Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zei den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe t eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: Jeih- und wKeſebedingungen 3 1oIensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Gm⸗ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: TW 1 V Pf. 2 Mi. f. 3. Auswärtige Lonhenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſtene, verlörene und efecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo il der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleiheneit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— ——————. ——— Paul Jones. Paul Jones der nordamerikaniſche Freibeuter. Roman von Alexander Dumas. Dritte Auflage mit einem Vorwort von Lonis Bvurdin. S Leipzig, Berger's Buchhandlung 1847. Vorwort. Höchſt anziehend iſt Alerander Dumas“ Roman Paul Jones ſchon wegen der Zeit, worin er ſpielt. Es iſt die des ſiegreichen Ringens der jugendlichen Amerikaner nach Freiheit und Anabhängigkeit, für die unſer Held ſchwärmt und mit Ludwig's XVI. Caperbriefen in der Taſ che die Welt durchzieht. Die Verwickelung iſt ſpannend, jeder Charakter mit feſter Hand gezeichnet und die Diction blühend. Noch intereſſanter wird dieſer Roman dadurch, daß unſer Paul Jones eine treu geſchilderte hiſtoriſche Perſon iſt. Wer erinnert ſich nicht aus dem trefflichen Piloten an jenen ebenſo tapfern als tief gemüthlichen Paul oder John, der ſchönen Alice Geliebten, welcher ſpurlos an Hollands Küſten verſchwand? Es iſt derſelbe Pirat, welchen die franzöſiſche Marine lange Jahre ſo hochſchätzte und den unſer Dichter hier zu ſeinem Helden erkor. Wenn Thekla's Verſchwinden am genialen Schöpfer dieſer holdſeligen Geſtalt ſelbſt einen Erklärer fand, ſo konnte für das des wackern Paul Jones an Cooper's Stelle kein Würdigerer in die Schranken treten als der mindeſtens ebenbürtige Dumas. VI Außer einem eigenhändigen Manuſcript des vielge⸗ wandten Paul Jones benutzte unſer Dichter hauptſächlich die mündlichen Angaben eines Greiſes in Lorient, welcher jene bewegten Zeiten noch geſehen und deſſen Vater mit dem Freubeuter ſelbſt vielfach verkehrt hatte. Ein ſolches Material in den Händen eines Dumas mußte zu etwas Ausgezeich⸗ netem führen. Dafür zeugt auch wohl der ſeltene Umſtand, daß von dieſem Roman in Deutſchland eben die dritte Auf⸗ lage nöthig geworden iſt. Der Ueberſetzer ſtellte ſich die Aufgabe, den Leſer ver⸗ geſſen zu machen, daß er eine Ueberſetzung läſe. Schließlich ſpreche ich mein Vergnügen darüber aus, zum Herausgeber der Werke des wackern Dumas erkoren worden zu ſein, und gebe die Verſicherung, daß ich mich der Redaction mit Liebe widmen werde. Louis Bourdin. —————— 1. Im Monat Oectober 1779 hatten ſich nach vollbrachtem Tagewerk die Bewohner des Städichens Port⸗Louis auf der Erdzunge verſammelt, die einer andern gegenüber liegt, auf wel⸗ cher Lorient erbaut iſt. Ihre neugierigen Blicke hafteten auf einer edeln Fregatte von 32 Kanonen, die in einer kleinen Bucht der Rhede vor Anker lag, wo ſie vor acht Tagen, gleich einer über Nacht aus dem Oeean aufgeſproßten ſchönen Blume erſchienen war; denn wie häufig auch in einem Seehafen Schiffe ankom⸗ men, immer werden die Liebhaber dieſes Schauſpiels von neuem angezogen. Eben entfaltete das ſchmucke zierliche Fahrzeug, das ſo jungfräulich ausſah als ob es zum erſten Male in See ſtäche, im Hauche eines friſchen Windes die franzöſiſche Flagge, ſo daß man die drei goldenen Lilien in den letzten Strahlen der unter⸗ gehenden Sonne glänzen ſah. Man ſuchte zu ergründen, warum das Schiff nicht im Hafen ſelbſt vor Anker gegangen wäre, be⸗ ſonders aber konnte man nicht darüber einig werden, welcher Na⸗ tion es wohl angehören möchte. Einige ſuchten die Kennzeichen der Nativnalität in dem anmuthigen Profil ſeines Baues und der Paul Jones Zierlichkeit ſeines Takelwerks, welches ſich ſcharf auf dem hellen Abendhimmel abzeichnete, da alle Segel um die Stangen ge⸗ wickelt waren. Andre ſchloſſen aus der Bewaffnung, aus der kühnen und erhabenen Bauart mit Beſtimmtheit auf amerikani⸗ ſchen Urſprung, obwohl man auch wieder der barbariſchen Härte der rebelliſchen Söhne Englands nicht die Vollkommenheit in den einzelnen Theilen zutrauen mochte, wie ſie ſich hier offen⸗ barte. Wieder Andre ließen ſich für den erſten Augenblick von der aufgepflanzten Flagge täuſchen und erkundigten ſich nur noch, aus welchem ftanzöſiſchen Hafen die Fregatte ausgelaufen wäre, aber ein Blick auf das Hintertheil des Schiffs, welches bei jeder auf den Werften von Breſt vder Toulon in's Leben gerufenen Tochter des Oceans oder Mittelmeeres mit einer ſchweren durch allerhand Schnitzwerk verzierten Galerie verſehen war, verſcheuchte auch gleich wieder jenen Anfall nationaler Eigenliebe. Noch Andre, die wohl wußten, daß die Flagge oft nur zur Verbergung des wahren Geſichts benutzt wurde, ſtellten die Behauptung auf, am Hintertheile des Schiffes würden Spaniens Thürme und Löwen mehr an ihrem Orte ſein als Frankreichs Lilien; ſie aber wurden mit der Bemerkung zurückgewieſen, daß doch die zierliche Schlankheit dieſer Fregatte allzu merklich von der plumpen Wohl⸗ beleibtheit ſpaniſcher Galionen abſtäche. Endlich gab es auch wohl Leute, die darauf geſchworen hätten, dieſe reizende Waſſer⸗ nymphe ſei in Hollands Nebeln entſtanden, obwohl dann wieder ——.— der nordamerikaniſche Freibeuter. 9 die Keckheit der Bauart nicht wohl mit dem vorſichtigen Weſen der ſeekundigen Holländer harmoniren wollte. Wenn nun die Bewohner von Port⸗Louis durch achttägige Beſchauung der Fre⸗ gatte nicht über deren Herkunft hatten einig werden können, ſo kam ihrer Neugier auch die Beſatzung derſelben nicht zu Hülfe, indem noch kein Mann unter was immer für einem Vorwand an's Land gekommen war; ja man wußte überhaupt von der Eaquipage ſo viel als nichts, denn wären nicht zuweilen die Köpfe der Schildwachen und des wachhabenden Officiers über der Schiffsbekleidung erſchienen, ſo würde man das Fahrzeug für völ⸗ lig unbewohnt haben halten können. Feindliche Abſichten übrigens ſchien dieſes unbekannte, namenloſe Schiff eben nicht zu hegen, indem es der Obrigkeit von Lorient nicht die geringſte Beſorgniß einflößte und ſich noch dazu unter den Kanonen einer Feſtung vor Anker gelegt hatte, die jetzt nach Englands Kriegserklärung gegen Frankreich wieder in Stand geſetzt und mit einer Batterie ſchweren Geſchützes verſehen worden war, welches ſeine langen Hälſe nach den Köpfen der Neugierigen ausſtreckte. Unter der Menge müßiger Zuſchauer machte ſich ein Jüng⸗ ling durch ſeine eifrigen Fragen bemerklich. Man ſah leicht, daß aus irgend einem Grunde das geheimnißvolle Schiff nicht wenig intereſſiren mußte. Er trug die elegante Uniform der Garde zu Fuß. Da man nun wußte, daß ein ſolcher Gardiſt die Reſi⸗ denz nur ſelten verließ, ſo wandte ſich die Neugier der Menge Paul Jones zum Theil ihm zn. Bald erkannte man in ihm den jungen Grafen von Auray, den letzten Sprößling eines der älteſten Häuſer der Bretagne. Sein Familienſchloß lag am Golf von Morbihan, ſechs bis ſieben Stunden von Port⸗Lonis. Die noch übrigen Glieder dieſer Familie waren: Der alte Marguis von Au⸗ ray, ein armer wieder zum Kind gewordener Greis, der ſeit zwanzig Jahren die Grenze ſeiner Beſitzungen nicht überſchritten hatte; deſſen Gemahlin, deren ariſtokratiſcher Hochmuth in ihrer Sittenſtrenge und der Menge ihrer Ahnen die einzige Ent⸗ ſchuldigung finden mochte; die junge Marg arethe,*) ein holdes Kind von ſiebzehn Jahren, weiß und zart wie die Blume, deren Namen ſie führte; der junge Graf Manuel, den wir unſern Leſern ſchon vorführten; um ihn hatte ſich eben die Menge verſammelt, die ſich von hochadligen Namen, glänzenden Uniformen und einem cavaliermäßigen Benehmen immer angezogen fühlt. Wie gern man ihm daher auch auf ſeine Fragen eine genü⸗ gende Antwort gegeben hätte, ſo war man es doch nicht im Stande, weil man ſelbſt über die Fregatte nichts als unbeſtimmte Vermuthungen hatte. Der Graf wollte ſich alſo eben wieder ent⸗ fernen, als er eine Barke über die Rhede herankommen ſah. Sie ward von ſechs Ruderern geradeswegs zwiſchen die zerſtreuten Dünen getrieben. Augenblicklich hafteten Aller Blicke darauf. *) Marguerite, Gänſeblümchen.. — —— der nordamerikaniſche Freibeuter. 11 Man bemerkte darin einen Jüngling von 20— 22 Jahren in der Uniform eines Cadets der königlichen Marine. Er lehnte nachläſſig auf einer Bärenhaut und ſtützte die rechte Hand auf das Steuerruder, während der Steuermann, da es ſein Oberer nicht beſſer zu wollen ſchien, vorn im Fahrzeuge müßig ſaß. Man erwartete das Boot wie eine letzte Hoffnung, Aufklärung über die räthſelhafte Fregatte zu erhalten. Die Ruderer arbeiteten emſig und waren zur Freude der Bevölkerung von Port⸗Louis bald nur noch 8— 10 Schritt vom Lande entfernt. Hier mußten ſie wegen der Seichtigkeit des Waſ⸗ ſers einhalten. Sogleich legten zwei Matroſen ihre Ruder bei Seite und ſtiegen in's Meer, das ihnen bis an die Knie ging. Nachläſſig erhob ſich der junge Fähndrich, trat auf das Vorder⸗ theil und ließ ſich von den beiden Ruderern auf den Strand tragen, ſo daß ſeine Kleider nicht im geringſten benetzt wurden. Ohne Verzug befahl er den Matroſen um die Landzunge zu ſteu⸗ ern, die von da noch 3— 400 Schritt weit in's Meer hinaus⸗ ragte, und ihn dann auf der andern Seite der Batterie zu er⸗ warten. Er ſelbſt blieb nun noch einen Augenblick an Ort und Stelle ſtehen, um ſeine Haare wieder zu ordnen, welche durch die Art, wie er ſich hatte transportiren laſſen müſſen, etwas in Verwirrung gerathen waren, dann ſchritt er, ein ftanzöſiſches Liedchen trällernd, auf die kleine Feſtung zu, erwiederte leichthin 12 Paul Jones die Grüße der Schildwachen und verſchwand durch das Thor den Blicken der Nachſchauenden. In einem Seehafen iſt doch nichts alltäglicher als daß ein Officier über die Rhede kommt und in ein Fort geht, gleichwohl waren jetzt alle Anweſende außerordentlich geſpannt; es befand ſich unter der zahlreichen Menge dort an der Küſte vielleicht nicht ein Einziger, welcher den Beſuch dieſes Officiers beim Feſtungs⸗ commandanten nicht mit dem Schiffe in Beziehung gebracht hätte, von dem ſchon ſo mannigfache Vermuthungen aufgeſtellt worden waren. Sowie daher der junge Fähndrich wieder zum Feſtungs⸗ thore herauskam, ſah er ſich plötzlich ganz umzingelt. Er ſchien nicht übel Luſt zu haben ſich mit dem Stöckchen Luft zu machen, das er in der Hand hielt, wenigſtens ließ er es ein paarmal ſehr vernehmlich durch die Luft pfeifen; plötzlich aber fielen ſeine Augen auf den Grafen Manuel, wodurch er auf andre Ge⸗ danken kam; das vornehme Ausſehen und die ſchmucke Uniform des jungen Mannes contraſtirten mit dem Thun und der Tracht des ihn umgebenden Haufens ſo wohlthätig, daß der Fremde auf ihn zu ging, während dieſer ſi ch gleichfalls näherte. Ein Blick der beiden Officiere war hinreichend ſich gegen⸗ ſeitig als Leute von Stand und Bildung zu erkennen. Demnach begrüßten ſie einander mit jener leichten Anmuth und zuprrken⸗ menden Zutraulichkeit, wie ſie den jungen Cavalieren eſonder der damaligen Zeit ſo hethimic war. der nordamerikaniſche Freibeuter. 15 „Ach, beſter Landsmann,“ rief der Fähndrich dem Grafen entgegen,„—denn ebenſo gut wie mich halte ich Sie für einen Franzoſen, obgleich ich Ihnen in einem hyperboräiſchen Lande und in Regionen begegne, die wo nicht wild doch leidlich barba⸗ riſch ſind— ſagten Sie mir wohl gefälligſt, was ich denn ſo Außergewöhliches an mir habe, daß ich hier zu Lande ordentlich eine Revolution hervorbringe? Oder iſt vielleicht in Lorient ein See⸗Officier etwas ſo Seltenes, daß ſchon die Gegenwart eines ſolchen die Neugier der Eingebornen von Niederbretagne in ſo ge⸗ waltigen Aufruhr bringt? Wollten Sie mir das erklären, ſo würden Sie mir, das geſtehe ich, einen Dienſt leiſten, den ich Ihnen bei vorkommender Gelegenheit herzlich gern vergelten wollte.“ „Dies kann ich um ſo eher,“ erwiederte Graf Manuel, „da dieſe Neugier weder Ihre Perſon noch Ihre Uniform ver⸗ letzen ſoll; das beweiſe ich aber dadurch, lieber College— denn ich ſehe an Ihren Epaulettes, wir haben bei der Armee Sr. Maje⸗ ſtät faſt gleiche Grade— daß ich mit dieſen ehrlichen Bre⸗ agnern die Neugier theile, welche Sie ihnen vorwerfen, obwohl ch leicht gegründetere Urſache als ſie haben mag, mir Aufſchluß über das Problem zu erbitten, das Sie uns eben darbieten.“ „Schön,“ ſagte der Seemann,„wenn ich Ihnen bei Ihren Unterſuchungen irgendworin behülflich ſein kann, ſo ſteht Ihnen meine Algebra zu Befehl. Nur iſt hier, dünkt mich, nicht recht 14 Paul Jones der Ort zu mathematiſchen Explicativnen. Würde es Ihnen ge⸗ nehm ſein, wenn wir uns ein wenig von dieſen guten Leuten entfernten, die am Ende unſre Kreiſe ſtören könnten?“ „Recht gern,“ verſetzte der Graf,„und um ſo lieber, da Sie ſich jedenfalls Ihrer Barke und den Matroſen nähern, wenn wir hierhinwärts gehen.“ „O das iſt gleichviel! Behagt Ihnen dieſer Weg nicht, ſo ſchlagen wir einen andern ein. Ich habe Zeit genug und meine Leute noch mehr. Steuern wir demnach getroſt landeinwärts, wenn es Ihnen nichts verſchlägt.“ „Ach, ſchreiten wir doch lieber vorwärts; je näher wir der Küſte ſind, deſto beſſer können wir die Sache beſprechen, um die es ſich handelt. Gehen wir demnach auf der Landzunge hin, ſo lange wir es trocknen Fußes vermögen.“ Ohne weitere Antwort ſchritt der Seemann mit dem Grafen vorwärts, da ihm der eingeſchlagene Weg völlig gleich zu ſein ſchien. Arm in Arm wandelten die beiden Jünglinge, welche ſich jetzt zum erſten Male ſahen, bis an das Ende der Landzunge, die ſich gleich einer Lanzenſpitze 2—300 Schritte weit in's Meer erſtreckte. Dort angelangt blieb der Graf ſtehen, wies mit der Hand nach dem Schiffe und fragte ſeinen Gefährten: „Wiſſen Sie, was das für ein Fahrzeug iſt?“ Der junge Seemann ſah den Grafen raſch und forſchend der nordamerikaniſche Freibeuter. 13 an, machte dann eine leichte Handbewegung gegen das Schiff und ſagte nachläſſig: „Nun, das iſt eine ſchmucke Fregatte von 32 Kanonen, die von ihrem Anker gehalten wird und beim erſten Signale in See zu ſtechen bereit iſt.“ „Danach freilich,“ lächelte Manuel,„danach fragte ich nicht. Was habe ich mit den Kanonen und mit dem Anker zu ſchaffen. Der Seemann lächelte auch. „Ich wünſche vielmehr zu wiſſen,“ fuhr der Graf fort, „welcher Nation die ſchmucke Fregatte angehört, wohin ſie ſegelt und wer ihr Capitän iſt.“ „Was die Nation anlangt,“ erwiederte der Seemann,„ſo hat die Fregatte ſelbſt Sorge getragen uns davon zu unterrichten, oder ſie wäre eine ehrloſe Lügnerin. Mag die aufgehißte Flagge auch etwas abgenutzt ſein(denn ſie hat viel gedient), ſo iſt ſie doch fleckenlos. Wohin das Fahrzeug ſegelt? Das würde Ihnen der Platzeommandant geſagt haben, wenn Sie ihn gefragt hät⸗ ten; ihre Beſtimmung iſt Mexico...“ Manuel ſah den Seemann verwundert an⸗ „Was endlich den Capitän betrifft,“ fuhr dieſer fort ohne ſich irren zu laſſen,„ſo iſt das ſchwieriger zu ſagen. Einige be⸗ haupten, es ſei ein junger Mann in unſern Jahren— denn meiner Anſicht nach folgten unſre Wiegen bald auf einander, ob⸗ 16 Paul Jones wohl bei unſerm ſo verſchiedenen Handwerk unſre Gräber von einander ſehr entfernt ſein können;— Andre halten ihn für ſo alt als meinen Oheim den Grafen von Eſtaing, der bekanntlich zum Admiral ernannt und damit beauftragt worden iſt, die von den Franzoſen noch hier und da ſogenannten amerikani⸗ ſchen Rebellen zu Paaren zu treiben; mit ſeinem Namen verhält es ſich noch ſonderbarer, indem man ſagt, er wiſſe ihn ſelbſt nicht und hoffe ihn nur durch ein glückliches Ereigniß zu erfahren: er läßt ſich übrigens Paul nennen... „Paul?“ „Ja, Capitän Paul.“ „Paul von von was?“ „Paulvon der Providenz, vom Stranger, von drr Allianz oder wie nun eben das Schiff heißt, das er com⸗ mandirt. Es giebt ja in Frankreich auch Cavaliere, die ihrem zu kurzen Namen gern den ihrer Beſitzung beifügen, darüber einen Ritterhelm oder das Wappen mit der Feldherrnbinde ſetzen, ſo daß man beim Anblick ihres Siegels und ihrer Carroſſe an ein uraltes Geſchlecht denken könnte. Nun, hier iſt es ein ähnlicher Fall. Jetzt heißt er, glaub' ich, Paul von der Indianerin und iſt ſtolz auf dieſen Namen; denn nach meinen ſeemänniſchen Sympathien möchte er ſeine Fregatte wohl nicht gegen das ſchönſte Landgut vertauſchen, das zwiſchen dem Hafen von Breſt und den Rhoͤnemündung zu finden iſt.“ 3 der nordamerikaniſche Freibeuter. 17 Manuel ſchwieg einen Augenblick, über das ſeltſame Ge⸗ miſch von Spott und Naivität nachdenkend, wie es aus den Antworten ſeines Begleiters hervorſchimmerte. Dann fragte er: „Was hat denn aber dieſer Menſch für einen Charakter?“ „Was für einen Charakter?.. Hm, liebſter Baron, Graf oder Marquis... „Graf,“ ſagte Manuel mit einer Verbeugung. „Nun alſo, liebſter Graf, ſo muß ich Ihnen ſagen, daß Sie mich nicht wenig in abſtracten Gegenſtänden herumtreiben... Als ich Ihnen meine geringe Kenntniß der Algebra zur Ver⸗ fügung ſtellte, geſchah es nicht ſie auf die Erforſchung eines Un⸗ bekannten anzuwenden... Nach ſeinem Charakter fragen Sie? Ja, du lieber Gott, mein beſter Graf, wer kann vom Charakter eines Menſchen ſichre Kunde geben2... Es iſt zwanzig Jahre her, daß ich, wie Sie mich hier ſehen, bald mit einer Barke bald mit einer Fregatte das weite Meer durchfurche, ſo daß ich immer nur den Oeean und den Himmel erblickte, immer nur die Launen des neptuniſchen Reichs befragt und ſtudirt habe, und dennoch kenne ich den Charakter dieſes Reiches noch nicht weiter, als daß es von vier Haupt⸗ und zweiunddreißig Nebenwinden bewegt wird... Wie könnte ich nun den Charakter eines Men⸗ ſchen beurtheilen, den tauſend Leidenſchaften bewegen?“ „Danach fragte ich Sie auch nicht, mein liebſter Herzog, Marquis oder Graf...“ 6 2 .** 18 Paul Jones „Fähndrich,“ antwortete der junge Seemann, ſich wie vor⸗ her Manuel verbeugend. „Nun alſo, beſter Fähndrich, ich verlangte von Ihnen keinen philoſophiſchen Vortrag über die Leidenſchaften des Capitäns Paul, ſondern wollte mich bei Ihnen nur nach zwei Dingen erkundigen; einmal, ob Sie ihn für einen Mann von Ehre halten 2 „Ja, lieber Graf, über dieſes Wort müſſen wir uns erſt verſtändigen; was verſtehen Sie unter Ehre?“ „Dieſe Frage, lieber Fähndrich, kommt mir— nehmen Sie mir's nicht übel— allerwenigſtens ſehr müßig vor. Ehre. nun, das iſt eben Ehre.“ „Sie meinen, es gehe mit dem Worte Ehre wie mit dem Worte Gott. Da könnte man auch antworten: Gott iſt eben Gott; denn jeder macht ſich einen Gott nach ſeiner Manier. Die Aegypter beteten ihn unter der Geſtalt einer Heuſchrecke und die Iſraeliten unter der eines goldenen Kalbes an. So giebt es auch eine Ehre der Camilla und des Coriolan, des Cid und des Grafen Julian. Wenn ich daher Ihre Frage beant⸗ worten ſoll, müſſen Sie ſich ſchon beguemen, mir eine nähere Erklärung über das Wort Ehre zu geben.“ „Sehr wohl; ich wünſchte bloß zu wiſſen, ob man ſich auf ſein Wort verlaſſen könnte?“ „O, was dieſen Punkt betrifft, da kann ich genügende Aus⸗ M der nordamerikaniſche Freibeuter. 19 kunft geben; ich glaube nicht, daß er ſein Wort jemals gebrochen hat. Seine Freunde— denn die muß er haben, weil er ſonſt nicht auf den Poſten gelangt wäre den er einnimmt— ſind ſtets der Ueberzeugung geweſen, daß er ſeinem Schwur bis zum Tode treu bleibt. In dieſer Beziehung alſo— das kann ich Ihnen verſichern— iſt Paul ein Mann von Ehre. Kommen Sie jetzt zu Ihrer zweiten Frage, die Sie an mich richten wollten.“ „Ja, ich wollte wiſſen, ob er auch einem Befehl Sr. Ma⸗ jetät getreulich nachkommen werde.“ Vas für einer Majeſtät?“ „Aber, beſter Seecadet, Sie ſtellen hier Schwierigkeiten im Verſtändniß auf, wie ich das eher bei einem Sophiſten als bei einem Seemann ſuchen möchte.“ „Wie ſo? Bevor ich antworten kann, muß ich doch erſt wiſſen, worauf ich antworten ſoll! Haben wir nicht acht bis zehn Majeſtäten, die wohl oder übel auf den verſchiedenen euro⸗ päiſchen Thronen ſitzen? Da haben wir S. katholiſche Majeſtät, die ſich Stück für Stück Karl's V. Erbſchaft entreißen läßt; dann S. großbritanniſche Majeſtät, die ſich in ihrem Eigenſinn an Amerika anklammert wie Cynegirus an das Perſerſchiff, ſo daß wir ihr beide Hände abhauen müſſen, wenn ſie loölaſſen ſoll; dann kommt S. allerchriſtlichſte Majeſtät, die ich hochſchätze und verehre „Die meine ich!“ unterbrach Manuel;„glauben Sie, 2* Paul Jones. daß der Capitän Paul einem Befehl nachkommen würde, den ich ihm von dieſem König brächte?“ „Natürlich wird der Capitän Paul,“ antwortete jener, „wie jeder andre Capitän derjenigen Macht gehorchen, die über ihn zu gebieten hat, er müßte denn einer von den verdammten Piraten, Corſaren oder Flibuſtiern ſein, aber danach ſieht mir die Fregatte gar nicht aus. Demnach hat er in ſeiner Kajüte ſicher eine von irgend einer Macht unterzeichnete Commiſſion; trägt nun dieſe den Namen Louis und iſt ſie mit den drei Lilien Frankreichs unterſiegelt, ſo gehorcht der Capitän offenbar jedem Befehle, welcher mit demſelben Namen und Siegel bezeich⸗ vrt ijt „Ich weiß nun alles was ich wiſſen wollte,“ ſagte der Graf, der über die wunderlichen Antworten die Geduld zu ver⸗ lieren begann;„nur noch eine einzige Frage hätte ich zu thun.“ „Ihnen zu dienen,“ verſetzte der Fähndrich. „Wiſſen Sie, auf welche Weiſe ich wohl an Bord dieſes Fahrzeuges gelangen könnte?“ „Auf dieſe Weiſe,“ erwiederte der Seemann, die Hand nach dem Boote ausſtreckend, das in einer kleinen Bucht von der Fluth geſchaukelt wurde. Iſt denn das nicht Ihre Barke?“ „Ja wohl; ich werde Sie begleiten.“ „Sie kennen den Capitän Paul?“ der nordamerikaniſche Freibeuter. 24¹ „Nein, durchaus nicht; doch als Neffe eines Admirals bin ich bei allen Schiffsführern vom Hochbootsmann an, der mit ſeinem Canot nach ſüßem Waſſer ſucht, bis zum Viceadmiral, welcher das Geſchwader im Feuer befehligt, ſo gut wie eingeführt. Außerdem haben wir Seeleute auch eine Art geheimer Zeichen, eine Art Freimaurerſprache, mit deren Hülfe wir uns als Brüder erkennen, an welchem Punkte'des Oceans wir uns auch begegnen mögen Ich ſtehe Ihnen mit meiner Barke und meinen Ru⸗ derern zu Dienſten; nehmen Sie mein Anerbieten ebenſo freund⸗ lich auf als ich es Ihnen mache.“ „Schön,“ ſagte Mannel;„erweiſen Sie mir dieſe letzte Gefälligkeit, und dann...“ „Dann wollen Sie vergeſſen, wie ſehr ich Sie durch meine Weitſchweifigkeit gelangweilt habe?“ unterbrach der Seemann lachend;„ach, liebſter Graf,“ fügte er hinzu, den Ruderern einen verſtändlichen Wink mit der Hand gebend,„wir Söhne des einſamen Oceans ſprechen uns nur zu gern, und wenn es nicht anders geht, ſelbſt in Monologen aus; während einer Wind⸗ ſtille rufen wir laut nach dem Wind, während des Sturms nach der Windſtille, während der Nacht reden wir mit Gott.“ Manuel maß ſeinen Begleiter noch mit einem zweifelhaf⸗ ten Blick, den dieſer mit der Gutmüthigkeit aushielt, wie ſie über ſein Geſicht ausgebreitet lag, ſo oft ihn auch der junge Officier anſah. Es lag etwas Wunderbares in dieſem Gemiſch der Ver⸗ 22 Paul Jones achtung gegen menſchliche Dinge und der Poeſie in Bezug auf die Werke Gottes. Indeſſen ſah der Graf in dem ſonderbaren Manne immer eine Perſon, die ihm dienſtfertig ſein wollte, und nahm das Anerbieten an, wenn es ihm auch auf ſeltſame Weiſe gemacht worden war. Fünf Minuten ſpäter ruderten die beiden Jünglinge dem unbekannten Schiffe zu. Die Matroſen waren tüchtige Arbeiter; ſie hoben und ſenkten die Ruder ſo regelmäßig, daß eine wie durch mechaniſche Triebfedern und nicht durch Menſchenkräfte hervorgebrachte Bewegung erfolgte. Die Sonne war eben im Begriff unterzugehen. 2. Jemehr ſie ſich näherten, deſto deutlicher traten die an⸗ muthigen Umriſſe und alle Einzelnheiten des Fahrzeugs vor ihre Augen, und obgleich der junge Graf von Auray ſich auf die Schönheit dieſer Formen nicht ſonderlich verſtand und aus Ge⸗ wohnheit oder wegen ſeines Berufs auch nicht ſehr dafür einge⸗ nommen war, ſo konnte er ſich doch nicht enthalten die Eleganz des Baues, die kraftvollen Maſten und das ſchmucke Takelwerk zu bewundern, welches ſich an dem von der untergehenden Sonne beleuchteten Himmel wie geſchmeidige Fäden ausnahm, die der nordamerikaniſche Freibeuter. 25 irgend eine Rieſenſpinne geſponnen hätte. Auf dem Schiffe herrſchte völlige Regungsloſigkeit, die ſich ebenſo ſehr aus Ge⸗ ringſchätzung als aus Sorgloſigkeit erklären ließ; es ſchien ſich kein Menſch um den Beſuch zu bekümmern. Es kam dem Grafen einen Augenblick vor, als ſehe er an einer Stückpfortenöffnung neben dem geſchloſſenen Rachen eines Feuerſchlundes das Ende eines auf ihn gerichteten Fernrohrs. Bald aber kehrte ihnen das Schiff, welches ſich auf den Wellen des Oreans in langſamer kreisförmiger Bewegung ſchaukelte, das Vordertheil zu, und nun hefteten ſich ſeine Blicke auf die geſchnitzte Figur, von welcher das Fahrzeug, woran ſie ſich befindet, den Namen erhält; es war eine Tochter Amerika's, von Chriſtoph Columbus ent⸗ deckt und von Ferdinand Cortez erobert, mit ihrem bunten gefiederten Hauptſchmuckund ihrer runden Bruſt voll Korallenhals⸗ bänder; ihr übriger Leib war halb Schlange halb Sirene, durch ſeltſame Arabesken mit dem Schiffe verbunden. Dieſe Figur feſſelte die Blicke des Grafen faſt ausſchließlich. Es war auch allerdings ein ebenſo wunderlich geformtes als in ſeiner Art voll⸗ endetes Schnitzwerk und es gehörte kein großer Scharfſinn zu der Bemerkung, daß es von keinem gewöhnlichen Arbeiter, ſon⸗ dern von einem talentvollen Künſtler aus einem tauſendjährigen Eichenklotze in's Leben gerufen worden war. Derjunge Seemann ſchien mit der zunehmenden Aufmerkſamkeit des Landofficiers auf das vor ihm liegende Fahrzeng, ſeinen Mienen nach, ſehr wohl 24 Paul Jones zufrieden zu ſein. Da er indeſſen bemerkte, daß die Blicke deſſel⸗ ben immer nur auf der erwähnten Figur hafteten, ſo ſchien er ſeiner Meinungsäußerung mit ziemlicher Spannung entgegen zu ſehen. Der Graf äußerte kein Wort, obgleich man bereits ſo nahe gekommen war, daß ihm keine einzelne Schönheit hatte entgehen können. Darum brach der Seemann das Schweigen zuerſt und ſagte, indem er durch einen Anſchein von Heiterkeit zu verbergen ſtrebte wie ſehr er auf die Antwort ſpannte: „Nun, liebſter Graf, was ſagen Sie zu dieſem Meiſter⸗ werke?“ „Ich ſage,“ antwortete der Gefragte,„daß es unter allen derartigen Arbeiten, die ich zu ſehen Gelegenheit hatte, vorzugs⸗ weiſe den Namen verdient, den Sie ihm ſo eben gaben.“ „Ja,“ erwiederte jener,„es iſt das letzte Werk von Guillaume Coſtou, welcher noch vor deſſen Vollendung ſtarb; ſein Schüler, ein gewiſſer Dupré, hat es fertig gemacht; auch er iſt ein verdienſtvoller Mann, den aber jetzt der Hunger zwingt Holz ſtatt Marmor zu hauen und Vordertheile für Schiffe ſtatt Bildwerke zu machen. Sehen Sie da,“ fuhr er fort und gab der Barke mit dem Steuer eine Bewegung, wodurch es um die Außenſeite herum getrieben wurde,„es iſt ein wirkliches Ko⸗ rallenhalsband, was Sie um den Hals hat, und in den Ohren trägt ſie echte Perlen; jeder ihrer Augäpfel iſt ein Diamant von hundert Guineen an Werth, wie am Bildniß König Wilhelm's. S —„—— .*„ 1„ der nordamerikaniſche Freibeuter. 25 Der Schiffscapitän nun, welcher dieſe Fregatte nähme, würde demnach außer der Ehre, ſie gecapert zu haben, auch noch für ſeine Braut ein koſtbares Hochzeitsgeſchmeide haben.“ „Welch eine wunderliche Laune!“ ſagte Manuel, immer noch in den Anblick vertieft,„ſein Schiff wie ein lebendes Weſen zu ſchmücken und ſolche Schätze den Zufällen eines Sturms oder Seekampfes auszuſetzen!“ „Ja ſehen Sie,“ erwiederte der Jüngling mit dem Aus⸗ druck unbeſchreiblicher Schwermuth,„wir Seeleute haben keine andre Familie als unſte Matroſen, kein Vaterland als den Ocean, kein andres Schauſpiel als den Sturm und keine Zer⸗ ſtreuung als den Kampf.., wir müſſen unſer Herz doch an et⸗ was hängen! Da wir keine wirkliche Geliebte haben— denn wer ſollte uns lieben?— ſo müſſen wir uns ein phantaſtiſches Liebchen anſchaffen. Einer verliebt ſich in ein friſches ſchattenreiches Ei⸗ land; ſieht er es nun auf einer Meerfahrt am Horizont als ein Blumenkörbchen auftauchen, ſo wird ſein Herz fröhlich wie das eines Vogels, der in ſein heimathliches Neſt zurückfliegt. Ein andrer wendet ſeine Liebe irgend einem beſtimmten Sterne zu; wenn er nun in den langen ſchönen Nächten auf dem atlantiſchen Oecean den Aequator paſſirt, fühlt er ſich ſeinem Lieblingsſterne näher und wähnt ſich von ihm durch ein lebhafteres glühenderes Licht begrüßt. Noch andre endlich— und das ſind die meiſten— hängen ſich an ihre Fregatte wie an ein geliebtes Mädchen, jam⸗ 26 Paul Jones mern über jedes Glied, das der Wind zerbricht, über jede Ver⸗ letzung, die eine Kugel macht; wenn ſie aber durch den Sturm oder die Schlacht in's Herz getroffen wird, ſo wollen ſie lieber mit ihr ſterben, als ſich ohne ſie retten, indem ſie dadurch der Welt ein ſchönes Beiſpiel der Treue geben, da ſie ſich mit dem Gegenſtand ihrer Liebe in dem Abgrunde des Meeres begraben. Ein ſolcher aber iſt der Capitän Paul; darum hat er ſeiner Fregatte einen Hochzeitsſchmuck geſchenkt, den er eben ſeiner Braut beſtimmte... Aha, jetzt werden ſie munter.“ „Holla, die Barke!“ rief es vom Schiffe herab;„was iſt Euer Begehr?“ „Wir wollen an Bord der Fregatte ſteigen,“ rief Manuel hinauf;„werft uns irgend ein Tau herunter, daß man ſich hübſch anhalten kann!“ „Wendet Euch Steuerbord, ſo gelangt Ihr an die Treppe!“ Augenblicklich gehorchten die Ruderer dieſer Andentung und nach wenigen Secunden befanden ſich die jungen Leute auf der Schiffstreppe, wo ſie der wachhabende Officier beim Oberloff ſehr zuvorkommend empfing, was für Manuel eine gute Vor⸗ bedeutung war. „Mein Herr,“ ſagte der Seecadet zu dem jungen Manne gewendet, welcher dieſelbe Uniform trug und auch denſelben Grad zu haben ſchien wie er,„hier iſt mein Freund, der Graf. ah, Liebſter, ich habe vergeſſen Sie nach Ihrem Namen zu fragen 22 — D lie fü S al Ber⸗ m eber der em en. ner aut iſt el 1 nd der der nordamerikaniſche Freibeuter. 27 „Graf Manuelvon Auray.“ „Schön, ich ſagte alſo, hier wäre mein Freund, der Graf Manuel von Auray, welcher angelegentlich wünſcht mit dem Capitän Paul zu ſprechen. Iſt er an Bord?“ „So eben iſt er eingetroffen,“ verſetzte der Officier. „Gut, ſo will ich zu ihm hinabgehen um Sie anzumelden, liebſter Graf; unterdeſſen wird ſich Herr Walter hier ein Ver⸗ gnügen daraus machen, Sie im Innern der Fregatte herumzu⸗ führen. Ein Landoffirier hat ziemlich ſelten Gelegenheit dieſes Schauſpiel zu genießen, und überdies glanbe ich auch nicht, daß Sie viele Schiffe finden möchten, die ſich ſo gut gehalten haben als dieſes... Iſt es nicht eben die Zeit des Abendeſſens?“ „Ja, mein Herr!“ „Nun, das iſt um ſo beſſer.“ „Aber ich habe die Wache!“ entgegnete der Officier zö⸗ gernd. „Es wird ſchon einer Ihrer Kameraden ein Weilchen für Sie Wache halten. Ich will den Capitän zu beſtimmen ſuchen, daß er Sie nicht lange im Vorzimmer warten läßt. Herr Graf, auf Widerſehen! Sie werden gute Aufnahme finden; ich will Sie ſchon empfehlen.“ Mit dieſen Worten verſchwand der junge Cadet auf der Treppe zum Zimmer des Capitäns, während Manuel von dem zurückgebliebenen Officier in die Batterie geführt wurde. Die 23 Paul Jones Schiffsmannſchaft ſaß beim Abendeſſen, wie der Begleiter des Grafen vorausgeſehen hatte. Dieſer ſah ein ſolches Schauſpiel zum erſten Male. Wie gern er nun auch ſchnell mit dem Capitän geſprochen hätte, ſo kam ihm doch das, was er vor Augen hatte, zu ſonderbar vor, als daß es nicht ſeine ganze Aufmerkſamkeit hätte in Anſpruch nehmen ſollen. Zwiſchen je zwei Geſchützen ſtanden Bänke oder hingen viel⸗ mehr im Tauwerke; auf jeder derſelben ſaßen vier Männer, die ſich je ihren Theil von einem großen Stück Rindfleiſch abſchnit⸗ ten, das unter den beſtändigen Angriffen dieſer Eſſer freilich bald zuſammenſchwand. Auf jedem Tiſche ſtanden große Gefäße mit Wein, wovon auf den Mann eine halbe Flaſche kam; Brod ſchien einer nehmen zu können, ſo viel er Luſt hatte. Unter der ganzen an 200 Mann ſtarken Equipage herrſchte das tiefſte Still⸗ ſchweigen. Wenn auch keiner von den Schiffsleuten den Mund anders aufthat als zum Eſſen, ſo erkannte doch der Graf leicht an den charakteriſtiſchen Phyſiognomien die Verſchiedenheit ihrer Her⸗ kunft. Sein Begleiter bemerkte ſeine Verwunderung und ſagte, als hätte jener den Grund derſelben ausgeſprochen: „Ja, ja, wir haben hier in unſter Arche ſo manches hüb⸗ ſche Exemplar aus allen Völkern der Welt. Bemerken Sie die drei Burſche, die bei ihren Nachbarn gegen Knoblauchzwiebeln eine Partie Roſtbveuf eintauſchen? Es ſind Galizier, die wir am des ſpiel itän tte, keit ers en der nordamerikaniſche Freibeuter. 29 Vorgebirge Ortegal aufgenommen haben; ſie würden niemals eher in's Feuer gehen als bis ſie zum heiligen Jacob gebetet hät⸗ ten, dann aber würden ſie ſich auch gleich ihrem Märtyrer in Stücke zuſammenhauen laſſen, ehe ſie einen Schritt weichen ſoll— ten. Die dort, welche den Tiſch auf Unkoſten ihrer Aermel po⸗ liren, ſind brave Holländer, die es immer noch nicht verwinden können, welch ein Schaden ihrem Handel durch die Entdeckung des Vorgebirgs der guten Hoffnung zugefügt worden iſt. Auf den erſten Anblick ſehen ſie wie Theekeſſel aus, ſobald aber die Schlacht um ſie ertönt, werden ſie ſchnellfüßig wie die Basken; ſprechen Sie mit ihnen, ſo werden ſie Ihnen von ihren Vor— fahren erzählen, da ſie von ſich ſelbſt nichts zu erzählen haben, ſie werden Ihnen kund thun, daß ſie von jenen berühmten See⸗ leuten abſtammen, die beim Vorrücken zum Kampfe ſtatt der Flagge einen Beſen aufſtekten; davon werden ſie indeſſen ſchwei⸗ gen, daß ihnen einſt die Engländer ihre Beſen abjagten und Ru⸗ then für ſie daraus machten. An dem Tiſche dort drüben, woran man nur leiſe ziſchelt, da man nicht laut werden darf, ſitzen Franzoſen. Den Ehrenplatz nimmt der von ihnen erwählte Chef ein, ein geborner Pariſer, ein Kosmopolit aus Geſchmack, ein Tanz⸗ und Fechtmeiſter; er iſt immer luſtig, manveuvrirt und ſchläßt ſich ſingend und wird wohl auch noch mit einem Liedchen in der Kehle ſterben, wenn ihm dieſe nicht durch ein hölzernes Halsband zugeſchnürt wird, was ihm frailich begegnen könnte, 50 Paul Jones wenn er das Unglück hätte, dem John Bull in die Hände zu fallen. Auf der andern Seite hier werden Ihnen dieſe robuſten Kerle etwas fremdartig vorkommen; aber kein Amerikaner, der zwiſchen der Hudſonsbai und dem mericaniſchen Meerbuſen ge⸗ boren iſt, wird ſie für etwas Andres erkennen als für Bären des Erieſees oder für neuſchottländiſche Seekälber; drei bis vier derſelben ſind einäugig, und das kommt von der Art ihrer Zwei⸗ kämpfe her; ſie rollen nämlich das Haar ihres Gegners um den Mittel⸗ und Zeigefinger und drücken ihm mit dem Daumen das Auge aus. Es giebt einige darunter, welche in dieſer Kampfweiſe ſehr geübt ſind und faſt nie ihren Zweck verfehlen. Wenn ein Schiff geentert worden iſt, ſo werfen ſie bald ihr Meſſer oder ihre Lanze weg, packen den erſten beſten Engländer und machen ihn mit einer ſo bewundernswerthen Behendigkeit einäugig, daß man ſeine Luſt daran hat.— Sie ſehen, daß ich nicht zu viel ſagte, als ich Ihnen eine vollkommene Muſterkarte zu zeigen verſprach.“ Aus dem letzten Theile dieſer Erklärung ſowohl als auch aus dem Aecent der Stimme bemerkte der junge Graf, daß er es mit einem jenſeit des atlantiſchen Oeeans gebornen Manne zu thun habe. Indeſſen ließ er ſich davon nichts merken, hörte alles aufmerkſam an und ſagte endlich, da ſein Begleiter eine Pauß zu machen ſchien: 3 „Aber wie füngt es doch Ihr Capitän an, ſich mit dieſen ſ zu ſten der ge⸗ iren. vier vei⸗ den das eiſe ein der hen daß viel gen der nordamerikaniſche Freibeuter. 51¹ ſo verſchiedenen, hier auf einem Punkte vereinigten Menſchen zu verſtändigen?“ „Zunächſt verſteht der Capitän alle ihre Sprachen; aber beim Sturm und in der Schlacht, wo er allerdings ſeine Mut⸗ terſprache ſpricht, weiß er auf ſeine Worte einen ſolchen Accent zu legen, daß man ſie begreift und ihnen nachkommt... Doch ſehen Sie da, die Kajüte des Backbords öffnet ſich; er iſt jeden⸗ falls bereit Sie zu empfangen.“ Gleich darauf erſchien ein junger Menſch in der Tracht ei⸗ nes Midſhipman, trat auf die beiden Officiere zu und fragte Manuel, ob er der Graf von Auray wäre. Da er eine be⸗ jahende Antwort erhielt, ſo bat er ihn mit ihm zu gehen. Augen⸗ blicklich ging der Officier, der mit ſo großer Gewiſſenhaftigkeit ſeine Rolle bis zu Ende geſpielt hatte, wieder auf's Verdeck und auf ſeinen Poſten. Manuel ſchritt mit einer Miſchung von Un⸗ ruhe und Neugier auf die Thüre zu. Endlich alſo ſollte er den Capitän Paul ſehen. Es war ein Mann von 50— 55 Jahren, deſſen Rücken mehr durch die Gewohnheit, ſich auf dem Zwiſchen⸗ deck zu bewegen, als durch das Gewicht der Jahre gekrümmt war. Er trug die Uniform der königlichen Marine mit der äußerſten Pünkt⸗ lichkeit: einen dunkelblauen Rock mit Scharlachaufſchlägen, rothe Weſte und Unterkleider, graue Strümpfe, Buſenſtreif und Man⸗ chetten. Sein aufgerolltes Haar war weiß gepudert und am Hin⸗ terkopfe mit einem Bande zuſammengeſchnürt„deſſen Enden Paul Jones herabhingen. Neben ihm auf dem Tiſche lagen ſein Degen und ſein dreieckiger Hut. Als Manuel ſich auf der Schwelle zeigte, ſaß der Capitän auf dem Schafte einer Kanone, erhob ſich aber ſogleich, ſobald er den Eintretenden gewahrte. Der junge Graf fühlte ſich beinahe eingeſchüchtert, als er dieſen Mann in's Auge faßte; der forſchende Strahl ſeines Auges ſchien dem Jüngling bis in die Seele zu dringen. Der Eindruck deſſelben mochte ſich wohl dadurch verſchärfen, daß ſich der Graf hier nicht ganz mit reinem Gewiſſen vorſtellte, indem er ſich wegen ſeines Vorhabens ſelbſt Vorwürfe machte, weil er den Capitän mit in ſeine Sache zu verwickeln beabſichtigte. Beide ſchienen ſich nicht von einander angezogen zu fühlen; ihr Gruß war daher höflich aber zurückhaltend. „Ich habe die Ehre den Herrn Grafen von Auray zu ſprechen?“ fragte der Seemann. „Und ich den Herrn Capitän Paul?“ fragte der junge Mann dagegen, und Beide verbengten ſich zum zweiten Male. „Und welchem glücklichen Zufalle habe ich's zu verdanken,“ ſprach jetzt der ältere Officier,„daß mich der Erbe eines der äl⸗ teſten und ſchönſten Namen der Bretagne beſucht?“ ſ Manuel verneigte ſich nochmals, um für dieſes Compli⸗ ment zu danken; dann ſagte er erſt nach einer Pauſe, als ob es 5 9 P ihm ſchwer würde ſich darüber auszuſprechen: und gte, ber ges tuck raf gen tän nen her ——— der nordamerikaniſche Freibeuter. 55 „Herr Capitän, ich habe gehört, daß der mexikaniſche Meerbuſen Ihre nächſte Beſtimmung ſei.“ „Dann hat der Herr Graf recht gehört. Ich denke nach Neu⸗Orleans zu ſegeln und in Cayenne und in der Havanna an⸗ zulegen.“ „Das iſt ein ſehr glücklicher Umſtand, Herr Capitän; Sie würden ſich der Ausführung einer Ordre, die ich überbringe, recht wohl unterziehen können, wenn es Ihnen gefällig wäre.“ „Sie haben mir eine Ordre zu überbringen, Herr Graf? Und von wem?“ „Aus dem Marine⸗Miniſterium.“ „Und es iſt eine an mich perſönlich gerichtete Ordre?“ fragte der Capitän in zweifelndem Tone. „Das wohl eben nicht, mein Herr; ſie lautet an jeden Ca⸗ pitän der königlichen Marine, welcher nach Südamerika unter Segel geht.“ „Und was enthält dieſe Ordre, Herr Graf?“ „Hier iſt ſie ſelbſt!“ verſetzte Manuel und überreichte ſie ihm. 6 Der Seemann trat damit an's Fenſter, um ſie beim letzten Scheine des Tages zu leſen. Sie lautete folgendermaßen: „Das Miniſterium der Marine und der Colonien befiehlt jedem Capitän oder Lieutenant, der mit einem königlichen Fahr⸗ zeuge nach Südamerika oder dem mexikaniſchen Meerbuſen unter 54 Paul Jones Segel geht, einen gewiſſen Luſignan an Bord zu nehmen und in Cayenne auszuſetzen, da derſelbe zur Deportation auf immer verurtheilt iſt. Während der Ueberfahrt ſpeiſtt der Verurtheilte in ſeiner Kajüte und iſt durchaus von der Schiffsmannſchaft fern zu halten.“ „Iſt die Ordre in gehöriger Form?“ fragte Graf Manuel. „Völlig, mein Herr,“ antwortete Capitän Paul. „Und ſind Sie geſonnen dieſelbe zu übernehmen?“ „Stehe ich nicht unter den Befehlen des Marine-Mini⸗ ſteriums?“ „Demnach dürfte ich Ihnen den Gefangenen zuſenden?“ „Wenn es Ihnen gefällig iſt, Herr Graf; nur muß ich bitten, ſo ſchleunig als möglich, denn ich gedenke nicht lange mehr an dieſer Küſte zu weilen.“ „Ich werde Sie nicht warten laſſen.“ „Weiter hatten Sie mir nichts zu ſagen?“ „Weiter nichts, ſobald ich meinen Dank hinzugefügt habe.“ „Fügen Sie nichts hinzu, Herr Graf. Das Miniſterium gebietet, und ich gehorche; indem ich meine Pflicht erfülle, er⸗ weiſe ich Ihnen keinen Dienſt.“ Nach dieſen Worten verbeugten ſich die Ofſiciere abermals vor einander und ihr Abſchied war ebenſo kalt als ihre erſte Begegnung. Wieder auf dem Verdeck angekommen, fragte Mannel und mer eilte fern tel. ini⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 55 den wachhabenden Officier nach ſeinem früheren Begleiter, erhielt aber zur Antwort, daß dieſer vom Capitän Paul zum Abend⸗ eſſen eingeladen worden ſei, daß jedoch ſein Boot dem Herrn Grafen zu Befehle ſtehe. Die Barke erwartete ihn unten an der Schiffstreppe. Sowie er dieſelbe beſtiegen hatte, hoben die Matroſen die Ruder und führten ihn ebenſo ſchnell davon als er gekommen war. Doch war es eine ſchweigſame und traurige Fahrt, denn ſie ward nicht mehr durch die poetiſche Unterhaltung des jungen Seemannes belebt. Noch in derſelben Nacht ward der Gefangene an Bord der Indianerin gebracht. Als am andern Morgen bei Tages Anbruch die neugierigen Bewohner von Port⸗Louis auf die Land⸗ zunge kamen, ſuchten ſie auf dem Oecean vergebens die Fregatte, worüber ſie ſich ſeit acht Tagen ſo ſehr die Köpfe zerbrochen hat⸗ ten. Ihre unerwartete Ankunft, ihr geheimnißvolles Verweilen und ihre ſchleunige Abreiſe blieben für dieſe Leute noch lange ein unergründliches Geheimniß. 3* Paul Jones 3. Weshalb der Capitän Paul die Küſte der Bretagne be⸗ ſucht hatte, dies iſt für den Gang unſter Geſchichte ohne Be⸗ deutung; daher werden unſre Leſer über dieſen Punkt in derſelben Ungewißheit bleiben wie die Bewohner von Port⸗Lonis. Wäh⸗ rend indeſſen die letztern zurückbleiben mußten, haben wir den Vortheil, die geheimnißvolle Fregatte auf ihrer abenteuerlichen Meerfahrt beobachten zu können. Das Wetter war ſo ſchön, wie man es in jenen Gegenden zu Anfange des Herbſtes kaum ſchöner verlangen kann. Die In⸗ dianerin ſegelte wacker vor dem Winde. Abgeſehen von einigen am Steuer beſchäftigten Männern vergnügte ſich die Schiffsmann⸗ ſchaft auf verſchiedenen Punkten des Fahrzeugs zerſtreut nach ihrer Weiſe, weil ſie dem Himmel die Beharrlichkeit des günſtigen Wetters angeſehen hatten. Da rief plötzlich eine Stimme aus dem Maſtkorbe herab:„Holla, he! ein Segel!“ „Holla!“ ſchrie nun auch der vornſtehende Hochbvotsmann, „ein Segel, Herr Officier von der Wache! Melden Sie es dem Capitän!“ „Ein Segel, ein Segel!“ wiederholten jetzt die Matroſen auf dem Verdeck, denn eben hatte eine Welle das Fahrzeug ſo ge⸗ hoben, daß die geübten Angen der Seeleute am äußerſten Hori⸗ —-— ——-— ———„) — der nordamerikaniſche Freibeuter. 57 zont ein Schiff entdeckten, welches der minder ſcharfe Blick eines Paſſagiers oder Landſoldaten etwa für eine Möve gehalten hätte. „Ein Segel!“ rief faſt zu gleicher Zeit ein etwa 25jähriger Mann, welcher die Treppe einer Kajüte heraufgeſtürmt kam; „fragt Herrn Arthur, für was er es anſieht!“ „Heda, Sir Arthur!“ rief der Lieutenant durch das Sprachrohr, um ſich nicht vergebens zu bemühen;„der Capitän will wiſſen, für was Sie jene Nußſchale dort anſehen.“ „Ei nun,“ antwortete der junge Midſhipman wie jener in engliſcher Sprache vom Maſtkorbe herab,„ich ſehe es für ein großes Schiff an, das uns den Wind abzuſchneiden ſucht. Aha, eben läßt es ſein Hauptſegel fallen!“ „Ja, ja,“ nahm der junge Mann wieder das Wort, wel⸗ chem Walter den Titel Capitän beigelegt hatte,„ſeine Augen ſind ebenſo gut als die unſrigen, und es hat uns geſehen. Recht wohl; wenn es ſich mit uns zu unterhalten beliebt, ſo werden wir ihm nicht ausweichen. Unſre Kanonen möchten ohnehin die Sprache verlieren, ſo lange haben ſie den Mund nicht aufgethan. Mein Herr,“ rief jetzt der Capitän in verändertem Tone,„mel⸗ den Sie dem Chef der Batterie, daß wir ein verdächtiges Segel vor uns haben und daß er ſich ſchußfertig macht! Hören Sie, Sir Arthur,“ rief er endlich zu jenem hinauf,„was meinen Sie vom Laufe des Schiffs?““ „Es läuft ganz wie ein Kriegsſchiff, Capitän, und obgleich 58 Paul Jones ich ſeine Flagge noch nicht erkennen kann, ſo wollte ich doch wet⸗ ten, daß der König Georg ſeine Hand dabei im Spiele hat.“ „Glaub's wohl; es wird eine königliche Commiſſion in der Kajüte ſitzen und dem Eommandanten befehlen ſich auf eine ge⸗ wiſſe Fregatte zu ſtürzen, welche den Namen Indianerin führt; nimmt er ſie, ſo ernennt man ihn zum Capitän, wenn er Lientenant, zum Commandeur aber, wenn er Capitän iſt. Auf⸗ geſchaut, da ſtreckt er ſeine Bramſtenge auf! Der Spürhund hat gewiß Witterung von uns und macht ſich zur Jagd bereit. Setzen wir aber unſern Weg ruhig fort und hiſſen Sie dieſelben Segel auf, Herr Walter; wir wollen doch ſehen, ob er ſich un⸗ terfängt uns den Paß zu verrennen!“ Der Lieutenant wiederholte ſogleich dieſe Ordre und das Schiff, welches bisher nur unter ſeinem Marsſegel dahingeglitten war, entrollte die Leinwand ſeiner Bramſtenge wie eine dreifache Wolke, drückte ſein Vordertheil tiefer in die Wogen und ſchoß mit Vogelſchnelligkeit durch den Schaum dahin, als ob es nicht er⸗ warten könnte, bis es den Feind erreicht hätte. Eine Zeit lang herrſchte nur das Schweigen der Erwartung. Wir benutzen dieſen kurzen Zeitraum, um uns näher mit dem Officier bekannt zu machen, welchem der Lieutenant den Capitäns⸗ Titel beigelegt hatte. Es war dies weder jener junge redſelige Seecadet, welcher den Grafen von Auray an Bord der Fregatte brachte, noch der der nordamerikaniſche Freibeuter. 59 alte wortkarge Seemann mit dem gekrümmten Rücken und der rauhen Stimme, ſondern ein ſchöner Jüngling von 24— 25 Jahren, der in ſeiner natürlichen Geſtalt und einer nach ſeiner Phantaſie gewählten Uniform auftrat, wie er ſie auf dem Meere ſtets annahm, wenn er nur Gott und dem Sturme gegenüber ſtand. Sein Oberkleid war ein langer ſchwarzſammetner Rock mit goldenen Schnüren, den ein türkiſcher Gürtel um den Leib zu⸗ ſammenhielt, worin ſchön gearbeitete mit eingelegten Zierathen belegte Piſtolen ſtaken, die eher zum Zweikampf als zur Ver⸗ theidigung nach dem Entern beſtimmt zu ſein ſchienen. Ueber ſei⸗ nen faltigen Stiefeln trug er blaue Caſimirhoſen, um den Hals ein locker gebundenes indiſches Tuch mit Blumen von naturge⸗ treuer Farbe und über ſeine ſonnenbraunen Wangen fielen raben⸗ ſchwarze ungepuderte Haare herab. Neben ihm auf der Kanone des Hinterdecks ſah man einen kleinen eiſernen Helm liegen, ſei⸗ nen einzigen Schmuck im Kampfe und ſeine einzige Schutzwaffe; mehrere tiefe Eindrücke im Eiſen lieferten übrigens den Beweis, daß dieſe Hauptbedeckung deren Beſitzer mehr als einmal gegen die furchtbaren Enterbeile geſchützt hatte, wie ſie die Seeleute führen, wenn ſich ein Kampf Bord an Bord entſpinnt. Die übrige Schiffsmannſchaft trug die elegante Uniform der franzöſiſchen Marine ſtreng nach der Vorſchrift. Jetzt war das von der Wache vor etwa 30 Minuten ſigna⸗ 40 Paul Jones liſirte Schiff keineswegs mehr ein bloßer Punkt am Horizonte, ſondern bereits zu einer Pyramide mit Segeln und Takelwerk emporwachſen. Aller Blicke ruhten darauf; obgleich kein aus⸗ drücklicher Befehl zum Kampfe gegeben worden war, ſo hatte doch ſchon jedermann ſeine Vorkehrungen getroffen, als könnte nichts Andres erfolgen. Dies war das tiefe feierliche Schweigen an Bord der Indianerin, wie es auf Kriegsſchiffen ſtets dem entſcheidenden Befehle des Capitäns vorauszugehen pflegt. Wie früher die Segel, ſo tauchte allmählich auch der Rumpf des feind⸗ lichen Schiffes aus dem Waſſer empor. Man konnte ſchyn be⸗ merken, daß es ein Fahrzeug von 36 Kanonen und alſo der In⸗ dianerin etwas überlegen war. Da es übrigens gleich der Fregatte ohne Flagge auf der Spitze ſegelte und die Mannſchaft in ſeinem Rumpfe verbarg, ſo konnte man unmöglich entdecken, welcher Nation es angehörte, wenn es ſich nicht ſonſt zu erkennen geben wollte. „Aha,“ ſagte der Capitän zum Lieutenant,„wir werden hier einen kleinen Maskenball mit aufführen. Laſſen Sie etliche Flaggen nach einander aufhiſſen, Arthur; wir wollen den Fremdlingen einen Beweis geben, daß der Indianerin gleich einer Coquette mehrere Verkleidungen zu Gebote ſtehen. Und Sie, Herr Walter, laſſen Sie die Mannſchaft zu den Waffen greifen, denn in dieſen Gewäſſern können wir doch nur einem Feinde begegnen.“ ite, erk us⸗ tte nte en em Lie aft en, en der nordamerikaniſche Freibeuter. 41 Angenblicklich wurden beide Befehle vollzogen. Der junge Midſhiman entfaltete ein Dutzend verſchiedene Flaggen und Wal⸗ ter ließ aus den Waffenkiſten einen Haufen Meſſer, Lanzen und Enterbeile auf's Verdeck tragen. Jedermann ſtellte ſich nun wie⸗ der an ſeinen Poſten und alles ward ſo ſtill und aufmerkſam als vorher. So ſteuerten beide Fahrzeuge in ihren zuſammenlaufenden Linien fort, bis ſie etwa noch drei Kanonenſchüſſe von einander entfernt waren; da ſagte der Capitän:„Jetzt halte ich's für die rechte Zeit, Sir Walter, unſerm Feind eine Naſe zu drehen. Hiſſen Sie die ſchottiſche Flagge auf!“ Der Lieutenant gab dem Oberſteuermann einen Wink und das rothe Tuch mit himmelblauen Rändern ſtieg am Hintertheil des Schiffes wie eine Flamme empor. Dieſes Manvenvre machte auf das fremde Schiff nicht den geringſten Eindruck; es regte ſich durchaus nichts an Bord deſſelben. „Ja, ja,“ brummte der Capitän,„der brittiſche Levpard hat dem ſchottiſchen Bären Zähne und Klauen ſo geſtumpft, daß er dieſen nun bei ſeiner Wehrloſigkeit nicht mehr beachtet und für gezähmt hält. Zeigen Sie den ſtummen Leutchen eine andre Flagge, Herr Walter, vielleicht bringen wir ſie zum Sprechen.“ „Und welche, Capitän?“ „Greifen Sie auf Gerathewohl darunter, es iſt einerlei!“ Sowie dieſer Befehl ertheilt war, ſenkte ſich die ſchottiſche 42 Paul Jones Flagge und an ihre Stelle trat die ſardiniſche. Das feindliche Schiff blieb nach wie vor ſtumm. „Ah was!“ rief nun der Capitän,„ſeine brittiſche Ma⸗ jeſtät ſcheint mit ſeinem Bruder von Cypern und Jeruſalem ſo gut zu ſtehen, daß wir ihn durch unſern Scherz nicht mit dem⸗ ſelben veruneinigen können. Pflanzen Sie die amerikaniſche Flagge auf, Herr Walter, und begleiten Sie dieſes Manveuvre mit einem Kanonenſchuß!“ Sogleich fiel die himmelblaue Fahne mit dem Löwenrachen und dem ſilbernen Kreuz auf's Verdeck nieder und während ein Kanonenſchuß gen Himmel dröhnte, erhoben ſich langſam die Sterne der vereinigten Staaten. Es traf ein, was der Capitän vorausgeſehen hatte. Bei dieſer rebelliſchen Erſcheinung, die ſich ſo keck in die Luft erhob, trat der Gegner aus ſeinem Incognito, indem er die brittiſche Flagge aufzog. Zu gleicher Zeit ſah man an der Flanke des kö⸗ niglichen Schiffs eine Rauchwolke, eine Kanonenkugel ſprang von Welle zu Welle und zerplatzte etwa hundert Schritte von der Indianerin. „Laſſen Sie Appell ſchlagen, Herr Walter!“ ſchrie jetzt der Capitän;„Sie ſehen, wir haben uns nicht getäuſcht!— Vor⸗ wärts, Leutchen!“ fuhr er gegen die Mannſchaft gewendet fort; „drauf und dran für Amerika! Tod den Engländern!“ Ein allgemeines Geſchrei antwortete ihm und hatte n en in der nordamerikaniſche Freibeuter. 45 nicht nachgelaſſen, als man auch an Bord des Drachen Allarm ſchlagen hörte(denn ſo hieß das feindliche Schiff); ſogleich rannte der Trommelſchläger der Indianerin an ſeinen Poſten und gab die gehörige Antwort; die Kanoniere ſtellten ſich an ihre Stücke, die Ofſiciere an ihre Batterien und die Matroſen an ihre Plätze zum Manvenvriren; der Capitän aber ſtieg mit dem Sprachrohr in der Hand auf's Hinterdeck, denn ein Commandant muß dieſes Symbol des höchſten Ranges, dieſes Scepter eines Königs zur See, bei Sturm und Kampf in der Hand haben. Die beiden Fahrzenge ſchienen die Rollen gewechſelt zu ha⸗ ben, denn nicht mehr die amerikaniſche Fregatte, ſondern das engliſche Fahrzeug verrieth große Ungeduld. Kaum war dieſes auf Schußweite heran, als ſich auf ſeiner ganzen Länge eine Rauchwolke zeigte und zugleich ein Getöſe wie das Rollen des Donners entſtand; aber die eiſernen Boten, von denen die Re⸗ bellen zerſchmettert werden ſollten, richteten ihren Auftrag nicht gut aus, indem ſie matt an den Flanken der Fregatte herabglei⸗ teten. Dieſe fuhr noch immer fort ihrem Feinde den Wind abzu⸗ ſchneiden, als ob ſie nicht antworten möchte; ſie ſchien ihm ein Stück Wegs erſparen zu wollen. Der Capitän überſchaute nochmals mit raſchem Blick ſeine Fregatte und bemerkte zu ſeiner Verwunderung eine neue Perſon auf dem Verdeck, welche dieſer Seene mit auffallender Gemüths⸗ ruhe zuſah. 44 Paul Jones Es war ein Jüngling von 22— 23 Zahren mit einem ſanften und blaſſen Geſicht und in einfacher aber eleganter Klei⸗ dung, den der Capitän noch nicht an Bord geſehen hatte. Er lehnte mit übereinander geſchlagnen Armen am Beſanmaſt und blickte gleichgültig ja beinahe ſchwermüthig nach dem engliſchen Schiffe hin, das mit vollen Segeln heranſtürmte. Bei einem Menſchen, der nicht eben im Waffendienſt ergraut iſt, mußte un⸗ ter den obwaltenden Umſtänden eine ſolche Ruhe befremdend er⸗ ſcheinen. Der Capitän dachte an den Gefangenen, welchen der Graf von Auray angemeldet und auf der Rhede von Port⸗Louis nach der Indianerin gebracht hatte. „Wer hat Ihnen Erlaubniß gegeben in dieſem Augenblicke auf's Verdeck zu kommen, mein Herr?“ fragte er ſo glimpflich als möglich, ſo daß ſeine Worte nicht als ein Vorwurf, ſondern als eine ſchlichte Frage genommen werden konnten. „Niemand, mein Herr!“ antwortete der Gefragte in weh⸗ müthig ſanftem Tone;„indeſſen war ich der Anſicht, Sie wür⸗ den unter den jetzigen Umſtänden Ihrer Ordre weniger ſtreng nachkommen, wonach ich Ihr Gefangener bin.“ „Haben Sie aus der Acht gelaſſen, daß es Ihnen verboten iſt, mit der Schiffsmannſchaft zu verkehren?“ „Das bin ich auch in der That nicht Willens; ich will uß ſchen ob keine von dieſen Kugeln für mich gegoſſen iſt.“ „Wenn Sie an dieſem Platze bleiben, können Sie bald e——— nem klei⸗ Er und chen nem un⸗ er⸗ der uis en oß d 4 der nordamerikaniſche Freibeuter. 45 finden, was Sie ſuchen. Darum werden Sie wohl thun, mein Herr, ſich in den untern Schiffsraum zu begeben.“ „Iſt das ein Rath oder ein Befehl, Herr Capitän?“ „Nehmen Sie es wie Sie wollen!“ „Ich danke Ihnen dafür und werde bleiben!“ erwiederte der Jüngling. In dieſem Augenblicke gab der Feind eine neue Salve; beide Schiffe waren jetzt ganz nahe aneinander und die Eiſenkugeln ſtürmten durch das Takelwerk der Indianerin; zwei Spieren fielen auf das Verdeck herunter und es ließ ſich ein unterdrücktes Klaggeſchrei mehrerer Matroſen vernehmen. Der Capitän hatte ſeine Augen eben noch auf den Gefangenen geheftet; es ſchlug eine Kanonenkugel zwei Fuß über ſeinem Kopf in den Beſanmaſt, an welchem er lehnte; trotz den Splittern aber, die um ihn her flogen, blieb er ſo ruhig ſtehen, als wäre nichts geſchehen. Der Capitän wußte den Muth zu würdigen; er bedurfte zur Beur⸗ theilung des jungen Mannes keiner weiteren Probe. „Schön, mein Herr!“ ſagte er gleichfalls ganz ruhig zu ihm,„bleiben Sie einſtweilen hier ſtehen; kommt es ſpäter zum Entern und Sie wollen dann nicht müßig zuſehen, ſo greifen Sie nach einem Beil oder Säbel, um ein wenig mit drein zu ſchlagen. Nehmen Sie nicht übel, daß ich mich jetzt nicht länger mit Ihnen unterhalten kann; ich habe eben anderwärts zu thun⸗ 46 Paul Jones — Feuer, meine Herren!“ rief er durch das Sprachrohr nach den Batterien. „Feuer!“ antwortete gleich einem Echo Ferjenige welchem dieſe Ordre galt. Angenblicklich ward die Indianerin vom Kiel bis zum höchſten Maſte erſchüttert; es ließ ſich der Donner einer furcht⸗ baren Salve hören und eine Rauchwolke legte ſich wie ein Schlaier über das Steuerbord, um ſich nach und nach im Winde zu ver⸗ theilen. Der Capitän ſtand ungeduldig auf der Wachbank und ſpähte durch den dünner werdenden Pulverdampf nach der Wirkung dieſer Ladung auf das feindliche Schiff. Zu ſeiner Freude be⸗ merkte er bald, daß der große Maſt gefallen war, welcher im Fallen das hintere Takelwerk des Drachen zerriſſen und verwirrt hatte. „Brav, Kinder!“ ſchrie er durch's Sprachrohr.„Jetzt wer⸗ den ſie uns nicht gleich eine Ladung zuſchicken können. Geht ihnen ſo nahe als möglich zu Leibe und gebt abermals Feuer!“ Die Matroſen führten dieſes Manveuvre ſchleunigſt aus; mit Leichtigkeit kehrte das Schiff ſein Vordertheil um und ward, wie der Capitän vorausgeſehen hatte, vom Feinde nicht daran gehin⸗ dert. Plötzlich erbebte die Fregatte von neuem und ſpie wie ei Vulean ſeine Flammen dem Feinde entgegen. Die Kanoniere hatten ſich brav gehalten; große und etine Taue waren zerriſſen und nur noch zwei Maſten ſtanden aufrecht, 1 * der nordamerikaniſche Freibeuter. 47 nach von den Lumpen der Segel umflattert. Man ſchien das Schiff ärger verletzt zu haben, als man es in der Ferne bemerken konnte, chem denn einmal zögerte es mit der Ladung und dann nahm es auch die Indianerin ſchräg von der Seite, ſtatt ſie von vorn zu packen. zum Dennoch fuhren die Kugeln durch die Flanken bis über das Ver⸗ rcht⸗ deck, einige Taue wurden zerriſſen und nur durch ein Ungefähr loier blieben die Maſten verſchont. Der Capitän ſah ſogleich, daß er ver⸗ durch dieſe Salve Menſchen verloren hatte, war aber doch nicht und an der Fortſetzung der Manveuvres gehindert. Sogleich ergriff er ung daher wieder das Sprachrohr und rief: be⸗„Das Querholz Backbord! Packt ſie von dieſer Seite! Zum llen Entern! Durch eine friſche Ladung das Verdeck geſäubert und atte. dann wacker hinauf geſtiegen wie in eine Feſtung!“ 5 Augenblicklich begriff die feindliche Fregatte das Manveuvre als der Indianerin und wollte eine ähnliche Bewegung machen; aber als ſie damit beſchäftigt war, entſtand an ihrem Bord plötz⸗ mit lich ein fürchterliches Gekrach; der große Maſt war von der letz⸗ b ten Salve der Indianerin halb zerſplittert worden, ſchwankte i ein Weilchen im Winde wie ein entwurzelter Baum und ſenkte ℳ„ſich endlich vollends auf die Vorderſeite nieder, das Verdeck mit Segeln und Tauwerk erfüllend. Paul Jones bemerkte, wie er e ſeinen Feind zugerichtet hatte, und rief in der Frende ſeines Herzens: cht.„Jetzt, Kinder, habt Ihr das Schiff! Ihr braucht es nur 4³ Paul Jones zu nehmen! In Piſtolenſchußweite noch eine ſolche Ladung und dann ſogleich zum Entern!“ Die Indianerin gehorchte wie ein wohlzugerittenes Pferd; ohne Widerſtand ging ſie auf den Feind los, der ſein Heil nur noch in einem Kampfe Mann gegen Mann erblicken konnte, indem ſich keine Manveuvres mehr ausführen und alſo die Kanonen nicht mehr brauchen ließen. Der Drache war demnach verloren, denn ſeine Gegner durften ſich nur in der Entfernung halten und ihn durch fortgeſetzte Salven in den Grund bohren; einen ſolchen Sieg aber verachtete Capitän Paul und ſchickte dem übel zuge⸗ richteten Feinde die letzte Ladung auf 50 Schritte zu. Sowie er den Erfolg dieſer Salve geſehen hatte, ſegelte er hart an den Drachen, ließ die Segelſtangen der Fregatte in die des Feindes werfen und Enterhaken befeſtigen. Zugleich fielen glühende Gra⸗ naten an Bord des Drachen und dem Donner der Kanonen folgte das Gepraſſel des Gewehrfeners. Während dieſes gräßli⸗ chen Getöſes hörte man doch noch eine Stimme rufen: „Muth! Kinder Muth! Das Bugſpriet vom Hinterdeck ab⸗ gehauen! Schön! Hängt den Drachen feſt wie einen Verurtheil⸗ ten an den Galgen! Die letzten Carronaden vor! Feuer!“ Alle dieſe Befehle wurden ſchnell und pünktlich vollzogen. Beide Fahrzeuge waren ſchon wie aneinander geſchmiedet. Die beiden noch nicht gebrauchten Geſchütze erhoben jetzt ihre Don⸗ — der nordamerikaniſche Freibeuter. 49 nerſtimme und fegten das feindliche Verdeck durch einen Eiſenſturm. Dann ertönte der gräßliche Schrei:„Geentert!“ Kaum hatte der Capitän Paul dieſes Wort gerufen, als er das ihm nicht mehr nöthige Sprachrohr von ſich warf, ſeinen Helm unter dem Halſe zuheftete, den Säbel zwiſchen die Zähne nahm und ſich auf das Bugſpriet ſchwang, um der Erſte auf dem feindlichen Hinterdeck zu ſein; und dennoch war er erſt der Zweite, indem der junge Gefangene, ſobald der Befehl zum Entern gegeben war, ſeinen Rock von ſich geworfen, ein Enterbeil er⸗ griffen und ſich wie der Blitz auf das feindliche Schiff geſchwungen hatte. „Ei, Herr,“ ſagte Paul lachend,„Sie kennen wohl nicht die an meinem Bord eingeführte Disciplin, ſonſt wüßten Sie, daß ich auf einem geenterten Schiffe immer der Erſte ſein muß! Nun, diesmal mag's Ihnen vergeben ſein, aber kommen Sie mir nicht wieder ſo!““ Nun drangen die Matroſen der Indianerin von allen Seiten gleich einem Volk von Ameiſen auf das feindliche Schiff vor und fielen auf das Verdeck wie reife Früchte, welche der Wind von den Bäumen ſchüttelt. Die Engländer hatten ſich auf das Vorderdeck zurückgezogen und demaskirten in dieſem Augenblicke eine dort aufgepflanzte Carronade. Ein Hagel von Eiſen fuhr * Stürmenden, und verſtümmelt fiel die Hälfte von 4 30 Paul Jones Paul's Schiffsmannſchaft unter Schreien und Fluchen auf dem feindlichen Deck nieder. Aber all dieſes Geſchrei ward von einer Stimme übertönt, welche rief: „Vorwärts, alles was lebt!“ Jetzt entſtand eine Scene der gräßlichſten Verwirrung; auf das ſchreckliche Getöſe des Geſchützes und der Gewehre folgte die k ſchneidende Waffe, die nicht viel Geräuſch macht, aber beſonders in den Händen der Seeleute äußerſt verderblich iſt; mit Aexten ſpalten ſie einander die Köpfe, mit Meſſern zerfleiſchen ſie einander die Bruſt, mit breiten Spießen nageln ſie einander an die Trüm⸗ mer der Maſte. Wohl fällt auch dann und wann während einer ſolchen Metzelei ein Piſtolenſchuß, aber einſam und wie beſchämt darüber ſich in dieſe Schlächterei zu miſchen. Das Gefecht, mit welchem wir es hier zu thun haben, dauerte unter der furchtbar⸗ ſten Verwirrung gegen eine Viertelſtunde; dann ſenkte ſich Eng⸗ lands Flagge und die Matroſen des Drachen ſtürzten durch die Oeffnungen der Batterien in den untern Schiffsraum hinab; auf dem Verdecke blieben nur die Sieger, die Todten und Ver⸗ wundeten, mitten unter ihnen aber ſtand der Capitän der In⸗ diauerin, umgeben von ſeiner Mannſchaft; mit dem Fuße ſtand er auf der Bruſt des feindlichen Commandeurs, zu ſeiner Rech⸗ ten befand ſich der Lieutenant Walter und zur Linken der junge Gefangene, der ſeine Theilnahme am Siege dadurch benie 3 ſein Hemd vom Blute der Erſchlagenen ſtarrte. emn ner der nordamerikaniſche Freibeuter. 51 „Die Arbeit iſt gethan!“ rief Paul den Arm ausſtreckend; „wer noch eine Hand aufhebt, der hat es mit mir zu thun!“ Hierauf reichte er dem jungen Gefangenen die Hand und ſprach:„Mein Herr, Sie werden mir heute Abend hoffentlich Ihre Geſchichte zum Beſten geben. Ich vermuthe eine Niederträchtig⸗ keit dahinter. Sie, der Sie ſich ſo brav halten, können nicht verbrochen haben, was man Ihnen ſchuld giebt; aber nur Ver⸗ brecher deportirt man nach Cayenne!“ 4. Ein halbes Jahr nach den ſo eben erzählten Ereigniſſen, alſo in den erſten Frühlingstagen des Jahres 1779, fuhr ein über und über mit Staub bedeckter Poſtwagen, wenn auch mit kräftigen Pferden beſpannt, doch langſam auf dem Wege von Vannes nach Auray. Der Reiſende, welcher darin ſaß, mochte Befehl gegeben haben nicht raſcher zuzufahren, indem er ſich auf dem böſen Wege tüchtig zuſammengerüttelt fühlte. Es war ein alter Bekannter von uns, der junge Graf Manuel, mit dem wir zu Port⸗Louis Bekanntſchaft machten. Er kam von Paris nach ſeinem Familienſchloſſe zurück, auf welchem wir uns jetzt etwas genauer umſehen wollen. 4* . 32 Paul Jones Graf Manuelvon Auray entſtammte einem der älteſten 3 Geſchlechter der Bretagne. Einer von ſeinen Ahnen war dem hei⸗ ligen Ludwig nach Paläſtina gefolgt und ſeitdem hörte man den Namen, deſſen letzter Erbe er war, bei allen Siegen und Nieder⸗ lagen nennen, deren die Geſchichte der Monarchie Erwäh⸗ nung thut. Manuel's Vater, der Marquis von Aura), war Lud⸗ wigsritter, Comandeur des St. Michaels⸗ und Großkreuz des heiligen Geiſt⸗Ordens. Er nahm am Hofe Ludwig's XV. als Feldmarſchall eine ſolche Stellung ein, wie ſie ſeiner Geburt, ſei⸗ nem Vermögen und ſeinem perſönlichen Verdienſt gebührte. Noch höher ſtieg er durch ſeine Vermählung mit dem Fräulein von Sablé, deren Anſehen dem ſeinigen nicht nachſtand. Dem jungen Paare ſchien die glänzendſte Laufbahn eröffnet zu ſein. Nachdem ſie aber fünf Jahre vermählt geweſen waren, verbreitete ſich plötzlich das Gerücht, der Marquis habe auf einer Reiſe nach ſeinen Gütern den Verſtand verloren. An ſo etwas wollte man lange nicht glauben; aber als der Winter kam, erſchien weder der Marquis noch ſeine Gemahlin in Verſailles. Der König hoffte immer auf ſeine Geneſung und ließ ſeine Stelle ein ganzes Jahr unbeſetzt; da aber auch der zweite Winter verging, ohne daß ſelbſt nur die Marquiſe bei der Königin ihre Aufwartung gemacht hätte, ſo vergaß man ihn(denn in Frankreich vergißt man ſchnell). Die Familie, welche ſich in ihr ſten 3 ei den er⸗ ih⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 55 Schloß wie in eine Gruft begraben hatte, ließ keine Stimme der Bitte oder Klage laut werden und ward auf dieſe Weiſe der großen Welt gleichgültig und unbekannt. Nur auf dem Stamm⸗ baum war die Geburt eines Sohnes und einer Tochter bemerkt; weiter entſproſſen dieſer Ehe ſpäter keine Nachkommen. Die Auray's figurirten nur noch dem Namen nach nnter Frank⸗ reichs Adel; ſeit 20 Jahren hatten ſie ſich weder in die Hof⸗ Intriguen noch in politiſche Geſchäfte gemiſcht, ſich weder für die Pompadour noch für die Dubarry erklärt, ſich weder bei den Triumphen des Marſchalls von Broglie noch bei den Riederlagen des Grafen von Clermont ausgezeichnet. Man konnte ſagen, ſie waren weder Ton noch Echo mehr. Indeſſen hatte man doch, wenn auch ohne weitere Folgen, den Namen Auray ein paarmal bei Hofe nennen hören, näm⸗ lich einmal als der junge Graf Manuel im Jahre 1769 unter die Pagen Sr. Majeſtät Ludwig's XV., und dann als er einige Jahre ſpäter unter das Fußvolk des jungen Königs Ludwig XVI. aufgenommen worden war. Nun traf es ſich aber, daß Mannel einen gewiſſen Baron von Lectour kennen lernte, welcher ein Seitenverwandter des Miniſters Maurepas war. Lectour ſtellte ſeinen neuen Freund dem alten Hofmanne vor, der ſich etwas genauer nach deſſen Familienverhältniſſen erkundigte. Da der Miniſter hörte, daß Manuel eine Schweſter habe, ließ er wie im Scherz ein 54 3 Paul Jones Wort über die Möglichkeit einer nähern Familienverbindung ver⸗ mittelſt des Barons Lectvur fallen.„Wie?“ dachte Ma⸗ nuel,„wäre eine Verbindung Margarethens mit Leetvur nicht ein Mittel das Anſehen wieder zu erlangen, welches mein Vater einſt bei Hofe genoß?“ Es war ihm daher eben recht, wenn Lectour, ohne noch das junge Mädchen zu kennen, von ſeiner brüderlichen Freundſchaft ſprach, die bald noch durch ein neues Band befeſtigt werden ſollte. Auch der alten Marquiſe kam dieſe Combination ſehr gelegen, indem dadurch ihrem Sohne der Weg zu Ehrenſtellen gebahnt werden mochte. Die Heirath ward zwiſchen den beiden Familien abgeſchloſſen und Marga⸗ rethe mit dem gefaßten Entſchluſſe bekannt gemacht, wie man einem Verbrecher ſein Todesurtheil bekannt zu machen pflegt. Eben jetzt aber kam nun Manuel, dem Bräutigam 2—4 Tage vorauseilend, auf ſein Familienſchloß, um ſeiner Mutter zu melden, daß alles nach ihrem Wunſche gegangen ſei. Mit den kühnſten Entwürfen des Ehrgeizes im Herzen fuhr der junge Graf auf das düſtre Schloß ſeiner Ahnen zu, das mit ſeinen finſtern Mauern und Thürmchen und mit ſeinem grasreichen Hofe ſich gar ſonderbar neben dem freudeſtrahlenden Geſichte des Jünglings ausnahm. Dieſes Schloß lag anderthalb Stunden von jeder menſchlichen Wohnung entfernt. Eine Seite deſſelben ging nach dem Meere hinaus, welches dort ſo ſtürmiſch war, daß man ihm den Namen des wilden Oceans beigelegt hatte; die —— — er⸗ d= ur ein ht, on ein iſe ne th d„ an der nordamerikaniſche Freibeuter. 55 andre Seite grenzte an einen gewaltigen Park, der aber ſeit 20 Jahren ſo verwildert war, daß er ſich von einem Walde nicht mehr unterſchied. Die meiſten Zimmer waren beſtändig verſchloſ⸗ ſen, denn die Familie bedurfte deren nur wenige zu ihter Wohnung; das zu Ludwig's XIV. Zeiten angeſchaffte Hausgeräthe wurde durch eine zahlreiche Dienerſchaft ſtets im Stande gehalten und gewährte jenen reichen ariſtokratiſchen Anblick, welchen man ſelbſt— au den eleganten Meubles aus dem Kunſtgewölbe des Hoftape⸗ zierers Boule vermißt. In eins dieſer Gemächer mit den gewaltigen Kaminen und Freseogemälden begab ſich der junge Graf gleich nach ſeiner Ankunft, ohne erſt die Kleider zu wechſeln, um ſeiner Mutter die angenehmen Nachrichten zu bringen, wovon ſeine ganze Seele erfüllt war. Er warf Hut und Handſchuhe nebſt den Reiſepiſtolen auf einen Tiſch und ließ ſeine Ankunft der Marquiſe durch einen Bedienten melden, um zu erfahren, ob er ſie an Ort und Stelle erwarten oder zu ihr kommen ſollte. Den Marquis von Auray ſelbſt hatten ſeine Kinder nur ein paarmal und noch obendrein verſtohlen zu ſehen bekommen, denn man ſuchte alles von ihm entfernt zu halten, wodurch angeblich ſein Wahnſinn vermehrt werden konnte. Die Marquiſe allein, dieſes Muſter ehelicher Tugend, leiſtete dem armen, wieder kindiſch gewordenen Manne die nöthigen Dienſte. Auch ward ſie deshalb in der Umgegend 56 Paul Jones bald als eine Heilige betrachtet, die einſt eine hohe Stellung im Himmel einnehmen werde. Es dauerte nicht lange, ſo meldete der alte Diener die An⸗ kunft der gnädigen Frau. Gleich darauf öffnete ſich eine Thür und Manuel's Mutter erſchien. Es war eine blaſſe Frau von mehr als mittler Größe, die höchſtens 45 Jahre zählen konnte, Trotz dem ſtrengen Ausdruck ihres Geſichts ſah man wohl, daß es einſt ſehr ſchön geweſen ſein mußte. Sie trug jetzt, wie ſeit 1760, wo ihr Gemahl den Verſtand verloren hatte, ganz ohne Ausnahme ein langes ſchwarzes Schleppkleid, das ihrem lang⸗ ſamen Gange etwas Feierliches verlieh. Manuel ſtand ſogleich ehrfurchtsvoll auf, ſchritt ihr entgegen, verbeugte ſich tief und küßte die ihm dargebotene Hand. „Ich freue mich, Graf, Sie wieder zu ſehen,“ ſagte ſie mit einer Kälte, als ob ihr Sohn nicht 5 Monate, ſondern kaum einen Tag von ihr entfernt gelebt hätte. Manuel geleitete ſie nach einem großen Armſtuhl und blieb vor ihr ſtehen, als ſie ſich darauf niederließ. „Ich habe Ihren Brief erhalten, Graf,“ begann ſie von neuem,„und daraus erſehen, daß Sie mir mehr zum Diplo⸗ maten als zum Krieger geboren zu ſein ſcheinen; ſtatt um ein Regiment ſollten Sie den Baron von Lectour um einen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten angehen.“ „Lectour wird allen unſern Wünſchen zuvorkommen, im hür von nte⸗ daß ſeit hne ng⸗ eich ind 1 der nordamerikaniſche Freibeuter. 57 gnädige Frau, und beim Herrn von Maurepas keine Fehl⸗ bitte thun; er iſt völlig verliebt in meine Schweſter...“ „Verliebt in eine Dame, die er noch niemals geſehen hat?“ „Ich habe ihm Margarethen geſchildert und er mag ſeine Nachrichten über unſer Vermögen eingezogen haben; er iſt von dem lebhafteſten Verlangen beſeelt, Ihr Sohn zu werden und mich Bruder zu nennen. So hat er mir aufgetragen ſchon vor ſeiner Ankunft die vorläufigen Ceremonien vornehmen zu laſ⸗ ſen. Haben Sie bereits das öffentliche Aufgebot beſtellt?“ „Allerdings.“ „So kann der Contract übermorgen unterſchrieben werden.“ „Es wird mit Gottes Hülfe alles bereit ſein.“ „Meinen herzlichen Dank, gnädige Frau!“ Kach dieſen Worten lehnte ſich die Marquiſe vorwärts auf den Seſſel, neigte ſich etwas nach ihrem Sohne hin und ſprach: „Hat er Dich denn aber gar nicht nach dem jungen Menſchen geftagt, deſſen Departation er durch einen Miniſterialbefehl be⸗ wirkt hat?“ „Durchaus nicht. Solche Dienſte verlangt man ohne Er⸗ klärung und gewährt ſie mit Vertrauen; ſie werden unter Leuten von Welt einverſtandenermaßen vergeſſen, ſobald ſie gelei⸗ ſtet ſind.“ „Demnach weiß er nichts...2 „Nein; wenn es aber auch wäre?“ 53 Paul Jones „Nun?“ „Nun, gnädige Frau, ſo halte ich ihn für einen zu guten Philoſophen, als daß eine ſolche Entdeckung ſeinen Entſchluß wankend machen könnte.“ „Das habe ich gedacht!“ rief die Marzuiſe mit dem Aus⸗ druck unbeſchreiblicher Geringſchätzung, wie mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend;„er iſt ruinirt!“ „Und wenn das wäre, gnädige Frau,“ antwortete Manuel beunruhigt,„ſo bliebe doch hoffentlich Ihr Entſchluß derſelbe.“ „I nun,“ verſetzte die Marquiſe,„reich genug ſind wir dazu, ihm wieder Vermögen zu verſchaffen, wenn er uns auf andre Weiſe gefällig iſt.“ „So käme denn alles noch auf meine Schweſter an... „Glaubſt Du nicht, daß ſie gehorchen wird, wenn ich ge⸗ biete?“ „Wohl; hat ſie denn aber auch ihren Luſignan ver⸗ geſſen?“ „Seit einem halben Jahre hat ſie ſich nicht vor mir ſeiner zu erinnern gewagt!“ „Ach, meine Mutter,“ ſagte Mann el„ſehetgen Sie ja, daß dieſe Heirath das einzige Mittel iſt unſter Familie wic⸗ der aufzuhelfen! Mein Vater iſt ſeit ſeiner funfzehnjährigen Krankheit bei Hofe ganz vergeſſen worden, ſo daß das ruhmvolle — —— ten u5⸗ re⸗ tel . wir auf or der nordamerikaniſche Freibeuter. 39 Geſchlecht der Auray, als ich jetzt vor den Majeſtäten erſchien, nur als eine hiſtoriſche Erinnerung bekannt war.“ „Das Gedächtniß der Könige iſt kurz!“ murmelte die Marquiſe, fuhr aber gleich fort, als ob ſie dieſe Läſterung be⸗ reue:„Gott verbreite ſeinen Segen über die Majeſtäten und über Frankreich!“ „Welcher Unfall könnte den jungen und guten König, könnte die ſchöne und gute Antoinette treffen? Sie werden von ihrem braven Volke herzlich geliebt.“ „Mein Sohn,“ erwiederte die Marquiſe kopfſchüttelnd, „niemand iſt vor ſeinem Tode glücklich zu preiſen, und auch die Haare eines gekrönten Hauptes können über Nacht grau werden. Das Velk liebt ſeinen König, ſagſt Du; ſiehe hinaus auf's Meer(hierbei ſtreckte ſie die Hand nach demſelben aus); wie ruhig und ſtill liegt es vor Deinen Blicken, und in einer Stunde wird es vielleicht vom Sturme durchwühlt und das Geſchrei der Sinkenden ſchlägt an Dein erſchrockenes Ohr! Auch in meine Einſamkeit ſind Gerüchte gedrungen, die mich mit Entſetzen er⸗ füllen. Werden nicht von einer philoſophiſchen Seete die gefähr⸗ lichſten politiſchen Irrthümer verbreitet? Hat ſich nicht ein gan⸗ zer Welttheil vom Mutterlande losgeriſſen, deſſen Kinder ihren Vater nicht mehr anerkennen? Sind nicht eine Menge Leute über das Meer gezogen, um den Rebellen ihte Schwerter anzu⸗ bieten, welche nur bei dem Aufruf ihrer legitimen Monarchen aus 60 Paul Jones der Scheide geriſſen werden ſollten? Ja, haben nicht Ludwig XVI. und Marie Antvinette ſelbſt vergeſſen, daß die Mo⸗ narchen ein Geſchlecht von Brüdern ſein müſſen, haben ſie nicht dadurch, daß ſie Piraten Caperbriefe ertheilten, ſolche bewaffnete Umtriebe ausdrücklich gut geheißen?“ „Das iſt alles nicht zu leugnen, meine Mutter!“ rief Manuel erſtaunt. „So möge denn Gott über die Majeſtäten von Frankreich wachen!“ ſchloß die Marquiſe und ging langſam aus dem Saale, ihren Sohn ganz betroffen zurücklaſſend. Ernſt und nachdenkend ſchaute er noch ein Weilchen auf das Meer hinaus, bald aber verließ er das Fenſter, um ſich die⸗ ſer trüben Gedanken zu entſchlagen. Er blickte nun durch ein andres Fenſter über die Ebene zwiſchen Aurah und Vannes. Hier kamen auf dem Wege, den er ſelbſt vor kurzem zurückgelegt hatte, zwei Reiter daher geſprengt, die er bald als Herrn und Diener erkannte. Erſterer war wie ein Modeherr der damaligen Zeit gekleidet; er trug nämlich einen grünen Reitrock mit gold⸗ nen Schnüren, weiße Tricotbeinkleider, Ueberſchlagſtiefeln, einen runden Hut mit breiter Treſſe und in den Haaren eine Maſſe von Bändern; er ritt einen prächtigen Engländer und lenkte ihn wie der geübteſte Reiter. Nicht weit hinter ihm kam ſein Bedien⸗ ter, deſſen ariſtokratiſche Livree ſehr wohl zu dem vornehmen Ausſehen ſeines Gebieters paßte. vig Ro⸗ icht nete rief der nordamerikaniſche Freibeuter. 61 Als Manuel die beiden Männer gerade auf das Schloß zureiten ſah, glaubte er anfangs den Baron von Lectour vor ſich zu haben, der ſeine Reiſe beſchleunigt haben konnte, um ihn durch ſeine Ankunft zu überraſchen, bald jedoch erkannte er ſeinen Irrthum. Gleichwohl kam es ihm vor, als habe er den Cavalier ſchon irgend einmal geſehen. Während er noch darüber nach⸗ ſann, verſchwanden die Reiter hinter einer vorſpringenden Ecke der Mauer, 5 Minuten ſpäter hörte Manuel Pferdegetrappel im Hofe und gleich darauf erſchien ein Bedienter, welcher hinein rief: „Herr Paul läßt ſich melden!“ 5. Sowohl der Anblick als der Name des Angemeldeten er⸗ wecktein Manuel's Gedächtniß eine verworrene Erinnerung, die aber trotz allem Nachſinnen nicht deutlicher werden wollte. Wohl hätte der junge Graf, den ſeine Entwürfe für die Zukunft ganz er⸗ füllten, den Beſuch gern abgelehnt, wenn es nur nicht allzuſehrgegen den Anſtand geweſen wäre, wie er damals unter Leuten von Bildung mit großer Strenge aufrecht erhalten wurde. Auch wäre dieſe Ablehnung jetzt zu ſpät gekommen, denn ſo eben trat der 62 Paul Jones Fremde ein. Der Graf winkte ihm Platz zu nehmen, und die Un⸗ terhaltung begann folgendermaßen: „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu treffen, Herr Graf!“ ſagte der Unbekannte. „Der Zufall iſt mir günſtig geweſen,“ erwiederte Ma⸗ nuel,„denn eine Stunde früher hätten Sie mich nicht ange⸗. troffen, da ich ſo eben erſt von Paris gekommen bin.“ „Ich weiß es, Herr Graf, denn wir haben denſelben Weg gemacht; ich reiſ'te eine Stunde nach Ihnen ab und zog unter⸗ wegs von den Poſtillonen Nachricht ein, welche die Ehre hatten Sie zu fahren.“ „Dürfte ich fragen, mein Herr,“ bemerkte der Graf mit. einem Anflug von Mißvergnügen,„welchem Umſtande ich einen ſolchen Antheil an meiner Perſon verdanke?“ „Nichts natürlicher unter alten Bekannten als daß ſie an einander Theil nehmen, und ich könnte mich am Ende darüber beklagen, daß dieſe Theilnahme nicht gegenſeitig iſt.“ „Wohl glaube ich Ihnen ſchon irgendwo begegnet zu ſein, mein Her; da jedoch meine Erinnerung nicht mehr deutlich genug iſt, ſo bitte ich Sie ergebenſt ihr ein wenig nachzuhelfen.“ „Und doch, Herr Graf, habe ich ſeit einem halben Jahre zum dritten Male die Ehre Ihnen mein Compliment zu machen.“ „Auch auf die Gefahr hin, mir neue Vorwürfe zuzuzichen mein Herr, muß ich mich doch abermals auf die Flüchtigkeit mei⸗ — ₰ „ — Un⸗ agte Na⸗ nge Weg ter⸗ tten mit inen an über ein, nug ahre en. hen, mei⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 65 nes Gedächtniſſes berufen; ich muß Sie bitten mir genauer zu bezeichnen wann und wo ich die Ehre hatte Sie zu ſehen.“ „Das erſte Mal, Herr Graf, war es auf den Dünen von Port⸗Louis. Sie wünſchten über eine gewiſſe Fregatte Auskunftzu haben, die ich Ihnen glücklicherweiſe zu geben vermochte. Ich begleitete Sie wohl ſelbſt an Bord. Sie ſahen mich damals als Seecadet der königlichen Marine und ich Sie in der Uniform der Infanterie.“ „Ach ja, nun erinnere ich mich, mein Herr; ich mußte ſo⸗ gar das Schiff verlaſſen, ohne Ihnen meinen Dank abſtatten zu können.“ „Den haben Sie mir bei unſrer zweiten Zuſammenkunft abgeſtattet, Herr Graf!““ „Und wo das?“ „In der Kajüte des Schiffes, nach welchem ich Sie geleitet hatte. Diesmal ſahen Sie mich in CapitänsUniform: im blauen Rock, rother Weſte, grauen Strümpfen, dreieckigem Hut und gerollten Haaren. Nur mochte Ihnen der Capitän 30 Jahre älter vorkommen als der Seecadet; aber alt mußte er ſein, wenn Sie ihm ein ſo wichtiges Geheimniß anvertrauen ſollten, als Sie es wirklich gethan haben.“ „Was Sie mir da in!s Gedächtniß zurückrufen, iſt beinahe unglaublich, mein Herr, und doch kann es nicht anders ſein. Ich erinnere mich auch, daß ich aus der Verkleidung ſolche 64 Paul Jones Augen glänzen ſah, wie die Ihrigen... Aber Sie haben mich noch einmal geſehen, wie Sie ſagen, und darauf kann ich mich durchaus nicht beſinnen.“ „Dies war vor acht Tagen, Herr Graf, und zwar in Pa⸗ ris. Sie müſſen ſich erinnern einen engliſchen Cavalier mit rothen Haaren und rothem Kleid geſehen zu haben, welcher die Ehre hatte mit Ihnen zu fechten und ſo glücklich war Sie drei⸗ mal zu entwaffnen. Damals hieß ich Jones.⸗ „Wunderbar! Seinen Blick haben Sie freilich! Aber der⸗ ſelbe Mann können Sie nicht ſein!“ „Weil ſich der Menſch nach Gottes Rathſchluß in allem verſtellen kann, nur nicht im Blick!“ verſetzte Paul;„verlaſſen Sie ſich darauf, dieſer Seecadet, dieſer Capitän und dieſer Eng⸗ länder war kein andrer Menſch als ich.“ „Und was ſind Sie heute, mein Herr? Sie finden wohl ſelbſt, daß bei einem Manne, welcher in der Verſtellung ſo ſehr ausgelernt hat, eine ſolche Frage nicht überflüſſig iſt!“ „Ich habe heute keine Urſache mich anders zu geben als ich bin und komme daher zu Ihnen in der Tracht eines Cavaliers, der ſeinem Nachbar auf dem Lande einen Beſuch abſtattet. Machen Sie aus mir was Ihnen beliebt, einen Franzoſen, Engländer, Spanier oder meinetwegen gar einen Amerikaner. In welcher Sprache, die dieſe Nationen ſprechen, befehlen Sie, daß ich dieſe Unterhaltung fortſetze?“ a d ſ 5——— c ich ſich mit die rei⸗ er⸗ lem ng⸗ ohl ſehr der, ieſe der nordamerikaniſche Freibeuter. 65 „Wenn mir dieſe Sprachen auch ebenſo geläufig ſein mögen als Ihnen, mein Herr,“ verſetzte Manuel,„ſo ziehe ich doch die franzöſiſche vor, weil man ſich darin am kürzeſten und bündig⸗ ſten ausdrücken kann.“ „Sehr wohl,“ ſagte Paul mit einem Ausdruck tiefer Schwermuth,„auch ich gebe der franzöſiſchen Sprache den Vor⸗ zug. Erblickte mein Auge doch in Frankreich das Licht der Welt! Und habe ich auch ſpäter eine glänzendere Sonne und fruchtbarere Länder geſehen, ſo giebt es für mich doch immer nur eine Sonne, nur ein Land: Frankreich!“ „Sie vergeſſen über Ihrem Patriotismus,“ fiel Manuel mit ſpöttiſcher Miene ein,„welchem Umſtande ich die Ehre Ihres Beſuchs zu verdanken habe!“ „Ah, ganz recht, Herr Graf, ich komme ſchon darauf. Als Sie vor einem halben Jahre auf der Rhede von Port⸗Louis ein enggebautes, ſchlankmaſtiges Schiff mit viel Leinwand und wenig Holz ſahen, dachten Sie in Ihren Gedanken, der Capitän iſt wohl ſo eine Art Corſar, Pirat oder Flibuſtier...“ „Und irrte ich mich darin?“ fragte Manuel ſpitzig. „Ich habe ſchon ausgeſprochen,“ erwiederte Paul ebenſo, „wie ſehr ich Ihren Scharfblick bewundre; auf den erſten Blick durchſchauen Sie Menſchen und Dinge!“ „Sparen Sie die Complimente und kommen Sie zur Sache!“ 66 Paul Jones „Sie ließen ſich von einem Fähndrich an Bord fahren,“ fuhr Paul ganz ruhig fort,„ſprachen dann in der Kajüte mit dem Capitän, überreichten dieſem einen Brief vom Miniſter der königlichen Marine, wonach jeder franzöſiſche Officier, der nach dem merikaniſchen Meerbuſen abginge, verpflichtet ſein ſollte einen gewiſſen Luſignan als Staatsverbrecher nach Cayenne zu transportiren...“ „Allerdings, nun?“ „Ich gehorchte dieſem Befehl, weil ich damals noch nicht wußte, daß dieſer Mann kein andres Verbrechen begangen hatte als der Liebhaber Ihrer Schweſter zu ſein... „Mein Herr!“ ſchrie Manuel aufſpringend. „Da liegen ein Paar ſchöne Piſtolen!“ ſagte Paul mit großem Gleichmuth, indem er auf die Waffen zeigte, welche Manuel bei ſeiner Ankunft auf den Tiſch geworfen hatte. „Sie ſind auch geladen!“ rief Manuel in einem Tone, deſſen Bedeutung nicht zu verkennen war. „Sie treffen wohl gut?“ fragte Paul mit ſeiner frühern Gleichgültigkeit. „Davon können Sie ſich leicht überzeugen, mein Herr, wenn Sie mit mir einen Gang in den Park machen wollen!“ verſetzte der junge Graf. „Brauche deshalb nicht hinunter zu gehen!“ ſagte Paul, ————— en, mit der nach ollte enne icht tte der nordamerikaniſche Freibeuter. 67 als verſtünde er Manuel's Herausforderung gar nicht;„ich ſehe da oben ein angemeſſenes Ziel.“ Bei dieſen Worten ergriff der Capitän eins von den Piſtolen und hielt es zum Fenſter hinaus nach dem Wipfel eines nicht weit entfernten Baumes; es wiegte ſich dort ein Rothkehlchen unter freudigem Gezwitſcher. Es fiel ein Schuß und der Vogel lag mitten durch den Körper getroffen am Fuße des Baumes. Paul legte die Waffe ruhig wieder auf den Tiſch und ſagte: „In der That, Herr Graf, das ſind gute Waffen, die Sie ja werth halten mögen.“ „Sie haben mir einen ſonderbaren Beweis davon geliefert, mein Herr,“ erwiederte Manuel,„und Sie haben eine ſehr ſichte Hand, das muß ich geſtehen.“ „Ah, Herr Graf,“ ſagte Paul in dem ihm ſo eigenthüm⸗ lichen ſchwermüthigen Tone,„wir Seeleute müſſen uns an den langen Tagen, wo wir über den einförmigen Ocean hinſchwim⸗ men, ſchon mancherlei Zerſtreuungen ſuchen. Wir üben uns dann das Geflügel zu treffen, welches vom Himmel niederſtürzt, um unvorſichtige Fiſche auf der Oberfläche des Waſſers wegzu⸗ fangen...“ „Wenn Sie mit Ihrer Beſchreibung fertig ſind, mein Herr, ſo werden Sie ſchon auch auf unſre Sache zurückkom⸗ men „Ohne Zweifel,“ erwiederte Paul mit einer kleinen Ver⸗ 5* 68 Paul Jones beugung.„Dieſer Luſignan war ein guter und tapfrer Jüng⸗ ling. Er hat mir erzählt wie er nach dem Tode ſeines Vaters von dem Ihrigen an Kindesſtatt angenommen und mit Ihnen erzogen wurde, wie Sie ihn ſchon von Kindheit an haßten und Ihre Schweſter ihn liebte, wie dieſe ihm zuletzt feierlich verſprach ihm anzugehören bis in's Grab... „Und dieſem Verſprechen iſt ſie nur zu gut nachgekommen.“ „O, nicht wahr? Aber Ihr tugendhaften Leute nennt es Entehrung, wenn ſich ſo ein armes Kind, das eben in ſeiner Unſchuld fiel, einer leidenſchaftlichen Liebe hingab! Ihre ſtrenge Mutter— die es vielleicht mehr iſt als ein menſchliches Weſen es ſein ſollte, denn ſie hat das Glück nie gefallen zu ſein— Ihre Mutter hörte einſt in der Nacht ein Jammergeſchrei, trat in's Gemach Ihrer Schweſter, ging bleich und ſtumm an ihr Lager, riß ihr mit kaltem Blute ein neugebornes Kind aus den Armen und entfernte ſich damit, ohne ein Wort zu ſagen. Die arme Margarethe klagte nicht— ſie war beim Anblick ihrer Mutter ohnmächtig geworden. Iſt das wahr, Herr Graf? Ver⸗ hält ſich alles ſo?“ „Sie haben alle Umſtände ſo genau angegeben, daß ich's wohl zugeben muß,“ murmelte Manuel. „Alle dieſe Umſtände ſind aus den Briefen Ihrer Schweſter zu erſchen!“ ſagte Paul, indem er eine Brieftaſche öffnete; „dieſe Briefe hat mir Luſignan eingehändigt, als Sie ihn ng⸗ von gen hre ihm der nordamerikaniſche Freibeuter. 69 unter Räuber und Mörder ſteckten; ich ſollte ſie derjenigen zu⸗ rückbringen, welche ſie geſchrieben hat.“ „Geben Sie mir dieſe Briefe, mein Herr!“ rief Ma⸗ nuel die Hand nach dem Portefeuille ausſtreckend;„ich werde ſie der Unvorſichtigen zurückſtellen.“ „Ah, wie unvorſichtig, ſich bei der einzigen Perſon zu be⸗ klagen, die man liebt!“ ſagte Paul die Brieftaſche zurückziehend 5 „wie kann doch das unvorſichtige Mädchen, dem ihre Mutter das Kind ihres Herzens entriß, ſich unterfangen ihre Klagen in Brie⸗ fen an den Vater dieſes Kindes zu ergießen! Wie konnte doch die Unvorſichtige durch ſolch ein Beginnen den edlen Namen einer hochgeſtellten Familie compromittiren!...“ „Da Sie die ſchreckliche Wichtigkeit dieſer Papiere kennen, mein Herr,“ rief Man uel erglühend über ſolchen Spott,„ſo entledigen Sie ſich Ihres Auftrags, indem Sie die Papiere mei⸗ ner Schweſter oder meiner Mutter einhändigen.“ „Ich war das Willens, als ich in Lorient vor Anker ging; aber vor 10— 12 Tagen ging ich einmal in eine Kirche...“ „In eine Kirche?“ „Ja, mein Herr!“ „Was wollten Sie darin 2 Been „Ah ſo, der Herr Capitän Paul glaubt an Gott!“ 70 Paul Jones „Ei, wenn ich nicht an den glaubte, mein Herr, zu wem ſollte ich meine Stimme während des Seeſturmes erheben?“ 8 „Nun, und in dieſer Kirche?“ L „In dieſer Kirche hörte ich vom Prieſter die nahe bevor⸗ ſtehende Vermählung des Fräuleins Margarethe von Auray mit dem Herrn Baron von L ectour verkündigen. Ich erkun⸗ digte mich nach Ihnen; Sie waren in Paris. Dahin mußte ich gerade auch, um dem König von meiner Sendung Bericht zu erſtatten..“ „Dem König. 2 „Ja, Herr Graf, Sr. Majeſtät Ludwig XVI... Ich reiſte ab und hoffte mit Ihnen hierher zurückkehren zu können. Das Uebrige wiſſen Sie, nur muß ich noch bemerken, daß eben der Entſchluß, welchen ich noch vor 3 Wochen für richtig hielt, von mir nun ganz aufgegeben worden iſt.“ „Und was für ein Entſchluß iſt das?“ „Nun, da die arme Waiſe von aller Welt und ſelbſt von ihrer Mutter verlaſſen iſt, ſo bin ich geſonnen mich ihrer anzu⸗ nehmen.. unter den gegenwärtigen Umſtänden— denn Sie erwarten doch die Verwirklichung Ihrer ehrgeizigen Pläne einzig und allein vom Baron Lectour— mögen dieſe Briefe Ihnen leicht 100,000 Fr. werth ſein, die ohnedies kaum eine Breſche„ in Ihrem Vermögen machen würden...“ „Aber wer ſagt mir ob dieſe Summe auch...2“ vem der nordamerikaniſche Freibeuter. 74 ich will dieſe Briefe auch nur „Ganz recht, Herr Graf; tor von gegen den Contract einer Rente für den jungen Hee Luſignan austauſchen.“ „Und weiter wäre es nichts?“ „Noch müßte ich von Ihnen fordern mir das Kind zu über⸗ s ich von dieſem kleinen Vermögen erziehen laſſen will, geben, da die es vergeſſen hat, und fern und zwar fern von der Mutter, vom Vater, den Sie deportirt haben.“ „Nun, mein Herr, wenn es weiter nichts iſt, zu einer ſo geringen Summe muß ſchon Rath werden, nur geſtatten Sie mir zuvor mit meiner Mutter Rückſprache zu nehmen.“ „Herr Graf!““ rief ein Bedienter zur Thüre herein. „Laß mich zufrieden, ich bin von niemandem zu ſprechen!“ antwortete Manuel ungeduldig. „Fräulein Margarethe will mit dem Herrn Grafen ſprechen.“ „Sie ſoll ein andermal kommen!“ „Sie wünſcht aber ſogleich... „Geniren Sie ſich meinetwegen nicht!“ ſagte Paul zum Grafen. „Aber Sie finden doch, daß meine Schweſter Sie nicht ſehen „Mag ſein; da ich indeſſen das Schloß nicht wohl vor Ab⸗ 72 Paul Jones ſchluß unſrer Sache verlaſſen kann, ſo erlauben Sie mir in dieſes Cabinet hier zu treten „Recht gern!“ antwortete Manuel die Thüre öffnend; und kaum hatte er ſie wieder zugemacht, als Margarethe erſchien. 6. WMargarethe von Auray, von deren Geſchichte unſte Leſer bereits etwas erfahren haben, war eine jener blaſſen Schön⸗ heiten, die durch ihr ganzes Weſen ihre vornehme Herkunft beur⸗ kunden. Ihr ſchlanker Wuchs wie ihre zarte Haut, die Form ihrer ſpitzigen Hände mit roſigen durchſichtigen Nägeln ver⸗ riethen auf den erſten Anblick ihre Abſtammung aus einem ariſtokratiſchen Geſchlecht. Ihre Füße, die alle beide in einem gewöhnlichen Frauenſchuhe Platz gehabt hätten, konnten nur auf dem Teppich der Salons und dem blühenden Raſen der Parks gewandelt ſein. Ihr anmuthig vornehmer Gang erinnerte an die Ahnenbilder. Man ſah es ihr an, daß ihre Seele, wenn ſie zu jedem Opfer bereit war„das man ihr auferlegte, ſich auch gegen alle Tyrannei empören, daß ſie durch eine inſtinctartige Tugend zur Erfüllung der Pflichten der Moral und durch die Erziehung zum pünktlichen Gehorſam bewogen, daß ſie durch der nordamerikaniſche Freibeuter. 75 den um ſie tobenden Sturm des Lebens bloß wie eine Lilie ge⸗ beugt und nicht wie ein Rohr zerknickt werde. Bei ihrem jetzigen Eintritt ſah ſie indeſſen völlig entmuthigt aus. Friſch vergoſſene Thränen glänzten noch auf ihren Wangen, und ihr Körper bog ſich gleichſam unter dem Gewicht irgend eines großen Unglücks. Als ſie ihren Bruder erblickte, raffte ſie alle ihre Kräfte zu⸗ ſammen, ſchwankte nach dem Seſſel, worauf er ſaß, blieb dann aber plötzlich ſtehen, als ſie in ſeinen Zügen Unwillen über dieſe Störung las, und betrachtete ihn mit einer Art von Furcht. Und dies waren Kinder einer Mutter, denen aber die Geſellſchaft freilich nicht gleiche Rechte verlieh! „Da biſt Du endlich wiedet, Manuel!“ ſagte Marga⸗ rethe ſich ermannend;„ich wartete auf Deine Ankunft wie der Blinde auf das Licht. Doch aus der Art Deines Empfanges kann ich leicht abnehmen, daß ich nicht wohl daran that auf Dich zu rechnen.“ „Wärſt Du wieder geworden, was Du ſtets hätteſt ſein ſol⸗ len,“ antwortete Manuel,„nämlich eine gehorſame Tochter, ſo würdeſt Du während meiner Abweſenheit haben einſehen ler⸗ nen, was Dein Rang und Deine Stellung von Dir fordern; dann würdeſt Du die vergangenen Ereigniſſe vergeſſen und als Dinge betrachtet haben, die nie hätten geſchehen ſollen, dann würde ich Dich auf die neue Zukunft vorbereitet finden, welche 74 Paul Jones ſich Dir eröffnet. Wenn mir meine Schweſter ſo entgegenkommt, dann werde ich ſie herzlich in meine Arme ſchließen.“ „Höre, mein Bruder, was ich Dir zu ſagen habe!“ ent⸗ gegnete Margarethe,„und halte meine Worte nicht ſowohl für einen Vorwurf gegen Dich als vielmehr für eine Rechtferti⸗ gung meiner ſelbſt... Wenn meine Mutter, die ich durchaus nicht anklagen will— denn die heilige Pflicht für den kranken Vater zu ſorgen entfernte ſie von uns— wenn meine Mutter für mich geweſen wäre, was alle Mütter ſind, ſo hätte ich ihr ſtets mein Herz erſchloſſen wie einer Mutter, wäre vor der Ge⸗ fahr gewarnt worden und vor ihr geflohen. Hätte man mich, ſtatt mich unter dieſen alten Eichen wie eine wilde Blume auf⸗ wachſen zu laſſen, in der höhern Geſellſchaft erzogen, ſo würde ich von Kindheit an den Rang und die Stellung gekannt haben, woran Du mich heute erinnerſt, und ich hätte mich wohl nie von dem Anſtand und den Pflichten entfernt, welche damit verbunden ſind. Wäre ich nun mitten unter jenen Frauen von Welt erzogen worden, deren leichten Witz Du mir ſo oft anrühmſt, ſo hätte ich mich wohl aus Leichtſinn deſſelben Fehlers ſchuldig machen kön⸗ nen, den ich aus Liebe begangen habe, und in dieſem Falle, das begreife ich, würde ich die vergangenen Ereigniſſe haben vergeſſen und mich einer neuen Zukunft hingeben können. Pflanzt man doch Blumen auf Gräber! Aber zum Unglück, Mannel, iſt dies alles anders. Man warnte mich, da es nicht mehr Zeit war die — mt, ent⸗ vohl erti⸗ aus nken tter ihr nich, ürde ben, von nden ogen e ich kön⸗ das eſſen man dies r die der nordamerikaniſche Freibeuter. 75 Gefahr zu meiden; man erinnerte mich an meinen Rang und meine Stellung, als ich ſchon gefallen war, und jetzt ſoll ſich mein in den Jammer der Vergangenheit verſunkenes Herz den Freuden der Zukunft zuwenden!“ „Und was folgerſt Du zuletzt aus alle dem?“ fragte Ma⸗ nuel bitter.. „Du allein, Manuel, kannſt alles zu einem guten Ende führen! Zum Vater kann ich meine Zuflucht nicht nehmen; ach, ich weiß nicht einmal ob er mich als ſeine Tochter erkennen würde. Zur Mutter kann ich kein Herz mehr faſſen, denn ihr Blick und ihre Worte tödten mich. Alſo nur zu Dir, mein Bruder, konnte ich kommen und ſagen: Du biſt als Haupt des Hauſes für unſer Aller Ehre verantwortlich! Ich habe aus Unwiſſenheit ge⸗ fehlt, und mein Fehler iſt beſtraft worden wie ein Verbrechen...“ „Nun, und was weiter?“ murmelte Manu el. „Ihr habt meine Verbindung mit dem Manne, den ich allein heirathen könnte, für unmöglich erklärt. Meine Mutter— Gott möge es ihr verzeihen— hat mir mein Kind genommen, als wäre ſie ſeine Mutter geweſen, und das arme Weſen wird entfernt von mir in der Dunkelheit erzogen. Du, Manuel, haſt den Vater entfernt, wie meine Mutter das Kind; Du biſt grau⸗ ſamer geweſen als ein Richter gegen den ſchuldbeladenen Ver⸗ brecher. Und mir wollt Ihr nun ein noch ſchmerzlicheres Mär⸗ tyrerthum auferlegen als das, welches zum Himmel führt! So Paul Jones verlange ich denn jetzt von Dir bei allem was Dir heilig ſein muß, bei der Wiege, die unſre Kindheit vereinigte, bei dem Dache, das unſte Jugend beſchirmte, bei dem Bruder- und Schweſter⸗ namen verlange ich, daß Du mich in ein Kloſter gehen läſſeſt, wo ich täglich vor Gott auf den Knien liegen werde, um meinen Fehltritt zu büßen, um meinem Vater ſeinen Verſtand, meiner Mutter alles Glück und Dir, Manuel, Reichthum und Ehre zu erflehen; das ſchwöre ich Dir mit heiligem Eide zu!“ „Ei ja, und die Welt würde ſagen, ich hätte eine Schweſter meinem Glücke geopfert und bei Lebzeiten beerbt! Geh, geh, ſei nicht ſo thöricht!“ „Höre einmal, Manuel!“ ſagte das Mädchen ſich auf den Rücken ſeines Armſtuhls ſtützend. „Nun, was giebt's noch?“ „Hältſt Du Dein gegebnes Wort?“ „Ich bin Cavalier!“ „Siehe dieſes Armband...“ „Das ſehe ich; nun?““ „Es iſt verſchloſſen; der Schlüſſel befindet ſich an einem Ringe, der mir erſt zurückgebracht werden muß, bevor ich meines gegebenen Wortes ledig bin.“ „Und wer hat den Ring mit dem Schlüſſel?“ „Durch Deine und meiner Mutter Bemühung iſt er in Cayenne.“ le e — ſein che, ter⸗ eſt, nen iner hre eſter ſei nem ines der nordamerikaniſche Freibeuter. 77 „Wenn Du nur erſt ein paar Jahre verheirathet biſt,“ lachte Manuel,„ſo wirſt Du dieſes Armband wohl von ſelbſt ablegen.“ „Iſt es nicht an meinem Arme befeſtigt?“ „Ich kenne einen Mann, der in ſolchen Fällen helfen kann, es iſt der Schloſſer!“ „Ah!“ rief Margarethe mit lauter Stimme und den Arm mit feierlicher Geberde ausſtreckend,„niemand als der Scharf⸗ richter könnte dieſes Armband löſen, denn eher ſoll man mir die Hand abhauen als ich ſie einem Andern gebe!“ „Still doch!“ ſagte Manuel aufſtehend und nach der Thüre des Cabinets blickend. „Jetzt weißt Du alles,“ ſagte Margarethe ruhiger;„ich ſetzte meine Hoffnung auf Dich, Manuel, denn ich halte Dich nicht für bös— dieſe Heirath würde mich zur Verzweiflung bringen; das Kloſter, das Elend, ſelbſt der Tod iſt mir lieber— und Du haſt nicht auf mich gehört oder mich doch nicht verſtan⸗ den. Wohlan denn, ſo werde ich mich offen an jenen Mann wen⸗ den, werde an ſeine Ehre, an ſein Zartgefühl appelliren! Sollte das nichts helfen, ſo werde ich ihm alles erzählen, meine Liebe für einen Andern, meine Schwäche, meinen Fehltritt! Ich werde ihm kein Geheimniß daraus machen, daß mein Kind noch lebt! Ich werde ihm ſagen, daß ich ihn nie lieben kann, weil mein ganzes Herz von Liebe zu einem Andern erfüllt iſt...“ 78 Paul Jones „Recht wohl, Schweſterchen, ſage ihm nur das alles!“ rief Manuel in voller Entrüſtung;„auf den Abend aber wollen wir den Contract unterſchreiben und morgen früh werde ich in Dir die Frau Baronin von Lectonr begrüßen!“ „Das wirſt Du? Dann habe ich keinen Bruder mehr, den ich lieben, keinen Mann, den ich achten kann! Indeſſen gebe ich Dir zu bedenken, daß der Contract noch nicht unterſchrieben iſt! Leb' wohl, Manuel!“ Mit dieſen Worten entfernte ſich Margarethe, den un⸗ verkennbarſten Ausdruck der Verzweiflung im Geſicht. Auch war der Graf überzengt, daß er keinen Sieg davongetragen hatte, ſondern vielmehr einem Kampf entgegengehe. Er ſah ihr daher mit ziemlicher Rührung nach. Nach einem Weilchen wendete er ſich um und erblickte in der Thüre des Cabinets den Capitän Paul, welchen er zuletzt ganz vergeſſen hatte. Er dachte daran, wie wich⸗ tig unter den gegenwärtigen Umſtänden ihm jene Papiere ſein müßten, ſetzte ſich ſchnell an den Tiſch, nahm Feder und Papier und ſprach: „Nun ſind wir allein, mein Herrz nichts hindert uns mehr, unſer Geſchäft zu beendigen. Dietiren Sie ſelbſt die Ausdrücke, worin Sie mein Verſprechen abgefaßt zu ſehen wünſchen...“ „Es iſt nicht nöthig!“ ſagte der Capitän kalt. „Wie ſo?“ „Ich habe mich anders beſonnen!“ ſa rief wir Dir den in⸗ var tte, nit ke, iſt! der nordamerikaniſche Freibeuter. 79 „Wie?“ rief Manuel aufſpringend, indem er gleich die Folgen dieſes veränderten Entſchluſſes durchſchaute. Paul aber ſagte ganz ruhig zu ihm: „Die 100,000 Fr. werde ich dem Kinde, Ihrer Schweſter abet einen Mann geben!“ „Ei, wer ſind Sie denn,“ rief Manuel einen Schritt auf ihn zugehend,„daß Sie ſich unterfangen, über ein junges Mäd⸗ chen verfügen zu wollen, das Sie nie geſehen haben und das meine Schweſter iſt?“ „Wer ich bin?“ ſagte Paul lächelnd;„über dieſen Punkt weiß ich in der That ſelbſt nicht mehr als Sie, da meine Geburt ein Geheimniß iſt, welches mir erſt entdeckt werden ſoll, wenn ich mein 25. Jahr erreicht habe.“ „Und wann wird das ſein?“ „Noch dieſen Abend, mein Herr. Morgen werde ich Ihnen alle gewünſchte Auskunft geben können.“ 5 Bei dieſen Worten verbeugte ſich der Capitän, um ſich zu entfernen. „Ich halte Sie nicht auf, mein Herr!“ ſagte der Graf, „aber nur unter der Bedingung, daß Sie wiederkommen!“ „Sie kommen mir darin bloß zuvor, indem ich ſelbſt um eine nochmalige Unterredung pitten wollte, Herr Graf!“ ſagte Paul und verließ mit einer abermaligen Verbeugung das Zimmer. 30 Paul Jones Am Schloßthore traf Paul ſeinen Bedienten mit den Pfer⸗ den und ſchlug den Weg nach Port⸗Louis ein. Sobald er vom Schloſſe aus nicht mehr geſehen werden konnte, ſtieg er ab und ging auf ein Fiſcherhüttchen zu, das auf den Dünen ſtand. Vor der Thüre deſſelben ſaß ein Jüngling in Matroſenkleidung, der ſo in Gedanken vertieſt war, daß er den Capitän gar nicht kom⸗ men hörte. Dieſer legte ihm endlich die Hand auf die Achſel. Der junge Mann fuhr zuſammen und wurde leichenblaß, ob⸗ gleich Paul's fröhliches Geſicht keineswegs eine ſchlimme Nach⸗ richt andeutete. „Ich habe ſie geſehen,“ begann der Capitän. „Wen denn?“ fragte der Jüngling mit leiſer Stimme. „Ei, Margarethen!“ „Nun?“ „Sie iſt reizend!“ „Ach mein Gott, danach fragte ich nicht!“ „Sie liebt Dich noch immer!“ „Hert, mein Gott!“ ſchrie der junge Mann, dem Capitän unter einem Strom'von Thränen um den Hals fallend. der m⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 81 7. Zum beſſern Verſtändniß der Geſchichte halten wir einige nachträgliche Erklärungen in Bezug auf den jungen Deportirten nicht für überflüſſig. Er hatte gleich am Abend nach der von uns beſchriebenen Seeſchlacht dem Capitän Paul die einfache Ge⸗ ſchichte ſeines Lebens erzählt. Liebe war ſeine ganze Freude auf Erden geweſen; Liebe war jetzt ſein ganzer Schmerz. Der Capitän Paul fühlte ſich nun bei weitem zu ſtark und unabhängig, als daß er die ihm in Bezug auf Luſignan ertheilte Ordre befolgen zu müſſen hätte glauben ſollen. Wohl war er unter franzöſiſcher Flagge vor Anker gegangen, und dennoch gehörte er der amerika⸗ niſchen Marine an, die zur Befreiung des unterjochten Landes beſtimmt war. Da er nun bei ſeinem Kreuzzuge im Canale nichts zu thun fand, ſo landete er an der Spitze von etwa 20 Mann, worunter auch Luſignan war, in dem kleinen eumberländiſchen Hafen White⸗Haven, überrumpelte die Feſtung, vernagelte die Kanonen und verbrannte die Kaufffahrteiſchiffe auf der Rhede; dann ſegelte er nach den Küſten von Schottland, um dort wo möglich den Grafen von Selkirk aufzuheben und als Geiſel nach den vereinigten Staaten zu führen; aber dieſer war zufällig in London und ſo ſcheiterte der Plan des kecken Paul. Bei allen Gelegenheiten zeigte Luſignan denſelben Muth, den er im 6 4 32 Paul Jones Kampfe der Indianerin mit dem Drachen bewieſen hatte; es war ein Mann nach den Herzen des Capitäns. Dieſer be⸗ gnügte ſich daher nicht, ihn von der Deportation zu retten, ſon⸗ dern er wollte ihm auch ſeine Ehre wiedergeben. Für einen ſo kühnen Abenteurer, in welchem unſte Leſer jedenfalls ſchon längſt den berühmten Corſaren Paul Jones erkannt haben, war das auch keine ſo ſchwierige Sache; denn da er Caper-Briefe König Ludwig's XVI. gegen die Engländer in der Taſche hatte, ſo durfte er nach Verſailles zurückkehren, um von ſeinem Kreuzzuge Bericht zu erſtatten. So ging denn Paul Jones zum zweiten Mal im Hafen von Lorient vor Anker, um dem Schloſſe Auray näher zu ſein. Gleich nach ihrer Ankunft erfuhren die jungen Leute Marga⸗ rethens nahe bevorſtehende Vermählung mit dem Baron Ler⸗ tour. Luſignan hielt ſich für vergeſſen, wollte ſogleich nach Aurah ſtürmen, um Margarethen ihre Untreue vorzuwer⸗ fen, und ließ ſich auch nicht durch die Vorſtellung davon ab⸗ ſchrecken, daß er unfehlbar ſeinen Verfolgern in die Hände fallen werde. Aber der ruhige weiterſehende Paul trat mit ſeinem gan⸗ zen Anſehen dazwiſchen und ließ ſich von ſeinem jungen Freunde das Wort geben, erſt auf ausdrückliche Erlaubniß an's Land zu gehen. Sobald ſich der Capitän verſichert hatte, daß die Ver⸗ mählung unter 14 Tagen noch nicht ſtattfinden könne, begab er ſich nach Paris, hatte eine Audienz beim König und erhielt von das nig uge er⸗ er von der nordamerikaniſche Freibeuter. 85 ihm einen goldenen Degen nebſt dem militäriſchen Verdienſtorden. Da ihm Ludwig XVI. ein ſolches Wohlwollen ſchenkte, wagte es der junge Abenteurer ihm ein Stück aus Luſignan's Le⸗ benslauf zu erzählen. Der König war bekanntlich gutherzig, lobte den jugendlichen Dulder und ertheilte ihm den Titel eines Gou⸗ verneurs von Guadelonpe. Bei alle dem hatte Paul den Grafen Manuel nicht aus den Augen gelaſſen und bei ſeiner Erforſchung der obſchwebenden Verhältniſſe dem armen Lu ſign an geſchrie⸗ ben, er möge ihn nur in der nahen Fiſcherhütte erwarten. Hier blieben die beiden jungen Leute beiſammen, bis die Nacht einbrach. Dann begab ſich Paul zu Fuße auf das Schloß Auray, um die mündliche Erkundigung einzuziehen, wovon er dem Grafen Manuel geſagt hatte. Er ging diesmal nicht ge⸗ rade in's Schloß, ſondern an der Mauer des Parkes hin bis an ein Eiſengitter, welches in ein kleines Gehölz führte. Die Per⸗ ſon, von welcher er Nachricht über ſeine Geburt erhalten ſollte, hatte ſchon eine Stunde vor Paul's Aufbruch aus der Fiſcher⸗ hütte einen Beſuch erhalten; nämlich die Marquiſe von Auray, die ſtolze Erbin des Hauſes Sablé war bei dem Manne. Ihr bleiches ſtrenges Geſicht, ihre durchaus ſchwarze Tracht und ihr langet Trauerſchleier bezeichneten die Frau, deren Bekanntſchaft wir ſchon gemacht haben. Sie war ſehr bekannt in dem Hauſe, welches unſer Paul Jones aufſuchen wollte; es war eine Art Wächterhaus am Eingange des Parkes, das ein Greis bewohnte, 6„ 34 Paul Jones an welchem die Marquiſe ſchon ſo viel Gutes gethan hatte, daß ſie in den Geruch der Heiligkeit zu kommen begann. Dieſe Spenden wurden zwar ſtets mit finſterm Geſicht aber doch äußerſt pünktlich gereicht, ſo daß man ihre mitleidloſe Miene nur einer äußern Gewöhnung zuzuſchreiben pflegte. Als die vornehme Dame durch die offne Thüre des Wäch⸗ terhauſes eintrat, um mit dem alten Diener ihrer Familie zu ſprechen, der es bewohnte, ſah ſie ſich nach dieſem vergeblich um. Sie ſetzte ſich und wartete wohl eine halbe Stunde, in tiefe Be⸗ trachtungen verſunken, bis endlich der Alte auf der Schwelle erſchien. „Kommt Ihrendlich, Achard?“ ſagte die Dame mit einer Art von unbeſchreiblichem Beben;„ich habe eine halbe Stunde auf Euch gewartet.. „Wenn ſich die Frau Marquiſe 50 Schritte weiter bemüht hätte, ſo würde ſie mich am Saum des Gehölzes unter der großen Eiche angetroffen haben.“ „Ihr wißt doch,“ antwortete ſie ſichtbar zuſammenfahrend, „daß ich dorthin niemals gehe!“ „Sie thun nicht wohl daran, gnädige Frau; es hat im Himmel jemand ein Recht auf unſre Gebete, die nur der alte Achard dort emporſendet!“ „Wer ſagt Euch, daß ich nicht ebenfalls bete?“ ſagte ſie daß ieſe erſt iner der nordamerikaniſche Freibeuter. 35 fieberhaft aufgeregt;„meint Ihr denn, daß die Todten verlangen, wir ſollten beſtändig auf ihren Gräbern knien?“ „Nein,“ entgegnete der Greis mit tiefer Betrübniß,„aber ich meinch, daß ſich die Ueberreſte deſſen, was man auf Erden ge⸗ liebt hat, unter der leichten Hülle der Erde regen, wenn man darüber hinſchreitet.“ „Aber wenn es nun eine ſtrafbare Liebe geweſen iſt?“ ſprach die Marquiſe mit dumpfer Stimme. „Und wenn ſie auch noch ſo ſtrafbar geweſen iſt, Blut und Thränen haben ſie gebüßt! War Gott damals ein ſtrenger Rich⸗ ter, ſo wird er jetzt ein nachſichtsvoller Vater ſein!“ „Ja, Gott hat vielleicht vergeben!“ murmelte ſie leiſe wie vorher;„aber wenn die Welt wüßte, was Gott weiß, würde auch ſie vergeben?“ „Ah, die Welt! Ja, dies iſt das Geſpenſt, dem Sie alles aufgevpfert haben: das Gefühl leidenſchaftlicher Liebe, das der Gattin und Mutter, eignes und fremdes Glück! Aber Sie haben Ihre Gewiſſensbiſſe nicht hinter dieſem Trauergewande verbergen können, wenn es Ihnen auch gelang die Welt zu täuſchen, von der Sie für ein Muſter der Tugend gehalten werden!“ Die Marquiſe warf unruhig das Haupt empor und ſchlug den Schleier zurück, um den zu betrachten, welcher in einem ſol⸗ chen Tone mit ihr zu ſprechen wagte. Da das Geſicht des Greiſes ganz ruhig war, ſo ſagte ſie nach einer Pauſe: 36 Paul Jones „Ihr ſprecht mit einer Bitterkeit zu mir, daß ich glauben ſollte, Ihr hättet mir perſönlich einen Vorwurf zu machen. Habe ich nicht alle meine Verſprechungen gehalten? Bezeigten ſich meine Leute gegen Euch ungehorſam oder unehrerbietig? Sagt es mir ganz offen.“ „Verzeihung, gnädige Frau; nicht Bitterkeit, ſondern Be⸗ trübniß ſpricht aus meinem Munde. Sie müſſen ja doch den Kummer kennen, den man niemandem mittheilen kann, müſſen ja wiſſen, was Thränen ſind, die nicht fließen dürfen! Nein, Frau Marquiſe, Sie haben Ihr Verſprechen gehalten und ich habe mich über niemanden zu beklagen, ja oft iſt zu mir wie zu den alten Propheten ein Engel geſendet worden...“ „Wohl weiß ich es,“ antwortete die Dame,„daß Mar⸗ garethe oft den zu Eurer Pflege beſtimmten Bedienten be⸗ gleitet und ſehe mit Vergnügen, daß ſie Euch ihre Sorge und Freundſchaft midmet.“ „Aber auch ich bin meinem Verſprechen pünktlich nachge⸗ kommen,“ begann der Greis wieder;„ſeit 20 Jahren habe ich jedes lebende Weſen von dieſem Hauſe entfernt gehalten, um nicht einmal im Schlafe zu verrathen, was ich verſchweigen ſollte.“ „Glücklich, guter Alter, iſt das Geheimniß bewahrt wor⸗ den,“ ſagte die Marquiſe, ihre Hand auf Achard's Arm legend; „aber ach, die 20 jährige Furcht hat ſich noch nicht verloren, und ben abe ine nir M —— der nordamerikaniſche Freibeuter. 87 dieſe lange Zeit iſt mir einſamer und ſchrecklicher als Euch ver⸗ floſſen!“ „Ich begreife; wohl mögen Sie öfter bei dem Gedanken gezittert haben, ich könnte einſt von einem Fremden nach dieſem Ge⸗ heimniß gefragt werden, der ein Recht hätte alles zu erfahren. Ha, noch jetzt ſchaudern Sie bei dieſem Gedanken, ich ſehe es! Aber Sie können ganz ruhig ſein, denn dieſer Menſch hat ſich noch als Kind aus der Erziehungsanſtalt in Schottland geflüchtet und ſeit 10 Jahren nichts mehr von ſich hören laſſen. Er hat ſich unter den Millionen Menſchen verloren. Der Brief ſeines Vaters und das Erkennungszeichen, alles dies mag verſchwunden ſein, denn ſonſt würde er davon Gebrauch gemacht haben; viel⸗ leicht iſt er gar nicht mehr unter den Lebenden!““ „Ach, ſolche Dinge ſind grauſam für eine Mutter, Achard; kann ich⸗denn nicht ruhig ſein, wenn mein Kind auch nicht todt iſt? Für dieſen meinem Sohn iſt es beſſer das Geheimniß nicht zu kennen. Du kannſt ihm ja ſagen, ſeine Mutter ſei zum himm⸗ liſchen Vater gegangen und habe ihn ſterbend der Marquiſe von Auray übergeben, um an ihr eine zweite Mutter zu haben... Dann werde ich die Wonne fühlen, ihn auch wieder an mein Herz zu drücken!“ „Ich fühle, was Sie ſagen wollen, gnädige Frau. Aber Sie kennen mich wohl hinlänglich, um nicht von mir zu erwar⸗ 883 Paur Jones ten, daß ich den letzten Willen deſſen verrathe, der ſo nahe bei uns ſchläft.. Die Marquiſe wollte ſprechen, aber Achard fuhr ſchnell fort: „Hören Sie mich, gnädige Frau! Ebenſo treu, als ich das Ihnen geleiſtete Verſprechen gehalten habe, werde ich auch dem nachkommen, das ich dem Grafen von Morlaix gab. So⸗ bald demnach ſein Sohn kommen, mir das Erkennungszeichen bringen und das Geheimniß von mir fordern wird, werde ich kei⸗ nen Augenblick damit zurückhalten. Das Geheimniß iſt hier(er zeigte dabei auf ſein Herz); die Papiere liegen dort im Schranke und den Schlüſſel kann mir nur ein Diebſtahl oder ein Mord entreißen.“ „Wäre es aber nicht möglich, guter Achard, daß Ihr eher mit Tode abgingt als mein Gemahl? Denn er iſt wohl kränker aber auch jünger als Ihr. Was würde in dieſem Falle mit den Papieren?“ „Ich würde ſie dem Prieſter in meiner letzten Stunde unter dem Siegel der Beichte einhändigen.“ „Alſo ſoll meine Furcht ſich bis über Deinen Tod hinziehen?“ ſagte ſie aufſtehend;„Du hältſt mein Geheimniß in der Hand... Ich kann Dich nicht bewegen.. thue damit, was Du willſt... Du biſt der Gebieter und ich die Sklavin! Lebe wohl!“ ebei nel uch — So⸗ chen kei⸗ (er inke ord her ker den iter 1 der nordamerikaniſche Freibeuter. 39 Nach dieſen Worten kehrte ſie ebenſo langſam in's Schloß zurück als ſie es verlaſſen hatte. 8. Während der Greis in ernſtes Nachſinnen verſunken war über die qualvollen Gewiſſensbiſſe der vornehmen Dame, die faſt für eine Heilige galt, ſah er plötzlich auf der Schwelle ſeiner Thür einen jungen Menſchen ſtehen, den er ſogleich anredete: „Darf ich fragen, wer Ihr ſeid?“ „Fuͤr den Augenblick„antwortet Paul— denn dieſer war es ſelbſt—„bin ich ein Menſch, der die Welt zum Vater⸗ lande hat... „Und wen ſuchen Sie?“ fuhr der Alte fort. „Ich ſuche drei Stunden von Lorient und 5000 Schritte vom Schloſſe Auray ein kleines Haus, welches dieſem hier gleicht wie ein Ei dem andern, und darin einen Mann, der Ihr wohl ſein könntet.“ „Und wie ſoll der Mann heißen?“ „Louis Achard.“ „Das iſt mein Name!“ „Nun, ſo gieße der Himmel ſeinen beſten Segen auf Euer 90 Paul Jones graues Haupt herab!“ ſprach Paul mit dem Ausdruck hoher Achtung;„denn hier iſt ein Brief von meinem Vater, worin geſchrieben ſteht, daß Ihr ein rechtſchaffener Mann ſeid.“ „Und befindet ſich nichts weiter in dem Briefe?“ rief der Greis mit funkelnden Augen einen Schritt auf Paul zutretend. „Ei freilich!“ erwiederte dieſer, öffnete den Brief und nahm eine halb durchgebrochene venetianiſche Zechine daraus hervor; „es iſt ſo etwas von einem Goldſtück, wovon Ihr die andre Hälfte haben müßt.“ Achard ſtarrte den Jüngling an und ſtreckte die Hand gegen ihn aus.„Ja, ja,“ rief er, während ſich ſeine Angen mit Thränen füllten,„ja, es trifft alles! Und was für eine au⸗ ßerordentliche Aehnlichkeit! Kind(bei dieſem Worte breitete er ſeine Arme gegen den jungen Mann aus); o mein Gott!“ „Was iſt Euch?“ rief Paul im innerſten Herzen gerührt. „Ah, mein Theurer,“ ſagte der Greis,„Du biſt das leibhafte Bild Deines Vaters, den ich ſo lieb hatte, daß ich Blut und Leben für ihn hingegeben haben würde, ſowie ich es jetzt für Dich hingeben will, wenn Di es verlangſt!“ „O ſo kommt in meine Arme, alter Freund!“ rief Paul, dem Greiſe um den Hals fallend;„das Gefühl iſt vom Grabe des Vaters auf die Wiege des Sohnes übergegangen; wer auch mein Vater geweſen ſei, wenn man ihm dadurch ähnlich wird, daß man ein vorwurfsfreies Gewiſſen, einen erprobten Muth S. u in le d d rin der nordamerikaniſche Freibeuter. 91 und ein Gedächtniß beſitzt, welches ſich der Wohlthaten ſtets er⸗ innert und alle Beleidigungen vergißt, ſo will ich hoffen ſein leibhaftes Bild zu ſein...“ „Ja, ſo war Dein Vater!“ ſagte der Greis, das ihm ſo theure Kind zärtlich in die Arme drückend,„ja, ſo tönte ſeine ſtolze Stimme, ſo flammte es ihm vom Auge, ſo edel war ſein Herz... Aber warum habe ich Dich nicht eher geſehen, mein Sohn? Deine Gegenwart würde mir manche bittere Stunde meines Lebens verſüßt haben.“ „Warum? Weil mir dieſer Brief befahl Dich aufzuſuchen, wenn ich das 25. Jahr erreicht hätte... und das iſt ſeit einer Stunde geſchehen.“ Schweigend blickte der Greis einen Augenblick auf den Boden, der Vergangenheit gedenkend; dann richtete er ſich em⸗ por und ſprach: „Schon 25 Jahre! Iſt mir's doch, als wäreſt Du erſt geſtern in dieſem Hauſe geboren worden, als hätteſt Du erſt geſtern in dieſem Gemache das Licht der Welt erblickt!“ Bei dieſen Worten zeigte er auf eine Thüre, die in ein Nebenzimmer führte; auch Paul ſchien nachzudenken und mit dem Auge ſeines Geiſtes in das Dunkel vergangener Zeiten dringen zu wollen. „In dieſer Hütte und in dieſem Gemache?“ ſagte er lang⸗ ſam;„und ich blieb fünf Jahre lang hier, nicht wahr?“ 92 Paul Jones „So iſt es!“ murmelte der Greis. „O mir iſt es, als hätte ich das alles ſchon im Traume geſehen, alles fällt mir wieder ein...“ „Sprich Dich aus, mein Kind!“ „In dieſem Gemach dort ganz im Hintergrunde muß ein Bett ſtehen.. mit grünen Vorhängen...“ „Oben am Bett ein Crucifir...“ CS 7 „„Va. „Gegenüber ein Bücherſchrank, worin ſich unter andern eine große Bibel.. mit deutſchen Kupferſtichen befand.“ „Da liegt ſie,“ ſprach der Greis nach einer aufgeſchlagenen Bibel zeigend. k 1 „Das iſt ſie!“ ſagte Paul raſch und hob ſie freudig empor. „O Du wackres Herz!“ rief der Greis;„ich danke dir, Herr mein Gott!“ „Und dann,“ ſagte Paul das Buch hinlegend,„iſt in jenem Gemach ein Fenſter, durch welches man das Meer und in dieſem drei Inſeln ſieht 2... „Ja, Houat, Hoedic und Belle⸗Jle⸗ſur⸗mer.“ „Es iſt alſo wahr!“ rief Paul nach dem Gemach hin⸗ eilend. Als er ſah, daß ihm Achard folgen wollte, hielt er ihn zurück und ſprach in bittendem Ton:„Nur ein Weilchen möchte ume ein dern nen por. dir, in in in⸗ ihn cht der nordamerikaniſche Freibeuter. 95 ich hier allein ſein!“ Nach dieſen Worten ging er hinein und zog die Thüre hinter ſich zu. Von der heiligen Ehrfurcht ergriffen, welche die Erinnerung an unſre Kindheit umſchwebt, ſtand er einen Augenblick ſtill; das Gemach war ganz ſo, wie er es ſich gedacht hatte, denn es war von dem alten treuen Diener mit religiöſer Scheu vor jeder Veränderung bewahrt worden. Paul näherte ſich langſam dem elfenbeinernen Crueifir und warf ſich mit gefalteten Händen auf die Knie, wie er dies früh und Abends gewohnt geweſen war. Er verſuchte ſich eins jener einfachen Gebete in's Gedächtniß zu⸗ rückzurufen, die er als Kind für das Wohlergehen derer gen Himmel geſandt hatte, denen er das Leben verdankte. Es waren heilige Augenblicke, die ſich dem Herzen des Menſchen mit unaus⸗ ööſchlichen Zügen einprägen. Nach einer langen und tiefen An⸗ dacht erhob ſich Paul langſam und trat an's Fenſter. Die Wogen des Meeres waren vom Mond beglänzt und am Horizonte erſchienen wie bläuliche Nebelgebilde die drei Inſeln, welche er als Kind ſo oft betrachtet hatte. Sein Herz ſchwelgte in ſüßen Erinnerungen; er ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſtumme Thränen floſſen ihm über die Wangen. In dieſem Augenblicke fühlte er ſich bei der Hand erfaßt. Es war der theilnehmende Greis. Anfangs wollte ihm Paul ſeine wehmüthigen Gefühle verbergen, bald aber wandte er ſich mit ſeinem bethränten Geſicht offen gegen ihn. 94 Paul Jones „Du weinſt, mein Sohn!“ ſagte der Greis. „Ja, ich weine,“ erwiederte Paul;„und warum ſollte ich es verbergen? Mitten unter dem Heulen des wüthendſten Or⸗ kans, neben den um mich niederfallenden Freunden in der See⸗ ſchlacht blieb meine Seele ruhig und meine Augen wurden nicht naß; aber dieſes Gemach! ich kenne es noch recht wohl; es iſt daſſelbe, wo mich der liebkoſende Arm eines Vaters umfing, den ich nicht wiederſehen werde, wo die Küſſe einer Mutter meine Stirn bedeckten, die mich vielleicht nicht wiederſehen will. Ach, als ich dieſe heilige Stätte ſah, konnte ich der Gewalt meiner Empfindungen nicht widerſtehen...“ Der Greis ſchloß den Jüngling auf's neue in ſeine Arme, der ſich ſchluchzend an ſeine Schulter lehnte. Dann ſagte der alte Diener: „Ja, in dieſem Gemach wurdeſt Du geboren und hier nahm Dein Vater Abſchied von Dir auf ewig!“ „So iſt er todt!“ ſagte Paul. „Er iſt todt.“ „Aber ſage, wie iſt er geſtorben?“ „Ich will Dir alles ſagen „Sogleich,“ ſagte Paul ſich niederſetzend;„ich bin jetzt nicht ſtark genug es zu hören, muß mich erſt etwas ſammeln. Dabei ſchweifte ſein ſchwermüthiger Blick wieder hinaus auf den Ocean. ge En mi D Bl S me zei ollte Or⸗ See⸗ icht s iſt ing, eine ner ne, ilte m der nordamerikaniſche Freibeuter. „Wie ſchön iſt das mondbeleuchtete Meer!“ ſagte er mit gepreßter Stimme;„„es iſt ruhig wie Gott und groß wie die Ewigkeit. Wer dieſes Schauſpiel oft genoß, kann den Tod un⸗ möglich fürchten. Nicht wahr, mein Vater ſtarb muthvoll?“ „Gewiß!“ erwiederte Achard ſtolz. „Das konnte nicht fehlen!“ fuhr Paul fort;„ich kann mir meinen Vater ganz wieder vorſtellen, obgleich ich erſt vier Jahre zählte, als ich ihn zum letzten Male ſah.“ „Er war ein ſchöner junger Mann wie Du und gerade in Deinem Alter!“ ſagte Achard, den Jüngling mit trüben Blicken betrachtend. „Sein Name?“ „Graf von Morlaix.“ „Ich ſtamme alſo aus altadligem Geſchlecht, habe auch Schild und Wappen wie die unverſchämten Cavaliere, die nach meinem Stammbaume fragten, wenn ich ihnen meine Wunden zeigte!“ „Halt ein, junger Mann! Nur keinen Hochmuth! Ich habe Dir den Namen Deiner Mutter noch nicht verkündet, Du kennſt noch nicht das ſchreckliche Geheimniß Deiner Geburt!“ „Ich werde alles mit Faſſung anhören; wie hieß meine Mutter?“ „Die Marquiſe von Auray!“ erwiederte der Greis 96 Paul Jones „Wie?“ ſchrie Paul aufſpringend und die Hände des Alten ergreifend. „Es iſt ſo!“ ſagte dieſer traurig. „Demnach iſt Manuel mein Bruder und Margarethe meine Schweſter?“ „Kennſt Du ſie denn ſchon?“ rief der Greis erſtaunt. „Ach, mein Gott,“ ſagte der junge Seemann wieder auf den Stuhl ſinkend,„unforſchlich ſind die Rathſchlüſſe der All⸗ macht!“ Nach einer Pauſe ſtand Paul auf und ſagte mit entſchloſ⸗ ſener Miene zum Greiſe; „Ich bin bereit alles anzuhören, rede!“ 9. Achard ſammelte einen Augenblick ſeine Gedanken und ſprach: „Die Verlobung der beiden jungen Leute hatte bereits ſtatt⸗ gefunden, da entzweite und trennte plötzlich ein tödtlicher Haß ihre Familien. Graf Morlair konnte dieſes Verhältniß nicht er⸗ tragen; er verließ das Vaterland und ging nach St. Domingo⸗ 0— wo ſein Vater eing ſch wi m des und ſtatt⸗ cht er⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 97 Marquis von Morlaix hatte mir ſein volles Vertrauen ge⸗ ſchenkt; ich war der Sohn ſeiner Amme und mit ihm erzogen worden; er nannte mich ſeinen Bruder und ich allein erinnerte mich an den Abſtand zwiſchen mir und ihm. Der Vater liebte mich zärtlich und übertrug mir die Sorge für ſeinen Sohn; zwei Jahre lang blieben wir unter dem tropiſchen Himmel. Dein Vater ſuchte die Schmerzen der Seele durch allerhand Zerſtreu⸗ ungen, durch Reiſen und Jagden zu heilen. Alles vergebens. Die Liebe ſiegte. Er mußte ſeine Braut wiederſehen oder ſterben. Ich mußte nachgeben und mich entſchließen mit ihm nach Europa zurückzureiſen. Nach Verlauf von 6 Wochen landeten wir in Havre. Fräulein von Sablé war verheirathet; der Marquis von Auray befand ſich bei König Ludwig NKV. zu Verſailles und ſeine leidende Gemahlin auf dem alten Schloſſe Auray, das hier vor uns liegt.“ „Ja, ich kenne es!“ ſagte Paul;„nur weiter!“ „Während unſter Reiſe war mir ein alter Oheim geſtorben, ein Diener des Hauſes Auray, der mir dieſes Häuschen mit dem dazu gehörigen Felde vermacht hatte. Zu Vannes hatte ſich Dein Vater von mir getrennt, um nach Paris zu gehen, und ein ganzes Jahr lang war er mir nicht wieder unter die Augen gekommen. Da klopfte es einmal in der Nacht— es iſt heute gerade 7 Paul Jones 25 Jahre her— an die Thür meiner Hütte. Als ich aufmachte, ſah ich Deinen Vater, der eine verſchleierte Frau in den Armen trug. Er ging mit ihr in dieſes Gemach und legte ſie auf's Bett. Stumm und höchſt erſtaunt wartete ich im andern Zimmer der Dinge, die da kommen ſollten. Dein Vater trat zu mir, legte mir die Hand tranlich auf die Schulter, ſah mich bittend an(ob⸗ wohl er ein Recht hatte zu befehlen) und ſprach: Lonis, Du kannſt mehr thun als mir Ehre und Leben retten, Du kannſt Ehre und Leben meiner Geliebten retten! Setze Dich auf ein Pferd, galoppire in die Stadt und komme in einer Stunde mit einem Arzte zurück! Ich hörte am dringenden Tone ſeiner Stimme, daß kein Augenblick zu verlieren war. Ich ritt und war bei Tagesanbruch mit einem Arzte da. Dieſen führte der Graf in das Gemach und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Erſt Abends um fünf Uhr ent⸗ fernte ſich der Arzt und nach Einbruch der Nacht trug Dein Vater die verſchleierte Dame ebenſo geheimnißvoll wieder fort als er ſie gebracht hatte. Nun trat ich in das Gemach und fand— ein neugebornes Kind. Du warſt es.“ „Und woher weißt Du ſo gewiß, daß es die Marquiſe von Anray war?“ fragte Paul, als wünſche er noch zweifeln zu können. „Ach,“ antwortete Achard,„dieſe Gewißheit habe ich auf eine ebenſo unerwartete als ſchreckliche Weiſe erlangt. Ich hatte NM der nordamerikaniſche Freibeuter. 99 mich dem Grafen erboten, Dich bei mir zu behalten, und er kam nun zuweilen her, um eine Stunde bei Dir zuzubringen...“ „Allein?“ fragte Paul mit bangem Herzklopfen. „Allein, ſtets allein,“ erwiederte der Greis;„es war mir er⸗ laubt mit Dir im Park ſpazieren zu gehen; da kam nun die Marquiſe dann und wann wie von ungefähr dazu, winkte Dich heran und küßte Dich wie ein fremdes Kind, das man lieb hat, weil es ſchön iſt. So vergingen 4 Jahre. Dann klopfte es wieder einmal an die Thür meiner Hütte. Es war Dein Vater, er ſah ruhiger aber düſterer aus als das erſte Mal. Louis, ſagte er, morgen bei Tages⸗Anbruch ſchlage ich mich auf Leben und Tod mit dem Marquis von Auray. Du allein ſollſt Zeuge ſein. Gieb mir ein Schreibzeug, ich werde dieſe Nacht bei Dir blei⸗ ben!. Er ſetzte ſich an den Tiſch und auf den Stuhl, wo Du eben ſitzeſt(bei dieſen Worten erhob ſich Paul und lehnte ſich bloß an den Stuhl). Er ſchlief die ganze Nacht keinen Augen⸗ blick. Bei Tages⸗Anbruch kam er zu mir in die Stube, wo ich ſchon wartete, denn ich hatte mich gar nicht niedergelegt. Du aber lagſt ſorglos lächelnd in Deiner Wiege...“ „Nun?“ „Dein Vater neigte ſich behutſam über Dich hin, ſtemmte ſich an die Wand und betrachtete Dich mit traurigen Blicken. Louis, murmelte er dumpf, wenn ich auf dem Platze bleibe, ſo könnte dies für das Kind ein Unglück ſein; gieb es in dieſem 100 Paul Jones Falle meinem Kammerdiener Fild, der beauftragt iſt es nach Selkirk in Schottland zu bringen und es ſichern Händen zu übergeben. Wenn dieſes Kind zu einem 25jährigen Manne ge⸗ worden iſt, wird es Dir die Hälfte dieſes Geldſtücks bringen und von Dir Auskunft über ſeine Geburt verlangen. Du wirſt ſie ihm geben, denn ſeine Mutter ſteht vielleicht dann allein in der Welt da. Die Papiere aber, welche ſeine Geburt beweiſen, wirſt Du ihm erſt nach dem Tode des Marquis übergeben. Während er ſich ſo über Deine Wiege beugte und eine Thräne auf Deine Wange fallen ließ, ſagte er zu mir: Die Stunde iſt da, laß uns gehen!“ „Weiter!“ ſagte Paul mit erſtickter Stimme. „Hundert Schritte von hier im Parke fand die Zuſammen⸗ kunft ſtatt; der Marquis wartete ſchon und neben ihm auf einer Bank lagen geladene Piſtolen; nach einem ſtummen Gruße nahm jeder der Gegner ein Piſtol, beide gingen 30 Schritte aus einander und avancirten dann.. O, welch ein Anblick für mich, als ich den Raum zwiſchen dieſen beiden Männern ſo verſchwinden ſah! In einer Entfernung von 10 Schritten blieb der Marquis plötzlich ſtehen und gab Feuer. Ich ſah auf Deinen Vater; er zuckte mit keiner Muskel, ſo daß ich ihn für völlig unverſehrt hielt; er ging mit dem Piſtol in der Hand auf den Marquis los, ſetzte es ihm auf die Bruſt...“ der nordamerikaniſche Freibeuter. 101 „Er tödtete ihn doch hoffentlich nicht!“ rief Paul den Greis am Arme faſſend. „Er ſagte zu ihm: Ihr Leben ſteht in meiner Hand, mein Herr; ich könnte es Ihnen nehmen; aber ich will daß Sie leben ſollen, um mir zu verzeihen wie ich Ihnen verzeihe. Bei dieſen Worten ſank er todt zuſammen; die Kugel des Marquis hatte ſeine Bruſt durchbohrt.“ „O, mein Vater, mein Vater!“ rief der junge Seemann die Hände ringend;„und er lebt, der meinen Vater getödtet hat! Er lebt, nicht wahr? Und er iſt noch jung, hat noch Kraft Degen und Piſtol zu führen?... Komm ſogleich mit zu ihm! Du wirſt zu ihm ſprechen: Hier iſt ſein Sohn, Sie müſſen ſich mit ihm ſchlagen!... Wehe dieſem Manne, der... „Gott hat ſeine rächende Hand über ihn ausgeſtreckt,“ un⸗ terbrach ihn Achard;„dieſer Mann iſt wahnſinnig.“ „Ja,“ ſagte Paul mit dumpfer Stimme,„das iſt wahr, ich hatte es aus der Acht gelaſſen.“ „Und in ſeinem Wahnſinn,“ fuhr der Greis fort,„ſchwebt ihm dieſe blutige Scene beſtändig vor Augen, unabläſſig wieder⸗ holt er die erhabenen Worte, die Dein Vater an ihn richtete.“ „Ha! darum alſo verläßt ihn die Marquiſe keinen Augen⸗ blick!“ „Darum hat ſie auch Manuel und Margarethen von ihm entfernt, indem ſie vorgiebt, er wolle ſeine Kinder nicht ſehen.“ 102 Paul Jones „Arme Schweſter!“ rief Paul mit dem Ausdruck der Zärtlichkeit und tiefer Schwermuth,„und nun ſollſt Du aufge⸗ opfert werden, ſollſt wider Deinen Willen den elenden Lectour heirathen!“ „So iſt es!“ erwiederte der Greis;„eben dieſer elende Lectour führt das Mädchen nach Paris und giebt ihrem Bru⸗ der ein Dragonerregiment, denn die Marquiſe fürchtet nichts mehr als die Gegenwart ihrer Kinder; ihr Geheimniß ſoll bei ihr und zwei Greiſen bleiben, die morgen, die in dieſer Nacht noch ſterben können.. und das Grab iſt ſtumm.“ „Aber ich, ich bin noch da!“ „Du? Seit 15 Jahren, als Du Dich von Selkirk entfern⸗ teſt, haſt Du keine Nachricht von Dir gegeben; man weiß nicht, ob Du noch exiſtirſt.... „Reden wir von Dir, mein Freund, reden wir von meinem Vater!“ „Sein letzter Wille wurde vollzogen. Fild kam noch an demſelben Tage und nahm Dich mit. Das iſt nun 21 Jahre her. Gott ſei geprieſen, daß er meinen Wunſch hat in Erfüllung gehen laſſen! Du biſt da zur beſtimmten Zeit! Dein Vater lebt in Dir auf! Ich ſehe ihn wieder... ich rede mit ihm.. ich bin getröſtet und weine nicht mehr!„ „Und er war todt, auf der Stelle todt, ohne Hoffnung todt!“ der nordamerikaniſche Freibeuter. 105 „Ja, auf der Stelle und völlig todt. Ich trug ihn hierher, legte ihn auf das Bett, wo Du geboren wareſt, ging dann aus, um ein Grab für ihn zu machen, und Abends holte ich die Leiche. Ach, war mir's doch, als müßte ich ihn wieder lebendig antref⸗ fen, aber er war kalt und ſtarr!“ Die Stimme des Greiſes ſtockte hier, Thränen rollten über die gefurchten Wangen herab. „O Du edles Herz!“ rief Paul gleichfalls ſchluchzend, „laß Dir die Hände küſſen, die eine heilige Pflicht gegen meinen Vater erfüllt haben! Segne mich, o Greis,“ rief er auf die Knie fallend;„da mein Vater nicht da iſt, um mich ſegnen zu können, ſo ſegne Du mich, Du treuer Hüter ſeines Grabes!“ „Komm in meine Arme, mein Sohn!“ ſagte der Greis gerührt,„Du ſchlägſt meine einfache Handlung zu hoch an!... Wenn ich das Grab gehütet habe und in 21 Jahren niemand an deſſen Rand gekommen iſt...“ „Auch meine Mutter nicht?“ Der Alte ſchwieg. „Führe mich hin, mein Freund! So oft ich einen Fuß an Frankreichs Küſte ſetze, werde ich dieſes Heiligthum beſuchen, das ſchwöre ich!“ Bei dieſen Worten zog er den Greis in das vordere Zimmer; als ſie jedoch das Haus verlaſſen wollten, hörten ſie ein leiſes Geräuſch im Parke. Sie blieben ſtehen und ſahen ein Mädchen, 104 Paul Jones welchem ein Bedienter aus dem Schloſſe folgte. Paul zog den Alten wieder zurück und ſprach: „Es iſt meine Schweſter, laß mich einen Augenblick mit ihr allein; ich muß mit ihr ſprechen. Was ich ihr ſage, wird ihr eine angenehme Nachtruhe verſchaffen; Mitleid für die, welche wachen und weinen!“ „Bedenke nur dabei,“ ſagte Achard,„daß das Geheim⸗ niß, welches ich Dir anvertraute, auch das Deiner Mutter iſt. „Sei ganz ruhig, alter Freund!“ ſagte Paul und ſchob den Greis in's hintere Gemach;„nur von ihrem eignen Ge⸗ heimniß werde ich mit ihr ſprechen.“ In dieſem Augenblick erſchien Margarethe auf der Schwelle. 10. Das junge Mädchen brachte dem Greiſe wie gewöhnlich einige Vorräthe und erblickte zu ihrem nicht geringen Erſtaunen im vordern Gemach der Hütte, wo ſie ſeit 10 Jahren nieman⸗ den geſehen hatte als den alten Achard, einen ſchönen Jüng⸗ ling, der ſein Auge mit wohlwollendem Lächeln zu ihr erhob. Sie gab dem Diener einen Wink, daß er den Korb in einem den mit che der der nordamerikaniſche Freibeuter. 105 Winkel abſetzen ſollte. Er gehorchte und ging dann wieder hinaus, um vor dem Hauſe auf ſeine Herrin zu warten. Dieſe ſchritt an⸗ muthsvoll auf Paul zu und ſagte: „Verzeihen Sie, mein Herr, ich dachte meinen alten Freund, Louis Achard hier zu finden.. ich habe ihm nämlich von meiner Mutter...“ Paul wies mit der Hand nach dem hintern Gemach, denn er merkte, daß er nicht antworten dürfte, wenn er ſeine innere Regung nicht verrathen wollte. Sie dankte mit einer faſt unmerk⸗ lichen Neigung des Kopfs und ging in das Gemach, worin ſich der Greis befand. Paul folgte ihr mit den Blicken. Noch nie hatte die Ge⸗ ſchlechtsliebe in ſeinem Herzen Zugang gefunden, jetzt kehrte in daſſelbe die zarte heilige Geſchwiſterliebe ein.„Ach,“ murmelte er für ſich hin,„wie vereinzelt ſtehe ich doch in der Welt da! Wenn Du aber wiederkommſt, meine Margarethe, wie werde ich es anfangen, um Dich in meine Arme zu ſchließen, wie werde ich gegen Dich ausſprechen, daß mich noch kein Weib geliebt hat, daß ich Deine innige, Deine ſchweſteriiche Liebe be⸗ gehre? D Mutter, nicht nur Deine Liebkoſungen entzogſt Du mir, auch die dieſes Engels haſt Du mir geraubt! Möge Dir aber Gott das Glück verleihen, das Du uns... und Dir ſelbſt... entfremdet haſt!...“ „Lebt wohl!“ ſagte Margartthe wieder herauskommend 106 Paul Jones zum Greiſe;„dieſen Abend wollte ich noch zu Euch kommen, weil ich nicht weiß, wann ich Euch wiederſehen werde. Geſenkten Hauptes und ohne des Jünglings zu gedenken, den ſie doch im erſten Zimmer geſehen hatte, ging ſie auf die Thüre zu. Der junge Seemann ſtreckte ihr die Arme nach als wollte er ſie zurückhalten. Er fühlte ſeine Augen feucht werden und rief, als ſeine Schweſter die Thür öffnen wollte, mit leiſer erſtickter Stimme: „Margarethe!“ Die junge Dame ſah ſich erſtaunt um; da ſie indeſſen die ſeltſame Vertraulichkeit eines ihr ganz fremden jungen Mannes nicht begreifen konnte, öffnete ſie die Thüre und wollte eben hinaus⸗ ſchreiten. „Margarethe!“ wiederholte Paul gufſiehend„i rufe Sie, Margarethe!“ „Margarethe iſt allerdings mein Name!“ erwiederte das Mädchen würdevoll;„aber es konnte mir nicht einfallen, mein Herr, daß mich ein Fremder ſo rufen würde!“ „Mir ſind Sie nicht fremd!“ rief Paul, zu ihr hingehend und die Thüre wieder zumachend;„ich weiß, daß Sie unglück⸗ lich ſind, daß Sie keiner Seele Ihren Kummer vertrauen kön⸗ nen, daß ſich für Sie kein ſchützender Arm erhebt!“ „Sie vergeſſen den, der über uns iſt!“ ſagte Marga⸗ rethe, Haupt und Hände gen Himmel emporhebend. ſu 5 ver da nic dr de nen, ken, die als den iſer die nes us⸗ ich rte n, der nordamerikaniſche Freibeuter. 107 „O nein, Margarethe, den vergeſſe ich nicht; denn er hat mich eben geſandt, Ihnen anzubieten was Ihnen mangelt, Ihnen zu ſagen daß, wenn ſich alle Lippen und Herzen für Sie verſchließen, ich für alle Ewigkeit Ihr Freund bin!“ „Mein Herr,“ antwortete ſie leiſe,„das ſind feierliche, das ſind heilige Worte, an die man aber leider ohne Beweiſe nicht glauben kann.“ „Wenn ich Ihnen nun aber einen Beweis gebe?“ „Ah, nun?“ „Und zwar einen unwiderleglichen!“ fuhr Paul fort. „Ja dann freilich...“ ſagte Margarethe mit dem Aus⸗ druck plötzlich entſtandener Hoffnung. „Nun?“ „Ja dann. aber nein, wie wäre es möglich?“ „Kennen Sie dieſen Ring?“ ſagte Paul, ihr den Ring vorhaltend, welcher zu ihrem Armbande gehörte. „Herr, mein Gott!“ ſchrie ſie erbleichend;„er iſt todt!“ „Er lebt!“ „Aber er liebt mich nicht mehr!“ „Er liebt Sie!“ „Wenn er lebt und mich liebt. ah, ich kann es nicht aus⸗ denken wie kommt denn dieſer Ring in Ihre Hände?“ „Als ein Erkennungszeichen hat er ihn mir anvertraut!“ 108 Paul Jones „Habe ich jemandem dieſes Armband anvertraut?“ ſagte ſie den Aermel ihres Kleides zurückwerfend;„hier iſt es!““ all „Wohl, Margarethe; Sie ſind aber nicht verbannt, nicht vor der Welt entehrt, nicht unter wilde Menſchen hinaus⸗ geſtoßen!“ Ri „Iſt er denn nicht ſchuldlos, nicht geliebt?“ „Dann hat er auch in ſeinem Zartgefühl bedacht, daß er, von der menſchlichen Geſellſchaft geſchieden, Ihnen Ihre Freiheit in zurückgeben müſſe.“ ſ ſte „Wenn ein Weib für einen Mann gethan hat, was ich für ihn gethan habe,“ ſagte ſie mit großer Standhaftigkeit,„ſo muß in es ihn ewig lieben, und das werde ich thun! „O Sie ſind ein Engel!“ rief Paul. „Sagen Sie mir. ſprach Margarethe, des Jüng⸗ lings Hand ergreifend mit bittendem Blicke. nd was „Sie haben ihn geſehen?“ „Ich bin ſein Freund, ſein Bruder... „O dann erzählen Sie mir von ihm!“ rief ſie ſich ihrem Gefühle ganz hingebend, obgleich ſie zum erſten Male mit dieſem we Manne ſprach;„was macht er? Was nährt er für Hoffnungen! es der Unglückſelige M „Er liebt Sie und hofft Sie wiederzuſehen!... iſt ſagte annt, taus⸗ ß er, eiheit h fir muß üng⸗ hrem ieſem gen? der nordamerikaniſche Freibeuter. 109 „O dann, dann. murmelte ſie leiſe;„hat er Ihnen alles geſagt?“ Ae „Ach!“ ſeufzte ſie, das Haupt ſenkend, und eine glühende Röthe überflog ihre blaſſen zarten Wangen. „Sie ſind eine Heilige!“ rief Paul ihre Hand ergreifend. „Und Sie verachten mich nicht?“ lispelte Margarethe zu ihm aufblickend. „Margarethe!“ rief er begeiſtert,„hätte ich eine Schwe⸗ ſter, ich würde Gott bitten, daß er ſie Ihnen ähnlich machte!“ „Dann hätten Sie eine unglückliche Schweſter!“ ſagte ſie in Thränen ausbrechend. „I nun! lächelte Paul. „Sie wiſſen vielleicht noch nicht.. „Was?“ „Daß morgen früh Herr Lectour ankommt?“ „Ich weiß es.“ „Daß morgen der Contrart unterſchrieben werden ſoll.“ „Auch das weiß ich.“ „Und was ſoll ich denn alſo noch hoffen, an wen mich wenden, wen um Hülfe anflehen?— Meinen Bruder? Gott weiß es, daß ich ihm vergebe, aber er begreift mich nicht.— Meine Mutter? Ach, mein Herr, Sie kennen meine Mutter nicht! Sie iſt eine Frau von ſtrenger Tugend und unbeugſamem Willen; ſie 110 Paul Jones iſt nie gefallen und glaubt nicht, daß man fallen könne.— Und könnte ich mich an meinen Vater wenden? Wohl muß er ſein Zimmer verlaſſen, wo er 20 Jahre eingeſchloſſen geweſen iſt, um den Contraet zu unterſchreiben; aber ach, er iſt wahnſinnig und hat mit dem Verſtande auch das Vatergefühl verloren... Weiß er doch nicht mehr daß er eine Tochter hat, würde er mich doch nicht wieder erkennen! Ja, geſetzt er erbarmte ſich meiner, ſo würde ihm doch meine Mutter bei der Unterſchrift die Hand fühten „Nun ſage ich Ihnen aber, Margarethe, dieſer Con⸗ traet wird nicht unterſchrieben werden!“ „Und wer ſoll es hindern?“ „Ich!“ „Sie?“ „Ich werde morgen im Familienrathe zugegen ſein.“ „Und wer ſoll Sie einführen?“ „Ich habe das Mittel dazu in Händen!“ „Ach mein Gott, nehmen Sie ſich in Acht! Mein Bruder iſt außerordentlich jähzornig! Statt mich zu retten, könnten Sie mich nur noch unglücklicher machen.“ „Fürchten Sie nichts! Verlaſſen Sie ſich ganz auf mich!“ „Ich will mich auf Sie verlaſſen,“ ſagte Margarethe als ob ſie des Zweifelns müde wäre;„was hätten Sie auch für ein Inteteſſe dabei mich zu hintergehen?“ Und r ſein niſt, innig ——— mi einet, Hand Con⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 111 „Nicht das geringſte, Sie haben Recht.. Doch ſagen Sie mir, was gedenken Sie mit dem Baron von Lectour an⸗ zufangen?“ „Ich werde ihm alles offen bekennen.“ „O, Sie haben meine ganze Verehrung,“ rief Paul ſich vor ihr verneigend;„ich muß Sie anbeten!“ „Mein Herr!“ ſagte Margarethe. „Wie eine Schweſter, wie meine Schweſter!“ „Ja, Sie ſind gut,“ rief das junge Mädchen aus;„ich glaube jetzt, daß Sie Gott mir zugeſendet hat!“ „Glauben Sie es getroſt!“ „Morgen Abend alſo...“ „Nur wundern Sie ſich über nichts, erſchrecken Sie über nichts! Noch bitte ich Sie mir auf irgend eine Weiſe anzudeuten, wie Ihre Unterredung mit Lectour ausgefallen iſt.“ „Es ſoll geſchehen.“ „Doch, Margarethe, es wird ſpät. Ihr Diener möchte ſich über unſre lange Unterhaltung wundern. Gehen Sie auf's Schloß zurück und erwähnen meiner gegen niemanden. Gute Nacht!“ „Leben Sie wohl,“ ſagte Margarethe,„Sie, deſſen Namen ich nicht weiß.“ „Nennen Sie mich Ihren Bruder!“ „Leb' wohl, mein Bruder!“ 112 Paul Jones „O Schweſter, Schweſter!“ rief Paul außer ſich und ſchloß ſie in die Arme;„aus Deinem Munde zuerſt höre ich ein ſüßes Wort! Möge Gott Dich dafür ſegnen!“ Erſtaunt trat Margarethe einen Schritt zurück, ging aber bald wieder auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die er herzlich drückte. Sie ging. Gleich darauf begab ſich Paul in das hintere Zimmer und ſprach zum harrenden Greiſe: „Nun, alter Freund, führe mich an das Grab meines Vaters!“ 11. Am folgenden Morgen erwachten die Bewohner des Schloſ⸗ ſes Auray, von den verſchiedenſten Intereſſen bewegt; es ſollte für alle ein entſcheidender Tag ſein. Die Marquiſe, unſern Leſern zwar nicht als eine boshafte, aber doch ſehr hochfahrende Frau bekannt, hoffte das Ende ihrer ſtets neuen Angſt zu finden, denn es lag ihr ſehr am Herzen in den Augen ihrer Kinder jenen fleckenloſen Ruf zu erhalten, deſſen Behauptung ihr ſo theuer zu ſtehen kam. Für ſie war Le ciour ein in jeder Hinſicht paſſender Schwiegerſohn; denn einmal war er von guter Familie, dann nahm er ihre Tochter mit in die — ——— —— hloß ißes ing ie er l in ines loſ⸗ ollte fte, hrer nin ſſen our war die — der nordamerikaniſche Freibenter. 115 Ferne und endlich verſchaffte er auch ihrem Sohne ein Regiment. Waren aber ihre Kinder aus dem Hauſe, ſo konnte ihr Erſtge⸗ borner immer kommen, man fand durch Geld oder Ueberredung ſchon Mittel das Geheimniß unſchädlich zu machen. Sie unter⸗ ſtützte demnach Lectour's Andringen und Mannel's Ehrgeiz auf alle Weiſe. Der junge Graf, an ſich ſo wenig bös, daß er ſich durch die Thränen ſeiner Schweſter dann und wann wirklich rühren ließ, wünſchte doch zu ſehr in geſchmackvoller Uniform an der Spitze eines Regiments zu glänzen, als daß er Margarethens Liebe zu Luſignan nicht gernje eher deſto lieber hätte verſchwin⸗ den ſehen mögen; auch glaubte er in der That, daß die ihr jetzt ge⸗ ſchlagene Wunde binnen Jahresfriſt völlig geheilt ſein werde. Margarethe ſelbſt, dieſes beklagenswerthe Opfer einer ſchuldbeladenen Mutter und eines ehrgeizigen Bruders, konnte ſich des Gefühls nicht erwehren, daß der freundliche gemüthvolle Jüngling, welcher ihr in Ach ard's Hauſe Luſignan's Grüße gebracht hatte, ihr von der ſchützenden Gottheit ſelbſt zugeſandt worden ſei. Gleichwohl konnte ſie nicht ergründen, welche Macht er über ihre Mutter ausüben könnte, und ſie kam zuletzt wieder auf den troſtloſen Gedanken, daß nur der Tod ihrem Unglück ein Ende zu machen vermöge. Nur der Marquis, welcher ſeit dem Augenblicke, wo er die Vernunft verlor, für alle Ereigniſſe der Außenwelt abgeſtumpft 8 1 Paul Jones geblieben war und nichts weiter ſprach als die letzten Worte des Grafen von Morlaix, hatte keine Ahnung von den Aufregungen, welche im ganzen Hauſe herrſchten. Wohl geſchah auch mit ihm an dieſem Morgen etwas Ungewöhnliches, nämlich ſtatt der Mar⸗ quiſe erſchien ein Kammerdiener um ihn anzukleiden, ferner kam ſeine Frau, gab ihm eine Feder in die Hand und befahl ihm, er möge verſuchen ſeinen Namen zu ſchreiben. Dies alles aber hatte ihn ſeiner Gleichgültigkeit nicht zu entreißen vermocht. Um 3 Uhr Nachmittags rollte ein Poſtwagen über den Schloßhof. Leetour ſprang heraus und ward von ſeinem zu⸗ künftigen Schwager ſehr freundlich empfangen. Er hatte ſich auf der letzten Station umgekleidet und ſah wirklich recht elegant aus. „Geſtatten Sie mir, lieber Baron,“ ſagte Manuel ihn nach der Schloßtreppe führend,„daß ich Ihnen im Schloſſe mei⸗ ner Väter die Honneurs mache, da die Damen noch nicht hier ſind Ah ſagte Leeon „Bemerken Sie hier,“ fuhr Manuel fort, oben auf der Treppe ſtehen bleibend und ihm die Thürmchen und Baſtionen zeigend,„die Architectur aus den Zeiten Philipp Auguſt's und die Decorationen aus denen Heinrich's IV.“ „Eine prächtige Feſtung, auf Ehre!“ erwiederte der Baron; 4 „wenn mirje die Luſt ankommen könnte gegen ſeine allerchriſtlichſte Majeſtät zu rebelliren, ſo würde ich Sie bitten mir dieſes Kleinod des en, hm am er itte den zu⸗ auf us. ihn ei⸗ hier der nen ſe n; hſte nod der nordamerikaniſche Freibeuter. 115 zu leihen und dazu(hierbei zeigte er auf die Familienbilder der Galerie, welche ſie eben durchſchritten) auch die Garniſon!“ „Es ſind 33 Ahnen,“ antwortete Manuel nicht ohne Stolz. „Aeußerſt achtenswerth!“ ſprach Lectour. „Dennoch wünſche ich nicht mein Leben in dieſer Geſell⸗ ſchaft zu beſchließen, wenn ſie auch noch ſo auserleſen ſein mag; ich hoffe, Baron, daß Sie das Ihrige beigetragen haben mich derſelben zu entziehen.“ „Gewiß, beſter Graf,“ verſetzte Lectour, dieſem nach dem für ihn beſtimmten Zimmer folgend;„ich wollte Ihnen ſelbſt Ihre Beſtallung gleich mitbringen; es war nämlich eine Stelle bei dem Dragrenerregimente der Königin vacant; gleich ging ich zu Herrn Maurepas, um für Sie darum anzuhalten; da hatte aber der Teufel eine Art von Piraten, der irgend einmal glücklich gegen die Engländer gefochten haben mag, zu den beiden Majeſtäten geführt, die den Menſchen wie einen Edelmann von 30 Ahnen mit dem militäriſchen Verdienſtorden und einem goldnen Degen beſchenkt haben. Der hat einen von ſeinen Freunden eingeſchwärzt. Aber was jetzt nicht ging, muß ſpäter gehen.“ „Ich werde Ihnen ſehr verbunden ſein.. Doch,“ fuhr Manuel fort, um dem Geſpräche eine andre Wendung zu ge⸗ ben,„wie konnten Sie ſich von Ihren vielfachen Verbindlichkeiten losmachen?“ 3. 116 Paul Jones „Ja nun,“ ſagte der Baron ſich nachläſſig auf's Sopha ſtreckend(denn ſie befanden ſich jetzt in dem für ihn beſtimmten Ge⸗ mach),„ich habe ganz naiv erklärt, daß ich mich verheirathen würde.“ „Haben Sie auch geſagt, daß Sie eine Frau aus der Nie⸗ derbretagne heimführten?“ „Alles, alles! Man lächelte freilich und mochte damit an⸗ deuten wollen, daß ich etwas Stammhaftes mit nach Paris brin⸗ gen würde... aber Sie haben mir geſagt, Manuel, daß Ihre Schweſter.. „Ich werde ſie Ihnen vorſtellen!“ ſagte der junge Graf mit zuverſichtlichem Lächeln. „Da wird ſich die arme Frau von Chaule freilich ärgern; doch ſie muß ſich tröſten. Was giebt's? unterbrach ſich Lee⸗ tour gegen einen Bedienten gewendet, welcher ſo eben eingetre⸗ ten war. „Was giebts?“ wiederholte der Graf. „Fräulein Margarethe von Auray läßt den Herrn Baron von Leetour um die Ehre einer Unterredung erſuchen.“ „Mich?“ ſagte Lect.our ſich erhebend;„ei, mit dem größten Vergnügen!“ „Ah,“ rief Manuel vortretend,„hier waltet wohl ein Irrthum ob, Cöleſtin!“ „Ich habe die Ehre dem Herrn Grafen die Verſicherung zu — der nordamerikaniſche Freibeuter. 117 geben,“ ſagte der Kammerdiener,„daß ich den erhaltenen Befehl von Wort zu Wort ausgerichtet habe.“ „Es kann nicht ſein,“ ſagte Manuel ganz unruhig; „laſſen Sie mich erſt mit ihr ſprechen, Baron i „Nein, nein!“ antwortete dieſer,„ich werde mich um ſo etwas nicht zweimal erſuchen laſſen... Höre, Cbleſtin, ſage meiner ſchönen Braut, ich würde mich ihr zu Füßen werfen, nur möchte ſie beſtimmen, ob ich ſie aufſuchen oder hier erwarten ſoll. Hier etwas für Deine Botſchaft!“ Bei dieſen Worten drückte er ihm eine Börſe in die Hand...„Und Sie, Graf, werden mir doch ſo viel Vertrauen ſchenken, daß ich mich unter vier Augen mit ihr unterhalten darf.“ „Ja, aber es will ſich nur auf keine Weiſe thun laſſen!“ „Ei, warum nicht?“ verſetzte Lectour;„bin ich doch kein gekröntes Haupt, um mich nach einem Portrait oder mit Procuration zu verheirathen. Hören Sie, Manuel, ſagen Sie mir alles offen.. iſt ſie vielleicht bucklich?“ „Ach, Gott bewahre!“ rief der Graf;„ſie iſt vielmehr ſchön wie ein Engel.“ „Nun dann begreife ich nicht, was Sie eigentlich wollen...“ „Ich muß Ihnen ſagen, daß meine Schweſter durchaus keinen Begriff von der Welt hat; ſie iſt im Stande alles vernich⸗ ten zu wollen was wir beſchloſſen haben.“ „O wenn's weiter nichts iſt,“ ſagte⸗Lectour mit großer 118 Paul Jones Zuverſicht, den Grafen nach einer Seitenthür drängend, um ihn aus dem Zimmer zu entfernen,„da laſſen Sie mich nur machen; es müßte nicht gut ſein, wenn Fräulein Margarethe von Auray nicht in 3 Tagen Baroneſſe von Lectour und Graf Manuel von Auray nicht der Commandant eines Regiments wäre!“ Dieſes Verſprechen ſchien den Grafen einigermaßen zu be⸗ ruhigen, ſo daß er wirklich ohne weitere Schwierigkeiten in das Nebenzimmer eintrat. Leetour machte ſich vor dem Spiegel ſchnell die Toilette ein wenig. Kaum war er damit zu Stande gekommen, als Cöleſtin das Fräulein anmeldete. Der Baron drehte ſich um und ſah ein bleiches zitterndes Mädchen auf der Schwelle ſtehen. Er war erſtaunt über das zarte anmuthige Weſen, das ihm bald ſo nahe ſtehen ſollte. Mit ehr⸗ furchtsvoller Freimüthigkeit ſchritt er auf ſie zu und ſagte: „Ich bitte um Vetzeihung, mein Fränlein; mir kam es zu, um die Gunſt anzuhalten, welche Sie mir gewähren, und nur meine Beſorgniß unbeſcheiden zu erſcheinen iſt Schuld daran, daß ich mir habe zuvorkommen laſſen.“ Bei dieſen Worten bot er ihr die Hand, um ſie an einen Seſſel zu führen. Sie aber nahm es nicht an, ſondern blieb im Zimmer ſtehen und ſprach mit beben⸗ der Stimme: „Ich bin Ihnen ſehr verbunden für dieſen Zartſinn, wel⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 119 cher mir Muth macht, mich im Vertrauen auf Ihre Rechtlichkeit offen auszuſprechen.“ „Ich werde mich Ihres Vertrauens würdig zu machen ſuchen... Aber, mein Fräulein, iſt Ihnen nicht wohl? Sie zit⸗ tern! Mein Himmel, was fehlt Ihnen?““ „Nichts, Herr Baron, nichts!“ erwiederte das todtbleiche Mädchen, indem ſie ihre Aufregung zu unterdrücken ſuchte;„aber ich hatte Ihnen zu ſagen. ach mein Gott! ich bin nicht Herrin genug über mich...“ Sie ſchwankte; der Baron eilte auf ſie zu, um ſie zu unter⸗ ſtützen; aber kaum fühlte ſie die Berührung ſeiner Hand, als ſie über und über roth wurde und ihren Arm loszumachen ſuchte Lectour führte ſie an der Hand nach dem Seſſel, an welchen ſie ſich lehnte, ohne ſich zum Niederſetzen bewegen zu laſſen. „Mein Gott!“ ſagte der Baron, ſie immer noch bei der Hand haltend,„es ſcheint ſich ſchwer von Ihrer Seele zu löſen was Sie mir zu ſagen haben.“ Bevor Margarethe antwortete, machte ſie einen neuen Verſuch ihm ihre Hand zu entziehen. Bei dieſer Gelegenheit blickte Lectvur auf die letztere und rief: „Iſt es noch nicht genug an dem Wuchſe einer Fee, an einer anbetungswürdigen Geſtalt!.. auch noch reizende Hände, auch noch die Hände einer Königin!“ „Ich bitte, Herr Baron,“ ſagte Margarethe, ihm ihre 120 Paul Jones Hand mit Gewalt entreißend;„unterlaſſen Sie ſolche Lobeser⸗ hebungen!“ „Wer könnte ſich deren enthalten beim Anblick.. „Laſſen Sie, laſſen Sie!“ rief Margarethe beklommen, „ich wollte Ihnen die Frage vorlegen, ob Sie die Ehe für etwas Ernſtes halten.. „Ah, für Ernſt und für Scherz, je nachdem!“ „Ich halte ſie niemals für das Letztere. Was würden Sie nun ſagen, wenn ich mein Herz geprüft und gefunden hätte, daß ich den niemals lieben könnte, welchen man mir zum Gatten geben „Ja, dann ſollten Sie es ihm wenigſtens nicht ſagen!“ „Ei warum denn nicht, Herr Baron?“ „I nun, weil.. weil das gar zu naiv herauskommen würde!“ „Wenn es aber nun von meiner Seite nicht Naivität, ſon⸗ dern Zartgefühl wäre, was mir den Mund öffnet, wenn ich nun hinzuzuſetzen mich genöthigt ſähe, daß ich geliebt habe, daß ich noch liebe.. „Ah, ah!“ ſagte Leetour lachend und mit ſeinem Buſen⸗ ſtreif ſpielend,„Sie haben gewiß ein Auge auf irgend einen klei⸗ nen Couſin? Ei nun, das kommt ja alle Tage vor, das hat man bei jeder Penſionärin... „Von einer ſolchen kindiſchen Neigung wollte 6 nicht zu en der nordamerikaniſche Freibeuter. 12¹ dem Manne ſprechen, der mich mit ſeinem Namen und ſeiner Hand zu beehren geſonnen iſt; ich konnte nur die tiefe und ernſte Liebe meinen, welche das Herz für alle Ewigkeiten erfüllt.“ „O was!“ rief Lectour etwas weniger nachläſſig,„das wäre ja eine Art von Schäferroman! Doch laſſen Sie hören, iſt es denn ein anſtändiger junger Mann?“ „O, mein Herr!“ ſagte Margarethe,„es iſt die treueſte Seele von der Welt... „Ich meine ob er von Familie, von altem Adel iſt?“ „Sein früh verſtorbener Vater war Hofrath zu Rennes.. „Alſo Magiſtratsadel!“ murmelte Lectour verächtlich; „vermuthlich Militär?“ „Allerdings.“ „Nun, ſo ſucht man für ihn ein Regiment und die Sache iſt abgemacht.“. „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Baron!“ ſprach Marg a⸗ rethe erſtannt. „Nun, mir kommt es ganz deutlich vor. Der junge Mann wird mit dem zuftieden ſein was man ihm bietet, während wir unſte Hochzeit feiern. Nach einem halben Jahre laſſen Sie ſich den Ofſicier durch einen Freund vorſtellen.. „Ah, mein Herr!“ rief Margarethe auf den Seſſel ſinkend,„wie verächtlich muß ich ſein, wenn man mich ſo zu be⸗ leidigen wagt!“ Das arme Mädchen war einer Ohnmacht nahe. 192 Paul Jones „Manuel, Manuel!“ rief der Baron die Nebenthür öffnend und den Grafen herein winkend,„kommen Sie doch zu Hülfe, mein Liebſter, Ihre Schweſter hat Krämpfe! Hier iſt mein Flacon! Ich werde mich einſtweilen im Parke ergehen. Kommen Sie bald nach, um mir Nachrichten von Ihrer Schweſter zu bringen!“ Nach dieſen Worten entfernte ſich der Baron, die beiden Geſchwiſtet allein im Saale zurücklaſſend. 12. Um vier Uhr ward der Baron von Lectour durch einen Bedienten zur Mittagstafel geladen. Da die Marquiſe bei ihrem Gemahl geblieben und auch Margarethe nicht erſchienen war, ſo machte Manuel die Honneurs. Die übrigen Gäſte waren Verwandte nebſt dem Notar und den Zeugen. Zwar bot der Baron alles auf, um die Geſellſchaft in gute Laune zu bringen, allein es gelang ihm nicht. Um 7 Uhr ſtand man von der Tafel auf, um ſich in den Salon zu begeben. Mitten in dieſem alterthümlichen mit Geräthen aus Lud⸗ wig's XIII. Zeit erfüllten Saal, der durch eine große Menge Kerzen kaum erhellt wurde, ſtand ein feſtlich geſchmückter Tiſch mit einer großen verſchloſſenen Mappe, worin der Unkundige eb ne h nge iſch ige der nordamerikaniſche Freibeuter. 125 ebenſo gut ein Todesurtheil als einen Ehecontract vermuthen konnte. Die Stille ward bloß dann und wann durch ein hämi⸗ ſches Gelächter unterbrochen, indem ſich Lectour über einige an⸗ weſende Landjunker luſtig machte. Da weder die Braut noch die Schwiegereltern erſcheinen wollten, ſo machte ſich Mannel eben bereit zu ſeiner Schweſter hinauf zu gehen, als ihn der Varon zu ſich winkte. Lectvur zwang auf dieſe Weiſe ſeinen Wirth, die Späße mit anzuhören, welche er auf Koſten der Gutsnachbarn zu machen beliebte, indem er den einen wegen ſei⸗ ner Jagden, den andern wegen ſeiner Reiſen ſchraubte. Plötzlich trat ein Bedienter an die beiden jungen Männer heran und meldete Herrn Paul. „Was?“ rief Manuel ſich umſehend. „Wer iſt das?“ fragte Lectour;„auch ſo ein allerliebſter Gutsnachbar?“ fügte er hinzu, nach dem Ohre des Grafen hin⸗ geneigt. „Nein, mit dem verhält ſich's anders!“ ſagte Manuel ganz unruhig;„wie ſich nur der Menſch unterſtehen kann hier⸗ her zu kommen!“ „Aha, ich merke.. ein Bürgerlicher!... ſchadet nichts, wenn er nur reich, jung oder ein tüchtiger Künſtler iſt...“ „Sie irren ſich, Lectourz er iſt das alles nicht, ſondern vielmehr ein Mann, mit dem ich etwas allein zu beſprechen habe. 124 Paul Jones Wir wollen den Jäger und den Reiſenden auf irgend eine Weiſe zu beſchäftigen ſuchen, damit ich die nöthige Zeit gewinne.“ Während die beiden jungen Leute mit den genannten Guts⸗ nachbarn zu andern Gäſten traten, ſtand Paul in einem Neben⸗ zimmer und blickte aufmerkſam nach den Thüren deſſelben, als ob er jemanden erwartete. Bald that ſich auch in der That die Thüre des Bibliothekſaales auf und es zeigte ſich eine weiße Ge⸗ ſtalt, auf die er zuſchritt. „Sind Sie es, Margarethe?“ fragte er. „Ja,“ antwortete eine zitternde Stimme. „Nun?“ „Ich habe ihm alles geſagt.“ und zehn Minuten ſoll der Contract unterſchrieben wer⸗ den!“ „Ich habe mir's gedacht! Er iſt ein Elender!“ „Was iſt aber jetzt zu thun?“ rief das Mädchen. „Nur den Muth nicht verloren, Margarethe!“ „Ich habe keinen mehr!“* „Hier haben Sie etwas, das wird Sie wieder ermuthigen!“ ſagte Paul ihr ein Billet überreichend. „Was enthält dieſer Brief?“ „Die Namen des Dorfs und der Frau, wo Sie Srn Sehn wiederfinden werden.“ ni ar u wer⸗ en!“ hren der nordamerikaniſche Freibeuter. 123 „Meinen Sohn? O, Sie ſind mein guter Engel!“ rief Margarethe, indem ſie ſich niederbeugte, um ihm die Hand zu küſſen. „Still, ſtill! es kommt jemand!“ ſagte Paul ſie fort⸗ ziehend;„was auch geſchehen mag, Sie finden mich bei Achard!“ Margarethe eilte in die Bibliothek zurück, da ſie ihren Pruder kommen hörte. Paul ging ihm entgegen. Nahe am Tiſche trafen ſie zuſammen. „Ich erwartete Sie zu einer andern Zeit und in einer we⸗ niger zahlreichen Geſellſchaft, mein Herr!“ ſagte der Graf. „Indeſſen ſcheint es mir doch, als ob wir allein wären,“ antwortete Paul ſich umſehend. „Ja, aber ſo eben ſoll der Contract unterſchrieben werden und die Augenblicke ſind koſtbar.“ „Man kann in kurzer Zeit viel ſagen.“ „Sehr richtig, dann muß man aber auch einen Mann vor ſich haben, dem man ſich in kurzer Zeit verſtändlich machen n „Sprechen Sie nur!“ ſagte Paul. „Sie haben mir von Briefen geſagt!“ begann Manuel leiſer und dem Fremden näher tretend. „Das iſt wahr!“ erwiederte Paul ruhig. „Sie haben einen Preis für dieſe Briefe gefordert?“ . —— —— — 126 Paul Jones „Das iſt gleichfalls wahr!“ „Sehr wohl; wenn Sie nun ein Mann von Ehre ſind, ſo werden Sie mir dieſe Briefe für die beſtimmte Summe zuſtel⸗ len, die ſich hier in dieſem Portefeuille befindet.“ „Ja, Herr Graf,“ erwiederte Paul,„dies alles war rich⸗ tig, ſo lange ich glauben mußte, Ihre Schweſter ſei uneingedenk geſchworner Eide und habe ihr Kind vergeſſen. Jetzt hat ſich das alles geändert. Sie haben Ihrer Schweſter kein Gehör geſchenkt, und ſo iſt es denn jetzt an mir eine Mutter vor Verzweiflung zu retten. Sie werden dieſe Briefe erſt dann zurückerhalten, wenn wir auf dieſem Tiſche hier den Ehecontract des Fräuleins Mar⸗ garethe von Auray mit dem Herrn Anatole von Luſig⸗ nan unterſchrieben haben.. „Das wird nie geſchehen!“ „Dann erhalten Sie die Briefe nicht!“ „Es wird Mittel geben Sie zur Herausgabe derſelben zu zwingen.“ „Ich kenne keins,“ verſetzte Paul kalt. „Werden Sie mir die Briefe zurückgeben, mein Herr?“ „Hören Sie mich an, Graf!“ ſagte Paul, den Jüng⸗ ling mit einer dieſem unerklärlichen Miene betrachtend. „Werden Sie mir die Briefe zurückgeben, mein Herr?“ „Graß „Ja oder nein!“ 5 ind, ſtel⸗ tich⸗ denk das nkt, g zu venn ar⸗ ſig⸗ n zu üng⸗ der nordamerikaniſche Freibeuter. 127 „Nur zwei Worte... „Ja oder nein!“ „Nein!“ ſagte Paul mit ſeiner gewöhnlichen Kaltblü⸗ tigkeit. „Schön, mein Herr! Sie haben ſo gut wie ich einen Degen an der Seite. Wir ſind Beide von Adel... oder ich will annehmen, daß Sie es ſind. Wir werden einen Gang thun. Wer von uns übrig bleibt, wird dann freie Hand haben.“ „Ich bedaure, Herr Graf, Ihren Antrag ablehnen zu müſſen.“ „Wie? Sie tragen dieſe Uniform und dieſes Kreuz, Sie haben einen Degen an der Seite und ſchlagen einen Zweikampf aus?“ „Ja, Manuel, ich ſchlage ihn aus!“ „Warum, wenn ich fragen darf?“ „Weil ich mich mit Ihnen nicht ſchlagen kann. Glauben Sie mir das!““ „Sie können ſich mit mir nicht ſchlagen?“ „Nein, auf Ehre nicht!“ Hier ward die Unterhaltung der beiden jungen Männer durch ein lautes Gelächter unterbrochen, welches hinter ihrem Rücken erſcholl. Sie ſahen ſich um und erblickten den Baron Lectour. „Mit dem da aber,“ fuhr Paul fort, die Hand nach dem „ 128 Paul Jones Lacher ausſtreckend,„mit dem kann ich mich ſchlagen; der iſt ein Elender, ein Nichtswürdiger!“ Lectour ward feuerroth im Geſicht, trat einen Schritt auf Paul zu und ſagte: „Sehr wohl, mein Herr, ſchicken Sie Ihren Seeundanten nur zum Grafen; ſo wird die Sache ſchon arrangirt!“ „Und was uns betrifft,“ ſagte Manuel zu Paul,„ſo iſt die Sache natürlich bloß aufgeſchoben.“ „Still!“ ſagte Paul,„man meldet Ihre Mutter an!“ „Ja, ich werde ſtill ſein bis morgen!“ erwiederte Ma⸗ nuel;„kommen Sie zum Empfang meiner Mutter, Leetour!“ Paul blickte den beiden jungen Leuten ſchweigend nach und ging dann in ein ihm ſchon bekanntes Cabinet. 13. Paul hatte kaum die Thüre des Salons wieder zugemacht, als die Marquiſe in ihrer Trauerkleidung mit Notar und Zeugen eintrat. Gleich hinter ihr kam ihr Gemahl, den niemand von den Anweſenden, ſelbſt nicht ſein Sohn, ſeit mehrern Jahren geſehen hatte. Die Dame wollte den Ehecontract ihrer Tochter nicht ohne die Unterſchrift des Familienhauptes machen laſſen, in en der nordamerikaniſche Freibeuter. 129 obiich der Mann völlig ohne Verſtand war. Nachdem man ſich ehrfuichtsvol vor ihr verneigt hatte, ſprach ſie zur anweſenden Geſellſchaft „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, meine Herren, daß Sie mir die Ehre erzeigen der Verlobung des Fräuleins Marga⸗ rethe von Auray mit dem Herrn Baron von Lectour bei⸗ wohnen zu wollen. Auch wünſchte ich, daß der Marquis, wie leidend er auch ſein möge, wenn auch nicht durch Worte doch durch ſeine Gegenwart den Ihnen gebührenden Dank ausſpreche. Sie kennen ſeine Lage und werden ſich daher nicht wundern, wenn etwa einige unzuſammenhängende Reden* „Ja, gnädigſte Frau,“ fiel ihr Lectour in's Wort,„wir kennen das Unglück welches ihn betroffen hat, wir bewundern die pflichtgetreue Gemahlin, welche ſeit 20 Jahren die Hälfte dieſes Unglücks trägt.“ „Sie ſehen, gnädige Frau,“ ſagte Manuel ihr die Hand küſſend,„wie ſehr alle Welt Ihre Frömmigkeit ehrt.“ „Wo iſt Margarethe?“ fragte ſie ihren Sohn heimlich. „Sie war vor kurzem hier,“ erwiederte Manuel ebenſo. „Laſſen Sie ſie herbeikommen!“ flüſterte die Marquiſe, während ein Bedienter hereinrief: „Der Marquis von Auray!“ Alles ſchwieg. Von zwei Dienern unterſtützt ſchritt der Marquis herein. Trotz den Spuren des Leidens in ſeinem Ge⸗ 9 —— 15⁰ Paul Jones ſicht bewahrte der Greis noch die würdige Haltung des Adels, die ihn einſt als Höfling ſo ſehr ausgezeichnet hatte. Seine großen fieberhaft glänzenden Augen ſchweiften mit einem Aus⸗ druck der Verwunderung über die verſammelten Menſchen. Die beiden Diener ließen ihn auf einen Seſſel nieder und die Mar⸗ quiſe nahm zu ſeiner Rechten Platz. Gleich darauf nahm der No⸗ tar den Contreat aus der Mappe und las ihn vor. Der Marquis und ſeine Gemahlin beſcheinigten dem Baron von Lectour den Beſitz von 500,000 Franes und beſtimmten dieſelbe Summe zur Mitgift für Margarethen. Die Marquiſe war nicht ſo gleichgültig als ſie zu ſein ſchien. Nach vollendeter Vorleſung des Contracts flüſterte ſie ihrem Sohne Manuel wieder zu: „Was wird Margarethe thun?“ „Sie wird mir folgen!“ antwortete der Graf ebenfalls leiſe. „Gnädige Frau!“ flehte Margarethe mit gefalteten Händen. Die Marquiſe ſtellte ſich als hätte ſie dieſen Ausruf nicht gehört und ſagte auf die Feder zeigend: „Das Unterſchreiben iſt an Ihnen, Herr Baron!“ Leetvur trat an den Tiſch und unterſchrieb. Marga⸗ rethe aber ging einen Schritt nach ihrer Mutter zu und ſagte mit bittender Stimme zum zweiten Male: „Gnädigſte Frau!“ 3 — v te der nordamerikaniſche Freibeuter. 154 „Reichen Sie Ihrer Braut die Feder, Herr von Lectour!“ ſagte die Marquiſe. Der Baron ging um den Tiſch herum und näherte ſich dem bleichen Mädchen. Dieſe aber rief zum dritten Male mit thränen⸗ erſtickter Stimme: „Gnädige Frau!“ Bei dieſem Anblick waren alle Anweſende innig ergriffen und ſelbſt der Marquis erhob den Kopf ein wenig; aber ſeine Gemahlin zeigte mit dem Finger auf den Contract und ſprach: „Unterſchreibe!“ „O mein Vater, mein Vater!“ ſchrie jetzt Margarethe und warf ſich dem Greiſe zu Füßen. „Was beginnſt Du?“ ſagte die Marquiſe laut und flüſterte dann ihrer Tochter zu:„Biſt Du wahnſinnig, Mädchen?“ „Mein Vater, o mein Vater!“ ſchrie Margarethe noch lauter und ſchloß ihn in die Arme,„haben Sie Erbarmen, retten Sie Ihre Tochter!“ „Margarethe!“ raunte ihr die Marquiſe mit ſchrecklich drohendem Blicke zu. „O laſſen Sie mich meinen Vater anflehen, da ich mich nicht an Sie ſelbſt wenden darf, wenn Sie es nicht vorziehen (ierbei zeigte ſie mit entſchloſſener Miene auf den Notar) die Hülfe des Geſetzes anrufen zu laſſen!“ „Ah, Du bereiteſt uns da eine Familienſcene!“ ſagte die 9* 1352 Paul Jones Marquiſe mit höhniſchem Lachen aufſtehend;„was für Groß⸗ eltern ſehr rührend ſein mag, iſt für Freunde gemeiniglich ſehr läſtig. Meine Herren, es ſtehen Erfriſchungen bereit. Mache die Honneurs, mein Sohn! Sie werden verzeihen...“ Manuel und Lectour verbeugten ſich, gingen ſchwei⸗ gend ab und alle Gäſte folgten ihnen. Sowie der letzte hinaus war, machte ſie die Thüren zu, kehrte zum Marquis zurück, den Margarethe noch umfaßt hielt, und ſprach zu dieſer: „Da jetzt niemand weiter da iſt, als wer Dir zu gebieten das Recht hat, ſo unterſchreibe oder geh Deiner Wege!“ „O gnädige Frau, Erbarmen!“ rief Margarethe; „verlangen Sie von mir keine Ehrloſigkeit!“ „Du haſt mich nicht verſtanden! Ich muß Dir alſo wieder⸗ holen: Unterſchreibe oder geh Deiner Wege!“ ſagte die Mar⸗ quiſe gebieteriſch. Ihre Tochter aber rief wie außer ſich: „O mein Vater, mein Vater! Ich will mich nicht aus den Armen eines Vaters reißen, den ich ſeit 10 Jahren zum erſten Male wiederſehe, ohne daß er mich erkennt und an ſeine Bruſt drückt. Vater, ich bin's, Deine Tochter!“ „Was iſt das für eine weinende Stimme, die mich anfleht? Was iſt das für ein Kind, das mich Vater nennt?“ murmelte der Marquis dumpf. „Dieſe Stimme,“ nahm die Marquiſe das Wort, indem ſie verſuchte ihre Tochter am Arme wegzuziehen,„dies iſt eine en der nordamerikaniſche Freibeuter. 155 Stimme, die ſich gegen die Rechte der Natur erhebt, dieſes Kind iſt eine rebelliſche Tochter!“ „Mein Vater!“ ſchrie Marg arethe„ſieh mich nur an! Ich bin Margarethe, Deine Tochter! Vertheidige, rette mich!“ „SGm, Margarethe!“ ſagte der Greis,„ich hatte einſt ein Kind dieſes Namens!“ „Ich bin's, ich bin's!“ rief Margarethe auf's neue, „ich bin Ihr Kind, ich bin Ihre Tochter!“ „Nur die ſind Kinder, welche gehorchen!“ ſagte die Mar⸗ quiſe;„gehorche, dann kannſt Du Dich mit Recht unſre Toch⸗ ter nennen!“ „O ja, Ihnen, mein Vater, will ich gehorchen! Sie wer⸗ den mir nicht befehlen unglücklich zu ſein!“ „Komm, komm in meine Arme!“ ſagte der Marquis ſie an ſeine Bruſt drückend;„ach ein ſüßes unbekanntes Gefühl er⸗ greift mich!. und jetzt.. warte, warte!(bei dieſen Worten legte er die Hand an die Stirn) mich dünkt, ich erinnere mich...“ „Marquis!“ rief ihm ſeine Gemahlin zu,„ſagen Sie dem Kinde, daß es gehorchen muß, weil Gott rebelliſche Kinder verflucht...“ „Halt!“ ſagte der Marquis, hob langſam das Haupt empor, ſah ſeine Gemahlin mit glühenden Blicken an und fuhr dann fort: 154 Paul Jones „Nehmen Sie ſich in Acht, Madame! Ich habe Ihnen geſagt, daß ich anfange mich zu erinnern!“ Nach dieſen Worten ſenkte er ſeine Stirn auf die ſeiner Tochter, ſo daß ſich ſeine grauen Locken mit den ſchwarzen Margarethens vermiſchten. In dieſer Stellung flüſterte er ihr zu: „Rede, meine Tochter! Sage mir, was Dir fehlt, mein Kind!“ „Ach, ich bin ſehr unglücklich!“ „Iſt denn alles unglücklich in der Welt! Kind und Greis, ſchwarze und weiße Haare! Ach, ich bin auch ſehr unglücklich!“ „Marquis,“ ſagte ſeine Gemahlin zu ihm,„gehen Sie wie⸗ der auf Ihr Zimmer hinauf!“ „Ja, wohl um wieder mit Ihnen allein zu ſein, und ein⸗ geſperrt wie ein Gefangener?...“ „Ja, mein Vater, Sie haben Recht!“ ſagte Murza rethe;„meine Mutter weiht ſich Ihnen lange genug; ven heute an will ich bei Ihnen bleiben, Sie weder Tag noch Nacht verlaſſen, Sie auf meinen Knien bedienen!“ „Und dazu würdeſt Du den Muth haben?“ „Ja, ſo wahr ich Ihre Tochter bin! „Wenn Du meine Tochter biſt, warum habe ich ſeit 10 Jahren nicht geſehen?“ n ſeit der nordamerikaniſche Freibeuter. 155 „Weil man mir geſagt hat, Sie wollten mich nicht ſehen, Sie liebten mich nicht, mein Vater!“ „Man hat Dir geſagt, ich wollte Dich nicht ſehen, Du Engelsantlitz!“ rief der Marquis, ihren Kopf mit beiden Händen liebevoll umfaſſend;„das hat man Dir geſagt? Man hat Dir geſagt, daß ein armer Verdammter den Himmel nicht ſehen will, daß ein Vater ſein Kind nicht ſehen will, daß ein Vater ſein Kind nicht liebt?“ „Ich habe es geſagt!“ ſprach die Margquiſe, indem ſie auf's neue verſuchte Margarethen aus ſeinen Armen zu reißen. „Sie!“ rief der Marquis;„ſo müſſen denn alle meine Schmerzen von Ihnen herkommen! Wenn Sie vor 20 Jahren das Herz des Gatten brachen, ſo müſſen Sie jetzt auch das Vater⸗ herz brechen?“ „Sie ſind wahnſinnig, Marquis!“ rief ſie ihre Tochter los⸗ laſſend und ihm entgegentretend;„ſchweigen Sie!“ „Nein, Madame, ich bin nicht wahnſinnig und gedenke auch nicht zu ſchweigen! Ich ſage Ihnen vielmehr, daß ich zwiſchen einem Engel ſtehe, der mich zur Vernunft zurückführt, und einem Teufel, der mich wahnſinnig macht!“ Bei dieſen Worten hob er ſich im Seſſel empor und ſagte mit großem Ausdruck zu ſeiner Gemahlin:„Muß ich Ihnen den Brief, muß ich Ihnen das Duell in's Gedächtniß zurückrufen?“ 156 Paul Jones „Aber ich ſage Ihnen,“ ſagte die Marquiſe ihn am Arme faſſend,„daß Sie mehr als je von Gott verlaſſen ſind, wenn Sie vor ſolchen Ohren von ſolchen Dingen ſprechen! Blicken Sie auf den Boden nieder und geben Sie zu, daß Sie wahn⸗ ſinnig ſind!“ „Sie haben Recht!“ ſagte er mit ſchwacher Stimme und in den Seſſel zurückfallend.„Die Mutter hat Recht,“ fuhr er gegen Margarethen gewendet fort;„ich bin wahnſinnig und Du mußt nicht glauben, was ich ſage, ſondern nur was Deine Mutter ſagt, Deine pflichtgetreue tugendhafte Mutter, die weder von Schlafloſigkeit und Gewiſſensbiſſen, noch vom Wahnſinn gequält wird!“ „Ach ſo muß ich denn ewig unglücklich werden, mein Va⸗ ter!“ ſchrie Margarethe. „Wie kann ich dies aber verhindern?“ ſagte der arme Greis mit zerriſſenem Herzen,„ich, der ich ſtets Blut aus einer Wunde guellen ſehe und ohne Unterlaß ein Grab reden höre!“ „O, mein Vater, Sie brauchen nur ein Wort zu ſagen, und ich bin gerettet! Man will mich verheirathen.“ Der Marquis warf den Kopf zurück. „Hören Sie mich an!“ fuhr Margarethe eifrig fort; „man will mir einen Mann aufzwingen, den ich nicht liebe! Er iſt ein Elender! Und Sie, mein Vater, hat man hierher vor t id nd ne er nn ne n, rt e der nordamerikaniſche Freibeuter. dieſen Tiſch gebracht, um einen niederträchtigen Contrart zu un⸗ terſchreiben! Es iſt dieſer hier.“ Bei dieſen Worten gab ſie ihm denſelben in die Hand. „Und dies thut man, ohne mich zu Rathe zu ziehen, ohne mich um meine Einwilligung zu fragen? Hält man mich für todt? Dieſe Heirath macht Dich unglücklich, glaubſt Du?“ „Für die ganze Lebenszeit!“ „Gut, ſo wird dieſe Heirath nicht ſtattfinden!“ „Ihr und mein Wort,“ rief die Marquiſe ungeduldig,„iſt bereits zum Pfande gegeben!“ „Dieſe Heirath wird nicht ſtattfinden!“ ſchrie der Marquis noch lauter als ſeine Gemahlin;„das laſſen Sie ſich geſagt ſein!“ Dann fuhr er langſam und in dumpfem Tone fort: „Welch eine Ehe, wenn das Weib den Mann nicht liebt! Das macht wahnſinnig... Ja, die Marquiſe hat mich ſtets geliebt! 1... Was mich wahnſinnig macht, iſt fteilich etwas Andres!“ In den Augen der Marquiſe flammte ein Blitz hölliſcher Freude, denn ſie glaubte den Wahnſinn ihres Gemahls wieder⸗ kehren zu ſehen... „Vernichtet ſei dieſer Contract!“ rief der Marquis und wollte ihn zerreißen; aber ſeine Gemahlin nahm ihm ſchnell das Document aus der Hand. „Was mich wahnſinnig macht,“ fuhr der Greis nun fort, 158 Paul Jones „das iſt ein Grab, welches ſich aufthut und ein Geſpenſt ans⸗ ſpeit, einen Geiſt mir entgegenſchickt, der zu mir ſagt...“ „Ihr Leben iſt in meiner Hand, ich könnte es Ihnen nehmen!“ flüſterte ihm die Marquiſe in's Ohr, indem ſie die Worte des ſterbenden Morlair wiederholte. „Hörſt Du, hörſt Du!“ ſchrie der Marquis am ganzen Leibe zitternd und wollte entfliechen. „Vater, Vater! beſinne Dich! Es iſt kein Geiſt, der dieſe Worte ſpricht... Es iſt die Marquiſe!“ „Aber ich will, daß Sie leben, damit Sie mir vergeben, wie ich Ihnen vergebe!“ vollendete die Marquiſe ihr begonnenes Werk. „Gnade, Gnade, Morlair!“ rief der Margquis im Seſſel zurückfallend und mit geſträubtem Haar, während ihm der Angſt⸗ ſchweiß auf die Stirne trat. „O mein Vater, mein Vater!““ „Du ſiehſt ja, daß er wahnſinnig iſt!“ ſagte die Mar⸗ quiſe triumphirend;„laß ihn gehen!““ „O meine Mutter, meine Thränen werden ihn wieder zur Vernunft bringen!“ rief Margarethe. „Mache den Verſuch!“ antwortete ihre Mutter kalt. „Mein Vater!“ rief ihm das Mädchen mit herzzereißender Stimme zu.“ „Marquis!“ fuhr ihn die Marquiſe an. 1 en, nes ſſel gſt⸗ kar⸗ zur der nordamerikaniſche Freibeuter. 159 „Ah, ah!“ ſtöhnte er zuſammenſchaudernd. „Mein Vater, o mein Vater!“ ſchrie Margarethe voll Verzweiflung;„zu mir, zu mir, mein Vater!“ „Faſſen Sie die Feder hier, um Ihren Namen zu ſchrei⸗ ben!“ ſagte die Marquiſe, ihm die Feder und den Contract vor⸗ legend;„Sie müſſen, ich will es!“ „Ach ich bin verloren!“ rief Margarethe, die ſich bei dieſem ſchauderhaften Kampfe nicht mehr aufrecht halten konnte. Schon hatte der Marquis die verhängnißvolle Feder in der Hand, da öffnete ſich plötzlich die Thüre des Cabinets und Pa ul trat ein, welcher unſichtbar dieſer Scene beigewohnt hatte. Schon aus der Ferne rief er: „Frau Marquiſe von Aurah, auf ein Wort, bevor dieſer Contract unterſchrieben wird!“ „Wer ruft mich?“ ſagte die Margquiſe, ſich nach der Thüre umwendend. „Ah, ich kenne dieſe Stimme!“ ſchrie der Marquis über und über bebend. Paul ſchritt bis unter den Kronleuchter vor. „Iſt es ein Geiſt?“ rief die Marquiſe, von der Aehnlich⸗ keit des Jünglings mit ihrem frühern Geliebten betroffen. „O ich kenne dieſes Geſicht!“ ſtöhnte der Marquis, welcher den zu ſehen glaubte, den er einſt im Zweikampfe getödtet hatte. „Mein Gott, mein Gott, ich erflehe deinen Schutz!“ rief 140 Paul Jones Margarethe niederkniend und die Hände zum Himmel er⸗ hebend. „Morlaix, Morlaix!“ ſchrie der Marquis ſich von ſeinem Seſſel erhebend und auf Paul zugehend,„Morlaix, Verzeihung, Gnade!“ und er fiel der Länge nach auf den Boden. „Mein Vater!“ rief Margarethe, ihm zu Hülfe eilend. Zugleich trat ein Bedienter in das Zimmer und rief der Marquiſe zu: „Gnädige Frau, Achard verlangt nach einem Arzt und nach einem Geiſtlichen. Er liegt im Sterben.“ Die Marquiſe zeigte auf den Daliegenden, den Marga⸗ rethe vergeblich wieder in's Leben zurückzurufen ſuchte, und ſprach zum Bedienten: „Sage ihm, daß Beide hier nöthig ſeien!“ 14. Am Schluſſe des vorigen Capitels ſahen wir den Marquis veim Anblick des jungen Paul, welcher das leibhafte Ebenbild ſeines Vaters war, leblos zu Boden ſtürzen, ſo daß ſich der Jüng⸗ ling über die ſchreckliche von ihm hervorgebrachte Wirkung ent⸗ ſetze. Der alte Ach ard war von der plötzlichen Freude faſt getödtet wo erfi fül ga der uis ild ng⸗ nt⸗ dtet der nordamerikaniſche Freibeuter. 141 worden, womit ihn das unverhoffte Wiederſehen des Jünglings etfüllt hatte. Am Tage vorher hatte er ſich ſchon ſchwächer ge⸗ fühlt, war aber gleichwohl noch an das Grab ſeines Herrn ge⸗ gangen, um dort ein inbrünſtiges Dankgebet gen Himmel zu ſen⸗ den. Aber mit den letzten Strahlen der Sonne waren auch ſeine Kräfte erloſchen; er war ohnmächtig auf's Grab geſunken. Der Diener aus dem Schloſſe, welcher ihn an dem bekannten Plätz⸗ chen aufgeſucht hatte, war nun eben mit der Botſchaft bei der Marquiſe erſchienen, die unter dem Vorwandte, daß der Geiſtliche und der Arzt hier ebenſo nöthig wären, die Hülfe verweigert hatte. Die Meldung des Bedienten war von Paul nicht überhört worden; da er wohl einſah, daß der Ehecontract vom Marquis vorläufig nicht unterſchrieben werden konnte, ſo flüſterte er Mar⸗ garethen zu, ſie werde ihn bei Achard finden, wenn ſie ſeiner bedürfte, ſtürzte dann ſogleich durch den Park, der Hütte des Greiſes zu und trat in dem Augenblicke ein, als der arme Alte wieder zum Bewußtſein erwachte. Die Gewißheit nicht verlaſſen ſterben zu müſſen, verlieh dem Greiſe wieder einige Kraft. „Ah, Du biſt's!“ ſagte er, und dies waren ſeine erſten Worte wieder;„ich glaubte nicht, daß ich Dich noch einmal ſehen würde!“ „Sobald ich Deinen Zuſtand erfuhr, eilte ich ſo ſehr als möglich zu Dir zu kommen... „Und wo warſt Du?“ 142 Paul Jones „Im Schloſſe, guter Vater!“ „Im Schloſſe warſt Du?“ fragte Achard erſtaunt. Hierauf erzählte ihm Paul alles bis zum Tode des Marquis. „Ewige Vorſehung!“ rief der Greis, als der Jüngling ſeine Erzählung beendet hatte,„wie unerforſchlich ſind Deine Ge⸗ richte! Nach 20 Jahren führſt du den Jüngling an die Wiege ſeiner Kindheit zurück und wirfſt den Mörder ſeines Vaters durch den bloßen Anblick des Sohnes zu Boden!“ „Dieſelbe Vorſehung, welche dies bewirkte,“ ſagte Paul in feierlichem Tone,„führt mich auch zu Deiner Rettung herbei, denn man hat Dir den Arzt und den Prieſter verweigert.. „Wenn es meinem Wunſche nach gegangen wäre,“ erwie⸗ derte Achard mit ſchwacher Stimme,„ſo hätte der Marquis den Arzt behalten und mir den Geiſtlichen ſchicken können, denn er fürchtet den Tod und ich bin lebensſatt.“ „Ich werfe mich ſogleich auf ein Pferd,“ ſagte Paul, „und ehe eine Stunde vergeht...“ „In einer Stunde iſt es zu ſpät!“ ſprach der Greis immer ſchwächer werdend;„ich bedarf weiter nichts als eines Prieſters.“ „Wohl kann ich ihn in ſeinem heiligen Amte nicht erſetzen,“ ſagte Paul,„aber wir wollen mit einander von Gott und ſeiner Barmherzigkeit ſprechen. „Gut, bevor wir aber an das Ewige denken, wollen wir die au hie zu lel de ge ir der nordamerikaniſche Freibeuter. 145 die irdiſchen Angelegenheiten ordnen... Der Marquis liegt auch im Sterben ſagſt Du. „Ich habe ihn verlaſſen, als er in den letzten Zügen lag.“ „Du weißt, daß nach ſeinem Tode die Papiere, welche ſich hier in dieſem Schranke befinden, von rechtswegen Dir gehören?“ „Ich weiß es.“ „Wenn ich aber vor ihm und ohne Geiſtlichen wem ſoll ich die Papiere anvertrauen?“ Bei dieſen Worten richtete ſich der Greis auf und nahm einen Schlüſſel unter ſeinem Kopf⸗ kiſſen hervor, dann fuhrer fort:„Oeffne mit dieſem Schlüſſel den Schrank, worin Du ein Käſtchen finden wirſt. Dieſes aber— das ſchwöre mir als Mann von Ehre— wirſt Du nicht eher öffnen als bis der Marquis todt iſt.“ Das ſchwöre ich Dir!“ rief Paul und erhob die Hand zu dem Crucifix, welches oben über dem Bette ſtand. „Nun ſterbe ich ruhig!“ ſagte Achard ſich wieder zurück⸗ lehnend. „Du kannſt ruhig ſterben, denn auf dieſer Welt bietet Dir der Sohn die Hand und in jener ſtreckt ſie Dir der Vater ent⸗ gegen.“ „Glaubſt Du, mein Sohn, daß er mit meiner Treue zu⸗ frieden iſt?“ „Nie hat jemand einem Könige mehr Treue gewidmet!“ „Nur allzutreu bin ich ſeinen Befehlen nachgekommen,“ 144⁴ Paul Jones murmelte der Greis mit dumpfer Stimme;„ich hätte den Zwei⸗ kampf nicht zugeben, keinen Zeugen dabei abgeben ſollen! Dies belaſtet mein Gewiſſen und dies allein hatte ich einem Prieſter zu ſagen! Ach, es giebt Augenblicke, wo ich das einſame Duell als einen Meuchelmord betrachte! Alſo, mein Sohn, glaube ich nicht frei von Mitſchuld zu ſein!“ „O mein Vater!“ erwiederte Paul mit bewegter Stimme, „ſolche Fragen kann nicht der Verſtand, ſondern nur das Ge⸗ wiſſen entſcheiden. Mein Gewiſſen aber ſagt mir, daß ich gerade ſo gehandelt hätte wie Du. Täuſcht mich das Gewiſſen, ſo hat es auch Dich getäuſcht, und in dieſem Falle habe ich mehr Recht als der Prieſter Dich loszuſprechen: Ich vergebe Dir in meinem und meines Vaters Namen!“ „Ich danke Dir!“ rief der Greis die Hand des Jünglings drückend;„das ſind Worte, wie ſie ein Sterbender zur Ruhe ſei⸗ ner Seele bedarf! O mein Kind, nichts iſt ſchrecklicher als Ge⸗ wiſſensbiſſe! Dieſe machen uns zu Gottesleugnern, damit wir keinen Richter zu fürchten brauchen!“ „Auch ich, mein Vater,“ ſagte Paul in ſeinem ſchwer⸗ müthigen faſt poetiſchen Tone,„auch ich habe oft an Gott ge⸗ zweifelt. Stand ich doch ſo ganz verlaſſen in der Welt. Ich ſuchte meine Stütze in dem Herrn und ſpähte nach Beweiſen ſei⸗ ner Exiſtenz. Stand ich vor dem Bilde des gekreuzigten Erlöſers, ſo ſehnte ſich mein Herz, ſein Blick möge ſich auf mich herab⸗ — der nordamerikaniſche Freibeuter. 145 ſenken oder ein Tropfen Blut aus ſeinen Wunden fallen, damit ich Gewißheit über ſeine göttliche Sendung erhielte. Aber das Crucifix regte ſich nicht und Verzweiflung erfüllte mich ganz. Jetzt nahm ich mir vor, Gott in ſeinen Werken zu ſuchen, und nun begann mein herumſchweifendes Leben, das ewig ein Geheimniß zwiſchen mir und dem Himmel bleiben wird. In den Einöden Amerika's, in den Urwäldern der Erde fand ich den Allmächtigen, dem die Natur ewige Hymnen ſingt. Seit dieſer Zeit iſt mir je⸗ der Zweifel fern geblieben.. „Ich glaube an den allmächtigen Gott, Schöpfer Himmels und der Erde!“ rief der Greis mit gen Himmel ge⸗ richteten Auge. Als Achard ſein frommes Gebet beendet hatte, erſcholl in der Nähe eine wehklagende Stimme. Bebend flüſterte Paul dem Greiſe zu: „Hörſt Du?“ „Was?“ „Haſt Du gar nichts gehört?“ „Nein.“ „Es kam mir vor wie eine Wehklage... Es rief meinen Namen! Hörſt Du jetzt? Das iſt Margarethens Stimme!“ „Geh ihr entgegen,“ ſagte der Greis;„ich wünſche allein zu ſein!“ 10 146 Paul Jones Paul eilte in's Nebenzimmer und hörte ſeinen Namen zum dritten Male ausrufen. Als er die Hausthür öffnete, fand er Margarethen an der Schwelle niedergeſunken. „Zu mir!“ rief ſie ihrem Bruder mit dem Ausdrucke des Entſetzens zu. 15. Paul faßte das bleiche eiskalte Mädchen in die Arme, trug ſie in's erſte Gemach und legte ſie in einen Armſtuhl, dann fragte er ſie theilnehmend: „Was fürchteſt Du? Verfolgt Dich jemand? Was treibt Dich jetzt hierher?“ „Ach!“ rief ſie,„ich würde fliehen bis an's Ende der Erde, um ein Herz zu finden, das mit mir fühlte, und einen Arm, der mich vertheidigte... D Paul, mein Vater iſt todt! „Armes, armes Mädchen!“ rief Paul mit herzlicher Wehmuth;„Du entfliehſt einem Sterbehauſe, um in ein andres zu kommen; Du verließeſt im Schloſſe den Tod und findeſt ihn in der Hütte wieder!“* „Wohl iſt dort und hier der Tod,“ ſprach ſie ſchaudernd und erhob ſich vom Seſſel;„aber dort ſtirbt man in Verzweiflung 1 te w re ne ne w er hn nd ng der nordamerikaniſche Freibeuter. 147 und hier— ſtirbt man ruhig. O, Paul, wenn Sie geſehen hät⸗ ten, was ich ſah!“ „Was war es?“ „Sie wiſſen, welch einen furchtbaren Einfluß Ihre Gegen⸗ wart auf meinen Vater hatte...“ „Ich weiß es!“ „Er verlor Sprache und Bewußtſein und man trug ihn in ſein Zimmer.. „Meine Schuld iſt es nicht,“ ſagte Paul zuverſichtlich; „ich ſprach mit Ihrer Mutter, und er hörte es.“ „Ach, Sie haben ja alles gehört, da Sie im Cabinette wa⸗ ren. Mein armer Vater hatte mich erkannt. Nun konnte ich mei⸗ ner innern Unruhe nicht widerſtehen; ich trotzte dem Zorne mei⸗ ner Mutter und ging hinauf in ſein Zimmer, um ihn noch ein⸗ mal zu ſehen. Die Thüre war verſchloſſen. Ich klopfte leiſe. Er war wieder zu ſich gekommen und fragte mit ſchwacher Stimme, wer da ſei „Und Ihre Mutter?“ unterbrach Paul. „Meine Mutter, die ihn eingeſchloſſen hatte wie ein Kind, war abweſend. Ich antwortete auf ſeine Frage, daß ich Mar⸗ garethe ſeine Tochter ſei. Darauf hieß er mich durch ein Ca⸗ binet und vermittelſt einer verborgenen Treppe in ſein Zimmer kommen. Eine Minute ſpäter kniete ich an ſeinem Lager und er 10* 143 Paul Jones gab mir noch vor ſeinem Tode den Vaterſegen. und ſo hoffe ich auch auf den Segen Gottes.“ „Ja, Gott vergiebt Dir!“ rief Paul.„Weine um Dei⸗ nen Vater, aber nicht über Dich ſelbſt! Du biſt gerettet!“ „Ach, Sie haben noch nicht alles gehört!“ rief Mar⸗ garethe. „Sprich!“ „Als ich noch vor ihm auf den Knien lag und ſeine Hände küßte, hörten wir meine Mutter die Treppe heraufkommen. Darauf umarmte mich mein Vater zum letzten Mal und winkte mir zu flichen. Aber ich war ſo außer mir, daß ich die rechte Thür verfehlte und in ein Cabinet ohne Ausgang gerieth. Und darin mußte ich bleiben; denn eben trat meine Mutter mit einem Prie⸗ ſter in das Sterbezimmer. Sie war bleicher als der Sterbende ſelbſt.. „Ach mein Gott!“ murmelte Paul. „Und ich, die Tochter, mußte die Beichte des Vaters hö⸗ ren! O, das war ſchrecklich! Ich fiel auf die Knie und ſchloß die Augen, um nichts zu ſehen, ich betete, um nichts zu hören, und dennoch, Paul, ſah und hörte ich was mir nie wieder aus dem Gedächtniſſe kommen wird! Ich ſah meinen Vater ſich mit fieber⸗ hafter Kraft im Bette auftichten und hörte ihn die Worte: Zwei⸗ kampf, Ehebruch und Meuchelmord ausſprechen; ich ſah meine Mutter todtenbleich werden, ich hörte ihre Stimme, womit ſie der nordamerikaniſche Freibeuter. 149 die des Sterbenden erſticken wollte; ſie ſchrie dem Prieſter zu: Glaubt ihm nicht, er lügt! Oder vielmehr er iſt wahnſinnig; glaubt ihm nicht! O, Paul, das war ein gräßliches gottesläſterliches Schau⸗ ſpiel! Kalter trat mir die Stirn; ich ward ohn⸗ mächtig. „Gerechter Himmel!“ rief Pan. „Ich weiß nicht, wie lange ich ohne Bewußtſein blieb. Als ich wieder zu mir kam, herrſchte Grabesſtille im Zimmer. Drei Wachskerzen brannten neben meinem Vater.“ Ich öffnete die Thür und blickte auf das Lager. Es war mit einem weißen Tuche überdeckt. Aber ich glaubte darunter die Formen eines Leichnams ſich abzeichnen zu ſehen. Es regte ſich in mir der fromme Wunſch, das Tuch aufzuheben und ſeine ehr⸗ würdige Stirn noch einmal zu küſſen, bevor ihn auf immer der Sarg verſchlöſſe; aber die Furcht feſſelte meinen Schritt, Ent⸗ ſetzen ergriff mich und ich eilte aus dem Zimmer, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie ich hinaus kam, lief durch die Gänge und rannte wie wahnſinnig in's Freie. Jetzt dachte ich daran, daß Sie mir ge⸗ ſagt hatten, ich würde Sie hier treffen, und inſtinetmäßig flog ich durch den Park nach der Hütte. Aber beim Umbiegen aus einer Allee glaubte ich plötzlich meine Mutter zu ſehen in ihrer ſchwarzen Kleidung ſchlich ſie geräuſchlos wie ein Geiſt da⸗ her. Der Schrecken gab mir Flugel; ohne auf den Weg zu ach⸗ 150 Paul Jones ten, lief ich bis an dieſe Schwelle, wo ich kraftlos zuſammen⸗ ſank... Doch ſtill! Hö ten Sie nichts?“ Su ſagte Paul die Lampe ausblaſend,„ich höre näher kommende Schritte!“ „Sehen Sie,“ fuhr Margarethe fort, ſich und Paul hinter den Fenſtervorhängen verbergend,„ſehen Sie, ich irrte mich nicht; ſie iſt's!“ In der That ſchlich die Marguiſe bleich wie ein Schatten und in tiefer Trauer heran, trat in die Hütte ein und machte die Thüre hinter ſich zu, ging durch das erſte Zimmer, ohne Paul und Margarethen gewahr zu werden, und begab ſich endlich in die hintete Stube, worin Achard lag. Wer iſt da?“ fragte dieſer den Bettvorhang lüftend. „Ich!“ antwortete die Margquiſe die Vorhänge ganz aus⸗ einanderziehend. „Sie, gnädige Frau!“ rief der alte Diener erſchrocken; „was wollen Sie bei einem Sterbenden?“ „Ich will ihm einen Vorſchlag machen.“ „Nur nicht, daß er ſein Seelenheil verliert!“ „Nein, vielmehr daß er es rettet. Achard, Du bedarſſt in dieſer Welt nichts mehr als eines Prieſters...“ „Sie wollten mir keinen ſenden!“ „Er ſoll in 5 Minuten da ſein, wenn Du willſt.. „So laſſen Sie ihn kommen!“ der nordamerikaniſche Freibeuter. 131 „Wenn ich Dir aber den Frieden des Himmels gebe, ſo wirſt Du mir den auf Erden gewähren... „Und was kann ich für Sie thun?“ fragte der Greis, ohne die Marquiſe anzuſehen. „Du bedarfſt eines Prieſters, um zu ſterben; was ich be⸗ darf, um zu leben, das weißt Du!“ „Ein Meineid verſchließt den Himmel!“ „Vergebung öffnet ihn!“ „Ich habe Vergebung erhalten!“ „Von wem?“ „Von dem einzigen Manne, der das Recht hatte mir zu vergeben!“ „Iſt Morlaix vom Himmel herabgeſtiegen?“ fragte ſie höhniſch und ſich doch dabei ſcheu umſehend. „Sie ſcheinen vergeſſen zu haben, gnädige Frau, daß er einen Sohn auf Erden zurückgelaſſen hat... „Du haſt ihn alſo auch geſehen!“ rief ſie. „Ja! erwiederte der Greis. „Und haſt ihm alles geſagt?“ „Alles.“ „Und wo ſind die Papiere, welche ſeine Geburt beweiſen?“ fragte ſie beklommen. „Noch hier, denn der Margquis war noch nicht todt.“ 152 Paul Jones „Achard,“ rief die Marquiſe an ſeinem Bette auf die Knie ſinkend,„Du wirſt Erbarmen mit mir haben!“ „Sie knien vor mir, gnädige Frau?“ „Ja, Achard! Ich bitte Dich auf meinen Knien! In Deiner Hand ruht die Ehre einer der älteſten Familien Frank⸗ reichs, ruht mein ganzes irdiſches Daſein! Du weißt, was ich ge⸗ litten habe, um dieſen Namen fleckenlos zu bewahren! Ich habe die Gefühle der Liebe, die der Mutter und Gattin in einem grau⸗ ſamen 20 jährigen Kampfe erſtickt! Ich bin 20 Jahre jünger als Du, aber betrachte mein Haar: es iſt ſo weiß als das Deinige.“ „Was ſagt ſie?“ flüſterte Margarethe ihrem Bruder zu;„ach mein Gott!“ „Höre,“ antwortete Paul,„es iſt des Herrn Wille, daß alles auf dieſe Weiſe an das Licht des Tages komme... „Gnädige Frau,“ murmelte Achard mit ſchwindender Kraft,„Sie haben an Gottes Güte gezweifelt, haben vergeſſen, daß Chriſtus einſt der Ehebrecherin vergab... „Ja, aber die Menſchen wollten ſie ſteinigen, die Menſchen ſind unverſöhnlich... Wenn ſie wüßten, was außer uns nur Gott weiß, wäre ich dann allein der Beſchimpfung ausgeſetzt? Habe ich nicht Manuel und Margarethe? Der Andre wäre aber das Haupt der Familie; er braucht nur das Geſetz zu Hülfe zu rufen, um ſich Titel und Vermögen zuzueignen! Und w fi — u d 1 der nordamerikaniſche Freibeuter. 135 was bliebe dann für Manuel? Ein Malteſerkreuz! Was bliebe für Margarethen? Ein Kloſter!“ „Ach ja,“ ſprach Margarethe leiſe, die Arme nach der Marquiſe ausſtreckend,„ein Kloſter, wo ich für Dich beten kann, meine Mutter!““ „Still, ſtill!“ ſagte Paul. „Er wird nicht thun was Sie fürchten; o Sie kennen ihn nicht, gnädige Frau!“ ſprach der Sterbende mit immer ſchwäche⸗ rer Stimme. „Wohl kenne ich ihn nicht,“ antwortete die Dame,„aber ich kenne die Menſchen. Der Jüngling, welcher keinen Namen hat, kann einen erlangen; er, der nichts beſitzt, kann zu Vermö⸗ gen kommen: und Du glaubſt er würde Beidem entſagen?“ „Wenn Sie es von ihm verlangen, ja!“ „Und mit welchem Rechte könnte ich das? Warum ſollte er mich, Manuel und Margarethen ſchonen? Würde er nicht ſagen: Ich kenne Sie nicht, Frau Marquiſe, habe Sie nie ge⸗ ſehen! Ich weiß weiter nichts als daß Sie meine Mutter ſind...“ „In ſeinem Namen mache ich mich verbindlich, in ſeinem Namen ſchwöre ich.. ſtammelte Achard, auf deſſen Zunge ſchon der Tod ſaß. Die Marquiſe ſtand auf und beobachtete aufmerkſam den Todeskampf des Greiſes. „Du machſt Dich verbindlich und ſchwörſt!“ rief ſie aus; 154 Paul Jones „auf Dein Wort alſo ſoll ich die Jahre auf's Spiel ſetzen, die ich noch zu leben habe, und zwar gegen die Minuten, welche Dir noch übrig ſind? Ich bitte Dich jetzt zum letzten Male: Gieb mir die Papiere!“ „Sie gehören ihm!“ „Aber ich muß ſie haben!“ fuhr ſie heftig auf. „O mein Gott, erbarme Dich mein!“ ſeufzte der Sterbende. „Du haſt den Schlüſſel bei Dir; gieb ihn her!“ fuhr die Marquiſe im vorigen Tone fort. „Wollen Sie ihn einem ſterbenden Greiſe mit Gewalt ent⸗ reißen?“ „Nein, Du wirſt mir ihn geben!“ „Laſſen Sie mich in Ruhe ſterben!“ rief Achard mit ſeiner letzten Kraft, riß das Crucifir über ſeinem Haupte herab, hielt es der unerbittlichen Marquiſe vor und fuhr fort:„In Chriſti Namen, gehen Sie!“ Die Dame ſank wieder auf die Knie und ſenkte das Antlitz zur Erde. Der Greis fiel halb todt auf ſein Kiſſen zurück und drückte das Bild des Erlöſers an ſeine Bruſt. Die Marquiſe hielt ſich an den Bettvorhängen an, ſo daß ſie den Todeskampf des Sterbenden verbargen. „Entſetzlich!“ ſagte Margarethe zuſammenſchaudernd. „Werfen wir uns auf die Knie, um zu beten!“ ſagte Paul. Das tiefe Schweigen, welches jetzt entſtand, ward nur durch — der nordamerikaniſche Freibeuter. 155 das Röcheln des Sterbenden unterbrochen. Es ward immer ſchwächer und zuletzt hörte es ganz auf. Der Greis hatte aufge⸗ hört zu leben. Die Marquiſe richtete den Kopf langſam empor, horchte ein Weilchen mit Bangigkeit, griff mit der Hand zwiſchen den Bettvorhängen durch und brachte einen Schlüſſel zum Vorſchein. Dann ſtand ſie ſchweigend auf, näherte ſich dem Schranke und wollte eben den Schlüſſel in's Schloß ſtecken: da ſtürzte Paul in's Zimmer und hielt ihren Arm mit den Worten zurück: „Geben Sie mir den Schlüſſel, meine Mutter! Da der Margnis todt iſt, ſo gehören dieſe Papiere mir!“ „Gerechter Himmel!“ ſchrie die Marquiſe in einen Seſſel taumelnd,„gerechter Himmel, es iſt mein Sohn!“ „Mein Gott!“ ſagte Margarethe für ſich im andern Zimmer und ſank auf die Knie nieder,„es iſt mein Bruder!“ Paul öffnete den Schrank und bemächtigte ſich des Käſt⸗ chens mit den Papieren. 136 Paul Jones 16. Trotz allen den ſchrecklichen Begebenheiten dieſer Nacht hatte Paul ſeinen Wortwechſel mit Leetour nicht vergeſſen. Da ihn dieſer Cavalier jedenfalls nicht aufzuſuchen wußte, ſo ſchickte er den Lieutenant Walter in's Schloß Auray, um durch ihn die Kampfbedingungen feſtſetzen zu laſſen. Man kam über⸗ ein, daß die Zuſammenkunft um 4 Uhr deſſelben Tages, und zwar an der Fiſcherhütte am Ufer des Meeres ſtattfinden und daß dem Baron als dem Beleidigten die Wahl der Waffen zu⸗ ſtehen ſollte. Was die Marquiſe betrifft, ſo hatte ſie ſich bald wieder er⸗ holt. Nachdem ihr auf ſo unerwartete Weiſe der Schlüſſel ab⸗ genommen worden war, zog ſie den Schleier über das Geſicht, ging durch das vordere Gemach ohne Margarethen zu be⸗ merken, eilte dann durch den Park und befand ſich bald wieder in dem Saale, wo der Contraet hatte unterzeichnet werden ſol⸗ len. Hier ſtemmte ſie ſich neben den tief herabgebrannten Kerzen auf beide Elbogen und ſah mit ſtarren Augen auf das verhäng⸗ nißvolle Papier, auf welches Lectour ſeinen Namen und der Marquis den ſeinigen nur zur Hälfte geſchrieben hatte. So ſaß ſie bis der Tag graute, und nun war ihr Entſchluß gefaßt. Sie wollte Manuel und Margarethen vom Schloſſe Auray —— —„— „ „ der nordamerikaniſche Freibenter. 137 entfernen, denn dieſe durften um keinen Preis Zeugen der Seene ſein, die zwiſchen ihr und Paul zu erwarten war. Um 7 Uhr hörte ſie den Lieutenant Walter fortgehen, ſtreckte die Hand aus und klingelte. Ein Bedienter trat ein, zu welchem ſie ſagte: „Melde dem Fräulein, daß ihre Mutter ſie hier in dieſem Saale erwartet!“ Nach dem Verſchwinden des Dieners verſank die Marquiſe wieder in ihr voriges Sinnen. Bald erſchien Margarethe. Sie ſtreckte ehrfurchtsvoll die Hand nach ihrer Mutter ans, aber dieſe blieb regungslos ſitzen. Endlich ſagte ſie mit anſcheinender Kälte: „Tritt näher!“ Margarethe gehorchte. „Warum ſiehſt Du ſo bleich aus und zitterſt?“ fuhr ihre Mutter fort. „Gnödige Frau!“ ſtammelte Margaret he. „Sprich Dich aus!“ befahl die Marquiſe. „Der ſchnelle und unerwartete Tod meines Vaters... ich habe viel gelitten in dieſer Nacht,“ flüſterte das Mädchen. „Der junge Baum beugt und entblättert ſich im Sturme,“ ſprach die Dame mit dumpfer Stimme und einem theilnehmenden Blick auf ihre Tochter;„nur die alte Eiche ſteht feſt im Unge⸗ witter. Auch ich habe gelitten; Margarethe, auch ich habe 138 Paul Jones eine ſchreckliche Nacht gehabt; dennoch Du mich und ſtandhaft!“ „Ach, gnädige Frau,“ antwortete Marg arethe,„Sie haben eine ſtarke Seele, womit der Himmel nicht jedermann beſchenkt hat.“ „Ich verlange von Dir auch nichts als Gehorſam. Nach dem Tode des Marquis iſt Manuel das Haupt der Familie; mit ihm wirſt Du unverzüglich nach Rennes abreiſen...“ „Abreiſen? Abreiſen nach Rennes? Und warum?“ „In unſter kleinen Schloßcapelle kann nicht zu gleicher Zeit das des Vaters und die Vermählung der Tochter gefeiert werden.. „Aber, meine ie wäre es nicht der Frömmigkeit an⸗ gemeſſen, zwiſchen dieſen beiden Ceremonien einen längern Zeit⸗ raum zu ſetzen...20 „Es iſt der wahren Frömmigkeit angemeſſen, den letzten Willen der Todten zu vollziehen! Blicke auf dieſen Contract... Du ſiehſt hier die erſten Buchſtaben vom Namen Deines Va⸗ ters!“ „O, gnädige Frau, war denn auch mein Vater, als er dies ſchrieb, ſeines Verſtandes und ſeines Willens mächtig?“ „Das weiß ich nicht, Fräulein,“ entgegnete die Marquiſe kalt und gebieteriſch;„aber ich weiß, daß ſein Wille ihn über⸗ lebt hat und daß die Eltern Gottes Stelle auf Erden vertreten. ec der nordamerikaniſche Freibeuter. 159 Mir hat Gott Schreckliches geboten und dennoch habe ich gehorcht; tritt in meine Fußſtapfen!“ „Gnädige Frau,“ ſagte Margarethe mit ungewöhn⸗ licher Feſtigkeit, ſeit 3 Tagen umfaßte ich die Knie Manuel's und die meines Vaters, aber keiner hat auf mein Flehen geachtet. Jetzt ſtehe ich vor Ihrem Antlitz, meine Mutter, und flehe Sie inbrünſtig an, mich nicht zu verderben. Hätte ich Ihrem Willen nur mein Glück und meine Liebe zu opfern, ich würde es thun; aber eher können Sie mich tödten als mich bewegen Ihnen auch meinen Sohn zu opfern! Sie ſind Mutter; ich bin es auch, gnädige Frau!“ „Mutter!“ ſagte die Marquiſe beklommen,„Mutter durch einen Fehltritt!“ „Aber ich bin doch Mutter, gnädige Frau! Sie müſſen es ja fühlen, was im Herzen einer Mutter vorgeht, wenn ſie ihres Sohnes gedenkt, der ſeine Stimme zu ihr erhebt... „Niemals wirſt Du die Stimme Deines Sohnes hören, denn niemals wirſt Du ihn wiederſehen!““ „Ihn nie wiederſehen! Wer kann...“ „Er ſelbſt wird nie erfahren, wer er iſt!“ „Und wenn er es doch einſt erfährt und dann kommt und Rechenſchaft fordert... das iſt möglich, gnädige Frau!“ Nach dieſen Worten ergriff die Margquiſe die neben dem Contraet liegende Feder und ſagte kalt: 160 Paul Jones „Unterſchreibe!“ „Aber wenn nun mein Mann einſt das Daſein dieſes Kindes erfährt, wenn er Genugthuung fordert in einem Zweikampf auf Le⸗ ben und Tod, wenn ihn der Aufgedrungene ermordet und dann von ſeinem Gewiſſen gequält wird, bis er den Verſtand verliert...“ „Schweig!“ rief die Marquiſe zuſammenfahrend, ohne jedoch zu wiſſen, ob eine wirkliche Entdeckung oder nur der Zu⸗ fall dem Mädchen dieſe Worte eingab. „Wollen Sie denn alſo, daß ich, um meinen und meiner Kinder Namen fleckenlos zu erhalten, mich dann mit einem Wahn⸗ ſinnigen einſperre, jedes lebende Weſen von ihm entferne, daß mein Herz zu Eiſen werde, um nichts mehr zu empfinden, meine Augen zu Erz, um nicht mehr zu weinen, daß ich noch vor dem Tode meines Mannes gleich einer Wittwe Trauer anlege, daß mein Haar 20 Jahre vor der Zeit grau wird..2 „Schweig, ſchweig!“ fiel die Marquiſe mit todtbleichem Geſicht ihrer Tochter in's Wort. „Wollen Sie denn, daß ich wegen dieſes ſchrecklichen Ge⸗ heimniſſes Aerzte und Prieſter von ſeinem Sterbebette entferne...2 „Schweig, ſchweige um Gottes Willen!“ rief die Mar⸗ quiſe im Seſſel zurückſinkend. „Nun denn,“ fuhr Margarethe fort,„dies alles wird geſchehen, meine Mutter, wenn Sie darauf beſtehen, daß ich un⸗ terſchreibe; dann wird der Fluch des Herrn in Erfüllung gehen, —— der nordamerikaniſche Freibeuter. 161 wonach die Sünden der Väter heimgeſucht werden ſollen an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied.“ „Mein Gott, ich bin genug geſtraft!“ ſtöhnte die Marquiſe mit ſchwacher Stimme und in Thränen ausbrechend. „Verzeihung, gnädige Frau,“ rief die Tochter gerührt, als ſie ihre Mutter in ihrem Leben zum erſten Mal weinen ſah, und warf ſich ihr zu Füßen. „Ja, Verzeihung!“ antwortete die Marguiſe, ihre Tochter mit dem Fuße von ſich ſtoßend,„Verzeihung fordert die entartete Tochter, welche der ewigen Gerechtigkeit die Ruthe des Zorns entreißt und ihre Mutter damit in's Antlitz ſchlägt!“ „Gnade!“ rief Margarethe;„mein Herz wußte nicht, was die Zunge ſprach! Sie hatten mich wahnſinnig gemacht, meine Mutter!“ „O mein Gott!“ ſprach die Marquiſe ihre Hände über das Haupt ihrer Tochter erhebend,„Du haſt die Worte meines Kindes gehört! Wenn Du ſie dafür ſtrafen willſt, ſo gedenke ihrer Mutter, die ihr nicht fluchte!“ Nach dieſen Worten erhob ſich die Marquiſe und ſchritt nach der Thüre zu. Margarethe ſuchte ſie zurückzuhalten, fühlte ſich aber von ihrem furchtbaren Blick ſo zurückgeſtoßen, daß ſie ihr Kleid losließ und mit einem lauten Schrei zu Boden ſank. 11 162 Paul Jones 17. Sobald der junge Capitän Paul die Zeit für paſſend hielt im Schloſſe zu erſcheinen, machte er ſich dahin auf dem Weg. Es hatte in dieſem Ritterſitze eine ſo große Unruhe geherrſcht, daß er nicht einmal auf einen Bedienten ſtieß, der ihn hätte anmelden können. Er ſchritt durch die ihm bekannten Gänge und gelangte ſo in den Saal, worin Margarethe ohnmächtig auf dem Boden lag. Da er den Contract auf dem Tiſche erblickte, ſo errieth er leicht die Urſache dieſer Ohnmacht ſeiner Schweſter. Er hob ſie auf und öffnete ein Fenſter, um ihr friſche Luft zu verſchaffen. Sie ſchlug bald die Angen auf und erkannte ihren Bruder. Nachdem ſie ſich etwas erholt hatte, erzählte ſie ihm alles, was zwiſchen ihr und der Marquiſe vorgegangen war. Da fühlte Paul im innerſten Herzen, von welcher Qual ſeine Mutter ge⸗ foltert werden müſſe, da ſie nach 20 Jahren der Angſt und des Schweigens ihr Geheimniß entdeckt ſah. Er beſchloß das Ende ihrer Strafe möglichſt ſchnell herbeizuführen. Er bat daher ſeine Schweſter zur Marquiſe zu gehen und ihr anzukündigen, daß er ihre Befehle erwarte. Paul war jetzt allein im Zimmer. Er lehnte an dem gro⸗ ßen Kamin, über welchem das Familienwappen hing, und war der nordamerikaniſche Freibeuter. 165 eben in Betrachtungen verſunken über die wunderbaren Umſtände, die ihn zum Haupt und Schiedsrichter des Hauſes gemacht hat⸗ ten, als plötzlich eine Nebenthüre aufging und Manuel mit Piſtolen in der Hand eintrat. Trotz dem ſanften brüderlichen Gruſſe Paul's blickte der junge Graf ingrimmig um ſich her und ſagte dann, die Piſtolen auf den Tiſch legend: „Ich ſuche Sie auf, mein Herr, da Sie mich nicht aufzu⸗ ſuchen belieben.“ „Und was wünſchen Sie von mir?“ „Das errathen Sie nicht, mein Herr?“ fuhr Manuel noch aufgeregter fort;„erlauben Sie mich darüber zu wundern, daß Sie die Pflichten eines Officiers und Cavaliers ſo wenig kennen! Es iſt dies eine neue Beleidigung für mich!“ „Wenn ich Ihnen ſage, Manuel...“ „Geſtern hieß ich Graf, heute aber Marquis von Auray!“ rief Manuel hochmüthig. Es flog ein unmerkliches Lächeln über Paul's Lippen. „Wenn ich Sie bitte dies nicht zu vergeſſen,“ fuhr Ma⸗ nuel in ſcharfem Tone fort,„ſo wiederhole ich, daß Sie die Geſinnungen eines Cavaliers wenig kennen, wofern Sie wähnen, ich könnte einem Andern geſtatten an meiner Stelle den Streit zu erledigen, den Sie mit mir geſucht haben; denn ich habe mich nicht auf Ihren Weg geworfen, ſondern Sie ſich auf den mei⸗ nigen.“ 11* 164 Paul Jones „Herr Marquis von Auray, Sie vergeſſen vielleicht Ihren Beſuch an Bord der Indianerin!“ ſagte Paul ruhig wie bisher. „Ohne weitere Ausflüchte, mein Herr! Warum ſoll ich es geſtatten, daß Sie meine Herausforderung bei Seite ſchieben und ſich hinter meinem Rücken willkührlich einen Gegner wählen?“ „O, mein Herr,“ verſetzte Paul lächelnd;„ich will mich mit jedermann ſchlagen, nur nicht mit Ihnen!“ „Ei das wäre!“ rief Manuel bitter lachend;„Sie müſ⸗ ſen ſich entweder mit mir ſchlagen.. „Es iſt unmöglich!“ „Herr!“ ſchrie Manuel ungeduldig,„nachdem Sie nichts als Unheil angerichtet haben, nachdem Luſignan trotz der Ordre des Miniſteriums wieder zurückgebracht iſt, meine Schweſter ſich gegen den Willen ihrer Mutter empört hat, mein Vater durch Ihren Anblick getödtet, kurz nachdem durch Sie alles in Verwirrung gebracht worden iſt, kommen Sie her und ſprechen, Sie könnten ſich nicht mit mir ſchlagen! Herr, die Zeit der Räthſel iſt vorbei! Haben Sie mir aber etwas zu entdecken, nun ſo ſagen Sie mir es offen und ehrlich!“ „Das Geheimniß, welches Sie von mir fordern, iſt nicht allein das meinige,“ antwortete Paul ſtets mit der vollkom⸗ menſten Ruhe;„ich kann es Ihnen jetzt nicht mittheilen; drin⸗ gen Sie nicht weiter in mich. Leben Sie wohl!“ der nordamerikaniſche Freibeuter. 165 Paul wollte fortgehen, aber Manuel vertrat ihm den Weg und rief in voller Hitze: „Sie werden nicht ſo aus dieſem Saale kommen, mein Herr! Sie haben mich beleidigt, Sie ſollen und müſſen ſich mit mir ſchlagen! 6 „Ich habe Ihnen ſchon geſagt,“ erwiederte Paul und ſuchte ſich loszumachen,„daß dies unmöglich iſt; laſſen Sie mich!“ „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr!“ ſchrie Manuel nach einem Piſtol greifend;„da ich alles aufgeboten habe, um Sie zu zwingen wie ein Cavalier zu handeln, ſo muß ich gegen Sie verfahren wie gegen einen Räuber! Sind Sie nicht in dieſes fremde Haus gekommen, um Geld und Juwelen zu entwenden, ſo haben Sie doch den Gehorſam der Tochter gegen ihre Mutter geſtohlen, ſo legen Sie doch die Hand an meine Ehre, meinen köſtlichſten Schatz! Zum letzten Mal: Nehmen Sie dieſe Waffe!“ Bei dieſen Worten warf Manuel dem Capitän Paul ein Piſtol vor die Füße und ſchrie dann:„Vertheidigen Sie ſich!“ „Sie können mich tödten, mein Herr!“ antwortete Paul ſich wieder an den Kamin lehnend,„aber Sie können mich nicht zwingen mich mit Ihnen zu ſchlagen!““ „Zweikampf oder Mord!“ ſchrie Manuel auf's Aeußerſte gebracht;„alſo vertheidigen Sie ſich augenblicklich, oder ich ſchieße Sie über den Haufen!“. 166 Paul Jones Achſelzuckend ſtieß Paul das Piſtol mit dem Fuße von ſich, Manuel aber erhob ſein Piſtol, während er rief: „Da Du Dich nicht vertheidigen willſt wie ein Mann, ſo ſtirb wie ein Hund!“ In dieſem Augenblicke ertönte an der Thür ein entſetzlicher Schrei, Margarethe ſtürzte in den Saal und fiel ihrem Bru⸗ der Manuel in den Arm; zu gleicher Zeit aber ging der Schuß los und die Kugel, welche durch das Ringen der jungen Dame eine andre Richtung erhalten hatte, ſauſ'te eine Hand breit über Paul's Kopfe hin und zerſchmetterte den Spiegel über dem Kamin. „Mein Bruder!“ rief Margarethe, zu Paul eilend und ihn in die Arme ſchließend,„mein Bruder, Du biſt doch nicht verwundet?“ „Dein Bruder?“ rief Manuel und ließ das noch rauchende Piſtol fallen;„Dein Bruder!“ „So iſt es, Manuel!“ ſagte Paul ebenſo ruhig als bisher;„jetzt weißt Du, warum ich mich nicht mit Dir ſchlagen konnte!“ Beim letzten Worte des Capitäns erſchien die Marquiſe auf der Thürſchwelle bleich als käme ſie aus dem Grabe. Furcht und Schrecken malten ſich in ihrem Auge, das ſie dann zum Him⸗ mel emporrichtete, als wollte ſie fragen, ob er nun endlich ver⸗ ſöhnt ſei. Als ſich ihre Blicke wieder ſenkten, ſah ſie Manuel der nordamerikaniſche Freibeuter. 167 und Margarethen zu ihren Füßen und ihre Hände mit Küſſen und Thränen bedeckt. Nach einer kurzen Panſe ſprach ſie zu ihnen: „Ich danke Euch, meine Kinder! Laßt mich jetzt einen Augenblick mit dieſem jungen Manne allein!“ Ehrerbietig verneigten ſich Manuel und Margarethe und gehorchten dem Befehl ihrer Mutter. 18. Nachdem die Marquiſe alle Thüren verſchloſſen hatte, ließ ſie ſich auf den Seſſel nieder, wo am vorigen Abend der Marquis geſeſſen hatte, winkte dem Capitän näher zu treten und ſprach: „Sie haben mit mir ſprechen wollen, mein Herr; ich bin gekommen, um zu hören.“ „Ja, gnädige Frau, ſchon längſt iſt dies mein Wunſch ge⸗ weſen. Ich habe mich einer Frau erinnert, die ſich an meine Wiege ſchlich, die ich in meinen jugendlichen Träumen für mei⸗ nen Schutzengel hielt. Ich habe dieſe Erſcheinung ſeit 20 Jah⸗ ren wieder herbeigeſehnt, und Sie ſollten gezittert haben mich zu ſehen, ſollten mir in dieſem Augenblicke nichts zu ſagen haben?“ „Und habe ich umſonſt gezittert?“ ſagte die Marquiſe 168 Paul Jones dumpf;„iſt nicht durch Ihre Erſcheinung meinen beiden Kin⸗ dern ein ſchreckliches Geheimniß kund geworden?“ „Iſt es denn meine Schuld,“ rief Paul,„wenn ihnen dieſes Geheimniß entdeckt wurde? Habe ich die zitternde Mar⸗ garethe zu ihrem ſterbenden Vater geführt, deſſen Beichte ſie anhören mußte? Habe ich ſie zu Achard gebracht? Der Schuß welchen Sie gehört haben und dieſer zerſchmetterte Spiegel da legen Zeugniß ab, daß ich lieber das Leben laſſen als Ihr Ge⸗ heimniß preisgeben wollte. O glauben Sie mir, gnädige Frau, ich bin nichts als das Werkzeug in der Hand des Allmächtigen, der nach ſeiner unendlichen Weisheit alles ſo geleitet hat, daß Sie zwei Kinder zu Ihren Füßen ſehen ſollten, die Sie ſo lange aus Ihren Armen entfernt hatten!“ „Zwei Kinder!“ ſagte die Marquiſe nach einer Pauſe nicht ohne Gefühl;„aber es giebt noch ein drittes, und ich weiß nicht was ich von dieſem zu erwarten habe!“ „Zunächſt, gnädige Frau, laſſen Sie mich noch eine Pflicht erfüllen und dann— erwarte ich Ihre Befehle.“ „Was für eine Pflicht?“ „Ich will meinem Bruder den Rang geben, wozu er ein Recht hat, meine Schweſter des verlornen Glücks wieder theil⸗ haftig machen und meiner Mutter die Ruhe in's Herz flößen, um welche ſie ſo lange vergebens gefleht hat!“ „Aber dennoch hat es der Baron von Lectour Ihnen zu — c der nordamerikaniſche Freibeuter. 169 danken, daß ihm der Herr von Maurepas kein Regiment für meinen Sohn zuſagte!“ ſagte die Marquiſe nicht ohne Bitterkeit. „Dies geſchah, weil ich es vom König ſelbſt für meinen Bruder ſchon erhalten hatte!“ ſagte Paul, die Beſtallung auf den Tiſch legend. Die Marquiſe überflog das Papier und bemerkte in der That Manuel's Namen. „Aber Du willſt doch Margarethen einem Manne ge⸗ ben, der weder Namen noch Vermögen hat, ja Du willſt ſie einem Verbannten geben!“ „Sie irren ſich, gnädige Frau; ich will ſie dem Manne geben, welchen ſie liebt, und zwar nicht einem Verbannten, ſon⸗ dern dem Baron Anatole von Luſignan, dem Statthalter ſeiner Majeſtät auf der Inſel Guadeloupe. Hier iſt ſeine Be⸗ förderung!“ Die Marquiſe warf auch auf dieſes Blatt einen Blick und überzeugte ſich daß Paul die Wahrheit geſagt hatte. Da konnte ſie ſich nicht enthalten zu ſagen: „Ich geſtehe, daß für Mannel und Margarethen geſorgt iſt!“ „Und auch für Ihre Ruhe, gnädige Fran! Manuel geht zu ſeinem Regimente und Margarethe folgt ihrem Gemahl nach Weſtindien. Dann ſind Sie allein, wie Sie ſo oft gewünſcht haben.“ 170 Paul Jones Die Marquiſe ſeufzte. „Wäre es anders* Hätte ich mich getäuſcht, gnädige Frau?“ fragte Paul. „Ah,“ murmelte ſie,„wie kann ich mich vom Baron Lee⸗ tour losmachen!“ „Der Marquis iſt todt; kann in einem ſolchen Falle eine Heirath nicht ganz ſchicklich verſchoben werden?“ Ohne darauf zu antworten, ergriff die Marquiſe eine Feder, ſchrieb ein paar Zeilen an den Baron Lectvur und klingelte einem Bedienten. „Uebergieb dieſen Brief in zwei dem Baron Lec⸗ tour!“ ſagte ſie zu ihm. Der Bediente trat mit dem Schreiben wieder ab und die Marquiſe wendete ſich mit den Worten an Paul: „Den Unſchuldigen iſt Gerechtigkeit widerfahren, ver⸗ zeihen Sie jetzt auch der Schuldbewußten! Sie haben Documente in den Händen, die das Recht Ihrer Erſtgeburt beweiſen, haben geſetzmäßige Anſprüche auf den Namen und das Vermögen Ma⸗ nuel's und Margarethens. Welche Auslöſungen verlangen Sie für dieſe Papiere?“ Paul zog ſie aus der Taſche und warf ſie in das Kaminfeuer. „Erlauben Sie mir nur, daß ich Sie Mutter nenne, nen⸗ nen Sie mich nur Ihren Sohn!“ C.0 bi er C ge e der nordamerikaniſche Freibeuter. 171 „Iſt's möglich!“ rief ſie erfreut und erhob ſich aus dem Seſſel. „Sie ſprechen von Namen, Rang und Vermögen?“ ſagte Paul, das Haupt ſchwermüthig ſchüttelnd;„ach wozu dies alles? Ich habe mir einen Namen erworben, der einem Volke zum Schrecken und einem andern zum Segen gereicht; habe mich zu einem Range emporgeſchwungen, wie ſelten ein Mann meines Alters; beſitze ein Vermögen, daß ich auch eine Fürſtin ausſtatten könnte. Wenn Sie mir nichts Andres als Namen, Rang und Vermögen anzubieten haben, wenn Sie mir nicht geben können, was mir ſtets gefehlt hat, wenn Sie mir keine Mutter geben wollen „Mein Sohn!“ rief die Marquiſe endlich von ihrem Ge⸗ fühl überwältigt,„mein Sohn... mein Sohn!“ „Ha!“ rief Paul innig ergriffen,„endlich dringt ans Ihrem Herzen der längſterſehnte Ruf! O Gott! Ich danke dir!“ Die Marquiſe war in den Seſſel geſunken und ihr Erſtge⸗ borner kniete vor ihr. Sie hob ſeine Stirn empor und ſprach: „Sieh mich an, mein Sohn! Seit 20 Jahren iſt das die erſte Freude, welche mein Herz bewegt! Komm in meine Arme! Ich habe lange gebüßt, aber Gott hat mir meine Miſſethat ver⸗ geben! Dank Dir, mein Sohn!.. „Meine Mutter!“ ſprach Paul gerührt. Jetzt ertönte die Glocke der Schloßecapelle. Die Marquiſe 172 Paul Jones fuhr zuſammen, denn in dieſer Stunde ſollten der Marquis von Auray und der arme Achard beerdigt werden. Sich die Augen trocknend ſtand die Marquiſe auf und ſagte mit ſanfter Stimme: „Dieſe Stunde iſt dem Gebet geheiligt. Ich muß Dich ver⸗ laſſen.. „Ich reiſe morgen ab, meine Mutter!“ ſagte Pa ul zu ihr;„ſoll ich Sie nicht wiederſehen?“ „Doch, doch,“ rief ſie,„ich werde Dich wiederſehen.“ „Ich werde auf den Abend am Eingange des Parkes ſein, um dort einen mir heiligen Ort zu beſuchen. Dort müſſen wir ven einander Abſchied nehmen, meine Mutter!“ „Ich komme!“ antwortete ſie. „Nehmen Sie noch dieſe Beſtallung und dieſe Beförderung für Manuel und Luſignan,“ ſagte Paul, ihr die Papiere überreichend;„das Glück Ihrer Kinder komme durch Sie!“ Hierauf verſchloß ſich die Marquiſe in ihre Betſtube und Paul verließ das Schloß, um ſich nach der Fiſcherhütte zu be⸗ geben, wo er den Baron von Lertvurtreffen ſollte. 7/ de der nordamerikaniſche Freibeuter. 1735 on 8 Als die für den Zweikampf beſtimmte Stunde erſchienen war, kam Lectour ganz allein auf die Fiſcherhütte zu geritten. zu Sobald ihn Paul, Luſignan und Walter erblickten, gingen ſie ihm entgegen und begrüßten ihn. Der Baron ſchwang ſich mtt vielem Anſtand vom Pferde und ſagte zu den drei Herren: in,„Sie werden verzeihen, daß ich ganz allein und ohne Zeu⸗ wir gen komme, aber Manuel mußte in dieſer Stunde ſeiner Soh⸗ nespflicht genügen und dem Begräbniß ſeines Vaters beiwohnen. Ich hoffe, mein Gegner wird ſo großmüthig ſein, mir einen von 8 ſeinen Secundanten zu leihen.“ iere„Zu Befehl, Herr Baron!“ antwortete Paulz„wählen Sie ganz frei einen von meinen beiden Secundanten.“ und„Ich will durchaus keinen Vorzug,“ erwiederle Lectour; be⸗„beſtimmen Sie ſelbſt, mein Herr!“ õ „Walter!“ ſagte Paul,„ſo treten Sie auf die Seite des Herrn Barons.“ Der Lieutenant gehorchte und Paul fuhr fort: „Bevor wir uns ſchlagen, geſtatten Sie mir ein paar Worte, nicht der Entſchuldigung ſondern der Erklärung.“ „Sprechen Sie, mein Herr!“ ſagte Lectour. „Als ich zu Ihnen die Worte ſprach, welche uns hierher 174 Paul Jones geführt haben, ſtand alles glücklich für Sie, denn Sie hatten auf Ihrer Seite die Frau Marquiſe von Auray, den Grafen Manuel und den Marquis, während Margarethe nur mich allein hatte. Wäre ich nun von Ihrer Hand gefallen, ſo hätte Sie Margarethe nicht heirathen können, weil Ihnen unbe⸗ kannte Verhältniſſe obwalteten, die es ſicher verhindert haben würden; hätte ich Sie getödtet, ſo wäre die Sache natürlich noch einfacher geweſen.. „Das iſt ein ſehr logiſcher Eingang, mein Herr!“ ſagte der Baron lächelnd und ſchlug mit der Reitpeitſche an ſeinen Stiefel;„doch kommen Sie nur zur Sache ſelbſt, wenn's Ihnen gefällig iſt!“ „Jetzt,“ erwiederte Paul mit einer leichten Verbeugung, „jetzt iſt alles anders geworden: der Marquis iſt todt, Manuel hat ſeine Beſtallung bei einem Regimente, die Marquiſe beſteht nicht auf der Verbindung, wie ehrenvoll ſie auch ſein mag, und Margarethe heirathet den Herrn Baron Anatole von Luſignan... „Ah ſo!“ ſagte Leetvur,„da hinaus will alſo das Billet, welches mir ein Bedienter der Marquiſe überreichte! Ich dachte es wäre ein Aufſchub, aber demnach iſt es wohl gar ein Korb in beſter Form! Nun, mein Herr, ich erwarte jeßt die Nutzan⸗ wendung!“ „Dieſe iſt ſehr kurz. Da ſowohl Ihr Tod als der meinige 4 te en en 9 el ht nd n der nordamerikaniſche Freibeuter. 175 zur Entwickelung des Dramas nichts mehr beitragen kann, ſo frage ich Sie ob Sie es noch für nöthig halten, daß Blut ver⸗ goſſen werde.“ „Ich wäre vielleicht Ihrer Anſicht, mein Herr, wenn ich nicht die weite Reiſe nach der Nieder⸗-Bretagne gemacht hätte. Da ich einmal nicht die Ehre haben kann das Fräulein von Auray zu heirathen, ſo will ich wenigſtens das Vergnügen haben mich mit Ihnen zu ſchlagen. Iſt's alſo gefällig, mein Herr?“ ſetzte Lectour hinzu und zog den Degen. „Wie es Ihnen gefällig iſt, Herr Baron!“ erwiederte Paul und zog den ſeinigen gleichfalls. Die beiden Gegner legten ſich aus und machten ein paar Gänge. Beim dritten Gange flog Lectour's Degen 10 Schritte ſeitwärts. „Bevor wir wieder zum Degen greifen,“ ſagte Panl, „bitte ich Sie jetzt um Entſchuldigung, wie ich Ihnen vorher meine Erklärung gab.“ „Jetzt nehme ich ſie an,“ verſetzte Lecto ur mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Nachläſſigkeit und ſteckte den Degen wieder in die Scheide, dann fuhr er fort: „Meine Herren, wenn einer von Ihnen Aufträge nach Paris hat, ſo beehren Sie mich damit, denn ich kehre auf der Stelle dahin zurück.“ „Sagen Sie dem König,“ antwortete Paul, indem er 176 Paul Jones ſich verbeugte und den Degen ebenfalls in die Scheide ſteckte, „daß ich mich glücklich ſchätze, den Degen, den er mir zur Be⸗ kämpfung der Engländer überreichte, vom Blut eines meiner Landsleute rein erhalten zu haben.“ Alle begrüßten ſich bei dieſen Worten. Lectour ſtieg wie⸗ der zu Pferde und ſchlug den geraden Weg nach Vannes ein. Paul wendete ſich an den Lieutenant Walter und ſprach; „Schicken Sie einen Boten in die Bucht, welche dem Schloſſe Auray am nächſten iſt; machen Sie an Bord der Fre⸗ gatte alles bereit, damit noch in dieſer Nacht die Anker gelichtet werden können.“ Hierauf verfügte ſich der Lieutenant nach Port⸗Lonis, wäh⸗ rend die beiden Freunde in der Hütte blieben. Unterdeſſen waren die beiden Greiſe zur Erde beſtattet wor⸗ den. Manuel und Margarethe umarmten ihre Mutter zum letzten Male und trafen alle Vorbereitungen zur Abreiſe. Gegen Abend, als ſich die Marquiſe zu der mit Paul verabredeten Zu⸗ ſammenkunft begab, ſah ſie auf dem Hofe eine angeſpannte Equi⸗ page, ſowie den jungen Midſhipman Arthur und zwei Matroſen. Der Anblick dieſer Vorbereitungen zur Abreiſe gab ihr einen Stich durch's Herz aber ſie hatte Gewalt genug über ſich, um ihren Weg fortzuſetzen. Jetzt hatte ſie das Thor des Parkes erreicht und ſah den Wipfel einer rieſenmäßigen Eiche, unter deren Schatten ſie nie⸗ — M N M der nordamerikaniſche Freibeuter. 177 mals zu ruhen gewagt hatte. Unter eben derſelben ſollte aber jetzt die Zuſammenkunft mit Paul ſtattfinden. Als ſie näher kam, ſah ſie ihn kniend beten. Sie näherte ſich langſam, kniete neben ihn hin und ließ ihre Gebete gleichfalls gen Himmel ſteigen. Nach beendetem Gebet ſtanden Beide ſchweigend auf, die Mar⸗ quiſe ſchlang den Arm um den Hals des jungen Mannes und lehnte das Haupt auf ſeine Schultern. Während ſo die tiefſte Stille herrſchte, hörten ſie plötzlich das Rollen eines Wagens. Die Mutter erbebte und drückte ihre Wehmuth gegen ihren Sohn aus. Es war Manuel, der zu ſeinem Regimente abreiſ'te. Gleich darauf wies Paul mit der Hand nach der entgegenge⸗ ſetzten Richtung und zeigte auf ein Boot, welches über das Meer ſchwebte. Es war Margarethe, die ſich nach dem Schiffe begab. Die Marquiſe horchte auf das Rollen des Wagens, ſchaute nach dem Boote auf dem Meer bis Beides verſchwunden warz; dann wendete ſie ſich gegen Paul(denn ſie ſah ein, daß auch ihm die Stunde der Trennung geſchlagen habe) und ſprach mit herzlicher Rührung: „Gott ſegne Dich, wie ich Dich ſegne! Gott ſegne den Sohn der zuletzt bei ſeiner Mutter blieb!“ Sie umarmte den jungen Mann noch einmal, riß ſich dann los und kehrte allein in's Schloß zurück. Am andern Morgen ſuchten die neugierigen Bewohner von 12 —— 178 Paul Jones Port⸗Louis vergeblich die geheimnißvolle Fregatte, welche ſeit 14 Tagen auf der Rhede von Lorient vor Anker gelegen hatte. Wie das erſte Mal war ſie verſchwunden, ohne daß man errathen konnte, was der Zweck ihres Kommens und die Urſache ihrer Ab⸗ reiſe geweſen war. 20. Es war ſeit den erzählten Ereigniſſen ein Zeitraum von fünf Jahren verfloſſen. Die Unabhängigkeit der vereinigten Staa⸗ ten war anerkannt und New⸗York von den Engländern geräumt. Waſhington hatte am 28. December 1783 ſeine Feldmar⸗ ſchallswürde niedergelegt, ſich auf ſeine Beſitzung Montvernon zurückgezogen und keine andre Nationalbelohnung angenommen, als daß ſeine Briefe koſtenfrei gingen und kamen. Der Friede, welcher ſich über Amerika zu lagern begann, erſtreckte ſich auch bis auf die franzöſiſchen Antillen, die ſich wäh⸗ rend des Kriegs gar wacker gegen die Engländer zur Wehr geſetzt hatten. Beſonders war die Inſel Guadeloupe wegen ihrer mili⸗ täriſchen und commerciellen Wichtigkeit häufig bedroht geweſen; aber der nene Statthalter hatte durch ſeine Wachſamkeit alle —— der nordamerikaniſche Freibeuter. Landungsverſuche verhindert und Frankreich dieſe ſchöne Beſitung erhalten. Guadeloupe iſt eins der ſchönſten Eilande der Welt und in dieſem irdiſchen Paradieſe lebten ſeit fünf Jahren Anatole von Luſignan und Margarethe von Auray in einem Glücke, das nur durch die Ungewißheit über das Schickſal ent⸗ fernter Freude getrübt werden konnte. Einige Nachrichten erhielten ſie allerdings durch eingelaufene Schiffe und öffentliche Blätter. So erfuhren ſie, wie Paul gleich nach ſeiner Trennung von ihnen an der Spitze eines Ge⸗ ſchwaders die engliſche Beſitzung auf der Küſte von Acadien zer⸗ ſtort und den Titel eines Commodere erhalten hatte. Auch wußten ſie, daß er durch einen vierſtündigen Kampf die Fregatten Se⸗ rapis und Srarborongh gezwungen hatte ſich zu ergeben⸗ wofür ihm der öffentliche Dank des Congreſſes, eine goldne Me⸗ daille und das Commando der ſchönen Fregatte Ameritka zuer⸗ kannt worden war. Da jedoch dieſes prächtige Schiff ſpäter vom Congreß dem König von Frankreich zum Erſatz für den bei Boſton untergegangenen Magnifiq ne überlaſſen wurde, ſo führte es Paul Jones nach Havre und wohnte dann auf der Flotte des Grafen von Vandreuil der gegen Jamaika projeetirten Expe⸗ dition bei. Bevor dieſe aber ausgeführt werden konnte, war der Friede geſchloſſen, und Luſignan nebſt ſeiner Gemahlin hörten von ihrem lieben Freibenter nicht mehr ſprechen. 130 Paul Jones Eines Abends hatte ſich Luſignan mit ſeiner Familie auf einer ſchönen Anhöhe bei der Stadt niedergelaſſen. Da rief plötz⸗ lich Margarethe: „Dort kommt ein Schiff um das Vorgebirge der drei Spitzen!“ „Tom!“ rief Luſignan ſeinem Neger zu,„ſchnell ein Fernrohr!“ „O, mein Freund,“ begann Margarethe freudig be⸗ wegt auf's neue,„es müßte mich alles täuſchen oder dieſe Fre⸗ gatte iſt unſre alte Freundin, die Indianerin!“ „Gieb her, Tom!“ ſagte Luſignan zum Neger, welcher mit dem Sehrohre angekommen war;„wahrhaftig, ich erkenne das Schnitzwerk des Guillaume Coſtu! Aber, meine Liebſte, hat nicht unſer Freund das Schiff verlaſſen?.. „Vater, Vater!“ rief der kleine Heetor, der Sohn des glücklichen Ehepaares, welcher das Fernrohr an das Auge geſetzt hatte, wie er es ſeine Eltern hatte thun ſehen,„ſieh einmal dort auf dem Verdeck den Officier mit dem ſchwarzen goldgeſtickten Oberrock! Er ſieht gerade aus wie der Onkel auf dem Gemälde über dem Sopha!“ „Luſignan entriß dem Kinde das Inſtrument, ſah einen Augenblick nach dem Schiffe und gab es dann ſeiner Frau, die es vor Freuden zu Boden fallen ließ. Der Officier war kein andrer als der Freund und Bruder der Spähenden, welcher ſich * — der nordamerikaniſche Freibeuter. 134 bei ſeiner Rückkehr zu ſeinen Verwandten in ſeine gewöhnliche Kleidung geworfen hatte. Bald lagen ſie Alle einander in den Armen. Es blieb kein Auge thränenleer. Luſignan und Margarethe hofften den wackern Com⸗ modore nun für immer zu behalten; aber ein ruhiges Leben auf dem Lande war dem feurigen an Abenteuer gewöhnten Seemann völlig zuwider. Nur acht Tage hatte er für ſeine Freunde auf Guadelonpe. Dieſe vergingen wie ein Traum. Die Abſchiedsſtunde ſchlug. Er riß ſich plötzlich los und flog pfeilſchnell von dannen. So lange ſie einander mit bewaffnetem und unbewaffnetem Auge ſehen konnten, verlängerten ſie den Trennungsſchmerz. Endlich verſchwand die Fregatte am Horizonte. Luſignan und Mar⸗ garethe hatten Paul's letzten Abſchiedsgruß erhalten. Der Seemann ward von ſeinem unruhigen Geiſte nach Eu⸗ ropa zurückgetrieben. Allein dieſer Welttheil war 1784 in einen Zuſtand von Stumpfſinn verſunken, den Menſchen ohne Umſicht für Ruhe halten, tiefer blickende Geiſter aber für die Stille vor dem Sturme erkennen. Nur Rußland ſchien der allgemeinen Schlafſucht fremd ge⸗ blieben zu ſein; denn auf dem Throne der Czaren ſaß eine Frau, welche von Voltaire als eine Semiramis des Nordens und von Friedrich dem Großen als eine Nebenbuhlerin des Sp⸗ 132 Paul Jones lon oder Lykurg geprieſen worden war. Paul Jones begab ſich zu Katharina Il. von Rußland. Es war ihm ein großer Ruf vorausgegangen; man nannte ihn den Schrecken der Feinde Frankreichs und Amerika's. Er machte der Czarin ein Geſchenk mit ſeiner ſchönen Fregatte und erhielt dafür den Grad eines Contre⸗Admirals. Paul Jones ſegelte zunächſt in die griechiſchen Gewäſſer und träumte auf den Ruinen der elaſſiſchen Welt von der Wie⸗ derherſtellung Sparta's und Athens. Die Türken wurden wie⸗ derholt geſchlagen und am Ende zu dem nachtheiligen Frieden von Kainardſchi genöthigt. Katharine erhielt Aſow, Taganrog und Kinburn, freie Schifffahrt auf dem ſchwarzen Meere und die Zuſicherung der Unabhängigkeit von Taurien. Der ſiegreiche Admiral ward in Petersburg mit Aufmerk⸗ ſamkeiten und Ehrenſtellen überhäuft, aber ſeines Bleibens war nicht auf dem Feſtlande; der Oeean lockte ihn mit tauſend ſüßen Stimmen. Die franzöſiſche Revolution, eine Tochter der amerikaniſchen, war ausgebrochen und verhieß dem raſtlos ſtrebenden Paul neue Kämpfe und Triumphe. Er verließ den glänzenden Hof zu St. Petersburg und begab ſich nach Frankreich. Dort herrſchte eben die Theorie der Gleichheit in ihrer furchtbarſten Ausdehnung; wer das Maß überſchritt, welches das Volk allem Lebendigen an⸗ legte, der ſtarb unter der Guillotine. 4 der nordamerikaniſche Freibeuter. 1385 Bevor Pau! Jones wieder zur See ging, trieb es ihn die Orte wiederzuſehen, wo er zwölf Jahre früher eine Zeitlang geweilt hatte. Schon unterwegs erfuhr er, daß ſeine Mutter geſtorben und Manuel verbannt ſei. Als er in die Nähe des Schloſſes Auray kam, warf er ſeine Blicke nach Achard's Hütte; ſie war nicht mehr vorhanden, ja ſelbſt der Park war wie durch Zauberei von der Oberfläche der Erde verſchwunden und über das Plätzchen un⸗ ter der großen Eiche, wo er einſt mit ſeiner Mutter gekniet hatte, war die Pflugſchar gegangen. Im halbverfallnen Schloſſe traf er nur einen alten Hausverwalter, bei dem er ſich nach den letzten Stunden der Margquiſe erkundigte. Sie waren ſehr einfach geweſen; nur an drei Orten hatte ſie geweilt: in ihrem Betzimmer, in der Gruft ihres Gemahls und am Fuße der alten Eiche, unter welcher Morlair ſchlummerte. Acht Jahre nach dem Abend, an wel⸗ chem Paul einſt auf ewig von ihr Abſchied genommen hatte, war ſie eines Nachmittags unter der Eiche ohnmächtig geworden. Man hatte ſie in's Schloß getragen und, als ſie wieder zu ſich gekommen war, auf ihren Befehl in die Gruft ihres Gemahls getragen. Hier war ſie in lautem Gebet niedergeſunken und von einem tödt⸗ lichen Schlagfluß getroffen worden. Paul ließ ſich vom Hausverwalter in die Gruft hinab⸗ führen, kniete am Grabe ſeiner Mutter nieder und ſandte ein in⸗ 134 Paul Jones der nordamerikaniſche Freibeuter. brünſtiges Gebet zum Himmel. Der Grabſtein ſeiner Mutter führte die Inſchrift: „Hier ruht die hochgeborne Frau Margarethe Blanche von Sablé, Marquiſe von Auray, geb. den 2. Aug. 1720, geſtorben den 3. Sept. 1788. Betet für ie und ihre Kinder!“ Als Paul's Blicke darauf fielen, bemerkte der alte Haus⸗ verwalter, daß die hochſelige Frau Marquiſe den letzten Satz die⸗ ſer Grabſchrift kurz vor ihrem Tode ausdrücklich beſtellt habe. Da blickte ihr Erſtgeborner dankend gen Himmel. Die Mutter, welche ihn im Leben ſo lange vergeſſen hatte, gedachte ſeiner in ihrer Grabſchrift! Ein halbes Jahr ſpäter decretirte der Nationalconvent in einer feierlichen Sitzung, daß er dem Leichenbegängniſſe des Com⸗ modore Paul Jones, geſt. zu Paris den 7. Juli 1793, auf dem Kirchhofe Pere⸗Lachaiſe beiwohnen wolle. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig. . L— —