deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Geſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 F Pr 1 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. B A— Ingenuc. Von Alerandre Yumas. 5 Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Anguſt Zoller. Elftes bis vierzehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlun g. 1855. Druck von Eduard Hallberger in Stuttgart. LI. Der Jardin du Roi. Der Jardin du Roi, der, glaube ich, zur Zeit der Revolution den Namen Jardin des Plantes an⸗ genommen hat, war damals viel weniger beſucht, als er es in unſeren Tagen iſt. Einmal hatte Paris ein Drittel Einwohner we⸗ niger, was ſchon ein Grund wäre, daß ſich ein Drittel Spaziergänger weniger eingefunden hätte. Sodann waren die Thiere minder zahlreich und zogen folglich nicht die Aufmerkſamkeit an wie heute. Vielleicht gab es auch, wie heute, einen Bären Namens Martin, der Kuchen und das Gnadenbrod fraß: es hat zu jeder Zeit einen Bären Namens Martin gegeben. Aber es gab nicht die prächtige Sammlung von Hyänen und Schakals, welche wir unſerer Eroberung in Africa verdanken, und die durch ihre intereſſanten Varietäten nicht nur alle Varietäten der anderen Arten, ſondern ſogar alle anderen Arten ſelbſt zu erſetzen droht. Es war auch nicht die poetiſche, ſchmachtende, melancholiſche Giraffe da, deren Tod, obgleich er ſich vor mehreren Jahren ereignet hat, noch ein friſcher Schmerz ſür die Stammgäſte vom Jardin du Roi unſerer Tage iſt. Sie war nicht nur nicht da, ſondern die Gelehrten, dieſe großen Leugner aller Dinge, leugneten die Giraffe und ſetzten den Kamelo⸗ parden unter die Zahl der fabelhaften Thiere von Herodot und Plinius, wie den Greif, das Einhorn und den Baſilisk. Es fanden ſich weniger Neugierige, Beſucher und Spaziergänger im Jardin du Roi von jener Zeit ein, als man im Jardin des Plantes unſerer Tage trifft. Vom Morgen des beſeligenden Tages, der zwei Liebende wiedervereinigen ſollte, fiel einer von den hübſchen, kleinen, zarten Regen, welche die Müßig⸗ gänger verhindern, die Alleen der öffentlichen Gär⸗ ten zu verſperren, glücklicher Weiſe aber nicht genügen, um die Verliebten vom Plaudern, die Jäger vom Marſchiren und die Fiſcher vom Auswerfen ihrer Angelleinen abzuhalten. Ein reizendes Wetter im Frühling, da es um dieſe Zeit des Erwachens der Natur allen Sinnen Ausſtrömungen und Erinnerungen zuſendet; ein Wetter, das den Wohlgeruch dem Blätterwerk wie⸗ dergibt und die grünen Raſen unter dem Fuße der Wanderer aufrichtet. Ein trauriges, verdrießliches Wetter im Herbſte, da es in keiner Hinſicht an die blonde Göttin der Ernten und an die Gluth der Juliſonne erinnert, ſondern im Gegentheile die zu⸗ künftigen Trübſeligkeiten des Winters verkündigt; ein trauriges, verdrießliches Wetter, weil es die letz⸗ ten Blätter von ihren gelben Zweigen reißt und die ——— Di auf ant bot m in ie⸗ er es ie er zu⸗ t tz⸗ die 5 Erde durchnäßt, in der der ſchmutzige, gewichtige Eindruck vom Fuße des Vorübergehenden zurückbleibt. Ingénue ging zur genannten Stunde aus, nahm ihren Fiacre zur genannten Stunde doch ſo pünkt⸗ lich ſie war, Chriſtian war noch pünktlicher geweſen, und er wartete ſchon zwei Stunden, als ſie ankam. Er ging um elf Uhr ab, denn er beſaß nicht die Stärke, erſtickend in ſeinem Zimmer zu bleiben, bis die Pendeluhr die Gefälligkeit hatte, ihm die Zeit zu ſchlagen, zu der er abgehen ſollte, und obſchon ſein Fiacre, nach der Gewohnheit dieſer ſchätzenswerthen Fuhrwerke, eine Stunde vom Fau⸗ bourg Saint⸗Honoré bis zum Jardin du Roi ge⸗ braucht hatte, war er nichtsdeſtoweniger zwölf Mi⸗ nuten nach Mittag eingetroffen, wodurch er eine Stunde und achtundvierzig Minuten bis zu dem Augenblicke, wo Ingénue erſcheinen ſollte, zu war⸗ ten hatte. Und dies vorausgeſetzt, Ingénue werde auf den Schlag zwei Uhr erſcheinen;— was faſt unmöglich, da ſie erſt auf den Schlag zwei Uhr vom Hauſe von Herrn Réveillon abgehen ſollte. Am Ziele ſeiner Reiſe angelangt und überzeugt, er werde zwei Stunden warten müſſen, erreichte Chriſtian die einſamen Baumgruppen, unter deren Schatten der feine, unmerkliche Regen ſich keinen Durchgang machen konnte; er fiel alſo auf die Blät⸗ ter, welche dichter auf den Kaſtanienbäumen, als auf den anderen Bäumen, weil dieſe Bäume, anein⸗ ander gedrängt, ſich eine gegenſeitige Unterſtützung boten, unten alle ihre Arome concentrirten und kein feuchtes Theilchen entſchlüpfen ließen. 6 Es machte ſich höchſtens ein durch hundert an⸗ dere vergrößerter Waſſertropfen ſchwer genug, um am undurchſichtigen Gewölbe herabzugleiten und auf den Sand zu fallen, wo er ſein Loch grub, ein Bild der Zeit, welche die Alter gräbt. Chriſtian ſchaute von fern durch die Gitter jeden Fiacre an, der vor dieſen Kuchen⸗, Obſt⸗ und Siruphändlern hielt, welche ſehr zahlreich geworden, ſeitdem ſie Conceſſionen vom Portier Seiner Maje⸗ ſtät gekauft,— vom einzigen Eigenthümer des Rech⸗ tes, Erfriſchungen im Innern zu verkaufen. Endlich erſchien der erſehnte Fiacre: er war grün wie ein Apfel der Normandie, von einem Grün, um einen Coloriſten beben zu machen, von jenem Grün, das man auf eine Meile unter den Bäumen des Monats Juni erblicken würde, die doch darauf An⸗ ſpruch machen, für grün zu gelten. Ingénue ſtieg aus dem Fiacre, der roſigen Göttin ähnlich, welche die Pforten des Oſtens öffnet; ſie hatte ein friſches Kleid, friſch von ihrer Ausſteuer genommen. Dieſes Kleid war von ſchwarzem Taffet und ganz voll von Ruchen und ſeidenen Knötchen: ſie trug auf dem Kopfe einen perlgrauen Hut mit ſchwarzen und aurorfarbigen Bändern; ſie hatte Schuhe mit hohen Abſätzen, und bei Alle dem eine von den Tournuren, welche das Auge der jungen Leute und der Greiſe anziehen, der jungen Leute aus Hoffnung, der Greiſe aus Erinnerung. Und als ſie hinlief, um die Baumgruppe zu er⸗ reichen, wo ſie ſchon ihren Geliebten erblickt hatte, glich ſie, obwohl ſie die Augen niedergeſchlagen hielt oder vielmehr ſich das Anſehen gab, als hielte ſie ————— ———— beee n⸗ m nd in ter nd en, je⸗ ch⸗ rün um ün, des An⸗ ttin ſie mer ffet en mit atte eine igen eute er⸗ atte, hielt e ſie 7 dieſelben niedergeſchlagen, einer von jenen ſchönen Waldgottheiten, welche die Mythologie nie ſo wol— lüſtig mit ihrer Nacktheit gekleidet hat, als Baucher, Vanloo und Watteau mit ihren bauſchigen, zerknit⸗ terten Gewändern. Chriſtian, als er ſie ihm entgegenlaufen ſah, lief ihr entgegen. Beide trafen zuſammen und nahmen ſich bei der Hand; Niemand war da, um ihnen dieſes Recht ſtrei⸗ tig zu machen: es regnete, wie geſagt, genug, um die Müßigen zu entfernen. Doch kaum hatten ſie ſich bei der Hand genom⸗ men, als Chriſtian die Veränderung bemerkte, welche in den Zügen von Ingénue vorgegangen war, und Ingénue die, welche ſich in den Zügen von Chriſtian gebildet hatte. Chriſtian bleich von der Aufregung, bleich noch von ſeiner Wunde; Ingénue bleich durch die Noth⸗ wendigkeit, ſich zur Frau und zur Hauswirthin zu machen, während ſie noch nicht aufgehört hatte, Mädchen zu ſein;— eine traurige Nothwendigkeit, ſeit dem vorhergehenden Tage unter dem heißen Winde des ehelichen Ungewitters ausgekrochen. Nachdem ſie ſich lebhaft, verliebt, glühend ange⸗ ſchaut, wandten ſie ſogleich ihre Blicke von ein⸗ ander ab. Ihre Geſchichte erſchreckte ſie eben ſo ſehr als ihr Geſicht. Chriſtian, der mit allen tollen Einfällen des Herrn Grafen von Artois gekommen, war ganz er⸗ ſtaunt, als er in dieſer jungen Frau nur einen Ge⸗ genſtand trüber Reflexionen ſah. Und ſie, trotz ihres heiteren Putzes, ihrer Frauen⸗ miene und der Dreiſtigkeit dieſes ihrem Geliebten in freier Luft gegebenen Rendez⸗vous, blieb plötzlich unſchlüſſig, ſtumm, zitternd und nicht wiſſend, wo ſie anfangen ſollte, ſtehen. Chriſtian nahm ſie, wie geſagt, bei der Hand und führte ſie in den dunkelſten Schatten. Hier, glaubte er, würde ſie noch mehr ihm ge⸗ hören, weil ſie Niemand ſehen konnte. Beide ſetzten ſich auf eine Bank, oder Ingénue ſank vielmehr auf eine Bank und Chriſtian ſetzte ſich zu ihr. Wie in Francisca von Remini von Dante, wo die Frau erzählt und der Mann weint, wagte es Chriſtian nicht, das Geſpräch in Angriff zu neh⸗ men und ließ Ingénue zuerſt reden. „Sie ſind da,“ ſagte ſie mit dem bezeichnendſten Tone, und dieſer Ton drückte zugleich einen Vorwurf und guten Morgen aus. „Ah! warum haben Sie mich nicht früher geru⸗ fen, Madame!“ ſprach Chriſtian. „Und wann dies?“ „Vorgeſtern, zum Beiſpiel.“ „Vorgeſtern?“ erwiederte Ingénue.„Das war wie vor einer Woche, wie vor einem Monat... Ach! Herr Chriſtian hatte mich vergeſſen, verlaſſen!“ „Oh! das konnten Sie glauben?“ rief er. „Ei!“ verſetzte die junge Frau mit Thränen in den Augen,„ich habe es wohl geſehen, wie mir ſcheint.“ „Wie!“ fragte er,„wiſſen Sie nicht, was mich von Ihnen entfernte?“ „Ihr Wille wahrſcheinlich, oder, was noch ſchlim⸗ mer, Ihre Laune.“ ge⸗ ank ite, gte eh⸗ ſten urf ru⸗ war n in t. nich lim⸗ 9 „Mein Gott!“ rief der Page,„bin ich nicht un⸗ glücklich genug?“ Und ſich an Ingénue wendend: „Sie ſehen meine Bläſſe! Haben Sie denn nicht bemerkt, daß ich noch hinke und ohne dieſen Stock kaum gehen könnte?“ „Ohlmein Gott! was iſt Ihnen denn begegnet?“ „Es iſt mir begegnet, daß ich eine Kugel in den Schenkel bekommen habe und beinahe geſtorben wäre. Einen Fuß höher, und ich war ſehr glücklich, denn ich hätte die Kugel in die Bruſt bekommen, und ich war todt.“ „Wie!“ rief ſie,„der verwundete junge Page, von dem die Zeitungen geſprochen?...“ „Das war ich, Madame.“ „Ah! und mein Vater hat mir das verborgen: er hat es mir nicht nur verborgen, ſondern er hat ſogar das Gegentheil behauptet.“ „Er wußte es doch wohl, da er mich hat fallen ſehen,“ ſprach Chriſtian;„er, den mein letzter Blick anflehte, ehe ich das Bewußtſein verloren hatte; denn ich ſah ihn, als ich fiel, und ich hätte beinahe zu ihm geſagt:„Verſichern Sie ihr, daß ich ſie lie⸗ bend ſterbe!““ „Mein Gott!“ rief Ingénue. „Denn in dieſem Augenblicke hoffte ich, ich ſei ſo ſchwer verwundet, daß ich daran ſterben werde,“ fügte Chriſtian bei. Und dieſe Worte ſprechend, wandte er ſich ab, um vor Ingénue die Thränen zu verbergen, die in ſeinen Augen rollten. „Aber,“ fragte ſie,„warum haben Sie mir denn, als Sie wieder zu ſich gekommen waren, nicht ge⸗ ſchrieben? warum haben Sie denn nicht Mittel ge⸗ funden, mir Nachricht von ſich zu geben?“ „Einmal, weil ich es nach dem, was zwiſchen Ihrem Vater und mir vorgefallen, nicht wagte, unſer Geheimniß irgend Jemand anzuvertrauen; weil ich acht Tage lang nicht ſprechen konnte; weil ich einen Monat lang nicht ſchreiben konnte; ſobald ich es aber konnte, that ich es.“ „Ich habe keine Briefe empfangen,“ erwiederte Ingénue mit einem Seufzer und den Kopf ſchüttelnd. „Ich begreife es, denn die zwei Briefe, die ich Ihnen geſchrieben, hier ſind ſie.“ Und er zog die zwei Briefe aus ſeiner ſeidenen Weſte und reichte ſie Ingénue. Ingénue befragte Chriſtian mit dem Blicke. „Ich habe es nicht gewagt, ſie auf die Poſt zu geben, ich habe es nicht gewagt, ſie einem Commiſ⸗ ſionär zu geben, ich habe es nicht gewagt, ſie einem Freunde anzuvertrauen. Ich befürchtete, ſie könnten Ihrem Vater in die Hände fallen oder Sie einem Fremden gegenüber compromittiren. Sie ſehen wohl, daß ich, wenn ich ſtrafbar, es aus zu viel Ehrfurcht für Sie geweſen bin.“ Chriſtian bot Ingénue fortwährend die zwei Briefe dar, die ſie nicht zu nehmen wagte. „Leſen Sie,“ ſagte Chriſtian,„und Sie werden ſehen, ob ich ſchuldig bin.“ Ingénue begriff aber, läſe ſie, ſo würde der junge Mann ſeinerſeits nicht verfehlen, auf ihrem Geſichte die verſchiedenen Eindrücke zu leſen, die ſie ur ur nen miſ⸗ nem nten nem ohl, cht zwei rden der rem e ſie 11 empfände, und ſie fühlte ſich ihrer nicht ſicher genug, um dieſe Probe auszuhalten. Sie ſchob ſachte die Hand von Chriſtian zurück und ſagte: „Das iſt unnöthig.“ „Nein,“ entgegnete Chriſtian:„Sie haben an mir gezweifelt, Sie können noch an mir zweifeln... Geſchähe je dieſes Unglück, ſo öffnen Sie dieſe Briefe und leſen Sie dieſelben,— Sie werden dann über⸗ zeugt ſein.“ Ingénue hatte große Luſt, die Briefe zu leſen; nur brauchte ſie einen Grund, um ſie zu nehmen: da ihr dieſer Grund nun gegeben war, ſo benützte ſie ihn. Dem zu Folge nahm die junge Frau die Briefe aus der Hand von Chriſtian und ſteckte ſie in ihr Leibchen. „Ah! ich vermuthete es wohl!“ ſagte Ingénue. „Wie ſo?“ fragte Chriſtian freudig. „Ich vermuthete es ſo ſehr, daß ich, als ich Herrn Santerre hatte ſagen hören, dieſer verwun⸗ dete Page ſei nach dem Marſtalle von Artvis gebracht worden, ſelbſt hingehen und mich erkundigen wollte.“ Und nun erzählte ihrerſeits, auf die dringenden Bitten von Chriſtian, die junge Frau, wie ſie eines Abends um vier Uhr vom Hauſe der Rue des Ber⸗ nardins weggegangen; wie ihr ein Mann mit häß⸗ lichem Geſichte gefolgt ſei; wie ſie ſich fliehend ver⸗ irrt habe, und wie ſie in dem Augenblicke, wo er den Arm nach ihr ausgeſtreckt, durch ein kühnes Mädchen Namens Charlotte von Corday Beiſtand erhalten und vertheidigt worden ſei. 42 „Ah!“ murmelte Chriſtian mit einem Seußer, get „das ſtand da oben geſchrieben!“ nie „Doch Alles dies,“ ſprach Ingénue,„Alles die, he ſagt mir nicht, warum ich Sie erſt in jener entſetz⸗ vo lichen Nacht wiedergeſehen.“ ſeg „Oh!“ erwiederte Chriſtian,„das iſt ganz ein⸗ hal fach: ich konnte erſt an Ihrem Hochzeittage wieder no ausgehen. Ich wußte nichts von allen den Ereig⸗ Ele niſſen, die ſich um Sie her drängten, während ich auf ver meinem Schmerzenslager ausgeſtreckt war. Ich be⸗ gab mich geraden Weges nach der Rue des Ber⸗ Ch nardins: Sie waren nicht mehr da. Ich erkundigte mich, man ſagte mir, Sie wohnen im Faubourg es Saint⸗Antoine; über das Haus unterrichtet, gelangte hal ich vor die Thüre. Es war Abends um elf Uhr; wäl die Fenſter waren erleuchtet. Ich fragte, aus wel⸗ dac chem Anlaß dieſes Geräuſch von Inſtrumenten und Sch dieſes feſtliche Ausſehen; da erfuhr ich Ihre Heirath. An Lh! Ingénue, der Blitz über meinem Haupte, dac ein Abgrund zu meinen Füßen hätten mich weniger Doc erſchreckt!... Ich wartete, ich ſah Auger heraus⸗ Oh kommen, ich ſah ihn mit einem Unbekannten ſprechen, ich ſah, wie Alles erloſch, ich ſah den Unbekannten nue eintreten, ich ſah ihn wieder herausgehen, ich warf mich ihm entgegen, ich wollte ihn tödten, ich riß ihm ſeinen Mantel ab, ich erkannte ihn: es war der trau Graf von Artvis!“ zurr „Unwürdiger Prinz!“ ſagte Ingénue. „Oh! nein, nein, Ingénue, glauben Sie das nicht: der Prinz iſt im Gegentheile der Edelmüthigſte der Menſchen.“ „Ah! Sie vertheidigen ihn?“ er, ies etz⸗ in⸗ der ig⸗ auf be⸗ er⸗ gte das gſte 13 „Ja, denn er hat mir die glückliche Kunde mit— getheilt, welche bewirkte, daß ich zu dieſer Stunde nicht todt oder wahnſinnig bin: die Kunde, daß Sie heute ſo frei ſind, als geſtern, als vorgeſtern, als vor einem Monat. Oh! guter, theurer Prinz, ich ſegne ihn hiefür eben ſo ſehr, als ich ihn verflucht habe; ja, denn er hat mir geſagt, Sie ſeien immer noch meine Braut, und nicht die Frau von jenem Elenden, dem Einzigen, den Sie haſſen, den Sie verachten mußten,— von dem ſchändlichen Auger.“ Ingénue erröthete und wurde ſo ſchön, daß ihr Chriſtian beinahe zu Füßen gefallen wäre. „Ah!“ rief er,„Ingénue! Ingénue! wie kommt es, daß Sie mich verkannt, daß Sie geglaubt haben, ich ſei fähig, Sie zu vergeſſen, ich, der ich während meiner langen Leidensnächte nur an Sie dachte; ich, der ich Ihren Namen mit jedem der Schreie vermengte, die mir der Schmerz entriß?... An wen dachten Sie während dieſer Zeit? Sie dachten an Ihren zukünftigen Gatten, nicht wahr? Doch warum ſollte ich Ihnen Vorwürfe machen! Oh! ich bin überzeugt, Sie tadeln ſich ſelbſt genug!“ „Ei! was konnte ich denn machen?“ rief Ingé⸗ nue.„Mein Vater befahl, und der Zorn rieth.“ „Der Zorn? der Zorn gegen mich, guter Gott?“ „Gegen Sie, der verwundet, beinahe todt! Oh! trauriger Stolz der Mädchen!.. Heute ſind Sie zurückgekommen...“ „Sie ſehen es, Ingénue.“ „Ja, doch heute lieben Sie mich weniger.“ „Können Sie das ſagen, Ingénue? Nein, nein, 14 ich liebe Sie immer eben ſo ſehr! ich liebe Sie mehr als je!“ „Sie lieben mich! Sie lieben mich!“ rief Ingé⸗ nue,„und ich bin nicht mehr frei!“ Chriſtian ſchaute ſie zärtlich an, drückte den Arm k der jungen Frau an ſein Herz, und ſprach mit einem de Liebeserguſſe, der die Seele von Ingénue fortriß: m „Sie ſind nicht mehr frei?“ „Ach! nein.“ an „Und wer feſſelt Sie denn?“ „Mein Gatte.“ ſch „Was Sie da ſagen, iſt nicht Ernſt.“ „Warum?“ „Sie lieben dieſen Mann nicht, den Sie nicht he lieben können: wenn man Ingénue heißt und Ihr Herz hat, liebt man nicht das, was man verachtet.“ 3. „Vh! „Nun denn, wenn Sie ihn nicht lieben, wenn Sie mich lieben...“ du „Herr Chriſtian, als ich Sie neulich in meinem Zimmer ſah, ergriff mich gegen Sie ein Gefühl des Si Zornes und der Wuth.“ ein „Mein Gott! warum dies?“ kar „Warum dies? Begreifen Sie das nicht? Ich wa ſagte mir:„„Dieſer Menſch, der aus Laune hieher Zu 8 kommt, wie er mich verlaſſen; dieſer Menſch,— er Si iſt Schuld am Unglücke meines Lebens!““ wü „Ich?“ ha „Ja, am Unglücke meines Lebens, denn ohne den nie Aerger, den mir Ihre Abweſenheit verurſacht hat, es wäre ich nie in die Gewalt von...“ . ehr g6⸗ lrm em ticht Ihr et.“ enn nem des Ich eher — er den hat, 15 „Ihrem Manne gefallen,“ vollendete Chriſtian, einen beſonderen Nachdruck auf das Wort legend. Ingénue erröthete. „Nun wohl, im Ernſte zu reden,“ ſagte Chriſtian: „können Sie ſich an einen Mann gefeſſelt glauben, deſſen Namen Sie aus Ekel nicht auszuſprechen ver⸗ mögen?“ „Ich bin gefeſſelt, nicht an dieſen Mann, ſondern an Gvott, der meinen Schwur gehört hat.“ „Gott löſt im Himmel Alles, was auf Erden ſchlecht gebunden iſt.“ „Nein, nein, Sie irren ſich, mein Herr.“ „Ingénue, Sie ſind nicht an dieſen Schuft ver⸗ heirathet, das iſt unmöglich!“ „An wen bin ich aber dann verheirathet?“ „An den, der Sie liebt.“ „Nein, nein; das ſind nur Spitzfindigkeiten! Das Uebel iſt geſchehen: ich werde es muthig er⸗ dulden.“ „Ich vermöchte Sie nicht ſo ſprechen zu hören: Sie können mir nicht ſagen, Sie ſeien die Frau eines Mannes, der Sie in Ihrer Hochzeitnacht ver⸗ kauft hat; eines Mannes, den ich tödten würde, wäre ſeine ſchändliche Berechnung nicht durch den Zufall vereitelt worden; eines Mannes, von dem Sie das erſte das beſte Gericht trennen müßte, würde Sie die Furcht vor dem Scandal nicht ab⸗ halten, zu ſprechen! Wahrhaftig, Ingénue, Sie ſind nicht verheirathet, oder dann bin ich es auch, und es gibt auf Erden weder mehr Redlichkeit, noch Ge⸗ rechtigkeit, noch eine Hoffnung auf Gott zu ſetzen.“ Chriſtian hatte mit ſolcher Heftigkeit geſprochen, 16 daß ſich Ingénue nicht weigern konnte, ihm die Hand zu geben, um ihn zu beruhigen. „Madame,“ ſagte er zu ihr,„wüßte ich, daß Sie ſich als verheirathet betrachten müſſen, ſo habe ich hier an meiner Seite einen Degen, mit welchem ich das Band löſen würde, das Sie feſſelt, da Sie aber nur dürfen frei ſein wollen.. da Ihnen hundert Mittel geboten ſind...“ „Hundert, ſagen Sie, Chriſtian? Nennen Sie mir ein einziges, das mir erlaubt, mich vom Gatten loszuſagen, ohne den Vater zu unterrichten, den Gatten zu verlaſſen, ohne der Welt Stoff zur Nach⸗ rede zu geben, das Verbrechen dieſes Menſchen zu tilgen, ohne dieſen Menſchen zu vernichten, und dann würde ich Sie bitten, ich würde Sie anflehen, mir dieſes Mittel zu geben und es anzuwenden, wenn ich nicht die Stärke dazu hätte.“ Am andern Ende der Geſellſchaft urtheilte Ingé⸗ nue gerade wie der Graf von Artvis. Chriſtian hatte nichts zu ſagen. Ingénue wartete einen Augenblick, daß ihr Chri⸗ ſtian antworte; als ſie aber ſah, daß er ſchwieg, ſagte ſie: „Irgend einen Bruch fordern heißt einen Scan⸗ dal fordern; fordern Sie dieſen Bruch immer noch?“ „Nein,“ erwiederte der junge Mann,„ich for⸗ dere von Ihnen nur Liebe.“ „Liebe? ei! Sie haben ja meine ganze Liebe,“ antwortete ſie mit jener erſchrecklichen Naivetät, welche die kühnſten und die abgevierteſten Männer in Ver⸗ legenheit brachte. „Ah!“ rief Chriſtian,„ja, ich glaube es, ich hoffe noch W ² ſich hi Corrid „N troffen. q. „N Dume 17 ndes wenigſtens; doch was für eine Liebe iſt es, die Sie mir bieten? Eine unfruchtbare Liebe.“ Sie„Was nennen Sie eine unfruchtbare Liebe?“ ich fragte Ingénue. ich Chriſtian neigte das Haupt. ber„Werden Sie mich bei Ihnen empfangen?“ ſagte er. dert„Unmöglich!“ „Warum?“ Sie„Weil mein Vater Sie ſehen würde.“ tten„Sie haben Angſt vor Ihrem Manne, Ingénue!“ den„Ich? Nein.“ ch⸗.„Er ſoll nicht wiſſen, daß ich Sie liebe!“ zu„Er weiß es.“ mnn„Durch wen hat er es erfahren?“ mir„Durch mich ſelbſt.“ enn„Wie dies?“ „Ich habe es ihm geſagt.“ gö⸗„Mein Gott!“ „Und zweifelte er daran, ſo würde ich es ihm noch einmal ſagen.“ ri⸗„Dann begreife ich, warum Sie mich nicht zu eg, Ihnen kommen laſſen.“ „Ich habe es Ihnen geſagt.“ ein, Sie heßen Angſt, Ihr Ga tte verberge 2“ ſich hinter irgend einer Thüre, erwarte mich in einem or⸗ Corridor und tödte mich.“ „Sie irren ſich, ich habe dieſe Angſt nicht.“ ie haben dieſe Angſt nicht?“ h„Nein, ich habe meine Maßregeln bei ihm ge⸗ er⸗ troffen.“ „„Auf welche Art?“ ffe„Indem ich ihm meinen Plan ſagte.“ Dumas, Ingénue. II. 2 18 „Ihren Plan, Ingénue?“ fragte Chriſtian er⸗ ſtaunt. „Ja; in dem Falle, daß er eine Gewaltthätigkeit an Ihnen verſuchen würde.. 6. „Nun?“ „Nun! ich würde ihn tödten!“ „Ah! meine beherzte Judith!“ „Und weil er weiß, daß ich wahr ſpreche, ſo hat er bange.“ „Dann, da wir nichts zu befürchten haben, em⸗ pfangen Sie mich bei Ihnen.“ „Wozu dies?“ fragte Ingénue mit ihrer klaren Stimme. i „Reden Sie.. ſprechen,“ antwortete Chriſtian. „Um von was zu ſprechen? Haben wir uns nicht Alles geſagt?“ „Haben wir uns nicht oft vor Ihrer Verheira⸗ thung geſehen?“ „Vor meiner Verheirathung, ja.“ „Nun wohl, wir hatten uns alſo nicht Alles ge⸗ ſagt, da ich einen Brief von Ihnen erhielt, in wel⸗ chem Sie mir ſchrieben, Sie wünſchen mich zu ſehen.“ „Wir haben uns geſehen.“ „Wir haben uns geſehen, das iſt wahr, doch nicht genug... Haben wir uns Alles geſagt! Ah! vielleicht haben Sie mir Alles geſagt; doch mir, mir bleiben noch viele Dinge zu ſagen.“ „Sagen Sie dieſe Dinge.“ „Ich habe nicht nöthig, ſie Ihnen zu ſagen: Si errathen ſie wohl.“ Ihr meh wie Fra: ter⸗ igkeit o hat „em⸗ laren an. uns heira⸗ es ge⸗ wel⸗ ehen.“ „doch eſagt! mir, t: Sii 19 „Nein, ich ſchwöre es Ihnen.“ „Wiſſen Sie denn nicht, daß das, was ich von Ihnen will, Sie ſind?“ „Es iſt unmöglich, daß ich mich gebe, da ich nicht mehr mir gehöre.“ „Hören Sie, Ingénue, keine Spitzfindigkeiten, wie Sie vorhin bemerkten. Sie wiſſen wohl, daß die Frau für das Glück des Mannes beſtimmt iſt.“ „Man ſagt es.“ „Des Mannes, der ſie liebt, wohlverſtanden.“ „Ich liebe Sie,“ ſprach Ingénue.„Nun?...“ Chriſtian zögerte einen Augenblick; doch durch die äußerſt naive Miene von Ingénue zurückgehalten, ſagte er: 3 „Nun, dann machen Sie mein Glück.“ „Auf welche Art?“ Chriſtian ſchaute ſie an. Sie war köſtlich mit ihren auf ihren Hals und ihre Schultern fallenden gelockten Haarbüſcheln. „Dadurch,“ antwortete der junge Mann,„daß Sie ſich mit mir in einer unbekannten Gegend be⸗ graben, wo Sie meine Frau ſein werden, und wo ich Ihr Mann ſein werde.“ „Und mein Vater?“ „Man wird es ihm ſagen, wenn wir in Sicher⸗ heit ſind.“ „Sie ſind wohl verrückt!“ „Sie ſind alſo von Stahl!“ „Nein, ich liebe Sie, und es ſagt mir ſogar Et⸗ was, ich werde Sie mein ganzes Leben lieben.“ „Dann geben Sie dieſes Leben mir.“ 20 „Ich habe Ihnen ſchon geantwortet, es gehöre nicht mehr mir.“ „Was wird es Ihnen dann nützen, daß Sie mich lieben? Was wird es mir nützen, daß ich liebe und geliebt werde?“ „Daß Sie warten!“ „Worauf warten?“ fragte Chriſtian mit dem Tone der Ungeduld. „Bis ich Witwe bin,“ erwiederte das Kind mit Ruhe. „Ingénue, Sie erſchrecken mich!“ rief der junge Mann;„man weiß nicht, ob Sie ſcherzen oder ob Sie aus Ueberzeugung dieſe erſchrecklichen Dinge ſagen.“ „Es iſt nichts Erſchreckliches in dem, was ich ſage,“ entgegnete Ingénue ſanft den Kopf ſchüttelnd. „Gott, der nichts Schlimmes macht, und der nicht ohne Grund zu handeln vermöchte, hat mich nicht einen Schurken heirathen laſſen, damit dieſe Verbin⸗ dung fortdaure.“ „Warum aber dieſe Gewißheit? warum dieſes Vertrauen?“ „Weil das ein Unglück wäre, das ich nicht ver⸗ dient habe. Gott läßt mich dieſe Zeit der Prüfung aus zwei Gründen erdulden; einmal, um mir ſelbſt zu zeigen, daß ich Sie tief liebe, und dann, um mich durch die Vergleichung freier und glücklicher zu machen.“ „Glücklich! wann dies?“ „Wenn ich Sie heirathen werde,“ antwortete einfach Ingénue. M ſan me pick ſoll lieb was gem halt gehöre e mich e und dem d mit junge er ob Dinge s ich telnd. nicht nicht erbin⸗ dieſes ver⸗ ifung ſelbſt mich r zu ortete 21 „Ah!“ rief Chriſtian,„bei meiner Ehre, dieſer Menſch wird mich raſend machen!“ „Warten wir, mein Freund!“ ſagte ſie.„Früher ſang ich den ganzen Tag, wie die Vögelchen, die an mein Fenſter kamen und das Brod vom Geſimſe pickten, und nie beleidigten meine Lieder Gott; warum ſollte Gott wollen, daß ich nie mehr ſänge? Gott liebt mich, ich verdiene ſeine Liebe, und er wird et⸗ was für mich thun.“ „Ich biete Ihnen aber dieſes Etwas ſchon ganz gemacht!“ rief Chriſtian. „Nein, Sie bieten mir an, daß ich den Eid nicht halte, deſſen mich der Tod allein entbinden kann.“ „Ich werde Ihren Gatten tödten.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Chriſtian! tödten Sie ihn, ſo können Sie mich nicht heirathen!“ „Ah, ja! immer heirathen!... Stolz!“ „Sie, der Sie behaupten, Sie lieben mich mehr als Auger, Sie werden doch nicht weniger thun, als er gethan hat.“ „Ei! mein Gott! mache ich Ihnen etwas ſtreitig?“ rief Chriſtian;„flehe ich Sie nicht vielmehr an, mir Alles zu geben gegen mein ganzes Leben? Hören Sie, Ingénue, Sie ſind zu kalt, und Sie berechnen zu ſehr, um zu lieben: Ingénue, Sie lieben nicht!“ Ingénue ſchien nicht im Geringſten von dieſer Verzweiflung von Chriſtian ergriffen zu werden. „Jeder Menſch liebt, wie er kann,“ erwiederte ſie;„ich habe Sie über zwei Monate erwartet: Sie haben mir keine Nachricht von ſich gegeben, und heute, da Sie zurückgekommen ſind, kaum zurückge⸗ 22 willen vergeſſen.“ „Wohl denn, ſo vergeſſen Sie nichts!“ rief Chri⸗ ſtian, der in eine wahre Verzweiflung gerieth;„in der That, Ingénue, Sie handeln ſogar um Ihr Lä⸗ cheln! Das iſt es alſo, was man die Tugend nennt? Das iſt alſo die Moral, die Ihr Vater Sie gelehrt hat? Was gedenken Sie mir zu beweiſen? was be⸗ weiſen Sie mir mit dieſer ſcheuen Tugend?“ „Daß ich mißtraue,“ antwortete einfach Ingénue, „und mir ſcheint, Sie müſſen mich begreifen.“ O 2 „Allerdings.“ Der junge Mann machte eine Bewegung. „Iſt es nicht vielmehr an mir, zu mißtrauen?“ ſagte er;„haben Sie mich nicht getäuſcht?“ „Unwillkürlich, ich weiß es; und Sie, Sie haben mich auch ein wenig getäuſcht, jedoch wiſſentlich!“ „Wann dies?“ „Als Sie ſich den Arbeiter Chriſtian nannten, ſtatt ſich den Pagen Chriſtian zu nennen.“ „Beklagen Sie ſich hierüber, Ingénue?“ „Nein,“ ſagte ſie mit einem reizenden Lächeln und zugleich mit ihren zarten Fingern die glatte, feine Hand des jungen Mannes ſtreichelnd;„doch Sie haben mich am Ende getäuſcht.. Getäuſcht alſo durch Sie!— getäuſcht durch meinen Vater, welcher mir den Unfall verborgen, der Ihnen begeg⸗ net war, der geleugnet hat, daß Sie verwundet wor⸗ den, als Herr Santerre dies in meiner Gegenwart erzählte! getäuſcht in einer guten Abſicht, ich weiß es wohl, aber immerhin getäuſcht!— getäuſcht durch kommen, verlangen Sie, ich ſoll Alles um Ihret⸗ 3 hret⸗ in r Lä⸗ ennt? elehrt s be⸗ énue, 23 den Herrn Grafen von Artvis, der ſich mir als ein uneigennütziger Beſchützer angeboten hatte und noch an demſelben Abend, als er mich verließ, zu einem Menſchen ſagte:„„Liefere mir dieſe Frau, ich will ſie haben!““— getäuſcht durch dieſen Auger, der ſeine Bekehrung verkündigte und mein Gatte wer⸗ dend keinen andern Zweck hatte als den, irgend ein ſchändliches Verſprechen, das er dem Grafen gemacht, zu erfüllen!— kurz, immer getäuſcht!... Und ich habe in meinem ganzen Leben nur vier Männer ge⸗ kannt: meinen Vater, Sie, den Herrn Grafen von Artois und dieſen Schändlichen, und alle Vier haben mich getäuſcht.“ „Theurer Engel!“ entgegnete Chriſtian mit einem Lächeln,„Sie haben Unrecht, den Namen Mann den vier Perſonen, die Sie genannt, zu geben: der Eine iſt Ihr Vater, und folglich iſt das kein Mann für Sie; der Andere iſt ein Prinz, und er iſt über den Männern; der Dritte iſt, wie Sie geſagt haben, ein Schändlicher, und er iſt unter denſelben; der Letzte iſt Ihr Geliebter, und dieſer iſt auch kein Mann.“ „Aber,“ fragte Ingénue mit einer unruhigen Neugierde, indem ſie ſich Chriſtian näherte,„was für eine Tollheit war das von dem Flenden? Er⸗ klären Sie mir dies?“ „Was ſoll ich Ihnen erklären, Ingénue?“ gab mich dem Herrn Grafen von Artvis?“ „Doch warum gab er mich ihm?“ „Wie ſo?“ „Da ich den Prinzen nicht liebte.“ 24 So ſehr Chriſtian ſchon an die Treuherzigkeiten der jungen Frau gewöhnt war, dieſe verurſachte ihm eine Verlegenheit. Er lächelte. „Ei!“ ſagte er,„er überlieferte Sie dem Prin⸗ m „Um ſeine Frau zu ſein, nicht wahr?“ fragte ſie, ohne ihre ſchönen Augen niederzuſchlagen, was andeutete, daß ſie keinen Gedanken unter dieſem Aus⸗ drucke verbarg. „Ja, um ſeine Frau zu ſein,“ wiederholte Chriſtian. „Nun, und dann? Der Herr Graf von Artvis würde mein Mann während der ganzen Finſterniß geweſen ſein, hätte eine Finſterniß ſtattgefunden?“ „Ach! gewiß!“ ſeufzte der junge Mann. „Gut! doch ſobald es Tag geworden, hätte ich wohl geſehen, daß es nicht Auger war, der ſich bei mir befand, und dann konnte der Herr Graf von Artvis nicht mehr mein Mann ſein. Wozu hätte alſo genützt, was Herr Auger gethan?“ Chriſtian faltete die Hände vor dieſer ſeltſamen Unſchuld. „Mein Gott! Ingénue,“ ſagte er,„ich bitte Sie um des Himmelswillen, befragen Sie mich nicht ſo.“ „Und warum nicht?“ „Weil Sie die Begierde der Leute entflammen.“ „In wie fern?“ „In ſo fern jeder Mann, der Sie ſo ſprechen hörte, Sie würde lehren wollen, was Sie nicht wiſſen.“ Und da ſie unter dem dichteſten Schatten allein . —+— — lic me ich ſag 25 waren und die Nacht herannahte, nahm er ſie in ſeine Arme und drückte ſie ſanft an ſein Herz. Sie erröthete; eine unbekannte Wärme hatte plötzlich ihre Sinne entzündet und ihre Augen ſich drehen gemacht. Minder naiv als Ingénue, bemerkte Chriſtian den Eindruck, den die junge Frau empfunden. „Hören Sie, Ingénue,“ ſprach er,„ſagt Ihnen das, was Sie ſo eben gefühlt, nicht, es gebe in der Liebe noch etwas Anderes, als das, was Sie davon wiſſen?“ „Ja, denn Sie haben mich ſchon umarmt, Chri⸗ ſtian, doch ohne mir je das Feuer zu geben, das mich verwirrt und erſchreckt.“ „Ah! früher war ich für Sie nur ein Bruder.“ „Und heute? „Und heute begehre ich nach Ihnen wie ein zärt⸗ licher Gatte.“ „Nun wohl, Sie werden, ſo lange Sie wollen, mein Bruder ſein; doch mein Gatte, oh! nein.“ „Würden Sie ſich weigern, mich zu ſehen, wenn ich Sie darum bäte?“ „Ich bin heute nur gekommen, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie nicht ſehen würde.“ Chriſtian wich einen Schritt zurück. „Ei! ſo ſagen Sie doch ſogleich, daß Sie mich nicht lieben, Ingénue! ſagen Sie es muthig!“ „Nein, Chriſtian, im Gegentheile, ich ſage muthig, daß ich Sie liebe; daß ich bei Nacht an Sie denke; daß ich am Tage auf Sie laure und Sie ſuche; daß ich außer dem, was ich Gott und meinem Vater ſchuldig bin, keinen Gedanken habe, der nicht Ihnen 26 gehört! Ich weiß nicht, wie die anderen Frauen lieben; doch man ſagte mir immer, ich werde ſehen, was die Liebe iſt, wenn ich verheirathet ſei: nun bin ich verheirathet, und ich liebe Sie wie vor meiner Verheirathung. Da ſich dies alſo nicht geändert hat, ſo wird es ſich nie ändern; nur hatte ich vor meiner Verheirathung das Recht, Sie zu lieben und es Ihnen zu ſagen: heute begehe ich ein Verbrechen, indem ich Sie liebe, da ich nicht mehr mir gehöre.“ Chriſtian konnte die Bitterkeit ſeines Lächelns nicht verbergen. „Aber zum zehnten Male,“ rief er,„zum zwan⸗ zigſten Male wiederhole ich Ihnen, Ingénue, daß Sie nicht verheirathet ſind!“ „Nein, ich weiß es wohl, da ich meinen Mann fortjage; doch ich jage ihn fort, weil er ein Verbre⸗ chen begangen hat. Dieſes Verbrechen, das mich ihm gegenüber entbindet, entbindet mich nicht einem Andern gegenüber.“ „Hätte alſo Auger dieſes Verbrechen nicht be⸗ gangen, ſo wären Sie... ſeine Frau?“ „Allerdings.“ „Oh! verleumden Sie ſich nicht, Ingénue! ver⸗ leumden Sie nicht die Liebe! Ei! Sie ſind wie ein armer Blinder, der den Tag leugnen und behaupten würde:„„Ich ſehe nicht! folglich iſt Alles ſchwarz ſe und finſter in der Schöpfung...““ Ingénue! In⸗ ſch génuel ich habe Ihnen nur noch Eines zu ſagen...“ ju „Oh! ſagen Sie! ſagen Sie, Chriſtian!“ eir „Schenken Sie mir nicht Ihre ganze Zeit, Ihr 3 Se ganzes Leben; ſchenken Sie mir ein paar Stunden täglich in einem Hauſe, das ich habe. Sie werden kei ð) S S———+ S 8 ann bre⸗ nich em be⸗ er⸗ ein ten arz n⸗ . „ hr den en 27 darum Ihren Vater nicht verlaſſen, und dennoch werden Sie mir gegeben ſein.“ Ahiſ Ingénue,„Sie müſſen mir etwas Schlimmes vorſchlagen, Chriſtian.“ „Warum dies, Ingénue?“ 5 „Weil Sie erröthet ſind, weil Sie zittern, weil Sie mir nicht ins Geſicht ſchauen. Oh! wenn Sie mich Geheimniſſe lehren wollen, die aus mir eine Frau machten, welche man verachten würde, Chriſtian, nehmen Sie ſich in Acht, ich werde Sie nicht mehr lieben!“ „Nun wohl,“ rief Chriſtian,„es ſei! Sie flößen mir die ſeltſamſte Liebe für die Tugend ein nur bin ich beſſer als Sie, denn ich kenne den Preis davon, und Sie kennen ihn nicht; Sie ſind tugendhaft, wie eine Blume wohlriechend iſt; Sie haben kein Verdienſt hiebei, oder vielmehr, ich irre mich, Sie haben das Verdienſt der Blume ſelbſt; Sie duften balſamiſch, ohne ſich deſſen erwehren zu können. Wohl denn, Ingénue, Sie haben mich beſiegt; ich hege keine Begierde mehr nach Ihnen; ich werde wieder Ihr Bruder und rühre dieſe Krone von Reinheit und Unſchuld nicht an; nur müſſen Sie mir einen Eid ſchwören.“ „Welchen?“ Chriſtian lächelte und nahm die junge Frau in ſeine Arme; ſie wich nicht nur nicht zurück, ſondern ſchlang, lächelnd wie ein Kind, um den Hals des jungen Mannes ihre reizenden Arme, die ſich in einem zugleich weichen und markigen Kreiſe auf die Schultern von Chriſtian legten. „Nun,“ ſagte er,„ſo ſchwören Sie mir, daß Sie kein Mann, Ihren Vater ausgenommen, mit ſeinen 28 Lippen berühren und Sie umarmen wird, wie ich es in dieſem Augenblicke thue.“ „Ohl ich ſchwöre es Ihnen hundertmal.“ „Schwören Sie mir, daß Auger nie in Ihr Zim⸗ mer eintreten wird.“ „Ich ſchwöre es Ihnen!... Und wie ſoll er auch eintreten, da ich ihn verabſcheue?“ „Schwören Sie mir endlich, daß Sie mir alle Tage einen Brief ſchreiben wollen; ich werde ihn ſelbſt am Abend in Ihrer Straße holen; ſie laſſen denſelben am Ende eines Fadens herabhängen, und ich knüpfe dann den meinigen an.“ „Ich ſchwöre es! Doch wenn man uns ſieht?...“ „Das iſt meine Sache.“ „Und nun Gott befohlen!“ „Ja, Gott befohlen, Ingénue! da wir uns Lebe⸗ wohl ſagen, ohne uns von Herzen zu verlaſſen, Gott befohlen! aber noch einen Kuß!“ Ingénue lächelte, doch ohne ſich zu ſträuben. Dieſer Kuß dauerte ſo lange, daß Ingénue ge⸗ nöthigt war, ſich am Halſe von Chriſtian zu halten, ſonſt wäre ſie ohnmächtig auf die Raſen des Königs niedergefallen. Endlich ſtieß ſie einen Schrei aus, gab den Kuß von Chriſtian zurück, machte ſich von ſeinen Armen los und verſchwand. „Noch drei ſolche Küſſe,“ ſprach Chriſtian trunken vor Freude,„und Ingénue wird wohl ſehen, daß ſie nie verheirathet geweſen iſt! Doch von dieſem Augen⸗ blicke, Ingénue, biſt Du meine Frau; nur müſſen wir warten... Nun wohl, ich fühle den Muth hie⸗ zu in mir, ich werde warten!. — e——— er lle ihn ſen ind be⸗ ott ge⸗ ten, nigs Kuß men nken ſie gen⸗ iſſen hie⸗ 29 LII. Wo der Autor genöthigt iſt, ein wenig Politik zu treiben. Indeß Chriſtian ſo mit ſeiner Genoſſin Ingénue gegen die ehelichen Rechte von Herrn Auger conſpi⸗ rirte, glich dieſer, von allen Seiten gejagt, den Hir⸗ ſchen, welche, nachdem ſie lange geflohen und Liſt ge⸗ braucht, fühlend, daß ſie allmälig müde werden, um⸗ herſchauen, um den Feind zu meſſen, mit dem ſie es zu thun haben, und langſam den Gedanken faſſen, ſich gegen den Jäger und die Hunde zu ſtellen. Auger fühlte, daß auf Seiten des Prinzen nichts mehr zu thun war: dieſer hatte ihn mit Eclat ver⸗ leugnet, mit Drohungen weggejagt; und ſobald er einer Stütze und eines Lobredners in Chriſtian ſicher war, bekümmerte ſich der Graf von Artois wenig um Alles, was Auger thun konnte. Der Graf von Artois hatte in Wirklichkeit nur zwei Dinge zu fürchten: einmal, daß er den Adel in einem ſeiner Glieder verletzt, und dann, daß er das Volk in der Perſon von Ingénue beleidigt; was in der Cpoche des achtzehnten Jahrhunderts, zu der wir gelangt ſind, den Prinzen in die unangenehme Lage des Eiſens zwiſchen dem Amboß und dem Hammer verſetzte. Mit Cyriſtian gegen ſich Lärm, Scandal, Angriff der Edelleute!— welche in dieſem Augenblicke ſehr ſchlimm für das Königthum geſinnt waren, in deſſen Dienſte ſich die Meiſten bei den zu Gunſten der Könige ſeit hundert Jahren unterhaltenen Kriege zu 30 Grunde gerichtet hatten, während ſie weder einen Ludwig XIV., noch einen Regenten, noch einen Herrn von Fleury mehr fanden, um ſie zu entſchädigen. Mit Ingénue gegen ſich Lärm, Scandal, Angriff von Rétif de la Bretonne!— eine noch halb populäre Feder, welche Beredtſamkeit genug in ihrer thränenreichen Vaterſchaft finden würde, um neue Gehäſſigkeiten zu erregen, als ob es an den alten nicht ſchon genug wäre. Doch mit Chriſtian als Verbündetem, mit Ingénue als Hülfsmacht, Sympathie des Adels, Lob des Volkes! Der Herr Graf von Artvis konnte alſo, nachdem er Auger aus ſeinem Schlafzimmer gejagt, wieder ruhig auf beiden Ohren ſchlummern. Auger, dem es nicht an Verſtand fehlte, hatte die Tactit des Prinzen vollkommen begriffen. Er fand ſie ſo gut, daß er vor Wuth ſprang, und für den Augenblick beſiegt, ſuchte er die Gelegenheit, wieder die Oberhand zu gewinnen; was nicht leicht, wenn man das Sandkorn iſt und der Rieſe einen erdrückt. Es braucht in dieſem Falle nicht weniger als einen Sturm, daß das Sandkorn ſich in einem Wet⸗ terwirbel über das Haupt des Rieſen erhebe. In dieſem Augenblicke bereitete ſich, für die Sünden der Großen und zum Glücke für Auger, etwas einem Sturme Aehnliches vor. Eine neue, unbekannte Macht ſchuf ſich raſch um vas unterdrückte Volk: das war eine weit umfaſſende Verſchwörung, eine allgemeine Verſchwörung, die iff we en zu ug me des em der atte für eit, cht, nen als Let⸗ die was um ende die 31¹ ſich bald auf die Höhe des Succeſſes erheben und die Revolution heißen ſollte. Die Revolution war noch nirgends im Zuſtande der Materie, doch ſie war überall. Sie war kurz zuvor erſt in der Halsbandſache geweſen: ſeit hundert und fünfzig Jahren von den Königen gereizt, hatten ſich die Richter am König⸗ thum gerächt. Die Richter, da ſie ſahen, daß der König Ca⸗ glioſtro wollte verurtheilen laſſen, hatten Caglioſtro freigeſprochen. Die Richter, da ſie ſahen, daß die Königin den Herrn Cardinal von Rohan wollte verurtheilen laſſen, hatten den Herrn Cardinal von Rohan frei⸗ geſprochen. Die Richter, da ſie auch ſahen, daß der König und die Königin ein Intereſſe hatten, Frau von Lamothe, welche im Beſitze von ſcandalöſen Geheim⸗ niſſen zu ſein ſchien, freiſprechen zu laſſen, hatten Frau von Lamothe verurtheilt;— und ſie hatten ſie vielleicht noch weniger verurtheilt als Frau von Lamothe, denn als Jeanne von Valvis, das heißt als von einem Baſtarde von Heinrich II. abſtammend. So hatte ſich der Prozeß ſcheinbar gegen Cag⸗ lioſtro, gegen den Cardinal von Rohan und gegen Frau von Lamothe, in Wirklichkeit aber gegen die Königin gebildet. Und da der Name von Marie Antvinette, der Eti⸗ quette wegen, nicht auf den Actenſack geſetzt worden war, ſo hatte man auf jede Weiſe conſpirirt, um ihn in den Prozeß zu bringen. 32 Es fand damals eine Verſchwörung ſtatt, um die Königin zu entehren, ohne ſie zu verurtheilen. Es fand ſpäter eine Verſchwörung ſtatt, um ſie zu verurtheilen. Nur war diesmal die Strafe, die ſich die arme Frau für ihre Sünden zuzog, ſo grauſam, daß man ſie verurtheilte, aber nicht entehrte. Es war eine Verſchwörung des Miniſters Calonne, welche Frankreich weiter in das bekannte, vorherge⸗ ſehene, erwieſene Deſicit fortriß. Es war eine Verſchwörung, die den Miniſter Calonne ſtürzte, um an ſeine Stelle Lamoignon und Brienne zu ſetzen. Es war eine Verſchwörung des Volkes, die auf öffentlichem Platze die Strohfiguren dieſer zwei Män⸗ ner verbranute, nachdem eine Verſchwörung des Hofes ſie zum Zuſtande von Strohmännern erniedrigt hatte. Nun lebten über und unter dieſen Sphären in Menge mehr oder minder große, mehr oder minder ſchreckliche Verſchwörungen: Die Verſchwörung der Herren gegen die Diener; Die Verſchwörung der Diener gegen die Herren; Die Verſchwörung der Soldaten gegen ihre Of⸗ ficiere; Die Verſchwörung der untergeordneten Beamten gegen ihre Chefs; Die Verſchwörung des Hofes gegen den König; Die Verſchwörung des Adels gegen ſich ſelbſt; Die Verſchwörung der Philoſophen gegen den Altar; Fro Hin meh zum unb das gero Bri Juli über was Dub die ſo g von Der der Pror herb Thor das fing Du um en. m ſie arme man nne, erge⸗ niſter und auf Rän⸗ des drigt nin nder ner; ren nten nig; ſt; den 33 Die Verſchwörung der Illuminaten gegen die Monarchie; Die Verſchwörung der anderen Nationen gegen Frankreich; Endlich und hauptſächlich die Verſchwörung des Himmels gegen die Erde. Alle die anderen Verſchwörungen waren ſchon, mehr oder minder groß, ausgebrochen, als dieſe letzte zum Ausbruche kam. Die Peſt trat in Frankreich auf; eine ſeltſame, unbekannte, neue, bis dahin ungenannte Peſt, der das Volk ſogleich den Namen der Geißel, welche gerade in der Mode, gab: dieſe Peſt hieß die Brienne. Sodann, nach dieſer Peſt ein Hagelſchlag im Juli 1788, der wie die rächende Hand des Herrn über ganz Frankreich hinging und das vollendete, was Verſailles, Frau von Pompadour, Madame Dubarry, Frau von Coigny, Frau von Polignac, die Herren von Calonne, von Brienne und Lamoignon ſo gut begonnen hatten. Die Peſt hatte die Krankheit herbeigeführt; doch von der Krankheit geneſet man am Ende zuweilen. Der Hagelſchlag führte die Hungersnoth herbei, von der man nicht geneſet. Da ſah man menſchliche Geſpenſter ſich von allen Provinzen wie von eben ſo viel Nekropolen erheben, herbeikommen und mit ihren abgezehrten Händen an die Thore der Hauptſtadt, vom König das Brod fordernd, das ihnen Gott verweigerte, klopfen. Es war noch viel ſchlimmer, als der Winter an⸗ fing und ſeinen Schneemantel über die verwüſteten Dumas, Ingénue. III. 6 34⁴ Ernten ausbreitete! das war kein Winter wie die anderen; nein, er erinnerte an jenen entſetzlichen Winter, in welchem die Frau Dauphine und der Dauphin unter Ludwig XV. ihre Wohlthätigkeit geübt hatten, und dann auch an den andern Winter von 1754, wo ganze Tage lang die Verhindung von einer Seite zur andern in den Straßen von Paris abgeſchnitten war. Das Meer gefror, die Häuſer ſpalteten ſich; der König ließ alle Waldungen fällen, die er um die Hauptſtadt hatte, und ſchenkte das Holz den erſtarr⸗ ten Perſonen, um ſie wiederzuerwärmen, da er ſie nicht nähren konnte. Dies war die Verſchwörung des Himmels gegen die Erde; und man wird zugeſtehen: ſie war ſo viel werth als eine andere! Wir haben eine letzte Verſchwörung vergeſſen, welche indeſſen in erſter Linie angeführt zu werden verdient. Wir haben die Verſchwörung der Familie des Königs gegen den König vergeſſen. Der Herzog von Orleans hatte in der That dieſen Augenblick gewählt, um ſich populär zu machen. Der König hatte Holz denjenigen, welche froren, geben laſſen. Der Herzog von Orleans ließ Brod und Fleiſch denjenigen, welche hungerten, reichen. Brod und Fleiſch, das war etwas ganz Anderes als Holz. Und man bemerke wohl, daß der Herzog von Orleans, der faſt ebenſo viel Waldungen beſaß als e die ichen der igkeit inter dung von der ndie ſtarr⸗ r ſie gegen viel eſſen, erden 35 der König, ſeine Brod⸗ und Fleiſchaustheilungen bei vortrefflichen Feuern machen ließ. Dabei,— und es iſt traurig, einen ſchlechten Ca⸗ lembour in eine ſo düſtere Politik zu miſchen, wie die, welche ſich an dem entſetzlichen Datum von 1788 braute,— dabei bildeten die zwei Worte: Du pois') einen Mannesnamen, der ſeit dem Cardinal Dubvis beim Volke in großer Ungunſt ſtand. Man ſpielte auf den Chevalier Dubois an, welcher auf das Volk hatte ſchießen laſſen. „Der König hat uns Holz(du bois) gegeben,“ ſagte man,„Dubois hat aber auf das Volk feuern laſſen!“ Es brauchte nicht mehr beim armen Ludwig XVI., der unglücklich geboren, um ihm das ganze Verdienſt ſeines Actes der Großmuth zu rauben. Das war alſo die Lage der Dinge, als die von uns erzählten Ereigniſſe kamen, und als in Folge dieſer Ereigniſſe der Graf von Artvis Auger verließ. Von ſo hoch herabfallend, blieb er lange betäubt; dann ſchaute er umher, ſtellte ſich wieder auf ſeine Beine, und er erblickte Nachſtehendes, indem er mit den Augen den verſchiedenen Kreiſen der Geſellſchaft folgte, zu deren Mittelpunkt er ſich machte, und die ſich bis an den Horizont erweiterten, wie es die von einem mitten in einen See geworfenen Steine thun, welche ſich bis an den Rand deſſelben erweitern. Er ſah alle dieſe von uns genannten Verſchwö⸗ rungen; Verſchwörungen unſichtbar für die Mächtigen, ²) Holz. 36 welche von zu hoch herabſchauen, um die Einzelheiten zu unterſcheiden, und denen, weil ihnen die Einzel⸗ heiten mangeln, das Ganze entgeht. Er ſah die Clubbs, die Affilirungen, die Brü⸗ derſchaften. Er ſah die Welt in zwei ſehr von einander ver⸗ ſchiedene Geſellſchaften getheilt: die der Hungerlei⸗ denden und die der Freſſer. Er ſah, daß, ſeitdem es ein Volk gab, das Volk hungrig war, ohne je geſättigt worden zu ſein. Er ſah, daß, ſeitdem es Adelige, Steuerpächter und Prieſter gab, dieſe immer gegeſſen hatten, ohne gefüttert zu ſein. Er ſah, daß vom Gipfel bis zur Baſe der un⸗ geheuren Spirale, die mit dem König und der Kö⸗ nigin anfängt und mit dem Volke endigt, eine ge⸗ waltige Wuth der Bewegung ſtattfand. Er ſah, daß alle dieſe Bewegungen viel mehr eigennützig, als verſtändig waren. Er ſah, daß die Königin ſich viel in Bewegung geſetzt hatte, um Figaros Hochzeit zu ſpielen. Er ſah, daß Herr Necker ſich viel in Bewegung geſetzt hatte, um die Reichsſtände zu verſammeln. Er ſah, daß ſich das Volk viel in Bewegung geſetzt hatte, nicht nur um ſich zu bewegen, ſondern um ſeiner Thätigkeit ein Ziel zu geben. Und da der vom König ſelbſt bezeichnete Zweck, da die demnächſt ſtattfindende Verſammlung der Reichsſtände einen trefflichen Vorwand für die Agi⸗ tation bot, ſo ſah Auger, daß ein Mann von Geiſt eine ſehr angenehme Beſchäftigung in der Wahl 6 iten zel⸗ rü⸗ ver⸗ lei⸗ olk hter hne un⸗ ge⸗ ehr ung . ung ung en eck, der Agi⸗ zeiſt ahl 37 der Wähler, welche die Abgeordneten zu den Reichs⸗ ſtänden zu wählen beſtimmt waren, finden konnte. Die Situation war wirklich neu; während ſie neu war, war ſie zugleich groß. Zum erſten Male ſollte das Volk, dieſes bis dahin unbekannte Weſen, — nicht unbekannt, aber mißkannt—; das Volk ſollte ſeine Befürchtungen ausdrücken, ſeine Wünſche hör⸗ bar machen, ſeine Rechte reclamiren können. Man hatte noch nicht das allgemeine Wahlrecht der Nation zuerkannt; doch es war ſchon die Theil⸗ nahme an allen öffentlichen Angelegenheiten. In der That, wenn Sie ſich nicht auf die paar Zeilen, die wir hier, die Geſchichte ſo viel, als in unſern Kräften liegt, unter dem Roman verbergend, ſchreiben, verlaſſen und die Blicke auf die im erſten Bande des Moniteur von damals enthaltenen Ur⸗ kunden werfen wollen, ſo werden Sie ſehen, daß die über fünfundzwanzig Jahre alten Steuer⸗ pflichtigen die Wähler, welche die Abgeordneten er⸗ nannten, wählen ſollten. Da aber die Steuer faſt Jedermann traf, wenigſtens durch das Kopfgeld, ſo berief man zur Stimmgebung die ganze Bevölkerung, die Dienſtboten ausgenommen. Man berechnete, es können fünf Millionen Men⸗ ſchen an der Wahl Theil nehmen. Fünf Millionen ſehr rührige Franzoſen, denn ſie waren unter denen genommen, welche über fünf⸗ undzwanzig Jahre alt, rührten ſich alſo für dieſe Wahl. In dieſe mehr oder minder gefährlichen Beweg⸗ lichkeiten ſtürzte ſich Auger blindlings und fing ſeine Manveuvres an. Warum hatten der König und beſonders die Kö⸗ nigin zur Berufung dieſer Comparſen der Monar⸗ chie eingewilligt, welche bis auf dieſen Tag in den königlichen Tragödien nur eine ſtumme Rolle geſpielt, eine Rolle unier der des antiken Chors, welcher wenigſtens ſeine Freude oder ſeine Mißgeſchicke ſang? Das Volk hatte unter Mazarin auch geſungen, doch man erinnert ſich der Worte des italieniſchen Miniſters: es hatte hiefür bezahlt! Ahl man hielt das Volk nicht für ſo weit vor⸗ gerückt, noch für ſo tüchtig, als es war. Die Parlamentäre, welche die Reichsſtände ver⸗ langten; die Miniſter, die ſie verſprachen; Herr Necker, der ſie zuſammenberief; der König und die Königin, die dieſe Zuſammenberufung erlaubten, Alles dies glaubte durch die Beſchwörung dieſer rieſigen Maſſe dem Hofe bange zu machen,— der ſeinerſeits dem König und der Königin bange zu machen anfing, und längſt den Miniſtern und dem Parlamente bange machte. Wer war dieſer Hof? Es war der Adel und die Geiſtlichkeit, das heißt zwei Körper, welche beſtändig aus den Kaſſen des Königthums ſchöpften, und nie etwas gegen das, was ſie daraus nahmen, hineinleg⸗ ten; ſo daß die durch ſie hervorgebrachte Leere durch das Volk ausgefüllt werden mußte, wie nach einem blutigen Kriege eben dieſes Volk die Lücken des Heeres ausfüllte. Vermöge der Reichsſtände würden aber Adelige und Prieſter verbunden ſein, nicht mehr ihren Theil von der Steuer zu nehmen, ſondern an der Steuer Theil zu nehmen. di m m di un al fu zu di de ret niſ bei mo vor lich geh Kö⸗ nar⸗ den ielt, lcher ng? gen, ſchen vor⸗ ver⸗ Herr die lles ſigen ſeits fing, ange die indig nie nleg⸗ durch inem eeres elige Theil teuer 39 Das war eine kleine Rache, die der König und die Königin ſich erlaubten. Und darum waren dem dritten Stande eben ſo viel Abgeordnete bewilligt worden, als der Adel und die Geiſtlichkeit mit einander hatten. Allerdings hatte der dritte Stand, mehr oder minder zahlreich, immer nur eine Stimme gegen zwei: man gedachte wohl,— und Herr Necker zuerſt,— die Abſtimmung nach Ordnungen beizubehalten. Ueberdies würde der dritte Stand, unwiſſend, ungeſchickt, wie er war, keinen andern Weg kennend, als den zum Scherer oder zum Schlächter, zu ehr⸗ furchtsvoll endlich, um Männer von ſeiner Ordnung zu wählen, Adelige, Prieſter ernennen, und folglich die Reihen ſeiner Feinde, das heißt des Adels und der Geiſtlichkeit, verſtärken. Und dann waren die Adeligen alle Wähler, wäh⸗ rend im Volke die Wähler gewählt werden mußten. Ferner ſollten die Volksverſammlungen mit lauter Stimme wählen, und das Volk würde es nie wagen, — das war wenigſtens wahrſcheinlich,— laut zu ſagen, was es wollte, widerſtrebte das, was es wollte, dem, was die Geiſtlichkeit, der Adel, die Mi⸗ niſter, die Königin und der König wollten. Endlich gehörten von den fünf Millionen Wählern beinahe vier Millionen dem Landvolke an: der de⸗ mokratiſche Geiſt der Städte,— man hoffte es noch, — war nicht in das Landvolk eingedrungen, das vom Adel beherrſcht, eingeſchüchtert, von der Geiſt⸗ lichkeit unter ihrem Einfluſſe und in Unterwürfigkeit gehalten wurde. Hatte nicht die Schweiz den Beweis gegeben, 40 daß das allgemeine Wahlrecht die Stütze der Ariſto⸗ kratie iſt? Herr Necker war, wie man ſich erinnert, Schwei⸗ zer.. Als Schweizer und Banquier verglich er ſein Miniſterium mit einer Banque nach einem großen Maßſtabe: ſeiner Anſicht nach war folglich die Schweiz einkleines Frankreich, oder Frankreich eine große Schweiz. Menſchliche Berechnungen! welche Gott mit einem Worte durch die Stimme dieſes Volkes, die Gottes Stimme iſt, auslöſchen ſollte!.. LIII. Auger rührt ſich. Unter dieſen, mehr oder minder gefährlichen, Be⸗ weglichkeiten fing alſo, wie geſagt, Auger ſeine Ma⸗ noeuvres an. Ihm fehlte es auch nicht an einem Vorwande,— und zwar an einem höchſt ſcheinbaren Vorwande. Bei Réveillon angeſtellt, ſah er ſeinen Patron von der Begierde, Wähler zu ſein, verzehrt. Réveillon, der Tapetenfabricant, der Typus der ehrgeizigen Bürgerſchaft, die dem Adel folgen wollte, aber durchaus nicht wollte, daß das Volk der Bür⸗ gerſchaft ſuccedire, ſah entfernt nicht klar in dem complicirten Räderwerk, das in dieſer großen Epoche die Vorſehung ſich drehen machte;— und wir ſagen die Vorſehung, damit man ein für alle Male wiſſe, wir ſubſtituiren dieſes chriſtliche Wort dem heidniſchen Worte Verhängniß; doch daran war Réveillon wenig gelegen, und um ſeine Rolle bei dem Drama zu haben, das ⸗ ma wie nic hat daß giſe zäh h nei es die lich und thei ein Irr uns wer veill von den nich eſſer aß: gefo iſto⸗ wei⸗ ſein en weiz veiz. nem ttes Be⸗ Ma⸗ tron der Ute, Zür⸗ dem oche die wir orte gen, das 41 man ſpielte, bewegte er ſeine Arme und ſeine Zunge wie die Anderen und ſogar mehr als die Anderen. Er ſah nicht, daß unter dieſen fünf Millionen Wählern,— eine Zahl, die einer Nation, welche nicht die Gewohnheit der Ausübung ihrer Rechte hatte, fabelhaft erſchien,— er ſah nicht, ſagen wir, daß unter dieſen Neuprivilegirten noch viel ener⸗ giſcher eine viel zahlreichere, viel thätigere Maſſe ſich bewegte, eine Maſſe, welche man noch nicht zählte, die aber in dem Augenblicke, wo ſie ſich ſelbſt zählte, die Revolutionswaage auf ihre Seite ſich neigen machte. Réveillon mit ſeinem kurzen Geſichte ahnte nicht, es gebe in Frankreich etwas Anderes als den König, die Königin, die Miniſter, die Adeligen, die Geiſt⸗ lichkeit, die Beamten, den gewählten dritten Stand und den wählenden dritten Stand. Ein tiefer Irrthum, den er mit vielen Anderen theilte, welche doch darauf Anſpruch machten, ſie haben ein ſchärferes Geſicht als der Tapetenhändler, ein Irrthum, der dieſe Verwandlung der ſo eben von uns aufgezählten Verſchwörungen in Revolution be⸗ werkſtelligte. Auger widmete ſich alſo dem Dienſte von Ré⸗ veillon; da er aber weiter ſah als dieſer und die von uns erwähnte untere Klaſſe ſeinen durchdringen⸗ den Augen nicht entging, ſo richtete es Auger, der nicht mehr an der wohk gefüllten Raufe des Hofes eſſen konnte, ſo ein, daß er an zwei Raufen zugleich aß: an der des Volkes und an der der Bürgerſchaft. Man hätte auch,— wäre man dieſem Manne gefolgt bei der ſeltſamen Verwendung ſeiner Abende, 4² deren Genuß ihm, nachdem er ſeine Arbeit um funf Uhr beendigt, überlaſſen war, und ſeiner Nächte, über die er in Folge der Verachtung von Ingénue frei verfügen konnte,— man hätte auch ſehen kön⸗ nen, ſagen wir, wie Auger ſich in alle Complotte miſchte und ſich in allen geheimen Geſellſchaften, bei Illuminaten und Maurern inſpirirte; wie er an einem Tage Malouet und Lafayette im Clubb des Palais Royal, an einem andern Marat im Volksclubb der Rue de Valois hörte, und eine blutige Antwort auf die blutigen Diatriben von Jourdan, bald nach⸗ her der Kopfabſchneider genannt, und von Four⸗ nier dem Americaner gab. Da er die Größe der Ereigniſſe ſah, die ſich vor⸗ bereiteten und jeden Augenblick zum Ausbruche kom⸗ men ſollten, ſo hatte er am Ende Mitleid mit ſeiner Frau und plagte ſie nicht mehr. Er verachtete beſonders den guten Retif, deſſen, wie dieſer glaubte, ſo weit vorgerückten Anſichten, Einſichten und Abſichten in der Wirklichkeit von der Wahrheit ſo weit entfernt waren, wie Auger wußte, daß ſie dieſem zugleich als die knabenhafteſte und als die unfruchtbarſte Beſchäftigung erſchienen. Der Sturm, der in den unterirdiſchen Regionen, von welchen wir geſprochen, murrte, erlangte alle Tage eine ſchrecklichere Bedeutung. In dieſem Augenblicke zum Beiſpiel, im thätig⸗ ſten Betriebe begriffen, beſchäftigte Réveillon ſieben bis achthundert Arbeiter; ſeine Fabrik gedieh; ſein Vermögen nahm zu; wenige Jahre noch hätten für ihn genügt, um ſich mit einer ſehr beträchtlichen Habe zurückzuziehen. im derj den zur unb aus wir ſten hatt ſam erla Hat und Kin Rév er r könr vern men Ran Den ſieht ſo n der ſchö eine Nac 6 fünf ichte, énue kön⸗ Aotte bei inem alais der wort nach⸗ ur⸗ vor⸗ kom⸗ einer ſſen, hten, der ußte, und en, alle ätig⸗ eben ſein für chen 43 Dieſer ehrliche Mann,— Sie wiſſen, was man im Handel einen ehrlichen Mann nennt? das iſt derjenige, welcher die kleinſten Summen verwen⸗ dend die größten Einnahmen macht, der gewiſſenhaft zur beſtimmten Stunde ſeine Wechſel bezahlt, und unbarmherzig denjenigen, welcher ſie nicht bezahlt, auspfänden läßt;— dieſer ehrliche Mann, ſagen wir, hatte ein zufriedenes Gewiſſen: von den unter⸗ ſten Stufen des Volkes ausgegangener Arbeiter, hatte er ſich durch ſeine Thätigkeit und ſeine Spar— ſamkeit zu dem Range emporgeſchwungen, den er erlangt. Nach den Traditionen des alten franzöſiſchen Handels glaubte er alle ſeine Pflichten als Menſch und als Bürger erfüllt zu haben, wenn er ſeine Kinder geliebkoſt. Dieſes väterliche, aber ganz egviſtiſche Ziel hatte Réveillon erreicht. Run offenbarte ſich ihm aber plötzlich Eines: daß er mit ſeinem Vermögen ein wenig Ruhm verbinden könnte, und dieſer Ruhm, wenn er ihn zu erlangen vermochte, ſchien ihm der Culminationspunkt der menſchlichen Glückſeligkeit zu ſein. Denken Sie ſich einen Mützenmacher der Rue Rambuteau oder einen Gewürzkrämer der Rue Saint⸗ Denis, welcher in der Zukunft durchaus keinen Grund ſieht, daß ihm eine Regierung, ſo gutmüthig oder ſo wahnſinnig ſie auch ſein dürfte, je das Kreuz der Ehrenlegion geben ſollte, der aber an einem ſchönen Morgen als Kapitän erwacht und nach einer gewiſſen Anzahl von Patrouillen, die er bei Nacht gemacht, und Revuen, die er bei Tag paſſirt, 44 ſich ſagt, dieſes unverhoffte Kreuz der cpreiegien könne ihm nicht fehlen, wenn er nur Eifer zur Schau ſtelle;— ſo war Röveillon. Er erblickte in ſeiner Erwählung zum Wähler,— und hierin gebührte ſeinem verſtändigen Geiſte bei Weitem der Vorzug vor dem Geiſte der beiden ſo eben von uns angeführten Induſtriemänner;— er erblickte in ſeiner Erwählung zum Wähler den größ⸗ Ruhm, den er je erreichen könnte. Denn, in der That, er ſah ſo durch die Stimme ſeiner Mitbürger dem Rufe als ehrlicher Mann, den er ſich im Handel erworben, die Weihe geben. Die Verſuchung war ſo ſtark, daß ſich Réveillon eines Tages Auger eröffnete, wie er ſich ſchon Rötif eröffnet hatte. Was Santerre betrifft, er hatte die Projecte ſeines reichen Nachbars leicht errathen. Iſt der Liebhaber hellſehend in Betreff ſeiner Geliebten, ſo ſieht der Ehrgeizige ſeinerſeits klar in allen ehrgeizigen Beſtrebungen, die mit der ſeinigen rivaliſiren. Réveillon wagte es indeſſen nicht, die Frage offen in Angriff zu nehmen: er wählte einen Umweg. „Auger,“ ſagte er zu ſeinem Commis,„Sie zahlen alle Samſtage aus, nicht wahr?“ Ja, r* „Pünktlich?... Das iſt die Gewohnheit des Hauſes.“ „Pünktlich.“ „Was ſagen unſere Leute, wenn ſie ihr Geld erhalten?“„ 3 „Herr, Sie ſingen das Lob des Patrons, der ihn wal veill ſtre die und den auf freut ſten und große 6 legion Schau er,— te bei en ſo — größ⸗ imme ann, ben. eillon Rétif vjecte ſeiner ar in nigen Frage nweg. (Sj „Ste des Geld der 4⁵5 ihnen durch ſeine Talente und ſeine väterliche Ver⸗ waltung dieſes Glück gemacht hat.“ „Ah! Sie ſchmeicheln mir, Auger!“ ſprach Ré⸗ veillon entzückt im Grunde ſeines Herzens. „Ich ſage die Wahrheit,“ erwiederte Auger, die ſtrenge Kälte von Cato heuchelnd. „Nun wohl, mein lieber Auger, wenn Sie mir die Wahrheit ſagen, ſo ſagen Sie mir dieſelbe ganz.“ „Befragen Sie mich.“ „Habe ich Chancen, zum Wahlrechte zu gelangen?“ Auger lächelte. „Herr,“ erwiederte er,„ich arbeite hieran Tag und Nacht.“ Und Auger ſondirte mit einem geſchickten Blicke den Blick ſeines Herrn, um zu ſehen, welche Wirkung auf ihn ſeine Erklärung hervorbringe. „Wie!“ rief Röveillon, im höchſten Maße er⸗ freut,„Sie arbeiten an meiner Wahl, Auger?“ „Das heißt, ich ſpreche mit Allen zu Ihren Gun⸗ ſten; ich ſtehe in Verbindung mit der ganzen Welt, und die Arbeiter haben alle einen mehr oder minder großen Einfluß auf einige Wähler.“ „Und man unterſtützt mich?“ „Ja, gewiß; aber... „Aber?. ℳ fragte Réveillon unruhig.„Aber was?“ „Ihre Bekanntſchaft iſt nicht genug ausgebreitet.“ „Ei! ich bin ein Mann des Hauſes, ich lebe in der Familie.“ „Es genügt nicht, die Familientugenden bei den Reichsſtänden zu repräſentiren; man nimmt an, Sie würden auch einen Familiendeputirten ernennen.“ 46 „Wen müßte man denn ernennen?“ „Ah! Herr, das iſt es gerade!“ ſagte Auger mit einer geheimnißſchwangern Zurückhaltung. „Jun, ſo ſprechen Sie, mein lieber Auger.“ „Herr, das Volk braucht Abgeordnete des Volkes.“ „Was nennen Sie Abgeordnete des Volkes?“ fragte Réveillon mit Feſtigkeit, denn er war ſehr auf ſeine Meinungen verſeſſen, und wir ſehen ihn in der Geſchichte wenig um Popularität hinſichtlich der Aufſtände ſich kümmernd erſcheinen. Auger fühlte, daß er zu weit ging; er hatte ge⸗ hofft, der Ehrgeiz werde die Farbe ſeines Herrn mo⸗ dificiren. Réveillon wiederholte ſeine Frage. „Nun,“ ſagte er,„was nennen Sie denn einen Abgeordneten des Volkes? Erklären Sie ſich.“ „Herr,“ antwortete Auger demüthig,„ich treibe nicht Politik; ich bin nicht Wähler.“ „Nun wohl, ich will Ihnen ſagen,“ ſprach Ré⸗ veillon ſich belebend,„ich will Ihnen ſagen, wer meiner Anſicht nach einen vortrefflichen Abgeordne⸗ ten für die Reichsſtände geben würde.“ Hier nahm der wackere Tapetenfabricant eine Rednerſtellung an und warf ſich in die Bruſt, als ob er ſchon auf der Tribune wäre. „Ich höre ehrfurchtsvoll,“ ſagte Auger. „Vor Allem,“ begann Röveillon,„vor Allem nenne ich den König meinen Herrn.“ Auger verbeugte ſich lächelnd; bis dahin con⸗ promittirte ſich Réveillon nicht. „Ich nenne das Geſetz ſouverainen Gebieter allet Fr den Rä unt Be Co kön mir lich ich nur Kir ſoll An Red pro Beſ was es dem wele pflic kes.“ kes?“ ſehr ihn htlich e ge⸗ mo⸗ einen treibe Rö⸗ wer ordne⸗ eine t, als Allem com raller 47 Franzoſen, und die Conſtitution, die wir haben wer⸗ den, nenne ich das Geſetz.“ Auger verbeugte ſich abermals. „Ich will nun,“ fuhr Réveillon fort,„daß die Räder, welche dieſe Haupträder functioniren machen, unterhalten und geachtet werden, wie es ſich gebührt. Bei einem großen Volke ſollen ein Miniſter und ein Commis Beide von der franzöſiſchen Nation leben können, wie meine Leute in der Fabrik arbeitend von mir leben.“ Auger billigte, immer mit ſeinem ſchlauen, heim⸗ lichem Lachen. „Was die Prieſter, was die Adeligen betrifft, ich mache ſie zu einfachen Bürgern, wie ich es bin; nur gebe ich zu, daß die Einen, ſo lange ſie in der Kirche ſind, Gott vertreten, und nach meiner Anſicht ſoll man nicht vergeſſen, daß die Vorfahren der Andern für das Vaterland geſtorben ſind.“ Neues Lächeln von Auger. Ermuthigt durch dieſes Lächeln, ſchnaubte der Redner einen Augenblick, um ſeiner glühenden Im⸗ proviſation Zeit zum Erkalten zu laſſen. Bei dieſer Gelegenheit ſchöpfte er auch Athem. „Was das Volk betrifft,“ fuhr er, das Wort mit Beſtimmtheit betonend, fort,„das Volk iſt Etwas, was eine beſondere Definition verdient, und ich will es Ihnen definiren.“ Auger ſchickte ſich an, mit allen Ohren zu hören, denn der Hauptpunkt war dieſer. „Das Volk,“ ſagte Réveillon,„iſt die Materie, welche dazu dient, in einer gegebenen Zeit die Steuer⸗ pflichtigen zu machen, wie die Steuerpflichtigen dazu 48 dienen, die Wähler, und die Wähler, die Deputirten zu machen. Das Volk! das iſt nichts, und es iſt Alles; doch um dazu zu gelangen, daß es Alles iſt, braucht es Jahrhunderte. Glücklicher Weiſe ſchlum⸗ mert das noch! es iſt eine unverſtändige Menge, die man unverſtändig erhalten muß.“ Auger lächelte. Röveillon hielt inne; er wollte wohl Auger zu Rathe ziehen, Auger ſollte aber keine Meinung haben. „Haben Sie eine Einwendung?“ fragte er. „Gott behüte mich!“ antwortete Auger. „Ah!“ ſprach der Tapetenhändler,„ſehen Sie, ich hätte Ihre Einwendung bekämpft als ein Mann, der die Frage ſtudirt hat... denn ich habe ſie ſtudirt.“ „Ich ſehe es wohl.“ „Ich ſage, man müſſe das Volk unverſtändig, unwiſſend erhalten, und mein Grund iſt...“ „Ich höre,“ ſprach Auger demüthig. „Man emancipirt das Volk nur durch den Un⸗ terricht; dieſer Unterricht fällt ungleich auf das Volk: er macht hier Klarheiten, dort tiefere Dunkelheiten; er veranlaßt endlich die Unordnung, welche die gei⸗ ſtigen Getränke bei den Wilden hervorbringen: haben ſie getrunken, ſo ſind ſie berauſcht; ſind ſie berauſcht, ſo zerſtören und tödten ſie. Ich glaube alſo nicht, daß es für redliche Adminiſtratoren möglich iſt, die Verantwortlichkeit für die erſten Unordnungen auf ſich zu nehmen, die aus der Emancipation der Völ⸗ ker entſpringen würden, Unordnungen, welche ſo ſein können, daß Gott allein das mögliche Reſultat kennt!“ Röveillon ſchwieg erſchöpft; er punktirte ſeinen Red fleh dan tirten es iſt s iſt, lum⸗ enge, er zu aben. Sie, ann, e ſie ndig, Un⸗ Volk: iten; gei⸗ aben uſcht, nicht, „die auf Völ⸗ ſein mt!“ einen 49 Redeſchluß mit einer Geberde, die den Himmel an⸗ flehte. Auger nahm eine kalte Miene an. „Sie ſtimmen nicht bei?“ fragte Röveillon ſo⸗ dann. „Nicht ganz, mein Herr.“ „Ihre Gründe?“ Auger ließ auf ſeine Lippen ein Lächeln hervor⸗ treten, deſſen wahre Bedeutung ein ſtärkerer Spre⸗ chender, als es Reéveillon war, hätte begreifen können. „Herr,“ ſagte er,„weit entfernt, einer der Ihrigen entgegengeſetzten Meinung zu ſein, bin ich eines Sinnes mit Ihnen. Das Volk hat nach meiner Anſicht. Sie werden mir ſagen, es ſei nicht an mir, einem Manne wie Ihnen eine Anſicht zu geben.“ „Warum nicht, Herr Auger? Ich halte Sie für einen Mann von vortrefflichem Rathe.“ „Nun wohl, das Volk hat nach meiner Anſicht nöthig, nicht nur, daß man es hemmt, ſondern daß man es ſogar niederdrückt.“ „Ah! und warum dies?“ „Weil das Volk undankbar, vergeßlich, gierig iſt.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Réveillon ergriffen von dieſer Wahrheit, als ob ſie neu wäre. „Weil,“ fuhr Auger fort,„weil das Volk heute die Götzen zertrümmert, die es geſtern emporgehoben hat, und die Popularität nach meiner Meinung einer der raſcheſten Wege iſt, die man wählen kann, um zum Ruine oder zum Tode zu gehen.“ „Ah! ah!“ rief Réveillon,„erklären Sie ſich.. Dumas, Ingsnue. IMI. 4 50 das bezieht ſich auf Jemand oder auf Etwas, und iſt keine allgemeine Theorie.“ „Ganz richtig!“ erwiederte Auger.„Ein Bei⸗ ſpiel: ſehen Sie Herrn Santerre!“ „Nun?“. „Was that er dieſen Winter, als e 2 die Kälte und die Hungersnoth wüthen ſahz. Cr vermehrte ſeine Arbeiter.“ „Ei! Santerre hat höchſtens fünfundzwanzig bis dreißig, und ich, ich habe achthundert!“ „Selbſt wenn er achthundert gehabt hätte, würde er ſie vermehrt haben. Herr Santerre, es thut mir leid für ihn, es ſagen zu müſſen opfert der Popu⸗ larität;— was, wie ich glaube, nicht in St In⸗ tentionen liegt, Herr Röéveillon.“ „Nein, gewiß nicht! Santerte hat ſich gegen ve Hof und die Miniſter geſtellt.“ „Während Sie für dieſelben ſind. „Während ich für dieſelben bin und immer ſein werde ſprach Réyeillon mit Nachdruck. „Herr Santerre bekämé auch Stimmen ja, wenn der Pöbel votiren würde, während der Sie gerade das Gegentheil von Herrn Santerre ge⸗ zu than, der Sie Ihre Arbeiter vermindert haben, der Sie dieſelben noch mehr zu vermindern beabſich⸗ tien gewiß! ein Arbeiter kann und muß mit fünfzehn Sous täglich leben.“ wa die „Während Sie zum Lohne für das, was Sie gethan, die Stimmen aller Bürger haben werden.“ „Bei Gott!“ rief Réveillon,„ich hoffe es wohl. Ich habe indeſſen die Vermehrung nicht verweigert, und geb 54 und um den Bürgern zu ſchmeicheln: ich habe ſie ver⸗ weigert, weil, meinen ſo eben ausgeſprochenen Theo⸗ Bei⸗ rien gemäß, das Volk nicht über ſich ſelbſt erhoben n werden nöthig hat, und das Geld ein mächtiger 3 Hebel für die Trägheit und die Entſittlichung iſt“ Kälte„Sehr gut! ſehr gut!“ rief Auger,„das iſt ein ehrte N. muthiges Glaubensbekenntniß, welches Ihnen Stim⸗ men geben wird.“ g bis Entzückt, drückte Herr Réveillon ſeinem Kaſſier 3 die Hand und nahm ſich vor, den Gehalt eines ürde Mannes zu erhöhen, der ſo gut begriff, daß man tmir nicht nöthig hatte, ven Lohn der Andern zu ver⸗ zopu⸗ mehren.* In⸗ Auger entfernte ſich, dieſen reich gewordenen Armen, dieſen Herr gewordenen Arbeiter bewundernd, den der die Armen und die Arbeiter für unfähig und gefährlich hielt. Die Wahl ging vor ſich; ſie gab in ganz Frank⸗ ſein reich ein unbekanntes Leben dem bis dahin trägen Elemente, das man das Volk nannte; die Wahl ging ja, vor ſich und täuſchte, wie alle Dinge, welche in den „der Abſichten Gottes liegen, die Berechnungen der Men⸗ e ge⸗ ſchen. der Und man hatte doch in Paris große Vorſichts⸗ bſic⸗ maßregeln getroffen. Eine ſpecielle Verordnung berief zu den Primär⸗ mit wahlen nicht einmal alle Beſteuerte, ſondern nur diejenigen, welche ſechs Livres Abgaben bezahlten. Sie Es zogen zahlreiche Patronillen durch die Straßen, en und die Wahlmittelpunkte waren von Soldaten um⸗ wohl. geben. gert, Man lud die Gewehre vor den die Stimme 52 ſchreibenden Wählern, was den Wählern eine Feſtig⸗ keit gab, die der Halsſtarrigkeit glich. Von ſechzig Diſtricten ernannten nur drei wie⸗ der die vom König bezeichneten Präſidenten; alle andern wurden durch neue erſetzt; ſelbſt die drei bei⸗ behaltenen Präſidenten wurden zur Erklärung aufge⸗ fordert, ſie werden als vom Volke Gewählte und nicht als Repräſentanten des Königthums präſidiren. Das Landvolk that auch ſein Beſtes; man hatte auf daſſelbe als ariſtokratiſches Element gerechnet; es ernannte zweihundert und etliche arme Pfarrer, natürliche Feinde der hohen Geiſtlichkeit. Auger heizte, wie man heute ſagt, die Wahl von Réveillon durch alle mögliche Mittel, welche den Wärmeſtoff der Meinung entwickeln können. Nur war Auger, um die Wahl von Röéveillon durch die Bürgerſchaft zu bewirken, genöthigt geweſen, die vom Tapetenfabricanten ausgeſprochenen Worte, nämlich: das Volk müſſe in ſeinem Unverſtande er⸗ halten werden, und fünfzehn Sous täglich ſeien hin⸗ reichend für einen Arbeiter, um zu leben,— unter den Leuten zu verbreiten. Die Bürger waren entzückt, dieſe Energie bei einem Manne zu finden, der die gewöhnlichen Mittel, um Poypularität zu erlangen, ausſchlug, Mittel, die ihm ſein Vermögen leichter als jedem Andern gemacht. hätte. Röéveillon wurde zum Wähler ernannt. Gli Me war zah ſie bez reic ſchü den pun nich in um ſein ſchli des er l ſere die zu 53 eſtig⸗ LIV. wie⸗ alle Réveillon iſt undankbar. i bei⸗ aufge⸗ Réveillon hatte alſo den Culminationspunkt des und Glückes und der Freude erreicht. diren. Es begegnete aber Röéveillon, was allen den hatte Menſchen begegnet, welche zu hoch ſteigen. hnet; Von dieſem Ehrengiebel aus, zu dem er gelangt arrer, war, ſah er Auger nicht mehr. Auger hatte ſeine Dienſte geleiſtet, Réveillon be⸗ lvon zahlte ſie ihm nicht. Auger ſchwor ſich, man werde den ſie ihm bezahlen, oder er werde ſich dieſelben ſelbſt bezahlen. eillon Jedermann weiß, welches heftige Fieber Frank⸗ ee, reich im Augenblicke dieſer Wahlen bewegte; die Er⸗ orte, ſchütterung davon wurde bis an den äußerſten En⸗ e er⸗ den Europas gefühlt, und dennoch gab es im Mittel⸗ hin⸗ punkte Frankreichs Leute, welche dieſe Erſchütterung unter nicht aufweckte. Bei ſeinen nächtlichen Ercurſionen hatte ſich Auger bei ein genaue Verbindung mit Marat geſetzt und ihn ittel, um Rath gefragt. Zu Rathe gezogen, gab Marat „die ſeine Conſultation gewiſſenhaft. nacht.„Dieſer Réveillon,“ ſagte er,„iſt ein Ariſtokrat ſchlimmer als die vom Adel; er hat nicht die Laſter des Adels, welche dem Volke zu leben geben, und er hat die Tugenden der Bürger, nämlich die Knau⸗ ſerei, die Beaufſichtigung, das Mißtrauen, Schranken, die der dritte Stand zwiſchen ſich und die Demokratie zu werfen weiß. Der grauſamſte Feind des Volkes 5⁴ iſt heute der Bürger. Der Bürger wird dem Volke die Throne untergraben, die Schränke erbrechen, die Pergamente verbrennen helfen; größer als das Volk, wird er ſich auf die Schemel ſtellen, um die Lilien auszukratzen und die Perlen der Kronen zu zermal⸗ men; hat er aber zerſtört, ſo wird er wieder auf⸗ bauen; die dem Adeligen genommenen Adelsſchilde wird er ſich zueignen; er wird in Wappen die Schilder ſeiner Läden verwandeln. An der Stelle der Ari⸗ ſtokratie, des Adels und des Königthums wird der Bürgerſtand emporwachſen; der Bürger wird ſich zum Ariſtokraten machen, der Bürger wird ſich zum Adeligen machen, der Bürger wird ſich zum König machen.“ „Wie ſoll man dies verhindern?“ fragte Auger. „Das iſt ganz einfach: den Samen vernichten, der der Bürger ſein wird.“ „Das iſt aber nicht leicht!“ entgegnete Auger; „es gibt in Frankreich fünf Millionen bürgerliche Wähler, lauter gemachte Männer oder junge Leute; ſie haben in ihrer Familie eben ſo viel Wölflein, welche ganz bereit ſind, Wölfe zu werden.. Wem muß man die Sorge, ſie zu vernichten, anvertrauen?“ „Dem Volke!“ antwortete Marat;„dem Volke, das ſtark genug iſt, Alles zu zermalmen, mag es nün Zeit dazu nehmen, oder ſich mit einem Sprunge erheben; dem Volke, das geduldig ſein kann, weil es einig iſt, und das unbeſiegbar iſt, ſobald es nicht mehr ge⸗ duldig ſein will!“ „Teufel! Teufel!“ rief Auger,„wiſſen Sie, wie man das nennt, was Sie da vorſchlagen?“ „Das nennt man den Bürgerkrieg.“ Volke „ die Volk, ilien mal⸗ auf⸗ hilde ilder Ari⸗ der ſich zum önig iger. ten, ger; liche eute; lein, Wem n das Zeit ben; einig r ge⸗ wie 55 „Und der Polizeilieutenant? und der Ritter von der Wache?“ „Gut!“ erwiederte Marat,„glauben Sie denn, es ſei nothwendig, auf den Straßen zu ſchreien: „„Nieder mit den Bürgern!““ Das wäre dumm und unnütz; der erſte beſte Bürger, dem Sie be⸗ gegneten, würde Sie verhaften. Stärker, viel ſtär⸗ ker iſt derjenige, welcher in einem Kellergeſchoße lebt und von hier aus Parabeln ſchleudert, wie die alten Propheten.“ „In einem Kellergeſchoße?“ fragte Auger er⸗ ſtaunt.„Gibt es noch Kellergeſchoße?“ „Bei Gott!“ antwortete Marat. „Wo dies?“ „Ueberall! Ich, zum Beiſpiel, wohne in einem Kellergeſchoße; doch Ihr Leute würdet das nicht wagen! Ich, ich bin ein Mann der Arbeit und der Einbildungskraft; ich kann die Sonne entbehren, weil eine Flamme in meinem Kopfe iſt: die meiner Lampe genügt ſodann meinen Augen. Ich liebe die Ein⸗ ſamkeit, weil ſie nicht lügt, und weil man darin arbeitet; ich haſſe die Geſellſchaft, weil alle Menſchen darin häßlich und dumm ſind!“ Auger ſchaute ſeinen Freund an und wunderte ſich, ihn mit dieſer Entſchiedenheit ſprechen zu hören, da er ſo häßlich und ſo boshaft war. WMarat fuhr fort: „Die Clubbs, wo man ſich einſchließt, wo man bei verſchloſſenen Thüren conſpirirt,— Kellerge⸗ ſchoße! die anonymen Journale, die man über das erſtaunte Frankreich verbreitet,— Kellergeſchoße! die unbeſtimmten Worte, die man geſchickt unter 56 die Mengen ſchleudert, und die Jedermann wieder⸗ holt, ohne zu wiſſen, wer ſie ausgeſprochen hat,— Kellergeſchoße! Sie ſehen alſo, mein lieber College, daß Jedermann ſein Kellergeſchoß haben kann wie ich, um mit Bequemlichkeit das revolutionäre Werk auszuarbeiten. Doch ein Narr, das ſage ich Ihnen, der ſich nicht an dieſes Werk mit allen ſeinen Kräf⸗ ten anſpannt! ein Narr, der nicht vor dem Wagen herläuft. Dieſer wird unter den Rädern zermalmt werden, indem er die Maſchine will zurückweichen machen.“ „So daß, un zu ſchließen?...“ ſagte Auger. „Sie ſind auf Réveillon aufgebracht?“ c „Und Sie wollen ſich an ihm rächen?“ „Beim Henker!“ „Nun wohl, um zu ſchließen, bereiten Sie Ré⸗ veillon ſein Verderben im Volke, und Sie werden ſehen.“ Auger hatte nicht die Macht des Wortes berech⸗ net, das ihm wie durch Zufall dieſer hölliſche Geiſt des Böſen, den man Marat nannte, zugeworfen. Doch nachdenkend, erſchrak Auger über das Licht, das dieſes Wort auf ſeinem krummen Wege zurückließ. Réveillon im Volke verderben, wozu führte das Auger, und beſonders Reveillon?„ Da neigte er ſich über den Abgrund und er⸗ ſchaute in der Tiefe die dunkle Mine, welche unter der Geſellſchaft die Sappirung der Verſchwörer führte; er ſagte ſich, ſobald die Mine ſpielen werde, müſſe leb hol un ein er⸗ ge, wie erk en, gen lmt hen er. den ch⸗ eiſt s ege s der te; ſſe 57 durch ein Naturgeſetz Alles, was oben ſei, unterſin⸗ ken, und was unten ſei, ſich erheben. Was that Auger von dieſem Tage an? Gott allein weiß es. Nur hörte man bald im Faubourg, einer ſtets für die Schönredner offenen Officin, einem ſtets zum Heizen der demagogiſchen Tiegel brennenden Ofen, im Faubourg hörte man bald wiederholen, Réveillon ſei ein ſchlimmer Reicher: ſeit ſeiner Erwählung habe er den Kopf verloren, und er trachte nach Ehren⸗ auszeichnungen. Man wiederholte beſonders mit einem tiefen Haſſe die zwei Ariome, welche nicht mehr die ſeinigen waren, als die des übrigen Bürgerſtandes, der ſie heute vielleicht nicht ſagt, aber immer denkt: „Man muß das Volk unverſtändig erhalten.“ Und: „Ein Menſch kann mit fünfzehn Sous täglich leben.“ Dieſe Réveillon, der Auger nicht mißtrauen zu müſſen glaubte, entſchlüpften und von Auger wieder⸗ holten Worte empfing die Volksentrüſtung mit Wuth und trug ſie in den Rachekatalog mit dem Worte eines andern Ariſtokraten ein, der berühmter geweſen war und unglücklicher wurde, als Réveillon. Dieſes Wort war das von Foulon: „Ich werde die Pariſer das Heu von der Ebene bei St. Denis freſſen laſſen.“ Solche Worte bringen an dem Tage, wo ſie zum Ausbruche kommen, den Unvorſichtigen, welche ſie geſprochen, oder den Unglücklichen, denen man ſie zuſchreibt, den Tod. 58 Ruhig unter dieſen Stürmen berauſchte ſich indeſſen Réveillon nur in ſeinem Ruhme und betäubte ſich, wie es die Schmetterlinge bei ihrem Flügelſchlage thun. Er bemerkte nicht, was alle Welt um ihn her bemerkt hatte: daß ſeine Arbeiter, während ſie ihren gewöhnlichen Lohn einſtrichen, dem Kaſſier einen grimmigen Blick zuſchleuderten; daß unter dieſen Leuten, welche durchſchnittlich zwei Livres täglich er⸗ hielten, Einige, Fanatiker der Meinung und unfähig, die Trunkenheit des Zornes in ſich zu behalten, zwei Theile aus dieſen vierzig Sous machten und ſprachen: „Woran denkt denn Herr Réveillon? will er uns mäſten? Wir brauchen nur fünfzehn Sous, ſagt er: das ſind fünfundzwanzig Sous zu viel.“ Und dabei flammten die Augen, und die weißen Zähne zeigten ſich unter den bleichen Lippen. Um dieſe Wuth fallen zu machen, brauchte Auger nur ein Wort des Lügenſtrafens darauf zu blaſen; er brauchte nur zu leugnen, daß Réveillon je der⸗ gleichen geäußert, und als guter Diener hätte er alle Geiſter zum Fabricanten zurückgeführt: das Volk von Paris iſt aufbrauſend, im Grunde hat es aber ein gutes Naturell; es denkt ſchnell und vergißt ſchnell. Auger hütete ſich aber wohl, etwas zu ſagen. Er nahm ein paar Tage lang alle dieſe Gerüchte mit der Gutmüthigkeit eines Arbeitsgenoſſen auf, der ſeine Genoſſen beklagt, mit der Milde des Henkers, der immer zum armen Sünder zu ſagen ſcheint, ſelbſt während er ihm die Schaffottoillette macht:„Grau⸗ ſame Richter!“ So daß, Dank ſei es dem Stillſchweigen von S S e 59 Auger, die Gerüchte Beſtand erlangten; ſo daß der Zorn ſo tiefe Wurzeln faßte, daß Gott ſelbſt, der die Herzen verwandelt und die Leiber verändert, ſich nicht mehr die Mühe gab, aus dem mit Lolch und Diſteln mit giftigen Spitzen beſäeten Felde Frankreich das Unkraut auszuraufen. „Iſt es wahr,“ fragte man eines Tages Auger, „iſt es wahr, daß der Hof, um Réveillon zu be⸗ lohnen, ihm das Band vom heiligen Michael zugeſandt hat?“ Dieſe alberne Neuigkeit, die der einfältigſte red⸗ liche Menſch mit einem guten Gelächter aufgenommen und mit einem einzigen Worte, wie ſie es verdiente, vernichtet hätte, empfing Auger mit einem ſo be⸗ wunderungswürdig betonten:„Wahrhaftig!“ daß man unmöglich errathen konnte, ob die Neuigkeit wahr oder falſch war, ob Auger ſie wußte oder nicht wußte. Da zweifelten diejenigen, welche bis dahin ge⸗ zweifelt hatten, nicht mehr. Und man wiederholte ſich von der Kaſſe von Auger weggehend, der Kaſſier ſelbſt habe die Ueber⸗ ſendung des Bandes vom heiligen Michael an Ré⸗ veillon beſtätigt. Es wäre nur vielleicht nothwendig, unſeren Leſern mit ein paar Worten zu erklären, warum ſich Auger zu einem ſo vertrauensvollen Politiker, zu einem ſo leichten Beifallsſpender des Volkes gemacht hatte. Waren es nur der Haß und die Rache, die Auger zu handeln bewogen, wie wir ihn haben han⸗ deln ſehen? Es war ein wenig dies; es gibt Leute, die das 60 Gute, was man ihnen thut, nicht verzeihen können, und Röveillon hatte, zu ſeinem Unglücke, Auger Gutes gethan. Doch der Haß und die Rache waren nicht die einzigen Triebfedern von Auger: es war noch das Intereſſe im Spiele. Auger arbeitete für ſich ſelbſt bei dieſem Handel, der den Credit von Réveillon zu verſchlingen drohte. Gewiſſe Menſchen lieben die Unordnung, wie die Raubvögel das Blutbad und den Tod lieben. Da ſie nicht von lebendigen Leibern leben können, mit denen ſie um ihre Nahrung zu ſtreiten hätten, ſo wünſchen ſie die Zerſtörung, die ihnen einen leicht erlangten Fetzen Fleiſch ſichert. Auger hatte den Plan erſonnen, ſeinen Herrn ganz einfach zu Grunde zu richten, um ihm im Un⸗ glücke ein gutes Stück von ſeinem Vermögen zu entreißen. Dieſes abſcheuliche Werk, das die unabläſſige Be⸗ ſchäftigung ſeines Innern geworden, verfolgte Auger zugleich offen und unſichtbar: offen, indem er Ré⸗ veillon vollends durch ſeine Erzählungen und ſeine vertraulichen Mittheilungen irre führte; unſichtbar, indem er den ganzen Haß, den ein reicher Han⸗ delsmann um ſich her erweckt, unterhielt und an⸗ ſchürte. In dem Augenblicke, wo die Ereigniſſe, die wir zu erzählen im Begriffe ſind, ſich vorbereiteten, fing Réveillon an, ohne ſich den Druck, den er empfand, erklären zu können, das Gewicht aller der giftigen Blicke zu fühlen, die auf ihm laſteten; er hörte, ohne nen, ttes die das del, hte. die en, icht rrn Un⸗ zu Be⸗ ger Ré⸗ ine ar, an⸗ an⸗ wir ing nd, gen hne 61 es zu begreifen, das Gemurmel dieſer Worte, dieſer Sätze, die um ihn her brummten. Doch alle dieſe Vorzeichen, dieſe mißtrauiſchen Mienen, dieſe gehäſſigen Blicke, dieſe Unheil ver⸗ kündenden Gerüchte überſetzten ſich für den Handels⸗ mann durch die Worte: der Credit des Hauſes. Réveillon rief alle ſeine Fonds zu ſich, wie ein General, der einen Angriff ahnt, ſeine Soldaten und ſeine Räthe zu ſich ruft. Die Fonds von Réveillon waren beträchtlich; es gab damals keine andere ſolide Anlagen, als den Ankauf von Gütern oder der Umſchlag von Kapitalien im Handel. Renten und Actien hatten keinen Werth mehr, ſeitdem der Staat wankte. Réveillon befahl ſeinem Kaſſier, den genauen Aus⸗ zug ſeines Activvermögens zu machen, und beauf⸗ tragte ihn, alle ſeine freien Fonds,— ohne ſie in⸗ deſſen in baares Geld zu realiſiren,— verfügbar zu halten. Réveillon nahm ſich vor, an einem ſchönen Mor⸗ gen Alles zu baarem Gelde zu machen und ohne: Aufgepaßt! zu rufen, aus ſeinem Geſchäfte als Tri⸗ umphator durch eine ehrenhaft, aber plötzlich geöffnete Thüre wegzugehen. Er ſtellte ſich die Freude ſeiner Kinder vor, wenn ſie dann außer dieſer ſchon verdorbenen Atmoſphäre leben könnten, wenn auf einem Landgute oder in einem Hotel der friedlichen Quartiere der Wähler Réveillon den Bürger und den Notabeln ſpielen könnte, ohne je anderen Geſichtern als denen ſeiner Freunde zu begegnen. 62 Eine ſehr einfache Rechnung! Wie,— um die vor⸗ hergehende Vergleichung fortzuſetzen,— der General in ſeinem Bereiche die Truppen hält, deren er im Augenblicke der Action bedarf, mittlerweile aber, um das Land zu decken, dieſelben Soldaten benützt, die er beim erſten Trommelſchlage unter den Fahnen haben wird,— ſo hatte ſich Réveillon durch die Sammlung und Vereinigung ſeines Papiers eine leichte Realiſirung in einem Monat geſichert: ſeine Effecten ruhten in guten Portefeuilles, oder in ſeinem eigenen,— Effecten in baares Geld umſetzbar, ſobald er wollte. Auger begriff dieſes Manveuvre; er begriff be⸗ ſonders, daß ſeine Beute ihm entſchlüpfte. Réveillon mit ſeinem Kaufmannsinſtincte vereitelte die Berechnungen des Böſewichts. Kraft des Axioms aber:„Wer nichts wagt, gewinnt nichts,“ wagte es Auger, einen Theil von dieſem Papier zu verwerthen und damit einige Louis d'or zu machen. Dieſe Louis d'or ſchloß er in ſeine Kaſſe ein, bereit, Réveillon zu antworten, die Zeiten ſeien nicht ſicher, ein ehrenwerther Wähler könne vom Volks⸗ haſſe bedroht werden, er könne genöthigt ſein, zu fliehen, und man fliehe nicht mit Handelseffecten in ſeinem Portefeuille, ſondern mit ſchönen, guten Louis d'or, die in Frankreich und im Auslande Curs haben. Und da dieſe Erklärung ihre Entſchuldigung gerade in der Ergebenheit von Auger für ſeinen Herrn hatte, da nichts in der Vergangenheit von Auger, nämlich in der Réveillon bekannten Vergangenheit, zum ge⸗ vor⸗ eral im um die nen die eine eine nem ald ein, lks⸗ zu in ten urs ade tte, lich ge⸗ 63 ringſten Mißtrauen berechtigte, ſo rettete dieſe Er⸗ klärung Alles. Réveillon hatte aber kein Mißtrauen: Réveillon unterſuchte ſeine Kaſſe nicht; die Louis d'or ruhten darin friedlich in ihren Rollen, vereinigt in der Tiefe eines guten Sackes, den Auger ſolid gewählt hatte, wie es die Pflicht eines guten Kaſſiers war. Nun, da der Leſer eine unſeren Abſichten ent⸗ ſprechende Meinung von Auger gefaßt haben wird, wollen wir dieſen gemeinen Korb, worin ſo viele häßliche Inſekten ſummen, verlaſſen und zu lachenderen Ge⸗ mälden zurückkehren. Ach! dieſe Gemälde werden raſch vorüberziehen! Die Epoche der ephemeren Vergnügen iſt gekommen. LV. Wie Retif de la Bretonne von einem Erſtaunen zum andern übergeht. Der Vater Rétif, ſo wenig hellſehend er war, hatte am Ende doch bemerkt, die Haushaltung ſeiner Tochter ſei nicht gerade eine gute Haushaltung. Hierüber befragt, hatte Auger nichts geantwortet; gedrängt, zu ſprechen, war er aus dem Hauſe ent⸗ flohen, wo er nur ſelten mehr erſchien, beſchäftigt, wie er war, mit ſeinen Clubbs und ſeinen Geheim⸗ niſſen. Die Mahle fanden, wie geſagt, bei Ingénue ſtatt; Anfangs waren ſie von einer Melancholie geweſen, welche bis zur Traurigkeit ging; dann waren ſie allmälig heiterer geworden; endlich hatten ſie durch 6⁴ und ihrem Vater ſchmeichelte, um ihren Geliebten vor ihm zu verbergen. Man erinnert ſich deſſen, was die zwei Kinder einander verſprochen hatten: ſich alle Tage ſchreiben, mit Hülfe eines Fadens ihre Briefe herunterlaſſen und hinaufziehen, ſich in jedem von dieſen Briefen ſagen, ſie lieben ſich und ſie werden ſich immer lieben; das war das feſtgeſetzte Programm, das war das befolgte Programm, und es genügte vierzehn Tage lang für ihr Glück. Was aber kommen ſollte, kam. Chriſtian wurde ſo flehend, während er ehrerbietiger als je blieb, daß Ingénue einſah, es wäre Grauſamkeit, einem Manne, der ſein Wort ſo getreulich hielt, eine Stunde der füßen Plauderei zu verweigern, die ſie ihm ſchon im Jardin du Roi bewilligt hatte. Nur war das Rendez⸗vous diesmal im Luxembourg. Chriſtian hatte gebeten, es möge dieſes Rendez⸗ vous zwiſchen zwei und drei Uhr ſtattfinden. Er wußte wohl, was er, dieſe Stunde wählend, that: die Nacht würde bald kommen, und ein Liebhaber, ſo ehrfurchtsvoll er auch ſein mag, gewinnt immer etwas bei der Dunkelheit. Es vergingen aufs Neue acht Tage im Brief⸗ wechſel; nach Verlauf dieſer acht Tage erhielt Chriſtian abermals ein Rendez⸗vous, und diesmal war es beim Cours⸗la⸗Reine. Doch bei keinem dieſer Rendez⸗vous willigte In⸗ génue ein, Chriſtian in das eine oder das andere das fröhliche, kindiſche Gelächter ſeiner Tochter Rétif an ſeine guten Tage des vorhergehenden Jahres er⸗ innert, als ſeine Tochter noch ein Mädchen war Br ein in ſeir Rétif s er⸗ war ebten inder iben aſſen iefen eben; das Tage urde „daß anne, nim ourg. ndez⸗ Er die nmer rief⸗ ſtian beim Ir dere 65 von den kleinen Häuſern zu folgen, die der Herr Graf von Artvis zu ſeiner Verfügung geſtellt hatte. Endlich wurden dieſe Rendez⸗vous, während ſie ihre Unſchuld behielten, ſo häufig, daß Rétif die Ab⸗ weſenheiten ſeiner Tochter zu bemerken anfing. Er befragte Ingénue, Ingénue wich jedoch ſeinen Fra⸗ gen aus. Er kam auf die Vermuthung, man habe ein Ge⸗ heimniß vor ihm. Als Vater, wandte er die Liſt an, die den Ehe⸗ männern faſt immer glückt; er gab ſich eines Tags, um die Mittagsſtunde, den Anſchein, als ginge er aus, und ſagte dabei ſeiner Tochter, er habe bei ſeinem Buch⸗ händler zu thun und werde erſt am Abend zurück⸗ kommen; dann legte er ſich in einem Fiacre, am Eingange des Faubourg Saint⸗Antoine, in den Hin⸗ terhalt. Einen Augenblick nachher ſah er Ingénue von Hauſe weggehen. Ingénue ſtieg ſelbſt in einen Fiacre; Reétif folgte ihr und ſah ſie hinter dem Invalidenhauſe ausſteigen. Hier erwartete ſie ein junger Mann. In dieſem jungen Manne erkannte Rétif de la Bretonne Chriſtian. Rétif kehrte nach Hauſe zurück; er verſprach ſich eine ſchöne Moralſitung und liebkoſte zum Voraus in ſeinem Geiſte alle Perioden der Rede, die er an ſeine Tochter zu halten gedachte. Als die junge Frau zurückkam, fand ſie in der That ihren Vater in ſeinen Schlafrock drapirt, und Dumas, Ingénue. III. 5 66 bemüht, ihr gegenüber das anzunehmen, was man auf dem Theater eine Effectſtellung nennt. Da begann er die vorbereitete Rede. Eine halbe Stunde lang zählte Rétif die Hand⸗ lungen des Unrechts ſeiner Tochter auf, rühmte er Au⸗ ger, beklagte er ihn, verzieh er ihm, begriff und ent⸗ ſchuldigte er ſeine Abweſenheiten, da ihm ohne Zwei⸗ fel die unziemliche Aufführung ſeiner Frau bekannt ſei, und er ſich bei ſeinem ſanften Charakter genöthigt geſehen habe, die Tyrannei eines Edelmanns zu er⸗ tragen. Ingénue hörte mit ihrer gewöhnlichen Ruhe, als aber ihre Geduld ihr Ende erreicht hatte, nahm ſie auch das Wort, und ohne Haß, faſt ohne Belebung, wie ein höheres Weſen, das ſolche Schändlichkeiten nicht hatten berühren können, erzählte ſie Alles, ſtellte Auger an ſeinen wahren Platz und ſchmierte ihn mit ſeinen wahren Farben an. Wir ſagen anſchmieren, weil wir erkennen, daß das Wort malen zu ſchwach für das Bild iſt, das wir zu produciren haben. Wer war erſtaunt, wer war entrüſtet, wer äußerte ſich hierüber, wer verſprach, Klage zu führen, wer ſchwor, ſich eine Feder zu ſchneiden und Auger damit zu ermorden? Rötif. ——— Ingénue hielt ihn zurück. Es kannte eine beſſere Philoſophie, das ſanfte, reizende Geſchöpf. Doch ſo ſehr die Erzählung von Ingénue Rélif gegen Auger erbittert hatte, eben ſo ſehr hatte ſie ihn für Chriſtian eingenommen; ein Mann der Ein⸗ bildungskraft hatte Rétif auf der Stelle aus dem Pagen einen Romanhelden gemacht. ten gro Du län Dei wür das nach Vat an! ſtehſ Ing man an⸗ Au⸗ ent⸗ Zwei⸗ kannt thigt u er⸗ „als m ſie un, keiten llles, nierte daß das ßerte wer damit eſſere Röétif te ſie Ein⸗ dem 67 „Was ihn betrifft,“ rief Rétif, nachdem er gegen Auger losgezogen,„was Chriſtian betrifft, das iſt etwas Anderes, er iſt ein reizender junger Mann; er muß mit uns leben... Durch fortwährenden Verrath an den Geſetzen der Geſellſchaft ſtoßen uns die Böſen zurück und werfen uns allmälig den Ge⸗ ſetzen der Natur zu. Chriſtian muß Dein wahrer Mann ſein! Du mußt Dich, da ſich das Geſetz ſchänd⸗ lich zeigt und Dich zu einem ewigen Witwenſtande, zu einer grauſamen Qual verurtheilt, Du mußt Dich in den Schooß Deines Vaters flüchten und vom alten Beſchützer Deiner Jugend einen neuen Beiſtand, etwas Seltſames, Unerhörtes, um Dich zu retten, fordern.“ Ingénue ſchaute ihren Vater mit ganz erſtaun⸗ ten Augen an. „Höre,“ ſprach Rétif,„für die großen Uebel die großen Mittel, meine Tochter! Ich will nicht, daß Du die ſchändlichen Liebkoſungen dieſes Menſchen länger erduldeſt. Es iſt genug, daß die zarte Blüthe Deiner erſten Liebe ihm geopfert worden iſt; Du würdeſt Dich proſtituiren durch eine Gefälligkeit, die das Geſetz gebietet und die Moral, meiner Anſicht nach, verwirft. Dem zu Folge befehle ich, Dein Vater, Dir, Deinen Mann wegzujagen, will er fort⸗ an bei Dir ſeinen Gattentitel geltend machen. Ver⸗ ſtehſt Du, meine Tochter? Du mußt ihn wegjagen!“ „Das iſt ja geſchehen, mein Vater,“ antwortete Ingénue ruhig. „Ah! das iſt geſchehen?“ Ja. Je „Du haſt ihm verweigert...7“ 6⁸ „Sicherlich.“ „Gute Erlöſung! Nur,“ fügte Rétif, ſeine väter⸗ lichen Augen zum Plafond aufſchlagend, bei,„nur vergieße ich blutige Thränen, denke ich an dieſe Jungfrau dem Elenden preisgegeben und, einer andern Andromeda ähnlich, an den Felſen der Tu⸗ gend und der Ehrlichkeit gefeſſelt.“ „Ich glaube, Sie täuſchen ſich abermals, mein Vater,“ entgegnete Ingénue, die Augen niederſchla⸗ gend, denn ſeit ihrer Verſöhnung mit Chriſtian hatte das arme Kind gelernt, es gebe Geheimniſſe, über die eine Frau erröthen könne, ohne ſchlimme Ge⸗ danken zu veranlaſſen. „Wie, ich täuſche mich?“ rief Rétif.„Habe ich das Gedächtniß verloren? bin ich kindiſch geworden? Habe ich,— ich unglücklicher Blinder, der ich bin! — nicht darauf beſtanden, daß Du dieſem Elenden Deine Hand geben ſollſt? Haſt Du ſie ihm nicht vor dem Altar gegeben, und iſt vieſer Erzſchurke nicht Dein Gatte?“ „Ja, allerdings.“ „Haben wir nicht das Hochzeitmahl gehalten?“ Seider „Ein Mahl, nach welchem ich, der Familienvater, die Mutter vertretend, die nicht mehr iſt, meine Toch⸗ ter nach dem alten Brauche in das Sochzeitgemach geführt habe..“ „Mein Vater... „Aus welchem ich wegging. „Mein Vater... „Und wo der Gatte eintrat?“ en?“ water, Toch⸗ emach 69 „Erinnern Sie ſich denn nicht mehr deſſen, was ich Ihnen geſagt habe, mein Vater?“ „Was haſt Du mir geſagt? Laß hören! denn, wahrhaftig, ich verwirre mich ganz.“ „Ich habe Ihnen geſagt, ſtatt des Gatten ſei der Herr Graf von Artvis in mein Zimmer einge⸗ führt worden.“ „Ah! mein Gott, ja!... Alſo der Prinz! Und, in der That, meine ſchöne, meine keuſche Ingénue war wohl würdig eines Prinzen, würdig eines Kö⸗ nigs, würdig eines Kaiſers!“ „Mein Vater, Sie täuſchen ſich abermals.“ „Wie, ich täuſche mich abermals?“ „Mein Vater, ich habe Ihnen geſagt, und ich wiederhole Ihnen: beim Scheine der Rachtlampe, welche angezündet zu laſſen ich beſorgt geweſen, er⸗ kannte ich den Prinzen...“ „Nun?“ „Als ich ihn erkannte, bat ich ihn, meine Schwäche und meine Ehre zu ſchonen, und, edelmüthig wie ein loyaler Ritter, zog ſich der Prinz als Bieder⸗ mann zurück.“ „Ah! ah! er zog ſich zurück?“ „Ja, mein Vater, und ich muß ſagen, der Herr Graf von Artvis war ſehr gut gegen mich.“ „Vollende doch, mein armes Kind.“ „Aber, mein Vater, ich kann Ihnen nur wieder⸗ holen, was ich Ihnen ſchon geſagt habe.“ „Wiederhole alſo!“ „Nun wohl, ich habe Ihnen erzählt, nach dem Abgange des Herrn Grafen von Artvis, der mich rein und reſpectirt ließ, ſei es Herr Chriſtian, der⸗ „ 70 jenige, den Sie ſo eben bewunderten, geweſen, wel⸗ cher in mein Zimmer eingetreten.“ Diesmal ſchlug Ingénue ihre Augen wieder er⸗ röthend nieder. „Ah!“ rief Rétif,„das iſt es! ich begreife ſehr gut: was weder der Gatte, der ſeine heiligen Rechte verkauft, noch der Prinz, der redlich geweſen, erlan⸗ gen konnten, es iſt der Liebhaber, es iſt dieſer Lieb⸗ haber geführt durch die ewige Liebe, durch den klei⸗ nen Gott, der hier hell ſieht, trotz der Binde, die er auf den Augen trägt; es iſt dieſer dem Tode ent⸗ wiſchte Schelm von einem Pagen; es iſt Herr Chri⸗ ſtian, der es davon getragen, Dank ſei es ſeinen Bitten, Dank ſei es ſeiner Bläſſe und dem günſtigen Augenblicke ſeines Beſuches. Nun wohl, wenn ich es Dir ſagen ſoll, das iſt mir nicht ärgerlich: im Gegentheile... Ah! ah! es iſt alſo Herr Chriſtian! O Natur! o Natur!“ Ingénue antwortete durch eine reizende kleine Grimaſſe und durch eine Serie von Geberden, welche dazu dienten, mit Gewalt die zwei Arme, die Rétif beharrlich zum Himmel aufgehoben hielt, niederſinken zu machen. „Es iſt eben ſo wenig Herr Chriſtian, als es die Anderen ſind,“ ſagte ſie, ſobald es ihr geſtattet war, ein Wort anzubringen;„Herr Chriſtian, der⸗ jenige, welchen ich liebte, derjenige, welcher mich liebte „Nun?“ fragte Rétif. „Er iſt derjenige von Allen, welcher mich am meiſten reſpectirt hat.“ „Bah!“ rief Reétif mit einem Erſtaunen, das nic me alſ lie ſei 7¹ bei dem Greiſe einen ſehr entſchiedenen Skepticismus hinſichtlich der Unſchuld der Liebe offenbarte.„Dann iſt ſeitdem... ja, ich begreife, es iſt ſeitdem das Opfer vollbracht worden?“ „Sie täuſchen ſich immer, mein Vater! weder damals, noch ſeitdem.“ „Alſo,“ rief Rétif mit einer Bewunderung, welche nicht ganz von Zweifel frei war,„alſo Du biſt im⸗ mer noch meine Tochter? Du biſt immer Ingénue? alſo Ihr habt Beide in Eurer muthigen Keuſchheit ausgeharrt? Beide jung, Beide blühend, Beide ver⸗ liebt!“ Sodann, mit einer Rückkehr zum Zweifel, und ſeiner Tochter ſcharf in die Augen ſchauend: „Iſt es wirklich wahr, Alles, was Du mir da erzählſt?“ „Mein Vater,“ antwortete Ingénue,„ich erkläre Ihnen beim Andenken meiner Mutter, daß ich nicht aufgehört habe, Ihre Tochter und die ehrlichſte Frau zu ſein, die Sie kennen.“ Rétif las die Wahrheit in dieſen Augen von einem tiefen, wie das Waſſer der helvetiſchen Seen durchſichtigen Azur. „Ah! ah!“ ſagte der Greis, der ſichtbar zu ſei⸗ ner erſten Idee zurückkehrte,„nun wohl, man muß Deine Hochzeit machen.“ „Wie, meine Hochzeit?“ „Ja, der indiscrete Cupido ſoll nicht insgeheim dieſen ſo lange bewahrten Schatz von Unſchuld und Tugend ſtehlen. Ich werde der Oberprieſter ſein, der Deine neue Verbindung einſegnet; ich werde Deinen Mann dieſen jungen Chriſtian nennen, der 72 übrigens ein wackerer Junge, ein allerliebſter Edel⸗ mann iſt.“ Ingénue machte eine Bewegung des Erſtaunens. „Höre, höre meine Ideen, liebe Ingénue,“ ſprach Rétif,„und Du wirſt ſehen, was Alles an Jugend und Großmuth noch im Herzen Deines alten Vaters vorhanden iſt.“ „Ich höre,“ erwiederte Ingénue, halb freudig, halb beſorgt. „Nun wohl,“ ſagte der Greis,„wir werden Dir eine zugleich beſcheidene und freundliche Wohnung wählen. Man wird dort eine kleine Wirthſchaft voll Eleganz einrichten; ich führe Dich dahin und ſpreche die ſacramentlichen Worte, die Dich mit dieſem neuen Gatten verbinden werden; wonach Du wohl verhei⸗ rathet durch meinen Willen, durch meine Wahl nur noch Deine Maßregeln in den Augen des Geſetzes, das barbariſch und blind iſt, zu nehmen brauchſt; Du wirſt aber wenigſtens nicht mehr vor Deinem Vater zu erröthen haben! und ich werde, ſtatt der Leere und der Verlaſſenheit, die mich bedrohen, zwei Kin⸗ der haben, die mich ſegnen werden für das ſüße Leben, das ihnen mein feſtes Dazwiſchentreten ge⸗ ſchaffen hat. Ah! meine Ingénue, das iſt eine abge⸗ machte Sache. Du ſtellſt mir den jungen Edelmann vor; ich frage ihn, ob ſeine Abſichten rein ſeien, und will er Dich zur legitimen Gattin nehmen, in Er⸗ wartung der Gelegenheit, ſich mit Dir durch unauf⸗ lösliche Bande zu vereinigen, ſo wird, da ich nicht zweifle, daß er annimmt, die Ehe bald geſchloſſen ſein.. Nun, ſprich, biſt Du glücklich? habe ich meine Vaterrolle gut geſpielt? und habe ich da nicht 73 einen herrlichen, ſiegreichen Gedanken, einen Gedan⸗ ken Rouſſeau's würdig, einen Gedanken, der die wahre und geſunde Philoſophie wird lächeln machen, den Gedanken, meine Tochter nach ihrem Herzen und nach dem Willen Gottes, der Menſchen ungeachtet und dem Geſetze zum Trotze zu verheirathen?“ Ingénue ließ träumeriſch,— denn die Worte erſtickten ſie und die Ideen auch,— ihre beiden Hände, die der gute Mann genommen hatte und in den ſeinigen ſtreichelte, wieder fallen. Ein Schleier breitete ſich über ihren ſanften Zügen aus, und et⸗ was Entſchloſſenes, Starres, wie der Stahl, brach gleichſam aus ihren blauen Augen hervor. „Mein Vater,“ ſprach ſie,„ich danke Ihnen auf⸗ richtig und aus tiefſtem Herzen; Herr Chriſtian und ich, wir haben uns aber in dieſer Hinſicht ver⸗ ſtändigt.“ „Wie, Du ſchlägſt es aus?“ rief Rétif. „Ich laſſe Ihrer unerſchöpflichen Güte alle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren, mein Vater. Doch ſo gut Sie ſind, ich nehme Ihren Vorſchlag nicht an. Ich weiß, was er Alles Muthiges und Verführeriſches hat; das Unglück von ſo vielen Frauen wahrnehmend, habe ich mir aber geſchworen, nie ſolchen Mißge⸗ ſchicken durch eine Unklugheit zu trotzen. Nein, ich will nicht die Maitreſſe eines Mannes ſein, und be⸗ ſonders nicht des Mannes, den ich lieben würde. Ich liebe, und ich fühle, daß es für immer iſt: meine Seele iſt nicht gemacht, um das Gefühl zu wechſeln; dieſe Liebe bildet gegenwärtig mein Leben! Am Tage, wo ich die Kette bräche, die ich an die Seele von Herrn Chriſtian löthen laſſe, würde ich ſterben! 74 Vielleicht wird er mich eines Tages nicht mehr lie⸗ ben, das iſt möglich; doch ich gefalle mir in dem Gedanken, daß ich an dieſem Tage vor Schmerz ſtürbe... Das iſt mir lieber, als vor Scham zu ſterben.“ Rétif riß die Augen wie beſtürzt auf; er hatte nie, ſelbſt nicht in ſeinen Büchern, die Frauen mit dieſer Entſchiedenheit und mit dieſer Sicherheit der Theorie ſprechen hören. „Ja,“ fuhr Ingénue fort,„und Sie werden mei⸗ ner Anſicht ſein, mein Vater, deſſen bin ich ſicher. Die Lage einer Maitreſſe iſt falſch im Leben. Ich bekäme Kinder, wie mir Herr Chriſtian geſagt hat. Nun, was würde ich mit dieſen Kindern machen? Sie wären verachtet; ich ſelbſt, ich würde zittern, wenn ich ſie küßte! Nein, mein Vater, nein, ich habe einen Stolz, der meine Liebe noch überſteigt. Nie wird mich Jemand auf dieſer Welt verachten, und damit ich zu dieſem Reſultate gelange, darf ich nicht zuerſt aufhören, mich zu achten.“ Rétif hörte Alles dies mit gekreuzten Armen an; als Ingénue ſchwieg, horchte er noch. „Ah!“ ſagte er ganz niedergeſchlagen,„die Ver⸗ nunft, wenn ſie zu ſtark iſt, wird Unvernunft! Stellſt Du Dir zufällig vor, Herr Chriſtian werde ſich lange in dieſe Paradoxen ſchicken?“ „Er hat es mir verſprochen, mein Vater; er hat mehr gethan: er hat es mir geſchworen!“ „Ei!“ entgegnete Rétif,„was man in der Liebe verſpricht, was man ſchwört, iſt in dem Augenblicke, wo man es verſpricht, wo man es ſchwört, etwas, was ſich ſchwer halten läßt; iſt es ſchwer, ſo iſt es ih S me der lie⸗ dem nerz zu atte mit der mei⸗ her. hat. en ern, abe Nie und nicht an; Ver⸗ tellſt ange hat iebe licke, vas, t es 75 alſo ſchmerzlich, und wenn es ſchmerzlich iſt, ſo kann es nicht dauerhaft ſein.“ Ingénue ſchüttelte den Kopf. „Er hat es mir verſprochen, er hat es mir ge⸗ ſchworen,“ wiederholte ſie;„er wird ſein Verſprechen erfüllen, er wird ſeinen Schwur halten.“ „Ach! mein armes Kind,“ erwiederte Rétif,„Du rechneſt ohne die Erfahrung. Es wird ein Tag kom⸗ men, wo Dein Liebhaber anſpruchsvoller ſein wird, und wo Du ſchwächer ſein wirſt.“ „Nein, mein Vater.“ „Dann liebſt Du ihn nicht!“ „Oh!“ rief Ingénue,„ich liebe ihn nicht!“ Erſtaunt über den Ausdruck, den Ingénue in ihre Worte gelegt hatte, ſchaute Rétif dieſe ſchöne Statue der jungfräulichen Reinheit tief an. „Bemerke wohl, mein Kind, daß er, angenom⸗ men, er ſei treu, wie Du das annimmſt, vielleicht den Tod Deines Mannes wird abwarten müſſen. Auger iſt dreißig Jahre alt: er kann noch fünßzig Jahre leben; Ihr werdet jedes ſiebzig alt ſein, und Chriſtian ſogar vierundſiebzig: das iſt das Alter der Weisheit.“ „Mein Vater, es wird ſich eine Gelegenheit bie⸗ ten, meine Ehe zu löſen.“ „Ah! Du glaubſt?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Und dann?“ „Dann wird Chriſtian mich heirathen.“ „Er hat es Dir auch verſprochen?“ „Ja, mein Vater.“ „Erhaben! erhaben Beide!“ rief der Greis in 76 Gegenwart dieſer ſeltſamen Macht.„Wie ſtark iſt die heutige Jugend! Ah! wir werden alt. Es ſei! meine Tochter! mache es, wie Du willſt!“ Und er küßte ſie zärtlich. „Gleichviel,“ fügte er mit bewegter Stimme bei, „beſchleunige immerhin die Gelegenheit; glaube mir, das iſt ſicherer als Alles.“ „Ich beſchleunige ſie,“ erwiederte Ingénue. „Wie dies? Iſt das ein Geheimniß?“ „Nein, mein Vater. Ich bete!“ Der Philoſoph Röétif ſchüttelte den Kopf.. „Oh!“ ſagte Ingénue,„Gott hat mir noch nie etwas verweigert.“ „Du haſt Glück. Welchem Umſtande ſchreibſt Du das zu?“ „Dem, daß mein einziger und alleiniger Ge⸗ liebter der Schutzengel iſt, den er mir geſandt hat, um ihm meine Gebete zu übermitteln.“ LVI. Wo der Sturm wächſt. Wir haben in einem der vorhergehenden Kapitel geſehen, auf welche Art Auger die Angelegenheiten von Réveillon geführt, und wie er ſeine Maßregeln getroffen, um eintretenden Falles eine gewiſſe Quan⸗ tität Gold verfügbar zu finden. Kehren wir zu die⸗ ſen Angelegenheiten zurück. Wir haben auch geſagt, der Tapetenfabricant ſei zum Wähler ernannt worden. Fügen wir bei, dieſe Würde habe ihm viele Feinde gemacht. iſt Es bei, mir, pitel iten geln uan⸗ die⸗ t ſei dieſe 77 Seit einigen Wochen veränderte ſich Paris augen⸗ ſcheinlich: man trat aus dem gräßlichen Winter von 1788 hervor, in deſſen Mitte der Ofen der Wahlen ſich entzündet hatte; ausgehungert, erfroren, daß man hätte glauben ſollen, es ringe mit dem Tode, fing Paris doch plötzlich an Flammen auszuwerfen, zu toſen und auszubrechen wie ein Vulcan. Müde der Tage der Aufregung, die man durchgemacht, ruhten die Leute von Ordnung und Verſtand; doch gerade weil ſie ruhten, begannen diejenigen, welche ein In⸗ tereſſe bei der Unordnung hatten, ihre unterirdiſchen Wühlereien. Es braucht Jahrhunderte, um ein Volk zum Zu⸗ ſtande des Aufwallens zu bringen; iſt es aber ein⸗ mal zu dieſem Zuſtande gelangt, ſo ſteigt es unab⸗ läſſig, bis es ſelbſt den revolutionären Herd, der es ſieden macht, mit ſeinen überſtrömten Wellen aus⸗ gelöſcht hat. Die Wahl von Réveillon, das heißt von einem Ge⸗ mäßigten unter den Gemäßigten, hatte die entgegen⸗ geſetzte Partei ungemein erbittert; man hörte nichts als Geſchrei gegen den unglücklichen Handelsmann, dieſen Verräther, der ſo unklug geweſen, zu er⸗ klären, der Tag eines Arbeiters ſei mit fünfzehn Sous reichlich bezahlt. Von jener Zeit an war, wie man ſieht, die Frage, die ſich 1848 erneuerte, hiebei; die Bürger, die Han⸗ delsleute, kurz diejenigen, welche den Proletarier be⸗ ſchäſtigen, behaupteten, dieſer widerſpänſtige Prole⸗ tarier, voll ſchlimmer Abſichten, wolle nicht mit fünf⸗ zehn Sous leben, während der Proletarier ganz einfach 78 antwortete:„Richt, daß ich nicht will, ſondern ich kann nicht.“ Allmälig zählten ſich die Proletarier: ſie ſahen, daß ſie ſehr zahlreich waren, und als ſie ſich ihrer Zahl wohl verſichert hatten, gingen ſie von der Ver⸗ leugnung zur Drohung über. Und da am Ende Réveillon die erſte Urſache von Allem dem war, ſo war er es auch, den wach⸗ ſend dieſer Lärm beſonders bedrohte. In dem Augen⸗ blicke, von dem wir ſprechen, erheiſchte es die Sicher⸗ heit, faſt die Nothwendigkeit, daß man ſeine Mei⸗ nungen veröffentlichte oder ſie auf irgend eine Art kund machte. Wir ſind weit davon enifernt, zu verſichern, dieſe Manifeſtationswuth habe je in Frankreich gute Re⸗ ſultate herbeigeführt; da man aber übereingekommen, da es ſogar erwieſen, daß der franzöſiſche Charakter der offenſte und demonſtrativſte der Charaktere iſt, ſo muß man ſich wohl zu den Demonſtrationen ent⸗ ſchließen, wenn ſie ſtattfinden. Die Leute vom Faubourg... Hier eröffnen wir eine Parentheſe, denn es geziemt ſich für uns Ro⸗ manendichter, im Namen der Geſchichte zu proteſtiren: die Geſchichte hat geſagt:„Die Leute vom Faubourg;“ wir wiederholen nach ihr:„Die Leute vom Faubourg;“ doch wir fügen bei: es waren nicht die Leute vom Faubourg allein. Viele Leute, werden wir ſagen, um wahrer zu ſein, hatten ſich von allen Winkeln von Paris verſammelt, um es einſtimmig ſchlecht zu finden, daß Réveillon zu einem ſo mäßigen Preiſe den Tag der Arbeiter tarirt hatte, und was in ihren Augen Réveillon noch viel ſtrafbarer machte, war, 79 daß er, nachdem er ſelbſt als Arbeiter angefangen, vom Fleiße der Arbeiter gelebt und ſich bereichert hatte. Es gab aber zu jener Zeit eine Strafe, die man um ſo leichter anwandte, als man bis dahin den Schuldigen nicht viel zu Leide gethan hatte: man verbrannte im Bildniſſe. Die Brenner, welche eine beſondere Klaſſe der Geſellſchaft zu bilden ſchienen, hatten ſchon einzeln oder mit einander Herrn von Calonne, Herrn von Brienne, Herrn von Meaupeou, Herrn von Lamoig⸗ non und ſogar unſern Freund Dubvis, den Ritter von der Wache, verbrannt. Sie beſchäftigten ſich alſo damit, da ihnen die Gelegenheit geboten war, ein wenig, und zwar auf eine ergötzliche Art, Réveillon den Ariſtokraten, Réveillon das ſchlechte Herz, Réveillon den ſchlechten Bürger zu verbrennen. Wie wäre er erſtaunt geweſen, der naive Handelsmann, hätte er gehört, wie man ihm alle dieſe Titel gab und leiſe an ihn verſchwendete! Es war übrigens nicht ſchwierig, Herrn Réveillon auf die möglichſt ergötzliche Art zu verbrennen, und man hatte jede Leichtigkeit hiefür. Réveillon war kein Miniſter; er hatte keine Wachen, keine Schweizer, keine Gitter mit Regimen⸗ tern dahinter aufgeſtellt. Er wohnte in einem Hauſe, in ſeiner Fabrik hin⸗ ter einem Fenſterwerk, im Hintergrunde eines beſtän⸗ und kaum von einem Hunde beſchützten ofes. Man mußte ein wenig ſehen, was dieſer Wehr⸗ 80 wolf Réveillon machte, während man ihn im Bild⸗ niſſe verbrennen würde. Der Ritter von der Wache, der ſich ſo eifrig in die Sache der Herren von Lamoignon und von Brienne gemiſcht hatte, würde ſich ſicherlich nicht in die von Herrn Réveillon miſchen. Wer war Herr Réveillon? wußte man nur bei Hofe, was bei Herrn Röveillon vorging? Am 27. April fingen alſo die Barrièren von Paris, gegen neun Uhr Morgens, an den ſchäumen⸗ den Koth paſſiren zu laſſen, den jede Goſſe der Hauptſtadt wie eine Schleuſe ausſpeit und als eine Lebensmaterie aufs Neue ſchafft, wenn der Tag der revolutionären Executionen gekommen iſt. Mit dieſer Menge verbanden ſich alle Ausgehun⸗ gerten vom Winter, ihre bleichen Wangen und unter ihren Lippen, welche faſt ſo bleich als ihre Wangen, eine doppelte Reihe von bedrohlichen Zähnen zeigend. Anfangs ſchien dieſe ganze Maſſe keinen ſehr beſtimmten Plan zu haben, und da ſich Niemand ihrem Marſche widerſetzte, ſo war ihr Marſch lang⸗ ſam und zögernd. Dieſe Unglücklichen blieben in Gruppen ſtehen, und mitten unter dieſen Gruppen, wie es faſt immer geſchieht, nahm ein Redner das Wort, um die Frage zu löſen, ob ſie frei ſeien oder nicht, und ob ſie nicht, ſobald ſie Wähler haben, in einer Republik ſeien. Ueber dieſen letzten Punkt blieb man im Zwei⸗ fel, doch der erſte, der der Freiheit, wurde bejahend entſchieden. Und aus dieſer Freiheit ſchloſſen ſie natürlich auf das Recht, Réveillon im Bildniſſe zu verbrennen, Bild⸗ rig in vn cht in ur bei von umen⸗ e der eine g der ehun⸗ unter ngen, gend. ſehr mand lang⸗ en in ppen, rdas oder n, in Zwei⸗ ahend ürlich nnen, 81 weil er die Vermeſſenheit gehabt, ſich des Verbre⸗ chens der Volksbeleidigung ſchuldig zu machen. Man verfertigte einen ungeheuren Strohmann, noch vier bis fünf Fuß größer als die der Herren Lamoignon und Brienne; was, wie man ſieht, eine ungemeine Ehre für einen einfachen Tapetenhändler war. Man decorirte dieſen Strohmann mit dem großen ſchwarzen Bande, das der Hof der Sage nach Herrn Réveillon ſchicken ſollte; auf die Bruſt des Stroh⸗ manns ſchrieb man ſodann das Urtheil mit dem Verbrechen; wonach man aus dem Faubourg Saint⸗ Antoine gegen die Baſtille, in deren Nähe das Haus des Fabricanten lag, den zugleich grotesken und droh⸗ enden Zug marſchiren ſah. Vor dem Hauſe von Réveillon angelangt, machte die Menge Halt; man hob ein paar Fflaſterſteine aus und pflanzte in die Erde die Stange, welche den Gliedermann trug; man reclamirte von der Ge⸗ fälligkeit der Leute vom Quartier Stroh und Reis⸗ bündel, brennbare Stoffe, welche dieſe halb aus Furcht, halb durch den NReid bewogen, den die reichen Nachbarn immer ihren armen Nachbarn einflößen zu liefern ſich beeiferten; dann hielt man an das angehäufte Material eine Fackel, die Fackel ergriff einen Bund Stroh, und die Menge fing an zu brüllen wie ein Löwe, der ſich, ehe er ſein Frühſtück mit einem Ochſen oder einem Pferde macht, an Haſen oder an Gazellen verſucht. Doch bekanntlich führt immer eine Idee eine an⸗ dere herbei: nach der Idee, Réveillon im Bildniſſe zu verbrennen, kam der Menge die noch viel ſinn⸗ reichere und noch viel mehr moraliſche, aus dem Dumas, Ingénue. MI. 6 82 Geſichtspunkte des Verbrechens, das er begangen, ihn in Wirklichkeit zu verbrennen. Dieſe Strafe der Wiedervergeltung, bei der faſt immer der Geiſt der Völker ſtehen bleibt, wenn nicht weil ſie die gerechteſte, ſondern weil ſie die logiſchſte iſt, bot ſich übrigens auf eine natürliche Art dem Geiſte der Menge.„Ein Menſch kann mit fünfzehn Sous täglich leben,“ hatte Herr Réveillon geſagt. „Nun wohl, Herr Réveillon muß ein wenig erfahren, was fünfzehn Sous täglich ſind,“ ſagte die Menge. Da erſchienen nun wirklich die ſeltſamen Geſtal⸗ ten, die ſich nur an ſolchen Tagen zeigen; da er⸗ plickten die in den erſten Stockwerken der Häuſer des Faubourg befindlichen Perſonen von fern jene häßlichen Bettler, verſehen mit dicken Stöcken, die ihnen als Stütze dienten, bis ſie ihnen als Keulen dienen könnten. Ueberdies hatte man, wie man ſich ganz leiſe ſagte, gewiſſe Perſonen heimlich Geld unter die Gruppen austheilen ſehen; man hatte dies am vor⸗ hergehenden Abend geſehen, man hatte es am Mor⸗ gen geſehen, und wenn man aufmerkſam ſchaute, ſah man es im Augenblicke noch. Es waren endlich mehrere anonyme Briefe an die Adreſſe von Réveillon abgeſchickt worden; doch ſeltſamer Weiſe war ihm keiner derſelben zugekommen. Im Momente des Angriffs befand ſich der Fabricant mit ſeinen Töchtern in ſeinem Garten; der Frühling verſuchte ein erſtes Lächeln, wie es die Natur ſo heiter ſtimmt; der Schnee, der die Erde während des ſtrengen Winters von 1788 überſchüt⸗ tet und befruchtet hatte, ſchmolz allmälig unter dem gen, faſt nicht chſte dem ßehn ſagt. hren, enge. eſtal⸗ er⸗ äuſer jene „die eulen leiſe die vor⸗ Mor⸗ , ſah e an doch nmen. rten; ie es Erde ſchüt⸗ r dem 83 erſten Hauche des Zephyrs, wie Horaz geſagt hat, und wie es ſeitdem ſo viele Leute wiederholt haben, daß es von etwas Reizendem, Pittoresken etwas Gemeines, Triviales geworden iſt. Noch von ihrer Frühlingswolle umhüllt, fingen die Knoſpen an mit Energie aus den röthlichen Zweigen hervorzuſpringen, unter denen man ſchon den Saft kreiſen fühlte. Gedrängt, ihre Farben zur Schau zu ſtellen und ihre Wohlgerüche zu verbreiten, blähten die Violen ihre Köpfe auf und ſchaukelten ihre goldenen Büſche über den Schlüſſelblumen und den Veilchen. Die Mauern, die man zwiſchen den kahlen Aeſten der Bäume durch erblickte, erſchienen noch weißer und gewaſchener, abgetrocknet durch die Sonne, die ihre Dünſte anzog. Es lag mit einem Worte in Allem dem, was in den Augen der Menſchen dieſe glückliche Cpoche des Jahres repräſentirte, in den Blumen, in den Pflanzen und ſogar in den Steinen etwas, was der Natur ein langes Leben und eine lange Wohlfahrt verſprach. In dieſem Augenblicke, und obgleich beſchäftigt mit ſeinen Arbeiten und ſeinen ländlichen Ideen, glaubte Réveillon ein entferntes Gemurmel zu hören. Er horchte; ſeine Töchter horchten mit ihm. Man fing übrigens an ſich an Gährungen zu gewöhnen; ſeit den Wahlen zogen in allen den gro⸗ ßen Pulsadern von Paris, die man die Quais, die Boulevards, die Rue Saint⸗Jacques und den Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine nennt,— und zwar bald mit Geſängen, bald mit Drohungen,— die mit ihren 84 Wahlen zufriedenen oder unzufriedenen Patrioten hin und her. Einen Augenblick konnte Réveillon ſich vorſtellen, es ſei einer von den Sturmwinden, wie er ſie in den vorhergehenden Tagen hatte vorüberziehen ſehen; er habe ſeinen geräuſchvollen Weg durch den Fau⸗ bourg genommen; doch nach Art der Wolken werde er paſſiren, ohne etwas Anderes zu verwüſten, als die Fenſterſcheiben und die Laternen. Röéveillon täuſchte ſich: der Sturmwind hörte nicht auf; er wuchs an Getöſe und dumpfen Drohun⸗ gen und concentrirte ſich vor dem Hauſe des un⸗ glücklichen Wählers ſelbſt; da er es nicht ſah, ſo beurtheilte er es wenigſtens ſo nach den Echos, welche das Geſchrei um ihn her erweckte. Er verließ den Garten, eilte nach der Seite der Höfe und ſah, daß die Thore ſchon geſchloſſen waren; man war dem Befehle, den er geben wollte, zuvor⸗ gekommen. Es erſchollen indeſſen einige unheimliche, lang⸗ ſame Schläge an dem maſſiven Thore; ſie waren nun das einzige Geräuſch, das ſich hörbar machte. In der That, dieſe ganze Menge ſprach kein Wort; das war wohl die Minute der ſchwer laſten⸗ den, bedrohlichen Stille, die den großen Kriſen der Natur vorhergeht, wo der Vogel unter ſeiner Laube, das Rothwild in ſeinem Lager und ſogar der Menſch, dieſer ewige, die Erde oder den Himmel befragende Hedipus, ſchweigt. Bei den Schlägen, die man an die Thüre that, näherte ſich Réveillon ängſtlich und öffnete einen in oten llen, e in hen; Fau⸗ erde als örte hun⸗ un⸗ ſ elche der ren; wor⸗ ang⸗ nun kein ſten⸗ der ube, nſch, ende that, n in 85 der Dicke des GEichenholzes angebrachten, ſolid mit kleinen Drahtmaſchen vergitterten Schalter. Ein gelbes, erdfarbiges Geſicht mit ſtruppigen rothen Haaren; zwei Augen oder vielmehr zwei Löcher, in deren Tiefe zwei angezündete Kohlen brannten; das waren die beruhigenden Gegenſtände, welche Réveillon auf der andern Seite des Gitters einen Zoll von ſeinem Geſichte erblickte. Er machte einen Schritt rückwärts und fragte: „Was wollen Sie von mir?“ „Wir wollen mit Herrn Röveillon ſprechen,“ antwortete das häßliche Geſicht. „Hier bin ich,“ erwiederte Réveillon ein wenig beruhigt durch die eichene Thüre und das eiſerne Gitter. „Ah! Sie ſind Réveillon?“ a „Gut! ſo öffnen Sie.“ „Wozu?“ „Wir haben Ihnen etwas zu ſagen.“ „Wer?“ „Schau!“ ſprach die Stimme. Und der Unbekannte trat ein wenig auf die Seite, und entblößte vor den Augen des Wählers das impoſante Schauſpiel der ihm gegenüber zuſam⸗ mengeſchaarten Menge. Ein einziger Blick war hinreichend für den armen Réveillon, um das Ganze zu umfaſſen. Häßliche Geſichter auf einander aufgehäuft, zer⸗ riſſene Kleider, Dornenſtöcke, verroſtete Flinten, wa⸗ ckelige Pieken, und als Hintergrund für Alles ein Gewimmel von giftigen Blicken, ähnlich denen eines 86 Neſtes voll Vipern, das in der Campagna von Rom tr der Unvorſichtige findet, der, da er ſchlecht vor ſich te hingeſehen, einen verlaſſenen Fuchsbau eintritt. Bei dieſem Anblicke ſchauerte, erbleichte Réveillon, he wich er zurück. 2 „Auf! auf! auf!“ rief der Mann, der der An⸗ führer der Bande zu ſein ſchien. br Und er ſtieß mit ſeinem mit Eiſen beſchlagenen S Fuße an das Thor. 8S „Aber was wollen Sie denn?“ fragte Réveillon. ſe „Ah! Du willſt wiſſen, was man von Dir will?“ „Allerdings.“ te „Nun wohl, man will in Deinem Hofe das Bild⸗ niß eines Böſewichts, eines Feindes vom armen Volke, eines Kornwucherers, eines Ariſtokraten ver⸗ brennen, der geſagt hat, ein Arbeiter könne wie ein ge Fürſt mit fünfzehn Sous täglich leben!“ „Ich habe das nie geſagt! Gott behüte mich!“ rief Réveillon erſchrocken. di Und dieſe der Bande von dem Manne am Schal⸗ ter wiederholten Worte erregten ein Geziſche, das — — bis zu den Dächern der benachbarten Häuſer auf⸗ w ſtieg, dem Dampfe eines Erdharzkeſſels ähnlich, deſſen ko Deckel man aufhebt. ge Wie eine Antwort auf dieſes Geziſche hörte ſo⸗ dann Réveillon eine Stimme von Seiten des Hofes w an ſein Ohr dringen. ſi „Schließen Sie, Herr Réveillon! ſchließen Sie!“ ſagte die Stimme. Er wandte ſich um und ſah Auger. 6 Ein paar Schritte hinter ihm und auf der Frei⸗ en ſti Rom ſich eillon, An⸗ genen illon. il?“ Bild⸗ rmen ver⸗ e ein ich!“ chal⸗ das auf⸗ eſſen e ſo⸗ ofes ie! Frei⸗ 87 treppe des Hauſes riefen die Töchter des Fabrican⸗ ten ihren Vater mit Thränen und flehenden Worten. „Schließen Sie, Herr! ſchließen Sie!“ wieder⸗ holte Auger zum zweiten Male. Réveillon ſchloß den Schalter. Da erſcholl ein furchtbarer Ausbruch von Ge⸗ brülle und Flüchen; es geſchahen zugleich tauſend Stöße an das Thor, als hätte man nur auf das Schließen dieſes Schalters gewartet, um die Feind⸗ ſeligkeiten zu beginnen. Auger ſchob Réveillon in die Hände ſeiner Töch⸗ ter und einiger treu gebliebenen Arbeiter. „Fliehen Sie! fliehen Sie!“ „Fliehen! und warum?“ fragte Réveillon;„ich habe allen dieſen Leuten durchaus nichts zu Leide gethan!“ „Hören Sie ſie,“ ſagte Auger. Und ſeine ausgeſtreckte Hand bezeichnete Réveillon durch das Thor die Mörder, welche ſchrieen: zTödtet ihn! an die Laterne!“ Denn man dachte ſchon an den doppelten Nutzen, welchen man aus dieſem langen eiſernen Arme ziehen konnte, der bis dahin nur zum Tragen der Laternen gedient hatte. Da die Regierung nicht mehr auf ihre Rechnung wollte henken laſſen, ſo wollte das Volk, um dieſes ſchöne Inſtitut nicht zu verlieren, auf die ſeinige henken. Erſchreckt, betäubt, ließ ſich Réveillon überreden, und er konnte ſich, mit ſeinen Töchtern durch den Garten, deſſen man ſich noch nicht bemächtigt hatte, enteilend, auf einem langen Umwege nach der Ba⸗ ſtille flüchten. 88 „Und nun wollen wir ſehen, was hier vorgeht!“ ſagte Auger. EVII. Wo der Blitz einſchlägt. Das Thor widerſtand indeſſen. Ueberdies konnten ſich die Angreifenden nicht enthalten, ein wenig umherzuſchauen, und als ſie kaum zweihundert Schritte von ſich die Baſtille em⸗ porragen ſahen, dieſen Granitrieſen, der, um ſie niederzuſchmettern, nur den Blitz von einigen ſeiner Kanonen zu entzünden brauchte, ſo hatten ſie noch bange vor dem Lärmen, den ſie machten. Sodann ſenkten ſich von den Zinnen der Baſtille ihre Augen nach allen Winkeln der Straßen, aus denen ſie die Wache ausmünden zu ſehen erwarteten, — jene erſchreckliche Wache der Place Dauphine. Andere befragten die Fenſter von Réveillon, be⸗ unruhigt und mißtrauiſch durch das Schweigen die⸗ ſer Fenſter; denn durch die Jalouſien konnte eine Donnerbüchſe ihren erweiterten Rachen vorſtrecken und mitten unter dieſe compacte Maſſe ihre furcht⸗ bare Ladung ſenden, von der keine Kugel verloren gegangen wäre. Man mußte übrigens die Bedingungen des Pro⸗ gramms erfüllen und den berufenen Strohmann von Réveillon verbrennen. Da geſchah es, daß ein Eifriger eine Fackel an einen Bund Stroh hielt, wonach das Feuer ausbrach. Der Abend kam: ein ſchöner Augenblick für das Flammenſpiel!. eht!“ nicht s ſie em⸗ n ſie einer noch ſtille aus teten, e. „ be⸗ die⸗ eine ecken rcht⸗ loren Pro⸗ von l an rach. das 89 Wir haben geſagt, das Thor ſei von Anfang an geſchloſſen, und zwar glücklicher Weiſe geſchloſſen geweſen; das Feuer machte das Holz dieſes Thores berſten, und bald verblendete der Rauch das ganze Haus. Das Auto da Fe dauerte über eine Stunde; der Aufruhr dauerte ſchon einen halben Tag, und dennoch hatten ſich kein Wehrgehänge, kein galonnirter Hut, kein Bajonnet im Faubourg gezeigt. Woher kam dieſe Trägheit? Es iſt traurig zu ſagen: vom Hofe aller Wahrſcheinlichkeit nach. Der Tag des 27. April, zu dem wir gelangt ſind, war für die Eröffnung der Reichsſtände feſtge⸗ ſtellt worden. Der Hof, der ihre Zuſammenſetzung kannte, fürchtete nichts ſo ſehr, als dieſe Eröffnung, welche ſchon auf den 4. Mai verſchoben worden war; es handelte ſich darum, es dahin zu bringen, daß ſie am 4. Mai eben ſo wenig eröffnet würde, als ſie am 27. April eröffnet worden war. Der Hof hoffte nun, dieſer Bande von fünf bis ſechshundert Flenden, dieſen hunderttauſend Neu⸗ gierigen, welche zuſchauten, werden ſich dreißig bis vierzigtauſend Arbeiter ohne Brod und ohne Ge⸗ ſchäft anſchließen; die Plünderung, von der man ein Muſter bei Réveillon geben würde, müßte bei dieſen armen Leuten das unſelige Verlangen erwecken, das gebotene Beiſpiel zu befolgen; man würde zehn bis zwölf reiche Häuſer plündern, und das wäre ein genügender Vorwand, um die Stände zu vertagen und eine Armee in Paris und in Verſailles zu con⸗ centriren. 90 Nichts ſtörte alſo in ihren Operationen die Auf⸗ dod rührer des Faubourg Saint⸗Antoine. bra Dadurch erfolgte, daß gegen drei Uhr Nachmit⸗ tags die in Athem erhaltene Bruſt den Angreifenden Jed abzuſchwellen anfing; weder Vertheidigung des Hauſes und Réveillon, noch Intervention der Nachbarn, noch Ein⸗ den ſchreiten von Seiten der Behörde: man konnte alſo ſter ohne Furcht handeln. von Gegen vier Uhr Abends griff man kühn die Thore an, und man begann im Ernſte die Mauern uns zu erſteigen. Nun erſt ſah man eine Abtheilung Hatſchiere er⸗ Gel ſcheinen, die mit den Angreifern zu parlamentiren zum anfing. Dieſe Abtheilung war übrigens zu ſchwach, um aus etwas Anderes zu thun, als zu parlamentiren. Zin Als die Angreifer dies ſahen, begannen ſie wie⸗ wel der, ermuthigt durch dieſen väterlichen Widerſtand, gine die Belagerung des Hauſes. Da fingen die Schüſſe an zu regnen; doch ſie kamen zu ſpät: die Geiſter waren erhitzt. Die Steine Kiſt antworteten auf die Schüſſe, und die Hatſchiere wur⸗ wär den in die Flucht geſchlagen. Sch Sobald die Hatſchiere in die Flucht geſchlagen wa⸗ war ren, handelte es ſich nur noch darum, in das Haus von einzubrechen. glei Man gab ſich nicht die Mühe, das Thor einzu⸗ ſtoßen; man legte Leitern an die Mauern; man drang mer durch die Fenſter ein, und diejenigen, welche zuerſt nur eingedrungen, öffneten Thüren und Fenſter denjenigen, welche außen geblieben waren. in Wie geſchah dies? Man hat es nie erfahren; Auf⸗ mit⸗ den uſes Ein⸗ alſo die uern er⸗ tiren um wie⸗ and, ſie eine vur⸗ aus nzu⸗ ang nerſt gen, ren; 91 doch während die Menſchen die Fenſter erkletterten, brach zugleich das Feuer im Tapetenmagazine aus. Es herrſchte ſodann ein entſetzlicher Wirrwarr; Jeder nahm ſeine Richtung nach ſeinem Geſchmacke und ſeinem Trachten; die Einen verbreiteten ſich in den Zimmern und warfen die Meubles zu den Fen⸗ ſtern hinaus; die Anderen liefen in den Keller; Einige von den Klügſten ſuchten die Kaſſe. Dahin wollen wir den Leſer führen, wenn er es uns gütigſt erlaubt. Die Kaſſe von Réveillon lag in einem kleinen Gebäude, das auf einen beſonderen Hof ging, welcher zum Probiren der Farben diente. Dieſe Kaſſe war im erſten Stocke; ſie beſtand aus einem ziemlich großen als Bureau dienenden Zimmer, das zwiſchen ein kleines Vorzimmer, durch welches man eintrat, und ein Cabinet, in das es ſelbſt ging, geſtellt war. In dieſem kleinen Cabinet befand ſich die Kaſſe. Dieſes wichtige Meuble war eine große hölzerne Kiſte, welche zu tragen, ſelbſt wenn ſie leer geweſen wäre, drei Männer Mühe gehabt hätten. Eiſerne Schlöſſer, bei denen der Stoff nicht geſpart worden war, Nägel mit ungeheurem Kopfe, Griffe, Ecken von Eiſen, Vorlegſchlöſſer beſchützten dieſe Kiſte zu⸗ gleich vor der Hand der Zeit und vor der der Diebe. Es war nicht leicht, den Zugang zu dieſem Zim⸗ mer zu finden. Eine kleine Wendeltreppe führte dahin; nur die Arbeiter allein konnten ſie kennen. Man ſah auch die Plünderer ſich vorzugsweiſe in den Zimmern von Réveillon verbreiten, die 92 Secretäre ſprengen, die Spiegel zerbrechen und Alles entwenden, was einen Werth haben konnte. Auger hatte ſich im Augenblicke der Invaſion in die Kaſſe zurückgezogen. Er betrachtete von hier aus die Fortſchritte des Sturmes: röthliche Wirbel und ein ſcharfer Rauch fingen an die Höfe zu füllen und langſam die Luft und den Himmel zu ſuchen. Auf ſeiner Geldkiſte ſitzend, ſchaute Auger dieſen Beſeſſenen zu, welche umherliefen wie eine Herde Dämonen mitten in der Hölle. So ſchien er hinter den Gittern des kleinen Ca⸗ binets zu warten, daß man auch ſein Allerheiligſtes erſtürme. Doch ſeltſamer, faſt providentieller Weiſe kam nichts auf die Seite von Auger; der ganze Eifer der Angreifenden richtete ſich nach einer anderen Seite. Die Schüſſe fingen übrigens an ſich zu verviel⸗ fältigen: ein Detachement Gardes frangaiſes befehligt von Herrn du Chatelet war im Faubourg angekom⸗ men; nur beſtand dieſes Detachement höchſtens aus fünfundzwanzig bis dreißig Mann. Beim Lärmen des Gewehrfeuers lief Auger an ein Fenſter, das nach der Straße ging; er ſah ein paar Menſchen fallen. Auger wußte die Zahl der Gardes frangaiſes nicht; er mußte annehmen, dieſe Zahl ſei beträchtlich genug, um den Aufſtand zu unterdrücken. „Ich bin verloren!“ murmelte er;„die Kaſſe iſt nicht angegriffen worden: dieſe Soldaten werden Meiſter des Terrain ſein, ehe eine halbe Stunde vergeht.“. ang dieſ eine alle hör z0g ſo dem chen übe das mit dieſ Böſ das war pich gan eine kein dien Alles on in r aus lund und dieſen Herde Ca⸗ igſtes kam Eifer deren rviel⸗ ehligt ekom⸗ aus er an h ein lder dieſe d zu ſe iſt erden unde 93 Und er raufte ſich vor Verzweiflung die Haare aus. „Gut!“ ſagte er plötzlich,„wenn das, was dieſe Dummköpfe nicht zu thun gewußt haben, ich thun würde?..“ Er ging in den kleinen Hof hinab und warf ein angezündetes Papier in einen Kübel voll Terpentin; dieſer entzündete ſich ſogleich ziſchend und ſtieg wie eine grün und rothe Schlange an der Mauer hinauf. Auger ſah, daß die benachbarten Farben, welche alle mit Eſſenz fabricirt waren, Feuer fingen; er hörte das Täfelwerk krachen, öffnete die Kaſſe und zog den Sack mit dem Golde heraus, das wir ihn ſo ſorgfältig haben ſammeln ſehen. Alsdann ſchloß er die Kiſte wieder, näherte ſich dem Fenſter, das nach dem Hofe ging, und an wel⸗ chem die Zungen des Brandes ſchon emporleckten, und überſtrich, damit das Feuer raſcher um ſich greife, das Holz mit Eſſenz und fetten Oelen, wonach er mit ſeiner Kerze das Feuer anlegte. Es bot ein häßliches Schauſpiel, das Geſicht dieſes von den Scheinen der Flamme beleuchteten Böſewichts; der unheimliche Ausdruck ſeines Blickes, das Freudige ſeines Lächelns hätten an die Gegen⸗ wart eines auf den Ruin des armen Röéveillon er⸗ pichten hölliſchen Geiſtes glauben gemacht! Das Feuer griff um ſich und umhüllte ſchon die ganze Geldkiſte, in der nur noch Handelswerthe für eine bedeutende Summe blieben, welche aber von keinem Nutzen mehr für Auger ſein und ſogar dazu dienen konnten, ihn zu verrathen, hätte er die Un⸗ 9⁴ klugheit begangen, ſie auch zu nehmen, als eine Stimme hinter Auger ertönte. „Oh! Elender!“ ſprach dieſe Stimme,„Sie ſind alſo auch ein Dieb?“ Auger wandte ſich um. Dieſenige, welche geſprochen, war Ingénue; ſie ſtand bleich, keuchend, unbeweglich auf der Schwelle. Auger ließ die Kerze los, welche auf den Boden rollte, und gezwungen, ſich an die Mauer anzuleh⸗ nen, ſowohl um ſich zu ſtützen, als um den Sack zu verbergen, preßte er ſeine Finger in das unter dem Drucke bebende Gold. „Sie!“ murmelte er,„Sie hier?“ „Ja, ich!“ ſagte Ingénue,„ich, die i6 Sie nun nach allen Ihren Seiten kenne.“ Auger ſtrich mit einer ſchweißbedeckten Se über ſeine Stirne; dann ſteckte er inſtinctartig dieſe Hand in ſeine Weſtentaſche, wo ſie den Griff eines Meſſers fand, das ſtark und ſchneidend genug, um im Noth⸗ falle als Dolch zu dienen. Er hatte übrigens noch keine ganz entſchiedene Idee. Er konnte nicht begreifen, er konnte ſeinen Augen nicht glauben. Ingénue, von der er wußte, ſie ſei ausgegangen, von der er glaubte, ſie werde erſt bei Nacht nach Hauſe kommen, ertappte ihn auf friſcher That der Brandſtiftung und des Diebſtahls. Dieſe ſanfte, reine Frau, das Bild der harm⸗ loſen Tugend, erſchien ihm wie Nemeſis mit den Rä⸗ cheraugen, mit den bedrohlichen Geberden. Wie kam es, daß ſie hier war? Das läßt ſich leicht erklären. eine ſind ſit velle. oden uleh⸗ ck zu dem nun über 5and ſſers toth⸗ dene inen gen, nach der arm⸗ R⸗ ſich 95 Gegen ein Uhr war Ingénue wie gewöhnlich ausgegangen; dieſer Tag war der der ſüßen Träume; ſie hatte in der Gegend von Clignancourt Rendez⸗ vous mit Chriſtian. Das Rendez⸗vous war mit der gewöhnlichen Ge⸗ ſchwindigkeit vorübergegangen: ſobald ſie ſich bei⸗ ſammen befanden, hatten der junge Mann und die junge Frau keine Idee mehr vom Maße der Zeit; wenn die Nacht herniederſank, begriffen ſie nur, daß die Stunde, zurückzukehren, gekommen war. Dann führte Chriſtian Ingénue ſo nahe als mög⸗ lich zu ihrem Hauſe zurück; man verabredete Tag und Stunde für ein neues Rendez⸗vous, und man trennte ſich. An dieſem Tage hatten ſie wohl ein gewiſſes Geräuſch im Faubourg gehört; da es aber unmög⸗ lich war, die Urſache dieſes Geräuſches zu errathen und, folglich, Argwohn zu faſſen, ſo hatte Chriſtian durch die hinteren Straßen bis auf hundert Schritte von der kleinen Gartenthüre Ingénue zurückgeführt und ſie hier verlaſſen. Ingénue fand die Gartenthüre offen; dann ſah ſie Rauchwirbel ſich vom Hauſe erheben, und ſie hörte das Geſchrei, das in den Höfen und in den Zimmern erſcholl. Als ſie näher hinzutrat, ſah ſie brüllende Men⸗ ſchen umherlaufen, und ſie begriff nun, daß all dieſer Lärm, all dieſes Geſchrei vom Hauſe von Réveillon ſelbſt kamen. Muthig wie jedes keuſche, reine Geſchöpf, dachte ſie, Réveillon laufe ohne Zweifel eine Gefahr, und ſie ſtürzte in die Zimmer. 96 Die Zimmer waren voll von Menſcheu, welche Réveillon ſuchten. Da ſich aber leicht ſehen ließ, daß ſie ihn nicht gefunden hatten, ſo dachte Ingénue, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach habe ſich Réveillon, entweder um ſich den Streichen dieſer Menſchen zu entziehen, oder um ſein Vermögen gegen ſie zu vertheidigen, in ſeine Kaſſe geflüchtet, und ſie eilte dahin. Wir haben geſehen, wie ſie hier gerade in dem Augenblicke ankam, wo Auger beſchäftigt war, die Kaſſe und das Haus zu verbrennen, um das Gold zu ſtehlen. Da geſchah es, daß Ingénue Alles bei dieſem gräulichen Schauſpiele vergeſſend ausrief:„Oh! Elender, Sie ſind alſo auch ein Dieb?“ Als ſich Auger von der erſten Beſtürzung erholt hatte, begriff er die ganze Gefahr der Lage. Dieſe Frau mußte ſeine Mitſchuldige oder ſein Opfer werden. Er kannte Ingénue und ihre Grundſätze zu gut, um einen Augenblick zu hoffen, ſie werde zu ſchweigen einwilligen. Nichtsdeſtoweniger machte er indeſſen einen Ver⸗ ſuch bei ihr, und er ſagte mit bebender Stimme: „Laſſen Sie mich gehen! unſere Geſchicke haben nichts mehr mit einander gemein: Sie haben mich unabläßig gedemüthigt, Sie haben mich in Verzweif⸗ lung gebracht! Ich bin nicht mehr Ihr Mann, Sie ſind nicht mehr meine Frau; laſſen Sie mich gehen!“ Ingénuebegriff, daß die Stunde, die ſie auf immer von ihrem Mannetrennen ſollte, dieſe Stunde, um die ſie den Himmel ſo dringend und beharrlich gebeten hatte, gekommen war. Re Re no elche nicht ahr⸗ um ehen, igen, dem Kaſſe hlen. eſem „Oh! rholt ſein gut, igen Ver⸗ aben mich weif⸗ Sie en!“ umer ie ſie atte, 97 „Sie gehen laſſen?“ erwiederte ſie. „Es muß ſein!“ „Sie gehen laſſen mit dem Golde von Herrn Réveillon?“ „Wer ſagt Ihnen, dieſes Gold gehöre Herrn Réveillon?“ „Haben Sie es nicht aus ſeiner Kaſſe ge⸗ nommen?“ „Kann ich nicht Gold, das mir gehört, in der Kaſſe von Herrn Röéveillon haben?“ „Wo iſt Herr Réveillon?“ „Haben Sie mir ihn in Obhut gegeben?“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Unglücklicher! Sie antworten mir daſſelbe, was Kain Gott nach dem Tode von Abel geantwortet hat.“ Auger erwiederte nichts und verſuchte es, weg⸗ zugehen. n verſperrte ihm aber die Thüre und rief: „Dieb! Dieb!“ Er blieb ſtehen, nicht wiſſend, was er thun ſollte, und entſetzlich verſucht vom böſen Geiſte. „Dieb!“ wiederholte Ingénue,„Sie haben viel⸗ leicht Herrn Röveillon ermordet! Sie haben das Haus in Brand geſteckt, Sie haben Alles, was Ihnen gedient, zu Grunde gerichtet. Dieb und Mörder, geben Sie wenigſtens dieſes Gold zurück, das morgen vielleicht die einzige Hülfsquelle Ihrer Wohlthäter ſein wird.“ „Ah! Sie nennen mich Mörder?“ ſagte er mit einem finſtern Lächeln. „Ja, Mörder! Mörder!“ Dumas, Ingénue. MI. 7 98 „Sie wollen alſo, daß ich das Gold zurückgebe?“ Und er zeigte frecher Weiſe Ingénue den Sack. „Allerdings will ich, daß Sie es zurückgeben.“ „Und wenn ich es nicht zurückgebe, werden Sie mich anzeigen?“ „Ja, denn man ſoll erfahren, welches Ungeheuer von Schlechtigkeit Sie ſind.“ „Oh!“ ſprach der Elende mit einer Stimme, die nichts Menſchliches mehr hatte:„Sie werden nichts ſagen, Madame Auger!“ Und er legte die Hand abermals an ſeine Taſche. Ingenue ſah die Bewegung und verſtand ſie. „Ergreift den Dieb!“ rief Ingénue, während ſie das Fenſter zu öffnen ſuchte, deſſen Scheiben die Flammen in Splitter fliegen zu machen anfingen. Und der ziemlich dichte Rauch, der durch dieſe zerbrochenen Scheiben eindringend das Zimmer füllte, verhinderte ſie, einen zweiten Schrei von ſich zu geben. Auger ſtürzte auf ſie los, packte ſie bei der Gur⸗ gel, drückte ihr den Kopf zurück, und ſtieß ihr über der linken Bruſt das Meſſer, das er ganz geöffnet in der Taſche hielt, in den Leib. Das Blut ſpritzte mit aller Gewalt hervor, und Ingénue fiel mit einem erſtickten Röcheln nieder. Auger drückte mit einer krampfhaften Bewegung an ſeine Bruſt den Goldſack, den er mit einem Morde bezahlt hatte, eilte mit der Geſchwindigkeit eines Schattens durch die offene Thüre, und ſtolperte bei den zwei Stufen, die das Zimmer vom Vorzimmer trennten. * be?“ Sack. n. Sie heuer , die ichts ſeine e. id ſie die n. dieſe üllte, h zu Gur⸗ über ffnet und zung orde ines bei mer 99 Während dieſer ſo kurzen Zeit konnte er die Wand und die Decke des Zimmers, das er verließ, einſtür⸗ zen hören und die Flamme durch den Luftſtrom, den ſie ſich geöffnet, hervorbrechen ſehen. Was er aber nicht ſehen konnte und nicht ſah, war, daß in demſelben Augenblicke eine Leiter ihre zwei weißen Arme an dem verkohlten Fenſter zeigte, und daß mit Hülfe der Leiter durch dieſes Fenſter ein Mann mit verſengten Haaren und geſchwärztem Geſichte ſprang. „Ingénue!“ rief er,„Ingénue!“ Dieſer Mann war Chriſtian; Chriſtian, der auf nichts Acht gegeben, der kein Geräuſch gehört, keinen Lärm bemerkt hatte, ſo lange er bei Ingénue geweſen war, der aber, ſobald ihn Ingénue verlaſſen, ſobald er ſich allein befand, begriff, es gehe im Faubourg etwas Ungewöhnliches vor. Er ſtieg aus ſeinem Fiacre aus, lief auf die erſte die beſte Gruppe zu und erkundigte ſich. Man ſagte ihm, die Arbeiter von Réveillon plündern das Haus ihres Herrn, brennen es ab, und tödten Alle diejenigen, welche es bewohnen. Ingénue und ihr Vater wohnten aber in dieſem Hauſe. Ihn, Chriſtian, verlaſſend, war Ingénue nach dieſem Hauſe zurückgekehrt. Was ſollte aus ihr unter dem entſetzlichen Getümmel werden? Vielleicht hätte er noch Zeit, ſie einzuholen und zu retten! Er ſtürzte ihr auf der Spur nach. Chriſtian kannte ſehr gut dieſe Gartenthüre, durch 100 welche Ingénue meiſtens hinausging, um mit ihm zuſammenzutreffen; er lief nach dieſer Thüre. Die Gruppen durchſchneidend, hier geſtoßen, dort verwundet, an den Armen, an den Beinen gebrannt, an hundert Stellen zerriſſen, kam er ſodann in den kleinen Hof. Hier ſah er durch die Fenſterſcheiben das Spiel von zwei Schatten. Er erkannte Auger, er errieth Ingénue. Ueberdies leuchtete die Flamme genug, daß er von unten ihr Geſicht ſehen konnte. Ein Schrei wurde hörbar. Dieſer Schrei ſchien ihm ein Hülferuf zu ſein; es war wirklich der von Ingénue. Von der Angſt verzehrt, ſchaute er ſodann um⸗ her; er erblickte unter dem Schoppen eine noch un⸗ verſehrte Leiter, bemächtigte ſich derſelben, richtete ſie an der Mauer auf, zerſchmetterte das Fenſter mit einem Fauſtſchlage, und drang in die Kaſſe in dem Augenblicke ein, wo unter dem rauchenden Schutte die arme Frau, das Opfer ihrer Redlichkeit und ihres Muthes, lag. In das Cabinet ſpringend, rief Chriſtian zweimal mit einer ſchrecklichen Stimme: „Ingénue! Ingénue!“ Bei dieſem Schrei, bei dieſem Namen erhob ſich etwas Weißes mitten unter den Trümmern und hemmte die Schritte des jungen Mannes. Ein Gemurmel, das ein Ruf der Freude und der Dankbarkeit ſein konnte, kam aus den Lippen der jungen Frau hervor. Dieſer unartikulirte Ruf verkündigte, welchem ihm dort nnt, den piel ein; um⸗ un⸗ tete mit dem utte res mal ſich und und pen em 10¹ ſchmerzlichen Todeskampfe diejenige, die ihn von ſich gab, preisgegeben war. Chriſtian erkannte zugleich die Stimme von In⸗ génue und die mit Blut bedeckte, ſterbende junge Frau. Ehe ſie wieder zurückgefallen war, hatte er ſeinen Arm um ihren Leib geſchlungen und ſie von der Erde aufgehoben. Es war nicht möglich, einen Augenblick länger in dieſem Ofen zu bleiben: er trug die junge Frau fort, indeß das Blut, in Wellen aus der durch den Dolch von Auger gemachten Wunde fließend, ſeine Schulter überſtrömte und eine lange Spur auf dem rauchenden Schutte zurückließ; er trug ſie fort, eine traurige und theure Bürde! mitten durch die Ver⸗ wundeten, die Todten, unter einem Hagel von Kugeln, beim Pfeifen der Steine; er trug ſie fort, erſtickt durch den Rauch, verzehrt von den Flammen, ge⸗ quetſcht durch den Einſturz der Plafonds; er trug ſie fort durch die auf der Treppe geöffneten Abgründe, durchſchritt die Höfe und hielt erſt im Garten an. Er hatte nicht über zehn Schritte im Hofe ge⸗ macht, als das kleine Gebäude hinter ihm einſtürzte, und ein Wirbel von Feuer, Staub und Gebrülle, in der Ferne ſeine Geräuſche und ſeine Scheine zu⸗ rückwerfend, zum Himmel aufſtieg! LVIII. Das Portrait. Niemand hatte den jungen Mann durchſchreiten ſehen, ſo ſehr war Jeder mit ſich ſelbſt beſchäftigt, ſo ſehr war Jeder auf das Plündern und Zerſtören für ſeine eigene Rechnung erpicht. In der That, die Einen ſchlugen ſich, die Andern zertrümmerten, wieder Andere ſtahlen. Der Wetteifer im Stehlen, in der Zerſtörung oder im Kampfe herrſchte ohne Gleichen in dieſem unglücklichen Hauſe, das die Beute einer unglaub⸗ lichen Orgie von Habgier, Rache und Wuth gewor⸗ den war. Indeß die Gardes frangaiſes, außen ſtreitend, allmälig von der Straße und von den Häuſern Beſitz ergriffen, von deren Fenſtern aus man vortheilhaft auf das Haus von Réveillon Feuer geben konnte, bemächtigte ſich das Raubgeſindel, zurückgedrängt, der Keller und ſoff ſich, ohne zu unterſcheiden, voll mit Branntwein, Wein, Weingeiſt, Liqueur und Terpentin. Die Meiſten von dieſen Elenden ſtarben vergiftet, indem ſie berauſcht zu ſterben ſuchten. Während dieſer Zeit zerriß Chriſtian ſein Sacktuch in Fetzen, tauchte es in das Baſſin des Gartens, legte es eiskalt auf die Bruſt von Ingénue, und ſetzte dann ſeinen Lauf fort, denn er dachte, ſie könne nie zu weit von dem unſeligen Hauſe weggetragen werden. Und indeß er lief, preßte er tauſendmal an ſein — flü die ret Lel au es fan iten tigt, ren ern ung ſem mb⸗ vor⸗ end, eſitz haft nte, ngt, voll und uch tuch egte ann zu den. ſein 103 Herz dieſen zuckenden Leib, er verzehrte mit Küſſen dieſe ſchon vom Siegel des Todes bezeichneten Lippen, und in einem wüthenden Anfalle von Verzweiflung ging er ohne zu wiſſen wohin und verlangte von Gott nichts Anderes, als wenn er Ingénue von der Erde nehme, mit ihr ſterben zu dürfen. Chriſtian lief alſo wie wahnſinnig, beladen mit ſeiner koſtbaren Laſt, eine Hand auf dem Herzen der jungen Frau, um ſeine letzten Schläge zu befragen; zuweilen nur blieb er ſeufzend ſtehen, um Athem zu ſchöpfen und das Blut mit ſeinem gerötheten Taſchen⸗ tuche zu ſtillen. Die Gedanken hatten ihn verlaſſen: als er In⸗ génue immer bleicher, immer kälter werden und mehr und mehr dem Tode zugehen ſah, verlangte er nur den Tod. Plötzlich hielt ihn ſein guter Engel auf. „Warum ſollte man Ingénue nicht retten?“ flüſterte er ihm ins Ohr. Chriſtian ſtieß einen Freudenſchrei aus; er öffnete die Augen wieder einer ganz neuen Ideenordnung. „Ja, ſie retten!“ murmelte er.„Ich werde ſie retten! ich werde ſie retten, und ſie wird mir das Leben zu verdanken haben!“ Ein Fiacre fuhr vorüber, Chriſtian rief ihn. Zum Glücke war der Wagen leer: er kam gerade auf den jungen Mann zu. „Guter Gott!“ fragte der Kutſcher,„was gibt es denn, mein junger Herr?“ „Mein Freund,“ antwortete Chriſtian,„ich be⸗ fand mich mit meiner Schweſter mitten unter dem 104 Aufruhre des Faubourg Saint⸗Antoine, und ſie wurde verwundet.“ „Ach! ja!“ rief der Kutſcher von ſeinem Fiacre herabſpringend,„und ſogar ſehr gefährlich, denn Ihre Kleider ſind ganz roth von Blut.“ Und der brave Mann öffnete ſeinen Fiacre, in den ſich Chriſtian, Ingénue quer auf ſeinem Schooße haltend, ſetzte. „Sie wollen einen Wundarzt, nicht wahr, mein junger Herr?“ fragte der Kutſcher. „Ja, gewiß! Kennſt Du einen?“ „Oh! ja, Herr, und zwar einen ganz vortreff⸗ lichen.“ „Wie heißt er?“ „30 weiß ſeinen Namen nicht.“ „Du weißt ſeinen Namen nicht?“ „Man nennt ihn nur den Wundarzt der armen Leute.“ „Vorwärts! vorwärts!“ Der Kutſcher peitſchte ſeine Pferde auf eine ſo kräftige Art, daß er ihnen begreifl ich machte, es ſei dringende Noth; ſie liefen auch, wie ſie nie gelaufen waren. Nach einer Viertelſtunde hielt der Fiacre vor einer kleinen Thüre, in einer ſchmalen, finſteren, Chriſtian völlig unbekannten Straße. Der Kutſcher ſtieg ab, läutete oder riß viel⸗ mehr an der an der kleinen Thüre angebrachten Schelle, und dieſe Thüre öffnete ſich: dann half er Chriſtian Ingénue aus dem Wagen herausheben. „So!“ ſagte der Kutſcher,„nun iſt ſie in guten Händen, gehen Sie!“ ue iacre Ihre e, in oße mein treff⸗ rmen ne ſo s ſei ufen vor eren, viel⸗ chten if er n. uten 105 „Und wohin ſoll ich gehen?“ „In den zweiten Stock. Ei! ich höre ſchon, daß man die Thüre öffnet.“ Der Gang war in der That kaum geöffnet, als ein Licht durch die Stangen des eiſernen Geländers erſchien. Und eine Stimme ertönte von oben, eine ſcharfe, durchdringende Stimme. „Was gibt es denn,“ fragte die Stimme,„und wer läutet ſo gewaltig?“ „Ein Kunde,“ ſagte der Kutſcher. Sodann zu Chriſtian: „Gehen Sie hinauf! gehen Sie hinauf, mein junger Herr; es iſt die Haushälterin des fraglichen Wundarztes... Soll ich Ihnen helfen?“ „Ich danke,“ erwiederte Chriſtian, indem er den Fuß auf die erſte Stufe ſetzte. „Oh! bei meiner Treue, ja, Sie ſcheinen mir ſtark genug; und dann iſt die junge Dame federleicht. Aber, wie viel Blut, mein Gott! wie viel Blut! Ich will Sie hier unten erwarten, für den Fall, daß Sie meiner bedürfen ſollten.“ Chriſtian ſtieg langſam die Stufen hinauf, nicht als ob die junge Frau ſchwer auf ſeinen Armen gelaſtet hätte, ſondern bei jedem Schritte, den er machte, kam das Blut friſch und roth an die Lefzen der Wunde. In dem Augenblicke, wo er über den Ruheplatz des erſten Stockes ging, that ſich eine Thüre auf, und es zeigten ſich einen Moment Köpfe von neu⸗ gierigen alten Weibern; als ſie dieſen jungen Mann voll Blut und dieſe ſterbende junge Frau ſahen, 106 ſtießen ſie einen Schrei aus und zogen ſich haſtig zurück. Hinter ihnen ſchloß ſich die Thüre wieder. Das erwähnte Licht ſchien immer vom zweiten Stocke herab. Ein flackerndes Leuchtfeuer, bezeichnete es Chriſtian, wo er ſeine Füße auf den zugleich kothigen, ſchmalen, feuchten und holperigen Stufen aufſetzen ſollte. Der Geruch dieſes Hauſes war ekelhaft und un⸗ geſund. Die Luft darin war kalt; man ſah an den Mauern herab Rinnen von Waſſer laufen, das durch die ſchlecht beworfenen Wände ſiekerte. Chriſtian kam endlich vor die Frau, welche ſo leuchtete, und deren Kopf tief in einer fettigen Haube ſtak. Es war einer von jenen Typen von Haushäl⸗ terinnen, wie man ſie nur in Paris, der Stadt des elenden Luxus, findet. Sich von ſolchen Perſonen bedienen laſſen heißt offenbar weniger Sorge für ſich, als für ſie tragen. Chriſtian war aber nicht da, um Phyſiologie zu treiben. Er warf kaum einen Blick auf die häßliche Duenna und ſuchte mit den Augen einen Platz, wo er ſeine Bürde niederlegen könnte. Kein Teppich, kein Canapé; nur im Hintergrunde einer Stube ein Bett. Chriſtian lief auf dieſes Bett zu; doch die Frau rief: „Nun! was machen Sie denn?. Auf das Bett' vom Herrn? Gutl das würde nur noch fehlen.“ Chriſtian blieb, im Herzen verwundet, ſtehen. nie wie der nic em ter rüc Fre ſtig iten nete leich ufen un⸗ tern die e ſo ube häl⸗ des eißt gen. ezu liche wo nde 107 „Aber wo ſoll ich denn dieſe arme Verwundete niederlegen?“ fragte er. „Wo Sie wollen, doch nicht auf das Bett!“ er⸗ wiederte die alte Frau. „Und warum nicht?“ fragte Chriſtian. „Weil all dieſes Blut das Bett vom Herrn ver⸗ derben würde.“ Der Ekel erfaßte Chriſtian. In der That, das Bett vom Herrn ſchien ihm nicht würdig, dieſes jungfräuliche, koſtbare Blut zu empfangen, deſſen Befleckung die häßliche Haushäl⸗ terin befürchtete. Er zog mit dem Fuße einen Strohſtuhl herbei, rückte einen andern an denſelben und legte die junge Frau auf dieſe Art von Canapé. Die Alte ließ ihn brummend machen. Als Ingénue auf dieſem improviſirten Bette lag, ſchaute Chriſtian empor und fragte: „Der Wundarzt iſt alſo nicht hier?“ Das Licht der Kerze, welche die Haushälterin hielt, fiel nun auf ſein Geſicht. „Sieh da, Herr Chriſtian!“ rief ſie. „Sie kennen mich?“ fragte der junge Mann. „Ich glaube wohl,“ erwiederte die alte Frau, „und ich möchte beifügen, es ſei nicht gut von Ihnen, daß Sie mich nicht wiedererkennen, Herr Chriſtian, nachdem ich Sie gepflegt habe, wie ich dies gethan.“ Chriſtian ſchaute ſie nun ebenfalls an. „Albertine!“ rief er. „Ei! ja, Albertine.“ „Ich bin alſo bei Herrn Marat?“ „Allerdings.“ 108 „Wie! er hat den Marſtall von Artvis verlaſſen?“ „Der Herr hat ſeinen Abſchied genommen: er will nicht mehr den Tyrannen dienen. Ein Ausdruck des Ekels trat auf dem Geſichte von Chriſtian hervor. Er hatte einen Augenblick den Gedanken, Ingé⸗ nue anderswohin zu bringen. Doch wohin? Ueberdies erinnerte er ſich, welche Sorgfalt Marat bei ihm angewandt, und welche Geſchicklichkeit er entwickelt hatte, als man ihn verwundet zu Marat ge⸗ bracht, wie man heute Ingénue zu ihm brachte. „Ah!“ ſagte er,„ich bin bei Herrn Marat... Aber wo iſt er denn?“ „Weiß ich es!“ verſetzte Albertine;„er hat ſeine Angelegenheiten, und er ſagt nicht, wohin er geht.“ „Ah! meine liebe Frau Albertine!“ rief Chri⸗ ſtian,„laufen Sie geſchwinde, ich bitte Sie inſtändig. Sehen Sie nicht, daß das arme Kind ſtirbt?“ „Geſchwinde, geſchwinde, das iſt leicht zu ſagen,“ entgegnete die Alte, indem ſie dieſes anbetungswür⸗ dige Geſicht mit einem tiefen Haſſe gegen die Schön⸗ heit, die Jugend und die Anmuth von der Seite an⸗ ſchaute.„Geſchwinde! und ich verſichere Ihnen doch, ich wiſſe nicht, wo der Herr iſt.“ „Oh! ſuchen Sie ihn da, wohin er zu gehen pflegt.“ — Und der Habſucht von Albertine ſich erinnernd, zog er ein paar Louis d'or aus der Taſche, und ſagte zu ihr: „Hier, meine liebe Frau Albertine, nehmen Sie.“ Albertine nahm die Goldſtücke gierig und ſchickte Fre mic jun tete Sch heit en? e ſichte nge⸗ tarat it er t ge ſeine eht. Chri⸗ indig. gen,“ wür⸗ chön⸗ e an⸗ doch, gehen — ernd, und Sie chickte 109 ſich in der That an, wegzugehen, und war es auch nur, um ſich den Anſchein zu geben, als ſuchte ſie Marat, als ein Seufzer im Zimmer hörbar wurde. Chriſtian erwiederte dieſen Seufzer durch einen Freudenſchrei: Ingénue war zum Leben zurückgekehrt. Er ſtürzte bei ihrem Stuhle auf die Kniee; Albertine neigte ſich gegen ſie, nicht aus Mitleid, ſondern aus Neugierde. Ingénue öffnete mit Anſtrengung die Augen, und ihr erſter Blick war für Chriſtian. Als ſie den jungen Mann erkannt hatte, ſchien ſich die Bläße ihrer Wangen ein wenig zu verlieren. Eine Art von freudiger Flamme erleuchtete das Antlitz der armen Verwundeten. Chriſtian erwartete, bei ihr knieend, ihr erſtes Wort: man hätte glauben ſollen, ſein Leben hänge davon ab. Doch ſie fragte nur mit einer kaum verſtändlichen Stimme: „Wo bin ich?“ „Bei einem ſehr geſchickten Wundarzte, meine Freundin,“ antwortete Chriſtian,„bei dem, welcher mich gerettet hat, und der Sie auch retten wird.“ Etwas wie ein Lächeln verklärte die Stirne der jungen Frau. „Ja,“ flüſterte ſie,„ja, mich retten!“ Und als wollte ſie erkennen, wo ſie ſich befand, ſchauten ihre Augen im Kreiſe umher. Plötzlich erweiterten ſich dieſe Augen und hef⸗ teten ſich auf einen Winkel des Zimmers mit einem Schrecken, als ob ſie den Tod ſelbſt in der Dunkel⸗ heit gekauert geſehen hätte. 110 Chriſtian folgte der Richtung dieſes bangen Blickes und erſchaute einen ſchlecht vergoldeten hölzernen Rahmen, in welchem ein Portrait von zugleich Unheil weiſſagendem und höhniſchem Ausdrucke lebte,— das iſt däs richtige Wort. Dieſes Portrait, von einem kräftigen Pinſelſtriche und einer mehr trüben als glänzenden Färbung, meublirte die abgeſtutzte Ecke des Zimmers. Wir ſagten, es habe gelebt, und in Abweſenheit des Herrn ſchien es über jede Einzelheit des Hauſes zu wachen. Ingénue gab einen Schrei von ſich. Dann ſtreckte ſie den Finger gegen das Bild aus und fragte mit erſtickter Stimme: „Wer iſt dieſer Mann?“ „Nun, es iſt mein Herr, Herr Marat,“ antwor⸗ tete die Alte,„und das Portrait iſt ſehr ſchön; einer von ſeinen Freunden, Herr David, hat es gemalt.“ „Dieſer Mann!...“ rief Ingénue, indem ſie ſich auf dem improviſirten Lager, das ihr Freund ihr bereitet hatte, aufrichtete. Sie konnte nicht mehr ſagen; Chriſtian wartete mit Angſt. „Der Wundarzt? es iſt der Wundarzt?“ vollen⸗ dete ſie ſtammelnd. „Nun,“ fragte Chriſtian, wie ſie einem unbe⸗ ſchreiblichen Gefühle von Bangigkeit preisgegeben, „und wenn es der Wundarzt wäre?“ „Dieſer Mann würde mich verbinden? dieſer Mann würde mich anrühren?“ rief Ingénue.„Oh! nie! nie!“ lickes ernen nheil ſtriche bung, enheit auſes Bild twor⸗ einer nalt.“ m ſie reund artete ollen⸗ unbe⸗ geben, dieſer 11¹ „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach Chriſtian,„ich ſtehe für ſeine Geſchicklichkeit.“ „Dieſes Ungeheuer würde zum zweiten Male die Hand an mich legen?“ Und mit einem Ausdrucke des Ekels, der noch viel entſchiedener als das erſte Mal, wiederholte ſie: „Oh! nie! nie!“ „Was will ſie damit ſagen?“ fragte ſich leiſe Chriſtian. „Der Herr iſt nicht ſchön,“ ſprach Albertine, ihr Geſicht zu einem Lächeln verzerrend;„der Herr iſt aber kein Ungeheuer, und dieſer junge Mann kann bezeu⸗ gen, daß er eine leichte Hand hat.“ Und ſie deutete auf Chriſtian. „Oh!“ rief Ingénuezugleich voll Angſt und Ekel, „bringen Sie mich von hier fort, ohne einen Augen⸗ blick zu verlieren! Chriſtian, bringen Sie mich fort!“ „Gut!“ ſagte die Alte,„ſie iſt im Delirium. Wir kennen das, man muß nicht auf das, was ſie ſagt, Acht geben.“ „Liebe, liebſte Ingénue,“ flüſterte der junge Mann der Verwundeten ins Ohr,„bewältigen Sie ſich! es iſt das Fieber, was Sie ſo aufregt!“ „Oh! nein, nein!“ erwiederte Ingenus. „Sie kennen aber Herrn Marat nicht, es iſt nicht möglich, daß Sie ihn kennen!“ „Doch, doch, ich kenne ihn! und meine Freundin Charlotte Corday kennt ihn auch!“ „Charlotte Corday?“ wiederholten Chriſtian und Albertine. „Er ſoll mich nicht anrühren; nein, nein, nein, ich will es nicht haben.“ Lie „Ingénue!... „Bringen Sie mich fort, Chriſtian! ich ſage Ih⸗ nen, bringen Sie mich fort!“ „Sie werden aber ſterben, Ingénue!“ „Eher den Tod, als die Pflege dieſes Menſchen!“ „Ingenué, meine Freundin, kehren Sie wieder zu Ihrer Vernunſft zurück.“ „Ich habe ſie ſo wenig verloren, ich beſitze ſie ſo vollkommen,“ rief die junge Frau, indem ſie ſich mit einer ſchrecklichen Bewegung aufrichtete,„daß, wenn dieſer Menſch ſich mir nähert...“ „Meine Freundin... „Ah! man kommt herauf... Es iſt der Herr,“ ſagte Albertine. Ingénue eilte mit einer Kraft, der man ſie nach einem ſo großen Blutverluſte nicht fähig gehalten hätte, nach dem Fenſter. „Chriſtian,“ ſprach ſie,„rührt mich dieſer Menſch an, ſo ſtürze ich mich, ich ſchwöre es Ihnen bei mei⸗ ner Ehre, zu dieſem Fenſter hinaus.“ „Oh! mein Gott!“ „Bringen Sie mich fort, ſage ich Ihnen! ſehen Sie denn nicht, daß Sie mich tödten?“ Sie hatte dieſe Worte nicht vollendet, als ſich die Thüre öffnete und Marat auf der Schwelle erſchien. Er hielt einen Leuchter in einer Hand, einen Bund Papiere in der andern; er hatte ſeine ſchmu⸗ tzige Kopfbedeckung, ſein ſchmutziges Geſicht, ſeinen leuchtenden, ſchiefen Blick, und bewegte ſeinen verkrümm⸗ ten Leib wie eine verwundete Spinne. Ingénue, als ſie ihn hier, verblendend und lächelnd, ſtehen ſah, als ſie nicht mehr in der Copie, ſondern im ſtie mac ſie dieſ erke licht ſtia Sti ſich der abe und imn woh dieſ Ih⸗ en!“ er zu ſie ſo hmit wenn err,“ nach alten enſch mei⸗ ſehen ſich chien. einen hmu⸗ einen imm⸗ e ndern 143 im Hriginal, den Mann der Rue Serpente erkannte, ſtieß einen Seufzer aus und fiel aufs Neue in Ohn⸗ macht.— Chriſtian, da er glaubte, ſie werde ſterben, nahm ſie in ſeine Arme und ſtürzte nach der Treppe. Vergebens fragte ihn Marat nach dem Grunde dieſer Flucht, vergebens erſchöpfte er, als er ihn erkannt hatte, oben von der Treppe herab alle Zärt⸗ lichkeiten und alle erſchreckliche Prophezeiungen,— Chri⸗ ſtian ſtieg immer raſcher hinab, geſtachelt durch die Stimme, die ihn aufzuhalten ſuchte. Er machte erſt Halt vor dem Fiacre, in den er ſich wieder warf. „Wohin fahren wir, mein junger Herr?“ fragte der Kutſcher. „Wohin Du willſt,“ antwortete Chriſtian. „Wie, wohin ich will?“ „Ja! raſch, raſch!“ „Fahre ans Ende der Welt, wenn Du willſt; aber fort! fort!“ Ganz erſtaunt, peitſchte der Kutſcher ſeine Pferde und fuhr ab; Marat rief von ſeinem Fenſter aus immer: „Chriſtian! Chriſtian!“ Und der junge Mann hörte es und fragte ſich, woher dieſe Vertraulichkeit komme, und warum ihn Marat ſchlechtweg Chriſtian nenne. Doch, ohne daß er wußte warum, flößte ihm dieſe Stimme ein Gefühl unbeſtimmten Schre⸗ ckens ein.- „Vorwärts,“ rief er dem Kutſcher zu, der über Du mas, Ingénue. III. 8 11⁴ den Weg, welchen er nehmen ſollte, unſchlüſſig war; „vorwärts!“ Plötzlich erleuchtet durch eine Idee, fügte er bei: „Nach dem Louvre! nach dem Louvre!“ Pährend dieſer Zeit ſchloß Marat voll Zorn ſein Fenſter wieder und fragte: „Was für eine einfältige Perſon iſt denn das, die mir Chriſtian da gebracht hatte?“ „Ich kenne ſie nicht,“ antwortete die Haushälterin; „nur weiß ich, daß ſie, als ſie Ihr Portrait geſehen, aufgeſchrieen hat, Sie ſeien ein Ungeheuer.“ „Ah! ah!“ ſprach Marat mit einem bitteren Ge⸗ lächter,„wenn mein Freund David hier wäre, das würde ihn ſehr glücklich machen: es beweiſt, daß mein Portrait ähnlich iſt.“ Sodann die Stirne faltend, fragte der Wundarzt der Armen: nicht?“ „Mein Gott, nein; doch ſie hat eine ihrer Freun⸗ dinnen genannt.“ „Ah! eine ihrer Freundinnen.... Und dieſe Freundin, wie heißt ſie?“ „Charlotte Corday.“ „Charlotte Corday?“ wiederholte Marat;„ich kenne das nicht.“ it er kehrte in ſein Cabinet zurück und wieder⸗ holte: „Ah! ich bin ein Ungeheuer! „Alſo Du weißt den Namen dieſer jungen Frau ———— Fre ſcht De ähr fan die 115 war; bei: Der Schlüſſel des Glückes. ſein Niemand ſchlief in dieſem großen Gebäude, das , die die Könige zu jener Zeit als ein Abſteigequartier be⸗ wohnten, und deſſen ungeheure Gemächer den Dienſt⸗ erin; leuten und den Officieren von der Garniſon über⸗ ehen, laſſen waren. Chriſtian hatte hier einen Zufluchtsort; er hatte Ge⸗ hier Freunde. Er ſchlich ſich eine wohl bekannte Treppe das hinauf, legte Ingénue in einem glänzend meublirten daß Zimmer auf ein Bett nieder, das weder Tücher, noch Decken hatte und majeſtätiſch mitten im Gemache darzt! unter ſeinem Himmel von Tapetenwerk mit Seide und Gold geſtickt thronte. Frau Er ließ die Kranke, die der Durſt verzehrte, trin⸗ eeen; er ſtillte ſelbſt das Blut der Wunde; dann küßte reun⸗ er auf die Stirne dieſes theure Opfer und ſetzte ſich zu ihm, mit pochendem Herzen, ſich fragend, ob das dieſe nicht ein entſetzlicher Traum ſei, und ob, trotz ſo vie⸗ ler Mißgeſchicke, das Erwachen nicht noch ſchrecklicher emmen und ihn auf immer von der einzig geliebten enne Frau trennen werde. Der Brand, die Plünderung, das verworrene Ge⸗ eder⸗, ſchrei, das Gewühl dieſes Hauſes von Réveillon, der vielmehr dieſer Hölle, Alles dies, ein kochendes Delirium, machte faſt dem von Ingénue den Zuſtand ähnlich, in welchem ſich der unglückliche Chriſtian be⸗ 3 fand, als er ſich in der Stille und im Schatten bei dieſer Frau allein ſah. 116 Bald aber zeigte ſich die Wirklichkeit. Räuber dieſer Frau, verfolgt von den Gerichten, vielleicht getadelt, zurückgeſtoßen von der Gräfin ſeiner Mutter, aufgeſucht von Rétif, auch gemordet von Auger, der nur dieſes Hülfsmittel hatte!— was thun? In ein paar Stunden mußte er einen Entſchluß faſſen;— in ein paar Stunden das Wohl oder der Ruin ſeines ganzen Lebens! Der Schlaf, ein wiederherſtellender Balſam, hatte ſich auf die Augen von Ingénue geſenkt. Ihre Bruſt zuckte ſanfter: das Zittern ihrer Hände hatte einem unmerklichen Schauern der Muskeln Platz gemacht. Chriſtian hielt es nicht mehr aus: er erſtickte. Er verließ das Zimmer, um einen Augenblick zu ath⸗ men und in der freien Luft die Gegenwart Gottes zu fuchen, der ſich vor ſeinen Blicken zu verbergen ſchien. Er hatte nicht zwei Schritte in dem großen Hofe gemacht, als er Geräuſch an einem der Eingangs⸗ thore hörte; Fackeln, Piqueurs, ein Gewieher von erhitzten Pferden, welche nach ihrer Streu und nach alten Kameraden riefen; ſodann die Thore, die man öffnete, klirrende Waffen, und endlich eine mit dem Lärmen uud der Geſchwindigkeit des Donners auf dem Fflaſter des großen Hofes hinrollende Carroſſe! Befremdet, ſchwankend, ſah er, ohne zu begrei⸗ fen, den Wagen im Galopp von ſechs Pferden auf ſich zukommen. Und ohne den Pigqueur, deſſen Stiefel ihn im ——— uber eicht tter, der hluß der atte Ihre atte Platz ickte. ath⸗ ttes rgen Hofe ngs⸗ von und die mit ners ende grei⸗ auf — 117 Vorübergehen ſtreifte, hätte ſich Chriſtian, verdutzt und unbeweglich, zermalmen laſſen. Das Fenſter der Carroſſe war indeſſen niederge⸗ laſſen: ein feiner, belebter junger Kopf erſchien mitten unter den Fackeln, und beim Scheine der Laternen des Wagens erkannte Chriſtian ſeinen hohen Freund den Grafen von Artvis. Eine plötzliche Offenbarung: das Chaos verſchwand in ſeinem Kopfe, die Ideen reihten ſich an einander an, der Nebel zerſtreute ſich, der Wille Gottes brachte jedes Ding in Ordnung und führte die Vernunft mit der Hoffnung zurück. „Der Prinz!“ rief Chriſtian,„der Prinz in Paris! Oh! Dank Dir, allmächtiger Gott!“ Und er folgte der Carroſſe mit eben ſo viel Eifer, als er ſie kurz zuvor mit träger Einfalt hatte an ſich vorbeifahren ſehen. Der Prinz war in der That nach Paris von Verſailles gekommen, wo er die Meldungen von Herrn von Bezenval bei ſeiner Rückkehr von der Jagd erhalten hatte. Die Königin gab ſich Mühe, dieſe Plünderung als Scherz zu behandeln; aber, weniger beruhigt, verlangte der Graf von Artois ſeine Pferde, und kam, ſeinem Syſteme getreu, um zu ſehen, wie weit die Pariſer dieſen bittern Scherz treiben werden. Chriſtian gelangte zu gleicher Zeit mit der Car⸗ roſſe an die große Treppe; ſo daß er Einer der Erſten Seine Königliche Hoheit begrüßte und ihre erſten Fragen hörte. „Monſeigneur,“ ſagte er,„Niemand kann beſſer als ich Eurer Königlichen Hoheit Kunde geben. Ich 118 komme vom Faubourg Saint⸗Antoine, und das iſt leicht an meinen verbrannten, von Koth und von Blut befleckten Kleidern zu ſehen. „Von Blut?“ wiederholte der Prinz mit einer leichten Bewegung des Schreckens;„man ſchlägt ſich alſo?“ „Monſeigneur, man plündert und tödtet im Fau⸗ bourg Saint⸗Antoine.“ „Geſchwinde! geſchwinde! erzählen Sie mir das!“ ſagte der Prinz, nachdem er, während er ſich nach ſeinen Gemächern wandte, haſtig ein paar Befehle gegeben hatte. Chriſtian folgte dem Prinzen und erzählte ihm, was er geſehen. Eine ſchmerzliche Geſchichte! „Das ſind wohl wieder Feinde für uns,“ ſagte der Prinz,„und ohne Nutzen! Es iſt aber eine Meuterei? es iſt ein vereinzelter Handſtreich?“ In dieſem Augenblicke trat Herr von Bezenval bei Seiner Hoheit ein. Er kam vom Faubourg zu⸗ rück und ſtieg ſo eben vom Pferde. „Eure Hoheit wird ſogleich den Kanonendonner hören,“ ſagte er;„die Menge iſt beträchtlich: auf tauſend Streiter kommen immer zwanzig bis dreißig⸗ tauſend Neugierige.“ „Man ſchlägt ſich alſo im Ernſte?“ „Man tödtet die Diebe, ja, Monſeigneur, und zwar ſehr im Ernſte; man wirft ſie zu den Fenſtern hinaus, man röſtet ſie an dem Feuer, das ſie ange⸗ zündet haben, man hängt ſie an die Thüren, man kartätſcht ſie nieder: das wird bald beendigt ſein.“ „Wann denn?“ * te ge be s iſt von einer t ſich Fau⸗ as!“ nach fehle ihm, ſagte eine nval g zu⸗ nn auf eißig⸗ und iſtern ange⸗ 1¹9 „Wenn Niemand mehr da ſein wird,“ antwor⸗ tete Bezenval phlegmatiſch. Der Prinz wandte den Kopf ab. „Meinen Dank, Herr Baron!“ ſagte er;„gehen Sie und ruhen Sie aus.“ Der Officier ging ab. „Wenn ich bedenke,“ murmelte der Prinz,„wenn ich bedenke, daß zwanzig Millionen Franzoſen zu tödten ſind, wie dieſe, ehe man dahin gelangt, daß man keine Feinde mehr in Frankreich trifft!“ Und er verſank einige Augenblicke in ein tiefes Stillſchweigen. Sodann Chriſtian wahrnehmend, bei dem alle Bewe⸗ gungen eine fieberhafte Ungeduld verriethen, ſagte er: „Wie bleich ſind Sie, Graf Obinsky! wie auf⸗ geregt ſind Sie!“ „Oh! Monſeigneur, ich müßte todt ſein!“ „Du! mein armer Chriſtian?“ „Monſeigneur, können Sie mir eine Minute bewilligen?“ „Sprich! ſprich!“ „Nun wohl, Monſeigneur, Ingénue iſt vielleicht zu dieſer Stunde todt.“ Und er erzählte lebhaft, leidenſchaftlich das ganze entſetzliche Drama. Der Prinz gab mehr als einmal Zeichen der Theilnahme und der Beſorgniß von ſich. „Nun,“ ſagte Chriſtian, als er geendigt hatte, „bin ich unglücklich genug? Stirbt ſie, ſo werde ich ſie nicht überleben; entkommt ſie, ſo muß ich ſie ihrem Vater, einem ſchändlichen Gatten zurückgeben, der, nachdem er ſie einmal gemordet, ſagen wird, ſie ſei N 120 ſein Eigenthum... Oh! der Elende! Monſeigneur, werden Sie mir nicht ihn vor ein Gericht ſchleppen und die Ehe löſen helfen?“ Der Prinz überlegte; er lächelte ſodann, und,* ſich in einer liebreichen, heiteren Inſpiration erhe⸗ bend, öffnete er ein Kiſtchen von Boule, das ſein Kammerdiener neben ihn geſtellt hatte. Er nahm daraus einen kleinen ciſelirten Schlüſſel und gab ihn immer lächelnd Chriſtian. „Was iſt das?“ fragte der junge Mann. „Höre mich wohl an,“ erwiederte der Prinz, „und verliere kein Wort und keine Secunde... „Dieſer Schlüſſel iſt der Deines Glückes.“ LX. Aechte und falſche Thränen. Vielleicht hat unſer Leſer, der einen ganzen Hori⸗ zont umfaßt, während wir genöthigt waren, unſeren Hauptperſonen auf den Wegen und Umwegen ihrer Odyſſee zu folgen, ſich ſchon gefragt, wie es in die⸗ ſer gräßlichen Nacht dem armen Röétif de la Bretonne ergangen ſei. Wir kommen hiezu, Leſer; und indeß Chriſtian, Beſitzer des Schlüſſels, den der Graf von Artvis den Schlüſſel des Glückes nennt, die ſterbende Ingénue in eines von den kleinen Häuſern trägt, die der Prinz ſeinem Pagen angeboten hatte, werden wir umkehren und natürlich auf unſerem Wege den würdigen Romanendichter finden. gneur, leppen und,* erhe⸗ s ſein hlüſſel Prinz, — Hori⸗ nſeren ihrer n die⸗ tonne ſtian, lrtvis bende trägt, erden e den 121 Während dieſer fürchterlichen Verwüſtung, welche den Faubourg Saint-Antoine völlig untereinander warf, Paris in Bewegung und Verſailles in Schrecken ſetzte, machte es Rétif de la Bretonne wie es die Schiffbrüchigen in dem Augenblicke machen, wo der Kapitän der Mannſchaft und den Paſſagieren an⸗ kündigt, in zehn Minuten werde das Schiff unter⸗ ſinken: er ſuchte ſeine Gedanken zu ſammeln und zu retten, was er Koſtbarſtes hatte. Vor Allem ſein Leben! Rétif lag viel hieran; das war für ihn, den Philoſophen, das Prinecip alles Glückes; und da er ein wenig Skeptiker hinſichtlich der andern Welt, ſo wünſchte er ſo lange als mög⸗ lich im Beſitze von dieſer zu bleiben. Rötif rettete alſo vor Allem ſein Leben. Sodann, als ſein Leben gerettet war, ſchaute er umher und fragte ſich, welche Dinge er mit ſeinem Leben retten ſollte. Das Erſte, was ſich ſeinem Geiſte, ſeinem Herzen bot, war ſeine Tochter, ſeine vielgeliebte Ingénue. Ingénue war aber abweſend; folglich lief ſie keine Gefahr. Alsdann dachte er an ſeine Manuſcripte, das heißt an ſeine anderen Kinder, an die ihm nach Ingénue theuerſten Kinder: das Beiſpiel von Ca⸗ moens und mehreren anderen großen Dichtern war nicht zu vernachläſſigen. Rétif, der ſchleunigſt hinabgegangen war, um die Gefahr von unten zu ermeſſen, verſicherte ſich, daß die Treppe noch ſolid, ſtieg wieder in ſeinen dritten Stock hinauf und raffte eine Quantität be⸗ ſchriebene Papiere von wenig angenehmem Ausſehen X 122 zuſammen, welche Papiere aber die Flamme ſicherlich eben ſo wenig verſchont hätte, als das Waſſer des indiſchen Meeres die Luſiade. Er rollte dieſe Papiere zuſammen und nahm ſie unter ſeinen Arm; dann leerte er in ſeine weiten Taſchen, die ſich rundeten und ſeinen Ueberrock auf⸗ hoben, eine Schachtel voll aſſortirte Druckſchrift. Als er ſodann ſah, daß das, was er zurückließ, gerettet zu werden nicht der Mühe werth war, daß er wie Bias Alles mit ſich nahm, ſtieg er wieder die Treppe hinab, ging durch die Gartenthüre, und entfloh wie ein Dieb, der verhaftet zu werden be⸗ fürchtet, weil er, da viele Leute das Haus von Réveillon zu plündern anfingen, ſtreng genommen für einen Plünderer gelten konnte; und der Geiſt des redlichen Romanendichters empörte ſich ſchon beim Gedanken allein, man könnte in Betreff ſeiner einen ſolchen Irrthum begehen. Sobald er, athemlos, aber das Herz ruhig— denn er rettete nicht nur ſeine Probebogen, ſondern auch ein hinreichendes Quantum Schrift, um andere zu ma⸗ chen,— fern vom Ofen war, ſetzte er ſich auf einen Weich⸗ ſtein und ſchenkte einen Malerblick dem Effecte des Brandes und dem Gemälde der Volkswuth; wonach er behende den benachbarten Straßen zuſchritt, um ſich völlig in Sicherheit zu bringen. Er hatte die erſten Schüſſe der Gardes frangaiſes gehört, und er erinnerte ſich mit einem gewiſſen Schre⸗ cken des Gewehrfeuers vom Pont Neuf. Was blieb ihm zu thun, dem guten Rétif? Er hatte nur zu warten. —,— — —————— lich des ſie iten uf⸗ ieß, daß der und be⸗ von nen eiſt eim nen uch ma⸗ ich⸗ des ach um iſes hre⸗ 123 Welche Idee würde ſeine Tochter haben, wenn ſie nach Hauſe käme oder wenn ſie vielmehr nicht nach Hauſe kommen könnte? Ihren Vater überall zu ſuchen, wo er wäre. Wo wäre er? Der Haſe kehrt in ſein Lager zurück. Rétif war in gewiſſer Hinſicht von der Natur der Haſen: in ſeinem alten Lager würde ihn alſo ſeine Tochter ſuchen. Welches war dieſes alte Lager? Die kleine Wohnung der Rue des Bernardins. Dieſe kleine Wohnung bot ſich auch ganz natür⸗ lich dem Gedächtniſſe von Rötif. So ſehr er ſeit einem Monat an den Lurus und den Comfort des Hauſes Röéveillon gewöhnt war, der Romanendichter hatte die Freuden und die Leiden des unabhängigen Mannes nicht vergeſſen; die einen und die andern waren unzertrennlich von der Erinnerung an dieſe arme kleine Wohnung; Rötif erinnerte ſich derſelben auch nicht ſobald, als er ſein Gedächtniß befragte. Er ſchlug alſo maſchinenmäßig, und als ob er es nie verlaſſen hätte, den Weg nach ſeinem alten Quartier ein. Es war noch nicht ganz Nacht geworden, als er hier ankam. In Ermangelung eines Concierge,— die Concierges waren zu jener Zeit in den meiſten Häuſern von Paris noch unbekannt,— kam einer von den Miethsleuten auf ſeine Schläge mit dem Klopfer herab und öffnete ihm die Thüre; der im erſten Stocke wohnende Hauseigenthümer, bei welchem Rétif Halt machte, hörte nicht nur mit Reugierde, 124 ſondern mit Intereſſe die Erzählung der Ereigniſſe des Tages, und da Rétif immer ſo regelmäßig als möglich ſeine Zieler bezahlt, da er das Haus ver⸗ laſſen hatte, ohne irgend einem Menſchen einen Pfennig ſchuldig zu ſein, ſo kam der Hauseigen⸗ thümer den Wünſchen von Rötif entgegen und bot ihm an, er möge ſeine alte Wohnung, welche vacant geblieben, wieder beziehen, was Rétif an⸗ nahm. Mehr noch: da die Wohnung völlig von jedem Meuble entblößt war, ſo trieb der Hausherr das Vertrauen ſo weit, daß er Rétif zwei Stühle anbot, einen für ihn, einen für ſeine Tochter, bis ſich Rétif mit Hülfe ſeines Buchhändlers wieder ein anderes Ameublement angeſchafft hätte. Rétif begab ſich alſo in ſeinen vierten Stock, in einer Hand ein Licht, in der andern einen Stuhl tragend, und gefolgt vom Hauseigenthümer ſelbſt, der den zweiten Stuhl trug. Als ſie in die Wohnung eingetreten waren, machte der Hausherr ſeinem alten Miethsmanne bemerkbar, er habe ſeine Abweſenheit benützt, um eine neue Tapete ankleben zu laſſen, was er übrigens zur Zeit von Rötif nicht gethan, obgleich ihn Rétif, da die alte Tapete in Fetzen zerfallen war, oft darum ge⸗ beten hatte. Das war eine von den abſcheulichen grauen Ta⸗ peten, wie ſie die Hauseigenthümer gewöhnlich in den Wohnungen der dritten und vierten Stockwerke an⸗ wenden. Rétif lobte dieſe Tapete ſehr, denn er wünſchte, — ——, S 0 S 6 S 125 daß ihm der Hausherr, außer ſeinen zwei Stühlen, S noch einen Tiſch leihe. ver⸗ Laſſen wir dem Hausherrn die Gerechtigkeit wi⸗ einen f derfahren, daß er auf die erſte Bitte, die an ihn igen⸗ gerichtet wurde, Rötif einlud, hinabzugehen und ſelbſt bot den Tiſch, der ihm anſtünde, zu wählen. Rétif ging hinab und nahm einen ſehr einfachen, 4 aber mit zwei Schubladen verſehenen Tiſch; alsdann brachte er, immer mit Hülfe des Eigenthümers, den edem Tiſch in den vierten Stock. das Wonach ſich der Hausherr, Röétif ſeine anderen nbot, dienſte anbietend, zurückzog. Rétif Rö6tif geleitete den Hauseigenthümer bis an die eres Thüre, grüßte ihn, wartete, bis er einen Stock hinab⸗ geſtiegen war, kehrte zurück, machte die Thüre hinter , in ihm zu, zog die beiden Schubladen aus dem Tiſche, tuhl und leerte die Schrift darein, mit der ſeine zwei elbſt, Taſchen vollgeſtopft waren. Wieder aufgeheitert durch die Idee, nichts wi⸗ achte derſetze ſich mehr dem, daß er arbeiten könnte, ging kbar, er ſodann eine Zeit lang auf und ab,— ſeine Toch⸗ ſie ter erwartend und nicht bezweifelnd, ſo gut kannte Zeit er ſeine Ingénue, ſie werde jeden Augenblick kommen. pie Und dennoch verſtrich die Zeit. ge⸗ Doch, ein Mann von Einbildungskraft, ſupponirte Retif Alles, um einen Verzug zu entſchuldigen: den S 1 Schmerz der Demviſelles Réveillon, denen das zarte den Herz von Ingénue Hülfe leiſten würde; die Einſan⸗ ai keit, in der ſich die armen Mädchen befänden; die Sperrung der Straßen, die Entfernung der zwei hte, Quartiere: Rétif ging endlich weit, daß er ſogar Gefahren annahm. 126 Was ihn aber hauptſächlich beruhigte, das war die Gegenwart von Auger im Hauſe: der Mann wachte über die Frau, und es werde, Dank ſei es dieſem Schutze, ohne Zweifel Ingénue jeden Augen⸗ blick friſch und geſund zurückkommen. Es ſchlug halb zehn Uhr Abends, ohne daß Ré⸗ tif ernſtlich in Unruhe gerathen war. Uebrigens hatte Rétif, um keine Zeit zu verlieren, ein paar Seiten über den Brand und die Plünderung zu ſetzen angefangen; da er aber keine geſchichtliche Erzählungen machen konnte, denn die Preßfreiheit war entfernt noch nicht vollkommen, da er über⸗ dies mit den glühenden Leidenſchaften des Au⸗ genblicks den ſchmerzlichen und nur zu reellen Brand des Aufruhrs wieder zu ſchüren befürchte te, ſo ſuchte und fand Röétif ein ſinnreiches Mittel, das, was vorgefallen, zu erzählen, darin, daß er den Brand eines Schloſſes auf dem Lande beſchrieb. Er erſetzte die Aufrührer durch Dorfbewohner in Schlar⸗ ren und die Kaſſe durch einen Futterboden; er nannte Scheunen die Werkſtätten und machte eine ſehr rührende Erzählung vom Einſturze der in Flammen ſtehenden Schafſtälle und dem kläglichen Blöken der Herden; Röveillon endlich verwandelte er in einen ſchlechten Gutsherrn, was ſeiner Novelle ein wenig Körper gab. Rötif ſchrieb, wie man weiß, nicht, ſondern er ſetzte ſogleich; er war ſchon ganz erhitzt durch ſeine Arbeit, er fing an den wahren Brand über dem falſchen zu vergeſſen, ſelbſt Ingénue zu vergeſſen, als die Thüre des Zimmers ſich öffnete und ein zr war tann i es gen⸗ ren, tung liche iheit ber⸗ Au⸗ llen te te, das, den Er lar⸗ nnte ſehr men öken in ein er eine em ſen, ein — 127 Mann, ganz keuchend, ganz athemlos, wie eine Lawine hereinſtürzte. Bei dem Geräuſche, das dieſer Mann eintre⸗ tend machte, ſchaute Rétif empor, und er erkannte Auger. Auger war bleich; er hatte hohle Augen mit blauen Ringen, einen kurzen Athem und ſchlotterige Beine; ſeine Haare waren in Unordnung; man ſah, daß er viel hatte laufen müſſen, und er ſchien noch laufen zu wollen, als ob dieſes Zimmer, ſtatt ihm das Hinderniß ſeiner vier Wände zu bieten, eine gränzenloſe Ebene geweſen wäre. „Sie! Sie!“ rief Auger, indem er ſich auf Rétif warf, um ihn zu umarmen. „Allerdings ich,“ erwiederte der gute Mann: „ſuchten Sie mich denn nicht?“ „Doch „Und Sie haben errathen, ich ſei nach meiner alten Wohnung zurückgekehrt?“ „Ich habe das errathen... ja,“ ſtammelte Auger. „Sie ſind aber nicht allein?“ fragte Röétif be⸗ ſorgt. „Wie, nicht allein?“ „Nein Ingénue?„ „Ach!“ „Wo iſt ſie?“ „Ah!“ rief Auger, Niedergeſchlagenheit heuchelnd. Und er ſetzte ſich oder fank vielmehr auf den zweiten Stuhl. „Ingénue! Ingénue! wo iſt Ingénue?“ wieder⸗ holte der arme Vater mit zunehmender Dringlichkeit. 128 Bei dieſer Frage ſtieß Auger nicht einen Seußzer, ſondern ein Geheul aus. Rötif reckte die Ohren auf. „Nun?“ fragte er. „Ah! armer Vater!“ ſeufzte S „Sprechen Sie doch!“ „Ingénue. „Was?“ „Wenn Sie wüßten!“ Rétif verließ ſeinen Winkelhaken und ſtand von ſeinem Stuhle auf. Er fühlte um ſich her den Wind eines Mißge⸗ ſchickes, den Flügel des Unglücksvogels. Auger ſeufzte und wehklagte fortwährend. „Reden Sie!“ ſagte Rétif mit jener ganz ſpar⸗ taniſchen Feſtigkeit, die in ihrer Seele beim Heran⸗ nahen großer Mißgeſchicke diejenigen, welche die Fähigkeiten ihres Geiſtes, das heißt, ihrer Seele geübt, gefunden haben, finden und immer finden werden. „Was ſoll ich Ihnen ſagen?“ „Aber wo iſt ſie denn?“ „Ich weiß es nicht.“ „Wie! Sie wiſſen nicht, was aus meiner Tochter geworden iſt?“ rief der erſchrockene Vater. „Nein.“ Rötif ſchaute ſeinen Schwiegerſohn ſtarr an. „Sie wiſſen es!“ ſprach nach einem Stillſchwei⸗ gen der Greis, der die Verlegenheit in den Zügen des Elenden geleſen hatte. Aber „Sie wiſſen es!“ wiederholte er mit noch un n 6 ar⸗ n⸗ die ele en ei⸗ en hr. 129 Nachdruck,„und Sie müſſen es mir auf der Stelle ſagen, was auch die Kunde ſein mag, die Sie mir mitzutheilen haben.“ Auger erhob ſich wie ein Menſch, der alle ſeine Kräfte zu Hülfe ruft. „Sie wollen es alſo?“ fragte er. „Ich will es,“ antwortete Rétif. „Nun wohl, Sie wiſſen, daß mir insbeſondere bei Herrn Réveillon,— außer den andern Functionen, mit denen mich ſein Vertrauen bekleidet hatte,— die Bewachung der Kaſſe übertragen war?“ a.“ „Sie wiſſen, daß Ingénue gegen Mittag oder um ein Uhr ausgegangen war?“ „Ja, wahrſcheinlich mit den Demviſelles Ré⸗ veillon.“ „Ich weiß nicht, mit wem.“ „Gleichviel, fahren Sie fort.“ „Nun wohl, es ſcheint, daß ſie zurückgekommen iſt, und daß ſie in dieſen Theil des Gebäudes ein⸗ dringen wollte.“ „Warum ſagen Sie, es ſcheint?“ fragte Rétif. „Ich ſage, es ſcheint, weil man nicht ganz ſicher iſt. „Man iſt nicht ganz ſicher?“ „Man weiß nicht... „Ah! ſagen Sie doch raſch, was man weiß oder was man nicht weiß?“ rief Rötif mit einer Energie, welche Auger erbleichen machte. „Nun,“ fuhr Auger fort,„die Kaſſe iſt verbrannt; ich wollte in dieſelbe eindringen, um einige Werthe, ſei es vor dem Brande, ſei es vor der Plünderung zu 8 Dumas, Ingenue. II. 130 retten; als ich aber an Ort und Stelle kam, ſah ich die Plafonds einſtürzen, und ich fand nichts als.. „Was?“ fragte Rétif keuchend. „Nichts als den Leib!“ ſtammelte Auger mit er⸗ ſtickter Stimme. „Den Leib von wem?“ rief der Greis mit einer Betonung, welche ſich nicht beſchreiben läßt, und die für den Böſewicht, ſo niederträchtig er auch war, der Vorgeſchmack der Qualen, die ihm die Ewigkeit vor⸗ behielt, ſein mußte;„den Leib meiner Tochter?“ Auger neigte das Haupt und ſchwieg. Rötif ſtieß einen dumpfen Fluch aus und fiel auf ſeinen Stuhl zurück. Allmälig begriff er den ganzen Umfang ſeines Unglückes; er verfolgte Schritt für Schritt, mit dem unſeligen Scharfſinne des Menſchen von Einbildungs⸗ kraft, das gräßliche Drama, von dem ihm ſein Schwie⸗ gerſohn nur einen Theil entrollt hatte. Und da er raſch zur ſchmerzlichen Entwicklung kam, ſo wandte er ſich gegen Auger um und fragte: „Sie war todt?“ „Entſtellt, unkennbar, vernichtet! aber, ach! ich habe ſie nur zu wohl erkannt!“ fügte der Mörder bei, der ſich beeilte, die Erzählung kurz abzuſchnei⸗ den, als wollte er zugleich ſeine Gewiſſensbiſſe kurz abſchneiden. Rétif ließ ſich ſodann, mit der Beharrlichkeit und der Verzweiflung der gebrochenen Herzen, den Ein⸗ ſturz, den Brand, den Ruin des Hauſes erzählen; und nachdem er Alles mit den Augen der Einbil— dungskraft wohl geſehen hatte, ſchaute er Auger an, die gla die ore ein Zur Toc Sie faſſe doch wür Alle eine mit ſein ch die . it er⸗ einer d die „der vor⸗ 0 fiel ines dem ngs⸗ wie⸗ lung gte: ich rder nei⸗ kurz und Ein len; bil⸗ an, 131 als wollte er in ſeine Augen einen letzten Refler des entſetzlichen Bildes, das er betrachtet, nehmen. Gelähmt, gebrochen, ließ er ſich ſodann gehen und weinte. Auger lief auf ſeinen Schwiegervater zu, drückte ihm die Hände, nahm ihn in ſeine Arme, vermengte ſeine Thränen mit denen des Greiſes; und als er dieſe Pantomime lange genug geſpielt zu haben glaubte, ſagte er: „Lieber Herr Rétif! wir haben wirklich Beide dieſes Unglück erlitten; wir müſſen es mit einander zu ertragen ſuchen. Nachdem Sie Ihre Tochter ver⸗ loren, betrachten Sie ſich als einen Mann, der noch einen Sohn hat, welchem Sie, wenn nicht die Freund⸗ ſchaft, die Sie für Ingénue hegten, doch ein wenig Zuneigung gewähren werden.“ „Oh!“ entgegnete Rétif,„nicht einmal eine zweite Tochter würde dieſe erſetzen, Auger!“ „Ich werde Sie ſo gut pflegen! ich werde für Sie ſo gut und ergeben ſein, daß Sie wieder Muth faſſen müſſen,“ ſagte der Elende. „Nie.“ „Sie werden ſehen.“ Rötif ſchüttelte zum zweiten Male den Kopf, je⸗ doch ſchmerzlicher als das erſte Mal. „Wie,“ ſprach Auger ſichtbar beunruhigt,„Sie würden mich wegjagen?.. Habe ich nicht auch Alles verloren, und mein Schmerz ſollte Ihnen nicht eines kleinen Mitleids würdig ſcheinen?“ „Ach!“ ſeufzte Rétif, unwillkürlich ſeinen Schmerz mit dem vergleichend, was der Schmerz von Auger ſein mußte. 132 „Nun wohl,“ ſagte Auger,„berauben Sie mich nicht des Troſtes, den mir Ihre Gegenwart bringen ſoll, und da ich ſchwächer bin als Sie, ſo unter⸗ ſtützen Sie mich durch Ihr gutes Beiſpiel und Ihre Feſtigkeit.“ Es muß eine große Macht in der Schmeichelei liegen, daß ſie oft die Empfindſamkeit überwiegt. Retif ſchöpfte aus dieſer wirklichen oder ſcheinbaren Superiorität eine Stärke, der er ſich nicht fähig hielt er reichte die Hand ſeinem Schwiegerſohne, und berührte,— ein armes durch den Anſchein getäuſchtes Herz,— dieſe Hand, die ſeine Tochter gemordet hatte. „Sehen Sie,“ ſagte Auger,„ich, der ich nur mit meinen Armen oder mit meinem Inſtincte arbeite, ich werde in den Lebensverhältniſſen nicht leiden, wie Sie, der Sie mit Ihrem Kopfe arbeiten; ich werde wohl immer einen Schlüſſel in einem Schloſſe drehen, und immer eine Addition oder eine Arbeiter⸗ revue machen; ich werde wohl immer eine Tapete aufrollen; ich werde folglich leben, während Sie in Ihren Arbeiten unterbrochen werden können.“ „Guter Auger!“ „Alſo,“ rief dieſer mit einem ſo freudigen Aus⸗ drucke, daß Rétif nicht umhin konnte, den Kopf auf⸗ zurichten, um ihn anzuſchauen,„alſo, lieber Herr Rétif, wir werden mit einander wohnen?“ „Ja,“ ſprach Rétif. Man begreift, welches Intereſſe Auger hatte, bei Rétif zu wohnen und auf das Beſte mit ihm zu ſein. Wie hätte man annehmen ſollen, der Mörder der Tochter wäre der Freund des Vaters geblieben? Und dennoch verſchwand unter dem Blicke von — mich ngen nter⸗ Ihre helei iegt. aren ähig und chtes atte. mit eite, den, ich loſſe iter⸗ pete e in Aus⸗ auf⸗ Herr atte, zu rder en von 133 Rétif dieſer Blitz der Freude alsbald vom Geſichte von Auger, um einer Affectation von düſterer Trau⸗ rigkeit Platz zu machen. Und da er nicht weinen konnte, als hätte Gott gewollt, daß die Thränen, dieſe heilige Gabe der Gottheit, nur für einen wahren Schmerz fließen kön⸗ nen, ſo flüchtete er ſich in die Seufzer und die Ver⸗ zerrungen. Rötif ſah ſich genöthigt, den ſchändlichen Böſe⸗ wicht, der ſeine Tochter ermordet, zu tröſten. Dieſer übertriebene Schmerz brachte indeſſen eine glückliche Wirkung auf den ſeinen hervor: er beſänf⸗ tigte ihn für einen Augenblick. Und nach einigen Anordnungen, die darin be⸗ ſtanden, daß man zwei Gurtbetten vom benachbarten Trödler, den man zu dieſem Ende aufweckte, herauf⸗ bringen ließ, quartierte Auger ſeinen Schwiegervater in ein Zimmer ein und legte ſich in das andere. Von hier aus konnte er, mit trockenem Auge und häßlich lächelndem Geſichte, die wahren Thränen hören, welche frei und ſtürmiſch aus dem zerriſſenen Herzen des ehrlichen Rötif hervordrangen. Ohne Zweifel ärgerten ihn dieſe Thränen, weil 6 zu lange dauerten und ihn zu ſchlafen verhin⸗ erten. 134 LXI. Der erſte Probebogen von einem neuen Roman von Retif de la Bretonne. Die gute Haushaltung des Vaters und des Schwiegerſohnes machte großes Aufſehen im Quar⸗ tier und verurſachte hier, man muß es ſagen, eine allgemeine Bewunderung. Das beklagenswerthe Abenteuer von Ingénue verbreitete ſich ſehr raſch; Jeder hatte ſie gekannt, und dieſer ſo unglückliche und unerwartete Tod ver⸗ doppelte das Intereſſe, das ſchon die Kataſtrophe einflößte, deſſen Opfer das Haus Réveillon geweſen war. Es war für Rétif de la Bretonne eine Art von Thränentriumph, wenn er durch die Straße ging. Es war für den Schwiegerſohn ein Tugendtriumph, wenn man ihn, bei ihren jeltenen Spaziergängen, den Arm ſeinem Schwiegervater geben und dieſem gegenüber alle Sorgſamkeit des zärtlichſten Sohnes affectiren ſah. So vergingen acht Tage. Während dieſer acht Tage waren, wie man ſich leicht denken kann, das Herz und der Geiſt des armen Vaters dem ſchmerzlichſten Grame preisgegeben. Er hatte ſich eine ſo ſüße Gewohnheit daraus gemacht, Ingénue zu lieben, und es war bei ihm dieſe Gewohnheit ſo mächtig, daß es ihm ein paar Tage ſchien, ſein wahrer Leib ſei mit dem ſeiner Tochter ins Grab gelegt worden, und ſeine Seele irre allein noch auf der Erde umher. ba ei un At ge kan wie wi bet ſell gin T doe gef Tie bet au ihr 135 Der Schmerz ſtellte ſich am Ende in ihm feſt und ließ auf ſeinem hohlen Geſichte jene unvertilg⸗ Retif bare Spur zurück, die das Meer an der ſteilen Küſte eingräbt, welche es alle Tage bei ſeiner Flut beſucht, und in die es ſich am Ende incruſtirt. des Was Auger betrifft— und das war begreiflich: uar⸗ Auger war nicht Vater und, wie man weiß, ſehr eine wenig Gatte;— was Auger betrifft, er hatte ſeine gewöhnlichen Arbeiten wieder aufgenommen, er ging, enue kam, aß und ſchlief wie gewöhnlich. nnt, Von Zeit zu Zeit nahm er indeſſen plötzlich und ver⸗ wie durch Erinnerung ſtatt der ſchlimmen Miene, ophe wie er ſie ſonſt zu haben pflegte, eine ſchmachtend eſen betrübte Miene an. Das war beſonders der Fall, wenn er in Ge⸗ von ſellſchaft ſeines Schwiegervaters durch die Straße . ging. Da ſtellten ſich die guten Seelen unter die nph, Thüren und an die Fenſter, um das erbauliche Paar gen⸗ vorüberziehen zu ſehen. ſem Jeder ſagte ſich:„Welch ein unglücklicher Vater! nes doch wie glücklich iſt er, daß er einen ſolchen Sohn gefunden!“ Und die ſtummen Glückwünſche, nur durch die ſich Blicke überſetzt, drangen wie ein Balſam bis in die nen Tiefe der Seele von Rétif. Auger hatte ſein Zimmer, das früher Ingénue aus bewohnte, vollends meublirt. hm Das Ameublement war höchſt einfach. aar Es beſtand aus dem Bette, das wir haben hin⸗ ner aufbringen ſehen, und aus zwei Stühlen beim Tiſche. ele Dieſer Tiſch war in den Stunden des Mahles ihm und ſeinem Schwiegervater gemeinſchaftlich. 136 Auger war übrigens den größten Theil der Zeit auswärts und kam zuweilen ſehr ſpät nach Hauſe, mochte nun das Geſchäft größer geweſen ſein, oder geſchah es aus irgend einem anderen Motive. Denn, wenn man wohl überlegt hätte, welches Geſchäft hatte nun, da Réveillon keine Kaſſe mehr beſaß, der Kaſſier Auger zu verrichten? Folgendes: Auger war ein Mann von Einbil⸗ dungskraft, Auger hatte ſich ein Amt geſchaffen, Auger hatte ſich zum Inſpector der Demolirungs⸗ materialien gemacht, und man ſah ihn die Intereſſen des ruinirten Réveillon mit demſelben Eifer über⸗ wachen, welchen er anwandte, um ſeinen Schwieger⸗ vater zu pflegen. Hatten am Ende des Tages die Arbeiter unter ſeinen Befehlen ein paar Bretter zuſammengebracht, deren Zuſtand eine neue Verwendung geſtattete, ſo war Auger glücklich wie Titus: Auger hatte ſeinen Tag nicht verloren. Und er kam entzückt zum Vater Rétif zurück und ging in alle Einzelheiten dieſer täglichen Arbeit ein, ohne zu begreifen, wie ſehr er den Greis dadurch betrübte, daß er ſich jeden Tag wieder an den ver⸗ fluchten Ort begab, wo Rétif ſeine Tochter verloren, und daß er ihm jeden Abend durch eine neue Er⸗ zählung den Dolch ins Herz ſtieß. Auger bekümmerte ſich aber, wie man leicht ein⸗ ſieht, ſehr wenig darum, daß er Rötif betrübte. Das Einzige, um was er ſich bekümmerte, war, im Quartier ſeinen Ruf als redlicher Mann, als betrübter Witwer und als ehrfurchtsvoller Sohn feſtzuſtellen. — ſchi Zeit auſe, oder lches mehr nbil⸗ ffen, ngs⸗ eſſen iber⸗ eger⸗ nter acht, inen und ein, urch ver⸗ ren, ein⸗ ar, als ohn 137 Das war ihm in acht Tagen gelungen. Man weiß, daß, wenn Auger Etwas wollte, er es recht wollte, und daß es ihm weder an Gewandt⸗ heit, noch an Beharrlichkeit fehlte, um es zum Ziele zu führen. Es waren alſo acht Tage verlaufen; man war am neunten ſeit dem Tode von Ingénue; es hatte zwei Uhr geſchlagen, und das Mittagsmahl, bereitet von den Händen von Auger und verſtärkt durch ein im Ofen des Bäckers gekochtes Gericht, war auf dem Tiſche erſchienen. Auger rief ſeinen Schwiegervater. Dieſer verließ ſeinen Winkelhaken, ſtieß einen Seufzer aus, ſtand auf und ſetzte ſich maſchinen⸗ mäßig an den Tiſch. Auger, der hinter ihm geblieben, rückte ſeinen Stuhl zurecht, und war beſorgt, einige vom Greiſe geſetzte Zeilen ungemein zu bewundern,— Stanzen in Verſen, Stanzen in Proſa an das Andenken von Sicadele und Zephyre gerichtet. Der Elende gebrauchte alle Mittel, die ihm ſeine Einbildungskraft in den Sinn gab, um dieſen tiefen väterlichen Schmerz einzuſchläfern. Er that das Gute durch den beharrlichen Willen, das Böſe zu thun. Auger hatte Appetit: das Mahl war gut und reizte ihn. Rétif dagegen ſaß bei Tiſche, doch ſeine trägen Arme ſielen an beiden Seiten ſeines Lehnſtuhles hinab, ſein Kopf neigte ſich auf ſeine Bruſt, und er ſchien durchaus nicht zum Eſſen gelaunt zu ſein. Er ſah ſeinen Schwiegerſohn ſich zu Tiſche ſetzen, 138 doch er ſchenkte ihm ebenſo wenig Aufmerkſamkeit, als ob er gar nicht exiſtirte. Auger bediente ihn; Rétif berührte aber kaum die Suppe mit dem Ende der Lippen und ſchob ſo⸗ gleich ſeinen Teller mit einem ſchweren Seufzer zurück. Augeér aß ſeine Suppe, ohne daß er den Schmerz des Greiſes zu bemerken ſchien, und dachte erſt an das Seufzen, als er ſeinen letzten Löffel voll ver⸗ ſchluckt hatte. Das erſte Gericht wurde in Angriff genommen, und Rétif fing, trotz ſeines Widerwillens, an ein wenig zu eſſen, als ein viermaliges Klopfen an die Thüre die Aufmerkſamkeit der zwei Männer erregte. Rétif wohnte, wie geſagt, im vierten Stocke; die vier Schläge, welche in dieſem Augenblicke geſchahen, galten alſo ihm. Er ſtand auf, um ans Fenſter zu gehen. Mehr beunruhigt als er, ſtand Auger zu gleicher Zeit auf, und er hatte das Fenſter in einem Moment geöffnet. Sie erblickten ſodann einen Auvergat, der die Naſe emporſtreckte und auf eine Antwort wartete. „Komm herauf!“ rief ihm Rétif zu, indem er eine Schnur anzog, welche die Thüre öffnete. Jeder Miethsmann hatte eine ſolche Schnur, vermittelſt der er, ohne ſich die Mühe zu geben, hin⸗ abzugehen, jede Perſon, welche für ihn klopfte, in das Haus einlaſſen konnte. Der Auvergat, als er ſah, daß man ihn er⸗ wartete, ging hinauf und übergab Rétif ein Päckchen, den Rollen von Probebogen ähnlich, wie man ſie ſic Re Ré zu hat kein aus wöh bald bei Gar Sal lebe Rév nen, ein die gte. die en, cher ent die er ur, in⸗ in en, ſie 139 bei den oft gedruckten Schriftſtellern im Ueberfluſſe findet. Es war alſo nichts Neues bei Rétif, und den⸗ noch ſchielte Auger aus dem Augenwinkel nach dem Paquet. Fügen wir ſogleich bei, daß er nicht den gering⸗ ſten Verdacht ſchöpfte. Rétif konnte ſich alſo dem Lichte zuwenden und ſich ſogar dem Fenſter nähern, ohne die mindeſte Neugierde bei ſeinem Schwiegerſohne hervorzurufen. Dieſer ſetzte im Gegentheile ſein Mahl mit dem größten Appetit fort. Mehr noch, die augenblickliche Abweſenheit von Rötif und ſeine Beſchäftigung erlaubten ihm, reichlicher zu ſpeiſen. Rétif wandte ſich völlig auf die Seite des Fenſters. Eine Todesbläſſe, gefolgt von einer Purpurröthe, hatte ſein Geſicht überſtrömt. Er las: „Gerathen Sie nicht in Unruhe, offenbaren Sie keine Aufregung, treten Sie in keiner Beziehung aus der Gränze, welche den ſtarken Mann vom ge⸗ wöhnlichen Menſchen unterſcheidet. Verbrennen Sie den Brief, den Sie erhalten, und kommen Sie, ſo⸗ bald Sie können, nach der Rue Faubourg⸗du⸗Roule, bei der Barrière, in ein Haus umgeben von einem Garten, an deſſen Gitter zwei ſteinerne Löwen liegen. „Sie werden Ihren Namen ſagen und in einen Salon eintreten, wo Sie Ihre Tochter Ingénue noch lebend finden, nachdem ſie in der Kaſſe von Herrn Réveillon durch Auger, ihren Gatten, gemordet wor⸗ 140 den, den ſie ſeinen unglücklichen Herrn beſtehlend ertappt hatte. „Laſſen Sie nichts ſichtbar werden: man kennt Ihre Seelenſtärke; lächeln Sie fortwährend gegen den Glenden, der bei Ihnen iſt, erregen Sie keinen Verdacht bei ihm; er wäre ſonſt im Stande, Sie auch zu ermorden.* „Kommen Sie geſchwinde! man erwartet Sie.“ Als ſein durch dieſen entſetzlichen Brief gepeitſchtes Blut oft genug die Aufſteigung und die Abſteigung, die den Schlag und die Lähmung geben, gemacht hatte, ſtellte ſich Rétif wieder gerade auf ſeine wan⸗ kenden Beine und ſagte mit ſicherer Stimme: „Dieſe Probebogen ſind ſchlecht, und die Arbei⸗ ter ſind ungeſchickte Leute.“ Sodann zerknitterte er das Papier in ſeiner Hand und verſchloß es in ſeiner Taſche, ohne daß Auger es bemerken konnte und im Geringſten dar⸗ auf merkte. Wonach er wieder ſeinen Platz bei Tiſche nahm und ſein Geſpräch mit dem Elenden fortſetzte. Dieſer hatte gegeſſen, er war zufrieden; die Verdauung klärte ihm die Ideen auf: er war ge⸗ ſchwätzig und beinahe heiter. In ſeinem Erguſſe ging er vom Heitern zum Traurigen über, und Reétif machte ſich das gräuliche Vergnügen, ſich den Tod von Ingénue mit allen Umſtänden erzählen zu laſſen, das heißt mit allen den Lügen, die der Elende aus ſeiner hölliſchen Schlauheit und aus dem ſchlechten Weine, den er getrunken, ſchöpfte. 7) end nnt gen nen Sie . htes ung, acht van⸗ rbei⸗ einer daß dar⸗ rahm die rge⸗ zum uliche allen allen iſchen en er 141 Röétif betrübte ſich ungemei wenig tröſten. n und ließ ſich ein „Mein lieber Schwiegervater,“ ſagte Auger, „ſehen Sie, wie ſich Alles auf der Welt ändert, da wir, nachdem wir ein ſo grauſames Unglück erlitten, auf dem Punkte ſind, ſehr glücklich mit einander zu leben!“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Rétif phlegmatiſch, „denn Sie lieben mich, Auger.“ „Wie ich Ingénue liebte!“ „Meinen Dank!“ ſagte Rétif, indem er ſich leicht verbeugte. Heiterer, als er je geweſen, verſiegte indeſſen Auger nicht; er machte ſeine Reichthums⸗ und Glück⸗ ſeligkeitspläne, bei denen er den Vater Rötif mit ſo kläglichen Uebertreibungen zum Theilhaber nahm, daß es für den Greis bei kaltem Blute eben ſo viel Spöttereien waren. Aller dieſer Plattheiten müde, ſtand Rétif end⸗ lich dem ſchändlichen Mörder zulächelnd von Tiſche auf. „Haben Sie genug gegeſſen, mein Freund?“ fragte er ihn. „Oh! ja, Schwiegervater; das iſt das erſte Mal, daß wir ſo gut geſpeiſt haben.“ „Sie haben Recht... und ein gutes Mahl be⸗ friedigt immer, nicht wahr?... „Ach!“ „Selbſt die Tugend!“ Auger, der gewohnt war, ſelbſt den Schmerz!“ den Schwiegervater Sentenzen ausſprechen zu hören, gab nicht Acht auf die Bedeutſamkeit von dieſer. Er ſtand ebenfalls von Tiſß che auf und ging in . 142 ſein Zimmer, um ſeine Schuhe und ſeinen Rock wie⸗ der anzuziehen, denn aus Sparſamkeit legte er dieſe Kleidungsſtücke ab, wenn er nach Hauſe kam. Rötif beeilte ſich indeſſen, den Brief zu verbren⸗ nen, den er erhalten hatte, und der Rauch füllte noch das Zimmer, als Auger wieder eintrat. „Ei! was haben Sie da verbrannt?“ fragte Auger mit mehr Neugierde als Unruhe ſchauend. „Ein Blatt von meinem letzten Satze,“ antwor⸗ tete Rétif. „Warum dies?“ „Weil die Stelle ein wenig jovial war, und ich kein Herz mehr für die Freude habe, ſelbſt nicht ein⸗ mal in meinen Büchern, ſeit dem Tode meiner armen Tochter!“ Auger zog ſein Taſchentuch und weinte ein wenig zum Nachtiſche. Der Vater Rötif beharrte nicht bei dem Geſpräche; bald nahm Auger ſeinen Stock und ging aus, um ſich zur Arbeit zu begeben. Rétif ſah ihn, hinter dem Fenſter verborgen, weggehen; als ſodann ſein Schwiegerſohn verſchwun⸗ den war, ging er ebenfalls aus; um jedoch keinen Verdacht zu erregen, hielt er bei einigen Kaufleuten von der Nochbarſchaft an, die ihn jeden Tag nach Neuigkeiten fragten, oder ihn zum zwanzigſten Male die Geſchichte ſeines Unglücks erzählen ließen. Man hat keine Idee, wie ſehr das Volk von Paris die wiederholten Geſchichten liebt. Sobald Rötif annehmen konnte, ſein Böſewicht habe Vorſprung genug, er es auch, ſeinen Gang fortzuſetzen. 8 ie⸗ ieſe en⸗ llte gte Or⸗ in⸗ en nig oon icht nen 143 Doch dem Helden des Nächtlichen Zuſchauers ähnlich, ging er nicht am Ende einer Straße vorüber, ohne ſich verſichert zu haben, daß ihm Auger nicht folgte. LXII. Was man durch das Loch eines Bohrers ſieht. Unter Weges ließ Rétif in ſeinem Monologe und in ſeinen Geberden die Freude und die Hoffnung, die ihm dieſer Brief gegeben, überſtrömen. Zuweilen hielt er auch an und fragte ſich, ob es nicht eine Falle ſei, in der ihn der argliſtige Schuft fangen wolle. In der That, eine unbekannte Schrift, kein Zei⸗ chen, das ihn beruhigen konnte; die Hand, welche das Billet geſchrieben, war Rétif völlig fremd. Die Hoffnung allein winkte ihm am Horizont. Dieſer Wink gab ihm den Glauben; hätte man zu ihm geſagt:„Deine Tochter iſt auf dem jenſeitigen Ufer!“ wie der Apoſtel, wäre er auf den Wogen des Meeres gegangen. Und wenn er es ſich überlegte, ſo war doch das, was dieſer Brief enthielt, ſo wenig wahrſcheinlich! Nichtsdeſtoweniger ſchritt er weiter gegen die Rue Saint⸗Honoré; nur ging er zwiſchen dem Schmerze der Täuſchung und der Furcht vor einem Hinterhalte. Als er indeſſen ſah, daß man ihm nicht folgte, erlangte Rétif ein wenig Sicherheit; er erreichte den Ort, den man ihm bezeichnet. 144 Er hatte das Haus nicht zu ſuchen gebraucht: nach der Beſchreibung hatte er es erkannt, und er wußte, wo es lag.. Rétif kannte alle Häuſer von Paris. Endlich blieb er vor der Thüre ſtehen, klopfte an, wurde eingeführt und nannte ſich. Funf Minuten nachher lag er, erſtickend vor Freude, nicht im Stande, an ein ſolches Glück zu glauben, in den Armen von Ingénue, welche, wie wir geſagt haben, gerettet und der ſorgſamen Pflege der geſchickteſten Wundärzte von Paris anvertraut worden war. Der Schmerz iſt, wie man verſichert, leichter zu verbergen, als die Freude. Man müßte denn die Seelenſtärke von Rötif nach der Unempfindlichkeit beurtheilen, die er vom Fau⸗ bourg Saint⸗Honoré nach der Rue des Bernardins zurückkehrend an den Tag legte. Richts in ſeiner Haltung, nichts in ſeiner Phy⸗ ſiognomie verrieth das Geheimniß, das ihm enthüllt worden war. Die Augen des guten Mannes waren allerdings ein wenig angeſchwollen und ein wenig roth; doch er weinte ſeit acht Tagen ſo viel aus Schmerz, daß man unmöglich errathen konnte, die Thränen, die er vergoſſen, ſeien Freudenthränen geweſen. Ueberdies war Rétif vor Auger zurück; er ließ ſich in ſeinem Zimmer nieder und wartete.— Unter Weges hatte er einen guten Bohrer gekauft, mit dem er ein Loch in ſeinen Alcoven machte. Dieſes Loch war ſo abgemeſſen worden, daß es gerade in eine Blume der Tapete von Auger ging. da— Ré gel ver Da Re erb er ſich gül ohr hat Str hei ein als wa ten die ſtel ließ inter dem ß es ing. 14⁵ Schief gehöhlt, beſtrich das Loch mit dem Geſichte das ganze Zimmer des Elenden. Durch dieſe kleine Heffnung verlor der Blick von Rétif nichts vom Plafond bis zum Fußboden. Rétif machte die Erfahrung noch an demſelben Tage; er hatte ſich den Kranken ſpielend zu Bette gelegt, um nicht die Erſtlinge ſeiner Erfindung zu verlieren. Er ſah Auger mit ſeinem Lichte hereinkommen. Das Spiel dieſer Phyſiognomie, bei den röthlichen Refleren des brennenden Dochtes, hatte etwas Er⸗ ſchreckliches, das den guten Mann in ſeinem Bette erbleichen machte. In der That, Auger, der nicht vermuthen konnte, er werde bemerkt, kam mit ſeinem natürlichen Ge⸗ ſichte zurück, das heißt mit der ekelhaften Gleich⸗ gültigkeit des wilden Thieres; er war häßlich ſo. Sein Geſicht hatte keinen Geiſt; ſeine Augen ſahen, ohne zu ſchauen; ein gewiſſes Zuſammenziehen ſeines Mundes in den Momenten, wo er ſich bewachte, hatte einer völligen Trägheit Platz gemacht. Der Stumpſfſinn, die Schlaffheit der Lippen, die Wild⸗ heit des Blickes machten aus dieſer Phyſiognomie einen abſcheulichen Typus. Das Thier ſuchte um ſich her und ſah bald aus, als ob es ſich erinnerte. Der Gegenſtand von dieſem Gedächtnißaufſchwunge war Rötif; das Geſicht erleuchtete ſich, die Hände beweg⸗ ten ſich, die Beine trugen den Leib nach der Thüre. Da erfaßte Rétif die unangenehme Empfindung dieſes nahe bevorſtehenden Beſuches: er wollte ſich ſtellen, als ſchliefe er. Dumas, Ingénue. III. 10 146 Die Thüre öffnete ſich. Auger ſchlich ſich leiſe wie ein Wolf herein und trat auf das Bett zu. Rétif hörte, ſo zu ſagen, den Athem dieſes Menſchen ausſtrömen. Er bekam bange, Auger könnte ihn, im Glauben, er ſei eingeſchlafen, erwürgen. Es war gewiß eine grauſame Minute, die Mi— nute, während welcher Rétif das Licht fühlte und dieſen Menſchen ohne eine andere Anſchauung als die des Geiſtes ſah. Durch die Augenlider dringt indeſſen die Helle, die man nicht ſehen will. Auger ging auf den Fußſpitzen weg, wie er ge⸗ kommen war. Sobald ſich Auger in ſeinem Zimmer befand, näherte ſich Rétif wieder ſeinem Obſervatorium. Und da ſah er das Geſicht ſeines Schwiegerſohnes ſich völlig verändern. Dieſer ſtellte an die Eingangsthüre einen großen Koffer und einen Tiſch, was er ſich Beides ſeit ein paar Tagen verſchafft hatte. Er unterſuchte, ob das Schloß wohl verſtopft ſei, ob kein Blick in ſein Zimmer eindringen könne, und er zog hermetiſch die Vorhänge ſeines Fen⸗ ſters zu. Er gebrauchte ſogar die Vorſicht, als Futter für ihre zu durchſichtige Gaze die baumwollene Decke ſeines Bettes anzuwenden, die er an den Vorhang⸗ ſtangen befeſtigte. „Was bedeutet Alles dies?“ ſagte Rétif zu ſich ſelbſt:„wir werden alſo einer neuen Schändlichkeit dieſes Elenden beiwohnen!“ ihr an ur ſei leiſe ſ chen uben, Mi⸗ und gals Helle, r ge⸗ fand, ohnes roßen it ein ſtopft önne, Fen⸗ r für Decke hang⸗ u ſich ichkeit 147 Auger zog ein Meſſer aus ſeiner Taſche, und, wir müſſen es ſagen, dieſe glänzende Klinge erſchreckte ſehr den guten Rétif. Sie war indeſſen nicht beſtimmt, eine fürchterliche Rolle zu ſpielen. Sie drückte ſich in den Fußboden zwiſchen zwei Backſteinen ein, die ſie trennte. Auger hob hierauf einen Backſtein aus und legte ihn auf die Seite; unruhig und in der Haltung des antiken Schleifers, richtete er ſodann den Kopf auf und horchte. Da er aber nichts hörte und nichts ſah, ſo ſteckte er zwei Finger in den Boden und fiſchte zwiſchen ſeinen zwei Fingern ein Goldſtück. Dieſes feenhafte Ausziehen war für Rétif ein ganz außerordentliches Schauſpiel. „Gut!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„der Schurke hat ſein Verſteck an dieſem Orte.“ Nachdem er das Goldſtück in ſeine Taſche geſcho⸗ ben, ließ Auger den Backſtein wieder fallen und drückte ihn zum Niveau der andern nieder, rieb den Boden mit ſeinem Schuh, nahm ſeine Decke ab, warf ſie wie⸗ der auf ſein Bett und zog Tiſch und Koffer von der Thüre zurück. Endlich entſtopfte er das Schloß, löſchte ſein Licht aus und legte ſich nieder. Eine halbe Stunde nachher ſchnarchte er, um Rétif aufzuwecken, hätte Rétif nach Alle dem, was er geſehen, ſchlafen können. Morpheus hatte aber, wie Herr Delille ſagt, ſei⸗ nen Mohn ſehr weit von dieſem Alcoven Rue des Bernardins fortgeſchickt. 148 Der Brief am Morgen, der Beſuch im Faubourg und dieſe nächtliche Erſcheinung waren mehr als ge⸗ macht, um den wackern Rétif am Schlafen zu ver⸗ hindern. Er entwarf ſeine Pläne und nahm ſeine Dimen⸗ ſionen mit der Ruhe eines feſten Mannes. Hätte ihn Auger wachen ſehen, wie er Auger hatte wachen ſehen, das wäre für den Schuft ein ſolcher Schrecken geweſen, daß er ſogleich an die Flucht oder an das Verbrechen gedacht haben würde. Am andern Morgen empfing indeſſen der Greis ſehr liebreich den Beſuch ſeines Schwiegerſohnes. Er ließ ſich durch ſeine Fuchsſchwänzereien wiegen, trank den Kaffee mit Sahne, den man ihm einſchenkte, brennend heiß, und aß ſogar mit ſehr gutem Appetit, was den vortrefflichen Sohn entzückte. Auger war hinfort ſeines Sieges ſicher; ſobald er ſich entfernt hatte, zog Rétif ſeinen blauen Ueber⸗ rock an und ging aus, um Röéveillon einen Beſuch zu machen. Es iſt in der That Zeit, daß wir auch einen Be⸗ ſuch dieſem Opfer der Revolution abſtatten, welches der Hof Anfangs hatte machen wollen, und das er ſpäter nicht mehr hatte aufhalten können. Völlig zu Grunde gerichtet, war Réveillon Phi⸗ loſoph geworden. Er fand Tröſtungen ſelbſt bei ſeinen früheren Feinden. Sein Unglück machte ihn intereſſant. Die Repu⸗ blicaner,— wir bitten unſere Leſer um Verzeihung, daß wir dieſes 1789 noch unbekannte Wort ausſpre⸗ chen,— die Republicaner, ſagen wir, geriethen in ourg ge⸗ ver⸗ nen⸗ ihn chen ecken das reis Er gen, nkte, etit, bald ber⸗ ſuch Be⸗ der äter Phi⸗ eren epu⸗ ung, pre⸗ nin 149 Bewegung, als ſie einen Quaſipatrioten vom Hofe getroffen ſahen. Und Santerre hatte ſeine Gaſtfreundſchaft dem Unglücklichen und ſeiner Familie angeboten. Die Gaſtfreundſchaft von Santerre war aber Etwas im Faubourg Saint⸗Antoine. Der Bierbrauer lebte im Ueberfluſſe; ſtolz auf ein durch die Arbeit erworbenes Vermögen, machte er von dieſem einen ſo edlen Gebrauch, als wäre er einer der verſchwenderiſchſten Ariſtokraten ſeiner Zeit geweſen. Pferde, Hunde, Leute, Alles war ſtark, fett und herzhaft bei ihm. Neues Haus, reichlich beſtellten Tiſch, muntere Geſichter, Luft für die Lunge, das fand man bei San⸗ terre. Leider fand man hier auch etwas zu viel politiſche Discuſſionen, doch ſie waren damals in der Mode. Es war ſehr elegant, über Politik und Reform zu ſprechen. Die Herren von Lafayette und Lameth ſprachen wohl darüber, die Königin und der Graf von Artvis auch. Jedermann ſprach hierüber ſo viel, daß einige Leute Politik treiben wollten, und als die Sache einmal in Gang gebracht war, ſo trieb ſie Jedermann und ſprach nicht mehr davon. Wir ſagen alſo, Réveillon mit ſeinen Töchtern habe Gaſtfreundſchaft bei Santerre gefunden. Der Bierbrauer hatte von Anfang an den größ⸗ ten Eifer gezeigt: er hatte den Schaden unterſucht. Um ihn wieder gut zu machen, brauchte man nicht 150 nur Geld, ſondern auch Zeit, nicht nur Zeit, ſondern auch Muth. Beutete man ein wenig ſein Unglück durch die Politik und die Sympathie der Religionsverwandten aus, ſo war es möglich, das Vermögen des unglück⸗ lichen Tapetenfabricanten wiederherzuſtellen. Santerre bot Geld; das war Alles, was er bieten konnte. Röveillon, der, damit ſeine Töchter in Sicherheit, unter Obdach wären, gern Zimmer und Tiſch bei Santerre angenommen hatte,— es war noch die Zeit des Austauſches von Gaſtfreundſchaft,— Ré⸗ veillon erzürnte ſich, ſobald man in ihm den Kauf⸗ mann erweckte. Ihm zwanzigtauſend Livres anbieten, das war ſchön, und dennoch fühlte er ſich gedemüthigt. Er fing damit an, daß er es ausſchlug. Sodann erklärte er, zwanzigtauſend Livres kön⸗ nen ihm von keinem Nutzen ſein; er beklagte ſich viel über den Verluſt ſeines Portefeuille, das ſo viel Werthe und beſonders die Realiſirung ſeiner Gewinne vom Jahre enthielt. Doch war nicht Alles dies verbrannt, geraubt, folglich verloren? Das konnte ſich auf eine ſo anſehnliche Summe belaufen, daß hiegegen zwanzigtauſend Livres durch⸗ aus nichts bedeuten würden. Santerre begriff, und ſelbſt verletzt beharrte er nicht bei ſeinem Anerbieten. Nichtsdeſtoweniger war ſein Geſicht das, was es ſein mußte, das heißt vollkommen ſanft und freund⸗ lich gegen ſeinen unglücklichen Gaſt. dern die dten lück⸗ eten heit, bei die Ré⸗ auf⸗ war kön⸗ viel rthe vom ubt, nume uch⸗ es ind⸗ 15¹ Mitten in dieſes häusliche Leben gelangte Rötif, da er genöthigt war, dem Bierbrauer einen Beſuch zu machen, um Réveillon zu beſuchen. Reétif hatte übrigens zu Santerre nur vortreff⸗ liche Beziehungen gehabt; der Bierbrauer war nicht der Mann, der nicht Alles für ſich gewann, was in Paris eine Feder geſchickt hielt. Und Rötif hielt die ſeinige vriginell genug, daß die Aufmerkſamkeit eines Neuerers dadurch erregt worden war. Rétif war alſo einer guten Aufnahme bei San⸗ terre unter einem doppelten Titel verſichert. Als unglücklicher Vater, denn ſein Unglück war zu den taubſten Ohren von ganz Paris gedrungen; als verfolgter Patriot, da ſich die Verfolgung von Réveillon in zwei Looſe theilte, von denen Rötif das ſchrecklichere getroffen. Der Papierfabricant hatte ſich ſehr verändert: der Verluſt ſeines Vermögens hatte ihn bedeutend alt gemacht. Er ſchaute Rétif an und erblickte in deſſen Zügen den Schmerz nicht, der ſich in den ſei⸗ nigen offenbarte. Hieraus konnte er, ohne unlogiſch zu ſein, ſchlie⸗ ßen, der Verluſt von fünfmalhunderttauſend Livres überſteige noch den einer einzigen Tochter. Santerre, nachdem er eine Zeit lang mit ihnen geplaudert hatte, verließ ſie; die Töchter von Réveil⸗ ion, nachdem ſie eine Thräne des Herzens dem An⸗ denken ihrer Freundin geſchenkt hatten, zogen ſich ebenfalls zurück. Da begann zwiſchen Rétif und Röéveillon das wahre Geſpräch. 152 „Nun,“ ſagte Rétif,„wie gedenken Sie den Zu⸗ ſtand zu ertragen, auf den Sie beſchränkt ſein werden?“ „Mein Gott,“ antwortete der Fabricant,„ich werde wieder anfangen.“ „Aber Ihre Feinde?“ „Ich habe jetzt weniger, als Freunde.“ „Das iſt wahr.“ „Und eröffne ich mein Magazin wieder, ſo wer⸗ den alle meine Feinde kommen und bei mir kaufen, um zu ſehen, welche Miene ich mache.“ „Sie haben Recht.“ „Was meine Freunde betrifft,— da es keiner wagt, mir ein Almoſen zu bieten, ſo werden alle nicht ermangeln, mir das Geld für eine Tapetenrolle oder für einen Kaminſchirm zu bringen, ſo daß ich, habe ich in Paris, wie ich annehme...“ „Zweitauſend Freunde,“ ſagte Rétif. „Ungefähr!.. Dann werde ich hunderttauſend Livres am Ende des Jahres haben.“ „Das iſt ein Vermögen!“ rief Rétif. „Ah!“ erwiederte verächtlich der Fabricant,„es wird ein Anfang ſein.“ „Ich weiß wohl, Herr Réveillon, daß Sie über hunderttauſend Livres hatten; doch das zweite Ver⸗ mögen, das man macht, hat nie den Werth des erſten, das man verloren.“. „Ach! nein. Es handelt ſich alſo nur darum, die Materialien des zweiten zu finden.“ „Bleibt Ihnen denn nichts mehr?“ „Nichts.“ „Doch der Credit?“ 4 „Oh! hiemit muß man nicht anfangen; benütze Zu⸗ n? „ich wer⸗ tfen, iner alle rolle ich, ütze 153 ich den Credit, da ich nichts habe, ſo wird dieſer Credit ſo gering ſein, daß ich lieber gar nicht davon ſpre⸗ chen will; reden wir vom Credit für Summen, wo es der Mühe werth iſt.“ „Nun,“ ſagte Rétif,„Herr Santerre bietet Ih⸗ nen nichts an?“ „Ich nehme von Niemand etwas an,“ antwortete Réveillon mit ſtrengem Tone. „Und Sie thun wohl daran; erheben Sie ſich wieder, ſo geſchieht es wenigſtens durch Sie ſelbſt.“ „Sie verſtehen mich!“ ſprach Réveillon, indem er Rétif die Hand drückte. „Ja,“ ſagte der Dichter;„doch wie werden Sie aus Ihrem Fonds das ziehen, was Sie vielleicht nicht mehr darin haben?“ Hier verſenkte ſich die Stirne von Réveillon in den Schmerz; ſein Stolz machte dem Kummer eines früher Reichen Platz. Reétif beobachtete ihn mit einem zugleich guten und forſchenden Blicke. Réveillon verdüſterte ſich immer mehr; er ſeufzte am Ende: er war beſiegt. „Mein Gott! hoffen Sie!“ rief Rötif. „Herr Rétif,“ ſagte ſodann Réveillon alle Ar⸗ gumente des Dichters durchgehend,„um zu hoffen, man vor Allem eine erſte Baſis der Hoffnung haben.“ „Wie viel würden Sie ungefähr brauchen?“ fragte Rötif. „Oh! viel.“ „Nun?“ „Viel mehr als Sie und ich haben,“ erwiederte . 15⁴ der Fabricant mit einer Art von verächtlichen Bitter⸗ det keit. Reétif hatte ein leichtes Lächeln, das in dieſem Augenblicke ſehr bezeichnend geweſen wäre, hätte er rer begriffen werden können. mi Doch er wurde es nicht zum großen Glücke für ihr die folgenden Kapitel. Da kamen die Töchter des Fabricanten zurück, die ſodann Santerre, und das Geſpräch wurde wieder zu allgemein. Rötif hatte nichts mehr zu thun; er ließ ſich mit Vorbereitung die ganze von Auger erfundene Geſchichte erzählen, miſchte ſeine Commentare darein, und verließ das Haus als ein Mann, den man für ſehr unglücklich hielt, der aber im Ganzen nur eine kleine Tochter verloren hatte. zu „Welche,“ fügte Réveillon bei, als der Schrift⸗ ſic ſteller weggegangen war,„welche vortreffliche Eigen⸗ ſchaften beſaß, jedoch keinen Sou Mitgift, was ſie ſehr th unglücklich gemacht hätte, da ihr Mann Auger ſein Leben lang vegetirt haben würde.“ un Er ſchloß mit der Verſicherung, ſie ſei unendlich de viel glücklicher, daß ſie todt, ſo daß er ſie nicht be⸗ Fe klage, und daß, wenn der erſte Schmerz vorüber, na Rétif klar hierin ſehen und ihren Verluſt auch Fr nicht mehr bedauern werde; während er, Röveillon, die zwei große Töchter auf dem Nacken, ein vernichtetes Vermögen und die Gewohnheit des Wohlſtandes ge habe. ni Dieſer letzte Theil der Beweisführung war nicht zu der ſtärkſte. ph Es preßte ihm zahlreiche Seufzer aus, wenn er u tter⸗ ſem e er für rück, eder ließ dene ein, für eine rift⸗ gen⸗ ſehr ſein lich be⸗ ber, uch lon, etes des icht mer 15⁵ den glücklichen Luxus ſeines Gevatters des Bierbrauers betrachtete. Und die Demviſelles Réveillon ſeufzten auch, wäh⸗ rend ſie ſich weniger unglücklich mit ihrer Jugend, mit ihrer Schönheit, mit ihrer Unſchuld fühlten, als ihr Vater es ſagen wollte. Unglücklich allerdings, doch noch lebend, ſtatt wie die arme Ingénue Rétif lebendig verbrannt worden zu ſein. LXIII. Wo man Auger während ſeines Mahles ſtört. Wir müſſen nun zu dem vortrefflichen Auger zurückkehren, dem die Academie in unſeren Tagen ſicherlich den Tugendpreis bewilligt hätte. Er hatte auch ſeine Pläne gemacht und ſogar theilweiſe ſeine Vorbereitungen getroffen. Wohl geſehen von der Welt, durchaus nicht be⸗ unruhigt in Betreff des Diebſtahls bei Réveillon und des Todes ſeiner Frau, beklagt und bewundert vom Faubourg Saint⸗Antoine und von der Rue des Ber⸗ nardins, hatte er doch im Sinne, der Undankbare! Frankreich oder wenigſtens die Hauptſtadt zu verlaſſen, die ihn als angebetetes Kind behandelte! Auger ſchielte nämlich ganz einfach nach einer gewiſſen Provinz Gascogne, in welcher er, ein we⸗ nig Handel treibend, um einem Vermögen Vorwand zu geben, ſich mit einer Frau, welche weniger Syl⸗ phide als Ingénue, mit einer mit dicken Unſchlitt⸗ und Wollehändlern verwandten Frau, welche aber 156 auf keinerlei Art Tochter, Schweſter oder Nichte eines Literaten, wiederverheirathen würde. Denn im Grunde haßte, ohne Zweifel aus In⸗ ſtinet, Auger den armen Rétif. Und in den von uns erwähnten Träumen ſah er ſich, ſtatt in einer elenden, einſamen, verdrießlichen Stube ohne Meubles der Rue des Bernardins zu ſein, in einem guten kleinen Hauſe, das auf die Flu⸗ ren und die Wälder ging, comfortable, warm und re⸗ ſpectabel war. Hier war er guter Gatte, guter Familienvater, reich! er hatte alle Tugenden! Dieſer Menſch war ſo gierig nach einem guten Rufe, daß er eine Hälfte der Welt ermordet hätte, um die Achtung der andern zu erlangen. Die Leute, welche keine Tugend im Herzen haben, ſind außerordentlich darauf verpicht, eine ſolche auf dem Kleide oder auf dem Geſichte zur Schau zu ſtellen. Auger hatte in ſeinem Geiſte ſeine Abreiſe auf einen ſehr nahen Tag feſtgeſetzt: vielleicht beging er eine Unklugheit, daß er ſich hiemit in ſeinem Zimmer beſchäftigte; immerhin wollen wir, um den Leſer nicht ſchmachten zu laſſen, erzählen, was geſchah. Es war am Montag den 16. Mai, alſo in der ſchönſten Zeit des Frühlings. Paris iſt dann ganz Wohlgeruch; die Levkojen und die Maiblümchen beſtreuen die Straßen, die Veilchen und die Narciſſen durchbalſamen die Luft. Kleine Blumenhändlerinnen laufen mit ihren Kör⸗ ben, wie lebendige Weihrauchpfännchen, in der Stadt umher. ines In⸗ ah er ichen 8 zu Flu⸗ d re⸗ ater, ten ätte, ben, auf Uen. auf g er nmer nicht der kojen die Luft. Kör⸗ Stadt 3 157 An den Fenſtern nehmen die Roſenſtöcke ihre Blätter an und die Syringen blühen. Sodann erſcheinen da und dort die frühen Kir⸗ ſchen, ihre rothen Köpfe an grünen Stängeln zeigend, mit denen man die kleinen Kinder, die ſich gut auf⸗ geführt, belohnt. Es war alſo an einem von dieſen Tagen. Die Fenſter ſtanden offen und ließen in die dürf⸗ tigen Stuben einen von den warmen Sonnenſtrahlen eindringen, welche der Reichthum des Armen ſind, weil ſie der Arme allein vollkommen zu genießen weiß. Auger ſetzte ſich um zwei Uhr wie gewöhnlich, ſeinem Schwiegervater gegenüber, zu Tiſche; mehrere Male hatte er zu dem guten Manne Röétif die Au⸗ gen aufgeſchlagen, denn nie ſeit dem Tode ſeiner Tochter war der gute Mann Röétif ſo düſter und ſor⸗ genvoll geweſen. Eine ſonderbare Befangenheit verrieth ſich in ſeinen Geberden und in ſeiner Stimme. Obſchon ſeine Liebenswürdigkeit gegen Auger ver⸗ doppelnd, hatte er doch etwas Unruhiges in allen ſeinen Bewegungen. Er, der vorzugsweiſe geſchickte Mann, hatte einen Teller fallen laſſen. Sodann hatte er ein Glas zerbrochen. Worauf ihm Auger lachend geſagt: „Aber, Schwiegervater, nehmen Sie ſich doch in Acht, Sie zerſtören unſere Haushaltung... Sie wiſſen, daß zerbrochene Gläſer Unglück bringen?“ Und bei dieſen Worten hatte ein ſeltſames Lä⸗ cheln die ſpöttiſche Lippe des Greiſes umſchwebt. Dann hatte er, ohne Zweifel um ſeine Befan⸗ 158 genheit zu verbergen, zum dritten Male dieſelbe Schüſſel genommen. Während Auger plauderte, füllte Rétif Glas, legte ihm vor, und ſuchte ſich durch einen ſeltſamen Wortſchwall, oder durch ein ungewöhnliches Geräuſch auf dem Tiſche, oder durch das Zuſammenſtoßen von Geräthen zu betäuben. Die Verblendung gewiſſer mißtrauiſchen Naturen iſt bei gewiſſen Fällen ein intereſſanter Gegenſtand der Beobachtung. Auger errieth, fühlte nichts; er ſah nur ſeinen Schwiegervater ſehr erhitzt und erhitzte ſich mehr als er. Man nahm den Braten in Angriff, als Auger, den Kopf ein wenig aufrichtend, horchte. Rötif horchte auch, nur erbleichte er, während er horchte. „Was haben Sie denn, Schwiegervater?“ fragte Auger. „Nichts!“ erwiederte der Schriftſteller; und er ſchenkte ſeinem Schwiegerſohne ſo raſch und mit einer ſo heftig zitternden Hand zu trinken ein, daß er mehr als ein halbes Glas Wein auf das Ziſchtuch goß. „Wahrhaftig!“ rief Auger mit einem ſchallenden Gelächter,„ich erkenne Sie heute gar nicht mehr, Vater Rötif! Haben Sie etwa einen neuen Roman im Gehirne?“ in mein Schwiegerſohn, ganz richtig!“ „Ah!. Nun, ſo erzählen Sie mir das ein wenig.“ „Gern, mein lieber Auger.“ „Iſt Liebe darin?“ ſi elbe las, men uſch von uren tand inen nehr ger, d er agte er iner nehr ß. den ehr, man ein 159 „Gewiß!... Sie lieben die Liebe?“ „Ja, aber tugendhaft... Eil ei! Ihre Bücher ſind zuweilen ein wenig frei, mein lieber Herr Rétif.“ „Ah! Sie finden?“ „Ja wohl.“ „Sie lieben alſo die Tugend?“ „Bei Gott!“ „Nun, ich will Ihnen meinen neuen Roman er⸗ zählen.“ „Ich höre.“ „Und er wird Ihnen gefallen, denn das Ver⸗ brechen wird darin beſtraft und die Tugend belohnt.“ „Gut!“ ſagte Auger. Und da er nach und nach gut gegeſſen und gut getrunken hatte, ſtützte er ſich ſo bequem als möglich mit den Ellenbogen auf den Tiſch, um die Erzählung ſeines Schwiegervaters anzuhören. Unglücklicher Weiſe aber ertönte in demſelben Augenblicke ein zugleich ſchweres und lebhaftes Ge⸗ räuſch vor der Thüre, auf dem Ruheplatze. „Nun?“ ſagte Auger. „Nun?“ rief Rétif. „Was gibt es denn?“ Die Thüre öffnete ſich, und vier Soldaten von der Wache traten raſch in das Zimmer ein, indeß zwei Commiſſäre wie Schlangen zwiſchen ihnen durch⸗ ſchlüpften und an den beiden Thüren Platz nahmen. Bleich und entſtellt, ſchaute Auger ſeinen Schwie⸗ gervater an, der am Tiſche geblieben war. „Was bedeutet das?“ fragte er. „Welcher von Ihnen heißt Auger?“ fragte Einer von den Commiſſären,— aus reiner Höflichkeit, 160 denn es war ein Mann mit ſpitziger Naſe, überragt von einer Brille, der ſeine Leute offenbar kannte. Zum Glück ich nicht!“ antwortete Rétif, wäh⸗ rend er aufſtand, um ſich unter den Schutz der Schildwachen zu ſtellen. „Ich,“ ſagte Auger mit einer gewiſſen Feſtigkeit. „Alſo,“ ſprach der Commiſſär, indem er auf ihn zuſchritt,„alſo ſind Sie ſchuldig, die Demvoiſelle In⸗ génue Rétif, Frau Auger, ermordet zu haben.“ „Ich?“ rief der Mörder unwillkürlich zurück⸗ weichend. „Ja, Sie, bei Gott!“ „Oh! wer konnte das ſagen? 2“ rief Auger, die Hände zum Himmel erhebend. „Ei! Ihre Frau ſelbſt.“ „Meine Frau?“ „Oder, wenn ſie es nicht geſagt hat, hat ſie es wenigſtens geſchrieben.“ „Meine Frau hat geſchrieben?“ „Schauen Sie das an,“ ſprach der Commiſſär, dem Elenden einen Brief reichend. „Die Handſchrift von Ingénue!“ rief dieſer be⸗ ſtürzt;„was heißt das?“ „Mein Herr,“ erwiederte der Polizeicommiſſär mit einer erſchrecklichen Höflichkeit,„ich will Ihnen den Brief vorleſen; doch, da Ihre Kniee zittern, ſo haben Sie die Güte, ſich zu ſetzen.“ Auger wollte der Lage trotzen und ſtehend bleiben. Da las der Commiſſär mit lauter Stimme fol⸗ gendes Schriftſtück me ragt väh⸗ der keit. ihn In⸗ rück⸗ die e es ſſär, be⸗ mit den aben ben. fol⸗ 161 „„Ich, Ingénue Rétif de la Bretonne, verſichere, daß mein Gatte Auger mich, am Tage des Brandes und der Plünderung des Hauſes Réveillon, in dem Theile des Hauſes, welchen man die Kaſſe nennt, mit einem Meſſerſtiche niedergeſtoßen hat; zum Be⸗ weiſe habe ich die Wunde und den Zeugen gegeben, der mich gerettet...““ „Falſchheit! Lüge! Verleumdung!“ rief Auger. „Wo iſt Ingénue? Da ſie mich anklagt, ſo muß man uns confrontiren. Wo iſt ſie? wo iſt ſie?“ „Ich fahre fort,“ ſprach der unbarmherzige Com⸗ miſſär;„hören Sie, mein Herr; Sie werden hernach leugnen, wenn Sie den Muth dazu haben.“ „„Und ich bezeuge überdies, daß mein Gatte mich mordend ſich dafür rächen wollte, daß ich ihn auf friſcher That des Diebſtahls ertappte. „„Ingénue Rétif de la Bretonne, verheirathete Auger.““ „Oh!“ machte Auger erbleichend. Und er ſuchte das Auge von Röétif, das er flam⸗ mend und zugleich geſchärft traf.. Der Elende blieb wie niedergedonnert von die⸗ ſem Blicke. Bald aber ſich wiederbelebend, ſagte er: „Iſt das Alles?“ „Nein, das iſt nicht Alles,“ antwortete der Com⸗ niſſär;„ſchauen Sie, was unter der Unterſchrift Ihrer Frau geſchrieben ſteht: Dumas, Ingénue. II. 4 162 Als wahr bezeugt. „Charles Louis von Bourbon, Graf von Artois.““ „Verloren! verloren!“ murmelte Auger, der in dieſem Augenblicke erſt ſah, in welchen Abgrund er gefallen war. Und vier Soldaten führten ihn weg, während Rétif, ganz zitternd vor Aufregung, ſich an der Lehne eines Stuhles hielt, um nicht niederzuſinken. Nach ein paar Secunden ging Auger mit einem entſetzlichen Fluche ab; er warf von der Thürſchwelle aus noch einen Blick der Verzweiflung auf den Ort des Fußbodens, wo ſein Geld vergraben war. Dieſen Blick verdolmetſchte Rétif im Vorüber⸗ gehen, und er lächelte ſich die Hände reibend. Er hatte, wir müſſen es ſagen, nicht die Groß⸗ muth, ſich nicht ans Fenſter zu ſtellen, um zu ſehen, wie der Elende mit den vier Soldaten in einen Fiacre ſtieg,— zur großen Verwunderung der Nach⸗ barn, welche noch am Tage vorher von der Ergeben⸗ heit von Herrn Auger ſo ſehr erbaut geweſen waren. LXIV. Wo Retif Mittel findet, Röveillon zu zerſtreuen. Die Kunde von dieſer Verhaftung verbreitete ſich bald in Paris; nicht Jedermann kannte Auger; doch in Betracht der Ereigniſſe, welche vorgefallen waren, kannte Jedermann Réveillon. Man war glücklich, ein wahres Verbrechen zu erzählen und einen wahren Schuldigen zu treffen, unt rat glü ſten ma Au la 2 war legt ang es nac ſich geb er! und er rich auf Gel tete prei woll bekä und ten eitete iger; allen nzu ffen, 163 unter allen den Umſtänden dieſer lichtſcheuen Ope⸗ ration des Brandes und der Plünderung der Fabrik; glücklich ferner, auf einige vereinzelte Elende den ſchwer⸗ ſten Theil des Gewichtes der Ereigniſſe fallen zu machen. Man hörte auch ſagen, der Proceß von Herrn Auger ſchreite wunderbar raſch fort; und Reétif de la Bretonne, der dreimal als Zeuge gerufen worden, war nicht derjenige, welcher Hinderniſſe in den Weg legte. Zwölf Tage nach dieſer Verhaftung ging Rétif, angethan mit ſeinem beſten Sonntagsſtaate, obſchon es ein Werktag war, von Hauſe weg und wandelte nach dem Faubourg Saint⸗Antvine, in der Abſicht, ſich zu Réveillon oder vielmehr zu Santerre zu be⸗ geben. Der Papierfabricant war ſehr niedergeſchlagen: er hatte Zeit gehabt, ſeine Verluſte zu berechnen, und er ſah ſich von Tag zu Tag mehr ruinirt, als er Anfangs glaubte. Sein ganzes Vertrauen war verſchwunden; er richtete den Kopf nur in ſeltenen Zwiſchenräumen auf; die Hoffart und ihre Dünſte waren aus ſeinem Gehirne ausgezogen. Düſter, ſchweigſam, gleichſam erloſchen, betrach⸗ tete er ſeine Töchter, welche fortan einer Armuth preisgegeben waren, die er nicht mehr bekämpfen wollte und, wie er ſich ſelbſt geſtand, nicht mehr bekämpfen konnte. Rötif trat in das Zimmer ein, das er bewohnte, und bot ihm den guten Morgen mit einer überzeug⸗ ten Miene. 164 Sodann, da er weder Santerre, noch Réveillon, noch die Töchter des Letzten ſeit der Verhaftung von Auger geſehen hatte, gab er einige Einzelheiten über dieſe entſetzliche Kataſtrophe der Ermordung von Ingénue, welche übrigens verſchwunden, nachdem ſie die Kraft gehabt, zu ſchreiben, was zwiſchen ihr und Auger vorgefallen war. Schweigſam, zurückhaltend, ſetzte er dieſe Zurück haltung und dieſes Schweigen auf Rechnung ſeines Schmerzes. Als indeſſen Rétif de la Bretonne ſich bei Ré⸗ veillon niedergelaſſen und ſeine Hand genommen hatte, fühlte dieſer etwas wie einen mild tröſtenden Ein⸗ fluß. Inſtinctartig, ohne zu wiſſen, warum, gab er ſich dieſem Einfluſſe hin. Der gute Mann Rétif drückte ihm ſo zärtlich die Hand und ſchaute ihn mit einer ſo ſanften Miene an! Endlich ſchaute Réveillon ſelbſt den Dichter mit Erſtaunen an und ſagte: „Man ſollte glauben, Sie haben mir eine gute Kunde mitzutheilen, Rétif?“ „Ich? Nein,“ antwortete Rötif. „Ah!“ machte Réveillon mit einem Seufzer. Und er ließ ſeinen Kopf wieder niederfallen. „Ich wollte Sie nur ein wenig zerſtreuen,“ fügte Reétif bei. „Mich zerſtreuen!...“ verſetzte Réveillon. Und er ſchüttelte traurig den Kopf. „Ei! warum nicht?“ „Welche Zerſtreuung ſoll ich haben, nach dem en bir me llon, von über von m ſie und rück⸗ eines Ré⸗ atte, Ein⸗ b er rtlich nften mit gute . fügte den 165 entſetzlichen Kummer, der mich betroffen? Sagen Sie, welche Zerſtreuung würden Sie ſelbſt ſuchen?“ „Ich?“ Ja 7 „Nun, ich geſtehe Ihnen Eines.“ „Was?“ „Daß ich von Natur grollhaft und rachſüchtig bin.“ „Sie?“ „Wie ein Tiger! ich vergeſſe nie das Böſe, noch das Gute. Man hat mir Böſes gethan: ich will es erwiedern, ich kann es.“ „Wohl, es mag ſein; doch was kann ich Böſes den tauſend Räubern anthun, die mein Haus in Brand geſteckt, geplündert, mich beſtohlen, mein Eigenthum verwüſtet haben?“ ſagte Réveillon mit Egoismus ſeine Idee verfolgend;„kann ich mich in⸗ dividuell an ſie halten oder ſie in Maſſe vor die Gerichte ſchleppen?“ „Heute ſpreche ich auch mit Ihnen von mir, mein lieber Herr Réveillon, und nicht von Ihnen!“ „Ah! Sie, das iſt etwas Anderes! Nun, man hat Ihnen Ihre Tochter getödtet; Auger hat ſie ge⸗ mordet; vielleicht wird das Gericht Auger tödten, doch es wird Ihnen Ihre Tochter nicht zurückgeben.“ „Es iſt wenigſtens eine Befriedigung, zu wiſſen, daß die Vorſehung die Böſen tödtet.“ „Eine ſehr kleine, Rétif.“ „Wie ſo?“ „Ei! nehmen wir an, die Vorſehung beſtrafe meine Diebe; nicht die Vorſehung, ſondern die Juſtiz. 166 Wohl, ich werde darum mein Geld nicht wiederbe⸗ kommen.“ „Ich rede nicht von Ihrem Gelde, mein Freund; wären Sie aber von einem Einzigen beſtohlen worden, ſo wäre es Ihnen gewiß ſehr lieb, dieſen Einzigen in den Händen zu halten, um ihn beſtrafen zu laſſen.“ „Oh! und um ihn leiden zu laſſen, und zwar viel!“ ſagte Réveillon mit Naivetät. „Sie ſehen wohl!“ „In der That,“ fuhr Réveillon ſich belebend fort, „es wäre eine ziemlich angenehme Zerſtreuung für mich, meine Diebe zu Tauſenden an einem großen Feuer gebraten zu ſehen; es ſind ſchon nicht Wenige im Terpentin meiner Keller geſtorben, als ſich das Feuer dort verbreitete; Viele wurden auch vergiftet oder verbrannt, da ſie meine Vitriole ſtatt des Brannt⸗ weins oder des Kirſchenwaſſers tranken.“ „Und Sie haben ſie nicht beklagt?“ „Nein, gewiß nicht! im Gegentheile, je mehr man mir ſagte, ſie ſeien zahlreich, deſto glücklicher und zufriedener war ich, und vom Eckthurme herab, wohin ich mich geflüchtet, und von wo aus ich mein Haus mit Schmerz betrachtete, ſah ich nicht ohne Intereſſe von Zeit zu Zeit einen von dieſen Schur⸗ ken, mit dem Kopfe voran, niedertauchen und mitten in die Flammen und in den Rauch fallen.“ „Ich werde Ihnen vielleicht nichts ſo Angeneh⸗ mes und beſonders nichts ſo Pittoreskes bieten; denn das Feuer macht bei Nacht einen herrlichen Effect, und die vom Vitriol und vom Terpentin erzeugten Flammen haben rothe, violette und gelbe Feuer, welche wunderbar ſchöne Reflexe hervorbringen.“ erbe⸗ und; den, igen ſen.“ zwar fort, mich, Feuer e im Feuer oder annt⸗ mehr klicher erab, mein ohne Schur⸗ nitten eneh denn Effect, ten Feuer, . 167 „Nicht wahr?“ ſagte Réveillon. „Ja, und beſonders als Ihr Laboratorium zu⸗ ſammenſtürzte, da glich die Flammenſäule, welche daraus hervorſprang, einem wahren Sonnenbilde; das war in der That ein köſtlicher Anblick!“ Réveillon verbeugte ſich zum Zeichen des Dan⸗ kes; es ſchmeichelte ihm, ein ſo reizendes Schauſpiel mit ſeinen Scheidewaſſern gegeben zu haben. „Wir gehen alſo ein wenig ſpazieren?“ fuhr Rétif fort. „Ich ſehe nicht recht ein, was Sie Angenehmes bei dieſem Spaziergange finden werden,“ ſagte Ré⸗ veillon,„und ich ſehe beſonders nicht ein, welcher Zuſammenhang ſich zwiſchen einem Spaziergange und dem Anfange unſeres Geſpräches findet.“ „Ei! mein Gott, Sie werden es ſogleich ſehen,“ erwiederte der gute Rétif;„ſagte ich es Ihnen, wo wäre dann die Ueberraſchung?“ Und er führte Réveillon den Faubourg entlang, ſodann über die Quais, die ſich mit einer beträcht⸗ lichen Menge füllten. Es war zu jener Zeit ziemlich gewöhnlich, ganz Paris nach einer Seite laufen zu ſehen; es brauchte hiezu nichts Anderes als das Vorüberkommen eines Deputirten oder eines Wählers. Réveillon gelangte alſo am Arme ſeines Führers bis auf den Grove-Platz. Mitten auf der Grève erhob ſich ein ſehr ſchöner Galgen von neuem Holze, ganz angenehm zu ſehen. Ein ebenfalls neuer Strick ſchankelte ſich anmu⸗ thig am ſtarren Arme dieſer Maſchine und drehte 5 168 mit Laune eine hübſche Schleife, die der Wind zierlich ſich ſchwingen machte. „Halt!“ ſagte Röveillon, indem er ſtehen blieb und ſeinen Kopf zurückwarf,„es ſcheint, man henkt Einen.“ „Das kommt mir auch ſo vor,“ erwiederte Rétif; „es iſt ein Uhr, und da man gewöhnlich um zwei Uhr henkt, ſo können wir wohl noch einen guten Platz finden.“ „Sie ſehen alſo dergleichen Dinge gern?“ fragte Réveillon nicht ohne einen gewiſſen Ekel. „Ei! ich bin ein Schriftſteller, der genöthigt iſt, Gemälde von allen Genres zu machen; mein Freund Mercier iſt wohl genöthigt geweſen, alle ſchlechte Häuſer von Paris zu beſuchen und jede Kloake, jedes abſcheuliche Loch zu ſtudiren?“ „Und Sie wollen ihm nachahmen?“ „Gott behüte mich: Imitatores, Sservum pecus 5 „Wie beliebt?“ „Ich ſage, mein lieber Réveillon, die Nachahmer ſeien eine Herde Laſtthiere.“ „Sie ahmen alſo Mercier nicht nach?“ „Einmal iſt er unnachahmlich; und dann ahme ich ihm nicht nach; ich ſchaffe, das iſt mein Genre.“ „Gut! und Sie haben Luſt, eine Henkeſcene zu ſchaffen?“ „Ja, warum nicht? ich will ſehen, wie ein Schurke ſterben kann.“ „Kennen Sie denn den armen Sünder?“ „Genau.“ „Wie, genau?“ „Ja, und Sie auch.“ kom ſehe ſehe ſag unt 9e9 Ho vor arn kon ſeh den geſ gei au vo lich lieb enkt tif; wei iten gte iſt, und chte des 181* mer hme we.“ e zu urke 169 „Sie ſtacheln meine Neugierde...“ „Schauen Sie, wie gut wir hier an der Ecke des Quai Pelletier geſtellt ſind; der Karren muß vorüber⸗ kommen; wir werden das Geſicht des Böſewichts ſehen, und ich hoffe, er wird uns auch ein wenig ſehen.“ „Ah! was iſt das?“ „Bei Gott! die Hatſchiere erſcheinen ſchon. Ich ſagte Ihnen ja...“ Und es kamen in der That die Hatſchiere und unterbrachen dieſes Geſpräch. Auf die Hatſchiere folgte ein Karren. In dieſem Karren erblickte man einen Prieſter gegen einen nur mit einem Hemde und einer grauen Hoſe bekleideten Mann geneigt, deſſen träger Kopf von einer Leiter des Karrens zur andern ſchaukelte. Dieſer Menſch, der kein Anderer war, als der arme Sünder, wandte, nach dem Gebrauche, den Rücken dem Wege zu, auf dem er hinfuhr; es konnten alſo weder Rétif, noch Röveillon ſein Geſicht ſehen. 3 Rétif erhob ſich auf die Fußſpitzen und veth dem Tapetenfabricanten, daſſelbe zu thun. Der Karren ging immer weiter. Endlich kam er vor ſie. Der Verurtheilte erſchien ihnen nun mit ſeinem geſenkten Kopfe, mit ſeinen ſtarr, faſt ſtumpfſinnig geöffneten Augen, mit ſeinem geifernden, zum Vor⸗ aus in Eis verwandelten Munde. „Auger!“ rief zuerſt Réveillon, obſchon ihn Rétif vor dem Fabricanten geſehen hatte. 170 „Ja, Auger!“ erwiederte Rétif,„Auger, mein Schwiegerſohn und der Mörder meiner Tochter!“ „Mein Commis!“ „Ihr Commis, ja: derjenige, welcher Sie in dem Augenblicke beſtahl, wo meine Tochter ihn ertappte und von ihm niedergeſtoßen wurde.“ Röveillon und Rötif ſchauten mit einer ſolchen Hartnäckigkeit, daß Sie magnetiſch den, durch das Herannahen des Todes halb vereiſten, Blick von Auger anzogen. Der Elende erkannte die zwei Geſichter von Ré⸗ veillon und Röétif unter den zehntauſend Köpfen, welche ſich vor ſeinen Augen hin und herbewegten. Seine Augäpfel unterliefen ſich mit Blut, ſein Mund öffnete ſich, um einen Schrei hervorzubringen, der in ſeiner Kehle erloſch, ſein Körper wollte eine Bewegung rückwärts machen, um der Viſion und der Gewiſſensqual zu entfliehen. Doch der Karren hatte ihn ſchon fortgeſchleppt: er war auf dem Richtplatze angekommen, und nach⸗ dem er längſt an ihnen vorüber, ſuchte er noch die zwei Geſichter zu ſehen, die er nicht ſah, die aber ihn ſahen. Der Henker klopfte ihm auf die Schulter; er wäre beinahe in Ohnmacht gefallen. Der Prieſter umarmte ihn. Er wandte den Kopf ab; zwei Gehülfen nahmen ihn unter den Armen und ließen ihn die ſteile Leitet hinaufſteigen. Er war noch nicht auf der dritten Sproſſe, als der Strick ſchon ſeinen Hals unfing. Er ſtieg noch fünf Sproſſen hinauf. — mi bei der we mein 1 dem appte Achen das von Ré⸗ öpfen, gten. ſein ingen, e eine und leppt; nach⸗ e aber rwäre ahmen Leiter e, als 171 Plötzlich warf ihn ein gewaltiger Stoß von der Leiter hinaus. Ein gewaltiges Stampfen mit den Füßen des Henkers warf ihn aus dem Leben. Ganz bleich und zitternd, ſchauerte Réveillon am Arme von Rötif. Dieſer hatte nicht aufgehört, den armen Sünder mit einer kalten Aufmerkſamkeit zu betrachten, welche bei ihm die entſetzlichſte Rachgierde bezeichnete. Als der Schurke verſchieden war, führte Rétif den Tapetenfabricanten, mehr todt als lebendig, weg. „Das hat Sie wohl ſehr zerſtreut?“ fragte er ihn. „Oh!“ erwiederte Réveillon,„ich kann mich nicht mehr auf meinen Beinen halten.“ „Bah! Sie ſcherzen!“ „Nein, bei meiner Ehre! und ich werde mein ganzes Leben das Schauſpiel ſehen, zu dem Sie mich verdammt haben.“ „Gleichviel! Sie haben ſich zerſtreut.“ „Eine gräßliche Zerſtreuung!“ „Sagen Sie, haben Sie während der ganzen Zeit, welche die Hinrichtung gedauert, an Ihr Geld gedacht?“ „Nein; doch jetzt denke ich daran... Und — „Was?“ „Ich glaube, es wird mir übel.“ „Nehmen Sie ſich wohl in Acht!“ „Warum?“ „Ei! weil man Sie unter dieſer Menge für einen „ 172 Freund, für einen Verwandten oder ſogar für einen Mitſchuldigen des Böſewichts halten wird, den man ſo eben hingerichtet hat.“ „Sie haben Recht; doch meine Beine ſprechen für mich... Oh! la la! ſie biegen ſich!“ „Nun wohl, ſo gehen wir ein wenig aus dem Volke hinaus; ſuchen wir nach dem Pont Rouge zu gelangen, dort iſt mehr Luft.“ „Führen Sie mich, mein Freund.“ Rétif ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er führte Réveillon, über das linke Ufer der Seine, gegen die Rue des Bernardins. Réveillon hörte nicht auf, über ſein Unbehagen zu klagen. „Treten wir in ein Kaffehaus ein,“ ſagte er; „ich werde ein Gläschen Liqueur nehmen, das wird mir wohl thun.“ „Nein,“ erwiederte Rétif;„wir ſind nur noch ein paar Schritte von meinem Hauſe: ich will Ihnen etwas zeigen, was Sie wieder munter machen wird.“ „Bei Ihnen?“ „Ja, ich habe dort in Reſerve eine gewiſſe Sub⸗ ſtanz, die ganz geeignet iſt, die Herzen, welche am ſchwerſten zu befriedigen, wieder aufzurichten.“ „Ah! nicht wahr, Sie werden mir das Recept geben?“ „Bei Gott! darum führe ich Sie zu mir.“ Röétif zeigte Réveillon den Weg, und an der halb geöffneten Wohnung des Hauseigenthümers vorüber⸗ gehend, grüßten dieſen Beide mit den tauſend Höf⸗ lich noc bef das ſetz ſchi ſcho kra zwi eine um Pla aus inen man chen dem e zu hrte die agen er wird noch will chen Sub⸗ am cept halb ber⸗ Höf⸗ 173 lichkeiten, welche zu jener Zeit gegen die Hausherren noch gebräuchlich waren. Als ſie ſich in der Wohnung des guten Mannes befanden, ließ Rétif Réveillon von ſeinem Zimmer in das von Auger gehen, rückte ihm einen Lehnſtuhl an eine gewiſſe Stelle des Zimmers, hieß ihn ſich ſetzen und gab ihm eine Zange in die Hände. Réveillon begriff durchaus nichts von den ver⸗ ſchiedenen Manveuvres, mit denen man ihn be⸗ ſchäftigte. Er machte Schwierigkeiten, die Zange zu nehmen. „Nehmen Sie, nehmen Sie doch!“ ſagte Röétif. „Wozu? um mich zu erfriſchen?“ „Nein.“ „Doch die Compoſition, welche geeignet, die krankſten Herzen wieder aufzurichten...2“ „Sie werden Sie ſelbſt entpfropfen.“ „Mit dieſer Zange?“ „Ei! mein Gott, ja.“ „Wo dies?“ „Hier,“ erwiederte Rétif. Und er ſchob einen von den Schenkeln der Zange zwiſchen zwei Platten. „Drücken Sie,“ ſagte Rötif. „Sie ſind ein Narr.“ „Was geht das Sie an? Drücken Sie immerhin.“ Réveillon, der wirklich glaubte, er habe es mit einem Narren zu thun, entſchloß ſich, zu gehorchen, um ihn zufrieden zu ſtellen. Und mit einem kräftigen Drucke brach er die Platte und eine Hälfte von der anſtoßenden Platte aus. Sieben bis acht Goldſtücke ſprangen, durch die Erſchütterung nach außen geſtoßen, aus dem Loche zum großen Erſtaunen des Tapetenfabricanten hervor. Er bückte ſich raſch, um beſſer zu ſehen. „Ei! ei! das intereſſirt Sie alſo?“ ſagte Röétif; „welch ein Glück!“ „Wie viel Gold!“ rief Réveillon,„wie viel Gold!“ Und er tauchte ſeine beiden Hände in das Lo und zog das Gold in Maſſe heraus. „Nun? nun?“ fragte Rötif. „Was machen Sie denn mit Allem dem, alter Geizhals? Ich glaube, Sie ſammeln Schätze?“ „Mein Herr, ich bitte, wollen Sie dieſes Gold zählen,“ ſprach einfach Rötif. Röveillon zählte beinahe eine Stunde lang. Die Summe belief ſich auf dreitauſend Louis d'or, weniger einen. Das war das, was Auger an dem Tage, wo ihn Rötif beſpähte, aus dem Loche gezogen hatte. „Ei,“ ſagte Réveillon wie betäubt,„zweitauſend neunhundert neunundneunzig Louis d'or!“ „Nun, mein Herr,“ erwiederte Rétif,„dieſes Gold gehört Ihnen, denn es iſt das Gold, das mein ſchurkiſcher Schwiegerſohn an dem Tage, wo er meine Tochter ermordete, bei Ihnen geſtohlen hat.“ Reveillon ſtieß einen Freudenſchrei aus und ſchloß in ſeine Arme den ehrlichen, geiſtvollen Rétif, der ihm dieſes Vermögen zurückgab. „Wir werden theilen,“ ſagte er. „Nein.“ „Doch!“ die oche vor. étif; viel Loch alter Gold d'or, o ihn uſend ieſes mein neine und Rötif, „Nie, mein Herr.“ „Sie nehmen aber wenigſtens... „Nichts.“ „Warum?“ „Weil ich nicht mehr an das Ende des Romans, den ich hierüber zu machen gedenke, dieſe wohlge⸗ drehte Phraſe ſetzen könnte, auf die ich ſeit vierzehn Tagen geſonnen habe, die Phraſe: „„Der ehrliche Dulis erklärte, er ſei durch einen Dant zu gut bezahlt, und fühlte ſich reicher in ſeiner Armuth.““ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, grüßte er Réveillon, und dieſer verſchwand wahnſinnig vor Glück, ſeinen Schatz in ſeinem Hute forttragend. Und ſobald der Fabricant weggegangen war, nahm Röétif ſeine Schrift und ſeinen Winkelhaken, und fing an, um materiell zu ſprechen, die erſten Kapitel eines Romans betitelt Ingénne Sapanconrt oder die getrennte Frau zu ſetzen,— ein Roman, von welchem einige Perſonen behaupteten, ſie ſehen darin Auger unter dem Namen und der Perſon von Echiné Moresquin wiedererſtehen. Epilog*). Es waren vier Jahre ſeit den von uns erzählten Ereigniſſen verlaufen. In Polen, in einem alten, großen Herrenhauſe, ſaßen drei Perſonen beim Frühſtück, indeß ein Kind, das zuerſt die Tafel verlaſſen, in dem ungeheuren Saale nach rechts und links lief. Dieſer Saal funkelte in den Strahlen einer glüh⸗ enden Juliſonne, und dennoch erſchien die Hälfte des weiten Gemaches wie in der Finſterniß erſtarrt, und ein perlmutterartiger Schatten fiel an ſeinem Täfelwerk herab, zurückgeſandt von den um das Haus gepflanzten thurmhohen Tannen. Ein alterthümlicher Lurus ſchmückte dieſe fürſtliche Wohnung: rieſige Schenktiſche, hohes Tapetenwerk, Gemälde mit breiten goldenen Rahmen. *) Es beſtehen mehrere Verſionen über das, was aus Ingénue nach dem Tode von Anger wurde. Man wird ſich nicht wundern, daß wir diejenige ge⸗ wählt haben, welche am beſten der Entwicklung unſeres Buches diente und mit dem unbefleckten Charakter, den wir der Tochter von Rétif de la Bretonne gegeben, harmonirte. läc zw ver glo — wo da ihlten hauſe, Kind, euren glüh⸗ Hälfte ſtarrt, einem Haus ſtliche nwerk, as aus Man ge ge icklung fleckten f de la 177 Diener, demüthig und ſtill wie Sklaven, gingen lächelnd um die Herrſchaft hin und her. Dieſe Herrſchaft beſtand aus einer Frau von zwei und vierzig Jahren; einige weiße Haare, welche verſchwinden zu machen ſie ſich nicht die Mühe gab, glänzten wie ſilberne Fäden unter ihren ſchwarzen Haaren. Die Linien ihres Geſichtes bezeichneten die Ge⸗ wohnheit des Befehlens und des Herrſchens. Sie thronte an der Tafel viel mehr als daß ſie daran ſaß. Das war die Gräfin Obinska. Chriſtian, ihr Sohn, ſaß zu ihrer Rechten, wäh⸗ rend den Platz zu ihrer Linken eine ſchöne junge Frau einnahm, deren Anmuth der Reichthum, das Glück und eine beſeligende Mutterſchaft zur Majeſtät entwickelt hatten. Das war Ingénue, Gräfin Obinska geworden. Das dreijährige Kind, das im Saale mit einem großen ſarmatiſchen Hunde, ſeinem Gefährten, ſpielte, war ihr Sohn. Er hieß Chriſtian wie ſein Vater. Das Kind ging ab und zu und erntete da und dort ein Lächeln, zuweilen einen Kuß. Während es ſo in dem großen Saale umherlief, blieb es einen Augenblick vor einem lebensgroßen Portrait, den Großvater der Gräfin Obinska in Ma⸗ gnatentracht vorſtellend, ſtehen. Mit ſeinem großen Säbel, ſeinem großen Schnurr⸗ barte, ſeiner furchtbaren Miene hatte dieſes Portrait das Vorrecht, dem kleinen Chriſtian gewaltig bange zu machen; nachdem es einen Augenblick vor dem Dumas, Ingsnue. UI. 12 178 Bilde ſtehen geblieben war, entfernte ſich auch das Kind, indem es ein erſchrockenes Geſichtchen machte, und begann wieder, mit ſeinem Hunde zu ſpielen. „Nun,“ fragte die Gräfin Obinska Ingénue, „wie geht es Ihnen heute, mein Kind?“ „Ich bin ein wenig müde, Madame; wir haben geſtern einen langen Ritt mit Chriſtian gemacht.“ „Und das Reiten muß nun ein wenig ermüdend für ſie werden!“ ſprach lächelnd der junge Mann, indem er mit dem Blicke der Gräfin andeutete, die Umriſſe dieſer, ſonſt ſo zarten, Taille fangen an ſich zu entwickeln und zu runden, um dem kleinen Chri⸗ ſtian einen Spielkameraden zu geben. „So intereſſant, bleich und angegriffen,“ ſagte die Gräfin,„erinnert ſie mich an die arme Königin von Frankreich, Marie Antoinette, das unglückliche Opfer der Ungeheuer, denen wir zu entkommen gewußt haben.“ „In der That,“ ſprach Chriſtian mit dem Lächeln des glücklichen Beſitzes, in welchem man nicht ge⸗ ſtört zu werden befürchtet,„in der That, ſie hatte dieſe Mattigkeit im Gange und dieſe Biegſamkeit in ihrer Taille; nur, als ihre Taille ſich rundete wie die unſerer kleinen Gräfin, brach ein ganzer eifriger Hof in Freude und Liebe aus.“ „Ach!“ erwiederte die Gräfin,„dieſe Freude und dieſe Liebe werden vielleicht für ſie auf das ſchon vom Blute ihres Gemahls geröthete, gräßliche Schaffot und für die Kinder, die ihr Schvoß getra⸗ gen, auf eine Gefangenſchaft, welche noch grauſamer als der Tod, hinauslaufen!... Doch mir ſchien,“ fragte die Gräfin, indem ſie ſich gegen die junge das ichte, n. nue, aben % dend ann, „die ſich Chri⸗ e die von opfer wußt cheln t ge⸗ hatte eit in e wie friger und ſchon ßliche etra⸗ ſamer ien,“ junge 179 Frau umwandte,„mir ſchien, Sie erwarten geſtern oder heute Nachrichten von Ihrem Vater, Ingénue?“ „Ich habe geſtern bei meiner Rückkehr von der Jagd, und während Sie in der Stadt waren, erhal⸗ ten. Erſt dieſen Morgen, als Sie aufſtanden, hätte ſich die Gelegenheit geboten, ſie Ihnen mitzutheilen; doch Sie waren ſelbſt mit Ihrer Correſpondenz be⸗ ſchäftigt, und ich befürchtete, Sie zu beläſtigen.“ „Durchaus nicht... Wie geht es ihm?“ „Sehr gut; ich danke, Madame.“ „Und er weigert ſich immer noch, mit uns zu wohnen, die wir uns doch bemühen würden, ihm das Leben in unſeren Wildniſſen angenehm zu machen?“ „Vortrefflicher Mann!“ rief Chriſtian. „Modame, mein armer Vater iſt an ſein Pariſer Leben gewöhnt; er liebt die Straßen, das Licht, die Vewegung; er verfolgt mit einem allmächtigen In⸗ tereſſe die Ereigniſſe Frankreichs, und benützt ſie als ein Studium, um die Geſchichte der menſchlichen Lei⸗ denſchaften zu ſchreiben.“ „Er ſchreibt alſo immer?“ „Was wollen Sie, Madame, das iſt ſeine Lei⸗ denſchaft!“ „Eine Leidenſchaft von Beſtand, wie ich be⸗ merke.“ 8 „Von ewigem Beſtande.“ „Alſo keine Hoffnung, daß wir ihn eines Tages hier ſehen?“ „Ich glaube nicht, Madame; Sie werden indeſſen ſelbſt urtheilen, wenn Sie mir erlauben, Ihnen eine Stelle aus ſeinem Briefe vorzuleſen.“ „Thun Sie das, mein Kind.“ 180 Ingénue zog aus ihrer Bruſt ein Papier, ent⸗ faltete es und las: „Liebe Ingénue! „Ich habe Dein Portrait von meinem Freunde Greuſe malen laſſen, und dieſes Portrait iſt meine beſte Geſellſchaft geworden. Mitten unter Tigern und Wölfen, erſcheint mir das ſanfte Bild als eine Gunſt der Vorſehung. „Paris iſt in dieſem Augenblicke herrlich zu ſehen: nichts läßt ſich mit dem Entſetzen, das es einflößt, und mit der Erhabenheit der Schauſpiele, die es bietet, vergleichen. „Sonſt weinte ein junges Mädchen auf der Straße: 3 man dachte an den Kupferſtich vom Zerbrochenen Kruge, man lächelte der ſchönen Weinerin zu und ging weiter. „Sieht man heute die Trauer und die Bläſſe auf einem Geſichte, ſo hat man die Erklärung dieſer Bläſſe und dieſer Trauer gegen vier Uhr, wenn man dem Faubourg Saint⸗Antoine oder beſſer der Rue Saint⸗Honoré folgt. „Denn heute wird an zwei Orten hingerichtet, wie man einſt unter der Monarchie an zwei Orten die Feuerwerke cbrannte. „Ich habe indeſſen meinen Entſchluß gefaßt wie Jedermann, und ich gehe mitten durch dieſe Mär⸗ tyrer und dieſe Henker, erſtaunt, nicht zu den Einen zu gehören, und glücklich, keiner von den Anderen zu ſein. „Dieſe Revolution, meine liebe Ingénue, ich glaubte, ſie werde das Reich der Philoſophie und 181 der Freiheit herbeiführen, doch bis jetzt hat ſie nur die Freiheit ohne irgend eine Philoſophie oder Li⸗ teratur herbeigeführt. „Sage der Frau Gräfin und dem Herrn Grafen, nd ich ſei ihnen dankbar für ihre guten Wünſche in Be⸗ i treff meiner, doch ich lebe ziemlich friedlich hier im ern Verkehre mit meinen Freunden. eine„Röéveillon iſt unter der Protection von Santerre. „Paris verlaſſen, das heißt alle meine Gewohn⸗ heiten verlaſſen, wäre für mich der Tod. Ich ößt, zweifle nicht, daß ich bald ſterben werde, und heute 85 bietet ſich die Gelegenheit zu ruhmvollem Hinſcheiden; und dennoch finde ich das Leben ſehr gut, ſo oft ich ße: dein Portrait anſchaue...“ ten und Ingénue hielt hier an. n „Ein trauriges Land, dieſes Frankreich!“ ſagte äſſe ſeufzend die Gräfin;„ſind wir hier nicht glücklicher, meine Kinder? ſprecht!“ enn„Oh!“ rief Chriſtian,„glücklich wie die Auser⸗ der wählten mit den Engeln!“ Ingénue ſchlang zwei ſchöne weiße Arme um tet den Hals ihres Gatten und küßte ſodann die Gräfin rtöi mit thränenfeuchten Augen. In dieſem Momente trat ein Diener ein. ſie Er brachte auf einer ſilbernen Platte ein paar tär⸗ Journale und Briefe. inen Die Gräfin nahm die Journale und reichte ſie ihrem Sohne, während ſie die Briefe entſiegelte. Der kleine Chriſtian war zum Portrait ſeines ich Ahnherrn zurückgekehrt und ſchaute es mit zornigen und»Augen an. 182 „Gute Mama,“ ſagte er,„warum macht mir fra denn Großvater bange? Ich will, daß man mich der gegen ihn vertheidige!“ Bl Niemand hörte ihn. Er ſuchte unter den Portraits. „Der Vater von Großmama macht mir bange,“ un ſagte er;„wo iſt denn der Vater von Papa, um ſeinen Enkel zu vertheidigen?“ Als das Kind dieſe Worte ſprach, ſtieß Chriſtian M einen Schrei des Erſtaunens aus, der die beiden Si Frauen den Kopf umzudrehen veranlaßte. ge „Was gibt es denn?“ fragten ſie. „Ohl eine Nachricht, die mich nicht in Erſtaunen ſetzen ſollte,“ erwiederte er,„denn ſie beweiſt, daß ſa es noch einige redliche Herzen und einige feſte Hände in Frankreich gibt.“ er „Was für eine Nachricht iſt das?“ „Hören Sie,“ ſagte Chriſtian. iſt Und er las. Cl „Der Abgeordnete Marat iſt ſo eben in ſeinem di Bade, heute am 13. Juli 1793, ermordet worden; er iſt geſtorben, ohne daß er ein Wort mehr her⸗ ih vorbringen konnte. „Morgen die Einzelnheiten.“ Die Gräfin Obinska epbleichte beim Namen Ma⸗ rat; bald aber ſpannten ſich ihre dünnen Lippen zu einem ſchlimmen Lächeln ab. „Marat?“ ſagte Ingénue.„Oh! deſto beſſer! das iſt ein Ungeheuer mit menſchlichem Geſichte.“ „Und wie dies!“ fügte leiſe die Gräfin bei.„Aber,“ mir mich e,“ um tian iden men daß inde nem den; her⸗ Ma⸗ zu ſſer! e 183 fragte ſie,„das Journal verſpricht Einzelnheiten für den folgenden Tag. Chriſtian, haſt Du nicht das Blatt vom folgenden Tage?“ „Doch.“ Und er öffnete eines von den übrigen Journalen und las: „Die Mörderin des Abgeordneten Marat iſt ein Mädchen von Caen, Namens Charlotte von Corday. Sie iſt heute hingerichtet worden und heldenmüthig geſtorben...“ „Charlotte von Corday!“ rief Ingénue;„Du ſagſt Charlotte von Corday?“ „Hier, meine Liebe,“ erwiederte Chriſtian, indem er das Journal ſeiner Frau gab. „Charlotte von Corday!“ wiederholte ſie.„Das iſt meine Freundin, meine Retterin... Du weißt, Chriſtian?“ „Oh! Vorſehung!“ murmelte der junge Mann die Augen zum Himmel aufſchlagend. „Oh! Vorſehung!“ murmelte die Gräfin Obinska, ihren Enkel an ihre Bruſt drückend. Ende. = —— „—— —— — — — S — — — — — — — — b von Alexaudre Dumas. J. Derjenige, welcher am Abend des 15. Decembers 1793 die Stadt Cliſſon, um ſich nach dem Dorfe Saint⸗Crépin zu begeben, verlaſſen und auf dem Berge, an deſſen Fuß die Moine hinfließt, Halt ge⸗ macht hätte, würde ein ſeltſames Schauſpiel geſehen haben. Vor Allem würde er an dem Orte, wo ſein Blick das in den Bäumen verlorene Dorf mitten an einem ſchon durch die Abenddämmerung verdüſterten Hori⸗ zont geſucht hätte, drei bis vier Rauchſäulen erſchaut haben, welche, an ihrer Baſe vereinzelt, bei ihrer Ausdehnung ſich verbanden, ſich einen Augenblick wie ein gebräunter Dom ſchaukelten, und dann, ſchlaff einem feuchten Weſtwinde nachgebend, in dieſer Rich⸗ tung mit den Wolken eines trüben, nebeligen Him⸗ mels fortrollten. Er hätte geſehen, wie dieſe Baſe ſich langſam röthete, wie ſodann jeder Rauch auf⸗ hörte, und von den Dächern der Häuſer ſpitzige Feuerzungen mit Gepraſſel, bald ſich in Spiralen windend, bald ſich neigend und ſich wiedererhebend wie der Maſt eines Schiffes, hervorbrachen. Es hätte ihm geſchienen, es öffnen ſich bald alle Fenſter, um Feuer auszuſpeien. Von Zeit zu Zeit, wenn ein Dach einſank, hätte er ein dumpfes Geräuſch 188 gehört, er hätte eine lebhaftere Flamme gemiſcht mit Tauſenden von Funken unterſchieden, und beim blu⸗ tigen Scheine des zunehmenden Brandes hätte er Waffen glänzen und einen Kreis von Soldaten ſich in der Ferne ausdehnen ſehen. Er hätte Geſchrei und Gelächter gehört und mit Schrecken geſagt:„Gott verzeihe mir, es iſt eine Armee, die ſich mit einem Dorfe wärmt!“ Es hatte wirklich eine republicaniſche Brigade von zwölf bis fünfzehnhundert Mann das Dorf Saint⸗ Crépin verlaſſen gefunden und es in Brand geſteckt. Das war keine Grauſamkeit, ſondern ein Kriegs⸗ mittel, ein Feldzugsplan wie ein anderer; die Er⸗ fahrung bewies, daß es das einzige gute Mittel war. Eine einzelne Hütte brannte indeſſen nicht; man ſchien ſogar alle nothwendige Maßregeln getroffen zu haben, damit das Feuer ſie nicht erreichen konnte. Zwei Schildwachen ſtanden vor der Thüre, und jeden Augenblick traten Ordonnanzofficiere, Adjutan⸗ ten ein und kamen bald wieder heraus, um Befehle zu überbringen. Derjenige, welcher dieſe Vefehle gab, war ein junger Mann, wie es ſchien, von zwanzig bis zwei⸗ undzwanzig Jahren; lange, blonde, auf der Stirne geſcheitelte Haare fielen wogend auf jeder Seite ſeiner weißen, magern Wangen herab; ſein ganzes Geſicht trug das Gepräge der unſeligen Traurigkeit an ſich, das ſich an die Stirne von denjenigen, welche jung ſterben ſollen, anhängt. Sein blauer Mantel, indem er ihn umhüllte, verbarg ihn nicht ſo gut, daß er nicht die Zeichen ſeines Grades, ein Paar Generalsepauletten, hätte ſehen laſſen; nur waren dieſe Offi von auf eina darc Licht den war bei „Ali Don jenie bein rückt wur chen behi nero welec kelig er v mit kahl natt hatt 189 mit dieſe Epauletten von Wolle, denn die republicaniſchen blu⸗ Officiere hatten dem Convente das patriotiſche Opfer e er von allem Golde ihrer Uniformen gebracht. Er war ſich auf einen Tiſch gebeugt, eine Landkarte lag aus⸗ ſchrei einandergerollt vor ſeinen Augen, und er bezeichnete Gott darauf mit Bleiſtift, bei der Helle einer Lampe, deren inem Licht ſelbſt vor dem Scheine des Brandes erdunkelte, den Weg, dem ſeine Soldaten zu folgen hatten. Das igade war der General Marceau, der drei Jahre ſpäter aint bei Altenkirchen getödtet werden ſollte. ſteckt.„Alerandre!“ ſagte er halb ſich erhebend.. iegs⸗„Alerandre, ewiger Schläfer, träumſt Du von St. E Domingo, daß Du ſo lange ſchläfſt?“ war.„Was gibt es?“ fragte plötzlich aufſtehend der⸗ man jenige, an welchen er ſich wandte, und deſſen Kopf offen beinahe die Decke der Hütte berührte,„was gibt es? nnte rückt der Feind heran?..“ Und dieſe Worte und wurden mit einem leicht creoliſchen Accente geſpro⸗ utan⸗ chen, wodurch ſie ſelbſt unter der Drohung Milde efehle behielten. „Nein, doch es iſt uns ein Befehl des Oberge⸗ r ein nerals Weſtermann zugekommen.“ zwei⸗ Und während ſein College las, denn derjenige, tirne welchen er angeſprochen, war ſein College, ſchaute Seite Marceau mit der Neugierde eines Kindes die mus⸗ anzes keligen Formen des mulattiſchen Hercules an, den rigkeit; er vor den Augen hatte. welche Es war ein Mann von achtundzwanzig Jahren, antel, mit krauſen, kurzen Haaren, mit braunem Teint, mit t, kahle tirne e weißen Zähnen, deſſen faſt über⸗ Paar natürliche Stärke die ganze Armee kannte, denn ſie waren hatte ihn an einem Schlachttage einen Helm bis zum 190 Küraß ſpalten und an einem Paradetag ein wildes Pferd, das mit ihm durchging, zwiſchen ſeinen Beinen erſticken ſehen. Dieſer hatte auch nicht mehr lange zu leben; doch minder glücklich als Marceau, ſollte er fern vom Schlachtfelde, vergiftet auf den Befehl eines Königs, ſterben. Das war der General Ale⸗ xandre Dumas, es war mein Vater. „Wer hat Dir dieſen Befehl gebracht?“ fragte er. „Der Volksrepräſentant Delmar.“ „Es iſt gut. Und wo ſollen ſich dieſe armen Teu⸗ fel verſammeln?“ „In einem Walde, anderthalb Meilen von hier; ſieh auf der Karte; es iſt da.“ „Ja; doch auf der Karte trifft man die Schluchten, die Berge, die gefällten Bäume, die tauſend Wege nicht, welche die wahre Straße verſperren, wo man ſelbſt am hellen Tage Mühe hat, ſich zurecht zu fin⸗ den!.. Dabei iſt es beſtändig kalt.“ „Nun,“ ſagte Marceau, indem er mit dem Fuße die Thüre aufſtieß und ihm das brennende Dorf zeigte,„geh hinaus, und Du wirſt Dich wärmen... He! was iſt das, Bürger?“ Dieſe Worte waren an eine Gruppe von Sol⸗ daten gerichtet, welche Lebensmittel ſuchend in einem an die Hütte, wo ſich die zwei Generale befanden, anſtoßenden Hundeſtalle einen vendeeiſchen Bauern gefunden hatten, der ſo betrunken zu ſein ſchien, daß er wahrſcheinlich den Einwohnern des Dorfes, als ſie dieſes verlaſſen, nicht hatte folgen können. Der Leſer denke ſich einen Meier mit einfältigem Geſichte, mit großem Hute, langen Haaren und grauem Wammſe; ein Weſen nach dem Bilde des Menſchen an Th ſtir Pa ver den une den bei er unt bog zu Ein nal ſchl der Fül geb getr füh deck von fure hier geri ſich ildes inen ange ſollte efehl Ale⸗ te er. Teu⸗ hier; hten, Wege man fin⸗ Fuße Dorf n. Sol⸗ inem nden, mern „daß „als tigem auem iſchen 191 angelegt, eine Art, welche noch eine Stufe unter dem Thiere; denn offenbar fehlte dieſer Maſſe der In⸗ ſtinct. Marceau richtete einige Fragen an ihn; das Patvis und der Wein machten ſeine Antworten un⸗ verſtändlich. Er wollte ihn eben als ein Spielzeug den Soldaten überlaſſen, als der General Dumas ungeſtüm den Beſehl gab, die Hütte zu räumen und den Gefangenen darin einzuſchließen. Er war noch bei der Thüre; ein Soldat ſchob ihn ins Innere; er ſtolperte bis an die Wand, lehnte ſich daran an, und ſchwankte einen Augenblick auf ſeinen halb ge⸗ bogenen Beinen hin und her; dann fiel er ſchwer zu Boden und blieb ohne Bewegung ausgeſtreckt. Eine Schildwache ſtand vor der Thüre, und man nahm ſich nicht einmal die Mühe, das Fenſter zu ſchließen. „In einer Stunde können wir abgehen,“ ſagte der General Dumas zu Marceau;„wir haben einen Führer.“ „Welchen?“ „Dieſen Menſchen.“ „Ja, wenn wir uns morgen auf den Weg be⸗ geben wollen, gut. Es iſt in dem, was dieſer Menſch getrunken hat, Schlaf für vierundzwanzig Stunden.“ Dumas lächelte.„Komm,“ ſagte er. Und er führte ihn unter den Schoppen, wo der Bauer ent⸗ deckt worden war; ein einfacher Verſchlag trennte ihn vom Inneren der Hütte, und die Wand war noch durch⸗ furcht von Spalten, welche unterſcheiden ließen, was hier vorging, und hatten erlauben müſſen, ſelbſt das geringſte Wort der zwei Generale zu hören, die ſich einen Augenblick vorher im Inneren befanden. 192 „Und nun ſchau,“ fügte er die Stimme dämpfend bei. Marceau gehorchte, dem Einfluſſe nachgebend, den ſein Freund, ſelbſt bei den gewöhnlichen Dingen des Lebens, auf ihn übte. Er hatte einige Mühe, den Gefangenen zu unterſcheiden, der zufällig in den dunkelſten Winkel der Hütte niedergeſunken war; er lag noch unbeweglich an demſelben Platze. Mar⸗ ceau wandte ſich zurück, um ſeinen Collegen zu ſuchen: er war verſchwunden. Als er ſeine Blicke wieder in die Hütte lenkte, ſchien es ihm, derjenige, welcher ſich darin aufhielt, habe eine leichte Bewegung gemacht: ſein Kopf hatte eine Richtung angenommen, die ihm das ganze In⸗ nere mit einem Blicke zu umfaſſen geſtattete. Bald öffnete er die Augen mit dem gedehnten Gähnen eines Menſchen, der aufwacht, und er ſah, daß er allein war. Ein ſeltſamer Blitz der Freude und des Verſtan⸗ des zuckte über ſein Geſicht. Von da an war es für Marceau klar, daß er von dieſem Menſchen bethört worden wäre, hätte nicht ein ſchärferer Blick Alles errathen. Er betrachtete ihn alſo mit einer neuen Aufmerkſamkeit; ſein Ge⸗ ſicht hatte wieder ſeinen erſten Ausdruck angenommen, ſeine Augen waren wieder geſchloſſen, ſeine Bewe⸗ gungen waren die eines Menſchen, der wieder ein⸗ ſchläft; bei einer derſelben hakte er mit dem Fuße den leichten Tiſch an, der die Karte und den Befehl des Generals Weſtermann trug, was Marceau Bei⸗ des wieder auf dieſen Tiſch geworfen hatte: Alles fiel durcheinander; der Soldat von der Wache öffnete hal hin lach der Au ung erg auf es Ha ſein wic per der den den ſich lau zu imr öffn ſelb die und Ja Sch vor Sc Flu D fend end, igen ühe, in var; Nar⸗ hen: nkte, ielt, hatte u Bald hnen ß er ſtan⸗ on nicht chtete Ge⸗ nmen, Bewe⸗ ein⸗ Fuße Befehl Bei⸗ Alles ffnete 193 halb die Thüre, ſtreckte bei dieſem Geräuſche den Kopf hinein, ſah, was daſſelbe verurſacht hatte, und ſagte lachend zu ſeinem Kameraden:„Es iſt der Bürger, der ſchläft!“ Dieſer hatte indeſſen die Worte gehört, ſeine Augen hatten ſich wieder geöffnet, ein Blick der Droh⸗ ung verfolgte einen Moment den Soldaten; alsdann ergriff er mit einer raſchen Bewegung das Papier, auf welches der Befehl geſchrieben war, und verbarg es in ſeiner Bruſt. Marceau hielt ſeinen Athem zurück; ſeine rechte Hand ſchien am Griffe ſeines Säbels feſtgeklebt: ſeine linke Hand trug mit der Stirne das ganze Ge⸗ wicht ſeines an die Scheidewand angelehnten Kör⸗ pers. Der Gegenſtand ſeiner Aufmerkſamkeit lag nun auf der Seite; bald rückte er, ſich mit dem Ellenbogen und dem Knie helfend, langſam, immer liegend, gegen den Eingang der Hütte vor; der Zwiſchenraum, der ſich zwiſchen der Schwelle und der Thüre fand, er⸗ laubte ihm, die Beine einer Gruppe von Soldaten zu bemerken, welche davor ſtanden. Geduldig und. immer langſam, fing er nun an gegen das halb ge⸗ öffnete Fenſter zu kriechen; auf drei Fuß von dem⸗ ſelben angelangt, ſuchte er in ſeiner Bruſt eine Waffe, die darin verborgen war, richtete ſeinen Körper auf, und ſtürzte mit einem einzigen Sprunge, mit einem Jaguarsſprunge, aus der Hütte. Marceau ſtieß einen Schrei aus: er hatte weder Zeit gehabt, dieſe Flucht vorherzuſehen, noch ſie zu verhindern. Ein anderer Schrei antwortete auf den ſeinen: dieſer war ein Fluch. Der Vendeer war, aus dem Fenſter fallend, Dumas, Ingénue. III. 13 194 von Angeſicht zu Angeſicht mit dem General Dumas zuſammengetroffen; er hatte ihn mit ſeinem Meſſer ſtechen wollen, doch Dumas hatte den Bauern bei der Fauſt gepackt, dieſe gegen ſeine Bruſt umgebogen, und er brauchte nur noch zu ſtoßen, daß der Vendeer ſich ſelbſt erdolchte. „Ich verſprach Dir einen Führer, Marceau; hier iſt einer, und zwar ein verſtändiger, wie ich hoffe.— Ich könnte Dich erſchießen laſſen, Burſche,“ ſagte er zu dem Bauern;„es iſt mir bequemer, Dir das Le⸗ ben zu ſchenken. Du haſt unſer Geſpräch gehört, doch Du wirſt es denen, die Dich geſchickt haben, nicht berichten.— Bürger,“ wandte er ſich an die Sol⸗ daten, welche dieſe ſeltſame Scene herbeigeführt hatte, —„zwei von Euch haben jeder eine Hand von die⸗ ſem Menſchen zu nehmen und ſ Spitze der Colonne zu ſtellen; er wird unſer Führer ſein; bemerkt Ihr, daß er Euch täuſcht, macht er eine Bewegung, um zu fliehen, ſ durch den Kopf und werft ihn über die Hecke.“ Einige leiſe gegebene Befehle ſetzten ſodann dieſe gebrochene Linie von Soldaten in Bewegung, welche ſich um die Aſche, die ein Dorf geweſen, ausdehnte. Die Gruppen verlängerten ſich, jedes Peloton ſchien ſich an das andere anzulöthen. Eine ſchwarze Linie bildete ſich, ſtieg den langen Hohlweg hinab, der Saint⸗Coépin von Montfaucon trennt, drang hier ein wie ein Rad in ein Fahrgeleiſe, und als nach einigen Minuten der Mond zwiſchen zwei Wolken durchzog und ſich einen Augenblick auf dieſem Bande von Bajon⸗ neten ſpiegelte, welche geräuſchlos hinſchlüpften, da hätte man geglaubt, man ſehe im Schatten eine un⸗ ich mit ihm an die o jagt ihm eine Kugel geh krie Na Ta die auf wer die wer nen erh Eu ohn kon ſteh ſeid nid ſich zer ſcht St hin ein zu zw mas eſſer der und ſich hier e.— te er Le⸗ hört, ben, Sol⸗ atte, die⸗ ndie ührer eine Kugel dieſe velche ehnte. ſchien Linie „der er ein nigen gund ajon⸗ n, da e un 195 geheure ſchwarze Schlange mit ſtählernen Schuppen kriechen. II. Es iſt etwas Trauriges für eine Armee um einen Nachtmarſch. Der Krieg iſt ſchön an einem ſchönen Tage, wenn der Himmel das Treffen anſchaut; wenn die Völker, um das Schlachtfeld ſich erhebend wie auf den Stufen eines Circus, den Siegern zuklatſchen; wenn die ſchmetternden Töne der Blechinſtrumente die muthigen Fibern des Herzens ſchauern machen; wenn Euch der Rauch von tauſend Kanonen mit ei⸗ nem Leichentuche bedeckt; wenn Freunde und Feinde da ſind, um zu ſehen, wie Ihr gut ſterbt: das iſt erhaben! Doch die Nacht!... Nicht wiſſen, wie man Euch angreift und wie Ihr Euch vertheidigt; fallen ohne zu ſehen, wer Euch ſchlägt, noch woher der Streich kommt; fühlen, wie Euch diejenigen, welche noch ſtehen, mit dem Fuße ſtoßen, ohne zu wiſſen, wer Ihr ſeid, und auf Euch gehen!... Oh! da nimmt man nicht die Stellung eines Gladiators an, man wälzt ſich, man krümmt ſich, man beißt in die Erde, man zerreißt ſie mit den Nägeln; das iſt gräßlich! Darum marſchirte dieſe Armee traurig und ſtill⸗ ſchweigend: ſie wußte, daß ſich auf jeder Seite der Straße hohe Hecken, ganze Felder von Stechgenſter hinzogen, und daß am Ende dieſes Weges ein Kampf, ein Kampf bei Nacht ſtattfinden ſollte. Sie marſchirte ſeit einer halben Stunde; von Zeit zu Zeit drang, wie geſagt, ein Mondſtrahl zwiſchen zwei Wolken durch und ließ an der Spitze der Colonne 196 den Bauern erſcheinen, der als Führer diente, das Ohr aufmerkſam auf das geringſte Geräuſch, und im⸗ mer bewacht von den zwei Soldaten, welche an ſei⸗ ner Seite gingen. Zuweilen hörte man auf den Flanken ein Rauſchen von Blättern; die Spitze der Colonne machte plötzlich Halt; mehrere Stimmen rie⸗ fen: Wer da?.. Nichts antwortete, und der Bauer ſagte lachend:„Es iſt ein Haſe, der ſein Lager ver⸗ läßt!“ Hefters glaubten die zwei Soldaten vor ſich etwas ſich bewegen zu ſehen, was ſie nicht unter⸗ ſcheiden konnten; ſie ſagten zu einander:„Schau doch!..“ und der Vendeer erwiederte:„Es iſt Euer Schatten, laßt uns weiter gehen.“ Plötzlich, bei der Biegung der Straße, ſahen ſie zwei Männer vor ihnen aufſtehen; ſie wollten rufen: Einer von den Soldaten fiel, ohne daß er Zeit gehabt, ein Wort hervorzu⸗ bringen; der Andere wankte eine Secunde und hatte nur noch Zeit, zu ſagen:„Herbei!“ Zwanzig Flintenſchüſſe gingen auf der Stelle los. Beim Scheine dieſes Blitzes konnte man drei Män⸗ ner unterſcheiden, welche flohen; der Eine von ihnen wankte und ſchleppte ſich einen Augenblick längs der Böſchung fort, in der Hoffnung, die andere Seite der Hecke zu erreichen. Man lief auf ihn zu: es war nicht der Führer; man befragte ihn, er antwortete nicht! ein Soldat ſtieß ihm das Bajonnet durch den Arm, um zu ſehen, ob er todt ſei: er war es. Nun wurde Marceau der Führer. Das Stu⸗ dium, das er über die Hertlichkeiten gemacht, ließ ihn hoffen, er werde ſich nicht verirren. Nachdem man noch eine Viertelſtunde marſchirt war, erblickte man wirklich die ſchwarze Maſſe des Waldes. Hier ſollten ſich das im⸗ ſei⸗ den der rie⸗ uer ver⸗ ſich ter⸗ chau Fuer der nen aten rzu⸗ atte los. Nän⸗ hnen der Seite es rtete den Stu⸗ ihn man man nſich 197 nach der Kunde, welche die Republicaner erhalten, um eine Meſſe zu hören, die Einwohner einiger Dör⸗ fer, die Trümmer mehrerer Heere, ungefähr acht⸗ zehnhundert Mann verſammeln. Die zwei Generale trennten ihre Truppe in mehrere Colonnen, mit dem Befehle, den Wald einzuſchließen und ihre Richtung auf allen Wegen zu verfolgen, welche nach dem Mittelpunkte gingen. Eine Colonne machte Halt auf dem Wege, der ſich vor ihr fand; die anderen dehnten ſich im Kreiſe auf den Flügeln aus; man hörte noch einen Augenblick das abgemeſ⸗ ſene Geräuſch ihrer Schritte, das immer ſchwächer wurde; endlich erloſch es ganz, und es trat eine völlige Stille ein. Die halbe Stunde, welche einem Kampfe vorhergeht, verläuft raſch. Der Soldat hat kaum Zeit, nachzuſchauen, ob ſein Gewehr gut mit Zünd⸗ kraut verſehen iſt, und zu ſeinem Kameraden zu ſa⸗ gen:„Ich habe zwanzig bis dreißig Franken in der Ecke meines Sackes; ſterbe ich, ſo ſchicke ſie meiner Mutter!“ Das Wort Vorwärts! erſcholl, und Jeder bebte, als ob er nicht darauf gefaßt geweſen wäre. So wie ſie vorrückten, ſchien es ihnen, der Kreuz⸗ weg, der den Mittelpunkt des Waldes bildete, ſei erleuchtet; als ſie näher kamen, gewahrten ſie flam⸗ mende Fackeln; bald wurden die Gegenſtände deut⸗ licher, und ein Schauſpiel, von welchem keiner von ihnen eine Idee gehabt, bot ſich ihren Blicken. An einem plump durch ein paar aufgehäufte Steine repräſentirten Altar las der Pfarrer von Sainte⸗ Marie de Rhé eine Meſſe; Greiſe umgaben eine Fackel in der Hand haltend S Altar, und rings 198 umher beteten Weiber und Kinder auf den Knieen. Zwiſchen den Republicanern und dieſer Gruppe ſtand eine Mauer von Männern und bot auf einer ſchmä⸗ leren Fronte denſelben Schlachtplan für die Verthei⸗ digung wie für den Angriff. Es wurde klar, daß ſie unterrichtet worden, ſelbſt wenn man nicht im erſten Gliede den Führer, welcher entflohen war, erkannt hätte; nun war es ein vendeeiſcher Soldat mit ſeinem vollſtändigen Coſtume, auf der linken Seite der Bruſt das Herz von rothem Stoffe, das als Erkennungszeichen diente, und am Hute das weiße Sacktuch, das den Helmbuſch erſetzte, tragend. Die Vendeer warteten nicht, bis man ſie angriff; ſie hatten Tirailleurs im Walde verbreitet, und ſie begannen das Feuer; die Republicaner rückten das Gewehr im Arm vor, ohne einen Schuß zu thun, ohne auf das wiederholte Feuer ihrer Feinde zu ant⸗ worten, ohne andere Worte nach jeder Salve von ſich zu geben, als die:„Schließet die Glieder! ſchließet die Glieder!“ Der Prieſter hatte ſeine Meſſe nicht vollendet, und er ſetzte ſie fort; ſein Auditorium ſchien dem, was vorging, fremd zu ſein, und blieb auf den Knieen. Die republicaniſchen Soldaten rückten immer weiter vor. Als ſie nur noch dreißig Schritte von ihren Feinden entfernt waren, kniete das erſte Glied nieder, drei Linien Gewehre ſenkten ſich wie Aehren, die der Wind beugt. Das Feuer brach los: man ſah die Reihen der Vendeer ſich lichten, und, durchgehend, tödteten einige Kugeln Weiber und Kinder am Fuße des Altars. Es herrſchten einen Augenblick in dieſer Menge Geſchrei und Tumult. Der Prieſter hob die gew b is zehr Rer Die wed wie und reg las ohn hör Zei die Sc Jel ohr ben ein Gn wo We zuk Na Sc een. and mã⸗ hei⸗ daß im war, dat nken das das end riff; d ſie das hun, ant⸗ von ießet ndet, was ieen. eiter ihren ieder, „ die ſah hend, Fuße dieſer b die 199 geweihte Hoſtie in die Höhe, die Köpfe beugten ſich bis zur Erde, und Alles wurde wieder ſtill. Die Republicaner gaben eine zweite Salve auf zehn Schritte, mit eben ſo viel Ruhe, als bei einer Revue, mit eben ſo viel Präciſion als nach einer Scheibe. Die Vendeer erwiederten das Feuer; alsdann hatten weder die Einen, noch die Andern Zeit, ihre Gewehre wieder zu laden; es kam die Reihe an das Bajonnet, und hier war der Vortheil ganz auf der Seite der regelmäßig bewaffneten Republicaner. Der Prieſter las die Meſſe immer weiter. Die Vendeer wichen zurück, ganze Glieder fielen, ohne daß man ein anderes Geräuſch als Flüche hörte. Der Prieſter bemerkte es; er machte ein Zeichen: die Fackeln erloſchen, der Kampf kehrte in die Finſterniß zurück. Dann war es nur noch eine Scene der Verwirrung und des Gemetzels, wobei Jeder mit Wuth ſchlug, ohne zu ſehen, und ſtarb, ohne Gnade zu verlangen, Gnade, die man kaum bewilligt, wenn man ſie in derſelben Sprache von einander fordert. Es wurden indeſſen doch die Worte:„Gnade! Gnade!“ von einer herzzerreiſſenden Stimme zu den Füßen von Marceau, der eben einen Streich führen wollte, ausgeſprochen. Es war ein junger Vendeer, ein Knabe ohne Waffen, der aus dieſem entſetzlichen Gemenge hinaus⸗ zukommen ſuchte. „Gnade! Gnade,“ ſagte er, retten Sie mich! im Namen des Himmels, im Namen Ihrer Mutter!“ Der General ſchleppte ihn ein paar Schritte vom Schlachtfelde fort, um ihn den Blicken ſeiner Soldaten 200 zu entziehen, bald ſah er ſich aber genöthigt, anzuhalten: der junge Mann war ohnmächtig geworden. Dieſes Uebermaß von Angſt ſetzte ihn von Seiten eines Soldaten in Erſtaunen; nichtsdeſtoweniger beeiferte er ſich, ihm Hülfe zu leiſten; er öffnete ſeinen Rock, um ihm Luft zu geben: es war ein Weib. Man durfte keinen Augenblick verlieren; die Be⸗ fehle des Convents waren ſehr beſtimmt; jeder Vendeer, den man mit den Waffen in der Hand oder zu einer Zuſammenſchaarung gehörend ergriff, was auch ſein Alter und ſein Geſchlecht ſein mochte, ſollte auf dem Schaffot ſterben. Er legte die junge Perſon an den Fuß eines Baumes und eilte nach dem Schlachtfelde. Unter den Todten erblickte er einen jungen republi⸗ caniſchen Officier, deſſen Wuchs ihm ungefähr der der Unbekannten zu ſein ſchien; er nahm ihm raſch ſeine Uniform und ſeinen Hut ab, und kehrte zu ihr zurück. Die Kühle der Nacht erweckte ſie bald aus ihrer Ohnmacht. „Mein Vater! mein Vater!“ waren ihre erſten Worte; dann ſtand ſie auf und drückte ihre Hände an ihre Stirne, als wollte ſie ihre Gedanken darin befeſtigen.„Oh! das iſt gräßlich; ich war mit ihm, ich habe ihn verlaſſen. Mein Vater, mein Vater! er wird todt ſein!“ „Unſere junge Gebieterin, Fräulein Blanche,“ ſagte ein Kopf, der plötzlich hinter dem Baume er⸗ ſchien,„der Marquis von Beaulieu lebt, er iſt ge⸗ rettet. Es lebe der König! es lebe die gute Sache!“ Derjenige, welcher dieſe Worte geſprochen, ver⸗ ſchwand wie ein Schatten; jedoch nicht ſchnell genug, daß von Arr nich war Sol übe Tru ſich ma mit der nur dop jun die ber mit Sie en: eſes nes erte ock, Be⸗ eer, iner ſein dem den lde. bli⸗ der aſch ihr aus ſten nde rin hm, ter! he,“ er⸗ ge⸗ e ver⸗ ug, 201 daß Marceau nicht Zeit gehabt hätte, den Bauern von Saint⸗Crépin zu erkennen. „Tinguy! Tinguy!“ rief das Mädchen ſeine Arme gegen den Mann ausſtreckend. „Stille! ein Wort verräth Sie; ich könnte Sie nicht retten, und ich will Sie retten! Ziehen Sie dieſen Rock an, ſetzen Sie dieſen Hut auf, und er⸗ warten Sie mich hier.“ Er kehrte auf das Schlachtfeld zurück, gab den Soldaten den Befehl, ſich gegen Chollet zurückzuziehen, überließ ſeinem Collegen das Commando über die Truppe, und kam wieder zu der jungen Vendeerin. Er fand ſie bereit, ihm zu folgen. Beide wandten ſich nach einem Orte der Landſtraße, welche die Ro⸗ magne durchzieht, wo der Bediente von Marceau mit Handpferden wartete, die nicht in das Innere der Landſchaft eindringen konnten, da hier die Wege nur Schluchten und Moraſtlöcher ſind. Nun ver⸗ doppelte ſich ſeine Verlegenheit; er befürchtete, ſeine junge Gefährtin könne nicht reiten und habe nicht die Kraft, zu Fuße zu gehen; doch ſie hatte ihn bald beruhigt, da ſie ihr Pferd mit weniger Kraft, aber mit ebenſo viel Anmuth als der beſte Reiter führte*). Sie ſah das Erſtaunen von Marceau und lächelte. *) Selbſt wenn das, was folgt, dieſe bei uns bei einer Frau ſeltene Gewohnheit nicht erklären würde, müßte ſie der Gebrauch des Landes rechtfertigen. Die Damen der Schlöſſer reiten buchſtäblich wie ein Faſhionable von Longchamps; nur tragen ſie unter ihren Röcken, die der Sattel anfhebt, Bein⸗ 202 „Sie werden weniger erſtaunt ſein, wenn Sie mich kennen. Sie werden erfahren, durch welche Reihen⸗ folge von Umſtänden ich mit den Uebungen der Männer vertraut geworden bin; Sie ſehen ſo gut aus, daß ich Ihnen alle Ereigniſſe meines ſo jungen und ſchon ſo gemarterten Lebens ſagen will.“ „Jo, ja, doch ſpäter,“ erwiederte Marceau;„wir werden Zeit dazu haben, denn Sie ſind meine Ge⸗ fangene, und um Ihretwillen werde ich Ihnen nicht die Freiheit geben. Was wir nun zu thun haben iſt, daß wir Chollet ſo raſch als möglich erreichen. Befeſtigen Sie ſich alſo auf Ihrem Sattel, und im Galopp, mein Cavalier!“ „Im Galopp!“ wiederholte die Vendeerin; und nach drei Viertelſtunden ritten ſie in Chollet ein. Der Obergeneral war auf der Mairie. Marceau ließ ſeine Gefangene und ſeinen Bedienten vor der Thüre und ging hinauf. Er erſtattete mit ein paar Worten Bericht über ſeine Miſſion, kam zurück und ſuchte mit ſeiner kleinen Escorte ein Lager im Gaſthauſe zu den Sansculottes, eine Inſchrift, welche auf dem Schilde die Worte: Zum großen heili⸗ gen Nicolaus erſetzt hatte. Marceau nahm zwei Zimmer: er führte die junge Gefangene in eines derſelben und lud ſie ein, ſich kleider denen ähnlich, welche man den Kindern anzieht. Die Weiber aus dem Volke gebrauchen nicht einmal dieſe Vorſicht, obſchon mich die Farbe ihrer Haut das Gegentheil glauben ließ. A. D. nich en⸗ der gut gen wir Ge⸗ icht ben hen. im und ein. ließ hüre rten ichte auſe elche ili⸗ unge ſich dern chen arbe D. 203 ganz angekleidet auf das Bett zu werfen, um hier einige Augenblicke eine Ruhe zu genießen, die ſie nach der gräßlichen Racht, welche ſie zugebracht, ſehr nöthig haben müßte, und er ſchloß ſich in das ſeine ein, denn nun hatte er die Verantwortlichkeit für eine Exiſtenz, und er mußte auf Mittel, ſie zu er⸗ halten, bedacht ſein. Blanche ihrerſeits hatte auch zu träumen, von ihrem Vater vor Allem, ſodann von dem jungen re⸗ publicaniſchen General mit dem ſanften Geſichte und der milden Stimme. Alles das dünkte ihr ein Traum. Sie ging, um ſich zu verſichern, daß ſie wirklich wach war, ſie blieb vor einem Spiegel ſtehen, um ſich zu überzeugen, daß wirklich ſie es war; dann weinte ſie beim Gedanken an ihre Verlaſſenheit; die Idee ihres Todes, die Idee des Schaffots kam ihr nicht einmal. Marceau hatte mit ſeiner milden Stimme geſagt:„Ich werde Sie retten!“ Warum hätte man ſie, die geſtern erſt geboren, ſterben laſſen? Schön und harmlos,— warum hätten die Menſchen ihren Kopf und ihr Blut gefor⸗ dert? Sie konnte ſelbſt kaum glauben, daß ſie eine Gefahr lief. Ihr Vater dagegen, ein vendeeiſcher Häupt⸗ ling, er tödtete und konnte getödtet werden. Doch ſie, ſie, ein armes Mädchen, das noch die Hand der Kindheit reichte... Oh! weit entfernt, an traurige Vorzeichen zu glauben, war das Leben für ſie ſchön und heiter, die Zukunft unermeßlich; dieſer Krieg würde endigen, das leere Schloß würde ſeine Gäſte wieder kommen ſehen. Eines Tags würde dort ein müder junger Mann Gaſtfreundſchaft verlangen; er wäre vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt, 204 hätte eine ſanfte Stimme, blonde Haare, eine Generals⸗ uniform, er würde lange bleiben. Traum, Traum, arme Blanche! Es gibt eine Zeit der Jugend, wo das Unglück dem Daſein ſo fremd iſt, daß es ſcheint, es werde ſich nie darin acelimatiſiren können; wie traurig ein Gedanke ſein mag, er vollendet ſich durch ein Lächeln. Das kommt davon her, daß man das Leben nur auf einer Seite des Horizonts ſieht, daß die Ver⸗ gangenheit noch nicht Zeit gehabt hat, an der Zukunft zweifeln zu machen. Marceau träumte auch, doch er ſah ſchon in ſeinem Leben: er kannte den politiſchen Haß des Augen⸗ blicks; er kannte die Anforderungen einer Revolution; er ſuchte ein Mittel, Blanche, welche ſchlief, zu retten. Ein einziges bot ſich ſeinem Geiſte, und das war, ſie nach Nantes zu führen, wo ſeine Familie wohnte. Seit drei Jahren hatte er weder ſeine Mutter, noch ſeine Schweſtern geſehen, und da er nur ein paar Meilen von dieſer Stadt entfernt war, ſo ſchien es ihm ganz natürlich, daß er ſich vom Obergeneral einen Urlaub erbäte. Er blieb bei dieſer Idee ſtehen. Der Tag brach an, er begab ſich zum Ge⸗ neral Weſtermann; was er verlangte, wurde ihm ohne Schwierigkeit bewilligt. Er wollte, daß man ihm ſeinen Urlaub ſogleich zuſtelle, denn er dachte, Blanche könne nicht früh genug abreiſen; doch dieſer Urlaub mußte noch eine andere Unterſchrift haben, die des Volksrepräſentanten Delmar. Dieſer war erſt vor einer Stunde mit der Truppe der Expedition angekommen; er ruhte einige Augenblicke im anſtoßen⸗ den Zimmer aus, und der General verſprach Mar⸗ ceau Urle Gen hatt er das Gefe hatt der Wor Geſ eine geſt Thůü erſck ſeret zu ſ pier um gen er i in d ſtän Bla ſcho heu als⸗ um, lück erde ein eln. nur Ber⸗ inft nem en⸗ on; ten. ſie nte. noch aar es eral dee Ge⸗ ihm nan hte, eſer ben, war tion ßen⸗ tar⸗ 205 ceau, ihm ſogleich beim Erwachen von Delmar den Urlaub zuzuſchicken. Als er in das Wirthshaus eintrat, traf er den General Dumas, der ihn ſuchte. Die zwei Freunde hatten keine Geheimniſſe für einander; bald wußte er das ganze Abenteuer der Nacht. Während er das Frühſtück bereiten ließ, ging Marceau zu ſeiner Gefangenen hinauf, welche ſchon nach ihm verlangt hatte; er kündigte ihr den Beſuch ſeines Collegen an, der auch in wenigen Augenblicken erſchien; ſeine erſten Worte beruhigten Blanche, und nach einem kurzen Geſpräche fühlte ſie nur noch die von der Lage eines zwiſchen zwei Männer, welche es kaum kennt, geſtellten Mädchens unzertrennliche Befangenheit. Sie wollten ſich eben zu Tiſche ſetzen, als die Thüre ſich öffnete. Der Volksrepräſentant Delmar erſchien auf der Schwelle. Wir haben kaum Zeit gehabt, am Anfange un⸗ ſerer Geſchichte ein Wort von dieſer neuen Perſon zu ſagen. Es war einer von den Männern, welche Robes⸗ pierre als einen Arm an das Ende des ſeinigen ſetzte, um bis in die Provinz zu reichen; welche ſein Re⸗ generationsſyſtem begriffen zu haben glaubten, weil er ihnen geſagt hatte:„Man muß regeneriren;“ und in deren Händen die Guillotine mehr thätig als ver⸗ ſtändig war. Dieſe Unheil verkündende Erſcheinung machte Blanche ſchauern, ehe ſie nur wußte, wer es war. „Ah! ah! ſagte Delmar zu Marceau,„Du willſt uns ſchon verlaſſen, Bürger General, doch Du haſt Dich heute Racht ſo gut benommen, daß ich Dir nichts 206 verweigern kann.. Indeſſen bin ich Dir ein wenig böſe, daß Du den Marquis von Beaulieu haſt ent⸗ kommen laſſen; ich hatte dem Convent verſprochen, ihm ſeinen Kopf zu ſchicken.“ Blanche ſtand bleich und kalt wie eine Bildſäule des Schreckens da. Marceau ſtellte ſich, ohne daß es das Anſehen hatte, als geſchähe es abſichtlich, vor ſie. „Doch aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben,“ fuhr er fort;„die republicaniſchen Spürhunde haben eine gute Naſe und gute Zähne, und wir verfolgen ſeine Fährte. Hier iſt der Urlaub,“ fügte er bei,„er iſt in Ordnung, Du kannſt abgehen, wann Du willſt; zuvor aber bitte ich Dich um Frühſtück; ich wollte einen Braven, wie Du biſt, nicht verlaſſen, ohne auf das Wohl der Republik und auf die Vertilgung der Schurken zu trinken.“ In der Lage, in der ſich die beiden Generale befanden, war ihnen dieſes Zeichen von Werthſchätzung nichts weniger als angenehm; Blanche hatte ſich ge⸗ ſetzt und wieder etwas Muth gefaßt. Man ging zu Tiſche, und um ſich nicht Delmar gegenüber zu befin⸗ den, war Blanche genöthigt, an ſeiner Seite Platz zu nehmen. Sie that dies fern genug von ihm, um ihn nicht zu berühren, und ſie beruhigte ſich nach und nach, als ſie wahrnahm, daß der Volksrepräſentant ſich viel mehr mit dem Mahle, als mit den Tiſch⸗ genoſſen, die es mit ihm theilten, beſchäftigte. Von Zeit zu Zeit fielen indeſſen einige blutige Worte von ſeinen Lippen und machten einen Schauer die Adern von Blanche durchlaufen; es ſchien übrigens keine wirkliche Gefahr für ſie vorhanden zu ſein; die Ge⸗ ner gab kür beh feu hau ſpr nier ſeir Ih Tiſ Na Lip wie dat füg ihr gen wie ſole nig ent⸗ hen, äule daß lich, fuhr eine ſeine r iſt illſt; ollte ohne gung erale tzung h ge⸗ g zu befin⸗ Platz ,um und ntant Tiſch⸗ Von n dern keine e Ge⸗ 207 nerale hofften, er werde ſie verlaſſen, ohne nur ein Wort an ſie zu richten. Das Verlangen, abzureiſen, gab Marceau einen Vorwand, das Mahl abzu⸗ kürzen; es war ſeinem Ende nahe, Jeder fing an behaglicher zu athmen, als eine Salve Musketen⸗ feuer auf dem Marktplatze der Stadt, der dem Wirths⸗ hauſe gegenüber lag, hörbar wurde. Die Generale ſprangen nach ihren Waffen, die ſie in ihrer Nähe niedergelegt hatten; Delmar hielt ſie zurück. „Gut, meine Braven,“ ſagte er lachend und mit ſeinem Stuhle ſchaukelnd,„gut, ich ſehe es gern, daß Ihr auf Eurer Hut ſeid; ſetzt Euch aber wieder zu Tiſche! es iſt nichts hier für Euch zu thun.“ „Was für ein Lärm iſt denn das?“ fragte Marceau. „Nichts; man erſchießt die Gefangenen von heute Nacht.“ Blanche ſtieß einen Schreckensſchrei aus und rief: „Oh! die Unglücklichen!“ Delmar ſtellte ſein Glas, das er eben an ſeine Lippen ſetzen wollte, auf den Tiſch und ſagte: „Ah! das geht gut; zittern jetzt die Soldaten wie die Weiber, ſo müßte man die Weiber als Sol⸗ daten kleiden. Du biſt allerdings noch ſehr jung,“ fügte er bei, indem er ihre beiden Hände nahm und ihr ins Geſicht ſchaute,„doch Du wirſt Dich daran gewöhnen.“ „Oh! nie! nie!“ rief Blanche, ohne zu bedenken, wie gefährlich es für ſie war, ihre Gefühle vor einem ſolchen Zeugen zu offenbaren;„nie werde ich mich an ſolche Gräuel gewöhnen.“ „Kind,“ ſagte Delmar, während er ihre Hände 208 wieder losließ,„glaubſt Du denn, man könne eine Nation regeneriren, ohne ihr Blut abzuzapfen, die Factionen unterdrücken, ohne Schaffote zu errichten? Haſt Du je eine Revolution mit der Bleiwage der Gleichheit über ein Volk hingehen ſehen, ohne einige Köpfe abzuſchlagen? Wehe alſo, wehe den Großen, denn der Stab des Tarquinius hat ſie bezeichnet!“ Er ſchwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: „Was iſt übrigens der Tod? Ein Schlaf ohne Traum, ohne Erwachen. Was iſt das Blut? eine rothe Flüſſigkeit ungefähr der ähnlich, welche dieſe Flaſche enthält, eine Flüſſigkeit, die auf unſern Geiſt nur durch die Idee, die man damit verbindet, eine Wirkung hervorbringt: Sombreuil hat getrun⸗ ken. Nun! Du ſchweigſt: haſt Du in Deinem Munde nicht irgend ein philanthropiſches Argument? An Dei⸗ ner Stelle würde ein Girondiſt nicht ſtumm bleiben.“ Blanche war nun genöthigt, dieſes Geſpräch fort⸗ zuſetzen. „Oh!“ ſagte ſie zitternd,„ſind Sie denn ſicher, daß Gott Ihnen das Recht gegeben, ſo zu ſchlagen?“ „Schlägt nicht Gott?“ „Ja, doch er ſieht über das Leben hinaus, wäh⸗ rend der Menſch, wenn er tödtet, nicht weiß, was er gibt, noch was er nimmt.“ „Meinetwegen... Nun wohl! die Seele iſt un⸗ ſterblich oder ſie iſt es nicht; wenn der Körper eine Ma⸗ terie, iſt es dann ein Verbrechen, der Materie ein wenig früher zurückzugeben, was Gott von ihr ent⸗ lehnt hatte? Bewohnt ihn eine Seele und dieſe Seele iſt unſterblich, ſo kann ich ſie nicht tödten: der Körper iſt nur ein Kleid, das ich ihr ausziehe, oder vieln geber Dein verth oders Dich ten l Du mein deſſet ( ( legte Geſp . „nie Due ihm, wodu durch ſie: mer? Hänt daß kann geno vor. denn zeihe Du eine die en? der nige ßen, 4 ort: hne eine ieſe ſern idet, run⸗ unde Dei⸗ en.“ fort⸗ cher, n wäh⸗ was un⸗ Ma⸗ ein ent⸗ dieſe der oder 209 vielmehr ein Gefängniß, aus dem ich ſie befreie. Höre nun einen Rath, denn ich will Dir wohl einen geben: behalte Deine philoſophiſchen Reflexionen und Deine Schulargumente, um Dein eigenes Leben zu vertheidigen, fällſt Du je in die Hände von Charette odersvon Bernard von Marigny, denn ſie würden Dich eben ſo wenig begnadigen, als ich ihre Solda⸗ ten begnadigt habe. Was mich betrifft, ſo würdeſt Du es vielleicht bereuen, ſie zum zweiten Male in meiner Gegenwart zu wiederholen: erinnere Dich deſſen.“ Er ging ab. Es trat ein Augenblick der Stille ein. Marceau legte ſeine Piſtolen nieder, die er während dieſes Geſpräches geſpannt hatte. „Oh!“ ſagte er, Delmar mit dem Finger folgend, „nie hat ein Menſch den Tod ſo nahe berührt, als Du es ſo eben gehan... Blanche, wiſſen Sie, daß ich ihm, wäre ihm ein Wort, eine Geberde entſchlüpft, wodurch er bewieſen, daß er Sie erkannt, eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte?“ Sie hörte nicht. Ein einziger Gedanke beherrſchte ſie: der, daß dieſer Menſch beauftragt war, die Trüm⸗ mer des Heeres zu verfolgen, das ihr Vater befehligte. „O mein Gott!“ ſagte ſie, ihren Kopf in ihren Händen verbergend,„o mein Gott! wenn ich bedenke, daß mein Vater in die Hände dieſes Tigers fallen kann; daß es, wenn er ihn heute Nacht gefangen genommen hätte, möglich wäre, er würde hier, vor... Das iſt abſcheulich, das iſt gräßlich; gibt es denn kein Erbarmen mehr auf dieſer Welt! Oh! ver⸗ zeihen Sie,“ ſprach ſie zu„wer muß mehr Dumas, Ingénue. III. 14 210 als ich das Gegentheil wiſſen? Mein Gott! mein Gott!“ In dieſem Augenblicke trat der Bediente ein und meldete, die Pferde ſeien bereit. „Gehen wir um des Himmels willen, gehen wir! es iſt Blut in der Luft, die man hier einathmét.“ „Eilen wir!“ erwiederte Marceau. Und alle Drei gingen ſogleich hinab. III. Marceau fand vor der Thüre ein Detachement von dreißig Mann, das der Obergeneral hatte auf⸗ ſitzen laſſen, um ihn bis Nantes zu escortiren. Dumas begleitete ſie eine Zeit lang; doch eine Meile von Chollet drang ſein Freund in ihn, daß er zurückkehre; von weiter wäre es gefährlich geweſen, allein zurück⸗ zukehren. Er nahm alſo Abſchied von ihnen, ſetzte ſein Pferd in Galopp und verſchwand bald an der Biegung des Weges. Sodann wünſchte Marceau mit der jungen Ven⸗ deerin allein zu ſein. Sie hatte ihm ihre Lebens⸗ geſchichte zu erzählen, und es ſchien ihm, dieſe Ge⸗ ſchichte müſſe voll Intereſſe ſein. Er ließ ſein Pferd näher bei dem von Blanche gehen. „Nun,“ ſagte er,„nun, da wir ruhig ſind und einen weiten Weg zu machen haben, laſſen Sie uns plaudern, von Ihnen fprechen; ich weiß, wer Sie ſind, das iſt aber Alles. Wie kommt es, daß Sie ſich in dieſer Verſammlung befanden? Woher rührt die Gewohnheit, daß Sie Männerkleider tragen? Sprechen Sie: wir Soldaten ſind gewohnt, kurze und von nich publ noch Kin laſſe gege habe gebr habe alle Sai das dart zuht volli Lich Loir in d Fan geni lebh Wu: anzt zoge zu„ ſchei nein ein ehen t.“ ment auf⸗ mas von ehre; wück⸗ ſetzte n der Ven⸗ bens⸗ e Ge⸗ Pferd dnd e uns Sie ß Sie rührt agen? kurze 211 und harte Worte zu hören. Sprechen Sie lange von Ihnen, von Ihrer Kindheit, ich bitte Sie darum.“ Marceau konnte ſich, ohne zu wiſſen, warum, nicht daran gewöhnen, mit Blanche redend die re⸗ publicaniſche Sprache jener Zeit anzuwenden. Blanche erzählte ihm nun ihr Leben; wie, da ſie noch jung, ihre Mutter geſtorben ſei und ſie als ein Kind den Händen des Marquis von Beaulien über⸗ laſſen habe; wie ihre Erziehung, die ihr ein Mann gegeben, ſie mit den Uebungen vertraut gemacht habe, die ihr, als der Aufſtand in der Vendée aus⸗ gebrochen, ſo nützlich geworden ſeien und ihr erlaubt haben, ihrem Vater zu folgen. Sie entrollte ihm alle Ereigniſſe dieſes Krieges vom Aufruhr von Saint-Florent bis zu dem Kampfe, wo ihr Marceau das Leben rettete. Sie ſprach lange, wie er ſie darum gebeten, denn ſie ſah, daß man ihr mit Wonne zuhörte. In dem Augenblicke, wo ſie ihre Erzählung vollendete, erblickte man am Horizont Nantes, deſſen Lichter im Nebel zitterten. Der Trupp zog über die Loire, und einige Augenblicke nachher lag Marceau in den Armen ſeiner Mutter. Nach den erſten Umarmungen ſtellte er ſeiner Familie ſeine junge Reiſegefährtin vor: einige Worte genügten, um ſeine Mutter und ſeine Schweſtern lebhaft zu intereſſiren. Kaum hatte Blanche den Wunſch geäußert, wieder die Kleider ihres Geſchlechtes anzulegen, als die zwei Mädchen ſie wetteifernd fort⸗ zogen und ſich das Vergnügen, ihr als Kammerfrau zu dienen, ſtreitig machten. Dieſes Benehmen, ſo einfach es von Anfang er⸗ ſcheint, erhielt doch einen großen Werth durch die 2¹2 Umſtände des Augenblicks. Nantes zerarbeitete ſich unter dem Proconſulat von Carrier. Es iſt ein ſeltſames Schauſpiel für den Geiſt und die Augen, das Schauſpiel einer ganzen Stadt, welche von den Biſſen eines einzigen Menſchen blutet. Man fragt ſich, woher dieſe Macht komme, welche einen Willen über achtzigtauſend Individuen erlangt, die er beherrſcht, und warum, wenn ein Einziger ſagt:„Ich will,“ nicht Alle aufſtehen, um zu ſagen: „Es iſt gut!.. doch wir wollen nicht!“ Daher kommt es, daß die Gewohnheit der Knechtſchaft in der Seele der Maſſen iſt, daß die Individuen allein zuweilen ein glühendes Verlangen, frei zu ſein, hegen. Daher, daß das Volk, wie Shakeſpeare ſagt, kein anderes Mittel kennt, den Mörder von Cäſar zu belohnen, als das, ihn zum Cäſar zu machen. Darum gibt es Freiheitstyrannen, wie es Monarchietyrannen t Das Blut floß alſo in Nantes durch die Straßen, und Carrier, der Robespierre war, was die Hyäne dem Tiger iſt und der Schakal dem Löwen, füllte ſich mit dem Reinſten von dieſem Blute an, bis er es vermiſcht mit dem ſeinigen wieder von ſich geben ſollte. Es waren ganz neue Mittel der Metzelei: die Gutllotine wird ſo ſchnell ſchartig! Er erſann die Erſäufungen, deren Namen von ſeinem Namen un⸗ zertrennlich geworden iſt. Es wurden Schiffe beſon⸗ ders im Hafen verfertigt, man wußte zu welchem Zwecke, und kam, um ſie auf der Werfte zu ſehen: ſie boten etwas Intereſſantes und Neues, dieſe Klap⸗ pen von zwanzig Fuß, die ſich öffneten, um in die Tief ten die am Str aller Einl Tod Me Wel bege zitte aus tere ſere uns den Wo hatt neu ſehe zen dur Mit Na blie wel ma vo: ſich eiſt adt, tet. lche ngt, iger en cher t in lein gen. kein zu rum men ßen, yäne üllte er eben die ndie un⸗ eſon⸗ lchem hen: Klap⸗ n die 213 Tiefe des Waſſers die zu dieſer Todesſtrafe beſtimm⸗ ten Unglücklichen zu ſtürzen; und am Tage, als man die Probe damit machte, war faſt eben ſo viel Volk am Ufer, als wenn man ein Schiff mit einem Strauße an ſeinem großen Maſte und Flaggen an allen ſeinen Rahen vom Stapel läßt. Oh! dreimal wehe den Menſchen, welche ihre Einbildungskraft zur Erfindung von Varianten des Todes angewandt haben, denn jedes Mittel, den Menſchen zu vernichten, iſt dem Menſchen leicht! Wehe denen, welche ohne Theorie unnütze Morde begangen haben! ſie ſind Schuld, daß unſere Mütter zittern, wenn ſie die Worte Revolution und Republik ausſprechen, welche für ſie von den Worten Schläch⸗ terei und Vernichtung unzertrennlich ſind. Und un⸗ ſere Mütter machen uns zu Männern, und wer von uns bebte mit fünfzehn Jahren, da er aus den Hän⸗ den ſeiner Mutter hervorging, nicht auch bei den Worten Revolution und Republik? wer von uns hatte nicht ſeine ganze politiſche Bildung gleichſam neu zu machen, ehe er es wagte, kalt die Zahl anzu⸗ ſehen, die er lange als eine unſelige betrachtet hatte, — die Zahl 93? wer von uns hat nicht ſeiner gan⸗ zen Stärke des fünfundzwanzigjährigen Mannes be⸗ durft, um den drei Coloſſen unſerer Revolution: Mirabeau, Danton, Robespierre, ins Geſichtzu ſchauen? Kach und nach haben wir uns aber an ihren An⸗ blick gewöhnt, wir haben das Terrain ſtudirt, auf welchem ſie gingen, das Princip, das ſie handeln machte, und unwillkürlich haben wir uns der entſetz⸗ lichen Worte einer andern Epoche erinnert: Jeder von ihnen iſt nur gefallen, weil er den 214 Karren des Henkers einhemmen wollte, der noch Arbeit zu verrichten hatte. Sie ſind es nicht, welche die Revolution überflügelt haben, ſondern die Revolution hat ſie überflügelt. Wir beklagen uns indeſſen nicht: die Rehabilita⸗ tionen der Nerzeit geſchehen ſchnell, denn nun ſchreibt das Volk die Geſchichte des Volkes. Es war nicht ſo zur Zeit der Herren Hiſtoriographen der Krone; habe ich nicht als Kind ſagen hören, Ludwig XI. ſei ein ſchlechter König geweſen und Ludwig XIV. ein großer Fürſt? Kehren wir zu Marceau und einer ganzen Fa⸗ milie zurück, die ſein Name ſelbſt gegen Carrier be⸗ ſchützte. Der Ruf des jungen Generals war der eines ſo reinen Republicanismus, daß es kein Ver⸗ dacht gewagt hätte, ſeine Mutter oder ſeine Schwe⸗ ſtern zu berühren. Darum liebte Eine von dieſen, ein Mädchen von ſechzehn Jahren, gleichſam Allem dem, was um ſie her vorging, fremd, ſie liebte, ſagen wir, und ſie wurde geliebt, und die Mutter von Mar⸗ ceau, furchtſam wie eine Mutter und einen zweiten Beſchützer in einem Gatten ſehend, betrieb ſo viel als möglich eine Heirath, welche ihrem Vollzuge ganz nahe war, als Marceau und die junge Vendeerin in Rantes ankamen.„Dieſe Rückkehr in dieſem Augen⸗ blick war eine doppelte Freude. Man übergab Blanche den beiden Mädchen, welche ſie küßten und ihre Freundinnen wurden; denn es gibt ein Alter, wo jedes junge Mädchen eine ewige Freundin in der Freundin zu finden glaubt, die es ſeit einer Stunde kennt. Sie gingen mit einander ab; eine Sache ſo wichtig als eine Heirath lte, ſind ben, ilita⸗ reibt nicht rone; N. XIV. Fa⸗ r be⸗ der Ver⸗ chwe⸗ ieſen, Allem ſagen Mar⸗ eiten viel ganz in in ugen⸗ dchen, denn eine laubt, n mit eirath 2¹5 beſchäftigte ſie: eine Frauentoilette; Blanche ſollte ihre Männerkleider nicht länger anbehalten. Bald brachten ſie die Schweſtern geſchmückt mit ihrer doppelten Toilette zurück; ſie hatte das Kleid der Einen und den Shawl der Andern anziehen müſſen. Tolle Mädchen! ſie hatten freilich alle Drei mit einander nur das Alter der Mutter von Marceau, die noch ſchön war. Als Blanche wieder eintrat, ging ihr der junge General ein paar Schritte entgegen und blieb dann erſtaunt ſtehen. Unter ihrer erſten Tracht hatte er kaum ihre himmliſche Schönheit und ihre Anmuth bemerkt, die ſie mit ihren Frauenkleidern wiederer⸗ langt. Es iſt wahr, ſie hatte Alles gethan, um hübſch zu erſcheinen: einen Augenblick hatte ſie vor dem Spiegel Krieg, Vendée und Schlächterei ver⸗ geſſen: die naivſte Seele hat ihre Coquetterie, wenn ſie zu lieben anfängt und demjenigen, welchen ſie liebt, gefallen will. Marceau wollte ſprechen, doch er konnte kein Wort hervorbringen; Blanche lächelte und reichte ihm ganz freudig die Hand, denn ſie ſah, daß ſie ihm ſo ſchön geſchienen hatte, als ſie ihm zu ſcheinen wünſchte. Am Abend kam der junge Bräutigam der Schwe⸗ ſter von Marceau, und da jede Liebe, von der Eigen⸗ liebe bis zur Mutterliebe, egviſtiſch iſt, ſo gab es ein Haus in der Stadt Nantes, ein einziges vielleicht, wo Alles Glück und Freude war, indeß um daſſelbe ſich nur Thränen und Schmerzen fanden. Oh! wie überließen ſich Blanche und Marceau ganz ihrem neuen Leben! wie ſchien ihnen das andere weit hinter ihnen zu liegen! es war beinahe ein Traum. 216 Nur ward das Herz von Blanche von Zeit zu Zeit beklommen, und es entſtürzten Thränen ihren Augen: ſie dachte plötzlich an ihren Vater. Marceau be⸗ ruhigte ſie; ſodann, um ſie zu zerſtreuen, erzählte er ihr ſeine erſten Feldzüge; wie der Lycäiſt mit fünf⸗ zehn Jahren Soldat geworden war, Officier mit ſieb⸗ zehn, Oberſt mit neunzehn, General mit einundzwan⸗ zig. Blanche ließ ihn ſeine Erzählungen oft wieder⸗ holen, denn in Allem, was er ſagte, war kein Wort von einer andern Liebe. Und dennoch hatte Marceau geliebt, geliebt mit aller Macht ſeiner Seele,— er glaubte es wenig⸗ ſtens. Dann war er bald betrogen, verrathen wor⸗ den: die Verachtung hatte ſich nur mit großer Mühe Platz in einem Herzen gemacht, welches noch ſo jung, daß nur Leidenſchaften darin waren. Das Blut, das ſeine Adern durchglühte, hatte ſich langſam ab⸗ gekühlt, eine melancholiſche Kälte war an die Stelle der Exaltation getreten; Marceau war, ehe er Blanche kannte, nur ein durch die plötzliche Abweſenheit des Fiebers der Energie und der Stärke, die er einzig und allein ſeiner Anweſenheit verdankte, beraubter Kranker. Nun wohl! alle dieſe Glücksträume, alle dieſe Elemente eines neuen Lebens, alle dieſe Blendwerke der Jugend, welche Marceau auf immer für ihn ver⸗ loren glaubte, lebten wieder auf in einer noch un⸗ beſtimmten Ferne, die er jedoch eines Tags erreichen konnte er ſelbſt wunderte ſich, daß das Lächeln zu⸗ weilen und ohne beſondere Veranlaſſung wieder über ſeine Lippen ſchwebte; er athmete mit voller Bruſt und fühlte nichts mehr von der Schwierigkeit, zu lebe zehr Sch win Geſ dieſ gen daß der Wo ſein tief err ſie ich für jede unt Na Sc laſ ihn abe ſag me für bet Zeit gen: be⸗ te er fünf⸗ ſieb⸗ wan⸗ eder⸗ Wort t mit enig⸗ wor⸗ Rühe jung, Blut, ab⸗ telle anche des inzig ubter dieſe werke er⸗ un⸗ ichen n zu⸗ über Bruſt „zu 217 leben, die am Tage vorher noch ſeine Kräfte ver⸗ zehrte und ihn einen nahen Tod als die einzige Schranke, welche der Schmerz nicht überſteigen kann, wünſchen ließ. Von Anfang zu Marceau durch ein natürliches Gefühl von Dankbarkeit hingezogen, ſchrieb Blanche dieſem Gefühle die verſchiedenen Gemüthsbewegun⸗ gen zu, die ſie ergriffen. War es nicht ganz einfach, daß ſie beſtändig die Gegenwart des Mannes wünſchte, der ihr das Leben gerettet hatte? Konnten ihr die Worte, die aus ſeinem Munde kamen, gleichgültig ſein? Mußte ſeine Phyſiognomie, die das Gepräge tiefer Melancholie an ſich trug, nicht das Mitleid erregen? und ſah ſie ihn ſie anſchauend ſeufzen, war ſie dann nicht immer bereit, zu ſagen:„Was kann ich für Sie thun, Freund, für Sie, der Sie ſo viel für mich gethan haben?“ Von dieſen verſchiedenen Gefühlen bewegt, welche jeden Tag eine neue Stärke erlangten, brachten Blanche und Marceau die erſte Zeit ihres Aufenthaltes in Nantes hin; endlich kam der für die Hochzeit der Schweſter des Generals feſtgeſetzte Tag. Unter den Juwelen, die er für ſie hatte kommen laſſen, wählte Marceau einen koſtbaren, glänzenden Schmuck, den er Blanche anbot. Blanche ſchaute ihn Anfangs mit ihrer Mädchencoquetterie an, bald aber ſchloß ſie das Etui wieder. „Geziemen ſich die Juwelen für meine Lage?“ ſagte ſie traurig,„Juwelen mir! während vielleicht mein Vater von Meierei zu Meierei ein Stück Brod für ſein Leben, eine Scheune zum Zufluchtsorte er⸗ bettelnd flieht; während ich ſelbſt geächtet... Nein, 218* meine Einfachheit verberge mich vor Aller Augen; bedenken Sie, daß man mich erkennen kann.“ Marceau drang vergebens in ſie, ſie nahm nur eine künſtliche rothe Roſe an, die ſich unter den Schmuckſachen fand. Die Kirchen waren geſchloſſen; die Heirath wurde alſo auf dem Rathhauſe ſanctionirt. Die Ceremonie war kurz und traurig; die jungen Mädchen vermiß⸗ ten ſchmerzlich den mit Kerzen und Blumen geſchmück⸗ ten Chor, den über dem Haupte des Brautpaares ſchwebenden Himmel, unter welchem diejenigen, welche ihn tragen, einander zulachen, und der Prieſter, nachdem er ſeinen Segen gegeben, ausruft:„Geht, meine Kinder, und ſeid glücklich!“ Vor der Thüre des Stadthauſes erwartete eine Deputation von Matroſen die Neuvermählten. Es war der Grad von Marceau, dem ſeine Schweſter dieſe Huldigung zu verdanken hatte. Einer von die⸗ ſen Menſchen, deſſen Phyſiognomie ihm nicht unbe⸗ kannt ſchien, hatte zwei Sträuße: er gab einen der Braut; dann ging er auf Blanche zu, die ihn ſtarr anſchaute, und reichte ihr den andern: „Tinguy, wo iſt mein Vater?“ fragte Blanche erbleichend. „In Saint⸗Florent,“ antwortete der Matroſe. „Nehmen Sie dieſen Strauß, es iſt ein Brief darin. Es lebe der König! es lebe die gute Sache! Fräu⸗ lein Blanche.“ Blanche wollte ihn zurückhalten, mit ihm ſprechen, ihn befragen; er war verſchwunden. Marceau er⸗ kannte den Führer und bewunderte unwillkürlich die en; nur den rde nie niß⸗ wes lche ſter, eht, eine Es eſter die⸗ nbe⸗ der ſtarr inche roſe. arin. räu⸗ chen, u er⸗ h die 2¹9 Ergebenheit, die Gewandtheit und die Kühnheit die⸗ ſes Bauern. Blanche las den Brief mit Bangigkeit. Die Vendeer erlitten eine Niederlage um die andere; eine ganze Bevölkerung wanderte vor dem Brande und der Hungersnoth zurückweichend aus. Der übrige Theil des Briefes war dem Danke für Marceau gewidmet, denn der Marquis hatte Alles durch die Achtſamkeit von Tinguy erfahren. Blanche war traurig, dieſer Brief hatte ſie mitten unter die Gräuel des Krieges zurück⸗ geworfen; ſie ſtützte ſich mehr als gewöhnlich auf den Arm von Marceau, ſie ſprach mit ihm von näher und mit einer noch ſanfteren Stimme. Marceau hätte ſie noch trauriger gewünſcht, denn je tiefer die Traurigkeit iſt, deſto mehr iſt Hingebung dabei; und, ich habe es geſagt, es iſt viel Egoismus in der Liebe. Während der Ceremonie war ein Fremder, der, wie er ſagte, Marceau Dinge von der höchſten Wich⸗ tigkeit mitzutheilen hatte, in den Salon eingeführt worden. Anfangs, bei ſeinem Eintritte, bemerkte ihn Marceau nicht, da er den Kopf gegen Blanche ge⸗ neigt hatte, die ihm den Arm gab; plötzlich aber fühlte er dieſen Arm beben, er richtete den Kopf auf: Blanche und er ſtanden Delmar gegenüber. Der Volksrepräſentant näherte ſich langſam, die Augen auf Blanche geheftet, ein Gelächter auf den Lippen; Marceau ſah ihn, den Schweiß auf der Stirne, herbeikommen, wie Don Juan die Statue des Gouverneurs kommen ſieht. „Bürgerin, Du haſt einen Bruder?“ Blanche ſtammelte und war im Begriffe, ſich Marceau in die Arme zu werfen. 220 „Trügen mich mein Gedächtniß und Deine Aehn⸗ lichkeit nicht, ſo haben wir in Chollet mit einander gefrühſtückt. Wie kommt es, daß ich ihn ſeit jener Zeit nicht mehr in den Reihen des republicaniſchen Heeres geſehen?“ Blanche fühlte, wie ihre Kräfte ſie verließen: das durchdringende Auge von Delmar folgte den Fortſchritten ihrer Verwirrung, und ſie war nahe varan, unter dieſem Blicke niederzufallen, als er ſich von ihr abwandte und zu Marceau überging. Da war es Delmar, der bebte. Der junge Ge⸗ neral hatte die Hand an den Griff ſeines Degens gelegt, den er krampfhaft preßte. Das Geſicht des Volksrepräſentanten nahm jedoch alsbald wieder ſeinen gewöhnlichen Ausdruck an; er ſchien das, was er ſo eben geſagt, völlig vergeſſen zu haben, faßte Mar⸗ ceau beim Arme, zog ihn in die Fenſtervertiefung, ſprach einige Augenblicke mit ihm über die gegen⸗ wärtige Lage der Vendee, und theilte ihm mit, er ſei nach Nantes gekommen, um ſich mit Carrier über neue ſtrenge Maßregeln zu bereden, welche gegen die Empörer zu nehmen nothwendig geworden. Er kündigte an, der General Dumas ſei nach Paris zu⸗ rückberufen, und als er ſich ſodann bald entfernte, ging er mit einem Gruße und mit einem Lächeln an dem Lehnſtuhle vorüber, in welchen Blanche den Arm von Marceau verlaſſend gefallen, und wo ſie bleich und kalt geblieben war. Zwei Stunden nachher erhielt Marceau den Be⸗ fehl, ohne Verzug abzugehen, um ſich zur Weſtarmee zu begeben und dort wieder das Commando ſeiner Brigade zu übernehmen. 2 ihn i hang blick vierz läute gleich reiſt. Verd nera Volk Unfe dank diger entw zu tr erhie Schl anzu mitt leute Befe tern! äng daß Mat Bla ſie e ihrer noch hn⸗ der ner hen en: den ahe ſich Ge⸗ ens des inen r ſo Rar⸗ ung, gen⸗ er über egen Er zu⸗ rnte, heln den ſie Be⸗ rmee einer 221 Dieſer plötzliche, unvorhergeſehene Befehl ſetzte ihn in Erſtaunen; er glaubte darin einen Zuſammen⸗ hang mit der Scene zu ſehen, die ſich einen Augen⸗ blick vorher ereignet hatte: ſein Urlaub lief erſt in vierzehn Tagen ab. Er eilte zu Delmar, um Er⸗ läuterungen hierüber zu erlangen: Delmar war ſo⸗ gleich nach ſeiner Zuſammenkunft mit Carrier abge⸗ reiſt. Man mußte gehorchen; ſchwanken hieß ſich ins Verderben ſtürzen. Zu jener Zeit waren die Ge⸗ nerale der Gewalt der vom Convent abgeſandten Volksrepräſentanten unterworfen, und wurden einige Unfälle durch ihre Unerfahrenheit verurſacht, ſo ver⸗ dankte man auch mehr als einen Sieg der beſtän⸗ digen Alternative, in der ſich die Chefs befanden, entweder zu ſiegen, oder ihren Kopf aufs Schaffot zu tragen. Marceau war bei Blanche, als er dieſen Befehl erhielt. Ganz betäubt durch einen ſo unerwarteten Schlag, hatte er nicht den Muth, ihr eine Abreiſe anzukündigen, die ſie allein und ohne Vertheidigung mitten in einet jeden Tag vom Blute ſeiner Lands⸗ leute beſprengten Stadt ließ. Sie bemerkte ſeine Befangenheit, und da bei ihr die Unruhe ihre Schüch⸗ ternheit überſtieg, ſo näherte ſie ſich ihm mit dem ängſtlichen Blicke einer geliebten Frau, welche weiß, daß ſie das Recht hat, zu fragen, und auch fragt. Marceau reichte ihr den Befehl, den er erhalten. Blanche hatte kaum ihre Blicke darauf geworfen, als ſie einſah, welcher Gefahr der Mangel an Gehorſam ihren Beſchützer ausſetzte; ihr Herz brach, und den⸗ noch fand ſie die Stärke, ihn zur unverzüglichen Ab⸗ 222 reiſe aufzufordern. Die Frauen beſitzen mehr als die Männer dieſe Art von Muth, weil er bei ihnen einerſeits von der Scham herrührt. Marceau ſchaute ſie traurig an.„Und Sie auch, Blanche,“ ſagte er, „Sie befehlen mir, daß ich mich entferne? Im Gan⸗ zen,“ fügte er wie mit ſich ſelbſt redend bei,„was konnte mich das Gegentheil glauben machen? Ich Wahnſinniger, der ich war! Wenn ich an dieſe Ab⸗ reiſe dachte, ſtellte ich mir zuweilen vor, es werde ſie einiges Bedauern, Thränen koſten!“ Er ging mit großen Schritten auf und ab.„Wahnſinniger! Be⸗ dauern, Thränen! Als ob ich ihr nicht gleichgültig wäre!“ Da er ſich umwandte, ſtand er vor Blanche: zwei Thränen floſſen über die Wangen des ſtummen Mädchens, dem die haſtigen Seufzer die Bruſt hoben. Marceau fühlte auch Thränen in ſeinen Augen. „Oh! verzeihen Sie mir,“ ſagte er,„verzeihen Sie, Blanche; doch ich bin ſehr unglücklich, und das Unglück macht mißtrauiſch. Immer bei Ihnen, ſchien ſich mein Leben mit dem Ihrigen vermiſcht zu haben; wie Ihre Stunden von meinen Stunden, meine Tage von Ihren Tagen trennen? Ich hatte Alles vergeſſen; ich glaubte an eine Ewigkeit! Oh! wehe, wehe! ich träumte und ich erwache. Blanche,“ ſprach er mit mehr Ruhe, jedoch mit einem traurigeren Tone,„der Krieg, den wir führen, iſt grauſam und mörderiſch, es iſt möglich, daß wir uns nie wiederſehen.“ Er nahm die Hand von Blanche, welche ſchluchzte.„Oh! verſprechen Sie mir, wenn ich fern von Ihnen falle Blanche, ich habe immer die Ahnung eines kurzen Lebens gehabt; verſprechen Sie mir, es werde ſich das Andenken an mich manchmal Ihrem Geiſte, mein im 2 daß, Tode ausz S in il als drüc lag, Roſe Ohn und ſei t wirt Der ſie ſich meit nen daß meh hab Sie wie abz ein, ten pch lb⸗ de nit Be⸗ tig he: len en. hen das ien en; age en; ich mit der iſch, Er Oh! alle ines erde iſte, 223 mein Name Ihrem Munde bieten, und wäre es nur im Traume; und ich, ich gelobe Ihnen, Blanche, daß, wenn ſich zwiſchen meinem Leben und meinem Tode die Zeit findet, einen Namen, einen einzigen, auszuſprechen, dies der Ihrige ſein wird.“ Blanche wurde erſtickt von den Thränen; doch in ihren Augen waren tauſend Verſprechen zärtlicher als die, welche Marceau forderte. Mit einer Hand drückte ſie die von Marceau, der zu ihren Füßen lag, und mit der andern deutete ſie auf die rothe Roſe, mit der ſie ihren Kopf geſchmückt hatte. „Immer, immer!“ ſtammelte ſie; und ſie fiel in Ohnmacht. Das Schreien von Marceau zog ſeine Mutter und ſeine Schweſtern herbei. Er glaubte, Blanche ſei todt, und wälzte ſich zu Ihren Füßen⸗ Alles wird in der Liebe übertrieben, Furcht und Hoffnung. Der Soldat war nur ein Kind. Blanche öffnete die Augen und erröthete, als ſie Marceau zu ihren Füßen und ſeine Familie um ſich her ſah. „Er geht ab,“ ſagte ſie,„vielleicht um ſich gegen meinen Vater zu ſchlagen! Oh! verſchonen Sie mei⸗ nen Vater; fällt er in Ihre Hände, ſo bedenken Sie, daß ſein Tod mich tödten würde. Was wollen Sie mehr?“ fügte ſie die Stimme dämpfend bei;„ich habe nur an meinen Vater gedacht, nachdem ich an Sie gedacht hatte.“ Dann, ſogleich ihren Muth wieder zuſammenraffend, bat ſie Marceau inſtändig, abzugehen; er ſelbſt ſah die Nothwendigkeit hievon ein, und er widerſtand auch nicht länger ihren Bit⸗ ten und denen ſeiner Mutter. Die Befehle zur Ab⸗ 224 reiſe wurden gegeben, und eine Stunde nachher hatte er das Lebewohl von Blanche und ſeiner Familie empfangen. Marceau folgte, um Blanche zu verlaſſen, dem Wege, den er mit ihr gemacht hatte; er ritt hin, ohne den Schritt ſeines Pferdes zu beſchleunigen oder zu hemmen, und jede Hertlichkeit erinnerte ihn an einige Worte von der Erzählung der jungen Ven⸗ deerin; er ging gewiſſer Maßen wieder durch die Geſchichte, die ſie ihm erzählt; und die Gefahr, die ſie lief, an die er nicht gedacht hatte, ſo lange er bei ihr war, erſchien ihm nun, da er ſich von ihr entfernt, viel größer. Jedes Wort von Delmar toſte in ſeinen Ohren: jeden Augenblick war er im Be⸗ griffe, ſein Pferd anzuhalten, nach Nantes zurückzu⸗ iehren, und er mußte ſeine ganze Vernunft zu Hülfe rufen, um nicht dem Drange, ſie wiederzuſehen, nach⸗ zugeben. Hätte ſich Marceau mit etwas Anderem, als mit dem, was in ſeinem eigenen Geiſte vorging, beſchäf⸗ tigen können, ſo würde er am Ende des Weges und auf ihn zukommend einen Reiter bemerkt haben, der, nachdem er einen Augenblick angehalten, um ſich zu verſichern, daß er ſich nicht täuſchte, ſein Pferd in Galopp ſetzte, um mit ihm zuſammenzutreffen, und er hätte den General Dumas ſo ſchnell erkannt, als er ſelbſt erkannt worden war. Die zwei Freunde ſprangen von ihren Pferden und warfen ſich einander in die Arme. Ein Mann, die Haare von Schweiß triefend, das Geſicht blutig, die Kleider zerriſſen, ſpringt in demſelben Augenblicke über die Hecke, rollt mehr als er ſte und f und hervt — Ungl fünf durc er h nen aber mit beſte füllt des Abſi er, und nach dent iſt d per ſchü Har ſie: mick ich ſinn haft D tte lie em in, er an en⸗ die hr, er ihr ſte Be⸗ zu⸗ ilfe ach⸗ mit häf⸗ und der, zu in und als rden end, tin als 225 er ſteigt an der Böſchung herab, fällt ohne Kraft und faſt ohne Stimme zu den Füßen der zwei Freunde, und bringt nur das einzige Wort:„Verhaftet!...“ hervor. Es war Tinguy. „Verhaftet! wer? Blanche?“ rief Marceau. Der Bauer machte eine bejahende Geberde; der Unglückliche konnte nicht mehr ſprechen. Er hatte fünf Meilen, guerfeldein, über Hecken ſpringend, durch Pfriemenkraut und Stechginſter laufend, gemacht; er hätte vielleicht noch eine oder zwei Meilen ren⸗ nen können, um Marceau einzuholen; als er ihn aber eingeholt, war er zu Boden gefallen. Marceau ſchaute ihn mit offenem Munde und mit blödem Auge an. „Verhaftet! Blanche verhaftet!“ wiederholte er beſtändig, während ſein Freund ſeine mit Wein ge⸗ füllte Feldflaſche an die zuſammengepreßten Zähne des Bauern hielt.„Blanche verhaftet! In dieſer Abſicht entfernte man mich alſo! Alexandre,“ rief er, indem er ſeinen Freund bei der Hand ergriff und ihn aufzuſtehen nöthigte,„Alerandre, ich kehre nach Nantes zurück, Du mußt mir dahin folgen, denn mein Leben, meine Zukunft, mein Glück, Alles iſt dort!“ Seine Zähne knirſchten, ſein ganzer Kör⸗ per wurde von einer krampfhaften Bewegung ge⸗ ſchüttelt.„Es zittere der, welcher es gewagt hat, Hand an Blanche zu legen! Weißt Du, daß ich ſie mit allen Kräften meiner Seele liebte? daß für mich keine Eriſtenz mehr ohne ſie möglich iſt? daß ich ſterben oder ſie retten will?... Ohl ich Wahn⸗ ſinniger, daß ich abgereiſt bin!.. Blanche ver⸗ haftet! und wohin hat man ſie geführt?“ Dumas, Ingénne. III. 5 226 Tinguy, an den dieſe Frage gerichtet war, kam allmälig wieder zu ſich. Man ſah die Adern ſeiner Stirne angeſchwollen, als ob ſie dem Berſten nahe wären; ſeine Augen waren voll Blut, und kaum konnte er, ſo ſehr war ſeine Bruſt gepreßt und keu⸗ chend, auf die zum zweiten Male an ihn gerichtete Frage:„Wohin hat man ſie geführt?“ antworten: „Nach dem Gefängniſſe des Bouffays.“ Dieſe Worte waren nicht ſobald ausgeſprochen, als die zwei Freunde im Galopp den Weg nach Nantes einſchlugen. W. Es war kein Augenblick zu verlieren; die zwei Freunde wandten alſo ihren Lauf gerade nach dem Hauſe, das Carrier auf der Place du Cours be⸗ wohnte. Als ſie hier angekommen waren, warf ſich Marceau von ſeinem Pferde, nahm maſchinenmäßig die Piſtolen, die ſich in ſeinen Holftern fanden, ver⸗ barg ſie unter ſeinem Rocke und eilte nach der Woh⸗ nung von demjenigen, der das Schickſal von Blanche in ſeinen Händen hielt. Sein Freund folgte ihm kälter, obgleich bereit, ihn zu vertheidigen, wenn er ſeines Beiſtandes bedürfte, und ſein Leben mit eben ſo viel Sorgloſigkeit als auf dem Schlachtfelde zu wagen. Doch der Abgeordnete der Montagne wußte zu gut, wie ſehr er verhaßt war, um nicht mißtrauiſch zu ſein, und weder Bitten noch Drohungen konn⸗ ten den Generalen eine Unterredung mit ihm ver⸗ ſchaffen. Markeau ging ruhiger hinab, als es ſein Freund — gedac einem Eile fel, d mas geber des warte 2 ihm Gefa Blan Auge einen meiſt er di deſſe ſie w man 6 Mar mögl abzu vom wie Blar liren ſtern hört am ner ahe um eu⸗ tete en: en, ach wei dem be⸗ äßig ver⸗ Voh⸗ nche ihm n er eben zu ußte wiſch konn⸗ ver⸗ reund 227 gedacht hätte. Seit einem Augenblicke ſchien er ſich einem neuen Plane zugewandt zu haben, den er in Eile zur Reife brachte, und es unterlag keinem Zwei⸗ fel, daß er hiebei beharrte, als er den General Du⸗ mas bat, ſich auf der Stelle nach der Poſt zu be⸗ geben, ſodann zurückzukehren und ihn vor der Thüre des Bouffays mit einem Wagen und Pferden zu er⸗ warten. Der Grad und der Name von Marceau öffneten ihm den Eintritt in dieſes Gefängniß; er befahl dem Gefangenwärter, ihn in den Kerker zu führen, wo Blanche eingeſchloſſen war. Dieſer zögerte einen Augenblick: Marceau wiederholte ſeinen Befehl mit einem noch mehr gebieteriſchen Tone, und der Stock⸗ meiſter gehorchte, indem er ihm zu folgen winkte. „Sie iſt nicht allein,“ ſagte ſein Führer, während er die niedrige, gewölbte Thüre eines Kerkers öffnete, deſſen Dunkelheit Marceau ſchauern machte:„doch ſie wird bald von ihrem Gefährten befreit ſein, da man ihn heute guillotinirt.“ Nach dieſen Worten ſchloß er die Thüre hinter Marceau wieder und forderte ihn auf, ſo viel als möglich eine Zuſammenkunft, die ihn gefährden könnte, abzukürzen. Noch geblendet von ſeinem plötzlichen Uebergange vom Tage zur Nacht, ſtreckte Marceau ſeine Arme wie ein Träumender aus; er ſuchte den Namen von Blanche auszuſprechen, konnte ihn aber nicht artiku⸗ liren, und er vermochte mit ſeinen Blicken die Fin⸗ ſterniß, die ihn umgab, nicht zu durchdringen: er hörte einen Schrei: Blanche warf ſich in ſeine Arme; 2²⁸ ſie hatte ihn ſogleich erkannt: ihr Geſicht war ſchon an die Nacht gewöhnt. Sie warf ſich in ſeine Arme, denn es war ein Augenblick, wo die Angſt ſie Alter und Geſchlecht vergeſſen ließ: es handelte ſich nur noch um das Leben oder den Tod. Sie klammerte ſich an ihn an wie ein Schiffbrüchiger an einen Felſen, mit unartikulirtem Schluchzen und krampfhaftem Um⸗ ſchlingen. „Ah! ah! Sie haben mich alſo nicht verlaſſen?“ rief ſie endlich.„Man hat mich verhaftet, hierher geſchleppt; unter der Menge, die mir folgte, erblickte ich Tinguy; ich rief:„„Marceau! Marceau!““ und er verſchwand. Ohl ich hoffte entfernt nicht, Sie wie⸗ derzuſehen... ſogar hier wiederzuſehen. Doch nun ſind Sie da. Sie ſind da... Sie werden mich nicht mehr verlaſſen... Sie werden mich wegfüh⸗ ren, nicht wahr?... Sie werden mich nicht hier laſſen.“ „Gern möchte ich Sie um den Preis meines Blutes ſogleich dieſem Orte entreißen, aber...“ „Ah! ſehen Sie, fühlen Sie doch dieſe triefenden Mauern, dieſes verfaulte Stroh an; Sie, der Sie General ſind, können Sie nicht.. „Blanche, hören Sie, was ich kann: an dieſe Thüre klopfen, den Stockmeiſter, der ſie öffnen wird, niederſchießen; Sie bis in den Hof tragen, Sie die Luft einathmen, den Himmel ſchauen und mich Sie vertheidigend tödten laſſen; bin ich aber todt, Blanche, ſo wird man Sie in dieſen Kerker zurück⸗ führen, und es wird kein Menſch mehr auf Erden leben, der Sie retten kann.“ wir rep hon ein lecht das ihn mit Um⸗ n?“ rher lickte nd er wie⸗ nun mich gfüh⸗ hier eines enden Sie dieſe wird, ie die mich todt, urück⸗ Erden 2²9 „Können Sie es?“ „Vielleicht.“ „Bald?“ „In zwei Tagen, Blanche; ich verlange zwei Tage von Ihnen.. Doch antworten Sie Ihrerſeits, antworten Sie auf eine Frage, von der Ihr Leben und das meine abhängen... Antworten Sie, wie Sie Gott antworten würden.. Blanche, lieben Sie mich?“ „Iſt dies der Augenblick und der Ort, wo eine ſolche Frage gemacht werden darf, und wo man dar⸗ auf antworten kann? Glauben Sie, dieſe Mauern ſeien gewöhnt, Liebesgeſtändniſſe zu hören?“ „Ja, das iſt der Augenblick, denn wir ſind zwi⸗ ſchen dem Leben und dem Grabe, zwiſchen dem Da⸗ ſein und der Cwigkeit. Blanche, beeile Dich alſo, mir zu antworten: jeder Augenblick raubt uns einen Tag, jede Stunde ein Jahr... Blanche, liebſt Du mich?“ „Ah! ja, ja.“ Dieſe Worte entſchlüpften dem Herzen von Blanche, welche vergeſſend, daß man ihre Röthe nicht ſehen konnte, ihren Kopf in den Armen von Marceau ver⸗ barg. „Nun wohl! Blanche, Du mußt mich auf der Stelle zum Gatten nehmen.“ Der ganze Leib des Mädchens bebte. „Was kann Ihre Abſicht ſein?“ „Meine Abſicht iſt, Dich dem Tode zu entreißen; wir werden ſehen, ob ſie es wagen, die Frau eines republicaniſchen Generals auf das Schaffot zu ſchicken.“ Blanche begriff nun ſeinen ganzen Gedanken; 230 ſie zitterte vor der Gefahr, der er ſich ausſetzte, um ſie zu retten. Ihre Liebe erlangte hiedurch eine neue Stärke, doch ihren Muth zu Hülfe rufend, ſprach ſie mit Feſtigkeit: „Es iſt unmöglich!“ „Unmöglich!“ rief Marceau,„unmöglich! Das iſt Wahnſinn! welches Hinderniß kann ſich zwiſchen uns und dem Glücke erheben, da Du mir geſtanden haſt, daß Du mich liebſt? Glaubſt Du denn, es ſei dies ein Spiel? Oh! höre doch, höre doch, das iſt der Tod! ſieh! der Tod des Schaffots.. der Henker, das Beil, der Karren!“ „Oh! Erbarmen! Erbarmen! das iſt gräßlich! Doch Du, Du... bin ich einmal Deine Frau, ſo ſtürzt Dich dieſer Titel, wenn er mich nicht rettet, mit mir ins Verderben!“ „Das iſt alſo der Grund, der Dich bewegt, den einzigen Weg der Rettung, welcher Dir bleibt, zu ver⸗ werfen! Nun wohl! höre mich an, Blanche, denn nun habe ich Dir Geſtändniſſe zu machen: als ich Dich ſah, liebte ich Dich; die Liebe iſt zur Leidenſchaft geworden, ich lebe davon wie von meinem Leben, meine Exiſtenz iſt die Deine, mein Loos wird das Deine ſein; Glück oder Schaffot, ich werde Alles mit Dir theilen; ich verlaſſe Dich nicht, keine menſch⸗ liche Macht kann uns trennen, oder wenn ich Dich verlaſſe, habe ich nur zu rufen: Es lebe der König! dieſes Wort öffnet mir wieder Dein Gefängniß, und wir gehen nur noch mit einan⸗ der daraus weg. Nun wohl! es wird immerhin etwas ſein, eine Nacht in demſelben Kerker, die Fah Sche melé Du hier mir ſo ſ den ihm und Tac auf Gre ber, ein gin der ode ſei er au Bl ſei St me um eine end, s iſt uns haſt, ein Tod! Beil, lich! ettet, „den ver⸗ denn s ich ſchaft eben, das s mit enſch⸗ Dich der Dein inan⸗ erhin i 231 Fahrt auf demſelben Karren, der Tod auf demſelben Schaffot.“ „Oh! nein, nein, geh; laß mich, um des Him⸗ mels willen, laß mich!“ „Daß ich gehe! Gib wohl Acht auf das, was Du ſagſt und was Du willſt, denn gehe ich von hier weg, ohne daß Du mir gehörſt, ohne daß Du mir das Recht, Dich zu vertheidigen, gegeben haſt, ſo ſuche ich Deinen Vater auf, Deinen Vater, an den Du nicht denkſt, und der weint, und ich ſage ihm:„Greis, Deine Tochter konnte ſich retten, und ſie wollte es nicht; ſie wollte, daß Deine letzten Tage in Trauer vergehen, und daß ihr Blut bis auf Deine weißen Haare zurückſpritze. Weine, weine, Greis, nicht darüber, daß ſie todt iſt, ſondern darü⸗ ber, daß ſie Dich nicht genug liebte, um zu leben.“ Marceau hatte Blanche zurückgeſchoben; ſie war ein paar Schritte von ihm niedergeſunken, und er ging, die Zähne an einander gepreßt, die Arme auf der Bruſt, mit dem Gelächter eines Wahnſinnigen oder eines Verdammten auf und ab. Er hörte das Schluchzen von Blanche; die Thränen entſtürzten ſeinen Augen, ſein Arme fielen kraftlos nieder, und er rollte zu ihren Füßen. „Oh! Erbarmen, bei dem, was es Heiligſtes auf diefer Welt gibt, beim Grabe Deiner Mutter, Blanche, willige ein, meine Frau zu werden; es muß ſein: Du mußt es.“ „Ja, Du mußt es, Mädchen,“ unterbrach eine Stimme, welche Beide beben und raſch aufſtehen machte;„Du mußt es, denn das iſt das einzige Mittel, 232 ein Leben zu erhalten, das kaum anfängt; die Reli⸗ gion gebietet es Dir, und, ich, ich bin bereit, Eure Verbindung einzuſegnen.“ Marceau wandte ſich erſtaunt um, und er er⸗ kannte den Pfarrer von Sainte⸗Marie⸗de⸗Rhé, der zu der Verſammlung gehörte, welche er in der Nacht, wo Blanche ſeine Gefangene wurde, ange⸗ griffen hatte. „O mein Vater!“ rief er, indem er ihn bei der Hand ergriff und herbeizog,„o mein Vater! bewir⸗ ken Sie, daß ſie zu leben einwilligt.“ „Blanche von Beaulieu,“ ſprach der Prieſter mit feierlichem Tone,„im. Namen Deines Vaters, welchen zu vertreten mein Alter und die Freundſchaft, die uns verband, mich berechtigen, beſchwöre ich Dich, den dringenden Bitten dieſes jungen Mannes nach⸗ zugeben; denn Dein Vater ſelbſt, wäre er hier, würde thun, was ich thue.“ Blanche ſchien von tauſend entgegengeſetzten Ge⸗ fühlen bewegt; endlich warf ſie ſich Marceau in die Arme und rief: „O mein Freund! ich habe nicht die Kraft, Dir länger zu widerſtehen. Marceau, ich liebe Dich, ich liebe Dich, und ich bin Dein Weib!“ Ihre Lippen vereinigten ſich; Marceau ſtrahlte im Uebermaße der Freude; er ſchien Alles vergeſſen zu haben. Die Stimme des Prieſters entriß ihn bald ſeiner Extaſe. „Beeilt Euch, meine Kinder,“ ſagte er,„denn meine Augenblicke ſind hienieden gezählt, und zögekt Ihr noch, ſo werde ich Euch nur vom Himmel herab ſegnen können.“ ſie blick Ten finſt kön eine Blo Tac len ma wa heil ein gan Art rief lich erſ ind bin an eli⸗ ure er⸗ der der ige⸗ der wir⸗ eſter ers, aft, ich, ach⸗ ürde Ge⸗ die Dir Dich, ahlte eſſen ihn denn ögert erab 233 Die zwei Liebenden bebten: dieſe Stimme rief ſie auf die Erde zurück! Blanche ſchaute mit ängſtlichen Blicken umher. „O mein Freund,“ ſagte ſie,„welch ein Augen⸗ blick, um unſere Geſchicke zu verbinden! welch ein Tempel für eine Hochzeit! Denkſt Du, eine unter finſteren, traurigen Gewölben eingeweihte Verbindung könne eine dauerhafte und glückliche ſein?...“ Marceau ſchauerte, denn er ſelbſt fühlte ſich von einer abergläubiſchen Bangigkeit ergriffen. Er zog Blanche nach einer Stelle des Kerkers fort, wo das Tageslicht, durch die gekreuzten Stangen eines ſchma⸗ len Luftloches ſchlüpfend, die Finſterniß minder dicht machte; und hier fielen Beide auf die Kniee und er⸗ warteten den Segen des Prieſters. Dieſer ſtreckte die Arme aus und ſprach die ge⸗ heiligten Worte. In demſelben Augenblicke wurde ein Geräuſch von Soldaten und Waffen im Flur⸗ gange hörbar; Blanche warf ſich erſchrocken in die Arme von Marceau. „Sollte ich es ſchon ſein, die ſie holen wollen?“ rief ſie.„O mein Freund! mein Freund, wie gräß⸗ lich wäre in dieſem Augenblicke der Tod!“ Der junge General war, eine Piſtole in jeder Hand, gegen die Thüre geeilt. Die Soldaten wichen erſtaunt zurück. „Beruhigt Euch,“ ſprach zu ihnen der Prieſter, indem er vortrat,„ich bin es, den man holt, ich bin es, der ſterben ſoll.“ Die Soldaten umringten ihn. „Kinder,“ rief er mit einer ſtarken Stimme, ſich an die jungen Gatten wendend,„Kinder, auf die 234 Kniee; denn, einen Fuß im Grabe, ertheile ich Euch meinen Segen, und der Segen eines Sterben⸗ den iſt heilig.“ Die erſtaunten Soldaten ſchwiegen; der Prieſter hatte aus ſeiner Bruſt ein Crucifix gezogen, welches er vor allen Durchſuchungen zu verbergen im Stande geweſen war; er ſtreckte es gegen ſie aus: im Be⸗ griffe, zu ſterben, betete er für ſie. Es trat ein Augenblick der Stille, ein feierlicher Augenblick ein, wo Jeder an Gott glaubte. Dann ſprach der Prie⸗ ſter:„Laßt uns gehen!“ Blanche warf ſich Marceau in die Arme. „Oh! wenn Du mich verläſſeſt, und man mich ſo hier holt, wenn ich Dich nicht habe, um mir durch dieſe Thüre gehen zu helfen, oh! Marceau, ſtellſt Du Dir vor, ich! ich auf dem Schaffot! ich auf dem Schaffot fern von Dir, weinend und Dich rufend, ohne daß Du mir antworteſt! Ohl geh nicht, geh nicht! Ich werde mich ihnen zu Füßen werfen, ich werde ihnen ſagen, ich ſei nicht ſchuldig, ſie mögen mich mit Dir mein ganzes Leben im Gefängniſſe laſſen, und ich werde ſie ſegnen! Doch wenn Du mich ver⸗ läſſeſt... Oh! verlaſſe mich alſo nicht!“ „Blanche, ich bin ſicher, daß ich Dich rette, ich ſtehe für Dein Leben; in weniger als zwei Tagen werde ich mit Deiner Begnadigung hierher zurück⸗ kehren, und dann wird es nicht ein ganzes Leben des Gefängniſſes und des Kerkers, ſondern ein Leben von Luft und Glück, ein Leben der Freiheit und der Liebe ſein.“ Die Thüre ging auf, der Kerkermeiſter erſchien. Blanche umſchloß Marceau noch ſtärker mit ihren Arr wan ihre ihr, rück rüc deu ich n⸗ ter es ide Be⸗ ein in, rie⸗ hſo rch llſt em nd, geh ich gen ſen, ver⸗ ich gen rück⸗ des eben der hien. hren 235 Armen; ſie wollte nicht von ihm ſcheiden, und es war doch jeder Augenblick koſtbar; er machte ſachte ihre Hände los, deren Kette ihn feſthielt, verſprach ihr, er werde vor dem Ende des zweiten Tages zu⸗ rück ſein, und rief, indem er aus dem Kerker ſtürzte: „Liebe mich immer!“ „Immer!“ erwiederte Blanche, während ſie zu⸗ rückfiel und auf die rothe Roſe in ihren Haaren deutete, die er ihr geſchenkt hatte. Und es ſchloß ſich die Thüre wie die der Hölle. V. Marceau fand den General Dumas, der ihn beim Kerkermeiſter erwartete; er verlangte Tinte und Feder. „Was willſt Du machen?“ fragte Dumas er⸗ ſchrocken über ſeine Aufregung. „An Carrier ſchreiben, zwei Tage von ihm ver⸗ langen, ihm ſagen, ſein Leben hafte mir für das Leben von Blanche.“ „Unglücklicher!“ rief ſein Freund, indem er ihm den angefangenen Brief entriß.„Du drohſt, und Du biſt in ſeiner Gewalt; biſt Du nicht ungehorſam gegen den Befehl geweſen, den Du erhalten, Dich zur Armee zu begeben? Glaubſt Du denn, wenn er Dich einmal fürchte, werden ſeine Befürchtungen da⸗ bei ſtehen bleiben, daß er einen glaubwürdigen Vor⸗ wand ſuche? Vor Ablauf einer Stunde wäreſt Du verhaftet; und was vermöchteſt Du dann für ſie und für Dich? Glaube mir, Dein Stillſchweigen hat ſein Vergeſſen zur Folge, denn ſein Vergeſſen allein kann Dich retten.“ 236 Der Kopf von Marceau war wieder in ſeine Hände gefallen; er ſchien tief nachzudenken. „Du haſt Recht!“ rief er plötzlich aufſtehend; und er zog ſeinen Freund nach der Straße fort. Einige Perſonen waren um eine Poſtchaiſe ver⸗ ſammelt.„Wenn heute Abend Nebel einträte,“ ſagte eine Stimme,„ſo weiß ich nicht, was zwanzig gute Burſche abhalten ſollte, in die Stadt einzudringen und die Gefangenen zu entführen: Nantes iſt zum Erbarmen bewacht.“ Marceau ſchauerte, wandte ſich um, er⸗ kannte Tinguy, wechſelte mit ihm einen Blick des Verſtändniſſes und ſprang in den Wagen.„Nach Paris!“ ſagte er zum Poſtillon, dem er Gold gab; und die Pferde gingen mit der Geſchwindigkeit des Blitzes ab. Ueberall dieſelbe Cile, überall erhielt Marceau durch die Macht des Goldes das Verſpre⸗ chen, die Pferde werden am andern Tage bereit ſein, und kein Hinderniß werde ſeiner Rückkehr im Wege ſtehen. Auf dieſer Reiſe erfuhr er, der General Dumas habe ſeine Entlaſſung genommen und nur um die Gunſt gebeten, als Soldat bei einem anderen Heere verwendet zu werden; er war deshalb zur Verfügung des Wohlfahrtsausſchuſſes geſtellt worden und begab ſich in dem Augenblicke nach Nantes, wo ihn Mar⸗ ceau auf der Straße von Cliſſon fand. Um acht Uhr Abends kam der Wagen, der die zwei Generale enthielt, in Paris an. Marceau und ſein Freund verließen ſich auf der Place du Palais⸗Egalité. Marceau wandte ſich zu Fuße nach der Rue Saint⸗Honoré, ging durch die⸗ ſelb Nr. ein zwi Bünr Du 237 ne ſelbe auf der Seite von Saint⸗Roch hinab, blieb bei YNr. 366 ſtehen und fragte nach Robespierre. „Er iſt im Théatre de la Nation,“ antwortete ein Mädchen von ſechzehn bis achtzehn Jahren; er⸗ willſt Du aber in einer Stunde wiederkommen, te Bürger General, ſo wird er zu Hauſe ſein.“ te„Robespierre im Théatre de la Nation! Irrſt ie Du Dich nicht?“ en„Nein, Bürger.“ er⸗„Nun wohl! ich will ihn dort aufſuchen, und es finde ich ihn nicht, ſo komme ich zurück und erwarte ach ihn hier. Mein Name iſt: der Bürger General b; Marceau.“ des Das Théatre⸗Frangais hatte ſich in zwei Trup⸗ ielt pen getrennt: Talma war in Begleitung der patrio⸗ re⸗ tiſchen Schauſpieler nach dem Odeon ausgewandert. in, In dieſes Theater begab ſich alſo Marceau, ganz ege erſtaunt, daß er in einem Schauſpielſaale das ſtrenge Mitglied des Wohlfahrtsausſchuſſes zu ſuchen hatte. nas Man ſpielte den Tod Cäſars. Er trat auf den die Balcon ein: ein junger Mann bot ihm auf der erſten ere Bank einen Platz neben ſich an. Marceau nahm ung dies an, in der Hoffnung, von hier aus den Mann gab zu erblicken, den er ſuchte. kar⸗ Das Schauſpiel hatte noch nicht angefangen; acht eine ſeltſame Gährung herrſchte im Publikum; Ge⸗ rale lächter und Zeichen wurden gewechſelt und gingen wie von einem Hauptquartier von einer beim Orcheſter der ſtehenden Gruppe aus; dieſe Gruppe beherrſchte den zu Saal, ein Mann beherrſchte dieſe Gruppe; das war die⸗ Danton. An ſeinen Seiten ſprachen, wenn er ſchwieg, und 238 ſchwiegen, wenn er ſprach: Camille Desmoulins, ſein Seide; Philippaux, Hérault de Söchelles und Lacroir, ſeine Apoſtel. Es war das erſte Mal, daß ſich Marceau dieſem Mirabeau des Volkes gegenüber fand; er würde ihn an ſeiner ſtarken Stimme, an ſeiner gebieteriſchen Geberde, an ſeiner mächtigen Stirne erkannt haben, wäre auch ſein Name nicht mehrere Male von ſei⸗ nen Freunden ausgeſprochen worden. Man erlaube uns ein paar Worte über den Stand der verſchiedenen Factionen, in die der Con⸗ vent getheilt war: ſie ſind nothwendig zum Verſtänd⸗ niſſe der Scene, welche nun folgen ſoll. Die Commune und die Montagne hatten ſich ver⸗ einigt, um die Revolution vom 31. Mai zu bewerk⸗ ſtelligen. Die Girondiſten, nachdem ſie es vergebens verſucht, die Provinzen zu föderaliſiren, waren faſt wehrlos mitten unter diejenigen gefallen, welche ſie gewählt hatten und es nun nicht einmal wagten, ihnen in den Tagen ihrer Aechtung eine Zuflucht zu geben. Vor dem 31. Mai war die Macht nirgends, nach dem 31. Mai fühlte man das Bedürfniß der Einheit der Kräfte, um zur Geſchwindigkeit im Han⸗ deln zu gelangen; die Aſſemblée war die ausgedehn⸗ teſte Autorität; eine Faction hatte ſich der Aſſemblée bemächtigt: einige Menſchen geboten dieſer Faction; die Macht befand ſich natürlich in den Händen die⸗ ſer Menſchen. Der Wohlfahrtsausſchuß hatte bis zum 31. Mai aus neutralen Conventsmitgliedern beſtanden; es kam die Zeit ſeiner Erneuerung, und die äußerſten Montagnards machten ſich darin Platz. Barrère blieb darin als eine Repräſentation des alter glier Var Coll Sair über gewe und Dep Cam d'Or und bald der Fun ſem Kör Will fleiſ dam nieß die ten. fläti den kurz Biſe 239 in alten Ausſchuſſes, Robespierre aber wurde zum Mit⸗ ix, gliede gewählt; Saint⸗Juſt, Collot d'Herbois, Billaud⸗ Varennes unterdrückten, von ihm unterſtützt, ihre em Collegen Hérault de Söchelles und Robert Lindet. hn Saint⸗Juſt übernahm die Beaufſichtigung, Couthon en übernahm es, in ihren Formen die im Grunde zu en, gewaltſamen Anträge zu mildern; Billaud⸗Varennes ei⸗ und Collot d'Herbois lenkten das Proconſulat der Departements, Carnot beſchäftigte ſich mit dem Kriege, en Cambon mit den Finanzen, Prieur(von der Cöte⸗ on⸗ d'Or) und Prieur(von der Marne) mit den inneren nd⸗ und adminiſtrativen Arbeiten, und Barrère, der ſich bald mit ihnen verband, wurde der tägliche Redner er⸗ der Partei. Robespierre aber, ohne eine beſtimmte erk⸗ Function zu haben, überwachte Alles und gebot die⸗ ens ſem politiſchen Körper, wie der Kopf dem materiellen faſt Körper gebietet und jedes Glied deſſelben nach ſeinem ſie Willen handeln macht. ten, In dieſer Partei hatte ſich die Revolution ver⸗ zu fleiſcht; ſie wollte ſie mit allen ihren Conſequenzen, ds, damit das Volk eines Tags alle ihre Reſultate ge⸗ der nießen könne. n⸗ Dieſe Partei hatte gegen zwei andere zu kämpfen: ehn⸗ die eine wollte ſie übertreffen, die andere zurückhal⸗ blée ten. Dieſe zwei Parteien waren: ion; Die der Commune, vertreten von Hébert. die⸗ Die der Montagne, vertreten durch Danton. bis Hébert populariſirte im Pöre Duchesne die Un⸗ dern flätigkeit der Sprache; die Schmähung folgte hier und den Opfern, das Gelächter den Hinrichtungen. In lat. kurzer Zeit waren ſeine Fortſchritte furchtbar: der des Biſchof von Paris und ſeine Vicare ſchworen das 240 Chriſtenthum ab; der katholiſche Cultus wurde durch den der Vernunft erſetzt, die Kirchen wurden geſchloſ⸗ ſen; Anarchaſis Cloots wurde der Apoſtel der neuen Göttin. Der Wohlfahrtsausſchuß erſchrak vor der Macht dieſer ultrarevolutionären Faction, von der man geglaubt hatte, ſie ſei mit Marat gefallen, und die ſich auf die Immoralität und den Atheismus ſtützte; Robespierre allein übernahm es, ſie anzugrei⸗ fen. Am 5. December 93 bot er ihr auf der Tri⸗ bune Trotz, und der Convent, der gezwungener Weiſe den Abſchwörungen auf das Verlangen der Commune Beifall zugeklatſcht, decretirte auf das Verlangen von Robespierre, der auch ſeine Religion zu grün⸗ den hatte, alle Gewaltthätigkeiten und der Glaubensfreiheit entgegengeſetzte Maß⸗ regeln ſeien verboten. Danton forderte im Namen der gemäßigten Partei der Montagne die Caſſation der revolutionären Re⸗ gierung; der von Camille Desmoulins redigirte Vieus Cordelier war das Organ der Partei. Der Wohl⸗ fahrtsausſchuß, das heißt die Dictatur, war, nach ſeiner Behauptung, nur geſchaffen worden, um im Innern zu unterdrücken und außen zu ſiegen, und da er im Innern unterdrückt und an der Gränze geſiegt zu haben glaubte, ſo forderte er, daß man eine ſeiner Anſicht nach unnütz gewordene Macht breche, damit ſie ſpäter nicht gefährlich werde; die Revolution hatte niedergeriſſen, und er wollte auf einem Terrain, das noch nicht abgeräumt war, wie⸗ der bauen. Das waren die drei Factionen, in die ſich im Monat März 94, um welche Zeit unſere Geſchichte ———— —— 1—— uch loſ⸗ uen der der und nus rei⸗ Tri⸗ eiſe mune igen rün⸗ der aß⸗ artei Re⸗ ieux Lohl⸗ nach n im und ränze man Racht die e auf „wie⸗ ch im chichte —— 241 ſich ereignet, das Innere des Conventes theilte. Ro⸗ bespierre beſchuldigte Hébert des Atheismus und Danton der Käuflichkeit; ſodann wurde er ſeinerſeits des Ehrgeizes bezüchtigt, und das Wort Dictator fing an zu kreiſen. Dies war der Stand der Dinge, als Marceau, wie wir geſagt haben, zum erſten Male Danton ſah, der ſich aus dem Orcheſter eine Tribune machte und denjenigen, welche ihn umgaben, mächtige Worte zu⸗ warf; man ſpielte den Tod Cäſars; es war eine Art von Loſungswort den Dantoniſten gegeben wor⸗ den; ſie fanden ſich alle bei dieſer Vorſtellung ein, und auf ein Zeichen, das ihr Chef aufſtehend geben würde, ſollten ſie auf Robespierre eine Anwendung folgender Verſe machen. Oui, que César Soit grand, mais que Rom soit libre. Pieul maitresse de Inde, esclave au pord du Tibre, Qu'importe que Son nom commande à Tunivers Pt qu'on'appelle reine, alors qu'elle est aux fers? Qu'importe à ma patrie, aux Romains que tu braves, Dapprendre que César à de nouveaux esclaves? Les Persans ne sont pas nos plus fiers ennemis, I en est plus grands: je n'ai pas C'autre avis*). *) Ja, Cäſar ſei groß, doch Roma ſei frei; Gett! Herrin Indiens, Sklavin am ufer der Tiber, was liegt daran, daß ihr Name dem Weltall gebietet, da ſie in Ketten iſt? Was liegt meinem Vater⸗ lande, was den Römern, denen Du trotzeſt, daran, zu erfahren, Cäſar habe neue Sklaven? Die Perſer ſind nicht unſere kühnſten Feinde, es gibt größere: ich habe keine andere Meinung. Dumas, Ingénue. II. 16 242 Und darum war Robespierre, der von Saint⸗Juſt unterrichtet worden, an dieſem Abend im Théätre de la Nation, denn er begriff, welche Waffe in den Händen ſeiner Feinde wäre, wenn es ihnen gelänge, die Anklage, die ſie gegen ihn erhoben, zu popula⸗ riſiren. Marceau ſuchte ihn indeſſen vergebens in dieſem glänzend erleuchteten Saale, wo die Linie der Par⸗ terrelogen allein wegen des Vorſprungs, den die Gallerien über denſelben bildeten, im Halbdunkel blieb, und ſeine von dieſer vergeblichen Forſchung ermüdeten Augen, fielen jeden Moment wieder auf die Gruppe des Orcheſters, deren geräuſchvolle Con⸗ verſation die Aufmerkſamkeit des ganzen Saales er⸗ regte. „Ich habe unſern Dictator heute geſehen,“ ſagte Danton.„Man wollte uns ausſöhnen.“ „Wo habt Ihr Euch getroffen?“ „Bei ihm: ich mußte die drei Stockwerke des Unbeſtechlichen hinaufſteigen.“ „Und was habt Ihr Euch geſagt?“ „Ich kenne den ganzen Haß, den der Ausſchuß gegen mich hege, doch ich fürchte ihn nicht. Er ant⸗ wortete mir, ich habe Unrecht, man führe nichts Schlimmes gegen mich im Schilde, doch man müſſe ſich erklären.“ „Sich erklären! ſich erklären! das iſt gut bei red⸗ lichen Leuten.“ „Das iſt es gerade, was ich ihm erwiederte; da preßten ſich ſeine Lippen zuſammen, ſeine Stirne fal⸗ tete ſich, und ich fuhr fort;„„Man muß allerdings die Royaliſten unterdrücken, doch man muß nur nütz⸗ ————„———„ uſt tre en ge, la⸗ em ar⸗ die kel ing auf 243 liche Streiche führen und nicht den Unſchuldigen mit dem Schuldigen vermengen.“—„„Ei! wer hat Ihnen geſagt, man habe einen Unſchuldigen ſterben laſſen?““ entgegnete er mit Bitterkeit.—„„Was ſagſt Du dazu? nicht ein Unſchuldiger iſt geſtorben!““ rief ich, indem ich mich an Hérault de Söéchelles wandte, der bei mir war; und ich ging ab.“ „Und Saint⸗Juſt war auch dort?“ „Ja.“* „Was ſagte er?“ „Er ſtrich mit ſeiner Hand durch ſeine ſchönen ſchwarzen Haare und ordnete von Zeit zu Zeit den Knoten ſeiner Halsbinde nach dem von Robespierre.“ Der Nachbar von Marceau, der ſeinen Kopf auf ſeine beiden Hände ſtützte, bebte und ließ jenes Pfeifen hören, das zwiſchen den zuſammengepreßten Zähnen eines Menſchen, der ſich bewältigt, durchgeht; Marceau gab nicht Acht darauf und richtete ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf Danton und ſeine Freunde. „Der Muscadin!“ ſagte Camille Demoulins von Saint⸗Juſt ſprechend,„er ſchätzt ſich ſo hoch, daß er ſeinen Kopf mit Ehrfurcht auf den Schultern trägt, wie ein heiliges Sacrament.“ Der Nachbar von Marceau that ſeine Hände auseinander; dieſer erkannte das ſanfte, ſchöne Ge⸗ ſicht von Saint⸗Juſt, der bleich vor Zorn. „Und ich,“ ſprach Saint⸗Juſt, indem er ſich in ſeiner ganzen Höhe aufrichtete,„ich, Desmoulins, werde Dich den Deinigen tragen machen, wie ein heiliger Dionyſius.“ Er drehte ſich um, man trat auf die Seite, um ihn paſſiren zu laſſen, und er ging vom Balcon weg. 24⁴⁴ „Ei! wer wußte, daß er ſo nahe war?“ rief Danton lachend.„Bei meiner Treue, das Paquet iſt an ſeine Adreſſe gekommen.“ „Ah! ſprich!“ ſagte Philippeaur zu Danton, „haſt Du das Pamphlet von Laya gegen Dich ge⸗ leſen?“ „Wie! Laya macht Pamphlete? er ſoll den Freund der Geſetze aufs Neue machen, ich wäre begierig, ihn zu leſen,— das Pamphlet verſteht ſich.“ „Hier iſt es,“ ſagte Philippeaux. Und er reichte ihm eine Brochure. „Ei! er hat, bei Gott! unterzeichnet. Er weiß alſo nicht, daß man ihm, flüchtet er ſich in meinen Keller, den Hals abſchneidet.. St! ſt! der Vor⸗ hang geht auf.“ Das St! dehnte ſich durch den ganzen Saal aus; ein junger Mann, der nicht bei der Verſchwörung war, ſetzte indeſſen ein Privatgeſpräch fort, obgleich die Schauſpieler auf der Bühne ſtanden. Danton ſtreckte den Arm aus, berührte ſeine Schulter mit der Fingerſpitze und ſagte zu ihm mit einer Höflich⸗ keit, an der eine leichte Färbung von Jronie nicht zu verkennen war: „Bürger Arnault, laß mich hören, als ob man Marius in Minturnä ſpielen würde.“ Der junge Autor hatte zu viel Geiſt, um einer in ſolchen Worten ausgeſprochenen Bitte kein Gehör zu ſchenken; er ſchwieg, und die vollkommenſte Stille erlaubte eine der ſchlechteſten Expoſitionen, die es auf dem Theater gegeben hat, zu hören, die vom Tode Cäſars. Es war aber augenſcheinlich, daß trotz dieſes — net on, ge⸗ en äre h hte eiß nen or⸗ us; ung eich iton mit lich⸗ licht man iner ehör tille es vom ieſes —,———— ———— 245 Stillſchweigens, kein Mitglied der von uns bezeich⸗ neten kleinen Verſchwörung, den Grund, warum es gekommen, vergeſſen hatte; Blicke tauſchten ſich aus, Zeichen kreuzten ſich und wurden häufiger, ſo wie ſich der Schauſpieler der Stelle näherte, welche die Erploſion hervorrufen ſollte. Danton ſagte leiſe zu Camille:„Es iſt in der dritten Scene.“ Und er wiederholte die Verſe zugleich mit dem Schauſpieler, als wollte er ſeinen Vortrag beſchleunigen. Als die kamen, welche ihnen vorangehen: César, nous attendions de ta clémence auguste In don plus précieux, une faveur plus juste, Au-dessus des états donnés par ta bonté. César. Qu'oses tu demander, Cimber? Cimber. La liberté*)! wurden ſie mit drei Beifallsſalven empfangen. „Das geht gut,“ ſagte Danton; und er ſtand halb auf. Talma begann. *) Cäſar, wir erwarteten von deiner hohen Huld ein koſtbarer Geſchenk, eine gerechtere Gunſtbezeigung über den Staaten, die deine Güte uns gegeben. — Cäſar— Was erkühnſt du dich zu fordern, Cimber?— Cimber.— Die Freiheit. 246 Oui, que César soit graud, mais que Rome soit libre*). Danton ſtand ganz auf, ſchaute rings umher mit dem Blicke eines Herrführers, der ſich verſichern will, daß Jeder auf ſeinem Poſten iſt, als plötzlich ſeine Augen ſich auf einen Punkt des Saales hefteten; das Gitter einer Parterreloge war emporgegangen; Robespierre ſtreckte im Schatten ſeinen ſpitzigen, bleichen Kopf hervor. Die Augen der zwei Feinde waren ſich begegnet und konnten ſich nicht mehr von einander losmachen; es lag in denen von Robespierre die ganze Ironie des Triumphes, der ganze Ueber⸗ muth der Sicherheit. Zum erſten Male fühlte Danton einen kalten Schweiß über ſeinen ganzen Körper laufen; er vergaß das Signal, das er geben ſollte; die Verſe gingen ohne Beifall und ohne Murren vorüber, er fiel beſiegt nieder: das Gitter der Par⸗ terreloge wurde aufgehoben, und Alles war geſche⸗ hen. Die Gyuillotineurs behielten die Oberhand über die Septembriſeurs; 93 verblendete 92. Marceau, deſſen befangener Geiſt ſich mit etwas ganz Anderem als dem Trauerſpiele beſchäftigte, war vielleicht der Einzige, der, ohne ſie zu begreifen, dieſe Scene ſah, welche nur ein paar Secunden dauerte; er hatte indeſſen Zeit, Robespierre zu er⸗ kennen; unverzüglich ſtürzte er aus dem Balcon fort und kam noch früh genau, um ihm im Corridor zu begegnen. *) Ja, Cäſar ſei groß, doch Rom. ſei frei. r e it as ar n, en er⸗ ort 247 Robespierre war ruhig und kalt, als ob nichts vorgefallen wäre. Marceau trat vor ihn und nannte ſich. Robespierre reichte ihm die Hand: einer erſten Bewegung nachgebend, zog Marceau die ſeinige zurück. Ein bitteres Lächeln ſchwebte über die Lippen von Robespierre. „Was wollen Sie denn von mir?“ fragte er ihn. „Eine Unterredung von ein paar Minuten.“ „Hier oder bei mir?“ „Bei Dir.“ „So komm.“ Und dieſe zwei Männer, deren Gemüthsbewe⸗ gungen ſo verſchiedenartig, gingen neben einan⸗ der: Robespierre gleichgültig und kalt; Marceau begierig und aufgeregt. Das war alſo der Mann, der das Schickſal von Blanche in ſeinen Händen hielt, der Mann, von dem er ſo viel hatte reden hören, deſſen Unbeſtechlichkeit allein offenkundig war, deſſen Popularität aber als ein Problem erſcheinen mußte. In der That, er hatte, um ſie ſich zu erwerben, keines von den Mitteln angewandt, welche von ſeinen Vorgängern gebraucht worden waren. Er beſaß weder die hinreißende Beredtſamkeit von Mirabeau, noch die väterliche Feſtigkeit von Bailly, noch das erhabene Ungeſtüm von Danton, noch die ſprachfertige Unflätigkeit von Hébert: arbeitete er für das Volk, ſo geſchah es ins⸗ geheim und ohne dem Volke davon Rechenſchaft zu geben. Unter der allgemeinen Nivellirung der Sprache und der Tracht hatte er ſeine höfliche Sprache und 248 ſeine elegante Tracht beibehalten*); ſo viel ſich end⸗ lich die Anderen Mühe gaben, ſich mit der Menge zu vermiſchen, eben ſo viel ſchien er ſich zu geben, um ſich über derſelben zu halten; und man begriff mit dem erſten Blicke, daß dieſer Menſch für die Menge nur ein Idol oder ein Opfer ſein konnte: er war das eine und wurde das andere. Sie kamen an: eine ſchmale Treppe führte ſie zu einem im dritten Stocke liegenden Zimmer; Ro⸗ bespierre öffnete es: eine Büſte von Rouſſeau, ein Tiſch, auf welchem der Contral social und der Emile offen lagen, eine Commode und ein paar Stühle bildeten das ganze Mobiliar dieſes Zimmers. Nur herrſchte überall die größte Reinlichkeit. Robespierre ſah, welche Wirkung dieſer Anblick auf Marceau hervorbrachte. „Das iſt der Palaſt von Cäſar,“ ſagte er lä⸗ chelnd zu ihm;„was haben Sie vom Dictator zu erbitten?“ „Die Begnadigung meiner von Carrier verur— theilten Frau.“ *) Der gewöhnliche Anzug von Robespierre iſt ſo bekannt, daß er faſt ſprüchwörtlich geworden. Am 20. Prairial, dem Feſttage des Höchſten Weſens, deſſen Oberprieſter er war, erſchien er bekleidet mit einem hellblauen Fracke, einer geſtickten Monſſelineweſte mit einem roſa Futter; eine Hoſe von ſchwarzem Atlaß, weiße ſeidene Strümpfe und Schuhe mit Schnallen vervollſtändigten dieſes Coſtume. In derſelben Kleidung trng man ihn aufs Schaffot. S „+— — lm us, det ten oſe pfe ſes ihn 249 „Deine Frau von Carrier verurtheilt! Die Frau von Marceau dem Republicaner der alten Tagel dem Soldaten von Sparta! Was macht er denn in Nantes?“ „Grauſamkeiten.“ Marceau entwarf ihm nun das Gemälde, das wir dem Leſer vor Augen geſtellt haben. Robes⸗ pierre rückte während dieſer Erzählung auf ſeinem Stuhle hin und her, ohne ihn zu unterbrechen; Mar⸗ ceau ſchwieg endlich. „So wird man mich alſo immer verſtehen,“ ſagte Robespierre mit einer heiſeren Stimme, denn die innere Aufregung, die er erlitten, genügte, um dieſe Veränderung in ſeiner Stimme zu bewerkſtelligen, „überall, wo meine Augen nicht ſind, um zu ſehen, und meine Hand, um ein unnöthiges Blutbad zu hemmen. Es gibt doch genug Blut, welches zu vergießen unerläßlich iſt, und wir ſind noch nicht beim Ende.“ „Nun wohl! Robespierre, die Begnadigung meiner Frau!“ Robespierre nahm ein weißes Blatt Papier. „Ihr Mädchenname?“ „Warum?“ „Er iſt mir nothwendig, um ihre Identität dar⸗ zuthun.“ „Blanche von Beaulieu.“ obespierre ließ die Feder fallen, die er in der Hand hielt. „Die Tochter des Marquis von Beaulieu? des Anführers der Räuber?“ 250 „Blanche von Beaulien, die Tochter des Mar⸗ quis von Beaulieu.“ „Und wie kommt es, daß ſie Deine Frau iſt?“ Marceau erzählte ihm Alles. „Junger Thor! junger Wahnſinniger!“ rief Ro⸗ bespierre,„mußteſt Du. 7 Marceau unterbrach ihn: „Ich verlange von Dir weder Beleidigungen, noch Rathſchläge; ich verlange ihre Begnadigung, willſt Du ſie mir geben?“ „Marceau, werden Dich die Familienbande, der Einfluß der Liebe nie hinreißen, daß Du zum Ver⸗ räther an der Republik wirſt?“ „Nie!“ „Wenn Du Dich mit den Waffen in der Hand dem Marquis von Beaulieu gegenüber fändeſt?“ „Ich würde mich mit ihm ſchlagen, wie ich es ſchon gethan habe.“ „Und wenn er in Deine Hände fiele?“ Marceau überlegte einen Augenblick. „Ich würde ihn Dir zuſchicken, und Du wäreſt ſelbſt ſein Richter.“ „Du ſchwörſt mir das?“ „Bei meiner Ehre!“ Robespierre nahm wieder ſeine Feder. „Marceau, Du haſt das Glück gehabt, Dich rein in Aller Augen zu erhalten: längſt kenne ich Dich, längſt wünſchte ich Dich zu ſehen.“ Die Ungeduld von Marceau wahrnehmend, ſchrieb er die drei erſten Buchſtaben ſeines Namens, dann hielt er an. „Höre,“ ſagte er, indem er Marceau feſt anſchaute: . —— — ſt 251 „ich bitte Dich nun auch um fünf Minuten; ich gebe Dir eine ganze Exiſtenz für fünf Minuten: das iſt gut bezahlt.“ Marceau bedeutete durch ein Zeichen, er höre. Robespierre fuhr fort: „Man hat mich bei Dir verleumdet, Marceau; und dennoch biſt Du Einer von den ſeltenen Men⸗ ſchen, von denen ich gekannt zu ſein wünſche; denn was liegt mir am Urtheile derjenigen, welche ich nicht ſchätze? Höre alſo: drei Verſammlungen haben nach und nach die Geſchicke Frankreichs in Gährung gebracht, ſich in einem Menſchen zuſammengedrängt, und die Sendung vollführt, mit der ſie das Jahr⸗ hundert betraut hatte: die Conſtituirende Verſamm⸗ lung, repräſentirt durch Mirabeau, hat den Thron erſchüttert; die Geſetzgebende Verſammlung, in Dan⸗ ton verkörpert, hat ihn umgeſtürzt. Das Werk des Conventes iſt ungeheuer, denn es muß vollends niederreißen, um wiederaufzubauen. Ich habe da einen hohen Gedanken: den, der Typus dieſer Epoche zu werden, wie Mirabeau und Danton jeder der Typus der ſeinigen geweſen iſt; es wird in der Ge⸗ ſchichte des franzöſiſchen Volkes drei Männer geben, repräſentirt durch drei Zahlen: 91, 92, 93. Gönnt mir das höchſte Weſen die Zeit, mein Werk zu voll⸗ enden, ſo wird mein Name über allen Namen ſein: ich werde mehr gethan haben, als Lykurg bei den Griechen, als Numa in Rom, als Waſhington in America; denn Jeder von ihnen hatte nur ein ent⸗ ſtehendes Volk zu paciſiciren, und ich, ich muß eine gealterte Geſellſchaft regeneriren. Falle ich,— mein Gott, erſpare mir eine Blasphemie gegen Dich in 252 meiner letzten Stunde... Falle ich vor der erfor⸗ derlichen Zeit, ſo wird mein Name, der nur die Hälfte von dem, was er zu thun hatte, erfüllt haben wird, den blutigen Flecken behalten, den die andere Hälfte getilgt hätte; die Revolution wird mit ihm fallen, und Beide werden verleumdet ſein.. Das iſt es, was ich Dir zu ſagen hatte, Marceau, denn es ſollen in allen Fällen einige Menſchen meinen Namen lebendig und rein in ihrem Herzen bewahren wie die Flamme der Lampe im Tabernakel, und Du biſt einer von dieſen Menſchen.“ Er ſchrieb vollends ſeinen Namen. „Hier iſt die Begnadigung Deiner Frau.. Du kannſt abgehen, ſogar ohne mir die Hand zu geben.“ Marceau nahm ſeine Hand und drückte ſie kräf⸗ tig; er wollte ſprechen, doch es waren zu viel Thrä⸗ nen in ſeiner Stimme, als daß er ein Wort artiku⸗ liren konnte, und Robespierre ſagte zuerſt zu ihm: „Auf! Du mußt gehen, es iſt kein Augenblick zu verlieren; auf Wiederſehen!“ Marceau eilte nach der Treppe; der General Dumas ſtieg gerade herauf, als er hinabſtieg. „Ich habe ihre Begnadigung!“ rief Marceau, indem er ſich ſeinem Freunde in die Arme warf; 1 „ich habe ihre Begnadigung; Blanche iſt gerettet „Wünſche mir auch Glück,“ erwiederte Dumas; „ich bin ſo eben zum Obergeneral der Alpenarmee ernannt worden, und ich komme, um Robespierre hiefür zu danken.“ Sie umarmten ſich, Marceau ſtürzte auf die Straße und lief nach der Place du Palais⸗Egalité —— 8 — 1——+—— 6 ral au, „ 18; nee rre die ité, 253 wo ihn ſein Wagen erwartete, bereit, mit derſelben Geſchwindigkeit zurückzukehren, mit der er den Ge⸗ neral gebracht hatte. Um welche Laſt war ſein Herz erleichtert! Wel⸗ ches Glück harrte ſeiner! Welche Seligkeiten nach ſo viel Schmerzen! Seine Einbildungskraft verſenkte ſich in die Zukunft; er ſah den Augenblick, wo er von der Schwelle des Kerkers ſeiner Frau zurufen würde:„Blanche, Du biſt frei durch mich! komm, Blanche, und Deine Liebe und Deine Küſſe mögen die Schuld des Lebens bezahlen!“ Von Zeit zu Zeit durchzuckt indeſſen eine unbe⸗ ſtimmte Unruhe ſeinen Geiſt, ein plötzlicher Schauer ergreift ſein Herz; da treibt er die Poſtillons an, verſpricht Gold, verſchwendet es, und verſpricht noch mehr; die Räder fliegen über das Pflaſter hin, die Pferde verſchlingen den Weg, und dennoch findet er, ſie kommen kaum vorwärts! Ueberall ſind die Relais bereit: kein Verzug; Alles ſcheint die Aufregung, die ihn quält, zu theilen. In ein paar Stunden hat er Verſailles, Chartres, le Mans, la Floͤche hin⸗ ter ſich gelaſſen; er erblickt Angers; plötzlich fühlt er einen entſetzlichen Stoß; der umgeworfene Wagen geht in Stücke; er ſteht gequetſcht, blutig auf, durch⸗ ſchneidet mit einem Säbelhiebe die Stränge, die das eine von den Pferden feſthalten, ſchwingt ſich raſch auf daſſelbe, erreicht die erſte Poſt, nimmt hier einen Renner und ſetzt ſeinen Ritt mit noch größerer Ge⸗ ſchwindigkeit fort. Endlich hatte er Angers durchflogen, er erblickt Ingrande, erreicht Varades, läßt Ancenis hinter ſich; ſein Pferd trieft von Schweiß und Blut. Er 254 erſchaut Saint⸗Donatien, dann Nantes! Nantes! das ſeine Seele, ſein Leben, ſeine Zukunft enthält! Noch ein paar Augenblicke, und er wird in der Stadt ſein, er hat ihre Thore erreicht: ſein Pferd ſtürzt vor dem Gefängniſſe des Bouffays nieder; er iſt an Ort und Stelle; was liegt daran! „Blanche! Blanche!“ „Zwei Karren ſind ſo eben aus dem Gefängniſſe abgegangen,“ antwortet der Kerkermeiſter;„ſie iſt auf dem erſten.“ „Fluch!“ ſchreit Marceau. Und er ſtürzt mitten durch das Volk fort, das ſich drängt, das nach dem großen Platze läuft; er holt den letzten von den zwei Karren ein; Einer von den Verurtheilten erkennt ihn. „General, retten Sie ſie ich habe es nicht vermocht, und ich bin ergriffen worden... Es lebe der König! es lebe die gute Sache!“ Das war Tinguy. „Ja! ja!“ erwiedert Marceau. Und er öffnet ſich einen Weg; die Menge drängt, preßt ihn, reißt ihn aber fort; er kommt mit ihr auf den großen Platz; er iſt vor dem Schaffot: er ſchwingt ſein Papier in der Luft und ruft: „Gnade! Gnade!“ In dieſem Augenblicke faßte der Henker bei ſei⸗ nen langen blonden Haaren den Kopf eines Mäd⸗ chens und bot dem Volke dieſes häßliche Schauſpiel; die Menge wandte ſich mit Schrecken ab, denn ſie glaubte den Kopf Blutwogen ausſpeien zu ſehen! Plötzlich macht ſich mitten unter dieſer ſtummen Menge ein Wuthſchrei hörbar, in welchem ſich alle ———— Sb 8 er n ht be t, uf gt ei⸗ ; ſie n! en lle 255 menſchlichen Kräfte erſchöpft zu haben ſcheinen: Mar⸗ ceau hatte zwiſchen den Zähnen dieſes Kopfes die rothe Roſe erkannt, die er der jungen Vendeerin ge⸗ ſchenkt. Ende. 14 15 16