eihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ühr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von edem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 M.— Pf. S „„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Schiller. war am heiligen Drei⸗Königstage 1429 Mor⸗ gens gegen 10 Uhr, als ein edler vom Kopf bis zu den Füßen geharniſchter Ritter mit ſeinem Knappen und einem Pagen im Dorfe Domremh hinabritt, welches man zu jener Zeit noch Dom⸗Remh⸗les⸗Oreur nannte. Als er vor die Kirche kam und bemerkte, daß die heilige MWeſſe noch nicht vorüber war, ſtieg er vom Roſſe, ſchnallte Helm, Schwert und Sporen ab, die er ſeinem Pagen über⸗ gab*), und bewegte ſich nach den ur ithir führen⸗ den Stufen hin. *) Die ganze franzöſiſche Geſchichte kennt nur drei bis vier Beiſpiele, daß beſonders verdienſtvollen Rittern das Recht ver⸗ liehen wurde die Kirche bewaffnet zu betreten; unter ſie gehörte u. a. der Bretagner Kergounadech. 6 Jungfrau von Orleans. Die gläubige Dorfgemeinde hatte das Haus Gottes ganz erfüllt, und mehrere Landleute mußten ſelbſt außer⸗ halb deſſelben auf den Stufen und dem Vorplatze knien. Unſer Kriegsmann ſchritt leicht zwiſchen den freiwillig ausbeugenden Bauern hindurch, drängte ſich durch die Halle und kniete fromm neben dem kleinen Eiſengitter nie⸗ der, hinter welchem ſich der Prieſter mit dem Meßner und den Chorknaben befand. Kaum hatte er aber ſein Vaterunſer gebetet, als der Prieſter auch ſchon die heilige Handlung ſchloß und an ihm vorüber nach der Saeriſtei ging. Alle Anweſenden erhoben ſich dem Gebrauche gemäß mit dem Zeichen des Kreuzes und verließen den Tempel des Herrn, nur der Rittersmann blieb noch knien und ſchien mit wahrer Herzensandacht zu beten. Trotz der Kälte des Erdbodens— denn der Schnee lag 2 bis 3 Zoll hoch— begaben ſich die frommen Dorf⸗ bewohner auch nur zum kleinſten Theile nach Hauſe, indem die meiſten ſich truppweiſe vor der Kirche aufſtellten und mit einander plauderten. Die Erſcheinung eines ſo ſtatt⸗ lichen Ritters in dem unſcheinbaren Dörfchen und die Hoffnung von ihm oder ſeinen Leuten zu erfahren, ob der Engländer immer noch ſo übermüthig im ſchönen Frank⸗ reich hauſ'te oder endlich nach dem Meere zurückgedrängt Jungfrau von Orleans. 5 würde, dies waren die Umſtände, wodurch ſich die Leute an Ort und Stelle gefeſſelt fühlten. Am nächſten beim Knappen und Pagen des Ritters befand ſich eine Gruppe von ſechs Perſonen, denen es alſo am leichteſten geweſen wäre die gewünſchte Erkun⸗ digung einzuziehen. Es war ein kräftiger Landmann von 50, eine Frau von 45, zwei junge Männer von 25 und 24, ein Mädchen von etwa 19 und ein Jüngling von 16 Jahren. Alle gehörten zu einer Familie, deren Haupt der funfzigjährige Mann war. Ihm flüſterte ſeine Frau in's Ohr und zeigte dabei auf den Knappen: „Den Mann möchte ich ſicht nach ſeinem Ritter fra⸗ gen; ich fürchte mich vor dem wilden Ausdruck ſeines Geſichts.“ „Die Antwort würde danach ausfallen,“ erwiederte der Bauer;„aber auch an den Pagen möchte ich mich nicht wenden, denn ſeiner ſpöttiſchen Miene ſieht man's recht wohl an, wie ſehr er uns Landleute geringſchätzt.“ „Seht Ihr,“ ſagte einer der jungen Männer,„wie unſre Nachbarn die Augen auf uns richten? Sie denken...“ Dieſe Bemerkung ward durch einen Bauer unterbro⸗ chen, welcher aus einer andern Gruppe herzutrat, dem von uns als Familienhaupt bezeichneten Mann freundlich auf die Achſel klopfte und leiſe zu ihm ſprach 1 8 Jungfrau von Orleans. „Nun, Bruder Jacques, der Du immer mehr weißt als wir Andern, kannſt Du uns auch wohl ſagen, wer der Ritter iſt, welcher ſo lange und ſo andächtig in un⸗ ſrer Kirche betet?“ „Das wollte ich von Dir hören, Bruder Durand,“ antwortete der Angeredete;„denn ich erinnere mich nicht das Geſicht des Edelmannes jemals geſehen zu haben.“ „Was ich von ihm halte, kann ich Dir wohl ſagen. Er wird wohl einer von den Schnapphähnen ſein, die unter dem Vorwand, unſerm armen König Karl VII. zu dienen, auf eigne Fauſt das Land durchziehen und aus⸗ plündern. Jetzt hat er Zeit ſich unſre ſilbernen Altar⸗ leuchter zu beſehen... „Ei, ei, Bruder Durand,“ ſagte Jacques kopf⸗ ſchüttelnd,„ſprichſt Du doch ſo leichtſinnig wie ein jun⸗ ger Mann von 25 Jahren! Wer wird denn ſeinen Näch⸗ ſten gleich auf den bloßen Schein hin verdammen! Mir iſt der Ritter eher wie ein frommer Kriegsmann vorge⸗ kommen denn wie ein frecher Wegelagerer...“ „Nun, Bruder Jacques,“ fiel ihm der Andre in's Wort,„wenn Du ihn für ſo fromm und artig hältſt, ſo gehe doch hin und frage, woher er kommt und wohin er fährt.“ „Wäre nur Jeannette hier,“ ſagte der juͤngſte von B 6 Jungfrau von Orleans. 9 den drei Brüdern zuverſichtlich,„die würde uns ſchon Auskunft geben.“ „So?“ antwortete ſein Vater;„warum ſollte Deine Schweſter mehr als wir von dem Ritter wiſſen? Hat ſie ihn denn geſehen?“ „Nein, mein Vater,“ ſprach der Jüngling heimlicher, „ich glaube nicht, daß ſie ihn jemals geſehen hat.“ „Nun,“ fuhr Jacques finſter fort,„wenn ſie ihn nicht geſehen hat, wie ſoll ſie dann wiſſen wer er „Ich hätte nicht ſo ſprechen ſollen,“ erwiederte der Jüngling die Augen niederſchlagend;„ich ſehe mein Un⸗ recht ein.“ „J nun,“ begann Vater Durand auf's neue und überlaut lachend,„es iſt am Ende nicht ohne, wenn man Deine Tochter für eine Wahrſagerin und Geiſterſeherin hält. Dann könnte ſie auch wohl wiſſen...“ „Still davon,“ Bruder Durand,“ ſagte Jacques mit jenem patriarchaliſchen Anſehen, wie es das Familien⸗ haupt unter der Strohhütte noch bis auf dieſen Tag be⸗ wahrt hat;„wären Deine Worte vom Ohr eines Fein⸗ des aufgefangen worden, ſo könnten wir es nächſter Tage mit dem Official von Toul zu thun haben.— Aber Frau, wo iſt denn Jeannette? Ich ſehe ſie nicht mehr.“ Jungſran von Orleans. „Sie wird wohl noch in der Kirche beten,“ antwor⸗ tete die Bäuerin. „Nein, meine Mutter,“ ſagte einer von den jungen Männern,„ſie kam mit heraus, ging aber dann nach Hauſe, um ihren Vögeln Körner zu ſtreuen.“ „Ach ja, dort iſt ſie!“ bemerkte die Mutter, in die Gaſſe zeigend, worin ſich ihr Wohnhaus befand.„Aber, lieber Mann,“ fuhr ſie zu dieſem gewandt fort,„zanke deshalb nicht mit dem armen Kinde, hörſt Du?“ Weshalb ſollt ich das auch?“ ſprach Jacques; ſte doch nichts Böſes gethan.“ „Nun ja, das wohl,“ entgegnete die Frau,„aber Du haſt es in der Art ſie mehr als ihre Geſchwiſter anzu⸗ fahren. Und ſie kann doch nicht dafür, daß ihse Schwe⸗ ſter zweimal ſtärker iſt als ſie. Du mußt nicht ver⸗ geſſen, daß unſer frommes Kind ganze Nächte durch betet. Da muß ſie freilich den Tag über manchmal einſchlafen...“ „Ich weiß nur ſo viel, Frau, daß ſich jedermann über ſie luſtig macht, und ſelbſt unſer Bruder hier, ihr Oheim, kann ſich des Lachens nicht enthalten, wie Du ſiehſt. Es iſt kein S doch einer Familie, worin es Seher giebt, die man bald für Propheten, bald für Narren halten möchte.“ ½ „Ich möchte Euch nicht widerſprechen, mein Vater,“ ſichtsfarbe. Jungfrau von Orleans. 11 bemerkte Pierre, das jüngſte Kind des Bauers,„aber unſre Jeannette iſt ſo fromm, daß ſie jeder Familie und ſelbſt der eines Königs Segen bringen müßte.“ „Junger Menſch,“ ſagte Jacques ärgerlich,„nimm Dir ein Beiſpiel an Deinen ältern Brüdern, die mich nicht mit ihren Bemerkungen behelligen, ſondern Männer und Greiſe ſprechen laſſen.“ „Ich ſchweige, lieber Vater,“ ſagte Pierre ehrer⸗ bietig. Unterdeſſen hatte ſich das junge Mädchen, welches den Gegenſtand der Unterhaltung bildete, auf den Weg gemacht und näherte ſich der Gruppe der Sprechenden. Es war ein ſchönes Kind von kaum ſiebzehn Jahren, ſchlank und wohlgebaut, in deſſen Haltung eine ruhige Zuberſicht lag, wie man ſie unter Menſchen ſelten und bei einem ſo jungen Mädchen faſt niemals zu erblicken pflegt. Ihr langes azurblaues Wollenkleid war denen ähnlich, worein Beato Angelieo die himmliſchen Ge⸗ ſtalten ſeiner Engel huͤllt; es war durch eine Schnur von derſelben Farbe über der Hüfte zuſammengehalten. Auf dem Kopfe trug ſie ein gleichfalls ichen. Ihr ſchwarzes durchdringendes Auge contraſtirte einiger⸗ maßen mit ihren blonden rin und ihrer blaſſen Ge⸗ 12 Jungfrau von Orleans. Auf Vater Durand's Geſicht lag das ſchlaue Lä⸗ cheln, wie es unſern Landleuten ſo eigenthümlich iſt. „Wir werden ſie auf die Probe ſtellen!“ dachte er bei ſich ſelbſt. Jacques blickte ihr mit einiger Ungeduld entgegen. „Ich muß dem Dinge bald ein Ende machen!“ nahm er ſich vor. Wit beſorgtem Geſicht ſtand die Mutter da.„Ich muß das arme Kind gegen die rauhen Männer beſchützen,“ dachte ſie. Die Schweſter ſah ganz munter darein und beſorgte nichts Uebles.„Der Vater wird ſeine Bemerkung ma⸗ chen,“ dachte ſie höchſtens,„und dann bleibt die Sache doch beim Alten.“ Pierre warf einen Blick der Achtung, beinahe der Verehrung auf die Heranſchreitende.„So leben bloß die Heiligen des Himmels!“ dachte er. Jeannette ſelbſt, auf die Aller Blicke geheftet wa⸗ ren, ſchritt wohl rüſtig auf ihre geliebte Familie zu, zeigte aburch die Unbeweglichkeit ihres Blickes, daß ihre Seele anderswo beſchäftigt ſein mochte. „Eben recht, Nichte,“ redete ſie ihr Oheim an;„wir möchten gern wiſſen, wer der Ritter iſt, und Dein Bru⸗ Jungfrau von Orleans. 13 der Pierre da behauptet, Du könnteſt uns das ſagen, wenn Du ſonſt wollteſt.“ „Was für ein Ritter?“ fragte Jeannette. „Der, welcher in unſre Kirche kam.“ „Ich habe ihn nicht geſehen,“ antwortete Jean⸗ nette. „Nun, dann haſt Du ihn doch hören müſſen,“ fuhr Durand fort;„denn er machte mit ſeinem Panzerhemd und ſeinen Eiſenſchuhen einen ſolchen Lärm, daß ſich ſelbſt der Prieſter nach ihm umwendete.“ „Ich habe ihn auch nicht gehört,“ ſagte Jeannette. „Ei,“ bemerkte Jacques verdrießlich,„Du haſt ihn weder geſehen noch gehört? Was machteſt Du denn, während er eintrat?“ „Ich betete,“ erwiederte Jeannette freundlich;„ich dachte an das Heil meiner Seele, mein Vater.“ „Gut,“ ſprach jetzt Durand,„Du brauchſt ihn weder geſehen noch gehört zu haben; hier iſt er ſelbſt!“ Bei dieſen Worten zeigte der Sprechende nach dem Ritter, welcher eben auf der Thürſchwelle erſchien. „Das iſt er!“ vief Jeannette und ward bleicher als gewöhnlich; ſie ſtützte ſich nach dieſen Worten auf den Arm ihres jüngſten Bruders, als ob ihr die Beine den Dienſt verſagten. 14 Jungfrau von Orleans. „Wer iſt es?“ fragte Jacques mit einer Miene der Beſorgniß und des Erſtaunens. „Der Hauptmann Robert von Baudricvurt,“ antwortete Jeannette. „Wer iſt dieſer Hauptmann?“ fuhr Jacques mit noch größerem Erſtaunen zu fragen fort. „Ein tapfrer Ritter,“ erwiederte ſeine Tochter,„der in der Stadt Vaucouleurs die Partei des edeln Dauphins Karl aufrecht erhält.“ „Und wer hat Dir alle dieſe Dinge geſagt?“ fragte Jacques, der ſeinen Zorn nicht mehr beherrſchen konnte. „Ich kann Euch weiter nichts ſagen, mein Vater, als daß er es iſt; die, welche mir das geſagt haben, können ſich nicht irren.“ „Ueber die Sache müſſen wir in's Reine kommen,“ ſagte Vater Durand;„hat dieſes Kind die Wahrheit geſagt, ſo werde ich ihr füͤr die Folge alles blind glauben.“ Sowie Durand das letzte Wort geſprochen hatte, verließ er die Gruppe ſeiner Freunde und ging gerades⸗ wegs auf den Ritter los, der eben wieder zu Pferde ſteigen wollte. Als dieſer den Bauer mit abgezogenem Hute auf ſich zukommen ſah, offenbar in der Abſicht ihn Jungfrau von Orleans. 15 anzureden, ſtützte er den rechten Arm auf den Sattelknopf und wartete mit gekreuzten Beinen. „Herr Ritter,“ begann Durand ſo höflich es ihm möglich war,„wenn es an dem iſt, daß Ihr der tapfre Hauptmann Robert von Baudricourt ſeid, von dem wir ſo viel Gutes gehört haben, ſo werdet Ihr's einem armen Bauer, der von Herzen dem edelen Dau⸗ phin zugethan iſt, zu gute halten, wenn er die Frage an Euch richtet, ob Ihr von der Lvire herkommt und uns etwas Gutes von unſerm Herrn und König Karl VII. berichten könnt...“ „Mein Freund,“ antwortete der Ritter mit einer Leutſeligkeit, wie ſie der Edelmann gegen den Bauer ſonſt nicht anzunehmen pflegte,„ich bin allerdings Ro⸗ bert von Baudricourt. Die Nachrichten vom König aber ſind ſehr wenig tröſtlich; denn ſeit der Schlacht an der Brücke von Montereau gehen die Angelegenheiten für das arme Königreich alle Tage ſchlimmer.“ „Und doch,“ ſagte Durand, durch den gütigen Ton des Ritters dreiſter gemacht,„doch will es mich bedün⸗ ken— verzeiht, daß ein armer Mann wie ich ſich unter⸗ fängt von ſo hohen Perſonen zu reden— es müßte alles beſſer gehen, da doch der Herr Connetable Arthur von Richemont an dem Herrn von Beaulieu Gerechtigkeit 16 Jungfrau von Orleans. geübt und unſerm geliebten König den Herrn George de la Tremouille an die Seite geſtellt hat 3 „Ach, jetzt ſehe ich,“ fiel der Ritter ein,„daß Ihr mit Euern Nachrichten allerdings noch weit zurück ſeid; der Herr de la Tremouille hat mehr Böſes gethan als Beaulien jemals; denn er vertrieb den Connetable aus der Nähe des Königs und betrog dieſen auf alle Weiſe durch ſeine ſchändliche Liſt, da er auch jetzt nur noch durch die Augen ſeines Günſtlinges ſieht, ſonſt würde er nicht Leute um ſich dulden wie Tanneguh Duchätel, den Präſidenten Houret und den Herrn Wichel le Maſſon.“ „Ich meinte nur,“ antwortete Durand, zu dem ſich nach und nach alle übrigen Gruppen herangezogen hatten, weil der vornehme Edelmann ſo freundlich mit ihm ſprach, „ich meinte nur, der König von Schottland werde ſeinem Verſprechen gemäß den Johann Stuart Euch bald zu Hülfe ſenden. „Ach was!“ fiel Baudricvurt dem Bauer in's Wont,„Schotten, Iren und Engländer, alles das kommt aus verſelben Höhle, um einen Fetzen von der Beute zu echaſchen! Aber auch vorausgeſetzt, es wäre dem ſchot⸗ tiſchen König ein Ernſt uns durch den Arm ſeines Vet⸗ ters helfen zu laſſen, ſo käme die Hülfe doch meines Jungfrau von Orleans. 17 Bedünkens ſchon zu ſpät, indem der Graf von Salis⸗ bury— trotz ſeinem dem gefangenen Herzog von Orleans in England gegebenen Verſprechen die während der Gefangenſchaft ihres Gebieters vertheidigungsloſen Landſchaften nicht zu überfallen— die gute Stadt Orleans, den letzten Wall des Königs an der Loire, mit Heeresmacht belagert...“ „Jeder Meineid iſt eine ummittelbare Beleidigung des Himmels,“ erhob ſich eine ſanfte Stimme an Vater Durand's Seite,„und darum hat auch der treuloſe Graf ſeinen Lohn erhalten.“ „Was meint das Kind?“ fragte Ritter Baudri⸗ eourt erſtaunt, daß ſich ein ſo junges Mädchen in ein Geſpräch miſchte, welches die meiſten Anweſenden nicht würden haben unterhalten können. „Ich meine,“ ſagte Jeannette ebenſo ſanft und be⸗ ſcheiden als ruhig und zuverſichtlich,„daß der Graf Salisburh für ſeine Treuloſigkeit gebüßt hat, indem vor kurzem ſein Auge von dem Splitter eines Steines zerriſſen wurde, ſo daß er in ſeinen Sünden ſterben mußte.“ „Und woher kam Dir die Kunde von einer ſö frohen Botſchaft, liebes Kind, während ich ſelbſt nichts davon weiß?“ fragte der Ritter lachend. Inungfran von Orſeans. 2 18 Jungfrau von Orleans. „Glaubt Ihr mir nicht,“ ſagte Jeannette mit Fe⸗ ſtigkeit,„ſo werdet Ihr Eurem Freunde glauben, der Euch die Nachricht baldigſt überbringen wird.“ „Hört nicht auf ſie, Herr Ritter,“ rief Jaeques, zwiſchen dieſen und ſeine Tochter vortretend;„ſie weiß nicht was ihr Mund ſpricht.“ „Wäre es auch, wie Eure Tochter ſagt— denn Eure Tochter iſt ſie ja wohl—“ „Ach ja, Herr Ritter,“ murmelte Jacques,„leider iſt ſie es, die uns ſo vielen Kummer verurſacht.“ „Wäre alſo auch der Graf von Salisburh todt, blieben uns nicht noch genug der mächtigen Feinde? Da ſind Suffolk und de la Poule, Falſtaff und Ro⸗ bert Heron, Grah und Talbot, Soales und Lan⸗ celot von Lille, Gladesdale, Guillaume von Rochefort und viele Andre!“ „Und haben wir nicht,“ begann die Jungfrau eifrig, „die Alengon und Clermont, die Dunois und La Hire, die Saintrailles und ſo viele Andre, die ebenſo wie Ihr, Herr Ritter, bereit ſind für den Dau⸗ phin unſern Herrn Gut und Blut zu opfern? Und wird es dem Herrn der Himmel gefallen, das ſchöne Frankreich, das er liebt wie ſeinen Augapfel, in die Hände der Eng⸗ länder und Burgunder zu geben? Ehe der Roggen weiß „ er Jungfrau von Orleans. 19 wird, Herr Ritter, wird kein engländiſches Roß mehr aus den Fluthen der Lvire trinken!“ „Verzeihung, Herr Ritter!“ rief Jacques faſt in Verzweiflung,„Verzeihung, daß Euch die Dirne alſo widerſprechen mag; ich bin verſucht, ſie manchmal für aberwitzig zu halten...“ 7 „Wohl grenzt es an Aberwitz eine Hoffnung zu näh⸗ ren, die der König ſelbſt aufgegeben hat. Wie ſoll Orleans widerſtehen, wenn bereits die Hauptſtadt ſelbſt fiel, wenn ſich feſte Städte nicht halten konnten wie Nogent, Fargeau, Sullh, Jaurille, Beaugench, Marche⸗ nois, Rambouillet, Montpipeau, Thourh, Pithiviers, Rochefort, Chartres und Mans, wenn von den vierzehn Provinzen, welche der weiſe Karl V. dem wahnſinnigen Karl VI. hinterließ, ſeinem Sohne nur noch drei übrig ſind? O Frankreich hat ſchwer geſündigt und ſchwer muß es büßen...“ „Für alle Sünden,“ ſprach die Jungfrau begeiſtert gen Himmel blickend,„hat unſer Heiland ſein Blut am Stamme des Kreuzes vergoſſen! Frankreich geht nicht un⸗ ter; Gott rettet es durch ein Wunder ſeiner Allmacht!“ „Amen!“ ſagte der Ritter ſich bekreuzend und wieder zu Pferde ſteigend,„ein Wunder iſt es auch nur, was uns retten kann!— Indeſſen, Leutchen,“ fügte er hinzu, 28 20 Jungfrau von Orleans. — ſich im Sattel zurecht ſetzend,„ſollte es den Burgundern wieder einmal einfallen, nach Domremh zu kommen und zu plündern, ſchickt nur gleich nach Robert von Bau⸗ dricvurt. Bin ich nicht anderwärts ſehr beſchäftigt, ſo werde ich Euch zu Hülfe kommen, darauf gebe ich Euch mein Ritterwort!“ Hiermit gab der Ritter ſeinem Pferde die Sporen und 6 . jagte mit ſeinen beiden Dienern von dannen, begleitet von den Segenswünſchen aller Bauern, die ihm nachſahen, bis er hinter einem Gebüſch neben der Straße nach Vaucon⸗ leurs ihren Augen entſchwand. D. Des Gnadenbildes ſegensreiche Näh', Das hier des Himmels Frieden um ſich ſtreut, Nicht Satans Werk führt Eure Tochter her. Schiller. Vater Jacques wandte ſich nun gegen ſeine Familie zurück, um mit ihr nach Hauſe zu gehen und auch wohl unterwegs ſeiner jüngſten Tochter ihre unbefugte oder gar frevelhafte Einmiſchung in das Geſpräch mit dem Ritter vorzuhalten. Aber Jeannette war nirgends zu ſehen, Jungfrau von Orleaus. 21 und niemand hatte bemerkt, wohin ſie gekommen ſein möchte. Schon aus obigem Geſpräch kann der Leſer erſehen haben, daß dieſe Jungfrau kein gewöhnliches Mädchen war, auch ohne daß ihm bekannt iſt, was ſich ſeit dem erſten Augenblicke ihrer Geburt mit ihr zugetragen hatte. Folgendes iſt es, was ſich davon durch Schriften und mündliche Ueberlieferung bis auf unſre Zeiten fortge⸗ pflanzt hat: Ihre Eltern waren wackre Bauersleute im Dorfe Dom⸗ remh, das in einem reizenden Moſelthale zwiſchen Neuf⸗ chäteau und Vaucouleurs liegt. Der Vater hieß Jacques d'Are und die Mutter Iſabelle Romée. Jeanne oder Jeannette, wie man ſie gewöhnlich nannte, ward 1412 in der Nacht vor Epiphanias gebo⸗ ren, ſo daß ſie alſo zu der Zeit, womit unſre Erzählung begann, gerade 17 Jahre zählte. Wenn es nun um dieſe Zeit kalt und regneriſch zu ſein pflegt, ſo war doch in jener Nacht die Luft äußerſt mild und mit würzigen Düf⸗ ten erfüllt. Eine liebliche Mainacht ſchien ſich auf die Erde zu ſenken und die Bewohner des Dörfchens ſaßen bis um Mitternacht vor ihren Thüren, um dieſe ſeltene Naturerſcheinung zu genießen. Da ſahen ſie plötzlich einen Stern ſich vom Himmel löſen und auf Vater Are's 22 Jungfrau von Orleans. Haus niederſchweben, zugleich aber hörten ſie die Hähne krähen und mit den Flügeln rauſchen, obgleich die Zeit des Hahnengeſchreies noch fern war. Da wurden alle Dorfbewohner von ahnungsvollem Gefühle durchdrungen, liefen im Dorfe umher und fragten einander:„Was iſt im Himmel oder auf Erden vorgegangen, daß unſre Her⸗ zen ſo freudig klopfen?“ Einige begegneten bald einem alten Hirten, welcher in der ganzen Gegend als Prophet bekannt und geehrt war; dieſen fragten ſie nun, was dies alles bedeute. Er aber antwortete:„Drei Buhlerinnen haben Frankreich zu Grunde gerichtet, eine Jungfrau wird es retten*).“ Daͤ nun auch eine alte Prophezeihung Mer⸗ lin's„Rettung Frankreichs durch eine Jungfrau“ ver⸗ hieß, ſo zweifelte niemand an den Worten des Hirten und es entſtand unter dem Landvolke großer Jubel. Am andern Tage erfuhr man, daß eben in der durch Eleonore, Gemahlin Ludwig's des Jungen, welche ihrem zweiten Gemahl Heinrich von Anjou(König von England) den dritten Theil Frankreichs als Mitgift zubrachte; Iſabelle von Frankreich, die als Gemahlin Eduard's H. ihre Rechte auf den Thron von Frankreich deſſen Nachfolger Eduard III. übertrug und ſo den gegenwärtigen Krieg mit ſeinen Schlachten (bei Créch, Poitiers und Azincourt) veranlaßte; Iſabelle von Baiern, Karl's VII. Mutter, welche noch eben die Engländer und Burgunder gegen ihren eignen Sohn in's Feld trieb. W Jungfrau von Orleans. 23 ſolche Zeichen verherrlichten Mitternachtsſtunde Iſabelle Romée, die Frau Jacques Are's, von einem Mädchen entbunden worden ſei. Wieder einen Tag ſpäter ward das Kind vom Prieſter Nhnet getauft und erhielt den Namen Jeanne. Ihre beiden Pathen waren Je⸗ han Barent und Jehan Lingue, ihre Pathinnen aber Jeanne und Agnes. In Jeannettens erſter Kindheit zeigte ſich nichts Außerordentliches; auch ward ſie in ihrem ſiebenten Jahre gleich andern Kindern zur Hütung der elterlichen Heerde verwendet. Niemals, ſo oft Jeannette auch die Heerde aus⸗ trieb, verirrte ſich eins ihrer Lämmer. Hatte ſich ja ein⸗ mal eins von den übrigen entfernt, ſo brauchte ſie es nur beim Namen zu rufen, und es kam ſogleich zurück. Wohl zeigte ſich hin und wieder auch ein räuberiſcher Wolf; allein Jeannette ging ihm mit ihrem Schäferſtabe oder mit einem Baumzweige oder auch nur mit einer Blume in der Hand entgegen, und der Wolf ging auf der Stelle wieder in ſeinen Wald. Auch in der Hütte ihres Vaters ereignete ſich niemals ein Unfall, wenigſtens nicht ſo lange Jeannette in derſelben weilte. So erreichte ſie ihr zwölftes Jahr. Um dieſe Zeit befand ſie ſich nun einſt mit mehreren —— 24 Jungfrau von Orleans. ihrer Geſpielinnen auf einer Wieſe zwiſchen Domremh und Neufchäteau. Die Mädchen wanden einen Strauß und beſtimmten unter ſich, daß er derjenigen gehören ſollte, welche am ſchnellſten bei einem aufgeſteckten Ziele eintreffen würde. Als der Lauf eben beginnen ſollte, that Jeannette ein Gelübde, den Strauß der heiligen Katharina auf dem Altar zu opfern, wenn ſie ſo glücklich ſein ſollte, den Preis zu gewinnen. Gleich dar⸗ auf liefen die Mädchen dem Ziele zu, Jeannette aber mit einer ſolchen Schnelligkeit, daß ſie mit ihren Sohlen kaum den Boden zu berühren ſchien. Sie war ihren Mitbewerberinnen weit voraus, von denen eine plötzlich ſtehen blieb und ihrer Geſpielin verwundert zurief:„Jean⸗ nette, Jeannette, was machſt Du? Du läufſt ja nicht auf der Erde wie wir, ſondern fliegſt wie ein En⸗ gel durch die Luft!“ Es war an dem; das junge Mäd⸗ chen fühlte ſich, wie das zuweilen im Traume geſchieht, über den Boden erhoben und war am Ziele, bevor ſie es ſelbſt vermuthete. Dort aber ſtand ein ſchöner junger Mann, welcher ihr mit holdſeligem Lächeln ſagte: Jo⸗ hanna, eile nach Hauſe, denn Deine Mutter bedarf Dein!“ Die Jungfrau übergab ihre Heerde einer ihrer Gefähr⸗ tinnen zur Aufſicht und folgte den Worten des Jünglings, den ſie für einen Abgeſandten ihrer Familie hielt. Zu h uß Jungfrau von Orleans. 25 Hauſe angekommen, ward ſie von ihrer Mutter gefragt, warum ſie ſo zeitig heimkehre und ihre Heerde im Stiche laſſe.„Habt Ihr mich nicht rufen laſſen?“ fragte die Tochter.„Ich? nein,“ antwortete die Mutter. Hierauf begab ſich Jeannette ſogleich nach der Capelle der hei⸗ ligen Katharina, um den Strauß auf ihren Altar zu legen. Sie ging durch den Garten ihres väterlichen Hauſes. Da tönte ihr plötzlich von der Kirche her eine Stimme in's Ohr. Als ſie aufſchaute, erblickte ſie eine leuchtende Wolke, aus welcher die Stimme erſcholl:„Jo⸗ hanna, Du biſt zu großen Dingen geboren, denn Du biſt die Jungfrau, welche der Herr zur Wiedereinſetzung des Königs Karl erkor. Du wirſt Deine zarten Glieder mit Erz bedecken und Feldherr ſein; das ganze König⸗ reich wird Deinem Rathe gehorchen.“ Die Wolke ver⸗ ſchwand. Stumm und regungslos blieb Jeannette auf derſelben Stelle ſtehen, bis ſie ſich von ihrem Staunen und Schrecken wieder ſo weit erholt hatte, daß ſie ihren Geſchäften nachgehen konnte. Dieſes Geſicht hatte die Jungfrau am 17. Auguſt 1424, d. h. am Tage der Schlacht von Verneuil, worin die Blüthe des franzöſiſchen Adels fiel. Als Jeannette wieder zu ihrer Heerde kam, hatte ſich dieſe von ſelbſt unter dem ſchönen Feenbaume ge⸗ 26 Jungfran von Orleans. ſammelt, welcher ſeinen Namen daher führte, weil die Bauern nicht ſelten weiße Geſtalten darunter hatten tan⸗ 8 zen ſehen, die nachher wie ein Duft verſchwunden waren. Eine von Jeannettens Tanten wollte dieſe Erſcheinung auch geſehen haben, der Jungfrau ſelbſt aber hatte ſie ſich niemals gezeigt, wie oft ſie auch unter dieſem Baume mit ihren Geſpielinnen getanzt und geſungen hatte. Dieſer Baum ſtand dem Chénu-Walde gegenüber und gerade neben einer heilkräftigen Quelle, wo ſehr häufig Fieberkranke Geneſung ſuchten und fanden. Er gehörte zu den Beſitzungen Bolemont's, des Herrn von Dom⸗ Die übrige Zeit dieſes merkwürdigen Tages blieb Jeannette unter dieſem Baume, den ſie ſehr lieb hatte, betete zur heiligen Katharina und zur heiligen Mar⸗ garetha und wand Kränze, die ſie an den Zweigen des Baumes aufhing. Des Abends trieb ſie die Heerde nach Hauſe. Von jetzt an, da ſie groß und ſchlank wurde, ſchickten ſie ihre Eltern nicht mehr mit der Heerde aus, die ihrem jüngern Bruder Pierre übergeben wurde. Sie ſelbſt lernte im elterlichen Hauſe alle weiblichen Arbeiten und war darin bald ſo geſchickt als die Hausfrau des Dorfes. Jungfran von Orleans. 27 Jeannette konnte die Erinnerung an das Abenteuer im Garten gar nicht wieder loswerden. Doch blieb alles ruhig, bis ſie eines Sonntags in der Kirche knien ge⸗ blieben war, nachdem ſich die ganze Gemeinde ſchon ent⸗ fernt hatte. Da hörte ſie plötzlich ihren Namen rufen. Als ſie den Kopf erhob ſchien ihr das Gewölbe der Kirche geöffnet zu ſein, eine goldne Wolke ließ ſich herab und in ihrer Mitte ſah ſie den Jüngling wieder, welcher ſie auf der Wieſe angeredet hatte. Sie erlickbte Flügel an ſeinen Schultern, merkte daß es ein Engel ſei und redete ihn in ihrem ſanften Entzücken an: „Biſt Du es, Herr, der mich gerufen hat?“ „Ja, Johanna, ich bin es,“ antwortete der Engel. „Was begehrſt Du von Deiner Magd?“ „Johanna, ich bin der Erzengel Michael, welchen der König des Himmels ſendet, um Dir zu ſagen, daß er Dich unter allen Frauen erkoren hat, das Königreich Frankreich zu retten.“ „Ach,“ rief Jeannette,„was könnte ich arme Hir⸗ tin wohl thun?“ „Bewahre die Reinheit Deines Herzens wie bisher,“ erwiederte der Engel liebreich;„zur rechten Zeit werden die heilige Katharina und die heilige Margaretha mit mir kommen und Dir ſagen, was Du zu thun haſt.“ Jungfrau von Orleans. „Des Herrn Wille geſchehe!“ ſagte Jeannette. „Amen!“ flüſterte der Engel, hob ſich wieder mit der Wolke empor und verſchwand durch das Deckengewölbe der Kirche. In dieſem Augenblicke kam der Prieſter aus der Sarriſtei, wo er Meſſe geleſen hatte. Jeannette redete ihn an und bat ihn ſie im Beichtſtuhle anzuhören. Der Prieſter war ein gutmüthiger frommer Mann, welcher große Freude über Jeannettens Mittheilungen hatte und ihr empfahl, keinem Menſchen etwas von den Er⸗ ſcheinungen zu ſagen, deren ſie der Himmel gewürdigt hätte. Nach dieſer Zeit lebte Jeannette wieder drei Jahre, ohne daß ihr eine übernatürliche Erſcheinung aufſtieß. Gleichwohl fühlte ſie ſich deutlich in der göttlichen Gnade, hörte in der Einſamkeit zuweilen Engelchöre und ver⸗ einigte dann ihre Stimme mit den himmliſchen Weiſen. Wie eine Blume des Feldes war ſie aufgeblüht. Aller Augen hingen mit Wohlgefallen an ihren Zügen. Doch unterhielt ſie ſich nur wenig mit den Nachbarn und guten Freunden ihrer Eltern. An einem kalten Wintertage ent⸗ zog ſie ſich einſt ihrer Geſellſchaft, indem ſie ſagte, ſie wolle für ihre Heiligen(Katharina und Margaretha) einen Strauß pflücken, und dann hinausging. Die An⸗ weſenden lachten, denn die Erde war hoch mit Schnee Jungfrau von Orleans. 24 bedeckt. Sie aber wandelte auf der Straße von Neuf⸗ chäteau dahin, fand das Geſuchte am Wege, beſchäftigte ſich unter dem Feenbaume mit dem Flechten von Blumen und kehrte dann mit einem ſchönen Kranze von Veilchen und Primeln nach Hauſe zurück. Ihre Geſpielinnen gingen nun auch des Wegs, um ſchöne Kränze zu holen, fanden aber nichts; daher ſprengten ſie aus, Jeannette bekomme die Blumen von den Feen. Noch außerordent⸗ licher war es, zu ihren Füßen Rehe und Hirſchkälber ſpielen, auf ihren Schultern Finken und Grasmücken ſitzen zu ſehen, welche ſo luſtig ſangen, als wiegten ſie ſich auf den höchſten Zweigen eines Baumes. Und alle Welt verwunderte ſich des wunderbaren Anblicks. In dieſen drei Jahren hatten ſich Karl's VI. An⸗ gelegenheiten immer noch verſchlimmert; die Felder waren unbebaut, die Dörfer lagen in Ruinen, Frankreich war bis an die Loire eine ungeheure Einöde. Die Einwoh⸗ ner lebten theils in unzugänglichen Wäldern, theils hin⸗ ter den Mauern feſter Städte. In letztern mußte immer jemand auf dem Glockenthurme Wache halten und ſo⸗ gleich Sturm läuten, ſobald ſich der Feind zeigte. Bei dieſem Tone eilten Menſchen und Thiere, welche ſich außerhalb der Ringmauer befanden, in die Stadt, um dem Würgen der Inſulaner zu entgehen. e Jungfran von Orleans. Es war jetzt zu Anfange des Jahres 1428. Zu die⸗ ſer Zeit ward der Ritter Thomas von Montaigu Graf von Salisburh von den drei Staaten Englands nach Frankreich geſchickt, um dieſes mit Krieg zu überziehen. Dieſen Kriegszug erfuhr der ſeit der Schlacht von Azin⸗ court in Londen gefangen gehaltene Herzog von Or⸗ leans, welchem man die Loskaufung nicht geſtattete, und nahm dem Grafen von Salisburh das Verſpre⸗ chen ab, als biederer Kriegsmann nicht das Land zu über⸗ fallen, welches er(der Herzog) wegen ſeiner Abweſenheit nicht mehr vertheidigen könne; ſobald ſich aber der Graf in Calais ausgeſchifft hatte, brach er ſogleich das gegebene Wort. Nie hatte Frankreich in größerer Noth geſchmachtet. In ſolcher Zeit der Bedrängniß erhielt Jeannette d'Are ihre himmliſchen Beſuche wieder. Seinem Ver⸗ ſprechen gemäß brachte der Erzengel Michael die heil. Katharina nebſt der heil. Margaretha mit, welche ſich ihr ſelbſt nannten, ihr für die ehrerbietige Folgſam⸗ keit dankten und die Verſicherung gaben, daß Gott ſie wegen ihrer bewahrten Herzensreinheit immer noch für die Retterin Frankreichs hielte; ferner geboten ſie ihr König Karl VII. aufzuſuchen, ſich ihm im Namen Gottes als Feldherrn gegen die Engländer und Burgunder, als Retterin Frankreichs vorzuſtellen. Als das ſchüchterne ſieb⸗ — ie⸗ n. n⸗ Jungfrau von Orleans. 31 zehnjährige Mädchen ſich von ihrem freudigen Schrecken etwas erholt hatte, fiel es ihr ſchwer auf's Herz zur Ausführung eines ſo blutigen Auftrags erkoren worden zu ſein, und ſie bat trotz ihrer frommen Ergebung, man möge ſie in ihrer Niedrigkeit laſſen und eine Würdigere als ſie zur Ausübung des blutigen Handwerkes erwählen. Allein ſie konnte auch durch die inbrünſtigſten Bitten und Gebete die Beſchlüſſe der Vorſehung nicht ändern. Da ſie indeſſen noch im elterlichen Hauſe geblieben und nicht zum König gegangen war, ſo hatte ſie bald wieder eine Erſcheinung. Sie kniete eben an der kleinen am Kreuz⸗ wege des Chénu⸗Waldes der Mutter Gottes errichteten Capelle, als ſich eine leuchtende Wolke vom Himmel nie⸗ derſenkte und ihr die drei Abgeſandten des Herrn in gött⸗ lichem Glanze erſchienen. Jeannette ſchlug vor dem blendenden Glanz die Augen nieder, während einer der drei himmliſchen Votſchafter zu ihr ſprach:„Johanna, was zögerſt Du? Iſt Dir nicht der Befehl ertheilt zum König zu gehen? Während Du hier weilſt, werden Städte und Dörfer zerſtört und ein koſtbares Blut wird nutzlos vergoſſen! Eile, eile, Johanna! Du wirſt vom König des Himmels geſandt!“ Dieſe Erſcheinung theilte Jean⸗ nette ihrem Beichtvater mit, welcher ihr den Rath gab der himmliſchen Stimme zu gehorchen. — Jungfrau von Orleans. „Aber, mein Vater,“ entgegnete das demüthige immer noch ſchüchterne Mädchen dem Prieſter,„ich weiß keinen Weg, kenne weder das Volk noch den König. Wird nicht alle Welt meiner ſpotten, wenn ich als Erretterin Frank⸗ reichs auftreten will? Begeht ein junges Mädchen keine Unſchicklichkeit, wenn ſie Mannskleider anzieht?“ „Gott iſt allmächtig,“ antwortete der fromme Prie⸗ ſter,„und ihm muß man gehorchen.“ Da nun Jeannette bitterlich zu weinen begann, ſo ertheilte ihr der Prieſter den Rath, eine neue Erſcheinung der Himmliſchen abzuwarten, um ſie zu fragen, wie ſie es aufangen hätte um die erhaltenen Befehle auszuführen. Doch ſchwiegen die Stimmen einige Monate und Jean⸗ nette war in großer Beſorgniß die Himmliſchen belei⸗ digt zu haben. Da kniete ſie eines Tages in heftiger Unruhe am Altare der heil. Katharina nieder und be⸗ tete inbrünſtig: „Ich bitte unſern Herrn und die Mutter Gottes mir Rath und Stärke für meinen Auftrag zu verleihen durch Vermittelung des heil. Michael, der heil. Katharina und der heil. Margaretha.“ Sogleich ſenkte ſich die Wolke mit den himmliſchen Abgefandten wieder herab; es war der Engel it * Jungfrau von Orleans. 33 mit den beiden Heiligen. Jeannette ſenkte das Haupt und eine ſanfte Stimme ließ ſich vernehmen: „Johanna, warum zweifelſt Du? Den Weg zum König weißt Du nicht, ſagſt Du; die Hebräer kannten den Weg auch nicht in's gelobte Land, aber ſie wurden von einer Feuerſäule geleitet.“ Durch die Milde der Stimme ermuthigt, ſagte Jean⸗ iee „Aber wo iſt der Feind, den ich ſchlagen ſoll, und welches iſt meine Sendung?“ „Er ſteht vor Orleans. Zum Zeichen, daß ich die Wahrheit rede, ſage ich Dir, daß der engliſche Feldherr Salisburh getödtet worden iſt. Deine Sendung iſt. Du wirſt die Belagerung der guten Stadt des gefange⸗ nen Herzogs von Orleans aufheben und den König Karl VII. nach Rheims zur Krönung führen; denn be⸗ vor er geſalbt wird, iſt er nur Dauphin und nicht König.“ „Aber,“ begann Jeannette auf's neue,„ich kann doch nicht allein vor Orleans gehen. An wen habe ich mich um Unterſtützung zu wenden?“ „Du haſt Recht, Johanna,“ ſagte die Stimme hierauf;„gehe nach Vaucvuleurs zum Ritter Robert on Baudricourt und vertraue ihm Deinen Auftrag. Jungfran von Orſeans. 3 Jungfrau von Orleans. Er wird Dir glauben. Blicke jetzt auf und Du wirſt das Bild des Ritters ſehen!“ Jeannette erhob das Haupt und ſah eine Ritter⸗ geſtalt ohne Helm, Schwert und Sporen. Sie blickte dieſe neue Erſcheinung ein Weilchen aufmerkſam an, um ſich deren Züge tief in's Gedächtniß einzuprägen. Als ſie ſich aber gegen den Engel und ſeine Begleiterinnen zurück⸗ wandte, waren ſie wieder in den Himmel emporgeſtiegen. Feſt ſtand nun Jeannettens Entſchluß, der himm⸗ liſchen Stimme zu gehorchen. Aber es war nichts Ge⸗ ringes für ein ſo junges Mädchen, ihre Eltern und ihre Heimath zu verlaſſen. Es vergingen mehrere Tage, die ſie meiſtens weinend zubrachte. Da überraſchte ſie einſt ihr jüngerer Bruder Pierre, welchen ſie ebenſo lieb hatte als er ſie. Er fragte was ihr fehlte und ſie geſtand ihm alles. Pierre erbot ſich mit ihr zu gehen, mehr hatte er ihr nicht anzubieten. Wieder einige Tage ſpäter erſcholl die Kunde, daß Orleans von den Engländern härter als je bedrängt würde. Alle Anhänger des Königs waren in der größten Beſtürzung. Unter ſolchen Verhältniſſen war der heilige Dreikönigstag herangekommen, an welchem in Domremh vorfiel, was wir im erſten Capitel erzählt haben. Sowie nun Jeannette den Ritter von Baudri⸗ — S S— — Jungfrau von Orleans. 35 court erkannt hatte, war es ihr auch deutlich gewor⸗ den, daß die Stunde ihres Aufbruchs geſchlagen hatte. Sie hatte ſich in die Einſamkeit begeben, um nochmals ihre Stimmen um Rath zu fragen, entſchloſſen augenblick⸗ lich in's Feld zu ziehen, ſobald ſie es begehren würden. 3. Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, Ihr traulich ſtillen Thäler, lebet wohl! Schiller. Jeannette ging über den Schnee dahin und ward von den Vögeln des Waldes umſchwebt, denen ſie Korn und Hanfſamen vorſtreute, wie dies Pierre ſeinen El⸗ tern an der Kirche geſagt hatte. Als ſie unter den ſeines Laubſchmucks beraubten Feenbaum kam, ließen ſich die Vögel darauf nieder und ſangen dem Herrn ihre Lob⸗ geſänge. Vom Thurme ertönte eben die Mittagsſtunde und Jeannette warf ſich auf die Knie, um den Heiligen ihre Bitte vorzutragen. Als ihr Gebet geſprochen war, ſchwiegen die Vögel, eine Wolke ſenkte ſich herab und ihre himmliſchen Beſchützer erſchienen ihren Augen⸗ Jungfrau von Orleans. „Johanna,“ ſagten ſie,„Du haſt Gott vertraut, ſei geſegnet! Mache Dich ohne Furcht auf den Weg und laß Dich von einer erſten Weigerung nicht abſchrecken. Der König des Himmels wird die Gabe der Ueberredung in Deinen Mund legen.“ „Aber,“ ſagte Jeannette,„wenn ich nun allein und ohne ſichtbaren Schutz auf der Straße bin, wird man mich nicht für eine Abenteurerin, für eine ſchlechte Dirne halten?“ „Johanna, der Wille Gottes genügt denen, die an ihn glauben. Da Du aber einen Beſchützer wünſcheſt, ſo wird ſich Dir einer darſtellen, ehe Du Dich von Deinen Knien erhebſt. Mache Dich ohne Zögern auf den Weg; der Augenblick iſt gekommen!“ „Ich bin des Herrn Magd,“ rief Jeannette glaubens⸗ voll,„ſein Wille geſchehe!“ Nach dieſen Worten erhob ſich die Wolke wieder gen Himmel und die Vögel begannen ihren Geſang auf's neue. Jeannette bat ihre Eltern inbrünſtig um Ver⸗ zeihung, daß ſie ſich ſo ohne Abſchied und ohne ihren Segen von ihnen entfernte; aber ſie wußte, daß ihr ſtrenger Vater ihr niemals erlauben würde, ſich unter das Kriegsvolk zu miſchen und auf die Schlachtfelder zu 6 begeben. Noch lag ſie auf den Knien, als ſie ihren Na⸗ 3 Jungfrau von Orleans. 37 men ausſprechen hörte und die Vögel davonfliegen ſah. Sie wandte ſich um und erblickte ihren Oheim Durand Harart. Sie merkte, daß dies der von ihren Stimmen angekündigte Beſchützer ſein werde, erhob ſich und ſchritt ihm heiter entgegen, obgleich noch Thränen des Abſchieds in ihren langen Wimpern zitterten. „Hier biſt Du, Jeannette?“ ſagte Vater Durand; „und Deine Eltern ſuchen Dich überall!“ „Ach, beſter Oheim,“ antwortete die Jungfrau kopf⸗ ſchuttelnd,„ſie werden mich noch lange vergeblich ſuchen; ich habe ſie vielleicht auf immer verlaſſen.“ „Und wohin gehſt Du, Jeannette?“ „Ich gehe wohin Gott mich ſendet, und meine Stim⸗ men haben mir geſagt, daß Ihr mich begleiten würdet, mein Oheim.“ „Hätteſt Du mir noch heute Morgen dieſen Vorſchlag gemacht,“ erwiederte Vater Durand,„ſo würde ich Dich zu Deinem Vater zurückgeführt haben; aber nach dem, was ich ſeitdem geſehen und gehört habe, bin ich bereit Dir beizuſtehen. Erzähle mir was Dir begegnet iſt und was Du vorhaſt, ſage mir worin ich Dir dienen kann und rechne auf meinen Beiſtand.“ Auf dem Wege nach Neufchäteau erzählte nun Jean⸗ nette ihrem Oheim alles was ihr widerfahren war und 38 überzeugte ihn ſo völlig von der Wahrheit aller dieſer Wunder, daß er ſie ſelbſt zur Vollbringung ihres Werks aufmunterte. Er erbot ſich der Jungfrau nach Vaucou⸗ leurs vorauszugehen und ſie beim Hauptmann von Bau⸗ dricourt anzumelden, was ſie dankbar annahm, weil ihr vor dem erſten Auftreten beim Ritter einigermaßen bangte. Am folgenden Worgen ſtellte ſich Durand dem Hauptmann von Baudricourt vor, ward aber nicht zum beſten aufgenommen. Es war nämlich vor kurzem ein Frauenzimmer, Namens Marie Davignon, auf eine Prophezeihung Merlin's geſtützt, zum König ge⸗ kommen, um ihm wichtige Dinge zu enthüllen, aber ſie hatte nichts weiter vorzubringen gewußt, als daß ihr ein Engel erſchienen wäre, der ihr Waffen vorgehalten und dabei bemerkt hätte, dieſelben ſeien nicht für ſie, ſondern für ein andres zur Rettung Frankreichs erkorenes Frauenzimmer beſtimmt. Nun meinte Baudricourt, es zeige ſich jetzt in der Lirtin eine ähnliche Abenteurerin, und rieth dem Vater Durand, ſeine närriſch gewordene Nichte nach Gebühr zu züchtigen und zu ihren Eltern zurückzuführen. Als die Jungfrau dieſe Antwort erhielt, begann ſie ſogleich ihre Stimmen anzurufen. Unverzüglich erſchien 23 Erzengel mit den Heiligen und ſprach: Jungfrau von Orleans. ſer rks u⸗ u⸗ m Jungfrau von Orleans. 39 „Johanna, Du haſt gezweifelt! Gott gebot Dir ſelbſt zu gehen und Du haſt einen Andern geſchickt. Aber Dir allein hat Gott die Gnade der Ueberredung ver⸗ liehen. Eile demnach vorwärts; denn alles kann wieder gut gemacht werden und durch Zögern geht alles zu Grunde.“ Die Jungfrau begriff, daß ſie nicht länger warten dürfe. Am Freitage nach dem heiligen Dreikönigstage 1429 brach ſie auf und langte in der Nacht zu Vaucvu⸗ leurs an. Ihr Oheim klopfte an die Thür des Wagners, ſeines Gaſtfreundes, und erhielt mit ſeiner Nichte Obdach. Johanna theilte nicht das Bett der Frau des Wagners, ſondern lag bis zu Tagesanbruch im Gebet. Wunderbar geſtärkt in ihrer Zuverſicht ging ſie gegen 9 Uhr Mor⸗ gens allein zum Ritter von Baudricourt. Dieſer hatte eben Beſuch; es war der tapfre Ritter Jean von No⸗ velanpont, der erſt in der Nacht von Gien an der Loire eingetroffen war, um ſeinem Freunde Baudri⸗ court die Nachricht vom Tode des Grafen von Salis⸗ burh zu überbringen. Die Kriegsleute, welche ſich des Lachens nicht enthalten konnten, daß ein ſo ſchönes Mäd⸗ chen in ſo früher Tagesſtunde dem Ritter einen Beſuch abſtatten wollte, führten die Jungfrau in das Gemach zu ihrem Herrn, auf den ſie ſogleich mit den Worten zuſchritt: Jungfrau von Orleans. 40 „Wißt, Herr Ritter von Baudricourt, daß mir der Herr ſeit langer Zeit geboten hat zum edeln Dauphin zu gehen, welcher der einzige und echte König von Frank⸗ reich iſt und ſein wird.“ „Und welcher Herr hat Euch das geboten, meine Beſte?“ antwortete der Ritter lachend. „Der König des Himmels,“ verſetzte die Jungfrau. „Und was wollt Ihr vom Dauphin?“ „Er ſoll mir Kriegsleute geben, daß ich die Velage⸗ rung von Orleans aufheben und ihn nach Rheims zur Krönung führen kann.“ Die beiden Ritter brachen in ein lautes Gelächter aus. „O zweifelt nicht!“ rief Johanna würdevoll,„ich ſage Euch die lautere Wahrheit.“ Baudricvurt betrachtete die Jungfrau genauer und glaubte ſich ihrer Züge zu erinnern. Nach einer Pauſe ſagte er zu ihr: 6 „Wich dünkt, ich ſehe Euch heute nicht zum erſten MWale.“ „Nein, Herr Ritter,“ erwiederte die Jungfrau;„am heiligen Dreikönigstage verkündete ich Euch zu Domremh den Tod des Grafen von Salisburh, den Euch dieſer edle Ritter(hierbei zeigte ſie auf Jean von Novelan⸗ vont) ſo eben beſtätigt hat.“ ne Jungfrau von Orleans. 11 No velanpont erbebte, denn er hatte ſeit ſeiner Ankunft noch mit niemandem als dem Hauptmanne von jener Nachricht geſprochen. Nachdem er ſich etwas ge⸗ ſammelt hatte, ſagte er zur Jungfrau: „Du weißt vielleicht auch, auf welche Weiſe Salis⸗ burh umgekommen iſt?“ „Allerdings,“ antwortete Johanna ſogleich;„er betrachtete oben an dem Fenſter eines kleinen Thurms die gute Stadt Orleans; da ließ der Herr des Himmels zu, daß er vom Splitter eines Steins getroffen und ihm auf der Stelle das Auge ausgeriſſen wurde, ſo daß er zwei Tage nachher mit Tode abging.“ Erſtaunt ſahen die Ritter einander an, denn alle dieſe unmſtände waren völlig gegründet. Uebernatürlich mußten ſolche Offenbarungen ſein; aber ſie konnten ebenſo gut der Hölle als dem Himmel entſtammen; daher entließ Baudricourt die Jungfrau ohne ein förmliches Ver⸗ ſprechen, um ſich erſt noch zu bedenken und mit ſeinem Freunde zu berathen. Johanna kehrte zum Wagner zurück, begab ſich aber gleich darauf in die Kirche, um zu beten, zu beich⸗ ten und zu communiciren. Das Volk ſah ihre Frömmig⸗ keit, hörte ihre ſanften und züchtigen Worte und begann ihr völlig zu vertrauen. Es begleitete ſie auf Wegen und 42 Jungfrau von Orleans. auf Stegen und ſchrie überlaut, man möge doch die fromme Jungfrau nicht ohne Hülfe laſſen, welche unter dem Schutze des Himmels Orleans befreien und den König zur Krönung führen wolle, widrigenfalls werde das Unglück über die kommen, welche ſie ſchnöde zurück⸗ gewieſen hätten. Baudricourt war bereits in ſeinen Zweifeln er⸗ ſchüttert und begab ſich zum Pfarrer von Vaucouleurs, um ſich mit ihm zu beſprechen. Dieſer wollte durch die „Beſchwörung“ unterſuchen, ob das Mädchen von Gott ſei oder nicht, und begab ſich in Begleitung des Ritters mit Stola und Crucifir nach Jeannettens Wohnung. Johanna lag eben im Gebet und ließ ſich auch durch den Eintritt des Ritters und des Pfarrers nicht ſtören. Der Geiſtliche hielt ihr das Crucifir vor und beſchwor ſie ſich zu entfernen, wenn ſie vom Böſen ſei; ſie aber ſchleppte ſich auf den Knien an das Crucifir und küßte daſſelbe mehrmals mit der größten Inbrunſt. Hier⸗ auf erklärte der Prieſter, wahnſinnig könne das Mädchen ſein, aber beſeſſen gewiß nicht. Baudricourt ließ hierauf wohl den Verdacht der Zauberei fallen, aber wegen des Wahnſinnes mußte er doch erſt noch Anſtand nehmen; auch ſcheute er die üble Nachrede, wenn er dem König ein Frauenzimmer zuführe, um ihn zu vertheidigen. Jungfrau von Orleans. 13 Unterdeſſen verbreitete ſich der Ruf von Johanna's Frömmigkeit auch über die nahegelegenen Ortſchaften. Am folgenden Morgen ſandte René von Anjou, Her⸗ zog von Bar, welchen die Aerzte ſchon aufgegeben hatten, einen Boten an die fromme Jungfrau, daß ſie doch kom⸗ men und ſeine Heilung verſuchen möchte. Johanna erſchien, ſagte aber, ſie habe eine einzige Sendung, näm⸗ lich Orleans zu befreien und den König zur Krönung nach Rheims zu führen.„Uebrigens,“ ſetzte ſie hinzu, „werdet Ihr wohlthun nicht ferner wie bisher zum Aer⸗ gerniß Eurer Unterthanen mit Eurem ehelichen Gemahl in Hader und Zwietracht zu leben, Euch in der Furcht Got⸗ tes zu halten und guten Muth zu faſſen; dann werdet Ihr geneſen“ Der Herzog gab der Jungfrau beim Ab⸗ ſchied vier Franes, welche ſie unter die Armen vertheilte. Als Johanna wieder nach Vaucouleurs kam, be⸗ gegnete ſie auf der Straße dem Ritter Novelanpont und einem andern Biedermann Namens Bertrand von Poulangy. Jean von Novelanpont, auf den das Mädchen einen großen Eindruck gemacht hatte, ſchritt mit ſeinem Freunde auf ſie zu und ſprach zu ihr: „Ach, Johanna, mit der Belagerung geht es immer ſchlimmer; ſollten denn wirklich die Truppen des Königs aus Frankreich vertrieben und wir zu Engländern gemacht werden?“ * 14¹ Jungfrau von Orleans „Man glaubt mir nicht,“ entgegnete die Jungfrau mit Würde;„der Ritter von Baudricourt kümmert ſich weder um mich noch um meine Worte; gleichwohl muß ich noch vor Mittfaſten beim Dauphin ſein, und ſollte ich mir die Füße bis an die Knie ablaufen! Weder der Kaiſer noch der König, weder der Herzog noch die Toch⸗ ter des Königs von Schottland können das Königreich Frankreich wieder erheben; ich allein vermag das. Lieber würde ich zwar bei meiner Muter ſpinnen, aber der Herr treibt mich vorwärts.“ Bei dieſen Worten ſah Novelanpont die Jung⸗ frau durchdringend an, las in ihren Augen Aufrichtigkeit und Selbſtvertrauen und ſprach zu ihr: „Ich bin von der Wahrheit Eurer Worte überzeugt; wenn Baudricourt noch länger zögert, ſo werde ich Euch unter Gottes Geleite zum König führen.“ Und zum Unterpfande reichte er ihr die Hand, welche Johanna drückte. Dann ſagte ſie erfreut: „Thut das, edler Ritter, aber ſchnell; denn eben heute hat der gute Dauphin einen harten Verluſt bei Orleans erlitten und iſt in der nächſten Zeit von einem noch viel größern bedroht.“ Jetzt fühlte ſich auch Bertrand von Ponlangh für die Jungfrau eingenommen. Er reichte ihr gleichfalls „— Inngfrau von Orleans. 45 die Hand und ſchwur ihr überallhin zu folgen. Die bei⸗ den Männer gingen nun zum Ritter Baudricvurt um ſich höflichkeitshalber zu beurlauben, und Johanna be⸗ gab ſich wieder zum Wagner. Während ſie hier inbrün⸗ ſtig betete, trugen die beiden Ritter ihrem Freunde ihren Entſchluß vor, der ſich ihnen ſogleich ſelbſt anſchloß, da nun das Lächerliche nicht bloß auf ihn fallen konnte. Sie ließen die Jungfrau holen, um mit ihr die Vorbe⸗ reitungen zur Abreiſe zu beſprechen. Zunächſt fragte ſie der Hauptmann, was ſie ſelbſt bedürfe, und erhielt die Antwort: „Meine Stimmen haben mir geboten Mannskleidung anzulegen, alles Uebrige aber Euch zu überlaſſen, edler Ritter.“ Schon am zweiten Tage war die Kleidung fertig, welche Jvhanna mit großer Leichtigkeit anlegte, als ob ſie ſtets im Barett, mit Kamaſchen und in Sporen ge⸗ gangen wäre. Ein dargereichtes Schwert nahm ſie nicht an, weil ihr ein andres beſtimmt ſei. „Und welchen Weg ſchlagen wir ein,“ fragten die Ritter,„um uns zum König zu begeben, welcher ſich zu Chinon befindet?“ „Den kürzeſten.“ 16 Jungfrau von Orleans. „Auf dem kürzeſten Wege ſtehen viel Engländer, die uns nicht durchlaſſen werden.“ „Thut in Gottes Namen was ich Euch ſage; führt mich nur zum gnädigen Dauphin und wir werden auf kein Hinderniß ſtoßen.“ Ohne weitere Einwendung folgten ihr nun die Ritter. Am Thore nahm Johanna von ihrem Oheim Abſchied, dem ſie empfahl ſie bei ihren Eltern zu entſchuldigen und ihnen zu ſagen, daß ſie ihr ihren Segen geben möchten, daß noch ein Tag kommen werde, wo ſie ihren Entſchluß billigen würden dem Herrn zu gehorchen. Robert von Baudricourt ließ ihr einen ſtolzen Rappen vorfüh⸗ ren und ſie wollte ſich ſogleich aufſetzen; aber das Thier bäumte ſich ſo heftig, daß ſie nicht dazu kommen konnte. Da ließ ſie das Roß an das Kreuz vor der Kirche füh⸗ ren, wo es ſo ſanft wie ein Lamm wurde. Johanna ſetzte ſich unter den Augen der Volksmenge auf, welche in großen Jubel ausbrach und unausgeſetzt rief:„Heil, Heil!“ Baudricvurt nahm den beiden Rittern einen Schwur ab, die Jungfrau zum König zu führen, und ſprach dann zu dieſer:„Geht jetzt, und es geſchehe was da wolle!“ Johanna wandte ſich zu den Prieſtern, die auf den Stufen des Portals ſtanden, und ſagte:„Unter⸗ die hrt uf Jungfrau von Orleans. 17 nehmt Wallfahrten und betet zu Gott!“ Hierauf ſpornte ſie das Pferd und rief laut:„Vorwärts, vorwärts!“ Und in Begleitung der beiden Ritter nebſt ihren Die⸗ nern, eines Bogenſchützen und eines königlichen Boten ſprengte ſie in ſcharfem Trabe dahin. 4. Vor ſolcher göttlichen Beglaubigung Muß jeder Zweifel ird'ſcher Klugheit ſchweigen. Schiller. Jean von Novelanpont und Bertrand von Poulangh waren bei allem Selbſtvertrauen der Jung⸗ frau noch unruhig genug, denn ſie hatten gegen 150 Stun⸗ den von Valltouleurs nach Chinon d. h. halb Frankreich zu durchziehen, und noch dazu war die Hälfte dieſes Wegs in der Gewalt der Engländer und Burgunder. Doch ver⸗ gingen drei bis vier Tage, ohne daß ſie auf einen Feind ſtießen; das junge Mädchen drang kühn in dichte Wäl⸗ der ein und fand ſich ſtets leicht zurecht; kamen ſie an Flüſſe, ſo ritt die Jungfrau mit der größten Sicherheit hinein und traf allemal ſeichte Stellen ſo gelangten ſie nach einem vierzehntägigen Zuge über Chaumont und Auxerre 418 Jungfrau von Orleans. ohne Unfall auf franzöſiſchen Boden nach Gien an der Loire, wo ſie die berühmte Niederlage von Rouvroh er⸗ fuhren, die man den Heringstag nennt, weil die Englän⸗ der von den Franzoſen angegriffen wurden, als ſie eben dem die Belagerung leitenden Suffolk eine Zufuhr ge⸗ ſalzener Fiſche zu verſchaffen trachteten. Die Zufuhr war unter der Bedeckung des tapfern John Falſtaff er⸗ ſchienen, welcher alles mit großer Gewalt zurückſchlug, was zu Frankreich hielt. Getödtet wurden in dieſer Schlacht auf franzöſiſcher Seite John Stuart, Connetable von Schottland, die Herren von Dorval, Lesgot und Chä⸗ teaubrun nebſt 3— 400 tapferen Streitern; verwundet war der Graf Dunvis. Dies alles war an dem Tage geſchehen, wo Johanna in Vaucouleurs von einem neuen Verluſte des Dauphins geſprochen hatte. Man kann denken, wie ſehr dadurch ihr Anſehen in den Augen ihrer Begleiter ſtieg. In Gien draͤngte ſich alles Volk um die Erkorene, von welcher das Gerücht ſagte, daß ſie nach einer Pro⸗ phezeihung Merlin's Frankreich erretten ſollte. Nie⸗ mand zweifelte dort an ihrer göttlichen Sendung. Sie nahm ſich aber nicht Zeit dieſen Triumph irdiſcher An⸗ erkennung zu genießen, ſondern machte ſich mit ihren bei⸗ den Begleitern ſchon am folgenden Tage wieder auf den Jungfrau von Orleans. 49 Weg, denn ſie behauptete, der Dauphin befinde ſich in einer trübſeligern Lage als jemals irgend ein König von Frankreich; und in der That ſagte auch der Zahlmeiſter des Dauphins, Regnault de Bouligny, ganz laut, er und der König hätten zuſammen nicht mehr als 4 Tha⸗ ler in der Kaſſe. Vor kurzem ſtatteten Saintrailles und La Hire dem König einen Beſuch ab, der ſie zur Wittagstafel einlud und ihnen nichts weiter vorzuſetzen vermochte als zwei Hühner und einen Hammelſchwanz. Sowie Johanna unterwegs niemals an einem Got⸗ teshauſe vorüberzog ohne ihr Gebet darin zu verrichten, ſo wünſchte ſie ganz beſonders an dem heiligen Wall⸗ fahrtsort Fierbois einige Zeit zu verweilen und in der Kipche der heil. Katharina ihre Andacht zu verrichten. Von hier aus ließ ſie durch ihre beiden Gefährten an den König ſchreiben und ihm die nahende Hülfe ankün⸗ digen, wenn er ſie anzunehmen gedenke. Die Antwort erſchien bald; Johanna ward nach Chinon entboten. Sogleich machten ſich die Reiſenden auf den Weg nach der königlichen Reſidenz, die ſie ohne Unfall erreichten. Johanna kehrte wie in Gien auch hier in einem Gaſt⸗ hauſe ein, während ſich ihre Gefaͤhrten zu Karl VII. be⸗ gaben. Dieſer unglückliche Fürſt war ſchon zu vft getäuſcht Jungfran von Orſeans. 4 50 Jungfran von Orleans. worden, als daß er ſogleich hätte trauen ſollen. Er ließ ſich durch drei ſeiner Räthe nach ihrem Begehren erkun⸗ digen. Dieſe kehrten zum Dauphin zurück und ſtatteten ihm Bericht ab, aber nun geſchah weiter nichts. Zwei Tage lauerte die Jungfrau umſonſt auf eine Einladung an den Hof, bis ſie endlich am dritten Tage vom Gra⸗ fen Vendome aus ihrem Wirthshauſe abgeholt wurde. Der König beſchloß das Mädchen auf die Probe zu ſtellen. Er miſchte ſich unter ſein Gefolge und ließ einen jungen reich gekleideten Herrn ſeines Alters auf den Thron ſetzen. Jetzt trat Johanna ein, ging gerade auf KarlVll. los, kniete vor ihm nieder und ſprach: „Gott verleihe Euch ein langes und glückliches Leben, edler Dauphin!“ „Ihr irrt,“ ſagte Karl VII.;„nicht ich bin der König, ſondern der, welcher auf dem Throne ſitzt.“ „Ihr täuſcht mich nicht, edler Fürſt,“ erwiederte die Jungfrau lächelnd;„Ihr ſeid der Dauphin und kein Andrer.“ Es lief ein Gemurmel des Erſtaunens durch die Ver⸗ ſammlung und Johanna fuhr fort: „Glaubt mir, gnädiger Herr, Gott hat Erbarmen mit Euch, Euerm Königreich und Euerm Volk, denn der heil. Ludwig und Karl der Große liegen vor ihm auf ließ un⸗ ten wei ng ra⸗ de. zu en Jungfrau von Orleans. 51 den Knien und bitten für Euch. Damit Ihr aber meinen Worten Glauben beimeßt, will ich Euch Dinge ſagen, die Euch keinen Zweifel laſſen ſollen.“ Hierauf nahm der König die Jungfrau mit in ein neben dem Berathungsſaale gelegenes Betzimmer und ſprach zu ihr:„Wir ſind allein; redet!“ „Werdet Ihr mir Glauben ſchenken,“ ſagte die Jung⸗ frau,„wenn ich Euch geheime Dinge ſage, die nur Gott und Ihr wiſſen könnt?“ „Gewiß,“ antwortete der König. „Nun dann, Sire, ſo hört: Am letzten Allerheiligen⸗ tage waret Ihr auf Eurem Schloſſe von Loches ganz allein und richtetet drei Bitten an Gott...“ „Ich erinnere mich,“ ſagte der König nachdenklich. „Habt Ihr dieſe Bitten weder Eurem Beichtvater noch ſonſt jemandem mitgetheilt?“ „Niemandem.“ „Ich werde Euch dieſe Bitten nennen. Zuerſt flehtet Ihr zu Gott, er möge Euch den Muth zur Fortſetzung des Kampfes nehmen, wenn Ihr nicht der wahre Erbe des Reichs wäret. Zweitens batet Ihr den Himmel, die ganze Schale ſeines Zornes auf Euer alleiniges Haupt auszugießen, wenn Frankreich wegen Eurer Suͤnden ſo gräßlich leiden müßte. Endlich thatet Ihr die inbrünſtige 4* 52 Jungfrau von Orleans. Bitte, Gott wolle ſich des Volks wieder väterlich erbar⸗ men, wenn es geſundigt habe, damit das Königreich von den zwölfjährigen Leiden erlöſ't werde.“ Wit Staunen und herzlicher Theilnahme hatte KarlVII. der Jungfrau zugehört. Nachdenklich den Kopf ſenkend ver⸗ harrte er eine Zeit lang in tiefem Stillſchweigen. Dann erhob er das Antlitz gegen Johanna und ſprach: „Alles das iſt wahr, was Ihr mir ſo eben geſagt habt. Ich bin von Eurer göttlichen Sendung vollkom⸗ men überzeugt. Wenn aber alles zu einem guten Ende geführt werden ſoll, ſo müſſen auch meine Räthe gewon⸗ nen werden... „Verſammelt morgen drei bis vier Eurer Getreueſten, wo möglich Geiſtliche,“ fiel ihm Johanna in's Wort, „und ich will ihnen ein Zeichen geben, daß aller Zweifel verſchwinden muß. Meine Stimmen haben mir verheißen dieſes Zeichen geſchehen zu laſſen.“ Als der König mit der Jungfrau wieder in den Be⸗ rathungsſaal hinaustrat, wandten ſich Aller Augen nach dem Antlitz des Gebieters. Es war ernſt und nachdenk⸗ lich. Man ſah, daß die Mittheilungen des Mädchens einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben mußten. „Für heute genug, meine Herren,“ ſagte er;„ich habe Dinge gehört, die reiflicher Ueberlegung und einer Be⸗ Jungfrau von Orleans. 53 ſprechung mit meinen vertrauteſten Räthen wohl werth ſind. Ihr, Johanna, werdet von Eurer Reiſe ermüdet ſein; erholt Euch und vergeßt nicht, was Ihr uns für morgen verſprochen habt.“ „Mit Gottes Hülfe,“ antwortete Johanna in ſchö⸗ nem Feuer erglühend,„werde ich nicht allein erfüllen was ich für morgen, ſondern auch was ich für die Zukunft verſprochen habe.“ Nach dieſen Worten ſetzte ſie die Knie auf den Bo⸗ den, küßte ehrerbietig die Hand des Königs und entfernte ſich mit derſelben Beſcheidenheit, womit ſie eingetreten war. Als Johanna auf die Straße kam, führte eben ein Reiter ſein Roß nach der Loire zur Tränke. Er gehörte zu denen, welche nichts von Wundererſcheinungen halten, und beleidigte die Jungfrau auf's gröblichſte, ja er ver⸗ miſchte ſeine Rede ſelbſt mit Gottesläſterungen. Jo⸗ hanna erhob wehmüthig das Haupt und ſagte mehr be⸗ trübt als zornig zu ihm:„Unglucklicher, Du verleugneſt Gott und biſt dem Tode ſo nahe!“ Unter Schimpfen und Fluchen ritt der Mann in die Schwemme. Plötzlich ward ſein Pferd ſcheu und ſprang mitten in die Fluth. Der Reiter, welcher es nicht zu regieren vermochte, ſprang herab, um an's Ufer zu ſchwimmen; mochte ihn aber nun ein Krampf überfallen oder der Gedanke an Johanna's 54⁴ Jungfrau von Orleans. Worte ſeine Kräfte lähmen, er vermochte ſich nicht ge⸗ hörig zu regen und hatte nur noch Zeit auszurufen: „Vergieb mir, mein Gott!“ Dann verſchwand er unter dem Waſſer und ward zwei Stunden ſpäter an einem Mühlwehre todt gefunden. Durch dieſen Vorfall ward der Glaube an die göttliche Sendung der Jungfrau be⸗ deutend erhöht und am Abend dieſes Tages erſchien die ganze Bevölkerung der Stadt unter dem Fenſter ihres Gaſthauſes. Ihre Erſcheinung auf einem Balcon ward durch feurigen Zuruf begrüßt und am Abend ſah man viele Häuſer illuminirt. Am andern Worgen um 10 Uhr ließ der König die Jungfrau holen. Von einer großen Menge Volks be⸗ gleitet begab ſie ſich mit dem königlichen Wagen nach Chäteau⸗Chinon. Sicheren Schrittes, als ob ihr Fuß des Parketbodens königlicher Gemächer ganz gewohnt geweſen wäre, trat ſie in das Zimmer des Königs, in welchem ſich außer Karl VII. der Erzbiſchof von Rheims, Karl von Bourbon und de la Trémouille be⸗ fanden. Der Erzbiſchof ließ ſich zunächſt ihre ganze Geſchichte erzählen und richtete dann die Frage an ſie, ob nicht in der Nähe ihres elterlichen Sauſes ein Wald wäre und welchen Namen dieſer führe. Nachdem Johanna der Jungfrau von Orleans. 5 Wahrheit gemäß berichtet hatte, daß man von ihrer Thür⸗ ſchwelle aus den Forſt von Chenu ſehen könne, wendete ſich der geiſtliche Herr gegen die übrigen Anweſenden mit den Worten: „Das trifft zu, denn nach Merlin's Prophezeihung muß Frankreichs Retterin e nemore canuto*) kommen.“ Obgleich der König und ſeine Räthe von Johan⸗ na's göttlicher Sendung ſo ziemlich überzengt waren, ſo wollten ſie doch ganz ſicher gehen und der Erzbiſchof begehrte von ihr das verheißene Zeichen. Da bat ſie um Erlaubniß ſich auf einige Zeit entfernen zu dürfen und ermahnte die Anweſenden bis zu ihrer Rücktehr zu beten. Sie verließ das Zimmer, trat in die benachbarte Capelle, kniete am Altar nieder und betete mit jenem Glauben, welcher Berge verſetzt: „Süßeſter Herr und Heiland, ich flehe Dich an zu Ehren Deiner heiligen Marter zu geſtatten, daß der gluͤck⸗ ſelige Erzengel Michael nebſt der gluͤckſeligen heiligen Katharina und Margaretha bei Deiner demüthigen Magd erſcheinen, wenn es in Deinem Rathe beſchloſſen iſt, daß ich in Deinem Namen das Königreich Frankreich errette.“ *) Chenu(eisgrau) von canutus, wie chien(Hund) von canis; nemus, Hain, Forſt. 56 Jungfrau von Orleans. Bei den letzten Worten der Betenden ſenkte ſich eine Wolke mit den erbetenen Heiligen herab und im Hinter⸗ grunde derſelben befanden ſich noch eine Menge andrer Engel, die mit den Flügeln ſchlugen und dem Herrn Lob⸗ lieder ſangen. Geblendet von dem himmliſchen Glanze ſchlug Johanng die Augen nieder und hörte eine Stimme: „Johanna, Du haſt uns gerufen; was begehrſt Du von uns?“ „Heiliger Erzengel Wichael und Ihr, meine heiligen Schutzpatroninnen, ich habe Euch gerufen, damit Ihr mir gnädig ein Zeichen bewilligen möchtet, woran mich der Dauphin als Abgeſandte unſres Herrn erkennt.“ „Dein Vertrauen zu uns ſoll belohnt werden,“ ſagte die Stimme, und zugleich gab der Erzengel Michael ein Zeichen gegen den Himmel. Da ſchwebte ein Engel mit einer von Gold und Edelſteinen ſtrahlenden Krone herab und hielt ſie vor die geblendeten Augen der Jung⸗ frau.„Dies iſt das Zeichen,“ fuhr der Erzengel fort, „bei deſſen Anblick ſelbſt die Ungläubigſten ihre Zweifel aufgeben werden.“ „Amen!“ ſagte die Jungfrau und die Wolke mit dem Erzengel und den Heiligen erhob ſich wieder gen Himmel, aber der Engel mit der Krone ſtand noch vor ihr, winkte ihr mit holdſeligem Lächeln ihm zu folgen, faßte ſie ſanft eine ter⸗ drer ob⸗ anze me: Du gen mir der m Jungfrau von Orleans. bei der Hand und ging oder glitt vielmehr mit ihr nach dem Zimmer, wo der König mit ſeinen Räthen noch auf den Knien lag. Kaum hatten ſie aber die Jungfrau an der Hand des himmliſchen Voten geſehen, als ſie ſich in ehrfurchtsvollem Staunen erhoben. Jetzt ließ der Engel Johanna's Hand los, ſchritt auf den König zu bis auf die Länge einer Lanze, verneigte ſich vor ihm und ſagte endlich zu ihm, die Krone dem Erzbiſchof überreichend: „Sire, ich verkünde Euch, daß Ihr in der Gnade des Herrn ſteht, der Euch dieſe Jungfrau zur Errettung des Königreichs ſendet; gebt ihr ſo viel Kriegsleute als Ihr zu ſammeln vermögt; zum Beweis, daß ſie Euch in Rheims krönen laſſen ſoll, iſt hier die himmliſche Krone, die Euch der Herr unſer Gott ſendet. Noch ferner zu zweifeln, Sire, hieße den Herrn der Himmel beleidigen.“ Nach dieſen Worten ſchwebte der Engel(wegen ſeines langen Kleides konnte man unmöglich unterſcheiden, ob er ging oder flog) in die Capelle zurück, von wo aus ihn Johanna langſam durch das Deckengewölbe ver⸗ ſchwinden ſah. Da ward ſie von einer ſo heftigen Sehn⸗ ſucht ergriffen dieſen ſeligen Geiſt in ſeine himmliſche Heimath zu begleiten, daß ſie in heiße Thränen aus⸗ brach. Aber ihre Stunde war noch nicht gekommen. Nach einem inbrünſtigen Gebet ſtand ſie mit einem tiefen 58 Jungfrau von Orleans. Seufzer wieder auf, näherte ſich dem König und ſagte auf die Krone deutend: „Edler Dauphin, das iſt das himmliſche Zeichen; nehmt es.“ Hierauf verneigte ſich Karl Vll. vor dem Exzbiſchof von Rheims, der ihm die Krone aufſetzte. Wohl war der König mit ſeinen drei Begleitern völlig von der gött⸗ lichen Sendung der Jungfrau überzeugt, aber viele von ſeinen ſchwergläubigen Räthen verlangten, daß man das Mädchen vor den Parlamentshof und die Theologenver⸗ ſammlung nach Poitiers führen ſollte, um den Glauben an ſie über alle Zweifel zu erheben und allgemein zu machen. Als man ihr dieſes neue Begehren wiſſen ließ, antwortete ſie: „Ich werde dort viel zu thun haben, aber der Herr wird mir helfen. Ich bin bereit mit dem Könige, der mich gnädigſt begleiten will, dahin zu gehen, ſobald es ihm belieben wird.“ Am andern Morgen ſchon brach man nach Poitiers auf. Alle Gelehrte und Doctoren der Theologie hatten ſich hier aus einem Umfreiſe von zehn Meilen zuſammen⸗ gefunden. Da ſie wußten, daß der König, ohne ſie um Rath zu fragen, ſchon großes Vertrauen in das Mädchen ſetzte, ſo hätten ſie daſſelbe gern in Widerſprüche ver⸗ „. Jungfrau von Orleans. 59 wickelt und irgend einer Ketzerei geziehen, damit der König ſich künftighin erſt hübſch an ſie wendete, bevor er in ſolchen Dingen mit ſich abſchlöſſe. Aber auf alle ſpitz⸗ findige Fragen wußte Johanna mit großer Geiſtes⸗ gegenwart eine unverfängliche Antwort zu geben. Als man ſeinen Zweck gar nicht erlangen zu können ſchien, ſagte endlich ein Karmeliter mit ziemlicher Bitterkeit: „Wir können ſogleich jeder Unterſuchung überhoben ſein; da Johanna ſchon ein Zeichen gegeben hat, ſo kann es ihr nicht ſchwer fallen, noch ein zweites zu geben — und ſogleich wird ihr jedermann Glauben ſchenken.“ „Zwei für eins,“ ſagte die Jungfrau,„will ich Euch geben; ſchafft mir Kriegsleute, wenn es deren auch noch ſo wenig ſind, und kommt mit mir, ſo werdet Ihr die Aufhebung der Belagerung von Orleans und die Krönung des Königs in Rheims ſehen.“ Ihr entgegnete ein Doetor der Theologie vom Predi⸗ gerorden: „Wenn es Gottes Wille iſt, die Engländer aus Frank⸗ reich zu vertreiben, ſo bedarf er dazu keiner Kriegsleute, ſondern kann es ohne weiteres durch ein Wunder ſeiner Allmacht bewirken.“ „Die Kriegsleute,“ verſetzte Johanna,„werden gegen den Feind kämpfen und Gott wird ihnen den Sieg verleihen.“ — 60 Jungfrau von Orleans. Da hiergegen nicht viel zu machen war, ſo erhob ſich Bruder Seguin aus Limoges, an deſſen fremdartigem Accent man ſogleich ſeine Seimath hörte, und that fol⸗ gende verfängliche Frage an ſie: „Sagt mir doch, welche Sprache Eure Stimmen redeten?“ „Eine beſſere als die Eure,“ erwiederte Johanna ſogleich, wobei ſich ſelbſt ihre Feinde eines Lächelns nicht erwehren konnten. Endlich bezog ſich noch ein Doctor auf die theologi⸗ ſchen Bücher, in welchen geſchrieben ſtünde, daß man nicht an Erſcheinungen oder an die glauben dürfe, welche deren gehabt zu haben vorgäben. Ihm antwortete Jo⸗ hanna mit großer Würde: „Was in Euern Büchern ſteht iſt mir nicht bekannt; nur ſo viel weiß ich, daß das Buch Gottes mehr enthält als alle Eure Bücher.“ Nach dieſem Verhör entließ man die Jungfrau wie⸗ der in ihr Gaſthaus und ſuchte ſich auf neue Fragen zu„ beſinnen, um ſie am folgenden Tage zu fangen. Unter⸗ deſſen aber erhielt ſie in ihrer Wohnung wegen ihres frommen ſittſamen Wandels von allem Volk ſolche Be⸗ weiſe der Achtung und Verehrung, daß die Doctoren ihr ſich gem fol⸗ men mna icht gi⸗ nan ſche o⸗ nt; ält Jungfrau von Orleans. 61 Vorhaben aufzugeben beſchloſſen und am Ende erklärten, man müſſe ihr vertrauen und ihre Vorſchläge ausführen. Mit inniger Freude führte nun der König die Jung⸗ frau nach Chinon zurück und beſtimmte auch ſogleich für ſie eine Unternehmung. Schon ſeit 14 Tagen zog man in der Stadt Blois Lebensmittel zuſammen, um ſie wo möglich nach Orleans zu ſchaffen, welches ſehr großen Mangel zu leiden begann. Für die Ueberbringung dieſer Zufuhr ward Johanna erkoren. 5. Entblößt ſind von Vertheidigern die Mauern Und auch des Hungers Plage droht der Stadt. Schiller. Als der König mit der Jungfrau wieder nach Chinon kam, war ſo eben der Herzog von Alengon daſelbſt ein⸗ getroſſen, welcher ſeit der Schlacht von Verneuil in eng⸗ liſcher Gefangenſchaft geſchmachtet und einen unauslöſch⸗ lichen Haß gegen die Inſulaner gefaßt hatte. Er war nicht unter 200,000 Thalern losgekommen, wovon er die Hälfte baar bezahlt und für den Reſt ſieben ſeiner Edel⸗ leute als Geiſeln zurückgelaſſen hatte. Es war ihm — 62 Jungfrau von Orleans. gleich nach ſeiner Rückkehr gelungen ſeine Herrſchaft Gougers für 140,000 Thaler zu verkaufen, wovon er 100,000 zur Auslöſung ſeiner Dienſtmannen und 40,000 zu neuen Rüſtungen gegen England verwendet hatte. Als er jetzt nach Chinon kam, um dem König ſeine eifrigen Dienſte gegen das verhaßte England wieder anzutragen, vernahm er mit Freuden wie das Volk, durch Johanna's Ankunft begeiſtert, vor Verlangen brannte das räuberiſche Inſelvolk gedemüthigt zu ſehen. Der König war wieder über die Ankunft dieſes ſeines Verwandten entzückt und ertheilte ihm ſogleich den Auftrag nach Blois vorauszu⸗ gehen, um alles in Stand zu ſetzen, daß die Zufuhr bin⸗ nen ſpäteſtens acht Tagen zum Aufbruch bereit ſei. Als der Herzog von Alengon ſo bald wieder abrei⸗ ſen wollte, weinte ſeine Gemahlin ſehr und wollte ſich nicht tröſten laſſen. Nur der Jungfrau, an deren gött⸗ liche Sendung ſie glaubte, gelang es ſie zu beruhigen, in⸗ dem dieſe zu ihr ſagte:„Frau Herzogin, ich verſpreche Euch im Namen Gottes, daß ich Euch Euern edeln Ge⸗ mahl friſch und geſund wieder zuführen will.“ Nun reiſ'te der Herzog ab und der König ſorgte dafür, daß ihm Johanna bald nachfolgen konnte. Er gab ihr den Haushalt eines Feldherrn. Ihr Stallmeiſter ward Jean Daulon, ihr Page Lonis le Comte genannt Immer⸗ Jungfrau von Orleans. 63 get, ihre beiden Herolde waren Guienne und Amble⸗ ville und ihr Capellan der Bruder Pasquerel. Die Rüſtung nahm ſie an bis auf das Schwert, welches ſie aus einer Capelle der Kirche St. Katharina von Fierbvis holen ließ. KarlVII. ließ dieſes alte Ritterſchwert, welches ſich an dem von Johanna bezeichneten Orte vorgefunden hatte und nahe am Griffe mit fünf Lilien bezeichnet war, reinigen und poliren, und ihr dann eine ſammtne ganz mit goldenen Lilien beſäte Scheide dazu machen. Nun hielt es die Jungfrau keinen Augenblick länger in Chinon aus; zu Ende des Aprils 1429 machte ſie ſich in Begleitung des Marſchalls von Retz, des Admirals von Ceilant, der Herren de la Maiſon, Laval, Poton, La Hire, und Loré ſowie von 150— 200 Kriegsleuten nach Blois auf den Weg. Bald war Johanna mit ihren Begleitern in Blois eingetroffen und wüͤnſchte nun mit der Zufuhr unmittel⸗ bar nach Orleans aufzubrechen; allein die andern Heer⸗ führer hielten für gut noch mehr Kriegsleute abzuwarten und nöthigten die Jungfrau ungefähr eine Woche dort ſtill zu liegen. Dieſe Zeit benutzte ſie dazu eine Standarte machen zu laſſen. Dieſe beſtand aus weißer Seide und war über und über mit Lilien beſät, in der Mitte aber zeigte ſie den Erlöſer mit der Weltkugel in der Hand und 64¹ Jungfrau von Orleans. zwei Engeln zu beiden Seiten. Auf der Rückſeite ſtan⸗ den die Worte: Jeſus Maria. Ein ahnliches Banner ließ ſie für den Bruder Pasquerel anfertigen, damit es dieſer auf dem Marſche, bei Proeeſſionen und Feſtlich⸗ keiten vortrage. Beide Standarten wurden in der Kirche St. Sauveur zu Blois geweiht. Endlich dietirte ſie während ihres gezwungenen Aufenthaltes in dieſer Stadt dem Bruder Pasquerel folgenden merkwürdigen Brief, den ſie, da ſie nicht ſchreiben konnte, mit einem Kreuze unterzeichnete. „Jeſus Maria! König von England, legt dem König des Himmels Rechenſchaft ab von wegen des vergoſſenen Blutes; über⸗ gebt der Jungfrau die Schlüſſel aller der guten Städte, die Ihr bezwungen habt. Sie beut Euch im Namen Gottes den Frieden, wenn Ihr Genugthuung gebt und redlich vergeltet, was ihr genommen habt; wo nicht, ſo wird ſie Eure Kriegsleute überall angreifen und mit Ge⸗ walt aus dem Lande jagen. Der König des Himmels wird ihr und ihren Kriegsleuten mehr Kräfte geben als ſie zu hundert Stürmen bedürfen. Und Ihr, Bogenſchützen und Streiter vor Orleans, zieht ruhig in Eure Heimath oder hütet Euch vor der Jungfrau! Frankreich iſt vom Sohne der heiligen Maria nicht Euch ſondern dem Jungfrau von Orleans. 5 wahren Erben König Karl beſchieden, der in guter Be⸗ gleitung zu Paris einziehen wird. Es wird ſich zeigen wer beſſeres Recht hat, Gott oder Ihr de la Poule, Graf von Suffolk, Talbot und Thomas, die Ihr für den Herzog von Bedford, den ſogenannten Regen⸗ ten des Königreichs Frankreich für den König von Eng⸗ land, zu Felde liegt! Laßt Ihr die Stadt Orleans nicht in Frieden, Herzog von Bedford, ſo zwingt Ihr die Franzoſen zur ſchönſten Heldenthat, die je in der Chri⸗ ſtenheit vollbracht worden iſt. †. BGeſchrieben am Dienſtag in der Charwoche.“ Dieſen an den Herzog von Bedford adreſſirten Brief ſollte Guienne, einer von Johanna's Herolden, dem Anführer der Belagerer von Orleans überbringen. Als endlich der Tag zum Aufbruch erſchien, hatte ſich die Zahl der Streiter um viele Adliche vermehrt (unter ihnen waren u. a. der Marſchall von St. Sé⸗ vöre und der Herr von Gaucourt) und die mit Kör⸗ nern und Schlachtvieh beladenen Wagen verhießen dem bedrängten Orleans eine bedeutende Hülfe. Nachdem auf Johanna's Rath noch das ganze Heer gebeichtet und die Anführer(gegen den Willen der Jungfrau) auf dem linken Flußufer, wo man nur wenig Engländern begeg⸗ nen konnte, hinzuziehen beſchloſſen hatten, machte ſich der Jungfrau von Orleanß⸗ 5 66 Jungfrau von Orleans. Zug(ſtatt durch die Beauce) durch die Sologne auf den Weg. Voraus ging Pasquerel mit ſeinem Banner und den übrigen Prieſtern, welche Hhmnen ſangen. Mit⸗ ten unter den Anführern ritt Johanna ohne die ge⸗ ringſte Beſchwerde. Nur klagte ſie über das rohe Be⸗ tragen der Kriegsleute, welche das Fluchen und Schreien nicht laſſen konnten. Selbſt mit La Hire, neben wel⸗ chem ſie gewöhnlich ritt, war ſie nicht ganz zufrieden; wenigſtens konnte ſie ihn nicht davon abbringen, jeden Morgen und Abend zu beten:„Lieber Gott, thue für La Hire was dieſer für Dich thun würde, wenn er der liebe Gott und Du La Hire wärſt.“ Am dritten Tage gelangle man vor Orleans. Als nun Johanna den Fluß zwiſchen ſich und der Stadt ſah, bemerkte ſie, daß man ſie hintergangen hatte. Sie unterdrückte ihre Entrüſtung nur weil ſie dieſelbe für ſündlich hielt und ſann bloß darauf ihre Lage ſo gut als möglich zu benutzen. Die Engländer hatten im erſten Schrecken über das Herannahen einer beträchtlichen Streit⸗ macht eine ihrer Schanzen auf dem linken Flußufer ver⸗ laſſen und dieſe befahl Johanna ſogleich zu beſetzen. Während dies geſchah, erſchien der Baſtars von Or⸗ leans in einer Barke, denn er war von Johanna's Ankunftzunterrichtet worden. Dieſer berieth ſich aber mit den nner Rit⸗ ge⸗ Be⸗ eien vel⸗ en; den für der Als adt Sie für ut ten it⸗ r⸗ Jungfrau von Orleans. 67 den Anführern des Zuges über die Art und Weiſe die Zufuhr nach der Stadt zu ſchaffen, als die Jungfrau hinzutrat und ihn fragte: „Ihr ſeid der Baſtard von Orleans?“ „Ja,“ erwiederte er,„und ich freue mich ſehr uber Eure Ankunft.“ „Ihr gabt den Rath durch die Sologne und nicht durch die Beauce zu ziehen?“ „Ich that es, weil es nicht bloß mein Rath, ſondern auch der der erfahrenſten Feldherren war.“ „Ihr thatet nicht wohl daran, weil der Rath des Herrn ſtets weiſer iſt als der der Menſchen; denn hätten wir den ſeinigen befolgt, ſo würden wir jetzt mit der Zu⸗ fuhr in Orleans ſein, ſtatt daß wir ſo den Fluß noch zu überſchreiten haben.“ „Ei nun,“ ſagte der Baſtard,„s giebt ein Mittel ungehindert über den Fluß zu kommen; zwei Stunden weiter oben liegt das Schloß Chech mit franzöſiſcher Be⸗ ſatzung; nun werden wir mit unſern Barken den Fluß hin⸗ auf fahren und ſie dort unter dem Schutze der Feſte be⸗ frachten.“ „So thut das denn in Gottes Namen!“ ſagte die Jungfrau. Hierauf ging der Baſtard von Orleans wieder 5* 68 Jungfrau Lvon Orleans. in die Stadt zurück, um die nach dem Schloſſe Chech beſtimmten Fahrzeuge perſönlich zu leiten, Johanna aber ſetzte ſich mit dem Heer ſogleich wieder in Bewe⸗ gung, obgleich ſie ſeit dem frühen Morgen nicht vom Pferde gekommen war. Nachmittags um 3 Uhr traf der Zug am Schloſſe von Cheeh ein, aber es ließen ſich keine Fahrzeuge blicken, weil ein arger Gewitterregen fiel und ein heftiger Oſt⸗ wind das Hinaufſegeln unmöglich machte. Es herrſchte Entmuthigung unter dem Heere und ſelbſt die Anführer waren nicht davon frei. Zu letztern ſagte daher Jo⸗ hanna: „Habt Ihr vergeſſen, daß ich Euch im Namen des Herrn verſichert habe, wir würden die Lebensmittel nach Gefallen in die Stadt einführen und die Engländer wür⸗ den gar nicht Miene machen uns daran zu hindern?“ „Dieſe Verſicherung habt Ihr uns allerdings gegeben,“ fagte der Herzog von Alengon unmuthig,„allein mir ſcheint es als ob Ihr den Augenblick nicht gut wähltet uns daran zu erinnern.“ „Ich bitte Euch im Namen Gottes,“ antwortete die Jungfrau,„ein wenig Geduld zu haben; bevor eine Vier⸗ telſtunde vergeht, wird ſich der Wind umgeſetzt haben.“ Hierauf ſtieg Johanna vom Pferde und betete mit Jungfrau von Orleans. 69 Inbrunſt zum Herrn des Himmels und zu ihren Heiligen. Noch lag ſie auf den Knien, als der Wind weſtlich wurde und die Schiffe den Fluß hinauftreiben konnte. Die Kriegsleute trauten kaum ihren Augen; ſelbſt die Ungläu⸗ bigſten gaben alle Zweifel auf. Eine Stunde ſpäter trafen die Fahrzeuge aus Or⸗ leans ein. Auf dem erſten befand ſich der Baſtard mit den vornehmſten Bürgern der Stadt. Die Schiffe wur⸗ den ſogleich beladen und fuhren den Strom mit großer Leichtigkeit hinab. Bevor ſie noch in's Angeſicht der Stadt kamen, machte die Beſatzung einen hitzigen Ausfall auf dem rechten Ufer, ſo daß die Zufuhr ohne Aufent⸗ halt an ihren Beſtimmungsort gelangte. Im letzten Schiffe kam Johanna zwiſchen dem Grafen von Dunois und La Hire, welche mit 200 Lanzen in die Stadt gingen, während der Reſt der Begleitung zur Vorbereitung einer zweiten Zufuhr nach Blois zurückkehrte. Die Bevölkerung von Orleans war durch Dunvis von Johanna's Ankunft unterrichtet worden und empfing ſie mit Freudengeſchrei. Ein geſattelter Schim⸗ mel erwartete ſie. Ihr Einzug glich einem Triumph, denn das Volk erblickte in ihr ſchon die Retterin des Vaterlandes. Zunächſt begab ſich Johanna in die Kirche, wo ein 70 Jungſran von Orleans. Te Deum geſungen wurde, dann aber in das Haus des wackern Jacques Boucher, Schatzmeiſters des Her⸗ zogs von Orleans, der ſich zu ihrer Beherbergung er⸗ boten hatte. Hier legte ſie zum erſten Mal wieder ihre Rüſtung ab, verlangte auch etwas Wein und Brod; ſie ſchenkte ſich eine ſilberne Taſſe halb voll Wein, goß Waſſer zu bis ſie voll war und genoß zu dieſem Getränke fünf bis ſechs Scheibchen Brot. Dies war ihre Abendmahl⸗ zeit. Hierauf zog ſie ſich mit der Frau und Tochter vom Hauſe in ihr Zimmer zurück und bat letztere ihr Bett zu theilen. Dieſer Triumpheinzug Johanna's fand am 29. April 1429 ſtatt. Eine alte Chronik der Stadt Orleans ſagt darüber:„Es ſchien den Bürgern und Kriegsleuten, als hätte ſich ein Engel Gottes mitten unter ſie herabge⸗ laſſen.“ 6. O Orleans, Orleans, Grab unſers Ruhms, Wer wird es glauben in der künft'gen Zeit: Die Sieger bei Poitiers, Crequi Und Azincourt gejagt von einem Weibe! Schiller. Wenn Johanna's Erſcheinung in Orleans auf die Belagerten einen äußerſt heilſamen Einfluß hatte, ſo 3 — Jungfrau von Orleans. 71 fonnte man dies in Bezug auf die Belagerer nicht ſagen. Wohl hatten die Engländer anfangs viel gelacht, als ſie erfuhren, daß Karl VIM. ſie mit Hülfe eines Bauer⸗ mädchens aus Frankreich zu jagen gedächte; als ſich ſpä⸗ ter das Gerücht von ihren Wundern verbreitete(und an Wunder glaubte zu jener Zeit beinahe jedermann), ſchmähte man den Dauphin, daß er zu Waffen der Hölle ſeine Zuflucht nähme, verlor jedoch den guten Muth, weil man nicht mit Vortheil gegen die Macht des Teufels ankämpfen zu können glaubte. Daß aber die Gerüchte von den Wunderthaten des Mädchens eben nicht aus der Luft ge⸗ griffen waren, bewies die gelungene Zufuhr, da die Schiffe erſt die Loire hinauf und dann auch ſtromabwärts in Bogenſchußweite an den Schanzen der Engländer vor⸗ übergegangen waren, ohne daß es dieſen möglich geweſen wäre etwas dagegen zu thun. nun Johanna von ihren Stimmen getrie⸗ ben werden oder auf die Wirkung bauen, welche ihr Er⸗ ſcheinen im feindlichen Lager hervorgebracht hatte, ſie wollte gleich den Tag nach ihrer Ankunft die Werke der Engländer angreifen. Aber mehrere Feldhauptleute ihres Volks, u. a. auch die Helden Dunois und Gamache, glaubten noch Verſtärkung abwarten zu müſſen. Jo⸗ hanna hatte ſo eben die Herren La Hire und Illiers 72 Jungfrau von Orleans. für ihre Anſicht gewonnen und befahl nun, in der Mei⸗ nung vom König zur oberſten Leiterin des Kriegs erko⸗ ren worden zu ſein, geradezu den Angriff. Solche„De⸗ müthigung“ konnte der kriegsgewandte und ſtolze Ritter Gamache nicht ertragen; er erhob ſich von ſeinem Seſſel und rief mit zornrothem Antlitz: „Nun bei Gott, da man den Rath eines jungen ge⸗ meinen Weibsbildes, das vorher geweſen iſt was ich gar nicht wiſſen mag, beifälliger aufnimmt als den eines Ritters, ſo entſage ich meinem Banner und werde als einfacher Knappe unter einem edeln Herrn zur rechten Zeit mein Schwert reden laſſen!“ Bei dieſen Worten faltete Gamache ſein Banner zu⸗ ſammen und überreichte es dem Grafen von Dunois. Dieſer gehörte zwar zu denen, welche Johanna's Rath entgegen waren und nicht recht an ihre göttliche Sendung glaubten, gedachte aber aus der durch die Jungfrau er⸗ zeugten Stimmung unter den Franzoſen und Engländern ſeinen Vortheil zu ziehen und ſuchte den Ritter mit dem Mädchen wieder auszuſöhnen. Zu Gamache ſagte er, auch wenn die Jungfrau befehlige, ſtehe es ihm ja immer frei auf eine beliebige Weiſe und wo er wollte zu käm⸗ pfen, da er nur von Gott und dem Könige abhänge; zu ————— Jungfrau von Orleans. 73 Johanna ſagte Dunvis, der beabſichtigte Aufſchub ſei ja nur von geringer Dauer, denn ſehr bald müſſe die Verſtärkung von Blois eintreffen. Zuletzt brachte er es dahin, daß die beiden Gegner einander, wenn auch mit mürriſchem Geſicht, die Hand reichten.„Auf dem Schlacht⸗ felde,“ dachte Dunvis bei ſich ſelbſt,„wird ſich die Miß⸗ helligkeit ſchon ausgleichen.“ Um die Ankunft der Verſtärkung zu beſhtel be⸗ ſchloß Dunvis ſelbſt nach Blois zu gehen, Johanna aber dietirte einen zweiten Brief an den Anführer der Engländer, welcher dem erſten ſehr ähnlich war. Dieſen ſollte ihr zweiter Herold Ambleville dem Grafen von Suffolk überbringen, weigerte ſich aber deß, weil Guienne von ſeiner erſten Botſchaft noch nicht zurück⸗ gekehrt und wahrſcheinlich von den Engländern wider das Völkerrecht zurückgehalten worden ſei, um ihn als Ketzer zu verbrennen. Zwar verſicherte ihm die Jung⸗ frauim Namen aller Heiligen, er werde mit ſeinem Ge⸗ noſſen wohlbehalten zurückkehren, aber Ambleville ent⸗ ſchloß ſich erſt dann zur Uebernahme der Sendung, als ihm Dunvis(welcher eben nach Blois abzugehen im Begriff war) einen Brief an Suffolk mitgab, worin die Ermordung aller engliſchen Gefangenen angedroht war, wofern man die beiden Herolde der Jungfrau nicht 74 Jungfrau von Orleans. ſogleich ungekränkt entließe. Wirklich kamen dieſelben noch an demſelben Abend, wenn auch ohne Antwort des engliſchen Heerführers auf Johanna's Briefe, nach Or⸗ leans zurück. Sowie Dunvis nach Blois abgegangen war, begab ſich die Jungfrau auf einen Wall der engliſchen Baſtei des Tournelles gegenüber, näherte ſich derſelben bis auf 60 Schritt und rief den Feinden das mündlich zu, wor⸗ auf ſie keine Antwort erhalten hatte:„Zieht Euch von der Stadt und aus dem Königreiche zurück, oder Unheil und Schande wird Euch treffen!“ In der Baſtei des Tournelles befehligte Glades dale und Granville, welche auf dieſe Anrede mit großem Hohn antworteten und der Jungfrau u. a. zuriefen:„Wir können Euch nichts Beſſeres rathen, als daß Ihr in Euer Dorf zurück⸗ kehrt und nach wie vor die Kühe melkt! Was Eure ketzeriſchen Landsleute betrifft, ſo ſollen ſie am längſten getobt haben!“ Die Schmähreden gegen ihre Perſon hörte Johanna geduldig an; als aber die Franzoſen Ketzer genannt wurden, rief ſie in großer Entrüſtung: „Ihr lügt! Das ſoll ſich bald beweiſen! Demnächſt werdet Ihr mit Schimpf und Schande abziehen! Ihr beiden Commandanten aber,“ rief ſie dem Herrn von Gladesdale und dem Baſtard von Granville zuletzt Jungfrau von Orleans. 75 mit prophetiſcher Stimme zu,„ihr werdet den Abzug der Eurigen nicht ſehen!!“ Unterdeſſen hatte der Baſtard von Orleans mit den Herren von Retz und Loré beim königlichen Ra⸗ the in Blois eine neue Zufuhr und Verſtärkungen aus⸗ gewirkt und beſchloß ſtatt wieder durch die Sologne dies⸗ mal durch die Beauce zu ziehen,„denn,“ ſagt eine Chro⸗ nik jener Zeit,„ſeit dem Gelingen der Unternehmungen Johanna's waren die Truppen des Königs wieder ſo ermuthigt, daß deren 200 unbedenklich auf 400 Englän⸗ der losgingen und ſie verjagten, während es vorher ſtets umgekehrt geweſen war.“ Am 3. Mai Morgens um 9 uhr ſetzte ſich der Zug von Blois aus in Bewegung und blieb auf der Hälfte des Wegs in einem Dorfe (Beaugench oder St. Ah) über Nacht. Am folgenden Tage gelangte der Baſtard bis an eine Stelle, wo er die Stadt Orleans ſehen konnte, und erblickte zu ſeiner großen Freude die fliegenden Fahnen der Jungfrau und La Hire's, die ihm entgegenkamen. Bald ſtießen beide Ab⸗ theilungen zuſammen, zogen an den Schanzen der Eng⸗ länder vorbei, die nicht herauszukommen wagten, und er⸗ reichten wie mit der erſten Zufuhr wohlbehalten die Stadt, wo während der Zeit auch Verſtärkungen aus Montargis, Gien, Chäteau⸗Renard, Gatinois und Cha⸗ 76 Jungfrau von Orleans. teaudun angekommen waren. Da wurden der Graf Du⸗ nois und Johanna einig am folgenden Tage wieder zum Angriff zu ſchreiten. Die Zeit der Abweſenheit des Baſtards hatte Jo⸗ hanna dazu benutzt, die vornehmſten Bewohner der Stadt zu empfangen und durch die Straßen zu gehen, um ſich dem Volke zu zeigen, deſſen Neugier ſich nicht mehr wollte zähmen laſſen. Die letzte Nacht hatte ſie in ihrer Rüſtung durchwacht, denn ſie war in Sorgen geweſen dem Baſtard nicht zu rechter Zeit beiſpringen zu können, wenn er plötzlich erſcheinen und ſie ſich erſt wapp⸗ nen laſſen ſollte. Jetzt war ſie aber auch todtmüde, ließ ſich die Rüſtung abnehmen und warf ſich angekleidet auf's Bett. Während Johanna ſchlummerte, beriethen ſich einige vornehme Männer der Stadt untereinander, wie man den guten Muth der Beſatzung und Bürgerſchaft benutzen müſſe, welcher mit den neuen Lebensmitteln und der Verſtärkung eingezogen war. Es ward beſchloſſen, daß eine Anzahl Bogenſchützen und Vürgersleute einen kräftigen Ausfall machten, um die ſtarke Baſtei St. Loup zu überrumpeln, worin der tapfre Hauptmann Guer⸗ rard befehligte. Es geſchah. Obgleich die Franzoſen mit großer Begeiſterung angriffen, ſo wurden ſie doch Jungfrau von Orleans. 7 ſehr kräftig empfangen; es entſpann ſich ein ſo erbitterter Kampf, wie man ſeit dem Beginn der Belagerung noch keinen geſehen hatte. Etwa eine Stunde mochte Johanna geſchlummert haben, als ſie plötzlich aufſprang und rief:„Daulon, mein Stallmeiſter, herbei, herbei!“ „Was giebt's?“ fragte Daulon haſtig eintretend. „Was es giebt?“ rief Johanna den Helm auf⸗ ſetzend;„die Franzoſen ſind im Handgemenge mit den Engländern vor einer Baſtei! Es giebt ſchon viele Todte und Verwundete! Schnell meine Rüſtung!“ Während ſie ſich wappnen ließ, ſchrie ſie wieder: „Mein Pferd, raſch mein Pferd!“ Der Jungfrau die Rüſtung anlegen und zugleich ihr Pferd holen konnte Daulon nicht. Er ſchnallte ihr daher den Panzer vollends zu und wollte dann nach dem Pferde gehen; aber Johanna ſagte zu ihm:„Das Pferd will ich ſelbſt holen; rüſtet Ihr Euch ſelbſt eilig und kommt mir raſch nach!“ Sie nahm eine kleine Streitart in die Hand und ſprang nach der Treppe, vergaß aber in der Eile ihre Standarte. Auf der Treppe begegneten ſie ihrer Wirthin, Sper ſie zurief:„Das Blut der Unſrigen röthet den Boden und Ihr habt mich nicht geweckt!“ Auch ihrem Pagen 78 Jungfrau von Orleans. rief ſie an der Hausthür zu:„Böſer Bube, Du haſt mich nicht geweckt, während das Blut der Franzoſen vergoſſen wird! Hole mir ſchnell das Pferd aus dem Stalle!“ Immerget gehorchte und Johanna rief Daulon zu, ihr das Banner durch das Fenſter herabzulangen. Dies geſchah. Mit ritterlichem Anſtand ſchwang ſich nun die Jungfrau mit ihrer Fahne auf das eben vorgeführte Pferd und ſprengte nach der Richtung hin, wo die Ba⸗ ſtei St. Loup lag. Am burgundiſchen Thore begegnete ſie einem ſchwerverwundeten Bürger, welcher von einigen mitleidigen Perſonen nach der Stadt geſchafft wurde. Sie hielt ihr Pferd an und rief erſchüttert aus:„Nie ſah ich das Blut eines Franzoſen fließen, ohne daß ſich mir die Haare ſträubten!“ Und man ſah zwei große Thränen über ihre Wangen herabrollen. Aber das Geſchrei der Flüchtlinge erinnerte ſie, daß jetzt nicht Zeit ſei ſich den Regungen der Wehmuth hinzugeben; ſie ſprengte mit fliegendem Banner mitten unter ihre fliehenden Landleute und rief ihnen zu„Muth, meine Tapfern! Seht, die Jungfrau, das Mädchen Gottes kommt! Folgt mir zum Siege!“ Und unbekümmert darum, wer ihr etwa folgen möchte, ſtürzte ſie vor in das dichteſte Gedränge der Engländer. Beim Anblick dieſer unerwarteten Erſcheinung faßten Jungfrau von Orleans. 79 die Franzoſen wieder Muth und die Engländer entſetzten ſich und ſtutzten einen Augenblick. Dieſen Moment be⸗ nutzte die Jungfrau. Mit lauter wohltönender Stimme rief ſie den Zurückweichenden zu:„Herbei, meine Tapfern, herbei zu Kampf und Sieg!“ Und alles kehrte zum Angriff zurück. Auch Daulon und vier bis fünf andre Hauptleute erſchienen mit ihren Kriegsknechten außerhalb des burgundiſchen Thores und hieben augen⸗ blicklich ein. Die Engländer begannen zu weichen und endlich wie von den Schrecken Gottes gejagt zu fliehen. Die Franzoſen folgten ihnen auf den Ferſen nach und drangen zugleich mit in die Baſtei. Nach wenigen Augen⸗ blicken ſah man Johanna's Banner auf der Höhe der Mauer wallen. Aber in der Schanze St. Laurent be⸗ fehligte der tapfere Talbot, welcher ſeinen Waffenge⸗ fährten zu Hülfe eilen wollte. Als dies Dunois be⸗ merkte, raffte er nebſt den Herren Graville, Brouſ⸗ ſae und Coulonge von der Beſatzung zuſammen, was zunächſt ſtand, und ſtellte ſich zwiſchen Talbot und die angegriffene Baſtei, ſo daß die Engländer hätten eine Schlacht liefern muͤſſen, um letzterer beiſtehen zu können. Aber zu einer Schlacht waren ſie weder vorbereitet, noch für den Augenblick aufgelegt, und ſo gewann die Jung⸗ frau Zeit ihren Sieg zu vollenden. Um zu begreifen, 80 Jungfrau von Orleans. was ſie noch zu thun hatte, muß man wiſſen, daß die Baſtei St. Loup eine Kirche zur Grundlage hatte, deren dicke Mauern einen ziemlichen Schutz gewährten. Als dieſe jedoch erſtürmt waren, flüchteten ſich die Engländer meiſtens in den großen Glockenthurm, aus dem ſie eine zweite Citadelle machten. In großer Erbitterung folgten ihnen die Franzoſen dahin nach, tödteten deren viele auf der Treppe und ſtürzten eine große Menge vom Altane auf den ſteinigen Fußboden herab. Es kamen hier über 200 Engländer um. Einige hatten in der Saeriſtei Prie⸗ ſtergewänder angezogen und ſuchten in dieſer Verkleidung zu entrinnen; auch über dieſe ſtürzten ſich die wüthenden Franzoſen her und hätten ſie ohne Barmherzigkeit umge⸗ bracht, wenn nicht Johanna dazu gekommen und ihr rettender Engel geworden wäre. Sie wurden als Kriegs⸗ gefangene in die Stadt geführt und einer ſpäteren Aus⸗ wechſelung aufgeſpart. Nun wurden die Lebensmittel und Kriegsvorräthe aus der Baſtei genommen, dieſe ſelbſt aber, damit ſie den Engländern nicht ferner zum Bollwerk diene, verbrannt und geſchleift. Triumphirend kehrte die Jungfrau mit den andern Anführern nach Orleans zurück. Man wußte, daß ihr der Ruhm des Tages gehörte, und läutete bei ihrem Ein⸗ zuge mit allen Glocken. Dies mußten die Engländer Jungfrau von Orleans. S 81 ruhig mit anhören, welche das Mädchen noch kurz zuvor als gemeine Betrügerin oder Hexe behandelt hatten. Am Abend dieſes Tages verlangte Johanna im verſammelten Kriegsrathe, daß man den entmuthigten Engländern keine Raſt ließe, ſondern ſie gleich am andern Worgen wieder angriffe. Die Feldherren wollten das nicht, weil der folgende Tag ein hoher Feſttag ſei, den man im Gebete zubringen müßte. Johanna erwiederte zwar, die beſte Art des Gebets ſei der Gehorſam gegen Gott, welcher ihr an dieſem Tage zu kämpfen geboten habe, ergab ſich aber endlich doch in die Nothwendigkeit, da ihr niemand zu folgen wagte. Sie benutzte die Zeit„ dazu, eine dritte Aufforderung an die Engländer ergehen zu laſſen. Einer Brücke gegenüber, von welcher drei Viertel abgebrochen waren, befand ſich eine engliſche Ba⸗ ſtei, worin Gladesdale befehligte. Dahin begab ſich die Jungfrau, ließ eine Abſchrift ihres Briefs an die Spitze eines Pfeiles befeſtigen und ihn durch einen Bo⸗ genſchützen in die feindlichen Verſchanzungen ſchleudern. Zugleich rief Johanna den Engländern mit ſtarker Stimme zu:„Leſt!“ Dieſe aber hoben den Brief auf und zerriſſen ihn vor ihren Augen. Da rief die Jung⸗ frau begeiſtert:„Ihr geht nicht gutwillig! Man wird Euch zu zwingen wiſſen“ Schimpfreden und die gröb⸗ Jungfran von Orleans. 6 82 Jungfrau von Orleans. ſten Schmähungen waren die Antwort. Johanna konnte ſich der Thränen nicht erwehren; mit dumpfer Stimme rief ſie:„Gott weiß, daß alle Eure Reden eitel Lug und Trug ſind!“ Und den Blick gen Himmel ge⸗ richtet kehrte ſie den halsſtarrigen Inſulanern den Rücken. Die Feldherren hatten ſich während Johanna's Abweſenheit mit einander berathen und den Entſchluß gefaßt, am folgenden Tage zum Schein die Verſchanzungen des rechten Ufers zu überfallen und dann plötzlich die des linken anzugreifen. Dunvis, welcher die Jungfrau lieb hatte, ging ihr entgegen und ſprach: „Johanna, Euerm Wunſche gemäß haben wir uns entſchloſſen, morgen früh gegen die weſtlichen Verſchan⸗ zungen auszurücken.“ „Ach,“ erwiederte die Gottgeſandte kopfſchüttelnd, „Ihr Herren Kriegshauptleute glaubt mir nicht alles ſagen zu dürfen, weil ich nur ein Weib bin, als ob ich kein Geheimniß bewahren könnte! Aber ich kenne bereits Euern Entſchluß und bin damit einverſtanden. Ihr ſollt erfahren, daß ich zu ſchweigen weiß.“ Hierauf geſtand ihr der Baſtard den gefaßten Be⸗ ſchluß, Johanna gebot dem ganzen Heer zu beichten und ging mit gutem Beiſpiel voran. Als der Morgen graute, verſammelten ſich die Truppen, welche zum Zuge ——— — Jungfrau von Orleans. 83 über die Loire auserſehen worden waren. Der Stadt⸗ commandant Gaucourt hatte eine Menge Fahrzeuge be⸗ reit, deren ſich die Truppen zum Ueberſetzen nach dem linken Ufer bedienen ſollten. Johanna fuhr mit La Hire nach einer nahe am linken Ufer gelegenen Inſel, ließ durch ein paar in der Quere aufgeſtellte Schiffe eine Art Brücke bilden und ſchritt nach dem jenſeitigen Ufer. Ihr folgten auf dieſelbe Weiſe die auserleſenen Krieger. Man hatte ſich darauf gefaßt gemacht, daß ſich die Engländer der Ausſchiffung widerſetzen würden, aber ſte verbrannten und ſchleiften ihre erſte Baſtei(Zean le Blanc) mit eignen Händen, damit ſie den Franzoſen kei⸗ nen Nutzen leiſte, und zogen ſich nach der zweiten(der von St. Auguſtin), nach den Verſchanzungen und Thür⸗ men zurück. Obgleich die Jungfrau nicht mehr als 50 Mann bei ſich hatte, indem die andern noch mit dem Uebergange beſchäftigt waren, ſo rückte ſie doch gerade auf den Wall los und pflanzte ihr Banner auf halbe Pfeilſchußweite vor den Mauern auf. Eben war ſie im Begriff ihre Mannſchaften anzureden, als ſich der Ruf erhob, die Eng⸗ länder kämen mit Heeresmacht von St. Rive heran und drohten das Häuflein der Franzoſen zu erdrücken. Da entfloh der größte Theil der letztern nach der Loire hin 6* 84¹ Jungfrau von Orleans. an den Uebergangsort, ſo daß nur 15 Mann um die Jungfrau Stand hielten. Mit dieſen machte ſie eine rück⸗ gängige Bewegung. Sowie dies die Engländer ſahen, ſtürzten ſie unter höhniſchem Geſchrei aus der Baſtei St. Auguſtin. Ueber ſolche Schimpf⸗ und Hohnreden entrüſtet, kehrte ſich Johanna mit ihren 15 Mann wie⸗ der gegen den Feind um und griff ihn mit Ungeſtüm an Als die entflohenen 35 und die andern unterdeſſen über⸗ geſetzten Franzoſen die Fahne der Jungfrau im Handge⸗ menge ſahen, flogen ſie ihr zu Hülfe und trieben die Eng⸗ länder glücklich nach dem Walle zurück. Die Franzoſen ſtürmten dahinter her und wurden zugleich durch die Nachhut des Herrn von Retz verſtärkt. Ohne Verzug ging nun Johanna gerade auf die Paliſſaden los, in welche Daullon mit dem Spanier Partada eine Lücke machte. Johanna drang ein und man ſah ihr Banner über den Pfählen wehen. Alles drängte ſich durch die bald erweiterte Breſche hinter ihr her und nach kurzer Blutarbeit war die Baſtei St. Auguſtin genommen. Jo⸗ hannga ſteckte ſie eigenhändig in Brand. Die Bevölkerung von Orleans war auf den Thürmen und Dächern der Stadt und ſtimmte ein Triumphgeſchrei an. Sowie auf der Baſtei die heilige Standarte wehte, wurde gleich mit allen Glocken geläutet. Die Jungfrau Jungfrau von Orleans. 85 ließ ihre Leute an dem Orte des Kampfes übernachten, ſie ſelbſt aber kehrte in die Stadt zurück; denn da ſie den ganzen Tag über(es war ein Freitag) gefaſtet und viel gearbeitet hatte, fühlte ſie ſich ermüdet, auch hatte ſie eine Fußwunde davongetragen. Während nun Jo⸗ hannn der nöthigen Ruhe pflegte, beſchloſſen die An⸗ führer, da jetzt nach Zerſtörung der Baſteien St. Loup, Jean le Blanc und St. Auguſtin ungehindert Verſtärkun⸗ gen eintreffen konnten, die Stadt nicht mehr ſo zu ent⸗ blößen, um ſie nicht durch einen Handſtreich verloren gehen zu laſſen. Als die Jungfrau einmal erwachte, ſagte ſie zu den Kriegshauptleuten:„Ihr ſeid in Eurem Rathe geweſen und ich in dem meinigen. Der Rath des Herrn iſt dem Eurigen entgegen. Morgen ſei man frühzeitig kampfbereit; ich werde an dieſem Tage mehr als bisher zu thun haben, und ach!“ fügte ſie mit einem Seufzer hinzu,„ich werde verwundet werden, Blut wird aus mei⸗ nem Körper fließen!“ Sie hatte eine ſehr unruhige Nacht, denn jeden Augenblick fürchtete ſte ihre Leute von den Engländern überfallen zu ſehen, obgleich ſie von der ihr Bett theilenden Frau des Jacques Bvucher mehrfach daran erinnert wurde, daß der Feind zu erſchrocken ſei, als daß er ſo etwas unternehmen ſollte. Vevor es noch Tag wurde, ließ ſie ſich wappnen. Da ſte nochmals ihre 86 Jungfran von Orleans. bevorſtehende Verwundung erwähnte, ſagte ihre gute Wirthin zu ihr: „Wenn Ihr das wißt, ſo bleibt doch bei uns!“ „Gott treibt mich!“ antwortete die Jungfrau. „Auch ich,“ nahm nun Boucher ſelbſt das Wort, „auch ich rathe Euch bei uns zu bleiben; eben hat ein Schiffer eine ſchöne Alſe gebracht, die wir mit einander verzehren wollen.“ „Hebt den Fiſch zum Abendeſſen auf,“ ſagte Jo⸗ hanna;„ich werde über die Brücke zurückkehren und Euch einige Engländer mitbringen, die an der Mahlzeit theilnehmen können.“ „Gott möge Euch erhören!“ ſagte Jacques Bou⸗ cher,„denn wenn Ihr über die Brücke zurücktehren wollt, müßt Ihr erſt die Baſtei des Tournelles genommen haben.“ „Die werden wir mit Gottes Hülfe nehmen,“ ſagte Johanna und ging. Es war 7 ½ Uhr. Als ſie an das burgundiſche Thor kam, fand ſie es verſchloſſen, denn Gaucourt hatte vom Kriegsrathe Befehl die Jungfrau nicht hinauszulaſſen. Dieſe erhob nun ihre Stimme und rief laut, daß ſie nach einem ganz andern Rathe handle als nach dem der Kriegshauptleute und daß man ihr das Thor durchaus öffnen müßte. Es 2 Jungfrau von Orleans. ntſtand ein Zuſammenlauf und großer Lumult Gai evurt ward davon benachrichtigt, kam ſchnell herbei und wollte die Jungfrau von ihrem Entſchluſſe abwendig machen. Sie aber gab nicht nach und das Volk murrte laut gegen den Stadtrommandanten. Als er ſich trotz dem nicht ergeben wollte, rief ihm Johanna zu:„Ihr ſeid ein böſer Menſch und werdet nicht Gewalt haben Euch dem Rathſchluſſe des Herrn zu widerſetzen! Die Kriegsleute werden meiner Stimme gehorchen und wider Euern Willen hinausgehen! Folgt mir, ihr Tapfern, wir werden heute ſo glücklich ſein als geſtern und vorgeſtern!“— ja,“ riefen die Vogenſchützen und alles Volk,„und Jo⸗ hanna iſt unſer Befehlshaber; ihr wollen wir folgen!“ Bei dieſen Worten warfen ſie ſich über Gaucourt und ſein Gefolge her und würden ſie niedergemacht haben, wenn Johanna nicht ein gutes Wort eingelegt hätte. Unterdeſſen war das Thor geſprengt worden. Johanna ſchritt zuerſt hinaus und brüllend ſtürzte die Menge hin⸗ ter ihr her. Wie am vorigen Tage ging die Jungfrau über den Fluß, ihr ſchwimmend folgendes Pferd am Zügel führend. Als ſie mit ihrer Standarte in der Hand am andern Ufer erſchien, erhoben die Krieger, welche die Nacht über im Lager geblieben waren, ein großes Freudengeſchrei und 6 88 Jungfrau von Orleaus. griffen ſogleich zu den Waffen. Johanna ſeellte ſich an ihre Spitze und befahl den Sturm. Die Baſtei des Tournelles war unter allen die ſtärlſte und Gladesdale hatte ſich mit dem Kern ſeiner Krie⸗ ger darin eingeſchloſſen. Sie ſtand auf einem Bogen der abgebrochenen Brücke, war rings von den Fluthen der Loire umgeben und eine Zugbrücke führte nach dem befeſtigten Wall auf dem linken Ufer. Zuerſt mußte daher dieſer genommen ſein, ehe man daran denken konnte die eigentliche Baſtei anzugreifen. Die Feldhauptleute wollten nun die Jungfrau nicht allein laſſen und ſchloſſen ſich ihrem Haufen an. Auf dieſen Wall los zog jetzt unter Johanna's Leitung die franzöſiſche Ritterſchaft: Der Baſtard von Orleans, die Herren von Retz, Gaucourt, Ga⸗ mache, Graville, Quiteh, Villars, Chaillh, Cvaraze, Illiers, Thermes, Gontaut, Culant, La Hire, Saintrailles u. ſ. w. Zunächſt ermahnte Gladesdale ſeine Mannen ſich der Tage bei Crequi, Poitiers und Azincvurt würdig zu machen, wo man gegen Ritter und nicht gegen Hirtenmädchen gekämpft habe, und verkündete ihnen dann eine entſcheidende Unternehmung gegen die kühn gewordenen Franzoſen. Unterdeſſen hatte der Kampf ſchon begonnen. Von Jungfrau von Orleans. 89 zehn Uhr an liefen die Franzoſen Sturm. Jeder erſah ſich ſeinen Mann, den er bekämpfen wollte, ſo daß der ganze Streit einem unendlich vervielfachten Zweikampfe glich. Die gegenſeitige Erbitterung war ungeheuer. Außer den Schwertern hatten die Franzoſen auch lange Spieße, mit denen ſie aus der Ferne trafen, die Engländer aber bedienten ſich zwar bleierner Kolben und eiſerner Streit⸗ ärte, ſchleuderten aber auch Balken und Steinblöcke auf die Anſtürmenden herab und übergoſſen die Niederge⸗ ſchmetterten mit ſiedendem Oel und geſchmolzenem Blei. Das Banner der Jungfrau ſchwebte immer hart an den Mauern und auf den Leitern, und ihre Stimme über⸗ tönte das Brüllen der Streitenden und das Gewimmer ver Sterbenden.„Muth!“ rief ſie den Männern auf den Leitern zu,„nur noch eine Anſtrengung und wir haben ge⸗ wonnen!“ Faſt drei Stunden hatte der heftigſte Kampf geraſ't und die erſchöpften Franzoſen ihaten endlich einen Schritt rückwärts.„Muth!“ ſchrie Johanna überlaut, „im Namen Gottes vorwärts! In kurzer Friſt ſind die Feinde alle in unſrer Gewalt!“ Bei dieſen Worten lief ſie ihren Leuten voran, legte eine Leiter an den Wall, ſtieg hinauf und rief den Engländern zu:„Ergebt Euch, oder Ihr werdet nach dem Willen Gottes niedergemetzelt!“ Aber in dieſem Augenblicke ward die gottbegeiſterte Jung⸗ 90 Jungfrau von Orleans. frau durch einen Armbruſtpfeil gerade über dem Buſen in die Schulter verwundet, ſo daß die Spitze des Ge⸗ ſchoſſes hinten am Nacken vier bis fünf Zoll hervorragte. Einen Schmerzensſchrei ausſtoßend ſtieg ſie die Leiter her⸗ unter und glitt in den Graben hinab. Gleich machten die Engländer einen Ausfall um die gefürchtete Hirtin oder Zauberin gefangen zu nehmen, aber eben ſprengten die franzöſiſchen Ritter heran, um die Heldin den Fein⸗ den nicht in die Hände fallen zu laſſen. Als ein Eng⸗ länder die Hand nach ihr ausſtreckte, erhob der Ritter Gamache ſeine Streitart und ſchlug den Feind damit zu Boden, während die übrigen franzöſiſchen Ritter den Platz wieder ſäuberten.„Ihr ſeid ein wackeres Mäd⸗ chen, Johanna,“ ſagte Gamache zur Jungfrau;„ich bitte Euch unſern frühern Streit zu vergeſſen und mein Roß anzunehmen.“—„Ohne Groll hinfort!“ ſagte die Jungfrau ihm treulich die Hand reichend;„nie wird man einen Ritter von beſſerer Lebensart ſehen als Euch.“ Hierauf wollte ſie zu Pferde ſteigen, vermochte es aber nicht. Da trug man ſie etwa 100 Schritte weit vom Walle weg und entwappnete ſie. Erſt jetzt wurde ſie ge⸗ wahr, daß der Pfeil hinten an der Schulter hervorragte. Da verſchleierten Thränen ihre Blicke; das Weib ſiegte einen Augenblick über die Kriegerin. Bald aber richtete —— — — Jungfrau von Orleans. 91 ſie ihr Auge gen Himmel und es nahm wieder den alten ſtrahlenden Ausdruck an; ihre Heiligen waren ihr tröſtend erſchienen. Gleich darauf faßte ſie den Pfeil mit beiden Händen und riß ihn aus der Wunde. Mitleidig trat ein alter Soldat zu ihr heran und erbot ſich ihr durch ma⸗ giſche Worte den Schmerz wegzuzaubern. Aber mit Ent⸗ ſetzen wich die fromme Jungfrau vor ihm zurück und ſagte:„Lieber wollte ich ſterben als wider Gottes Willen handeln. Kann man mir die Wunde nicht ohne Sünde heilen, ſo mag ſie bis an meinen Tod offen bleiben.“ Darauf näherte ſich ein andrer Soldat mit Baumwolle und Oel, wodurch ihr einige Linderung verſchafft wurde. Als man noch um ihre Wunde beſchäftigt war, erſchien Dunois mit der Nachricht, daß der Rückzug befohlen ſei und die Kanoniere bereits ihre Geſchütze zurück⸗ zögen. „Kein Rückzug!“ rief Johanna begeiſtert und wie⸗ der im Beſitz ihrer ganzen Kraft;„ſchnell meine Rüſtung!“ Und nun ſtieg ſie wieder zu Pferde, ritt mit der Fahne in der Hand mitten unter die Anführer und ſprach: „Muth im Namen Gottes! Bald werden wir den Wall erſtiegen haben! Erholt Euch jetzt einen Augen⸗ blick, nehmt etwas Speiſe und Trank zu Euch! Dann aber in Gottes Namen wieder zum Sturm! In weniger ₰ 92 Jungfrau von Orleans. als einer halben Stunde ſind alle jene Engländer in unſrer Gewalt!“ Während ſie ſich in den nahen Weinberg zurückzog, um Gott zu bitten den ſchwachen Herzen wieder Muth zu verleihen, hielt ihr Banner ein Kriegsmann, der ſehr ſtolz darauf war dieſe Siegesfahne in Händen zu haben. Zu dieſem kam der kampfbegierige Daulon, um ihm die Standarte abzunehmen und damit gegen den Wall zu laufen, weil er meinte alle Krieger würden dieſem Zeichen ohne Bedenken folgen. Der Soldat wollte es nicht her⸗ geben. Da ſchlug ihm Daulon vor, ſie wollten zuſam⸗ men gegen die Engländer anlaufen. Dies geſchah. Un⸗ ter dem Geſchrei:„Vorwärts, vorwärts, Krieger!“ rann⸗ ten ſie Hand in Hand dem Graben zu. Ohne ſich weiter um die Feldherren zu kümmern, rannten die Krieger und der Volkshaufe nach dem Walle. Als Johanna, die noch auf den Knien lag, das Getöſe hörte, erhob ſie ſich und ſah ihr Banner mitten unter den Stürmenden wehen. Sie eilte dahin, ergriff ſelbſt ſogleich die Standarte und war bald unter den Vorderſten. Da gingen auch die Verzagteſten wieder vorwärts. Als die Engländer das Mädchen wieder ſahen, das ſie für todt oder doch für ſchwer verwundet gehalten hatten, erſchraken ſie und glaubten nicht anders als daß höhere Mächte gegen ſie ———— — ——— 8 Jungfran von Orleans. 93 im Spiele ſein müßten. Es entſtand Verwirrung unter den Engländern, die ſich noch vermehrte, als die Bürger von Orleans unter Girenne's Leitung die Baſtei von der Brücke aus angriffen. Ein beherzter Zimmermann hatte von der Brücke aus einen Balken nach der Baſtei des Tournelles geworfen, Girenne ſprang auf dieſe ſchmale Brücke mit dem Ausruf:„Tod den Engländern!“ Dieſes Geſchrei hörte Gladesdale, der nur fürchtete, ſeine Leute möchten ſich dort ſchlecht vertheidigen, und an den Ort der Gefahr eilte. Johanna ſah ihn nach der Zugbrücke ſpringen, über welche er nach der Baſtei gehen wollte. Sie ſprang ihm nach und rief ihm zu:„Ergieb Dich, Gladesdale, ergieb Dich dem Könige des Him⸗ mels, und er wird Dir Gnade erweiſen! Obgleich Du mich geſchimpft und verhöhnt haſt, ſo habe ich doch Er⸗ barmen mit Deiner Seele!“ Gladesdale nahm ſich nicht Zeit zu antworten. Er hatte das Schwert in der Hand und befand ſich ſchon auf der Zugbrücke, als Dau⸗ lon, der eine Kanone auf die Zugbrücke hatte richten laſſen, Feuer geben ließ; der Stein, womit ſie geladen war, ſchlug in's volle Holz; die mit Menſchen bedeckte Brücke brach in der Mitte entzwei und alles ſfiel in die Loire hinab. Gladesdale ward von ſeiner ſchweren Rüſtung auf den Grund des Waſſers gezogen und kam 94 Jungfrau von Orleans. nicht wieder zum Vorſchein. Mit ihm ertranken viele engliſche Ritter, u. a. auch die Herren von Moulins und Pommiers. Nach dieſem Ungluͤcksfall ertönte ein großes Geſchrei auf dem Wall und in der Baſtei. Die tapferſten Anfüh⸗ rer der Engländer waren todt oder verwundet. Es er⸗ ſcholl plötzlich der Ruf:„Rette ſich wer kann!“ Einige wollten entfliehen und wurden mit den Waffen in der Hand getödtet; andre ſprangen vom Walle in den Fluß und ertranken; noch andre ergaben ſich auf Gnade und Ungnade. Wie es Johanna geſagt hatte, ſeit dem neuen Sturme war noch keine halbe Stunde verfloſſen und ſowohl der Wall als die Baſtei waren in den Hän⸗ den der Franzoſen. Johanna kehrte über die Brücke in die Stadt zurück und ward von den Bewohnern im Triumph em⸗ pfangen und begleitet, es ward ein Te Deum geſungen und die ganze Nacht mit allen Glocken geläutet. Jacques Boucher hatte mit der Alſe gewartet, aber Johanna konnte ihm wenig Beſcheid thun, weil ſie zu ermüdet war. Sie ließ ſich noch einmal verbinden und ging zu Bette. Bei Tagesanbruch weckte man die Jungfrau und er⸗ zählte ihr, daß ſich vom Lager der Engländer ein ſchwar⸗ — Jungfrau von Orleans. 95 zer dicker Qualm erhebe. Als ſie aufſtand, erblickte ſie ſchon die helle Flamme, bedeckte ſich mit ihrem leichten Panzerrocke und ſtieg zu Pferde. Sie ſah die Engländer bis an die Stadtgräben in Schlachtordnung aufgeſtellt, als ob ſie den Kampf anbieten wollten, in der That aber hatten Talbot, Suffolk und die andern engliſchen Heerführer die Aufhebung der Belagerung beſchloſſen. Damit ſie nun nicht als Leute erſchienen, die man fort⸗ jagt, ſondern als ſolche, die freiwillig gehen, hatten ſie vor ihrem Abzug ihre bisherigen Wohnungen in Brand geſteckt und ſich eben in Schlachtordnung aufgeſtellt. Die franzöſiſchen Feldhauptleute hatten Luſt den Kampf an⸗ zunehmen, aber Johanna ſagte, man müſſe dem Feinde eine goldne Brücke bauen, ließ Geiſtliche holen, die an einem eilig errichteten Altar Meſſen leſen mußten, hörte kniend zu und fragte zu Ende der zweiten Meſſe, ob die Engländer den Mauern der Stadt das Geſicht oder den Rücken zuwendeten. Da man ihr ſagte, daß Letzteres der Fall ſei, ſo rief ſie den Hauptleuten zu:„Laßt ſie ab⸗ ziehen! Gott wird ſie Euch ein andermal wieder vor Augen führen“ Wie gern nun auch die Feldherren los⸗ gebrochen wären, ſo folgten ſie doch der begeiſterten Stimme der Jungfrau und ließen die Engländer ruhig abziehen. Man ſchaffte die noch in den beiden ſtehenge⸗ 96 Jungfrau von Orleans. bliebenen Baſteien befindlichen Kanonen und Bombarden nach Orleans und ſchleifte dann alle feindlichen Feſtungs⸗ werke. Die BVeſatzung und alles Volk von Orleans ſtand auf den Wällen, um die Engländer abziehen zu ſehen. Als die Glocken die Mittagsſtunde verkündeten, verlor man ſie aus dem Geſicht. Die Belagerung von Orleans war aufgehoben und der erſte Theil von Johanna's Verſprechen erfüllt. Hierzu hatten ihr neun Tage genügt. Sie hoffte mit Gottes Hülfe auch den König nach Rheims zur Krönung zu führen. ℳ„ 2. Den Weg des Siegs bezeichne Du dem Heer, Die Fahne trag' uns vor in reiner Hand. Schiller. Am 13. Mai verließ Jo hanna mit dem Baſtard und den meiſten Feldherren die Stadt Orleans, wo ſie nichts mehr zu thun hatte. Sie ritten nach Tours, wo ſich damals Karl VII. aufhielt. Nachdem dieſer dem Herrn, den Feldhauptleuten und vorzugsweiſe der Jung⸗ frau öffentlich ſeinen Dank geſagt hatte, ward ein Kriegs⸗ ——— Jungfrau von Orleans. 97 rath gehalten, in welchem Johanna ihre Meinung da⸗ hin ausſprach, daß ſie den König unmittelbar nach Rheims zur Krönung führen wolle, weil dann die Macht der Eng⸗ länder im ganzen Königreiche gebrochen ſein werde. Aber ſie ward überſtimmt. Erſt wollte man die Loire ſäubern und alle an dieſem Fluſſe liegenden Städte wegnehmen, welche ſich noch in den Händen der Engländer befänden. Der König ſtellte die um ihn verſammelte Blüthe des franzöſiſchen Adels unter den Herzog von Alengon, dem er aber empfahl in allen Dingen den Rath der Jungfrau zu hören. Die ſtärkſte dieſer Städte war die Feſtung Jargau, welche daher zuerſt weggenommen wer⸗ den ſollte. Als nun die Herzogin von Alengon ihren Gemahl, der abermals bloß ein paar Tage bei ihr geweilt hatte, wieder in's Feld zu ziehen im Begriff ſah, war ſie wie das erſte Mal faſt untröſtlich; Johanna aber erinnerte ſie daran, daß ſie den Herzog ſchon einmal friſch und ge⸗ ſund in ihre Arme zurückgeführt hatte, und that ihr daſſelbe Verſprechen. Da ſiel die Serzogin der Jungfrau um den Hals, empfahl ihren erlauchten Gemahl ihrem Gebet und faßte wieder guten Muth. Ehe alles zur Belagerung von Jargau bereit war, kam der 20. Juni heran. Vor die Stadt zogen außer Jungfrau von Orleans. 98 Jungfrau von Orleans. dem Herzog von Alengon und der Jungfrau der Ba⸗ ſtard von Orleans, die Herren von Brouſſac, Gra⸗ ville, Culant, Dehoré, Vignoles und viele an⸗ dre tapfre Ritter. Die Stadt wurde gut vertheidigt, denn in ihr lag der tapfre Graf von Suffolk mit ſeinen Brüdern Alerander und Johann de la Poule. Es war Freitags als man vor der Stadt Jargau an⸗ kam. Sogleich begann auch das Schießen gegen die Mauern und dauerte den ganzen Sonnabend fort, bis gegen Abend die Breſche zugänglich war und der Sturm für den folgenden Tag angeordnet werden konnte. Es war auch in der That die höchſte Zeit, denn die Eng⸗ länder ſollten von Paris her eine beträchtliche Verſtär⸗ kung erhalten, und noch dazu unter der Leitung des be⸗ rühmten Falſtaff, welcher die Franzoſen am ſogenann⸗ ten Heringstage ſo grauſam auf's Haupt geſchlagen hatte. Als der Sturm eben beginnen ſollte, ſchickte der Graf von Suffolk einen Herold in's franzöſiſche Lager, wel⸗ cher mit dem Herzog von Alengon zu unterhandeln be⸗ gehrte; denn ſeitdem die Jungfrau aufgetreten war, hatte der Feind nicht mehr den alten Muth zum Kämpfen. Mehrere franzöſiſche Hauptleute waren der Anſicht, man dürfe den engliſchen Unterhändler gar nicht anhören, ſon⸗ dern müſſe ſofort ſtürmen; der Herzog von Alengon —————————— —,—— Jungfrau von Orleaus. 99 aber beſprach ſich zunächſt mit Johanna über dieſen Punkt; denn einmal hatte er vom König Befehl nichts ohne ihren Rath zu unternehmen, dann achtete er auch ohnehin ihre Anſichten ſehr und endlich hatte er ihr das Leben zu verdanken, indem ſie ihn am vorigen Tage mit Gewalt von einer Stelle fortgezogen hatte, an welcher gleich darauf dem Herrn von Lude durch das Feuer einer engliſchen Batterie der Kopf weggeriſſen wurde. Johanna rieth den engliſchen Unterhändler vorzulaſſen. Es geſchah. Sein Vorſchlag war, die Stadt nach vier⸗ zehn Tagen zu übergeben, wenn ihr bis dahin keine Hülfe zukäme. Der Herzog aber verlangte auf Johan⸗ na's Rath, daß die Feſte ſogleich übergeben werden müßte, doch ſollte die Beſatzung mit ihren Pferden freien Abzug haben. Da dieſer Vorſchlag nicht angenommen wurde, ſo entfernte ſich der engliſche Unterhändler und die Jungfrau wendete ſich mit den Worten gegen den Herzog: „Wohlan denn, edler Herzog, zum Sturm!“ „Aber, Johanna,“ entgegnete dieſer,„iſt auch die Breſche gangbar genug?“ „Hegt keinen Zweifel, denn Gott hat die Feinde in unſre Hände gegeben!“ ſagte Johanna. „Allein...“ begann der Herzog auf's neue. 7* * 100 Jungfrau von Orleans. „Ha!“ unterbrach ihn die Jungfrau,„haſt Du Furcht, edler Herzog? Haſt Du vergeſſen, daß ich Dich Deiner Frau wohlbehalten zurückbringen muß?“ „Da Ihr denn durchaus nicht anders wollt,“ ſagte der Herzog von Alengon endlich entſchloſſen,„ſo mag der Kampf beginnen!“ Dann rief er mit lauter Stimme: „Vorwärts, zum Sturm, zum Sturm!“ Alles eilte ſogleich mit Siegeshoffnung nach den Mauern. Allein es fand ſich, daß die Breſche noch zu hoch war. Man mußte ſich der Leitern bedienen, um ſie zu erreichen. Dies war aber nichts Leichtes, da ein rie⸗ ſenhafter Engländer mit ſeinem Streitkolben und mit Steinen alles zerſchmetterte, was auf der Leiter empor⸗ klettern wollte. Da ließ der Herzog von Alengon den Geſchützmeiſter Jean eine Feldſchlange nach der Breſche richten und nach dem Engländer ſchießen, ſobald er ſich mehr als gewöhnlich bloß gab. Der Stein traf den Rieſen mitten auf die Bruſt und ſchleuderte ihn todt von der Breſche in die Stadt hinab. Die dadurch unter den Feinden entſtandene Verwirrung benutzte Johanna, in⸗ dem ſie mit ihrer Standarte in der Hand der Stelle zu⸗ eilte, wo die Engländer den grimmigſten Widerſtand leiſteten, eine Leiter anlehnte und die Ihrigen zum Hin⸗ aufſteigen anfeuerte. Die Engländer aber erkannten ſie Inngfrau von Orleans. 101 und ſchleuderten ihr einen mächtigen Stein mit ſolcher Gewalt auf den Helm, daß ſie von dieſem Schlage betäubt ſich zu ſetzen gezwungen war. Sogleich aber erhob ſie ſich wieder und rief ihren Leuten zu: „Immer kühn hinauf! Die Stunde der Englaͤnder hat geſchlagen! Der Herr wird ſie in Eure Hände geben!“ Bei dieſen Worten ſtieg ſie ſchon ſelbſt die Leiter hinauf und ihre Streitgenoſſen folgten ihr. Die Eng⸗ länder hatten ſie wie einſt vor Orleans nach ihrer Ver⸗ wundung für todt oder ſchwer verwundet gehalten und waren nun entſetzt ſie die Leiter herauf und in die Breſche kommen zu ſehen. Sie ſtutzten einen Augenblick und dieſer reichte für die hitzigen Kämpfer hin in bedeutender Anzahl an Ort und Stelle zu kommen Die Wuth des Angriffs war ſo unwiderſtehlich, daß die Engländer zu weichen begannen. Der Graf von Suffolk rief zwar anfangs ſeinen Leuten überall zu, ſie möchten alle Kräfte aufbieten die wenigen Franzoſen niederzumachen; ſowie er aber ſeinen Bruder Alerxander de la Poule umkom⸗ men ſah, eilte auch er tiefer in die Stadt. Ihm folgte ein Edelmann Namens Renault mit dem Schwert in der Fauſt. Der Graf drehte ſich um und fragte: „Biſt Du Edelmann?“ „Ja,“ lautete die Antwort. 102 Jungfrau von Orleans. „Ritter?“ fragte Suffolk weiter. „Nein, bin es aber werth zu ſein, da der Graf von Suffolk vor mir geflohen iſt.“ „Nun denn, Du ſollſt es ſein, und noch dazu von meiner Hand!... Knie nieder!“ ſagte der Graf. Renault that es, Suffolk gab ihm drei Schläge mit der flachen Klinge auf die Schulter und ſagte dabei: „Im Namen Gottes und des heiligen Georg, ich ſchlage Dich zum Ritter.“ Dann überreichte er ihm daſſelbe Schwert, womit er ihm den Ritterſchlag ertheilt hatte. Dies alles erfuhr König Karl VII. und freute ſich ſeines wiederkehrenden Glücks. Während ſich eine Menge Mannſchaften um ihn ſammelten, weil ſie an dem Trium⸗ phe gegen das Inſelvolk theilzunehmen wünſchten, zogen Alengon und Johanna nach Zurücklaſſung einer Be⸗ ſatzung in Jargau wieder nach Orleans zurück, wo ſie ſich zu erholen und Verſtärkungen an ſich zu ziehen ge⸗ dachten. Zu ihnen ſtießen in dieſer Zeit die Herren von Retz, Chavigny, Loheae nebſt ſeinem Bruder Laval und dem Herrn Latour⸗d'Auvergne. So verſtärkt brach der Herzog von Alengon mit der Jungfrau von Orleans wieder auf, um die Eroberungen an der Loire fortzuſetzen. Zunächſt rückten ſie gegen Meung⸗ſur⸗Loire, das vom Lord Soales vertheidigt —.— 103 Jungfrau von Orleans. wurde; da dieſer aber die Stadt nicht lange halten zu können glaubte, überließ er ſie den Franzoſen und zog ſich in die Citadelle zurück. Dieſe legten eine kleine Be⸗ ſatzung hinein und begaben ſich vor Beaugench, wo der tapfre Talbot befehligte; auch er meinte den wenig be⸗ feſtigten Ort nicht halten zu können und räumte ihn, um ſich mit Sir Falſtaff zu vereinigen, der eine Schaar Kriegsleute von Paris heranführte, um den Fortſchritten der Franzoſen Einhalt zu thun. Als der Herzog von Alengon vor Beaugench lagerte, erhielt er die Nachricht, daß ihm der Connetable Arthur von Richemont zu Hülfe zöge. Letzterer war bekannt⸗ lich durch den Einfluß des Herrn de la Tremouille vom König entfernt gehalten worden und dieſer hatte ſelbſt dem Herzog von Alengon verboten Hülfe vom Connetable anzunehmen. Der tapfre Richemont aber konnte nicht länger müſſig liegen, während ſich ſo große Dinge im Vaterlande begaben. Er war von ganzem Herzen Franzos, verließ mit einer Anzahl von Edeln Parthenah in der Bretagne und kam nun zum Herzog, um ihm ſein Lilienſchwert für den Dienſt des Königs zu weihen und dieſem alſo wider Willen zu helfen. Alen⸗ gon gerieth daher in große Verlegenheit, als ihm die Herren von Roſtreenen und Carmoiſen meldeten, 104 Jungfrau von Orleans. der Connetable ihr Gebieter befinde ſich ſchon in Am⸗ bviſe und begehre für ſich und ſeine Leute Quartier in der Stadt, wo ſich eben der Herzog befand. Sollte nun der Herzog ungehorſam gegen den König ſein oder ſich den wackern Connetable zum Feinde machen? In ſeiner Verlegenheit wendete ſich der Serzog von Alengon an Johanna. Dieſe hatte die im franzöſiſchen Lager entſtandne Aufregung bemerkt und den angemeldeten Richemont für einen Feind gehalten; ſie rieth daher dem Herzog gegen den Ankommenden auszurücken und ihn zu ſchlagen. Hierüber entſtand im franzöſiſchen Heere ein großes Murren und ſelbſt La Hire drohte abzuziehen, wenn man gegen den Connetable alſo verführe. Sobald aber die Jungfrau das wahre Verhältniß der Dinge und gleichzeitig das Heranrücken des vereinigten Heeres unter Talbot und Falſtaff erfahren hatte, erklaͤrte ſie, man müßte ſich mit dem Connetable ſchleunigſt verbinden und ſie nähme in dieſer Hinſicht die ganze Verantwortlichkeit beim König über ſich. Dies war dem Herzog von Alen⸗ gon ganz recht, da er nun keine Verantwortlichkeit mehr hatte. Die vornehmſten Anführer ritten dem bretagniſchen Heere entgegen. Als ſie ihm nahe gekommen waren, ſtiegen die franzöſiſchen Ritter vom Pferde und Johanna ſchritt zuerſt auf den Connetable zu, verbeugte ſich vor Jungfrau von Orleans. 1035 ihm und wollte ſeine Knie umfaſſen. Er aber hob ſie gleich wieder auf und ſagte zu ihr:„Man hat mir ver⸗ ſichert, Ihr wolltet mich bekämpfen, Johanna: kommt Ihr im Auftrage Gottes, ſo fürchte ich Euch nicht; ſeid Ihr vom Teufel, ſo fürchte ich Euch noch weniger.“ Jo⸗ hanna ſchien antworten zu wollen, als der Herzog von Alencon herzutrat und den Comnetable begrüßte; beide Fürſten drückten einander aufrichtig die Hände; Franzoſen und Bretagner vermiſchten ſich und ſprachen vertraulich über alles, was ſich bisher ſo wunderbar begeben hatte. Der Muth des vereinigten Heeres wuchs zur Kampf— begier. Sobald der Herr von Gueten, welcher in Beau⸗ geneh befehligte, dieſe Vereinigung von Streitkräften er⸗ fuhr, begehrte er zu unterhandeln und erhielt eine Ca⸗ pitulation, wonach er und ſeine Leute die Feſte mit Pferd und Rüſtung nebſt dem Werth einer Mark Silbers ver⸗ laſſen durften. Talbot und Falſtaff rückten näher. Da lief die Jungfrau unter den franzöſiſchen und bretagniſchen Krie⸗ gern umher und ſagte:„Und hingen die Engländer an den Wolken, wir würden ſie doch erreichen! Gott hat uns zu ihrer Züchtigung geſandt!“ Darüber vergaß iedermann die Tage von Crevent, Verneuil und Rouvroh 106 Jungfrau von Orleans. und dachte nur noch der Tage von Orleans und Jargau. Als ſie dem Connetable ſelbſt begegnete, rief ſie ihm zu: „Ihr ſeid zwar nicht auf meinen Ruf erſchienen, tapfrer Connetable, aber deshalb nicht minder willkommen!“ Die Feldherren beſchloſſen die gute Stimmung des Heeres zu einem Angriff auf die Engländer zu benutzen. Sie bildeten eine auserleſene Vorhut unter den Feld⸗ hauptleuten Loré, Beaumanoir, Tillet, La Hire und Saintrailles, mit welchen die Jungfrau zu zie⸗ hen wünſchte; aber man überredete ſie beim Connetable, dem Herzog von Alencon, dem Grafen Dunvis, dem Admiral Culant, dem Marſchall Brouſſae und den Herren Laval, Albret und Gaucourt im Haupt⸗ treffen zu bleiben. Bisher hatten die Engländer immer geſiegt, weil ſie ihr Heer ſehr geſchickt in Schlachtordnung zu ſtellen ver⸗ ſtanden; daher erhielt die erwähnte Vorhut den Auftrag, ſie ſogleich anzugreifen, ſobald ſie ihrer anſichtig würde, damit ſie nicht Zeit hätten ſich aufzuſtellen. Nun zog das Heer durch die ſchönen Ebenen der Beauce, wo es den Engländern begegnen mußte, und die Vorhut war eben bis nahe bei Patah an einen Ort gekommen, den man Coignées nannte, als ſie vor einem breiten Wäld⸗ chen, welches die Ausſicht verſperrte, einen Hirſch auf⸗ Jungfran von Orleans. 107 jagte. La Hire und die um ihn befindlichen Ritter folgten dem Thiere mit den Augen, wie Männer denen das Waidwerk nach dem Kriege die edelſte Beſchäftigung iſt. Endlich verſchwand das Thier am Saume des Wal⸗ des, ein paar Minuten ſpäter aber hörte man lautes Geſchrei und ſah das entſetzte Thier wieder erſcheinen: es war mitten in's engliſche Lager gerathen und das ge⸗ hörte Geſchrei war das der Feinde. La Hire ſtellte ſeine Vorhut ſogleich in gute Ordnung und ſandte einen Boten an den Herzog von Alengon zurück, welcher nach⸗ fragen ſollte, ob man die Engländer verabredetermaßen ſogleich angreifen ſolle, da man ſie vor ſich habe. Als dieſe Nachricht beim Haupttreffen anlangte, wendete ſich Alengon nach der Jungfrau um und ſagte: „Nun, Johanna, wir haben die Engländer vor uns; wollen wir ſie angreifen?“ „Habt Ihr Eure Sporen?“ fragte die Jungfrau da⸗ gegen. „Die Sporen? Denkt Ihr ich ſollte fliehen?“ „O nein, aber Ihr werdet ſie zur Verfolgung des Feindes nöthig haben.“ „Ah, ah, das laſſe ich mir gefallen. Alſo rücken wir vot!“ 108 Jungfrau von Orleans. „In Gottes Namen,“ ſagte Johanna;„die Eng⸗ länder ſind in unſre Hand gegeben!“ Sowie La Hire den Befehl zum Vorrücken erhielt, fiel er ſo raſch über die Feinde her, daß dieſe, welche gar nichts von der Anweſenheit der Franzoſen wußten und ſich daher durchaus nicht vorbereitet hatten, keine Zeit fanden ihre Schlachtlinie zu ordnen. Dazu herrſchte eine Meinungsverſchiedenheit im feindlichen Lager; Tal⸗ bot wollte den Kampf auf der Stelle annehmen wo das Lager ſtand, Falſtaff aber ſich ein wenig zurückziehen und das Heer auf die Abtei Patah und einen Wald ſtützen. Die letztere Anſicht erhielt in einem ſchnell verſammelten Kriegsrathe die Majorität und es begann nun jedermann nach dem vorgeſchlagenen Orte zu laufen. Die Truppen der franzöſiſchen Vorhut aber, welche unterdeſſen das eng⸗ liſche Lager beinahe erreicht hatten, glaubten den Feind auf der Flucht zu ſehen, ſpornten ihre Pferde aus aller Macht und trafen mit den Engländern zugleich auf dem Punkte ein, wo ſich die letztern in Schlachtordnung auf⸗ ſtellen ſollten. Daher hatten die engliſchen Ritter noch nicht ihre Lanze eingelegt, die Kriegsknechte waren noch nicht abgeſtiegen und die Bogenſchützen noch nicht damit zu Stande gekommen Pfähle einzurammen, hinter denen ſie kämpfen ſollten, als die franzöſiſche Reiterei ſchon von Jungfrau von Orleans. 109 beiden Seiten einhieb und alles vor ſich her niederſchlug. Als das Haupttreffen anlangte, brauchte es ſich bloß zu zeigen, um den Sieg zu vollenden. Falſtaff und der Baſtard von Thian ergriffen die Flucht, die Lords Talbot, Soales und Hungerfort wurden gefangen genommen; 2200 Engländer blieben auf dem Schlacht⸗ felde und der Reſt wollte ſich in die befeſtigte Stadt Janville werfen, aber die patriotiſchen Bewohner derſelben ſchloſſen ihnen die Thore vor der Naſe zu, ſo daß ſich die flüchtigen Engländer zur weitern Flucht entſchließen mußten. Hierauf räumten die Engländer im erſten Schrecken ohne Schwertſtreich die Städte Meung, Montpipeau und St. Simon, ſteckten hinter ſich dieſe Feſtungen in Brand und zogen ſich gegen Paris. Man kann behaupten, daß die Franzoſen bloß durch den Schrecken geſiegt hatten, welchen die Anweſenheit der Jungfrau einflößte; ſie ging mit Alengon und den andern Heerführern nach Orleans zurück, während der Connetable nebſt ſeinen Bretagnern in Beaugench blieb, um dort die weitern Befehle des Königs abzuwarten. 110 Jungfrau von Orleans. S. Von Gott allein, dem hochſten Herrſchenden, Empfangen Frankreichs Könige die Krone. Wir aber haben ſie ſichtbarerweiſe Aus ſeiner Hand empfangen. Hier ſteht die Gottgeſendete, vie Euch Den angeſtammten König wiedergab, Das Joch der fremden Tyrannei zerbrochen! Ihr Name ſoll dem heiligen Denis Gleich ſein, der dieſes Landes Schützer iſt. Schiller. Die getreue Stadt Orleans, in deren Mauern ſich die Jungfrau mit den vornehmſten Feldherren befand, erwar⸗ tete die Ankunft des Königs und ſchmückte Häuſer und Straßen ſo feſtlich wie am Frohnleichnamstage; allein KarlVII., der in Sully ein furchtbares Heer um ſich geſammelt hatte, wünſchte nun ſelbſtthätig etwas zu un⸗ ternehmen, zog über Chaͤteauneuf-ſur-Loire und Gien vor die Städte Bonnh, Cosne und de la Charité, um ſie zur Rückkehr unter ſeine Votmäßigkeit aufzufordern; aber die Commandanten derſelben ergaben ſich nicht und die Plätze blieben engliſch. Als ſich der König in Sullh aufhielt, ſtattete ihm auch die Jungfrau einen Beſuch ab und fand eine ſehr zuvor⸗ kommende Aufnahme. Ihre Abſicht ging vorzüglich dahin dem Connetable die königliche Gunſt wiederzuverſchaffen. b b Jungfrau von Orleans. 111 Aber ſo groß war der Einfluß des Herrn de la Tre⸗ mouille auf KarlVII., daß dieſer durchaus nicht zu einer Meinungsänderung zu bewegen war. Zum Her⸗ zog von Alengon, welcher Johanna's Andringen zu unterſtützen gekommen war, ſagte der König ſogar, wie er mit Mißfallen vernommen, daß ihm in der Schlacht bei Patah ein Mann gedient habe, den er als ſeinen Feind betrachten müſſe. Dies erfuhr der Connetable, ward aber nur noch feſter in ſeinem Entſchluſſe dem König wider ſeinen Willen zu dienen, fuhr fort das Land von Feinden zu ſaͤubern und begann die Belagerung von Marchenvis. Nach ſeiner verunglückten Unternehmung auf verſchie⸗ dene Städte hielt ſich der König wieder in Gien auf und hier ſtattete ihm Johanna einen zweiten Beſuch ab. Sie ward wieder ſehr gut aufgenommen, ſprach aber nicht mehr vom Connetable, da ſie ſich in dieſer Beziehung früher kein Gehör hatte verſchaffen können, ſondern von der Ausführung ihrer Sendung überhaupt. Ehrerbietig vor Karl VII. niederfniend ſagte ſie zu ihm: „Edler Dauphin, für die bisherige gute Führung Eurer Angelegenheiten ſeid Ihr dem Herrn allein Dank ſchuldig, denn er hat alles gethan. Jetzt aber müßt Ihr Euch bereit machen nach Rheims zur Salbung und Krö⸗ 112 Jungfrau von Orleans. nung abzugehen, wie dort auch Eure erhabenen Vorfah⸗ ren geſalbt und gekrönt worden ſind. Nach der Weihe wird Euer königlicher Name in Frankreich an Ehre und Anſehen gewinnen und unter den Feinden mehr Schrecken verbreiten. Haben dieſe auch noch feſte Städte und Schlöſſer in der Champagne inne, ſo ſollt Ihr Euch doch nicht ſcheuen den Zug zu unternehmen, denn der Herr wird Euch mitten durch ſie hin nach Rheims führen. Verſammelt zu dieſem Zuge Eure Krieger, edler Herr; es iſt der Wille Gottes!“ Wäre ein ſolcher Vorſchlag auch vom tapferſten Feld⸗ herrn ausgegangen, er würde ohne weiteres verworfen worden ſein, denn der Weg nach Rheims war von Fein⸗ den bedeckt, während ihre größte Heeresmacht im Rücken von der Normandie her drohte. Aber Johanna's bis⸗ herigen kriegeriſchen Dienſte hatten im Verein mit ihrem frommen Lebenswandel mit ſolchem Zauber gewirkt, daß der König ihren Vorſchlag zu einer ernſten Prüfung an die erfahrenſten Feldhauptleute brachte. Hier waren die Meinungen getheilt; einige wollten dem Rathe der Jung⸗ frau folgen, andre zuerſt nach der Normandie aufbrechen, um ſich rückenfrei zu machen. Da beide Theile auf ihrer Anſicht beharrten, ſo machte der Herzog von Alencon, welcher für die unverzügliche Salbung geſtimmt war, den —— —— Jungfrau von Orleans. 113 Vorſchlag, man ſolle ſich doch abermals bei der Jungfrau nach der Quelle ihrer Eingebungen erkundigen, da ſie dann vielleicht unwiderlegliche Beweiſe des Gelingens ihres Vorhabens liefern könne. Der König und mehrere ſeiner Räthe billigten dieſen Antrag, hatten aber noch das Be⸗ denken, daß ſie durch eine ſolche Art des Zweifels die Jungfrau beleidigen möchten. Da hob dieſe ſelbſt alle Bedenklichkeiten, indem ſie eintrat und zu den Anweſen⸗ den ſagte: „Im Namen Gottes fordre ich Euch auf, Ihr Herren, ſich nicht vor mir zu verbergen; denn ob Ihr laut oder heimlich ſprecht, ich kenne Eure Gedanken doch. Soll ich Euch wiederholen was mir meine Stimmen in Betreff Eurer Salbung zugeſagt haben, edler Dauphin? Nun denn, ſo hört: Als ich bemerkte, daß mir weder der Her⸗ zog von Alengon noch der Graf von Dunvis Glau⸗ ben beimeſſen wollten, begann ich auf gewohnte Weiſe zu beten. Da ſagten mir meine Stimmen: Mädchen Got⸗ tes, gehe zum edeln Dauphin ſelbſt, und wir wollen Dir beiſtehen! So bin ich im Namen des Himmels hier, deſſen Befehlen ich ſtets nachkomme.“ Bei dieſen Worten erhob ſich ihr Auge gen Himmel und ihr ganzes Geſicht nahm den Ausdruck erhabeher Begeiſterung an. Der König war zwar ſchon halb über⸗ Jungfrau von Orleans, 8 114 Jungfrau von Orleans. zeugt von der Untrüglichkeit ihrer Worte, ſagte aber doch noch zu ihr: „Wie nun, Johanna, wenn wir zuerſt einen Zug nach der Normandie unternähmen und dann nach Rheims zur Salbung gingen?“ „Vor allem die Salbung, edler Dauphin!“ ſagte Jo⸗ hanna,„ſonſt würde ich Euch nicht mehr helfen können.“ „Wie ſo, Johanna?“ fragte der König weiter. „Nicht länger als ein Jahr werde ich dauern!“ ant⸗ wortete die Jungfrau kopfſchüttelnd. „Und was wird nach f eines Jahres mit Dir geſchehen?“ „Davon haben mir meine Stimmen nichts geſagt,“ er⸗ wiederte Johannaz„nur ſobiel weiß ich, daß ſich meine Sendung darauf beſchränkt, die Belagerung von Orleans aufzuheben und Euch zur Krönung nach Rheims zu führen. Orleans iſt frei, edler Dauphin; brechen wir daher ſo bald als möglich nach Rheims auf. Es iſt der Wille Gottes!“ Die Jungfrau ſprach dieſe Worte mit einer ſolchen Begeiſterung, daß ihr Gottvertrauen in die Herzen aller Anweſenden überging. Es ward einſtimmig beſchloſſen. ihrem Wunſche gemäß zu handeln und unverzüglich nach Rheims aufzubrechen, ohne ſich um die Normandie oder — Jungfrau von Orleans. 11⁵ auch nur um die Städte Cosne und de la Charité zu kümmern. Der König berief alle Hauptleute der Umgegend zu ſich, nahm Abſchied von der Königin, die von Bourges nach Gien gekommen war und wegen der Gefahren nicht mit nach Rheims gehen ſollte, ſandte die Vorhut unter Anführung der Jungfrau voraus und verließ ſelbſt Gien am St. Peterstage, um ſich geradeswegs nach Rheims zu begeben, als ob ihm das Land gehörte, durch welches er marſchiren mußte. Unter den zahlreichen Rittern in der Umgebung des Königs herrſchte das größte Vertrauen auf das gottbegeiſterte Mädchen, welches allen Beſchwer⸗ den eines Heerführers trotzte, die beſte Mannszucht hielt, immer die Erſte auf dem Marſche und die Letzte zur Ruhe war. Am erſten Tage nach ihrem Aufbruch von Gien machte Johanna in einem vier Stunden von da ent⸗ fernten Dorfe Halt und übernachtete daſelbſt. Dies war die Entfernung, welche zwiſchen der Vorhut und dem Hauptheere des Königs auf dem ganzen Marſche ſtatt⸗ finden ſollte, ſo daß die Verbindung beider Abtheilungen nicht leicht unterbrochen werden konnte. Am folgenden Tage brach auch der König auf und marſchirte gerade auf Auxerre los. 8* 116 Jungfrau von Orleans. Auxerre hielt es mit den Engländern. Als die Bür⸗ ger der Stadt das königliche Heer vor ihren Mauern ſahen, erboten ſie ſich zur Entrichtung einer Kriegsſteuer, wenn der König weiter ziehen wolle. Johanna äußerte ſich dahin, daß der König in ſeinem Reiche ſei und nur zu befehlen habe, daß alſo die Stadt ihre Thore öffnen müſſe. Aber die Bürger hatten ſich an den Herrn de la Tremouille gewendet und dieſer den König zur Annahme der Kriegsſteuer überredet. Der König nahm die kleine Summe Geldes an, während Tremouille über 6000 Thaler erhalten haben ſoll. Die Heerführer waren ſehr unzufrieden mit einer ſolchen Erpreſſung und Johanna beſchwerte ſich laut, da ſte in dem Augen⸗ blicke, wo ſie mit der Vorhut wieder aufbrach, jedem Krieger nicht mehr als einen Thaler vom rückſtändigen Sold geben konnte, während doch ein königlicher Günſtling zur Befriedigung ſeiner Lüſte eine große Summe Geldes erhalten habe. Nachdem der König noch drei Tage vor Auxerre lie⸗ gen geblieben war, gleich als ob er noch nachträglich von der Stadt hätte Beſitz nehmen wollen, begab er ſich mit ſeinem Heere, welches während dieſer Zeit ſeinen Unterhalt aus Aurerre erhalten hatte, nach St. Floren⸗ tin, das ihm ſeine Thore öffnete und eine willkommene Jungfrau von Orleans. 117 Ruheſtätte gewährte. Er nahm den Bewohnern der Stadt den Eid der Treue ab und machte ſich dann nach Trohes auf den Weg. Trohes war eine ziemlich feſte Stadt und hatte eine engliſche Beſatzung von beinahe 1000 Mann. Als Jo⸗ hanna mit der Vorhut im Angeſicht der Stadt erſchien, machten die Engländer einen Ausfall. Solcher Kühnheit hatte man ſich zwar nicht verſehen, weil die Engländer einen Kampf zu vermeiden pflegten, wo ſich die Jungfrau zeigte. Man ging aber ſogleich auf den Feind los und trieb ihn nach kurzem Streit in die Stadt zurück. Jetzt kam der König mit dem Hauptheer und lagerte ſich damit rings um die Stadt, da er hoffte die engliſche Beſatzung durch dieſes Manveuvre ſowie durch ſeine Drohungen und Verheißungen zur Uebergabe zu bewegen. Allein es ver⸗ floſſen 5— 6 Tage, ohne daß er ſeinen Zweck erreichte. Theils wegen des Mangels an Lebensmitteln und theils wegen eines etwaigen Entſatzheeres ward die Lage der Franzoſen bedenklich. Da ſchien ſich der Himmel ſelbſt durch eine Art von Wunder in's Mittel zu ſchlagen. Vor etwa 4— 5 Monaten hatte ein Franziskaner, der Bruder Richard, welcher der Partei des Königs ange⸗ hörte, Trohes und das umliegende Land durchzogen, überall während der Adventszeit gepredigt und jede ſeiner Reden 118 Jungfrau von Orleans. mit den Worten geſchloſſen:„Sät reichlich Vohnen, meine Brüder, ſät reichlich, denn der, welcher ſie ernten ſoll, ſage ich Euch, wird bald kommen!“ Jedermann hatte in gläubigem Vertrauen auf die Weisheit des Bruders Ri⸗ chard Vohnen geſät. Dieſe waren jetzt reif und ſollten eben eingeerntet werden, als König Karl mit ſeinem Heere erſchien, welches herzlich froh war eine ſo geſunde Koſt auf dem Stengel zu finden und bisher die fünf Tage lang davon gelebt hatte. Die Bewohner der Stadt mußten anerkennen, daß der König der vom Bruder Ri⸗ chard angekündigte Ernter ſei, und erklärten es unter ſich für eine Sünde, ſich einem Fürſten zu widerſetzen, welcher ſo augenſcheinlich den Herrn des Himmels auf ſeiner Seite habe. Auf dieſe wunderbare Weiſe entſtand in der Stadt eine dem König ergebene Partei, welche nur noch zu wachſen brauchte um Karl dem VII. die Thore öffnen zu können. Es war aber auch hohe Zeit, daß dieſe Partei das Uebergewicht erhielt, denn im franzöſiſchen Lager begann wirkliche Noth einzureißen. Nach einem ſiebentägigen Verweilen vor Trohes waren auch die reichſten Bohnen⸗ felder geleert und die Bauern lieferten keine Lebensmittel, wenn man ſie auch redlich zu bezahlen verſprach, denn ſie waren in dieſer Hinſicht zu oft getäuſcht worden. 7—— Jungfrau von Orleans. 119 Der König wußte keinen Rath. Am ſtiebenten Tage rief er die Herzöge von Alencon und Bourbon, den Grafen von Vendöme und andre angeſehene Männer zu ſich, damit ſie ſich mit ihm und dem bei ihm befind⸗ lichen Erzbiſchof von Rheims über die zu ergreifenden Maßregeln beriethen. Die Jungfrau ſchloß man aus, weil man fürchtete, ſie möchte auf ihrer erſten Meinung beharren und das Heer dadurch in eine noch mißlichere Lage verſetzen. Jeder von den Herren ſchilderte in dieſem Kriegsrathe die Bedenklichkeit der Umſtände auf ſeine Weiſe. Alle waren einverſtanden, daß an keinen Sturm zu denken wäre, da man weder Kanonen noch Bombarden oder andre Belagerungsmaſchinen habe(denn Agen, wo deren ſtan⸗ den, war von Trohes 30 Wegſtunden entfernt). Es ward auch bemerklich gemacht, daß man nicht einmal in der kleinen Stadt Auxerre habe eindringen können und es in der wohlbefeſtigten Stadt Trohes noch weit weni⸗ ger vermögen werde. Alle hatten für die Rückkehr an die Loire geſtimmt, als ganz zuletzt der frühere Kanzler Robert le Manon das Wort nahm und zum König ſagte:„Edler Dauphin, als Ihr dieſen Zug unternahmt, thatet Ihr es nicht im Vertrauen auf menſchliche Kräfte, ſondern in Folge des Vertrauens, das Euch Johanna 120 Jungfran von Orleans. eingeflößt hatte; daher rathe ich, daß man die Jungfrau herbeirufe und ſie frage, ob ſie den gefaßten Beſchluß gut heißt oder verwirft...“ Beim letzten Worte des Kanzlers hörte man heftig an die Thür klopfen. Der Portier öffnete und Johanna trat ein. Sie verbeugte ſich vor dem König, ſchritt vor⸗ wärts und ſagte zu den Anweſenden: „Meine Stimmen haben mir geſagt, daß hier wichtige Dinge verhandelt werden. Ich bin gekommen, um zu ſagen, daß der Rath des Herrn beſſer iſt als der Men⸗ ſchen Weisheit.“ „Seid willkommen, Johan na,“ nahm der Kanzler wieder das Wort;„denn der König und ſeine Räthe ſind eben in großer Verlegenheit über das, was unter den gegenwärtigen Umſtänden zu thun ſei.“ Und nun erzählte er ihr den Gang der ganzen Verhandlung. „Sire,“ wendete ſich darauf die Jungfrau an den König,„werdet Ihr mir glauben, was ich Euch ſage?“ „Zweifelt nicht daran, Johanna,“ antwortete der Angeredete,„daß wir Euch glauben und folgen werden, ſobald Ihr uns mögliche Dinge rathet.“ „Und ihr, meine Herren,“ ſprach ſie zu den übrigen Anweſenden,„werdet Ihr meinen Worten auch Glauben beimeſſen?“ Jungfrau von Orleans. 121 „Es kommt darauf an, Johanna, was Ihr ſagen werdet,“ antwortete ihr der Kanzler. „Nun wohlan, edler Dauphin,“ begann die Jungfrau auf's neue gegen den König gewendet,„ich ſage Euch, die Stadt iſt Euer, wenn Ihr noch 2— 3 Tage davor liegen bleiben wollt. Sie wird entweder durch Gewalt oder durch die Liebe der Bürger unter Eure Botmäßig⸗ keit kommen.“ „Aber was veranlaßt Euch, Johanna,“ erwiederte der König,„mir eine ſo beſtimmte Verſicherung zu geben?“ „Ach,“ antwortete das junge Mädchen,„ich habe kei⸗ nen andern Beweis als meine Stimmen. Aber ich ſollte doch denken, ich hätte Euch oft genug die Wahrheit ge⸗ ſagt, daß man mir auf's Wort glauben könnte, beſon⸗ ders wenn ich nichts Schwierigeres verlange als daß Ihr noch 2— 3 Tage warten ſollt.“ Nachdem ſich der König im Kreiſe umgeſehen und weniger finſtre Geſichter bemerkt hatte als vorher, ſagte er zur Jungfrau: „Es geſchehe, wie Ihr es wünſcht, Johanna; aber Ihr nehmt eine große Verantwortlichkeit auf Euch.“ „Laßt mich nur gewähren,“ verſetzte die Jungfrau, „ich nehme alles auf mich.“ „Nun ſo handelt nach Eurem Gefallen,“ beſchloß der 122 Jungfrau von Orleans. König;„Ihr ſprecht in ſo überzeugendem Tone, daß ſich am Ende jedermann Eurer Meinung fügen muß.“ Johanna machte dem König zum Abſchied eine Ver⸗ beugung, verließ den Kriegsrath, ſetzte ſich ſogleich zu Pferde, ergriff eine Lanze und ritt in Begleitung ihres Standartenträgers auf die Mauer los. Sie ließ Reiſig⸗ bündel, Balken, ſelbſt Thüren und Fenſter in die Gräben werfen, um näher an die Stadt zu kommen, ſtellte auch die paar kleinen Bombarden und Kanonen auf, welche ſich beim Heere befanden, und ertheilte den Rittern, Knap⸗ pen und Kriegsknechten ſo beſtimmte Befehle, als ob ſie in ihrem Leben nichts Andres gethan als die Belagerung von Feſtungen commandirt hätte. Als die Bewohner von Trohes die großen Vorberei⸗ tungen ſahen, welche man zur Eroberung der Stadt traf, verſammelten ſie ſich auf den Mauern und begannen laut gegen die Engländer zu murren. Und gerade in dieſem Augenblicke, war es ein Zufall oder ein Zeichen des Himmels, flatterte ein Schwarm weißer Schmetterlinge um Johanna's Standarte, ſo daß ſie wie in eine weiße Wolke gehüllt erſchien. Das Volk ſchrie: Wun⸗ der! und erklärte den Engländern, es hieße Gott belei⸗ digen, wenn man derjenigen noch länger Widerſtand leiſten wollte, die von ihm geſandt ſei; ſie wollten unter⸗ Jungfrau von Orleans. 123 handeln, möchte es nun der Beſatzung gefallen oder nicht. Die Krieger, welche ſolches hörten und ohnehin nicht große Luſt hatten es mit ſich machen zu laſſen wie es den Streitern zu Jargau ergangen war, ernannten einige aus ihrer Mitte, welche mit dem Biſchof und den an⸗ geſehenſten Bürgern hinaus zum König gehen und mit demſelben unterhandeln ſollten. König Karl beobachtete eben mit Verwunderung Jo⸗ hanna's Thätigkeit, als er zu ſeinem noch größern Staunen die Stadtthore ſich öffnen und eine zahlreiche Deputation daraus hervorgehen ſah. Dieſe war bald heran und begehrte nichts als freien Abzug der Beſatzung nebſt ihrer Habe, worauf die Stadt ſich unter des Königs Botmäßigkeit begeben würde. Karl VII. nahm dieſe Bedingungen augenblicklich an. Sobald dies in der Stadt Trohes bekannt wurde, kamen die Bürger mit Wagen voll Lebensmittel in's Lager, weil ſie gehört hatten, daß die Belagerer ſeit einer Woche nichts als Bohnen und Weizenähren genoſſen hatten. Da ſegnete jedermann, vom König bis zum geringſten Soldaten, die Jungfrau, deren Gottvertrauen ſich ſo ſichtbarlich belohnte. Während am folgenden Tage die engliſche Beſatzung durch das eine Thor abzog, hielten die Bogenſchützen des Königs durch das andre ihren Einzug. Da erhob ſich 124 Jungfrau von Orleans. noch zuletzt ein großer Streit. Die Engländer wollten nämlich ihre Gefangenen mitnehmen, weil dieſe zu ihrer Habe gehörten, Johanna aber behauptete, zu Habe gehörten bloß die Roſſe, die Waffen und das Geld, kei⸗ neswegs aber die Kriegsgefangenen. Während man ſich darüber noch ſtritt, ließ der König ſagen, die Engländer ſollten nur einen billigen Preis für ihre Gefangenen ſetzen, er werde ſie loskaufen. Das ließen ſich die In⸗ ſulaner gefallen, weil es nahe daran geweſen war, daß ſie dieſelben ganz umſonſt hätten hergeben müſſen, und ſo erhielten die armen Gefangenen ihre Freiheit und ſeg⸗ neten insgeſammt die Jungfrau, deren Feſtigkeit ſie ihre Rettung verdankten. Es waren meiſtens mittelloſe Schot⸗ ten, die ihre Freude auf tauſenderlei Art auszudrücken ſuchten, da ſie einem ſchlimmen Looſe entgegen zu gehen gefürchtet hatten. Um 10 Uhr Morgens hatten alle Engländer die Stadt Trohes verlaſſen und Karl VI. hielt mit allen Heer⸗ führern in prachtvoller Kleidung ſeinen feierlichen Einzug, während das Kriegsvolk unter dem Commando des Herrn von Loré im Lager blieb, aber reichlich mit Brod, Fleiſch und Früchten verſehen wurde. Nachdem Soldaten und Feldhauptleute den Tag über und die folgende Nacht ausgeruht hatten, brach das ganze Jungfrau von Orleans. 125 Heer auf und bewegte ſich nach Rheims zu. Bald langte es vor den Mauern der Stadt Chalons an. Sowie der König ſelbſt den Mauern näher kam, thaten ſich die Thore auf und der Biſchof erſchien nebſt den angeſehenſten Bür⸗ gern der Stadt und begehrte den Eid der Unterwerfung zu leiſten. Dies geſchah. Um nun die Bürger der Stadt nicht zu incommodiren, befahl der König dem Heere ſich wie in Trohes außerhalb den Mauern zu lagern; aber eine Deputation lud die Soldaten in die Stadt ein, in⸗ dem ſich die Einwohnerſchaft eine Ehre daraus mache ſie feſtlich zu bewirthen. Es hatte ganz den Anſchein, als ob Johanna's Prophezeihung baldigſt in Erfüllung gehen werde. Wie in Trohes ließ der König auch in Chalons eine kleine Beſatzung zurück und begab ſich dann nach der Stadt Sept⸗Seeaur, deren Schloß dem Erzbiſchof von Rheims gehörte und eine engliſche Beſatzung hatte. Dieſe letztere wollte die Ankunft des franzöſiſchen Heeres nicht erwarten, ſondern zog ab und überließ es den Bürgern der Stadt, ſich entweder zu vertheidigen oder zu ergeben. Kaum hatten die Engländer den Rücken gewendet, als die Stadtthore ſich öffneten und der König ſeinen Einzug halten konnte. Sept⸗Sceaur war nur noch vier Stunden von Rheims 126 Jungfrau von Orleans. entfernt. Nachdem man hier wieder ausgeruht hatte, begab ſich der König mit dem Erzbiſchof auf den Weg nach Rheims, wo nach uraltem Gebrauch die Salbung ſtattfinden ſollte. Dazu fehlte nur noch das heilige Oel, welches der Abt von St. Remh in einem Fläſchchen be⸗ wahrte und nur nach Erfüllung gewiſſer Förmlichkeiten aushändigen durfte. Zu ihm entſandte der König den Marſchall von Brouſſac, den Admiral Culant nebſt den Herren von Retz und Graville, welche nach ihrer Ankunft in der Abtei einen Eid leiſteten, den Abt nebſt der Reliquie ſicher nach Rheims zu bringen und dann wohl⸗ behalten nach St. Remh zurückzuführen, und hierauf wieder zu Pferde ſtiegen. Sie trugen unterwegs die Zipfel des Thronhimmels, unter welchem der Abt ſo demüthig und feierlich einherſchritt, als ob er den Leib des Herrn trüge. Von einer großen Volksmenge begleitet gelangte der Zug an die Kirche St. Denis, wohin der Erzbiſchof von Rheims kam, das heilige Oel ergriff und auf den Hochaltar der Kathedrale trug. Nun trat der König in prachtvollem Schmuck ein, legte in die Hände des Erzbiſchofs die gebräuchlichen Schwüre ab, warf ſich dann auf ein Knie nieder und ward durch den Herzog von Alengon zum Ritter ge⸗ ſchlagen. Gleich darauf begann die eigentliche Weihung ——— Jungfrau von Orleans. 127 und Salbungsfeierlichkeit, welche von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 2 Uhr dauerte. Während dieſer ganzen Zeit ſtand die Jungfrau mit ihrer Standarte neben dem König. Nachdem endlich das königliche Haupt geſalbt war, wurde es mit der Krone geziert. Alles Volk ſchrie: Heil! und die Trompeten ſchmetterten, ſo daß ein unge⸗ heurer jubelnder Lärm unter den Gewölben der Kathedrale entſtand und weit hinaus in die Stadt ertönte. Nach Beendigung der Ceremonie warf ſich Johanna dem König zu Füßen, küßte ihm die Knie und ſprach: „Edler König, der Wille Gottes iſt vollbracht. Ihr habt die heilige Salbung empfangen und dadurch gezeigt, daß Ihr der einzig wahre König von Frankreich ſeid und dieſes Reich Euch gehören muß. Meine Sendung aber iſt nun erfüllt und ich habe fortan weder etwas am Hofe noch beim Heere zu thun. Geſtattet mir demnach, daß ich nach meinem Dorfe und zu meinen Eltern zurücktehre, damit ich wieder als demüthige und arme Bäuerin lebe, wie es ſich für mich geziemt.“ Ihr autwortete der König, der ſchon auf ein ſolches Verlangen gefaßt war, weil ſie nun ihre Sendung als ausgeführt halten mußte: „Alles was ich jetzt bin, verdanke ich Euch; vor fünf Monaten habt Ihr mich arm und ſchwach von 128 Jungfrau von Orleans. Chinon abgeholt und mich heute ſtark und triumphirend nach Rheims geführt; es iſt alſo an Euch nicht zu bit⸗ ten, ſondern zu befehlen. Doch Ihr werdet mich nicht alſo verlaſſen, Johanna; wohl bin ich geſalbt und ge⸗ krönt, aber ich habe noch die Wallfahrt nach Corbigny zu machen, wo ſich der Leib des unſerm Stamme ange⸗ hörigen heiligen Marecoul befindet. Begleitet mich alſo noch nach Corbignh und dann mögt Ihr thun, was Euch wohlgefällt.“ „Ach,“ rief die Jungfrau ſchmerzlich bewegt,„meine Stimmen haben mir geſagt, ich ſollte noch heute auf⸗ brechen; es iſt das erſte Mal, daß ich ihnen ungehorſam bin; darum bin ich ſehr beſorgt, daß mir deshalb ein Unglück widerfährt.“ Der König ſuchte ſie auf alle Weiſe zu beruhigen und man verließ den Tempel; aber die Miene der Jung⸗ frau war jetzt traurig und niedergeſchlagen. An der Thür erhob ſie einmal das Haupt und ſtieß zugleich einen lauten Freudenſchrei aus. Sie hatte unter der Volks⸗ menge ihren Bruder Pierre erkannt, der aus ſeiner Heimath entflohen und nach Rheims gekommen war, um ſich mit eignen Augen zu überzeugen, ob die Jungfrau, von welcher man in ganz Frankreich ſo viele Wunder er⸗ zählte, auch wirklich ſeine Schweſter ſei. Sie fiel vor Jungfran von Orleans. 129 allem Volk ihrem geliebten Bruder um den Hals, nahm ihn dann mit auf ihr Zimmer und ſprach mit ihm den ganzen Tag von ihren Eltern, ihrem Dorfe und deſſen altem Pfarrer. Pierre war ganz ſelig, als er ſah, wie angenehm ſeine Wittheilungen ſeiner geliebten Jeannette waren. Unterdeſſen ſang die Bevölkerung ihr zu Ehren Loblieder und pries ſie wie eine Heilige des Paradieſes. Als es Abend wurde, ließ der König den jungen Mann zu ſich entbieten und Johanna wartete vergeblich auf ſeine Rückkehr. Um 10 Uhr war ſie ſo ermüdet, daß ſie ſich auf ihr Bett warf und entſchlummerte. So⸗ bald ſie am Morgen die Augen aufſchlug, fielen ſie auf ihren als Page gekleideten Bruder Pierre, welcher ihr meldete, daß er von jetzt an zu ihrem Haushalt gehöre und mit Daulon und Immerget in einem Range ſtehe, daß der König ihr und der ganzen Familie Are Adelsbriefe und ein herrliches Wappen verliehen habe. Letzteres war ein azurblaues Schild, worauf ſich zwei goldene Lilien und ein ſilbernes Schwert mit goldenem Griff befand, deſſen nach oben gerichtete Spitze in einer goldnen Krone ſtak. „Ach,“ ſeufzte Johanna, welche fühlte, daß ſich der Geiſt von ihr zurückziehe,„wäre ich doch eine einfache Bäuerin geblieben, hätte ich doch nie ein Schwert, ſon⸗ Jungfrau von Orleans, 9 130 Jungfrau von Orleans. dern allein meinen Hirtenſtab getragen, nie eine Krone, ſondern nur die Blumenkränze berührt, welche ich an den Zweigen des Feenbaumes aufhing oder auf den Altar der armen Kirche von Domremh legte!“ Johanna traf noch an dieſem Tage einige geheime Anſtalten in ihr Dorf zurückzukehren, aber das kam vor die Ohren des Königs und des Rathes. Karl VII. ließ ſie daher vor ſich kommen und ſprach zu ihr: „Johanna, Ihr wollt Euch von mir zurückziehen, ich weiß es wohl. Aber ich bitte Euch in meinem und meines Heeres Namen, nicht alſo zu thun, denn Ihr ſeid der Schutzengel Frankreichs und würdet deſſen Heil und Glück mit Euch fortnehmen.“ Seufzend blickte die Jungfrau den König an und ſchien einen harten Kampf mit ſich ſelbſt zu beſtehen. Da nun der König auf's neue in ſie drang, ſagte ſie mit großer Ergebung: „Es geziemt einem armen Mädchen wie mir nicht gegen einen mächtigen Fürſten wie Euch anzukämpfen, edler König; Eurer Wunſch gehe alſo in Erfüllung und mit mir geſchehe was Gott beſchließt.“ Während KarlVll. ſeinem Rathe die freudige Kunde brachte, daß Johanna bei ihm bleiben wolle, begab ſich dieſe, welche ſich nun einmal entſchloſſen hatte auf's neue 1 Jungfrau von Orleans. 131 dem Kriege und der Politik zu leben, auf ihr Kämmer⸗ lein und dachte darüber nach, was nun weiter für ſie zu thun ſei. Da erinnerte ſie ſich, daß ſie an dieſem feſt⸗ lichen Krönungstage mit großem Kummer einen Platz leer geſehen hatte, den ein mächtiger Pair des Reichs hätte einnehmen ſollen, nämlich der Herzog Philipp in ſeiner dreifachen Eigenſchaft als Repräſentant von Flandern, Artvis und Burgund. Johanna beſchloß einen Verſuch zu machen ihn für den König zu gewinnen. Sie ließ den ihr als Schreiber dienenden Bruder Pasquerel zu ſich rufen und diectirte ihm folgenden wie gewöhnlich mit ihrem Kreuze unterzeichneten Brief: „Jeſus Maria. Erhabener und gefürchteter Fürſt, edler Herzog von Burgund! Johanna die Jungfrau fordert Euch im Namen des Herrn der Himmel auf mit dem König von Frankreich einen dauernden Frieden zu ſchließen. Ver⸗ gebt einander von Herzen wie es rechtſchaffenen Chriſten zukommt, und gelüſtet es Euch Krieg zu führen, ſo zieht gegen die Saracenen! Ich flehe Euch an ſo demüthig als ich es vermag, Fürſt von Burgund, bekriegt nicht mehr das heilige Königreich Frankreich und zieht Eure Leute, mögen ſie ſich auf freiem Felde oder in einem Feſt⸗ platze befinden, in möglichſt kurzer Friſt zurück; denn wer 9* Jungfrau von Orleans. das heilige Königreich Frankreich bekriegt, der erhebt ſeine Hand gegen Jeſus den König des Himmels und wird niemals das Feld behalten. Der König, mein rechtmäßiger Gebieter und Herr, beut Euch die Hand; ich bitte Euch inbrünſtig, ergreift ſie und ſchließt Frieden. Vor drei Wochen habe ich Euch geſchrieben und den Brief durch einen Herold zugeſandt, daß Ihr bei der Salbung des Königs ſein ſolltet, welche geſtern Sonntags den 17. Juli in der Stadt Rheims ſtattgefunden hat. Ich habe keine Antwort erhalten und auch nicht erfahren, was aus mei⸗ nem Herold geworden iſt. Ich bitte Gott, daß er Euch in ſeinen heiligen Schutz nehme und zum Frieden bewege. Geſchrieben zu Rheims am 18. Juli im Jahr des Heils 1429. Nachdem Johanna dieſen Brief dietirt hatte, blieb ſie noch vier Tage zu Rheims. In dieſer Zeit malte ein Schotte ihr Portrait. Sie war in voller Rüſtung dar⸗ geſtellt, wie ſie mit einem Knie den Boden berührte und dem König einen Brief überreichte. Nach Johanna's eigner Verſicherung iſt ſie ſonſt niemals weiter gemalt worden. Jungfrau von Orleaus. 133 9. e ich Gethan! Gebrochen hab' ich mein Gelübde! Schiller. Die Jungfrau begleitete den König auf ſeinem Wege von Rheims nach Corbignh, wo er auf dem Grabe des heiligen Marcoul ſeine Andacht verrichtete. Als er auch dieſer letzten Förmlichkeit ſeiner Krönung nach⸗ gekommen war, beſchloß er in die Provinz Isle de France einzurücken, um ſich der Hauptſtadt zu nähern. Zu einem ſolchen Unternehmen war der Augenblick gut gewählt. Der Regent war eben den Truppen ent⸗ gegengezogen, welche ihm der Cardinal von Wincheſter zuſandte; Herzog Philipp von Burgund war bereits einem Bruche mit England nahe und hatte ſeine Mannen aus der Picardie zurückgezogen; endlich waren die Her⸗ zöge von Lothringen und Bar nebſt dem Herrn von Commereh England untreu geworden, zum König ge⸗ ſtoßen und ſeine Vaſallen geworden. Der König zog mit ſeinen Feldherren, denen ſich die Jungfrau anſchloß, nach dem Städtchen Vailly, welches noch vier Stunden von Soiſſons liegt. Hier erfuhr er, daß ſich ihm Chäteau⸗Thierrh, Provins, Coulommiers 6 13¹ Jungfran von Orleans. und Créch-en⸗Bryhe auf die bloße Aufforderung ſeiner Feldherren ergeben hatte, ja daß ſelbſt Soiſſons und Laon dieſem Aufſchwunge gefolgt waren. Er beſuchte perſön⸗ lich die Stadte Soiſſons, Chäteau-Thierrh und Provins, um die Huldigungen der Bürger entgegenzunehmen. In letzterer Stadt verweilte er einige Tage, um erſt zu ſehen, welchen Weg die heranziehenden Engländer einſchlagen würden. Hier erfuhr er, daß der Herzog von Bedford am 24. Juli mit den Truppen des Cardinals von Win⸗ cheſter wieder nach Paris zurückgekehrt und von da mit 12,000 Streitern ausgezogen war, um dem franzöſiſchen Heere entgegenzugehen, daß er ferner Corbeil und Verdun berührt, ſich einige Zeit in Montereau verweilt und end⸗ lich bis auf einige Stunden heranbewegt habe. Noch hielt ſich Karl VII. in Provins auf, als er vom engliſchen Regenten einen Brief empfing, worin dieſer ihn zu einer Schlacht herausforderte, welche den ganzen langen Streit auf einen Schlag endigen ſollte. Die ſtolze Sprache dieſes Schreibens erregte beim König und der ihn umgebenden glänzenden Ritterſchaft große Heiterkeit. Karl VII. ließ den Herold, welcher den Brief überbracht hatte, königlich bewirthen, hing ihm ſeine eigene goldne Kette um den Hals und ſprach zu ihm: „Sage nur Deinem Herrn, er werde wenig Mühe Jungfrau von Orleans. 135 haben mich zu finden, da ich ihn aufſuchte und eben bloß deshalb von Rheims hierher gekommen ſei, um mit ihm zuſammen zu treffen.“ Nun ging der König den Engländern die Hälfte des Wegs entgegen und ſchlug ſein Lager an einem Orte auf, den alle Kriegskundige für ſehr paſſend erachteten. Jeder⸗ mann ſuchte die Stellung ſo feſt als möglich zu machen. Hier war die Jungfrau wieder ſehr thätig, indem ſie überall gute Rathſchläge ertheilte, die zuweilen von ſolcher mili⸗ täriſchen Kenntniß zeugten, daß ſelbſt Leute wie Alen⸗ gon, Dunois und La Hire zuweilen ihr Vorhaben auf⸗ gaben um ſich Johanna's Rath anzuſchließen. Beſaß ſie aber auch noch Einſicht und Muth, ſo war ihr doch ſeit der Krönung, ſeitdem ſie ihr Werk vollbracht zu haben glaubte, das Vertrauen entſchwunden. Wenn man ſie fragte, ob man vorwärts gehen müßte, ſo entgegnete ſie: „Ei gewiß, man muß vorrücken!“ Aber es war nicht mehr das begeiſterte Mädchen Gottes, welches rief:„Vor⸗ wärts! Wir werden ſiegen! Der König des Himmels iſt mit uns!“ Von den göttlichen Gaben war ihr die Hoff⸗ nung geblieben, aber der Glaube war wieder gen Him⸗ mel emporgeſtiegen. Von des Königs Stellung hörte der Herzog von Bedford, welcher die heranziehenden Feinde durch ſei⸗ 136 Jungfrau von Orleans. nen Brief ſo hatte zum Zorn reizen wollen, daß ſie ihn ₰ in ſeiner befeſtigten Lage angriffen. Dies war ihm völlig mißlungen, denn Karl Vl. und ſeine Ritter hatten nur über das Schreiben gelacht und ſich auf dem halben„ Wege regelmäßig verſchanzt. In einer ſo vortheilhaften Stellung wagte Bedford die Franzoſen nicht anzugrei⸗ fen, fürchtete noch dazu in ſeiner Abweſenheit zu Paris eine Empörung und zog ſich endlich in aller Stille nach dieſer Hauptſtadt zurück. 3 Da nun der Herzog von Bedford mit Lerſtärkter Heeresmacht in Paris lag, ſo war des Königs Phan auf dieſe Stadt einſtweilen geſcheitert. Letzterer verfummelte einen Kriegsrath, welcher getheilter Meinung war. Einige von den Feldherren, welche auf das bisherige Waffenglück vertrauten, wünſchten ohne weiteres gerade auf die Haupt⸗ ſtadt los zu marſchiren, die meiſten aber hatten ſeit Jo⸗ hanna's Schweigen das Vertrauen ſo ganz verloren, daß ſie ſich an die Loire zurückziehen wollten; die Jung⸗ frau ſelbſt nun, welche bei dieſer wichtigen Frage nicht ganz übergangen wurde, antwortete bloß:„Ich glaube, 1 man muß gegen Paris vorgehen, weil ich weiß, daß der König ohne allen Zweifel daſelbſt einziehen wird; wann dies aber geſchieht, dies kann ich nicht ſagen.“ Seit dem Krönungstage nahm ſie nichts mehr auf ſich und hatte ſo Jungfrau von Orleans. 137 auch ihren Einfluß auf die Feldhauptleute verloren. Es ward mit Stimmenmehrheit beſchloſſen wieder an die Loire zuruͤckzugehen. Nun ſandte man Streifcorps aus, um einen freien Weg nach Gien zu erkunden. Am folgenden Tage kamen ein paar Abtheilungen mit der Nachricht zurück, daß man zu Brah⸗ſur-Seine über die Brücke gehen könne, da die Einwohner dieſes Städtchens dem König Gehorſam und Treue gelobt hätten. Das ſiegreiche Heer brach wirklich zum Rückzuge auf, als ob es beſtegt geweſen wäre; als es aber näher an das bezeichnete Städtchen kam, erſcholl die Kunde, daß ſich die Engländer in der vorigen Nacht des Ortes und der Brücke bemächtigt hätten. Was zu jeder andern Zeit als ein Unfall zu betrachten geweſen wäre, mußte jetzt für eine wunderbare Gunſt des Him⸗ mels angeſehen werden; denn durch dieſen Umſtand ge⸗ wannen die tapfern Degen Alengon, Bourbon, Bar, Vendome, Leval, Dunois und La Hire den Ein⸗ fluß wieder, welchen ſie bei dem Schwanken Johanna's einen Augenblick verloren hatten. Sogleich ging nun der Vorſchlag durch wieder gegen Paris zu ziehen. Man ſchlich ſich noch an demſelben Tage auf die Straße von Chäteau, erreichte bald Crespy⸗en⸗Valois und lagerte ſich am Abend mitten auf einem Felde hinter Dammartin. 138 Jungfrau von Orleans. Das franzöſiſche Heer, welches jetzt nur noch 10 Stun⸗ den von Paris entfernt war, hatte nicht nur in den Städ⸗ ten die beſte Aufnahme gefunden, ſondern überall kam ihm auch das arme Landvolk glüͤckwünſchend entgegen, rief dem König einmal über das andre: Heil! zu und ſang häufig das Te Deum laudamus. Bei dieſem An⸗ blick konnte ſich Johanna eines freudigen aber ſtets mit Schwermuth gemiſchten Gefühls nicht erwehren. So ſagte ſie u. a. zu Dunois und dem Kanzler, die faſt immer an ihrer Seite ritten: „Beim Namen Gottes, ein gutes und frommes Volk! Wenn ich ſterben ſollte, ſo wünſchte ich, daß es in dieſem Lande geſchähe!“ „Wißt Ihr denn, Johanna,“ fragte Graf Dunvis, „wann Ihr ſterben ſollt und an welchem Orte dieſes ge⸗ ſchehen wird?“ „Nein,“ antwortete die Jungſrau,„es iſt des Herrn Wille, daß ich es nicht weiß; nur ſo viel iſt mir be⸗ kannt, daß der Tag meines Todes nicht mehr fern ſein kann, denn ich habe vollbracht was mir der Herr gebo⸗ ten hatte, nämlich die Belagerung von Orleans aufzu⸗ heben und den König in Rheims krönen zu laſſen. Jetzt aber,“ fügte ſie kopfſchüttelnd hinzu,„jetzt wünſchte ich Jungfran von Orleans. 139 zu meinen Eltern zurückkehren zu dürfen, um ihre Schafe wieder zu hüten, wie ich das früher gethan habe.“ Unberzüglich war der Herzog von Bedford von der neuen Bewegung des Königs in Kenntniß geſetzt wor⸗ den, hatte alle verfügbare Truppen zuſammengerafft und ſich von Paris aufgemacht um den Franzoſen entgegen⸗ zuziehen. Er war bis Mitry gekommen, ſo daß zwiſchen ihm und dem König nur der Berg lag, auf welchem die Stadt Dammartin erbaut iſt. Karlvll. ſtellte ſich in Schlachtordnung und ſchickte den tapfern La Hire mit einer Streifpartei auf Kund⸗ ſchaft aus. Dieſer näherte ſich mit großer Kühnheit dem engliſchen Heere bis auf Pfeilſchußweite und überſah auf dieſe Weiſe die ganze Stellung der Engländer, die nach ſeiner ſehr richtigen Anſicht nur mit großem Nachtheil angegriffen werden konnten. Der König wollte daher abwarten, bis die Englaͤnder ihr Lager verließen, erfuhr aber am folgenden Tage, daß die Engländer abermals nach Paris zurückgegangen wären, wo ſie 4000 Mann Verſtärkung an ſich zu ziehen gedächten. Da zog der König einſtweilen wieder in das wohl⸗ vertheidigte Crespy⸗en⸗Valois. Von hier aus forderte er mit dem beſten Erfolg Compiegne zur Ergebung auf. Auch nach Beauvais ſchickte er eine Aufforderung; ſowie 140 Jungfrau von Orleans. die Bürger dieſer Stadt der Herolde mit den Lilien anſich⸗ tig wurden, riefen ſie freudig aus:„Es lebe Karl VII., es lebe der König von Frankreich!“ und jagten ihren engliſch geſinnten Biſchof Cauchon mit Schimpf und Schande aus ihren Mauern. Nennen wir nur noch eine Stadt, welche der König bei ſeinem Zuge nach Paris nicht unter engliſcher Bot⸗ mäßigkeit wiſſen mochte, nämlich Senlis. Er rückte mit ſeinem Heere bis in das Dorf Baron vor, welches noch zwei Stunden von Senlis lag, um von hier aus die Stadt am folgenden Tage anzugreifen. Als er ſich aber zu dieſem Zuge rüſtete, traf die Nachricht ein, daß der Herzog von Bedford mit einer Verſtärkung von 4000 Mann*) wieder von Paris aufgebrochen und den Franzoſen auf's neue entgegengezogen ſei. Da mußten ſich die Herren Loré und Saintrailles zu Pferde ſetzen, um den Feind zu recognosciren. Sie kamen mit etwa zwanzig wohlberittenen Leuten bald auf die Straße nach Senlis *) Dieſe 4000 Mann waren mit päpſtlichem Gelde angewor⸗ ben, um gegen die fetzeriſchen Böhmen zu fechten, aber der Bi⸗ ſchof von Wincheſter führte ſie nun mißbräuchlich gegen Ka⸗ tholiken. Dies bewies zwar die Schwäche der Engländer, da ſie zu ſo unwürdigen Mitteln ihre Zuflucht nahmen, aber die Fran⸗ zoſen hatten doch nichtsdeſtoweniger dieſe Verſtärkung mit zu be⸗ kämpfen. 8 „—— „——— Jungfrau von Orleans. 141 und ſahen vor ſich eine dicke Staubwolke gen Himmel ſteigen. Gleich ſchickten ſie einen Eilboten an den König ab, dem ſie rathen ließen auf ſeiner Hut zu ſein. So⸗ bald ſie das ganze engliſche Heer erkannt hatten, ſandten ſie einen zweiten Boten an den König, der nun aus der engen Stellung zu Baron auf's freie Feld hinausrückte und ſich zwiſchen den an dieſem Dorfe hingehenden Fluſſe und dem Thurme von Montepiloh in Schlachtordnung ſtellte. Um 2 Uhr Nachmittags begann der Herzog von Bedford bei Senlis über den Fluß zu gehen. Loré und Saintrailles galoppirten nun ſelbſt zum König zurück, um ihn aufzufordern, daß er die Engländer im Augenblicke des Ueberganges angreifen ſollte. KarlVII. rückte eiligſt vor, kam aber doch ſchon zu ſpät; denn ſeine Vorhut fand die Engländer ſchon diesſeit des Fluſſes in Schlachtordnung aufgeſtellt. Da die Nacht einbrach, ſo lagerten beide Heere an dem Orte wo ſie ſich eben befanden, der Regent am Flüßchen Nonette und der König in Montepiloh, ſo daß nur unter den Vorpoſten und Streifeorps einige nichts entſcheidende Scharmützel vor⸗ ielen. Am folgenden Morgen gedachte KarlVII. einen Haupt⸗ angriff zu machen. Alengon und Vendöme ſtanden 142 Jungfrau von Orleans. bei der Vorhut, Bar und Lothringen im MWitteltreffen, Brouſſac und Retz an der Spitze eines Seitencorps, Graville und Fyucault(ein Ritter aus Limoges) führten die Armbruftſchützen, der Baſtard von Or⸗ leans endlich mit Albret, La Hire und der Jung⸗ frau die Nachhut, welche ſich überallhin begeben ſollte wo es die Noth erfordern würde. Der König ſelbſt blieb mit einer Anzahl tapfrer Ritter, dem Herzog von Bour⸗ bon und dem Herrn von Tremouille ohne beſondres Commando zur Seite. Plötzlich ſah man ihn mit Eler— mont und Tremouille aus der Schlachtlinie hervor⸗ kommen und an der Front des franzöſiſchen Heeres hin⸗ reiten, immer nach dem verwundbaren. Flecke des Feindes ſpähend. Aber Bedford hatte eine faſt unüberwind⸗ liche Stellung neben der von Philipy Auguſt nach der Schlacht bei Bouvines geſtifteten Abtei de la Vic⸗ toire eingenommen, ſeine Flanken durch Hecken und Grä⸗ ben, ſowie ſeinen Rücken durch einen Weiher gedeckt und ſeine ganze Front mit zugeſpitzten Pfählen verſchanzt, hinter denen die engliſchen Armbruſtſchützen ſtanden, auf ihre 12 Pfeile im Köcher wieſen und ſich brüſteten, daß jeder den Tod von 12 Franzoſen an der Seite trage. Gleichwohl hätte Johanna nur ihre Fahne zu entfal⸗ ten gebraucht, um ihre Landsleute wie bei Jargau und ————— Jungfrau von Orleans. 143 Patah zu Kampf und Sieg zu führen; aber ſie ſchwieg und der verſammelte Kriegsrath erklärte die engliſche Stellung für zu feſt und ſtellte dem König vor, daß er an einem Tage leicht wieder verlieren könne, was er in ſo langer Zeit mit ſo großer Mühe erobert hätte, wenn er das feindliche Lager ſtuͤrmen wollte. Man kam end⸗ lich dahin überein, den Engländern unter der Bedingung eine Schlacht anzubieten, daß ſie herauskämen und im freien Felde ſtritten. Aber dieſe waren auch nicht mehr die Männer von Verneuil und Rouvroh; ſie blieben hin⸗ ter ihren Verſchanzungen. Daher fielen an dieſem wie am vorigen Tage auch nur einige Scharmützel vor. Mitten in der Nacht kam durch einen Gefangenen die Nachricht in's königliche Lager, daß der Herzog von Bedford die burgundiſchen Herren von Croh, Cre⸗ qui, Bathune, Foſſeuſe, Lannoh, Lalaing und den Baſtard von St. Paul zu Rittern geſchlagen habe, was ſonſt nur am Tage vor einer großen Schlacht zu geſchehen pflegte. Man rüſtete ſich daher bis zum frühen Morgen. Sowie aber der Tag anbrach, bemerkte man zu ſeinem großen Erſtaunen, daß die Engländer während der Nacht ihr Lageß verlaſſen und wieder den Weg nach der Hauptſtadt eingeſchlagen hatten. Dies ging ſo zu: 144 Jungfran von Orleans. Der Herzog von Bedford hatte betrübte Nachrichten erhalten. Einmal war der Connetable, obgleich der Kö⸗ nig nichts von ihm wiſſen wollte, auf eigne Fauſt in Maine eingedrungen, hatte Ramefort, Malecione und Gallerande genommen, rückte gegen Evreux, bedrohte Poi⸗ tou, Saintonge und die Auvergne, ja die Engländer ſelbſt im Herzen der Normandie. Als Bedford nach Paris kam, erfuhr er auch noch den Verluſt der Stäbte Au⸗ male, Torch, Eſtrapangh, Bon⸗Moulin und St. Ceélérin. Dann traf die noch bedenklichere Nachricht ein, daß der Herzog Philipp von Burgund, durch den Brief der Jungfrau bewogen, ſich(in den erſten Tagen des Auguſt) zu Arras mit königlichen Abgeſandten beſprochen und ſich vorläufig wenigſtens einem Waffenſtillſtande nicht abgeneigt gezeigt hatte. Bedford eilte daher, nur 2500 Mann Beſatzung zu Paris zurücklaſſend, mit dem Reſte ſeiner Truppen in die Normandie, um ſeine Ständeverſamm⸗ lung in Rouen abzuhalten und neue Streitkräfte gegen Frankreich zu ſammeln. Hätte der König Bedford's Verlegenheit gekannt, er wäre ihm ſchleunigſt gefolgt und wahrſcheinlich ohne großen Kampf in Paris ſelbſt eingezogen; da er aber von der Urſache des feindlichen Rückzugs durchaus nichts wußte, ſo begab er ſich von Montepiloh über Cresph Jungfrau von Orleans. 1⁴¹⁵ nach Compiögne, wo er von den Bürgern mit großer Begeiſterung aufgenommen wurde. Hier hielt er ſich ein paar Tage auf und erfuhr zuletzt, daß ſich die Bewohner von Senlis, welche meinten der Herzog von Bedford habe ſie aufgegeben, ihm unterworfen und das Verlan⸗ gen geäußert hätten, ihn perſönlich in ihren Mauern zu begrüßen. Karl VII. ließ den pieardiſchen Edelmann Flabvh in Campiégne zurück und hielt noch am Abend deſſelben Tags ſeinen feierlichen Einzug in Senlis. Noch bevor der König Compiegne verlaſſen hatte, waren als Geſandte des Herzogs von Burgund bei ihm eingetroffen Jean von Lurembvurg, der Biſchof von Arras nebſt den Herren Brimeur und Charnh, welche gleich in der erſten Beſprechung einen Waffenſtill⸗ ſtand zu Wege brachten, wonach zwar die Engländer bei den Unterhandlungen zugelaſſen, dafür aber auch die ſeit 15 Jahren in England gefangen ſitzenden Prinzen aus⸗ gelöſ't werden ſollten. Indeſſen erſtreckte ſich der Waffen⸗ ſtillſtand, welchen der König wieder der Jungfrau zu verdanken hatte, vorläufig nur auf alles Land am rechten Seine-Ufer von Nogent bis Honfleur mit Ausnahme von Paris und der als Uebergang über den Fluß die⸗ nenden Städte, welche der König anzugreifen und der Herzog zu vertheidigen noch befugt ſein ſollten. Jungfra von Orleans. 10 146 Jungfrau von Orleans. Während dieſe Bedingungen in Campiégne feſtgeſetzt wurden und der König nach Senlis abging, war der tapfre La Hire, dem es gegen die Natur ging lange müßig zu liegen, mit ſeinen verwegenſten Mannen auf Abenteuer ausgezogen und bis vor die Feſtung Chäteau⸗ Gaillard(7 Stunden von Rouen) gekommen. Hier be⸗ fehligte der Engländer Kingſton, welcher die Franzoſen über 20 Stunden weit wußte und gar nicht an einen Ueberfall dachte. Eines Morgens, als der Tag kaum graute, ſtürzte La Hire mit ſeinen Reitern auf den Feſt⸗ platz los und bemächtigte ſich eines Thores, ehe die Eng⸗ länder nur an einen Widerſtand denken konnten. Zugleich ſchickte er einen Herold an den Befehlshaber und ließ ihn zur Uebergabe auffordern. Kin gſton glaubte ſich von der ganzen franzöſiſchen Armee überrumpelt und ver⸗ langte nichts als freien Abzug. Als er mit ſeinen Leu⸗ ten die Feſte verließ, ſah er freilich, daß die Sieger dop⸗ pelt ſchwächer waren als er. Es half aber nichts, das gegebene Wort mußte gehalten werden; La Hire nahm den Feſtplatz in Beſiz. Er ſaß eben beim Frühſtück, als ihm gemeldet wurde, in einem der untern Säle habe man einen franzöſiſchen Gefangenen in einem eiſernen Käfig gefunden. La Hire eilte hinunter; er erkannte ihn nicht aber der Gefangene erkannte ihn. Es war der tapfre Jungfrau von Orleans. 147 Ritter von Barbazan, der vor neun Jahren bei Melun in Gefangenſchaft gerathen und ſeitdem in dieſem Käfig zu leben verurtheilt geweſen war. La Hire ließ das enge Gefängniß gleich aufreißen, aber der alte Ritter ſagte kopfſchüttelnd und ſich in ſeine Ecke duckend:„Ich habe dem Befehlshaber verſprochen ſein ehrlicher Ge⸗ fangener zu ſein und darf den Käfig nicht verlaſſen bis er mich meines Verſprechens entbunden hat.“ Alles Zu⸗ reden und ſelbſt die Verſicherung half nichts, daß King⸗ ſton die Feſte mit allem übergeben habe was darin ſei; der Engländer ſelbſt mußte wieder herbeigeſchafft werden und ſeine ausdrückliche Einwilligung geben, ehe Bar⸗ bazan ſeinen Kerker verließ. La Hire legte eine kleine Beſatzung nach Chateau⸗Gaillard und kehrte mit ſeinen Leuten und dem alten Ritter zum König zurück, der ſich eben in Senlis aufhielt und ſich des Geſchehenen herzlich freute. Jetzt erfuhr Karl VII. auch den Aufbruch des Her⸗ zogs von Bedford nach Rouen und ſäumte nicht länger gegen Paris vorzurücken. Seine Vorhut zog ohne Wider⸗ ſtand in St. Denis ein und am folgenden Tage(den 29. Auguſt) kam der König ſelbſt dahin. Da unter⸗ warfen ſich alle umliegenden Städte wie Creil, Chan⸗ tilly, Gournah⸗ſur⸗Aronde, Luzarches, Choiſy und Lagnh 10* 148 Jungfrau von Orleans. und die Herren Mouh und Montmorench leiſteten den Eid der Treue. In St. Denis nahte ſich die Jungfrau dem König wieder mit der Bitte ſie zu entlaſſen. Vor ihm auf die Knie geworfen und weinenden Auges ſagte ſie zu ihm: „Sire, ich fühle, daß ich Euch nicht mehr nützen kann. Meine Stimmen haben mir geſagt, daß mir nichts als Unheil widerfährt, wenn ich länger beim Heere verweile. Laßt mich in meine Heimath ziehen, edler König.“ „Was für ein Unheil ſoll Euch denn widerfahren, Johanna?“ fragte der König. „Ich werde erſt verwundet und dann gefangen genom⸗ men werden.“ „Wenn Ihr verwundet werdet, was Gott verhüten wolle,“ entgegnete Karl VII.,„ſo werdet Ihr ebenſo ſchnell wieder geheilt ſein wie früher; ſolltet Ihr aber gefangen genommen werden, ſo verkaufe ich zu Eurer Auslöſung die Hälfte meines Königreichs.“ Kopfſchüttelnd erhob ſich Johanna, verbeugte ſich vor dem König und ging in ihr Kämmerlein um inbrün⸗ ſtig zu beten, daß ihr Gott ſeine Gnade nicht entziehen wolle. Als man am folgenden Tage St. Dents verließ, um 4 ſich in La Chapelle zu lagern, ritt Johanna traurig Jungfrau von Orleans. 149 einher, während ihr Bruder Pierre ihre Lanze und Daulon ihre Standarte trug. Als ſie einmal das Auge erhob, bemerkte ſie einen Soldaten auf dem Wege, wel⸗ cher ein Frauenzimmer von ſchlechtem Lebenswandel am Arme führte. Nie hatte die Jungfrau ſolche Weibsbilder beim Heere geduldet. Sie beauftragte daher den Bruder Pasquerel die liederliche Dirne fortzuweiſen. Aber dieſe gehorchte nicht, ſondern ergoß ſich in unverſchämte Schmähreden gegen Johanna. Entrüſtet über eine ſolche Frechheit ritt die Jungfrau, welche ſich ſtets gleich einem Feldherrn geachtet geſehen hatte, auf das Weibs⸗ bild los, um ſie fortzujagen; aber der Soldat ging ihr mit dem Schwert in der Hand entgegen und ſagte: Lange genug haben tapfre Kriegsleute wie ich einem Weibe ge⸗ horcht; es iſt Zeit, daß dem Dinge ein Ende gemacht wird!“ Da zog Johanna ihr Schwert der heiligen Katharina von Fierbois und gab dem Kriegsknecht mit der flachen Klinge einen Streich auf den Helm. Wie ſchwach aber auch der Schlag ſein mochte, das gute Schwert, welches ſo manchen harten Schlag geführt hatte, zerſprang in Stücke und Johanna behielt nur den Griff in der Hand. Da dieſer Auftritt einigen Lärm verurſacht hatte, ſo kam der König ſelbſt herbei und überraſchte die Jungfrau, 150 Jungfrau von Orleans. wie ſie ſchmerzlich erſtaunt bald die zerbrochene Klinge bald den nutzloſen Griff betrachtete. Man mußte ihm den Vorfall erzählen. Da näherte er ſich der Jungfrau und ſagte zu ihr: „Es wäre beſſer geweſen, Johanna, wenn Ihr den Unverſchämten mit dem Schafte Eurer Lanze ſchlugt, nicht aber mit dem Schwerte, das Euch auf ſo wunder⸗ bare Weiſe zugekommen iſt.“ „Sire,“ antwortete die Jungfrau,„es iſt die letzte Warnung Gottes, die mir befiehlt mich zurückzuziehen.“ Da konnte ſich der König des Lachens nicht enthalten, weil es ihm gar nicht begreiflich vorkam, woher jetzt das Unglück für die Jungfrau kommen ſollte, indem ja alles ganz erwünſcht ging.— Er ſuchte ſie dann ſo gut als möglich zu tröſten und bot ihr ſein eignes Schwert an; ſie aber ſchlug es aus und ſagte, ſie werde eins von den Engländern zu erbeuten ſuchen. Nicht bloß dem König, ſondern auch allen andern Leuten kam es höchſt unwahrſcheinlich vor, daß die Ah⸗ nungen des jungen Mädchens auf irgend ein wirkliches Un⸗ heil hindeuteten, obgleich jedermann ſie als Prophetin und faſt als eine Heilige verehrte. So war ſie in Trohes von mehreren Müttern gebeten worden, ihre Kinder aus der Taufe zu heben; ſie hatte es gethan und den Mädchen den Namen ald en nd Jungfrau von Orleans. 151 Johanna, den Knaben aber den Namen Karl beige⸗ legt. In Lagnh war ein armer Mann zu ihr gekommen, deſſen Kind nach der Ausſage des Prieſters todt war, der es daher auch nicht taufen wollte; Johanna hatte ſich an das Lager des Kindes begeben, kniend gebetet und nach der Meinung aller Anweſenden allein durch die Kraft ihres Gebets das Kind in's Leben zurückgerufen. In welchem Anſehen ſie aber ſelbſt unter den vornehm⸗ ſten Familien des Königreichs ſtand, bewies ein Brief des Grafen von Armagnae, welchen ſie während ihres Aufenthaltes in Compiègne erhielt. Der Graf fragte darin die arme Bäuerin ganz ernſthaft, welcher unter den drei Päpſten, die einander eben den Stuhl des heiligen Petrus ſtreitig machten, der rechte ſei, und verſprach den⸗ jenigen als ſolchen anzuerkennen, welchen Johanna be⸗ zeichnen würde. Bei alle dem beharrte aber die Jungfrau in ihrer Demuth, da ſie zumal in ihrem Innern fühlte, daß ſich Gott immer mehr von ihr zurückzöge. Und eben dieſer offne zur Schau getragene Mangel an Selbſtvertrauen veranlaßte die Feldhauptleute zum Zweifel an ihre Un⸗ trüglichkeit. 152 Jungfrau von Orleans. 10. Sie iſt gefangen bei den Engeländern, Die Unglückſelige. Schiller. In Paris lagen zwar nur gegen 3000 Mann unter dem Commando Ludwig's von Lurembourg, Bi⸗ ſchofs von Thérouenne, und des engliſchen Ritters Rad⸗ eliff, aber viele Bürger fürchteten die Ankunft des Kö⸗ nigs als ihren Untergang, weil ſie an der Ermordung der Armagnaken theilgenommen hatten, und waren ent⸗ ſchloſſen auf's äußerſte zu kämpfen. Die Franzoſen erſchienen im Angeſicht von Paris, zogen über den Montmartre und ſtellten ſich vom Thore St. Honoré bis nach dem Schweineplatze(heutigestages zwiſchen St. Madeleine und der Straße des Marthrs) in Schlachtordnung auf. Um vorläufig die Tragweite der Kanonen zu verſuchen, errichtete man dort eine Batterie und that mehrere Schüſſe; die Kugeln flogen bis in die Stadt. Nun bedeckten ſich gleich die Mauern mit Eng⸗ ländern und Burgundern, welche letztere an ihrem hoch⸗ rothen Kreuze auf den Standarten kenntlich waren. An dieſem Tage geſchah nun weiter nichts als daß man noch einige Kanonenſchüſſe wechſelte, die aber nirgends Scha⸗ den anrichteten. Jungfrau von Orleans. 153 Als Johan na den Feind wieder ſah und den Pul⸗ verdampf roch, fühlte ſie ſich doch von ihrem alten Muthe beſeelt. Sie übernahm die Leitung des Sturms. Während ſie alles dazu vorbereitete, überredete ſie die Herzöge von Alengon und Bourbon ſich mit ihrer Mannſchaft, vor dem Artilleriefener des Platzes geſchützt, hinter dem Schweineplatze aufzuſtellen, um ſogleich hervor⸗ zubrechen, wenn der Feind etwa einen Ausfall unternähme. Den folgenden Tag war Mariä Geburtsfeſt und die Pariſer dachten gar nicht daran, daß die Franzoſen an einem ſolchen Tage losſchlagen würden. In allen Kir⸗ chen wurden feierliche Meſſen geleſen. Da ertönte plötz⸗ lich(gegen 11 Uhr) Sturmgeläut von den Thürmen und auf den Straßen ließ ſich das Geſchrei vernehmen:„Auf, auf! Die Armagnaken ſind auf dem Walle! Paris iſt genommen! Alles iſt verloren! Es rette ſich wer kann!“ Aber die Engländer und Burgunder nebſt den ſehr be⸗ theiligten Bürgern ließen ſich nicht einſchüchtern, ſondern eilten bewaffnet nach den Mauern und ſahen wohl, daß der Sturm begonnen hatte, daß aber jenes Straßengeſchrei bloß ein blinder Lärm ſei, welcher nur von Anhängern des Königs Karl herrührte. Die Pariſer wußten recht wohl, daß die Angreifenden ein ſchweres Stück Arbeit hatten. 15⁴ Jungfrau von Orleans. Die Franzoſen hatten ſich bis jetzt nur der erſten Barriere bemächtigt und ſie in Brand geſteckt, hierauf waren ſie mit der Jungfrau und dem Herrn von St. Vallier an der Spitze in den äußern Wall gedrungen und glaubten bald an die Mauern gelangen zu können; aber ſie fanden leider, daß ſie erſt noch zwei Gräben zu überſchreiten hatten. Unberweilt ſtellte ſich nun Jo⸗ hanna an die Spitze der Tapferſten und drang unter einem Hagel von Pfeilen, Armbruſtbolzen und allerhand Geſchoſſen aus Kanonen und Bombarden in den erſten Graben ein. Nur mit großer Mühe ward dieſes erſte Hinderniß überwunden. Die Stürmenden befanden ſich jetzt zwiſchen den bei⸗ den Gräben und machten ſich fertig auch durch den zwei⸗ ten zu gehen. Dieſer aber war ſehr tief und ganz voll Waſſer. Den Umſtand hatten allerdings mehrere Herren des franzöſiſchen Heeres gewußt, aber aus Mißgunſt gegen Johanna dabon geſchwiegen. Da dieſe jedoch den einmal begonnenen Sturm nicht aufgeben mochte. ohne das Aeußerſte verſucht zu haben, ſo ſchwenkte ſie plötzlich ihre Fahne, rief die zum Angriff beſtimmten Ritter und Kriegsleute(welche unter dem Commando des Marſchalls von Retz ſtanden) zu ſich und gebot ihnen, eiligſt Faſchinen, Balken und alles Andre herbeizutragen, . —— — Jungfrau von Orleans. 155 was zu Ausfüllung des Grabens dienen könnte. Sie ſelbſt ſchritt bis an den Rand des Grabens vor, maß die Tiefe des Waſſers mit dem Schafte ihrer Lanze und rief dann mit lauter Stimme nach der Mauer hinüber: „Ergebt Euch, wackre Leute von Paris! Ergebt Euch im Namen Jeſu! Habt Ihr Euch vor Einbruch der Dunkelheit noch nicht ergeben, ſo dringen wir mit Gewalt in die Stadt und machen Euch ohne Bamherzigkeit nieder!“ Während ſie redete, hatte ein Armbruſtſchütze nach ihr gezielt und jetzt, als ſie das letzte Wort ſprach, durch⸗ bohrte ihr ein Pfeil den Schenkel. Johanna fiel zu Boden, denn der Pfeil hatte eine furchtbare Wunde ge⸗ macht. Da ihre Leute ſie für todt hielten, ſo begannen ſie zu fliehen. Sie aber raffte alle Kräfte zuſammen, rief einem Soldaten zu, daß er ihr die Standarte ab⸗ nehmen und dieſelbe auf dem höchſten Punkte des Platzes ſchwingen ſollte, damit man ſaͤhe, daß ſie nicht getödtet, ſondern nur verwundet ſei. Der Kriegsknecht that wie ihm geheißen war. Er ſchwang die Standarte und rief unausgeſetzt:„Zum Sturm, zum Sturm!“ Endlich aber traf ihn ein Pfeil in den Fuß. Er bückte ſich, um das Eiſen aus der Wunde zu ziehen; damit er aber dazu beſſer ſehen könne, 156 Jungfrau von Orleans. ſchlug er das Viſir ſeines Helmes zurück. In dieſem Augenblicke traf ihn ein zweiter Pfeil und zwar in's Geſicht, ſo daß er todt zu Boden ſank. Als dieſer fiel, langte Daulon auf dem Platze an. Er ſah die Jungfrau am Rande des Grabens liegen und rings um ſie her den Boden von Pfeilen ſtarren, die man nach ihr abgeſchoſſen hatte. Schon war er im Be⸗ griff Johanna aufzuheben und aus der Schußweite zu tragen, als ſie ihm in einem Tone, welcher Gehorſam forderte, die Weiſung gab, ſie einſtweilen liegen zu laſſen, dafür aber ihre Fahne zu nehmen und die Franzoſen wieder unter dieſelbe zu ſammeln. Dies that Daulon mit Unterſtützung des Marſchalls von Retz, ſo daß in der That die Franzoſen wieder heraneilten. Während dies geſchah, hatte Johanna den Pfeil aus der Wunde geriſſen und ſich zu erheben geſucht; allein ſie war das nicht im Stande geweſen, ſondern mußte auf der Stelle liegen bleiben. Gleichwohl rief ſie ihren Leuten fortwährend zu, ſie möchten nur immer friſch 5 den Graben ausfüllen, dann würde man ſchon an's Ziel gelangen. Als die Kriegsleute ſo viel Heldenmuth bei einem Weibe ſahen, konnten ſie nicht widerſtehen; jeder ſtrengte ſich auf's äußerſte an, um mit der Ausfüllung des Grabens zu Stande zu kommen. Aber das Waſſer Jungfrau von Orleans. 157 war allzutief. Man arbeitete den ganzen Tag und die Faſchinen wurden noch nicht gangbar. Obgleich Jo⸗ hanna ſchon ſeit fünf Stunden ohne Verband am Gra⸗ ben lag, ſo ertheilte ſie doch immer noch Befehle und geſtattete durchaus nicht den Sturm aufzugeben. Die Arbeiten waren noch in vollem Gange, als ein beſtimmter Befehl des Königs anlangte ſich nach St. De⸗ nis zurückzuziehen. Johanna wollte indeſſen doch nicht gehorchen, denn ſie behauptete, daß ſich Paris nach zwei Stunden ergeben werde. Der Herzog von Alencon, welcher das Mädchen ſehr lieb hatte, ſchickte zweimal zu ihr, um ſie zum Abzug bewegen zu laſſen, aber ſie wollte nichts davon hören. Erſt als er ſelbſt kam, willigte ſie ein ſich zurückzuziehen. Sie ſtand auf, ging trotz ihrer ſchrecklichen Wunde mit dem Herzog davon und man ſah kaum daß ſie etwas hinkte. Die zurückweichenden Franzoſen wurden bloß noch ein wenig vom feindlichen Kanonenfeuer beunruhigt, denn die Belagerten getrauten ſich aus Furcht vor einem Hinter⸗ halte nicht aus der Stadt. Daher hatten die Abziehen⸗ den auch Zeit ihre zahlreichen Todten mitzunehmen, wenn auch nicht eben regelmäßig zu begraben; dieſelben wurden in einer alleinſtehenden Scheune des Mathurins aufgeſchich⸗ tet und hierauf mit dem Gebaͤude ſelbſt verbrannt. 158 Jungfrau von Orleans. Noch in der Nacht erreichten die Franzoſen St. De⸗ nis wieder, wo ſie Halt machten. Der Herzog von Alengon und der Marſchall von Retz erzählten dem König alles was vorgefallen war und erwähnten u. a. auch mit, daß Johanna alles Mögliche aufgeboten habe um ſich tödten zu laſſen. Da machte ſich Karl VII. auf den Weg zur Jungfrau, welche in einem heftigen Wundfieber lag, um ihr Muth einzuſprechen. Sobald ſie des Königs anſichtig wurde, begann ſie ſanft zu weinen und ſagte: „Ach, Sire, lieber ſterben wollte ich als in die Hände der Engländer gerathen! Und das wird doch geſchehen, wie mir meine Stimmen geſagt haben, wenn ich nicht nach meinem Dorfe zurückkehre.“ „Johanna, nur Muth! Es wird alles beſſer gehen als Ihr denkt!“ „Was mir bevorſteht, wenn ich das Heer nicht ver⸗ laſſe, iſt unabwendbar.“ „Wohlan, Johanna,“ erwiederte der König,„erſt laßt Euch heilen und dann mögt Ihr thun wie es Euch„ gut dünkt.“ MWit dieſen Worten verließ ſie der König, die Jung⸗ frau aber ließ bald darauf aus ihren Waffen eine Tro⸗ phäe bilden und weihte dieſelbe dem heil. Dionhſius. Jungfrau von Orleans. 159 Bei ihrer Jugend und Geſundheit ſchloß ſich ihre Wunde nach ein paar Tagen wieder. Da ordnete ſie im könig⸗ lichen Dom eine Meſſe an, kniete am Altar des Märth⸗ rers nieder und hing ihre Waffen eigenhändig an die Säule, welche dem Kaſten mit den Reliquien des Apoſtels am nächſten war. Gleich nach Beendigung dieſer from⸗ men Handlung begab ſie ſich zum König, um von ihm ihren Abſchied zu erhalten. Während Johanna's Abweſenheit hatte man aber dem König Vorſtellungen darüber gemacht, daß er die Jungfrau entlaſſen wollte, indem ja noch nichts entſchieden ſei und Johanna vom erſten Feldherrn wie vom ge⸗ ringſten Soldaten als der gute Genius des Heeres be⸗ trachtet werde, daß es alſo ein großer Fehler ſein würde, ſie in dieſem Augenblicke zu entlaſſen. Als ſie daher bei Karl VII. erſchien und um die zugeſagte Entlaſſung an⸗ hielt, entgegnete ihr dieſer: „Mußte ich Euch nicht Muth machen, um Eure Hei⸗ lung zu befördern, Johanna? Da Ihr aber wieder hergeſtellt ſeid, bitte ich Euch inſtändig, Euch nicht von mir zurückzuziehen, denn die erfahrenſten Männer meines Rathes haben mir geſagt, daß alles verloren ſei wenn Ihr mich verließt.“ Wohl machte Johanna noch einen Verſuch den 160 Jungfrau von Orleans. König auf andre Gedanken zu bringen, ſah aber gleich bei ihren erſten Worten, daß dies verlorne Mühe ſein werde. Sie ergab ſich daher abermals in ihr Schickſal. Der König bot ihr neue Waffen an, welche ſie diesmal nicht ausſchlug; nur kein Schwert nahm ſie an, weil ſie es, wie ſie ſchon früher geſagt hatte, von den Engländern zu erbeuten gedächte. Um ihr Anſehen noch zu erhöhen, gab ihr der König ein Gefolge wie es ſeine erſten Heerführer hatten, ſtellte ihr die bereits erwähnten Adelsbriefe aus und ertheilte ihr die Erlaubniß noch einen ihrer Brüder kommen zu laſſen. Sie hatte nun ein beſondres Armeecorps zu be⸗ fehligen, beſaß zu deſſen Beſoldung ihre eigne Armeeeaſſe und für ihren perſönlichen Gebrauch zwölf Pferde. Bei alle dem ging Johanna geſenkten Blickes einher, denn ſie konnte den Gedanken nicht loswerden, daß ſie in die Gefangenſchaft der Engländer gerathen würde. Es war im Rathe des Königs beſchloſſen worden wieder auf das andre Ufer der Loire zurückzukehren. In den eroberten Städten wurden Befehlshaber zurückgelaſſen, wie Loré in Lagnh, Chabannes in Creil, Flavh in Compiögne, der Graf von Vendöme in St. Denis und Senlis ꝛe. Die Jungfrau folgte dem König mit den übrigen Feldhauptleuten.„ — M Jungfrau von Orleans. 161 Kaum hatten die Franzoſen die Umgebungen von Paris verlaſſen, als der Herzog von Bedford in die Hauptſtadt zurückkehrte. Gleich darauf kam auch Herzog Philipp von Burgund mit einem Geleitsbriefe des Königs Karl dahin, angeblich um über den Frieden zu unterhandeln. Sowie ſich aber die beiden Schwäger ein⸗ ander gegenüber befanden, vergaß Philipp ſeine Ent⸗ ſchlüſſe und Johanna's Mahnungen gänzlich. Es war aber auch ſchwer den Anerbietungen des Herzogs von Vedford zu widerſtehen; er ſelbſt begnügte ſich mit ſeiner Statthalterſchaft der Normandie, überließ ſeinem Schwager die Regierung von Paris und verſprach ihm außerdem noch die Brie und Champagne. Obgleich nun alſo der Vertrag von Compiégne bekannt wurde, ſo war doch der Friede wieder ſehr weit hinausgeſchoben. Vierzehn Tage lang blieben die beiden Herzöge in Paris bei einander und ſetzten alles für die Zukunft feſt. Dann ging Bedford nach ſeiner Statthalterſchaft Rouen, Philipp aber nach Brügge, um Iſabelle, Tochter König Johann's I. von Portugal, zu heirathen. Auch ſtiftete er daſelbſt den Orden des goldnen Vließes. Unter ſolchen Umſtänden war nicht daran zu denken den beſchworenen Waffenſtillſtand zu achten. Weder die Engländer und Burgunder noch die Franzoſen kümmerten Jungfrau von Orleans. 11 162 Jungfrau von Orleans. ſich im geringſten darum. Der Herzog von Alengon hatte ſeine Mannen unter Anführung Loré's(Gouver⸗ neurs von Lagnh) zur Wiedereroberung ſeiner Apanage, der Normandie, ausgeſandt; der Rath des Königs be⸗ harrte wieder auf ſeinem alten Plane ſich aller Städte an der Lvire zu bemächtigen. So ging der Herr von Albret mit Unterſtützung der Jungfrau auf das feſte St. Pierre⸗le⸗Moutier los und nahm es nach kurzer Be⸗ lagerung mit Sturm ein. Durch dieſe Waffenthat, wobei ſich die Jungfrau noch einmal in ihrem ganzen Glanze gezeigt hatte, war den Franzoſen der Muth wieder ſehr gewachſen, ſo daß Albret und der Marſchall von Brouſſac gegen Johanna's Rath auf der Stelle zur Belagerung von la Charité abgingen. Perrin Granet, welcher die Stadt befehligte, ſchlug die Fran⸗ zoſen zurück und nahm ihnen ihre Kanonen ab. Da dieſe Niederlage von der Jungfrau vorausgeſagt worden war, ſo erhöhte ſich ihr Ruf noch bedeutend. Während man ſich ſo an der Loire mit mehr oder weniger Glück herumſchlug, trafen Nachrichten aus der Hauptſtadt und deren Umgebung ein, die gar ſehr geeig⸗ net waren die Blicke des Königs wieder nach dieſer Seite zu ziehen. Einmal hatten ſich alle franzöſiſchen Beſatzun⸗ gen bisher ohne Ausnahme behauptet, dann hatten die — Jnngfrau von Orleans. 163 Bewohner von Melun die Engländer aus ihren Mauern verjagt und ihre Stadt dem Befehlshaber von Giresme übergeben, auch St. Denis war überrumpelt und franzö⸗ ſiſch geworden, endlich hatte ſich La Hire, welcher einen immerwährenden Parteigängerkrieg führte, der Stadt Lou⸗ vier bemächtigt und ſich ſogar bis an die Thore von Rouen vorgewagt, das er beinahe vermittelſt einer Bür⸗ gerverſchwörung im Innern genommen hätte. Da die halb picardiſche und halb burgundiſche Landesbeſatzung der Herzöge von Bedford und Burgund überall raubte und plünderte, ſo waren alle Ortſchaften bis nach Paris hin mit Mißvergnügten erfüllt. Der Rath des Königs wußte alle dieſe Nachrichten ſehr gut zu würdigen und beſchloß, mit der Wiederkehr des Frühlings den Kriegsſchauplatz abermals gegen Paris hin zu verlegen. Bis dahin ſuchte man durch Procla⸗ mationen Geld und Truppen an ſich zu ziehen. Bevor noch das Frühjahr kam, wäre Paris beinahe durch Verrath an den König übergegangen. Einige Große der Hauptſtadt, welche mit den Gliedern des Parlaments und des Chaͤtelet in Verbindung ſtanden, zogen mehrere Kaufleute und Handwerker auf die Seite und beſprachen mit dieſen einen Plan die Franzoſen in die Stadt zu führen. Auch in der Umgebung waren nicht Wenige in 1 164 Jungfrau von Orleans. das Geheimniß eingeweiht. Zwiſchen dieſen und den Verſchworenen der Hauptſtadt beſorgte der Karmeliter Dallée mündliche und ſchriftliche Nachrichten. Das öftere Hin⸗ und Hergehen dieſes Karmeliters war den Wachen im Thore St. Denis aufgefallen. Eines Mor⸗ gens hielten ſie ihn an und lieferten ihn ohne lange Um⸗ ſtände in das Gefängniß ab. Auf Befragen des Gerichts leugnete Dallée alle Betheiligung an politiſchen Um⸗ trieben, ward aber dann auf die Folter geſpannt und ſo ſchrecklich gemartert, daß er ſowohl ſeine eigne Thätigkeit als auch ſeine Mitſchuldigen verrieth. Da wurden gleich ſechs Köpfe unter der Halle abgeſchnitten und am andern Morgen mehr als funfzig Leichname an den Ufern der Seine aufgefunden. Als Johanna dieſe Umſtände erfuhr, hielt ſie den Augenblick zum Wiederbeginn der Feindſeligkeiten für günſtig. Sie brach ſogleich mit ihrer kleinen Heeresab⸗ theilung auf und kam bis Lagnh, ohne auf die Englän⸗ der geſtoßen zu ſein. In dieſer Stadt machte man ihr die Mittheilung, daß ein grauſamer Ritter, Namens Fran⸗ quet von Arras, mit etwa 400 Mann in der Umge⸗ gend die abſcheulichſten Gewaltthaten an den Königlichen verübe und auf ſeinem Raubzuge ſelbſt Weiber und Kin⸗ der nicht verſchone. Es war der Jungfrau unmöglich Jungfrau von Orleans. 165 dieſem Manne ſo nahe zu ſein und ihn nicht für ſeine Greuel zu züchtigen. Gleichfalls mit etwa 400 Kriegs⸗ leuten verließ ſie Lagnh und traf den Raubritter unge⸗ fähr eine Stunde vor der Stadt. Unverzüglich rückte ſie auf ihn los und griff ihn mit einer Kraft an, wie ſie dieſelbe in den erſten Tagen ihres kriegeriſchen Lebens gezeigt hatte. Aber Franquet's tapfre Bogenſchützen hielten gleichwohl Stand und trieben die königlichen Trup⸗ pen zweimal durch Pfeilſchüſſe zurück. Johanna führte ihre Streiter zum dritten Male vor und trieb nun den Ritter mit ſeinen Parteigängern zurück, ſo daß er ſich mit ihnen in eine kleine Feſte werfen mußte, die eben zur Hand lag. Man ſchien ſie nicht einnehmen zu können, da es an Geſchütz fehlte; in dieſem Augenblicke aber traf Foucault mit Kanonen und einem Theil der Beſatzung von Lagnh ein, die Batterien wurden ſogleich gerichtet, es war bald eine Breſche geſchoſſen und ohne Verzug be⸗ gann der Sturm. Franquet vertheidigte ſich wie ein Verzweifelter, mußte aber dem raſenden Ungeſtüm der Stürmenden zuletzt doch unterliegen. Unter den Gefangenen war Franquet ſelbſt. Nun kamen die Richter von Lagnh und der Bailly von Senlis, welche die Ausliefe⸗ rung Franquet's als eines Verräthers, Räubers und Mörders verlangten. Ihnen erklärte aber Johanna, ſie 166 Jungfrau von Orleans. werde den gefangenen Ritter nicht ausliefern, da ſie ihn zur Auswechſelung gegen den kürzlich gefangenen Herrn von Loré bedürfe. Da ihr jedoch verſichert wurde, Loreé ſei in der Gefangenſchaft geſtorben, ſo überließ ſie Franquet dem Baillh mit den Worten:„Nun, ſo thut mit ihm was die Gerechtigkeit erheiſcht.“ Nach einem vierzehntägigen Proceß ward Franquet enthauptet. Wittlerweile war in Paris eine neue Verſchwörung entdeckt worden, welche die Hoffnung der Königlichen immer mehr ſteigerte. Ein Kriegsgefangener der Baſtille, der ſein Löſegeld bezahlt hatte und daher nach Gefallen kommen und gehen durfte, fand einſt den Kerkermeiſter der Baſtille auf einer Bank im Hofe entſchlummert. Vorſichtig auf ihn zuſchreitend nahm ihm der Freigelaſſene leiſe das Schlüſſelbund ab, öffnete dreien ſeiner Leidens⸗ genoſſen die Kerker, bewaffnete ſie eiligſt mit Meſſern und Knütteln und überfiel mit ihnen die Wachen. Schon waren mehrere derſelben niedergemacht, als auf das Ge⸗ ſchrei der Sterbenden der Gouverneur von Paris, der Herr von l'Isle Adam, der eben in der Gegend mit einer Abtheilung Reitern die Runde machte, in den Hof geſprengt kam und ſogleich dem Anführer des Complots mit einer Streitart den Kopf ſpaltete. Die andern drei wurden ergriffen, geſtanden auf der Folter, daß ſie das Jungfrau von Orleans. 167 Schloß den Leuten des Königs hätten überliefern wollen, und wurden enthauptet oder in den Fluß geworfen. Johanna bekam auf die Kunde von dieſem Vorfall wieder große Luſt gegen Paris zu ziehen, als man ihr meldete, daß der Herzog von Burgund, welcher es mehr als je mit den Engländern hielt, mit einem ſtarken Kriegsheer herangekommen ſei und Compiegne belagere, wo der Ritter Flavh befehligte. Sogleich ſandte ſie an dieſen Gouverneur die Herren Chabannes, Re⸗ gnault und Saintrailles, um ihm ſagen zu laſſen, daß er ſich nur tapfer halten ſolle und daß ſie bald er⸗ ſcheinen würde. Raſch ertheilte ſie nun die letzten Befehle und machte ſich ſogleich auf den Weg nach Compiégne. Es war rings umher eingeſchloſſen, indem der Herzog von Bur⸗ gund ſelbſt und die Herren von Luxenbourg, Nohelles und Montgommerh die Hauptzugänge be⸗ wachten. Johanna verweilte nur kurze Zeit in Eresph, um in der dortigen Kirche ihre Andacht zu verrichten, marſchirte dann friſch vorwärts und kam auch nach Ein⸗ bruch der Nacht in die Gegend von Compiegne. Unter Begünſtigung der Dunkelheit gelangte ſie ohne das geringſte Hinderniß in eine Stadt, die faſt ganz umzingelt war. Am Morgen btgab ſich Johanna in die Kirche S —— 168 Jungfrau von Orleans. St. Jacob, um ihrer Gewohnheit nach die Meſſe zu hören. Der Ruf von ihren Großthaten ſowie ihr wunderbarer Einzug am vorigen Abend hatte uuter der Bevölkerung von Compiögne einen großen Enthuſtasmus erregt. Kaum wurde es daher bekannt, daß ſie ſich in die St. Jacobs⸗ kirche begeben hatte, als Jung und Alt dahin zuſammen⸗ ſtrömte. Man ſah die Jungfrau kniend an eine Säule gelehnt in brünſtigem Gebet und heftig weinend. So lange das heilige Meßopfer dauerte, begnügte man ſich ſie theilnehmend anzublicken; als ſich aber der Prieſter nach der Saerriſtei begeben hatte, ſtürzte ſich die Volks⸗ menge nach der Jungfrau hin und begehrte einen kleinen goldnen Ring zu küſſen, den ſie am Finger trug und worauf drei Kreuze nebſt dem Namen Jeſus eingegra⸗ ben waren. Johanna ließ die gläubige Menge gewäh⸗ ren, die meiſtens vor ihr auf den Knien lag. Ein jun⸗ ger Mann, welcher gleichfalls vor ihr auf der Steinplatte kniete, richtete die Frage an ſie: „O Johanna, warum blickt Ihr mich ſo trau⸗ rig an?“ „Ach, liebe Freunde und theure Kinder,“ antwortete die Jungfrau,„es lebt ein Mann, der mich verkauft und verrathen hat; bald werde ich dem Tode überliefert ſein. Betet alſo für mich, meine Lieben; ich werde hinfort nicht Jungfrau von Orleans. 169 mehr dem König oder dem edeln Königreich Frankreich dienen können.“ Da begann alles Volk heftig zu weinen und zu ſchluch⸗ zen, aber der erwähnte junge Mann nahm wieder das Wort und ſprach: „Nennt uns den Verräther, wenn Ihr ihn kennt! Er ſoll ſeinen Lohn erhalten!“ Johanna ſchüttelte ſchwermüthig das Haupt, verließ in Begleitung der Einwohnerſchaft die Kirche und kehrte in ihre Wohnung zurück. Sie brachte den ganzen übri⸗ gen Tag im Gebete zu. Gegen 5 Uhr erſchien einer ihrer Hauptleute, der Burgunder Poton, und erklärte, daß ſich auf ihren Befehl die Truppen geſammelt und zu dem beſprochenen Ausfalle vorbereitet hätten, daß es nur noch an ihr ſelbſt fehle. Auf dieſe Meldung erhob ſich Johanna, um an der Spitze ihrer Reiter den Ausfall zu leiten. Sie war in ihrer gewöhnlichen Kleidung, d. h. ſie trug eine männ⸗ liche Rüſtung, worüber ſie einen kürzeren gold- und ſilber⸗ geſtickten rothſammtenen Rock zu ziehen pflegte, hatte in der Hand eine kleine Streitart und an der Seite ein ſtar⸗ kes Schwert, welches ſie bei Lagnh von einem Burgun⸗ der erobert hatte. Nachdem ſie zu Pferde geſtiegen war und aus den Händen ihres Stallmeiſters ihre Standarte — 1 170 Jungfrau von Orleans. genommen hatte, machte ſie zweimal das Zeichen des Kreu⸗ zes und ſagte dann zu Poton:„Vorwärts!“ Hierauf ritt ſie im Trab dem Thore zu, wo ſie ihre Reiter er⸗ warteten. Sogleich öffnete ſich das Thor, ſie ſprengte mit 5— 600 Reitern in die Ebene hinaus und überfiel die Quartiere des Herrn von Nohelles, bei welchem ſich eben Johann von Luxrembourg mit einigen ſei⸗ ner Reiter befand. Da dieſer Ausfall ganz unerwartet kam, ſo war deſſen Wirkung auch ſchrecklich; Nohelles' Mannſchaft war größtentheils noch unbewaffnet und nur Lurenbourg leiſtete einigen Widerſtand und ſandte ſo⸗ gleich einen Eilboten nach ſeinen Quartieren um Hülfe herbeiholen zu laſſen. Die Franzoſen warfen alles vor ſich her nieder und drangen bis zur Wohnung des John von Montgommerh vor. Im ganzen feindlichen La⸗ ger herrſchte die größte Verwirrung, von einem Ende zum andern tönte der Schreckensruf:„Die Jungfrau, die Jungfrau!“ Doch jetzt erhielten die Feinde ſo bedeutende Verſtärkung, daß ſie den Angreifenden an Zahl zehnfach überlegen waren. Es wäre Tollkühnheit geweſen noch länger vorzudringen. Johanna befahl den Rückzug und leitete ihn mit einer Einſicht wie die erfahrenſten Feldherren. Wie ſie beim Angriff unter den Vorderſten gefochten hatte, ſo war ſie beim Rückzug die Letzte. Jungfrau von Orleans. 171 Drängten die Feinde zu nahe heran, ſo wendete ſie ſich um, ſchwang drohend ihre Standarte und die Maſſen der Feinde ſtutzten und wichen zurück. So kam ſie mit ihren Leuten glücklich bis an's Thor; aber hier riß eine Un⸗ ordnung ein. Jeder wollte zuerſt hinein, und es entſtand ein abſcheuliches Gedränge. Johanna ſah ein, daß eine Menge Streiter erdrückt und in die Gräben hinab⸗ geſtürzt werden würden, wenn ſie ihnen nicht einige Zeit verſchaffte. Sie wandte ſich daher mit ihrer etwa hun⸗ dert Mann ſtarken Nachhut nochmals gegen den Feind und trieb ihn glücklich eine Strecke zurück. Als ſie jedoch wieder nach dem Thor zurückkehren wollte, hatte ſich eine Maſſe Engländer zwiſchen ſie und den Wall geſchlichen, welche ihr den Durchgang verſperrten. An dieſem Tage hatte ſie das Schwert noch nicht gezogen; jetzt riß ſie es aus der Scheide und ſchlug rechts und links um ſich herum, damit ſie ſich Luft ſchaffte. Es gelang ihr die Engländer(und es waren die Kühnſten, welche man zu dieſem Gefecht auserleſen hatte) zurückzuwerfen und ſich den Durchgang zu öffnen. Sie kam an das Thor, aber es war verſchloſſen und trotz ihrem Rufe und dem Ge⸗ ſchrei ihrer hundert Mann kam niemand zu öffnen, weil man befürchtete die Engländer möchten zugleich mit ein⸗ dringen. Nach langem vergeblichen Warten, welches bei 172 Jungfrau von Orleans. der Nähe des Feindes gefährlich wurde, mußte ſich Jo⸗ hanna bequemen eine andre Rettung zu ſuchen. In dieſer Bedrängniß wendete ſie ihr Roß und ſchlug den Weg zwiſchen der Stadt und dem Fluſſe ein, um entweder das freie Feld oder ein andres Thor von Com⸗ piögne zu gewinnen. Als aber die Feinde bemerkten, daß die Jungfrau ſo verlaſſen und mit nur hundert Mann auf einem Nebenwege davonzuziehen genöthigt war, faß⸗ ten auch die Verzagteſten wieder Muth und ſtürzten auf die Heldin los. Von vorn angegriffen und von hinten abgeſchnitten, ſah ſich Johanna gezwungen ſtehen zu bleiben und dem Feinde die Spitze zu bieten. Es ent⸗ ſpann ſich ein fürchterlicher und langer Kampf. Die ganze Schaar, vor Allen aber Johanna und der Bur⸗ gunder Poton thaten Wunder der Tapferkeit. Während des hitzigſten Gefechts war ein pieardiſcher Bogenſchütze zwiſchen den Beinen der Pferde hindurchgeſchlüpft und bis zur Jungfrau gelangt. Plötzlich packte er ſie von unten an ihrem Sammtrocke und zog ſo gewaltig, daß ſie ſich nicht auf dem Pferde erhalten konnte ſondern her⸗ abfiel. Augenblicklich erhob ſie ſich wieder und fuhr fort ſich zu vertheidigen. Aber ſo ungeheure und ſo lange Anſtrengungen mußten endlich zur Ermattung führen. Johanna ſank erſchöpft auf ein Knie, immer noch die ir⸗ nd tze nd on er⸗ rt ge n. ie — Jungfrau von Orleans. 173 ringsumher andringenden Feinde abwehrend. Sie warf noch einen Blick auf ihre Krieger, aber jeder derſelben war hinlänglich mit ſeiner eignen Vertheidigung beſchäf⸗ tigt und vermochte der bedrängten Jungfrau nicht zu Hülfe zu kommen. Da ihr nun ihre Stimmen geſagt hatten, daß der verhängnißvolle Augenblick gekommen ſei wo ſie den Engländern in die Hände fallen ſollte, ſo überflog ſie mit den Augen den Kreis ihrer Feinde und überreichte ihr Schwert dem Baſtard von Vendöme Lio⸗ nel, welcher ihr der Angeſehenſte unter Allen ſchien. Solches geſchah am 28. Mai 1430. Sogleich erſcholl durch das Lager der Burgunder und bald durch ganz Frankreich der mit ſehr verſchiedenen Empfindungen ausgeſtoßene und aufgenommene Ruf:„Jo⸗ hanna die Jungfrau iſt gefangen!“ 11. Nein, ich bin keine Zauberin. Gewiß, Ich bin's nicht. Schiller. Durch die Quartiere der Burgunder und Engländer herrſchte ein Jubel, als ob wieder eine Schlacht wie bei Crequi, Poitiers und Azinevurt gewonnen oder der König 174⁴ Jungfrau von Orleans. von Frankreich ſelbſt gefangen worden wäre. Allerdings hatten ſie auch an dem jetzt mit Ketten beladenen Mäd⸗ chen ihren ſchrecklichſten Feind gehabt; denn waren ſie vor ihrem Erſcheinen überall ſiegreich geweſen, ſo hatten ſie ſeit ihrem Auftreten zwei Drittel von Frankreich wie⸗ der verloren. Alles eilte zum Herrn von Luxembourg, um die von Lionel übergebene Gefangene zu ſehen. Selbſt der Herzog Philipp von Burgund erſchien daſelbſt und ſchloß ſich eine Zeitlang mit der Jungfrau ein. Als er wieder aus dem Gemach trat, ſchien er ſo niedergeſchlagen zu ſein, daß man ihn für den Beſiegten und die Jungfrau für die Siegerin zu halten verſucht war. Unterdeſſen hatten Eilboten die wichtige Kunde von Johanna's Gefangennehmung dem Herzog von Bed⸗ ford, dem Grafen von Warwick und dem Biſchof von Wincheſter überbracht. Die Engländer waren begierig, ſich an dem Mädchen zu rächen, und ließen durch den Bruder Martin(Doctor der Theologie und General⸗ vicar des Glaubensrichters im Königreich Frankreich) an den Herzog von Burgund folgende Aufforderung er⸗ gehen: „Kraft der Rechte unſres Amts und der uns vom heiligen römiſchen Stuhl ertheilten Gewalt erſuchen wir Euch und befehlen Euch ausdrücklich unter Androhung Jungfrau von Orleans. 175 geſetzlicher Strafe, das Mädchen Johanna, welche der Ketzerei dringend verdächtig iſt, uns als Gefan⸗ gene zuzuführen oder zuzuſenden, damit vom Fiseal der heil. Inquiſitivn von Rechtswegen gegen ſie verfahren werde.“ Aber der Herzog von Burgund, welcher einſt Jo⸗ hanna's Briefe empfangen und ſich nur eben noch faſt eine Stunde mit ihr unterhalten hatte, war mehr als irgend jemand überzeugt, daß die Jungfrau eine edle Heldin aber keine nichtswürdige Hexe ſei. Er kam daher mit dem Herrn von Luxembourg überein, den blut⸗ gierigen Engländern vorläufig nicht eher zu antworten, als bis Nachrichten von Karl VII. eingetroffen wären. Zwiſchen dem Herzog von Burgund und dem König von England exiſtirte zwar ein Vertrag, wonach letzte⸗ rer gewiſſe vornehme Gefangene(wie einen Prinzen vom Geblüt, einen Connetable, Marſchall von Frankreich oder General) für ein Löſegeld von 10,000 Pfund in Anſpruch nehmen konnte; da Johanna aber keinen beſtimmten Rang im Heere bekleidet hatte, ſo glaubte Herzog Phi⸗ lipp nicht zu ihrer Auslieferung gegen die ſtipulirte Summe gehalten zu ſein, ſondern hoffte vielmehr ein ebenſo hohes oder noch höheres Löſegeld von KarlVII. zu erhalten, da dieſer ja dem armen Mädchen aus Dom⸗ — 176 Jungfrau von Orleans. remh alles verdankte was er gegenwärtig wieder gewor⸗ den war. Aber die Zeit verſtrich und Karl VII. ließ nichts von ſich hören, obgleich er der Jungfrau, als er ſie zurück⸗ hielt, das feierliche Verſprechen gegeben hatte, eher die Hälfte ſeines Königreichs zu verkaufen, als ſie in der Ge⸗ fangenſchaft der Feinde zu laſſen, wenn ſie das Unglück haben ſollte ihnen in die Hände zu fallen. Der König ſchien nicht Zeit zu haben ſich ſeines Verſprechens zu er⸗ innern, denn er unterhielt eben die zärtlichſte Liebſchaft mit Agnes Sorel. Da die Engländer von Herzog Philipp keine Ant⸗ wort erhielten, ſo forderten ſie ihn im Laufe von ſechs Wochen wiederholt zu einer ſolchen auf. Mittlerweile war auch die Antwort des Regenten von England ein⸗ getroffen, welcher ſich erbot für Johanna 10,000 Pfund wie für einen General zu bezahlen. Zugleich beauftragte man den aus Beauvais vertriebenen Biſchof Cauchon, die Auslieferung der Jungfrau in ſeinm und des eng⸗ liſchen Königs Namen zu verlangen, da ſie in ſeinem Gerichtsſprengel gefangen genommen worden ſei und es ihm daher zuſtehe ihren Proceß einzuleiten. Cauchon war in einiger Verlegenheit; denn erklärte er das Mäd⸗ chen ſei unſchuldig, ſo hatte er die Rache der Engländer — g⸗ em on id⸗ der Jungfrau von Orleans. 177 zu fürchten, und that er das Gegentheil, ſo ſetzte er ſich den Verwünſchungen der Nachwelt aus; daher hätte er die Einleitung dieſes Proeeſſes gar nicht gern übernommen. Endlich glaubte er einen Ausweg gefunden zu haben. Er antwortete auf den Antrag, daß vor allen Dingen und bevor irgend etwas in der Sache gethan werden könne, das Gutachten der Univerſität Paris eingeholt werden müſſe. Nun dauerte es aber wieder lange, ehe Cauchon nach Paris ſchrieb; er that es erſt als er nicht mehr ausweichen konnte. Da die Univerſität meiſtens aus Dvetoren beſtand, welche ſich von den Engländern hatten erkaufen laſſen, ſo war die Antwort vorauszuſehen; ſie lautete dahin, daß Cauchon, da man die Jungfrau aus Domremh in ſeiner Diöres gefangen genommen habe, ſie reclamiren und ihren Proeeß einleiten müſſe. Während dies vorging, war die Gefangene vom Schloſſe Beaulieu, wo ſie ſich zuerſt befand, nach dem Schloſſe Beaurevvir(vier Stunden von Cambrah) gebracht worden. Hier weilten Lürembourg's Gattin und Schweſter, welche erſt gegen Johanna als gegen ine Hexe oder mindeſtens eine Ketzerin nicht wenig eingenommen aen. Sowie aber das beſcheidene Mädchen mit dem frommen zuchtigen Blick ſelbſt vor ſie trat, konnten ſie ſich einer gewiſſen Theilnahme nicht erwehren, die bald in herz⸗ Jungfrau von Orleans. 12 . —— 1 178 Jungfrau von Orleans. liches Mitleiden und innige Freundſchaft überging. Ihnen war es zuzuſchreiben, daß Luxembourg, welchen doch Frankreichs Schweigen bekümmerte und Englands Drohun⸗ gen ſchreckten, in einem Zeitraume von fünf Monaten nichts gegen die Jungfrau unternahm. Während dieſer fünf Monate waren die Engländer in ihrer Verfolgung gegen das arme Mädchen ſehr thätig. Von ihnen ward die Univerſität und von dieſer der Bi⸗ ſchof von Beauvais unabläſſig angehalten ſich beſſer als bisher zu rühren, ſo daß Cauchon ſich endlich(am 15. Juli) genöthigt ſah mit einem Delegaten der Univer⸗ ſität und einem apoſtoliſchen Notar von Paris abzureiſen. Am folgenden Tage erhielten der Herzog von Burgund und der Herr von Luxenbourg eine zweite Aufforde⸗ rung im Namen des Königs von England, worin die Auslieferung der Jungfrau an den Regenten verlangt, dem Herrn von Lurenbourg auf's neue die 10,000 Pfund (70,000 Francs) und dem Baſtard von Vendöme (Lionel) 300 Pfund lebenslängliche Rente verheißen wurden. Die Mitte des Monats September war be⸗ reits herangekommen, als Luxenbourg ſeiner Frau und Schweſter meldete, daß er nicht länger zu zögern ver⸗ möge. Wohl machten dieſe ihm neue Vorſtellungen, indem ſie zu ihm ſagten, daß die arme Heilige, welche alle ihre Jungfrau von Orleans. 179 Zeit in der Gefangenſchaft mit Andachtsübungen und mit weiblichen Arbeiten wie in ihrem elterlichen Hauſe zugebracht habe, offenbar der Marter und dem Tode ent⸗ gegenginge, wenn man ſie den Engländern ausliefern wolle u. ſ. w. Aber Lurembvurg konnte ohne eigne Gefahr die Jungfrau nicht länger beſchützen, da der König von Frankreich der Sorel durchaus nicht die Zeit ent⸗ ziehen zu wollen ſchien, welche zur Loskaufung ſeiner Retterin erforderlich geweſen wäre. Da er jedoch wußte, daß Bedford kein Geld hatte, ſo ſchrieb er dieſem, daß er die Jungfrau auszuliefern bereit ſei, ſobald man ihm die 10,000 Pfund eingehändigt haben würde. Auf dieſe Weiſe ward wieder Zeit gewonnen, die KarlVII. doch vielleicht noch benutzte. Freilich konnte der Regent das nöthige Geld in Frankreich oder England auftreiben und dann war es um Johanna geſchehen. Darum war es auch nöthig, dieſe ſelbſt vom Stande der Dinge zu be⸗ nachrichtigen. Die beiden ihr befreundeten Frauen über⸗ nahmen die Botſchaft. Sie fanden die Siegerin von Orleans und Jargau am Spinnrocken, denn ſeit dem Tage ihrer Gefangennehmung war die Kriegerin verſchwunden und nur das Weib ge⸗ blieben. Als ihr die Schreckenskunde wurde, daß ſie den Engländern ausgeliefert werden ſollte, brach ſie wie ein 1 180 Jungfrau von Orleans. Kind in Thränen aus, küßte die Hände ihrer Freundin⸗ nen wie zum ewigen Abſchied und rief:„Ich wußte daß es ſo kommen würde; meine Stimmen haben mich davon benachrichtigt. Mein Gott, mein Gott!“ Als Johanna am Abend wieder in ihrem Zimmer, welches ſich im dritten Geſtock eines Schloßthurms be⸗ fand, auf den Knien lag, erſchienen ihre Heiligen und ſagten ihr:„Johanna, Du wirſt viel zu leiden haben, aber der Herr wird Dir Muth verleihen. Da Dir keine Hoffnung mehr bleibt, ſo bewahre wenigſtens den Glau⸗ ben.“ Mit dieſen Worten verſchwand die Erſcheinung. Die arme Jungfrau merkte aus den Worten der Hei⸗ ligen, daß ſie einem ſchrecklichen Ende entgegengehe; trotz aller Anſtrengung war es ihr diesmal unmöglich ſich in den Willen des Herrn zu ergeben. Sie that die ganze Nacht kein Auge zu und kniete von einer Viertelſtunde zur andern vor einem elfenbeinernen Crueifir nieder, das man auf ihre Bitte aus der Capelle in ihr Gemach gebracht hatte. Auch den ganzen folgenden Tag lag ſie in Thrä⸗ nen und Gebeten auf dem Fußboden und die beiden Frauen ſuchten ſie umſonſt zu tröſten. Sie antwortete ihnen weiter nichts als:„Lieber will ich ſterben als den Engländern ausgeliefert werden.“ In der folgenden Nacht erſchienen ihr die Beiligen Jungfrau von Orleans. 181 wieder, aber mit traurigen und faſt erzürnten Mienen. Sie ſchlug beſchämt die Augen nieder.„Johanna,“ rief ihr nun eine Stimme zu,„Gott hat im Grunde Deines Herzens einen ſtrafbaren Gedanken geleſen; er gebietet Dir ihn aufzugeben; das Märthrerthum führt in den Himmel und der Selbſtmord zur ewigen Verdammniß.“ „O meine Heiligen,“ rief die Jungfrau wie außer ſich,„ich will lieber ſterben als den Engländern überliefert werden.“ „Es wird geſchehen was Gott will,“ ſagte die Stimme, „und es geziemt Dir nicht über Dich ſelbſt zu verfügen.“ „Gott, mein Gott!“ ſchluchzte Johanna hierauf, „warum haſt Du mich nicht arm und unbekannt in mei⸗ nem Dorfe gelaſſen?“ Als ſie aufblickte, hatten ſich die Heiligen wieder in den Himmel erhoben. Des andern Morgens wunderte ſich die Gattin des Herrn von Luxembourg, daß Johanna nicht in ihr Zimmer hinabkam, wie ſie ſonſt zu thun pflegte. Sie ging daher in den Thurm hinauf und fand das junge Mädchen kalt und bleich auf den Steinplatten liegen. Sie war ſeit dem Verſchwinden der Heiligen nicht wieder aufgeſtanden. Die Dame von Lurembourg drang in ſie, wie gewöhnlich ihr Mahl zu theilen, aber Johanna 182 Jungfrau von Orleans. antwortete, daß ſie dies nicht könne, da ſie das Abend⸗ mahl zu genießen wünſche. Der Capellan reichte es ihr und ſie ging darauf einige Zeit zu ihren Freundinnen hinab. Gegen Abend begab ſie ſich wieder in den Thurm, Verzweiflung im bleichen Antlitz. Es war ein finſtrer Octoberabend, der Wind peitſchte die alten Thürme des Schloſſes Beaurevoir und heulte durch die Schornſteine. Die Damen des Schloſſes blieben unter dem Zimmer Johanna's in banger Ahnung lange munter und ſprachen über das Schickſal des armen Kin⸗ des, als ſie gleich nach Mitternacht im Toſen des Stur⸗ mes einen Schmerzensſchrei zu vernehmen glaubten. Sie horchten bebend und bemerkten kurz darauf ein Stöhnen, das aus dem Schloßgraben zu kommen ſchien. Von Ent⸗ ſetzen ergriffen, eilten ſie nach dem Zimmer der Ge⸗ fangenen und fanden es leer. Gleich befahlen ſie den Wachen mit Fackeln um das Schloß die Runde zu machen. Dieſe fanden unter den Fenſtern des Gefängniß⸗ thurms den Körper des jungen Mädchens und entdeckten bald, daß ſie noch nicht todt ſei. Sie ward in das Zim⸗ mer der Schloßdame gebracht und kam daſelbſt bald wie⸗ der zur Beſinnung. Wohl bereute ſie ihre That, aber ſie hatte dadurch ihr Verderben beſchleunigt; denn Lurem⸗ bourg fürchtete die Wiederkehr eines ſolchen Verſuchs d⸗ ihr en hte Jungfrau von Orleans. 183 und daher den Verluſt der ihm gebotenen 10,000 Pfund. Er ſchrieb daher an den Regenten von England, daß er ihm die Gefangene zur Verfuͤgung zu ſtellen bereit ſei, wofern er zuſagen wolle den Proeeß erſt nach Erlegung des Löſegeldes beginnen zu laſſen. Der Regent hatte von den Provinziatſtunden der Nor⸗ mandie zu Rouen(am 4. Auguſt 1430) eine 80,000 Pfund bewilligt erhalten und beeilte ſich, davon dem Herrn von Lurxembourg zuzuſenden, um ſich die Jungfrau nicht etwa noch von Karl VII. ſtreitig gemacht zu ſehen. Das Gold traf am 20. October rich⸗ tig auf dem Schloſſe Beaurevoir ein. Während ſich nun der Biſchof von Beauvais mit der Verſammlung des Gerichtshofes beſchäftigte, ward die Jungfrau in die Ge⸗ fängniſſe von Arras und Crotoh und von da endlich nach Rouen geſchafft, wo ſich auch der junge König Heinrich eingefunden hatte, welchen man an dieſem Juſtizmorde hatte theilnehmen laſſen wollen. Zu Rouen ward Johanna in einen großen Thurm geführt und dort in einen beſonders für ſie geſchmiedeten eiſernen Käfig geſteckt. Vor dieſem hingen, abgeſehen von dem eigentlichen Schloſſe, auch zwei Vorlegeſchlöſſer und zum Ueberfluß war die Jungfrau noch an Ketten gelegt, die man an Beinſchellen befeſtigt hatte. Gleich 184 Jungfrau von Orleans. einem reißenden Thiere war ſie gefeſſelt und in ihrem Käfig den Schmähungen der rohen Menge ausgeſetzt. Traten Perſonen von Rang in den Thurm, ſo ſtachen die Soldaten das arme Kind mit der Spitze ihrer Lanzen, um es zum Aufſtehen zu nöthigen. Der Herr von Luxem⸗ Bourg hatte alles Mitgefühl für das Mädchen ſo ſehr daß er ſie mit den Grafen von Warwick und ford beſuchte und zu ihr höhnend ſagte: „Johanna, wenn ich nun Löſegeld für Dich bezahlte, würdeſt Du mir verſprechen das Schwert nicht wieder gegen mich zu ziehen?“ „Ich weiß, daß Ihr gic verſpottet,“ antwortete das junge Mädchen würdevoll;„Ihr habt mich verkauft; jetzt aber habt Ihr weder den Willen noch die Macht mich loszukaufen. Auch weiß ich, daß ich durch die Hände der Engländer ſterben werde, denn ſie meinen nach meinem Tode das Königreich Frankreich wieder zu gewinnen; ſie irren ſich; denn wären ſie auch hundertmal ſo zahlreich als ſie jetzt ſind, ſo würden ſie es doch nicht bekommen.“ Ueber dieſe Worte gerieth der Graf von Strafford in heftigen Zorn; er ſchmähte die Jungfrau auf's gröb⸗ lichſte, zog das Schwert und war eben im Begriff ſie damit zu ſchlagen, als Graf Warwick bemerkte, daß ſie em tzt. die um m⸗ hr nd te, er as tzt ch m Jungfrau von Orleans. 185 ſich der Waffe entgegenſtürzen wollte um ſich zu tödten, und ſeinem Gefährten in den Arm fiel. Trotz dem daß die Heldin von Orleans in ſo ſchmäh⸗ lichen Feſſeln lag, herrſchte der von ihr verbreitete Schrecken doch noch durch das engliſche Heer, wie ſehr deutlich aus einem Briefe des Königs von England vom 12. De⸗ cember 1430 hervorgeht, worin befohlen war, daß jeder Soldat, welcher in dem von der Jungfrau verbreiteten Schrecken ſeine Fahne verließe, feſtgenommen und vor ein Kriegsgericht geſtellt würde. Unterdeſſen waren die Vorbereitungen zum Proeeſſe beendigt worden. Mittwochs am 21. Februar 1431 ver⸗ ſammelte ſich der Gerichtshof in der königlichen Capelle von Rouen. Es waren die Herren und Doctoren: Gil⸗ les Abt von Fécamp, Beaupore, Chätillon, le Terrier, Midi, Feuillet, Hector, Courcel und Prati nebſt dem Fiscal des Proceſſes Eſtevit. Ihnen wurden zunächſt die Briefe des Königs von England ver⸗ leſen, wonach Johanna der geiſtlichen Gerichtsbarkeit überantwort wurde, dann verlangte der Fiscal Eſtevit, daß ſie ſofort zum Verhör vorgeführt werden ſollte, was der Biſchof auf der Stelle bewilligte. Vorher noch eine Meſſe zu hören, ward ihr wegen der ihr ſchuldgegebenen Greuel verweigert. Man führte ſie ohne weiteres vor. 186 Jungfrau von Orleans. Und nun trat den ſchriftgelehrten und geſetzkundigen Männern, die faſt insgeſammt ihre Verurtheilung be⸗ ſchloſſen hatten, das arme junge Mädchen gegenüber, das weder leſen noch ſchreiben, das nach ihrer eignen Aeuße⸗ rung nur ihr Vaterunſer, ihr Ave Maria und ihr Credo konnte, das aber von ihrem Gottvertrauen und ihrem reinen Gewiſſen aufrecht erhalten wurde. Schon einige Bruchſtücke dieſes Proceſſes werden deſſen Schändlichkeit und Johanna's Würde und Heiligkeit in's Licht ſtellen. „Wir fordern Euch auf zu ſchwören, Johanna,“ ſagte man zu ihr,„über alles, was man Euch fragt, die volle Wahrheit zu ſagen.“ „Das werde ich nicht beſchwören,“ antwortete die Jungfrau,„weil ich z. B. über Dinge, welche den König von Frankreich angehen, ſeinen Feinden nicht antworten fann.“ „Ei nun,“ ſagte der Biſchof,„dann könnt Ihr wenig⸗ ſtens ſchwören über das die Wahrheit zu ſagen, was Euch ſelbſt und den katholiſchen Glauben angeht.“ „Mit Ausnahme der mir von Gott gemachten Offen⸗ barungen, die ich nur dem König Karl vertraut habe, will ich über alles die Wahrheit offen bekennen,“ ant⸗ wortete Johanna, warf ſich auf die Knie, legte die Hände auf das Meßbuch und ſchwur, die Wahrheit in Jungfrau von Orleans. 187 allem zu ſagen, was den Glauben betreffe. Dann ſah ſie den Biſchof ſcharf an und fügte hinzu:„Im Namen Gottes verſichere ich Euch, daß Ihr eine ſchwere Bürde auf Euch nehmt, indem Ihr Euch zu meinem Richter macht.“ Sierauf gab ſie nach der Reihe Auskunft über ihren Geburtsort, ihre Eltern, ihr Alter und ihre Erziehung, auch ſagte ſie aus, daß ſie in ihrem dreizehnten Jahre die erſten Offenbarungen erhalten habe. Auf die Frage, ob ſie dadurch, daß ſie ihre Eltern verlaſſen, nicht zu ſündigen gefürchtet habe, antwortete ſie: „Da es Gott befahl, ſo wäre ich zur Erfüllung mei⸗ ner Sendung aufgebrochen, und wenn ich hundert Väter und hundert Mütter gehabt hätte, und wenn ich die Tochter des Königs geweſen wäre.“ Frage. War Eure Standarte von Leinwand oder Tuch gemacht? Antwort. Sie beſtand aus weißem Atlas. Frage. Durch welchen Zauber bewirktet Ihr, daß die Soldaten Eurer Standarte folgten? Antwort. Ich ſagte: Dringt kühn unter die Eng⸗ länder! und ich drang zuerſt unter ſie. Frage. Warum befand ſich Eure Standarte bei der Krönung dem Chore näher als irgend eine andre? 188 Jungfrau von Orleans. Antwort. Die erſte bei der Gefahr, war ſte dann auch die erſte bei der Ehre. Frage. Gründete ſich Eure Siegeshoffnung auf Euch ſelbſt oder auf Eure Standarte? Antwort. Sie gründete ſich auf Gott und auf nichts Andres. Frage. Glaubten die, welche mit Euch waren, an Eure göttliche Sendung? Antwort. Wenn ſie es glaubten, ſo haben ſie ſich nicht getäuſcht. Frage. Erſchien Euch der heilige Michael nackt oder in Kleidern? Antwort. Glaubt Ihr, Gott habe nichts ihn zu bekleiden? Frage. Habt Ihr den Ausfall von Compiégne auf Antrieb Eurer Stimmen gemacht? Antwort. Als ich mich einſt auf den Wällen von Melun befand, ſagten mir meine Stimmen, daß ich noch vor dem St. Johannistage von den Engländern gefangen genommen werden würde. Ich war darüber nicht nieder⸗ geſchlagen, ſondern nahm es als vom Herrn kommend an, in der Hoffnung daß mir der Herr auch beiſtehen werde. nn ch n ch kt Iungfran von Orleans. 189 Frage. Haben Euch ſeit dieſem Tage Eure Stim⸗ men dieſe Verkündigung erneuert? Antwort. Allerdings; ſo oft ich aber nach Zeit und Ort dieſes Ereigniſſes fragte, habe ich nie eine Ant⸗ wort erhalten. Frage. Würdet Ihr wohl den Ausfall gemacht haben, wenn Ihr gewußt hättet, daß Ihr dabei in Ge⸗ fangenſchaft geriethet? Antwort. Ungern würde ich es gethan, aber doch dem Befehl meiner Stimmen gehorcht haben. Frage. Warum ſprangt Ihr vom Thurme des Schloſſes Beaurevvir in den Schloßgraben hinab? Antwort. Ich wollte lieber ſterben als in die Hände der Engländer fallen. Frage. Haben Euch Eure Stimmen zu dieſem Mit⸗ tel der Entweichung gerathen? Antwort. Sie haben es mir verboten; ich war ihnen ungehorſam. Frage. Glaubtet Ihr Euch durch den Spun zu tödten? Antwort. Davon weiß ich nichts; nur ſo viel iſt mir erinnerlich, daß ich mich während des Springens dem allgütigen Gott empfahl. Frage. Habt Ihr Buße dafür gethan, daß Ihr 190 Jungfrau von Orleans. gegen den Rath Eurer Stimmen einen Fluchtverſuch machtet? Antwort. Der Schmerz war meine Buße, welchen ich mir durch meinen Fall verurſachte. Frage. War Eure Wunde bedeutend? Antwort. Das weiß ich nicht; denn es dauerte 2—3 Tage ehe ich wieder eſſen und trinken konnte; zu⸗ letzt aber erſchien mir die heilige Katharina, die mir zu beichten und Gott für meine Rettung zu danken befahl und die mir den Troſt gab, daß die Beſatzung von Com⸗ piegne noch vor Martini Hülfe bekommen würde; nun begann ich wieder zu eſſen und ward bald geheilt. Frage. Haben Eure Stimmen geſagt, daß Ihr aus den Händen der Engländer befreit werden würdet? Antwort. Sie haben nur geſagt: Nimm alles in Geduld hin und kümmere Dich nicht um Dein Märthrer⸗ thum, denn es iſt der Weg zum Paradieſe. Frage. Glaubt Ihr wirklich in's Paradies und nicht in die Hölle zu kommen, ſeitdem Euch Eure Stimmen dieſes Verſprechen gethan haben? Antwort. Ich glaube es ſo gewiß als ob ich ſchon im Himmelreich wäre. Bemerkung. Das Verſprechen, welches Ihr erhal⸗ ten habt, iſt von großem Gewicht. uch en rte zu⸗ nir ahl m⸗ mun us in rer⸗ icht nen hon Jungfrau von Orleans. 191 Gegenbemerkung. Ich halte es für meinen größ⸗ ten Schatz. Frage. Glaubt Ihr nach einer ſolchen Offenbarung in der Gnade Gottes zu ſtehen? Antwort. Wenn ich nicht darin ſtehe, ſo bitte ich Gott mich darein zu verſetzen; ſtehe ich aber darin, ſo bitte ich Gott mich darin zu erhalten. Aus ſolchen und ähnlichen Antworten der Jungfrau, die vom Glauben zum Heldenthume und von dieſem zum Märthrerthume überzugehen beſtimmt war, konnte man keine Anklage auf Gottloſigkeit oder Zauberei ableiten, obwohl man ſie bereits im voraus zum Tode verurtheilt hatte. Um ſie ſchuldig zu machen, mußte ein elender Prieſter aus Lothringen, Namens Lohſeleur, in ihr Gefängniß gehen, ſich für einen Verfolgten, einen Mär⸗ threr ausgeben, das Vertrauen des jungen Mädchens zu gewinnen ſuchen und ihr endlich Beichte ſitzen, während Bedford und Warwick hinter einem Vorhange horch⸗ ten. Aber Johanna's Beichte war die eines Engels. Da man auch auf dieſe Weiſe ſeinen Zweck nicht er⸗ ſchleichen konnte, ſo verließ Lohſeleur eines Morgens das Gefängniß, um nie dahin zurückzukehren. Man zog auch Erkundigung in Domremh ein und das Dorf ſowie die ganze Umgegend erklärten Jeannetten für eine Hei⸗ 192 Jungfrau von Orleans. lige. Endlich wurden noch ehrwürdige Matronen und gelehrte Doctoren der Arzneikunde zu Johanna in's Gefängniß geſchickt, um ſie wo möglich einer Unkeuſch⸗ heit zu überführen, aber die Unterſuchenden erklärten ins⸗ geſammt, daß ſie eine reine Jungfrau wäre; daraus folgte aber, daß ſie kein Bündniß mit dem Teufel geſchloſſen hatte, weil die Kirchenordnung beſtimmt erklärte, daß der Teufel mit einer Jungfrau kein Bündniß ſchließen könne. Da alle bisherigen Verſuche, etwas auf die Verhaßte zu bringen, an ihrer Tugend und Geiſtesgegenwart ge⸗ ſcheitert waren, ſo ſuchte man ſie in gelehrte theologiſche Spitzfindigkeiten zu verſtricken. Schon von Lohſeleur liſtig darauf vorbereitet, daß ſich der Kirche unterwerfen ebenſo viel wäre als den aus ihren Feinden zuſammen⸗ geſetzten Gerichtshof anerkennen, trug man ihr jetzt ſo ſubtile Unterſchiede zwiſchen der ſiegreichen Kirche im Himmel und der ſtreitenden Kirche auf Erden vor, daß man ſie ohne ihr Wiſſen zu dem gefährlichen Ausſpruch vermochte, ſie gedenke ſich an die ſiegreiche Kirche zu hal⸗ ten und nicht der ſtreitenden zu unterwerfen. Da ſie nun ferner ihre Mannskleider im Gefängniſſe beibehielt, um ſich beſſer gegen die Rohheiten ihrer Wächter vertheidigen zu können, welche von ihrer Jugend und Schönheit an⸗ gelockt oder auch wohl vom Herzog von Vedford an⸗ Jungfrau von Orleans. 193 getrieben wurden, Angriffe auf die Keuſchheit der Jung⸗ frau zu machen, ſo brachte man wirklich eine Vogel⸗ ſcheuche von Anklage zuſammen. Sie lautete ſo: „Johanna Are will ſich nicht der Kirche unter⸗ werfen und fährt fort Mannskleider zu tragen.“ Unter den Richtern der Jungfrau war ein Mann, in welchem ſich Gewiſſensbiſſe wegen des gegen ſie ent⸗ wickelten Verfahrens regten; dieſer Ehrenmann hieß Iſam⸗ bart; er gab ihr in offner Gerichtsſitzung den Gedanken ein ſich der damals zu Baſel ihre Sitzungen haltenden Kirchenverſammlung zu unterwerfen. „Was iſt eine allgemeine Kirchenverſammlung?“ fragte Johanna. Iſambart gab ihr einen Begriff davon und fügte hinzu, ſie würde in Baſel ebenſo viele Doctoren von ihrer als von der engliſchen Partei finden. „O Ihr Herren,“ rief Johanna,„ihr unterwerfe ich mich nicht allein, ſondern ich nehme 6 ausdrücklich in Anſpruch.“ „Welch ein Geſchwätz!“ rief der Biſchof dagegen, wendete ſich dann an den apoſtollſchen Notar und ſprach: „Ich verbiete Euch dieſes Begehren in's Protocoll auf⸗ zunehmen.“ „Ach,“ ſagte das junge Wädchen mit ihrer gewöhn⸗ Jungfran von Orſeans. 13 —— 194 Jungfrau von Orleans. lichen traurigen Ergebung,„Ihr ſchreibt alles nieder was gegen mich iſt, und wollt nichts ſchreiben was mir nützen kann!“ Als die Sitzung aufgehoben war, wartete der Graf Warwick im Vorſaale auf den Bruder Jſambart und hob ſchon die Hand auf um ihn zu ſchlagen, begnügte ſich dann aber ihm drohend zuzurufen: „Was haſt Du heute Morgen dieſer Böſen zuge⸗ flͤſtert? Werde ich noch einmal gewahr, daß Du ihr einen Wink zu ihrer Rettung giebſt, ſo laſſe ich Dich in die Seine werfen!“ Nach Beendigung der Verhöre(am 12. Mai) ver⸗ ſammelten ſich die Richter beim Biſchof von Beauvais. Die Unterſuchung hatte ſo wenig für ihren Zweck ergeben, daß ſie zwölf Artikel in Form einer Denkſchrift zuſam⸗ menbauten und dieſelben an die Univerſität von Paris, an das Capitel von Rouen, an die Biſchöfe von Cou⸗ tances, Avranches und Liſieur ſowie an die 50— 60 Dor⸗ toren, welche Beiſitzer beim Proceſſe geweſen waren, zur Begutachtung abſandten. In dieſer Denkſchrift war die Angeklagte gar nicht genannt, mußte aber von jedermann errathen werden. Die Antwort fiel auch danach aus; ſie lautete ſo:„Die Angeklagte hat in ihrem Stolz oder Leichtſinn an Erſcheinungen und Offenbarungen geglaubt, Jungfrau von Orleans. 195 die jedenfalls vom böſen Geiſte herrühren; ihre Behaup⸗ tung, daß Gott ihr geboten habe Mannskleider zu tragen, iſt eine Gottesläſterung; daß ſie ſich der Kirche nicht un⸗ terwerfen will, iſt eine Ketzerei.“ Hier hatte man alſo auf einmal das Bündniß mit dem Teufel, die Gottes⸗ läſterung und die Ketzerei. Johanna ward in der letzten Zeit krank, erhielt aber zu ihrer Behandlung die beſten Aerzte von Paris, denn der König von England wollte, wie der Graf von Warwick ſagte, um alles in der Welt nicht, daß Jo⸗ hanna eines natürlichen Todes ſtürbe, indem er ſie theuer genug erkauft habe, um nach Belieben mit ihr ſchalten und ſie verbrennen zu laſſen. ⸗ Sobald ſie geneſen war, wurde das Urtheil gefällt, d. h. man machte ihr bekannt,„daß ſie als ein verdor⸗ benes Glied von der Kirche ausgeſtoßen und der welt⸗ lichen Gerechtigkeit überliefert wäre.“ Gleichwohl hatten die geiſtlichen Richter moch ſo viel Scham, daß ſie für den Fall, wenn die Angeklagte widerriefe und auf ihre Mannskleider verzichtete, die Strafe in dem, was den Tod oder die Verſtümmelung betreffe, gemildert zu ſehen wünſchten. Aber wie wollte man dazu gelangen, daß die Ange⸗ klagte, welche noch fortwährend Offenbarungen hatte, bei 13* 196 Jungfrau von Orleans. ihrer„Halsſtarrigkeit“ anerkenne, ihr Werk ſei nicht von Gott ſondern vom Böſen? Jedermann ſah ein, daß die Ueberredung nicht hinreichen werde; man beſchloß ihre Entſchloſſenheit durch die Furcht vor der Folter zu be⸗ ſiegen. Der Biſchof von Beauvais ging mit dem Peini⸗ ger und den Marterwerkzeugen zu ihr in's Gefängniß und drohte ihr, ſie auf die Folter ſpannen zu laſſen, wenn ſie ihre Ketzereien nicht anerkennen und abſchwören wolle. Das arme Kind ward für den erſten Augenblick todten⸗ bleich, erholte ſich aber doch bald ein wenig und ſagte zum Biſchof:„Thut nach Belieben; aber ich ſage Euch, das Uebel welches ihr mir an Leib und Seele atlhut, wird auf Euch zurückfallen.“ Als ob ſie gar nichts ge⸗ ſagt hätte, nahte ſich ihr der Peiniger mit den Marter⸗ werkzeugen, als der hinzutretende Arzt erklärte, die An⸗ geklagte ſei noch ſo ſchwach, daß ſie auf der Folter ſter⸗ ben werde. Dies mußte Cauchon wegen der Engländer verhüten. Er ließ daher die Jungfrau in's Gefängniß zurückführen und ſchickte den nichtswürdigen Lohſeleur wieder zu ihr, welcher ihr den Rath geben mußte ſich allem zu unterwerfen was man von ihr verlangen würde, denn dies ſei der Weg aus den Feſſeln der Engländer in die Hände der Kirche. Nachdem ſie eine ganze Nacht hindurch mit der ganzen Klarheit ihres Geiſtes gegen Jungfrau von Orleans. 197 ſeine Trugſchlüſſe angekämpft hatte, ergab ſie ſich endlich der vermeintlichen höhern Weisheit ihres alten Freundes und verſprach ſeinem Rathe zu folgen. Nachdem ſie dies gethan hatte, ward ſie(am 24. Mai 1431) aus dem Gefängniſſe auf den Kirchhofsplatz von St. Ouen geführt, um ihr Urtheil zu vernehmen. Es waren dort zwei Gerüſte aufgeſchlagen. Auf dem einen befand ſich der Biſchof von Beauvais, der Viee⸗In⸗ quiſitor Cardinal von Wincheſter, der Biſchof von Nohen und Boulogne nebſt 33 Beiſitzern; auf dem andern nur Johanna mit ihrem Prediger Wilhelm Erard. Ganz in der Nähe hielt der Scharfrichter mit ſeinem angeſpannten Karren, welcher die Jungfrau im Falle ihrer Weigerung nach dem Altmarkte und dem dort errichteten Scheiterhaufen führen ſollte. Gleich als Johanna das ihr beſtimmte Gerüſt be⸗ treten hatte, hielt Erard eine mit ſchweren Anklagen und Schmähungen erfüllte Rede an ſie. Das arme Kind war aber in ein brünſtiges Gebet verſunken und ſchien die Worte des Redners nicht zu verſtehen. Dieſe„Ge⸗ fühlloſigkeit“ empörte den Mann Gottes; er legte der Jungfrau die Hand auf die Schulter und ſprach ganz zornig:„Zu Dir, Johanna, rede ich und dann auch zu Deinem König, der ein Abtrünniger und Ketzer iſt!“ 198 Jungfrau von Orleans. Da erhob ſich die Jungfrau und ſprach zu Gunſten deſſen, der ſie ſo ſchändlich verlaſſen hatte:„Wit Eurer Erlaub⸗ niß ſage ich Euch, daß der von Euch geſchmähte König der edelſte aller Chriſten iſt, welcher den Glauben und die Kirche herzlich liebt, daß er alſo keineswegs iſt was Ihr ſagt!“ „Bringt ſie zum Schweigen!“ riefen der Biſchof von Beauvais und Erard wie aus einem Munde dem Gerichtsdiener Maſſieu zu, welcher nun die Jungfrau zwang ſich zu ſetzen und ihr gleich darauf mit lauter Stimme die Abſchwörungsformel vorlas. Zuletzt ſtreckte er die Formel nach der Angeklagten aus und rief ihr zu:„Schwöre ab!“ „Ach, ich weiß nicht was Ihr mit der Abſchwörung von mir wollt!“ ſagte Johanna. „Dann erklärt es ihr, und zwar hurtig!“ Ein ſolches Verfahren war ſelbſt dem Gerichtsdiener zu toll, obwohl er ſchon ſo manchen Verbrecher in's Ge⸗ fängniß und zum Schafott begleitet hatte. Er ſah Jo⸗ hanna's Aufrichtigkeit und fühlte ſich von Mitleid ge⸗ gen ſie ergriffen. Sich zu ihr hin neigend gab er ihr heimlich den Rath ſich auf die allgemeine Kirche zu be⸗ rufen. Sogleich erhob ſich Johanna und ſprach mit ſanfter aber feſter Stimme: Jungfrau von Orleans. 199 „Ich berufe mich auf die allgemeine Kirche, um zu wiſſen ob ich abſchwören ſoll oder nicht.“ „Abſchwören ohne Bedingung, augenblicklich abſchwö⸗ ren ſollſt Du, oder ich ſchwöre Dir bei dem Gott des Himmels, daß Du noch vor dem Einbruch der Nacht verbrannt ſein ſollſt!“ donnerte ihr der ſchreckliche Erard zu. Da rannen der Jungfrau zwei große Thränen über die Wangen und ſie ſprach unter heftigem Schluchzen: „Nun, ſo erkäre ich, daß ich mich in allen Dingen auf meine Richter und auf die heilige Mutter Kirche verlaſſe.“ „Dann unterzeichne!“ ſagte Erard und hielt ihr ein Papier vor, welches er dem Schreiber des Königs von England(Callot) abgenommen hatte. „Was iſt das?“ fragte das Mädchen. „Der Abſchwörungsact, den man Dir ſo eben ver⸗ leſen hat und worin Du verſprichſt, keine Waffen mehr zu tragen, Dir die Haare wachſen zu laſſen und auf die Mannskleider zu verzichten.“ „Aber was man mir vorgeleſen hat, ſchien mir viel kürzer zu ſein als das da,“ entgegnete Johanna zögernd. „Nein, es iſt daſſelbe,“ ſagte der falſche Erard ohne zu erröthen, tauchte eine Feder ein, gab ſie der Bedräng⸗ ten in der Hand und legte ihr das Papier mit den Wor⸗ 200 Jungfrau von Orleans. ten vor:„Unterzeichne, und das augenblicklich, oder...“ Bei dieſen Worten gab er dem Scharfrichter einen Wink, welcher ſein Pferd rückwärts trieb, ſo daß ſein Karren bis an das Schafott heramollte. „Ach,“ ſeufzte Jeanne d'Arc,„Gott ſieht es, daß ich hier gegen Euch Alle ganz allein bin und daß es ſehr ſchändlich iſt, wenn Ihr mich hintergeht.“ Und gen Himmel blickend, als wollte ſie Gott um einen letzten Rath bitten, ſeufzte ſie nochmals tief auf, ließ dann das Haupt wieder auf die Bruſt ſinken und machte das verhängnißvolle Kreuz. Obgleich ſie ein andres Papier als das, welches man ihr vorgeleſen, unterzeichnet und durch dieſe Abſchwörung eingeſtanden hatte, daß alle ihre Handlungen gegen Gottes Rath und auf Eingebung des böſen Geiſtes ge⸗ ſchehen wären, ſo war doch jetzt ihr Leben gerettet, den das † Gutachten beſagte, daß, wenn die Angeklagte abſchwören, ſich die Haare wachſen laſſen und zu ihren weiblichen Klei⸗ dern zurücktehren würde, die Richter gegen ſie Barmherzig⸗ keit üben ſollten. Dis Franzoſen jubelten und die Engländer ſtießen drohendes Geſchrei aus, weil die einen Johanna gerettet und die andern ſie dem Tode entgehen ſahen. Der Biſchof von Beauvais geßot Schweigen und las folgendes Urtheil vor: Jungfrau von Orleans. 201 „In nomine Pomini, amen. Die Hirten der Kirche, welche das Volk Gottes zu leiten haben, müſſen getreulich wachen, daß der ſtets thä⸗ tige Teufel nicht durch ſeine Liſt die Schafe Jeſu Chriſti verführe. Da Du nun, Johanna, gewöhnlich die Jungfrau genannt, verſchiedener Verirrungen im Glauben Jeſu Chriſti überführt, da Du von Deinen Richtern lange vergeblich gewarnt worden biſt und trotz alle dem fre⸗ ventlich mit Deinem Munde geſündigt haſt, ſo verdam⸗ men wir Dich, damit Du heilſame Buße thun kannſt, zu ewigem Gefängniß mit dem Brode des Schmerzes und mit dem Waſſer der Trübſal, mit Vorbehalt jedoch unſrer mildernden Gnade, wenn Du künftighin dieſelbe durch Deine Aufführung verdienen ſollteſt.“ Hierauf erhob ſich der wilde Erard nochmals mit dem Weheruf:„Frankreich, Frankreich! Du biſt durch ein Weib verführt worden, das Dich ketzeriſch gemacht hat!“ Ihm antwortete Johanna mit feſter Stimme:„Das iſt nicht wahr! Von mir mögt Ihr ſagen was Ihr wollt, aber Frankreich iſt ein heiliges Königreich!“ S* „Schweigt, Johanna!“ rief man ihr zuz„denn die Euch erzeigte Barmherzigkeit iſt noch nicht lange genug her, als daß man ſie Euch nicht wiedernehmen könnte!“ 202 Jungfrau von Orleans. „Nun denn,“ ſagte Johanns gefaßt,„ſo ziehe man mich aus den Händen der Engländer und führe mich in die Hände der Kirche, wie man mir verheißen hat!“ Ohne auf dieſe ſehr gerechte Forderung zu hören, führte man die Jungfrau wieder in den Thurm zurück. Bald deuteten ihr mehrere ihrer Richter nebſt dem Viecar der Inquiſition an, daß ſie nun ihre Mannskleider abzu⸗ legen hätte, und überreichte ihr ein Päcktchen mit weib⸗ lichen Kleidern. Auf ihr Verlangen ward ſie allein ge⸗ laſſen, bis ſie ſich umgekleidet hatte. Hierauf traten die Engländer wieder ein, legten ihr eine Kette um den Leib, die an einem Pfahl mitten in ihrem Kerker befeſtigt wurde; des Nachts ward ſie mit zwei an den Füßen ihres Bettes befeſtigten Ketten gefeſſelt; zwei Soldaten hielten an der Thüre Wache und drei durften das Innere des Kerkers nicht verlaſſen. Als Graf Warwick den Biſchof Cauchon an der Thür des Gefängniſſes verließ, ſagte er zornig zu ihm: „Ihr ſeid ſchuld, daß die Elende dem Tode entgangen iſt.“ —„Sie iſt noch nicht gerettet,“ entgegnete der Biſchof von Beauvais und entfernte ſich gleichfalls. In der Nacht begannen die Angriffe der dafür bezahl⸗ ten Soldaten auf's neue und heftiger als je. Johanna hatte ihre weiblichen Kleider nicht abgelegt und verthei⸗ r Jungfran von Orleans. 203 digte ſich mit der höchſten Energie, obwohl ſie dabei ſo manche Wunde davon trug. Sowie nun ihre ermüdeten Wächter endlich eingeſchlafen waren, verließ ſie ihr Bett und legte die jedenfalls abſichtlich im Kerker gelaſſenen männlichen Kleider wieder an, um ſich beſſer gegen die Rohheiten der Soldaten ſchützen zu können. Als ſich nun am Morgen die Kerkerthür aufthat, ſtieß der erſte Engländer, welcher den Kopf in's Gefängniß ſteckte, einen Freudenſchrei aus: Johanna hatte ihren Schwur in Betreff der weiblichen Kleidung gebrochen und den Tod verdient! Gleich erſchien der Biſchof von Beauvais, um die Sache zu Protocoll nehmen zu laſſen. Wohl erzählte Johanna freimüthig die Urſache ihres erhabenen Mein⸗ eides und wies auch auf ihr zerfleiſchtes Geſicht, auf ihre zerquetſchten Arme hin; aber in's Protveoll kam nur Johanna's Ungehorſam. Auf der Treppe begegnete Cauchon dem Grafen von Warwick und ſagte freu⸗ dig:„Nun, Herr Graf, die Sache iſt geſchehen, alles iſt beendigt!“ Am folgenden Tage ward Johanna wieder vor Ge⸗ richt gezogen und über die Urſache ihres Ungehorſams befragt. Sie erzählte dieſelbe dem Gericht ebenſo aus⸗ führlich wie am Tage zuvor dem Biſchof von Beau⸗ 20 4 Jungfrau von Orleans. vais. Aber man ſchrieb auch hier nur die Thatſache des Ungehorſams nieder. Als dies Johanna gewahrte, da entbrannte ſie in edlem Zorn.„Wäre ich in einem⸗ geiſtlichen Gefängniſſe und durch die Diener der Kirche bewacht worden, wie man mir verheißen hat,“ rief ſie aus,„ſo hätte ſich von alle dem nichts ereignet und ich wäre nicht ſo elend als ich es jetzt bin. Ich appellire in allem, was mir deshalb begegnet, an Gott, den großen Richter aller Ungerechtigkeit!“ Alles dies konnte ihr nichts helfen, da ihr Tod be⸗ ſchloſſen und ihr gefliſſentlich herbeigeführter Ungehorſam nur der Vorwand war. Mittwochs am 30. Mai 1431 wurde wegen ihres Rückfalls in ihre alten Verirrun⸗ gen, ihrer Vosheit und teufliſchen Halsſtarrigkeit, ihrer Gotteslaͤſterungen und Ketzereien nach einer kurzen vor⸗ läufigen Berathung folgendes Urtheil gefällt: „In nomine Domini, amen. Wir Pierre(Cauchon), durch die göttliche Barm⸗ herzigkeit Biſchof von Beauvais, und Wir Bruder Jo⸗ hann Magiſtri, Viear des Glaubensinquiſttors, ſpre⸗ chen zu Recht: Nachdem Du, Johanna, genannt die Jungfrau, in verſchiedene Irrthümer und Verbrechen der Abtrünnigkeit und Abgötterei, der Anrufung des Teufels und mehrerer andrer Niſſethaten verſunken warſt und d — Jungfrau von Orleans. 205 wir Dich deshalb durch gerechtes Urtheil bereits für ab⸗ trünnig und abgöttiſch erklärt hatten, nachdem Du fer⸗ ner, als Dir die heilige Kirche ihre Arme erbarmungs⸗ reich geöffnet, eidlich angelobt hatteſt niemals wieder in eine Deiner Ketzereien zurückzuverſinken, iſt Letzteres den⸗ noch geſchehen wie bei einem Hunde, der in ſeinen Hun⸗ deſtall zurückzukehren gewohnt iſt. Aus dieſer Urſache erklären wir Dich der Strafe des Bannes verfallen, welche Du zuvor verdient hatteſt, und in Deine frühern Verir⸗ rungen zurückverſunken, erklären wir Dich als Ketzerin, aus der Gemeinſchaft der Kirche verſtoßen und der welt⸗ lichen Gerechtigkeit überliefert, welche wir bitten, Dich auf milde und ſchonende Weiſe entweder mit Verluſt des Lebens oder einiger Gliedmaßen zu beſtrafen.“ Noch an demſelben Tage, um 11 Uhr MWorgens, ward der Jungfrau dieſes Urtheil vorgeleſen. 12. Kurz iſt der Schmerz und ewig iſt die Freude. Schiller. Johanna hörte ihre Verurtheilung mit ziemlicher Faſſung an; denn einmal war ſie ſchon durch ihre B 206 Jungfrau von Orleans. Stimmen von ihrem nahe bevorſtehenden Tode benach⸗ richtigt und dann hatte ſie in ihrer ſiebenmonatlichen Ge⸗ fangenſchaft bei den Engländern ſo große Qualen erdul⸗ det, daß ſie den Tod ſelbſt herbeiwünſchte. Da in ihrem Urtheil die Todesart nicht ausgedrückt war, ſo fragte ſie danach und erhielt zur Antwort, daß ſie dem Feuertode entgegengehe. Entſetzt bebte ſie zurück, denn aus Furcht vor den Flammen war ſie ihren Stimmen untreu gewor⸗ den und hatte die Abſchwörung ausgeſprochen.„Ach,“ rief ſie ſchmerzvoll aus,„meinen Leib, den nichts befleckt hat, in Aſche zu verwandeln! Schnitte man mir doch lie⸗ ber den Kopf ab! Hätte man mir meine Bitte gewährt mich von den Dienern der Kirche bewachen zu laſſen, ſo wäre dies alles nicht geſchehen!“ Cauchon trat mit mehreren Richtern in's Gefängniß. „Ach, Biſchof,“ rief ihm Johanna zu,„ich ſterbe durch Euch, durch Euch ſterbe ich! Ihr habt eine ſchwere Ver⸗ antwortung auf Euch genommen, indem Ihr mich eines ſo grauſamen Todes ſterben laßt!“ Dann fügte ſie zu einem Beiſitzer gewendet hinzu:„O Meiſter Pierre, wo werde ich heute ſein?“—„Setzt Ihr Eure Hoffnung nicht auf Gott?“ fragte dieſer zurück.„Doch,“ erwie⸗ derte ſie;„mit Gottes Hülfe hoffe ich in's Paradies ein⸗ zugehen.. aber durch Flammen!... mein Gott, mein tr m — NM—— NW Jungfrau von Orleans. 207 Gott!“—„Nur Muth, Johanna,“ ſagte der Beiſitzer, „faßt nur guten Muth!“—„Ach, ich würde mehr Muth haben, wenn man mir einen guten Prieſter gäbe, dem ich beichten könnte...“ Ueber dieſen letzten Wunſch der Jungfrau beriethen ſich die Richter und beſchloſſen ihr einen zu ſenden. Jo⸗ hanna dankte erfreut und bat um den Bruder Lohſe⸗ leur; da dieſer aber von Gewiſſensbiſſen gepeinigt ſchon ein paarmal in Johanna's Geſängniß hatte dringen wollen, um ihr alles zu bekennen und ihre Verzeihung zu erflehen, ſo antwortete man ihr, daß Lohſeleur ab⸗ gehalten ſei, ſandte ihr aber(ielleicht in einer Anwand⸗ lung von Furcht wegen der Verantwortlichkeit, die Jo⸗ hanna über ihr Haupt herabbeſchworen hatte) drei ihr freundlich geſinnte Männer, die ſich während der Ver⸗ handlungen öfter für ſie verwendet hatten; es waren: der Gerichtsdiener Maſſieu, der Beiſitzer La Pierre und der Bruder Martin Ladvenu. Sobald Johanna dieſe drei Männer erblickte, ſagte ſie zu ihnen:„Ihr wißt, daß meine Richter Erbarmen mit mir gehabt haben und mir zu beichten erlauben.“ „Sie thun noch mehr,“ antwortete Ladvenu näher tretend,„ſie erlauben, daß ich Euch das heilige Abend⸗ mahl Keiche.“ 208 Jungfrau von Orleans. „Gott ſei geprieſen!“ rief Johanna freudig aus; „ſeit ſieben Monaten habe ich den koſtbaren Leib unſres Herrn Jeſu Chriſti nicht empfangen.“ Zugleich warf ſie ſich an ihrem Pfahle auf die Knie, denn wegen der ihren Leib umſpannenden Kette konnte ſie nicht vom Platze, und legte die Beichte einer Heili⸗ gen ab. Mit großer Einfachheit und Würde erzählte ſie ein Leben voller Reinheit und Hingebung, welches durch die fürchterlichſte Todesſtrafe ein Ende nehmen ſollte. Die drei Zuhörer brachen in Thränen aus. Nach der Beichte erhielt ſie das heilige Saerament und betete dann unter dem Beiſtande des Bruders Martin unausgeſetzt. Um 2 Uhr hörte Johanna das Rollen des Karrens und das Geſchrei der Engländer. Sie merkte, daß der Augenblick des Aufbruchs gekommen ſei. Gleich darauf trat ein Wächter in den Kerker und nahm ihr die Kette ab, zwei andre Wächter brachten ihr andre weibliche Kleidung, die ſie im dunkelſten Winkel des Gefängniſſes anlegte, hierauf band man ihr die Hände und legte ihr um die Beine eiſerne Ringe, die durch eine kurze Kette verbunden waren. Endlich verließ ſie das Gefängniß. Neben ihr gingen Maſſien und Ladvenu, vor ihr aber der Beiſitzer La Pierre, welcher ſie vor den Be⸗ ſchimpfungen der Engländer zu ſchützen ſuchte. Als ſie — ——— Jungfrau von Orleans. 209 an die Thür kam, hörte ſie eine kläglich flehende Stimme. Es war die Lohſeleur's, welcher ſich den Händen der Wache zu entreißen ſuchte, denn er wollte den Karren beſteigen und Johanna's Verzeihung erflehen; da aber die Engländer ihr ſchändliches Proeeßverfahren verrathen und wohl gar einen Aufſtand zu Gunſten der Verurtheil⸗ ten ausbrechen zu ſehen fürchteten, ſo hielten ſie den Reuigen mit Gewalt zuruͤck. Kaum hatte ſich indeſſen der Karren in Bewegung geſetzt, ſo entſchlüpfte der Un⸗ glückſelige den Händen ſeiner Wächter und ſchrie hinter dem Karren her:„Gnade, Barmherzigkeit, Johanna! Gott verleihe mir langes Leben, damit ich meine Sünden durch eine Buße ſühne, welche der Größe meines Ver⸗ brechens gleich iſt!“ Johanna wußte nicht was ſie davon denken ſollte, bis ihr Bruder Martin die Sache auseinanderſetzte. Sogleich ſtand ſie auf und rief:„Bru⸗ der Lohſeleur, ich vergebe Euch! Bittet Gott für mich!“ Hierauf fiel der reuige Miſſethäter mit dem Antlitz zur Erde und wollte ſich von den Roſſen der Engländer zer⸗ ſtampfen laſſen. Die Engländer mußten ihn mit Gewalt auf die Seite ſchaffen, damit er die ohnehin bedenkliche Aufregung der Volksmenge nicht noch ſteigere. Das Gedränge war ſo arg, daß der Zug vom Gefängniſſe bis auf den Altmarkt anderthalb Stunden Jungfrau von Orleans. 14 210 Jungfrau von Orleaus. Zeit brauchte. Dort angekommen, rief Johanna aus: „O Rouen, in deinen Mauern alſo muß ich ſterben!“ Es ſtanden auf dem Platze drei Gerüſte: eins für die Richter und Beiſitzer, ein andres für Johanna und ein drittes für die Hinrichtung. Das arme Schlachtopfer erbebte beim Anblick des Scheiterhaufens und wandte den Kopf ab. Erſt durch die Rede des frommen Beichtvaters, welcher ihr das Crucifir zum küſſen vorhielt, gewann Johanna wieder Faſſung genug, um den Scheiterhaufen zu betrachten. Nachdem ſie mühſam(denn ihre Füße waren eng zuſammengeſchloſſen) auf das ihr beſtimmte Gerüſt geſtiegen war, las ihr der Prieſter Miſi eine Rede voller Schmähungen vor, während ſie inbrünſtig betete und in kurzen Zwiſchenräumen das Crucifir küßte. Der Prieſter beſchloß ſeine lügenhafte Rede mit den Worten:„Geh in Frieden! Die Kirche kann Dich nicht mehr ſchützen und übergiebt Dich den weltlichen Händen.“ Nachdem nun der Biſchof das Urtheil nochmals ver— leſen hatte, warf ſich Johanna auf die Knie, betete abermals, ſtreckte dann die gebundenen Hände nach der verſammelten Volksmenge aus und erſuchte ſowohl Eng⸗ länder als Franzoſen für ſie zu beten. Zugleich befahl der Bailly dem Scharfrichter ſich der Verurtheilten zu bemächtigen und ſie auf den Scheiterhaufen zu führen —— —— ——— S—— 3 7 Jungfrau von Orleans. 211 Dieſer aber, gerührt durch Johanna's glaubensvolle Gebete, verlängerte ſeine Vorbereitungen gefliſſentlich um ſie nicht in ihrer Andacht zu ſtören. Unter den Anwe⸗ ſenden vernahm man lautes Weinen und Schluchzen. Als die Rädelsführer dieſes Juſtizmordes ſolche Zeichen der Theilnahme ſahen, fürchteten ſie mehr als je einen Aufſtand und trieben den Scharfrichter dermaßen zur Eile, daß dieſer nicht länger zu widerſtehen vermochte. Da bemächtigten ſich ihrer die Wachen, ſetzten ihr eine ſpitige Mütze auf's Haupt, worauf geſchrieben ſtand: „Ketzerin, Rückfällige, Abtrünnige und Abgöttiſche“ und ſchleppten ſie nach dem Schafotte hin. Am Fuße des Scheiterhaufens warfen ſie die Jungfrau in die Hände des Scharfrichters und riefen ihm zu:„Verrichte Dein Amt!“ Johanna aber wandte ſich mit der Bitte um: „Verlaßt mich nicht, Vater Martin.“ Und der ehrwür⸗ dige Mann begleitete ſie auf den Scheiterhaufen. Da ſie ſich wegen ihrer Feſſeln nicht gut bewegen konnte, ſo ward ſie vom Prieſter, vöin Scharfrichter und deſſen Ge⸗ hülfen mehr heraufgehoben dnß ſie ging. Mitten auf dem Scheiterhaufen ragte ein hoher Pfahl empor, an welchen Johanna gebunden wurde. Sie leiſtete keinen Widerſtund, ſondern rief während der Be⸗ ſchäftigung des Scharfrichters den Umſtehenden mit lauter 14* 212 Jungfrau von Orleans. Stimme zu:„Ihr Alle, die Ihr hier ſeid und an Gott glaubt, betet für mich!“ Nachdem der Scharfrichter ſein Werk verrichtet hatte, verließ er mit ſeinem Gehülfen das Schafott und Bruder Martin blieb noch allein bei der Dulderin; La Pierre und Maſſieu aber riefen ihr von unten zu:„Nur Muth, Johanna, Gott wird Dir beiſtehen!“ Jetzt näherte ſich der Scharfrichter mit einer Fackel dem Scheiterhaufen, an deſſen vier Ecken Harz und andre leicht entzündliche Materien angehäuft waren. Das Feuer leckte raſch am Holzſtoß empor und verbreitete ſich mit ungeheurer Schnelligkeit. Bruder Martin war noch ganz in ſeine frommen Verrichtungen vertieft, als ihm Johanna plötzlich zurief:„Um Gottes Willen, mein Vater, nehmt Euch in Acht! Die Flamme wirv gleich Euer Gewand erfaſſen! Steigt hinab, ſteigt ſchnell hinab! Haltet mir immer das Crucifir vor bis ich ſterbe!“ Der fromme Martin ſtieg hinab und that wie ihm die Jungfrau geheißen hatte. Zugleich ſtieg auch der Biſchof von Beauvais von ſeinem Gerüſte herab, man weiß nicht warum, und ſchritt auf den Scheiterhaufen zu. Als Johanna ſeiner anſichtig ward, rief ſie aus„Bi⸗ ſchof, Biſchof, ich ſterbe durch Euch! Ihr wißt das wohl!“ Jetzt füͤhlte ſie bereits die Hitze der Flamme und — Jungfrau von Orleans. 213 — rief abermals:„O Rouen, ich beſorge ſehr, Du werdeſt für meinen Tod zu leiden haben!“ Die Flamme war der Märthrin ſchon ganz nahe und der Rauch bildete zwiſchen ihr und den Zuſchauern eine Art Vorhang. So oft der Wind den Rauch etwas ver⸗ trieb, ſah man die Jungfrau ihre Augen gen Simmel richten, während ſie mit lauter Stimme zu Gott rief. Plötzlich folgte die Flamme dem Rauche; man hörte ſie noch den Namen Jeſus ausrufen und zuletzt einen Schrei der Todesangſt. Ihre reine Seele ſchwang ſich zum Him⸗ mel empor. Sowie der Scharfrichter ſah, daß Johanna den Geiſt aufgegeben hatte, ſchritt er auf Ladvenu zu und ſprach mit beſorgter Miene„Glaubt Ihr auch, daß mich Gott nicht für das Leid beſtraft, welches ich dieſer Hei⸗ ligen angethan habe?“ „Ihr ſeid nur das Werkzeug,“ antwortete Ladvenu, „und Gott wird das Werkzeug, welches geſchlagen, von dem Arme, welcher es geleitet hat, zu unterſcheiden wiſſen.“ Hierauf ſtieg der Henker am Schafott empor und be⸗ merkte, daß Johanna's Herz trotz dem Schwefel, den Kohlen und dem Oel, die er auf ihrer Bruſt angebracht hatte, von der Flamme nicht berührt und ganz blutig war. 21¹ Jungfrau von Orleans. So etwas war ihm in ſeiner neunzehnjährigen Amts⸗ praxis nicht vorgekommen. Das Mitleiden, welches der Scharfrichter empfunden, hatte noch viele andre Perſonen ergriffen. Schon als der Scheiterhaufen in Brand geſteckt wurde, hatten ſich meh⸗ rere Beiſitzer und u. a. Houppeville, Migot, Fa⸗ brh, Riquier und Mauchon entfernt, weil ſie nach ihrer Aeußerung ein ſolches Schauſpiel nicht ertragen könnten. Mauchou, der apoſtoliſche Notar, erklärte, er habe noch bei keinem Unglücksfalle, der ihm zugeſtoßen, ſo viele Thränen vergoſſen; er kaufte dann für einen Theil ſeiner Proceßgebuͤhren ein Meßbuch, aus welchem er ſeine ganze übrige Lebenszeit für Johanna betete. In dem Augenblicke als die Märthrin verſchied, hörte man Jean de la Pie, Domherrn von Rouen ausrufen: „Mein Gott, mein Gott, gewähre mir die Gnade meine Seele im Augenblicke meines Todes an den Ort zu ver⸗ ſetzen wo ſich die Johanna's befindet!“ Der Schreiber des Königs von England kehrte nach der Hinrichtung wieder nach Hauſe zurück, indem er ſagte: „Wehe, wehe uns! Wir haben eine Heilige verbrannt, deren Seele im Paradieſe iſt!“ Ein Engländer und zwar einer der wüthendſten Feinde Johanna's, welcher einſt geſagt hatte er werde am Jungfrau von Orleans. 215 Todestage des Mädchens ein Bündel Holz zu ihrem Scheiterhaufen tragen, kam wirklich damit gegangen, als ihm plötzlich die Füße den Dienſt verſagten; die Hände gegen Johanna ausgeſtreckt, ſank er auf die Knie und rief um Gnade. Man eilte dem halb Ohnmächtigen zu Hülfe, der nun laut erklärte, er habe in dem Augenblicke, wo die Jungfrau den Namen Jeſus ausgerufen, eine Taube aus dem Feuer kommen und gen Himmel ſteigen ſehen, und dies ſei offenbar die Seele der Märthrin ge⸗ weſen. Da alles dies bald bekannt wurde, ſo fürchtete der Cardinal von England, man möchte leicht auf den Ge⸗ danken kommen Reliquien von der Jungfrau zu ſammeln, um Wunder damit zu verrichten. Er ließ ſich daher das unberührt gebliebene Herz aushändigen, die Aſche ihres Leibes mit der des Scheiterhaufens vermiſchen und von der Brücke hinab in den Wind ſtreuen, damit ſie auf dieſe Weiſe von der Seine nach dem Ocean geführt werde. Solches alles begab ſich am 30. Mai 1431. Ende. Druck von C. P. Melzer in Leipzig. ſſſſſſſſſſ 16 17 18