* Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cuution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— If. „3— „„„„. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Robert Stuart, welchen Fräulein von St. An⸗ dré vom Zimmer der Verwandlungen aus, das ſo ſchnell und ſo ſeltſam wieder in Dunkelheit verſetzt wurde, bemerkt hatte; Robert Stuart, welchen das junge Mädchen im Anfang ſo boshaft für den Prinzen von Condé gehalten, war, nachdem er ſei⸗ nen zweiten Stein geworfen und ſomit dem König einen zweiten Brief zugeſandt hatte, wie geſagt eiligſt verſchwunden. Bis zum Chatelet war er ſtark gelaufen; aber einmal dort, hatte er ſich vor Verfolgung ſicher ge⸗ fühlt und war, abgeſehen von der Begegnung mit zwei oder drei Straßendieben, an denen er auf den Brücken vorbeigekommen war, die aber der Anblick ſeines langen Degens und ſeines am Gürtel hängenden Piſtols in Entfernung gehalten hatte, ziemlich ruhig zu ſeinem Freund und Landsmann Patrick zurückgekehrt. Dort hatte er ſich mit der ſcheinbaren Ruhe, die er ſeiner Selbſtbeherrſchung verdankte, ſchlafen gelegt; aber ſo groß auch dieſe Selbſtbeherrſchung war, ſo ging ſie doch nicht ſo weit, daß ſie dem Schlafe gebot, und ſo kam es, daß er ſich zwei oder 1 drei Stunden lang in ſeinem oder vielmehr in ſeines Landsmannes Bett herumwälzte, ohne darin die Ruhe zu finden, die ihn ſeit drei Nächten floh. Erſt gegen Tagesanbruch ſchien der Geiſt, durch die Müdigkeit überwältigt, den Körper zu verlaſſen und geſtattete dem Schlaf ſeine Stelle einzunehmen. Aber nun gehörte dieſer Körper ſo vollſtändig dem Schlaf an und verſank in eine ſo tiefe Lethargie, daß Jedermann ihn für einen gänzlich vom Leben verlaſſenen Leichnam gehalten haben würde. Uebrigens hatte er am Tag zuvor ſeinem Ver⸗ ſprechen gemäß ſeinen Freund Patrick bis zum Abend erwartet, alléin der Bogenſchütze war am Abend zuvor von ſeinem Capitän, welcher Befehl erhalten hatte keinen einzigen Mann aus dem Pa⸗ laſt zu laſſen— wir wiſſen ſchon warum— in den Louvre conſignirt worden, und hatte ſomit die Kleider Roberts nicht benützen können. Abends ſieben Uhr hatte ſich Robert Stuart, da er keine Nachricht von ſeinem Freund erhalten, nach dem Louvre begeben und daſelbſt die ſtrengen Befehle, die ertheilt worden, ſo wie die Veranlaſ⸗ ſung dazu erfahren. Er war ſodann in den Straßen von Paris um⸗ hergeſchweift und hatte hundert verſchiedene Les⸗ arten, eine wunderbarer als die andere, über die Ermordung des Präſidenten Minard gehört, dem ſeine Todesart weit mehr Glanz verſchaffte, als irgend ein Act ſeines Lebens. Robert Stuart, der ſich der Unwiſſenheit der Einen und der Neugierde der Andern erbarmte, hatte ſeinerſeits und nach guten Quellen, wie er „ 4 5 verſicherte, dieſen Tod mit all ſeinen wahren Ein⸗ zelheiten und wirklichen Umſtänden erzählt; aber es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſeine Zuhörer kein Wort von ſeiner Darſtellung hatten glauben wollen. Wir wiſſen für dieſe Ungläubigkeit keinen andern Grund anzuführen, als daß dieſe Darſtelung die einzige wahre war. Er hatte überdieß die Raſchheit und Strenge er⸗ fahren, womit das Parlament ſein Urtheil gegen den Rath Dubourg zu vollſtrecken gedachte, deſſen Hin⸗ richtung, wie man verſicherte, binnen achtundvierzig Stunden auf dem Greveplatz ſtattfinden ſollte. Gegen dieſe Starrköpfigkeit der Richter hatte Robert Stuart kein anderes Mittel gewußt, als daß er eine neue und noch beſtimmtere Epiſtel an den König erließ. Nach ſeiner Wache war ſein Freund Patrick, der endlich aus dem Louvre entlaſſen worden, in aller Geſchwindigkeit nach Hauſe geeilt, ſeine Leiter, wie er ſagte, hinaufgeſtiegen und in ſein Zimmer geſtürzt mit dem Ruf: „Feuer!“ Er hatte dieß für das einzige Mittel gehalten, um Robert Stuart zu wecken als er ſah, daß das Geſchmetter der Thüre, die er zugeſchlagen, der Stühle, die er herumgeſtoßen, und des Tiſches, den er verrückt hatte, nicht genügten, um ihn aus ſeinem Schlafe zu rütteln. Patricks Geſchrei, noch weit mehr als der Sinn deſſelben, erweckte Robert endlich; das Geräuſch drang bis zu ihm, aber ſeine Ideen klärten ſich nicht ſogleich. Die erſte war, daß man ihn ver⸗ 6 haften wolle; er ſtreckte daher den Arm gegen ſeinen Degen aus, der im Bettgange ſtand, und zog ihn halb aus der Scheide. „Ei, ei,“ rief Patrick lachend,„es ſcheint, Du biſt mit großer Streitluſt aufgewacht, mein lieber Stuart; beruhige Dich nur und vor allen Dingen ſteh auf, es iſt Zeit.“ „Ah, Du biſts?“ ſagte Stuart. „Freilich bin ichs. Ich will Dir ein andermal mein Zimmer leihen, Du kannſt darauf zählen, damit Du mich umbringen kannſt, wenn ich heim⸗ komme.“ „Was willſt Du? 9c ſchlief.“ „Ich ſehe es wohl und gerade das wundert mich; Du ſchliefeſt.“ Patrick ging an's Fenſter und zog die Vorhänge. „Da ſieh her,“ ſagte er. Der helle Tag drang ins Zimmer. „Wie viel Uhr iſt es denn?“ fragte Stuart. „Zehn Uhr hat es ſchon in allen Kirchen von Paris geſchlagen,“ ſagte der Bogenſchütze. „Ich erwartete Dich geſtern den ganzen Tag, und ich kann ſogar ſagen die ganze Nacht.“ Der Bogenſchütze machte eine Bewegung mit den Schultern. „Was willſt Du?“ ſagte er,„ein Soldat iſt blos ein Soldat, und wäre er auch ein ſchottiſcher Bogenſchütze; wir waren den ganzen Tag und die ganze Nacht im Louvre conſignirt, aber heute bin ich frei, wie Du ſiehſt.“ „Das heißt, Du verlangſt jetzt Dein Zimmer zurück, Patrick?“ Siit — — 7 „Nein, aber ich erbitte mir Deine Kleider.“ „Ah, es iſt wahr, ich hatte die Frau Räthin vergeſſen.“ „Glücklicher Weiſe vergißt ſie mich nicht, wie Dir dieſe Wildpretpaſtete beweiſen kann, die auf dem Tiſch ſteht und nur auf unſern gnädigen Ap⸗ petit wartet. Hat der Deinige ſich eingeſtellt? der meine ſteht ſchon ſeit zwei Stunden auf dem Poſten.“ „Und um auf meine Kleider zurückzukommen...“ „Ja, richtig: nun wohl Du begreifſt, daß meine Räthin nicht mir Nichts Dir Nichts meine vier Stock⸗ werke heraufklettern kann. Nein, dieſe Paſtete iſt nur ein Bote; ſie überbrachte mir einen Brief des Inhalts, daß man mich von 12 Uhr an— dieß iſt die Stunde, wo unſer Rath nach dem Parlament abſegelt— bis vier Uhr, wo er in den Hafen der ehelichen Glückſeligkeit zurückkehrt, erwarte. Fünf Minuten nach 12 Uhr werde ich alſo bei ihr ſein und ihre Hingebung dadurch belohnen, daß ich mich in einem Coſtüm einfinde, das ſie nicht blosſtellen kann, vorausgeſetzt daß Du noch in den gleichen Geſinnungen gegen Deinen Freund verharrſt.“ „Meine Kleider ſind zu Deiner Verfügung, lie⸗ ber Patrick,“ ſagte Robert.„Sie liegen, wie Du ſiehſt, auf dieſem Stuhle da und warten nur auf einen Beſitzergreifer. Gib mir dagegen die Deini⸗ gen und verfüg über dieſe hier ganz nach Deinem Gutdünken.“ „Sogleich; aber zuvörderſt wollen wir ein Wort mit dieſer Paſtete plaudern; Du brauchſt nicht auf⸗ zuſtehen, um an der Unterhaltung Theil zu neh⸗ 8 men; ich werde den Tiſch an Dein Bett rücken. Hier! iſt es recht ſo?“ „Ganz vortrefflich, mein lieber Patrick.“ „Jetzt“— Patrick zog ſeinen Dolch und über⸗ reichte ihn ſeinem Freunde am Stiel—„jetzt ſchneide mir, während ich Etwas zum Anfeuchten hole, die⸗ ſem Burſchen da den Bauch auf und ſag mir dann, ob meine Räthin nicht eine Frau von Geſchmack iſt.“ Robert gehorchte dem Befehl mit derſelben Pünkt⸗ lichkeit, womit ein ſchottiſcher Bogenſchütze ſelbſt den Befehlen ſeines Hauptmanns gehorcht haben würde, und als Patrick, mit beiden Händen den runden Bauch eines vollen Weinkruges ſtreichelnd, an den Tiſch zurückkam, fand er die Kuppel des gaſtrono⸗ miſchen Gebäudes bereits abgehoben.“ „Ah! beim heiligen Dunſtan!“ ſagte er,„ein Haſe, der mitten unter ſechs Rebhühnern im Lager ſitzt! Welch ein ſchönes Land, wo das Haar und die Feder in ſo holder Eintracht beiſammen leben! Nennt Herr Rabelais es nicht das Schlaraffenland? Robert, mein Freund, folge meinem Beiſpiel. Ver⸗ liebe Dich in eine Juriſtenfrau, mein Junge, ſtatt in ein Soldatenweib, und dann brauche ich nicht wie Pharao ſieben fette Kühe im Traum zu ſehen, um Dir den doppelten Ueberfluß der Güter des Himmels und der Erde zu prophezeien. Laß uns ſie benützen, mein lieber Stuart, ſonſt wären wir nicht würdig ſie erhalten zu haben.“ Um ſeine Lehre praktiſch zu beweiſen, ſetzte ſich der Bogenſchütze an den Tiſch und nahm eine erſte Portion, welche Demjenigen was er die Vorhut 6 9 ſeines Appetits nannte alle Ehre machte, auf ſeinen Teller. Robert aß gleichfalls. Mit zwanzig Jahren ißt man immer, welche Bekümmerniſſe auch den Geiſt befangen halten mögen. Er aß alſo ſchweigſamer, ſogar ſorgenvoller als ſein Freund, aber er aß doch. Uebrigens wurbe Patrick durch die Idee dem⸗ nächſt ſeine Räthin zu ſehen ſo heiter geſtimmt, daß er für Beide plauderte. Es ſchlug halb zwölf. Patrick erhob ſich haſtig von der Tafel, zer⸗ malmte ein letztes Stück von der goldenen Kruſte der Paſtete unter ſeinen Zähnen, die ſo weiß wa⸗ ren wie die des Wolfes in ſeinen Bergen, trank ein letztes Glas Wein und begann die Kleider ſeines Landsmannes anzulegen. In dieſem Aufzug hatte er das eigenthümlich ſteife Weſen, das die Kriegshelden unſerer Tage gewöhnlich haben, wenn ſie ihre Uniformen gegen ſtädtiſche Kleider vertauſchen. Das Geſicht und die Haltung eines Soldaten borgen in der That immer Etwas von ſeiner Uni⸗ form und verrathen ihn überall, wohin er gehen, unter welchem Coſtüm er auftreten mag. Der Bogenſchütze war nichtsdeſtoweniger in die⸗ ſem Anzug ein ſchöner Kavalier mit blauen Augen, rothen Haaren und einer friſchen glänzenden Haut. Als er ſich in einem Spiegelbruchſtück betrachtete, ſchien er zu ſich ſelbſt zu ſagen:„Wenn meine Räthin nicht zufrieden iſt, ſo muß ſie wahrhaftig ſehr heikel ſein.“ Gleichwohl wandte er ſich, ſei es nun aus Miß⸗ trauen gegen ſich ſelbſt oder weil er Roberts Bei⸗ ſtimmung zu erhalten wünſchte, gegen ſeinen Kame⸗ raden und fragte ihn: „Wie findeſt Du mich, lieber Freund?“ „Ei, ganz vortrefflich von Geſicht und Haltung; ich zweifle nicht, daß Du einen tiefen Eindruck auf Deine Räthin hervorbringſt.“ Das war es juſt was Patrick wollte, und er ſah ſich nach Wunſche bedient. Er lächelte, machte ſeinen Kragen zurecht und reichte Robert die Hand. „Nun denn auf Wiederſehen,“ ſagte er,„ich eile ſie zu beruhigen, denn die arme Frau muß in Todesangſt ſein, ſie hat mich ſeit zwei Tagen nicht geſehen und Nichts von mir gehört.“ Er machte eine Bewegung gegen die Thüre, blieb aber ſtehen und fügte hinzu: „Apropos, ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß meine Uniform Dich nicht verurtheilt hier zu blei⸗ ben. Du biſt nicht in meinen vierten Stock conſig⸗ nirt, wie ich es geſtern in dem Louore war. Du kanuſt frei und im hellen Sonnenſchein, wenn ſol⸗ cher vorhanden iſt, oder im Schatten, wenn ſich keine Sonne zeigt, in der Stadt umhergehen, und wenn Du nur unter meinen Kleidern! keinen ſchlim⸗ men Handel bekommſt— was ich Dir aus zwei Gründen empfehle: erſtens weil man Dich ver⸗ haften, ins Chatelet führen und dort erkennen würde, zweitens weil ich, Dein unſchuldiger Freund, wegen Verlaſſung meiner Uniform geſtraft würde— wenn Du alſo, ich wiederhole Dirs, unter meinen Klei⸗ — 5 11 dern nur keinen ſchlimmen Handel bekommſt, ſo biſt Du frei wie ein Spatz.“ „In dieſer Beziehung haſt Du Nichts zu fürch⸗ ten, Patrick,“ antwortete der Schotte,„ich bin von Natur nicht ſehr händelſüchtig.“ „Hem, hem!“ machte der Bogenſchütze, indem er den Kopf ſchüttelte.„Ich möchte mich nicht darauf verlaſſen, Du biſt ein Stück von einem Schotten, und Du mußt, wie jeder Menſch, der jenſeits der Tweed aufgewachſen iſt, Stunden haben, wo es nicht rathſam iſt Dich ſcheel anzuſehen. Im Uebri⸗ gen begreifſt Du, daß ich Dir blos einen Rath gebe und weiter Nichts. Ich ſage Dir, ſuche keine Händel, aber wenn man mit Dir anbinden will, bei meinem heiligen Schutzpatron, ſo weiche nicht aus. Zum Henker, es handelt ſich darum die Ehre der Uniform aufrecht zu erhalten, und wenn Du Deine Gegner nicht bei Zeit umbrächteſt, ſo haſt Du, merk Dirs wohl, an Deiner Seite einen Clay⸗ more und einen Dirk, die von ſelbſt aus der Scheide ſpringen würden.“ „Sei ruhig, Patrick, Du wirſt mich hier finden, wie Du mich verlaſſen haſt.“ „Nein, nein, Du ſollſt Dich nicht langweilen,“ eiferte der ſtarrköpfige Bergbewohner,„denn es iſt ganz troſtlos in meinem Zimmer da; Abends zwar iſt die Ausſicht nicht unangenehm, weil man gar Nichts ſieht, aber bei Tag ſieht man Nichts als Dächer und Glockenthürme, wenn nämlich der Rauch und der Nebel es geſtattet.“ „Dann iſt es hier immer noch ſo gut wie in unſerem vielgeliebten Vaterland, wo es beſtändig regnet,“ bemerkte Robert. „Bah!“ ſagte Patrick,„und wenn es ſchneit.“ Und zufrieden, daß er ſein Schottland in atmo⸗ ſphäriſcher Beziehung wieder zu Ehren gebracht, ent⸗ ſchloß ſich Patrick endlich zu gehen, blieb aber an der Treppe noch einmal ſtehen, öffnete die Thüre wieder und ſagte: „Alles das war blos Scherz: Lauf herum, wo Du willſt, fang Händel an und ſchlage Dich nach Herzensluſt; wenn Du nur ohne Löcher in Deiner Haut und folglich auch in Deinem Wamms nach Hauſe kommſt, ſo iſt Alles recht, aber, lieber Freund, ich babe Dir eine einzige ernſtliche Vorſtellung ans Herz zu legen, und die mußt Du wohl bedenken.“ „Welche?“ „Mein Freund, in Anbetracht der ſchwierigen Umſtände, worin wir leben, und der Drohungen, die ſchändliche Ketzer ſich gegen den König erlauben, bin ich genöthigt Schlag acht Uhr mieder im Louvre zu ſein; man hat auf heute Abend den Appell um eine Stunde früher angeſagt.“ „Du wirſt mich bei Deiner Rückkehr hier wieder treffen.“ „Nun, ſo behüte Dich Gott!“ „Viel Vergnügen!“ „Das erwartet mich ſicher,“ ſagte der Bogen⸗ ſchütze mit der Geberde eines verliebten Siegers. Und dießmal ging er, leicht wie ein Eroberer, ſtolz wie der ſchönſte Herr am Hof, eine Melodie aus ſeinem Heimathland trällernd, die bis zu Robert Bruce hinaufgehen mochte. — ———, ———— c„ , 13 Der arme ſchottiſche Soldat war in dieſer Stunde weit glücklicher als der Vetter des Frankenkönigs, als der Bruder des Königs von Navarra, als der junge und ſchöne Ludwig von Condé. Wir werden übrigens ſogleich erfahren, was der Prinz in dieſem Augenblick that und ſagte; aber wir ſind genöthigt noch einige Augenblicke in Geſellſchaft mit Meiſter Robert Stuart zu ver⸗ weilen. Dieſer hatte, wie er ſeinem Freunde geſagt, zwei Gegenſtände ernſter Ueberlegung, die wichtig genug waren, daß er ſich bis vier Uhr Nachmittags nicht langweilte; eér hielt ihm alſo Wort und er⸗ wartete ihn. Von vier bis fünf Uhr wartete er noch immer, aber mit größerer Ungeduld. Dieß war die Stunde, wo er ſich an die Thüre des Parlaments zu ſtellen gedachte, um friſche Nachrichten, nicht über die Verurtheilung des Rathes Dubourg, ſondern über den Beſchluß in Betreff ſeiner Hinrichtung zu erhalten. Um halb ſechs ertrug er es nicht mehr und ging ebenfalls aus, hinterließ jedoch ſeinem Landsmann ein paar Zeilen, worin er ihm ſagte, er könne ruhig ſein, er werde ihm Schlag ſieben Uhr ſeine Uniform ganz ſicher zurückbringen. Die Nacht begann hereinzubrechen; Robert ging in großer Haſt bis vor das Thor des Palaſtes. Eine ungeheure Volksmenge haͤtte ſich auf dem Platz verſammelt; die Sitzung des Parlaments dauerte noch. Dieß erklärte ihm das Ausbleiben ſeines Freun⸗ des Patrick, aber er erfuhr auf dieſe Art nicht, was drinnen verhandelt wurde. Erſt um ſechs Uhr gingen die Räthe auseinander. Was vom Ergebniß der Sitzung zu Roberts Ohren gelangte, war unheilvoll. Die Hinrichtungsart war beſchloſſen worden: der Rath ſollte auf dem Scheiterhaufen ſterben. Nur wußte man nicht, ob die Hinrichtung am nächſten, am zweitnächſten oder erſt am dritten Tag, das heißt am 22, am 23 oder am 24 ſtattfinden ſollte. Vielleicht gab es ſogar noch mehrere Tage Aufſchub, damit die arme Königin, Maria Stuart, die ſich Tags zuvor verletzt hatte, anwohnen konnte. Aber Dieß ſollte nur dann geſchehen, wenn die Wunde leicht genug war, um die Hinrichtung nicht länger als eine Woche zu verſchieben. Robert Stuart verließ den Platz des Palaſtes in der Abſicht nach der Rue du Battoir St. André zurückzukehren. Aber er ſah von Ferne einen ſchottiſchen Bogen⸗ ſchützen, der ſich ſchon vor der Stunde des Rappells nach dem Louvre verfügte. Jetzt kam ihm eine Idee: er wollte unter dem Coſtüm ſeines Freundes in den Louvre eindringen und daſelbſt, das heißt an zuverläſſiger OQuelle, Nachrichten über die junge Königin einziehen, deren Geſundheitsumſtände einen ſo furchtbaren Einfluß auf das Leben des Verurtheilten haben ſollten. Er hatte beinahe zwei Stunden vor ſich und be⸗ gab ſich nach dem Louvre. Weder am erſten noch am zweiten Thor wurde ihm eine Schwierigkeit gemacht. Er befand ſich alſo im Hofe. D S 15 Kaum war er da, ſo meldete man einen Abge⸗ ſandten des Parlaments. Dieſer Abgeſandte des Parlaments wünſchte im Namen der erlauchten Verſammlung, deren Bot⸗ ſchafter er war, mit dem König zu ſprechen. Man ließ Dandelot kommen. Dandelot holte die Befehle des Königs ein. Nach zehn Minuten kam er zurück mit dem Auf⸗ trag in eigener Perſon den Rath einzuführen. Robert Stuart begriff, daß er mit einiger Ge⸗ duld und Gewandtheit erfahren konnte, was er zu erfahren wünſchte, wenn der Rath weggegangen war. Er wartete alſo. Der Rath blieb beinahe eine Stunde bei dem König. Robert hatte bereits ſo lange gewartet, daß er entſchloſſen war auch noch bis ans Ende zu warten. Endlich kam der Rath heraus. Dandelot, der ihn begleitete, ſah ſehr traurig, ja ſogar düſter aus. Er ſagte ganz leiſe dem Capitän der ſchottiſchen Gendarmerie einige Worte ins Ohr und entfernte ſich. Dieſe Worte bezogen ſich augenſcheinlich auf die Botſchaft des Rathes. „Meine Herrn,“ ſagte der Capitän der ſchotti⸗ ſchen Garde zu ſeinen Leuten,„ich melde Euch hie⸗ mit, daß übermorgen ein außerordentlicher Dienſt ſtattfindet wegen der Hinrichtung des Rathes Anne Dubourg auf dem Greveplatz.“ Robert Stuart wußte was er wiſſen wollte; er that alſo ſchnell einige Schritte gegen das Thor, aber ohne Zweifel beſann er ſich anders, denn er 16 blieb plötzlich ſtehen, und nach einigen Minuten tiefen Nachdenkens kam er zurück und verlor ſich inmitten ſeiner Kameraden, was bei der Anzahl der Mannſchaft und der Dunkelheit der Nacht ſehr leicht war. . 108 „Was ſich unter einem Bett zutragen kann. Der Prinz Condé hatte, als er in den Saal der Verwandlungen trat, Dandelot für den folgen⸗ den Mittag um zwölf Uhr ein Rendezvous bei ſei⸗ nem Bruder, dem Admiral, gegeben. Es drängte ihn dermaßen Coligny und beſonders dem jüngeren und weniger ernſten Dandelot die Ereigniſſe der Nacht zu erzählen, daß er ſich ſchon vor der feſtge⸗ ſetzten Stunde in der Rue Bethiſy einfand. Dandelot ſeinerſeits war ſchon vor dem Prinzen gekommen. Er befand ſich ſeit einer Stunde bei Coligny, und die verliebte Laune des Fräuleins von St. André war zwiſchen dieſen beiden ernſten Gei⸗ ſtern ernſter verhandelt worden, als zwiſchen dem Prinzen und Dandelot. Die Verbindung des Marſchalls von St. André mit den Guiſes war keine bloße Familienverbindung, ſondern ein religiös⸗politiſcher Bund gegen die cal⸗ viniſtiſche Partei, und die Art, wie man mit dem Rath Anne Dubourg verfuhr, bewies, daß man ganz und gar nicht geneigt war mit Sectirern viele Umſtände zu machen. Die beiden Brüder hatten ſich über das Billet —— S S/5— —„—— —,— * 17 des Fräuleins von St. André die Köpfe zerbro⸗ chen; vergebens hatten ſie alle ihre Erinnerungen zu Rathe gezogen, keiner von Beiden hatte die Schriftzüge erkannt, und man hatte bei der Frau Admiralin, die in ihrem Zimmer eingeſchloſſen ihre Andachtsübungen hielt, angefragt, ob ſie von ihren Frinnerungen nicht beſſer bedient werde, als ihr Gatte und ihr Schwager. Bei jeder andern Veranlaſſung würden Dande⸗ lot und beſonders Coligny ſich dagegen ausgeſpro⸗ chen haben, daß ihr Vetter, der Prinz von Condé, ſich auf dieſe abenteuerlichen Tollheiten einlaſſe, allein ſelbſt die ehrlichſten Herzen ſchließen Gewiſ⸗ ſenscapitulationen ab und glauben in den äußer⸗ ſten Umſtänden Etwas nachgeben zu müſſen. Nun war es von großer Wichtigkeit für die calviniſtiſche Partei, daß Herr von Joinville Fräu⸗ lein von St. André nicht heirathete, und wenn anders das Rendezvous des Fräuleins nicht dem Prinzen von Joinville galt, was ſich nicht wohl annehmen ließ, ſo war es mehr als wahrſcheinlich, daß Herr von Condé, wenn er übethaupt Etwas ſah, einen ſolchen Lärm aufſchlug, daß die Sache der Familie Guiſe zu Ohren kam und irgend ein Bruch erfolgte. Noch mehr; aus dieſer Indiscretion des Prin⸗ zen mußte höchſt wahrſcheinlich eine Widerwärtig⸗ keit für ihn ſelbſt entſtehen; und dann konnte der Prinz, der zwiſchen der katholiſchen und der calvi⸗ niſtiſchen Religion ſchwankte, vielleicht Proteſtant werden, zumal da Coligny und Dandelot ihn nach dieſer Seite hinzogen. Dumas, Horoſcop. II. 2 Oft iſt ein Mann für eine Partei mehr werth als ein Sieg. Nun aber war dieſer ſchöne, junge und tapfere Prinz nicht blos ein Mann, ſondern auch ein ſieg⸗ reicher Kriegsheld. Man erwartete ihn alſo im Hotel Coligny mit F Ungeduld, wovon er ſelbſt keinen Begriff atte. Er kam, wie wir geſagt haben, vor der bezeich⸗ neten Stunde, und als die beiden Brüder ihn zu einer Generalbeichte aufforderten, begann er eine Erzählung, worin er, ſagen wirs zur Ehre ſeiner Wahrhaftigkeit, Nichts von Allem verſchwieg was ihm widerfahren war. Er erzählte Alles was er geſehen und gehört, er überging nicht einen einzigen Umſtand und ge⸗ ſ ſogar die Lage ein, in die er ſich verſezt atte. Als Mann von Geiſt machte der Prinz gleich Anfangs einige Witze über ſich ſelbſt, um den An⸗ dern zuvorzukommen, und damit dieſe, nachdem die Sache einmal geſchehen war, ſich nicht über ihn luſtig machen konnten. „Und jetzt,“ fragte der Admiral, nachdem der Prinz ſeine Erzählung beendet hatte,„was gedenket Ihr jetzt zu thun?“ „Bei Gott,“ ſagte Condé,„etwas höchſt Ein⸗ faches, und wobei ich mehr als je auf Euern Bei⸗ ſtand rechne, mein lieber Dondelot;z ich will meine Expedition erneuern.“ Die beiden Brüder ſchauten ſich an. Sie waren ganz mit dem Prinzen einverſtan⸗ ſtör biet Pri nen Pun uns ſchli ank ſten zu ſich in Gri har heu lege war den tra Dar da erke geſe rth fere eg⸗ mit riff zu eine iner was ört, ge⸗ ſezt eich An⸗ die ihn der nket Ein⸗ Bei⸗ eine tan⸗ 19 den; gleichwohl glaubte Coligny, ſeine Ehre ge⸗ biete ihm einige Einwendungen zu machen. Aber beim erſten Wort, das er wagte um dem Prinzen abzurathen, legte dieſer die Hand auf ſei⸗ nen Arm und ſagte zu ihm: „Mein lieber Admiral, wenn Ihr in dieſem Punkt nicht mit mir einverſtanden ſeid, ſo laßt uns von etwas Anderem reden, denn mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt, und es würde mich gar zu hart ankommen mit demjenigen Mann, den ich am mei⸗ ſten in der Welt liebe und verehre, d. h. mit Euch zu rechten.“ Der Admiral verneigte ſich als ein Mann, der ſich in einen Entſchluß, deſſen Bekämpfung er nicht in ſeine Macht geſtellt ſieht, ergibt, war aber im Grunde ſeines Herzens hoch erfreut über die Be⸗ harrlichkeit ſeines Vetters. Es wurde alſo ausgemacht, daß Dandelot am heutigen Abend, wie am geſtrigen, dem Prinzen Ge⸗ ſegenheit verſchaffen ſolle in den Saal der Ver⸗ wandlungen zu gelangen. Man beſtellte ſich auf ein Viertel vor Zwölf in denſelben Gang wie am Abend zuvor. Das Loſungswort wurde dem Prinzen anver⸗ traut, damit er ohne Schwierigkeiten herein konnte. Dann forderte er ſein Billet zurück. Nun geſtand der Admiral dem Prinzen, daß er, da weder er ſelbſt noch ſein Bruder die Schrift zu erkennen vermocht, das Billet der Frau Admiralin geſchickt habe, die man aber um dieſe Stunde nicht ſtören dürfe, da ſie ihre Andachtsübungen halte. Dandelot verpflichtete ſich es noch am Abend 2* 20 im Eirkel der Königin Catharina ſeiner Schwägerin abzufordern, und der Admiral ſeinerſeits verſprach ſeine Frau daran zu erinnern, daß ſie das Billet in den Louvre mitnehmen müſſe. Nachdem dieſe verſchiedenen Punkte abgemacht waren, verabſchiedeten ſich Dandelot und der Prinz von dem Admiral, Dandelot um auf ſeinen Poſten, der Prinz um in ſeine Wohnung zurückzukehren. Der Reſt des Tages verging für den Letzteren eben ſo langſam und fieberiſch wie der vorherge⸗ hende Tag. Endlich verfloſſen die Stunden eine um die an⸗ dere, und es wurde halb Zwölf. Aus dem was unſerem Robert Stuart drei Stunden vor dem Eintritt des Prinzen in den Pa⸗ laſt widerfahren, weiß man bereits, von welchen Gedanken der Hof in Anſpruch genommen wurde. Man ſprach im Louvre von Nichts als von der Hinrichtung des Rathes Dubourg, welche der König ſelbſt auf den nächſtfolgenden Tag feſtgeſetzt hatte. Der Prinz fand Dandelot tief betrübt; da je⸗ doch dieſe Hinrichtung auf unwiderlegliche Weiſe die Summe des Credits darſtellte, welchen Herr von Guiſe, der erklärte Verfolger des Rathes Dubourg bei dem Könige genoß, ſo wünſchte Dandelot nur um ſo ſehnlicher das Gelingen der Myſtifikation, womit Herr von Joinville bedroht war, damit ſeine Feinde inmitten ihres blutigen Triumphes wenig⸗ ſtens lächerlich gemacht würden. Wie am Abend zuvor, war der Gang in Dun⸗ kelheit gehüllt; wie am Abend zuvor, war der Saal der Verwandlungen nur von der ſilbernen Lampe bele tent die die ſtra offe tigte neh Bett Bet daß ſteck allet dieſe wan inne ner meh habe ſeher verſt nadt Gar heiß⸗ 21 beleuchtet; wie am Abend zuvor, war der Toilet⸗ tentiſch vorbereitet; wie am Abend zuvor, warteten die armen Leuchter nur auf Befehl, um von Neuem die zauberiſchen Schönheiten von geſtern zu be⸗ ſtrahlen. Nur ſtand dießmal das Geländer des Alkovens offen. Dieß war eine weitere Anzeige, welche bekräf⸗ tigte, daß das Rendezvous nicht abbeſtellt worden war. Da nun der Prinz Schritte im Gang zu ver⸗ nehmen glaubte, ſo ſchlüpfte er raſch unter das Bett, ohne daß er ſich die Mühe nahm dieſelben Betrachtungen wie geſtern anzuſtellen; ein Beweis, daß man ſich an Alles gewöhnt, ſogar an das Ver⸗ ſteckſpielen unter den Decken. Der Prinz hatte ſich nicht getäuſcht; es waren allerdings Tritte, die er im Gang gehört hatte, und dieſe Tritte ſuchten allerdings den Saal der Ver⸗ wandlungen, denn ſie hielten vor dem Eingang inne, und der Prinz hörte das leichte Knarren ei⸗ ner Thüre, die ſich in ihren Angeln dreht. „Gut,“ ſagte er,„unſere Verliebten haben heute mehr Eile als geſtern. Das iſt ganz einfach, ſie en ſich ſeit vierundzwanzig Stunden nicht ge⸗ ehen.“ Die Tritte näherten ſich leiſe, wie wenn Jemand verſtohlener Maßen eintritt. Der Prinz reckte ſeinen Kopf vor und ſah die Beine eines Bogenſchützen der ſchottiſchen arde. „Oh, oh!“ machte der Prinz,„was ſoll das heißen?“ Und er reckte den Kopf noch etwas mehr vor, ſo daß er nach den Beinen auch den Leib ſah. Er hatte ſich nicht getäuſcht, es war wirklich ein we Bogenſchütze der ſchottiſchen Garde, der hereinge⸗ kommen war. Ro Nur ſchien der neue Ankömmling im Zimmer eben ſo fremd zu ſein, wie er ſelbſt es geſtern ge⸗ weſen; auch er hob die Vorhänge und die Teppiche der Tiſche in die Höhe, aber da ihm Nichts von 4 alle dem eine ſichere Zufluchtsſtätte zu verheißen Zi ſchien, ſo näherte er ſich dem Bett, und da er wie Be der Prinz das Verſteck für gut hielt, ſo ſchlüpſte er hinab, aber auf der entgegengeſetzten Seite von o derjenigen, wo Herr von Conds ſelbſt ſo eben hin⸗ wi abgeſchlüpft war. Al Che jedoch der Schotte Zeit hatte ſichs unter dem Bett bequem zu machen, verſpürte er die Spitze u eines Dolchs an ſeinem Herzen, während eine Stimme ihm ins Ohr ſagte: „Ich weiß nicht, wer Ihr ſeid, noch welche Ab⸗ S ſicht Euch hierher führt, aber kein Wort, keine Be⸗ wegung, ſonſt ſeid Ihr ein Mann des Todes.“ in „Ich weiß nicht, wer Ihr ſeid, noch welche Ab⸗ he ſicht Cuch hierher führt,“ antwortete der neue An⸗ ge kömmling im gleichen Ton,„aber ich nehme von Nie⸗ de mand Bedingungen an: ſtoßet alſo immerhin zu, ch wenn es Cuch gut dünkt; Euer Dolch iſt am rechten. Platz, ich fürchte den Tod nicht.“ „Ah, ah!“ ſagte der Prinz,„Ihr ſcheint mir e ein tapferer Mann zu ſein, und die Tapfern ſind mir immer willkommen. Ich bin der Prinz Ludwig ſ von Condé, mein Herr, und ſtecke meinen Dolch vor, ein inge⸗ imer ge⸗ piche von eißen wie üpſte von hin⸗ unter pitze eine Ab⸗ Be⸗ Ab⸗ An⸗ Nie⸗ zu, echten t mir ſind udwig Dolch 23 wieder in die Scheide. Ich hoffe, daß Ihr jetzt daſ⸗ ſelbe Vertrauen gegen mich zeigen und mir ſagen werdet, wer Ihr ſeid.“ „Ich bin Schotte, gnädigſter Herr, und heiße Robert Stuart.“ „Dieſer Name iſt mir unbekannt, mein Herr.“ Der Schotte ſchwieg. „Würde es Euch gefallen,“ fuhr der Prinz fort, „mir zu ſagen, in welcher Abſicht Ihr in dieſes Zimmer kommt und warum Ihr Euch unter dieſes Bett verſteckt habt?“ „Ihr ſeid mir mit dem Beiſpiel des Vertrauens vorangegangen, gnädigſter Herrz es wäre Euer würdig fortzufahren und mir zu ſagen, in welcher Abſicht Ihr ſelbſt hier ſeid.“ „Wahrhaftig, das iſt leicht,“ ſagte der Prinz, indem er ſich bequemer legte,„ich bin in Fräulein von St. André verliebt.“ „In die Tochter des Marſchalls?“ fragte der Schotte. „Juſt in dieſe, mein Herr. Da ich nun auf indirectem Weg in Erfahrung gebracht, daß ſie heute Abend ihrem Geliebten hier ein Stelldichein gegeben, ſo habe ich die ſtrafbare Neugierde gehabt, den glücklichen Sterblichen erfahren zu wollen, wel⸗ cher die Gunſt des ehrſamen Fräuleins genießt, und habe mich unter dieſes Bett geſteckt, wo ich mich, ehrlich geſtanden, nicht ganz behaglich fühle. Sprecht jetzt Ihr, mein Herr.“ „Gnädigſter Herr, man ſoll nicht ſagen, daß ein Unbekannter einem Prinzen weniger Vertrauen ſchenke, als dieſer Prinz einem Unbekannten ge⸗ ſchenkt hat: Ich bin es, an den König geſchricbin hat.“ „Ah, zum Henker! und der die Fenſterſcheiben des Marſchalls von St. André als Briefpoſt be⸗ nützte?“ „Ich bin derſelbe.“ „Entſchuldigt,“ ſagte der Prinz,„aber dann...“ „Was, gnädigſter Herr?“ „Wenn ich mich recht erinnere, ſo habt Ihr in dieſem Brief, wenigſtens im erſten, den König be⸗ droht?“ „Ja⸗ gnädigſter Herr, für den Fall, daß er dem Rath Dubourg ſeine Freiheit nicht wieder ſchenke.“ „Und um Eurer Drohnng mehr Gewicht zu geben, ſagtet Ihr, daß Ihr es geweſen ſeid, der den Präſidenten Minard getödtet habe?“ fragte der Prinz, dem es bei dieſer unmittelbaren Nachbar⸗ ſchaft mit einem Manne, der einen ſolchen Brief geſchrieben hatte, nicht ganz wohl zu Muthe war. „Allerdings, gnädigſter Herr, bin ich es, der den Präſidenten Minard getödtet hat,“ antwortete der Schotte, ohne daß man ſeiner Stimme das mindeſte Beben anmerkte. „Würdet Ihrs vielleicht gar wagen dem König Gewalt anzuthun?“ „Ich bin in dieſer Abſicht hieher gekommen.“ „In dieſer Abſicht!“ rief der Prinz, welcher vergaß, wo er ſich befand und wie gefährlich es für ihn war gehört zu werden. „Ja, gnädigſter Herr, aber ich möchte Euer Hoheit zu bemerken geben, daß ſie etwas laut der vorgeſtern und geſtern iſt ſo ich Ih da ſtern iben be⸗ r in be⸗ dem ke.“ 25 ſpricht, und daß unſere gegenſeitige Stellung uns die Verpflichtung auferlegt leiſe zu ſprechen.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte der Prinz.„Ja bei Gott, mein Herr, laßt uns leiſe ſprechen, denn wir reden von Dingen, die in einem Palaſt wie der Louvre übel klingen.“ Und er fuhr wirklich mit gedämpfter Stimme fort: „Zum Henker, es iſt ein großes Glück für Seine Majeſtät, daß ich mich am beſtimmten Platz eingefunden habe, obſchon ich in einer ganz andern Abſicht gekommen bin.“ „Ihr gedenket Euch alſo meinem Plane zu widerſetzen?“ „Ich glaube es wohl. Was fällt Euch denn ein? Ihr wollt Euch an einem König vergreifen, damit ein Rath nicht verbrannt werden ſolle.“ „Dieſer Rath, gnädigſter Herr, iſt der recht⸗ ſchaffenſte Mann auf Erden.“ „Gleichviel!“ „Dieſer Rath, gnädigſter Herr, iſt mein Vater.“ „Ah! das iſt etwas Anderes. Nun denn, dann iſt es ein großes Glück, nicht mehr für den König, ſondern für Euch, daß ich Euch getroffen habe.“ „Warum?“ „Ihr werdet es ſogleich ſehen... Verzeiht, hab ich nicht Etwas gehört?... Rein, ich täuſchte mich. Ihr fragtet mich, warum es ein Hroßes Glück ſei, daß ich Euch getroffen habe?“ „Das will ich Euch ſagen: vor allen Dingen 26 müßt Ihr mir bei Eurer Ehre ſchwören, daß Ihr kein auf den Konig machen wollt.“ ie!“ „Aber wenn ich Euch mein prinzliches Wort verpfände, daß ich die Begnadigung des Rathes auswirken werde?“ „Wenn Ihr Euer Wort verpfändet, gnädigſter Ja „Dann werde ich wie Ihr ſagen: das iſt etwas Anderes.“ „Nun wohl, ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich werde mein Möglichſtes thun, um Herrn Dubourg zu retten.“ „Nun wohl, ſo wahr ich Robert Stuart heiße, gnädigſter Herr, wenn der König Euch dieſe Gnade bewilligt, ſo wird der König mir heilig ſein.“ „Zwei Männer von Ehre brauchen blos ein Wort auszutauſchen; unſer Wort iſt ausgetauſcht, mein Herr, ſprechen wir von etwas Anderem.“ „Ich glaube, gnädigſter Herr, daß es beſſer wäre, wenn wir gar nicht ſprächen.“ „Habt Ihr ein Geräuſche gehört?“ „Nein, aber jeden Augenblick könnte„ „Bah! Sie werden Euch wohl noch Zeit laſſen mir zu ſagen, wie Ihr hiehergekommen ſeid.“ „Das iſt ganz einfach, gnädigſter Herr: ich bin mit Hilfe dieſer Verkleidung in den Louvre gelangt.“ „Ihr ſeid alſo kein Bogenſchütze?“ „Nein, ich habe das Coſtüm von einem meiner Freunde entlehnt.“ Lort thes ſter was „ich ourg eiße, nade ein iſcht, eſſer aſſen bin ngt.“ einer 27 „Da habt Ihr Eurem Freunde einen ſchönen Streich geſpielt.“ „Ich hätte erklärt, daß ich ihm das Coſtüm ge⸗ ſtohlen habe.“ „Und wenn Ihr den König getödtet hättet, ohne Zeit zu dieſer Erklärung gehabt zu haben?“ „Dann hätte man in meiner Taſche ein Papier gefunden, das ſeine Unſchuld darthat.“ „Nun ich ſehe, daß Ihr ein Mann von Ordnung ſeid, aber dieß Alles erklärt mir noch nicht, wie Ihr hiehergekommen ſeid, und warum Ihr Euch unter das Bett in dieſem Zimmer verſteckt habt, das Seine Majeſtät vielleicht nicht viermal im Jahre betritt.“ „Weil Seine Majeſtät heute Nacht hieher kommt, gnädigſter Herr.“ „Ihr ſeid deſſen gewiß?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Aber woher wißt Ihr es? Bitte, ſagt mir as.“ „Vor einem Augenblick ſtand ich in einem Cor⸗ ridor.“ „In welchem?“ „Ich weiß es nicht, ich komme zum erſten Mal in den Louvre.“ „Nun wahrhaftig, für das erſte Mal wißt Ihr Euch recht wohl zu behelfen.“ „Alſo Ihr waret in einem Corridor.“ „Ich ſteckte hinter dem Thürvorhang eines un⸗ beleuchteten Zimmers, als ich zwei Schritte von mir ziſchen hörte. Ich lauſchte und hörte folgende Worte, dle zwei Damen zu einander ſprachen: „Es bleibt al nicht wahr?“ „Im Saal der Verwandlungen?“ Ja. „Schlag ein Uhr wird der König dort erſchei⸗ nen. Ich will den Schlüſſel hineinſtecken.“ „Ihr habt das gehört!“ rief der Prinz, der abermals vergaß, wo er ſich befand, und ſeiner Slimme eine furchtbare Gewalt gab. „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete der Schotte; „was ſollte ich ſonſt in dieſem Zimmer thun?“ „Das iſt richtig,“ ſagte der Prinz. Dann murmelte er bei Seite: „Oh! es war der König!“ „Ihr ſagt, gnädigſter Herr?“ fragte der Bogen⸗ ſchütze in der Meinung, dieſe Worte ſeien an ihn gerichtet. „Ich frage Euch, mein Herr, wie Ihr es an⸗ geſtellt habt, um dieſes Zimmer zu finden, da Ihr geſteht, daß Ihr im Louvre nicht bekannt eid?“ ſo für heute Abend ausgemacht, „Oh, das war ganz einfach, gnädigſter Herr, ich habe den Thürvorhang halb geöffnet und der Perſon nachgeſchaut, die den Schlüſſel hineinſtecken ſollte. Als ſie dieß gethan hatte, ging ſie ihres Wegs weiter und verſchwand am Ende des Corri⸗ dors. Jetzt wollte ich mich herauswagen, als ich Tritte herankommen hörte; ich verbarg mich wieder hinter meiner Tapiſſerie, und ein Mann ging in der Dunkelheit an mir vorüber; als er vorüber war, verfolgte ich ihn gleichfalls mit den Augen ſchü gan am „hi geſt icht, hei⸗ der ner tte; en⸗ ihn an⸗ Ihr nnt err, der en res rri⸗ ich der in ber gen 29 und ſah, daß er vor der Thüre dieſes Zimmers ſtehen blieb, ſie aufſtieß und hineintrat. Da ſagte ich zu mir; dieſer Mann iſt der König. Ich nahm mir nur noch Zeit meine Seele Gott zu befehlen. Ich ſchlug den Weg ein, welchen mir die Frau und der Mann nach einander angezeigt hatten. Ich fand nicht nur den Schlüſſel in der Thüre, ſondern auch die Thüre halb offen; ich ſtieß ſie auf und ging hinein; als ich Niemand ſah, glaubte ich mich getäuſcht zu haben, und dachte, der Mann, der offenbar im Louvre wohl bekannt war, ſei in ein benachbartes Zimmer getreten. Ich ſuchte einen Platz, um mich zu verſtecken. Ich ſah ein Licht... Das Uebrige wißt Ihr, gnädigſter Herr.“ „Ja bei Gott, ich weiß es, aber. „Stille, gnädigſter Herr.“ „Warum?“ „Dießmal kommt man.“ „Ich habe Euer Wort, mein Herr.“ „Und ich das Eurige, gnädigſter Herr.“ Die Hände der beiden Männer berührten ſich. Ein leichter Tritt, ein Frauentritt berührte ſchüchtern den Teppich. „Fräulein von St. André,“ ſagte der Prinz ganz leiſe,„hier, zu meiner Linken.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich eine Thüre am andern Ende des Zimmers, und ein junger Menſch, beinahe noch ein Kind, trat ein. „Der König!“ ſagte der Schotte ganz leiſe, „hier zu meiner Rechten.“ „Ha, bei Gott,“ murmelte der Prinz,„ehrlich geſtanden, ich hätte an ihn nicht gedacht.“ II. Die Porten der Bönigin-Mutter. Das mit braunen Stoffen ausgelegte und mit dunklem eichenem Getäfel eingefaßte Zimmer, wel⸗ ches Catharina von Medici im Louvre bewohnte, ſo wie das lange Trauerkleid, das ſie als Wittwe von etlichen Monaten in dieſem Augenblick und überdieß für den Reſt ihres Lebens trug, machten auf den erſten Blick einen traurigen Eindruck; aber man brauchte nur über den Thronhimmel, unter welchem ſie ſaß, hinaufzuſchauen, um ſich zu über⸗ zeugen, daß man ſich in keiner Todtenſtadt befand. In der That ſtrahlte über dieſem Thronhimmel ein Regenbogen, von einer griechiſchen Deviſe ein⸗ gefaßt, welche der König ſeiner Schwiegertochter gegeben hatte, und die ſich, wie wir ſchon ander⸗ wärts geſagt zu haben glauben, mit den Worten wieder geben ließ: Ich bringe das Licht und die Heiterkeit. Wenn übrigens dieſer Regenbogen als eine Brücke zwiſchen der Vergangenheit und der Zukunft, zwiſchen einer Trauer und einem Freudenfeſt nicht genügt hätte den Fremden aufzuheitern, der plötz⸗ lich in dieſes Zimmer gerathen wäre, ſo hätte er blos ſeine Augen unter den Thronhimmel zu ſenken gebraucht, um das wahrhaft ſchöne Geſchöpf, das in dieſem Lehnſtuhl ſaß und Catharina von Medici hieß, umgeben von ſieben jungen Damen, welche man die königliche Plejade nannte, anzuſchauen. Im Jahr 1519 geboren, ging Lorenz's Tochter nit el⸗ te, we nd ten ber ter er⸗ nel in⸗ ter er⸗ ten die ine nft, icht ötz⸗ ken das lche ter 31 bereits in ihr vierzigſtes Jahr, und wenn die Farbe ihrer Kleider den Tod in ſeiner ganzen kalten Strenge vor Augen führte, ſo enthüllten ihre leb⸗ haften, durchdringenden, von beinahe übernatür⸗ lichem Glanz ſtrahlenden Augen das Leben in ſeiner ganzen Kraft und Schönheit. Ueberdieß die elfen⸗ beinerne Weiße ihrer Stirne, der Glanz ihres Teints, die Reinheit, der Adel, die Strenge ihrer Geſichtszüge, die Unbeweglichkeit ihrer Phyſiogno⸗ mie, wogegen die Beweglichkeit ihrer Augen unauf⸗ hörlich contraſtirte, alles das machte dieſen Kopf zur Maske einer römiſchen Kaiſerin; vom Proſil geſehen, mit dem feſten Auge und den unbewegli⸗ chen Lippen hätte man ſie für eine antike Camee gehalten. Gleichwohl hatte dieſe gewöhnlich düſtere Stirne ſich ſo eben aufgeklärt; dieſe meiſt unbeweglichen Lippen hatten ſich ſo eben halb geöffnet und be⸗ wegt, und als die Frau Admiralin eintrat, hatte ſie Mühe einen Ausruf der Ueberraſchung zurück⸗ zuhalten, weil ſie dieſe ſonſt ſo ernſthafte Frau lächeln ſah. Aber ſie errieth bald, woher der Wind wehte. Bei der Königin befand ſich der hochwürdigſte Herr Cardinal von Lothringen, Erzbiſchof von Reims und von Narbonne, Biſchof von Metz, von Toul und von Verdun, von Therouanne, von Lugon, von Valence, Abt von Saint⸗Denis, von Fecamp, von Cluny, von Marmoutiers u. ſ. w. Der Cardinal von Lothringen, mit dem wir uns ſchon beinahe ſo oft wie mit der Königin Ca⸗ tharina ſelbſt beſchäftigt haben, da er in der Ge⸗ ſchichte des Ausgangs des XVI. Jahrhunderts eine ſehr bedeutende Stelle einnimmt; dieſer Cardinal von Löthringen, der zweite Sohn des Herzogs von Guiſe, der Bruder des Benarbten, der Mann, über welchen ſich alle in Frankreich bekannten und un⸗ bekannten geiſtlichen Gnaden zugleich ergoſſen, der Mann endlich, der, als er im Jahr 1548 nach Rom geſchickt wurde, durch ſeine Tugend, ſeine Schön⸗ heit, ſeine Anmuth, ſeinen majeſtätiſchen Wuchs, ſeinen prächtigen Aufzug, ſeine leutſeligen Manieren, ſeinen Geiſt, ſeine Liebe zur Wiſſenſchaft, in der ewigen Stadt den größten Eindruck hervorgebracht hatte, war ein Jahr zuvor von dem Papſt Paul III. mit dem römiſchen Purpur beehrt worden. Er war im Jahr 1525 geboren und zählte alſo in dem Zeitpunkt, wo wir jetzt angelangt ſind, vier⸗ unddreißig Jahre. Er war ein verſchwenderiſcher, prachtliebender, ſtolzer Cavalier und ſagte, wie ſeine Gevatterin Catharina, wenn man ihm die Erſchö⸗ pfung der Finanzen vorhielt:„Man muß Gott um Alles loben; aber man muß leben.“ Seine Gevatterin Catharina, da wir ihr dieſen vertrauteu Namen einmal gegeben haben, war wirk⸗ lich in der vollen Bedeutung des Wortes ſeine Gevatterin; ſie würde damals keinen Schritt gethan haben, ohne den Herrn Cardinal von Lothringen zu Rath zu ziehen. Dieſe Vertraulichkeit erklärt ſich durch die Herrſchaft, welche der Cardinal über die Königin⸗Mutter ausübte, und gibt den Schlüſſel zu der unbeſchränkten Macht der abſoluten Gewalt des Hauſes Lothringen am franzöſiſchen Hof. Als daher die Frau Admiralin den Cardinal ine nal on ber un⸗ der om ön⸗ hs, en, der cht III. lſo ier⸗ er, ine bö⸗ um ſen irk⸗ eine han gen lärt ber ſſel valt nal 33 von Lothringen auf den Lehnſtuhl Catharina's geſtützt ſah, da erklärte ſie ſich das Lächeln der Königin⸗Mutter:„Ohne Zweifel hatte der Cardinal mit dem feinen Spott, deſſen Gabe er im höchſten Grade beſaß, irgend Etwas erzählt.“ Die andern Perſonen, welche die Königin⸗Mutter umgaben, waren Franz von Guiſe und der Prinz von Joinville, ſein Sohn, der Verlobte des Fräuleins von St. André; der Marſchall von St. André ſelbſt; der Prinz von Montpenſier, ſeine Frau, Jacobine von Ungarn, ſo berühmt durch ihren Einfluß auf Catharina von Medici, und der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon. Hinter ihnen der junge Herr upn Bourdeilles (Brantome), Ronſard, Baff, ein guter Kerl, aber ſchlechter Poet, ſagt der Cardinal Duperron⸗Daurat; ein Schöngeiſt, abſcheulicher Poet und Pindar Frank⸗ reichs, ſagen ſeine Zeitgenoſſen. ann Remi Belleau, weniger bekannt durch ſeine ſchlechte Ueberſetzung Anakreons und ſein Gedicht über die Verſchiedenheit der Edelſteine, aber berühmt durch ſein friſches Lied auf den Monat April; Pontus von Thiard, Mathematiker, Philo⸗ ſoph, Theolog und Dichter, derſelbe der, wie Ron⸗ ſard ſagt, die Sonnette in Frankreich einführte; Jodelle, Verfaſſer der Cleopatra, der erſten fran⸗ zöſiſchen Tragödie— Gott vergebe ihm im Himmel, wie wir ihm auf Erden vergeben!— Verfaſſer der Dido, der zweiten Tragödie, der Comödie Eu gen, ſo wie einer Maſſe von Sonnetten, die damals ſehr im Schwung waren, unſerer Cpoche aber un⸗ bekannt ſind, kurz die ganze Plejade, mit Aus⸗ Dumas, Horoſcvp. II. 3 34 nahme von Clemens Marot, der 1544 ſtarb, und Joachim von Bellay, welchen Margareth von Na⸗ varra den franzöſiſchen Ovid nannte. Was am heutigen Abend all dieſe Poeten, die gewöhnlich ihre eigene Ceſellſchaft unter ſich nicht ſehr ſuchten, bei der Königin⸗Mutter zuſammenführte, das war der Unfall, welcher Tags zuvor der jungen Königin Maria Stuart zugeſtoßen war. Es war wenigſtens der Vorwand, den Jeder ergriffen hatte, denn, die Wahrheit zu ſagen, die Schönheit, die Jugend, die Anmuth, der Geiſt der jungen Monarchin traten in ihren Augen vor der Majeſtät und Allmacht der Königin⸗Mutter gänzlich in den Hintergrund. Nach einigen alltäglichen Bei⸗ leidsbezeugungen über ein Ereigniß, das jedoch ſo furchtbare Folgen, nämlich den Verluſt eines Thron⸗ erben nach ſich führen konnte, hatte man die Urſache des Beſuches vergeſſen, um nur noch der Gnaden, Gunſtbezeugungen und Wohlthaten zu ge⸗ denken, welche man für die Seinigen oder ſich ſelbſt erbitten wollte. Man hatte ſogar von den beiden Drohbriefen geſprochen, die dem König Schlag auf Schlag durch die Fenſter des Marſchalls von St. André herein⸗ geworfen worden; aber die Unterhaltung hatte, wie es ſcheint, kein genügendes Intereſſe dargeboten und von ſelbſt aufgehört. Bei der Ankunft der Admiralin runzelten ſich all dieſe lächelnden Geſichter wieder, und das bisher heitere Geplauder wurde auf einen Augenblick kalt und ernſthaft. Es war, als wäre ein Feind in ein Lager von Verbündeten gekommen. In der That und Na⸗ die nicht rte, igen eder die der der zlich Bei⸗ h ſo ron⸗ die der ge⸗ elbſt iefen urch rein⸗ wie und ſich sher kalt ein That 35 ſtand die Frau Admiralin von Coligny durch ihre religiöſe Strenge den ſieben Sternen, die Catharina umgaben, im Wege. Gleich den ſieben Töchtern des Atlas, fühlten ſich dieſe glänzenden Sternbilder un⸗ behaglich gegenüber dieſer unerſchütterlichen Tugend, die man ſo oft anzugreifen geſucht hatte und die man verläumden mußte, weil es unmöglich war ihr in Wahrheit etwas Böſes nachzuſagen. Inmitten dieſes ſo bedeutungsvollen Schweigens, das ſie indeſſen nicht zu beachten ſchien, küßte die Admiralin der Königin Catharina die Hand und ſetzte ſich dann auf ein Tabouret, wo ſie den Prin⸗ zen von Joinville zu ihrer Rechten, den Prinzen de la Roche⸗ſur⸗Yon zu ihrer Linken hatte. „Nun wohl, meine Herrn vom Parnaſſus,“ ſagte Catharina, nachdem die Admiralin ſich geſetzt hatte,„ſollte Uns denn keiner von Euch irgend ein neues Lied, ein neues Triolet oder ein gutes Cpigramm zum Beſten zu geben wiſſen? He da, Maeſtro Ronſard, monson Jodelle, monsou Remi Belleau, an Euch iſt es die Koſten der Unterhal⸗ tung zu tragen; ein ſchönes Verdienſt Vögel bei ſich zu haben, wenn dieſe Vögel nicht ſingen! Herr Peter von Bourdeilles hat uns ſo eben mit einer ſchönen Erzählung erfreut; beluſtiget Ihr uns mit einer ſchönen Poeſie.“ Die Königin ſagte dieſe Worte mit jener halb⸗ franzöſiſchen halb italieniſchen Ausſprache, die ihrer Unterhaltung einen ſo pikanten Zauber verlieh, wenn ſie heiter war, die aber dennoch gleich der Sprache Dantes einen ſo furchtbaren Ton anzuneh⸗ men wußte, wenn dieſe Unterhaltung ſich verdüſterte. 3 36 Und da Catharinas Blick auf Ronſard haften geblieben war, ſo trat er jetzt vor, um dem Auf⸗ ruf Folge zu leiſten. 1 „Huldreiche Königin,“ ſprach er,„Alles was ich gemacht habe iſt zur Kenntniß Eurer Majeſtät ge⸗ kommen, und das was Ihr nicht kennt möchte ich Euch nicht mitzutheilen wagen.“ „Und warum Das, Maeſtro?“ fragte Catharina. „Nun, weil es Liebesverſe für die Damen ſind und weil Eure Majeſtät zu große Ehrfurcht gebie⸗ tet, als daß man es wagen könnte in Ihrer Ge⸗ genwart die Liebesliedchen der Schäfer von Knidus und Cythere zu ſingen.“ „Bah!“ ſagte Catharina,„bin ich nicht aus dem Lande Petrarcas und Boccaccios? Sprecht, ſprecht, Meiſter Peter, wenn nämlich die Frau Ad⸗ miralin es erlaubt.“ „Die Königin iſt hier wie überall Königin; ſie gibt ihre Befehle, und ihre Befehle werden be⸗ folgt,“ antwortete die Admiralin, ſich verneigend. „Ihr ſeht, Maeſtro,“ ſagte Catharina,„Ihr habt alle Freiheit. Wohlan denn! Wir höten Euch.“ Ronſard trat einen Schritt vorwärts, fuhr mit der Hand in ſeinen ſchönen blonden Bart, ſchlug ſeine ſanfternſten Augen zum Himmel auf, um ſich das Gedächtniß von da zu erbitten von wo er die Begeiſterung ſuchte, und ſagte mit bezaubernder Stimme ein Liebeslied, um das ihn mehr als einer unſerer zeitgenöſſiſchen Dichter beneiden würde. Nach ihm trug Remi Belleau auf Verlangen der Königin Catharina eine Villanelle über die ften luf⸗ ich ge⸗ ich a. ind bie⸗ Ge⸗ dus aus cht, Ad⸗ in; be⸗ d. Ihr ren mit hlug ſich die nder iner igen die 37 Klagen eines Turteltaubers um ſein Täubchen vor. Es war eine Bosheit gegen die Admiralin von Co⸗ ligny, welche von den böſen Zungen am Hof einer zärtlichen Neigung gegen den Marſchall von Strozzi beſchuldigt wurde, der im vorhergehenden Jahr bei der Belagerung von Thionville durch einen Mus⸗ ketenſchuß getödtet worden war. Die Verſammlung klatſchte in die Hände zur großen Verlegenheit der Admiralin, die trotz all ihrer Selbſtbeherrſchung nicht verhindern konnte, daß ihr das Blut ins Geſicht ſtieg. Als die Ruhe ein wenig hergeſtellt war, wurde Peter von Bourdeilles, Herr von Brantome, auf⸗ gefordert einige ſeiner galanten Anekdoten zu er⸗ zählen, die mit einem allgemeinen tollen Gelächter endigten; man drehte und krümmte ſich, man klam⸗ merte ſich an den Nachbar an, um nicht zu fallen. Alle ſchrien laut auf vor Lachen, Thränen kamen in Aller Augen, Alle zogen ihre Schnupftücher her⸗ aus und riefen: „Oh genug, Herr von Brantome, bitte, genug, genug!“ Die Frau Admiralin war wie die Andern von dem unwiderſtehlichen Nervenkrampf ergriffen wor⸗ den, den man Lachen nennt, und wie die Andern hatte ſie unter einer Menge krampfhafter Bewe⸗ gungen ihr Schnupftuch aus der Taſche gezogen. „ Nun geſchah es, daß ſie beim Herausziehen ihres Schnupftuchs zu gleicher Zeit das Billet her⸗ auszog, das ſie Dandelot bringen ſollte. i Nur fiel, während ſie das Schnupftuch an ihre Augen führte, das Billet zur Erde. 38 Der Prinz von Joinville ſaß, wie wir geſagt haben, neben der Admiralin. Während er lachte, ſich zurückwarf und ſich die Seiten hielt, ſah der junge Prinz das Billet, ein parfümirtes, zuſam⸗ mengelegtes, ſeidenweiches, ein wahres Billet-doux aus der Taſche der Admiralin fallen. Herr von Joinville hatte wie die Andern ſein Schnupftuch herausgezogen. Er ließ es auf das Billet fallen und hob dann Billet und Schnupftuch zugleich auf. Nachdem er ſich verſichert hatte, daß erſteres im letzteren enthalten war, ſteckte er das Ganze in ſeine Taſche, mit dem Vorbehalt das Billet zur ge⸗ eigneten Zeit zu leſen. Dieſe geeignete Zeit war der Weggang der Frau Admiralin. Wie bei allen Paroxismen der Freude, des Schmerzes oder des Lachens, folgten auch auf dieſe lärmenden Ausbrüche der königlichen Geſellſchaft einige Minuten Stille, während deren es zwölf Uhr ſchlug. Dieſer Schlag der Uhr und dieſe Stunde der Nacht erinnerten die Admiralin daran, daß es Zeit war das Billet an Dandelot zurückzugeben und ins Hotel Coligny zurückzukehren. Sie ſtöberte in ihrer Taſche um das Billet zu ſuchen. Es war nicht mehr vorhanden. Sie durchſuchte alle ihre Taſchen nach einander, ihren Beutel, ihre Bruſt: Alles vergebens. Das Billet war verſchwunden, entwendet oder verloren, höchſt wahrſcheinlich das Letztere. Die Admiralin hielt noch ihr Schnupfuch in der agt hte, der m⸗ UX ein das uch res ge⸗ en, s 39 Hand. Auf einmal kam ihr die Idee, daß ſie beim Herausziehen deſſelben das Billet herausgeworfen habe. Sie ſah auf den Boden: es war nicht mehr da. Sie rückte ihren Stuhl: kein Billet. Die Admiralin fühlte, daß ſie ihre Farbe wech⸗ ſelte. Herr von Joinville, der das ganze Treiben beobachtete, konnte nicht mehr an ſich halten. „Was habt Ihr denn, Frau Admiralin?“ fragte er.„Man ſollte meinen, Ihr ſuchet Etwas.“ „Ich? nein ja Nichts. Richts Ich habe Nichts verloren,“ ſtammelte die Admira⸗ lin, indem ſie ſich erhob. „Oh mein Gott, liebe Freundin,“ fragte Ca⸗ „was iſt Euch denn? Ihr werdet ja feuer⸗ roth.“ „Ich fühle mich unwohl,“ antwortete die Ad⸗ miralin beunruhigt,„und mit Eurer Majeſtät Er⸗ laubniß will ich mich entfernen.“ Catharina begegnete dem Blick des Herrn von Joinville und begriff, daß ſie der Admiralin volle Freiheit geben mußte. „Oh, liebe Freundin,“ ſagte ſie zu ihr,„Gott behüte mich davor, daß ich Euch zurückhalten ſollte, während Ihr leidend ſeid. Geht nach Hauſe zu⸗ rück und pfleget Eurer Geſundheit, die uns Allen ſo theuer iſt.“ Die Admiralin verneigte ſich halb erſtickend, ohne zu antworten, und trat ab. Mit ihr gingen Ronſard, Baff, Daurat, Jo⸗ delle, Thiard und Belleau, welche ſie bis zu ihrer 40 Sänfte zurückbegleiteten, während die Dame be⸗ ſtändig in ihren Taſchen ſuchte. Als dann die ſechs Poeten ſahen, daß die Träger dem Hotel Co⸗ ligny zugingen, begaben ſie ſich auf die Quais und von da unter Geſprächen über Rhetorik und Phi⸗ loſophie in die Rue des Foſſes⸗Saint⸗Victor, wo das Haus Balfs lag, eine Art vorzeitiger Academie, wo die Poeten ſich an gewiſſen Tagen oder vielmehr in gewiſſen Nächten verſammelten, um über Poeſie oder irgend einen andern literari⸗ ſchen oder philoſophiſchen Stoff zu verhandeln. Laſſen wir ſie gehen— denn ſie entfernen ſich von dem Faden der uns in das Labyrinth politi⸗ ſcher und verliebter Intriguen führt, auf das wir uns eingelaſſen haben, und kehren wir in Catha⸗ rinas Salon zurück. IV. RKlars und Penus. Kaum war die Admiralin gegangen, ſo riefen Alle zuſammen, da man nicht zweifelte, daß etwas Außerordentliches vorgegangen ſei: „Ei, was hatte denn die Frau Admiralin?“½ „Fragt Herrn von Joinville,“ antwortete die Königin Mutter. „Wie! Euch?“ fragte der Cardinal von Loth⸗ ringen. „Sprecht, Prinz, ſprecht!“ riefen ſämmtliche Damen.. „Wahrhaftig, meine Damen,“ antwortete der — be⸗ die Co⸗ und tor, ger gen ten, ari⸗ ſich iti⸗ wir ha⸗ fen s th⸗ che er 41 Prinz,„ich weiß noch nicht was ich Euch ſagen ſoll. Aber,“ fügte er, das Billet aus ſeiner Ta⸗ e ziehend, hinzu:„Dieß da wird für mich ſpre⸗ hen.“ „Ein Billet!“ rief man von allen Seiten. „Ein Billet! ganz lau, parfümirt, ſatinirt, und aus welcher Taſche gefallen?“ „Oh, Prinz „Rathet.“ „Nein, ſagt es ſogleich.“ „Aus der Taſche unſerer geſtrengen Feindin, der Frau Admiralin.“ „Ah!“ ſagte Catharina,„deßhalb winktet Ihr mir, daß ich ſie gehen laſſen ſolle?“ „Ja, ich geſtehe meine Indiscretion; es drängte mich den Inhalt zu erfahren.“ „Und was ſteht darin?“ fragte Catharina. „Ich hätte es für eine Reſpectwidrigkeit gegen Eure Majeſtät gehalten, wenn ich dieſes koſtbare Billet vor Euch geleſen hätte.“ „Nun, ſo gebt her, Prinz.“ Und mit einer ehrerbietigen Verbeugung über⸗ reichte Herr von Joinville das Schreiben der Kö⸗ nigin Mutter. Man drängte ſich um Catharina, die Neugierde ſiegte über die Ehrfurcht. „Meine Damen,“ ſagte Catharina,„es iſt mög⸗ lich, daß dieſer Brief ein Familiengeheimniß ent⸗ hält. Laßt mich ihn zuerſt allein leſen, und ich verſpreche Euch, daß ich, wenn er laut geleſen wer⸗ den kann, Euch dieſer Freude nicht berauben werde.“ Man entfernte ſich von Catharina: dadurch wurde 42 ein Leuchter frei, und die Königin Mutter konnte das Billet leſen. Herr von Joinville folgte ängſtlich den Beme⸗ gungen der Phyſiognomie Catharina's, und als dieſe vollendet hatte, ſagte er: „Meine Damen, die Königin will jetzt vorleſen.“ „Wahrhaftig, Prinz, ich finde, daß Ihr Euch ſehr beeilt. Ich weiß nicht, ob ich Euch auf ſolche Art die verliebten Geheimniſſe meiner werthen Freundin, der Frau Admiralin, preisgeben darf.“ „Es iſt alſo wirklich ein Liebesbrief?“ fragte der Herzog von Guiſe. „So wahr ich lebe,“ antwortete die Königin; „urtheilet ſelbſt, denn ich für meine Perſon glaube falſch geleſen zu haben.“ „Und deßhalb werdet Ihr noch einmal leſen, nicht wahr, Madame?“ ſagte der Prinz von Join⸗ ville ungeduldig. „Hört!“ ſprach Catharina. Es entſtand eine wunderbare Stille, in welcher man nicht einen einzigen Athemzug hörte, obſchon etwa fünfzehn Perſonen da waren. Die Königin las: „Kommt gewiß Nachts ein Uhr ins Zimmer der Verwandlungen. Das Zimmer, wo wir uns in der letzten Nacht ſahen, liegt zu nahe bei der Woh⸗ nung der beiden Königinnen. Unſer Vertrauter, deſſen Treue Ihr kennt, wird dafür ſorgen, daß die Thüre offen bleibt.“ Es war nur ein Schrei des Erſtaunens. Es war ein Rendezvous, ein ganz förmliches S— S e e cS c YP ri nnte ewe⸗ als en.“ Euch olche then ſ agte gin; ube ſen, oin⸗ cher chon der in oh⸗ ter, daß ches 43 Rendezvous;— ein Rendezvous, das die Admiralin gab, denn das Billet war aus ihrer Taſche gefallen. Alſo war der Beſuch der Admiralin bei der Königin Catharina blos ein Vorwand, um in den Louvre zu gelangen, und da Dandelot die Wache hatte, ſo hoffte die Admiralin, die ohne Zweifel auf ihren Schwager zählen durfte, nach Belieben wie⸗ der hinauskommen zu können. Aber wer mochte der Mann ſein? Man ließ ſämmtliche Freunde der Admiralin, einen um den andern, Revue paſſiren, aber Frau von Coligny führte ein ſo ſtrenges Leben, daß man nicht wußte, bei wem man ſtehen bleiben ſollte. Man verdächtigte zuletzt Dandelot ſelbſt, ſo kiht war der Verdacht an dieſem verdorbenen ofe. „Ei,“ ſagte der Herzog von Guiſe,„es gibt ja ein höchſt einfaches Mittel den Galdn kennen zu lernen.“ „Welches?“ fragte man von allen Seiten. „Das Rendezvous iſt für heute Nacht?“ „Ja,“ ſagte Catharina. „Im Zimmer der Verwandlungen?“ „Ja“ „Nun wohl, dann muß man es den Liebenden gerade ſo machen, wie die Götter des Olymps es Wars und Venus machten.“ „Man muß ſie während ihres Schlafs beſuchen!“ rief Herr von Joinville. Die Damen ſchauten ſich an. Sie hätten den Vorſchlag von Herzen gern mit einſtimmigem Bei⸗ fallsgeſchrei aufgenommen, aber ſie wagten es nicht ihr Verlangen zu geſtehen. Es war halb ein Uhr. Man mußte noch eine halbe Stunde warten, und mit übeln Nachreden über ſeinen Nebenmenſchen geht eine halbe Stunde ſchnell hin. Man zog über die Admiralin los, man malte ſich zum Voraus ihre Beſchämung aus, und die halbe Stunde ging vorüber. Aber Niemand war entzückter als Catharina, welche die Idee ganz vortrefflich fand, ihre theure Freundin, die Admiralin, auf der That zu ertappen. Es ſchlug ein Uhr. Jedermann klatſchte in die Hände, mit ſolcher Ungeduld wurde die Stunde erwartet. „Wohlan,“ ſagte der Prinz von Joinville,„laßt uns aufbrechen.“ Aber der Marſchall von St. André hielt ihn auf. „Oh, unvorſichtige Jugend!“ ſagte er. „Habt Ihr eine Einwendung zu machen?“ fragte Herr de la Roche⸗ſur⸗Yon. „Ja,“ ſagte der Marſchall. „In dieſem Fall höret ſie an,“ verſetzte Catha⸗ rina,„und zwar mit Andacht, meine Herrn. Unſer Freund, der Marſchall, beſitzt eine große Erfahrung in allen Dingen und ganz beſonders in ſolchen An⸗ gelegenheiten.“ „Nun wohl,“ ſagte der Marſchall,„ich wollte, um die Ungeduld meines Schwiegerſohns, des Herrn von Joinville, zu zügeln, blos ſo viel ſagen, daß man ſich zuweilen auch nicht ganz pünktlich beim S——„ S S c— c e— 8 — nicht eine eden unde talte die ina, eure pen. lcher laßt ihn agte tha⸗ nſer rung An⸗ te, errn daß beim 45⁵ Rendezvous einſtellt, und daß unſer Plan leicht ſcheitern könnte, wenn wir allzu bald kämen.“ Man fügte ſich in dieſen klugen Rath des Mar⸗ ſchalls, und Alle ſtimmten mit der Königin Catha⸗ rina dahin überein, daß er ein vollendeter Meiſter in ſolchen Dingen ſei. Es wurde alſo ausgemacht noch eine halbe Stunde zu warten. Sie verfloß. Aber jetzt war die Ungeduld ſo hoch geſtiegen, daß ſelbſt die weiſeſten Bemerkungen, die der Mar⸗ ſchall von St. André hätte machen können, nicht gehört worden wären. Er machte deßhalb auch keine mehr, ſei es nun daß er ihre gänzliche Nutzloſigkeit begriff, oder daß er die Stunde zur Unternehmung der Expedition wirklich gekommen glaubte. Nichts deſto weniger verſprach er der luſtigen Bande bis an die Thüre mitzugehen und dort das Ergebniß abzuwarten. Es wurde beſchloſſen, daß die Königin Mutter ſich in ihr Schlafzimmer begeben und der Prinz von Joinville ihr dort über ſämmtliche Vorgänge Bericht erſtatten ſolle. Nachdem alle Förmlichkeiten feſtgeſetzt waren, nahm Jeder eine Kerze in die Hand. Der junge Herzog von Montpenſier und der Prinz de la Roche⸗ ſur⸗Yon nahmen ihrer zwei, und der Zug ſetzte ſich mit Herrn von Guiſe an der Spitze feierlich“ in Bewegung nach dem Saal der Verwandlungen. Vor der Thüre hielt man an, und Jedermann drückte ſein Ohr an das Schloß. 46 Nicht das mindeſte Geräuſch war hörbar. Man erinnerte ſich, daß man auf dieſer Seite noch durch ein Vorzimmer vom Saal der Verwand⸗ lungen getrennt war. Der Marſchall von St. André wollte ſachte die Thüre dieſes Vorzimmers aufſtoßen, allein ſie wider⸗ ſtand. „Teufel!“ ſagte er,„an das haben wir nicht gedacht: die Thüre iſt von innen geſchloſſen.“ „Stoßen wir ſie ein,“ ſagten die jungen Prinzen. „Nur ſachte, meine Herrn,“ mahnte Herr von Guiſe,„wir ſind im Louvre.“ „Immerhin,“ antwottete der Prinz de la Roche⸗ ſur⸗Yon,„aber wir gehören auch zum Louvre.“ „Meine Herrn, meine Herrn,“ drängte der Herzog,„wir wollen einen Scandal ans Licht bringen, rechtfertigen wir ihn nicht durch einen andern.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Brantome,„der Rath iſt gut. Ich habe eine ſchöne und rechtſchaffene Dame gekannt... „Herr von Brantome,“ ſagte der Prinz von Joinville lachend,„wir machen in dieſem Augen⸗ blick Geſchichte und erzählen nicht. Findet uns ein Mittel hineinzukommen, ſo gibt das ein neues Ca⸗ pitel zu Euern galanten Damen.“ „Nun wohl,“ ſagte Herr von Brantome,„macht es wie man es beim König macht: kratzet leiſe an der Thüre, ſo wird man Euch vielleicht öffnen.“ „Herr von Brantome hat Recht,“ fagte der Prinz von Joinville.„Kratzet, Schwiegervater, kratzet.“ k eite ind⸗ die der⸗ icht zen. von che⸗ der icht nen iſt ame von en⸗ ein Ca⸗ acht an der ter, 47 Der Marſchall von St. André kratzte. Ein Bedienter, der im Vorzimmer wachte oder vielmehr ſchlief und von dem ganzen, ſo eben mit⸗ getheilten Geſpräch Nichts gehört hatte, da daſſelbe leiſe geführt worden, wachte auf, und in der Mei⸗ nung, es ſei Lanoue, die nach ihrer Gewohnheit Fräulein von St. André wieder abholen wolle, öffnete er die Thüre halb und fragte, ſich die Augen reibend: „Was gibt's?“ Der Marſchall von St. Andreé ſtellte ſich hinter die Thüre, und der Bediente ſah ſich dem Herzog von Guiſe gegenüber. Als er alle dieſe Kerzen, alle dieſe vornehmen Herren und Damen, dieſe vor Vergnügen ſtrahlen⸗ den Augen und ſpöttiſch verzogenen Lippen ſah, begann er an eine Ueberrumpelung zu glauben, und verſuchte es die Thüre wieder zu ſchließen. Allein der Herzog von Guiſe hatte als wahrer Städteeroberer bereits einen Fuß in das Vorzimmer geſetzt, und die Thüre, die ſich wieder ſchließen ſollte, prallte an ſeinem Lederſtiefel ab. Der Bediente drückte fortwährend aus Leibes⸗ kräften. „He, Schlingel,“ ſagte der Herzog,„mach ein⸗ mal auf.“ „Ach, gnädigſter Herr,“ antwortete der arme Teufel, an allen Gliedern zitternd, als er den Her⸗ zog erkannte,„ich habe förmliche Befehle...“ „Ich kenne Deine Befehle, aber ich kenne auch das Geheimniß, das da innen vorgeht, und es ge⸗ 48 ſchieht im Dienſte und mit Beiſtimmung des Königs, wenn dieſe Herren und ich hineinwollen.“ Er hätte hinzufügen können: dieſe Damen, denn fünf oder ſechs neugierige Frauenzimmer folgten der Bande, ins Fäuſtchen lachend. Der Bediente, der, wie Jedermann, die Herr⸗ ſchaft kannte, welche Herr von Guiſe am Hof aus⸗ übte, meinte in der That, es handle ſich um eine zwiſchen dem Herzog und dem König ausgemachte Sache. Er öffnete zuerſt das Vorzimmer, dann den Saal der Verwandlungen, indem er ſich auf ſeine Zehen ſtellte, um von der drinnen aufgeſpielten Scene Etwas zu erhaſchen. Es war kein Eintritt, ſondern ein wahrer Ein⸗ bruch. Die Menge ſtürzte ſich in's Zimmer wie eine ene Fluth .. ⸗... S Wo herr von Zoinville genöthigt iſt ſein ſchlimmes Abenteuer zu erzählen. „Ich glaube, gnädigſter Herr,“ ſagte Robert Stuart, indem er zuerſt ſein Verſteck verließ,„daß Ihr keine ſonderliche Urſache habt mit Seiner Ma⸗ jeſtät ſehr zufrieden zu ſein, und daß Ihr, wenn Seine Majeſtät Euch jetzt die Begnadigung Anne Dubourgs nicht bewilligt, keine ſo ſtarken Einwen⸗ dungen gegen meinen Plan mehr haben ſolltet.“ „Ihr täuſcht Euch, mein Herr,“ ſagte der Prinz von Condé, indem er auf der entgegengeſetzten —,— — 8 8 — igs, enmn gten err⸗ us⸗ eine ichte den eine lten Ein⸗ wie irs bert daß Ma⸗ enn nne en⸗ rinz sten 49 Seite hervorkam und ſich wieder auf ſeine Beine ſtellte:„Hätte der König mich auch noch ſchwerer be⸗ ſchimpft, ſo iſt er doch immerhin der König, und ich darf eine perſönliche Beleidigung nicht am Haupte der Nation rächen.“ „Die Vorgänge ſo eben ändern alſo Nichts an der Verpflichtung, die Ihr gegen mich übernommen habt, gnädigſter Herr?“ „Ich habe Euch verſprochen, mein Herr, beim Lever des Königs um die Begnadigung Anne Du⸗ bourgs zu bitten. Heute früh um acht Uhr werde ich im Louvre ſein und um dieſe Begnadigung bitten.“ „Offen geſtanden, gnädigſter Herr, glaubt Ihr, daß man ſie Euch bewilligen wird?“ „Mein Herr,“ antwortete der Prinz von Condé mit ungemeiner Würde,„ſeid überzeugt, daß ich mir nicht die Mühe nehmen würde um dieſe Be⸗ gnadigung zu bitten, wenn ich nicht ſo ziemlich ſicher wäre ſie zu erhalten.“ „Es ſei!“ murmelte Robert Stuart mit einer Geberde, welche anzeigte, daß er nicht daſſelbe Ver⸗ trauen hegte;„in einigen Stunden iſt es Tag und dann werden wir ſehen.“ „Jetzt, mein Herr,“ ſagte der Prinz, indem er um ſich ſchaute,„handelt es ſich darum, daß wir uns ſchnell und auf geſcheidte Art davon machen. Euern beiden Epiſteln und der etwas ungewöhn⸗ lichen Art ihrer Beförderung haben wirs zu ver⸗ danken, daß die Thore des Louvre bewacht werden, wie wenn der Feind davor läge, und ich glaube, Dumas, Horoſcop. II. 4 S 50 daß es Euch, beſonders in dieſer Uniform, ſchwer werden dürfte vor morgen früh hinauszukommen. Ich erſuche Euch alſo wohl zu merken, daß ich, indem ich Euch mit mir nehme, ſowohl Euch als Euern Freund, der Euch die Uniform geliehen hat, aus einem ziemlich ſchlimmen Handel ziehe.“ „Gnädigſter Herr, ich vergeſſe niemals weder das Gute noch das Böſe.“ „Glaubt, daß ich dieß durchaus nicht ſage, um Euch Dankbarkeit zu empfehlen, ſondern nur um Euch die Ehrlichkeit meiner Abſichten zu beweiſen und hierin ein Beiſpiel zu geben; denn Ihr werdet bemerken, daß ich Euch blos ganz einfach hier zu verlaſſen brauchte, um meines Eides enthunden zu ſein, ohne mich gleichwohl dagegen verfehlt zu haben.“ „Ich kenne die Biederkeit des Herrn Prinzen von Condé,“ antwortete der junge Mann mit einer gewiſſen Rührung,„und ich glaube, daß er ſich über die meinige nicht zu beklagen haben wird. Von heute an bin ich Euch mit Leib und Seele ergeben. Wirkt die Begnadigung meines PVaters aus, ſo werdet Ihr keinen Diener haben, der ſo gerne wie ich für Euch ſtärbe.“ „Ich glaube Euch, mein Herr,“ antwortete der Prinz von Condé,„und obſchon die Urſache ſo wie die Art unſeres Zuſammentreffens höchſt eigen⸗ thümlicher Art ſind, ſo kann ich Euch doch nicht verhehlen, daß ich ſogar für Eure That, ſo tadelns⸗ werth ſie jedem rechtſchaffenen Menſchen erſcheinen muß, in Folge des Beweggrundes, der Euch dazu wer ten. ich, als hat, der um iſen rdet zu zu zen ner ſich ird. eele ters ſo der wie en⸗ icht ns⸗ nen azu 51 trieb, eine gewiſſe Nachſicht, ja beinahe Sympathie hege. Nur müßt Ihr mir Etwas ſagen, nämlich wie es kommt, daß Ihr einen ſchottiſchen Namen führet, während der Rath Anne Dubourg Euer Vater iſt.“ „Dieß iſt ganz einfach, gnädigſter Herr, wie alle Liebesgeſchichten. Vor zweiundzwanzig Jahren war der Rath Anne Duburg achtundzwanzig altz er machte eine Reiſe nach Schottland, um ſeinen Freund Johann Knor zu beſuchen. Er lernte dort ein junges Mädchen aus Lothian kennen; dieß war meine Mutter. Erſt nach ſeiner Rücklehr nach Paris erfuhr er, daß das junge Mädchen ſchwanger war. Da er niemals an ihrer Tugend gezweifelt hatte, ſo erkannte er das Kind, das ſie gebar, an und empfahl es John Knox.“ „Es iſt gut, mein Hèrr,“ ſagte der Prinz von Condé,„ich weiß, was ich wiſſen wollte. Beſchäf⸗ tigen wir uns jetzt mit unſerm Hinauskommen.“ Der Prinz ging voran und öffnete die Thüre des Saales der Verwandlungen halb. Der Gang war wieder dunkel und einſam geworden, ſie gelangten alſo mit einer gewiſſen Sicherheit hin⸗ ein. Als ſie an das Thor des Louvre kamen, warf der Prinz ſeinen Mantel über die Schultern des Schotten und fragte nach Dandelot. Dandelot kam. Der Prinz erzählte ihm mit wenigen Worten, was vorgefallen war, aber blos was ſich zwiſchen dem König, Fräulein von St. André und den un⸗ glückſeligen Beſuchen, welche das Paar im Schlafen 4* — 52 geſtört, zugetragen hatte. Von Robert Stuart ſagte er blos die fünf Worte: „Dieſer Herr iſt bei mir.“ Dandelot begriff, daß es für Condé höchſt noth⸗ wendig war ſo ſchnell als möglich aus dem Louvre zu kommen. Er ließ eine beſondere Thüre öffnen, und der Prinz und ſein Begleiter befanden ſich draußen. Sie begaben ſich eiligſt nach dem Fluß, ohne ein einziges Wort zu ſprechen; ein Beweis, daß ſie Beide die Gefahr wohl zu würdigen wußten, der ſie ſo eben entronnen waren. Als ſie ans Ufer kamen, fragte der Prinz den Schotten, wohin er gehe. „Rechts, gnädigſter Herr,“ antwortete dieſer. „Und ich links,“ ſagte der Prinz.„Jetzt ſtellt Euch heute Abend um zehn Uhr vor St. Germain l'Auxerrois ein; ich hoffe, daß ich Euch gute Nach⸗ richten mitzutheilen habe.“ „Dank, gnädigſter Herr,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich reſpektvoll verbeugte,„und erlaubt mir, Euch zu wiederholen, daß ich Euch von Stund an mit Leib und Seele ergeben bin.“ Damit ging Jeder ſeines Wegs. Es ſchlug drei Uhr. Juſt in demſelben Augenblick wurde der Prinz von Ioinville ins Schlafzimmer Catharina's von Medici eingeführt. Wie kam der junge Prinz, obſchon gegen ſeinen Willen, zu einer ſolchen Stunde ins Zimmer der Königin Mutter, und mit welchem Recht maßte ſich der Neffe die Privilegien des Onkels an? ——————,—— —⸗„—— c—— — „— — gte th⸗ vre en, ſich hne ſie der den elit ain nn, ubt und rinz von nen der ſich 53 Wir wollen es ſagen. Der arme Prinz kam nicht aus freiem Willen und nicht mit freudigem Herzen. Man höre was ſich zugetragen hatte. Bekanntlich war die Königin Mutter zu Hauſe geblieben und hatte erklärt, daß ſie ins Bett gehen wolle, dort aber den Prinzen von Ivinville erwarte, der ihr als erſter Beförderer all dieſes Skandals ausführlichen Bericht erſtatten müſſe. Nun aber war der Prinz von Joinville in ſei⸗ ner Verblüfftheit über das Geſchehene weniger als irgend ein anderer geneigt, ſich zum Geſchichtſchrei⸗ ber einer Kataſtrophe zu machen, worin ſeine ehe⸗ liche Ehre ſchon vor ſeiner Verheirathung eine traurige Rolle ſpielte. Ohne das gegebene Verſprechen vergeſſen zu ha⸗ ben, hatte alſo der Prinz von Joinville ganz und gar keine Eile es zu erfullen. Aber Catharina erfreute ſich nicht derſelben Gleichgiltigkeit in Betreff des ihr noch unbekannten Geheimniſſes. Sie hatte ſich von ihren Frauen entkleiden laſſen, war zu Bette gegangen, hatte alle ihre Leute mit Ausnahme ihrer vertrauten Kam⸗ merfrau verabſchiedet und hatte gewartet. Es hatte zwei Uhr geſchlagen. Noch war keine Zeit verloren. Dann ſchlug es ein Viertel auf drei, dann halb⸗ drei, dann drei Viertel. Als die Königin jetzt weder Onkel noch Reffen erſcheinen ſah, hatte ſie die Geduld verloren, ihrer Kammerfrau gepfiffen(die Erfindung des Glöckchens geht blos zur Frau von Maintenon hinauf), und befohlen, den Prinzen von Joinville zu ſuchen und todt oder lebendig herbeizubringen. Man hatte den Prinzen in wichtiger Berathung mit dem Herzog Franz von Guiſe und dem Cardi⸗ nal von Lothringen gefunden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Familienrath beſchloß, eine Che zwiſchen dem Prinzen von Join⸗ vile und Fräulein von St. André fei durchaus unmöglich geworden. Gegenüber dem von der Königin Mutter ertheil⸗ ten Befehl zu ihr zu kommen, hatte es keine Aus⸗ flucht gegeben. Der Prinz von Joinville war geſenkten Hauptes weggegangen und mit noch geſenkterem Haupte kam er an. Der Herzog von Montpenſier und der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon hatten ſich unterwegs davon ge⸗ macht. Wir werden ſpäter ſehen, in welcheh Abſicht. Catharina's Ungeduld ſtieg mit jeder Minute. Wenn die vorgerückte Stunde ihr den Schlaf gebot, ſo hielt der Gedanke, daß ſie irgend ein luſtiges Aben⸗ teuer zur Beſchämung ihrer lieben Freundin, der Frau Admiralin, vernehmen werde, ſie wach. „Iſt er's endlich?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Sobald dann der junge Mann ſich zeigte, rief ſie ihm ziemlich rauh entgegen: „Ei ſo kommt doch, Herr von Joinville, ich er⸗ warte Euch ſeit einer Stunde.“ Der Prinz näherte ſich dem Bett, eine Entſchnl⸗ digung ſtammelnd, von welcher Catharina nur die Worte verſtand: und hung ardi⸗ wath oin⸗ haus heil⸗ Aus⸗ ptes mupte iz de ge⸗ t. nute. ebot, lben⸗ der rief h er⸗ ſchnl⸗ r die 55 „Euer Majeſtät mögen mir verzeihen.“ „Ich werde Euch nicht verzeihen, monsou von Joinville,“ ſagte die Königin Mutter mit ihrem flo⸗ rentiniſchen Accent,„außer wenn Eure Erzählung mich eben ſo ſehr ergötzt, wie Euer langes Aus⸗ bleiben mich geärgert hat. Nehmt einen Stuhl und ſetzt Euch in meinen Bettgang. Ich ſehe Euch an, daß außerordentliche Dinge ſich zugetragen haben.“ „Ja,“ murmelte der Prinz,„in der That ſehr außerordentliche Dinge, auf die wir ganz und gar nicht gefaßt waren.“ „Um ſo beſſer! um ſo beſſer!“ rief die Königin Mutter, ſich die Hände reibend:„erzählt mir Alles ganz ausführlich. Ich habe ſchon lange keinen ſol⸗ chen Stoff zur Heiterkeit mehr gehabt. Ach, mon⸗ sou von Joinville, man lacht nicht mehr bei Hof.“ „Das iſt wahr, Madame,“ antwortete Herr von Joinville mit der Miene eines Leichenbitters. „Nun wohl, wenn eine Gelegenheit kommt ſich ein wenig luſtig zu machen,“ fuhr Catharina fort, „ſo muß man ihr entgegengehen, ſtatt ſie entwiſchen zu laſſen. Beginnet alſo Euere Geſchichte, monsou von Joinville; ich höre, und verſpreche Euch kein Wort zu verlieren.“ Und in der That machte ſichs Catharina in ih⸗ rem Bette recht bequem, um durch Nichts in dem Vergnügen geſtört zu werden, das ſie ſich verſpräch. Dann wartete ſie. Aber für monson von Joinville, wie Catha⸗ rina ſagte, war es ſchwer die Erzählung zu be⸗ ginnen, und monsou von Joinville blieb ſtumm. Die Königin Mutter glaubte Anfangs, der junge 56„ Mann ſammle ſeine Ideen; aber als ſie ſah, daß das Schweigen fortwährte, reckte ſie ihren Kopf empor, ohne den übrigen Körper zu bewegen, und warf ihm einen unbeſchreiblichen Blick dringender Frage zu. „Nun wohl?“ ſagte ſie. „Nun wohl, Madame,“ antwortete der Prinz, „ich geſtehe Euch, daß meine Verlegenheit groß iſt.“ „Eure Verlegenheit, warum?“ „Um Euer Majeſtät zu erzählen, was ich geſe⸗ hen habe.“ „Was habt Ihr denn geſehen, monsou von Joinville? Ich geſtehe Euch, daß ich vor lauter Neugierde noch verrückt werde, ich habe lange ge⸗ nug gewartet,“ fuhr Catharina fort, indem ſie ihre ſchönen Hände rieb;„aber es ſcheint, daß ich durchs Warten Nichts verloren haben werde. Wohlan denn. es war alſo wirklich auf heute Nacht, denn Ihr erinnert Euch, lieber monsou von Join⸗ ville, daß das Billet, das Ihr mir zugeſtellt habt, die Worte:„heute Nacht“ enthielt, aber kein Da⸗ tum trug.“ „Ja, Madame, es war für heute Nacht.“ „Sie waren alſo im Saal der Verwandlungen?“ „Sie waren da.“ „Alle beide?“ „Alle beide.“ „Immer Mars und Venus? Ei ſo ſagt mir doch, ich weiß wer Venus war; aber Mars?“ „Mars, Madame?“ „Ja, Mars ich weiß nicht, wer Mars war.“ S /5 8 ſic w daß opf und der nz, t 7 ſe⸗ on ter ge⸗ re hs an ht, in⸗ ⸗ 7 7 ir 57 „In Wahrheit, Madame, ich frage mich, ob ich es Euch ſagen ſoll.“ „Wie! ob Ihr mirs ſagen ſollt? Ich glaube wohl, daß Ihr mirs ſagen müßt, und wenn Ihr Scrupel habt, ſo hebe ich ſie. Alſo Mars! jung oder alt?“. „Jung!“ „Hübſch von Perſon?“ „Allerdings hübſch.“ „Von Qualität ohne Zweifel?“ „Von erſter Qualität.“ „Oh, oh! Was ſagt Ihr mir da, monsou von Joinville?“ fragte die Königin Mutter, indem ſie ſich aufſetzte. „Die Wahrheit, Madame.“ „Nie! es iſt nicht irgend ein blinder und un⸗ wiſſender Page?“ „Es iſt kein Page.“ „Und dieſer kühne junge Menſch,“ fragte Ca⸗ tharina, die ihrer Spottſucht nicht widerſtehen konnte, „dieſer kühne junge Menſch nimmt einen Rang bei Hofe ein?“ „Ja, Eure Majeſtät, ſogar einen ſehr hohen!“ „Einen ſehr hohen?“ „Aber um Gotteswillen, ſprecht doch, monsou von Ioinville, man muß Euch ja die Worte ent⸗ reißen, wie wenn es ſich um ein Staatsgeheimniß handelte.“ „Es handelt ſich auch um ein Staatsgeheimniß,“ ſagte der Prinz. „Oh dann, monsou von Joinville, bitte ich 58 Euch nicht mehr, ſondern ich befehle Euch⸗ Sagt mir den Namen dieſer Perſon.“ „Ihr verlangt es?“ „Ich verlange es.“ „Nun wohl, Madame,“ ſagte der Prinz, indem er ſein Haupt emporrichtete,„dieſe Perſon, wie Ihr Euch auszudrücken beliebt, iſt niemand anders, als Seine Majeſtät der König Franz 1I.“ „Mein Sohn?“ rief Catharina, indem ſie in ihrem Bett aufſprang. „Euer Sohn! ja, Madame.“ Wenn ganz plötzlich eine Donnerbüchſe mitten im Zimmér losgegangen wäre, ſo hätte ſie auf dem Geſicht der Königin Mutter keine heftigere Bewe⸗ gung, keine raſchere Entſtellung hervorbringen können. Catharina fuhr mit der Hand über ihre Augen, wie wenn die Dunkelheit des blos von einer einzi⸗ gen Lampe beleuchteten Zimmers ſie am Sehen hin⸗ derte; dann heftete ſie ihren durchdringenden Blick auf Herrn von Joinville, näherte ſich ihm ſo, daß ſie ihn berührte, und ſagte zu ihm halblaut, aber in einem Ton, der jetzt nicht mehr ſpöttiſch, ſondern furchtbar geworden war: „Ich wache doch, nicht wahr, monson von Join⸗ ville? Ich habe recht gehört? Ihr habt mir wirk⸗ lich geſagt, daß der Held dieſes Abenteuers mein Sohn ſei?“ „Ja, Madame.“ „Ihr wiederholt es?“ „Ich wiederhole es.“ „Ihr verſichert es?“ „Ich ſchwöre es.“ — e—„—— „e c— — ,—— agt dem Ihr als itten dem ewe⸗ men. igen, einzi⸗ hin⸗ Blick daß aber dern Join⸗ wirl⸗ mein 59 Und der junge Prinz ſtreckte die Hand aus. „Gut, monsou von Jvinville,“ ſprach Catharina mit düſterer Miene;„ich begreife jetzt Euer Zögern, ich würde ſogar Euer Schweigen begriffen haben. Oh, das Blut ſteigt mir ins Geſicht! Iſts möglich? mein Sohn, der eine allerliebſte junge Frau hat, nimmt eine Maitreſſe, die doppelt ſo alt iſt wie er! Mein Sohn geht zu meinen Feinden über! mein Sohn, nein bei Gott, es iſt unmöglich! mein Sohn ſollte der Liebhaber der Frau Admiralin ſein!“ „Madame,“ ſagte der Prinz von Joinville,„wie das Billet in die Taſche der Frau Admiralin kam, das weiß ich nicht, aber unglücklicherweiſe weiß ich, daß die Frau Admiralin es nicht war, die ſich im Zimmer befand.“ „Wie!“ rief Catharina,„was ſagt Ihr da? es war nicht die Frau Admiralin?“ „Nein, Madame, ſie war es nicht.“ „Nun, wer war es denn?“ „Madame...“ „Monsou von Joinville, den Namen dieſer Per⸗ ſon, ihren Namen im Augenblick!“ „Geruhe Eure Majeſtät mich zu entſchuldigen!“ „Euch entſchuldigen! und warum?“ „Veil ich in Wahrheit der Einzige bin, von dem man nicht das Recht hat eine ſolche Enthüllung zu verlangen.“ „Nicht einmal ich, monsou von Joinville?“ „Nicht einmal Ihr, Madame. Uebrigens iſt Eure Neugierde leicht zu befriedigen, und die erſte n vom Hof, die Ihr ſtatt meiner fragen wer⸗ et. 60 „Aber um dieſe erſte Perſon zu fragen, muß ich 6 bis morgen warten, monsou von Joinville. Ich 2 will den Namen dieſer Perſon ſogleich, augenblick⸗ U lich wiſſen. Wer ſagt Euch, ob ich nicht eine Maß⸗ ſe regel zu ergreifen habe, die keinen Aufſchub duldet?“ V Und Catharinas Augen flammten, indem ſie ſich auf den jungen Mann hefteten. „Madame,“ ſagte er,„ſuchet die einzige Perſon oi am ganzen Hof, die ich Euch nicht nennen kann. m Nennet ſie... aber ich, oh ich! Das iſt unmöglich.“ 1 Und der junge Prinz hielt beide Hände vor ſein Geſicht, um theils ſeine Schamröthe, theils ſeine vom* Zorn erpreßten Thtänen zu verdecken. 5 Eine Idee fuhr Catharina gleich dem Leuchten eines Blitzes durch den Kopf. Sie ſtieß einen Schrei aus, und indem ſie die ze Hände des jungen Mannes ergriff und wegriß, ſagte ſie:. A „Ah! Fräulein von St. André?“ d Der Prinz antwortete nicht, aber in ſeinem S Schweigen lag das vollſte Bekenntniß. J Ueberdieß ſank er auf dem Stuhl, der neben dem Bette ſtand, zuſammen. V Catharina betrachtete ihn einen Augenblick mit S einem Mitleid, worein Verachtung gemiſcht war. Dann ſagte ſie mit einer Stimme, welche ſie ſo fü koſend als möglich zu machen ſuchte: „Armer Junge! Ich beklage Euch von ganzem H Herzen; denn es ſcheint, Ihr liebtet dieſes treuloſe Geſchöpf. Kommt her, gebt mir Eure Hand und w ergießet Euren Kummer ins Herz Eurer guten Mut⸗ 5 ter Catharina. Ich begreife jetzt, warum Ihr ſchwie⸗ ich Ich lick⸗ aß⸗ t2 ſich ſon nn. ſein vom ten ve riß, nem dem mit e ſo zem loſe und Nut⸗ wie⸗ 61 get, und ich bereue, daß ich Euch ſo gedrängt habe. Verzeihet mir alſo, mein Sohn, und jetzt da ich das Uebel kenne, laßt uns auf das Heiimittel bedacht ſein. Es gibt an unſerem Hofe noch andere junge Mädchen, als Fräulein von St. André, und wenn an unſerem Hof in Paris keine vornehm und ſchön genug für Euch iſt, ſo wollen wir beim ſpaniſchen oder italieniſchen Hof anfragen. Faßt Euch alſo, mein lieber Prinz, und laßt uns ernſthaft ſprechen, wenn es möglich iſt.“ Aber ſtatt auf dieſe Rede zu antworten, die offenbar einen ſichtbaren und einen geheimen Zweck hatte, nämlich ihn zu tröſten und ſeinen Muth zu ſondiren, fiel Herr von Joinville vor dem Bett der Königin Mutter auf ſeine Knie und verbarg ſchluch⸗ zend ſein Geſicht zwiſchen den Tüchern. „Gnade, Eure Majeſtät,“ rief er unter Thränen, „Gnade und Dank für Eure zärtliche Sorgfalt. Aber ich habe in dieſem Augenblick blos noch die Kraft meine Schande zu ermeſſen und meinen Schmerz zu fühlen. Ich erflehe alſo von Eurer Majeſtät die Erlaubniß mich zurückzuziehen.“ Die Königin Mutter heftete einen Blick tiefer Verachtung auf dieſen Menſchen, der ſich in ſeinem Schmerz krümmte. Ohne daß ihre Stimme im Mindeſten das Ge⸗ fühl verrieth, das in ihrem Blick zu leſen ſtand, ſagte ſie dann, indem ſie dem jungen Prinzen ihre Hand reichte, die er lebhaft küßte: „Gehet, mein Sohn, und kommt morgen früh wieder zu mir, damit wir plaudern können. Bis dahin gute Nacht und behüte Euch Gott!“ 62 Herr von Joinville benützte lebhaft den erhal⸗ tenen Urlaub und ſtürzte aus dem Zimmer. Catharina ſah ihm ſchweigend nach, bis er hinter der Tapete verſchwunden war; dann heftete ſie ihren Blick auf dieſe Tapete, bis die zitternde Be⸗ wegung aufhörte, welche der Weggang des Prinzen an dem Gewebe verurſacht hatte. Hierauf ſtemmte ſie ſich mit dem Ellbogen auf ihr Kiſſen und ſagte mit dumpfer Stimmen „Von heute an habe ich eine Nebenbuhlerin, und von morgen an habe ich alle Gewalt über meinen Sohn verloren, wenn ich nicht Ordnung ſchaffe.“ Dann ſchwebte nach einem Augenblick tiefen Nachdenkens ein triumphirendes Lächeln auf ihren Lippen. „Ich werde Ordnung ſchaffen!“ ſagte ſie. Slit Eine heiſere Kehle. Jetzt während der Herr Cardinal von Lothrin⸗ gen ſich von ſeinem Kammerdiener zu Bette brin⸗ gen läßt; während Robert Stuart zu ſeinem Freund Patrick zurückkehrt; während Herr von Condé wü⸗ thend und lachend zugleich ſein Hotel wieder auf⸗ ſucht; während die Frau Admiralin unermüdlich ihre Taſchen umkehrt und das unglückſelige Billet ſucht, das all dieſes Aergerniß hervorgerufen hat; während der König die Lanoue verhört, um her⸗ auszubringen, wie das Gerücht von ſeinem Rendez⸗ al⸗ ter ſie Be⸗ izen auf rin, iber ung efen hren hrin⸗ brin⸗ eund wü⸗ auf⸗ dlich illet hat; her⸗ ndez⸗ 63 vous ſich verbreiten konnte; während der Marſchall von St. André ſich ſelbſt fragt, ob er für das Geſchehene Gott danken oder den Zufall anklagen müſſe; während Fräulein von St. André davon träumt, daß ſie um ihren Hals und ihre Arme die Juwelen der Frau von Etampes und der Herzogin von Valentinois, auf dem Kopf die Krone der Maria Stuart habe, wollen wir ſehen, was die jungen Prinzen von Montpenſier und de la Roche⸗ ſur⸗Yon machen, auf die wir zurückzukommen uns vorgenommen haben. Die beiden ſchönen und luſtigen jungen Leute hatten ſich als Zeugen eines Schauſpiels, das ſie allerliebſt fanden, vor den drei ohnehin und in dieſein Augenblick ganz beſonders gravitätiſchen Perſonen, Herrn von Guiſe, Herrn von St. André und dem Cardinal von Lothringen, gewaltig zuſam⸗ mennehmen müſſen. Noch mehr, ſie hatten ein für die Gelegenheit paſſendes Geſicht angenommen und dem Herrn Cardinal von Lothringen, dem Herrn Marſchall von St. André und Herrn von Guiſe in der allergebührlichſten Weiſe ihr Beileid bezeugt. Dann aber hatten ſie den erſten Winkel des Gan⸗ ges, der ihnen ein Wegſchleichen geſtattete, benützt, und ſich ſtill im Schatten gehalten, bis die andern Alle ſich, Jeder in der ihm beliebigen Rich⸗ tung, entfernt hatten. Endlich als ſie ſich allein und ganz allein ſahen, brach das mühſam in ihrer Bruſt zurückgehaltene Lachen mit ſolcher Gewalt los, daß die Fenſter⸗ ſcheiben des Louvre davon erzitterten, wie wenn ein ſchwerer Wagen vorüberführe. 64 An beiden Seiten der Wand einander gegenüber angelehnt, die Hände in die Seiten geſtemmt, die Köpfe rückwärts geworfen, krümmten ſie ſich in ſol⸗ chen Zuckungen, daß man ſie für epileptiſch oder, wie man damals ſagte, für beſeſſen hätte halten können. „Ach, lieber Herzog!“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, der zuerſt wieder zu Athem kam. „Ach, lieber Prinz!“ antwortete dieſer mühſam. „Und wenn man bedenkt... daß es Leute gibt die behaupten, man lache nicht mehr... man lache nicht mehr in dieſem armen Paris!“ „Das ſind ſehr übelwollende Leute... die ſo Etwas behaupten können.“ „Ach, mein Gott... wie wohl und wie weh zu⸗ gleich es thut, recht tüchtig zu lachen!“ „Habt Ihr das Geſicht des Herrn von Joinville geſehen?“ „Und das des Marſchalls von St... von St. André?“ „Ich bedaure nur Eines, Herzog,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, indem er ſich ein wenig beruhigte. „Und ich bedaure Zweierlei,“ antwortete dieſer. „Daß ich nicht an der Stelle des Königs war, und wenn ganz Paris mich geſehen hätte.“ „Und ich, daß mich nicht ganz Paris an der Stelle des Königs geſchen hat.“ „Oh, bedauret Nichts, Herzog, morgen Vormit⸗ tag ſoll ganz Paris es wiſſen.“ „Wenn Ihr ſo denket wie ich, Prinz, ſo ſoll ganz Paris es noch heute Nacht erfahren.“ 2 iber die ſol⸗ der, lten e la n. am. gibt man e ſo zu⸗ ville St. der enig eſer. war, der mit⸗ 65 „Und wie denn?“ „Auf eine höchſt einfache Art.“ „Zum Beiſpiel?“ „NRun bei Gott, wir ſchreiens auf den Dächern aus.“ „Aber Paris ſchläft in dieſem Augenblick.“ „Paris ſoll nicht ſchlafen, wenn ſein König wacht.“ „Ihr habt Recht. Ich ſtehe dafür, daß Seine Majeſtät noch kein Auge zugethan hat.“ „Wecken wir alſo Paris.“ „Welch eine Narrheit!“ „Ihr weigert Euch?“ „Gewiß nicht. Da ich Euch ſage, daß es eine Narrheit ſei, ſo bin ich natürlich damit einver⸗ ſtanden.“ „Alſo auf den Weg.“ „Vorwärts! Ich fürchte nur, die ganze Stadt möchte bereits einen Theil der Geſchichte wiſſen.“ Und die beiden jungen Leute ſprangen die Trep⸗ pen des Louvre herab wie Hippomenes und Atalanta bei ihrem Wettlauf. Im Hof angekommen, gaben ſie ſich Dandelot zu erkennen, hüteten ſich aber wohl ihm Etwas zu ſagen, theils weil ſeine Schwägerin bei all dem eine Rolle geſpielt hatte„theils weil ſie fürchteten, er möchte ihnen das Ausgehen verwehren. Dandelot conſtatirte ihre Identität, wie er bei dem Prinzen von Condé gethan hatte, und ließ ihnen das Thor öffnen. Die beiden jungen Leute eilten Arm in Arm, in Dumas, Horoſcop. I. 5 66 ihre Mäntel gehüllt, lachend zum Louvre hinaus, gingen über die Zugbrücke und befanden ſich in der Nähe des Fluſſes, wo ein eiſiger Wind ihnen um die Geſichter pfiff. Dann hoben ſie unter dem Vorwand ſich zu erwärmen Steine auf und warfen in den benachbarten Häuſern die Scheiben ein. Sie hatten ſchon zwei oder drei Fenſter zer⸗ trümmert und gedachten ſich dieſen angenehmen Zeitvertreib noch länger zu verſchaffen, als zwei in Mäntel gehüllte Männer, welche die beiden jungen Leute laufen ſahen, ihnen den Weg vertraten und Halt zuriefen. Sie blieben ſtehen. Sie waren allerdings ge⸗ laufen, aber nicht geflohen. „Und mit welchem Recht könnt Ihr uns Halt gebieten?“ rief der Herzog von Montpenſier, indem er auf einen der beiden Männer zutrat.„Geht Eures Wegs und laßt zwei vornehme Edelleute ſich in ihrer Weiſe vergnügen.“ „Ah, entſchuldigt, gnädigſter Herr, ich hatte Euch nicht erkannt,“ ſagte derjenige der beiden Männer, an welchen der Herzog von Montpenſier ſich gewendet hatte.„Ich bin Herr von Chavigny, Commandant der hundert Bogenſchützen der Garde, und wollte eben in Geſellſchaft des Herrn von Carvoyſin, erſten Stallmeiſters Seiner Majeſtät, nach dem Louore zurückkehren.“ „Guten Abend, Herr von Chavigny,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, indem er auf den Com⸗ mandanten der hundert Bogenſchützen zuging und ihm die Hand reichte, während der Herzog von Montpenſier ſehr höflich die Complimente des erſten aus, der um dem rfen zer⸗ men i in ngen und Halt dem Geht hatte eiden nſier gny, arde, von eſtät, der Lom⸗ und von rſten 67 Stallmeiſters erwiderte.„Ihr ſagt, daß Ihr in den Louvre zurückwollt, Herr von Chavigny?“ „Ja, Prinz.“ „Nun wohl, wir kommen eben heraus.“ „Zu dieſer Stunde?“ „Bemerkt, Herr von Chavigny, daß, wenn die Stunde zum Hineingehen gut iſt, ſie zum Hinaus⸗ gehen eben ſo gut ſein muß.“ „Glaubt mir, Prinz, daß ich durchaus nicht die Indiscretion habe Euch ausfragen zu wollen.“ „Und Ihr habt Unrecht, mein lieber Herr, denn wir hätten Euch ſehr intereſſante Dinge zu er⸗ zählen.“ „In Bezug auf den Dienſt des Königs?“ fragte Herr Carvoyſin. „Ganz richtig, in Bezug auf den Dienſt des Königs. Ihr habt's errathen, Herr Oberſtſtall⸗ meiſter,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon mit lautem Gelächter. „Wirklich?“ fragte Herr von Chavigny. „Auf Ehre!“ „Um was handelt es ſich, meine Herren?“ „Es handelt ſich um die große Ehre, die Seine Majeſtät erſt vor einem Augenblick einem ihrer berühmteſten Feldherren erwieſen hat,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon. „Und meinem Bruder Joinville,“ fügte der Her⸗ jos von Montpenſier wie ein ächter Schuljunge hinzu. „Von welcher Ehre ſprecht Ihr, Prinz?“ „Wer iſt dieſer berühmte Feldherr, derzog 5 68 „Meine Herren, es iſt der Marſchall von St. André.“ „Und welche Ehren könnte Seine Majeſtät noch denjenigen beifügen, womit ſie Herrn von St. André bereits überladen hat? Iſt er nicht Mar⸗ ſchall von Frankreich, erſter Kammerherr, Groß⸗ cordon des St. Michaelordens, Ritter des Hoſen⸗ bands? In Wahrheit, es gibt ſehr glückliche Leute.“ „Je nach dem.“ „Wie ſo, je nach dem?“ „Allerdings, es iſt ein Glück, das vielleicht Euch, Herr von Chavigny, der Ihr eine hübſche junge Frau beſitzet, nicht zuſagen würde, und eben ſo we⸗ nig Euch, Herr von Carvoyſin, der Ihr eine hübſche junge Tochter habt.“ „Wirklich?“ rief Herr von Chavigny, der zu be⸗ greifen anfing. „Ihr ſeid auf dem rechten Sprung, mein Lieber,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon. „Aber ſeid Ihr Eurer Sache auch gewiß?“ fragte Herr von Chavigny. „Das will ich meinen.“ „Was Ihr da ſagt, mein Prinz, iſt eine ſehr ernſte Sache,“ verſetzte Herr von Carvoyſin. „Ihr findet? Ich finde es im Gegentheil ver⸗ dammt comiſch.“ „Aber wer hat es Euch geſagt?“ „Wer es uns geſagt hat? Niemand. Wir habens geſehen.“ „Wo?“ „Ich habe es geſehen, und mit mir haben es geſehen Herr de la Roche⸗ſur⸗Yon, Herr von St. we⸗ ehr er⸗ Wir es St. 69 André, mein Bruder Joinville, der es ſogar, bei⸗ läufig geſagt, beſſer als alle Andern geſehen haben muß, denn er hielt einen Leuchter... mit wie viel Armen, Prinz?“ „Mit fünf Armen!“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, indem er von Neuem laut auf⸗ lachte. „Die Verbindung Seiner Majeſtät mit dem Marſchall iſt alſo nicht mehr zweifelhaft,“ verſetzte der Herzog von Montpenſier in ernſtem Ton,„und von jetzt an mögen ſich die Ketzer wohl zuſammen⸗ nehmen. Das wollen wir jetzt den wahren Katho⸗ liken von Paris erzählen.“ „Iſt's möglich?“ riefen Herr von Chavigny und Herr von Carvoyſin zu gleicher Zeit. „Es iſt, wie ich Euch zu ſagen die Ehre hatte, meine Herren,“ antwortete der Prinz.„Die Nach⸗ richt iſt ganz friſch, noch keine Stunde alt; wir glauben Euch alſo einen wahren Beweis von Freund⸗ ſchaft zu geben, indem wir ſie Euch mittheilen. Natürlich knüpfen wir daran die Bedingung, daß Ihr ſie in Umlauf ſetzet und Jedermann erzählt, der Euch in die Hände fällt.“ „Und da zu dieſer Stunde der Nacht Einem wenig Freunde in die Hände gerathen, wenn man nicht ein ganz beſonderes Glück hat, wie dasjenige, das uns geſtattete Euch zu begegnen, ſo fordern wir Euch auf es eben ſo zu machen wie wir, das heißt Euch die verſchloſſenen Thüren öffnen zu laſſen, Eure Freunde aus den Betten zu jagen und ihnen unter Anempfehlung des Geheimniſſes, wie der Barbier des Königs Midas mit dem Schilfrohr 70 that, zu ſagen: Der König Franz lI. iſt der Lieb⸗ haber des Fräuleins von St. André.“ „Ah bei Gott, meine Herren,“ ſagte der Oberſt⸗ ſtallmeiſter,„es ſoll geſchehen, wie Ihr ſagt. Ich kann den Marſchall von St. André nicht ausſtehen, und ich habe hier in der Nähe einen Freund, dem die Nachricht ſo viel Vergnügen machen wird, daß ich ihn jetzt ſogleich aufwecken will, und wenn er im erſten Schlaf läge.“ „Und Ihr, mein lieber Herr von Chavigny,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon,„Ihr traget meines Wiſſens Herrn von Joinville nicht gerade in Eurem Herzen, und ich bin daher überzeugt, daß Ihr das Beiſpiel des Herrn von Carvoyſin befol⸗ gen werdet.“ „Oh, ganz gewiß,“ rief Herr von Chavigny, „ſtatt in den Louvre zurückzukehren, geh' ich jetzt nach Hauſe und erzähle die Sache meiner Frau. Morgen früh vor neun Uhr werden vier von ihren Freundinnen Alles wiſſen, und ich verſichere Euch, das iſt gerade als ob Ihr vier Trompeter nach den vier Weltgegenden ausſchicktet.“ Damit verabſchiedeten ſich die vier Herren: die zwei Prinzen gingen am Ufer hin nach der Rue de la Monnaie, die Herren von Chavigny und von Carvoyſin aber kehrten nicht in den Louvre zurück, ſondern verbreiteten gewiſſenhaft, Jeder von ſeiner Seite, die Nachricht des Tages oder vielmehr der Nacht. In der Rue de la Monnaie bemerkte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon über einem im Winde knar⸗ renden Schild ein beleuchtetes Fenſter. — 1 8 ————— 71 „Ei ſieh da,“ ſagte der Herzog,„welch ein Wunder, Morgens um halb vier Uhr noch Licht! Das iſt ein Bürgersmann, der ſich verheirathet, oder ein Poet, der Verſe macht.“ „Es iſt etwas Wahres daran, mein Lieber, und ich hatte vergeſſen, daß ich zur Hochzeit geladen war. Wahrhaftig, ich möchte Euch die Braut des Meiſters Balthaſar zeigen können. Ihr würdet ſehen, daß ſie, wenn auch keine Tochter eines Mar⸗ ſchalls von Frankreich, doch ein ſehr ſchönes Mäd⸗ chen iſt; aber in Ermangelung“ des Weibes will ich Euch den Mann zeigen.“ „Ach, lieber Prinz, es wäre gegen alle chriſt⸗ liche Liebe den armen Mann in einem ſolchen Augenblick ans Fenſter kommen zu laſſen.“ „Oh,“ ſagte der Prinz,„er iſt der einzige Menſch, der davon Nichts zu fürchten hat.“ „Und warum?“ „Weil er immer heiſer iſt. Ich kenne ihn ſeit zehn Jahren, und ich habe noch nicht ein einziges Mal ein helles und klares guten Morgen, mein Prinz, aus ihm herausbringen lönnen.“ „Nun, ſo laßt uns den Mann ſehen.“ „Das müſſen wir um ſo mehr thun, als er nicht blos Wirth, ſondern zugleich Badmeiſter iſt; er hat Badeſtuben an der Seine, und wenn er morgen ſeine Kunden reibt, ſo wird er ihnen die Geſchichte mittheilen, die wir ihm jetzt erzählen wollen.“ „Bravo!“ Unſere beiden jungen Leute hatten wie zwei Schulknaben, die auf dem Weg an den Fluß ihre 72 Taſchen mit Kieſelſteinen füllen, um ſie über das Waſſer hinhüpfen zu laſſen, beim Weggehen vom Ufer eine Menge kleiner Steine eingeſackt, um ſich ihrer als Wurfgeſchoſſe gegen die Häuſer zu be⸗ dienen, welche ſie zu belagern gedachten. Der Prinz zog einen der Steine aus ſeiner Taſche, trat zwei Schritte zurück um ſeinen Anlauf zu nehmen, wie wir Robert Stuart, aber in einer unheimlicheren Abſicht, thun ſahen, und ſchleuderte den Stein in das beleuchtete Fenſter. Das Fenſter öffnete ſich ſo raſch, daß man hätte glauben können, der Kieſelſtein habe es geöffnet. Ein Mann, mit einer Nachtmütze auf dem Kopf und einem Licht in der Hand, kam zum Vorſchein und verſuchte zu rufen: „Spitzbuben!“ „Was ſagt er?“ fragte der Herzog. „Ihr ſehet wohl, man muß an ihn gewöhnt ſein um ihn zu verſtehen. Er nennt uns Spitz⸗ buben.“ Dann wandte ſich der Prinz wieder gegen das Fenſter und rief hinauf: „Erhitzet Euch nicht, Balthaſar, ich bins.“ „Ihr.. Euer Hoheit?... Wolle Guer Ho⸗ heit mich entſchuldigen!... Ihr habt alles Recht u Scheiben einzuwerfen, wenn es Euch gefäl⸗ ig iſt.“ „Ach lieber Gott!“ rief der Herzog mit lautem zten„welche Sprache ſpricht denn der gute Mann, rinz?“ 5 „Die Sachkenner verſichern, es ſei ein Kauder⸗ welſch, das zwiſchen dem Frokeſiſchen und Hottentotti⸗ — S 8—* s om ſich be⸗ er uf er rte tte 73 ſchen die Mitte halte. Er hat uns nichtsdeſtoweni⸗ ger mit dieſer Art von Gegrunze etwas ſehr Höf⸗ liches geſagt.“ „Was denn?“ „Daß wir das Recht beſitzen ſeine Scheiben zu zertrümmern.“ „Ah bei Gott, das verdient einen Dank.“ Dann wandte er ſich gegen Balthaſar und rief: „Mein Freund, bei Hof hat ſich das Gerücht verbreitet, daß Ihr heute Abend eine Frau genom⸗ men habt und daß Eure Frau hübſch ſei. Wir ſind nun ganz expreß aus dem Louvre gekommen, um Euch unſer Compliment zu machen.“ „Und um Euch zu ſagen, mein lieber Balthaſar, daß der Himmel kalt und dieß für die Güter der Erde ein gutes Wetter iſt.“ „Während im Gegentheil das Herz Seiner Ma⸗ jeſtät warm iſt, was dem Marſchall von St. André wohl bekommen wird.“ „Ich begreife nicht.“ „Gleichviel! Wiederholet die Sache wie wir ſie Euch ſagen, mein lieber Balthaſar. Andere werden ſie begreifen und wiſſen, was es bedeuten ſoll. Un⸗ ſere Complimente an Mabame.“ Und die jungen Leute gingen unter lautem Ge⸗ lächter die Rue de la Monnaie hinauf, während ſie den Wirth zur ſchwarzen Kuh brummen und hu⸗ ſten hörten, denn er konnte zwar ſein Fenſter ver⸗ ſchließen, aber die Scheibe nicht zuſtopfen. 74 VI. Tire-laine und tire Soie. Die beiden jungen Leute gingen unter fortwäh⸗ rendem Gelächter die Rue de la Monnaie hinauf und gelangten in die Rue de Bethiſy. Als ſie um die Ecke bogen, meinten ſie in der Nähe des Hotels Coligny ein heftiges Waffengeklirr und ein furchtbares Geſchrei zu vernehmen. Die Scene, welche dieſes Waffengeklirr und die⸗ ſes Geſchrei hervorrief, trug ſich zwanzig oder drei⸗ ßig Schritte von ihnen in der Dunkelheit zu. Sie verſteckten ſich unter der Vorhalle eines Hauſes, welches die Ecke der Rue de la Monnaie und der Rue de Bethiſy bildete. „Ah, ah!“ ſagte eine feſte und drohende Stimme, „Ihr ſeid Diebe, wie es ſcheint.“ „Natürlich,“ antwortete eine unverſchämte Stimme, „um dieſe Stunde der Racht wird man wohl kei⸗ nen ehrlichen Leuten auf der Straße begegnen.“ „Räuber,“ ſagte eine Stimme, die weniger ſicher war als die erſte. „Wo iſt der Dieb der nicht ein wenig Räuber, und der Räuber der nicht ein wenig Dieb wäre?“ ant⸗ wortete die zweite Stimme, die einem Philoſophen anzugehören ſchien. „Ihr wollt uns alſo ermorden?“ „Ganz und gar nicht, Euer Herrlichkeit.“ „Was wollt Ihr dann?“ „Euch Eurer Börſe entledigen, ſonſt Nichts.“ „Ich erkläre Euch,“ ſagte die Stimme,„daß in ei⸗ nd nt⸗ en 75 meiner Börſe nicht viel iſt, aber ſo wie ſie iſt, ſollt Ihr nicht hineinſehen.“ „Ihr habt Unrecht ſo hartnäckig zu ſein, mein Herr.“ „Platz da! ſage ich! oder ich ziehe vom Leder.“ „Mein Herr, wir bemerken Euch, daß Ihr zwei gegen eilf ſeid, und überdieß ſcheint Euer Begleiter blos Euer Lakai zu ſein. Jeder Widerſtand wäre alſo ein Wahnſinn.“ „Platz!“ rief die Stimme, die immer drohender wurde. „Ihr ſcheint in dieſer guten Stadt Paris fremd zu ſein, mein Herr,“ ſagte die Stimme, die dem Anführer der Bande zu gehören ſchien,„und viel⸗ leicht ſeid Ihr blos deßwegen ſo zäh, weil Ihr fürchtet ohne Geld kein Nachtlager zu bekommen; aber wir ſind gebildete Diebe, mein Herr, tire-soie und keine tirelaine, und wir wiſſen, welche Rück⸗ ſichten man einem Mann wie Ihr ſeid ſchuldet. Gebt uns artig Eure Börſe, mein Herr, dann wol⸗ len wir Euch einen Thaler zurückgeben, damit Ihr ein Nachtlager bekommt, wenn Ihr nicht anders die Adreſſe eines anſtändigen Hotels vorzieht, wo man Cuch auf Empfehlung ſehr gut aufnehmen wird. Ein Mann wie Ihr muß ſeine Freunde in Paris haben, und morgen oder vielmehr heute— denn ich möchte Euch nicht zu einem Irrthum ver⸗ leiten, es iſt bald vier Uhr— heute werdet Ihr Euch an Eure Freunde wenden, die Euch gewiß nicht in Verlegenheit laſſen werden.“ „Platz!“ wiederholte dieſelbe Stimme,„Ihr könnt mein Leben haben, da wir blos zwei gegen 76 eilf ſind, aber meine Börſe ſollt Ihr nicht be⸗ kommen.“ „Das iſt unlogiſch, mein Herr,“ verſetzte derje⸗ nige der als Wortführer der Bande aufgeſtellt ſchien,„denn, wenn wir einmal Euer Leben haben, ſo ſteht es uns frei Eure Börſe zu nehmen.“ „Zurück, Canaillen! und nehmt Euch in Acht! Wir haben zwei gute Degen und zwei gute Dolche für uns.“ „Und überdieß das gute Recht, meine Herrn. Aber was nützt das gute Recht, wenn der Schlechte der Stärkere iſt?“ „Inzwiſchen,“ ſagte der Edelmann, der am we⸗ nigſten Geduld zu haben ſchien,„parirt mir einmal dieß da!“ Und er führte einen furchtbaren Stoß gegen den Anführer der Bande, der zu ſeinem Glück, da er ohne Zweifel an ſolche Kämpfe gewohnt war, ſich auf ſeiner Hut hielt und mit ſolcher Gewandt⸗ heit und ſo rechtzeitig rückwärts ſprang, daß blos ſein Wamms durchbohrt wurde. Jetzt begann das Waffengeklirr und das Geſchrei, das der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon und der Her⸗ zog von Montpenſier gehört hatten. Einer der beiden Angegriffenen rief, während er focht, um Hilfe. Der Andere aber führte, als hätte er die Nutzloſigkeit eines Hilferufs begriffen, oder einen ſolchen verſchmäht, ſeine Stöße in aller Stille, und aus verſchiedenen Flüchen die ſeine Gegner ausſtießen konnte man abnehmen, daß er nicht in der Luft focht. Wenn wir ſagten, der ſchweigſame Edelmann . — S 0 — „ S— —— je⸗ ellt en, ht! che rn. hte we⸗ nal gen da ar, idt⸗ los rei, er⸗ er ätte der ille, ner in ann 77 ſei von der Nutzloſigkeit eines Hilferufs überzeugt geweſen, ſo hofften wir, der Leſer würde unſern Gedanken begreifen. Es war unnütz die Leute um Hilfe anzurufen, die in ſolchen Fällen zur Hilfeleiſtung verpflichtet wa⸗ ren, d. h. die Agenten des Herrn von Mouchy, Oberverhörrichters von Frankreich. Dieſe Agenten, die man Mouchis oder ſogar Mouchards nannte, liefen Tag und Nacht durch die Stadt und hatten allerdings den Auftrag alle Diejenigen zu verhaf⸗ ten die ihnen verdächtig ſchienen. Aber den Herren Mouchis oder Mouchards, wie man ſie nennen will, ſchienen die Diebsbanden die Paris unſicher machten nicht verdächtig, und mehr als einmal hatten beſagte Agenten des Herrn von Mouchy ſogar, wenn ſie die Gelegenheit günſtig fanden und eine reiche Beute lockte, den Verdächti⸗ gen Hilfe geleiſtet, ob nun dieſelben der Geſellſchaft der tire-soie oder vornehmen Diebe angehörten, die blos Leute von Stand angriffen, oder ob ſie zu der Klaſſe der tirelaine gehörten, armer Teufel und Diebe der unterſten Kategorie, die ſich damit be⸗ gnügten Spießbürgern die Taſchen zu leeren. Außer den beiden großen Kategorien, die wir ſo eben bezeichnet haben, gab es noch die Geſellſchaft der böſen Buben, Bravi, die in Regimenter und Sectionen eingetheilt waren und ſich als Mörder allen Denjenigen verdingten, von denen ſie mit ihrem Vertrauen beehrt wurden. Und bemerken wirs im Vorübergehen, da die Zahl Derjenigen die ſich in dieſen Zeiten der Liebe und des Haſſes irgend Je⸗ mandens zu entledigen wünſchten groß war, ſo man⸗ gelte es nicht an Arbeit. Auch dieſe ſchienen den Agenten des Herrn von Mouchy nicht verdächtig. Man wußte, daß ſie im Allgemeinen für vornehme und reiche Herren, ja ſogar für Prinzen arbeiteten, und man hütete ſich wohl ſie in der Ausübung ihrer Verrichtungen zu ſtören. Blieben noch die guilleries, die plumets und die grisons; die unſern Beutelſchneidern, unſern voleurs à la tire und unſern barboteurs entſpra⸗ chen. Dieſe aber waren ſo verächtliche Burſche, daß die Agenten des Herrn von Mouchy, ſelbſt wenn ſie ihnen verdächtig geſchienen hätten, es unter ihr Würde gefunden haben würden ſich mit ihnen ein⸗ zulaſſen. Es war daher ſehr ſelten, daß ein Edelmann bei Nacht anders als wohl bewaffnet, und beſon⸗ ders mit einem tüchtigen Gefolge von Dienern ſich auf die Straßen von Paris wagte. Es war alſo eine große Unvorſichtigkeit von unſern jungen Leuten zu einer ſolchen Stunde ohne alles Gefolge auszugehen, und wir können ihnen dieſen Leichtſinn nur mit Berückſichtigung des wich⸗ tigen Geſchäfts verzeihen, das ſie hinaustrieb. Deßhalb hatte der Anführer der tire-soié, als er den Mann mit der drohenden Stimme angriff, ſogleich eingeſehen, daß derſelbe ein Edelmann aus der Provinz ſein mußte. Nach unſern vorausgeſchickten Bemerkungen über das Verfahren der Agenten des Herrn von Mouchy wird man ſich nicht wundern, daß auf das Hilfege⸗ zu ſern pra⸗ daß enn hrer ein⸗ ann ſon⸗ ſich von ohne hnen vich⸗ 6 griff, aus über uchy fege⸗ 79 ſchrei des Bedienten Niemand herbeikam. Aber dieſes Geſchrei war, wie es ſcheint, von einem jun⸗ gen Mann gehört worden, der vom Hotel Coligny wegging. Da er begriff, um was es ſich handelte, ſo hatte er ſeinen Mantel um ſeinen linken Arm geſchlungen, mit der rechten Hand ſeinen Degen ge⸗ zogen, und war herbeigeeilt mit dem Ruf: 8 feſt, Herr! Ihr rufet um Hilfe, da iſt ilfe.“ „Ich rufe nicht um Hilfe,“ antwortete der Edel⸗ mann, indem er weiter focht;„nur dieſer Heuler von La Briche da glaubt ſich berechtigt um fünf oder ſechs elender Mörder willen einen Edelmann zu be⸗ mühen und ein ganzes Quartier aufzuwecken.“ „Wir ſind keine Mörder, mein Herr,“ antwor⸗ tete der Anführer der Bande,„und Ihr könnt dieß aus der Höflichkeit erſehen, womit wir Euch angrei⸗ fen. Wir ſind tire-soie, wie wir Euch bereits ge⸗ ſagt haben, Diebe aus guter Familie, wir haben Jeder ein eigenes Haus und wir plündern nur Edelleute. Statt einen Dritten zu Hilfe zu rufen, der die Sache vergiften wird, würdet Ihr weit beſſer thun, wenn Ihr Euch gutwillig ergäbet und uns nicht zu Gewaltsmaßregeln zwänget, die uns unaus⸗ ſprechlich zuwider ſind.“ „Ihr ſollt keine Piſtole bekommen!“ antwortete der angegriffene Edelmann. „Ha, Banditen! Ha, Canaillen! Ha, elende Schufte!“ rief der Edelmann, der vom Admiral herauskam, indem er ſich mitten ins Gewühl ſtürzte. Und einer der tire-soie ſtieß einen Schrei aus, 80 welcher bewies, daß der neue Ankömmling die That mit der Drohung verbunden hatte. „Wohlan denn!“ ſagte der Anführer der Bande, „da Ihr ſo ſtarrköpfig ſeid, ſo ſehe ich wohl, daß man der Sache ein Ende machen muß.“ Und im Schatten wurde die formloſe Gruppe belebter, das Geſchrei der Verwundeten wiederholte ſich gellender, zahlreichere Funken ſprühten aus Schwertern und Dolchen. La Briche focht zwar nach beſten Kräften, ſchrie aber fortwährend um Hilfe. Das war bei ihm Syſtem, und er konnte behaupten, daß es gut ſei, da es ſchon einmal geglückt war. Sein Geſchrei hatte den gewünſchten Erfolg, nachdem die Inſcenirung der Perſonen einmal gege⸗ ben war. „Wir können doch dieſe drei Männer nicht kalt⸗ blütig ermorden laſſen,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ ſur⸗Yon, indem er nach dem Degen griff. „Es iſt wahr, Prinz,“ antwortete der Herzog von Montpenſier,„und wahrhaftig, ich ſchäme mich, daß wir ſo lange gewartet haben.“ Und nun ſtürzten ſich auch die beiden jungen Leute in Folge des Hilfegeſchreis von La Briche auf den Kampfplatz, indem ſie ihrerſeits riefen: „Haltet feſt, ihr Herren! wir ſind da! auf Tod und Leben!“ Die tire-soie, die ſchon vorher drei Männer zu bekämpfen gehabt, bereits zwei von den ihrigen ver⸗ loren hatten und jetzt dieſe neue Verſtärkung in ihren Rücken fallen ſahen, beſchloſſen eine letzte at de, ß pe lte us rie hm ſei, olg, ge⸗ alt⸗ che⸗ tzog ich, gen iche fen: Tod rzu ver⸗ in etzte 81 Anſtrengung zu verſuchen, obſchon ſie nur noch neun gegen fünf waren. „Der Anführer blieb mit fünf Mann den drei erſten Angegriffenen gegenüber ſtehen, während vier Banditen Rechtsumkehrt machten, um die Herren von Montpenſier und de la Roche⸗ſur⸗Yon zu empfangen. „Alſo auf Tod und Leben, meine Herren, da Ihr es durchaus wollt,“ rief der Anführer. „Auf Tod und Leben!“ wiederholte die ganze Bande. „Ei, ei, wie Ihr ins Zeug geht, Kameraden! auf Tod und Leben?“ ſagte der Edelmann, der aus dem Hotel Coligny gekommen war.„Nun wohl denn, ja, auf Tod und Leben! Da...“ Und indem er ſo weit ausſchritt, als ſeine kurze Taille ihm geſtattete, rannte er einem der Angrei⸗ fer ſeinen Degen durch den Leib. Der Verwundete ſtieß einen Schrei aus, that drei Schritte rückwärts und fiel todt auf das Pflaſter. „Ein hübſcher Stoß!“ ſagte der Edelmann, der zuerſt angehalten worden.„Aber ich glaube, ich kann Euch mit einem ähnlichen aufwarten. Seht...“ Damit ſchritt er ebenfalls aus und ſtieß ſeinen Degen bis ans Heft einem Banditen in den Bauch. Beinahe zu gleicher Zeit verſchwand der Dolch des Herzogs von Montpenſier bis zum Griff in der Kehle eines ſeiner Gegner. Die Banditen waren nur noch ſechs gegen fünf, d. h. ſie begannen die Schwächeren zu werden, als auf einmal die Thüre des Hotels Coligny wagenweit aufging und der Admiral, gefolgt von zwei Fackelträgern und vier Dumas, Horoſcop. II. 82 bewaffneten Lakaien, in einem Schlafrock und mit ſeinem bloßen Degen in der Hand unter dem be⸗ leuchteten Gewölbe erſchien. „He da, ihr Lumpenhunde!“ rief er,„was iſt das? Man ſäubere die Straße und zwar ſchnell, ſonſt laſſe ich Euch alle zuſammen wie Raben am Hauptthore meines Hotels annageln.“ Dann wandte er ſich gegen ſeine Lakaien und agte: „Drauf Kinder! geht dieſen Schlingeln zu Leibe.“ Er ging ſelbſt mit— Beiſpiel voran und ſtürzte ſich auf das Schlachtfeld. Jetzt war kein Widerſtond mehr möglich. „Fliehe wer kann!“ rief der Anführer, indem er, aber etwas zu ſpät, einen Degenſtoß parirte, der noch die Kraft hatte ihm durch den Arm zu dringen.„Fliehe wer kann, es iſt der Prinz von Condé!“ Damit machte er eine ſchnelle Wendung nach links und lief eiligſt davon. Unglücklicherweiſe konnten fünf feiner Kameraden dieſe wohlgemeinte Mahnung nicht benützen. Vier lagen zu Boden, und der fünfte mußte ſich an die Mauer lehnen, um nicht zu fallen. Er war in dieſen Zuſtand durch den Prinzen de la Roche⸗ſur⸗Yon verſetzt worden, ſo daß Jeder ſeine Schuldigkeit gethan hatte. Auf Seiten der Edelleute gab es nur Ritzen ⸗ oder unbedeutende Wunden. Als der zuerſt angegriffene Edelmann zu ſeinem großen Staunen erfuhr, daß derjenige, der ihm zu⸗ erſt zu Hilfe gekommen, kein Anderer als der Prinz mir Pri ich lan hat Her de geg beg tit ⸗ iſt ll, m nd nd m te, zu on ch en er ie de er m u⸗ nz 83 von Condé war, wandte er ſich gegen ihn, ver⸗ beugte ſich ehrfurchtsvoll und ſprach: „Gnädigſter Herr, ich habe der Vorſehung dop⸗ pelt zu danken: erſtens, daß ſie mich gerettet, zwei⸗ tens, daß ſie den tapferſten Edelmann Frankreichs, möge es dieſen edeln Herren nicht mißfallen, zum Werkzeug meiner Rettung gewählt hat.“ „Wahrhaftig, meine Herren,“ antwortete der Prinz,„ich ſchätze mich glücklich, daß mich der Zu⸗ fall in dieſer Nacht zu meinem Vetter, dem Admi⸗ ral, geführt hat, was mir Gelegenheit verſchaffte, Euch nützlich zu ſein. Jetzt danket Ihr mir für das Wenige, was ich für Euch gethan habe, in ſo ſchö⸗ nen Ausdrücken, daß ich Euch verbunden wäre, wenn Ihr mir Euren Namen ſagen wolltet.“ „Gnädigſter Herr, ich heiße Gottfried von Barri.“ „Ah!“ ſiel Condé ein,„Baron von Perigord, Herr von la Renaudie?“ „Einer meiner guten Freunde,“ ſagte der Ad⸗ miral, indem er la Renaudie die eine und dem Prinzen von Conds die andere Hand reichte.„Aber ich täuſche mich nicht,“ fuhr er fort,„es iſt ſchon lange her, daß das Pflaſter des Königs keine ſo ſchöne und ſo gute Gejellſchaft zuſammengeführt hat— der Herr Herzog von Montpenſier und der Herr Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon?“ „In Perſon, Herr Akmiral,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, während la Renaudie ſich gegen ihn und ſeinen Cameraden wandte und Beide begrüßte;„und wenn es dieſen armen Teufeln an⸗ genehm ſein kann zu erfahren, daß dieienigen, welche 6 84 ihnen ihre Päſſe nach der Hölle ausgeſtellt haben, nicht gerade Bauernlümmel ſind, ſo mögen ſie ruhig und zufrieden ſterben.“ „Meine Herren,“ ſagte der Admiral,„das Hotel Coligny ſteht offen. Damit will ich Euch ſagen, daß Ihr, wenn Ihr mir die Ehre erweiſen wollt hinaufzukommen und einige Erfriſchungen anzuneh⸗ men, willkommen ſein werdet.“ „Dank, mein Vetter!“ antwortete Herr von Condé.„Ihr wißt, daß ich Euch vor zehn Minu⸗ ten in der Abſicht verließ nach Hauſe zu gehen. Ich ahnte nicht, daß ich das Vergnügen haben würde vor Eurer Thüre einen Edelmann zu treffen, deſſen Bekanntſchaft Ihr mir verſprochen hattet.“ Und er verbeugte ſich höflich gegen la Renaudie. „Einen wackern Edelmann, den ich bei der Ar⸗ beit geſehen habe, mein Vetter, und der ſich meiner Treu vortrefflich dabei zu benehmen weiß,“ fuhr der Prinz fort.„Seid Ihr ſchon lange in Paris, Herr von Barri?“ „Ich komme eben erſt an, gnädigſter Herr,“ antwortete la Renaudie im Tone tiefer Wehmuth, indem er einen letzten Blick auf den Unglücklichen warf, den er mit ſeinem letzten Degenſtoß ſterbend auf das Pflaſter geſtreckt hatte,„und ich hatte nicht erwartet, daß ich, nachdem ich kaum eine halbe Stunde über den Barrieren wäre, den Tod eines Menſchen verurſachen und einem großen Prinzen mein Leben verdanken ſollte.“ „Herr Baron,“ ſagte der Prinz von Condé, in⸗ dem er mit ſeiner gewohnten Eleganz und Höflich⸗ keit dem jungen Mann die Hand reichte,„ſeid ver⸗ en, ig tel en, llt eh⸗ on u⸗ en. en en, . ie. Ar⸗ ner uhr ris, th, hen end icht be nes zen in⸗ ich⸗ er ————— 85 fichert, daß es mir das größte Vergnügen bereiten wird Euch wieder zu ſehen. Die Freunde des Herrn Admirals ſind die Freunde des Prinzen von Condé.“ „Schön, mein lieber Prinz,“ ſagte Coligny in einem Ton, welcher bedeutete: Es iſt kein leeres Verſprechen was Ihr uns da gebt, und wir werden darauf zurückkommen. Dann wandte er ſich gegen die jungen Leute und fragte: „Und Ihr, gnädigſte Herren, werdet Ihr mir die Ehre erweiſen in mein Haus zu treten? Ehe ich der Feind Eures Vaters wurde, Herr von Montpenſier, oder vielmehr ehe er der meinige wurde, waren wir gute und luſtige Cameraden. Ich hoffe,“ fügte er mit einem Seufzer hinzu,„daß nur die Zeiten ſich verändert haben und nicht die Herzen.“ „Dank, Herr Admiral,“ ſagte der Herzog ven Montpenſier, indem er für ſich und den Prinzen de la Roche⸗ſur⸗Yon antwortete, denn Colignys Worte hatten hauptſächlich ihm gegolten:„wir würden Eure Gaſtfreundſchaft mit größtem Ver⸗ gnügen, wenn auch nur für einen Augenblick, an⸗ nehmen; aber es iſt weit von hier ins Hotel Condé: man muß über Brücken und durch ſchlimme Quartiere gehen, und wir wollen den Prinzen um die Gunſt erſuchen unſere Begleitung anzunehmen.“ „Geht, meine Herren, und Gott behüte Euch! Im Uebrigen möchte ich allen Pariſer tire soie und tirelaine nicht rathen, drei Tapfere, wie Ihr ſeid, anzugreifen.“ Dieſe ganze Beſprechung fand auf dem Kampf⸗ platze ſelbſt ſtatt, und die Sieger hielten ſie im Blute ſtehend, ohne daß Einer von ihnen, mit Aus⸗ nahme von la Renaudie, der einer andern Zeit anzugehören ſchien, den fünf Unglücklichen, von denen drei bereits Leichen waren, zwei aber noch röchelten, auch nur einen Blick ſchenkte. Der Prinz von Condé, der Prinz de la Roche⸗ ſur⸗Yon und der Herzog von Montpenſier verab⸗ ſchiedeten ſich von dem Admiral und la Renaudie und gingen nach dem Pont aux Moulins hinauf, da ein Edict den Fährleuten verbot nach neun Abends noch Jemand überzuſetzen. Allein mit Renaudie geblieben, reichte der Ad⸗ miral ihm die Hand: „Ihr wolltet zu mir, nicht wahr, mein Freund?“ ſagte er zu ihm. „Ja, ich komme von Genf und habe Euch die wichtigſten Rachrichten zu bringen.“ „Tretet ein! zu jeder Stunde des Tags und der Nacht iſt mein Haus das Eurige.“ Und er zeigte ihm die offene Thüre des Hotels, das auf den Gaſt wartete, der unter dem Schutz des Herrn hereinkommen ſollte, da der Herr ſelbſt ihn ſo wunderbar gerettet hatte. Während dieſer Zeit erzählten die beiden jungen Leute, die, wie man ſich wohl denken kann, den Prinzen nicht begleitet hatten, um ihm als Escorte zu dienen, ſondern um ihm das Abenteuer zwiſchen dem König und Fräulein von St. André mitzu⸗ theilen, auf's Umſtändlichſte dieſe ganze Geſchichte, welche er ſelbſt mit noch viel genaueren Details ſo eben dem Admiral hinterbracht hatte. und els, des ihn gen den orte chen tzu⸗ chte, ails 87 Die Nachricht war für Herrn von Coligny ganz friſch geweſen. Die Frau Admiralin war nach Hauſe gekommen und hatte ſich in ihr Zimmer verſchloſſen, ohne nicht blos von dieſem Ereigniß, das ſie nicht vorherſehen konnte, ſondern auch von dem Verluſt des Billets, der erſten Urſache des gan⸗ zen Haders, ein Wörtchen zu ſagen, ſo daß Herr von Condé, ſo gut er auch über alles Andere un⸗ terrichtet war, gleichwohl noch nicht wußte, auf welche Art und auf welche Indizien hin der ganze Hof, mit Herrn von St. André und Herrn von Joinville an der Spitze, im Saal der Verwand⸗ lungen eingedrungen war. Dieß war ein Geheimniß, das die beiden jungen Prinzen ihm erklären konnten. Sie erzählten ihm alſo, indem ſie wie die Schä⸗ fer Virgils abwechſelten, wie die Admiralin bis zu Thränen gelacht und dann ihr Schnupftuch aus der Taſche gezogen, um ihre Augen zu wiſchen; wie ſie mit ihrem Schnupftuch zugleich ein Villet heraus⸗ gezogen habe, das auf die Erde gefallen ſei; wie Herr von Joinville dieſes Billet aufgehoben und es nach dem⸗Weggang der Admiralin der Königin Mutter übergeben; wie die Königin Mutter, in der Meinung, beſagtes Billet betreffe ihre gute Freun⸗ din die Admiralin perſönlich, die Ueberrumpelung beantragt habe, wie dieſelbe in Folge einſtimmigen Beſchluſſes ausgeführt worden, aber zuletzt auf die Häupter der Urheber zurückgefallen ſei. Am Ende der Erzählung war man vor dem Hotel Conds angelangt. Der Prinz machte jetzt ſeinerſeits den beiden jungen Leuten denſelben An⸗ 88 trag, welchen der Admiral vorher der ganzen Ge⸗ ſellſchaft gemacht hatte, allein ſie lehnten ihn ab, geſtanden jedoch ihren wahren Grund ein. Sie haben, ſagten ſie, mit dieſer Balgerei des Herrn la Renaudie eine koſtbare Zeit verloren, und ſie beſitzen noch viele Freunde, denen ſie dieſelbe Ge⸗ ſchichte erzählen müſſen. „Was mich an dem Abenteuer am meiſten er⸗ götzt,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon, indem er Herrn von Condé zum letzten Mal die Hand drückte,„das iſt das Geſicht, das der ſtille Anbeter des Fräuleins von St. André ſchneiden wird, wenn er die Sache erfährt.“ „Wie! der ſtille Anbeter?“ ſagte der Prinz von Conds, indem er die Hand des Herrn de la Roche⸗ſur⸗Yon feſthielt, die er ſo eben loslaſſen wollte. „Ei der Tauſend, Ihr wißt das nicht?“ fragte der junge Mann. „Ich weiß gar Richts, meine Herren,“ erwiderte der Prinz lachend.„Sprecht! ſprecht!“ „Ah, bravo!“ rief der Herzog von Montpenſier, „denn das iſt noch das Schönſte an der Geſchichte.“ „Ihr wußtet wirklich nicht,“ fragte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon,„daß Fräulein von St. André außer einem Bräutigam und einem Liebhaber noch einen ſtillen Anbeter hatte!“ „Und dieſer ſtille Anbeter,“ fragte der Prinz, „wer iſt er?“ „Ah, meiner Treu, diesmal fragt Ihr mich zu viel: ich weiß ſeinen Namen nicht.“ „Iſt er jung? iſt er alt?“ fragte der Prinz. —— —— — 89 „Man ſieht ſein Geſicht nicht.“ „Wirklich?“ „Nein! er iſt immer in einen großen Mantel gehüllt, der den ganzen untern Theil ſeines Geſich⸗ tes verdeckt.“ „Es iſt irgend ein Spanier vom Hofe König Philipps I1,“ meinte der Herzog von Montpenſier. „Und wo zeigt er ſich, dieſer ſtille Anbeter oder vielmehr dieſer Schatten?“ „Wenn Ihr nicht ſo ſelten im Louvre wäret, mein lieber Prinz, ſo würdet Ihr das nicht fragen,“ ſagte der Herzog von Montpenſier. „Warum?“ „Weil es jetzt bald ſechs Monate ſind, daß er, ſobald die Nacht anbricht, unter den Fenſtern ſeiner Schönen ſpazieren geht.“ „Bah!“ „Es iſt, wie ich Euch ſage.“ „Und Ihr wißt den Namen dieſes Mannes nicht?“ „Nein.“ „Ihr habt ſein Geſicht nicht geſehen?“ „Ihr habt ihn an ſeiner Haltung nicht erkannt?“ „Er iſt immer in einen großen Mantel einge⸗ hüllt.“ „Und Ihr könnt Euch nicht denken, wer es iſt, Prinz?“ „Nein.“ „Nicht den mindeſten Verdacht, Herzog?“ „Nicht den mindeſten.“ 90 „Man hat doch wohl irgend eine Vermuthung aufgeſtellt?“ „Eine unter andern,“ ſagte der Prinz de la Roche⸗ſur⸗Yon.. „Welche?“ „Man hat geſagt, daß Ihr es ſeiet,“ fuhr der Herzog von Montpenſier fort. „Ich habe ſo viele Feinde im Louvre.“ „Aber es war Nichts daran, nicht wahr?“ Ich bitte um Entſchuldigung, meine Herrn, ich war's!“ Damit grüßte der Prinz die beiden jungen Leute obenhin, kehrte in ſein Hotel zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich zu, während die Herren von Montpenſier und de la Roche⸗ſur⸗Yon verblüfft auf der Straße ſtehen blieben. VIII. Wie die Mutter, ſo der Sohn. Die Königin Mutter hatte in der ganzen Nacht kein Auge zugethan. Bisher hatte ihr Sohn, ein ſchwaches, kränk⸗ liches, kaum mannbares, mit einer koketten jungen Frau verheirathetes Kind, ſich nur mit Liebe, Jagd und Poeſie beſchäftigt, die Führung der Geſchäfte aber, das was die Könige die Laſt des Staates nennen, und deſſen Erhaltung gleichwohl ihr einzi⸗ ges Dichten und Trachten iſt, vollſtändig ihr ſelbſt und der Familie Guiſe überlaſſen⸗ Catharina war inmitten der Intriguen der ita⸗ lieniſchen Politik, einer kleinlichen und ſtänkeriſchen — £ 91 g Politik, die für ein kleines Herzogthum wie Tos⸗ cana gut ſein mochte, aber eines großen Königreichs, a wie Frankreich zu werden begann, unwürdig war— aufgewachſen, und für ſie war die Macht das Leben. Was ſah ſie aber jetzt an dem Horizont her⸗ er vorſchimmern, der dem ihrigen entgegengeſetzt war? Eie Nebenbuhlerin. nicht um die Liebe ihres Sohnes— über dieſen Verluſt würde ſie ſich ge⸗ tröſtet haben— wer ſelbſt nicht liebt, kann keine ch Liebe verlangen, und ſie liebte weder Franz II. noch Carl IX. te Die vorſichtige Florentinerin erſchrack alſo, als ie ſie bei ihrem Sohne ein Gefühl gewahrte, das ihr n unbekannt, das ihm nicht von ihr ſelbſt eingegeben fft worden war, das ſich ohne ſie entwickelt hatte und 1 nun auf einmal mitten im Hof mit einem Eclat zum Vorſchein kam, der ſie überraſchte und zwar ſie ſelbſt noch mehr überraſchte als die Andern. Ganz beſonders erſchrack ſie, als ſie den Namen der Dame erfuhr, der ihr Sohn ſich zugewendet ht hatte; denn zwiſchen den ſechzehn Jahren des jun⸗ . gen Mädchens hindurch hatte ſie in blitzenden Strah⸗ k⸗ len den Ehrgeiz des Weibes glänzen geſehen. en Sobald es Tag wurde, ließ ſie alſo ihrem Sohn gd ſagen, ſie ſei leidend und laſſe ihn erſuchen zu ihr fte zu kommen. In ihrer eigenen Wohnung konnte Catharina, zi⸗ wie ein gewandter Schauſpieler auf ſeinem Theater, bſt ihren Platz wählen und die Scene beherrſchen. Sie ſtellte ſich in den Schatten, wo ſie halb unſichtbar ta⸗ blieb; ihren Gaſt ſtellte ſie ins Licht, wo ſie Alles en ſehen konnte. 92 Deßhalb ging ſie nicht ſelbſt zu ihrem Sohn, ſondern ſchützte eine Unpäßlichkeit vor und ließ ihn um ſeinen Beſuch bitten. Der Bote kam zurück mit der Nachricht, der König ſchlafe noch. Catharina wartete ungeduldig noch eine Stunde und ſchickte von Neuem hin. Dieſelbe Antwort. Sie wartete mit ſteigender Ungeduld noch eine weitere Stunde. Der König ſchlief fortwährend. „Oh, oh!“ murmelte Catharina,„die franzöſi⸗ ſchen Prinzen ſind nicht gewöhnt ſo lange zu ſchla⸗ Dieſer Schlaf iſt zu hartnäckig um natürlich zu ſein.“ Und ſie verließ ihr Bett, wo ſie, in der Hoff⸗ nung die fein ausgedachte Scene halb durch die Vorhänge verborgen ſpielen zu können, gewartet hatte, und gab Befehl ſie anzukleiden. Das Theater veränderte ſich. Alle die Vor⸗ theile, welche Catharina in ihrer eigenen Wohnung für ſich gehabt hätte, mangelten ihr in der Woh⸗ nung ihres Sohnes. Aber ſie hielt ſich für eine ſo gewandte Schauſpielerin, daß dieſer Scenenwechſel du chaus keinen Einfluß auf die Entwicklung haben könnte. Ihre Toilette ging ſchnell von Statten, und ſo⸗ bald ſie vollendet war, begab ſich Catharina in aller Eile nach den Gemächern Franz 1I. Sie trat zu jeder Stunde bei dem König ein, wie eine Mutter bei ihrem Sohn eintritt. Keiner der Bedienten oder Offiziere, die im Vorzimmer —— — —— 93 ſtanden, hätte ſichs einfallen laſſen ſie anzu⸗ halten. Sie ging alſo durch den erſten Saal, der nach der Wohnung des Königs führte, hob den Thür⸗ vorhang des Schlafzimmers in die Höhe und er⸗ blickte ihn, nicht im Bette liegend und ſchlafend, ſondern vor einer Fenſteröffnung an einem Tiſch ſitzend. Den Ellbogen auf dieſen Tiſch geſtemmt und den Rücken der Thüre zugekehrt, betrachtete er einen Gegenſtand mit ſolcher Aufmerkſamkeit, daß er nicht hörte wie der Thürvorhang vor ſeiner Mutter ſich hob und hinter ihr wieder zufiel. Catharina blieb an der Thüre ſtehen. Ihr Auge, das Anfangs über das Bett hinweggeſchweift war, heftete ſich auf Franz 1l. Ihr Blick ſchleuderte einen Blitz, worin wahr⸗ lich mehr Haß als Liebe lag. Dann ſchritt ſie langſam vor, und ohne mehr Geräuſch zu machen als wenn ſie ein Schatten ge⸗ weſen wäre und kein Körper, ſtützte ſie ſich auf die Lehne des Fauteuils und ſchaute ihrem Sohne über die Schulter. Der König hatte ſie nicht kommen gehört; er betrachtete voll Begeiſterung ein Bild des Fräuleins von St. André. Der Ausdruck in Catharina's Geſicht wurde wieder feſter und ging in Folge einer raſchen Mus⸗ kelzuſammenziehung in den entſchiedenſten Haß über. Dann ließ ſie eine mächtige Rückwirkung auf ſich ſelbſt eintreten, ſo daß alle Muskeln ihres Geſichtes 94 ſich abſpannten und das Lächeln auf ihre Lippen zurückkehrte. Sie neigte jetzt den Kopf beinahe ſo tief, daß ſie den Kopf des Königs berührte. Franz fuhr erſchrocken zuſammen, als er den lauen Hauch eines Athems in ſeinen Haaren ver⸗ ürte. Er drehte ſich raſch um und erkannte ſeine Mutter. Blitzſchnell kehrte er das Portrait um, legte es mit der Seite des Gemäldes auf den Tiſch und hielt ſeine Hand darauf. Dann aber rollte er, ſtatt wie gewöhnlich auf⸗ zuſtehen und ſeine Mutter zu küſſen, den Lehnſtuhl von Catharina weg. Hierauf grüßte er ſie kalt. „Nun wohl, mein Sohn,“ fragte die Florenti⸗ nerin, als ob ſie von dem geringen Grad der Zärt⸗ lichkeit, der in dieſem Gruße lag, keine Notiz nähme, „was geht denn vor?“ „Ihr fragt mich, was vorgehe?“ „Ja.“ „Nichts, ſo viel ich weiß, meine Mutter.“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Sohn, es muß etwas Außerordentliches vorgehen.“ „Warum denn?“ „Weil es nicht Eure Gewohnheit iſt ſo lange liegen zu bleiben. Es iſt wahr, man hat mich viel⸗ leicht getäuſcht, oder kann auch mein Bote falſch gehört haben.“ Franz gab keine Antwort, ſondern betrachtete ſeine Mutter beinahe eben ſo ſtarr wie ſie ihn⸗ „Ich habe,“ fuhr Catharina fort,„ſeit dieſem b S — —— e— ——— 95 Morgen viermal zu Euch geſchickt. Man hat mir geantwortet, Ihr ſchlafet noch.“ Sie machte eine Pauſe; aber der König ſchwieg beharrlich und ſchaute ſie fortwährend an, wie wenn er ſagen wollte:„Nun, was weiter?“ „Dieſer beharrliche Schlaf,“ fuhr Catharina fort,„hat mich beunruhigt, und da ich fürchtete, Ihr möchtet krank geworden ſein, ſo bin ich ſelbſt ge⸗ kommen.“ „Ich danke Euch, Madame,“ ſagte der junge Fürſt ſich verbeugend. „Ihr müßt mich nie ſo beunruhigen, Franz,“ bat die Florentinerin.„Ihr wißt, wie ſehr ich Euch liebe, wie theuer mir Eure Geſundheit iſt. Spielet alſo nicht mehr mit den Beſorgniſſen Eurer Mutter. Kümmerniſſe genug ſtürmen auf mich ein, ohne daß meine Kinder ſie durch ihre Gleichgiltigkeit gegen mich noch vermehren.“ Der junge Mann ſchien einen Entſchluß zu faſ⸗ ſen. Ein blaſſes Lächeln irrte über ſeinen Mund, und indem er ſeiner Mutter ſeine Rechte bot, wäh⸗ rend die Linke fuwäheni auf dem Bilde ruhte, ſagte er: „Dank, Mutter; es iſt an dem was man Euch geſagt hat etwas Wahres neben viel Uebertreibung. Ich bin leidend geweſen, ich habe eine unruhige Nacht gehabt und bin zwei Stunden ſpäter aufge⸗ ſtanden als gewöhnlich.“ Oh!“ machte Catharina ganz keleubt. „Aber,“ fuhr Franz II. fort,„ich befinde mich jetzt wieder vollkommen wohl und bin bereit mit Euch zu arbeiten, wenn es Euch beliebt,“ 96 „Und warum, mein liebes Kind,“ ſagte Catha⸗ rina, indem ſie in einer ihrer Hände die Hand des Königs zurückhielt und an ihr Herz drückte, mit der andern durch ſeine Haare ſtrich,„warum habt Ihr eine unruhige Nacht zugebracht? Habe ich mir nicht die Laſt ſämmtlicher Staatsgeſchäfte vorbehalten und Euch blos die Freuden des König⸗ thums überlaſſen?! Wie kommt es, daß Jemand es ſich erlaubt hat Euch eine Mühe zu bereiten, die nur mich allein angeht? denn ich denke mir, daß die Intereſſen des Staates es waren die Euch be⸗ unruhigt haben.“ „Ja Madame,“ antwortete Franz II. mit ſolcher Haſt, daß Catharina die Lüge errathen haben würde, wenn ſie nicht zum Voraus die wahre Urſache der Unruhe dieſer in der That ſehr aufgeregten Nacht gewußt hätte. Aber ſie hütete ſich wohl den mindeſten Zweifel zu äußern und ſtellte ſich im Gegentheil, als ob ſie den Worten ihres Sohnes vollkommen Glauben ſchenkte. „Irgend einen großen Entſchluß zu faſſen, nicht wahr?“ fuhr Catharina fort, die es offenbar darauf abgeſehen hatte ihren Sohn tüchtig in die Enge zu treiben;„einen Feind zu bekämpfen, eine Ungerech⸗ tigkeit wieder gut zu machen, eine Steuer zu er⸗ leichtern, ein Todesurtheil zu beſtätigen?“ Bei dieſen Worten dachte Franz lI. wirklich daran, daß man ihn Tags zuvor erſucht hatte die Hinrichtung des Raths Dubvurg auf den heutigen Abend feſtzuſetzen. Er ergriff lebhaft die Antwort, die ihm in den Mund gelegt wurde. —„ 1— e ie e⸗ er e, ie n n 97 „Ganz richtig! das iſt's, meine Mutter,“ ſagte er.„Es handelt ſich um ein Todesurtheil, das ein Menſch, wenn dieſer Menſch auch König iſt, an einem andern Menſchen vollſtrecken laſſen ſoll. Ein Todesurtheil iſt immer eine ſo ernſte Sache, daß Ihr hierin den wahren Grund der Unruhe ſehen könnt, worin ich mich ſeit geſtern befinde.“ „Ihr fürchtet Euch den Tod eines Unſchuldigen zu unterzeichnen, nicht wahr?“ „Des Herrn Dubourg, ja, meine Mutter.“ „Das zeugt von einem guten franzöſiſchen Her⸗ zen, und Ihr ſeid der würdige Sohn Eurer Mutter. Aber in dieſer Beziehung iſt glücklicher Weiſe kein Irrthum möglich. Der Rath Dubourg iſt von drei verſchiedenen Gerichtsbarkeiten der Ketzerei ſchuldig erkannt, und die Unterſchrift, die man von Euch verlangt, damit die Hinrichtung heute Abend ſtatt⸗ finden kann, iſt eine einfache Formalität.“ „Gerade das iſt das Furchtbare, meine Mutter,“ ſagte Franz,„daß eine einfache Formalität genügt, einem Menſchen das Leben zu nehmen.“ „Euer Herz iſt gediegen Gold, mein Sohn,“ ſagte Catharina,„und oh wie ſtolz bin ich auf Euch! Gleichwohl müßt Ihr Euch beruhigen. Das Staatswohl geht dem Leben eines Menſchen vor, und im gegebenen Fall braucht Euch der Tod des Rathes um ſo weniger Bedenken zu erregen, als dieſer Tod erſtens gerecht und zweitens nothwendig iſt.“ „Es iſt Euch nicht unbekannt, meine Mutter,“ ſagte der junge Mann erblaſſend und nach einem augenblicklichen Zögern,„daß ich zwei Drohbriefe. empfangen habe.“ Dumas, Horoſcop. II. 7 „Lügneriſche Memme!“ murmelte Catharina zwiſchen ihren Zähnen. Dann antwortete ſie mit einem Lächeln: „Mein Sohn, juſt weil Ihr dieſe zwei Droh⸗ briefe in Betreff des Herrn Dubourg empfangen habt, müßt Ihr ihn verurtheilen; ſonſt würde man glauben, Ihr habet Drohungen nachgegeben und Eure Nachſicht ſei Angſt.“ „Ah,“ ſagte Franz,„und Ihr glaubet Das?“ „Ja, ich glaube es, mein Sohn,“ antwortete Catharina,„während im Gegentheil, wenn Ihr bei Trompetenſchall zuerſt die zwei Drohbriefe und gleich darauf das Urtheil öffentlich verleſen laſſet, große Ehre auf Euch und große Schande auf Herrn Dubourg fallen wird. Alle diejenigen die im Au⸗ genblick weder für noch gegen ihn ſind, werden ge⸗ gen ihn ſein.“ Franz ſchien zu überlegen. „Nach der Art dieſer beiden Briefe,“ fuhr Ca⸗ tharina fort,„ſollte es mich gar nicht wundern, wenn ein Freund ſie geſchrieben hätte und nicht ein Feind.“ „Ein Freund, Madame?“ 4 „Ja,“ verſicherte Catharina,„ein Freund, dem das Glück des Königs und der Ruhm des Reiches gleich ſehr am Herzen liegt.“ Der junge Mann ſenkte ſein trübes Auge unter dem ſcharfen Blick ſeiner Mutter. Dann richtete er nach kurzem Schweigen ſein Haupt wieder empor und fragte: „Ihr ſelbſt habt mir dieſe zwei Briefe ſchreiben laſſen, nicht wahr, Madame?“ „ 99 „Oh,“ ſagte Catharina in einem Ton, der ihre 8 Lügen ſtrafte,„ich ſage Das nicht, mein Sohn.“ Catharina hatte einen doppelten Grund ihren Sohn glauben zu laſſen, daß die beiden Briefe von ihr kommen. Erſtens beſchämte ſie ihn wegen ſei⸗ ner Feigheit, und dann benahm ſie ihm die Furcht, welche die beſagten Briefe ihm einjagen konnten. Der junge Mann, den dieſe Briefe wirklich im höchſten Grad beunruhigt hatten, und der noch im⸗ mer einen Zweifel behielt, warf ſeiner Mutter einen raſchen Blick voll Zorn und Haß zu. Catharina lächelte. „Wenn er mich erwürgen könnte,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt,„ſo würde er es gewiß in dieſem Au⸗ thun. Aber glücklicher Weiſe kann er es nicht.“ Alſo hatten weder die erheuchelte Mutterzärtlich⸗ keit, noch die Ergebenheitsverſicherungen, noch die katzenartigen Schmeicheleien und Liebkoſungen Ca⸗ tharina's auf Franz einzuwirken vermocht. Die Königin Mutter ſah auch, daß ihre Befürchtungen in Erfüllung gehen würden, und daß ſie im Begriff ſtand ihre Herrſchaft über ihn zu verlieren, wenn ſie nicht ſo ſchnell als möglich dieſem Unglück vor⸗ zukehren wußte. Sie veränderte ihren Angriffsplan vollſtändig und augenblicklich. Sie ſtieß einen Seufzer aus, ſchüttelte den Kopf und gab ihrem Geſicht den Ausdruck der tiefſten Niedergeſchlagenheit. „Ach, mein Sohn,“ rief ſie,„ich muß alſo wirklich von Etwas überzeugen was ich nicht glau⸗ 12 wollte, woran ich aber jetzt nicht mehr zweifeln darf!“ „Von was, Madame?“ fragte Franz. „Mein Sohn, mein Sohn,“ ſagte Catharina, indem ſie eine Thräne zu Hilfe zu rufen verſuchte, „Ihr habt kein Vertrauen mehr zu Eurer Mutter.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ antwortete der junge Mann im Tone düſterer Ungeduld. „Ich will damit ſagen, Franz, daß Ihr auf einmal fünfzehn Jahre tödtlicher Unruhe, fünfzehn Jahre beſtändigen Wachens an Eurem Kiſſen ver⸗ geſſet; ich will damit ſagen, daß Ihr die Beängſti⸗ gungen vergeſſet, in welche Eure kränkliche Kindheit mich verſetzt, die beſtändigen Sorgen, womit meine Mutterliebe Euch von der Wiege an umgeben hat.“ „Ich begreife immer noch nicht, Madame; aber i5 bin an Geduld gewöhnt worden: ich warte und höre.“ Und die geballte Fauſt des jungen Mannes ver⸗ rieth ganz und gar Nichts von der Sanftmuth, de⸗ ren er ſich rühmte, denn er drückte mit beinahe krampfhafter Bewegung auf das Porträt des Fräu⸗ leins von St. André. „Nun wohl,“ verſetzte Catharina,„Ihr werdet mich ſogleich begreifen. Ich ſäge, daß ich in Folge der Sorgen, die ich um Euch gehabt habe, Franz, Euch eben ſo gut kenne, als Ihr Euch ſelbſt kennt. Nun iſt dieſe Nacht ſehr unruhevoll für Euch ge⸗ weſen, das weiß ich, aber nicht weil Ihr an das Staatswohl gedacht, weil Ihr zwiſchen Strenge und Nachſicht geſchwankt habt, ſondern weil das Geheim⸗ — — —— — — N —— S— 101 niß Eurer Liebeshändel mit Fräulein von St. An⸗ dré ans Licht gekommen iſt.“ „Mutter!“ rief der junge Mann, dem all bie Schmach und Wuth, die er in der letzten Nacht hatte verſchlucken müſſen, zu Kopfe ſtieg. Franz, der gewöhnlich eine matte und ungeſunde Bläſſe hatte, wurde roth, wie wenn eine Blutwolke über ſein Geſicht hinzöge. Er erhob ſich, hielt aber mit der Hand ſeine Stuhllehne krampfhaft feſt. „Ah, Ihr wißt das, Mutter?“ „Wie kindiſch Ihr ſeid, Franz!“ ſagte Catharina mit der Gutmüthigkeit, welche ſie ſo geſchickt zu erheucheln wußte;„als ob die Mütter nicht Alles wüßten!“ Franz ſtand ſtumm mit übereinander gebiſſenen Zähnen, mit bebenden Lippen da. Catharina fuhr mit ihrer ſanfteſten Stimme ort: „Sehet, mein Sohn, warum habt Ihr mir denn dieſe Leidenſchaft nicht anvertraut? Ich würde Euch allerdings einige Vorwürfe gemacht, ich würde Euch allerdings an Eure Gattenpflichten erinnert, ich würde Euch allerdings die Anmuth, Schönheit, den Geiſt der jungen Königin vor Augen zu führen ver⸗ ſucht haben...“ Franz ſchüttelte mit düſterem Lächeln den Kopf. „Das würde Nichts gefruchtet haben?“ fuhr Catharina fort.„Nun wohl, wenn ich geſehen hätte, daß das Uebel unheilbar war, ſo würde ich es nicht mehr zu heilen verſucht, ſondern Euch mei⸗ nen Rath ertheilt haben. Iſt eine Mutter nicht 102 vie ſichtbare Vorſehung ihres Kindes? und wenn ich Euch ſo entzückt von Fräulein St. André ge⸗ ſehen hätte— denn Ihr liebet ſie ſehr, wie es ſcheint.. „Ja, Madame, ſehr.“ „Nun wohl, dann hätte ich meine Augen ver⸗ ſchloſſen. Ich hätte dieß als Mutter leichter thun können, als ich es in meiner Eigenſchaft als Gattin konnte. Mußte ich es nicht fünfzehn Jahre lang mit anſehen, daß Frau von Valentinois das Herz Eures Vaters mit mir theilte, ja ſogar, daß ſie es manchmal gänzlich mir entriß? Glaubt Ihr nun, daß eine Mutter nicht für ihren Sohn thun könne, was eine Frau für ihren Gatten gethan hat? Seid Ihr nicht mein Stolz, meine Freude, mein Glück? Woher kommt es alſo, daß Ihr heimlich geliebt habt, ohne es mir zu ſagen?“ „Mutter,“ antwortete Franz II. mit einer Kalt⸗ blütigkeit, die ſeiner Verſtellungskraft ſogar in Ca⸗ tharina's eigenen Augen Ehre gemacht haben würde, wenn ſie hätte ahnen können, was folgen ſollte, „Mutter, Ihr ſeid in Wahrheit ſo gütig gegen mich, daß ich mich ſchämen würde Euch länger zu täuſchen. Nun wohl denn, ja ich geſtehe es, ich liebe das Fräulein von St. Andrs.“ „Ah!“ ſagte Catharina,„Ihr ſehet wohl... „Bemerkt, Mutter,“ fuhr der junge Mann fort, „daß Ihr heute zum erſten Mal von dieſer Liebe mit mir ſprechet, und daß ich, wenn Ihr früher da⸗ von geſprochen hättet, da ich keinen Grund habe ſie vor Euch zu verbergen, indem dieſe Liebe nicht blos in meinem Herzen, ſondern auch in meinem Bo—— 8 NXN — — — — ht —— 103 Willen liegt, ſie Euch ſchon früher geſtanden haben würde.“ „In Eurem Willen, Franz?“ fragte Catharina erſtaunt. „Ja, nicht wahr, das wundert Euch, daß ich einen Willen habe? Aber ich muß mich über Etwas wundern,“ fuhr der junge Mann fort, indem er ſie feſt anſchaute,„nämlich, daß Ihr ſo eben dieſe Comödie von Mutterzärtlichkeit bei mir aufführtet, während Ihr doch ſelbſt heute Nacht mein Geheim⸗ niß dem Spotte des Hofes preisgabet, während Ihr die einzige Urſache deſſen ſeid, was vorgefallen iſt.“ „Franz!“ rief die Königin Mutter immer er⸗ ſtaunter. „Nein,“ fuhr der junge Mann fort,„nein, Madame, ich ſchlief heute früh nicht, als Ihr nach mir ſchicktet. Ich ſammelte alle Notizen über die erſte Urſache dieſes Aergerniſſes, und aus Allem was ich erfahren konnte, iſt für mich die Gewißheit hervorgegangen, daß Ihr mir die Schlinge gelegt habt, in die ich gefallen bin.“ „Mein Sohn! mein Sohn! Bedenket wohl was Ihr ſaget!“ antwortete Catharina mit übereinander gebiſſenen Zähnen, indem ſie ihrem Sohn einen Blick, funkelnd und ſpitzig wie eine Dolchklinge, zuwarf. „Für's Erſte, Madame, laßt uns über Eines klar werden, nämlich über das, daß zwiſchen uns von Sohn und Mutter keine Rede mehr ſein kann.“ Catharina machte eine Bewegung, die zwiſchen Drohung und Furcht die Mitte hielt. „Es iſt ein König da, der, Gott ſei Dank, ma⸗ 104 jorenn geworden iſt; es iſt eine Königin Regentin da, die, ſobald der König es will, Nichts mehr mit den Staatsangelegenheiten zu ſchaffen hat. Man regiert in Frankreich mit vierzehn Jahren, Madame, und ich habe ſechzehn. Ich bin dieſer Kinderrolle müde, die Ihr mich noch immer ſpielen laft, wäh⸗ rend ſie ſich für mein Alter nicht mehr ſchickt. Ich bin es müde ein Gängelband um meinen Leib zu verſpüren, als ob ich noch ein Wickelkind wäre. Kurz und gut, Madame, und um Alles zu ſagen, von heute an wird, wenn es Euch beliebt, Jedes von uns ſeinen wahren Platz einnehmen. Ich bin Euer König, Madame, und Ihr ſeid blos meine Unterthanin.“ Hätte der Blitz in das Zimmer geſchlagen, er hätte keine furchtbarere Wirkung hervorbringen kön⸗ nen als dieſe zermalmende Erklärung, die mitten in Catharina's Pläne hineinplatzte. Es war alſo wahr, was ſie blos in ihrem heuchleriſchen Spott zu ſa⸗ gen geglaubt hatte. Sie hatte ſechzehn Jahre lang dieſes mit der engliſchen Krankheit behaftete Kind erzogen, gepflegt, geleitet, unterwieſen; ſie hatte gleich den Thierbändigern unſerer Tage dieſen jun⸗ gen Löwen geſchwächt, erſchöpft, entnervt, und ſiehe da, auf einmal erwachte der junge Löwe und zeigte knurrend ſeine Tatzen, ſchoß glühende Blicke auf ſie, fuhr in der ganzen Länge ſeiner Kette gegen ſie los. Wer konnte dafür haften, daß er ſie nicht ver⸗ ſchlingen würde, wenn er dieſe Kette zerriß? Sie wich voll Entſetzen zurück. Für eine Frau wie Catharina von Medici lag — M— =— 105 in dem was ſie geſehen und gehört hatte wirklich Grund genug um zu zittern. Und was ſie vielleicht am meiſten erſchreckte, das war nicht der Ausbruch am Ende, ſondern die Verſtellung am Anfang. Verſtellungskunſt war für ſie Alles; die Kraft dieſer verſchmitzten Politik, welche ſie aus Florenz mitgebracht hatte, war die Verſtellung. Und eine Frau, ein junges Mädchen, beinahe noch ein Kind hatte dieſe Veränderung hervorge⸗ bracht, hatte dieſes krankhafte Geſchöpf regenerirt, dieſem ſchwächlichen Weſen die Kühnheit gegeben die ſeltſamen Worte zu ſprechen:„Von heute an bin ich Euer König, und Ihr ſeid blos meine Un⸗ terthanin.“ „Mit dem Weib, das dieſe merkwürdige Um⸗ wandlung bewerkſtelligt hat,“ dachte Catharina,„mit dem Weib, das dieſes Kind zum Manne, dieſen Sclaven zum König, dieſen Zwerg zum Rieſen ge⸗ macht hat, mit dieſem Weibe kann ich den Kampf wohl wagen.“ Dann murmelte ſie, gleich als wollte ſie ſich wieder Kräfte geben: „Beim wahrhaftigen Gott, ich war es müde blos mit einem Fantom zu thun zu haben.“ „Alſo,“ ſagte ſie hierauf, vollkommen bereit dieſen Kampf, ſo unerwartet er auch kam, aufzu⸗ nehmen,„alſo mich beſchuldigt Ihr, den Scandal der heutigen Nacht veranlaft zu haben?“ „Ja,“ antwortete der König trocken. „Ihr beſchuldigt Eure Mutter, ohne ihrer Schuld gewiß zu ſein. Das zeugt von einem guten Sohn.“ 106 „Werdet Ihr ſagen, Madame, daß der Schlag nicht von Euch ausgegangen ſei?“ „Ja, das kann ich ſagen.“ „Aber wer hat denn das Geheimniß meines Rendezvous mit Fräulein von St. André verrathen?“ „Ein Billet.“ „Ein Billet?“ „Ein Billet, das aus der Taſche der Frau Ad⸗ miralin gefallen iſt.“ „Welcher unzeitige Scherz!“ „Gott bewahre mich davor, daß ich mit Etwas ſcherzen ſollte was Euch ein Schmerz iſt, mein Sohn!“ „Aber von wem war dieſes Billet unterzeichnet?“ „Es trug keine Unterſchrift.“ „Von wem war es geſchrieben? „Die Handſchrift war mir unbekannt.“ „Nun, was iſt denn aus dem Billet geworden?“ „Hier iſt es,“ ſagte die Königin Mutter, die es behalten hatte. Und ſie überreichte es dem König. „Die Handſchrift von Lanoue!“ rief der König. Nach einer Secunde ſagte er ſodann mit ſteigen⸗ der Verwunderung: „Es iſt mein Billet.“ „Ja, aber geſteht, daß nur Ihr allein es er⸗ kennen konntet.“ „Und Ihr ſagt, dieſes Billet ſei aus der Taſche der Frau Admiralin gefallen d „So gewiß, daß Jedermann glaubte, es handle ſich um ſie, und daß man ſie überrumpeln wollte; ſonſt,“ fügte Catharina mit Achſelzucken und ver⸗ „ — 107 ächtlichem Lächeln hinzu,„wie könnt Ihr ſonſt glau⸗ ben, daß die zwei Perſonen, die Ihr beim Auf⸗ ſchlagen der Augen bemerktet, der Marſchall von St. André und Herr von Joinville geweſen wären?“ „Und das Geheimniß dieſer ganzen Intrigue, die gegen mich und eine von mir geliebte Perſon gerichtet iſt?“ „Die Frau Admiralin allein kann es Euch ſagen.“ Franz führte ein goldenes Pfeiſchen an ſeine Lippen und that einen gellen Pfiff. Ein Offizier hob den Thürvorhang. „Man gehe ſchnell ins Hotel des Admirals Rue de Bethiſy und ſage der Frau Admiralin, daß der König ſie augenblicklich ſprechen wolle.“ Als Franz ſich umdrehte, begegnete er dem feſten und düſtern Blick, den ſeine Mutter auf ihn heftete. Er fühlte, daß er roth wurde. „Ich bitte um Verzeihung, Mutter,“ ſagte er, beſchämt, daß ſeine Anklage falſch geweſen,„ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich Verdacht auf Euch geworfen habe.“ „Ihr habt mehr als Verdacht auf mich gewor⸗ fen, Franz, Ihr habt mich ſchwer und hart ange⸗ ſchuldigt. Aber ich bin nicht umſonſt Eure Mutter, und ich bin geneigt auch noch andere Anklagen zu ertragen.“ „Mutter!“ „Laßt mich fortfahren,“ ſagte Catharina, ihre Brauen runzelnd; denn da ſie fühlte, daß ihr Geg⸗ ner ſich bog, ſo begriff ſie auch, daß dieß der Augen⸗ blick war auf ihn zu drücken. „Ich höre Euch an, Mutter,“ ſagte Franz. 108 „Ihr habt Euch alſo zuerſt darin getäuſcht, und zweitens habt Ihr Euch noch weit ſchwerer darin getäuſcht, daß Ihr mich Eure Unterthanin nanntet. Ich bin eben ſo wenig Eure Unterthanin, verſteht Ihr mich, als Ihr mein König ſeid und je ſein werdet. Ich wiederhole Euch, daß Ihr mein Sohn ſeid, Nichts mehr und Nichts weniger.“ Der junge Mann knirſchte mit den Zähnen und wurde todtenblaß. „Ihr ſelbſt, meine Mutter,“ ſagte er mit einer Energie, welche Catharina nicht bei ihm vermuthet hatte,„Ihr ſelbſt befindet Euch in einem ſeltſamen Irrthum; ich bin Euer Sohn, das iſt wahr, aber eben weil ich Euer älteſter Sohn bin, bin ich zu gleicher Zeit der König, und ich werde es Euch be⸗ weiſen, meine Mutter.“ „Ihr!“ ſagte Catharina, indem ſie ihn anſchaute wie eine Schlange, die im Begriff iſt loszufahren, „Ihr. König... Und Ihr werdet mir be⸗ weiſen, daß Ihr es ſeid, ſagt Ihr?“ Sie brach in ein höhniſches abgeſtoßenes Ge⸗ lächter aus. „Ihr werdet es mir beweiſen.. und auf welche Art? Glaubt Ihr Euch denn fähig es Eliſa⸗ beth von England und Philipp ll. von Spanien in der Politik gleichzuthun? Ihr werdet mirs be⸗ weiſen! Wie? Indem Ihr die gute Harmonie zwiſchen den Guiſen und den Bourbonen, zwiſchen den Hugenotten und Katholiken wiederherſtellt? Ihr werdet es mir beweiſen! Etwa indem Ihr Euch an die Spitze der Armeen ſtellt, wie Euer Ahnherr Franz l. oder Euer Vater Heinrich II.? — — S— 8— e——— S — X— MW—— — ——— 109 Armer Junge! Ihr König! Wiſſet Ihr denn nicht, daß ich Euer Schickſal und Eurè Exiſtenz zwiſchen meinen Händen halte? Ich brauche blos ein Wort zu ſagen, und die Krone gleitet von Eurem Haupte; ich brauche blos ein Zeichen zu machen, und die Seele entfliegt aus Curem Körper. Schaut und höret, wenn Ihr Augen und Ohren habt, und Ihr werdet ſehen, mein Herr Sohn, wie das Volk ſeinen König behandelt. Ihr! König! Unglücklicher der Ihr ſeid! Der König, das iſt der Stärkere.. und nun ſchaut Euch ſelbſt und dann ſchaut mich an.“ Catharina war furchtbar anzuſehen, als ſie dieſe letzten Worte ſprach. Sie trat drohend wie ein Geſpenſt auf den jungen König zu, der drei Schritte zurückwich und ſich auf die Stuhllehne ſtützte, wie wenn er im Begriff wäre in Ohnmacht zu fallen. „Ha!“ ſagte die Florentinerin,„Ihr ſeht wohl, daß ich noch immer die Königin bin und daß Ihr blos ein dummes ſchwaches Rohr ſeid, das der ge⸗ ringſte Hauch zu Boden beugt; und Ihr wollt re⸗ gieren.. aber ſuchet doch um Euch her Diejenigen die in Frankreich regieren, Diejenigen welche die Könige ſein würden, wenn ich nicht da wäre, um ſie mit der Fauſt zurückzuſtoßen, ſo oft ſie ihren Fuß auf die erſte Stufe Eures Thrones ſetzen wollen. Sehet Herrn von Guiſe zum Beiſpiel, die⸗ ſen Schlachtengewinner, dieſen Städteeroberer: aber er iſt hundert Fuß hoch, mein Herr Sohn, und Ihr reicht ihm mit Eurem Kopf ſammt Eurer Krone nicht an die Ferſe.“ 11⁰ „Nun wohl, meine Mutter, ich werde Herrn von Guiſe in die Ferſe beißen. An der Ferſe wurde Achilles getödtet, wie man mir geſagt hat, und ich werde ihm und Euch zum Trotz regieren.“ „Ja, ja, und wenn Ihr Herrn von Guiſe in die Ferſe gebiſſen haben werdet, wenn Euer Achil⸗ les nicht an dem Biß, ſondern an dem Gift geſtor⸗ ben ſein wird, wer wird dann die Hugenotten be⸗ kämpfen? Täuſchet Euch nicht hierin, Ihr ſeid weder ſchön wie Paris, noch tapfer wie Hector. Wißt Ihr, daß Ihr nach Herrn von Guiſe nur noch einen einzigen großen Feldherrn in Frankreich habt, denn ich hoffe doch, daß Ihr Euren Dummkopf von einem Connetabel von Montmorench, der ſich noch in allen Gefechten wo er commandirte hat ſchlagen laſſen, und Euren Höfling von einem Marſchall von St. André, der nur in den Vorzimmern geſiegt hat, nicht darunter zählen werdet. Nein, Ihr habt nur noch einen einzigen großen Feldherrn, und Dieß iſt Herr von Coligny. Nun wohl, dieſer große Feldherr mit ſeinem Bruder Dandelot, der beinahe eben ſo groß iſt wie er, wird, wenn nicht ſchon heute, doch morgen an der Spitze der furcht⸗ barſten Partei ſtehen, die jemals einen Staat be⸗ droht hat. Betrachtet dieſe Leute und dann betrach⸗ tet Euch; vergleichet Euch mit ihnen, ſo werdet Ihr ſehen, daß ſie gewaltige, in der Erde feſtgewurzelte Eichen ſind, während Ihr blos ein erbärmliches Rohr ſeid, das ſich unter dem Hauch aller Parteien krümmt und biegt.“ „Aber was verlangt Ihr denn eigentlich von mir? Bin ich denn blos ein Werkzeug in Euren 3 L—-— G e G n c„ „— —c S c—— 7— cS 8 S—— 8 111 Händen, und ſoll ich mich darein ergeben ein Spiel⸗ zeug Eures Ehrgeizes zu ſein?“ Catharina unterdrückte das vergnügte Lächeln, das im Begriff war auf ihre Lippen zu ſchweben, um ſie zu verrathen. Sie begann ihre Macht wie⸗ der zu ergreifen, ſie berührte mit den Fingerſpitzen den Faden der Marionette, die einen Augenblick ſich vermeſſen hatte allein handeln zu wollen, und ſie traf Anſtalten ſie von Neuem nach ihrem Belieben in Bewegung zu ſetzen. Aber ſie wollte ihren Triumph nicht zeigen, und entzückt über dieſen An⸗ fang der Niederlage ihres Gegners beſchloß ſie ihren Sieg zu vervollſtändigen. „Was ich will, was ich von Euch verlange, mein Sohn,“ ſagte ſie mit ihrer heuchleriſchen Stimme, die in ihrer Fuchsſchwänzelei vielleicht furchtbarer war als in der Drohung,„das iſt höchſt einfach: ich will, daß Ihr mich Eure Macht feſt be⸗ gründen, Euer Glück ſicher ſtellen laſſet, nicht mehr und nicht weniger. Was liegt mir an allem Uebri⸗ gen? Denke ich etwa an mich ſelbſt, wenn ich ſo ſpreche und wenn ich handle wie ich ſpreche? Sind nicht alle meine Anſtrengungen darauf gerichtet Euch glücklich zu machen? He, mein Gott! glaubt Ihr denn, daß die Laſt einer Regierung ſo angenehm und ſo leicht ſei, daß es mir Vergnügen mache ſie zu tragen? Ihr ſprecht von meinem Ehrgeiz. Ja, ich habe einen Ehrgeiz, nämlich ſo lange zu käm⸗ pfen, bis ich Eure Feinde niedergeworfen, oder bis ſie ſich wenigſtens, einer um den andern, abgenützt haben. Nein, Franz,“ ſagte ſie mit ſcheinbarer Gemüthlichkeit,„ſobald ich in Euch den Mann ſehe 112 ben ich wünſche, den König den ich hoffe, werde ich Euch mit Freuden, das könnt Ihr glauben, die Krone aufs Haupt ſetzen und den Seepter in die Hände legen. Aber, wenn ich es heute ſchon thäte, ſo würde ich Euch ſtatt des Scepters ein ſchwaches Rohr geben, ſtatt der goldenen Krone eine Dornen⸗ krone aufs Haupt ſetzen. Wachſet heran, mein Sohn! kommt zu Kräften, reifet unter den Augen Eurer Mutter wie ein Baum unter dem Blick der Sonne, und dann, wenn Ihr groß, ſtark und reif ſeid, dann ſeid König.“ „Was muß ich alſo zu dieſem Behuf thun, meine Mutter?“ rief Franz in beinahe verzweifel⸗ tem Tone. „Das will ich Euch ſagen, mein Sohn. Ihr müßt vor allen Dingen dem Weib entſagen, das die erſte Urſache von Allem iſt.“ „Dem Fräulein von St. André entſagen!“ rief Franz, der ſich auf Alles, nur auf dieſe Bedingung nicht gefaßt hielt;„dem Fräulein von St. André entſagen!“ wiederholte er mit concentrirter Wuth. „Ha! Darauf alſo wolltet Ihr hinauskommen?“ „Ja, mein Sohn,“ ſagte Catharina kalt,„Ihr müßt dem Fräulein von St. André entſagen.“ „Niemals, Mutter!“ antwortete Franz in ent⸗ ſchloſſenem Ton und mit der Energie, die er im Verlauf dieſer Beſprechung ſchon zwei oder dreimal bewieſen hatte. „Ich bitte Euch um Verzeihung, Franz,“ ſagte die Florentinerin in demſelben ſanften, aber abſo⸗ luten Ton,„Ihr müßt ihr entſagen, das iſt der Preis den ich auf unſere Verſöhnung ſetze; wo nicht, nicht!“ „ —(——————„— t⸗ al te 0⸗ is 113 „Ihr wißt alſo nicht, daß ich ſie bis zum Wahn⸗ ſinn liebe, meine Mutter?“ Catharina lächelte über dieſe Naivetät ihres Sohnes. „Wo wäre denn das Verdienſt Eurer Entſagung, wenn Ihr ſie nicht liebtet?“ ſagte ſie. „Aber warum denn ihr entſagen, mein Gott!“ „Im Intereſſe des Staates.“ „Was hat denn das Fräulein von St. André mit den Intereſſen des Staates zu ſchaffen?“ rief Franz 11. „Soll ichs Euch ſagen?“ fragte Catharina. Aber der König unterbrach ſie, wie wenn er zum Voraus nicht an ihrer Logik zweifelte, und ſagte: „Hört mich an, Mutter, ich kenne den überlege⸗ nen Geiſt, den Gott in Euch gelegt; ich erkenne die Schlaffheit und Trägheit, womit er mich bedacht hat; kurz ich erkenne Gure gegenwärtige und zukünf⸗ tige Autorität an, ich verlaſſe mich in politiſchen Dingen, und ſobald es ſich um die Intereſſen des Reiches handelt, das Ihr ſo weiſe verwü tet, blind⸗ lings auf Euch. Aber um dieſen Preis, meine Mutter, um den Preis der Abtretung all dieſer Rechte, die einem Andern ſo koſtbar wären, bitte ich Euch mir in meinen eigenen Angelegenheiten freie Hand zu laſſen.“ „In jedem andern Fall, ja! Und ich glaubte ſogar, daß Ihr in dieſer Sache mir Nichts vorzu⸗ werfen hättet. Aber heute, nein!“ „Und wgrum nicht heute? warum dieſe Strenge in Bezug auf die einzige Frau, die ich noch wahr⸗* haft geliebt habe?“ Dumas, Horoſcop. II. 8 114 „Weil dieſe Frau mehr als jede andere, mein Sohn, den Bürgerkrieg in Euren Staaten herbei⸗ führen kann, weil ſie die Tochter des Marſchalls von St. André, eines Eurer ergebenſten Diener iſt.“ „Ich werde Herrn von St. André als Comman⸗ danken in irgend eine große Provinz ſchicken, dann wird er die Augen zudrücken. Ueberdieß iſt Herr von St. André in dieſem Augenblick gänzlich von ſeiner Liebe zu ſeiner jungen Frau in Anſpruch ge⸗ nommen, und ſeine junge Frau wird ſehr froh ſein, von einer Stieftochter getrennt zu werden, die an Geiſt und Schönheit mit ihr wetteifert.“ „Es iſt möglich, daß dieß bei Herrn von St. André zutrifft, deſſen Eiferſucht ſprichwörtlich ge⸗ worden iſt, und der ſeine Frau eingeſchloſſen hält, gerade wie ein Spanier aus den Zeiten des Cid. Aber Herr von Joinville, der Fräulein von St. André leidenſchaftlich liebte und ſie heirathen ſollte, wird er ſeine Augen auch zudrücken? und wenn er es ſelbſt aus Achtung vor dem König thut, wird er wohl auch ſeinem Oheim, dem Cardinal von Loth⸗ ringen, und ſeinem Vater, dem Herzog von Guiſe, die Augen verſchließen können? In Wahrheit, Franz, erlaubt mir Euch zu ſagen, Ihr ſeid ein armſeliger Diplomat, und wenn Eure Mutter nicht wachte, ſo würde in den nächſten acht Tagen der erſte beſte Kronendieb Euch Eure Krone vom Haupt nehmen, wie ein nächtlicher Straßendieb einem Spießbürger ſeinen Mantel über die Schultern zieht. Zum letz⸗ ten Mal, mein Sohn, Ihr müßt dieſem Weib ent⸗ ſagen, und um dieſen Preis, verſteht Ihr mich, verſöhnen wir uns offen, das wiederhole ich Euch, „—— c—— 115⁵ und ich werde die Sache mit den Herrn von Guiſe beilegen. Begreifet Ihr mich und werdet Ihr mir gehorchen?“ „Ja, meine Mutter,“ ſagte Franz II.,„ich be⸗ greife Euch, aber ich werde Euch nicht gehorchen.“ „Ihr werdet mir nicht gehorchen!“ rief Catha⸗ rina, die zum erſten Mal auf eine Hartnäckigkeit ſtieß, welche gleich dem Rieſen Antäus neue Kräfte gewann, wenn man ſie überwunden glaubte. „Nein,“ fuhr Franz ll. fort,„nein, ich werde Euch nicht gehorchen, und ich kann Euch nicht ge⸗ horchen. Ich liebe, ſage ich Euch; ich befinde mich in den erſten Stunden einer erſten Liebe, und Nichts kann mich zwingen ihr zu entſagen. Ich weiß, daß ich auf einen dornenvollen Weg gerathen bin; vielleicht führt er mich zu einem unglücklichen Ziel; aber ich ſage Euch, ich liebe und ich will über dieſes Wort nicht hinausſehen.“ „Dieß iſt Euer feſter Entſchluß, mein Sohn?“ In dieſen Worten mein Sohn, die gewöhn⸗ lich im Munde einer Mutter ſo ſanft klingen, lag ein Ton unbeſchreiblicher Drohung. „Es iſt mein feſter Entſchluß, Madame,“ ant⸗ wortete Franz II. „Ihr nehmet die Folgen Eurer tollen Starr⸗ köpfigkeit, wie ſie auch ſein mögen, auf Euch?“ „Wie ſie auch ſein mögen, ich nehme ſie auf mich, ja.“ „Dann, adieu, mein Herr, ich weiß was mir zu thun übrig bleibt.“ „Adieu, Madame!“ 8* —— —————— —— —— —— 2 116 Catharina that einige St⸗ gegen die Thüre und hielt inne. „Ihr werdet es blos Euch ſelbſt zuzuſchreiben haben,“ ſagte ſie, indem ſie es mit einer letzten Drohung verſuchte. „Ich werde es nur mir ſelbſt zuſchreiben.“ „Bedenket, daß ich keinen Antheil an dieſem tol⸗ len Entſchluß habe, den Ihr da faßt, gegen Eure wahren Intereſſen zu kämpfen; daß, wenn Euch oder mir ein Unglück widerfährt, die ganze Verantwort⸗ lichkeit auf Euch allein laſten wird.“ „Es ſei, meine Mutter, ich nehme dieſe Ver⸗ antwortlichkeit auf mich.“ „Adieu alſo, Franz,“ ſagte die Florentinerin mit einem furchtbaren Lachen und Blick. „Adieu, meine Mutter,“ antwortete der junge Mann mit einem nicht minder boshaften Lachen, einem nicht minder drohenden Blick. Und Sohn und Mutter trennten ſich voll von tiefem gegenſeitigem Haß. IX. Wo Herr von Condé dem König Aufruhr predigt. Man erinnert ſich des Verſprechens, welches der Prinz von Condé am vorhergehenden Abend Robert Stuart gegeben, und daß er den jungen Mann bei einbrechender Nacht auf den Platz St. Germain Auxerrois beſchieden hatte. Der Prinz betrat den Louvre juſt in dem Au⸗ genblick, wo die Königin das Cabinet ihres Sohnes ———— —„—— ———— — re er t⸗ r⸗ ge n, n er rt ei in U⸗ 117 verließ. Er wollte ſein Verſprechen erfüllen und den König um die Begnadigung des Rathes Du⸗ bourg bitten. Man meldete ihn bei dem Könige. „Er komme,“ antwortete der Monarch mit ſchwa⸗ cher Stimme. Der Prinz trat ein und bemerkte den jungen Mann, mehr liegend als ſitzend in ſeinem Lehnſtuhl, ſeine ſchweißbedeckte Stirne mit dem Schnupftuch abwiſchend. Seine Augen waren erloſchen, ſein Mund ſtand offen, ſein Geſicht war leichenblaß. Man hätte ihn für eine Bildſäule der Furcht halten können. „Ah, ah!“ murmelte der Prinz,„das Kind hat Kummer.“ Man vergeſſe nicht, daß der Prinz dem Ende der Scene zwiſchen dem König und dem Fräulein von St. André angewohnt und die Verſprechungen gehört hatte, die derſelbe ſeiner Maitreſſe gegeben. Als der König den Prinzen bemerkte, erheiterte ſich ſein Geſicht auf einmal. Wäre die Sonne in eigener Perſon in das düſtere Zimmer gekommen, ſie hätte es nicht plötzlicher beleuchten können. Man hätte meinen ſollen, der König habe eine große Entdeckung gemacht. Der Gedanke ſtrahlte gleich einer Hoffnung auf ſeiner Stirne. Er erhob ſich und ging dem Prinzen entgegen. Man konnte glau⸗ ben, er wolle ſich ihm an die Bruſt werfen und ihn umarmen. Es war die Kraft, welche die Schwäche anzog, wie der Magnet das Eiſen. — 118 Der Prinz, dem ſehr wenig an der Umarmung gelegen ſchien, verbeugte ſich beim erſten Schritt, den der König auf ihn zumachte. Franz, der jetzt ſelbſt ſeinen erſten Drang nie⸗ derhielt, blieb ſtehen und bot dem Prinzen ſeine Hand hin. Dieſer konnte nicht umhin die gebotene Hand zu küſſen; und entſchloß ſich alſo ſogleich dazu. Nur fragte er, als er ſeine Lippen darauf drückte, ſich ſelbſt: „Was zum Teufel kann ich ihm nützen, daß er mich heute ſo gut empfängt?“ „Oh, wie freue ich mich Euch zu ſehen, mein Vetter!“ ſagte der König zärtlich. „Und ich, Sire, ich bin zu gleicher Zeit erfreut und geehrt.“ „Ihr hättet nicht gelegener kommen können, Prinz.“ „Wirklich?“ „Ja, ich langweilte mich ſchrecklich.“ „In der That,“ ſagte der Prinz,„Euer Maje⸗ ſtät trug im Augenblick, als ich eintrat, Spuren gründlicher Langeweile auf Ihrer Stirne.“ „Es iſt wahr. Ja, mein lieber Prinz, ich lang⸗ weile mich abſcheulich.“ „Mit einem Wort königlich,“ ſagte der Prinz, indem er ſich lächelnd verbeugte. „Und was das Traurigſte bei all Dem iſt, lie⸗ ber Vetter,“ fuhr Franz Il. mit tiefer Wehmuth fort,„Das iſt, daß ich keinen Freund habe, dem ich meinen Kummer anvertrauen kann.“ „Der König hat Kummer?“ fragte Condé. z SS N 119 „Ja, und zwar ernſtlichen, wahren Kummer, mein Vetter.“ „Und wer iſt denn frech genug, um Euer Maje⸗ ſtät Kummer zu bereiten?“ „Eine Perſon, die unglücklicher Weiſe das Recht dazu hat, mein Vetter.“ „Ich kenne Niemand, Sire, der das Recht hätte den König zu ärgern.“ „Niemand?“ „Niemand, Sire.“ „Nicht einmal die Königin Mutter?“ „Ah! ah!“ dachte der Prinz,„es ſcheint, die Königin Mutter hat ihrem Püppchen die Ruthe ge⸗ geben.“ Dann erwiderte er laut: „Nicht einmal die Königin Mutter, Sire.“ „Iſt das Eure Meinung, mein Vetter?“ „Es iſt nicht blos meine Meinung, Sire, ſon⸗ dern auch, wie ich überzeugt bin, die Meinung aller getreuen Unterthanen Eurer Majeſtät.“ „Wißt Ihr auch, daß Ihr mir da etwas ſehr Wichtiges ſaget, mein Herr Vetter.“ „In welcher Beziehung iſt es wichtig, Sire?“ „In ſo fern Ihr einem Sohn Aufruhr gegen ſeine Mutter prediget.“ Und bei dieſen Worten ſchaute er um ſich wie ein Menſch der gehört zu werden fürchtet, obſchon er offenbar allein iſt. In der That wußte Franz recht wohl, daß die Wände des Louvre für Jeden der ihr Geheimniß kannte die Töne hindurchließen, wie ein Seiher das Waſſer durchläßt. 120 Da er alſo nicht ſeinen ganzen Gedanken zu geſtehen wagte, ſo ſagte er blos: „Ah, es iſt Eure Meinung, daß die Königin Mutter nicht das Recht habe mich zu ärgern. Was würdet denn Ihr thun, mein Vetter, wenn Ihr König von Frankreich wäret, und die Königin Mut⸗ ter Euch ärgerte mit einem Wort, wenn Ihr an meinem Platz wäret ½ Der Prinz begriff, auf was die Furcht des Kö⸗ nigs ſich bezog; aber da er gewohnt war in allen Verhältniſſen des Lebens ſo zu ſprechen, wie er dachte, ſo antwortete er: „Was ich an Eurer Stelle thun würde, Sire?“ „An Eurer Stelle würde ich mich empören.“ „Ihr würdet Euch empören?“ rief Franz hoch⸗ vergnügt. „Ja,“ ſagte der Prinz ganz einfach. „Aber wie kann man ſich empören, mein lieber Ludwig?“ fragte Franz, indem er auf den Prinzen zuging. „Darüber müßt Ihr Diejenigen fragen, die ſich ein Geſchäft daraus machen. Die Mittel der Em⸗ pörung ſind ſehr vielfach: zum Beiſpiel, man gehorcht nicht, oder man thut wenigſtens Alles was man kann, um ſich einer ungerechten Gewalt, einer drückenden Tyrannei zu entziehen.“ „Aber, Vetter,“ ſagte Franz nachdenklich und offenbar über die Worte des Peinzen nachſinnend, „ein Leibeigener kann ſich auf dieſe Art gegen ſei⸗ nen Herrn empören, aber ein Sohn kann ſich, ſcheint es mir, im eigentlichen Sinn des Wortes eben ſo ————+ 1—.—. S 6.—— —— — 121 wenig gegen ſeine Mutter empören, als ein Unter⸗ than gegen ſeinen König.“ „Was machen denn,“ ſagte der Prinz,„eben jetzt dieſe Tauſende von Hugenotten, die auf einmal in Euren entfernteſten Provinzen ſo wie in den Niederlanden und in Deutſchland aus der Erde em⸗ porzuwachſen ſcheinen, was machen ſie, frage ich, anders als eine ungeheure Empörung gegen den Pabſt? Und dieſer iſt doch ſicherlich ein König, wie nur je einer.“ „Ja, Prinz,“ antwortete Franz, deſſen Nach⸗ denklichkeit ins Düſtere überging;„ja, Ihr habt Recht, und ich bin Cuch dankbar, daß Ihr ſo mit mir ſprecht. Ich ſehe Euch zu ſelten, mein Vetter; Ihr ſeid ein Mitglied meiner Familie, derjenige Mann dem ich das größte Vertrauen ſchenke, derje⸗ nige Herr am Hof dem ich mit der meiſten Freund⸗ ſchaft zugethan bin. Schon von Kindheit auf, mein lieber Prinz, hatte ich eine ſympathiſche Zuneigung für Euch, die in Eurer muthvollen Offenheit die vollkommenſte Rechtfertigung findet. Kein Anderer hätte mit mir geſprochen, wie Ihr ſo eben geſpro⸗ chen habt: ich danke Euch doppelt dafür, und um Euch einen Beweis meiner Erkenntlichkeit zu geben, will ich Euch Etwas anvertrauen was ich noch Nie⸗ mand geſagt, ein Geheimniß, das die Königin Mut⸗ ter mir ſo eben entriſſen hat.“ „Sprecht, Sire,“ Der König ſchlang ſeinen Arm um Condé's Hals. „Mein lieber Prinz,“ fuhr er fort,„vielleicht werde ich auch nicht blos Eures Rathes, um den 122 ich ſo eben gebeten habe, ſondern auch Eurer Un⸗ terſtützung bedürfen. 2 „Ich ſtehe in jeder Beziehung Eurer Majeſtät zu Befehl.“ „Nun wohl, Vetter, ich bin ſterblich verliebt.“ „In die Königin Marie? Ich weiß Das, Sire,“ boe Condé,„und Dieß erregt wahren Scandal am ofe.“ „Nicht in die Königin Marie, ſondern in eines ihrer Ehrenfräulein.“ „Bah!“ rief der Prinz, indem er ſich äußerſt erſtaunt ſtellte.„Und es verſteht ſich von ſelbſt, daß Euer Majeſtät mit Gegenliebe belohnt wird?“ „Man liebt mich unausſprechlich, Vetter.“ „Und man hat Euer Majeſtät Beweiſe von die⸗ ſer Liebe gegeben?“ „Ja.“ „Es würde mich überraſchen, Sire, wenn es nicht ſo wäre.“ „Du fragſt mich nicht wer, Ludwig?“ „Ich werde mir nicht erlauben meinen König auszufragen; aber ich erwarte, daß er gütigſt ſeine Mittheilung vervollſtändige.“ „Ludwig, es iſt die Tochter eines der vornehm⸗ ſten Herrn am Hofe Frankreichs.“ „Ah bah!“ „Es iſt die Tochter des Marſchalls von St. André, Ludwig.“ „Empfangt meine aufrichtigen Glückwünſche, Sire. Fräulein von St. André iſt eine der ſchön⸗ ſten Perſonen des Königreichs.“ —„) — c„ 1— S Se8 8 d— N 123 „Nicht wahr, nicht wahr, das iſt Deine Anſicht, Ludwig!“ rief der König in der größten Freude. „Schon lange, Sire, habe ich in Bezug auf Fräulein von St. André ganz dieſelben Gedanken wie Euer Majeſtät.“* „Das iſt eine weitere Sympathie zwiſchen uns Beiden, mein Vetter.“ „Ich möchte mich ihrer nicht zu rühmen wagen, ire!“ „Du findeſt alſo, daß ich Recht habe?“ „Hundertmal Recht. Wenn man ein ſchönes Mädchen trifft, ſo hat man, ſei man König oder Bauer, immer das Recht ſie zu lieben, und beſon⸗ ders ſich ihre Liebe zu erwerben.“ „Das iſt alſo Deine Anſicht?“ „Ja, und ſo wird Jedermann denken mit Aus⸗ nahme des Herrn von Joinville... Glücklicher Weiſe wird, denke ich, der König ihn nicht um Rath angehen, und da der Prinz wahrſcheinlich niemals erfahren wird, welche Ehre der König ſeiner Braut angethan hat...“ „Hierin täuſcheſt Du Dich, Ludwig,“ ſagte der König:„er weiß es.“ „Euer Majeſtät will ſagen, daß er Etwas ver⸗ muthe?“ „Ich ſage Dir, daß er Alles weiß.“ „Oh, das iſt unmöglich...“ „Wenn ich es Dir ſage.“ „Dann iſt es wenigſtens unglaublich, Sire!“ „Und denoch mußt Du es glauben.“ „Gleichwohl.“ fuhr der König, die Stirne run⸗ zelnd, fort,„würde ich der Sache keine große Be⸗ 124 deutung beilegen, wenn ſie nicht Umſtände von außerordentlicher Wichtigkeit zur Folge gehabt hät⸗ ten, welche zwiſchen meiner Mutter und mir die heftige Scene herbeiführten, von der ich Dir einige Worte geſagt habe.“ „Ei, was hat denn ſonſt noch Wichtiges ſich ereignen können, Sire? Ich erwarte, daß Euer Majeſtät mich gütigſt vollkommen in dieſes Ge⸗ heimniß einweihe,“ ſagte der Prinz von Condé, der doch die Sache aufs Genaueſte kannte, im treuher⸗ zigſten Ton. Jetzt begann der König mit kläglicher Stimme, die jedoch von Zeit zu Zeit wieder eine gewiſſe grimmige Feſtigkeit annahm, den Auftritt zu erzäh⸗ len, der zwiſchen ihm und ſeiner Mutter ſtattge⸗ funden hatte. Der Prinz hörte mit tiefer Aufmerkſamkeit zu. Als Franz geendet hatte, ſagte er: „Nun wohl, Sire, es ſcheint mir, daß Ihr Euch ganz gut aus der Sache gezogen habt, und daß Ihr endlich einmal Euer eigener Herr ſeid.“ Der König ſchaute den Prinzen an, ſteckte ſei⸗ nen Arm unter den ſeinigen und ſagte: „Ja, mein Vetter, ja, ich habe mich gut heraus⸗ gezogen; wenigſtens hat mir, ſo lange ſie da war, Etwas, was der Freude eines Sclaven gleicht der ſeine Kette bricht, Kraft verliehen. Ich ließ die Königin mit dem Glauben weggehen, daß meine Empörung ernſtlich gemeint ſei. Aber als ſie die Thüre hinter ſich geſchloſſen hatte, als ich allein war— ſehet, ich muß offen gegen Euch ſein— da ſpannten ſich alle Muskeln meines Körpers, alle 3 S S S— 8— N — Fibern meines Willens ab, und wenn Ihr nicht gekommen wäret, Vetter, ſo glaube ich, ich wäre wie ſonſt zu ihr gegangen, hätte mich ihr zu Füßen geworfen und ſie um Verzeihung gebeten.“ „Oh, thut das ja nicht, Sire!“ rief Condé, „Ihr wäret verloren.“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte der König, indem er Condé's Arm drückte, wie ein Schiffbrüchiger das ſchwanke Brett feſthält, von dem er ſein Heil er⸗ wartet. „Aber um Euch eine ſolche Angſt einzujagen, muß die Königin Mutter Euch mit irgend einem großen Unglück, mit irgend einer ſchweren Gefahr bedroht haben.“ „Sie hat mich mit dem Bürgerkrieg bedroht.“ „Ah! und wo erblickt Ihre Majeſtät denn den Bürgerkrieg?“ „Nun, da wo Ihr ſelbſt ihn ſo eben auch er⸗ blicktet, Vetter. Die Hugenottenpartei iſt mächtig; aber Herr von Guiſe, ihr Feind, iſt auch mächtig. Nun wohl, meine Mutter, die Nichts als die Gui⸗ ſen ſieht, die nur durch die Guiſen das Königreich beherrſcht, und mich mit einer Verwandten der Herren von Guiſe verheirathet hat, meine Mutter hat mich mit dem Zorn der Herrn von Guiſe be⸗ droht und mir ſogar in Ausſicht geſtellt, daß ſie mich ganzlich im Stich laſſen würden.“ „Und das Reſultat von alle dem, Sire? „Daß die Ketzer Herren im Reiche würden.“ „Und Ihr habt darauf geantwortet, Sire?“ „Nichts, Ludwig. Was konnte ich antworten?“ „Oh, ſehr viel, Stre.“ 126 Der König zuckte die Achſeln. „Eines unter Anderem,“ fuhr der Prinz fort. „Nun was?“ „Daß es ein Mittel gäbe die Ketzer zu verhin⸗ dern, daß ſie die Oberhand im Reiche gewinnen.“ „Und dieſes Mittel?“ „Wenn Ihr Euch ſelbſt an die Spitze der Ketzer ſtelltet, Sire.“ Der junge König ſtand einen Augenblick nach⸗ denklich und mit gerunzelter Stirne da. „Ja, ſagte er,„es liegt da eine vortreffliche Idee zu Grund, mein Vetter, es iſt dieß eines jener Schaukelſpiele, worin meine Mutter Catha⸗ rina ſich auszeichnet. Aber die proteſtantiſche Par⸗ tei haßt mich.“ „Und warum ſollte ſie Euch haſſen, Sire? Sie weiß, daß Ihr bisher nur ein Werkzeug in den Händen Eurer Mutter geweſen ſeid.“ „Werkzeug! Werkzeug!“ wiederholte Franz. „Habt Ihr es nicht ſo eben ſelbſt geſagt, Sire? Die hugenottiſche Partei führt Nichts gegen den König im Schild: ſie haßt die Königin Mutter, das iſt Alles.“ „Ich haſſe ſie auch, ich,“ murmelte der junge Menſch leiſe. Der Prinz fing dieſe Worte auf, ſo leiſe ſie geſprochen waren. „Nun wohl, Sire?“ fragte er. Der König ſah ſeinen Vetter an. „Wenn ber Plan Euch gut dünkt,“ fuhr der Prinz fort,„warum wollt Ihr ihn nicht an⸗ nehmen?“ —, c— 127 „Sie werden kein Vertrauen zu mir haben, Ludwig; ich werde ihnen eine Bürgſchaft geben müſſen; und welche Bürgſchaft könnte ich ihnen 3 geben?“ „Ihr habt Recht, Sire; aber die Gelegenheit iſt gut. Ihr könnt ihnen in dieſem Augenblick eine Bürgſchaft, eine wahrhaft königliche Bürgſchaft ge⸗ ben, ein Menſchenleben.“ 2„Ich begreife nicht,“ ſagte der König. „Ihr könnt den Rath Dubourg begnadigen.“ e„Mein Vetter,“ ſagte der König erblaſſend, 8„auf dieſer Stelle hier hat ſo eben meine Mutter 3 zu mir geſagt, er müſſe ſterben.“ .„Ihr ſagtet alſo zu Eurer Mutter, daß er am Leben bleiben müſſe, Sire?“ ie„Oh, Anne Dubourg zu begnadigen!“ murmelte i der junge Mann, indem er um ſich blickte, als ob ſchon dieſer Gedanke ihn mit Furcht erfüllte. „Nun wohl, ja, Sire, begnadigt Anne Dubourg! 7 was ſehet Ihr denn ſo Erſtaunliches darin?“ 4„Allerdings Nichts, mein Vetter.“ 6„Iſt es nicht Euer Recht?“ „Es iſt das Recht des Königs, ich weiß es.“ e„Seid Ihr nicht der König?“ „Ich bin es wenigſtens noch nicht geweſen.“ „Nun wohl, Sire, ſo könnt Ihr durch eine ſchöne Pforte in das Königthum eingehen, auf ei⸗ ner herrlichen Stufe zum Thron emporſteigen.“ „Aber der Rath Anne Dubourg..“ „Iſt einer der tugendhafteſten Männer. Eures Königreichs, Sire. Fragt Herrn de l'Hoſpital, der ſich darauf verſteht.“ 128 „Ich weiß in der That, daß er ein rechtſchaffe⸗ ner Mann iſt“ „Ah, Sire! es iſt ſchon viel, daß Ihr das agt.“ „Ja, ein König läßt einen Mann nicht ſterben, den er als rechtſchaffen anerkannt hat.“ „Er iſt gefährlich.“ „Ein rechtſchaffener Mann iſt nie gefährlich.“ e die Herrn von Guiſe verabſcheuen ihn.“ „Ah!“ „Aber meine Mutter verabſcheut ihn.“ „Ein weiterer Grund, Sire, um Eure Empö⸗ rung gegen die Herrn von Guiſe und gegen die Königin Mutter durch Begnadigung des Rathes Dubourg zu beginnen.“ „Vetter!“—. „Ich hoffe wahrhaftig, daß Eure Majeſtät ſich nicht die Mühe nehmen wird ſich gegen die Köni⸗ gin Mutter zu empören, um ihr angenehm zu ſein.“ „Das iſt wahr, Ludwig; aber der Tod des Herrn Dubourg iſt bewilligt; dieſe Sache iſt zwi⸗ ſchen den Herrn von Guiſe, meiner Mutter und mir abgemacht; ſie läßt ſich nicht mehr abändern.“ Der Prinz von Condé konnte nicht umhin einen Blick der Verachtung auf dieſen König zu werfen, welcher den Tod eines der rechtſchaffenſten Beamten des Reichs als eine abgemachte und unabänderliche Sache betrachtete, während dieſer Beamte noch lebte und er, der König, nur ein Wort zu ſagen brauchte, um ihn am Leben zu erhalten. „Da dieß eine abgemachte Sache iſt, Sire“, — e— S—„—— —„— — 8 , — — ——— 129 ſagte er im Ton tiefer Verachtung,„ſo laßt uns nicht mehr davon ſprechen.“ Und er ſchickte ſich an Abſchied zu nehmen, aber der König hielt ihn zurück. „Ja, ſo iſts,“ ſagte er,„ſprechen wir nicht mehr von dem Rath, aber laßt uns von etwas Anderm ſprechen.“ „Und von was, Sire?“ fragte der Prinz, der nur in dieſer Abſicht gekommen war. „Ei, nun, mein lieber Prinz, gibt es denn blos einen einzigen Weg, um aus einer mißlichen Lage herauszukommen? Ihr habt einen erfindungsreichen Geiſt: erſinnet mir ein zweites Mittel.“ „Sire, Gott hatte Euch das erſte angezeigt, die Menſchen werden nichts Aehnliches erfinden.“ „In Wahrheit, mein Vetter,“ ſagte der junge König,„ich bin ſelbſt tief bewegt bei dem Gedan⸗ ken, daß ich einen Unſchuldigen ſterben laſſe.“ „Dann, Sire,“ ſagte der Prinz mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit,„dann höret auf dieſe Stimme Eures Gewiſſens. Auch die Güte iſt fruchtbar, auch ſie macht im Herzen des Unterthanen die Liebe zu ſeinem König erblühen. Begnadiget Herrn Du⸗ bourg, Sire, und von dem Augenblicke an, wo Ihr Gnade geübt, das heißt von einem göttlichen Recht Gebrauch gemacht haben werdet, wird Jeder⸗ mann wiſſen, daß Ihr ſouverän und in Wahrheit regieret.“ „Du willſt es, Ludwig?“ „Sire, ich erbitte mirs als eine Gnade und zwar, das ſchwöre ich Euch, im Intereſſe Eurer Majeſtät.“ „Aber was wird die Königin ſagen?“ Dumas, Horoſcop. II. 130 „Welche Königin, Sire?“ „Die Königin Mutter, bei Gott.“ „Sire, es darf keine andere Königin im Louvre geben, als die tugendhafte Gemahlin Eurer Maje⸗ ſtät. Frau Catharina iſt Königin, weil man ſie fürchtet. Verſchaffet Euch Liebe, Sire, und Ihr werdet König ſein.“ 2 Der König ſchien ſich große Gewalt anzuthun und einen entſcheidenden Entſchluß zu faſſen. „Nun wohl,“ ſagte er,„ich werde den Ausdruck wiederholen, den Ihr ſo gut erläutert habt. Es iſt ausgemacht, mein lieber Ludwig; Dank für Eure guten Rathſchläge, Dank daß Ihr mich zu einem Act der Gerechtigkeit veranlaßt, Dank daß Ihr mir einen Gewiſſensbid erſpart. Gebt mir eine Feder und ein Pergament.“ Der Prinz von Condé rückte den Lehnſtuhl des Königs an den Tiſch. Der König ſetzte ſich.. Der Prinz von Condés reichte ihm das Perga⸗ ment das er gefordert hatte; der König ergriff die Feder welche der Prinz ihm reichte, und ſchrieb die ſacramentliche Phraſe: „Franz II., von Gottes Gnaden, König von Frankreich, allen Gegenwärtigen und Zukünftigen Unſern Gruß.“ So weit war er gekommen, als der Offizier, den er ins Hotel Coligny geſchickt hatte, erſchien und die Frau Admiralin anmeldete. Der König unterbrach ſich, ſtand plötzlich auf, ſprechlich grimmigen Ausdruck an. und ſein bisher ſanftes Geſicht nahm einen unaus⸗ S 8 S 8 Sen G 2 * —— iht ge cu — X — ——— 5 M 131 „Was habt Ihr, Sire?“ fragte der Prinz von Condé, der über dieſe raſche Veränderung ſelbſt erſtaunt war. Whr ſollt es ſogleich erfahren, mein Vetter.“ Dann wandte er ſich gegen den Offizier zurück und befahl: „Laßt die Frau Admirulin eintreten.“ „Die Frau Admiralin hat Euer Majeſtat ohne Zweifel in einer perſönlichen Angelegenheit zu ſpre⸗ chen, Sire?“ ſagte der Prinz;„ich will abtreten, wenn Euer Majeſtät es erlaubt.“ „Nein! Ich wünſche im Gegentheil, daß Ihr bleibet, mein Vetter, daß Ihr unſerer Beſprechung anwohnet, daß Ihr kein Wört davon verlieret. Ihr wißt bereits, wie ich verzeihe,“ ſägte er, auf das Pergament deutend,„ich will Euch jetzt zeigen, wie ich beſtrafe.“ Den Prinzen überkam Etwas wie ein kalter Schauer. Er begriff, daß dieſe Anweſenheit der Admiralin bei dem König, zu welchem ſie immer nur gezwungen kam, ſich auf den Grund bezog, der ihn ſelbſt hierhergeführt, und er hatte eine Art dunkler Ahnung, daß etwas Schreckliches ſich zutra⸗ gen würde. Der Vorhang hob ſich, nachdem er einige Se⸗ cunden wieder zugefallen war, von Neuem, und dis Admiralin erſchien. 9* 132 Worin der König ſeine Inſicht in Betreff des Herrn von Condé und des Kathes Inne Dubourg ändert. Die Frau Admiralin hatte, ehe ſie den König ſah, zuerſt den Prinzen von Condé bemerkt und wollte ihm eben den heiterſten, freundlichſten Blick zuwerfen, als dieſer Blick unvermuthet auf das Geſicht des Königs fiel. Der Ausdruck von Zorn, der in dieſem Geſicht zu leſen ſtand, machte, daß die Admiralin den Kopf ſenkte und zitternd näher trat. Vor dem König angekommen, verbeugte ſie ſich. „Ich habe Euch rufen laſſen, Frau Admiralin,“ ſagte der König mit erbleichenden Lippen und zu⸗ ſammengebiſſenen Zähnen,„um von Euch die Auf⸗ löſung eines Räthſels zu erfragen, das ich ſeit die⸗ ſem Morgen vergebens zu errathen ſuche.“ „Ich bin ſtets zu den Befehlen meines Königs,“ ſtammelte die Admiralin. „Selbſt wenn es ſich um Entzifferung von Räth⸗ ſeln handelt?“ verſetzte Franz.„Um ſo beſſer! Freut mich ſehr Das zu vernehmen, und wir wol⸗ len unverweilt an die Arbeit gehen.“ Die Admiralin verbeugte ſich. „Wollt doch gefälligſt,“ fuhr der König fort, „Unſerem lieben Vetter Conds und Uns erklären, wie es kommt, daß ein auf Unſern Befehl an eine Perſon vom Hofe geſchriebenes Billet geſtern Abend von Euch in den Gemächern der Königin Mutter verloren worden iſt?“ „ c— c— 1 ——— 7 S— rn ig kt 42 n, ne d er 133 Der Prinz von Condé begriff jetzt, was der Schauder beſagen wollte, der ihn bei der Anmel⸗ dung der Admiralin angewandelt hatte. Die ganze Wahrheit erſchien vor ſeinen Augen, wie wenn ſie aus der Erde hervorſtiege, und die furchtbaren Worte des Königs:„Ich werde Euch jetzt zeigen, wie ich beſtrafe,“ ſummten ihm in den Ohren. Er blickte die Admiralin an. Dieſe hatte ihre Augen feſt auf ihn geheftet, denn ſie ſchien ihn zu fragen; „Was ſoll ich dem König antworten?“ Der König begriff die Pantomime der beiden Mitſchuldigen nicht und fuhr fort: „Nun wohl, Frau Admiralin, das Räthſel iſt vorgelegt; wir fragen Euch um die Auflöſung.“ Die Admiralin ſchwieg. Der König fuhr fort: „Aber vielleicht habt Ihr meine Frage nicht gut begriffen: ich will ſie wiederholen. Wie kommt es, daß ein nicht an Euch gerichtetes Billet ſich in Euern Händen befunden hat, und durch welche Un⸗ geſchicklichkeit oder welche verrätheriſche Bosheit iſt es aus Eurer Taſche auf den Teppich im Zimmer der Königin Mutter gefallen, und vom Teppich im Zimmer der Königin Mutter in die Hände des Herrn von Joinville gerathen?“ Die Admiralin hatte Zeit gehabt ſich zu erholen. „Ganz einfach, Sire,“ ſaſte ſie, ihre Kaltblütig⸗ keit wieder gewinnend.„Ich habe diecſes Billet in dem Gang des Louvre gefunden, der nach dem Saal der Verwandlungen führt; ich hob es auf, 134 las es, und da ich die Handſchrift nicht kannte, nahm ich es zur Köniain Mutter mit, um ſie zu fragen, ob ſie mehr wiſſe als ich. Bei Ihrer Maje⸗ ſtät befand ſich eine große Geſellſchaft von Dichtern und Schriftſtellern, und unter Andern Herr von Brantome, der ſo wunderbare Geſchichten erzählte, daß wir Alle bis zu Thränen lachten, und ich wie die Andern, Sire; während des Lachens zog ich mein Schnupftuch heraus, und bei dieſer Gelegen⸗ heit ſpielte ſich das unglückliche Billet, das ich ver⸗ geſſen hatte, aus meiner Taſche und fiel auf den Boden. Als ich es ſuchen wollte, war es nicht mehr da, weder in meiner Taſche noch um mich her, und ich vermuthe, daß Herr von Joinville es bereits aufgehoben hatte.“ „Die Sache iſt ſehr wahrſcheinlich,“ ſagte der König mit einem ſpöttiſchen Lächeln;„aber ich nehme ſie nicht für wahr, ſo wahrſcheinlich ſie auch ſein mag.“ „Was will Euer Majeſtät damit ſagen?“ fragte die Admiralin unruhig. „Ihr habt das Billet gefunden?“ fragte der König. „Ja, Sire.“ „Nun, dann werdet Ihr mir ſehr leicht ſagen können, in was es eingewickelt war.“ „Ei,“ ſtammelte die Admiralin,„es war gar nicht eingewickelt, Sire.“ „In gar Nichts?“ „Nein,“ ſagte die Admiralin erblaſſend;„es war blos vierfach gefaltet.“ „ r⸗ r 53 135 . Ein Blitz durchzuckte den Geiſt des Prinzen von ondé. Offenbar hatte Fräulein von St. André dem König den Verluſt ihres Billets durch den Verluſt ihres Schnupftuchs erklärt. Unglücklicher Weiſe blieb die Sache, die für Herrn von Conds klar wurde, für die Frau Admiralin dunkel. Sie ſenkte alſo ihr Haupt unter dem forſchenden Blick des Königs, wurde immer unruhiger, und ge⸗ ſtand durch ihr Schweigen, daß ſie den Zorn ver⸗ dient hatte, den ſie auf ſich laſten fühlte. „Frau Admiralin,“ ſagte Franz,„für eine fromme Perſon wie Ihr ſeid müßt Ihr ſelbſt zugeben, daß dies eine höchſt freche Lüge iſt.“ „Sire!“ ſtammelte die Admiralin. „Sind das die Früchte der neuen Religion, Madame?“ fuhr der König fort.„Da iſt unſer Vetter Condé, der, obſchon ein katholiſcher Prinz, Uns ſo eben noch in wahrhaft ergreifenden Worten die Reformation gepredigt hat. Antwortet doch ſelbſt der Frau Admiralin, lieber Vetter, und ſagt ihr in Unſerem Namen, daß man, welcher Re⸗ ligion man auch angehören mag, immer ſchlecht ankommt, wenn man ſeinen König betrügt.“ „Gnade, Sire!“ ſtammelte die Admiralin mit Thränen in den Augen, als ſie den Zorn des Königs mit der Schnelligkeit der Fluth anwach⸗ ſen ſah. „Und warum bittet Ihr mich um Gnade, Frau Admiralin?“ ſagte Franz.„Ich hätte vor nicht ganz einer Stunde, man hätte mir von Euch ſagen mögen, was man hätte wollen, eine Hand darauf 136 ins Feuer gehalten, daß Ihr die tugendfeſteſte Perſon meines Königreichs wäret.“ „Sire!“ rief die Admiralin, indem ſie ſtolz ihr Haupt wieder erhob,„Euern Zorn kann ich ertra⸗ gen, aber Eure Spöttereien nicht. Es iſt wahr, ich habe das Billet nicht gefunden.“ „Ah, Ihr geſtehet es?“ ſagte der König trium⸗ phirend. „Ja, Sire,“ antwortete die Admiralin einfach. „Dann hat Euch Jemand das Billet gegeben?“ „Ju, Sire Der Prinz folgte dem Geſpräch mit der offen⸗ baren Abſicht einzuſchreiten, ſobald er glauben würde, der Augenblick ſei gekommen. „Und wer hat es Euch gegeben, Frau Admira⸗ lin?“ fragte der König. „Ich kann Euch dieſe Perſon nicht nennen,“ antwortete Frau von Coligny in feſtem Tone. „Und warum denn nicht, meine Baſe?“ ſagte der Prinz von Condé, indem er dazwiſchen trat und ihr das Wort abſchnitt. „Ja, warum nicht?“ verſetzte der König, erfreut über die Verſtärkung, die ihm zukam. Die Admiralin ſah den Prinzen an, als wollte ſie ihn um die Erklärung ſeiner Worte fragen. „Wahrhaftig,“ fuhr der Prinz, die ſtumme Frage der Admiralin beantwortend, fort,„ich habe keinen Grund, dem König die Wahrheit zu ver⸗ bergen.“ „Ah,“ ſagte der König, ſich wieder an den Prinzen wendend,„Ihr wißt alſo das Stichwort in dieſer Geſchichte?“ — M M 137 „Allerdings, Sire.“ „Und woher?“ „Nun ja, Sire,“ antwortete der Prinz,„weil ich ſelbſt die Hauptrolle darin geſpielt habe.“ „Ihr, mein Herr?“ „Ich ſelbſt, Sire.“ „Und wie kommt es, daß Ihr mir bis jetzt noch kein Wort davon geſagt habt?“ „Weil Ihr mir,“ antwortete der Prinz,„nicht die Ehre erwieſen habt mich darüber zu fragen, Sire, und weil ich mir nicht erlauben würde mei⸗ nem gnädigen Souverän irgend eine Anecdote zu erzählen, ohne von ihm dazu ermächtigt zu ſein.“ „Cure Ehrerbietung gefällt mir, Vetter Lud⸗ wig,“ ſagte Franz;„gleichwohl hat der Reſpect ſeine Gränzen und man kann den Fragen ſeines Souveräns zuvorkommen, wenn man ihm nützlich oder wenigſtens angenehm zu ſein glaubt. Erweiſt mir alſo den Gefallen, mein Herr, mir Alles zu ſagen was Ihr über dieſen Gegenſtond wißt, und welche Rolle Ihr bei dieſer ganzen Geſchichte ge⸗ ſpielt habt.“ „Ich habe die Rolle des Zufalls geſpielt. Ich bins, der das Billet gefunden hat.“ „Ah! Ihr ſeids!“ ſagte der König, indem er die Stirne runzelte und den Prinzen ſtreng anſah. „Dann wundere ich mich nicht mehr, daß Ihr auf meine Fragen gewartet habt. Ah! Ihr habt das Billet gefunden?“ „Ja, Sire, ich.“ „Und wo?“ „Nun, in dem Gang, der zum Saal der Ver⸗ 138 wandlungen führt, wie die Frau Admiralin ſo eben die Ehre hatte Euch zu ſagen.“ Der Blick des Königs ſchweifte vom Prinzen auf die Admiralin und ſchien erforſchen zu wollen, welches Einverſtändniß zwiſchen ihnen ſtattfinden möchte. „Alſo, mein Vetter,“ ſagte er,„da Ihr es ge⸗ funden habt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, in was es eingeſchloſſen war.“ „Es war nicht eingeſchloſſen, Sire.“ „Wie!“ rief der König erblaſſend,„Ihr unter⸗ ſteht Euch mir zu ſagen, es ſei nicht eingeſchloſſen geweſen?“ „Ja, Sire, ich habe die Kühnheit die Wahr⸗ heit zu ſagen, und ich habe die Ehre Eurer Maje⸗ ſtät zu wiederholen, daß das Billet nicht einge⸗ ſchloſſen, ſondern zart umwickelt war.“ „Umwickelt oder eingeſchloſſen, mein Herr,“ ſagte der König,„iſt das nicht ganz gleich?“ „Ei, Sire,“ verſetzte der Prinz,„es iſt ein außerordentlicher Unterſchied zwiſchen den beiden Worten. Man ſchließt einen Gefangenen ein, aber man umwickelt einen Brief.“ „Ich wußte nicht, daß Ihr ein ſo großer Sprach⸗ gelehrter ſeid, mein Vetter.“ „Die Muße, welche mir der Friede läßt, ge⸗ ſtattet mir die Grammatik zu ſtudiren, Sire.“ „Kurz und gut, mein Herr, ſagt mir, in was das Billet eingewickelt oder eingeſchloſſen war.“ „In ein feines, an den vier Ecken geſticktes Schnupftuch, Sire, und in eine der Ecken war das Billet eingebunden.“ 139 „Wo iſt dieſes Schnupftuch?“ Der Prinz zog es aus ſeiner Bruſt. „Hier, Sire!“ Der König riß es ihm heftig aus der Hand. „Gut! Aber jetzt, wie kommt es, daß das von Euch gefundene Billet in die Hände der Frau Ad⸗ miralin gerathen iſt?“ „Nichts Einfacheres als das, Sire. Auf der Treppe des Louvre begegnete ich der Frau Admi⸗ ralin und ſagte zu ihr: Baſe, hier iſt ein Billet, das irgend ein Herr oder eine Dame vom Louvre verloren hat. Erkundigt Euch doch, wer ein Billet verloren haben mag— die Sache iſt Euch leicht durch Dandelot, der die Wache hat— und gebt es gefälligſt ſeinem Eigenthümer zurück.“ „Das iſt in der That ſehr natürlich, Vetter,“ ſagte der König, der von der ganzen Geſchichte kein Wort glaubte. „Alſo, Sire,“ ſagte der Prinz von Condé, in⸗ dem er Miene machte abzutreten,„da ich die Ehre gehabt habe Euer Majeſtät vollſtändig zu befrie⸗ digen. Aber der König hielt ihn mit einer Geberde zurück. „Noch ein Wort, Vetter, wenn ich bitten darf,“ ſagte er. „Gerne, Sire.“ „Frau Admiralin,“ ſagte der König, indem er ſich gegen Frau von Coligny umwandte,„ich er⸗ kenne Euch als eine loyale Unterthanin; denn in der Stellung, worin Ihr Euch dem Herrn Prinzen von Condé gegenüber befandet, habt Ihr mir Alles 140 geſagt was Ihr mir fagen konntet. Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Euch bemüht habe. Ihr ſeid frei und ich bleibe Euch in Gnaden gewogen. Der Reſt der Erklärung betrifft Herrn von Condé.“ Die Admiralin verbeugte ſich und ging. Herr von Condé hätte gerne Daſſelbe gethan, aber er wurde durch den Befehl des Königs zurück⸗ gehalten. Als die Admiralin ſich entfernt hatte, ging der König mit übereinander gebiſſenen Zähnen und blauen Lippen auf den Prinzen zu. „Mein Herr,“ ſagte er,„Ihr hattet nicht nöthig Euch an die Frau Admiralin zu wenden, um zu erfahren, an wen das Billet gerichtet war.“ „Wie ſo, Sire?“ „Weil in der einen Ecke des Schnupftuchs die Anfangsbuchſtaben und in der andern das Wappen des Fräuleins von St. André eingeſtickt iſt.“ Jetzt war es an Herrn von Condé den Kopf zu ſenken. „Ihr wußtet, daß das Billet dem Fräulein von St. André gehörte, und obſchon Ihr das wußtet, habt Ihr es möglich gemacht, daß es der Königin Mutter in die Hände fiel.“ „Euer Majeſtät wird mir wenigſtens die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen anzuerkennen, daß ich nicht wußte, daß das Billet auf ihren Befehl ge⸗ ſchrieben war, und daß die Bekanntwerdung deſſel⸗ ben ſie blosſtellen konnte.“ „Mein Herr, da Ihr die Bedeutung der Worte unſerer Sprache ſo gut kennt, ſo müßt Ihr auch wiſſen, daß Nichts meine Majeſtät blosſtellt; ich N ——— 141 thue, was mir beliebt, Niemand hat Etwas daran zu ſehen oder dreinzuſprechen, und der Beweis.. Er ging an den Tiſch und nahm das Perga⸗ ment, auf das er bereits anderthalb Zeilen geſchrie⸗ ben hatte. „Und der Beweis, da ſeht...“ Er machte eine Bewegung, als ob er das Per⸗ gament zerreißen wollte. „Ah, Sire, laßt Euern Zorn auf mich fallen und nicht auf einen Unſchuldigen!“ „Sobald mein Feind ihn beſchützt, iſt er für mich nicht mehr unſchuldig, mein Herr.“ „Euer Feind, Sire!“ rief der Prinz;„betrach⸗ tet mich der König als ſeinen Feind?“ „Warum nicht, da ich von dieſem Augenblick an der Eurige bin?“ Und er zerriß das Pergament. „Sire, Sire, um Gotteswillen!“ rief der Prinz. „Mein Herr, das iſt meine Antwort auf die Drohung, die Ihr ſo eben im Namen der Huge⸗ nottenpartei an mich richtetet. Ich biete ihr Trotz, mein Herr, und Euch mit ihr, wenn es Euch zu⸗ fälig beliebt das Commando derſelben zu überneh⸗ men. Heute Abend wird der Rath Anne Dubourg hingerichtet.“ „Sire, es iſt das Blut eines Unſchuldigen, das Blut eines Gerechten das da fließen wird.“ „Ganz gut,“ ſagte der König, es mag fließen und Tropfen um Tropfen auf das Haupt desjeni⸗ gen zurückfallen der es vergießt.“ „Und dieſer iſt, Sire?“ „Ihr ſelbſt ſeid es, Herr von Condé.“ 142 Damit wies er dem Prinzen die Thüre und ſagte: „Entfernt Euch, mein Herr.“ „Aber Sire. bat der Prinz. „Geht, ſage ich Euch!“ rief der König, zähne⸗ knirſchend und mit dem Fuß ſtampfend.„Es gäbe keine Sicherheit für Euch, wenn Ihr noch zehn Minuten im Louvre bliebet.“ Der Prinz verbeugte ſich und ging. Der König fiel zermalmt in ſeinen Lehnſtuhl, die Ellbogen auf den Tiſch geſtemmt, den Kopf zwiſchen ſeinen Händen. KXI. Kriegserklärung. Man begreift leicht, daß der Prinz von Condé nicht minder wüthend war als der König, und ſeine Wuth war um ſo grimmiger, als er den ganzen Vorfall blos ſich ſelbſt zuſchreiben konnte, da er ſelbſt zu Fräulein von St. André gegangen war, das Billet in dem Schnupftuch entdeckt und es dem Ad⸗ miral von Coligny übergeben hatte. Wie alle Leute, die ſich durch ihren eigenen Fehler in einen ſchlimmen Handel verſtrickt ſehen, beſchloß er, daher den ſeinigen bis aufs Aeußerſte zu treiben und ſelbſt das letzte Schiff zu verbren⸗ nen, auf das er ſich hätte zurückziehen können. Ueberdieß wäre es nach all den Leiden, die er um Fräulein von St. André ausgeſtanden, ſeine größte Verzweiflung, ja in ſeinen Augen eine S S 75 c— 7— — 143 Schmach und ein Beweis von Unmacht geweſen, wenn er ſich zurückgezogen hätte, ohne noch auf dem Rückzug jenen Partherpfeil abzudrücken, der ſo häufig zurückprallt und das Herz des Verliebten durchbohrt, welcher ihn abgeſchoſſen: nämlich die Rache. Nun hatte er die Rache am König bereits be⸗ ſchloſſen; aber über die Rache an Fräulein von St. André ſann er noch nach. Einen Augenblick fragte er ſich, ob nicht eine gewiſſe Feigheit darin liege, wenn er als Mann ſich an einem Weib räche; aber er mußte ſich dar⸗ auf antworten, daß dieſes heuchleriſche und rach⸗ ſüchtige junge Mädchen, das ohne Zweifel noch am ſelben Tag die erklärte Maitreſſe des Königs wer⸗ den ſollte, keineswegs ein ſchwacher Feind ſei. Ja gewiß, er ſetzte ſich einer geringeren Gefahr aus, wenn er dem tapferſten und gewandteſten Herrn vom Hof eine Herausforderung zuſchicte, als wenn er ſich rückſichtslos mit Fräulein von St. André überwarf. Er wußte wohl, daß daraus ein tödtlicher Krieg ohne Ausſicht auf Frieden oder Waffenruhe ent⸗ ſtehen, daß dieſer Krieg eine Menge von Gefahren, Hinterhalten, offenen oder verſteckten Angriffen mit ſich führen und ſo lange dauern mußte, als die Liebe des Königs dauerte. Und bei der glänzenden Schönheit ſeiner Fein⸗ din, bei ihrem falſchen Charakter, bei ihrem wol⸗ lüſtigen Temperament begriff er, daß dieſe Liebe, gleich der Liebe Heinrichs 11. zu der Herzogin von 144 Valentinois, ihr ganzes Leben hindurch dauern konnte. Er ſetzte ſich alſo nicht der Gefahr des tapfern Mannes aus, welcher dem Löwen kühn und offen die Stirne bietet, ſondern er trotzte der weit ern⸗ ſteren, wenn auch ſcheinbar weniger bedeutenden Gefahr des unvorſichtigen Reiſenden, der mit einem einfachen Gertchen in der Hand ſich den Spaß macht jene bezaubernde Cobra Capella zu reizen, deren geringſter Biß tödtlich iſt. Dieſe Gefahr war in Wirklichkeit ſo groß, daß der Prinz ſich einen Augenblick fragte, ob es durch⸗ aus nothwendig ſei dieſen neuen Blitz zu den Don⸗ nerwettern hinzuzufügen, die bereits über ſeinem Haupte tosten. Aber wie er Bedenken getragen hatte, als er vor näherer Ueberlegung gefürchtet hatte in eine Feigheit zu verfallen, ebenſo fühlte er ſich unwi⸗ derſtehlich vorangedrängt, als er ſah, daß ſeine ſcheinbar feige Handlung bis zum Wahnſinn ver⸗ wegen war. Hätte er die Treppen hinabſteigen, über den Hof ſchreiten, wieder in einem andern Flügel hin⸗ aufſteigen müſſen, kurz, wäre ihm zwiſchen ſeinem Weggehen aus dem Cabinet des Königs und ſei⸗ nem Eintritt in die Wohnung des Fräuleins von St. André ZHeit zu einer ernſteren Ueberlegung ge⸗ blieben, ſo wäre ihm vielleicht die Vernunft zu Hilfe gekommen, und gleich der Minerva der Alten, welche Ulyſſes bei der Hand aus dem Gewühl zog, würde die kalte Göttin ihn aus dem Louvre gezo⸗ gen haben. Aber unglücklicherweiſe brauchte der * 8 8— 8 „ —— — S** 145 Prinz nur auf dem Corridor, wo er ſich bereits befand, weiter zu gehen, um nach einer oder zwei Biegungen auf die Thüre des Fräuleins von St. André zu ſtoßen. Er fühlte daß jeder Schritt ihn näher zu ihr führte, und mit jedem Schritt wurden die Puls⸗ ſchläge ſeines Herzens ſchneller und heftiger. Endlich gelangte er vor dieſer Thüre an. Er konnte den Kopf abwenden, vorbeigehen, ſeinen Weg fortſetzen. Allerdings war dieß der Rath, den ihm ſein guter Engel ganz leiſe ertheilte, aber er hörte nur auf den böſen. Er blieb ſte⸗ hen, wie wenn ſeine Füße ſich im Fußboden feſt⸗ gewurzelt hätten, und Daphne ſchien nach ihrer Verwandlung in einen Lorbeerbaum nicht unbe⸗ weglicher in der Erde zu haften. Nach einem Augenblicke, nicht der Zögerung, ſondern der Ueberlegung, ſagte er wie Cäſar, als er ſeinen Spieß über den Rubicon warf: „Wohlan denn! der Würfel iſt gefallen.“ Und er klopfte. Die Thüre ging auf. Es war immer noch möglich, daß Fräulein von St. André ausgegangen war, oder daß ſie ihn nicht empfangen wollte.“ Das Schickſal war in die Sterne geſchrieben— Fräulein von St. André befand ſich zu Hauſe, und die Worte: er möge eintreten! gelangten bis zu den Ohren des Prinzen. In der Zwiſchenzeit, die man brauchte um ihn aus dem Vorzimmer, wo er die Antwort erwar⸗ Dumas, Horoſcop. I. 10 146 tete, nach dem Bouboir zu führen, wo dieſe Ant⸗ wort ſo laut gegeben worden war, daß man ſie außen hören konnte, ſah Ludwig von Conds, wie in einem Nebel den er vor ſeinen Augen und ſei⸗ nem Herzen hätte, das ganze ungeheure Panorama der letzten ſechs Monate an ſich vorüberziehen, von dem Tag an wo er das junge Mädchen bei einem ſchreckichen Ungewitter in einer ſchlechten Herberge bei St. Denis getroffen, bis zur Stunde wo er ſie mit einem Myrthenzweig in den Haaren in den Saal der Verwandlungen kommen geſehen, und wo ſein unbeſcheidener Blick keine Sekunde lang von ihr abgelaſſen, bis zu dem Moment wo ſie von dem ganzen Schmuck, den ſie bei dem Eintritt in den Saal gehabt, nur dieſen Myrthenzweig behal⸗ ten hatte. Und indem dieſes Panvrama ſich vor ſeinen Augen entrollte, ſah er, wenn auch ganz flüchtig, jene nächtliche Scene in St. Cloud zwiſchen dem jungen Mädchen und dem Pagen ſich wiederholen; dann fand er ſie am Rand des großen Baſſin, im Halbdunkel des zitternden Schattens der Platanen und Feigen wieder; hierauf ſah er ſich ſelbſt un⸗ beweglich unter den Fenſtern ſtehen und warten, bis ein Laden ſich halb öffnete und eine Blume oder ein Billet zu ſeinen Füßen fiel; endlich fand er ſich wieder unter dieſem Bett, wo er in der erſten Nacht vergebens gewartet, weil Niemand kam, und wo er in der zweiten Nacht nicht blos die erwarteten, ſondern auch ganz unerwartete Per⸗ ſonen kommen geſehen; und all dieſe verſchiedenen Empfindungen, die Bezauberungen der Herberge, d b d 2 9 6 ſe ſi b n⸗ ne id er d o8 r⸗ en e — 147 die Eiferſucht des verſteckten Zeugen, die Selbſt⸗ beſpiegelung des jungen Mädchens in dem Baſſin, die ungeduldige Erwartung unter den Fenſtern, die Angſt des Liebhabers im Saale der Verwandlun⸗ gen, all dieſe Empfindungen ſtiegen ihm jetzt zu Gehirn, machten ſeine Schläfe hoch pochen, quälten ſein Herz und ſtürmten dermaßen auf ihn ein, daß ſie ſich einige Sekunden lang ſeines ganzen Weſens bemächtigten. Schaudernd und blaß zugleich vor Eiferſucht, vor Zorn und Liebe, vor Beſchämung und Haß, trat er alſo vor Fräulein von St. André. Das Fräulein war allein. Sobald ſie den Prinzen bemerkte, der all die entgegengeſetzten Gefühle die in ihm kämpften un⸗ ter einer ziemlich impertinenten Haltung verbarg; ſobald ſie das ſpöttiſche Lächeln ſah, das auf ſei⸗ nen Lippen ſaß wie der amerikaniſche Spottvogel auf einem Zweig, da runzelte das junge Mädchen ihre Brauen, aber ganz unmerklich: ſie war in Be⸗ ziehung auſ Heuchelei dem Prinzen von Condé un⸗ endlich überlegen. Der Prinz grüßte ſie höchſt unbefangen. Fräulein von St. André täuſchte ſich im Aus⸗ druck dieſes Grußes nicht; ſie begriff, daß es ein Feind war, der zu ihr kam. Aber ſie ließ ſich von ihrer klaren Einſicht Nichts anmerken und erwiederte den unbefangenen Gruß ſo wie das ſpöttiſche Lächeln des Prinzen mit einer langen und anmuthsvollen Verbeugung. Dann lächelte ſie ihm mit dem koſendſten 10* 148 Blicke zu und ſagte mit ihrer freundlichſten Stimme zu ihm: „Welcher Heiligen, mein Prinz, habe ich fr⸗ dieſen eben ſo frühen als unerwarteten Beſuch meine Dankſagungen abzuſtatten?“ „Der heiligen Aſpaſia, mein Fräulein,“ ant⸗ wortete der Prinz, indem er ſich mit erheuchelter Ehrerbietung verbeugte. „Gnädigſter Herr,“ erwiederte das junge Mäd⸗ chen,„ich zweifle daran, daß ich ſie ſelbſt beim ge⸗ naueſten Suchen im Calender des Jahres der Gnade 1559 finden würde.“ „Dann, mein Fräulein, wenn Ihr durchaus einer Heiligen für dieſe höchſt unbedeutende Gunſt meines Beſuches danken wollt, ſo wartet bis Fräu⸗ lein Valentinois todt und canoniſirt iſt, was nicht ausbleiben kann, wenn Ihr ſie dem König em⸗ pfehlet.“ „Da ich bezweifeln muß, daß mein Anſehen ſich ſo weit erſtrecken würde, gnädigſter Herr, ſo will ich mich darauf beſchränken Euch ſelbſt zu danken und in aller Demuth Euch ſelbſt zu fragen, was mir das Vergnügen verſchafft Euch zu ſehen.“ „Wie, Ihr errathet es nicht?“ „Nein.“ „Ich komme, um Euch meine aufrichtigſten Glückwünſche zu der neuen Gunſt darzubringen, womit Seine Majeſtät Euch beehrt.“ Das junge Mädchen wurde purpurroth; dann aber bedeckten ſich in Folge einer plötzlichen Rück⸗ wirkung ihre Wangen mit der Bläſſe des Todes. Und gleichwohl war ſie noch weit entfernt die „— 1——— — S— B S S 149 Wahrheit zu ahnen; ſie glaubte blos, das nächt⸗ liche Abenteuer ſei bereits ruchbar geworden und das Echo davon zu den Ohren des Prinzen ge⸗ drungen. Sie begnügte ſich daher den Prinzen mit einem Ausdruck anzuſehen, der zwiſchen Frage und Dro⸗ hung die Mitte hielt. Der Prinz that, als ob er Nichts bemerkte. „Nun wohl,“ fragte er lächelnd,„was gibt es denn, mein Fräulein? und wie hat der Glückwunſch, den ich Euch darzubringen die Ehre hatte, Euern Wangen ſo augenblicklich die Farbe Eurer Lippen — es iſt wahr, ſie haben dieſelbe nicht lange be⸗ halten— und des Schnupftuchs geben können, das Ihr mir geſtern zu ſchenken die Ehre erwieſen habt?“ Der Prinz betonte dieſe letzten Worte auf eine ſo bedeutſame Art, daß über den Ausdruck, welchen das Geſicht des Fräuleins jetzt annahm, kein Zwei⸗ fel mehr obwalten konnte. Die unverkennbarſte Drohung lag darin. „Nehmt Euch in Acht, gnädigſter Herr,“ ſagte ſie mit einer Stimme, die um ſo furchtbarer war, als ſie eine vollendete Ruhe erheuchelte.„Ich glaube, Ihr ſeid hierhergekommen, um mich zu beſchimpfen.“ „Glaubt Ihr mich einer ſolchen Kühnheit fähig, mein Fräulein?“ „Oder einer ſolchen Feigheit, gnädigſter Herr. Welches von beiden Worten wäre im gegebenen Fall das paſſendſte?“ „Das habe ich vor Eurer Thüre mich ſelbſt 15⁰ gefragt, mein Fräulein. Ich habe mir geantwortet: Kühnheit! und bin eingetreten.“ „Ihr geſtehet alſo, daß Ihr dieſe Abſicht hattet?“ „Vielleicht. Aber bei näherer Ueberlegung habe ich vorgezogen Euch unter einem ganz andern Rechts⸗ grund zu beſuchen.“ „Und unter welchem?“ „Als ehemaliger Anbeter Eurer Reize, der ſich in einen Höfling Eures Glücks umgewandelt hat.“ „Und ohne Zweifel wollt Ihr mich in dieſer Eigenſchaft um eine Gunſt anſprechen?“ „Um eine ungeheure Gunſt, mein Fräulein.“ „Um welche?“ „Daß Ihr mir gütigſt verzeihen wollet, daß ich die Urſache des unglückſeligen Beſuches von heute Nacht war.“ Fräulein von St. André ſah den Prinzen zwei⸗ felhaft an, denn ſie konnte nicht glauben, daß ein Menſch ſo unvorſichtig und ſo geraden Wegs auf den Abgrund zuſchreite. Ihre Bläſſe ging ins Bleifarbige über. „Prinz,“ ſagte ſie,„Ihr habt wirklich das ge⸗ Sh Ihr ſagt?“ „Wenn dieß wahr iſt, ſo erlaubt mir Euch zu ſagen, daß Ihr ganz einfach den Verſtand verloren haben müßt.“ „Ich glaube im Gegentheil ganz einfach, daß ich ihn bis zu dieſem Augenblick verloren hatte, und daß ich ihn erſt in dieſem Augenblick wieder gefunden habe.“ „Aber glaubt Ihr auch, daß eine ſolche Be⸗ 151 et: ſchimpfung ungeſtraft bleiben wird, mein Herr, wenn Ihr auch zehnmal Prinz ſeid, oder hofft 2 Ihr, daß ich den König nicht davon benachrichtigen abe werde?“ ts⸗„Oh, das iſt unnöthig.“ „Wie ſo unnöthig?“ „Mein Gott, weil ich ihm ſo eben erſt Alles ſich ſelbſt geſagt habe.“ t.“„Und habt Ihr ihm auch geſagt, daß Ihr von ſer ihm hinweg zu mir zu gehen beabſichtigtet?“ „Nein, wahrhaftig nicht, denn ich dachte nicht daran; der Einfall iſt mir erſt unterwegs gekom⸗ men; Eure Thüre lag mir auf dem Weg, und Ihr daß kennt das Sprichwort: Gelegenheit macht Diebe. on Ich ſagte zu mir, es wäre doch ſehr intereſſant, wenn ich glücklicher Weiſe der Erſte wäre, der ei⸗ Euch ſeinen Glückwunſch darbrächte. Bin ich der ein Erſte?“ auf„Ja, mein Herr,“ ſagte Fräulein von St. André ins ſtolz,„und ich nehme dieſen Glückwunſch an.“ „Ah, da Ihr ihn ſo gut aufnehmt, ſo erlaubt ge⸗ mir, Euch noch ein anderes Compliment zu machen.“ „Ueber was?“ „Ueber den Geſchmack Eurer Toilette bei einer zu ſo feierlichen Gelegenheit.“ ren Fräulein von St. André biß ſich in die Lippen. Der Prinz führte ſie auf ein Terrain, wo es daß ſchwer hielt ſich mit Vortheil zu vertheidigen. tte,„Ihr ſeid ein Mann von Einbildungskraft, der gnädigſter Herr,“ ſagte ſie,„und vermöge dieſer Einbildungskraft habt Ihr mir ganz gewiß die Be⸗ 152 Ehren einer weit ausgezeichneteren Toilette ange⸗ than, als ich in Wahrheit hatte.“ „O nein, das ſchwöre ich Euch, ſie waren im Gegentheil ſehr einfach; die Hauptſache war ein Myrtenzweig, der in dieſen ſchönen Haaren ſteckte.“ „Ein Myrtenzweig!“ rief das junge Mädchen; „woher wißt Ihr, daß ich einen Myrtenzweig in den Haaren trug?“ „Ich habe ihn geſehen.“ „Ihr habt ihn geſehen?“ Fräulein von St. André fing an, Nichts mehr zu begreifen, und fühlte, daß ihre Kaltblütigkeit ſie demnächſt verließ. „Wohlan, Prinz,“ ſagte ſie,„fahret fort, ich liebe die Mährchen.“ „Dann müßt Ihr Euch wohl an das von Nar⸗ eiß erinnern, von Narciß, der ſich in ſich ſelbſt verliebte und in einem Bache beäugelte.“ „Nun weiter?“ „Nun wohl, vorgeſtern habe ich etwas Aehn⸗ liches oder vielmehr etwas noch weit Merkwürdi⸗ geres geſehen! ein in ſich ſelbſt verliebtes junges Mädchen, das ſich mit nicht geringerer Wolluſt in einem Spiegel beäugelte als Narciß in ſeinem Bache.“ Fräulein von St. André ſtieß einen Schrei aus. Es war unmöglich, daß der Prinz dieß erfunden oder daß man es ihm erzählt hatte. Sie war allein, oder vielmehr ſie glaubte ſich allein im Saal der Verwandlungen, als die Scene ſtattfand, auf welche der Prinz anſpielte. Die Röthe gewann wieder die Oberhand, ihr Geſicht bepurpurte ſich. — ——— —„—„—— ——.—„— ——— — 8 8 8 153 Fräulein von St. André knirſchte zwiſchen den Zähnen, nur verſuchte ſie dieſes Knirſchen durch ein ſchallendes Gelächter zu verdecken. „Oh,“ verſetzte ſie,„welch ein ſchönes Mähr⸗ chen Ihr da zum Beſten gebt!“ „Ja, Ihr habt Recht, das Mährchen iſt ſchön, aber was iſt es im Vergleich mit der Wirklichkeit? Unglücklicher Weiſe war die Wirklichkeit flüchtig wie ein Traum. Die ſchöne Nymphe erwartete einen Gott, und nun konnte dieſer Gott nicht kommen, weil die Göttin, ſeine Gemahlin, wie eine einfache Sterbliche vom Pferde gefallen war und ſich ver⸗ letzt hatte.“ „Habt Ihr mir noch viele Dinge von dieſer Sorte zu erzählen, mein Herr?“ knirſchte Fräulein von St. André, die trotz ihrer Kraft nahe daran war ſich vom Zorn hinreißen zu laſſen. „Nein, ich habe nur noch ein einziges Wort zu ſagen: Dieß habe ich Euch ſagen wollen; und nun — erlaubt mir, daß ich in der Hoffnung auf die Zukunft ſo ſchließe, wie wenn ich bereits König wäre— und nun, da der gegenwärtige Beſuch keinen andern Zweck hatte, bitte ich Gott, daß er Euch in ſeinem heiligen und würdigen Schutz halte.“ Und nun entfernte ſich der Prinz von Condé wirklich mit jener Impertinenz, welche zwei Jahr⸗ hunderte ſpäter das Glück eines Lauzun und Ri⸗ chelieu begründete. Auf dem Abſatz der Treppe blieb er ſtehen, warf noch einen Blick zurück und ſagte: „Wohlan, jetzt bin ich mit der Königin Mutter, mit dem König, mit dem Fräulein von St. André 3 154 überworfen, und das Alles auf einen Schlag. Wahrhaftig ein ſchöner Morgen für einen jüngeren Sohn aus dem Haufe Navarra! Bah!“ fügte er philoſophiſch hinzu,„es iſt wahr, die jüngeren Söhne kommen durch, wo die älteren nicht durch⸗ kämen.“ Und er ging flink die Treppe hinab, ſchritt wohlgemuth über den Hof und ſalutirte die Schild⸗ wache, die das Gewehr vor ihm präſentirte. XII. Der Sohn des Verurtheilten. Wir haben geſagt, daß der Prinz ſeinen neu⸗ gewonnenen Freund Robert Stuart zwiſchen ſieben und acht Uhr Abends auf den Platz und vor die Kirche St. Germain l'Auxerrois beſchieden hatte. Um ſich zu dieſem Rendezvous einzufinden, konnte er ganz gut über die Notre⸗Dame⸗Brücke und über die Mühlbrücke gehen; aber ein Magnet zog ihn nach dem Louvre; er ließ ſich durch einen Fährmann über den Fluß ſetzen und landete vor dem hölzernen Thurm. Sein Weg war rechts zu gehen, aber er ging inks. Er ging auf die Gefahr zu, wie der unvorſich⸗ tige Nachtſchmetterling dem Lichte zuflattert. Er kannte dieſen Weg gut: vier oder fünf Mo⸗ nate hatte er ihn jeden Abend, von Hoffnungen beſeelt, zurückgelegt. Jetzt, da er nicht mehr hoffte, warum machte er ihn dennoch wieder? — 155 6 Er wandelte alſo wieder denſelben Weg; dann, n als er unter den Fenſtern des Fräuleins von St. er André angelangt war, blieb er nach ſeiner Ge⸗ en wohnheit ſtehen. Er kannte ſie wohl, dieſe Fenſter! Die drei erſten gehörten zum Schlafzimmer und üt Boudoir Charlottens; die vier andern gehörten 6⸗ dem Marſchall. Dann, nach den vier Fenſtern des Marſchalls kam noch ein anderes Fenſter, auf das er niemals geachtet hatte. Dieſes Fenſter blieb immer dunkel, ſei es nun, daß das Zimmer mozu es gehörte niemals beleuch⸗ u⸗ tet wurde, oder daß dichte, ſorgfältig zugezogene en Vorhänge kein Licht nach außen dringen ließen. ie Er würde es auch dießmal ſo wenig als ſonſt beachtet haben, wenn er nicht geglaubt hätte es in n, ſeinen Angeln knarren zu hören. Dann meinte er ke durch die halbe Oeffnung der beiden Läden eine et Hand hervorkommen und aus dieſer Hand, einem en Nachtſchmetterling ähnlich, ein Papierchen entflie⸗ or gen zu ſehen, das, vom Naochtwind fortgetragen, ſich alle Mühe zu geben ſchien, um zu ſeiner Adreſſe i9 zu gelangen. Die Hand verſchwand, das Fenſter ſchloß ſich h⸗ e ehe noch das Papier die Erde berührt atte. o⸗ Der Prinz erhaſchte es im Flug, ohne ſich dar⸗ en über Rechenſchaft zu geben, was es ſei, und ohne zu wiſſen, ob es für ihn beſtimmt ſei. te Dann, als es auf der Kirche St. Germain l'Auxerrois halbacht ſchlug, erinnerte er ſich an 156 ſein Rendezvous und ging nach der Stelle zu, wohin der Schlag der Uhr ihn zu rufen ſchien. Inzwiſchen drehte er das Billet zwiſchen ſeinen Fingern hin und her, aber die Dunkelheit der Nacht verhinderte ihn zu erfahren, was er von ſeiner flüchtigen Eroberung denken ſollte. An der Ecke der Rue Chilperic befand ſich eine kleine Herberge, in deren Mauer eine Niſche an⸗ gebracht war; in der Riſche hing eine kleine Ma⸗ donna von vergoldetem Holz, und vor der Ma⸗ donna brannte ein Harzlicht, eine Art von Fackel, welche den eifrigen Catholiken eine chriſtliche Her⸗ berge und einen frommen Wirth anzeigte und den verſpäteten Reiſenden laut die Worte zurief: Hier kann man übernachten. Der Prinz von Condé näherte ſich dem Haus, ſtieg auf die ſteinerne Bank neben der Thüre, ſtellte ſich unter die fackelnden Strahlen des Lichts und las folgende Zeilen, die ihn mit Staunen er⸗ füllten: „Der König iſt für den Augenblick mit der Kö⸗ nigin Mutter ausgeſöhnt; heute Abend wohnen ſie der Hinrichtung des Rathes Anne Dubourg bei. Ich wage Euch nicht zur Flucht zu rathen, aber ich ſage Euch: Kehret unter keinem Vorwand in den Louvre zurück, es handelt ſich um Euern Kopf.“ Dieſe letzte Phraſe machte den Prinzen ganz verblüfft. Woher kam ihm dieſe Warnung? Gewiß von einem Freunde. Aber welchem Geſchlecht ge⸗ hörte dieſer Freund an? War es ein Freund oder eine Freundin? Nein es war eine Freundin; ein Freund würde nicht auf dieſe Art geſchrieben haben. —— v— ₰ 157 Dann gab es in dieſem Louvrepalaſt keine Männer, ſondern nur Höflinge, und ein Höfling würde ſich zweimal beſonnen haben, ehe er ſich durch einen ſolchen Akt der Menſchenliebe der Un⸗ gnade des Königs ausſetzte. Es war alſo kein Mann. Aber wenn es eine Frau war, was war dieſe Frau? Welche Frau konnte ſich ſo lebhaft für ihn, Condé, intereſſiren, daß ſie ſich— vorausgeſetzt daß ihre menſchenfreundliche Warnung des Prinzen bekannt wurde— auf einen einzigen Schlag mit dem König, mit der Königin Mutter und mit Fräu⸗ lein von St. André überwarf? Aber vielleicht war es Fräulein von St. André ſelbſt! Oh, was das betraf, ſo begriff der Prinz nach kurzer Ueber⸗ legung wohl, daß dieß unmöglich war: er hatte die Löwin zu grauſam verletzt, und die Löwin mußte noch an der Wunde leiden, die er ihr geſchlagen hatte. Er hatte zwar im Louvre zwei oder drei ehemalige Muitreſſen, aber mit dieſen war er über⸗ worfen, und wenn die Frauen nicht mehr lieben, ſo haſſen ſie. Eine einzige vielleicht hatte noch einen Reſt von Zärtlichkeit für ihn: das hübſche Fräulein von Li⸗ meuil, aber er kannte ſeit langer Zeit das Gekrizel des reizenden Kindes; es war nicht ihre Hand, und man wagt es nicht einen Sekretär zu nehmen, um ein ſolches Billet zu ſchreiben. War es überhaupt eine Frauenhand? Der Prinz ſtellte ſich auf die Zehen, um ſo nahe als möglich ans Licht zu kommen. 158 Ja, es war ganz ſicherlich eine Frauenhand, und trotz des meiſterhaften Zuges in dieſen Buch⸗ ſtaben, die wir nur mit einer ſchönen engliſchen Handſchrift unſerer Tage vergleichen können, würde ein Experter ſich nicht getäuſcht haben; in Bezug auf Frauenſchrift aber war der Prinz, der ſchon ſo viele Briefe empfangen hatte, ein Experter ge⸗ worden. Wenn die vollen Züge feſt waren, ſo hatten i Feinſtriche etwas Zartes, Graziöſes und Weib⸗ iches. Dann war das Billetchen als Ganzes ſo zier⸗ lich, das Papier war ſo fein, ſo ſammtweich, ſo ſeiden, und verrieth ein ſo ſüßes Parfüm von einem weiblichen Schlafzimmer oder Boudoir, daß es ganz entſchieden von einer Frau kommen mußte. Nun entſtand von Neuem die Frage, auf welche es keine Antwort gab: „Wer mag wohl dieſe Frau ſein?“ Der Prinz von Condé, der ſein Rendezvous gänzlich vergeſſen hatte, um ſich nur mit ſeinem Brief zu beſchäftigen, würde ſich die ganze Nacht auf den Ramen dieſer Frau beſonnen und ſich höchſt wahrſcheinlich vergebens den Kopf darüber zerbro⸗ chen haben, wenn nicht zu ſeinem Glück Robert Stuart, der ihn aus der Ferne auf ſeiner Bank ſtehen ſah und deſſen Herz von einem weit ſchwe⸗ reren Kummer aufgeregt war, plötzlich wie aus der Erde hervor erſchienen und in den Lichtkreis ge⸗ treten wäre, welchen die Fackel auswarf. Er grüßte den Prinzen mit einer tiefen Ver⸗ beugung. ———— 159 d, Der Prinz ſchämte ſich, daß man ihn bei dieſer Lekture überraſcht hatte, und die Art wie er er⸗ n röthete beſtärkte ihn in der Gewißheit, daß das e Billet von einer Frau gekommen ſei. g„Ich bins, Prinz,“ ſagte der junge Mann. n„Ihr ſehet, mein Herr, daß ich mein Wort ⸗ halte,“ verſetzte der Prinz, indem er von ſeiner ſteinernen Bank herabſprang. n„Und ich,“ ſagte Robert Stuart,„warte nur b⸗ auf eine Gelegenheit Euch zu beweiſen, daß ich das meinige halten werde.“ „Ich habe Euch eine traurige Botſchaft zu ver⸗ ſo künden,“ ſagte der Prinz mit bewegter Stimme. m Der junge Mann lächelte bitter. „Sprecht Prinz, ich bin auf Alles gefaßt.“ „Mein Herr,“ ſagte der Prinz mit einem Ernſt, e worüber man ſich bei einem Mann verwundert hätte, den man allgemein für einen der frivolſten ſeiner Zeit hielt,„wir leben in einer Epoche, wo 18 die Begriffe von gut und böſe verworren, ſchwan⸗ m kend, unentſchieden ſind; die Welt ſcheint ſich ſeit ht einigen Jahren in einer Art von Geburtswehen zu ſt befinden, welche in die Seelen Einiger einen un⸗ o⸗ heimlichen Schein werfen, während ſie die Seelen rt Anderer in tiefes Dunkel verſetzen. Was wird nk aus dem Zuſammenprall der Leidenſchaften ent⸗ e⸗ ſtehen, die in dieſem Augenblick aneinander ſtoßen? er Ich weiß es nicht.. e⸗„Warum nicht ſogleich ſagen, Prinz: Junger Mann, Dein Vater iſt verurtheilt; ich hatte Dir r⸗ die Begnadigung Deines Vaters verſprochen, und ſie iſt mir verweigert worden; ich hatte Dir geſagt, 160 daß Dein Vater nicht ſterben würde, und Dein Vater wird heute Abend ſterben.“ „Mein Herr,“ ſagte der Prinz, der ſich beinahe der Lüge ſchämte, wodurch er den jungen Mann zu hintergehen verſuchte,„mein Herr, vielleicht ſteht es noch nicht ganz ſo ſchlimm, wie Ihr meint.“ „Sagt Ihr mir, daß ich noch hoffen darf, Prinz?“ fragte Robert Stuart. Condé wagte nicht zu antworten; in dem Blick des jungen Mannes lag ein Ausdruck, der das Wort auf ſeinen Lippen feſthielt. „Geſtern,“ ſagte er endlich,„war das Todesur⸗ theil noch nicht genehmigt, noch nicht vom Könige unterzeichnet; heute iſt es trotz meiner Anſtrengun⸗ gen unterzeichnet und bekannt gemacht worden; in einer Stunde vielleicht wird es vollſtreckt werden.“ „„In einer Stunde!“ brummte der junge Mann dumpf zwiſchen den Zähnen.„In einer Stunde kann man viel thun.“ Er ſtürzte fort und machte ungefähr zwanzig Schritte; dann kam er zu dem Prinzen zurück und ergriff ſeine Hand, die er mit Küſſen bedeckte und in Thränen badete. „Von heute an, von dieſer Minute an, Prinz,“ ſagte er,„habt Ihr keinen getreueren, keinen erge⸗ beneren Diener, als mich. Mein Leib, meine Seele, mein Kopf, mein Arm, mein Herz gehören Euch; Euch gebe ich mein Leben bis auf den letzten Bluts⸗ tropfen.“ Dann entfernte er ſich, diesmal langſamen Schritts, und verſchwand an der Ecke des Quais, nachdem er dem Prinzen noch einmal mit dem Kopf zugenickt. er ſei in e u 8 161 XII. Aus den Rinderſchuhen. Der junge Mann befand ſich bereits auf der Spitze der Cité, als der Prinz noch immer nicht aus ſeinen tiefen Gedanken erwacht war. Es iſt wahr, dieſe Gedanken waren in Folge einer jener häufigen Launen des Gedächtniſſes von Robert Stuart zu dem Billet zurückgekehrt, das aus einem Fenſter des Louvre geworfen worden, und das der Prinz vor einer halben Stunde beim Lam⸗ penſchein der Madonna geleſen hatte. Was auch der Gegenſtand ſeiner tiefen Betrach⸗ tungen ſein mochte, ſo wurde er durch einen neuen und unerwarteten Zwiſchenfall daraus geweckt. Ein junger Menſch kam barhäuptig, ohne Wamms und röchelnd, aus dem Louvre und lief über den Platz, wie wenn er von einem tollen Hund verfolgt würde. Der Prinz glaubte ihn als den Pagen des Marſchalls von St. André zu erkennen, den er zum erſten Mal in dem Wirthshaus bei St. Denis, zum zweiten Mal in den Gärten von St. Cloud geſe⸗ hen hatte. „He!“ rief er, als er ihn zehn Schritte vor ſich ſah,„wohin lauft Ihr denn ſo, mein junger Herr?“ Der junge Mann blieb plötzlich ſtehen, wie wenn er auf ein unüberſteigliches Hinderniß geſtoßen wäre. „Ihr ſeids, gnädigſter Herr,“ rief er, als er ſeinerſeits den Prinzen erkannte und zwar trotz des Dumas, Horoſcop. II. 11 162 dunkeln Mantels, worein er gehüllt war, und trotz des breitrandigen Huts, der ſeine Augen bedeckte. „Nun ja denn, ich bins! und Ihr ſeid es auch, wenn ich mich nicht täuſche. Ihr ſeid Mezieres, der junge Page des Herrn von St. André?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Und überdieß ſeid Ihr, wenn ich dem Anſchein glauben darf, in Fräulein Charlotte verliebt,“ fügte der Prinz hinzu. „Oh, ich war es, ja, gnädigſter Herr; aber ich bin es nicht mehr.“ „Was Ihr ſagt!“ „Ich ſchwöre es Euch.“ „Da ſeid Ihr ſehr glücklich, junger Mann,“ ſagte der Prinz halb heiter und halb traurig,„daß Ihr Eurer Liebe nur ſo ohne Weiteres den Abſchied geben könnt; aber ich glaube es nicht.“ „Wie ſo, gnädigſter Herr?“ „Wenn Ihr nicht verliebt wie ein Narr, oder närriſch wie ein Verliebter wäret, ſo könnte ich mir nicht erklären, warum Ihr ſo ſpät am Abend ſo toll in der Welt herumlauft.“ „Gnädigſter Herr,“ ſagte der Page,„man hat mir ſo eben den tödtlichſten Schimpf angethan, der je einem Mann widerfahren iſt.“ „Einem Mann!“ ſagte der Prinz lächelnd;„von wem handelt es ſich? doch nicht von Euch ſelbſt?“ „Warum nicht von mir ſelbſt?“ „Ei, weil Ihr noch ein Kind ſeid,“ „Ich ſage Euch, gnädigſter Herr,“ fuhr der junge Menſch fort,„ich ſage Euch, daß ich auf die entſetzlichſte Art behandelt worden bin; Mann oder —————— —,— — 163 otz Kind, ich habe einmal das Recht einen Degen an der Seite zu tragen, und ich werde mich rächen.“ ch,„Wenn Ihr das Recht habt einen Degen an 6„ der Seite zu tragen, ſo hättet Ihr Euch ſeiner be⸗ dienen müſſen.“ „Man hat mich durch Lakaien feſtnehmen, er⸗ in greifen, knebeln und.. gte Der junge Menſch hielt mit einer Geberde des höchſten Zornes inne, und ſeine blauen Augen war⸗ ich fen, wie bei Thieren die in der Nacht herumſchwei⸗ fen, einen doppelten Blitz in der Dunkelheit. An dieſem Zeichen erkannte der Prinz den Mann des Haſſes und Blutes. 3 „Und?.„fragte er. aß„Und durchpeitſchen laſſen, gnädigſter Herr,“ ied ſagte der junge Mann mit einem Wuthſchrei. 6 „Dann,“ verſetzte der Prinz ſpottiſch,„ſeht Ihr wohl, daß man Euch nicht wie einen Mann behan⸗ der delt hat, ſondern wie ein Kind.“ nir„Gnädigſter Herr, gnädigſter Herr,“ rief Me⸗ ſo zieres,„die Kinder werden ſchnell Männer, wenn ſie ſiebzehn Jahre zurückgelegt und einen ſolchen hat Schimpf zu rächen haben.“ der„Immerhin,“ verſetzte der Prinz, der wieder ernſthaft wurde,„ich höre gern ſo ſprechen, junger on Mann; aber wie iſt Euch dieſer Schimpf wider⸗ fahren?“ „Ich war, wie Ihr ſo eben geſagt habt, gnä⸗ digſter Herr, wie ein Narr in das Fräulein von der St. André verliebt. Verzeiht, daß ich Euch dieſes die Geſtändniß ablege, gnädigſter Herr.“ der 11* 164 „Und warum ſollte ich Euch Etwas zu verzeihen haben?“ „Weil Ihr ſie beinahe eben ſo liebtet wie ich.“ „Ah, ah!“ ſagte der Prinz,„Ihr habt das be⸗ mertt, junger Menſch?“ „Prinz, Ihr werdet mir niemals den hundertſten Theil des Böſen was Ihr mir zugefügt mit Gutem vergelten können.“ „Wer weiß? Fahrt fort!“ „Ich hätte mein Leben für ſie gegeben,“ fuhr der Page fort,„und welche Schranke auch die Ge⸗ burt zwiſchen ſie und mich geſtellt haben mag, ich fühlte mich beſtimmt für ſie, wenn nicht zu leben, doch wenigſtens zu ſterben.“ „Ich kenne das,“ ſagte der Prinz lächelnd und ein Zeichen mit der Hand machend, wie wenn er einen unangenehmen Gegenſtand von ſich entfernen wollte,„fahrt fort.“ „Ich liebte ſie ſo ſehr, gnädigſter Herr, daß ich mich darein ergeben hätte ſie als die Frau eines Andern zu ſehen, unter der Bedingung, daß dieſer Andere ſie ebenſoſehr geliebt und geehrt hätte wie ich. Ja, ſie geliebt, glücklich und geehrt zu wiſſen, hätte mir genügt. Ihr jeht alſo, gnädigſter Herr, wie weit meine ehrgeizigen Abſichten und meine verliebten Wünſche ſich erſtreckten.“ „Nun wohl,“ ſagte der Prinz,„was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Nun wohl, gnädigſter Herr, als ich erfuhr, daß ſie die Maitreſſe des Königs war, als ich er⸗ fuhr, daß ſie nicht blos mich, der ich mehr als ihr Liebhaber, der ich ihr Stlave war, täuſchte; nicht .—— 8—— 8 c 165 n blos mich, ſage ich, ſondern auch Euch, der Ihr ſie anbetetet, Herrn von Joinville, der ſie heirathen ſollte, und den ganzen Hof, der inmitten dieſes e⸗ Haufens von ſcham⸗ und ſittenloſen Mädchen ſie allein für ein keuſches, engelreines, aufrichtiges n Kind hielt; als mir das geoffenbart wurde, gnädig⸗ m ſter Herr, als ich erfuhr, daß ſie die Maitreſſe eines andern Mannes war...“ „Nicht eines andern Mannes, mein Herr,“ ſagte r der Prinz mit einem unüberſetzbaren Ton—„ſon⸗ e⸗ dern eines Königs.“ ch„Mag ſein! eines Königs; aber es iſt nicht n, minder wahr, daß mir der Gedanke gekommen iſt, dieſen Mann zu tödten, und wenn er zehnmal Kö⸗ d nig iſt.“ er„Teufel! mein ſchöner Page,“ fagte Conde, „Ihr ſeid gar zu raſch und hitzig. Den König 6 wegen eines verliebten Abenteuers zu tödten! Wenn ch man Euch für dieſe Idee blos durchgepeitſcht hat, es ſo ſcheint es mir, daß Ihr kein Recht habt Euch er zu beklagen.“ ie„Oh, man hat mich nicht wegen dieſer Idee n, durchgepeitſcht,“ ſagte Mezieres. „Warum denn? Wißt Ihr, daß Eure Geſchichte ne mich zu intereſſiren anfängt? Nur wäre es Euch vielleicht gleich ſie mir im Gehen zu erzählen. Er⸗ e ſtens habe ich eiskalte Füße, und zweitens habe ich auf dem Greveplatz zu thun.“ r,„Mir liegt gar nichts daran, wohin ich gehe, er⸗ gnädigſter Herr, wenn ich mich nur vom Louvre hr entferne.“ cht„Nun, das trifft ſich vortrefflich,“ ſagte der 166 Prinz, indem er ſeine Sporen auf dem Pflaſter klirren ließ.„Kommt mit mir, ich höre Euch an.“ Dann ſchaute er ihn lächelnd an und fuhr fort: „Da könnt Ihr ſehen, was ein gemeinſchaftliches Unglück iſt. Geſtern glaubtet Ihr, ich würde ge⸗ liebt, und hattet Luſt mich umzubringen; heute, da der König geliebt wird, führt das Mißgeſchick uns zuſammen, und ich bin jetzt Euer Vertrauter, in deſſen Ehrlichkeit Ihr ein ſo großes Vertrauen ſetzet, daß Ihr ihm geradezu geſtehet, Ihr habet Luſt den König umzubringen. Ihr habt ihn jedoch nicht umgebracht, nicht wahr?“ „Nein, aber ich lag eine ganze Stunde lang in einem hitzigen Fieber in meinem Zimmer.“ „Gut,“ murmelte der Prinz,„gerade wie ich.“ „Nach Verfluß von zwei Stunden habe ich, da ich zu keinem Entſchluß gekommen war, an der Thüre des Fräuleins von St. André angeklopft, um ihr ihr ehrloſes Betragen vorzuhalten.“ „Wiederum wie ich,“ murmelte der Prinz. „Fräulein von St. André war nicht zu Haus.“ „Ah!“ ſagte der Prinz,„hier hört die Gleich⸗ heit auf. Ich war glücklicher als Ihr.“ „Der Marſchall empfing mich. Er liebte mich ſehr, wenigſtens ſagte er es. Als er mich ſo blaß ſah, erſchrack er.“ „Was habt Ihr, Mezieres? fragte er mich. Seid Ihr krank?“ „Nein, gnädiger Herr, antwortete ich.“ „Was regt Euch denn ſo ſehr auf?“ „Oh, gnädiger Herr, mein Herz iſt voll von Bitterkeit und von Haß.“ SC0 8 5 D* S— n 167 „Von Haß, Mezieres! in Eurem Alter? der Haß ſteht dem Alter der Liebe ſchlecht an.“ „Gnädiger Herr, ich haſſe, ich will mich rächen. Ich kam um Fräulein von St. André um einen Rath zu bitten.“ „Meine Tochter?“ „Ja, und da ſie nicht da iſt... „Ihr ſeht es.“ „So will ich mir dieſen Rath von Euch erbitten.“ „Sprecht, mein Sohn.“ „Gnädiger Herr, fuhr ich fort, ich liebte glühend eine junge. „So iſts recht, Mezieres! ſagte der Marſchall lachend; erzählet mir von Euern Liebesgeſchichten; die Worte der Liebe kommen ganz natürlich auf die Lippen Eures Alters, wie im Frühjahr die Blumen in die Gärten kommen; und wird Euch Eure Liebe vergolten von derjenigen, die Ihr ſo heiß liebet?“ „Gnädiger Herr, ich machte nicht einmal An⸗ ſpruch darauf. Sie ſtand durch ihre Geburt und ihre Glücksumſtände ſo hoch über mir, daß ich ſie in der Tiefe meines Herzens wie eine Gottheit an⸗ betete, der ich kaum den Saum ihres Kleides zu küſſen wagte.“ „Es iſt alſo eine Dame vom Hof?“ „Ja, gnädiger Herr, antwortete ich ſtammelnd.“ „Ich kenne ſie alſo?“ „Oh ja.“ „Nun wohl, was iſt Euch widerfahren, Mezie⸗ res? Eure Gottheit wird heirathen, wird die Frau eines Andern werden, und das beunruhigt Euch?“ 3 3 „ 168 „Nein, gnädiger Herr, antwortete ich, kühn ge⸗ macht durch den Zorn, welchen dieſe Worte in mir erregten, das Mädchen das ich liebe, wird nicht heirathen, nein, das Mädchen das ich liebe kann nicht mehr heirathen.“ „Und warum das? fragte der Marſchall, indem er mich unruhig anſchaute.“ „Weil das Mädchen das ich liebe öffentlich die Maitreſſe eines Andern iſt.“ „Jetzt war es am Marſchall unruhig zu werden. Er wurde todtenblaß, trat einen Schritt vor und fragte, indem er mich feſt und hart firirte, mit ge⸗ brochener Stimme: „Von wem wollt Ihr ſprechen?“ „Ah! Ihr wißt es wohl, gnädiger Herr, ant⸗ wortete ich, und wenn ich Euch von meiner Rache ſage, ſo geſchieht es, weil ich vermuthe, daß Ihr zu dieſer Stunde Jemand für die Eurige ſuchet.“ „In dieſem Augenblick trat der Hauptmann der Garden ein.“ „Stille! ſagte der Marſchall zu mir. Bei Eurem Kopf, ſtille!“ „Dann aber ſchien er es doch für klüger zu halten mich ganz zu entfernen, und ſagte:“ „Gehet hinaus!“ „Ich begriff, oder vielmehr ich glaubte zu begreifen. Wenn dem König ein Unglück wider⸗ fuhr, und wenn dieſes Unglück von mir herkam, ſo war der Marſchall, da der Hauptmann der Garden ihn mit mir reden geſehen hatte, blosgeſtellt.“ ee gnädiger Herr, antwortete ich, ja, ich gehe.“ —— —— 8 — S— (7) — S v— — 169 „Und ich ſtürzte durch eine Nebenthüre im In⸗ nern, um dem Hauptmann der Garde weder im Gang noch im Vorzimmer zu begegnen. „Als ich indeß einmal aus dem Saale und außer dem Geſichtskreis war, blieb ich ſtehen; dann ſchlich ich mich auf den Zehen zurück und nun hielt ich mein Ohr an die Tapete, das einzige Hinder⸗ niß, das mir das Sehen verwehrte, nicht aber das Hören. „Denkt Euch mein Staunen, meine Entrüſtung, gnädigſter Herr. „Es war das Patent als Gouverneur von Lyon, das man Herrn von St. André überbrachte. „Der Marſchall empfing Titel und Gunſtbe⸗ zeugungen mit der Demuth eines erkenntlichen Unterthanen, und der Officier wurde beauftragt dem Liebhaber der Tochter die Dankſagungen des Vaters zu überbringen. „Kaum war er fort, ſo machte ich nur einen Sprung von meinem Verſteck bis zu dem Marſchall. „Ich weiß nicht, was ich zu ihm ſagte, ich weiß nicht, mit welchen Beſchimpfungen ich dieſen Vater brandmarkte, der ſeine Tochter verkaufte; aber das weiß ich, daß ich nach einem verzweiflungsvollen Kampf, worin ich den Tod ſuchte und begehrte, gebunden, geknebelt mich in den Händen der La⸗ kaien befand, daß ich der Peitſche, der Schande preisgegeben wurde. „Inmitten meiner Thränen oder vielmehr zwi⸗ ſchen dem Blute hindurch, das aus meinen Augen floß, ſah ich den Marſchall, der mich aus einem Fenſter ſeiner Wohnung anſchaute: da that ich 170 einen furchtbaren Eid: nämlich daß dieſer Mann, welcher Denjenigen, der ihm Rache anbot, durch⸗ peitſchen ließ, daß dieſer Mann nur von meiner Hand ſterben ſolle. „Ich weiß nicht, war es der Schmerz oder der Zorn, aber ich fiel in Ohnmacht. „Als ich wieder zu mir kam, war ich frei und ſtürzte aus dem Louvre fort, indem ich den furcht⸗ baren Schwur wiederholte, den ich gethan hatte. Gnädigſter Herr! gnädigſter Herr!“ fuhr der Page mit ſteigender Erhitzung fort,„ich weiß nicht, ob es wahr iſt, daß ich blos ein Kind bin; nach mei⸗ ner Liebe, nach meinem Haß glaubte ich etwas Anderes zu ſein. Aber Ihr ſeid ein Mann, Ihr! aber Ihr ſeid ein Prinz! Nun wohl, ich ſage es Euch, wie ich es damals geſagt habe: der Mar⸗ ſchall ſoll nur von meiner Hand ſterben.“ „Junger Menſch!“ „Und weniger noch wegen des Schimpfes, den er mir angethan, als wegen desjenigen, den er ſelbſt angenommen hat.“ „Junger Menſch,“ ſagte der Prinz,„wißt Ihr, daß ein ſolcher Eid eine Gottesläſterung iſt?“ „Gnädigſter Herr,“ antwortete der Page, ganz von ſeinen Gedanken beherrſcht und wie wenn er die Worte des Prinzen nicht gehört hätte,„gnä⸗ digſter Herr, es iſt ein Wunder der Vorſehung, das geſtattet hat, daß bei meinem Weggang aus dem Louvre Ihr die erſte Perſon waret, der ich begegnete; gnädigſter Herr, ich biete Euch meine Dienſte an; unſere Liebe war gleich, wenn unſer Haß es auch nicht iſt, gnädigſter Herr; im Namen — 171 dieſer gemeinſchaftlichen Liebe bitte ich Euch, mich unter Eure Diener aufzunehmen; mein Kopf, mein Herz, meine Arme ſollen Euch gehören, und bei der erſten Gelegenheit werde ich Euch beweiſen, daß man mir keinen Undank vorwerfen kann. Nehmt Ihr an, gnädigſter Herr?“ Der Prinz beſann ſich einen Augenblick. „Nun wohl, gnädigſter Herr,“ wiederholte der junge Mann ungeduldig,„nehmt Ihr das Aner⸗ bieten meines Lebens an?“ „Ja,“ ſagte der Prinz, indem er beide Hände des jungen Mannes in die ſeinigen nahm,„aber unter einer Bedingung.“ „Unter welcher, gnädigſter Herr?“ „Daß Ihr Euern Plan den Marſchall zu er⸗ morden aufgebt.“ „Oh, Alles was Ihr wollt, gnädigſter Herr!“ rief der junge Mann auf dem Gipfel der Exalta⸗ tion,„nur das nicht.“ „Dann geht es nicht, denn dieß iſt die erſte Bedingung, die ich für Euern Eintritt in meinen Dienſt feſtſetze.“ „Oh, gnädigſter Herr, ich bitte Euch auf den Knien, verlangt das nicht von mir.“ „Wenn Ihr mir den Eid nicht leiſtet, den ich von Euch verlange, ſo verlaßt mich augenblicklich, mein Herr; ich kenne Euch nicht, ich will Euch nicht kennen.“ „Gnädigſter Herr, gnädigſter Herr!“ „Ich befehlige Soldaten und keine Banditen.“ „Oh, gnädigſter Herr, iſt es möglich, daß ein ¹ N — Mann einem andern Mann die Erlaubniß verwei⸗ gert eine tödtliche Beleidigung zu rächen?“ „Auf die Art, wie Ihr ſagt, ja.“ „Aber gibt es irgend ein anderes Mittel in der Welt?“ „Vielleicht.“ „Oh,“ ſagte der junge Mann kopfſchüttelnd, „nie wird der Marſchall ſich dazu verſtehen, mit einem ſeiner ehemaligen Diener den Degen zu kreuzen.“ „Natürlich,“ antwortete der Prinz,„in einem regelmäßigen Duell nicht; aber es kann eine Ge⸗ legenheit kommen, wo der Marſchall Euch dieſe Ehre nicht verweigern kann.“ „Welche Gelegenheit?“ „Setzet den Fall, Ihr träfet auf einem Schlacht⸗ feld mit ihm zuſammen.“ 3 „Auf einem Schlachtfeld!“ „Nun wohl, an dieſem Tag, Mezieres, ver⸗ pflichte ich mich, Euch meinen FPlatz abzutreten, ſelbſt wenn ich ihm gegenüber ſtehen ſollte und nicht Ihr.“ „Aber wird dieſer Tag jemals kommen, gnä⸗ digſter Herr?“ fragte der junge Mann fieberiſch, „iſt es möglich, daß er jemals kommt?“ „Vielleicht früher als Ihr glaubt,“ antwortete der Prinz. „Oh, wenn ich deſſen gewiß wäre!“ rief der junge Menſch. „Wer Teufel kann in dieſer Welt einer Sache gewiß ſein?“ ſagte der Prinz;„es gibt Wahrſchein⸗ lichkeiten, mehr nicht.“ S S di i⸗ „ 173 Der junge Menſch ſann jetzt ebenfalls einen Augenblick ſtille nach. „Seht, gnädigſter Herr,“ ſagte er dann,„ich weiß nicht, woher mir die Ahnung kommt, daß wirklich etwas Seltſames und Drohendes in der Luft liege; überdieß hat man mir Etwas pro⸗ phezeit. Ich nehme an, gnädigſter Herr.“ „Und Ihr ſchwört...7 „Den Marſchall nicht verrätheriſch zu ermor⸗ den, ja, gnädigſter Herr; aber wenn ich auf einem Schlachtfeld mit ihm zuſammentreffe...“ „Oh, dann trete ich ihn Euch ab, ich gebe ihn Euch preis, er gehört Euch; nur müßt Ihr Euch in Acht nehmen.“ „Warum?“ „Der Marſchall iſt ein ſehr tüchtiger Soldat.“ „Oh, was das betrifft, gnädigſter Herr, das iſt meine Sache; möge nur mein guter oder böſer Engel mich vor ihn führen, das iſt Alles was ich verlange.“ „Dann bleibt es dabei und unter dieſer Be⸗ dingung gehört Ihr zu den Meinigen.“ „Oh, gnädigſter Herr!“ Der junge Menſch warf ſich auf die Hand des Prinzen und küßte ſie. Sie waren auf der Mühlenbrücke angekommen; das Quai begann ſich mit Leuten zu füllen, die ſich nach dem Greveplatz drängten. Der Prinz hielt es für gerathen ſich des Pagen zu entledigen, wie er ſich Robert Stuarts entledigt hatte. „Ihr kennt das Hotel Condé?“ fragte er ihn. „Ja, gnädigſter Herr.“ 174 „Nun wohl, ſo begebt Euch dahin, ſagt, daß Ihr von Stund an zu meinem Hauſe gehöret, und verlanget ein Zimmer in dem Flügel, den meine Stallmeiſter bewohnen.“ Dann fügte der Prinz mit jenem bezaubern⸗ den Lächeln, das ihm, wenn er wollte, die Herzen ſeiner Feinde gewann und das ſeine Freunde zu Fanatikern für ihn machte, hinzu: „Ihr ſehet, daß ich Euch wie einen Mann be⸗ handle und nicht wie einen Knaben, der noch in den Kinderſchuhen iſt.“ „Dank, gnädigſter Herr,“ antwortete Mezieres ehrerbietig;„von dieſem Augenblick an verfüget über mich als über eine Sache, die Euch gänzlich angehört.“ XIV. Was der Ropf des Prinzen von Condé wog. Während die in den vorhergehenden Capiteln erwähnten Ereigniſſe ſtattfanden, das heißt während der doppelten Beſprechung des Prinzen von Condé mit Robert Stuart und Mezieres, wollen wir ein wenig ſagen, was ſich im Louvre zutrug. Wir haben geſehen, wie Herr von Condé vom König und wie Fräulein von St. André von Herrn von Condé Abſchied genommen hatte. Als Herr von Condés ſich entfernt hatte, war das junge Mädchen wie vernichtet von Schmerz ſitzen geblieben; dann aber war ſie einer verwun⸗ deten Löwin gleich, die ſich, nachdem ſie Anfangs d 6 in * 175⁵ unter dem Schlag erlegen, allmählig erholt und den Kopf ſchüttelt und wieder aufrichtet, ihre Klauen ausſtreckt und anzieht, und in den nächſten Bach läuft, um ſich mit Muße darin zu betrachten und zu ſehen, ob ſie immer noch dieſelbe iſt, an ihren Spiegel gelaufen, um ſich zu überzeugen, ob ſie in dem ſchrecklichen Kampf Richts von ihrer wun⸗ derbaren Schonheit verloren habe, und als ſie ſich noch immer gleich verführeriſch fand, unter dem furchtbaren Lächeln womit ſie ihren Haß bedeckte, da zweifelte ſie nicht mehr an der Macht ihrer Reize und ſchlug den Weg nach den Gemächern des Königs ein. Jedermann kannte bereits das Ereigniß von geſtern, ſo daß alle Thüren ſich vor Fräulein von St. André öffneten, und daß, als ſie ein Zeichen gab, daß ſie nicht angemeldet zu werden wünſche, Offiziere und Huiſſiers ſich an die Wand ſtellten und blos mit dem Finger auf das Schlafzimmer deuteten. Der König ſaß nachdenklich und ſinnend in ſei⸗ nem Lehnſtuhl. Kaum hatte er ſich entſchloſſen König zu ſein, als bereits die Laſt des Königthums auf ſeine Schultern herabfiel und ihn erdrückte. Er hatte daher nach ſeiner Erörterung mit dem Prinzen von Condé ſeiner Mutter ſagen laſſen, ſie möge ihm Befehl ertheilen zu ihr zu kommen, oder ſie möge ihm die Gnade erweiſen bei ihm zu erſcheinen. Er wartete alſo und wagte es nicht nach der Thüre zu ſehen, weil er fürchtete, das ſtrenge Ge⸗ 176 ſicht der Königin Mutter möchte zum Vorſchein kommen. Statt dieſer ſtrengen Phyſiognomie war es das holdſelige Geſicht des jungen Mädchens, das ſich unter der aufgehobenen Tapete abzeichnete. Aber Franz II. ſah ſie nicht. Er hatte ſeinen Kopf der entgegengeſetzten Seite zugekehrt, denn er dachte, es würde immer noch Zeit ſein ſich um⸗ zuwenden, wenn der ſchwere und etwas gewichtige Tritt ſeiner Mutter einmal den Fußboden unter dem Teppich erkrachen mache. Der Tritt des Fräuleins von St. André ge⸗ hörte nicht zu denjenigen, unter welchen die Fuß⸗ böden erdröhnen. Gleich einer Nire hätte das ſchöne junge Mädchen über Binſen hingehen kön⸗ nen, ohne ihre Spitzen zu beugen; gleich den Sa⸗ lamandern hätte ſie ſich auf dem Capitäl einer Rauchſäule zum Himmel erhoben. Sie trat alſo in das Zimmer, ohne gehört worden zu ſein; ungehört näherte ſie ſich dem jun⸗ gen König; als ſie bei ihm war, ſchlang ſie ver⸗ liebt ihre Arme um ſeinen Hals, und im Augen⸗ blick wo er den Kopf aufrichtete, drückte ſie ihre brennenden Lippen auf ſeine Stirne. Es war nicht Catharina von Medici; die Kö⸗ nigin Mutter hatte keine ſo glühende Liebkoſungen für ihre Kinder, oder wenn ſie ſolche hatte, ſo be⸗ wahrte ſie dieſelben für den Günſtling ihrer Mut⸗ terliebe, für Heinrich I1l. Aber für Franz Il, dieſes Kind das ſie auf Verordnung des Arztes in einem Augenblick des Unwohlſeins empfangen hatte, das ſchwächlich und ungeſund auf die Welt gekom⸗ — — — — 8 8 — X — X X n⸗ r⸗ n⸗ re n e⸗ t⸗ 1, in te, m⸗ 177 men war, hatte ſie kaum diejenige Zuneigung, die eine erkaufte Amme manchmal für ihren Pfleg⸗ ling hat. Es war alſo nicht die Königin Mutter. Es war auch nicht die kleine Königin Marie. Die kleine Königin Marie, etwas vernachläßigt von ihrem Gemahl, zwei Tage vorher durch einen Sturz vom Pferde verwundet, auf einer Longue⸗ chaiſe liegend auf Befehl der Aerzte, die in Folge dieſes Sturzes eine Fehlgeburt fürchteten, die kleine Königin, wie man ſie nannte, war nicht im Stand zu ihrem Gemahl zu kommen, und hatte keinen Grund an ihn ihre Liebkoſungen zu verſchwenden, die übri⸗ gens für alle Diejenigen, welche ſie empfingen, ſo tödtlich waren. Es war alſo Fräulein von St. André. Der König brauchte ſomit das Geſicht das über dem ſeinigen lächelte nicht anzuſehen, um zu rufen: „Charlotte!“ „Ja, mein vielgeliebter König!“ ſagte das junge Mädchen,„Charlotte— Ihr könnt ſogar ſagen meine Charlotte— außer wenn Ihr mir nicht mehr erlauben wolltet zu ſagen: mein Franz.“ „Oh, immer, immer!“ ſagte der junge Fürſt, der ſich erinnerte, um welchen Preis er ſo eben dieſes Recht in der furchtbaren Erörterung mit ſei⸗ ner Mutter erkauft hatte. „Nun wohl, Eure Charlotte kommt um Euch Etwas zu fragen.“ „Was?“ „Wie viel,“ ſagte das junge Mädchen mit einem Dumas, Horoſcop. M. 1 12 178 zauberiſchen Lächeln,„wie viel der Kopf eines Mannes werth iſt, der ſie tödtlich beſchimpft hat?“ Eine lebhafte Röthe bedeckte die bleiche Stirne des Königs, der einen Augenblick zu leben ſchien. „Ein Mann hat Euch tödtlich beſchimpft, meine Liebe?“ fragte er. „Tödtlich.“ „Ah, ah, dieß iſt der Tag der Beſchimpfungen,“ ſagte der König:„denn auch mich hat ein Mann tödtlich beſchimpft; unglücklicher Weiſe kann ich mich nicht rächen. Um ſo ſchlimmer alſo für den Euri⸗ gen, meine ſchöne Freundin,“ ſagte Franz ll. mit dem Lächeln eines Kindes, das einen Vogel er⸗ würgt,„der Eurige wird für Beide bezahlen.“ „Dank, mein König! Ich zweifelte nicht daran, daß, je mehr das junge Mädchen, das Alles für Euch geopfert hat, entehrt worden iſt, Ihr um ſo geneigter ſein würdet für ihre Ehre Partei zu er⸗ greifen.“ „Welche Strafe verlanget Ihr für den Ver⸗ brecher?“ „Hab ich Euch nicht geſagt, daß die Beleidi⸗ gung eine tödtliche ſei?“ „Nun wohl?“ „Nun wohl, auf eine tödtliche Beleidigung ge⸗ bührt die Todesſtrafe.“ „Oh, oh,“ ſagte der Fürſt,„es iſt heute kein Tag der Gnade, Jedermann verlangt den Tod von irgend Jemand. Und welcher Kopf iſt es, den Ihr verlangt? Laßt ſehen, meine ſchöne Grauſame.“ „Ich habe es Euch bereits geſagt, Sire, der Kopf des Mannes der mich beſchimpft hat.“ 179 „Noch einmal,“ ſagte Franz 11. lachend,„um Euch den Kopf dieſes Mannes zu geben, muß ich ſeinen Namen wiſſen.“ „Ich glaubte, daß die Waage des Königs nur zwei Schalen hätte: die des Lebens und die des Todes; die des Unſchuldigen und die des Schul⸗ digen.“ „Aber die Schale des Schuldigen kann mehr oder weniger ſchwer, die des Unſchuldigen mehr oder weniger leicht ſein. Nun wohl, ſprecht, wer iſt der Schuldige? Iſt es wiederum ein Parla⸗ mentsrath wie dieſer unglückliche Dubourg, den man morgen verbrennt? In dieſem Fall ginge die Sache ganz von ſelbſt— meine Mutter iſt im Augenblick voll Haß— man würde zwei verbren⸗ nen ſtatt eines Einzigen, und Niemand würde es bemerken, als der zweite Verbrannte.“ „Nein, es iſt kein Juſtiſmann, Sire, es iſt ein Mann des Degens.“ „Vorausgeſetzt, daß es ſich nicht um die Herrn von Guiſe, um Herrn von Montmorency oder um Euern Vater handelt, können wir ſchon noch zu Stande kommen.“ „Es handelt ſich nicht nur nicht um einen von dieſen drei, ſondern er iſt auch ihr Todfeind.“ „Gut,“ ſagte der König,„jetzt wird Alles von ſeinem Rang abhängen.“ „Von ſeinem Rang?“ „Ja.“ „Ich glaubte, es gebe für einen König keinen Rang, und ihm gehöre Alles was unter ihm ſtehe.“ 12 180 „Oh, meine ſchöne Nemeſis, wie hitzig Ihr dreinfahrt! Glaubt Ihr zum Beiſpiel, daß meine Mutter unter mir ſtehe?“ u ni9 „Ich ſpreche nicht von Eurer Mutter.“ „Daß die Herren von Guiſe unter mir ſtehen?“ Ich ſpreche nicht von den Herren von Guiſe.“ „Daß Herr von Montmorency unter mir ſtehe?“ „Es handelt ſich nicht um den Connetabel.“ Eine Idee dutchzuckte wie ein Blitz den Köpf des Königs. „Ah!“ ſagte er,„und Ihr behauptet, ein Mann habe Euch beſchimpft?“ „Ich behaupte es nicht, ich verſichere es.“ „Wann?“: „Auf meinem eigenen Zimmer, in welches er von Euch hinweg gekommen iſt.“ „Gut,“ ſprach der König,„ich begreife. Es handelt ſich von meinem Vetter, Herrn von Conds?“ „Ganz richtig, Sire.“ „Und Ihr fordert den Kopf des Herrn von Condé von mir?“ „Warum denn nicht?“. „Zum Henker, was fällt Euch denn ein, mein Liebchen! Ein königlicher Prinz!“ nnio „Schöner Fürſt!“ „Der Bruder eines Königs!“ „Schöner König!“ „Mein Vetter!“ „Eben das erſchwert ſeine Schuld; denn da er * 181 zu Eurer Familie gehört, Sire, ſo ſchuldet er Euch einen größeren Reſpect.“ „Mein Liebchen, mein Liebchen, Ihr verlanget viel!“ ſagte der König. „Oh, weil Ihr nicht wißt, was er gethan hat.“ „Doch, ich weiß es.“ „Ihr wißt es?“ „So ſagt mirs.“ „Nun wohl, er hat auf der Treppe des Louvre das Schnupftuch gefunden, das Ihr dort verloren hattet.“ „Weiter?“ „In dieſem Schnupftuch war das Billet, das Lanoue an Euch geſchrieben hatte.“ „Weiter.“ „Dieſes Billet hat er der Frau Admiralin ge⸗ geben.“ „Weiter.“ 3 „Aus Bosheit oder Unvorſichtigkeit hat die Frau Admiralin es im Cirkel der Königin fallen laſſen.“ „Weiter.“ „Herr von Joinville hat es gefunden, und da er glaubte, es handle ſich um eine ganz andere Perſon als um Euch, ſo hat er es der Königin Mutter gezeigt.“ „Weiter.“ „Daher der boshafte Spaß, welcher veranlaßte, daß unter den Augen Eures Vaters und Eures Bräutigams. „Weiter?“ „Wie ſo weiter?“ 182 Ja. „Iſt das noch nicht Alles?“ „Wo war Herr von Condé während dieſer Zeit?“ „Ich weiß es nicht, in ſeinem Hotel oder auf verliebten Abenteuern.“ „Er war nicht in ſeinem Hotel und lief keinen Abenteuern nach.“ „Jedenfalls war er nicht unter Denjenigen die uns umringten.“ „Nein; aber er war im Zimmer.“ „In unſerem Zimmer?“ „In unſerem Zimmer.“ „Wo? ich habe ihn nicht geſehen.“ „Aber er hat uns geſehen! aber er hat mich ge⸗ ſehen!“ „Er hat Euch das geſagt?“ „Und noch viele andere Dinge, wie z. B. daß er in mich verliebt ſei.“ „Daß er in Euch verliebt ſei!“ rief der König mit einem Gebrülle. „Oh, was Das betrifft, ſo wußte ich es wohl, denn er hut es mir ſchon zwanzigmal geſagt oder geſchrieben.“ Franz wurde ſo blaß, als wenn er ſterben wollte. „Und ſeit ſechs Monaten,“ fuhr Fräulein von St. André fort,„ſpaziert er jeden Abend von zehn bis zwölf Uhr unter meinem Fenſter herum.“ „Ha!“ ſagte der König mit dumpfer Stimme, indem er den Schweiß abwiſchte der auf ſeiner Stirne perlte,„Das iſt etwas Anderes.“ „Nun wohl, Sire, iſt der Kopf des Herrn Prin⸗ zen von Condé jetzt leichter geworden?“ 183 „So leicht, daß, wenn ich nicht an mich hielte, der Wind meines Zornes ihn von ſeinen Schultern wehen würde.“ „Und warum haltet Ihr an Euch, Sire?“ „Charlotte, Das iſt eine ſo wichtige Angelegen⸗ heit, daß ich ſie nicht allein entſcheiden kann.“ „Ja, Ihr braucht die Erlaubniß Eurer Mutter, armes Ammenkind, armer König in einem Wickel⸗ zeug!“ Franz warf Derjenigen die ihm dieſe doppelte Beleidigung geſagt hatte einen drohenden Blick zu; aber er begegnete dem Blick des jungen Mädchens, der ebenfalls ſo drohend war, daß er die Augen abwandte. Es geſchah Daſſelbe was bei einem Kampfe ge⸗ ſchieht: die Aneinanderreibung des Eiſens entfernte das Eiſen. Der Stärkere entwaffnete den Schwächeren. Und Jedermann war ſtärker als der arme Franz 1I. „Nun wohl,“ ſagte Franz,„wenn ich dieſer Erlaubniß bedarf, ſo werde ich ſie verlangen, und damit Punktum.“ „Und wenn die Königin Mutter ſie Euch ver⸗ weigert?“ „Wenn ſie mir ſie verweigert!“ ſagte der junge Fürſt, indem er ſeine Maitreſſe mit einem grimmi⸗ gen Ausdruck betrachtete, deſſen man ſein Auge nicht fähig geglaubt hätte. „Ja, wenn ſie Euch die Erlaubniß verweigert?“ Es entſtand eine kurze Pauſe. Nach dieſer —— 184 Pauſe hörte man Etwas wie das Geziſche einer Natter. Es war die Antwort des Königs Franz M. „Ich werde ſie zu entbehren wiſſen,“ fagte er. „Iſt das wahr, was Euer Majeſtät da fagt?“ „So wahr als ich den Prinzen von Condé bis auf den Tod haſſe.“ „Und wie viele Minuten verlangt Ihr von mir, um dieſen ſchönen Racheplan zur Ausführung zu bringen?“ „Ah, ſolche Pläne reifen nicht in einigen Mi⸗ nuten, Charlotte.“ „Wie viele Stunden?“ „Die Stunden gehen ſchnell dahin, und man bringt nichts Gutes zu Stande, wenn man ſich übereilt.“ „Wie viele Tage?“ Franz überlegte. „Ich verlange einen Monat,“ ſagte er. „Einen Monat?“ „Das heißt dreißig Tage?“ „Dreißig Tage.“ „Dreißig Tage und dreißig Nächte alſo?“ Franz I. wollte eben antworten, aber die Ta⸗ pete hob ſich, und der dienſtthuende Offizier meldete: „Ihre Majeſtät die Königin Mutter!“ Der König zeigte ſeiner Geliebten die kleine Alkoventhüre, welche in ein Cabinet führte, das einen eigenen Ausgang auf den Corridor hatte. Das junge Mädchen hatte eben ſo wenig als ihr Geliebter Luſt der Königin Mutter perſönlich 185 die Stirne zu bieten; ſie eilte in der bezeichneten Richtung fort, aber bevor ſie verſchwand, hatte ſie noch Zeit dem König die letzten Worte zuzuwerfen: „Haltet Euer Verſprechen, Sire!“ Der letzte Ton dieſer Worte war noch nicht verhallt, als die Königin Mutter, zum zweiten Mal an dieſem Tag, im Schlafzimmer ihres Sohnes er⸗ ſchien. „. ⸗** Eine Viertelſtunde nach der Hinrichtung Anne Dubourgs glich der Greveplatz, düſter und verlaſſen, nur noch hie und da von einem letzten Aufflackern des Scheiterhaufens beleuchtet, einem großen Kirch⸗ hof, und die Funken, die umherhüpften, erhöhten die Aehnlichkeit, indem ſie jene Irrlichter vorſtellten, die in den langen Winternächten über den Gräbern tanzen. Und dieſe Illuſion wurde noch vervollſtändigt durch zwei Männer, welche langſam und ſtill wie Geſpenſter über den Platz ſchritten. Ohne Zweifel hatten ſie mit ihrem nächtlichen Shiern gewartet, bis die Menge ſich zerſtreut atte. „Nun, Prinz,“ begann einer der beiden Männer, indem er zehn Schritte vom Scheiterhaufen ſtehen blieb und traurig ſeine Arme kreuzte,„was ſagt Ihr von dem was ſo eben vorgefallen iſt?“ „Ich weiß nicht, was ich Euch antworten ſoll, mein Vetter,“ antwortete der Mann, der als Prinz angeredet worden;„aber das weiß ich, daß ich ſchon viele menſchliche Geſchöpfe habe ſterben ſehen; ich 1 3 — 186 habe Todeskämpfen aller Art angewohnt, ich habe zwanzigmal das letzte Röcheln eines Sterbenden ge⸗ hört: nun wohl, Herr Admiral, noch niemals hat, weder der Tod eines tapfern Feindes, noch der Tod einer Frau, noch der Tod eines Kindes einen ſolchen Eindruck auf mich hervorgebracht, wie ich in dem Augenblick empfand wo dieſe Seele die Erde verließ.“ „Was mich betrifft, Prinz,“ ſagte der Admiral, der nicht verdächtig war, wenn er von Muth ſprach, „ſo fühlte ich mich von einem unerklärlichen Schre⸗ cken ergriffen, und wäre ich an der Stelle des Ver⸗ urtheilten geweſen, mein Blut hätte nicht ſchrecklicher in meinen Adern gerinnen können. Mit Einem Wort, mein Vetter,“ fügte der Admiral hinzu, in⸗ dem er den Prinzen beim Fauſtgelenke hielt,„ich habe Furcht gehabt.“ „Jurcht, Herr Admiral,“ ſagte der Prinz, indem er Herrn von Coligny erſtaunt anſchaute,„ſagtet Ihr, Ihr hättet Furcht gehabt, oder habe ich falſch gehört?“ „Ich habe es wirklich geſagt, und Ihr habt recht gehört. Ja, ich habe Furcht gehabt; ja, es iſt mir ein gewiſſer eiſiger Schauer durch die Adern gefah⸗ ren, eine düſtere Ahnung meines nahen Endes hat ſich meines Herzens bemächtigt. Vetter, ich bin überzeugt, daß auch ich eines gewaltſamen Todes ſterben werde.“ „So gebt mir die Hand, Herr Admiral, denn iih hat mir prophezeit, daß ich ermordet werden olle.“ Einen Augenblick ſchwiegen Beide. u v — 187 Sie ſtanden unbeweglich da, gefärbt von einer röthlichen Schattirung, dem Rückſtrahl der letzten Flammen des Scheiterhaufens. Der Prinz von Condé ſchien in eine ſchwer⸗ müthige Träumerei verſunken. Der Admiral von Coligny ſann tief nach. Auf einmal erhob ſich ein Mann von hohem Wuchs und in einen großen Mantel gehüllt vor ihnen, ohne daß ſie in ihrem tiefen Kummer das Getöne ſeiner Schritte gehört hätten. „Wer iſt da?“ fragten die beiden Männer, in⸗ dem ſie zuſammenfuhren und mechaniſch nach ihren Degen griffen. „Ein Mann,“ antwortete der neue Ankömmling, „den Ihr, Herr Admiral, geſtern Abend mit einem Geſpräche beehrt habt, und der beim Weggehen von Cuch wahrſcheinlich ermordet worden ware, wenn der Herr Prinz ihm nicht Hülfe geleiſtet hätte.“ So ſprechend hatte ſich der neue Ankömmling, nachdem er feinen breitrandigen Fils abgenommen und den Admiral gegrüßt, gegen den Prinzen von Condé gekehrt und ſich vor ihm noch tiefer verbeugt, als vor dem Admiral. Der Prinz und der Admiral erkannten ihn. „Der Baron de la Renaudie!“ riefen Beide zugleich. La Renaudie machte ſeinen Arm von dem Mantel los und ſtreckte ihn lebhaft gegen den Admiral aus. Aber ſo raſch ſeine Bewegung war, ſo kam eine dritte Hand der ſeinigen zuvor. Es war die Hand des Prinzen von Condé. ——— „Ihr täuſchet Euch, mein Admiral,„wir ſind zu drei.“ „Iſt es wirklich wahr, mein Sohn?“ rief der Admiral voll Freude. Beim letzten Schimmer des Scheiterhaufens bemerkte man einen Trupp, der über den Platz herkam. „Ah!“ ſagte der Admiral,„da kommt Herr von Mouchy mit ſeinen Leuten. Ziehen wir uns zurück, Freunde, und vergeſſen wir niemals, was wir ſo eben geſehen und beſchworen haben!“ Wie die drei Verſchwörer beim Schein der Flammen Herrn von Mouchy geſehen hatten, ſo hatte Herr von Mouchy auch ſie geſehen, aber ohne ſie zu kennen, da ſie in ihre Mäntel eingehüllt waren. Er gab ſeinen Leuten Befehl auf die verdäch⸗ tige Gruppe zuzugehen. Aber gleich als hätte die Flamme nur auf die⸗ ſen Befehl gewartet, um zu erlöſchen, ſie verſchwand auf einmal, und der Platz kehrte in die tiefſte Dunkelheit zurück. Und in dieſer Dunkelheit verſchwanden die drei künftigen Häupter der proteſtantiſchen Reformation, welche einer um den andern als Opfer des ſo eben geleiſteten Eides fallen ſollten. Vater,“ ſagte er zum Ende. 188* N 5 In unſerem Verlage iſt ſo eben erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Fämmtliche Romane Alexander Dumas. . In ſorgfältiger Uebertragung aus dem Franzöſiſchen. Erſte Abtheilung: Biſtoriſche Romane. Claſſiker⸗Format. In Lieferungen von 5 Bogen à 4 Ngr. oder 12 kr. Dieſe neue Auflage der Romane des unſtreitig jetzt in Deutſchland beliebteſten franzöſiſchen Schriftſtellers wird ſich in Betreff der Ansſtattung ganz an unſere Claſſiker⸗ Ausgabe von Flygare⸗Carlé's Romanen anſchließen und ſomit die ſchönſte und zugleich billigſte aller bis jetzt erſchienenen Ausgaben werden. Die Sammlung hat begonnen mit dem nnübertroffe⸗ nen Romane: Die drei Musketiere, und den dazu gehörigen zwei Fortſetzungen: Zwanzig Jahre nachher, und Der Graf von Bragelonne. 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Dazu kann wohl nichts geeigneter ſein, als das Beiſpiel von Männern, die, meiſt den niedrigſten Ständen entſproſſen, vurch Nachdenken, Sparſam⸗ keit, Fleiß und Ausdauer auf eine Stufe mit den merkwürdig⸗ ſten Männern der Weltgeſchichte ſich erhoben haben. Und wie hitten wir unſere Sammlung beſſer eröffnen können, als mit dem beruhmten Stephenſon, deſſen anziehende Lebens⸗ geſchichte mit der Erfinduna und Geſ bichte der Eiſenbahnen und der wichtigſten ortsverändernden Maſchinen auf's Inniaſte ver⸗ woben iſt? Jedermann wird darin Belehrung und Unterhaltung in vollem Maaße finden Der zweite Band wird die Biographie von James Watt enthalten. Die Sammlung erſcheint in zwangloſen Bänden, von denen jeder einzeln verkauft wird. —— — e — Humoriſtiſche Lektüri, beſonders für Kauflente und Hundlungsiſenbe. Freuden und Leiden“ eines„ Commis Voyagenr. Dritte Auflage. Eleg. geh. mit Titelbild. 20 Ngr. od. fl. 1. rhein. Allen Freunden einer heitern und angenehmen Lek⸗ türe wird ein Buch willkommen ſein, in welchem ein bekannter deutſcher Dichter ſich ein Exemplar Ddes „deutſchen Commis Voyageur“ aus der ſoeialen. Ordnung der Welt zum Vorwurf ſeines Studiums machte und auf ſolch' originelle Weiſe charakteriſirte, daß das Werk gewiß jeden Leſer vollkommen befrievigen wird Reiſende können ſich keine angenehmere Beſchäf⸗ tigung auf ihren Reiſen gewähren, als die Lektüre die⸗ ſes Buchs. Kurzer Auszug aus dem reichen Inhalt des Buchs: Zacharias Hartmann.— Scheiden und Meiden thut weh. Die Revolution im Omnibus.— Küſſe und Stoßſeufzer.— Moraliſcher Katzenjammer.— Die Abfütterung.— Der Blick in das Paradies.— Die Bergſtraße.— Heidelberg und ſein Schloß.— Der Frankfurter.— Der Heimgang vom Bier und der Einzug zum Wein.— Ein Bachusfeſt und deſſen Folgen. — Die Fulder.— Schlechte Geſchäfte.— Die Schwaba⸗ mädle.— Die Reichsſtädter.— Stuttgart— Degerloch.— Der Lieutenant.— Nachtwandler oder Dieb.— Abſchied von Stuttgart.— Der Ehninger Congreß.— Die Ehninger Krä⸗ mer.— Gaſthaus zur Traube.— Der goldene Ochſe in Reut⸗ — lingen.— Urach,— Die rauhe Alp.— Blaubeuren.— ulm. — Ein Weinreiſender— Der glückliche Bräutigam.— Günz⸗ burg.— Die Schinkengeſchichte,— Die ſchöne Wäſcherin.— Augsburg. Trinkgelder.— München.— Der Männerſang. — München, Liebe und Rüböl.— Münchens Sehenswürvig⸗ keiten.— Der Wiſcher.— Bräutigam— Das Räuſchchen.— Handgemenge und Prügel.— Der fatale Mantel.— Wirth und Fremdenbuch.— Die Geſchichte vom Frack.— Das Ren⸗ dezvous.— Die ſchöne Proceſſion.— Der Brief mit einer Naſe.— Das Sängerfeſt.— Der Berliner.— Die Baroneſſe und der Schnurrbart.— Das Vielliebchen— Auf dem Ball und nach dem Ball.— Eine Mutter.— Darmſtadt.— Krä⸗ merſeelen, merkantiliſche Thiere, Geldſäcke und wahre Kauf⸗ leute.— Frankfurt.— Frankfurt, ein klein Paris.— Hom⸗ burg.— Die aufgezwungene Braut.— Die Hochzeit ꝛc. ꝛc. Stuttgart. Franckh'ſche Perlagshandlung.