dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für Schentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Die drei Freunde folgten ihm ſchweigend, bis ſie, nachdem ſie einen gro⸗ ßen Halbkreis beſchrieben, das Städtchen weit hinter ſich gelaſſen hatten. „Diesmal,“ ſagte dArtagnan, als er ſich ferne genug von dem Ausgangspunkte meinte, um vom Ga⸗ lopp in den Trab überzugehen,„diesmal glaube ich, daß entſchieden Alles verloren iſt und daß wir nichts Beſſeres thun können. als uns nach Frankreich wenden. Was ſagt Ihr zu dem Vorſchlage, Athos, findet Ihr ihn nicht vernünftig?“ „Ja, theurer Freund,“ erwiederte Athos,„aber Ihr habt einſt ein edleres, vernünftigeres Wort aus⸗ geſprochen, Ihr ſagtet:„Wir werden hier ſterben.““ Ich erinnere Euch an dieſes Wort.“ „Oh!“ rief Porthos,„der Tod iſt nichts, und er ſoll uns auch nicht beunruhigen, weil wir nicht wiſſen, was er iſt, aber der Gedanke einer Niederlage peinigt mich. Nach der Wendung der Dinge ſehe ich ein, daß wir mit London, mit den Provinzen, mit ganz Eng⸗ land zu kämpfen haben und am Ende kann es nicht ſeh⸗ len, daß wir geſchlagen werden.“ „Wir müſſen dieſem großen Trauerſpiele bis zum Schluſſe beiwohnen,“ ſprach Athos,„und werden, was auch kommen mag, vor ſeiner völligen Entwickelung England nicht verlaſſen. Denkt Ihr wie ich, Aramis?“ „In jeder Beziehung, Graf; dann geſtehr ich Euch auch, es wäre mir nicht unangenehm, Mordaunt wie⸗ derzufinden; es ſcheint mir, wir haben eine Rechnung mit ihm in Ordnung zu bringen, und es iſt nicht un⸗ ſere Gewohnheit, ein Land zu verlaſſen, ohne ſolche Schulden zu bezahlen.“ „Oh! das iſt etwas Anderes,“ ſprach v'Artagnan, * ————— „dieſer Grund leuchtet mir ganz ein. Ich bekenne, daß ich, um den fraglichen Mordaunt wieder zu finden, wenn es ſein ſoll, ein ganzes Jahr in London bleiben werde⸗ Nur müſſen wir uns bei einem ſichern Manne und ſo einquartieren, daß kein Verdacht davurch erregt wird, denn Herr Cromwell muß uns zu dieſer Stunde ſuchen laſſen, und ſo viel ich zu beurtheilen vermag, ſpaßt Herr Cromwell nicht. Athos, kennt Ihr in der ganzen Stadt eine Herberge, wo man weiße Leintücher, ver⸗ nünftig gekochtes Roſtbeef und Wein findet, der nicht von Hopfen oder Wachholder bereitet iſt?“ „Ich glaube hiefür ſorgen zu können,“ erwiederte Athos.„Lord Winter hat uns zu einem Manne ge⸗ führt, von dem er ſagte, er wäre ein ehemaliger Spanter und nur durch die Guineen ſeiner Lands⸗ e naturalifirter Engländer. Was meint Ihr, Ara⸗ mis?“ „Der Gedanke, unſer Quartier bei Sennor Perez zu nehmen, ſcheint mir äußerſt vernünftig; ich trete demſeiben alſo für meine Perſon bei. Wir beruſen uns auf den armen Winter, für den er eine große Verehrung zu hegen ſchien; wir ſagen, wir kommen als Liebhaber, um zu ſehen, was vorgehe; wir geben bei ihm jeder eine Guinee im Tage aus und mit Hülſe — —— n n ſe 9 dieſer Vorſichtsmaßregeln können wir, glaube ich, ziem⸗ lich ruhig bleiben.“ „Ihr vergeßt eine Vorſicht, Aramis, und zwar eine wichtige.“ „Welche 2“ „Wir müſſen die Kleider wechſeln.“ Bah!“ ſprach Porthos,„warum vie Kleiber wech⸗ ſeln? wir find ganz bequem in dieſen.“ 3 „Um nicht erkannt zu werden,“ verſetzte d'Artag⸗ nan.„Unſer re Kleider haben einen Sc hnitt und beinahe eine gleichmäßige Farbe, wodurch fich der Franchman beim erſten Blicke verräth. Es iſt mir aber nicht ſo viel an dem Schnitte meines Wammſes und an der Farbe meiner Beinkleider geleſen, daß ich ihnen zu Liebe mich der Gefahr ausſetzen ſollte, in Tyburn gehängt zu werven oder eine Reiſe nach Indien zu machen. Ich will mir ein kaſtanienbraunes Kleid kaufen, denn ich habe geſehen, voß alle die Dummköpfe von Puri⸗ tanern dieſe Farbe wahnfinnig lieben.“ „Aher werdet Ihr Eueren Mann wiederfinden?“ ſagte Aramis. „Oh! gewiß er wohnte Green⸗Hall⸗Street, Bed⸗ ford's Tavern; überdies gehe ich mit geſchloſſenen Au⸗ gen in die Cité.“ „Ich wollte, wir wären ſchon vort,“ verſetzte d'Artagnan,„und meiner Meinung nach wäre es das Beſte, wenn wir London vor Tag erreichten, und ſoll⸗ ten wir auch unſere Pferde zu Tode reiten.“ „Vorwärts!“ rief Athos,„denn wenn mich meine Berechnung nicht täuſcht, find wir höchftens acht bis zehn Stunden davon entfernt.“ Die Freunde gaben ihren Pferden die Sporen und ka⸗ men wirklich gegen fünf UhrMorgens nach London. Bei dem Thore hielt man ſie an und Athos antwortete in vortrofflichem Engliſch, ſie wären von dem Oberſten Harrtſon abgeſchickt, um ſeinen Collegen, Herrn Pridge, von ver nahe bevorſtehenden Ankunſt des Königs zu 10 benachrichtigen. Dieſe Antwort hatte einige Fragen über die Gefangennehmung des Königs zur Folge; Athos gab jedoch die Umſtände ſo genau und ſo be⸗ ſtimmt an, daß, wenn die Thorwächter einen Verdacht gehabt hätten, derſelbe völlig verſchwunden ſein müßte. Der Durchgang wurde alſo den vier Freunden mit allen Arten puritaniſcher Glückwünſche geöffnet. Athos hatte die Wahrheit geſagt: er ritt gerade auf Bedford's Tavern zu und gab ſich dem Wirth zu erkennen, der ſo ſehr erfreut wat, ihn in ſo zahl⸗ reicher und ſo ſchöner Geſellſchaft wiederzuſehen, daß ies ſeine beſten Zimmer in Bereitſchaft ſetzen eß. Obgleich es noch nicht Tag war, ſo hatten die vier Freunde doch die ganze Stadt in größter Bewegung gefunden. Das Gerücht, daß ſich der König, von dem Oberſten Harriſon geführt, der Hauptſtadt nähere, hatte ſich ſchon am Abend verbreitet und Viele waren noch nicht zu Bette gegangen, aus Furcht, der Stuart, wie ſie ihn nannten, würde bei Nacht ankommen, und ſie könnten ſeinen Einzug verfehlen. Der Plan, die Kleider zu wechſeln, war, wie man ſich erinnert, abgeſehen von dem kleinen Wiber⸗ ſpruche von Porthos, allgemein angenommen worden. Man beſchäftigte ſich alſo damit, denſelben in Aus⸗ führung zu bringen. Der Wirth ließ ſich Kleider von allen Sorten bringen, als wollte er ſeine Garderobe neu ausſtatten. Athos nahm ein ſchwarzes Kleid, das ihm das Ausſehen eines ehrbaren Bürgers verlieh; Aramis, der ſich nicht vom Schwerte trennen wollte, wählte ein dunkelgrünes Kleid von militäriſchem Schnitte; Porthos ließ ſich durch ein rothes Wamms und grüne Hoſen verführen; d'Artagnan, deſſen Farbe zum Voraus beſtimmt war, hatte ſich nur noch um die Nuance zu bekümmern und ſtellte unter dem ka⸗ ſtanienbraunen Rocke, den er ſich ausſuchte, ziemlich —— c-— —— c———— S—— — — —* w S—» 6 — ¹1 genau einen Zuckerhändler vor, der fich vom Geſchäſte zurückgezogen. Grimaud und Mousqueton trugen keine Livree mehr und waren auf dieſe Art völlig verkleidet. Gri⸗ maud bot den ruhigen, ſteifen Typus des umſichtigen Engländers, Mousqueton den des dickbäuchigen, auf⸗ gedunſenen, trägen Engländers. „Nun zur Hauptſache,“ ſagte dArtagnan;„ſchnei⸗ den wir die Haare, um nicht von dem Pöbel beſchimpft zu werden. Da wir keine Edelleute mehr durch das Schwert ſind, ſo wollen wir Puritaner durch den Schnitt unſerer Haare ſein. Das iſt, wie Ihr wißt, der wichtige Punkt, der den Convenanter von dem Ritter unterſcheidet.“ D'Artagnan fand Aramis in dieſer Sache ſehr unnachgiebig; er wollte mit aller Gewalt ſeine ſchönen Haupthaare behalten, auf die er die größte Sorgfalt verwandte, und Athos, für den alle dieſe Fragen gleich⸗ gültig waren, mußte das Beiſpiel geben. Porthos überließ ohne Widerſtreben ſeinen Kopf dem getreuen Mousqueton, der mit voller Scheere in das dicke, rauhe Haar fuhr. D'Artagnan ſchnitt ſich ſelbſt einen Phan⸗ tafiekopf, wornach er ziemlich viel Aehnlichkeit mit einer Medaille aus der Zeit von Franz I. und Karl IX. hatte. „Wir ſehen abſcheulich aus,“ ſagte Athos. „Mir kommt es vor, als ob wir nach dem Puri⸗ taner röchen, daß es einem übel werden könnte,“ ver⸗ ſetzte Aramis. „Mich friert in den Kopf,“ rief Porthos. „Und ich bekomme Luſt zu predigen,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. „Run, da wir uns ſelbſt nicht mehr erkennen,“ ſprach Athos,„und folglich nicht bange haben, wir könnten von Andern erkannt werden, wollen wir den König einziehen ſehen; iſt er die ganze Nacht marſchirt, ſo muß er unfern von London ſein.“ Die vier Freunde hatten ſich wirklich nicht zwei 12 Stunden unter die Menge gemiſcht, als ein gewaltiges Geſchrei und eine große Bewegung die Ankunſt des Königs verkündigten. Man hatte ihm einen Wagen entgegengeſchickt, und ver rieſige Porthos, welcher alle Köpfe um einen Kopf überragte, kündigte von ferne an, er ſehe die königliche Carroſſe kommen; d'Artagnan er⸗ hob ſich auf den Fußſpitzen, während Athos und Aramis horchten, um die öffentliche Stimmung zu erforſchen. Wan erblickte Harriſon an einem Kutſchenſchlage und Wordaunt an dem andern. Das Volk, deſſen Eindrücke Athos und Aramis ſtu⸗ dirten, ergoß ſich in tauſenverlei Verwünſchungen gegen den König. Athos kehrte in Verzweiflung zurück. „Mein Lieber,“ ſagte d'Artagnan zu ihm,„Euere Beharrlichkeit iſt vergeblich, ich ſchwöre Euch, die Lage der Dinge iſt ſehr ſchlimm. Ich meiner Seits halte nur Eueretwegen und aus einem gewiſſen Standes⸗ intereſſe als Musketier bei der Sache aus, denn ich finde, es wäre luftig, allen dieſen Brüllern ihre Beute zu ent⸗ reißen und fie zu verböhnen. Ich werde mir die Sache überlegen.“ Schon am andern Morgen hörte Athos an dem Fenſter ſtehend, das nach den volkreichſten Quartieren der City ging, die Bill des Parlaments ausrufen, welche ven Erkönig Karl I., angoblich des Verraths und Mißbrauchs der Gewalt ſchuldig, vor die Schran⸗ en zog. DArtagnan war in ſeiner Nähe, Aramis betrach⸗ tete eine Karte, Porthos wurde von ben letzten Lecker⸗ biſſen eines ſaftigen Frühſtücks in Anſpruch genommen. „Das Parlament!“ rief Athos,„das Parlament kann unmöglich eine ſolche Bill erlaſſen haben.“ „Hört,“ ſprach dArtagnan,„ich verſtehe wenig Engliſch, aber da das Engliſche nur ſchlecht ausge⸗ ſprochenes Franzöſiſch it, ſo verftehe ich doch Parliamerte ſyr tiges des agen alle e an, mer⸗ amis hen. und ſtu⸗ gen tere age alte es⸗ ide, nt⸗ che em ren en, nd n⸗ r⸗ n. nt ig P⸗ 8 13 pill, das heißt Bill des Parlaments, Gott ſoll mich vervammen, wie ſie hier zu Lande ſagen.“ In dieſem Augenblick trat der Wirth ein; Athos bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge näher kommen. „Hat das Parlament dieſe Bill erlaſſen?“ fragte er in engliſcher Sprache. „Ja, Mylord, das reine Parlament.“ „Wie, das reine Parlament? Es gibt alſo zwet Parlamente?“ „Mein Freund,“ unterbrach ihn d'Artagnan,„da ich im Engliſchen nicht bewandert bin, wir aber Alle Spaniſch verſtehen, ſo macht uns das Vergnügen, uns in dieſer Sprache zu unterhalten, welche Ihr, da fie die Euerige iſt, gerne ſprechen müßt, wenn Ihr Gelegen⸗ heit dazu findet.“ „Ah! das iſt vortrefflich,“ ſagte Aramis. Was Porthos betrifft, ſo blieb ſeine ganze Auf⸗ merkſamkeit, wie geſagt, auf ein Cotelettebein gerichtet, das er ſeiner fleiſchigen Hülle zu berauben beſchäftigt war. „Ihr fragtet alſo?“ ſagte der Wirth ſpaniſch. „Ich fragte,“ erwiederte Athos in derſelben Sprache, „ob es zwei Parlamente, ein reines und ein unreines gebe?“ „Oh! was das ſeltſam iſt,“ ſagte Porthos, lang⸗ ſam den Kopf erhebend und ſeine Freunde mit erſtaun⸗ ter Miene anſchauend;„ich verſtehe alſo das Engliſche jetzt, ich begreife, was Ihr ſprecht.“ „Weil wir Spaniſch ſprechen, lieber Freund,“ er⸗ wiederte Athos mit ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit. „Ah! Teufel,“ rief Porthos,„das iſt mir leid, es wäre eine Sprache mehr für mich geweſen.“ „Wenn ich ſage, das reine Parlament, Sennor,“ verfetzte der Wirth,„ſo verſtehe ich darunter das von dem Oberſten Pridge gereinigte.“ „Ah! in der That, dieſe Leute ſind ſehr erfinderiſch,“ ſprach dArtagnan;„wenn ich nach Frankreich zurück⸗ 14 komme, muß ich dieſes Mittel Herrn von Mazarin und dem Herrn Coadjutor mittheilen. Der Eine wird im Namen des Hofes, der Andere im Namen des Volkes reinigen, und ſo wird es gar kein Parlament mehr geben.“ „Wer iſt der Oberſte Pridge?“ fragte Aramis,„wie hat er es gemacht, um das Parlament zu reinigen?“ „Der Oberſte Pridge,“ antwortete der Spanier, „iſt ein ehemaliger Kärrner, ein Mann von viel Geiſt, der ſeinen Karren führend Eines wahrnahm, nämlich: daß es, wenn ſich ein Stein auf ſeinem Wege fand, viel kürzer war, den Stein wegzunehmen, als es zu verſuchen, das Rad darüber gehen zu laſſen. Von zwei hundert ein und fünfzig Mitgliedern, aus denen das Parlament beſtand, waren ihm nun hundert und ein und achtzig hinderlich und hätten können ſeinen politiſchen Karren umwerfen. Er nahm ſie, wie früher die Steine, und warf ſie aus der Kammer.“ „Hübſch,“ ſagte d'Artagnan, der vor Allem ein Menſch von Witz war und den Witz auch überall hoch⸗ ſchätzte, wo er ihn fand. „Und alle dieſe Ausgetriebenen waren Stuartiſten?“ fragte Athos? „Allerdings, Sennor; Ihr begreift, daß ſie den König gerettet hätten.“ „Bei Gott,“ ſprach Porthos mit großartigem Tone, „fie bildeten die Majorität.“ „Und Ihr denkt, er werde ſich herablaſſen, vor ei⸗ nem ſolchen Parlamente zu erſcheinen?“ ſagte Aramis. „Er wird wohl müſſen,“ erwiederte der Spanier; „verſuchte er Widerſtand, ſo würde ihn das Volk zwingen.“ „Ich danke, Meiſter Perez,“ ſprach Athos,„ich bin nun hinreichend unterrichtet.“ „Glaubt Ihr endlich, daß es eine verlorene Sache iſt, ſagte d'Artagnan,„und daß wir mit den Harri⸗ ſon, den Joyce, den Pridge und Cromwell nie uns meſſen können?“ und im lkes tehr wie 2 ier, eiſt, ich: ind, zu wei das und hen ine, ein och⸗ 2 den ne, ei⸗ is. 3 n.“ ich che ri⸗ ns 15 „Der König wird dem Parlament überantwortet werden,“ ſagte Athos;„das Stillſchweigen ſeiner Par⸗ teigänger verkündet ein Komplott.“ DArtagnan zuckte die Achſeln. „Aber wenn ſie es wagen, ihren König zu ver⸗ urtheilen, ſo werden ſie ihn höchſtens zur Verbannung oder zum Gefängniß verurtheilen.“ D'Artagnan pfiff ſeine Ungläubigkeits⸗Melodie. „Wir werden es wohl ſehen,“ ſprach Athos,„denn ich denke, wir gehen in die Sitzungen.“ „Ihr habt nicht lange zu warten,“ verſetzte der Wirth,„ſie beginnen morgen.“ „Ah!“ rief Athos,„der Prozeß wurde alſo inſtruirt, ehe der König gefangen war?“ „Allerdings, man fing an dem Tage an, an wel⸗ chem man ihn erkauft hatte.“ „Ihr wißt,“ ſagte Aramis,„daß unſer Freund Mordaunt, wenn auch nicht den Vertrag abgeſchloſſen, doch wenigſtens die erſten Unterhandlungen in dieſer Angelegenheit eröffnet hat.“ „Ihr wißt,“ ſprach d'Artagnan,„daß ich dieſen Herrn Mordaunt tödte, wo er mir in die Hände fällt.“ „Pfui!“ rief Athos,„einen ſo elenden Menſchen.“ „Gerade weil er ein Elender iſt, tödte ich ihn,“ entgegnete d'Artagnan.„Ah, lieber Freund, ich füge mich genugſam Euerem Willen, daß Ihr etwas nach⸗ ſichtig gegen den meinigen ſein müßt. Uebrigens er⸗ kläre ich diesmal, mag es Euch gefallen oder nicht, daß er nur von mir getödtet werden wird.“ „Und von mir,“ ſagte Porthos. „Und von mir,“ verſetzte Aramis. „Rührende Einhelligkeit,“ rief d'Artagnan,„wie es ſich für gute Bürger unſerer Art geziemt. Laßt uns einen Gang durch die Stadt machen; Mordaunt wird uns ſelbſt auf drei Schritte bei dieſem Nebel nicht erkennen. Laßt uns ein wenig Nebel trinken.“ 16 „a, ſprach Porthos, das iſt eine Abwechſelung vor Biere.“ Und die vier Freunde gingen wirklich aus, um, wie man gewöhnlich ſagt, Luft zu ſchöpfen. II. Ver Prozeß. Am anvern Tage führte eine zahlreiche Wache Farl I. vor den hohen Gerichtshof, der ſein Urtheil fällen ſollte. Das Volk belagerte die Straßen und füllte die Häuſer in der Nähe des Palaſtes; die vier Freunde wurden auch bei den erſten Schritten, die ſie machten, durch das beinahe unüberwindliche Hinderniß le⸗ bendigen Mauern aufgehalten; einige kräftige, zänkiſche Menſchen ſtießen ſogar Aramis ſo heftig zurück, daß Porthos ſeine furchtbare Hand aufhob und auf das mehlige Geſicht eines Bäckers fallen ließ, welches, zer⸗ quetſcht wie eine reife Weintraube, ſogleich die Farbe veränderte und ſich mit Blut bedeckte. Dieſe Sache machte großen Lärmen; drei Männer wollten ſich auf Porthos ſtürzen; aber Athos beſeitigte den einen, d'Artagnan den andern und Porthos warf den dritten über ſeinen Kopf. Einige engliſche Liebhaber des Fauſt⸗ kampfes würdigten die raſche und leichte Weiſe, wie dieſes Manveuvre ausgeführt wurde, und klatſchten Bei⸗ fall. Es fehlte nicht viel, daß Porthos und ſeine Freunde, ſtatt niedergeſchlagen zu werden, wie ſie zu befürchten anfingen, im Triumphe umhergetragen wurden, übe der abe ein Sic eine führ richt ſchie das Fol gebr 17 aber es gelang unſern vier Freunden, welche vor Allem bange hatten, was ſie in das Licht ſetzen konnte, ſich dieſer Huldigung zu entziehen. Sie gewannen je⸗ doch Eines bei dieſer herculiſchen Kundgebung: die Menge öffnete ſich vor ihnen, und ſie erreichten damit, was ihnen einen Augenblick vorher unmöglich geſchienen hatte, ſie konnten bis zum Palaſte vorvringen. Ganz London drängte ſich an den Thüren der Tribunen; als die vier Freunde endlich Eintritt erlangten, fanden fie auch die erſten Bänke bereits beſetzt. Das war nur halb ſchlimm für Menſchen, welche nicht erkannt ſein wollten; zufrieden, ſo weit gekommen zu ſein, ſetzten ſie ſich daher auf ihre Plätze, mit Ausnahme von Porthos, welcher ſein rothes Wamms und ſeine grünen Bein⸗ kleider zeigen wollte und ſehr bedauerte, daß er nicht in der erſten Reihe erſcheinen konnte. Die Bänke waren amphitheatraliſch geordnet und die vier Freunde beherrſchten von ihrem Platze aus die ganze Verſammlung. Der Zufall hatte es gefügt, daß ſte auf der mittlern Gallerie eingetreten waren und ſich gerade dem für Karl!. beſtimmkn Lehnſtuhle gegen⸗ über befanden. Gegen eilf Uhr Morgens erſchien der König auf der Schwelle des Saales. Er trat umgeben von Wachen, aber mit bedecktem Haupte und mit ruhiger Miene ein und ließ in allen Richtungen einen Blick voll Sicherheit umherlaufen, als ſollte er den Vorſitz bei einer Verſammlung ergebener, demüthiger Unterthanen führen und nicht die Anklagen eines meuteriſchen Ge⸗ richtshofes beantworten. Stolz, daß ſie einen König zu demüthigen hatten, ſchickten ſich die Richter ſichtbar an, von dem Rechte, das ſie ſich angemaßt, Gebrauch zu machen. Dem zu Folge ſagte ein Gerichtsdiener zu dem König, es wäre gebräuchlich, daß der Angeklagte vor ſeinen Richtern das Haupt entblößte. Zwanzig Jahre nachher, w. 2 Ohne ein Wort zu erwiedern, drückte Karl ſeinen Hut tiefer in ſeinen Kopf, den er auf eine andere Seite wanvte; als ſich der Gerichtsdiener entfernt hatte, ſetzte er ſich nieder und ſchlug mit dem Rohre, das er in ver Hand hielt, an den Stiefel. Parry, der ihn begleitete, ſtand hinter ihm. Statt dieſe ganze Ceremonie zu betrachten, be⸗ trachtete d'Artagnan ſeinen Freund Athos, auf veſſen Antlitz ſich alle Gemüthsbewegungen ausprägten, welche der König durch Selbſtheherrſchung von dem ſeinigen zu verbannen vermochte. Dieſe Aufregung von Athos, dem kalten, ruhigen Menſchen, erſchreckte ihn. „Ich hoffe,“ ſagte er zu ihm, ſich an ſein Ohr neigend,„Ihr werdet ein Beiſpiel an Seiner Majeſtät nehmen und Euch nicht alberner Weiſe in dieſem Kä⸗ ſich umbringen laſſen.“ „Seid unbeſorgt,“ erwiederte Athos. „Ah! ah!“ fuhr d'Artagnan fort,„es ſcheint, man befürchtet irgend Etwas, denn ſeht, die Poſten ver⸗ doppeln ſich. Wir hatten nur Partiſanen, jetzt find Musketen da; es gibt nun Waffen für alle Welt hier; die Partiſanen ſind für die Zuhörer im Parquet be⸗ ſtimmt, die Musketen betreffen uns.“ „Dreißig, vierzig, fünfzig, ſiebenzig Mann,“ ſagte Porthos die Ankommenden zählend. „Ei!“ verſetzte Aramis,„Ihr vergeßt den Offizier, Porthos; es lohnt ſich jedoch, wie es mir ſcheint, wohl der Mühe, ihn mitzuzählen.“ „Ho! ho!“ ſprach d'Artagnan und wurde bleich vor Zorn, denn er erkannte Mordaunt, der mit ent⸗ blößlem Degen die Musketiere hinter den König, das heißt ven Tribunen gegenüber, führte. „Sollte er uns erkannt haben?“ fuhr dArtagnan fort;„in vieſem Falle würde ich ganz artig meinen Rückzug nehmen. Ich habe durchaus nicht Luſt, mir irgend eine Todesart vorſchreiben zu laſſen, und wünſche ſehr nach meinem Gefallen zu ſterben. Es iſt aber keit ſcht er che ſein ner der erhe men mer geri erfol gliet vor hielt ohne von den Stin ſaßer folgt Abw⸗ Fairf ſchwe inen dere ernt hre, be⸗ eſſen elche igen thos, Ohr ieſiät Fü⸗ man ver⸗ find hier; be⸗ ſagte fizier, wohl bleich ent⸗ das gnan einen mir ünſche aber von drei Fünfteln der Verſammlung. 19 keineswegs meine Wahl, in einer Schachtel todi ge⸗ ſchoſſen zu werden.“ „Nein,“ ſagte Aramis,„er hat uns nicht geſehen; er ſieht nur auf den König. Gottes Tod! mit wel⸗ chen Augen ſchaut ihn der Freche an! Sollte er Seine Majeſtät ſo ſehr haſſen, als er uns haßt?“ „Bei Gott!“ ſagte Athos,„wir haben ihm nur ſeine Mutter genommen, aber der König hat ihn ſei⸗ ner Güter und ſeines Namens beraubt.“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Aramis„„doch ſtille, der Präſident ſpricht zu dem König.“ Der Präfident Bradſhaw ſprach wirklich zu dem erhabenen Angeklagten. „Stuart,“ ſagte er,„hört das Verleſen der Na⸗ men Euerer Richter und gebt dem Tribunal die Be⸗ merkungen, die Ihr darüber zu machen habt.“ Der König, als wären dieſe Worte nicht an ihn gerichtet, wandte den Kopf nach einer andern Seite. Der Präfident wartete, und da keine Erwiederung erfolgte, trat einen Augenblick Stillſchweigen ein. Von hundert und einundſechzig bezeichneten Mit⸗ gliedern konnten nur dreiundfiebenzig antworten, denn vor der Mitſchuld an einem ſolchen Akte ſich ſcheuend, hielten ſich die andern ferne. „Zch ſchreite zu dem Aufrufe,“ ſagte Bradſhaw, ohne daß es ſchien, als bemerkte er die Abweſenheit nd er fing eines nach dem andern die anweſen⸗ den und die abweſenden Mitglieder zu nennen. Die Anweſenden antworteten mit ſtarker oder“ ſchwacher Stimme, je nachdem ſie den Muth ihrer Meinung be⸗ ſaßen oder nicht beſaßen. Ein kurzes Stillſchweigen folgte ſtets auf den zwei Mal wiederholten Namen der Abweſenden. Es kam die Reihe an den Namen des Oberſten Fairfar und es trat jenes kurze, aber feierliche Still⸗ ſchweigen ein, das die Abweſenheit der Mitglieder 20 bezeichnete, welche nicht perſönlich an dem Gerichte hatten Theil nehmen wollen. „Der Oberſte Fairfar!“ wiederholte Bradſhaw. „Fairfar?“ antwortete eine ſpöttiſche Stimme, in der man an ihrem ſilbernen Klange eine Frauenſtimme erkannte,„er hat zu viel Geiſt, um hier zu ſein.“ Ein ungeheueres Gelächter empfing dieſe Worte, vie mit jener Kühnheit ausgeſprochen wurden, welche die Frauen in ihrer Schwäche ſchöpfen, in einer Schwäche, die ſie vor jeder Rache ſichert.“ „Das iſt die Stimme einer Frau,“ ſagte Aramis. „Ahl bei meiner Treue, ich würde viel geben, wenn ſie jung und hübſch wäre.“ Und er ſiieg auf die Stufen und ſuchte auf die Tribune zu ſehen, von der die Stimme gekommen war. „Bei meiner Seele!“ ſprach Aramis,„fie iſt rei⸗ zend; ſchaut ſie doch an, dArtagnan, Jedermann ſieht nach ihr, und ſie iſt trotz des Blickes von Bradſhaw nicht erbleicht.“ „Es iſt Lady Fairfar ſelbſt“ verſette dArtagnun; „Ihr erinnert Euch, Porthos? wir haben ſie mit ihrem Gatten bei General Cromwell geſehen.“ Nach einem Augenblick war die durch dieſe ſon⸗ verbare Epiſode geſtörte Ruhe wieder hergeſtellt und der Aufruf dauerte fort. „Dieſe Burſche werden die Sitzung aufheben, wenn ſie wahrnehmen, daß nicht die hinreichende An⸗ zahl vorhanden iſt,“ ſprach der Graf de la Fere. „Ihr kennt fie nicht, Athos; ſeht das Lächeln von Mordaunt, ſeht, wie er den König anſchaut. Iſt vieſer Blick der eines Menſchen, welcher befürchtet, ſein Opfer könnie ihm entkommen? Nein, es iſt das Lächeln des befriedigten Haſſes, der Rache, welche ihren Durſt zu ftillen ſicher iſt. Ah! verfluchter Bafilisk, es wird ein glücklicher Tag für mich ſein, der, an dem ich etwas Anderes, als den Blick mit Dir kreuze.“ 3 chte n nme 3 te, che äche, mis. oenn die men 21 „Der König iſt in der That ſchön,⸗ ſagte Porthos, „und ſeht, wie ſorgfältig hater fich, obgleich ein Gefange⸗ ner, gekleidet. Die Feder auf ſeinem Hute iſt wenig⸗ ſtens fünfzig Piſtolen werth; ſchaut ſie doch an, Ara⸗ mis.“ Als der Aufruf beendigt war, gab der Präfident Befehl, zur Verleſung der Anklageakte überzugehen. Athos erbleichte: er ſah ſich abermals in ſeiner Erwartung getäuſcht. Obgleich die Zahl der Richter unzulänglich war, ſollte der Prozeß dennoch inſtruirt werden; der König war alſo zum Voraus verurtheilt. „Ich habe es Euch geſagt, Athos,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan die Achſeln zuckend;„aber Ihr zweifelt immer. Nun faßt Euren Muth in beide Hände und hört, ohne Euer Blut zu ſehr in Aufwallung gerathen zu laſſen, die kleinen Abſcheulichkeiten, welche jener Herr im chwarzen Gewande von ſeinem König mit Fug und Recht ſagen wird.“ Es hatten in der That nie eine rohere Anklage, gemeinere Beleidigungen, eine blutigere Verfolgung die Majeſtät gebrandmarkt. Bis dahin hatte man ſich be⸗ gnügt, die Könige zu ermorden, aber die Beleidigung wurde wenigſtens nur ihrem Leichname zugefügt. Karl I. hörte die Rede des Anklägers mit beſon⸗ derer Aufmerkſamkeit, ließ die Beleidigungen vorüber⸗ gehen, behielt die Beſchwerden und lächelte verächtlich, wenn der Haß zu ſehr überſtrömte, wenn ſich der An⸗ kläger zum Voraus zum Henker machte. Es war im Ganzen ein furchtbares Werk, worin der König alle ſeine Unklugheiten in heimtückiſche Streiche verwandelt, alle ſeine Irrthümer in Verbrechen umgeſtaltet ſah. D'Artagnan, welcher dieſen Strom von Be⸗ leidigungen mit der ganzen Verachtung, die ſie ver⸗ dienten, vorübergehen ließ, verweilte jedoch mit ſei⸗ eren Geiſte bei mehreren Beſchuldigungen des nklägers. „Es iſt wahr,“ ſagte er,„wenn manwegen der Un⸗ klugheit und des Leichtfinns beſtraft, ſo verdient dieſer König eine Beſtrafung; aber es ſcheint mir, die, welche er in dieſem Augenblicke auszuſtehen hat, iſt grauſam genug.“ „In jedem Falle,“ erwiederte Aramis,„ſollte die Strafe nicht den König, ſondern ſeine Miniſter tref⸗ fen; denn das erſte Geſetz der engliſchen Conſtitutivn iſt: Der König kann nicht fehlen.“ „Ich meines Theils,“ dachte Porthos, Mordaunt anſchauend und ſich mit dieſem beſchäftigend,„würde, wenn dieß nicht die Majeſtät der Dinge verletzen hieße, von der Tribune hinabſpringen, mit drei Sätzen über Herrn Mordaunt herfallen und ihn erdroſſeln. Ich nähme ihn bei den Füßen und ſchlüge alle dieſe ſchlechten Musketiere nieder, welche die Musketiere von Frankreich parodiren. Während dieſer Zeit fände d'Ar⸗ tagnan, der voll Geiſt und Witz iſt, vielleicht ein Mit⸗ i König zu retten. Ich muß mit ihm davon prechen.“ Feuer im Geſicht, die Fäuſte geballt, die Lp⸗ pen blutig durch ſeine eigenen Biſſe, ſchäumte Athos auf ſeiner Bank. Wüthend über dieſe ewige parla⸗ mentariſche Beleidigung, über dieſe lange königliche Geduld, hatten ſich dieſer unbeugſame Arm, dieſes uner⸗ ſchütterliche Herz in eine zitterde Hand, in einen be⸗ benden Körper verwandelt. In dieſem Augenblick endigte der Ankläger ſein Amt mit den Worten: „Gegenwärtige Anklage wird von uns im Namen des engliſchen Volkes vorgebracht.“ Auf dieſe Worte folgte ein Gemurmel auf den Tribunen und eine andere Stimme, keine Frauenſtimme, ſondern eine wüthende Männerſtimme donnerte hinter d'Artagnan. „Du lügſt!“ rief die Stimme,„neun Zehu⸗ theile des engliſchen Volkes verabſcheuen, was Du ſagſt!“ 23 Dieſe Stimme war die von Athos, welcher außer ſich, hoch aufgerichtet, den Arm ausgeſtreckt, dem öffent⸗ lichen Ankläger ſo entgegentrat. König, Richter, Zuſchauer, alle Welt wandte bei dieſer Anrede die Augen nach der Tribune, auf der fich die vier Freunde befanden. Mordaunt machte es wie die Uebrigen und erkannte den Edelmann, um den ſich die drei andern Franzoſen bleich und drohend erhoben hatten. Seine Augen flammten vor Freude. Er hatte diejenigen wiederge⸗ funden, deren Aufſuchung und Tod er ſein Leben weihte. Eine wüthende Bewegung ſammelte raſch um ihn her zwanzig von ſeinen Musketieren, und mit dem Finger auf die Tribune deutend, wo ſeine Feinde waren rief er: „Feuer! Feuer auf dieſe Tribune!“ Aber ſchnell wie der Gedanke faßte d'Artagnan Athos um den Leib, packte Porthos Aramis, und ſie ſprangen von den Stufen hinab, ſtürzten in die Cor⸗ ridors, eilten über die Treppen und verloren ſich in der Menge, während im Innern des Saales die an⸗ geſchlagenen Musketen dreitauſend Zuſchauer bedroh⸗ ten, deren Angſtgeſchrei, deren von Schrecken erfüllter Ruf um Hülfe den bereie zu einem Blutbade gegebe⸗ nen Antrieb wieder in Feſſeln hielten. Karl hatte die vier Franzoſen ebenfalls erkannt. Er legte eine Hand auf ſein Herz, um die Schläge zurückzudrängen, die andere auf ſeine Augen, um ſeine treusn Freunde nicht erwürgen zu ſehen. Bleich und zitternd vor Wuth ſtürzte Mordaunt, den bloßen Degen in der Fauſt, mit zehn Hellebardie⸗ ren aus dem Saale, durchwühlte fragend und keuchend die Menge, und kehrte ſodann zurück, ohne etwas gefunden zu haben. Es herrſchte eine unbeſchreibliche Bewegung. Mehr als eine halbe Stunde verging, ohne daß irgend Je⸗ mand ſich hörbar machen konnte. Die Richter glaub⸗ ten, jede Tribune wäre im Begriffe zu donnern. Die Tribunen ſahen die Musketen auf ſich gerichtet und blieben, zwiſchen Furcht und Neugierde getheilt, lär⸗ mend und ſtürmiſch. Endlich ſtellte fich die Ruhe wieder her.. „Was habt Ihr zu Eurer Vertheidigung zu ſagen?“ frgte Bradſhaw den König. Das Haupt beſtändig evect, erhob ſich der Kö⸗ nig, nicht aus Demuth, ſondern im Bewußtſein ſeiner Herrſcherwürde, und ſprach mit dem Tone eines Rich⸗ ters, nicht mit dem eines Angeklagten: „Ehe Ihr mich fragt, antwortet mir. Ich war frei in Neweaſtle; ich ſchloß einen Vertrag mit den zwei Kammern. Statt Eurer Seits dieſen Vertrag zu erfüllen, den ich meiner Seits erfüllte, habt Ihr mich den Schottländern abgekauft, ich weiß, um kei⸗ nen hohen Preis, und das macht der Sparſamkeit Eurer Verwaltung Ehre. Hofft Ihr aber, ich habe aufgehört, Euer König zu ſein, weil Ihr den Preis eines Sklaven für mich bezahltet? Euch antwor⸗ ten, hieße die Königswürde vergeſſen; ich werde Euch alſo nicht eher antworten, als bis Ihr das Recht mich zu befragen nachgewieſen habt. Euch antworten hieße Euch als meine Richter anerkennen, und ich er⸗ kenne in Euch nur meine Englände Und mitten unter einer Todesßlille ſetzte ſich Karl ruhig, ſtolz und ſtets bedeckten Pauptes wieder in ſeinen Lehnſtuhl. „Warum ſind meine Franzoſen icht da?“ mur⸗ melte Karl, die Augen nach der Tribune wendend, wo ſie einen Augenblick erſchienen waren.„Sie würden ſehen, daß ihr Freund lebend der Vertheidigung, todt des Beweinens würdig iſt.“ Aber er mochte immerhin die Tiefe der Menge durchforſchen und ſich gleichſam von Gott dieſe tröſenb⸗ Gegenwart erbitten; er ſah nichts, als ſn Kar wel nich mit blick Euch für daß Dir, men folge Die und lär⸗ 24 Kö⸗ iner ich⸗ war den rag Ihr kei⸗ keit ae reis vor⸗ Fuch echt rten er⸗ Karl in nur⸗ wo rden todt nge nde, rre, furchtſame Geſichter und fühlte ſich dem Kampfe mit dem Haß und der Grauſamkeit preisgegeben. „Nun wohl,“ ſprach der Präſident, als er Karl zu einem unüberwindlichen Schweigen entſchloſſen ſah, „es ſey, wir werden Euch trotz Eures Stillſchweigens richten. Ihr ſeid des Verraths, des Mißbrauchs der Gewalt und des Mordes angeklagt. Die Zeugen werden dieſe Anklage beglaubigen. Geht, und eine nächfte Sitzung mag in Erfüllung bringen, was Ihr in dieſer zu thun Euch weigert.“ Karl ſtand auf und ſagte, ſich gegen Parry um⸗ wendend, den er bleich und die Schläfe in Schweiß gebadet hinter ſich ſtehen ſah: „Ei, mein guter Parry, was ſetzt Dich denn ſo ſehr in Bewegung?“ „Oh! Sire,“ antwortete Parry, Thränen in den Augen und mit flehendem Tone,„ſchaut nicht links, wenn Ihr den Saal verlaßt.“ „Warum dieß?“ „Schaut nicht links, ich bitte Euch, mein König.“ „Aber was gibt es denn? ſprich doch,“ ſagte Karl und ſuchte durch die Linie von Wachen zu ſchauen, welche hinter ihm aufgeſtellt war. „Sie haben dher nicht wahr, Ihr ſchaut nicht hin? ſie habenguf einen Tiſch das Beil legen laſſen, mit welchem man die Verbrecher hinrichtet. Der An⸗ bic iſt gräßlich, ſchaut nicht hin, Sire, ich flehe uch an.“ „Die Dummköpfe!“ ſagte Karl,„halten ſie mich für einen Feigen, wie ſie find. Es war gut von Dir, daß Du mich darauf aufmerkſam machteſt; ich danke Dir, Parry.“ Und da der Augenblick ſich zurückzuziehen gekom⸗ war, ſo entfernte ſich der König ſeinen Wachen olgend. Links von der Thüre glänzte in düſterem Schim⸗ mer auf einem rothen Teppich das weiße Beil mit dem von der Hand des Nachrichters geglättetem Stiele. Als Karl ſich dem Tiſche gegenüber befand, blieb er ſtehen, wandte ſich um und ſagte lächelnd: „Ah! ah! das Beil! ein geiſtreicher Popanz und ganz würdig der Menſchen, welche nicht wiſſen, was ein Edelmann iſt; Du machſt mir nicht bange, Henkers⸗ beil,“ fügte er bei und ſchlug darauf mit dem dünnen, biegſamen Rohre, das er in der Hand hielt,„und ich ſchlage Dich, in chriſtlicher Geduld wartend, bis Du es mir zurückgibſt.“ Mit königlicher Verachtung die Achſeln zuckend ſetzte er ſodann ſeinen Weg fort und ließ in gewalti⸗ gem Erſtaunen diejenigen hinter ſich, welche ſich in Maſſe um den Tiſch gedrängt hatten, um das Geſicht des Königs zu ſehen, wenn er dieſes Beil erblicken würde, welches ſeinen Kopf von ſeinem Leibe tren⸗ nen ſollte. „In der That, Parry,“ fuhr der König weiter ſchreitend fort,„alle dieſe Leute halten mich, Gott ver⸗ zeihe mir, für einen Baumwollenhändler und nicht für einen König, der daran gewöhnt iſt, Eiſen glän⸗ zen zu ſehen: glauben ſie denn, ich ſei nicht ſo viel werth als ein Schlächter?“ Als er dieſe Worte ſprach, gelangte er zu der Thüre; es hatte ſich eine Volksmaſſe herbeigedrängt, welche, da ſie keinen Platz auf den Tribunen fand, wenigſtens das Ende des Schauſpiels genießen wollte, deſſen intereſſanteſter Theil ihr entgangen war. Dieſe zahlloſe Menge, in deren Reihen man drohende Ge⸗ fichter erblickte, entriß dem König einen leichten Seufzer. „Wie viele Menſchen,“ dachte er,„und nicht ein ergebener Freund!“ Als er aber dieſe Worte der Entmuthigung und des Zweifels in ſeinem Innern ſprach, antwortete eine Stimme in ſeiner Nähe: erſe eine er d lich Gru letzte Herz wied findet ſchlü tetem blieb und was tkers⸗ nnen, d ich es ckend valti⸗ ch in zeficht licken tren⸗ veiter ver⸗ nicht glän⸗ iel 1der ängt, fand, olite, Dieſe ichten t ein nd eine 27 „Heil der gefallenen Majeſtät!“ Der König wandte ſich, Thränen in den Augen und im Herzen, raſch um. Es war ein alter Soldat von ſeinen Leibwachen, welcher den König nicht wollte vorübergehen laſſen, ohne ihm dieſe letzte Huldigung darzubringen. ·ber in demſelben Augenblick wurde der Unglück⸗ liche mit Schwertknopf⸗Schlägen bearbeitet. Unter den Schlägern erkannte der König den Kapitän Groslow. „Ach! das iſt eine ſchwere Strafe für einen ſehr kleinen Fehler,“ ſprach Karl. Das Herz zuſammengeſchnürt, ging er weiter, doch er hatte noch nicht hundert Schritte gemacht, als ein Wüthender, ſich durch zwei Soldaten des Gliedes vor⸗ beugend, dei König in das Geſicht ſpuckte, wie einſt ein ſchändlicher, verfluchter Jude Zeſus von Nazareth in das Geſicht geſpieen hatte. Gewaltiges Gelächter und finſteres Gemurmel erſchollen gleichzeitig; die Menge zog ſich zurück, drängte ch wieder herbei, wogte wie ein ſtürmiſches Meer, und es kam dem König vor, als ſähe er mitten in der lebendigen Welle die funkelnden Augen von Athos glänzen. Karl wiſchte ſich das Geſicht ab und ſagte mit einem traurigen Lächeln: „Der Unglückliche! für eine halbe Krone würde er daſſelbe ſeinem Vater thun.“ Der König hatte ſich nicht getäuſcht: er hatte wirk⸗ lich Athos und ſeine Freunde geſehen, welche unter die ruppen gemiſcht den königlichen Märtyrer mit einem letzten Blicke geleiteten. Als der Soldat Karl begrüßte, zerſchmolz das Herz von Athos vor Freude, und der Unglückliche konnte, wieder zu ſich kommend, in ſeiner Taſche zehn Guineen finden, die der franzöſiſche Edelmann hatte hinein⸗ ſchlüpfen laſſen; als jedoch der feige Beleidiger dem ge⸗ 28 fangenen König in das Geſicht ſpie, fuhr Athos mit der Hand an den Dolch. Aber d'Artagnan hielt dieſe Hand zurück und ſprach mit rauhem Tone. „Warte!“ D'Artagnan hatte nie zuvor Athos oder den Gra⸗ fen de la Fere geduzt. Athos hielt inne. D'Artagnan ſtützte ſich auf Athos, bedeutete Por⸗ thos und Aramis, ſie ſollen ſich nicht entfernen, und flellte ſich hinter den Mann mit den bloßen Armen, welcher noch über ſeinen ſchändlichen Spaß lachte und von einigen anderen Wüthenden beglückwünſcht wurde. Der Menſch ging nach der City. Immer noch auf Athos geſtützt, folgte ihm d'Artagnan mit ſeinen Freunden. Der Menſch mit den bloßen Armen, der ein Fleiſcherknecht zu ſein ſchien, ſtieg mit zwei Kameraden durch ein abſchüſſiges, vereinzeltes Gäßchen hinab, welches nach dem Fluſſe zu lief. D'Artagnan hatte den Arm von Athos losgelaſſen und marſchirte hinter dem Beleidiger. In der Nähe des Waſſers angelangt, ſahen dieſe drei Menſchen, daß man ihnen folgte, blieben ſtehen die Franzoſen frech anſchauend, einige päße. „Ich verſtehe nicht Engliſch, Athos,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan,„aber Ihr verſteht es und werdet mir als Dolmetſcher dienen.“ Nach dieſen Worten gingen ſie, den Schritt ver⸗ doppelnd, an den drei Menſchen vorbei. Doch ſich plötzlich umwendend, ſchritt d'Artagnan auf den Flei⸗ ſcherknecht zu, welcher ſtehen blieb, berührte ſeine Bruſt 6 der Spitze ſeines Zeigefingers und ſagte zu ſeinem reunde: „Wiederholt ihm Folgendes, Athos: Du biſt 4 Got Mer Wel Sti die Stir geweſen, Du haſt einen wehrloſen Mann beſchimpft, Du haſt das Geſicht Deines Königs befleckt, Du mußt ſterben!„ Bleich wie ein Geſpenſt und von d'Artagnan am Fauſtgelenke gehalten, überſetzte Athos dieſe ſeltſamen Worte dem Menſchen, der, als er die finſteren Vorbe⸗ reitungen und das furchtbare Auge von d'Artagnan gewahrte, ſich zur Wehr ſetzen wollte. Aramis fuhr bei dieſer Bewegung mit der Hand an ſein Schwert. „Nein, kein Eiſen, kein Eiſen!“ ſagte d'Artagnan, „das Eiſen iſt für Edelleute.“ Und den Fleiſcherknecht bei der Gurgel packend, rief er:„Porthos, ſchmettert dieſen Elenden mit einem Fauſtſchlage nieder.“ Porthos hob ſeinen furchtbaren Arm, ließ ihn wie den Stiel einer Schleuder durch die Luft pfeifen, und die gewichtige Maſſe fiel mit einem dumpfen Ge⸗ auf den Schädel des Feigen, den ſie zerſchmet⸗ erte. Der Menſch ftürzte nieder wie der Ochs unter dem Hammer. Seine Gefährten wollten ſchreien, wollten fliehen, aber die Sprache fehlte ihrem Munde und ihre zittern⸗ den Beine brachen unter ihnen. „Sagt ihnen noch Folgendes, Athos,“ ſprach d'Ar⸗ tagnan,„ſo werden alle diejenigen ſterben, welche ver⸗ geſſen, daß ein gefeſſelter Menſch ein heiliges Haupt, daß ein gefangener König doppelt der Stellvertreier Gottes iſt.“ Athos wiederholte die Worte von d'Artagnan. Stumm, mit geſträubten Haaren, ſchauten die drei Menſchen den Leichnam ihres Gefährten an, welcher in Wellen ſchwarzen Blutes ſchwamm; dann zugleich die Stimme und ihre Kräfte wieder erlangend, rangen ſie die Hände, ſchrieen und entflohen. „Es iſt Recht geſchehen,“ ſprach Athos ſich die Stirne abtrocknend. 30 „Und nun,“ ſagte d'Artagnan zu Alhos„„nun zweifelt nicht mehr an mir und haltet Euch ruhig; ich übernehme Alles, was den König betrifft.“ III. Whitehall. Das Parlament verurtheilte Karl Stuart zum Tode, wie ſich dies leicht vorherſehen ließ. Politiſche Gerichte find beinahe immer leere Förmlichkeiten; denn dieſelben Leidenſchaften, welche die Anklage veran⸗ laſſen, veranlaſſen auch die Verurtheilung. Dies iſt die furchtbare Logik der Revolutionen. Obgleich unſere Freunde dieſe Verurtheilung er⸗ warteten, ſo erfüllte ſie dieſelbe doch mit Schmerz. DArtagnan, deſſen Geiſt nie mehr Hülfsquellen beſaß, als in den äußerſten Augenblicken, ſchwur abermals, er würde Alles verſuchen, um die Entwickelung dieſer blutigen Tragödte zu verhindérn; doch durch welche Mittel? dies erſchaute er in ſeinem Geiſte nur unklar. Alles mußte von der Natur der Umſtände abhängen. Mittlerweile, bis man einen vollſtändigen Plan feſtſtellen konnte, mußte man, um Zeit zu gewinnen, nothwendig um jeden Preis es verhindern, daß die Hinrichtung am zweiten Tage, wie dies die Richter beſchloſſen hai⸗ ten, ſtattfand. Das einzige Mittel war, den Hen⸗ ker von London zu entfernen; verſchwand der Hen⸗ ſchaut ker, ſo konnte der Spruch nicht vollzogen werden. Ohne Zweifel würde man den der London zunächſt liegenden Stadt holen laſſen; aber dabei gewann man mindeſtens einen Tag, und ein Tag iſt unter ſolchen Ur vo ſut zu den aus von dem zu prie Whi den die haltt Reg von jeder Kerz veru gener das ſeiner S neben ner 2 nach „nun ich zum iſche denn ran⸗ s iſt er⸗ erz. ſaß, als, eſer che lar. gen. Uen wig ung a⸗ en⸗ n en ichſt nan hen 34 Umſtänden vielleicht die Rettung. D'Artagnan über⸗ nahm dieſes äußerſt ſchwierige Geſchäft. Nicht minder weſenilich war es, Karl Stuart da⸗ von in Kenntniß zu ſetzen, daß man ihn zu retten ver⸗ ſuchen wollte, damit er ſo viel als möglich ſeine Ver⸗ theidiger unterſtützen oder wenigſtens nichts beginnen würde, was ihren Bemühungen entgegenarbeiten könnte. Aramis übernahm dieſen gefährlichen Auftrag. Karl Stuart hatte gebeten, dem Biſchof Juxon die Erlaub⸗ niß zu geben, ihn in ſeinem Gefängniſſe in Whitehall zu beſuchen. Wordaunt war an demſelben Abend bei dem Biſchof erſchienen, um ihm das von dem König ausgedrückte religiöſe Verlangen, ſo wie die Erlaubniß von Cromwell zu eröffnen. Aramis beſchloß, es bei dem Biſchof durch Schrecken oder Ueberredung dahin zu bringen, daß er ihn an ſeiner Stelle und mit ſeinen prieſterlichen Inſignien angethan in den Palaſt von Whitehall dringen ließe. Athos übernahm es, für den Fall des Mißlingens oder für den des Gelingens i Mittel England zu verlaſſen in Bereitſchaft zu alten. Der Palaſt von Whitehall wurde durch drei Regimenter, und beſonders durch die beſtändige Unruhe von Cromwell bewacht, welcher kam und ging und jeden Augenblick ſeine Generale und Agenten ſchickte. genen Größe an, wie man in ſeiner letzten Stunde das Bild des Lebens glänzender und ſüßer ſieht, als je. Parry hatte ſeinen Herrn nicht verlaſſen und ſeit ſeiner Verurtheilung nicht zu weinen aufgehört. Mit dem Ellenbogen auf einen Tiſch geſtützt, ſchaute Karl Stuart ein Medaillon an, auf welchem nebeneinander die Porträts ſeiner Gemahlin und ſei⸗ ner Tochter waren. Er erwartete zuerſt Juxon und nach Juxon das Märtprthum. Zuweilen blieb ſein Geiſt bei den braven franzö⸗ fiſchen Edelleuten ſtille ſtehen, welche ihm bereits hun⸗ dert Meilen entfernt, fabelhaft, chimäriſch und jenen Bildern ähnlich erſchienen, die man im Traume er⸗ blickt, während ſie beim Erwachen wieder verſchwinden. Karl fragte ſich wirklich wiederholt, ob Alles das, was ihm begegnet, nicht ein Traum oder Folge eines Fieberwahnes wäre. Bei dieſem Gedanken ſtand er auf, machte einige Schritte, als wollte er fich von ſeiner Schlafſucht be⸗ freien, und ging an das Fenſter. Bald aber ſah er unterhalb des Kreuzſtockes die Musketen der Soldaten glänzen. Dann war er genöthigt, ſich zu geſtehen, daß er gut bewacht werde, und daß ſein blutiger Traum der Wirklichkeit angehöre. Karl kehrte ſtillſchweigend zu ſeinem Lehnſtuhle zurück, ſtützte ſich abermals mit dem Ellenbogen auf den Tiſch, ließ ſeinen Kopf auf die Hand fallen und verſank in Gedanken. „Ach,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn ich nur zum Veichtvater eines der Lichter der Kirche hätte, deren Seele alle Geheimniſſe des Lebens erforſcht, alle Ge⸗ ringfügigkeiten der Größe durchdrungen hat. Vielleicht würde ſeine Stimme die Stimme erſticken, welche in meinem Gemüthe jammert. Aber ich werde einen Prie⸗ ſter von gewöhnlichem Geiſte ſehen, deſſen Laufbahn und Wohlfahrt ich durch mein Unglück gebrochen habe. Er wird mir von Gott und von dem Tode ſprechen, wie er mit andern Sterbenden geſprochen hat, ohne zu begreifen, daß der königliche Sterbende dem Uſurpator einen Thron hinterläßt, während ſeine Kinder kein Brod haben.“ Dann das Porträt ſeinen Lippen nähernd, mur⸗ melte er abwechſelnd und einen nach dem andern die Ramen ſeiner Kinder. Es war eine nebelige, kalte Nacht. Die Glocke ſchlug langſam in dem Thurme der benachbarten Kirche Kö den fie die ſind iſt, i. etzt Bru orde mütt ſie. nie 1 im C ſeine erſten nerun bewe word ner, flützer Linie terkält der ſo auf d Thrän dem 8 Zwar ranzö⸗ hun⸗ jenen ne er⸗ inden. das, eines einige ht be⸗ ah er daten „daß raum ſtuhle nauf und zum deren Ge⸗ leicht e in Frie⸗ bahn abe. chen, ezu ator kein nur⸗ die locke rche 33 Die bleiche Helle zweier Kerzen ließ in dem großen, hohen Gemache von ſeltſamen Reflexen beleuchtete Phan⸗ tome erſcheinen. Dieſe Phantome waren die Ahnen von König Karl, welche ſich aus ihren goldenen Rah⸗ men löſten. Die Reflexe rührten von dem letzten bleichen, ſpiegelnden Schimmer eines Kohlenfeuers her, das im Erlöſchen begriffen war. Eine unermeßliche Traurigkett bemächtigte ſich des Königs. Er begrub ſeine Stirne in ſeinen zwei Hän⸗ den, dachte an die Welt, welche ſo ſchön iſt, wenn man ſie verläßt, oder vielmehr, wenn ſie uns verläßt, an die Liebkoſungen der Kinder, welche ſo ſüß und zart ſind, beſonders wenn man von dieſen Kin ern getrennt iſt, um fie nie mehr zu ſehen; dann an ſeine Gattin, ein edles, muthiges Geſchöpf, das ihn bis zu ſeinem letzten Augenblick unterſtützt hatte. Er zog aus ſeiner Bruſt das Demantkreuz und den Stern des Hoſenband⸗ ordens, dieſe Juwelen, die ihm durch die edel müthigen Franzoſen zugeſchickt worden waren, und küßte ſie. Als er dabei bevachte, daß er dieſe Gegenſtände nie wiederſehen würde, wenn er kalt und verſtümmelt im Grabe läge, fühlte er jenen eifigen Schauer über ſeine Glieder laufen, den uns der Tod wie ſeinen erſten Mantel zuwirft. In dieſem Gemache, das ſo viele königriche Erin⸗ nerungen in ihm rege machte, wo ſo viel Höflinge ſich ewegt, ſo viele tauſend Schmeicheleien ausgeſprochen worden waren, allein mit einem verzweifelnden Die⸗ ner, deſſen ſchwaches Gemüth ſeine Seele nicht unter⸗ fützen konnte, ließ der König ſeinen Muth bis zu der Linie dieſer Schwächen, dieſer Finſterniß, dieſer Win⸗ terkälte herabfinken. Und ſollte man es glauben, Karl, der ſo groß, ſo erhaben, das Lächeln der Refignation auf den Lippen ſtarb, trocknete in der Finſterniß eine Plötzlich hörte man Tritte in den Gängen, die Thüre öffnete ſich, Fackeln füllten das Gemach mit ih⸗ rem rauchigen Lichte, und ein Geiſtlicher in biſchöflichem Gewande trat ein, gefolgt von zwei Wachen, denen Karl mit der Hand ein gebieteriſches Zeichen machte. Die zwei Wachen entfernten ſich, das Gemach verſank abermals in Dunkelheit. „Juron!“ rief Karl.„Juxon! ich danke, mein letzter Freund, Ihr kommt zu gelegener Zeit.“ Der Biſchof warf einen unruhigen Seitenblick auf den Menſchen, welcher in einem Winkel des Kamins ſchluchzte. „Auf! Parry,“ ſagte der König,„weine nicht. Gott kommt zu uns.“ „Wenn es Parry iſt,“ verſetzte der Biſchof,„ſo habe ich nichts zu befürchten. Erlaubt mir alſo, Sire, Eure Majeſtät zu begrüßen und ihr zu ſagen, wer ich bin und aus welchem Grunde ich komme.“ Bei dieſem Anblick, bei dieſer Stimme war Karl ohne Zweifel im Begriffe zu rufen; aber Aramis legte den Finger auf die Lippen und verbeugte ſich tief vor dem König von England. „Der Chevalier!“ murmelte Karl. „Ja, Sire,“ unterbrach ihn Aramis, die Stimme erhebend,„ja, der Biſchof Juron, ein getreuer Ritter Chriſti, der ſich den Wünſchen Eurer Majeſtät fügt.“ Karl faltete die Hände, er hatte d'Herblay er⸗ kannt; er war wie vernichtet vor dieſen Menſchen, welche als Freunde, ohne einen andern Beweggrund, als den einer durch ihr eigenes Gewiſſen auferlegten Pflicht, ſo gegen den Willen eines Volkes und das Geſchick eines Königs handelten. „Ihr ſeid es,“ ſprach er,„Ihrl wie ſeid Ihr bis hieher gelangt? Mein Gott, Ihr wäret verloren, wenn ſie Euch erkennen würden.“ „Denkt nicht an mich, Sire,“ ſagte Aramis, en König abermals durch eine Geberde Stillſchweigen Fer ein rãu ßen ſagt nach wac den errie Able beha mein blick ein( finde „ die tit ih⸗ lichem denen tachte. erſank mein ckeauf amins nicht. „„ſo Sire, er ich Karl legte vor imme Ritter gt.“ 9 er⸗ ſchen, „als flich, eines rbis wenn dem eigen 35 empfehlend,„denkt nur an Euch, Euere Freunde na⸗ hen. Was wir thun werden, weiß ich noch nicht; aber vier entſchloſſene Männer find viel zu thun im Stande. Schließt indeſſen das Auge nicht, erſtaunt über nichts, ſeid auf Alles gefaßt.“ ren habt, daß Ihr Euch beeilen müßt, wenn Ihr handeln wollt 2 Wißt Ihr, daß ich morgen um zehn Uhr ſterben ſoll 2“ „Sire, es wird bis dahin Etwas vorfallen, was eine Hinrichtung unmöglich macht.“ Der König ſchaute Aramis erſtaunt an. Fenſter des Königs ein ſeltſames Geräuſch, wie das eines Holzwagens, welcher abgeladen wird. „Hört Ihr?“ ſprach der König. Auf dieſes Ge⸗ räuſch folgte ein Schrei des Schmerzes. „Ein Schrei ich weiß nicht, wer ihn ausſto⸗ ßen konnte, aber das Geräuſch will ich Euch deuten,“ ſagte der König.„Wißl Ihr, daß ich vor dieſem Fen⸗ ſier hingerichtet werden ſoll?“ fügte er, die Hand nach dem düſtern, öden, nur von Soldaten und Schild⸗ wachen beſetzten Platze ausſtreckend, bei. „Ja, Sire, ich weiß es.“ „Nun, das Holz, welches man bringt, befteht aus den Balken und Brettern, aus denen mein Schaffot errichtet werden ſoll. Es wird ſich ein Arbeiter beim Abladen verwundet haben.“ Aramis bebte unwillkührlich. „Ihr ſeht, daß Ihr vergeblich auf Eurem Willen beharrt,“ ſprach Karl;„ich bin verurtheilt, laßt mich meinen Tod erleiden. „Sire,“ antwortete Aramis, ſeine einen Augen⸗ blick geſtörte Ruhe wiedergewinnend„ie mögen in Schaffot errichten, aber ſie können keinen Henker en.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß der Henker zu dieſer Stunde entführt iſt; morgen wird das Blutgerüſte bereit ſein, aber der Henker wird fehlen, und man muß die Hinrichtung auf übermorgen verſchieben.“ „Und dann?“ „Morgen in der Nacht retten wir Euch.“ „Wie dieß2“ rief der König, deſſen Antlitz unwill⸗ kührlich ein Blitz der Freude erleuchtete. „Oh! Herr, ſeid geſegnet, murmelte Parrhy die Hände faltend. „Wie dieß?“ wiederholte der König,„ich muß es wifſen, um Euch nöthigen Falls unterſtützen zu können.“ „Ich weiß es nicht, Sire, aber der Gewandteſte, der Bravſte, der Ergebenſte von uns Vieren, ſprach zu mir, als ich ihn verließ:„ Chevalier, ſagt dem Kö⸗ 6. daß wir ihn morgen Abend um zehn Uhr ent⸗ ühren.““ „Nennt mir den Namen vieſes edelmüthigen Freundes, daß ich, mag es ihm gelingen oder nicht gelingen, eine ewige Dankbarkeit für ihn bewahre.“ „DArtagnan, Sire, welcher nahe varan war, Euch zu retten, als Harriſon ſo ungelegen eintrat.“ „Ihr ſeid in der That wunverbare Menſchen,“ ſprach der König,„und ich würde nicht daran geglaubt haben, wenn man mir ſolche Dinge erzählt hätte.“ „Nun hört mich an, Sire,“ ſprach Aramis.„Ver⸗ geßt nicht einen Augenblick, daß wir für Euer Heil wachen; beobachtet Alles, horcht auf Alles, erklärt Euch Alles, den geringſten Geſang, das kleinſte Zei⸗ chen. „Oh! Chevalier, was ſoll ich Euch fagen 2“ rief der König.„Kein Wort, und käme es aus der tiefſten Tiefe meines Herzens, vermöchte meine Dankbarkeit auszudrücken. Wenn es Euch gelingt, werde ich Euch nicht zurufen, Ihr rettet einen König; von dem Blut⸗ gerüffe aus geſehen, wie ich es ſehe, iſt das Königthum kon mit Eug Kön ſchlo iſt in Acht, wide 37 ſehr wenig; aber Ihr werdet einer Gattin ihren Gat⸗ ten, den Kindern ihren Vater erhalten. Chevalier be⸗ rührt meine Hand, es iſt die eines Freundes, der Euch bis zu ſeinem letzten Seufzer lieben wird.“ Aramis wollte dem König die Hand küſſen, aber der König ergriff die ſeinige und drückte ſie an das Herz. In dieſem Augenblick trat ein Mann ein, ohne an die Thüre zu klopfen; Aramis wollte ſeine Hand zu⸗ rückziehen, der König ließ ſie nicht los. er Eintretende war einer von den puritaniſchen Halbprieſtern, Halbſoldaten, wie man ſie in großer nzahl in der Umgebung von Cromwell fand. wollt Ihr, mein Herr?⸗ ſagte der König zu ihm. „Ich wünſche zu wiſſen, ob die Beichte von Farl Stuart beendigt iſt,⸗ erwiederte der Unbekannte. „Was liegt Euch daran?“ ſagte der König,„wir find nicht von derſelben Religion.“ „Alle Menſchen find Brüder,“ erwiederte der Pu⸗ ritaner;„einer meiner Brüder ſoll ſterben, und ich komme, um ihn zum Tode vorzubereiten.“ „Genug,“ verſetzte Parry;„der König hat nichts mit Euren Vorbereitungen zu ſchaffen.“ „Sire,“ ſagte ganz leiſe Aramis,„ſchont ihn, es iſt ohne Zweifel ein Spion.“ „Nach dem ehrwürdigen Herrn Biſchof werde ich S mit Vergnügen hören, mein Herr,“ ſprach der önig. Der Menſch mit dem ſcheelen Blicke entfernte ſich, nachdem er Juxon zuvor mit einer Aufmerkſamkeit be⸗ trachtet hatte, welche dem König nicht entging. „Chevalier,“ ſagte er, als die Thüre wieder ge⸗ ſchloſſen war,„ich glaube, Ihr habt Recht, dieſer Menſch iſt in böſer Abſicht hieher gekommen. Nehmt Euch in cht, wenn Ihr Euch entfernt, damit Euch kein Unglück widerfährt.“ 38 „Sire,“ erwiederte Aramis,„ich vanke Eurer Majeſtät, aber ſie mag ſich beruhigen. Ich habe un⸗ ur ter dieſem Rocke ein Panzerhemd und einen Dolch.“ „Geht, mein Herr, und Gott beſchütze Euch in Gnaden, wie ich zur Zeit ſagte, als ich noch König p war.“ Aramis entfernte ſich. Karl geleitete ihn bis auf ka die Schwelle. Aramis theilte ſeinen Segen aus, wo⸗ bei die Wachen ſich verbeugten, ging majeſtätiſch durch die mit Soldaten angefüllten Vorzimmer, ſtieg ha wieder in ſeinen Wagen, wohin ihm ſeine zwei Wäch⸗ ter folgten, und ließ ſich in den erzbiſchöflichen Palaſt zurückführen, an welchem ſie ſich von ihm trennten. ſchr Zuron wartete voll Angſt. Sch „Nun?“ ſagte er, als er Aramis gewahr wurde. nem „Alles iſt nach meinen Wünſchen gegangen,“ ant⸗ zahl wortete dieſer;„Spionen, Wachen, Trabanten haben ter mich für Euch gehalten, und der König ſegnet Euch, dem bis Ihr ihn ſegnen werdet.“ die „Gott beſchütze Euch, mein Sohn; Euer Beiſpiel fener hat mir zugleich Muth und Hoffnung gegeben.“ Küfie Aramis nahm ſeine Kleider und ſeinen Mantel ſteue wieder und verließ den Biſchof, nachdem er ihm zu⸗ den vor bemerkt hatte, er werde noch einmal ſeine Zuflucht daß! zu ihm nehmen müſſen. daß! Kaum hatte er zehn Schritte in der Straße ge⸗ den S macht, als er bemerkte, daß ihm ein in einen weiten gekni Mantel gehüllter Menſch folgte. Er legte die Hand C an ſeinen Dolch und blieb ſille ſtehen. Der Menſch falls. kam gerade auf ihn zu; es war Porthos.. „Der theure Freund!“ ſprach Aramis, ihm die von h Hand reichend. „Ihr ſeht, mein Lieber,“ verſetzte Porthos,„jeder leer.“ von uns hatte ſeinen Auftrag. Der meinige war, Euch zu bewachen, und ich bewachte Euch. Habt Ihr ſchoſſe den König geſehen?“ wieder ar, hr 39 „Ja, und es geht Alles gut. Doch wo find nun unſere Freunde?“ „Wir verſammeln uns um eilf Uhr im Gaſthauſe.“ „Dann iſt keine Zeit zu verlieren.“ Es ſchlug wirklich halb eilf Uhr in der Sanct Paulskirche; da ſich die Freunde indeß beeilten, ſo kamen ſie zuerft an. Nach ihnen kehrte Athos zurück. „Alles geht gut,“ ſagte er, ehe ſeine Freunde Zeit hatten, ihn zu befragen. „Was habt Ihr gethan?“ ſprach Aramis. „Ich habe eine kleine Folucke gemiethet, welche ſo ſchmal iſt wie eine Pirogue und ſo leicht wie eine Schwalbe. Sie erwartet uns in Greenwich mit ei⸗ nem Patron und vier Mann, welche gegen eine Be⸗ zahlung von fünfzig Pfund Sterling drei Nächte hin⸗ ter einander zu unſerer Verfügung find. Einmal mit dem König an Bord, benützen wir die Fluth, fahren ie Themſe hinab, und ſind in zwei Stunden auf of⸗ ener See. Als wahre Piraten folgen wir ſodann der Küſte, verbergen uns an den unzugänglichen Ufern und euern, wenn das Meer frei iſt, nach Boulogne. Für den Fall, daß ich getödtet würde, bemerke ich Euch, daß der Patron des Schiffes Kapitän Roger iſt und daß die Felucke der Blitz heißt. Hiemit findet Ihr den Herrn und das Schiff. Ein an den vier Enden geknüpftes Sacktuch iſt das Erkennungszeichen.“ 5 Einen Augenblick nachher kam d'Artagnan eben⸗ alls. „Leert Eure Taſchen,“ ſagte er,„bis die Summe von hundert Pfund Sterling voll iſt; denn die meini⸗ gen(d'Artagnan kehrte ſeine Taſchen um) find ganz leer.“ ie Summe war in der Secunde zuſammenge⸗ D ſchoſſen. DArtagnan ging hinaus und kehrie ſogleich wieder zurück. 40 „Das iſt abgemacht,“ ſagte er;„aber es hat Mühe gekoſtet.“ 2„Der Henker hat London verlaſſen?“ fragte 1 os. Ja wohl. Aber es war dies nicht ſicher genug; er konnte zu einem Thore hinaus gehen und zum an⸗ dern wieder herein kommen.“ „Wo iſt er jetzt? ſprach Athos. „Im Keller.“ „In welchem Keller?“ „Im Keller unſeres Wirthes. Mousqueton fitzt auf der Schwelle, und hier iſt der Schluſſel.“ „Bravo,“ ſagte Aramis.„Aber wie habt Ihr dieſen Menſchen beſtimmt, zu verſchwinden?“ „Wie man Alles in dieſer Welt beſtimmt, mit Geld. Es koſtete mich viel, aber er willigte ein.“ „Wie viel hat es Euch gekoſtet, Freund? fragte Athos; denn Ihr begreift nun, da wir nicht mehr ganz arme Musketiere ohne Habe und Gut find, müſ⸗ ſen ale Ausgaben gemeinſchaftlich ſein.“ „Es hat mich zwölftauſend Livres gekoſtet,“ er⸗ wiederte d'Artagnan. „Wo habt Ihr dieſe gefunden? Beſaßet Ihr denn eine ſolche Summe?“ „Det berühmte Diamant der Königin,“ antwor⸗ tete dArtagnan mit einem Seufzer. „Ah, es iſt wahr,“ ſagte Aramis,„ich erkannte ihn an Eurem Finger.“ „Ihr habt ihn alſo Herrn des Eſſarts wieder abge⸗ kauft? fragte Porthos. „Ei mein Evott, jaz aber es iſt da oben geſchrie⸗ ben, daß ich ihn ncht behalten ſoll. Was wollt Ihr? die Diamante haben, wie man wohl glauben muß, ihre Sympathien und ihre Antipathien, gerade wie die Menſchen. Es ſcheint, dieſer haßt mich.“ „Mit dem Henker ſelbſt alſo iſt die Sache gut abge⸗ s hat fragte en nan⸗ itzt Ihr mit ragte mehr müſ⸗ er⸗ denn wor⸗ annte abge⸗ chrie⸗ Ihr/ muß, wie bge⸗ 4¹ laufen,“ ſagte Athos;„letber aber hat jeder Henker ſeinen Knecht, ſeinen Gehülfen, was weiß ich.“ „Dieſer hatte auch einen; aber wir ſpielen glücklich.“ „Wie dies?“ 8 „In dem Augenblick, wo ich glaubte, ich hätte eine zweite Angelegenheit abzumachen, brachte man meinen Burſchen mit gebrochenem Schenkel zurück. Aus übermäßigem Eifer begleitete er bis unter die Fenſter des Königs den Wagen, der die Balken und Bretter führte. Einer Lon dieſen Balken ſiel ihm auf das Bein und zerſchmetterte ihm daſſelbe.“ „Ah,“ ſprach Aramis,„er hat alſo den Schrei ausgeſtoßen, den ich in dem Gemache des Königs ver⸗ nahm.“ „Das iſt wahrſcheinlich,⸗ ſagte d'Artagnan;„da er aber ein Menſch von Ueberlegung iſt, ſo verſprach er bei ſeiner Entfernung an ſeiner Stelle vier erfah⸗ rene, geſchickte Arbeiter zu ſenden, um diejenigen, welche bereits bei dem Geſchäfte find, zu unterftützen, und als er bei ſeinem Herrn angelangt war, ſchrieb er, obgleich verwundet, ſogleich an Tom Lowe, einen ihm befreundeten Zimmermann, er möge ſich zu Er⸗ füllung ſeines Verſprechens nach Whitehall begeben. Hier iſt der Brief, den er durch einen Expreſſen ab⸗ ſchickte, welcher denſelben um zehn Pence beſorgen ſollte, aber um einen Louisd'or an mich verkaufte.“ „Was, Teufels, wollt Ihr mit dem Briefe ma⸗ chen? ſagte Athos. „Dhr errathet es nicht? verſetzte d'Artagnan, mit ſeinen von Verſtand glänzenden Augen. „Bei meiner Seele, nein.“ Wohl, mein lieber Athos, Ihr, der Ihr Engliſch ſprecht wie John Bull, Ihr ſeid Meiſter Tom Lowe und wir ſind Eure drei Geſellen. Bezreift Ihr es nun? Athos ſiieß einen Schrei der Bewunderung und 42 Freude aus, lief in ein Cabinet und nahm Arbeiterkleider, ge welche die vier Freunde alsbald anzogen, wonach ſie eir den Gaſthof, Athos mit einer Säge, Porthos mit ei⸗ ner Beißzange, Aramis mit einer Axt und d'Artagnan zw mit einem Hammer und Nägeln, verließen. au Der Brief des Henkerknechtes diente bei dem Zim⸗ bei mermeiſter zur Beglaubigung, vaß ſie es wären, welche ni man erwartete. ſei ner Fiſ Eir des Ma IV. ſtru war Vie Arbeiter. fich Gegen Mitternacht vernahm Karl ein ſtarkes Ge⸗ räuſch unter ſeinem Fenſter. An verſchiedenartigen Tönen ließen ſich Hammer und Axt, Beißzange und Ich Säg' unterſcheiden. Er hatte ſich ganz angekleidet fes.“ auf ſein Bett geworfen und fing an zu entſchlummern, als ihn dieſes Geräuſch plötzlich erweckte, und da daſ⸗ hielt ſelbe außer ſeinem materiellen Wiederhalle ein furcht⸗ ſtand bares moraliſches Echo in ſeiner Seele fand, ſo er⸗ welch ſaßten ihn die gräßlichen Gedanken des vorhergehen⸗ Der den Tages abermals. Allein in der Finſterniß und um, Einſamkeit, hatte er nicht die Kraft, dieſe neue Mar⸗ wurd ter zu ertragen, welche nicht in dem Programm ſei⸗ ner Strafe ſtand, und ließ durch Parry der Schildwache Finge ſagen, ſie möge die Arbeiter bitten, minder ſtark zu„„ klopfen und Mitleid mit dem letzten Schlafe desjeni gen zu haben, welcher ihr König geweſen. Die Schildwache wollte nicht von ihrem Poſten König gehen, ließ aber Parry hinaus. er mr An dem Fenſter angelangt, bemerkte Parry auf 2 einer Höhe mit dem Balcon, deſſen Gitter man weg⸗ einen eider, ch fie it ei⸗ gnan Zim⸗ eche Ge⸗ igen und eidet en, cht⸗ er⸗ hen⸗ und ar⸗ ſei⸗ ache eni⸗ ten auf veg⸗ 43 genommen hatte, ein breites Schaffot, auf welches man eine Tapete von Sarſche zu nageln anfing. Dieſes ungefähr zwanzig Fuß hohe Schaffot hatte zwei innere Stockwerke. Parry ſuchte, ſo verhaßt ihm auch dieſer Anblick war, unter den acht bis zehn Ar⸗ beitern, welche die unſelige Maſchine erbauten, dieje⸗ nige, deren Geräuſch für den König am Unangenehmſien ſein mußte, und erblickte auf einem Brette zwei Män⸗ Fiſchbänder des eiſernen Balcon losmachten. Der Eine derſelben, ein wahrer Coloß, verrichtete den Dienſt des antiken Widders, welcher dazu beſtimmt war, die auern umzuſtürzen. Bei jedem Schlage ſeines In⸗ ſtruments flog der Stein in Stücken. Der Andere war niebergekniet und zog die erſchütterten Steine an ſich. Dieſe machten offenbar den Lärmen, worüber ſich der König beklagte. Parry ſtieg auf die Leiter und ſagte zu ihnen: „Meine Freunde, wollt ein wenig ſtiller arbeiten. Euch, der König ſchläft, er bedarf des Schla⸗ es. Der Menſch, welcher mit der Brechſtange arbeitete, hielt inne und wandte ſich um. Weil er aber aufrecht ſtand, ſo konnte Parry ſein Geſicht in der Finſterniß, welche ſich an dem Boden verdichtete, nicht erkennen. Der Mann aber, der auf den Knieen lag, wandte fich um, und da ſein Geſicht von der Laterne beleuchtet wurde, ſo vermochte ihn Parry zu ſehen. Dieſer Menſch ſchaute ihn feſt an und legte einen Finger an ſeinen Mund. Parry wich erſtaunt zurück. iſt gut, es ift gut,“ ſagte der Arbeiter in vortrefflichem Engliſch,„kehrt zurück und ſagt dem König, wenn er heute Nacht ſchlecht ſchlafe, ſo werde er morgen Nacht deſto beſſer ſchlafen.“ Dieſe harten Worte, welche buchſtäblich gedeutet, einen ſo furchtbaren Sinn hatten, wurden von den „C 44 Zimmerleuten, welche an den Seiten und dem inneren Gerüſte arbeiteten, mit einem Ausbruche gräßlicher der Freude aufgenommen. ant Parry glaubte, er träume, und kehrte zurück. ert rkc Karl erwartete ihn mit Ungeduld. In dem Augenblick, wo er zuruͤckkam, ſreckte die Schild⸗ Por wache, welche an der Thür ſtand, neugierig den Kopf den durch vie Oeffnung, um zu ſehen, was der König zn machte. Der König ſtützte ſih mit dem Ellenbogen auf einn ſein Bett. Entt Parxy ſchloß die Thüre, ging mit freudeſtrahlendem und Geſicht auf den König zu und ſagte leiſe: thos „Sire, wißt Ihr, wer die Arbeiter find, welche ſchlü ein ſolches Geräuſch machen?“ „Nein,“ antwortete Karl, ſchwermüthig das Haupt ſchüttelnd,„wie foll ich es wiſſen? Kenne ich dieſe Arbe Menſchen?“ ging „Sire,“ ſagie Parrp noch leiſer und ſich auf das Schi Bett ſeines Gebieters neigend,„Sire, es iſt der Graf ſein de la Fere und ſein Freund.“ „Sie errichten mein Schaffot?“ ſprach der König 66 erſtaunt. „Ja, und während ſie es errichten, machen ſie ein Entſcl Loch in die Mauer.“ 2 „Stille“ verſetzte ver König ängßlich um ſich her um S ſchauend;„Du haſt ſie geſehen?“ „Ich habe mit ihnen geſprochen.“ Der König faltete die Hände, ſchlug die Augen zum des 2 Himmel auf und verrichtete ein kurzes, inbrünſtiges Gebet würde Dann verließ er ſein Bett und ging auf das genſter ſollte zu, deſſen Vorhänge er auf die Seite ſchob. Die Wa⸗ kiner chen des Ba con waren immer noch da; jenſeits des zu leg Balcon aber breitete ſich eine düftere Plattform aus auf welcher Schatten umhergingen. Kart vermochte nichts zu unterſcheiden, aber er a fühlte unter ſeinen Füßen die Erſchütterung in Folg pas eren icher hild⸗ Lopf önig auf dem elche aupi dieſe das Graf önig e ein ber zum zebet. nſter Wa⸗ des aus er er Folge 45 der Schläge ſeiner Freunde Und jeder dieſer Schläge antwortete in ſeinem Herzen. Party hatte ſich nicht getäuſcht: er hatte Athos erkannt. Er war es wirklich, der, unterſtützt von Porthos, ein Loch aushöhlte, in welchem einer von den Querbalken ruhen ſollte. Dieſes Loch lief in eine unter dem Boden des königlichen Zimmers angebrachte Heffnuno. War man einmal in vieſer Oeffnung, welche einem ſehr niedrigen Entreſol glich, ſo konnte man mittelſt einer Brechſtange und guter Schultern— dies war die Sache von Por⸗ thos— eine Platte des Bodens ſprengen. Der König ſchlüpfte ſodann durch dieſe Heffnung, erreichte mit ſei⸗ nen Rettern eine von den Abthetlungen des ganz mit ſchwarzem Tuche bedeckten Schaffotes, zog ebenfalls ein Arbeitergewand an, das man für ihn bereit hielt, und ging ganz furchtlos mit den vier Freunden hinab. Die Schildwachen, welche, ohne irgend einen Verdacht zu haben, die Arbeiter vom Schaffot kommen ſahen, ließen fie vorübergehen. Die Felucke war, wie gefagt, bereit. Dieſer Plan war umfaſſend und zugleich einfach und leicht, wie alle Dinge, welche aus einer kühnen Entſchloſſenheit hervorgehen. Athos zerriß ſeine ſo zarten, ſo weißen Hände, um Steine herauszuheben, die von Porthos aus ihren Baſen gebrochen wurden. Bereits konnte er den Kopf unter die Zierrathen ſtecken, welche den unteren Kranz des Balcon ſchmückten. Noch zwei Stunden und er würde den ganzen Körper durchbringen. Por Tag ſollte das Loch fertig ſein und völlig unter den Falten einer innern Tapete verſchwinden, welche dArtagnan zu legen hatte. DArtagnan hatte ſich für einen franzöſiſchen Arbeiter ausgegeben, und brachte vie Nägel mit ver Regelmäßigkeit des geſchickteſten Tape⸗ ziers an. Aramis ſchnitt das Ueberftüſſige der Sarſche ab, welche bis zur Erde berabhing und hinter der ſich Der Tag erſchien an den Gipfeln der Häuſer. Ein großes Torf⸗ und Kohlenfeuer hatte die Arbeiter in der ſo kalten Nacht vom 29. auf den 30. Januar unterſtützt. Jeden Augenblick unterbrachen ſich ſelbſt die Eifrigſten bei der Arbeit, um fich an dem Feuer zu wärmen. Athos und Porthos allein hatten ihr Werk nicht verlaſſen. Bei dem erſten Schimmer des Tages war auch das Loch vollendet. Athos drang hinein und nahm dabei die in einen Abſchnitt von ſchwarzer Sarſche gewickelten, für den König beſtimmten Kleider mit. Porthos gab ihm ſeine Brechſtange, und d'Artagnan nagelte(ein großer, aber ſehr nützlicher Luxus) eine Tapete von Sarſche innen an, hinter wel⸗ cher das Loch und derjenige, welchen es verbarg, ver⸗ ſchwanden. Athos brauchte nur noch zwei Stunden zu ar⸗ beiten, um ſich mit dem König in Verbindung zu ſetzen, und nach der Vorausſicht der vier Freunde hat⸗ ten ſie den ganzen Tag vor ſich, da man in Erman⸗ gelung des Henkers von London genöthigt ſein würde, den von Brißtol zu holen. D'Artagnan legte ſein kaſtanienbraunes Kleid wieder an und Porthos nahm ſein rothes Wamms. Aramis begab ſich zu Juxon, um mit ihm, wenn es möglich wäre, zu dem König zu dringen. Alle Drei ſollten ſich um die Mittagsſtunde auf dem Whitehall⸗Platze zuſammenfinden, um zu ſehen, was vorginge. Ehe Aramis das Schaffot verließ, näherte er ſich der Oeffnung, wo Athos verborgen war, um ihm mitzutheilen, er wolle Karl zu ſehen ſuchen. „Gott befohlen alſo und guten Muth,“ ſprach Athos;„berichtet dem König, wie die Sachen ſtehen ſagt ihm, ſobald er allein ſei, möge er auf den Bode klopfen, damit ich meine Arbeit ſicher fortſetzen kan Wollte mir Parry vorher vie innere Platte des Ka mins, welche ohne Zweifel von Marmor iſt, losm 1 7 äuſer. beiter anuar ſelbſt Feuer n ihr rdes drang von mten „und licher wel⸗ „ver⸗ u ar⸗ i zu hat⸗ man⸗ ürde, Kleid mms. nn es e auf ſehen, er ſich ihm ſprach tehen⸗ Bovel kant 3 Ka m 47 chen helfen, ſo wäre ſchon etwa geſchehen. Ihr, Aramis, trachtet danach, den König nicht zu ver⸗ laſſen. Sprecht laut, ſehr laut, denn man wird Euch von der Thüre aus hören. Befindet ſich eine Wache im Innern des Zimmers, ſo tödtet ſie, ohne Euch lange zů bedenken; find zwei da, ſo mag Parry die eine tödten, und Ihr fertigt die andere ab; find es drei, ſo laßt Euch tödten, aber rettet den König.“ „Seid unbeſorgt, ich nehme zwei Dolche mit, um einen davon Parrh zu geben. Habt Ihr ſonſt noch etwas?“ „Nein, geht; aber ſchärft dem König ein, er ſolle keinen falſchen Edelmuth üben. Indeß Ihr kämpft, wenn ein Kampf entſteht, fliehe er iſt die Platte einmal wieder über ſeinem Kopfe, und Ihr ſeid todt oder lebendig auf der Platte, ſo braucht man wenig⸗ ſtens zehn Minuten, um das Loch zu finden, dur welches er entflohen iſt. Während dieſer zehn Minuten nig iſt gerettet.⸗ „Es ſoll geſchehen, wie Ihr ſagt, Athos. Euere and, denn vielleicht ſehen wir uns nicht wieder.“ „ Athos ſchlang ſeinen Arm um den Hals von Ara⸗ mis, küßte ihn und ſprach: „Für Euch, Aramis. Sterbe ich, ſo ſagt d'Artag⸗ nan, daß ich ihn liebe, wie mein Kind, und umarmt ihn in meinem Namen. Umarmt auch Porthos, un⸗ ſern guten, braven Porthos. Gott befohlen!“ „Gott befohlen,“ erwiederte Aramis.„Ich bin nun ſo feſt überzeugt, daß der König entkommen ich überzeugt. bin, daß ich in dieſem Augen⸗ blicke die redlichſte Hand der Welt drücke.“ Aramis verließ Athos, ſtieg ebenfalls von dem Schaffot herab, und kehrte die Melodie eines Liedes zum Lobe von Cromwell pfeifend, in das Hotel zurück. Er fand ſeine zwei andern Freunde, welche in der Nähe eines guten Feuers am Tiſche ſaßen, eine Flaſche Portwein tranken und ein kaltes Huhn Lerzehrten. Porthos aß und ſtieß zugleich tauſend Verwünſchungen gegen die heilloſen Parlamentsmitglieder aus. DAr⸗ tagnan ſaß ſtillſchweigend, haute aber in ſeinen Ge⸗ vanken die kühnſten Pläne. Aramis erzählte ihm Alles, was verabredet war. DArtagnan billigte mit dem Kopfe, Porthos mit der Stimme. „Bravo,“ ſagte er;„überdies werden wir im Augenblicke der Flucht dort ſein. Man iſt ſehr gut unter dem Schaffot verborgen und wir können uns daſelbſt halten. D'Artagnan, ich, Grimaud und Mousqueton(n wohl acht todtz von Blaiſois ſpreche ich nicht, er taugt nur zur Bewachung der Pferde. Zwei Minuten auf den Menſchen, macht vier Minuten. Mousqueton wird eine verlieren, das iſt fünf. Während dieſer fünf Minuten könnt Ihr beinahe eine halbe Stunde Wegs zurückgelegt haben.“ Aramis aß ſchnell ein Stück Fleiſch, trank ein Glas Wein und wechſelte die Kleider. „Nun begebe ich mich zu Seiner Herrlichkeit,“ ſagte er.„Ihr beſchäftigt Euch damit, die Waffen bereit zu halten, Porthos. Ueberwacht Euern Henker gut, dArtagnan.“ „Seid unbeſorgt. Grimaud hat Mousqueton ab⸗ gelöſt, und iſt auf ſeiner Hut.“ „Gleichviel; verdoppelt die Wachſamkeit und bleibt nicht einen Augenblick unthätig.“ „Unthätig, mein Lieber?“ fragte Porthos. ₰ch raſte nicht, ich bin unabläßig auf meinen Beinen, ich habe das Ausſehen eines Tänzers. Gottes Tod! wie liebe ich Frankreich in vieſem Augenblicke, und wie gut iſt es, ein eigenes Vaterland zu haben, wenn man ſo ſchlimm in dem von Andern iſt!“ Aramis verließ ſie, wie er Athos verlaſſen hatle, vas heißt, indem er Beide umarmte. Dann begab er ſich zu dem Viſchof Juxon und ſtellto ihm ſein Ver⸗ * Der und herge Wort hätter ähnlic Anwe zu laf A geſchlo „ Londor unter brocher her. 8 Zwan ten. en Ar⸗ Ge⸗ var. der gut uns und ſois der acht das Ihr n.“ ein , ffen ker ah⸗ ind 3ch vie wie an te, ab er⸗ 49 langen vor. Juxon willigte um ſo leichter ein, Ara⸗ mis mitzunehmen, als man ihn bereits benachrichtigt hatte, man würde eines Prieſters bedürfen in dem ge⸗ wiſſen Falle, daß der König das Nachtmahl nehmen wollte, und beſonders in dem wahrſcheinlichen Falle, daß er eine Meſſe zu hören wünſchte. Angethan, wie es Aramis am Tage vorher war, ſtieg der Biſchof in ſeinen Wagen; mehr verkleidet durch ſeine Bläſſe und durch ſeine Traurigkeit, als verändert. Die Vorzimmer und Gänge waren, wie am Tage vorher, mit Wachen angefüllt. Zwei Schild⸗ wachen ſtanden vor der Thüre des Königs, zwei andere gingen vor dem Balcon auf der Plattform des Blut⸗ gerüſtes auf und ab, auf welchem man bereits den Block befeſtigt hatte. er König war voll Hoffnung; als er Aramis wiederſah, verwandelte ſich dieſe Hoffnung in Freude. rumarmte Juxon und drückte Aramis die Hand. Der Blſchof ſprach mit dem König zum Scheine laut und vor aller Welt von ihrem Zuſammenſein am vor⸗ hergehenden Tage. Der König antwortete ihm, die orte, die er ihm bei dieſem Zuſammenſein geſagt, hätten ihre Frucht getragen, und er wünſchte noch eine ähnliche Unterredung. Juron wandite nach den nweſenden um und bat ſie, ihn mit dem König allein zu laſſen. Alle entfernten ſich. Sobald die Thüre wieder geſchloſſen war, ſagte Aramis raſch: „Sire, Ihr ſeid gerettet! Der Nachrichter von London iſt verſchwunden. Sein Gehülfe hat ſich geſtern unter den Fenſtern Euer Majeßät den Schenkel ge⸗ brochen. Der Schrei, den wir hörten, rührte von ihm her. Ohne Zweifel hat man das Verſchwinden des Zwanzig Jahre nachher. M. 4 Henkers bereits wahrgenommen; doch es giht nur in Briſtol einen zweiten, und man braucht Zeit, um ihn zu holen. Wir haben alſo wenigſtens bis morgen für uns.“ „Aber der Graf de la Fere?“ fragte der König. „Er befindet ſich zwei Fuß von Euch, Sire. Nehmt das Schüreiſen von der Gluthpfanne und klopft drei⸗ mal; Ihr werdet hören, daß man Euch antwortet.“ Der König nahm mit zitternder Hand das Inſtru⸗ ment und klopfte dreimal in gleichmäßigen Zwiſchen⸗ räumen. Sogleich erſchollen, das Signal erwiedernd, dumpfe, behutſame Schläge unter dem Boden. „Alſo derjenige, welcher mir antwortet, ſagte der König. „Iſt der Graf de la Fere, Sire,“ antwortete Ara⸗ mis.„Er bereitet den Weg, auf welchem Eure Ma⸗ jeſtät zu fliehen im Stande ſein wird. Parrp mag diet Warmorplatte aufheben, und der Gang iſt völlig geöffnet. „Aber ich habe kein Werkzeug,“ ſagte Parry. „Nehmt dieſen Dolch,“ verſetzte Aramis,„nur hütet Euch, denſelben zu ſehr abzuſtumpfen, denn Ihr könntet deſſelben bedürfen, um etwas Anderes auszu⸗ höhlen, als den Stein.“ „Oh, Juxon,“ ſprach Karl, ſich gegen den Biſchof umwendend und ſeine beiden Hände faſſend,„hört die Bitte desjenigen, welcher Euer König war.“ „Der es noch iſt und immer ſein wird,“ ſprach Juron, dem Fürſten die Hand küſſend. „Betet Euer ganzes Leben für dieſen Edelmann, den Ihr hier ſeht, für einen andern, den Ihr unter unſern Füßen hört, und für noch zwei, welche irgentwo, ich bin es feſt überzeugt, zu meinem Heile wachen.“ „Sire,“ antwortete Juxon,„es ſoll Euch gehorcht werden. Jeden Tag, ſo lange ich lebe, ſoll ein Gebet für die getreuen Seelen Euer Majeſtät zum Himmel emporſteigen.“ in ihn gen ig. hmt rei⸗ A tru⸗ en nd, lra⸗ Ma⸗ nag lig nur Ihr zu⸗ chof die nn, ter wo, 7 cht bet mel 51 Der Gräber ſetzte noch einige Zeit ſeine Arbeit fort, die man immer näher kommen fühlte. Plötzlich aber erſcholl ein unerwartetes Geräuſch in der Gallerie. Aramis ergriff das Schüreiſen und gab das Signal zur Unterbrechung. Das Geräuſch näherte ſich. Es war das einer gewiſſen Anzahl gleichmäßiger, geregelter Schritte. Die vier Manner blieben unbeweglich. Aller Augen waren auf die Thüre geheftet, die ſich langſam und mit einer Art von Feierlichkeit öffnete. Wachen waren in Reihe und Glied in dem Vor⸗ zimmer des Königs aufgeſtellt. Schwarz gekleidet und mit einem Ernſte von ſchlimmer Vorbedeutung trat ein Commiſſär des Parlaments ein, grüßte den König, entrollte ein Pergament und las ihm ſeinen Spruch vor, wie man dies gewöhnlich bei den Verur⸗ theilten thut, welche das Blutgerüßte beſteigen ſollen. xiſyeibo ſoll das bedeuten?“ fragte Aramis den of. Juxon erwiederte ihm durch ein Zeichen, er ſei in ſeder Beziehung ſo unwiſſend, als er. „Dies iſt alſo für heute?“ ſagte der König mit einer nur für Juron und Aramis bemerkbaren Bewe⸗ gung. „Waret Ihr nicht davon in Kenntniß geſetzt, Sire, daß es heute geſchehen ſollte?“ fragte der Mann in dem ſchwarzen Gewande⸗ „Und ich ſoll wie ein gemeiner Verbrecher von der Hand des Henkers von London ſterben?“ ſagte der König. „Der Henker von London iſt verſchwunden, Sire,“ den, als Ihr forder„um Eure zeitlichen und geiſtlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen.“ Ein leichter an der Wurzel der Haare von Karl 52 gung, welche dieſe Kunde bei ihm veranlaßte. Aramis aber wurde leichenbleich. Sein Herz ſchlug nicht mehr. Er ſchloß die Augen und ſtützte ſeine Hand auf einen Tiſch. Als Karl dieſen tiefen Schmerz wahrnahm, ſchien er den ſeinigen zu vergeſſen. Er ging auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand, umarmte ihn und ſprach mit ſanftem, traurigem Lächeln; „Auf, mein Freund, Muth gefaßt!“ Dann ſich gegen den Commiſſär umwendend: „Mein Herr, ich bin bereit und verlange nur zwei Dinge, die Euch, glaube ich, nicht ſehr auffallen werden. Erſtens, das Nachtmahl zu nehmen, und dann, meine Kinder zu umarmen und ihnen das letzte Lebewohl zu ſagen. Wird mir dies geſtattet ſein?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Commiſſär des Par⸗ laments. Und er entfernte ſich. Zu ſich ſelbſt gekommen, preßte ſich Aramis die Nägel in das Fleiſch. Ein ungeheurer Seufzer entſtieg ſeiner Bruſt. „Oh, hochwürdigſter Herr!“ rief er, die Hände von Juxon ergreifend,„wo iſt Gott? wo iſt Gott?“ „Mein Sohn,“ ſprach der Biſchof mit Feſtigkeit, „Ihr ſeht Gott nicht, weil die Leidenſchaften der Erde ihn verbergen.“ „Mein Sohn,“ ſagte der König zu Aramis, „verzweifle nicht. Du fragſt, was Gott mache? Goti fieht Deine Ergebenheit und mein Märtyrthum, und glaube mir, Beides wird ſeine Belohnung finden. Halte Dich alſo bei dem, was geſchieht, an die Men⸗ ſchen und nicht an Gott. Die Menſchen bewirken mei⸗ nen Tod, die Menſchen veranlaſſen Deine Thränen.“ „Ja, Sire,“ erwiederte Aramis,„Ihr habt Recht, an die Menſchen muß ich mich halten und an ſie werde ich mich auch halten.“ „Setzt Euch, Juxon,“ ſprach der König nieder⸗ perlender Schweiß war die einzige Spur von Aufte⸗ Kar der daß war ſam zu: mat dere Prit gebe bei wor Aufte⸗ Herz ſtützte tiefen geſſen. Hand, icheln; nr fallen und letzte 2 Par⸗ s die itſtieg ände tt?“ gkeit, Erde mis, Gott und nden. Men⸗ mei⸗ n te cht. verde eder⸗ 53 knieend,„Ihr habt mich noch zu hören, ich habe noch zu beichten. Bleibt, mein Herr,“ fügte er bei, ſich an Aramis wendend, der eine Bewegung machte, um ſich zurückzuziehen;„bleibt auch Ihr, Parry, ich habe ſelbſt bei den Geheimniſſen der Beichte nichts zu ſagen, was ſich nicht vor aller Welt ſagen ließe; bleibt, ich be⸗ daure nur, daß mich nicht die ganze Welt wie Ihr und mit Euch hören kann.“ Juron ſetzie ſich und der König begann, vor ihm knieend, wie der geringſte Gläubige, ſeine Beichte. V. Remember! Als die königliche Beichte vollendet war, nahm Karl das Abendmahl; dann verlangte er ſeine Kinder zu ſehen. Es ſchlug zehn Uhr und es war ſomit, wie der König geſagt hatte, keine lange Zögerung. Das Volk hielt ſich indeſſen ſchon bereit z es wußte, daß zehn Uhr die für die Hinrichtung beſtimmte Stunde war, ſchaarte ſich in den Straßen beim Palaſſe zu⸗ ammen, und der König fing an den entfernten Lärmen zu unterſcheiden, welchen die Menge und das Meer machen, wenn die eine durch ihre Leidenſchaften, das an⸗ dere durch ſeine Stürme erregt iſt. Die Kinder des Königs langten an: zuerſt die Prinzeffin Charlotte, dann der Herzog von Gloceſter, — ein kleines, blondes Mädchen, die Augen in Thränen gebadet, und ein Knabe von acht bis zehn Jahren, bei dem ein trockenes Auge und die verächtlich aufge⸗ worfene Lippe den wachſenden Stolz verriethen. Das Kind hatte die ganze Racht hindurch geweint, aber vor allen dieſen Leuten weinte es nicht. Karl fühlte, wie ſein Herz beim Anblick der beiden Kinder ſchmolz, die er ſeit zwei Jahren nicht geſchen hatte und jetzt nur in der Stunde ſeines Todes wie⸗ derſah. Eine Thräne trat in ſeine Augen und er wandte ſich und trocknete ſie, denn er wollte ſtark ſein vor denjenigen, welchen er ein ſo ſchweres Erbe des Leidens und des Unglücks hinterließ. Er ſprach zuerſt mit dem jungen Mädchen, zog die Kleine zu ſich, empfahl ihr Frömmigkeit, Reſigna⸗ tion und kindliche Liebe; dann ging er von dem einen zum andern über, nahm den jungen Herzog von Glo⸗ ceſter und ſetzte ihn auf ſeinen Schvoß, damit er ihn zu⸗ gleich an ſein Herz drücken und ihm das Geſicht küſ⸗ ſen könnte. „Mein Sohn,“ ſagte er zu ihm,„Du haſt auf Deinem Wege hierher in den Straßen und in den Vorzimmern viele Menſchen geſehen; dieſe Leute, ver⸗ giß es nie, werden Deinem Vater den Kopf abſchla⸗ gen. Vielleicht wollen ſie Dich eines Tags, weil ſie Dich bei ſich ſehen und in ihrer Gewalt haben, zum König machen, mit Ausſchließung des Prinzen von Wales und des Herzogs von Vork, Deiner älteren Brü⸗ der, von denen der eine in Frankreich, der andere ich weiß nicht wo iſt; aber Du biſt nicht der König, mein Sohn, und kannſt es nur durch ihren Tod werden. Schwöre mir alſo, Dir nicht die Krone auf das Haupt ſetzen zu laſſen, wenn Du nicht rechtgemäße Anſprüche auf dieſe Krone haſt, denn eines Tags, hörſt Du wohl, mein Sohn, eines Tags, wenn Du dieß thuſt, würden ſie Dir Kopf und Krone abſchlagen, und an dieſem Tage könnteſt Du nicht ruhig und ohne Gewiſſensbiſſe ſterben, wie ich ſterbe. Schwöre mir, mein Sohn.“ Das Kind ſtreckte ſeine kleine Hand in die ſeines Vaters aus und ſprach: „Sire, ich ſchwöre Euerer Majeſtät„ aber iden ehen wie⸗ d er ſein des 308 gna⸗ inen Glo⸗ nzu⸗ küſ⸗ auf den ver⸗ ſchla⸗ l ſie zum von Brü⸗ re ich mein rden. aupt rüche wohl, ürden ieſem sbiſſe hn.“ ſeines Karl unterbrach ihn und ſagte: „Heinrich, nenne mich Deinen Vater.“ „Mein Vater,“ verſetzte das Kind,„ich ſchwöre Euch, daß fie mich eher tödten, als zum König machen werden.“ „Gut, mein Sohn. Nun umarme mich, und Du auch, Charlotte, und vergeßt mich nicht.“ „Oh! nein! nein!“ riefen die zwei Kinder, ihre Arme um den Hals des Königs ſchlingend. „Gott befohlen,“ ſprach Karl,„Gott befohlen, meine Kinder. Führt ſie weg, Juxon, ihre Thränen würden mir den Muth zum Sterben rauben.“ „ Juron entriß die unglücklichen Kinder den Armen ihres Vaters und übergab ſie denjenigen, welche ſie gebracht hatten. Hinter ihnen öffneten ſich die Pforten und Zeder⸗ mann konnte eintreten. Als ſich der König unter der Menge der Wachen und Neugierigen, welche das Zimmer zu füllen began⸗ nen, allein ſah, erinnerte er ſich, daß der Graf de la Fére ſehr nahe unter dem Boden des Gemaches war⸗ und da er ihn nicht ſehen konnte, vielleicht immer noch hoffte. Er zitterte, das geringſte Geräuſch könnte Athos als Signal erſcheinen, und dieſer würde ſich, ſeine Arbeit wieder beginnend, ſelbſt verrathen. Er heuchelte deshalb eine Unbeweglichkeit und hielt dadurch alle Anweſende in Ruhe. Der König täuſchte ſich nicht, Athos war wirklich auf den Beinen, er horchte, er verzweifelte, da er kein Signal hörte; er fing zuweilen abermals an, den Stein anzugreifen, da er aber gehört zu werden befürchtete, hielt er bald wieder inne. Dieſe furchtbare Unthätigkeit dauerte zwei Stun⸗ i Todesſtille herrſchte in dem Zimmer des önigs. Nun entſchloß er ſich, die Urſache dieſer düſtern, ſtummen, nur von dem ungeheuren Lärmen des Volkes geſtörten Ruhe zu erforſchen. Er öffnete ein wenig die Tapete, welche das Loch des Spaltes verbarg, und ſtieg auf den erſten Stock des Schaffots hinab. Kaum vier Zoll über ſeinem Kopfe war der Boden, der ſich in einer Höhe mit der Plattform ausdehnte und das Schaffot bildete. Das Geräuſch, welches er bis jetzt nur dumpf gehört hatte, und das nun düſter und bedrohlich an ſein Ohr drang, machte ihn vor Schrecken beben. Er ging bis an den Rand des Schaffots, öffnete ein we⸗ nig das ſchwarze Tuch in der Höhe ſeines Auges und ſah Reiter, welche an der furchtbaren Maſchine auf⸗ geſtellt waren, jenſeis der Reiter eine Reihe Partiſa⸗ nenträger, jenſeits der Partiſanenträger Musketiere, jenſeits der Musketiere die erſten Reihen des Volkes, das einem düſtern Ocean ähnlich brauſte und tobte. „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte ſich Athos, heftiger zitternd, als das Tuch, deſſen Falten er zer⸗ knitterte;„das Volk drängt ſich, die Soldaten ſtehen unter den Waffen, und unter den Zuſchauern, welche insgeſammt die Augen nach dem Fenſter gerichtet ha⸗ ben, erblicke ich dArtagnan! Was erwartet er? was betrachtet er? Großer Gott, ſollte er haben den Hen⸗ ker entſchlüpfen laſſen!“ Plötzlich erſcholl die Trommel dumpf und düſter auf dem Platze; ein Geräuſch ſchwerer, langſamer Tritte machte ſich über ſeinem Kopfe hörbar. Es kam ihm vor, als ob etwas, wie eine ungeheuere Prozeſ⸗ ſion die Parkete von Whitehall beträte; bald hörte er ſogar die Bretter des Blutgerüſtes krachen. Er warf einen letzten Blick auf den Platz, und die Hal⸗ tung der Zuſchauer lehrte ihn, was eine im Grunde ſeines Herzens zurückgebliebenen Hoffnung zu errathen bis jetzt verhindert hatte. Das Geräuſch auf dem Flatze hatte völlig aufge⸗ hört. Aller Augen waren nach dem Fenſter von White⸗ ſkes nig arg, rab. den, hnte mpf an Er we⸗ und auf⸗ iſa⸗ iere, kes, e hos, zer⸗ ehen elche ha⸗ was Hen⸗ üſter amer kam ozeſ⸗ hörte Er Hal⸗ runde athen ufge⸗ hite⸗ * ————— 57 hall gerichtet; die ſtarre Menge gab durch den auf⸗ geſperrten Mund und das Zurückhalten des Athems die Erwartung eines furchtbaren Schauſpiels kund. Das Getöſe der Tritte„ das Athos von der Stelle, die er unter dem Boden des königlichen Zim⸗ mers einnahm, über ſeinem Kopfe gehört hatte, wie⸗ derholte ſich auf dem Schaffot, weſches ſich dergeſtali unter dem Gewichte bog, daß die Bretter beinahe den Kopf des unglücklichen Edelmanns berührten. Offen⸗ bar waren es zwei Reihen Soldaten, welche den ih⸗ nen zugewieſenen Platz beſetzten. In demſelben Augenblicke ſprach eine Athos wohl⸗ Stimme, eine edle Stimme über ſeinem opfe: „Herr Oberſter, ich wünſche zu dem Volke zu eden.“ Athos bebte vom Scheitel bis zu den Zehen: es war der König, welcher auf dem Blutgerüſte ſprach. Nachdem Karl ein paar Tropfen Wein getrunken und etwas Brod gebrochen, hatte er ſich wirklich, müde den Tod zu erwarten, entſchloſſen, dieſem entgegenzu⸗ gehen, und das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Dann hatte man die beiden Flügel des nach dem Platze gehenden Fenſters geöffnet, und das Volk ſah ſchweigend aus dem Hintergrunde des Zimmers einen verlarvten Mann hervortreien, in welchem man an dem Beile, das er in der Hand hielt, den Scharf⸗ richter erkannte. Dieſer Mann näherte ſich dem Blocke und legte ſein Beil darauf. Nach dieſem Menſchen erblickte man Karl Stuart, welcher ruhig und feſien Schrittes zwiſchen zwei Prie⸗ ern ging, gefolgt von einigen Oberoffizieren, die der Hinrichtung beizuwohnen hatten, und von zwei Gliedern von Partiſanenträgern, welche ſich auf bei⸗ den Seiten des Schaffots auffſteliten. Der Anblick des verlarvten Mannes hatte ein lange anhaltendes Geräuſch hervorgebracht. Zeder⸗ r mann war neugierig zu erfahren, wer der unbekannte Henker wäre, der ſich noch zur rechten Zeit angeboten hatte, damit das dem Volke verheißene Schauſpiel ſtattfinden konnte, während man bereits geglaubt, daſſelbe müßte auf den andern Tag verſchoben wer⸗ den. Jeder verſchlang ihn gleichſam mit den Au⸗ gen, aber man konnte nichts ſehen, als daß es ein ſchwarz gekleideter Mann von mittlerem Wuchſe war, der bereits ein gewiſſes Alter erreicht zu haben ſchien, denn das Ende eines grau werdenden Bartes ſtand unter der Larve hervor, die ſein Geſicht beveckte. Doch bei dem Anblick des ſo ruhigen, ſo edeln, ſo würdigen Königs ftellte ſich die Ruhe wieder her, und Jedermann konnte es hören, als er das Verlangen, zu dem Volke zu reden, ausſprach. Dieſes Verlangen hatte derjenige, an welchen es gerichtet war, ohne Zweifel mit einem bejahenden Zei⸗ chen beantwortet, denn der König fing an mit einer feſten, wohlklingenden, bis in die Tiefe des Herzens von Athos vibrirenden Stimme zu ſprechen. Er erklärte dem Volke ſein Benehmen und gab ihm Rathſchläge zur Wohlfahrt Englands. „Oh!“ ſprach Athos zu ſich ſelbſt,„iſt es denn möglich, daß ich höre, was ich höre? Iſt es möglich, daß Gott ſeinen Stellvertreter auf Erden ſo ſehr ver⸗ laſſen hat, daß er ſo elendiglich ſterben muß! Und ich habe ihn nicht geſehen! habe ihm kein Fahrewohl geſagt!“ Man vernahm ein Geräuſch, als würde das To⸗ deswerkzeug auf dem Blocke bewegt. Der König unterbrach ſich und ſprach: „Berührt das Beil nicht.“ Und er ſetzte ſeine Rede fort; als ſie zu Ende war, trat eine furchtbare Stille über dem Kopfe des Grafen ein. Er hielt ſeine Hand vor die Stirne, aber zwiſchen ſeiner Hand und ſeiner Stirne rieſelten Schweißtropfen durch, obgleich die Luft eiskalt war. hint glül derh mnte boten ſpiel aubt, wer⸗ Au⸗ s ein war, chien, ſtand deln, her, ngen, n es Zei⸗ einer rzens gab denn ver⸗ kein To⸗ Ende e des tirne, ſelten ar. 59 Dieſe Stille deutete die letzten Vorbereitungen an. Nachdem der König ſeine Rede geſchloſſen, ließ er auf der Menge einen Blick voll Mitleids umher⸗ gehen. Dann machte er den Orden, den er trug, eben jenen Demantſtern, den die Königin ihm geſchickt hatte, los und übergab ihn dem Prieſter, welcher Juron begleitete. Hierauf zog er aus ſeiner Bruſt ein kleines Kreuz, ebenfalls von Diamanten. Dieſes kam, wie der Stern, von Frau Henriette. „Mein Herr,“ ſagte er, ſich an den Prieſter wen⸗ dend, welcher Juxon begleitete,„ich werde dieſes Kreuz bis zu meinem letzten Augenblick in der Hand behalten; aber nehmt es von mir, wenn ich todt bin.“ „Ja, Sire,“ ſprach eine Stimme, in welcher Athos die von Aramis erkannte. Karl, welcher bis dahin ſeinen Kopf bedeckt ge⸗ habt hatte, nahm nun ſeinen Hut ab und warf ihn von ſich. Dann löſte er, einen nach dem andern, die Knöpfe ſeines Wammſes, zog es aus und warf es ne⸗ ben ſeinen Hut. Da es aber ſehr kalt war, forderte er ſeinen Schlafrock, den man ihm reichte. Alle dieſe Vorbereitungen waren mit furchtbarer Ruhe vor ſich gegangen. Man hätte glauben ſollen, der König wäre im Begriff, ſich zu Bette und nicht in ſeinen Sarg zu legen. Endlich hob er ſeine Haare mit der Hand in die Höhe und ſagte zu dem Henker: „Werden ſie Euch hinverlich ſein2 In dieſem Falle könnte man ſie mit einer Schnur aufbinden.“ unter die Larve des Unbekannten dringen zu wollen ſchien. Der ſo edle, ſo ruhige, ſo ſichere Blick nö⸗ thigte dieſen Menſchen, den Kopf abzuwenden. Aber hinter dem tiefen Blicke des Königs begegnete er dem glühenden Blicke von Aramis. Als der König ſah, daß er nicht antwortete, wie⸗ derholte er ſeine Frage. 60 „Es wird genügen, wenn Ihr ſie vom Halſe ent⸗ fernt,“ antwortete der Mann mit einer dumpfen Stimme. Der König trennte ſeine Haare mit ſeinen beiden Händen und ſagte den Block anſchauend: „Dieſer Block iſt ſehr niedrig; ſollte ſich kein hö⸗ herer finden?“ „Es iſt der gewöhnliche Block,“ antwortete der Verlarvte. „Glaubt Ihr mir ven Kopf mit einem Streiche abzuhauen?“ fragte der König. „Ich hoffe es,“ antwortete der Scharfrichter. Es lag in den Worten:„Ich hoffe es,“ eine ſo ſeliſame Betonung, daß alle Anweſenden, den König ausgenommen, bebten. „Es iſt gut,“ ſprach der König,„und nun, Hen⸗ ker, höre.“ Der Verlarvte machte einen Schritt gegen den König und ſtützte ſich auf ſein Beil. „Du ſollſt mich nicht überraſchen,“ ſprach Karl zu ihm.„Ich werde niederknieen, um zu beten; dann ſchlage noch nicht.“ „Wann ſoll ich ſchlagen?“ fragte der Verlarpte. „Sobald ich den Hals auf den Block gelegt habe, die Arme ausſtrecke und Bemember?*) rufe.“ Der Mann mit der Larve machte eine leichte Ver⸗ beugung. „Der Augenblick, von der Welt zu ſcheiden, iſt gekommen,“ ſprach der König zu ſeiner Umgebung. „Meine Herren, ich laſſe Euch mitten im Sturme und gehe Euch in jenes Vaterland voran, das kein Unge⸗ witter kennt. Gott befohlen!“ Er ſchaute Aramis an und machte ihm ein be⸗ ſonderes Zeichen mit dem Kopfe. „Nun entfernt Euch,“ fuhr er fort,„und laßt mich ²) Erinnert Euch. 61 leiſe mein Gebet verrichten. Entferne Du Dich auch,“ ſagte er zu dem Verlarvten;„ich weiß, daß ich Dir gehöre; aber erinnere Dich, daß Du erſt bei meinem Signal ſchlagen ſollſt.“„ Karl kniete nieder, machte das Zeichen des Kreu⸗ zes und näherte ſeinen Mund den Brettern, als wollte er die Plattform küſſen. Dann ſtützte er ſich mit der einen Hand auf den Boden, mit der andern auf den Block, und ſagte in franzöfiſcher Sprache: „Graf de la Fere, ſeid Ihr da, und kann ich ſprechen?“ Dieſe Stimme ſchlug gerade in pas Herz von Athos und durchdrang daſſelbe, wie ein kaltes Eiſen. „Za, Majeſtät,“ erwiederte er zitternd. „Treuer Freund, edles Herz,“ ſprach der König, vich konnte nicht von Dir gerettet werden, ich ſollte es nicht ſein. Nun aber, und ſollte ich eine Entheili⸗ gung begehen, ſage ich: ja, ich habe zu den Menſchen, ich habe zu Gott geſprochen, ich ſpreche zuletzt zu Dir. Um eine Sache aufrecht zu halten, die ich für heilig hielt, habe ich den Thron meiner Väter verloren und das Erbe meiner Kinder verſchleudert. Eine Million in Gold bleibt mir. Ich habe ſie in den Kellern des Schloſſes von Neweaſtle in dem Augenblick vergraben, wo ich dieſe Stadt verließ. Du allein weißt, daß die⸗ ſes Geld vorhanden iſt. Mache Gebrauch davon, wenn Du es zum Wohle meines älteſten Sohnes für zeitge⸗ 1 hältft. Und nun, Graf de la Fere, nimmt Abſchied on mir.“ „Gvott befohlen, heilige Majeſtät, Märtyrer⸗Ma⸗ jeſtät 1“ ſtammelte Athos, vor Schrecken zu Eis ge⸗ worden. Es trat nun ein Stillſchweigen ein, während deſ⸗ ſen es Athos vorkam, als ſtünde der König auf und wechſelte ſeine Stellung. ann rief der König mit einer vollen, klingenden 62 Stimme, ſo daß man es nicht nur auf dem Schaffot, ſondern auch auf dem ganzen Platze hörte: „Remember!“ Kaum war dieſes Wort aus ſeinem Munde, als ein furchtbarer Schlag den Boden des Blutgerüſtes er⸗ ſchütterte. Der Staub drang aus dem Tuche hervor und verblendete den unglücklichen Edelmann. Plötzlich hob er mit einer maſchinenmäßigen Be⸗ wegung die Augen und den Kopf empor, und es fiel ein warmer Tropfen auf ſeine Stirne. Athos wich mit einem Schauer des Schreckens zurück, und in demſel⸗ ben Augenblick verwandelten ſich die Tropfen in eine ſchwarze Cascade, welche auf dem Boden aufprallte. Athos ſiel auf die Kniee und blieb einige Augen⸗ blicke wie vom Wahnfinn erfaßt. An dem abneh⸗ menden Gemurmel bemerkte er bald, daß das Volk ſich entfernte. Er verharrte noch einen Moment un⸗ beweglich, ſtumm und beſtürzt. Dann tauchte er, ſich umwendend, das Ende ſeines Taſchentuches in das Blut des Märtyrer⸗Königs, und als das Volk immer mehr den Platz verließ, ſtieg er hinab, ſchlitzte das Tuch, drängte ſich zwiſchen zwei Pferde, vermiſchte ſich mit dem Volke, deſſen Kleidung er trug, und gelangte zuerſt in die Taverne. Als er in ſein Zimmer trat, beſchaute er ſich im Spiegel, ſah auf ſeiner Stirne einen breiten rothen Fleck, fuhr mit der Hand an die Stirne, zog ſie voll von dem Blute des Königs zurück, und fiel in Ohn⸗ macht. finf Aro auc nich der geſe Kön fot! vor eben habe blick. Aran geno geſtel wicke VI Der Perlarpte. Obgleich es erſt vier Uhr war, herrſchte doch ſchon finſtere Nacht. Der Schnee ſiel dick und eifig kalt. Aramis kehrte ebenfalls zurück und fand Athos, wenn auch nicht ohne Bewußtſein, doch wenigſtens wie ver⸗ nichtet. Bei den erſten Worten ſeines Freundes erwachte der Graf aus der Lethargie, in die er verſunken war. „Nun,“ ſagte Aramis,„beſiegt durch das Miß⸗ geſchick!“ „Befiegt,“ ſprach Athos,„edler, unglücklicher König!“ „Seid Ihr denn verwundet?“ fragte Aramis. „Nein, dieſes Blut iſt das ſeinige.“ Der Graf trocknete ſeine Stirne. „Wo waret Ihr denn?“ F Ihr mich gelaſſen hattet, unter dem Schaf⸗ ot!“ „Und Ihr habt Alles geſehen?“ „Nein, aber Alles gehört. Gott bewahre mich vor einer zweiten Stunde, der ähnlich, welche ich ſo eben durchmachen mußte! Habe ich nicht weiße Haare?“ pb„Dann wißt Ihr, daß ich ihn nicht verlaſſen abe. „Ich hörte Eure Stimme bis zum letzten Augen⸗ t A „Hier iſt der Stern, den er mir gegeben,“ ſprach ramis,„hier das Kreuz, das ich aus ſeiner Hand genommen. Er wünſchte, daß Beides der Königin zu⸗ geſtellt würde.“ „Und hier ein Taſchentuch, um Beides darein zu wickeln,“ ſagte Athos. 64 Und er zog das Tuch hervor, das er in das Blut des Königs getaucht hatte. „Was hat man mit der armen Leiche gemacht?“ fragte Athos. „Auf Befehl von Cromwell ſollen ihr die königli⸗ de chen Ehren erwieſen werden. Wir haben den Körper ur in einen bleiernen Sarg gelegt. Die Aerzte beſchäfti⸗ w gen ſich damit, die unglücklichen Ueberreſte einzubalſa⸗ miren. Iſt ihr Werk gethan, ſo wird der König auf „ S ein Trauergerüſte geſetzt werden.“ 91 „Hohn!“ murmelte Athos düſter;„die königlichen S Ehren demjenigen, welchen ſie ermordet haben!“ ve „Dies beweiſt,“ verſetzte Aramis,„daß der König ſtirbt, daß das Königthum aber nicht ſtirbt.“ det „Ah!“ rief Athos,„das iſt vielleicht der letzte rit⸗ ſis terliche König, den die Welt haben wird.“ „Verzweifelt nicht, Graf,“ ſprach eine mächtige ihn Stimme von der Treppe, auf der die ſchweren Tritte von Porthos erſchollen.„Wir ſind alle ſterblich, meine ar⸗ wa men Freunde.“ „Ihr kommt ſpät, mein lieber Porthos,“ ſagte ein der Graf de la Fere. ihn „Ja,“ erwiederte Forthos,„es waren Leute auf meinem Wege, die mich aufhielten. Die Elenden tanzten! Ich nahm einen beim Halſe und erdroſſelte Get ihn, glaube ich, ein wenig. Gerade in dieſem Augen⸗ blick kam eine Patrouille. Zum Glücke war derjenige, mit welchem ich es hauptſächlich zu thun hatte, ein paar Minuten außer Standes, zu ſprechen. Ich be⸗ eine nützte dies, um mich in eine kleine Straße zu werfen. Dieſe kleine Straße führte mich in eine noch kleinere; d dann verirrte ich mich. Ich kenne London nicht, ich verſtehe nicht Engliſch und glaubte, ich würde mich ſ nicht zurecht finden; doch endlich bin ich doch hier.“ 3hr „Aber dArtagnan,“ ſagte Aramis,„habt Ihr ihn nicht geſehen? ſollte ihm etwas begegnet ſein?“ „Wir wurden durch die Menge getrennt,“ erwie⸗ Sn Blut cht?“ nigli⸗ örper häfti⸗ alſa⸗* g auf lichen könig rit⸗ chtige von e ar⸗ ſagte e auf enden ſſelte ugen⸗ nige, ein be⸗ rfen. ere; derte Porthos,„und ich konnie, wie ſehr ich mich auch anſtrengte, nicht wieder zu ihm gelangen.“ Oh!“ ſagte Athos mit einer gewiſſen Bitter⸗ keit,„ich habe ihn geſehen, er war in der erſten Reihe des Volkes, vortrefflich geſtellt, um nichts zu verlieren, und da das Schauſpiel im Ganzen ein ſeltſames ge⸗ weſen iſt, ſo wird er es haben bis zu Ende ſehen wollen.“ „Ei, Graf de la Fere,“ ſprach eine ruhige, ob⸗ gleich durch die Eile des Laufes etwas gehemmte Stimme,„ſeid Ihr es wirklich, der die Abweſenden verleumdet?“ Dieſer Vorwurf traf Athos im Herzen. Da jedoch der Anblick von dArtagnan in den erſten Reihen die⸗ ſes albernen, rohen Volkes einen tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte, ſo beſchränkte er ſich darauf, ihm zu erwiedern: Ich verleumde Euch nicht, mein Freund. Man war hier um Euch beſorgt, und ich ſagte, wo Ihr wä⸗ ret. Ihr kanntet den König Karl nicht, er war nur ein Fremder für Euch und Ihr fandet Euch nicht genöthigt, ihn zu lieben.“ So ſprechend reichte er ſeinem Freunde die Hand. Aber dArtagnan fiellte ſich, als gewahrte er dieſe Geberde nicht und hielt ſeine Hand in ſeinem Mantel. Athos ließ langſam die ſeinige fallen. „Ich bin müde,“ ſprach d'Artagnan und ſetzte ſich. Trintt ein Glas Portwein,“ ſagte Aramis, nahm etne Flaſche vom Tiſch und füllte ein Glas;„trinkt, das wird Euch erquicken.“ „Ja, trinken wir,“ rief Athos, der, die Unzufrie⸗ denheit des Gascogners fühlend, mit dieſem anſtoßen wollte;„laßt uns trinken und dann aus dieſem ab⸗ ſcheulichen Lande eilen. Die Felucke erwartet uns, wie Ihr wibt; reiſen wir dieſen Abend, denn wir haben nichts mehr hier zu thun.“ Swanzig Jahre nachher.. 5 66 „Ihr ſeid eilig, Herr Graf,“ ſagte d'Artagnan. „Dieſer blutige Boden brennt mir unter den Fü⸗ ßen, erwiederte Athos. „Der Schnee macht nicht dieſe Wirkung auf mich,“ verſetzte ruhig der Gascogner. „Aber was ſollen wir denn noch hier machen, nun, — da der König todt iſt?“. „Ihr ſeht alſo nicht, Herr Graf,“ entgegnete dArtagnan mit nachläſſigem Tone,„daß Euch in Eng⸗ land noch etwas zu thun übrig bleibt?“ „Nichts, nichts,“ ſprach Athos,„als an der Güte Gottes zu zweifeln und meine eigenen Kräfte zu ver⸗ achten.“ „Wohl,“ erwiederte d'Artagnan,„ich, der Schwäch⸗ liche, der blutgierige Tagdieb, der ich zwanzig Schritte vom Schaffot ſtand, um das Haupt des Königs beſſer fallen zu ſehen, dieſes Königs, den ich nicht kannte, und der mir, wie es ſcheint, gleichgültig war, ich denke anders, als der Herr Graf ich bleibe.“ Athos erbleichte; jeder Vorwurf ſeines Freundes vibrirte in der Tiefe ſeines Herzens. „Ah! Ihr bleibt in London?“ ſprach Porthos zu dArtagnan. „Ja,“ erwiederte dieſer,„und Ihr?“ „Verdammt!“ rief Porthos, Athos und Aramis gegenüber etwas verlegen,„verdammt, wenn Ihr bleibt, ſo werde ich, da ich mit Euch gekommen bin, auch nur mit Euch gehen. Ich laſſe Euch nicht allein in dieſem abſcheulichen Lande.“ „Ich danke, mein vortrefflicher Freund, ich habe Euch ein kleines Unternehmen vorzuſchlagen, das wir mit einander ausführen werden, wenn der Herr Graf abgereiſt iſt. Der Gedanke dazu kam mir, während ich das bekannte Schauſpiel betrachtete.“ „Welches?“ ſagte Porthos. 3 „Ich wollte wiſſen, wer der verlarvte Mann wär, ge w mi Lar Alt „Ni Ba Por Ged zwei iun, nete ng⸗ Züte ver⸗ äch⸗ ritte eſſer inte, ene ndes s zu amis Ihr bin, Mlein habe wir „ 67 der ſich zuvorkommend angeboten hatte, dem König den Hals abzuſchneiden.“ „Ein verlarbter Mann!“ rief Athos,„Ihr habt alſo den Henker nicht entfliehen laſſen?“ „Den Henker?“ ſagte d'Artagnan,„er iſt immer noch im Keller, wo er ohne Zweifel ein paar Worte mit den Flaſchen unſeres Wirthes ſprechen wird. Aber ich bedenke,„ DaArtagnan ging an die Thüre und rief:„Mous⸗ queton!“ „Gnädiger Herr?“ erwiederte eine Stimme, wel⸗ che aus der Liefe der Erde zu kommen ſchien. „Laßt Euren Gefangenen los, Alles iſt vorbei.“ „Aber wer iſt der Elende, der Hand an den König gelegt hat?“ ſprach Athos. „Ein Henker aus Liebhaberei, der übrigens das Betl mit großer Leichtigkeit handhabt, denn er bedurfte, wie er hoffte, nur eines Streiches,“ ſagte Aramis. „Ihr habt ſein Geſicht nicht geſehen?“ fragte Athos. „Er hatte eine Larve,“ erwiederte d'Artagnan. e Ihr, der Ihr in ſeiner Nähe waret, Ara⸗ Ich ſah nur einen gräulichen Bart, der unter der Larve hervorkam.“ „rEs iſt alſo ein Menſch von etwas vorgerückterem Alter?“ fragte Athos. „. Oh, das iſt kein BVeweis,“ verſetzte d'Artagnan. „Nimmt man eine Larve, ſo kann man auch einen Bart nehmen.“ „Es thut mir lei i i“ rief per hut mir leid, daß ich ihm nicht folgte!“ rie „Nun, mein lieber Porthos, das iſt gerade der Gedanke, der mir kam,“ ſagte d'Artagnan. Athos begriff Alles. Er ſtand auf und ſprach: „Vergib mir, dArtagnan, ich habe an Goti ge⸗ zweifelt, ich konnie wohl auch an Dir zweifeln. Ver⸗ gib mir, mein Freund.“ 2 63 „Wir werden ſogleich ſehen“ erwiederte d'Artag⸗ nan lächelnb. „Nun?“ ſprach Aramis. „Nun,“ verſetzte dArtagnan,„während ich hin⸗ ſchaute, nicht nach dem König, wie der Herr Graf venkt,— denn ich weiß, was ein Menſch iſt, welcher ſterben ſoll, und obgleich ich an ſolche Dinge gewöhnt fein ſollte, ſo thun ſie mir doch immer wehe,— ſon⸗ dern nach dem verlarvten Henker, ſo kam mir der Ge⸗ danke, den ich Euch genannt habe; ich wollte nämlich erfahren, wer er wäre. Da wir aber die Gewohnheit haben, uns einander zu vervollſtändigen und uns zu Hülfe zu rufen, wie man die zweite Hand der erſten zu Hülfe ruft, ſo ſchaute ich maſchinenmäßig um mich her, ob Porthos nicht da wäre; denn Euch, Aramis, hatie ich in der Nähe des Königs erkannt, und von Euch, Graf, wußte ich, daß Ihr unter dem Schaffot ſein mußtet. Deshalb vergebe ich Euch auch,“ fügte er, Athos die Hand reichend, bei,„denn Ihr mußtet viel leiden. Ich ſchaute alſo um mich her, als ich zu meiner Rechten einen Kopf erblickte, der geſpalten worden war und ſich ſo gut als möglich wieder mit ſchwarzem Taffet zuſammen geflickt hatte. „Bei Gott, ſagte ich zu mir ſelbſt, das iſt eine Rarbe von meiner Art, und ich habe dieſen Schädel wohl irgendwo zuſammengenäht. Es war in der That der unglückliche Schottländer, der Bruder von Parrh, der Menſch, an welchem, wie Ihr wißt, Herr von Gros⸗ low ſeine Kräfte zu verſuchen ſich beluſtigte, und der nur noch einen halben Kopf hatte, als wir ihn trafen.“ „Ganz richtig, der Mann mit den ſchwarzen Hüh⸗ nern,“ ſprach Porthos. „Er ſelbſt. Er machte einem andern Menſchen, der ſich zu meiner Linken befand, Zeichen. Ich wandte mich um und erkannte den ehrlichen Grimaud, wel⸗ —. — r—c— affot fügte ußtet ch zu alten r mit eine wohl t der , der Hros⸗ und ir ihn Hüh⸗ ſchen, amnt wel⸗ 69 cher, wie ich, damit beſchäftigt war, meinen verlaro⸗ ten Henker mit den Blicken zu verſchlingen. „Oh! oh!““ rief ich ihm zu. Da nun dieſe Splbe die Abkürzung iſt, der ſich der Herr Graf an den Ta⸗ gen bedient, an denen er mit ihm ſpricht, ſo begriff Grimaud, daß er mit dem Rufe gemeint war, und wandte ſich wie von einer Feder in Bewegung geſetzt, um. Er erkannte mich ebenfalls, ſtreckte ſeinen Fin⸗ ger nach dem Verletzten um und ſagte: „„Hee“ was bedeutete, habt Ihr geſehen? „„Bei Gott,““ erwiederte ich. „Wir hatten uns vollkommen verſtanden. „ch wandte mich nun nach unſerm Schottländer um. Er hatte auch ſprechende Blicke. „Kurz, Alles endigte, wie Ihr wißt, auf eine traurige Weiſe. Das Volk entfernte ſich. Allmählig kam der Abend. Ich zog mich mit Grimand und dem Schottländer, dem ich durch ein Zeichen bedeuteie, er möge bei uns bleiben, in einen Winkel des Platzes zurück und beobachtete von da aus den Henker, wel⸗ cher ſich in das königliche Zimmer begeben hatie und die Kleider wechſelte. Die ſeinigen waren ohne Zwei⸗ fel blutig geworden. Er ſetzte ſodann einen ſchwar⸗ zen Hut auf den Kopf, hüllte fich in einen Mantel und verſchwand. Ich errieth, daß er herauskommen würde, und lief vor die Thüre. Nach fünf Minuten ſahen wir ihn wirklich die Treppe herabſteigen.“ „Ihr folgtet ihm2“ rief Athos. „Bei Goit,“ erwiederie d'Artagnan,„aber es ge⸗ ſchah nicht ohne Mühe. Er wandte fich jeden Augen⸗ blick um; dann waren wir genöthigt, uns zu verber⸗ sen oder ein gleichgültiges Weſen anzunehmen. Ich wäre ihm zu Leibe gegangen und hätte ihn getödtet, aber ich bin nicht ſelbſtſüchtig, und es war ein Regal, das ich Euch vorbehielt, Aramis, und Euch, Athos, um Euch ein wenig zu tröſten. Endlich nach einem Marſche von einer halben Stunde durch die krummſten Straßen 70 der City, gelangie er zu einem kleinen, vereinzelten Hauſe, wo kein Tritt, kein Licht die Gegenwart des Menſchen andeuiete. ſol„Grimaud zog aus ſeinen weiten Hoſen eine Pi⸗ ole. „„He?““ ſagte er, mir dieſelbe zeigend. 2„Nein,““ erwiederte ich und hielt ſeinen Arm zuräck. 1c hatte, wie ich Euch bemerkte, meinen Ge⸗ danken. „Der Verlarvte blieb vor einer niedrigen Thüre fülle ſtehen und zog einen Schlüſſel hervor. Aber ehe er ihn in das Schloß ſteckte, wandte er ſich um, ohne Zweiſel in der Abſicht zu ſehen, ob man ihm nicht folgte. Ich war hinter einen Baum gekauert, Gri⸗ maud hinter einen Weichſtein. Der Schottländer, wel⸗ cher nichts hatte, um ſich vahinter zu verbergen, legte ſich mit dem flachen Leibe auf den Weg. „Wahrſcheinlich glaubte fich derjenige, welchen wir verſolgten, allein, denn ich hörte das Klirren des Schlüſſels. Die Thüre öffnete ſich und er ver⸗ ſchwand.“ „Der Elende!“ rief Aramis;„während Ihr zu⸗ rückkehrtet, wird er eniſlohen ſein, und wir finden ihn nicht mehr.“ „Stille, Aramis,“ ſprach vArtagnan,„Ihr haltet mich für einen Andern.“ „Doch in Euerer Abweſenheit...“ ſagte Athos. „Hatte ich nicht in meiner Abweſenheit an meiner Stelle den Schottländer und Grimaud? Ehe er Zeit fand, zehn Schritte im Innern zu thun, hatte ich die Runde um das Haus gemacht. An eine von den Thä⸗ ren, an diejenige, durch welche er eingetreten war, ſtelite ich den Schottländer, dem ich bedeutete, wenn der Mann mit der ſchwarzen Larve herauskäme, ſollte e ihm folgen, wohin er ginge, während Grimaud ihm ſelbſt folgen und dann zurückkommen würde, um uns ten des Pi⸗ 71 da zu erwarten, wo wir waren. Grimaud fiellte ich an den zweiten Ausgang mit demſelben Auftrag, und hier bin ich nun! Das Thier iſt umſtellt, wer will das Hallali ſehen?“ Athos ſtürzte in die Arme von d'Artagnan, der ſich ſeine Stirne trocknete. „Freund,“ ſagte er,„Ihr ſeid in der That zu gut, daß Ihr mir verzeiht; ich hatte Unrecht, hundert mal Unrecht, ich ſollte Euch doch kennen; aber es liegt in unſerem Innern etwas Schlimmes, das immer zweifelt.“ „Hm!“ ſagte Porthos,„ſollte der Henker nicht zufällig Herr Cromwell ſein, der, um ſicher zu gehen, daß ſein Geſchäft gut abgemacht würde, es ſelbſt hatte verrichten wollen?“ „Ah! ja wohl! Herr Cromwell iſt kurz und dick, und dieſer mager, ſchlank gewachſen, eher groß, als klein.“ „Irgend ein verurtheilter Soldat, dem man ſeine Begnadigung um dieſen Preis angeboten haben wird,“ ſprach Athos,„wie man dies bei dem unglücklichen Chalais gethan hat!“ „Nein, nein,“ verſetzte dArtagnan,„es iſt nicht der abgemeſſene Gang eines Infanteriſten, und eben ſo wenig der breite Schritt eines Reiters. Ein feines Bein, das Ausgezeichnete in der Bewegung waren nicht zu verkennen. Wenn mich nicht Alles täuſcht, haben wir es mit einem Edelmann zu thun.“ „Ein Edelmann!“ rief Athos;„unmöglich! das wäre eine Schande für den ganzen Adel.“ „Waidmannsheil!“ rief Porthos, und lachte, daß i ſe zitterten:„Waidmannsheil, Mord und od. „Reiſt Ihr immer noch, Athos?“ fragte d'Ar⸗ iagnan. „Nein, ich bleive, antwortete der Graf mit einer 72² drohenden Geberde, die dem, welchem ſie galt, nichts Gutes verhieß. „Die Degen alſo, und keine Minute verloren!“ rief Aramis.. Die vier Freunde zogen raſch wieder ihre ebel⸗ männiſchen Kleider an, gürteten ihre Schwerter um⸗ ließen Mousqueton und Blaiſois kommen und befah⸗ len ihnen, die Rechnung bei dem Wirthe in Ordnung zu bringen und Alles für die Abreiſe bereit zu halten, da man aller Wahrſcheinlichkeit nach London noch in derſelben Nacht verlaſſen würde. Die Racht war noch vüſterer geworden, der Schnee ſiel ohne Unterlaß und ſah aus, wie ein großes, über die köni emörderiſche Stadt ausgebreitetes Leichentuch; es war ungefähr ſieben Uhr Abends, man ſah kaum ein paar Menſchen durch die Straßen gehen; Jevermann ſprach ganz leiſe und im Familienkreiſe über die furcht⸗ baren Ereigniſſe des Tages. In ihre Mäntel gehöllt, durchwanderten die vier greunde rie am Tage ſo volkreichen, dieſe Nacht aber ſo ören Straßen und Plätze der City. D'Artagnan führte fie, wobei er von Zeit zu Zeit Kreuze zu erken⸗ nen ſuchte, vie er mit ſeinem Dolche an den Mauern gemacht hatte, aber die Nacht war ſo finſter, daß ſich dieſe Spuren nur mit Mühe auffinden ließen. D'Ar⸗ tagnan hatie jedoch ſeinem Kopfe jeden Weichſtein, je⸗ den Brunnen, jedes Schild ſo gut eingeprägt, vaß er nach Verlauf eines Marſches von einer halben Stunde mit ſeinen drei Gefährten vor dem vereinzelten Hauſe anlangite. D'Artagnan glaubte einen Augenblick, der Bruder vonParry wäre verſchwunden; er täuſchte ſich: an das Eis ſeiner Gebirge gewöhnt, hatte ſich der kräftige Schottländer an einem Weichſteine ausgeſtreckt und wie eine von ihrer Baſe abgeſchlagene Bilvſäule, unem⸗ pfindlich gegen die Ungunſt der Witterung, vom Schnes „ cS e ℳ S— n!“ bel⸗ um, fah⸗ ung ten, in hnee über ein ann cht⸗ vier aber man ken⸗ uern „Ar⸗ „je⸗ ß er unde auſe uder das ftige wie nem⸗ hnee 273 bedecken laſſen; aber bei Annäherung der vier Männer ſtand er auf. „Seht,“ ſprach Athos,„das iſt abermals ein gu⸗ ter Diener. Wahrhaftiger Gott! die braven Leute ſind weniger ſelten, als man glaubt; das ermuthigt.“ „Eilen wir nicht ſo ſehr, unſerem Schottländer Kränze zu flechten,“ ſprach d'Artagnan;„ich glaube, der Burſche iſt für ſeine eigene Rechnung hier. Ich habe ſagen hören, die Herren, welche das Tageslicht zuerſt jenſeits der Tweed erblicken, ſeien ſehr ſtreit⸗ ſüchtig. Meiſte Groslow mag ſich hüten; er könnte eine ſchlimme Viertelſtunde zu erfahren haben, wenn er ihm begegnete?“ Und ſich von ſeinen Freunden trennend, näherte er ſich dem Schottländer und gab ſich demſelben zu er kennen. Dann machte er den Andern ein Zeichen, her beizukommen.“ „Wie ſteht es?“ fragte Athos in engliſcher Sprache. „Niemand iſt herausgekommen,“ antwortete der Bruder von Parry. 3 „Gut, bleibt bei dieſem Manne, Porthos, und Ihr auch, Aramis, d'Artagnan wird mich zu Grimaud Leleiten.“ Nicht minder unbeweglich, als der Schottländer, ſtand Grimaud feſt in eine hohle Weive gedrückt, die er als Schilderhaus benützte. Wie er es bei der an⸗ dern Wache befürchtet hatte, ſo glaubte v'Artagnan auch hier einen Augenblick, der Mann mit der Larve wäre aus dem Hauſe gegangen, und Grimaud hätte denſelben verfolgt. Plötzlich erſchien ein Kopf und ließ ein leichtes Pfeifen vernehmen. „Ah!“ ſagte Athos. „Ja,“ antwortete Grimaud. Sie näherten ſich der Weide. „Nun?“ fragte d»Artagnan,„iſt Jemand heraus?“ v v „Nein, aber es ift Jemand hinein,“ antworteie Grimaud. „Ein Mann oder eine Frau?“ „Ein Mann.“. „Ah!“ ſprach dArtagnan,„ſie find alſo zu zwei.“ „Ich wollte, ſie wären zu vier,“ verſetzte Athos, „dann wöre die Partie doch gleich.“ „Vielleicht find ſie zu vier,“ verſetzte dArtagnan⸗ „Wie ſo?“ „Konnien nicht andere Menſchen vor ihnen in die⸗ ſem Hauſe ſein und ſie erwarten?“ „Man kann ſehen„ ſprach Grimaud, und deutete auf ein Fenſter, durch deſſen Läden einige Lichtſtrahlen drangen. „Das iſt richtig,“ ſagte dArtagnan,„rufen wir die Anderen.“ Sie wandten ſich um das Haus, um Porthos und Aramis zu bedeuten, ſie ſollten kommen. Dieſe liefen eilig herbei. „Habt Ihr etwas geſehen?“ fragten ſie. „Nein, aber wir werden etwas erfahren,“ ant⸗ wortete d'Artagnan, und deutete auf Grimaud, der, fich an die Mauervorſprünge anklammernd, bereits fünf bis ſechs Fuß über die Erde war. Alle Vier näherten ſich. Grimaud ſtieg mit der Gewandtheit einer Katze aufwärts; endlich gelang es ihm, einen von den Haken zu faſſen, welche zum Feſt⸗ halten der Läden dienen, wenn dieſe offen find; zu gleicher Zeit fand ſein Fuß ein Gefims, das ihm einen hinreichenden Stützpunkt zu geben ſchien, denn er machte ein Zeichen, durch vas er andeutete, er habe ſein Ziel erreicht. Dann näherte er ſein Auge der Spalte des Ladens. „Wie iſt es?“ fragte dArtagnan. Grimaud zeigte ſeine Hand, welche bis auf zwei Finger geſchloſſen war. n ete s, ie⸗ ete len vir nt⸗ e, ünſ der es eſt⸗ zu nen hte Ziel des wei tagnan. „Sprich,“ ſagie Athos;„man ſiehi Deine Zeichen nicht. Wie viel find es?“ Grimaud machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und erwiederte: „Zwei; der Eine iſt mir gegenüber, der Andere wendet mir den Rücken zu.“ „Gut. Wer iſt der Dir gegenüber?“ „Der Menſch, den ich an mir vorübergehen ſah.“ „Kennſt Du ihn?“ „Ich glaubte ihn zu erkennen und täuſchte mich nicht kurz und dick.“ „Wer iſt es?, fragten gleichzeitig und mit leiſer Stimme die vier Freunde. „Oliver Cromwell.“ Die vier Freunde ſchauten ſich an. „Und der Andere?“ „Mager und ſchlank gewachſen.“ „Es iſt der Henker,“ ſagten Aramis und d'Artagnan. „Ich ſehe nur ſeinen Rücken,“ verſetzte Grimand; „doch halt, er macht eine Bewegung, er dreht ſich um, vynn er ſeine Larve abgelegt hat, kann ich ſehen * Grimaud ließ, als wäre er im Herzen getroffen, den eiſernen Haken los und warf ſich einen dumpfen Senſzer ausſtoßend zurück. Porthos fing ihn in ſeinen Armen auf. „Haft Du ihn geſehen?“ ſagten die vier Freunde. „Ja,“ ſprach Grimaud, die Haare emporgeſträubt, Schweiß auf der Stirne. „Den magern, ſchlanken Menſchen?“ fragte d'Ar⸗ „Ja.“ „Den Henker?“ verſetzte Aramis. „Ja.“ „Und wer iſt es?“ ſprach Porthos. „Er! er!“ ſtammelte Grimaud, bleich wie ein Todier und mit ſeinen ziternden Händen die Hand ſeines Herrn ergreifend. „Wer, er?“ fragte Athos. „Mordaunt!„ erwiederte Grimaub. D'Artagnan, Porthos und Aramis ſtießen einen Freudenſchrei aus. Athos machte einen Schritt rückwärts, fuhr mit der Hand über die Stirne und murmelte: „Verhängniß!“ VIl. Vas Haus von Eromwell. Es war wirklich Mordaunt, den d'Arlagnan, ohne ihn zu erkennen, verfolgt hatte. In vas Haus eintretend hatte er ſeine Larve und ven gräulichen Bart, den er, um fich unkenntlich zu machen, angelegt, wieder abgenommen, war die Treppr hinauf gegangen, hatie die Thüre geöffnet und befand ſich in einem durch den Schimmer einer Lampe erleuchteten und mit einer dunkelfarbigen Tapeie ausgeſchlagenen Zimmer einem Manne ßezenüber, der an einem Tiſche ſaß und ſchrieb. Dieſer Mann war Cromwell. Eromwell hatte bekanntlich in London mehrere ſolche, ſelbſt dem größeren Theile ſeiner Freunde un⸗ bekannte, Winkel, deren Geheimniß er nur ſeinen Ver⸗ trauteſten eröffnete. Mordaunt konnte, wie man ſich erinnert, zu der Zahl der Letzteren gerechnet werden⸗ er eintrat, erhob Cromwell das Haupt und prach: „Ihr ſeid es, Mordaunt? Ihr kommt ſpät.“ ——,— —. S ſen nit hne und zu ppe and eten nen iſche rere un⸗ Ver⸗ den⸗ und 77 „General, erwiederte Mordaunt,„ich wollte die Ceremonie bis zum Ende ſehen.“ „Ah, ich hielt Euch nicht für ſo neugierig.“ „Ich bin ſteis begierig, den Fall eines der Feinde von Euren Ehren zu ſehen, und dieſer gehörte nicht zur Zahl der kleinſten. Aber Ihr, General, waret Ihr nicht in Whitehall?“ „Nein,“ ſagte Cromwell. Es trat ein kurzes Stillſchweigen ein. „Habt Ihr genaue Rachricht erhalten?“ fraste Mordaunt. „Keine; ich bin ſeit dieſem Morgen hier und weiß nur, daß ein Complott ſtattfand, um den König zu retten.“ „Ah, Ihr wußtet dieß?“ „Es iſt nichts daran gelegen. Vier als Arbeiter verkleidete Männer ſollten den König aus dem Ge⸗ fängniſſe bringen und nach Greenwich führen, wo eine Barke ihrer harrte.“ „Und von Allem dem unterrichtet, hielt ſich Eure Ehren—hier entfernt von der City ruhig und un⸗ thätig?“. „Ruhig, ja; aber wer ſagt Euch unthätig?“ „Wenn das Complott gelungen wäre?“ „Ich hätte es gewünſcht.“ „Ich dachte, Eure Ehren betrachte den Tod von Karl I. als ein für England nothwenviges Unglück.“ „Ich denke immer noch ſo; aber wenn er nur ſtarb, mehr bedurfte es nicht; es wäre vielleicht beſſer eweſen, es würde nicht auf dem Schaffot geſchehen ein.“ „Aber warum dies, Eure Ehren?“ Cromwell lächelte. „Vergebt,“ ſprach Mordaunt;„Ihr wißt, Ge⸗ neral, ich bin ein Lehrling in der Politik, und wün⸗ ſche unter allen Umſtänden Lectionen zu benützen, die mein Meiſter mir zu geben die Güte haben will.“ 78 „Weil man geſagt hätte, ich habe ihn durch das Gericht verurtheilen und dann aus Barmherzigkeit entfliehen laſſen.“- „Wenn er aber wirklich entflohen wäre?“ „Unmöglich.“ „Unmöglich?“ „Ja, meine Vorſichtsmaßregeln waren getroffen.“ „ünd Eure Ehren kennt die vier Männer, welche ven Fönig zu retten unternommen hatten?“ „Es ſind die vier Franzoſen, von denen zwei durch Madame Henriette an ihren Gatten und zwei von Mazarin an mich abgeſchickt wurden.“ „Glaubt Ihr, Herr, Mazarin habe ſie beauftragt, zu thun, was ſie gethan haben.“ „Möglich, aber er wird ſie verleugnen.“ „Warum dies?“ „Weil ſie ſcheiterten.“ „Eure Ehren ſchenkte mir zwei von dieſen Fran⸗ zoſen, weil ſie ſchuldig waren, die Waffen zu Gunſten von Karl 1. getragen zu haben. Will mir Eure Ehren nun, da ſie eines Complottes gegen England ſchuldig find, alle Vier ſchenken?“ „Nehmit ſie,“ ſagte Cromwell. MWordaunt verbeugte ſich mit einem Lächeln trium⸗ phirender Wildheit. „Doch kommen wir, wenn es Euch gefällig iſt, auf den unglücklichen Karl zurück,“ fuhr Cromwell fort, als er fah, daß Mordauntzu danken ſich anſchickte. „Hat man im Volke geſchrieen?“ „Sehr wenig, wenn nicht: Es lebe Cromwell!“ „Wo ſtandet Ihr?“ Mordaunt ſchaute einen Augenblick den General an und ſuchte in ſeinen Augen zu leſen, ob er eine überflüſſige Frage machte und Alles wüßte. Aber der glühende Blick von Mordaunt vermochte nicht in die düſtere Tiefe des Blickes von Cromwell zu dringen. das keit wet wei ran⸗ iſten hren dig um⸗ ift, well ckte. 1 eral eine ochte well 79 „Ich ſtand ſo, daß ich Alles ſehen und hören konnte,“ antwortete Mordaunt. Es war nun en Cromwell, Mordaunt feſt anzu⸗ ſchauen, und an Mordaunt, ſich undurchdringlich zu machen. Nach einigen Secunden der Prüfung wandte er die Augen gleichgültig ab. „Es ſcheint, der improviſirte Henker hat ſeine Schuldigkeit ſehr gut gethan,“ ſagte Cromwell;„der Schlag wurde, wenigſtens wie man mir gemeldet hat, mit Meiſterhand geführt.“ Mordaunt erinnerte ſich, daß ihm Eromwell geſagt hatte, er beſitze keine Kunde über die einzelnen Umſtändé, und er war nun überzeugt, der General habe der Hin⸗ richtung hinter irgend einem Vorhange oder einem Loden verborgen beigewohnt. „In der That,“ ſprach Mordaunt mit ruhiger Stimme und mit einem unempfindlichen Geſichte,„ein einziger Streich genügte.“ „Vielleicht war es ein Menſch vom Gewerbe,“ ſagte Cromwell. „Glaubt Ihr, Herr?“ „Warum nicht?“ „Dieſer Menſch hatte nicht das Ausſehen eines Henkers.“ 5 „Und wer anders als ein Henker hätte dieſes furchtbare Gewerbe ausüben wollen?“ fragte Crom⸗ well. „Vielleicht ein perſönlicher Feind von König Karl, der das Gelübde der Rache gethan und dieſes Gelübde in Erfüllung gebracht haben wird. Vielleicht irgend ein Edelmann, der gewichtige Urſachen hatte, den ent⸗ ſetzten König zu haſſen, und damit bekannt, daß er entfliehen und entkommen ſollte, ſich ihm mit ver⸗ larvtem Antlitz und das Beil in der Hand, nicht als Stellvertreter des Henkers, ſondern als Bevoll⸗ mächtigter des Verhängniſſes in den Weg ſtellte.“ „Das iſt möglich,“ ſprach Cromwell. 60 „Wenn dem ſo wäre, würde Eure Ehren ſeine Handlung verdammen?“ „Es iſt nicht meine Sache, zu richten, es iſt dies eine Sache zwiſchen Gott und ihm.“ „Wenn aber Eure Ehren dieſen Edelmann kennen würde?“ „Ich kenne ihn nicht, mein Herr antwortete gromwell,„und will ihn nicht kennen. Was liegt mir paran, ob es Dieſer iſt oder ein Anderer? Von dem Augenblicke an, wo Karl verurtheilt war, hat ihm nicht ein Menſch, ſondern ein Beil den Kopf abgeſchla⸗ „Und dennoch war der König ohne dieſen Menſchen gerettet.“ Cromwell lächelte. „Allerdings. Ihr habt ſelbſ geſagt, man eutführte ihn.“ „Man entführte ihn bis Greenwich. Dort ſchiffte er ſich auf einer Felucke mit ſeinen vier Rettern ein. Aber auf der Felucke waren vier Männer, welche mir, und vier Tonnen Pulver, die der Nation gehörten. In der See ſtiegen vie vier Männer in die Schaluppe herab, und Ihr ſeid bereits ein zu gewandter Politiker, als daß ich Euch das Uebrige zu erklären nöthig hätte.“ „Ja, auf der See wurden ſie insgeſammt in die Luft geſprengt.“ „Richtig. Die Erploſion that, was das Beil nicht hatte thun wollen. Der König Karl verſchwand zu nichte gemacht. Man hätte geſagt, der menſchlichen Gerrchtigkeit entgangen, ſei er von der himmliſche Rache verfolgt und erreicht worden; wir waren nur ſeine Richter, und Gott hatte die Strafe an ihm voll⸗ zogen. Dies habe ich durch Euren verlarvten Edel⸗ mann verloren, Mordaunt. Ihr ſeht alſo, daß ich Recht hatte, wenn ich ihn nicht kennen lernen wollte; denn in der That, obgleich ſeine Abſicht vortrefflich gen wae imn ker erh gen hal abg den ein ſoll ver det hen rt iffte ein. nir, ten. ppe iker⸗ tte.“ ie Beil vand ichen ſchen nut voll⸗ Edel⸗ ß ich ollte; fflich 81 geweſen ſein mag, ſo könnte ich ihm doch ſür das, was er gethan, nicht dankbar ſein.“ „Herr,“ ſprach Mordaunt,„ich neige mich wie immer in Demuth vor Euch: Ihr ſeiv ein tiefer Den⸗ ker, und Euer Plan mit der Felucke iſt wahrhaft erhaben.“ „Albern,“ verſetzte Cromwell,„da er unnütz geworden iſt. In ver Politik iſt nur der Gedanke er⸗ haben, welcher Früchte trägt; jeder ſcheiternde Plan iſt toll. Ihr werdet alſo dieſen Abend nach Greenwich abgehen,“ ſprach Cromwell aufſtehend;„Ihr fragt nach dem Patron der Felucke„der Blitz“ und zeigt ihm ein an den vier Enden geknüpftes Taſchentuch. dies war das verabredete Signal; Ihr ſagt den Leuten, ſie ſollen wieder an das Land ſleigen, und laßt das Pul⸗ ver in das Arſenal bringen, wenn nicht „Wenn nicht, erwieverte Mordaunt, deſſen Intlitz wilde Freude erleuchtete, während Cromwell ſprach. „Wenn nicht dieſe Felucke, ſo wie ſie iſt, Euren perſönlichen Zwecken dienlich ſein kann.“ „Ahl Mylord! Mylord!“ rief Mordaunt,„indem Euch Goit zu ſeinem Auserwählten machte, gab er Euch ſeinen Blick, welchem nichts entgehen kann.“ „Ich glaube, Ihr rennt mich Mylord,“ ſeg'e Cromwell lachend.„Es iſt gut, weil wir unter uns find, aber nehmt Euch in Acht, daß Euch ein ſolches Wort nicht in Gegenwart unſerer einfältigen Purita⸗ ner entſchlüpft.“ 2 Eure Ehren nicht bald ſo genannt wer⸗ en 7 Zet„Ich hoſfe es wenigſtens, aber es iſt noch nicht ( Cromwell nahm ſeinen Mantel. „Ihr enifernt Euch, Herr?“ fragte Mordaunt. „Ja, ich habe geſtern und vorgeſtern hier über⸗ nachtet, und Ihr witt, daß es nicht meine Gewohnheit iſt, dreimal in demſelben Beite zu ſchlafen.“ Zwanzißg Jahre nachher. W. 82 „Eure Ehren gibt mir alſo jede Freiheit für vie „Und ſogar für den morgigen Tag, wenn es nö⸗ Vo thig iſt. Ihr habt ſeit geſtern Abend genug für mei⸗ wel nen Dienſt gethan,“ ſagte Cromwell lächelnd,„und wenn Ihr Privatangelegenheiten abzumachen habt, ſo iſt au es billig, daß ich Euch Zeit dazu laſſe.“ „Ich danke, Herr, ſie wird, wie ich hoffe, benützt Be werden.“ Cromwell machte Mordaunt ein Zeichen mit dem ſell Kopfe; dann wandte er ſich um und fragte: „Seid Ihr bewoffnet?“ her „Ich habe meinen Degen.“ „Und Niemand, der Euch vor der Thüre er⸗ wit wartet?“ Ler „Niemand.“ ſei „Dann ſolltet Ihr mit mir gehen, Mordaunt.“ vo „Ich danke; die Umwege, die Ihr machen müßt, kor um durch den unterirdiſchen Gang zu gelangen, wür⸗ hal den mir Zeit rauben, und nach dem, was Ihr mir ſagtet, habe ich vielleicht bereits zu viel verloren. Ich den gehe durch eine andere Thüre.“ „Geht alſo,“ ſprach Cromwell, und ſeine Hand ein auf einen verborgenen Knopf legend, öffnete er eine ſell Thüre, welche ſo gut unter der Tapete verſteckt leg war, daß es auch dem geübteſten Auge unmöglich war, vor ſie zu erkennen. dat Durch eine Stahlfeder in Bewegung geſetzt, ſchloß als ſich dieſe Thüre von ſelbſt. Es war einer von den Ausgängen, wie ſie ſich nach klet der Geſchichte in allen den geheimnißvollen Häuſern fanden, welch Cromwell bewohnte. mi Dieſer zog ſich unter der öden Straße hin und öff⸗ nete ſich im Hintergrunde einer Grotte in dem Gar⸗ ten eines andern Hauſes, das hunrert Schritte von vem enifernt lag, welches der zukünftige Protector ſo eben verlaſſen hatte. die nö⸗ mei⸗ „und o iſt nützt e er⸗ te nüßt, wür⸗ mir Ich Hand eine rſteckt war, ſchloß nach uſern döff⸗ Gar⸗ on or ſo 83 Während des letzten Theiles dieſer Scene hat'e Grimaud durch eine Oeffnung des nicht zugezogenen Vorhangs die zwei Männer wahrgenommen und Crom⸗ well und Mordaunt erkannt. Man hat die Wirkung geſehen, welche dieſe Kunde auf die vier Freunde hervorbrachte. D'Artagnan war der Erſte, der wieder zur vollen Befinnung kam. „Mordaunt!“ ſagte er,„ah! beim Himmel, Gott ſelbſt ſchickt ihn uns.“ „Ja, laßt uns die Thüre eintreten und über ihn herfallen,“ ſprach Porthos. „Im Gegentheil,“ erwiederte d'Artagnan,„treten wir nichts ein keinen Lärmen, der Lärmen führt Leute herbei, denn wenn er, wie Grimaud ſagt, bei ſeinem würdigen Herrn iſt, ſo muß fünfzig Schritte von hier ein Poſten verborgen ſein. Holla! Grimaud, kommt hierher und ſucht Euch auf Euren Beinen zu halten.“ Grimaud näherte ſich. Die Wuth war ihm mit dem Gefühle wieder gekommen, aber er hielt ſich feſt. „Gut,“ fuhr dArtagnan fort;„nun ſteigt noch einmal hinauf und ſagt uns, ob Mordaunt noch Ge⸗ ſellſchaft hat, ob er auszugehen oder ſich zu Bette zu legen im Begriff iſt; geht er aus, ſo faſſen wir ihn vor der Thüre, bleibt er, ſo brechen wir das Fenfter ein; das iſt immer noch weniger geräuſchvoll und ſchwierig, als eine Thüre.“ Grimaud fing an ſchweigend das Fenſter zu er⸗ klettern. „Bewacht den andern Ausgang, Athos und Ara⸗ mis, ich bleibe mit Porthos hier.“ Die zwei Freunde gehorchten. „Nun, Grimaud?“ fragte dArtagnan. „Er iſt allein.“ „Biſt Du deſſen ſicher?“ „d. „Wir haben ſeinen Grfährten nicht heraus⸗ gehen ſehen.“ „Vielleicht iſt er durch die andere Thüre hinaus⸗ gegangen.“ „Was thut er?“ „Er hüllt ſich in ſeinen Mantel und zieht ſeine Handſchuhe an.“ „So gehört er uns!“ murmelte d'Artagnan. Porthos legte ſeine Hand an ſeinen Dolch und zog ihn maſchinenmäßig aus der Scheide. „Stecke wieder ein, Freund Porthos,“ ſagte Artagnan,„es handelt ſich nicht darum, ſogleich zuzuſtoßen. Wir faſſen ihn und verfahren nach der Drdnung. Wir haben einige gegenſeitige Erklärungen zu fordern und es iſt dies ein Seitenſtück zu der Scene von Armentiéres; nur wollen wir hoffen, daß dieſer Menſch keine Nachkommenſchaft hat, und daß, wenn wir ihn vernichten, mit ihm Alles vernichtet ſein wird.“ „Stille,“ flüſterte Grimaud;„er iſt im Begriff zu gehen. Er nähert ſich der Lampe, er bläſt ſie aus; ich ſehe nichts mehr.“ „Herab, zu Boden!“ Grimaud ſprang rückwärts und fiel auf ſeine Beine. Der Schnee dämpfte das Geräuſch. Man hörte nichts. „Benachrichte Athos und Aramis: ſie ſollen ſich auf jede Seite der Thüre ſtellen, wie Porthos und ich es hier machen; wenn ſie ihn faſſen, ſollen ſie in die Hände klatſchen; wir klaiſchen, wenn wir ihn faſſen.“ Grimaud verſchwand. „Porthos,“ ſprach dArtagnan,„verbergt Euere Schultern beſſer, lieber Freund; er muß herauskom⸗ men, ohne etwas zu ſehen.“ „Wenn er überhaupt hier herauskommt.“ 85 „Stille.“ Porthos drückte ſich an die Mauer, daß man hätte glauben ſollen, er wolle in dieſelbe eindringen. us⸗ D'Artagnan that daſſelbe. Man hörte nun den Tritt von Mordaunt auf . der ſchallenden Treppe. Eine kleine unbemerkbare eine Klappe an der Thüre wurde geöffnet. Mordaunt ſchaute heraus, aber in Folge der Vorſichtsmaßregeln der zwei Freunde gewahrte er nichts. Dann ſteckte er und den Schlüſſel in das Schloß, die Thüre that ſich auf, und er erſchien auf der Schwelle. agte In demſelben Augenblick fand er ſich d'Artagnan leich gegenüber. der Er wollte die Thüre wieder zuſtoßen. Porthos näherte ſich dem Knopfe und riß ſie weit auf. Porthos klatſchte dreimal in ſeine Hände. Athos ieſer und Aramis liefen herbei. venn Mordaunt wurde leichenbleich, aber er gab kei⸗ ird⸗ nen Schrei von ſich, er rief nicht um Hülfe. griff D'Artagnan ging gerade auf Mordaunt zu, ſtieß aus; ihn gleichſam mit ſeiner Bruſt zurück und trieb ihn rückwärts die ganze Treppe hinauf, welche durch eine Lampe beleuchtet war, die dem Gascogner die Hände ſeine von Mordaunt nicht aus dem Auge zu verlieren ge⸗ Man ſtattete; Mordaunt aber begriff, daß er ſich, wenn er d'Artagnan getödtet, noch ſeiner drei andern Feinde nſich zu entledigen hätte. Er machte alſo nicht die geringſte und Vewegung, um ſich zu vertheidigen, nicht eine einzige ſie in drohende Geberde. Zur Thüre gelangt, fühlte ſich Mor⸗ ihn dauntmit dem Rücken an dieſelbe gepreßt, und er glaubte wohl, hier würde Alles mit ihm zu Ende gehen; aber er täuſchte ſich: dArtagnan ſtreckte die Hand aus und öffnete Euert die Thüre; Mordaunt und er befanden ſich alſo in dem skom⸗ Zimmer, in welchem der junge Mann zehn Minuten vorher mit Cromwell ſprach. Porthos trat hinter ihnen ein; er hatte die Lampe 56 vom Plafond genommen; mit Hülfe dieſer erſten Lampe zündeie er die zweite an. Athos und Aramis erſchienen an der Thüre, die ſie ſodann verſchloſſen. „Habt die Güte und ſetzt Euch,“ ſprach d'Artag⸗ nan, dem jungen Mann einen Stuhl reichend. Dieſer nahm den Stuhl aus den Händen von Artagnan und ſetzte ſich bleich, aber ruhig. Drei Schritte von ihm ſtellte Aramis drei Stühle für ſich, d'Artagnan und Porthos. Athos ſetzte ſich in den entfernteſten Winkel des Zimmers und ſchien entſchloſſen, ein unbeweglicher Zuſchauer deſſen, was vorgehen ſollte, zu bleiben.“ Porthos ſaß links, Aramis rechts von d'Ar⸗ tagnan. Athos ſah niedergeſchlagen aus. Porthos rieb fich die Hände mit fieberhafter Ungeduld. Aramis biß ſich, obgleich er lächelte, bis auf das Blut in die Lippen. DArtagnan allein mäßigte ſich, wenigſtens ſcheinbar. „Herr Mordaunt,“ ſagte er zu dem jungen Mann, „da der Zufall, nachdem wir uns ſo viele Tage ver⸗ geblich nachgelaufen ſind, uns endlich vereinigt, ſo wollen wir ein wenig plaudern, wenn es Euch gefäl⸗ liß iſt. VIII. Mnterredung. Mordaunt war ſo unvermuthet überraſcht worden⸗ er hat die Stufen unter dem Eindrucke eines ſo ver⸗ npe die ag⸗ von rei ſich, des cher . Ar⸗ rieb das ſtens ann, ver⸗ efäl⸗ rden⸗ ver⸗ 87 wirrten Gefühles erſtiegen, daß er nicht zu einer vollſtändigen Ueberlegung kommen konnte. Seine erſte Empfindung war gleichſam nur ein unüberwinvlicher Schrecken, eine Beſtürzung geweſen, wie ſie jeden Menſchen ergreift, den ein an Kraft überlegener Todfeind in dem Augenblicke am Arme faßt, wo er dieſen Feind an einem andern Orte und mit ganz andern Dingen beſchäftigt glaubt. Als er aber ein⸗ mal ſaß und wahrnahm, daß ihm eine Friſt, gleich⸗ viel in welcher Abſicht, gegönnt war, ſo raffte er alle ſeine Gedanken, alle ſeine Kräfte zuſammen. Der feurige Blick von d'Artagnan elektriſirte ihn gleichſam, ſtatt ihn einzuſchüchtern; denn dieſer Blick, wenn er ihm auch eine glühende Drohung zuſandte, war doch frei in ſeinem Haſſe und in ſeinem Zorne. Entſchloſ⸗ ſen, jede Gelegenheit, die ſich ihm bieten würde, zu benützen, um ſich durch Liſt oder Gewalt aus ſeiner gefährlichen Lage zu ziehen, drängte er ſich ſo zu ſa⸗ gen auf ſich ſelbſt zuſammen, wie es der Bär macht, der, in ſeine Höhle geduckt, mit ſcheinbar uabeweg⸗ lichem Auge jede Geberde des Jägers beobachtet, wel⸗ cher ihn umſtellt hat. Dieſes Auge richtete ſich mit einer raſchen Be⸗ wegung auf das lange, ſtarke Schwert, das er an der Hüfte trug. Er legte, ohne eine Abſicht zu ver⸗ rathen, die linke Hand an den Griff, brachte dieſen in das Bereich ſeiner rechten Hand und ſetzte ſich nach dem Willen von d'Artagnan. Dieſer erwartete ohne Zweifel ein angreifendes Wort, um eines von den höhniſchen oder furchtbaren Geſprächen anzuknüpfen, wie er ſie ſo gut zu fübren wußte. Aramis ſagte ganz leiſe zu ſich ſelbſt:„Wir werden Alltagsreden zu hören bekommen.“ Porthos murmelte in ſeinen Schnurrbart:„Mord und Tod! wie viele Umſtände um dieſe junge Schlange zu zertreten!“ Athos hielt ſich in der Ecke des Zimmers, unbeweglich und bleich, wie ein Marmorbasrelief; doch er fühlte 58 trotz ſeiner Unbeweglichkeit, wie ſeine Stirne von Schweiß befeuchtet wurde. Mordaunt ſprach nichts. Er kreuzte nur, als er ſich verſichert hatte, daß ſein Schwert ſtets zu ſeiner Ver⸗ fügung ſtand, ganz gelaſſen ſeine Beine und wartete. Dieſes Stillſchweigen konnte ſich nicht länger aus⸗ dehnen, oyne lächerlich zu werden. D'Artagnan begriff dieß, und da er Mort aunt ſich zu ſetzen aufgefordert hatte, um mit ihm zu plaudern, ſo dachte er, es wäre an ihm, das Geſpräch zu beginnen. „Es ſcheint mir, mein Herr,“ ſagte er mit ſeiner törtlichen Höflichkeit,„Ihr wechſelt die Trachten bei⸗ nahe ſo raſch, als ich dieß bei den italieniſchen Schau⸗ ſpielern geſehen habe, die der Herr Cardinal von Ma⸗ zarin von Bergamo kommen ließ und Euch ohne Zweifel bei Eurer Reiſe nach Frankreich zeigte.“ Mordaunt antwortete nicht. „So eben,“ fuhr d'Artagnan fort,„waret Ihr als Mörder verkleidet oder vielmehr gekleidet, und „Und nun ſehe ich im Gegentheil aus, als trüge ich das Gewand eines Menſchen, den man ermorden will, nicht wahr?“ erwiederte Mordaunt mit ſeinem ruhigen, kurzen Tone. „Oh! mein Herr,“ verſetzte dArtagnan,„wie könni Ihr ſolche Dinge ſagen, da Ihr Euch in Ge⸗ ſellſchaft von Evelleuten beſindet und ein gutes Schwert an Eurer Seite habt?“ „Kein Schwert iſt ſo gut, mein Herr, daß es eben ſo viel werth wäre, als vier Schwerter und vier Dolche, die Schwerter und Dolche Eurer Acolyten, die Euch vyr der Thüre erwarten, nicht zu rechnen.“ „Verzeiht, mein Herr,“ ſprach d'Artagnan,„Ihr ſeid im Irrthum: die Menſchen, welche uns vor der Thüre erwarten, ſind nicht unſere Acolyten, ſondern unſere Lackeien. Ich halte rarauf, die Dinge ſtreng nach der Wahrheit feſizuſtellen.“ on fich er⸗ te. us⸗ riff ert äre ner bei⸗ au⸗ Na⸗ hne Ihr und rüge rden nem „wie wert en ſo che, Euch „Ihr hüre nſere der 89 Mordaunt antwortete nur mit einem Lächeln, das ſeine Lippen ironiſch verzog. „Doch es handelt ſich nicht um dieſes,“ verſetzte d»Artagnan,„und ich komme auf meine Frage zurück. Ich gebe mir alſo die Ehre, Euch zu fragen, warum Ihr Euer Aeußeres verändert habt: die Larve war Euch ziemlich bequem, wie es mir ſcheint. Der graue Bart ſtand Euch vortrefflich, und was das Beil be⸗ trifft, mit dem Ihr einen ſo ausgezeichneten Streich geführt habt, ſo glaube ich, daß es Euch in dieſem Augenblicke auch nicht ſchlecht ſtehen würde. Warum habt Ihr alſo gewechſelt?“ „Ich erinnerte mich der Scene von Armentiéres, und dachte, ich würde vier Beile ſtatt eines finden, da ich unter vier Henker gerathen ſollte.“ „Mein Herr,“ antwortete d'Artagnan mit der größ⸗ ten Ruhe, obgleich eine leichte Bewegung ſeiner Augen⸗ braunen andeutete, daß er warm zu werden anfing, „mein Herr, obgleich im höchſten Grade laſterhaft und verdorben, ſeid Ihr doch noch äußerſt jung, weßhalb ich mich nicht an Eure nichtswürdigen Reden halten werde,.. ja nichtswürdig, denn das, was Ihr ſo eben in Beziehung auf Armentieres geſagt habt, ſteht nicht im Zuſammenhange mit der gegenwärtigen Lage der Dinge. Wir konnten in der That Eurer Frau Mutter keinen Degen anbieten und ſie bitten, mit uns zu fechten. Aber bei Euch, mein Herr, bei einem jungen Cavalier, der mit dem Dolche und der Piſtole ſpielt, wie wir dieß geſehen, und ein Schwert von der Länge von dieſem an der Seite trägt, gibt es Niemand, der nicht berechtigt wäre, die Gunſt eines Zweikampfs zu fordern.“ Ah, ah!“ ſagte Mordaunt,„Ihr verlangt alſo ein Duell?“ Und er erhob ſich mit funkelndem Auge, als wäre er geneigt, die Herausforderung ſogleich zu beant⸗ worten. Stets zu ſolchen Abenteuern bereit, ſtand Porthos ebenfalls auf. „Verzeiht,“ ſprach dArtagnan mit derſelben Kalt⸗ blütigkeit;„beeilen wir uns nicht, denn jeder von uns muß wünſchen, daß die Dinge in aller Ordnung vor ſich gehen. Setzt Euch alſo wieder, Porthos, und Ihr, mein Herr Mordaunt, wollt gefälligſt ruhig bleiben. Wir werden dieſe Angelegenheit auf das Beſte ordnen, und ich will offenherzig gegen Euch ſeyn. Bekennt, Herr Mordaunt, daß Ihr große Luſt habt, die Einen oder die Andern von uns zu tödten?“ „Die Einen und dieAndern,“ antwortete Mordaunt. D'Artagnan wandte ſich gegen Aramis um und ſagte zu ihm: „Geſteht, lieber Aramis, es iſt ein großes Glück, daß Herr Mordaunt die Feinheiten der franzöſiſchen Sprache ſo gut verſteht. Es wird wenigſtens kein Mißverſtändniß unter uns obwalten und wir können Alles vortrefflich anordnen.“ ſich gegen Mordaunt umwendend fuhr er ort: „Lieber Herr Mordaunt, ich habe Euch zu ſagen, daß dieſe Herren Eure guten Gefühle für ſie erwiedern und ſehr erfreut wären, Euch zu tödten. Ich ſage noch mehr, ſie werden Euch wahrſcheinlich tödten. Doch es ſoll nach der Weiſe redlicher Edelleute geſchehen, und ich gebe Euch den beſten Beweis für meine Worte.“ Hiernach warf dArtagnan ſeinen Hut auf den Boden, rückte ſeinen Stuhl an die Wand zurück, hieß ſeine Freunde durch ein Zeichen daſſelbe thun, begrüßte Mordaunt mit franzöſiſcher Artigkeit und ſprach: „Ich ſtehe zu Euren Befehlen, mein Herr; denn wenn Ihr nichts gegen die Ehre, die ich fordere, ein⸗ zuwenden habt, ſo fange ich an; mein Degen iſt zwar kürzer, als der Eurige, aber baſta, ich hoffe, der Arm wird den Degen ergänzen.“ * ſtre ſoll die hos alt⸗ uns vor hr, en. en, nt, nen 91 „Halt,“ ſprach Porthos vorſchreitend,„ich fange an, und zwar ohne Redensarten.“ „Erlaubt, Porthos,“ ſagte Aramis. Athos bewegte ſich nicht, man hätte glauben ſollen, er wäre eine Statue, ſein Athem ſchien ſogar gehemmt. „Meine Herren, meine Herren,“ ſprach d'Artag⸗ nan,„ſeid unbeſorgt, die Reihe wird an Euch kom⸗ men. Schaut nur dieſe Augen an, und leſt darin den glückſeligen Haß, den wir dem Herrn einflößen. Seht, wie geſchickt er vom Leder gezogen hat. Bewundert die Umſicht, mit der er das ganze Zimmer betrachtet, um zu ſehen, ob ihn beim Ausweichen nichts hindern werde. Beweiſt Euch nicht Alles dies, daß Herr Mor⸗ daunt ein feiner Degen iſt, und daß Ihr mir binnen Kurzem nachfolgen werdet, wenn ich ihn gewähren laſſe. Bleibt alſo an Eurem Platze, wie Athos, deſ⸗ ſen Ruhe ich Euch nicht genug empfehlen kann, und laßt mir die Initiative, die ich genommen habe. Ueber⸗ dies,“ fuhr er, ſeinen Degen mit einer furchtbaren Geberde ziehend, fort,„habe ich es ganz beſonders mit dieſem Herrn zu thun. Ich wünſche es, ich will es.“ Es war das erſte Mal, daß d'Artagnan ſeinen Freunden gegenüber dieſes Wort ausſprach. Bis jetzt hatte er ſich begnügt, daſſelbe zu denken. Porthos wich zurück, Aramis nahm ſeinen Degen unter den Arm, Athos blieb unbeweglich in ſeiner dun⸗ keln Ecke, doch nicht ruhig, wie d'Artagnan ſagte, ſon⸗ dern keuchend, beinahe athemlos. „Steckt Euren Degen in die Scheide, Chevalier,“ ſprach d'Artagnan zu Aramis,„der Herr könnte Ab⸗ ſichten bei Euch vorausſetzen, die Ihr nicht habt.“ Dann ſich wieder gegen Mordaunt umwendend: „Mein Herr, ich erwarte Euch.“ „Und ich, meine Herren, ich bewundere Euch. Ihr ſtreitet, wer zuerſt von Euch ſich mit mir ſchlagen ſoll, und frogt mich nicht um meine Anſicht, mich den die Sache doch auch ein wenig angeht, wie es mir 92 ſcheint. Ich haſſe Euch Alle, das iſt wahr, aber in verſchiedenen Graden. Ich hoffe Euch Alle zu töbten, habe aber mehr Hoffnung, den Erſten, als den Zwei⸗ ten, den Zweiten als den Dritten, den Dritten als den Letzten zu tödten. Ich nehme alſo das Recht in Anſpruch, meinen Gegner zu wählen. Verweigert Ihr nir dieſes Recht, ſo tödtet mich, ich ſchlage mich nicht.“ S Die vier Freunde ſchauten ſich an. „Das iſt richtig,“ ſprachen Aramis und Porthos, in der Hoffnung, die Wahl würde auf ſie fallen. Athos und d'Artagnan ſagten nichts, aber gerade ihr Stillſchweigen war eine Beipflichtung. „„Nun wohl,“ ſprach Mordaunt mitten unter der tiefen, feierlichen Stille, welche in dem geheimnißvol⸗ len Hauſe herrſchte,„nun wohl, ich wähle zu meinem erſten Gegner denjenigen von Euch, der ſich, da er ſich nicht mehr für würdig hielt, Graf de la Fere zu beißen, Athos nannte.“ Athos erhob ſich von ſeinem Stuhle, als ob ihn eine Feder auf die Beine geſchnellt hätte; aber zum gro⸗ ßen Erſtaunen ſeiner Freunde ſprach er nach kurzem Schweigen, den Kopf ſchüttelnd: „Herr Mordaunt, jeder Zweikampf unter uns iſt unmöglich; erweiſt alſo einem Andern die mir he⸗ ſtimmte Ehre.“ Und er ſetzte ſich wieder. „Ah!“ ſagte Mordaunt,„bereits Einer, der bange at 7 „Tauſend Donner!“ rief d'Artagnan auf den jun⸗ gen Mann zuſpringend,„wer ſagt, Athos habe bange?“ „Laßt ihn ſprechen,“ verſetzte Athos mit einem traurigen, verächtlichen Lächeln. „Iſt dies Euer Entſchluß?“ fragte der Gas⸗ cogner. „Unwiverruflich.“ nge un⸗ abe em as⸗ 93³ „Gut, ſprechen wir nicht mehr davon.“ Dann ſich gegen Mordaunt umwendend: „Ihr habt gehört, mein Herr, der Graf de la Fere will Euch nicht die Ehre anthun, ſich mit Euch zu ſchlagen. Sucht unter uns einen Stellvertreter für ihn.“ „Schlage ich mich nicht mit ihm, ſo iſt mir wenig varan gelegen, mit wem ich mich ſchlage. Legt Euere Namen in einen Hut, und ich werde auf den Zufall herausziehen.“ „Das iſt ein Gedanke,“ ſprach d'Artagnan. „Dieſes Mittel gleicht in der That Alles aus,“ ſagte Aramis. „Ich hatte nicht hieran gedacht,“ verſetzte Por⸗ thos,„und doch iſt es ganz einfach.“ „Hört, Aramis,“ ſagte d'Artagnan,„ſchreibt uns das mit der hübſchen kleinen Handſchrift, mit der Ihr Marie Michon mittheiltet, die Mutter von dieſem Herrn wolle Mylord Buckingham ermorden laſſen.“ Mordaunt ertrug dieſen neuen Angriff, ohne eine Miene zu verziehen; er ſtand aufrecht, die Arme ge⸗ kreuzt, und ſchien ſo ruhig, als es ein Menſch unier ſolchen Umſtänden nur immer ſein kann. War dies nicht iuth ſo war es wenigſtens Stolz, was ſich ſehr ähn⸗ Aramis näherte ſich dem Schreibtiſch von Crom⸗ well, zerriß drei Stückchen Papier, ſchrieb auf das erſte ſeinen Namen und auf die zwei andern die Na⸗ men ſeiner Gefährten und bot ſie offen Mordaunt, der ohne ſie zu leſen ein Zeichen mit dem Kopfe machte, womit er ſagen wolle, er verlaſſe ſich ganz auf ihn. Aramis rollte die Papierchen zuſammen, warf ſie in einen Hut und gab denſelben dem jungen Manne. Dieſer tauchte ſeine Hand in den Hut, zog eines von den drei Papieren heraus und ließ es, ohne es zu leſen, verächtlich auf den Tiſch fallen. „Ah! Schlange,“ murmelte d'Artagnan,„ich gäbe 94 meine ganze Anwartſchaft auf den Grad des Kapitäns der Musketiere, wenn auf dieſem Zettel mein Name ſtände.“ Aramis öffnete das Papier; aber wie ſehr er auch Ruhe und Kälte heuchelte, ſo konnte man doch wahrnehmen, daß er vor Haß und Begierde zitterte. Er las mit lauter Stimme: „D'Artagnan!“ ſtieß einen Freudenſchrei aus und prach: „Es gibt eine Gerechtigkeit im Himmel.“ Dann ſich gegen Mordaunt umwendend: „Ich hoffe, mein Herr, Ihr habt keine Einwen⸗ dung dagegen zu machen?“ „Keine, mein Herr,“ ſprach Mordaunt, ſeinen ziehend und die Spitze auf ſeinen Stiefel tzend. Sobald d'Artagnan der Erfüllung ſeines Wunſches gewiß und überzeugt war, ſein Mann würde ihm nicht entgehen, gewann er wieder ſeine ganze Kaltblütigkeit, ſeine ganze Ruhe und ſogar die ganze Langſamkeit, mit der er bei den Vorbereitungen zu der wichtigen Ange⸗ legenheit, die man ein Buell nennt, zu Werke zu gehen pflegte. Er ſchlug ſeine Manchetten zurück und rieb ſeine Fußſohle auf dem Boden, was ihn nicht abhielt, zu bemerken, daß Mordaunt zum zweiten Male den ſeltſamen Blick um ſich her warf, den er ſchon ein Mal wahrgenommen hatte. „Seid Ihr bereit?“ ſagte er endlich. „Ich erwarte Euch,“ ſprach Mordaunt, den Kopf erhebend und d'Artagnan mit einem Auge anſchauend, deſſen Ausdruck ſich nicht beſchreiben läßt. „Dann nehmt Euch in Acht, mein Herr,“ ſagte der Gascogner,„ich führe den Degen ziemlich gut.“ „Ich auch,“ erwiederte Mordaunt. „Deſto beſſer, das bringt mein Gewiſſen in Ruhe. Legt Euch aus.“ — „Einen Augenblick,“ ſagte der junge Mann;„gebt mir Euer Ehrenwort, meine Herren, daß Ihr mich nur einer nach dem andern angreifen werdet.“ „Um das Vergnügen zu haben, uns zu beleidigen, forderſt Du das von uns, kleine Schlange?“ rief Porthos. „Nein, ſondern um ein ruhiges Gewiſſen zu ha⸗ ben, wie dieſer Herr ſoeben ſagte.“ „Dahinter muß ein anderer Grund ſtecken,“ murmelte dArtagnan, und ſchaute mit einer gewiſſen Unruhe um ſich her. „Auf Edelmanns Wort!“ ſprachen Aramis und Porthos gleichzeitig. „Dann ſtellt Euch in eine Ecke, meine Herren,“ ſagte Mordaunt,„wie es der Herr Graf de la Fere gethan hat, der, wenn er ſich nicht ſchlagen will, doch wenigſtens die Geſetze des Zweikampfes kennt, und laßt uns freien Raum, wir bedürfen deſſelben.“ „Es ſei,“ ſprach Aramis. 5„Das ſind gewaltige Umſtände!“ murmelte Por⸗ thos. „Thut es,“ ſagte d'Artagnan,„man muß dieſem Herrn nicht den geringſten Vorwand zu einem ſchlech⸗ ten Benehmen laſſen, wozu er, trotz der Achtung, die ich ihm ſchuldig bin, große Luſt zu haben ſcheint.“ Dieſer neue Spott ſtumpfte ſich auf dem unemp⸗ findlichen Geſichte von Mordaunt ab. Porthos und Aramis ſtellten ſich in die Ecke Athos gegenüber, ſo daß die zwei Fechtenden die Mitte des Zimmers einnehmen konnten und ſomit im vollen Lichte ſtanden, da man die zwei Lampen, welche die Scene beleuchteten, auf den Schreibtiſch von Crom⸗ well geſetzt hatte. Es verſteht ſich, daß das Licht ſich ſchwächte, je mehr man ſich von dem Mittelpunkte ſei⸗ ner Ausſtrahlung entfernte. „Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan;„ſeid Ihr endlich bereit, mein Herr?“ 96 „Ich bin es,“ erwiederte Mordaunt. Beide machten zu gleicher Zeit einen Schritt vor⸗ wärts, und durch dieſe einzige Bewegung waren die Schwerter gebunden. D'Artagnan war ein zu ausgezeichneter Degen, um ſich damit zu beluſtigen, ſeinen Gegner, nach dem akademiſchen Ausdrucke, zu befühlen. Er machte eine „ glänzende Finte; ſie wurde von Mordaunt parirt. „Ah! ah!“ rief er mit einem Lächeln der Zufrie⸗ denheit. Und da er eine Oeffnung zu ſehen glaubte, that geraden Stoß, raſch und flammend, wie der Mordaunt parirte eine ſo geſchloſſene Contrequarte, daß ſie nicht aus dem Ringe eines jungen Mädchens gegangen wäre. „Ich fange an zu glauben, daß wir uns unter⸗ halten werden,“ ſprach d'Artagnan. „Ja,“ murmelte Aramis,„aber während Ihr Euch beluſtigt, ſpielt geſchloſſen.“ „Gottes Blut! mein Freund, gebt Achtung!“ ſagte Porthos. Mordaunt lächelte. „Ah, mein Herr!“ rief dArtagnan,„was für ein S Lächeln habt Ihr! Nicht wahr, der Teufel hat uch ſo lächeln gelehrt?“ Statt jeder Antwort ſuchte Mordaunt den Degen von d'Artagnan mit einer Kraft zu binden, welche der Gascogner in einem ſcheinbar ſo gebrechlichen Körper nicht zu finden glaubte; aber mit einer Parade, welche nicht minder geſchickt ausgeführt wurde, als die ſeines Feindes, begegnete er zu rechter Zeit dem Eiſen von Mordaunt, das an dem ſeinigen abglitt, ohne ſeine Bruſt zu treffen. Mordaunt machte raſch einen Schritt rückwärts. „Ahl Ihr weicht?“ ſagte dArtagnan,„Ihr dreht? or⸗ die en, ine unt ie⸗ hat der te, ns 97 wie es Euch beliebt: ich gewinne ſogar Etwas dabei, ich ſehe Euer abſcheuliches Lächeln nicht mehr. Nun bin ich gänzlich im Schatten, deſto beſſer. Ihr habt keinen Begriff, wie falſch Euer Blick iſt, beſonders, wenn Ihr Euch fürchtet. Schaut ein wenig in meine Augen, und Ihr werdet Etwas ſehen, was Euch Euer Spiegel nie zeigt: meinen ehrlichen, offenen Blick.“ Auf dieſen Redefluß, der vielleicht nicht gerade vom beſten Geſchmack, aber Gewohnheit bei d'Artagnan war, welcher den Grundſatz hatte, ſeinen Gegner zu beſchäftigen und in Harniſch zu bringen, erwiederte Mordaunt kein Wort, aber beſtändig weichend und dre⸗ hend gelangte er dahin, daß er mit d'Artagnan den Platz wechſelte. Mordaunt lächelte immer mehr. Dieſes Lächeln fing an, d'Artagnan zu beunruhigen. „Vorwärts, es muß ein Ende gemacht werden,“ ſprach d'Artagnan;„der Burſche hat eiſerne Kniebeu⸗ gen. Nun zu den großen Stößen!“ Er drang auf Mordaunt ein, der zu weichen fort⸗ fuhr, aber offenbar aus Taktik, ohne einen Fehler zu machen, den d'Artagnan hätte benützen können, und ohne daß ſein Degen ſich einen Augenblick von der Linie entfernte. Da jedoch der Kampf in einem Zimmer ſtattfand und es den Fechtenden an Flatz mangelte, ſo berührte der Fuß von Mordaunt bald die Wand, an welche er ſeine linke Hand ſtützte. „Ah!“ rief d'Artagnan,„diesmal weicht Ihr nicht mehr, mein ſchöner Freund! Meine Herren,“ fuhr er, den Mund verziehend und die Stirne faltend, fort,„habt Ihr je einen Scorpion an die Wand genagelt geſehen? Nein? Wohl, Ihr ſollt es ſehen.“ Und in einer Sekunde führte d'Artagnan drei furchtbare Stöße gegen Mordaunt. Alle drei berühr⸗ ten ihn, aber nur ſtreifend. D'Artagnan begriff dieſe Gewalt nicht. Die Freunde ſchauten ſich ſchwer athmend, Schweiß auf der Stirne, an. Zwanzig Jahre nachher. W. 7 98 Seinem Gegner zu nahe, machte dArtagnan eben⸗ falls einen Schritt rückwärts, um einen vierten Stoß vorzubereiten oder vielmehr auszuführen, denn für d'Artagnan waren die Waffen, wie das Schachſpiel, eine umfaſſende Combination, wobei ſich alle Einzelnheiten mit einander verketteten. Aber in dem Augenblick, wo er erbitterter als je auf ſeinen Gegner eindrang, im Augenblick, wo er, nach einer raſchen Finte, wie der Blitz angriff, ſchien ſich die Mauer zu ſpalten: Mor⸗ daunt verſchwand durch die gähnende Oeffnung, und zwiſchen den zwei Füllungen gefaßt zerbrach der De⸗ gen von d'Artagnan, als ob er von Glas geweſen wäre. D'Artagnan machte einen Schritt rückwärts. Die Wand ſchloß ſich wieder. Mordaunt hatte, während er ſich vertheidigte, ſo manveuvrirt, daß er an die geheime Thüre anzulehnen kam, durch welche wir Cromwell haben hinausgehen ſehen. Sobald er ſich hier befand, ſuchte er mit der linken Hand den Knopf und drückte daran; dann ver⸗ ſchwand er, wie auf dem Theater die böſen Geiſter verſchwinden, welche die Gabe durch die Mauern zu gehen beſitzen. Der Gascogner ſtieß eine wüthende Verwünſchung aus, welche auf der andern Seite der eiſernen Füllung von einem wilden, von einem unſeligen Gelächter er⸗ wiedert wurde, wobei ſogar die Atern des ſteptiſchen Aramis ein Schauer durchlief. „Herbei, meine Herren!“ rief dArtagnan,„ſtoßen wir die e Thüre ein.“ „Das iſt der Teufel in Perſon!“ ſprach Aramis und lief zu ſeinem Freunde. „Goites Blut, er entkommt uns!“ brüllte Porthos und ſtemmte ſich mit ſeiner breiten Schulter gegen den Verſchlag, der durch eine geheime Feder gehalten uner⸗ ſchütterlich blieb. e⸗ en 99 „Deſto beſſer,“ murmelte Athos mit dumpfer Stimme. „Ich vermuthete es, Mord und Tod!“ rief d'Ar⸗ tagnan, vergeblich ſeine Kräfte erſchöpfend;„ich ver⸗ muthete es, als der Elende ſich im ganzen Zimmer umher drehte; ich ſah irgend ein ſchändliches Manveuvre voraus; ich ahnete, daß er Etwas im Schilde führte, aber wer konnte auf Alles dies gefaßt ſein?“ „Es iſt ein furchtbares Unglück, das uns der Teu⸗ fel, ſein Freund, zuſendet!“ rief Aramis. „Es iſt ein offenbares Glück, das uns Gott ſen⸗ det!“ ſprach Athos mit unverhohlener Freude. „In der That,“ entgegnete d'Artagnan die Achſeln zuckend und die Thüre verlaſſend, welche ſich entſchie⸗ den nicht öffnen wollte,„Ihr erſchlafft, Athos! Wie könnt Ihr Menſchen unſerer Art dergleichen Dinge ſa⸗ gen? Mord und Tod! Ihr begreift alſo die Lage der Dinge nicht?“ „Was denn? welche Lage?“ ſprach Porthos. „Wer bei dieſem Spiele nicht tödtet, wird getöd⸗ tet,“ verſetzte d'Artagnan.„Laßt hören, mein Freund, taugt es Euern verſöhnenden Jeremiaden, daß Herr Mordaunt uns ſeiner kindlichen Liebe opfert? Wenn das Euere Anſicht iſt, ſo ſprecht es offenherzig aus.“ „Oh! d'Artagnan, mein Freund!“ „Die Dinge ſo zu betrachten, iſt in der That zum Erbarmen. Der Elende wird uns hundert eiſerne Männer ſchicken, die uns wie Getreide in dem Mörſer von Herrn Cromwell zerſtampfen. Auf! auf! abgezo⸗ gen; wenn wir nur fünf Minuten hier verweilen, iſt es um uns geſchehen!“ „Ja, Ihr habt Recht, vorwärts!“ riefen Athos und Aramis. „Wohin gehen wir?“ fragte Porthos. „In den Gaſthof, lieber Freund, um unſer Gepäck und unſere Pferde zu holen; dann, wenn es Gott ge⸗ fällt, nach Frankreich, wo ich wenigſtens die Bauart 100 der Häuſer kenne. Unſer Schiff erwartei uns, das iſt meiner Treue noch ein Glück.“ Raſch ſteckte dArtagnan hienach ſeinen Degenſtumpf in die Scheide, hob ſeinen Hut auf, öffnete die Thüre r F und ſtieg gefolgt von ſeinen drei Freunden inab. IX. Die Felucke: der Blitz. DArtagnan hatte richtig errathen: Mordaunt hatte keine Zeit zu verlieren, und hatte keine verloren. Er kannte die raſche Entſchloſſenheit und Thätigkeit ſeiner Feinde und wollte demgemäß handeln. Diesmal hatten die Musketiere einen ihrer würdigen Feind ge⸗ funden. Nachdem Mordaunt die Thüre ſorgfältig hinter ſich geſchloſſen, ſtürzte er in den unterirdiſchen Gang; doch ſobald er ſeinen unnöthig gewordenen Degen wie⸗ der in die Scheide geſteckt und das benachbarte Haus erreicht hatte, blieb er einen Augenblick ſtille ſtehen, um ſich zu betaſten und Athem zu ſchöpfen. „Gut,“ ſagte er,„vichts, beinahe nichts, nur Schrammen; zwei am Arme, eine an der Bruſt. Die Wunden, die ich mache, find beſſer! Man frage den Henker von Bethune, meinen Oheim Winter und den König Karl! Nun iſt keine Sekunde zu verlieren, denn eine verlorene Sekunde rettet ſie vielleicht, und ſie müſſen alle Vier miteinander, mit einem einzigen Schlage, in Ermangelung des göttlichen Blitzes von dem Blitze der Menſchen verzehrt ſterben. Gebrochen, zerſtreut, vernichtet ſollen ſie verſchwinden. Laufen wir alſo, bis unſere Beine uns nicht mehr tragen t * — M*— 101 können, bib das Herz in der Bruſt aufſchwillt, aber kommen wir vor ihnen an.“ Und Mordaunt fing an raſchen, aber feſten Schrit⸗ tes nach der erſten, ungefähr eine Viertelmeile entfernt liegenden, Reiterkaſerne zu marſchiren. Er legte dieſen Weg in vier bis fünf Minuten zurück. In der Kaſerne angelangt, gab er ſich zu erkennen, nahm das beſte Pferd aus dem Stalle, ſchwang ſich auf und eilte nach der Straße. Eine Viertelſtunde nachher war er in Greenwich. „Hier iſt der Hafen,“ murmelte er.„Dieſer dü⸗ ſtere Punkt da unten iſt die Hundeinſel. Gut! ich habe eine halbe Stunde vor ihnen voraus eine Stunde vielleicht. Ich Dummkopf! ich hätte mir durch meine wahnſinnige Eile eine Athemloſigkeit, eine Ohnmacht zuziehen können! Nun,“ fügte er bei und erhob ſich auf den Steigbügeln, als wollte er fernhin durch alle . und Maſten ſehen;„der Blitz? wo iſt der i 2 In dem Augenblicke, wo er im Geiſte dieſe Worte ſprach, erhob ſich, als wollte er ſeine Gedanken beant⸗ worten, ein Mann von einer Rolle Kabeltaue und machte einige Schritte gegen Mordaunt. Mordaunt zog ſein Taſchentuch hervor und ließ es in der Luft flattern. Der Mann ſchien aufmerkſam, blieb aber an der⸗ ſelben Stelle, ohne einen Schritt rückwärts oder vor⸗ wärts zu thun. Mordaunt machte einen Knoten an jede Ecke ſeines Taſchentuches; der Mann ſchritt bis zu ihm vor. Es war dies, wie man ſich erinnern wird, das verabredete Signal. Der Mann war in einen weiten wollenen ga gehüllt, der ſeine Geſtalt und ſein Geſicht ver⸗ arg. „Komrit der Herr zufällig von London, um eine Spazierfahrt auf dem Meere zu machen?“ fragte der ann. ſprach Mordaunt,„gegen die Hun⸗ deinſel.“ „Gut. Ohne Zweifel würde der Herr dann einem Schiffe den Vorzug vor dem andern geben? Er hätte gern einen Schnellſegler, ein Fahrzeug ſo räſch „Wie der Blitz,“ erwiederte Mordaunt. „Dann iſt es gut, der Herr ſucht mein Schifſ. Ich bin der Patron, deſſen er bedarf.“ „Ich will es glauben,“ ſagte Mordaunt,„beſon⸗ ders wenn Ihr ein gewiſſes Zeichen der Erkennung nicht vergeſſen habt.“ „Hier iſt es, Herr,“ ſprach der Seemann und zog aus der Taſche ſeines Caban ein an ſeinen vier Enden geknüpftes Sacktuch. „Gut! gut!“ rief Mordaunt vom Pferde ſprin⸗ gend.„Es iſt nun keine Zeit zu verlteren. Laßt mein Pferd in die nächſte beſte Herberge führen und bringt mich zu Euerem Schiffe.“ „Aber Euere Gefährten?“ entgegnete der See⸗ mann.„Ich glaubte, Ihr wäret, die Lackeien nicht gerechnet, zu vier.“ „Hört,“ ſprach Mordaunt, ſich dem Seemann nähernd,„ich bin nicht derjenige, welchen Ihr erwar⸗ tet, wie Ihr nicht der ſeid, welchen ſie zu finden hoffen. Ihr habt die Stelle des Kapitän Roggers eingenom⸗ men, nicht wahr? Ihr ſeid hier auf Befehl von Ge⸗ neral Cromwell, und ich komme in ſeinem Auftrage.“ „In der That, ich erkenne Euch,“ verſetzte der Patron,„Ihr ſeid der Kapitän Mordaunt.“ Mordaunt bebte. „Oh! fürchtet Euch nicht,“ ſprach der Patron, ſeinen Caban niederlaſſend und ſeinen Kopf entblößend, „ich bin ein Freund.“ „Der Kapitän Groslow!“ rief Mordaunt. „Er ſelbſt. Der General erinnerte ſich, daß ich S 8„ 8 3 —e 2 103 einſt Marine⸗Offizier geweſen bin, und beauftragte mich mit dieſer Expedition. Hat ſich etwas verändert?“ „Nein, Alles bleibt im Gegentheil in demſelben Stande.“ „Ich dachte einen Augenblick, der Tod des Kö⸗ n „Der Tod des Königs hat ihre Flucht nur be⸗ ſchleunigt; in einer Viertelſtunde, in zehn Minuten vielleicht werden ſie hier ſein.“ „Was wollt Ihr aber thun?“ „Mich mit Euch einſchiffen.“ ſollte der General an meinem Eifer zwei⸗ e n „Nein, aber ich will meiner Rache ſelbſt beiwoh⸗ nen. Habt Ihr nicht irgend einen Menſchen, der mir mein Pferd abnehmen kann?“ Groslow pfiff, es erſchien ein Matroſe. „Patrick“ ſagte Groslow,„führt das Pferd in den Stall der nächſten Herberge. Wenn man Euch fragt, wem es gehöre, ſo ſagt Ihr einem irländiſchen Edel⸗ mann.“ Der Matroſe entfernte ſich, ohne eine Bemerkung zu machen.— „Fürchtet Ihr nun nicht, von Ihnen erkannt zu werden?“ ſprach Mordaunt. „Es iſt keine Gefahr in dieſer Tracht, in meinen Caban eingehüllt, in der finſtern Racht; überdies habt Ihr mich nicht einmal erkannt, um ſo weniger werden ſie mich erkennen.“ „Das iſt wahr, ſie werden auch gar nicht an Euch en Alles iſt bereit, nicht wahr?“ „Ja.“ „Die Ladung iſt eingenommen?“ a infzig volle Tonnen?“ „Und fünfzig leere.“ „Gut.“ — „Wir führen Portiwein nach Antwerpen.“ „Vortrefflich. Nun bringt mich an Bord und kehrt an Euren Poſten zurück; ſie müſſen bald kom⸗ men.“ „Ich bin bereit.“ „Es iſt von Wichtigkeit, daß mich keiner von Euren Leuten hineingehen fieht.“ „Ich habe nur einen Mann an Bord und kann mich auf ihn verlaſſen, wie auf mich ſelbſt. Ueberdieß kennt Euch dieſer Mann nicht und iß, wie ſeine Ka⸗ meraden, bereit uns zu gehorchen, weiß aber gar nichts.“ „Gut, gehen wir.“ Sie ſtiegen gegen die Themſe hinab. Eine kleine Barke war mittelſt einer eiſernen an einem Pfohle be⸗ feſtigten Kette an das Ufer gebunden. Groslow zog die Barke an ſich, hielt ſie feſt, während Mordaunt hineinſtieg, ſprang dann ſelbſt hinein, erariff die Ru⸗ der und fing an ſo zu rudern, daß er Mordaunt die Wahrheit deſſen, was er behauptet, nämlich daß er ſein Seemanns⸗Handwerk nicht vergeſſen, bethätigte. Nach Verlauf von fünf Minuten war man von dieſer Welt von Schiffen befreit, welche in jener Zeit den Fluß in der Nähe von London bedeckten und Mor⸗ daunt konnte wie einen düſtern Punkt die kleine Felucke auf vier bis fünf Kabellängen von der Hundeinſel am Anker wiegen ſehen. Als man ſich dem Blitz näherte, pfiff Groslow auf eine beſondere Weiſe, und man ſah den Kopf eines Menſchen über der Wand erſcheinen. „Seid Ihr es, Kapitän?“ fragte dieſer Mann. „Ja, wirf die Leiter herab.“ Raſch und leicht wie eine Schwalbe fuhr Gros⸗ low unter dem Bogſpriete hin und legte ſich Bord an Bord mit dem Schiffe. „Steigt hinauf,“ ſprach Groslow zu ſeinem Ge⸗ fährten. Mordaunt ergriff, ohne zu antworten, das Seil S— —— e nd ine be⸗ og unt tu⸗ die er te. on eit or⸗ cke am ow nes os⸗ an he⸗ 10⁵ und kletterte mit einer bei den Menſchen vom Lande unge⸗ wöhnlichen Behendigkeit an der Seite des Schiffes hinauf; die Rachgier erſetzte bei ihm die Gewohnheit und machte ihn zu Allem fähig. Der Matroſe von der Wache an Bord der Fe⸗ lucke ſchien, wie Groslow vorhergeſagt hatte, nicht einmal zu bemerken, daß ſein Kapitän in Begleitung eines Fremden zurückkam. Mordaunt und Groslow gingen in die Kapitäns⸗ Kajüte, welche nur einſtweilen von Brettern auf dem Verdecke erbaut worden war. Das Ehrenzimmer hatte Kapitän Roggers ſeinen Paſſagieren abgetreten. „Und ſie,“ fragte Mordaunt,„wo ſind ſie?“ „Am andern Ende des Schiffes,“ erwiederte Gros⸗ ow. „Haben ſie nichts auf dieſer Seite zu thun?“ „Durchaus nichts.“ „Gut. Ich halte mich bei Euch verborgen. Kehrt nach Greenwich zurück und bringt ſie hierher. Ihr habt eine Schaluppe?“ „Diejenige, in welcher wir gekommen find.“ „Sie ſcheint mir leicht und gut gezimmert.“ „Wie eine Pirogue.“ „Bindet ſie mit einem hänfenen Stricke an das Hintertheil an, legt ein Ruder darauf, damit ſie im Soge folgt und daß man nur den Strick abzuſchnei⸗ den hat. Verſeht ſie mit Rhum und Zwieback. Wäre das Meer zufällig ſchlimm, ſo dürfte es Euren Leu⸗ ten nicht unangenehm ſein, etwas zur Stärkung bei der Hand zu finden.“ „Es ſoll geſchehen, wie Ihr ſagt. Wollt Ihr die Pulverkammer in Augenſchein nehmen?“ „Nein, bei Eurer Rückkehr. Ich will die Lunte ſelbſt legen, um meiner Sache gewiß zu ſein. Ver⸗ bergt vor Allem Euer Geſicht gut, damit ſie Euch nicht erkennen.“ „Seid unbeſorgt.“ 106 „Geht, es ſchlägt in Greenwich zehn Uhr. Es durchdrangen in der That die Töne einer Glocke zehnmal wieberholt auf eine düſtere Weiſe die Luft, welche mit ſchweren, wie ſchweigſame Wellen am Himmel hinrollenden Wolken beladen war. Groslow ſchlug die Thüre wieder zu, welche Mor⸗ daunt von innen verſchloß, und ſtieg, nachdem er dem Matroſen Befehl gegeben hatte, mit der größten Auf⸗ merkſamkeit zu wachen, in die Barke hinab, die ſich, das ſeſtt mit doppeltem Ruder peitſchend, raſch ent⸗ ernte. Der Wind war kalt und der Hafendamm ver⸗ laſſen, als Groslow in Greenwich landete; in dem Au⸗ genblick, wo er an das Ufer ſtieg, hörte er etwas, wie das Geräuſch galoppirender Pferde auf dem mit Strand⸗ ſteinen gepflafterten Wege. „Oh! oh!“ ſagte er,„Mordaunt hatte Recht, daß er mir Eile empfahl. Es war keine Zeit zu verlie⸗ ren, ſie kommen.“ Es waren in der That unſere Freunde oder viel⸗ mehr ihre Vorhut, aus dArtagnan und Athos be⸗ ſtehend. Als ſie in der Nähe des Ortes anlangten, wo ſich Groslow befand, hielten ſie an, als hätten ſie errathen, derjenige, mit welchem ſie es zu thun haben ſollten, wäre da. Athos ſtieg ab, entrollte langſam ein Sacktuch, deſſen vier Enden geknüpft wa⸗ ren, und ließ es im Winde flattern, während d'Ar⸗ tagnan, ſtets klug, halb über ſein Pferd herabgeneigt und eine Hand am Holfter wartete. Groslow, der ſich, in Zweifel, ob die Reiter wirk⸗ lich die von ihm Erwarteten wären, hinter ein von den zum Aufrollen der Kabeltaue dienenden, in den Boden gepflanzten Kanonen gekauert hatte, ſtand auf, als er das verabredete Zeichen wahrnahm und ging gerade auf die Edelleute zu. Er war dergeſtalt in ſei⸗ nem Caban vermummt, daß man ſein Geſicht un⸗ ——, da er ta ner die len or⸗ em uf⸗ s it⸗ er⸗ ie d⸗ aß e⸗ ⸗ ⸗ n, ie in 4. r⸗ 3 v v* —————, 107 möglich ſehen konnte. Ueberdies war die Nacht ſo finſter, daß dieſe Vorſichtsmaßregel überflüſfig erſchien. Das durchdringende Auge von Athos errieth in⸗ deſſen trotz der Dunkelheit, daß er nicht Roggers vor ſich hatte. „Was wollt Ihr von mir?“ ſagte er zu Gros⸗ low und machte einen Schritt rückwärts. „Ich will Euch ſagen, Mylord,“ erwiederte Gros⸗ low mit irländiſchem Accente,„daß Ihr den Patron Roggers ſucht, aber vergebens ſucht.“ „Wie ſo2 „Er iſt dieſen Morgen vom Maſtkorb herabge⸗ fallen und hat das Bein gebrochen. Doch ich bin ſein Vetter; er hat mir die ganze Angelegenheit mitgetheilt und mir den Auftrag gegeben, für ihn zu recognoseci⸗ ren und überallhin, wohin ſie es wünſchten, die Edelleute zu führen, die mir ein an den vier Enden geknüpftes Socktuch geben würden, wie Ihr eines in Hand haltet und wie ich eines in der Taſche abe.“ Bei dieſen Worten zog Groslow das Sacktuch hervor, das er bereits Mordaunt gezeigt hatte. „Iſt das Alles?“ fragte Athos. „Nein, Mylord. Es ſind auch fünfundſiebenzig Pfund zugeſagt, wenn ich Euch wohlbehalten nach Boulogne oder nach irgend einem andern von Euch zu beſtimmenden Punkte von Frankreich bringe.“ „Was denkt Ihr hievon, d'Artagnan?“ fragte Athos in franzöſiſcher Sprache. „Was ſagte er zuerſt?“ fragte d'Artagnan. „Ah! es iſt wahr,“ ſprach Athos,„ich vergaß, daß Ihr nicht Engliſch verſteht.“ Und er wiederholte d'Artagnan das Geſpräch, das er mit dem Patron gehabt hatte. „Dieß ſcheint mir ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte d'Ar⸗ tagnan. „Mir auch,“ ſprach Athos. 108 „Ueberdieß,“ fügte dArtagnan bei,„überdieß kön⸗ nen wir dieſem Menſchen, wenn er uns betrügt, die Hirnſchale zerſchmettern.“ „Und wer wird uns führen?“ „Ihr, Athos, Ihr wißt ſo viele Dinge, daß ich nicht daran zweifle, Ihr ſeid auch im Stande, ein Schiff zu lenken.“ „Meiner Treue, Freund,“ erwiederte Athos lä⸗ chelnd,„Ihr habt beinahe richtig errathen; ich war von meinem Vater für den Marinedienſt beſtimmt und eh einige ſchwankende Begriffe von der Steuermanns⸗ un 6 „Seht Ihr!“ rief dArtagnan. „Holt alſo unſere Freunde und kehrt bald zurück; es iſt eilf Uhr, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ DArtagnan rückte gegen zwei Reiter vor, welche ſich wie Wachen an einem Schoppen aufgeſtellt hatten und auf der Rückſeite der Straße warteten; drei wei⸗ tere Reiter hielten in einiger Entfernung von den er⸗ ſten und ſchienen ebenfalls zu warten. Die zwei Reiterwachen waren Porthos und Ara⸗ mis; die drei anderen Reiter Mousqueton, Blai⸗ ſois und Grimaud; dieſer war nur, wenn man ihn näher betrachtete, doppelt, denn er hatte Parry hinter ſich, der die an den Wirth zu Tilgung ihrer Rechnung verkauften Pferde der Edelleute und ihrer Diener nach London zurückbringen ſollte. In Folge dieſes Handelsgeſchäftes vermochten die viet Freunde eine, wenn nicht beträchtliche, voch hinreichende Summe mitzunehmen, um etwaigen Zögerungen und unvor⸗ hergeſehenen Fällen trotzen zu können. DArtagnan üherbrachte Porthos und Aramis die Aufforderung, ihm zu folgen, und dieſe hießen ihre Tute durch ein Zeichen abſteigen und die Mantelſäcke abſchnallen. Parry trennte ſich nicht ohne Wehmuth von den Freunden man hatte ihm den Vorſchlag gemacht, mit „ die ſuc fül Ar telt ſpr ha kön⸗ die ich ein lä⸗ war uns⸗ 109 nach Frankreich zu reiſen, aber er weigerte ſich hari⸗ näckig, dies zu thun. „Das iſt ganz einfach,“ ſagte hiebei Mousqueton; „er hat ſeine Gedanken in Beziehung auf Groslow.“ Man erinnert ſich, daß Kapitän Groslow ihm den Schädel geſpalten hatte. Die kleine Truppe ſtieß zu Athos. Bereits aber hatte d'Artagnan ſein natürliches Mißtrauen wieder angenommen; er fand die Straße zu öde, die Nacht zu ſchwarz, den Patron zu leicht. Er erzählte Aramis den von uns erwähnten Vor⸗ fall, und nicht minder mißtrauiſch als er ſelbſt, trug Aramis nicht wenig dazu bei, ſeinen Argwohn zu ver⸗ mehren. Ein kurzes Schnalzen mit der Zunge verrieth Athos die Unruhe des Gascogners. „Wir haben keine Zeit, mißtrauiſch zu ſein,“ ſprach Athos;„die Barke erwartet uns, fteigen wir ein.“ „Wer hindert uns übrigens, mißtrauiſch zu ſein und dennoch einzuſteigen? Man wird den Patron be⸗ wachen,“ ſprach Aramis. „Und wenn er nicht geradeaus geht, ſchlage ich ihn todt,“ fügte Porthos bei. „Gut geſagt, Porthos,“ verſetzte d'Artagnan. „Steigen wir ein. Vorwärts, Mousqueton.“ DArtagnan hielt ſeine Freunde zurück und ließ die Bedienten zuerſt gehen, damit ſie das Brett ver⸗ ſ welches vom Hafendamm nach der Barke ührte. Die drei Lackeien ſchritten ohne Unfall hinüber. Athos folgte ihnen, dann kam Porthos, dann Aramis. DArtagnan ging, beſtändig den Kopf ſchüt⸗ telnd, zuletzt. „Was Teufels habt Ihr denn, mein Freund?“ ſprach Porthos,„bei meiner Treue, Ihr würdet Cäſar hange machen.“ — 1¹⁰ „Ich ſehe in dieſem Hafen weder Aufſeher, noch Wache, noch Steuereinnehmer.“ „Beklagt Ihr Euch?“ ſprach Porthos;„Alles geht wie auf einem blühenden Raſen.“ „Alles geht zu gut,“ erwiederte dArtagnan;„doch gleich viel, wie Gott will.“ Sobald das Brett zurückgezogen war, ſetzte ſich der Patron an das Steuerruder und machte einem ſeiner Matroſen ein Zeichen; bewaffnet mit einem Bootshaken fing dieſer an zu manveuvriren, um aus dem Irrſal von Schiffen, zwiſchen denen die kleine Barke eingezwängt war, herauszukommen. Der andere Matroſe befand ſich bereits, ſein Ruder in der Hand, am Backbord. Als man ſich der Ruder bevienen konnte, kam ſein Kamerad zu ihm, und die Barke fing an raſcher zu gehen. „Endlich reiſen wir!“ ſprach Porthos. „Ach! wir reiſen allein,“ erwiederte der Graf de la Fere. „Ja, aber wir ziehen alle Vier mit einander und ohne eine Schramme ab; das iſt noch ein Troſt.“ „Wir ſind noch nicht angekommen und haben uns vorzuſehen,“ ſagte d'Artagnan. „Ei! mein Lieber,“ entgegnete Porthos,„Ihr ſeid wie die Raben und prophezeit beſtändig Unglück. Was kann uns in dieſer finſtern Nacht zuſtoßen? Man fieht nicht auf zwanzig Schritte.“ „Ja, aber morgen früh,“ ſagte d'Artagnan. „Morgen früh ſind wir in Boulogne.“ „Ich wünſche es von ganzem Herzen,“ ſprach dArtagnan,„und geſtehe meine Schwäche. Hört, Athos, Ihr werdet lachen: ſo lange wir noch in der Schußweite vom Hafendamme oder von den an den⸗ ſelben gränzenden Häuſern waren, erwartete ich ein furchtbares Musketenfeuer, das uns insgeſammt nie⸗ derſchmettern würde.“ —— noch geht doch ſich nem nem aus leine ſein kam ſcher f de und uns lück. Man rach ört, der den⸗ ein nie⸗ 11¹ „Aber das war unmöglich,“ entgegnete Porthos mit ſeinem etwas plumpen, aber geſunden Verſtand; „man S zugleich den Patron und die Matroſen getödtet.“ „Bah! das iſt ein ſchönes Geſchäft für Mordaunt! Glaubt Ihr, er nehme es ſo genau?“ „Nun,“ ſprach Porthos,„ich bin ſehr froh, daß d'Artagnan zugeſteht, er habe bange gehabt.“ „Ich geſtehe es nicht nur zu, ſondern ich rühme mich deſſen, ich bin kein Kurzſichtiger, wie Ihr. Oho! was iſt das?“ „Der Blitz,“ ſprach der Patron. „Wir find alſo an Ort und Stelle?“ fragte Athos engliſch. „Wir gelangen eben dazu,“ antworteie der Ka⸗ pitů än. Nach drei Ruderſtößen befand man ſich Seite an Seite neben dem kleinen Fahrzeug. Der Matroſe i die Leiter war bereit, er hatte die Barke er⸗ annt. Athos ſtieg zuerſt hinauf, und zwar mit ganz ſeemänniſcher Gewandtheit. Aramis folgte ihm als ein Mann, der längſt an Strickleitern und ähnliche mehr oder minder geiſtreiche Mittel gewöhnt iſt, welche vorhanden find, um verbotene Räume zu durchmeſſen. D'Artagnan kletterte mit der Geſchicklichkeit eines Gem⸗ ſenjägers hinauf; Porthos entwickelte die Kraft, die bei ihm Alles erfetzte. Bei den Bedienten war die Operation ſchwieriger, nicht für Grimaud, der, mager und dünn wie eine Katze, ſtets Mittel fand, ſich aufzuhiſſen, aber für Mousqueton, für Blaiſois, welche die Matroſen bis zur Hand von Porthos emporheben mußten, der ſie am Kragen ihrer Wämmſer faßte und aufrecht auf das Verdeck des Schiffes ſtellte. Der Kapitän führte die Paſſagiere in die für ſie beſtimmte Wohnung, beſtehend aus einem einzigen 112 Zimmer, das ſie gemeinſchaftlich inne haben ſollten. Dann ſuchte er ſich unter dem Vorwande, einige Be⸗ fehle geben zu müſſen, zu entfernen. „Einen Augenblick,“ ſagte d'Artagnan.„Wie viel Mann habt Ihr an Bord, Patron?“ „Ich verſtehe nicht,“ antwortete dieſer engliſch. „Fragt ihn in ſeiner Sprache, Athos.“ Athos wiederholte die Frage von d'Artagnan. „Drei,“ antwortete Groslow,„wohl verſtanden, mich nicht gerechnet.“ D'Artagnan begriff, denn der Patron hatte bei ſeiner Erwiederung drei Finger aufgehoben. „Oh, drei!“ ſprach d'Artagnan;„ich fange an, ruhiger zu werden; doch gleichviel, während Ihr Euch einrichtet, mache ich einen Gang durch das Schiff.“ „Und ich, ſagte Porthos,„ich werde mich mit dem Abendbrode beſchäftigen.“ „Dieſes Vorhaben iſt ſchön und edelmüthig, Por⸗ thos; bringt es daher in Ausführung. Ihr, Athos, leiht mir Grimaud, der in Geſellſchaft ſeines Freundes Parry etwas Engliſch kauderwälſchen gelernt hat. Er ſoll mir als Dolmetſcher dienen.“ „Geht, Grimaud,“ ſprach Athos. Eine Laterne war auf dem Verdecke. DArtagnan hob ſie mit einer Hand auf, nahm mit der andern eine Piſtole und ſagte zu dem Patron: „Come.“ Dieß war nebſt Goddam Alles, was er von der engliſchen Sprache hatte behalten können. D'Artagnan kam zu der Luke und ſtieg in das Zwiſchendeck hinab. Das Zwiſchendeck hatte drei Abtheilungen einmal die, in welche d'Artagnan hinabſtieg, und die ſich vom Hintertheile des Schiffes bis gegen die Mitte deſſelben ausdehnte und folglich durch den Boden des Zimmers bedeckt war, in welchem Athos, Porthos und Aramis die Nacht zuzubringen ſich anſchickten; die zweite, —,———.— —,— — ———„—— „. ——— c en. Be⸗ iel en, bei an, uch mit or⸗ os, des an ern der das nal om ben ers mis 113³ welche die Mitte des Schiffes bildete und zur Woh⸗ nung für die Diener beſtimmt war; die dritte unter dem Vordertheile, d. h. unter der für den Kapitän im⸗ Kajüte, worin ſich Mordaunt verborgen ielt. „Oh!“ ſprach dArtagnan, die Treppe hinabſtei⸗ gend, während er ſeine Laterne in der ganzen Länge ſeines Armes vor ſich ausſtreckte,„wie viele Tonnenl Man ſollte in der That glauben, es wäre die Höhle von Ali Baba.“ Die Tauſend und eine Nacht waren zum erſten Male überſetzt worden und um dieſe Zeit ſehr in der Mode. „Was ſagt Ihr?“ fragte der Kapitän engliſch. „Ich wünſche zu wiſſen, was in dieſen Tonnen iſt, erwiederte d»Artagnan und ſetzte ſeine Laterne auf eines der Föſſer. Der Patron machte eine Bewegung, um die Leiter wieder hinaufzuſteigen; aber er hielt ſich zurück. „Porto,“ antwortete er. „Ah, Portwein,“ erwiederte d'Artagnan,„das dient zur Beurhigung, wir werden nicht vor Durſt ſterben.“ Dann ſich wieder gegen Groslow umwendend, welcher ſchwere Schweißtropfen an ſeiner Stirne ab⸗ trocknete, fragte er: „Und fie ſind voll?“ Grimaud überſetzte die Frage. „Die einen find voll, die andern leer,“ antwor⸗ tete Groslow mit einer Stimme, in der ſich ſeine Unruhe verrieth. D'Artagnan klopfte mit dem Finger an die Ton⸗ nen und bemerkte, daß fünf voll und die andern leer waren. Dann hielt er, beſtändig zum großen Schrecken des Engländers, ſeine Laterne in die Zwi⸗ ſchenräume der Fäſſer und ſah, daß dieſe Zwiſchen⸗ räume nichts enthielten. Zwanzig Jahre nachher. W. 8 114 „Vorwärts,“ rief er und ſchritt auf die Thüre zu, „welche nach der zweiten Abtheilung führte. „Wartet,“ ſprach der Engländer, der ſtets der Aufregung preisgegeben, welche wir vorhin bezeich⸗ nen haben, zurückgeblieben war. Und raſch vor d'Artagnan und Grimaud tretend, ſteckte er mit zitternder Hand den Schlüſſel in das Schloß, und man befand ſich in dem zweiten Gelaſſe, wo Mousqueton und Blaiſois zu Nacht zu ſpeiſen im Begriffe waren. In dieſer Abtheilung war offenbar nichts zu ſuchen und zu fragen. Man ſah alle Winkel bei dem Schim⸗ mer der Lampe, welche dieſe würdigen Kameraden be⸗ leuchtete. Man ging alſo raſch durch und beſuchte die dritte Abtheilung. Drei bis vier am Plafond befeſtigte Hängematten, ein Tiſch, der durch ein doppeltes, an jedem von ſei⸗ nen Enden angebrachtes, Seil gehalten wurde, zwei wurmſtichige, hinkende Bänke bildeten die ganze Aus⸗ ſtattung. D'Artagnan hob ein paar alte, an den Wän⸗ den hängende Segeltücher auf, und da er nichts Ver⸗ dächtiges wahrnahm, kehrte er durch die Luke auf das Verdeck des Schiffes zurück. „Und dieſes Zimmer?“ fragte dArtagnan. Grimaud überſetzte die Worte des Musketiers in das Engliſche. —„Dieſes Zimmer iſt das meinige,“ ſprach der Pa⸗ tron.„Wollt Ihr eintreten?“ „Oeffnet die Thüre,“ verſetzte d'Artagnan. Der Engländer gehorchte. D'Artagnan hielt ſeine Laterne vor ſich hinaus, ſtreckte den Kopf durch die halb geöffnete Thüre und ſagte, als er wahrnahm, daß dieſes Zimmer eine erbärmliche Spelunke war: „Gut, wenn eine Armee an Bord iſt, ſo iſt ſie wenigſtens hier nicht verborgen. Wir wollen nun ſehen, vb Porthos Abendbrod gefunden hat,“ ——— S ℳ —— ,—————————2— Und er dankte dem Patron mit einem Zeichen des Kopfes und kehrte in das Ehrenzimmer zurück, wo ſeine Freunde waren. Porthos hatte nichts gefunden, wie es ſchien, oder hatte er auch etwas gefunden, ſo war doch die Müdig⸗ keit Meiſter über den Hunger geworden, denn er lag in tiefem Schlafe, als d'Artagnan zurückkehrte. Durch die ſanften Bewegungen der erſten Wellen des Meeres gewiegt, fingen Athos und Aramis eben⸗ falls an die Augen zu ſchließen. Sie öffneten ſie wie⸗ der bei dem Geräuſch, das ihr Gefährte machte. „Wie iſt es?“ fragte Aramis. „Alles geht gut,“ erwiederte dArtagnan,„und wir können ruhig ſchlafen.“ Auf dieſe Verſicherung ließ Aramis ſein Haupt wieder zurückfallen, Athos machte mit dem ſeinigen ein liebevolles Zeichen und d'Artagnan, der wie Por⸗ thos mehr des Schlummers als der Speiſe bedurfte, beurlaubte Grimaud und legte ſich mit bloßem Schwerte in ſeinem Mantel ſo nieder, daß ſein Leib den Weg verſperrte und man unmöglich in das Zimmer ein⸗ treten konnte, ohne an ihn zu ſtoßen. X. Ver Portwein. Nach Verlauf von zehn Minuten ſchliefen die Herren; nicht ſo war es mit den ausgehungerten und zagenden Dienern. Blaiſois und Mousqueton ſchickten ſich an, ihr Bett zu machen, das aus einem Brette und einem Felleiſen beſtand, während auf einer Tafel, welche, 116 wie die in dem anſtoßenden Zimmer, aufgehängt war, bei dem Schwanken des Schiffes ein Laib Brod, ein Bierkrug und drei Gläſer ſich wiegten. „Verfluchtes Schwanken!“ ſprach Blaiſois.„Ich fühle, daß es mich wieder packen wird, wie bei un⸗ ſerer erſten Ueberfahrt.“ „Und gar nichts zur Bekämpfung der Seekrank⸗ heit haben, als Gerſtenbrod und Hopfenwein! Puh!“ „Aber Euere Weivenflaſche, Herr Mouſton,“ fragte Blaiſois, der die Vorkehrungen zu ſeinem Lager getroffen hatte und ſich wankend dem Tiſche näherte an welchem Mousqueton bereits ſaß;„aber Euere Weidenflaſche, habt Ihr ſie etwa verloren?“ „Nein,“ erwiederte Mousqueton,„aber Parry hal ſie behalten. Dieſe Teufel von Schottländern haben immer Durſt. Und Ihr, Grimaud,“ fragte Mousqueton ſeinen Gefährten, welcher eben zurück⸗ kehrte, nachdem er dArtagnan bei ſeiner Runde be⸗ gleitet hatte,„habt Ihr Durſt?“ „Wie ein Schottländer,“ antwortete Grimaud lakoniſch. Und er ſetzte ſich neben Blaiſois und Mousqueton, zog eine Schreibtafel aus ſeiner Taſche und fing an die Rechnungen der Geſellſchaft zu machen, deren Oekonom er war. „Oh! la! la!“ rief Blaiſois,„in meinem Leibe fährt Alles durcheinander.“ „Wenn dem ſo iſt,“ erwiederte Mousqueton,„ſo nehmt ein wenig Speiſe zu Euch.“ „Ihr nennt das Speiſe?“ ſagte Blaiſois mit ei⸗ ner kläglichen Miene die verächtliche Geberde beglei⸗ tend, mit der er auf das Gerſtenbrod und den Bier⸗ krug deutete. „Blaiſois,“ erwiederte Mousqueton,„erinnert Euch, daß das Brod die wahre Speiſe des Franzoſen iſt, und der Franzoſe hat nicht einmal immerz fragt nur Grimaud.“ 9.— be⸗ ud on, ren ibe „ſo ei⸗ lei⸗ er⸗ ert ſen erz 117 „Ja, aber das Bier,“ verſetzte Blaiſois mit einer Geſchwindigkeit, die ſeinem lebendigen Erwiederungs⸗ geiſte Ehre machte;„aber das Bier, iſt das ſein wah⸗ res Getränke?“ „Was das betrifft,“ ſagte Mousqueton, in einer Klemme gefaßt und ziemlich verlegen über eine Ant⸗ wort;„ich muß geſtehen, nein, das Bier iſt ihm ſo zuwider, als der Wein den Engländern.“ „Wie, Herr Mouſton,“ ſprach Blaiſois, welcher diesmal ſehr an den tiefen Kenntniſſen von Mousqueton zweifelte, vor denen er indeſſen in den gewöhnlichen Lebensverhältniſſen die größte Achtung hatte;„wie, Ser Mouſton, die Engländer lieben den Wein nicht?“ „Sie verabſcheuen ihn.“ „Aber ich habe ſie doch trinken ſehen.“ „Zur Buße; und zum Beweiſe mag vienen,“ fuhr Mousqueton ſich blähend fort,„daß ein engliſcher Prinz eines Tages geſtorben iſt, weil man ihn in ein Faß Malvaſier geſteckt hatte. Ich habe die Geſchichte den Herrn Abbé dHerblay erzählen hören.“ „Der Dummkopf!“ ſagte Blaiſois„„ich möchte wohl an ſeinem Flatze ſein.“ „Du kannſt es,“ ſagte Grimaud, immer fort Zahlen aneinander reihend. „Wie dies,“ fragte Blaiſois,„ich kann es?“ „Ja,“ erwiederte Mousqueton, vier behaltend und dieſe Zahl auf die nächſte Seite übertragend. „Ich kann es? Erklärt Euch, Herr Grimaud.“ Mousqueton ſchwieg während der Fragen von Blaiſois, aber an dem Ausdrucke ſeines Geſichtes war 1 zu ſehen, daß dies nicht aus Gleichgültigkeit ge⸗ ah Grimaud fuhr fort zu rechnen und ſetzte die umme. „Portwein,“ ſagte er ſodann und ſtreckte die — 118 Hand in der Richtung des von dArtagnan und ihm in Begleitung des Patrons beſuchten Gelaſſes aus. „Wiel dieſe Fäſſer, die ich durch die halbgeöffnete Thüre wahrgenommen habe?“ „Portwein,“ wiederholte Grimand und begann eine neue arithmet'ſche Operation. „Ich habe ſagen hören,“ verſetzte Blaiſois,„der Portwein ſei ein vortrefflicher ſpaniſcher Wein.“ „Vortrefflich,“ wiederholte Mousqueton, mit der Zungenſpitze über die Lippe fahrend,„vortrefflich; es findet ſich ein ſolcher in dem Keller des Herrn Baron de Bracieux.“ „Wenn wir die Engländer bitten würden, eine Flaſche an uns zu verkaufen?“ fragte der ehrliche Blaiſois. „Kaufen!“ verſetzte Grimaud, zu ſeinen Marau⸗ deur⸗Inſtinkte zurückkehrend.„Man ſieht wohl, jun⸗ ger Mann, daß Ihr noch keine Erfahrung in den Dingen des Lebens habt. Warum kaufen, wenn man nehmen kann?“ „Nehmen,“ ſagte Blaiſois,„fich nach dem Gute ſeines Nächſten gelüſten laſſen! mir ſcheint, das iſt verboten.“ „Wo dies?“ fragte Mousqueton. „Im Geſetze Gottes oder der Kirche, ich weiß es nicht mehr.“ „Das iſt abermals ein kindiſches Wort, Herr Blaiſois,“ ſprach Mousqueton mit ſeinem erhaben⸗ ſten Protektorstone.„Ja, kindiſch, ſo iſt es. Wo habt Ihr in der Schrift gefunden, daß die Engländer Eueres Gleichen find?“ „Nirgends, das iſt wahr, wenigſtens erinnere ich mich deſſen nicht.“ „Ein kindiſches Wort, ich wiederhole es,“ ver⸗ ſetzte Mousgueton.„Wenn Ihr zehn Jahre im Felde geweſen wäret, wie Grimaud und ich, mein lieber Blaiſois, ſo wüßtet Ihr, welcher Unterſchied zwiſchen S 6 mn ne U⸗ n⸗ en m te iſt ———— 119 dem Gute eines Fremden und dem Gute eines Näch⸗ ſten ſtattfindet. Ein Engländer aber iſt, denke ich, ein Feind und dieſer Porto gehört Engländern. Er gehört alſo uns, in Betracht, daß wir Franzoſen nd.“ Dieſe Beredſamkeit, unterſtützt durch das Anſehen, welches Mousqueton aus ſeiner langen Erfahrung ſchöpfte, ſetzte Blaiſois in Erſtaunen. Er neigte das Haupt, als wollte er ſich ſammeln, erhob aber bald wieder die Stirne, wie ein mit unumftößlichen Be⸗ weiſen bewaffneter Menſch und ſprach; „Und die Herren, werden ſie Euerer Anſicht ſein, Herr Mouſton?“ Mousqueton lächelte verächtlich. „Ich müßte vielleicht,“ verſetzte er,„ich müßte den Schlaf dieſer erhabenen Herren ſtören, um ih⸗ nen zu ſagen:„„Meine Herren, Euer Diener Mouſton hat Durſt, wollt Ihr ihm erlauben zu trin⸗ ken?“ Ich frage Euch, was liegt Herrn de Bracieur dadran, ob ich Burſt habe oder nicht?“ „Es iſt ein ſehr theurer Wein,“ ſprach Blaiſois, den Kopf ſchüttelnd. „Und wäre es trinkbares Gold, Herr Blaiſois,“ ſprach Mousqueton,„ſo würden ſich unſere Herren des Genuſſes doch nicht enthalten. Erfahret, daß der Herr Baron de Bracieur allein reich genug iſt, um eine Tonne Porto zu trinken, und müßte er jeden Tropfen mit einer Piſtole bezahlen. Ich ſehe aber nicht ein,“ fuhr Mousqueton immer herrlicher in ſei⸗ nem Stolze fort,„warum ſich die Diener enthalten ſoll⸗ ten, da die Herren ſich nicht enthalten würden.“ Hienach erhob ſich Mousqueton, nahm den Bier⸗ krug, leerte ihn bis auf den letzten Tropfen durch eine Stückpforte und ging majeſtätiſch nach der Thüre, welche in den Raum führte, wo der Portwein ver⸗ wahrt ſein ſollte. 120 „Ahl ah! geſchloſſen,“ ſagte er.„Dieſe Teufel von Engländern, wie mißtrauiſch find ſie doch!“ „Geſchloſſen!“ wiederholte Blaiſois in nicht min⸗ der verdrießlichem Tone.„Ah! Peſt! das iſt ein Un⸗ glück, denn ich fühle, daß es in meinem Magen immer mehr durcheinander geht.“ Mousqueton wandte ſich mit einem ſo kläglichen Geſichte gegen Blaiſois, daß es ganz offenbar wurde, er theile in hohem Grade den Aerger des braven Burſchen. „Geſchloſſen!“ wiederholte er ebenfalls. „Aber,“ verſetzte Blaiſois,„aber ich hörte Euch erzählen, Herr Mouſton, Ihr hättet in Eurer Jugend, in Chantilly glaube ich, Euern Herrn und Euch ſelbſt dadurch ernährt, daß Ihr Rebhühner mit der Schlinge, Farpfen mit der Leine und Flaſchen mit dem Laſſo gefangen.“ „Allerdings,“ erwiederte Mousqueton,„das iſt die volle Wahrheit. Grimaud kann es Euch bezeu⸗ gen. Aber es war ein Luftloch im Keller und der Wein in Flaſchen. Ich kann den Laſſo nicht durch dieſen Verſchlag werfen und eben ſo wenig mit einem Bindfaden ein Faß Wein ziehen, das vielleicht zwei Centner ſchwer iſt.“* „Nein, aber Ihr könnt die paar Bretter des Ver⸗ ſchlags aufheben,“ entgegnete Blaiſois,„und an einem von den Fäſſern ein Loch mit einem Bohrer machen.“ Mousqueton riß ſeine Augen unmäßig weit auf und ſchaute Blaiſois wie ein Menſch an, der ſehr dar⸗ über erſtaunt iſt, bei einem andern Menſchen Eigen⸗ ſchaften zu finden, die er nicht bei ihm vermuthete. „Das iſt wahr,“ ſagte er,„ das läßt ſich thunz aber einen Meißel, um die Bretter zu ſprengen, einen Bohrer, um das Faß zu öffnen?“ „Das Bündel,“ ſprach Grimaud, während er zu⸗ gleich die Probe hei ſeiner Rechnung machte. . r — — S— N NMN——— . 121¹ „Ah! ja, das Bündel,“ verſetzte Mousgqueton, „„und ich dachte nicht daran.“ Grimaud war wirklich nicht nur der Oekonom der Truppe, ſondern auch ihr Waffenmeiſter: außer einem Regiſter beſaß er ein Bündel. Da nun Gri⸗ mand ein äußerſt vorſichtiger Mann war, ſo enthielt dieſes ſorgfältig in ſeinem Felleiſen verwahrte Bündel alle Inſtrumente für den gewöhnlichen Bevarf. Es enthielt folglich auch einen Bohrer von an⸗ ſehnlicher Dicke. Mousqueton ergriff denſelben. Was den Meißel betrifft, ſo hatte er nicht lange zu ſuchen, der Dolch, den er im Gürtel trug, vermochte ihn vortrefflich zu erſetzen. Mousqueton ſuchte einen Winkel, wo die Bretter etwas getrennt wären, was leicht zu finden war, und ging ſogleich an das Werk. Blaiſpis ſchaute ihm mit einer Bewunderung zu, mit der ſich eine gewiſſe Ungeduld vermiſchte, wobei er von Zeit zu Zeit über die Art und Weiſe, einen Nagel auszubrechen oder ein Aufwiegen zu bewerkſtelli⸗ gen, ſich Bemerkungen voll Verſtand und Scharffinn erlaubte. Nach einem Augenblick hatte Mousqueton drei Bretter geſprengt. Mousqueton war das Gegentheil von dem Froſch in der Fabel, der ſich für dicker hielt, als er war⸗ War es ihm auch gelungen, ſeinen Namen um ein Drittel zu verkürzen, ſo hatte leider nicht daſſelbe bei ſeinem Bauche ſtattgefunden. Er ſuchte durch die Oeff⸗ nung zu ſchlüpfen, die er gemacht hatte, und ſah zu ſeinem Schmerze, daß er wenigſtens noch zwei bis drei Bretter ausheben mußte, wenn die Oeffnung ſei⸗ nem Umfange entſprechen ſollte. Er ſtieß einen Seufzer aus und zog ſich zurück, um wieder an das Wetk zu gehen. Aber Grimaud, der ſeine Rechnungen vollendet hatte, ſtand in dieſem Augenblick auf, näherte fich mit — 127 inniger Theilnahme an der Operation, in deren Aus⸗ führung man begriffen war, ſeinen zwei Gefährten und betrachtete die vergeblichen Anſtrengungen von Mousqueton, in das gelobte Land zu gelangen. „Ich,“ ſagte Grimaud. Dieſes Wort war für ſich ein ganzes Sonnett werth, was bekanntlich ſoviel werth iſt als ein ganzes Gedicht. Mousqueton wandte ſich um und fragte: „Was, Ihr?“ „Ich werde durchſchlüpfen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Mousqueton mit einem Blicke auf den langen und dünnen Körper ſeines Freundes,„Ihr könnt durchkommen, und zwar leicht.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Blaiſois;„er kennt die vollen Fäſſer, da er ſchon einmal mit dem Herrn Chevalier d'Artagnan in dem Keller geweſen iſt. Laßt Herrn Grimaud dutch, Herr Mouſton.“ „Ich wäre ſo gut durchgekommen, als Grimaud,“ ſagte Mousqueton etwas gereizt. „Ja, aber das hätte länger gedauert, und ich verſpure großen Durſt; auch rumort es in meinem Magen immer mehr.“ „Vorwärts alſo, Grimaud,“ ſprach Mousqueton und reichte demjenigeu, welcher die Expeditivn ſtatt ſeiner verſuchen ſollte, den Bierkrug und den Bohrer. „Schwenke die Gläſer,“ verſetzte Grimaud. Dann machte er Mousqueton eine freundſchaftliche Geberde, als wollte er ihn um Verzeihung bitten, daß er eine Expedition vollende, welche ein Anderer ſo glänzend begonnen hatte, ſchlüpfte wie eine Schlange durch die Oeffnung und verſchwand. Blaiſois ſchien ganz entzückt. Von allen Tha⸗ ten, welche ſeit ihrer Ankunft in England von den außerordentlichen Menſchen, denen er beigeſellt zu ſein das Glück hatte, ausgeführt worden waren, kam ihm dieſe als die unzweifelhaft wunderbarſte vor. 8— 8 +—— cS— —=c— us⸗ ten von nett zes iem rrn aßt d,“ em ton tatt rer. iche daß nge den ſein hm —,———— 123 „Ihr werdet ſehen,“ ſprach Mousqueton, mit einer Erhabenheit Blaiſois anſchauend, der dieſer ſich nicht einmal zu entziehen verſuchte,„Ihr werdet ſehen, wie wir alte Soldaten trinken, wenn wir Durſt haben.“ „Den Mantel,“ ſagte Grimaud aus dem Keller hervor. „Das iſt richtig,“ erwiederte Mousqueton. „Waß verlangt er?“ fragte Blaiſois. „Daß man die Oeffnung mit einem Mantel ver⸗ ſtopfe.“ „Warum dies?“ „Einfältiger!“ erwiederte Monsqueton,„wenn Jemand herein käme.“ „Ah! das iſt wahr!“ rief Blaiſois mit immer ſichtbarer hervortretender Bewunderung.„Aber er wird nicht hell ſehen?“ „Grimaud ſieht immer hell,“ antwortete Mous⸗ queton,„bei Nacht, wie bei Tag.“ „Er iſt ſehr glücklich,“ verſetzte Blaiſois,„wenn ich kein Licht habe, kann ich nicht zwei Schritte ma⸗ chen, ohne anzuſtoßen.“ „Ihr habt auch nicht gedient, ſonſt hättet Ihr eine Nadel in der größten Finſterniß aufheben gelernt. Aber ſtille! mir ſcheint, man kommt.“ Mousqueton ließ einen kleinen Alarmpfiff verneh⸗ men, mit dem die Lackeien aus den Tagen ihrer Ju⸗ gend vertraut waren, ſetzte ſich wieder an den Tiſch und hieß Blaiſois durch ein Zeichen daſſelbe thun. Blaiſois gehorchte. Die Thüre öffnete ſich. Es erſchienen zwei Män⸗ ner in ihre Mäntel gehüllt. „Oh! oh!“ ſagte der Eine,„es iſt ein Viertel auf zwölf Uhr und Ihr habt Euch noch nicht nieder⸗ gelegt? das iſt wider die Vorſchrift. In einer Viertel⸗ ſtunde muß Alles ausgelöſcht ſein und Jedermann ſchnarchen.“ Die zwei Männer gingen auf die Thüre des 124 Raumes zu, in welchen Grimaud geſchlüpft war, öff⸗ neten dieſe Thüre, traten ein und ſchloßen hinter „Ah!“ flüſterte Blaiſois bebend,„er iſt ver⸗ loren!“ „Grimaud iſt ein feiner Fuchs,“ murmelte Mous⸗ queton. Und ſie warteten mit geſpanntem Ohre und den Athem an ſich haltend. Es vergingen zehn Minuten, während deren man kein Geräuſch vernahm, woraus ſich ſchließen ließ, Grimaud wäre Fntdeckt. Nach Ablauf dieſer Zeit ſahen Mousqueton und Blaiſois die Thüre ſich wieder öffnen, die zwei Män⸗ ner im Mantel kamen heraus, verſchloßen die Thüre ſo vorſichtig, wie vorher, und entfernten ſich unter Er⸗ neuerung des Befehls, ſich niederzulegen und die Lichter auszulöſchen. „Werden wir gehorchen?“ fragte Blaiſois;„dieſe ganze Geſchichte kommt mir verdächtig vor.“ „Sie ſagten eine Viertelſtunde; wir haben noch fünf Minuten.“ „Wenn wir die Herren benachrichten würden?“ „Wir woſlen auf Grimaud warten.“ „Aber wenn ſie ihn umgebracht haben?“ „Grtmaud hätte geſchrieen.“ „Ihr wißt, daß er beinahe ſtumm iſt.“ „Wir hätten den Schlog gehört.“ „Aber wenn er nicht kommt?“ „Hier iſt er.“ In demſelben Momente drückte Grimand wirklich den Mantel auf die Seite, der die Oeffnung verbarg, und ſchob durch dieſe Oeffnung einen leichenbleichen Kopf, deſſen durch den Schrecken gerundete Angen ei⸗ nen kleinen Augenſtern in einem großen weißen Kreiſe ſehen ließen. Er hielt in der Hand den Bierkrug, angefüllt mit irgend einem Stoffe, näherte ihn dem f⸗ ter er⸗ us⸗ en an eß, nd in⸗ tre r⸗ ter ſe ch g. n i⸗ ſe ——— 12⁵ Lichte, das die rauchige Lampe von ſich gab, und murmelte die einzige Sylbe: Oh! mit einem Ausdrucke ſo tiefen Schreckens, daß Mousqueton beſtürzt zurück⸗ wich und Blaiſois beinahe in Ohnmacht fiel. Beide warfen nichtsdeſtoweniger einen neu⸗ gierigen Blick in den Bierkrug: er war voll Pulver. Einmal überzeugt, daß das Schiff mit Pulver ſtatt mit Wein beladen war, ſtürzte Grimaud nach der Luke und machte nur einen Sprung bis an das Zimmer, worin die vier Freunde ſchliefen. Hier drückte er ſachte die Thüre auf, welche, ſich öffnend, ſogleich aufweckte, der unmittelbar hinter derſelben ag. Kaum hatte dieſer das entſtellte Geſicht von Gri⸗ maud erblickt, als er begriff, daß etwas Außerordent⸗ liches vorging, und ſchreien wollte; aber mit einer Ge⸗ berde, ſchneller als das Wort, legte Grimaud einen Finger auf ſeine Lippen und löſchte mit einem Hauche, den man in einem ſo ſchwächlichen Körper nicht ver⸗ muthet hätte, die Nachtlampe auf drei Schritte aus. D Artagnan erhob ſich auf den Ellenbogen, Gri⸗ maud ſetzte ein Knie auf die Erde und flüſterte ihm ſo, den Hals vorgeſtreckt, eine Erzählung in das Ohr, die im Ganzen dramatiſch genug war, um der Sebeit und des Spiels der Geſichtszüge entbehren zu önnen. Während dieſer Erzählung ſchliefen Athos, Por⸗ thos und Aramis wie Menſchen, die ſeit acht Tagen nicht geſchlafen haben, und auf dem Zwiſchendecke knüpfte Mousqueton aus Vorſicht ſeine Reſteln, wäh⸗ rend Blaiſois vom Schrecken erfaßt mit zu Berge ſtehenden Haaren daſſelbe zu thun verſuchte. Man vernehme, was ſich ereignet hatte. Kaum war Grimaud durch die Oeffnung ver⸗ ſchwunden und in den erſten Raum gedrungen, als er zu unterſuchen begann und hiebei ein Faß fand. Er ſchlug daran; das Faß war leer. Er ging an ein ————————— — 126* anderes: es war ebenfalls leer; aber das dritte, an er welchem er den Verſuch wiederholte, gab einen ſo matten Ton von ſich, daß man ſich nicht täuſchen er konnte. Grimaud erkannte, daß es voll war. n Er blieb an dieſem, ſuchte eine taugliche Stelle, um es anzubohren, und brachte ſeine Hand, während w er dieſe Stelle ſuchte, an einen Hahnen. „Gut!“ ſagte Grimaud,„das erſpart mir das Geſchäft.“ w Und er näherte ſeinen Bierkrug, drehte den Hah⸗ nen um und fühlte, daß der Inhalt ganz ſachte aus einem Gefäß in das andere überging. Grimaud ſetzte, nachdem er behutſamer Weiſe den K Hahnen wieder geſchloſſen hatte, den Krug an ſeine Ki Lippen, denn er war zu gewiſſenhaft, um ſeinen Ge⸗ fährten einen Trank zu bringen, für den er ihnen nicht da hätte ſtehen können, als er das Signal hörte, das ihm Mousqueton gab; er vermuthete eine Nachtrunde, de ſchlüpfte in den Zwiſchenraum der zwei Tonnen und verbarg ſich hinter einem Faſſt. trr Einen Augenblick nachher öffnete ſich wirklich die Thüre und ſchloß ſich wieder, nachdem zwei Männer be in Mänteln eingetreten waren, die wir mit dem Befehle, der die Lichter auszulöſchen, an Blaiſois und Mousqueton 1 haben vorübergehen ſehen.. Der Eine trug eine ſorgfältig geſchloſſene Glas⸗ M laterne, welche ſo hoch war, daß die Flamme die die Oberfläche nicht erreichen konnte. Die Gläſer waren. überdies mit einem Blatte weißes Papier bedeckt, wel⸗ fol ches das Licht und die Wärme milderte oder vielmehr einſchluckte. Mi Dieſer Menſch war Groslow. Leu Der Andere hielt in ſeiner Hand elwas Langes, Biegſames, Zuſammengerolltes, einem weißlichen Stricke ähnlich. Sein Geſicht war von einem breitkrämpigen Hute gen bedeckt. Im Glauben, dieſelbe Neigung führe dieſe Männer, in den Keller wie ihn, und ſie machten, wie 127 er, dem Portwein einen Beſuch, kauerte ſich Grimaud immer tiefer hinter das Faß, wobei er ſich ſagte, wenn er auch entdeckt würde, ſo wäre ſein Verbrechen doch nicht ſo groß. Sobgld die zwei Männer zu der Tonne gelangt hinter der Grimaud verborgen lag, blieben ſie ehen. „Habt Ihr die Lunte?“ fragte engliſch derzenige, welcher die Stocklaterne trug. „Hier iſt ſie,“ ſagte der Andere. Bei der Stimme des Letzteren bebte Grimaud; er fühlte, wie ein Schauer bis in das Mark ſeiner Knochen drang; er erhob ſich aber langſam, bis ſein Kopf über den hölzernen Kreis ging, und erkannte un⸗ 1. dem großen Hute das bleiche Geſicht von Mor⸗ aunt. „Wie lange kann dieſe Lunte währen?“ fragte der etztere. „Ungeſähr fünf Minuten,“ antwortete der Pa⸗ Dieſe Stimme war Grimaud ebenfalls nicht un⸗ bekannt. Seine Blicke gingen von dem Einen auf den Andern über, und nach Mordaunt erkannie er Groslow. „Heißt Eure Leute ſich bereit halten,“ ſprach Mordaunt,„jedoch ohne ihnen zu ſagen, wozu. Folgt die Schaluppe dem Schiffe?“ 2„Wie ein Hund ſeinem Herrn am Koppelriemen folgt „Wenn Ihr auf der Pendeluhr ein Viertel nach Mitternacht ſchlagen hört, ſo verſammelt Ihr Eure Leute und ſteigt geräuſchlos in die Schaluppe hinab.“ „Nachdem ich Feuer an die Lunte gelegt habe?“ „Das iſt meine Sorge. Ich will meiner Rache gewiß ſein. Die Ruder find im Boote?“ „Alles iſt vorbereitet.“ „Abgemacht alſo.“ Mordaunt kniete nieder und befeſtigte ein Ende ſeiner Lunte an den Hahnen, wonach er nur noch Feuer an das andere Ende zu legen hatte. „Mein lieber Groslow,“ ſprach Mordaunt,„Ihr kennt das franzöſiſche Sprüchwort: On n'est bien servi que par soi méme. Ich werde es zur Anwen⸗ dung bringen.“ Grimaud hatte Alles gehört, wenn auch nicht Alles verſtanden; aber der Blick erſetzte bei ihm den Mangel vollkommener Sprachverſtändniß; er hatte die zwei Tovfeinde der Musketiere erkannt und geſehen; er hatte Mordaunt die Lunte anlegen ſehen; er hatte das Sprich⸗ wort gehört, das Mordaunt zu ſeiner Erleichterung franzöſiſch geſagt hatte. Er rüttelte den Inhalt des Kruges hin und her, den er in der Hand hielt, aber ſtatt der Flüſſigkeit, welche Mousqueton und Blaiſois erwarteten, krachten unter ſeinen Fingern die Körner eines groben Pulvers. MWordaunt entfernte ſich mit dem Patron. An der Thüre blieb er horchend ſtehen. „Hört Ihr, wie ſie ſchlafen?“ ſagte er WMan hörte in der That Porthos durch den Boden ſchnarchen. „Gott überliefert ſie Eueren Händen!“ ſprach Groslow. „Und diesmal würde ſie der Teufel nicht mehr retten!“ verſetzte Mordaunt. Hienach gingen Beide hinaus. Grimaud wartete, bis er das Schloß ächzen hörte, und als er ſich überzeugt hatte, daß er allein war, richtete er ſich langſam auf. „Ah!“ ſagte er, mit ſeinem Aermel die großen Schweißtropfen abwiſchend, welche auf ſeiner Stirne perlten,„ah! welch ein Glück, daß Mousqueton Durſt hatte.“ Er ſchlüpfte eilig durch ſein Loch, denn er glaubte N — „ r—— „ nde woch Ihr ien en⸗ Ules ngel wei atte ich⸗ ung des aber ſois rner der oden nehr rte, war, oßen tirne urſt ubte 129 noch zu träumen, aber der Anblick des Pulvers in dem Bierkruge bewies ihm, daß der Traum ein tödtlicher Alp war. DArtagnan vernahm, wie ſich leicht denken läßt, alle dieſe Einzelnheiten mit wachſendem Intereſſe, und ohne zu warten, bis Grimaud geendigt hatte, erhob er fich und näherte ſeinen Mund dem Ohre von Aramis, der zu ſeiner Linken ſchlief, und berührte zugleich ſeine Schulter, um jeder ungeſtümen Bewegung vorzubeugen. „Chevalier,“ ſagte er,„erhebt Euch und macht nicht das geringſte Geräuſch.“ Aramis wachte auf. D'Artagnan wiederholte ſeine Aufforderung, ihm die Hand drückend. Aramis ge⸗ horchte. 1 „Ihr habt Athos zu Eurer Rechten, benachrichtigt ihn, wie ich Euch benachrichtigt habe.“ Aramis weckte ohne Mühe Athos auf, deſſen Schlaf leicht war, wie es gewöhnlich bei allen zarten, nervigen Naturen iſt; aber man fand mehr Schwierigkeiten, um Porthos zu wecken. Er wollte nach den Urſachen und Gründen der, wie es ſchien, ihm ſehr unangeneh⸗ men Unterbrechung ſeines Schlafes fragen, als ihm dArtagnan ſtatt jeder Erklärung die Hand auf den Mund legte. Dann ſireckte unſer Gascogner die Arme aus und zog ſie wieder an ſich, indem er auf dieſe Art in ihren Kreis die drei Köpfe ſeiner Freunde ſchloß, ſo daß ſie ſich gleichſam berührten. „Freunde,“ ſagte er,„wir müſſen ſogleich das Schiff verlaſſen, oder wir find insgeſammt todt.“ „Bah!“ entgegnete Athos,„abermals2“ „Wißt Ihr, wer der Kapitän des Schiffes iſt 2 „Nein.“ „Der Oberſte Groslow.“ Ein Beben der drei Musketiere belehrte dArta⸗ gnan, daß ſeine Rede einigen Eindruck auf die Freunde zu machen anfing. Zwanzig Jahre nachher. 1v. 130 „Groslow!“ verſetzte Aramis,„alle Teufel!“ „Wer iſt das, Groslow?“ fragte Porthos,„ich erinnere mich nicht mehr.“ „Derjenige, welcher Parry den Kopf zerſchmettert hat und nun unſere Köpfe zu zerſchmettern im Be⸗ griffe iſt.“ „Und ſein Lieutenant? wißt Ihr, wer ſein Lieute⸗ nant iſt?“ „Sein Lieutenant? Er hat keinen!“ erwiederte Athos.„Man hat keinen Lieutenant auf einer Felucke, deren genze Mannſchaft aus vier Perſonen beſteht.“ „Allerdings, aber Herr Groslow iſt kein Kapitän, wie ein Anderer. Er hat einen Lieutenant, und dieſer Lieutenant iſt Herr Mordaunt.“ Diesmal war es mehr als ein Beben unter den Musketieren, es war beinahe ein Schrei. Dieſe unbe⸗ ſiegbaren Männer waren dem geheimnißvollen, unſeli⸗ gen Einfluſſe unterworfen, den der Name Mordaunt auf ſie ausübte, und fühlten ſich ſchon von einem Schrecken erfaßt, wenn ſie ihn nur ausſprechen hörten. „Was iſt zu thun? fragte Athos. „Wir müſſen uns der Felucke bemächtigen,“ er⸗ wiederte Aramis. „Und ihn tödten,“ fügte Porthos bei. „Die Felucke iſt unterminirt,“ ſprach d'Artagnan. „Die Tonnen, welche ich für Fäſſer mit Portwein ge⸗ füllt hielt, find Pulverfäſſer. Sieht ſich Mordaunt ent⸗ deckt, ſo wird er Alles in die Luft ſprengen, Freund und Feind, aber er iſt, bei meiner Treue! ein zu ſchlimmer Kamerad, als daß ich mich in ſeiner Geſell⸗ ſchaft, ſei es im Himmel, ſei es in der Hölle, zu zeigen wünſchen ſollte.“ ₰ habt alſo einen Plan?“ fragte Athos. „Ja.“ „Welchen?“ „Habt Ihr Zutrauen zu mir?“ k ich ert Be⸗ te⸗ rte cke, än, ſer en be⸗ li⸗ unt en. er⸗ an. ge⸗ nt⸗ ind zu ll⸗ 131 „Befehlt,“ erwiederten gleichzeitig die drei Mus⸗ etiere. „Nun, ſo kommt.“ DArtagnan ging an ein Fenſter, welches ſo nied⸗ rig war, wie ein Speigatt, aber doch Raum genug bot, daß ein Mann durchſchlüpfen konnte; er ließ es ſachte auf ſeinem Charnier zurückgleiten. „Das iſt der Weg,“ ſagte er. „Teufel!“ murmelte Aramis,„es iſt ſehr kalt, lie⸗ ber Freund.“ „Bleibt hier, wenn Ihr wollt, aber ich ſage Euch, daß es ſogleich zu heiß werden wird.“ „Wir können das Land nicht ſchwimmend errei⸗ en! „Die Schaluppe folgt an einem Tau, wir errei⸗ chen die Schaluppe und ſchneiden das Tau ab. Vor⸗ wärts, meine Herren!“ „Einen Augenblick,“ ſagte Athos,„die Lackeien.“ „Wir ſind hier,“ ſprachen Mousqueton und Blai⸗ ſois, welche Grimaud geholt hatte, um alle ſeine Kräfte in der Kajüte zu concentriren. Die drei Freunde waren indeſſen unbeweglich vor dem furchtbaren Schauſpiele geblieben, das ſie durch S Oeffnung erblickten, als d'Artagnan den Laden aufhob. Wer nur ein Mal in ſeinem Leben dieſes Schau⸗ ſpiel geſehen hat, weiß in der That, daß es nichts Ergreifenderes gibt, als ein ſtürmiſches Meer, das mit dumpfem Gemurmel ſeine ſchwarzen Wogen beim blei⸗ chen Schimmer eines Wintermondes hinwälzt. „Bei Gott! es ſcheint, wir zögern,“ ſagte dAr⸗ tagnan.„Wenn wir zögern, was werden dann die Lackeien thun?“ „Zch zögere nicht,“ ſprach Grimaud. „Herr, ich kann nur im Fluſſe ſchwimmen,“ ver⸗ ſetzte Blaiſois. „Und ich kann gar nicht ſchwimmen,“ ſagte Mous⸗ queton. Mittlerweile war d'Artagnan durch die Oeffnung geſchlüpft. „Ihr ſeid entſchloſſen, Freund?“ fragte Athos. „Ja,“ antwortete der Gascogner.„Auf, Athos! Ihr, der Ihr der vollkommene Mann ſeid, heißt den Geiſt die Materie beherrſchen. Ihr, Aramis, ſetzt die La⸗ ckeien ins Klare;z Ihr, Porthos, ſchlagt Alles todt, was uns ein Hinderniß macht.“ Und nachdem er Athos die Hand gedrückt hatte, wählte d'Artagnan den Augenblick, wo durch eine ſchwankende Bewegung der Länge nach die Felucke nach hinten tauchte, ſo daß er ſich nur in das Waſſer glei⸗ ten jeſen durfte, das ihn bereits bis an den Gürtel u mgab. Athos folgte ihm, ehe die Felucke ſich wieder er⸗ hoben hatte; nach Athos hob ſie ſich und man ſah die Kabel, mit welcher die Schaluppe befeſtigt war, ſich ſpannen und aus dem Waſſer hervorkommen. D'Artagnan ſchwamm nach dieſer Käbel und er⸗ reichte ſie. Hier wartete er, mit einer Hand an dem Tau hängend und den Kopf über dem Waſſerſpiegel. Nach Verlauf einer Sekunde holte ihn Athos ein. Dann ſah man an der Wendung der Felucke zwei andere Köpfe erſcheinen. Es waren die von Aramis und Grimaud. „Blaiſois beunruhigt mich,“ ſagte Athos.„Habt Ihr nicht gehört, daß er äußerte, er könnte nur im Fluſſe ſchwimmen?“ „Wenn man ſchwimmen kann, ſo ſchwimmt man überall,“ erwiederte d'Artagnan;„zur Barke! zur Barke!“ „Aber Porthos? ich ſehe ihn nicht.“ „Seid unbeſorgt, Porthos wird kommenz fr ſchwimmt wie Leviathan ſelbſt.“ — 1—+ ung os! eiſt La⸗ vas ine ach lei⸗ tel 133 Porthos erſchien wirklich nicht, denn eine halb burleske, halb dramatiſche Scene fiel zwiſchen ihm, Mousqueton und Blaiſois vor. Erſchrocken über dem Geräuſch des Waſſers, über dem Pfeifen des Windes, beſtürzt bei dem Anblick des in der Tiefe brauſenden ſchwarzen Meeres, wichen Mousqueton und Blaiſois zurück, ſtatt vorzuſchreiten. 6„Vorwärts! vorwärts!“ rief Porthos,„ins Waſ⸗ er!“ „Aber, gnädiger Herr,“ erwiederte Mousqueton, „ich kann nicht ſchwimmen, laßt mich hier.“ „Und mich auch, Herr,“ ſprach Blaiſois. „Ich verſichere Euere Gnaden, daß ich Euch in dieſer kleinen Barke in Verlegenheit bringen würde,“ ſagte Mousqueton. „Und ich würde ſicherlich ertrinken, ehe ich dahin gelangte,“ fuhr Blaiſois fort. „Ich erdroßle Euch Beide, wenn Ihr nicht hinaus⸗ geht!“ ſprach Porthos, ſie an der Gurgel packend, „vorwärts, Blaiſois.“ Ein durch die eiſerne Hand von Porthos unter⸗ drückter Seufzer war die ganze Antwort von Blaiſpis, denn der Rieſe faßte ihn beim Halſe und an den Füßen, ließ ihn wie ein Brett durch das Fenſter glei⸗ ten und ſtieß ihn den Kopf nach unten in das Meer. „Mouſton,“ ſprach nun Porthos,„ich hoffe, Ihr werdet Euren Herrn nicht verlaſſen.“ „Ach! gnädiger Herr,“ erwiederte Mousqueton, Thränen in den Augen,„warum habt Ihr wieder Dienſt genommen? wir waren ſo gut im Schloſſe Pierrefonds.“ Und ohne eine weitere Einwendung ſiel Mous⸗ queton, zum leidenden Gehorſam zurückgekehrt, ſei es durch wirkliche Ergebenheit oder durch das in Beziehung auf Blaiſois gegebene Beiſpiel, köpflings in das Meer. Jedenfalls eine erhabene Handlung, denn Mousqueton hielt ſich für todt. 134 Aber Jorthos war nicht der Mann, der auf dieſe Art ſeinen treuen Gefährten im Stiche ließ. Der Herr folgte dem Diener ſo nahe, daß der Sturz der zwei Körper nur ein Geräuſch machte, und als Mousqueton ganz geblendet auf das Waſſer zurückkam, fand er ſich durch die breite Hand von Porthos unterſtützt und konnte, ohne daß er eine Bewegung zu machen nöthig hatte, mit der Majeſtät eines Meergottes nach dem Tau vorrücken. In demſelben Augenblick ſah Porthos etwas im Bereiche ſeines Armes wirbeln. Er nahm dieſes Et⸗ was beim Haare: es war Blaiſois, dem Athos entge⸗ genkam. „Fort, fort, Graf,“ ſagte Porthos,„ich bedarf Eurer nicht.“ Und mit einem kräftigen Stoße der Kniebeuge erhob ſich Porthos wirklich wie der Rieſe Adamaſtor über der Welle, und durch drei Bewegungen war er mit ſeinen Freunden vereinigt. D'Artagnan, Aramis und Grimaud halfen Blai⸗ ſois und Mousqueton einſteigen; dann kam die Reihe an Porthos, der, ſich an Bord ſchwingend, das kleine Fahrzeug beinahe umwarf. „Und Athos?“ fragte d'Artagnan. „Hier bin ich,“ erwiederte Athos, welcher, wie ein General den Rückzug deckend, erſt zuletzt einſteigen wollte und ſich am Rande der Barke hielt.„Seid Ihr beiſammen?“ „Alle,“ antwortete d'Artagnan.„Und Ihr, Athos, habt Euren Dolch?“ „Ja.“ „Dann ſchneidet das Tau ab und kommt.“ Athos zog einen ſcharfen Dolch aus ſeinem Gür⸗ tel und ſchnitt das Tau ab, die Felucke entfernte ſich, die Barke blieb auf der Stelle, ohne eine andere Be⸗ als die, welche die Wellen derſelben ver⸗ iehen. ine vie en eid os, 135 „Kommt Athos,“ ſagte d'Artagnan. Und er reichte dem Grafen de la Feére die Hand, und dieſer nahm ebenfalls in dem Fahrzeuge Platz. „Es war Zeit,“ ſagte der Gascogner,„und Ihr werdet etwas Seltſames ſehen.“ XI. ißgeſchick. D'Artagnan hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als ein Pfiff auf der Felucke ertönte, welche in den Nebel und die Dunkelheit zu dringen anfing. „Das bedeutete etwas, wie Ihr wohl begreift,“ ſprach der Gascogner. In dieſem Augenblick ſah man eine Stocklaterne auf dem Verdecke erſcheinen und Schatten auf dem Hintertheil hervorheben. Plötzlich durchdrang ein ſchrecklicher Schrei, ein Schrei der Verzweiflung den Raum, und als ob derſelbe die Wolken vertrieben hätte, entfernte ſich der Schleier, der den Mond ver⸗ barg, und man ſah an dem von einem bleichen Lichte verſilberten Himmel das graue Segelwerk und die ſchwarzen Taue der Felucke abgezeichnet. Schatten liefen auf dem Schiffe hin, ein kläg⸗ liches Geſchrei begleitete dieſe wahnfinnigen Spazier⸗ gänger. Mitten unter dieſem Geſchrei erblickte man Mor⸗ daunt, welcher auf dem Hackbord, eine Fackel in der Hand, erſchien. Die auf dem Schiffe umherlaufenden Schatten waren Groslow und ſeine Leute, welche er zu der von — 136 Mordaunt bezeichneten Stunde verſammelt hatte, während der letztere, nachdem er an der Thüre der Kajüte gehorcht, ob die Musketiere noch ſchliefen, durch ihr Stillſchweigen beruhigt, in den Raum hin⸗ abgeſtiegen war. In der That, wer hätte ahnen können, was vor⸗ gefallen war? Mordaunt hatte dem zufolge die Thüre geöffnet und war zu der Lunte gelaufen. Glühend, wie ein nach Rache dürſtender Menſch, und derſelben ſicher, wie die von Gott Geblendeten, legte er Feuer an den Schwefel. Während dieſer Zeit hatten ſich Groslow und ſeine Leute auf dem Hintertheile verſammelt. „Holt das Tau an,“ ſprach Groslow,„und zieht die Schaluppe zu uns.“ Einer von den Matroſen ſchwang ſich auf den Rand des Schiffes, nahm die Kabel und zog ſie an. Die Kabel ging ohne irgend einen Widerſtand zurück. „Die Kabel iſt abgeſchnitten!“ rief der Matroſe, „kein Boot mehr!“. „Wie? kein Bvot mehr!“ rief Groslow, un ſtürzie nach der Schanzkleidung vor,„das iſt un⸗ möglich!“ „Doch iſt es möglich,“ ſprach der Seemann. „Seht nur ſelbſt. Nichts mehr im Soge und hier das Ende des Taues.“ Da hatte Groslow das Gebrül ausgeſtoßen, wel⸗ ches von den Musketieren gehört worden war. „Was gibt es denn?“ rief Mordaunt, der aus der Luke hervorkommend, ſeine Fackel in der Hand, ebenfalls nach dem Hintertheile lief. „Unſere Feinde entkommen uns; man hat das Tau abgeſchnitten und ſie fliehen mit dem Nachen.“ Mordaunt machte nur einen Sprung bis in die Kajüte, deren Thüre er mit dem Fuße eintrat. „Leer!“ rief er.„Oh! die Teufel!“ te der en, in⸗ net ein er, en ine eht den an. oſe, ind un⸗ 137 „Wir verfolgen ſie,“ ſagte Groslow;„ſie können nicht ferne ſein, und wenn wir ſie erreichen, bohren wir die Schurken in den Grund.“ „Ja, aber das Feuer!“ erwiederte Mordaunt; „ich habe Feuer angelegt.“ „An was?“ „An die Lunte.“ „Tauſend Donner!“ brüllte Groslow, nach der Luke eilend,„vielleicht iſt es es noch Zeit.“ Mordaunt antwortete nur durch ein furchtbares Lachen, und die Züge mehr vom Haſſe, als vom Schrecken verſtört, ſuchte er den Himmel mit ſeinen wilden Augen, um ihm eine Blasphemie zuzuſchleudern. Zuerſt warf er ſeine Fackel in das Meer, dann ſtürzte er ſich ſelbſt nach. In demſelben Augenblick und als Groslow den Fuß auf die Treppe der Luke ſetzte, öffnete ſich das Schiff, wie der Krater eines Vulkans, eine Feuer⸗ garbe warf ſich mit einer Exploſion, der von hundert zu gleicher Zeit donnernden Kanonen ähnlich, zum Him⸗ mel empor, die Luft entzündete ſich, durchfurcht von ebenfalls entzündeten Trümmern, dann verſchwand der gräßliche Blitz, die Trümmer fielen hinter einan⸗ der ziſchend in den Abgrund, in welchem ſie erloſchen, und, abgeſehen von einem Vibriren in der Luft, hätte man nach einem Augenblick glauben ſollen, es wäre nichts vorgefallen. Es war nun die Felucke von der Oberfläche des Meeres verſchwunden und Groslow und ſeine drei Leute hatten dabei ihren Untergang gefunden. Die vier Freunde hatten Alles geſehen; keine von den Einzelnheiten dieſes furchtbaren Dramas war ihnen entgangen. Einen Augenblick übergoſſen von dem blendenden Lichte, das die Ste auf mehr als eine WMeiie erhellte, hätte man ſie, jeden in einer andern Stellung, erblicken können, jeden den Schrecken aus⸗ drückend, den ſie insgeſammt, trotz ihrer ehernen Her⸗ —— 138 zen, unwillkührlich empfanden. Bald fiel der Flammen⸗ regen um ſie her nieder; dann erloſch der Vulkan, wie wir erzählt haben, und Alles kehrte in die Dunkelheit zurück. Die Barke ſchwamm und das Meer brauſte. Sie verharrten einen Augenblick in tiefem Still⸗ ſchweigen. Porthos und Aramis, welche jeder ein Ruder genommen hatten, hielten daſſelbe maſchinen⸗ mäßig über dem Waſſer und preßten es mit ihren krampfhaften Händen zuſammen. „Meiner Treue,“ ſprach Aramis, zuerſt das Stillſchweigen unterbrechend,„diesmal„ glaube ich, iſt Alles vorbei.“ „Zu Hülfe, Mylord, zu Hülfe!“ rief eine kläg⸗ liche Stimme, deren Töne wie die irgend eines Meer⸗ geiſtes zu den vier Freunden drangen. Alle ſchauten ſich an, ſelbſt Athos bebte. „Er iſt es, es iſt ſeine Stimme,“ ſagte er. Alle beobachteten ein tiefes Stillſchweigen, denn Alle hatten, wie Athos, dieſe Stimme erkannt. Nur wandten ſie ihre Blicke mit den erweiterten Augen⸗ ſternen in der Richtung, wo das Schiff verſchwunden war, und ſtrengten ſich in höchſtem Maße an, um die Dunkelheit zu durchdringen. Nach einem Augenblick fing man an einen Men⸗ ſchen zu unterſcheiden. Er näherte ſich kräftig ſchwimmend. Athos ſtreckte langſam den Arm gegen ihn aus und zeigte ihn ſeinen Gefährten mit dem Finger. pi Ja, ja,“ ſagte d'Artagnan,„ich ſehe ihn wohl.“ „Abermals er!“ ſprach Porthos, ſchnaufend wie der Blaſebalg eines Schmiedes.„Ah! iſt er denn von Eiſen?“ „Oh, mein Gott!“ murmelte Athos. Aramis und d'Artagnan flüſterten ſich etwas zu. Wordaunt machte noch ein paar Klafter, erhob eine Hand als Nothzeichen über das Meer und rief: v— ———.— —— — Sce e„ ðp 5— n⸗ ie eit te. ll⸗ in n⸗ en as h, g⸗ r⸗ in 1r ⸗ n ie 1. 8 139 „Habt Mitleid, meine Herren, im Namen des Himmels, meine Kräfte verlaſſen mich; ich muß ſter⸗ ben!“ Die Stimme, welche um Hülfe flehte, war ſo beweglich, daß ſie das Mitleid im Grunde des Her⸗ zens von Athos rege machte. „Der Unglückliche,“ murmelte er. „Gut,“ ſprach d'Artagnan,„es fehlte nichts mehr, als daß Ihr ihn beklagtet! In der That, ich glaube, er ſchwimmt auf uns zu. Denkt er vielleicht, wir werden ihn aufnehmen? Rudert, Porthos, ruvert!“ Und ein Beiſpiel gebend, tauchte d'Artagnan ſein Ruder in das Meer. Zwei Ruderſtöße entfernten die Barke auf zwanzig Klafter. „Oh! Ihr werdet mich nicht umkommen laſſen, Ihr werdet nicht mitleidslos ſein!“ rief Mordaunt. „Oh, oh!“ ſprach Porthos zu Mordaunt,„ich glaube, wir halten Euch endlich, mein Braver, und um Euch zu retten, habt Ihr keinen andern Hafen mehr, als den der Hölle.“ „Oh, Porthos,“ murmelte der Graf de la Fere. „Laßt mich in Ruhe, Athos. Ihr werdet in der That lächerlich mit Eurer ewigen Großmuth. Ich er⸗ kläre Euch, daß ich ihm mit einem Ruderſchlage den Schädel zerſchmettere, wenn er ſich der Barke auf zehn Schritte nähert.“ „Oh, Gnade! flieht mich nicht, meine Herren! Habt Mitleid mit mir!“ rief der junge Menſch, deſſen keuchender Athem zuweilen, wenn ſein Kopf unter der Woge verſchwand, das eiſige Waſſer fieden machte. D'Artagnan, der, mit dem Auge jede Bewegung von Mordaunt verfolgend, ſein Geſpräch mit Aramis beendigt hatte, ſtand auf und rief, ſich an den Schwimmer wendend:. „Mein Herr, ich bitte, entfernt Euch. Eure Reue iſt von zu neuem Datum, als daß wir ein großes Zutrauen zu derſelben haben ſollten. Bedenkt wohl, —— 140⁰ daß das Schiff, in welchem Ihr uns röſten wolltet, einige Fuß unter dem Waſſer raucht, und daß die Lage, in der Ihr Euch befindet, ein Roſenbett in Ver⸗ gleichung mit der iſt, in welche Ihr uns zu verſetzen gedachtet, und in die Ihr Herrn Groslow und ſeine Gehülfen verſetzt habt.“ „Meine Herren,“ erwiederte Mordaunt mit ver⸗ zweiflungsvollem Tone,„ich ſchwöre Euch, daß meine Reue wahr iſt. Meine Herren, ich bin ſo jung, bin kaum dreiundzwanzig Jahre alt! Meine Herren, ich ließ mich durch einen ſehr natürlichen Groll hinreißen, ich wollte meine Mutter rächen, und Ihr hättet Alle daſſelbe gethan.“ „Bah!“ ſprach dArtagnan, als er ſah, daß Athos immer weicher wurde,„Jje nach dem.“ Mordaunt hatte kaum noch drei bis vier Klafter zu machen, um die Barke zu erreichen. Das Heran⸗ nahen des Todes ſchien ihm übermenſchliche Stärke zu verleihen. „Ach!“ rief er,„ich ſoll alſo ſterben! Ihr wollt den Sohn tödten, wie Ihr die Mutter getödtet habt! Und dennoch war ich nicht ſchuldig: nach allen göttli⸗ chen und menſchlichen Geſetzen muß ein Sohn ſeine Mutter rächen. Wenn es ein Verbrechen iſt,“ fügte er die Hände faltend bei,„ſo muß es mir vergeben werden, da ich es bereue, da ich um Verzeihung bitte.“ Dann, als ob ihm die Kräfte mangelten, ſchien er ſich nicht mehr über dem Waſſer halten zu können, und es ging eine Welle über ſeinem Kopfe hin, die ſeine Stimme erſtickte. „Oh! das zerreißt mir das Herz,“ ſprach Athos. Mordaunt erſchien wieder „Und ich,“ verſetzte dArtagnan,„ich ſage, daß ein Ende werden muß. Herr Mörder Eures Oheims, Herr Henker des König Karl, Herr Brandſtifter, ich fordere Euch auf, in den Grund zu fahren, oder wenn Ihr Euch der Barke noch um eine einzige Klafter nä⸗ tet, die zer⸗ tzen eine er⸗ ine bin en, Alle hos ter an⸗ Ut bt! li⸗ ine gte en . en n, ie 14¹ hert, zerſchmettere ich Euch den Kopf mit meinem Ru⸗ der.“ Mordaunt ſchwamm wie in Verzweiflung eine Klafter. D'Artagnan nahm ſein Ruder mit beiden Händen. Athos ſtand auf. „DArtagnan! dArtagnan!“ rief er;„mein Sohn, ich flehe Euch an! Der Unglückliche wird ſter⸗ ben, und es iſt furchtbar, einen Menſchen ſterben zu laſſen, ohne ihm die Hand zu reichen, wenn man nichts Anderes zu ſeiner Rettung zu thun hat. Oh! mein Herz verbietet mir eine ſolche Handlung. Ich kann nicht widerſtehen, er muß leben.“ „Mord und Tod!“ erwiederte dArtagnan,„war⸗ um überliefert Ihr uns nicht an Händen und Füßen gebunden dieſem Elenden? das wäre ſchneller geſche⸗ hen. Oh, Graf de la Fere! Ihr wollt durch ihn um⸗ kommen! Wohl, ich, Euer Sohn, wie Ihr mich nennt, ich will es nicht.“ „Es war das erſte Mal, daß dArtagnan einer Bitte widerſtand, welche Athos ihn ſeinen Sohn nen⸗ nend ausſprach. Aramis zog kalt ſeinen Degen, den er ſchwimmend zwiſchen den Zähnen gehalten hatte. „Wenn er ſeine Hand an den Rand des Schiffes legt,“ ſagte er,„ſo haue ich ſie ihm ab, wie einem Königsmörder.“ „Und ich,“ ſprach Porthos,„wartet!“ „Was wollt Ihr machen?“ fragte Aramis. „Ich ſtürze mich in das Meer und erdroßle ihn.“ „Oh, meine Herren!“ rief Athos mit einem un⸗ widerſtehlichen Gefühle,„laßt uns Menſchen, laßt uns Chriſten ſein.“ DArtagnan ſtieß einen Seufzer aus. Aramis ſenkte ſein Schwert, Porthos ſetzte ſich wieder. „Seht,“ fuhr Athos fort,„ſeht, der Tod iſt auf ſeinem Antlitz ausgeprägt. Seine Kräfte verlaſſen ihn, noch eine Minute, und er finkt in den Abgrund. Oh, —— 142 verſchont mich mit ſo furchtbaren Gewiſſensbiſſen. Nöthigt mich nicht, ebenfalls vor Scham zu ſterben; meine Freunde, bewilligt mir das Leben dieſes Un⸗ glücklichen. Ich werde Euch ſegnen, ich werde„ „Ich ſterbe,“ murmelte Mordaunt;„zu Hülfe!... zu Hülfe!“ „Laßt uns eine Minute gewinnen,“ ſagte Aramis, ſich links gegen d'Artagnan wendend.„Einen Ruder⸗ ſchlag, fügte er bei, ſich rechts gegen Porthos neigend. DArtagnan antwortete weder mit der Geberde, noch mit dem Worte. Er fing an, halb durch die Bitten von Athos, halb durch das Schauſpiel, das er vor Augen hatte, bewegt zu werden. Porthos allein gab einen Ruderſchlag; da aber dieſer Schlag kein Gegengewicht hatte, ſo drehte ſich nur die Barke, un dieſe Bewegung brachte Athos dem Sterbenden näher. „Herr Graf de la Feére!“ rief Mordaunt,„Herr Graf de la Fére, an Euch wende ich mich, Euch flehe ich an! Habt Mitleid mit mir! Wo ſeid Ihr, Herr Graf de la Fere? Ich ſehe nichts mehr,„ ich ſterbe!„ Herbei! zu Hülfe!“ „Hier bin ich, mein Herr,“ ſprach Athos, ſich vor⸗ beugend und den Arm gegen Mordaunt mit der ihm eigen⸗ thümlichen Geberde voll Adel und Würde ausſtreckendz Zie bin ich, nehmt meine Hand und ſteigt in unſere arke.“ „Ich will lieber nicht zuſchauen,“ ſprach dArtag⸗ nan,„dieſe Schwäche widerſtrebt mir.“ Er wandte ſich gegen die zwei Freunde, welche ſich nach dem Hintergrunde des Schiffes drängten, als hätten ſie denjenigen zu berühren gefürchtet, welchem Athos allein die Hand zu reichen ſich nicht fürchtete. Mordaunt machte eine äußerſte Anſtrengung, er⸗ hob ſich, ergriff die Hand, die ſich nach ihm ausſtreckte, und klammerte ſich mit der Heftigkeit der letzten Hoff⸗ nung daran. en. en; Un⸗ — is, er⸗ nd. de, die ein ein ke, en err he hr, „ r⸗ n⸗ dz re ⸗ he ls r⸗ e, ff⸗ 143 „Gut,“ ſprach Athos,„legt Euere andere Hand ieher.“ Und er bot ihm ſeine Schulter als zweiten Stütz⸗ punkt, ſo daß ſein Kopf beinahe den Kopf von Mor⸗ daunt berührte und die zwei Todfeinde ſich wie zwei Bruder umarmt hielten. Mordaunt zerdrückte mit ſeinen krampfhaften Fin⸗ gern den Kragen von Athos. „Gut, mein Herr,“ ſprach der Graf,„nun ſeid Ihr gerettet. Beruhigt Euch.“ „Ah! meine Mutter,“ rief Mordaunt mit einem flammenden Blicke und mit einem unbeſchreiblichen Ausbrucke des Haſſes,„ich kann Dir nur ein Opfer bieten, aber es ſoll wenigſtens das ſein, welches Du gewählt hätteſt!“ Und während d'Artagnan einen Schrei ausſtieß, Porthos das Ruder erhob und Aramis eine Stelle ausſuchte, um zu ſchlagen, riß ein furchtbarer Stoß an die Barke Athos in das Waſſer. Mordaunt erhob ein Triumphgeſchrei, preßte den Hals ſeines Opfers zuſammen und umſchloß, um jede Bewegung zu hem⸗ men, die Beine des Unglücklichen mit den ſeinigen, wie es nur eine Schlange hätte thun können. Einen Augenblick fuchte ſich Athos, ohne einen Ton von ſich zu geben, auf der Oberfläche des Meeres zu halten, aber das Gewicht zog ihn hinab, und er verſank allmählig. Bald ſah man nur noch ſeine langen ſchwimmenden Haare; dann verſchwand Alles, und ein breiter Giſcht, der ſich ebenfalls nach und nach verlor, deutete allein noch die Stelle an, wo Beide in die Tiefe geſunken waren. Stumm vor Schrecken, unbeweglich, erſtickt durch Entrüftung und Grauen, verharrten die drei Freunde mit gähnendem Munde, mit weit aufgeriſſenen Augen, die Arme vor ſich ausgeſtreckt. Sie ſchienen Statuen zu ſein, und dennoch hörte man, trotz der Unbeweglich⸗ keit, ihre Herzen ſchlagen. Porthos kam zuerſt zu ſich 144 ſelbſt und rief ſich mit vollen Händen die Haare aus⸗ raufend, unter einem, beſonders bei ſolchen Menſchen herzzerreißenden Schluchzen: „Oh, Athos, Athos! edles Herz! wehe, wehe über uns, die wir Dich haben ſterben laſſen!“ „Ja, ja,“ wiederholte d'Artagnan,„wehe, wehe!“ „Wehe!“ murmelte Aramis. In demſelben Augenblick erneuerte ſich mitten in dem weiten von den Strahlen des Mondes beleuchteten Kreiſe, vier bis fünf Klafter von der Barke, derſelbe Wirbel, der die Verſenkung bezeichnet hatte, und man ſah zuerſt Haare, dann ein bleiches Geſicht mit offenen, aber tovten Augen, und endlich einen Körper erſcheinen, der, nachdem er ſich bis unter die Bruſt über dem Meere erhoben hatte, ſich nach der Laune der Wellen ſachte auf den Rücken legte. In der Bruſt des Körpers ſtack ein Dolch, deſſen goldener Griff im Monde funkelte. „Mordaunt! Mordaunt! Mordaunt!“ riefen die drei Freunde,„es iſt Mordaunt!“ „Aber Athos?“ ſprach dArtagnan. Plötzlich neigte ſich die Barke unter einem neuen und unerwarteten Gewichte links, und Grimaud ſtieß ein Freudengeſchrei aus. Alle wandten ſich um, und man ſah Athos, leichenbleich, das Auge erloſchen und die Hand zitternd, ſich am Rande des Bootes hal⸗ ten. Acht nervige Arme hoben ihn ſogleich empor und legten ihn in die Barke, wo ſich Athos in einem Augenblick, unter den Liebköſungen ſeiner freudetrunke⸗ nen Freunde erwärmt, wiederbelebt fühlte. „Ihr ſeid doch nicht verwundet?“ fragte dAr⸗ tagnan. „Nein,“ antwortete Athos.„Und er?“ „Oh, er iſt dießmal, Gott ſei Dank! ſehr todt. Seht!“ und d'Artagnan nöthigte Athos in der Rich⸗ tung zu ſchauen, die er ihm andeutete, und zeigte ihm den Leichnam von Mordaunt, der auf den Wellen — S er cr— us⸗ hen ber e 1 in ten Ube an en, en, em len ſſen len 14⁵ ſchwimmend bald untertauchte, bald ſich wieder erhob, und die vier Freunde mit einem Blicke voll tödtlichen Haſſes zu verfolgen ſchien. Endlich ſank der Todte in den Abgrund. Atbos ihm mit einem ſchwermüthigen, mitleidigen Blicke efolgt. 6 Athos!“ ſprach Aramis mit einem Er⸗ guſſe, wie man ihn ſelten bei ihm wahrnahm. „Ein ſchöner Stoß!“ rief Porthos. „Ich hatte einen Sohn,“ ſagte Athos,„ich wollte leben.“ „Endlich,“ rief d'Artagnan,„hier hat Gott ge⸗ ſprochen!“ „Ich habe ihn nicht getödtet, das Geſchick hat es gethan,“ murmelte Athos. XII. . Worin Mousqueton, nachdem er beinahe gebra- ten worden wäre, faſt gefreſſen wird. Es herrſchte lange Zeit ein tiefes Stillſchweigen in der Barke nach der furchtbaren Scene, die wir ſo eben erzählt haben. Der Mond, der ſich einen Augen⸗ blick gezeigt hatte, als wäre es Gottes Wille geweſen, daß keine Einzelheit dieſes Ereigniſſes vor den Augen der Menſchen verborgen bliebe, verſchwand hinter den Wolken; Alles verſank wieder in die in allen Wüſten und beſonders in der flüſſigen Wüſte, die man den Oecean nennt, ſo gräßliche Dunkelheit, und man yörte 10 Zwanzig Jahre nachher. W. nichts mehr, als das Pfeifen des Weſtwindes über der Oberfläche der Wellen. Porthos brach zuerſt das Stillſchweigen. „Ich habe viele Dinge geſehen,“ ſagte er,„aber nichts hat mich ſo ſehr bewegt, als das, was ich ſo eben mitanſchaute. So groß auch die Aufregung bei mir ſein mag, ſo erkläre ich Euch doch, daß ich mich unendlich glücklich fühle. Es iſt eine Centnerlaſt von meiner Bruſt gefallen, und ich athme endlich frei.“ Porthos athmete wirklich mit einem Geräuſch, das dem Spiele ſeiner Lungen alle Ehre machte. „Ich meines Theils ſage nicht ſo viel, als Ihr, Porthos,“ ſprach Aramis;„ich bin noch ſo ſehr er⸗ ſchrocken, daß ich meinen Augen nicht traue, daß ich nicht glaube, was ich geſehen habe, daß ich rings um die Barke her ſuche und den Elenden, den Dolch in der Hand haltend, den er im Herzen hatte, wieder zu erſchauen befürchte.“ „Ich bin ruhig,“ verſetzte Porthos,„der Stoß ging gegen die ſechste Rippe und drang bis an das Heft ein. Ich mache Euch keinen Vorwurf darüber, Athos; ſtößt man, ſo muß man ſo ftoßen. Jetzt lebe, jetzt alhme ich, jetzt bin ich luſtig.“ „Singt nicht ſo raſch Victoria, Porthos,“ ſagte d'Artagnan,„denn nie waren wir größerer Gefahr preisgegeben. Ein Menſch wird mit einem andern Menſchen fertig, aber nicht mit einem Elemente. Wir ſind aber auf der See, mitten in der Nacht, ohne Führer, in einem gebrechlichen Fahrzeuge; wirft ein Windſtoß unſere Barke um, ſo find wir verloren.“ „Ihr ſeid undankbar, d'Artagnan, ja undankbar, daß Ihr an der Vorſehung in dem Augenblick zwei⸗ felt, wo ſie uns Alle auf eine ſo wunderbare Weiſe gerettet hat. Glaubt Ihr, ſie habe uns an ihrer Hand durch ſo viele Gefahren geleitet, um uns ſodann zu verlaſſen? Nein. Wir ſind mit einem Weſwinde abgefahren und dieſer weht immer noch.“ W W 147 Athos vrientirte ſich nach dem Polarſtern. „Dort iſt der Himmelswagen,“ ſagte er weiter, „und folglich in dieſer Richtung auch Frankreich. Ueberlaſſen wir uns dem Winde, und wenn er fich nicht ändert, wird er uns nach der Küſte von Calais oder Beulogne treiben. Schlägt die Barke um, ſo ſind wir fünf zuſammen ſo gute Schwimmer, daß wir ſie umkehren, oder wenn dies unſere Kräfte überſteigt, uns an ſie anhängen können. Wir befinden uns auf dem Wege aller Schiffe, welche von Dover nach Ca⸗ lais und von Portsmouth nach Boulogne gehen. Hin⸗ terließe das Waſſer ihre Spur, ſo hätte ihr Sog an der Stelle, wo wir find, ein Thal gegraben. Wir müſſen alſo nothwendig am Tage eine Schifferbarke finden, die uns aufnimmt.“ „Fänden wir aber keine und der Wind drehte ſich nach Norden?“ „Dann wäre es etwas Anderes,“ ſagte Athos, „wir würden nur auf der andern Seite des atlantiſchen Meeres Land finden.“ „Das heißt, wir würden Hungers ſterben,“ ſprach Aramis. „Das iſt mehr als wahrſcheinlich,“ verſetzte der Graf de la Fere. Mousqueton ſtieß einen zweiten Seufzer aus, welcher noch ſchmerzlicher klang als der erſte. „He, Mousqueton!“ fragte Porthos,„was habt n immerwährend zu ſeufzen? das wird lang⸗ weilig.“ „Ich friere, gnädiger Herr.“ „Unmöglich,“ ſprach Porthos. „Unmöglich?“ ſagte Mousqueton erſtaunt. „Gewiß. Euer Leib iſt mit einer Fettlage be⸗ deckt, die dem Winde jeden Zugang verſperrt. Es iſt etwas Anderes; ſprecht offenherzig.“ „Nun wohl, ja, gerade dieſe Fettlage, zu der Ihr mir Glück wünſcht, erſchreckt mich.“ 1⁴8 „Und warum dies, Mouſton? Sprecht unumwun⸗ den. Dieſe Herren erlauben es Euch.“ „Ich ekinnerte mich, gnädiger Herr, daß es in der Bibliothek ves⸗Schloſſes Bracieux eine Menge Reiſebücher gibt, und unter dieſen Büchern iſt das Werk von Jean Mogquet, dem berühmten Reiſenden von König Heinrich IV.“ „Nun?“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Mousqueton,„in die⸗ ſen Büchern iſt viel die Rede von Seeabenteuern und von Exeigniſſen, denen ähnlich, welche uns in dieſem Augenblicke bedrohen.“ „Fahrt fort, Mousqueton,“ ſprach Porthos;„dieſe Vergleichung iſt höchſt intereſſant.“ „In ſolchen Fällen, gnädiger Herr, haben die ausgehungerten Reiſenden, wie Jean Moquet ſagt, die abſcheuliche Gewohnheit, einander aufzufreſſen, und fangen dann „Mit dem Fetteſten an!“ rief dArtagnan, der 6 trotz der ernſten Lage des Lachens nicht enthalten onnte. „Ja, gnädiger Herr,“ erwiederte Mousqueton, etwas verblüfft über dieſe Heiterkeit,„und erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß ich nicht begreife, was hiebei Lächerliches zu finden iſt.“ „Dieſer brave Mouſton iſt doch die perſoniſicirte Ergebenheit,“ ſagte Porthos.„Ich wette, Du haſt bereits von Deinem Herrn zerſtückelt und geſpeift geſehen.“ „Ja, gnädiger Herr, obgleich die Freude, die Ihr in mir errathet, redlich geſtanden, nicht ohne eine Beimiſchung von Traurigkeit ißt. Ich würde mich je⸗ doch nicht zu ſehr beklagen, wenn ich ſterbend die Ge⸗ wißheit hätte, Euch noch nützlich ſein zu können.“ „Mouſton,“ ſprach Porthos gerührt,„wenn wir je mein Schloß Pierrefond wiederſehen, ſo bekommt hr als erbliches Eigenthum für Euch und Eure Nach⸗ —— —„ 5 „ 149 kommen den eingezäunten Weinberg, der über dem Pachthofe liegt.“ „Und Ihr nennt ihn den Weinberg der Ergeben⸗ heit, Mouſton,“ ſprach Aramis,„um auf die ſpäteſten Zeiten die Erinnerung an Euer Opfer fortzupflanzen.“ „Chevalier,“ ſagte d'Artagnan lachend,„Ihr hät⸗ tet Mouſton ohne großes Widerſtreben verſpeiſt, nicht wahr, beſonders nach einem dreitägigen Faſten?“ „Oh! meiner Treue, nein,“ verſetzte Aramis, „Blaiſois wäre mir lieber geweſen. Wir kennen ihn noch nicht ſo lange.“ Man begreift, daß während dieſes Austauſches von Scherzen, wodurch man hauptſächlich aus dem Geiſte von Athos die ſo eben vorgefallene Scene zu entfernen ſuchte, die Diener mit Ausnahme von Gri⸗ maud, welcher wußte, daß die Gefahr jedenfalls über ſeinem Haupt hingehen würde, durchaus nicht ruhig waren. Ohne Antheil an dem Geſpräche zu nehmen und ſeiner Gewohnheit gemäß ftumm, arbeitete Grimaud auch, ein Ruder in der Hand, aus Leibeskräften. „Du ruderſt?“ fragte Athos. Grimaud machte ein bejahendes Zeichen. „Warum ruderſt Du?“ „Um warm zu haben.“ Während die Andern vor Kälte ſchnatterten, ſchwitzte der ſchweigſame Athos wirklich große Tropfen. Plötzlich ſtieß Mousqueton, ſeine mit einer Fla⸗ ſche bewaffnete Hand über den Kopf erhebend, ein Freudengeſchrei aus. „Oh!“ rief er, ſeine Flaſche Porthos reichend, „oh, gnädiger Herr, wir find gerettet. Die Barke iſt mit Lebensmitteln verſehen.“ Und raſch unter der Bank ſuchend, unter welcher er bereits eine koſtbare Probe hervorgezogen hatte, brachte er nach und nach ein Dutzend ähnlicher Flaſchen, Brod und ein Stück geſalzenes Rindfleiſch. 15⁰ Es bedarf kaum der Erwähnung, daß der Fund Alle, mit Ausnahme von Athos, heiter machte. „Mord und Tod!“ rief Porthos, der, wie man ſich erinnert, bereits Hunger hatte, als er den Fuß auf die Felucke ſetzte,„es iſt doch ſonderbar, wie ſolche Gemüthsbewegungen den Magen aushöhlen.“ Und er leerte eine Flaſche mit einem Zuge und aß ganz allein ein gutes Drittel von dem Brod und von dem geſalzenen Rindfleiſch. „Run ſchlaft oder ſucht zu ſchlafen,“ ſprach Athos, „ich werde wachen.“ Für andere Menſchen, als für unſere kühnen Abenteurer, wäre ein ſolcher Vorſchlag als Hohn er⸗ ſchienen. Sie waren in der That bis auf die Knochen naß; es ging ein eifiger Wind, und die Gemüthsbe⸗ wegungen, die ſie kurz zuvor erfahren hatten, ſchienen ſie abzuhalten, ein Auge zu ſchließen. Aber für dieſe auserwählten Naturen, für dieſe eiſernen Tempera⸗ mente, für dieſe gegen jede Anſtrengung abgehärteten Körper kam der Schlaf unter allen Umſtänden zu ſeiner Stunde, ohne je beim Appell zu fehlen. Nach einem Augenblick hatte ſich auch Jeder voll Vertrauen zu dem Lootſen auf ſeine Weiſe gelegt, und Jeder verſuchte es, den Rath von Athos zu benützen, welcher am Steuerruder ſitzend und die Augen nach dem Himmel gerichtet, wo er ohne Zweifel nicht allein den Weg nach Frankreich, ſondern auch das Antlitz Gottes ſuchte, ſeinem Verſprechen gemäß allein wach blieb und die Barke auf dem Wege lenkte, den ſie zu verfolgen hatte. Nach einigen Stunden Schlafes wurden die Rei⸗ ſenden von Athos geweckt. Der erſte Schimmer des Tages bleichte das bläu⸗ liche Meer, und ungefähr auf zehn Musketenſchüſſe vor⸗ wärts ſah man eine ſchwarze Maſſe, über der ſich ein ſeei ſchwalbenartig verlängertes Segel aus⸗ reitete. — n he ß n s, n r⸗ n ⸗ ſe 8 S—— ** 151 „Eine Barke,“ riefen einſtimmig die drei Freunde, während die Lackeien ihrer Seits ihre Freude ebenfalls in verſchiedenen Tonarten ausdrückten. Es war in der That eine dünkirchiſche Flüte, welche gegen Boulogne ſegelte. Die vier Herren, Blaiſois und Mousqueton ver⸗ einigten ihre Stimmen in einem einzigen Schrei, wel⸗ cher über der elaſtiſchen Oberfläche der Wellen vibrirte, während Grimaud, ohne etwas zu ſagen, ſeinen Hut an das Ende ſeines Ruders ſteckte, um die Blicke der⸗ jenigen anzuziehen, welche der Ton der Stimmen berüh⸗ ren ſollte. Eine Viertelſtunde nachher bugſirte ſie das Boot dieſer Flüte. Sie beſtiegen das Verdeck des kleinen Fahrzeuges. Grimaud bot dem Patron im Auftrage ſeines Herrn zwanzig Guincen, und bei guten Winde ſetzten um neun Uhr Morgens unſere Franzoſen den Fuß auf den Boden ihres Vaterlandes. „Donner und Teufel! wie ſtark iſt man auf die⸗ ſem Boden,“ ſagte Porthos, mit ſeinen breiten Füßen tief in den Sand tretend.„Nun wage man es, Streit mit mir zu ſuchen, mich ſchief anzuſehen oder mich zu verſpotten, und man wird ſehen, mit wem man es zu thun hat. Bei Gott! ich würde einem ganzen König⸗ reiche Trotz bieten.“ „Und ich,“ ſagte d'Artagnan,„ich fordere Euch auf, Eure Herausforderung nicht ſo laut klingen zu laſſen, Porthos, denn es ſcheint mir, man betrachtet uns hier gar ſehr.“ „Bei Gott!“ ſagte Porthos,„man bewundert uns. „Darauf bin ich nicht eitel, vas ſchwöre ich Euch, Porthos,“ verſetzte d'Artagnan;„ich ſehe nur Leute in ſchwarzen Röcken und geſtehe Euch, daß mich in unſerer Lage Schwarzröcke erſchrecken.“ „Es ſind die Schreiber der Kaufleute des Hafens,“ ſagte Aramis. N 152 „Unter dem andern Cardinal, unter dem großen,“ ſprach Athos,„wäre man mehr auf uns, als auf die Waaren aufmerkſam geweſen; aber anter dieſem, ſeid unbeſorgt, Freunde, wird man mehr auf die Waaren, als auf uns aufmerkſam ſein.“ „Ich traue nicht und wende mich nach den Dünen,“ ſagte d'Artagnan. „Warum nicht nach der Stadt?“ ſprach Porthos; „ein gutes Wirthshaus wäre mir lieber, als dieſe furchtbaren Sandwüſten, welche Gott nur für die Ka⸗ ninchen geſchaffen hat. Ueberdies habe ich Hunger.“ „Macht es, wie Ihr wollt, Porthos; ich aberzmei⸗ nes Theils bin überzeugt,“ ſprach d'Artagnan,„daß für Menſchen in unſerer Lage das freie Feld das Sicherſte iſt.“ Ueberzeugt, die Stimmenmehrheit für ſich zu gewinnen, wandte fich dArtagnan nach den Dünen, ohne die Antwort von Porthos abzuwarten. Die kleine Truppe folgte und verſchwand bald mit ihm hinter den Sandhügeln, jedoch nicht ohne die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen zu haben. „Nun laßt uns ſprechen,“ ſagte Aramis, als man ungefähr eine Viertelmeile zurückgelegt hatte. „Nein, laßt uns fliehen,“ verſetzte d'Artagnan. „Wir ſind Cromwell, Mordaunt, dem Meere, drei Ab⸗ gründen, welche uns verſelingen wollten, entkommen; wir werden Herrn Mazarin nicht entkommen.“ „Ihr habt Recht, dArtagnan,“ ſprach Aramis,„und ich rathe ſogar, daß wir uns zu größerer Sicherheit trennen.“ „Ja, ja, Aramis, trennen wir uns,“ verſetzte d'Ar⸗ tagnan. Porthos wollte ſprechen, um ſich dieſem Entſchluſſe zu wiverſetzen, aber d'Artagnan machte ihm ſeine Hand drückend, begreiflich, er ſollte ſchweigen. Portbos war äußerſt gehorſam gegen vieſe Zeichen ſeines Gefahrten, deſſen geiſtige Ueverlegenheit er mit ſeinem gutmüthi⸗ 8 . * — v — . —— — 153 gen Charakter ſtets anerkannte. Er drängte alſo die Worte zurück, die aus ſeinem Munde gehen wollten. „Aber warum uns trennen?“ ſprach Athos. „Weil wir, Porthos und ich, von Herrn Mazarin an Cromwell abgeſchickt worden find, erwiederte d'Ar⸗ tagnon,„und ffatt Cromwell zu dienen, dem König Karl I. gedient haben, was nicht ganz daſſelbe iſt. Kommen wir mit den Herren de la Fore und d'Herblay zurück, ſo iſt unſer Verbrechen erwieſen. Kommen wir dagegen allein, ſo bleibt unſer Verbrechen zweifelhaft, und mit dem Zweifel führt man die Menſchen ſehr weit. Ich aber will Herrn Mazarin Land ſehen laſſen.“ „In der That!“ rief Porthos,„das iſt wahr.“ „Ihr vergeßt, ſprach Pthos,„daß wir Euere Ge⸗ fangenen find, daß wir uns durchaus nicht als unſeres Wortes entbunden betrachten, und führt Ihr uns als Gefangene nach Paris„ „Wahrhaftig, Athos,“ unterbrach ihn dArtagnan, „es thut mir leid, daß ein Mann von Geiſt, wie Ihr, beſtändig ſolche Armſeligkeiten ausſpricht, worüber Schü⸗ ler der vritten Claſſe erröthen würden. Chevalier,“ fuhr d'Artagnan fort, indem er ſich an Aramis wen⸗ dete, der ſtolz auf ſein Schwert geſtützt, obgleich er Anfangs eine entgegengeſetzte Meinung von ſich gege⸗ ben hatte, ſich bei dem erſten Worte ſeinem Gefährten angeſchloſſen zu haben ſchien,„Chevalier, begreift doch, daß hier, wie immer, mein mißtrauiſcher Charakter übertreibt. Porthos und ich waren im Ganzen Nichts. Aber wenn man zufällig es verſuchte, uns in Euerer Gegenwart zu verhaften, ſo wird man nicht fieben Menſchen foſſen, wie man drei faßt. Die Schwerter wörden das Sonnenlicht ſehen, und die für Jedermann ſchlimme Angelegenheit würde zu etwas Ungeheurem, das uns alle Vier verderben müßte. Ueberdies, wenn Zweien von uns ein Unglück widerfährt, iſt es nicht beſ⸗ ſer, daß die andern Zwei in Freiheit find, um Jene 154 aus der Schlinge zu ziehen, um zu graben, zu arbei⸗ ten, ſie loszumachen;.. und dann, wer weiß, ob wir nicht getrennt, Ihr von der Königin, wir von Maza⸗ rin eine Begnadigung erhalten werden, die man den Vereinigten verweigern würde. Vorwärts, Athos und Aramis, zieht links, Ihr, Porthos, kommt mit mir rechts. Laßt dieſe Herren nach der Normandie zu⸗ ſteuern, während wir auf dem kürzeſten Wege Paris zu erreichen ſuchen wollen.“ „Aber, wenn man uns auf dem Wege ergreift, wie können wir uns gegenſeitig von dieſer Kataſtrophe in Kenntniß ſetzen?“ fragte Aramis. „Nichts iſt leichter,“ erwiederte d'Artagnan;„wir wollen eine Marſchroute verabreden, von der wir nicht abgehen. Begebt Euch nach Saint⸗Valery, von da nach Dieppe, und verfolgt ſodann den geraden Weg von Dieppe nach Paris. Wir gehen über Abbeville, Amiens, Peronne, Compiegne und Senlis, und in jeder Herberge, in jedem Hauſe, wo wir anhalten, ſchreiben wir mit der Spitze eines Meſſers an die Wand oder mit einem Diamant an das Fenſter eine Kunde, welche diejenigen von uns, die frei find, in ihren Nachforſchungen zu leiten vermag.“ „Ah! mein Freund,“ ſprach Athos,„wie würde ich die Gaben Eueres Kopfes bewundern, wenn ich nicht bei der Bewunderung ſchon bei denen Eures Herzens ver⸗ weilen müßte.“ Und er reichte d'Artagnan die Hand. „Hat der Fuchs Geiſt, Athos?“ ſprach dArtagnan, die Achſeln zuckend;„nein, er weiß die Hühner wegzu⸗ putzen, die Jäger von der Fährte abzubringen und ſeinen Weg bei Tag und bei Nacht wieder zu finden, mehr nicht. Iſt es alſo abgemacht?“ „Es iſt abgemacht.“ „Dann theilen wir das Geld,“ verſetzte d'Artag⸗ nan;„es müſſen ungefähr zweihundert Piſtolen vor⸗ handen ſein. Grimaud, wie viel iſt übrig?“ —— —— bei⸗ wir za⸗ den und mir zu⸗ ris ift, phe wir 9 or⸗ V 155⁵ 8„Hundert und achtzig Halb⸗Louisdor„gnädiger err.“ „Gut. Ah! Vivat! da iſt dies Sonne. Guten Morgen, liebe Sonne. Obgleich Du nicht die der Gas⸗ cogne biſt, ſo erkenne ich Dich doch. Guten Morgen. Ich habe Dich ſehr lange nicht geſehen.“ „Vorwärts, dArtagnan,“ ſprach Athos,„ſpielt nicht den ftarken⸗Geiſt mit Thränen in den Augen. Wir wollen unter uns ſtets offenherzig ſein, und ſollte dieſe Offenherzigkeit auch unſere guten Eigenſchaften ſichtbar machen.“ „Glaubt Ihr denn, Athos,“ entgegnete dArtag⸗ nan,„man verlaſſe mit kaltem Blute in einem Augen⸗ blicke, der nicht ohne Gefahr iſt, zwei Freunde, wie Euch und Aramis?“ „Nein,“ ſprach Athos,„kommt in meine Arme, mein Sohn.“ „Bei Gott! ich glaube, ich weine,“ rief Porthos ſchluchzend,„wie albern das iſtl⸗ Und die vier Freunde warfen ſich in einer Gruppe einander in die Arme. Brüderlich ſich umſchlingend, hatten dieſe vier Männer in dieſem Augenblick gewiß nur eine Seele. Blaiſois und Grimaud ſollten Athos und Aramis folgen. Mousqueton genügte für Porthos und d'Ar⸗ tagnan. Man theilte, wie man dies immer gethan, das Geld mit brüderlicher Ordnung; nachdem man ſich ſodann noch einmal die Hand gedrückt und gegenſeitig die Verſicherung einer ewigen Freundſchaft erneuert hatte, trennten ſich die vier Edelleute, um die verabredeten Wege einzuſchlagen, nicht ohne ſich umzuwenden, nicht ohne liebevolle Worte zurückzuſchicken, welche die Echos der Düne wiederholten. Endlich verloren ſie ſich einander aus dem Geſichte. „Donnerwetter, dArtagnan,“ ſprach Porthos,„ich muß Euch das ſogleich ſagen, denn ich wüßte nie et⸗ 156 was gegen Euch auf dem Herzen zu behaſten. Sch habe Euch in dieſer Sache nicht wiedererkannt.“ 3 n 26 fragte d'Artagnan mit ſeinem feinen Lächeln. „Weil, wenn Athos und Aramis„wie Ihr ſagt, wirklich einer Gefahr ausgeſetzt find, dies nicht der Augenblick iſt, um ſie zu verlaſſen. Ich geſtehe Euch, daß ich ganz geneigt war, ihnen zusfolgen, und daß ich noch jetzt bereit bin, ihnen trotz aller Mazariner der Welt nachzulaufen.“ „Ihr hättet Recht, wenn ſich die Sache ſo ver⸗ hielte, Porthos, hört aber ein ganz kleines Ding, das, ſo klein es auch iſt, den Gang Euerer Gedanken völlig verändern wird; nicht dieſe Herren laufen am meiſten Gefahr, ſondern wir; nicht um ſie im Stiche zu laſſen, trennen wir uns von ihnen, ſondern um ſie nicht zu gefährden.“ „Wirklich!“ rief Porthos„die Augen voll Erſtau⸗ nen aufreißend. „Allerdings; werden ſie verhaftet, ſo gibt es für ſie ganz einfach die Baſtille, geſchieht dieß uns, ſo handelt es ſich um den Gréve„Platz. „Oh! oh! das iſt weit entfernt von der Baronen⸗ krone, die Ihr mir verſprochen habt, d'Artagnan.“ „Bah! vielleicht nicht ſo weit, als Ihr glaubt, Porthos. Ihr kennt das Sprichwort; Zeder Weg führt nach Rom.“ „Aber warum find wir größerer Gefahr ausgeſetzt, als Athos und Aramis?“ „Weil ſie nur die Sendung vollbrachten, welche ſie von der Königin Henriette erhalten hatten, indeß wir zu Verräthern an unſeren Aufträgen von Mazarin wurden; weil wir als Boten an Cromwell abge⸗ gangen. Parteigänger von König Karl geworden find, weil wir, ſtatt zu dem Falle ſeines königlichen Haup⸗ tes, das von den Knauſern, die man Mazarin, Crom⸗ well, Jopce, Privge, Fairfax u. ſ. w. nennt, verurtheilt 6 8 nan ſchr 157 Uuve beizutragen, den Unglücklichen beinahe gerettet ätten.“ „Das iſt meiner Treue wahr,“ ſprach Porthos, „aber mein lieber Freund, wie ſoll Cromwell mitten unter den Unruhen, unter ſeinen vielen Geſchäften Zeit gehabt haben, daran zu denken „Cromwell denkt an Alles, Cromwell hat Zeit zu Allem; doch Freund, verlieren wir dabei die unſerige nicht, ſie iſt koſtbar. Wir ſind nicht eher in Sicherheit, als bis wir Mazarin geſehen haben, und auch„ „Teufel! abermals ſagen wir Mazarin.“ „Laßt mich nur machen, ich habe meinen Plan; wer zuletzt lacht, lacht am beſten. Cromwell iſt ſehr ſtark, Mazarin iſt ſehr verſchmitzt, aber ich will lieber Diplomatle gegen ſie, als gegen den ſeligen Herrn Mordaunt treiben.“ „Hört, es iſt angenehm, der ſelige Herr Mor⸗ daunt ſagen zu können.“ „Meiner Treue, ja;“ ſprach d'Artagnan;„aber vorwärts.“ Und Beide wandten ſich, ohne einen Augenhlick zu verlieren, gegen die Straße nach Paris, gefolgt von Mousqueton, der, nachdem er die ganze Nacht gefroren, bereits nach einer Viertelſtunde zu warm hatte. XIII. Die Bückkehr. Athos und Aramis hatten den ihnen von d'Artag⸗ nan bezeichneten Weg eingeſchlagen und waren ſo ſchnell als möglich gereiſt. Es ſchien ihnen vortheil⸗ 15⁸ hafter in der NRähe von Paris, als ferne von der Hauptſtadt verhaftet zu werden. In der Furcht, es könnte dieß in der Nacht ſtatt⸗ finden, machten ſie jeden Abend an die Wand oder an die Fenſterſcheiben das verabredete Wiedererkennungs⸗ zeichen; aber jeden Morgen erwachten ſie zu ihrem großen Erſtaunen frei. Je näher ſie Paris kamen, deſto mehr verſchwan⸗ den wie Träume die großen Ereigniſſe, denen ſie bei⸗ gewohnt hatten, und durch welche eine Umwälzung in England vorgegangen war, während im Gegentheil diejenigen, welche, ſo lange ſie abweſend waren, Paris und die Provinz in Bewegung geſetzt hatten, ihnen immer mehr entgegentraten. In den ſechs Wochen ihrer Abweſenheit hatten ſich in Frankreich ſo viele kleine Dinge begeben, daß dieſe beinahe ein großes Ereigniß bildeten. Als die Pariſer eines Morgens ohne Königin und ohne König erwach⸗ ten, waren ſie gar ſehr aufgebracht, daß ſie auf dieſe Weiſe verlaſſen wurden, und die ſo lebhaft gewünſchte Entfernung von Mazarin entſchädigte durchaus nicht für die der zwei erhabenen Flüchtlinge. Das erſte Gefühl, das Paris in Bewegung ſetzte, als es die Flucht nach Saint⸗Germain erfuhr, der wir unſere Leſer haben beiwohnen laſſen, war jener Schrecken, welcher die Kinder ergreift, wenn ſie bei Nacht oder in der Einſamkeit erwachen. Das Parlament kam in Aufruhr, und es wurde beſchloſſen, eine Depu⸗ tation zu der Königin mit der Bitte abzuſchicken, Paris nicht länger ihrer königlichen Gegenwart zu berauben. Aber die Königin ſtand noch unter dem doppelten Eindrucke des Triumphes von Lens und des Stolzes über ihre ſo glücklich ausgeführte Flucht. Die Deputirten er⸗ langten nicht nur nicht die Ehre, empfangen zu werden, ſondern man ließ ſie ſogar auf der Landſtraße warten, wo der Kanzler— derſelbe Kanzler Seguier, den wir auf eine ſo hartnäckige Weiſe in dem erſten Theile dieſes — 6 —— . 1⁵9 Werkes einen Brief bis in den Schnürleib ver Königin haben verfolgen ſehen— ihnen das Ultimatum des Hofes übergab, des Inhalts, daß wenn das Parla⸗ ment ſich nicht vor der Königin Majeſtät demüthigte und alle Fragen, welche den Zwieſpalt herbeigeführt, durch Nachgeben zu beſeitigen wüßte, Paris am andern Tage belagert werden würde, daß fogar in der Vor⸗ ausſicht dieſer Belagerung der Herzog von Orleans die Brücke von Saint⸗Clond beſetzt hielte, und daß der Herr Prinz, noch ſtrahlend von ſeinem Siege bei Lens, Charenton und Saint⸗Denis inne hätte. Zum Unglück für den Hof, der ſich wohl durch eine mäßige Antwort eine große Anzahl von Partei⸗ gängern wiedererworben hätte, brachte dieſe drohende Antwort eine Wirkung hervor, welche dem, was man davon erwartet hatte, ſchnurgerade entgegenſtand. Sie beleivigte den Stolz des Parlaments, das im Gefühle einer kräftigen Unterftützung von Seiten der Bürger⸗ ſchaft, der die Begnadigung das Maß ihrer Kraft ge⸗ geben hatte, das Ultimatum des Hofes dahin beant⸗ wortete, daß es Mazarin, da man ihn als den noto⸗ zu entfernen; würde er nach Ablauf dieſer Friſt nicht gehorchen, ſo wären dadurch alſe Unterthanen des Königs verpflichtet, ihm auf den Leib zu gehen. Durch dieſe energiſche Antwort, welche der Hof entfernt nicht erwartet hatte, waren Paris und Ma⸗ zarin zugleich außer das Geſetz geſtellt. Es fragte fich jetzt nur, wer den Steg davon tragen würde, das Parlament oder der Hof. Der Hof traf nun ſeine Vorkehrungen zum An⸗ griff, Paris zu ſeiner Vertheidigung. Die Bürger waren alſo mit den gewöhnlichen Werken der Bürger in Zeiten des Aufruhrs beſchäftigt, d. h. mit dem Aus⸗ 160 ſpannen von Ketten und mit dem Entpflaſtern der Straßen, als ſie ſahen, daß ihnen, angeführt von dem Herrn Coadjutor, der Herr Prinz von Conti, der Bru⸗ der des Herrn Prinzen von Conde, und der Herr Her⸗ zog von Longueville, ſein Schwager, zu Hülfe kamen. Von nun an waren ſie beruhigt, denn ſie hatten Prin⸗ zen von Geblüt und überdieß den Vortheil der Zahl auf ihrer Seite. Dieſe unerwartete Hülfe war den Pariſern am 10. Januar zugekommen. Nach einer ſtürmiſchen Verhandlung wurde der Herr Prinz von Conti zum Generaliſſimus der Armee von Paris ernannt, mit den Herren Herzögen El⸗ boeuf und Bouillon, und dem Marſchall de la Mothe als Generallieutenants. Der Herzog von Longue⸗ ville begnügte ſich, ohne Titel und Amt ſeinem Schwa⸗ ger beizuſtehen. Herr von Beaufort war aus Vendome angelangt und hatte, wie die Chronik ſagt, ſeine vornehme Miene, ſchöne lange Haare und jenes volkethämliche Weſen mitgebracht, das ihm das Königthum der Hal⸗ len eintrug. Das Pariſer Heer organifirte ſich zu dieſer Zeit mit jener Geſchwindigkeit, mit der ſich die Bürger in Soldaten verwandeln, wenn ſie durch irgend ein Ge⸗ fühl zu dieſer Umſtaltung angetrieben werden. Am 19. verſuchte das improvifirte Heer einen Ausfall, mehr um ſich und Andere ſeines Daſeins zu verſichern, als um etwas Ernſtes zu unternehmen, wobei es über ſeinen Köpfen eine Fahne wehen ließ', auf welcher der ſonderbare Wahlſpruch:„Wir ſuchen unſern König!“ zu leſen war. Die folgenden Tage wurden zu einigen Opera⸗ tionen verwendet, die kein anderes Reſultat hatten, als die Wegführung von einigen Herden und das Niederbrennen von ein paar Häuſern. So erreichte man die erſten Tage des Februars und am erſten dieſes Monats geſchah es, daß unſere ——— — — der dem ru⸗ er⸗ en. rin⸗ ahl den der mee El⸗ the ue⸗ wa⸗ 161 vier Gefährten in Boulogne landeten und auf ver⸗ ſchiedenen Wegen ihre Reiſe nach Paris antraten. Gegen das Ende des vierten Marſchtages ver⸗ mieden Athos und Aramis vorſichtig Nanterre, um nicht in die Hände der Partei der Königin zu fallen. Es lag gar nicht in dem Sinne von Athos, dieſe Vorſichtsmaßregeln zu nehmen; aber Aramis hatte ihm ſehr richtig bemerkt, ſie wären nicht berechtigt, unklug zu handeln; König Karl hätte ſie mit einer heiligen und letzten Sendung beauftragt, die, am Fuße des Schaffots in Empfang genommen, nur zu den Füßen der Königin vollbracht wäre. Athos gob alſo nach. Die Vorſtädte fanden unſere Reiſenden ſehr gut bewacht; ganz Paris war bewaffnet. Die Schildwache weigerte ſich, die zwei Edelleute einzulaſſen; und rief ihren Sergenten. Der Sergent kam ſogleich heraus und fragte mit aller Wichtigkeit, welche Bürger anzunehmen pflegen, wenn ſie das Glück haben, mit einer militäriſchen Würde begleitet zu fein. „Wer ſeid Ihr, meine Herren?“ „Zwei Edelleute,“ antwortete Aramis. „Woher kommt Ihr?“ „Von London.“ „Was wollt Ihr in Paris machen?“ „Eine Sendung bei Ihrer Wajeſtät der Königin von England vollziehen.“. „Ah, alle Welt geht heute zu der Königin von England,“ verſetzte der Sergent.„Wir haben bereits drei Edelleute auf dem Poſten, deren Päſſe man vi⸗ firt, und die ſich zu Ihrer Majeſtät begeben. Wo find die Eurigen?“ „Wir haben keine.“ „Wie? Ihr habt keine?“ „Nein, wir kommen von England, wie wir Euch Zwanzig Jahre nachher. M. 3 8 3— „ 162 geſagt haben. Wir wiſſen durchaus nichts von dem Stande der politiſchen Angelegenheiten und haben Paris vor dem Abgange des Königs verlaſſen.“ „Ah,“ ſagte der Sergent mit feiner Miene,„Ihr ſeid Mazariner und möchtet gerne bei uns eindringen, um zu ſpioniren.“ „Mein lieber Freund,“ ſprach Athos, der bis jetzt die Sorge zu antworten Aramis überlaſſen hatte, „wenn wir Mazariner wären, ſo hätten wir im Ge⸗ gentheil alle möglichen Päſſe; in der Lage, in der Ihr Euch befindet, mißtraut vor Allem denjenigen, welche vollkommen in Ordnung find.“ „Tretet in die Wachtſtube,“ ſprach der Sergent; „Ihr werdet Eure Gründe dem Anführer des Poſten auseinander ſetzen.“ Er machte der Schildwache ein Zeichen; ſie zog ſich zurück; der Sergent ging voraus und die zwei Edelleute folgten ihm in die Wachtſtube. Dieſe war ganz beſetzt von Bürgern und Leuten aus dem Volke. Die Einen ſpielten, die Andern tranken und wieder Andere hielten Reden. In einer Ecke und, wie es ſchien, ſireng bewacht, waren die drei zuerſt angekommenen Edelleute, deren Päſſe der Offizier vifirte. Dieſer Offizier befand ſich in einem anſtoßenden Zimmer, denn die Wichtigkeit ſeines Grades geſtattete ihm die Ehre einer beſondern Wohnung. Die erſte Bewegung der Neuangekommenen und der Zuerſtangekommenen war, aus den zwei Enden der Wachtſtube einen raſchen, forſchenden Blick auf ein⸗ ander zu werfen. Die Zuerſtangekommenen waren mit langen Mänteln bedeckt, in deren Falten ſie ſich ſorg⸗ fältig hüllten. Der Eine von ihnen, der etwas min⸗ der groß war, als die Anderen, hielt ſich im Schat⸗ ten zurück. Als der Sergent bei ſeinem Eintritle meldete, er bringe wahrſcheinlich Mazariner, horchten die drei en hr n, is e, (⸗ er * en 8 ei ar e 5. er t, en it n d er E it ⸗ 1 3 Edelleute aufmerkſam. Der Kleinſte von den Dreien, der zwei Schritte vorwärts gemacht hatte, machte ei⸗ nen zurück und befand ſich wieder im Schatten. Auf die Ankündigung, die Neuangekommenen hät⸗ ten keine Päſſe, ſchien die einſtimmige Meinung der ochiunſat zu ſein, ſie würden keinen Eintritt inden. „Doch, meine Herren,“ ſagte Athos,„es iſt im Gegen⸗ theil wahrſcheinlich, daß wir finden, denn wir ſcheinen es mit vernünftigen Menſchen zu thun zu haben. Die Sache iſt übrigens auf einem ganz einfachen Wege abzu⸗ machen: man ſchicke unſere Namen Ihrer Majeſtät der Königin von England, und wenn ſie ſich für uns ver⸗ bürgt, werdet Ihr hoffentlich keinen Anſtand nehmen, uns freien Durchgang zu geſtatten.“ Bei dieſen Worten verdoppelte ſich die Aufmerk⸗ ſamkeit des im Schatten verborgenen Herrn, und ſie wurde ſogar von einer ſo ungeſtümen Bewegung des Erſtaunens begleitet, daß ſein Hut, von dem Mantel zurückgeſtoßen, in den er ſich noch ſorgfältiger als zu⸗ vor hüllte, auf den Boden fielz er bückte ſich und hob ihn raſch auf. „Oh! mein Gott,“ ſprach Aramis, Athos mit dem Ellenbogen ſtoßend,„habt Ihr geſehen?“ „Was 2“ fragte Athos. „Das Geſicht des Kleinſten von den drei Edel⸗ leuten.“ „Nein.“ „Es kam mir vor aber das iſt unmöglich.“ In dieſem Augenblick kam der Sergent, welcher in das Nebenzimmer gegangen war, um die Befehle des Offiziers vom Poſten einzuholen, wieder heraus und ſagte, die drei Etelleute bezeichnend, denen er ein Papier übergab: „Die Päſſe find in Ordnung. Laßt dieſe drei Her⸗ ren ihres Wegs gehen.“ Die drei Edelleute machten ein Zeichen mit dem 164 Kopfe und beeilten ſich, die Erlaubniß und den Weg zu benützen, der ſich auf den Befehl des Sergenten vor ihnen öffnete.. Aramis folgte ihnen mit ſeinen Blicken, und im Augenblick, wo der Kleinſte an ihm vorüberkam, drückte er Athos lebhaft die Hand. „Was habt Ihr denn, mein Lieber?“ fragte dieſer. „Es iſt ohne Zweifel eine Viſion.“ Dann ſich an den Sergenten wendend: „Sagt mir, kennt Ihr die drei Herren, welche ſo eben weggegangen find?“ „Ich kenne ſie nur nach ihrem Paſſe: es ſind die Herren von Flamarens, von Chatillon und von Bruy, drei Edelleute von der Fronde, welche den Herzog von Longueville aufſuchen.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Aramis, mehr ſeinem eigenen Gedanken, als dem Sergenten antwortend,„ich glaubte Mazarin ſelbſt zu erkennen.“ Der Sergent brach in ein Gelächter aus. „Er ſollte ſich unter uns wagen, um gehenkt zu werden? So dumm iſt er nicht!“ „Ich kann mich getäuſcht haben,“ murmelte Ara⸗ mis.„Ich habe nicht das unfehlbare Auge von dAr⸗ tagnan.“ „Wer ſpricht hier von d'Artagnan?“ fragte der Offizier, der in dieſem Augenblicke ſelbſt auf der Schwelle des Zimmers erſchien. „Ah!“ rief Grimaud, die Augen weit aufreißend. „Was?“ fragten gleichzeitig Aramis und Athos. „Planchet!“ verſetzte Grimaud.„Planchet mit dem Hauſſecol.“ „Die Herren de la Fere und d'Herblah wieder in Paris!“ rief der Offizier,„oh, welche Freude für mich, denn ohne Zweifel tretet Ihr in Verbindung mit den Herren Prinzen.“ W B fiehſt, mein lieber Planchet,“ erwiederte Aramis, während Athos lächelte, da er ſah, weichen ————————— + —— — or im m, er. ie p, on m ch zu a⸗ r⸗ er er wichtigen Grad der ehemalige Kamerad von Mousque⸗ Bazin und Grimaud in der Bürger⸗Miliz ein⸗ nahm. „Und Herr d'Artagnan, von dem Ihr ſo eben ſprachet, Herr d'Herblay, habt Ihr Kunde von ihm?“ „Wir verließen ihn vor vier Tagen, und Alles ließ uns glauben, er werde vor uns in Paris ange⸗ kommen ſein.“ „Nein, mein Herr, ich weiß gewiß, daß er nicht in die Hauptſtadt zurückgekehrt iſt; er mag wohl in Saint⸗Germain geblieben ſein.“ „Ich glaube nicht, wir haben uns in der Rehziege zuſammenbefiellt.⸗ „Ich bin ſelbſt heute vort geweſen.“ „Und die ſchöne Madeleine hatte keine Nachricht von ihm?“ fragte Aramis lächelnd. „Nein, mein Herr, und ich kann Euch ſogar nicht verbergen, daß ſie ſehr in Unruhe war.“ „In der That,“ ſprach Aramis,„es iſt noch keine Zeit verloren, denn wir haben uns ſehr beeilt. Erlaubt mir alſo, mein lieber Athos, daß ich, ohne mich weiter nach unſerem Freund zu erkundigen, Herrn Planchet mein Compliment mache.“ „Ah, mein Herr Chevalier,“ ſprach Planchet, ſich verbeugend. „Lieutenant?“ verſetzte Aramis.. „Lieutenant mit dem Verſprechen, Kapitän zu werden.“ E iſt ſehr ſchön,⸗ ſprach Aramis;„und wie ſind Euch alle dieſe Ehren zu Theil geworden?“ „Ihr wißt vor Allem, meine Herren, vaß ich die Rettung von Herrn von Rochefort bewerkſtelligt habe.“ ihr„Ja, bei Gott, er wird uns dieſe Geſchichte er⸗ zählen.“ „Bei dieſer Gelegenheit wäre ich beinahe von Mazarin gehenkt worden, was mich natürlich noch mehr populär machte, als ich es ſchon zuvor war.“ 166 „Und dieſer Popularität habt Ihr es zu danken?“ „Nein, etwas Beſſerem. „Ihr wißt auch, meine Herren, daß ich im Regiment Piemont diente, wo ich Sergent zu ſein die Ehre hatte.“ . d. „Nun wohl, eines Tages, als Niemand einen Hau⸗ fen bewaffneter Bürger, von denen die Einen mit dem linken Fuß, die Andern mit dem rechten abmarſchirten, in Reihe und Glied zu ordnen vermochte, gelang es mir, es dahin zu bringen, daß Alle mit demſelben Fuße vortraten, und man machte mich ſogleich zum Lieute⸗ nant auf dem Felde des Manoeuvre.“ „Das iſt die Erklärung,“ ſagte Aramis. „Ihr habt alſo eine Menge Adel bei Euch?“ fragte Athos. „Gewiß. Wir haben zuerſt, wie Ihr ohne Zwei⸗ ſel wißt, den Herrn Prinzen von Conti, den Herrn Herzog von Beaufort, den Herrn Herzog von Elboeuf, den Herzog von Bouillon, den Herzog von Chevreuſe, dann Herrn von Briſſac, den Marſchall de la Mothe, Herrn von Luynes, den Marzuis von Vitry, den Prinzen von Marſillac, den Marquis von Noirmvutier, den Grafen von Fiesques, den Mgrquis von Laigues, den Grafen von Montreſſor, ven Marquis von Sövigné, und wen weiß ich noch mehr!“ „Und Herr Ravul von Bragelonne?“ fragte Athos mit bewegter Stimme.„D'Artagnan ſagte mir, er habe ihn Euch, mein guter Planchet, bei ſeiner Abreiſe empfohlen.“ „Ja, Herr Graf, als ob es ſein eigener Sohn wäre, und ich darf wohl ſagen, daß ich ihn nicht einen Augenblick aus dem Geſichte verloren habe.“ „Er befindet ſich alſo wohl?“ ſagte Athos vor Freude bebend.„Es iſt ihm kein Unfall begegnet?“ „Keiner, Herr.“ „Und er wohnt?“ „ u⸗ m en, ße te⸗ — — 167 „Immer noch im Grand⸗Charlemagne.“ „Er bringt ſeine Tage„ „Bald bei der Königin von England, bald bei Frau von Chevreuſe zu. Er und der Graf von Guiche verlaſſen ſich nicht.“ „Ich danke, Planchet, ich danke,“ ſagte Athos, ihm die Hand reichend. „Ah, Herr Graf!“ rief Planchet, dieſe Hand mit den Fingerſpitzen berührend. „Ei, was macht Ihr denn, Graf, einem ehemali⸗ gen Lackeien!“ „Freund,“ erwiederte Athos,„er gibt mir Kunde von Raoul.“ „Und nun, meine Herren,“ erwiederte Planchet, der die Bemerkung von Aramis nicht gehört hatte, was gedenkt Ihr zu thun?“ „Wir wollen nach Paris hinein, wenn Ihr uns die Erlaubniß dazu gebt, mein lieber Planchet,“ ſprach Athos. „Wie, wenn ich Euch die Erlaubniß dazu gebe! Ihr ſpottet meiner. Ich bin nichts Anderes, als Euer Diener.“ Und er verbeugte ſich. Dann ſich gegen ſeene Leute umwendend, ſprach er: „Laßt dieſe Herren paſſiren, ich kenne ſie, es find Freunde von Herrn von Beaufort.“ „Es lebe Herr von Beaufort!“ rief einſtimmig 2 ganze Poſten und öffnete Athos und Aramis den eg. Der Sergent allein näherte ſich Planchet und murmelte ihm zu: „Wie, ohne Paß?“ „Ohne Paß,“ erwiederte Planchet. „Nehmt Euch in Acht, Kapitän,“ fuhr er fort, Planchet zum Voraus den Titel verleihend, der ihm verſprochen war;„nehmt Euch in Acht, Einer von den 168 drei Männern, welche ſo eben weggegangen ſind, ſag⸗ ten mir leiſe, ich ſollte dieſen Herrn mißtrauen.“ „Und ich,“ ſprach Planchet majeſtätiſch,„ich kenne ſie und verbürge mich für fie.“ Nach dieſen Worten drückte er Grimaud die Hand, der durch diefe Auszeichnung ſich ſehr geehrt zu fühlen ſchien. „Auf Wiederſehen alſo, Kapitän,“ ſagte Aramis mit ſeinem ſpöttiſchen Tone;„wenn uns etwas begeg⸗ nete, ſo würden wir unſere Zuflucht zu Euch nehmen.“ „Mein Herr, hierin wie in allen Dingen bin ich Euer Diener,“ erwiederte Planchet. „Der Burſche hat Witz und zwar viel,“ ſagte Aramis zu Pferde ſteigend. „Wie ſollte er nicht haben,“ verſetzte Athos, ſich ebenfalls in den Sattel ſchwingend,„nachdem er ſo lang die Hüte feines Herrn gebürſtet hat.“, XIII. Die Geſandten. Die zwei Freunde begaben ſich ſogleich auf den Weg und ſtiegen den jähen Abhang der Vorſtadt hin⸗ ab. Als ſie aber unten an dieſem Abhange angelangt waren, bemerkten ſie zu ihrem großen Erſtaunen, daß die Straßen von Paris in Flüſſe und die Plätze in Seen verwandelt waren. In Folge der großen Regen, welche im Monat Januar ſtattgefunden hatten, war die Seine ausgetreten und der Strom hatte endlich die Hauptſtadt überſchwemmt. Athos und Aramis drangen muthig mit ihren Pferden in das Gewäſſer. Bald aber ging es den +„———,——c — — —— armen Thieren bis an die Bruſt, und die zwei Edel⸗ leute mußten ſich entſchließen, ſie zu verlaſſen und eine Barke zu nehmen, was ſie auch thaten, nachdem ſie den Lackeien Befehl gegeben hatten, ſie in den Hallen zu erwarten. Sie gelangten alſo im Schiffe an den Louvre. Es war finſtere Nacht. So, bei dem Schimmer eini⸗ ger bleicher, zitternder Laternen geſehen, mit ſeinen Barken, welche von Patrouillen mit glänzenden Waffen beſetzt waren, mit dem Geſchrei der Wachen, die ſich in der Finſterniß an den Thoren anriefen, bot Paris einen Anblick, von dem Aramis, ein für krie⸗ geriſche Gefühle unendlich empfänglicher Mann, ge⸗ blendet wurde. Man kam zu der Königin, mußte aber im Vor⸗ zimmer warten, da Ihre Majeſtät in dieſem Augen⸗ blick Edelleuten, welche Nachrichten von England brachten, Audienz ertheilte. „Und wir auch,“ ſagte Athos zu dem Diener, der ihm dieſe Antwort gab,„wir bringen nicht nur Nachricht von England, ſondern wir kommen gerade daher.“ „Wie heißt Ihr denn?“ fragte der Diener. „Der Herr Graf de la Fere und der Chevalier d'Herblay,“ erwiederte Aramis. „Ah, dann, meine Herren,“ verſetzte der Diener, als er dieſe Namen hörte, welche die Königin ſo oft in ihrer Hoffnung ausgeſprochen hatte,„dann iſt es etwas Anderes, und ich glaube, Ihre Majeſtät würde mir nie vergeben, wenn ich Euch nur einen Augen⸗ L hätte warten laſſen. Folgt mir alſo, ich bitte U. Und er ging Athos und Aramis voran. Als man zu dem Zimmer gelangte, in welchem ſich die Königin aufhielt, bedeutete er ihnen durch ein Zeichen, ſie möchten warten. Dann öffnete er die Thüre und ſprach: 170 „Madame, ich hoffe, Eure Majeſtät wird mir vergeben, daß ich gegen ihre Befehle ungehorſam ge⸗ weſen bin, wenn ſie erfährt, daß diejenigen, welche ich zu melden habe, der Graf de la Fere und der Chevalier d'Herblay ſind.“ Bei dieſen zwei Namen ſtieß die Königin einen Freudenſchrei aus, den die beiden Edelleute auf der Stelle, wo ſie ſtanden, hören konnten. „Arme Königin!“ murmelte Athos. „Sie mögen hereinkommen!“ rief die junge Prinzeſſin, nach der Thüre eilend. Das arme Kind verließ ſeine Mutter nie und ſuchte ſie durch ſeine kindliche Sorge die Abweſenheit ſeiner zwei Brüder und ſeiner Schweſter vergeſſen zu machen. „Tretet ein, tretet ein, meine Herren,“ ſprach die Prinzeſſin, ſelbſt die Thüre öffnend. thos und Aramis erſchienen. Die Königin ſaß in einem Lehnſtuhle und vor ihr ſtanden zwei von den ziſ Edelleuten, welche ſie in der Wachtſtube getroffen atten. Es waren die Herren von Flamarens und Gas⸗ pard von Coligny, Herzog von Chatillon, Bruder von demjenigen, welcher fieben oder acht Jahre vorher in einem Duelle, das wegen Frau von Longueville ſtatt⸗ fand, auf der Place Royal getödtet worden war. Als man die zwei Freunde meldete, wichen ſie einen Schritt zurück und wechſelten mit ſichtbarer Unruhe leiſe ein paar Worte: „Nun, meine Herren,“ rief die Königin von Eng⸗ land, als ſie Athos und Aramis erblickte,„endlich ſeid Ihr hier, treue Freunde! Aber die Staatscouriere gehen noch ſchneller, als Ihr. Der Hof war von den Angelegenheiten von London in dem Augenblick unter⸗ richtet, wo Ihr die Thore von Paris berührtet. Und hier find die Herren von Flamarens und Chatillon, — 3 ir e⸗ he er en er ge nd eit en en 8 on in tt⸗ ſie rer ig⸗ ich ere den ind on, 171 die mir im Auftrage Ihrer Majeſtät der Königin Anna von Oeſterreich die neueſten Nachrichten bringen.“ Aramis und Athos ſchauten ſich an. Die Ruhe, die Freude ſogar, welche in den Augen der Königin glänzte, verſetzten ſie in Erſtaunen. „Habt die Güte, fortzufahren,“ ſprach ſie, ſich an die Herren Flamarens und Chatillon wendend. „Ihr ſagtet alſo, man hätte Seine Majeſtät Karl I., meinen Gemahl, trotz der Wünſche der Mehrzahl ſei⸗ ner Unterthanen zum Tode verurtheilt?“ „Ja, Madame,“ ſtammelte Chatillon. Athos und Aramis ſchauten ſich immer mehr er⸗ ſtaunt an. „Und auf das Schaffot geführt?“ fuhr die Köni⸗ gin fort,„auf das Schaffot! Oh, mein Herr! Oh mein König!. Und auf das Schaffot geführt, ſei er von dem entrüſteten Volke gerettet worden?“ „Ja, Madame,“ antwortete Chatillon,„aber mit ſo leiſer Stimme, daß die zwei Evelleute, welche doch ſehr aufmerkſam waren, dieſe Beſtätigung kaum hören konnten Die Königin faltete die Hände mit evler Dank⸗ barkeit, während ihre Tochter einen Arm um den Hals ihrer Mutter ſ g und ſie, die Augen in Freuden⸗ thränen gebadet, küßte. „Nun haben wir nur noch Euerer Majeſtät unſern unterthänigen Reſpect zu bezeigen,“ ſprach Chatillon, der, wie es ſchien, von dieſer Rolle gepeinigt wurde und unter dem feſten, durchdringenden Blick von Athos ſichtbar erröthete. „Noch einen Augenblick, meine Herren,“ erwie⸗ derte die Königin, ſie mit einem Zeichen zurückhaltend, „einen Augenblick, ich hitte; denn hier find die Herrn de la Foͤre und d'Herblay, die, wie Ihr gehört haben könnt, von London ankommen und Euch vielleicht als Augenzeugen einzelne Umſtände angeben werden, welche — Euch nicht bekannt find. Ihr meldet dieſe Umſtände 172 der Königin, meiner guten Muhme. Sprecht, meine Herren, ſprecht, ich höre. Verbergt mir nichts, ver⸗ ſchweigt nichts, da Seine Majeſtät noch lebt und die königliche Ehre gerettet iſt, erſcheint mir alles Uebrige als gleichgültig.“ 8 Athos erbleichte und legte eine Hand auf ſein Herz. 6 gr ſagte die Königin, als ſie dieſe Bewe⸗ gung und ſeine Bläſſe wahrnahm,„ſprecht doch, mein Herr, da ich Euch darum bitte.“ „Verzeiht, Madame,“ ſprach Athos,„ich will der Erzählung dieſer Herren nichts beifügen, ehe fie ſelbſt bekennen, daß ſie ſich vielleicht getäuſcht haben.“ „Getäuſcht!“ rief die Königin voll Schrecken. „Oh! mein Gott, was iſt denn geſchehen?“ „Meine Herren,“ ſprach Herr von Flamarens, „haben wir uns getäuſcht, ſo kommt der Irrthum von Setten der Königin, und Ihr werdet wohl nicht die Abſicht haben, ihn zu berichtigen; denn das hieße Ihre Majeſtät Lügen ſtrafen.“ „Von der Königin, mein Herr?“ verſetzte Athos mit ſeiner ruhigen, klangvollen Stimme. „Ja,“ murmelte Flamarens, die Augen nieder⸗ ſchlagend. Athos ſeufzte traurig. „Sollte dieſer Irrthum nicht vielmehr von Seiten desjenigen kommen, welchen wir mit Euch in der Wachtſtube der Barriere du Roule geſehen haben?“ ſprach Aramis mit ſeiner verletzenden Höflichkeit;„denn wenn wir uns nicht tänſchten, ſo waret Ihr zu Drei, als Ihr nach Paris kamet.“ Chatillon und Flamarens bebten. „Aber erklärt Euch doch!“ rief die Königin, deren Angſt von Augenblick zu Augenblick zunahm.„Auf Eurer Stirne leſe ich die Troſtloſigkeit. Euer Mund zögert, mir eine traurige Nachricht mitzutheilen, Eure ——— 173 Hände beben. Oh! mein Gott, mein Gott, was iſt denn vorgefallen?“ „Herr Gott, habe Mitleid mit uns,“ ſprach die junge Prinzeſfin und fiel neben ihrer Mutter auf die niee. „Mein Herr,“ ſagte Chatillon,„überbringt Ihr eine traurige Nachricht, ſo handelt Ihr als ein grau⸗ ſamer Mann, wenn hr ſie der Königin meldet.“ Aramis trat ſo e zu Chatillon, daß er ihn beinahe berührte, und ſprach mit funkelndem Blick: „Mein Herr, ich denke, Ihr werdet nicht ſo an⸗ maßend ſein, den Herrn Grafen de la Fere und mich belehren zu wollen, was wir hier zu ſagen haben.“ Während dieſes kurzen Streites hatte ſich Athos, immer noch die Hand auf dem Herzen, und den Kopf 2 der Königin genähert, und er ſprach nun zu „Madame, die Fürſten, welche durch ihre Natur über den andern Menſchen ſtehen, haben vom Himmel ein Herz empfangen, das geſchaffen iſt, um größere Unglücksfälle zu ertragen, als das Volk ſie erlebt; denn ihr Herz hat Antheil an ihrer Erhabenheit. Man darf alſo, wie mir ſcheint, gegen eine große Königin⸗ wie Euere Majeſtät, nicht auf dieſelbe Weiſe zu Werke gehen, wie gegen eine Frau von unſerem Stande. Königin, die Ihr beſtimmt ſeid zu jeglichem Märtyr⸗ thum auf Erden, hört den Erfolg der Sendung, mit der Ihr uns beehrt habt.“ Und Athos kniete vor der in Eis verwandelten Königin nieder, zog aus ſeinem Buſen den Orden in Diamanten, der von ihr Lord Winter vor ſeiner Ab⸗ reiſe zugeſtellt worden war, und den Ehering, den König Karl vor ſeinem Tode Aramis übergeben hatte. Seitdem er ſie empfangen, hatten dieſe beiden Gegen⸗ ſtände Athos nicht mehr verlaſſen. Er überreichte ſie der Königin mit ſtummem, tiefem Schmerze. Die Königin ergriff den Ring, drückte ihn krampf⸗ haft an ihre Lippen und ohne einen Seufzer ausſtoßen, ohne ein Schluchzen von ſich geben zu können, ſtreckte ſie die Arme aus, erbleichte und ſiel bewußtlos in die ihrer Frauen und ihrer Lochter. Athos küßte den Saum des Kleides der unglück⸗ lichen Wittwe und ſprach, ſich mit einer Majeſtät er⸗ hebend, welche einen tiefen Eindruck auf die Anweſen⸗ den hervorbrachte: „Ich, Graf de la Fere, Edelmann, der nie ge⸗ logen hat, ſchwöre vor Gott zuerſt und dann vor dieſer armen Königin, daß wir Alles, was zur Ret⸗ tung des Königs zu thun möglich war, auf dem Bo⸗ den von England gethan haben. Nun, Chevalier,“ fügte er, ſich gegen d'Herblay wendend, bei,„nun laßt uns gehen, unſere Pflicht iſt erfüllt.“ „Noch nicht,“ erwiederte Aramis,„wir haben noch ein Wort mit dieſen Herren zu ſprechen.“ Und er wandte ſich gegen Chatillon und ſagte: „Mein Herr, wäre es Euch nicht gefällig, auf einen Augenblick hinauszukommen, um vieſes Wort zu hören, das ich vor der Königin nicht ausſprechen kann?“ Chatillon verbeugte ſich zum Zeichen der Einwil⸗ ligung. Athos und Aramis gingen zuerſt hinaus, Fla⸗ marens und Chatillon folgten ihnen. Sie durchſchrit⸗ ten, ohne ein Wort zu ſprechen, das Veſtibule. Als ſie aber zu einer Terraſſe gelangt waren, welche eine gleiche Höhe mit einem Fenſter hatte, trat Aramis auf dieſe ganz einſame Terraſſe, blieb jedoch an dem Fenſter ſtille ſtehen und ſagte, ſich gegen den Herzog von Chatillon umwendend: „Mein Herr, Ihr habt Euch ſo eb ſcheint, uns auf eine ſehr hochmüthige deln erlaubt. Das war in keine en, wie mir ſe zu behan⸗ all ſchicklich, am wenigſten aber von Leuten, welche der Königin die Botſchaft eines Lügners überbracht haben. „Mein Herr!“ rief Chatillon. v* N — n ir „ n 17⁵ „Was habt Ihr denn mit Herrn von Bruh ge⸗ macht?“ fragte Aramis ironiſch.„Sollte er zufällig ſein Geſicht gewechſelt haben, das große Aehnlichkeit mit dem von Mazarin hatte? Es ſind bekanntlich im Palais⸗Royal viele italteniſche Masken vorräthig, von der von Arlequin bis zu der von Pantalon.“ „Es ſcheint, Ihr fordert uns heraus?“ ſagte Fla⸗ marens. „Ah! es ſcheint Euch nur, meine Herren?“ „Chevalier, Chevalier!“ ſagte Athos. „Ei, laßt mich doch machen,“ erwiederte Ara⸗ mis.„Ihr wißt wohl, daß ich die Dinge nicht liebe, welche auf halbem Wege ſtehen bleiben.“ „Vollendet alſo, mein Herr,“ verſetzte Chatillon mit einem Stolze, der in keiner Beziehung dem von Aramis nachgab. Aramis verbeugte ſich und erwiederte: „Meine Herren, ein Anderer, als ich oder der Graf de la Fere, würde Euch verhaften laſſen, denn wir haben einige Freunde in Paris. Aber wir bieten Euch ein Mittel, abzugehen, ohne beunruhigt zu werden. Plaudert mit uns fünf Minuten lang, den Mgen in der Hand, auf dieſer einſamen Terraſſe.“ „Gerne,“ ſprach Chatillon. „Einen Augenblick, meine Herren! 1 rens,„ich weiß wohl, daß der Vorſchlag lochind aber zu dieſer Stunde iſt es uns unmöglich, ihn anzu⸗ nehmen.“ „Und warum?“ verſetzte Aramis mit ſeinem ſpöt⸗ tiſchen Tone,„macht Euch die Nachbazſihft von Ma⸗ zarin ſo klug?“ 23 „Oh! Ihr begreift, Flamarens,“ ſpräch Chatillon, „nicht antworten, wäre ein Fleck an meinem Namen und an meiner Ehre.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ ſagte Aramis mit kaltem Tone. 6 „Ihr antwortet dennoch nicht, und dieſt Herren 176 werden, ich bin es überzeugt, ſogleich meiner Meinung Aramis ſchüttelte den Kopf auf eine unglaublich beleidigende Weiſe. Chatillon ſah dieſe Geberde und fuhr mit der Hand an den Degen. „Herzog,“ ſprach Flamarens,„Ihr vergeßt, daß Ihr morgen eine Expedition von der höchſten Wichtig⸗ keit befehligt, und daß Ihr, von den Herren Prinzen dazu augerſehen, von der Königin angenommen, nicht Euch gehört.“ „Es ſei. Uebermorgen alſo,“ ſprach Aramis. „Uebermorgen,“ erwiederte Chatillon,„das iſt ſehr lange, mein Herr.“ „Ich bin es nicht,“ entgegnete Aramis,„der dieſe Friſt feſtſtellt, dieſen Verzug fordert; um ſo mehr, als man ſich, wie es mir ſcheint, gerade bei der Expedi⸗ tion finden könnte.“ „Ja, mein Herr, Ihr habt Recht,“ rief Chatillon, „mit großem Vergnügen, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen wollt, bis zu den Thoren von Charenton zu kommen.“ „Wie, mein Herr, um die Ehre zu haben, Euch zu begegnen, gehe ich bis an das Ende der Welt, wa⸗ rum ſollte ich nicht zu dieſem Behufe ein paar Mei⸗ len machen?“ „Morgen alſo.“ „Ich zähle darauf. Begebt Euch nun wieder zu Eurem Cardinal. Zuvor aber ſchwört uns bei Eurer Ehre, daß Ihr ihn nicht von unſerer Rückkehr in Kennt⸗ niß ſetzen werdet.“ „Bedingungen?“ „Warum nicht?“ „Weil es an den Siegern iſt, ſolche zu machen, und weil Ihr dieſe noch nicht ſeid meine Herren.“ „Dann ſogleich den Degen gezogen. Uns iſt das ſe 16 i⸗ n, zu ich d⸗ ei⸗ zu rer nt⸗ en, s — gleichgültig, uns, die wir die Erpedition von morgen nicht anzuführen haben.“ Chatillon und Flamarens ſchauten ſich an. Es lag ſo viel Jronie in dem Worte und in der Geberde von Aramis, daß Chatillon beſonders große Mühe hatte, ſeinen Zorn im Zaume zu halten. Aber auf ein Wort von Flamarens hielt er an ſich. „Nun wohl, es ſei.“ ſprach er.„Unſer Gefährte, wer es auch ſein mag, ſoll nichts von dem, was vor⸗ gefallen iſt, erfahren. Aber Ihr verſprecht uns, mein Herr, Euch morgen gewiß in Charenton einzufinden.“ Die vier Edelleute begrüßten ſich; doch dießmal gingen Chatillon und Flamarens voran, als ſie den Se verließen, und Athos und Aramis folgten ihnen. „Ueber wen habt Ihr denn dieſe ganze Wuth, Aramis?“ fragte Athos. „Ei, bei Gott! nur über diejenigen, an welche ich mich hielt.“ „Was haben ſie Euch denn gethan?“ „Sie haben mir gethan, habt Ihr es denn nicht bemerkt?“ „Nein.“ „Sie haben ſpöttiſch gelächelt, als wir ſchwuren, wir hätten unſere Pflicht in England gethan, glaub⸗ ten ſie es nun, oder glaubten ſie es nicht. Glaubten ſie es, ſo lächelten ſie auf dieſe Art, um uns zu be⸗ leidigen; glaubten ſie es nicht, ſo beleidigten ſie uns abermals, und wir müſſen ihnen nothwendig beweiſen, daß wir zu etwas taugen. Uebrigens iſt es mir nicht unangenehm, daß ſie die Sache auf morgen verſchoben aben. Ich denke, wir haben dieſen Abend etwas Beſſeres zu thun, als den Degen zu ziehen.“ „Was haben wir denn zu thun?“, „Ei, bei Gott, wir müffen den Mazarin gefangen nehmen.“ Zwanzig Jahre nachher. w. 12 178 Athos verzog auf eine verächtliche Weiſe ſeine Lippen und erwiederte: „Dergleichen Unternehmungen ſagen mir, wie Ihr wißt, nicht zu, Aramis.“ „Warum?“ „Weil ſie Ueberrumpelungen gleichen.“ „In der That, Athos, Ihr wäret ein ſonderbarer Heerführer. Ihr würdet Euch am hellen Tage ſchla⸗ gen, Ihr würdet Euren Feind von der Stunde in Kenntniß ſetzen, in der Ihr ihn anzugreifen gedächtet, und würdet Euch wohl hüten, irgend Etwas in der Nacht gegen ihn zu verſuchen, aus Furcht, er könnte Euch beſchuldigen, Ihr hättet die Dunkelheit benützt.“ Athos lächelte. „Ihr begreift, man kann ſeine Natur nicht verän⸗ dern,“ ſagte er.„Ueberdieß wißt Ihr, woran wir ſind, und ob die Verhaftung von Mazarin nicht eher ein Uebel als ein Gut, eine Verlegenheit als ein Tri⸗ umph wäre.“ „Sprecht, Athos, Ihr mißbilligt meinen Vor⸗ ſchlag?“ „Nein, ich glaube im Gegentheil, daß er den Kriegsgeſetzen gemäß iſt. Doch„ „Doch, was?“ „Ich glaube, Ihr hättet dieſe Herren nicht ſchwö⸗ ren laſſen ſollen, Mazarin nichts zu ſagen; denn in⸗ dem Ihr ſie dieſes ſchwören ließet, habt Ihr beinahe die Verbindlichkeit übernommen, nichts zu thun.“ „Ich habe keine Verbindlichkeit übernommen, das ſchwöre ich Euch. Ich betrachte mich alſo hier voll⸗ kommen„Laßt uns gehen, Athos.“ „Wohin?“ „Zu Herrn von Beaufort oder zu Herrn von Bouillon; wir werden ihnen ſagen, wie ſich die Sache verhält.“ „Ja, aber unter der Bedingung, daß wir mit dem Herrn Cvadjutor anfangen. Er iſt ein Prieſter, er — —,— 5⸗ n⸗ he 6 U⸗ on he m er 179 verſteht ſich auf Gewiſſensfälle, und wir werden ihm den unſern vorlegen.“ „Ah!“ ſagte Aramis,„er wird Alles verderben, Alles ſich zueignen; endigen wir lieber mit ihm, ſtatt mit ihm anzufangen.“ Athos lächelte. Man ſah, daß ſich in ſeinem In⸗ nern ein Gedanke bewegte, den er nicht ausſprach. „Gut, es ſei,“ ſagte erz„bei welchem fangen wir an?“ „Bei Herrn von Bouillon, wenn Ihr wollt; ihn finden wir zuerſt auf unſerem Wege.“ „Nur erlaubt Ihr mir Eines, nicht wahr?“ „Was 2 „Daß ich einen Augenblick im Gaſthofe zum Grand⸗ Empereur⸗Charlemagne anhalte, um Raoul zu um⸗ armen.“ „Ich gehe mit Euch, wir umarmen ihn gemein⸗ ſchaftlich.“ Die Freunde nahmen das Schiff wieder, vas ſie gebracht hatte, und ließen ſich nach den Hallen führen. Hier fanden ſie Grimaud und Blaiſois, welche ihre Pferde hielten, und alle Vier wanderten nach der Rue Guénégaud. Aber Ravul war nicht im Gaſthofe zum Granv⸗ Charlemagne; er hatte am Tage eine Botſchaft von dem Herrn Prinzen erhalten, und war mit Slivain ſogleich nach Empfang derſelben abgegangen. XIV. Die drei Lieutenants des Generaliſſimus. Verabredeter Maßen und in der von ihnen feſtge⸗ ſtellten Ordnung begaben ſich Athos und Aramis, als 180 ſie den Gaſthof zum Grand⸗Empereur⸗Charle⸗ magne verließen, in das Hotel des Herrn Herzogs von Bouillon. Die Nacht war rabenſchwarz, wiederhallte aber, obgleich gegen die ſchweigſamen, öden Stunden vor⸗ rückend, beſtändig von dem tauſendfachen Geräuſche einer belagerten Stadt. Auf jedem Schritte traf man Barricaden, an jeder Biegung der Straßen ausge⸗ ſpannte Ketten, auf jedem Kreuzwege Bivouacs. Die Patrouillen zogen, das Loſungswort austauſchend„an einander vorbei; die von den verſchiedenen Chefs ab⸗ geſchickten Boten durchfurchten die Plätze; belebte, die Aufregung der Geiſter bezeichnende Geſpräche wurden zwiſchen friedlichen Bürgern, die an den Fenſtern ſtanden, und ihren kriegeriſcheren Mitbürgern gepflo⸗ gen, welche die Partiſane auf der Schulter oder die Büchſe im Arm in den Straßen umherliefen. Athos und Aramis machten keine hundert Schritte, ohne von den an den Barricaden aufgeſtellten Wachen angehalten zu werden, welche ſie nach dem Loſungs⸗ worte fragten; aber ſie erwiederten, ſie gingen zu Herrn von Bouillon, um ihm eine wichtige Nach⸗ richt zu überbringen, und man begnügte ſich, ihnen einen Führer zu geben, der unter dem Vorwande, ſie zu begleiten und ihnen das Durchkommen leichter zu machen, ſie zu bewachen beauftragt war. Dieſer ging vor ihnen her und ſang dabei: Le brave Monsieur de Bouillon Est incommodé de la goutte 4) Es war dies eines der neneſten Triolette von Gott weiß wie vielen Strophen, worin jeder ſeinen Theil hatte. Als man in die Gegend des Hotel Byuillon kam, kreuzte man eine kleine Truppe von drei Reitern, * Der brave Herr von Bouillon wird von der Gicht geplagt. welche alle Parolen der Welt hatten, denn ſie marſchirten ohne Führer und ohne Escorte, und als ſie an die Barricaden kamen, hatten ſie mit denen, welche dieſelben bewachten, nur ein paar Worte auszutauſchen; man ließ ſie mit aller Achtung paſſiren, die man ohne Zweifel ihrem Range ſchuldig war. Als Athos und Aramis die Reiter gewahr wurden, hielten ſie an. „Oh! oh!“ ſprach Aramis,„ſeht Ihr, Graf?“ „ a.“ „Was meint Ihr von dieſen drei Reitern?“ „Was Ihr,— Aramis?“ „Es find unſere Leute.“ „Ihr täuſcht Euch nicht, ich habe Herrn von Fla⸗ marens vollkommen erkannt.“ „Und ich Herrn von Chatillon.“ „Was den Reiter im blauen Mantel betrifft.„ „Es war der Cardinal.“ „In Perſon.“ „Wie Teufels können ſie ſich ſo in die Nähe des Hotel Bouillon wagen?“ fragte Aramis. Athos lächelte, antwortete aber nicht. Fünf Mi⸗ nuten nachher klopften ſie an der Thüre des Prinzen. Es ſiand eine Schildwache davor, wie dieß bei Leuten, welche mit einem höherem Grade bekleidet ſind, der Fall iſt; ein kleiner Poſten befand ſich ſogar im Hofe, bereit, den Befehlen des Lieutenant des Herrn Prinzen von Conti zu gehorchen. Herr von Bouillon hatte, wie es das Lied ſagte, die Gicht und lag im Bette, aber trotz dieſer Krank⸗ heit, welche ihn ſeit einem Monat, das heißt ſeitdem Paris belagert wurde, zu Pferde zu ſteigen verhinderte, ließ er nichtsdeſtoweniger ſagen, er wäre bereit, den Herrn Grafen de la Fere und den Herrn Chevalier d'Herblay zu empfangen. Die zwei Freunde wurden bei dem Herrn Herzog vyn Bouillon eingeführt. Der Kranke war in ſeinem Zimmer im Bette, aber von der militäriſchſten Rüſtung umgeben. Ueberall an den Wänden hingen Schwerter, Piſtolen, Panzer und Büchſen, und es war leicht zu ſehen, daß Herr von Bouillon, ſobald er nicht mehr krank wäre, den Feinden des Parlaments eine böſe Nuß aufzuknacken geben würde. Mittlerweile war er, er ſagte, zu ſeinem großen Bedauern im Bette ge⸗ halten. „Ah! meine Herren,“ rief er, als er die zwei Beſuche erblickte, und machte dabei, um ſich in ſeinem Betie zu erheben, eine Anſtrengung, die ihm eine Grimaſſe des Schmerzes entriß.„Ihr ſeid ſehr glücklich! Ihr könnt zu Pferde ſteigen, kommen, gehen, für die Sache des Volkes kämpfen. Ich aber bin, wie Ihr ſeht, an das Bett gefeſſelt. Ah! Teufel von einer Gicht!“ mur⸗ melte er mit einer neuer Grimaſſe,„Teufel von einer Gicht!“. „Monſeigneur,“ ſprach Athos,„wir kommen von England, und es war unſere erſte Sorge, als wir Paris erreichten, hierher zu gehen, um uns nach Euerer Geſundheit zu erkundigen.“ „Großen Dank, meine Herren, großen Dank!“ verſetzte der Herzog.„Schlecht ſteht es mit meiner Geſundheit, wie Ihr ſeht; Teufel von einer Gicht. Oh! Ihr kommt von England! und der König Karl befindet ſich wohl, wie ich gehört habe?“ „Er iſt todt, Monſeigneur,“ erwiederte Aramis. „Bah!“ rief der Herzog erſtaunt. „Geſtorben auf dem Blutgerüſte, verurtheilt vom Parlament.“ „Unmöglich.“ „Hingerichtet in unſerer Gegenwart.“ „Was ſagte mir denn Herr von Flamarens?“ „Herr von Flamarens?“ fragte Aramis. „Ja, er geht ſo eben von hier weg.“ Athos lächelte. „Mit zwei Gefährten?“ ſagte er, c—c— cc————„ 183 „Mit zwei Gefährten, ja, antwortete der Herzoz, dann aber fügte er mit einer gewiſſen Unruhe bei: „Solltet Ihr ſie begegnet haben?“ „Ja, auf der Straße, wie mir ſcheint,“ ſprach os. Und er ſchaute lächelnd Aramis an, der ihn ſei⸗ ner Seits mit etwas erſtaunter Miene betrachtete. „Teufel von einer Gicht!“ rief Herr von Bouillon, dem offenbar gar nicht wohl war. „Monſeigneur,“ verſetzte Athos,„es bedarf in der That Euerer ganzen Anhänglichkeit an die Sache der Pariſer, um leidend, wie Ihr ſeid, an der Spitze der Waffen zu bleiben, und dieſe Beharrlichkeit erregt ſowohl meine Bewunderung, als die von Herrn d'Herblay.“ „Was wollt Ihr, meine Herren, man muß(und Ihr gebt ein Beiſpiel hievon, Ihr, die Braven, die Treuen, Ihr, denen mein theuerer College, der Herzog von Beaufort, das Leben und die Freiheit zu verdanken hat), man muß ſich der öffentlichen Sache opfern. Ich opfere mich auch, wie Ihr ſeht, aber ich geſtehe, mit meinen Kräften geht es zu Ende. Der Kopf iſt gut, das Herz iſt gut, aber dieſer Teufel von einer Gicht bringt mich um, und ich ſpreche es offen aus, wenn der Hof meinen Forderungen, meinen billigen Forderungen Gerechtigkeit widerfahren ließe, denn ich verlange nichts Anderes, als die mir von dem früheren Cardinal zu⸗ geſagte Entſchädigung dafür, daß man mir mein Fürſtenthum Sedan nahm; wenn man mir Domänen von demſelben Werthe geben würde, wenn man mich für den Nichtgenuß dieſes Eigenthums, ſeitdem es mir genommen worden iſt, das heißt, ſeit acht Jahren ent⸗ ſchädigte; wenn der Titel Prinz den Mitgliedern mei⸗ ner Familie bewilligt und mein Bruder Turenne wie⸗ der in ſein Commando eingeſetzt würde, ſo zöge ich mich ſogleich auf meine Güter zürück und ließe den Hof und das Parlament die Sache, ſo gut ſie es könn⸗ ten, unter ſich ausmachen.“ „Und Ihr hättet ſehr Recht, Monſeigneur,“ ſprach 6 os. „Nicht wahr, das iſt Euer Rath, Herr Graf de la Feère.“ „Ganz und gar.“ 6 zUnd der Euerige auch, Herr Chevalier d'Her⸗ ay* „Vollkommen.“ „Nun wohl, ich geſtehe Euch, meine Herren,“ verſetzte der Herzog,„daß ich ihn höchſt wahrſcheinlich befolgen werde. Der Hof macht mir in dieſem Augen⸗ blicke Anerbietungen; es hängt nur von mir ab, ſie anzunehmen. Bis zu dieſer Stunde habe ich ſie zu⸗ rückgewieſen, da mir aber Männer, wie Ihr ſeid, ſagen, ich habe Unrecht, und beſonders, da mich dieſer Teufel von einer Gicht in die Unmöglichkeit verſetzt, der Pariſer Sache Dienſte zu leiſten, ſo habe ich mei⸗ ner Treue große Luſt, Euern Rath zu befolgen und den Antrag anzunehmen, den mir Herr von Chatillon gemacht hat.“ „Nehmt ihn an, Prinz, nehmt ihn an,“ ſagte Aramis. „Meiner Treue, ja, es ärgert mich auch, daß ich ihn dieſen Abend beinahe von mir gewieſen habe, aber morgen findet eine Conferenz ſtatt, und wir wer⸗ den ſehen.“ Die zwei Freunde verbeugten ſich vor dem Herzog. „Geht, meine Herren,“ ſagte dieſer,„geht. Ihr müßt von der Reiſe ſehr müde ſein. Armer König Karl! Aber er hat doch auch ein wenig die Schuld an Allem dem, und es muß uns tröſten, daß ſich Frank⸗ reich bei dieſer Gelegenheit keinen Vorwurf zu machen hat, und daß Alles geſchehen iſt, was ſich von unſerer Seite zu ſeiner Rettung thun ließ.“ — 2 n⸗ ſie u⸗ id, er z, i⸗ nd n ſte e, r⸗ ———————— „Oh, was das betrifft,“ verſetzte Aramis,„ſo find wir Zeugen, beſonders hinſichtlich der Bemühungen von Herren von Mazarin.“ „Seht Ihr wohl! Es freut mich, daß Ihr ihm dieſes Zeugniß gebt. Der Cardinal iſt im Ganzen gut, und wenn er nicht ein Fremder wäre, ſo würde man ihm Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Oh! Teu⸗ fel von einer Gicht!“ Athos und Aramis entfernten ſich. Aber die Aus⸗ rufungen von Herrn von Bouillon folgten ihnen bis in das Vorzimmer. Der arme Prinz litt offenbar wie ein Verdammter. Als ſie zu der Hausthüre gelangt waren„ſagte Aramis zu Athos: „Nun, was denkt Ihr?“ „Von was?“ „Von Herrn von Bouillon.“ „Mein Freund, ich denke, was das Triolett un⸗ ſeres Führers denkt,“ erwiederte Athos. Le pauvre mensieur de Bouillon Est incommodé de la Eöutte „Ich habe deshalb auch nicht von dem Gegenftand geathmet, der uns hieher führte,“ ſprach Aramis. „Und daran habt Ihr wohl gethan, denn Ihr hättet einen neuen Anfall veranlaßt. Gehen wir zu Herrn von Beaufort.“ Die zwei Freunde wanderten nach dem Hotel Ven⸗ öme. Es ſchlug zehn Uhr, als ſie daſelbſt anlangten. Das Hotel Vendöme war nicht minder gut be⸗ wacht, und hot einen nicht minder kriegeriſchen An⸗ blick, als das von Bouillon. Man fand hier Schild⸗ wachen, einen Poſten im Hof, Gewehre in Pyrami⸗ den aufgeſtellt und geſattelte Pferde an Ringen. Zwei i welche herauskamen, waren genöthigt, ihre Pferde einen Schritt rückwärts machen zu laſſen, da⸗ mit Aramis und Athos vorüber konnten. „Ah, ah, meine Herren,“ ſprach Aramis,„das iſt offenbar die Nacht des Zuſammentreffens, und wir wären ſehr unglücklich, wenn wir, nachdem wir uns heute ſo oft begegnet haben, uns morgen nicht ſehen würden.“ „Was das betrifft, mein Herr,“ antwortete Cha⸗ tillon, denn er war es, der mit Flamarens von dem Herzog herauskam,„könnt Ihr ruhig ſein. Wenn wir uns in der Nacht begegnen, ohne uns zu ſuchen, ſo werden wir uns noch viel mehr bei Tag begegnen, in⸗ dem wir uns ſuchen.“ „Ich hoffe es, mein Herr,“ ſprach Aramis. „Und ich bin deſſen gewiß,“ ſagte der Herzog. Die Herren von Flamarens und Chatillon ſetzten ihren Weg fort, und Aramis und Athos ſtiegen ab. Kaum hatten ſie den Zügel ihrer Pferde ihren Lackeien zugeworfen und ſich ihrer Mäntel entlevigt, als ſich ihnen ein Mann näherte, und nachdem er ſie einen Augenblick bei der zweifelhaften Helle einer mit⸗ ten im Hofe aufgehängten Laterne betrachtet hatte, ei⸗ nen Schrei des Erſtaunens ausſtieß und ſich ihnen in die Arme warf. „Graf de la Fere!“ rief dieſer Mann,„Chevalier vHerblay! Wie kommt Ihr hieher nach Paris?“ „Rochefort!“ riefen gleichzeitig die zwei Freunde. „Allerdings. Wir find, wie Ihr wohl erfahren habt, vor vier oder fünf Tagen von Vendöme hieher gekommen, und ſchicken uns an, Mazarin Arbeit zu geben. Ich ſetze vvraus, Ihr gehört immer noch zu den Unſeren.“ „Mehr als je. Und der Herzog?“ „Iſt wüthend gegen den Cardinal. Kennt Ihr die glücklichen Erfolge dieſes theuern Herzogs? Er iſt der wahre König von Paris. Er kann nicht aus⸗ gehen, ohne daß man ihn beinahe erdrückt.“ „Deſto beſſer,“ ſprach Aramis.„Aber ſagt mir, „Ah, was meine Geſundheit betrifft, ſo ſeht Ihr, meine Herren, daß ſie vortrefflich iſt; eine Geſundheit, welche einer fünffährigen Gefangenſchaft unter der Bewachung von Herrn von Chaviany widerſtanden hat, vermag Alles auszuhalten. Was jedoch meine Befehle betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich ſehr in Verlegen⸗ heit bin, Euch ſolche zu geben, in Betracht, daß Jeder die ſeinigen gibt, und daß ich am Ende, wenn es ſo fortgeht, gar keine mehr geben werde.“ „Wirklich?“ ſprach Athos,„ich glaubte doch, das Parlament rechne auf Eure Einhelligkeit.“ „Ah, ja, unſere Einhelligkeit, ſie iſt gar ſchön. Mit dem Herzog von Bouillon geht es noch; er hat die Gicht und verläßt ſein Bett nicht; mit ihm kann man ſich noch verſtändigen; aber mit Herrn von El⸗ boeuf und ſeinen Elephanten von Söhnen niemals. Sie ſchreien und prahlen auf öffentlichen Plätzen, ſo bald es aber zum Schlagen kommt, dann gute Nacht kriegeriſche Laune.“ 3 bei dem Herrn Cvadjutor iſt es hoffentlich nicht ſo?“ „Ah! ja wohl, bei dem Herrn Cvadjutor iſt es noch ſchlimmer. Gott bewahre Euch vor ſtreitſüchtigen Prälaten, beſonders wenn ſie einen Panzer auf der Simarre tragen. Wißt Ihr, was er thut, ſtatt ſich ruhig zu verhalten und Te Deum für die Siege zu ſingen, welche wir davontragen, oder für die Siege, wo wir geſchlagen werden?“ „Nein.“ „Er bildet ein Regiment, dem er ſeinen Namen gibt; das Regiment Korinth. Er macht Lieutenants Kapitäne, nicht mehr und nicht weniger, als ein Mar⸗ ſchall von Frankreich, und Oberſte, wie der König.“ „Ja,“ ſprach Aramis;„aber wenn man ſich ſchlägt, wird er hoffentlich in ſeinem erzbiſchöflichen Palaſte bleiben.“ ¹ „Keineswegs. Ihr täuſcht Euch, mein lieber S 8 ScS 5 eit, der den ine en⸗ daß enn das ön. hat mn El⸗ s. ſo cht ich en der ich ge, en its r⸗ ich en er wäre eben ſo viel werth. dHerblay. Wenn man ſich ſchlägt, ſchlägt er ſich auch, ſo daß man ihn, da er durch den Tod ſeines Oheims Sitz im Parlament erhalten hat, beſtändig zwiſchen die Beine bekommt im Parlament, im Rathe, in der Schlacht. Der Prinz von Conti iſt General in der Einbildung, und was für eine Ein⸗ bildung iſt dies! Ein buckeliger Prinz, ein Nußknacker Ah, es geht Alles ſchlecht, meine Herren, Alles geht ſehr ſchlecht.“ „Monſeigneur, Euere Hoheit iſt alſo unzufrieden?“ ſprach Athos, einen Blick mit Aramis austauſchend. „Unzufrieden, Graf? ſagt: meine Hoheit ſei wü⸗ thend, dergeſtalt, das geſtehe ich nur Euch, daß ich, wenn die Königin alles Unrecht, welches ſie gegen mich gehabt hat, anerkennen würde, wenn ſie meine verbannte Mutter zurückrufen wollte, wenn ſie mir die Anwartſchaft auf die Admiralswürde, die meinem Herrn Vater gehörte und die mir nach ſeinem Tode verſprochen worden iſt, ertheilte, keinen Anſtand neh⸗ men würde, Hunde abzurichten, welche ſprechen müß⸗ ten, es gäbe in Frankreich größere Diebe als Herrn von Mazarin.“ Athos und Aramis tauſchten nun nicht nur ein Lächeln, ſondern einen Blick und ein Lächeln aus, und „Monſeigneur, wir ſind nun befriedigt,“ prach Athos.„Als wir zu dieſer Stunde zu Euerer Hoheit kamen, hatten wir i rgebenheit an den Tag zu legen und ihr zu ſagen, aß wir als ihre gehorſamſten Diener ganz und gar zu ihrer Verfügung ſtehen.“ „Als meine treuften Freunde, meine Herren, als 190 meine treuſten Freunde Ihr habt es mir bewieſen, und wenn ich je mich mit dem Hofe ausſöhne, ſo werde ich Euch beweiſen, daß ich Euer Freund, ſowie der jener Herren geblieben bin, wie nennt Ihr ſie doch?“ „DArtagnan und Porthos.“ „Ah, ja, ſo iſt es. Ihr begreift alſo, Graf de la Fere, Ihr begreift, Chevalier d'Herblay, ganz und immer Euer Freund.“ Athos und Aramis verbeugten ſich und verließen das Zimmer. „Mein lieber Athos,“ ſprach Aramis,„Gott ver⸗ zeihe mir, ich glaube, Ihr habt nur eingewilligt, mich zu begleiten, um mir eine Lehre zu geben?“ „Wartet doch, mein Lieber,“ ſprach Athos,„es iſt noch Zeit zu dieſer Bemerkung, wenn wir vom Coadjutor kommen.“ „Gehen wir alſo in den erzbiſchöflichen Palaſt,“ erwiederte Aramis. Und Beide wanderten der Cite zu. Als man ſich der Wiege von Paris näherte, fan⸗ den Athos und Aramis die Straßen überſchwemmt, und fie mußten wieder eine Barke nehmen. Es war gilf Uhr vorüber, aber man wußte, daß es keine Stunde gab, in der man ſich nicht bei dem Coadjutor einfinden durfte, denn ſeine unglaubliche Thätigkeit machte je nach den Bevürfniſſen aus der Nacht Tag, aus dem Tage Nacht. Der erzbiſchöfliche Palaſt trat aus dem Schvoße des Waſſers hervor, und aus der großen Anzahl rings um den Pallaſt her angebundener Barken hätte man ſchließen ſollen, man befände ſich nicht in Paris, ſon⸗ dern in Venedig. Dieſe Barken kamen„ gingen, durchkreuzten ſich in allen Richtungen, drangen in das Irrſaal der Straßen der Cite oder entfernten ſich nach dem Arſenale oder dem Quai Saint⸗Victor zu und ſchwammen ſodann wie auf einem See. Die einen von dieſen Barken waren ſtumm und geheimnißvoll, die. ſen, rde der nd en er⸗ m n⸗ t, ar ne or it g e in n⸗ 16 d n ie 191 andern geräuſchvoll und beleuchtet. Die zwei Freunde ſchlüpften mitten durch dieſe Welt von Fahrzeugen und landeten ebenfalls. Das ganze Erdgeſchoß des erzbiſchöflichen Palaſtes war überſchwemmt; aber man hatte eine Art von Treppen an den Wänden angebracht, und die ganze Veränderung in Folge der Ueberſchwemmung beſtand darin, daß man flatt durch die Thüren, durch die Fen⸗ ſter einging. So gelangten Athos und Aramis in das Vorzim⸗ mer des Prälaten. Dieſes Vorzimmer war voll von Lackeien, denn es hatte fich etwa ein Dutzend vorneh⸗ mer Herren in dem Warteſaal verſammelt. „Mein Gott! ſeht doch, Athos,“ ſprach Aramis, zich glaube, dieſer Geck von einem Coadjutor will 66 das Vergnügen machen, uns antichamdriren zu aſſen.“ Athos erwiederte lächelnd: „Mein lieber Freund, man muß die Leute mit allen Uebeln ihrer Stellung nehmen. Der Coadjutor iſt in dieſem Augenblick einer von den fieben oder acht Frigen welche in Paris herrſchen. Er hat einen D 3 t„Ja,“ verſetzte Aramis,„aber wir find keine Höf⸗ inge.“ „Wir ſchicken ihm auch nur unſere Namen zu, und wenn er, nachdem er ſie geſehen, keine paſ⸗ ſende Antwort gibt, nun ſo überlaſſen wir ihn den Angelegenheiten von Frankreich und den ſeinigen. Wir brauchen nur einen Bedienten zu rufen und ihm eine halbe Piſtole in die Hand zu drücken.“ „Ei, ſeht doch,“ rief Aramis,„ich täuſche mich icht, ein, doch; Bazin, kommt hieher, Burſche!“ Bazin, der in dieſem Augenblick in ſeinem Kirchen⸗ ſanb majeſtätiſch das Vorzimmer durchſchritt, wandte ch mit gerunzelter Stirne um, ohne Zweifel, um zu 192 ſehen, wer der Freche wäre, der ihn auf dieſe Art an⸗ riefe. Aber kaum hatte er Aramis erkannt, ſo wurde der Tiger zum Lamm; er näherte ſich den zwei Evel⸗ leuten und ſprach: „Wie, Ihr ſeid es, Herr Chevalier! Ihr ſeid es, Herr Graf! Ihr kommt Beide in dem Augenblick, wo wir ſo ſehr über Euch in Unruhe waren.“ „Es iſt gut, es iſt gut, Meiſter Bazin,“ verſetzte Aramis.„Laßt die Complimente. Wir kommen, um den Herrn Coadjutor zu beſuchen, aber wir haben Eile und müſſen ihn ſogleich ſehen.“ „Wie!“ rief Bazin,„ſogleich? Allerdings, Herren Eurer Art läßt man nicht im Vorzimmer warten. Nur ift er in dieſem Augenblick in einer geheimen Unterre⸗ dung mit Herrn von Brup begriffen.“ „Von Bruy!“ riefen gleichzeitig Athos und Aramis.„ „Ja, ich habe ihn gemeldet und erinnere mich ſeines Namens vollkommen. Kennt Ihr ihn, mein Herr?“ fügte Bazin, ſich an Aramis wendend, bei. „Ich glaube ihn zu kennen.“ „Ich kann nicht daſſelbe behaupten,“ verſetzte Ba⸗ zin;„denn er war ſo gut in ſeinen Mantel gehüllt, daß ich trotz aller Beharrlichkeit nicht das kleinſte Win⸗ kelchen ſeines Geſichtes zu ſehen vermochte. Aber ich will hineingehen und ich werde vielleicht diesmal glück⸗ licher ſein.“ „Unnöthig,“ ſagte Aramis,„wir leiſten darauf Verzicht, den Herrn Cvadjutor dieſen Abend zu ſehen; nicht wahr, Athos?“ „Wie Ihr wollt,“ ſprach der Graf. „Za, er hat zu wichtige Angelegenheiten mit Herrn von Bruy zu verhandeln.“ „Soll ich ihm melden, die Herren wären im erz⸗ hiſchöflichen Palaſte geweſen?“ „Nein, es iſt nicht der Mühe werth„erwiederte Aramis.„Kommt, Athos.“ die zut an⸗ rde el⸗ es, wo tzte um ren 193 Und den Haufen der Lackeien durchſchneidend, ver⸗ ließen die zwei Freunde den erzbiſchöflichen Palaſt, ge⸗ folgt von Bazin, der durch ſeine zahlloſen Verbeugun⸗ gen ihre Wichtigkeit bezeugte. „Nun?“ fragte Athos, als Aramis und er wieder in der Barke waren,„fangt Ihr an zu glauben, daß wir, wenn wir Herrn von Mazarin verhaftet hätten, dieſen Leuten einen ſehr ſchlimmen Streich geſpielt ha⸗ ben würden?“ „Ihr ſeid die eingefleiſchte Weisheit, Athos,“ er⸗ wiederte Aramis. Es war den zwei Freunden beſonders das geringe Gewicht aufgefallen„das der Hof von Frankreich auf die furchtbaren Ereigniſſe legte, welche ſich in England zugetragen hatten, während dieſe Sache ihrer Anſicht nach die Aufmerkſamkeit von ganz Europa in Anſpruch nehmen mußte. Abgeſehen von einer armen Wittwe und einer königlichen Waiſe, welche in einem Winkel des Louvre weinten, ſchien Niemand zu wiſſen, daß es einen Kö⸗ nig Karl I. gegeben hatte, und daß dieſer König auf dem Blutgerüſte geſtorben war. Die zwei Freunde beſchieden ſich auf den andern Morgen um zehn Uhr, denn obgleich die Nacht ſehr vorgerückt war, als ſie zu der Thüre des Gaſthofes gelangten, behauptete doch Aramis, er hätte einige ſehr Pis Beſuche zu machen, und ließ Athos allein ein⸗ reten. Als es am andern Morgen zehn Uhr ſchlug, wa⸗ ren ſie verſammelt. Von ſechs Uhr Morgens an war Athos ebenfalls ausgegangen. 1„Nun, habt Ihr irgend eine Kunde?“ fragte vs. „Keine; man hat dArtagnan nirgends geſehen, und Porthos iſt auch noch nicht erſchienen. Und Ihr?“ „Nichts.“ Zwanzig Jahre nachher. v. 13 194 „Teufel!“ rief Aramis. „In der That,“ ſprach Athos,„dieſes Zögern iſt nicht natürlich. Sie haben den geradeſten Weg einge⸗ ſchlagen, und ſollten daher vor uns eingetroffen ſein.“ „Fügt dem bei, daß wir die Raſchheit der Ma⸗ noeuvres von d'Artagnan kennen, und daß er nicht der Mann iſt, eine Minute zu verlieren, wenn er weiß, daß wir auf ihn warten.“ „Er gedachte, wie Ihr Euch erinnert, am fünften hier zu ſein.“ „Und wir haben heute den neunten. Dieſen Abend läuft die beſtimmte Friſt ab.“ „Was beabſichtigt Ihr zu thun?“ fragte Athos; „wenn wir dieſen Abend keine Rachricht haben.“ „Bei Gott, wir müſſen nachforſchen.“ „Gut,“ verſetzte Athos. „Aber, Raonk?“ fragte Aramis. leichte Wolke zog über die Stirne des Gra⸗ en hin. „Raoul macht mir große Unruhe,“ ſagte er.„Er hat geſtern eine Botſchaft vom Prinzen von Condé er⸗ halten, iſt zu ihm nach Saint⸗Clond abgegangen und nicht wiever zurückgekehrt.“ „Habt Ihr Frau von Chevreuſe nicht geſehen?“ „Sie war nicht zu Hauſe. Aber Ihr, Aramis, Ihr müßt wohl bei Frau von Longueville vorüberge⸗ kommen ſein?“ „In der That, ſo iſt es.“ „Nun?“ „Sie war auch nicht zu Hauſe; aber ſie hatte Si die Adreſſe ihrer neuen Wohnung zurück⸗ gelaſſen. „Wo war fie?“ „Rathet.“ „Wie ſoll ich errathen, wo man um Milternacht iſt; denn ich ſetze voraus, daß Ihr Euch, als Ihr mich verließet, zu ihr begeben habt. Wie ſoll ich er⸗ —— —— zu be til Co die hat Eu cher beg gen iſt e⸗ ⸗ er ß, n d — M— 195 rathen, wo ſich um Mitternacht die ſchönſte und thä⸗ tigſte von allen Frondeuſen befindet 2“ „Im Stadthauſe, mein Lieber.“ „Wie, im Stadthauſe? Iſt ſie zum Prevot der Handelsleute ernannt worden?“ „Nein, aber fie hat ſich zur interimiſtiſchen Köni⸗ gin von Paris gemacht. Und da ſie es nicht wagte, fich von Anfang an im Palais⸗Royal oder in den Tuilerien feſt zu ſtellen, ſo quartierte ſie ſich einſtwei⸗ len im Stadthauſe ein, wo ſie demnächſt dieſem lieben Herzog einen Erben ober eine Erbin geben wird.“ „Ihr habt mir dieſen Umſtand nicht mitgetheilt,“ ſprach Athos. „Wirklich? eine Vergeßlichkeit; entſchuldigt.“ „Nun ſprecht, was wollen wir von jetzt bis zum Abend machen? Es ſcheint mir, wir find ſehr müßig.“ „Ihr vergeßt, mein Freund, daß wir ein ganz beſtimmtes Geſchäft haben.“ „Wo dieß?“ „Bei Charenton. Ich habe Hoffnung, ſeinem Verſprechen gemäß einen gewiſſen Herrn von Cha⸗ tillon dort zu treffen, den ich ſeit langer Zeit haſſe.“ „Und warum?“ „Weil er der Bruder eines gewiſſen Herrn von Coligny iſt.“ „Ah, das iſt wahr, ich vergaß es der auf die Ehre, Euer Nebenbuhler zu ſein, Anſpruch gemacht hat. Er iß ſehr grauſam für dieſe Kühnheit beſtraft worden, mein Lieber, und in der That, das müßte Euch genügen.“ „Ja, aber was wollt Ihr, das genügt mir nicht. Ich bin ſtreitſüchtig, das iſt der einzige Punkt, in wel⸗ chem ich mit der Kirche eine Aehnlichkeit habe. Ihr begreift übrigens hienach, Athos, daß Ihr keineswegs genöthigt ſeid, mir zu folgen.“ „Stille,“ erwiederie Athos,„Ihr ſcherzt.“ „Gut, mein Lieber; wenn Ihr alſo entſchloſſen ſeib, mich zu begleiten, ſo haben wir keine Zeit zu verlieren. Man hat die Trommel gerührt, ich be⸗ gegnete abgehend den Kanonen und ſah die Bürger, welche ſich vor dem Stadthauſe aufſtellten. Man wird ſich ſicherkich bei Charenion ſchlagen, wie geſtern der Herzog von Chatillon geſagt hat.“ „Ich hätte geglaubt, die Unterredungen in dieſer Nacht würden einige Veränderung in die kriegeriſche Stimmung gebracht haben.“ „Allerdings, man wird ſich aber deſſen ungeachtet ſchlagen, und wäre es nur, um dieſe Unterredungen zu maskiren.“ „Arme Leute!“ verſetzte Athos,„ie ſich tödten laſſen, damit man Sedan dem Herrn von Buuillon zurückgibt, die Antwartſchaft auf die Admiralswürde Herrn von Beaufort verleiht, und damit der Cvadjutor Cardinal wird.“ „Stille, ſtille, mein Lieber,“ ſagte Aramis;„ge⸗ ſieht, daß Ihr nicht ſo ſehr Philoſoph wäret, ſollte Eur, Ravul nicht in dieſen ganzen Streit verwickelt ein. „Ihr ſprecht vielleicht die Wahrheit, Aramis.“ „Nun, ſo laßt uns dahin gehen, wo man ſich ſchlägt. Es iſt ein ſicheres Mittel, dArtagnan, Por⸗ thos und vielleicht ſogar Ravul wiederzufinden.“ „Ach!“ ſeufzte Athos. „Mein lieber Freund,“ ſagte Aramis,„nun, da wir in Paris find, müßt Ihr nothwendig die Gewohnheit, beſtändig zu ſeufzen, aufgeben. Friſch auf in den Kampf, Athos! Seid Ihr nicht mehr der Mann des Schwertes? Habt Ihr Euch zu der Kirche gewendet? Seht, da kommen hübſche Bürger vorüber. Das iſt bei Gott lockend. Und dieſer Kapitän, er hat beinahe eine militäriſche Haltung.“ „Sie kommen aus der Rue du Mouton.“ „Trymmeln voraus, wie wahre Soldaten. Aber rü we Leu en 197 ſeht doch jenen Burſchen dort, wie er ſich wiegt, wie er ſich brüſtet!“ „Ha!“ rief Grimaud. „Was?“ fragte Athos. „Planchet, gnädiger Herr.“ „Geſtern Lieutenant,“ ſprach Aramis,„heute Ka⸗ pitän, morgen ohne Zweifel Oberſter. In acht Ta⸗ gen iſt der Burſche Marſchall von Frankreich.“ 2„Wir wollen ihn um Auskunft fragen,“ ſagte thos. Die zwei Freunde näherten ſich Planchet, der, ſtolzer als je, weil er in Amt und Würde geſehen Da Athos und Aramis denſelben Weg zu machen hatten, ſo begleiteten ſie Planchet auf das ihm zuge⸗ wieſene Terrain. Planchet ließ ſeine Leute ziemlich geſchickt auf der Place Royal manveuvriren und ſellte ſie hinter einer langen Reihe von Bürgern auf, welche, das Signal zum Kampfe erwartend, Rue und Faubvurg Saint⸗ Antoine einnahmen. „Der Tag wird heiß werden,“ ſagte Panchet mit kriegeriſchem Tone. „Allerdings,“ ertwiederte Aramis„aber es iſt weit von hier bis zum Feinde.“ Mein Herr, man wird die Entfernung näher zu rücken wiſſen,“ erwiederte ein Zehner. Aramis grüßte und ſprach, ſich gegen Athos um⸗ wendend: „Es macht mir kein Vergnügen, mit allen dieſen Leuten hier Lager zu halten. Wollen wir voraus marſchiren? wir werden die Dinge beſſer ſehen.“ „Und dann würde Euch Herr von Chatillon auch nicht auf der Place Royal aufſuchen, nicht wahr? Vorwärts, mein Freund.“ „Habt Ihr Eurerſeits nicht ein paar Worte mit Herrn von Flamarens zu ſprechen?“ „Freund,“ erwiederte Athos,„ich habe den Ent⸗ ſchluß gefaßt, den Degen nicht mehr zu ziehen, wenn ich nicht durchaus dazu genöthigt werde.“ „Seit wann?“ „Seitdem ich den Dolch gezogen habe.“ „Ah! gut, noch eine Erinnerung an Herr Mor⸗ daunt. Es fehlte nur noch, mein Lieber, daß Ihr Gewiſſensbiſſe bekämet, weil Ihr dieſen Menſchen ge⸗ tödtet habt.“ „Stille,“ ſagte Athos mit dem traurigen Lächeln, das nur ihm eigenthümlich war, einen Finger auf ſei⸗ nen Mund legend;„ſprechen wir nicht mehr von Mor⸗ daunt; das würde uns Unglück bringen.“ Und Athos ritt gen Charenton, zuerſt an der Vor⸗ ſtadt hin, und dann durch das Thal von Fecamp, das von bewaffneten Bürgern ganz ſchwarz war. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ihm Aramis auf eine halbe Pferdslänge folgte. XV. Das Gefecht von Charenton. Während Athos und Aramis vorrückten und im Vorrücken die verſchiedenen auf der Straße aufgeſtell⸗ ten Corps hinter ſich ließen, ſahen ſie die wohlge⸗ putzten, glänzenden Panzer auf verroſtete, und die funkelnden Musketen auf befleckte Partiſanen folg —— hr mit nt⸗ enn or⸗ Ihr ge⸗ eln, ſei⸗ or⸗ or⸗ das auf im tell⸗ lge⸗ die . 19⁸ „Ich glaube, hier iſt das wahre Schlachtfeld,“ ſagte Aramis;„ſeht das Cavaleriecorps, das ſich, die Piſtole in der Fauſt, vor der Brücke hält. Gebt Acht, hier kommt ſchweres Geſchütz.“ „Ei, mein Lieber,“ erwiederte Athos,„wohin habt Ihr uns geführt? Es ſcheint mir, ich ſehe rings um uns her Geſichter, welche unter die Zierden der königlichen Armee gehören. Erſcheint dort nicht Herr von Chatillon ſelbſt mit ſeinen zwei Brigadiers?“ Und Athos nahm den Degen in die Fauſt, wäh⸗ rend Aramis, welcher glaubte, er habe nun wirklich die Gränzen des Pariſer Lagers überſchritten, die Hand an ſeine Holfier legte. „Guten Morgen meine Herren,“ ſprach der Herzog, ſich nähernd;„ich ſehe, daß Ihr nicht begreift, was hier vorgeht. Aber ein Wort wird Euch Alles er⸗ klären. Wir haben in dieſem Augenblicke Waffenſtill⸗ ſtand; es ſindet eine Conferenz ſtatt: der Herr Prinz, Herr von Retz, Herr von Beaufort und Herr von Bouillon verhandeln in dieſer Minute über Po⸗ litikt. Entweder werden die Angelegenheiten nicht in Ordnung gebracht und wir finden uns, Chevalier, oder die Sache wird beigelegt, ich werde meines Co⸗ mando's überhoben, und wir finden uns ebenfalls.“ „Mein Herr,“ ſagte Aramis,„Ihr ſprecht vor⸗ trefflich. Erlaubt mir, eine Frage an Euch zu richten.“ „Immerhin.“— „Wo find die Bevollmächtigten?“ „In Charenton ſelbſt, im zweiten Hauſe rechts, wenn man von Paris kommt.“ „Und dieſe Conferenz war nicht vorhergeſehen?“ „Nein, meine Herren, ſie iſt, wie es ſcheint, das Reſultat der Vorſchläge, welche Herr von Mazarin den Pariſern geſtern Abend hat machen laſſen.“ Athos und Aramis ſchauten ſich lachend an. Sie wußten beſſer, als irgend Jemand, was für Vor⸗ 200 ſchläge dies waren, wem man ſie gemacht und wer ſie gemacht hatte. „Und das Haus, wo vie Bevollmächtigten ver⸗ ſammelt find,“ fragte Athos,„gehört„ „Herrn von Chanleu, der Euere Truppen in Cha⸗ renton befehligt. Ich ſage Euere Truppen, weil ich annehme, daß die Herren Frondeurs ſfind.“ „So ungefähr,“ erwiederte Aramis. „Warum ſo ungefähr?“ „Allerdings, mein Herr; Ihr wißt beſſer, als irgend Jemand, daß man in dieſen Zeitläuften nicht genau ſagen kann, was man iſt.“ „Wir ſind für den König und für die Herren Prinzen,“ ſprach Athos. „Darüber müſſen wir uns verſtändigen,“ verſetzte Chatillon.„Der König iſt bei uns und hat zu Ober⸗ generalen die Herren von Orleans und Condé.“ „Jg,“ ſprach Athos,„aber ſein Platz iſt in un⸗ ſeren Reihen mit den Herren von Conti, Beaufort, Elbveuf und Bouillon.“ „Das kann ſein,“ ſagte Chatillon,„und ich für meine Perſon habe bekanntlich ſehr wenig Sompathie für Herrn von Mazarin. Meine Intereſſen ſind in Paris; ich habe dort einen großen Prozeß, von wel⸗ chem mein ganzes Vermögen abhängt, und ich bin, ſo wie Ihr mich ſeht, ſo eben bei meinem Advokaten geweſen, um mich mit ihm zu berathen.“ „In Paris?“ „Nein, in Charenton, bei Herrn Viole, den Ihr dem Namen nach kennt.„ Ein vortrefflicher Mann, etwas eigenfinnig, aber nicht ohne Bedeutung im Parlament. Ich hoffte ihn geſtern Abend zu ſehen, unſer Zuſammentreffen verhinderte mich jedoch, mich mit meinen Angelegenheiten zu beſchäftigen. Da dieſe aber abgemacht werden müſſen, ſo benützte ich den Waffenſtillſtand, und ſo kommt es, daß ich mich in Eurer Mitte beſinde.“ „—„———— — 4— S c— —,— c ſie er⸗ 201 „Herr von Viole hält alſo Berathungen in der freien Luft?“ fragte Aramis lachend. „Ja, mein Herr, und ſogar zu Pferde. Er be⸗ fehligt für heute fünfhundert Piſtolenſchützen, und um ihm Ehre anzuthun, beſuchte ich ihn in Begleitung dieſer zwei kleinen Kanonen, an Veren Spitze mich zu ſehen Ihr ſo ſehr erſtaunt ſchienet. Ich erkannte ihn, redlich geſtanden, Anfangs nicht. Er hat ein langes Schwert auf ſeiner Advokatenrobe und Piſtolen im Gürtel, was ihm ein furchtbares Ausſehen verleiht. Es würde Euch in der That Vergnügen machen, wenn Ihr das Glück hättet, ihm zu begegnen.“ „Wenn er ſo ſeltſam anzuſchauen iſt, ſo kann man ſich die Mühe nehmen, ihn aufzuſuchen,“ ſagte Aramis. „Ihr müßtet Euch beeilen, denn die Conferenzen können nicht mehr lange dauern.“ „Und wenn fie abgebrochen werden, ohne einen Erfolg herbeizuführen,“ ſagte Athos,„ſo werdet Ihr Charenton zu nehmen ſuchen?“ „So lautet der Befehl. Ich commandire die An⸗ griffstruppen und werde mein Möglichſtes thun, um zu ſiegen.“ ſeht ein Herr,“ ſagte Athos,„da Ihr die Reiterei ſehist „Um Vergebung, ich befehlige als Chef.“ „Noch beſſer. Ihr müßt alle Euere Offiziere kennen? ich verſtehe darunter die ausgezeichneten.“ „O ja, ziemlich.“ „Habt die Güte, mir zu ſagen, ob unter Eueren Befehlen nicht der Chevalier d'Artagnan, Lientenant bei den Musketieren, ſteht?“ „Nein, mein Herr, er iſt nicht bei uns. Vor mehr als ſechs Wochen hat er Paris verlaſſen und er befindet ſich, wie man ſagt, auf einer Sendung be⸗ griffen in England.“ 202 „Ich wußte dies; aber ich glaubte, er wäre zu⸗ rückgekehrt.“ „Nein, mein Herrz es iſt mir auch nicht zu Ohren gekommen, daß ihn irgend Jemand geſehen hat. Ich kann Euch um ſo mehr hierüber Antwort ertheilen, als die Musketiere zu den Unſerigen gehören und Herr von Chambon einſtweilen die Stelle von Herrn d'Artagnan einnimmt.“ Die zwei Freunde ſchauten ſich an. „Ihr ſeht,“ ſagte Athos. „Das iſt ſeltſam,“ ſprach Aramis. „Es muß ihm nothwendig Unglück auf dem Wege widerfahren ſein.“ „Wir haben heute den achten, dieſen Abend läuft die beftimmte Friſt ab. Bekommen wir dieſen Abend keine Nachricht, ſo reiſen wir Morgen früh.“ Athos machte ein beſtätigendes Zeichen mit dem Kopfe, wandte ſich ſodann um und fragte, beinahe ver⸗ legen, vor dem ſkeptiſchen Aramis ſeine väterliche Un⸗ ruhe durchblicken zu laſſen. „Herr von Bragelonne, ein junger Menſch von fünfzehn Jahren, in der Umgebung des Herren Prin⸗ zen, hat er vielleicht, die Ehre, Euch bekannt zu ſein, Herr Herzog?“ „Ja, gewiß,“ erwiederte Chatillon,„er iſt die⸗ ſen Morgen mit dem Herrn Prinzen zu uns gekommen; ein reizender junger Mann! Gehört er zu Euern Freunden, Herr Graf?“ „Ja, mein Herr,“ verſetzte Athos ſanft bewegt⸗ „weßhalb ich ihn ſogar zu ſehen wünſchte. Iſt das möglich?“ „Sehr möglich, mein Herr. Wollt mich beglei⸗ ten, und ich führe Euch in das Hauptquartier.“ „Holla!“ ſprach Aramis ſich umwendend.„Mir ſcheint, es entſteht ein gewaltiges Geränſch hinter uns.“ —— ——— ₰8——„ — — e zu⸗ hren eilen, Herr errn Wege läuft bend dem ver⸗ Un⸗ von rin⸗ ſein, die⸗ nen; uern vegt⸗ das glei⸗ MWir nter 203 „In der That, ein Reiterhaufen kommt auf uns zu,“ ſagte Chatillon. „Ich erkenne den Herrn Cvadjutor an ſeinem Frondehute.“ „Und ich Herrn von Beaufort an ſeinen weißen Federn.“ „Sie kommen im Galopp. Der Herr FPrinz iſt bei ihnen. Ah, ſeht, er verläßt ſie.“ „Man ſchlägt Rappell!“ rief Chatillon;„wir müſ⸗ ſen uns erkundigen.“ Man ſah in der That die Soldaten zu ihren Waffen laufen, die Reiter, welche zu Fuß waren, ſich auf ihre Pferde ſchwingen. Die Trompeten erklangen, die Trommeln raſſelten. Herr von Beaufort zog ſei⸗ nen Degen. Der Herr Prinz machte ein Rappellzeichen und alle Offiziere der königlichen Armee, welche für den Augenblick mit den Pariſer Truppen vermiſcht waren, eilten auf ihn zu. „Meine Herren,“ ſagte Chatillon,„der Waffen⸗ ſtillſtand iſt offenbar aufgehoben; man wird ſich ſchla⸗ gen. Kehrt alſo nach Charenton zurück, denn ich greife binnen Kurzem anz ſeht, der Herr Prinz gibt mir das Signal.“ Ein Cornet hob wirklich dreimal die Standarte des Herrn Prinzen in die Luft. „Auf Wiederſehen,“ rief Chatillon, und er ſprengte im Galopp davon, um zu ſeiner Escorte zu gelangen. Athos und Aramis wandten ihre Pferde ebenfalls und begrüßten den Cvadjutor und Herrn von Beaufort. Herr von Bouillon hatte am Ende der Conferenz einen ſo furchtbaren Gichtanfall bekommen, daß man genöthigt geweſen war, ihn in einer Sänfte nach Paris zurückzubringen. Dagegen ritt der Herr Herzog von Elbveuf von ſeinen vier Söhnen wie von einem Generalſtab um⸗ geben durch die Reihen des Pariſer Heeres⸗ 204 Während dieſer Zeit bildete ſich zwiſchen Charen⸗ ton und der königlichen Armee ein langer weißer Raum, der ſich dazu vorzubereiten ſchien„den Leichnamen als letztes Lager zu dienen. „Dieſer Mazarin iſt eine wahre Schmach für Frankreich,“ ſprach der Coadjutor, den Gürtel ſeines Degens feſter ſchnallend, den er nach der Weiſe der alten militäriſchen Prälaten unter ſeiner erzbiſchöflichen Simarre trug.„Es iſt ein Knauſer, der Frankreich gerne wie einen Meierhof regieren möchte. Frankreich kann auch nicht eher Ruhe und Glück erwarten, als bis er das Land verlaſſen hat.“ „Es ſcheint, man hat ſich über die Farbe des Hutes nicht verſtändigt,“ ſagte Aramis. In demſelben Augenblicke hob Herr von Beaufort ſeinen Degen und ſprach: „Meine Herren, wir haben vergebens Diplomatie getrieben; wir wollten uns dieſes Filzes von einem Mazarin entledigen, aber die Königin, welche in ihn vernarrt iſt, will ihn durchaus als Miniſter behalten, und ſo bleibt uns nur das Mittel„ihn gehörig zu klopfen.“ „Gut,“ ſagte der Cvadjutor,„das iſt die gewöhn⸗ liche Beredtſamkeit von Herrn von Beaufort.“ „Glücklicher Weiſe,“ verſetzte Aramis„„verbeſſert er ſeine Sprachfehler mit der Spitze ſeines Schwertes.“ „Bah!“ ſagte der Coadjutor verächtlich,„er ſpielt eine ſehr bleiche Rolle bei dieſem ganzen Kriege.“ Und er zog ebenfalls ſein Schwert und rief: „Meine Herren, ſeht, der Feind rückt auf uns zu; ich hoffe, wir werden ihm die Hälfte des Weges er⸗ ſparen.“ Und ohne ſich darum zu bekümmern, ob man ihm folgte oder nicht, ſprengte er fort. Sein Regiment, das nach dem Namen ſeines Erzbisthums Regiment Ko⸗ rinth hieß, ſetzte ſich hinter ihm in Bewegung und be⸗ gann den Kampf. ren⸗ aum, als 205⁵ Herr von Beaufort ließ ſeine Cavalerie unter der Anführung von Herrn von Noirmoutiers gegen Etam⸗ pes vorrücken, wo es einem Convoi von Lebensmitteln begegnen ſollte, welche von den Pariſern ungeduldig erwartet wurden. Herr von Beaufort ſchickte ſich an, ihn aufzuhalten. Herr von Chanleu, der den Platz commandirte, hielt ſich mit dem Kerne ſeiner Truppen bereit, Wider⸗ ſtand gegen den Angriff zu leiſten, und ſogar, falls der Feind zurückgeſchlagen würde, einen Ausfall zu machen. Nach Verlauf einer halben Stunde hatte der Kampf an allen Enden begonnen. Der Coadjutor, den der Ruhm von Herrn von Beau⸗ fort in Verzweiflung brachte, warf ſich vor und that perſönlich Wunder der Lapferkeit. Sein Beruf war bekanntlich das Schwert, und er fühlte ſich ungemein glücklich, ſo oft er vom Leder ziehen konnte, gleich⸗ viel für wen oder für was. Wenn er aber hier das Handwerk eines Soldatenl gut trieb, ſo trieb er da⸗ gegen das eines Oberſten ſchlecht. Er wollte mit fieben bis achthundert Mann dreitauſend Mann über⸗ winden, die ſich in einer Maſſe in Bewegung geſetzt hatten und die Soldaten des Coadjutors zurückſchlu⸗ gen, welche in völliger Unordnung auf den Wällen anlangten. Aber das Artilleriefeuer von Chanleu hielt die königliche Armee plötzlich auf, und dieſe ſchien einen Augenblick erſchüttert zu ſein. Dies dauerte jedoch nicht lange, und ſie formirte ſich wieder hinter einer Gruppe von Häuſern und einem kleinen Gehölze. Chanleu glaubte, der Augenblick wäre gekommen. Er rückte an der Spitze von zwei Regimentern hinaus, um die königliche Armee zu verfolgen; aber ſie hatte fich, wie geſagt, wieder formirt, und kehrte, von Herrn von Chatillon in Perſon angeführt, zum Angriffe zu⸗ rück. Dieſer Angriff war ſo ungeſtüm und ſo geſchickt gelenkt, daß Chanleu und ſeine Leute ſich beinahe um⸗ zingelt ſahen. Chanleu gab Befehl zum Rückzug und dieſer wurde, Fuß für Fuß, Schritt für Schritt, aus⸗ geführt. Unglücklicher Weiſe fiel Chanleu, tödtlich ge⸗ troffen, nach wenigen Augenblicken. Herr von Chatillon fah ihn fallen und verkündigte laut ſeinen Tod, der den Muth der Truppen des kö⸗ niglichen Heeres verdoppelte und die zwei Regimenter, mit welchen Chanleu ſeinen Ausfall gemacht hatte, völlig entmuthigte. Demzufolge dachte Jeder nur an ſeine eigene Rettung und trachtete nur darnach, die Verſchanzungen wieder zu erreichen, an deren Fuß der Coadjutor ſein halb aufgeriebenes Regiment zu ſam⸗ melm ſuchte. Plötzlich kam eine Schwadron Cavalerie den Sie⸗ gern entgegen, welche mit den Flüchtlingen vermiſcht in die Verſchanzungen einzogen. Athos und Aramis ritten an der Spitze, Aramis das Schwert und die Piſtole in der Hand, Athos das Schwert in der Scheide, die Piſtole im Holfter. Athos war ruhig und kalt, wie auf einer Parade, nur trübte ſich ſein edler Blick, als er ſo viele Menſchen ſich erwürgen ſah, welche einerſeits von der königlichen Halsſtarrigkeit, und andererſeits von dem Grolle der Prinzen geopfert wurden. Aramis dagegen tödtete und berauſchte ſich allmählig im Kampfe ſeiner Gewohnheit gemäß. Seine lebhaften Augen wurden glühend; ſein ſo fein geſchnit⸗ tener Mund lächelte ein finſteres Lächeln; ſeine offenen Naſenlöcher zogen den Blutgeruch an; jeder von ſeinen Schwertſtreichen traf, und der Kolben ſeiner Piſtole machte dem Verwundeten den Garaus, der ſich zu er⸗ heben ſuchte. Auf der entgegengeſetzten Seite und in den Rei⸗ hen des königlichen Heeres griffen zwei Reiter, der eine mit einem vergoldeten Küraß, der andere durch ein einfaches Koller beſchützt, aus welchem die Aermel eines Leibrockes von blauem Sammet hervorſahen, in der erſten Linie an. Der Reiter mit dem vergoldeten Su wöt Che laſſ Fal aus Gel todt iſt Ara dem Dri beri ich, fehl⸗ Cha den ſolch Athe digk den der Arm zers hera fehlen.“ 207 Küraß ſprengte auf Aramis zu und führte einen Schwertſtreich nach ihm, den Aramis mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Geſchicklichkeit parirte. „Ah, Ihr ſeid es, Herr von Chatillon!“ rief der Chevalier;„ſeid willkommen, ich erwartete Euch.“ „Ich hoffe, ich habe Euch nicht zu lange warten laſſen, mein Herr,“ erwiederte der Herzog;„in jedem Falle bin ich hier.“ „Herr von Chatillon,“ ſprach Aramis, und zog aus dem Holfter eine zweite Piſtole, die er fur dieſe Gelegenbeit aufgeſpart hatte,„ich glaube, Ihr ſeid ein todter Mann, wenn Eure Piſtole entladen iſt.“ „Gott ſei Dank, mein Herr,“ rief Chatillon,„ſie iſt es nicht.“ Der Herzog hob ſeine Piſtole in der Richtung von Aramis, zielte und ſchoß. Aramis aber bückte ſich in dem Augenblick, wo er den Herzog den Finger an den Drücker legen ſah, und die Kugel flog, ohne ihn zu herühren, über ihm hin. „Ah, Ihr habt mich gefehlt,“ ſagte Aramis;„aber ich, das ſchwöre ich bei Gott, ich werde Euch nicht „Wenn ich Euch Zeit dazu laſſe!“ rief Herr von Chatillon, gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte, den Degen hoch, auf ihn zu. Aramis antwortete dem Herzog mit dem ihm bei ſolchen Gelegenheiten eigenthümlichen Lächeln, und Athos, welcher Herrn von Chatillon mit der Geſchwin⸗ digkeit eines Blitzes auf Aramis vorrücken ſah, öffnete den Mund, um zu rufen:„Schießt! ſchießt doch!“ als der Schuß losging. Herr von Chatillon öffnete die Arme und fiel auf das Kreuz ſeines Pferdes. Die Kugel war ihm durch den Ausſchnitt des Pan⸗ zers in die Bruſt gedrungen. „Ich bin todt!“ murmelte der Herzog. er glitt von ſeinem Pferde auf die Erde erab. 208 „Ich ſagte es Euch, mein Herr, und es thut mir nun leid, daß ich mein Wort ſo gut gehalten habe. Kann ich Euch in irgend einer Beziehung nütz⸗ lich ſein?“ Chatillon machte ein Zeichen mit der Hand, und Aramis ſchickte ſich an, abzuſteigen, als er plötzlich einen heftigen Stoß in die Seite erhielt: es war ein Degenſtich, aber der Panzer hatte denſelben parirt. Er wandte ſich raſch um und ergriff dieſen neuen Gegner beim Fauſtgelenke; aber zu gleicher Zeit wur⸗ den zwei Schreie, der eine von ihm, der andere von Athos ausgeſtoßen. „Ravul!“ Der junge Mann erkannte zugleich das Geſicht des Chevalier d'Herblay und die Stimme ſeines Vaters, und ließ ſeinen Degen fallen. Mehrere Reiter der Pariſer Armee ftürzten in dieſem Augenblick auf Ravul los, aber Aramis deckte ihn mit ſeinem Schwerte. uf„Mein Gefangener! ſucht alſo das Weite!“ rief er. Athos nahm während dieſer Zeit das Pferd ſeines Sohnes beim Zügel und führte es aus dem Gemenge. In dieſem Augenblick erſchien der Herr Prinz, den Herr von Chatillon in zweiter Linie unterſtützte, mitten im Gefechte. Man ſah ſein Adlerauge glänzen und erkannte ihn an ſeinen Streichen. Das Regiment des Erzbiſchofs von Korinth, das der Coadjutor trotz aller Anſtrengung nicht mehr zu organiſiren vermocht hatte, ſtürzte bei dem Anblicke des Herrn Prinzen mitten unter die Pariſer Truppen, warf Alles nieder und kehrte in raſcher Flucht nach Charen⸗ ton zurück. Fortgeriſſen von demſelben, kam der Coad⸗ jutor an der Gruppe vorüber, welche Athos, Aramis und Raoul bildeten. „Ah! ah!“ ſagte Aramis, der ſich bei ſeiner Eifer⸗ ſucht einer Freude über das Mißgeſchick des Coadju⸗ — 209 tors nicht erwehren konnte,„in Euerer Eigenſchaft als Erzbiſchof müßt Ihr die Schrift kennen.“ „Was hat die Schrift mit dem, was mir begeg⸗ net, gemein?“ fragte der Coadjutor. „Daß der Herr Prinz Euch heute behandelt, wie Sanct Paulus: der erſte an die Korinther.“ „Stille! ſtille!“ ſprach Aramis,„das Wort iſt gut, aber man darf hier nicht auf Complimenie war⸗ ten. Vorwärts! vorwärts! oder vielmehr zurück, denn es kommt mir ganz vor, als wäre die Schlacht für die Frondeurs verloren.“. „Das iſt mir gleichgültig,“ erwiederte Aramis; „ich kam nur hieher, um Herrn von Chatillon zu be⸗ gegnen. Ich habe ihn getroffen und bin zufrieden. Ein Zweikampf mit einem Chatillon, das ift ſchmei⸗ chelhaft!“ „Und überdies noch einen Gefangenen gemacht!“ ſprach Athos, auf Raoul deutend. Die drei Reiter ſetzten ihren Weg im Galopp ort. Der junge Mann wurde von einem Freudenſchauer ergriffen, als er ſeinen Vater wiederſah. Sie gälop⸗ pirten neben einander, die linke Hand des Jünglings in der rechten von Athos. „Was wollteſt Du denn ſo weit vorne im Treffen machen, mein Freund?“ fragte Athos den Jüngling; „da Du nicht beſſer zum Kampfe bewaffnet warſt, ſo karf Du, wie mir ſcheint, hier auch nicht an Deinem atze.“ „Ich ſollte mich heute auch nicht ſchlagen, Herr; ich war mit einer Sendung an den Herrn Cardinak beauftragt und begab mich nach Rueil, als ich, da ich Herrn von Chatillon angreifen ſah, Luſt bekam, an ſeiner Seite anzugreifen. Da ſagte er mir, daß zwei Cavaliere von dem Pariſer Heere mich ſuchten, und nannte mir den Grafen de la Fere.“ Zwanzig Jahre nachher. M. 14 2¹0 „Wie, Du wußteſt, daß wir hier waren, und wollteſt Deinen Freund, den Chevalier, tödten „Ich hatte den Herrn Cyevalier unter ſeiner Rü⸗ ſtung nicht erkannt,“ entgegnete Ravul erröthendz„aber ich hätte ihn an ſeiner Geſchicklichkeit und Kaltblütig⸗ keit erkennen ſollen.“ „Ich danke für das Compliment, mein junger Freund,“ verſetzte Aramis;„man ſieht, wer Euch Un⸗ terricht in der Höflichkeit gegeben hat. Doch Ihr geht nach Rueil, ſagt Ihr?“ „a. „Zu dem Cardinal.“ „Allerdings. Ich habe eine Depeche vom Herrn Prinzen für Seine Eminenz.“ „Er muß ſie überbringen,“ ſagte Athos. „Sachte, keine falſche Großmuth, Graf. Was Teufels! unſer Schickſal, und, was noch wichtiger iſt, das Schickſal unſerer Freunde iſt vielleicht in dieſer Depeche enthalten.“ „Aber dieſer junge Mann ſoll ſich nicht gegen ſeine Pflicht verfehlen,“ entgegnete Athos. „Einmal iſt dieſer junge Menſch Gefangener⸗ was Ihr zu vergeſſen ſcheint; was wir thun, iſt alſo dem Kriegsgebrauch gemäß; und dann dürfen Sieger in Beziehung auf die Wahl ihrer Mittel nicht ſo häkelig ſein. Gebt die Depeche, Raoul.“ Ravul zögerte und ſchaute Athos an, als wollte er eine Verhaltungsregel in ſeinen Augen ſuchen. „Gib die Depeche, Ravul,“ ſagte Athos;„Du biſt der Gefangene des Chevalier dHerblay.“ Raoul fügte ſich mit Widerſtreben; aber weniger bedenklich in dieſer Hinſicht, als der Graf de la Fere, griff Aramis haſtig nach der Depeche, durchlief ſie und ſagte, dieſelbe Athos zuſtellend: „Ihr, der Ihr ein Gläubiger ſeid, leſet, und Ihr werdet in dieſem Briefe bei näherer Ueberlegung einen ———.——— und Rü⸗ ber tig⸗ ger Un⸗ geht errn Was ieſer egen was dem rin ikelig te er „Du niger Fere, e und Ihr einen 211 Umſtand finden, von dem die Vorſehung glaubt, es ſei wichtig, daß wir ihn erfahren.“ Athos nahm den Brief, ſeine ſchöne Stirne fal⸗ tend, aber der Gedanke, es wäre in dem Schreiben von d'Artagnan die Rede, half ihm ſeinen Wiverwil⸗ len gegen das Leſen deſſelben beſiegen. Man vernehme, was der Brief enthielt: „Wonſeigneur, ich werde dieſen Abend Euerer Eminenz zur Verſtärkung der Truppe von Herrn von Comminges die zehn Mann ſchicken, welche Ihr ver⸗ langt. Es find gute Soldaten, ganz geeignet, den zwei ge⸗ waltigen Gegnern Stand zu halten, deren Gewandtheit und Entſchloſſenheit Euere Eminenz ſo ſehr fürchtet.“ „Oh! oh!“ rief Athos. „Nun,“ fragte Aramis,„was dünkt Euch von den zwei Gegnern, zu deren Bewachung man außer der Truppe von Herrn von Comminges zehn gute Solda⸗ ten braucht? Gleicht das nicht, wie zwei Tropfen Waſ⸗ ſer, d'Artagnan und Porthos?“ „Wir ſtreifen den ganzen Tag in Paris umher,“ ſagte Athos,„und wenn wir dieſen Abend keine Kunde haben, ſchlagen wir wieder den Weg nach der Picar⸗ die ein, und ich ſiehe dafür, mit Hülfe der Einbil⸗ dungskraft von d'Artagnan werden wir alsbald irgend eine Andeutung finden, die uns alle unſere Zweifel benimmt.“ „Ziehen wir alſo in Paris umher und erkundigen wir uns hauptſächlich bei Planchet, ob er nicht von ſei⸗ nem ehemaligen Herrn habe ſprechen hören.“ „Dieſer arme Planchet! Ihr habt gut reden, er iſt vielleicht niedergemetzelt worden. Alle dieſe kriege⸗ riſchen Bürger find ausgezogen, und man hat ſie wohl zuſammengehauen.“ Da dies ziemlich wahrſcheinlich war, ſo kehrten die zwei Freunde mit einer gewiſſen Unruhe durch die Porte du Temple nach Paris zurück, und wandten ſich nach der Place Royale, wo ſie Nachricht von dieſen armen 2 212 Bürgern zu erhalten hofften. Aber das Erſtaunen der zwei Freunde war groß, als ſie dieſe Leute immer noch auf derſelben Stelle, mit ihrem Kapitän trinkend und ſcherzend fanden, ohne Zweifel von ihren Fami⸗ lien beweint, welche den Lärmen der Kanonen von Charenton hörten und ſie ihm Feuer glaubten. Athos und Aramis erkundißten ſich abermals bei Planchet, aber er hatte nichts von d'Artagnan erfah⸗ ren. Sie wollten ihn mit ſich nehmen, doch er erklärte ihnen, er könnte ſeinen Poſten nicht ohne höheren Be⸗ fehl verlaſſen. Erſt um fünf Uhr kehrten er und ſeine Leute in ihre Quartiere zurück, und ſie ſagten, ſie kämen aus der Schlacht: ſie hatten das Bronze⸗Pferd von Lud⸗ wig XIII. nicht aus dem Geſichte verloren. „Tauſend Donner!“ rief Planchet, als er wieder in ſeiner Bude in der Rue des Lombards erſchien, „man hat uns die Nähte tüchtig ausgeklopft. Ich werde mich nie hierüber tröſten!. XVI. Vie Straße nach der Pirardie. Vollkommen in Sicherheit in Paris, verhehlten ſich Athos und Aramis doch nicht, liefen, ſobald ſie den Fuß aus der Stadt ſetzten; aber man weiß, welche Bedeutung für ſolche Männer die Gefahr hatte. Ueberdies fühlten ſie, daß dieſe zweite Odyſſee ihrer nahen Entwickelung entgegenging, und daß ſie große Gefahr daß gleichſam der ganzen Sache nur noch ein Stoß zu ₰ geben war. —————— S 213 Uebrigens war Paris ſelbſt nicht ruhig. Es fing an, an Lebensmitteln zu fehlen, und je nachdem einer von den Generalen des Herrn Prinzen von Conti ſeinen Einfluß wieder gewinnen zu müſſen glaubte, machte er ſich eine kleine Meuterei, die er beſchwichtigte und die ihm für einen Augenblick den Vorrang vor ſeinen Col⸗ legen verlieh. ei einer von dieſen Meutereien ließ Herr von Beaufort das Haus und die Bibliothek von Herrn von Mazarin plündern, um, wie er ſagte, dem armen Volke etwas zu nagen zu geben. Athos und Tramis verließen Paris nach dieſem Staatsſtreiche, der an dem Abend des Tages ſtattfand, an welchem die Pariſer in Charenton geſchlagen wor⸗ den waren. Von der Furcht erſchüttert, von Factionen zerrif⸗ ſen, war Paris, als ſie ſich entfernten, bereits imn größten Elend und der Hungersnoth nahe. Pariſer und Frondeurs, glaubten ſie daſſelbe Elend, dieſelbe Furcht, dieſelben Intriguen in dem feindlichen Lager zu finden. Ihr Erſtaunen war daher groß, als ſie durch Saint⸗ Denis reitend, erfuhren, in Saint⸗Denis lache man, ſinge man, führe man ein luſtiges Leben. Die zwei Edelleute wählten Umwege, Anfangs, um nicht in die Hände der auf der Isle de France zer⸗ ſtreuten Mazariner zu fallen, ſodann aber, um den Frondeurs zu entgehen, welche die Normandie beſetzt hielten und nicht verfehlt haben würden, ſie zu Herrn von Longueville zu führen, damit er in ihnen Freunde oder Feinde erkenne. Sobald ſie einmal dieſen zwei Gefah⸗ ren entgangen waren, begaben ſie ſich auf den Weg von Boulogne nach Abbeville und folgten ihm Schritt für Schritt, Spur für Spur. ie blieben indeſſen eine Zeitlang unentſchieden. Zwei bis drei Herbergen waren bereits beſucht wor⸗ den, zwei bis drei Wirthe hatte man bereits befragt, ohne daß irgend eine Andeutung ſie in ihren Zweifeln 2¹4 erleuchtete oder in ihren Nachforſchungen leitete, als Athos in Montreuil auf dem Liſche beim Antühren mit ſeinen zarten Fingern etwas Rauhes fühlte. Er hob das Tiſchtuch auf und las auf dem Holze folgende mit einer Meſſerklinge tief eingegrabener Hiero⸗ glyphen. Port.— d'Art.— den 2ten Februar. „Vortrefflich,“ ſagte Athos, indem er Aramis vie Inſchrift zeigte,„wir wollten hier über Nacht bleiben; aber es iſt unnöthig, reiten wir weiter.“ Sie ſtiegen wieder zu Pferde und erreichten Abbe⸗ ville. Hier hielten ſie an, waren aber ſehr in Ver⸗ legenheit wegen der großen Menge von Gaſthöfen. Man konnte nicht in allen einkehren; wie ſollte man aber errathen, in welchem diejenigen gewohnt hatten, welche man ſuchte. „Glaubt mir, Athos,“ ſagte Aramis,„wir dürfen nicht daran denken, in Abbeville etwas zu finden. Sind wir in Verlegenheit, ſo waren es unſere Freunde auch. Handelte es ſich nur um Porthos,— er hätte den prachtvollſten Gaſthof gewählt, und wenn wir uns dieſen hätten nennen laſſen, ſo würden wir ſicherlich eine Spur gefunden haben. Aber dArtagnan hat keine ſolche Schwäche. Porthos mochte ihm immerhin bemerken, er ſterbe vor Hunger, dArtagnan ſetzte ſeinen Weg fort, unerbittlich wie das Geſchick, und wir müſſen ihn anderswo ſuchen.“ Sie ritten alſo weiter, aber nichts bot ſich ihnen dar. Die Freunde hatten ſich eine äußerſt ſchwierige und beſonders äußerſt verdrießliche Aufgabe geſtellt, und ohne den in ihr Inneres eingegrabenen dreifachen Hebel der Ehre, der Freundſchaft und der Dankbar⸗ keit würden die zwei Reiſenden hundertmal darauf Verzicht geleiſtet haben, den Sand zu durchwühlen, die Vorübergehenden zu befragen, die Zeichen zu deu⸗ ten und die Geſichter zu erforſchen. lei od rei der ein leit pir ſtü ſah ein 2¹⁵ So kamen ſie bis Perönne. Athos fing an, zu verzweifeln. Dieſe edle Na⸗ tur machte die Unwiſſenheit troſtlos, in der Aramis und er ſich befanden. Ohne Zweifel hatten ſie ſchlecht geſucht, ohne Zweifel waren ſie bei ihren Fragen nicht beharrlich genug, bei ihren Forſchungen nicht umſich⸗ tig genug geweſen. Sie waren bereit, auf ihrem Wege wieder umzukehren, als Athos, da ſie durch die Vorſtabt ritten, welche zu den Thoren der Stadt führte, an einer weißen Mauer, welche die Ecke einer um den Wall laufenden Straße bildete, eine Zeichnung mit Kohle erblickte, die mit der Naivetät der erſten Verſuche eines Kinderbleiſtiftes zwei Reiter darſtellte, welche wie wahnſinnig galoppirten. Der eine von dieſen Reitern hielt in der Hand einen Zettel, wor⸗ auf in ſpaniſcher Sprache die Worte geſchrieben waren:. „Man verfolgt uns.“ „Oho!“ ſagte Athos,„das iſt klar wie der Tag. Obgleich verfolgt, hat dArtagnan fünf Minuten hier angehalten. Dies beweiſt übrigens, daß ihm ſeine Verfolger nicht ſehr nahe waren, und es iſt ihm viel⸗ leicht gelungen, ihnen zu entkommen.“ Aramis ſchüttelte den Kopf. Wäre er entkommen, ſo würden wir ihn geſehen oder etwas von ihm gehört haben.“ Ihr habt Recht, Aramis, wir wollen weiter reiten.“ Es iſt nicht möglich, die Unruhe und Ungeduld der zwei Edelleute zu ſchildern. Die Unruhe war eine Sache des edeln und freudſchaftlichen Herzens von Athos, die Ungeduld eine Sache des nervigen und ſo leicht zu erregenden Geiſtes von Aramis. Sie galop⸗ pirien drei bis vier Stunden mit demſelben Unge⸗ üm, wie die zwei Reiter an der Wand. Plötzlich ſahen ſie in einer engen, zwiſchen zwei Böſchungen eingeſchloſſenen Schlucht die Straße halb durch einen 216 ungeheuren Stein verſperrt. Sein urſprünglicher Platz war auf einer Seite der Böſchungen angedeu⸗ tet, und die Höhlung, die er in Folge des Ausziehens zurückgelaſſen hatte, bewies, daß er nicht allein hatte rollen können, während ſeine Schwere offenbarte, es habe, um ihn in Bewegung zu ſetzen, der Arme eines Ancelade oder eines Briareus bedurft. Aramis hielt an. „Oho!“ ſagte er, den Stein anſchauend,„hiebei iſt Ajar von Telamon oder Porthos im Spiele. Steigen wir ab, Graf, und unterſuchen wir dieſen Felſen.“ Beide ſtiegen ab. Der Stein war in der offen⸗ baren Abſicht herbeigewälzt worden, Reitern den Weg zu verſperren. Man hatte ihn daher querüber gelegt. Aber die Reiter hatten dieſes Hinderniß gefunden und waren abgeſtiegen, um es zu beſeitigen. Die zwei Freunde unterſuchten den Stein von allen den Seiten, welche dem Lichte ausgeſetzt waren: er bot nichts Außerordentliches. Sie riefen nun Blaiſois und Grimaud, und allen Vieren gemeinſchaft⸗ lich gelang es, den Felſen umzudrehen. Auf der Seite, welche die Erde berührte, war geſchrieben; „Acht Chevauylegers verfolgen uns. Gelangen wir bis Compiegne, ſo kehren wir im bekränzten Pfauen ein. Der Wirth iſt ein Freund von uns.“ „Das iſt etwas Beſtimmtes,“ ſagle Athos,„und wir werden jedenfalls erfahren, woran wir uns zu halten haben. Gehen wir alſo.“ „Ja,“ ſprach Aramis;„aber wenn wir dahin ge⸗ langen wollen, müſſen wir unſern Pferden einige Raſt gönnen; denn ſie ſind beinahe reh.“ Aramis ſprach die Wahrheit. Man hielt bei der erſten Schenke an; man ließ jedes Pferd ein doppel⸗ tes Maß mit Wein befeuchteten Haber freſſen, gönnte den Thieren drei Stunden Ruhe und ſetzte ſich wieder ———— —„S——, — 217 cherin Marſch. Die Männer ſelbſt waren vor Wüdigkeit deu⸗ gelähmt, aber die Hoffnung hielt ſie aufrecht. en Sechs Stunden nachher erreichten Athos und Ara⸗ atte mis Compiegne und erkundigten ſich nach dem be⸗ es kränzten Pfauen. Man zeigte ihnen ein Schild, das ines den Gott Pan mit einem Kranze auf dem Haupte darſtellte.*²) Die zwei Freunde ſtiegen ab, ohne ſich viel um ebei das Schild zu bekümmern, welches Aramis in einer iele. andern Zeit ſtark kritifirt haben würde. Sie fanden eſen einen braven Mann von einem Wirthe, mit dickem Bauch und kahlem Kopfe, den ſie fragten, ob nicht fen⸗ vor mehr oder minder langer Zeit zwei von Chevaux⸗ Weg legers verfolgte Edelleute hier geſohnt hätten. Der Wirth et holte, ohne zu antworten, aus einer Truhe die Hälfte und einer Degenklinge. „Kennt Ihr das?“ ſagte er. von Athos warf nur einen Blick auf die Klinge und ren: ſprach; nun„Das iſt der Degen von dArtagnan.“ 5 aft⸗ 35 n Großen oder vom Kleinen?““ fragte der ite Wirth. „Vom Kleinen,“ antwortete Athos. gen„Ich ſehe, daß Ihr Freunde dieſer Herren zten„Nun, was iſt ihnen begegnet?“ „Sie find mit verſchlagenen Pferden in meinen und Hof gekommen, und ehe ſie Zeit gehabt hatten, das große Thor zu verſchließen, erſchienen acht Chevauy⸗ legers, welche ſie verfolgten, hinter ihnen.“ e⸗„Acht!“ ſprach Aramis.„Ich wundere mich ſehr, * Bei dieſem Schilde ſcheint es auf ein Wortfſpiel mit der Paon(der Pfau, und Pan abgeſehen geweſen zu ſein; pel⸗ denn in der Mytholvaie hatte bekanntlich der Pfau nnte nichts mit Pan zu ſchaffen, ſondern war der Lieblings⸗ eder vogel der Juno. Der Ueberſetzer. 218 daß d'Artagnan und Porthos, zwei Tapfere dieſer Art, ſich haben von acht Menſchen verhaften laſſen.“ „Allerdings, mein Herr, die acht Mann wären auch nicht zu ihrem Ziele gekommen, hätten ſie nicht in der Stadt etwa zwanzig Soldaten von dem Regi⸗ ment Royal⸗Italien, das hier in Garniſon liegt, rekrutirt, ſo daß Euere Freunde buchſtäblich durch die Zahl überwältigt worden find.“ „Verhaftet alſo,“ ſagte Athos;„weiß man warum?“ „Nein, mein Herr, man hat ie ſogleich wegge⸗ führt, und ſie hatten nicht einmal Zeit, mir etwas zu⸗ flüſtern. Rur fand ich, als ſie ab, gegangen waren, die⸗ ſes Stück von einem Degen auf dem Schlächtfelde, als ich zwei Todte und fünf bis ſechs Verwundete wegbringen half.“ „Und ihnen iſt nichts widerfahren?“ fragte Aramis. „Ich glaube nicht.“ „Das iſt noch ein Troſt.“ „Wißt Ihr, wohin man fie geführt hat?“ fragte „Man hat ſie in der Richtung von Louvres weggeführt.“ „Wir wollen Blaiſois und Grimaud hier laſſen,“ ſagte Athos;„fie ſollen morgen mit den Pferden, die uns nicht mehr weiter bringen können, nach Paris zurückkehren. Wir aber nehmen die Poſt.“ „Nehmen wir die Poſt,“ verſetzte Aramis. Man ſchickte nach Pferden.“ Während Hieſer Zeit ſpeiſten die Freunde in Eile zu Mittag. Sie wollten, wenn ſie in Louvres einige Auskunft finden würden, ihren Weg ſogleich fortſetzen. Sie erreichten Louvres. Es war hier keine Her⸗ berge. Man trank daſelbſt einen Liqueur, der ſeinen Ruf bis in unſere Tage erhalten hat und ſchon da⸗ mals an dieſem Orte fabricirt wurde. ſer 7 ren icht gi⸗ gt⸗ die an ge⸗ zu⸗ ir⸗ e⸗ ete gte gte res en, ris ile ige en. er⸗ nen da⸗ „Wir wollen hier abſteigen,“ ſagte Athos;„d'Ar⸗ tagnan wird dieſe Gelegenheit nicht verſäumt haben, nicht um ein Glas Liqueur zu trinken, ſondern um uns eine Andeutung zu hinterlaſſen.“ Sie traten ein und verlangten zwei Gläſer Ai⸗ queur an dem Schenktiſche, wie ſie d'Artagnan und Porthos verlangt haben mußten. Der Schenktiſch, auf welchem n gewöhnlich trank, war mit einer Zinnplatte bedeckt. Auf dieſe Platte hatte man mit der Spitze einer dicken Nadel geſchrieben: Rucil, D. „Sie ſind in Rueil,“ ſagte Aramis, der dieſe In⸗ ſchrift zuerſt wahrnahm. „Gehen wir alſo nach Rueil,“ ſprach Athos. „Das heißt uns in den Rachen des Wolfes ſtürzen,“ verſetzte Aramis. „Wäre ich der Freund von Jonas geweſen, wie ich der von d'Artagnan bin, ſo würde ich ihm in den Bauch des Wallfiſches gefolgt ſein. Und Ihr hättet daſſelbe gethan, wie ich, Aramis.“ „Offenbar, mein lieber Graf, ich glaube, Ihr macht mich beſſer, als ich bin. Wäre ich allein, ſo weiß ich nicht, ob ich ohne große Vorſichtsmaßregeln mich nach Rueil begeben würde; aber wohin Ihr geht, gehe ich auch.“ Sie nahmen Pferde und ritten nach Rueil. Athos hatte, ohne es zu vermuthen, Aramis den beſten Rath gegeben, der ſich befolgen ließ. Die Ab⸗ geordneten des Parlaments waren ſo eben in Rueil zu den berüchtigten Conferenzen angelangt, welche drei Wochen dauern und den hinkenden Frieden her⸗ beiführen ſollten, in Folge deſſen der Herr Prinz ver⸗ haftet wurde. Rueil war angefüllt von Seiten der Pariſer mit Advokaten, mit Präſidenten, mit Räthen, mit Robins*) aller Art; von Seiten des Hofes mit *) Ein alter Spottname für Rechtsgelehrte oder Magi⸗ ſtratsperſonen, von ihrer Amtstracht herrührend. 220 Edelleuten, Offizieren und Garden; mitten unter dieſer Verwirrung war es alſo leicht, ſo unbekannt zu blei⸗ ben, als man nur immer wollte. Ueberdies hatten die Conferenzen einen Waffenſtillſtand herbeigeführt, und eine Verhaftung von zwei Eoelleuten hätte man in dieſem Angenblick, wären ſie auch Frondeurs erſten Ranges geweſen, als einen Angriff auf das Völker⸗ recht betrachtet. Die zwei Freunde wähnten, Jedermann wäre mit dem Gedanken beſchäftigt, der ſie quälte. Sie miſchten ſich in die Gruppen im Glauben, ſie würden etwas von dArtagnan und Porthos ſprechen hören; aber alle Welt hatte mit Artikeln und Amendements zu thun. Athos war der Meinung, man müßte gera⸗ den Wegs zum Miniſter gehen. „Mein Freund,“ warf Aramis ein,„was Ihr da ſagt, iſt ſehr ſchön; aber nehmt Euch wohl in Acht? unſere Sicherheit rührt von unſerer Verborgenheit her. Wenn wir uns auf irgend eine Weiſe zu erkennen geben, ſo werden wir unmittelbar zu unſern Freunden in ein Kerkerloch geworfen, aus dem uns der Teufel nicht mehr herausziehen wird. Wir wollen es nicht mehr dem Zufall überlaſſen, ſie zu finden, ſondern unſerer Phantaſie. In Compiegne verhaftet, wurden ſie nach Rueil gebracht, hierüber haben wir in Louvres Gewißheit erlangt; nach Rueil geführt, find ſie von dem Cardinal verhört worden, der ſie nach dem Ver⸗ höre bei ſich behalten oder nach Saint⸗Germain ge⸗ ſchickt hat. In der Baſtille ſind ſie nicht, denn die Baſtille iſt in den Händen der Frondeurs und der Sohn von Brouſſel befehligt daſelbſt. Sie ſind nicht todt, denn der Tod von d'Artagnan hätte Lärmen ge⸗ macht. Was Porthos betrifft, ſo halte ich ihn für ewig, wie Gott, obgleich er minder geduldig iſt. Wir wollen alſo nicht verzweifeln, ſondern warten und in Rueil bleiben, denn es ift meine feſte Ueberzeugung, ſie er ter lie Ri die kon Ko auf zar gen mei tag ben Coa beir lich nur genſ ſein Mit verſ das, Maz Mat Freu 6 & — 221 ieſer ſind noch in Rueil. Aber was habt Ihr dann? Ihr blei⸗ erbleicht!“ tten„Es fällt mir ein,“ ſprach Athos mit beinahe zit⸗ ihrt, ternder Stimme,„es fällt mir ein, daß Herr von Hi⸗ man chelien in dem Schloſſe von Rueil eine abſcheuliche Oub⸗ rſten liette hatte machen laſſen.“ ker⸗„Oh! ſeid unbeſorgt,“ ſagte Aramis,„Herr von Richelien war ein Edelmann, uns Allen gleich durch äre die Geburt, erhaben über uns durch die Stellung. Er Sie konnte wie ein König die Größten unter uns beim den Kopfe berühren, und indem er ſie berührte, den Kopf ren; auf unſern Schultern wanken machen. Herr von Ma⸗ ents zarin aber iſt ein Knauſer, der uns höchſtens am Kra⸗ ra⸗ gen packen kann, wie ein Schütze. Beruhigt Euch alſo, mein Freund; ich bleibe bei meiner Behauptung: d'Ar⸗ Ihr tagnan und Porthos find lebendig und zwar ſehr le⸗ ht bendig in Rueil.“ her.„Gleichviel,“ ſagte Athos,„wir ſollten von dem nen Coadjutor die Erlaubniß erhalten, den Conferenzen den beiwohnen zu dürfen.“ fel„Mit allen dieſen abſcheulichen Robins! iſt das wirk⸗ icht lich Euer Gevanke, mein Lieber? Glaubt Ihr, es werde ern nur im Geringſten von der Freiheit oder der Gefan⸗ den genſchaft von dArtagnan vder Porthos die Rede res ſein? Nein, meiner Anſicht nach müſſen wir ein anderes on Mittel ſuchen.“ er⸗„Ich komme auf meinen erſten Gedanken zurück,“ ge⸗ verſetzte Athos,„ich kenne kein anderes Mittel, als die das, offen und gerade zu handeln. Ich werde nicht eMazarin, ſondern die Königin aufſuchen und ihr ſagen: cht Madame, gebt uns Eure zwei Diener und unſere zwei ge⸗ Freunde zurück.“ für Aramis ſchüttelte den Kopf. ßir„Das iſt ein letztes Mittel, welches anzuwenden in Euch ſteis frei fieht, Athos; aber glaubt mir, bedient ſie Euch deſſelben nur im äußerſten Falle; es wird immer 222 noch Zeit ſein, hiezu ſeine Zuflucht zu nehmen. Miltler⸗ weile ſetzen wir unſere Nachforſchungen fort.“ Sie fuhren alſo fort, zu ſuchen, zogen ſo viele Erkundigungen ein, brachten ſo viele Menſchen unter Vorwänden, von denen der eine immer beſſer erſonnen war, als der andere, zum Plaudern, daß ſie endlich einen Chevau⸗leger fanden, der ihnen geſtand, er ſei bei der Escorte geweſen, welche d'Artagnan und Porthos von Compiegne nach Rueil gebracht habe. Ohne dieſen Chevau⸗leger hätte wan nicht einmal et⸗ was von ihrer Ankunft erfahren. Athos kam ewig auf ſeinen Gedanken zurück, ſich zu der Königin zu begeben. „Um zu der Königin zu gehen,“ ſagte Aramis,„muß man zuvor zu dem Cardinal gehen, erinnert Euch aber, was ich Euch geſagt habe, wir hätten den Cardinal nicht ſo bald geſehen, als wir mit unſern Freunden vereinigt würden, aber nicht, wie wir dies wünſchen. Dieſe Art, mit ihnen wiedervereinigt zu werden, lächelt mich nicht ſehr an, das muß ich geſtehen. Wir wollen in Freiheit handeln, um gut und raſch handeln zu können.“ „Ich werde die Königin aufſuchen,“ ſprach Athos. „Wohl, mein Freund, ſeid Ihr entſchloſſen, dieſe Thorheit zu begehen, ſo benachrichtigt mich, ich bitte Euch, einen Tag zuvor davon.“ „Warum dies?“ „Weil ich dieſen Umſtand benützen werde, um ei⸗ nen Beſuch in Paris zu machen.“ „Bei wem?“ „Was weiß ich? Vielleicht bei Frau von Longue⸗ i d mich unter⸗ ville. Sie iſt dort almächtig und wir 1 ſtützen. Laßt es mir nur durch irgend Jemand ſagen⸗ wenn Ihr verhaftet ſeid.“ „Warum wollt Ihr die Verhaftung nicht mit mir wagen, Aramis?“ „Rein, ich danke.“ un ein tler⸗ viele nter nnen dlich er und habe. et⸗ ſich muß aber, ht ſo inigt Dieſe mich n in n zu thos. dieſe bitte n ei⸗ igue⸗ nter⸗ gen⸗ mir —— 2²3 „Alle Vier verhaftet und vereinigt, find wir, glaube ich, keiner Gefahr ausgeſetzt. Nach Verlauf don vierundzwanzig Stunden haben wir Alle wieder die Freiheit erlangt.“ „Mein Lieber, ſeitdem ich Herrn von Chatillon, die Anbetung der Damen von Saint⸗Germain, ge⸗ tödtet habe, iſt zu viel Glanz um meine Perſon ver⸗ breitet, als daß ich das Gefängniß nicht doppelt ſürch⸗ ten ſollte. Die Königin wäre im Stande, den Rath von Mazarin bei dieſer Gelegenheit zu befolgen, und Mazarin würde ihr rathen, mich richten zu laſſen.“ „Glaubt Ihr denn, Aramis„fie liebe dieſen Ita⸗ liener ſo, wie man ſagt?“ „Sie hat auch einen Engländer geliebt.“ „Ei, mein Lirher, ſie iſt Frau!“ „Nein, Ihr täuſcht Euch, Athos, ſie iſt Königin!“ „Theuerer Freund, ich opfere mich auf und ver⸗ lange eine Audienz bei der Königin.“ „Gott befohlen, Athos; ich ſammle ein Heer.“ „Wozu?“ „Um zurückzukehren und Rueil zu belagern.“ „Wo ſinden wir uns wieder?“ „Am Fuße des Galgen des Herrn Cardinals.“ Und ſo trennten ſich die zwei Freunde, Aramis, um nach Paris zurückzukehren, Athos, um ſich durch einige vorbereitende Schriite einen Weg bis zu der Königin zu öffnen. XVII. Die Wankbarkeit von Anna von Geſterreich. Athos fand viel weniger Schwierigkeit, als er erwartet hatie, um zu Anna von Heſterreich zu dringen. Bei dem erſten Schritte ebnete ſich im Gegentheil Al⸗ les, und die von ihm gewünſchte Audienz wurde auf den andern Tag nach dem Lever, dem er durch ſeine Geburt beizuwohnen berechtigt war, bewilligt. Eine Menge von Menſchen füllte die Gemächer von Saint⸗Germain. Nie hatte Anna von Oeſterreich im Louvre oder im Palais⸗Royal eine größere Anzahl von Höflingen gehabt. Nur hatte ſich eine Bewegung unter dieſer Menge gebildet, welche dem Adel zweiten Ranges angehörte, während alle erſte Edelleute Frank⸗ reichs ſich bei Herrn von Conti, bei Herrn von Beau⸗ ſort und bei dem Coabjutor befanden. Es herrſchte indeſſen eine große Heiterkeit bei dic⸗ ſem Hofe, denn es war der eigenthümliche Charakter die⸗ ſes Krieges, daß mehr Verſe darüber gemacht, als Kanvnenſchüſſe dabei abgefeuert wurden. Der Hof machte Lieder über die Pariſer, während dieſe Gedichte über den Hof componirlen, und die Wunden, wenn ſie auch nicht tödteten, waren darum, mit der Waffe der Lächerlichkeit beigebracht, nicht minder ſchmerzlich. Mitten aber unter dieſer allgemeinen Heiterkeit, unter dieſem ſcheinbaren Leichtſinne nahm eine große Unruhe alle Gedanken in Anſpruch. Sollte Maza⸗ rin Miniſter und Liebling bleiben, oder wie eine von Wolke, die von Süden gekommen, fortgetragen dem Winde, ver ihn gebracht, wieder abziehen? Je⸗ dermann hoffte es, Jedermann wünſchte es, und der Miniſter fühlte, daß alle die Huldigungen, alle die höfiſchen Kriechereien um ihn her einen unter der Furcht und dem Interefſe ſchlecht verborgenen Grund von Haß bedeckten. Es war ihm nicht wohl dabei, denn er wußte nicht, auf was er rechnen, auf wen er ſich ſtützen konnte. Selbſt der Herr Prinz, welcher für lihn focht, ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um ihn zu ver⸗ ſpotten oder zu demüthigen, und wiederholt, da Mazarin vor dem Sieger von Rocroy ſeine Willensmeinung auf eine icher reich zahl ung iten ank⸗ eau⸗ dic⸗ die⸗ durchſetzen wollte, ſchaute ihn dieſer auf eine Weiſe an, wodurch er ihm zu verfſtehen gab, wenn er ihn auch vertheidige, ſo geſchehe dies weder aus Urberzeu⸗ gung noch aus Enthuſizsmus. Dann warf ſich der Cardinal auf die Königin, ſeine einzige Stütze, zurück; aber einige Male kam es ihm vor, als fühite er dieſe Stütze unter ſeiner Hand wanken. Als die Stunde der Audienz gekommen war, mel⸗ dete man dem Grafen de la Fere, ſie würde im verhin ſtattfinden, aber er müßte einige Augenblicke warten, da die Miniſter mit der Königin Rath zu pflegen hätten. Es war dies die Wahrheit. Paris hatte ſo eben eine neue Deputation abgeſchickt, welche bemüht ſein ſollte, den Angeleg iten irgend eine Wendung zu geben, und die Königin berieth ſich mit Mazarin über ſ Empfang, den man den Abgeordneten bereiten ollte. Die Unruhe war groß unter den bohen Staats⸗ perſonen. Athos konnte alſo keinen ſchlimmeren Au⸗ genblick wählen, um von ſeinen Freunden, armen in dieſem entfeſſelten Wirbel verlorenen Atomen, zu ſprechen. Aber Athos war ein unbeugſamer Mann, der nicht mit dem einmal gefaßten Entfhluß feilſchte, wenn ihm diefer Entſchluß ans ſenem Gew ſſen hervorge⸗ gangen und von ſeiner Pflicht dictirt ſchien Er beſtand darauf,eingeführt zu werden, indem er äußerte, wenn er auch weder ein Abgeordneter von Herrn von Conti, noch von Herrn von Beaufort, noch von Herrn von Bouil⸗ lon, noch von Herrn von E boeuf, noch von dem Coad⸗ jutor, noch von Frau von Longueoille, noch von Herrn Brouſſel, noch von dem Parlamente wäre und auf ſeine eigene R chnung käme, ſo hätte er darum nichts⸗ deſtoweniger Ihrer Majsſtät wichtige Dinge mitzu⸗ theilen. Zwanzig Jahre nachher. w. 1⁵ b 226 Sobald die Conferenz vorüber war, ließ ihn die Königin in ihr Cabinet rufen. Athos wurde eingeführt und nannte ſich. Es war ein Name, der zu oft in den Ohren Ihrer Majeſtät ge⸗ klungen, zu oft in ihrem Herzen vibrirt hatte, als daß ihn Anna von Oefterreich nicht hätte wiedererkennen ſollen. Sie blieb indeſſen unempfindlich und begnügte ſich, den Edelmann mit der Feſtigkeit anzuſchauen, welche nur königlichen Frauen, mögen ſie dies durch ihre Schönheit oder durch ihren Rang ſein, geſtat⸗ tet bleibt. „Es iſt alſo ein Dienſt, den Ihr uns zu leiſten Euch anerbietet?“ fragte Anna von Oeſterreich nach kurzem Stillſchweigen. „Ja, Madame, abermals ein Dienſt,“ ſprach Athos, ärgerlich darüber, daß ihn die Königin nicht zu erkennen ſchien. Atbos war ein großes Herz und folglich ein ſehr armer Höfling. Anna rurzelte die Stirne. Mazarin, der, an einem Tiſche ſitzend, in Popieren blätterte, wie dies nur ein einfacher Staats⸗Sekretär hätte thun können, ſchaute empor. „Sprecht,“ ſagte die Königin. MWazorin fuhr fort, in ſeinen Papieren zu blättern. „Madame,“ verſetzte Athos,„zwei von meinen Freunden, zwet der unerſchrock nſten Diener Euerer Majeſtät, Herr d'Artagnan und Herr Du Vallon, von dem Cardinal nach England abgeſchickt, find plötzlich in dem Augenblicke verſchwunden, wo ſie den Fuß wieder auf den Boden von Frankreich ſetzten, und man weiß nicht, was aus ihnen geworden iſt.“ „Nun?“ ſprach die Königin. .„Nun,“ erwiederte Athos,„ich wende mich an das Wohlwollen Eurer Majeſtät, um das Schickſal die⸗ ſer zwei Edelleute zu erfahren, wobei ich mir vorbe⸗ ndie war tge⸗ daß nnen nügte auen, durch eſtat⸗ eiſten nach prach ht zu ſehr „ an dies nen, tern. inen erer von h in eder weiß an die⸗ rbe⸗ 227 halte, wenn es hernach ſein muß, mich an ihre Gerech⸗ tigkeit zu wenden.“ „Mein Herr,“ antwortete Anna von Oeſterreich mit jenem Hochmuthe, der gewiſſen Menſchen gegen⸗ über zur Frechheit wurde,„darum ſtört Ihr uns mit⸗ ten unter großen Geſchäften, die uns ganz und gar in Anſpruch nehmen! Eine Polizei⸗Angelegenbeit! Ei, mein Herr, Ihr müßt wohl wiſſen, daß wir keine Po⸗ lizei mehr haben, ſeitdem wir nicht mehr in Paris find.“ „Ich glaube,“ ſprach Athos, ſich mit kalter Achtung verbeugend,„Euere Majeſtät yätte nicht nöthig, ſich bei der Polizei zu erkundigen, um zu erfahren, was aus den Herren d'Artagnan und Du Vallon geworden iſt. Wenn ſie den Herrn Cardinal in Betreff dieſer zwei Edelleute befragen wollte, ſo könnte ihr der Herr Cardinal antworten, ohne etwas Anderes„als ſeine eigenen Erinnerungen in das Verhör zu nehmen.“ „Aber Gott vergebe mir,“ verſetzte Anna von Oeſterreich mit der ihr eigenthümlichen„ verächtlichen Bewegung der Lippen,„ich glaube, Ihr verhört ſelbſt.“ „Ja, Madame, ich habe beinahe das Recht dazu; denn es handelt ſich um Herrn dArtagnan, hört Ihr wohl, Madame, um Herrn d'Artagnan,“ ſagte er auf eine Weiſe, daß ſich unter den Erinnerungen der Frau die Stirne der Königin beugen mußte. Mazarin begriff, daß es Zeit war, Anna von Oeſterreich zu Hülfe zu kommen. „Mein Herr Graf,“ ſagte er,„ich will Euch wohl etwas mittheilen, was Ihre Majeſtät nicht weiß, ich will Euch mittheilen, was aus dieſen zwei Edelleuten geworden iſt. Sie find ungehorſam geweſen und befin⸗ den ſich im Arreſt.“ „Ich bitte alſo Euere Majeſtät,“ ſprach Athos gleich ruhig und ohne Mazarin zu antworten,„ich bitte Eure Majeftät, dicſen Arreſt zu Gunſten der Her⸗ ren dArtagnan und Du Vallon aufzuheben.“ angelegenheit und geht mich ni wiederte die Königin. „Herr d'Artagnan hat dies „Was Ihr von mir verlangt, iſt eine Disciplin⸗ cht an, mein Herr,“ er⸗ nie geantwortet, wenn es ſich um den Dienſt Ihrer Majeſtät handelte,“ ſprach Athos mit einer würdevollen Verbeugung. no er machte zwei Schritte rückwärts„um die Thüre wieder zu erreichen. Mozarin hielt ihn auf. „Ihr kommt auch von England,“ ſagte er mit einem Zeichen gegen die Königin, welche ſichtbar er⸗ bleichte und einen heftigen Befehl zu geben im Be⸗ griffe war. „Und habe den letzten Augenblicken von König Karl beigewohnt,“ ſprach Athos.„Armer König! höch⸗ ſtens der Schwäche ſchuldig, und wurde von ſeinen Unterthanen ſo ßreng beſtraft; denn die Throne ſind zu dieſer Stunde gewaltig erſchüttert, und für ergebene Herzen iſt es nicht gut, wenn ſie den Intereſſen der Fürſten dienen. Es war das zweite Mal, daß Herr dArtagnan nach England ging; es für die Ehre einer großen Kö für das Leben eines großen Kön „Mein Herr,“ ſprach Ann das erſte Mal geſchah nigin, das zweite Mal igs.“ a von Oeſterreich zu Mazarin, mit einem Lone, deſſen wahren Ausdruck ſie trotz ihrer Verſtellungsgabe nicht zu verdergen ver⸗ mochte,„ſeht, ob ſich etwas für vieſe Edelleute thun läßt.⸗ „Madame,“ erwiederte Mazarin,„ich werde Alles thun, was Euere Majeſtät beliebt.“ „Thut was der Herr Graf Nicht wahr, ſo heißet Ihr, mein „Ich habe noch einen andern Namen, Madame: ich nenne mich Athos.“ „Madame,“ verſetzte Mazarin mit einem Lächeln, welches andeutete, daß er auch ein halbes Wort mit größter Leichtigkeit auffaßte,„Ihr könnt ru Euere Wünſche ſollen erfüllt werden.“ de la Fere verlangt.. Herr?“ hig ſein, me St plin⸗ er⸗ wenn prach ndie mit rer⸗ Be⸗ i böch⸗ inen d zu bene der Herr chah Mal zu k ſie ver⸗ thun llles ngt. me: eln, mit ein, — 2²9 „Ihr habt gehört, mein Herr?“ ſagte die Königin. „Ja, Madame, und ich erwartete nichts Anderes von der Gerechtigkeit Eurer Majeſtät. Ich werde alſo meine Freunde wiederſehen, nicht wahr, Madame? So verſteht es doch Euere MWajeſtät?“ „Ihr werdet ſie wiederſehen, ja, mein Herr.“ Doch ſagt, Ihr gehört zur Fronde?“ „Madame, ich diene dem König.“ „Ja, auf Euere Weiſe.“ „Meine Weiſe iſt die aller wahren Edelleute,“ antwortete Athos ſtolz. „Geht, mein Herr,“ ſprach die Königin, Alhos mit einer Geberde entlaſſend;„Ihr ſollt erhalten, was Ihr zu erhalten wünſchtet, und wir wiſſen, was wir zu wiſſen wünſchten.“ Dann ſich an Mazarin wendend, nachdem der Thürvorhang wieder hinter Athos herabgefallen war, ſprach ſie: „Cardinal, laßt dieſen frechen Menſchen verhaften, ehe er den Hof verlaſſen hat.“ „Ich dachte bereits daran,“ ſagte Mazarin,„und bin glücklich, von Euerer Majeſtät einen Befehl zu er⸗ halten, den ich mir von ihr erbitten wollte. Dieſe Klopffechter, welche in unſere Zeit die Ueberlieferung aus einer andern Regierung herüber bringen, beläſtigen uns gewaltig, und da bereits zwei feſtgenommen ſind, ſo wollen wir nun auch den dritten beifügen.“ Athos hatte ſich nicht ganz von der Königin be⸗ thören laſſen. Es fiel ihm in ihrem Tone etwas auf, was ihn trotz ihres Verſprechens zu bedrohen ſchien. ber er war nicht der Mann, ſich auf einen einfachen Verdacht zu entfernen, beſonders, da man ihm deut⸗ lich gefagt hatte, er ſollte ſeine Freunde wiederſehen. r wartete alſo in einem von den Zimmern, welche an das Cabinet ſtießen, worin er Audienz gehabt hatte, daß man ihm dArtagnan und Porthos bringen oder ihn zu ihnen führen werde. 230 In dieſer Erwartung näherte er ſich dem Fenſter und ſchaute maſchinenmäßig in den Hof. Er ſah die Deputation der Pariſer hereinkommen, welche erſchien, um den beftimmten Ort für die Conferenzen zu regeln und die Königin zu begrüßen. Es waren dabei Räthe vom Parlament, Präfidenten, Advokaten und auch ein paar Männer vom Schwerte. Ein impoſantes Ge⸗ leite harrte ihrer vor dem Gitter. Athos ſchaute aufmerkſamer, denn mitten unter dieſer Menge glaubte er Jemand zu erkennen, als er fühlte, daß man leicht ſeine Schultern berührte. Er wandte ſich um. „Ahl Herr von Comminges,“ ſagte er. „Ja, Herr Graf, und zwar mit einer Sendung beauftragt, wegen der ich Euch meine Entſchuldigung anzunehmen bitte.“ „Was iſt Euer Auftrag?“ fragte Athos. „Wollt mir Euren Degen geben, Herr Graf.“ Athos lächelte, öffnete das Fenſter und rief: „Aramis!“ Ein Edelmann wandte ſich um: es war derjenige, welchen Athos zu erkennen geglaubt hatte, es war„ Aramis. Er grüßte den Grafen freundſchaftlich. „Aramis,“ ſprach Athos,„man verhaftet mich.“ „Gut,“ antwortete Aramis phlegmatiſch. „Mein Herr,“ ſagte Athos, ſich gegen Comminges umwendend und mit aller Höflichkeit ſeinen Degen überreichend,„hier iſt mein Degen. Habt die Güte, ihn ſorgfältig zu bewahren und mir denſelben zurück⸗ zugeben, wenn ich das Gefängniß verlaſſe. Ich halte große Stücke darauf; Franz I. hat ihn meinem Groß⸗ vater geſchenkt. In jener Zeit bewaffnete man die Edelleute, man entwaffnete fie nicht. Zetzt ſagt, wo⸗ hin führt Ihr mich?“ „Zuerſt in mein Zimmer,“ ſprach Comminges, „die Königin wird ſodann Eure Wohnung beſtimmen,“ fü ger gar keit und erſe imn Dez hätt hört von woh war klar war vere ihrer Alles und ſie r nicht nſter hdie hien, geln äthe ein Ge⸗ nter s er ung ung ige, var ges gen ite, ick⸗ lte oß⸗ die ⸗ es, 231 ſu Athos folgte Comminges, ohne ein Wort beizu⸗ ügen. XVIII. Das Königthum von Berru ron Mazarin. Die Verhaftung von Athos hatte keinen Lärmen gemacht, hatte keinen Scandal verurſacht und war ſo⸗ gar beinahe unbekannt geblieben. Sie hatte alſo in keiner Beziehung den Gang der Ereigniſſe gehemmt und die von der Stadt Paris abgeſandte Deputation feierlich benachrichtigt, ſie ſollte vor der Königin erſcheinen. Die Königin empfing dieſelbe ſtumm und ſtolz wie immer. Sie hörte die Beſchwerden und Bitten der Deputirten; als ſie aber ihre Reden geendigt hatten, hätte Niemand ſagen können, ob ſie von ihr ge⸗ hört worden waren, ſo gleichgültig war das Geſicht von Anna von Oeſterreich geblieben. Dagegen hörte Mazarin, welcher der Audienz bei⸗ wohnte, ſehr gut, was die Deputirten verlangten: es war ſeine Enklaſſung, ganz einfach und deutlich in klaren, entſchiedenen Worten ausgeſprochen. Als die Königin, nachdem die Reden gehalten waren, immer noch ſtumm blieb, ſagte Mazarin: „Meine Herren, ich werde mich mit Euren Bitten vereinigen, um die Königin zu veranlaſſen, den Kiden ihrer Unterthanen ein Ende zu machen. Ich habe lles gethan, was ich vermochte, um ſie zu mildern, und dennoch ſagt Ihr, es herrſche allgemein die Anſicht, ſie rühren von mir her, von dem armen Fremden, dem es nicht gelungen iſt, den Franzoſen zu gefallen. Ach, 232 man hot mich nicht begriffen, und das war natürlich. Ich folgte auf den erhabenſten Mann, der je dem Scepter der Könige von Frankreich als Stütze gedient hat. Die Erinnerungen an Herrn von Richelieu tre⸗ ten mich in den Staub. Wäre ich ehrgeizig, ſo würde ich vergebens gegen dieſe Erinnerungen kämpfen. Aber ich bin es nicht, und ich will einen Beweis davon geben. Ich erkläre mich für beſiegt, und werde thun, was das Volk von Paris verlangt. Haben die Pari⸗ ſer Unrecht— und wer hat es nicht, meine Herren? — ſo iſt Paris hinreichend geſtraft. Genug des Bluts iſt gefloſſen, genug des Elends beugt eine der Ge⸗ rechtigkeit beraubte Stadt nieder. Es geziemt nicht mir, dem einfachen Privatmann, mir fo großes Gewicht zu verleihen, daß ich eine Königin mit ihrem König⸗ thum uneins machen würde. Ihr verlangt, daß ich mich zurückziehe; nun wohl, ich werde mich zurück⸗ ziehen.“ „Dann iſt per Friede gemacht, und die Conferen⸗ zen find unnöthig,“ ſagte Aramis ſeinem Nachbar in das Ohr.„Man braucht nur noch Herrn Mazarini unter guter Bedeckung an pie entf rnteſte Grenze zu ſchicken und darüber zu wachen, deß er weder über die eine noch übher die ande zurückkehrt.“ „Einen Augenblick, mein Herr, einen Augenblick,“ ſagte der Mann mit der Robe, an den ſich Aramis wandte;„wie ſchnell Ihr zu Werke geht! Man ſieht wohl, daß Ihr Männer vom Schwerte ſeid. Es iſt noch das Kapüel von den Wiedererſtattungen und Schadloshaltungen ins Reine zu bringen.“ „Herr Kanzler,“ fagte die Kör gin, ſich gegen je⸗ nen Seguier, unſere alte Bekannt chaft, umwendend⸗ „Ihr werdet die Conferenzen eröffnen; ſie finden in Rueil ſtatt. Der Herr Cardinal hat Dinge geſprochen, die mich ſehr bewegen mußtend; deshalb aniworte ich Euch nicht länger. Was das Bleiben oder Gehen be⸗ trifft, ſo habe ich zu große Dankbarkeit gegen den ———— ( lich. dem dient tre⸗ ürde Aber von hun, ari⸗ ren? luts Ge⸗ nicht vicht nig⸗ ich ück⸗ ren⸗ in rini zu die ck, mis dan 233 Herrn Cardinal, um ihm nicht in jeder Beziebung Freiheit in ſeinen Hanvlungen zu laſſen. Der Herr Cardinal wird thun, was ihm beliebt.“ Eine flüchtige Bläſſe zog ſich über das geiſtreiche Geſicht des erſten Miniſters hin. Er ſchaute die Kö⸗ nigin unruhig an. Ihr Geſicht war ſo unempfindlich, daß man unmöglich darin leſen konnte, was in ihrem Herzen vorging. „Aber,“ fügte die Königin bei,„in Erwartung des Entſchluſſes von Herrn von Mazarin ſei, ich bitte Euch, nur von dem König die Rede.“ Die Abgeordneten verbeugten ſich und traten ab. „Wie!“ rief die Königin, als der Letzte von ih⸗ nen das Zimmer verlaſſen hatte,„Ihr würdet dieſen Robins, dieſen Advokaten nachgeben?“ „Madame,“ ſprach Mazarin, ſein durchdringen⸗ des Auge auf die Königin heftend,„es gibt kein Opfer, das ich nicht für das Glück Euerer Majeſtät mir auf⸗ zulegen bereit wäre.“ Anna neigte das Haupt und verſank in eine von jenen Träumereien, welche bei ihr ſo gewöhnlich wa⸗ ren. Die Erinnerung an Athos kehrte in ihren Geiſt zurück. Die kühne Haltung des Edelmanns, ſein feſtes und zugleich ſo würdiges Wort, die Phantome, welche er herauf peſchworen hatte, riefen eine Vergangenheit von berauſchenver Poeſie in ihr zurück: die Schönheit, die Jugend, der Glanz einer Liebe von zwanzig Jah⸗ ren und die harten Kämpfe ihrer Stützen, das blutige Ende von Buckingham, dem einzigen Manne, den ſie wirklich geliebt hatte, der Heldenmuth ihrer dunkeln Vertheidiger, welche ſie von dem doppelten Haſſe von Richelieu und dem König gerettet hatten, Alles dies tauchte vor ihr auf. Mozarin ſchaute ſie an, und nun, da ſie ſich al⸗ lein glaubte und nicht mehr eine ganze Welt zum Beobachten um ſich hatte, vermochte er ihren Gevan⸗ ken auf ihrem Geſichte zu folgen, wie man auf den 234 durchſichtigen Seen die Wolken, Wiederſcheine des Himmels wie die Gedanken, hinziehen ſieht. „Man müßte alſo,“ murmelte Anna von Oeſter⸗ reich,„man müßte dem Sturme weichen, den Frieden erkaufen, geduldig und andächtig auf beſſere Zeiten warten?“ Mazarin lächelte bitter bei dieſen Worten, aus denen er ſah, daß ſie den Vorſchlag des Miniſters ernſtlich genommen hatte. Anna hielt den Kopf geſenkt und gewahrte dieſes Lä⸗ cheln nicht. Als ſie aber ſah, daß ſie keine Antwort auf ihre Frage erhielt, ſchaute ſie empor. „Nun, Cardinal, Ihr antwortet mir nicht; was denkt Ihr?“ „Ich denke, Madame, daß der freche Edelmannt der auf unſern Befehl durch Comminges verhafte, worden iſt, auf Herrn von Buckingham, den Ihr er⸗ morden ließet, auf Frau von Chevreuſe, welche Ihr in die Verbannung ſchicktet, und auf Herrn von Beau⸗ fort anſpielte, der auf Euer Geheiß eingekerkert wurde. Spielte er auf mich an, ſo geſchah dies nur, weil er nicht weiß, was ich für Euch bin.“ Anna bebte, wie ſie dies that, wenn man ſie in ihrem Stolze verletzte; ſie erröthete und drückte, um nicht zu antworten, ihre zugeſpitzten Nägel in ihre ſchönen Hände. „Er iſt ein Mann von gutem Rath, von Ehre und Geiſt, und dabei auch ein Mann von Entſchloſ⸗ ſenheit,“ fuhr Mazarin fort.„Ihr wißt etwas da⸗ von nicht wahr, Madame? Ich will ihm alſo ſagen, und das iſt eine perſönliche Gnade, die ich ihm er⸗ weiſe, worin er ſich in Beziehung auf mich täuſcht. Das, was man mir nämlich vorſchlägt, iſt in der That beinahe eine Abdankung, und eine Abdankung verdient, daß man darüber nachdenkt.“ „Eine Abdankung?“ ſprach Anna,„ich glaubte, mein Herr, nur die Könige könnten abdanken.“ 1 S— S— — 2⁵5 „Wohl,“ verſetzte Mazarin,„bin ich nicht bei⸗ nahe König, und ſogar König von Frankreich? An den Fuß eines königlichen Bettes geworfen, Madame, das verfichere ich Euch, gleicht meine Miniſter⸗Simarre bei Nacht gar ſehr einem Königsmantel.“ Das war eine von den Demüthigungen, mit wel⸗ chen er ſie ſehr häufig heimſuchte und unter denen ſie beſtändig das Haupt beugte. Nur Eliſabeth und Ka⸗ tharina 1I. blieben zugleich Geliebtinnen und Königin⸗ nen für ihre Liebhaber. Anna von Oeſterreich betrachtete daher mit einer Art von Schrecken das bedrohliche Antlitz des Cardi⸗ nals, dem es in ſolchen Augenblicken nicht an einer gewiſſen Größe fehlte. „Mein Herr,“ ſprach ſie,„habt Ihr nicht gehört, daß ich dieſen Leuten ſagte, Ihr würdet thun, was Euch beliebte?“ „Dann glaube ich, daß es mir belieben muß, hier zu bleiben; es iſt dies nicht allein mein Intereſſe, ſondern, ich wage dies zu behaupten, es gereicht auch zu Eurem Heil.“ „Bleibt alſo, mein Herr, ich verlange nichts An⸗ deres; aber dann laßt mich nicht beleidigen.“ „Ihr ſprecht von den Anmaßungen der Meuterer, und von dem Tone, in dem fie ſich ausdrückten? Nur Geduld! Sie haben ein Lerrain gewählt, auf dem ich ein geſchickterer General bin, als ſie: die Conferenzen. Wir werden ſie ſchon durch Temporiſiren allein ſchla⸗ gen. Sie haben bereits Hunger; in acht Tagen wird es noch ſchlimmer ſtehen.“ „Ei, mein Gott, ja, ich weiß, daß wir hiedurch zum Ziele gelangen werden; aber es handelt ſich nicht um ſie allein, nicht ſie allein erlauben ſich die ver⸗ letzendſten Beleidigungen gegen mich.“ „Ah! ich begreife Euch. Ihr meint die Erinne⸗ rungen, welche dieſe drei oder vier Edelleute beſtän⸗ dig hervorrufen. Aber wir halten ſie gefangen und 236 ſie find gerade ſchuldig genug, daß wir ſie ſo lange, als es uns zuſagen wird, in Gefangenſchaft laſſen. Ein Einziger iſt noch nicht in unſerer Gewalt und trotzt uns. Aber den Teufel! es wird uns bald gelingen, ihn mit ſeinen Gefährten zu vereinigen. Es ſcheint mir, wir haben ſchwierigere Dinge vollbracht, als dieſes. Ich habe vor Allem und aus Vorſicht in Rueil, das heißt in meiner Nähe, unter meinen Au⸗ gen, im Bereiche meiner Hand die zwei Störriſchſten einſperren laſſen. Noch heute wird ihnen der Dritte dort beigeſellt.“ „So lange ſie Gefangene find, mag es gut ſein,“ ſprach Anna von Oeſterreich;„aber ſie werden eines Tags herauskommen.“ „Ja, wenn Eure Majeſtät ſie in Freiheit ſetzt.“ „Ah!“ fuhr Anna von Oeſterreich, ihren eigenen Gedanken beantwortend, fort,„hier ſehnt man ſich nach dem Befitze der Baſtille zurück.“ „Warum dies?“ „Nach der Baſtille, mein Herr, die ſo ſtark und ſo verſchwiegen iſt.“ „Madame, mit den Conferenzen haben wir den Frieden; mit dem Frieden haben wir Paris; mit Pa⸗ ris haben wir vie Baßtille! Unſere vier Prahler wer⸗ den darin verfaulen.“ Anna von Oeſterreich runzelte leicht die Stirne, während ihr Mazarin, um von ihr Abſchied zu neh⸗ men, die Hand küßte. Mazarin entfernte ſich nach dieſem halb unter⸗ thänigen, halb galanten Akte. Anna von Oeßterreich folgte ihm mit dem Blicke, und je mehr er ſich ent⸗ fernte, deſto deutlicher hätte man ein verächtliches Lächeln auf ihren Lippen hervortreten ſehen können. „Ich habe,“ murmelte ſie,„die Liebe eines Cardi⸗ nals verachtet, der nicht ſagte:„Ich werde thun!““ ſondern;„„Ich habe gethan!““ Dieſer kannie ficherere 1 — 237 Gewahrſame, als Rueil, düſterere, ſtummere, als die Baſtille„Oh! die entartete Welt!„„ XIX. Vorſichtsmaß regeln. Mazarin kehrte, nachdem er Anna von Oeſterreich verlaſſen hatte, nach Rueil zurück, wo ſein Haus war. Mazarin marſchirte in dieſen ſtürmiſchen Zeiten mit ſehr ſtarker Escorte und zuweilen auch verkleidet. Der Cardinal war in der Tracht eines Soldaten er⸗ wähnter Maßen ein ſehr ſchöner Herr. In dem Hofe des alten Schloſſes ſtieg er in ſei⸗ nen Wagen und erreichte die Seine in Chaton. Der Herr Prinz hatte ihm ein Geleite von fünfzig Che⸗ vauxlegers geliefert, nicht ſowohl zu ſeiner Bewachung, ſondern vielmehr um den Deputiren zu zeigen, wie leicht die Generale der Königin über ihre Truppen verfügten und dieſelben nach ihrer Laune zerſtreuen konnten. Von Comminges ſcharf bewacht, zu Pferde und ohne Degen, folgie Athos dem Cardinal, ohne ein Wort zu ſagen. Grimaud, der von ſeinem Herrn vor dem Thore des Schloſſes zurückgelaſſen worden war, hatte die Nachricht von ſeiner Verhaftung ver⸗ nommen, als Athos dieſelbe Aramis zurief, und ging lautlos auf ein Zeichen des Grafen in die Nähe von Aramis, als wäre nichts vorgefallen. Seit den zweiundzwanzig Jahren, die Grimaud ſeinem Herrn diente, hatte er dieſen allerdings aus ſo vielen Abenteuer ſich herausziehen ſehen, daß ihn nichts mehr beunruhigte. Die Abgeordneten hatten nach ihrer Audienz auch 2³8 wieder den Weg nach Paris eingeſchlagen, das heißt, ſie gingen dem Cardinal etwa fünfhundert Schritte voran. Athos konnte alſo, vor ſich ſehend, Aramis erſchauen, deſſen vergoldetes Wehrgehänge und ſtolze Haltung ſeine Blicke unter dieſer Menge eben ſo ſehr feſſelten, als ſeine Nähe die Hoffnung auf Befreiung in ihm rege machte und die Anziehungskraft der Freundſchaft ausübte. Aramis dagegen ſchien ſich nicht im Geringſten darum zu bekümmern, ob ihm Athos folgte. Ein ein⸗ ziges Mal wandte er ſich um. Allerdings geſchah dies bei der Ankunft am Schloſſe. Er dachte, Ma⸗ zarin würde vielleicht ſeinen Gefangenen in dieſem kleinen Fort zurücklaſſen, das gleichſam als Schild⸗ wache für die Brücke diente und unter dem Befehl ei⸗ nes Kapitäns als Gouverneur im Namen der Königin ſtand. Aber dem war nicht ſo. Athos zog im Ge⸗ folge des Cardinals an Chatou vorüber. Bei der Verzweigung der Straße von Paris nach Rueil wandte ſich Aramis um. Diesmal hatten ihn ſeine Vorherſehungen nicht getäuſcht. Mazarin zog rechts und Aramis konnte den Gefangenen an der Wendung der Bäume verſchwinden ſehen. In demſel⸗ ben Augenblick ſchaute Athos, durch einen ähnlichen Gedanken bewogen, ebenfalls zurück. Die zwei Freunde wechſelten ein einfaches Zeichen mit dem Kopfe und Aramis legte ſeinen Finger wie zum Gruße an den Hut. Athos allein begriff, daß ihm ſein Freund be⸗ zeichnete, er hätte einen Gedanken. Zehn Minuten nachher gelangte Mazarin mit ſei⸗ nem Gefolge in den Hof des Schloſſes, das der Car⸗ dinal, ſein Vorgänger, in Rueil hatte einrichten laſſen. In dem Augenblicke, wo er den Fuß auf die unterſte Stufe der Freitreppe ſetzte, näherte ſich ihm Comminges mit der Frage: „Monſeigneur, wo beliebt Euerer Eminenz, daß wir Herrn de la Fere einquartieren?“ ——— —, heißt, ritte amis tolze ſehr iung der ſten ein⸗ chah Ma⸗ ſem ild⸗ ei⸗ igin Ge⸗ ach ihn zog der el⸗ en we nd en e⸗ i⸗ r⸗ n. ie m — 239 „Im Pavillon der Orangerie, dem Pavillon ge⸗ enüber, wo ſich der Poſten befindet. Man ſoll dem errn Grafen de la Fere Ehre erweiſen, obgleich er der Gefangene der Königin ifi.“ „Monſeigneur,“ bemerkte Comminges,„er bittet um die Gunſt, zu Herrn d'Artagnan gebracht zu werden, welcher nach dem Befehle Euerer Eminenz im Jagdpavillon der Hrangerie gegenüber wohnt.“ Mazarin dachte einen Augenblick nach. Comminges ſah, daß er mit ſich zu Rath ging. „Es iſt ein ſehr ſtarker Poſten,“ fügte er bei, „vierzig ſichere Leute, erprobte Soldaten, beinahe lauter Deutſche und folglich ohne Verbindung mit den Frondeurs und ohne Intereſſe bei der Fronde.“ „Wenn wir dieſe drer Menſchen zuſammenbräch⸗ ten, Herr von Comminges,“ ſagte Mazarin,„ſo müßten wir den Poſten verdoppeln, und wir find nicht reich genug an Vertheidigern, um uns eine ſolche Verſchwendung zu erlauben.“ Comminges lächeite. Mazarin ſah dieſes Lächeln und verſtand es. „Ihr kennt ſie nicht, Herr von Comminges, aber ich kenne ſie, einmal durch ſie ſelbſt und dann durch die öffentlichen Gerüchte. Ich hatte ſie beauftragt, dem König Karl Hülfe zu bringen, und ſie haben zu ſeiner Rettung wunderbare Dinge vollbracht. Das Schickſal mußte ſich darein miſchen, daß der gute König Karl nicht zu dieſer Stunde in Sicherheit un⸗ ter uns weilt.“ „„Aber warum hält ſie Euere Eminenz im Gefäng⸗ niß, wenn fie dem Herrn Cardinal ſo gut gedient haben?“ „Im Gefängniß!“ ſprach Mazarin,„ſeit wann iſt Rueil ein Gefängniß?“ „Seitdem Gefangene hier ſind,“ erwiederte Com⸗ minges. „Dieſe Herren find nicht meine Gefangenen,“ 240 ſprach Mazarin mit ſeinem verſchmitzten Lächeln,„ſie find meine Gäſte, ſo theure Gäſſe, daß ich ihre Fen⸗ ſter vergittern und Riegel an die Thüren der Zimmer, welche ſie bewohnen, machen ließ, dergeſtalt befürchte ich, ſie könnten müde werden, mir Geſellſchaft zu leiſten. So viel aber iſt gewiß, daß ich ſie, obgleich ſie ober⸗ flächlich betrachtet Gefangene zu ſein ſcheinen, doch ſehr hochſchätze; zum Beweiſe mag dienen, daß ich dem Herrn de la Fere einen Beſuch zu machen wünſche, um unter vier Augen mit ihm zu plaudern. Damit wir bei dieſer Plauverei nicht geßört werden, führt Ihr ihn, wie ich geſagt habe, in den Pavillon der Oran⸗ gerie, Ihr wißt, das iſt mein gewöhnlicher Spazier⸗ gang. Mache ich wieder einen Spaziergang, ſo trete ich bei ihm ein, und wir plaudern. Obgleich er, wie man behauptet, mein Feind iſt, ſo habe ich doch eine Sympathie für ihn. Benimmt er fich vernünftig, ſo werden wir vielleicht etwas daraus zu machen wiſſen.“ Comminges verbeugte ſich und kehrte zu Athos zurück, der mit ſcheinbarer Ruhe, aber mit wirklicher Unruhe den Erfolg dieſer Beſprechung erwartete. „Nun? fragte er den Lieutenant der Garden. „Mein Herr,“ erwiederte Commingeg,„es ſcheint, es iſt unmöglich.“ „Herr von Comminges,“ ſprach Athos, ich bin mein ganzes Leben hindurch Soldat geweſen; ich weiß alſo, was ein Befehl bedeut tz aber außerhalb dieſes Befehls könntet Ihr mir einen Dienſt leiſten.“ „Von Herzen gern, mein Herr,“ ſprach Com⸗ minges;„ſeitdem ich weiß, wer Ihr ſeid und welche Dienſte Ihr einſt Ihrer Majeſtät geleiſtet habt, ſeit⸗ dem ich weiß, wie nahe Euch der junge Menſch be⸗ rührt, der mir ſo muthig am Tage der Verhaftung des alten Burſchen, des Brouſſel, zu Hülfe gekommen iſt, erkläre ich mich ganz für den Eurigen, abgeſehen 7 indeſſen von dem Befehl.“ „Ich danke, mein Herr, ich verlange nicht mehr, „„ſie Fen⸗ nmer, te ich, iſten. ober⸗ doch dem „um wir Ihr ran⸗ zier⸗ trete wie eine — —,— 241 und will Euch um etwas bitten, was Euch keineswegs gefährden wird.“ „Wenn es mich nur ein wenig gefährdet, mein Herr,“ ſagte lächelnd Herr von Comminges,„ſo bit⸗ tet immerhin; ich liebe Mazarin nicht mehr als Ihr; ich diene der Königin, was ganz natürlich nach ſich zieht, daß ich auch dem Cardinal diene; aber ich diene der Einen mit Freuden und dem Andern mit Sprecht alſo, ich bitte Euch, ich warte und höre.“ „Da es von keinem Nachtheil iſt,“ ſprach Athos, „daß ich von der Anweſenheit von Herrn d'Artagnan unterrichtet bin, ſo kann es meiner Anſicht nach eben ſo wenig nachtheilig ſein, wenn er erfährt, daß ich mich auch hier befinde.“ „Ich habe in dieſer Beziehung keinen Befehl er⸗ alten.“ „Nun wohl, ſo habt die Güte, ihm alles Freund⸗ liche von mir zu ſagen und ihm mitzutheilen, ich ſei ſein Nachbar. Ihr werdet ihm zugleich verkündigen, was Ihr ſo eben mir verkündigtet, daß ich nämlich von Herrn von Mazarin in den Pavillon der Oran⸗ gerie einquartiert worden bin, damit er mir einen Beſuch machen kann, und daß ich die Ehre, die er mir erweiſen will, benützen werde, um einige Er⸗ leichterungen in unſerer Gefangenſchaft zu erlangen.“ „Welche nicht lange dauern kann,“ füßte Com⸗ minges bei,„denn der Herr Cardinal hat mir ſelbſt geſagt, es wäre hier kein Gefängniß.“ „Wohl aber gibt es hier Oublietten,“ ſprach Athos lächelnd. „Oh! das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Com⸗ minges;„ja, ich weiß, es gehen Sagen hierüber. Aber ein Menſch von niederer Geburt, wie der Car⸗ dinal, ein Menſch, der nach Frankreich gekommen iſt, um ſein Glück zu ſuchen, würde es nicht wagen, zu Swanzig Jahre nachher. w. 16 242 ſolchen Erceſſen gegen Männer, wie wir find, zu greifen. Das wäre eine Ungeheuerlichkeit. Derglei⸗ chen mochte gut ſein zur Zeit des andern Cardinals, der ein vornhmer Herr wor; aber Herr Mazarin! geht doch. Die Oublietten ſind königliche Rachewerke, welche ein Knicker, wie er iſt, nicht zu berühren wagt. MWon kennt Eure Verhaſtung, man wird auch bald die Eu er Freunde erfahren, und der ganze Adel Frank⸗ reichs würde von ihm Rechenſchaft über Euer Verſchwin⸗ den forbern. Vein, nein! beruhigt Euch: die Oubliet⸗ ten von Rueil ſind ſeit zehn Jahren Sa en zum From⸗ men der Kinder geworden. Bleibt alſo unbeſoret an dieſem Orte; ich mernerſeits werde Herrn d'Artagnan von Eurer Ankunft unterrichten. Wer weiß, ob Ihr mir nicht vielleicht in vierzehn Tagen einen ähnlichen Dienſt zu leiſten habt.“ „Ich, mein Herr?“ „Ei, allervings; kann ich nicht Gefangener des Herrn Cvarjutors ſein? „Glaubt, mein Herr,“ ſprach Athos ſich verbeu⸗ gend,„daß ich in dieſem Falle Euch zu dienen bemüht ſein werde.“ „Werdet Ihr mir die Ehre erweiſen, mit mir zu Nacht zu ſpeiſen?“ fragte Comminges. Ich danke; ich bin finſterer Laune und würde Euch einen traurigen Abend machen.“ Comminges führte nun den Grafen in ein Zim⸗ mer des Erogeſchoßes in einen Pwillon, der noch zur Drangerie gehörte und auf gleicher Höhe mit dieſer lag. Man gelangte zur Orangerie durch einen mit Soldaten und Höflingen angefüllten Hof. Dieſer Hof bildete ein Huteiſen, hatte in ſeinem Mittelpunkte die von Herrn von Mozarin bewohnten Zimmer und an jedem von ſeinen Flugeln den Jagdpavillon, in wel⸗ chem ſich d'Artagnan befand, und den Pavillon der Drangerie, in den man Athos einquartiert hatte. Hin⸗ ter dem Ende dieſer zwei Flügel dehnte ſich der Park aus. bei eiſe hat Ade hät Hee dack von Vir wär Lan und es dan e rglei⸗ inals, zerin! verke, wagt. d die rank⸗ win⸗ bliet⸗ rom⸗ tan nan Ihr ichen des beu⸗ müht r zu ürde zim⸗ zur ieſer mit Hof die an vel⸗ der in⸗ us. 243 Als Athos in das Zimmer gelangte, das er be⸗ wohnen ſollte, gewohrte er durch das ſorgfältig ver⸗ gitterte Fenſter Mauern und Dächer. „Was für ein Gebäude iſt dies?“ „Der hintere Theil des Jagdpavillon, wo Eure Freunde gefangen gehalten werden„“ ſprach Com⸗ minges.„Leider find die Fenſter, die auf dieſe Seite gehen, zur Zeit des andern Carvinals verſtopft wor⸗ den; denn mehr als ein Mal haben die zwei Gebäude als Gefängniß gedient, und wenn Herr von Mazarin Euch darin einſchließt, ſo gibt er ſie nur ihrer erſten Beſtimmung zurück. Wären dieſe Fenſter nicht ver⸗ ſtopft, ſo hättet Ihr den Troſt, mit Euren Freunden eine Verbindung durch Zeichen zu unterhalten.“ „Und Ihr ſeid überzeugt, Herr von Comminges,“ ſagte Athos,„daß mir der Cardinal die Ehre eines Beſuches gönnen wird?“ „Er hat es mich wenigſtens verſichert.“ Athos ſeufzte die vergitterten Fenſter anſchauend. „Ja, das iſt wahr,“ ſprach Comminges,“ es iſt beinahe ein Gefängniß; nichts fehlt, nicht einmal die eiſernen Stangen. Aber welch ein ſeltſamer Gedanke hat Euch auch erfaßt, Euch, der Ihr eine Blüthe des Adels ſeid, Eure Tapferkeit und Loyalttät unter Sieſen Pilzen der Fronde zu entfalten! In der Thät, Graf, hätte ich je einen Freund in den Reihen des königlichen Hreres zu haben geglaubt, ſo würde ich an Euch ge⸗ dacht haben. Ihr, ein Frondeur! der Braf de la Fére von der Partei eines Brouſſel, eines Blanemesnil, eines Viole! pfui doch! Man ſollte glauben, Euere Mutter wäre eine kleine Robine geweſen. Ihr, ein Frondeur!“ „Meiner Treue, mein lieber Herr,“ ſprach Athos, zman mußte entweder Mazariner oder Frondeur ſein. Lange ließ ich dieſe zwei Namen an mein Ohr klingen, und ich ſprach mich am Ende für den letztern aus; es iſt doch wenigſtens ein franzöſiſcher Name! Und dann bin ich Frondeur nicht mit Herrn Brouſſel, mit 244 mit Herrn von Beaufort, mit Herrn von Bouillon, und Herrn von Elbveuf, mit Prinzen und nicht mit Prä⸗ ſidenten, Räthen und Robins. Seht übrigens den an⸗ genehmen Erfolg der Dienſte, die man dem Herrn Cardinal leiſtet. Schaut dieſe Mauer ohne Fenſter an, Herr von Comminges, und ſie wird Euch ſchöne Dinge von der Mazarin'ſchen Dankbarkeit ſagen.“ „Ja,“ verſetzte lachend Comminges,„beſonders wenn ſie wiederholt, welche Verwünſchungen ihm Herr d'Artagnan ſeit acht Tagen zuſchleudert.“ „Armer d'Artagnan!“ ſprach Athos mit jener reizenden Schwermuth, welche eine von den Seiten ſeines Charakters bildete;„ein ſo braver, ſo guter Mann, ſo furchtbar für diejenigen, welche nicht lieben, wen er liebt! Ihr habt da zwei ſchlimme Gefangene, Herr von Comminges, und ich beklage Euch, wenn man dieſe unzähmbare Menſchen unter Eure Verantwort⸗ lichkeit geſtellt hat.“ „Unzähmbar!“ erwiederte Comminges lächelnd, „ei! mein Herr, Ihr wollt mir bange machen. Am erſten Tage ſeiner Gefangenſchaft hat Herr d'Artagnan alle Soldaten und alle Unteroffiziere herausgefordert, ohne Zweifel, um einen Degen zu bekommen. Dieß dauerte bis zum andern Tage, erſtreckte ſich ſogar noch auf den zweiten; dann wurde er aber ſanft und ruhig wie ein Lamm. Gegenwärtig ſingt er gasco⸗ gniſche Lieder, über die wir uns beinahe zu Tode lachen.“ „Und Herr Du Vallon?“ fragte Athos. „Ah, der, das iſt etwas Anderes. Ich geſtehe,* das iſt ein furchtbarer Mann. Am erſten Tage hatte er alle Thüren mit einem einzigen Drucke ſeiner Schulter geſprengt, und ich war darauf gefaßt, daß er aus Rueil hinausgehen würde, wie Simſon aus Gaza. Aber ſeine Laune nahm denſelben Gang wie die ſeines Gefährten, des Herrn dArtagnan. Jetzt Herrn Blanemesnil und mit Herrn Viole, ſondern beh ſeir zar hat er ſich nicht nur an ſeine Gefangenſchaft gewöhnt, ſondern er ſcherzt ſogar darüber.“ „Deſto beſſer,“ ſprach Athos,„deſto beſſer!“ „Erwartetet Ihr denn etwas Anderes?“ fragte Comminges, der das, was ihm Mazarin über ſeine Gefangenen geſagt hatte, mit der Aeußerung des Gra⸗ fen de la Före zuſammenhaltend einige Unruhe zu verſpüren anfing. Athos ſeinerſeits überlegte, daß die Verbeſſerung in der Gemüthobeſchaffenheit ſeiner Freunde ohne Zwei⸗ fel aus einem von d'Artagnan gebildeten Plane ent⸗ ſprang. Er wollte ihm deßhalb nicht durch zu große Anpreiſung ſchaden. „Ei?“ ſagte er,„es find entzündbare Köpfe; der Eine iſt ein Gascogner, der Andere aus der Picardie. Beide entflammen leicht, erlöſchen aber bald. Ihr habt den Beweis davon gehabt, und was Ihr mir er⸗ zähltet, dient zur Beſtättigung deſſen, was ich ſage.“ Dieß war auch die Anſicht von Comminges. Er entfernte ſich ruhiger, und Athos blieb allein in dem großen Zimmer, wo er, gemäß dem Befehle des Car⸗ dinals, mit der einem Edelmanne ſchuldigen Rückſicht behandelt wurde. Um ſich übrigens einen genauen Begriff von ſeiner Lage zu machen, erwartete er den ihm von Ma⸗ zarin ſelbſt zugeſagten Beſuch. 6 Der Geiſt und der Arm. Gehen wir nun von der Orangerie zu dem Jagd⸗ pavillon über. 2¹6 Im Hintergrunde des Hofes, wo man durch einen von joniſchen Säulen gebildeten Porticus die Hunde⸗ ſtälle erblickte, erhob ſich ein längliches Gebäude, das ſich wie ein Arm dem andern Arme dem Pavillon der Drangerie, einem den Ehrenhof einſchließenden Halb⸗ kreiſe, entgegenzuſtrecken ſchien. In dieſem Pavillon im Erdgeſchoße waren Por⸗ thos und d'Artagnan eingeſperrt, welche mit einander die Stunden der für ſolche Temperamente höchſt wider⸗ wärtigen Gefangenſchaft theilten. D'Artagnan ging wie ein Tiger mit ſtarrem Auge auf und ab und gab zuweilen ein dumpfes Knurren an den Gitterſtangen eines großen Fenſters von ſich, das nach dem Gefindehofe ging. Porthos verdaute in der Stille ein vortreffliches Mittagsmahl, deſſen Ueberreſte man ſo eben abgetra⸗ gen hatte. Der Eine ſchien der Vernunft beraubt und ſann nach, der Andere ſchien in tiefes Nachfinnen verſunken und ſchlief. Nur war ſein Schlaf ein Alp, was ſich aus der unzuſammenhängenden, unterbrochenen Art und Weiſe ſeines Schnarchens entnehmen ließ. „Der Tag neigt ſich,“ ſprach dArtagnan,„es muß ungefähr vier Uhr ſein. Bald ſind wir hundert und dreiundachtzig Stunden eingeſchloſſen.“ „Hm,“ murmelte Porthos, um ſih das Anſehen zu geben, als antwortete er. „Hört Ihr, ewiger Schläfer?“ rief dArtagnan ungeduldig darüber, daß ſich ein Menſch am Tage dem Schlafe hingeben konnte, während er die größte Mühe hatte, bei Nacht zu ſchlafen. „Was?“ fragte Porthos. „Was ich ſage?“ „Was Ihr ſagt?“ „Ich ſage,“ verſetzte d'Artagnan,„wir ſeien bald hundert und dreiundachtzig Stunden hier.“ „Das iſt Euer Fehler,“ ſprach Porthos. — heu inen nde⸗ das der a⸗ Por⸗ nder ider⸗ rrem pfes ſters ches tra⸗ ſann nken und „es dert ehen nan dem ühe ald 247 „Wie, mein Fehler?“ „Ja, ich habe Euch unſere Entfernunz angeboten.“ „Durch das Losmachen einer Gitterſtange oder durch das Sprengen einer Thüre?“ „Allerdings.“ „Porthos, Leute, wie wir ſind, gehen nicht ſo ganz einfach fort.“ „Meiner Treue, ich würde mit der Einfachheit gehen, die Ihr ſo ſehr zu verachten ſcheint.“ DArtagnan zuckte die Achſetn. „Und dann,“ ſagte er,„dann iſt dadurch noch nicht Alles geſchehen, daß wir dieſes Zimmer verle „Lieber Freund,“ ſprach Porthos,„h heute etwas beſſerer Laune zu ſein, als g klärt mir, warun eſtern. Er⸗ m damit nicht Alles geſchehen iſt, daß dieſes Zimmer verlaſſen. „Es iſt nicht Ahes, weil wir, da wir weder Waf⸗ fen noch Parole haben, keine fünfzig Schritte im Hofe machen würden, ohne auf eine Schildwache zu ſtoßen.“ „Wohl,“ ſprach Porthos,„wir ſchlagen die Schildwache todt und haben Waffen.“ a, aber ehe ſie völlig todt geſchlagen iſt,— ein Schweizer hat ein hartes, ſehr hartes Leben,— wird ſie einen Schrei oder weni ſtens einen Seufzer 8 ausſtoßen und der Poſten dadurch herausgerufen wer⸗ den. Man umſtellt uns, man fängt uns wie Füchſe, uns, die wir doch Löwen ſind, und wirft uns in ein tiefes Kerkerloch, wo wir nicht einmal den Troſt ha⸗ ben, den abſcheulichen Himmel von Rueil zu ſehen, der dem Himmel von Tarbes nicht mehr gleicht, als die Sonne dem Monde. Mord und Tod! wenn wir Jemand hätten, der uns Auskunſt über die moraliſche und phyſiſche Topographie vieſes Schloſſes geben könnte, über das, was Cäfar die Sitten und die Orte nannte, wenigſtens wie man fagt. Wenn man bedenkt, daß es mir während der zwanzig Jahre, 2⁴8 in denen ich nicht wußte, was ich thun ſollte, nie in den Kopf kam, eine von dieſen Stunden dazu zu be⸗ nützen, um Rueil zu ſtudiren!“ „Was thut das?“ ſagte Porthos,„wir wollen immerhin gehen.“ „Mein Lieber,“ ſprach d'Artagnan,„wißt Ihr, warum die Paſtetenbäckermeiſter nie mit ihren eigenen Händen arbeiten?“ „Nein,“ erwiederte Porthos,„aber ich würde mich ſehr freuen, es zu erfahren.“ „Weil ſie ſich fürchten, vor ihren Zöglingen ein paar Torten zu ſtark zu backen oder Crémes zu ſehr einzukochen.“ „Nun?“ „Dann würde man über fie ſpotten und man ſoll nie über Paſtetenbäckermeiſter ſpotten.“ „Welche Beziehung haben dieſe Herren zu uns?“ „Wir dürfen im Punkte der Abenteuer nie unter⸗ liegen oder uns lächerlich machen Auch find wir kürzlich geſcheitert, wir ſind geſchlagen worden, und das iſt ein Flecken an unſerem Rufe.“ „Von wem ſfind wir geſchlagen worden?“ Von Mordaunt.“ „Ja, aber wir haben Herrn Mordaunt er⸗ tränkt.“ „Ich weiß es wohl, und das wird unſere Ehre im Geiſte der Nachwelt einigermaßen wiederherſtellen, wenn überhaupt die Nachwelt ſich mit uns beſchäftigt. Aber hört mich, Porthos: obgleich Herr Mordaunt nicht zu verachten war, ſo ſcheint mir doch Herr von Mazarin eine ganz andere Stärke zu beſitzen, als Herr Mordaunt, und wir werden ihn nicht ſo leicht ertränken. Laßt uns alſo genau auf Alles mer⸗ ken und unſer verborgenes Spiel ſpielen, denn,“ fügte d'Artagnan mit einem Seuſzer bei,„wir Zwei find wohl ſo viel werth als acht; aber nicht ſo viel als die Euch bekannten Vier,“ dre ſen lan 249 in„Das iſt wahr,“ ſprach Porthos, einen Seußzer be⸗ von d'Artagnan ebenſo mit einem Seufzer erwiedernd. „Nun wohl, Porthos, macht es wie ich: geht Uen im Zimmer auf und ab, bis eine Nachricht von unſern Freunden zu uns gelangt oder bis uns ein hr, guter Gevanke kommt. Aber ſchlaft nicht immer, wie nen Ihr dies thut: es gibt nichts, was den Geiſt ſo ſchwerfällig macht, wie der Schlaf. Was uns erwar⸗ irde tet, iſt vielleicht weniger ernſt, als wir von Anfang an wähnten. Ich glaube nicht, daß Mazarin daran ein denkt, uns den Kopf abzuſchneiden, weil man uns ſehr den Kopf nicht ohne Prozeß abſchneiden könnte, weil der Prozeß Lärmen machen würde, weil der Lärmen unſere Freunde herbeiziehen müßte, und dieſe ſoll ließen dann Herrn von Mazarin nicht gewähren.“ „Was Ihr vortrefflich ſchließt,“ ſprach Porthos 820 mit Bewunderung. ter⸗„Allerdings nicht ſchlecht,“ ſagte d'Artagnan. find„Und dann, ſeht Ihr, wenn man uns nicht unſern den Prozeß macht, wenn man uns nicht den Kopf ab⸗ ſchneidet, ſo muß man uns hier behalten oder anders⸗ wohin bringen.“ „Ja, das muß nothwendig ſein.“ er⸗„Wohl, es iſt ganz unmöglich, daß Aramis, die⸗ ſer feine Spürhund, und Athos, dieſer weiſe Edel⸗ hre mann, unſern Aufenthaltsort nicht entdecken. Dann len, wird es, meiner Treue, noch Zeit ſein.“ igt.„Ja, um ſo mehr, als man hier nicht gerade unt ganz ſchlimm iſt, mit Ausnahme von Einem.“ von„Von was?“ als„Habt Ihr bemerkt, d'Artagnan, daß man uns ſo drei Tage hintereinander auf Kohlen geröſtetes Schöp⸗ ner⸗ ſenfleiſch gegeben hat?“ ⸗ igte„Nein, aber ſeid unbeſorgt, wenn es zum vierten find Male kommt, werde ich mich beklagen.“ als„Und dann fehlt mir mein Haus. Ich habe ſehr lange meine Schlöſſer nicht mehr beſucht.“ 250 „Bah! vergeßt ſie für den Augenblick; wir wer⸗ den ſie wieder finden, wenn ſie Herr von Mazarin nicht dem Boden gleich machen läßt.“ „Glaubt Ihr, eine ſolche Tyrannei wäre erlaubt 2“ fragte Porthos unruhig. „Rein, dergleichen Beſchlüſſe waren gut für den andern Cardinal. Der unſere iſt zu ſchmutzig, um ſolche Dinge zu wagen.“ „Ihr beruhigt mich, d'Artagnan.“ „Nun wohl, dann macht ein gutes Geſicht, wie ich es mache. Laßt uns mit den Wachen ſcherzen, die Soldaten für uns intereſſiren, da wir fie nicht beſte⸗ chen können; wir wollen ihnen mehr ſchmeicheln, als Ihr dies zu thun pflegt, wenn ſie wieder unter unfere Gitter kommen. Bis jetzt habt Ihr ihnen nur Euere Fauſt gezeigt, und je achtungswerther Euere Fauſt iſt, deſio weniger iſt ſie anziehend, Porthos. Ah, ich gäbe viel, wenn ich fünfhundert Louisd'or hätte!“ „Und ich auch,“ ſagte Porthos, der an Groß⸗ muth nicht hinter d'Artagnan zurückbleiben wollte, „ich gäbe viele hundert Piſtolen!“ Die zwei Gefangenen waren ſo weit in ihrem Geſpräch, als Comminges eintrat. Ihm gingen ein Sergent und zwei Soldaten voran, welche das Abend⸗ brod in einem mit Schlüſſeln und Platten gefüllten Tiſchkorbe trugen. ſeiſ„Gut,“ ſagte Porthos,„abermals Schöpſen⸗ e ch. „Mein lieber Herr von Comminges,“ ſprach dArtagnan,„Ihr möget wiſſen, daß mein Freund, Herr Du Vallon entſchloſſen iſt, zu den äußerſten, ge⸗ gewaltſamſten Mitteln zu greifen, wenn Herr von Mazarin hartnäckig darauf beſteht, uns mit dieſer Art von Fleiſch zu füttern.“ „Ich erkläre ſogar,“ ſprach Porthos,„vaß ich nichts Anderes eſſen wende, wenn man vas Schöpſen⸗ fleiſch nicht wegnimmt.“ ⸗ wa frei Hö tho han Bli Ath Her in en im ie ie te⸗ s re re ſt, ich ß⸗ te, m in d⸗ en ⸗ ch e⸗ n rt „Nelmt das Schöpſenfleiſch weg,“ ſagte Herr von Comminges.„Herr Du Vallon foll um ſo mehr angenehm zu Nacht ſpeiſen, als ich ihm eine Neuig⸗ keit mitzuthetlen habe, die ihm, ich bin es feſt über⸗ zeugt, Appetit machen wird.“ „Sollte Herr von Mazarin verſchieden ſein?“ fragte Porthos. „Nein, ich bedaure ſogar, Euch ſagen zu müſſen, daß er ſich ſehr wohl befindet.“ „Deſto ſchlimmer,“ verſetzte Porthos. Und worin beſteht dieſe Neuigkeit?“ fragte dAr⸗ tagnan.„Eine Neuigkeit im Gefängniß iſt eine ſo ſeltene Frucht, daß Ihr meine Ungeduld hoffentlich entſchuldigen werdet, nicht wahr, Herr von Commin⸗ ges? um ſo mehr, als Ihr uns zu verſtehen gegeben habt, die Kunde wäre gut.“ „Sollte es Euch wirklich angenehm ſein, zu erfah⸗ ren, daß ſich der Herr Graf de la gére wohl befindet?“ erwiederte Comminges. Die kleinen Augen von dArtagnan öffneten fich übermäßig weit. „Ob es mir angenehm wäre!“ rief er.„Es wäre mir mehr als angenehm; es würde mich glück⸗ lich machen!“ „Wohl, ich bin von ihm beauftragt, Euch ſeine beſten Complimente zu überbringen und Euch zu ſagen, er er⸗ freue ſich einer guten Geſundheit.“ D'Artagnan wäre beinahe vor Freude in die Höhe geſprungen. Ein raſcher Blick überbrachte Por⸗ thos ſeinen Gedanken: wenn Athos weiß, wo wir find, ſagte dieſer Blick, ſo wird er binnen Kurzem handeln. Porthos war nicht ſehr geſchickt im Begreifen der Blicke. Dießmal aber, da er bei dem Namen von Athos denſelben Eindruck gefühlt hatte, begriff er. „Aber,“ fragte der Gascogner ſchüchtern,„der Herr Graf de la Fere hat Euch, wie Ihr ſagt, mit 252 ſeinen Complimenten für Herrn Du Vallon und mich beauftragt?“ „Ja, mein Herr.“ „Ihr habt ihn alſo geſehen 2 „Allerdings.“ „Wo dieß, wenn mir dieſe Frage erlaubt iſt?“ „Sehr nahe von hier,“ antwortete Comminges lächelnd. „Sehr nahe von hier?“ wiederholte d'Artagnan mit funkelnden Augen. „So nahe, daß Ihr ihn, wenn die Fenſter, welche in die Orangerie gehen, nicht verſtopft wären, von der Stelle aus, wo Ihr ſeid, ſehen könntet.“ „Er ſtreift in der Gegend des Schloſſes unher⸗ dachte d'Artagnan. Dann ſprach er laut: „Ihr habt ihn auf der Jagd getroffen, im Parke vielleicht?“ „Rein, noch näher, viel näher; ſeht hinter dieſer Mauer,“ ſagte Comminges, an die Mauer klopfend. „Hinter dieſer Mauer? was iſt denn hinter dieſer Mauer? Man hat mich bei Nacht hieher gebracht, ſo i„der Teufel ſoll mich holen, nicht weiß, wo in.“ „Wohl,“ ſprach Comminges,„nehmt Eines an.“ „Ich werde annehmen, was Ihr wollt.“ n an, es wäre ein Fenſter in dieſer Mauer.“ Nun?“ „So würdet Ihr von dieſem Fenſter aus Herrn de la Feère an dem ſeinigen ſehen.“ de la Fere wohnt alſo im Schloſſe?“ „Unter welchem Titel?“ „Unter demſelben Titel, wie Ihr.“ „Athos iſt Gefangener?“ „Ihr wißt wohl, 3 verſetzte Comminges lachend, „daß ſich in Rueil keine Gefangene befinden, inſofern es hier kein Gefängniß gibt.“ ges an che on nd, ern ——— „Wir wollen nicht mit Worten ſpielen, mein Herr. Athos iſt verhaftet worden?“ 48 „Geſtern in Saint⸗Germain„als er die Königin verließ.“. Die Arme von dArtagnan fielen träge an ſeiner Seite herab. Man hätte glauben ſollen, er wäre vom Blitze getroffen. Die Bläſſe lief wie eine weiße Wolke über ſein gebräuntes Geſicht, verſchwand aber in dem⸗ ſelben Augenblicke wieder. „Gefangen?“ ſprach er. „Gefangen?“ wiederholte Porthos ganz traurig. Plötzlich erhob d'Artagnan das Haupt, und man ſah in ſeinen Augen einen ſelbſt für Porthos unmerk⸗ lichen Blitz glänzen. Aber dieſelbe Niedergeſchlagen⸗ heit, die ihm vorhergegangen war, folgte auf dieſen flüchtigen Schimmer. „Auf, auf,“ ſprach Comminges, der eine wirkliche Zuneigung für d'Artagnan ſeit dem großen Dienſte hegte, den ihm dieſer am Tage der Verhaftung von Brouſſel dadurch, daß er ihn den Händen der Pariſer entzog, geleiſtet hatte;„auf, mein Herr, verzweifelt nicht. Ich war weit entfernt, Euch eine traurige Nach⸗ richt bringen zu wollen. In dieſen Kriegsläuften find wir Alle unſichere Weſen. Lacht alſo über den Zufall, dek Euch und Herrn Du Vallon Euren Freund nahe bringt, ſtatt darüber troſtlos zu ſein.“ Aber dieſe Aufforderung hatte keinen Einfluß auf dArtagnan, der ſeine düſtere Miene beibehielt. „Und wie ſah er aus 2“ fragte Porthos, der, als er ſah, daß d'Artagnan das Geſpräch fallen ließ, dies benützen wollte, um ein Wort anzubringen. „Sehr gut,“ ſprach Comminges.„Anfangs ſchien er, wie Ihr, in Verzweiflung zu gerathen. Als er aber erfuhr, daß der Herr Cardinat ihm noch dieſen Abend einen Beſuch machen ſollte„ „Ah!“ ſprach dArtagnan,„der Herr Cardingl ſoll dem Grafen de lg Fere einen Beſuch machen?“ 251 „Ja, er hat ihn davon in Kenntniß ſetzen laſſen, und als der Herr Graf de la Fere dies erfuhr, beauf⸗ tragte er mich, Euch zu ſagen, er würde dieſe Gunſt des Herrn Cardinals benützen, um in Eurer Sache und in der ſeinigen zu ſprechen.“ „Ah, dieſer liebe Graf!“ ſagte d'Artagnan. Eine ſchöne Geſchichte,“ murrte Porthos,„eine große Kunſt! Der Herr Graf de la Fere, deſſen Fa⸗ milie mit den Montmorency und Rohan verwandt iſt, ſich wohl mit einem Herrn von Mazarin gleich⸗ ellen.“ Gleichviel,“ ſagte Artagnan mit ſeinem freund⸗ lichſten Tone.„Wenn ich bedenke, mein lieber Du Vallon, es iſt viel Ehre für den Herrn Grafen de la Fore, und es gewährt beſonders viel Hoffaung. Ein Beſuch!. meiner Anſicht nach iſt dies ſogar eine ſo große Ehre für einen Gefangenen, daß ich glaube, Herr von Comminges täuſcht ſich.“ „Wie, ich täuſche mich?“ 3 „Herr von Mazarin wird nicht den Grafen de la Fore beſuchen, ſondern der Herr Graf de la Feére wird zu Mazarin gerufen ſein.“ D'Artaanan ſuchte einen von den Blicken von Porthos aufzufangen, um zu erfahren, ob ſein Freund die Wichtigkeit dieſes Beſuches begriffe. Aber Porthos ſchaute nicht einmal auf ſeine Seite. „Der Herr Cardinal hat alſo die Gewohnheit, in ſeiner Orangerie ſpazieren zu gehen?“ fragte d'Ar⸗ tagnan. „Jeden Abend ſchließt er ſich darin ein,“ erwie⸗ derte Comminges.„Es ſcheint, er denkt dort über die Staatsangelegenheiten nach.“ „Dann fange ich an zu glauben, daß Herr de la Fere den Beſuch Seiner Eminenz empfangen wird,“ verſetzte d'Artagnan.„Uebrigens wird er ſich ohne Zwei⸗ fel begleiten laſſen?“ „Ja, von zwei Soldaten.“ ſen, auf⸗ unſt und d⸗ iſ, ich⸗ ind⸗ Du afen ing. eine ube, e la vird von und hos in Ar⸗ vie⸗ die la rd,“ vei⸗ „Und er wird auf dieſe Art vor zwei Fremden ſptechen? „Die Soldalen ſind Schweizer aus den kleinen Kantonen und ſprechen nur Deutſch. Aler Wahrſchein⸗ lichkeit nach werden ſie auch vor der Thüre warten.“ D'Artagnan drückte ſich die Nägel in die flache Hand, damit ſein Geſicht nichts Anderes ausdrücke, als was er ihm auszudrücken erlauben wollte. „Herr von Mazarin nehme ſich in Acht, ſo allein zu dem Grafen de la Fore hineinzugehen,“ ſagte er, „denn dieſer muß wüthend ſein.“ Comminges erwiederte lachend: „In der That, man ſolte glauben, Ihr wäret Menſchenfreſſer! Herr de la Fére iſt höflich und hat überdies keine Waffen. Bei dem erſten Rufe Seiner minenz würden die Soldaten, die ihn begleiten, herbeieilen.“ „Zwei Soldaten?“ ſagte d'Artagnan, der ſeine Erinnerungen zurückzurufen ſich den Anſchein gab;„zwei Soldaten, ja! Das iſt es alſo, warum ich jeden Abend zwei Soldoten rufen höre und eine haibe Stunde lang unter meinem Fenſter auf⸗ und abgehen ſehe?“ „Das iſt es: ſie erwarten den Cardinal oder viel⸗ mehr Bernouin, der ſie ruft, wenn der Cardinal weg⸗ geht.“ „Schöne Männer, meiner Treue!“ ſagte Por⸗ thos.„Es iſt das Regiment, das in Lens war, und das der Prinz dem Cardinal gegeben hat, um ihm Ehre anzuthun.“ „Ah, mein Herr,“ ſprach d'Artagnan, als wollte er in einem Worte dieſe ganze lange Unterhaltung zu⸗ ſammenfaſſen,„wenn nur Seine Eminenz ſich erwei⸗ chen läßt und Herrn de la Fère unſere Freiheit be⸗ willigt.“ „Ich wünſche es von ganzem Herzen,“ ſprach Comminges. „Wenn er aber dieſen Beſuch vergäße, würdet Ihr nichts Unpaſſendes darin finden, wenn man ihn daran erinnerte?“ „Durchaus nichts, im Gegentheil.“ „Ah, das beruhigt mich ein wenig.“ Dieſe geſchickte Veränderung des Geſpräches müßte jedem, der in der Seele des Gascogners hätte leſen können, als ein vortreffliches Manveuvre erſchienen ſein. „Nur noch eine letzte Bitte,“ fuhr er fort,„mein lieber Herr von Comminges.“ „Ich ſtehe ganz zu Bienſten, mein Herr.“ „Ihr werdet den Herrn Grafen de la Fere wieder ſehen?“ „Morgen früh.“ „Wollt Ihr ihm in unſerm Namen einen guten Morgen wünſchen und ihm ſagen, er möge für mich e Gunſt bitten, die er erhalten haben wird? „Ihr wünſcht, daß der Herr Cardinal hieher komme?“ „Nein; ich kenne mich und bin nicht ſo anſpruchs⸗ voll. Seine Eminenz erweiſe mir nur die Ehre, mich zu hören. Das iſt Alles, was ich wünſche.“ „Oho,“ murmelte Porthos, den Kopf ſchüttelnd, „ich hätte das nie von ihm geglaubt. Wie doch das Unglück einen Menſchen niederbeugt!“ „Es ſoll geſchehen,“ ſprach Comminges. „Verſichert auch den Grafen, ich befinde mich ſehr wohl, und Ihr habet mich zwar traurig, aber in mein Schickſal ergeben geſehen.“ „Ihr gefallt mir, mein Herr, wenn Ihr ſo ſprecht.“ „Für mich? Nein!“ rief Porthos.„Ich bin durch⸗ aus nicht in mein Schickſal ergeben.“ „Aber Ihr werdet es ſein, mein Freund.“ „Rie „Er wird ſich fügen, Herr von Comminges. Ich „Ihr werdet daſſelbe für Herrn Du Vallon ſagen.“ tho⸗ ſind dem zari geni und nöth Port Zw ihn tüßte leſen ſein. mein ieder zuten mich aben ieher uchs⸗ mich end, das mich er in r ſo . gen.“ urch⸗ „ — 257 kenne ihn beſſer, als er ſich ſelbſt kennt, und weiß tauſend vortreffliche Eigenſchaften von ihm, von denen er keine Ahnung hat. Schweigt, lieber DuVallon, und fügt Euch.“ „Gott befohlen, meine Herren,“ ſprach Comminges. „Gute Nacht.“ „Wir wollen ſehen.“ Comminges entfernte ſich mit einer Verbeugung. DArtagnan folgte ihm mit den Augen in derſelben demüthigen Stellung und mit demſelben refignirten Geſichte. Kaum aber war die Thüre hinter dem Ka⸗ pitän der Garden geſchloſſen, als er auf Porthos zu⸗ ſtürzte und ihn mit einem Ausdrucke der Freude, in ſchen man ſich nicht täuſchen konnte, in die Arme oß. „Oh! oh!“ ſagte Porthos,„was gibt es denn2 Werdet Ihr ein Narr, mein lieber Freund?“ „Wir ſind gerettet!“ rief d'Artagnan. „Das ſehe ich durchaus nicht ein,“ ſprach Por⸗ thos;„ich ſehe im Gegentheil, daß wir Alle gefangen ſind, mit Ausnahme von Aramis, und daß unſere Hoffnungen auf Befreiung ſich vermindert haben, ſeit⸗ dem noch Einer in die Mäuſefalle von Herrn von Ma⸗ zarin gegangen iſt.“ „Keineswegs, mein Freund; dieſe Mäuſefalle war genügend für zwei, ſie wird zu ſchwach für drei.“ „Ich begreife das gar nicht.“ „Es iſt auch nicht nöthig; ſetzen wir uns zu Tiſche und ſammeln wir Kräfte, wir dürften es für die Nacht nöthig haben.“. „Was werden wir denn dieſe Nacht thun?“ fragte Porthos immer neugieriger. „Wir werden ohne Zweifel reiſen.“ „Aber„ „Setzen wir uns zu Tiſche, lieber Freund, die Zwanzig Jahre nachher. 1. 17 2358 Gedanken kommen mir während des Eſſens. Nach dem Abendbrode, wenn meine Ideen zur vollen Reife ge⸗ langt find, werde ich ſie Euch mittheilen.“ Wie groß auch das Verlangen von Porthos war, in den Plan von d'Artagnan eingeweiht zu werden, ſo ſetzte er ſich doch, da er die Art und Weiſe des letzteren kannte, ohne weiter in ihn zu dringen, zu Tiſche und ſpeiſte mit einem Appetit, der dem Ver⸗ trauen Ehre machte, welches ihm die Einbildungskraft von d'Artagnan einflößte. Das Abendbrod war flill, aber nicht traurig, denn das feine Lächeln, das ihm in den Augenblicken ſeiner guten Laune eigenthümlich war, erleuchtete das Ge⸗ ficht von d'Artagnan. Porthos verlor kein ſolches Lächeln, und ſo oft es ſichtbar wurde, ließ derſelbe eine von den Ausrufungen vernehmen, welche ſeinem Freunde andeuteten, daß er, obgleich er ihn nicht verſtand, doch den Gedanken nicht aus dem Blicke verlor, welcher in ſeinem Gehirne gährte. Beim Nachtiſche warf ſich d'Artagnan auf ſeinem Stuhle zurück, kreuzte ein Bein über das andere und wiegte ſich mit der Miene eines vollkommen mit ſich ſelbſt zufriedenen Menſchen. Porthos ftützte ſein Kinn auf ſeine beiden Hände, legte ſeine Ellenbogen auf den Tiſch und ſchaute dAr⸗ tagnan mit dem vertrauensvollen Blicke an, der die⸗ ſem Coloß einen ſo bewunderungswürdig gutmüthigen Ausdruck verlieh. „Nung“ fragte d'Artagnan nach kurzer Zeit. „Nun?“ wiederholte Porthos. „Zhr ſagtet alſo, lieber Freund.„ „Ic? ich ſagte nichts.“ „Doch, Ihr ſagtet, Ihr hättet Luſt von hier weg⸗ zugehen.“ „Ah! was das betrifft, ja, an Luſt mangelt es mir nicht.“ „Und Ihr fügtet bei, um von hier wegzugehen — c—— S— ch dem ife ge⸗ war, verden, ſe des n, z Ver⸗ skraft „denn ſeiner Ge⸗ ſolches e eine reunde , doch cher in ſeinem re und it ich Hände, dAr⸗ r die⸗ thigen 2⁵9 brauchte man nur eine Thüre oder eine Wand zu durchbrechen.“ „Das iſt wahr, ich ſagte das, und ſage es ſogar Und ich erwiederte Euch, Porthos, es wäre dies ein ſchlechtes Mittel, und wir würden keine hundert Schritte thun, ohne wieder gepackt und niedergeſchla⸗ gen zu werden, wenn wir nicht Anzüge hätten, um uns zu verkleiden, und Waffen, um uns zu ver⸗ theidigen.“ „Allerdings, wir müßten Kleider und Waffen haben.“ „Wohl,“ ſprach dArtagnan,„wir haben Beides und ſogar noch etwas Beſſeres.“ „Bah!“ verſetzte Porthos umherſchauend. „Sucht nicht, das iſt vergeblich; Alles dies wird ſich im geeigneten Augenblick finden. Um welche Stunde haben wir ungefähr die Schweizer⸗Wachen ge⸗ ſtern auf⸗ und abgehen ſehen.“ glaube, eine Stunde nach Einbruch der acht.“ noch „Wenn ſie alſo heute kommen, wie geſtern, ſo werden wir nicht über eine Viertelſtunde auf das Vergnügen, ſie zu ſehen, warten müſſen.“ „Höchflens eine Viertelſtunde.⸗ „Ihr habt immer noch Euren guten Arm, nicht wahr, Porthos?“ Porthos knöpfte ſeinen Aermel auf, ſtreifte das Hemd zurück und betrachtete mit Vergnügen ſeinen nervigen Arm, der wohl ſo dick war, als der Schenkel eines gewöhnlichen Mannes. „Ja, ja,“ ſagte er,„ziemlich gut.“ „Somit würdet Ihr, ohne Euch zu ſehr anzu⸗ ſtrengen, einen Reif aus dieſer Zange Pfropfzieher aus dieſer Schaufel machen?“ „Gewiß,“ erwiederte Porthos. „Laßt ſehen.“ 260 Der Rieſe nahm die zwei bezeichneten Gegen⸗ ſtände und bewerkſtelligte mit der größten Leichtigkeit und ohne ſcheinbare Anſtrengung die zwei von ſeinem Freunde gewünſchten Metamorphoſen. „Hier,“ ſagte Porthos. „Herrlich,“ rief dArtagnan;„Ihr ſeid in der That reich begabt.“ „Ich habe von einem gewiſſen Milon von Kroton ſprechen hören, welcher außerordentliche Dinge voll⸗ bracht haben ſoll; ſo band er, der Sage nach, einen Strick um ſeine Stirne und ſprengte ihn; er ſchlug ei⸗ nen Ochſen mit einem Fauſtſchlage todt und trug ihn nach Hauſe; er hielt ein Pferd an den Hinterfüßen u.ſ. w. Ich habe mir alle dieſe Geſchichten in Pierre⸗ ſtr fonds erzählen laſſen und Alles gethan, was er that, nur habe ich, die Schläfe anſchwellend, keinen Strick zerſprengt.“ „Das kommt davon her, daß Euere Stärke nicht in Euerem Kopfe liegt, Porthos.“ „Nein, in meinen Armen, in meinen Schultern,“ erwiederte Porthos naiver Weiſe. „Nun, mein Freund, ſo nähert Euch dem Fenſfter und bedient Euch Euerer Kraft, um eine Fenſterſtange loezumachen. Wartet, bis ich die Lampe ausge⸗ löſcht habe.“ Porthos trat zu dem Fenſter, nahm eine Stange mit beiden Händen, klammerte ſich daran an, zog ſie an ſich und bog ſie wie eine Sehne, ſo daß die bei⸗ den Enden aus der ſteinernen Lade herausgingen, in welcher ſie das Cement ſeit dreißig Jahren feſthielt.“ „Seht, mein Freund,“ ſagte dArtagnan,„das hätte der Cardinal, obgleich ein Genie, nie thun können.“ „Soll ich noch andere ausreißen?“ fragte Porthos. in 5 ßen 261 „Nein, dieſe wird genügen; ein Mann kann nun gen⸗ durchſchlüpfen.“ gteit Porthos verſuchte es und drang mit dem ganzen inem Oberieibe durch. „Ja, es geht,“ ſagte er. „In der That, das iſt eine ziemlich ſchöne Oeff⸗ heee der nung. Nun ſtreckt Euern Arm durch.“ „Durch was?“ koton„Durch die Oeffnung.“ voll⸗„Warum?“ einen„Ihr werdet es ſogleich erfahren; ſtreckt ihn im⸗ 8 ei⸗ merhin durch.“ 8 ihn Porthos gehorchte, folgſam wie ein Soldat, und füßen ſtreckte ſeinen Arm durch das Gitter. „Vortrefflich,“ ſagte d'Artagnan. S,„Es ſcheint mir, das geht?“ Stri„Wie auf Röllchen.“ icht„Gut. Was ſoll ich nun thun?“ nicht„Nichts.“ „„Es iſt alſo beendigt?“ ern,„Noch nicht.“ er„Ich wünſchte übrigens doch zu begreifen.. „Hört, lieber Freund, und mit zwei Worten werdet Ihr im Klaren ſein. Die Thüre des Poſtens usge⸗ öffnet ſich, wie Ihr ſehi.“ „Ja, ich ſehe es.“ „Man wird die zwei Wachen, welche Herrn von 6 ſ Mazarin begleiten, der ſich in die Orangerie begibt, 6 6 in unſern Hof ſchicken.“ lt.“„Sie kommen eben heraus.“ „Wenn ſie nur die Thüre der Wachtſtube ſchlie⸗ ihun ßen! Gut, ſie ſchließen ſie.“ „Hernach?“ ragte„Stille, ſie könnten uns hören.“ „Ich werde alſo nichts erfahren?“ „Doch, denn während des Ausführens werdet Ihr begreifen.“ „Ich hätte jedoch vorgezogen... „Es wird Euch das Vergnügen der Ueberraſchung zu Theil werden.“ ⸗ „Ah! das iſt wahr.“ „St!“ Porthos blieb ſtumm und unbeweglich. Die zwei Soldaten gingen wirklich auf das Fen⸗ ſter zu und rieben ſich dabei die Hände, denn man war, wie geſagt, im Monat Februar und es herrſchte eine ziemlich ſcharfe Kälte. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre der abermals und man rief einen Soldaten zurück. Der Soldat verließ ſeinen Kameraden und ging in die Wachtſtube. „Geht es immer noch?“ fragte Porthos. „Beſſer als je,“ antwortete d'Artagnan.„Hört nun. Ich will dieſen Soldaten rufen und mit ihm plaudern, wie ich es geſtern gethan habe,— Ihr er⸗ innert Euch?“ „Ja; nur habe ich nicht ein Wort von dem ver⸗ ſtanden, was er ſagte.“ „Er hatte allerdings einen etwas ſtarken Accent. Aber verliert kein Wort von dem, was ich Euch ſage, Porthos: Alles hängt von der Ausführung ab.“ „Gut, die Ausführung, das iſt meine Stärke.“ . 52 weiß es bei Gott wohl und zähle auch auf u „Sprecht.“ „Ich will alſo den Soldaten rufen und mit ihm plaudern.“ „Das habt Ihr bereits geſagt.“ „Ich drehe mich auf die linke Seite, ſo daß er im Augenblick, wo er auf die Bank ſteigt, auf Euerer rechten ſein wird?“ „Aber wenn er nicht ſteigt?“ „Er wird es thun, ſeid unbeſorgt. Im Augen⸗ —————————— Arn zeic gän ſein Ton ſein gehe unar ung en⸗ nan chte der ten ing ört er⸗ er⸗ ge, „ auf hm rer —˙————————— blick, wo er auf die Bank ſteigt, ſtreckt Ihr Euern furchtbaren Arm aus und ergreift Ihn beim Halſe. Dann hebt Ihr ihn bei den Ohren auf, wie Tobias den Fiſch, und zieht ihn in unſer Zimmer herein, wo⸗ bei Ihr ihn jedoch ſo ſtark drücken müßt, daß er nicht ſchreien kann.“ „Ja,“ ſprach Porthos,„aber wenn ich ihn er⸗ e. „Am Ende iſt es nur ein Schweizer, aber Ihr werdet ihn hoffentlich nicht erwürgen. Ihr ſetzt ihn ganz ſachte hier nieder, und wir knebeln ihn und binden ihn irgend wo an, gieichviel wo. Das liefert uns vor Allem eine Uniform und ein Schwert.“ „Vortrefflich,“ ſprach Porthos, d'Artagnan mit tiefer Bewunderung anſchauend.„Doch ſagt, eine und ein Schwert find nicht genug für uns wei.“ „Nun, hat er nicht ſeinen Kameraden?“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Porthos. „Wenn ich huſte, ſo iſt es Zeit, daß Ihr Euern Arm ausſtreckt.“ „Gut.“ Die zwei Freunde gingen, jeder an ſeinen be⸗ zeichneten Poſten. Porthos war in ſeiner Stellung gänzlich in dem Winkel des Fenſters verborgen. „Guten Abend, Kamerad,“ ſagte d'Artagnan mit Ette freundlichſten Stimme und mit dem ruhigſten one. „Guten Abend, Herr,“ antwortete der Soldat in ſeinem grauſamen Schweizerdialect. „Es iſt heute eben nicht ſehr warm zum Spazieren⸗ gehen, ſagte d'Artagnan. „Brrrrr!“ machte der Soldat. „Und ich glaube, ein Glas Wein wäre Euch nicht unangenehm.“ „Ein Glas Wein wäre ſehr willkommen.“ 264 „Der todte Fiſch, der todte Fiſch!“ flüſterte d'Ar⸗ tagnan Porthos zu. „Ich begreife,“ erwiederte Porthos. „Ich habe da eine Flaſche,“ ſagte d'Artagnan. „Eine Flaſche?“ „Ja.“ „Eine volle Flaſche?“ „Ja, ganz voll, und ſie gehört Euch, wenn Ihr ſie auf meine Geſundheit trinken wollt.“ „Ich will wohl,“ verſetzte der Soldat ſich nähernd. „Nehmt ſie, mein Freund,“ ſprach der Gascoaner. „Sehr gern; ich glaube, es iſt eine Bank hier.“ „Oh, mein Gott, ja; man ſollte glauben, man hätte fie zu dieſem Zwecke hieher geſtellt. Steigt her⸗ auf. So iſt es gut, mein Freund.“ D'Artagnan huſtete. In demſelben Augenblick ſenkte fich der Arm von Porthos. Seine ſtählerne Fauſt packte, raſch wie ein Blitz und feſt wie eine Beiszange den Hals des Sol⸗ daten, preßte ihn feſt zuſammen, zog ihn durch die Oeffnuna an ſich, auf die Gefahr, ihn beim Durchzuge zu erſticken, und ſetzte ihn auf den Boden, wo ihn d'Artagnan, indem er ihm gerade nur Zeit ließ, um Athem zu holen, mit ſeiner Schärpe knebelte, und ſovald derſelbe geknebelt war, fing er an, ihn mit der Ge⸗ ſchwindigkeit und Geſchicklichkeit eines Mannes auszu⸗ kleiden, der ſein Handwerk auf dem Schlachtfelde ge⸗ lernt hat. Als der Soldat geknebelt und gebunden war, wurde er auf den Herd getragen, deſſen Flamme unſere Freunde vorläufig erſtickt hatten. „Nun haben wir einmal ein Schwert und ein Kleid,“ ſagte Porthos. „Ich nehme Beides,“ ſprach d'Artagnan.„Wollt Ihr ein anderes Schwert und ein anderes Kleid, ſo müßt Ihr die Geſchichte noch einmal anfangen. Auf⸗ Ar⸗ 265 gepaßt! Ich ſehe gerade den zweiten Soldaten aus der Wachſtube hervortreten und auf uns zukommen.“ Ich glaube, es wäre unklug, daſſelbe Manveuvre wieder anzufangen,“ ſagte Porthos.„Man dringt nicht zweimal, wie man allgemein verſichert, mit den⸗ ſelben Mitteln durch. Wenn ich ihn verfehlte, wäre Alles verloren. Ich will hinausſteigen, ihn in dem Augenblick, wo er nicht darauf gefaßt ſein wird, packen und völlig geknebelt Euch herein reichen.“ „Das iſt beſſer,“ antwortete der Gascogner. „Haltet Euch bereit,“ ſprach Porthos und ſchlüpfte durch die Oeffnung. Die Sache bewerkſtelligte ſich, wie es Porthos verſprochen hatte. Der Rieſe verbarg ſich an dem Wege des Soldaten, und als dieſer an ihm vorüber kam, faßte er ihn beim Halſe, knebelte ihn, ſtieß ihn wie eine Mumie durch die erweiterten Gitterſtangen und kehrte hinter ihm zurück. Man kleivete den zweiten Soldaten aus, wie man den erſten ausgekleidet hatte. Man legte ihn auf das Bett, man befeſtigte ihn mit Gurten, und da das Bett von Eichenholz und die Gurten doppelt waren, ſo be⸗ ruhigte man ſich über dieſen nicht minder, als über den andern. „Das geht vortrefflich,“ ſagte d'Artagnan;„nun probirt einmal das Kleid dieſes Burſchen an, Por⸗ thos. Ich zweifle, daß es Euch gut paßt; doch wenn es zu eng iſt, ſo ſeid deßhalb unbeſorgt, das Wehrge⸗ hänge und beſonders der Hut mit den rothen Federn werden genü en.“ Es fand ſich, daß der zweite Soldat zufällig ein rieſiger Schweizer war, ſo daß mit Ausnahme von einigen Punkten, welche an den Nähten krachten, Alles auf das Beſte ging. Eine Zeitlang hörte man nur das Kniſtern des Tuches, während Porthos und dArtagnan ſich in Eile ankleideten. 266 „Es iſt geſchehen,“ ſagten ſie gleichzeitig.„Was Euch betrifft, Kameraden,“ fügten ſie, ſich nach den zwei Schweizern umwendend, bei,„ſo könnt Ihr ver⸗ fichert ſein, daß Euch nichts widerfährt, wenn Ihr Euch vernünftig benehmen wollt. Rührt Ihr Euch aber, ſo ſeid Ihr des LTodes.“ Die Soldaten verhielten ſich ganz ſtille; ſie hat⸗ ten an der Fauſt von Porthos bemerkt, daß die Sache ſehr ernſter Natur und von nichts weniger die Rede wor, als von einem Scherze. „Nun würde es Euch nicht leid thun, die Sache zu begreifen, nicht wahr, Porthos?“ „Allerdings.“ ohl, wir ſteigen in den Hof hinab.“ a. „Wir gehen auf und ab.“ „Das wird nicht übel ſein, in Betracht, daß keine bedeutende Wärme herrſcht.“ „In einem Augenblick ruft der Kammerdiener, wie geſtern und vorgeſtern, nach den Leuten vom Dienſte.“ „Wir antworten 2“ „Nein im Gegentheil, wir antworten nicht.“ „Wie Ihr wollt, es liegt mir nichts am Antworten.“ „Wir antworten alſo nicht; wir drücken nur unſere Hüte Kopf und geleiten Seine Eminenz.“ „Wohin?“ „Wohin ſie geht: zu Athos. Glaubt Ihr, es werde ihm unangenehm ſein, uns zu ſehen?“ „Oh! Oh!“ rief Porthos„ich begreife.“ „Wartet noch, ehe Iyr ſchreit, Porthos; denn bei meinem Worte, Ihr ſeid noch nicht am Ende,“ ver⸗ ſetzte der Gascogner mit ſpöttiſchem Tone. „Was ſoll denn geſchehen?“ ſprach Porthos. „Folgt mir,“ erwiederte d'Artagnan;„Ihr werdet ſchon ſehen.“ it nehmen den Platz von den zwei Burſchen ein.“ „Gut. . 4 ——— lei au Zir ber des ein tag dur nich es ernf ihne wele zwei 1.“ ne ie . re Und er ſchlüpfte durch die Oeffnung und ließ ſich leicht in den Hof hinabgleiten. Porthos folgte ihm auf demſelben Wege, obgleich mit mehr Muühe und mit weniger Eile. 5 Man hörte die zwei Soldaten, welche in dem Zimmer gebunden lagen, vor Angſt ſchauern. Kaum hatten dArtaanan und Porthos die Erde berührt, als eine Thüre ſich öffnete und die Stimme des Kammerdieners ausrief: „Die Leute vom Dienſte!“ Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Wachtſtube und eine andere Stimme rief: „La Bruyére und Du Barthois, vorwärts!“ „Es ſcheint, ich heiße La Bruyére,“ ſagte dAr⸗ agnan. „Und ich Du Barthois,“ verſetzte Porthos. „Wo ſeid Ihr?“ ſagte der Kammerdiener, deſſen durch das Licht geblendete Augen unſere zwei Helden nicht zu unterſcheiden vermochten. „Hier,“ antwortete d'Artagnan. Dann ſich gegen Porthos umwendend: „Was ſagt Ihr hiezu, Herr Du Vallon?“ „Meiner Treue! wenn das ſo fortgeht, ſage ich, es iſt hübſch.“ —— XXI. Die GOoublietten von Herrn von Mazarin. Die zwei improvifirten Soldaten marſchirten mit ernſter Haltung hinter dem Kammerdiener. Er öffnete ihnen die Thüre eines Vorplatzes, dann eine zweite, welche die eines Warteſaales zu ſein ſchien, deutete auf zwei Tabourets und ſagte: 268 „Der Befehl iſt ganz einfach: Ihr laßt nur eine einzige Perſon herein, verſteht Ihr, nur eine einzige, nicht mehr. Dieſer Perſon gehorcht Ihr in Allem. Was die Rückkehr beirifft, ſo könnt Ihr Euch nicht täuſchen: Ihr wartet, bis ſie Euch ablöſen.“ Dieſen Kammerdiener kannte dArtagnan ganz ge⸗ nau. Es war kein anderer als Bernouin, der ihn ſeit ſechs bis acht Monaten wenigſtens zehn Mal beim Cardinal eingeführt hatte. Er begnügte ſich alſo, ſtatt zu antworten, ſo wenig als möglich gascogniſch und ſo viel als möglich deutſch: ja! zu brummen. Was Porthos betrifft, ſo hatte ihm dArtagnan das Verſprechen abgenommen, nichts zu ſagen. Würde er bis auf's Aeußerſte getrieben, ſo ſollte es ihm ge⸗ ſtattet ſein, ſtatt jeder Antwort das ſprüchwörtliche und feierliche: der Teufel!*) auszuſtoßen. Bernouin entfernte ſich, die Thüre ſchließend. „Oh, oh!“ ſagte Porthos, als er den Schlüſſel drehen hörte,„es ſcheint hier Mode zu ſein, die Leute einzuſchließen. Mir kommt es vor, als hätten wir nur das Gefängniß vertauſcht, und ich weiß nicht, ob wir dabei gewonnen haben, daß wir jetzt in der Orangerie find.“ „Porthos, mein Freund,“ ſprach d'Artagnan ganz leiſe,„zweifelt nicht an der Vorſehung und laßt mich nachfinnen und überlegen.“ „Sinnt nach und überlegt,“ erwiederte Porthos, ſehr ſchlimmer Laune, als er ſah, daß ſich die Dinge ſo geſtalteten, ſtatt ſich anders zu geſtalten. „Wir ſind achtzig Schritte gegangen,“ murmelte d'Artagnan,„wir ſind ſechs Stufen hinaufgeſtiegen; das iſt alſo hier, wie ſo eben mein erhabener Freund Du Vallon geſagt hat, der andere Pavillon, der pa⸗ *) Alexander Dumns, ſowie andere franzöſiſche Schriftſtel⸗ ler pflegen dieſe zwei Worte in ureille zu verketzern. Der ueberſ. 8(S — —— — —c—— — a c ℳ„— c—e+ zige, lem. nicht ge⸗ ihn beim ſtatt und nan ürde ge⸗ und üſſel eute wir icht, der anz nich os, nge elte en; und pa⸗ ſtel⸗ — rallel mit dem unſern ſteht, und den man mit dem Namen der Pavillon der Orangerie bezeichnet. Der Graf de la Fére kann folglich nicht ferne von hier ſein; nur ſind die Thüren geſchloſſen.“ „Das iſt eine ſchöne Schwierigkeit,“ ſprach Por⸗ thos, und mit einem Schulterſtoße „Um Gottes Willen, Porthos, mein Freund,“ ſagte d'Artagnan,„ſpart Eure Kraftſtücke, oder ſie ha⸗ ben bei vorkommender Gelegenheit nicht mehr den ganzen Werth, den ſie verdienen: habt Ihr nicht ge⸗ hört, daß Jemand hieher kommen wird?“ „Allerdings.“ „Nun, dieſer Jemand wird uns die Thüren öffnen.“ „Aber, mein Lieber,“ ſprach Porthos,„wenn uns dieſer Jemand erkennt, wenn dieſer Jemand uns erkennend zu ſchreien anfängt, ſo find wir verloren; denn ich denke, Ihr habt nicht im Sinne, mich dieſen Kirchenmann todt ſchlagen oder erdroſſeln zu laſſen; ſolche Manieren ſind gut gegen die Engländer und gegen die Deutſchen.“ „Oh! Gott ſoll mich bewahren und Euch eben⸗ falls,“ ſaote d'Artagnan.„Der junge König wüßte uns vielleicht einigermaßen Dank dafür, aber die Kö⸗ nigin würde es uns nicht verzeihen, und dieſe muß man ſchonen. Ueberdies niemals, gar nie ein unnützes Blutvergießen! Ich habe meinen Plan, laßt mich alſo gewähren, und wir werden lachen.“ „Deſto beſſer,“ ſprach Porthos,„ich fühle das Bedürfniß, zu lachen.“ „Stille,“ ſprach d'Artagnan,„es kommt der an⸗ gekündigte Jemand.“ Man hörte nun im Vorſaale das Geräuſch eines leichten Trittes. Die Angeln der Thüre ächzten, und es erſchien ein Mann in Reitertracht, in einen braunen Mantel 270 gehüllt, einen großen Filzhut auf die Augen herabge⸗ ſchlagen und eine Laterne in der Hand. Porthos drückte ſich an die Wand, aber er konnte ſich nicht ſo unſichtbar machen, daß der Mann in dem Mantel ihn nicht bemerkt hätte. Dieſer bot ihm ſeine Laterne und ſagte: „Zündet die Lampe am Plafond an.“ Dann ſich an dArtagnan wendend: „Ihr habt den Befehl?“ „Ja!“ erwiederte der Gascogner, entſchloſſen, ſich auf dieſes Muſter der deutſchen Sprache zu be⸗ ſchränken. „edesco,“ murmelte der Mann in der Reiter⸗ tracht.„Va pene.“ Und ſich nach der Thüre der gegenüber, durch welche er eingetreten war, wendend, öffnete er und verſchwand hinter derſelben, ſie wieder verſchließend. „Und was machen wir nun?“ fragte Porthos. „Nun bedienen wir uns unſerer Schultern, wenn dieſe Thüre geſchloſſen iſt, Freund Porthos. Zedes Ding hat ſeine Zeit, und wer zu warten weiß, findet immer den rechten Augenblick. Aber zuerſt verrammeln wir die erſte Thüre auf eine paſſende Weiſe und dann wollen wir dem Manne folgen, der ſo eben wegge⸗ gangen iſt.“ Die zwei Freunde ſchritten ſogleich zur Arbeit und verrammelten die Thüre mit allem Geräthe, das ſich in dem Saale fand, wodurch das Eindringen um wurde, als ſich die Thüre nach Innen nete. „Hier find wir ſicher, nicht von hinten überfallen e ſagte dArtagnan;„nun wollen wir weiter gehen. Man gelangte an die Thüre, durch welche Ma⸗ zarin verſchwunden war, und fand ſie verſchloſſen. Vergeblich verſuchte es d»Artagnan, ſie zu öffnen. „Hier iſt Gelegenheit, Euern Schulterſtoß anzu⸗ ———————————— r — cr— abge⸗ onnte dem ſeine oſſen, u be⸗ eiter⸗ durch und end. 8. wenn edes indet meln dann gge⸗ rbeit das um nnen Men eiter Ma⸗ ſſen. nzu⸗ bringen,“ ſagte d'Artagnan.„Stoßt zu, mein Freund Porthos, aber ſachte, ohne Geräuſch. Zerbrecht nichts, drückt nur die Flügel auseinander.“ Po thos ftützte ſeine kräftige Schulter gegen ei⸗ nen der Flügel, der ſich bog, und dArtagnan ſchob ſo⸗ dann die Spitze ſeines Schwertes zwiſchen die Feder und die Schließkappe des Schloſſes. Die Feder gab nach und die Thüre öffnete ſich. „Ich ſagte Euch, Freund Porthos, man erhalte von den Frauen und von den Thüren Alles, wenn man ſie ſanft anfaſſe.“ „Ihr ſeid allerdings ein großer Moraliſt,“ ver⸗ ſetzte Porthos. „Laßt uns nun eintreten,“ ſprach d'Artagnan. Sie traten ein. Hinter einem Fenſterwerk, bei dem Schimmer der Laterne des Cardinals, welche mitten auf dem Boden ſtand, ſah man die Orangen⸗ und Granatbäume des Schloſſes Rueil in langen Reihen aufgeſtellt, eine große Allee und zwei kleine Seitenalleen bildend. „Kein Cardinal,“ ſagte dArtagnan,„nur ſeine Laterne allein. Wo Teufels iſt er denn?“ Und als er eine von den Seitenalleen durchforſchte, nachdem er Porthos durch ein Zeichen bedeutet hatte, er möge daſſelbe thun, ſah er plötzlich zu ſeiner Linken einen aus ſeiner Reihe geſchobenen Kaſten und an der Stelle dieſes Kaſtens ein weit geöffnetes Loch. Zehn Männer hätten Mühe gehabt, den Kaſten von feiner Stelle zu bewegen, aber durch irgend einen Mecha⸗ hatte er ſich mit der Platte gedreht, auf der er ſtand. DArtagnan ſah, wie geſagt, ein Loch an dieſem Platze und in dieſem Loche die Stufen einer Wenvel⸗ treppe. Er winkte Porthos mit der Hand perbei, zeigte ihm das Loch und die Stufen. 272 iene an. Die zwei Männer ſchauten ſich mit erſtaunter „Wenn wir nichts wollten, als Gold,“ ſprach dArtagnan leiſe,„ſo hätten wir unſere Sache gefun⸗ den und wären für immer reich.“ „Wie dieß 2 „Begreift Ihr nicht, Porthos, daß unten an dieſer Treppe aller Wahrſcheinlichkeit nach der berühmte Schatz des Cardinals liegt, von dem man ſo viel ſpricht, und daß wir nur hinabzuſteigen, eine Kaſſe zu keeren, den Cardinal einzuſchließen, was wir an Gold ſchlep⸗ pen könnten, fortzunehmen, dieſen Orangenbaum wie⸗ der an ſeinen Platz zu ſtellen hätten, und daß Niemand in der Welt uns fragen würde, woher unſer Vermö⸗ gen rühre, nicht einmal der Cardinal.“ „Das wäre ein ſchöner Streich für gemeine Leute,“ ſagte Porthos,„aber, wie es mir ſcheint, zweier Edel⸗ leute unwürdig.“ „Das iſt auch meine Meinung,“ verſetzte dArtag⸗ nan;„deßhalb ſagte ich auch, wenn wir nur Gold wollten; aber wir wollen etwas Anderes.“ In demſelben Augenblick, und als d'Artagnan ſeinen Kopf gegen die Höhle hinabbeugte, um zu horchen, traf ein metalliſcher, dumpfer Ton, wie der eines Gold⸗ ſackes, den man bewegt, an ſein Ohr; er bebte. Als⸗ bald ſchloß ſich eine Thüre und die erſten Reflexe eines Lichtes erſchienen auf der Treppe. Mazarin hatte ſeine Lampe in der Orangerie ge⸗ laſſen, um glauben zu machen, er ginge ſpazieren; aber er hatte eine Wachskerze, mit der er ſeine ge⸗ heimnißvolle Kaſſe unterſuchte. „Ha,“ ſagte er in italieniſcher Sprache, während er langſam, einen Sack Goldrealen mit rundem Bauche betrachtend, die Stufen heraufftieg,„damit könnte man fünf Räthe im Parlament und zwei Generale in Paris bezahlen. Ich bin auch ein großer Feldherr; nur führe ich den Krieg auf meine Weiſe.“ „ zar gne Lich Ca ben glei ſchl und dem denk mir date nicht zu g ſich gehe Zn unter prach eun⸗ dieſer ihmte richt, eren, hlep⸗ wie⸗ nand rmö⸗ ute,“ Edel⸗ tag⸗ Gold inen chen, zold⸗ Als⸗ ines ge⸗ ren; Be⸗ rend uche man aris ihre 273 D'Artagnan und Porthos hatten ſich jeder in einer Seitenallee hinter einem Kaſten verborgen und warteten. Mazarin kam auf drei Schritte an d'Artagnan vorüber und ſtieß an eine in der Mauer verborgene Feder. Die Platte drehte ſich und der von derſelben getragene Orangenbaum kam von ſelbſt wieder an ſeinen Platz. Dann löſchte der Cardinal ſeine Kerze aus, ſteckte ſie in ſeine Taſche, nahm ſeine Lampe und ſprach: „Nun wollen wir nach Herrn de la Fere ſehen.“ „Gut! das iſt unſer Weg,“ dachte d'Artagnan, „wir gehen mit einander.“ Alle Drei ſetzten ſich in Marſch. Herr von Ma⸗ zarin folgte der mittleren Allee, Porthos und d'Arta⸗ gnan den parallelen Alleen. Die zwei Letzteren vermieden ſorgfältig die langen Lichtlinien, welche bei jedem Schritte die Lampe des Cardinals zwiſchen den Aeſten zog. Dieſer gelangte zu einer zweiten Glasthüre, ohne bemerkt zu haben, daß man ihm folgte; denn der weiche Sand machte das Geräuſch der Tritte ſeiner zwei Be⸗ gieiter unhörbar. Dann wandte er ſich nach der linken Seite und ſchlug den Weg nach einem Corridor ein, den Porthos und dArtagnan noch nicht bemerkt hatten; aber in dem Augenblicke, wo er öffnen wollte, blieb er nach⸗ denkend ſtille ſtehen. „Ah, Diavolo!“ ſagte er,„ich vergaß, was mir Comminges empfohlen hat. Ich muß die Sol⸗ daten nehmen und an dieſe Thüre ſtellen, um mich nicht der Willkühr dieſes verdammten Teufels Preis zu geben.“ Und mit einer ungeduldigen Bewegung wandte er ſich um, in der Abſicht, auf demſelben Wege zurückzu⸗ gehen Zwanzig Jahre nachher. w. 18 274 „Gebt Euch nicht die Mühe, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan, einen Fuß vor und den Hut in der Hand, mit freundlichem Geſichte:„wir lſind Eurer Eminenz gefolgt und ſtehen nun hier.“ „Ja, wir ſind hier,“ ſagte Porthos und machte dieſelbe Geberde eines freundlichen Grußes. Mazarin ſchaute ganz verwirrt den Einen und den Andern an, erkannte Beide und ließ, einen Seuf⸗ zer des Schreckens ausſtoßend, ſeine Laterne fallen. D'Artagnan hob ſie auf, zum Glücke war ſie beim Fa llen nicht erloſchen. „Oh! welche Unklugheit!“ ſagte d'Artagnan.„Es iſt nicht gut, hier ohne Licht zu gehen: Eure Eminenz könnte ſich an irgend einem Kaſten ſtoßen oder in irgend ein Loch ſtürzen.“ „Herr d'Artagnan!“ murmelte Mazarin, der ſich von ſeinem Erſtaunen nicht erholen konnte. „Ja, Monſeigneur, ich ſelbſt, und ich habe die Ehre, Euch Herrn Du Vallon, dieſen vortrefflichen Freund vorzufiellen, für den ſich Euere Eminenz einſt zu intereſfiren die Güte gehabt hat.“ Bei dieſen Worten richtete d'Artagnan das Licht der Lampe nach dem heiteren Geſichte von Porthos, welcher zu begreifen anfing und ganz ſtolz hierauf war. „Ihr waret im Begriffe, zu Herrn de la Fére zu gehen,“ fuhr dArtagnan fort;„laßt Euch nicht durch uns abhalten, Monſeigneur. Habt die Güte, uns den Weg zu zeigen, und wir werden Euch folgen.“ Mazarin kam allmählig zur Befinnung. „Seid Ihr ſchon lange in der Orangerie, meine Herren?“ fragte er mit züternder Stimme, indem er an den Beſuch dachte, den er ſo eben ſeinem Schatze gemacht hatte. Porthos öffnete den Mund, um zu antworten. DArtagnan machte ihm ein Zeichen, und der ſtumm gebliebene Mund von Porthos ſchloß ſich wieder. „ ſa Wir wenr wolle welch im nenz gte nd, enz chte und euf⸗ eim „Es nenz in ſich die chen einſt Licht hos, var. e zu urch den eine ner atze rten. mm „Wir kommen in dieſem Augenblick, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan. Mazarin athmete: er fürchtete nicht mehr für ſeinen Schatz, er fürchtete nur noch für ſich ſelbſt. Ein gewiſſes Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen hin. „Vorwärts,“ ſagte er,„Ihr habt mich in der Falle gefangen, und ich erkläre mich für beſiegt. Ihr wollt mich um Eure Freiheit bitten, nicht wahr? Ich gebe ſie Euch.“ „Oh! Monſeigneur,“ ſagte dArtagnan,„Ihr ſeid ſehr gut; aber unſere Freiheit haben wir, und wir würden Euch lieber um etwas Anderes bitten.“ „Ihr habt Eure Freiheit!“ ſprach Mazarin ganz erſchrocken. „Allerdings, und Ihr, Monſeigneur, habt im Ge⸗ gentheil die Eurige nun verloren; was wollt Ihr, Monſeigneur? es iſt nach dem Geſetze des Krieges, Ihr müßt ſie wieder erkaufen.“ Mazarin fühlte einen Schauer bis in die Tiefe ſeines Herzens. Sein durchdringender Blick heftete fich vergebens auf das ſpöttiſche Geſicht des Gascogners und auf das unempfindliche von Porthos. Beide waren im Schatten verborgen, und die Sibylle von Cumä hätte nicht darin zu leſen vermocht. „Meine Freiheit wieder erkaufen!“ wiederholte azarin. „Ja, Monſeigneur.“ „Und wie viel wird dieß koſten, Herr d'Artagnan?“ „Verdammt, Monſeigneur, ich weiß es noch nicht. ir werden den Grafen de la Fere darüber fragen, wenn es Eure Eminenz gütigſt erlaubt. Euere Eminenz wolle daher die Gnade haben, die Thüre zu öffnen, welche zu ihm führt, und in zehn Minuten wird ſie im Klaren ſein.“ Mazarin bebte.. „Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan,„Euere Emi⸗ nenz ſieht, mit welchen Förmlichkeiten wir zu Werke 276 gehen; darum find wir aber auch genöthigt, noch zu bemerken, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Oeffnet alſo, Monſeigneur, und erinnert Euch ein für allemal, daß Ihr bei der geringſten Bewegung, die Ihr machen würdet, um zu entfliehen, bei dem kleinſten Schrei, den Ihr ausſtoßen würdet, um zu entkommen, in Betracht unſerer ganz beſonderen Lage uns nicht grollen dürft, wenn wir zum Aeußerſten ſchreiten.“ „Seid unbeſorgt, meine Herren,“ erwiederte Ma⸗ zarin,„ich werde nichts verſuchen, darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort.“ D'Artagnan hieß Porthos durch ein Zeichen ſeine Wachſamkeit verdoppeln, und ſprach dann ſich zu Ma⸗ zarin umwendend: „Wir wollen nun hineingehen, Monſeigneur, wenn es Euch beliebt.“ XXII. Conferenzen. Mazarin ließ den Riegel einer Doppelthüre ſpielen, auf deren Schwelle Athos ſeinen erhabenen Gaſt zu empfangen nach dem Rathe, den ihm Comminges ge⸗ geben, bereit ſtand. Als er Mazarin erblickte, verbeugte er ſich und ſprach: „Euere Eminenz hätte ſich jeder Begleitung über⸗ heben können, denn die Ehre, welche mir zu Theil wird, iſt zu groß, als daß ich ſie vergeſſen ſollte.“ „Mein lieber Graf,“ ſagte d'Artagnan,„Seine Eminenz wollte uns auch nicht gerade haben. Herr Er, bed ſtat nöt mat aus von an nich wir Gro mein für! in de Wie ſeht; wache einen ich lo h zu ben. für „die nſten men, nicht Ma⸗ Euch ſeine Ma⸗ wenn ielen, ſt zu s ge⸗ nd über⸗ Theil Seine Herr — Du Vallon und ich beſtanden jedoch, vielleicht auf eine unpaſſende Weiſe, darauf, ſo groß war unſer Ver⸗ langen, Euch zu ſehen.“ Bei dieſer Stimme, bei dieſem ſpöttiſchen Tone, bei dieſer ſo wohl bekannten Geberde, welche den Ton und die Stimme begleitete, machte Athos einen Sprung des Erſtaunens. „D'Artagnan! Porthos!“ rief er. „In Perſon, lieber Freund.“ „In Perſon,“ wiederholte Porthos. „Was ſoll das bedeulen?“ fragte der Graf. „Das ſoll bedeuten,“ antwortete Mazarin, indem er, wie er es vereits gethan, zu lächeln verſuchte und ſich während des Lächelns in die Lippen biß,„das ſoll bedeuten, daß ſich die Rollen verändert haben, denn ſtatt daß dieſe Herren meine Gefangenen ſind, bin ich der Gefangene dieſer Herren, und Ihr ſeht mich ge⸗ nöthigt, hier das Geſetz zu empfangen, ſtatt es zu machen. Aber, meine Herren, ich ſage Euch zum Vor⸗ aus, wenn Ihr mich nicht erwürgt, wird Euer Sieg von kurzer Dauer ſein. Die Reihe iſt bald wieder an mir; man wird kommen.. 52* „Ah! Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan,„droht nicht, das gibt ein ſchlechtes Beiſpiel. Wir find doch ſo ſanft und ſo artig gegen Euere Eminenz! Setzen wir alle ſchlimme Laune bei Seite, entfernen wir jeden Groll und ſprechen wir freundlich mit einander.“ „Das iſt mir ganz lieb, meine Herren,“ ſagte azarin;„aber in dem Augenblick, wo wir über mein Löſegeld verhandeln, ſollt Ihr Eure Lage nicht für beſſer halten, als fie wirklich iſt; indem Ihr mich in der Falle finget, habt Ihr Euch mit mir gefangen. ie wollt Ihr von hier wegkommen? Seht die Gitter, ſeht die Thüren, ſeht oder errathet vielmehr die Schild⸗ wachen, welche dieſe Höfe füllen, und laßt uns dann einen Vergleich treffen. Ich will Euch zeigen, daß ich lopal bin.“ „Gut,“ dachte dArtagnan,„wir wollen feſthal⸗ ten, er gedenkt uns einen Streich zu ſpielen.“ „Ich habe Euch Euere Freiheit angeboten,“ fuhr der Miniſter fort,„ich biete ſie Euch noch an; wollt Ihr ſie? Vor einer Stunde werdet Ihr entdeckt, verhaftet, oder genöthigt ſein, mich zu tödten, was ein furchtbares Verbrechen und loyaler Edelleute, wie Ihr ſeid, ganz unwürdig wäre.“ „Er hat Recht,“ dachte Athos. Und wie Alles, was in dieſer Seele vorging, welche nur edle Gedanken hatte, ſo ſpiegelte ſich auch dieſer Gedanke in ſeinen Augen ab. D'Artagnan aber ſagte, um die Hoffnung herab⸗ zuſtimmen, welche das ſtillſchweigende Beipflichten von Athos in Mazarin erregt hatte: „Wir werden auch nur in der äußerſten Noth zur Gewalt greifen.“ „Wenn Ihr dagegen,“ fuhr Mazarin fort,„wenn Ihr mich gehen laßt und Eure Freiheit annehmt D'Artagnan unterbrach ihn mit den Worten: „Wie ſoklen wir unſere Freiheit annehmen, da Ihr ſie, wie Ihr ſelbſt ſagt, fünf Minuten, nachdem Ihr ſie gegeben habt, wieder nehmen könnt? Und wie ich Euch kenne, werdet Ihr ſie uns wieder neh⸗ men, Monſeigneur.“ „Nein, bei meinem Cardinalsworte!. Glaubt Ihr mir nicht?“ „Monſeigneur, ich glaube den Cardinälen nicht, welche keine Prieſter find.“ „Wohl, bei meinem Miniſterworte!“ „Ihr ſeid es nicht mehr, Monſeigneur, Ihr ſeid Gefangener.“ „Bei dem Worte von Mazarin alſo! Ich bin dies und werde es hoffentlich ſtets ſein.“ „Hm!“ ſagte d'Artagnan,„ich habe von einem Mazarin ſprechen hören, welcher wenig Gewiſſenhaf⸗ e„e——— — der Ihr ftet, ares ganz ging auch rab⸗ von zur wenn „ „da hdem Und neh⸗ aubt nicht, ſeid bin inem haf⸗ tigkeit bei ſeinen Schwüren hatte, und ich befürchte, es iſt dies einer von den Ahnen Euerer Eminenz.“ „Herr d'Artagnan,“ ſagte Mazarin,„Ihr habt viel Geiſt, und es thut mir leid, mich mit Euch ent⸗ zweit zu haben.“ „Monſeigneur, ſöhnen wir uns aus, ich verlange nichts Anderes.“ „Wohl,“ verſetzte Mazarin,„ich leiſte Euch auf eine untrügliche, handgreifliche Weiſe Sicherheit.“ „Ah! das iſt etwas Anderes,“ ſagte Porthos. „Laßt hören,“ ſprach Athos. „Laßt hören,“ wiederholte dArtagnan. „Vor Allem, nehmt Ihr an?“ ſagte der Cardinal. „Erklärt uns Euern Plan, Monſeigneur, und wir werden ſehen. „Zieht wohl in Betracht, daß Ihr eingeſchloſſen, gefangen ſeid.“ „Ihr wißt, Monſeigneur,“ entgegnete d'Artagnan, „es bleibt uns immer noch ein letztes Mittel.“ „Welches?“ „Miteinander zu ſterben.“ Mazarin bebte. „Hört,“ fuhr er fort,„am Ende des Ganges iſt eine Thüre, wozu ich den Schlüſſel habe; dieſe Thüre führt in den Park. Geht mit dem Schlüſſel, Ihr ſeid flink, Ihr ſeid kräftig, Ihr ſeid bewaffnet, und in einer Entfernung von hundert Schritten, wenn Ihr Euch links wendet, findet Ihr die Mauer des Parks. Ihr ſteigt über dieſelbe und ſeid mit drei Sprünen auf der Straße und frei. Ich kenne Euch nun hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß es, wenn man Euch an⸗ greift, kein Hinderniß gegen Eure Flucht ſein wird.“ „Ah! bei Gott, Monſeigneur,“ ſagte dArtagnan, „das iſt gut, das heiße ich ſprechen. Wo iſt der Schlüſſel, den Ihr uns bieten wollt?“ „Hier.“ 280 „Aber, Monſeigneur,“ fügte dArtagnan bei,„Ihr werdet uns wohl zu der Thüre führen?“ ſo „Sehr gern,“ ſprach der Miniſter,„wenn es be deſſen zu Euerer Beruhigung bedarf.“ — Mazarin, der nicht ſo leichten Kaufes durchzu⸗ d' kommen gehofft hatie, wandte ſich ganz ſtrahlend nach dem Gange und öffnete die Thüre. m Sie ging allerdings nach dem Park, was die drei Flüchtlinge an dem Nachtwinde wahrnahmen, 58 der ſich im Gange fing und ihnen den Schnee in das Geſicht trieb. ob „Teufel! Teufel!“ ſagte d'Artagnan,„es iſt eine Je furchtbare Nacht, Monſeigneur. Wir kennen die Oertlich⸗ keiten nicht und werden nie unſern Weg finden. Da ſch nun Euere Eminenz ſo viel gethan hat, daß ſie uns bis hieher führte, nur noch einige Schriite, Monſeig⸗ ihr neur, geleitet uns bis zur Mauer.“ M „Es ſei,“ ſprach der Cardinal. Und in gerader Linie durchſchneidend, marſchirte er mit raſchem Schritte auf die Mauer zu, an deren Se Fuß alle Vier bald waren. „Seid Ihr zufrieden, meine Herren?“ fragte Mazarin. „Ich glaube wohl, wir müßten ſonſt ſehr ſchwie⸗ riger Natur ſein. Teufel, we che Ehre! Drei arme Edelleute von einem Kirchenfürſten geleitet! Doch, ren Wonſeigneur, Ihr ſagtet ſo eben, wir wären muthig, nic flink und bewaffnet?“ tet „a. „Ihr täuſcht Euch: nur ich und Herr Du Vallon ₰ find bewaffnet; der Herr Graf iſt es nicht, und wenn wir irgend einer Patrouille begegneten, ſo könnten gla wir uns vertheidigen müſſen.“ der „Das iſt nur zu richtig.“ „Aber wo werden wir ein Schwert finden?“ „Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan,„wird dem war Grafen das ſeinige leihen, das ihm unnütz iſt.“ Kan es zu⸗ ach die n, as ine Da ns ig⸗ rte „Sehr gern,“ ſprach der Cardinal,„ich bitte ſogar den Herrn Grafen, es als Andenken von mir behalten zu wollen.“ „Das iſt doch äußerſt artig, Graf,“ verſetzte d'Artagnan.. „Ja,“ erwiederte Athos;„ich verſpreche auch, mich nie davon zu trennen.“ „Ein rührender Austauſch!“ ſprach d'Artagnan. „Habt Ihr keine Thränen in den Augen, Porthos?“ „Ja,“ erwiederte Porthos,„doch weiß ich nicht, ob es dieſes iſt oder der Wind, was mich weinen macht. Ich gloube, es iſt der Wind.“ „Nun ſteigt hinauf, Athos, und macht ge⸗ ſchwinde.“ Athos gelangte, von Porthos unterſtützt, der ihn wie eine Feder aufhob, auf den Kamm der Mauer. „Nun ſpringt hinab, Athos.“ Athos ſprang und verſchwand auf der andern Seite der Mauer. „Seid Ihr zu Boden?“ fragte d'Artagnan. a. „Ohne einen Unfall?“ „Ganz unverſehrt.“ „Porthos, beobachtet den Herrn Cardinal, wäh⸗ rend ich hinaufſteige; nein, ich bedarf Euerer nicht, ich werde wohl allein hinaufkommen. Beobach⸗ tet nur den Herrn Cardinal.“ „Ich beobachte ihn,“ erwiederte Porthos. „Nun?„ „Ihr habt Recht, es iſt ſchwieriger, als ich glaubte. Leiht mir Euern Rücken, aber ohne von dem Herrn Cardinal abzulaſſen.“ „Ich laſſe nicht von ihm ab.“ Porthos bot d'Artagnan ſeinen Rücken, und dieſer war bald mit Hülfe ſeiner Stütze rittlings auf dem Kamm der Mauer. 282 Mazarin gab ſich den Anſchein, als müßte er lachen. d „Seid Ihr oben?“ fragte Porthos. „Ja, mein Freund, und nun.. 1 „Was nun?“ „Nun gebt mir den Herrn Cardinal herauf und er b dem geringſten Schrei, den er ausſtößt, erſtickt ihn. n Mazarin wollte ſchreien, aber Porthos preßte ihn mit ſeinen zwei Händen zuſammen und hob ihn bis b zu d'Artagnan hinauf, welcher den Cardinal am Kra⸗ n gen faßte, zu ſich ſetzte und mit drohendem Tone zu ihm ſagte: „Mein Herr, ſpringt ſogleich zu dem Herrn Gra⸗ fen de la Fere hinab, oder ich bringe Euch um, ſo ſt wahr ich ein Edelmann bin.“ 5 Herr!“ rief Mazarin,„Ihr brecht Euer d „Ich? wo habe ich Euch irgend etwas verſpro⸗ u chen, Monſeigneur?“ n Mozarin ſtieß einen Seufzer aus und erwiederte: C „Ihr ſeid frei durch mich, mein Herrz Eure Frei⸗ n heit war mein Löſegeld.“ ſc „Aber das Löſegeld für den ungeheuren, in der. Gallerie vergrabenen Schatz, zu welchem man hinabfleigt, 5 indem man an eine in der Mauer verborgene Feder drückt, wodurch ein Kaſten ſich umdreht und eine n Treppe ſichtbar wird? Sagt, Monſeigneur, iſt hievon la nicht auch ein wenig zu ſprechen?“ tr „Jeſus, mein Gott!“ verſetzte Mazarin beinahe„ erſtickt und die Hände faltend,„ich bin ein verlorener ei Mann.“ Aber ohne ſich bei ſeinen Klagen aufzuhalten, 8 nahm ihn d'Artaznan unter dem Arm und ließ ihn ſachte in die Hände von Athos hinabgleiten, der ruhig unten an der Mauer geblieben war. B und ſtickt ihn bis Kra⸗ e zu Hra⸗ Fuer pro⸗ erte: Frei⸗ der eigt, Feder eine evon nahe ener ihn uhig Dann ſich gegen Porthos umwendend, ſagte d'Artagnan: „Nehmt meine Hand, ich halte mich an der Mauer.“ Porthos machte eine Anſtrengung, daß die Mauer erbebte, und gelangte ebenfalls auf die Höhe. „Ich hatte nicht ganz begriffen,“ ſagte er,„aber nun begreife ich: das iſt komiſch.“ „Findet Ihr?“ erwiederte d'Artagnan,„deſto beſſer; aber damit es bis zum Ende komiſch bleibt, wollen wir keine Zeit verlieren.“ Und er ſprang von der Mauer herab. Porthos that daſſelbe. „Bealeitet den Herrn Cardinal, meine Herren,“ ſprach d'Artagnan,„ich ſondire unterdeſſen die Gegend.“ Der Gascogner zog den Degen und marſchirte in der Vorhut. „Monſeigneur,“ ſagte er,„wohin müſſen wir uns wenden, um die Landſtraße zu erreichen? Denkt wohl nach, ehe Ihr antwortet; denn wenn ſich Eure Eminenz täuſchen würde, ſo könnte dies große Unan⸗ nehmlichkeiten nach ſich ziehen, nicht allein für uns, ſondern auch für den Herrn Cardinal.“ „Geht an der Mauer hin,“ ſprach Mazarin,„und Ihr lauft nicht Gefahr, Euch zu verirren.“ Die drei Freunde verdoppelten den Schritt, aber nach einigen Augenblicken waren ſie genöthigt, wieder langſamer zu geben; der Cardinal vermochte ihnen, trotz des beſten Willens, nicht zu folgen. Plötzlich ſtieß d'Artagnan an etwas Warmes, was eine Bewegung machte. „Halt! ein Pferd!“ ſagte er,„ich habe ein Pferd gefunden, meine Herren.“ „Und ich auch,“ ſprach Athos. „Und ich ebenfalls!“ rief Porthos, der dem Befehle getreu den Card inal beſtändig am Arme hielt. 284 „Das nenne ich Glück, Monſeigneur,“ ſagte d'Artagnan,„gerade in der Minute, wo Euere Emi⸗ nenz ſich beklagte, zu Fuß gehen zu müſſen.“ Aber in dem Augenblick, wo er dieſe Worte ſprach, ſenkte ſich ein Piſtolenlauf auf ſeine Bruſt, und er hörte mit ernſtem Tone ſagen: „Rührt nicht an!“ „Grimaud!“ rief dArtagnan,„Grimaud! ſchickt Dich der Himmel?“ „Nein, gnädiger Herr,“ antwortete der ehrliche Diener,„Herr Aramis hieß mich die Pferde be⸗ wachen.“ „Aramis iſt alſo hier?“ „Ja, gnädiger Herr, ſeit geſtern.“ „Und was macht Ihr?“ „Wir lauern.“ „Was! Aramis iſt hier?“ wiederholte Athos. „An der kleinen Pforte des Schloſſes. Dort war ſein Poſten.“ „Ihr ſeid alſo zahlreich?“ „Wir find zu ſechzig.“ „Laß' ihm melden, daß wir hier ſind.“ „Sogleich, gnädiger Herr.“ Und bedenkend, daß Niemand den Auftrag beſſer beſorgen würde, als er, lief Grimaud in größter Eile weg, während die Freunde ſtrahlend vor Freude, end⸗ lich wieder vereinigt zu ſein, warteten. Von der Lanzen Gruppe war nur Herr von Mazarin ſchlechter aune. ickt che be⸗ ar ſer ile d⸗ er er XXIII. Worin man endlich zu glauben anfüngt, daß Fotthus Baron und d'Artagnan Rapitän werden ſollen. Nach Verlauf von zehn Minuten erſchien Aramis, begleitet von Grimaud und acht bis zehn Edelleuten. Er war ganz ſtrahlend und warf ſich ſeinen Freunden um den Hals. „Ihr ſeid alſo frei, Brüder, frei ohne meine Hülfe? Ich habe alſo trotz meiner Bemühungen nichts für Euch thun können?“ „Verzweifelt varüber nicht, theurer Freund; auf⸗ geſchoben iſt nicht aufgehoben. Konntet Ihr nichts thun, ſo werdet Ihr doch etwas thun.“ „Meine Maßregeln waren doch ſo gut getroffen,“ ſprach Aramis.„Ich habe ſechzig Mann von dem Herrn Cvadjutor bekommen; zwanzig bewachen die Mauern des Parks, zwanzig die Straße von Rueil nach Saint⸗Germain, zwanzig ſind im Walde zerſtreut. Auf dieſe Art und in golge meiner ſtrategiſchen An⸗ ordnungen, habe ich zwei Couriere von Mazarin an die Königin aufgefangen.“. Mazarin horchte. „Aber Ihr babt ſie doch hoffentlich ehrlicher Weiſe den Herrn Cardinal zurückgeſchickt?“ fragte dAr⸗ agnan. „Ah! ja,“ ſprach Aramis,„bei ihm werde ich wohl mit ſolcher Zartheit zu Werke gehen! In einer von dieſer Depechen erklärte der Cardinal der Köni⸗ gin, die Kaſſen ſeien leer und Ihre Majeſtät habe kein Geld mehr; in der andern meldet er, er werde die Gefangenen nach Melun bringen laſſen, da ihm Rueil 286 kein hinreichend ſicherer Ort zu ſein ſcheine. Ihr be⸗ greift, lieber Freund, daß dieſer letzte Brief mir gute Hoffnung gegeben hat. Ich legte mich mit ſechzig Mann in den Hinterhalt, umſtellte das Schloß, ließ Handpferde bereit halten, die ich dem geſcheiten Gri⸗ maud anvertraute, und erwartete Euren Abgang. Vor morgen früh rechnete ich nicht hierauf, und ich hoffte auch nicht, Euch ohne Scharmützel zu befreien. Ihr ſeid dieſen Abend frei, frei ohne Kampf. Wie habt Ihr es gemacht, um dieſem Knauſer Mazarin zu ent⸗ kommen? Ihr müßt Euch ſehr über ihn zu beklagen haben.“ „Nicht zu ſehr,“ ſprach d'Artagnan. „Wirklich!“ „Ich ſage noch mehr: wir haben uns über ihn zu beglückwünſchen gehabt.“ „Unmöglich!“ „Gewiß, in der That; ihm verdanken wir unſere Freiheit.“ „Ihm?“ „Ja; er ließ uns durch Herrn Bernouin, ſeinen Kammerdiener, in die Orangerie führen. Von da folg⸗ ten wir ihm bis zu dem Grafen de la Fére. Dann bot er uns unſere Freiheit an. Wir nahmen ſie an, und er trieb die Gefälligkeit ſo weit, daß er uns den Weg zeigte und bis zu der Mauer des Parkes führte, die wir mit dem größten Glücke erſtiegen hatten, als wir Grimaud trafen.“ „Ah! gut,“ ſagte Aramis,„das ſöhnt mich mit ihm aus, und ich wollte, er wäre da, damit ich ihm ſagen könnte, ich hätte ihn einer ſolchen Handlung nicht fähig geglaubt.“ „Monſeigneur,“ ſprach d'Artagnan, außer Stands, länger an ſich zu halten,„erlaubt, daß ich Euch den Herrn Chevalier d'Herblay vorſtelle, der Euerer Emi⸗ nenz, wie Ihr ſelbſt hören konntet, ſeine Ehrfurcht zu bezeigen wünſcht.“ ſträt gew den gewe wir inde Aug erwe uns Vor ffte Ihr abt ent⸗ gen zu ere Und er zog ſich zurück und ſtellte dadurch den verwirrten Cardinal vor die erſtaunten Blicke von Aramis. „Oho!“ rief dieſer,„der Cardinal! ein guter ſert Holla! holla! Freunde! Die Pferde! die erde!“ Einige Reiter ſprengten herbei. „Bei Gott!“ rief. Aramis,„ich werde doch zu Et⸗ was nütze geweſen ſein. Monſeigneur, möge Euere Eminenz die Gnade haben, meine Huldigung in Em⸗ pfang zu nehmen. Ich wette, das iſt der heilige Chriſtoph von einem Porthos, der dieſen Schlag ge⸗ than hat! Doch beinahe hätte ich vergeſſen ſeyt Und er gab ganz leiſe einem Reiter einen Be⸗ ehl. „Ich glaube, es wäre klug, wenn wir abziehen würden,“ ſagte d'Artagnan. „Ja, aber ich erwarte Jemand einen Freund von Athos.“ „Einen Freund?“ ſprach der Graf. „Seht, dort kommt er im Galopp durch das Ge⸗ ſträuch.“ „Herr Graf! Herr Graf!“ rief eine jugendliche Stimme, welche Athos beben machte. „Ravul! Ravul!“ rief der Graf de la Fère. Einen Augenblick vergaß der junge Mann ſeine gewöhnliche Ehrfurcht und warf ſich ſeinem Vater um den Hals. „Seht, Herr Cardinal, wäre es nicht Schade geweſen, Leute zu trennen, welche ſich lieben, wie wir uns lieben? Meine Herren,“ fuhr Aramis fort, indem er ſich an die Reiter wandte, die ſich jeden Augenblick zahlreicher verſammelten,„meine Herren, umgebt Seine Eminenz, um ihr die ſchuldige Ehre zu erweiſen. Der Herr Cardinal will die Ehre haben, uns ſeine Geſellſchaft zu gönnen. Ihr werdet ihm 288 hoffentlich dafür dankbar ſein. Porthos, verliert Seine Eminenz nicht aus dem Blicke.“ Aramis ging hienach zu d'Artagnan und Athos, ſich beraihſchlagten, und berathſchlagte mit nen. „Vorwärts,“ ſprach d'Artagnan, nach einer Be⸗ rathung von fünf Minuten,„vorwärts, Marſch!“ „Und wohin gehen wir?“ fragte Porthos. „Zu Euch, lieber Freund, nach Pierrefonds; Euer ſchönes Schloß iſt würdig, Seiner Eminenz adelige Gafifreundſchaft zu bieten. Dann iſt es auch ſehr gut gelegen, nicht zu nahe, nicht zu ferne von Paris. Man kann von dort leicht Verbindungen mit der Hauptſtadt anknüpfen. Kommt, Monſeigneur, Ihr in jenem Schloſſe ſein: als ein Fürſt, wie Ihr es ſeid.“ „Ein entſetzter Fürſt,“ ſprach Mazarin kläglich. „Der Krieg hat ſeine Wechſelfälle, Monſeigneur,“ erwiederte Athos;„aber ſeid verſichert, wir werden keinen Mißbrauch davon machen.“ „Nein, aber einen Gebrauch werden wir davon machen,“ ſprach d'Artagnan. Den ganzen Reſt der Nacht eilten die Entführer mit der unermüdlichen Geſchwindigkeit früherer Zeiten die Straße entlang. Mazarin ließ ſich düſter und nachdenkend unter dieſem Geiſterritte fortreißen. Bei Tagesanbruch hatte man zwölf Stunden in einem Zuge zurückgelegt. Die Hälfte der Escorte war abgetrieben, einige Pferde fielen. „Die Pferde ſind heutzutage nicht mehr wie die früheren,“ ſprach Porthos;„Alles artet aus.“ ch habe Grimaud nach Dammartin geſchickt,“ ſagte Aramis;„er ſoll uns fünf friſche Pferde bringen, eines für Seine Eminenz, vier für uns. Die Haupt⸗ ſache iſt, daß wir Monſeigneur nicht verlaſſen. Der Reſt des Geleites wird uns ſpäter einholen; haben wi me o au anz in Her Sc reit geb abe gan der ſein Fre Mo den Por mis Ob Ara Zim eing lang „wi Seine thos, mit Be⸗ Euer elige rgut aris. der Ihr Ihr glich. ur, erden avon ihrer eiten und nin war die ckt,“ gen, upt⸗ Der aben 289 wir Saint⸗Denis einmal hinter uns„ſo iſt nichts mehr für uns zu befürchten.“ Grimaud brachte wirklich fünf Pferde. Der Herr, an den er ſich gewendet hatte, war ein Freund von Pottb und hatte ſich deshalb beeilt, ſie nicht zu ver⸗ aufen, wie man ihm vorgeſchlagen, ſondern dieſelben anzubieten. Zehn Minuten nachher hielt die Escorte in Ermenonville anz aber die vier Freunde eilten, Herrn von Mazarin geleitend, mit neuem Eifer fort. Zur Mittagsſtunde erreichte man die Allee des Schloſſes von Porthos. „Ah!“ ſprach Mousqueton, der, neben d'Artagnan reitend, auf dem ganzen Wege kein Wort von ſich ge⸗ geben hatte,„ah, Ihr möget mir glauben oder nicht, aber dies iſt das erſte Mak, daß ich ſeit meinem Ab⸗ gange von Pierrefonds athme.“ Und er ſetzte ſein Pferd in Galopp, um den an⸗ dern Dienern die Ankunft von Herrn Du Vallon und ſeinen Freunden zu verkündigen. „Wir ſind Vier,“ ſagte d'Artagnan zu ſeinen Freunden,„wir löſen uns in der Bewachung von Monſeigneur ab, und jeder von uns wacht drei Stun⸗ den. Athos unterſucht das Schloß, das man für den Fall einer Belagerung uneinnehmbar machen muß, Porthos beaufſichtigt die Verproviantirung und Ara⸗ mis das Garniſonsweſen, das heißt, Athos wird Oberingenieur, Porthos Generalproviantmeiſter und Aramis Gouverneur des Platzes.“ Mittlerweile führte man Mazarin in das ſchönſte Zimm r des Schloſſes. „Meine Herren,“ ſagte er, als er hier etwas eingerichtet war,„Ihr könnt nicht darauf rechnen, mich lange Zeit hier incognito zu behalten.“ „Nein, Monſeigneur,“ antwortete d'Artagnan, „wir gedenken im Gegentheil, ſo ſchnell als möglich bekannt zu machen, daß wir Euch in Händen haben.“ Zwanzig Jahre nachher. 1w. 19 290 „Dann wird man Euch belagern.“ „Wir find darauf gefaßt.“ „Und was werdet Ihr thun?“ „Wir werden uns vertheidigen. Wenn der ſelige Herr Cardinal von Richelieu noch lebte, ſo würde er Euch eine gewiſſe Geſchichte von einer Baſtei Saint⸗ Gervais erzählen, wo wir Vier mit unſern vier Lackeien und zwölf Todten gegen eine ganze Armee Stand gehalten haben.“ „Dergleichen Tollkühnheiten machen ſich einmal, mein Herr, und wiederholen ſich nicht.“ „Wir werden jetzt auch nicht nöthig haben, ſo heldenmüthig zu ſein: morgen bekommt die Pariſer Armee Kunde, übermorgen iſt ſie hier. Statt daß die Schlacht in Saint⸗Denis oder in Charenton ſtattfindet, wird ſie in Compiegne oder in Villers⸗ Cotterets ge⸗ ſchlagen.“ „Der Herr Prinz wird Euch beſiegen, wie er flets geſiegt hat.“ „Das iſt möglich, Monſeigneur. Doch vor der Schlacht laſſen wir Eure Eminenz nach einem andern Schloſſe unſeres Freundes Du Vallon bringen, denn er hat drei, wie dieſes. Wir wollen Euere Eminenz den Zufällen des Krieges nicht bloßſtellen.“ „Wohl,“ ſagte Mazarin,„ich ſehe, daß ich capitu⸗ liren muß.“ „Vor der Belagerung?“ i„Ja, die Bedingungen werden vielleicht beſſer ein.“ „Ah! Monſeigneur, was die Bedingungen betrifft, ſollt Ihr uns ſehr billig finden.“ „Laßt hören. Sprecht Euch hierüber aus.“ „Ruht vorerſt, Monſeigneur, und wir unſererſeits wollen uns die Sache überlegen.“ „Ich bedarf der Ruhe nicht, meine Herren, ich will wiſſen, ob ich mich in Feindes oder Freundes Hän⸗ den befinde.“ ich mic fort rück fere der kein ſtim ſpie Bed Sai Ant Die find, Geh verſ Unei Gra Verl mach endli Wür elige e er int⸗ vier rmee mal, ſo riſer die det, ge⸗ ſtets der dern enn nenz itu⸗ „In Freundes Händen, Monſeigneur.“ „Nun, ſo ſagt mir ſogleich, was Ihr wollt, damit ich ſehe, ob eine Uebereinkunft unter uns möglich ißt. Sprecht, Herr Graf de la Fere.“ „Monſeigneur,“ ſagte Athos,„ich habe nichts für mich zu verlangen, und hätte zu viel für Frankreich zu fordern. Ich enthalte mich alſo und übertrage das Wort an den Herrn Chevalier d'Herblay.“ Und ſich verbeugend, machte Athos einen Schritt rückwärts und blieb als einfacher Zuſchauer der Con⸗ ferenz am Kamin ſtehen. „Sprecht doch, Herr Chevalier d'Herblay,“ ſagte der Cardinal,„was wünſcht Ihr? Keine Umſchweife, keine Zweideutigkeiten. Seid klar, kurz und be⸗ ſtimmt.“ „Ich, Monſeigneur, ich werde ein offenes Spiel ſpielen.“ „Legt alſo Eure Karten auf.“ „Ich habe in meiner Taſche das Programm der Bedingungen,“ ſagte Aramis,„die Euch vorgeftern in Saint⸗Germain die Deput ition vorlegte, an der ich Antheil nahm. Achten wir vor Allem die alten Reckte. Die Fo derungen, welche in dem Programm geſtellt ſind, werden bewilligt.“ „Wir waren über dieſe beinahe einverſtanden. Gehen wir alſo zu den beſondern Bedingungen über.“ „Ihr glaubt alſo, daß ſich ſolche finden werden?“ verſetzte Aramis lächelnd. „Ich glaube, daß nicht bei Euch Allen dieſelbe Uneigennützigkeit ſtattfinden wird, wie bei dem Herrn Grafen de la Fere,“ erwiederte Mazarin, ſich mit einer Verbeugung gegen Athos umwendend.. „Ah! Ihr habt Recht,“ ſprach Aramis,„und es macht mich glücklich, zu ſehen, daß Ihr dem Grafen endlich Gerechtigkeit widerfahren laßt. Der Herr Graf iſt ein erhabener Geiſt, der über den gewöhnlichen Wünſchen und menſchlichen Leidenſchaften ſteht; es iſt 292 eine antike, ſtolze Seele. Ihr habt Recht, Monſeig⸗ neur, wir ſtehen nicht auf einer Höhe mit ihm und find die Erſten, die dies mit Euch anerkennen.“ „Aramis,“ ſagte Athos,„ſpottet Ihr?“ „Nein, mein lieber Graf, ich ſage, was wir den⸗ ken, und was alle Dieienigen denken, welche Euch kennen. Aber Ihr habt Recht, es handelt ſich nicht um Euch, ſondern um Monſeigneur und ſeinen unwürdigen Diener, den Chevalier dHerblay.“ „Nun, was wünſcht Ihr, mein Herr, außer den allgemeinen Bedingungen, auf welche wir zurückkom⸗ men werden 2“ „Ich wünſche, Monſeigneur, daß man die Nor⸗ mandie Frau von Longueville verleihe, nebſt voller, unbeſchränkter Abſolution und fünfmal hunderttauſend Livres. Ich wünſche, daß Seine Majeſtät der König die Gnade habe, der Pathe des Sohnes zu werden, den ſie gebären wird; ſodann, daß Monſeigneur, nachdem er der Taufe beigewohnt hat, ſeine Huldigung tnſet heiligen Vater, dem Papſte, in Perſon dar⸗ ringe.“ „Das heißt, Ihr wollt, daß ich meinen Functionen als Miniſier entſage, daß ich Frankreich verlaſſe, daß ich mich verbanne?“ „Monſeigneur ſoll nach meinem Willen bei der er⸗ ſten Erledigung Papſt werden, wobei ich mir vorbe⸗ halte, vollkommenen Ablaß für mich und meine Freunde von ihm zu verlangen.“ Mazarin machte eine unüberſetzbare Grimaſſe. „Und Ihr, mein Herr?“ fragte er d'Artagnan. „Ich, Monſeigneur,“ ſagte der Gascogner,„ich bin in allen Punkten derſelben Meinung, wie der Herr Chevalier d'Herblay, mit Ausnahme des letzten Arti⸗ kels, in weichem ich völlig von ihm abweiche. Weit entfernt, zu wünſchen, daß Monſeigneur Frankreich ver⸗ laſſe, wünſche ich im Gegentheil, daß er in Paris. bleibe; weit entfernt, zu wünſchen, daß er Papſt werde⸗ ſeig⸗ und den⸗ Euch um igen den kom⸗ Nor⸗ Uer, ſend önig den, eur, ung dar⸗ nen daß er⸗ rbe⸗ inde err rti⸗ Leit er⸗ ris. rde⸗ 293 wünſche ich im Gegentheil, daß er erſter Miniſter bleibe, denn Monſeigneur iſt ein großer Politiker. Ich werde mich ſogar bemühen, ſo viel es von mir ab⸗ hängt, ihm den Sieg über die ganze Fronde zu ver⸗ ſchaffen, doch unter der Bedingung, daß er ſich einiger⸗ maßen der treuen Diener des Königs erinnert und die erſte Compagnie der Musketiere einem, den ich bezeichnen werde, verleiht. Und Ihr, Du Vallon?“ „Ja, nun iſt es an Euch, mein Herr; ſprecht.“ „Ich?“ erwiederte Porthos,„ich wünſchte, daß der Herr Cardinal, um mein Haus zu ehren, das ihm eine Zufluchtsſtätte gewährte, die Gnade hätte, zum Andenken an dieſes Abenteuer mein Gut zu einer Ba⸗ ronie zu erheben, mit der Zuſage des Ordens für einen meiner Freunde bei der erſten Beförderung, welche Seine Majeſtät vornehmen wird.“ „Ihr wißt, mein Herr, daß man, um den Orden zu bekommen, Proben ablegen muß.“ „Dieſer Freund wird ſie ablegen. Ueberdies würde Monſeigneur, wenn es durchaus nothwendig wäre, ihm ſagen, wie man vieſe Förmlichkeit umgeht.“ Mazarin biß ſich in die Lippen. Der Schlag traf geradezu, und er erwiederte ziemlich trocken: „Alles das reimt ſich ziemlich ſchlecht zuſammen, wie mir ſcheint, meine Herren, denn wenn ich die Ei⸗ nen befriedige, mache ich nothwendig die Andern un⸗ zufrieden. Bleibe ich in Paris, ſo kann ich nicht nach Rom gehen; werde ich Papſt, ſo kann ich nicht Mini⸗ ſter bleiben; bin ich nicht Miniſter, ſo kann ich nicht Herrn d'Artagnan zum Kapitän und Herrn Du Vallon zum Baron machen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Aramis.„Da ich die Mi⸗ norität bilde, ſo nehme ich meinen Antrag in Bezie⸗ hung auf die Reiſe nach Rom und die Entlaſſung von Monſeigneur zurück.“ „Ich bleibe alſo Miniſter?“ ſagte Mazarin. 294 „Ihr bleibt Miniſter, das iſt abgemacht,“ ſprach d'Artagnan;„Frankreich bedarf Eurer.“ „Und ich ſtehe von meinen Anforderungen ab,“ ſagte Aramis.„Seine Eminenz bleibt erſter Miniſter und ſo⸗ gar Liebling Ihrer Majeftät, wenn ſie mir und meinen Freunden bewilligt, was wir für Frankreich und für uns verlangen.“ „Beſchäftigt Euch nur mit Euch, meine Herren, und laßtFrankreich ſich mit mir abfinden, wie es eben kann,“ ſprach Mazarin. „Nein, nein!“ verſetzte Aramis,„es bedarf eines Vertrags für die Frondeurs. Euere Eminenz wird ihn abfaſſen, in unſerer Gegenwart unterzeichnen und ſich durch denſelben Vertrag verbindlich machen, die Ratification der Königin zu erlangen.“ „Ich kann nur für mich ſtehen,“ ſagte Mazarin, „und nicht für die Königin. Und wenn Ihre Majeſtät ſich weigert?“ „Oh!“ rief d'Artagnan,„Monſeigneur weiß wohl, daß Ihre Majeſtät ihm nichts zu verweigern ver⸗ mag.“ „Seht, Monſeigneur,“ ſagte Aramis,„hier iſt der von der Deputation der Frondeurs vorgeſchlagene S6 Euere Eminenz beliebe ihn zu leſen und zu rüfen.“ „Ich kenne denſelben,“ ſprach Mazarin. „So unterzeichnet.“ „Bedenkt, meine Herren, daß eine Unterſchrift unter den Umſtänden gegeben, in denen wir uns be⸗ finden, als durch Gewalt entriſſen betrachtet werden dürfte.“ „Dann iſt Monſeigneur da, um zu ſagen, daß ſie freiwillig gegeben worden ift.“ „Wenn ich mich aber weigere?“ „Ah, Monſeigneur,“ erwiederte d'Artagnan,„dann hat Euere Eminenz die Folgen ihrer Weigerung nur ſich ſelbſt zur Laſt zu legen.“ Ce 6 g* fin „V wa alle met ſchn um ſag wei geb d'Ar nich ten ſoll denn chem nanz prach ſagte d ſo⸗ einen für rren, eben ines ihn und die rin, eſtät ohl, ver⸗ r iſt gene zu rift be⸗ den daß ann nur — 295 „Würdet Ihr es wagen, die Hand an einen Cardinal zu legen?“ „Monſeigneur, Ihr habt ſie an Musketiere Ihrer Majeſtät gelegt.“ „Die Königin wird mich rächen, meine Herren.“ „Ich glaube es nicht, obgleich ich nicht denken kann, daß es ihr an Luſt dazu gebricht. Aber wir gehen mit Eurer Eminenz nach Paris und die Pariſer ſind die Leute, uns zu vertheidigen.“ „Wie unruhig muß man in dieſem Augenblick in Rueil und Saint⸗Germain ſein!“ ſprach Aramis. „Wie muß man ſich fragen: wo iſt der Cardinal? was iſt aus dem Miniſter geworden? wohin iſt der Günſtling gekommen? Wie muß man Monſeigneur in allen Ecken und Winkeln ſuchen! Wie muß man Com⸗ mentare machen, und wenn die Fronde das Ver⸗ ſchwinden von Monſeigneur erfährt, wie muß ſie tri⸗ umphiren!“ „Das iſt abſcheulich!“ murmelte Mzarin. „Unterzeichnet alſo den Vertrag, Monſeigneur,“ ſagte Aramis. „Aber wenn ich unterzeichne und die Königin weigert ſich, ihn zu ratificiren?2“ „Ich übernehme es, mich zu der Königin zu be⸗ geben, und ihre Unterſchrift zu erlangen,“ entgegnete d'Artagnan. „Nehmt Euch in Acht, daß Euch in Saint⸗Germain nicht der Empfang zu Theil wird, welchen zu erwar⸗ ten Ihr Euch berechtigt glaubt,“ verſetzte Mazarin. „Ah, bah!“ erwiederte d'Artagnan,„die Sache ſoll ſo eingerichtet werden, daß ich willkommen bin, denn ich weiß ein Mittel.“ „Welches?“ „Ich bringe Ihrer Majeſtät den Brief, in wel⸗ chem ihr Monſeigneur die völlige Erſchöpfung der ßi⸗ nanzen meldet“ „Hernach?“ ſprach Mazarin erbleichend. „Hernach, wenn ich Ihre Majeſtät in der größten Verlegenheit ſehe, führe ich ſie nach Rueil, laſſe ſie in die Orangerie eintreten und zeige ihr eine gewiſſe Feder, welche einen Kaſten in Bewegung ſetzt.“ „Genug, mein Herr,“ murmelte der Cardinal, „genug. Wo iſt der Vertrag?“ „Hier,“ antwortete Aramis. „Ihr ſeht, daß wir großmüthig ſind,“ ſprach d'Artagnan,„denn wir konnten für ein ſolches Ge⸗ heimniß viel thun.“ „Unterzeichnet alſo,“ ſagte Aramis und reichte ihm eine Feder. Mazarin ſtand auf und ging einige Augenblicke, mehr träumeriſch als niedergeſchlagen, auf und ab. Dann plötzlich ſtille ſtehend, fragte er: „Und wenn ich unterzeichnet haben werde, meine Herren, worin wird die Bürgſchaft für mich liegen?“ „In meinem Ehrenwort, Monſeigneur,“ erwie⸗ derte Athos. Mazarin bebte, wandte ſich gegen den Grafen de la Fere um, ſchaute einen Augenblick dieſes edle, recht⸗ ſchaffene Geſicht prüfend an, und ſprach ſodann: „Das genügt mir, mein Herr Graf.“ Und er unterzeichnete. „Nun aber,“ Herr d'Artagnan, fügte er bei,„hal⸗ tet Euch bereit abzugehen und einen Brief von mir an die Königin zu überbringen.“ hal⸗ mir XXIV. Wie man mit einer Feder und einer Yrohung mehr, raſcher und beſſer wirkt, als mit einem Schwerte und mit Ergebenheit. D'Artagnan kannte ſeine Mythologie: er wußte, daß die Gelegenheit nur ein Büſchel Haare hat, an welchem man ſie faſſen kann, und er war nicht der Mann, der ſie vorübergehen ließ, ohne ſie beim Schopfe zu packen. Er organifirte ein raſches und ſicheres Reiſeſyſtem, indem er Relaispferde nach Chan⸗ tilly vorausſchickte, ſo daß er in fünf bis ſechs Stun⸗ den nach Paris kommen konnte. Ehe er aber abreiſte, bedachte er, daß es für einen Burſchen von Geiſt und Erfahrung etwas Sonderbares wäre, das Ungewiſſe 3 ſich laſſend auch auf das Ungewiſſe zu mar⸗ iren. „In der That,“ ſagte er zu ſich ſelbſt in dem Augenblick, wo er im Begriffe war, zu Pferde zu ſtei⸗ gen, um ſeine gefährliche Sendung zu vollziehen, „Athos iſt ein Romanheld, was die Großmuth be⸗ trifft, Porthos eine vortreffliche Materie, Aramis ein hieroglyphiſches Geſicht, das heißt, ſtets unleſerlich. Was werden dieſe drei Elemente bewerkſtelligen, wenn ich nicht mehr da bin, um fie unter einander zu ver⸗ einigen?.. Vielleicht die Befreiung des Cardinals, und damit den Untergang unſerer Hoffnungen und unſere Hoffnungen ſind bis jetzt der einzige Lohn für zwanzigjährige Arbeiten, neben denen die von Hercu⸗ les wahre Pygmäen⸗Werke find.“ Er ſuchte Aramis auf. „Ihr, mein lieber Aramis,“ ſagte er zu ihm, „Ihr ſeid die eingefleiſchte Fronde; mißtraut alſo 298 Atbos, der Niemands Angelegenheiten machen will, daß nicht einmal die ſeinigen; mißtraut beſonders Porthos, hãän der, um dem Grafen zu gefallen, welchen er als die 3 Gottheit auf Erden betracktet, dieſem behülflich ſein wird, daß Mazarin entkommt, wenn Mazarin nur Le genug hat, um zu weinen oder Ritterlichkeit zu ſchl ielen.“ Aramis lächelte mit ſeinem feinen und zugleich nich entſchloſſenen Lächeln. Ang „Seid unbeſorgt,“ erwiederte er,„ich habe meine trei Bedingungen zu fiellen. Ich arbeite nicht für mich, verf ſondern für Andere, und mein kleiner Ehrgeiz ſoll ge⸗ ten ziemenden Ortes Früchte tragen.“ 3„Gut,“ dachte dArtagnan,„von dieſer Seite thoe kann ich ruhig ſein.“ gen g drückte Aramis die Hand und ging dann zu tin⸗ 3 orthos. „„Freund,“ ſagte er zu ihm,„Ihr habt ſo viel Sr mit mir gearbeitet, um unſer Glück zu bauen, daß erſe es in dem Augenblick, wo wir auf dem Punkte ſind, licht de Frucht unſerer Arbeit zu ernten, eine lächerliche Thortet von Euch wäre, wenn Ihr Euch von Aramis beherrſchen ließet, deſſen Feinheit Ihr kennt, eine gein⸗ heit, die, unter uns geſagt, nicht immer von Selbſt⸗ die ſucht frei iſt, oder von Athos, einem edeln, uneigen⸗ nützigen, aber lebensmüden Mann, der, da er nichts habe mehr für ſich ſelbſt wünſcht, nicht begreift, daß ein Oeſte Anderer Wünſche haben kann. Was würdet Ihr ſagen, zarin wenn der Eine oder der Andere von unſern zwei ſo bi Freunden Euch den Vorſchlag machte, Mazarin gehen zu laſſen?“ liebe 7„Ich würde ſagen, wir hätten zu viel Unange⸗ Gefa nebmes gehabt, bis wir ihn bekommen, um ihn loszu⸗ Wort ſ laſſen.“ „Bravo! Porthos; und Ihr hättet Recht, mein ihn Freund, denn mit ihm ließet Ihr Euere Baronie los, terſc 3 die Ihr in Eueren Händen haltet, abgeſehen davon, Wort vill, s, die ſein nur eich ine ich, ge⸗ eite zu iel aß nd, che nis in⸗ ſt⸗ en⸗ hts ein en, vei en ge⸗ zu⸗ ein s, n daß Euch Mazarin, wäre er einmal von hier weg, hängen ließe.“ „Ihr glaubt?“ „Ich weiß es gewiß.“ „Dann würde ich ihn eher umbringen, als ent⸗ ſchlüpfen laſſen.“ „Und Ihr hättet abermals Recht. Es handelt ſich nicht darum, wie Ihr wohl begreift, wenn wir unſere Angelegenheiten betreiben, die der Frondeurs zu be⸗ treiben, welche überdies die politiſchen Fragen nicht ſo verſtehen, wie wir ſie verſtehen, die wir alte Solva⸗ ten find.“ „Habt nicht bange, lieber Freund,“ ſagte Por⸗ thos,„ich ſehe Euch vom Fenſter aus zu Pferde ſtei⸗ gen, ich folge Euch mit den Augen, bis Ihr verſchwun⸗ den ſeid. Dann pflanze ich mich vor der Thüre des Cardinals auf— eine Glasthüre, welche in das Zim⸗ mer geht. Von dort ſehe ich Alles, und bei der erſten verdächtigen Geberde blaſe ich ihm das Lebens⸗ licht aus.“ „Bravo,“ dachte d'Artagnan,„von dieſer Seite wird der Cardinal, glaube ich, gut bewacht ſein.“ Und er drückte dem Grundherrn von Pierrefonds die Hand und ſuchte Athos auf. „Mein lieber Athos,“ ſprach er,„ich reiſe und habe Euch nur Eines zu ſagen. Ihr kennt Anna von Oeſterreich. Die Gefangenſchaft von Herrn von Ma⸗ zarin allein verbürgt mein Leben. Laßt Ihr ihn frei, ſo bin ich todt.“ „Es bedurfte gerade dieſer Betrachtung, mein lieber d'Artagnan, um mich zu dem Gewerbe eines Gefangenwärſers zu beſtimmen. Ich gebe Euch mein Wort, daß Ihr den Cardinal finden werdet, wo Ihr ihn gelaſſen habt.“ 3 „Das beruhigt mich mehr, als alle königliche Un⸗ terſchriften,“ dachte d'Artagnan.„Nun, da ich das Wort von Athos habe, kann ich reiſen.“ DArtagnan reiſte wirklich allein ab, ohne ein an⸗ hatt deres Geleite, als ſein Schwert, und mit einem ein⸗ war fachen Vorweiſe von Mazarin, um zu der Königin ge⸗ die langen zu können. Sechs Stunden nach ſeinem Ab⸗ tige gange von Pierrefonds befand er ſich in Saint⸗ Germain. und Das Verſchwinden von Mazarin war noch unbe⸗ nur kannt; Anna von Oeßterreich wußte allein davon und und verbarg ihre Unruhe ſogar vor ihren Vertrauteſten. hunt Man hatte in dem Zimmer von d'Artagnan die zwei gan⸗ geknebelten und gebundenen Soldaten gefunden; man Tru hatte ihnen ſogleich den Gebrauch ihrer Glieder und cher ihrer Sprache wieder gegeben, aber ſie vermochten zurü nichts Anderes zu ſagen, als was ſie empfunden, das heißt, wie ſie harpunirt, gebunden und ausgezogen er 1 worden waren. Aber was Porthos und d'Artagnan da e gemacht hatten, nachdem ſie da hinaus waren, wo man man ſie hereingezogen, das wußten ſie eben ſo wenig, Reiſ als die anderen Bewohner des Schloſſes. Bernouin allein wußte ein wenig mehr, als die war Anderen. Als Bernouin ſeinen Herrn nicht mehr zu⸗ Meif 1 rückkommen ſah und die Mitternachtsſtunde ſchlagen von hörte, wagte er es, in die Orangerie zu dringen. Daß er die erſte Thüre mit allerlei Geräthe verrammelt Pfer fand, erregte bereits Verdacht bei ihm; aber er wollte die dieſen Verdacht Niemand mittheilen, und brach ſich d'Art geduldig Bahn durch das ganze Gewirre. Da ge⸗ freun langte er in den Gang, deſſen Thüren er insgeſammt ſeine offen fand. Ebenſo war es mit denen des Zimmers ging, von Athos und der Thüre des Parkes. Von hier diene 3 aus konnte er leicht den Tritten auf dem Schnee fol⸗ gen, und er ſah, daß ſie nach der Mauer zu gingen; auf auf der andern Seite fand er dieſelbe Spur, ſodann„Her Tritte von Pferden und endlich die Spuren einer ganzen Reitertruppe, welche ſich in der Richtung von Enghien entfernt hatte. Nun blieb ihm kein Zweifel Herr! mehr, daß den Cardinal die drei Gefangenen entführt an⸗ in⸗ ge⸗ Ab⸗ int⸗ be⸗ und en. wei nan und ten das gen nan wo nig, die zu⸗ gen Daß nelt lte ge⸗ nmt ers hier fol⸗ en; ann iner von ifel ihrt — 301 hatten, da dieſe Gefangenen mit ihm verſchwunden waren, und er lief deshalb nach Saint⸗Germain, um die Königin von dieſem Verſchwinden zu benachrich⸗ tigen. Anna von Oeſterreich empfahl ihm Stillſchweigen, und Bernouin beobachtete dieſes gewiſſenhaft; ſie ließ nur den Herren Prinzen kommen, dem ſie Alles ſagte, und der Herr Prinz ſchickte ſogleich fünf⸗ bis ſechs⸗ hundert Reiter in das Feld, mit dem Befehle, die ganze Umgegend zu durchſuchen und jede verdächtige Truppe, die ſich von Rueil entfernen würde, in wei⸗ cher Richtung es auch ſein möchte, nach Saint⸗Germain zurückzubringen. Da nun dArtagnan keine Truppe bildete, inſofern er allein war, da er ſich nicht von Rueil entfernte, da er endlich nach Saint⸗Germain ritt, ſo gab Nie⸗ mand auf ihn Achtung, und es wurde ſomit ſeiner Reiſe kein Hinderniß in den Weg gelegt. Als er in den Hof des alten Schloſſes gelangte, war die erſte Perſon, welche unſer Botſchafter erblickte, Meiſter Bernouin, der auf der Schwelle ſtehend Kunde von ſeinem verſchwundenen Herrn erwartete⸗ Bei dem Anblicke von d'Artagnan, welcher zu Pferd in dem Ehrenhof erſchien, rieb ſich Bernouin die Augen, denn er glaubte ſich zu täuſchen. Aber d'Artagnan machte ihm mit dem Kopfe ein kleines freundſchaftliches Zeichen, ſtieg ab, warf den Zügel ſeines Pferdes einem vorübergehenden Lackeien zu und king, ein Lächeln auf den Lippen, zu dem Kammer⸗ iener. „Herr dArtagnan!“ rief dieſer, wie ein Menſch, auf dem der Alp fitzt und der im Schlafe ſpricht; „Herr d'Artagnan!“ „Er ſelbſt, Herr Bernouin.“ „Und was wollt Ihr hier machen, gnädiger Herr?“ „Nachrichten von Herrn von Mazarin bringen und zwar die allerneuſten.“ „Was iſt denn mit ihm geſchehen?“ „Er befindet ſich wie Ihr und ich.“ „Es iſt ihm alſo nichts Unangenehmes witder⸗ fahren?“ „Durchaus nichts. Er hat nur das Bedürſniß gefühlt, einen kleinen Ausflug in der Umgegend von Paris zu machen, und uns, den Herrn Grafen de la Fère, Herrn Du Vallon und mich, gebeten, ihn zu begleiten. Wir find geſtern Abend abgereiſt, und nun bin ich hier.“ „Ihr ſeid hier?“ „Seine Eminenz hatte Ihrer Majeſtät etwas ſagen zu laſſen, etwas Geheimes; der Cardtnal batte eine Sen⸗ dung, die nur mir als einem ſichern Manne anver⸗ traut werden konnte, und ſo ſchickte er mich nach Saint⸗ Germain. Wenn Ihr Euerem Gebieter etwas Ange⸗ nehmes erweiſen wollt, mein lieber Herr Bernouin, ſo habt die Güte, Ihrer Majeſtät meine Ankunft und den Zweck derſelben zu melden.“ Mochte er nun im Ernſte ſprechen, mochte ſeine Rede nur ein Scherz ſein, ſo erſchien es roch klar, daß d'Artagnan unter den gegenwärtigen Umſtänden der einzige Menſch war, der Anna von Oefterreich von ihrer Unruhe befreten konnte; Bernouin machte daher keine Schwierigkeiten, ſie von dieſer ſeltſamen Botſchaft in Kenntniß zu ſetzen, und die Königin gab ihm, wie er dies vorhergeſehen hatte, Befehl, Herrn d'Artagnan ſogleich einzuführen. D'rtagnan näherte ſich ſeiner Fürſtin mit allen Zeichen der tiefſten Ehrfurcht. Bis auf drei Schritte vor ſie gelangt, ſetzte er ein Knie auf die Erde und überreichte ihr den Brief. Es war, wie geſagt, ein einfaches Schreiben, halb zur Einführung, halb zur Beglaubigung. Die Königin las dasſelbe, erkannte vollkommen die Handſchriſt des 5 gefal ſtänd einfů gut c mit: Men noch derjet Pflic Mittl Entri geſteh entwe mich Verbr von 2 gen, Engla ger de von 5 ruhiq Alles niglich alſo ü ein J eine C ſchien Früchte und ve S das E —— 303 und Cardinals, obgleich ſie ein wenig zitternd ausſah, und da ihr dieſer Brief nichts von dem ſagte, was vor⸗ gefallen war, ſo fragte ſie nach den einzelnen Um⸗ änden. er⸗ D'Artagnan erzählte ihr Alles mit der naiven, einfältigen Miene, die er unter gewiſſen Umſtänden ſo niß gut anzunehmen wußte. on Die Königin betrachtete ihn, während er ſprach, la mit wachſendem Erſtaunen; ſie begriff nicht, wie ein zu Menſch ein ſolches Unternehmen wagen konnte, und un noch viel weniger, daß er die Kühnheit hatte, daſſelbe derjenigen zu erzählen, deren Intereſſe und beinahe Pflicht es war, Strafe dafür zu verhängen. gen„Wie, mein Herr!“ rief, als d'Artagnan ſeine en⸗ Mittheilung vollendet hatte, die Königin roth vor er⸗ Entrüſtung,„Ihr wagt es, mir Euer Verbrechen zu int⸗ geſtehen, Euren Verrath zu erzählen!“ ge⸗„Verzeiht, Madame, es ſcheint mir, ich habe mich un, entweder ſchlecht ausgedrückt, oder Euere Majeſtät hat inft mich ſchlecht verſtanden; es iſt hier weder von einem Verbrechen, noch von einem Verrathe die Rede. Herr ine von Mazarin hielt Herrn Du Vallon und mich gefan⸗ ar, gen, weil wir nicht glauben konnten, er habe uns nach den England geſchickt, um dem König Karl l., dem Schwa⸗ eich ger des ſeligen Königs, Eueres Gemahls, dem Gatten chte von Frau Henriette, Eurer Schwägerin, Eurem Gaſte, nen ruhig den Hals abſchneiden zu ſehen, und weil wir gab Alles thaten, was in unſern Kräften lag, um dem kö⸗ rrn niglichen Märtyrer das Leben zu retten. Wir waren alſo überzeugt, mein Freund und ich, es müßte hier llen ein Jrrthum obwalten, veſſen Opfer wir wären, und itte eine Erklärung zwiſchen uns und Seiner Eminenz er⸗ und ſchien uns unerläßlich. Soll aber eine Erklärung ihre Früchte tragen, ſo muß ſie ruhig, fern vom Geräuſche alb un n Ueberläſtigen, ſtattfinden. gin„Wir haben dem zu Folge den Herrn Cardinal in des das Schloß meines Freundes geführt und dort uns gegenſeitig erklärt. Was wir vorher geſehen hatten, erwies ſich als wahr: es waltete ein Irrthum ob. Herr von Mazarin war der Meinung geweſen, wir hätten dem General Cromwell gedient, ſtatt König Karl zu dienen, was eine Schande geweſen wäre, die ſich von uns auf ihn, von ihm auf Eure Majeſtät übertranen hätte, eine Nieverträchtigkeit, welche das Königthum Eueres erhabenen Sohnes an ſeinem Stamme befleckt haben würde. Wir haben ihm aber nun den Beweis vom Gegentheil gegeben und find bereit, denſelben. auch Eurer Majeſtät ſelbſt zu liefern, uns auf die hohe Wittwe berufend, welche in dieſem Louvre weint, wo ihr Euere königliche Großmuth eine Wohnung gönnt. Dieſer Beweis befriedigte ihn dergeſtalt, daß er mich zum Zeichen ſeiner Zufriedenheit, wie Euere Majeſtät ſieht, hieyer geſchickt hat, um mit Euch über die Entſchä⸗ digung zu ſprechen, die man natürlicher Weiſe Edel⸗ leuten ſchuldig iſt, welche ſchlecht beurtheilt und mit Unrecht verfolgt worden find.“ „Ich höre und bewundere Euch, mein Herr,“ er⸗ wiederte Anna von Oeſterreich.„In der That, ich habe ſelten ein ſolches Uebermaß von Unverſchämtheit geſehen.“ „Ah! nun täuſcht ſich Eure Majeſtät ebenfalls über unſere Abſichten, wie dies bei Herrn von Mazarin der Fall geweſen iſt, ſprach d'Artagnan. „Ihr ſeid in einem Irrthum befangen, mein Herr,“ entgegnete die Königin;„ich täuſche mich ſo wenig, daß Ihr in zehn Minuten verhaftet ſeid, und daß ich in einer Stunde aufbreche, um meinen Mini⸗ ſter an der Spitze meines Heeres zu befreien.“ „Ich bin feſt überzeugt, daß Euere Majeſtät keine ſolche Unklugheit begehen wird,“ ſagte d'Artagnan, „einmal, weil ſie vergeblich wäre, und dann, weil ſie die ernſteſten Folgen herbeiführen müßte. Ehe er be⸗ freit würde, wäre der Herr Cardinal todt, und Seine Eminenz iſt von der Wahrheit deſſen, was ich ſage, die Bear in d Freu Herr zu d brin eigen er ih hätte im C zu er nug d'Art einer glaut tten, Herr ätten rl zu von agen thum fleckt weis ben hohe „wo önnt. mich eſtät Edel⸗ mit er⸗ „ich theit über der mein ch ſo und Nini⸗ keine nan, il ſie r be⸗ Seine ſage, 305 ſo feſt überzeugt, daß ſie mich im Gegentheil gebeten hat, falls ich einen ſolchen Willen bei Eurer Majeflät wahrnehmen würde, Alles zu thun, was ich vermöchte, um dieſelbe von ihrem Vorhaben abzubringen.“ „Wohl, ſo werde ich mich begnügen, Euch verhaf⸗ ten zu laſſen.“ „Ebenſo wenig, Madame, venn für den Fall mel⸗ ner Verhaftung iſt vorhergeſehen, wie für die Be⸗ freiung des Cardinals. Wenn ich morgen zu einer beſtimmten Stunde nicht zurückgekehrt bin, ſo wird Herr Cardinal übermorgen früh nach Paris ge⸗ ührt.“ „Man ſieht wohl, mein Herr, daß Ihr in Folge Euerer Lage fern von den Menſchen und Dingen lebt, ſonſt würdet Ihr wiſſen, daß der Herr Cardinal fünf oder ſechsmal in Paris geweſen iſt, ſeitdem wir die Hauptſtadt verlaſſen haben, daß er Herrn von Beaufort, Herrn von Bouillon, den Herrn Coadjutor, Herrn von Elbveuf geſehen hat, und daß es Keinem in den Sinn kam, ihn verhaften zu laſſen.“ „Verzeiht, Madame, ich weiß Alles dies; unſere Freunde werden den Herrn Cardinal auch weder zu Herrn von Beaufort, noch zu Herrn von Bouillon, noch zu dem Herrn Coabjutor, noch zu Herrn von Elboeuf bringen, in Betracht, daß dieſe Herren den Krieg für eigene Rechnung führen und der Herr Cardinal, wenn er ihnen bewilligte, was ſie verlangen, leichten Kauf hätte, ſondern zum Parlament, das man allerdings im Einzelnen erkaufen kann, welches aber in Maſſe zu ſelbſt Herr von Mazarin nicht reich ge⸗ nug iſt.“ „Ich glaube,„ ſagte Anna von Oeſterreich, auf d»Artagnan einen Blick heftend, der, geringſchätzend bei einer Frau, bei einer Königin furchtbar wurde,„ich glaube, Ihr bedroht die Mutter Eures Königs!“ „Madame, ich drohe, weil man mich dazu nöthigt. Zwanzig Jahre nachher. w. 20 306 Ich mache mich groß, weil ich mich auf die Höhe der Ereigniſſe und Perſonen ſtellen muß. Glaubt mir aber, Madame, ſo wahr ein Herz in dieſer Bruſt ſchlägt, Ihr ſeid das beſtändige Jdol unſeres Lebens geweſen, das wir, wie Ihr wohl wißt, zwanzig Mal für Eure Majeſtät gewagt haben. Sprecht, Madame, wird Euere Majeſtät nicht Mitleid mit ihren Dienern haben, welche ſeit zwanzig Jahren im Schatten vege⸗ tirten, ohne in einem einzigen Seufzer die heiligen, feierlichen Geheimniſſe entſchlüpfen zu laſſen, die ſie mit Euch zu theilen das Glück hatten? Schaut mich an, mich, der zu Euch ſpricht, mich, den Ihr anklagt, daß er die Stimme erhebe und einen drohenden Ton an⸗ nehme. Was bin ich? ein armer Offizier ohne Ver⸗ mögen, ohne Schutz, ohne Zukunft, wenn der Blick meiner Königin, den ich ſo lange geſucht habe, nicht einen Augenblick auf mir weilt. Schaut den Herrn Grafen de la Fere an, dieſes Muſterbild des Avels, dieſe Blume der Ritterſchaft: er hat gegen ſeine Köni⸗ gin Partei genommen, oder vielmehr nein, er hat Partei gegen ihren Miniſter ergriffen, und er macht keine Forderungen, wie ich glaube. Schaut Herrn Du Vallon an, dieſen treuen Freund, dieſen ſtählernen Arm: ſeit zwanzig Jahren erwartet er aus Euerem Munde ein Wort, das durch ein Wappen aus ihm machen ſoll, was er durch das Gemüth und die Tapfer⸗ keit längſt iſt. Seht endlich Euer Volk an, das wohl Etwas für eine Königin iſt; Euer Volk, das Euch liebt, und dennoch leidet; das Ihr liebt, und das den⸗ noch Hunger hat; das nichts Anderes verlangt, als Euch zu ſegnen und Euch dennoch Nein, ich habe Unrecht; Euer Volk wird Euch nie fluchen, Madame. Sagt ein Wort, und Alles iſt abgethan. Der Friede folgt auf den Krieg, die Freude auf die Thränen, das Glück auf das Ungemach.“ Anna von Oefterreich betrachtete mit einem ge⸗ wiſſen Erſtaunen das martialiſche Geſicht von dArta⸗ gn ru ha ha lic un w 307 gnan, worauf man einen ſeltſamen Ausvruck von Rüh⸗ rung leſen konnte. „Warum habt Ihr Alles dies nicht geſagt, ehe Ihr handeltet?“ entgegnete ſie. „Weil wir Euerer Majeſtät etwas zu beweiſen hatten, woran ſie zu zweifeln ſchien: daß wir näm⸗ lich noch etwas Muth beſitzen, und daß es billig iſt, uns einigen Werth beizumeſſen.“ „Und dieſer Muth würde vor Nichts zurückweichen, wie ich ſehe?“ erwiederte Anna von Oeſterreich. „Er iſt in vergangenen Zeiten vor Nichts zurück⸗ gewichen, warum ſollte er dieß in der Zukunft thun?“ „Und dieſer Muth würde im Falle einer Wei⸗ gerung und folglich im Falle eines Kampfes ſogar mich aus der Mitte meines Hofes entführen, um mich der Fronde auszuliefern, wie Ihr meinen Miniſter ausliefern wollt?“ „Wir haben nie hieran gedacht, Madame,“ er⸗ wiederte d'Artagnan mit der gascogniſchen Prahlerei, die bei ihm nur Naivetät war;„hätten wir es aber unter uns Vieren beſchloſſen, ſo würden wir es auch ſicherlich thun.“ „Ich ſollte es wiſſen,“ murmelte Anna von Oefter⸗ reich;„es find eherne Männer.“ „Ah! Madame,“ ſprach d'Artagnan,„das beweiſt mir, daß Euere Majeſtät nicht erſt ſeit heute einen richtigen Begriff von uns hat.“ „Gut,“ ſagte Anna,„aber wenn ich dieſen Begriff endlich habe?„ „Euere Majeſtät wird uns Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen. Indem ſie uns Gerechtigkeit widerfah⸗ ren läßt, wird ſie uns nicht behandeln wie gewöhn⸗ liche Menſchen. Sie wird in mir einen würdigen Botſchafter hoher Intereſſen erblicken, der beauftragt iſt, mit Euch zu unterhandeln.“ „Wo iſt der Vertrag?“ „Hier.“ 308 Anna von Oeſterreich warf ihre Augen auf den Vertrag, den ihr d'Artagnan darreichte. „Ich ſehe hier nur die allgemeinen Bedingungen,“ fagte ſie.„Die Intereſſen von Herrn von Contt, von Herrn von Buuillon, von Herrn von Elbveuf und vom Herrn Coadjutor ſind feſtgeſetzt. Aber die Euerigen?“. Wir laſſen uns Gerechtigkeit widerfahren, indem wir uns auf unſere Höhe ſtellen. Wir dachten, unſere Namen wären nicht würdig, neben dieſen großen Na⸗ men zu ſiguriren.“ „Aber ich denke, Ihr habt nicht darauf Verzicht geleiſtet, mir Euere Anſprüche mündlich vorzutragen?“ „Ich glaube, daß Ihr eine große und mächtige Königin ſeid, Madame, und daß es Euerer Größe und Macht unwürdig wäre, die Braven nicht auf ge⸗ ziemende Weiſe zu belohnen, welche Seine Eminenz nach Saint⸗Germain zurückbringen werden.“ „Das iſt meine Abſicht,“ erwiederte die Königin, „ſprecht, laßt hören.“ „Derjenige, welcher die Angelegenheit unterhandelte (verzeiht, wenn ich mit mir anfange, aber ich muß mir wohl die Wichtigkeit zugeſtehen, die ich mir nicht genommen, ſondern die man mir gegeben hat), der⸗ jenige, welcher die Angelegenheit der Loskaufung des Cardinals unterhandelte, muß, wenn die Belohnung nicht unter Eurer Majeſtät ſtehen ſoll, Chef der Gar⸗ den, ſo etwas wie Oberſter der Musketiere werden.“ „Was Ihr da verlangt, iſt die Stelle von Herrn von Treville.“ „Die Stelle iſt erledigt, und ſeit einem Jahre, da Herr von Treville quittirt hat, nicht wieder beſetzt worden.“ „Aber es iſt eines der erſten militäriſchen Aem⸗ ter des königlichen Hauſes.“ „Herr von Treville war ein einfacher Junker aus nal jeſt mo röt pit neh die lam bot fern ihn billi von dert hat aber und 309 den Gascogne, wie ich, Madame, und pat dieſe Stelle ſeit zwanzig Jahren inne.“ en,“„Ihr habt auf Alles eine Antwort, mein Herr,“ nti, ſprach Anna von Oeſterreich. euf Und ſie nahm von einem Schreibtiſche ein Patent, die das ſie ausfüllte und unterzeichnele. „Gewiß, Madame,“ ſagte d'Artagnan, indem er dem mit einer tiefen Verbeugung das Patent in Empfang ſere nahm,„aber die Dinge dieſer Welt ſind im höchſten Na⸗ Grade unhaltbar und ein Mann, der bei Euerer Ma⸗ leſtät in Ungnade fallen würde, könnte dieſe Stelle icht morgen verlieren.“ 2„Was wollt Ihr alſo?“ ſprach die Königin, er⸗ tige röthend, da ſie ſich von dieſem Geiſte, der ſo ſcharſ öße war wie der ihrige, durchſchaut ſah. ge⸗„Hundert tauſend Thaler für dieſen meinen Ka⸗ enz pitän der Musketiere, zahlbar an dem Tage, an welchem ſeine Dienſte Euerer Majeſtät nicht mehr ge⸗ in, nehm ſein werden.“ Anna zögerte. lte„Wenn man bedenkt,“ fuhr d'Artagnan fort,„daß uß die Pariſer eines Tages durch einen Spruch des Par⸗ cht laments ſechsmal hundert tauſend Livres demjenigen er⸗ boten, der ihnen den Cardinal todt oder lebendig kie⸗ es fern würde, lebendig, um ihn zu hängen, todt, um ng ihn auf den Schindanger zu ſchleppen!“ „Gut,“ ſprach Anna von Heſterreich,„ich finde vas ⸗ billig, inſofern Ihr von einer Königin nur die Hälfte rn von dem fordert, was das Parlament angeboten hat.“ Und ſie unterzeichnete ein Verſprechen von hun⸗ re, dert tauſend Thalern. tzt„Ferner?“ ſagte ſie. „Madame, mein Freund Du Vallon iſt reich und n hat ſich alſo nicht etwas wie Vermögen zu wünſchen, aber ich glaube mich zu erinnern, daß zwiſchen ihm us und Herrn von Mazarin davon die Rede geweſen iſt, 310 ſein Gut zu einer Baronie zu erheben. Es iſt ſogar, ſoviel ich mich erinnern kann, eine verſprochene Sache.“ „Der armſelige Burſche!“ verſetzte Anna von Oeſterreich.„Man wird darüber lachen.“ „Möglich,“ ſprach d'Artagnan;„aber Eines weiß ich gewiß, daß diejenigen, welche lachen, nicht zwei⸗ mal lachen werden.“ „Es ſei alſo mit der Baronie,“ ſagte Anna von Oeſterreich und unterzeichnete. „Nun bleibt noch der Chevalier oder Abbe d'Her⸗ blay, wie Euerer Majeſtät beliebt.“ „Er will Biſchof werden?“ „Nein, er verlangt etwas Leichteres.“ „Was?“ „Daß der König die Gnade haben möge, der Pathe von Frau von Longueville zu werden.“ Die Königin lächelte. „Frau von Longueville iſt von königlichem Ge⸗ ſchlechte,“ ſprach d'Artagnan. „Ja, aber ihr Sohn?“ „Ihr Sohn. Madame, muß es ſein, da der Gemahl ſeiner Mutter es iſt.“ „Und Euer Freund hat ſonſt nichts für Frau von Longueville zu verlangen?“ „Nein, Madame, denn er ſetzt voraus, daß Seine Majeſtät der König, wenn er die Gnade hat, Pathe zu ſein, der Mutter für den erſten Kirchgang kein ge⸗ ringeres Geſchenk als fünfmal hundert tauſend Livres machen kann, wohl verſtanden, dabei dem Vater das Gouvernement der Normandie vorbehaltend.“ „Für das Gouvernement der Normandie glaube ich mich anheiſchig machen zu können, was aber die fünfmal hundert tauſend Livres betrifft, ſo wiederholt mir der Herr Cardinal unabläßig, es ſei kein Geld in ven Staatskaſſen.“ „Wir werden mit einander ſuchen, Madame, wenn es Euere Majeſtät erlaubt, und gewiß finden.“ der von eine athe ge⸗ vres das aube die holt d in enn 311 „Ferner?“ „Ferner, Madame?. „Ja. „Habt Ihr nicht noch einen vierten Gefährten?“ „Allerdings; den Grafen de la Fere.“ „Was verlangt er?“ „Er verlangt nichts.“ „Nichts?“ „Nein.“ „Es gibt auf der Welt einen Menſchen, der ver⸗ langen kann und nichts verlangt?“ „Den Herrn Grafen de la Fere, Madame. Der Herr Graf de la Fere iſt kein Menſch.“ „Was iſt er denn?“ „Der Herr Graf de la Fere iſt ein Halbgott.“ „Hat er nicht einen Sohn, einen jungen Men⸗ ſchen, einen Verwandten, einen Neffen, deſſen Herr von Comminges als eines braven Jünglings bei mir erwähnte, und der mit Herrn von Chatillon die Fah⸗ nen von Lens brachte?“ „Er hat, wie Euere Majeſtät ſagt, einen Mündel, der ſich Vicomte von Bragelonne nennt.“ „Wenn man dem jungen Menſchen ein Regiment gäbe, was würde ſein Vormund ſagen?“ „Er würde es vielleicht annehmen.“ „Vielleicht?“ „Ja, wenn Euere Majeſtät ihn ſelbſt bitten würde, es anzunehmen.“ „Das iſt ein ſeltſamer Mann. Wir werden uns die Sache überlegen und ihn vielleicht bitten. Seid Ihr zufrieden, mein Herr?“ „Ja, Euere Majeſtät. Aber Eines hat die Köni⸗ gin nicht unterzeichnet.“ „Was?“ „Das Wichtigſte.“ „Die Einwilligung in den Vertrag?“ ⸗ 31¹2 „Ja.“— 2 „Wozu? Ich unterzeichne ven Vertrag morgen.“ „Ich glaube Euere Majeftät etwas verſichern zu dürfen: unterzeichnet Euere Majeſtät die Beiſtimmung heute nicht, ſo wird ſie ſpäter nicht mehr Zeit finden, ſie zu unterzeichnen. Wohſt alſo unten an dieſes, wie Ihr ſeht, ganz von der Hand von Mazarin geſchrie⸗ bene Programm die Worte ſetzen: „Ich willige in die Ratiſication des von den Pariſern vorgeſchlagenen Vertrags.““ Anna war gefangen; ſie konnte nicht zurückwei⸗ chen und unterzeichnete. Aber kaum hatte ſie unter⸗ zeichnet, als der Stolz wie ein Sturm in ihr los⸗ brach und ſie zu weinen anfing. D'Artagnan ſchauerte, als er dieſe Thränen ſah. Von jener Zeit an weinten die Königinnen, wie ein⸗ fache Frauen. Der Gascogner ſchüttelte den Kopf. Dieſe kö⸗ niglichen Thränen ſchienen ihn auf dem Herzen zu brennen. „Madame,“ ſagte er niederknieend,„ſchaut den unglücklichen Edelmann an, der zu Euern Füßen liegt; er bittet Euch, zu glauben, daß ihm auf eine Geberde von Euch Alles möglich wäre. Er hat Zutrauen zu ſich ſelbft, er hat Zutrauen zu ſeinen Freunden, und der Beweis, daß er nichts fürchtet, daß er auf nichts ſpeculirt, ſoll varin liegen, daß er Euerer Majeſtät Herrn von Mazarin ohne Bedingungen zurückbringt. Nehmt, Madame, hier find die heiligen Unterſchriften Euerer Majeftät; glaubt Ihr mir ſie zurückgeben zu müſſen, ſo werdet Ihr es thun. Von dieſem Augen⸗ blick an aber machen ſie Euch zu nichts mehr verbindlich.“ Und immer noch auf den Knieen gab d'Artagnan mit einem von Stolz und männlicher Unerſchrockenheit flammenden Blicke Anna von Oeſterreich in Maſſe die Pap ere zurück, die er ihr eines nach dem andern mit ſo viel Mühe entriſſen haite. gut ſchle und auße das went ner dieſe ung lan Dipl telba Unei ſeine kenn verka den, und zurüt Jahr habe Stad küſſen damit rechte ungef dieſen habe Ihr r 1 war, E ——— 313 Es gibt Augenblicke,— denn wenn nicht Alles gut in der Welt iſt, ſo iſt doch auch nicht Alles ſchlecht,— es gibt Augenblicke, wo in den trockenſten und kälteſten Herzen, befeuchtet von den Thränen einer außerordentlichen Bewegung, ein edles Gefühl keimt, das durch die Berechnung oder den Stolz erſtickt wird, wenn ſich nicht ein anderes Herz bei der Geburt ſei⸗ ner bemächtigt. Anna von Oeſterreich hatte einen von dieſen Augenblicken. Seiner eigenen Gemüthsbewe⸗ gung gehorchend, welche mit der der Königin im Ein⸗ lang ſtand, hatte d'Artagnan das Werk einer tiefen Diplomatie vollbracht; er wurde deshalb auch unmit⸗ telbar belohnt für ſeine Gewandtheit oder für ſeine Uneigennützigkeit, je nachdem man ſeinem Geiſte oder ſeinem Herzen die Ehre ſeiner Handlungsweiſe zuer⸗ kennen will. „Ihr hattet Recht, mein Herr,“ ſprach Anna,„ich verkannte Euch. Hier find die unterzeichneten Urkun⸗ den, die ich Euch aus freiem Antrieb zurückgebe; geht und ti uns ſo ſchnell als möglich den Carvinal zurück.“ „Madame,“ ſprach d'Artagnan,„vor zwanzig Jahren, mein gutes Gepächtniß erinnert mich däran, habe ich die Ehre gehabt, hinter einem Vorhange des Stadthauſes eine von dieſen ſchönen Händen zu küſſen.“ „Hier iſt die andere,“ ſagte die Königin,„und damit die linke nicht minder freigebig ſei, als die rechte,— ſie zog von ihrem Finger einen dem erſten ungefähr ähnlichen Diamant—„nehmt und behaltet dieſen Ring zum Andenken an mich.“ „Madame,“ ſprach dArtagnan ſich erhebend,„ich habe nur noch einen Wunſch: es möge das Erſte, was Ihr von mir verlangt, mein Leben ſein.“ Und mit der Haltung, die nur ihm eigenthümlich war, entfernte ſich d»Artagnan. „Ich habe dieſe Leute mißkannt,“ ſagte Anna von 31¹4 Oeſterreich, d'Artagnan nachſchauend,„und nun iſt es für mich zu ſpät, ſie zu benützen; in einem Jahre iſt der König volljährig.“ Fünfzehn Stunden nachher brachten d'Artagnan und Porthos Herrn von Mazarin der Königin zurück und erhielten der eine ſein Patent als Kapitän⸗ Lieutenant, der andere ſein Diplom als Baron. „Nun, ſeid Ihr zufrieden?“ fragte Anna von Oeſterreich. D'Artagnan verbeugte ſich, Porthos drehte ſein Diplom zwiſchen den Fingern hin und her und ſchaute Mazarin an. „Was gibt es denn noch?“ fragte der Miniſter. „Monſeigneur, es iſt von dem Verſprechen eines Ordens bei der erſten Beförderung die Rede ge⸗ weſen.“ „Ihr wißt, Herr Baron, daß man nicht Ritter des Ordens ſein kann, ohne ſeine Proben abzulegen,“ entgegnete Mazarin. „Oh!“ rief Porthos,„ich habe das blaue Band nicht für mich verlangt.“ „Für wen denn?“ fragte Mazarin. „Für meinen Freund, den Grafen de la Feére.“ „Ah! für ihn,“ ſprach die Königin;„das iſt et⸗ was Anderes, die Proben ſind abgelegt.“ „Er wird ihn haben?“ „Er hat ihn.“ An demſelben Tage wurde der Vertrag von Paris unterzeichnet und man machte überall bekannt, der Cardinal habe ſich drei Tage lang eingeſchloſſen, um ihn ſorgfältiger auszuarbeiten. Man vernehme, was jeder bei dem Vertrage ge⸗ wann: Herr von Conti hatte Damvilliers, und da er ſeine Proben als General gemacht, ſo erlangte er dadurch, daß er ein Mann vom Schwerte bleiben konnte und nicht Cardinal zu werden brauchte. Uebe heire len dem lag, nur zurü die und gew welc war von ſchät Par gleic Ent dieſe die des für dem land keit ſollt gewi war und ande ihm hute ——— 31⁵ iſt es Ueberdies hatte man zwei Worte von einer Ver⸗ re iſt heirathung mit einer Nichte von Mazarin fal⸗ len laſſen; dieſe zwei Worte waren günſtig von gnan dem Prinzen aufgenommen worden, dem wenig daran urück lag, mit wem man ihn verheirathete, wenn man ihn itän⸗ nur verheirathete. Der Herr Herzog von Beaufort kehrte zum Hofe von zurück, mit allen Genugthuungen, die man ihm für die ihm widerfahrenen Beleidigungen ſchuldig war, ſein und mit allen ſeinem Range gebührenden Ehren. Man haute gewährte ihm volle Begnadigung aller derjenigen, welche ihn bei ſeiner Flucht unterſtützt hatten, die An⸗ iſter. wartſchaft auf die Admiralswürde, welche der Herzog eines von Vendome, ſein Vater, bekleidete und eine Ent⸗ ge⸗ ſchädigung für ſeine Häuſer und Schlöſſer, die das Parlament in der Bretagne hatte zerſtören laſſen. Ritter Der Herzog von Bouillon erhielt Domänen von gen,“ gleichem Werthe mit ſeinem Fürſtenthum Sedan, eine Entſchädigung für die acht Jahre des Nichtgenuſſes Band dieſes Fürſtenthums und den Titel Prinz für ſich und die Mitglieder ſeines Hauſes. Der Herzog von Longueville das Gouvernement re. des Pont de Arche, fünfmal hunderttauſend Livres ſt et⸗ſ für ſeine Gemahlin und die Ehre, ſeinen Sohn von dem jungen König und der jungen Henriette von Eng⸗ land über die Taufe gehoben zu ſehen. Aramis beſtimmte, daß Bazin bei dieſer Feierlich⸗ paris keit funktioniren und Planchet die Dragée's liefern der ſollte. um Der Herzog von Elbveuf erhielt die Bezahlung gewiſſer Summen, die man ſeiner Gemahlin ſchuldig e ge⸗ war, hunderttauſend Livres für ſeinen älteſten Sohn und fünfundzwanzig tauſend für jeden von den drei da er andern. te er Aur der Coadjutor erhielt Nichts: man verſprach eiben im wohl, ſeine Angelegenheit in Betreff des Cardinals⸗ uchte. hutes mit dem Papſte zu unterhandeln, aber er wußte, 3¹6 was man von ſolchen Verſprechungen zu halten hatte, wenn ſie von der Königin und Herrn von Mazarin ka⸗ men. Im Gegenſatze zu Herrn von Conti, mußte er, da er nicht Cardinal werden konnte, Mann vom Schwerte bleiben. Als ſich ganz Paris über die auf den andern Tag beſtimmte Rückkehr des Königs freute, war auch Herr von Gondi allein inmitten der allgemeinen Heiterkeit ſo ſchlechter Laune, daß er ſogleich zwei Männer rufen ließ, welche er, ſobald er ſich in dieſer Stimmung des Geiſtes befand, rufen zu laſſen pflegte. Dieſe zwei Männer waren der eine der Graf von Rochefort, der andere der Bettler von Saint⸗Euſtache. Sie erſchienen mit ihrer gewöhnlichen Pünktlich⸗ keit, und der Cvadjutor brachte einen Theil der Nacht mit ihnen zu. XXV. Worin bewieſen iſt, daß es den Rönigen zumei⸗ len ſchwerer wird, in die Haußtſladt ihres Rü⸗ nigrriches zurückzukehren, als daraus wegzu- gehen. Während d'Artagnan und Porthos den Cardinal nach Saint⸗Germain führten, waren Athos und Ara⸗ mis, welche vieſelben in Saint⸗Denis verlaſſen hat⸗ ten, nach Paris zurückgekehrt. Jeder von ihnen hatte ſeinen Beſuch zu machen. Kaum hatte Aramis ſeine Reiterkleider abgelegt, ſo lief er in das Stadthaus, wo ſich Frau von Lon⸗ gueville befand. Bei der erſten Kunde vom Frieden ſtieß Krieg Abda trag Krieg wahr geſtel und l thum gezeic Cardi klinge die ih Taufe noch i die hi um ſi A heit it nen A zu hal 2 den H herrn Frauer ihnen iſt geſ Nun z ganz und v Fronde den er von Y wo de den Hi F ei⸗ Kü- zu- nal ra⸗ at⸗ gt on⸗ den — 317 ſtieß die ſchöne Herzogin ein lautes Geſchrei aus. Der Krieg machte ſie zur Königin, der Frieden führte ihre Abdankung herbei. Sie erklärte, daß ſie nie den Ver⸗ trag unterzeichnen würde, und wollte einen ewigen Krieg. Als jedoch Aramis ihr dieſen Frieden unter ſeinem wahren Lichte, nämlich mit ſeinen Vortheilen dar⸗ geſtellt, als er ihr im Austauſch gegen ihr precäres und beſtrittenes Königthum von Paris das Vicekönig⸗ thum des Pont⸗de⸗Arche, d. h. der ganzen Normandie gezeigt hatte, als er an ihren Ohren die von dem Cardinal verſprochenen fünfmal hunderttauſend Franken klingeln und vor ihren Augen die Ehre glänzen ließ, die ihr der König erwies, indem er ihr Kind über die Taufe hob, da proteſtirte Frau von Longueville nur noch in Folge der Gewohnheit zu proteſtiren, welche die hübſchen Frauen haben, und vertheidigte ſich nur, um ſich zu ergeben. Aramis fiellte fich, als glaubte er an die Wahr⸗ heit ihres Widerſtandes, und wollte ſich in ſeinen eige⸗ nen Augen das Verdienſt nicht nehmen, ſie überredet zu haben. „Madame,“ ſagte er zu ihr,„Ihr wolltet einmal den Herrn Prinzen, Euern Bruder, den größten Feld⸗ herrn unſerer Zeit tüchtig klopfen, und wenn die Frauen von Genie einmal etwas wollen, ſo gelingt es ihnen immer. Es iſt Euch gelungen: der Herr Prinz iſt geſchlagen, da er nicht mehr Krieg führen kann. Nun zieht ihn auf unſere Partei herüber, macht ihn ganz ſachte von der Königin los, die er nicht liebt, und von Herrn von Mazarin, den er verachtet. Die Fronde iſt eine Komödie, von der wir bis jetzt nur den erſten Akt geſpielt haben. Erwarten wir Herrn von Mazarin bei der Entwicklung, d. h. an dem Tage, wo der Herr Prinz, durch Euch angetrieben, ſich gegen den Hof gewendet haben wird.“ Frau von Longueville wurde überredet, Sie war 318 ſo gut überzeugt von der Gewalt ihrer ſchönen Augen, dieſe Frondeuſe⸗Herzogin, daß ſie durchaus nicht an ihrem Einfluſſe ſogar auf Herrn von Condeé zweifelte, und die Chronik der Scandale jener Zeit ſagt, ſie habe ſich nicht zu viel angemaßt. Als Athos Aramis auf der Place⸗Royal verließ, begab er ſich zu Frau von Chevreuſe. Hier war aber⸗ mals eine Frondeuſe zu überreden; aber dieſe war ſchwerer zu befiegen, als ihre junge Rivalin. Man hatte keine Bedingung zu ihren Gunſten feſtgeſtellt. Herr von Chevreuſe war nicht zum Gouverneur irgend einer Provinz ernannt worden, und wenn die Königin Pathin zu werden einwilligte, ſo konnte es nur bei ihrem Enkel oder ihrer Enkelin ſein. Bei dem erſten Worte vom Frieden runzelte auch Frau von Chevreuſe die Stirne, und trotz aller Logik von Athos, der ihr zu beweiſen ſuchte, daß ein längerer Krieg unmöglich wäre, beſtand ſie auf den Feindſeligkeiten. „Schöne Freundin,“ ſprach Athos,„erlaubt mir, Euch zu bemerken, daß Jedermann des Krieges müde iſt, daß, Euch und den Herrn Coadjutor vielleicht aus⸗ genommen, alle Welt den Frieden wünſcht. Ihr wer⸗ det machen, daß man Euch verbannt, wie zur Zeit von König Ludwig XIII. Glaubt mir, wir haben das Alter der Erfolge in der Intrigue hinter uns, und Eure ſchönen Augen ſind nicht dazu beſtimmt, in Thränen über Paris zu erlöſchen, wo es ſtets zwei Königinnen geben wird, ſo lange Ihr daſelbſt ſeid.“ „Oh,“ ſagte die Herzogin,„ich kann den Krieg nicht allein machen, aber ich kann mich an dieſer un⸗ dankbaren Königin und an dem ehrgeizigen Günſtling rächen, und ſo wahr ich Herzogin bin, ich werde mich rächen!“ „Madame,“ ſprach Athos,„ich bitte Euch drin⸗ gend, bereitet Herrn von Bragelonne keine ſchlimme Zukunft. Er iſt in die Welt getreten, der Herr Prinz will junge Schn Men wird. ten, nicht ſenba vor f von! kannt werde und Aufei Ihr Kopf und Hand ſo eb Euch ugen, n felte, „ſie rließ, aber⸗ war Man ſtellt. gend nigin r bei auch Logik ein den mir, nüde aus⸗ wer⸗ Zeit das Eure änen nnen krieg un⸗ tling mich rin⸗ mme rinz — S—— 3¹9 will ihm wohl, er iſt jung, laſſen wir ihn mit dem jungen König ſich feftſtellen. Ach, entſchuldigt meine Schwäche, Madame: es kommt ein Augenblick, wo der in ſeinen Kindern wieder auflebt und jung wird.“ Die Herzogin lächelte halb zärtlich, halb ironiſch. „Graf,“ ſagte ſie,„Ihr ſeid, ich muß es befürch⸗ ten, für die Partei des Hofes gewonnen. Habt Ihr nicht irgend ein blaues Band in Eurer Taſche?“ „Ja, Madame,“ ſprach Athos,„ich habe den Ho⸗ ſenbandorden, den mir der König Karl 1. einige Tage vor ſeinem Tod gegeben hat.“ Der Graf ſprach die Wahrheit. Er wußte nichts von der Bitte von Porthos, und es war ihm nicht be⸗ kannt, daß er noch einen andern Orden hatte, als dieſen. „Vorwärts! man muß am Ende eine alte Frau werden,“ ſprach die Herzogin träumeriſch. Athos nahm ihre Hand und küßte fie. Sie ſeufzte und ſchaute ihn an. „Graf,“ ſagte ſie,„Bragelonne muß ein reizender Aufenthalt ſein. Ihr ſeid ein Mann von Geſchmack, Ihr müßt Waſſer, Wald, Blumen haben.“ Sie ſeufzte abermals und ſtützte ihren reizenden Kopf auf ihre coquettiſch zurückgebogene und nach Form n Weiße immer noch bewunderungswürdig hübſche Hand. „Madame,“ erwiederte der Graf,„was ſagtet Ihr ſo eben? Nie habe ich Euch ſo jung, nie habe ich Euch ſo ſchön geſehen.“ Die Herzogin ſchüttelte den Kopf und ſprach „Bleibt Herr von Bragelonne in Paris?“ „Was denkt Ihr davon?“ fragte Athos. „Laßt ihn mir,“ verſetzte die Herzogin. „Nein, Madame. Wenn Ihr die Geſchichte von Oedipus vergeſſen habt, ſo erinnere ich mich derſelben.“ „In der That, Graf, Ihr ſeid ſehr artig, und ich würde gern einen Monat in Bragelonne leben.“ 325 „Fürchtet Ihr nicht, mir viele Neider zuzuziehen, Herzogin?“ erwiederte Athos. „Nein, ich werde incognito reiſen, Graf, unter dem Namen Marie Michon.“ „Ihr ſeid anbetungswürdig, Madame.“ „Aber laßt Raoul nicht bei Euch.“ „Warum dieß?“ „Weil er verliebt iſt.“ „Er, ein Kind?“ „Er liebt auch ein Kind.“ Athos wurde träumeriſch. „Ihr habt Recht, Herzogin: dieſe ſeltſame Liebe für ein Kind kann ihn eines Tages ſehr unglücklich machen. Man wird ſich in Flandern ſchlagen und er ſoll dahin gehen.“ „Bei ſeiner Rückkehr ſchickt Ihr ihn mir, und ich werde ihn gegen die Liebe panzern.“ „Ach! Madame,“ ſprach Athos,„heut zu Tage iſt die Liebe wie der Krieg, und der Panzer iſt unnütz ge⸗ worden.“ In dieſem Augenblick trat Raoul ein. Er mel⸗ dete dem Grafen und der Herzogin, der Graf von Guiche, ſein Freund, habe ihm mitgetheilt, am andern Tage werde der feierliche Einzug des Königs, der Kö⸗ nigin und des Miniſters ftattfinden. Am andern Morgen bei Tagesanbruch traf der Hof feierlich alle Vorkehrungen, um Saint⸗Germain zu verlaſſen. Dif Königin hatte ſchon am Abend vorher d»Ar⸗ tagnan kommen laſſen. „Mein Herr,“ ſagte ſie zu ihm,„man verſichert mich, Paris ſei nicht ruhig. Ich habe bange für den König; ſtellt Euch an den Kutſchenſchlag rechts.“ Euere Majeſtät mag unbeſorgt ſein,“ erwiederte d'Artagnan,„ich ſtehe für den König.“. Und ſich vor der Königin verbeugend, trat er ab. Als d'Artagnan die Königin verließ, ſagt ihm hen, nter iebe lich er ich iſt ge⸗ el⸗ von ern Kö⸗ der ain Ar⸗ ert den erte ab. hm —Ü 321 Vernouin, der Cardinal erwarte ihn in wichtigen An⸗ gelegenheiten. Er begab ſich ſogleich zu dem Cardinal. „Mein Herr,“ ſagte Mazarin,„man ſpricht von einer Meuterei in Paris. Ich werde links vom König fitzen, und da ich hauptſächlich bedroht bin, ſo haltet Euch am Kutſchenſchlage links.“ „Euere Eminenz beruhige ſich,“ erwiederte d'Arta⸗ gnan,„man wird kein Haar von ſeinem Haupte berühren.“ „Teufel!“ murmelte er, als er im Vorzimmer war,„wie ſoll ich mich da herausziehen? Ich kann nicht zugleich am Kutſchenſchlage links und an dem rechts ſein. Ah, bah! ich bewache den König, und Porthos bewacht den Cardinal.“ Dieſe Anordnung befriedigte Jedermann, was ziemlich ſelten iſt. Bie Königin hatte Zutrauen zu dem Muthe von d'Artagnan, den ſie kannte, und Ma⸗ zarin zu der Tapferkeit von Porthos, die er erprobt hatte. Der Zug ſetzte ſich nach Paris in einer zu⸗ vor beſtimmten Folge in Bewegung. Guitaut und Comminges marſchirten an der Spitze der Garden voraus; dann kam der königliche Wagen, an einem von ſeinen Schlägen d'Artagnan, am andern Porthos; hierauf folgten die Musketiere, die alten Freunde von dArtagnan ſeit zwei und zwanzig Jahren, ihrem Lieutenant ſeit zwanzig, ihrem Kapitän ſeit dem Tage vorher. Als man an die Barrière gelangte, wurde der Wagen von einem gewaltigen:„Es lebe der König! Es lebe die Königin!“ begrüßt. Einige Rufe:„Es lebe Mazarin!“ miſchten ſich darein, fanden aber keine Echos. Man begab ſich nach Notre⸗Dame, wo das Le Peum geſungen werden ſollte. Die ganze Bevölkerung von Paris war auf den Straßen. Man hatte die Schweizer am Wege als Spaliere aufgeſtellt. Da aber der Weg lang war, ſo ſtanden ſie immer auf ſechs bis acht Schritte Entfernung von einander und nur einen Mann Zwanzig Jahre nachher. 1V. 21 322 hoch. Der Wall war alſo völlig ungenügend, und von Zeit zu Zeit hatte der Damm, von einer Volkswoge durchbrochen, die größte Mühe, ſich wiederherzuſtellen. Bei jedem Durchbruche, ſo wohlwollend er auch war, denn er rührte von dem Verlangen der Pariſer her, ihren König und ihre Königin wiederzuſehen, deren ſie ſeit einem Jahre beraubt geweſen waren, ſchaute Anna von Oeſterreich dArtagnan beſorgt an; dieſer aber beruhigte ſie mit einem Lächeln. Mazarin, der wohl um:„Es lebe Mazarin!“ ſchreien zu laſſen, tauſend Louisd'or alsgegeben und die Rufe, die er gehört, nicht zu zwanzig Piſtolen an⸗ geſchlagen hatte, ſchaute Porthos ebenfalls unruhig an; aber der rieſige Garde antwortete auf dieſen Blick mit einer ſo ſchönen Baßſtimme:„Seid unbeſorgt, Monſeigneur!“ daß ſich Mazarin beruhigte. Als man zum Palais⸗Royal gelangte, fand man die Volksmenge immer größer. Sie war auf dieſen Platz durch alle anliegende Straßen geſtrömt, und man ſah wie einen großen, unruhigen Fluß die ganze Maſſe dem Wagen entgegenkommen und ſich ſtürmiſch in die Rue Saint⸗Honorés wälzen. Als man den Platz erreichte, erſchollen mächtige Rüte;„Es leben Ihre Majeſtäten!“ Mazarin legie ſich aus dem Kutſchenſchlage; zwei oder drei Rufe: „Es lebe der Cardingl!“ begrüßten ſeine Erſcheinung; doch beinahe in demſelben Augenblick wurden ſie durch Pfeifen und Ziſchen unbarmherzig erſtickt. Mazarin erbleichte und warf ſich raſch zurück. „Canaillen!“ murmelte Porthos. DArtagnan ſagte nichts; aber er kräuſelte ſeinen Schnurrbart mit einer eigenthümlichen Geberde, welche andeutete, daß ſeine gascogniſche Galle zu kochen begann. Anna von Oeſterreich neigte ſich an das Ohr des jungen Königs und flüſterte ihm zu: „Macht ein freundliches Geſicht und richtet ein paar Worte an Herrn d'Artagnan, mein Sohn.“ 5 —„— c„— e„ er— n—— en P n. es in —— 323 ſag wünſcht, Herr d'Artagnan, und doch erkannte ich Euch gar wohl. Ihr waret hinter meinen Bettvorhängen in der Nacht, als die Pariſer mich ſchlafen ſehen wollten.“ „Und wenn es der König erlaubt,“ verſetzte d'Ar⸗ tegnan,„ſo werde ich bei ihm ſein, ſo oft er einer Gefahr preisgegeben iſt.“ „Mein Herr,“ ſagte Mazarin zu Porthos,„was würdet Ihr thun, wenn ſich das Volk auf uns ſtürzte?“ „Ich würde ſo viel, als ich vermöchte, todtſchla⸗ gen,“ erwiederte Porthos. „Hm!“ murmelte Mazarin,„ſo brav und ftark Ihr auch ſeid, ſo vermöchtet Ihr doch nicht Alles todt zu ſchlagen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Porthos, ſich auf den Steigbügeln erhebend, um die unermeßliche Menge beſ⸗ ſer zu überſchauen,„das iſt wahr, es ſind ihrer Viele.“ „Ich glaube, der Andere wäre mir lieber,“ ſprach Mazarin, und er warf ſich wieder in den Hintergrund des Wagens zurück. Die Königin und ihr Miniſter hatten Urſache, ſich einigermaßen beunruhigt zu fühlen, wenigſiens der letztere. Den Anſchein der Achtung und ſogar der Zuneigung für den König und die Regentin bewah⸗ rend, ſing doch die Menge an, ſich ſtuͤrmiſch zu be⸗ wegen. Man hörte dumpfe Geräuſche umherlaufen, die, wenn ſie über die Weilen hinſtreifen, den Sturm anzeigen, und wenn ſie die Menge berühren, den Auf⸗ ruhr verkündigen. D'Artagnan wandte ſich gegen die Musketiere um und machte, mit den Augen blinzelnd, ein für das Volk unmerkliches, aber für dieſe brave Elite ſehr verſtändliches Zeichen. Die Reihen der Pferde ſchloſſen ſich an einander an und ein leichtes Beben durchlief die Männer. An der Barriere des Sergents war man genöthigt, Halt neigte ſich aus dem Kutſchenſchlage und e „Ich habe Euch noch nicht guten Morgen ge⸗ 324 zu machen; Comminges verließ die Spitze der Escorte und kam an den Wagen der Königin. Die Königin fragte dArtagnan mit dem Blick. DArtagnan ant⸗ wortete ihr in derſelben Sprache. „Geht vorwärts,“ ſagte die Königin. Comminges ritt wieder an ſeinen Poſten. Man machte einen Anlauf und die lebendige Barriére wurde mit Gewalt durchbrochen. Es erhob ſich aus der Menge einiges Gemurmel, das diesmal eben ſowohl an den König, als an ſeinen Miniſter gerichtet war. „Vorwärts!“ rief dArtagnan mit voller Stimme. „Vorwärts!“ wiederholte Porthos. Aber es ergoſſen ſich nun, als hätte die Menge nur dieſe Kundgebung erwartet, um zu beginnen, alle feindſeligen Gefinnungen, welche dieſelbe in ſich ſchloß, auf einmal. Das Geſchrei:„Nieder mit Mazarin! Tod dem Cardinal!“ erſcholl von allen Seiten., Zu gleicher Zeit wälzte ſich durch die Rues Gre⸗ nelle⸗Saint⸗Honoré und du Coq⸗Saint⸗Honoré eine doppelte Woge hervor, durchbrach das ſchwache Spa⸗ lier der Schweizer⸗Garden und trieb ſeinen ungeſtümen Wirbel bis zu den Beinen der Pferde von d'Artagnan und Porthos. Dieſer neue Einbruch war gefährlicher als die andern, denn er beſtand aus bewaffneten Leuten, aus Menſchen, welche beſſer bewaffnet erſchienen, als es ge⸗ wöhnlich die Leute aus dem Volke in ſolchen Fällen find. Man ſah, daß dieſe letzte Bewegung nicht die Wirkung des Zufalls war, welcher eine gewiſſe An⸗ zahl von Unzufriedenen auf demſelben Punkte verei⸗ nigte, ſondern die Combination eines feindſeligen Gei⸗ ſtes, der einen Angriff organiſirt hatte. Dieſe zwei Maſſen wurden jede von einem Chef angeführt. Der eine derſelben ſchien nicht dem Volke, ſondern der ehrenwerthen Körperſchaft der Bettler an⸗ zugehören, während man in dem andern, obgleich er me. nur alle loß, rin! re⸗ eine pa⸗ nen nan die aus ge⸗ llen die An⸗ rei⸗ ei⸗ hef lke, an⸗ er 3²⁵ das Weſen des Volkes nachzuahmen trachtete, leicht einen Edelmann erkennen konnte. Beide handelten offenbar von einem und demſel⸗ ben Impulſe angetrieben. Es entſtand eine lebhafte Erſchütterung, welche ſich bis in den königlichen Wagen fühlbar machte. Dann erſchollen tauſend Rufe, einen mächtigen Schrei bildend, mit ein paar Flintenſchüſſen vermiſcht. „Herbei, Musketiere!“ rief d'Artagnan. Die Escorte trennte ſich in zwei Reihen; die eine ritt auf die rechte Seite des Wagens, die andere auf die linke, die eine kam dArtagnan, die andere Porthos zu Hülfe. Nun enitſpann ſich ein Handgemenge, das um ſo furchtbarer war, als es kein beſtimmtes Ziel hatte, und um ſo trauriger erſchien, als man nicht wußte, warum und für wen man ſich ſchlug. Wie alle Bewegungen des großen Haufens, ſo war der Anlauf dieſer Menge furchtbar; durchaus nicht zahlreich, ſchlecht aneinander gereiht, begannen die Musketiere, welche ihre Pferde unter dieſer Volks⸗ maſſe nicht gehörig kreiſen laſſen konnten, in Unord⸗ nung zu gerathen. DArtagnan wollte die Vorhänge des Wagens herablaſſen, aber der junge König ſtreckte den Arm aus und ſprach: „Nein, Herr dArtagnan, ich will ſehen.“ „Wenn Eure Majeſtät ſehen will,“ erwiederte d'Ar⸗ tagnan,„nun wohl, ſo mag ſie ſchauen!“ Und ſich mit jenem Ungeſtüm umwendend, das ihn ſo furchtbar machte, drang d'Artagnan auf den Anführer der Meuterer ein, der eine Piſtole in der einen, ein breites Schwert in der andern Hand, ſich bis zu dem Kutſchenſchlage, mit zwei Musketieren kämpfend, Bahn gebrochen hatte. „Platz, Mord und Tod!“ rief dArtagnan,„Platz!“ Bei dieſer Stimme hob der Mann mit der Pi⸗ ſtole und dem breiten Schwerte den Kopf in die Höhe; aber es war bereits zu ſpät; d'Artagnan hatte ſeinen 326 Streich geführt; ſein Degen war tief in die Bruſt ge⸗ drungen. „Ah, Ventre⸗ſaint⸗gris!“ rief d'Artagnan, in⸗ dem er zu ſpät ſeinen Streich zurückzuhalten ſuchte,„was Teufels, machet Ihr hier, Graf?“ „Ich mußte mein Geſchick in Erfüllung brin⸗ gen,“ erwiederte Rochefort, auf ein Knie fallend; „ich habe mich bereits von dreien Eurer Schwert⸗ ſtreiche erhoben; von dem vierten aber werde ich mich nicht erheben.“ „Graf,“ ſagte d'Artagnan, mit einer gewiſſen Rührung,„ich habe geſchlagen, ohne zu wiſſen, daß Ihr es waret. Es wäre mir ſehr leid, wenn Ihr ſterben, wenn Ihr mit Gefühlen des Haſſes gegen mich verſcheiden würvet.“ Rochefort reichte d'Artagnan die Hand; d'Artagnan nahm ſie. Der Graf wollte ſprechen, aber ein Blut⸗ ſtrom erſtickte ſeine Worte. Er ftreckte ſich in einer letz⸗ ten Convulſion aus und verſchied. „Zurück, Canaille!“ rief d'Artagnan.„Euer An⸗ führer iſt todt und Ihr habt nichts mehr hier zu ſchaffen.“ In der That, als wäre der Graf von Rochefort die Seele des Angriffes geweſen, der nach dieſer Seite der königlichen Carroſſe gerichtet war, ergriff die Menge, die ihm folgte und ihm gehorchte, die Flucht, als ſie ihn fallen ſah. D'Artagnan machte einen Ein⸗ fall mit etwa zwanzig Musketieren in die Rue du Cog, und dieſer Theil des Aufruhrs verſchwand wie eine Rauchwolke, ſich auf der Place Saint⸗Germain⸗[Au⸗ rerrois zerſtreuend, und verlor ſich bald auf den Quais. D'Artagnan kehrte zurück, um Porthos Hülfe zu leiſten, ſollte dieſer derſelben bedürfen. Aber Porthos hatte ſeine Arbeit eben ſo gewiſſenhaft vollführt, als dArtagnan. Die linke Seite der Carroſſe war nicht minder gut abgefegt, als die rechte, und man hob den Vorhang des Kutſchenſchlags empor, den Mazarin, minder kriegeriſch als der König, vorſichtiger Weiſe her⸗ abgelaſſen hatte⸗ —„— „ — d — e di 8 ge⸗ in⸗ as in⸗ 6 rt⸗ ich en aß en n t⸗ ⸗ — 327 Porthos ſah äußerſt ſchwermüthig aus. „Was für ein Teufelsgeſicht macht Ihr denn, Porthos, und welch eine ſonderbare Miene habt Ihr für einen Sieger!“ rief dArtagnan. „Aber Ihr ſelbſt,“ verſetzte Porthos,„Ihr kommt mir ſehr bewegt vor?“ 2 „Es iſt auch Grund dazu vorhanden; denn ich habe ſo eben einen alten Freund getödtet.“ „Wirklich!“ ſprach Porthos.„Wen denn?“ „Den armen Grafen von Rochefort.“ „Nun, das iſt gerade wie bei mir. Ich habe einen Menſchen getödtet, deſſen Geſicht mir nicht un⸗ bekannt iſt. Leider ſchlug ich ihn an den Kopf und in einem Augenblick war das ganze Geſicht voll Blut.“ „Und er hat im Fallen nichts geſagt?“ „Doch; er ſagte: Uf!“ „Ich begreife,“ verſetzte d'Artagnan, der ſich des Lachens nicht enthalten konnte,„ich begreife, daß es Euch nicht ſehr in's Klare brachte, wenn er nichts An⸗ deres geſagt hat.“ „Nun, mein Herr?“ fragte die Königin. „Madame,“ erwiederte d'Artagnan,„die Straße iſt vollkommen frei, und Eure Majeſtät kann ihren Weg ſortſetzen.“ Der Zug gelangte wirklich ohne irgend einen an⸗ dern Unfall zu der Notre⸗Danie Kirche, unter deren Portal die Geiſtlichkeit, den Coadjutor an der Spitze, den König, die Königin und den Miniſter erwartete, für deren glückliche Rücktehr ein 1e Deum geſungen werden ſollte. Während des Gottesdienſtes und im Augenblick, da derſelbe ſeinem Ende nahte, kam ein Straßenjunge ganz beſtürzt in die Kirche gelaufen, eilte in die Sa⸗ criſtei, kleidete ſich raſch als Chorknabe, durch chritt mit Hülfe der ehrwürdigen Uniform, die er angezogen, die Menge, welche den Tempel füllte, und näherie fich Bazin, der in ſeinem blauen Gewande und den mit Silber verzierten Fiſchbeinſtab in der Hand mit ern⸗ 3²8 ſter Miene dem Schweizer am Eingange des Chors gegenüberſtand. Bazin fühlte, daß man ihn am Rocke zog. Er ſenkte ſeine voll Andacht zum Himmel aufgeſchlagenen Augen zu Boden und erkannte Friquet. „Nun, Burſche,“ fragte der Meßner,„was gibt es denn, daß Du es wagſt, mich in Ausübung meiner Functionen zu ſtören?“ „Herr Bazin,“ antwortete Friquet,„Herr Mail⸗ lard, Ihr wißt, der Weihwaſſergeber von Saint⸗ Eüſtache„ „Ja, weiter?“ „Er hat bei der Zänkerei einen Schwertſtreich auf den Kopf bekommen. Der große Rieſe, den Ihr dort ſeht, der mit den vielen Stickereien hat ihm denſelben gegeben.“ „Ja, und in dieſem Falle muß er ſehr krank ſein,“ ſprach Bazin. „So krank, daß er ſtirbt, und gern vor ſeinem Tode dem Herrn Coadjutor beichten möchte, der, wie man ſagt, die Macht beſitzt, die groben Sünden zu vergeben.“ „Und er bildet ſich ein, der Coadjutor werde ſich ſeineiwegen ſtören laſſen?“ „Ja, allerdings, denn es ſcheint, der Herr Coad⸗ jutor hat es ihm verſprochen.“ „Wer ſagt Dir das?“ „Herr Maillard ſelbſt.“ „Du haſt ihn alſo geſehen?“ „Gewiß: ich war dabei, als er fiel.“ „Was haſt Du dort gemacht?“ „Ich ſchrie; Nieder mit Mazarin! Tod dem Car⸗ dinal! Den Ztaliener an den Galgen! Hießet Ihr mich nicht dieſes ſchreien?“ „Willſt Du wohl ſchweigen, kleiner Tölpel!“ ſprach Bazin und ſchaute unruhig umher. „Der arme Herr Maillard ſprach alſo zu mir: „„Hole mir den Herrn Coadjutor, Friquet, und wenn Du mir ihn bringſt, ſo mache ich Dich zu meinem Erben.“ Sagt doch, Vater Bazin: der Erbe von .—— 329 rs Herrn Maillard, dem Weihwaſſergeber in Saint⸗ Euſtache! Ich habe nicht mehr zu thun, als meine Er Arme zu kreuzen. Gleichviel, ich möchte ihm immer⸗ en hin ſehr gerne dieſen Dienſt leiſten; was ſagt Ihr dazu?“ „Ich will den Herrn Cvadjutor benachrichtigen,“ 5t ſprach Bazin. ier Und er näherte ſich wirklich ehrfurchtsvoll und langſam dem Prälaten, ſagte ihm einige Worte in das Ohr, worauf dieſer mit einem bejahenden Zeichen nt⸗ antwortete, kehrte mit demſelben Schritte, mit dem er weggegangen war, zurück und ſprach: „Sage dem Sterbenden, er ſolle ſich gedulden, uf Monſeigneur werde in einer Stunde bei ihm ſein.“ „Gut!“ verſetzte Friquet,„mein Glück iſt gemacht.“ n.“„Doch ſprich,“ fragte Bazin,„wohin hat er ſich tragen laſſen?“ „Nach dem Thurme von Saint⸗Jacques⸗la⸗ em Boucherie.“ an Entzückt über den Erfolg ſeiner Botſchaft, verließ n.“ Friquet, ohne ſein Chorknabengewand abzulegen, das ſich ibm überdies den Durchgang bedeutend erleichterte, die Kirche und ſchlug mit aller Geſchwindigkeit, der er fä⸗ ad⸗ hig war, den Weg nach dem Thurme von Saint⸗Jac⸗ ques⸗la⸗Boucherie ein. Sobald das Te Peum vollendet war, begab ſich der Coadjutor ſeinem Verſprechen gemäß und ohne ſeine prieſterlichen Gewänder abzulegen, ebenfalls nach dem alten Thurme, der ihm ſo wohl bekannt war. Er kam noch zu rechter Zeit; obgleich jeden Augen⸗ ar⸗ blick ſchwächer werdend, war der Verwundete doch ich noch nicht todt. 1 Man öffnete ihm die Thüre des Zimmers, wo ach der Bettler im Sterben lag. Einen Augenblick nachher kam Friquet heraus, tir: einen großen ledernen Sack in der Hand haltend, den enn er aufriß, ſobald er aus dem Zimmer war, und zu em ſeinem nicht geringen Erſtaunen voll Gold fand. von 330 Der Bettler hatte Friquet Wort gehalten und ihn zu ſeinem Erben gemacht. „Oh! Mutter Nanette,“ rief Friquet athemlos, „oh! Mutter Nanette!“ Er konnte nicht mehr ſagen; aber die Kraft, die ihm fehlte, um zu ſprechen, blieb ihm, um zu han⸗ deln. Er nahm einen verzweiflungsvollen Lauf nach der Straße, und wie der Grieche von Marathon, der auf dem Platze von Athen ſeinen Lorbeerkranz in der Hand niederſiel, gelangte Friquet auf die Schwelle des Rathes Broufſel, ſtürzte vorwärts und ſtreute auf dem Boden die Louisd'or aus, die ſich aus ſeinem Sacke ergoſſen. Die Mutter Nanette fing damit an, daß ſie die Louisd'or aufhob, und hob dann auch Friquet auf. Während dieſer Zeit gelangte der Zug in das Palais⸗Royal. „Das iſt ein kapferer Mann, meine Mutter, die⸗ ſer Herr d'Artagnan,“ ſagte der junge König. „Ja, mein Sohn, und er hat Euerem Vater große Dienſte geleiſtet. Behandelt ihn alſo in Zu⸗ kunft auf eine freundliche Weiſe.“ „Herr Kapitän,“ ſprach der König aus dem Wa⸗ gen ſteigend zu d'Artagnan,„die Frau Königin beauf⸗ tragt mich, Euch für heute zum Mittagsbrod einzu⸗ laden, Euch und Eueren Freund, den Herrn Baron Du Vallon.“ Es war dies eine große Ehre für d'Artagnan und für Porthos. Sie erfüllte Porthos auch mit Entzücken; aber während der ganzen Dauer des Mahes ſchien der würdige Edelmann äußerſt unruhig. „Was hattet Ihr denn, Baron?“ ſagte d'Artagnan zu ihm, als ſie mit einander die Treppe des Palais⸗ Royal hinabſtiegen;„Ihr kamet mir garz ſorgenvoll während des Mahles vor.“ „Ich ſuchte mich zu erinnern, wo ich den Bettler geſehen, den ich getödtet haben muß,“ antwortete Porthos. — ———— 8 S 8 Sv * 6S 331 Ihr könnt nicht damit zum Ziele kommen?“ „Nein.“ „Nun ſo ſucht, mein Freund, ſucht, und wenn Ihr gefunden habt, ſo werdet Ihr es mir ſagen, nicht wahr?“ „Bei Gott, ja,“ erwiederte Porthos. XXVI. Schlüß. Als die zwei Freunde nach Hauſe kamen, fanden ſie einen Brief von Athos, der ſie zu einer Zuſammenkunft im Grand⸗Charlemagne auf den andern Morgen beſchied. Beide legten ſich frühe nieder, aber weder der Eine noch der Andere ſchlief. Man gelangt nicht ſo zum Ziele aller ſeiner Wünſche, ohne daß dieſes Ziel dahin ſeinen Einfluß ausübte, daß es wenigſtens für die erſte Nacht den Schlaf verjagt. Am andern Tage begaben ſich Beide zur bezeich⸗ neten Stunde zu Athos. Sie fanden den Grafen und Aramis in Reiſekleidern. „Gut,“ ſprach Porthos,„wir reiſen alſo insge⸗ ſammt. Ich habe auch bereits dieſen Morgen mein Gepäcke gemacht.“ „Oh! mein Gott, ja,“ verſetzte Aramis;„ſeit dem Augenblick, wo es keine Fronde mehr gibt, iſt in Paris nichts zu thun. Frau von Longueville hat mich eingeladen, einige Tage in der Normandie zuzubrin⸗ gen, und mir den Auftrag gegeben, während man ihren Sohn taufen wird, ihre Wohnung in Rouen in Bereitſchaft halten zu laſſen. Ich werde mich dieſes Auf⸗ trags entledigen, und mich dann, wenn es nichts Neues zu thun gibt, in meinem Kloſßter Noiſy⸗le⸗Sec begraben.“ „Und ich,“ ſprach Athos,„ich kehre nach Brage⸗ lonne zurück. Ihr wißt, mein lieber d'Artagnan, ich bin nur noch ein guter, braver Landmann. Ravpul hat 332 kein anderes Vermögen, als das meinige; das arme Kind! ich muß darüber wachen, denn ich bin gewiſſer⸗ maßen nur der Namensleiher.“ „Und was wollt Ihr aus Ravul machen?“ „Ich überlaſſe ihn Euch, mein Freund. Man wird in Flandern Krieg führen; Ihr nehmt ihn mit; denn ich befürchte, der Aufenthalt in Blois iſt ſeinem jungen Kopfe gefährlich. Behaltet ihn bei Euch und lehrt ihn brav und rechtſchaffen ſein, wie Ihr es ſeid.“ „Und ich werde Euch alſo nicht mehr haben, Athos? Aber ich habe wenigſtens ihn, dieſen theuren blonden Kopf, und obgleich es nur ein Kind iſt, ſo werde ich doch, da Euere ganze Seele ſich in ihm wiederbelebt, theurer Athos, ſtets glauben, Ihr ſeiet, mich begleitend, mich unterftützend, bei mir.“ Die vier Freunde umarmten ſich Thränen in den Augen. Dann trennten ſie ſich, ohne zu wiſſen, ob ſie ſich je wieder ſehen würden. DArtagnan kehrte in die Rue Tiquetonne mit Porthos zurück. Dieſer war beſtändig in Gedanken verſunken und ſuchte, wer der Mann wäre, den er erſchlagen hatte. Als man vor den Gaſthof zur Reh⸗ ziege gelangte, fand man die Equipage des Barons bereit und Mousqueton im Sattel. „Hört, dArtagnan,“ ſagte Porthos,„verlaßt den Dienſt und kommt mit mir nach Pierrefonds, nach Bracieur oder in das Vallon. Wir werden von un⸗ ſern Gefährten ſprechend mit einander alt werden.“ „Nein,“ ſagte dArtagnan;„den Teufel, der Feld⸗ zug eröffnet ſich, und ich will dabei fein. Ich hoffe wohl etwas dabei zu gewinnen.“ „Und was hofft Ihr denn zu werden?“ „Marſchall von Frankreich, bei Gott!“ „Ah, ah!“ rief Porthos und ſchaute d'Artagnan an, in deſſen Gasconnaden er ſich nie hatte ganz fin⸗ den können, me er⸗ an 3 em rt en, en ſo m t, in 333 „Kommt mit mir, Porthos,“ ſprach dArtagnanz „ich mache Euch zum Herzog.“ „Nein,“ verſetzte Porthos,„Mouſton will nicht mehr in den Krieg ziehen. Ueberdies bereitet man mir zu Hauſe einen feierlichen Einzug, der alle meine Nachbarn vor Aerger berſten machen wird.“ „Hierauf habe ich nichts zu erwiedern,“ ſprach dArtagnan, denn er kannte die Eitelkeit des neuen Barons.„Auf Wiederſehen alſo, mein Freund!“ „Auf Wiederſehen, theurer Kapitän,“ ſagte Por⸗ thos.„Ihr wißt, daß Ihr, wenn Ihr mich beſuchen wollt, ſtets in meiner Baronie willkommen ſeid.“ „Ja,“ erwiederte d'Artagnan,„bei der Rückkehr aus dem Felde finde ich mich bei Euch ein.“ „Die Eguipagen des Herrn Barons warten,“ ſagte Mousqueton. Die zwei Freunde trennten ſich, nachdem ſie ſich die Hand gedrückt hatten. D'Artagnan blieb auf der Thürſchwelle und folgte mit ſchwermüthigem Auge Porthos, als er ſich entfernte. Aber nach zwanzig Schritten hielt Porthos plötz⸗ lich an, ſchlug ſich vor die Stirne, kehrie zurück und rief: „Ich erinnere mich.“ „Was?“ fragte dArtagnan. „Wer der Bettler iſt, den ich getödtet habe.“ „Ah! wirklich! Wer iſt es denn?“ „Jene Canaille von einem Bonacieux.“ Und entzückt, den Geiſt frei zu haben, eilte Por⸗ thos Mouſton nach, mit welchem er an der Straßen⸗ ecke verſchwand. DArtagnan blieb einen Augenblick unbeweglich und in Gedanken verſunken. Dann ſich umwendend, erblickte er die ſchöne Madeleine, welche, beunruhigt durch die neue Größe von dArtagnan, auf der Schwelle ſtand. „Madeline,“ ſagte der Gascogner,„gebt mir die Wohnung im erſten Stocke. Nun, da ich Kapitän der Musketiere bin, ſehe ich mich genöthigk, meiner 334 Würde gemäß zu leben. Aber behaltet mir immerhin mein Zimmer im fünften; denn man kann nicht wiſſen, was geſchieht.“ Anmerkung. Hiemit endigt Alera ndre Dumas ſeine „Zwanzig Jahre nachher,“ die Fortſetzung oder vielmehr die zweite Abtheilung ſeines geiſtreichen Ro⸗ mans der„Drei Musketiere.“ Vergebens wird der Leſer eine Entwickelung der Geſchichte mehrer in der erſten Hälfte der„Zwanzig Jahre,“ flüchtig ſtizzirter Perſonen geſucht haben. Der Graf von Bra⸗ gelonne, der Graf von Guiche, die junge Prinzeſſin von England ſind raſch vor ſeinem Auge vorüberge⸗ führt worden, ohne daß ihnen der Autor ſpäter einen feſteren Standpunkt zur Beſchauung gegeben hätte. Desgleichen war mit ein paar Worten, doch ſo, daß es ſich nicht als zufällig geſchehen betrachten ließ, von der kleinen La Valliére die Rede. Nirgends im Ver⸗ lauf motivirte Andeutungen laſſen ſich bei einem Ale⸗ randre Dumas nicht vorausſetzen, und der Leſer, wel⸗ cher eine Ausführung jener Skizzen zu finden ſich be⸗ rechtigt glaubte, erhält auch ſeine Befriedigung, indem der Verfaſſer am Schluſſe ankündigt, daß demnächſt noch eine dritte Abtheilung von ihm erſcheinen werde, wonach ſich die Drei Musketiere, welche ſich ſo⸗ wohl im Original, als in der Uebertragung einer außerordentlich günſtigen Aufnahme zu erfreuen hatten, zur Trilogie geſtalten. Dieſe dritte Abtheilung be⸗ kommt den Titel:„Zehn Jahre ſpäter“ oder der „Graf von Bragelonne“ und wir werden der Erſcheinung derſelben im Original ſo raſch mii unſerer deutſchen Ausgabe folgen, als man dies nur immer zu thun im Stande iſt. — ſſſſſſſſſſ 11 — — E