlich hatte er die Zerſtörung von Dinant organiſirt. Hier ließ er es allerdings an Nichts fehlen. Die Verwüſtung war durchaus vollſtändig, es gab Brand, Plünderung und Mord und die Todten konnten von ihren Galgen herab zuſehen, wie man die Lebenden erwürgte. Vielleicht ſollte zu jener Zeit, wo die franzöſiſche Sprache noch in ihrer erſten Entwicklung war, Karl der Furchtbare auch nicht ſo viel bedeuten als Karl der Kühne, ſondern ſo viel als Karl der Grauſame. Letztere Benennung hätte der neue Herzog voll⸗ kommen verdient. Aber bevor er ſich ernſthaft mit dem König von Frankreich beſchäſtigen konnte, hatte er eine Art von Lehensherrnpflicht zu erfüllen, d. h. ſeinen Einzug in ſeine gute Stadt Gent zu halten. In irgend einer Bibliothek in Flandern befindet ſich eine Geſchichte der hundertundzwanzig Empörun⸗ gen der ſehr getreuen Stadt Gent. Die Stadt Gent war gut, wie ſie treu war. Warum hätte ſie auch gut und treu ſein ſollen gegen Fürſten, die ſich ſtets grauſam und wortbrüchig gegen ſie erwieſen? Der neue Herzog glaubte indeß bei den Gentern ſehr beliebt zu ſein. Eines Tags, als er ſich vor ſeinem Vater dieſer Liebe rühmte, ſchüttelte der alte Philipp den Kopf und ſagte: „Die Genter lieben immer den Sohn ihres Lan⸗ desherrn, aber ihren Landesherrn niemals.“ Die Rathgeber des jungen Herzogs, dieſe klugen 208 Männer, deren Namen wir ſchon mehrmals zu ver⸗ zeichnen Gelegenheit gehabt haben, geſtatteten alſo nicht, daß der neue Souverän ſeinen Einzug in ſeine gute Stadt hielt, ohne ſich zuvor über die Stimmung der Einwohner Gewißheit verſchafft zu haben. Sie glaubten dieſen Zweck zu erreichen, wenn ſie die Deputirten befragten, welche die Stadt Gent ge⸗ ſchickt hatte, um den Herzog Karl zu beglückwünſchen. Aber die Staatsmänner begingen ſchon damals denſelben Fehler, der ſeitdem ſo viele Politiker ins Verderben geſtürzt hat; d. h. ſie befragten die reiche Claſſe über die Stimmung des Volkes. Da die Reichen ſelbſt zufrieden ſind, ſo glauben ſie immer, die Armen ſeien es auch. Die Genter Deputirten waren unter den ange⸗ ſehenſten Bürgern ausgewählt worden und ſtanden bei den Burgunder Behörden in Gunſt; da ſie ſich ſelbſt auf dem Gipfel der ſocialen Leiter befanden, ſo wußten ſie nicht, was auf den unterſten Stufen vorging. Sie verſicherten alſo die Rathgeber des Herzogs, daß Karl ſeiner guten Stadt durch einen Beſuch ungeheure Freude machen würde. Ganz beſonders aber baten dieſe guten Reichen, dieſe lieben Notabeln, daß man unter keinem Vor⸗ wand die ſogenannte Sammlungsſteuer abſchaffen möge, weil den Gentern ſonſt leicht der Kamm ſchwel⸗ len könnte. Wie verhielt es ſich mit dieſer Sammlungsſteuer, die man ſich ja hüten ſollte abzuſchaffen? Wir wollen es Euch erklären, liebe Leſer. In Sicilien gab es einmal ein Jahr, wo ganze Schwärme von Heuſchrecken, auf den Flügeln des 209 er⸗ Samums von den afrikaniſchen Küſten herüberge⸗ lſo tragen, ſich ſo maſſenhaft auf der Inſel lagerten, ne daß der König Ferdinand eine ſogenannte Heuſchre⸗ ng ckenſteuer ausſchrieb. Dieſe Steuer war zur Bezahlung der Leute be⸗ ſie ſtimmt, welche die ſchädlichen Infekten vertilgen e⸗ ſollten. n. Man bezahlte jedoch die Leute nicht; die Heu⸗ ls ſchrecken ſtarben ihres natürlichen Todes, ſie kehrten n8 nie mehr zurück, aber die Steuer beſteht noch immer. he Ungefähr dieſelbe Bewandtniß hatte es mit der Sammlungsſteuer. en Man hatte ſie ausgeſchrieben, um die Geldſtrafe zu bezahlen, zu welcher Gent verurtheilt worden war; die Strafe war trotz ihres ungeheuren Betrags ſchon . nt bezahlt, aber die Steuer beſtand noch immer ort. n, Freilich wurden damit die Beamten, die Gou⸗ n verneure und die Räthe des guten Herzogs Philipp 8 bezahlt. n Der Herzog Karl brach alſo voll Zuverſicht nach Gent auf. Halbwegs mußte er aus zwei Gründen anhalten: erſtens um den Gentern Zeit zur Beendigung ihrer Vorbereitungen zu laſſen; zweitens um die Bitten ⸗ der Verbannten anzuhören. Die Verbannten hofften in Folge des Thron⸗ „ wechſels die Erlaubniß zur Rückkehr zu erhalten; aber wenn es leicht war aus einer Stadt hinauszukommen, ſo hielt es ſehr ſchwer dahin zurückzukehren. Mit der Verbannung war immer auch Einzie⸗ hung des Vermögens verbunden; nun wurden ſolche 210 Confiscationen von den Feinden der Verbannten aus⸗ gebeutet, und wenn dieſe endlich zurückkehrten, ſo be⸗ fanden ſie ſich Leuten gegenüber, die ihre Häuſer beſetzt hielten und ihre Güter bewirthſchafteten. Daher endloſe Feindſchaften und bei Empörungen Repreſſalien und Metzeleien. In Rom, ſagt Titus Livius, war der Schrecken nie ſo groß, als wenn es ſich um die Rückkehr der Verbannten handelte. Aehnlich verhielt es ſich in Frankreich bei der Rückkehr der Emigrirten im Jahr 1814, und die Eigenthümer der Nationalgüter fühlten ſich erſt dann wahrhaft beruhigt, als der Beſchluß über die Ent⸗ ſchädigungsmilliarde gefaßt war. Dieſe Rückkehr der Verbannten war alſo eine Sache, die eine ernſte Prüfung verdiente. Karl legte ſie ſeinem Rath vor; man beſprach ſie einen ganzen Tag hin und her, ohne eine Antwort zu geben.. Die Zahl der Geächteten belief ſich auf nahezu Dreitauſend; ſie campirten auf einer Wieſe vor den Thoren der Stadt. Am folgenden Tag erhielten die Begnadigten die Erlaubniß mit dem Herzog einzuziehen. Denjenigen, welche nicht auf der Liſte der Am⸗ neſtirten ſtanden, wurde bedeutet, daß der Fürſt ihre Bitte in Erwägung ziehen werde. Aber nun geſchah Etwas, was die Rathgeber Karls nicht vorhergeſehen hatten: der Einzug des neuen Herzogs fiel nämlich auf den St. Lievinstag. Lievin war der Schutzheilige des Landes, der im ——————— — us⸗ be⸗ ſer en ken der er die nn nt⸗ ne ſie rt zu en 211 Jahr 633 im Dorfe Holtheim, drei Meilen von Gent, den Märtyrertod erlitten hatte. Wenn Ihr nach Brüſſel geht, liebe Leſer, ſo be⸗ trachtet eines der ſchönſten Rubensſchen Gemälde, das dieſen Märtyrertod darſtellt: ein Henker gibt einem Hund die Zunge des heiligen Biſchofs zu freſſen. Ihr könnt es an dieſem Zug erkennen. Nun war das Namensfeſt des heiligen Lievin früher von der ganzen Stadt gefeiert worden; Reiche und Arme hatten ſich dabei betheiligt, aber allmälig hatten ſich die Reichen, die Vornehmen und die Beam⸗ ten davon zurückgezogen, weil ſie fanden, daß es für anſtändige Leute viel zu lärmend war. Es war alſo nur noch ein Feſt für das gemeine Volk. Je tiefer es übrigens herabgekommen war, um ſo luſtiger war es geworden, und man nannte es gewöhnlich nur das Narrenfeſt des St. Lievin. Die Leute zogen halbbetrunken nach St. Bavon, nahmen das Reliquienkäſtchen auf die Schulter und trugen es an den Ort, wo der Heilige den Märtyrer⸗ tod geſtorben war. Hier verbrachten ſie unter be⸗ ſtändigem Zechen die Nacht, und am folgenden Tag zog die Schaar mit dem Reliquienkäſtchen wieder in die Stadt zurück, aber mit einem furchtbaren Ge⸗ ſchrei und Geheul, wobei Alles niedergeworfen wurde; wer dem Heiligen in den Weg kam, der mußte wei⸗ chen; der Heilige ſelbſt wich Niemnnd aus. Der Unfug hatte dermaßen um ſich gegriffen, daß man fürchtete, das Feſt könnte in eine Emeute aus⸗ arten, und deßhalb war ſeit dem Frieden von Gavre verboten worden, bewaffnet und in eiſernen Panzer⸗ hemden bei der Prozeſſion zu erſcheinen. 2¹2 Dies Mal war der Markt von Holtheim noch lärmender geweſen als gewöhnlich, und das Bier war dabei in Strömen gefloſſen. Sämmtliche Zünfte, Maurer, Zimmerleute, Schmiede, Schuſter, Weber, Walkmüller, Brauer hatten ſich ſammt ihren Lehr⸗ lingen maſſenweiſe hinausbegeben. Unter all dieſen Handwerkern herrſchte eine ſchreck⸗ liche Erbitterung gegen die Steuereinnehmer, die Notabeln und die Beamten. „Man ſoll von uns hören,“ riefen ſie;„wir wollen ihnen eine Suppe einbrocken, die bitterbös ſchmecken und dennoch Diejenigen, die ſie eſſen müſſen, viel Geld koſten ſoll.“ Da es nun klar war, daß Diejenigen, welchen man dieſe Suppe zudachte, ſie nicht eſſen würden, ohne ſich zu wehren, und da das Tragen von eiſer⸗ nen Panzerhemden verboten war, ſo kauften die ent⸗ ſchloſſenſten unter dieſen Narren Bleiplatten, die ſie durchlöchern und ſich auf die Schultern nähen ließen, um eine Art von Panzer daraus zu machen. Wenn man ſie um die Abſicht dabei fragte, ſo antworte⸗ ten ſie: „Wer kann Etwas dagegen einwenden? Haben wir etwa die Verordnung überſchritten? Wir tragen keine eiſernen Panzerhemden. Das Eiſen iſt ver⸗ boten, aber das Blei nicht.“ Dann ſchwatzten ſie ſich immer mehr in die Wuth und ſagten: „Im Uebrigen wird Mancher, der heute lacht, eine ſehr ſchlimme Nacht haben. Wartet nur, bis wir nach Gent zurückkommen; wir wollen die Stadt von dieſen verfluchten Hallunken befreien, die uns ier 213 das Blut ausſaugen und ſich unter dem Namen des Fürſten von unſerm Gut mäſten. Der Fürſt weiß freilich Nichts davon, aber wir wollen ihn darüber belehren und ihm ſelbſt die Nachricht bringen.“ Gegen fünf Uhr Morgens machte ſich die Menge nach einer durchſchwärmten Nacht auf den Weg nach Gent. Man machte verſchiedene Stationen bei gro⸗ ßen Bierfäſſern, ſo daß die Aufregung bis zum Wahn⸗ ſinn ſtieg. Ein düſterer Wahnſinn, der ſich bei Biertrinkern kundthut! Der Herzog hatte Tags zuvor ſeinen Einzug ge⸗ halten und ſo viele Reden anhören müſſen, daß er noch ruhig ſchlief, als die Volksmenge auf dem Marktplatz ankäm. Hier ſtand unglücklicherweiſe die Bude des Ein⸗ nehmers der Sammlungsſteuer. Auf dieſe Bude hatte man es hauptſächlich ab⸗ geſehen, wie wenn das Bureau, wo man die Steuer einnahm, die Steuer ſelbſt geweſen wäre: für die Leute vom Volk perſonificirt der materielle Gegen⸗ ſtand beinahe immer die politiſche Sache. „St. Lievin geht Niemand aus dem Weg,“ riefen einſtimmig die Träger der Reliquie und die Maſſen, die hintendrein zogen. Und im Nu war die Bude vernichtet, gleich als hätte der Wind vom Himmel darauf geblaſen. Dann flatterte augenblicklich das Banner der Stadt auf dem Platz, wo die Bude geſtanden hatte. Und kaum war das Banner der Stadt zum Vorſchein gekommen, ſo tauchten von allen Seiten die Zunft⸗ banner auf, gleich als wüchſen ſie aus der Erde her⸗ 2¹4 vor, und man ſah, daß ſie für dieſe Gelegenheit ge⸗ macht waren, denn ſie waren ganz neu. Um die Zunftfahnen ſchaarten ſich dann die Zünfte bewaffnet. Selbſt auf dem Theater geht es nicht ſchneller zu, wenn der Maſchiniſt pfeift und die Decoration ſich verändert. All dieſer Lärm weckte den Herzog; er fragte, was es gebe; man wollte es ihm nicht ſagen; er hatte unglücklicherweiſe ſeine Tochter, die nachmalige Maria von Burgund, mitgebracht, die kaum vier Jahre alt, aber bereits Waiſe war. Er wurde, nicht um ſeiner ſelbſt willen, ſondern wegen des Kindes beſorgt und ging in einem einfachen ſchwarzen Rock, nur mit einem Stock bewaffnet, auf die Straße. „Beim heiligen Georg, dieſe Lümmel ſollen mich kennen lernen,“ rief er;„ſie ſollen ſagen, was ſie verlangen.“ Der Ritter von Gruithuſen hielt ihn einen Augen⸗ blick zurück; aber als der Herzog ſah, daß ſeine Edel⸗ leute aus den verſchiedenen Theilen der Stadt her⸗ beieilten, und daß es den Bogenſchützen von der Garde gelungen war ſich vor ſeinem Hotel aufzu⸗ ſtellen, da wollte er nicht mehr länger warten. Er der ſich ſeit dem Tode ſeines Vaters als unum⸗ ſchränkter Gebieter fühlte, er der ſich einen Augen⸗ blick mit der Hoffnung getragen hatte alle Fürſten der Chriſtenheit unter ſein Joch zu beugen, wie durfte er gleich im Anfang einem empörten Pöbelhau⸗ fen gegenüber Unſchlüſſigkeit zeigen? Das war nicht möglich. Der Herzog trat alſo plötzlich vor die tumultuariſch 2¹⁵5 aufgeregte Schaar, die wild hin und her wogte, wie die Fluthen der Nordſee. Er trug, wie wir bereits geſagt, ein bürgerliches Kleid und hatte nichts als einen Stock in der Hand, aber hinter ihm ſtanden ſeine geharniſchten Krieger und ſeine Schützen mit geſpannten Bogen. An ſeinen gerunzelten Brauen, an ſeinem flam⸗ menden Auge und ſeinem grimmigen Geſicht konnte man leicht ſehen, was in ſeinem Innern vorging. Als die Handwerker ihn ſahen, riefen ſie: „Eingerückt, Freunde, eingerückt!“ Und Jeder ſtellte ſich unter ſeine Fahne, und man hörte die eiſenbeſchlagenen Schäfte der Piken auf dem Pflaſter raſſeln. Der Herzog ging gerade auf die Empörer zu. „Ha! Ihr ſchlechtes Pack,“ ſagte er,„was wollt Ihr?“ Und als ein Mann, der ihm im Wege ſtand, nicht ſchnell genug auf die Seite trat, ſo ſchlug er ihn mit ſeinem Stock. Dieſer Mann trug eine Pike. „Ha, bei Gott,“ ſagte er,„Ihr habt mich ge⸗ ſchlagen; wenn Ihr auch zehnmal Herzog ſeid, ſo werde ich mich rächen.“ Und er ſtieß nach dem Herzog. Aber der Ritter von Gruithuſen warf ſich zwi⸗ ſchen den Mann und den Herzog; dann zog er den letzteren weg, nöthigte ihn in die Reihe ſeiner Krie⸗ ger zu treten, und ſagte in ſtrengem Tone zu ihm: „Ei wie, gnädigſter Herr, wollt Ihr Euch denn von dieſen Tollhäuslern da tödten laſſen und uns mit Euch? Wahrlich ein ſchöner Tod für einen 2¹6 Fürſten und für Edelleute! Kommt, Ihr müßt an⸗ ders zu Werke gehen, Ihr müßt dieſe Leute durch ſanfte Reden beſchwichtigen, müßt Eure Ehre und Euer Leben retten. Euer Muth beſteht nicht darin, daß Ihr Euch hier zeiget, aber ein einziges Wort von Euch wird dieſes arme Volk beſchwichtigen und all dieſe Wölfe in Schafe umwandeln. Steiget auf den Balcon und ſprecht, ſo wird Alles gut gehen.“ Die Lage war allerdings bedenklich. Dieſe Leute brauchten nur zuſammenzurücken, um den Herzog und ſein ganzes Gefolge zu erdrücken. Glücklicherweiſe waren die Zünfte, die dem Für⸗ ſten am nächſten ſtanden, die reichen, die Metzger und Fiſchhändler; dieſe waren aber wegen ihres Reichthums auch gemäßigt. Sie ſchaarten ſich um den Herzog. „Gnädigſter Herr,“ ſagte einer ihrer Vorſteher zu ihm,„Ihr ſeid unter uns ſicher wie das Kind im Mutterſchvoß, und wir werden nöthigen Falls ſterben, um Euch zu vertheidigen. Aber habt um Gotteswillen Geduld und erzürnet Euch nicht; na⸗ mentlich möge keiner von Euern Dienern es ſich ein⸗ fallen laſſen die Hand zu erheben; wir können von Euch ſelbſt Schläge ertragen, aber jeder Andere würde unverzüglich dafür geſtraft werden.“ Der Herzog ſah ein, daß er nichts Beſſeres thun konnte als auf den Balcon zu treten, wie Herr von Gruithuſen ihm gerathen hatte.„Er winkte mit der Hand, daß er ſprechen wolle, und ſagte dann auf Flämiſch: „Meine Kinder, Gott behüte Euch! Ich bin Guer Fürſt und rechtmäßiger Herr; ich komme Euch zu n⸗ ch d n, rt d f 7 27 beſuchen, Euch mit meiner Gegenwart zu erfreuen; ich will dafür ſorgen, daß Ihr in Frieden und Wohl⸗ ſtand lebet; ich bitte Euch alſo, daß Ihr Euch ver⸗ nünftig aufführet. Alles was ich unbeſchadet meiner Ehre für Euch thun kann, werde ich thun, und ich werde Euch Alles bewilligen was mir möglich iſt.“ Die Rede rührte die Menge ungemein, ſo daß ſie aus vollem Halſe rief: „Seid willkommen, gnädigſter Herr!“ Der Herzog verſtand nicht genug flämiſch, um eine längere Rede zu halten; deßhalb ergriff Herr von Gruithuſen das Wort, um die guten Abſichten des Fürſten näher auseinander zu ſetzen. Als Herr von Gruithuſen fertig war, näherten ſich einige Bürger dem Balcon, dankten dem Herzog für ſeine Güte und erbaten ſich eine Audienz, um ihre Beſchwerden vorzulegen. Karl war froh ſo wohlfeilen Kaufs davon ge⸗ kommen zu ſein, und wollte ihnen eben dieſe Audienz bewilligen, in Folge deren höchſt wahrſcheinlich Alles friedlich beigelegt worden wäre, als„ein himmel⸗ langer ſtämmiger Kerl,“ ſagt der Chroniſt,„der in den Palaſt und auf den Balcon gekommen war, ohne daß ein Menſch wußte wie, ſich plötzlich neben dem Herzog zeigte, ſeine plumpe mit einem ſchwar⸗ zen Eiſenhandſchuh bewaffnete Fauſt erhob und auf den Balcon ſchlug, um Stillſchweigen zu verlangen.“ Stürmiſcher Jubel hatte ſeine Erſcheinung be⸗ grüßt, aber als man ſah, daß er ſprechen wollte, ſo ſchwieg Alles. So viel Muth auch der Herzog beſaß, ſo wich er doch zurück, als er dieſen Rieſen bemerkte, der ſo 218 unerwartet gekommen war und das Drama gerade in dem Augenblick, wo es ſich entwirren zu wollen ſchien, noch mehr verwickelte. Aber der Mann mit den Eiſenhandſchuhen ſchien ſich nicht im mindeſten um den Herzog zu bekümmern. „Ihr Brüder da unten,“ rief er den Leuten von den kleinen Zünften zu,„Ihr ſeid gekommen, um unſerem hier anweſenden Fürſten Eure Beſchwerden vorzubringen, nicht wahr?“ „Ja,“ antworteten die Angeredeten,„deßhalb ſind wir gekommen, und wir haben dringende Ur⸗ ſachen dazu.“ „Vor allen Dingen,“ fuhr der Rieſe fort,„wollt Ihr, daß die Behörden der Stadt, diejenigen, die dem Fürſten und Euch ſo viel Leid zufügen, beſtraft werden? Nicht wahr, das wollt Ihr?“ „Ja, ja,“ rief die Menge. „Ihr wollt, daß die Sammlungsſteuer abgeſchafft werde?“ „Ja freilich.“ „Ihr wollt, daß Eure zugemauerten Thore wie⸗ der geöffnet werden?“ Ja „Ihr wollt, daß Eure Fahnen Euch zurückgege⸗ ben werden?“ „Ja.“ „Ihr wollt Eure Gerichtsbarkeit, Eure alten Freiheiten wieder haben, nicht wahr?“ „Ja,“ rief man mit zunehmender Energie. „Gnädigſter Herr,“ fuhr der Rieſe mit der eiſer⸗ nen Hand fort,„ſchauet, deßhalb ſind dieſe Leute da verſammelt, und das begehren ſie von Euch. Ihr ——— ——— 8 ———— 1 219 wißt es jetzt: ſorgt alſo dafür. Ich habe zum Beſten geſprochen, verzeiht mir.“ Der Herzog und der Herr von Gruithuſen ſahen einander kläglich an; eine ſolche Sprache war noch nie gegen den Fürſten geführt worden. Wäre Karl allein geweſen, ſo würde er über den Rieſen herge⸗ fallen ſein und ihn in Ermangelung von Waffen in ſeinen Armen zu erdrücken geſucht haben. Aber man ſtand einem bewaffneten Volkshaufen gegen⸗ über, der von ſeiner tollen Nacht her noch betrunken war und ſich unter den Schutz der Reliquie des heiligen Lievin geſtellt hatte; einem Volkshaufen, der entſchloſſen war dieſelbe nicht nach St. Bavon zurückzutragen, bevor ihm die Erfüllung aller ſeiner Wünſche zugeſichert wäre. Der Herzog war wüthend, und zwar ſowohl über die Bürger als über das niedere Volk, denn er glaubte, man habe ihn in eine Falle gelockt und die Vornehmen haben ſich mit den Zünftlern verabredet, ihn in eine ſolche Klemme zu bringen. Einen Augenblick hatte er die Idee ſeine Tochter und ſein Geld in einen Wagen zu bringen, denſelben mit ſeinen Bewaffneten zu umgeben, die Bogenſchützen vorauszuſchicken und ſich mit Gewalt Bahn zu bre⸗ chen; aber man machte ihm begreiflich, daß er nicht lebendig bis ans Thor kommen würde. Knirſchend vor Wuth, beſchloß er den Rath ſei⸗ ner klugen Diener zu befolgen. Einige vornehme Bürger wurden einſtimmig ge⸗ wählt, um ſich mit den Rathgebern des Herzogs zu verſtändigen, und am dritten Tag ſah ſich Karl der 220 Furchtbare gezwungen einen Vertrag zu unterzeich⸗ nen, der den Gentern ihre alten Freiheiten zurückgab. Jetzt legte das Volk ſeine Waffen nieder und trug die Reliquie des heiligen Lievin nach St. Bavon zurück. Endlich am 1. Juli verließ der Herzog Gent, nachdem er den Kelch bis auf die Hefe geleert hatte, aber auch mit grimmigen Racheſchwüren in ſeinem Innern. ———