deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 7 von 5 Cduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. 0Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens is Abends 8 lihr vffen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe gen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich bücher: 4 büchen: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 50 Pf 2 W.— Pf. 3 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafü 8 3 ſ. — Ingtnur. Von Alerandre Dumas. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. Sechſtes bis zehntes Bändchen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. * 1855. XXIII. Ghriſtian. Ingénue kehrte um ſo ſchneller in ihre Wohnung zurück, als ſie eine Sache fürchtete und eine andere hoffte: fürchtete ſie einen jungen Mann auf der Straße, ſo hoffte ſie einen andern im Hauſe. Darum hatte ſie ſo bald heimzukehren gewünſcht; darum hatte ſie ſo ſehr an den Ecken der Straßen geſchaut, während Rétif vergebens für ſie ſeine reinſte Moral, abgefaßt in Worten, welche elegant genug, um Eindruck zu verdienen, verſchwendete; deshalb endlich, ſtatt empfänglich, wie ſie es vielleicht ge⸗ weſen wäre, für die Hingebung des Unbekannten zu ſein, der ſie dem Volksgedränge auf der Place Dauphine entriſſen, deshalb beſchränkte ſie ſich dar⸗ auf, daß ſie ihm auf eine Weiſe dankte, die ihm Verdacht einflößte. Die große Tugend der Mädchen gleicht der Rein⸗ heit der wiederſtrahlenden Seen: ihre Durchſichtig⸗ keit entſpricht dem Verhältniß der Reinheit des Fir⸗ maments. Derjenige, welchen Auger Monſeigneur genannt hatte, ſchien alſo kein vermeſſenes Urtheil gefällt zu haben. Dumas, Ingönue. II. 1 2 In der That, als Ingénue eintrat und zwei Stockwerke hinaufgeſtiegen war, fand ſie auf dem Ruheplatze, ſitzend, den Kopf in ſeinen Händen, einen eir andern jungen Mann, der, ihren Tritt erkennend, Si aufſtand.„ Ve „Sind Sie es, Madèmoiſelle Ingénue?“ ſagte er. we „Ich bin es, Herr Chriſtian.“ un „Ich erwartete Sie ſehr ungeduldig. Kommt Ihr Vater herauf? Nimmt er, wie gewöhnlich, ſein Licht beim Nachbar Specereihändler?“ che „Mein Vater iſt nicht zurückgekehrt; mein Vater die wird vielleicht nicht zurückkehren...“. me „Wie! mit welchem Tone ſagen Sie mir das, zu Mademviſelle?“ me „Sie wiſſen alſo nicht, daß man ſich ſchlägt?“ mr „Man ſchlägt ſich! wo denn?“ To „Auf dem Pont⸗Neuf, die Nachtwache und die len Bürger.“ ich „Iſt das möglich?“ „Man ſchießt, man tödtet Jedermann... Ich gu wäre beinahe getödtet worden; mein armer Vater ſin iſt es vielleicht!“ „Weinen Sie nicht! weinen Sie nicht! man darf hoffen...“ nie „Oh! nein, er wäre nach Hauſe gekommen.“„ lid „Hoffen Sie, ſage ich Ihnen, da Sie nach lar Hauſe gekommen find.“ ein „Man hat mich gerettet! doch er.. 4 „Wer hat Sie gerettet?“ „Ein Mann, ein junger Mann... Oh! Herr He Chriſtian, mein Vater kommt nicht zurück.“ „Soll ich ihn aufſuchen?“ % die ch ter arf ach err 3 „Ich möchte es wohl... und...“ „Ich zählte auf dieſen Augenblick, um Ihnen ein Wort, ein einziges zu ſagen!... Ich weiß, wo Sie zu Mittag geſpeiſt haben; ich ſah Sie mit Ihrem Vater weggehen, als die Arbeiter vor der Thüre waren; da eilte ich voraus, um zuerſt anzukommen und Sie auf der Treppe zu erwarten.“ „Aber, Herr Chriſtian...“ „Und wie lange ſind Sie ausgeblieben! mit wel⸗ cher Bangigkeit habe ich gewartet! wie oft habe ich die Thüre des kleinen Zimmers auf⸗ und zuge⸗ macht, das ich im Hauſe gemiethet, um das Recht zu haben, hier mit einem allen Miethsleuten ge⸗ meinſchaftlichen Schlüſſel einzutreten! Ah! Made⸗ moiſelle, es ſind nun ſechs Wochen, daß ich Sie alle Tage ſehe, und drei Tage, daß ich Sie ſo verſtoh⸗ lener Weiſe ſpreche: ich halte es nicht mehr aus, ich muß wiſſen, was Sie von mir denken.“ „Herr Chriſtian, ich denke, daß Sie ein ſehr guter und gegen mich ſehr nachſichtiger junger Mann ſind.“ „Iſt das Alles?“ „Ei! dieſes Zimmer, das Sie gemiethet und nicht bewohnen, dieſe Tracht, die nicht Ihre gewöhn⸗ liche Tracht iſt, die Haſt, mit der Sie von mir ver⸗ langen, was nur die Gewohnheit allein den Frauen einflößen kann..“ „Die Gewohnheit?“ „Kurz, Herr Chriſtian, Sie ſehen klar in Ihrem Herzen; ich, ich ſehe nicht klar in dem meinigen.“ „Mademoiſelle, mir ſcheint, Sie könnten, wenn „ 4 Nachbarn uns ſo auf dem Ruheplatze plaudern ſähen, compromittirt werden.“ „So ſagen wir uns gute Nacht, Herr Chriſtian.“ „Wiel Sie werden mir nicht erlauben, mich einmal in Ihrer Wohnung zu ſetzen, dort mit Ihnen zu plaudern?... Sie lieben mich alſo nicht, Ma⸗ demviſelle?“ „Wie raſch Sie zu Werke gehen, Herr Chriſtian! Sie lieben!“ „Oh! ich hielt Sie für empfänglicher: Ihre Augen ſagten etwas Anderes, als was Ihr Mund ſagt.“ „Man kommt von oben... Gehen Sie! gehen Sie 16 „Das iſt die neugierige Alte, von der ich mein Zimmer gemiethet... Wenn ſie uns geſehen hat n Gott!“ wiederholte Ingénue,„gehen Sie „Und nun öffnet ſich eine Thüre im unteren Stocke! Was iſt zu thun?“ „Man wird ſchlecht von mir denken, und ich thue nichts Schlechtes!“ rief Ingénue ganz ver⸗ drießlich. „Geſchwinde! geſchwinde! treten Sie bei Ihnen ein! Die Alte kommt herab und der Nachbar von unten kommt herauf!“ Von Angſt ergriffen, öffnete Ingénue die Woh⸗ nung, durch deren Thüre Chriſtian hinter ihr raſch eindrang. Sie ſchloſſen die Riegel ſogleich wieder, Chriſtian mit pochendem Herzen, Ingénue mit einer Art von Verzweiflung, die ſich durch die Beſorgniſſe über ihren Vater vermehrte. pl im ſti n, ich en ka⸗ in! t ein ren ich ver⸗ nen von Joh⸗ aſch tian von iber 5 Plötzlich ertönte ein raſcher Tritt auf dem Ruhe⸗ platze; eine durchdringende Stimme machte ſich hörbar. „Ingénue! Ingénue!“ rief Rötif,„biſt Du da?“ „Mein Vate mein Vater!“ antwortete von innen das Mädchen, halb freudig, halb erſchrocken. „So öffne doch!“ ſagte Rétif. „Was iſt zu thun?“ flüſterte Ingénue Chri⸗ ſtian zu. „Oeffnen Sie,“ erwiederte dieſer. Und er öffnete ſelbſt. Rétif ſtürzte ſich weinend vor Freude in die Arme ſeiner Tochter. „Wir ſind alſo Beide gerettet?“ rief er. „Ja, mein Vater, ja!... Wie ſind Sie ent⸗ kommen?“ „Niedergeworfen, mit Füßen getreten... zum Glücke bin ich den Schüſſen entgangen... alsdann lief ich umher, Dich ſuchend, Dich rufend.. Oh! wie habe ich unter Weges gelitten! wie habe ich ge⸗ litten, als ich das Fenſter nicht erleuchtet ſah. Aber, Gott ſei gelobt! Du biſt da.. Wie biſt nun Du entkommen?“ „Ein edelmüthiger Unbekannter hat mich wegge⸗ bracht, hieher geführt. „Oh! Du haſt Deine Lampe nicht angezündet! Wie mir dieſe Finſterniß bange gemacht hat!“ „Guter Vater!“ Und ſie umarmte Rötif noch e Sie hoffte, Chriſtian werde dieſen Augenblick be⸗ nützen, um ſich zu verbergen; er trat aber im Gegen⸗ theile hinzu, und über die Schulter des Kindes er⸗ blickte Rétif Chriſtian, der ihn grüßte. 6 „Wer iſt da?“ ſagte er.„Guten Tag, mein Herr... Ah! der Herr iſt hier!“ Ingénue ſtammelte. „Mein Herr,“ antwortete Chriſtian, ſich dem guten Manne nähernd,„Sie ſind mit Recht erſtaunt, mich bei Mademviſelle zu ſehen...“ „Ohne Licht!“ fügte Rétif bei. Dieſes Wort ohne Licht fiel bleirecht auf das Mädchen, das den Kopf ſenkte. „Wenn Sie nicht etwa der Retter von Ingénue ſind, mein Herr,“ fuhr der Vater fort,„in welchem Falle Sie mich ganz geneigt ſehen, Ihnen zu danken.“ Rétif erinnerte ſich ſeiner Vaterſcenen in der Paysanne pervertie; er ſpielte ſeine edle Rolle mit Majeſtät. Der junge Mann kam nicht aus der Faſſung; indeß Ingénue zitternd ein Licht anzündete, erwie⸗ derte er: „Ich bin ſo eben hierher gekommen, um Made⸗ moiſelle meine Liebe zu erklären.“ „Ho! ho!“ rief Rétif ein wenig erſtaunt,„Sie kennen alſo Ingénue?“ „Seit langer Zeit, mein Herr.“ „Und ich wußte es nicht!“ „Mademviſelle wußte es auch nicht ich habe nur dreimal die Ehre gehabt, ſie zufälliger Weiſe zu ſprechen.“ „Wahrhaftig! wie dies?“ „Mein Herr, ich bewohne ein Zimmer in dieſem Hauſe.“ Röétif ging von einem Erſtaunen zum andern über. eh de me ge ſa Al ein ten ich as me em n der mit ng; ie⸗ de⸗ abe eiſe ſem ern — Chriſtian fuhr fort: „Ich bin ein Eiſeleur; ich verdiene auf eine ehrenhafte Weiſe meinen Lebensunterhalt.“ Rétif ſenkte ſeine grauen Augen auf die Hände des jungen Mannes. „Wie viel verdienen Sie?“ fragte er. „Vier bis ſechs Franken täglich.“ „Das iſt hübſch!“ ſagte Rötif. Und er ſchaute fortwährend die Hände des jun⸗ gen Mannes an, welcher, da er endlich dieſe Beob⸗ achtung bemerkte, raſch, indem er ſie an einander rieb, ſeine für einen Ciſeleur ein wenig weißen Fin⸗ ger verbarg. Röétif ſchwieg einige Augenblicke. „Und,“ ſprach er ſodann,„Sie kommen, um meiner Tochter zu ſagen, daß Sie ſie lieben?“ „Ja, mein Herr, ich kam in dem Momente, wo Mademoiſelle ihre Thüre ſchloß; ich bat ſie inſtän⸗ dig, mich eintreten zu laſſen.“ „Sie hat eingewilligt?“ „Ich ſprach mit ihr von Ihnen, mein Herr, von Ihnen, über den ſie beſorgt war.“ „Ja, ja, von mir, über den ſie beſorgt war.“ Rétif ſchaute Ingénue an, welche roſenfarbig wie eine Roſe und mit ſchmachtenden Augen daſtand. „War es möglich, daß ſie nicht liebte oder nicht geliebt wurde?“ dachte er. Er nahm den jungen Mann bei der Hand und ſagte: „Ich kenne Ihre Eindrücke; laſſen Sie nun Ihre Abſichten hören.“ 8 „Ich möchte gern Mademviſelle Ingénue heira⸗ then, wenn ſie mich lieben wollte.“ „Sie heißen?“ „Chriſtian.“ „Chriſtian! das iſt kein Name.“ „Es iſt der meinige.“ „Das iſt ein fremder Name.“ „Ich bin in der That fremd, oder ich bin viel⸗ mehr von fremden Eltern geboren: meine Mutter iſt eine Polin.“ „Und Sie ſind Arbeiter?“ „Ja, mein Herr.“ „Ciſeleur?“ „Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen dies ſchon zu ſagen,“ erwiederte Chriſtian erſtaunt und ſogar beunruhigt durch die Beharrlichkeit, mit der ihn Ré⸗ tif befragte. „Ingénue,“ ſprach Rétif,„bleibe hier, daß ich dem Herrn das Innere der Familie zeige, in welche einzutreten er die Ehre zu haben begehrt.“ Ingénue ſetzte ſich an den Tiſch, Chriſtian folgte Rötif. „Sie ſehen hier mein Arbeitscabinet,“ ſagte der Romanendichter, indem er Chriſtian in ein anſtoßen⸗ des, armſelig mit Portraits und Kupferſtichen aus⸗ tapezirtes Zimmer einführte;„hier ſind die Portraits von allen denjenigen, welche mich erzeugt haben, hier die Bilder von allen denen, welchen ich das Leben gegeben habe. Dieſe Paſtelle ſtellen meinen Vater, meine Mutter, meinen Großvater, meine Großmutter vor; dieſe Stiche ſind die Gegenſtände der intereſſan⸗ teſten Scenen meiner Romane. Die Erſten waren iel⸗ iſt on gar Ré⸗ lgte der en⸗ us⸗ aits hier ben ter, tter ſan⸗ ren 9 und ſind noch ehrenwerthe Ackersleute, aus dem Volke hervorgegangen,— obſchon ich vom Kaiſer Pertinax abzuſtammen behaupte.“ „Ich wußte das nicht,“ ſagte der junge Mann erſtaunt. „Weil Sie meine Werke nicht geleſen haben,“ erwiederte Rétif kalt;„Sie hätten darin eine von mir ſelbſt aufgeſtellte Genealogie gefunden, die un⸗ verwerflich beweiſt, daß meine Familie von Pertinar abſtammt, welcher Name im Lateiniſchen Röétif be⸗ zeichnet.“ „Ich wußte das nicht,“ wiederholte Chriſtian. „Daran muß Ihnen wenig liegen,“ ſagte Rötif. „Was bekümmern Sie, ein Ciſeleur, ſich darum, daß Ihr Schwiegervater von einem Kaiſer abſtammt?“ Chriſtian erröthete unter dem Blicke des Roma⸗ nendichters. Dieſer Blick war allerdings mit einem peinlichen Scharfſinne bewaffnet. „Aber,“ fuhr Röétif fort,„was Sie in Erſtaunen ſetzen wird, iſt, daß ſich das Blut der Kaiſer ſo ſehr in meinen Adern geſchwächt hat, daß der Bauer nun vorherrſcht, und daß nie ein Kaiſer die Hand meiner Tochter bekäme, wenn er ſie verlangen würde; ich habe die genealogiſche Leiter dergeſtalt umgeſtürzt, daß mir der Bauer das Ideal der Ariſtokratie zu ſein ſcheint: träte ich mit einem König in ein ver⸗ wandtſchaftliches Verhältniß, ſo würde ich mir etwas zu vergeben glauben; ich nähme nicht einmal einen einfachen Edelmann an.“ So ſprechend, ſetzte Rétif ſeine Erforſchung der Hände und des Geſichtes von Chriſtian fort. 10 „Was denken Sie hievon?“ fragte er nach dieſer ede. „Alles, was Sie mir da ſagen, mein Herr,“ er⸗ wiederte der junge Mann,„iſt ein vollkommen ver⸗ nünftiges Raiſonnement; doch mir ſcheint, Sie drehen das Vorurtheil auf eine ſehr willkürliche und ſehr tyranniſche Art um.“ „Wie ſo?“ „Ja, die Philoſophie zertritt den Raceadel; doch ich glaube, daß die Philoſophen, während ſie mit aller Erbitterung das Princip vernichten, im Grunde die guten Ausnahmen noch reſpectiren.“ „Sicherlich!... Doch worauf zielen Sie ab?“ „Auf nichts, mein Herr, auf nichts,“ antwortete lebhaft Chriſtian. „Sie vertheidigen aber gegen mich den Adel, Sie, ein Ciſeleur?“ „Gerade wie Sie ihn gegen mich, einen Ciſeleur, angreifen, Sie, der Abkömmling von Kaiſer Per⸗ tinax.“ Röétif blieb geſchlagen, war aber nicht ſehr zu⸗ frieden. „Sie haben Geiſt, mein Herr,“ ſagte er. „Ich habe gerade genug, um Sie zu verſtehen, mein Herr, und das iſt Alles, wonach ich trachte,“ antwortete Chriſtian. Rötif lächelte. Chriſtian hatte ſich durch dieſe artige Antwort mit ſeinem zukünftigen Schwiegervater ausgeſöhnt. Doch das war nicht die Rechnung von Rétif: er war, was ſein Name im Franzöſiſchen bedeutet, was pertinax im Lateiniſchen bedeutet: ſtarrſinnig. 2 ⸗ E 11 „Geſtehen Sie,“ ſagte er zu dem jungen Manne, „geſtehen Sie, daß Sie, wie alle junge Leute, hier⸗ her gekommen ſind, um ſich von meiner Tochter In⸗ génue lieben zu machen, und daß Sie keinen andern Zweck haben. 4 „Sie täuſchen ſich, mein Herr, da ich Ihre Ma⸗ demoiſelle Tochter zu heirathen begehre.“ „Geſtehen Sie wenigſtens, daß Sie ſich von ihr geliebt wiſſen.“ „Muß ich offenherzig ſein?“ „Da es kein anderes Mittel gibt, ſeien Sie es.“ „Nun wohl, ich hoffe, daß Mademoiſelle In⸗ gönue keine Abneigung gegen mich hegt.“ „Sie haben es an gewiſſen Merkmalen geſehen?“ „Mir ſcheint, ich habe es bemerkt.“ „Bei Eurem Zuſammentreffen?“ „Ja, mein Herr, und das hat mich ſo kühn ge⸗ macht,“ fuhr der junge Mann fort, bethört durch die falſche Gutmüthigkeit des Romanendichters. „Ich ſehe alſo,“ rief dieſer plötzlich aufſtehend, „ich ſehe, daß Sie ſchon Ihre Maßregeln getroffen hatten; daß Sie geſchickt gegen die arme Ingénue Ihre Verführungsmittel und Ihre Fallen angewen⸗ det hatten!“ „Mein Herr!“ „Ich ſehe, daß Sie ſich ihr, dieſe Wohnung im Hauſe miethend, genähert und heute Abend, da Sie mich abweſend, vielleicht todt glaubten, bei ihr ein⸗ geſchlichen Fuen⸗ „Mein Herr! mein Herr! Sie beurtheilen mich unwürdig!“ „Ach! mein Herr, ich bin ein erfahrener Mann; 7 31 12 ich kenne die Schliche; ich bin eben daran, ein Buch zu ſchreiben, das mein großes Werk ſein wird und den Titel hat: Das menſchliche Herz enthüllt. „Sie kennen das meinige nicht, mein Herr, das glaube ich Ihnen verſichern zu dürfen!“ „Wer ſagt das menſchliche Herz, ſagt alle Herzen.“ „Ich betheure... „Betheuern Sie nicht, es wäre unnütz... Sie haben Alles gehört, was ich Ihnen geſagt habe?“ „Ja, gewiß; doch laſſen Sie mich nun auch reden.“ „Wozu?“ „Es geziemt ſich nicht für einen billigen Mann, ſich zum Richter und zur Partei in ſeiner eigenen Sache zu machen! es geziemt ſich nicht für einen Romanen⸗ dichter, der die Gefühle ſo gut malt, keinem Gefühle Gehör zu geben! laſſen Sie mich ſprechen.“ „Sprechen Sie, da Sie durchaus darauf dringen.“ „Mein Herr, wenn Ihre Tochter einige Neigung für mich hat, wollen Sie ſie unglücklich machen? Ich ſage nichts von mir... indeſſen bin ich vielleicht wohl werth, daß man von mir ſpricht.“ „Ah! ja,“ rief Rétif über dieſes Wort herfallend, — ein Vorwand, auf den er wartete;„ah! ja, Sie ſind werth... Sie ſind werth... doch Gott weiß, ob es nicht vielleicht gerade das iſt, was ich Ihnen vor⸗ werfe! Sagen wir es, Sie ſind zu viel werth.“ „Ich beſchwöre Sie, keine Jronie.“ „Ei! ich bin nicht ironiſch, mein lieber Herr. Sie kennen meine Bedingungen, mein Ultimatum, wie man in der Politik ſagt.“ —0) ——, c——— ch d le zu n⸗ le ie 13 „Wiederholen Sie mir daſſelbe,“ rief der junge Mann ganz in Traurigkeit verſunken. „Ein Arbeiter, ein Kaufmann werden die einzigen Freier ſein, die ich für meine Tochter annehme.“ „Da ich Arbeiter bin...“ ſagte ſchüchtern Chriſtian. Rétif erhob aber die Stimme und ſprach: „Ein Arbeiter? ein Kaufmann? ſchauen Sie Ihre Hände an und laſſen Sie ſich Gerechtigkeit wider⸗ fahren!“ Bei dieſen Worten drapirte ſich Rétif mit einer majeſtätiſchen Geberde in ſeinen ſchlechten Ueberrock, und grüßte den jungen Mann mit einer Miene, welche weder eine Beſtreitung, noch eine Erwiederung zuließ. XXIV. Wie der Verdacht von Rétif auf eine traurige Art beſtätigt wird. Beinahe weggejagt durch den vom Kaiſer Pertinar abſtammenden Demokraten, ging Chriſtian an dem Tiſche vorüber, auf welchen ſich in dem Augenblicke, wo ihr Vater und ihr Geliebter verſchwunden waren, die troſtloſe Ingénue, zitternd und mit pochendem Herzen, mit den Ellenbogen geſtützt hatte. Chriſtian zitterte nicht weniger, als diejenige, welche er liebte. „Gott befohlen, Mademoiſelle!“ ſagte er,„leben Sie wohl! da Ihr Herr Vater der grauſamſte und ſtörrigſte Menſch iſt.“ 14 Ingönue ſtand ſo raſch auf, als ob eine Feder ſie emporgehoben hätte, und ſchaute ihren Vater mit lebhaften, klaren Augen an, welche, wenn nicht eine Herausforderung, doch wenigſtens die nachdrücklichſte Proteſtation enthielten. Rétif ſchüttelte ſeine Schultern, als wollte er den Sturm verjagen, der ſich auf ihn niederſenkte, führte Chriſtian bis auf den Ruheplatz, grüßte ihn höflich, und ſchloß die Thüre wieder hinter dem jungen Manne nicht nur mit dem Schlüſſel, ſondern auch mit den Riegeln. Dann kehrte er zurück, und er fand Ingénue an demſelben Orte, wo er ſie gelaſſen hatte, ſtehend, aufrecht und unbeweglich vor dem Lichte; ſie richtete kein Wort an ihn. Retif fühlte ſich ſichtbar unbehaglich; es koſtete ihn Ueberwindung, Ingénue entgegen zu ſein; doch es hätte ihn noch viel mehr gekoſtet, auf ſeine Vor⸗ urtheile zu verzichten. „Du biſt mir böſe?“ ſagte er nach einem kurzen Stillſchweigen. „Nein,“ antwortete Ingénue,„ich habe nicht das Recht hiezu.“ „Wie, Du haſt nicht das Recht hiezu?“ „Sie ſind nicht mein Vater?“ Ingénue begleitete dieſe Worte mit einem faſt bitteren Ausdrucke und einem faſt ironiſchen Lächeln. Rétif ſchauerte: es war das erſte Mal, daß er bei Ingénue einen ſolchen Ausdruck und ein ſolches Lächeln fand. Er trat ans Fenſter, öffnete es und ſah langſam ———— e„———„— —— ſt er 8 15 und mit geſenktem Kopfe, nachdem er die Hausthüre wieder geſchloſſen, den jungen Mann weggehen. Alle Bewegungen von Chriſtian offenbarten die heftigſte Verzweiflung. Einen Augenblick kam Rétif die Idee, wenn er ſich getäuſcht hätte, und wenn der junge Mann, deſſen Verbindung er ausgeſchlagen, wirklich ein Arbeiter wäre; aber er dachte noch einmal an die elegante Sprache, an die weißen Hände, an den ſeiner ganzen Perſon entſtrömenden ariſtokratiſchen Wohlgeruch. Ein ſolcher Liebhaber konnte kein Ciſeleur ſein, wenn es nicht etwa ein Ciſeleur war wie der Ascanio von Benvenuto Cellini; das war vielmehr ein Edelmann. In jedem Falle liebte dieſer Edelmann Ingénue ſichtbar dergeſtalt, daß er ſie durch einen gewaltſamen Verſuch in ſeinen Beſitz zu bekommen trachten oder ſein Leben durch einen Streich der Verzweiflung opfern würde. Welche Vorwürfe hätte er ſich zu machen, wenn die Dinge dahin kämen!— abgeſehen von den Ge⸗ fahren, die er, ſicherlich der Rache einer Familie in Trauer ausgeſetzt, lief. Welche Gewiſſensbiſſe für ein empfindſames Herz, für eine philanthropiſche Seele, für einen Freund von Herrn Mercier, das empfindſamſte Herz und die philanthropiſchſte Seele, die es ſeit Jean Jacques Rouſſeau gegeben! Was würde man ſagen, denken von einem Ro⸗ manendichter, welcher fähig eines ſolchen Mißbrauchs der väterlichen Gewalt?. Röétif wollte wenigſtens ins Reine kommen hin⸗ ſichtlich der Idee, Chriſtian könnte ein Arbeiter ſein, 16 eine Idee, die ihn ſeltſam quälte,— denn, ſagen wir es zum Lobe unſeres Romanendichters, die von uns erwähnte Furcht vor der Gefahr, die er von Seiten einer beleidigten oder verzweifelten Familie laufen könnte, war nur ſecundär. Einen raſchen Entſchluß faſſend, nahm dem zu Folge Rétif ſeinen Hut und ſeinen Stock, den er in eine Ecke geſtellt hatte, und lief haſtig nach der Treppe. Ingénue, mochte ſie nun begriffen haben, was im Geiſte ihres Vaters vorging, mochte ihr Herz ohne Golle unfähig ſein, einen Groll zu hegen, Ingénue lächelte Rétif zu. Durch dieſes Lächeln ermuthigt, ſtürzte Rötif mit der Behendigkeit eines fünfzehnjährigen Läufers die Stufen hinab. Er verſicherte ſich zuerſt, daß ihn Chriſtian weder geſehen, noch gehört hatte, und eilte ihm dann den Mauern folgend nach,— bereit, anzuhalten und ſich unſichtbar zu machen, ſollte der junge Mann den Kopf umdrehen. Die Nacht war finſter, und es herrſchte eine tiefe Einſamkeit: dieſe zwei Umſtände begünſtigten den Plan von Rötif. Ueberdies ging der junge Mann ſeines Weges ohne ein einziges Mal nach der Seite der Rue des Bernardins zu ſchauen, obſchon er in dieſer Straße ſein Leben ließ. Rétif folgte ihm in einer Entfernung von unge⸗ fähr fünfzig Schritten; er ſah ihn auf den Pont Saint⸗Michel münden, ſich der Bruſtmauer nähern und einen Augenblick auf dieſe ſteigen. Immer in ſeinen Fußſtapfen, wollte der Greis ſchr was Aug Pla hörl ein Mät bela von lief Rich Scht „un Edel ſohn in ur hin man Geſe was Nach leber rühr die ſ mit Star Du tif rs er en nd nn efe en es es ße ge⸗ ont ern S. w e 17 ſhreien, um ihn zu verhindern, daß er ſich ertränke, was er für ſeine Abſicht hielt; doch gerade in dieſem Augenblicke machte ſich das Geſchrei, das von der Place Dauphine kam, mit zunehmender Heftigkeit hörbar, und mitten unter dieſem Geſchrei erſcholl ein entſetzliches Krachen. Dieſer doppelte Lärm machte zugleich die zwei Männer ſchauern, von denen der Eine den Andern belauerte, und änderte ohne Zweifel den Entſchluß von demjenigen, welcher ſich ertränken wollte. Chriſtian trennte ſich von der Bruſtmauer und lief mit einer wunderbaren Geſchwindigkeit in der Richtung der Place Dauphine fort, das heißt den Schüſſen entgegen. „Er hat ſeinen Entſchluß geändert,“ dachte Rétif, „und er ſucht einen Schuß; das iſt entſchieden ein Edelmann: das Ertränken widerſtrebte ihm.“ Hienach lief Rétif ſeinem vermeinten Schwieger⸗ ſohne nach; dieſer ſchoß wie ein Pfeil zwiſchen den in umgekehrter Richtung herbeikommenden Flüchtlingen hin und mitten durch die ſehr belebten Gruppen, welche man dahin und dorthin, unter tauſendfachem wildem Beſchrei, Flinten und Säbel ſchwingend, laufen ſah. Es iſt in der That Zeit, dem Leſer zu ſagen, was nach der erſten von den Herren Soldaten der Nachtwache abgefeuerten Salve geſchah. Wüthend, daß die Eifrigſten von ihnen todt oder lebendig zu Boden geſtreckt waren, drangen die Auf⸗ rührer, da ſie die Reiter ein wenig durch die Charge die ſie gemacht, verzettelt ſahen, muthig auf dieſe mit Steinwürfen und mit Streichen mit eiſernen 1 3 2. Stangen, Hämmern und Stöcken ein. Dumas, Ingénue. II. 2 18 Es iſt höchſt intereſſant und ſeltſam zu ſehen, wie bei einem Aufruhre Alles Waffe wird, und zwar tödtliche Waffe. Der Kampf entſpann ſich alſo Leib an Leib, ein erſchrecklicher Kampf, der einer großen Anzahl Reiter das Leben koſtete, denn man muß es ſagen, laut ſagen zum Lobe des Volkes von 1789, das man oft mit dem Pöbel von 1793 verwechſelt hat, dieſes Volk ſchlug ſich bei den erſten Aufſtänden der Revo⸗ lution muthig und loyal, obſchon es ſich mit ungleichen Waffen ſchlug. Indem ſie ſich der Piſtolen, der Carabiner, der Säbel der Beſiegten, der Verwundeten und der Todten bemächtigten, gelang es den Aufrührern, die Nachtwache in die Flucht zu ſchlagen, und ſtolz auf dieſen erſten günſtigen Erfolg, ſchritten ſie ſogleich zum Angriffe eines Poſtens der Soldaten der Nachtwache zu Fuße, welche während des Kampfes ihre Kameraden nicht vertheidigt hatten, indeß es ihnen doch ſo leicht geweſen wäre, die Menge zwiſchen zwei Feuern zu überfallen und in wenigen Augenblicken zu zerſtreuen, da ſie bei der Statue von Heinrich IV. poſtirt waren, und der Commandant Dubois den Aufruhr gegen ſie von der Tiefe der Place Dauphine hintrieb. Nach dem Siege fiel auch das Volk, das ohne Zweifel dieſe Unthätigkeit für Schwäche hielt, über dieſen Poſten her, und genöthigt, ſich nun ſeinerſeits zu vertheidigen, vertheidigte ſich derſelbe ſchlecht, ließ ſeine Gewehre im Stiche, und ſuchte ſein Heil in der Flucht, die den Tod der Mehrzahl herbei⸗ führte. In den erſten Augenblicken des Zorns, der Be⸗ rauf Sie bren ange räche das den ( der la B e die S ſo w jenig derge war Sain Echo ſtian G aus, deſſen leucht tiges D Brant D Dach ſank, hörbar 19 rauſchung oder der Begeiſterung, welche auf ſeine Siege folgen, reißt das Volk nieder oder es ver⸗ brennt; da es ſich nicht für das Böſe, was man ihm angethan, durch Erwiederung an lebenden Geſchöpfen rächen will, ſo rächt es ſich an lebloſen Gegenſtänden: das gewährt ihm dieſelbe Befriedigung und thut nur den Steinen und dem Holze weh. Gerade in dieſem Momente des Triumphes und der Volksberauſchung kamen Chriſtian und Rétif de la Bretonne beim Orte der Scene an. Doch der Rauſch fing an ſich zu zerſtreuen. Die in Eile abgeſchickten Detachements empfingen die Sieger auf dem Gröve⸗Platze mit einem ſo kräftigen, ſo wohlgenährten Feuer, daß das Drittel von den⸗ jenigen, welche dieſen Weg genommen hatten, nie⸗ dergemäht wurde! Dieſes letzte Kleingewehrfeuer war das, welches Chriſtian und Rétif vom Pont Saint⸗Michel aus gehört hatten, und welches das Echo zur Place Dauphine zurückſandte, wohin Chri⸗ ſtian ſo raſch lief. Er mündete durch den Quai des Morfondus aus, gegenüber von dem Poſten, der brannte, und deſſen Brand den ganzen Fluß bis zum Louvre er⸗ leuchtete, was ein zugleich erſchreckliches und präch⸗ tiges Schauſpiel bot. Doch in dieſem angezündeten Poſten hatten die Brandſtifter die Flinten der Soldaten vergeſſen. Dieſe Flinten waren aber geladen. Es geſchah alſo in dem Momente, wo das Dach des kleinen Gebäudes, wie ein Krater, ein⸗ ſank, daß ein Praſſeln ſich plötzlich in dem Ofen hörbar machte, daß man einen zwanzigfachen Knall 20 vernahm, daß acht bis zehn Schreie hierauf antwor⸗ teten, und daß auch diesmal vier bis fünf Perſonen ſich blutend auf das Pflaſter niederlegten. Die in dem Poſten vergeſſenen Gewehre der Nachtwache waren, erhitzt, losgegangen und hatten in der Menge der Triumphatoren acht bis zehn Perſonen getroffen und mehr oder minder ſchwer verwundet. Hievon die Schreie, die man vernahm, hievon die Verwundeten, welche ſich blutig auf dem Pflaſter wälzten. Der Erſte, der fiel, war Chriſtian: eine Kugel hatte ihn in den Schenkel getroffen. Rétif hätte dieſen Fall nicht begriffen, ohne den unglaublichen Eifer, mit dem die Menge die Ver⸗ wundeten aufhob, ſie pflegte und beklagte. Die Menge wurde zu dieſem guten Werke an⸗ geregt durch einen Mann von coloſſalen Formen, mit ausdrucksvollem Geſichte, deſſen Häßlichkeit ver⸗ ſchwand, um einen großartigen Charakter unter der Gemüthsbewegung, die ſich ſeiner bemächtigt, und unter den Refleren des Brandes, die ſeine Züge färbten, anzunehmen. Dieſer Mann eilte von einer Seite herbei, um Chriſtian beizuſtehen, während von der andern Rétif hinzulief, um ihn zu unterſtützen. Beide, da ſie ihm am nächſten waren, empfingen ſeine erſten Worte. Man beeiferte ſich um ihn, man fragte ihn nach ſeinem Namen und ſeiner Wohnung. Halb ohnmächtig, dem Schmerze unterliegend, bemerkte er nicht, daß unter der Zahl derjenigen, wel war des dem gan zuſe unt Do den ſein er: zu Chi gén fra mit mä ang von wer thu der Art gar bre dief zuſt ntwor⸗ rſonen e der hatten zehn ſchwer ieon flaſter eine e den Ver⸗ e an⸗ rmen, t ver⸗ r der und Züge „um Röétif ingen tnach gend, tigen, 21¹ welche ihm Hülfe leiſteten, Rétif de la Bretonne war. „Ich heiße Chriſtian,“ ſagte er;„ich bin Page des Grafen von Artvis.... Tragen Sie mich nach dem Marſtalle, wo ein Wundarzt ſein muß.“ Rétif gab einen Ausruf von ſich, der, bei ſeinem ganzen Schmerze, den Triumph ſeines Verdachtes zuſammenfaßte; und da es ſieben bis acht Perſonen unternommen hatten, den Verwundeten nach ſeinem Domicil zu tragen, da er ihn wohl gepflegt von denjenigen, welche ihn umgaben, wohl lebend trotz ſeiner Wunde ſah; da der Mann, in deſſen Arme er zugleich wie in die ſeinigen gefallen war, ihn nicht zu verlaſſen verſprach, bis er in den Händen des Chirurgen wäre, von dem der Verwundete ſagte, — ſo kehrte Rétif mit langſamen Schritten zu In⸗ génue oder vielmehr zu ſich zurück, indem er ſich fragte, ob er dieſe traurige Kunde dem Mädchen mittheilen ſollte, oder ob es nicht beſſer wäre, all⸗ mälig in das Vergeſſen der Abweſenheit dieſe übel angekommene Leidenſchaft fallen zu laſſen,— eine Art von Kunſtſtück, das immer den Familienvätern glückt, wenn ſie es zu ihrem Glücke mit Liebſchaften zu thun haben, welche mit Eigenliebe gefüttert ſind. Verlaſſen wir nun einen Augenblick Chriſtian, der ſich unter gutem Geleite nach dem Marſtalle von Artois begibt, und Rétif de la Bretonne, welcher ganz allein nach ſeinem Hauſe zurückkehrt, um mit breiten Strichen die kaum ſtizzirten Conturen von dieſem erſten Gemälde unſerer Bürgerkriege feſt⸗ zuſtellen. Von den Behörden mit ſchwachen Mitteln und 22 dem Vertrauen einer beſtändigen Superiorität ange⸗ fangen, wurde der Kampf noch ein paar Stunden durch die im Athem erhaltene Verzweiflung des Muthes fortgeſetzt. Er fing ſodann am andern Tage wieder an und dauerte bis zum dritten Tage. Doch die Gewalt blieb am Ende den Truppen des Königs. Das größte Unglück für die in Auf⸗ rührer verwandelten Charivariſten war der Angriff auf das Hotel des Ritters vor der Wache, in der Rue Meslay,— ein Angriff mit Flintenſchüſſen von den Truppen empfangen, welche, die Rebellen zwi⸗ ſchen zwei Feuern bedrängend, ſich dieſelben einander gegen ihre Bajonnete zuſendend, eine Schlächterei unter den Empörern und den Neugierigen anrichteten, die die ganze Straße mit Blut färbte. Wonach die Rebellion aufhörte; doch die Revolu⸗ tion hatte angefangen. XXV. Der Verſucher. Am andern Tage, nach all dieſem Schießen und Erſchießen, das ein ſo trauriges Reſultat für unſeren jungen Pagen und für die gleichſam kaum angelegte Liebſchaft von Ingénue gehabt hatte, trat der Menſch, den wir an der Mauerecke des Hauſes von Rétif de la Bretonne verborgen geſehen haben, beim hellen Sonnenſcheine in dieſes Haus ein. Dieſer Menſch, der hier wie jene geheimnißvollen Perſonen erſchien, welche am Ende eines zweiten Acte mas fün Livr ein Jah übe ſo einr erhi mit zeick der der erhe Ma ein Ga füh gen gele ein ſo! ihre Fre zu Th ange⸗ inden uthes und ppen Auf⸗ griff der von zwi⸗ nder erei ten, olu⸗ 23 Actes eintreten, um den Gang des begonnenen Dra⸗ mas zu verändern, war ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, eine Art von Lackei ohne Livree, ein flaches Geſicht mit frecher Miene, ein Ueberreſt von den großen Lackeien des vorigen Jahrhunderts, welche in das folgende Jahrhundert übergetreten waren, deren Race aber, nachdem ſie ſo ſehr geglänzt, zu erlöſchen anfing und nicht einmal mehr die Ehrenbezeugungen des Galgens erhielt. Er war bekleidet mit einem ſchwarzgrauen Rocke, mit einem von den Röcken, welche keinen Stand be⸗ zeichnen. Er ſchien ein Bürger zu ſein, ein Huiſſier, der am Sonntag ausgeht, oder ein Notarsſchreiber, der eine Einladung zu einer Hochzeit ſucht. Ingénue, die immer Nachricht von Chriſtian zu erhalten erwartete, ſchaute am Fenſter, als dieſer Mann, nachdem er ihr von unten einen Gruß und ein Lächeln zugeſandt, die Schwelle des dunklen Ganges überſchritt, der zu der gekrümmten Treppe führte, mittelſt welcher man ſechzig Stufen erſtei⸗ gend zu der Wohnung von Rétif de la Bretonne gelangte. So ſehr ſie Anfangs erſtaunt war, daß ſie von einem Manne gegrüßt wurde, den ſie nicht kannte, ſo vermuthete Ingénue doch, dieſer Mann komme zu ihrem Vater, und bedenkend, es ſei ein unbekannter Freund des Urhebers ihrer Tage, ſchickte ſie ſich an, zu öffnen, im Falle, daß man klopfen ſollte. Man klopfte. Ingénue öffnete ohne irgend ein Mißtrauen die Thüre. 24 „Herr Rétif de la Bretonne?“ fragte der Un⸗ bekannte. „Er wohnt hier, mein Herr,“ antwortete das Mädchen. „Ich weiß das, Mademoiſelle,“ ſagte der Mann mit dem ſchwarzgrauen Rocke;„nur wollen Sie mir ſagen, ob ich ihn in dieſem Augenblicke ſprechen könnte.“ „Ich bezweifle es, mein Herr, mein Vater com⸗ ponirt, und er liebt es nicht, in ſeiner Arbeit geſtört zu werden.“ „Ich würde es in der That bedauern, ihn zu ſtören;— und dennoch, Mademoiſelle, iſt das, was ich ihm mitzutheilen hätte, von der größten Wich⸗ tigkeit.“ Und ſo ſprechend, ſchob der Fremde Ingénue ſachte vor ſich hin; er drang ins erſte Zimmer ein und offenbarte ſeine Abſicht, ſich nicht der erſten Weigerung zu ergeben, dadurch, daß er ſeinen Hut auf den Tiſch legte und ſeinen Stock in eine Ecke ſtellte. Wonach er, einen Lehnſtuhl erblickend, ſich in dieſen niederließ, ſein Schnupftuch aus der Taſche zog, zum Zeichen der Befriedigung ein ah! ausſtieß und ſeine Stirne mit ſeinem Schnupftuche abwiſchte, wie ein Menſch, deſſen Geſicht andeutet:„Wiſſen Sie, Mademoiſelle, daß Sie ſehr hoch wohnen?“ Ingénue folgte mit den Augen dem Fremden, und ihre Augen drückten Erſtaunen aus. Sie hatte offenbar von ihrem Vater einen Befehl erhalten, der ſchon halb verletzt war. wi wi lel ann mir chen om⸗ tört zu vas nue ein ſten Hut cke in che ieß te, ſen en, tte er 25 Der zwangloſe Mann ſchien zu begrenen„was im Geiſte von Ingénue vorging. „In der That, Mademoiſelle,“ ſprach er,„was ich Herrn Rétif de la Bretonne zu ſagen hatte, kann ich auch wohl en ſagen.“ „Dann ſagen Sie es, mein Herr, denn ich würde lieber, wenn das möglich wäre, meinen Vater nicht ſören⸗ „Ja, ja,“ fuhr der Mann mit einem Blicke fort, der, ohne daß ſie wußte, warum, Ingénue die Augen niederſchlagen machte,„ja, es iſt ſogar beſſer, wenn ich ſo verfahre; denn am Ende läßt ſich die Angelegenheit, die mich hieher führt, unter uns Beiden in Ordnung bringen, und Ihr Vater hat ſtreng genommen nichts darein zu ſehen.“ „Wovon iſt denn aber die Rede?“ erkundigte ſich ſchüchtern Ingénue. „Ei! von Ihnen, Mudemoiſel le.“ „Von mir?“ rief Ingénue mit Verwunderung. „Allerdings; Sie ſind wohl hübſ ch geng hiezu, wie mir ſcheint.“ S Ingénue erröthete. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagt ſie,„ich wünſchte zu wiſſen, mit wem ich zu Iprhen die Ehre habe.“ „Oh! Mademviſelle, mein Name wird Sie nichts lehren, denn Sie kennen ihn ſicherlich nicht.“ „Gleichviel, mein Herr.“ „Auger, Mademoiſelle.“ Ingénue grüßte den Kopf ſchüttelnd. Der Name Auger hatte ſie wirklich nichts gelehrt. Doch es war an dem Mädchen eine ſolche Miene * 26 der Unſchuld, daß, ſo wenig er empfänglich für ſolche Mienen zu ſein ſchien, der Unbekannte Ingénue fortwährend anſchaute, ohne etwas zu ſagen. Dieſes Stillſchweigen war ſeltſam, denn man ſah wohl, daß der Unbekannte etwas zu ſagen hatte, daß das, was er zu ſagen hatte, bis an den Rand ſeiner Lippen kam, und daß er dennoch nicht zu ſprechen wagte. „Ich höre,“ bemerkte Ingénue. Eiles iſt „Sie zögern?“ Derjenige, welcher ſich den Namen Auger gege⸗ ben hatte, ſtreckte die Hand gegen Ingénue aus, und dieſe machte einen Schritt rückwärts. „Ei! es iſt ſo ſchwer zu ſagen,“ ſprach er. Ingénue erröthete abermals. Dieſe Röthe ſchien eine Schranke zu ſein, welche die Worte des Fremden nicht zu überſteigen wagten. „Bei meiner Treue!“ ſagte er,„ich will lieber mit Ihrem Vater reden, als mit Ihnen, Made⸗ moiſelle.“ Ingénue ſah ein, daß es nur dieſes Mittel gab, ſich des Unbekannten zu entledigen, und auf die Gefahr, was ihr Vater auch ſagen dürfte, ſprach ſie: „So warten Sie, mein Herr, ich will meinen Vater benachrichten.“ Und ſie trat beim Romanendichter ein. Rötif de la Bretonne war im Begriffe, ſeine Pariſer Nächte zu veröffentlichen, und an dieſem Werke arbeitete er. Er war an ſeinem Tiſche, ein Heft lag im Be⸗ reiche ſeiner Hand, und er ſetzte nach ſeiner Ge⸗ wohnheit, ſtatt zu ſchreiben. M ſich gr er ſei er, bri Si wů inn ein die Th che en. er de⸗ b, die 27 Die Details des Buches machten ihn mit einer Miene der Selbſtzufriedenheit lächeln; man konnte ſich hierin nicht täuſchen. Rétif war ein großer Arbeiter, und wie alle große Arbeiter, wenn man ſie zu oft ſtört, machte er gewaltigen Lärmen über dieſe Störung; war aber ſeine Thüre ein paar Stunden nicht geöffnet worden, ſo haßte er es nicht, geſtört zu werden, obgleich er, um den Schein zu wahren, immer ein wenig brummte. „Mein Vater, entſchuldigen Sie mich,“ ſagte Ingénue,„es iſt ein Fremder da, Herr Auger, der Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu ſprechen wünſcht.“ „Herr Auger?“ verſetzte Rétif, in ſeinen Er⸗ innerungen ſuchend;„ich kenne ihn nicht.“ „Nun wohl, mein lieber Herr, wir werden Bekanntſchaft machen,“ ſprach eine Stimme hinter Ingénue. Rétif de la Bretonne wandte ſich gegen den Punkt, von dem die Stimme kam, und erblickte einen Kopf, der ſich hinter der Schulter ſeiner Toch⸗ ter erhob. ah!“ rief der Romanendichter,„was gibt „Mein Herr,“ erwiederte Auger,„würden Sie wohl die Güte haben, mich allein zu hören?“ Rétif de la Bretonne entließ ſeine Tochter mit einem Blicke; Auger folgte ihr mit den Augen, bis die Thüre hinter ihr geſchloſſen war, und als die Thüre geſchloſſen, athmete er wieder. „Ah! bei meiner Treue!“ ſagte er,„nun fühle 28 ich mich freier! Die unſchuldige Miene dieſer reizen⸗ den Perſon verwandelte mir das Wort auf den Lippen in Eis.“ „Und warum dies, mein Herr?“ fragte Rétif mit einer Art von Erſtaunen, das während des ganzen Verlaufes der Unterredung zunehmen ſollte. „Ei!“ erwiederte der Unbekannte,„wegen der Frage, die ich an Sie zu richten habe, mein lieber Herr.“ „Und was für eine Frage iſt dies?“ „Gehört Mademoiſelle wohl ganz ſich?“ „Wie verſtehen Sie das?“ fragte Rétif erſtaunt. „Ganz ſich! Ich begreife Sie nicht.“ „Dann will ich mich begreiflich machen.“ „Sie werden mir einen Gefallen thun.“ „Ich gab mir die Ehre, Sie zu fragen, mein Herr, ob Mademviſelle Ingénue keinen Mann habe.“ „Nein, gewiß nicht.“ „Auch keinen Liebhaber?“ „Ah! mein Herr!“ rief Rétif, indem er ſich um mehrere Zoll emporſtreckte. „Ja, ich begreife,“ ſagte Auger mit einer er⸗ ſchrecklichen Dreiſtigkeit,„von Anfang ſcheint die Frage indiscret, und dennoch iſt ſie es nicht.“ „Ah! Sie glauben?“ „Sicherlich, denn Sie wünſchen, daß Ihre Toch⸗ ter reich und glücklich ſein möge?“ „Allerdings; das iſt der Wunſch jedes Vaters, der eine Tochter vom Alter der meinigen hat.“ „Nun wohl, mein Herr, Mademoiſelle Ingénue würde ihres Glückes verfehlen, wäre ſie nicht frei.“ Rétif dachte, der Mann mit dem ſchwarzgrauen ei bi m 99 zen⸗ Rocke wolle ihn um die Hand ſeiner Tochter bitten, pen und er maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. „Ho! ho!“ murmelte er,„Anträge?“ étif„Nun wohl, ja, mein Herr, Anträge,“ erwiederte des Auger.„Was gedenken Sie aus der jungen Per⸗ Ute. ſon zu machen?“ der„Eine ehrliche Frau, wie ich ein ehrliches Mäd⸗ ber chen aus ihr gemacht habe.“ „Ja, das heißt ſie an einen Mechaniker, an einen Künſtler, an einen armen Teufel von Dichter oder Zeitungsſchreiber verheirathen.“ unt.„Nun wohl... was dann?“ „Was dann?.. Ich denke, man mußte Ihnen ſchon eine gute Zahl Anträge dieſer Art machen.“ „Geſtern erſt machte man mir einen, und zwar tein einen höchſt ehrenvollen.“ „Ich hoffe, Sie haben ihn ausgeſchlagen?“ „Und, ich bitte, warum hoffen Sie das?“ „Ei! weil ich Ihnen heute etwas Beſſeres anzu⸗ um bieten habe.“ „Etwas Beſſeres! Sie wiſſen ja nicht, was man er⸗ mir angeboten.“ die„Gleichviel.“ „Doch „Ich brauche es nicht zu wiſſen, weil ich einer och⸗ Sache ſicher bin.“ „Welcher Sache?“ ers,„Daß ich Ihnen heute, wie geſagt, etwas Beſſe⸗ res anbiete, als man Ihnen geſtern angeboten hat.“ nue„Ah! ah!“ dachte Rétif.„Ingénue geht im Auf⸗ ei.“ ſtreiche. Gut!“ men„Ueberdies weiß ich, oder vielmehr errathe ich..“ 30 Wer der Freier war?“ Tre „Ein kleiner junger Mann!“ ma „Ja.“ „Ohne einen Sou!“ anſ „Ich weiß es nicht.“ „Ohne Stand!“ lich „Verzeihen Sie, er nannte ſich Ciſeleur.“ ner „Sehen Sie, er nannte ſich...“ Si „Ja, mein Herr, denn in Wirklichkeit war er Pr Edelmann.“ „Edelmann?“ „Ja, mein Herr, Edelmann!“ ein „Nun wohl, ich, ich biete Ihnen etwas Beſſeres Dr an als dies, Herr Rötif.“ „Gut!“ „Ich biete Ihnen einen Prinzen an.“ we „Um meine Tochter zu heirathen?“ ſas „Bei meiner Treue! ja.“ we „Sie ſcherzen?“ „Nicht im Geringſten.“ Ih „Einen Prinzen?“ gel „Ganz einfach; man kann das nehmen, man kann es laſſen.“ ſch Der Zweifel fing an ſich des Herzens von Rétif zu bemächtigen, während ihm inſtinctartig die Röthe nic zu Geſichte ſtieg. wo „Um zu heirathen, ſagen Sie?“ wiederholte er mit einer mißtrauiſchen Miene.. nie „Um zu heirathen.“ mi „Ein Prinz würde ein armes Mädchen heirathen?“ „Ah! ich ſage nicht, er werde ſie in Notre⸗Dame S heirathen,“ erwiederte frecher Weiſe Auger, den die m if he er ie ie 3¹ Treuherzigkeit und die Langmuth von Rétif kühn machten. „Nun, mein Herr,“ fragte Rétif, Auger ſtarr anſchauend,„wo wird er ſie denn heirathen?“ „Hören Sie,“ ſprach Auger, indem er vertrau⸗ lich ſeine breite Hand auf die Schulter des Roma⸗ nendichters legte,„genug der Scherze, und laſſen Sie uns die Frage offen in Angriff nehmen: der Prinz hat Ihre Tochter geſehen, und er liebt ſie.“ „Welcher Prinz?“ fragte Rétif mit eiſigem Tone. „Welcher Prinz? welcher Prinz?“ verſetzte Auger, ein wenig aus der Faſſung gebracht trotz ſeiner Dreiſtigkeit.„Bei Gott! ein ſehr großer Prinz, un⸗ geheuer reich! Ein Prinz!“ „Mein Herr,“ ſprach der Romanendichter,„ich weiß nicht, was Sie mir mit all Ihrem Lächeln ſagen wollen, doch es verſpricht mir zu viel oder zu wenig.“ „Laſſen Sie mich vor Allem ſagen, was es Ihnen verſpricht, Herr Rétif: Geld, viel Geld, un⸗ geheuer viel Geld!“ Rötif ſchloß die Augen mit einem Ausdrucke ſo ſcharf bezeichneten Ekels, daß Auger raſch beifügte: „Geld! man ſollte glauben, es ſei Ihnen ſo we⸗ nig in die Hände gekommen, daß Sie nicht wiſſen, was das iſt, Herr Rötif.“ „Wahrhaftig, mein Herr,“ ſprach Rétif,„ich weiß nicht, ob ich ſchlafe oder wache; wache ich, ſo ſcheint mir, ich bin ſehr gut, daß ich Sie anhöre.“ „Hören Sie mich immerhin an, mein Herr, und Sie werden nicht dabei verlieren, denn Sie werden meine Definition des Geldes vernehmen.. Ah! 32 Sie, der Sie ſich bemühen, Ihre Phraſen folgerecht zu ſetzen, wägen Sie ein wenig dieſe Sätze nach ihrem Werthe ab. Das Geld, mein lieber Herr Retif. „Mein Herr... „Ah! nun unterbrechen Sie mich beim Anfange meiner Definition.“ Rétif ſchaute umher, ob Niemand da ſei, der ihm Auger nach der Thüre treiben helfen könnte; doch er war allein, und allein war er nicht ſtark genug, um mit einem ſo kräftigen jungen Manne, wie es Auger war, fertig zu werden. Er faßte alſo Geduld. Ueberdies fand er in ſeiner Eigenſchaft als Be⸗ obachter, als ſocialer Schriftſteller, als Sittenmaler das Geſpräch nicht ohne Intereſſe für ihn, und er wollte wiſſen, was noch an prinzlichen Unverſchämt⸗ heiten unter dieſer neuen Geſellſchaft blieb, welche die Philoſophie affectirte und nach der Freiheit trachtete. Auger, der nicht errathen konnte, was wirklich im Herzen von Rétif vorging, und der überdies, da er die Menſchen faſt immer verächtlich gefunden, ſich daran gewöhnt hatte, dieſelben zu verachten, Auger fuhr fort: „Das Geld, mein lieber Herr Rötif, iſt eine Wohnung in einem anderen Hauſe als dieſes, in einer anderen Straße als dieſe; es iſt ein Mobiliar in dieſer Wohnung, und unter Mobiliar, das be⸗ greifen Sie wohl, verſtehe ich nichts Ihren wurm⸗ ſtichigen Tiſchen und Ihren hinkenden Stühlen Aehn⸗ liches; nein, unter Mobiliar verſtehe ich Fauteuils ht ch rr e⸗ ler nt⸗ che eit ich ich er ine iar be⸗ m⸗ hn⸗ ils 33 mit gutem Utrechter Sammet, Meubles von Roſen⸗ holz, Vorhänge von brochirter Seide, einen Teppich für den Winter, gut gewichſte Parquets für den Sommer.. laſſen Sie mich ſprechen, alle Teufel! einen Kammerdiener, um die Parquets zu wichſen und Decken vor die Fauteuils zu legen; auf dem Kamin eine gute Uhr von Boule oder von vergol⸗ detem Bronze; Buffets mit Porzellanen und Silber⸗ zeug darauf; Keller mit Burgunderweinen für die Tage, wo Sie nichts arbeiten werden, und mit Bor⸗ deauxwein für die Tage, wo Sie arbeiten werden.“ „Mein Herr! mein Herr!“ rief Rétif, der ſich zu betäuben anfing. „Laſſen Sie mich doch vollenden, alle Teufel! Unter einem Mobiliar verſtehe ich eine gute Bib⸗ liothek, nicht von Scharteken, wie die, welche ich dort auf ungehobelten und von Ihnen ſelbſt angenagelten Brettern ſehe, ſondern ſchöne, gute Bücher oder viel— mehr abſcheuliche Bücher,— denn das ſind diejeni⸗ gen, welche Sie lieben, meine Herren Romanenſchrei⸗ ber, meine Herren Dichter, meine Herren Jvurna⸗ liſten!— Herr von Voltaire ſchön eingebunden, Jean⸗ Jacques Rouſſeau vergoldet, die Encyklopädie vollſtändig, tauſend Bände! In Ihrer Holzkammer ein ewiger Vorrath aus den königlichen Waldungen; in Ihrer Office unverſiegbare Lampen, unverbrenn⸗ bare Kerzen; in Ihrer Garderobe Alles paarweiſe, was Sie nie gehabt haben: ſo zwei Fräcke, zwei Ueberröcke, zwei Weſten, zwei Paar Hoſen, zwei ſeidene Bequemröcke für den Winter, zwei Schlaf⸗ röcke von Kattun für den Sommer, Spitzen, feine Hemden, ein ſpaniſches Rohr mit einem ciſelirten Dumas, Ingénue. I. 3 34 goldenen Knopfe, eine Toilette, die Sie um fünfzehn Jahre verjüngen und machen wird, daß die Frauen ſich umdrehen, wenn ſie Sie vorübergehen ſehen.“ „Die Frauen?“ „Jo, gerade wie als Sie fünfundzwanzig Jahre alt waren und jene ſchönen Spaziergänge eines ver⸗ liebten Hercules mit Mademviſelle Ginant und drei Anderen machten!... Ah! Sie ſehen, daß ich Ihre Bücher leſe, Herr Rétif de la Bretonne, obſchon ſie ſehr ſchlecht gedruckt ſind; wir wiſſen auch von Ihren Geſchichten, wir haben das Drama: die Braut ſtu⸗ dirt!— Nun wohl, Sie werden Alles bekommen, was ich Ihnen geſagt habe, Herr Rétif de la Bretonne; Sie werden ein Hotel, Meubles und Geld haben; Sie werden Alles das haben und noch mehr, oder ich will meinen Namen Auger verlieren!“ „Doch der Schluß von Alle dem?“ „Der Schluß von Alle dem iſt, daß der Prinz, indem er Ihre Tochter heirathet, ihr alle dieſe Dinge als Mitgift ausſetzt.“ „Ah! Sie ſpotten meiner,“ rief Rétif wüthend, indem er ſeine ſchwarze Sammetmütze auf ſeinen Kopf drückte,„oder Sie kommen im Ernſte und tragen mir unverſchämter Weiſe einen ehrloſen Han⸗ del an.“ „Ich trage Ihnen allerdings einen Handel an, mein lieber Herr Rétif, nur täuſchen Sie ſich im Beiworte: der Handel iſt nicht ehrlos, er iſt vortre f⸗ lich, vortrefflich für Sie, vortrefflich für Ihre Tochter.“ „Wiſſen Sie, mein Herr, daß das, was Sie mir da anbieten, einfach die Schande iſt?“ „Die Schande? ſind Sie verrückt?“ zehn ahre ver⸗ drei Ihre n ſie hren ſtu⸗ was nne; ben; oder rinz, inge en, inen und Han⸗ an, h im treff⸗ ter.“ Sie 35 „Ei! mir ſcheint...“ „Die Schande! Gut! Mademoiſelle Ingénue Rötif, Baſtardtochter, entehrt, weil ſie einen Prinzen geliebt hat! Bei meinem Worte, das begreife ich nicht! oder haben Sie im Ernſte die Genealogie genommen, durch die Sie ſich vom Kaiſer Pertinax abſtammen ließen?.. Iſt Odette von Champ⸗ divers entehrt geweſen? iſt Agnes Sorel entehrt ge— weſen? iſt Diana von Poitiers entehrt geweſen? iſt Marie Touchet entehrt geweſen? iſt Gabriele dEſtrées entehrt geweſen? iſt Fräulein de la Valliöre entehrt geweſen? ſind Frau von Monteſpan, Frau von Maintenon entehrt geweſen? und Frau von Parabére, Frau von Phalaris, Frau von Sabran, Frau von Mailly, Frau von Vintimille, Frau von Chateaurvux, Frau von Pompadour, iſt Alles dies entehrt gewe⸗ ſen? ſagen Sie mir! Ah! Sie ſind ein Narr mit Ihrer Vornehmthuerei, mein lieber Herr Rétif! Und bemerken Sie wohl, daß ich Ihnen einen herrlichen Theil mache, und daß ich nicht einmal annehme, Ihre Tochter könnte eine Frau von Fontanges ſein.“ „Ah!“ rief Rétif mit einem wachſenden Erſtau⸗ nen, es iſt alſo der König?“ „Beinahe.“ „Der Graf von Prov...“ „Keinen Eigennamen, lieber Herr Rétif! Es iſt Seine Hoheit der Prinz Geld! Was Teufels wollen Sie mehr wiſſen? Und wenn ein Prinz wie dieſer an eine Thüre klopft, mein lieber Rötif, ſo muß man meiner Anſicht nach dieſe Thüre mit beiden Flügeln öffnen!“ 36 „Oh!“ rief Rétif,„ich ſchlage es aus! ich will es nicht! eher Armuth und Elend!“ „Das iſt ſehr ſchön,“ erwiederte Auger ruhig, „doch Sie haben wahrhaftig ſchon mehr EFlend, als Sie ertragen können, lieber Herr! Sie ſetzen müh⸗ ſam Bücher, die nicht immer gut ſind; Sie verdienen wenig, Sie verdienen immer weniger, und je älter Sie werden, deſto weniger werden Sie verdienen; Sie tragen denſelben Ueberrock ſeit zwanzig Jahren! . ſagen Sie nicht nein, Sie haben das in Ihren Vierziger gedruckt; Mademoiſelle endlich, der ich eine halbe Million anbiete, hat faſt kein Kleid mehr, und wäre Herr Reveillon nicht in das Mittel ge⸗ treten, ſo hätte ſie gar keines mehr.“ „Mein Herr, mein Herr, ich bitte, bekümmern Sie ſich um das, was Sie angeht.“ „Das thue ich auch.“ „Wie, das thun Sie?“ „Ja, es geht mich an, daß Mademoiſelle Ingé⸗ nue, die ſo ſchön, auch elegant iſt, und Niemand, das „ erkläre ich Ihnen, wird das ſeidene Kleid ſo gut getragen haben, und vor einem kleinen Lackei wie ſie gegangen ſein.“ „Das iſt möglich; dennoch ſchlage ich es aus.“ „Wie albern!... Warum ſchlagen Sie es aus?“ „Erſtens, mein Herr, beleidigen Sie mich, und ich würde Ihnen dieſe Handvoll Lettern ins Geſicht werfen, fehlte es mir nicht an T... Doch ich will Ingénue rufen, und ſie wird Ihnen ſelbſt ant⸗ worten.“ „Thun Sie das nicht, das wäre noch alberner! Ru Ein hab gele übet will uhig, als müh⸗ ienen älter enen; hren! hren r ich nehr, l ge⸗ mern ngé⸗ „das t i wie 18.“ es und eſicht will ant⸗ rner! 37 Rufen Sie aber Mademoiſelle Ingénue, ſo wette ich Eines: daß ich Sie überrede.“ „Sie! Sie würden mein Kind verleiten?“ rief Rö6tif. „Warum des Teufels glauben Sie denn, daß ich mir die Mühe gegeben, hierher zu kommen?“ „Entſetzlich!“ rief der Romanendichter mit einer Geberde voll theatraliſcher Majeſtät. „Vor Allem,“ fuhr Auger fort,„iſt der Prinz, in deſſen Namen ich ſpreche, reizend.“ „Dann iſt es nicht Herr von Provence,“ bemerkte Rétif naiv. „Gehen wir hierüber weg.“ „Nein, mein Herr, im Gegentheile, verweilen wir hiebei! Was würde mein Freund Herr Mercier ſagen, der mich für den Tugendhafteſten der Menſchen erklärt hat?“ „Ah! ja, ſprechen wir ein wenig von Herrn Mercier! das iſt auch Einer, der ſehr moraliſch! ein Mann, der nichts achtet, der findet, Herr Racine und Herr Despréaux haben die franzöſiſche Poeſie zu Grunde gerichtet, während er Trauerſpiele in Proſa macht! Ei! haben Sie ſein letztes Product ge⸗ leſen, mein tugendhafter Herr? Karl! II., König von England, an einem gewiſſen Orte. Ahl das iſt hübſch! Alle Sterne, mein Herr, wie glück⸗ lich ſind Sie, daß Sie Herrn Mercier zum Freunde haben, und wie beneide ich Sie um dieſes Glück!“ „Herr Auger!“ „Sie haben Recht, unſer Geſpräch iſt eine An⸗ gelegenheit, und zwar eine ernſte Angelegenheit; überlaſſen wir uns alſo nicht der rhetoriſchen Figur, 38 welche man die Ironie nennt; bedenken Sie übrigens, mein lieber Herr Rétif, ich komme gutmüthig, um Sie um Ihre Einwilligung bei einer Sache zu bitten, während ich mich ſtreng genommen dieſer Bitte voll⸗ kommen überheben kann.“ „Was ſagen Sie?“ „Ei allerdings, ich ſage Ihnen, ich komme von Seiten eines Prinzen, das heißt eines allmächtigen Mannes; mein Prinz braucht Ihnen nur Ihre Toch⸗ ter zu nehmen, und Sie werden ſehen, ob Ihre Erlaubniß hiezu nöthig iſt.“ Bei dieſen unklugen, unvorſichtig hingeſchleuder⸗ ten Worten riß Rétif ſeine Sammetmütze von ſeinem Kopfe, trat ſie in einem Parorysmus des Zornes mit Füßen und rief: „Mir meine Tochter nehmen! Man komme nur! Ah! die ſchönen vornehmen Herren, die Prinzen, die Unterdrücker, die Tyrannen!“ „La, la, la, mein lieber Herr Rétif,“ erwiederte Auger mit ſpöttiſcher Miene,„Sie gerathen in die Gemeinplätze; Alles das iſt von Juvenal bis Jean⸗ Jaques Rouſſeau, von Tacitus bis Didenot einige hundert Male geſagt und geſchrieben worden. Neh⸗ men Sie ſich in Acht, mein lieber Herr Rétif, ſeien Sie auf Ihrer Hut.“ „Ich werde die Nachbarn aufwiegeln!“ rief Rétif. „Wir werden Sie als Störer des öffentlichen Friedens verhaften laſſen.“ „Ich ſchreibe gegen den Prinzen.“ „Wir führen Sie in die Baſtille.“ 39 „Ich werde eines Tags aus der Baſtille heraus⸗ kommen, und an dieſem Tage...“ „Bah! Sie ſind alt, und die Baſtille wird länger währen als Sie.“ „Vielleicht!“ antwortete Rétif mit einem Tone, der Auger ſchauern machte. „Sie ſchlagen alſo aus, um was ſich alle unſere vornehme Herren zur Zeit unſeres ſeligen Königs Ludwig XV. bewarben?“ „Ich bin kein vornehmer Herr.“ „Sie wollen lieber Ihre Tochter von dem erſten dem beſten gemeinen Kerl nehmen laſſen, als ſie einem Prinzen geben?“ „„Die Frau eines Kohlenbrenners iſt ſchätzbarer, als die Maitreſſe eines Fürſten.““ „Das iſt bekannt,“ erwiederte Auger,„und Rouſſeau, als er dies in einem Buche ſchrieb, das er Frau von Pompadour widmete, war, was er oft geweſen iſt, ein entſetzlich einfältiges, dummes, töl⸗ piſches Thier! Doch Sie, vernehmen Sie, was geſchehen wird: Ihre Tochter wird nicht die Frau eines Prinzen ſein, wohl aber die Maitreſſe eines Kohlenbrenners.“ „Zurück, Verſucher!“ „Phraſen! glauben Sie mir, ziehen Sie Ihre Tochter zu Rathe; denn bin ich es nicht, ſo wird ſie ein Anderer beſchwatzen, und zwar minder vor⸗ theilhaft, das ſchwöre ich Ihnen. Ich faſſe mich alſo kurz:— Anerbieten eines Prinzen;— Allmacht eines Prinzen;— Reichthümer dieſes Prinzen;— perſönliche Eigenſchaften des genannten Prinzen, welche wohl fähig, die junge Perſon zu verführen, ohne daß ich die Hände dabei im Spiele habe, und 40 obgleich Sie die Ihrigen gebrauchen;— Geheimniß, Sicherheit, Glück ohne Aufſehen! Mit einem Worte, jeden Vortheil, weder Jammer, noch Abenteuer, Protection für Ihre Werke, welche nicht Gefahr laufen ſollen, von der Hand des Henkers verbrannt zu werden, Penſionen, Auszeichnungen, Stellen... Gefällt es Ihnen vielleicht, zu reiſen?“ „Nichts von Alle dem gefällt mir! verſtehen Sie, Herr Kuppler?“ „Teufel! Sie ſind ſehr ſchwierig!... Was wollen Sie denn?“ „Ich will, daß meine Tochter ſich ehrlich ver⸗ heirathe.“ „Hiezu kamen wir auf einem Blumenpfade.“ „Ho! ho!“ rief Rötif. „Es gibt kein ho! ho! Ihre Tochter wird heirathen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ „Wie! meine Tochter wird ſich verheirathen, wenn der Prinz ſie entehrt hat?“ „Sie werden ſich alſo immer dieſes einfältigen Wortes bedienen?“ „Ich bediene mich deſſelben, weil es das einzige iſt, das meinen Gedanken ausdrückt.“ „Ei! mein lieber Herr, das beweiſt, daß Ihr Gedanke faſt eben ſo abgeſchmackt iſt, als das Wort. Die Gunſtbezeigungen eines Prinzen von Geblüt ehren und entehren nicht, verſtehen Sie? die De⸗ moiſelles wie Madmoiſelle Ingénue. Derjenige nun, welcher ſich nicht geehrt gefunden hätte, Ihre Tochter ohne Namen und Stand zu heirathen, wird ſehr ge⸗ ehrt ſein, ſie geformt durch den illuſtren Umgang mit einem Großen und ausgeſteuert mit wenigſtens miß, orte, uer, fahr annt Sie, len ver⸗ hen, enn gen zige ori lüt De⸗ un, ter ng ens 4¹ dreißigtauſend guten Livres zu heirathen... Ah! ſchön, nun verſtopfen Sie ſich die Ohren, wie es die Gefährten vom Ulyſſes bei den Geſängen der Sirenen thaten. Ei! mein lieber Herr, die Papas und die Mamas haben keine andere Melodie als dieſe während der Regierung unſeres vielgeliebten Königs Ludwig XV. gehört, und ſie gewöhnten ſich voll⸗ kommen daran. Ich, der ich mit Ihnen ſpreche, habe in den Händen von Herrn Lebel,— den ich in meiner Jugend zu kennen die Ehre hatte, und der mir die erſten Rathſchläge hinſichtlich der Haltung im Leben gab,— ich habe in den Händen von Lebel Briefe von Edelleuten und Rittern des St. Ludwigs⸗Ordens geſehen, welche ihn als um eine große Gunſt für ihre Tochter baten, in das artige Kloſter, das man den Hirſchpark nannte, eintre⸗ ten zu dürfen, und ſie äußerten nur eine Furcht: ſie ſeien nicht hübſch genug, um hier zugelaſſen zu wer⸗ den. Nun wohl, Sie, Sie haben dies für Made⸗ Ingénue nicht zu befüchten, da ſie reizend iſt.“ „Mein Herr,“ ſprach Retif,„was Sie da ſagen, iſt leider wahr: es gab für Frankreich eine Aera der Sittenverderbniß, während welcher die Großen den Schwindel der Schande zu haben ſchienen! Ja, ich weiß, daß, als Ihr angeblich vielgeliebter König, Ihr Tyrann Ludwig KV. zur Maitreſſe Madame dEtioles aus dem Bürgerſtande und Madame Du⸗ barry aus dem Volke nahm, ich weiß, daß der Adel laut ſeine Privilegien, dem König Maitreſſen zu liefern, reclamirte; doch, Gott ſei Dank! wir ſind nicht mehr in dieſen Zeiten: Ludwig XV. iſt geſtor⸗ 42 ben, wie er gelebt hat, und wir ſind mit des Himmels Gunſt auf dem Wege der Wiedergeburt! Hören Sie alſo auf, mich in Verſuchung zu führen, wie Sie es thun, Herr Auger, denn die Verſuchung iſt fruchtlos und wird nur zu Ihrer Beſchämung gereichen; und ſogar, wenn ich Ihnen eine Wahrheit zu ſagen und einen Rath zu geben habe, ſo iſt die Wahrheit, daß Sie ein garſtiges Handwerk treiben, Herr Auger, und der Rath, Sie würden wohl daran thun, dieſen Stand mit einem andern zu vertauſchen und ein ehrlicher Arbeiter zu werden, ſtatt zu ſein, was Sie ſind, verſtehen Sie? ein Werkzeug des Verderbens, der Thränen und der Schande! Das hatte ich Ihnen meinerſeits zu ſagen, Herr Auger; ſodann blieb mir noch Eines beizufügen: daß es, da Sie nichts mehr bedürfen, und ich Ihrer nie bedurft habe, das Beſte iſt, wenn wir uns trennen.“ „Sehr gern, mein lieber Herr Rétif, denn wahr⸗ haftig Sie ſind nicht mehr beluſtigend, wenn Sie predigen, als wenn Sie ſchreiben; doch unſere Tren⸗ nung auf die Art, wie Sie ſagen, wird mich nöthigen, Ihnen etwas zu bedeuten.“ „Was?“ „Etwas Schmerzliches.“ „Reden Sie, ich warte.“ „Daß ich Ihnen den Krieg erkläre.“ „Erklären Sie immerhin.“ „Und daß ich Sie nach dem Beiſpiele der Ge⸗ nerale, welche Aufforderungen an eine Feſtung haben ergehen laſſen, von dieſem Augenblicke als gebührend aufgefordert betrachte.“ „Es ſei.“ nels Sie ie es tlos und und daß ger, eſen ein Sie ns, nen mir ehr eſte hr⸗ Sie en, he⸗ en nd 43 „Und wenn ich Mademviſelle Ingénue, oder viel⸗ mehr ihr Haus belagere...“ „So wird man ſich vertheidigen.“ „Sie erregen mein Mitleid!“ „Und Sie, Sie erregen keine Furcht bei mir.“ „Guten Tag alſo! ich mill mit dem Mädchen ſelbſt anbinden.“ „Thun Sie das!“ „Ich werde alte Weiber haben, welche zu Ihnen heraufkommen.“ „Ich bin auch alt, und wir ſind dann unter uns Alten.“ „Ich werde Commiſſionäre haben.“ „Ich öffne Ihnen ſelbſt die Thüre.“ „Der Prinz wird kommen.“ „Ich will ihm aufmachen.“ „Nun, und dann?“ „Ich werde ihn wegen ſeiner Liebe beſchämen.“ „Wie ſo?“ „Mit Reden, wie er noch nie gehört hat, und Sie auch nicht, Herr Auger.“ „Sie werden ihn langweilen.“ „Ganz richtig, er wird gehen.“ „Ah! Sie ſind ein Mann von Geiſt, Herr Rétif: es wird ein Verdienſt dabei ſein, Sie zu bekämpfen.“ „Ah!“ ſprach Rétif mit einem Gefühle des In⸗ ſichſelbſtgehens, wie es den Philoſophen jener Zeit ganz eigenthümlich war,„ah! Sie glauben nicht, wie ſehr mir daran liegt, dieſes Mädchen rein zu er⸗ halten!“ „Für wen?“ „Ei! für mich, bei Gott!“ 44 „Bah! ſollten Sie eine neue Ausgabe von Ihren Liebſchaften mit Ihrer Tochter Zephira machen? Hierüber, ich bemerke es Ihnen im Voraus, werden wir ein paar Worte dem Polizeilieutenant ſagen.“ „Nein, mein Herr, ich liebe meine Tochter, und ich bewahre ſie für mich, weil die Reinheit eines Mädchens der ſchönſte Schatz eines Vaters iſt.“ „Ei! Sie widerholen ſich abermals mein guter Freund; es macht mir kein Vergnügen mehr, Sie zu hören, und ich gehe. Auf Wiederſehen!“ „Leben Sie wohl!“ „Oh! nein, wir werden uns gewiß wiederſehen, und zwar ſehr bald.. Hören Sie dieſes Geräuſch?“ „Welches Geräuſch?“ „Das Geräuſch von dem, was in meiner Taſche klingt.“ Und nachdem er in ſeiner Hoſentaſche im Golde geſtört hatte, zog er eine Handvoll heraus und ließ vor den Augen des zitternden Greiſes die ſchillern⸗ den Reflexe des beſtechenden Metalles ſchimmern. Rötif ſchauerte. Dieſer Schauer entging dem Verſucher nicht. „Sehen Sie,“ ſagte er,„das iſt das, was Herr von Beaumarchais,— ein Mann, der ungefähr ſo moraliſch wie Sie, nur beſitzt er ein wenig mehr Geiſt als Sie, lieber Herr Rétif,— den Nerven des Krieges nennt! Ein ſchönes Kartätſchenfeuer! wie?... und die breite Breſche, die wir hiemit der Ehre von Mademoiſelle Ingénue machen werden.“ Und nach dieſer erſchrecklichen Drohung ſtreckte Auger hohnlächelnd ſeine Hand voll Gold vor den Augen von Rétif aus und ging dann rückwärts ab. 4 ren en? den und nes tter Sie en, 2 che lde ieß rn⸗ err ehr en er! der . kte en ab. 45 Dieſer geſchickt eingerichtete Abgang führte viel mehr als alle Drohungen und alle Verſprechungen des Abgeſandten vom Prinzen Röétif de la Bretonne zur Ueberlegung und von der Ueberlegung zur Furcht. Nachdem Auger abgegangen war, blieb er nach⸗ denkend ſtehen, biß ſich in die Hand und ſagte den Kopf ſchüttelnd: „Er wird mir meine Tochter nehmen er hat Recht... iſt es nicht heute, ſo wird es morgen ſein.“ Sodann pathetiſch den Arm zum Himmel er⸗ hebend: „Entſetzliche Zeit, die Zeit, wo ein Vater ge⸗ nöthigt iſt, ſolche Dinge zu hören— von Seiten eines Verführers,— ohne es zu wagen, vor die Thüre denjenigen zu werfen, welcher ſie ihm ſagt, aus Furcht, eine Stunde nachher in die Baſtille ein⸗ geſperrt zu werden! Glücklicher Weiſe behauptet mein Freund Mercier, das werde ſich Alles ändern.“ Nach einem Augenblicke fügte er bei: „Oh! Ingénue iſt ein vernünftiges, redliches Mädchen.. ziehen wir ſie zu Rathe.“ Und er rief in der That Ingénue, ließ ſie neben ſich ſitzen, erzählte ihr die blendenden Anträge von Auger, und verbarg ihr nicht die Bangigkeiten, die ſie ihm einflößten. Ingénue lachte. Sie hatte im Grunde des Herzens die Waffe, welche gegen alle Verführungen ſtark macht,— eine junge und wahre Liebe. „Du ſpielſt die Muthige!“ ſagte Rétif zu dem 46 lachenden Kinde,„was gibt Dir denn ſo viel Ver⸗ trauen? Mit welchem Talisman hoffſt Du zugleich gegen die Bosheit, gegen das Laſter, gegen die Macht und gegen das Mißgeſchick zu kämpfen? mit welchen Kräften wirſt Du die Liebe dieſes Prinzen zurück⸗ ſchlagen? ſprich!“ „Mit zwei Worten, mein Vater.“ „Und dieſe ſind?“ „Ich liebe Einen.“ „Gut! dann ſind mir die Stärkeren!“ rief Rétif de la Bretonne. Und er öffnete ſeine Hand, welche immer noch voll Druckſchrift war, und beeilte ſich, ganz freudig, dieſe Phraſe und dieſes Factum in den Roman ſeines Lehens zu ſetzen. XXVI. Die Treuherzigkeit von Ingénue. Während Rétif die Phraſe ſeiner Tochter, bald in Cicero, bald in Garmond, bald in Borgis, wie ſich gerade die Charaktere unter ſeinen Fingern boten, ſetzte, ſann er über die Phraſe nach. Dieſes Nachſinnen, dem ſich der Romanendichter überließ, beruhigte ihn ungemein über den thätigen Antheil, den Ingénue an den Projecten von Auger nehmen könnte, zu gleicher Zeit aber beunruhigte es ihn ſehr über den Herzenszuſtand des Mädchens. Einem Mädchen, das im Stande, ſo offenherzig zu ſagen:„Ich liebe Einen“, konnte es nicht an einer gewiſſen Entſchloſſenheit fehlen, mit der jeder Familienvater eine gewiſſe Conſequenz verknüpft. —— S— g le er⸗ eich icht hen ück⸗ tif che ich, in . 47 Eine Folge hievon war, daß allmälig Rötif de la Bretonne ſeine Arbeit hemmte; er preßte die Lippen zuſammen, geſticulirte mit dem rechten Arme, machte von Zeit zu Zeit:„Hml hm!“ und beſchloß, in Erfahrung zu bringen, woran er ſich ſowohl hin⸗ ſichtlich der Liebe von Ingénue, als hinſichtlich des welcher der Gegenſtand derſelben, zu halten abe. Er begab ſich alſo wieder zu ſeiner Tochter, welche ganz nachdenkend beim Fenſter ſaß und die ſilbernen Strahlen einer Waldrebe entblätterte, deren Stängel vor dem Fenſter in den erſten Lüften des Herbſtes zitterte. Rétif rückte einen Stuhl hinzu und ſetzte ſich zu Ingénue; er hatte zu der Unterredung, die er mit ihr beginnen ſollte, alle Hülfsquellen ſeiner Diplo⸗ matie in Bereitſchaft geſetzt. „Meine Liebe,“ ſprach er zu ihr,— ſo nannte Rétif ſeine Tochter,—„Du weißt alſo, was lieben iſt, da Du mir ſo eben geſagt haſt, Du liebeſt Einen?“ Ingénue ſchlug ihre großen blauen Augen zum Romanendichter auf und antwortete ſodann mit einem Lächeln: „Ich glaube, ja, mein Vater.“ „Und woher weißt Du das? wer kann es Dich gelehrt haben?“ „Vor Allem, mein Vater, vergeſſen Sie, daß e mir ſehr oft Stellen aus Ihren Büchern vor⸗ eſen.“ „Nun?“ „In Ihren Büchern findet ſich immer Liebe.“ 48 „Das iſt wahr; doch ich wähle, um ſie Dir vor⸗ zuleſen, die beſten Stellen aus.“ „Die beſten Stellen?“ fragte Ingénue. „Das heißt die unſchuldigſten,“ erwiederte Rötif. „Die Liebe iſt alſo nicht unſchuldig?“ bemerkte Ingénue mit einer Anmuth, welche nichts Affectirtes hatte. „Reizend! reizend!“ rief Rétif.„Warte, daß ich das aufſchreibe: das iſt zugleich das Seitenſtück und die Milderung vom Andern.“ Und er nahm ein Blättchen Papier und ſchrieb darauf den Satz von Ingénue, der ſich in ſeiner weiten Taſche Hunderten von Notizen derſelben Art beigeſellte, welche Rötif hier je nach ſeinem Bedürf⸗ niß holte. Ingénue war mittlerweile nachdenkend geblieben. „Du haſt geſagt:„Vor Allem, mein Vater fuhr Rétif fort:„es gibt alſo ein ſodann?“ „Ich verſtehe nicht recht.“ „Damit will ich ſagen, Du habeſt anderswo als in meinen Büchern das Daſein der Liebe ge⸗ lernt?“ Ingénue lächelte, ſchwieg aber. „Sprich,“ ſagte Rétif,„wo und wie haſt Du bemerkt, Du liebeſt?“ „Ich wußte nicht, daß ich liebe, mein Vater, als ich jedoch Einen ſah, den ich nicht liebte, da er⸗ rieth ich ſogleich, mein Herz gehöre einem Andern.“ „Einen ſchönen jungen Mann.“ „Von welchem Alter?“ nich hab weg Unb führ ſere wied Scht — i Men hat: nir!“ „Du haſt Einen geſehen, den Du nicht liebteſt?“ 49 „Sechsundzwanzig bis ſiebenundzwanzig Jahre.“ „Guter Gott!“ rief Rétif,„Du hatteſt mir das nicht geſagt, mein Kind!“ „Doch, mein Vater, ich glaube Ihnen geſagt zu haben, getrennt von Ihnen, verirrt auf den Kreuz⸗ wegen, zitternd vor Angſt habe ich den Arm eines nie angenommen, der mich nach Hauſe ge⸗ ührt.“ „Ach! ach! wie viel ſchöne junge Leute in un⸗ ſeren kleinen Angelegenheiten, meine arme Ingénue!“ „Das iſt nicht meine Schuld, mein Vater,“ er⸗ wiederte naiv das Mädchen. „Nein, mein Kind, es iſt ſicherlich nicht Deine Schuld... Ein ſchöner junger Mann von ſechs⸗ undzwanzig bis achtundzwanzig Jahren.. elegant?“ „Sehr elegant, mein Vater.“ „Das iſt es! Schöne Augen, groß, ſchlank, die Unterlippe ein wenig hängend?“ „Ich vermöchte das nicht zu ſagen.“ „Rufe Deine Erinnerungen zurück.“ „Ich glaube, ja.“ „Es war der Prinz!“ „Ah! wahrſcheinlich!“ rief Ingénue. „Warum wahrſcheinlich?“ „Weil er mir geſagt hat, um mich zu beruhigen; — ich war erſchrocken über die Gegenwart eines Menſchen, der uns folgte;— weil er mir geſagt hutt Seien Sie ohne Furcht, dieſer Menſch gehört mir!““ „Hinterhalte! Fallen!“ rief Rétif. Ach! mein Haus hat ſeine Ruhe verloren... Oh! die Großen! oh! das Volk! oh! die Freiheit!... Nun aber, Dumas, Ingénue. I. 4 50 nachdem Du von denjenigen geſprochen, welchen Du nicht liebſt, ſprich mir von dem, welchen Du liebſt!“ „Ei! Sie wiſſen wohl, wer derjenige iſt, welchen ich liebe, mein Vater.“ „Gleichviel, nenne mir ihn immerhin.“ „Es iſt Herr Chriſtian.“ „Ich vermuthete es,“ murmelte Röétif. Und er ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen. Der arme Romanendichter war in der That ſehr in Verlegenheit, wie er auf dem Wege, dem er den⸗ ſelben wollte folgen ſehen, den von ſeiner Tochter angefangenen Roman führen ſollte. Er befand ſich wieder in der Lage, in der er ſich auf dem Quai geſehen, als der junge Mann ge⸗ fallen war, das heißt, er war unſchlüſſig, ob er In⸗ gönue das Unglück, das ihrem Liebhaber widerfah⸗ ren, erzählen oder nicht erzählen ſollte. Ein ſchlechtes Gefühl gewann die Oberhand, wie es faſt immer beim Menſchen geſchieht, wenn der Menſch überlegt: Rétif war, was alle Väter ſind, ein wenig eiferſüchtig auf ſeine Tochter; er behan⸗ delte ſie wie eine Perſon ſeiner Einbildungskraft; er wollte nicht, daß dieſes Kind, dem er den Namen Ingénue gegeben, nicht die Treuherzigkeit ſelbſt ſei: das hätte ſeinen dramatiſchen Combinationen Zwang angethan und das Modell verdorben, nach welchem — er alle Tage Greuze⸗Bilder auszuarbeiten beſchäftigt war. Er wollte lieber nichts ſagen. Geſtehen, daß Chriſtian verwundet war, hieß das Intereſſe und folglich die Liebe, welche Ingénue für ihn hegte, zur ſpe dre 6h ſuc Arl derſ wir la 2 ſchlé gen Du 1 1 chen llen. ſehr den⸗ chter r er ge⸗ n⸗ rfah⸗ wie der ſind, han⸗ raft; men ſei vang chem iftigt daß und ete 51 verdoppeln; Ingénue in der Ungewißheit laſſen hieß dagegen ihr Herz dem Zweifel preisgeben. „Ach!“ rief er,„Herr Chriſtian!...“ „Nun, was?“ fragte das Mädchen mit einer zurückhaltenden Trockenheit, welche für fünfzehn Jahre ſpäter eine in moraliſcher Hinſicht kräftig conſtituirte dreißigjährige Frau verſprach.„Was gibt es gegen Chriſtian zu ſagen?“ „Daß er ein Lügner iſt.“ „Er?“ „Daß es ein Menſch iſt, der Dich zu verführen ſucht wie die Andern.“ „Warum?“ „Weil Chriſtian, der Dir geſagt hat, er ſei ein Arbeiter, nicht wahr?“ „Ja.“ „Er iſt kein Arbeiter.“ „Ich weiß es wohl.“ „Wie! Du weißt es wohl?“ „Ja, das war leicht zu ſehen.“ „Und Du haſt es geſehen?“ „Sogleich... Hernach?“ Dieſes ſo bittere hernach piquirte Rétif. „Wie, hernach?“ fragte er. „Allerdings, hernach?“ erwiederte Ingénue mit derſelben Feſtigkeit. „Hernach,“ ſprach der Romanendichter,„werden wir unterſuchen, ob Mademoiſelle Ingénue Rétif de la Bretonne, welche die Liebe eines Prinzen aus⸗ ſchlägt, die eines ſchlimmen Subjectes von einem Pa⸗ gen annehmen könnte.“ 52 „Ein Page?“ rief Ingénue mit einem Ausdrucke des Schreckens, der Rétif nicht entging. „Page eines Prinzen!“ ſagte Röétif, der mit Glück ein beſonderes Gewicht auf die von ihm hervor⸗ gebrachte Wirkung legte, welche ſich durch die Bläſſe von Ingénue verrieth, ſo wohl begründet war der Ruf der Herren Pagen im ganzen Umfange des Königreichs. Wäre Ingénue geſtanden, ſie würde ſicherlich niedergeſunken ſein; ſie ſaß, neigte das Haupt und wiederholte:„Ein Page!“ „Ein Page des Herrn Grafen von Artois,“ ſprach Rétif,„das heißt der Diener eines Ausſchweiflings!“ Sodann erſchrocken über das, was ihm entſchlüpft war, dämpfte er die Stimme und fügte bei: „Denn wir dürfen es ſagen in voller Offenher⸗ zigkeit, mit der edlen Offenherzigkeit, die ſich für ein redliches Gemüth und einen freien Mann geziemt...“ Und er ſprach ſo leiſe, daß ihn ſeine Tochter, an die er ſich wandte, kaum verſtand. „Denn wir dürfen es ſagen, der Herr Graf von Artvis iſt ein Erzlibertin, ein Mädchenverführer, ein Roué beſtimmt, die Heldenthaten der Regentſchaft fortzuſetzen!“ „Nun wohl,“ unterbrach Ingénue, welche wieder ein wenig Feſtigkeit erlangt hatte,„was hat Alles dies mit Herrn Chriſtian gemein?“ „Was das mit ihm gemein hat?.. Ei! mir ſcheint, Du kennſt das Sprüchwort:„„Wie der Herr, ſo der Diener!““ Ich hoffe, wir ſtellen uns nicht vor, Chriſtian ſei ein Tugendſpiegel!“ „Warum nicht?“ murmelte Ingénue ſchwach. un vo keit 53 „Das iſt unmöglich, denn in dieſem Falle würde er nicht im Dienſte Seiner Königlichen Hoheit bleiben.“ „Ah!“ ſagte das Mädchen,„übertreiben Sie nicht, mein Vater?“ „Und überdies kommt mir ein Gedanke,“ rief plötzlich Rétif mit der Energie, die er aus ſeinem Triumphe ſchöpfte:„wer weiß, ob dieſer Burſche nicht ſogar in derſelben Abſicht wie der Andere zu Dir kam?“ „Welcher Andere, mein Vater?“ „Ei! dieſer Auger... Ganz zuverläßig, bei Gott! das iſt klar wie der Tag, Herr Chriſtian iſt ein Emiſſär deſſelben Prinzen; das iſt die Verket⸗ tung dieſer Intrigue. Der Graf von Artvis hat ſeinen Pagen zu Dir geſchickt; der Page iſt unter F angehalten worden, er hat Dir Auger ge⸗ ickt.“ Rétif hatte die Worte: Unter Weges ange⸗ halten, mit einer ſo ſeltſam freudigen Betonung ausgeſprochen, daß Ingénue lebhaft den Kopf auf⸗ richtete. Sie hatte einen unbeſtimmten Verdacht geſchöpft, nicht hinſichtlich des Unglücks, das Chriſtian wider⸗ fahren war, ſondern hinſichtlich irgend eines Hinder⸗ niſſes, das ihr Vater zwiſchen ihr und ihm erhoben. „Wie, angehalten?“ fragte ſie.„Was wollen Sie damit ſagen?“ Rétif ſah ein, welche Unklugheit er begangen, und er erröthete. „Ei! allerdings,“ antwortete er,„wurde er nicht von mir angehalten, als ich ihn überführte, er ſei kein Arbeiter?“ 54 „Es iſt wahr,“ ſagte Ingénue;„doch wie haben Sie erfahren, er ſei ein Page? „Das iſt ganz einfach, bei Gott!“. „Nun?“ „Ich ging ihm nach.“ „Sie ſind ihm nachgegangen?“ „Du haſt es wohl geſehen.“ „Er hat Ihnen alſo geſagt, er ſei ein Page des Grafen von Artois?“ „Er hat es mir nicht geſagt,“ antwortete Rétif, der nicht ganz zu lügen wagte. „Wie haben Sie es denn erfahren?“ „Ich ließ ihn in den Marſtall eintreten; ich ließ meinen Mann vorübergehen, und als er vorüberge⸗ gangen war, fragte ich den Portier:„„Wer iſt dieſer junge Mann?““ Er antwortete mir:„„Ein Page vom Marſtalle von Monſeigneur dem Grafen von Artvis, der hier wohnt.““ „Ah! er wohnt im Marſtalle des Grafen von Artois?“ wiederholte Ingénue. „Ja,“ erwiederte Rétif unvorſichtig. Ingénue neigte zum zweiten Male das Haupt, doch diesmal unter dem Gewichte eines ſeltſamen Gedankens, der ihr Gehirn durchzog. Rötif begriff; er befürchtete, zu viel geſprochen zu haben. „Oh!“ ſetzte er mit einer ſcheinbar vollkommen beruhigten Miene hinzu,„auf dieſer Seite kannſt Du ruhig ſein, das iſt wohl vorbei!“ „Warum dies?“ „Ei! weil er nicht wiederkommen wird.“ „Wer wird nicht wiederkommen?“ c. ve ve ka de ſa eit aben des étif, ließ rge⸗ iſt Ein afen von upt, men chen men Du 55 „Herr Chriſtian, bei Gott!“ „Herr Chriſtian wird nicht wiederkommen?“ fragte Ingénue mit Bangigkeit. „Nein.“ „Warum nicht?“ „Weil er wüthend iſt, daß er geſcheitert. Nie verzeiht ein Verführer ſeine Niederlage.“ „Da Sie mir aber ſagen, er komme für einen Andern, und nicht um ſeinetwillen...“ „Ein Grund mehr, und da Herr Auger gekom⸗ men iſt, ſo hat Chriſtian verzichtet.“ Die Niedergeſchlagenheit, die ſich bei dieſer Be⸗ hauptung in den Zügen von Ingénue offenbarte, beunruhigte Rötif. „Höre, mein Kind,“ ſagte er,„nicht wahr, Du biſt ſtolz?“ „Oh! ja.“ „Du kannſt nicht zugeben, daß Dich ein Mann verachtet?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Nun wohl, es verachtet Dich derjenige, welcher kam, um Dich für einen Andern zu erhandeln.“ „Herr Auger?“ „Nein, der Page... Ich weiß, bei Gott! wohl, daß Du Herrn Auger nicht liebſt.“ Ingénue ſchüttelte den Kopf. „Herr Chriſtian hat nie um mich gehandelt,“ ſagte ſie. „Was läßt Dich das glauben?“ „Er hat mir nie geſagt, er komme im Auftrage einer andern Perſon.“ 56 „Er hat es Dir nie geſagt; das war aber den⸗ noch die Wirklichkeit.“ Ingénue ſchüttelte abermals den Kopf. „Es war ein ſeltſames Mittel, mir für einen An⸗ dern den Hof zu machen, ſich für ſich ſelbſt lieben zu laſſen.“ Dieſe einfache und ſcharfe Logik ſchmetterte Rétif nieder. „Oh!“ ſagte er ſtammelnd,„vertraue nicht hier⸗ auf, meine arme Ingénue; die Verführer haben ſo vielerlei Kunſtgriffe und Ränke.“ „Herr Chriſtian gebrauchte keinen Kunſtgriff.“ „Sie ſtellen Fallen.“ „Herr Chriſtian hat mir keine Falle geſtellt.“ „Das kannſt Du ja nicht wiſſen!“ „Sehr gut, im Gegentheile! Ein Mann, der Fallen ſtellt, wäre nicht, wie Chriſtian, ſanft, freundlich, leutſelig, unterwürfig, folgſam gegen meine gering⸗ ſten Willensäußerungen geweſen.“ „Im Gegentheile! im Gegentheile!“ rief Rétif, „darin liegt gerade die Liſt.“ „Er hätte nicht eine Frau reſpectirt, wie Chri⸗ ſtian mich reſpectirte.“ „Doch, doch! weil er ſie für einen Andern be⸗ wahrte.“ „Er würde ſie nicht umarmt haben, wenn er ſie für einen Andern bewahrt hätte.“ „Er umarmte Dich?“ fragte Rétif ganz verblüfft. „Ja,“ antwortete einfach das Mädchen. Rötif kreuzte die Arme und ging dramatiſch in ſeinem kleinen Zimmer auf und ab. „Oh! Natur!“ murmelte er. llen lich, ing⸗ 6tif, hri⸗ be⸗ ſie üfft. hin 57 „Nun, erklären Sie das?“ ſagte Ingénue, welche unbarmherzig ihre Raiſonnements verfolgte. „Ich erkläre nichts,“ brummte Rétif;„nur wieder⸗ hole ich, daß Herr Chriſtian ein ausſchweifender Menſch iſt, da er Dich geküßt hat.“ „Oh!“ entgegnete das Mädchen,„ich habe ihn auch geküßt, und ich bin nicht ausſchweifend, mein Vater.“ Der unnachahmliche Ausdruck, mit dem dieſe Worte geſprochen wurden, machte allen Zorn des Romanendichters ſchmelzen; er fühlte, daß er ſeine Kaltblütigkeit wiedererlangen und gegen eine ſolche Unſchuld Liſt gebrauchen mußte. „Dann habe ich Dir noch Eines zu ſagen, mein Kind,“ fügte er bei. „Sprechen Sie, mein Vater, ich höre.“ „Iſt Herr Chriſtian kein Ausſchweifling, ſo mag ich ihn immerhin weggejagt haben,— er wird wie⸗ derkommen.“ „Oh! deſſen bin ich ſicher.“ „Wenn er alſo nicht wiederkommt?...“ Rétif hielt zögernd inne, denn er fühlte, daß er eine ſchlechte Handlung beging. „Nun, wenn er nicht wiederkommt?“ fragte In⸗ génue, die Stirne faltend. „Wenn er nicht wiederkommt, wirſt Du endlich glauben, daß Du Dich über ihn getäuſcht haſt, und daß er es nur auf Deine Tugend, aus Laune oder Sittenloſigkeit, abgeſehen hatte?“ „Mein Vater!“ „Wirſt Du glauben?“ „Nein!“ 58 „Geſtehe doch! denn, wahrhaftig, Du machſt mir bange mit Deiner Zähigkeit: Du haſt das Anſehen einer gemüthloſen Frau.“ „Oh!“ ſagte ſie lächelnd. „Antworte.“ „Nun, ich geſtehe, daß es mich, wenn Herr Chriſtian nicht wiederkommt, ſehr in Erſtaunen ſetzen wird.“ „Ah! ah! das wird Dich nur in Erſtaunen ſetzen? Du biſt äußerſt gut!“ „Das wird mir auch Argwohn über ihn erregen.“ „Den Argwohn, er ſei vom Prinzen abgeſandt worden, wie Herr Auger.“ „Nein, nie.“ „Welchen Argwohn denn?“ „Den, Sie haben ihn entmuthigt, Sie haben ihm Angſt gemacht, Sie haben ihn verhindert, mich zu lieben, wie er es wollte.“ „Wie wollte er es?“ „Was weiß ich? vielleicht ohne mich zu heirathen.“ „Ah!“ rief Rétif ganz freudig,„ich finde meine Tochter wieder... Nun wohl, ich mache eine Wette mit Dir willſt Du?“ „Mein Vater,“ ſprach Ingénue mit einem ſicht⸗ baren Leiden,„ich bitte, lachen Sie nicht ſo; Sie thun mir weh!“ Rötif hörte jedoch nicht, oder wollte nicht hören. Er fuhr fort: „Ich wette, daß binnen vierzehn Tagen... nein, vierzehn Tage, das iſt nicht genug... ich wette, daß binnen einem Monat Herr Chriſtian nicht wiedererſcheinen wird.“ mir hen err tzen nen . en ndt ihm zu en.“ eine ette icht⸗ Sie ren. ich nicht 59 „Warum gerade binnen einem Monat?“ fragte Ingénue, welche abermals Rötif bei einer Blöße be⸗ rührte:„warum, wenn er zu kommen aufhört, wird es für vierzehn Tage oder für einen Monat ſein, und nicht für immer?“ „Ich ſage,“ antwortete Rötif gleichſam aus dem Sattel gehoben,„ich ſage einen Monat, wie ich ſagen würde ſechs Monate, wie ich ſagen würde ein Jahr, wie ich ſagen würde immer... Weiß ich es?“ „Dann weiß ich mehr als Sie, mein Vater.“ „Du?“ ich. „Und Du ſagſt?“ „Ich ſage, wenn er binnen einem Monat nicht wiederkommt, ſo wird er nie wiederkommen.“ „Gewiß.“ „Ich füge aber noch bei: kommt er bis morgen nicht wieder, ſo wird er binnen einem Monat nicht widerkommen.“ „Sehr gut, Liebe! ſehr gut!“ rief Rétif entzückt, Ingénue ſeinem Sinne beipflichten zu ſehen. Dann ſagte er leiſe zu ſich ſelbſt: „Wie viel Dinge wird es binnen einem Monat nicht geben, welche entweder Chriſtian bei Ingénue, oder Ingénue bei Chriſtian in Vergeſſenheit bringen werden!“ Dieſer würdige Schriftſteller, der große Homer der Liebeshelden, rechnete ohne die Jugend, welche das Glück beherrſcht, und ohne das Glück, das faſt immer die Jugend begünſtigt. Da Ingénue ſicher war, ſie werde von nahe oder von fern Chriſtian am Abend oder am ondern 60 Tage ſehen, ſo erlangte ſie ihr ruhiges Geſicht wie⸗ S der und wartete. lic Was Rétif betrifft, er nahm, ganz keuchend von dieſem heftigen Kampfe, die Compoſition ſeiner Pa⸗ ha riſer Nächte wieder auf. De ſei Gr XXVII. Lu Herr Auger. thi Auger, der illuſtre Gegenſtand des von uns ſo eben erzählten langen Geſpräches, hatte dem Herrn S; Grafen von Artois Verſprechungen und Herrn Rétif Fä de la Bretonne Drohungen gemacht. Es handelte ſich nun darum, die einen zu halten Ar und die andern zu verwirklichen. Au Er war indeſſen in Drohungen und Verſprechun⸗ gen weiter gegangen, als ihm in Wirklichkeit zu gehen ſich möglich wurde. ein Was die Verſprechungen betrifft, ſo hat man das er Reſultat des bei Reétif de la Bretonne gemachten tiſe Verſuches geſehen. Was die Drohungen betrifft, ſo hatten ſich M die Zeiten ein wenig geändert; man erlangte die ge⸗ heimen Verhaftsbefehle nicht mehr ſo leicht, wie zur erſ Zeit von Herrn von Sartine; Ludwig XVI., ein ehrlicher Menſch, hatte Velleitäten eines gerechten Sc Mannes; es begegnete ihm wohl zuweilen, daß er Ré ſich beſtimmen ließ, wie bei Beaumarchais, einen a Schriftſteller nach Saint⸗Lazare oder nach der Baſtille zu ſchicken, er wollte aber wenigſtens, daß dieſer gu 6 wie⸗ von Pa⸗ 8 ſo errn Rétif lten hun⸗ ehen das hten ſich ge⸗ zur ein en er nen tille eſer 61 Schriftſteller einen Fehler oder ein Vergehen wirk⸗ lich oder dem Anſcheine nach begangen habe. Es war alſo nicht möglich, einen geheimen Ver⸗ haftsbefehl gegen Rétif de la Bretonne zu verlangen. Der Grund, er habe als Vater nicht zur Schande ſeiner Tochter einwilligen wollen, ein vortrefflicher Grund bei Ludwig XV., war ein ſehr ſchlechter bei Ludwig XVI. Rétif hatte dies wohl vorhergeſehen, als er mu⸗ thig den Krieg angenommen. Er fing auch an Ingénue zu überwachen. Dieſe Ueberwachung machte acht Tage lang die Spürhundseigenſchaften von Herrn Auger die rechte Fährte verfehlen. Das war viel! Der Herr Graf von Artvis hatte Auger nur vierzehn Tage gegeben; überdies hatte Auger nur ſo viel von ihm verlangt. Rétif verließ ſeine Tochter nicht mehr; er ſtellte ſich mit ihr ans Fenſter, und erſchien Auger am einen oder am andern Ende der Straße, ſo lächelte er ihm ironiſch zu, oder er grüßte ihn mit einer ſpöt⸗ tiſchen Miene. So bloßgeſtellt, entfernte ſich der Mercur von Monſeigneur dem Grafen von Artois wüthend. Die Vorſichtsmaßregeln von Rétif de la Bretonne erſtreckten ſich auf die kleinſten Details. Nicht ein Brod, nicht eine Gewürzdüte fand beim Schriftſteller Einlaß, ohne viſitirt worden zu ſein. Rötif erfand Kriegsliſten, um das Vergnügen zu haben, ſie zu bekämpfen. Ging er mit Ingénue aus, ſo war es ein Ar⸗ gus, der in den Seiten ſeines zwanzigjährigen Ueber⸗ 62 rocks viel mehr Augen hatte, als Argus, der Spion der Königin der Götter, je an ſeinem ganzen Leibe gehabt haben mochte. Auger, der Tag und Nacht lief, war am Ende zum Umfallen müde. In den Kirchen, bei den Kaufleuten ſtand er immer auf der Wache, doch er wurde immer zurück⸗ geſchlagen: zurückgeſchlagen, wenn er verdächtige Emiſſäre ſchickte, denen Rétif de la Bretonne, wie er es ihm verſprochen, unhöflicher Weiſe die Thüre vor der Naſe ſchloß; zurückgeſchlagen, wenn er ſchrieb, oder ſchreiben ließ, und ein altes Weib unter der Haube einer Nachbarin oder der Vermummung einer Devoten ſich Ingénue nähern wollte, um ihr einen Brief zuzuſtecken; zurückgeſchlagen ſogar, wenn er es verſuchte, mit Ingénue, welche ſich übrigens durch⸗ aus nicht hiezu hergab, einen einfachen Blick zu wechſeln. Es blieb ihm alſo nichts mehr übrig, als Gewalt anzuwenden, wie er dies Rétif de la Bretonne ge⸗ droht hatte. Eines Abends verſuchte er es. An dieſem Abend kam Ingénue mit ihrem Va⸗ ter von ihrem gewöhnlichen Spaziergange zu Reveillon zurück. Auger fiel wie ein Verzweifelter über ſie her; er wollte die Tochter von ihrem Vater trennen, ſie in ſeinen Armen forttragen, und in einem Fiacre, der an der Ecke der Straße wartete, entführen. Röétif, ſtatt einen Kampf zu beginnen, in welchem er ſicherlich unterlegen wäre, ſchob ſeinen Stock zwi⸗ ſchen die Beine des Mädchemäubers und ſchrie aus 3 Leibeskräften:„Wache!“ Ingénue, ie ſich nicht im Geringſten um Herrn ion eibe nde er ück⸗ tige wie üre ieb, der iner nen er vch⸗ zu valt ge⸗ Va⸗ llon ſie ten, cre, em wi⸗ aus rrn 63 Auger bekümmerte und nur Gedächtniß und Wünſche für Chriſtian hatte, obſchon er nicht wieder erſchie⸗ nen war, Ingénue ſchrie auch. Auger verwickelte ſich die Beine in den Stock von Rötif und rollte in die Goſſe; er wollte auf⸗ ſtehen und ſich ſeiner Beute, die ihm entging, wieder bemächtigen, doch das Geſchrei ſeiner Opfer zog Zeu⸗ gen an die Fenſter, während zu gleicher Zeit eine Rotte von der Nachtwache am Ende der Straße er⸗ ſchien, wo der Angriff ſtattfand. Auger hatte nur Zeit, über Hals und Kopf da⸗ von zu laufen, wobei er die Vorſehung verfluchte, welche die Jungfrauen von den Wüſtlingen befreit, und die Patrouillen, die die Schwachen gegen die Starken beſchützen. Auger hielt ſich aber nicht für geſchlagen. Er nahm ſich vor, wiederanzufangen. „Wäre ich nicht allein geweſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo würde das Mädchen entführt worden ſein, und einmal entführt und im Hauſe des Prinzen,— bei meiner Treue, dann wurde der Prinz verant— wortlich für den Ausgang!“ Auger nahm einen Gehülfen an. Auger hatte aber ohne Rétif de la Bretonne gerechnet; der Greis war noch viel hartnäckiger dar⸗ auf bedacht, ſich ſeine Tochter nicht entführen zu laſſen, als Auger, ſie ihm zu entführen. Seit dem Verſuche des Mädchenräubers ließ Rötif, ſo oft er von Reveillon, dem einzigen Hauſe, das ſeine Toch⸗ ter beſuchte, zurückkam, Arbeiter von der Fabrik hin⸗ ter ſich gehen, Leute, welche im Allgemeinen ſehr wenig Freunde der Ariſtokraten, weshalb ſie auch 64⁴ mit Leidenſchaft auf die Chance, einige kräftige Hiebe auszutheilen, lauerten und gern einwilligten, ſich in den Winkel der Weichſteine oder in Thorwegezu kauern, um durch eine ſcheinbare, trügeriſche Einſamkeit den Feind der Ruhe von Ingénue anzulocken. Auger machte den Betrunkenen nach; er hatte ſich als Kutſcher gekleidet. Sein Gefährte, der eben ſo wenig trunken als er, half ihm den Weg verſper⸗ ren; ſie ſangen der Eine und der Andere mit einer weinſchweren Stimme. Als Rétif zur Einöde der Bernardins kam,— Abends um halb zehn Uhr, eine in dieſen Quartieren ungebührliche Stunde,— ſtolperte Auger, der den Tritt und den Gang ſeiner Opfer erkannte, auf In⸗ génue zu und verſicherte, er wolle ſie küſſen. Sie ſchrie; er fiel über ſie her, und diesmal hatte er Zeit, ſie in ſeine Arme zu faſſen. Rétif rief um Hülfe, doch der Gefährte von Auger packte ihn zugleich bei ſeiner Perrücke und bei der Gurgel. Es war ſchon zu ſpät: das Signal war gegeben, der Ruf war gethan. Unſere zwei Kreuzweghelden ſahen ſich, ehe ſie nur einen Schritt gegen den Fiacre gemacht, von vier kräftigen Burſchen umringt, welche mit Stöcken und mit Ochſenziemern bewaffnet auf den Rücken der Entführer loszuarbeiten anfingen, wobei ſie jeden Schlag mit einem Cpitheton beglei⸗ teten, das um ſo unhöflicher, als es verdient war. Auger fand ſich alſo genöthigt, Ingénue loszu⸗ laſſen, und ſein Gefährte mußte bei Rétif daſſelbe thun; der Vater und die Tochter benützken dieſes Verlaſſen, um ihre Thüre zu erreichen und hinter erk ehe völ nic daf den es Fol und Au ſich ſei entſ ten und dell mar Str jede ſein mit blick Abe hatt ſie D en tte ben er⸗ ner ren den n mal ger der en, den acre lche auf gen, lei⸗ var. elbe eſes nter 65 ſich zu ſchließen, und als ſie ihre fünf Stockwerke erklettert, hatten ſie Zeit, ſich ans Fenſter zu ſtellen, ehe die Züchtigung, die man auf der Straße ertheilte, völlig beendigt war. Man muß auch geſtehen, daß es die vier Rächer nicht bei der Gerechtigkeit bewenden ließen, ſondern daß ſie mit Enthuſiasmus zu Werke gingen: ſie fan⸗ den ein großes Vergnügen am Geſchäfte und ließen es deshalb ſo lange als möglich währen; dem zu Folge bearbeiteten ſie die Seiten von Herrn Auger und ſeinem Begleiter, bis der Begleiter von Herrn Auger auf dem Platze liegen blieb. Was Herrn Auger betrifft,— ihm gelang es, ſich durchgewalkt aus dem Staube zu machen, Dank ſei es einer Piſtole, mit der er bewaffnet war; er entſchloß ſich, dieſelbe zu zeigen, und die Stöcke hat⸗ ten Angſt davor. Dieſe Scene machte großen Lärm im Quartier und ſtellte Ingénue als eine uneinnehmbare Cita⸗ delle hervor. Der Commiſſär hob den Verwundeten auf, und man ſprach davon, ihn zu henken, weil er auf offener Straße geraubt. Dieſes Abenteuer benahm jede Hoffnung und jede Begeiſterung Herrn Auger: nachdem er ſich von ſeinen Wunden wieder erholt, kam er eines Abends mit hängenden Ohren zum Prinzen, in dem Augen⸗ blicke, wo dieſer ſich zu Bette gelegt hatte. Zum Unglücke für Herrn Auger war an dieſem Abend Seine Königliche Hoheit übler Laune; ſie hatten gegen den Herrn Herzog von Orleans, indem ſie franzöſiſche Pferde gemeinſchaftlich mit engliſchen 5 D umas, Inéngue. II. 66 rennen ließ, zweitauſend Louis d'or verloren; ſie hatte eine Predigt vom König wegen ihrer Irreligioſität bekommen, und war von der Königin geſchmält wor⸗ den, weil ſie dem König den Rücken zugewandt. An dieſem Abend war es alſo kein lenkſamer Prinz. Auger wußte Alles dies, doch es ſtand Auger weder die Wahl der Stunde, noch die des Augen⸗ blicks zu.. Auger hatte nur vierzehn Tage verlangt, um zu reuſſiren; man war am ſiebzehnten, und zu Bette gehend hatte der Prinz geſagt: „Seit acht Tagen habe ich nichts mehr von Herrn Auger gehört; man hole mir dieſen Burſchen, daß ich ihm die Ohren reibe.“ Der Lackei hätte ſich bald außer Athem gelaufen; doch zehn Minuten, nachdem der Befehl gegeben war, befand ſich Herr Auger im Vorzimmer des Grafen von Artvis. Als er vor Seiner Königlichen Hoheit erſchien, pearbeitete der Prinz ſein Kopfkiſſen mit gewaltigen Fauſtſchlägen: er ſuchte einen Rücken, um ſich in Athem zu ſetzen, wie Mercur. „Ah! Herr Auger!“ rief der Prinz,„find Sie endlich da! das iſt ein Glück, bei meiner Treue! Ich glaubte, Sie ſeien nach Amerika abgereiſt. Werde völ ich wenigſtens von Ihrer Seite gute Chance haben?“ Auger antwortete mit einem traurigen, gedehnten Seufßzer. Der Prinz begriff. „Was iſt das?“ fragte er;„Sie bringen mir alſo das Mädchen nicht?“ Li ge die daß mei dad es nac ate ſität wor⸗ mer uger gen n zu Bette errn daß ufen; eben des chien, tigen h in Sie Ich Lerde völlig desavouiren; ich ſage mehr..5 hnten mir 67 „Ach! Monſeigneur,“ antwortete der unglückliche Liebesbote,„leider, nein!“ „Ich bitte, warum nicht?“ „Weil alle Mißgeſchicke der Welt über mich los⸗ gebrochen ſind, Monſeigneur.“ Hienach erzählte Auger auf das Allerkläglichſte die Mißgeſchicke, die ihn betroffen hatten. Der Prinz hörte ihn ohne das geringſte Mitleid an. Auger war in Verzweiflung: keine Sympathie für ſo viel Unglücksfälle erſchien auf dem Geſichte des Prinzen. „Sie ſind ein Dummkopf!“ ſagte Seine Hoheit, als die Erzählung beendigt war. „Das iſt wahr, Monſeigneur,“ erwiederte Auger ſich verbeugend;„ich habe das ſchon längſt bemerkt.“ „Doch es iſt nicht Alles, daß Sie ein Dumm⸗ kopf ſind: Sie ſind ein ſchlechter Diener.“ „Ach! was das betrifft, Hoheit. „Sie ſind ein Schlingel!“ „Monſeigneur!“ „Ein Erzſchuft!... Wie! es iſt nicht genug, daß Sie ſcheitern, Sie compromittiren auch noch meine Livree, welche ohnehin nicht ſehr populär iſt, dadurch, daß ſie Stockſchläge bekommt?“ „Aber, Monſeigneur, das iſt nicht meine Schuld; es iſt Verhängniß!“ „Wenn ich mir folgen wollte, würde ich Sie „Oh! Monſeigneur, Sie können nicht mehr ſagen!“ „Doch, mein Herr! und im Falle, daß man Ihnen nachſpüren ſollte, ließe ich Sie henken.“ „Das wäre eine traurige Belohnung für die Mühe, die ich mir um Ihretwillen, Monſeigneur, gegeben, und für das Uebel, das ich ausgeſtanden!“ e „Ein ſchönes Uebel eine große Mühe! ein klei⸗ 3 nes Mädchen, keine Unterſtützung, keine Bekannt⸗§ ſchaft und als Leibwache ein Sieche!“ „Diejenigen, welche auf die Schultern von mir u und meinem Gefährten geſchlagen haben, waren keine Siechen, Monſeigneur.“ „Man wird einmal durchgeprügelt, ich gebe das B zu; doch, alle Teufel! das iſt ein Grund mehr, um K ſeine Genugthuung zu nehmen.“ er „Das war nichts Leichtes, Monſeigneur: das ſp ganze Quartier war unterrichtet.“ je „Ein ſchöner Grund! wo die Stärke ſcheitert, zu bleibt die Liſt.“ vr „Der alte Vater iſt ein wahrer Fuchs, Mon⸗ 5 ſeigneur.“ da „Man entledigt ſich des Vaters.“ „Unmöglich! dieſer Blattſchmierer iſt zugleich von ei Eiſen und von Baumwolle.“ „Was verſtehen Sie hierunter?“ zu „Von Eiſen, um zu ſchlagen; von Baumwolle, ge um Schläge zu empfangen.“ w „Man kirrt das Mädchen.“ di „Um ein Mädchen zu kirren, Monſeigneur, muß P man es ſprechen oder wenigſtens ſehen.“ hit „Nun?“ ſte „Ganz unmöglich, es zu ſehen oder zu ſprechen, ro Monſeigneur.“ Li „Sie haben alſo nicht die geringſte Einbildungs⸗ da kraft,“ rief wüthend der Prinz;„Sie ſind alſo ein fa⸗ ungeſchicktes, dummes Thier, ein einfacher Liebes⸗ ſel — 69 eur, hausknecht? Sie ſind alſo nicht ſo viel werth als n!“ ein Savoyard? Sie ſind unter einem Auvergnat? klei⸗ Ich wette, daß der Erſte der Beſte, den ich nehme, nnt⸗ Herr Auger, daß der Commiſſionär von der Straßen⸗ * ecke die Sache, bei der Sie geſcheitert ſind, abmachen mir und zwar gut abmachen wird.“ eine„Ich möchte glauben, nein, Monſeigneur.“ „Ei! mein Herr, wie machten es denn Bontems, das Bachelier, Lebel, dieſe Helden? wie machte es der um Kammerdiener des Regenten? wie machte es der Se⸗ cretär von Herrn von Zichelieu? Gibt es ein Bei⸗ das ſpiel, daß Bachelier oder Lebel, Bontems oder Raffé je eine Frau entkommen iſt? War nicht Monceaur tert, zur Zeit des Regenten da? der Hirſchpark zur Zeit von Ludwig XV.? Unmöglich! unmöglich, mein Ron⸗ Herr?. Ei! alle Teufel! das iſt das erſte Mal, daß ein König oder ein Prinz dieſes Wort hört.“ „Monſeigneur, wenn jedoch die Macht der Er⸗ N on eigniſſe...5 „Dummheit! Dummheit! Herr Auger, nichts be⸗ zwingt die Menſchen: es ſind die Menſchen im Ge⸗ olle, gentheile,— ich ſpreche von den geſchickten Menſchen, wohlverſtanden,— es ſind die Menſchen, welche die Ereigniſſe bezwingen! Teufel! ich habe die kleine muß Perſon geſehen, Herr Auger; ich bin in ihr Zimmer hinaufgegangen; und hätte die Wohnung nicht ſo ſtark nach Druckpapier und beſtaubtem Schunde ge⸗ chen, rochen; wäre ich verſichert geweſen, daß nicht ein Liebhaber in einem Schranke verborgen, bereit, Scan⸗ ings⸗ dal zu machen; wäre ich mit einem Worte ein ein⸗ ei facher Officier von meinen Garden geweſen, ſtatt ich ebes⸗ ſelbſt zu ſein, ſo hatte ich die kleine Perſon, und ich 6 3 70 ging nicht vor dem andern Morgen von ihr weg!... Iſt das wahr, mein Herr?“ „Gewiß, Monſeigneur.“ „Doch nein, ich bin einfältig genug, die Dinge als Prinz zu treiben! ich habe meinen Bontems, mei⸗ nen Bachelier, meinen Lebel, den ich bezahle! und die Sache ſcheitert durch die Schuld von demjenigen, welcher ſie ſollte reuſſiren machen.. Ich habe Un⸗ glück in der That, daß ich ein Prinz von Geblüt bin: der winzigſte Schüler der Baſoche würde mir ins Geſicht lachen, daß ich nicht über Mademoiſelle Ingénue Rétif de la Bretonne zu ſiegen vermocht!“ „Ich bitte Monſeigneur flehentlich... „Sie ſind ein Schulfuchs, Herr Auger! gehen Sie in die Schule!“ „Aber, Monſeigneur, Bachelier, Lebel, Bontems und alle die Männer, welche Eure Hoheit mir an⸗ zuführen die Gnade gehabt hat, alle dieſe Männer lebten in einer andern Zeit.“ „Ja, ich weiß es, mein Herr, in einer Zeit, wo die Prinzen ſo treue, ſo verſtändige, ſo geſchickte Diener hatten, daß ſie nur zu wünſchen brauchten, um den eifrigſten Gehorſam zu finden.“ „Monſeigneur, jene Zeit war die gute Zeit; doch heute ſind die Tage ſchlecht. „In welcher Hinſicht w ſpreche, beſſer als die unſere? Herr.“ 3 „In der Hinſicht, daß Herr Bachelier Befehle in blanco, geheime Verheftshtiefe in blanco hatte... wenn ich ſage Herr Bachkliet Reden Sie, mein 4 die Zeit, von der ich ſo ſage ich Herr Lebel, nge nei⸗ die en, Un⸗ blüt mir ſelle t!“ hen iner 71 ſo ſage ich Herr Bontems; ſie befahlen allen Com⸗ miſſären von Paris, ſie befahlen der Maréchauſſée in der Provinz. Für den Herrn Herzog von Or⸗ leans Regenten gab es ſo viele vornehme Damen, daß er nicht bis zu den Bürgersfrauen herabſtieg, und der gegenwärtige Herr Herzog von Orleans ver⸗ ſorgt ſich mit Pferden, Wagen und Maitreſſen in England.“ „Gut! und der Herr Herzog von Richelieu, als er jung war und den Prinzeſſinnen von Geblüt den Hof machte, trotz des Staatsoberhauptes, ihres Va⸗ ters?.. Iſt Mademviſelle Ingénue ſchwieriger zu erlangen, als Mademoiſelle von Valvis, und iſt. Herr Rétif de la Bretonne mächtiger, als Philipp von Orleans?“ „Ich wage es, Eurer Hoheit zu wiederholen, daß ſich alle gute Traditionen verlieren; man muß ſich, wie Herr Mercier ſagt, einem Kataklysmos nähern; was einſt als eine Gnade betrachtet wurde, wird heute eine Schande genannt. Wahrhaftig, Monſeig⸗ neur, entſchuldigen Sie, daß ich Ihnen ſolche Dinge ſage, ich weiß nicht, ob es die Prinzen ſind, welche gehen, oder die ehrlichen Frauen, welche kommen; doch man weicht heute vor Allem zurück, und zum Beweiſe dient, daß Eure Königliche Hoheit mir er⸗ klärt, wenn man die Räuber von Ingénue verfolge, werde ſie mich überliefern, um gehenkt zu werden. Iſt das ermuthigend, Monſeigneur? Ah! man gebe mir einen geheimen Verhaftsbefehl, einen Einlaß in die Baſtille für dieſen Rétif de la Bretonne!... er hat das hundertmal verdient, und es wird ihm kein Unrecht widerfahren; man gebe mir ein Piquet 72 Polizeiagenten, um diejenigen durchzuwalken, welche uns gewalkt haben, und ich garantire Eurer König⸗ lichen Hoheit, daß die Schöne, ehe zwei Tage ver⸗ gehen, genommen ſein wird; nur muß man hiezu weder den Lärmen, noch die Schläge fürchten; die Schläge, ich fürchte ſie nicht, und ich habe ſie muthig empfangen; doch vom Lärmen will Eure Königliche Hoheit nichts wiſſen.“ „Nein, gewiß nicht, das will ich nicht. Es iſt ein ſchönes Verdienſt, mich zu befriedigen, wenn Sie mich dabei ins Spiel bringen. Bei Gott! gebe ich Ihnen eine Armee, ſo iſt es beinahe ſicher, daß Sie Rétif bezwingen werden; gebe ich eine Anweiſung, um vier Kanonen aus dem Invalidenhauſe zu neh⸗ men, ſo ſcheint es mir wahrſcheinlich, daß Sie die T Thine von Mademviſelle Ingénue ſprengen werden; was ich aber verlange, verſtehen Sie wohl? das iſt Geſchicklichkeit, Einbildungskraft, Diplomatie. Sie antworten mir, die Zeiten haben ſich geändert; beim Teufel! das iſt ſo, da ich Sie noch nicht für die Schmach, mit der Sie mich bedecken, an einen Aſt habe auf⸗ hängen laſſen. Sind ſolche Demoiſelles ſchwieriger, als zur Zeit von Bachelier und Lebel, Teufel! ſo mußten Sie ſich ſtärker als Lebel oder Bachelier zeigen,— das iſt das Ganze! Ich höre alle Tage ſagen, die Welt gehe vorwärts, das Jahrhundert mache Fortſchritte, die Erleuchtung breite ſich aus: gehen Sie mit der Welt vorwärts, mein Herr! ma⸗ chen Sie Fortſchritte mit dem Jahrhundert, und da die Erleuchtung ſich ausbreitet, ſo ſehen Sie klar!“ Auger wollte antworten, doch von ſeinem Zorne N.)— b g0 D che nig⸗ ver⸗ iezu die thig iche iſt Sie ich Sie ing, eh⸗ die en; iſt Sie eim ach, uf⸗ ger, ſo lier age ert us: ma⸗ da r rne 73 fortgeriſſen, war der Prinz ſo weit gegangen, daß er nicht zurückweichen konnte. Der Graf von Artvis richtete ſich in ſeinem Bette auf, deutete mit einer kaiſerlichen Geberde nach der Thüre und rief: „Hinaus, mein Herr! hinaus!“ „Monſeigneur,“ erwiederte Auger ſich verbeu⸗ gend,„ich werde es ein ander Mal beſſer machen.“ „Durchaus nicht, Sie begreifen mich nicht: ich befehle Ihnen, zu gehen, um nicht wiederzukommen.“ „Wie, Monſeigneur?“ „Ich will Ihre Dienſte nicht mehr.“ „Wie! Eure Hoheit jagt mich fort?“ rief Auger ganz verblüfft. „Ja.“ „Ohne Motiv?“ „Wie, ohne Motiv?“ „Ich will ſagen, ohne daß ich ein Unrecht be⸗ gangen.“ „Es iſt eines, zu ſcheitern, und dieſes, Gott ſei Dank! haben Sie gehabt!“ ſeignerr, laſſen Sie mich noch verſuchen...“ „Nie.“ „Vielleicht werde ich eine Liſt finden.“ „Unnöthig! Will ich dieſes Mädchen, ſo werde ich es haben, doch durch einen Andern als Sie, mein Lieber; das wird das Mittel ſein, Ihnen zu bewei⸗ ſen, daß Sie ein Eſel ſind. Gehen Sie!“ Der Prinz hatte diesmal als Gebieter geſpro⸗ chen; es war alſo nichts zu erwiedern. Er zog eine Börſe aus ſeinem Secretär, warf ſie Auger zu, 74 wandte ſich nach dem Bettgange um, und hörte auf zu ſprechen. Einen Augenblick verwirrt durch das, was er einen ſchwarzen Undank nannte, hob Auger die Börſe auf, ging ab und ſagte dabei laut genug, daß es der Prinz hörte: „Es iſt gut, ich werde mich rächen!“ Da aber dieſe Drohung den Prinzen nicht be⸗ rühren konnte, ſo drehte er ſich nicht einmal um: er verſchnaubte ſeinen Zorn oder er ſchnarchte. Monſeigneur der Graf von Artvis hatte Unrecht, zu ſchnarchen; es gibt keinen kleinen Feind, nicht einmal für einen großen Prinzen. Zeuge Madame Dubarry, die einen Augenblick eine größere Prinzeſſin war, als die Prinzeſſinnen von Geblüt, und die zum Feinde einen kleinen Neger hatte, der ihr denſelben Kopf abſchlagen ließ, an welchem ſie ſpielend dieſelbe Krone von Frankrei probirt hatte, die Maria Antoinette b großes Un⸗ glück bringen ſollte! XXVIII. Der Pfarrer Bonhomme. Man fragt ſich ohne Zweifel, welche Art von Rache Herr Auger, ein elender Lackei, an Seiner Königlichen Hoheit Monſeigneur dem Grafen von Artvis, Prinzen von Geblüt, nehmen konnte. Herr Auger verlor allerdings ſein Vermögen und ſeine Zukunf t,— da es zuweilen eine andere Zukunft als den Galgen für die Elenden von der be⸗ er ht, icht lick nen eger an eich Un⸗ von einer von ögen idere der 75 Gattung von Herrn Auger gibt;— Herr Auger figurirte nicht mehr unter den Werkzeugen des Hofes: Herr Auger fand nicht mehr unter ſeinem Zahne das gar gebackene Brod der Knechtſchaft, das ſo mächtige Reize für die feigen Herzen und die niedri⸗ gen Seelen hat. Das ſind, geſtehen wir es, Beſchwerden, die man nicht vergibt. Der Herr Graf von Artvis hätte dies bedenken müſſen, ehe er ſich einen Feind wie Herrn Auger machte; doch, wie geſagt, der Prinz hatte ſich mit der unklugen Sorgloſigkeit der Jugend gegen die Wand umgedreht und, ſtatt zu überlegen, geſchnarcht. Unſelige Gleichgültigkeit!... Die Zeiten ändern ſich, und der mikrofkopiſche Feind nimmt in gewiſſen Stunden die Verhältniſſe des Rieſen Mikromegas an. Verweilen wir übrigens nicht bei einer Haupt⸗ inhaltsanzeige, welche dem Leſer zu viel ſagen könnte; die Rache von Herrn Auger wird aus der Erzählung hervorgehen, die man nun leſen ſoll. Drei Tage nach dieſer heftigen Scene zwiſchen dem Diener und dem Herrn erſchien ein bleicher Menſch, mit verſtörten Zügen, ohne Athem und ohne Kraft, beim Pfarrer des kleinen Kirchſpiels Saint⸗ Jacques⸗du⸗Chardonnet. Es hatte ein Uhr Nachmittags geſchlagen; es war ein glänzender Herbſttag, leuchtend wie das Lächeln eines Greiſes oder wie ein Sonnenunter⸗ gang. Der Pfarrer hatte ſo eben ſein Mittageſſen be⸗ endigt. Er hatte alle Obliegenheiten ſeines Amtes verrichtet. Auf einer Raſenbank in ſeinem Garten 76 2 ſitzend, las er ſtatt ſeines Breviers eine Brochure, die ſo eben erſchienen war und von den Einen Herrn von Mirabeau, von Anderen Herrn Danton, von Anderen wieder Anderen zugeſchrieben wurde. N Immerhin iſt gewiß, daß die Schrift, wer auch ihr Verfaſſer ſein mochte, äußerſt patriotiſch war. Dieſer würdige Pfarrer, ein Zögling der Men⸗ ſchenliebe des Jahrhunderts und gewiegt von der Port⸗Royal⸗Philoſophie, übte einen Fantaſiecultus, der noch nicht definirt war, aber ſechzig Jahre ſpäter durch die Lehre des Abbé Chatel repräſentirt werden ſollte; es war eine Miſchung von Unglauben und Religion, einen revolutionären Glauben für den Ge⸗ brauch der redlichen Leute bildend: der gefährlichſte von allen Glauben, weil er die Leute an Gott zu glauben dispenſirte. Doch der würdige Pfarrer betrachtete das nicht von ſo nahe; man lebte nicht mehr in der Zeit der Prälaten, welche zugleich die Uebung des Gei⸗ ſtes und des Gewiſſens ad usum Eeclesiae coor⸗ dinirten. Vollgepfropft ſowohl von patriotiſchen, als phi⸗ loſophiſchen Lecturen, reſpectirte unſer würdiger Pfar⸗ rer Gott, bekümmerte ſich aber unendlich viel mehr, als es der Papſt geſtattet hätte, um die zeitlichen Angelegenheiten Frankreichs. Das war ſicherlich einer von den Geiſtlichen, welche vier Jahre ſpäter mit Begeiſterung den Eid der Conſtitution leiſteten und der Revolution aus ihren Wickelbändern hervor⸗ gehen halfen; ehrliche Utopiſten, reine Herzen, vor⸗ wurfsfreie Verräther, welche an Händen und Füßen gebunden den Jacobinern den König und Gott über⸗ —,——— re, n on uch en⸗ der us, iter den und hſte zu icht Zeit Gei⸗ vor⸗ phi⸗ far⸗ ehr, ichen rlich äter teten rvor⸗ vor⸗ üßen über⸗ * 77 lieferten, wenn man Gott den Menſchen überliefern konnte; einer von jenen Prieſtern, mit einem Worte, welche die Königin ſo verächtlich zurückwies, als ſie das Schaffot erblickte, das ihr den Himmel bezeichnete. Der Abbé Bonhomme,— ein vortrefflicher Name für einen chriſtlichen Seelenhirten,— las alſo dieſe Brochure, als Mademviſelle Jacqueline, ſeine Die⸗ nerin, ihm in ſeinem Gärtchen rief, daß er dem blei⸗ chen, verſtörten Manne antworte, von dem wir ſo eben geſprochen. Der Abbé gab Befehl, dieſen Mann zu ihm zu führen; vorläufig aber verbarg er ſeine Brochure unter einer Bank, in einem Reſedenbuſche. Die Prieſter ſind, wie die Aerzte, ein wenig Phyſiognomiker; man muß geſtehen, daß man ſelbſt in den guten Zeiten nicht zu ihnen geht, ohne ihrer zu bedürfen; ſo daß es ihre Gewohnheit und ihr Inſtinct iſt, in Unruhe zu gerathen, wenn man ſie angeht, welche Art von Dienſt man auch von ihnen verlangen mag. Nach dem Aeußeren dieſes Mannes urtheilend, er gehöre zum dienenden Volke, und er ſei ſehr ge⸗ ängſtigt, ſetzte ſich der Pfarrer wieder auf ſeine Bank, hob ſeine mit einer großen Brille beladene Naſe zu dem Unbekannten empor und fing damit an, daß er ihn in der Entfernung hielt, indem er folgende Worte an ihn richtete: „Es iſt gut, mein Herr... Was wollen Sie von mir?“ Der Mann blieb ſtehen; ſeine geheuchelte oder wirkliche Gemüthsbew egung war ſichtbar; er drehte ſei⸗ nen Hut zwiſchen ſeinen zitternden Fingern hin und her. 78 „Ein ſchlimmes Geſicht!“ murmelte der Abbé Bonhomme,„ein ſchlimmes Geſicht!“ 2 Und er ſchaute, ob Demoiſelle Jacqueline, ſeine Dienerin, nahe genug wäre, um ſeinen Ruf zu hören und darauf zu antworten.. Der Mann bemerkte, welche Wirkung er hervor⸗ i brachte, und nahm eine immer demüthigere Miene an. „Herr Pfarrer,“ ſtammelte er,„ich komme, um d Ihnen eine Mittheilung im Vertrauen zu machen.“ „Ah!“ dachte Bonhomme,„das iſt ein Dieb, den man verfolgt... Schlimme Geſchichte!“ „Mein Herr,“ erwiederte er,„ein Prieſter iſt kein Notar: er empfängt keine vertrauliche Mitthei⸗ f lungen, er hört Beichten.“ g „Das iſt gerade die Gunſt, die ich von Ihnen zu erlangen wünſche, Herr Pfarrer. Wollen Sie mich u d Beichte hören?“ fragte der beſtürzte Mann. „Die Peſt über dieſen Burſchen!“ ſagte der Pfar⸗ rer in ſeinem Innern;„ich machte eine ſo gute Ver⸗ ſe dauung, als er kam. „Aber, mein lieber Herr,“ fügte er laut bei, ine Beichte iſt immer etwas ſehr Ernſtes, und das V acht ſich nicht in einem Garten. Warten Sie alſo, bis ich in der Kirche, in meinem Beichtſtuhle bin de dann werden wir ſehen. „In dieſem Falle, Herr Pfarrer, erlauben Sie mir, Sie zu fragen, wann Sie in Ihrem Beichtſtuhle m ſein werden?“ „Morgen, übermorgen. de Der Unbekannte ſchüttelte den Kopf auf eine ver⸗ zu zweifelte Art. „Oh! ich werde nicht bis dahin warten,“ ſagte er. or⸗ an. um ſ iſt ei⸗ zu ich far⸗ er⸗ bei, lſo, bin, Sie uhle ver⸗ 79 „Das thut mir leid; doch ich habe über dieſes Kapitel Regeln, die ich mir gemacht. Ich höre am Morgen, von acht Uhr bis Mittag Beichte, und nie ſpäter, wenn nicht große Dringlichkeit obwaltet.“ „Es iſt zu ſpät, Herr Pfarrer! es iſt zu ſpät! ich muß ſogleich die Abſolution haben...“ „Das begreife ich ganz und gar nicht,“ erwie⸗ derte Bonhomme mit einer gewiſſen Bangigkeit. „Es iſt jedoch leicht zu begreifen: ich muß die Abſolution haben, bevor ich ſterbe.“ „Mein lieber Freund,“ entgegnete der Pfarrer, „erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie ent⸗ fernt nicht das Ausſehen eines Mannes in Todes⸗ gefahr haben.“ Und er bewegte ſich auf ſeinem Raſenſitze hin und her, immer mehr beunruhigt über die Wendung, die dieſe Sache nahm. „Das wird aber binnen einer Stunde geſchehen ſein, Herr Pfarrer.“ „Wie ſo?“ „Weil, nachdem ich die Abſolution für mein Verbrechen erlangt habe...“ „Sie haben alſo ein Verbrechen begangen, und darum wollen Sie beichten?“ „Ein abſcheuliches Verbrechen, Herr Pfarrer!“ „Ho! ho!“ rief Bonhomme, deſſen Bangigkeit mehr und mehr wuchs. Und er fing an umherzuſchauen, um, im Falle der Gefahr, ſeine Vertheidigungs⸗ oder Fluchtmittel zu erkennen. Der Mann fuhr fort, ohne daß es ſchien, als 80 ſchenkte er den klugen Vorbereitungen, die der Pfar⸗ rer, rer traf, eine Aufmerkſamkeit: Pro „Ein Verbrechen, nach welchem ich nicht mehr Ihr leben kann, und für das ich wenigſtens die Abſolu⸗ Sün tion eines Prieſters haben muß, damit ich ruhiger mac vor Gott erſcheine.“ „Ei!“ erwiederte der Pfarrer,„Sie ſchlagen da gem einen unmöglichen Weg ein.“ jene „Warum?“ Mal „Ich kann Sie nicht ſich tödten laſſen.“ „Oh! verhindern Sie mich doch! verhindern Sie frag mich doch!“ rief der Mann mit einem Lächeln, das Verſ den Prieſter vor Schrecken in Eis verwandelte., gewe „Verhindere ich Sie nicht, ſo iſt dies ſo, weil ich weniger ſtark bin, als der Teufel, von dem Sie glau beſeſſen ſind! Ich verſtehe unter dem Teufel den und böſen Geiſt; denn,“ fügte er, ſo erſchrocken er war, alſo, mit einem Lächeln bei,„Sie halten mich nicht für Todſ fähig, an den Teufel zu glauben, wie ein Geiſtlicher wem des Mittelalters, und die Schrift ſagt doch: Piabo- us; alle heilige Bücher nennen ihn; ich würde im daß Ganzen alſo nur meine Pflicht thun, wenn ich an Sie den Teufel glaubte.“ zweif „Sie ziehen es aber vor, nicht an ihn zu glau⸗ ben!“ ſagte der Mann mit einer Sanftheit, welche nicht ganz von Jronie frei war. urd „Man hat ſeine Ideen, mein Freund.“ „Gewiß, Hert Pfarrer, haben Sie die Ihrigen; ſo be ich, ich habe die meinigen, und beſonders die, mich am Ende der Straße in die Seine zu ſtürzen, ſobald den? ich abſolvirt ſein werde.“ „Aber, mein lieber Herr,“ entgegnete der Pfar⸗„ Du far⸗ ehr lu⸗ ger da Sie das weil Sie den ar, für cher po- im an lau⸗ lche en; nich ald far⸗ 81 rer,„ich kann Sie nicht abſolviren, wenn Sie ſolche Projecte haben: der Selbſtmord iſt eine Todſünde; Ihr Verlangen allein, ſich zu tödten, conſtituirt dieſe Sünde: Sie können nicht zerſtören, was Gott ge⸗ macht hat.“ „Sind Sie ganz ſicher, daß es Gott iſt, der mich gemacht hat, Herr Pfarrer?“ fragte der Sünder mit jenem ironiſchen Zweifel, von dem er ſchon ein erſtes Mal ein Zeichen gegeben hatte. Der Pfarrer ſchaute denjenigen an, welcher ihn fragte, und antwortete ſodann wie ein Menſch, deſſen Verſtand dem Glauben eine ungeheure Conceſſion gewährt: „Ich muß es glauben, wie ich an den Teufel glaube, da in der Schrift ſteht, Gott habe den Mann und das Weib gemacht.. Ich wiederhole Ihnen alſo, wenn Sie ſterben, ſo werden Sie im Stande der Todſünde ſterben; was keine kleine Sache, beſonders wenn, wie Sie ſagen, Ihr Gewiſſen ſchon beladen iſt.“ „Beladen, überladen, erdrückt, Herr Pfarrer! ſo daß ich dieſe Laſt nicht mehr ertragen kann, und daß Sie in mir einen Mann ſehen, deſſen ſich die Ver⸗ zweiflung ganz und gar bemächtigt hat.“ „Ah! ah!“ ſagte der Pfarrer, in dem die Men⸗ ſchenliebe erwachte und allmälig die Stelle der Furcht einnahm;„die Verzweiflung, das heilt ſich.“ Oh! Herr Pfarrer, wenn Sie ein Mittel kennen, ſo bezeichnen Sie es mir.“ „Eriſtirt das Mittel nicht, ſo gibt es wenigſtens den Arzt.. Ich bin dieſer Arzt.“ „Oh! Herr Pfarrer!“ „An mich wenden ſich die Seelen, wenn ſie leiden.“ Dumas, Ingénue. M. 6 82 „Ich habe mich auch an Sie gewandt.“ „Seien Sie willkommen, mein Sohn.“ her „Sie wollen mich alſo Beichte hören!“ ner „Ja,“ antwortete der würdige Pfarrer. Und er ſtand auf, um in die Kirche zu gehen. Doch es war ſo mild, ſo warm, ſo ſchön, daß Eir es Sünde geweſen wäre, dieſe gute Luft und dieſe hat reizenden Schatten zu verlaſſen. Der Garten ſandte ken in der That ſeine Wohlgerüche und ſeine Kühle hin⸗ zu; der Raſenſitz des Pfarrers hatte die behagliche Sie Geſchmeidigkeit angenommen, welche eine Gefälli und keit der lebloſen Dinge gegen die Bedürfniſſe des ren Leibes zu ſein ſcheint. Set Der Pfarrer, der ſchon halb aufgeſtanden war, ſank, einen Seufzer ausſtoßend, wieder auf ſeine Bank zurück und ſprach dann: „Ich habe ſagen hören, Gott liebe die in ſeinem Angeſichte, das heißt in freier Luft, unter freiem Himmel, vor ſeiner Natur gemachten Offenbarungen, und die Geheimniſſe des Menſchen kommen ihm beſſer Sch durch die Wolken zu, als durch die ſteinernen Mauern den einer Kathedrale.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ murmelte demi⸗ ein thig der Sünder. „Nun wohl,“ fuhr der Pfarrer ſehr zufrieden fort,„es widerſtrebt Ihnen alſo nicht, mir ins Ohr, hier, fern von allen Zeugen, zu erzählen, was Sie„we mir im Beichtſtuhle erzählt hätten? Ihre Wunde iſt ſchmerzlich, reizen wir ſie nicht durch die Verrückung.“ im „Gern,“ erwiederte der Mann, der ſich trefflich tois. mit dem Vorſchlage des Pfarrers zu vertragen ſchien; „muß ich niederknien, mein Vater?“ rer hen. „daß dieſe andte hin⸗ gliche ällig⸗ des war, ſeine einem reiem ngen, beſſer auern demü⸗ rieden Ohr, 3 Sie de iſt ung.“ efflich chien; 83 Der Pfarrer ſchlug die Augen auf, ſchaute um⸗ her, und ſah an einem unteren Fenſter ſeine Die⸗ nerin, welche dieſer Scene mit Neugierde folgte. Er machte ſeinen Bußfertigen auf ſie aufmerkſam. „Nun wohl,“ ſagte dieſer, der mit ihr bei ſeiner Einführung in den Garten Bekanntſchaft gemacht hatte,„das iſt Mademoiſelle Jacqueline... ich kenne ſie.“ „Ja?... erwiederte der Pfarrer.„Nun wohl, Sie auf den Knieen ſehend, würde ſie nicht begreifen, und ſie könnte kommen, was uns beengen müßte, wäh⸗ rend ſie unſer Geſpräch ſo nur natürlich finden kann. Setzen Sie ſich alſo zu mir und fangen Sie an.“ XXIX. Die Beichte. Der Unbekannte faltete die Stirne, machte einige Schmerzensgrimaſſen, und geberdete ſich in verſchie⸗ denen Zuckungen. Der Pfarrer, der nicht völlig beruhigt war, wich ein wenig zurück und fragte ſodann: „Vor Allem, wie heißen Sie, mein Freund?“ „Auger, Herr Pfarrer.“ „Auger,“ wiederholte dieſer maſchinenmäßig; „was machen Sie?“ „Herr Pfarrer, ich bin oder ich war vielmehr iſt von Monſeigneur dem Grafen von Ar⸗ vis. „In welcher Eigenſchaft?“ fragte der gute Pfar⸗ rer mit Erſtaunen. 8⁴ „In der Eigenſchaft...“ Auger ſchien zu zögern. „In der Eigenſchaft eines Vertrauten,“ fuhr er fort zu, wie man leicht glauben wird. „Nun wohl,“ ſagte er,„das iſt aber eine herr⸗ liche Protection, mein Freund, und Sie könnten, wie mir ſcheint, in der Macht des Prinzen ein ſouveraines Mittel für Ihre Mißgeſchicke finden, welche es auch ſein mögen.“ „Ich glaubte Ihnen geſagt zu haben, Herr Pfar⸗ rer, ich gehöre nicht mehr dem Prinzen.“ „Er hat Sie alſo weggeſchickt?“ „Nein, Herr Pfarrer, ich habe meinen Abſchied genommen.“ „Warum?“ „Oh! weil mir die Art der Dienſte, die ich zu iſt arm, doch man hat menſchliche Gefühle.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſprach mit Theil⸗ nahme der Pfarrer, indem er ſich ſeinem Bußfertigen näherte.„Und welche Art von Dienſten konnte denn der Herr Graf von Artois von Ihnen verlangen, daß Sie Bedenken hegten, ihm ſolche zu leiſten?“ „Herr Pfarrer, Sie kennen den Grafen von Artois?“ Biederkeit,“ antwortete der Pfarrer. „Ja, doch von ausſchweifenden Sitten.“ „Aber...“ verſetzte der Pfarrer erröthend. Das Erſtaunen des Pfarrers nahm immer mehr thun genöthigt war, nicht angeſtanden hat Man „Als einen reizenden Prinzen, voll Geiſt und „Kurz, Sie wiſſen, was ich meine, nicht wahr?“ de⸗ für der zu des gut auf lich 5 Ge Sie geb mei gel r er mehr herr⸗ wie ines auch far⸗ chied h zu Man heil⸗ tigen denn gen, von und . hr?“ 85 „Ich bin da, um Sie anzuhören, mein Sohn.“ Und der brave Mann hüllte ſich in die Strenge des Beichtigers und ſchickte ſich an, Dinge zu hören, für welche, wie er zu glauben anfing, die Dunkelheit der Kirche und der Schatten des Beichtſtuhles nicht zu dicht geweſen wären. „Ich war alſo,“ fuhr Auger fort,„im Dienſte des Herrn Grafen von Artois für ſeine Vergnü⸗ gungen.“ „Ah! mein Sohn!“ „Mein Vater, ich habe Sie zum Voraus darauf aufmerkſam gemacht: ich muß Ihnen zugleich ſchmäh⸗ liche und entſetzliche Dinge ſagen.“ *„Warum haben Sie ſich entſchloſſen, ein ſolches Gewerbe anzunehmen, mein Sohn?“ „Was wollen Sie? man muß leben.“ „Gut ſuchend,“ bemerkte der Prieſter,„hätten Sie vielleicht beſſere Exiſtenzmittel gefunden.“ „Das habe ich mir auch geſagt, jedoch zu ſpät.“ „Wie lang ſind Sie bei Seiner Königlichen Hoheit geblieben?“ 3 „Drei Jahre.“ „Das war viel.“ „Endlich habe ich ſie verlaſſen.“ „Sehr ſpät, wie Sie ſagen.“ „Beſſer ſpät, als nie, mein Vater.“ „Sie haben Recht Fahren Sie fort.“ „Ich wurde vom Prinzen beauſtragt... Ah! mein Vater, hier packt mich die Scham an der Gur⸗ gel und erſtickt mich.“ „Muth, mein Sohn!“ „Ich wurde vom Prinzen beauftragt. Ach! 86 ich weiß nicht, wie ich eine ſolche Schändlichkeit einem würdigen Manne Ihrer Art erzählen ſoll.“ Der Prieſter bekreuzte ſich. „Ich wurde,“ fuhr Auger fort,„ich wurde von Seiner Königlichen Hoheit beauftragt, ein Mädchen von dieſem Quartier zu verführen.“ „Oh! mein Gott!“ murmelte der Pfarrer mit einem ſichtbaren Gefühle des Entſetzens. „Ja, Herr Pfarrer, eine ſchöne, reizende junge Perſon, der Stolz und die Hoffnung ihres alten Vaters!“ „Unglücklicher! Unglücklicher!“ murmelte der Prieſter. „Sie ſehen wohl, daß ich der Vergebung unwün⸗ dig bin!“ ſagte Auger. „Nein, denn es iſt keine Sünde ſo groß, daß ſie nicht vergeben werden könnte; aber es iſt gräßlich, einen ſolchen Auftrag angenommen zu haben!“ Ach! ich ſchaudere auch! doch die Gewohnheit des Verbrechens verhärtet.“ „Und Sie haben das Unglück gehabt, zu reuſſiren?“ „Nein, Herr Pfarrer.“ Der Prieſter athmete. „Hätte ich reuſſirt,— Seine Hoheit bezahlte mich theuer genug, daß es mir gelingen ſollte,— hätte ich reuſſirt, ſo würde ich Ihnen nicht ſagen; „„Ich werde mich tödten,““ nein, ich wäre ſchon todt!“ „Fahren Sie immer fort,“ ſprach der Prieſter. „Sie willigen ein, mich anzuhören, mein Vater?“ „Ja, Sie intereſſiren mich,“ erwiederte naiv der brave Mann.„Erzählen Sie weiter, mein Sohn... Bis jetzt ſehe ich noch kein Verbrechen.“ 87 nem„Sie ſind ſehr gut, Herr Pfarrer,“ ſprach der Sünder mit jener Nuance von Jronie, welche bei ihm Gewohnheit zu ſein ſchien;„doch wir ſind noch von nicht beim Ende.“ chen Der Pfarrer ſchauerte. „Großer Gott!“ murmelte er,„was mß ich mit noch hören?“ „Ich nahm alſo den ſchändlichen Auftrag an, nge für das Vergnügen von Monſeigneur das unſchul⸗ lten dige Mädchen zu verführen, und ich ſchritt mit einer Art von Wuth zum Werke; denn es iſt merkwürdig, der zu ſehen, wie die ſchlimmſten Handlungen, wenn man ſie als Gewerbe ergriffen, Energie und Eifer vün⸗ Henjenigen einflößen, welche ſie vollführen.“ „Das iſt wahr, man wäre ein zu tugendhafter ſie Menſch, und man würde zweimal den Himmel ver⸗ lich, dienen, entwickelte man beim Gutesthun den vierten Theil der Entſchloſſenheit, die man beim Böſesthun heit anwendet.“ „Ein erſtes Mal ſcheiterte ich.“ n?“„Das Mädchen widerſtand?“ „Nein, diesmal handelte es ſich darum, den Vater ſelbſt zu verführen.“ hlte„Wie, den Vater verführen?“ —„Ja, indem man ihn beſtimmen würde, den gen: Handel, ſeine Tochter zu verkaufen, anzunehmen.“ dt!“„Oh! Sie verſuchten?...“ er.„Ja, Herr Pfarrer... Ich hoffe, das iſt ſchon ein Verbrechen. nicht wahr?“ der„Iſt es nicht ganz und gar ein Verbrechen, ſo S iſt es wenigſtens eine ſehr ſchlimme Handlung,“ ant⸗ wortete der würdige Mann, traurig den Kopf ſchüttelnd. 88 Auger ſchien niedergeſchmettert durch dieſe Kund⸗ gebung und ſeufzte tief. „Zum Glücke ſchlug es der Vater aus,“ ſagte er. „Oh! er hatte Muth, denn ich bedrängte ihn ge⸗ waltig.“ „Wackerer Mann von einem Vater!“ murmelte der Prieſter. „Da beſchloß ich, mich an die Tochter zu wenden.“ „Aergerliche Beharrlichkeit!“ „Glücklicher Weiſe wurden Briefe, Drohungen, Geſchenke, Alles von ihr zurückgewieſen! Ich ſchei⸗ terte unabläſſig und immer!“ „Das ſind, bei meinem Worte, ehrliche Leute!“ ſagte der Prieſter.„Und wußten ſie, daß Sie im Namen des Prinzen ſprachen?“ „Sie wußten es, Herr Pfarrer.“ * „Ich wundere mich, daß Sie dieſe Leute nicht geſchont haben, da Sie dieſelben ſo beharrlich in ihrer Redlichkeit ſahen.“ „Verhärtet, Herr Pfarrer, ich war verhärtet, ſage ich Ihnen!“ rief Auger. Und er ſchluchzte. Der Prieſter hatte Mitleid mit dieſem großen Schmerze, und um ihn zu beſänftigen, ſagte er: „Das ſind indeſſen keine unverzeihliche Verbre⸗ chen, und Ihre gute Gemüthsart übertreibt die Fehler.“ „Ei! Herr Pfarrer, Sie wiſſen alſo nicht, daß ich noch nicht beim Ende meiner Erzählung bin?... Ach! die Verbrechen haben auf ſich warten laſſen, doch ſie werden ſogleich kommen.“ und⸗ te er. ge⸗ nelte en gen, chei⸗ te!“ eim nicht in ſage ßen bre⸗ die 89 Der Pfarrer horchte; er war auf Alles vorbe⸗ reitet. „Nun,“ fuhr Auger fort,„nun kam der Augen⸗ blick, wo ich, nachdem ich mit der Liſt und der Ueber⸗ redung geſcheitert war, durch die Gewalt ſiegen wollte.“ Der Prieſter ſchaute ihn mit einer neuen Ban⸗ gigkeit an. „Ich beſchloß, das Mädchen zu rauben.“ „Mein Gott!“ „Ich gewann für dieſes Project einen von mei⸗ nen Freunden, einen kräftigen, entſchloſſenen Mann, welcher einwilligte, ſich des Vaters zu bemächtigen, während ich die Tochter entführen würde... 2h! Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! der Angriff geſchah...“ „Ein Hinterhalt?“ „Auf offener Straße! das Blut floß!...“ „Blut?“ „Der Angriff koſtete einem Menſchen das Leben...“ „Ein Mord?“. „Das iſt das Verbrechen, Herr Pfarrer; das iſt das gräuliche Attentat, deſſen ich mich ſchuldig ge⸗ macht habe; und da die Gerechtigkeit der Menſchen, die mich bis jetzt vergeſſen, ſich erinnern kann; da ich nicht auf einem Schaffot ſterben will, ſo bin ich entſchloſſen, Gott meine Seele anzubieten,— befreit, wie ich hoffe, durch die Abſolution, die Sie mir in Berückſichtigung meiner Reue geben werden.“ Der Ausdruck von Auger war ſo pathetiſch, ſeine flehenden Geberden hatten ſo viel Beredtſamkeit, ſeine Thränen bezeichneten ſolche Gewiſſensbiſſe, daß der würdige Pfarrer nicht mehr widerſtehen konnte; es 90 hatte ihn überdies das den reinen Menſchen, welche ſich in Gegenwart eines großen Verbrechers finden, na⸗ türliche Entſetzen ergriffen: er zitterte zugleich vor Angſt und vor Mitleid. „Sie haben den Vater ermordet? Ah! ah!“ mur⸗ melte er. „Oh! nein, Gott ſei Dank!“ erwiederte Auger ruhiger;„ich habe nicht gemordet!“ „Alſo iſt es Ihr Freund, der gemordet hat?“ „Er auch nicht; im Gegentheile.“ „Der Vater iſt aber doch das Opfer dieſes Hin⸗ terhaltes geworden?“ „Nein, nicht der Vater.“ „Wer alſo denn? Erklären Sie ſich.“ „Mein Freund, Herr Pfarrer! mein Freund, den ich angeworben hatte, um mich bei dieſem unglück⸗ lichen Verſuche zu unterſtützen.“ „Ah!“ ſagte der Prieſter, wie um eine große Laſt erleichtert,„ah! nicht der arme Vater iſt ge⸗ tödtet worden?... Ah! das iſt ein bedeutender Unterſchied: das Leben dieſes unſchuldigen Mannes wäre von ſehr großem Gewichte unter den Inzichten geweſen, die ſich gegen Sie vor dem Gerichte Gottes erheben werden. Doch erklären Sie mir, denn, wahr⸗ haftig, ich begreife nicht...“ „Das iſt gräßlich, Herr Pfarrer! Dieſes Mäd⸗ chen und ihr Vater ſahen unſern Angriff vorher; ſie ließen ſich geleiten und vertheidigen. Mein Freund wurde bei dem Kampfe ſo ſchwer verwundet, daß er in Folge hievon ſtarb, und ich trage die Schuld dieſes Todes, da er ſich auf meinen Antrieb in die Sache eingelaſſen hat... Ja, ich bin der Mörder, ger in⸗ den ück⸗ oße ge⸗ der nes ten tes hr⸗ 91¹ Herr Pfarrer, der einzige, der wahre Mörder, ich, der ich den Unglücklichen gezwungen habe, den Kampf zu beginnen, ich, der ich das Verbrechen herausge⸗ fordert habe!“ Und indem er dieſe Worte ſprach, überließ ſich Auger auf der Bank des Pfarrers der heftigſten, der bezeichnendſten Pantomime. Das war ein erſchrecklich anzuſchauender Schmerz. Der Pfarrer war niedergeſchmettert; er fühlte, was Alles Schändliches dieſe durch die Seufzer und die Thränen verſtümmelte Erzählung enthielt; er be⸗ klagte das geſchehene Böſe, und mit einem redlichen Sinne und einer lobenswerthen Feſtigkeit des Herzens dankte er Gott, daß er noch mehr Unglück verhin⸗ dert, als er geſtattet habe. Auger, der im Geiſte des Pfarrers beſſer las, als der Pfarrer ſelbſt, ließ ihn dieſe Berechnung machen, und geberdete ſich fortwährend verzweif⸗ lungsvoll. Der Pfarrer unterbrach ihn und ſagte: „Ihr Schmerz iſt begreiflich, und dennoch geſtehe ich Ihnen, daß ich Sie minder ſtrafbar finde, als ich befürchtete.“ „Ah!“ rief Auger mit tiefem Ausdrucke,„ſagen Sie mir auch die Wahrheit, mein Vater?“ „Ich ſpreche zu Ihnen im Namen des Herrn, mein Sohn, und wie es der Herr ſelbſt thun würde.“ „Iſt das möglich, und hätte ich das Glück, daß für mich noch Barmherzigkeit auf dieſer Welt wäre?“ „Gott bietet Ihnen, wenn nicht die volle Ver⸗ zeihung, doch wenigſtens den Troſt an. Doch ich habe Sie noch zu befragen.“ 9² „Ah! Sie wiſſen Alles, mein Vater!“ „Außer dem Ende dieſes Abenteuers.“ „Nun wohl, nach dem Tode meines Kameraden öffneten ſich mir ſogleich die Augen: ich lief zum Herrn Grafen von Artvis, und ſtatt die neuen Mit⸗ tel anzunehmen, die er zu meiner Verfügung ſtellte, brach ich mit ihm und forderte meinen Abſchied.“ „Das iſt gut! das iſt gut!“ rief der Prieſter in ſeiner Naivetät,„obgleich es gefährlich iſt!“ „Ah! für einen Menſchen, der zu ſterben reſignirt iſt, bleibt nichts gefährlich, mein Vater! In der That, was kann mir Schlimmeres widerfahren, als der Tod? Die Schande! nun wohl, der Selbſtmord, zu dem ich entſchloſſen bin, erſpart mir ſie, und Ihre Ab⸗ ſolution wird mich denſelben muthig erdulden laſſen.“ „Sie wiſſen, daß ich Ihnen die Abſolution in dem Falle, daß ich ſie geben zu müſſen glaube, nur gegen ein förmliches Verſprechen, gegen einen heili⸗ gen Eid, ſich nicht an Ihrem Leben zu vergreifen, geben werde.“ Auger ſchrie auf, ſeufzte, krümmte ſich, und ſuchte fortwährend den Pfarrer zu überreden, es ſei nie ein reumüthigerer Chriſt vor dem Bußgerichte er⸗ ſchienen. Er trieb die Schmähungen, die er an ſich richtete, und die Schläge, die er ſich auf die Bruſt gab, ſo weit, daß der gute Pfarrer, ernſt geworden und ſich als Märtyrer der Wahrheit hervorſtellend, keinen Anſtand nahm, zu ihm zu ſagen: „Mein Sohn, der wahre Verbrecher bei dieſer Sache ſind nicht Sie.“ ———— » . — den zum Mit⸗ Ute, in nirt hat, od? dem Ab⸗ in nur eili⸗ fen, chte nie ete, ſich nen ſer * 93 „Wer iſt es denn?“ fragte Auger mit einem äußerſt geſchickt geſpielten Erſtaunen. „Es iſt der Prinz, der Sie antrieb. Der Prinz hat ſie, ſeine Rolle vergeſſend,— denn die Prinzen haben eine Obliegenheit für die Seelen,— in das Verbrechen geſtürzt, um eine Zerſtreuung mehr zu haben! Jede Laune der Großen koſtet uns, uns Kleinen, entweder ein Theilchen von unſerer Ehre, oder ein Krümchen von unſerer Glückſeligkeit: ſie mäſten ſich mit unſerem Blute und löſchen ſich den Durſt mit unſeren Thränen... O mein Gott!“ fuhr er fort, den Herrn in dem allgemein zu jener Zeit angenommenen Style anredend, für welchen Rouſſeau den Geſchmack gegeben hatte,„o mein Gott! haſt Du denn die mächtigen Menſchen nur ge⸗ macht, um die Schwachen zu verſchlingen? o mein Gott! wann wird denn der trotz der Verheißun⸗ gen Deines Sohnes ſo lange erſehnte Tag kommen, wo die Schwachen durch die Starken beſchützt ſein werden?“ Hierauf ſchwieg er, obgleich fortgeriſſen durch ſeine Gemüthsbewegung, weil der wackere Pfarrer, ſo ſehr er auch Patriot war, ſich nicht zu ſtark com⸗ promittiren wollte; denn hätte am Ende der Herr Graf von Artois dieſe große Strenge erfahren, ſo konnte er ihm bedeutend beim Tribunal der Pfrün⸗ den ſchaden. Geſtehen wir indeſſen, daß er ſeine Prieſterpflicht, und zwar viel beſſer, als viele Andere, gethan hatte. „Auf, auf!“ ſprach er zu Auger,„weinen Sie nicht mehr! Ihre Schuld iſt ungeheuer, doch Ihre Reue iſt ſo groß, daß Sie mich gerührt haben.. 9⁴ Fahren Sie fort zu bereuen, und darum fahren Sie auch fort zu leben. Die Reue mehrerer Jahre tilgt in den Augen Gottes die Schuld eines Tages.“ „Hoffen Sie das, mein Vater?“ „Ja, ja, mein Sohn! und nicht von Ihnen wird man die größte Rechenſchaft über das, was vorge⸗ fallen iſt, fordern, ſondern vom Anſtifter, vom Prin⸗ zen. Glauben Sie alſo mir, Ihr Gewiſſen darf höchſtens mit einem Drittel des Verbrechens be⸗ laſtet ſein.“ Durch dieſen bewunderungswürdigen Vorſchlag, der die ſchwerſte Laſt von ſeinem Gewiſſen nahm, gelang es dem Pfarrer Bonhomme, die Augen von Auger zu trocknen. Doch er täuſchte ſich, wenn er am Ende zu ſein glaubte, und Auger hatte noch nicht ſeine ganze Komödie geſpielt. Dieſer rief auch, zu ſeinem Ausgangspunkte zurück⸗ kehrend, und als ob nichts vorgefallen wäre: „Nein, ganz entſchieden, Herr Pfarrer,— je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr ſehe ich, es iſt unmöglich, daß ich fortlebe.“ „Und warum, mein Gott?“ rief der Pfarrer, der nicht die Kraft in ſich fühlte, den Kampf wieder⸗ zubeginnen. „Oh! es kommt mir ein Gedanke, ein ſchrecklicher, gräßlicher Gedanke, der mir fortan weder bei Tage, noch bei Nacht Ruhe laſſen wird.“ „Was für ein Gedanke iſt denn das? Laſſen Sie hören.“ „Quitt gegen Gott, oder beinahe quitt durch die Büßung meines Verbrechens, konnte ich mich Sie tilgt vird rge⸗ rin⸗ dapf be⸗ lag, hm, von ſein nze 2 je es rer, der⸗ her, ge, ſſen uch nich 95 wieder erfreuen, wenn ich die Erde verließ; bleibe ich aber hier...“ „Nun?“ „Dann habe ich die Vergebung von denjenigen, welche ich beleidigt, zu erlangen. Glauben Sie denn, ich könnte ruhig ſchlafen, ſo lange das Bild dieſes beſchimpften Mädchens und dieſes beleidigten, be⸗ drohten Vaters um Rache ſchreiend in meiner Er⸗ innerung bleiben wird?“ „Beruhigen Sie ſich, mein Sohn!“ „Wie ſoll ich mich beruhigen,“ rief Auger mit einer wachſenden Aufregung,„während es mir ſcheint, ich höre ſie mir mein Verbrechen vorwerfen? ich ſoll mich beruhigen, während ich alle Tage dem ausge⸗ ſetzt bin, daß ich ihnen auf der Straße begegne, daß ich mit den Ellenbogen an ſie ſtoße, daß ich ihre höre?... Oh! mich beruhigen, nein, nein, nie!“ „Ah! um Gotteswillen,“ rief der Pfarrer Bon⸗ homme,„ſeien Sie vernünftig, oder bei meiner Treue, ich nehme meine Abſolution zurück.“ „Aber,“ verſetzte Auger,„nicht wahr, Sie be⸗ greifen mich, mein Vater? Die Opfer meiner ſchwar⸗ zen Bosheit wohnen in dieſem Quartier; ſie wohnen zwei Schritte von hier; gehe ich von Ihnen weg, ſo bin ich der Gefahr ausgeſetzt, ihnen zu begegnen.“ „Laſſen Sie hören, kenne ich ſie?“ „Dem Namen nach? Ah! gewiß, Herr Pfarrer.“ „Wer iſt es?“ „Das Mädchen heißt Ingénue; der Vater heißt Rétif de la Bretonne.“ 96 „Wie! Rötif de la Bretonne, der Romangnſchrei⸗ ber, der Tagblattſchmierer?“ 6 „Mein Gott, ja, mein Vater,“ antwortete Auger. „Der Verfaſſer des Pornographe, der Paysanne pervertie, dieſer gefährlichen Bücher...2 „Ganz richtig.“ „Ah! ah!“ machte der Prieſter. Dieſe ah! ahl hörend und zu ihrem richtigen Werthe ſchätzend, bemerkte Auger, wie viel der Name der Opfer ihrer Sache an Intereſſe in den Augen des guten Pfarrers benommen hatte. „Und dennoch,“ murmelte der Pfarrer, wie ge⸗ nöthigt, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, wem ſie gebührte,„er hat muthig widerſtanden! ich hätte es, bei meiner Treue, nicht geglaubt, da ich geſehen, welche Moral er in ſeinen Romanen bekennt.“ „Nun wohl, ja,“ erwiederte Auger,„das iſt un⸗ glaublich, und dennoch muß ich es glauben; die Tochter iſt ein Muſter von Reinheit, der Vater ein Typus von Ehre; die Achtung dieſer wackern Leute iſt mir noch unentbehrlicher als das Leben, Herr Pfarrer... Ja, ohne ihre Achtung kann ich mich offenbar nicht entſchließen, zu leben.“ Und immer weicher werdend, fing Auger an heiße Thränen zu weinen. Der Pfarrer ſchaute ihn mit einer verlegenen Miene an, welche beſagen wollte:„Was Teufels kann ich hiebei thun?“ „Mein Gott!“ rief Auger,„gibt es denn kein Mittel, meinen Frieden mit dieſen braven Leuten zu unter⸗ handeln, und werde ich mit ihrem Grolle beladen Gel letzt das verl Ihr patl fühl wer bleiben? eine ſchwere Bürde, mein Vater! eine ſchwere Bürde, die mich erdrücken wird.“ „Laſſen Sie hören,“ fragte der Pfarrer,„was iſt im Ganzen Ihre Abſicht? Sagen Sie, mein Sohn, haben Sie ihnen eine Genugthuung anzubieten?“ „Oh! jede, die ſie haben wollen! doch ich bin ein ſo elendes Weſen, daß ich Grauen bei ihnen er⸗ regen muß!.. hätte ich wenigſtens die Hoffnung..!“ Auger hielt zögernd inne. „Welche Hoffnung?“ „Daß ſie meine Reue und den Umfang meiner Gewiſſenbiſſe erfahren werden.“ „Nun denn,“ ſprach der Pfarrer wie mit einer letten Bewilligung,„ſoll ich es Ihnen ſagen?“ Oh! mein Vater, da würden Sie mir wirklich das Leben retten!“ „Aber,“ fügte der wackere Pfarrer ein wenig verlegen bei,„ich kenne ſie nicht, und ich geſtehe Ihnen, daß ich mich nicht durch eine lebhafte Sym⸗ pathie zu Herrn Rétif de la Bretonne hingezogen fühle, Sie begreifen?“ „Vollkommen; aber wenn Sie mir nicht helfen, wer wird mir denn helfen? wenn Sie, der Sie mein entſetzliches Geheimniß kennen, mich nicht erleichtern, ſo werde ich wohl eine neue Prüfung durchmachen und mich einem Anderen anvertrauen müſſen?“ „Oh!“ rief der Prieſter,„hüten Sie ſich wohl!“ „Dann,“ fuhr Auger fort,„welches Mittel? Sterben ohne Verzeihung!“ „Nun wohl, es ſei, ich werde Herrn Rétif be⸗ ſuchen,“ ſprach der treffliche Pfarrer;„ich werde es Dumas Ingönue. I. 98 dahin bringen, daß er Ihnen verzeiht... und dann...7 „Dann, o mein Vater! ſind Sie ein Wohlthäter, welchen auf meinen Weg geſchickt zu haben ich Gott danken werde! Sie werden der Engel des Guten ſein, der in mir den Dämon des Böſen beſiegt hat!“ „Gehen Sie im Frieden, mein Sohn!“ ſagte der Prieſter mit einer erhabenen Selbſtverleugnung,„ich werde thun, was Sie wünſchen.“ Auger warf ſich vor dem würdigen Manne auf die Kniee, bemächtigte ſich ſeiner Hand, küßte ſie gegen ſeinen Willen, und entfernte ſich, die Arme zum Himmel erhebend. XXX. Rétif und Ingénue verzeihen. Während Auger dem Pfarrer des Kirchſpieles Saint⸗Nicolas-du⸗Chardonnet beichtete, wünſchten ſich Röétif und ſeine Tochter Glück, daß ſie gegen den ſchlimmen Emmiſſär geſiegt hatten. Auger entfernt haben war viel; es blieb aber noch Chriſtian zu bekämpfen. Chriſtian, obgleich fern, ſchien in der That und mit Recht Rétif der gefährlichere Gegner zu ſein. Chriſtian oder vielmehr der einfache Einfluß von Chriſtian hatte Ingénue gegen Auger beſtimmt... Nachdem Auger abgegangen, träumte Ingénue nur noch von Chriſtian. Wir haben gehört, was ſie zu ihrem Vater in Betreff des Beſuches geſag den dieſer von Chriſtian und häter, Gott uten hat!“ e der „ich e auf te ſie Arme pieles ſchten n den ober t und in. ß von e nur ter in riſtian 99 an demſelben Tage, oder am andern Tage oder ſpä⸗ ter erwartete. Dieſer Tag verging, der andere Tag verging, und das ſo ſcharfe, ſo geübte Auge von Ingénue ſah weder in der Nähe, noch in der Ferne ein Ge⸗ ſicht, eine Tournure, wodurch ſie an das Geſicht oder die Tournure von Chriſtian erinnert worden wäre. Da begann eine Reihe von Raiſonnements, die ſich die arme Ingénue machte, um den ſchuldigen Chriſtian zu entſchuldigen. Woher konnte ſeine lange Abweſenheit rühren? War es die falſche Scham, einen andern Namen als den ſeinen angenommen zu haben? Das dünkte ihr nicht wahrſcheinlich. War es die durch Röétif eingeflößte Furcht? Ein ſchlechter Grund! War es der Aerger, mißhandelt worden zu ſein, als man ihn auf friſcher That der Lüge ertappt hatte? Er war aber von Rétif miß⸗ handelt worden, und nicht von Ingénue. Was konnte ihm daran liegen! es war Ingénue, die Chriſtian liebte, und nicht Rétif. Dieſe Gründe waren übrigens, wenn nicht gut, doch wenigſtens— unter Vorausſetzung einer gro⸗ ßen Nachſicht,— für vierundzwanzig bis achtund⸗ vierzig Stunden annehmbar; ſie konnten jedoch nicht eine Abweſenheit von zwei, vier, ſechs, acht Tagen entſchuldigen! Dahinter war ſicherlich ein Räthſel, deſſen Auf⸗ löſungswort Ingénue vergebens ſuchte. Während dieſer Zeit geſchah es, daß Auger an⸗ griff und geſchlagen wurde; dieſer Angriff von Auger und der Sieg von Röétif dienten Ingénue einen Augenblick zur Zerſtreuung. 100 Doch nach dem Siege kam die Beſorgniß wieder ſtärker als je, und der Zweifel, dieſer Roſt der Liebe, ſing an ſich ihres Herzens zu bemächtigen. Ingénue fragte ſich, ob in der That die Erfah⸗ rung der Väter nicht gemacht ſei, um die Kinder aufzuklären, und Ingénue bebte bei dem Gedanken, ſie könnte genöthig ſein, an die Erfahrung von Rétif zu glauben. Sie bildete ſich ein, Chriſtian habe bei ihr nur eine Beluſtigung geſucht; die Liebe, die er ihr aus⸗ gedrückt, ſei nichts Anderes als eine Laune geweſen, die er habe befriedigen wollen; mit einem Worte, ſie kam dahin, daß ſie dachte, Chriſtian, da er zu viel Schwierigkeiten geſehen, um bis zu ihr zu ge⸗ langen, habe ſich auf eine andere Seite gewandt. Die von Rétif vorangeſtellte Macchiavelliſche zwiſchen ihr und dem Grafen von Artvis, bot ſich nicht einmal dem Geiſte des Mädchens: dieſe vom Romanenſchreiber, als ein Thätigkeitsmittel, einge⸗ blaſene Idee war auf der Stelle durch Alles das, was ſich an reinen und edlen Elementen in der Ein⸗ bildungskraft von Ingénue fand, zurückgewieſen worden und hatte ſich in unſichtbaren Dunſt auf⸗ gelöſt. Eine redliche Einbildungskraft hat ſtäte, ſichere Blicke, deren Tiefe die geſchickteſten Combinationen der am weiteſten vorgerückten Erfahrungen in Ver⸗ wirrung bringt und gleichſam aus dem Felde ſchlägt. Rétif folgte übrigens in dem unſchuldigen Her⸗ zen von Ingénue dem verzehrenden Gange dieſer Ideen. Er wünſchte ſich Glück zu einer Melancholie, Idee, Chriſtian ſei nur eine ſchändliche Mittelsperſon der ebe, der ken, étif nur us⸗ ſen, rte, zu ge⸗ ſche ſön oom ige⸗ as, Fin⸗ eſen auf⸗ here nen Ver⸗ ägt. Her⸗ eſer olie, 101 die, obgleich ſie immer mehr zunahm, am Ende auf die Gleichgültigkeit auslaufen mußte. In Erwartung der Dinge, lebte man traurig im Hauſe Rétif. Es iſt immerhin eine Zerſtreuung für einen Mann, auf der Straße angehalten, und für ein Mädchen, entführt zu werden, und hat man keine andere, ſo fehlt dieſe ſehr. Mittlerweile ließ ſich eines Abends, als der gute Rétif eben von ſeinem Boden herabſtieg,— wo er zum Trocknen auf Schnüren einige friſch gedruckte Blätter von ſeinen Pariſer Nächten aufgehängt hatte,— der wackere Pfarrer Bonhomme, unter dem Paſſe ſeines Namens, beim Romanendichter, ſeinem Nachbar, melden. Rétif war Philoſoph und, wie alle Philoſophen jener Zeit, ein wenig Atheiſt: ſein Verkehr mit den Prieſtern des Quartiers war alſo etwas äußerſt Sel⸗ tenes, und er ſtand mit der Kirche nur in Berüh⸗ rung durch ſeine Tochter Ingénue, welche am Vor⸗ abend von jedem der vier großen Feſttage des Jah⸗ res einem alten Pfarrer des Kirchſpieles, dem ehe⸗ maligen Gewiſſensrathe ihrer Mutter, beichtete. Als er ſeine Tochter den Pfarrer Bonhomme melden hörte, war es alſo Rétif erlaubt, zu glauben, es handie ſich ganz einfach um ein frommes Werk; er hatte gerade kein Geld und rechnete auf ſeinen Buchhändler für eine Einnahme von fünfzig Livres. Er empfing auch den guten Pfarrer auf eine verdrießliche Weiſe: als hoffärtiger Schriftſteller, den eine indiscrete Bitte auf friſcher That der Armuth ertappt hat. Es war noch viel ſchlimmer, als der Pfarrer 102 Bonhomme mit einer geheimnißvollen Miene von Rétif eine Unterredung unter vier Augen verlangte. Dieſer ließ ihn nichtsdeſtoweniger in ſein Zim⸗ mer eintreten, das zugleich ſein Arbeitscabinet und ſeine Druckerei war; während er aber den Pfarrer vor ſich gehen ließ, warf er ſeiner Tochter, welche im erſten Zimmer geblieben war, einen Seitenblick zu, der beſagen wollte:„Sei ruhig: unſer Nachbar der Pfarrer der Kirche Saint⸗Nicolas⸗du⸗Chardonnet wird finden, mit wem er ſpricht.“ Reétif bot dem Pfarrer Bonhomme ein Fauteuil an und ſetzte ſich zu ihm, doch Beide,— und das iſt leicht zu errathen,— begannen das Geſpräch durch eine gewiſſe Antipathie in der Entfernung von einander gehalten. Nach den erſten Worten jedoch verſtanden ſich der patriotiſche Pfarrer und der philoſophiſche Ro⸗ manendichter: Beide, obgleich auf ſehr verſchiedenen Wegen gehend, ſtrebten nach einem und demſelben Zieke hin. Schüttelt der Herbſtwind die Bäume eines Waldes, ſo ſieht man mit einander und in demſelben Wirbel die Blätter der Eiche und des Maulbeerfeigenbaumes, der Platane und der Buche rollen. Man war aber im Herbſte, beinahe im Winter des achtzehnten Jahrhunderts, und der Wind der Revolution fing an ſcharf zu wehen. Wir bedauern, nicht in der unmerklichen An⸗ näherung, die er zwiſchen dieſen zwei Männern be⸗ werkſtelligte, jeden Satz der intereſſanten Unterre⸗ dung wiederholen zu können; man würde hierin ſehen, mit welcher vollkommenen Herzensgüte der würdige on te. m⸗ nd rer che lick ar net uil as äch oon ſich Ro⸗ nen ben me in des uche nter der An⸗ be⸗ erre⸗ hen, dige 103 Pfarrer bei Rétif die Sache des unglücklichen Auger, der der Familie in den Tod zuwider, plaidirte. Die Menſchenliebe iſt eine Tugend, welche alle andere in ſich ſchließt. Man hat Unrecht, zu ſagen der Glaube, die Hoffnung und die Liebe: es iſt ge⸗ wiß, daß in der dritten theologiſchen Tugend die zwei erſten enthalten ſind. Der Pfarrer, ſagen wir, plaidirte für ſeinen Bußfertigen mit einem ſo kräftigen Glauben an ſeine Tugend, daß Rétif ſich erſchüttert fühlte. Geiſtreich geworden, ſo ſehr wünſchte er, daß es ihm gelingen möchte, faßte der Pfarrer Rétif bei ſeiner politiſchen Nuance und zeigte ihm Auger ſo, wie er ihn ſelbſt geſehen, nämlich als unfreiwilligen, gezwungenen, gegen die ariſtokratiſche Tyrannei von tiefem Wider⸗ willen erfüllten Agenten. Der Pfarrer, wie wir ihn unſeren Leſern vor⸗ geſtellt haben, das heißt als Vorläufer der conſtitu⸗ tionellen Pfarrer von 1792, mußte Succeß beim Freunde von Mercier dem Reformator haben. Er hatte auch. Die Frage aus dieſem Geſichtspunkte betrachtend, fing Rétif an nur den Grafen von Artvis ganz ab⸗ ſolut zu verfluchen; der Pfarrer, mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Menſchenfreundlichkeit, ging aber ſo weit, daß er die Perſon des Prinzen entſchuldigte, indem er ſeine Schuld von ſeinem Stande und ſeiner fürſt⸗ lichen Erziehung herleitete. Das Reſultat hievon war, daß am Ende der Unterredung, nachdem er zuerſt Auger, ſodann den Prinzen angeklagt hatte, Rétif im Ganzen nur noch die Ariſtokratie anklagte. 104 Es war nicht mehr Herr Auger, es war nicht mehr der Herr Graf von Artvis, der ihm ſeine Toch⸗ ter hatte nehmen wollen: es war die Ariſtokratie. Nachdem aber die Sache beim Vater gewonnen und plaidirt war, brauchte man einen Schluß. Dieſer Schluß war die Verzeihung. „Verzeihen Sie! verzeihen Sie!“ ſagte der gute Pfarrer, welcher erzählte, das Leben von Auger ſchwebe am Faden dieſer Verzeihung. „Ich verzeihe!“ ſprach Rétif majeſtätiſch. Der Pfarrer gab einen Freudenſchrei von ſich. „Nun laſſen Sie uns zu Ingénue gehen und ihr die Sache mittheilen,“ fügte Röétif bei:„die Reue iſt ein gutes Beiſpiel für die Jugend. Ein Mädchen, wenn es das Verbrechen entweder beſtraft oder be⸗ reut ſieht, macht ſich keinen ſchlechten Begriff von der göttlichen Gerechtigkeit.“ „Ich liebe dieſen Gedanken,“ ſagte der Pfarrer. Man ging zu Ingénue. Wie Schweſter Anna ſtand Ingénue am Fenſter, und wie Schweſter Anna ſah ſie nichts kommen. Rétif berührte Ingénue bei der Schulter; ſie wandte ſich ſchauernd um. Als ſie ihren Vater und den Pfarrer ſah, lächelte ſie ſodann dem Einen trau⸗ rig zu, machte dem Andern eine Verneigung und ſetzte ſich wieder an ihren gewöhnlichen Platz. Rétif erzählte Ingénue die Reue und die Tugen⸗ den von Auger. Ingénue hörte ohne Theilnahme. Es lag ihr wenig daran, ob Herr Auger ein red⸗ licher oder ein unredlicher Mann war. Ach! ſie würde viel gegeben haben, hätte Chriſtian eine Anzahl 105 „ cht Verbrechen begangen wie Auger, wären ſie ſodann ch⸗ nur auf dieſelbe Art bereut worden. „Nun,“ fragte Rétif, als ſeine Erzählung been⸗ en digt war,„biſt Du zufrieden mit dieſer Genugthuung?“ *„Ja, allerdings, ſehr zufrieden, mein Vater,“ antwortete Ingénue maſchinenmäßig. ute„Verzeihſt Du dieſem armen Manne?“ ger„Ich verzeihe ihm.“ „Ah!“ rief der Pfarrer im höchſten Maße er⸗ 4 freut,„der Unglückliche wird neu geboren ſein! Ihre Großmuth hat dieſes ſchöne Werk vollbracht, Herr nd Rétif; doch das iſt nicht Alles, Sie haben ein noch ue viel verdienſtlicheres Werk zu vollbringen, und Sie en, werden es vollbringen, deſſen bin ich ſicher.“ be⸗ Rétif kam zu ſeiner erſten Befürchtung zurück. on Er ſchaute den Pfarrer an, der ihn ſelbſt, das Lächeln auf den Lippen, die Ueberzeugung in den er. Augen, anſchaute. na Er ſchauerte, denn er glaubte ſchon die Sammet⸗ na börſe aus der großen Taſche des Pfarrers hervor⸗ kommen zu ſehen. ſie„Oh!“ bemerkte er eiligſt, um der Bitte, die er nd befürchtete, zuvorzukommen,„oh! ich glaube, er iſt u⸗ reicher als Sie und ich, Herr Pfarrer.“ nd„Nun, hierin täuſchen Sie ſich,“ erwiederte die⸗ ſer.„Er hat die Dinge bis zum Ende gethan: er n⸗ hat das Geld des Grafen von Artvis ausgeſchlagen, er hat den Lohn, den dieſer ihm ſchuldig war, im Stiche gelaſſen; er hat in guten Werken die Erſparniſſe d⸗ verwendet, die er gemacht, der arme Junge! ſo ſehr de lag ihm am Herzen, wieder zum ehrlichen Manne h werden; und in der That, das Geld dieſes ver⸗ 106 dammten Hauſes war nichts Anderes als die Be⸗ lohnung für die ſchlechten Handlungen, die er ver⸗ wiſchen wollte...“ Gleichviel, gleichviel, Herr Pfarrer,“ unterbrach Relit,„Sie werden nichtsdeſtoweniger zu geſtehen, es wäre ſeltſam, wenn Herr Auger, nachdem er unſer Unglück verurſacht, Almoſen von uns fordern würde.“ „Und ſollte er Almoſen von Ihnen fordern, Herr Rétif,“ erwiederte der brave Mann,„ſo müßten Sie ihm meiner Anſicht nach als guter Chriſt geben; mehr noch: dieſes Almoſen wäre unendlich verdienſt⸗ lich in den Augen des Herrn, weil Sie dafür ange⸗ ſehen würden, daß Sie es nach Maßgabe des Böſen, das er gethan, geſpendet.“ „Aber...“ murmelte Rétif. „Doch die Frage liegt nicht hierin,“ unterbrach der Pfarrer:„Auger will nichts fordern und ver⸗ langt Alles nur von ſeiner Arbeit; das iſt ſchon ein vollkommen redlicher Mann, und er wird in kurzer Zeit der allerredlichſte Menſch ſein.“ „Was verlangt er denn?“ fragte Rötif ſehr beruhigt.„Erklären Sie mir das, Herr Pfarrer.“ „Er iſt es nicht, der verlangt, mein lieber Nach⸗ bar; ich bin es, der für ihn verlangt.“ „Und was verlangen Sie?“ fragte Rétif, indem er ſich aufrichtete und ſeine Daumen ſich um ein⸗ ander drehen ließ. „Ich verlange, was jeder gute Bürger verlangen kann, ohne für ſeinen Nächſten zu erröthen: Arbeit.“ „Ah! ah!“ „Sie laſſen viele Leute arbeiten, Herr Rötif.“ ob ni G B ch Y m 107 „Nein, ich ſetze ſelbſt, und dann weiß ich nicht, ob Herr Auger Buchdrucker iſt.“ „Er wird Alles ſein, um ehrlich zu leben.“ „Teufel! Teufel!“ „Vermögen Sie ſelbſt nichts, ſo haben Sie we⸗ nigſtens Bekanntſchaften.“ „Ich habe Bekanntſchaften,“ wiederholte maſchi⸗ nenmäßig Rétif;„wir haben Bekanntſchaften, bei Gott! nicht wahr, Ingénue? Allerdings haben wir Bekanntſchaften.“ „Ja, mein Vater,“ antwortete zerſtreut das Mäd⸗ chen,„wir haben.“ „Suchen wir... Wir haben vor Allem Herrn Mercier; doch er iſt wie ich, er verwendet Niemand.“ „Teufel! Teufel!“ murmelte nun der Pfarrer. „Aber ſuche doch, Ingénue!“ Das Mädchen ſchlug ſeine ſchönen blauen, ganz mit Schwermuth beladenen Augen auf. „Herr Réveillon,“ ſagte Ingénue. „Herr Röveillon, der Tapetenfabricant, der eine Manufactur im Faubourg Saint⸗Antvine hat?“ fragte der Abbé Bonhomme. „Oh! ja, in der That,“ rief Rétif. „Er ſelbſt,“ antwortete Ingénue. „Mademviſelle hat Recht,“ ſagte der Abbé,„das iſt eine vortreffliche Bekanntſchaft für das, was uns beſchäftigt! Herr Röéveillon iſt ein Mann, der viele Arbeiter verwendet.“ „Wozu taugt denn aber Herr Auger?“ fragte Rétif. „Oh! er hat eine gewiſſe Bildung erhalten: das iſt leicht zu ſehen... Sprechen Sie alſo mit Herrn ————— 108 Réveillon und empfehlen Sie ihm denſelben mit voller di Sicherheit.“ R „Das ſoll noch heute geſchehen,“ ſagte Rétif; p P was gibt es noch?“ fragte der Abbé n Bonhomme mit Beſorgniß. „Nur begreifen Sie, wird das eine traurige ne Empfehlung bei Herrn Réveillon ſein, der Töchter hat denn ſic „Denn?“ w „Denn ich muß Ihnen ſagen, mein lieber Nach⸗ te bar, gerade Herr Réveillon hatte uns Arbeiter ge⸗ liehen, um den Mädchenräuber zu züchtigen.“ „Sie werden ihm ſeine Reue erzählen, lieber Herr Rétif.“ 6 „Dieſe Fabricanten find ungläubige Leute,“ ent⸗ gegnete Rétif den Kopf ſchüttelnd. ei „Kurz, Sie werden ein Opfer der Sittenverderb⸗ niß der Großen nicht verlaſſen!“ Dieſe Art, die Frage umzudrehen, überredete ſe Rétif vollends: er verſprach mit der feſten Abſicht, ſt zu halten. m Und in der That, er unterließ es nicht. de d Ein Ariſtokrat und ein Demokrat des Faubourg Saint⸗Antvine. Da es ſchon ſpät war, als der Abbé Bonhomme von Rétif wegging, und, trotz der Kunde, die er von ic der Reue von Auger erhalten, der Romanenſchreiber 9 ſich in der Dunkelheit nicht mit ſeiner Tochter auf oller étif; lbbé wige chter ach 6. eber ent⸗ erb⸗ dete ſicht, toine. mme von iber auf 109 die Straßen von Paris wagen wollte, ſo begab ſich Rétif erſt am andern Tage, gegen Mittag, zum Ta⸗ petenhändler, um das am Tage vorher dem Herrn Pfarrer des Kirchſpieles Saint⸗Nicolas⸗du⸗Chardon⸗ net geleiſtete Verſprechen auszuführen. Réveillon hatte große Conferenz mit einem ſei⸗ ner Nachbarn. Die zwei Töchter von Réveillon bemächtigten ſich ihrer Freundin Ingénue und baten Rétif, zu warten, bis Herr Santerre und ihr Vater ihre Un⸗ terredung beendigt hätten. „Santerre der Bierbrauer?“ fragte Rötif. „Ja, Herr Rötif; Sie können ſie hören.“ „Teufel! ja; mir ſcheint ſogar, ſie ſchreien ſehr aut.“ „Es iſt immer ſo, wenn ſie über Politik mit einander reden.“ „Ei! man ſollte glauben, ſie ärgern ſich.“ „Das iſt möglich, denn ſie ſind über nichts der⸗ ſelben Anſicht; da ſie aber in Geſchäftsverbindung ſtehen, ſo entzweien ſie ſich nie ernſtlich, und ſie mögen immerhin ſchreien, wir bekümmern uns nichts darum.“ Rötif behorchte während dieſer Zeit, was im Cabinet von Réveillon geſprochen wurde. „Ahl ah!“ murmelte er,„ſie ſprechen von der Sache von Herrn von Dubois, dem Ritter von der Wache. Das iſt in der That Stoff zum Streiten.“ „Er hat wohl gethan,“ ſagte Réveillon,„und ich finde, er hat ſich als braver Soldat und als guter Diener des Königs benommen!“ 110 „Das iſt ein Schuft! das iſt ein Böſewicht!“ rief Santerre:„er hat auf das Volk ſchießen laſſen.“ „Ei! das Volk, das ſich empört, iſt nicht mehr das Volk,“ entgegnete Réveillon. e weil Sie reich ſind, wollen Sie für ſich al das Recht bewahren, eine Meinung zu haben und ſie zu ſagen, und weil man arm iſt, müßte man Alles erdulden, ohne ſich je zu beklagen oder ein wenig zu empören? Gehen Sie doch!“ „Man ſoll nicht, dem König und dem Geſetze zum Trotze, die öffentliche Ruhe ſtören, das ſage ich.“ „Réveillon! Röveillon!“ rief Santerre;„mein Freund, ſagen Sie nicht ſolche Dinge!“ „Ei! ſoll ich nicht ſagen, was ich denke?“ „Nein, beſonders nicht vor Ihren Arbeitern.“ „Und warum nicht?“ Weil ſie früher oder ſpäter Ihre Tapeten in Brand ſtecken werden, verſtehen Sie?“ „Nun wohl, haben wir an dieſem Tage noch das Glück Herrn Dubois als Ritter von der Wache zu beſitzen, ſo wird er mit ein paar Rotten kommen und auf ſie ſchießen laſſen, wis er auf dieſe ganze Canaille vom Pont⸗Neuf und von der Place Dau⸗ phine ſchießen ließ.“ „Teufel! Teufel!“ murmelte Rétif,„mein Freund Réveillon iſt noch weniger von der Bewegung, als ich glaubte, und hätte er ſich, wie Ingénue und ich, mitten unter den Flintenſchüſſen befunden, hätte er die Verwundeten wegtragen ſehen, hätte er die Todten gezählt. Während Réveillon halblaut dieſe Reflexion machte, ſchrie Santerre, der nicht der Mann war, um ſich „— in noch ache men anze Dau⸗ eund als te er dten ichte, ſich 1¹¹ das letzte Wort nehmen zu laſſen, noch viel lauter, als er es bis dahin gethan. „Ah! Sie würden Herrn Dubois herbeirufen? ah! Sie würden den Ritter von der Wache holen? ah! Sie würden auf die wehrloſen armen Teufel ſchießen laſſen? Nun wohl! ich erkläre Ihnen, daß beim erſten Schuſſe meine Arbeiter da wären, um den Ihrigen bewaffneten Beiſtand zu leiſten.“ „Ihre Arbeiter?“ „Ja, und ich an ihrer Spitze, hören Sie?“ „Nun wohl, das werden wir ſehen.“ „Das werden Sie ſehen.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre des Cabinets ungeſtüm und geräuſchvoll; Réveillon und Santerre erſchienen auf der Schwelle. Santerre war ſehr roth und Réveillon ſehr bleich. Beide ſtießen gleichſam mit der Naſe auf die drei Mädchen, welche ſehr beſorgt über die Scene, die ſie vernommen, und auf Röétif, der ſich den An⸗ ſchein gab, als hätte er nichts gehört. „Guten Morgen, lieber Herr Rétif,“ ſagte Ré⸗ veillon. „Ah! Herr Rötif de la Bretonne,“ rief Santerre, dem Romanenſchreiber von der Höhe ſeiner Athleten⸗ geſtalt zulächelnd. Rétif verbeugte ſich, ſehr glücklich, Santerre be⸗ kannt zu ſein. „Ein patriotiſcher Schriftſteller, er!“ fuhr der Bierbrauer fort. 3 Rétif verbeugte ſich abermals.* Santerre trat auf ihn zu und drückte ihm die Hand. Réveillon, der begriff, daß man Alles, was in 112 ſeinem Cabinet geſagt worden, gehört hatte, grüßte mittlerweile Ingénue mit einer verlegenen Miene. „Sie haben uns gehört?“ fragte Santerre, als ein Mann überzeugt, eine gute Sache vertheidigend, könne er vor Allen wiederholen, was er unter vier Augen geſagt hatte. „Ei! Sie ſprachen laut genug, Herr Santerre,“ erwiederte die jüngere von den Töchtern von Ré⸗ veillon. „Das iſt wahr,“ verſetzte Santerre mit ſeiner plumpen Stimme und ſeinem plumpen Gelächter, denn er hatte ſchon wieder alle Erbitterung des Streites verloren;„dieſer Teufels⸗Réveillon iſt noch bei Heinrich W.; er billigt Alles, was die Re⸗ gierung thut, und erwartet jeden Morgen das Huhn im Topfe.“ „Es iſt nicht zu leugnen,“ ſprach Rétif, der ganz darnach ſtrebte, ſich vom erſten Augenblicke an mit dem Bierbrauer, einer Perſon von notoriſchem Einfluſſe, mit der er überdies nach ſeinen Meinun⸗ gen ſympathiſirte, zu einigen,„es iſt nicht zu leug⸗ nen, daß es an jenem Abend bei der Statue von Seiner Majeſtät König Heinrich W. heiß zuging.“ „Ahl ah! Sie waren dort, Herr Rétif?“ fragte Santerre. „Ach! ja, Ingénue und ich... Nicht wahr, Ingénue?... Wir wären ſogar beinahe dort ge⸗ blieben.“ „Nun,“ ſprach der Bierbrauer,„Sie hören, mein lieber Réveillon, Herr Rétif war mit ſeiner Tochter dort.“ „Was dann?“ üßte e. ein end, vier re,“ Ré⸗ iner hter, des noch Re⸗ uhn ganz chem nun⸗ leug⸗ von ragte vahr, t ge⸗ mein chter 113 „Herr Rétif und ſeine Tochter ſind weder Ca⸗ naille, wie Sie vorhin ſagten, noch Feinde deröffent⸗ lichen Ruhe.“ „Nun, was? ſie ſind nicht umgekommen! und wären ſie umgekommen, mir gleichviel! warum waren ſie dort, ſtatt zu Hauſe zu ſein!“ Nur die Gemäßigten ſind im Stande, ſolche grauſame Raiſonnements zu machen. „Ho! ho!“ rief Santerre mit ſeinem plumpen, aber logiſchen Verſtande,„Sie werden es am Ende dieſen armen Bürgern von Paris zum Vorwurfe machen, daß ſie in Paris ſpazieren gehen? Ei! eil Meiſter Réveillon, der Sie Wähler zu werden trach⸗ ſ Teufels! ſeien Sie ein wenig mehr patrio⸗ tiſch. „Ch! alle Wetter!“ rief Réveillon zum zweiten Male beim wunden Fleiſche berührt,— denn hatte man ihn das erſte Mal in ſeinen Intereſſen bedroht, ſo war er das zweite Mal in ſeiner Eitelkeit verletzt worden,„ich bin ein eben ſo guter Patriot, als irgend Einer in der Welt, mein lieber Santerre; doch ich will keinen Lärmen, weil es mit Lärmen keinen Handel, kein Gewerbe gibt.“ „So iſt es,“ ſagte Santerre,„vortrefflich! machen wir eine Revolution, rücken wir aber Niemand von der Stelle und bringen wir in Nichts eine Störung!“ Und er ſprach dieſe Worte mit jenem ſpöttiſchen Phlegma, das einen der hervorſpringendſten Charak⸗ tere des franzöſiſchen Geiſtes bildet. Röétif lachte. Der Bierbrauer, der ſich unterſtützt fühlte, wandte ſich auf die Seite von Rétif und ſagte: Dumas, Ingönue. II. „Ich mache Sie zum Richter, Sie, der Sie dort übe waren: man behauptet, es ſeien dreihundert Perſo⸗ üb nen getödtet worden.“ „Warum nicht dreitauſend?“ erwiederte Réveil⸗ vei lon;„eine Nulle mehr oder weniger,— es iſt nicht! ſtä der Mühe werth, dabei zu verweilen.“ Das Geſicht von Santerre nahm einen gewiſſen Di Ernſt an, deſſen man dieſe gemeine Phyſiognomie ne nicht fähig gehalten hätte. „Setzen wir nur drei,“ ſagte er.„Iſt das Leben fül von drei Bürgern weniger werth, als die Perrücke von Herrn von Brienne?“ we „Gewiß nicht!“ murmelte Réveillon. „Nun wohl,“ wiederholte Santerre,„ich ſage Ihnen, daß dreihundert Bürger getödtet, und noch de viel mehr verwundet worden ſind.“ „Gut,“ ſprach Réveillon,„nun nennen Sie das Bürger! eine Menge Geſindel, das nach der Woh⸗ nung vom Chevalier Dubvis zog, um zu plündern. R Man hat dieſe Leute niedergeſchoſſen, und daran hat man wohl gethan... ich habe es geſagt, und ich de wiederhole es.“ „Nun, mein lieber Réveillon, Sie haben zwei u oder dreimal ſtatt einmal etwas geſagt, was nicht be genau richtig iſt: Sie wiſſen wohl, daß ſehr anſtän⸗ dige Leute Opfer von dieſem Zuſammentreffen ge⸗ worden ſind. Nicht wahr, Herr Rétif?“ „Warum fragen Sie das mich?“ verſetzte Rétif. bl „Ei!“ erwiederte Santerre naiv,„weil Sie ver⸗ ſichert haben, Sie ſeien dort geweſen.“ Rötif fing an ſehr in Verlegenheit zu gerathen zt dort erſo⸗ veil⸗ nicht iſſen omie eben rücke ſage noch edas Woh⸗ dern. n hat id ich zwei nicht nſtän⸗ n ge⸗ Rétif. e ver⸗ rathen 11⁵ über die Wendung, die das Geſpräch nahm, und über das Intereſſe, das ſich damit verknüpfte. „Ah!“ fragte eine von den Töchtern von Ré⸗ veillon,„Sie ſagen, es ſeien Opfer unter den an⸗ ſtändigen Leuten gefallen?“ „Bei Gott!“ erwiederte Santerre,„warum nicht? Die Kugeln ſind blind, und zum Beweiſe mag die⸗ nen: man führt einen...“ Rétif begann ſehr ſtark zu huſten; Santerre fügte aber bei: „Man führt vor Allem eine Präſidentenfrau an, welche eine Kugel auf der Stelle getödtet hat.“ „Arme Frau!“ rief Mademviſelle Réveillon. „Mon führt einen dicken Tuchhändler der Rue des Bourdonnais an.“ Rötif athmete. „Man führt...“ i„Viele, viele ehrliche Leute an!“ ſagte haſtig étif. Santerre war aber nicht der Mann, der ſich ſo das Wort abſchneiden ließ. „Man führt,“ ſprach er mit ſchallender Stimme, um den hartnäckigen, trockenen Huſten von Rétif zu bedecken,„man führt ſogar Ariſtokraten an.“ „Wahrhaftig?“ „So, zum Beiſpiel, einen Pagen... Reétif wurde roth, um lachen zu machen, Ingénue bleich, um bange zu machen. „Einen Pagen?“ fragte ſie faſt flüſternd. „Ja, ja, einen Pagen,“ erwiederte Santerre,„und zwar vom Herrn Grafen von Artvis.“ „Verzeihen Sie, vom Herrn Grafen von Pro⸗ 116 vence!“ entgegnete haſtig Rétif, in ſeinen Worten einen von ſeiner Tochter ausgeſtoßenen Schrei er⸗ ſtickend. „Man hat mir geſagt von Artois,“ wiederholte Santerre. „Man hat mir verſichert von Provence,“ ſagte Rétif mit einer großen Anſtrengung des Muthes, die er aus der Bläſſe von Ingénue ſchöpfte, welche athemlos an den Lippen der zwei Redenden hing und gleichſam bereit war, in Ohnmacht zu fallen oder wiederaufzuleben, je nachdem der Eine oder der Andere mehr Recht zu haben ſchien. „Artois oder Provence, gleichviel!“ rief endlich Santerre;„immerhin bleibt gewiß, daß dieſer junge Page ein wenig Ariſtokrat iſt.“ „Bah! bah! bah!“ ſprach Réveillon.„Rétif ſagt Provence, Santerre ſagt Artois, Sie ſehen wohl, daß man ſich nicht verſtändigt... Iſt es denn ge⸗ wiß, daß es ein Page war?“ „Ei! gerade das iſt es! Darüber iſt man nicht einmal ſicher,“ bemerkte Rétif, ganz wiedergeſtärkt durch die unerwartete Hülfe, die ihm zukam. „Ho! ho!“ rief Santerre,„halt! halt! meine Herren! es iſt ein Page und ganz gewiß ein Page.“ „Gut! woher wiſſen Sie das?“ fragte Réveillon. „Ja, woher wiſſen Sie das?“ wiederholte Rétif, ſich an alle Aeſte anklammernd. „Oh! ich weiß das auf eine ganz einfache Art: mein Freund Marat behandelt ihn; man hat ihn nach dem Marſtalle von Artvis zurückgebracht, und Marat, der höchſt menſchenfreundlich iſt, hat ihm ſo⸗ gar ſein Zimmer abgetreten.“ — — ten er⸗ olte gte lche ing llen der lich inge ſagt ohl, ge⸗ nicht tärkt teine ge.“ llon. étif, Art: ihn und n ſo⸗ 117 „Aber,“ fragte Réveillon,„hat es Ihnen Marat ſelbſt geſagt?“ Wos Rötif betrifft, er wagte es nicht mehr, den Mund aufzuthun. „Nein,“ antwortete Santerre,„die Wahrheit vor Allem! nein, nicht Marat, ſondern Danton, der es von Marat ſelbſt gehört.“ „Wer iſt das, Danton?“ „Ein Advocat beim Caſſationshofe... Sie wer⸗ den nicht ſagen, dieſer gehöre zur Canaille, obſchon es ein Patriot iſt.“ „Nun wohl, und wenn auch ein Page verwundet worden wäre,“ ſagte Rétif, der, während er das Anſehen hatte, als wollte er auch ſein Wort in die Converſation miſchen, ſeiner Tochter antwortete und nicht Santerre;—„es gibt mehr als hundert Pa⸗ gen in Paris.“ Ingénue hörte aber nicht, was ihr Vater ſprach. „Verwundet,“ flüſterte ſie,„er iſt nur ver⸗ wundet!“ Und ſie athmete; nur behielten ihre Wangen einen Reſt von der Bläſſe, die ſie einen Augenblick überzogen hatte, was den Demvoiſelles Röéveillon entgangen war,— denn die Mädchen bemerken es. „Sie ſehen alſo,“ fuhr Santerre fort,„man darf hier nicht kommen und uns ſagen, man habe wohl gethan, auf das Volk zu ſchießen; denn von zwei Dingen eines: entweder iſt man Ariſtokrat,— und Sie hören, daß Mehrere von dieſen getroffen worden ſind, oder man iſt Patriot,— und die Verheerungen ſindunſtreitig ſehrzahlreich in unſeren Reihen geweſen!“ 118 Das Dilemma war ſo ſtark, daß Réveillon nicht antwortete; die Discuſſion ſchien alſo geſchloſſen; doch aus Furcht, es könnte dies nicht ſo ſein, beeilte ſich Rétif, das Geſpräch abzulenken und es auf einen andern Weg zu treiben. „Lieber Herr Réveillon,“ ſprach er,„ich muß Ihnen doch ſagen, warum ich zu Ihnen gekom⸗ men bin.“ „Ei!“ erwiederte der Tapetenhändler,„ich hoffe wie gewöhnlich, um uns einen Beſuch zu machen und mit uns zu Mittag zu ſpeiſen.“ „Nein, meine Reiſe hat heute einen ſpeciellen Zweck; ich will Sie um eine Gefälligkeit bitten.“ „Um eine Gefälligkeit?“ „Sie erinnern ſich des ſchändlichen Hinterhalts, deſſen Opfer meine Tochter und ich ſicherlich ohne den Beiſtand Ihrer braven Arbeiter geworden wären?“ „Ja, ja, bei Gott! meine Arbeiter haben ſogar einen von dieſen ſchlimmen Ariſtokraten, von denen Sie vorhin ſprachen, mein lieber Santerre, tüchtig geprügelt... Erzählen Sie das dem Nachbar, Rétif.“ Das war Rétif ganz willkommen. Er erzählte die Geſchichte mit allen Verſchönerungen, welche ſeine Einbildungskraft eines Romanendichters beifi⸗ gen konnte. Die Erzählung machte einen lebhaften eindrud auf Santerre. „Bravo!“ rief er bei der Aufrechnung der Streiche, welche auf die Angreifer geregnet hatten.„Oh! das Volk, wenn es ſich einmal darein miſcht, ſchlägt kräftig!“ „Nun wohl, laſſen Sie hören, was iſt aus Alle den rul Ar rü ſei in „— 1+— cht n; ilte ten uß m⸗ ffe en len llle —— 11¹9 dem hervorgegangen?“ fragte Réveillon.„Beun⸗ ruhigt man Sie? Rührt ſich der Herr Graf von Artois?“ „Nein,“ erwiederte Retif,„derjenige, welcher ſich rührt, iſt im Gegentheile der Schuldige.“ „Ei! wenn er ſich rührt,“ ſagte Santerre, auf ſeine plumpe Weiſe lachend,„dann kenne ich nur Eines: man muß ihm den Reſt geben!“ „Unnöthig,“ entgegnete Rötif. „Wie, unnöthig?“ „Ja, er bereut, und er geht mit Sack und Pack in unſer Lager über.“ Und hienach erzählte Rétif, als Seitenſtück zur erſten Geſchichte, die ganze Palinodie von Auger. Er wurde unter einem Stillſchweigen voll Sym⸗ pathie angehört; es war nicht wenig um jene Zeit, die Hingebung eines Menſchen wie Auger für das Volk, beſonders da er ſeiner Tugend eines ergebenen Menſchen den Titel Ueberläufer beifügte. Santerre brach in Entzückungen der Freude aus. „Das iſt, bei Gott! ein braver Mann!“ ſagte er;„welche Reue! wie gut ſühnt er ſein Vergehen! und wie wird der Prinz wüthend geweſen ſein, wenn er dies erfahren hat!“ „Das läßt ſich wohl denken,“ ſprach Röétif. „Doch das iſt noch nicht Alles,“ fuhr Santerre fort,„dieſer wackere Mann muß belohnt werden. Wie heißt er?“ „Auger, Herr Santerre.“ „Nun, ſo laſſen Sie hören, was kann man für ihn thun?“ fragte der Bierbrauer in ſeinen Ergüſſen patriotiſcher Freude. 120 „Das wollte ich eben die Ehre haben, Ihnen zu ſagen,“ erwiederte Rétif.„Ich erzählte Ihnen vor⸗ hin, der arme Junge ſei mit Sack und Pack über⸗ gegangen. nein, im Gegentheile, er iſt ohne Sack und Pack ausgeriſſen; denn der redliche Junge wollte nichts von dem nehmen, was ihm beim Prinzen ge⸗ hörte! Er iſt alſo arm, er hat alſo Hunger, er will alſo arbeiten und die Taufe des Patriotismus voll⸗ ſtändig empfangen!“ „Bravo!“ rief Santerre, die abgerundete Phraſe von Reétif beklatſchend;„bravo! dieſer Burſche darf nicht Hungers ſterben: ich adoptire ihn!“ „Wahrhaftig?“ ſagte Rétif. „Ich nehme ihn als Arbeiter an,“ fuhr Santerre fort;„ich laſſe ihn einen Thaler täglich verdienen und gebe ihm die Koſt! Wetter! was das Aufſehen im Faubourg machen wird! wie die Ariſtokraten knurren werden!“ Bei dieſen Worten von Santerre fühlte Réveil⸗ lon, welche untergeordnete Rolle er ſpielte, und er beſchloß, wieder ein wenig die Oberhand zu gewin⸗ nen, die er bei dieſer Sache verloren hatte. Santerre drückte ihn zu Boden, und ein Firniß von Unbürgerlichkeit war nicht ſchmeichelhaft im Faubourg zu tragen. „La la!“ ſagte er, plötzlich ſich der unheilvollen Prophezeiung erinnernd, die ihm Santerre in Betreff ſeiner Tapeten gemacht hatte;„wie Sie ſich erhitzen!“ „Oh! ich bin kein Lauer!“ erwiederte Santerre. „Ei! mein Lieber, verſtändigen wir uns ein we⸗ nig,“ ſprach Réveillon,„ich bin nicht lauer als Sie, handelt es ſich darum, ſich als rechtſchaffener Mann zu or⸗ er⸗ ack llte ge⸗ vill ll⸗ aſe arf n ff 12¹ zu bewähren, und um Ihnen dies zu beweiſen, nehme ich, obſchon ich Niemand brauche, Auger an und quartiere ihn in mein Haus ein.“ Rétif wandte ſich entzückt und lächelnd gegen ſheun um: man brachte ſeinen Vorſchlag in Auf⸗ treich. „Oh! nein,“ entgegnete Santerre;„Sie geſtehen, daß Sie Niemand brauchen, und ich, ich habe in meiner Brauerei Geſchäfte noch für hundert Ar⸗ beiter.“ „Und ich,“ rief Réveillon, Santerre ſteigernd, „nehme ich nicht täglich, trotz der Noth der Zeit, eine Anzahl Unglücklicher ins Geſchäft? Ueberdies ſcheint es mir, daß ſich Herr Rétif an mich wandte.“ Rétif verbeugte ſich zum Zeichen der Beiſtim⸗ mung. Ferner ſcheint mir,“ fuhr Réveillon fort:„iſt ein Vorzug zu gewähren, ſo gebührt er dem älteren Freunde.“ Rétif nahm die Hand von Réveillon und drückte ſie zärtlich. „Einverſtanden,“ ſprach Santerre;„doch, unter uns geſagt, mein Nachbar, da es ein Feind der Ariſtokraten iſt, um deſſen Aufnahme es ſich handelt, ſo glaube ich, ſein Platz iſt eher bei mir, als bei Ihnen.“ „Bah!“ verſetzte der Tapetenhändler,„und wer iſt denn derjenige, welcher Auger die herrliche Tracht Schläge ertheilen ließ, wobei ſein Kamerad getödtet wurde und er ſelbſt beinahe getödtet worden wäre? Laſſen Sie hören, Herr Rétif, hat der Pfarrer ge⸗ ſagt, der Gefährte ſei geſtorben, ja oder nein?“ 122 „Er hat geſagt, er ſei geſtorben.“ „Durch dieſes letzte Argument beſiegt, trete ich zurück,“ ſprach Santerre.„Sie haben Recht, Patriot zu ſein oder ſich den Anſchein zu geben, als wären Sie es: das kann nichts ſchaden!“ Und er begleitete dieſe Worte mit einem Blicke, der dieſelben auf eine bezeichnende Weiſe commentirte. Réveillon und Rétif begriffen die Bedeutſamkeit dieſes Blickes; er enthüllte die ganze Revolution, perſonificirt in dieſem Manne, der, ohne es zu wiſſen, berufen war, ſpäter eine ſo große Rolle darin zu ſpielen. Réveillon führte ihn bis zur Thüre zurück, und Beide drückten ſich die Hand ohne Groll. Die Politiker hatten aufgehört zu ſtreiten, die Handelsleute verſtanden ſich. Santerre grüßte freundlichſt Rétif, dem er ſo ſehr gefallen hatte, als der Schriftſteller ihm ſelbſt gefallen; er machte noch kurz den Demoiſelles den Hof und verſprach ihnen Aepfel, weil man gerade in der Zeit des Obſtmoſtes war; dann ging er eine große Meinung von ſich im Hauſe hinterlaſſend weg. Die Mädchen nahmen Ingénue mit in ihr Zimmer. Als ſie allein waren, ſchauten Rétif und der Papierfabricant ſich an. „Nun,“ ſagte Rétif,„Sie nehmen alſo Auger?“ „Ja, doch man wird ſehen müſſen, was er zu thun verſteht,“ antwortete Réveillon mit einem Tone übler Laune, der Auger keine aus Gold und Seide geſponnenen Tage im Hauſe des Induſtriemannes weiſſagte. e S S S S. iot ren cke, rte. keit on, ſen, zu ück, die ſo elbſt den rade eine weg. ihr der er?“ r zu Tone Seide nnes 123 Rötif fühlte unter dieſen Worten den Druck, der den Tapetenhändler zu handeln beſtimmt hatte. Er wollte ihm beweiſen, daß er kein ſo ſchlechtes Geſchäft mache, als er glaubte. „Außer dem,“ ſprach er,„außer dem, daß Sie eine vortreffliche Politik beurkunden und als erleuch⸗ teter Patriot, was Sie ſind, ſo wie als braver Bür⸗ ger vor dem ganzen Quartier da ſtehen werden, außer dieſem, ſage ich Ihnen, wird auch das Ge⸗ ſchäft gut ſein; es ſcheint, daß unſer Mann wirklich unterrichtet worden iſt.“ „Unterricht! Unterricht!“ murmelte Réveillon, „das iſt, wie mir ſcheint, nicht von erſter Nothwen⸗ digkeit für einen Tapetendrucker.“ „Warum nicht?“ verſetzte Rétif, gewiegt in ſei⸗ nen Ideen eines vorgerückten Mannes;„der Unter⸗ richt führt zu Allem.“ „Selbſt zum Farbenreiben,“ erwiederte Réveillon; „das ſehe ich für Ihren Schützling nicht recht ein.“ „Hm! mein Schützling! mein Schützling! Sie werden zugeben, daß er ſeltſame Rechte auf meine Protection hat.“ „Er hat wohl, da Sie ihn mir empfehlen.“ „Es iſt wahr, ich empfehle Ihnen denſelben; oh! was das betrifft, ich kann nichts Anderes ſagen.“ „Nun wohl, ſo ſchicken Sie ihn alſo; und iſt er einmal hier, hat man mit ihm geſprochen, weiß man, was er zu leiſten vermag, ſo wird es immer noch Zeit ſein, zu ſehen, wozu man ihn zu gebrauchen hat; doch, alle Teufel!“ brummte Réveillon zwiſchen den Zähnen,„er thue ſeine Schuldigkeit, Ihr Herr Auger!“ Rétif dachte, man müſſe für den Augenblick 124 hiebei bleiben; er öffnete die Thüre vom Zimmer der Demoiſelles Réveillon, wandte ſich an ſeine Tochter und ſagte: „Meine Liebe, Alles iſt beendigt; danken wir noch dieſem guten Freunde Herrn Röveillon, und dann laß uns dem Pfarrer des Kirchſpieles Saint⸗Nicolas⸗ du⸗Chardonnet mittheilen, wenn Herr Auger redlich und ehrlich ſein wolle, ſo ſei ſeine Zukunft geſichert.“ Ingénue küßte die Mädchen; Rétif drückte Ré⸗ veillon die Hand, und ſie gingen weg. „Endlich iſt das abgemacht!“ ſagte der Schrift⸗ ſteller zu ſeiner Tochter mit einem ſchweren Seufßzer, ſobald ſie auf der Straße waren. Ingénue vermochte nicht einzuſehen, mit wie viel zukünftigen Seufzern dieſer Seufzer ſchwanger war! XXXII. Das Mittageſſen von Rétif. Rétif war bei ſeiner Rückkehr ganz freudig, und zwar von einer Freude, welche Ingénue nicht ver⸗ ſtehen konnte. Rétif fühlte ſich nämlich im Grunde ſeines Her⸗ zens entzückt, daß er die Bekanntſchaft von Santerre gemacht hatte. Es lag in der That zwiſchen Santerre und Ré⸗ veillon die ganze unermeßbare Entfernung, die ganze Schwindel erregende Tiefe, die ſich zwiſchen dem Gewiſſen und dem Ungewiſſen, zwiſchen dem Reellen und der Chimäre findet. — wei Bie trä ſtre ken gib Ja zu Eff in ein ſta— ten ver not un len die To ne Hr er ter och nn as⸗ lich . . Ré⸗ ift⸗ zer, wie iger und ver⸗ Her⸗ terre Ré⸗ anze dem ellen 125 Santerre verkaufte Bier, was man immer trinkt, weil man im Ganzen immer Bier braucht, und das Bier nach dem Waſſer das wohlfeilſte von allen Ge⸗ tränken iſt. Réveillon verkaufte Tapeten, die der Menſch ſtreng genommen entbehren kann; und Röétif, der ein kenntnißreicher Mann war, wußte, daß es Länder gibt,— Spanien zum Beiſpiel,— wo in einem Jahre nicht zehn Rollen Tapeten verbraucht werden. Der Eine war eine Art von Künſtler, der ſich zu den Künſtlern hielt und ſich, obgleich Bürgers⸗ mann, mit Tönen, Nuancen, Farben und optiſchen Effecten beſchäftigte. Der Andere war ein Mann, welcher in der Lage, in ſeinen Speichern den ganzen Kornvorrath, der eine Stadt ernährte, einzuſchließen. Beim Erſten konnte man zur Zeit eines Auf⸗ ſtandes Hungers ſterben: man lebt nicht von Tape⸗ ten, und die Farben, mit denen man ſie fabricirt, vergiften mehr oder minder. Beim Zweiten fand ſich zur Zeit einer Hungers⸗ noth die Münze eines ganzen Königreichs in Gerſte und Hopfen. Der Eine hatte vortrefflich eingeſchmierte Müh⸗ len, die das Waſſer und der Wind gehen machen, und Maſchinen in Bewegung geſetzt durch Pferde, die ein einziger Menſch lenkt. Der Eine hatte zu Feinden alle Arbeiter, deren Talent und Arbeit er abſorbirte, Der Andere hatte zu Freunden alle ausgetrock⸗ nete Schlünde, deren Durſt ſeine Gerſte und ſein Hopfen jedes Jahr ſtillten. 126 Der Eine wandte ſich an die kleinen, armen Bür⸗ ger, welche Popiertapeten kauften; denn zu jener Zeit wurden die großen Hotels und die reichen Häu⸗ ſer mit Stoffen tapezirt. Der Andere hatte es mit dem ungeheuren Volke zu thun, das heiß bekommt und trinkt. Alles dies, wohl bemerkt, abgeſehen von den perſönlichen Eigenſchaften. Rétif ſchätzte Réveillon ungemein. Doch er ver⸗ ehrte Santerre, den er zugleich auch ein wenig fürchtete. Réveillon war klein, mager, ſein Auge war unter ergrauenden Brauen eingeſunken: er rechnete mit der Feder in der Hand und kam drei bis viermal auf ſeine Rechnungen zurück. Santerre war gebaut wie ein Jäger von vor⸗ nehmem Hauſe, ſtark wie ein Hercules, ſanft wie ein Kind; er ſchrie gewaltig, doch es war immer ein wenig Lachen im Grunde ſeines Geſchreis; er hatte eine offene Hand und ein offenes Geſicht, weite Ta⸗ ſchen, aus denen das Geld eben ſo leicht herauskam, als es in dieſelben einging; er hatte große, hervor⸗ ſtehende Augen, eine friſche Geſichtsfarbe, einen guten dicken Backenbart, welchem er ſpäter einen mächti⸗ gen Schnurrbart beigeſellte; er rechnete im Kopfe und kam nie auf ſeine Rechnungen zurück. Im Gan⸗ zen war es ein wackerer Mann, der das Blut durch⸗ aus nicht liebte; die Royaliſten geſtehen es ſelbſt zu, am 10. Auguſt war er in den Tuilerien, doch er beſchützte eher die königliche Familie, als daß er ſie bedrohte; am 2. und am 3. September war er nicht in Paris, und er nahm keinen Antheil an 127 ür⸗ der Schlächterei der Gefängniſſe. Es bleibt noch ner gegen ihn das berüchtigte Trommeln vom 21. Januar; äu⸗ nun, es läßt ſich nicht mit Gewißheit behaupten, daß er es befohlen hat, und Viele ſagen, er habe olke* ſich dies aufgehalſet, wie Danton den September, ohne daß er großen Theil daran gehabt*). den Rétif konnte nicht vorherſehen, was Alles San⸗ terre werden ſollte, und dennoch ſprach er lange er⸗ nig S nter*) Es bezieht ſich dies auf die Enthauptung von mit Ludwig XVI.; Alexandre Dumas ſchrieb hierüber ſie folgende Stelle, die wir wortgetren wie⸗ erholen: „Als Ludwig XVI. auf dem Schaffot ſtand, vor⸗ ſchlugen die Trommler; er gebot ihnen durch wie einen Blick Stille. ein 1 ſprach er mit ſtarker Stimme folgende orte: „„Ich ſterbe unſchuldig an allen Verbrechen, deren man mich bezichtigt; ich verzeihe den Ur⸗ kam, hebern meines Todes und bitte Gott, er möge vor⸗ das Blut, das Ihr vergießt, nie auf Frankreich uten zurückfallen laſſen...““ ichti⸗„„Schlagt, Trommler?““ rief eine Stimme, und von der man lange glaubte, es ſei die von San⸗ Fan⸗ terre geweſen; es war aber die von Herrn Beau⸗ urch⸗ franchet, Grafen dOyat, Baſtardſohn von Lud⸗ ſelbſt wig XV. und der Courtiſane Morphiſe; das war 6 alſo der natürliche Oheim des Verurtheilten.“ rien, Dieſe Stelle findet ſich im letzten Bande der daß„Gräfin von Charny“, der nun auch durch war das Belletr. Ausland veröffentlicht worden il an iſt. Der Ueberſetzer. 128 über ihn mit ſeiner Tochter und bemerkte, er ſchmeichle ſich, ihn lebend in ſeine Zeitgenoſſen bringen zu können, indem er ſeinen Namen durch ein geiſtreiches Anagramm umdrehen würde. Kaum nach Hauſe zurückgekehrt, ſchrieb Rétif ein Wort an den Pfarrer, um ihn vom Erfolge ſeiner Geſandtſchaft zu unterrichten. Der würdige Prieſter eilte ſogleich herbei; er fand den Vater und die Tochter bei Tiſche, vor einem der volksthümlichen Mahle, welche allen guten Magen Appetit machen. Ingénue hatte, nicht ohne Mitwirkung von Rétif, eine Platte abgeſottenen Kohl bereitet, und dieſer war freigebig vom Garkoch der Rue des Bernardins mit Bratwürſten, dünnen Speckſchnitten und ſchmack⸗ haftem friſchem Pökelfleiſch farcirt worden. Ein Schoppen Wein in einer Flaſche, Waſſer in einem Blumentopfe von Faience, eine Suppe aus dem Pöckelfleiſch und dem Kohl gezogen, die Hälfte von einem achtpfündigen Brode, weiß und porös unter ſeiner goldenen Kruſte, Obſt zart auf Wein⸗ plätter in einem Weidenkorbe gelegt: das war das Mahl, dem ſeine Gemeinheit nichts von ſeiner Vor⸗ trefflichkeit benahm. Sie hatten ſich eben die Suppe in ihre Faience⸗ teller verziert mit Blumen ähnlich denen des Waſſer⸗ topfes geſchöpft, als ſie Tritte auf der Treppe hör⸗ ten, als ſie das Zimmer öffnen ſahen und der Pfar⸗ rer Bonhomme erſchien. Er trat mit ſeinem guten, heiteren, freundlichen Geſichte ein und grüßte Ingénue, die ihm einen Sitz anbot. Seine Hand drückte ſchon die Hand von Rötif. ichle nzu iches ein einer eſter die ichen en. tétif, ieſer rdins mack⸗ er in aus älfte porös Wein⸗ r das Vor⸗ ience⸗ zaſſer⸗ hör⸗ Pfar⸗ lichen einen Rétif. 129 „Herr Pfarrer,“ ſprach Rétif ein wenig erröthend, „die Suppe eines ehrlichen Mannes empfiehlt ſich durch ſich ſelbſt; wir fangen eben an zu ſpeiſen, und es iſt heute nicht Freitag.“ „Ich danke,“ erwiederte der Pfarrer,„ich danke, mein lieber Herr Rétif.“ „Nehmen Sie an, Herr Pfarrer,“ ſagte Ingénue mit ihrer ſanften Stimme. „Ah! meine liebe Demoiſelle,“ antwortete der Pfarrer,„glauben Sie, daß ich mich nicht bitten laſſe.“ „Ich weiß wohl, daß das Mahl mittelmäßig iſt,“ fuhr Rötif lächelnd fort. „Ganz und gar nicht, ganz und gar nicht,“ rief der Pfarrer, die durch den Dampf der Suppe ver⸗ dickte Atmoſphäre einſchlürfend;„dieſe Suppe hat im Gegentheile einen vortrefflichen Geruch, und ich werde Ihnen meine Haushälterin Jacqueline ſchicken müſſen, damit ſie Sie fragt, wie Sie dieſelbe ma⸗ en „Nun wohl alſo, Herr Pfarrer...“ „Ich habe ſchon zu Mittag gegeſſen,“ unterbrach dieſer. Ingénue lächelte. „Oh! Herr Pfarrer, lügen Sie nicht,“ rief ſie: „als Sie mein Vater neulich beſuchte, war es halb ein Uhr, und Sie hatten noch nicht geſpeiſt! Sie ſagten ihm ſodann, Sie ſpeiſen nie vor ein Uhr; heute hat es kaum zwölf Uhr im Seminar geſchlagen.“ „Nun wohl,“ erwiederte ebenfalls lächelnd der Pfarrer,„ich werde nicht lügen, meine ſchöne De⸗ moiſelle, da Sie mir hierüber ſo artig einen Vor⸗ wurf machen.“ Dumas, Ingénue. IM. 9 130 „Ah!“ „Ich habe in der That nicht zu Mittag geſpeiſt.“ „Raſch ein Gedeck!“ rief Rétif. Pf „Ei! Rei zuſ „Doch, doch erl „Nein, nein, ich danke; ich werde nicht mit Ihnen ſpeiſen... heute wenigſtens nicht.“ ver „Aus welchem Grunde?“ fragte Rétif. Und er machte einen Schritt gegen den Pfarrer, Fr während Ingénue einen rückwärts that. Wei mü Der Pfarrer zögerte. „Vollenden Sie doch!“ rief Rétif. ſtig „Weil ich nicht allein bin.“ „Ah!“ rief Rétif. „Ah!“ machte Ingénue, die Stirne faltend. mil „Wer iſt denn mit Ihnen?“ fragte Röétif. der n ver „Wo dort?“ „Auf der Treppe. ließ ich... „So laſſen Sie doch eintreten,“ ſagte Rétif. die „Auf der Treppe ließ ich einen dankbaren Mann, Herr Rétif.“ hat „Ah!“ machte dieſer. ſch Rötif hatte verſtanden. wä Ingénue auch, denn ſie ſchwieg. Ve „Ein zugleich von Freude und von bitterer Reue Th ganz angeſchwollenes Herz.“ „Ja, ich begreife, Herr Auger, nicht wahr?“ füh „Er ſelbſt.“ Sc Es entſchlüpfte Ingénue ein Seußer, der einer Klli Klage glich. eiſ hnen rrer, 131 Dieſer Seufzer beunruhigte den Pfarrer ſehr. „Er war bei mir, der Unglückliche!“ fuhr der Pfarrer fort,„als Sie mir die erfreuliche Nachricht zuſandten, und er bat mich inſtändig, ich möge ihm erlauben, mich zu begleiten.“ „Teufel! Teufel! Herr Pfarrer!“ ſagte Rétif verlegen. „Bewilligen Sie ihm dieſe letzte Gunſt, mein Freund... Haben Sie nicht verziehen?“ „Allerdings habe ich verziehen... Doch Sie müßten einſehen, Herr Pfarrer...“ „Sollten Sie dieſe Verzeihung gewährend gei⸗ ſtige Vorbehalte gemacht haben?“ „Nein, gewiß nicht; doch...“ „Ueberwinden Sie dieſe Schwäche, ſeien Sie mildherzig bis zum Ende, hegen Sie keinen Groll, der die Verzeihung überlebt und ihre Wirkungen vernichtet.“ Rétif wandte ſich gegen ſeine Tochter um. Ingénue ſchlug, unempfindlich und unerforſchlich, die Augen nieder. Hingeriſſen durch die feurige Bitte des Pfarrers, hatte der Schriftſteller noch nicht ja geſagt, da öffnete ſchon der vortreffliche Prieſter die Thüre und ge⸗ währte Eingang einem Menſchen, der, in großer Verwirrung, ſich Rétif und Ingénue, Ströme von Thränen vergießend, zu Füßen warf. Der Pfarrer fing auch an zu weinen: Rétif fühlte ſich bewegt, und Ingénue empfand einen Schmerz ähnlich dem, welchen ihr eine kalte, ſcharfe Klinge ihr Herz durchbohrend bereitet hätte. Dieſer Schmerz überſetzte ſich durch einen Schrei, 132 deſſen ſie ſich, als ſie Auger erſcheinen ſah, nicht er⸗ wehren konnte. Auger, der ſeine Rede lange und mit vielem Nachdenken vorbereitet hatte, plaidirte ſeine Sache mit einem vollendeten Malertalente; er war beredt und brachte Rötif zurück. Die Menſchen von Einbildungskraft können nie Erfahrung erlangen; ſie ſehen zu ſehr das, was ſie träumen, um das, was iſt, gut zu ſehen. Ingénue benützte alle dieſe Rührungen, um mit den klaren Augen der Unſchuld den Mann anzu⸗ ſchauen, der beinahe ſo unheilbringend für ſie ge⸗ weſen wäre. Anger war durchaus nicht häßlich; er hatte eher etwas Gemeines als etwas Widriges; mehrere gute Eigen⸗ ſchaften können in der Phyſiologie eine Mangelhaf⸗ tigkeit conſtituiren, wie mehrere Fehler eine Art von Schönheit, die beſonders, welche man die Phyſiogno⸗ mie nennt, hervorbringen können. Lebhafte Augen, deren Ausdruck bis zur Unver⸗ ſchämtheit ging, ein Wald von Haaren, ſchöne Zähne, ein geſundes Ausſehen, dies war der Mann; er war gut gebaut in ſeiner kleinen Taille und äußerſt ſorg⸗ fältig gekleidet; doch er hatte eine niedrige, zurüc⸗ weichende Stirne und einen durch die Gewohnheit trivialer Ausdrücke verdorbenen Mund. Leider war Ingénue unfähig, zu argwohnen, was Alles ein Mund wie dieſer verrieth. Hiedurch erfolgte, daß der Eindruck, den auf ſie ihre ſtill⸗ ſchweigende Prüfung machte, Auger nicht ganz ſo ungünſtig war, als man hätte glauben ſollen. Alles, was wir von ſeiner Zerknirſchung, von N t er⸗ ielem ache eredt nie s ſie mit nzu⸗ ge⸗ twas gen⸗ lhaf⸗ von gno⸗ ver⸗ hne, war org⸗ rück cheit nen, urch till z ſo von ſeinen Gewiſſensbiſſen, von ſeiner Verzweiflung ge⸗ ſagt haben, wiederholte Auger; er erzählte ſeine Kämpfe, ſeine Leiden, ſeine Unſchlüſſigkeiten, und er⸗ klärte am Ende ſeine feſte Abſicht, der allerfleißigſte und allerredlichſte Menſch zu werden. Er hatte ſogar Geiſt genug, um, während er auf den Prinzen den größten Theil ſeiner Fehler und Vergehen warf, von eben dieſem Prinzen ein wenig von dem Firniß zu nehmen, der immer das abenteuerliche Auge der Frauen verführt. Dieſer Firniß von Adel und Eleganz, von blen⸗ dender Beſtechung und ambraduftender Ariſtokratie hatte Mühe, an der Oberhaut von Herrn Auger zu halten, doch er hatte es mit einfachen, guten Leuten zu thun, welche, nachdem das Mißtrauen einmal ver⸗ ſchwunden war, Alles annahmen und eine Erzählung wie ein Glück benützten. Als Auger gewahrte, mit welcher Aufmerkſamkeit Rötif der Aufßzählung der Livreen, der Equipagen, der Gemächer des Grafen von Artvis, der Einzelheiten ſeiner Soupers und ſeiner galanten Partien zuhörte, — keuſch verſchleierte Einzelheiten, damit ſie Ingénue vernehmen konnte;— als er ſah, welches Intereſſe ſelbſt das Mädchen an der Beſchreibung der Stoffe, der Ameublements, der Pferde und der Pagen nahm, als er mit einem Worte begriff, man habe ihn als Entführer vergeſſen, um ihn als Erzähler dieſer ver⸗ brecheriſchen Hülfsmittel anzunehmen, da fing er an zu glauben, die Verzeihung ſei ihm in vollem Um⸗ fange gewährt, und ſehe man ihn nicht mit Vergnügen, werde man ihn wenigſtens mit Gleichgültigkeit ehen. Zwiſchen dieſem und dem Grauen, das er am Tage vorher noch einflößte, lag eine Kluft. Dieſe Kluft hatte er überſprungen. Doch mit einem wunderbaren Inſtincte,— mit jenem Inſtincte der ſchädlichen Thiere, welche ihre Beute zu ergattern trachten,— begriff er, daß er ſeinen Beſuch nicht ausdehnen durfte, und er ging ab mit einem Erguſſe von Dankbarkeit und Artigkeit, der vollends Rétif unterjochte und beinahe Ingénue beruhigte, an welche abgehend ein ehrerbietiges Lä⸗ cheln gehüllt in eine tiefe Verbeugung zu richten er ſich befugt glaubte. XXXIII. Der Verwundete und ſein Arzt. Wir können nun zum armen Chriſtian zurückkeh⸗ ren, den gefällige Arme, die ſich von hundert zu hun⸗ dert Schritten ablöſten, nach dem Marſtalle von Artois unter Führung des breitſchulterigen Mannes trugen, in welchem unſere Leſer ſchon Danton erkannt haben. Einige Fackeln wurden dem Zuge vorangetragen; Geſchrei von Weibern und Aufrufe an das Mitleid, wenn nicht zu den Waffen, antworteten auf die Seufzer des Verwundeten. Jeder trat hinzu, um in der Nähe den jungen Mann mit den ſchwarzen Haaren, mit den bleichen Wangen, mit den feinen Zügen zu ſehen, deſſen ver⸗ wundeter Schenkel eine Woge Blutes bei jeder Be⸗ wegung der Tragbahre entſtrömen ließ. anr ich gen am mit ihre er ing keit, nue mer keh⸗ un⸗ von nes nnt en; eid, zer en en er⸗ Be⸗ 135 Die Thüre des Marſtalls ſchloß ſich beim An— blicke des Zuges, deſſen Abſichten man nicht kannte; doch ſie öffnete ſich wieder, ſobald der Portier auf dem Schmerzenslager ausgeſtreckt den zum Hotel ge⸗ hörenden Pagen geſehen und erkannt hatte. Bald liefen, von Danton aufgefordert, einige Leute voll Eifer weg, um in ſeinem Zimmer den Wundarzt vom Dienſte aufzuwecken. Herr Marat ging aber nicht ſo frühzeitig zu Bette: man fand Herrn Marat auf ſein Manuſeript gebeugt; er ſchrieb voll Eifer mit ſeiner langen, dünnen Schrift die Lieblingsſeiten ſeines polniſchen Romans ab. „Es iſt gut,“ rief Marat übler Laune, daß man ihn bei einer ſo ſüßen Arbeit ſtörte,„es iſt gut, legt ihn auf mein Bett und ſagt, ich komme.“ Die Perſonen, welche dieſen Auftrag von Marat erhalten hatten, entfernten ſich, eine einzige ausge⸗ nommen, die im Halbſchatten blieb. Marat ſah dieſe menſchliche Geſtalt im Corridor ſtehen, und auf dieſelbe ſeine an die Finſterniß ge⸗ wöhnten Augen, welche beſſer bei Nacht als bei Tag ſehen, heftend, rief er: „Ah? Du biſt es, Danton? ich vermuthete, ich werde Dich heute Abend wiederſehen.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte Danton, dieſes Duzen annehmend, von welchem ihm Marat das Beiſpiel gab;„Du wußteſt alſo, was vorging?“ „Oh! vielleicht...“ erwiederte Marat.„Ich weiß viele Dinge, wie Du bemerken konnteſt.“ „In jedem Falle iſt es heiß zugegangen, und ich bringe Dir ein Muſter von der Irbeit, die man gemacht hat.“ 136 „Ja, einen Verwundeten.. Kennſt Du ihn?“ „Ich? Ganz und gar nicht; doch er iſt jung, doch er iſt ſchön: ich liebe, was jung iſt, ich liebe, was ſchön iſt; ich habe mich für ihn intereſſirt und ihn deshalb begleitet.“ „Iſt es ein Menſch aus dem Volke?“ „Oh! nein. Es iſt ein Ariſtokrat, und zwar in der vollen Bedeutung des Wortes. Kleine Füße, kleine Hände, feine Züge, hohe Stirne. Du wirſt ihn auf den erſten Blick haſſen.“ Der Mund von Marat verdrehte ſich in einem Lächeln. „Und wo iſt er verwundet?“ fragte er. „Am Schenkel.“ „Ah! ah! wahrſcheinlich iſt der Knochen verletzt; es iſt eine Operation zu machen! Da iſt ein ſchöner Burſche, da iſt ein ſchöner junger Mann, da iſt ein ſchöner Ariſtokrat verurtheilt, mit einem hölzernen Beine zu gehen!“ ſagte Marat. Und er rieb ſich die Hände, ſchaute auf ſeine Beine und fügte bei: „Meine Beine ſind zwar verkrümmt, doch es ſind wenigſtens meine Beine.“ „Die Wunden am Schenkel ſind alſo bedenklich?“ „Oh! höchſt bedenklich! Wir haben einmal die Schenkelpulsader, welche dabei betheiligt ſein kann, ſodann den Knochen; ein zerriſſener Nerve gibt den Starrkrampf. Eine garſtige Wunde! oh! eine gar⸗ ſtige Wunde!“ „Alſo ein Grund mehr, daß wir uns beeilen, ihm Hülfe zu bringen.“ „Ich gehe,“ ſagte Marat. bei die Wo in nich ſag Cor Sch Leu gett ten mac gier dem Ari Wie gen Mit rede ler: weg rat: dabe derſe Pro fen, ſeine n 24 ung, iebe, und r in üße, virſt nem etzt; ner ein nen eine 2 die nn, den ar⸗ en, 137 Und er ſtand langſam auf, ſtützte ſich auf ſeine beiden Fäuſte, las in dieſer Stellung noch einmal die letzte Seite ſeines Romans, corrigirte ein paar Worte, nahm ſein Beſteck und folgte Danton, der in dem Studium, das er über den Menſchen machte, nicht ein einziges Detail von dem, was Marat ge⸗ ſagt und gethan, verloren hatte. Marat, welcher Danton voranſchritt, trat in den Corridor hinaus, der ſein Arbeitscabinet von ſeinem Schlafzimmer trennte. Dieſer Corridor war voll von Leuten aus dem Volke; ſie hatten den Verwundeten getragen oder nur ſein Gefolge gebildet, und benütz⸗ ten nun den Umſtand, um ſich das Vergnügen zu machen, entweder aus Theilnahme oder aus Neu⸗ gierde einer Operation beizuwohnen. Etwas, was Danton beſonders auffiel,— außer dem ſichtbaren Vergnügen, das Marat dabei fand, Ariſtokratenfleiſch zu ſchneiden,— war die ſtumme Wiedererkennung zwiſchen dem Wundarzte und Eini⸗ gen von den Leuten aus dem Volke, wahrſcheinlich Mitgliedern einer geheimen Geſellſchaft, deren verab⸗ redete Zeichen ſie unter ſich wechſelten. Wonach, ohne Zweifel gegen die Erwartung vie⸗ ler Zuſchauer, die Leute vom Hotel ſie ziemlich barſch wegſchickten; doch vor ihrem Abgange wechſelte Ma⸗ rat mit denſelben neue Zeichen des Verſtändniſſes, und dabei ſagte Jener Dieſen Alles das, was die Brü⸗ derſchaft des Aufruhrs ſich an Zärtlichkeiten vor Profanen erlauben kann. Ohne einen Blick auf den Verwundeten zu wer⸗ fen, breitete nun Marat ſein Néceſſaite aus, reihte ſeine Inſtrumente an einander, unter denen das 138 Scalpirmeſſer und die Säge den erſten Rang ein⸗ nahmen, und legte die Charpie zurecht; Alles jedoch langſam, geräuſchvoll und mit der grauſamen Feier⸗ lichkeit des Wundarztes, der ſeine Kunſt liebt, nicht weil ſie heilt, ſondern weil ſie ſchneidet. Mittlerweile näherte ſich Danton dem jungen Manne; dieſer wartete, die Augen halb geſchloſſen durch die Betäubung, welche faſt immer die Wun⸗ den der Feuergewehre hervorbringen. „Mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„Ihre Wunde wird ohne Zweifel eine ſchmerzliche, wenn auch nicht bedenkliche Operation erfordern; haben Sie Jemand in Paris, den Sie zu ſehen wünſchen, oder Jemand, den Ihre Abweſenheit beunruhigen könnte? Ich werde es übernehmen, dieſer Perſon einen Brief zu⸗ kommen zu laſſen.“ Der junge Mann öffnete die Augen und er⸗ wiederte: „Mein Herr, ich habe meine Mutter.“ „Nun wohl, ich ſtelle mich zu Ihrer Verfügung. Wollen Sie mir ihre Adreſſe geben? Ich werde ihr ſchreiben, wenn Sie nicht ſchreiben können, oder ſie einfach holen laſſen.“ „Oh! mein Herr, ich muß ſelbſt ſchreiben,“ ſagte der junge Mann;„hoffentlich werde ich die Kraft hiezu haben. Nur geben Sie mir einen Bleiſtift ſtatt einer Feder.“ Danton zog aus ſeiner Taſche ein kleines Porte⸗ feuille, aus dieſem kleinen Portefeuille einen Bleiſtift, reichte ihn nebſt einem weißen Blatte dem jungen Manne, und ſagte zu ihm: „Hier, mein Herr, ſchreiben Sie.“ eine der der nicht paar ſeine auf Stöl e woll nen, ein konn zu f ſehr ſehr den gen Naſe Mun äuße E „mel doch 68 — hirne ein⸗ doch eier⸗ icht igen ſſen zun⸗ inde icht and and, Ich zu⸗ er⸗ ing. erde der igte raft ſtift rte⸗ tift, gen 139 Der junge Mann nahm den Bleiſtift, und mit einer unerhörten Willenskraft,— trotz des Schweißes, der in großen Tropfen von ſeiner Stirne floß, trotz der Seufzer, die ſeine zuſammengepreßten Zähne nicht zurückzuhalten vermochten,— ſchrieb er ein paar Zeilen und übergab ſie Danton. Doch dieſe Handlung, ſo einfach ſie war, hatte ſeine Kräfte erſchöpft, und er fiel faſt ohnmächtig auf ſein Kopfkiſſen zurück. Marat hörte dieſes Seufzen oder vielmehr dieſes Stöhnen; er ging auf das Bett zu und ſagte: „Unterſuchen wir das ein wenig.“ Der junge Mann machte eine Bewegung, als wollte er ſein verwundetes Bein von Marat entfer⸗ nen, deſſen Anblick nicht ſo beſchaffen war, daß er ein ſehr kräftiges Vertrauen denjenigen einflößen konnte, welche das Unglück hatten, ihm in die Hände zu fallen. In der That, das Geſicht von Marat war nicht ſehr einſchmeichelnd, die Hand von Marat war nicht ſehr ſauber. Marat mit ſeinem Nachtgewande, mit ſeinem um den Kopf, wir möchten beinahe ſagen, um ſeine Au⸗ gen gewickelten Sacktuche, mit ſeiner fahlen, ſchiefen Naſe, mit ſeinen runden Augen und ſeinem frechen Munde brachte auf Chriſtian nicht die Wirkung eines äußerſt göttlichen Aeskulaps hervor. „Ich bin verwundet,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „mehr noch, ich hätte getödtet zu werden gewünſcht; doch ich möchte nicht gern zum Krüppel gemacht ſein.“ Da ſich dieſe Idee immer ſchärfer in ſeinem Ge⸗ hirne ausbildete, ſo hielt Chriſtian den Arm von 140 Marat in dem Augenblicke zurück, wo dieſer ſich an⸗ ſchickte, die Wunde zu unterſuchen. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte er mit ruhi⸗ ger, ſanfter Stimme,„ich leide; doch ich will mich der Medicin nicht wie ein Verzweifelter überlaſſen. Ich empfehle Ihnen alſo, keine Operation an mir zu verſuchen, hören Sie wohl? keine, bevor Sie mir eine Conſultation gegeben oder mich um meine Meinung gefragt haben.“ Marat richtete ungeſtüm den Kopf auf, um et⸗ was Trotziges hierauf zu erwiedern; doch beim An⸗ blicke dieſes Geſichtes mit dem Gepräge des Adels und der Sanftmuth, beim Anblicke dieſes klaren, wohlwollenden Auges blieb er unbeweglich, ſtumm, wie zugleich im Kopfe und im Herzen getroffen. Es war augenſcheinlich, daß Marat dieſen jun⸗ gen Mann nicht zum erſten Male ſah, und deß ſein Anblick in ihm ein Gefühl erweckte, von dem ſich der Arzt ſelbſt vielleicht nicht hätte Rechenſchaft geben können. „Sie haben mich gehört, mein Herr?“ ſagte Chriſtian, der dieſes Zögern des Arztes für das ſchlimmſte von allen Symptomen, für das der ängſt⸗ lichen Unwiſſenheit nahm.£ „Ja, ich habe Sie gehört, junger Herr,“ derte Marat mit einer faſt zitternden Stimme;„doch Sie denken nicht, daß ich Ihnen übel wolle?“ Chriſtian war ebenfalls betroffen von dem Wi⸗ derſpruche, der zwiſchen dieſem häßlichen Geſichte und dieſen wohlwollend ausgedrückten Gefühlen der Theilnahme ſtattfand. „Was für ein Inſtrument iſt das?“ fragte er in der faſt von und hatt Cal Ark und die und war Art dies wen vert chen Me ſont ane 0. „ich Aut h an⸗ ruhi⸗ mich aſſen. ir zu eine nung net⸗ An⸗ ldels aren, imm, jun⸗ ſein der eben ſagte das ngſt⸗ 141 Marat, auf das Werkzeug deutend, welches dieſer in der Hand hielt. „Das iſt eine Sonde, mein Herr,“ antwortete der Wundarzt mit immer ſchüchternerem Auge, mit faſt gerührtem Blicke. „Ich glaubte, dieſes Inſtrument ſei gewöhnlich von Silber?“ „Sie haben Recht, mein Herr,“ ſagte Marat. Und er nahm mit beiden Händen das Beſteck und die Inſtrumente, die es auf den Tiſch entleert hatte, verließ das Zimmer und holte aus ſeinem Cabinet eine Sammlung Werkzeuge von der feinſten Arbeit, zuſammengelegt in einem Néceſſaire, das an und für ſich und abgeſehen von den Inſtrumenten, die es enthielt, das Doppelte vom erſten Beſtecke und den erſten Inſtrumenten mit einander werth war. Das war ein Geſchenk des Herrn Grafen von Artois für ein Buch, welches ihm Marat gewidmet hatte. Marat näherte ſich dem Bette des Verwundeten, diesmal jedoch mit einer ſilbernen Sonde. „Mein Herr,“ ſagte zu ihm Chriſtian, der nur wenig beruhigt war, trotz des Eifers, mit dem Marat ſeine ſtählerne Sonde gegen eine ſilberne vertauſcht hatte,„ich habe von Conſultation geſpro⸗ chen: unter Conſultation verſtehe ich nicht nur Ihre Meinung, deren Werth ich durchaus nicht beſtreite, ſondern auch die von Einigen Ihrer Collegen von anerkannter Autorität.“ „Ah! das iſt wahr,“ ſprach Marat mit einem Gefühle der Vitterkeit, das er nicht verbergen konnte, „ich habe keinen Namen, ich bin kein Mann von Autorität: ich beſize nur Talent.“ 1 142 „Ich ziehe es nicht in Zweifel, mein Herr; han⸗ delt es ſich aber um eine ſo bedeutende Wunde wie die meinige, ſo glaube ich, daß drei Anſichten mehr werth ſind, als eine.“ „Gut, mein Herr,“ erwiederte Marat;„wir haben im Quartier du Faubourg Saint⸗Honoré den Doctor Louis und in der Rue Neuve⸗de⸗Luxembourg den Doctor Guillotin. Scheinen Ihnen dieſe zwei Namen eine genügende Garantie zu bieten?“ „Das ſind zwei bekannte und verehrte Namen,“ antwortete der Verwundete. „Ich will dieſe Herren alſo holen laſſen?“ „Ja, mein Herr, wenn es beliebt.“ „Wenn ſie aber anderer Anſicht ſind als ich.. nehmen Sie ſich in Acht!“ „Sie werden Drei ſein, mein Herr: die Majo⸗ rität wird entſcheiden.“ „Sehr gut, mein Herr,“ ſagte Marat. Und ſanft und gehorſam gegen die Stimme die⸗ ſes Verwundeten, die einen ſo großen Einfluß auf ihn zu üben ſchien, trat Marat an die Thüre, rief einem von den Stallknechten, bezeichnete ihm die Adreſſe der zwei Wundärzte, und gab ihm Befehl, ſie zu holen und nicht ohne ſie zurückzukehren. „Nun, mein Herr,“ ſprach er zu dem jungen Manne,„nun da Sie ſicher ſind, daß nichts ohne unſer dreifaches Zuſammenwirken geſchehen wird, laſſen Sie mich wenigſtens Ihre Wunde unterſuchen und mich mit dem vorläufigen Verbande beſchäftigen.“ „Oh! was das betrifft... thun Sie es, mein Herr,“ erwiederte Chriſtian,„thun Sie es.“ und gan Wu mei mun ſich blei „ich han⸗ de wie mehr „wir 6 den bourg zwei men,“ ich Majo⸗ e die⸗ ß auf „rief mdie efehl, ngen ohne wird, ichen mein 143 „Albertine,“ rief Marat,„bringe friſches Waſſer und Compreſſen.“ Und zu Chriſtian zurückkehrend: „Auf, mein Herr, Muth! ich werde die Wunde ſondiren.“ „Iſt die Operation ſehr ſchmerzhaft?“ fragte Chriſtian. „Ja, mein Herr; doch ſie iſt zugleich unerläßlich, und ſeien Sie unbeſorgt, ich werde dabei mit der ganzen Leichtigkeit meiner Hand zu Werke gehen.“ Chriſtian antwortete nur dadurch, daß er dem Wundarzte ſein Bein darbot. „Vor allen Dingen verbergen Sie mir nichts, mein Herr,“ ſagte Chriſtian. Marat verbeugte ſich zum Zeichen der Zuſtim⸗ mung und begann die Operation. Beim Einbringen der Sonde in die Wunde, die ſich ſogleich mit einem blutigen Schaume färbte, er⸗ bleichte Chriſtian, jedoch noch weniger als der Chirurg. „Sie ſchreien nicht,“ ſagte Marat zu Chriſtian; „ich bitte, ſchreien Sie, ſchreien Sie.“ „Und warum, mein Herr?“ Weil Sie das erleichtern wird, und ich, wenn ich Sie nicht ſchreien höre, annehme, Sie leiden mehr, als Sie in Wirklichkeit leiden.“ „Warum ſollte ich ſchreien,“ erwiederte Chriſtian, ada Sie Ihr Beſtes thun, und Ihre Hand in der That leichter iſt, als ich hoffte? Seien Sie alſo ohne Furcht, mein Herr, und fahren Sie fort.“ Nachdem er aber ſo geſprochen, drückte der junge ann an ſeine Lippen ein Taſchentuch und biß mit kräftigen Zähnen darein. 144 Die Operation dauerte ungefähr eine halbe Minute. Dann zog Marat mit ſorgenvoller Stirne die Sonde aus der Wunde zurück, und legte eine mit kaltem Waſſer getränkte Compreſſe auf. „Nun?“ fragte der junge Mann. „Sie haben eine Conſultation gewünſcht,“ ant⸗ workete Marat:„meine Collegen werden bald kom⸗ men; warten wir.“ „Warten wir!“ wiederholte der junge Mann, während er ſeinen immer mehr erbleichenden Kopf wieder auf das Kiſſen fallen ließ. XXXIV. Die Conſultation. Man hatte nicht lange zu warten: der Doctor Louis kam nach zehn Minuten und der Doctor Guil⸗ lotin nach einer Viertelſtunde. Chriſtian begrüßte den Eintritt der zwei Aerzte mit einem ſanften, traurigen Lächeln. „Meine Herren,“ ſagte er„ich habe eine ſchwere Wunde bekommen, und da ich Page von Seiner Kö⸗ niglichen Hoheit Monſeigneur dem Grafen von Artvis bin, ſo ließ ich mich nach ſeinem Marſtalle bringen, weil ich wußte, ich finde hier einen Wundarzt. Wel⸗ ches Vertrauen ich nun auch zu dieſem Herrn habe, ſo wollte ich doch Ihre Meinung hören, ehe ich mich für etwas entſcheiden würde.“ Guillotin und Marat begrüßten ſich als w Bek Lou der Ma tion fane zitte ich jede der nom ſagt mit ſchre eine liche wür geh auch halbe die mit ant⸗ kom⸗ kann, Kopf ctor Guil⸗ lerzte were r Kö lrtois ngen, Wel⸗ habe, mich zwei 44⁵ Bekannte, während ſich im Gegentheile der Doctor Louis und Marat als zwei Fremde grüßten. „Unterſuchen wir die Wunde,“ ſprach Guillotin. „Leihen Sie mir Ihre Sonde, mein Herr,“ ſagte der Doctor Louis zu Marat. Ein Schauer durchzog die Adern des jungen Mannes bei dem Gedanken, man werde die Opera⸗ tion, die ihm ſo viel Schmerzen gemacht, wiederan⸗ fangen, und diesmal werde die Operation von der zitternden Hand eines Greiſes verſucht werden. „Das iſt unnöthig,“ entgegnete raſch Marat, „ich habe die Wunde ſondirt, und ich kann Ihnen jede Auskunft, die Sie wünſchen, über den Zuſtand der Wunde und über den Weg, den die Kugel ge⸗ nommen, geben.“ „Dann wollen wir ins Nebenzimmer gehen,“ ſagte der Doctor Louis. „Warum, meine Herren?“ fragte Chriſtian;„da⸗ mit ich nicht hören kann, was Sie ſagen werden?“ „Um Sie nicht unnöthig durch Worte zu er⸗ ſchrecken, die vielleicht in Ihrer Einbildungskraft eine andere Bedeutung, als die, welche ihre eigent⸗ liche iſt, annehmen würden.“ „Gleichviel, meine Herren,“ ſprach Chriſtian,„ich daß Alles in meiner Gegenwart vor ſich gehe. „Er hat Recht,“ fügte Marat bei, und das iſt auch mein Wunſch.“ „Gut,“ erwiederte der Doctor Louis. Dann fragte er lateiniſch: „Was iſt der Zuſtand der Wunde?“ Dumas, Ingénue. M. 10 1½ Marat antwortete in derſelben Sprache, jedoch mit einem bleichen Lächeln. „Meine Herren,“ ſagte Chriſtian,„ich bin Pole, und das Lateiniſche iſt faſt meine Mutterſprache; ſoll ich Ihre Diſſertation nicht verſtehen, ſo müſſen Sie eine andere Sprache wählen. Nur ſage ich Ihnen zum Voraus, daß ich ungefähr alle Sprachen ſpreche, die Sie kennen und ſelbſt ſprechen mögen.“ „Sprechen wir alſo Franzöſiſch,“ ſagte der Doctor Guillotin;„überdies ſcheint der junge Mann herz⸗ haft und entſchloſſen zu ſein.“ Sodann ſich an Marat wendend: „Reden Sie, Collega, wir hören.“ Doch das Wort:„Ich bin Pole,“ ſchien Marat dergeſtalt ergriffen zu haben, daß er kaum die Sylben zu artikuliren vermochte. Er wiſchte ſeine mit Schweiß bedeckte Stirne ab, ſchaute den jungen Mann mit einem unbeſchreibbaren Ausdrucke von Bangigkeit an, ſchüttelte den Kopf, als wollte er eine Idee verjagen, die ſich ſeiner un willkürlich bemächtigte, und ſagte endlich: „Meine Herren, wie Sie ſehen, iſt die Kugel beim oberen Drittel des Schenkels eingedrungen; ſie gelangt unmittelbar auf den Knochen, an welchem ſie ſich, indem ſie ihn bricht, lähmt; da ſie aber an den äußeren Punkt ſchlägt, ſo weicht ſie leicht ab und ſetzt ſich zwiſchen dem Knochen und den Mus⸗ keln feſt. Man fühlt ſie mit der Sonde.“ „Bedenklich!“ murmelte der Doctor Louis. „Sehr bedenklich!“ ſagte Guillotin. „Ja, ſehr bedenklich!“ wiederholte Marat. „Sind Splitter da?“ fragte Guillotin. mit lich letz ade me vol leg ſer der unt der de ein zün nun Th Los ziel wer wer jedoch Pole, rache; nüſſen ge ich achen gen.“ octor herz⸗ Narat ylben e ab, baren Kopf, r un⸗ Kugel n ſie lchem er an t ab Mus⸗ 147 „Es ſind da,“ antwortete Marat:„ich habe zwei mit der Sonde herausgezogen.“ „Aeußerſt bedenklich!“ wiederholte Louis. „Uebrigens kein Blutfluß,“ ſagte Marat:„folg⸗ lich, ſo viel man zu beurtheilen vermag, keine Ver⸗ letzung der großen Gefäße; was die Schenkelſchlag⸗ ader betrifft, ſie war durch ihre Lage außer dem Bereiche des Geſchoſſes...“ „Sobald der Knochen gebrochen iſt..“ be⸗ merkte der Doctor Louis ſeinen Collegen anſchauend. „Läßt ſich nur noch die Amputation vornehmen,“ vollendete Guillotin. Marat erbleichte. „Verzeihen Sie, Doctor,“ entgegnete er,„über⸗ legen Sie wohl: bei einem einfachen Bruche iſt die⸗ ſer Beſchluß entſetzlich.“ „Ich halte die Amputation für dringend,“ wie⸗ derholte der Doctor Louis. „Ei! warum?“ fragte Marat;„ich höre Sie, und zwar mit dem Reſpecte, den ich dem Verfaſſer der ſchönen Abhandlung über die Schußwun⸗ den ſchuldig bin.“ „Warum? Weil ſich erſtens in einigen Tagen eine heftige Entzündung entwickeln wird: dieſe Ent⸗ zundung wird eine übermäßige Spannung des Flei⸗ ſches hervorbringen; durch das Factum dieſer Span⸗ nung wird eine gewaltige Zuſammenziehung der Theile ſtattfinden; das Subject iſt jung, kräftig: das Losſtrammen wird unmächtig ſein, die Zuſammen⸗ ziehung zu hemmen,— hievon der Brand! Zweitens werden bei dieſer Entzündung die Splitter gepreßt werden; ſie werden die Nervenfäden reizen; dieſes * * 14⁸ Reizen wird unerträgliche Schmerzen erzeugen, und dieſe Schmerzen werden wahrſcheinlich den Starr⸗ krampf herbeiführen; man wird alſo das Glied nicht erhalten, und man wird das Individuum tödten. Drittens endlich bleibt der Kranke,— angenommen, man vermeide den Brand und den Starrkrampf,— einer Eiterung ausgeſetzt, welche im höchſten Grade ſchwächt; denken Sie ſich nun, Sie ſeien in dieſem Augenblicke genöthigt, den Schenkel abzuſchneiden, dann ſtirbt der Kranke an der Operation.“ „Ich leugne nichts von Allem dem,“ erwiederte Marat;„doch das ſcheint mir noch kein genügender Grund, um das Glied abzunehmen; Sie haben die Dinge aufs Schlimmſte geſtellt; Sie haben ſie auf den äußerſten Grad getrieben, Doctor; ich, was mich betrifft, ich hoffe Beſſeres von der Wunde.“ „Wie gedenken Sie aber die Entzündung zu be⸗ kämpfen? Werden Sie die Wunde losſtrammen?“ „Nein; denn die Wunde losſtrammen heißt eine neue Wunde auf eine alte pfropfen, und es würde hiedurch die Entzündung vermehrt ſtatt vermindert.“ „Es iſt die Anſicht von John Bell, man müſſe die Wunde immer losſtrammen,“ bemerkte der Doctor Louis. „Es iſt aber nicht die von Hunter,“ entgegnete Marat. „Nennen Sie Ihre Mittel, um die Entzündung bei einem Subjecte zu bekämpfen, das, ich wiederhole es, jung und kräftig iſt.“ „Iſt es jung und kräftig,“ antwortete Marat, „ſo werden wir ihm Blut abzapfen.“ * es da c S— und tarr⸗ nicht dten. umen, — rade ieſem eiden, derte ender n die e auf mich u be⸗ 2. eine vürde ert.“ müſſe octor gnete dung rhole tarat, 149 „Gut, was die allgemeine Entzündung betrifft; es wird jedoch die örtliche Entzündung bleiben.“ „Wir werden ihm, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, einen Wärmeſtoff⸗Aderlaß machen.“ „Sie wollen ſagen, Sie werden es mit kaltem Waſſer behandeln?“ „Das iſt ein Mittel, welches ich mehr als ein⸗ mal mit glücklichem Erfolge angewendet habe.“ „Doch die Splitter?“ „Man braucht ſich nicht hierum zu bekümmern; ſo wie ſie ſich darbieten, werden wir ſie herausrei⸗ ßen, wohlverſtanden, ſo oft wir es ohne Gefahr für den Kranken thun können.“ „Doch die Kugel? die Kugel?“ rief der Doctor Louis. „Allerdings, man muß ſie wenigſtens ausziehen,“ ſagte Guillotin. „Die Kugel wird von ſelbſt kommen.“ „Und wie das?“ „Die Eiterung wird ſie nach außen treiben.“ „Sie wiſſen aber wohl, daß es unmöglich iſt, einen fremden Körper in der Wunde zu laſſen.“ „Ein fremder Körper, beſonders wenn er aus Blei beſteht, iſt nicht nothwendig tödtlich.“ „Wo haben Sie denn das geſehen?“ rief der Doctor Louis.* „Ich will es Ihnen ſagen.. Hören Sie, was mir eines Tages in Polen begegnete: ich ging auf die Jagd... ich war immer ein mittelmäßiger Jäger; überdies iſt die Jagd ein grauſames Ver⸗ gnügen, und vor Allem bin ich human.“ Die beiden Aerzte verbeugten ſich. 150 „Nun wohl, als ich eines Tages jagte, hielt ich einen Hund für einen Wolf und ſandte ihm drei Rehpoſten zu: der eine ſetzte ſich in den Lendenmus⸗ keln feſt, der andere plattete ſich oben am Schulter⸗ blatte ab, der dritte brach eine Rippe. Den letzten konnte ich ausziehen; der zweite kam nach Verlauf von zehn Tagen ſelbſt aus der Wunde heraus; der dritte blieb im Fleiſche, verurſachte aber keinen Un⸗ fall. Nun denn, warum ſollte die Natur, welche auf dieſelbe Art bei allen Thieren wirkt, nicht für den Menſchen thun, was ſie für den Hund thut?“ Der Doctor Louis blieb einen Augenblick nach⸗ denkend. Plötzlich aber ſagte er: „Seien Sie auf Ihrer Hut, mein Herr! was Sie da auseinandergeſetzt haben, iſt nur eine per⸗ ſönliche Beobachtung, es iſt ein merkwürdiges, intereſ⸗ ſantes Factum; die Wiſſenſchaft ſtützt ſich aber nicht auf Ausnahmen. Meiner Anſicht nach risquiren Sie das Leben des Verwundeten, indem Sie eine Theorie anwenden, welche im Widerſpruche mit der ganzen chirurgiſchen Wiſſenſchaft von Ambroiſe Paré bis auf Jean Louis Petit ſteht.“ Marat verbeugte ſich mit einer ruhigen Feſtig⸗ keit. Der Doctor Louis blieb aber beharrlich. „Ich nehme die Sache auf mich,“ ſagte Marat. „Geben Sie wohl Acht, mein Herr,“ entgegnete der Doctor Louis:„die Chirurgie erhebt ſich ſeit kurzer Zeit wieder; es iſt für die Wundärzte, welche geſtern noch Barbiere und Pflaſterſtreicher, Bedürf⸗ „ihrem Stande Achtung zu verſchaffen, und das „ vas ver⸗ reſ⸗ icht ren ine der aré tig⸗ 15¹ Nittel, ihm Achtung zu verſchaffen, iſt, nichts zu wagen, ſich geizig mit dem Leben der Individuen zu zeigen,— zu heilen.“ „Mein Herr, ich muß die Wahrheit Ihrer Worte, die Aufrichtigkeit Ihrer Meinung anerkennen,“ ſagte Marat;„doch Sie haben einen zu großen Reſpect vor dem Doctorhute: ich, ich ſetze das Gewiſſen über den Gebrauch.“ „Wenn aber der Menſch ſtirbt, wie wird es mit Ihrem Gewiſſen ſein, das allen wiſſenſchaftlichen Tratitionen zuwider und gegen die Meinung aller Männer, deren Erfahrung das Geſetz macht, gehan⸗ delt hat?“ „Es gibt zwei Geſetze, welche meiner Anſicht nach das der Erfahrung überwiegen,“ erwiederte Marat: „das eine iſt das Geſetz der Humanität, das andere das des Fortſchrittes. Im Ganzen iſt die Chirurgie nicht beſtimmt, nur ſchöne Operationen zu machen; was bedeutet das Wort Chirurgie? Hülfe der Hand. Die Hand ſei alſo eine Hülfe, und das Schnittmeſſer ein Medicament. Ich verleugne mir die Verwegenheit des Actes nicht, doch ich nehme ihn auf mich. Oh! entſchuldigen Sie, Doctor, es gibt einen Erſatz für die Häßlichkeit meiner Augen: das iſt ihre Güte; nun wohl, ich ſehe von hier aus den Tag, wo die Chirurgie einen großen Fortſchritt gemacht haben wird: die Chirurgie, welche ſchneidet, iſt nur eine Kunſt, die Chirurgie, welche heilt, iſt eine Wiſſenſchaft.“ Ich würde Ihre Hartnäckigkeit noch begreifen, Herr Marat, wäre die Wunde am Arme; doch ein Bruch durch einen Schuß an einem unteren Gliede!“ 152 „Ich übernehme die Verantwortlichkeit, mein Herr,“ ſprach Marat. Bei dieſem Worte, das alle chirurgiſche Conſul⸗ tationen abſchneidet, verbeugten ſich die zwei Doctoren, und Guillotin reichte Marat mit einer wahren Sym⸗ pathie die Hand. „Möchte es Ihnen glücken,“ ſagte er;„ich wünſche Ihnen von ganzem Herzen einen günſtigen Erfolg.“ „Ich wünſche Ihnen daſſelbe, doch ich bezweifle dieſen Erfolg,“ fügte der Doctor Louis bei. „Und ich, ich ſtehe dafür!“ ſprach Marat. Und er begleitete bis zur Thüre die zwei Doctv⸗ ren; ehe ſie ſich entfernten, erklärten ſie zum letzten Male, ſie überlaſſen die ganze Verantwortlichkeit für die Behandlung ihrem Collegen, dem Arzte des Mar⸗ ſtalles von Seiner Königlichen Hoheit Monſeigneur dem Grafen von Artvis. Dieſe lange Discuſſion, ſtatt den jungen Mann niederzuſchlagen, hatte ſeine Kräfte exaltirt. Marat, als er zu ihm zurückkam, fand ihn mit ſieberglühen⸗ dem Auge. Er ſtreckte ſeine beiden Hände dem Doctor in einem Erguſſe der Dankbarkeit entgegen und ſagte zu ihm: „Mein Herr, empfangen Sie meinen vollen Dank für die Art, wie Sie mein armes Bein vertheidigt haben. Behalte ich es, ſo bin ich Ihnen dafür ver⸗ bunden, und ich werde ewig erkenntlich ſein. Treten die von dieſen Herren prophezeiten Unfälle ein, nun, ſo werde ich mit der Ueberzeugung ſterben, Sie haben 6 übe ſchl An geh ihn zu ſtia pfe ken mein nſul⸗ oren, Sym⸗ „ich tigen eifle octv⸗ tzten für Nar⸗ neur ann wat, hen⸗ in agte ank digt er⸗ ten un, ben 153 Alles gethan, was, um mich zu retten, zu thun möglich war.“ Marat nahm die beiden Hände, die ihm der junge Mann reichte, und zwar mit einem ſo fühl⸗ baren Zittern, daß ihn der Verwundete erſtaunt anſchaute. Dieſer Blick fragte offenbar nach der Urſache einer ſolchen Gemüthsbewegung, welche im Allgemeinen ſelten genug bei den Aerzten, und be⸗ ſonders bei den Aerzten vom Schlage des unſern, daß der Verwundete ſie bemerkte. „Mein Herr,“ ſprach Marat,„haben Sie nicht geſagt, Sie ſeien Pole?“ „Ja, mein Herr.“ „Wo ſind Sie geboren?“ „In Warſchau.“ „Wie alt ſind Sie?“ „Siebzehn Jahre.“ Marat ſchloß die Augen und ſtrich mit der Hand über ſeine Stirne, wie es ein Menſch thut, dem es ſchlimm wird. „Ihr Vater lebt?“ ſagte er. Und ſeine Augen verſchlangen zum Voraus die Antwort, die von den Lippen des Verwundeten aus⸗ gehen ſollte. „Nein, mein Herr,“ erwiederte dieſer;„mein Vater iſt vor meiner Geburt geſtorben, und ich habe ihn nie gekannt.“ Bei dieſen Worten wurde Marat nachdenkend, zu gleicher Zeit aber eifriger als je. Er reichte Chri⸗ ſtian einen leicht aromatiſirten Trank, um den Kräm⸗ pfen und der nervöſen Erſtarrung entgegenzuwir⸗ ken, und ſchritt dann ſelbſt zum Verfertigen einer 15⁴ ſeltſamen Vorrichtung, mit der er zugleich die Ent⸗ zündung und den Starrkrampf zu bekämpfen hoffte. auf die, mit einer einfachen Compreſſe bedeckte, Wunde ſollte fallen laſſen. Der junge Mann ſchaute ihm mit einer Miſchung von Erſtaunen und Dankbarkeit zu. Alle dieſe eifrigen, ſorgſamen Beſtrebungen lagen ſo ſichtbar außer den Gewohnheiten von Marat, daß derjenige, welcher der Gegenſtand derſelben, unwillkürlich darüber tief erſtaunt war. „Alſo, mein Herr,“ ſagte Chriſtian zu ihm, als die Vorrichtung zu functioniren anfing,„Sie beſchäf⸗ tigen ſich nicht anders mit der Kugel?“ „Nein,“ erwiederte Marat,„es iſt beſſer, ſie zu laſſen, wo ſie iſt, da ſie nicht am Knochen anhängt, als es verſuchen, ſie auszuziehen; denn nähme ich ihre Aufſuchung vor, ſo würde ich mich der Gefahr ausſetzen, ernſte Uebel hervorzurufen, zum Beiſpiel einen von den heilſamen Blutklumpen zu zerſtören, welche die ſinnreiche Natur,— dieſe gute Mutter, der Beſte von allen Aerzten!— unfehlbar bilden wird. Nein, von zwei Dingen eines: entweder wird die Kugel durch ihr eigenes Gewicht niederſinken, und wir haben an einem ſchönen Tage nur die Haut zu öffnen, um ſie ausziehen, oder, wenn ſie uns be⸗ läſtigt, machen wir einen Einſchnitt beim nächſten Punkte, und wir holen ſie.“ „Es ſei,“ ſprach der junge Mann;„machen Sie . Ph Das war eine Art von Fontaine, die er längs der Wand befeſtigte, und die vermittelſt eines Stroh⸗ halms Tropfen um Tropfen ein eiskaltes Waſſer es, „S Ent⸗ offte. s der troh⸗ zaſſer eckte, hung igen, den elcher tief „als ſchäf⸗ ie zu ängt, e ich efahr iſpiel ören, tter, ilden wird nken, Haut s be⸗ hſten Sie 155⁵ es, wie es Ihnen gutdünkt: ich überlaſſe mich ganz Ihnen.“ Marat ſchien zu athmen. „Ah!“ ſagte er mit einem faſt zärtlichen Lächeln, „Sie mißtrauen mir alſo nicht mehr?“ Der junge Mann machte eine Bewegung. „Oh!“ fuhr Marat fort,„leugnen Sie es nicht! Sie waren vorhin nicht beruhigt hinſichtlich meiner.“ „Entſchuldigen Sie mich, mein Herr,“ erwiederte Chriſtian,„ich kannte Sie nicht, und ohne an Ihrem Talente zu zweifeln...“ „Es iſt wahr,“ unterbrach Marat, halb mit ſich ſelbſt, halb zu dem jungen Manne ſprechend,„da Sie mich nicht kannten, ſo konnte Sie mein Aus⸗ ſehen nicht beruhigen; denn ich ſoll häßlich ſein, und wenn ich mich anſchaue, bin ich genöthigt, der An⸗ ſicht derer, welche dies ſagen, beizutreten; mein Co⸗ ſtume hatte auch nichts Beruhigendes: ich bin nicht ſehr reizend im Nachtgewande; mein Ruf vermochte Sie eben ſo wenig zu beruhigen... ei! ei! ich habe keinen! Und dennoch weiß ich, wie Sie ſehen, die Beine gegen diejenigen, welche ſie abſchneiden wollen, zu vertheidigen; und dennoch,“ fuhr er mit einer Art von Schwermuth fort, die dieſer Organiſation voller Contraſte nicht fremd war,„und dennoch habe ich mehr geſehen, mehr gelernt, mehr gearbeitet, als ſie Alle! Was hat Sie alſo an mir beruhigt, mein Herr?“ „Nun wohl, Ihre Aenderung gegen mich, Ihr erſchrecklich barſches Benehmen in ein ſanftes Wohl⸗ wollen verwandelt. Als ich Sie eintreten und Sie 156 mit vollen Händen unter dieſen entſetzlichen Inſtru⸗ menten wühlen ſah, hielt ich Sie eher für einen Schlächter, als für einen Arzt. Nun ſind Sie im Gegentheile eifrig und ſorgſam gegen mich, wie es nur eine Frau wäre, und Sie ſchauen mich an, wie ein Vater ſein Kind anſchauen würde. Denjenigen, welchen man ſo anſchaut, will man nicht leiden laſſen.“ Marat wandte ſich ab. Was ſuchte denn dieſes bittere, verachtende Herz zu verbergen? Schämte ſich Marat ſeiner guten Gefühle, wie ſich ein Anderer ſchlimmer geſchämt hätte? Oder ging im Grunde dieſer finſteren Seele etwas Ungewöhnliches vor, was er Aller Augen entziehen wollte? In dieſem Momente machte ſich im Vorzimmer ein Geräuſch hörbar, ähnlich dem einer Perſon, welche in größter Eile herbeiläuft, und eine Frau ſtürzte aus dem Corridor herein und rief mit erſtickter Stimme: „Mein Sohn! mein Chriſtian! wo iſt er? wo iſt er?“ „Meine Mutter!“ rief der junge Mann, indem er ſich in ſeinem Bette aufrichtete und beide Arme derjenigen, welche herbeilief, entgegenſtreckte. Zu gleicher Zeit zeichnete ſich die hohe Geſtalt von Danton in der Oeffnung der Thüre wie in einem für ſie zu engen Rahmen. Danton ſuchte mit den Augen Marat; dieſer hatte aber beim Anblicke der eintretenden Frau und beim erſten Worte, das ſie geſprochen, einen Schrei ausgeſtoßen und war in den dunkelſten Winkel des Zimmers zurückgewichen. nſtru⸗ einen ie im wie es n, wie nigen, leiden dieſes hämte nderer runde vor, immer welche ſtürzte ſtickter wo indem Arme eſtalt ie in dieſer und Schrei l des 157 XXXV. Wo Danton zu glauben anfängt, der Roman des jungen Potocky ſei weniger ein Roman, als eine Geſchichte. Der Verwundete hatte, um mit Leib und Seele ſeiner Mutter entgegenzuſtürzen, auf die Kräfte ge⸗ rechnet, die er nicht beſaß, ſo daß er faſt ohnmäch⸗ tig auf ſein Kopfkiſſen zurückfiel. Die Mutter gab einen Schrei von ſich und ver⸗ langte Hülfe; Danton näherte ſich aber allein und beruhigte ſie, indem er ihr ihren Sohn zeigte, der die Augen wieder öffnete, während ſie zu gleicher Zeit ſeine beiden Arme um ihren Hals wieder leben⸗ dig werden fühlte. Marat hatte ſich nicht gerührt: er ſchien aus dem dunklen Winkel, in den er ſich geflüchtet, das Gemälde zu verſchlingen, das vor ihm dieſe Mutter und dieſes Kind bildeten. Die Mutter war eine noch ſchöne Frau, obgleich nicht mehr jung. Ihre durch die Gemüthserſchütterung, die ſie ſo eben erlitten, verſtörten Züge trugen das Gepräge eines großartigen Charakters von Adel und Stolz an ſich, indeß ihre hellblauen Augen und ihre blonden Haare die Frau vom Norden, in der vollen Ariſtokratie der fürſtlichen Geſchlechter, bezeichneten. Gegen ihren Sohn geneigt, an deſſen Stirne ihre Lippen klebten, enthüllte ſie in dieſer Stellung eine noch reiche Taille und einen Fuß von merkwür⸗ diger Eleganz. Der junge Mann öffnete die Augen wieder, wie 158 es Danton geſagt hatte, und die Mutter und der Sohn tauſchten einen von jenen Blicken, in welchen eine ungeheure Menge Hymnen an die Vorſehung, ein unausſprechlicher Dank zu Gott enthalten ſind. Mit wenigen Worten erzählte ſodann Chriſtian, ohne zu ſagen, woher er gekommen, noch warum er ſich auf der Place Dauphine befunden, ſeiner Mutter, wie er verwundet worden, wie er, als Page von Monſeigneur dem Grafen von Artvis, nach dem Mar⸗ ſtalle des Prinzen geführt zu werden verlangt habe; wie er durch die Fürſorge von Danton,— den er mit dem Finger bezeichnete, da er ihn nicht dem Namen nach kannte,— auf eine Tragbahre gelegt und nach dem Faubourg Saint⸗Honoré zurückgebracht worden ſei; wie er den Wundarzt des Marſtalles gefunden, wie dieſer ihn gegen ſeine Collegen, welche ihm durchaus das Bein abſchneiden wollten, vertheidigt, und wie endlich die Aufmerkſamkeiten und Bemühun⸗ gen des Arztes, ſo viel als möglich, die von einer ſolchen Wunde unzertrennlichen Schmerzen gelindert haben. Und während er Alles dies erzählte, ſuchte der junge Mann mit den Augen Marat, welcher ſich immer mehr in den Schatten des Zimmers vertieft hatte. tachdem ſie ihre Liebe ihrem Sohne ausgedrückt, war es für die Mutter von Chriſtan Bedürfniß, ihre Dankbarkeit ſeinem Retter auszudrücken. „Aber wo iſt denn dieſer gelehrte und edelmüthige Doctor?“ fragte ſie, indem ſie im Zimmer umher⸗ ſchaute und dann den Blick auf Danton heftete, als wollte ſie ihn bitten, ſie in der Aufſuchung des . gar nac und das Blie des Dan Per grei Anb blicke an d zu 9 Aug ten erſtic an d bekar falls wich fluch gewä der lchen ung, ſind. ſtian, m er tter, von Mar⸗ abe; mit men nach rden iden, ihm digt, hun⸗ einer dert der ſich tieft ückt, ihre hige her⸗ als des 159 Wundarztes zu leiten, wie er ſie bei der Aufſuchung des Hauſes geleitet hatte. Danton nahm eine Wachskerze, ſchritt auf den Winkel des Zimmers zu, von wo aus Marat dieſer ganzen Scene beigewohnt hatte, und ſagte lachend: „Hier iſt er, Madame; beurtheilen Sie ihn weder nach ſeiner Tracht, noch nach ſeiner Miene, ſondern nach dem Dienſte, den er Ihnen geleiſtet hat.“ Und zu gleicher Zeit beleuchtete er mit einem und demſelben Scheine das Geſicht von Marat und das der Mutter von Chriſtian, welche die Eine einen Blick der Dankbarkeit, der Andere einen Blick faſt des Schreckens wechſelten. Kaum hatten ſich dieſe zwei Blicke gekreuzt, als Danton wahrnahm, es gehe im Herzen dieſer beiden Perſonen etwas vor, was die Zuſchauer nicht be⸗ greifen konnten. Marat war zwei Schritte von der Wand; beim Anblicke dieſer Frau wich er zurück wie beim An⸗ blicke eines Geſpenſtes, und nur die Wand allein, an die er ſich nun anlehnte, verhinderte ihn, weiter zu gehen. Die unbekannte Frau ihrerſeits behielt einen Augenblick ihre Kaltblütigkeit; doch alsbald erinner⸗ ten ſie das Erſtaunen von Marat, ſeine Bläſſe, der erſtickte Schrei, den er von ſich gab, ohne Zweifel an das, was die Zeit und das Leiden an einem einſt bekannten Geſichte verwiſcht hatten, ſie verlor eben⸗ falls die Haltung, ſchlug ihre Hände an einander, wich bis zum Bette zurück, als wollte ſie eine Zu⸗ flucht bei ihrem Sohne ſuchen oder ihm ſelbſt Schutz gewähren, und murmelte: 160 „Oh! wäre es möglich? Dieſe ſtumme Scene, kaum merkbar für die Ver⸗ ſtändigſten, hatte zu einzigen Zeugen Danton und Albertine, welche voll Unruhe hin und herging. Was Chriſtian betrifft,— er ſchloß angegriffen durch ſo viel Leiden und Gemüthsbewegungen die Augen und begrub ſich in die erſten Nebel des Schlafes. Die anderen Anweſenden waren einige Bediente vom Hauſe des Prinzen, die ſich halb aus Müdig⸗ keit, halb aus Discretion nach und nach entfernten, entweder um ſich ſchlafen zu legen, oder um über die Ereigniſſe der Nacht zu plaudern. Seltſamer Weiſe aber nahm nach der Entfernung der Zeugen die Scene, die wir zu beſchreiben ver⸗ ſucht, keinen Fortgang. Marat, der ſich von einem ſo heftigen Schlage betroffen gefühlt hatte, erlangte wieder feine Stärke und bewältigte ſeine Gemüthsbewegung. Die Mutter ſtrich mit ihrer eiskalten Hand über ihr Geſicht, jagte fern von ſich die Erinnerung, und ſchüttelte den Traum ab. Danton ſchaute Beide an und brachte rückwärts gehend wieder auf den Kamin die Kerze, die er hier genommen. „Madame..“ ſtammelte Marat, trotz ſeiner Willenskraft unfähig, ein Wort mehr zu ſagen. „Mein Herr,“ antwortete die Mutter mit einem leichten Accente, der ihren fremden Urſprung ver⸗ rieth,„mein Sohn und ich, wir haben Ihnen viel Dankbarkeit zu bezeugen.“ „Ich habe meine Pflicht bei dieſem jungen Manne * get An die kan von auf ohn Ver⸗ und iffen die des iente idig⸗ nten, über mung ver⸗ lage tärke über und ärts hier iner nem ver⸗ viel nne 161 gethan,“ erwiederte Marat;„ich hätte ſie bei jedem Anderen gethan.“ Und unwillkürlich zitterte ſeine Stimme, als er die drei Worte:„Dieſem jungen Manne“, ausſprach. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ ſagte ſie;„und kann ich meinen Sohn nun zu mir bringen laſſen?“ Eine Art von Kampf entſpann ſich im Herzen von Marat. Er näherte ſich dem Bette, betrachtete aufmerkſam prüfend Chriſtian, der in den tiefen Schlaf der Ermüdung verſunken war, und ſprach, ohne ſeiner Mutter ins Geſicht zu ſchauen: „Sie ſehen, daß er ſchläft.“ „Ich frage Sie das nicht, mein Herr,“ ſagte die Mutter;„ich frage Sie, ob Gefahr dabei ſei, wenn ich meinen Sohn zu mir bringen laſſe.“ „Ich denke, es wäre Gefahr dabei, ja, Madame,“ antwortete Marat.„Uebrigens,“ fügte er mit zit⸗ ternder Stimme bei,„glauben Sie mir übrigens, der junge Mann wird nicht ſchlecht hier ſein.“ „Aber ich, mein Herr?... ich?“ entgegnete die Mutter, indem ſie ſich umwandte und auf Marat den doppelten Blitz ihres Blickes heftete. Marat verbeugte ſich, weniger aus Ehrfurcht, als um dieſer Flamme, die ihm das Herz verſengte, zu entfliehen. Sodann, allmälig ſeine Gemüthsbewegung über⸗ windend, ſagte er: „Ich werde die Ehre haben, Ihnen meine arm⸗ ſelige Wohnung abzutreten. Die vollkommene Hei⸗ lung Ihres Herrn Sohnes hängt von den erſten Verbänden und von der Unbeweglichkeit, die er be⸗ obachten wird, ab. Ich werde ihn zweimal des Tags Dumas, Ingénue. I. 11 162 beſuchen; Sie ſollen die Stunde meiner Beſuche er⸗ fahren und können denſelben beiwohnen oder ſich entfernen. Die ganze übrige Zeit werden Sie allein mit ihm ſein.“ „Aber Sie, mein Herr...2 „Ah! bekümmern Sie ſich nicht um mich, Ma⸗ dame,“ ſprach Marat mit einem Tone, der die ganze Demuth der Reue in ſich ſchloß. „Nach dem Dienſte, den Sie Chriſtian und folg— lich mir geleiſtet, kann ich Sie doch nicht aus Ihrer Wohnung vertreiben?“ „Oh! gleichviel, wenn nur der junge Mann gut hier iſt und der Gefahr der Ortsveränderung ent⸗ geht.“ „Wo werden Sie aber wohnen?“ „Es wird wohl eine Dienſtbotenmanſarde im Marſtalle unbeſetzt ſein.“. Die Mutter des Verwundeten machte eine Be⸗ wegung. „Oder beſſer noch,“ fügte Marat raſch bei,„hier iſt Herr Danton, der Sie, glaube ich, geholt hat, und der ein mir befreundeter berühmter Advocat iſt.“ Die Unbekannte machte mit dem Kopfe ein Zei⸗ chen der Dankbarkeit. „Er hat wohl die Güte, mir für die ganze Zeit, welche für die Wiedergeneſung Ihres Herrn Sohnes erforderlich ſein wird, Quartier zu geben,“ fuhr Marat fort. „Sicherlich, Madame,“ ſagte Danton, der, da er dieſe zwei ſo beunruhigten Geſichter beobachtet, ſich in unaufhörlichem Erſtaunen, in tauſend Vermuthungen ver! Har wäh befi gen um laſſe tiſirt beug oder er ſe Kleit Dan zum Bequ ſtreut T genöt deten Abſch A die F antwo der 9 den jr e er⸗ ſich illein Ma⸗ anze folg⸗ hre gut ent⸗ 163 verloren und nur in langen Zwiſchenräumen an der Handlung Theil genommen hatte. „Dann nehme ich es an,“ erwiederte die Dame, während ſie ihre Mantille auf einen in ihrer Nähe befindlichen Lehnſtuhl warf. Und ſie ſetzte ſich zu den Häupten von Chriſtian. „Was habe ich zu thun, um dieſes Kind zu pfle⸗ gen?“ fragte ſie. „Nie die Quelle von Eiswaſſer, das Tropfen um Tropfen auf ſeinen Schenkel fließt, verſiegen laſſen, und ihm von Stunde zu Stunde den aroma⸗ tiſirten Trank geben, den Albertine bringen wird.“ Unfähig, das Geſpräch länger auszuhalten, ver⸗ beugte er ſich ſodann und ging ins Nebenzimmer, oder vielmehr ins anſtoßende Cabinet; hier vertauſchte er ſeinen alten Schlafrock gegen ein faſt reinliches Kleid und nahm Stock und Hut. „Vergeſſen Sie Ihr Manuſeript nicht,“ ſagte Danton, der ihm gefolgt war und ihn Anſtalten zum Abgange treffen ſah.„Sie werden mit aller VBequemlichkeit bei mir arbeiten.“ Marat hörte ihn nicht und bot ihm ganz zer⸗ ſtreut ſeinen Arm. Dieſen Arm fühlte Danton zittern, da Marat genöthigt, um wegzugehen, das Zimmer des Verwun⸗ deten zu durchſchreiten, mit der Unbekannten einen Abſchiedsgruß wechſelte. Als er auf die Treppe kam, hatte Marat auf die Fragen verſchiedener Dienſtleute des Hauſes zu antworten; ſie waren trotz der vorgerückten Stunde der Nacht aufgeblieben und wollten Kunde über den jungen Mann haben, der um ſo mehr Theil⸗ 164 nahme eingeflößt, als Viele in ihm das erkannt hat⸗ W ten, was er wirklich war, einen Pagen des Grafen von Ih Artois. nic Sobalb ſie aber außer dem Hauſe, ſobald ſie thr auf der Straße waren, ſagte Danton: lich „Nun, mein Lieber, raſch Ihr kleines Bekenntniß.“ Ein Oh! mein Freund,“ rief Marat,„welch ein Ro Abenteuer!“ „Potocky? ächter Potocky? ein Epilog zu unſerem Fr polniſchen Romane?“ 5h „Ja, doch ich bitte, lachen Sie nicht.“ „Gut!... wahrhaftig, Sie ſind hiebei, mein armer Marat? Ich glaubte, Sie ſeien dahin gekom⸗ men, daß Sie über Alles lachen.“ rat „Dieſe Frau,“ fuhr Marat fort,„dieſe Frau mit ihrer immer ſtolzeren ſarmatiſchen Schönheit, dieſe ſo zärtliche und für die Geſundheit ihres Soh⸗ erz nes ſo ängſtliche Mutter...“ „Nun?“ gre „Wiſſen Sie, wer es iſt?“ „Es würde mich beluſtigen, wäre Ihre Unbe⸗ kannte Fräulein Obinska.“ we „Sie iſt es, mein Freund.“ „Sind Sie deſſen wenigſtens ſicher?“ fragte Danton, der noch einmal zu ſpotten verſuchte. 3 Marat nahm eine feierliche Miene an und ſprach: Gl „Danton, wollen Sie mein Freund bleiben, ſo ſcherzen Sie nie, wenn Sie dieſe Cpoche meines Le⸗ gen bens berühren. Zu viel Leiden iſt damit verknüpft, Gr zu viel von meinem Blute, vom koſtbaren Blute mei⸗ ner Jugend iſt in jener Zeit gefloſſen, als daß ich kalt zu einer ſolchen Vergangenheit zurückgehen könnte. ₰ hat⸗ von d ſie niß.“ ein ſerem mein ekom⸗ Frau nheit, Soh⸗ Unbe⸗ ragte 5 rach n, ſo s Le⸗ üpft, 4 mei⸗ ß ich nnte. 165 Wenn Sie ſich alſo meinen Freund nennen, wenn Ihnen einiger Maßen daran gelegen iſt, daß Sie nicht durch leere Worte einen durch das Märtyrer⸗ thum, das er ausgeſtanden, tief verletzten Unglück⸗ lichen quälen, ſo hören Sie mich ernſthaft an, wie Sie einen Mann, und nicht wie Sie die Vorleſung eines Romans anhören würden.“ „Gut,“ erwiederte Danton mit dem von ſeinem Freunde geforderten Ernſte;„doch zuvor muß ich Ihnen Eines geſtehen.“ „Geſtehen Sie.“ „Sie werden ſich nicht ärgern?“ „Ich ärgere mich über nichts,“ antwortete Ma⸗ rat mit ſeinem Hyänenlächeln;„geſtehen Sie alſo.“ „Nun wohl, ich geſtehe, daß ich nicht ein einziges Wort von den Abenteuern, die Sie mir heute zu erzählen die Güte gehabt, geglaubt hatte.“ „Ah!“ verſetzte Marat mit Ironie,„ich be⸗ greife.. „Was begreifen Sie?“ „Sie wollten nicht glauben, daß ich jung ge⸗ weſen.“ Ei „Daß ich ſchön geweſen.“ „Was wollen Sie? der heilige Thomas war ein Gläubiger gegen mich!“ „Sie wollten nicht glauben, ich ſei muthig, kühn geweſen, und man habe mich bis auf einen gewiſſen Grad lieben können. Oh! ja, Sie haben Recht ge⸗ habt; ich begreife, daß Sie Alles dies nicht glauben wollten.“ „Ja; doch nun thue ich feierliche Abbitte, und 166 ſage: Ich glaube Alles, was Sie mich wollen glau⸗ ben machen.“ „Und dies beweiſt,“ murmelte Marat, wie mit ſich ſelbſt ſprechend,„dies beweiſt, wie kleinmüthig und einfältig, wie wahnſinnig und dumm derjenige iſt, welcher die Dämme ſeines Herzens öffnet, um ihn ins Vage laufen zu laſſen, um ihn fruchtlos von einem durſtigen, dürren Sande, von einem un⸗ dankbaren, geizigen Sande trinken zu laſſen, den Strom der Frinnerungen ſeines Lebens. Ich bin ein Feiger geweſen, daß ich meinen Schmerz nicht bei mir zu behalten gewußt habe; ein Dummkopf, daß ich einen Augenblick an Sie als an einen Mann von Gemüth geglaubt habe; ein Wahnſinniger, ein Thier, daß ich mein Geheimniß aus Eitelkeit preis⸗ gegeben, ja, aus Gitelkeit! und ich bin Alles dies geweſen, weil mir mein lächerliches Vertrauen nicht einmal den Glauben von Danton einträgt.“ „Ah! ah! Marat!“ rief der Coloß, indem er ſeinen Gefährten an dem Arme ſchüttelte, den er unter dem ſeinigen feſthielt,„ärgern wir uns nicht; ich habe feierliche Abbitte gethan: was Teufels wol⸗ len Sie mehr?“ „Nun, wenn Sie nicht glauben konnten, daß ich einſt ſchön geweſen, werden Sie wenigſtens glauben, daß ſie ſchön geweſen iſt?“ „Oh! ja, ja, ſie muß wunderbar ſchön geweſen ſein! ich glaube Ihnen, und ich beklage Sie.“ „Ah! ich danke,“ erwiederte ironiſch der Zwerg, der wieder boshaft geworden;„meinen Dank!“ „Doch ſagen Sie...“ rief Danton, plötzlich von einer neuen Idee betroffen. mit n er ner icht; wol⸗ ß ich iben, veſen verg, von 167 „Was?“ „Ich ſtelle die Data zuſammen.“ „Welche Data?“ „Das des Alters vom jungen Manne verglichen mit dem Punkte, bei dem wir ſind.“ Marat lächelte. „Nun?“ fragte er. „Nun, dieſer Junge iſt nicht über ſiebzehn Jahre alt.“ „Vielleicht wohl.“ „Es hätte alſo nichts Unmögliches... „Es hätte nichts Unmögliches?“ „Daß er wäre. Hiebei ſchaute Danton Marat ſtarr an. „Gehen Sie!“ verſetzte dieſer bitter;„haben Sie nicht bemerkt, wie ſchön er iſt? Sie ſehen wohl, daß das, was Sie denken, nicht ſein kann.“ Nach dieſen Worten gelangten ſie in die Rue du Paon und traten in das Haus des Advocaten vom Caſſationshofe ein. Sie hatten ganz Paris durchſchritten, ohne eine andere Spur vom Tumulte des Abends zu finden, als, einander faſt gegenüber, die noch rauchenden Trümmer vom Scheiterhaufen von Herrn von Brienne und die vom Wachthauſe der Soldaten von der Nacht⸗ wache. Wäre es Tag geweſen, ſo hätten ſie freilich auch das Blut ſehen können, welches das Pflaſter vom Grove⸗Platze bis zum Eingange der Rue Dauphine befleckte. 168 XXXVI. Bei Marat. Und nun, nachdem wir Marat bis zu ſeinem Freunde Danton begleitet haben, kehren wir zu Chri⸗ ſtian zurück, den wir auf ſeinem Schmerzensbette verlaſſen, und der noch mehr durch die Qua⸗ F des Geiſtes, als durch die Wunde des Körpers eidet. Seine Mutter, welche, wie wir geſehen, auf die Nachricht von dem Unfalle, der ihm begegnet, her⸗ beigeeilt war, ſaß an ſeinem Bette und ſuchte über ihn mit der zarteſten Fürſorge ihre liebreichſten Worte auszugießen; doch der junge Mann, ſtatt auf die mütterlichen Tröſtungen zu hören, ſtatt ſich durch den Ausdruck dieſer bezaubernden Güte, deren Ge⸗ heimniß die Frau allein hat, wiegen zu laſſen, rich⸗ tete ſeine Gedanken anderswohin und faltete die Stirne bei der Erinnerung an ſeine ſo ungeſchlacht unterbrochene Liebe. Seine Mutter, eine Frau von ſtrengem Herzen und bleichem Geſichte, brauchte ein paar Tage, um einzuſehen, daß in dieſem kranken jungen Manne ein Geheimniß war,— eine zweite Wunde gefähr⸗ licher als die erſte. Als ſie ihn ſchweigſam und voller plötzlicher Schauer ſah, ſchrieb ſie das Stillſchweigen und die Bangigkeiten von Chriſtian dem phyſiſchen Schmerze zu, gegen den er ſich ſträube, und den ſein ganzer Muth nicht zu bewältigen vermöge. inem Chri⸗ bette Qua⸗ rpers if die her⸗ über Worte uf die durch Ge⸗ rich⸗ e die hlacht erzen ,um Nanne efähr⸗ zlicher nd die merze ganzer 169 Nun ergriff das Uebel des jungen Mannes bald die Mutter ſelbſt; ſie litt an dem Leiden ihres Soh⸗ nes, und da ſie ſah, daß ſich das Uebel jeden Tag verſchlimmerte, und daß es ihr an Mitteln fehlte, daſſelbe zu bekämpfen, ſo fing ſie an zu verzweifeln. Dieſes eiſerne Herz,— wir glauben es ſo ge⸗ nau geſchildert zu haben, daß wir hier nicht in neue Einzelheiten einzugehen brauchen,— dieſes eiſerne Herz, ſagen wir, wurde allmälig weich; vor dem Bette knieend, wo Chriſtian lag, hoffte die Mutter auf ein Lächeln, flehte ſie Stunden lang um ein Lächeln, das nicht kam, oder traurig wie ein Schluch⸗ zen, gezwungen wie ein Almoſen kam. Und dieſer Mann, dieſer ſo tief gehaßte und, was mehr iſt, ſo tief von ihr verachtete Mann wurde mit Bangigkeit erwartet; und wenn ſich ſeine Abweſenheiten verlängerten, erkundigte ſie ſich bei Jedem nach dem wahrſcheinlichen Augenblicke ſeiner Rückkehr; denn ſie fühlte wohl, daß, wenn irgend Jemand ihr Kind mit einem dem ihrigen faſt glei⸗ chen Eifer pflegte, er es war. Sie lauerte alſo auf die Ankunft von Marat, und ſobald ſie ſeinen Tritt oder ſeine Stimme hörte, öffnete ſie die Thüre, ging ſie ihm entgegen, und trotz ihres tiefen Widerwillens, ihn anzureden, be⸗ ſtürmte ſie ihn mit Fragen, bat ſie ihn, flehte ſie ihn an, das Werk der Natur zu beſchleunigen. Marat fühlte jedoch, das eiſige Herz der Frau würde nie an der glühenden Liebe der Mutter ſchmel⸗ zen; er begriff, wenn ſie ihn hätte tödten können, unter der Bedingung, jeder vergoſſene Blutstropfen werde ein Atom Geſundheit ihrem Sohne wiederge⸗ 170 ben, ſie würde ihm mit Wolluſt einen Dolch ins Herz geſtoßen haben. Und er ſelbſt kam nie ohne eine große Bangig⸗ keit, ohne eine tiefe Unruhe zurück. Es läßt ſich leicht errathen, was er in Gegenwart dieſer Frau litt, vielleicht litt er aber noch weniger, als in der Abweſenheit von Chriſtian. Marat war Skeptiker in allen poſitiven Dingen, und ſelbſt in der Wiſſen⸗ ſchaft, da er nur da eine volle Ueberzeugung hatte, wo die Elitemenſchen keine haben wollen. Auf die Fragen dieſer in Thränen zerfließenden Mutter trat er ans Bett, hob das Tuch auf, das den jungen Mann bedeckte, ſodann den Verband, der die Wunde bedeckte, und ſprach: „Sehen Sie, die Arbeit macht ſich langſam, aber unabläſſig; dieſe Heilung der Wunde können weder die Wiſſenſchaft, noch die Kunſt in irgend einer Be⸗ ziehung beſchleunigen: die Natur geht einen gleichmäßi⸗ gen und ſicheren Schritt; da, wo ſie ſich thätig und ohne einen Vorbehalt beſchäftigt, wie hier, iſt unſere Hand unnütz... Sie bemerken übrigens, daß die Ent⸗ zündung verſchwunden iſt; das Fleiſch ſucht wieder lebendig zu werden; die gebrochenen Knochen ſind wieder zuſammengefügt und löthen ſelbſt an die un⸗ gleichen Brüche die correſpondirenden Ungleichheiten.“ „Aber,“ fragte die beſorgte Mutter,„wenn, wie Sie ſagen und wie ich hoffe, Chriſtian auf dem Wege der Beſſerung iſt, warum hat er denn fort⸗ während Fieber? Die Entzündung hat aufgehört: mit ihr müßte, wie mir ſcheint, das Fieber verſchwun⸗ den ſein.“ Marat nahm den Puls des jungen Mannes, —————— der zuz noc non abſi erkl dur wele ſehe in e Gei inde dieſe wah auf er a die Ver ins igig⸗ 17¹ der ihn manchmal einen Seufzer ausſtoßend zurück⸗ zuziehen ſuchte. „Ich weiß nicht, was ich antworten ſoll!“ ſagte Marat beängſtigt wie die Mutter, mehr vielleicht noch als ſie;„darunter iſt ein unerklärliches Phä⸗ nomen.“ „Unerklärlich?“ „Ich meine,“ erwiederte Marat mit einer Miene abſichtlichen Verſchweigens,„ich meine, welches zu erklären mir nicht erlaubt iſt.“ „Sagen Sie mir Alles, mein Herr; ich will nicht durch das Unvorhergeſehene leiden: ich habe eine Seele, welche fähig iſt, das Unglück von fern kommen zu ſehen.“ Und von ihrer Seele ſprechend, deren Schlag Marat ſo gut kannte, ſandte dieſe die Gräfin ganz in glühenden Ausſtrömungen ihrem Sohne zu. Marat ſchwieg. „Nun, mein Herr,“ ſagte die Gräfin troſtlos, „geben Sie mir eine Auflöſung.“ „Wohl, Madame, Ihr Sohn zerſtört mit ſeinem Geiſte die ganze Geſundheit ſeines Leibes.“ „Iſt das wahr, mein Sohn?“ fragte die Gräfin, indem ſie eine Hand von Chriſtian ergriff, die ihr dieſer vergebens wiederzunehmen ſuchte;„iſt das wahr, mein Sohn?“ Eine lebhafte Röthe erſchien bei dieſen Worten auf der Stirne von Chriſtian; da er aber ſah, daß er antworten mußte, ſo erwiederte er, den Kopf gegen die Gräfin umwendend: „Nein, meine Mutter, nein; ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß ſich der Doctor täuſcht.“ 172 Marat lächelte traurig, wir möchten ſagen, häß⸗ lich, und ſchüttelte den Kopf zum Zeichen der Un⸗ gläubigkeit. „Ich betheuere es Ihnen, Doctor!“ ſprach Chriſtian. „Er würde es mir aber doch ſagen!“ rief die Gräfin,„ denn er liebt ſeine Mutter.“ „Oh! ja,“ ſagte Chriſtian mit einem Ausdrucke, der weder die Wahrheit, noch den Umfang dieſer Liebe in Zweifel zu ziehen geſtattete. „Und überdies,“ fuhr die Gräfin ſich an Marat wendend fort,„welchen Kummer ſollte er haben?“ Der junge Mann ſchwieg. Marat umfaßte Beide mit ſeinem unüberſetzbaren Blicke und zuckte die Achſeln; dann nahm er auf ſeine Weiſe Abſchied, indem er barſch grüßte und ſeinen Hut ungeſtüm auf ſeinen Kopf drückte. Doch die Gräfin hielt ihn die Hand gegen ihn ausſtreckend zurück, und Marat blieb, wie unter der Herrſchaft einer magnetiſchen Gewalt, unbeweglich. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„wir haben Ihnen Ihr Domicil genommen: das muß Sie ungeheuer belä— ſtigen! Wo wohnen Sie? wie leben Sie?“ „Oh! bekümmern Sie ſich nicht hierum, Madame,“ antwortete Marat mit ſeinem ſpöttiſchen Lächeln; „wo ich wohne, wie ich lebe, gleichviel!“ „Sie täuſchen ſich, mein Herr,“ entgegnete die Gräfin;„es iſt von Wichtigkeit für meine Ruhe und vielleicht für die meines Sohnes, daß wir wiſſen, ob wir, indem wir uns bei Ihnen einquartiert, Ihre Exiſtenz nicht dergeſtalt geſtört haben, daß Ihr Lie⸗ besdienſt ſehr beſchwerlich für Sie geworden iſt.“ — ken kön Ein Art wä ein ſor nun den me bri läſt „n nes mit ma zu ſcho häß⸗ r Un⸗ iſtian. ef die rucke, dieſer Marat n?“ baren r auf e und n ihn er der lich. Ihr belä⸗ ame,“ cheln; e die e und n, o Ihre r Lie⸗ . 173 „Oh! nein, Madame; diejenigen, welche mich kennen, wiſſen, daß nichts für mich beſchwerlich iſt.“ „Ah! wenn mein Sohn weggebracht werden könnte!“ rief die Gräfin. Marat ſchaute ſie faſt mit Zorn an, doch dieſer Eindruck verſchwand raſch. „Ei!“ fragte er,„ſind Sie unzufrieden mit der Art, wie ich dieſen jungen Mann behandle?“ Oh! mein Herr,“ erwiederte raſch Chriſtian,„wir wären ſehr undankbar, wenn wir dergleichen dächten; ein Vater hätte wahrhaftig nicht mehr milde Für⸗ ſorge für ſeinen Sohn.“ Die Gräfin ſchauerte und erbleichte. Doch immer Herrin ihrer ſelbſt, ſprach ſie: „Mein Herr, Sie haben Chriſtian mit zu viel Wiſſenſchaft und Hingebung behandelt, als daß ich nur die Idee haben ſollte, ihn anderen Händen als den Ihrigen anzuvertrauen; doch ich habe am Ende mein Haus, und könnte ich meinen Sohn dahin bringen laſſen, ſo würden wir Sie nicht mehr be⸗ läſtigen.“ Alles iſt möglich, Madame,“ erwiederte Marat; „nur ſpielen Sie um das Leben dieſes jungen Man⸗ nes auf einen Wurf. „Oh! dann verzeihe mir Gott!“ ſprach die Gräfin mit einem Seufzer. „Noch vierzig Tage,* ſagte Marat. Die Gräfin ſchien zu zögern, einen Vorſchlag zu machen; endlich entſchloß ſie ſich, das Stillſchweigen zu brechen. „Kann ich Sie wenigſtens beſtimmen, eine Ent⸗ ſchädigung anzunehmen?“ fragts ſie. 174 Diesmal ſuchte Marat die Bitterkeit ſeines Lä⸗ chelns nicht zu verkleiden. „Wenn die Cur vollendet iſt,“ ſagte er,„wenn Herr Chriſtian geheilt iſt, werden Sie mich bezahlen, wie man die franzöſiſchen Aerzte bezahlt. Es gibt eine Art von Tarif hiefür.“ Und er machte eine neue Bewegung nach der Thüre, um wegzugehen. „Aber, mein Herr,“ rief die Gräfin, welche be⸗ griff, daß die ſchöne Seite, die Seite der aufopfern⸗ den Hingebung bei Marat war, und ſie ihm gern hätte entreißen mögen,„ſagen Sie mir wenigſtens, wie Sie leben?“ „Oh! das iſt ſehr einfach! Ich ſchweife herum,“ antwortete Marat. „Wie! Sie ſchweifen herum?“ „Ja, Madame; doch bekümmern Sie ſich nicht um mich: in dieſem Augenblicke iſt es ſehr vortheil⸗ haft für mich, nicht bei mir zu wohnen.“ „Warum dies?“ „Weil ich viele Feinde habe.“ „Sie, mein Herr?“ verſetzte die Gräfin mit einem Tone, der zu ſagen ſchien:„Das befremdet mich nicht!“ „Sie begreifen das nicht?“ erwiederte er mit ſpöttiſchem Tone;„nun wohl, ich will es Ihnen mit zwei Worten begreiflich machen. Man behauptet, ich habe einiges Verdienſt in der Medicin und in der Chemie; man behauptet, ich wende meine Kennt⸗ niſſe dazu an, daß ich unentgeldlich die armen Leute aus dem Volke heile. Ueberdies bin ich ein wenig Schriftſteller: ich verfaſſe für die Patrioten politiſche unk Ein Ha beir ich Unt mir obg litte eine vert wir was gege ange wied Seit War ſcheit das liebe räuſe geiz ſeine die( iſt, d ſo w venn hlen, gibt der be⸗ ern⸗ gern ens, m,“ nicht heil⸗ em nich mit mit tet, in int⸗ ute nig che 175 und öconomiſche Artikel, welche geleſen werden. Die Einen beſchuldigen mich der Ariſtokratie, weil ich im Hauſe des Prinzen bin, die Anderen ſchaden mir beim Prinzen, weil ich Patriotismus habe. So bin ich von den Einen und von den Andern gehaßt. Und dann hat mich die Natur herb gemacht; ſie hat mir den Anſchein eines ſchwachen Weſens gegeben, obgleich dieſer Anſchein lügt. Denn ich bin kräftig, Madame, und wenn Sie wüßten, was ich ſchon ge⸗ litten habe...“ Er hielt inne. „Ah! Sie haben gelitten?“ ſagte die Gräfin mit einem Phlegma, das das Herz von Marat in Eis verwandelte. „Ohl ſprechen wir nicht mehr hievon, vergeſſen wir die Vergangenheit... Ich wollte Ihnen ſagen, was ich in der Gegenwart leiden würde, wäre nichts gegen das, was ich in der Vergangenheit gelitten; angenommen, es ſei Ihre Abſicht, mich zu beklagen, wiederhole ich alſo: geben Sie ſich nicht die Mühe. Seitdem Chriſtian da iſt, fange ich ein Leben der anderung und der Verbannung an, was wahr⸗ ſcheinlich fortan das meine ſein wird. Ueberdies iſt das mein Beruf: ich liebe die Menſchen nicht, ich liebe den Tag nicht; meine Freude iſt es, ohne Ge⸗ räuſch zu leben, weil ich nie genug für meinen Ehr⸗ geiz zu machen vermöchte, und da es vernünftig iſt, ſeine Reigungen nach ſeinen Kräften abzumeſſen, da die Enthaltſamkeit eine der verſtändigſten Tugenden iſt, die ich lenne, ſo werde ich mich der Menſchen, ſo werde ich mich des Tages enthalten!“ 176 „Wie!“ ſprach ernſt die Gräfin,„Sie gedenken blind zu werden oder ſich die Augen auszuſtechen?“ „Die Nachteulen haben nicht die Mühe, blind zu werden, die Nachteulen ſtechen ſich nicht die Augen aus, Madame: ſie ſind für die Finſterniß gemacht und leben in der Finſterniß. Erblickt man bei Tage eine Nachteule, ſo necken und plagen ſie hundert krei⸗ ſchende Vögel auf tauſenderlei Arten; es weiß das dieſes Thier, das man bei den Alten den Vogel der Weisheit nannte, und es fliegt nur bei Nacht aus. Ah! bei Nacht greife man die Eule an, man wage es, in ihr ſchwarzes Loch einzudringen, und man wird ſehen!“ lieben alſo nichts auf der Welt?“ „Nein, Madame.“ „Eine traurige Eriſtenz, mein Herr!... Sie „ch beklage Sie,“ ſprach die Gräfin mit einer Miene des Ekels, welche Marat aufſpringen machte. „Ich liebe nicht, wenn ich nicht achte,“ antwor⸗ tete er mit der Schnelligkeit der Entgegnung einer verwundeten Schlange. Es war an der Gräfin, das Haupt zu erheben. „Die Welt,“ ſagte ſie,„iſt alſo ſehr arm, daß ſie nicht ein einziges Weſen, welches fähig, Ihnen Achtung oder Zuneigung einzuflößen, enthält oder enthalten hat?“ „Das iſt ſo!“ antwortete Marat mit Tone. Diesmal hielt es die Gräfin nicht für gut, zu antworten, und ſie ſetzte ſich ſtillſchweigend und mit gefalteter Stirne oben ans Bett des Kranken. Aufgeregt, faſt verwirrt, trotz der ſcheinbaren Kält ging Nerr ſeltſa — blick ſtüm mir: E 2 ſtian, Du enken en?“ blind ugen nacht Tage krei⸗ das l der aus. ees, wird Sie 177 Kälte ſeines Geſichtes, nahm Marat ſeinen Hut und ging ab, indem er mit einer bei einem Arzte, der die Nerven ſeines Kranken zu reizen befürchten würde, ſeltſamen Heftigkeit die Thüre klappen ließ. XXXVII. Wie die Gräfin die Liebe verſtand. Die Gräfin und ihr Sohn blieben einen Augen⸗ blick erſtaunt und wie betäubt durch dieſen unge⸗ ſtümen Abgang. „Das iſt ein ſeltſamer Menſch!“ ſagte die Gräfin zu Chriſtian, als Marat ſich entfernt hatte. „Ich halte ihn für gut,“ ſprach Chriſtian mit ſchwacher Stimme. „Gut?“ wiederholte die Gräfin. „Ja, man kann die Menſchen nur relativ beur⸗ theilen, und ſein Benehmen uns gegenüber, oder viel⸗ mehr mir gegenüber, iſt das eines guten, vortreff⸗ lichen Menſchen; doch... „Doch?“ fragte die Gräfin. „Doch ich möchte lieber nicht mehr hier ſein.“ „Ich möchte es auch; ſage mir aber, iſt es das, was Dich traurig macht?“ „Ich bin nicht traurig, meine Mutter.“ „Du haſt vielleicht einen verborgenen Kummer. Iſt dies ſo, ſo iſt der Augenblick gekommen, ihn mir mitzutheilen.“ „Ich habe keinen Kummer, meine Mutter.“ Die Gräfin ſchaute ihren Sohn an; aber Chri⸗ ſtian, als hätte er nicht die Kraft gehabt, lange 12 Dumas, Ingénue. IM. ſeinen Blick auf ſeine Mutter zu heften, wandte ſeufzend die Augen ab. Seine Mutter beobachtete ihn aufmerkſamer als je. „Du biſt nicht verliebt?“ fragte ſie nach eine Stillſchweigen. „Ich?“ verſetzte der junge Mann.„Nein, meine Mutter.“ „Oh! man verſichert, die Liebe mache die Leute zuweilen ſehr unglücklich.“ Dieſes man verſichert, im Munde einer Frau von dreiunddreißig Jahren, ſetzte Chriſtian in Erſtau⸗ nen; er lächelte und ſchlug den Blick wieder zu ſei⸗ ner Muttter auf. „Indeſſen,“ fuhr dieſe fort, ohne daß es ſie, wie es ſchien, im Geringſten beunruhigte, eine ſo ſeltſame Erörterung mit ihrem Sohne in Angriff zu nehmen, „indeſſen kann das nur einer von den Schmerzen ſein, wie man tauſend im Leben hat, ein vorüber⸗ gehender Schmerz, den man ohne Schwäche muß zu ertragen wiſſen... Biſt Du nicht meiner Anſicht Chriſtian?“ „Ja, meine Mutter,“ antwortete der junge Mann. „In der That,“ fuhr die Gräfin mit demſelben kalten, zergliedernden Tone fort, der bei ihr Gewohn⸗ heit war,„welchen Kummer läßt die Liebe zu? Einen einzigen!“ „Welchen? 2. fragte neugierig der junge Mann indem er ſich umzuwenden ſuchte, um beſſer die Züge dieſer Frau zu ſehen, die geſagt hatte, die Liebe laſſe nur einen einzigen Schmerz zu. „Nun,“ antwortete die Gräfin,„den Kummer nicht geliebt zu ſein, wenn man liebt.“ trau Güt veré ſagt „wa daß nich Chr bezi leiſe habe Leut nicht liebe man frag wandte als ſe einem meine Leute rFrau Erſtau⸗ zu ſei⸗ ie, wie eltſame ehmen, merzen orüber⸗ nuß zu Anſicht, Mann. nſelben ewohn⸗ Einen Mann, e Züge Liebe mmer 179 „Alſo, meine Mutter,“ ſagte Chriſtian mit einem traurigen Lächeln,„Sie glauben, das ſei der einzige?“ „Ich nehme wenigſtens keinen andern an.“ „Ich bitte, meine Mutter, würden Sie wohl die Güte haben, mir das zu erklären?“ „Vor Allem, ermüde Dich nicht, Chriſtian, und verändere Deine Lage nicht, wenn es möglich iſt.“ „Ich höre.“ „Gehen wir alſo von einem Grundſatze aus...“ ſagte die Gräfin. „Und dieſer Grundſatz?“ fragte Chriſtian. „Iſt, daß man nur ſeiner würdige Leute liebt.“ „Meine Mutter,“ fragte kalt der junge Mann, „was verſtehen Sie unter unſerer würdigen Leuten?“ „Ich verſtehe, mein Sohn, daß wir auf eine ge⸗ wiſſe Art geboren, auf eine gewiſſe Art erzogen ſind; daß wir endlich auf eine gewiſſe Art leben, welche nicht die von Jedermann iſt. Gibſt Du das zu, Chriſtian?“ „Das iſt wahr, meine Mutter... wenigſtens beziehungsweiſe.“ Der junge Mann ſprach dieſe letzten Worte ſo leiſe aus, daß ſeine Mutter ſie nicht hörte. „Sind wir nun ſo,“ fuhr die Gräfin fort,„ſo haben wir das Recht, dieſelben Bedingungen bei den Leuten zu fordern, die uns lieben.. Ich ſage nicht, verſtehſt Du wohl? bei den Leuten, die wir lieben, denn ich nehme nicht an, daß man liebt, hat man ſich gegenüber nicht das abſolute Recht, zu lieben.“ Chriſtian machte eine Bewegung in ſeinem Bette. „Biſt Du nicht meiner Anſicht, mein Sohn?“ fragte die Gräfin. 180 „Ich finde Sie ausſchließend, meine Mutter.“ „Nothwendig!. Hältſt Du es für möglich, daß man liebt, während man ſich einen Vorwurf zu machen hat?“ 3 „Und ſetzen Sie unter die Zahl dieſer Unmög⸗ lichkeiten die Ungleichheit des Standes, meine Mut⸗ ter?“ ſagte Chriſtian, indem er eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt unternahm, um dieſe Frage zu wagen. „Ah! vor Allem.“ Chriſtian machte eine Bewegung, welche noch bezeichnender war als die erſte. „Du willſt ſagen,“ fuhr die Gräfin fort,„ich huldige den alten Vorurtheilen, den Vorurtheilen meiner Kaſte; ja, gewiß, und das iſt kein Unrecht. Wie erhält man die ſchönen, guten Racen von Pfer⸗ den unſeres Landes, die edlen Familien trefflicher Hunde, welche unſere Wölfe und unſere Bären nie⸗ derwerfen, die reichen Gattungen von Vögeln, welche bis zum Tode ſingen? Dadurch, daß man ängſtlich dafür beſorgt iſt, die edlen Racen nicht mit den ge meinen zu kreuzen.“ „Meine Mutter,“ entgegnete Chriſtian,„8 ſprechen da nur von Thieren, und Sie rechnen folg⸗ lich ohne den Verſtand, den Gott ihnen verweigert hat und uns gibt; Sie rechnen beſonders ohne die Seele, welche von guter Race in einem plebejiſchen Körper ſein kann.“ „Eine Ausnahme, auf die ich es, wie Du leicht begreifſt, nicht will ankommen laſſen,“ erwiederte die ſtolze Gräfin.„Höre, Chriſtian, ich hatte eine be⸗ wunderungswürdige Stute,— Du weißt die, welcht 6 Geſe ſe nen eine Cho man gab. Stu Sta von und öglich, rwurf nmög⸗ Mut⸗ ngung ge zu noch 5„ich heilen recht. Pfer⸗ flicher nnie⸗ welche gſtlich n ge „Sie fog⸗ eigert ie die iſchen leicht te die e be⸗ welche 18¹ mit mir ſiebzig Meilen in zwei Tagen machte und nicht daran ſtarb; nicht wahr, Du haſt mich dieſe Geſchichte erzählen hören?“ „Ja, meine Mutter.“ „Nun wohl, ſie lebte im Zuſtande der Freiheit, ſprang über Berg und Thal und kam nur auf mei⸗ nen Ruf; ſie mißbrauchte dieſe Freiheit und ging eine Mißheirath ein. Aus dieſer Mißheirath wurde Chosko geboren, ein armes, ſchwächliches Thier, das man den furchtſamen Kindern für ihre Spazierritte gab. Erinnerſt Dich dagegen des Rappen, den dieſe Stute begattet mit dem Schlachtroſſe von König Stanislaus gebar,— ein furchtbares Thier, edel von Vater und Mutter, und edel wie ſein Vater und ſeine Mutter. Nun, Du antworteſt nicht, Chriſtian?“ „Meine Mutter, ich denke...“ „Du denkſt?“ „Daß die erſten von Gott geſchaffenen Menſchen eine auserwählte, vielleicht ſogar vollkommene Race waren; geben Sie aber nicht zu, daß ſeitdem einige verirrte Typen da und dort, in der Welt verloren, die intelligente Combination erreichen, die ſie einan⸗ der näher bringt?“ „Ich denke nicht, daß Du die Liebe eine intelli⸗ gente Combination nennſt?“ ſagte die Gräfin. „Warum nicht, meine Mutter, da es die Ueber⸗ tragung des göttlichen Geiſtes in die menſchlichen Formen iſt, und die Thiere, welche das Bedürfniß fühlen, das Verlangen empfinden, die Liebe nicht kennen?“ „Nimm Dich in Acht, mein Sohn; nennſt Du Intelligenz die Combination der Liehe, ſo miſſeſt Ddu 182 ihr alle Charaktere der Freiwilligkeit, des Willens bei; Du wirſt nie etwas dem Zufalle, dem Unvor⸗ hergeſehenen einräumen; Du wirſt nie ſagen, man ſei unwillkürlich hingeriſſen worden, man habe die Liebe aus einem Zuſammentreffen, beim Zuſammen⸗ fluſſe zweier elektriſchen Strömungen geſchöpft, wie es die ſtarken encyklopädiſchen Geiſter Frankreichs ſagen.“ Chriſtian blieb ſtumm. „Nicht wahr, Du gibſt mir Recht?“ fragte die Gräfin. „Meine Mutter, entſchuldigen Sie mich, Ihre Theorie adoptiren hieße Alles das unterdrüͤcken, was Mächtiges und Praktiſches in der Liebe iſt. Un⸗ willkürlich lieben, glauben Sie mir, meine Mutter, heißt nicht das Spielzeug des Zufalles ſein, es heißt ſich der Nothwendigkeit unterziehen, dem Willen Got⸗ tes gehorchen!.. Werden Sie immer noch ſagen, die Liebe ſei keine intelligente Combination?“ Chriſtian glaubte ſeine Mutter in Verlegenheit geſetzt zu haben. „Ah! ah!“ erwiederte ſie,„Du urtheilſt wie ein Marat, der den Tag und die Menſchen flieht, weil es ihm, da er die Welt mit ſeinen gelben Augen ſieht, ſcheint, es ſei nichts ſchön, nichts gut, um es kennen zu lernen. Statt Ausnahmen zu ſuchen, mein Sohn,— was immer ein mißliches Handwerk iſt,— überlaß Dich dem, daß Du im Leben das findeſt, was es uns Gutes auf jedem Schritte bietet.“ „Oh! meine Mutter! meine Mutter!“ ſagte Chri⸗ ſtian mit einem düſtern Lächeln. lens nvor⸗ man e die men⸗ wie eichs te die Ihre ücken, Un⸗ utter, heißt Got⸗ n, die enheit ie ein weil lugen im es uchen, dwerk indeſt, Chri⸗ 183 Und ſein melancholiſcher Blick heftete ſich auf ſein verwundetes Bein. Die Gräfin begriff dieſen Blick, täuſchte ſich je⸗ doch in der Abſicht. „Ein Unglück von vierzig Tagen!“ ſprach ſie; „willſt Du es etwa mit einem ewigen Unglück ver⸗ gleichen? Ich wiederhole Dir, mein liebes Kind, das Leben bietet ſich uns wie ein ſchöner Garten mit trefflichen Bäumen bepflanzt; Du biſt mitten unter den ſchmackhafteſten Früchten, und Du würdeſt im Gebüſche eine unverdauliche, fade wilde Beere ſuchen? .. Oh!l ich bin ſicher, daß Du das nur in der Theorie thun wirſt, Chriſtian!“ „Erklären Sie ſich deutlicher, meine Mutter,“ murmelte der junge Mann mit erſtickter Simme; „mir ſcheint, Sie ſprechen ſehr im Ernſte.“ „Ich? Durchaus nicht,“ erwiederte die Gräfin. „Ich habe Dich vorhin gefragt, ob Du verliebt ſeiſt; Du haſt mir geantwortet:„„Nein.““ Wäreſt Du es, ſo wäre es, um leicht glücklich zu werden: Du biſt von einer großen Familie, Chriſtian; Du haſt keinen Bruder; ein fürſtliches Vermögen erwartet Dich; Dein Gebieter, der Herr Graf von Artvis, iſt Sohn von Frankreich. Welchen Kummer könnteſt Du in der Liebe finden? Liebe die Tochter eines Fürſten, und wir werden machen, daß Du ſie erhältſt; liebe,— da man dieſes Wort für jede Art von Liebe gebraucht,— liebe ein Mädchen aus dem Volke, nimm es für die ganze Zeit, die Deine Liebe dauern wird, und hernach ſchätze das Glück, welches Dir das Mädchen gegeben hat, und bezahle es nach ſeinem Werthe.“ 184 Die Gräfin glaubte ſich noch in Polen, wo jeder Herr jedes Recht über ſeine Vaſallin hat. Chriſtian erbleichte und 3 ſich ſeufzend auf ſein Bett zurück. Erſchrocken, neigte ſich die Gräfin zu ihmundfragte: „Was haſt Du, Chriſtian?“ „Nichts,“ antwortete der junge Mann,„ich leide!“ „Ah!“ ſagte die Gräfin, indem ſie aufſtand,„ich gäbe zehn Jahre von meinem Leben, um Dich in dieſem Zimmer gehen zu ſehen.“ „Und ich, ich gäbe zwanzig von dem meinigen, um auf der Straße gehen zu können,“ murmelte der arme Knabe. Hiebei blieb das Geſpräch ſtehen; nur begriff die Gräfin, daß ihr Sohn ein Geheimniß für ſie hatte, und Chriſtian begriff, daß er keine Mutter für das Bekenntniß ſeines Geheimniſſes hatte. Wie hätte er nicht, nach der von der Gräfin ausgeſprochenen ſtolzen Liebestheorie, in die tiefſte Tiefe ſeines Herzens die Liebe, die er für Ingénue empfand, einſchließen ſollen? und wie hätte er nicht die grauſamſte Qual, allein, ſeiner Mutter überlaſſen, auf einem Schmerzensbette, unfähig, eine Bewegung zu machen, außer Stande, zu ſchreiben, ſich zu erkun⸗ digen oder Boten zu ſchicken, erdulden ſollen? Nur Eines tröſtete den armen Kranken: er kannte die monotone Regelmäßigkeit des Lebens von Ingé⸗ nue; dieſe Monotonie währte ſeit ſiebzehn Jahren: er hoffte, in ſeiner Abweſenheit werde dieſe Mono⸗ tonie fortdauern, als ob er gegenwärtig wäre. Warum ſollte die Zukunft nicht das getreue Bild der Ver⸗ gangenheit ſein? kann emp wert gege nehr der Seg Inge Ing wuß ſtarl daß alſo die Auc für bis Ing ſehe Sor lan 185 jeder Sodann hatte er noch eine andere Hoffnung: er kannte den guten Rétif, der weſentlich für Eindrücke auf empfänglich; er vermuthete, der Unfall der Wunde werde dem Vater einen Theil von ſeinem Grolle agte: gegen den vermeinten Verführer ſeiner Tochter be⸗ „ nehmen. ide“ Kurz, er hoffte, wie Alle dieſenigen, für welche „ich der Herr nicht den unerſchöpflichen Schatz ſeiner h in Segnungen verſchloſſen hat! igen, n WXVIII. if Ingenue geht allein aus und begegnet einem Manne und einer Frau. utter Der Unfall, der Chriſtian widerfahren war, hatte Ingénue vom väterlichen Argwohne errettet. Rétif räfin wußte vollkommen, daß, wenn Chriſtian nicht ſogleich iefſte ſtarb, die Wunde wenigſtens gefährlich genug war, enue daß er lange das Bett hüten mußte. Ingénue war nicht alſo frei von jeder Beaufſichtigung, und ſie hatte aſſen, die Zügel des Hauſes, wie zuvor, wieder ergriffen. gung Von Chriſtian befreit und mit ſeinem Feinde run Auger ausgeſöhnt, ſah in der That der wackere Schriftſteller nichts Gefährliches mehr auf der Welt annte für ſich und für ſeine Tochter; er ging vom Morgen ng bis zum Abend gleichgültig ab und zu, und führte hren: Ingénue ſpazieren wie ein Wunder gut, es die Pariſer kono⸗ ſehen zu laſſen, mochten ſie nun des Regens müde arum Sonne verlangen, oder der Sonne müde Regen ver⸗ Ver⸗ langen. Ingénue fing alſo wieder an allein, wie früher, 186 den Proviant am Morgen zu holen; man ſah ſie wieder im Quartier, man machte ihr Complimente über ihre Unſchuld, und es gibt nichts, was die jungen Mädchen ſo abſcheulich ärgert, als ein ſolches Compliment, beſonders wenn dieſe Mädchen wirklich unſchuldig ſind. Und Ingénue, man muß es geſtehen, ging in einer doppelten Abſicht aus; einmal in der von uns genannten, und das war die offene Abſicht, und dann in einer anderen für ſie noch viel intereſſanteren,— in der Abſicht, Chriſtian zu begegnen. Ach! das geſchah nicht, und wir wiſſen wohl, es war unmöglich, daß ſie ihm begegnete; doch ſie wußte es nicht. Nichtzu ihrzurückgeführt, ſondern wiedergegeben der Hoffnung durch die Raiſonnements, die ſie ſich ſelbſt in der Stille der Nacht gemacht, ging Ingénue jeden Tag aus, indem ſie ſich ſagte:„Es wird vielleicht heute ſein,“ und jeden Tag kam ſie niedergeſchlagener als am Tage vorher zurück. Nur blieb ihr ein großer Zweifel: was ſie von einem verwundeten Pagen des Grafen von Artvis gehört hatte, erklärte ſo gut die Abweſenheit von Chriſtian zu Gunſten der Liebe und ſogar der Eitel⸗ keit von Ingénue, daß ſie, ſo oft ſie, in ihrer Hoff⸗ nung getäuſcht, wieder über die Thürſchwelle ſchritt, ohne Chriſtian geſehen zu haben, ſich ſagte:„Ach! von ihm ſprach Herr Santerre, und ſicherlich iſt er verwundet, ſterbend, todt vielleicht! darum kommt er nicht!“ Und nachdem ſie über ſeine Untreue geweint hatte, beweinte ſie ſeinen Tod mit ſo ſchweren Thrä⸗ nen, des! die: Urſa ( Grè von wun zähl la 2 ſeine es ſ dern wun fall, ände des dem war ſie von war hatt halt die Chr des kam wen ſie ente die ches klich in uns ann ohl, ſie ider elbſt eden eicht ener von tvis von itel⸗ off⸗ ritt, Ach! ſt er t er eint hrä⸗ 187 nen, daß Rétif, ſo ſehr er auch mit dem Suchen des Fadens von einem neuen Romane beſchäftigt war, die rothen Augen ſeiner Tochter wahrnahm und die Urſache dieſer Röthe vermuthete. Der Zufall wollte, daß an demſelben Tage, beim Grove-Platze, ein Stallmeiſter des Herrn Grafen von Provence durch einen Schuß an der Hand ver⸗ wundet worden war. Eine Zeitung enthielt die Er⸗ zählung dieſes Unfalls; dieſe Zeitung kam Rétif de la Bretonne zu, und er beeilte ſich ganz freudig, ſie ſeiner Tochter zu überbringen, um ihr zu beweiſen, es ſei nicht ein Page des Grafen von Artvis, ſon⸗ dern ein Stallmeiſter des Grafen von Provence ver⸗ wundet worden. Ach! ſie mußte wohl glauben, kein anderer Un⸗ fall, als eine in ſeinen Gefühlen vorgegangene Ver⸗ änderung halte den jungen Mann fern von der Rue des Bernardins: da die Zeitung den Unfall, der dem Stallmeiſter des Grafen von Provence begegnet war, in ihre Spalten eingetragen hatte, ſo würde ſie ebenſo den, von welchem ein Page des Grafen von Artois betroffen worden, mitgetheilt haben; das war auch von der würdigen Zeitung geſchehen; aber hatte er nun Kenntniß hievon erhalten oder nicht er⸗ halten, Rötif hatte ſich wohl gehütet, ſeiner Tochter die Nummer zu bringen, die von 7 Wunde von Chriſtian ſprach. In Folge hievon benächtigte ſich die Eiferſucht des Herzens von Ingénue, und in ihrem Verdruſſe kam ſie dahin, daß ſie zuerſt glaubte, ſie liebe ihn weniger, und ſodann,— was wahrer,— ſie haſſe ihn. Da entſchloß ſie ſich im Ernſte, ihn aus ihrem 188 Gedächtniß zu verjagen, und in ihrer Unſchuld wagte ſie es, ein paar junge Leute anzuſchauen, die ſie anſchauten.. Aber, ach! das waren nicht die ſanften Augen von Chriſtian; es war nicht ſein geſchmeidiger, leich⸗ ter Gang, nicht die vornehme Miene, nicht die An⸗ ziehungskraft ſeiner ganzen Perſon. Ingénue geſtand ſich ſelbſt, ſie haſſe Chriſtian immer mehr, im Grunde könne ſie ſich aber nicht enthalten, ihn anzubeten. In Folge dieſes Bekenntniſſes, das die ſanfte Ingénue ſich ſelbſt zu machen genöthigt war, geſchah es, daß eines Tags, wo Rétif mit vielen Literaten und Buchhändlern zu Mittag ſpeiſen ſollte und die Converſation unfehlbar kitzelig für ſiebzehnjährige Ohren werden mußte, Ingénue ihrem Vater erklärte, ſie ziehe es vor, zu Hauſe zu bleiben, eine Erklä⸗ rung, die der Schriftſteller mit Freuden aufnahm. Um vier Uhr Nachmittags,— man fing damals ſchon an, beſonders unter den vorgerückten Leuten, ſpät zu Mittag zu ſpeiſen,— um vier Uhr Nach⸗ mittags ging alſo Rétif de la Bretonne aus, um ſich zu ſeinem Mahle zu begeben, und ließ Ingénue allein zu Hauſe.§ Das war das, was das Mädchen wünſchte. In Verſuchung geführt vom Dämon der Liebe, hatte Ingénue beſchloſſen, dieſe Abweſenheit ihres Vaters zu benützen, um ſich im Hauſe des Herrn Grafen von Artvis zu erkundigen, was aus dem un⸗ beſtändigen Pagen geworden. Sie wartete vier Uhr ab, und da man den Mo⸗ nat November erreicht hatte, ſo war es beinahe Nad Sie bis ſie i lene Unſ die eine veill hatt fiel Ver quir mit Roc Bei gen ben ron Sel nen Str ate e ſie ugen leich⸗ An⸗ ſtian nicht anfte ſchah aten ddie hrige ärte, rklä⸗ m. mals uten, Nach⸗ ſich llein iebe, ihres errn un⸗ Mo⸗ nahe 189 Nacht; Rétif ſollte nicht vor zehn Uhr zurückkehren. Sie folgte ihm mit den Augen durch das Fenſter, bis er ſich um die Straßenecke gedreht, und ſobald ſie ihn hatte verſchwinden ſehen, warf ſie ihre wol⸗ lene Mante auf ihre Schultern, ſtieg, ſtark wie die Unſchuld, die Treppe hinab, und wandte ſich über die Quais nach dem Marſtalle des Prinzen, den ihr eines Tags ihre Freundinnen, die Demoiſelles Ré⸗ veillon, in einem Fiacre vorüberfahrend gezeigt hatten. Sie ging an den Häuſern anſtreifend. Ein kleiner Regen, zart wie die Haare einer Fee, fiel in ungreifbaren Perlen vom Himmel auf das ſchon glänzende Pflaſter; nach dem Geſchmacke des Verfaſſers vom Fuße von Jeanette chauſſirt, ris⸗ quirte Ingénue mit Zögern ihren hübſchen Pantoffel mit hohem Abſatze auf der feuchten Oberfläche. Sie hob mit ihrer linken Hand ihren braunen Rock auf und entblößte ein feines, zartes, göttliches Bein, das nur die Häuſer allein ſahen und würdi⸗ gen konnten, ſo vorſichtig zog ſie ſich längs denſel⸗ ben hin. Und dennoch, als ſie die Höhe der Rue de lHi⸗ rondelle erreicht hatte, begegnete ihr etwas eben ſo Seltſames als Unerwartetes. Am Kellerloche von einem dieſer Häuſer, an de⸗ nen ſie hinſtreifte wie der Vogel, deſſen Namen die Straße*) führte, und auf dem Niveau des kothigen *) Rue de Hirondelle, Schwalbenſtraße. 5 190 Pflaſters zeigte ſich der Kopf eines Menſchen, ähn⸗ lich dem eines Affen im Käſich. Die beiden Hände dieſes Menſchen, welche die Gitterſtangen der Oeffnung umfaßten, hielten ſeinen Körper im Bereiche des ſeltſamen Fenſters, das er ſich gewählt hatte. Man errieth am Zuſammenziehen ſeiner ſchmutzi⸗ gen Hände, daß der Menſch, auf den wir die Auf⸗ merkſamkeit unſerer Leſer lenken, der Bewohner des Kellergeſchoßes, auf einem Schemel ſtand und hier von unten nach oben die Luft der Straße ſchöpfte, welche die gewöhnlichen Pariſer von oben nach un⸗ ten zu ſchöpfen pflegen. Vielleicht,— wenn, neugierig wie er neugierig war, Ingénue, einen Augenblick zerſtreut, ſich mit dieſem Menſchen beſchäftigt hätte,— vielleicht würde ſie im Hintergrunde ſeines Kellergeſchoßes einen Tiſch, beleuchtet durch ein Talglicht, Papiere, eine dicke Feder in einem bleiernen Schreibzeuge ſteckend, und einige Bücher über Chemie und Medicin, welche Brochuren auf einem plumpen hölzernen Stuhle er⸗ drückten, geſehen haben. Ingénue ging jedoch ſo raſch vorüber, daß ſie, weit entfernt, durch ſein Fenſter den Aufenthaltsort des Bewohners zu ſehen, nicht einmal den Bewoh⸗ ner an ſeinem Fenſter ſah. Er ſah ſie wohl: das zarte Bein kam auf drei Zoll an ſeinen zuſammengezogenen Händen, die ſich an den Gitterſtangen feſthielten, vorüber; der Rock der unſchuldigen Ingénue ſtreifte die Naſe und die flatternden Haare dieſes Menſchen; ſein glühender Hauch traf an den Knöchel, der unter dem ein we⸗ ähn⸗ e die ſeinen as er mutzi⸗ Auf⸗ r des hier öpfte, h un⸗ gierig h mit würde Tiſch, dicke „und velche le er⸗ ß ſie, ltsort ewoh⸗ f drei e ſich Rock d die ender iwe⸗ 194* nig alten, aber wohl angezogenen ſeidenen Strumpfe durchſchien. Ingénue hätte die Ausſtrömung dieſes Athems gefühlt, wäre es ihr an dieſem Abend möglich ge⸗ weſen, irgend etwas zu fühlen; doch mit dem Kum⸗ mer, der ihr das Herz anſchwoll, hatte ſie ſchon zu viel zu thun, um auf dem ſchlüpferigen Pflaſter zu gehen, während ſie an den ungeheuren Streich dachte, den ſie ſich erlaubte. Der Mann vom Kellerloche dagegen ſchien nicht ſo ſehr in ſeinem Geiſte in Anſpruch genommen zu ſein, denn kaum hatte er dieſes Bein und dieſen niedlichen Fuß erblickt, als er etwas wie ein unter⸗ drücktes Gebrülle von ſich gab. Er ſprang von ſeinem Schemel herab, zog haſtig über ſein ſchmutziges Hemd ein langes, ſchmu⸗ tziges Wamms an, das er mit dem Namen Schlaf⸗ rock ſchmückte, und ohne Zeit zu verlieren, um ſeine fettigen Haare mit einem Hute oder einer Mütze zu bedecken, eilte er zu vier und vier die Stufen einer Treppe hinauf, die zur Thüre eines Kellers führte, von wo aus man in einen Gang gelangte, der nach der Straße mündete. Ingénue hatte kaum Zeit gehabt, fünfzig Schritte zu machen, als dieſer Mann wie ein Leithund auf ihrer Spur nachſtürzte. Das Quartier iſt durchſchnitten von gekrümmten Straßen, welche nach dem Quai hinabgehen: Ingé⸗ nue hatte ſich hier verirrt oder beinahe verirrt und ſuchte ihren Weg. Der Mann vom Kellerloche kam alſo gerade 192 recht in dem Augenblicke, wo ſie zögerte und um ſich her, ihren Rock etwas höher aufhebend, ſuchte. Ingénue erblickte ihn nun; ſie bekam bange vor dem umheimlichen Feuer, das ſich in ſeinen Augen entzündete, und ſetzte ihren Marſch fort, ohne zu wiſſen, wohin ſie ging. Der Unbekannte folgte ihr auf der Stelle. Die Angſt von Ingénue verdoppelte ſich. Der Mann richtete an ſie halblaut Worte, welche ſelbſt für jedes andere Ohr als das von Ingénue unverſtändlich. Sie war durch einen Umweg auf den Quai zu⸗ rückgekommen: ſie verſuchte es, wieder umzukehren; die Arme verlor den Kopf. Der Unbekannte hatte im Gegentheile ein ſehr be⸗ ſtimmtes Ziel: er verkürzte die Kreiſe ſeines Ganges, wie der Sperber, der ſich ſeiner Beute ſicher glaubt, die Kreiſe ſeines Fluges verkürzt. Die Einſamkeit und die Dunkelheit, mit denen er vertraut zu ſein ſchien, machten ihn kühn; er lief, denn Ingénue flog, und ſchon ſtreckte er ſeine wie eine Klaue gekrümmte Hand aus, um das Mädchen zu ergreifen. Ingénue wollte ſchreien; er blieb ſtehen, erra⸗ thend, was ſie zu thun im Begriffe war. Als ſie ſah, daß er ſtehen blieb, rief ſie aus Leibeskräften um Hülfe und lief immer ſchneller. Während ſie ſich aber in der Straße getäuſcht hatte und nach ihrer Wohnung zurückzukehren glaubte, kam ſie an einer Landkutſche vorüber, welche hier, ausgeſpannt, auf die Pferde, auf den Kutſcher oder auch auf die Reiſenden wartete. liche Trai und zugle ſer; 6 Lade Wag einer Mar als gab Ihn bern aus ſpro tiger Ing frag Mar ſtolz nicht Geb Dr m chte. e vor lugen ne zu velche génue ai zu⸗ hren; hr be⸗ nges, laubt, denen r lief, e wie idchen erra⸗ aus er. äuſcht aubte, hier, oder 193 Das war gegenüber von einem jener unerklär⸗ lichen Kohlenhändler⸗ Obſthändler⸗ Liqueurhändler⸗ Traiteur⸗Läden, wie ſie Paris immer beſeſſen hat und immer beſitzen wird; einer von den Läden, welche zugleich Bureaux für die Kutſcher und Handelshäu⸗ ſer ſind. Auf der Schwelle des noch nicht erleuchteten Ladens, hinter dem ſchwerfälligen, unbeweglichen Wagen, wartete eine menſchliche Geſtalt friedlich, in einen Mantel gehüllt. Ingénue drehte ſich um den Wagen, um den Mann zu fliehen, der ihr wieder nachgeſetzt war, als ſie plötzlich an dieſen Schatten ſtieß. Gefangen zwiſchen dieſen zwei Schreckbildern, gab das Mädchen einen Schrei von ſich. „Was haben Sie zu ſchreien, und wer macht Ihnen bange, Mademoiſelle?“ fragte nun eine ſil⸗ berne, feſte Frauenſtimme, die beinahe gebieteriſch aus dieſem Mantel hervorging. Zu gleicher Zeit machte die Perſon, welche ge⸗ ſprochen hatte, einen Schritt und kam ſo der Flüch⸗ tigen entgegen. „Ah! Gott ſei Dank, Sie ſind eine Frau!“ rief Ingénue ganz erſchöpft. „Ja, gewiß, Mademoiſelle; brauchen Sie Schutz?“ fragte die Unbekannte. Und ſo ſprechend, ſchlug ſie die Capuze Ihres Mantels zurück und entblößte ihr Geſicht; ein ſchönes, ſtolzes Geſicht, friſch und jung. Doch es fehlte Ingénue der Athem; und da ſie nicht mehr reden konnte, ſo bezeichnete ſie durch die Geberde, mit einer unausſprechlichen Angſt, den Dumas, Ingénue. U. 1 194 Mann, der ihr folgte, in Gegenwart der zwei verei⸗ nigten Frauen zögerte und, die Hände auf den Hüften, die Beine geſpreizt, mitten auf der Straße, mit einem gräßlichen Lächeln und einer Miene iro⸗ niſchen Trotzes ſtehen blieb. „Ah! ja, ich errathe, meine liebe Demoiſelle,“ ſagte die junge Frau zu Ingénue, indem ſie dieſelbe beim Arme nahm;„nicht wahr, dieſer Menſch er⸗ ſchreckt Sie?“ „Oh! ja!“ rief Ingénue. „Ich begreife das, denn er iſt ſehr häßlich.“ Und ſie machte einen Schritt, um ihn mehr in der Nähe anzuſchauen. „Er iſt ſogar abſcheulich,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihren Blick auf dieſen Mann heftete, ohne daß ſie ſeine bedrohliche Häßlichkeit im mindeſten zu er⸗ ſchrecken ſchien. Der Verfolger war, wie geſagt, erſtaunt ſtehen geblieben; doch bei dieſen Worten, die er nicht er⸗ wartete, drang ein Gemurre der Wuth aus ſeinen Lippen hervor. „Abſcheulich, das iſt wahr,“ wiederholte die junge Frau;„darum braucht man aber nicht Angſt zu haben.“ Und ſie machte noch einen Schritt gegen ihn und ſagte: „Sprecht, ſeid Ihr ein Räuber, Burſche? In dieſem Falle habe ich hier eine Piſtole für Euch.“ Und ſie zog wirklich eine Piſtole aus ihrer Taſche. Der Mann wandte ſein Geſicht und ſeinen Leib vor der Waffe ab, welche die Amazone ungeſtüm gegen ihn ausſtreckte. Stin bin Art. unb werr auf, die( habe Held ( dieſe und zurü vied bei Mar ten, Aug ſie ſ ſetzte daß ob e verei⸗ den traße, e iro⸗ elle,“ eſelbe h er⸗ 7 hr in ndem daß u er⸗ ſtehen ht er⸗ ſeinen e die Angſt und 4 aſche. Leib eſtüm 195 „Nein,“ erwiederte er mit heiſerer, unruhiger Stimme, jedoch immer mit ſpöttiſchem Tone;„ich bin nur ein Bewunderer der ſchönen Mädchen Ihrer Art.“ „Dann ſeid ſchöner!“ verſetzte die Fremde. „Schön oder nicht ſchön,“ entgegnete der cyniſche Unbekannte,„ich kann gefallen wie ein Anderer.“ „Es mag ſein; doch uns gefallt Ihr nicht und werdet Ihr nicht gefallen. Ich fordere Euch alſo auf, Eures Weges zu gehen.“ „Das wird wenigſtens nicht geſchehen, bevor ich die Eine oder die Andere von Euch Beiden umarmt habe, und wäre es nur, um Ihnen zu beweiſen, daß ich mich nicht vor Ihrer Piſtole fürchte, meine ſchöne Heldin!“ Ingénue ſtieß einen Schrei aus, als ſie den Arm dieſer menſchlichen Spinne gegen ſie vorrücken ſah. Die Fremde ſteckte ruhig ihre Piſtole in die Taſche und drängte mit einer kräftigen Hand den Angreifer zurück. Dieſer hielt ſich jedoch nicht für geſchlagen: er wiederholte den Angriff mit jovialen Geberden, welche bei einer Marketenderin Ekel erregt hätten. Die junge Frau fühlte ſich von der Hand dieſes Mannes geſtreift; doch mit der Ruhe eines Duellan⸗ ten, der einen Schritt rückwärts macht, um den einen Augenblick verlorenen Vortheil wieder zu erlangen, wich ſie ſogleich zurück, und während ſie zurückwich, ver⸗ ſetzte ſie dem Beleidiger eine ſo gewaltige Ohrfeige, daß er in die Ketten des Wagens taumelte. Der Mann ſtand wieder auf und war unſchlüſſig, ob er nicht eine Rache ſuchen ſollte, welche die Waffe, 196 die man ihm gezeigt hatte, gefährlich machen konnte; dann entſchied er ſich für den Rückzug und verſchwand„ bei der Biegung der Straße, zwiſchen den Zähnen murmelnd: „Ich habe offenbar kein Glück bei den Frauen, und die Finſterniß iſt mir nicht günſtiger, als der helle Tag.“ Und er erreichte fluchend die Thüre ſeines Kellers, ſodann ſeinen Tiſch, wo noch das ablaufende Talg⸗ licht brannte, und endlich ſeinen Stuhl; er ſank auf die darauf liegenden Bücher und ſprach: „Nun wohl, es ſei, da Gott mich nicht ſcen 1 gemacht hat, ſo werde ich mich erſchrecklich machen!“ XXXIX. Wer die Unbekannte war, welche Marat eine Ohrfeige gege ben hatte. Als die zwei Mädchen nach dem Abgange von Marat,— denn wir nehmen an, daß der Leſer den Mann vom Luftloche, den Mann vom Keller, den Mann vom ablaufenden Lichte auf dem wackeligen Tiſch erkannt hat,— als die zwei Mädchen allein waren, nahm die Fremde Ingénue, die ganz zit⸗ ternd, in ihre Arme und führte ſie gegen den Laden, vor deſſen Schwelle ſich eine ganze Welt von i niſſen für die arme Ingénue entrollt hatte. Die Wirthin, welche in Geſellſchaft des Kutſchers vom Wagen vollends zu Nacht gegeſſen, erſchien, ihre Lampe in der Hand, im Hinterladen. Ingénue konnte nun nach Muße die lächelnde, ruhie mutl onnte; hwand ähnen rauen, s der ellers, Talg⸗ nk auf ſchön chen!“ e gege⸗ e von er ei „den eligen allein nz zit⸗ Laden, Ereig⸗ tſchers ſchien, ende, 197 ruhige Schönheit dieſer Frau betrachten, die ſie ſo muthig gegen einen Mann vertheidigt hatte. „Es iſt ein Glück, daß ich hier war, um dieſen Wagen zu erwarten,“ ſprach die Unbekannte zu In⸗ gönue. „Sie verlaſſen alſo Paris, Madame?“ fragte Ingénue. „Ja, Mademoiſelle; ich bin aus der Provinz und wohne ſeit meiner Jugend in der Normandie. Ich kam nach Paris, um eine alte Verwandte zu pflegen, welche krank war, geſtern aber ſtarb. Ich kehre heute nach Hauſe zurück, ohne von Paris etwas Anderes geſehen zu haben, als was man von den Fenſtern jenes Hauſes ſieht, das man von hier aus erblickt,— Fenſter nun geſchloſſen wie die Augen derjenigen, welche das Haus bewohnte!“ „Ah! wahrhaftig 2“ rief Ingénue mit Erſtaunen. „Und Sie, mein Kind?“ fragte die Fremde mit einem faſt mütterlichen Tone, obſchon kaum drei bis vier Jahre zwiſchen ihrem Alter und dem ihrer jun⸗ gen Gefährtin waren. „Ich, ich bin von Paris, Madame, und ich habe dieſe Stadt nie verlaſſen.“ „Wohin gehen Sie?“ ſagte das ältere von den beiden Mädchen mit einer Stimme, welche unwill⸗ kürlich ſtark klang, und in der man, trotz ihrer ur⸗ ſprünglichen Sanftheit, leicht den gebieteriſchen Aus⸗ druck der entſchiedenen Charaktere erkannte. „Ei! ich kehrte nach Hauſe zurück,“ antwortete Ingénue. Nichts lügt mit mehr Sicherheit, ſo naiv es ſein mag, als ein auf einem Fehler ertapptes Mädchen. 198 „Iſt das weit von hier?“ „Rue des Bernardins.“ „Das bezeichnet mir nichts; ich weiß nicht, wo dieſe Straße iſt, noch was für eine Straße das iſt.“ „Mein Gott! ich weiß kaum mehr als Sie. Wo bin ich hier?“ fügte Ingénue bei. „Ich weiß es durchaus nicht; doch ich kann die Wirthin fragen; wollen Sie?“ „Oh! das iſt mir ſehr lieb, Madame, und Sie werden mir einen wahren Dienſt erweiſen.“ Die Reiſende wandte ſich um und fragte mit derſelben klaren und zugleich gebietenden Stimme: „Madame, ich wünſchte zu wiſſen, wo wir ſind, — Quartier und Straße.“ „Mademoiſelle,“ erwiederte die Wirthin,„wir ſind in der Rue Serpente, bei der Ecke der Rue du Paon.“ „Sie haben gehört, mein Kind?“ „Ja, und ich danke Ihnen.“ „Mein Gott!“ ſprach das ſtärkere von den bei⸗ den Mädchen, Ingénue anſchauend,„mein Gott! wie bleich ſind Sie noch!“ „Oh! wenn Sie wüßten, wie ich Angſt gehabt habe!.. Aber Sie, wie beherzt ſind Sie!“ „Es war kein großes Verdienſt hiebei: wir be⸗ fanden uns in der Lage, auf meinen erſten Ruf Beiſtand zu erhalten; aber dennoch, ſo wie Sie ſa⸗ gen,“ fügte das Mädchen bei,„ja, in der That, ich glaube, ich bin beherzt.“ „Und was gibt Ihnen dieſen Muth, den ich nicht habe?“ „Die Ueberlegung.“ the den noe Kre , we s iſt.“ e. Wo in die d Sie e mit me: ſind, „wir ue du n bei⸗ Gott! gehabt ir be⸗ Ruf ie ſa⸗ t, ich n ich 199 „Nun, ich, wie mir ſcheint, ich hätte im Gegen⸗ theile je mehr ich überlegen würde, deſto mehr Furcht.“ „Nein, wenn Sie bedächten, daß Gott die Stärke den Guten wie den Böſen gegeben hat, und mehr noch den Erſten als den Andern, da ſie von ihren Kräften mit der allgemeinen Billigung Gebrauch machen können.“ „Ohl gleichviel,“ murmelte Ingénue,„ein Mann!“ „Und ein gräulicher Mann!“ „Sie haben ihn geſehen, nicht wahr?“ „Ja, ein zurückſtoßendes Geſicht.“ „Ein erſchreckendes Geſicht.“ „Nein: dieſe abgeplattete Naſe, dieſer ſchiefe Mund, dieſes runde Auge, dieſe geifernden Lippen, das hat mir nicht bange gemacht; das iſt mir zu⸗ wider und ekelt mich an,— nichts Anderes.“ „Oh! das iſt ſeltſam!“ ſagte Ingénue leiſe, mit Bewunderung ihre heldenmüthige Gefährtin an⸗ ſchauend. „Sehen Sie,“ ſprach die Fremde, indem ſie den Arm'wie eine Inſpirirte ausſtreckte,„es iſt in mir ein Inſtinct, der mich antreibt; dieſer Menſch, der Sie erſchreckt, fordert mich zum Widerſtande heraus: es würde mir ein gewiſſes Vergnügen bereiten, die⸗ ſem Elenden zu trotzen; ich habe vor meinem Auge ſein Nachteulenauge ſich ſenken ſehen. Ich hätte ihn mit Freude getödtet. Dieſer Menſch, mein In⸗ ſtinct ſagt es mir, iſt ſicherlich ein böſer Menſch.“ „Er fand Sie ſehr ſchön, denn einen Augenblick blieb er in Bewunderung vor Ihnen.“ „Eine Beleidigung mehr!“ 200 „Gleichviel! ohne Sie wäre ich vor Angſt ge⸗ ſtorben.“ „Das iſt Ihre Schuld!“ „Meine Schuld?“ „Ja.“ „Erklären Sie mir das.“ „Seit wie lange folgte er Ihnen?“ „Oh! wenigſtens ſeit zehn Minuten.“ „Und während dieſer zehn Minuten?“ „Bin ich eine halbe Stunde weit gelaufen.“ „Als Sie bemerkten, daß dieſer Menſch Sie ver⸗ folgte, warum riefen Sie denn nicht ſogleich um Hülfe, wenn Sie Angſt hatten?“ „Oh! Lärm machen. ich wagte das nicht.“ „Das ſind die Pariſer... ſie haben vor Allem Angſt.“ „Hören Sie,“ ſprach Ingénue, ein wenig ver⸗ letzt durch das über ihre Landsleute gefällte Urtheil, „nicht jede Frau hat Ihre Stärke; ich bin erſt ſech⸗ zehn Jahre alt.“ „Und ich kaum achtzehn,“ erwiederte lächelnd die Reiſende;„Sie ſehen, daß der Unterſchied zwiſchen uns nicht groß iſt.“ „Ah! das iſt wahr, Sie mußten eben ſo bange haben, wie ich.“ „Ich würde mich wohl hüten! die Schwäche der Frauen macht die Männer von dieſer Gattung kühn. Sie mußten ſich, als er Sie anging, muthig um⸗ drehen und ihm ins Geſicht ſagen, Sie verbieten ihm, Ihnen zu folgen; Sie mußten ihm drohen, Sie werden den erſten Mann von Herz, der vorüber⸗ käme, anrufen.“ zuſ habe ich( moiſ Hau ſein lüge der Ton unbe 6 bei thete habe und mes ſtark den ſt ge⸗ ver⸗ um lllem ver⸗ heil, ſech⸗ die ſchen ange der ühn. um⸗ eten Sie ber⸗ ——— 201 „Oh! Mademoiſelle, um Alles dies zu thun und zu ſagen, müßte ich mehr Stärke haben, als ich habe.“ „Nun, Sie ſind von dieſem Manne befreit; ſoll ich Sie von Jemand zurückführen laſſen?“ „Oh! nein, nein, ich danke.“ „Was werden aber Ihre Eltern ſagen, Made⸗ moiſelle, wenn ſie Sie ſo bleich und erſchrocken nach Hauſe kommen ſehen?“ „Meine Eltern?“ „Ja, Sie haben ohne Zweifel Eltern?“ „Ich habe meinen Vater.“ „Sie ſind ſehr glücklich!... Wird er beſorgt ſein, wenn er Sie länger ausbleiben ſieht?“ „Ich glaube nicht.“ „Er weiß, daß Sie ausgegangen ſind?“ Unterjocht, wagte es Ingénue diesmal nicht, zu lügen, und die Augen niederſchlagend erwiederte ſie: „Nein.“ Jedoch mit einem ſo ſanften, ſo flehenden, ſo der Mädchenrolle, die ſie geſpielt, angemeſſenen Tone, daß die Fremde begriff, Ingénue habe einen unbeſonnenen Streich begangen. Nur Eines offenbarte ſich bei der Fremden, was man bei ihrer Ueberlegenheit nicht erwartet hätte: ſie errö⸗ thete ſo ſtark, als dies bei Ingénue der Fall geweſen. „Ah!“ ſagte ſie,„das erklärt mir Alles! Sie haben ſich einen Fehler zu Schulden kommen laſſen, und Sie finden ſich beſtraft. Man muß nichts Schlim⸗ mes thun, Mademoiſelle, und dann iſt man ſehr ſtark! Ich wette, Sie wären muthiger geweſen, wür⸗ den Sie mit der Einwilligung Ihres Herrn Vaters 202 durch die Stadt gegangen ſein, ſtatt heimlich zu laufen!“ Und ſie erröthete abermals. Die Augen von Ingénue füllten ſich mit Thrä⸗ nen bei dieſem Verweiſe, der indeſſen mit ganz müt⸗ terlichem Tone gegeben wurde. „Ah! Sie haben ſehr Recht!“ rief ſie;„ich habe ſchlimm gehandelt, und ich bin beſtraft; aber,“ fügte ſie bei, indem ſie die Unbekannte mit einem ganz von Jungfräulichkeit glänzenden Auge anſchaute, „glauben Sie wenigſtens nicht, ich ſei ſchuldig.“ „Oh! ich verlange kein Geſtändniß von Ihnen, Mademoiſelle,“ erwiederte die Fremde mit einer Art von ſcheuen Schamhaftigkeit zurückweichend. Ingénue begriff bewunderungswürdig, und die Hand ihrer Gefährtin nehmend, ſprach ſie: „Hören Sie, ich muß Ihnen ſagen, was ich heute Abend in der Stadt zu thun hatte. Einer, den ich kenne(Ingénue ſchlug die Augen nieder), Einer, den ich liebe, iſt ſeit zehn Tagen abweſend; er gibt mir keine Nachricht von ſich und kommt nicht wieder. Es haben kürzlich Aufſtände ſtattgefunden, viele Schüſſe ſind gefallen, und ich befürchte, er iſt getödtet oder wenigſtens verwundet worden.“ Die Fremde ſchwieg. „Oh! wie groß iſt Gott!“ rief Ingénue,„wie gut iſt Gott, daß er Sie mir geſchickt hat!“ Die Fremde ſenkte ihre keuſchen, leuchtenden Blicke auf das reizende, in Thränen gebadete Ge⸗ ſicht, das ſie anzuflehen ſchien. Es lag ſo viel milde Tugend, ſo viel beſceid⸗ ner daf g6é lich Di bef wo ſen Iht nen gee Sie lau mã bek den Me lieb keit Thrä⸗ müt⸗ habe fügte ganz haute, hnen, einer 6 d die s ich Einer, eder), eſend; nicht nden, er iſt 77 wie enden e Ge⸗ heide⸗ 203 ner Zauber in den Augen der Tochter von Röétif, daß ſie anklagen unmöglich geweſen wäre. Die Fremde lächelte, ergriff die Hand von In⸗ génue, drückte ſie ſanft, und ſagte mit unbeſchreib⸗ licher Anmuth: „Oh! wie freut es mich, daß ich Ihnen dieſen Dienſt geleiſtet!“ „Ich danke Ihnen noch einmal, und nun Gott befohlen,“ ſprach Ingénue,„denn das iſt Alles, worauf ich wartete, um Sie zu verlaſſen.“ „Warten Sie wenigſtens,“ erwiederte die Rei⸗ ſende, Ingénue zurückhaltend,„warten Sie, daß ich Ihnen den Weg mündlich durch die Wirthin bezeich⸗ nen laſſe.“ Dies geſchah auf der Stelle. „Ah! ah!“ ſagte die Fremde, als die Wirthin geendigt hatte,„es ſcheint, das iſt ſehr weit und Sie haben viel Weg zu machen.“ „Oh! der Weg beunruhigt mich nicht: ich werde laufen wie ſo eben.“ Dann blieb ſie furchtſam ſtehen, erhob aber all⸗ mälig ihren Kopf bis zur Höhe des Kopfes der Un⸗ bekannten und fragte: „Wollen Sie mir erlauben, Sie zu küſſen, Ma⸗ demoiſelle?“ „Gut! nun ſind Sie alſo wie der abſcheuliche Menſch von vorhin?“ rief lachend die Reiſende. es ſei! küſſen Sie mich, das iſt mir ganz ieb!“ Und die zwei Mädchen umarmten ſich voll Innig⸗ keit: zwei keuſche Herzen ſchlugen an einander. 204 „Nun,“ ſagte Ingénue ihrer neuen Freundin ins Ohr,„nur noch ein Wort, noch einen Dienſt.“ „Welchen, mein Kind?“ „Ich heiße Ingénue; mein Vater iſt Herr Rétif de la Bretonne.“ Schriftſteller?“ rief die Unbekannte. h Mademoiſelle, er ſoll viel Talent haben.“ „Sie kennen ſeine Werke nicht?“ „Nein, ich leſe nie Romane.“ „Und Sie, Mademoiſelle,“ fragte Ingénue,„wie heißen Sie, wenn es beliebt?“ O 20 „ S „Ja, damit ſich Ihr Name mit meinen ſüßeſten Erinnerungen vermenge, damit er mir von Ihrem Muthe einflöße, und ich, wenn es möglich iſt, Ihrer ſanften Tugend nachahme.“ „Ich heiße Charlotte von Corday,“ antwortete die Reiſende;„doch umarmen Sie mich noch einmal, denn die Pferde ſind angeſpannt.“ „Charlotte von Corday,“ wiederholte Ingénue; „oh! ſeien Sie ruhig, ich werde Ihren Namen nicht vergeſſen.“ XIL. Die Liebe der Tugend und die Tugend der Liebe. Ingénue konnte ſich nicht entfernen, ohne daß ſie zuvor Charlotte von Corday hatte in den Wagen ſteigen ſehen; und trotz dieſes neuen Verzuges war ſie lange vor der Rückkehr ihres Vaters zu Hauſe. der Hei ſein ner ung ihm eine ihn herl Pay und trur unſe wiſſ erla heit ten im im den hatt kam nur die ndin ſt étif en A wie ſten rem hrer rtete mal, ue; nicht daß gen war ſe. 205 Der gute Rétif kam in einem Zuſtande zurück, der, ohne die Trunkenheit zu ſein, wenigſtens die Heiterkeit war. Er hatte bei Tiſche zahlreiche Complimente über ſeine Pariſer Nächte und ſeine Zeitgenoſſin⸗ nen empfangen. Berauſcht durch dieſe Lobeserheb⸗ ungen, hatte ſein Buchhändler eine Beſtellung bei ihm gemacht; und Réveillon,— der zum Zuſtande eines Publiciſten ſeit der Brochure, welche Röétif für ihn abgefaßt, übergegangen,— Réveillon hatte ſich herbeigelaſſen, von Zeit zu Zeit über geſchwärztes Papier, ſtatt über gemaltes zu plaudern. Réveillon hatte Rétif bei Tiſche neben ſich geſetzt und ihn großmüthig trinken laſſen, wie er ſelbſt ge⸗ trunken; denn zu jener Zeit, welche doch von der unſern nicht ſehr entfernt iſt, gab es noch eine ge⸗ wiſſe Gutmüthigkeit, welche dem ehrlichen Manne erlaubte, ſich in gutem Weine mit Freunden zu er⸗ heitern. Die Dichter, die Literaten, die Schriftſteller hat⸗ ten übrigens ſchon einen gewiſſen Fortſchritt gemacht: im ſiebzehnten Jahrhundert waren ſie Trunkenbolde, im achtzehnten waren ſie nur noch Gourmands. Das Geſpräch, nachdem es abwechſelnd eine Menge Gegenſtände berührt hatte, war auf Auger, den neuen Angeſtellten von Réveillon, gefallen und hatte, wie man ſehen wird, ſeine Früchte getragen. Als Rétif gegen zehn Uhr Abends nach Hauſe kam, fand er Ingénue an ihrem Arbeitstiſche ſitzend; nur arbeitete Ingénue nicht. Sie fühlte ihr Unrecht; ſobald ſie auf der Treppe die Tritte ihres Vaters und das Liedchen hörte, mit 206 dem er ſeinen Gang begleitete, wenn er guter Laune war, eilte ſie auch, die Thüre zu öffnen. Als Rötif eingetreten, war Ingénue ſehr liebens⸗ würdig und ſehr liebkoſend gegen ihn. Dieſe Liebkoſungen und dieſe Liebenswürdigkeit rührten tief Herrn Rétif, den das Spitzchen, welches er von ſeinem Mahle zurückbrachte, ungemein zur Rüh⸗ rung prädisponirt hatte. „Nun,“ ſagte er zu Ingénue, nachdem er ſie geküßt,„Du haſt Dich ſehr gelangweilt, nicht wahr, mein liebes Kind?“ „Ja, mein Vater,“ erwiederte Ingénue. „Ah! ich habe es mir oft geſagt: warum biſt Du nicht ein Mann, ſtatt eine Frau zu ſein? ich würde Dich überallhin mitnehmen!“ „Iſt es Ihnen unangenehm, daß Sie eine Toch⸗ ter haben, mein Vater?“ „Nein, denn Du biſt ſchön, und ich liebe die ſchönen Geſichter: das erquickt. Du biſt die Freude des Hauſes, meine arme Ingénue, und ſeitdem Du das Mädchenalter erreicht, haben alle meine Heldin⸗ nen blaue Augen und blonde Haare.“ „Guter Vater!“ „Bedenke aber, mein Kind, was ſich uns bieten würde, wenn Du ein Knabe wäreſt...“ „Was ſich uns bieten würde, mein Vater?“ „Ja, das iſt ganz einfach: ich bin alle Tage oder faſt alle Tage zum Mittageſſen auswärts eingeladen; nun wohl, wäreſt Du ein Knabe, ſo würde ich Dich mit mir nehmen; wir hätten kein Mittagsbrod zu Hauſe zu machen; das wäre einmal eine Erſparniß, und ſchen ſo br für mein tägli ken i Jahr vielle denn ſo ſc Und . Treu mein glück Ding der mäch bein Liebe C ganz ſchen une ens⸗ gkeit s er Küh⸗ ſie ahr, biſt ich och⸗ die eude Du din⸗ eten oder den; Dich z niß, 207 und dann hätteſt Du nicht mehr nöthig, Deine hüb⸗ ſchen Fingerchen zu beſchmutzen.“ „Oh! mein Vater, wäre ich ein junger Mann, ſo brauchte ich meine Hand nicht zu ſchonen.“ „Das iſt wahr; doch außer dem würde ich Dich für den Druck ſetzen lehren; Du würdeſt mir bei meinen Arbeiten helfen; wir würden zehn Franken täglich zu Zwei verdienen; das ſind dreihundert Fran⸗ ken im Monat, dreitauſend ſechshundert Franken im Jahre; ohne meine Manuſcripte zu rechnen, welche vielleicht zu ſieben bis achttauſend gehen würden; denn man ſieht nicht ſelten...“ Da die Summe Ingénue ziemlich ſtark dünkte, ſo ſchlug ſie nur die Augen zu ihrem Vater auf. „Ei!“ ſagte dieſer,„ſchau Herrn Mercier an... Und dann wären wir ſehr glücklich.“ Ingénue lächelte ſchwermüthig. „Wir ſind beinahe glücklich,“ ſprach ſie. „Beinahe!“ rief Rétif.„Oh! Philoſophie der Treuherzigkeit! Beinahe! Du haſt wohl geſprochen, mein liebes Kind! ja, beinahe! wir ſind beinahe glücklich!“ Rétif wurde wieder gerührt. „Beinahe!“ fuhr er fort,„das iſt das Wort der Dinge dieſer Welt; beinahe reich iſt der Millionär, der zwei Millionen zu haben wünſcht, beinahe mächtig iſt der Prinz, der König zu ſein wünſcht, beinahe geliebt iſt der Liebhaber, der mehr als Liebe wünſcht.“ Ingénue ſchaute ihren Vater an; ſie fragte ſich ganz leiſe, was der Liebhaber mehr als Liebe wün⸗ ſchen könne. 208 „Oh!“ fuhr Röétif fort,„wie weiß ich mir Dank, daß ich Dich in der Philoſophie erzogen habe, In⸗ gönue! Du haſt erhabene Worte; ich werde dieſes ganz gewiß irgendwo anbringen.“ Ingénue küßte ihren Vater. „Beinahe glücklich, ja,“ wiederholte dieſer.„Um ganz glücklich zu ſein, fehlt uns nichts, faſt nichts, als Geld!... Ah! wäreſt Du ein Knabe, ſo hätten wir dieſes Geld, und Du würdeſt nicht ſagen:„„Bei⸗ nahe glücklich!““ „Ach! ich würde es wahrſcheinlich wegen einer andern Sache ſagen,“ ſprach die philoſophiſche In⸗ génue an Chriſtian denkend. „Das iſt wahr,“ erwiederte Rétif,„wäreſt Du ein Knabe, ſo wäreſt Du verliebt oder ehrgeizig.“ „Ehrgeizig? Oh! nein, das ſchwöre ich Ihnen, mein theurer Vater.“ „Alſo verliebt, was noch ſchlimmer iſt: das geht nur ſchneller vorüber.“ Ingénue ſchlug mit einer Miene des Zweifels ihre ſchönen blauen Augen zu ihrem Vater auf; es ſchien ihr unbegreiflich, daß es eine Leidenſchaft auf der Welt gebe, welche länger währe, als die Liebe. „Ah! was das Verliebtſein betrifft,“ ſagte Rétif, „wir haben heute Abend teufelmäßig von Liebe ge⸗ ſprochen!“ „Mit wem denn?“ fragte Ingénue erſtaunt. „Mit Herrn Röveillon; das iſt wahrhaftig ein liebenswürdiger Mann, ſo dumm er auch iſt.“ „Sie haben mit Herrn Réveillon von Liebe ge⸗ ſprochen, mein Vater?“ ſagte Ingénue mit dem höch⸗ ſten Erſtaunen;„mein Gott! in welcher Beziehung?“ erzä das nich Anſ wen „tau Tue ſpre woh wel fans All zerſ ſont zu der wie den dur bem 209 „Oh! in Beziehung auf tauſend Dinge... Ich erzählte ihm von Stoffen für Novellen... Er hat das Angenehme, der liebe Herr Réveillon, daß er nicht begreift und ſich nichtsdeſtoweniger immer das Anſehen gibt, als begriffe er, ſo daß er keine Ein⸗ wendung macht; oh! er iſt nicht peinlich!“ „Sie ſagten aber, er habe in Beziehung auf „tauſend Dinge von Liebe geſprochen.“ „Ja, und beſonders in Beziehung auf Auger.“ „Auger! welcher Auger?“ „Welcher Auger ſoll es ſein!“ „Wie! der unſere?“ „Der unſere, ja... Sieh, welch eine ſchöne Tugend die Menſchenliebe iſt; ſelbſt von dieſem Manne ſprechend ſagſt Du mir:„„Unſer Auger!““ Nun wohl, unſer Auger, ſtelle Dir vor, das iſt ein Ju⸗ wel: Réveillon iſt von ihm entzückt. Er hatte An⸗ fangs Argwohn und Vorurtheile gegen ihn; bah! Alles iſt verſchwunden!“ „Ah! wahrhaftig? Deſto beſſer!“ ſagte Ingénue zerſtreut. „Es gibt, wie es ſcheint, keinen verſtändigern Menſchen, hörſt Du?“ 8 „In der That, ich halte ihn nicht für dumm.“ „Weit entfernt! er iſt nicht nur nicht dumm, ſondern er iſt ſogar zuvorkommend, er weiß die Dinge zu errathen, er verrichtet raſch ſein Geſchäft, er iſt der Letzte, der ſich zu Tiſche ſetzt, und ſteht zuerſt wieder auf; er trinkt nur Waſſer, er iſolirt ſich von den Arbeitern, ſeinen Kameraden; er hat ſich ſchon durch ſeine wunderbare Geſchicklichkeit bei der Arbeit bemerkbar zu machen gewußt... und dann Dumas, Ingénue. 1I. 14 210 nun! ich weiß nicht, ob Du ihn angeſchaut haſt, doch der Burſche hat kein häßliches Geſicht.“ „Oh!“ „Was ſagſt Du?“ „Ich ſage, er ſei weder hübſch, noch häßlich.“ „Teufel! Du biſt ſchwierig! ſeine Augen ſind lebhaft; er iſt gut gebaut ohne zu viel Außenſchein; ein nerviger Geſell, ein tüchtiger Arbeiter. Réveillon und ſeine Töchter ſind bei meiner Treue von ihm begeiſtert.“ „Es iſt beſſer, daß es ſo iſt, und daß unſere Protection einen ihrer würdigen Gegenſtand gefun⸗ den hat,“ ſprach Ingénue. „Gut geſagt, meine Tochter,“ rief Rétif,„ſehr gut geſagt, eine vortreffliche Wendung! Du haſt da eine ausgezeichnete Phraſe conſtruirt: Und daß un⸗ ſere Protection einen ihrer würdigen Ge⸗ genſtand gefunden hat. Aeußerſt gut, Ingé⸗ nue! Ich bin ganz Deiner Anſicht... Auger wird ſeinen Weg in dieſem Hauſe machen.“ „Deſto beſſer für ihn,“ erwiederte Ingénue, wie eine Perſon, welche bei der Frage ganz und gar nicht intereſſirt iſt. „Ich, ich habe das ſogleich geſehen,“ fuhr Rétif fort;„Du weißt die Töchter von Réveillon cultiviren Winterblumen, bengaliſche Roſen, Geraniums und dergleichen; ſeit acht Tagen aber, da man viel an der Ausſteuer von Mademviſelle Réveillon der Aelteren gearbeitet hat, wurde Alles dies vernachläßigt.“ „Oh! das iſt wahr; es ſcheint ſogar, ſie wird eine ſehr ſchöne Ausſteuer bekommen.“ „Nun wohl, dieſer Teufels⸗Auger, als er die ſind chein; eillon ihm nſere efun⸗ „ſehr ſt da un⸗ Ge⸗ ng6⸗ wird wie gar Rétif iren und eren wird die 211 Vernachläſſigung ſah, kam auf den Gedanken, um drei Uhr Morgens aufzuſtehen, die Erde umzugra⸗ ben und den Garten zu begießen, ſo daß es ganz unbegreiflich; obgleich kein Menſch das Anſehen hatte, als beſchäftigte er ſich mit dem Garten, war er doch friſch und blühend wie ein Ruhealtar.“ „Wahrhaftig?“ „Réveillon war entzückt, wie Du Dirwohl vorſtellſt; ſeine Töchter noch viel mehr; man ſuchte, man muth⸗ maßte... Nichts! Endlich hat man aufgepaßt, und man ſah meinen Burſchen, der über die Hecke ſtieg und wie ein Reger arbeitete, während er ſich wie ein Dieb zu verbergen ſuchte.“ „Wozu denn das?“ fragte lachend Ingénue. „Warte, das hat ihm Réveillon auch geſagt, als er auf ihn zuging und ihn anredete. „„Nun, Auger, Sie machen ſich alſo zum Gärt⸗ ner meiner Töchter? Das iſt ein Zuwachs von Arbeit ohne Lohn.““ „„Oh! Herr,““ erwiederte Auger,„„ich bin hin⸗ reichend bezahlt.““ „„Wie ſo, Auger?““ „„Ja, Herr, bezahlt über meine Verdienſte und meine Mühe.““ „„In wie fern?““ „„Herr, ſind Ihre Töchter nicht die Freundinnen von Mademoiſelle Ingénue?““ O 8 „„Haben ſie nicht zuweilen unter dieſem Titel Gelegenheit, ihr eine Blume anzubieten?““ „„Allerdings.““ „„Nun wohl, Herr, ich arbeite hier für Made⸗ moiſelle Ingénue.““ „Für mich?“ rief das Mädchen. „Warte doch,“ verſetzte Rétif,„Du wird ſehen!“ „„Und wenn ich mir die Hände an den Dornen verwunde,““ fuhr er fort,„wenn ich die Erde mit meinem Schweiße beſprenge, ſo ſage ich mir: — Das iſt noch zu wenig, Auger! Du biſt Dein Blut, Du biſt Dein Leben dieſer Demviſelle ſchuldig! und kommt die glückliche Stunde, das eine zu ver⸗ gießen und das andere zu opfern, ſo wird man ſehen, ob es Auger an Herz und Gedächtniß fehlt.““ „Er hat das geſagt?“ fragte Ingénue ein we⸗ nig erröthend. „Noch Beſſeres! er hat noch Beſſeres geſagt, meine Tochter.“ Ingénue ſenkte den Kopf und faltete leicht die Stirne. „Kurz,“ ſprach Rétif,„das iſt ein reizender Junge, und Röveillon hat ihn ſchon belohnt.“ „Ah! wodurch?“ „Auger, wie ich es vorhergeſehen, war nicht dazu gemacht, ein einfacher Arbeiter zu bleiben: er ſchreibt merkwürdig ſchön und rechnet wie ein Ma⸗ thematiker; und dann bemerkte Réveillon,— oder vielmehr Mademoiſelle Réveillon,— daß er ſehr reine Hände hatte, welche durchaus nicht gut zum Verrichten grober Arbeiten; ſo daß er ihn aus ſei⸗ nen Werkſtätten nahm und in ſeine Bureaux als Aus⸗ fertiger ſetzte. Das iſt ein hübſcher Platz; zwölf⸗ hundert Franken und die Koſt im Hauſe.“ 1 14 ten rde ir: ein ig! er⸗ an ve⸗ gt. e, ht er hr m i⸗ ſ 21¹3 „Ja, in der That, ein ſehr hübſcher Platz“ wie⸗ derholte Ingénue maſchinenmäßig. „Er iſt allerdings nicht ſo viel werth, als der, welchen er verlaſſen hat. Wie es ihm Röéveillon ſagte:„Auger, Sie haben hier nicht die Küche des Prinzen; doch nehmen Sie dieſelbe ſo wie ſie iſt.“ Es iſt ſtark von Réveillon, der ſtolz iſt wie ein Hidalgo, daß er Dergleichen Auger geſagt hat; doch was willſt Du, mein Kind, dieſer Teufelsmenſch verwandelt Alles bis auf den Charakter der Leute. „„Ah! Herr!““ erwiederte Auger. höre wohl dieſe Antwort, mein Kind.„„Ah! Herr, das tro⸗ ckene Brod des redlichen Mannes iſt mehr werth, als die Faſanen des Verbrechens!““ „Mein Vater, ohne Ihrer Anſicht zu nahe zu treten, finde ich dieſen Satz ein wenig geſchraubt, und ich liebe nicht ſehr die Faſanen des Ver⸗ brechens!“ „Es iſt wahr,“ ſagte Rétif,„dieſes letzte Glied des Satzes ſcheint mir geſucht; aber ſiehſt Du, mein Kind, die Tugend hat ihre Eraltation, welche leicht in die Sprache übergeht: es gibt Trunkenheiten der Tugend. In dieſem Augenblicke berauſcht ſich Auger in der ſeinigen; das iſt lobenswerth, man muß in ſolchen Dingen aufmuntern; darum bin ich leicht über die Faſanen des Verbrechens hingegan⸗ gen. Ueberdies gefiel mir das erſte Glied des Satzes: „„Das trockene Brod des redlichen Mannes...““ Das klingt gut; im Theater würde das Effect machen.“ Ingénue billigte mit dem Kopfe nickend. Während dieſes Geſpräches hatte Rétif ſeinen getreuen Ueberrock gegen ein etwas groteskes, aber zum Declamiren bequemes Nachtkleid vertauſcht. „Seltſamer Wechſel!“ rief er, als er ſich in ſei⸗ nen Aermelausſchnitten frei fühlte,„Fügungen des Schickſals! Launen des Lebens! Spiele der Seele! Da iſt ein Menſch, den wir verabſcheuten, der unſer Hauptfeind war; da iſt ein Elender, dem Du und ich einen raſchen und geraden Weg zum Galgen gewünſcht hätten,— nicht wahr? „Zum Galgen?“ verſetzte Ingénue.„Oh! mein Vater, Herr Auger war ſehr ſtrafbar, doch mir ſcheint, Sie gehen zu weit.“ „Ja, Du haſt Recht, ich übertreibe vielleicht ein wenig,“ erwiederte Rétif;„doch ich bin Dichter, meine Liebe: Ut pictura poösis, wie Horaz ſagt. Ich wiederhole alſo der Galgen; denn hätteſt Du ihn nicht dahin geſchickt, ſo würde ich, ein Mann, ich, Dein Vater, ich, verwundet in meinen Gefühlen und in meiner Ehre, ihn nicht nur zum Galgen, ſondern ſogar zum Rade, und zwar ſehr gern geſchickt haben. Nun wohl, heute zeigt ſich dieſer Menſch als der Trefflichſte, der Vollkommenſte der braven Leute; er verbindet mit ſeinen Vorzügen den der Reue; er iſt doppelt würdig der Lobſpenden, einmal weil er das Gute thut, und dann weil er es thut, nach⸗ dem er das Böſe gethan hat! O Vorſehung! o Re⸗ ligion!“ Ingénue ſchlug von Zeit zu Zeit ihr Auge be⸗ ſorgt auf und fing an über dieſe Exaltation ihres Vaters zu erſchrecken. Dieſer fuhr fort: „Glückliche Lehre des Geſetzgebers Jeſus:„„Es 6 245 wird mehr Freude ſein im Himmel über Einen Sün⸗ der, der Buße thut, als über neunundneunzig Ge⸗ rechte, die der Buße nicht bedürfen.““ „Warum nennen Sie Jeſus Chriſtus einen Ge⸗ ſetzgeber?“ fragte Ingénue. „Es iſt gut, es iſt gut, mein Kind,“ antwortete Rétif;„wir Philoſophen wiſſen, was die Worte zu bedeuten haben. Ich finde alſo, daß Auger ein red⸗ licherer Mann iſt, als viele andere Leute, und ich weiß ihm um ſo mehr Dank hiefür, als Du es biſt, die ſeine Verwandlung bewirkt hat.“ „Ich, mein Vater?“ „Allerdings, Du! Erkenne alſo hierin jene ge⸗ heime Stimme des Herzens, jene bewegende Kraft aller edlen Handlungen dieſer Welt: liebte Dich Auger nicht, ſo hätte er nicht ſo gehandelt.“ „Mein Vater!.. rief Ingénue ſchamroth und zugleich ärgerlich. „Was ſpreche ich, lieben?“ fuhr Röétif fort;„man muß die Leute vergöttern, um ihnen ſo Alles, Alles zu opfern!... Sagen wir alſo hier nicht:„„Auger wurde tugendhaft um der Tugend willen,““ oh! nein! und das iſt der Irrthum der gewöhnlichen Menſchen; das iſt der Irrthum des wackeren Pfar⸗ rers Bonhomme und des würdigen Fabricanten Ré⸗ veillon, welche Beide die Aenderung von Auger einer Gewiſſensrückkehr zuſchreiben. Nein, meine Tochter, nein! beſſert ſich Auger, ſo geſchieht es nicht durch die Liebe der Tugend, ſondern durch die Tugend der Liebe.“ Ingénue hob den Pfeil nicht auf. Eine Folge hievon war, daß Rétif, der an die⸗ 216 ſem Abend eine Schelle an jedes ſeiner Worte zu hängen ſchien, um ſie bei Gelegenheit tönen zu laſſen, ſeinen Kopf hoch aufrichtete. „Ah! ah!“ ſagte er mit einer vollkommenen Selbſtzufriedenheit,„mir ſcheint, bei meiner Treue, ich habe da etwas Reizendes gefagt, und wahrhaf⸗ tig, ich wundere mich, daß Du, Ingénue, mit dem in 2 ausgezeichneten Verſtande, den Dir der Himmel die geſchenkt, es nicht bemerkt haſt. Die Tugend der Liebe, das gibt mir einen köſtlichen Titel hein für meine erſte Novelle und ſogar für einen Ro⸗ man.“ ſam Hienach küßte Rétif ſeine Tochter, zog ſich in eine ſeinen Alkoven zurück und ſchloß die Vorhänge, um von ſich in keuſcher Weiſe vollends auszukleiden. del Gewiegt durch das Vergnügen, einen ſo ſchönen— Titel gefunden zu haben, und vielleicht auch durch eine die Dünſte der feinen Weine, die er getrunken, ſchlief fünf Minuten nachher der gute Reétif den um doppelt ſtolzen Schlaf des Mannes und des ſelbſtzu⸗ ane friedenen Dichters. gen Was Ingénue betrifft,— ſie zog ſich in ihr erle Stübchen zurück ſehr wenig geneigt, zu ſchlafen, be⸗ vor ſie ſich ſelbſt gefragt, was dieſe Vergötterung ſih von Auger in demſelben Momente, wo ſich die Gleich⸗ Ter gültigkeit von Chriſtian offenbarte, bedeute. wal ſſen, enen eue, haf⸗ dem nmel end Titel Ro⸗ in um nen urch ken, den ſtzu⸗ ihr be⸗ ung eich⸗ XLI. Auger verliebt. Was Réveillon Rétif und Rétif ſeiner Tochter in Beziehung auf Auger geſagt hatte, war übrigens die ſtrengſte Wahrheit. Auger ſchien ſich unter dem Einfluſſe des ge⸗ heimen Feuers, das ihn verzehrte, zu vervielfältigen. Sein Geſchäft ließ er unter ſeinen Fingern gleich⸗ ſam zerſchmelzen und verſchwinden, und dies mit einer Unerſchrockenheit, die ſeinen Arbeitsgefährten von Anfang den Schwindel bereitete;— vom Schwin⸗ del gingen ſie ſodann zu den kalten Schweißen über; — und das iſt leicht begreiflich für Jeden, der nur eine Viertelſtunde das Innere eines Bureau ſtudirt. Der Expeditor der Regierung iſt jeder Zeit Her⸗ umſchlenderer geweſen: das iſt eine feſtgeſtellte und anerkannte Sache; doch der Privatexpeditor gibt ihm gewöhnlich in keiner Hinſicht nach, wenn er es ſich erlauben kann. Der Vorwand der ſchönen Schrift, an den man ſich hält, conſtituirt hauptſächlich ein kaltes, ruhiges Tempo bei der Arbeit, und das wiſſen vortrefflich die wahren Kalligraphen, die ihr Talent mißbrauchen. Während man ſeine Maße und nach ſeinen Maßen ſeinen Anlauf für einen großen Anfangsbuchſtaben nimmt, hätte man eine halbe Seite geſchmiert. Auger ſchrieb wie der berühmte Saint⸗Omer, der durch unſeren geiſtreichen Freund Henri Monnier noch berühmter geworden; doch er hatte Intermitten⸗ 218 zen: er begriff, mit einer wunderbaren Anſchauung, was ſorgfältig behandelt werden mußte, und was gleichſam über das Knie abgebrochen werden durfte; ſtatt alle Dinge unter allen Umſtänden zu modeln wie ein gewöhnlicher Erpeditor, wußte er mäßig in den Hauptbuchſtaben, in den vollen Zügen und den Feinſtrichen zu ſein. Die Rechnungen, die Beſtellun⸗ gen und die Quittungen fertigte er auch zu Dutzen⸗ den aus, indeß ſein Nachbar kaum den Titel eines Stückes geſchrieben hatte. Durch dieſe Geſchwindigkeit der Ausführung von Auger weit zurückbleibend, ſchien dieſer Nachbar nichts mehr im Tage gethan zu haben, und eben ſo der Kaſſier, dem ſeine Sortenzettel und ſeine Empfang⸗ ſcheine, ſeine Buchhaltung in Soll und Haben früher als Beſchäftigung genügten. Reveillon, der in dieſen zwei Angeſtellten zwei Phönixe zu haben glaubte, bemerkte im Gegentheile, daß er unter Dreien nur einen hatte: Auger ſtellte die zwei Anderen tief in den Schatten. Das Reſultat von Allem dem war, daß der Kaſ⸗ ſier, beängſtigt, als er wahrnahm, wie dieſer Gar⸗ gantua der Expedition für ſich allein die Arbeit von drei Perſonen verſchlang, nicht mehr deutlich auf der Tafel von Pythagoras ſah. Da wurden natür⸗ lich immer ernſtere Fehler begangen, ſo wie der Kaſſier immer mehr den Kopf verlor, und Réveillon faltete die Stirne wie Jupiter, um den ganzen Olymp des Faubourg Saint⸗Antvine zittern zu machen. Tückiſch und ſchweigſam, lauerte Auger auf die Gelegenheit, wo der Kaſſier zu viel Dummheiten machen würde; dieſe Gelegenheit mußte ſich noth⸗ wendi fer ei Kaſſie ſend, vechſe A weil ihnen L Révei Rötif, er In auf d G Gang nachd der G beit! Hälft Y Auge er be heit! genar ſich d daß zu m 7 muth ng, vas fte: en in den un⸗ zen⸗ nes von chts der ng⸗ en wei eile, ellte Kaſ⸗ ar⸗ von auf tür⸗ ſſier ltete des iten oth⸗ 2¹9 wendig bald bieten. Eines Tages brachte ein Käu⸗ fer ein Kaſſenbillet von ſechzig Franken zurück; der Kaſſier hatte es ihm zu viel auf ein Billet von tau⸗ ſend, das er am Gitter von Meiſter Réveillon ge⸗ wechſelt, herausgegeben. An dieſem Tage ſprach Réveillon laut: „Das iſt ein Menſch, mit dem ich Mitleid fühlte, weil er Frau und Kind hatte, und dennoch muß ich ihn nächſter Tage vor die Thüre ſetzen.“ Begünſtigt und gehoben durch die Demoiſelles Réveillon, vergöttert vom Vater, ehrerbietig gegen Rétif, ganz bleich und ganz in Kniebeugungen, wenn er Ingénue erblickte, machte Auger ſo Rieſenſchritte auf der Laufbahn, die er ſich gewählt. Eines Tages wartete er auf Réveillon in dem Gange, der zur Kaſſe führte. Der Kaſſier war, nachdem er ſein Geſchäft verrichtet, weggegangen, und der Erpeditor hatte athemlos die Summe ſeiner Ar⸗ beit verdoppelt, ohne daß es ihm gelungen war, die Hälfte von dem zu thun, was Auger gethan hatte. Wir ſagten, Auger habe auf Réveillon gewartet. Auger richtete es aber ſo ein, daß Réveillon glaubte, er begegne ihm. Der Tapetenhändler ſchwamm in der Zufrieden⸗ heit und im Vergnügen; er hatte von den von uns genannten Reſultaten Kenntniß genommen und rieb ſich die Hände. „Bei Gott!“ ſagte er zu Auger,„ich bin entzückt, daß ich Ihnen begegne, um Ihnen mein Compliment zu machen.“ „Ah! Herr,“ erwiederte Auger mit tiefer De⸗ muth,„Herr, ich bitte Sie inſtändig, ſpotten Sie 220 nicht über mich; ich ſchwöre Ihnen, es iſt nicht meine Schuld, wenn ich ſo ſchlecht arbeite.“ „Wie! was ſagen Sie?“ fragte der Fabricant, der durchaus nicht begriff. „Herr Réveillon mißbrauchen Sie mein Unglück nicht,“ fuhr Auger fort. „Ich verſtehe Sie nicht, mein Freund.“ „Ach! Herr, ich ſehe wohl, wenn das ſo fort⸗ geht, werde ich Ihr Haus verlaſſen müſſen.“ „Warum dies?“ „Weil ich Sie beſtehle, Herr Réveillon.“ Wie Auger wiederholte mit einem noch kläglicheren Tone, als das erſte Mal: „Weil ich Sie beſtehle, ſage ich.“ „Was ſtehlen Sie mir?“ „Ihre Zeit.“ „Ah! ah!... erklären Sie mir das, Auger; Sie ſind im Gegentheile ein wahres Phänomen!“ „Oh! Herr!“ „Sie ſtehlen mir meine Zeit, ſagen Sie, Sie, der Sie allein mehr Arbeit verrichten, als die zwei An⸗ deren mit einander?“ „Dann, Herr,“ fuhr Auger jämmerlich den Kopf ſchüttelnd fort,„dann würde ich arbeiten wie vier, hätte ich nicht das Unglück, das ich habe.“ „Welches Unglück?“ „Ah! ſprechen wir nicht hievon, und erlauben Sie vielmehr...“ Auger erhob die Arme zum Himmel. „Was ſoll ich Ihnen erlauben? Laſſen Sie hören.“ meine icant, nglück fort⸗ heren uger; 1 e, der i An⸗ Kopf vier, — auben 8 221 „Das iſt ein ſehr großes Unglück für mich, Herr: ich war in jeder Hinſicht ſo gut bei Ihnen!“ „Holla! ſollten Sie zufällig mich zu verlaſſen im Sinne haben?“ „Ach! ich muß es wohl früher oder ſpäter.“ „Das wird, wie ich hoffe, wenigſtens nicht ſein, ohne daß Sie mir die Urſache Ihres Abganges ſagen.“ „Herr, Herr, es iſt kein Geſtändniß, das ich Ihnen zu machen habe.“ „Doch, bei Gott! im Gegentheile: wenn mich die Leute verlaſſen, ſo will ich wiſſen, warum.“ „Ich habe es Ihnen geſagt.“ „Sie ſtehlen mir meine Zeit? ja, Sie haben mir das geſagt. Wie ſtehlen Sie mir nun meine Zeit? Erklären Sie mir das.“ „Ei! durch meine Zerſtreuungen, Herr.“ „He! he!“ ſagte Réveillon mit einem ſchallenden Gelächter.„Auger hat Zerſtreungen.“ Und der Tapetenfabricant war in der That er⸗ ſtaunt, wie ein Menſch ſo ſehr ſein Feind ſein konnte, daß er ſich da anklagte, wo ſich jeder Andere Triumph⸗ bogen errichtet hätte. „Gäbe es noch ein Mittel gegen mein Unglück,“ fuhr Auger fort;„doch nein, es gibt keines.“ „Gegen welches Unglück denn? erklären Sie ſich! Nennen Sie dieſe vorgeblichen Zerſtreuungen ein Unglück?“ „Ein um ſo größeres Unglück, Herr, als ſie je⸗ den Tag zunehmen werden; hat ſich einmal der Kum⸗ mer in das Herz eines Menſchen eingeſchlichen, oh! 22 dann iſt dieſer Menſch verloren, ganz und gar ver⸗ loren.“ „Was fehlt Ihnen? etwa Geld?“ „Geld? mein Gott! ich wäre zu undankbar, würde ich dergleichen ſagen: Sie bezahlen mir das Doppelte von dem, was ich verdiene!“ „Er iſt, bei meinem Ehrenworte, reizend!... Sollten Sie zufällig Gewiſſensbiſſe haben?“ „Gott ſei gelobt! der Friede meines Gewiſſens iſt gemacht, und der Ihres Hauſes befeſtigt ihn jeden Tag.“ „Dann ſehe ich nicht, kann ich nicht errathen.,“ „Herr, ich bin verliebt, ohne Hoffnung und ohne Räſt „Ah! in Ingénue vielleicht?“ rief Réveillon, wie von einem Blitze getroffen. „Sie haben es errathen, Herr.“ „Ah! Teufel!“ „Wahnſinnig verliebt in Mademoiſelle Ingénue.“ „Ei! ei! ei!“ „Und das macht Sie nicht ſchaudern?“ „Oh! nein.“ „Sie verſetzen ſich nicht in Gedanken in das ganze Grauen, das ich ihr einflöße?“ „Das kann ſich beſänftigen, lieber Herr Auger, wenn es überhaupt nicht ſchon geſchehen iſt.“ „Ueberlegen Sie doch, Herr, Alles trennt mich von ihr.“ „Bah! bah! bah! man hat über breitere Flüſſe Brücken geſchlagen.“ „Wie! Herr, Sie bemerken Eines nicht, indem Sie ſo mit mir ſprechen?“ — wir ein mä Sie ſche ihre daß wer Her als geg hab gebe den, zuri nie Her von eine Seu r ver⸗ nkbar, r das iſſens jeden en ohne eillon, nue.“ das luger, mich Flüſſe ndem 223 „Was?“ „Daß Sie mir Hoffnung zu geben ſuchen.“ „Bei Gott! ob ich ſuche! ja, ich ſuche, und es wird mir gelingen, ich zähle darauf.“ „Wie, Herr, Sie ſpotten meiner nicht?“ „Nicht im Geringſten.“ „Ich dürfte von Ihnen hoffen...2“ „Alles.“ „Oh! Herr!“ „Warum nicht? Sie ſind ein geſchickter Arbeiter, ein redlicher Menſch; Sie haben einen noch mittel⸗ mäßigen Gehalt, doch ich kann ihn erhöhen.“ „Oh! Herr, erhöhen Sie nichts, und machen Sie, daß mich Mademoiſelle Ingénue nicht verab⸗ ſcheut; machen Sie, daß ſie die Wünſche, die ich für ihre Wohlfahrt hege, anhören kann; machen Sie, daß ſie mich nicht zurückſtößt, wenn ich ihr ſagen werde, wie ſehr ich ſie liebe, und dann, ja, dann Herr, werden Sie mehr für mein Glück gethan haben, als wenn Sie mir die Stelle des Kaſſiers bei Ihnen gegeben hätten...! Sie werden mehr gethan haben, als wenn Sie mir tauſend Thaler Gchalt geben würden! und ich werde Sie ſogar anflehen, bela⸗ den, erdrücken Sie mich mit Arbeit: ich werde nicht zurückweichen, ich werde mich nie beklagen, ich werde nie einen Sou Zulage fordern. Mit einem Worte, Herr Réveillon, erlangen Sie für mich die Hand von Mademviſelle Ingénue, und Sie ſollen bei ſich einen Mann haben, der Ihnen bis zu ſeinem letzten Seufzer ergeben ſein wird!“ Auger verwickelte ſo gut Réveillon in die Fäden 224 dieſer Liebesberedtſamkeit, daß der Fabricant zugleich gerührt, entzuckt und überzeugt war. „Nun?“ ſagte er,„es iſt alſo nur dieſes?“ „Wie! nur dieſes?“ „Ich ſage, Sie wünſchen nichts Anderes, als Ingénue zu heirathen?“ „Oh! Gott! ich wage es nicht einmal, an ein ſolches Glück zu denken.“ „Ei! wenn man Sie hört, ſollte man glauben, es handle ſich um eine Prinzeſſin von Geblüte; was iſt denn im Ganzen Mademoiſelle Ingénue?“ Der Fabricant fand, dieſe große Lobeserhebung von Mademoiſelle Rétif ſetze die Demviſelles Réveillon ein wenig herunter. „Was ſie iſt?“ wiederholte Auger;„ah! Herr, es iſt ein ſchönes, ein anbetungswürdiges Mädchen!“ „Ja, doch ſie hat keine Mitgift.“ „Sie iſt Millionen werth!“ „Die Sie ihr verdienen werden, mein lieber Auger.“ „Oh! ich hoffe es! oh! ich fühle hiezu die Kraft in mir, zwiſchen einer Liebe, wie die, welche ich für ſie hege, und einem Eifer, wie der, den Sie mir für Ihre Intereſſen eingeflößt haben.“ „Nun wohl, mein Freund,“ ſprach Réveillon mit gewichtiger Miene,„vernehmen Sie, welcher Gang zu verfolgen iſt.“ „Oh! ja, Herr, rathen Sie mir.“ „Einmal hat der Vater Gewalt über ſein Kind, und er ſcheint vortrefflich für Sie geſinnt zu ſein.“ „Wahrhaftig?“ ann furc eröf Ing Den wer terte die Glü ich gleich als ein uben, was bung illon Herr, en!“ ieber Kraft für mir mit ang dind, in.“ * 225 „Sie müſſen ihn vollends ganz auf Ihre Seite bringen.“ „Oh! das iſt mein ganzes Verlangen.“ „Rétif iſt empfänglich für Zuvorkommenheiten, für Aufmerkſamkeiten.“ „Würde er wohl ein kleines Geſchenk von mir annehmen?“ „Auf eine zarte Art gegeben, ohne Zweifel.“ „Die Liebe, die ich für ſeine Tochter, die Ehr⸗ furcht, die ich für ihn hege, verleihen mir Zartheit.“ „Sie werden ihn ſodann zum Eſſen einladen.“ „Gut!“ „Und beim Nachtiſche werden Sie ihm Ihr Herz eröffnen.“ „Nie werde ich das wagen.“ „Gehen Sie doch!“ „Es iſt, bei meiner Ehre, wie ich ſage.“ „Ta ta ta!... Endlich wenden Sie ſich an Ingénue ſelbſt, die ich günſtig für Sie durch die Demoiſelles Réveillon, ihre Freundinnen, ſtimmen werde.“ „Oh! welche Güte, Herr!“ rief Auger. Und er faltete ſeine Hände wie ein ganz erſchüt⸗ terter Menſch. Réveillon nahm die Hände von Auger zwiſchen die ſeinigen und ſprach: „Sie verdienen dieſe Güte, Auger, und da Ihr Glück hievon abhängt, ſo will ich, hören Sie wohl? ich will, daß Sie glücklich ſein ſollen!“ Auger entfernte ſich voll Freude. Réveillon hielt Wort. Dumas, Ingénue. I. 15 226 Er ließ Ingénue durch ſeine Töchter angreifen und Rötif durch Auger. Endlich griff er ſelbſt an. Die Reſultate dieſer ſo combinirten Angriffe waren, daß Rötif eine Uhr und eine Einladung zum Mit⸗ tageſſen von Auger annahm. Es blieb Ingénue. Die Demviſelles Réveillon drangen ſo kräftig in ſie, daß Ingénue einwilligte, ihren Vater nach den Prés⸗Saint⸗Gervais zu begleiten, wo das Mahl ſtattfinden ſollte. XLII. Geneſung von Chriſtian. Was ging im Marſtalle des Grafen von Artvis vor, während am entgegengeſetzten Ende von Paris Alles gegen das Glück von Chriſtian conſpirirte? Seine Mutter hatte ihn nicht eine Minute ver⸗ laſſen: bei Tage ſaß ſie in einem Fauteuil zu ſeinen Häupten; in der Nacht hatte ſie ihr Bett neben dem ſeinigen. Zwanzigmal hatte ſie Chriſtian durch die Ver⸗ ſicherung, es gehe beſſer, zu entfernen geſucht; doch ſie hatte ſich beſtändig geweigert. Die mütterliche Liebe der Gräfin Obinska über⸗ ſetzte ſich bei ihr, wie alle andern Gefühle, durch den Ausdruck eines Willens, gegen welchen zu ſtreiten Chriſtian nicht einmal die Idee hatte. Bereit, bei jeder Bewegung ihres Sohnes ihm das zu geben, was er bedurfte, ſelbſt ſeinen Schlaf bewe bewe den Uebe Krar den, ſollet eines ( 6hri Meh beha den Grä undz lauf Chri der Tag dicke der ſchw wun eine mac Leich reifen aren, Mit⸗ tig in hden Mahl lrtois Paris e? ver⸗ einen dem Ver⸗ doch über⸗ den eiten ihm chlaf 227 bewachend, umſichtig, um ihm die geringſte Gemüths⸗ bewegung zu erſparen, war es ihr endlich geglückt, den Körper zu heilen, ohne daß die arme Frau das Uebel bemerkte, das ſie ſeiner Seele angethan hatte. Die Tage und die Rächte verliefen ſo für den Kranken Jahrhunderten ähnlich; er zählte die Stun⸗ den, die Minuten, die Secunden; man hätte glauben ſollen, er treibe ſie mit aller Gewalt und aller Energie eines ſtandhaften Willens vor ſich her. Nach der Vorſchrift von Doctor Marat ſollte Chriſtian das Bett bis zum vierzigſten Tage hüten. Mehr als eine Woche vor dieſem vierzigſten Tage behauptete Chriſtian, er ſei ſchon gekommen; doch den unerbittlichen Kalender in der Hand, hielt die Gräfin den jungen Mann im Bette, bis die vier⸗ undzwanzigſte Stunde des vierzigſten Tages abge⸗ laufen. Endlich kam die ſo heiß erſehnte Stunde, wo es Chriſtian erlaubt war, den erſten Schritt zu thun, der ihn, nach zehn weiteren im Zimmer zugebrachten Tagen, zu Ingénue führen ſollte. Während er leicht hinkte, ſtreckte er ſich auf einem dicken Pelze mitten im Zimmer aus, wie es die Kin⸗ der thun, wenn ſie ihre Kräfte verſuchen. Dann bewegte er ſich; der Schmerz war ver⸗ ſchwunden, das Fleiſch war ſolid geworden, der Ver⸗ wundete hielt ſich auf ſeinem kranken Beine ohne eine Beſchwerde zu fühlen. Allmälig übte er ſich, die Runde im Zimmer zu machen; ſodann, als die Runde im Zimmer etwas Leichtes geworden war, verſuchte er es, eine kleine 228 Treppe von fünf Stufen auf und abzuſteigen,— was ihm mit Hülfe ſeiner Mutter gelang. Bald wurde ihm die Luft eines benachbarten Hofes erlaubt; er ging, immer am Arme der Gräfin, in dieſen von einigen Bäumen beſchatteten Hof hinab, und gewöhnte ſeine Lunge und ſeinen Kopf an die Einſaugung einer ſchärferen und nahrhafteren Luft. Endlich wurde er ungefähr wieder das, was er geweſen. Zweimal hatte er ſich Papier und Bleiſtift zu verſchaffen gewußt, und jedes Mal war es ihm, den Schlaf ſeiner Mutter benützend, welche ſchlief im Glauben, er ſei ſelbſt eingeſchlummert, geglückt, ein paar Zeilen an Ingénue zu ſchreiben; war aber die⸗ ſes Billet geſchrieben, was damit machen? wem es anvertrauen? durch wen es nach der Rue des Ber⸗ nardins bringen laſſen? Er ſtand in keiner Ver⸗ bindung mit den Leuten des Hauſes; die Dienerin von Marat flößte ihm einen tiefen Widerwillen ein, und was Marat betrifft, ihm hätte ſich der junge Mann ſicherlich nicht über ſeine Leidenſchaft für die Tochter von Rétif de la Bretonne eröffnet. Die zwei geſchriebenen Billets blieben alſo in den Taſchen des jungen Mannes; er bewahrte ſie auf, immer hoffend, er werde eine Gelegenheit fin⸗ den, die ſich nicht bot. Eines aber tröſtete Chriſtian: daß er, da er ſeine Kräfte Stunde für Stunde wiederkehren fühlte, ſchon den Tag ſeiner Befreiung berechnen konnte. Der glückliche Tag erſchien endlich: Chriſtian durfte eine Promenade machen. Dies geſchah aller⸗ dings im Wagen, und ſeine Mutter verließ ihn nicht einen Will Stra ſich( er ei „Fal 2 den, ſeine ( heißt undft laſſer E Abga wir! zu ge 2 ner 2 konnt G der j werd Obin ſein 2 nicht ihre hohl ( einen ſaubi arten räfin, inab, n die Luft. as er ft zu „ den f im „ein r die⸗ m es Ber⸗ Ver⸗ nerin ein, junge ir die ſo in te ſie t fin⸗ er ühlte, te. iſtian aller⸗ nicht 229 einen Augenblick. Die Caroſſe durchfuhr nach dem Willen von Chriſtian Paris und ſeine ſchönſten Straßen. Ach! in die Rue des Bernardins hätte ſich Chriſtian gern begeben mögen; aber wie ſollte er einem Kutſcher vor der Gräfin Obinska ſagen: „Fahrt mich durch die Rue des Bernardins.“ Nach drei Tagen dieſer Uebung wurde entſchie⸗ den, Chriſtian könne nun zu Fuße ausgehen, doch ſeine Mutter gab ihm den Arm. Endlich kam man überein, am andern Tage, das heißt, nachdem er die Wohnung von Marat fünf⸗ undfünfzig Tage inne gehabt, ſollte er dieſe ver⸗ laſſen. Sie iſt ſchwer zu ſchildern, die Scene, welche den Abgang von Chriſtian und ſeiner Mutter begleitete: wir werden es indeſſen verſuchen, eine Idee davon zu geben. Marat hatte ſich ſchön gemacht; er hatte an ſei⸗ ner Perſon den ganzen Luxus, über den er verfügen konnte, vereinigt. Sein Plan war der: wieder für einen Moment der junge Mann von einſt, der Marat von Polen werden; durch ſeinen Anblick das Herz der Gräfin Obinska zu einer Erinnerung nöthigen, für welche ſein Name nicht genügt hatte. Vergebliche Mühe! der Rückgrath konnte ſich nicht wieder gerade aufrichten, die ſchiefe Naſe fand ihre anmuthige Linie nicht wieder, das Auge blieb hohl und der Blick ſchneidend. Es war endlich unmöglich, an einem Tage durch einen zwanzigjährigen Schmutz verdorbene Hände ſauber und zart zu machen. 230 Was den Anzug betrifft, ſo fehlte hieran nichts, und der Schneider hatte ſein Beſtes gethan. Doch die Gräfin, obſchon ſie den Blick von Ma⸗ rrat weder ſuchte, noch vermied, erkannte nichts, und ſie ſprach ihren Dank gegen den Wundarzt ohne eine romanhafte Phraſe aus. Als Marat den jungen Mann, lächelnd beim Gedanken an ſeine zukünftige Freiheit, gehen ſah und ſich ſelbſt im Spiegel beſchaute, hatte er keinen andern Troſt, als den, an ihm irgend eine Aehnlich⸗ keit mit dem ehemaligen Hofmeiſter der Gräfin Obinska zu ſuchen. „Mein Herr,“ ſagte die Gräfin zu ihm,„nicht wahr, Sie bewundern dieſe Geſundheit? die Cur, die Sie gemacht haben?“ „Ja, Madame, ich bewundere mein Werk,“ ant⸗ wortete Marat. Die Gräfin ließ bei dieſen Worten über ihre ge⸗ wöhnlich ſo bleichen Wangen einen Flammenrefler laufen, der faſt in demſelben Augenblicke erloſch, und ſie wurde wieder kalt und hochmüthig. „Sie haben Recht, mein Herr, daß Sie nicht be⸗ ſcheiden ſind,“ ſagte ſie;„die Cur macht Ihnen Ehre.“ „Nicht wahr?“ erwiederte er;„doch Sie ſtellen ſich nicht vor, was der Wille iſt, Madame: für die⸗ ſen jungen Mann hätte ich Dinge würdig des Got⸗ tes Aeskulap in Perſon gemacht.“ Chriſtian verbeugte ſich leicht, ein wenig in Ver⸗ legenheit geſetzt durch dieſe vertraulichen Blicke, die er noch nicht bei ſeinem Arzte wahrgenommen hatte. Es ſchien dieſem jungen Cavalier, zwiſchen dem Kran Pleb ſie d auch Mar bark nen, 6 mit Sie den verg nur er ſagt dere iſt m Sie, die e ge⸗ refler und t be⸗ hnen tellen die⸗ Got⸗ Ver⸗ „die hatte. dem 231 Kranken und dem Geheilten ſei der Abſtand eines Plebejerreſpectes. Die Gräfin gab ſich den Anſchein, als bemerkte ſie das Zudrängen von Marat nicht; ſie ſtellte ſich auch, als bemerkte ſie die Verlegenheit des jungen Mannes nicht. „Und nun, mein Herr, vermöchte uns die Dank⸗ barkeit nicht abzuhalten, unſere Rechnungen zu ord⸗ nen,“ ſprach ſie. Marat erröthete. „Geld?“ ſagte er. „Nein, mein Herr, Gold,“ erwiederte die Gräfin mit einem ſouverainen Stolze. Marat richtete ſich auf und rief: „Wollen Sie mich demüthigen?“ „Im Gegentheile,“ verſetzte die Gräfin;„wollen Sie mir ſagen, in welcher Hinſicht ein Wundarzt, den man bezahlt, gedemüthigt iſt?“ „Madame,“ rief der Zwerg,„mir ſcheint, Sie vergeſſen zu ſehr, was Marat iſt: Marat iſt nicht nur ein Wundarzt; Marat...“ Und er ſchaute die Gräfin ſtarr an; dann machte er einen Schritt gegen ſie, kreuzte die Arme und ſagte: „Wiſſen Sie, was Marat iſt?“ Die Gräfin biß ſich leicht auf die Lippen. „Marat,“ wiederholte er, indem er einen beſon⸗ deren Nachdruck auf dieſes Wort legte,„Marat, das iſt mein Name! wiſſen Sie es, Madame, oder muß ich Sie, wenn Sie es vergeſſen haben, daran erinnern?“ „Ich weiß es, mein Herr,“ antwortete die Gräfin, die ſich den Anſchein der Verwunderung gab;„Sie 232 haben mich nicht in Unwiſſenheit hierüber gelaſſen. Legt mir dieſer Name irgend eine Verbindlichkeit auf, der ich mich zu entziehen ſuche? Ich gebe Ihnen die Verſicherung, daß dies ſehr wider meinen Willen geſchähe, Herr Marat.“ Verblüfft und geſchlagen durch dieſe Dreiſtigkeit, blieb Marat ſtumm. Doch das war noch nicht genug: die unverſöhn⸗ liche Gräfin verfolgte ihn mit ihrem Blicke, bis er den ſeinigen ſenkte,— geblendet durch das unbarm⸗ herzige Strahlen dieſer Augen, welche wie zwei Fackeln flammten. „Mein Sohn und ich,“ fuhr die Gräfin fort, „wir verlaſſen alſo Ihre Wohnung, die Sie uns ſo dienſtfertig geliehen haben, und ich bitte Sie, jede Störung, die wir Ihnen verurſacht, zu entſchuldigen, mein Herr.“ Sodann fügte ſie mit jener unmerklichen Reizung, welche Marat vollends aus dem Sattel hob, bei: „Glauben Sie mir, mein Herr, wäre das Leben meines Sohnes nicht durch die geringſte Bewegung gefährdet geweſen, ſo würde ich ihn, auf die Gefahr, Ihnen zu mißfallen, nicht eine Secunde bei Ihnen gelaſſen haben.“ Dieſe außerordentliche Höflichkeit konnte auch eine außerordentliche Unhöflichkeit ſein; begriff es Ma⸗ rat ſo? Ja, denn ſeine dünnen Lippen erbleichten; ja, denn ſein gelbes Auge verſchwand unter ſeinen Brauen rollend, und ein nervöſes Zittern des Zornes ſchüt⸗ telte ſeine rachitiſchen Glieder. Die Gräfin legte nun vor den Augen von Ch ein zur eiſt Ar unt zu jun rie der erg Kr fäl der iſſen. auf, hnen illen gkeit, öhn⸗ i er arm⸗ zwei fort, 8 ſo jede igen, ung, eben ung fahr, hnen eine Ma⸗ ja auen chüt⸗ von 233 Chriſtian, der nichts von dieſer Scene begriffen hatte, eine Börſe voll Gold auf den Tiſch. Marat machte eine Bewegung, um dieſe Börſe zurückzuſtoßen; doch ein letzter Blick der Gräfin ver⸗ eiſte dieſe Bewegung, und der Wundarzt ließ ſeine Arme träge an ſeinen Seiten niederfallen. Da nahm die Gräfin Chriſtian bei der Hand und ſagte: „Komm, mein Sohn!“ Und ſie benützte den Augenblick, wo Chriſtian Marat zum Abſchied grüßte, um zuerſt auf die Treppe zu ſchlüpfen. Marat öffnete ſeine Arme, als wollte er den jungen Mann darein ſchließen; doch die Gräfin er⸗ rieth ſeine Abſicht, und auf die Gefahr, ihren Sohn, der noch unſicher auf ſeinen Beinen, umzuwerfen, ergriff ſie ihn beim Arme und zog ihn mit einer Kraft an ſich, die einen Aſt ausgeriſſen hätte. „Und nun nimm Dich in Acht, daß Du nicht fällſt,“ ſagte ſie, während ſie ſich zwiſchen Marat und den jungen Mann ſtellte. Das war der letzte Schlag. Außer ſich vor Zorn und Scham, ſchlug Marat die Thüre zu, die ſich geräuſchvoll hinter der Gräfin und ihrem Sohne ſchloß; dann ſtürzte er auf die Börſe los, zerriß ſie und ſtreute das Gold, Tiſche, Stühle und Bett mit dieſem koſtbaren Metalle peit⸗ ſchend, im ganzen Zimmer umher. Zum Glücke hatte er eine gute und ſorgfältige Haushälterin, welche Alles bis auf den letzten dop⸗ pelten Louis d'or aufhob. 234 Sie gab achtzig davon Marat zurück, doch es hatten ſich ſicherlich zehn verloren. „Oh!“ murmelte der Zwerg, indem er durch das Fenſter einen ſchiefen Blick auf den Wagen warf, der die Mutter und den Sohn entführte;„oh! Wöl⸗ fin! oh! Wölflein! Dieſes Weib iſt nicht mehr Weib, als die wilde Stute ihrer Steppen... Ariſtokratin! Ariſtokratin! Ariſtokratin! ich werde mich an Dir rächen wie an den Andern!“ XLIII. Was während dieſer Zeit in der Rue des Bernardins vorging. Dieſes Stillſchweigen, das ſich Ingénue nicht erklären konnte, weil ſie die Urſache davon durchaus nicht wußte, hatte in der Rue des Bernardins ein unglückliches Reſultat hervorgebracht. Wir haben geſehen, wie die Angelegenheiten von Auger ſtanden, wir ſagen nicht bei Ingénue, aber bei Réveillon und bei Rétif. Röveillon hatte nicht geſäumt, Rétif beiſeit zu nehmen und ihm zu eröffnen, es handle ſich ganz einfach um eine Heirath. Rétif hegte wohl einigen Argwohn. Er hatte indeſſen nur eine Einwendung zu ma⸗ chen, und er machte ſie: das war die Unbeſtändigkeit des Glückes von ſeinem Schwiegerſohne. Réveillon hob jedoch dieſe einzige Schwierigkeit dadurch, daß er antwortete, er werde Auger am Tage ſeiner Verheirathung als Hochzeitgeſchenk zwei⸗ tauſend Livres Gehalt zuſichern; Auger ſeinerſeits es das arf, Löl⸗ eib, tin! Dir ing. icht aus ein oon ber zu anz na⸗ keit keit am ei⸗ its 235 kam jedem Einwurfe dadurch entgegen, daß er ſich erbot, mit ſeiner Frau und ſeinem Schwiegervater zu leben und ſeine zweitauſend Livres ins Haus ab⸗ zugeben. Alles dies bewegte ſich in Ingénue wie ein ent⸗ ſetzliches Summen: die Arme fühlte ſich ſo wenig unter allen dieſen Anordnungen, welche das Glück von Jedermann zu intereſſiren ſchienen, daß ſie kaum mehr Widerſtand leiſten konnte, als der Nachen auf dem Meere, das Blatt im Wirbel leiſtet. Sie hörte als von einer feſt beſchloſſenen Sache von dieſem Verbindungsprojecte ſprechen, das ſie ſchon im Gedanken allein erſchreckte; als von etwas ganz Entſchiedenem von dieſer Heirath, zu der ſie durchaus nicht einzuwilligen gedachte. Als man bei ihr dieſe Sache mit dem erſten Worte berührte, war ſie ungefähr drei Wochen von Chriſtian getrennt; ſie machte ſich keine Illuſion; ſie hatte zu ihrem Vater geſagt:„Sehe ich Chriſtian in dieſem Monat nicht wieder, ſo werde ich ihn nie mehr ſehen! und ſehe ich Chriſtian morgen nicht wie⸗ der, ſo werde ich ihn in einem Monat nicht wieder⸗ ſehen.“ Sie hatte Chriſtian nicht wiedergeſehen. Doch ſie hatte in der Tiefe ihres Gewiſſens et⸗ was, was ihr ſagte:„Es gibt eine Macht, welche ſtärker iſt als Chriſtian, und dieſe verhindert es, daß Du Cyriſtian nicht wiederſiehſt.“ Nur fragt es ſich, welche Macht war dies? Das wußte Ingénue nicht, das ließ ſie im Zwei⸗ fel; der Zweifel, dieſer Wurm, der das Herz der ſchmackhafteſten von allen Früchten, der Liebe, zernagt! 236 Da man mit Ingénue von ihrer Heirath als von einer abgemachten Sache ſprach, ſo beſaß ſie nicht den Muth, dagegen zu ſtreiten. Die Heirath verzögern, das war Alles, was ſie thun konnte. Oh! wenn ihr während dieſes Verzugs ein Brief von Chriſtian zukam, wenn ſie eine Kunde von ihm erhielt, wie hätte ſie dieſe gemachte Sache wieder gelöſt! Sollte Chriſtian lieben oder todt ſein, ſie würde kämpfen; dem Liebenden oder dem Todten wäre ſie treu. Doch dem vergeßlichen, unbeſtändigen, meineidi⸗ gen Chriſtian ihr Verſprechen zu halten, war dies nicht eine Schande für ſie? Sie verlangte einen Monat, um ſich zu ent⸗ ſcheiden. Man hoffte nicht einmal ſo viel,— Reéveillon wenigſtens; er fand auch das Verlangen von In⸗ génue ganz vernünftig. Rétif hätte gern nur vierzehn Tage bewilligt; er hatte bange, während dieſes Monats könnte Chri⸗ ſtian Mittel finden, Ingénue Nachricht von ſich zu geben. Und er fühlte es wohl, der Romanenſchreiber, daß er nur durch das Stillſchweigen von Chriſtian ſtark war: würde dieſes Stillſchweigen gebrochen, ſo ſtürzte das ganze Gerüſte ein. Der Monat verlief. Man hat geſehen, wie Chriſtian geſchrieben, wie er aber kein Mittel ge⸗ funden, Ingénue ſeine Briefe zukommen zu laſſen. Während dieſes Monats ordnete man Alles an, ſtr du wi dit ge ne als rief ihm eder irde ſie idi⸗ ies ent⸗ lon er hri⸗ zu er, ian ſo wie an, 237 als ob nach Ablauf eines Monats die Einwilligung von Ingénue keinem Zweifel mehr unterlegen wäre: das Aufgebot fand ſtatt, die Hochzeitgeſchenke wur⸗ den gekauft. Man hielt ſich bereit, auf die Gefahr, daß Ingénue nicht bereit wäre. Réveillon war ſo enthuſiaſtiſch für Auger einge⸗ nommen, daß Auger, hätte er zehntauſend Franken nöthig gehabt, nur zu verlangen brauchte, Réveillon würde ihm ſeine Kaſſe geöffnet haben. Am Morgen des dreißigſten Tages fand In⸗ génue, welche, wie Chriſtian, Alles, Stunden, Mi⸗ nuten, Secunden gezählt hatte,— am Morgen des dreißigſten Tages fand Ingénue, von der Meſſe, wo ſie Gott gebeten, er möge ihr Nachricht von Chriſtian geben, nach Hauſe zurückkehrend, ihr Zimmer voll von Blumen, Kleider auf allen Stühlen und auf ihrem Bette eine vollſtändige Ausſteuer. Als ſie alle dieſe ſchönen Dinge erblickte, zerfloß Ingénue in Thränen, denn ſie begriff, daß ſie keinen Grund, kein Motiv, keinen Vorwand mehr hatte, Auger auszuſchlagen. Er ſeinerſeits war ſo heiter, ſo zufrieden, ſo ſtrahlend, ſo eifrig, ſo ehrerbietig; er hatte ſo ver⸗ liebte und ſo gierige Augen, daß ſich Jedermann für die Liebe des armen Sünders intereſſirte, deſſen, durch die Beredtſamkeit des Pfarrers Bonhomme be⸗ wirkte Bekehrung großes Aufſehen im Quartier machte. Ingénue konnte den armen jungen Mann aller⸗ dings nicht lieben, doch wahrhaſtig, ſie wäre zu un⸗ gerecht geweſen, wenn ſie ihn gehaßt hätte. Mehr noch: aus dem Geſichtspunkte des gemei⸗ nen Lebens, des bürgerlichen Lebens hatte ſie ſo 238 große Lobeserhebungen von Auger machen hören, daß ſie nicht bezweifelte, ſie würde glücklich mit ihm ſein. Sie verlangte noch vierzehn Tage; Rétif ſtritt ſtark gegen dieſe vierzehn Tage: nahm man an, Chri⸗ ſtian ſei nur verwundet geweſen, ſo mußte der Kranke raſch ſeiner Geneſung zuſchreiten. Wäre Ingénue einen Tag Madame Auger, dann lag Rétif wenig daran, wenn Chriſtian wiederer⸗ ſchien; er kannte die Jungfräulichkeit der Seele von Ingénue und wußte, daß ihr Gatte, wer es auch ſein mochte, nichts zu befürchten hatte. Und dann fand ſich im Grunde dieſes ſo ſchmerz⸗ lich verwundeten Herzens die arme kleine Befriedi⸗ gung, Frau zu werden, und wäre es nur, um ihrem Ungetreuen zu zeigen, gewiſſe Menſchen haben den Muth, ein Mädchen zu heirathen, das ſich ohne Hei⸗ rath weder verkaufen, noch hingeben wolle. Ueberdies ſollte ſie,— und das war wohl Et⸗ was,— einen Platz im großen Hauſe Réveillön einnehmen, deſſen Schließnagel die Kaſſe oder viel⸗ mehr der Kaſſier werden würde. Dabei war ferner: daß Ingénue vor dem ſieb⸗ zehnten Jahre verheirathet ſein ſollte, indeß die De⸗ moiſelles Réveillon, die im Quartier als Millionä⸗ rinnen bekannt, es mit neunzehn und zwanzig Jah⸗ ren noch nicht waren. Alles dies, es iſt nicht zu leugnen, war nur ein Schleier; Ingénue ſtickte ihn mit tollen Fantaſien und warf ihn über ihre traurigen Gedanken; doch ſie fühlte in Wirklichkeit wohl, dieſer Schleier ſei nur eine leicht zerreißbare Gaze, die ſich beim erſten ren, mit tritt anke ann rer⸗ von uch erz⸗ edi⸗ rem den ei⸗ Et⸗ lon iel⸗ ieb⸗ De⸗ nã⸗ ein ien 0 ch nur ten 239 Hauche von Chriſtian erheben würde, erſchiene Chri⸗ ſtian wieder am Horizonte ihres Lebens. Auger ſchob kräftig an dem Glücksrade, das ſich für ihn drehte. Er widmete ſich mit Leib und Seele, Tag und Nacht dem Abſchluſſe dieſer Heirath, welche, Dank ſei es der kräftigen Mitwirkung des Pfarrers Bonhomme, der das Vorrecht, dieſes Paar zu trauen, in Anſpruch genommen hatte, auf den vierzehnten Tag, das heißt auf den, welcher die von Ingénue verlangte neue Friſt ſchließen ſollte, feſtgeſetzt wurde. Röétif beſchleunigte auch die Entwicklung; er hatte beſtändig Angſt, aus der Erde das Geſpenſt des alten Liebhabers hervorkommen zu ſehen, der, ſobald er geheilt, ſeine Geliebte zurückfordern würde. Nichtsdeſtoweniger war der Romanendichter mehr als halb beruhigt durch das hartnäckige Stillſchwei⸗ gen, das Chriſtian ſeit vierundvierzig Tagen beob⸗ achtet hatte. Nach der Anſicht von Rétif, dem Erfinder von Ueberraſchungen und Theatermitteln, hätte den jun⸗ gen Mann nichts verhindern müſſen, Nachricht von ſich zu geben. Und über dieſen Punkt dachten der Vater und die Tochter ganz auf dieſelbe Art. Sie ſagten ſich auch, Chriſtian, da er nicht ge⸗ ſchrieben oder Jemand geſchickt, habe auf Ingénue verzichtet, oder er ſei todt. Seit dem Tage, wo eine Discuſſion vor San⸗ terre über einen verwundeten Pagen ſtattgefunden, war nie das Eis aufs Neue zwiſchen Ingénue und ihrem Vater gebrochen worden. Einige Male hatte Ingénue die Idee wieder 240 aufgenommen, die Abweſenheit ihres Vaters zu be⸗ nützen, um eine Reiſe nach dem Marſtalle von Ar⸗ tois zu verſuchen; jedes Mal aber hatte ſie eine doppelte Erinnerung zurückgehalten: die an Marat, den garſtigen Satyr; die an Charlotte Corday, die keuſche Minerva. Als die Heirath feſt beſchloſſen war, miethete man im Hauſe von Röéveillon, im Faubourg Saint⸗ Antoine, eine Wohnung beſtehend aus fünf Piöcen, von denen zwei, abgeſondert auf dem Ruheplatze, als Wohnzimmer und Arbeitscabinet für Rétif beſtimmt waren, während die drei andern das Wohnzimmer, den Salon und das Speiſezimmer der Neuvermähl⸗ ten bilden ſollten. In den letzten Tagen beſchäftigte man ſich mit den Vorhängen und den Meubles, mit der Erneuer⸗ ung des Weißzeugs und des Tiſchgeſchirrs; man nahm Maße, man klebte neue Tapeten, freigebig von Réveillon geliefert, an; mit einem Worte, drei Tage vor der Hochzeit fehlte zur Heirath nichts mehr als die Ceremonie. Die Kirche Saint⸗Nicolas⸗du⸗Chardonneret ſetzte eine ihrer beſcheidenen Kapellen in Bereitſchaft. Die Demoiſelles Réveillon ſchickten Blumen und geweihte Kuchen; Santerre bat um Erlaubniß, den Orgelſpieler liefern zu dürfen. Es kam der vierzehnte Tag: das war, wie man ſich erinnert, der, welcher für die Feier feſtgeſetzt worden. Es war ein Samſtag. Die Nacht war traurig geweſen; Ingénue hatte wenig geſchlafen; wenn ſie wenig geſchlafen, ſo hatte ſie dagegen viel geweint. war als als erſc Uhr dieſ es 1 ſpro Thr Au Kir ſchö Hat frat hät Str lieb ſo! da tet ſtia zur be⸗ Ar⸗ eine arat, die thete aint⸗ cen, „als mmt mer, tähl⸗ mit uer⸗ man von Lage als etzte und den man ſetzt atte atte 24¹ Dem Verurtheilten ähnlich, den das Schaffot er⸗ wartet, hoffte ſie bis zum letzen Augenblicke. Als ihr Vater in ihr Zimmer eintrat, hoffte ſie! als Réveillon in ihr Zimmer eintrat, hoffte ſie noch! als Auger in ihr Zimmer eintrat, hoffte ſie immer noch! Es dünkte ihr, jeden Augenblick müſſe Chriſtian erſcheinen. Es ſchlug zehn Uhr. Von Morgens um acht Uhr an hatten ſich die zwei Freundinnen von Ingénue dieſer bemächtigt, und ſie kleideten ſie an, wie ſie es mit einem armen Automaten gethan hätten. Ingénue leiſtete keinen Widerſtand; Ingénue ſprach nicht ein Wort; nur floßen zwei unabläßige Thränen, wie zwei unverſiegbare Quellen, aus ihren Augen auf ihre Wangen. Endlich mußte man hinabgehen, ſich nach der Kirche begeben. Unter einem Spalier von Neugierigen, bei einer ſchönen Winterſonne verließ Ingénue das väterliche Haus, reiner, weißer als ein Schwan. Ach! ſeit vierzig Tagen hatte ſie ihre Jung⸗ frauſchaft beweint, wie die Tochter von Jephta, und hätte man zu ihr in dem Augenblicke, wo ſie das Straßenpflaſter berührte, geſagt:„Was willſt Du lieber? ſterben oder die Frau von Auger werden?“ ſo würde ſie, obſchon ſie dieſen Mann nicht haßte, da ſie eine tiefe Liebe für Chriſtian hegte, geantwor⸗ tet haben: „Ich will lieber ſterben!“ Auf dem ganzen Wege dachte ſie nur an Chri⸗ ſtian; drei oder viermal wagte ſie es, den Kopf auf⸗ zurichten und umherzuſchauen: ſie ſuchte S Dumas, Ingénue. II. 242 ſogar in der Kirche forſchte ſie in ihren Tiefen, im Schatten ihrer Pfeiler, in ihren geheimnißvollſten Winkeln nach einem bleichen Geſichte, das ſie nicht 5 fand. Chriſtian hatte ſie ganz entſchieden verlaſſen. 3 Ingénue, in ihrer Vereinzelung, blieb alſo nichts ſchl übrig, als ihrem Gatten ja vor Gott und den Men⸗ ihn ſchen zu ſagen. 2 geſ Zitternd ſprach ſie endlich dieſes ja aus, und Fie Auger führte triumphirend ſeine rechtmäßige Gattin che zum Hochzeitmahle, das die Neuvermählten und die den Gäſte im neuen Speiſezimmer von Réveillon erwar— der tete, welches mit einer Tapete, die zwölf Arbeiter Zul von Hercules, umgeben von Attributen, Früchten und Blumen, darſtellend, geſchmückt war. Chr ſpr XLIV. die Der Hochzeitabend. hat Kut Chriſtian, der von Marat weggegangen war, beh ohne daß er ſich die Scene, die hier vorgefallen, die recht hatte erklären können, kam zu ſeiner Mutter ſtia zurück. Hier hatte er einen glaubwürdigen Grund, um weg allein auszugehen: das war ein Beſuch, den er dem Sai Herrn Grafen von Artvis machen müſſe. Der Prinz hatte den Unfall erfahren, der ſeinem die Pagen zugeſtoßen, und da der Herr Graf von Ar⸗ Toq tois ein vortreffliches Herz war, ſo hatte er ſich ſie mehrere Male auf eine ſehr liebreiche Art nach ihm geh erkundigen laſſen. „im llſten nicht ichts Ren⸗ und attin die war⸗ eiter chten war, llen, utter um dem nem Ar⸗ ſich ihm 243 Ueberdies hatte der Prinz Chriſtian perſönlich bemerkt, und er liebte ihn ungemein wegen ſeiner vornehmen Miene. Um fünf Uhr entfernte ſich der junge Mann von Hauſe, um ſich zum Prinzen zu begeben, ent⸗ ſchloſſen, vom Prinzen weggehend Alles zu thun, was ihm möglich wäre, um Ingénue zu ſehen; denn, wie geſagt, und wir wiederholen es, er hatte in ſeinen Fieberträumen nicht aufgehört, das Bild des Mäd⸗ chens anzubeten; dieſe ſanfte Fee hatte tauſendmal den Balſam auf ſeine Wunde gegoſſen, und neben der Qual der Abweſenheit hatte er die Träume der Zukunft gehabt. Der Prinz ſchien erfreut zu ſein; er wünſchte Chriſtian Glück zu ſeiner Wiedergeneſung und ver⸗ ſprach von ſelbſt, ein Wort des Dankes Marat über die ſchöne Cur, die er gemacht, zu ſagen. Ehe er beim Grafen von Artvis eingetreten, hatte Chriſtian ſeinen Wagen weggeſchickt und dem Kutſcher befohlen, ſeiner Mutter zu ſagen, der Prinz behalte ihn einen Theil des Abends bei ſich; auf dieſe Art wäre die Gräfin nicht beſorgt und Chri⸗ ſtian frei. Gegen ſieben Uhr ging Chriſtian vom Prinzen weg, nahm einen Fiacre und ließ ſich bis zum Quai Saint⸗Bernard fahren. Dies war nach der Berechnung von Chriſtian die Stunde, wo Rétif, der alle Abende mit ſeiner Tochter ausging, mit ihr zurückkommen mußte; wären ſie nicht zurückgekommen, ſo würde er ſie im Vorüber⸗ gehen ſehen und ihr ein Zeichen machen; wäre ſie 244 zurückgekommen, ſo würde er es wagen, hinaufzu⸗ gehen und an die Thüre von Ingénue zu klopfen. Das war viel Keckheit; doch wenn ſie Alles, was er gelitten, erführe, würde ihm Ingénue verzeihen. Chriſtian fühlte ſein Herz immer ſtärker ſchlagen, ſo wie er in der Straße fortſchritt; er heftete von fern die Augen auf das Fenſter, das er durch den ſanften, zitternden Schein der Lampe erleuchtet zu finden erwartete. Das Fenſter war dunkel. „Gut!“ ſagte Chriſtian,„ſie ſind noch nicht nach Hauſe gekommen; denn es iſt nicht möglich, daß ſie zu dieſer Stunde ſchon zu Bette gegangen; überdies ſchläft Ingénue nicht ohne Nachtlampe, und iſt die Nachtlampe einmal angezündet, ſo nimmt der Vor⸗ hang ihres Zimmers eine roſenfarbige Tinte an, durch die ſie bemerkbar wird.“ Chriſtian begann auf und ab zu gehen. Er ging ſo ungefähr eine Stunde. Nach einer Stunde fühlte er in ſeinem verwun⸗ deten Beine eine unerträgliche Müdigkeit, während zugleich ein Anfang von Unruhe ſich ſeiner bemäch⸗ tigte. Er kehrte zum Quai zurück, winkte ſeinem Kut⸗ ſcher, zu ihm zu fahren, ſtieg wieder in den Fiacre ein und befahl dem Kutſcher, drei bis vier Thüren von der von Ingénue Halt zu machen. In dieſem ſtillſtehenden Fiacre hörte Chriſtian acht Uhr, halb neun Uhr und neun Uhr ſchlagen. Er ſah die Straße immer mehr veröden, bis ſie am Ende beinahe einſam und verlaſſen war. Da ward ihm im Ernſte bange: es war ſehr ſpät, To Ne in ſei vo Ré St ni be h ve ve in fzu⸗ n. was hen. gen, von den t zu nach 3 ſie dies die Vor⸗ an, vun⸗ rend äch⸗ Kut⸗ iacre üren ſtian n. s ſie ſpät, 245 — halb zehn Uhr vorüber,— für Rétif und ſeine Tochter, um erſt nach Hauſe zu kommen. Endlich entſchloß er ſich, auszuſteigen und einen ſachbar zu fragen;— von Portier war damals in bürgerlichen Häuſern noch nicht die Rede. Dieſer Nachbar war ein Gewürzkrämer, der eben ſeinen Laden ſchloß, als Chriſtian ihn befragte. „Mein Herr,“ fragte Chriſtian,„könnte ich wohl von Ihnen erfahren, ob nicht ein Unglück Herrn Reétif de la Bretonne begegnet iſt, der im vierten Stocke des Ihnen benachbarten Hauſes wohnt?“ „Ah!“ erwiederte der Gewürzkrämer,„war das nicht ein Drucker, der Bücher machte und ſetzte?“ „Ganz richtig.“ „Der eine Tochter hatte?“ In. „Mein Herr, es iſt ihm kein anderes Unglück begegnet, als daß er ausgezogen.“ „Wie, daß er ausgezogen?“ „Vorgeſtern.“ „Wiſſen Sie, wohin er gezogen iſt?“ „Nach dem Faubourg Saint⸗Antvine.“ „Kennen Sie ſeine Adreſſe?“ „Nein, ich weiß nur, daß er bei einem Tapeten⸗ händler wohnt.“ „Wäre es nicht bei ſeinem Freunde Herrn Ré⸗ veillon?“ „Herr Réveillon, ſo iſt es! ja, bei Herrn Ré⸗ veillon.“ Chriſtian dankte dem Gewürzkrämer, ſtieg wieder in ſeinen Fiacre und gab ihm die Adreſſe von Herrn 246 Réveillon, die er kannte, weil er ſie zweimal von Ingénue hatte nennen hören. Eine Viertelſtunde nachher hielt der Fiacre auf der andern Seite der Straße, dem Hauſe des Ta⸗ petenhändlers gegenüber. Eine Reihe von Fiaeres ſtand vor der Thüre, auf Kunden wartend, indeß die glühend erleuchteten Fenſter des erſten Stockes einen großen Schein bis auf die Straße warfen. Chriſtian hörte das Geräuſch von Inſtrumenten und ſah Schatten ſich hinter den Vorhängen bewegen. Der junge Mann begriff, daß ein Ball bei Ré⸗ veillon ſtattfand; doch aus welchem Anlaſſe dieſer Ball? Er beauftragte ſeinen Kutſcher, ſich zu erkundigen. Der Kutſcher ſtieg von ſeinem Bocke, wechſelte ein paar Worte mit einem Kameraden und kehrte zurück. „Nun,“ fragte Chriſtian,„was gibt es?“ „Man heirathet im Hauſe, und das iſt es.“ „Wer heirathet?“ „Ei! ein Mädchen.“ „Weißt Du den Namen?“ „Ich habe nicht danach gefragt.“ „Erkundige Dich und ſuche den Namen der Per⸗ ſon, welche heirathet, zu erfahren.“ Der Kutſcher ging wieder ab, um neue Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Alles, was Chriſtian bis dahin erfahren, war ſeltſam, doch nicht beunruhigend. Herr Röéveillon hatte zwei Töchter; man tanzte im erſten Stocke, das heißt bei Herrn Réveillon; es war alſo aller Wahr⸗ ſchei Den bekl Fia den zeit, Töe mich erſt das nar ſche eine ſter glei ſtü ſes ken Chr zuſt terr ſtell von auf Ta⸗ üre, eten bis ten gen. Ré⸗ eſer en. elte rte er⸗ di⸗ var lon as 247 ſcheinlichkeit nach die Eine oder die Andere von den Demoiſelles Réveillon, welche heirathete. Und dennoch ward ſein Herz unwillkürlich ganz beklommen, während ſein Kutſcher von Fiacre zu Fiacre ging, um die anderen Kutſcher zu befragen. Endlich kam der brave Mann zurück. „Ei! Herr,“ ſagte er,„ſie behaupten, ſie wiſſen den Namen der Braut nicht: nur findet die Hoch⸗ zeit, wie Sie ſehen, bei Herrn Réveillon ſtatt.“ „Ohne Zweifel iſt es die Hochzeit von einer der Töchter... „Nein, Herr,“ unterbrach der Kutſcher;„ich habe mich erkundigt: die Perſon, welche heirathet, wohnt erſt ſeit zwei Tagen bei Herrn Réveillon.“ „Was ſagt dieſer Menſch?“ murmelte Chriſtian, das, was ihm der Gewürzkrämer der Rue des Ber⸗ nardins erzählt hatte, mit dem, was ihm ſein Kut⸗ ſcher ſagte, zuſammenſtellend. Er ſchlug zu den Fenſtern des erſten Stockes einen Blick voller Bangigkeit auf. In dieſem Momente öffnete ſich eines der Fen⸗ ſter: Geſänge, freudiges Geſchrei überſtrömten ſo⸗ gleich aus dem Hauſe auf die Straße; ein Mann ſtützte ſich mit den Ellenbogen auf das Geſims die⸗ ſes Fenſters; Chriſtian ſchien es unbeſtimmt, als kennete er dieſen Mann. Das hieß zu viel durch die Ungewißheit leiden: Chriſtian öffnete den Schlag ſeines Fiacre, um aus⸗ zuſteigen und ſich ſelbſt zu erkundigen. Doch in demſelben Augenblicke, und als es Mit⸗ ternacht ſchlug, kam ein anderer Fiacre an und ſtellte ſich, ſtatt ſich der Reihe anzuſchließen, in einem 248 dunklen Winkel der Straße, ein paar Schritte vom Fiacre von Chriſtian, auf. Dieſer Fiacre war bewohnt von einem Manne, der, wie Chriſtian, hierher gekommen zu ſein ſchien, um Jemand zu erwarten, und der auch, wie Chri⸗ ſtian, nicht geſehen zu werden wünſchte, denn nach⸗ dem er vorſichtig ſeinen Kopf aus dem Schlage vor⸗ geſtreckt, warf er ſich, da er ein paar Gäſte ſah, die aus dem Hauſe herauskamen und einen Wagen rie⸗ fen, in den Fond des ſeinigen zurück. Hinter dieſen drei bis vier ermüdeten Tänzern kam ein Mann haſtig heraus und ſuchte um ſich her in der Dunkelheit. Ohne Zweifel hatte der Fiacre an einem zum Voraus bezeichneten Platze angehalten, denn der Mann lief auf den andern Fiacre zu, ohne ſich um den von Chriſtian zu bekümmern. Chriſtian dachte, durch dieſen Mann werde er wahrſcheinlich mehr erfahren, als durch die Kutſcher; er ſprang daher zu Boden und ging an den Häuſern anſtreifend bis zu einem Thorwege, deſſen Vertie⸗ fung ihm Schutz bot. Der Mann, der aus dem Hauſe herausgekom⸗ men und auf den zweiten Fiacre zugegangen, war mit einer ſeltſamen Sorgfalt, nach Art eines Bürgers im Sonntagsſtaate, gekleidet. „Der Bräutigam ohne Zweifel,“ ſagte Chriſtian zu ſich ſelbſt. Er hatte in der That einen Strauß am Knopfloche ſeines Frackes. Dieſer Mann, als er zum Fiacre kam, nahm ſeinen Hut ab und fragte mit leiſer Stimme: wen ben dur aus bei ſtar Ihr wa geſſ Bo gen ſtol mit „ich Un Sie Ihr lich ſeig vom nne, hien, hri⸗ rach⸗ vor⸗ „die rie⸗ zern ſich zum der um e er cher; ſern rtie⸗ kom⸗ war gers ſtian am ahm 249 „Sind Sie es, Monſeigneur?“ Die leiſeſte Stimme trägt bei Nacht ſehr weit, wenn alle Atome der Luft ſich getheilt, geöffnet ha⸗ ben, um den Ton beſſer in ihren Zwiſchenräumen durchſchlüpfen zu laſſen. „Ah! ah! Du biſt es?“ ſagte eine Stimme, welche aus dem Wagen hervorkam. „Ja, Monſeigneur.“ Chriſtian horchte, den Athem an ſich haltend, bei dem Monſeigneur noch aufmerkſamer. „Nun,“ fragte derjenige, welcher vor dem Fiacre ſtand,„bin ich ein Mann von Wort und habe ich Ihnen eine falſche Nachricht gegeben?“ „Oh! bei meiner Treue, ich glaubte nicht daran.“ „Was glaubten Sie denn?“ „Ei! Du bereiteſt Dir eine kleine Rache. Du warſt drohend weggegangen, ich hatte das nicht ver⸗ geſſen, und zum Beweiſe dient, daß ich auf meinen Bock, zur Schutzwache, einen Mann mit Piſtolen genommen habe... und ich ſelbſt bin auch mit Pi⸗ ſtolen bewaffnet, wie Du ſehen kannſt.“ „Unnöthige Vorſicht, Monſeigneur!“ entgegnete mit Bitterkeit derjenige, welchem man mißtraute; „ich habe allerdings geſagt, ich werde mich für Ihre Ungerechtigkeiten rächen; doch meine Rache iſt: was Sie gewünſcht haben, biete ich Ihnen an, was ich Ihnen verſprochen hatte, gebe ich Ihnen. Ein ehr⸗ licher Mann hat nur ſein Wort.“ „Die Kleine iſt alſo da?“ „Das heißt, meine Frau iſt da, ja, Mon⸗ ſeigneur.“ „Ah! und Du?“ 250 „Ich, Monſeigneur, ich werde gehen; Sie werden bleiben. Jedermann iſt bereit, ſich zu entfernen, wie Sie ſehen können. Drei bis vier Wüthende warten nur noch, um von mir Abſchied zu nehmen; der gute Mann von einem Vater ſegnet ſeine Toch⸗ ter; iſt ſeine Tochter geſegnet, ſo wird er ſich zurück⸗ ziehen und zu Bette legen. Ich bringe Ihnen einen Schlüſſel von meinem Zimmer; Sie nehmen meine Stelle ein, und Sie lernen durch das Opfer, das ich Ihnen bringe, in Zukunft den Treueſten Ihrer Diener beſſer behandeln.“ „Oh! was Du da thuſt, iſt erhaben!“ „Scherzen Sie nicht, Monſeigneur! das war eine ernſtere Sache, als Sie glauben: es handelte ſich ganz einfach um die Wiederherſtellung meiner Ehre. Sie hatten vor mich in Ihrer Achtung die Bontems, die Lebel, Flauſenmacher und Gaukler, geſtellt: ich wollte Ihnen beweiſen, daß ich thun konnte, was Keiner von dieſen Leuten je gethan hat.“ „Wohin des Teufels verirrt ſich die Eigenliebe!“ murmelte derjenige, welchem man den Titel Mon⸗ ſeigneur gab. „Stille nun, wenn es beliebt!... Haben Sie die Familie Santerre herauskommen ſehen,— drei Perſonen: eine Frau, ein Kind und einen Burſchen von fünf Fuß zehn Zoll, den Bierlieferanten vom ganzen Quartier,— dann treten Sie kühn ein und ſteigen Sie in den dritten Stock hinauf; die Thüre, deren Schlüſſel Sie haben, iſt gerade der Treppe gegenüber.“ „Wohl! wohl! Du wirſt von mir hören, und Du mach Man ſchon Dein es ſe davo: bei d man Auge ſo ſc der S Scha der ſ kannt hörer G digt; das darar Sant herau den. einge morg rden nen, ende en; och⸗ rück⸗ inen eine das hrer eine ſich hre. ms, ich was be!“ kon⸗ Sie drei chen vom und üre, ppe und 251 Du ſollſt ſehen, wie ich mein Unrecht wieder gut mache.“ „Es zugeſtehen, Monſeigneur,“ ſprach der Mann zu Fuße mit ſententiöſem Tone,„das iſt ſchon viel!“ „Gleichviel, Du würdeſt Dich nicht hiemit gegen Deine Hochzeitnacht begnügen, und Du hätteſt Recht. Adieu, Auger!“ Chriſtian hatte dieſes ganze Geſpräch gehört, und es ſchien ihm, als träumte er, denn er begriff nichts davon und konnte nicht glauben, er ſei betheiligt bei dieſer Komödie, welche zwiſchen dem Manne, den nan Monſeigneur nannte, dem Anderen, den man Auger nannte, und dieſer jungen Frau, die ihr Mann ſo ſchamlos an irgend einen vornehmen Herrn in der Hochzeitnacht verkaufte, geſpielt wurde. Indeſſen durchzogen, mitten unter Alle dem, Schauer ſeinen ganzen Leib; die Stimme des Mannes, der ſich im Fiacre verbarg, war ihm nicht unbe⸗ den Namen Auger hatte er ſchon ausſprechen ören. Er horchte noch, doch das Geſpräch war been⸗ digt; der Mann, den man Auger genannt, war in das Haus hinaufgegangen, aus welchem er kurz darauf hinter drei Perſonen, die er bezeichnet, hinter Santerre, ſeiner Frau und ſeinem Sohne, wieder herauskam. „Gute Nacht, Herr Santerre,“ ſagte er laut, den Schlag des Fiacre ſchließend, in welchen dieſer eingeſtiegen war;„gute Nacht, Madame Santerre! morgen!“ 252 Ein Ausbruch mehrerer Stimmen, gefolgt von einem ſchallenden Gelächter, ſchloß die Converſation. Der Fiacre ging ab. 8 Auger winkte nun: der Schlag des zweiten Fiacre öffnete ſich, ein Mann in einen Mantel gehüllt ſtieg aus; er ging behutſam auf die Thüre zu, wo Auger wartete; dieſer ſteckte ihm in die Hand etwas, was, wie Chriſtian begriff, der verſprochene Schlüſſel ſein mußte, und als hätte er befürchtet, es hege der Mann, den er Monſeigneur nannte, noch einiges Mißtrauen, wandte ſich der Neuvermählte um die Straßenecke und verſchwand. Chriſtian blieb unbeweglich und erſchrocken; je weniger er begriff, deſto mehr hatte er bange. Sobald ſich Auger entfernt hatte, trat der Un⸗ bekannte ins Haus ein, ſchloß die Thüre hinter ſich, und das war Alles. Da erſcholl durch das offen gebliebene Fenſter eine Chriſtian wohlbekannte Stimme bis auf die Straße und traf ihn, viel tödtlicher, als die Kugel, die ihn in den Schenkel getroffen, mitten ins Herz. Das war die Stimme von Röétif, welcher rief: „Ho! mein Schwiegerſohn, ſchließen Sie wohl Ihre Thüren, und gute Nacht!... Hymen, ich empfehle Dir meine Ingénue!“ Und das Fenſter ſchloß ſich wieder. Chriſtian fiel niedergedonnert auf einen Weichſtein⸗ „Oh! es iſt kein Zweifel mehr,“ murmelte er, „Ingénue iſt verheirathet! Aber,“ ſprach er plötzlich, „wer iſt dieſer Auger, der meine Frau ſagt und aus dem Hauſe flieht, in welches er einen Anderen ſtatt ſeiner eintreten läßt?... Wer iſt derjenige, von tion. iacre ſtieg luger was, ſein niges ndie ſich, enſter f die ugel, Herz. rief: wohl „ich ſtein⸗ te er, lich und deren enige, 253 welchen man Monſeigneur nennt? Welchem von Beiden empfiehlt Rétif Ingénue?... Oh! verfluch⸗ tes Haus!“ rief er,„warum öffneſt du nicht deine Seiten, um meinen Blick in deine dunkelſten Winkel eindringen zu laſſen?“ Und er ſtreckte gegen das Haus ſeine krampfhaft zuſammengezogenen Hände aus, als hätte er es mit ſeinen Nägeln aufbrechen wollen. Bald aber ließ er ſeine erſchöpften Arme fallen, und trunken vor Zorn, gab er ſich der allmächtigen Woge ſeines Unglückes hin. „Ich werde morgen dieſes Geheimniß erfahren,“ ſagte er;„morgen wird dieſer Menſch, der eingetre⸗ ten iſt, herauskommen, und ich werde da ſein, um ſein Geſicht zu erkennen.“ Er lehnte ſich an die Mauer an, um nicht zu fallen. Als er ſodann die Lichter des Salon im erſten Stocke erlöſchen und im dritten Stocke allein die Nachtlampe,— den unſeligen Zeugen des Glückes von einem Andern,— glänzen ſah, ſtieg er in ſeinen Fiacre, den er etwas weiter fahren und dann quer vor der Thüre ſelbſt halten ließ, und hier, auf ſeinen Polſtern, ſchnatternd und weinend, zählte er die langen Stunden dieſer entſetzlichen Nacht in Erwar⸗ tung des Abganges von dieſem Manne, der ihm ſein Glück ſtahl. 25⁴ XLV. Das Brautgemach. Es verging ſo mehr als eine Stunde, eine Stunde unausſprechlicher Bangigkeiten und namenloſer Qua⸗ len für Chriſtian. Während dieſer Stunde ſtieg er zwanzigmal aus ſeinem Fiacre und zwanzigmal wieder ein. Zwanzigmal hefteten ſich ſeine Augen auf die Nochtlampe, deren unbewegliche Helle durch die Vor⸗ hänge des Fenſters durchſchien. Endlich glaubte ſein geſpanntes Ohr ein Ge⸗ räuſch in dem Gange zu hören, deſſen Thüre, nach⸗ dem man lange vergebens daran gerüttelt, ſich end⸗ lich unter den Anſtrengungen einer unerfahrenen Hand wieder öffnete. Durch dieſe halb geöffnete Thüre ſtürzte ein in einen Mantel gehüllter Mann heraus. Doch durch das Geräuſch aufmerkſam gemacht, hatte Chriſtian Zeit gehabt, aus ſeinem Fiacre aus⸗ zuſteigen und ſich auf den Weg dieſes Mannes zu ſtellen. Der Unbekannte blieb ſtehen: Chriſtian begriff, daß unter den Falten ſeines Mantels ſeine Hand das Heft eines Degens ſuchte. Ehe er jedoch dieſen Degen zog, machte er einen Schritt rückwärts, und mit einer Stimme, welche die Gewohnheit des Befehlens andeutete, ſagte er: „Holla! mein Herr, der Sie mir ſo den Weg verſperren, wer ſind Sie, wenns beliebt, und was wollen Sie von mir?“ Sie aus ſchei Wac Par das Chri Wac Unb weg vom Deg Man zurü „Oh wis, der E „vor ich nein, tunde Qua⸗ aus f die Vor⸗ Ge⸗ nach⸗ end⸗ renen in in nacht, aus⸗ es zu griff, Hand einen e die Weg was 255 „Ich will wiſſen, wer Sie ſind, mein Herr, der Sie zu einer ſolchen Stunde aus dieſem Hauſe her⸗ auskommen?“ „Gut!“ verſetzte eine ſpöttiſche Stimme,„es ſcheint, ich habe es mit dem Herrn Ritter von der Wache zu thun; ich glaubte nicht, die Polizei von Paris ſei ſo gut beſchaffen.“ „Ich bin nicht der Ritter von der Wache, und das wiſſen Sie wohl, mein Herr,“ entgegnetete Chriſtian. „Nun denn, wenn Sie nicht der Ritter von der Wache ſind, ſo laſſen Sie mich gehen,“ ſagte der Unbekannte. Und den Arm ausſtreckend, machte er eine Be⸗ wegung, um Chriſtian auf die Seite zu ſchieben. Dieſer packte mit ſeiner linken Hand den Kragen vom Mantel des Unbekannten, und indeß er ſeinen Degen mit ſeiner Rechten zog, entfernte er dieſen Mantel von dem Geſichte, das er bedeckte. Zu gleicher Zeit wich er aber ganz erſchrocken zurück. „Monſeigneur der Graf von Artvis!“ rief er. „Oh! Monſeigneur, Sie ſind es?“ „Mein Page Chriſtian!“ rief der Graf von Ar⸗ tois, indem er einen Schritt vorwärts that, während der junge Mann drei rückwärts machte. „Monſeigneur, Monſeigneur,“ rief Chriſtian, „vor drei Stunden höre ich Ihre Stimme, erkenne ich Ihren Gang, und dennoch... oh! nein, oh! nein, ich wollte nicht glauben...“ „Was wollten Sie nicht glauben, mein Herr?“ 256 „Eure Hoheit habe ſich entſchließen können, zu thun „Was zu thun?“ „Was ſie hier gethan hat.. das abſcheulichſte aller Verbrechen zu begehen!“ „Wie beliebt?“ rief der Prinz,„und in welchem Tone ſprechen Sie mit mir, Herr Chriſtian?“ „Eure Hoheit weiß alſo etwas Gräßliches nicht?“ „Was?“ „Daß ſie den Platz eines Mannes einnimmt, der heute geheirathet hat.“ „Und der ſeine Frau an mich verkauft hatte... Doch, Herr Chriſtian, ich weiß das.“ „Und Eure Hoheit geſteht.. Schändlich!“ Der Prinz zuckte die Achſeln. „Ah!“ ſagte er,„man iſt alſo ſehr tugendhaft bei meinen Pagen? Was will denn das Volk von Paris, das über Unſittlichkeit ſchreit, wenn ich vor⸗ übergehe?“ „Monſeigneur, ich bin moraliſch oder unmoraliſch, das geht das Volk von Paris nichts an; was aber mich angeht, was mein Gewiſſen mir ſagt, was meine Ehre mir verbietet, iſt, einem Prinzen zu die⸗ nen, den man durch ſolche Dienſte entehrt. Ich be⸗ daure dem zu Folge, meine Entlaſſung zu den Füßen Eurer Hoheit niederlegen zu müſſen.“ „Hier! ſo! auf der Straße!“ verſetzte der Prinz mit einem ſchallenden Gelächter. „Ja, mein Prinz,“ antwortete Chriſtian ernſt; „und es iſt nicht meine Schuld, wenn Sie zu Ihren Füßen fallend in den Koth fällt.“ . Kerl bin ter gern auch finde von iſt, n ( Prin abſch „ zu ichſte chem cht?“ mmt, te dhaft k von vor⸗ liſch, aber was die⸗ ch be⸗ Füßen Prinz ernſt; Ihren 257 „Oh! bei meiner Treue, das iſt ein ſpaßhafter Kerl!“ rief der Graf von Artois gereizt. 1„Monſeigneur, ich bin ein guter Edelmann; ich bin nicht mehr in Ihrem Dienſte, und...“ „Und?“ „Und Sie beleidigen mich, glaube ich!“ „Oh! meinetwegen, Herr Chriſtian! ich bin ſchlech⸗ ter Laune dieſen Morgen, und ich würde nicht un⸗ gern Jemand züchtigen.“ „Monſeigneur...“ „Verſtehen Sie mich, mein Herr, denn ich ſpreche auch als Edelmann mit Ihnen. Richt wahr, Sie finden ſich beleidigt?“ „Monſeigneur...“ „Sie finden ſich beleidigt! ja oder nein?“ „Monſeigneur...“ „So antworten Sie doch beim Teufel!“ „Monſeigneur hat das Wort Kerl ausgeſprochen.“ „Wohl: es ſei! Nehmen Sie Genugthuung an, ich biete ſie Ihnen: Sie ſind nun auf dem Niveau von Seiner Hoheit dem Herzog von Bordeaur; das iſt, wie ich hoffe, nicht zu verachten.“ Chriſtian zögerte, da er nicht wußte, was der Prinz ſagen wollte; doch dieſer fuhr, jedes Zögern abſchneidend fort: „Auf, ziehen Sie vom Leder, mein ſchöner Freund! doch beeilen Sie ſich: ziehen Sie vom Leder, ſo lange Niemand da iſt, denn käme Jemand vorüber, ich würde erkannt, und Sie würden feſtgenommen, ſo geht es ganz einfach um Ihren Kopf.“ „Mein Prinz!“ „Ei! zum Henker! ſchreien Sie nicht ſo und Dumas, Ingénue. I. 17 ——— S k 258 ſchlagen Sie ſich, Herr Rächer des Unrechts, Herr wie Vertheidiger der Moral!“ knieer Und dieſe Worte ſprechend, nahm der Prinz E muthig den Degen in die Hand. ſtian Frrtgeriſſen durch eine erſte Bewegung des Haſſes Chyriſ und der Eiferſucht, hatte Chriſtian den ſeinigen ſchon ſiel i halb gezogen, doch plötzlich betroffen von dem Un⸗ C geheuren, was er begehen wollte, rief er: Hauf „Nein! nein! nie!“ tes„ Und er ſtieß ſeinen Degen wieder in die Scheide. Réve „Nun, mein Herr,“ ſprach der Prinz, der ihn denk ſeine Bewegung und ſeine Worte vollenden ließ, Hinſi „nun, da Sie vernünftig ſind, gehen Sie Ihrerſeits, C und ich werde meinerſeits gehen.“ ſie zu Und der Prinz entfernte ſich ein paar Worte ins L murmelnd, welche Chriſtian nicht verſtand und, gans im a verblüfft, wie er war, auch nicht einmal zu verſtehen G ſuchte. kam i S Der Prinz verſchwand. Chriſtian ſammelte ſeine Gedanken und ſchaute dieſer eines umher. Der Prinz hatte beim Herausgehen die Thüre ſ ein ſe des Ganges ein wenig offen gelaſſen. und Chriſtian bemerkte es und gab einen Schrei, halb C der Freude, halb des Schmerzes, von ſich. den ſ Das war ein für die Erklärung der ganzen ent⸗ beina ſetzlichen Geſchichte geöffneter Weg. ſo nie Der junge Mann ſtürzte nach der Treppe, ſtieg E die drei Stockwerke hinauf, fand die Thüre der Treppe A gegenüber nur angelehnt, wie dies die Hausthüre gemac geweſen war, trat ein und erblickte Ingénue, bleich, ſchaue Herr rinz aſſes ſchon Un⸗ eide. ihn ließ, ſeits, Lorte ganz tehen haute hüre halb ent⸗ ſtieg reppe thüre 259 wie in einer Geiſtesverwirrung vor ihrem Bette knieend. Sie wandte ſich bei dem Geräuſche, das Chri⸗ ſtian machte, um, und dieſen ſo lange erwarteten Chriſtian erblickend, ſtieß ſie einen Schrei aus und fiel in Ohnmacht. Es kam der Tag; er bleichte die Scheiben des Hauſes; ein in einer Ecke des Zimmers angebrach⸗ tes Fenſter ging auf den Garten der Demoiſelles Réveillon; man hörte die Vögel in dieſem Garten den kleinen Morgengeſang anſtimmen, der in keiner Hinſicht den anderen Geräuſchen des Tages gleicht. Chriſtian, als er Ingénue fallen ſah, lief auf ſie zu, hob ſie in ſeinen Armen auf und ſuchte ſie ins Leben zurückzurufen. Plötzlich ertönte ein Tritt im anſtoßenden Zimmer: das war der von Auger. Er hatte den Prinzen ſich entfernen ſehen und kam ins eheliche Domicil zurück. Ingénue ohnmächtig, Chriſtian über ſie geneigt, dieſer Menſch auf der Thürſchwelle, die erſten Strahlen eines blaſſen Tages auf dieſe Scene gleitend bildeten ein ſeltſames Gemälde voll myſteriöſen Schreckens und kalten Entſetzens. Chriſtian erkannte den verworfenen Menſchen, den ſchändlichen Gatten; er wußte noch nichts oder beinahe nichts, als daß Ingénue das Opfer einer ſo niederträchtigen Berechnung war. Er nahm den Degen in die Hand. Auger, der ſchon ein paar Schritte im Zimmer gemacht hatte, wich mit erſchrockenen Blicken umher⸗ ſchauend bis an die Thüre zurück. Er ſuchte eine Waffe. 260 Beim Anblicke dieſes Mannes ging Ingénue aus ihrer lethargiſchen Betäubung hervor; ſie ſtrich ihre langen Haare zurück, welche wie ein Schleier der Scham über ſie herabgefallen waren. Sie ſchaute nach einander Chriſtian und Auger an. Dann kehrte die Vernunft bei ihr zurück, und mit ihr das Bewußtſein der entſetzlichen Lage, in der ſie ſich befand. Sie hieß Chriſtian durch einen Wink weggehen. Der junge Mann zögerte; Ingénue wiederholte den Wink noch gebieteriſcher, als das erſte Mal. Halb in Verzweiflung, halb gerührt durch ſein Unglück und das Unglück dieſer Frau, gehorchte Chriſtian wie ein Sklave. Auger trat raſch vor dem bloßen Degen, mit dem ihm Chriſtian im Vorübergehen das Geſicht peitſchte, auf die Seite. Chriſtian blieb einen Augenblick auf dem Ruhe⸗ platze ſtehen. Einmal aus Furcht vor einem Ueberfalle, und dann, um zum letzten Male das Geſicht dieſer rei⸗ zenden Frau zu ſehen, welche auf immer für ihn verloren war. Sie ihrerſeits ſchaute ihn an. Der Strahl ihrer Augen kreuzte ſich. Es lag in den Augen von Ingénue ſo viel Un⸗ ſchuld, ſo viel tiefes Leid, ſo viel Liebe, daß er von tauſend widerſprechenden Eindrücken zerriſſen nahh der Treppe ſtürzte. Ingénue blieb allein mit Auger. Die Gegenwart von Chriſtian in dieſem Zimmer war Gede ( trun e zitte zu ſe Vatt hant ichen Richt loret aber Hert „ich nicht bei: Brar aus ihre der ran. und der ehen. holte ein rchte mit eſicht tuhe⸗ und rei⸗ ihn Un⸗ von nach nmer — 261 war für ihn unerklärlich und verwirrte alle ſeine Gedanken. Er wußte nichts, er begriff nichts und ſchien trunken. Die junge Frau zögerte auch, zu denken: ſie zitterte, klar in dieſem Abgrunde zu ſehen; ſie fühlte ſich zum Voraus vom Schwindel der Scham erfaßt. Sie hatte auch nur die Kraft, die paar Worte zu ſagen: „Wahrhaftig, Sie ſind ein Schändlicher!“ Er wollte ſprechen. „Wenn Sie ſich mir nähern, rufe ich meinen Vater hierher.“ Auger ſchauerte. Die Familienſcene ſchien ihm fürchterlich. „Elender!“ ſprach Ingénue,„haben Sie, als ſie handelten, wie Sie gehandelt, Eines bedacht? Daß ich nur ein einziges Wort vor dem erſten dem beſten Richter auszuſprechen brauche, und Sie ſind ver⸗ loren!“ Auger machte eine Bewegung; Ingénue fuhr aber mit feſter Stimme fort: „Verloren, ohne daß Sie das Anſehen Ihres Herrn zu retten vermag.“ Auger verſuchte es abermals, zu reden. „Schweigen Sie, mein Herr,“ ſagte ſie zu ihm; „ich jage Sie von mir fort.“ „Aber,“ rief er mit ſeiner Frechheit,„Sie wiſſen nicht einmal, worüber Sie mich bezichtigen, Madame!“ „Mein Herr, ich bezichtige Sie, hier, das heißt bei meinem Vater, das heißt zu mir, das heißt ins Brautgemach, Ihren Gebieter, denjenigen, welchen 262 Sie verleugnet, den Herrn Grafen von Artois ein⸗ geführt zu haben.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ „Er ſelbſt.“ Auger blieb einen Augenblick ſtill; ein boshaftes Lächeln zog ſeine Lippen zuſammen. Wäehrend dieſes Augenblicks des Schweigens ſuchte er, was er antworten könnte; er glaubte es gefunden zu haben. „Er hat Ihnen das geſagt, weil er, da er mich in dem Momente, wo ich hinabging, um Herrn San⸗ terre zurückzubegleiten, auf der Straße verhaften ließ und meine Stelle einnehmend ſich wohl ver⸗ theidigen mußte, wie er konnte.“ Dieſer Grund hatte Wahrſcheinlichkeit: er ſetzte Ingénue in Erſtaunen. „Sie klagen alſo den Prinzen an?“ ſagte ſie. „Allerdings! er wollte ſich an mir rächen.“ „Nach Ihrer Meinung hat er die Falle geſtellt, in die Sie gerathen ſind?“ „Iſt das nicht wahrſcheinlich?“ „Es mag ſein! ich gebe die Wahrſcheinlichkeit zu; nun wohl, wir werden meinen Vater rufen.“ „Ihren Vater?“ „Auf der Stelle.“ „Wozu?“ „Er hat eine Feder, die ſo viel werth iſt, als ein Degen; er wird dieſe Waffe zu Dienſten meiner Ehre ſtellen, welche die Ihre hätte ſein müſſen, und wir werden Gerechtigkeit vom Uecbelthäter erlangen, obgleich der Uebelthäter ein Prinz iſt!“ über um kein zen daß geſe ins ſag wie wie hie Ih c ſtel de ihr 263 ein⸗„Oh! thun Sie das nicht,“ rief Auger erſchrocken über die Exaltation von Ingénue. „Wie! was hält Sie zurück?“ „Das Anſehen des Prinzen iſt ungeheuer.“ aftes„Sie haben Furcht?“ „Ei! ich geſtehe, ich bin ein ſehr kleiner Herr, igens um mich an einer Königlichen Hoheit zu reiben!“ te es„Die Ehre iſt alſo nichts für Sie? es iſt alſo keine Genugthuung für Sie, Rache an einem Prin⸗ mich zen zu nehmen, von dem Sie uns zuerſt, und ohne San⸗ daß Sie Jemand dazu zwang, ſo viel Schlimmes aften geſagt haben?“ ver⸗„Aber, Madame, Sie wollen mich alſo durchaus ins Verderben ſtürzen?“ ſetzte„Aber, mein Herr, Sie logen alſo, als Sie uns ſagten, nichts werde Ihnen zu hart ankommen, um ie. wieder ein ehrlicher Mann zu werden?“ —„Madame!“ ſtellt, †„Schweigen Sie, ich habe Ihnen geſagt und ich . wiederhole, Sie find ein Schändlicher „Nun wohl, es ſei! der Krieg, da Sie es ſo chkeit wollen, Madame! Sagen Sie, ich habe den Prinzen 4 hierher gebracht, ſo werde ich ſagen, Sie haben Ihren Liebhaber zu ſich gerufen.“ „Oh! das iſt mir ganz recht,“ rief edelmüthig Ingénue;„geſtehen Sie Ihre Schändlichkeit, ich ge⸗ als ſtehe meine Liebe.“ einer„Madame!“ und„Thun Sie es! die Welt wird urtheilen.“ igen, Auger begriff, da er es mit einem Charakter wie der von Ingénue zu thun habe, ſo ſei Alles für ihn verloren. 264 Er lächelte wie der böſe Engel und erwiederte: „Gleichviel... wir werden das Ende ſehen.“ „Das Ende! oh! wenn Sie es zum Voraus wiſ⸗ ſen wollen... das iſt leicht.“ „Ja, laſſen Sie hören.“ „So hören Sie: ich werde Alles meinem Vater bekennen, und dann nehmen Sie ſich in Acht, ſein Kummer wird Sie theuer zu ſtehen kommen! oder, was einer ehrlichen Frau und einer Chriſtin beſon⸗ ders würdiger iſt, ich werde dieſe entſetzliche Geſchichte dem armen Manne verſchweigen, den Sie ſchon ſo niederträchtig mißbraucht, hintergangen, betrogen haben! ich werde in der Stille dulden, verſtehen Sie wohl? nicht eine Klage wird aus meinem Munde kommen; doch von dieſer Stunde an ſind Sie für mich nur noch ein Gegenſtand des Ekels und der Verachtung.“ Auger machte eine Geberde der Drohung, In⸗ gönue kümmerte ſich nicht darum und fuhr fort: „Mit einem Worte, rechtfertigen Sie ſich, ehe zwei Tage vergehen, durch einen auffallenden Schritt, oder fügen Sie ſich darein, daß ich Sie, ſo oft ich meine Lippen bewege, einen Schändlichen und einen Niederträchtigen nenne.“ „Gut!“ ſagte Auger. Und er ging ab, nicht begreifend, was vorge⸗ fallen war, in ſeiner Einbildungskraft tauſend Mittel, um zu begreifen, ſuchend und ſich an tauſend Muth⸗ maßungen ſtoßend, von denen die einen immer un⸗ wahrſcheinlicher und falſcher als die andern. Ingénue ſah ihren Gatten abgehen, ſie hörte ihn ſich entfernen; und als das Geräuſch ſeiner Tritte auf ſchi Bet bete Rei ſo der war Häl Stit hätt Irr die wie lege erſch zdie war ſcher ſprin † 6 ſchie e ge⸗ tel, th⸗ un⸗ ihn itte 265 auf der Treppe erloſchen war, ſtand ſie auf und ſchloß ſorgfältig die Thüre; dann kam ſie zu ihrem Bette zurück, fiel vor dieſem auf die Kniee, mit Ge⸗ beten, welche Gott in der Tiefe ſeines himmliſchen Reiches rühren ſollten, und rief Chriſtian mit einer ſo ſanften Stimme, daß der Engel ihrer Träume, der nie mit einer ſo ſanften Stimme gerufen worden war, darüber eiferſüchtig ſein mußte. XLVI. Wie der Herr Graf von Artvis Auger empfing. Unglücklicher Weiſe von Ingénue durch eine Hälfte von Paris getrennt, konnte Chriſtian dieſe Stimme nicht hören, die ihn doch gewiß getröſtet hätte. In dieſem Chaos von Ereigniſſen, in dieſem Irrſale von Gedanken hatte Chriſtian, wie Auger, die Vernunft verloren, und er unterlag dem Schmerze, wie Auger der Furcht und der Verachtung unter⸗ legen war. Er trat bei ſeiner Mutter entkräftet, leichenbleich, erſchrecklich anzuſchauen ein, antwortete nichts auf die Fragen voller Beſorgniß, die ſie an ihn richtete, warf ſich auf ein Bett und nahm ſeinen Kopf zwi⸗ ſchen ſeine beiden Hände, als ob ſein Kopf zu zer⸗ ſpringen gedroht hatte. Bald erhob er ſich jedoch wieder. Mitten in der Nacht, die um ihn herrſchte, unter⸗ ſchied er ein freches, ſpöttiſches Geſicht. Das war das Geſicht des Prinzen, der ihm den 266 Zweikampf angeboten, welchen auszuſchlagen er die Stärke gehabt, dergeſtalt war zu jener Zeit eine Königliche Hoheit etwas Ehrfurcht Gebietendes für einen Edelmann. Er hatte einen Entſchluß gefaßt: den, an den Prinzen zu ſchreiben. Unter dieſem Eindrucke ſchrieb er einen Brief voll von der ganzen Bitterkeit ſeiner Seele, und ſchickte ihn unmittelbar nach Verſailles mit dem Be⸗ fehle, denſelben dem Prinzen unverzüglich zu über⸗ geben. Dieſer Brief enthielt ſein Entlaſſungsgeſuch in guter Form, und die Verſicherung, die Ehre von Ingénue werde durch die Oeffentlichkeit, die man einem ſo ſchändlichen, ſo hinterliſtigen Ueberfalle zu geben beabſichtige, gerächt werden. Sodann, da er nichts mehr zu thun hatte, da alle ſeine Hoffnungen und ſeine ganze Liebe mit demſelben Schlage gebrochen worden, legte er ſich wieder zu Bette, um einige Ruhe ſeiner Wunde zu gönnen, welche die Ermüdung und die Gemüthser⸗ ſchütterungen am vorhergehenden Tage auf eine be⸗ unruhigende Weiſe verſchlimmert hatten. Wie ſehr ſich auch der Bote beeilte, er konnte erſt gegen neun Uhr Morgens nach Verſailles kommen. Da es von einem der Pagen Seiner Königlichen Hoheit war, ſo wurde das Schreiben ſogleich bei ſeinem Erwachen dem Prinzen übergeben. Der Graf von Artvis öffnete den Brief in ſei⸗ nem Bette, las ihn und fing an ſich denſelben mit einer gewiſſen Unruhe zu erklären, denn es war nicht r die eine für den Brief und Be⸗ über⸗ ch in von man le zu , da mit ſich de zu hser⸗ e be⸗ onnte ailles lichen bei n ſei⸗ mit nicht —— 267 mehr die Zeit, wo die Völker hoffnungslos unter dem Drucke des Adels ſeufzten; der Vorläuferwind der Revolutionen begann zu wehen; der Blitz vom 14. Juli glänzte am Horizont; der Donner vom 10. Auguſt rollte in der Ferne! Ludwig XVI., dieſer gute, würdige König, der die Folter abgeſchafft, der die franzöſiſche Nation befreien oder vielmehr befreien laſſen ſollte, hatte ſeine Familie ſchon vom Mißbrauche der Gewalt ab⸗ gebracht. Ermüdet durch die nächtliche Fahrt, im ſtärkſten Galopp ſeiner Pferde nach Verſailles zurückgekehrt, um im Falle eines Aergerniſſes ein Alibi zu machen, dachte alſo der junge Prinz über die Gefahr dieſer Geſchichte nach und ſuchte die Mittel, ſie zu beſchwö⸗ ren, als Auger, der freien Zutritt bei ihm hatte, die Thüre ſeines Zimmers öffnete und am Fuße ſeines Bettes erſchien. Auger glaubte alle Verſprechungen, die er dem Prinzen gegeben, und ſogar darüber gehalten zu haben; heiter, ſtrahlend, trug daher Auger auf ſei⸗ nem Geſichte zugleich die Aufgeblaſenheit des Stolzes und die der befriedigten Servilität. Der Prinz, als er Auger erblickte, gab ein ah! von ſich, das dieſer auf eine unbedachtſame Art ver⸗ dolmetſchte. „Ah! da iſt Meiſter Auger!“ ſagte der Prinz. „Der Eurer Königlichen Hoheit bewieſen zu ha⸗ ben hofft, daß ein Diener wie Zopyrus, wenn auch ſelten, doch wenigſtens nicht unfindbar iſt; nur wird Monſeigneur die Gnade haben, ſich zu erinnern, daß 268 Zopyrus von Darius mit Gütern überhäuft worden war, während ich...“ Der Prinz unterbrach: „Herr Auger, Sie ſind, wie es ſcheint, in der alten Geſchichte ſehr bewandert; glauben Sie aber mir, es wäre beſſer für Sie, die Geſchichte unſeres Hauſes gehörig gelernt zu haben.“ „Ich ſage das, Monſeigneur,“ ſprach Auger mit ſeinem anmuthigſten Lächeln und mit ſeiner reizend⸗ ſten Stimme,„weil das, was ich für Seine König⸗ liche Hoheit gethan, einige Aehnlichkeit, viel Aehn⸗ lichkeit ſogar mit dem hat, was der Satrap Zopyrus für Darius that.“ Der Graf ſchaute Auger an und ſchwieg. „Der Satrap Zopyrus verſtümmelte ſich Naſe und Ohren, um in Babylon Eingang zu erhalten, und als er hineingekommen war, öffnete er Darius die Thore. Aber was hat denn Monſeigneur? Mir ſcheint, er ſchaut mich mit einer Miene des Zor⸗ nes an.“ In der That, das ſo offene Geſicht des Grafen von Artvis hatte ſich bedeutend verdüſtert während dieſer Vergleichung in der Manier von Plutarch, welche Auger zwiſchen ſich ſelbſt und dem perſiſchen Satrapen angeſtellt. „Ihrer Meinung nach habe ich alſo Urſache, zu⸗ frieden zu ſein?“ ſagte der Prinz. „Ei! iſt Monſeigneur etwa nicht befriedigt?“ rief Auger, der nicht ahnte, es bleibe dem Prinzen etwas zu wünſchen. „Aus welchem Grunde ſollte ich es ſein, wenn ich fragen darf?“ er. mic ſpr hab Erſ wie bei ung Ger muf nich die Erſt ſeig rden der aber eres mit end⸗ nig⸗ ehn⸗ yrus Naſe ten, wius Mir Zor⸗ rafen ren tarch, ſchen , zu⸗ rief twas wenn 269 „Ja, ich begreife, Monſeigneur iſt unzufrieden, weil er erkannt worden, doch was liegt daran, er⸗ kannt? das iſt ein Vergnügen mehr.“ „Ah! man ſollte glauben, Sie ſpotten, Meiſter Auger!“ rief der Prinz, indem er ſich lebhaft auf ſeinem Kopfkiſſen aufrichtete. Auger wich zurück unter der Flamme des Zor⸗ nes, welche aus den Augen des Prinzen hervor⸗ ſprang. „Ei! Monſeigneur, Sie erſchrecken mich!“ ſagte er.„Woher kommt denn dieſe Stimmung gegen mich? Habe ich denn nicht gewiſſenhaft mein Ver⸗ ſprechen gehalten?“ „Sie haben verkauft, Herr Auger, doch Sie haben nicht geliefert, das iſt es.“ „Wie beliebt, Monſeigneur?“ fragte Auger mit Erſtaunen. „Ich ſage, Sie haben, wie ein Dummkopf oder wie ein Verräther, eine Nachtlampe brennen laſſen, bei der ich erkannt worden; es ſeien Geſchrei, Droh⸗ ungen, Thränen erfolgt. Da es aber nicht meine Gewohnheit iſt, den Frauen Gewalt anzuthun, ſo mußte ich meinen Rückzug nehmen.“ „Wie, Monſeigneur...“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, Herr Auger, das iſt nicht geſchehen, ohne daß ich erklärt, Sie haben mir die Wege geöffnet.“ Das Geſicht von Auger drückte ein unglaubliches Erſtaunen aus. „Wie,“ ſagte er,„zurückgeſtoßen! Sie, Mon⸗ ſeigneur?“ 270 „Ei! Sie wiſſen es wohl, Doppelgeſicht! Haben Sie denn Ihre Jungfer Frau nicht geſehen?“ Der Graf von Artvis legte einen beſondern Nach⸗ druck auf das Wort Jungfer. „Nun wohl,“ erwiederte Auger, in der Hoffnung, der Prinz wolle ſich zum Scherze herablaſſen,„nun wohl, Sie haben Recht, Monſeigneur, meine Jung⸗ fer Fraui denn meine Jungfer Frau iſt von einer ſolchen Unſchuld, daß ſie, ich bin deſſen ſicher, nicht ahnte, Sie haben etwas Anderes bei ihr zu thun, als ihr einen Beſuch zu machen; ſie warf mir nur vor, daß ich Eurer Hoheit bei ihr habe einſchleichen helfen. In der That, ſie hat mit Recht ihren Na⸗ men in der Taufe erhalten, und Ingénue iſt ein wahres Wunder von Treuherzigkeit.“ „Ja, Sie finden das reizend.“ „Monſeigneur...“ „Gut; doch Sie werden erlauben, daß ich nicht Ihrer Anſicht bin, denn ich habe meine Nacht damit zugebracht, daß ich mich von dieſem Wunder von Treuherzigkeit vor die Thüre werfen ließ.“ „Aber, Monſeigneur...“ „Schweigen Sie! Sie ſind ein Dummkopf: Sie haben mir eine Schmach auferlegt, Sie haben meine Ehre compromittirt.“ „Oh!“ ſtammelte Auger ganz zitternd,„ſollte Monſeigneur wirklich im Ernſte nehmen..„2 „Ob ich es im Ernſte nehme? Ich glaube wohl, beim Teufel!... Wie! Sie machen, daß über mei⸗ nem Haupte eine Geſchichte ſchwebt, welche mich viel⸗ leicht ſehr weit führen würde, hätte ich nicht glück⸗ licher Weiſe zu meiner Garantie Sie da, und Sie frag im neut meit eine welc gén der Stel vert mer bei( hieri gen! wußt Weif terrie die 2 hiezu ben ch⸗ ng, mun ug⸗ ner icht un, nur hen Na⸗ ein icht mit von Sie eine ollte ohl, mei⸗ iel⸗ lück⸗ Sie 271 fragen mich, doppelter Schuft! ob ich dieſe Geſchichte im Ernſte nehme?“ „Habe ich recht gehört?“ rief Auger,„Monſeig⸗ neur würde auf mich zurückfallen laſſen„2 „Ei! gewiß, mein Herr!“ „Doch aus welchem Anlaſſe, Monſeigneur?“ „Aus dem Anlaſſe, daß ich auf der Straße einen meiner Pagen, Chriſtian Obinsky, gefunden habe,— einen Paladin, der Streit mit mir ſuchte, und mit welchem ich den Degen zu kreuzen im Begriffe war.“ „Das iſt alſo ohne Zweifel derſelbe, der zu In⸗ génue hinaufgegangen?“ „Ah! Sie ſehen! zu Ingénue! Ihr Wunder der Treuherzigkeit mit einem Liebhaber!“ „Kann Monſeigneur glauben...25 „Dieſe ſo reine Tugend ließ ſich von einem Stellvertreter für Sie bewachen! nur hatte der Stell⸗ vertreter die Nummer 1, während Sie mir die Num⸗ mer 2 anboten.“ „Wie, Sie würden denken, Monſeigneur...7“ „Eine zarte Aufmerkſamkeit, für die ich Ihnen bei Gelegenheit werde Dank wiſſen... Sie können hierüber ruhig ſein, Herr Auger!“ „Aber, Monſeigneur, ich wußte nichts vom Pa⸗ gen! ich hatte keine Idee von Chriſtian! Woher wußte er...7“ „Ei! mein Herr, vergleicht man ſich beſcheidener Weiſe mit Zopyrus, ſo muß man beſſer als ſo un⸗ terrichtet ſein. Sie könnten ſich nicht wie Zopyrus die Naſe abſchneiden laſſen: ſie iſt nicht lang genug hiezu; doch was die Ohren betrifft, das iſt etwas 272 Anderes, und wenn Sie ſich nicht ſehr raſch aus dem Staube machen, ſo übernehme ich das!“ „Oh! Monſeigneur, ſchonen Sie mich!“ „Sie ſchonen! warum das? Nein, bei Gott! ganz im Gegentheile, ich werde Sie zertreten.. Hier, ſehen Sie!“ Und er zeigte Auger den Brief, den er kurz zu⸗ vor erhalten. „Der junge Mann Nummer 1, mein Page, ſchreibt mir Süßigkeiten: ſehen Sie, er droht mir! Gut! die Oeffentlichkeit wird auf Sie zurückfallen, Herr Auger, und ich erkläre Ihnen zum Voraus Eines: daß ich ſie nicht fürchte.“ Auger riß die Augen wie ſtumpfſinnig auf: er mochte immerhin ſuchen, er errieth nicht, worauf der Prinz abzielte. „Und vor Allem,“ fuhr der Graf von Artvis fort,„vor Allem jage ich Sie zum zweiten Male weg. Unter uns will ich Ihnen wohl ſagen, warum: weil Sie eben ſo ungeſchickt als ſchlecht find; doch in den Augen der Leute, der Geſellſchaft, der Bür⸗ ger, der Zeitungsſchreiber, der Publiciſten, der Phi⸗ ioſophen jage ich Sie weg, weil Sie der Urheber der Schändlichkeit ſind, welche darin beſteht, daß man an einen Mann die Frau, die man geheirathet hat, verkauft.“ „Monſeigneur!“ „Ich wußte nicht,— und wenn ich es ſage, ſo wird man mir glauben,— ich wußte nicht, daß In⸗ génue Ihre Frau war; Sie haben mich für einen Gimpel angeſehen; man hält Sie für ſo geſchickt, daß ſich Niemand darüber wundern wird; das iſt dem ott! ⸗ age, mir! llen, raus er f der rtois Male rum: doch Phi⸗ heber daß athet ſo ß In⸗ einen chickt, s iſt 273 eine Rolle, mit der ich mich begnügen werde. Sie waren mein Kammerdiener; glücklich, mir zu gefallen, haben Sie mir den Schlüſſel einer Thüre gegeben; ich habe ihn genommen, das iſt wahr, aber, bei Gott! ich wußte nicht, daß dieſer Schlüſſel das Zim⸗ mer Ihrer Frau, das heißt eines Engels der Rein⸗ heit, öffnete. Ah! Meiſter Auger, Sie ſind nur ein Dummkopf; ich halte Sie und werde Sie nicht los⸗ laſſen, ſeien Sie ruhig!“ „Aber Sie ſtürzen mich ins Verderben, Mon⸗ ſeigneur!“ „Bei Gott! glauben Sie etwa, ich werde zwiſchen Ihnen und mir unſchlüſſig ſein?“ „Aber, Monſeigneur, ich ſchwöre Ihnen, daß es nicht meine Schuld iſt.“ „Es wäre wahrhaftig intereſſant, wenn es Ihnen gelänge, mich zu überzeugen, es ſei die meine.“ „Ich frage Eure Hoheit, wer Teufels konnte die⸗ ſen Chriſtian vorherſehen?“ „Oh!l ja, hundertmal ja, Herr Schuft, Sie muß⸗ ten ihn vorherſehen!“ „Ich?“ „Das war Ihre Aufgabe als guter Diener; denn wäre der Page, ſtatt ein wackerer Menſch zu ſein, einer von den heilloſen Schurken geweſen, welche ſpeculiren, oder einer von den Banditen, welche die Leute ausplündern, ſo hätte er mir einmal meine Börſe und dann mein Leben an einer Degenſpitze entreißen können; er hätte mich tödten können, Herr Auger! Was denken Sie hievon? Reden Sie!“ Ein Schauer durchlief alle Adern des Elenden; er ſtellte ſich, nicht den Grafen von Artvis todt und Dumas, Ingénue. II. 18 274 auf dem Pflaſter liegend, ſondern den Gröve⸗Platz und das Rad vor, und bei dieſem Rade den Henker mit einer eiſernen Stange in der Hand! „Mein Gott! mein Gott!“ ſagte er, die Hände ringend,„was wird mit mir geſchehen, Monſeigneur, wenn Eure Hoheit mich verläßt?“ „Was mit Ihnen geſchehen wird? Eil ich nehme an, ich lehre Sie nichts Neues, wenn ich Ihnen ſage, daß ich mich ſehr wenig darum kümmere. Dieſer Brief fordert von mir Gerechtigkeit; ich werde Gerechtigkeit üben, ich werde Alles dem König mitthei⸗ len, ich werde den Schutz der Königin für eine Frau verlangen, die man entehren will; ich werde Ingé⸗ nue ſelbſt um Verzeihung bitten... Ei! was Teu⸗ fels, Meiſter Auger, nur Sie verſtanden es, eine Rolle zu ſpielen. Sodann, wenn ich Alles gethan habe, was ich für mein eigenes Gewiſſen thun muß, werde ich an Sie denken. Man bedroht mich mit der Heffentlichkeit: es ſei! ich nehme es an; ich werde dieſe Heffentlichkeit ſo machen, daß nie ein Licht günſtiger für mich geweſen ſein wird. Für Sie wird ſich Schatten finden, Herr Auger, flüchten Sie ſich darein, wenn es Ihnen gutdünkt.“ „Sie verlaſſen mich alſo, Monſeigneur?“ fragte der Elende ſich krümmend. „Ich verlaſſe Sie nicht nur, ſondern ich verleugne Sie ſogar.“ „Wenn es mir aber geglückt wäre?“ e Ihnen geglückt wäre?“ 6 „Nun wohl, ich muß Ihnen ſagen, Herr Auger, das wäre mir ſehr ärgerlich geweſen. Ich liebe . alle daſ keu Au ma ver laſſ Get bin den erg lich fort und auß Am ten gut ich dert Gal mir mit ſchw Plat enker ände neur, ehme hnen nere. erde thei⸗ Frau ng6⸗ Teu⸗ eine ethan muß, mit verde Licht e ſich ragte eugne luger, liebe 275 allerdings das Vergnügen; doch ich finde, es heißt daſſelbe wahrhaftig zu theuer erkaufen, eine Frau ſo keuſch, ſo rein, ſo intereſſant wie Madame Ingénue Auger, geborene Rétif de la Bretonne, weinen zu machen. Wäre es mir gelungen, ich glaube, Gott verzeihe mir, ich hätte Sie wie einen Hund tödten laſſen: denn wäre es mir gelungen, ſo hätte ich Gewiſſensbiſſe, während ich heute, da ich geſcheitert bin, Gott ſei Dank, nur Scham habe.“ „Monſeigneur! Monſeigneur!“ rief Auger,„wer⸗ den Sie unbeugſam ſein?“ „Herr Auger, ich wäre in der That zu dumm, ergriffe ich nicht dieſe Gelegenheit, mir die öffent⸗ liche Achtung wieder zu gewinnen, indem ich Sie fortjage.“ „Alſo keine Hoffnung mehr?“ „Keine, mein Herr. Entfernen Sie ſich von hier und erinnern Sie ſich, daß jedes Geräuſch von außen hier ſein Echo haben wird. Sie werden der Amboß ſein, und ich werde der Hammer ſein. Hal⸗ ten Sie ſich gut, mein Herr Auger, halten Sie ſich gut!“ „Oh! man treibt mich an! man treibt mich an! ich wollte doch nicht zum Verbrechen gehen.“ „Sie werden gehen, wohin Sie wollen,“ erwie⸗ derte der Prinz;„doch da dies wahrſcheinlich zum Galgen ſein wird, ſo wünſche ich, daß Sie nicht bei mir gehenkt werden.“ Auger gab einen dumpfen Schrei von ſich, ſchaute mit der Miene eines Irrſinnigen umher und ver⸗ ſchwand mit dem Ziſchen der Furien in den Ohren. 276 Kaum war er verſchwunden, da zog der Prinz zule heftig an der Klingelſchnur. beg „Man hole mir Herrn Chriſtian Obinsky,“ be⸗ fahl er;„ich will ihn auf der Stelle ſehen.“ Gr XLVII. Lov Prinz und Edelmann. nic Nachdem der Brief abgegangen, nachdem das erſte Ver Feuer des Zornes vorüber und das Fieber ein wenig fole beſänftigt war, dachte Chriſtian über die Folgen ſeines Benehmens gegen den Prinzen nach und gerieth, ohne beängſtigt zu werden, doch in Unruhe, als gegen Fal elf Uhr Morgens der Bote Seiner Königlichen Hoheit Ba erſchien. me Er hatte ſich ſehr beeilt, denn er war ungefähr in einer Stunde von Verſailles nach Paris gekommen. fieh Die Meldung dieſes Boten beruhigte den jungen es Mann durchaus nicht. bin Es handelte ſich wohl noch ein wenig um die Rei Baſtille im Jahre der Gnade 1788, das heißt ein Jahr, ehe ſie zerſtört wurde, und man hatte noch De nicht ganz die Tradition verlernt, welche jedem Franzoſen einen Prinzen von Geblüt, ſelbſt bei ſeinen Verirrungen, zu reſpectiren einſchärft. Chriſtian, der im Bette lag, ließ den Boten plö eintreten, und befragte ihn ſodann. Der Bote wußte nichts; er hatte keinen andern Befehl erhalten, als von Verſailles abzugehen, mit er verhängten Zügeln zu reiten und Chriſtian ei⸗ ſcht rſte nig nes eth, gen heit ähr en. gen die ein och dem nen oten ern mit ein⸗ 277 zuladen, ſich ſelbſt unverzüglich nach Verſailles zu begeben. Unverzüglich, das war kurz. Fs gab keinen Zweifel über die Abſichten des Grafen von Artvis: ſie konnten nicht gut ſein. Chriſtian ſeufzte alſo bei dem Gedanken an das Loos, das ſeiner harrte; ſein Entſchluß war aber nichtsdeſtoweniger raſch gefaßt. Er ſagte dem Boten des Prinzen, er könne nach Verſailles zurückkehren und entſchieden melden, er folge ihm. Dann ging er zu ſeiner Mutter. Man mußte für Alles vorherſehen, ſelbſt für den Fall, daß er von Verſailles unmittelbar nach der Baſtille, um hier einquartiert zu bleiben, zurückkom⸗ men würde. „Meine Mutter,“ ſagte er,„Seine Hoheit be⸗ fiehlt mir, mich auf der Stelle zu ihr zu begeben; es wäre möglich, daß ſie mich nun, da ich geneſen bin, eine Reiſe machen ließe, von der früher die Rede war.“ „Nun wohl, es ſei,“ ſprach die Gräfin;„vor Deinem Abgange werden wir uns noch ſehen.“ „Das fragt ſich.“ „Wie, das fragt ſich?“ „Allerdings: dergleichen Expeditionen müſſen oft plötzlich ausgeführt werden.“ „Mein Sohn!“ „Ja, meine Mutter, ein Bote reiſt ab, ſobald er ſeine Inſtructionen erhalten hat, und es wirdoft ſchwierig, Abſchied zu nehmen, weil das Geheimniß 278 durch die Anweſenheit des Boten in Paris ſehr in Gefahr geſetzt wäre.“ „Ich begreife,“ erwiederte die Gräfin mit Be⸗ ſorgniß;„Du reiſeſt alſo ab?“ „Ja, meine Mutter.“ „Doch Deine Geſundheit?“ „Ich hatte hauptſächlich Zerſtreuung nöthig, und die Reiſe, die ich unternehmen ſoll, wenn ich ſie unternehme, wird mir geben.“ „Ich habe keine Einwendung mehr zu machen,“ ſagte die Gräfin. Sodann den jungen Mann mit unbeſchreiblicher Liebe anſchauend: „Werde ich nur im Stande ſein, Dich zu ſehen, ehe Du Dich auf den Weg begibſt, und wäre es an einer Barrière von Paris, wo ich Dich von Dir benachrichtet erwarten würde?“ „Ich weiß nicht, meine Mutter,“ antwortete Chriſtian zögernd. „Welche Reiſe Du auch unternehmen magſt, man kann Dir das nicht verweigern; ſonſt würde ich ſagen, ich werde meine Reiſe dahin lenken, wohin man Dich ſchicken wird.“ Chriſtian erwiederte nichts, die Zärtlichkeit dieſer Mutter hatte Argusaugen, und keine Lüge konnte bei ihr über eine Stunde beſtehen. Mittlerweile hatte Chriſtian, noch zu ſchwach, um einen langen Ritt zu machen, die Pferde an den Wagen ſpannen laſſen. Er nahm Abſchied von der Gräfin, die von ihm nichts Anderes erlangen konnte, als was er ihr ſchon der und den wer wel ſtia Dir 28 geſagt hatte, und begab ſich zu Seiner Königlichen Hoheit. Er fand den Prinzen ganz angekleidet, ganz würdevoll; er ging in ſeinem Cabinet faſt träumeriſch, — was ſelten war,— auf und ab, als man Chri⸗ ſtian meldete. Dieſer erſchien auf der Schwelle mit niederge⸗ ſchlagenen Augen und demüthiger Miene, aber mit entſchloſſenem Herzen. „Treten Sie ein, mein Herr, treten Sie ein!“ rief der Prinz;„man mußte Ihnen ſagen, daß ich Sie erwarte.“ „Ja, Prinz,“ erwiederte Chriſtian,„ich weiß, daß Eure Hoheit mir dieſe Ehre zu erweiſen die Gnade hat.“ Der Prinz winkte dem Kammerdiener, der Chri⸗ ſtian eingeführt hatte, ſich zu entfernen und die Thüre zu ſchließen. Der Kammerdiener gehorchte; der Prinz und der junge Mann blieben allein. Der Prinz machte ſtillſchweigend noch ein paar Schritte, während Chriſtian ſtumm und unbeweglich daſtand. „Mein Herr,“ ſagte zu ihm, plötzlich ſtillſtehend, der Prinz,„es gehen unter uns ſeltſame Dinge vor, und vor Allem, um nun von dem Briefe zu ſprechen, den ich heute Morgen von Ihnen erhalten habe, werden Sie zugeſtehen, daß er kaum denjenigen gleicht, welche man den Prinzen ſchreibt.“ „Verzeihen Sie, Monſeigneur,“ erwiederte Chri⸗ ſtian,„das rührt von Einem her: davon daß das, was 280 mir begegnet, kaum dem gleicht, was den Menſchen begegnet.“ „Mein Herr,“ ſprach der Prinz,„ich will keine Erklärung, ehe ich Sie mit meinem Willen bekannt gemacht habe.“ Chriſtian glaubte ſich am Ziele der Reiſe ange⸗ kommen und hielt ſchon ſeinen Degen bereit, um ihn dem Prinzen zu übergeben. „Mein Herr,“ fuhr der Graf von Artvis fort, der ohne Zweifel begriff, was im Geiſte des jungen Mannes vorging,„ich bin auf die beklagenswertheſte Art zu einem Irrthun durch einen meiner Diener verleitet worden! Dieſer Irrthum hat mich zu einem Schritte geführt, den ich ſehr bedaure, da er einer Frau mißfallen hat. Am Ende läßt ſich aber jeder Fehler wieder gut machen...“ „Oh! nein, Monſeigneur, nein!“ rief Chriſtian ſein Geſicht in ſeinen Händen verbergend,„leider iſt der, welchen Eure Hoheit begangen hat, nicht wieder gut zu machen?“ „Nicht wieder gut zu machen! und warum, wenn ich bitten darf?“ „Die Ehre einer Frau, Monſeigneur, iſt, wie Sie wiſſen, viel zarterer Natur, als die eines Mannes; für den Verluſt der Keuſchheit gibt es kein Mittel.“ „Ah! mein Herr,“ ſagte der Prinz Chriſtian mit einer fragenden Miene anſchauend,„in wie fern hat denn, wenn's beliebt, Madame Auger ihre Keuſch⸗ heit verloren? Wenn nicht etwa bei Ihnen!“ Chriſtian ſchaute empor. „Wie! Monſeigneur,“ er,„eine Frau, die ihr Mann überliefert hat. 281 „Verkauft, wollen Sie ſagen, mein Herr.“ „Oh! Monſeigneur, Monſeigneur, Ingénue iſt entehrt.“ 6„Nicht im Geringſten, mein Herr, und Sie ſind, wie mir ſcheint, im tiefſten Irrthume befangen.“ 6„Eure Hoheit verzeihe, ich begreife nicht.“ „Sie werden begreifen: an dem Abend des Auf⸗ ruhrs, an demſelben Abend, wo Sie verwundet wurden, hatte ich das Glück, Mademoiſelle Ingénue allein, von ihrem Vater getrennt zu treffen; ohne daß ſie wußte, wer ich war, begleitete ich ſie nach Hauſe; ſie hatte mich alſo geſehen und kannte mich. Heute Nacht, als ſie mich wiederſah, fand ſie na⸗ türlich zwiſchen meinem Geſichte und dem ihres Mannes die glückliche Verſchiedenheit, die der Him⸗ mel darein gelegt hat. Das hätte ihr ſchmeicheln können, nicht wahr? Oh! nein, ganz im Gegentheile: ſie ſchrie, ſie erſchrak, ſie flehte, ſie warf ſich vor mir auf die Kniee. Ich ſagte Alles, was mir die Höflichkeit an Gemeinplätzen eingab: ſie blieb be⸗ harrlich; ich nahm meinen Hut und meinen Degen, richtete ein Wort des Abſchieds gefolgt von einer tiefen Verbeugung an ſie, und entzückt, zu ſehen, daß ich mich getäuſcht hatte, oder vielmehr, daß ich getäuſcht worden war, erreichte ich die Straße, wie Sie wiſſen, mein Herr, da Sie dort mit mir zu⸗ ſammengetroffen ſind.“ „Iſt das wirklich wahr?“ fragte Chriſtian im höchſten Maße erſtaunt,„iſt das wirklich wahr, Monſeigneur?“. „Wie beliebt?“ verſetzte der Prinz mit dem gan⸗ 282 zen Stolze ſeines Geſchlechtes, der ſich vor dieſem wunt gegen ſein Wort geäußerten Zweifel erhob. heit, „Oh! ja, Monſeigneur, das iſt wahr!“ rief Ingé Chriſtian,„Ihr Mund, der Mund eines großen hiern Fürſten, eines loyalen Edelmannes, kann nicht lügen. Mutt Monſeigneur, ich glaube Ihnen und ich ſegne Sie. nardi Ingénue iſt alſo rein? Güte des Himmels! ich werde er vr vor Freude ſterben, Monſeigneur!“ Faub „Sie ſind alſo ihr Geliebter, mein Beſter?“ ging „Ja, ihr Geliebter! Oh! Monſeigneur, wenn bisz man, weil man eine Frau anbetet; wenn man, weil brach man ſie mit gefalteten Händen verehrt; wenn man, dem weil man ihren Blick, ihre Stimme, den berauſchen⸗ G den Zauber ihrer geringſten Geberde vergöttert; Graf wenn man, weil man Luſt haſt, die Spur ihrer„ Tritte zu küſſen und an den Zuckungen zu ſterben,„nun die das Rauſchen ihres Kleides verurſacht; wenn es b man um Alles deſſen willen ihr Geliebter genannt werd werden kann... Oh! ja, ja, ich bin wohl der Ge⸗ Ich liebte von Ingénue!“ Inge „Wahrhaftig?“ ſagte lächelnd der Prinz, den ſiel r plötzlich die Vertraulichkeit der Jugend erfaßte,„Sie zum beleben mich wieder mit Ihrer Geſchichte, mein lieber Herz Chriſtian!“ Auge Ebenfalls freudig, und durch ſeine Freude ver⸗ trauensvoll gemacht, fing Chriſtian nun an dem„ Prinzen die ganze Reihenfolge ſeiner Abenteuer zu war erzählen: das reizende und zugleich unglückliche ſie n Leben, das er bei Ingénue führte, als er, auf dem⸗ ſichk ſelben Boden mit ihr wohnend, ſich für einen Eiſe⸗ den leur ausgab; alsdann kam er zu den Predigten des wie Vaters Rétif, zu ſeiner Austreibung, zu ſeiner Ver⸗ dem, ½ ieſem rief oßen igen. Sie. verde venn weil man, chen⸗ tert; ihrer ben, venn annt Ge⸗ den „Sie eber ver⸗ dem r zu liche dem⸗ des Ver⸗ 283 wundung, zu ſeinen Leiden während ſeiner Krank⸗ heit, zu der Unmöglichkeit, in der er ſich befunden, Ingénue Nachricht von ſich zukommen zu laſſen; hiernach ſagte er, wie bei ſeiner Rückkehr zu ſeiner Mutter ſein erſter Ausgang nach der Rue des Ber⸗ nardins geweſen ſei. Er erzählte, auf welche Art er von der Rue des Bernardins nach der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Antvine geſchickt worden war; dann ging er zu dem über, was er geſehen und gehört bis zu dem Augenblicke, wo er in Verzweiflung ge⸗ bracht durch die grauſamſten Qualen der Eiferſucht dem Prinzen den Weg verſperrt hatte. Endlich ſchwieg er, und es war die Reihe am Grafen von Artois. „Nun, mein lieber Chriſtian,“ ſprach dieſer, „nun, da ich mit Ihren Abenteuern vertraut bin, iſt es billig, daß Sie von den meinigen unterrichtet werden. Vernehmen Sie alſo, was Sie nicht wiſſen. Ich traf, wie ich Ihnen geſagt habe, zufällig mit Ingénue zuſammen, welche anbetungswürdig iſt; ſie fiel mir auf als einer von den Typen, die man als zum Volke gehörend ſieht, während Gott ſie zur Herzogin oder zur Königin hätte machen müſſen. Auger, mein... Factotum, verſprach ſie mir.“ „Ahl ah!“ „Was wollen Sie, ich nahm es an, und das war mein Unrecht! Es ſcheint, der Schuft wollte ſie wie eine Vandale gewaltſam entführen; er ließ ſich krumm und lahm ſchlagen, er und der Gefährte, den er ſich beigeſellt hatte; ich blieb aus dem Spiele, wie Sie ſich denken können, und wußte nichts von dem, was vorging. Die Sache ſcheiterte; ſogleich 284 jagte ich Auger weg, der ſo dumm geweſen, meine Livree bei dieſem ganzen Gezänke zu compromit⸗ tiren.“ „Und Sie handelten edel, Monſeigneur!“ ſprach Chriſtian. „Ja. doch warten Sie, wir ſind noch nicht beim Ende.“ „Ich höre, Monſeigneur.“ „Nun kommt mein Schuft auf den Einfall, ſich auf ſeine Weiſe zu rächen! Wiſſen Sie, worin dieſe Rache beſtand? Der Burſche bekehrte ſich, oder viel⸗ mehr,— zur Ehre der Religion ſei es geſagt,— er gab ſich den Anſchein, als bekehrte er ſich; er verführte durch ſeine Worte einen gutherzigen Men⸗ ſchen, den Pfarrer Bonhomme. Kurz er läßt ſich von ihm empfehlen, rührt ſich, wird Maurer, Zim⸗ mermaler, ich weiß nicht was! verdient dreißig Sous täglich, macht dem Vater Rétif den Hof, beſchwatzt die Tochter und heirathet ſie auf eine geheimnißvolle Art. Sobald dieſe Frau geheirathet iſt, benimmt er ſich alſo gegen mich, der ich vielleicht noch ein wenig an Ingénue dachte, aber ganz und gar nicht mehr an ihn dachte. Es iſt gut, wenn ich Ihnen ſage, daß ich ihn, als ich ihn wegjagte,— wohl verſtan⸗ den, um ihm ihre Superiorität über ihn fühlbar zu machen,— mit Lebel, mit Bachelier und ich weiß nicht mit wie viel berühmten Frontins, deren Samm⸗ lung er verunziert, verglichen hatte. Geſtern am Morgen erhielt ich folgenden Brief: in de in de von kleine Mäd unter E von gena dem ſoll und geſc Brie auft Hän beim klärt und mich ſtian Grut meine romit⸗ prach nicht ſich dieſe viel⸗ er Men⸗ t ſich Zim⸗ Sous watzt volle mt er venig mehr ſage, ſtan⸗ r zu weiß mm⸗ am 285 „„Monſeigneur, „„Ingénue wohnt nicht mehr im vierten Stocke in der Rue des Bernardins; ſie wohnt im dritten in der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Antoine, im Hauſe von Réveillon, dem Tapetenhändler. Auch iſt eine kleine Veränderung in ihrer Lage vorgegangen: ſtatt Mädchen zu ſein, iſt ſie Frau; ſtatt einem Vater unterworfen zu ſein, hängt ſie von ſich ſelbſt ab. „„Halten Sie ſich heute Abend in einem Fiacre von Mitternacht bis Morgens um ein Uhr in der genannten Rue du Faubourg⸗Saint⸗Antvine und dem genannten Hauſe gegenüber auf. Eure Hoheit ſoll einen Mann finden, der ihr die Thüre öffnen und die Hertlichkeiten erklären wird.““ „Wie, Monſeigneur,“ rief Chriſtian,„er hat das geſchrieben?“ — Gott!“ erwiederte der Prinz,„hier iſt der „Oh! welch ein Glück, daß ihn Eure Hoheit aufbewahrt hat.“ „Teufel! ich hütete mich wohl, ihn aus meinen Händen zu laſſen, denn ich dachte, es ſei ein Hinterhalt.“ „Ja, ich begreife... Dann fand ſich Eure Hoheit beim Rendez⸗vous ein?“ „Er auch... Er gab mir einen Schlüſſel, er⸗ klärte mir die Art, wie ich hineinkommen konnte, und bei meiner Treue, ohne eine Nachtlampe, die mich ſehr zur Unzeit beleuchtete, mein lieber Chri⸗ ſtian, richtete dieſer Unglückliche Ihre Geliebte zu Grunde.“ 286 „Der Schändliche!“ „Nicht wahr?“ „Aber nun bleibt ein Schuldiger, Monſeigneur!...“ „Ah! dieſer... das mache ich zu meiner An⸗ gelegenheit,“ ſagte lachend der Prinz,„und ſeine Beſtrafung geht nur mich an.“ „Wird mir Eure Hoheit je vergeben?“ „Es iſt Alles vergeben: Sie ſind ein wackerer junger Mann, Chriſtian. Doch was ſoll ich mit dieſem Auger thun?“ „Ah! Monſeigneur, ein Beiſpiel!“ „Einverſtanden; nehmen wir uns aber in Acht, die Ehre der Frauen bekommt furchtbare Riſſe, wenn die Männer Beiſpiele machen, und ich habe den Grundſatz: ein Stoff ohne Riſſe iſt mehr werth, und wäre er auch minder koſtbar, als ein reicherer mit einer Ausbeſſerung, ſo gut ſie gearbeitet ſein mag.“ „Sie haben Recht, Monſeigneur; überdies ver⸗ gaß ich, ich Wahnſinniger! daß der Name Eurer Hoheit nicht ins Spiel gebracht werden darf, und daß es Ihren Edelmuth und Ihre Güte ſchlecht an⸗ erkennen hieße, Sie zu dieſem Streite ſich herab⸗ laſſen zu machen.“ „Oh!“ verſetzte der Prinz, der, Dank ſei es den Vorſichtsmaßregeln, die er genommen, rein und weiß aus dieſer Sache hervorzugehen ſicher war,„ich würde für Ihre Genugthuung viel wagen; doch be⸗ denken Sie wohl: dieſes Mädchen, dem Sie, ohne Licht, beim abweſenden Vater Rétif den Hof machten; Ihre Vertreibung von Ingénue, als man in Ihnen einen Edelmann erkannte, während Sie ſich den An⸗ ſchein eines Arbeiters gaben; die Heirath von Auger, meir Ann ein für Rue der mit Wel nicht arm ſtan Gra fene Ing mac mel gan⸗ nich ſie i ſo n lichk uns men r...“ rAn⸗ ſeine ckerer mit Acht, wenn den und mit tag.“ ver⸗ urer und an⸗ erab⸗ den weiß „ich be⸗ ohne hen; hnen An⸗ ger, 287 meine Anweſenheit im Brautgemache, ſodann Ihre Anweſenheit... kurz, iſt das nicht ein wenig obſcön, ein wenig verwickelt, ein wenig Figaros Hochzeit für Alle diejenigen, welche nicht, wie wir, in der Rue des Bernardins in den vierten Stock und in der Rue du Faubourg⸗Saint⸗Antoine in den dritten mit der Fackel der Einweihung getreten ſind? Die Welt, ſehen Sie, mein lieber Chriſtian, die Welt iſt nicht liebreich: dieſes ſo oft bedrohte, ſo oft gerettete arme Mädchen, dieſe bis im Allerheiligſten des Ehe⸗ ſtands von zwei Männern, von denen der Eine der Graf von Artois, der Andere ſein Page, angegrif⸗ fene Schamhaftigkeit, wird dies Alles nicht ein wenig Ingénue der Braut des Königs von Garbi gleichen machen?“ Chriſtian erbleichte. „Ah! Sie lieben ſie ſehr!“ ſagte der Graf. Chriſtian ſeufzte und ſchlug die Augen zum Him⸗ mel auf. „Laſſen Sie hören, was gedenken Sie zu thun?“ „Monſeigneur,“ erwiederte Chriſtian,„das iſt ganz einfach: ich werde ſie entführen.“ „O weh! o weh! o. weh! mein lieber Freund!“ „Was denn, Monſeigneur, entführt man denn nichts mehr?“ „Doch, bei Gott! berückſichtigen Sie aber Ingénue: ſie iſt verheirathet. Nehmen Sie ihm ſeine Frau, ſo wird Auger ſchreien wie ein Geier; die Oeffent⸗ lichkeit, die wir zu vermeiden ſuchen, wird er gegen uns anwenden. Die ſchöne Rolle, die wir zu neh⸗ men haben, wird er im Gegentheile nehmen.“ „Aber, Monſeigneur...5 288 „Ah! Sie wiſſen nicht, wer dieſer Auger iſt. Nun, glauben Sie mir, das iſt ein furchtbarer Böſewicht; ich würde ihn wohl in ein Kerkerloch ſtecken laſſen; aber von elend, was er iſt, würde er intereſſant. Ah! mein lieber Chriſtian, Herrn Auger intereſſant machen, hüten Sie ſich hievor, wie vor der Peſt!“ „Was iſt dann zu thun, Monſeigneur?“ „Mein Lieber, man muß warten: Auger hat nicht das Mittel, lange ruhig zu bleiben; überdies, hätte er auch die Möglichkeit, ſo liegt das nicht in ſeinem Charakter; glauben Sie meiner Erfahrung, binnen Kurzem muß er ein vollendeter Böſewichtwerden. Das macht Sie lächeln, da Sie ſehen, daß ich nur ſieben bis acht Jahre im Alter von Ihnen ent⸗ fernt bin; doch die Prinzen werden um zehn Jahre älter geboren als die anderen Menſchen: ich bin alſo gerade doppelt ſo alt als Sie.“ „Sie rathen mir folglich, zu warten, Monſeigneur?“ „Ja.“ „Aber das Warten iſt der Tod. Dieſer Elende beſitzt ſie, er iſt ihr Herr.“ „Ahl da wollen wir vernünftig reden, und hierin werden Sie mich ohne Widerſpruch Ihnen überlegen finden. Wollen Sie vernünftig mit mir reden?“ „Monſeigneur, ich ſchwöre Ihnen, daß ich nichts Anderes wünſche.“ „Nun, ſo ſetzen Sie ſich.“ „Monſeigneur...“ „Sie haben ein krankes Bein.“ „Monſeigneur, ich gehorche.“ Chriſtian nahm einen Stuhl. wie ruhi ſtian r iſt. barer rloch de er uger vor hat dies, ein ung, den. nur ent⸗ ahre alſo r?“ ende erin egen chts 289 Der Graf von Artois zog ein Fauteuil herbei, wie man es in der Komödie macht, wenn man eine ruhige, geſetzte Scene ſpielen ſoll. „Und hören Sie mich nun?“ fragte der Prinz. „Ich höre Sie, Monſeigneur,“ antwortete Chri⸗ tian. XLVIII. Wo der Graf von Artois und Chriſtian vernünftig reden. „Mein lieber Chriſtian,“ fuhr der Prinz fort, „Sie ſagen alſo, Ingénue ſei in der Gewalt dieſes Menſchen?“ „Ic. „Und er beſitze ſie?“ „Ich befürchte es.“ „Eine Frage?“ „Sprechen Sie, mein Prinz.“ „Liebt ſie Sie?“ „Monſeigneur, ich weiß es nicht.“ „Wie ſo?“ z Nein⸗ da ſie zu heirathen eingewilligt hat; o „Gut! Sie glauben das?“ „Mein Gott! Monſeigneur, Eure Hoheit begreift, betrachte ich dieſen Elenden befleckt von Verbrechen, die er auf ſeinem Geſichte reflectirt, und ich betrachte mich, nun wohl, ich geſtehe, dann dünkt es mir wahr⸗ ſcheinlich, daß Ingénue mich ihrem Manne vorzieht.“ „Mein Lieber, Sie müſſen ſich untlgen iſt Dumas, Ingénue. II. 1 290 erſte Nothwendigkeit; liebt ſie Sie, ſo wird ſie nie dieſem Menſchen gehören.“ „Monſeigneur!“ „Ei! ich begreife, das genügt Ihnen nicht.“ „Nein.“ „Sie müßte Ihnen gehören, nicht wahr?“ „Ach! ja, Monſeigneur.“ „Dies, mein Lieber, iſt eine Sache zwiſchen Ihnen und ihr, und ich kann Ihnen in dieſer Hinſicht keinen Rath geben.“ „Könnte,“ fragte zögernd der junge Mann, „könnte Eure königliche Hoheit nicht ihren Einfluß benützen, um zu machen, daß die Heirath für un⸗ gültig erklärt würde?“ „Bei Gott! ich habe ſchon hieran gedacht; doch unter welchem Vorwande? bedenken Sie wohl! Die Welt iſt in dieſem Augenblicke bei den Tugendbünd⸗ niſſen; Ingénue gehört zum Volke, Auger auch; der Schuft,— Sie wiſſen das,— ſtellt ſich als Aus⸗ reißer aus unſeren Reihen auf, er flieht unſere Ver⸗ dorbenheit. Seine Heirath mit einer Plebejerin hat ihn im öffentlichen Geiſte geſtählt; greifen wir dieſe Heirath an, bringen wir es dahin, daß die Ehe ge⸗ trennt wird, ſo ſehe ich von hier aus die Schmierer ihre Federn in Gift tauchen. Nehmen wir uns in Acht!“ „Nun, denn, Monſeigneur: wird dieſer Menſch mit ihr wohnen oder nicht mit ihr wohnen?“ „Mein Lieber, erkundigen Sie ſich, wie ich Ihnen ſchon bemerkt, geradezu! Sie ſind dieſem Kinde eine Erklärung ſchuldig. Wählen Sie beſonders Ihre Zeit gut; halten Sie ſich nicht im ehelichen Domicil auf, um Mor Man mehr Tode Auge der 2 geräc mein bleibt Auf: zen, mich nichts eher einer 5 mir e ſo un bockz für m ich ſch ſein. eine r Mitſch wie b und b damit Gott, hnen einen ann, nfluß un⸗ doch Die ünd⸗ der Aus⸗ Ver⸗ hat dieſe e ge⸗ ierer ein enſch hnen eine Ihre auf, 291 um dem Manne den Vorwand zu einem leichten Morde unter der Farbe der Eiferſucht zu liefern. Man rädert nicht mehr, man henkt beinahe nicht mehr, und mein Bruder ſpricht davon, daß er die Todesſtrafe ganz abſchaffen wolle: dieſer Schurke Auger würde Sie tödten zur großen Zufriedenheit der Bürger, welche die Sittlichkeit durch Ihren Tod gerächt ſehen dürften! Seien Sie auf Ihrer Hut, mein Lieber, ſeien Sie auf Ihrer Hut!“ „Ich habe es Ihnen geſagt, Monſeigneur, es bleibt mir kein anderes Mittel als die Entführung.“ „Ja, doch Sie reiſen ab, und ich, ich bleibe. Auf mich wird alſo das Gewitter fallen. Im Gan⸗ zen, wenn Ihnen das nützlich ſein kann, laſſen Sie mich unter der Traufe und bekümmern Sie ſich um nichts.“ „Oh! Monſeigneur, Sie begreifen, nicht wahr? eher vor Gram ſterben, als Ihnen den Schatten einer Unannehmlichkeit verurſachen!“ „Meinen Dank!... Wahrhaftig, Sie thun mir einen Gefallen; man hat mich ſeit einiger Zeit ſo unpopulär gemacht, daß ich glaube, ſtatt als Sünden⸗ bock zu dienen, wäre es mir ſehr erſprießlich, einen für mich zu finden. Laſſen Sie mich alſo beiſeit: ich ſchwöre Ihnen, das wird ſogar ſehr gut geſpielt ſein. Aus dieſer Geſchichte heraus, werde ich Ihnen eine viel größere Hülfe als Verbündeter, denn als Mitſchuldiger ſein. Zählen Sie auf mich bei Tage, wie bei Nacht; lauern Sie auf eine gute Gelegenheit, und bietet ſie ſich Ihnen, ſo ſuchen Sie mich auf, damit ich Ihnen dieſelbe benützen helfe. Ei! mein Gott, es gibt ſo viel Ereigniſſe im Leben einer Frau!“ 292 „Monſeigneur, eine letzte Idee: wenn ich belei⸗ digen würde oder mich beleidigen ließe, und ich for⸗ derte den Schuft zum Duell heraus, ſo würde ich ihn tödten!“ „Pah!“ verſetzte der Graf;„die Idee, erlauben Sie mir, es Ihnen zu ſagen, dünkt mir mittelmäßig; vor Allem, wie kann es Ihnen, einem guten Edel⸗ manne, anſtehen, einen Lackei herauszufordern? und iſt dieſer Lackei herausgefordert, wird er es an⸗ nehmen? Setzen wir den Fall, er nehme es an, ſo wird das immer Lärm machen;— und dann hat der Schuft ſchon ſeine Vorſichtsmaßregeln ergriffen, oder ich kenne ihn nicht. Ich wette mit Ihnen, wie der Herzog von Orleans ſagen würde, daß Meiſter Auger in dieſem Augenblicke ſein Leben vor dem Notar verſichern läßt und, unter der Form eines Teſtaments, ein abſcheuliches Libell deponirt, von dem wir im Falle ſeines Todes bedroht wären.“ „Ach! Monſeigneur, ich muß geſtehen, daß Sie immer Recht haben.“ „Sie haben mir alſo keine Idee mehr zu geben?“ „Keine, Monſeigneur.“ „Suchen Sie wohl.“ „Ich finde nichts.“ „Sie ſehen alſo durchaus nichts, was zuthunwäre?“ „Nichts.“ „Nun, ſo will ich ſehen, ob ich nicht glücklicher ſein werde als Sie.“ „Oh! Monſeigneur!“ „Ich habe nur eine Idee.“ „Gleichviel, wenn ſie gut iſt.“ „Ich hoffe, Sie werden damit zufrieden ſein.“ elei⸗ for⸗ ich uben ißig: Edel⸗ und an⸗ an, hat ffen, wie eiſter dem eines von Sie en?“ re icher n 293 „Meinen Dank!“ „Ich bin Ihnen das ſchuldig, bei Gott!... Beinahe hätte ich Ihnen ſehr unglücklicher Weiſe das kleine Mädchen genommen; ich will es Ihnen wiedergeben: das iſt das Ganze.“ „Ah! Monſeigneur, ob es Ihnen gelingt oder nicht gelingt, ich ſchwöre Ihnen eine ewige Dank⸗ barkeit.“ „Bah! Sie gehören mir, nicht wahr?“ „Mit Leib und Seele, mein Prinz.“ „Früher oder ſpäter werden Sie mir einen Theil von Ihrem Blute geben, vielleicht das ganze! Nun wohl, an dieſem Tage werden Sie mir viel zu viel bezahlt haben; nehmen Sie auf Abſchlag.“ Ohne ein Wort zu ſprechen, ſchwor Chriſtian mit der Geberde und dem Gedanken einen Eid, der auf ſeinem redlichen Geſichte hervortrat. „Oh! ich bin Ihrer ſicher,“ ſprach lächelnd der Graf von Artois;„hören Sie mich nun.“ Chriſtian verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Sie ſtrengen ſich teufelmäßig an, um eine Entführung, eine Scheidung, einen Mord, ein Duell, — nennen Sie das, wie Sie wollen,— zu com⸗ biniren, um wozu zu gelangen? Um für ſich, ganz für ſich, die kleine Frau zu beſitzen.“ „Ei! das iſt wahr, Monſeigneur.“ „Doch Sie ſtrengen ſich nur ſo ſehr an, weil ſie ein tugendhaftes Mittel, dieſe Frau ihrem Manne zu nehmen, zu finden ſuchen.“ „Ja, in der That, das tugendhafteſte; das iſt vielleicht lächerlich, es iſt aber ſo.“ „Nun wohl, analyſiren Sie... Sie haben zu⸗ 294 erſt von einer Entführung geſprochen: hiedurch be⸗ rauben Sie die Tochter ihres Vaters, den Vater ſeiner Tochter. Ich rede nicht mehr vom Aergerniß: dieſe Frage iſt zwiſchen uns erſchöpft. Ohl ſagen Sie mir nicht, der Vater Rétif werde mit Ihnen leben; ich ſchätze, thäte er das, ſo wäre es nicht gerade tugendhaft von ſeiner Seite. Sie werden mir er⸗ wiedern, dieſe Moral ſei die ſeiner Bücher, und er könne ſich für ermächtigt halten, das zu thun, was er ſchreibe; doch geſtehen wir, und ich beſitze dort in meinen Wandſchränken einige Bände von ihm, dieſe Moral des Vaters Rétif iſt nicht die reinſte Moral. Ich habe faſt Alles geleſen, was er gemacht hat: es iſt etwas weniger geiſtreich als Crébillon Sohn, doch es iſt noch viel unanſtändiger; Sie begreifen, daß ich die Literatur unſeres Schwiegervaters nicht mißhandeln kann. Ich ſage unſer Schwieger⸗ vater, Sie verſtehen, Chriſtian, weil ich auch bei⸗ nahe ſeine Tochter geheirathet hätte.“ Und die unverſiegbare Heiterkeit des jungen Prinzen, dieſe Heiterkeit, die ihm alle Herzen erwarb, ließ ſich endlich aus. Man war zu lange ernſt geweſen. „Ich fahre fort,“ ſagte er.„Sie haben das Un⸗ moraliſche des erſten Mittels erkannt, welches die Entführung iſt?“ „Ach! ja.“ „Nun zur Scheidung. Die Scheidung oder Tren⸗ nung beſteht aus Chicanen, Rabuliſtereien und Wirr⸗ warren unter dem Namen von Aufſätzen. Sie laſſen einen Aufſatz drucken, in welchem Sie, um Ingénue weiß zu waſchen, ihren Mann beſchmutzen werden; der ſich Frau allei Men cirt! ſtian Sie weld derm Hert das das dern und Stil hant ihm Tod einfe tödte ſaget kein ſage Bru zu( be⸗ zater dieſe Sie ben; rade er⸗ der was rt in dieſe oral. hat: ohn, ifen, nicht er⸗ bei⸗ ngen arb, die ren⸗ Birr⸗ aſſen Enue den; 295 der Mann läßt einen Aufſatz drucken, in welchem er, um ſich ſelbſt weiß zu waſchen, Sie beſchmutzen wird; die Frau läßt einen Aufſatz drucken, in welchem ſie ſich allein genug beſchmutzen wird, daß nie ein ehrlicher Menſch mehr etwas von ihr wiſſen will. Oh! das iſt for⸗ cirt!... Wo vier Advocaten angebiſſen haben, Chri⸗ ſtian, bleibt nichts mehr als der Brand. Sagen Sie mir, iſt es moraliſch, dieſes geſetzliche Mittel, welches darauf auslaufen wird, daß es ſicherlich Je⸗ dermann beſchmutzt, und vielleicht die Rechte von Herrn Auger auf ſeine Frau befeſtigt?“ Chriſtian neigte das Haupt. Der Prinz fuhr fort: „Gehen wir zum dritten Mittel über, welches das Duell iſt. Nun, dieſes iſt meiner Anſicht nach das am wenigſten vernünftige von allen. Sie for⸗ dern dieſen Menſchen zum Duell heraus, nicht wahr? und dies, weil Sie ſicher ſind, daß Sie ihn tödten?“ Chriſtian machte eine Bewegung. Der Prinz antwortete durch ein Zeichen, das Stillſchweigen forderte, und ſprach weiter: „Ich will gern glauben, Sie würden nicht ſo handeln mit dem Gedanken, er werde Sie tödten: ihm die freie Verfügung über ſeine Frau durch Ihren Tod laſſen, überlegen Sie doch, das wäre ungeheuer einfältig!... Sie denken alſo, Sie werden ihn tödten. Nun wohl, erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, mein Lieber,— und ich bin, Gott ſei Dank! kein Scheinheiliger!— erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß dieſes Mittel nicht religiös iſt; mein Bruder würde Sie gerichtlich verfolgen und Ihnen zu Ehren der Moral den Kopf abſchlagen laſſen. 296 Erhielte ich Ihre Begnadigung— und Sie begrei⸗ fen, daß, wenn Sie bei dieſem Mittel beharren, ſo mangelhaft es iſt, ich mich anheiſchig mache, dieſe Gnade durch die Vermittlung meiner Schwägerin zu erlangen,— dann wird es unmöglich, daß Sie öffentlich mit einer Frau leben, deren Mann Sie getödtet, und die Witwe Auger heißen wird. Dieſe Dinge machen ſich nicht. Sie müßten nach der ita⸗ lieniſchen oder ſpaniſchen Manier Herrn Auger in einem Streite durch einen unfehlbaren Knüttel tödten laſſen; dann wollen wir, die wir ſo eben von der Moral geſprochen haben, vom Gewiſſen reden. Sie werden nicht verfolgt werden, das iſt wahr; nicht enthauptet, das iſt wahr; nicht entehrt, das iſt aber⸗ mals wahr; doch Sie werden Gewiſſensbiſſe haben; Sie werden ſein wie Oreſtes: Sie werden Ihre Bett⸗ vorhänge ſich bewegen ſehen und mit einem Säbel unter dem Kopfkiſſen ſchlafen. Wer weiß, ob Sie nicht, ſomnambul werdend, wie die Adepten von Mes⸗ mer, in einer ſchönen Nacht Ihre Geliebte tödten, im Glauben, Sie tödten das Geſpenſt des Todten! Man hat das geſehen, ſo daß zum Beiſpiel mir, der ich bei Nacht ganz laut träume, von den Aerzten verboten worden iſt, je eine Waffe bei der Hand zu haben, wenn ich ſchlafe... Nun, was denken Sie von meiner Logik, Chriſtian? Habe ich ein Unrecht gegen Sie begangen, ſo mache ich es auf eine wü⸗ thende Art durch Schläge moraliſcher und religiöſer Beredtſamkeit wieder gut, und die Herren Fénelon, Boſſuet, Fléchier und Bourdaloue ſind ſehr kleine Theologen gegen mich!“ „Ach! Alles, was Sie mir bemerkt haben, iſt * nur ſchie ſei geſe men nich Thu er 1 bei haft ſo v find unſ den ger: ſtick Sch eine liche ich Gre grei⸗ „ſo dieſe zu Sie Sie ieſe ita⸗ in dten der Sie icht ber⸗ en; ett⸗ äbel Sie ten, ten! der zten zu Sie recht wü⸗ öſer lon, eine iß Nes⸗ 297 nur zu vernünftig, und Sie erſchrecken mich. Mir ſchien indeſſen, ich habe Sie vorhin ſagen hören, es ſei Ihnen ein Gedanke gekommen.“ „Oh! ja, ein vortrefflicher Gedanke!“ „Nun?“ „Nun, ich habe Ihnen denſelben nur noch nicht geſagt.“ „Doch Sie werden mir ihn ſagen?“ „Bei Gott! folgen Sie wohl meinem Raiſonne⸗ ment.“ „Mit allen meinen Ohren, Monſeigneur.“ „Dadurch, daß man beſtändig ſieht, was man nicht thun muß, kommt man dazu, daß man das Thunliche erräth. Vernehmen Sie meinen Gedanken; er beſteht aus drei Theilen: 1) Ingénue in Paris bei ihrem Vater laſſen...“ „Und bei ihrem Manne alſo?“ unterbrach leb⸗ haft der arme Verliebte. „Oh! unterbrechen Sie mich nicht! ich bin ſchon ſo viel abgeſchweift, daß ich mich nicht mehr heraus⸗ finden würde. Alſo: 1) Ingénue bei ihrem Vater in unſerer guten Stadt Paris laſſen. 2) Allen Lärmen, den man über dieſes Abenteuer gemacht hat und gern machen möchte, einſchläfern, unterdrücken, er⸗ ſticken;— was die Verneinung jedes Proceſſes, jedes Scheidungsgeſuches, jeder Inſtanz implicirt.— 3) Als einen koſtbaren Schatz das elende Leben dieſes ſchänd⸗ lichen Auger ſchonen... Springen Sie nicht ſo, ich erkläre mich.“ Chriſtian erſtickte einen Seufzer der Wuth. „Wäre mir dergleichen begegnet,“ ſprach der Graf,„ſo hätte ich Folgendes gethan. Ich beſitze ⸗ 298 einige Häuſer da und dort in Paris; die einen haben Bäume, die andern haben keine; die einen ſind in der abgelegenſten Quartieren, die andern in den volkreichſten... Ah! ich vergaß, ich hätte mich vor Allem der Liebe von Mademoiſelle Ingénue ver⸗ ſichert; ich ſage Mademoiſelle, und Sie müſſen mir Dank hiefür wiſſen.“ „Monſeigneur, iſt das ganz gewiß?“ „Ich habe das Geheimniß von ihrem Manne ſelbſt.“ „Ah!“ machte der junge Mann athmend. Fabgen Sie mir!“ „Ja, Monſeigneur.“ „Sicher, von ihr geliebt zu werden, was nicht ſchwierig und noch weniger unmöglich wäre,— ich rede von Ihnen, wohlverſtanden,— hätte ich ihr ein heftiges Verlangen, ſich an ihrem Manne zu rächen, eingeflößt. Das iſt auch, wenn ich mich nicht täuſche, das Allerleichteſte: die glücklichſten Frauen haben ein ſo natürliches Bedürfniß nach Rache, ſelbſt hinſichtlich derer, welche ſie glücklich machen, daß Ma⸗ demviſelle Ingénue ſich an ihrem Manne mit einer den Qualen, die er ſie hat ausſtehen laſſen, ange⸗ meſſ enen Wuth rächen wird.. Ich komme auf meine Häuſer zurück. Sie werden irgendwo eine einſame, ruhige, reizende Wohnung wählen; Sie werden Ingénue dahin führen; Sie werden ſich mit ihr von Herzen verheirathen, in Erwartung der wei⸗ teren Ereigniſſe, und Sie werden ſie auf zwei bis drei Stunden täglich,— mehr, wenn ſie es wollte, — in das Reſt, das Ihre Ehe gewählt hat, einquar⸗ tieren. Hier gehe ich in die trefflichſte Philoſophie ein; Chr ſagt mer Sie den als die Ing Ihr weit Ihn men reick Bör der Bet von nore Gel nich erka fahr nac Nut Ju eine mac Gal zu icht uen lbſt Na⸗ ner ge⸗ auf ine Sie mit vei⸗ bis te, ar⸗ hie 299 ein; ſuchen Sie mich wohl zu begreifen, mein lieber Chriſtian.“ Der junge Mann, der Alles, was der Prinz ſagte, ziemlich logiſch fand, verdoppelte ſeine Auf⸗ merkſamkeit. Der Prinz fuhr fort: „Es werden alſo zwei Dinge geſchehen: entweder Sie werden vollkommen glücklich ſein, oder Sie wer⸗ den es nicht ſein. Ich entferne die letzte Annahme als unmöglich und undenkbar, weil Sie die Jugend, die Liebe und die Geduld haben; weil Mademoiſelle Ingénue Ihnen nichts zu verweigern hat, und Sie Ihrerſeits ſich wohl hüten werden, die Barbarei ſo weit zu treiben, daß Sie Ihr das verweigern, was Sie Ihnen bewilligen würde. Sie werden alſo vollkom⸗ men glücklich ſein, mein lieber Chriſtian. Sie ſind reich, oder wenn Sie es nicht ſind, ſo ſteht meine Börſe zu Ihrer Verfügung... Wir ſind nun in der That Freunde: zählen Sie auf mich bis zum Betrage von dreihundert Louis d'or, die ich Ihnen von heute an als Jahrgehalt ausſetze; das ſind Ho⸗ norare, die Sie vollkommen verdient haben... Das Geld macht Alles möglich in der Liebe; ich gehöre nicht zu denjenigen, welche ſagen, mit dem Gelde erkaufe man alle Frauen; nein, ich habe zu viel Er⸗ fahrung hiefür. Hat man aber einmal die Frau, nach der man begehrt, ſo iſt das Geld von ſeltſamem Nutzen, um ſie ſich zu erhalten. Sie bereiten alſo Ingénue ein Feenneſt; Sie geben ihr die Toilette einer Herzogin; ſie hat um ſich, was ſie glücklich machen kann; Sie richten es jedoch ſo ein, daß Ihre Gaben ganz für ſie ſind, daß der Mann vor Hunger N 300 und Durſt bei der Wohlhabenheit der Frau ſtirbt. Nichts kann leichter ſein: hat Ingénue gut mit Ihnen in Ihrer Privathaushaltung geſpeiſt, ſo wird ſie gern alle Entbehrungen der Haushaltung von Herrn Auger ertragen. Dieſer, wenn er ſieht, daß er nichts von ſeiner Frau hat und ſie nicht verkaufen kann, wird davon gehen; er wird ſich einer ſchlechten Hand⸗ lung gegen ſie ſchuldig machen; dann laſſen wir ihn, ohne eine Minute zu verlieren, durch Urtheil in ſichern Gewahrſam bringen. Nur ihm wird etwas vor⸗ zuwerfen ſein; aufihn wird ſich der Proceß wälzen, wenn es einen gibt, und dergleichen Urtheile werden nicht außerhalb des Umkreiſes vom Gerichtshauſe ruchbar.“ Chriſtian billigte mit dem Kopfe nickend; der Prinz fuhr fort: „Oder wird Herr Auger ſtehlen, und er iſt mehr als fähig hiezu! Ein anderer Proceß, ein anderes Mittel, ihn als Begnadigung über die Meere zu ſchicken. Sie werden indeſſen ſehr glücklich mit ſei⸗ ner Frau drei bis vier Stunden des Tages gelebt haben, was für einen Mann, der mit einem guten oder edlen Werke beſchäftigt iſt, genügt. Sie wer⸗ den die Frau, Sie werden den Vater Rétif glücklich gemacht haben. Dieſe Frau wird ganz Ihnen, Ihnen allein gehören, und Sie brauchen nur Koſten der Einbildungskraft aufzuwenden, um das Geheimniß und die Unverletzlichkeit Ihrer Rendez⸗vous zu ſichern. Ich habe, was ich wiederhole, Häuſer, welche hiezu gemacht ſind,— Sie werden das wählen, welches Ihnen gefällt,— eines beſonders, in das die Frauen kommen, um im Tagelohn zu arbeiten: eine herrliche Hülfsquelle für eine arme Arbeiterin wie Ingénue, wel ſo hal unt ſche Ge vor nich wol vol Sie die lan ſei: Fre ben ſeir die wir Da Alt das Da laſſ Sie der 304 rbt. welche nichts von ihrem Manne empfangen will, und nen ſo ihr Auskommen nur ſich ſelbſt wird zu verdanken ſie haben.— Ich eröffne eine Parentheſe für meine rrn Philoſophie. Sie ſind glücklich, vollkommen glücklich, chts und Sie haben nichts mehr auf der Welt zu wün⸗ nn, ſchen. Iſt das ſchön genug? Bemerken Sie wohl, ind⸗ daß das viel mehr moraliſch und viel weniger der ihn, Geſellſchaft ſchädlich iſt, als alle Ihre Mittel von ſit vorhin. Sie ſchwimmen alſo in der Glückſeligkeit,— vor⸗ nicht wahr?“ etn Chriſtian machte ein Zeichen, welches beſagen icht wollte, er würde ſich, wenn er wirklich dahin gelangte, ar.“ vollkommen glücklich fühlen. der„Suchen Sie,“ fuhr der Prinz fort,„wählen Sie ſelbſt den Ort, die Stunde, und berechnen Sie ehr die Zeit... Wie lange ſoll das währen?— Ah! eres lange, nicht wahr? ungeheuer lange!— Wohl, es zu ſei; ich bin großmüthig, wenn es ſich um meine ſei⸗ Freunde handelt. Sie fordern das Unmögliche, ich lebt bewillige es Ihnen: Sie haben ein Jahr!“ ten„Oh!“ rief Chriſtian,„ich will das ganze Leben!“ ver⸗„Wir ſprechen vernünftig, Sie wollen ein Narr klich ſein! Wohl, ſetzen wir zwei Jahre... Sie haben nen die Wuth, und Sie gerathen ins Delirium! Setzen der wir drei Jahre. Das dauert alſo drei Jahre; gut! miß Dann werden Sie anfangen zu überlegen. Das ern. Alter iſt fortgeſchritten. Ingénue, immer Ingénue, iezu das iſt wohl etwas; doch am Ende iſt es ſtets he Daſſelbe! Sie haben viel Geld für nichts aufgehen uen laſſen; Herr Auger hat ſich mehrere Kinder gegeben; iche Sie überlegen, ſagen wir, und die Ueberlegung in me, der Liebe iſt der Tod der Liebe. Die Liebe iſt todt! 302 Sie nehmen ein Jahr von Ihrem Gehalte, Sie geben es Mademoiſelle Ingénue, das heißt Madame Auger; Sie machen den Kindern von Herrn Auger Renten. Sie kehren zu Ihrer Frau Mutter zurück und hei⸗ rathen eine Dame, die ich Ihnen mit fünf bis ſechs⸗ mal hunderttauſend Livres in Reſerve halte; Sie bekommen ein Regiment, ich laſſe Sie einen Feldzug mitmachen, Sie werden das St. Ludwigs⸗Kreuz haben, und ich erhebe eines von Ihren Gütern zum Mar⸗ quiſat. Wie finden Sie, daß ich die Romane mache? Verdiente ich nicht, in die Familie Rétif einzutreten?“ ſchloß der Prinz. Und er punktirte dieſe betäubende Tollheit mit einem herzlichen Gelächter. Chriſtian lächelte und neigte das Haupt. „Eure Hoheit vergißt,“ ſagte er,„daß ſie die Gnade hatte, mit einem Verliebten zu ſprechen, und die Verliebten ſind Kranke.“ „Welche nicht geheilt ſein wollen. Bei Gott! wem ſagen Sie das? Glauben Sie denn, ich habe geſcherzt? Bei meinem Leben,— abgeſehen von den drei Jahren, den Kindern, dem Ende Ihrer auf eine Heirath von fünfmal hunderttauſend Livres auslau⸗ fenden Epopöe,— ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich habe das, was ich geſagt, gedacht, und ich würde das, was ich gedacht habe, thun, wenn ich an Ihrer Stelle wäre!“ „Nun wohl, mein Prinz,“ rief Chriſtian,„ich will es verſuchen.“ „Gut alſo!... Gehen Sie, und Gott ſtehe Ihnen bei!— der Gott Cupido, wohlverſtanden; denn was den Andern betrifft, Wetter! mit dieſem wollen wir — Art den zu Art gut und Sie Rue wäh Ihn 303 eben nicht ſpielen! mein großer Bruder ſcherzt nie über ger; dieſes Kapitel.“ iten. Der Graf von Artvis geleitete Chriſtian bis zur hei⸗ Thüre ſeines Cabinets zurück, klopfte ihm freund⸗ echs⸗ ſchaftlich auf die Schulter und kehrte dann wieder Sie um, entzückt über Alles das, was er dieſem armen dzug Narren in der Manier von Werther, aus dem er ben, einen Weiſen nach ſeiner Art machen wollte, ge⸗ Nar⸗ rathen hatte. che n?“ MM. mit Sympathie. Chriſtian war von der Logik des Grafen von die Artois betroffen geweſen. und Kaum nach Hauſe zurückgekehrt, befolgte er auch den Rath des Prinzen. ott! Er ſchrieb an Ingénue. abe Folgendes iſt der Brief des verliebten jungen den Mannes: i „Madame, bin,„Sie müſſen mir nothwendig etwas Wichtiges irde zu ſagen haben; ich meinerſeits habe Ihnen alle hrer Arten von Geheimniſſen mitzutheilen. Sein Sie ſo gut, wenn meine Bitte einige Macht über Sie hat, „ich und gehen Sie morgen um drei Uhr aus; begeben Sie ſich zu den Fiacres, welche am Eingange der nen Rue Saint⸗Antvine ſtationiren, und hier angelangt, vas wählen Sie einen, in den ich, auf einen Wink von wir Ihnen, mit Ihnen einſteigen werde. 304 „Ziehen Sie es vor, daß ich mich unmittelbar zu Ihnen begebe, ſo ſteht es Ihnen frei, mich zu em⸗ pfangen, und ich bin zu Ihrer Verfügung. „Befehlen Sie, Madame, und erlauben Sie— mir, daß ich mich Ihren zärtlichſten und aufrichtigſten 0 Freund nenne. „Chriſtian Graf Obinsty.“ 4 Chriſtian hatte ſo eben dieſen Brief einem Com⸗ miſſionär mit ausführlichen Inſtructionen übergeben, t als ein Bote, ſelbſt der Ueberbringer eines Briefes l von Ingénue, zu ihm kam. Der junge Mann öffnete zitternd den Brief und 2 las folgende Zeilen:— ) „Mein Herr, „Sie ſind nicht einzig und allein in der Abſicht, n mir Ihr Benehmen, oder das eines Andern zu er⸗ 9 klären, zu mir gekommen. Ich bedarf einer feſten Stütze, Sie ſind ein Mann von Herz: kommen Sie f und rathen Sie mir. Ich werde morgen um zwei o Uhr ausgehen und einen Fiacre beim Eingange der il Rue Saint⸗Antoine nehmen; der Fiacre wird mich ſcheinbar nach der Rue des Bernardins fahren, in ſi Wirklichkeit werde ich aber im Jardin du Roi anhal⸗ 3 d ten. Finden Sie ſich dort bei den Gittern ein. Ich u habe mit Ihnen zu ſprechen. „Ingénue.“ y.“ om⸗ ben, efes und ſün Sie zwei der ½ mich hal⸗ Ich 305 Chriſtian ſprang vor Freude; er fühlte den ge⸗ heimnißvollen Einfluß der Liebe in dieſem doppelten Entſchluſſe, der zwei getrennte Geiſter beſeelte. Dkſchon er ſicher war, er werde Ingénue am andern Tage ſehen, obgleich der Brief von Ingénue für ihn einen Troſt und ein Verſprechen enthielt, gedachte Chriſtian doch über ihr Wohl zu wachen; denn nach dieſem Briefe betrachtete er die junge Frau als ihm gehörend. Er fing vor Allem damit an, daß er ſeine Mut⸗ ter über die vom Herrn Grafen von Artvis befoh⸗ lene vorgebliche Reiſe beruhigte. Er erzählte vom huldreichen Wohlwollen des Prinzen und von ſeinen Anerbietungen für die Zukunft. Von Ingénue und dem in Angriff genommenen Romane wurde, wohlverſtanden, kein Wort geſagt. Seine Freude war zu groß, als daß er damit an Vorſtellungen anſtoßen, ſie an Commentaren ab⸗ nutzen wollte: alle Träume, die er in ſeinem Glücks⸗ geize machte, wollte er für ſich allein behalten. Chriſtian hinterging die Gräfin nicht mehr als früher; nur gab ſie ſich diesmal den Anſchein, als ob ſie nichts ahnete, entſchloſſen, wie ſie es war, mit ihrem Sohne in Subtilitäten zu wetteifern. Eine Mutter hat das Ueberwachungsrecht, wie ſie das Beaufſichtigungsrecht hat: die Ueberwachung dient ihr, um rtnmen⸗ die Beaufſichtigung, um Einhalt zu thun. Die Gräfin organiſirte ein Syſtem von Verwah⸗ rungsmitteln für ihren Sohn. Chriſtian ging nach der Rue du Faubourg Saint⸗ Dumas, Ingénue. I. 20 306 Antoine; er wollte das eheliche Leben von Ingénue ſtudiren. Dieſer junge Mann mit der glühenden Einbil⸗ dungskraft war ein Menſch von ſo feſter Entſchloſſen⸗ heit, daß er bei der geringſten Unwürdigkeit ſeiner Geliebten ſeine Liebe geopfert hätte. „ Und darum, bevor er ſich blindlings in eine Leidenſchaft ſtürzte, deren Tragweite er kannte, weil er ſein Herz kannte, lag ihm daran, ſich zu über⸗ zeugen, der Gegenſtand dieſer Leidenſchaft ſei wohl werth, daß man für ihn ſterbe. Chriſtian zog einen grauen Rock an und hüllte ſich in einen weiten Mantel; dann ſtellte er ſich auf die Lauer vor der Thüre von Ingénue zur Stunde, wo, wie man weiß, gewöhnlich die Liebhaber und die Ehemänner ihre Verzeihung erhalten. Auger war ausgegangen; um ſieben Uhr kam er wieder nach Hauſe. Bei ſeinem Anblicke ſchlug das Herz von Chriſtian, um ſeine Bruſt zu zer⸗ ſprengen. Das Licht ging zuerſt zum Vater Rétif, wo es einige Zeit verweilte; Chriſtian errieth, daß ein Geſpräch zwiſchen dem Schwiegervater und dem Schwiegerſohne ſtattfand. Eben dieſes Licht doppelte ſich nach Verlauf von einer halben Stunde ab: Auger begab ſich mit ſeinem Handleuchter in das Zimmer ſeiner Frau. 3 Diesmal hörte das Herz von Chriſtian auf zu ſchlagen, ſein Athem ſtockte, ſeine Augen hefteten ſich ſtarr auf das Fenſter von Ingénue. Sogleich nach der Erſcheinung des Mannes ſah Chriſtian einen Schatten ſich erheben. Dieſer Schatten war ohne allen Zweifel Ingénue. — kei ſo als ge nue bil⸗ ſen⸗ iner eine weil ber⸗ vohl üllte auf nde, und kam hlug zer⸗ 6tif, daß dem von inem f zu teten ſah nue. Der andere Schatten, der, welcher ſo eben ge⸗ kommen, drückte ſich ſehr warm aus,— man ſah es an den Bewegungen ſeiner Arme. Endlich neigte ſich dieſer Schatten. Das war offenbar Auger, der ſich auf die Kniee geworfen hatte, um Verzeihung zu erflehen. Chriſtian fühlte in der Bruſt einen Schmerz, daß er ſich nicht enthalten konnte, einen Schrei auszu⸗ ſtoßen, der einem Gebrülle glich. Bei der Demonſtration ihres Mannes machte Ingénue eine ungeſtüme Bewegung, trat ans Fen⸗ ſter und öffnete es. Das Geräuſch ihrer Stimme gelangte ſodann bis zu Chriſtian; ſie ſprach energiſche Worte; der junge Mann hörte zwar nur den Ton derſelben, konnte ſich aber in ihrem Sinne unmöglich täuſchen. Der Schatten von Auger erhob ſich ſodann wie⸗ der; er machte ein paar ungeſtüme, drohende Ge⸗ berden, der Schatten von Ingénue rührte ſich aber nicht von dem Fenſter, an das er angelehnt war. Endlich, nach einer Stunde von Verhandlungen, Pantomimen und Verführungsverſuchen, verſchwand das doppelte Licht wieder aus dieſem Zimmer. Chriſtian empfand etwas wie einen Schrecken, der ihm das Blut in den Adern gerinnen machte. Hatte man die Lichter ausgelöſcht oder weggetra⸗ gen? ſollte ein Friedensvertrag auf die Feindſelig⸗ keiten folgen, welche von Ingénue ſo kalt erduldet, ſo kräftig zuückgeſchlagen worden waren? Doch das Glück des jungen Mannes war groß, als plötzlich die Gangthüre ſich öffnete, und er, ſich 308 im Winkel eines Thorweges verbergend, Auger her⸗ auskommen ſah, der mißtrauiſch rings umherſchaute. Der Elende ging nach dem Boulevard zu und kam dann wieder zurück, um nach den Fenſtern ſeiner Frau zu ſehen und die Straße noch einmal auszu⸗ kundſchaften. Nach dieſer zweiten Forſchung verſchwand er in der Finſterniß. Mißtrauiſch in ſeiner Freude, wie er muthig in ſeinem Schmerze geweſen war, wollte Chriſtian noch eine Stunde warten, um genau zu wiſſen, woran er ſich zu halten habe. Doch es waren nicht zwanzig Minuten vergan⸗ gen, da erbleichte die Lampe von Ingénue und verwandelte ſich in ein einfaches Nachtlichtchen, deſſen pläulicher Schein kaum die Vorhänge und die Schei⸗ ben färbte. Das Kind war zu Bette gegangen; es dankte Gott und entſchlief. Chriſtian richtete an den Himmel ſeine glühend⸗ ſten Dankſagungen und kehrte zu ſeiner Mutter zurück, die ihn ungeduldig erwartete. „Gott ſei gelobt!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich habe eine zärtliche Freundin und eine muthige Frau, und ich werde nicht allein kämpfen, wenn ich käm⸗ pfen muß!“ Er bedurfte des Schlafes, denn er hatte ohne Unterbrechung viele Beſchwerden durchgemacht; er entſchlief, und ſein Schlaf war von ſanften Träumen begleitet: es war das erſte Mal ſeit drei Monaten, daß ihm dies begegnete. Und in dieſen Träumen kehrten die abgelegenen, — — 8„——— — S— D. S( er⸗ te. ind ner zu⸗ in in och ran an⸗ und ſſen chei⸗ nkte end⸗ rück, „ich rau, käm⸗ ohne men aten, enen, 309 beſchatteten Häuſer und die geheimen Thüren des Grafen von Artois immer wieder. Und nun da, Beide rein, Ingénue und Chriſtian jenen ſanften Schlaf ſchlafen, der den Frieden der Seele und die Friſche des Geſichtes macht, müßte man vielleicht erfahren, wie der gute Rétif de la Bretonne die Heirath ſeiner Tochter und die ſelt⸗ ſamen Ereigniſſe, welche die Folge dieſer Heirath geweſen waren, aufgenommen hatte. Man wird zugeſtehen, wir ſind ihm wohl die Ehre einiger Details ſchuldig. Kein Vater, ſagen wir, trug je ſo ſtolz das Haupt in die Kirche, als er hinging, um den Altären eine Jungfrau von ſeiner Art, ein Muſter von ſeiner moraliſchen und phyſiſchen Erziehung, einen weiblichen Zögling der Philoſophie und der Hygieine des Philoſophen von Genf. vorzuſtellen. Bei ſeiner Rückkehr aus der Kirche nahm er In⸗ gönue beiſeit und hielt ihr hinſichtlich ihrer Pflichten als Gattin und Mutter eine lange Rede, welche mehr als einmal auf die Wangen des Mädchens eine leb⸗ hafte Röthe brachte. Am Hochzeitabend dichtete er, ſehr weich geſtimmt durch den guten Wein, Verſe, erſann er Kapitel, fand er Hauptinhalte, und er, der ſich eine Freude daraus gemacht hatte, zuweilen, als Naturhiſtoriker, die Geheimniſſe des Brautge⸗ machs zu belauſchen, er, Rétif, verkürzte eingeſchlafen, von Bacchus zu Boden geworfen, Apollo um eines ſeiner intereſſanteſten Blätter. Er ſchlief alſo ein, und zwar tief genug, um nicht ein Wort von der Scene zu hören, welche 310 zwiſchen Monſeigneur dem Grafen von Artvis und Ingénue vorfiel. In der That, wie hätte er das hören ſollen? Als erfahrener Vater, der nicht dem Zufalle der Con⸗ flicte das Glück des häuslichen Lebens überlaſſen will, hatte Rétif zwiſchen ſich und den Neuvermähl⸗ ten eine Mauer errichtet, welche dick genug, daß nichts von dem, was in einem Zimmer geſchah oder geſagt wurde, im anderen aufgefaßt werden konnte. Man hätte, um, ſelbſt am hellen Tage, die Aufmerkſamkeit von Rétif zu erregen, mit einem Scheite an dieſe Wand klopfen müſſen, und dies thaten, — wie es ſich leicht begreift,— weder Ingénue, noch der Graf von Artvis. Was den Eintritt von Chriſtian betrifft, ſo war dieſer geheimnißvoll und verſtohlen geweſen wie der eines Liebhabers; ihn erblickend war Ingénue, wie man ſich erinnert, in Ohnmacht gefallen, und der ſchwache Schrei, den ſie ausgeſtoßen, hatte nicht durch eine achtzehn Zoll dicke Mauer dringen können. Was endlich die Erklärungen betrifft, welche am Morgen zwiſchen Ingénue und ihrem Manne ſtatt⸗ fanden, ſo waren ſie von ſo ernſter Natur, daß ſie den beiden Gatten die größte Behutſamkeit in ihren Reden, ſo lange ſie dauerten, das tiefſte Stillſchwei⸗ gen, ſobald ſie beendigt waren, geboten. Nichtsdeſtoweniger war das Erſtannen von Rétif groß, als er, nachdem er vorläufig an der Thüre von Ingönue gehorcht und kein Geräuſch gehört hatte, bei ſeiner Tochter Morgens um neun Uhr eintrat und ſie auf, angekleidet und allein fand. Er ſuchte zuerſt, halb als ſpaßhafter Vater, halb als ten zu get die der ſpo ſtät ihn 1d 12 en ß er ie te ch ar ie er cht n. m tt⸗ ſie en ei⸗ tif ire ört hr lb 3¹¹ als ausſchweifender Hiſtoriker, die Spuren der ſanf⸗ ten Ermattung, die er in den Zügen von Ingénue zu finden hoffte, und glaubte das, was er ſuchte, getroffen zu haben, als er die perlmutterartige Bläſſe, die ſchwarz befranſten Augen und die Veilchen vereinigt mit den Heckenroſen auf den Lippen der jungen Frau wahrnahm. Dies war wenigſtens der Ausdruck, deſſen er ſich ſpäter bediente, und von dem er als gewiſſenhafter Romanenſchreiber geſtand, er ſei ihm durch die Um⸗ ſtände und die Lage eingegeben worden. Als Ingénue ihren Vater erblickte, lief ſie auf ihn zu und warf ſich ihm in die Arme. In ſeinen Armen zerfloß ſie in Thränen. „Wie! wie! mein Kind!“ ſagte Rétif ganz in Folge ſeiner Ideen,„wir weinen?“ „Oh! mein Vater! mein Vater!“ rief Ingénue. „Nun, nun,“ erwiederte Rétif,„das iſt vorbei; gut! und nach dem Manne kommt der Vater.“ Ingénue wiſchte ihre Thränen ab und ſchaute Rötif ernſt an; ſie hatte unter den Worten, die er geſprochen, die Abſicht eines Scherzes gefühlt, und nichts ſchien ihr unerträglicher, als ein auf ihren tiefen Schmerz antwortender Spaß. Da ſah ihr Vater, indem er ſie ſchärfer betrach⸗ tete, auf ihrem reizenden Geſichte die Spuren einer Traurigkeit, in deren Urſprung man ſich unmöglich täuſchen konnte; dieſe Traurigkeit bezeichnete ein grauſames Leiden und eine düſtere Schlafloſigkeit. Und weder von einem ſolchen Leiden, noch von einer ſolchen Schlafloſigkeit ſuchte der unzüchtige Ver⸗ faſſer der Paysanne pervertie die Spur. 312 „Mein Gott! Du biſt ganz entſtellt, mein Kind!“ ſagte er. „Ja, mein Vater, das iſt möglich!“ antwortete Ingénue. „Wo iſt denn Auger?“ fragte Rétif. Und er ſchaute rings umher, erſtaunt, daß am andern Morgen nach der Hochzeit ein Mann ſeine Frau ſo frühzeitig verlaſſen hatte. „Herr Auger iſt weggegangen,“ erwiederte Ingénue. „Weggegangen? Und wohin?“ „Ei! zu ſeiner Arbeit, denke ich.“ „Oh! der wüthende Arbeiter!“ ſagte Rétif, der ſich zu beruhigen anfing;„er ruhe wenigſtens am Tage aus!“ Ein luſtiger Gedanke, den Ingénue nicht ver⸗ ſtand, oder den ſie vorübergehen ließ, ohne ihm die Ehre zu erweiſen, daß ſie dabei verweilte. „Wie!“ fuhr Rétif fort,„er frühſtückt nicht mit ſeiner Frau?. Oh! ohl oh!“ „Vielleicht wird er frühſtücken.“ Alle dieſe Worte waren von Ingénue mit dem eiſigen Tone geſprochen worden, der eine düſtere Gemüthsſtimmung bezeichnet. Rétif erſchrak immer mehr hierüber. „Auf, mein Kind,“ ſprach er, indem er die rei⸗ zende Statue auf ſeinen Schooß nahm und ſie in ſeinen Armen und unter ſeinen Küſſen wieder er⸗ wärmte,„ſage das Deinem Vater: Du ſcheinſt unzufrieden? Lüge nicht!“ „Ich bin es in der That, mein Vater,“ ant⸗ wortete Ingénue. — . * 1 ete m ine rte der am er⸗ die mit em ere rei⸗ in inſt nt⸗ 313 Rötif verſuchte es abermals, an alles andere zu glauben, nur an das nicht, was exiſtirte. „Ah! ah!“ ſagte er, fortgeriſſen durch einen Leitfaden, der ihn, ſtatt ihm den guten Weg zu be⸗ zeichnen, immer mehr im Labyrinthe ſeiner Gedanken irre führte,„ein Verliebter verliert leicht den Kopf, und dann...“ Rétif unterbrach ſich und ließ ein kleines meckern⸗ des, unzüchtiges Gelächter hören. „Und dann iſt er der Mann! und ein Mann ei! ein Mann hat immer gewiſſe Rechte, welche die Mädchen in Verwunderung ſetzen!“ Ingénue blieb kalt, unbeweglich, ſtumm. „Alſo, Ingénue, meine theure Liebe!“ fuhr Rötif fort,„das iſt abgeſchloſſen, es findet ſich kein Kind mehr hier, und es handelt ſich darum, die Ideen und die Geduld einer Frau anzunehmen. Ei! ich weiß nicht, wie ich Dir das ſagen ſoll! wenn ich Deine arme Mutter noch da hätte, wie würdeſt Du Dein Herz erleichtern! wie würdeſt Du ſehen, daß früher oder ſpäter alle Frauen ſich hier⸗ ein ſchicken müſſen! Tröſte Dich alſo, ſei wieder ſtark und lächle mir zu.“ Doch ſtatt ſich zu tröſten, ſtatt wieder ſtark zu ſein, ſtatt ihrem Vater zuzulächeln, ſchlug Ingénue ihre ſchönen, in Thränen gebadeten Augen zum Himmel auf. „Wie erhaben iſt ſie ſo!“ rief Rétif.„Welche Schamhaftigkeit! mein Gott! wie ſchön iſt die Scham⸗ haftigkeit! und wie ſtolz muß dieſer Schelm, dieſer Auger ſein!“ 3¹⁴ Ingénue ſtand aber auf, trocknete ihre Thränen und ſagte zu ihrem Vater: „Mein Vater, beſchäftigen wir uns mit Ihrem Frühſtück.“ „Wie, mit meinem Frühſtück? Nun, und das Deinige? und das von Deinem Manne? Frühſtückt Ihr denn, oder vielmehr, frühſtücken wir nicht mit einander?“ „Ich habe keinen Hunger, und Herr Auger, wenn er Hunger hat, wird wiſſen, daß er zur Stunde kommen muß.“ „Teufel! wie Du ihn lenkſt!“ „Mein Vater, ich bitte Sie inſtändig, ſprechen wir nicht mehr hievon!“ „Sprechen wir im Gegentheile hievon! Ingénue, nimm Dich in Acht! Du biſt eine verheirathete Frau, und Du biſt Deinem Manne Rückſichten ſchuldig...“ „Ich bin weder Frau, noch verheirathet, noch zu Rückſichten gegen Herrn Auger verbunden. Er begnüge ſich mit dem, was man ihm geben wird: das wird immerhin genug für ihn ſein.“ „Wie?“ „Sie kennen mich, mein Vater, und Sie wiſſen, daß ich, wenn ich etwas ſage, wie dies, das Recht, mehr als das Recht habe, es zu ſagen.“ Dieſe bis zur Grauſamkeit getriebene Strenge ſetzte Rétif in Erſtaunen; doch er wußte, daß die Frauen manchmal unbarmherzig gegen diejenigen ſind, welche zu viel gewagt, wie gegen die, welche nicht genug gewagt haben. Man ſieht, daß ſich Rétif immer in demſelben Kreiſe drehte. ————— 315 Er kannte die von ihm erzogene Jungfrau hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß ihre Strenge nicht von der zweiten der beiden Beſchwerden herrührte; er lächelte in dem Gedanken, ſie werde ſpäter umgäng⸗ licher werden. Was die Abweſenheit von Auger betrifft, ſo ſchrieb er ſie dem Aerger zu, den der junge Ehe⸗ mann darüber empfinde, daß er übermäßig hart vom Brautbette abgewieſen worden. Und in ſeinem Innern ſagte er: „Es iſt ein Dummkopf, daß er dieſe wilde Hindin nicht zu zähmen gewußt hat! Oh! wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, Ingénue würde dieſen Morgen nicht weinen!“ Und die Zeit ſeiner Jugend erſchien ihm in ihrem ganzen Zauber und in ihrer ganzen Glorie, und er kächelte bei den Träumen der Vergangenheit. Glück⸗ liche Zeiten der Seufzer, des Schmachtens auf der Straße, der Küſſe von einem Fenſter zum andern! glückliche Zeiten der Begegnungen, der Complimente über die Eleganz eines Fußes, des Lächelns zum Danke für eine gut angebrachte Galanterie geſpendet! göttliche Zeit der Rendez⸗vous in der Abenddäm⸗ merung, der Promenaden gemacht in Geſellſchaft ſchüchterner Jungfrauen, welche, nachdem ſie erröthend und lachend abgegangen, bleich und zärtlich, an dem Arme hängend, den ſie zwei Stunden vorher kaum berührt, zurückkommen!“ Alle dieſe Dinge, die Rétif in ſeinen Kopf zurück⸗ rief, defilirten vor ihm bei der Helle aller der Scheine, die ſie erleuchtet hatten, beim Feuer aller der Sonnen, die ſie gereift hatten. 316 Dieſe Proceſſion von reizenden Geſichtern, von Köpfen mit ſüßem, herausforderndem Lächeln, von widerſpänſtigen Füßen, von rebelliſchen Armen, von kratzenden oder verliebten Händen, nahm für den guten Mann den Raum einer Secunde ein,— glück⸗ liche Zeit, wie alle die glücklichen Zeiten, die ſich ihm in ſeinem optiſchen Glaſe zeigten. Und mit einem ſchweren Seufzer, der nicht trau⸗ rig genug war, um ihm den Magen zu verſtopfen, ging Rétif ins neue Speiſezimmer, um mit Ingénue, deren Dienerin das Mahl bereitet hatte, zu früh⸗ ſtücken. L. Was im Zimmer von Ingénue vorfiel, während Ghriſtian auf der Straße lauerte. Beim Frühſtück war es ſtill; befangen, ſprach Ingénue nichts aufs Gerathewohl. Rétif aß nach⸗ denkend. Der Tag verging ebenſo. Ingénue fing an zu arbeiten, wie ſie es als Mädchen that; für Rétif ſetzte ſie ihr früheres Leben fort; für jeden Andern hätte ſie ſich an ein neues Leben anzuhängen ge⸗ ſchienen, ſo viel Reſignation und ſanfte Träumerei war in ihr. Wir wären erſtaunt, die Zurückhaltung von Rétif zu ſehen, hätte ihm nicht der Gedanke, Auger habe ein wenig mißbraucht, den Mund verſchloſſen. Er nahm ſich vor, ſeinem Schwiegerſohne, ſobald er ihn ſehen würde, eine väterliche Vorſtellung zu machen. 3 . 317 Auger kam, wie man geſehen hat, gegen ſieben Uhr Abends nach Hauſe; ſeine Abweſenheit am Tage ſchien Rétif die Folge des kleinen Schmollens am Morgen zu ſein; doch der Gott der Ehe, dachte Rétif, bewirkt eben ſo wohl Ausſöhnungen, als der Gott der Liebe. Der Eine und der Andere, ſo feindſelig ſie auch gegen einander ſind, gebrauchen daſſelbe Mittel; ein einziges aber unfehlbares Mittel. Der Romanenſchreiber zählte auf die Nacht, um dieſe Verſöhnung herbeizuführen. Sobald Auger anweſend, bemerkte er die demü⸗ thige, reuige, ängſtliche Miene dieſes Schwiegerſoh⸗ nes, der, ſeiner Anſicht nach, mit der Klage im Munde, die Bitterkeit im Herzen und mit gewiſſen Velleitäten, den Herrn zu machen, wozu ihm das franzöſiſche Recht die Befugniß gab, erſchienen wäre, hätte er nicht Ingénue gegenüber ein Unrecht ge⸗ habt, von dem er wußte, es ſei ſchwer zu vergeben, da er nicht um Vergebung anſuchte. Mit einem Worte, Rétif erwartete von Auger angegriffen zu werden; doch der gute Mann wußte nicht, von welchem Geheimniß die Schwäche von Auger herrührte. „Wie! ſo ſpät, Vagabund?“ ſagte Rötif lachend zu Auger.„Sie ſind alſo fern vom ehelichen Dache herumgeſchweift?“ „Fern vom ehelichen Dache?“ wiederholte leiſe Auger.„Ei! ich habe Gänge gemacht, welche zu machen Herr Réveillon mir befohlen.“ Sodann ganz leiſe: 318 „Sollte Ingénue wirklich ihrem Vater nichts ge⸗ ſagt haben? Das iſt unmöglich.“ Und er erwartete mit Bangigkeit einen neuen Angriff. „Auf, heraus damit! erzählen Sie Ihren Ver⸗ druß, und bekennen Sie Ihre Sünden,“ fuhr der Greis fort. „Weiß er Alles, ſo nimmt er die Dinge nicht zu ſchlimm,“ ſagte der Elende zu ſich ſelbſt.„Das iſt im Ganzen möglich: dieſe Pamphletſchmierer, welche beſtändig Moral predigen, ſind im Grunde die verdorbenſten Menſchen der Erde!“ Und er näherte ſich, bereit, zu lächeln mit jenem niedrigen, gemeinen Lächeln, das er auf den unter⸗ ſten Stufen des fürſtlichen Bedientenvolkes gelernt hatte. „Sie haben alſo ſchon Zwiſt in der Ehe gehabt, mein Schwiegerſohn?“ ſagte Rétif, die Frage mehr unmittelbar in Angriff nehmend. „Oh! ich weiß nicht.. „Erröthen Sie nicht.. Sie haben vielleicht die Grazien geſchreckt, Unglücklicher!“ „Ho! ho!“ ſagte Auger zu ſich ſelbſt,„es iſt ihm nichts bekannt!“ Und er freute ſich hierüber, während er ſich zu⸗ gleich bekümmerte. Der Feige war ſehr froh, daß er ſeine Schlechtigkeiten nicht enthüllt ſah; doch die Offenbarung bedrohte ihn immer, und dieſen Kelch hätte er gern ſchon geleert gehabt. „Wenn ich ſelbſt ſpräche!“ dachte er;„wenn ich die Geſchichte auf meine Art erzählen würde!“ Doch er überlegte. . — + — 3¹9 „Nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ſobald Ingénue nicht geſprochen hat, wird ſie auch nicht ſprechen; Ingénue wird meinen Grafen von Artvis verheim⸗ lichen, damit ich ihren Pagen verheimliche: Rhabar⸗ ber und Senna, die wir uns gegenſeitig werden hingehen laſſen. Nun wohl, es ſei; verſuchen wir den Frieden auf dieſen Baſen.“ Und nachdem er ſich vom Vater in Betreff ſei⸗ ner ungeſtümen Keckheiten, welche die Grazien er⸗ ſchreckt, hatte herunterkanzeln laſſen, nachdem er Alles erduldet, was Rötif mit rhetoriſchen Blumen und Synonymie, mit Allegorien und Anſpielungen auf dieſe unglückiche Hochzeitnacht zu umgeben beliebte, neigte er das Haupt und ging zu ſeiner Frau. Sie erwartete ihn; ſie hatte ihn kommen ſehen. Er debutirte auf die gute Art; ſie antwortete ihm in einer derben Manier. Auf ſeine Kniee fallend, ſprach er: „Verzeihen Sie mir! ich bin nicht ſchuldig. Können Sie mir böſe ſein, daß ich Drohungen nachgegeben habe? In der Furcht vor den Großen erzogen, glaubte ich, wir ſeien Alle verloren, wenn Einer der mächtigen Herren dieſes Reiches uns mit ſeinem Zorne bedecke; der Herr Graf von Artois hat mir anbefohlen, zu handeln, wie ich gehandelt habe; er hat gegen mich das Arſenal ſeiner Rache entwickelt; er ließ mich die Baſtille, den Tod für mich erſchauen! das Gefängniß für Sie und für Ihren Vater! er ließ mir die Wahl zwiſchen der Armuth für unſer Daſein und dem Vermögen mit der Freiheit.“ Ingénue faltete ihre Lippen unter der tieſſten Verachtung. 320 Das war ihre einzige Antwort. „Hegen Sie keinen Groll gegen mich, da Gott Sie gerettet hat!“ fuhr Auger fort.„Ich gedachte dieſen ſchändlichen Prinzen in Ihren Armen zu tödten; doch ich rettete ſo Ihre Ehre nicht, und ich rich⸗ tete Ihr Leben, das meine, das von Allen denjeni⸗ gen, welche Ihnen theuer ſind, zu Grunde. Ein peinlicher Proceß folgte auf dieſen Mord, die Schande und das Schaffot verſchlangen uns Alle. Begreifen Sie, Ingénue: bei meinen, ich geſtehe es, von der Furcht eingegebenen Berechnungen erfuhren Sie nie etwas von dem Verbrechen, das Sie hintergangen; der Prinz verſchwand, ohne Ihnen bekannt gewe⸗ ſen zu ſein; am andern Tage gehörten Sie mir, ohne daß je die Vergangenheit Sie in der Erinnerung betrübt hätte.“ „Genug!“ rief Ingénue bebend vor Zorn,„ge⸗ nug! Sie ekeln mich an! Sie glauben Ihr Verbre⸗ chen zu mildern, indem Sie die Entſchuldigung der Furcht anrufen?“ „Ei! mir ſcheint... „Oh! ich wiederhole: ſchweigen Sie!“ „Ingénue!“ „Ich habe alſo einen Feigen geheirathet! ich habe vor Gott einen Mann genommen, der, ſtatt mich mit Gefahr ſeines Lebens zu vertheidigen, wie dies den Chemännern zu thun von der Schrift eingeſchärft iſt, mich preisgibt und entehrt, um ſein Leben zu retten? Sie ſind ein Feiger, und Sie verlangen von mir, daß ich Ihnen vergebe? Nein, weil Sie ein Feiger ſind, jage ich Sie fort! weil Sie ein Feiger ſint ſind ſere ſtů ott hte zu ich⸗ ni⸗ Fin ide fen der nie n; ve⸗ ne ng e⸗ re⸗ er 324 ſind, vergebe ich Ihnen nicht! weil Sie ein Feiger ſind, werde ich Ihnen nie vergeben!“ Auger blieb auf den Knieen liegen. Nur ſchaute er empor und faltete die Hände. Doch die Verachtung von Ingénue gegen dieſen Menſchen ſchien wo möglich immer mehr zuzunehmen. „Stehen Sie auf, wenn Sie wollen,“ ſagte ſie; „bleiben Sie am Boden und wälzen Sie ſich in Ihrer Schande, wenn es Ihnen beliebt: ich beküm⸗ mere mich nichts darum!“ „Gewähren Sie mir wenigſtens die Hoffnung!“ „Die Hoffnung auf was?“ „Auf Verzeihung.“ „Nie.“ „Und was wird unſer Leben ſein?“ „Unſer Leben wird das ſein, welches wir vor un⸗ ſerer Verheirathung führten.“ „Getrennt!“ „Durchaus.“ „Doch die Welt?“ „Mir gleichviel!“ „Man wird argwohnen.. „Ich werde Alles ſagen.“ „Ingénue, Sie würden mich ins Verderben ſtürzen?“ „Wenn Sie ſich mir nähern, ja.“ „Dictiren Sie alſo. 4 „Trennung!“ „Doch Ihr Vater?“ „Ich mache mit meinem Vater, was ich will: ich werde meinem Vater ſagen, Sie haben mir ein un⸗ 21 Dumas, Ingénue. H. 322 überwindliches Grauen eingeflößt, und ich lüge nicht, denn das iſt wahr.“ „Und ich, ich werde ihm ſagen, Sie haben einen Liebhaber.“ „Sie dürften ſich nicht täuſchen!“ „Ich bin Ihr Gatte, und ich werde Ihren Lieb⸗ haber tödten!“ „Ich werde es ſo einrichten, daß er Sie tödtet.“ Auger ſchauerte und wich vor dieſen vom Feuer des Zornes und der Tugend funkelnden Augen zurück. „Sie würde es thun,“ dachte er. „Sie haben mir alſo gedroht, Herrn Chriſtian zu tödten oder tödten zu laſſen?“ „Er iſt alſo Ihr Liebhaber?“ „Das geht Sie nichts an... Haben Sie ge⸗ droht, ja oder nein? Seien Sie doch einmal in Ihrem Leben herzhaft.“ „Ich drohe nicht, ich bitte um Gnade!“ „Stehen Sie auf: Sie ſind nicht werth, daß ich mir die Mühe nehme, mich zu ärgern.“ „Was werde ich hier thun?“ „Was Sie wollen.“ „Um zu leben?“ „Sie werden bei Tiſche ſpeiſen, wie wir.“ „Um zu wohnen?“ „Es iſt oben eine Stube unter den Manſarden Dienſtboten: Sie mögen ſie nehmen.“ „Das iſt unmöglich!“ „Wollen Sie nicht, ſo wohnen Sie anderswo.“ „Ich werde hier wohnen, wie das mein Recht iſt.“ „Verſuchen Sie es! ich klopfe an die Wand und rufe meinen Vater.“ de — ige len t ler ick. an e⸗ 6 323 Auger knirſchte mit den Zähnen. Doch ohne ſich darum zu bekümmern, fuhr In⸗ génue fort: „Sie ſind wohl auf immer von mir getrennt. Verſuchen Sie keinen Ueberfall, verſuchen Sie keine Tränke, verſuchen Sie keines von Ihren ſchändlichen Mitteln; denn bei jedem Traume gibt es ein Erwa⸗ chen, und wach würde ich Sie umbringen wie einen Hund!“ „Wie treuherzig ſind Sie!“ ſagte Auger mit ſei⸗ nem gräßlichen Lächeln des natürlichen Menſchen. „Ja, nicht ſo?... Treuherzig und wahr! Sie ſollen den Beweis davon erhalten!“ „Sie jagen mich alſo fort?“ „Durchaus nicht; Sie haben alle äußere Rechte: hier unter meinem Dache wohnen iſt eines.“ „Ich ſchlage es aus.“ „Wie Sie wollen.“ „Später werde ich überlegt haben... „Ich auch, doch ich werde mich nicht geändert haben.“ „Leben Sie wohl, Madame.“ „Leben Sie wohl, mein Herr.“ So ging Auger aus dem Hauſe weg, als ihn Chriſtian von dem Winkel, wo er ſich verborgen, ſah; ſo ſtanden die Dinge, als ſich Chriſtian nach dem Jardin du Roi wandte, wo im Ingénue ein Rendez⸗ vous gegeben. fffffiſ 6 7 8 9 10 11 12 14 15