Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — SLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 0 den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 3 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 5„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen veppflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N———— Das Horoſeop Roman —— 2 von 4 Slerander Dumas. Aus dem Franzöſiſchen — von Dr. G. Fink. 5 Erſter Band. 3 —— Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Prolog. I. Die Landimeſſe. Gegen Mitte Juni des Jahres 1559, an einem herrlichen Sommermorgen, drängte ſich eine Volks⸗ menge, die man etwa auf dreißig bis vierzigtauſend Perſonen ſchätzen konnte, auf dem Sanct⸗Genovefa⸗ platz zuſammen. Ein Menſch, der ganz friſch aus ſeiner Provinz gekommen und auf einmal mitten in die Straße St. Jacques gerathen wäre, wo er dieſe Menge hätte ſehen können, würde ſich gewiß gewaltig den Kopf darüber zerbrochen haben, was dieſe zahlreiche Verſammlung auf dieſem Punkt der Hauptſtadt be⸗ deuten ſolle. Das Wetter war herrlich: man wollte alſo nicht wie im Jahr 1551 das Reliquienkäſtchen der heili⸗ gen Genovefa hervorholen, um das Aufhören des Regens zu erlangen. Es hatte zwei Tage vorher geregnet: man führte alſo nicht das beſagte Reliquienkäſtchen der heiligen Genovefa in Prozeſſion herum, um wie im Jahr 1556 Regen zu erflehen. Man hatte keine unglückliche Schlacht nach Art der von St. Quentin zu beklagen: man zog alſo nicht wie im Jahr 1557 mit dem Reliquienkäſtchen der heiligen Genovefa umher, um den Schutz Got⸗ tes zu erlangen. Nichtsdeſtoweniger war es augenſcheinlich, daß dieſe ungeheure Volksmaſſe, die ſich auf dem Platz der alten Abtei verſammelt hatte, irgend eine große Feier begehen wollte. Aber welche Feier? Sie war nicht religiös, denn, obſchon man da und dort unter der Menge einige Mönchskutten be⸗ merkte, ſo waren dieſe verehrungswürdigen Gewande doch nicht in genügender Anzahl vorhanden, um dem Feſt einen religiöſen Charakter zu geben. Sie war nicht militäriſch, denn der Kriegerſtand war nur ſchwach vertreten, und die anweſenden Mitglieder deſſelben hatten weder Partiſanen noch Musketen. Sie war nicht atiſtokratiſch, denn man ſah über den Köpfen nicht die wappengeſchmückten Fahnen der Edelleute, noch die Federbüſche auf den Cas⸗ ketten der vornehmen Herren flattern. Was in dieſer tauſendfarbigen Menge, wo Edel⸗ leute, Mönche, Diebe, Bürgersfrauen, Freudenmäd⸗ chen, Greiſe, Hanswurſte, Zauberer, Zigeuner, Hand⸗ werker, Bettelreimer, Verkäufer von Kräuterbier, die Einen zu Pferd, die Andern zu Mauleſel, Dieſe zu Eſel, Jene in Kutſchen— man hatte juſt in die⸗ ſem Jahr die Kutſchen erfunden— ſich unter ein⸗ ander drängten, und deren Mehrzahl gleichwohl hin und herging, ſich herumſtieß, herumwimmelte und ſich abmühte, um in den Mittelpunkt des Platzes zu ge⸗ ——— 5 langen; was, ſagen wir, in dieſer Menge vor⸗ herrſchte, das waren die Studenten: Studenten der vier Nationen, Schotten, Engländer, Franzoſen, Italiener. Es verhielt ſich in der That ſo: man hatte den erſten Montag nach dem St. Barnabastag, und dieſe ganze Menge war verſammelt, um auf die Landimeſſe zu gehen. Aber vielleicht verſtehen die Leſer dieſes Wort nicht, das der Sprache des ſechzehnten Jahrhunderts angehört. Erklären wir ihnen alſo, was die Landi⸗ meſſe war. Gebt Achtung, liebe Leſer, wir müſſen jetzt Ety⸗ mologie treiben, nicht mehr und nicht weniger als ein Mitglied der Academie der Inſchriften und ſchö⸗ nen Wiſſenſchaften. Das lateiniſche Wort indictum bedeutet einen Tag und Ort, die für irgend eine Volksverſamm⸗ lung indicirt oder bezeichnet ſind. Das i wurde Anfangs in e, dann ſpäter blei⸗ bend in a verwandelt. Man ſagte alſo ſtatt indic⸗ tum nach einander: Pindit, bendit, dann Tandit und endlich landit. Daraus folgt, daß dieſes Wort Tag und Ort bedeutet, die zu einer Verſammlung bezeichnet ſind. Zur Zeit Carls des Großen, des in Aachen re⸗ ſidirenden Teutonenkönigs, zeigte man den Pilgern jedes Jahr einmal die heiligen Reliquien in der Kapelle. Carl der Kahle verſetzte dieſe Reliquien von Aachen nach Paris, und man zeigte ſie dem Volk einmal im Jahr auf einem Markt, der in der Nähe des Boulevards St. Denis abgehalten wurde. Der Biſchof von Paris, welcher fand, daß bei der zunehmenden Frömmigkeit der Gläubigen das Markt⸗ feld in keinem Verhältniß zu der Menge der Her⸗ beiſtrömenden ſtand, verlegte das Landifeſt in die Ebene von St. Denis. Die Geiſtlichkeit von Paris brachte die Reliquien in Proceſſion dahin; der Biſchof predigte daſelbſt und ertheilte dem Volk ſeinen Segen; aber es ver⸗ hielt ſich mit dem Segen wie mit den Gütern des Nebenmenſchen oder den Früchten des Nachbars: nicht Jeder der will kann ihn ertheilen; die Geiſt⸗ lichen von St. Denis behaupteten, ihnen allein ſtehe auf ihrem Gebiete das Recht der Segnung zu, und ſie verklagten den Biſchof beim Parlament von Paris wegen Eingriffs in ihre Gerechtſame. Die Sache wurde von beiden Seiten hartnäckig und mit ſolcher Beredtſamkeit verfochten, daß das Parlament, da es nicht wußte, wem es Recht geben ſollte, allen beiden Unrecht gab, und in Anbetracht der Unrehen, die ſie veranlaßten, ſowohl den Bi⸗ ſchöfen auf der einen als den Abbés auf der an⸗ dern Seite verbot ſich auf der Landimeſſe blicken zu laſſen. Der Rector der Univerſität war es, der die in Anſpruch genommenen Vorrechte ererbte: er hatte das Recht ſich alljährlich am erſten Montag nach St. Barnabas auf die Landimeſſe zu begeben, um da⸗ ſelbſt das nothwendige Pergament für alle ſeine Collegen auszuwählen; den auf dem Markt ſitzen⸗ den Kaufkeuten war ſogar verboten auch nur ein einziges Blatt zu verkaufen, bevor der Herr Rer⸗ tor alle ſeine Einkäufe gemacht hatte. Dieſer Spaziergang des Rectors, der mehrere Tage dauerte, brachte die Studenten auf die Idee ihn zu begleiten, und ſie erſuchten ihn um Erlaub⸗ niß. Sie wurde ihnen gewährt, und von dieſem Augenblick an wurde die Reiſe alljährlich mit allem Pomp und aller Pracht veranſtaltet, die man ſich nur denken kann. Profeſſoren und Studenten verſammelten ſich zu Pferd auf dem St. Genovefaplatz und zogen von da in guter Ordnung auf das Marktfeld. Die Cavalcade kam ziemlich ruhig an ihrem Beſtim⸗ mungsort an, dort aber ſchloſſen ſich ihnen alle Zigeuner und Hexenmeiſter— man zählte ihrer damals dreißigtauſend in Paris— alle zweideuti⸗ gen Frauenzimmer— die Zahl von dieſen hat noch nie ein Statiſtiker angegeben— in Mannskleidern ſo wie ſämmtliche Fräulein vom Val⸗d'Amour, von Chaud⸗Gaillard, von der Straße Froid⸗Mantel an; eine wahre Armee, ähnlich jenen großen Völkerwan⸗ derungen vom vierten Jahrhundert, nur mit dem Unterſchied, daß dieſe Damen keine Barbarinnen oder Wilde, ſondern vielmehr nur allzu civiliſirt waren. Auf der Ebene St. Denis machte Jeder Halt, ſtieg von ſeinem Pferd, ſeinem Eſel oder Maul⸗ thiere, ſchüttelte einfach den Staub von ſeinen Stiefeln, Schuhen und Camaſchen ab, wenn er zu Fuß gekommen war, miſchte ſich in die ehrenwerthe Geſellſchaft und verſuchte auf ihren Ton einzuge⸗ hen oder ihn zu ſteigern. Man ſetzte ſich, man oß denten nicht mehr in corpore der Landimeſſe anzu⸗ Blutwürſte, Bratwürſte und Paſteten, man trank auf die blumigen Wangen der Damen ſchreckliche Quantitäten weißer Weine von allen Hügeln der Umgegend, von St. Denis, la Briche, Cpinay⸗lez⸗ St. Denis und Argenteuil. Die Köpfe wurden warm bei den Liebesreden und Trinkſprüchen, dann entſtand ein Lärm, Geſchrei und Gejohle, es wur⸗ den Wettkämpfe im Trinken gehalten, die Zecher forderten immer mehr und mehr, ſie behaupteten, ein rechter Kellner müßte wie Briareus hundert Hände haben, um unermübdlich einſchenken zu kön⸗ nen. Kurz und gut, man führte förmlich das fünfte Capitel von Gargantua auf. Die ſchöne Zeit oder vielmehr, das müßt Ihr ſelbſt zugeben, die luſtige Zeit, wo Rabelais, Pfar⸗ rer von Meudon, den Gargantua, und wo Brantome, Abt von Bourdeille, die galanten Damen ſchrieb. War man einmal betrunken, ſo ſang man, um⸗ armte ſich, fing Händel an, machte taufend Tollhei⸗ ten, verhöhnte die Vorübergehenden. Man mußte ſich doch luſtig machen, zum Teufel! Man knüpfte daher mit dem erſten beſten An⸗ kömmling, der unter die Hand fiel, Geſpräche an, die je nach dem Charakter der Leute mit Gelächter, Beleidigungen oder Prügeln endeten. Es waren zwanzig Parlamentsbeſchlüſſe nöthig, um dieſem Unfug zu ſteuern; zuletzt mußte man verſuchsweiſe die Meſſe aus der Ebene in die Stadt St. Denis ſelbſt verlegen. Im Jahr 1550 wurde beſchloſſen, daß die Stu⸗ 9 wohnen, ſondern dieſelbe blos durch Deputationen von zwölf Mann für jedes der vier Nationalcolle⸗ gien, wie man ſie damals nannte, und zwar die Profeſſoren mit inbegriffen, zu beſchicken hätten. Aber da geſchah Folgendes: Die nicht zugelaſſenen Studenten legten ihre Univerſitätskleider a„Jogen kurze Mäntelchen an, ſetzten farbige Hüte auf, trugen zerfetzte Strümpfe, fügten, um dieſen Saturnalien Ehre zu machen, den Degen, der ihnen verboten war, zu dem Dolch, den zu tragen ſie ſich ſeit unvordenklichen Zeiten das Recht angemaßt hatten, und zogen auf allen mögli⸗ chen Straßen nach dem Sprichwort: Jeder Weg führt nach Rom, nach St. Denis; da ſie nun unter ihren Masken der Wachſamkeit ihrer Lehrer entgingen, ſo wurde der Unfug noch unendlich grö⸗ ßer als vor der Ordonnanz, die man erlaſſen hatte um ihm zu ſteuern. Man war alſo im Jahr 1559, und wenn man die Ordnung ſah, womit das Collegium ſich in Marſch zu ſetzen begann, ſo hätte man auf hundert Meilen nicht an die Ausſchweifungen gedacht, denen es ſich überlaſſen ſollte, ſobald es einmal angekom⸗ men war. Dießmal alſo zog wie gewöhnlich die Cavalcade in ziemlich guter Ordnung auf, kam in die große Rue St. Jacques, ohne allzu viel Lärm zu machen, ſtieß vor dem Chatelet angelangt eines jener Ver⸗ wünſchungshurrahs aus, zu denen nur Pariſer Volkshaufen fähig ſind— denn die Hälfte der Mit⸗ glieder, welche die Verſammlung bildeten, kannte gewiß die unterirdiſchen Gefängniſſe dieſes Monu⸗ 10 ments anders als vom bloßen Hörenſagen— und nach dieſer Kundgebung, welche immerhin eine kleine Herzenserleichterung war, drang ſie in die Rue St. Denis. Laß uns ihr vorangehen, geneigter Leſer, und ſodann in der äbtlichen Stadt St. Denis Platz nehmen, um daſelbſt einer Epiſode des Feſtes an⸗ zuwohnen, welche ſich an die Geſchichte knüpft, die zu erzählen wir unternommen haben. Das officielle Feſt war allerdings in der Stadt, in der Hauptſtraße der Stadt ſelbſt; in der Stadt und beſonders in der Hauptſtraße war es, wo die Barbiere, die Bierwirthe, Tapetenmacher, Krämer, Weißzeughändlerinnen, Kummetmacher, Sattler, Sailer, Spornmacher, Lederhändler, Weißgerber, Rothgerber, Schuhmacher, Muldenmacher, Tuch⸗ macher, Wechsler, Goldſchmiede, Gewürzkrämer und beſonders die Schenkwirthe in hölzernen Buden, die ſie ſchon zwei Monate vorher hatten erbauen laſ⸗ ſen, ihren Geſchäften oblagen. Wer vor etwa zwanzig Jahren dem Markt von Beaucaire oder, noch einfacher, vor zehn Jahren dem Jahrmarkt von St. Germain angewohnt hatte, der kann ſich einen Begriff von der Landimeſſe machen, wenn er das Gemälde, das er in dieſen beiden Localitäten geſehen, auf rieſige Verhältniſſe ausdehnt. Wer aber regelmäßig jedes Jahr dieſe ſelbe Landimeſſe beſuchte, die man noch in unſern Tagen in der Unterpräfectur der Seine feiert, der kann ſich, wenn er ſieht was ſie jetzt iſt, ſchlechterdings 11 keine Vorſtellung von dem machen, was ſie früher war. Statt dieſer düſtern ſchwarzen Kleider, die bei allen Feſten unwillkürlich als eine Erinnerung an Trauer, als eine Proteſtation der Traurigkeit, der Königin dieſer armen Welt, gegen die Heiterkeit, die nur als Uſurpatorin erſcheint, ſelbſt die am wenigſten Melancholiſchen wehmüthig ſtimmen, ſchim⸗ merte dieſe ganze Maſſe in hellen Tuchtleidern, in Gold⸗ und Silberſtoffen mit Borten, Treſſen, Fe⸗ dern, Bändern, Sammt, golddurchwirktem Tafft, Atlas mit Silberlahn; dieſe ganze Menge, ſagen wir, futelte in der Sonne und ſchien ihr ihre glühendſten Strahlen in Blitzen zurückzuſenden; in der That war niemals ein ähnlicher Luxus von den oberſten bis in die unterſten Schichten der Geſellſchaft entfaltet worden, und obſchon ſeit dem Jahr 1543 zuerſt Franz l. und dann Heinrich IV. zwanzig Lurusgeſetze erlaſſen hatten, ſo waren die⸗ ſelben doch niemals zur Ausführung gekommen. Die Erklärung dieſes unerhörten Luxus iſt höchſt einfach. Die Entdeckung der neuen Velt durch Columbus und Americus Veſpucius, ſo wie die Kriegszüge eines Fernando Cortez und Pizarro nach dem berühmten Königreich Cathay, das won Warco Polo angezeigt worden, hatten eine ſolche Menge baar Geld nach ganz Europa geworfen, daß ein Schriftſteller dieſes Jahrhunderts ſich über das Ueberfluthen des Luxus ſo wie über das Steigen der Waarenpreiſe beklagt, die ſich, wie er behaup⸗ 3 binnen achtzig Jahren mehr als vervierfacht hatten. 12 Inzwiſchen war die pittoreske Seite des Feſtes nicht in St. Denis ſelbſt. Zwar hatte die Ordon⸗ nanz des Parlaments es in die Stadt verlegt, aber die unendlich mächtigere Ordonnanz des Volkes hatte es an den Fluß verſetzt. Somit war die Meſſe in St. Denis, das Feſt aber am Ufer. Da wir nichts zu kaufen haben, ſo wollen wir uns hiemit an das Ufer unterhalb der Inſel St. Denis Ee um allda zu ſehen und zu hören, wie es zugeht. Die Cavalcade, die wir vom St. Genovefaplatz aus die Rue St. Jacques hinabziehen, das Chate⸗ let mit einem Hurrah begrüßen und von da in die Rue St. Denis einmünden ſahen, hatte zwiſchen eilf und halb zwölf ihren Einzug in der königlichen Necropole gehalten; ſodann entwiſchten die Stu⸗ denten gleich Schafen, die man bei ihrer Ankunft auf der Wieſe in Freiheit läßt, ihren Profeſſoren, und ergoſſen ſich theils über die Felder, theils über die Stadt, theils über das Seineufer hin. Es war, das muß man geſtehen, für ſorgloſe Herzen— dergleichen es auch jetzt noch, obſchon nur wenige, gibt— ein herrlicher Anblick, da und dort im Sonnenſchein, auf dem Gras des Uferrandes, eine Meile in der Runde friſche Studenten von zwanzig Jahren zu den Füßen ſchöner junger Mäd⸗ chen mit Schnürleibchen von rothem Atlas, Wan⸗ gen von roſenfarbigem Atlas und Hälſen von wei⸗ ßem Atlas liegen zu ſehen. Die Augen Boccoacios mußten den äzurnen Tep⸗ pich des Himmels durchdringen und liebevoll auf dieſen gigantiſchen Decameron herabſchauen. „——— — 13 Der erſte Theil des Tages verging ganz gut. Man hatte warm und trank. Man hatte Hunger und aß. Man ruhte ſitzend oder liegend aus. Dann begannen die Unterhaltungen lärmend zu werden und die Köpfe ſich zu erhitzen. Gott weiß, wie viele Weintöpfe gefüllt und geleert, wieder ge⸗ füllt und wieder geleert, aufs Neue gefüllt und zuletzt zerſchlagen wurden, worauf man einander die Scherben an die Köpfe warf. So kam es, daß gegen drei ht das Ufer mit theils ganzen, theils zerbrochenen Töpfen und Tel⸗ lern, mit vollen und leeren Taſſen, mit Paaren, die in zärtlicher Umarmung auf dem Raſen lagen, mit Chemännern, die fremde Frauenzimmer für ihre Weiber, mit Weibern, die ihre Liebhaber für ihre Männer nahmen, bedeckt, daß, ſagen wir, das Ufer, das kaum noch grün, friſch geweſen und wie ein Dorf am Arnoſtrande gefunkelt hatte, jetzt einer Teniersſchen Landſchaft glich, die einer flämiſchen Kirchmeß als Rahmen diente. Auf einmal erhob ſich ein furchtbares Geſchrei: „Ins Waſſer! ins Waſſer!“ rief man. Alles erhob ſich, das Geſchrei wurde immer ärger. „Ins Waſſer mit dem Ketzer! ins Waſſer mit dem Proteſtanten! ins Waſſer mit dem Hugenotten! ins Waſſer mit dem Gottloſen! ins Waſſer, ins Waſſer, ins Waſſer!“ „Was gibt es denn?“ riefen zwanzig, hundert, tauſend Stimmen. „Er hat Gott geläſtert, er hat an der Vorſehung gezweifelt, er hat geſagt, es werde regnen.“ So unſchuldig dieſe Anklage auf den erſten Blick erſcheinen mochte, ſo rief ſie doch eine unge⸗ heure Aufregung unter der Menge hervor. Die Menge amüſirte ſich und wäre wüthend geweſen, wenn ein Gewitter ſie in ihren Luſtbarkeiten geſtört hätte. Die Menge hatte ihre Sonntagskleider an und wäre wüthend geweſen, wenn der Regen ihre Sonntagskleider verderbt hätte. Das Geſchrei in Folge dieſer Aufklärung wurde daher immer ärger. Man näherte ſich dem Ort, woher die Stimmen kamen, und allmählig drängte ſich ein ſo dichter Volkshaufen dort zuſammen, daß ſelbſt der Wind Mühe gehabt hätte durchzukommen. Inmitten dieſer Gruppe, die beinahe von ſich ſelbſt erſtickt wurde, kämpfte ſich ein junger Menſch von etwa zwanzig Jahren ab, in dem man leicht einen vermummten Studenten erkannte; mit blaſſen Wangen, bleichen Lippen, aber geballten Fäuſten ſchien er darauf zu warten, daß kühnere Angreifer als die andern, ſtatt ſich mit bloßem Geſchrei zu begnügen, wirklich Hand an ihn legten, und dann wollte er Alles zu Boden ſchlagen, was ihm unter die beiden Streitkolben geriethe, die ſeine geſchloſ⸗ ſenen Fäuſte bildeten. Er war ein großer Blondin, aber ziemlich ma⸗ ger und leibarm; er ſah aus wie eines der als Herrn verkleideten galanten Jüngfernchen, von denen wir ſo eben ſprachen; ſeine Augen mußten, wenn ſie geſenkt waren, die außerordentlichſte Ehr⸗ lichkeit anzeigen, und wenn die Demuth eine menſch⸗ liche Geſtalt angenommen hätte, ſo würde ſie keinen 5 15 andern Typus gewählt haben als denjenigen, wel⸗ chen das Geſicht dieſes Jünglings darbot. Welches Verbrechen konnte er doch begangen haben, daß dieſer ganze Volkshaufe ihm zu Leibe wollte, daß dieſe ganze Meute hinter ihm herbellte, daß all dieſe Arme ſich ausſtreckten, um ihn ins Waſſer zu werfen? I. Worin erklärt iſt, warum es, wenn's am St. Medar- dustag regnet, vierzig Cage ſpäter regnet. Wir haben es im vorſtehenden Capitel geſagt, er war Hugenott und hatte erklärt, daß es regnen würde. Die Sache war ganz einfach, wie ihr ſehen werdet, und ging folgendermaßen zu. Der junge Blondin, der einen Freund oder eine Freundin zu erwarten ſchien, ging am Ufer hin ſpazieren. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und ſchaute ins Waſſer; dann, als er das Waſſer lange genug angeſchaut hatte, ſchaute er auf den Raſen; endlich, nachdem er den Raſen zur Genüge betrachtet, ſchlug er die Augen auf und ſah zum Himmel empor. Man kann allerdings finden, daß dieß eine ein⸗ tönige Beſchäftigung war, aber man wird geſtehen müſſen, daß ſie harmlos war. Gleichwohl ſtießen ſich einige der Perſonen, welche das Landifeſt nach ihrer Weiſe feierten, daran, daß dieſer junge Mann es nach der ſeinigen feierte. Seit ungefähr einer halben Stunde hatten mehrere Spießbürger, ver⸗ miſcht mit Studenten und Handwerkern, deutlich ge⸗ nug verrathen, daß ſie ſich über die dreifachen Be⸗ trachtungen des jungen Mannes ärgerten; ſie är⸗ gerten jich um ſo mehr, als dieſer ſelbe junge Mann ihnen nicht die mindeſte Beachtung zu ſchen⸗ ken ſchien. „Ah,“ ſagte eine Mädchenſtimme,„ich bin nicht neugierig, aber ich möchte doch gerne wiſſen, warum dieſer junge Menſch ſo hartnäckig zuerſt das Waſ⸗ ſer, dann die Erde und dann den Himmel anſieht.“ „Du willſt es wiſſen? meine Herzensperrette?“ fragte ein junger Spießbürger, welcher galant den Wein aus dem Glas der Dame und die Liebe aus ihren Augen trank. „Ja, Landry, und ich werde demjenigen, der mirs ſagt, einen tüchtigen Kuß geben.“ „Ach, Perrette, ich wollte, daß Du für einen ſo füßen Lohn etwas Schwierigeres forderteſt.“ „Ich will mich mit dem begnügen.“ „Verſprich mirs noch einmal.“ „Da haſt Du meine Hand.“ Der junge Spießbürger küßte die Hand des jungen Mädchens und erhob ſich mit den Worten: „Du ſollſt es ſogleich erfahren.“ Sofort ſchritt er auf den einſamen und ſtummen Betrachter zu. „He da, junger Mann,“ redete er ihn an, „ohne Euch befehlen zu wollen, warum ſchaut Ihr denn en Raſen ſo an? Habt Ihr Etwas ver⸗ loren?“ Als der junge Mann bemerkte, daß man ihn 17 meinte, drehte er ſich um, nahm höflich ſeinen Hut ab und antwortete mit der größten Freundlichkeit: „Ihr täuſcht Euch, mein Herr, ich ſah nicht auf den Raſen, ſondern in den Fluß.“ Nach dieſen wenigen Worten drehte er ſich wie⸗ der auf die andere Seite. Meiſter Landry war ein wenig verblüfft; er hatte keine ſo höfliche Antwort erwartet. Dieſe Höflichkeit rührte ihn. Er kehrte zu ſeiner Geſellſchaft zurück und kratzte ſich hinter dem Ohr. „Nun wohl?“ fragte ihn Perrette. „Nun wohl, wir täuſchten uns,“ ſagte Landry in ziemlich kläglichem Tone,„er ſah nicht den Ra⸗ ſen an.“ „Was denn?“ „Den Fluß.“ Man lachte dem Boten unter die Naſe, ſo daß ihm die Schamröthe ins Geſicht ſtieg. „Und Ihr habt ihn nicht gefragt, warum er in den Fluß ſchaue?“ fragte Perrette. „Nein,“ antwortete Landry;„er war ſo höflich, daß ich dachte, es wäre unbeſcheiden noch eine zweite Frage an ihn zu richten.“ „Zwei Küſſe Jedem, der ihn fragt, warum er in den Fluß ſchaue?“ ſagte Perrette. Drei oder vier Liebhaber erhoben ſich. Aber Landry gab durch ein Zeichen zu verſte⸗ hen, daß er die Sache einmal angefangen habe und folglich auch zu Ende bringen müſſe. Man gab die Richtigkeit ſeiner Forderung zu. Er wandte ſich alfo von Neuem gegen den jun⸗ gen Blondin und redete ihn zum zweiten Mal an. Dumas, Horoſcop. J. 2 da, junger Mann,“ fragte er ihn,„he da, junger Mann, warum ſeht Ihr denn ſo in den Fluß hinein?“ Die vorige Scene erneuerte ſich wieder. Der junge Mann drehte ſich um, nahm ſeinen Hut ab und antwortete fortwährend höflich: Eniſchuſhgen Sie mich, mein Herr, ich ſah nicht den Fluß an, ſondern den Himmel.“ Nach dieſen Worten ſalutirte der junge Mann und begab ſich auf die andere Seite. Aber Landry, der ſchon durch dieſe zweite Ant⸗ wort aus ſeiner Faſſung gebracht worden war wie vor⸗ her durch die erſte, glaubte ſeine Ehre im Spiel, und da er ſeine Geſellſchaft laut lachen hörte, ſo faßte er Muth, nahm den Studenten an ſeinem Mantel und ſagte dringend zu ihm: „Dann, junger Mann, wollt Ihr mir vielleicht gefälligſt ſagen, warum Ihr den Himmel anſehet?“ „Mein Herr,“ antwortete der junge Mann, „wollt Ihr mir gütigſt ſagen, warum Ihr mich das fraget?“ „Nun wohl, ich will mich offen gegen Euch er⸗ klären, junger Mann.“ „Das ſoll mich freuen, mein Herr.“ „Ich frage es Euch, weil meine Geſellſchaft ſich darüber ärgert, daß Ihr ſeit einer Stunde unbe⸗ weglich wie ein Klotz daſtehet und immer die glei⸗ chen Bewegungen machet.“ „Mein Herr,“ antwortete der Student,„ich bin unbeweglich, weil ich einen Freund erwarte. Ich bleibe ſtehen, weil ich ihn beim Stehen aus größe⸗ rer Ferne kommen ſehe. Da er nun nicht kommt we Vi bü gle der a, uß er ab ah in t⸗ T nd er nd ht 2 n, it 19 und das Warten mich langweilt, da ferner die Langeweile mich zum Gehen veranlaßt, ſo ſehe ich auf den Boden, um meine Schuhe nicht an den Scherben zu zerreißen, womit der Raſen überſäet iſt; wenn ich dann lang genug auf den Boden ge⸗ ſehen habe, ſo ſehe ich in den Fluß; endlich, wenn ich lang genug in den Fluß geſehen habe, ſo ſehe ich zum Himmel hinauf.“ Der Spießhürger nahm dieſe Erklärung nicht für Das was ſie war, nämlich für die reine und einfache Wahrheit, ſondern glaubte ſich myſtificirt und wurde roth wie die Klatſchroſen, die man von Ferne in den Klee⸗ und Kornfeldern ſchimmern ſah. „Und gedenket Ihr, junger Mann,“ fragte er, indem er ſich herausfordernd auf ſeine linke Hüfte ſtützte und gewaltig in die Bruſt warf,„gedenket Ihr dieſe langweilige Beſchäftigung noch lange zu treiben?“ „Ich gedachte ſie noch bis zu dem Augenblick zu treiben, wo mein Freund zu mir kommen würde, mein Herr, aber“— der junge Mann ſchaute zum Himmel empor—„ich glaube nicht, daß ich war⸗ ten kann, bis es ihm gefällig iſt...“ „Und warum wollt Ihr nicht auf ihn warten?“ „Weil es dergeſtalt regnen wird, mein Herr, daß weder Sie, noch ich, noch ſonſt Jemand in einer Viertelſtunde noch im Freien bleiben können.“ „Ihr ſagt, es weide regnen?“ fragte der Spieß⸗ bürger mit der Miene eines Menſchen, welcher glaubt, daß man ſich über ihn luſtig mache. „Ja, und zwar tüchtig, mein Herr,“ antwortete der junge Mann ruhig. 2* 20 3„Ihr wollt ohne Zweifel ſpaſſen, junger Mann?“ „Ich ſchwöre Euch, daß ich nicht die geringſte Luſt dazu habe.“ „Dann wollt Ihr Euch über mich luſtig machen?“ fragte der Spießbürger erbittert. „Mein Herr, ich gebe Euch mein Wort, daß ich dazu eben ſo wenig Luſt habe als zu einem Spaſſe.“ „Warum ſagt Ihr mir dann, es werde regnen, während das Wetter doch herrlich iſt?“ heulte Landry, der immer hitziger wurde. „Ich ſage aus drei Gründen, daß es demnächſt regnen werde.“ „Könntet Ihr mir dieſe drei Gründe anführen?“ „Allerdings, wenn es Euch Freude macht.“ „Es macht mir Freude.“ Der junge Mann ſalutirte höflich und mit einer Miene, welche beſagen wollte:„Ihr ſeid ſo liebens⸗ Ehctit⸗ mein Herr, daß ich Euch Nichts abſchlagen ann.“ „Ich erwarte Eure drei Gründe,“ ſagte Landry mit geballten Fäuſten und zähneknirſchend. „Der erſte, mein Herr,“ ſprach der junge Mann, bbeſteht darin: Da es geſtern nicht geregnet hat, po iſt dieß ein Grund, daß es heute regnen wird.“ „Ihr verhöhnt mich, mein Herr?“ „Ganz und gar nicht.“ „Nun denn, laßt den zweiten hören.“ „Der zweite beſteht darin, daß der Himmel die ganze Nacht wie auch den ganzen Morgen überzo⸗ gen war und es noch in dieſem Augenblick iſt.“ „Weil der Himmel überzogen iſt, ſo iſt das noch ein Grund, daß es regnen wird, verſteht Ihr mich?“ 20 ſte 27 ich n, lte hſt 24 21 „Es iſt wenigſtens eine Wahrſcheinlichkeit.“ „Gebt jetzt Euren dritten Grund zum Beſten: nur ſage ich Euch zum Voraus, wenn er nicht beſ⸗ ſer iſt als die zwei erſten, ſo werde ich böſe.“ „Wenn Ihr böſe würdet, mein Herr, ſo müßtet Ihr einen abſcheulichen Character haben.“ „Ah! Ihr ſagt, ich habe einen abſcheulichen Character?“ „Mein Herr, ich ſpreche in der bedingten Zeit und nicht im Präſens.“ „Der dritte Grund, mein Herr? Der dritte Grund?“ „Der dritte Grund zum Regnen iſt, daß es reg⸗ net, mein Herr.“ „Ihr behauptet, daß es regne?“ „Ich behaupte es nicht blos, ſondern ich ver⸗ ſichere es.“ „Nein, das iſt unerträglich!“ ſagte der Spieß⸗ bürger außer ſich. „Es wird ſogleich noch unerträglicher werden,“ ſagte der junge Mann. „Und Ihr glaubt, daß ich mir das gefallen laſſe?“ rief der Spießbürger ſcharlachroth vor Wuth. „Ich glaube, daß Ihrs Euch ſo gut gefallen aſſen müßt wie ich,“ ſagte der Student,„und wenn ich Euch einen Rath ertheilen darf, ſo machet es wie ich: ſuchet eine Unterkunft.“ „Ha, das iſt zu ſtark!“ heulte der Spießbürger, indem er ſich gegen ſeine Geſellſchaft zurückwandte. Dann rief er denjenigen, die im Bereich ſeiner Stimme waren, zu: „Kommt Alle hieher! kommt, kommt!“ Regen wünſche, da ich ſonſt eben ſo naß würde wie nen Ruf herbeieilte. „Was gibt es?“ fragten die Frauenzimmer mit gellenden Stimmen. „Was iſt los?“ fragten die Männer mit heiſe⸗ ren Stimmen. „Was es gibt?“ ſagte Landry, als er ſich un⸗ terſtützt ſah,„es gehen da ganz unglaubliche Sa⸗ chen vor.“ „Was denn?“ „Dieſer Herr will mich ganz einfach am hellen Mittag die Sterne ſehen laſſen.“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann mit der größten Sanftmuth;„ich habe Euch im Gegentheil geſagt, der Himmel ſei ſchrecklich überzogen.“ „Das iſt zine Figur, Herr Student,“ verſetzte Landry,„verſteht Ihr mich, das iſt eine Figur.“ „In dieſem Fall iſt es eine ſchlechte Figur.“ „Ihr ſagt, daß ich eine ſchlechte Figur mache!“ heulte der Spießbürger, dem das Blut zu den Oh⸗ ren drang, ſo daß er obſichtlich oder unwillkürlich ſchlecht hörte.„Ha, das iſt zu ſtark, meine Herrn! Ihr ſehet ganz deutlich, daß dieſer Schlingel da ſich über uns luſtig macht.“ „Daß er ſich über Euch luſtig macht,“ ſagte eine Stimme,„nun ja, das iſt möglich.“ „Ueber mich wie über Euch und uns Alle; er iſt ein Witzbold, der blos Poſſen im Kopf hat und Euch zum Schabernack einen Regen herbeiwünſcht.“ „Mein Herr, ich ſchwöre Euch, daß ich keinen Er ſchien ſo wüthend, daß Jedermann auf ſei⸗ ſei⸗ mit iſe⸗ un⸗ SG⸗ ie 23 Ihr, ja ſogar noch näſſer, weil. ich drei oder vier Zoll mehr habe als Ihr.“ „Ihr wollt alſo ſagen, daß ich ein Knirps ſei?“ „Das iſt mir nicht eingefallen, mein Herr.“ „Ein Zwerg?“ „Das wäre eine ungerechtfertigte Beleidigung. Ihr habt beinahe fünf Fuß, mein Herr.“ „Ich weiß nicht, warum ich Dich nicht ins Waſ⸗ ſer werfe!“ ruft Landry. „Ach ja, ins Waſſer! ins Waſſer!“ ſagten meh⸗ rere Stimmen. „Wenn Ihr mich ins Waſſer werfet, mein Herr,“ ſagte der junge Mann mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Höflichkeit,„ſo würdet Ihr nichtsdeſtoweniger naß werden.“ Da der junge Mann durch dieſe Antwort be⸗ wieſen hatte, daß er für ſich allein mehr Geiſt be⸗ ſaß als alle Andern, ſo kehrten ſich alle Andern gegen ihn. Ein großer Kerl trat heran und ſagte halb ſpöttiſch, halb drohend zu ihm: „Sag einmal, Du Spitzbube, warum behaupteſt Du, daß es in dieſem Augenblick regne?“ „Weil ich Tropfen geſpürt habe.“ „Tropfen!“ rief Landry.„Wenn es Tropfen regnet, ſo iſt Dieß noch kein ſtarker Regen, und er hat ausdrücklich geſagt, daß es tüchtig regnen werde.“ „Du ſtehſt alſo mit einem Aſtrologen in Ver⸗ bindung?“ ſagte der große Kerl. „Ich ſtehe mit Niemand in Verbindung, mein Herr,“ antwortete der junge Mann, der ſich zu är⸗ S anfing,„nicht einmal mit Euch, der Ihr mich utzet.“ 24 „Ins Waſſer! ins Waſſer!“ riefen mehrere Stimmen. In dieſem Augenblick war es, daß der Student, als er den Sturm heftiger werden ſah, ſeine Fäuſte ballte und ſich zum Kampf vorbereitete. Der Kreis um ihn her begann ſich zu verdichten. „Ei, ſieh da,“ ſagte Einer der neu Angekom⸗ menen,„es iſt Medardus.“ „Was iſts mit Mebardus?“ fragten mehrere Stimmen. „Dieß iſt der Heilige, deſſen Feſt wir heute feiern,“ verſetzte ein Spaßvogel. „Schon gut,“ ſagte derjenige, der den jungen Mann erkannt hatte,„dieſer da iſt kein Heiliger, ſondern vielmehr ein Ketzer.“ „Ins Waſſer mit dem Ketzer!“ rief die Menge, „ins Waſſer mit dem Ketzer! ins Waſſer mit dem Gottloſen! ins Waſſer mit dem Albigenſer! ins Waſſer mit dem Hugenotten!“ Und alle Stimmen wiederholten im Chor: „Ins Waſſer! ins Waſſer! ins Waſſer!“ Dieſes Geſchrei war es, wodurch das Feſt un⸗ terbrochen wurde, mit deſſen Beſchreibung wir im beſten Zug waren. Aber juſt in dieſem Augenblick, wie wenn die Vorſehung dem jungen Mann die Hilfe zuſenden wollte, deren er ſo bedürftig ſchien, kam der erwar⸗ tete Freund— ein ſchöner Cavalier von zwei bis dreiundzwanzig Jahren, deſſen vornehme Miene den Edelmann und deſſen ganze Turnüre den Frem⸗ den verrieth— der erwartete Freund, ſagen wir, kam herbeigelaufen, durchbrach die Menge und hatte zun thei und win M o MW — vð 25 ſich bis auf zwanzig Schritte von ſeinem Freund vorangearbeitet, als dieſer von vorn, von hinten, an den Füßen und am Kopfe zugleich gepackt wie ein Raſender um ſich ſchlug. „Vertheidige Dich, Medardus!“ rief der neue Ankömmling,„vertheidige Dich!“ „Ihr ſehet, daß es wirklich Medardus iſt!“ rief derjenige, der ihn mit dieſem Namen begrüßt hatte. Und als ob die Führung dieſes Namens ein Verbrechen wäre, ſchrie die ganze Menge: „Ja, es iſt Medardus! ja, es iſt Medardus! Ins Waſſer mit dem Ketzer! ins Waſſer mit dem Hugenotten!“ „Wie kann ein Ketzer die Frechheit haben den Namen eines ſo großen Heiligen zu führen?“ rief Perrette. „Ins Waſſer mit dem Gottloſen!“ Und die Leute, die den armen Medardus er⸗ hriſen hatten, ſchleppten ihn nach dem abſchüſſigen and. „Hieher, Robert!“ rief der junge Mann, wel⸗ cher ſah, daß er dieſer Maſſe nicht zu widerſtehen vermochte, und daß dieſer Spaß leicht mit ſeinem Tod endigen konnte. „Ins Waſſer!“ heulten die Weiber, die im Haß wie in der Liebe wüthend ſind. „Vertheidige Dich, Medardus!“ rief der Fremde zum zweiten Mal, indem er den Degen zog,„ver⸗ theidige Dich, ich bin da.“ Dann begann er mit der flachen Klinge rechts und links einzuhauen und wälzte ſich wie eine La⸗ wine nach der Böſchung hin. Aber es kam ein 3 —— 26 Augenblick, wo dieſe Menge ſo dicht war, daß ſie beim beſten Willen nicht auseinander zu gehen ver⸗ mochte. Sie empfing die Hiebe, heulte vor Schmerz, ging aber nicht auseinander. Nachdem ſie vor Schmerz geheult hatte, heulte ſie vor Wuth. Der neue Ankömmling, den man an ſeinem aus⸗ ländiſchen Accent leicht als einen Schotten erkannte, ſchlug beſtändig darauf los, kam aber nicht vor⸗ wärts oder gewann doch ſo langſam ſein Terrain, daß man wohl ſah, ſein Freund würde im Waſſer liegen, bevor er zu ihm gelangen könnte. Etwa zwanzig Bauern, die da waren, und fünf oder ſechs Schiffleute miſchten ſich in die Sache. Vergebens klammmerte ſich der arme Medardus mit den Hän⸗ den feſt, vergebens ſtieß er mit den Füßen, verge⸗ bens biß er um ſich, jede Secunde brachte ihn dem Uferrand näher. Der Schotte hörte nur noch ſein Geſchrei, und dieſes näherte ſich dem Waſſer immer näher. Er ſelbſt ſchrie nicht mehr, ſondern brüllte, und bei jedem Gebrüll fiel ſeine flache Klinge oder ſein Degenknopf auf einen Kopf. Auf einmal wurde das Geſchrei noch heftiger; dann verſtummte es und dann hörte man das Geräuſch eines ſchweren Kör⸗ pers, der ins Waſſer fällt. „Ha, ihr Halunken! ha, ihr Mörder! ha, ihr Meuchler!“ heulte der junge Mann, indem er nach dem Fluß voranzudringen verſuchte, um ſeinen Freund zu retten oder mit ihm zu ſterben. Aber es war unmöglich. Eben ſo leicht hätte er eine Granitwand umgeworfen, als dieſe lebendige Mauer. Gänzlich abgehetzt, zähneknirſchend, mit We alle den ſeid wel ten ker nen ſie er⸗ erz, vor us⸗ nte, 0r⸗ ain, ſſer twa echs ens än⸗ ge⸗ dem und Er und ſein ude und kör⸗ ihr nach nen ätte dige mit 27 Schaum vor dem Mund und ſchweißtriefender Stirne wich er zurück. Er wich bis auf die Höhe der Böſchung zurück, um zu ſehen, ob er nicht über dieſe Menge hinweg den Kopf des armen Medar⸗ dus bemerken könne, der etwa wieder über das Waſſer emporkäme. So ſtand er auf ſeinen Degen geſtützt, oben auf der Böſchung, aber als er Nichts zum Vorſchein kommen ſah, da ſenkte er ſeine Augen auf dieſe wüthende Menge herab und ſah voll Eckel dieſe Menſchenmeute an. Indem er ganz allein, bleich und in ſeinem ſchwarzen Coſtüm ſo daſtand, glich er dem Würgen⸗ gel, der mit eingezogenen Flügeln einen Augenblick ausruhte. Aber nach dieſem Augenblick ſtieg die Wuth, die in ſeiner Bruſt kochte wie die Lava in einem Vulcan, brennend auf ſeine Lippen. „Ihr ſeid ſammt und ſonders Halunken,“ ſagte er,„Ihr ſeid ſammt und ſonders Meuchelmörder und Schandbuben! Ihr habt Euch zu vierzig zu⸗ ſammengerottet, um einen armen Jungen, der Euch Nichts zu Leide gethan hatte, zu ermorden, ins Waſſer zu werfen und zu erſäufen. Ich biete Euch allen zuſammen den Kampf an. Ihr ſeid vierzig, kommt und ich werde Euch alle vierzig Einen um den Andern wie Hunde todtſchlagen, denn Hunde ſeid Ihr.“ Die Bauern, Spießbürger und Studenten, an welche dieſe Einladung zum Sterben erging, bezeug⸗ ten ganz und gar keine Luſt den Kampf mit blan⸗ ker Waffe gegen einen Mann aufzunehmen, der ſei⸗ nen Degen ſo ſieghaft zu führen ſchien. Als der 28 Schotte Dieß ſah, ſteckte er verachtungsvoll ſein Schwert wieder in die Scheide. „Ihr ſeid eben ſo feig als gemein, niederträch⸗ tige Schufte!“ fuhr er fort, indem er ſeine Hand über alle Köpfe ausbreitete,„aber ich werde dieſen Tod an Leuten rächen, die weniger erbärmlich ſind als Ihr, denn Ihr ſeid des Degens eines Edelmanns nicht würdig. Zurück alſo, ihr elende Bauren, und möge Regen und Hagel eure Weinberge verwüſten und eure Erndten zu Boden ſchlagen, und zwar ſo viele Tage lang, ſo viel Leute Ihr waret, um einen einzigen Menſchen zu tödten!“ Aber da es nicht gerecht geweſen wäre dieſen Mord ganz ungeſtraft zu laſſen, und da das Blut wiederum Blut fordert, ſo machte er eine große Piſtole von ſeinem Gürtel los und ſchoß, ohne zu zielen, mitten unter die Menge. „Wie es Gott gefällt,“ ſagte er. Der Schuß ging los, die Kugel pfiff, und einer der Burſche, die ſo eben den jungen Mann ins Waſſer geworfen hatten, ſtieß einen Schrei aus, fuhr mit der Hand an ſeine Bruſt und ſank tödt⸗ lich getroffen nieder. „Und jetzt adien!“ rief er.„Ihr ſollt noch öfter von mir hören. Ich heiße Robert Stuart.“ Als er dieſe Worte ſprach, platzten die Wolken, die ſich ſeit geſtern am Himmel geſammelt hatten, plötzlich los, und wie der unglückliche Medardus vorausgeſagt, fiel einer jener wolkenbruchartigen Regen, wie ſie in den Regenzeiten niemals fallen. Der junge Mann zog ſich langſam zurück. Pe un flu ſer n — — ſein äch⸗ and eſen ſind nns und ſten ſo um eſen lut oße zu iner ins us, ödt⸗ fter ken, ten, dus gen len. 29 Die Bauern würden ihm unfehlbar nachgelau⸗ fen ſein, als ſie ſahen, daß ſeine Flüche augenblick⸗ lich ihre Wirkung hervorbrächten, aber das Don⸗ nergeroll, das ihnen den jüngſten Tag anzukündigen ſchien, der ſtrömende Regen, die Blitze, die ihre Augen blendeten, beſchäftigten ſie unendlich mehr als der Gedanke an Rache, und von dieſem Au⸗ genblick an entſtand eine allgemeine wilde Flucht. Das Ufer, das ſo eben noch von fünf bis ſechs⸗ tauſend Perſonen bedeckt geweſen, war jetzt ſo ver⸗ laſſen wie der Strand eines jener Flüſſe der neuen Welt, die der genueſiſche Schiffer in der letzten Zeit entdeckt hatte. Der Regen ſtrömte vierzig Tage lang unausge⸗ ſetzt fort. Und deßhalb, wir glauben es wenigſtens, liebe Leſer, deßhalb regnet es, wenn es am St. Medar⸗ dustag geregnet hat, vierzig Tage ſpäter. III. Yas Wirthshaus zum rothen Uoß. Wir werden es nicht unternehmen unſern Leſern zu ſagen, wohin ſich die fünfzig oder ſechzigtauſend Perſonen flüchteten, die dem Landifeſt anwohnten und, als ſie ſo plötzlich von dieſer neuen Sünd⸗ fluth überraſcht wurden, in den Hütten, den Häu⸗ ſern, den Schenken und ſogar in der Domkirche Schutz ſuchten. 6s gab damals in der Stadt St. Denis kaum fünf oder ſechs Wirthshäuſer, und dieſe füllten ſich 30 in einem Augenblick dermaßen, daß manche Perſo⸗ nen ſchneller wieder hinausgingen, als ſie herein⸗ gekommen waren, weil ſie lieber im Regen ertrin⸗ ken als in der Hitze erſticken wollten. Das einzige Wirthshaus, das beinahe leer blieb — und dieſen Vortheil verdankte es ſeiner abge⸗ ſonderten Lage— war das Wirthshaus zum rothen Roß, das ein paar Büchſenſchußweiten von St. Denis an der Straße ſtand. Drei Perſonen bewohnten für den Augenblick das große vauchige Zimmer, das man emphatiſch den Saal der Reiſenden nannte, und das neben der Küche und einem über dieſem Erdgeſchoß befindli⸗ chen Speicher, wo die verſpäteten Maulthiertreiber und Viehhändler ſchliefen, für ſich allein den gan⸗ zen Gaſthof bildete. Es war eine Art von Rieſen⸗ ſchoppen, der ſein Licht durch die Thüre erhielt, welche bis ans Dach hinaufragte; die Zimmerdecke beſtand nach dem Muſter der Arche aus Balken, die ſich nach der Form des Daches neigten. Wie in der Arche kroch eine gewiſſe Anzahl von Thieren, Hunde, Katzen, Hühner und Enten auf dem Boden herum, und in Ermanglung des Raben, der mit leerem Schnabel zurückkehren ſollte, ſo wie der Taube, welche den Helzweig heimbrachte, ſah man um die rauchgeſchwärzten Balken herum bei Tag Schwalben und bei Nacht Fledermäuſe flattern. Die Möbel in dieſem Saal beſchränkten ſich auf die unerläßlichen Utenſilien einer Herberge, d. h. auf hängende Tiſche, ſo wie auf krüppelhafte Stühle mit oder ohne Lehne. Die drei Perſonen, die dieſes Zimmer bewohn⸗ erſo⸗ ein⸗ trin⸗ blieb bge⸗ then St. blick tiſch der ndli⸗ eiber gan⸗ eſen⸗ hielt, decke ie von dem der der man Tag tern. auf d. h. tühle on⸗ 31 ten, waren der Wirth, ſeine Frau und ein Reiſen⸗ der von dreißig bis fünfunddreißig Jahren. Wir wollen ſagen, wie dieſe drei Perſonen gruppirt waren und mit was ſie ſich beſchäftigten. Der Wirth, den wir in ſeiner Eigenſchaft als Hausherr zuvörderſt in die Scene ſetzen, beſchäftigte ſich mit gar Nichts; er ſaß rittlings vor der Thüre auf einem Strohſtuhl, er hatte ſein Kinn auf den obern Theil der Lehne gelegt und brummte über das ſchlechte Wetter. Seine Frau, die ein wenig hinter ihrem Manne ſaß, jedoch ſo, daß ſie ſich im Lichte befand, ſpann am Rädchen und benetzte an ihrem Mund den Fa⸗ den, den ſie aus dem Hanf an ihrer Kunkel her⸗ vorzog und unter ihren Fingern drehte. Der Reiſende hatte das Licht nicht geſucht, ſon⸗ dern ſaß im Gegentheil mit dem Rücken gegen die Thüre im entfernteſten Winkel des Zimmers und ſchien, nach dem Weinkrug und dem Becher zu ſchließen, die vor ihm ſtanden, Etwas draufgehen zu laſſen. Gleichwohl ſchien es ihm nicht ums Trinken zu thun zu ſein; den Ellbogen auf dem Tiſch, den Kopf in ſeine Hand geſtützt, war er in ein tiefes Nachdenken verſunken. „Verfluchtes Wetter!“ brummte der Wirth. „Du beklagſt Dich?“ ſagte die Frau;„Du haſt es ja ſelbſt ſo verlangt.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte der Wirth,„aber ich habe Unrecht gehabt.“ „Nun, ſo beklage Dich nicht.“ Bei dieſer nicht ſehr tröſtlichen, aber vollkom⸗ 32 * men logiſchen Ermahnung ließ der Wirth ſeufzend ſeinen Kopf hängen und hielt ſich ruhig. Dieſes Schweigen währte etwa zehn Minuten; dann rich⸗ tete der Wirth den Kopf wieder empor und wie⸗ derholte: „Verdammtes Wetter!“ „Du haſt dieß ſchon einmal geſagt,“ bemerkte die Frau. „Nun, ſo ſage ichs von Neuem.“ „Und wenn Du es bis zum Abend an Einem fort ſagſt, ſo wird es doch Nichts helfen.“ „Das iſt wahr; aber es thut mir doch wohl über den Donner, den Regen und Hagel zu läſtern.“ „Warum läſterſt Du nicht lieber ſogleich über die Vorſehung?“ „Wenn ich glauben könnte, daß ſie uns ein ſol⸗ ches Wetter ſchicke.. Der Wirth hielt inne. „Dann würdeſt Du über ſie läſtern; ei wie, 3 geſtehe es nur ſogleich.“ „Nein, weil „Weil was?“ „Weil ich ein guter Chriſt bin und kein Hund von einem Ketzer.“ Bei dieſen Worten„weil ich kein 81 von einem Ketzer bin“ erwachte der Reiſende, der ſich im Wirthshaus zum rothen Roß verfangen hatte, wie eine Katze in einem Schlag, aus ſeiner Betrachtung, richtete ſein Haupt empor und ſchlug mit ſeinem Zinnbecher ſo heftig auf den Tiſch, daß der Krug zu tanzen anfing und der Becher ſich ab⸗ plattete. — end eſes ich⸗ wie⸗ rkte nem ber ber ſol⸗ wie, und nd nde, gen iner ug daß ab⸗ 33 „Hier, hier,“ rief der Wirth, der auf ſeinem Stuhl aufſprang, wie der Krug auf dem Tiſch auf⸗ geſprungen war, in der Meinung, daß ſein Gaſt ihn rufe:„hier, mein junger Herr.“ Der junge Mann drehte ſeinen Stuhl auf einem der Hinterfüße und ſich ſelbſt mit ihm, ſo daß er dem Wirth gegenüber kam, der vor ihm ſtand; er betrachtete ihn dann von Kopf zu Fuß und ſagte, ohne ſeine Stimme um eine Note zu erhöhen, aber mit gerunzelter Braue zu ihm: „Habt nicht Ihr ſo eben die Worte ausgeſpro⸗ chen: Hund von einem Ketzer?“ „Ja, mein junger Herr,“ ſtammelte der Wirth erröthend. „Nun wohl, wenn Ihr es ſeid, einfältiger Kerl,“ verſetzte der Kunde,„ſo ſeib Ihr weiter Nichts, als ein ungezogener Eſel, und würdet ver⸗ dienen, daß man Euch bie Ohren ſtutzte.“ „Verzeiht, mein edler Herr, aber ich wußte nicht, daß Ihr der reformirten Religion angehöret,“ ſagte der Wirth an allen Gliedern zitternd. „Seht, Einfaltspinſel,“ fuhr der Hugenotte, ohne ſeine Stimme auch nur um einen halben Ton zu ſteigern, fort,„Das muß Euch beweiſen, daß ein Wirth, der es mit allen Arten von Leuten zu thun hat, ſeine Zunge im Zaum halten muß; es könnte ja geſchehen, daß er einen Hund von Katho⸗ liken vor ſich zu haben glaubte, während er einen e Schüler Luthers und Calvins vor ſich ätte.“ Und hei dieſen beiden Namen lüpfte der Ebel⸗ 3 Dumas, Horoſcop. I. mann ſeinen Fils. Der Wirth that das Gleiche. Der Edelmann zuckte die Achſeln. „Schon gut,“ ſagte er,„bringt mir jetzt friſchen Wein und laßt mich das Wort Ketzer nicht mehr hören, ſonſt renne ich Euch meinen Degen durch den Leib; Ihr verſteht mich, mein Freund?“ Der Wirth zog ſich rücklings zurück und ging in die Küche, um den verlangten Wein zu holen. Während dieſer Zeit befand ſich der Edelmann, nachdem er mit ſeinem Stuhl eine halbe Schwen⸗ kung nach rechts gemacht hatte, aufs Neue im Fin⸗ ſtern, ſo daß er der Thüre abermals den Rücken kehrte, als der Wirth zurückkam und ſein Krüglein vor ihn ſtellte. Zetzt ſtreckte ihm der Edelmann ſchweigend ſei⸗ nen zerdrückten Becher hin, damit er ihm einen neuen dafür geben ſollte. Der Wirth machte, ohne ein Wort zu ſprechen, mit den Augen und dem Kopf ein Zeichen, welches bedeutete:„Zum Teufel, es ſcheint, wenn Dieſer zuſchlägt, ſo ſchlägt er tüch⸗ tig zu.“ Dann kam er zurück und reichte dem Schü⸗ ler Calvins einen friſchen Becher. „Es iſt gut,“ ſagte dieſer,„ſo liebe ich die Wirthe.“ Der Wirth lächelte dem Edelmann ſo angenehm als nur möglich zu und nahm dann ſeinen Platz im Vordergrund wieder ein. „Nun wohl,“ fragte ihn ſeine Frau, welche, da der Proteſtant ſo leiſe geſprochen, kein Wort von der Unterredung zwiſchen ihrem Mann und ihrem Gaſt verſtanden hatte,„was hat dieſer junge Herr zu Dir geſagt?“ che. hen ehr rch ing nn, en⸗ in⸗ cken lein ſei⸗ nen hne em fel, die hm latz da von em err 35 „Was er zu mir geſagt hat?“ „Ja, das frage ich Dich.“ „Er hat mir die allerſchmeichelhafteſten Dinge geſagt,“ antwortete dieſer;„mein Wein ſei ausge⸗ zeichnet, mein Haus ganz vortrefflich gehalten, und er könne ſich nicht genug darüber wundern, daß ein ſolcher Gaſthof nicht größere Kundſchaft beſitze.“ „Und was haſt Du ihm geantwortet?“ „Dieſes verdammte Wetter ſei Schuld an unſe⸗ rem Ruin.“ In dem Augenblick, wo unſer Mann zum drit⸗ ten Mal ganz vom Zaun geriſſen über das Wetter ſchimpfte, ließ die Vorſehung, als wollte ſie ihn Lügen ſtrafen, zu gleicher Zeit, aber von zwei ent⸗ gegengeſetzten Seiten her zwei neue Gäſte anrücken, den einen zu Fuß, den andern zu Pferd. Der Fußgänger, der einem Abenteurer gleich ſah, kam von links, d. h. von der Straße von Paris her; der Reiter, der das Coſtüm eines Pagen trug, 2 von rechts, d. h. von der Straße nach Flan⸗ ern. Aber als der Fußgänger die Schwellen des Wirthshauſes überſchritt, geriethen ſeine Füße un⸗ ter die des Pferdes. Er ſtieß einen Fluch aus und erblaßte. Schon dieſer einzige Fluch zeigte die Heimath des Fluchers an. „Ah! Cap de Piou!“ rief er. Der Andere, ein Reiter von erſter Stärke, ließ ſein Pferd eine halbe Wendung nach linls beſchrei⸗ ben, riß es auf ſeine Hinterbeine, ſprang herab, ehe das Thier mit ſeinen Füßen den Boden wieber 3* berührt hatte, ſtürzte auf den Verwundeten zu und ſagte im Tone der lebhafteſten Beſorgniß: „Oh, mein Capitän, ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung.“ „Wißt Ihr, Herr Page,“ verſetzte der Gascog⸗ ner,„daß Ihr mich beinahe erdrückt hättet?“ „Glaubet mir, Capitän,“ erwiderte der junge Page,„daß ich es aufs innigſte bedaure.“ „Nun, tröſtet Euch, mein junger Herr,“ ant⸗ wortete der Capitän mit einer Grimaſſe, welche be⸗ wies, daß er ſeinen Schmerz noch nicht ganz bewäl⸗ tigt hatte;„tröſtet Euch, Ihr habt mir ſo eben, ohne daran zu denken, einen ungeheuren Dienſt ge⸗ leiſtet, und ich weiß in Wahrheit nicht, wie ich Euch meine Erkenntlichkeit dafür bezeugen ſoll.“ „Einen Dienſt! „Einen ungeheuren!“ erwiderte der Gascogner. „Und wie ſo, mein Gott?“ fragte der Page, der an den nervöſen Geſichtsverzuckungen des An⸗ dern ſah, daß er einer großen Selbſtbeherrſchung bedurſte, um nicht zu fluchen, ſtatt zu lächeln. „Es iſt ganz einfach,“ verſetzte der Capitän,„es gibt nur zwei Dinge in der Welt, die mich ſehr ärgern können: alte Weiber und neue Stiefel; nun ſtecke ich ſchon ſeit heute früh in neuen Stiefeln, in denen ich von Paris bis hieher gehen mußte. Ich beſann mich auf ein Mittel ſie recht bald zu Grunde zu richten, und nun habt Ihr im Nu zu Eurem ewigen Ruhm dieſes Wunder verrichtet. Ich bitte Euch daher an mich zu denken und bei jeder Gelegenheit über meine Perſon zu verfügen, die ſich Euch höchlich verbunden erklärt.“ 37 „Mein Herr,“ ſagte der Page ſich verneigend, „Ihr ſeid ein Mann von Geiſt, was mich nicht wundert, nachdem ich den Fluch gehört habe, wo⸗ mit Ihr mich begrüßtet. Ihr ſeid höflich, was mich nicht wundert, da ich ahne, daß Ihr ein Edelmann ſeid. Ich nehme Euer Anerbieten an und ſtelle mich meinerſeits vollſtändig zu Euren Dienſten.“ „Ohne Zweifel gedachtet Ihr in dieſer Herberge einzukehren“ „Ja, mein Herr, auf einige Augenblicke,“ ant⸗ wortete der junge Mann, indem er ſein Pferd an einen zu dieſem Behufe in der Mauer befeſtigten Ring band, eine Verrichtung, bei welcher der Wirth mit freudefunkelnden Augen zuſah. „Und ich auch,“ ſagte der Capitän;„he da, Teufelswirth, Wein her und vom beſten!“ „Sogleich, meine Herren,“ ſagte der Wirth, in⸗ dem er nach ſeiner Küche ſtürzte,„ſogleich!“ Fünf Secunden nachher kam er mit zwei Krü⸗ gen und zwei Gläſern zurück, die er auf einen Tiſch neben demjenigen ſtellte, wo bereits der erſte Edel⸗ mann ſaß. „Herr Wirth,“ fragte der junge Page mit einer weichen frauenähnlichen Stimme,„habt Ihr in Eurem aus ein Zimmer, wo ein junges Mädchen ein paar Stündchen ausruhen könnte?“ „Wir haben blos dieſen Saal hier,“ antwortete der Wirth. „Ah Teufel, das iſt unangenehm.“ „Ihr erwartet eine Dame, mein wackerer Ca⸗ merad?“ ſagte der Capitän geheimnißvoll, indem er ſeine Zunge über ſeine Lippen ſpielen ließ und damit das Ende ſeines Schnurrbarts erwiſchte, worein er zu beißen anfing. „Die Dame kommt nicht meinetwegen, Capitän,“ antwortete der junge Mann ernſthaft;„ſie iſt die Tochter meines edlen Gebieters, des Herrn Mar⸗ ſchalls von St. André.“ „Ei, wie ſchön ſich das trifft! Solltet Ihr alſo iw Dienſte des erlauchten Marſchalls von St. An⸗ dré ſtehen?“ „Ich habe dieſe Ehre, mein Herr.“ „Und Ihr glaubt, daß der Marſchall hier in dieſer elenden Hütte einkehren werde? Ihr bildet Euch das ein, mein junger Page? Ei, warum nicht gar!“ ſagte der Capitän. „Er muß wohl; ſeit vierzehn Tagen liegt der Herr Marſchall krank im Schloß von Villers⸗Cot⸗ terets, und da es ihm unmöglich war zu Pferd nach Paris zu reiſen, wo er dem Tournier vom 29ſten anwohnen will, das zu Ehren der Hochzeit⸗ feier König Philipps Il mit der Prinzeſſin Eliſabeth und der Prinzeſſin Margareth mit dem Herzog Emanuel Philibert von Savoyen ſtattfindet, ſo hat Herr von Guiſe als Schloßnachbar von Villers⸗ Cotterets.. „Herr von Guiſe hat ein Schloß in der Nähe von Villers⸗Cotterets?“ fiel der Capitän ein, der beweiſen wollte, daß er ſeinen Hof kenne;„woher bekommt Ihr doch dieſes Schloß, junger Mann?“ „Es liegt in Nanteuil⸗le⸗Haudduin, Capitän, und er hat es erſt in der neueſten Zeit gekauft, um ſich auf dem Weg des Königs zu befinden, —————— ,—— — v— N—— v— 39 wenn dieſer nach Villers⸗Cotterets geht und daher zurückkommt.“ „Ah, ah, ich finde, daß das recht gut geſpielt iſ3 „Oh!“ ſagte der junge Page lachend,„die Ge⸗ ſchicklichkeit iſt es nicht, was dieſem Spieler fehlt.“ „Das Spiel auch nicht,“ bemerkte der Capitän. „Ich ſagte alſo,“ fuhr der Page fort,„daß Herr von Guiſe dem Marſchall ſeine Kutſche ge⸗ ſchickt habe und daß er ihn in langſamem Schritt heimführt; aber ſo angenehm die Kutſche ſein mag und ſo langſam die Pferde ſie nach Goneſſe führten, ſo iſt doch der Herr Marſchall müde geworden, und Fräulein Charlotte von St. Andrs hat mich voraus⸗ geſchickt, um eine Herberge zu ſuchen, wo ihr Vater ein wenig ausruhen könne.“ Als der erſte Edelmann, der vor Aerger ſchar⸗ lachroth wurde, wenn man den Hugenotten Böſes nachſagte, dieſe Worte an dem in ſeiner Nähe ſte⸗ henden Tiſch hörte, lauſchte er und ſchien an der Unterhaltung ein ſehr directes Intereſſe zu nehmen. „Per la crux Diou!“ machte der Gascogner, „ich ſchwöre Euch, junger Mann, daß ich, wenn ich auf zwei Meilen in der Runde ein Zimmer wüßte, das würdig wäre dieſe zwei Feldherrn zu empfan⸗ gen, die Ehre ſie dahin zu führen Niemand, ſelbſt meinem Vater nicht, abtreten würde; aber leider,“ fügte er hinzu,„weiß ich keines.“ Der hugenottiſche Edelmann machte eine Bewe⸗ gung, die einem Zeichen der Verachtung gleichen konnte. Dieſe Bewegung zog die Aufmerkſamkeit des Capitäns auf ſich. „Ah, ah!“ machte er. Damit erhob er ſich, grüßte den Hugenotten mit ausgeſuchter Höflichkeit und wandte ſich nach Erfüllung dieſer Pflicht gegen den Pagen hin. Der Hugenott erhob ſich, wie der Gascogner gethan hatte, grüßte höflich, aber trocken, und drehte ſei⸗ nen Kopf gegen die Wand. Der Capitän ſchenkte dem Pagen ein; dieſer hob ſein Glas in die Höhe, bevor es zum dritten Theil voll war; dann trank er. „Ihr ſagtet alſo, junger Mann,“ begann er, „daß Ihr im Dienſt des Marſchalls von St. An⸗ dré, des Helden von Ceriſoles und von Renty ſtehet. Ich wohnte als junger Menſch der Belage⸗ rung von Boulogne bei und ſah, welche Anſtren⸗ gungen er machte, um ſich in den Platz zu werfen. Ah, ſo wahr ich lebe, das iſt einmal ein Mann, der ſeinen Marſchallstitel nicht geſtohlen hat.“ Dann hielt er auf einmal inne und ſchien nach⸗ denklich zu werden. „Cap de Dion!“ ſagte er,„da fällt mir gerade Etwas ein. Ich komme aus der Gascogne, ich habe das Schloß meiner Väter verlaſſen, um mich in den Dienſt eines berühmten Prinzen oder erlauchten Feldherrn zu begeben. Junger Mann, ſollte es im Hauſe des Marſchalls von St. André nicht irgend einen Platz geben, den ein braver Officier wie ich auf paſſende Weiſe ausfüllen könnte? Ich bin in Bezug auf den Gehalt nicht heikel, und wenn man mir nur keine alte Frau zum Unterhalten und keine neuen Stiefel zum Zerreißen gibt, ſo verſpreche ich jedes Amt, das man mir gütigſt anvertrauen wird, zur Zufriedenheit meines Gebieters auszufüllen.“ en 41 „Ach, Capitän,“ ſagte der junge Page,„es thut mir wirklich unendlich leid, aber unglücklicher⸗ weiſe iſt das Haus des Herrn Marſchalls vollſtän⸗ dig, und ich zweifle, ob er, ſelbſt beim beſten Wil⸗ len, Euer verbinbliches Anerbieten annehmen könnte.“ „Zum Henker, das iſt um ſo ſchlimmer für ihn; denn ich kann mich rühmen, daß ich den Leuten, die mich anſtellen, koſtbare Dienſte zu leiſten ver⸗ mag. Thun wir jetzt, als hätte ich Richts geſagt, und laßt uns trinken.“ Der junge Page hatte bereits ſein Glas erho⸗ ben, um dem Capitän Beſcheid zu thun, als er auf einmal eine Bewegung machte und lauſchte, dann aber ſein Glas wieder auf den Tiſch ſtellte. „Verzeiht, Capitän,“ ſagte er,„aber ich höre das Geräuſch einer Kutſche, und da die Kutſchen noch ſelten ſind, ſo glaube ich wohl verſichern zu dürfen, daß es die des Herzogs von Guiſe ſein wird; ich bitte alſo um Erlaubniß Euch auf einige Augenblicke zu verlaſſen.“ „Immer zu, mein junger Freund, immer zu,“ ſagte der Capitän mit beſonderem Nachdruck;„die Pflicht geht Allem vor.“ Die Bitte um Erlaubniß war eine pure Höf⸗ lichkeit von dem Pagen, denn ehe noch der Capitän antwortete, hatte er raſch die Herberge verlaſſen und war an der Biegung des Weges verſchwunden. IV. Die Reiſenden. Der Capitän benützte dieſe Abweſenheit, um nachzudenken und bei dieſer Gelegenheit den Krug auszutrinken, den er vor ſich hatte. Nachdem der erſte erpedirt war, verlangte er einen zweiten. Dann wandte ſich der Capitän, wie wenn ihm der Denkſtoff ausgegangen wäre, oder wie wenn dieſe geiſtige Verrichtung in Folge der Ungewohnheit nicht ohne eine peinliche Anſtrengung bei ihm vor ſich ginge, gegen den Hugenotten, grüßte ihn mit der affectirten Höflichkeit, wovon er bereits Beweiſe gegeben hatte, und ſagte: „So wahr ich lebe, mein Herr, es ſcheint mir, ich begrüße einen Landsmann.“ „Ihr täuſchet Euch, Capitän,“ antwortete der Angeredete;„denn wenn ich mich nicht irre, ſo ſeid Ihr aus der Gascogne, während ich aus dem An⸗ goumois bin.“ „Ah! Ihr ſeid aus dem Angoumois!“ rief der Capitän im Tone bewundernder Ueberraſchung: „aus dem Angoumois, wahrhaftig! ei! ei! ei!“ „Ja, Capitän; iſt Euch Das angenehm?“ fragte der Hugenotte. „Ich glaube es wohl; erlaubt mir deßwegen auch, daß ich Euch mein Compliment darüber mache; ein prächtiges Land, fruchtbar, von herrlichen Flüſ⸗ ſen durchſchnitten; die Männer ſind voll von Muth, wie man an dem verſtorbenen König Franz 1. ſieht; die Frauen ſprudeln von Geiſt, wie Frau Margareth von Navarra beweist; kurz und gut, ich geſtehe Euch, mein Herr, daß ich, wenn ich nicht aus der Gascogne wäre, aus dem Angoumois ſein möchte.“ „Das iſt in der That allzu viel Ehre für meine arme Provinz, mein Herr,“ ſagte der angoumoiſi⸗ der en. der eit or nit iſe ir, der eid n⸗ er te en in ne ſi⸗ 43 ſche Edelmann,„und ich weiß nicht, wie ich Euch meinen Dank abſtatten ſoll.“ „Oh! Nichts iſt leichter, mein Herr, als mir das bischen Dank zu beweiſen, das Ihr meiner rauhen Offenheit gütigſt zollen wollt. Erweiſet mir die Ehre mit mir auf den Ruhm und die Wohlfahrt Eurer Landsleute anzuſtoßen.“ „Mit dem größten Vergnügen, Capitän,“ ſagte der Hugenotte, indem er ſeinen Krug und ſein Glas auf eine der Ecken des Tiſches herüberſtellte, an welchem der Gascogner ſeit dem Weggang des Pa⸗ gen ganz allein ſaß. Nachdem der Toaſt auf den Ruhm und die Wohlfahrt der Kinder des Angoumois ausgebracht war, brachte der hugenottiſche Cdelmann, um an Höflichkeit nicht zurückzuſtehen, denſelben Toaſt auf die Wohlfahrt und den Ruhm der Kinder der Gas⸗ cogne aus. Da nun die Höflichkeit gehörig erwidert war, nahm der angoumoiſiſche Edelmann ſeinen Krug und ſein Glas wieder und traf Anſtalten nach ſei⸗ nem Platz zurückzugehen. „Oh, mein Herr,“ ſagte der Gascogner,„Ihr wollt die Bekanntſchaft gar zu ſchnell abbrechen; erweiſet mir doch den Gefallen Euren Krug an die⸗ ſem Tiſch vollends auszutrinken.“ „Ich fürchtete Euch zu beläſtigen, mein Herr,“ erwiderte der Hugenotte höflich, aber kalt. „Mich beläſtigen? nie! Ueberdieß, mein Herr, bin ich der Meinung, daß die beſten und vollſtän⸗ digſten Bekanntſchaften bei Tiſch geſchloſſen werden. 44 Es iſt ſehr ſelten, daß ein Krug nicht drei Gläſer Wein enthält, nicht wahr?“ „Allerdings, mein Herr, dieß iſt ſehr ſelten,“ antwortete der Hugenotte, der ſich ſichtlich beſann, wo wohl der Andere hinauswollte. „Nun denn, ſo laßt uns mit jedem Glas Wein eine Geſundheit ausbringen. Geſtattet Ihr mir eine Geſundheit auf das Glas?“ „Ja wohl, mein Herr.“ „Wenn man ſich dazu vereinigt hat aus Her⸗ zensgrund die Geſundheit dreier Männer auszubrin⸗ gen, ſo beweist Dieß, daß man von gleicher Geſin⸗ nung und von gleichen Grundſätzen iſt.“ „Es iſt etwas Wahres an dieſer Bemerkung, mein Herr.“ „Etwas Wahres! etwas Wahres! Ihr ſagt, es ſei etwas Wahres daran. Beim Blute Gottes, mein Herr, es iſt die reinſte Wahrheit.“ Dann fügte er mit ſeinem einnehmendſten Lä⸗ cheln hinzu: „Um die Bekanntſchaft anzufangen, mein Herr, und um die Aehnlichkeit unſerer Anſichten ans Licht kommen zu laſſen, erlaubt mir alſo als erſte Ge⸗ ſundheit die des erlauchten Connetabels von Mont⸗ morency auszubringen.“ Der Edelmann, der bereits vertrauensvoll ſein Glas erhoben und ein heiteres Geſicht angenom⸗ men hatte, wurde wieder ernſthaft und ſtellte ſein Glas wieder auf den Tiſch. „Ihr werdet mich entſchuldigen, mein Herr; aber bei dieſem Mann kann ich Euch unmöglich Be⸗ iſer n 7 nn, ein mir er⸗ in⸗ in⸗ 45⁵ ſcheid thun. Herr von Montmorency iſt mein per⸗ ſönlicher Feind.“ „Euer perſönlicher Feind2“ „Soweit ein Mann in ſeiner Stellung der Feind eines Mannes in der meinigen, ſoweit der Große der Feind des Kleinen ſein kann.“ „Euer perſönlicher Feind! in dieſem Fall wird er von Stund an der meinige, um ſo mehr als ich, offen geſtanden, ihn ganz und gar nicht kenne und keine tiefe Zärtlichkeit gegen ihn empfinde. Schlech⸗ ter Ruf: geizig, krittlich, ein Hurenjäger, läßt ſich ſchlagen wie ein Einfaltspinſel, fangen wie ein Dummkopf. Wie zum Teufel konnte mir doch die Idee kommen Euch eine ſolche Geſundheit vorzu⸗ ſchlagen? Erlaubt mir daher, daß ich meine Re⸗ vanche nehme und eine andere ausbringe. Auf den erlauchten Marſchall von St. André!“ „So wahr ich lebe, Ihr habt kein Glück, Capi⸗ tän,“ antwortete der hugenottiſche Edelmann, indem er bei dem Namen St. André ganz daſſelbe that, was er bei dem Namen des Connetabels gethan bereit iſt für Ehren und Geld Alles zu thun, eines annes, der ſeine Frau und ſeine Tochter verkau⸗ en würde, wie er ſein Gewiſſen verkauft hat, wenn man ihm den gleichen Preis dafür böte.“ „Oh, cap de Diou! Was ſagt Ihr mir da?“ rief der Gascogner,„wie! ich wollte auf die Ge⸗ ſundheit eines ſolchen Mannes trinken wo zum Teufel hatteſt Du denn Deinen Kopf, Capitän?“ fuhr der Gascogner fort, indem er ſich ſelbſt einen 46 Verweis ertheilte.„He, guter Freund, wenn Du Dir die Achtung der ehrlichen Leute bewahren willſt, ſo darfſt Du künftig keine ſolche Dummhei⸗ ten mehr machen.“ Dann wandte er ſich wieder an den Hugenotten und ſagte: „Mein Herr, von dieſem Augenblick an hege ich gegen den Marſchall von St. André ganz dieſelbe Verachtung wie Ihr. Da ich Euch nun nicht unter dem Eindruck des Irrthums laſſen will, den ich be⸗ gangen habe, ſo will ich eine dritte Geſundheit aus⸗ bringen, gegen die Ihr hoffentlich Nichts einzuwen⸗ den haben werdet.“ „Welche, Capitän?“ „Die Geſundheit des erlauchten Franz von Lothringen, Herzogs von Guiſe!— auf den Ver⸗ theidiger von Metz! auf den Sieger von Calais! auf den Rächer von St. Quentin und von Gräve⸗ lingen! auf den Wiedergutmacher der Dummheiten des Connetabel von Montmorency und des Mar⸗ ſchalls von St. André.“ „Capitän,“ ſagte der junge Mann erblaſſend, „Ihr habt kein Glück mit mir, denn ich habe ein Gelübde abgelegt.“ „Welches, mein Herr? Glaubet mir, daß ich, wenn ich zur Erfüllung deſſelben Etwas beitragen taun „Ich habe geſchworen, daß Derjenige, deſſen Geſundheit Ihr mir vorſchlaget, von meiner Hand ſterben ſolle.“ „Ei zum Henker!“ rief der Gascogner. Du ren hei⸗ tten ich elbe nter be⸗ us⸗ en⸗ von Ber⸗ is! iwe⸗ iten ar⸗ end, ein ich, gen ſſen and 47 Der Hugenotte machte eine Bewegung, um auf⸗ zuſtehen. „Wie?“ rief der Gascogner.„Was macht Ihr da, mein Herr?“ „Mein Herr,“ ſagte ber Hugenotte,„der Ver⸗ ſuch iſt gemacht; die drei Geſundheiten ſind ausge⸗ bracht, und da wir, wie es ſcheint, über die Men⸗ ſchen nicht gleicher Anſicht ſind, ſo ſteht zu befürch⸗ ten, daß es noch ſchlimmer ausfallen wird, wenn wir an die Grundſätze kommen.“ „Ha, beim lebendigen Gott! man ſoll nicht ſa⸗ gen, mein Herr, daß Männer, die geſchaffen ſind, um ſich zu verſtehen, ſich um Anderer willen über⸗ worfen haben, die ſie nicht einmal kennen, denn ich kenne weder den Herzog von Guiſe, noch den Mar⸗ ſchall von St. André, noch den Connetabel von Montmorency. Nehmen wir alſo an, ich habe die Unklugheit begangen, die Geſunbheit dreier großer Teufel aus der Hölle, des Satan, des Lucifer und der Aſtaroth auszuhringen; Ihr gebet mir bei der dritten Geſundheit zu verſtehen, daß ich meine Seele verliere, und nun trete ich natürlich in aller Ge⸗ ſchwindigkeit zurück. Ich ſtehe alſo noch immer auf dem Punkt, von dem ich ausgegangen bin, und da unſere Gläſer voll ſind, ſo laßt uns, wenns Euch gefällig iſt, auf unſere beiderſeitige Geſundheit trin⸗ ken. Gott verleihe Euch lange und glorreiche Tage, mein Herr, Das iſt es, was ich aus tieſſtem Her⸗ zen von ihm erflehe!“ „Der Wunſch iſt allzu höflich, als daß ich ihn nicht zurückgeben ſollte, Capitän.“ Und dießmal leert⸗ der Angoumois ſein Glas nach dem Beiſpiel des Capitäns, welcher dem ſei⸗ nigen bereits ſein Recht angethan hatte. Nun wohl, es bleibt alſo dabei,“ ſagte der Gascogner mit der Zunge ſchnalzend,„und wir verſtehen uns ganz vortrefflich; vom heutigen Tag an olſo, mein Herr, könnt Ihr über mich als Euren ergebenſten Freund verfügen.“ Ich ſtelle mich auf gleiche Weiſe zu Eurer Ver⸗ fügung, Capitän,“ antwortete der Hugenotte mit ſeine gewöhnlichen Höflichkeit. „Ich meinerſeits,“ fuhr der Gascogner fort, „will noch hinzufügen, mein Herr, daß ich nur auf eine Gelegenheit warte, Euch einen Dienſt zu er⸗ weiſen.“ „Ich gleichfalls,“ antwortete der Angoumois. „Auftichtig, mein edler Herr?“ „Ganz aufrichtig, mein Capitän.“ „Nun wohl, dieſe Gelegenheit, die Ihr ſucht, mir einen Dienſt zu erweiſen, habt Ihr, glaube ich, bereits gefunden.“ „Iſts möglich, daß ich dieſes Glück gehabt hätte N „Ja; beim Kreuze Gottes, ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn Ihr ſie nicht unter der Hand hättet.“ „So ſprecht.“ „Die Sache iſt die. Ich komme aus der Gas⸗ cogne; ich habe das Schloß meiner Väter, wo ich zuſehends und auf eine beklagenswerthe Art fetter wurde, verlaſſen. Mein Barbier hat mir tüchtige Bewegung anempfohlen, und ich komme nach Paris in der Abſicht, mir welche zu machen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich die Laufbahn der Waffen ergriffen habe. Solltet Ihr nicht im Angoumvis tige aris ſteht ffen nois 49 irgend ein gutes Plätzchen wiſſen, das ein gascog⸗ niſcher Capitän ausfüllen könnte, vorausgeſetzt daß man ihm nicht alte Weiber zum Unterhalten oder neue Stiefel zum Zerreißen gibt? Ich wage mir zu ſchmeicheln, mein Herr, daß ich in dieſem Fall die Geſchäfte, die man mir anvertrauen dürfte, auf eine vortheilhafte Art beſorgen werde.“ „Ich möchte gern, Capitän,“ antwortete der An⸗ goumois;„aber unglücklicher Weiſe habe ich ſehr jung meine Provinz verlaſſen und kenne Niemand dort.“ „Bei den Eingeweiden des heiligen Vaters, das iſt ſehr unglücklich, mein Herr, aber da fällt mir eben ein, mein edler Herr, vielleicht wüßtet Ihr irgend ein Plätzchen in einer andern Provinz; ich beſtehe nicht gerade darauf ins Angoumois zu kom⸗ men, denn man verſichert mich, daß dort die Fieber herrſchen; oder vielleicht könntet Ihr mich irgend einem tugendhaften Herrn von hohem Geſchlechte empfehlen. Wenn er auch nicht vollkommen tugend⸗ haft wäre, ſo wollte ich mich darein ergeben, vor⸗ ausgeſetzt daß Gott ihm an Bravour zugetheilt hätte, was er ihm an Tugend veweigert.“ „Ich bedaure lebhaft, Capitän, daß ich einem ſo ſchmiegſamen Manne, wie Ihr ſeid, in Nichts zu dienen vermag; aber ich bin ein armer Edel⸗ mann wie Ihr, und wenn ich einen leiblichen Bru⸗ der hätte, ſo könnte er vom Ueberfluß meiner Börſe oder meines Credits ſein Leben nicht friſten.“ „Beim frommen Schächer!“ rief der Gascogner, „das iſt in Wahrheit ſehr verdrießlich; aber da Dumas, Horoſcop. I. 4 ———————.—— 50 wenigſtens die Abſicht vorhanden war, mein edler Herr,“ fuhr der Capitän fort, indem er aufſtand und ſein Degengehäng wieder feſter band,„ſo bin ich Euch auf Ehre in gleicher Weiſe verpflichtet.“ Und er grüßte den Hugenotten, der ihm den Gruß erwiderte, ſeinen Krug und ſein Glas wieder und ſich aufs Neue an ſeinen erſten Platz etzte. Im Uebrigen brachte die Ankunft der Kutſche auf die handelnden Perſonen, die wir in Scene ge⸗ ſetzt haben, einen verſchiedenen Eindruck hervor. Wir haben geſehen, daß der angoumoiſiſche Edelmann ſeinen Platz wieder einnahm, der ihm geſtattete der Thüre den Rücken zu kehren. Der gascogniſche Capitän blieb kerzengerade ſtehen, wie es einem jüngeren Sohn aus gutem Hauſe gegenüber den hohen Berühmtheiten zuſtand, welche der Page angekündigt hatte; der Wirth und ſeine Frau end⸗ lich ſtürzten auf die Thüre zu, um ſich zur Verfü⸗ gung der Reiſenden zu ſtellen, die ihr Glücksſtern zu ihnen führte. Der Page, der, um ſeine Kleider nicht durch Berührung der kothigen und eingeſunkenen Straße zu beſchmutzen, auf dem dreifachen Kutſchentritt ſtand, ſprang herab und öffnete den Schlag. Ein Mann von vornehmer Miene mit einer breiten Narbe auf der Wange ſtieg zuerſt aus. Es war Franz von Lothringen, Herzog von Guiſe, dem man ſeit der furchtbaren Wunde, die er in Calais erhalten hatte, den Beinamen der Be⸗ narbte gegeben. Er trug die weiße Schärpe mit den goldenen Franzen und Lilien, die Inſignie ſei⸗ ſte ar „n ze vie de „ki ſei ins ler nd in — en er atz he e⸗ m 51 nes Grads als Generallieutenant der königlichen Armeen. Seine Haare waren kurz geſchnitten und ſtanden bürſtenartig empor; er trug die ſchwarze Sammtmütze mit weißen Federn, die damals in der Mode war, das perlgraue und ſilbergeſtickte Wamms, das ſeine Lieblingsfarben enthielt, Hoſen und Man⸗ tel von ſcharlachrothem Sammt nebſt langen Stie⸗ feln, die man nöthigenfalls bis an den Oberſchen⸗ kel heraufziehen oder auch unter dem Knie hinab⸗ ſchlagen konnte. „Ei, das iſt ja eine wahre Sündfluth,“ ſagte er, indem er ſich mitten in die Pfützen ſtellte, durch die man zur Wirthshausthüre gelangen mußte. Dann wandte er ſich zur Kutſche zurück, neigte ſich ins Innere hinein und ſagte: „Liebe Charlotte, Ihr könnt unmöglich Eure hübſchen Füßchen in dieſen dicken garſtigen Koth ſtellen.“ „Was dann thun?“ fragte ein weiches flöten⸗ artiges Stimmchen. „Mein lieber Marſchall,“ fuhr der Herzog fort, „wollt Ihr mir erlauben Eure Tochter in meinen Armen hineinzutragen? Dieß würde mich um vier⸗ zehn Jahre verjüngen, denn es ſind heute gerade vierzehn Jahre, meine ſchöne Pathin, daß ich Euch auf dieſe Weiſe aus Eurer Wiege nahm. Wohlan denn, mein holdes Täubchen,“ fügte er hinzu, „kommt hervor aus Eurer Arche.“ So ſprechend nahm er das junge Mädchen in ſeine Arme und ſtellte es mit drei großen Schritten ins Innere des Saales. Der Titel Täubch en, welchen der galante 4 Herzog ſeiner Pathin gegeben hatte, die nunmehr bald ſeine Schwiegertochter werden ſollte, war kei⸗ neswegs angemaßt: es war in der That unmöglich einen weißeren, ſchmachtenderen und zierlicheren Vo⸗ gel zu ſehen als denjenigen, welchen der Herzog ſo eben in ſeinen Armen weggetragen und auf den feuchten Platten des Wirthshauſes niedergeſtellt hatte. Die dritte Perſon, die aus der Kutſche ſtieg oder vielmehr zu ſteigen verſuchte, war der Mar⸗ ſchall von St. André. Er rief ſeinen Pagen, aber dieſer hörte nicht, obgleich er kaum drei Schritte von ihm ſtand. Als ächter Page verſchlang er mit verliebten Blicken die Tochter ſeines Gebieters. „Jacques! Jacques!“ wiederholte der Marſchall. „He da! wirſt Du endlich kommen, kleiner Schlin⸗ gel?“ „Ich bin da!“ rief der junge Page, indem er 66 lebhaft umwandte;„ich bin da, Herr Mar⸗ ul „Zum Henker!“ ſagte dieſer,„ich ſehe es wohl, daß Du da biſt; aber da ſollteſt Du nicht ſein, Du Lümmel! Komm ſchnell hieher, hieher an dieſen Tritt da. Du weißt wohl, daß ich im Augenblick gehindert bin, kleiner Schlingel! Au! Uf! Donner⸗ wetter!“ „Verzeiht, Herr Marſchall,“ ſagte der Page beſchämt, indem er ſeinem Herrn ſeine Schulter darbot. „Stützet Euch auf mich, Herr Marſchall,“ ſprach indem er dem Podagriſten ſeinen Arm reichte. — S S— 9——— S . — ——— r⸗ ich m ge 53 Der Marſchall benützte die Erlaubniß und ge⸗ langte mit Hilfe dieſer doppelten Stütze ebenfalls ins Wirthshaus. Er war damals ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit roſigen blühenden Wangen, obſchon für den Augenblick etwas blaß in Folge der Krank⸗ heit, die ihn befallen hatte. Er hatte einen rothen Bart, blonde Haare, blaue Augen, und man ſah es auf den erſten Blick, daß der Marſchall von St. André zehn oder zwölf Jahre vor der Cpoche, wo wir angelangt ſind, einer der ſchönſten Cavaliere ſeiner Zeit geweſen ſein mußte. Er ſetzte ſich mit einiger Mühe auf eine Art von Lehnſtuhl aus Stroh, der in der Ecke des Camins, d. h. im entgegengeſetzten Winkel von dem⸗ jenigen, wo der gascogniſche Capitän und der an⸗ goumoiſiſche Edelmann ſich befanden, auf ihn zu warten ſchien. Der Herzog bot Fräulein Charlotte von St. André den Strohſtuhl, auf welchem wir zu Anfang des vorhergehenden Capitels den Wirth reiten ſahen. Er ſelbſt bequemte ſich mit einem Schemel und gab dem Wirth ein Zeichen, daß er ein großes Feuer im Camin anmachen ſolle; denn obſchon man ſich im vollen Sommer befand, ſo war doch die Feuchtigkeit von der Art, daß das Feuer als ein höchſt dringendes Bedürfniß erſchien. In dieſem Augenblick fiel der Regen mit ſolcher Heftigkeit, daß das Waſſer zur offenen Thüre wie durch einen durchbrochenen Damm oder eine Schleuße, die man zu ſchließen vergeſſen hätte, ins Wirths⸗ haus hereinzudringen anfing. „Hollah, Wirth!“ rief der Marſchall,„macht doch unſere Thüre zu! Wollt Ihr uns bei lebendigem Leib ertränken?“ Der Wirth übergab den Reißbüſchel, den er herbeibrachte, ſeiner Frau, überließ ihr als einer modernen Veſtalin das Geſchäft das Feuer anzu⸗ zünden, und eilte an die Thüre, um den Befehl des Marſchalls zu vollziehen. Aber in dem Augen⸗ blick, wo er alle ſeine Kräfte zuſammennahm, um die Thüre zu ſchließen, hörte man auf der Straße den raſchen Galopp eines Pferdes. In Folge deß blieb der würdige Mann ſtehen, damit nicht der Reiſende, wenn er die Thüre ver⸗ ſchloſſen fand, das Wirthshaus für voll oder für gänzlich verlaſſen halten und in der einen wie in der andern Vorausſetzung vorüber ziehen ſollte. „Verzeiht, gnädigſter Herr,“ ſagte er, indem er ſeinen Kopf durch die halboffene Thüre herein⸗ ſtreckte,„aber ich glaube, daß ich noch einen Rei⸗ ſenden bekomme.“ In der That hielt ein Reiter vor dem Wirths⸗ hauſe an, ſprang von ſeinem Pferde und warf dem Wirth den Zügel zu mit den Worten: „Führ dieſes Thier in den Stall und laß es ihm weder an Kleie noch an Haber fehlen.“ Dann trat er raſch in das vom Feuer noch nicht beleuchtete Wirthszimmer und ſchüttelte ſeinen vom Regen triefenden Hut ab, ohne darauf zu achten, daß er ſämmtliche Anweſende benetzte. Das erſte Opfer dieſes Regens war der Herzog von Guiſe, der raſch aufſtand, mit einem einzigen Sprung bei dem Fremden war und ihm zurief: — — 55 „He da, Herr Schlingel, könnt Ihr nicht Acht geben, was Ihr thut?“ Bei dieſem Gruß drehte der neue Ankömmling ſich um und fuhr blitzſchnell mit der Hand an ſei⸗ nen Degen. Ohne Zweifel würde Herr von Guiſe ſeinen Ausdruck theuer bezahlt haben, wenn er nicht, weniger vor dem Degen als vor dem Geſicht, zu⸗ rückgetreten wäre. „Wie, Prinz, Ihr ſeids?“ ſagte er. Derjenige, welchen der Herzog von Guiſe als Prinz anredete, brauchte blos einen Blick auf den berühmten lothringiſchen Feldherrn zu werfen, um ihn ſeinerſeits zu erkennen. „Ja wohl, ich bins, Herr Herzog,“ antwortete er eben ſo erſtaunt ihn in dieſer elenden Herberge zu treffen, als der Herzog erſtaunt geweſen war ihn hereinkommen zu ſehen. „Geſtehet, Prinz, daß der Regen einen Menſchen ſehr blenden muß, da ich Eure Hoheit für einen Studenten von der Landimeſſe halten konnte.“ Dann fuhr er mit einer Verbeugung fort: „Ich bitte Eure Hoheit aufrichtigſt um Entſchul⸗ digung.“ „Es iſt wahrhaftig nicht der Mühe werth, Her⸗ zog,“ ſagte der letztangekommene Gaſt in einem ungezwungenen überlegenen Ton, der bei ihm zur Gewohnheit geworden war.„Und durch welchen Zufall befindet Ihr Euch hier? Ich glaubte Euch in Eurer Grafſchaft Nanteuil.“ „Ich komme wirklich davon her, Prinz.“ „Ueber St. Denis?“ „Wir haben einen Abſtecher nach Goneſſe ge⸗ macht, um im Vorbeigehen die Landimeſſe mitan⸗ zuſehen.“ „Ihr, Herzog! Das könnte man etwa mir hin⸗ gehen laſſen, da mein Leichtſinn, Dank meinen Freunden, ſprichwörtlich zu werden anfängt. Aber wie kann der ernſte, der ſtrenge Herzog von Guiſe von ſeinem Wege abgehen, um ein Studentenfeſt mitanzuſehen?“ „Ich bin auch nicht auf dieſe Idee gekommen, Prinz; ich reiste mit dem Marſchall von St. An⸗ dré, und ſeine Tochter, meine Pathin Charlotte, eine Kleine, die ihre Capricen hat, wollte ſehen, was dieſe berühmte Landimeſſe eigentlich ſei; dann aber wurden wir von dem Regen überraſcht und haben hier eingeſtellt.“ „Der Marſchall iſt alſo hier?“ fragte der Prinz. „Da iſt er,“ ſagte der Herzog, indem er die beiden Perſonen zum Vorſchein kommen ließ, welche der Prinz zwar im Halbſchatten bemerkt hatte, aber ohne ihre Züge zu erkennen. Der Marſchall machte eine Anſtrengung und ſtand auf, indem er ſich auf ſeinen Lehnſtuhl ſtützte. „Marſchall,“ ſagte der Prinz, auf ihn zugehend, „entſchuldigt mich, daß ich Euch nicht erkannt habe; aber außerdem, daß dieſer Saal dunkel wie ein Keller oder vielmehr dieſer Keller düſter wie ein Gefängniß iſt, hat mich der Regen dermaßen ge⸗ blendet, daß ich, wie der Herr Herzog, im Stande wäre einen Edelmann mit einem Bauern zu ver⸗ wechſeln. Glücklicherweiſe, mein Fräulein,“ fuhr der Prinz gegen das junge Mädchen fort, das er mit Bewunderung anſchaute,„glücklicherweiſe ſtellt 57 ſich meine Sehkraft allmälig wieder ein und ich be⸗ klage von ganzem Herzen die Blinden, denen es nicht vergönnt iſt ein Geſicht wie das Eurige be⸗ trachten zu dürfen.“ Dieſes vom Zaun geriſſene Compliment trieb die Röthe in die Wangen des Mädchens. Sie ſchlug ihre Augen auf, um den Mann anzuſehen, der ihr vielleicht die erſte Schmeichelei geſagt, die ſie je empfangen hatte; aber ſie ſenkte ſie ſogleich wieder, weil die Blitze aus den Augen des Prinzen ſie blendeten. Wir wiſſen nicht, welcher Art ihr Eindruck war, aber gewiß war er voll Lieblichkeit und Zauber, denn ein junges Mädchen von vierzehn Jahren konnte nicht wohl ein einnehmenderes Geſicht zu ſehen bekommen, als dieſen Cavalier von neunund⸗ zwanzig Jahren, den man Prinz nannte und mit dem Titel Hoheit begrüßte. Ludwig. von Bourbon, Prinz von Condé, war in der That ein vollendeter Cavalier. Geboren am 7. Mai 1530, ging er zur Zeit, wo dieſe Erzählung beginnt, in ſein dreißigſtes Jahr. Er war eher klein als groß, aber von bewun⸗ dernswürdiger Taille. Seine kaſtanienbraunen Haare, die kurz geſchnitten waren, beſchatteten glänzende Schläfe, worin ein Phrenolog unſerer Zeit alle Beulen der höchſten Intelligenz gefunden haben würde. Seine Augen, blau wie Laſurſtein, drück⸗ ten eine unausſprechliche Sanftmuth und Zärtlich⸗ keit aus, und hätten nicht dichte Brauen dieſem Geſicht einigermaßen eine Härte gegeben, die ein blonder Bart noch milderte, ſo hätte man den —————.—— 58 Prinzen für einen ſchönen Studenten gehalten, der ganz friſch aus dem Mutterhaus käme. Gleichwohl trug dieſes prächtige, gleich dem Azur des Himmels helle Auge manchmal ein Gepräge trotziger Ener⸗ gie, ſo daß die Schöngeiſter jener Zeit es mit einem Fluſſe verglichen, der ruhig ſei, je nach den Strah⸗ len, die ihn beleuchten, aber furchtbar, je nach den Stürmen, die ihn aufregen. Mit einem Wort, er trug auf ſeinem Geſicht ſeinen vorherrſchenden Cha⸗ racter, d. h. phyſiſchen Muth und Liebesbedürfniß, beide auf den höchſten Grad getrieben. In dieſem Augenblick beleuchtete ſich die Wirths⸗ ſtube in Folge der geſchloſſenen Thüre und des im Herd flammenden Feuers mit phantaſtiſchen Schei⸗ nen, die capriciös auf die beiden Gruppen im rech⸗ ten und im linken Winkel fielen; überdieß fielen zwiſchen den obern Oeffnungen von Zeit zu Zeit Blitze herein, welche auf die Geſichter einen bläu⸗ lichen Wiederſchein warfen, wodurch ſelbſt die Jüng⸗ ſten und Lebenskräftigſten das Anſehen von Bewoh⸗ nern einer andern Welt erhielten. Dieſer Eindruck war ſo ſtark, daß er ſelbſt den Wirth ergriff. Als er ſah, daß, obſchon es kaum ſieben Uhr war, die Nacht ſchon gänzlich hereingebrochen ſchien, zündete er eine Lampe an und ſtellte ſie auf den Kamin⸗ mantel über der Gruppe des Prinzen von Condé, des Herzogs von Guiſe, des Marſchalls von St. André und ſeiner Tochter. Der Regen nahm nicht nur nicht ab, ſondern wurde immer ſtärker: an eine Weiterreiſe war alſo nicht zu denken. Ueberdieß kam zu dem Regen noch vom Fluß her ein ſo furchtbarer Wind, daß die Fenſter⸗ — S v S— 59 läden gegen die Mauer ſchlugen und das Haus ſelbſt vom Gipfel bis zu ſeiner Grundlage zitterte. Wäre die Kutſche auf der Straße geweſen, ſo würde ſie ohne allen Zweifel vom Sturm fortgeweht wor⸗ den ſein: die Reiſenden beſchloſſen alſo im Wirths⸗ haus zu bleiben, ſo lange dieſer entſetzliche Orkan dauern würde. Auf einmal hörte man mitten in dieſem ſchreck⸗ lichen Tumult der Elemente, während der Regen auf die Köpfe herabrieſelte, die Läden gegen die Mauer ſchlugen, die Zügel vom Dach herabgeweht wurden und auf der Erde zerbrachen, an die Thüre klopfen, und eine ächzende Stimme wiederholte in einem Ton, der jedesmal ſchwächer wurde: „OHeffnet! öffnet! im Namen unſeres Herrn und Heilandes, öffnet!“ Der Wirth, der an die Ankunft eines neuen Reiſenden glaubte, hatte ſich, als er klopfen hörte, ſchnell aufgemacht, um die Thüre zu öffnen; aber als er die Stimme erkannte, blieb er mitten im Saal ſtehen und ſagte kopfſchüttelnd: „Du täuſcheſt Dich in der Thüre, alte Hexe. Nicht hier mußt Du klopfen, wenn Du willſt, daß man Dir öffnen ſoll.“ „Oeffnet, Herr Wirth,“ wiederholte dieſelbe kla⸗ gende Stimme;„es iſt eine wahre Sünde ein ar⸗ mes altes Weib bei ſolchem Wetter draußen zu laſſen.“ „Kehre Deinen Beſenſtiel nach einer andern Seite, Du Teufelsbraut,“ antwortete der Wirth durch die Thüre hindurch;„die Geſellſchaft hier iſt zu vornehm für Dich.“ 60 „Und warum?“ fragte der Prinz von Condé, den die Hartherzigkeit des Wirthes empörte,„warum öffneſt Du dieſer armen Frau nicht?“ „Weil ſie eine Hexe iſt, Euer Hoheit, die Hexe von Andilly, eine alte Halunkin, die man des Exempels wegen mitten auf der Ebene von St. Denis verbrennen ſollte, weil ſie von Nichts als Wunden und Beulen träumt, Nichts als Hagel und Donner prophezeit. Ich bin überzeugt, daß ſie ſich an irgend einem armen Bauern gerächt haben wird, und daß ſie an dieſem verfluchten Wetter Schuld iſt.“ „Hexe oder nicht,“ ſagte der Prinz,„auf, öffne ihr. Es iſt nicht erlaubt ein menſchliches Geſchöpf bei einem ſolchen Sturm vor der Thüre zu laſſen.“ „Da Euer Hoheit es wünſcht,“ ſagte der Wirth, „ſo will ich dieſer alten Ketzerin öffnen; aber ich wünſche nur, daß Euer Hoheit es nicht bereuen möge, denn es geſchieht überall ein Unglück, wo ſie hinkommt.“ Der Wirth, der trotz ſeines Widerwillens gehor⸗ chen mußte, öffnete die Thüre, und nun ſah man eine alte Frau mit zerzausten fliegenden grauen Haaren hereintreten oder vielmehr hereinfallen. Sie trug ein ganz zerriſſenes rothes Wollkleid und einen großen Mantel, der ſich im ſelben Zuſtand wie das Kleid befand und bis auf ihre Ferſe hinabreichte. Der Prinz von Condé trat trotz ſeiner prinzli⸗ chen Würde vor, um der Hexe aufſtehen zu helfen, denn er war das beſte Herz von der Welt. Aber der Wirth warf ſich dazwiſchen, ſtellte die Alte wie⸗ der auf ihre Beine und ſagte zu ihr: „Danke dem Herrn Prinzen von Condé, Hexe, ——— S — 61 denn ohne ihn hätte ich Dich, das darfſt Du mir glauben, zum Wohl der Stadt und ihrer Umgegend vor der Thüre crepiren laſſen.“ Die Hexe ging, ohne zu fragen, wer der Prinz ſei, gerade auf ihn zu, kniete nieder und küßte den Saum ſeines Mantels. Der Prinz ließ einen Blick voll innigen Mit⸗ leids auf das arme Geſchöpf fallen. „Wirth,“ ſagte er,„gib dieſer armen Frau einen Krug Wein und zwar von Deinem beſten. Geh, trink ein wenig, Alte,“ fuhr er fort,„das wird Dich wärmen.“ Die Alte ſetzte ſich an einen der Tiſche im Hintergrund des Saals; auf dieſe Art befand ſie ſich gegenüber der Eingangsthüre und hatte zu ih⸗ rer Rechten die Gruppe des Prinzen, des Marſchalls von St. André und ſeiner Tochterz zu ihrer Lin⸗ ken den gascogniſchen Capitän, den angoumoiſiſchen Edelmann und den jungen Pagen. Der angoumoiſiſche Edelmann war wieder in eine tiefe Träumerei verſunken. Der junge Page weidete ſeine Augen an den Reizen des Fräuleins von St. André. Der gascogniſche Capitän allein beſaß ſeine ganze Geiſtesfreiheit; er dachte, wenn die alte Frau auch nur im zehnten Theil der Be⸗ hauptungen des Wirthes Herxe ſei, ſo könne dieß für ihn immerhin ein Licht und ein Leitfaden ſein, um die erledigte Stelle zu ſuchen, wegen deren er ſich bei dem angoumoiſiſchen Edelmann und dem Pagen erkundigt, und worüber dieſe ihm nichts Beſtimmtes hatten ſagen können. Er ſchritt alſo über ſeine Bank weg, pflanzte ſich vor der Hexe auf, die mit ſichtlicher Befriedi⸗ gung ſo eben ihr erſtes Glas Wein getrunken hatte, und indem er mit geſpreizten Beinen, die linke Hand auf den Degenknopf gelegt, den Kopf auf die Bruſt geneigt, die alte Frau mit ſeinem zugleich feinen und ausdauernden Blick fixirte, ſagte er: „Sag einmal, Hexe, kannſt Du wirklich in der Zukunft leſen?“ „Mit Gottes Hilfe, mein Herr, ja, zuweilen.“ „Könnteſt Du mir mein Horoſcop ſtellen?“ „Ich wills verſuchen, wenn es Euer Wunſch iſt.“ „Nun ja, es iſt mein Wunſch.“ „Dann ſteh ich Euch zu Befehl.“ „Sieh, da haſt Du meine Hand; denn ihr Hi⸗ geunerinnen leſet ja doch aus der Hand, nicht wahr?“ c Die Herxe ergriff mit ihren fleiſchloſen ſchwarzen Händen die Hand des Capitäns, die beinahe eben ſo trocken und ſchwarz war wie die ihrige. „Was wollt Ihr, daß ich Euch zuerſt ſagen ſoll?“ fragte ſie. „Du ſollſt mir zuerſt ſagen, ob ich Glück ma⸗ chen werde.“ 3 Die Hexe prüfte die Hand des Gascogners lange eit. Dieſer wurde ungeduldig, als er ſah, daß die Hexe ſich nicht ausſprach; er ſchüttelte den Kopf und ſagte dann mit zweifelnder Miene: „Wie zum Teufel kannſt Du denn in der Hand Se Menſchen leſen, ob er ſein Glück machen wird?“ S— 8 N — 63 „Oh ſehr leicht, gnädiger Herr, nur iſt Das mein Geheimniß.“ „Heraus mit Deinem Geheimniß.“ „Wenn ichs Euch ſage, Capitän,“ antwortete die Here,„ſo iſt es nicht mehr mein Geheimniß, ſondern das Eurige.“ „Du haſt Recht, behalte es, aber ſpute Dich! Du kitzelſt meine Hand, Zigeunerin, und ich liebe es nicht, daß alte Weiber mir die Hand kitzeln.“ „Ihr werdet Glück machen, Capitän.“ „In Wahrheit, Hexe?“ „Beim Kreuz!“ „Oh cap de Piou, gute Nachrichten! und glaubſt Du, daß es bald ſein werde?“ „In einigen Jahren.“ „Teufel! Ich hätte es ſchneller gewünſcht; in einigen Tagen zum Beiſpiel.“ „Ich kann blos den Erfolg der Ereigniſſe ſagen, aber ich kann ihren Gang nicht beſchleunigen.“ „Und wird mir Das ſehr mühſelig werden?“ „Nein, aber es kann Andern mühſelig werden.“ „Was willſt Du ſagen?“ „Ich will ſagen, daß Ihr ehrgeizig ſeid, Ca⸗ pitän.“ „Ah beim Kreuze Gottes, Das iſt wahr, Zi⸗ geunerin.“ „Nun wohl, um zu Eurem Ziel zu gelangen, werden alle Wege Euch gut ſein.“ „Ja, zeige mir nur denjenigen, den ich einſchla⸗ gen ſoll, und Du wirſt ſehen.“ „Oh, Ihr werdet ihn wohl von ſelbſt einſchla⸗ gen, ſo furchtbar er auch ſein mag.“ ——————— 64 „Und ſag einmal, was wird aus mir werden, wenn ich dieſen furchtbaren Weg einſchlage?“ „Ein Mörder, Capitän.“ „Gottes Blut!“ rief der Gascogner,„Du biſt ein altes Luder und Du kannſt Deine Horoſcope Denjenigen ſtellen, die dumm genug ſind, um daran zu glauben.“ Er bedeckte die Alte mit einem Blick der höch⸗ ſten Entrüſtung und ſetzte ſich wieder an ſeinen Platz, indem er brummte: „Mörder! Mörder! Ich! Höre, Hexe, es müßte eine ſehr große Summe ſein, wenn ich Das werden ſollte.“ „Jacques,“ ſagte jetzt Fräulein von St. André, welche das ganze Treiben des Capitäns beobachtet und mit ihren neugierigen OHehrchen von vierzehn Jahren kein Wort von dem Zwiegeſpräch zwiſchen der Here und dem Gascogner verloren hatte, zu dem jungen Pagen: „Jacques, laßt Euch doch auch einmal Euer Horoſcop ſtellen; Das wird mir Spaß machen.“ Der junge Mann, den man zum zweiten Mal mit Jacques anredete und der kein anderer war als der Page, erhob ſich, ohne eine Bemerkung zu machen, und trat in der Haltung abſoluten Gehor⸗ ſams zur Hexe hin. „Hier iſt meine Hand, gute Frau,“ ſagte er; „wollt Ihr mir mein Horoſcop ſtellen, wie Ihr es ſo eben dem Capitän geſtellt habt?“ „Sehr gern, mein ſchöner Junge,“ antwortete ſie. Damit ergriff ſie die Hand, die der junge Mann ihr reichte, und die ſo weiß war wie eine Mädchenhand. — —— 65 „Dann ſchüttelte ſie den Kopf. „Nun, Alte,“ fragte der Page,„Ihr ſehet in dieſer Hand nichts Eutes, nicht wahr?“ „Ihr werdet unglücklich ſein.“ „Ach, armer Jacques,“ ſagte halb ſpöttiſch, halb beſorgt das junge Mädchen, das die Weiſſagung provocirt hatte. Der junge Menſch lächelte wehmüthig und mur⸗ melte: „Ich werde es nicht ſein, ich bin es ſchon.“ „Die Liebe wird all Euer Unglück verurſachen,“ fuhr die Alte fort. „Werde ich doch wenigſtens jung ſterben?“ fragte der Page wieder. „Ach ja, mein armes Kind, mit vierundzwanzig Jahren.“ „Um ſo beſſer.“ „Wie ſo, Jacques, um ſo beſſer? Was wollt Ihr denn damit ſagen?“ „Da ich ja doch unglücklich ſein ſoll, wozu ſoll ich leben?“ antwortete der junge Menſch.„Und wenigſtens auf einem Schlachtfeld ſterben?“ „Nein.“ „In mejnem Bette?“ „Nein.“ „Durch einen Zufall?“ „Nein.“ „Wie werde ich denn ſterben, Alte?“ „Ich kann Euch nicht genau ſagen, wie Ihr ſter⸗ ben werdet, aber ich kann Euch die Urſache Eures Todes ſagen.“ „Und worin wird dieſe Urſache beſtehen?“ Dumas, Horoſcop. I. 5 —————.—— 66 Die Alte ſenkte ihre Stimme: „Ihr werdet ein Mörder ſein,“ ſagte ſie. Der junge Menſch wurde blaß, wie wenn das prophezeite Ereigniß bereits eingetreten wäre. Er ging geſenkten Hauptes an ſeinen Platz zurück und ſagte: „Dank, Alte; möge ſich erfüllen, was geſchrie⸗ ben ſteht.“ „Nun,“ fragte der Capitän den Pagen,„was hat dieſe verdammte Alte zu Euch geſagt, mein ſchönes junges Herrlein?“ „Nichts was ich wiederſagen könnte, Capitän,“ antwortete dieſer. Der Capitän drehte ſich gegen den Angoumvis um. „Nun wohl, mein wackerer edler Herr,“ ſagte er,„ſeid Ihr nicht auch neugierig das Schickſal zu verſuchen? Kommt doch her, wahr oder falſch, gut oder ſchlecht, hilft eine Prophezeiung doch immer über einige Augenblicke hinweg.“ „Verzeiht mir,“ antwortete der Edelmann, der auf einmal aus ſeiner Träumerei zu erwachen ſchien,„ich habe im Gegentheil dieſe Frau etwas ſehr Wichtiges zu fragen.“ Damit ſtand er auf und ging mit der beſtimm⸗ ten Haltung, die auf Kraft und Feſtigkeit des Wil⸗ lens deutet, gerade auf die Hexe zu. „Zauberin,“ ſagte er mit düſterer Stimme, in⸗ dem er ihr eine nervige Hand hinhielt,„wird mir das Unternehmen, das ich vorhabe, gelingen?“ Die Hexe ergriff die dargebotene Hand, ſah ſie jedoch nur eine Secunde an und ließ ſie dann mit einer Art von Entſetzen fallen. Z n 8 ⸗ l⸗ n⸗ ir ie it 67 „O ja,“ ſagte ſie,„es wird Euch gelingen, aber zu Eurem Unglück.“ „Doch wird es gelingen?“ „Ja, aber um welchen Preis, barmherziger Gott!“ i „Der Preis wird der Tod meines Feindes ſein, nicht wahr?“ „Ja.“ „Was liegt mir dann an allem Andern?“ Und der Edelmann ging an ſeinen Platz zurück, indem er dem Herzog von Guiſe einen Blick voll unausſprechlichen Haſſes zuwarf. „Seltſam! ſoltſam! ſeltſam!“ murmelte die Alte,„Mörder alle Drei!“ Und ſie betrachtete mit einer Art von Schrecken die Gruppe, die aus dem gascogniſchen Capitän, dem angoumoiſiſchen Edelmann und dem jungen Pagen beſtand. Die erlauchten Gäſte auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite des Saales waren dieſer chiro⸗ mantiſchen Scene aufmerkſam mit den Augen gefolgt. Wir ſagen mit den Augen, weil ſie nicht Alles hatten hören, wohl aber ſehen können. So wenig Vertrauen man nun auch zur Hexerei haben mag, ſo iſt es doch immer intereſſant, dieſe düſtere Wiſſenſchaft, Magie genannt, zu befragen, ſei es nun, daß ſie tauſend Glückſeligkeiten voraus⸗ ſagt und man ihr Recht gibt, oder daß ſie tau⸗ ſenderlei Unglück prophezeit und man ſie der Lüge beſchuldigt. Dieſes Gefühl war es ohne Zweifel, was den Marſchall von St. André veranlaßte, die Alte gleichfalls zu befragen. „Ich gebe wenig um all dieß Ceſchwätze,⸗ ſagte 5 —————.——— 68 er;„aber ich muß geſtehen, daß in meiner Kindheit eine Zigeunerin mir prophezeit hat, was mir bis in mein fünfzigſtes Jahr zuſtoßen wird; ich bin jetzt fünfundfünfzig alt, und es wäre mir nicht unlieb, wenn eine Andere mir nunmehr prophezeite, was mir bis zu meinem Tod widerfahren wird. Komm alſo heran, Tochter Belzebubs,“ rief er der Alten zu. Die Here ſtand auf und näherte ſich der Gruppe. „Hier iſt meine Hand,“ ſagte der Marſchall; „ſprich und zwar laut, was verkündeſt Du mir Gutes?“ „Nichts, Herr Marſchall.“ „Nichts! Zum Teufel! Das iſt nicht viel; und Böſes?“ „Befraget mich nicht, Herr Marſchall.“ „Doch, zum Henker, ich will Dich nun einmal befragen. Sprich, was lieſeſt Du in meiner Hand?“ „Eine gewaltſame Unterbrechung der Lebenslinie, Herr Marſchall.“ „Das bedeutet, daß ich nicht mehr lange zu leben habe, he?“ „Mein Vater!“ murmelte das junge Mädchen, indem ſie ihn mit einem Blicke bat, daß er es nicht weiter treiben möchte. „Laß doch, Charlotte,“ ſagte der Marſchall. „Höret auf dieſes ſchöne Kind,“ ſagte die Hexe. „Nein, Du mußt Dich ganz ausſprechen, Zigeu⸗ nerin! Ich werde alſo bald ſterben?“ „Ja, Herr Marſchall.“ „Werde ich eines gewaltſamen oder eines natür⸗ lichen Todes ſterben?“ „Eines gewaltſamen Todes. Ihr werdet den 69 Tod auf dem Schlachtfeld empfangen, aber nicht von einem ehrlichen Feinde.“ „Von Verräthershand alſo?“ „Ja, von Verräthershand. Das heißt, Ihr werdet ermordet werden.“ „Mein Vater,“ murmelte das junge Mädchen, ſich feſter an den Marſchall ſchmiegend. „Glaubſt Du denn an all dieſe Teufeleien da?“ ſagte dieſer, indem er ſie auf die Stirne küßte. „Nein, lieber Vater, und dennoch klopft mir das Herz in der Bruſt, wie wenn das Unglück, das man Cuch weiſſagt, bald eintreffen ſollte.“ „Kind!“ ſagte der MWarſchall, die Achſeln zuckend; „komm, zeig Du ihr jetzt auch Deine Hand, und mögen ihre Prophezeiungen Deinem Leben all die Tage beifügen, welche ſie dem meinigen abſchneiden.“ Aber das junge Mädchen weigerte ſich beharrlich. „Nun, ſo will ich Euch mit gutem Beiſpiel vor⸗ angehen, mein Fräulein,“ ſagte der Herzog von Guiſe, indem er der Hexe ſeine Hand reichte. Dann fügte er mit einem Lächeln hinzu: „Ich ſage Dir zum Voraus, Zigeunerin, daß man mir ſchon dreimal mein Horoſcop geſtellt, und daß es dreimal auf Tod gelautet hat; zur Ehre der Zauberkunſt laß es nicht lügen.“ „Gnädigſter Herr,“ ſagte die Alte, nachdem ſie die Hand des Herzogs unterſucht hatte,„ich weiß nicht was man Euch bis jetzt prophezeit hat; aber hört was ich Euch prophezeie.“ „Sprich!“ „Ihr werdet wie der Warſchall von St. André ermordet werden.“ „Das trifft vollkommen zu,“ ſagte der Herzog, „und es gibt da kein Entrinnen. Da, nimm dieß und pack Dich zum Teufel.“ Und er warf der Hexe ein Goldſtück zu. „Ei zum Henker, dieſe Hexe prophezeit uns ja eine ganze Mörderei von Ebelleuten! Ich fange an zu bereuen, daß ich ſie hereinkommen ließ, und da⸗ mit man nicht glauben kann, ich wolle allein dem S entrinnen, ſo prophezeie mir jetzt auch, e „Glaubt Ihr denn an Hexen, Prinz?“ fragte der Herzog von Guiſe. „Wahrhaftig, Herzog, ich habe ſo viele Prophe⸗ zeiungen fehlſchlagen, ſo viele Horoſcope in Erfül⸗ lung gehen ſehen, daß ich wie Michel Montaigne blos ſagen will: Was weiß ich? Komm her, gute Frau, da iſt meine Hand; was ſiehſt Du darin? Gutes und Böſes, ſag Alles.“ „So vernehmt was ich in Eurer Hand ſehe, gnädigſter Herr: ein Leben voll von Liebe und von Kämpfen, von Vergnügungen und von Gefahren, und am Ende einen blutigen Tod.“ „Werde ich alſo auch ermordet werden?“ „Ja, gnädigſter Herr.“ „Wie der Marſchall von St. André, wie Herr von Guiſe?“ „Wie ſie.“ „Ob Du nun die Wahrheit ſagſt oder nicht, gute Frau, da Du mir ankündigſt, daß ich in guter Je ſterben werde, ſo nimm das für Deine ü t, er ne 71 Und er gab ihr nicht ein einziges Goldſtück, wie der Herzog von Guiſe gethan hatte, ſondern ſeine ganze Börſe. „Wollte Gott, gnädigſter Herr,“ ſagte die Alte, indem ſie dem Prinzen die Hand küßte,„daß die arme Zauberin ſich täuſche und die Weiſſagung nicht in Erfüllung gehe.“ „Und wenn ſie trotz Deines Wunſches dennoch in Erfüllung geht, gute Frau, ſo verſpreche ich Dir künftig an Zauberei zu glauben. Freilich,“ fügte er lachend hinzu,„wird es dann faſt etwas zu ſpät ſein.“ Einen Augenblick herrſchte düſteres Schweigen, deſſen man den Regen langſam herabfallen hörte. „Nun,“ ſagte der Prinz,„das Unwetter läßt nach. Lebt wohl, Herr Marſchall, lebt wohl, Herr Herzog; man erwartet mich um neun Uhr im Hotel Coligny; ich muß mich alſo wieder auf den Weg machen.“ „Ei wie, Prinz, bei dieſem Unwetter?“ fragte Charlotte. „Mein Fräulein,“ ſagte der Prinz,„ich danke Euch aufrichtigſt für Eure Beſorgtheit; aber ich habe vom Blitz und Donner Richts zu fürchten, da ich ermordet werden ſoll.“ Nachdem der Prinz ſofort ſeine beiden Waffen⸗ brüder begrüßt, auf Fräulein von St. André aber einen Blick geheftet hatte, welcher das junge Mäd⸗ chen zwang die Augen niederzuſchlagen, verließ er die Herberge, und einen Augenblick darauf hörte man auf der Straße von Paris den raſchen Galopp eines Pferdes. 72 „Laß die Kutſche vorfahren, Jacques,“ ſagte der Marſchall.„Wenn man den Prinzen um neun Uhr im Hotel Coligny erwartet, ſo erwartet man uns um zehn Uhr im Tournellespalaſt.“ Die Kutſche kam. Der Marſchall von St. An⸗ dré, ſeine Tochter und der Herzog von Guiſe ſetzten ſich hinein. Laſſen wir dieſe Geſellſchaft hinter dem Prinzen von Condé her nach Paris fahren, wir werden ſie ſpäter dort wieder treffen. Stellen wir nur noch neben die Namen der drei Perſonen, welchen die Hexe den Tod durch Mörderhand prophezeit hatte, die Namen der drei andern, denen ſie vorhergeſagt, daß ſie Mörder werden ſollten, ſo haben wir auf der einen Seite den Herzog von Guiſe, den Marſchall von St. An⸗ dré, den Prinzen von Conds; auf der andern Pol⸗ trot de Mere, Baubigny de Mezieres, Montesquiou. Ohne Zweifel hatte die Vorſehung dieſe ſechs Männer im Wirthshaus zum rothen Roß zuſammen⸗ geführt, um den Einen wie den Andern eine War⸗ nung zukommen zu laſſen, die ſich bei beiden Thei⸗ len als gleich unnütz erwies. Ende des Prologs. I. Criumphzug des Präſidenten Minard. Dienſtag den 18. December 1559, ſechs Monate nach dem Landifeſt, Nachmittags gegen drei Uhr, bei einem ſo ſchönen Sonnenuntergang, als man in dieſer vorgerückten Jahreszeit nur wünſchen konnte, ritt der Parlamentsrath, Meiſter Anton Minard, auf einem Maulthier von ſo armſeligem Anſehen, daß es den ſchmutzigen Geiz ſeines Eigen⸗ thümers aufs Hondgreiflichſte verrieth, mitten in der alten Templeſtraße. Meiſter Anton Minard, auf welchen wir die Blicke unſerer Leſer für eine Weile lenken wollen, war ein Mann von etwa ſechzig Jahren, dick und bausbäckig, und ließ die blonden Locken ſeiner Pe⸗ rücke cokett im Winde flattern. Sein Geſicht muß in gewöhnlichen Zeiten die vollendetſte Seligkeit ausgedrückt haben; ſicherlich hatte niemals ein Kummer die glatte, leuchtende und runzelloſe Stirne verdüſtert. Keine Thräne hatte unter dieſen dicken, ſtart hervorſtehenden Augen ihre Furche gegraben; kurz und gut, blos egoiſtiſche Sorgloſigkeit und gemeine Luſtigkeit waren mit ihrem Firniß über das Roth dieſes blühenden Geſichtes gefahren, das majeſtätiſch von einem dreifachen Kinn getragen wurde. ————.——— Aber an dieſem Tag ſtrahlte das Geſicht des Präſidenten Minard ganz und gar nicht in ſeinem gewöhnlichen Heiligenſchein; denn obſchon er nur noch vierhundert Schritte von ſeinem Hauſe hinweg und folglich, wie man ſieht, die Entfernung nicht mehr groß war, ſo ſchien er doch nicht mit Sicher⸗ heit auf ſeine glückliche Ankunft daſelbſt zu rechnen, und daraus folgte, daß ſein Geſicht, der Spiegel ſeiner Gemüthsbewegungen, die peinlichſte Unruhe ausdrückte. In der That war die Volksmenge, welche das Geleite des würdigen Präſidenten bildete, weit ent⸗ fernt ihm Freude zu machen. Seit er ausgeritten war, hatte ſich ein ungeheurer Menſchenhaufen um ihn geſammelt, und ſchien ſich ein wahres Vergnü⸗ gen daraus zu machen ihm übel mitzuſpielen: die allerärgſten Schreier und Krakeler in der Haupt⸗ ſtadt des allerchriſtlichſten Königreichs ſchienen ſich verabredeter Maßen auf dem Platze des Juſtiz⸗ palaſtes eingefunden zu haben, um den braven Mann bis nach Hauſe zu geleiten. Welche Gründe entſeſſelten doch die Mehrheit ſeiner Mitbürger gegen den würdigen Meiſter Mi⸗ nard? Wir wollen ſie möglichſt kurz auseinanderſetzen. Meiſter Minard hatte ſo eben einen der mit allem Recht geachtetſten Männer von Paris, ſeinen Collegen im Parlament, ſeinen Bruder in Gott, den tugendhaften Rath Anne Dubourg, zum Tod verurtheilen laſſen. Welches Verbrechen hatte er begangen? Daſſelbe wie der Athenienſer Ariſtides. Man nannte ihn den . 75 Gerechten. Folgendes waren die Urſachen des Pro⸗ ceſſes, der ſechs Monate währte und ſo eben ein für den armen Rath ſo fatales Ende genommen hatte. Im Juni 1559 hatte Heinrich II. auf die drin⸗ genden Vorſtellungen des Cardinals von Lothringen und ſeines Bruders Franz von Guiſe, die von der franzöſiſchen Geiſtlichkeit als Geſandte Gottes zur Vertheidigung und Erhaltung der katholiſchen, apo⸗ ſtoliſchen und römiſchen Religion ernannt worden waren, Heinrich 1I. hatte ein Edict erlaſſen, wodurch das Parlament gezwungen wurde ſämmtliche Luthe⸗ raner ohne Ausnahme und ohne Gnade zum Tod zu verurtheilen. Als nun dieſem Edicte zum Trotz einige Räthe einem Hugenotten aus dem Gefängniß geholfen hatten, da überredeten der Herzog von Guiſe und der Cardinal von Lothringen, die auf nichts Gerin⸗ geres als auf die gänzliche Vertilgung der Prote⸗ ſtanten ausgingen, den König, daß er am 10. Juni im großen Saal des Auguſtinerkloſters eine öffent⸗ liche Gerichtsſitzung halten ſolle. In dieſem Klo⸗ ſter nämlich befand ſich der Hof für den Augenblick, weil der Palaſt ſelbſt durch die Vorbereitungen für die Feſte bei der Doppelhochzeit des Königs Phi⸗ lipp ll. mit Madame Fliſabeth, und der Mademoi⸗ ſelle Margareth mit dem Prinzen Emanuel Phili⸗ bert in Anſpruch genommen war. Drei⸗ oder viermal im Jahr verſammelten ſich ſämmtliche Kammern oder Gerichte des Hofes in einer einzigen von ihnen, welche man die große Kammer nannte, und dieſe Verſammlung wurde vorzugsweiſe am Mittwoch abgehalten, daher ſie auch den Namen Mercuriale führte. Der König begab ſich alſo am Tag der Mer⸗ curiale ins Parlament und eröffnete die Sitzung mit der Frage, warum man ſich erlaubt habe Pro⸗ teſtanten in Freiheit zu ſetzen, und woher es komme, daß man das Edict, das ihre Verurtheilung aus⸗ ſpreche, nicht gerichtlich eingeſchrieben habe. Fünf Räthe erhoben ſich, von einem und dem⸗ ſelben Gefühl getrieben, und Anne Dubourg ſprach in ſeinem und ſeiner Collegen Namen mit feſter Stimme: „Weil dieſer Mann unſchuldig war, und weil das menſchliche Gewiſſen gebietet einen Unſchuldi⸗ gen zu befreien, auch wenn er Hugenotte iſt.“ Dieſe fünf Räthe hießen Dufaur, Fumee, de Poir, de la Porte und Anne oder Anton Du⸗ bourg. Dubourg war es, wie geſagt, der die Antwort übernommen hatte. Er fügte alſo hinzu: „Was das Edict betrifft, Sire, ſo kann ich dem König nicht rathen es gerichtlich einſchreiben zu laſſen. Ich verlange im Gegentheil, daß man die Verurtheilungen, die es enthält, einſtelle, bis die Meinungen derjenigen, die man ſo leichthin auf's Schaffot ſchickt, vor einem Rath reiflich erwogen und gründlich erörtert worden ſind.“ In dieſem Augenblick trat der Präſident Minard dazwiſchen und verlangte den König unter vier Augen zu ſprechen. Es war dieß, ſagt Condé in ſeinen Memoiren, ein verſchmitzter, heimtückiſcher, wollüſtiger und un⸗ ſie r⸗ g O⸗ n⸗ ch er il i⸗ rt u ie ie 8 n 77 wiſſender Mann, aber ein gewandter Ränkeſchmied und Complottmacher. Da er dem König und den Häuptern der römiſchen Kirche zu Gefallen ſein wollte und überdieß fürchtete, die Meinung eines Dubourg könnte durchdringen, ſo gab er dem König zu verſtehen, die Räthe ſeines Hofes ſeien beinahe ſämmtlich Lutheraner, ſie gehen darauf aus ihm Macht und Krone zu rauben, ſie begünſtigen die Lutheraner, es ſei gräulich anzuhören, wie Einige unter ihnen von der heiligen Meſſe ſprechen, ſie bekümmern ſich Nichts um Geſetze und königliche Ordonnanzen, ſie rühmen ſich ganz laut, daß ſie die⸗ ſelben verachten, ſie kleiden ſich nach mauriſcher Sitte, die Meiſten von ihnen gehen häuſig in die Verſammlungen, aber niemals in die Meſſe, und wenn er das Uebel nicht gleich bei dieſer Mercu⸗ riale in ſeiner Wurzel abſchneide, ſo ſei die Kirche für immer verloren. Kurz und gut, mit Hilfe des Cardinals von Lothringen beſchwatzte er den König und brachte ihn dermaßen in Harniſch, daß er den Herrn von Lorges, Grafen von Montgomery, Capitän der ſchottiſchen Garde, und Herrn von Chavigny, Ca⸗ pitän ſeiner gewöhnlichen Garde, rufen ließ, und. ihnen Befehl ertheilte die fünf Räthe feſtzunehmen und unverzüglich nach der Baſtille zu führen. Kaum war dieſe Verhaftung vorgenommen, ſo ſah auch ſchon Jedermann ihre Folgen voraus: die Guiſe wollten den Hugenotten durch eine furcht⸗ bare Execution Angſt einjagen, und man betrachtete, wenn auch nicht alle fünf Räthe, doch wenigſtens 78 den bedeutendſten unter ihnen, nämlich Anne Du⸗ bourg, als verloren. Schon am folgenden Tag war daher nachſtehen⸗ des Verschen, das die Namen der fünf Angeklag⸗ ten enthielt und vermöge der Gruppirung dieſer Namen eine Idee von dem Schickſal gab, das den Führer der hugenottiſchen Oppoſition erwartete, in ganz Paris verbreitet: Pär Poix, de la Porte, du Faur, Napergois du Bourg, la Fumée. Wie dem nun ſein mag, die fünffache Verhaf⸗ tung, die irgend einem Schöngeiſt der Zeit dieſen ſchlechten Vers eingegeben, rief in der ganzen Stadt Paris, und in Folge deſſen in allen Städten Frank⸗ reichs, ganz beſonders aber in den nördlichen Pro⸗ vinzen, eine Art von Verblüfftheit und Beſtürzung hervor. Man kann ſogar die Verhaftung dieſes ehrlichen Anne Dubourg als die Haupturſache der Verſchwörung von Amboiſe ſowie ſämmtlicher Un⸗ ruhen und Schlachten betrachten, die vierzig Jahre lang Frankreichs Boden blutig färbten. Deßhalb verweilen wir, man verzeihe es uns alſo, in dieſem erſten Kapitel bei allen geſchicht⸗ lichen Thatſachen, auf denen das vollſtändige Bau⸗ gerüſte dieſes neuen Buches beruht, das wir unſern Leſern in aller Demuth, aber mit dem Vertrauen, woran ihre lange Sympathie uns gewöhnt hat, vor Augen legen. Vierzehn Tage nach dieſer Verhaftung Freitag den 25. Juni, am dritten Tag des Tourniers, welches der König im Tournellesſchloß gab, ganz in der Nähe derſelben Baſtille, wo die gefangenen 1 3⸗ er in n dt k⸗ 0⸗ 19 es er re n8 t⸗ U⸗ rn n, it, ag , 79 Räthe die Zinken, Trompeten und Hoboen des Feſtes erklingen hörten, ließ der König den Capi⸗ tän ſeiner ſchottiſchen Garde, dieſen ſelben Grafen von Montgomery, der nebſt Herrn von Chavigny die fünf Räthe ins Gefängniß abgeführt hatte, kommen, und befahl ihm unverzüglich gegen die Lutheraner in Caux⸗les⸗Tournois auszuziehen. Dabei wurde dem Grafen von Montgomery aufgegeben, alle diejenigen, die der Kezerei über⸗ wieſen wären, über die Klinge ſpringen, ſie der Folter unterwerfen, ihnen die Zunge ausſchneiden und ſie zuletzt bei langſamem Feuer verbrennen zu laſſen; denjenigen, die nur verdächtig wären, ſollten blos die Augen ausgeſtochen werden. Nun geſchah es, daß fünf Tage, nachdem Kö⸗ nig Heinrich II ſeinem Capitän der ſchottiſchen Garde dieſen Befehl ertheilt hatte, Gabriel von Lorges, Graf von Montgomery, den König Hein⸗ rich mit ſeiner Lanze erſtach. Der Eindruck dieſes Todes war ſo groß, daß er vier von den fünf verhafteten Räthen rettete, und daß die Hinrichtung des fünften verſchoben wurde. Einer von den fünf wurde freigeſprochen, drei wurden zu Geldſtrafen verurtheilt. Anne Du⸗ bourg allein mußte für die andern büßen. War er nicht der Wortführer geweſen? Wenn nun die Guiſe die leidenſchaftlichen Auf⸗ hetzer zu dieſen Edicten waren, ſo war einer der leidenſchaftlichſten Ausführer derſelben dieſer heuch⸗ leriſche Präſident Anton Minard, den wir in der alten Templeſtraße verlaſſen haben, wie er auf einem widerſpenſtigen Maulthier zwiſchen einem —————.——— 8⁰ doppelten Spalier von entrüſteten Bürgern ritt, die ihn mit ſchrecklichem Geſchrei, Beſchimpfungen und Drohungen verfolgten. Und wenn wir ſagten, er habe, obſchon er nur noch hundert Schritte von ſeinem Haus entfernt geweſen, dennoch keine Sicherheit gehabt mit heiler Haut heimzukommen, ſo haben wir die Lage nicht ſchlimmer gemacht, als ſie wirklich war, denn Tags zuvor war am hellen Tag ein Parlamentsſchreiber Namens Julian Fresne aus unmittelbarer Nähe mit einem Piſtol erſchoſſen worden, als er eben in den Juſtizpalaſt gehen wollte, um, wie man ſagte, einen Brief vom Herzog von Guiſe zu über⸗ bringen, worin derſelbe ſeinen Bruder, den Cardi⸗ nal von Lothringen, aufforderte, die Verurtheilung von Anne Dubourg zu beſchleunigen. Daraus folgt, daß dieſer Mord, deſſen Urheber man nicht hatte ermitteln können, natürlich dem Gedächtniß des Präſidenten vorſchwebte, und daß das Geſpenſt des armen, Tags zuvor erſchoſſenen Schreibers hinter ihm auf dem Maulthier ſaß. Dieſer Reiſegeſellſchafter war es, der den Prä⸗ ſidenten ſo blaß machte und die krampfhaften Be⸗ wegungen ſeiner Ferſen veranlaßte, womit er ſein halsſtarriges Thier bearbeitete, das darum keines⸗ wegs ſchneller ging. Gleichwohl kam er mit heiler Haut vor ſeinem Hauſe an; ich ſchwöre Euch, und wenn er noch lebte, ſo würde er ſelbſt Euch ſchwören, daß es höchſte Zeit war. In der That drängte ſich die Menge, erbittert durch ſein Stillſchweigen, das blos die Folge ſeiner ——„— — 8 c,—„——— —— —— —— „c— 1— e⸗ in S⸗ em te, ſte ert er 81 Angſt war, worin ſie aber einen Beweis ſeiner Bosheit fürchtete, allmählig immer dichter um ihn, ſo daß er in förmliche Gefahr gerieth erſtickt zu werden. Nun gelangte der Präſident Minard, ſo ſehr ihn auch die Fluthen dieſes ſtürmiſchen Meers bedroht hatten, gleichwohl ſicher in den Hafen, zur großen Beruhigung ſeiner Familie, welche alsbald die Thüre hinter ihm verriegelte und feſt verſchloß. Der würdige Mann hatte über dieſe Gefahr dermaßen den Kopf verloren, daß er ſein Maulthier an der Thüre vergaß, was er bei einer andern Gelegenheit gewiß nicht gethan hätte, obſchon es mit zwanzig Sous Pariſis ſehr gut und weit über ſeinen Werth bezahlt geweſen wäre. Und es war ein großes Glück für ihn, daß er ſein Maulthier vergaß, denn als dieſes gute Pari⸗ ſervolk, das ſo leicht von Drohungen zum Lachen und vom Furchtbaren zum Grotesken übergeht, ſah, daß man ihm Etwas ließ, ſo begnügte es ſich mit Dem was man ihm ließ und nahm das Maulthier ſtatt des Präſidenten. Was unter den Händen des Janhagels aus dem Maulthier wurde, ſagt die Geſchichte nicht. Laſſen wir alſo das Maulthier und folgen wir ſeinem Herrn ins Innere ſeiner Familie. 3* Vas Geburtsfeſt des Präſidenten Minard. Wir bekümmern uns ſehr wenig, nicht wahr, liebe Leſer, um die Beſorgniſſe, welche das lange Dumas, Horoſcop. 1. 6 teten ſammt und ſonders nur auf ein Wort aus 82 Ausbleiben des Präſidenten Minard bei ſeiner Fa⸗ milie hervorgerufen hatte. Wir werden uns alſo nicht mehr damit beſchäftigen, ſondern uns ſogleich der Familie anſchließen, wie dieſe ſich ihrem Oberhaupt angeſchloſſen hatte, und mit ihr in den Speiſeſaal gehen, wo das Abendeſſen aufgetragen war. Lerfen wir einen flüchtigen Blick auf die Gäſte, dann wollen wir auch ihre Unterhaltung belauſchen. Keiner der Gäſte, die am Tiſch ſaßen, würde auf den erſten Blick die Sympathie eines intelligen⸗ ten Beobachters erregt haben. Es war eine Mu⸗ ſterkarte von all den nichtsſagenden oder einfältigen Phyſiognomien, die man in allen Klaſſen der Ge⸗ ſellſchaft wiederfindet. Jedes Mitglied der Familie des Präſidenten Minard trug den Wiederſchein der Gedanken, die es bewegten, auf ſeinem Geſicht. Alle dieſe Ge⸗ danken krochen und wimmelten in den Nebeln der ini oder in den Niederungen der Gemein⸗ eit. Bei den Einen war es das Intereſſe, bei den Andern der Egoismus, bei Dieſen der Geiz, bei Jenen der Knechtsſinn. Man ſah hier einen ſcharfen Gegenſatz gegen die Menge, welche, gleich dem Sclaven hinter dem Wagen des römiſchen Triumphators, dem Präſiden⸗ ten Minard ſo eben zugerufen hatte:„Frinnere Dich, Minard, daß Du ſterblich biſt!“ Die Mit⸗ glieder dieſer Familie, die ſich zur Jahresfeier ſei⸗ ner Ernennung zum Präſidenten, welche mit ſeinem Geburtstag zuſammenfiel, verſammelt hatten, war⸗ a⸗ ſo er pt al 83 ſeinem Munde, um ihn zu der glänzenden Rolle, die er ſo eben beim Proceß ſeines Collegen geſpielt, zu beglückwünſchen und auf das glückliche Ergebniß dieſes Proceſſes d. h. auf das Todesurtheil gegen Herrn Dubourg zu trinken; und als Minard auf ſeinen Lehnſtuhl ſank, ſich mit dem Schnupftuch über die Stirne fuhr und ſagte:„Ah wahrhaftig, ihr lieben Leute, heute haben wir eine ſtürmiſche Sitzung gehabt!“ da brachen Alle in lautes Geſchrei aus, wie wenn ſie nur auf dieſes Signal gewartet hätten. „Schweigt, großer Mann!“ ſprach ein Reffe, der im Namen Aller das Wort führte;„ſprecht nicht, ſondern ruhet von Euren Strapazen aus und er⸗ laubet uns den Schweiß zu trocknen, der von Eurer edlen Stirne fließt. Heute iſt der Jahrestag Eurer Geburt, dieſer große Tag, ſo glorreich für Eure Familie und für das Parlament, zu deſſen glän⸗ zendſten Leuchten Ihr gehöret. Wir ſind verſam⸗ melt, um ihn zu feiern, aber wir wollen noch einige Augenblicke warten. Schöpfet Athem; trinket ein Glas von dieſem alten Burgunder, und dann wer⸗ den ſogleich auch wir auf die Erhaltung Eures koſt⸗ baren Lebens trinken; aber ums Himmelswillen, hemmet den Lauf deſſelben nicht durch eine Unvor⸗ ſichtigkeit. Eure Familie fleht Euch an, daß Ihr Euch ihr erhaltet, daß Ihr der Kirche ihre feſteſte Stütze, Frankreich einen ſeiner berühmteſten Söhne erhalten möget.“ Auf dieſe kleine Rede, welche der Form nach ſchon in jener antiken Zeit veraltet war, wollte der Präſident Minard mit Thränen in den Augen ant⸗ 6 84 worten, allein die dürren Hände ſeiner Frau und die fleiſchigen Hände ſeiner Fräulein Töchter ver⸗ ſchloſſen ihm den Mund, und verhinderten ihn zu ſprechen. Endlich nach einigen Minuten Ruhe wurde Herrn Minard das Wort zurückgegeben, und ein langes Bſt lief durch die Reihen der Anweſenden, damit ſelbſt die Diener, die hinter den Thüren ſtan⸗ den, keine Sylbe von der Antwort des beredten Rathes verlieren ſollten. „Ach, meine Freunde,“ konnte er endlich begin⸗ nen,„meine Brüder, meine Verwandten, meine tu⸗ gendhafte und vielgeliebte Familie, ich danke Euch für Eure Freundſchaft und Eure Lobſprüche; aber ich verdiene ſie auch in Wahrheit, oh meine zärtliche Familie! denn ich kann ohne Stolz oder, wenn Ihr lieber wollt, mit einem edlen Stolz ſagen, ja ich kann laut ſagen, daß ohne mich, ohne meine Aus⸗ dauer und ohne meine Hartnäckigkeit, der Ketzer Anne Dubourg zu dieſer Stunde freigeſprochen wäre wie ſeine Mitſchuldigen: Poix, Fumee, du Faur und de la Porte; aber meinem energiſchen Willen hat mans zu verdanken, daß die Partie gewonnen wor⸗ den iſt, und ich habe,“ fuhr er fort, indem er ſeine Augen als Zeichen des Dankes zum Himmel auf⸗ ſchlug,„ich habe, Gott ſei Dank, ſo eben die Ver⸗ urtheilung dieſes elenden Hugenotten ausſprechen laſſen.“ „Vivat hoch!“ rief die Familie, indem ſie mit ihren Armen in die Höhe fuhr, wie aus einem Munde.„Es lebe unſer hochberühmter Verwand⸗ ter! Es lebe der Mann, der ſich ſtets gleich geblie⸗ ben iſt! Es lebe der Mann, der bei jeder Gele⸗ — w S M— — M 85⁵ genheit die Feinde des Glaubens zu Boden ſchlägt! Hoch lebe der große Präſident Minard!“ Und die Bedienten hinter der Thüre, die Köchin⸗ der Küche, der Stallknecht im Stall, riefen alle nach: „Hoch lebe der große Präſident Minard!“ „Dank, meine Freunde, Dank!“ ſagte der Prä⸗ ſident mit ſalbungsvoller Stimme,„Dank! Aber zwei Männer, zwei große Männer, zwei Prinzen haben auch ein Recht auf dieſe Lobſprüche, die Ihr an mich verſchwendet: ohne ſie, ohne ihre Unter⸗ ſtützung, ohne ihren Einfluß, würde ich dieſen glor⸗ reichen Handel niemals zu Ende geführt haben. Dieſe beiden Männer, meine Freunde, ſind der Her⸗ zog von Guiſe und Seine Eminenz der Cardinal von Lothringen. Nachdem Ihr auf meine Geſund⸗ heit getrunken, meine Freunde, laßt uns auch auf die ihrige trinken, und möge Gott dieſen beiden großen Staatsmännern ein langes Leben ſchenken!“ Man brachte die Geſundheit des Herzogs von Guiſe und des Cardinals von Lothringen aus; aber Frau Minard bemerkte, daß ihr huldreicher Gemahl das Glas kaum mit ſeinen Lippen berührte und es wieder auf den Tiſch ſtellte, während irgend eine Erinnerung wie eine Wolke über ſeinen Kopf hinzog und mit ihrem Schatten ſeine Stirne ver⸗ düſterte. „Was habt Ihr, mein Lieber?“ fragte ſie,„und woher kommt dieſe plötzliche Traurigkeit?“ „Ach!“ ſagte der Präſident,„es gibt keinen vollſtändigen Triumph, keine ungemiſchte Freude! Eine melancholiſche Erinnerung drängt ſich mir auf.“ 86 „Und welche melancholiſche Erinnerung kann ſich Euch im ſchönſten Augenblick Eures Triumphes auf⸗ drängen, theurer Gemahl?“ fragte die Präſidentin. „Im Augenblick, als ich auf ein langes Leben für Herrn von Guiſe und ſeinen Bruder trank, fiel es mir ein, daß geſtern ein Menſch ermordet wor⸗ den iſt, welchen ſie an mich abzuſenden mir die Ehre erwieſen.“ „Ein Menſch!“ rief die Familie. „Das heißt ein Canzleiſchreiber,“ verſetzte Minard. „Wie! Einer Eurer Canzleiſchreiber iſt geſtern ermordet worden?“ „Ach mein Gott, ja.“ „Wirklich?“ „Ihr kennt doch Julian Fresne?“ fragte der Präſident Minard. „Julian Fresne?“ rief ein Verwandter,„ja, wir kennen ihn allerdings.“ „Ein eifriger Katholik,“ ſagte ein Zweiter. „Ein ſehr rechtſchaffener Mann,“ bemerkte ein Dritter. „Ich habe ihn geſtern in der Rue Barre⸗du⸗ Bec getroffen, als er gerade aus dem Hotel Guiſe kam und, wie er mir ſagte, nach dem Palais gehen wollte.“ „Nun wohl, Das iſt es gerade: er wollte dem Herrn Cardinal von Lothringen aus Auftrag ſeines Bruders, des Herzogs von Guiſe, eine Depeſche überbringen, die mir mitgetheilt werden ſollte, und da wurde er in der Nähe der Notre⸗ Damebrücke ermordet.“ „Oh!“ rief die Präſidentin,„welch ein oruat⸗ 87 „Ermordet!“ wiederholte die Familie im Chor, „ermordet! Abermals ein Märtyrer!“ „Man hat doch wenigſtens den Mörder verhaf⸗ tet?“ fragte die Präſidentin ihren Gemahl. „Man kennt ihn nicht,“ antwortete Dieſer. „Man hat doch Vermuthungen?“ fragte die Präſidentin. „Man hat ſogar Gewißheiten.“ „Gewißheiten?“ „Ja; wer ſoll es anders ſein, als ein Freund von Dubourg?“ „Ganz gewiß iſt es ein Freund von Dubourg,“ wiederholte die ganze Familie;„wer ſoll es bei Gott anders ſein, als ein Freund von Dubourg?“ „Hat man Jemand verhaftet?“ fragte die Prä⸗ ſidentin. „Ungefähr hundert Perſonen; ich ſelbſt habe mehr als dreißig bezeichnet.“ „Man müßte ſehr Unglück haben,“ ſagte eine Stimme,„wenn ſich der Mörder nicht unter dieſen hundert Perſonen vorfinden ſollte.“ „Wenn er nicht darunter iſt,“ erklärte der Prä⸗ ſident,„ſo wird man noch hundert andere, ja noch zwei oder dreihundert verhaften.“ „Die Schurken!“ meinte ein achtzehnjähriges Fräulein,„man ſollte ſie Alle zuſammen verbrennen.“ „Man denkt daran,“ antwortete der Präſident, „und der Tag, wo man den maſſenhaften Tod der Proteſtanten beſchloſſen haben wird, wird ein ſchö⸗ ner Tag für mich ſein.“ „Oh, welch ein rechtſchaffener Mann Ihr ſeid, 88 mein Gemahl!“ ſagte die Präſidentin mit Thränen in den Augen. Die beiden Töchter des Herrn Minard began⸗ nen ihren Vater zu küſſen. „Und weiß man, was der Brief des Herzogs enthielt?“ fragte die Präſidentin. „Nein,“ antwortete Minard,„gerade das hat den Hof heute ſo lebhaft beſchäftigt; aber man wird es morgen erfahren, da der Herr Cardinal von Lothringen heute Abend ſeinen erlauchten Bru⸗ der beſuchen wird.“ „Der Brief iſt alſo geſtohlen worden?“ „Ohne Zweifel, und es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß der arme Julian Fresne blos deswegen er⸗ mordet wurde, weil er Ueberbringer dieſes Briefes war. Nachdem der Mörder ſich deſſelben bemächtigt und die Flucht ergriffen, hat man Bogenſchützen ausgeſchickt, um auf ihn zu fahnden. Die ganze Schaarwache und ſämmtliche Mannſchaft des Herrn von Mouchy ſind heute früh auf den Beinen; aber dieſen Abend um fünf Uhr hatte man noch keine Nachrichten.“ In dieſem Augenblick trat eine Dienerin ein und meldete Herrn Minard, daß ein Unbekannter als Ueberbringer des Briefs, der geſtern Abend Julian Fresne durch einen Mörder entwendet worden, ihn augenblicklich zu ſprechen verlange. „Oh, laßt ihn ſogleich hereinkommen!“ rief der Präſident ſtrahlend vor Freude.„Gott belohnt meinen Eifer für ſeine heilige Sache, indem er dieſe koſtbare Depeſche in meine Hände fallen läßt.“ Fünf Minuten nachher führte die Dienerin den 89 Unbekannten ein, und Herr Minard ſah einen jun⸗ gen Mann von vier⸗ bis fünfundzwanzig Jahren mit rothen Haaren, blondem Bart, lebhaftem ein⸗ dringlichem Blick und blaſſem Geſichte. Auf die Einladung des Präſidenten ſetzte er ſich auf der andern Seite des Tiſches ihm gegenüber. Es war derſelbe junge Mann, der, als er ſich auf dem Ufer zurückzog, zu den Mördern ſeines Freundes Medardus geſagt hatte, man würde viel⸗ leicht eines Tags von ihm hören. Es war Robert Stuart. Der junge Mann hatte, bevor er ſich ſetzte, höf⸗ lich und mit einem Lächeln auf den Lippen die ganze Geſellſchaft begrüßt; dann hatte er einen Stuhl genommen, ſo daß er den Präſidenten vor und die Thüre hinter ſich hatte. „Mein Herr,“ ſagte Robert Stuart, indem er ſich an den Präſidenten ſeibſt wandte,„ich habe doch wohl die Ehre mit dem Herrn Präſidenten Anton Minard zu ſprechen?“ „Ja wohl, mein Herr, gewiß,“ antwortete der Präſident ſehr erſtaunt darüber, daß man in der Phyſiognomik Ignorant genug ſein könne, um nicht auf ſeinem Geſicht zu leſen, daß nur er allein der berühmte Minard ſein könne und wirklich ſei.„Ja, mein Herr, ich bin der Präſident Minard.“ „Sehr gut, mein Herr,“ fuhr der Unbekannte fort,„und wenn ich dieſe Frage an Euch gerichtet habe, die Euch auf den erſten Blick indiscret er⸗ ſcheinen könnte, ſo werdet Ihr aus der Folge er⸗ ſehen, daß ich dieß blos that, weil ich durchaus jede Verwechslung zu vermeiden wünſche.“ 90 „Um was handelt es ſich, mein Herr?“ fragte der Beamte.„Man hat mir geſagt, daß Ihr mir die Depeſche zu übergeben wünſchet, welche der un⸗ glückliche Julian Fresne bei ſich trug, als er er⸗ mordet wurde.“ „Man iſt vielleicht etwas zu weit gegangen, mein Herr,“ ſagte der junge Mann mit unendlicher Höflichkeit,„wenn man Euch meldete, daß ich Euch dieſe Depeſche überreichen würde. Ich habe in die⸗ ſer Beziehung Nichts verſprochen, und ich werde ſie Euch geben oder auch behalten, je nachdem Ihr mir eine Frage beantwortet, die ich an Euch zu ſtellen die Ehre haben werde: Ihr begreift, mein Herr, daß ich, um in den Beſitz eines ſo wichtigen Papieres zu kommen, mein Leben riskiren mußte. Man riskirt ſein Lehen nicht, wenn man nicht ein großes Intereſſe dabei hat, das wißt Ihr, der Ihr im menſchlichen Herzen zu leſen gewohnt ſeid, recht wohl. Damit alſo auch hierüber kein Mißverſtänd⸗ niß aufkommen kann, habe ich die Ehre Euch zu wiederholen, daß ich Euch dieſe Depeſche nur dann überreichen werde, wenn ich mit Eurer Antwort auf meine Frage zufrieden bin.“ „Und worin beſteht dieſe Frage, mein Herr?“ „Herr Präſident, Ihr wißt beſſer als irgend Jemand, daß in einer wohlgeordneten Inſtruction Alles ſeiner Reihe nach kommt: ich kann Euch alſo meine Frage erſt in einem Augenblick ſagen.“ „Ihr habt jedoch die Depeſche bei Euch?“ „Hier iſt ſie, mein Herr.“ Und der junge Mann zog ein verſiegeltes Pa⸗ pier aus der Taſche und zeigte es dem Präſidenten. 9¹ Der erſte Gedanke Minards war, das muß man geſtehen, eines Halunken würdig: er duchte daran, ſeinen Vettern und Neffen, welche dieſe Beſprechung mit einer gewiſſen Ueberraſchung anhörten, ein Zeichen zu geben, daß ſie über den Unbekannten herfallen, ihm die Depeſche entreißen und ihn dann in die Gefängniſſe des Chatelet zu den hundert Perſonen ſchicken ſollten, die wegen der Ermordung des Canzleiſchreibers Julian Fresne bereits ver⸗ haftet waren. Aber außer der Entſchloſſenheit, die auf dem Geſicht des jungen Mannes abgeprägt war, welches alle Kennzeichen einer bis zur Halsſtarrigkeit ge⸗ triebenen Willensſtärke trug, ſo daß der Präſident fürchtete, er möchte nicht die nöthige materielle Macht beſitzen, um ſich des Pergaments zu bemäch⸗ tigen, dachte er auch, er würde vermöge ſeiner außerordentlichen Gewandtheit und Feinheit mit Liſt weit eher zum Ziel gelangen als mit Gewalt; er that ſich alſo Zwang an, und da die elegante Hal⸗ tung des jungen Mannes, ſowie ſeine ſorgfältige, obſchon ſtrenge Kleidung zum Voraus die Einladung rechtfertigte, die er an ihn zu erlaſſen gedachte, ſo erſuchte er ihn, ſich an den Tiſch zu ſetzen und mit ihnen zu ſoupiren, damit er der Entwicklung ſeiner Erzählung alle nothwendige Zeit widmen könnte. Der junge Mann dankte ihm höflich, lehnte aber ſeine Einladung ab. Der Präſident erſuchte ihn, wenigſtens eine Er⸗ friſchung anzunehmen, aber der junge Mann lehnte dankend wiederum ab. „So ſprecht doch, mein Herr,“ ſagte Minard, 92 „und da Ihr Nichts annehmen wollt, ſo bitte ich Euch um Erlaubniß mein Mahl fortzuſetzen; denn ich geſtehe Euch offen, daß ich einen gewaltigen Hunger habe.“ „Immer zu, mein Herr!“ antwortete der junge Mann,„und guten Appetit! Die Frage, die ich an Euch zu richten habe, iſt von ſolcher Wichtigkeit, daß einige Vorfragen zu ihrem Verſtändniß nöthig werden. Eßt, Herr Präſident, ich werde fragen.“ „Fragt, mein Herr; ich eſſe,“ ſagte der Prä⸗ ſident. Und wirklich begann er, indem er ſeinen Gäſten ein Zeichen gab es ihm gleichzuthun, mit einem Appetit zu eſſen, der das gegebene Programm nicht Lügen ſtrafte. „Mein Herr,“ begann der Unbekannte langſam mitten unter dem Geräuſch von Gabeln und Meſ⸗ ſern, das indeß Jeder möglichſt zu dämpfen ſuchte, um kein Wort von der bevorſtehenden Erzählung zu verlieren,„mein Herr, Ihr müßt aus meinem Accent bereits erſehen haben, daß ich ein Auslän⸗ der bin?“ „In der That,“ antwortete der Präſident mit vollem Mund,„Ihr habt etwas Engliſches in Eurem Accent.“ „Es iſt wahr, mein Herr, und Euer gewöhn⸗ licher Scharfblick hat ſich in Beziehung auf mich bewährt. Ich bin in Schottland geboren und würde noch dort ſein, wenn nicht ein Ereigniß, das ich Euch nicht zu erzählen brauche, mich genöthigt hätte nach Frankreich zu kommen. Einer meiner Lands⸗ leute, ein feuriger Anhänger von Knor...“ — — 93 „Ein engliſcher Ketzer, nicht wahr, mein Herr,“ fragte der Präſident Minard, indem er ſich ein volles Glas Burgunder einſchenkte. „Mein vielgeliebter Lehrer,“ antwortete der Unbekannte, ſich verbeugend. Herr Minard ſah ſeine ganze Geſellſchaft mit einer Miene an, welche deutlich ſagte:„Gebt wohl Acht, ihr lieben Leute, Ihr werdet da ſchöne Dinge zu hören bekommen.“ Robert Stuart fuhr fort: „Einer meiner Landsleute, ein feuriger Anhän⸗ ger von Knox, befand ſich vor einigen Tagen in einem Haus, wohin ich ſelbſt zuweilen komme: man ſprach da vom Todesurtheil gegen den Rath Anne Dubourg.“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte, als er dieſe letzten Worte ſprach, und ſein ſchon vorher blaſſes Geſicht wurde noch bläſſer. Nichtsdeſtoweniger wollte er fortfahren, ohne daß ſeine Stimme die Veränderung auf ſeinem Geſichte zu theilen ſchien; aber als er bemerkte, daß alle Blicke ſich gegen ihn kehrten, ſagte er: „Als mein Landsmann nur den Namen Anne Dubourg ausſprechen hörte, erblaßte er ſichtlich wie vielleicht ich ſelbſt in dieſem Augenblicke thue, und fragte die Perſonen, die von dieſer Verurtheilung ſprachen, ob es möglich ſei, daß das Parlament eine ſolche Ungerechtigkeit begehe.“ „Mein Herr,“ rief der Präſident, der ſeinerſeits beinahe ſeinen Mund nicht mehr fand, als er dieſe ungewohnten Worte hörte,„Ihr wißt doch, daß ——————.——— 94 Ihr mit einem Mitglied des Parlaments ſprecht, nicht wahr?“ „Entſchuldigt, mein Herr,“ antwortete der Schotte, „mein Landsmann iſt es, der ſich ſo ausdrückte; er ſprach nicht vor einem Parlamentsmitglied, ſondern vor einem einfachen Canzleiſchreiber des Parlaments Namens Julian Fresne, der geſtern ermordet wor⸗ den iſt. Julian Fresne beging jetzt die Unvorſich⸗ tigkeit vor meinem Landsmann zu ſagen: Ich habe in meiner Taſche ein Schreiben von dem gnädigſten Herrn Herzog von Guiſe, worin er dem Parlament des Königs bedeutet, daß es die Geſchichte mit einem gewiſſen Anne Dubourg endlich einmal abmachen ſe denſelben ſo ſchnell als möglich abfertigen olle.“ „Als mein Landsmann dieſe Worte hörte, ſchau⸗ derte er und wurde noch bläſſer; er erhob ſich, ging auf Julian Fresne zu und beſtürmte ihn mit allen erdenklichen Bitten, er möchte dieſen Brief nicht forttragen; er ſtellte ihm vor, daß, wenn Anne Dubourg verurtheilt würde, ein Theil der Todesſchuld auf ihn ſelbſt zurückfiele, allein Julian Fresne war unerbittlich.“ „Mein Landsmann grüßte den Canzleiſchreiber und erwartete ihn vor dem Hauſe; er ließ ihn einige Schritte thun, dann ging er auf ihn zu: Julian Fresne, ſagte er ganz leiſe und im ſanfte⸗ ſten Ton, aber mit der größten Feſtigkeit zu ihm, Du haſt die ganze Nacht, um zu überlegen; aber wenn Du morgen um dieſe Stunde Deine Abſicht ausgeführt oder nicht aufgegeben haſt, ſo biſt Du des Todes.“ n P 1⸗ h, ef in er in er n e⸗ m, er ht u 95 „Oh! oh!“ machte der Präſident. „Und auf gleiche Weiſe,“ fuhr der Schotte fort, „werden alle Diejenigen ſterben, die mittelbar oder unmittelbar zum Tode von Anne Dubourg mitge⸗ wirkt haben.“ Herr Minard ſchauderte, denn aus dem Vortrag des Sprechers war unmöglich zu errathen, ob dieſe letzten Worte von dem Landsmang des Schotten zu Julian Fresne geſagt worden waren, oder ob ſie Herrn Minard ſelbſt galten. „Euer Landsmann iſt ein Schurke, mein Herr,“ ſagte er zu Robert Stuart, als er ſah, daß ſeine Familie nur auf ein Wort von ihm wartete, um ihrer Entrüſtung den Lauf zu laſſen. „Ein wahrer Schurke! ein erbärmlicher Schurke!“ rief die ganze Familie im Chor. „Mein Herr,“ ſagte der junge Mann, ohne ſich im mindeſten an dieſes Geſchrei zu kehren,„ich bin Schotte und begreife die ganze Bedeutung des Wortes, das Ihr ſo eben ausgeſprochen und das Eure ehrenwerthen Verwandten Euch nachgeſagt haben, nicht recht; ich fahre alſo fort.“ Und nachdem er ſich gegen die Familie verneigt, die ihm, obſchon mit ſichtlichem Widerwillen, ſeinen Gruß zurückgab, fuhr er fort: „Mein Landsmann ging heim, und da er kein Auge ſchließen konnte, ſtand er auf und wandelte vor dem Hauſe des Canzleiſchreibers Julian Fresne auf und ab. „Er ging die ganze Nacht und den ganzen fol⸗ genden Morgen dort ſpazieren; er blieb bis drei Uhr Mittags da, ohne zu eſſen und zu trinken, 96 lediglich weil er Julian Fresne ſein gegebenes Wort halten wollte; denn,“ fuhr der Schotte in Form einer Parentheſe fort,„meine Landsleute mögen Schurken ſein, Herr Minard, aber ſie haben den großen Vorzug, daß ſie ein gegebenes Wort nie⸗ mals brechen. „Um drei Uhr endlich ging Julian Fresne aus; mein Landsmann folgte ihm, und als er ihn nach dem Palaſt zugehen ſah, lief er ihm den Rang ab; dann hielt er ihn in der Ecke der Notre⸗Damebrücke an und ſagte: „Julian Fresne, Du haſt alſo nicht überlegt.“ „Julian Fresne wurde ſehr blaß; der Schotte ſchien aus der Erde hervorzuklommen und machte ein äußerſt drohendes Geſicht, aber man muß dem würdigen Canzleiſchreiber die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß er feſt und beſtimmt antwortete: „Doch, ich habe überlegt; aber das Ergebniß meiner Ueberlegung iſt, daß ich den Befehl vollzie⸗ hen muß, welchen der Herzog von Guiſe mir er⸗ theilt hat.“ „Der Herzog von Guiſe iſt nicht Euer Herr, daß er Euch Befehle ertheilen kann,“ antwortete der Schotte. „Der Herzog von Guiſe iſt nicht blos mein Herr, erwiderte der Canzleiſchreiber, ſondern auch der Herr von ganz Frankreich.“ „Wie ſo?“ „Wißt Ihr nicht, mein Herr, daß der Herzog von Guiſe der wahre König im Lande iſt?“ „Mein Herr,“ ſagte mein Landsmann,„eine politiſche Erörterung über dieſen Gegenſtand würde u r 9 n 3 e E 97* uns zu weit führen; ich theile Eure Anſichten kei⸗ neswegs und komme auf die Frage zurück, die ich geſtern Abend an Euch geſtellt habe: Seid Ihr noch immer entſchloſſen dieſen Brief ins Parlament zu bringen?“ „Ich begebe mich in dieſer Abſicht dahin.“ „Ihr habt ihn alſo bei Euch?“ „Ich habe ihn bei mir,“ ontwortete der Gerichts⸗ ſchreiber. „Im Namen des lebendigen Gottes, rief mein Landsmann, entſaget Eurer Abſicht dieſen Brief den Henkern von Anne Dubourg zu überbringen.“ ſi„In fünf Minuten wird er in ihren Händen ein.“ „Und Julian Fresne machte mit ſeinem Arm eine Bewegung, um meinen Landsmann auf die Seite zu ſchieben.“ „Nun wohl, da es ſich ſo verhält, rief dieſer, ſo ſollſt weder Du noch Dein Brief in den Palaſt kommen, Julian Fresne.“ „Damit zog er ein Piſtol unter ſeinem Mantel hervor und drückte es auf Julian Fresne ab, der todt aufs Pflaſter ſtürzte; dann nahm mein Lands⸗ mann den Brief, der dieſen Mord verurſacht hatte, und ging friedlich ſeines Wegs weiter; ſein Ge⸗ wiſſen war ruhig, denn er hatte einen Elenden ge⸗ tödtet, indem er einen Unſchuldigen zu vetten ver⸗ ſuchte.“ Jetzt war es an dem rothbackigen Präſidenten, daß er grün und gelb wurde. Tauſend Schweiß⸗ tropfen perlten auf ſeiner Stirne. Dumas, Horoſcop. I. 7 Das tiefſte Schweigen herrſchte in der ganzen Verſammlung. „Es iſt zum Erſticken heiß hier,“ ſagte Herr Minard, indem er ſich abwechſelnd gegen die beiden Enden der Tafel wandte;„findet Ihr es nicht auch, meine Freunde?“ Man erhob ſich, um das Fenſter zu öffnen, aber der Schotte machte, indem er beide Hände aus⸗ ſtreckte, ein Zeichen, daß Alles ſitzen bleiben ſolle. „Bleibt ruhig auf Euern Plätzen, meine Herrn,“ ſagte er;„ich, der ich nicht eſſe, will das Fenſter öffnen, um dem Herrn Präſidenten Luft zu ver⸗ ſchaffen; da jedoch die Zugluft ihm ſchaden könnte,“ fügte er, nachdem er wirklich das Fenſter geöffnet hatte, hinzu,„ſo will ich die Thüre ſchließen.“ Und nachdem er den Schlüſſel im Thürſchloß herumgedreht, nahm er ſeinen Platz gegenüber dem Präſidenten wieder ein. Nur war bei den zu all dieſen Verrichtungen nöthigen Bewegungen der Mantel des Schotten ein wenig aufgegangen, und man hatte ſehen können, daß er darunter als Schutzwaffe einen Stahlpanzer und als Trutzwaffe zwei Piſtolen in ſeinem Gürtel ſowie einen kurzen Degen an ſeiner Seite trug. Er ſelbſt ſchien ſich ganz und gar nicht darum zu bekümmern, was man etwa geſehen oder nicht geſehen haben könne, und indem er ſeinen Platz gegenüber dem Präſidenten wieder einnahm, von dem er nur noch durch die Breite des Tiſches ge⸗ trennt war, fragte er ihn: „Nun wohl, mein lieber Herr Minard, wie be⸗ findet Ihr Euch?“ —6— ——— S+——)———— 5—— ——— 99 „Etwas beſſer,“ antwortete dieſer mit großer Herzensbangigkeit. „Glaubt, daß mich das freut,“ verſetzte der junge Mann. Und er nahm ſeine Erzählung wieder auf in⸗ mitten eines ſolchen Schweigens, daß man den Flug einer Mücke hätte hören können. III. Vas Geburtstagsgeſchenk des Präſidenten Minard. „Mein Landsmann,“ ſprach er,„nahm den Brief mit, und da er verfolgt zu werden fürchtete, ſo entfloh er durch die Rue Montmartre nach der ver⸗ ödeten Gegend der Grange⸗Bateliere, wo er den Brief des Herzogs von Guiſe erſt leſen konnte. Erſt jetzt bemerkte er, wie auch ich ſelbſt beim Le⸗ ſen bemerkte, daß dieſer Brief des Herzogs von Guiſe weiter nichts als ein Umſchlag über einer Ordonnanz des Königs Franz ll. war, wie Ihr felbſt ſogleich ſehen ſollt, meine Herrn, wenn ich ihn Euch zeigen werde, denn da das Schreiben nicht verſiegelt war, ſo glaubte mein Freund das Recht zu haben genau nachzuſehen, von wem es kam und an wen es gerichtet war, um es nöthigenfalls in eigener Perſon und mit allen dem Unterzeichner gebührenden Rückſichten ſeiner Adreſſe zu über⸗ bringen.“ Jetzt zog der Schotte zum zweiten Mal das Pergament aus ſeiner Bruſt, entfaltete es und las wie folgt: „Unſern lieben getreuen Praſident am Parla⸗ 7. 100 — mentshof von Paris, Advocaten und Procuratoren deſſelben Gerichts. „Im Namen des Königs. „Liebe Getreue, Wir haben große Urſache zur Unzufriedenheit, daß wir ſolche Verzögerungen in der Schlichtung und Abfertigung des Proceſſes ſe⸗ hen müſſen, der bei Unſerm Parlamentshof gegen die wegen Religionsſachen verhafteten Räthe und ganz beſonders gegen den Rath Dubourg obſchwebt, und da Wir wünſchen, daß ihm ein ſchnelles Ende gemacht werde, ſo befehlen Wir Euch und verord⸗ nen ganz ausdrücklich, daß Ihr mit Einſtellung aller andern Geſchäfte lediglich der Entſcheidung beſagter Proceſſe oblieget mit der von Unſerm be⸗ ſagten Hofe bezeichneten und noch zu bezeichnenden Anzahl von Richtern, ohne zu dulden oder zu ge⸗ ſtatten, daß man dieſe Proceſſe noch länger ver⸗ ſchleppe, damit Wir eine andere und größere Ver⸗ anlaſſung zur Zufriedenheit bekommen, als wir bis⸗ her hatten. Unterzeichnet Franz, und weiter unten Von Laubeſpine.“ „Ei wie, mein Herr,“ rief der Präſident Mi⸗ nard, dem die Verleſung dieſes Schreibens, wodurch das von ihm durchgeſetzte Verdammungsurtheil voll⸗ kommen Recht erhielt, wieder einigen Muth verlieh, „Ihr habt ein ſolches Schreiben ſeit heute früh?“ „Seit geſtern Abend um vier Uhr, mein Herr; erlaubt, daß ich der Wahrheit zur Steuer de Thatbeſtand ins Klare ſetze.“ „Ihr habt ein ſolches Schreiben ſeit geſtern Mittag um vier Uhr?“ wiederholte der Präſident v cS c X— S w8 8 N X N N h l⸗ 101 mit derſelben Betonung,„und Ihr habt mit der Ueberbringung bis jetzt gewartet?“ „Ich wiederhole Euch, mein Herr,“ ſagte der junge Mann, indem er den Brief wieder in ſein Wamms ſteckte,„daß Ihr noch nicht wißt, um wel⸗ chen Preis ich dieſes Schreiben an mich gebracht habe, und um welchen Preis ich es hergeben will.“ „Nun ſo ſprecht doch,“ ſagte der Präſident,„und erklärt Euern Wunſch in Betreff der Belohnung, welche Ihr für eine Handlung in Anſpruch nehmt, die übrigens weiter nichts als die Erfüllung einer einfachen Pflicht iſt.“ „Es iſt keine ſo einfache Pflicht, als Ihr glaubt, mein Herr,“ erwiderte der junge Mann;„derſelbe Grund, der es meinem Landsmann wünſchenswerth machte, daß der Brief nicht ins Parlament gelangte, iſt noch jetzt vorhanden, und ſei es nun, daß der Rath Anne Dubourg meinem Landsmann ſo nahe ſteht, daß ſein Tod ein größer perſönlicher Schmerz für ihn wäre, oder daß die Ungerechtigkeit des Parlaments ihm als ein abſcheuliches Verbrechen erſcheint, und daß dann die Beharrlichkeit, womit er den Brief behält, blos daher kommt, weil er wie jeder ehrliche Menſch die Vollziehung einer Schand⸗ that zu verhindern oder doch wenigſtens zu verzö⸗ gern wünſchen muß, kurz und gut, er hat geſchwo⸗ ren dieſen Brief nur dann abzugeben, wenn er die Gewißheit von der Freiſprechung Anne Dubourgs hätte, und überdieß alle Diejenigen zu tödten, die ſich der Befreiung dieſes Rathes widerſetzen wür⸗ den. Seht, mein Herr, darum hat er Julian Fresne getödtet, nicht als ob er ein ſo gänzlich 102 untergeordnetes Geſchöpf, wie ein Canzleiſchreiber iſt, für perſönlich ſchuldig gehalten hätte; aber er wollte den Höhergeſtellten dadurch beweiſen, daß er, nachdem er mit dem Leben des Untergebenen keine Umſtände gemacht, auch mit den Großen nicht viel Federleſens machen werde.“ Hier gerieth der Präſident in ſtarke Verſuchung das zweite Fenſter öffnen zu laſſen; jedes Haar ſeiner blonden Perücke trof von Schweiß, wie ein Weidenzweig nach einem Gewitter vom Regen trieft; da er jedoch dieſes Mittel bei einer ſolchen Auf⸗ regung nicht genügend glaubte, ſo begnügte er ſich über den Tiſch herum verſtörte Blicke zu werfen, wo⸗ durch er die Einen und Andern fragte, wie er ſich gegenüber dem Schotten verhalten ſolle, der einen ſo grimmigen Freund habe; aber die Gäſte, welche die Pantomime des Präſidenten nicht be⸗ griffen oder nicht begreifen wollten, weil ſie fürch⸗ teten, eine ganze Legion von Schotten möchte über ſie herſtürzen, die Gäſte, ſagen nir, ſchlugen die Augen nieder und beobachteten ein tiefes Still⸗ ſchweigen. Inzwiſchen konnte ein Parlamentspräſident, der Mann, den man ſo eben als die feſteſte Stütze des Glaubens und den größten Bürger Frankreichs proclamirt hatte, dieſer Mann konnte ſolche Dro⸗ hungen nicht feig hingehen laſſen, ohne darauf zu antworten; aber wie ſollte er antworten? Wenn er aufſtand, um den Tiſch herumging und ſeinen friedlichen Gewohnheiten entgegen, den trotzigen Schotten um den Leib faſſen wollte, ſo riskirte er, daß dieſer ſeine Abſicht durchſchaute und vom Leder —— c e c— ———— vn ce———— e⸗ h⸗ 32 ie ⸗ er es 0 zu en en 3. er 103 zog oder eine Piſtole aus ſeinem Gürtel nahm. Dieß geſchah ganz ſicher, nach dem entſchloſſenen Ausdruck im Geſichte des Schotten zu ſchließen. Wenn alſo der Gedanke ſeinen, wie man ſieht, höchſt läſtigen Gaſt anzugreifen, auch für einen Au⸗ genblick in dem Präſidenten auſſtieg, ſo ging er doch ſchnell wie eine vom Wind gejagte Wolke wie⸗ der vorüber, und dieſer überaus klare Geiſt ſah ſo⸗ gleich ein, daß er bei der Vollziehung eines ſolchen Entſchluſſes Alles zu verlieren und ſehr wenig zu gewinnen hatte. Nun befand ſich unter den zu verlierenden Din⸗ gen ſein Leben, das dieſem guten Präſidenten Mi⸗ nard ſehr angenehm war und das er ſo lang als möglich zu behalten wünſchte. Er ſann alſo auf ein Mittel, um aus dieſer ſchwierigen Stellung her⸗ auszukommen, worin er, wie ihm ſein Inſtinkt ſagte, ſo viel zu fürchten hatte, daß er trotz ſeines Geizes gerne fünfzig Goldthaler gegeben hätte, um dieſen verdammten Schotten auf der andern Seite der Thüre zu haben, ſtatt blos auf der andern Seite des Tiſches. Dieſes Mittel beſtand darin, daß er mit dem Eindringling Das zu thun gedachte, was gewiſſe Leute mit böſen Hunden thun, d. h. er wollte ihm ſchmeicheln und fuchsſchwänzeln. Nachdem er dieſen Entſchluß einmal gefaßt hatte, redete er den jungen Mann in einem Ton an, dem er einige Munterkeit zu geben verſuchte. „Ha, mein Herr,“ ſagte er zu ihm,„nach Eu⸗ rer Art Euch auszudrücken, nach Eurem höchſt in⸗ telligenten Geſichte, nach Eurer diſtinguirten Hal⸗ tung kann ich, ohne mich zu täuſchen, behaupten, 104 daß Ihr kein gemeiner Mann ſeid, ja ich will ſo⸗ gar ſagen, daß Alles an Euch den Edelmann von gutem Hauſe verräth.“ Der Schotte verbeugte ſich, aber ohne zu ant⸗ worten. „Nun wohl,“ fuhr der Präſident fort,„da ich mit einem Manne von guter Erziehung und nicht mit einem fanatiſchen Bürger, wie Euer Landsmann iſt, ſpreche“— er hatte große Luſt zu ſagen: und nicht mit einem Mörder wie Euer Landsmann, aber die den Juriſten angewohnte Klugheit hielt ihn zurück—„ſo erlaubt mir Euch zu ſagen, daß ein einziger Mann nicht das Recht beſitzt ſich nach ſeiner perſönlichen Anſchauungsweiſe zum Richter über das Verhalten von Seinesgleichen zu machen: eine Menge Rückſichten kann ihn irre führen, und eben damit nicht Jeder ſich zum Richter in ſeiner eigenen Sache aufwerfe, ſind die Gerichte eingeſetzt worden. Ich gebe alſo zu, junger Mann, daß Euer Landsmann bei ſeiner That in vollkommenem Ein⸗ klang mit ſeinem Gewiſſen geblieben iſt. Aber Ihr werdet mir zugeſtehen, daß, wenn Jeder das Recht hätte Juſtiz zu üben, darin noch kein Grund läge, daß Ihr— wenn ich annehmen will, obſchon ich es für eine grundloſe Annahme halte, daß Ihr die Geſinnungen Eures Landsmannes theilet— ich ſage, daß darin kein Grund läge, daß Ihr, ein Mann von guter Erziehung und kaltem Blut, mir mitten in meiner Familie das Leben nähmet, unter dem Vorwand, daß Ihr die Verurtheilung des Rathes Dubourg nicht gutheißet.“ „Herr Präſident,“ ſagte der Schotte, der unter 105⁵ dieſer weitſchweifigen Rede die Kleinmüthigkeit von Meiſter Minard hervorſcheinen ſah,„Herr Präſi⸗ dent, erlaubet mir, wie man im Parlament ſagt, daß ich Euch auf die Frage zurückverweiſe, nicht mehr und nicht weniger, als wenn Ihr ein einfa⸗ cher Advokat wäret und kein Präſident.“ „Ei, wir ſind ja im Gegentheil mitten in der Frage, wie mir ſcheint; wir ſind in der vollen Frage ſelbſt,“ antwortete Minard, der wieder einige Sicherheit gewann, ſobald der Dialog in eine ihm geläufige Form zurücktrat. „Entſchuldigt, mein Herr,“ erwiderte der Schotte, „Ihr wendet Euch unmittelbar an mich, während doch bisher von mir gar nicht die Rede war; es war bis jetzt nur von meinem Freund die Rede, denn nicht aus eigenem Antrieb, ſondern im Auf⸗ trag meines Freundes bin ich hieher gekommen, um mir eine Antwort auf folgende Frage zu er⸗ bitten: Herr Präſident Minard, glaubt Ihr, daß der Herr Rath Dubourg zum Tode verurtheilt ſei?“ Die Antwort war höchſt einfach, da dieſe Ver⸗ urtheilung wirklich vor einer Stunde erfolgt war und der Präſident bereits die dießfallſigen Glück⸗ wünſche ſeiner Familie entgegengenommen hatte. Da jedoch Meiſter Minard dachte, daß er viel⸗ leicht, wenn er die Thatſache dieſer Verurtheilung, die übrigens erſt am folgenden Tag bekannt wer⸗ den ſollte, offen eingeſtände, von dem Schotten et⸗ was Anderes als Glückwünſche bekommen könnte, ſo blieb er bei dem Syſtem, deſſen Annahme er für klug gehalten hatte. „Was ſoll ich Euch antworten, mein Herr?“ 106 ſagte er:„ich kann Euch die Anſichten meiner Col⸗ legen darüber nicht mittheilen, ſondern könnte Euch höchſtens die meinige geben.“ „Herr Präſident,“ ſagte der Schotte,„ich habe vor Eurer perſönlichen Anſicht eine ſolche Hochach⸗ tung, daß ich Euch nicht um die Anſichten Eurer Collegen frage, ſondern um die Eurige.“ „Was kann ſie Euch helfen?“ fragte der Prä⸗ ſident, der fortwährend Ansflüchte ſuchte. „Sie wird mir das helfen, daß ich ſie kennen lerne,“ antwortete der Schotte, der entſchloſſen ſchien in Betreff des Meiſters Minard daſſelbe zu thun, was ein Jagdhund mit dem Haſen thut, d. h. ihn auf allen ſeinen Schleichwegen zu verfolgen, bis er ihn bewältigt hat. „Mein Gott, mein Herr,“ ſagte der Präſident, als er ſich zur Erklärung genöthigt ſah,„meine Anſicht über den Ausgang dieſes Prozeſſes ſteht ſchon ſeit langer Zeit feſt.“ Der junge Mann fixirte Herrn Minard ſcharf. Dieſer ſchlug unwillkürlich die Augen nieder und fuhr langſam fort, wie wenn er die Nothwendig⸗ keit begriffen hätte jedes ſeiner Worte genau abzu⸗ wägen. „Es iſt allerdings bedauerlich,“ ſagte er,„einen Mann zum Tod zu verurtheilen, der vermöge an⸗ derer Eigenſchaften die öffentliche Achtung hätte verdienen können— einen Collegen, ich möchte bei⸗ nahe ſagen einen Freund— aber Ihr ſeht es ja ſelbſt aus dieſer königlichen Verordnung, der Hof wartet nur auf das Ende dieſes unglücklichen Pro⸗ zeſſes, um wieder Athem zu ſchöpfen und zu an⸗ — M — M 6 M 107 dern überzugehen: man muß alſo mit der Sache ein Ende machen, und ich zweifle nicht daran, daß, wenn das Parlament geſtern das Schreiben Seiner Majeſtät empfangen hätte, der arme unglückliche Rath, den ich als Ketzer verurtheilen muß, aber als Menſchen ſehr aufrichtig beklage, ſeine Strafe ſchon heute erlitten haben würde oder ſehr nahe daran wäre ſie zu erleiden.“ „Ah! Es hat alſo doch Etwas genützt, daß mein Freund geſtern dieſen Julian Fresne getödtet hat!“ ſagte der Schotte. „Nicht viel,“ antwortete der Präſident,„es iſt ein Aufſchub, weiter nicht.“ „Aber ein Aufſchub von einem Tag, das ſind immerhin vierundzwanzig Stunden Friſt, die einem Unſchuldigen vergönnt werden, und in vierundzwan⸗ zig Stunden kann ſich viel verändern.“ „Mein Herr,“ ſagte der Präſident Minard, der in ſeiner Eigenſchaft als ehemaliger Advokat wäh⸗ rend der Discuſſion allmählig wieder Kräfte ge⸗ wann,„Ihr ſprecht von dem Rath Dubourg immer als von einem Unſchuldigen.“ „Ich ſpreche von ihm nach dem Geſichtspunkte Gottes, mein Herr,“ ſagte der Schotte, indem er ernſt einen Finger zum Himmel erhob. „Ja,“ ſagte der Präſident,„aber vom Geſichts⸗ punkt der Menſchen aus?“ „Glaubt Ihr, Meiſter Minard,“ fragte der Schotte,„daß ſelbſt vom menſchlichen Geſichtspunkt aus das Verfahren ganz redlich ſei?“ „Drei Biſchöfe haben ihn verurtheilt, mein Herr, 108 drei Biſchöfe haben denſelben Ausſpruch gethan; drei ganz gleiché Urtheilsſprüche.“ „Waren dieſe Biſchöfe nicht Richter und Par⸗ tei zugleich?“ „Das iſt möglich, mein Herr, aber wie kann ſich auch ein Hugenott an katholiſche Biſchöfe wenden?“ „An wen hätte er ſich wenden ſollen, mein Herr?“ „Das iſt eine ſehr kitzelige Frage und voll von Schwierigkeiten.“ „Deßhalb hat das Parlament beſchloſſen dieſe Frage zu entſcheiden.“ „Wie Ihr ſagt, mein Herr,“ antwortete der Präſident. „Nun wohl, mein Herr, mein Landsmann hat ſich eingebildet, daß der Ruhm dieſer Verurtheilung Euch zufalle.“ Der Präſident hielt es für ſo ſchmählich in dieſer Frage vor einem einzigen Menſchen zurück⸗ zuweichen, während er ſich kaum erſt vor zehn an⸗ dern der beſagten That gerühmt hatte, daß er, nach⸗ dem er ſeine Verwandten mit den Augen befragt und, wie es ſcheint, aus ihren Blicken einige Kraft geſammelt hatte, erwiderte: „Mein Herr, die Wahrheit zwingt mich Ihnen zu ſagen, daß ich im gegebenen Fall allerdings die ſehr zärtliche und ſehr aufrichtige Freundſchaft, die ich meinem Collegen Dubourg meiner Pflicht geopfert habe. „Ah!“ machte der Schotte. „Nun wohl, mein Herr,“ fragte Meiſter Mi⸗ f w — — —— 109 nard, der die Geduld zu verlieren anfing,„wohin führt uns das?“ „Zum Ziel, und wir ſind ihm ſchon nahe.“ „Sagt mir doch, was kann Eurem Landsmann daran liegen, ob ich die Entſcheidung des Parla⸗ ments beeinflußt habe oder nicht?“ „Es liegt ihm viel daran.“ „In welcher Beziehung?“ „Mein Landsmann behauptet, Ihr hättet die ganze Sache angezettelt, und nun müſſet Ihr ſie auch entwirren.“ „Ich begreife nicht,“ ſtammelte der Präſident. „Und doch iſt die Sache höchſt einfach: ſtatt Euren Einfluß zur Verurtheilung aufzubieten, müßt Ihr ihn jetzt zur Freiſprechung gebrauchen.“ „Ei,“ ſagte einer der Neffen, der gleichfalls un⸗ geduldig wurde,„Euer Rath Anne Dubourg iſt nun einmal verurtheilt, wie könnt Ihr alſo ver⸗ langen, daß mein Onkel jetzt auf ſeine Freiſprechung hinarbeite?“ „Verurtheilt!“ rief der Schotte;„habt Ihr da unten nicht geſagt, der Rath Dubourg ſei verur⸗ theilt?“ Der Präſident warf dem indiscreten Neffen ei⸗ nen entſetzten Blick zu. Aber entweder ſah der Neffe dieſen Blick nicht, oder er achtete nicht darauf. „Nun ja, verurtheilt,“ ſagte er,„heute Mittag um zwei Uhr iſt er verurtheilt worden. Ha, Onkel, habt Ihr uns nicht ſo geſagt, oder ſollte ich falſch gehört haben?“ „Ihr habt recht gehört, mein Herr,“ verſetzte der Schotte gegen den jungen Mann, indem er ſich das Schweigen des Präſidenten ganz richtig erklärte. Dann wondte er ſich gegen Minard und fragte: „Alſo heute um zwei Uhr iſt der Rath Dubourg verurtheilt worden? „Ja, mein Herr,“ ſtammelte Minard. „Und zu was? zu einer Geldbuße? Keine Antwort. „Zum Gefängniß?“ Daſſelbe Schweigen von Seiten des Präſidenten. Bei jeder Frage des Schotten wurde ſein Ge⸗ ſicht bleicher; bei der letzten wurden ſeine Lippen blau. „Zum Tod?“ fragte er endlich. Der Präſident nickte mit dem Kopf. So viel Unentſchloſſenheit in dieſem Nicken lag, ſo war es gleichwohl bejahend. „Nun wohl, es ſei!“ ſagte der Schotte,„da er noch nicht todt iſt, ſo darf man am Ende auch nicht verzweifeln, und wie mein Freund ſagte, da Ihr Alles angezettelt habt, ſo müßt Ihr auch Alles entwirren.“ „Wie ſo?“ „Indem Ihr den König um Caſſation des Ur⸗ theils bittet.“ „Ei, mein Herr,“ ſagte Meiſter Minard, der mit jedem Schritt über einen Abgrund wegzukom⸗ men meinte, um allerdings wieder einen andern vor⸗ zufinden, der ſich aber dennoch bei jedem Abgrund, über den er weggekommen war, für den Augenblick beruhigte,„ei mein Herr, ſelbſt wenn ich die Ab⸗ ſicht hätte für Anne Dubourg Gnade zu erbitten, ſo würde der König ſie nicht bewilligen.“ „Warum das?“ S S—— 111 „Nun, weil der Brief, den Ihr vorgeleſen habt, ſeinen Willen klar genug ausſpricht.“ „Ja, ſcheinbar.“ „Wie ſo? ſcheinbar!“ „Allerdings. Dieſer Brief des Königs war, wie ich die Ehre hatte Euch zu ſagen, in einen Brief des Herzogs von Guiſe eingeſchloſſen. Nun wohl, dieſen Brief des Herzogs von Euiſe, den ich Euch noch nicht vorgeleſen habe, will ich Euch jetzt vorleſen.“ Der junge Mann zog das Pergament von Neuem aus ſeiner Bruſt hervor und verlas jetzt den Brief des Herzogs Franz von Lothringen. Er war folgendermaßen abgefaßt: Als Ueberſchrift:„Mein Herr Bruder, „Hier iſt endlich der Brief Seiner Majeſtät; ich habe ihm denſelben mit großer Mühe aus den Händen geriſſen, und war genöthigt ihm die Feder zu führen, damit er die fünf lumpigen Buchſtaben ſchrieb, aus denen ſein Name beſteht. Wir müſſen in der Nähe Seiner Majeſtät irgend einen unbe⸗ kannten Freund dieſes verdammten Ketzers haben. Sputet Euch alſo, damit der König nicht ſeinen Entſchluß zurücknimmt oder den Rath, wenn er ver⸗ urtheilt iſt, begnadigt. „Euer reſpektvoller Bruder, „17. Dezember des Jahrs der Gnade 1559. „Franz von Guiſe.“ Der Schotte richtete ſein Haupt wieder empor. „Habt Ihr recht gehört, mein Herr?“ fragte er den Präſidenten. „Ja, gewiß.“ „Soll ich Euch den Brief noch einmal vorleſen, im Fall Euch irgend ein Punkt entgangen wäre 2* „Das iſt unnöthig.“ „Wollt Ihr Euch verſichern, daß er wirklich von der Hand des lothringiſchen Prinzen iſt und wirklich ſein Siegel trägt?“ „Ich verlaſſe mich hierin vollkommen auf Euch.“ „Nun wohl, was geht für Euch aus dieſem Brief hervor?“ „Daß der König Anſtand genommen hat zu ſchreiben, mein Herr, daß der König aber dennoch zuletzt geſchrieben hat.“ „Aber er hat mit Widerwillen geſchrieben, und wenn ein Mann wie Ihr z. B., Herr Präſident, zu dieſem gekrönten Kinde, das man König nennt, ſa⸗ gen würde: Sire, wir haben den Rath Dubourg des Erempels wegen verurtheilt, aber Eure Maje⸗ ſtät muß ihn der Gerechtigkeit wegen begnadigen, ſo würde der König, dem Herr von Guiſe die Hand führen mußte, um die fünf Buchſtaben ſeines Na⸗ mens zu ſchreiben, Gnade üben.“ „Und wenn mein Gewiſſen mir verbietet Das zu thun, was Ihr da von mir verlanget, mein Herr,“ ſagte der Präſident in der augenſcheinlichen Abſicht ſein Terrain zu erkunden. „Dann werde ich Euch bitten, mein Herr, des Schwures eingedenk zu ſein, welchen mein Freund, der Schotte, gethan hat, als er Julian Fresne tödtete: er ſchwur nämlich gleich dieſem alle Dieje⸗ nigen zu tödten, welche von nah oder fern zur Ver⸗ urtheilung des Rathes Dubourg beigetragen hätten.“ In dieſem Augenblick zog ganz gewiß der Schat⸗ —,— S S S N X — X 113 ten des Canzleiſchreibers, einem Schatten aus einer Zauberlaterne ähnlich, über die Wand des Speiſe⸗ ſaales hin; aber ohne Zweifel wandte der Präſident ſeinen Kopf ab, um ihn nicht zu ſehen. „Ach, das iſt Unſinn, was Ihr mir da ſagt,“ antwortete er dem jungen Mann. „Unſinn! warum, Herr Präſident?“ „Weil Ihr mich, einen Beamten, und zwar in meinem eigenen Hauſe, im Schooße meiner Familie bedrohet.“ „Dieß geſchieht, mein Herr, damit Ihr gerade aus dieſen Rückſichten auf Haus und Familie ein Gefühl des Mitleids, welches Gott Euch gegen Andere nicht ins Herz gelegt hat, gegen Euch ſelbſt ſchöpfet.“ „Es ſcheint mir, mein Herr, daß Ihr, ſtatt zu bereuen und Euch zu entſchuldigen, in Euren Dro⸗ hungen gegen mich fortfahren wollt.“ „Ich habe es Euch bereits geſagt, mein Herr: Derjenige, der Julian Fresne getödtet, hat Jedem, der ſich der Befreiung und Rettung von Anne Du⸗ bourg widerſetzen würde, den Tod geſchworen, und damit man an ſeinem Wort nicht zweifeln ſoll, hat er zuerſt den Canzleiſchreiber getödtet, weniger weil er ihn für ſchuldig hielt, als weil er durch ſeinen Tod ſeinen andern Feinden, ſo hoch geſtellt ſie ſein mochten, eine heilſame Warnung ertheilen wollte. Werdet Ihr den König um Begnadigung von Anne Dubourg angehen? Ich fordere Euch im Namen meines Freundes zur Antwort auf.“ „Ah! Ihr fordert mich im Namen eines Mör⸗ Dumas, Horoſcop. I. 8 ————— 114 ders, eines Meuchlers, eines Diebes zur Antwort auf!“ rief der Präſident erbittert. „Bemerket wohl, mein Herr,“ ſagte der junge Mann,„daß es Euch freiſteht mir mit Je oder Nein zu antworten.“ „Ah! Es ſteht mir frei mit Ja oder Nein zu antworten?“ „Allerdings.“ „Nun denn,“ heulte der Präſident, außer ſich über die Kaltblütigkeit ſeines Verhörers,„ſo ſagt Eurem Schotten, daß es einen Mann Namens An⸗ ton Minard, einen der Präſidenten des Hofes, gebe, der ſeinerſeits den Tod Anne Dubourgs geſchworen habe; daß dieſer Präſident ein Mann von Wort ſei und es Euch morgen beweiſen werde.“ „Nun denn, mein Herr,“ antwortete Robert Stuart, ohne eine Geberde zu machen und ohne ein Zeichen von Aufregung zu geben, indem er beinahe die gleichen Worte nachſprach,„ſo wißt, daß es einen Schotten gibt, der den Tod des Herrn Anton Minard, eines der Präſidenten des Hofs, geſchwo⸗ ren hat; daß dieſer Schotte ein Mann von Wort iſt und es Euch heute beweist.“ Bei dieſen letzten Worten machte Robert Stuart, der ſeine rechte Hand unter ſeinen Mantel geſteckt hatte, eine ſeiner Piſtolen los, ſpannte geräuſchlos den Hahn, legte, ehe man bei der Schnelligkeit ſei⸗ ner Bewegung daran dachte ihn zu verhindern, über den Tiſch hinüber d. h. in unmittelbarſter Nähe auf ihn an und ließ krachen. Herr Minard ſank ſammt ſeinem Stuhl rücklings zu Boden. rt ge er ert ein ahe es ton wo⸗ ort art, eckt s ſei⸗ iber auf ings 115⁵ Eine andere Familie als die des Präſidenten würde ohne Zweifel Alles gethan haben, um den Mörder feſtzunehmen; aber nein, ſämmtliche Gäſte des verſtorbenen Präſidenten waren nur auf ihre eigene Sicherheit bedacht; die Einen flohen unter Verzweiflungsgeſchrei in die Küche, die Andern ſchlüpften unter den Tiſch und hüteten ſich wohl ein Wörtchen zu ſagen. Es war eine allgemeine Ausreißerei, und Robert Stuart, der ſich gewiſſer⸗ maßen allein in dieſem Speiſeſaal befand, wo Alles mittelſt einer Fallthüre verſchwunden zu ſein ſchien, zog ſich langſam nach Art der Löwen, wie Dante ſagt, zurück, ohne daß es Jemand einfiel ihn im mindeſten zu beunruhigen. IV. Bei den Vergſchotten. Es war ungefähr acht Uhr Abends, als Robert Stuart das Minard'ſche Haus verließ. Als er nun wieder allein in der alten Templeſtraße ſtand, die damals ſeit Einbruch der Nacht noch verödeter war, als ſie heutigen Tages iſt, ſo ſprach er mit einer An⸗ ſpielung auf die zwei Männer, die er ermordet hatte, die ausdrucksvollen Worte: „Nun ſind es zwei.“ Den vom Seineufer rechnete er nicht; er war eine Baarbezahlung für ſeinen Freund Medardus. Als er vor das Stadthaus d. h. auf den Greve⸗ platz gelangte, wo die Verurtheilten hingerichtet wurden, ſchaute er mechaniſch nach dem Hrt, wo 8 116 man gewöhnlich den Galgen aufrichtete; dann nä⸗ herte er ſich dieſem Orte. „Hier,“ ſagte er,„wird Anne Dubourg die Strafe für ſein Genie erleiden, wenn der König ihn nicht begnadigt. Und wie kann man den König zwingen ihn zu begnadigen?“ fügte er hinzu. Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Er trat in die Rue de la Tannerie und hielt vor einer Thüre an, über welcher ein Schild knarrte mit der Inſchrift: Zum Degen des Königs Franz I. Einen Augenblick konnte man glauben, er wolle hier eintreten, aber auf einmal ſagte er: „Nein, es wäre Wahnſinn in dieſe Schenke zu⸗ rückzukehren; in zehn Minuten werden die Bogen⸗ ſchützen da ſein. Nein, gehen wir zu Patrick.“ Er ſchritt ſchnell durch die Rue de la Tannerie und über die Notre⸗Damebrücke, warf im Vorüber⸗ gehen einen Blick auf den Ort, wo er Tags zuvor Julian Fresne getödtet hatte, ſodann ging er mit großen Schritten durch die Cité und über den Pont⸗ St.⸗Michel, bis er in der Rue du Battoir⸗St.⸗An⸗ dré ankam. Hier blieb er, wie in der Rue de la Tannerie, vor einem Hauſe ſtehen, das ebenfalls einen Schild hatte; nur lautete die Inſchrift deſſelben: Zur Diſtel Schottlands. „Hier wohnte doch Patrick Macpherſon,“ ſagte er, indem er ſein Haupt erhob um das Fenſter zu recognosciren; er hatte da oben unter dem Dach ein ec—. )—— — WM N N 2 r it t⸗ 1⸗ d te u in 117 — Stübchen und kam alle Tage hin, wenn er nicht im Louvre auf der Wache war. Er gab ſich alle Mühe, um die Manſarde zu bemerken; allein das vorgerückte Dach hinderte ihn daran. Er wollte daher eben die Thüre aufſtoßen oder, im Fall ſie verſchloſſen war, mit ſeinem Degenknopf oder ſeinem Piſtolenkolben klopfen, als beſagte Thüre auf einmal ſich öffnete und ein Mann im Coſtüm der Bogenſchützen der ſchottiſchen Garde heraustrat. „Wer da?“ fragte der Bogenſchütze, der beinahe auf den jungen Mann ſtieß. „Ein Landsmann,“ antwortete unſer Held auf ſchottiſch. „Ah! ah! Robert Stuart!“ rief der Bogen⸗ ſchütze. „Er ſelbſt, mein lieber Patrick.“ „Und welcher Zufall führt Dich zu dieſer Stunde in meine Straße und vor meine Thüre?“ fragte der Bogenſchütze, indem er ſeinem Freund beide Hände entgegenſtreckte. „Ich will Dich um einen Gefallen erſuchen, mein lieber Patrick.“ „Sprich; nur mußt Du Dich beeilen.“ „Du biſt preſſirt?“ „Zu meinem großen Leidweſen ja; aber Du begreiſſt, um halb zehn Uhr iſt Appell im Louvre, und es hat ſo eben auf der Kirche von St. André neun Uhr geſchlagen; alſo ich höre.“ „Die Sache iſt die, mein lieber Freund. In Folge des letzten Edicts bin ich von meiner Herberge fortgeſchickt worden.“ 118 „Ach ja, ich begreife: Du gehörſt der rechten eien an und jollteſt zwei katholiſche Bürgen aben.“ „Die zu ſuchen ich nicht die Zeit habe, und die ich vielleicht auch nicht finden würde, wenn ich ſie ſuchte: nun aber würde ich heute Nacht verhaftet werden, wenn ich in den Straßen von Paris um⸗ herirrte. Willſt Du zwei oder drei Tage Dein Zimmer mit mir theilen?“ „Zwei oder drei Nächte, wenn Du willſt, und ſogar alle Nächte im ganzen Jahr, wenn Dir Das Vergnügen machen kann; aber mit den Tagen iſt es etwas Anderes.“ „Und warum Das, Patrick?“ fragte Robert. „Veil ich,“ antwortete der Bogenſchütze mit einer von Eitelkeit ganz verwirrten Miene,„weil ich, ſeit ich nimmer das Vergnügen hatte Dich zu ſehen, mein lieber Robert, ſo gluͤcklich war eine Er⸗ oberung zu machen.“ „Du, Patrick?“ „Wundert es Dich?“ fragte der Bogenſchütze, indem er ſich ſelbſtgefällig wiegte. „Nein, gewiß nicht; aber es trifft ſich ungeſchickt.“ Robert ſchien nicht geneigt mehr zu fragen; aber die Eigenliebe ſeines Landsmanns fand bei dieſer Discretion ihre Rechnung nicht. 3 „Ja, mein Lieber,“ ſagte er,„die Frau eines Parlamentsraths hat mir ganz einfach die Ehre erwieſen ſich in mich zu verlieben, und ich warte mit jedem Tag auf die Ehre ſie zu empfangen.“ „Teufel!“ machte Robert.„Dann nimm an, ich hätte Nichts geſagt, Patrick.“ id 18 ſt it eil zu r⸗ te⸗ t 7 ber ſer nes hre arte . an, 119 „Und warum das? Nimmſt Du meine vertrau⸗ liche Mittheilung für eine Weigerung? Ich nehme an, dieſe rechtſchaffene Dame, wie Herr von Bran⸗ tome ſagt, werde ſich den einen oder andern Tag dazu verſtehen in mein Stübchen hinaufzukommen — bemerke jedoch wohl, daß Dieß blos eine will⸗ kürliche Annahme iſt— dann gehſt Du; im ent⸗ gegengeſetzten Fall bleibſt Du bei mir, ſo lang es Dir gefällt; man kann es doch nicht beſſer einrich⸗ ten, das mußt Du ſelbſt geſtehen.“ „In der That, lieber Patrick,“ ſagte Robert, der, wie es ſchien, nur mit dem höchſten Bedauern auf ſeinen Plan verzichtet hätte,„ich nehme Dein Anerbieten dankbar an und warte nur auf Gele⸗ genheit Dir den gleichen Gefallen zu erweiſen, in was er auch beſtehen mag.“ „Schon gut,“ ſagte Patrick,„darf man unter Freunden, unter Landsleuten, unter Schotten von Dankbarkeit ſprechen? Das iſt, als ob.. He! aber wart einmal!“ „Was?“ fragte Robert. „Oh, eine Idee,“ rief Patrick, wie wenn ihm plötzlich ein leuchtender Gedanke gekommen wäre. „Um was handelt es ſich? heraus mit der Sprache.“ „Mein lieber Freund,“ ſagte Patrick,„Du kannſt mir einen großen Dienſt erweiſen.“ „Einen großen Dienſt?“ „Einen ungeheuren Dienſt.“ „Sprich, ich ſtehe zu Deiner Verfügung.“ „Dank! nur. „Vollende.“ 120 „Glaubſt Du, daß wir vom gleichen Wuchſe ſind?“ „So ziemlich.“ „Von derſelben Dicke?“ „Ich glaube es.“ „Tritt einmal in den Mondſchein, damit ich Dich anſehe.“ Robert that was ſein Freund verlangte. „Weißt Du auch, daß Du ein prächtiges Wamms haſt?“ fuhr Patrick fort, indem er den Mantel ſei⸗ nes Freundes auf die Seite zog. „Prächtig iſt nicht gerade das Wort.“ „Ganz neu.“ „Ich habe es vor drei Tagen gekauft.“ „Etwas zu dunkel freilich,“ fuhr Patrick fort; „aber ſie wird darin eine Abſicht erblicken mich vor allen Blicken um ſo beſſer zu verbergen.“ „Auf was willſt Du hinaus?“ „Das ſollſt Du ſogleich vernehmen, lieber Ro⸗ bert: mit ſo freundlichem Auge die Dame meiner Gedanken mich anſieht, eben ſo ſcheel ſieht ihr Ge⸗ mahl mich an. Dieß geht ſo weit, daß er jedesmal, wenn er einen Bogenſchützen von der Garde vor⸗ beikommen ſieht, ihm die giftigſten Blicke zuwirft, und Du begreifſt was für ein Auge er machen würde, wenn er dieſe Uniform auf ſeiner Treppe bemerkte.“ „Allerdings, Das begreife ich ſehr wohl.“ „Nun hat mir,“ fuhr Patrick fort,„die Frau den Rath gegeben nie mehr in meinem National⸗ coſtüm zu ihr zu kommen. Daraus folgt, daß ich ſchon den ganzen Abend auf ein anſtändiges Mittel h — — X— X 5 121 ſinne, um eine Kleidung zu erhalten, wodurch ich meine Uniform vortheilhaft erſetzen könne: Dein Coſtüm ſcheint mir, obwohl etwas düſter oder vielleicht gerade wegen ſeiner Farbe, dem Zweck zu entſprechen, den ich mir vorſetze. Erweis mir alſo die Freundſchaft es mir auf morgen zu leihen; ich werde mich ſo einrichten, daß ich es in den folgen⸗ den Tagen nicht mehr brauche.“ Dieſe letzten Worte des Schotten, welche das maßloſe Selbſtvertrauen verriethen, das die Schot⸗ ten immer beſaßen und noch jetzt beſitzen, zwangen Robert Stuart ein Lächeln ab. „Meine Kleider, meine Börſe und mein Herz gehören Dir, lieber Freund,“ antwortete er.„In⸗ zwiſchen bemerke wohl, daß ich ſelbſt morgen wahr⸗ ſcheinlich auszugehen haben werde, und für dieſen Fall ſind mir meine Kleider faſt nothwendig.“ „Teufel!“ „Gleich dem antiken Philoſophen trage ich all mein Hab und Gut bei mir.“ „Beim heiligen Dunſtan! das iſt ärgerlich.“ „Und thut mir unendlich leid.“ „Um Dir die Wahrheit zu geſtehen, je mehr ich Dein Wamms anſehe, um ſo mehr ſcheint es mir für mich gemacht zu ſein.“ „Das iſt alſo ein wahres Wunder,“ ſagte Ro⸗ bert, der ſeinen Freund zu irgend einer offeneren Mittheilung drängen wollte. „Gibt es gar kein Mittel, um dieſem Uebelſtand abzuhelfen?“ „Ich ſehe keines, aber Du biſt ein Mann von Phantaſie, beſinne Dich einmal.“ 122 „Mir fällt Etwas ein!“ rief Patrick. „Was?“ „Freilich darf der Gemahl Deiner Geliebten nicht denſelben Abſcheu vor den Herren Bogen⸗ ſchützen der ſchottiſchen Garde haben wie der Ge⸗ mahl der meinigen.“ „Ich habe keine Geliebte, Patrick,“ ſagte Robert mit düſterer Miene. „Nun wohl denn,“ verſetzte der Bogenſchütze, der blos an die Ausführung ſeiner Idee dachte und ſich folglich mit nichts Anderem beſchäftigte,„in die⸗ ſem Fall muß jedes Coſtüm Dir gleichgültig ſein.“ „Canzund gargleichgiltig,“ſprach derjunge Mann. „Nun ſo nimm das meine, da ich das Deine nehme.“ Dießmal unterdrückte Robert Stuart ſein Lächeln. „Wie ſo?“ fragte er, wie wenn er nicht ganz begriffe. „Es wäre Dir doch nicht zuwider die ſchottiſche Uniform anzuziehen?“ „Ganz und gar nicht.“ „Nun wohl, wenn eine gebieteriſche Nothwen⸗ digkeit Dich zum Ausgehen zwingt, ſo kannſt Du in meiner Uniform ausgehen.“ „Du haſt Recht, dieß iſt in der That höchſt einfach.“ „Sie wird Dir überdieß Zutritt im Louvre ver⸗ ſchaffen.“. Robert bebte vor Vergnügen. „Dieß war mein Ehrgeiz,“ ſagte er lächelnd. „Alſo auf morgen!“ „Auf morgen!“ ſagte Robert Stuart, indem er die Hand ſeines Freundes ergriff. 123 Patrick hielt ihn auf. „Du vergiſſeſt blos eine Sache,“ ſagte er. „Welche?“ „Sie iſt freilich von keinem allzu großen Nutzen: es iſt mein Zimmerſchlüſſel.“ „Das iſt bei Gott wahr,“ ſprach Robert,„gib P „Hier. Gute Naocht, Robert.“ „Gute Nacht, Patrick.“ Und die beiden jungen Leute trennten ſich, nach⸗ dem ſie einander zum zweiten Mal die Hand ge⸗ drückt; Patrick ging nach dem Louvre zu, Robert ging in Patricks Haus. Laſſen wir Patrick in den Louvre treten, wo er noch gerade recht zum Verles ankam, und folgen wir Robert, der, nachdem er an zwei oder drei Thüren herumgetappt war, endlich Patricks Schloß fand. Ein Reſt von noch brennendem Rebholz beleuch⸗ tete das ganz kleine Stübchen des jungen Gardi⸗ ſten. Es war recht ſauber herausgeputzt und hatte große Aehnlichkeit mit den Stübchen unſerer heuti⸗ gen Studenten. Das Ameublement beſtand aus einem ziemlich gut ausgeſtatteten Bett, einer kleinen Truhe, zwei Strohſeſſeln und einem Tiſch, auf welchem noch der Docht eines Talglichtes in einem langhalſigen Sand⸗ ſteinkrügchen rauchte. Robert nahm einen Brand, blies aus Leibes⸗ kräften und brachte zuletzt eine Flamme zu Stand, woran er das Licht anzündete. Sodann ſetzte er ſich vor das Tiſchchen und be⸗ 124 gann, die Stirne in beide Hände geſenkt, tief nach⸗ zuſinnen. „Das iſt es,“ ſagte er endlich, indem er mit der Hand in ſeine Haare fuhr, wie wenn er ſeine Stirne von einem furchtbaren Gewicht befreien wollte,„das iſt es, ich will an den König ſchreiben.“ Und er erhob ſich. Auf dem Kamin fand er ein volles Tintenfäß⸗ chen und eine Feder; aber vergebens ſuchte er nach Papier oder Pergament, vergebens durchwühlte er die Schublade des Tiſches und die drei Fächer der Truhe, es fand ſich nicht das geringſte Fetzchen vor. Er ſuchte von Neuem, aber umſonſt: ſein Ka⸗ merad hatte ohne Zweifel ſein letztes Blatt zu einem Schreiben an ſeine Räthin verbraucht. Verzweiflungsvoll ſetzte er ſich wieder. „Oh!“ ſagte er,„ſo ſoll ich alſo dieſes letzte Mittel blos deßhalb nicht verſuchen können, weil es an einem Stückchen Papier fehlt.“ Es ſchlug wirklich zehn Uhr: die Kaufleute in jener Zeit blieben nicht wie heutzutage bis Mitter⸗ nacht auf; die Verlegenheit war alſo wirklich vor⸗ handen. Auf einmal erinnerte ſich Robert an den Brief des Königs, den er bei ſich behalten hatte; er zog ihn aus ſeiner Bruſt hervor, und beſchloß auf der Rückſeite dieſes Blattes an Seine Majeſtät zu ſchreiben. Er nahm Tinte und Feder und ſchrieb folgen⸗ den Brief: „Sire, „Die Verurtheilung des Rathes Anne Dubourg —*—— c G — S—— — 125 iſt ungerecht und gottlos. Man blendet Eure Ma⸗ jeſtät und veranlaßt ſie das reinſte Blut ihres Königreichs zu vergießen. „Sire, ein Mann ruft Euch mitten aus der Menge zu: Oeffnet die Augen und betrachtet die Flamme der Scheiterhaufen, welche Ehrgeizige rings um Euch her auf allen Punkten Frankreichs ent⸗ zünden. „Sire, öffnet die Ohren und höret das klägliche Geächze, das auf dem Greveplatz ausgeſtoßen wird und bis in den Louvre dringt. „Höret und ſehet, Sire. Wenn Ihr gehört und haben werdet, ſo werdet Ihr ſicherlich ver⸗ zeihen.“ Der Schotte überlas ſeinen Brief noch einmal und legte ihn dann verkehrt zuſammen, d. h. ſo, daß die erſte Seite, auf welcher der Brief des Kö⸗ nigs ſtand, die Kehrſeite ſeines eigenen Briefes wurde und vice versa. „Jetzt, murmelte er,„wie ſoll ich dieſen Brief in den Louvre bringen? Wenn ich bis morgen auf Patrick warte, ſo wird es zu ſpät. Ueberdieß würde der unglückliche Patrick als mein Mitſchul⸗ diger verhaftet werden. Ich compromittire ihn ſchon genug dadurch, daß ich ſeine Gaſtfreundſchaft annehme. Was thun?“ Er trat ans Fenſter und beſann ſich auf eine Idee. In verzweifelten Fällen fragt man gern die äußern Gegenſtände um Rath. Wir haben geſagt, daß es für den December ein herrlicher Tag geweſen war. Robert fragte die friſche Luft, den Sternenhim⸗ ze die ſtille Nacht um Rath was er zu thun abe. Von Patricks Dachſtübchen aus, dem höchſtgele⸗ genen Orte des Hauſes, erblickte er die Thürmchen des königlichen Palaſtes. Auf einmal trat ihm der hölzerne Thurm, der am äußerſten Ende dieſes Palaſtes, ſo ziemlich dem Neslethurm gegenüber, zwiſchen dem Fluß und dem innern Louvrehof ſich erhob, prächtig gezeichnet im phantaſtiſchen Mondſchein vor die Augen. Beim Anblick dieſes Thurmes ſchien Robert das geſuchte Mittel gefunden zu haben, um ſeine Bot⸗ ſchaft an den König gelangen zu laſſen; denn er ſteckte ſein Pergament wieder in ſeine Bruſt, löſchte das Licht aus, ſetzte ſeinen Fils wieder auf, hüllte ſich von Neuem in ſeinen Mantel und ſtieg raſch die Treppe hinab. Einige Tage vorher war eine Ordonnanz er⸗ laſſen worden, welche Jedermänniglich verbot nach fünf Uhr Abends zu Fuß oder zu Waſſer die Seine zu paſſiren. Es war Nachts zehn Uhr; Robert konnte alſo nicht daran denken die Fähre zu nehmen. Er konnte weiter Nichts thun, als daß er den⸗ ſelben Weg, auf welchem er vom Greveplatz her⸗ gekommen war, zurück machte. Er ging olſo wieder nach dem Pont St. Michel hinauf, ließ die Rue de la Barillerie links liegen, um nicht unter die Palaſtwachen zu gerathen, und kehrte über die Notre⸗Damebrücke in das Netz von Straßen zurück, die ihn zum Louvre führen konnten. 127 i Der Louvre war ſeit der Regierung Franz I. mit Steinen, Kies und Zimmerbalken verſchüttet. Man hätte ihn eher für das Innere eines Stein⸗ n bruchs oder für einen jener unvollendeten Paläſte, die ſchon vor dem Ausbau in Trümmer zerfallen, als für die Wohnung des Königs von Frankreich m halten können. Es war alſo leicht zwiſchen den Steinblöcken, U womit der Louvre von innen wie von außen ver⸗ ſtellt war, durchzuſchlüpfen. as Von Stein zu Stein, von Graben zu Graben kam t⸗ Robert Stuart, indem er der Seine entlang ging, bis auf hundert Schritte von dem großen Portal te des Louvre, gerade dem Fluß gegenüber, welcher te in der Tiefe das ganze Terrain einnahm, den jetzt ſch das Quai einnimmt; ſodann ging er am Gebäude hin bis an den neuen Thurm, und als er zwei er⸗ Fenſter beleuchtet ſah, hob er in einem der Gräben ach einen Stein auf, den er in das Pergament wickelte, ie machte die Schnur von ſeinem Hut los und band damit Stein und Pergament zuſammen; hierauf lſo trat er zwei oder drei Schritte zurück, um ſeinen Anlauf zu nehmen, bemaß die Entfernung, zielte, . wie wenn es ſich um einen Flinten⸗ oder Piſtolen⸗ er⸗ ſchuß handelte, und warf Stein und Pergament in eines der beleuchteten Zimmer des erſten Stocks. el Das Getöne des zerbrochenen Fenſters und die Bewegung, die in Folge deſſelben im Zimmer ſtatt⸗ zufinden ſchien, verkündeten ihm, daß ſeine Bot⸗ un ſchaft angekommen war, und daß der Mangel an 3. Boten nicht Schuld daran war, wenn ſie etwa nicht zum König gelangte. „Ganz vortrefflich,“ ſagte er.„Und jetzt müſſen wir warten; wir werden morgen ſehen, ob mein Brief ſeine Wirkung hervorgebracht hat.“ Indem er ſich zurückzog, ſchaute er ſich behut⸗ ſam um, weil er ſich verſichern wollte, daß er nicht bemerkt worden ſei; er ſah auch in der Ferne Nichts als die Schildwachen, die mit ihrem gewohn⸗ ten langſamen und abgemeſſenen Gang auf⸗ und abſchritten. Es war klar, daß ſie Nichts bemerkt hatten. Robert Stuart ging daher auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war, nach der Rue du Battoit⸗St.⸗André zurück mit der feſten Ueberzeu⸗ gung, daß er von Niemand geſehen oder gehört worden ſei. Er täuſchte ſich: er war von zwei Männern ge⸗ ſehen worden, die ungefähr fünfzig Schritte von ihm in einem der Winkel des neuen Thurms, im Schatten deſſelben verborgen waren und ſich ſo lebhaft mit einander unterhielten, daß ſie zwar ſahen und hörten, aber es durch keinerlei Zeichen zu ver⸗ ſtehen gaben. Dieſe beiden Männer waren der Prinz von Condé und der Admiral Coligny. Sagen wir, welcher Gegenſtand der Unterhal⸗ tung die erlauchten Herrn dermaßen beſchäftigen konnte, daß ſie ſich um die Steine, die man in die⸗ ſer ſpäten Stunde der Nacht in die Fenſter des Louvre warf, ganz und gar nicht zu bekümmern ſchienen. M. 5 — — NW — 80 ———— 1²9 nM Am Zuß drs neurn Churmes. „Jetzt, ſagt Brantome in ſeinem Buch von den berühmten Feldherrn,„müſſen wir von einein der größten Kriegshelden ſprechen, die je ge⸗ lebt haben.“ Machen wirs, wie Brantome; nur wollen wir gegen Gaspar von Coligny, Herrn von Chatillon, gerechter ſein, als es der Höfling der Guiſes iſt. In zwei andern Büchern haben wir bereits ausführlich von dem berühmten Vertheidiger von St. Quentin geſprochen; aber unſere Leſer können die Königin Margot vergeſſen haben und den Pagen des Herzogs von Savoyen noch nicht kennen; es erſcheint uns daher dringend einige Worte von der Geburt, der Familie und den An⸗ tecedenzien, wie man heutzutage ſagt, des Ad⸗ mirals zu ſprechen. Wir unterſtreichen das Wort Admiral, weil der Mann, von dem wir ſprechen, unter dieſem Namen bekannt war, und man ihn nur ſehr ſelten Gaſpar von Coligny oder Herrn von Chatillon nannte. Gaſpar von Coligny war am 17 Februar 1517 in Chatillon⸗ſur⸗Loing, dem herrſchaftlichen Sitz ſeiner Familie, geboren. Sein Vater, ein breſſaniſcher Edelmann, hatte ſich nach der Vereinigung ſeiner Provinz mit dem Königreich in Frankreich niedergelaſſen; er behaup⸗ Dumas, Horoſcop. 1. 9 130 tete einen hohen Rang in den Armeen des Königs und nahm den Namen Chatillon an, nachdem er Eigenthümer dieſer Herrſchaft geworden war. Seine Gemahlin war Louiſe von Montmorency, Schweſter des Connetabels, von welchem wir ſchon ſehr oft zu ſprechen Gelegenheit hatten, ganz be⸗ ſonders im Ascanio, in den beiden Dianen und im Pagen des Herzogs von Savoyen. Die vier Söhne des Herrn von Chatillon, Pe⸗ ter, Odet, Gaſpar und Dandelot waren alſo die Reffen des Connetabels. Der erſte, Peter, ſtarb mit fünf Jahren. Der zweite, Odet, erhielt alſo die Beſtimmung die Ehre des Namens aufrecht zu erhalten. Zwanzig Jahre nach dieſem Todesfall hatte der Connetabel einen Cardinalshut zu ſeiner Verfügung. Keiner ſeiner Söhne wollte ihn haben; er bot ihn alſo den Söhnen ſeiner Schweſter an; Gaſpar und Dandelot, zwei kriegeriſche Naturen, lehnten ihn ab. goe eine ruhige und beſchauliche Natur, nahm ihn an. Gaſpar war alſo das Haupt der Familie, um ſo mehr als ſein Vater ſchon im Jahr 1522 ge⸗ ſtorben war. Wir haben anderswo geſagt, wie er ſeine Ue⸗ bungen als Geſellſchafter des Herzogs Franz von Guiſe durchmachte, und welche Freundſchaft die bei⸗ den jungen Leute vereinigte, bis ſich nach der Schlacht von Renty, wo Beide Wunder der Tapfer⸗ keit verrichtet hatten, eine Erkaltung zwiſchen ihnen einſchlich. Als nach dem Tod des Herzogs Claude von Lothringen Franz und ſein Bruder, der Car⸗ eE⸗ on i⸗ er T en de r⸗ 131 dinal, ſich an die Spitze der katholiſchen Partei geſtellt und der Staatsangelegenheiten bemächtigt hatten, ſchlug dieſe Erkaltung in einen ehrlichen und gründlichen Haß um. Während dieſer Zeit war der junge Gaſpar von Chatillon, trotz des Haſſes der Guiſes, einer der ausgezeichnetſten Männer ſeiner Cpoche geworden, und hatte ſich großen Ruhm und viele Ehren er⸗ worben. Er war, wie auch ſein Bruder Dandelot vom Herzog von Enghien zum Ritter geſchlagen worden, und zwar auf dem Schlachtfeld von Ceri⸗ ſoles, wo Jeder von ihnen eine Fahne genommen hatte; dann war er im Jahre 1544 zum Oberſt, drei Jahre ſpäter zum Generaloberſt der Infanterie und zuletzt zum Admiral ernannt worden. Damals hatte er zu Gunſten ſeines Bruders Dandelot, den er zärtlich liebte, wie er denn auch ſeine zärtliche Gegenliebe beſaß, ſeine Stelle als Generaloberſt der Infanterie niedergelegt. Ums Jahr 1545 hatten die beiden Brüder zwei Töchter aus dem edlen bretagniſchen Hauſe Laval geheirathet. Im Pagen des Herzogs von Savoyen wird man den Admiral bei der Belagerung von St. Quentin wieder finden und ſehen, mit welcher bewundernswürdigen Standhaftigkeit er die Stadt Stein um Stein vertheidigte, bis er endlich beim letzten Sturm mit den Waffen in der Hand gefan⸗ gen genommen wurde. Während ſeiner Eefangenſchaft in Antwerpen fiel ihm eine Bibel in die Hände, und nun wech⸗ ſelte er ſeine Religion. 5 Sein Bruder Dandelot war ſchon ſeit ſechs Jahren Calviniſt. Vermöge ſeiner hohen Stellung galt der Admi⸗ ral natürlich als der militäriſche Chef der refor⸗ mirten Religion. Da indeß der Bruch zwiſchen den beiden Par⸗ teien noch nicht ſtattgefunden hatte, da die Zeit der Verfolgungen noch nicht gekommen war, ſo nahmen Dandelot und ſein Bruder bei Hof di Poſten ein, welche ihr Rang ihnen anwies. „Aber,“ ſagt ein Geſchichtſchreiber aus jener Zeit, „der Hof hatte keinen furchtbareren Gegner.“ Seine Kaltblütigkeit, ſein Muth und ſeine Ge⸗ wandtheit waren von der ſeltenſten Art; er ſchien ge⸗ boren, um das zu werden, was er wirklich geworden war, nämlich der wahre Chef der calviniſtiſchen Partei: er beſaß die dazu erforderliche Beharrlichkeit und unbezwingbare Thatkraft; obſchon oft beſiegt, wurde er beinahe immer nach ſeinen Niederlagen furchtbarer als ſeine Feinde nach ihren Siegen. Er ſchlug ſeinen Rang für Nichts, ſein Leben nur ſehr gering an, war zu jeder Stunde bereit daſſelbe zur Vertheidigung des Königreichs oder für den Sieg ſeines Glaubens zu opfern, und verband mit ſeinem kriegeriſchen Genie die gediegenen Tugenden der größten Bürger. Mitten in dieſen ſtürmiſchen Zeiten gewährt der Anblick dieſes heitern Kopfes dem Auge einen lieblichen Ruhepunkt; es verhält ſich damit wie mit jenen großen Eichen, die mitten in den Ungewittern aufrecht ſte⸗ hen bleiben, wie mit jenen hohen Bergen, deren Gipfel mitten in den Stürmen ruhig emporragt, weil dieſer Gipfel den Blitz überherrſcht. 133 Der Regen wird niemals durch die runzelige Rinde der Eiche eindringen, der Wind wird ihren Gipfel nicht beugen; um ſie zu entwurzeln, bedarf es eines jener Orkane, die Alles über den Haufen werfen. Der Berg wird zum Vulkan werden, bei jedem ſeiner Ausbrüche wird der Thron bis in ſeine Grundlage erſchüttert, zittern, und um dieſen Krater auszufüllen, um dieſe Lava zu löſchen, be⸗ darf es einer jener Sündfluthen, welche die Geſtalt der Reiche verändern. Der Prinz von Condé beſprach ſich, wie wir geſagt haben, mit dem Admiral. Mit dieſem be⸗ rühmten jungen Mann unterhielt ſich Coligny wäh⸗ rend der Nacht vom 18. auf den 19. December im Schatten des neuen Thurms. Wir kennen den Prinzen von Condé wenigſtens von außen; wir haben ihn in das Wirthshaus zum rothen Roß treten ſehen und aus einigen Worten, die er ſprach, eine Idee von ſeinem Character bil⸗ den können. Man erlaube uns jetzt ſowohl über dieſen Cha⸗ racter als auch über ſeine Stellung am Hof einige Einzelheiten, die uns unumgänglich nöthig erſcheinen. Herr von Condé zeigte noch nicht was er war;“ aber man ahnte was aus ihm werden konnte, und dieſe Vorausſicht verlieh dem ſchönen jungen Prin⸗ zen, der bis jetzt nur durch ſeine tollen und flüchtigen Liebſchaften bekannt war und gleich ſeinem Zeitge⸗ noſſen Don Juan, rieſige Liſten von den berühmte⸗ ſten Damen des Hofes führte, große Bedeutſamkeit. Er war damals, wie wir bereits geſagt zu ha⸗ ben glauben, neunundzwanzig Jahre alt. Er war 134 der fünfte und letzte Sohn Karls von Bourbon, Grafen von Vendome, des neuen Stammvaters aller Zweige des Hauſes Bourbon. Seine älteren Brüder waren Anton von Bour⸗ bon, König von Navarra und Vater Heinrichs IV.; Franz, Graf von Enghien; der Cardinal Karl von Bourbon, Erzbiſchof von Rouen; und Johann, Graf von Enghien, der zwei Jahre vorher in der Schlacht von St. Quentin getödtet worden. Ludwig von Condé war alſo damals nur ein jüngerer Sohn, der Nichts ſein nannte, als ſein Schwert und ſeinen Rittermantel. Und das Schwert war noch mehr werth als der Mantel. Dieſes Schwert hatte der Prinz glorreich in den Kriegen Heinrichs II. gezogen, wie auch in einigen Privatfehden, worin er ſich beinahe einen eben ſo großen Ruf für ſeinen Muth geſchaffen hatte, als er bereits für ſein Liebesglück und ſeine Flatterhaf⸗ tigkeit in der Liebe beſaß. Für den Prinzen von Condé ſchien das Axiom: Der Veſitz tödtet die Liebe, eigens erfunden wor⸗ den zu ſein. Sobald der Prinz beſaß, liebte er nicht mehr. Die Sache war wohl bekannt unter den ſchönen Damen, deren golante Geſchichte Brantome uns geſchrieben, und ſonderbar genug, dennoch that dieß den Intereſſen des jungen Prinzen keinen Eintrag, denn er war ſo verliebt und ſo jovial, daß man folgenden vierzeiligen Vers in Gebetform auf ihn gemacht hatte: ——— 135 Schaut nur das hübſche Männlein an, Wie lachen es und ſingen kann, Hält ſtets ein Liebchen in den Armen, Mög' ſeiner Seel' ſich Gott erbarmen! Wie man ſieht, war bei dem Dichter die Ab⸗ ſicht beſſer als das Vermögen, aber da das Vers⸗ chen deutlich genug die allgemeine Sympathie kenn⸗ zeichnet, welche Ludwig von Condé dem Hof ein⸗ r 2½ 5 flößte, ſo haben wir es zu citiren gewagt. Unſer Buch iſt übrigens Alexander Dumas un⸗ n terzeichnet und nicht Richelet. Dieſe Sympathie war groß zwiſchen dem Admi⸗ 5 ral und dem jungen Prinzen. Der Admiral, der noch jung war— zweiundvierzig Jahre— liebte Ludwig von Condé, wie er einen ſeiner jüngern £ Brüder geliebt haben würbe, und der Prinz von o Condé ſeinerſeits, ein ritterlicher und abenteuerlicher 8 Character, von Natur weit mehr geneigt das My⸗ f⸗ ſterium der Liebe zu ſtudiren, als ſich um die Trium⸗ phe oder Riederlagen der Religton zu bekümmern, 3* zumal da er damals noch ein gleichgiltiger Katholik r⸗ war, der Prinz von Condé verhielt ſich zu dem ſtrengen Admiral wie ein Schüler zu einem gelieb⸗ ten Lehrer, er hörte ihn mit einem Ohr an, wäh⸗ n rend er in der Ferne mit ſeinen Augen dem Ga⸗ 18 lopp einer ſchönen Amazone folgte, die von der eß Jagd heimkehrte, oder mit dem andern Ohr auf g, das Liedchen eines jungen Mädchens lauſchte, das vom Felde zurückkam. Man vernehme jetzt was ſich eine Stunde vor⸗ her zugetragen. Der Admiral hatte, als er aus dem Louvre 136 kam, wo er dem jungen König ſeine Aufwartung ge⸗ macht, mit ſeinem an die Finſterniß gewöhnten Feld⸗ herrnauge am Fuße des neuen Thurmes einen in einen Mantel gehüllten Mann erblickt, der zu einem Bal⸗ con vor zwei beleuchteten Fenſtern emporſchaute und ein Signal entweder zu erwarten oder geben zu wollen ſchien. Von Natur nicht ſehr neugierig, wollte er ſei⸗ nen Weg nach ſeinem Hotel in der Rue de Bethiſy fortſetzen, als es ihm durch den Kopf fuhr, daß nur ein einziger Mann zu einer Stunde, wo man gerne alle Vorübergehenden verhaftete, wenn ſie nur ein wenig in die Nähe des Louvre kamen, die Kühnheit haben könne vor dem Palaſt des Königs, hundert Schritte von der Schildwache, ſpazieren zu gehen, und daß dieſer Mann der Prinz von Condé ſein müſſe. Er ging alſo auf ihn zu, und da der Mann ſich bei der Annäherung des Admirals ſo viel als möglich in die Dunkelheit vertiefte, rief er ihm in einer Entfernung von zwanzig Schritten zu: „He, Prinz!“ „Wer iſt da?“ fragte der Prinz von Condé; denn er war es wirklich. „Gut Freund,“ antwortete der Admiral, indem er fortwährend näher kam und ſich freute, daß ſein Scharfblick ihn auch dießmal nicht getäuſcht habe. „Ah, ah! es iſt die Stimme des Herrn Admi⸗ rals, wenn ich mich nicht täuſche,“ ſagte der Prinz, der ihm jetzt entgegen kam. Die beiden Herrn trafen ſich auf der Gränze des Schattens; der Prinz zog den Admiral zu ſich ———— — ————— 137 her, ſo daß ſich Beide jetzt in der Dunkelheit be⸗ fanden. „Wie zum Teufel,“ fragte der Prinz, nachdem er dem Admiral zärtlich und mit einer gewiſſen Ehrerbietung die Hand gedrückt,„wie habt Ihr er⸗ fahren, daß ich hier bin?“ „Ich habe es errathen,“ antwortete der Ad⸗ miral. „Ei wahrhaftig, Däs iſt ein wenig ſtark. Wie habt Ihrs angegriffen?“ „Oh, ganz einfach.“ „Sagt mirs doch.“ „Als ich einen Mann in der Nähe der Schild⸗ wache bemerkte, ſagte ich zu mir, daß es in Frank⸗ reich nur einen einzigen Ritter gebe, der im Stand ſei ſein Leben zu riskiren, um den Wind im Vor⸗ hang einer hübſchen Frau ſpielen zu ſehen, und daß Eure Hoheit dieſer Mann ſei.“ „Mein lieber Admiral, erlaubt mir Euch zuvör⸗ derſt für die vortreffliche Meinung zu danken, die Ihr von mir habt, und Euch dann mein höchſt auf⸗ richtiges Compliment zu machen: es iſt unmöglich einen vollendeteren Scharfblick zu beſitzen, als Ihr beweiſet.“ „Ah!“ machte der Admiral. „Ich ſehe,“ ſagte der Prinz,„allerdings nach dem Fenſter eines Zimmers hinauf, wo zwar keine hübſche Frau, denn Diejenige die mich hier feſſelt war vor ſechs Monaten noch ein Kind und iſt jetzt kaum ein junges Mädchen, aber doch ein bezaubern⸗ des junges Mädchen von vollendeter Schönheit wohnt.“ 138 „Ihr meint das Fräulein von St. André?“ fragte der Admiral. 5 „Ganz richtig. Es kommt immer beſſer, mein lieber Admiral,“ antwortete der Prinz;„und Dieß erklärt mir, welches Intereſſe mich getrieben hat, Euch zum Freunde zu nehmen.“ „Alſo hat Euch ein Intereſſe dazu getrieben 2 fragte Coligny lachend. „Ja, und zwar ein ſehr großes.“ „Welches? Macht mich zu Eurem Vertrauten, Prinz:“ „Seht, wenn ich Euch nicht zum Freund gehabt hätte, Herr Admiral, ſo hätte ich Euch vielleicht zum Feind bekommen, und dann würde ich wohl einen unverſöhnlichen Feind in Euch gehabt haben.“ Der Admiral warf bei dieſer Schmeichelei von Seiten eines Mannes, dem er Vorwürfe machen wollte, den Kopf in die Höhe und antwortete ihm blos: „Es iſt Euch ohne Zweifel nicht unbekannt, Prinz, daß Fräulein von St. André mit Herrn von Joinville, dem älteſten Sohn des Herzogs von Guiſe, verlobt iſt.“ 6 „Ich weiß es nicht blos, Herr Admiral, ſondern ich habe mich auch bei der Nachricht von dieſer Verlobung ſterblich in das Fräulein verliebt, ſo daß ich wohl ſagen kann, meine Liebe zum Fräulein von St. André komme hauptſächlich von meinem Haß gegen die Guiſes her.“ „Es iſt aber doch das erſte Mal, Prinz, daß ich von dieſer Liebe ſprechen höre. In der Regel neh⸗ men Eure Liebesgeſchichten wie die Lerchen ſingend t t ch 139 ihren Flug. Dieſe Liebe iſt alſo von ſo neuem Datum, daß ſie noch nicht einmal Lärm gemacht hat?“ „Sie iſt nicht ſo ganz neu, mein lieber Admi⸗ ral; ſie iſt im Gegentheil ſchon ſechs Monate alt.“ „Bah! wirklich?“ fragte der Admiral mit einem Blick, der ſein Erſtaunen ausdrückte. „Sechs Monate, ja, beinahe auf den Tag hin, wahrhaftig. Ihr erinnert Euch doch eines Horoſ⸗ cops, das eine alte Hexe bei ber Landimeſſe Herrn von Guiſe, dem Marſchall von St. André und Eu⸗ rem gehorſamſten Diener geſtellt hat? Ich meine Euch wenigſtens dieſe Geſchichte erzählt zu haben.“ „Ja, ich erinnere mich vollkommen. Die Sache geſchah in einem Wirthshaus auf der Straße von Goneſſe nach St. Denis.“ „Ja, ſo iſts, mein lieber Admiral. Nun wohl, von dieſem Tag an datirt die Offenbarung meiner Liebe für die reizende Charlotte, und wie wenn der Tod, den man mir geweiſſagt, mir eine ganz be⸗ ſondere Luſt zum Leben eingeflößt hätte, von dieſem Tag an habe ich nur noch in der Hoffnung gelebt von der Tochter des Marſchalls geliebt zu werden, und habe alle Mittel meines Geiſtes aufgeboten, um zu dieſem Ziel zu gelangen.“ „Und ohne Unbeſcheidenheit, Prinz,“ fragte der Admiral,„iſt Eure Liebe erwidert worden?“ „Nein, mein Vetter, nein; deßwegen ſehet Ihr mich wie einen Tölpel daſtehen.“ „Und als galanter Ritter erwartet Ihr, daß man Euch eine Blume, einen Handſchuh, ein Wort zuwerfe?“ 140 „Wahrhaftig, ich erwarte nicht einmal mehr Das.“ „Nun, auf was wartet Ihr dann noch?“ „Darauf, daß das Licht erlöſche und daß die Braut des Herrn Prinzen von Joinville einſchlafe, damit ich meinerſeits auch mein Licht auslöſche und einſchlafe, wenn ich kann.“ „Und es iſt ohne Zweifel nicht das erſte Mal, mein lieber Prinz, daß Ihr auf dieſe Art dem Schlafengehen des Fräuleins anwohnt?“ ( i —— „Es iſt nicht das erſte Mal, mein Vetter, und wird auch nicht das letzte Mal ſein. Es ſind jetzt bald vier Monate, daß ich mir dieſe unſchuldige Zerſtreuung gönne.“ „Ohne Wiſſen des Fräuleins von St. André?“ fragte der Admiral mit zweifelnder Miene. „Ohne ihr Wiſſen, ich fange an es zu glauben.“ „Ei, das iſt ja mehr als Liebe, mein theurer Prinz: es iſt ein wahrer Cultus, es iſt eine An⸗ betung nach Art deſſen, was gewiſſe Seefahrer uns von der Religion der Hindu und ihrer Verehrung gegen ihre unſichtbaren Gottheiten erzählen.“ „Eure Bemerkung trifft vollkommen zu, mein lieber Admiral; es iſt ein wahrer Cultus, und ich muß mein ganzes Chriſtenthum zuſammennehmen, um nicht in dieſen Götzendienſt zu verfallen.“ „Götzendienſt heißt Bilderverehrung, mein lieber Prinz, und Ihr beſitzet vielleicht nicht einmal das 1 Bild Eurer Göttin?“ „Ja wahrhaftig, ich beſitze nicht einmal ihr Bild,“ ſagte der Prinz;„aber,“ fuhr er mit einem Lächeln fort, indem er die Hand auf ſeine Bruſt — 141 te,„ihr Bild iſt da und zwar ſo ſcharf einge⸗ chnet, daß ich keines andern Portraits bedarf als esjenigen, das in meinem Gedächtniß lebt.“ „Und welche Gränzen ſetzet Ihr für dieſe ein⸗ tönige Beſchäftigung feſt?“ „Gar keine. Ich werde ſo hieherkommen, ſo lange ich Fräulein von St. André lieben werde. Ich werde ſie nach meiner Gewohnheit ſo lange lieben, als ſie mir Nichts bewilligt haben wird, und da ſie mir aller Wahrſcheinlichkeit zufolge nicht ſo bald Das bewilligen wird, was ſie mir bewilli⸗ gen müßte, damit meine Liebe in ihre Periode der Abnahme treten ſollte, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß ich ſie lange lieben werde.“ „Ihr ſeid doch ein ganz curioſer Heiliger, mein lieber Prinz!“ „Was wollt Ihr? Ich bin nun einmal ſo; das Ding geht ſo weit, daß ich mich ſelbſt nicht be⸗ greife. So lange eine Frau mir Nichts bewilligt hat, bin ich wie ein Narr in ſie verliebt, ich könnte ihren Mann, ihren Liebhaber, ja ſie ſelbſt und hin⸗ tendrein mich ſelbſt umbringen, ich könnte ihretwegen einen Krieg anfangen, wie Pericles für Aſpaſia, Cäſar für Eunoö, Antonius für Cleopatra; hernach, wenn ſie nachgibt...“ „Wenn ſie nachaibt?“ „Dann, mein lieber Admiral, wehe ihr und mir ſelbſt! Das kalte Tropfbad der Ueberſättigung fält über meinen Wahnſinn und löſcht ihn aus.“ „Aber welch ein närriſches Vergnügen jindet Ihr darin im Mondſchein zu wachen?“ „Unter den Fenſtern eines hübſchen Mädchens? 142 Ein ungeheures Vergnügen, mein lieber Vetter Oh, Ihr begreift das nicht, denn Ihr ſeid ein er ſter und ſtrenger Mann, der ſein ganzes Glück i den Gewinn einer Schlacht oder in den Sieg ſeines Glaubens ſetzt. Mit mir, Herr Admiral, iſt es etwas Anderes: der Krieg iſt für mich nur ein Friede zwiſchen zwei Liebeshändeln, zwiſchen einer alten und einer neuen Liebe. Ich glaube wahrhaftig, daß Gott mich blos zum Lieben geſchaffen hat, und ich zu nichts Anderem tauge. Ueberdieß iſt es das Geſetz Gottes. Gott hat uns befohlen, unſern Nächſten wie uns ſelbſt zu lieben. Nun wohl, da ich ein vortrefflicher Chriſt bin, ſo liebe ich meinen Nächſten mehr als mich ſelbſt. Nur liebe ich ihn in ſeiner ſchönſten Hälfte, in ſeiner angenehmſten Geſtalt.“ „Aber wo habt Ihr denn Fräulein von St. Andre ſeit der Landimeſſe wieder geſehen?“ „Ach, mein lieber Admiral, das iſt eine lange Geſchichte, und wenn Ihr nicht entſchloſſen ſeid, trotz der Gehaltloſigkeit meiner Erzählung, mir wenigſtens eine volle halbe Stunde als guter Ver⸗ wandter Geſellſchaft zu leiſten, ſo rathe ich Euch nicht darauf zu beſtehen, ſondern mich allein mei⸗ nen Träumereien und meiner Zwieſprach mit dem Mond und den Sternen zu überlaſſen, die für mich weniger leuchtend ſind als dieſes Licht, das Ihr durch die Fenſter meiner Gottheit ſtrahlen ſehet.“ „Mein lieber Vetter,“ ſagte der Admiral la⸗ chend,„ich habe ſür die Zukunft Pläne mit Euch, die Ihr nicht einmal ahnet; defhalb liegt es in meinem Intereſſe, daß ich Euch von allen Euren ———*——— 143 Seiten ſtudire. Kommt her, öffnet mir alle Thüren Eures Innern. Seht, wenn ich einmal mit dem wahren Condé, mit dem großen Feldherrn zu thun haben will, ſo möchte ich wiſſen, zu welcher Thüre ich hereinkommen kann, und wenn ich ſtatt des Helden, den ich ſuche, blos einen zu den Füßen Omphales ſpinnenden Herkules, blos einen auf dem Schooße Dellilas ſchlafenden Simſon finde, ſo möchte ich wiſſen, zu welcher ich hinausgehen muß.“ „Ich werde Euch alſo die ganze Wahrheit ſagen müſſen?“ „Allerdings.“ „Wie einem Beichtvater?“ „Noch beſſer.“ „Ich erkläre Fuch zum Voraus, daß dieß eine wahre Ekloge wird.“ „Die ſchönſten Verſe von Virgilius Maro ſind nichts Anderes als Eklogen.“ „Ich beginne alſo.“ „Ich höre Euch zu.“ „Ihr werdet mir ins Wort fallen, wenn Ihr genug habt.“ „Ich verſpreche es Euch; aber ich glaube, daß ich Euch nicht ins Wort fallen werde.“ „Ach, welch ein großer und erhabener Politiker Ihr ſeid!“ „Wißt Ihr, mein lieber Prinz, daß Ihr mir ausſehet, als ob Ihr ſpotten wolltet?“ „Ei, warum nicht gar! Ihr wißt, daß man mich dazu treiben könnte in einen Abgrund zu ſpringen, wenn man mir von ſolchen Dingen vorſpricht.“ „Nun denn, ſo beginnt.“ — 144 der Jagd, welche die Herren von Guiſe dem gan zen Hof im Walde von Meudon zum Beſten gaben. „Ich erinnere mich davon gehört zu haben, war aber nicht ſelbſt dabei.“ „Dann erinnert Ihr Euch auch, daß nach dieſer Jagd Madame Catherine ſich mit allen ihren Ehren⸗ fräulein, ihrer ſogenannten fliegenden Schwadron, nach dem Schloß des Herrn von Gondy in St. Cloud begab; Ihr erinnert Euch deſſen, denn Ihr waret dabei.“ „Allerdings.“ „Nun wohl, wenn Eure Aufmerkſamkeit nicht durch ernſtere Gegenſtände abgelenkt wurde, ſo erin⸗ nert Ihr Euch auch noch, daß dort während des Imbiſſes ein junges Mädchen durch ſeine Schönheit die Aufmerkſamkeit des Hofes und ganz beſonders die meinige feſſelte. Es war das Fräulein von St. André.— Nach dem Imbiß, während der Spazierfahrt auf dem Canal erregte ein junges Mädchen durch ſeinen Geiſt die Bewunderung ſämmt⸗ licher Gäſte und wiederum ganz beſonders die mei⸗ nige. Es war das Fräulein von St. André.— Am Abend endlich auſ dem Ball richteten ſich alle Augen und beſonders die meinigen auf eine Tän⸗ zerin, deren unvergleichliche Grazie allen Lippen ein Lächeln, allen Stimmen ſchmeichleriſches Gemurmel, allen Augen Blicke der Bewunderung entlockte. Es war abermals das Fräulein von St. André.— Erinnert Ihr Euch deſſen?“ „Nein.“ „Um ſo beſſer, denn wenn Ihr Euch erinnertet, „Es war im September vorigen Jahrs ₰ —————— 2—— 145 ch ſo wäre es nicht der Mühe werth, daß ichs Euch n⸗ erzählte. Ihr begreift wohl, daß die im Gaſthof 3 zum rothen Roß in meinem Herzen ſchüchtern ent⸗ ar zündete Flamme in St. Cloud zu einem verzehren⸗ den Feuer wurde. Die Folge davon war, daß ich er nach dem Ball, als ich in das mir angewieſene n⸗ Zimmer im erſten Stock kam, ſtatt ins Bett zu ge⸗ n, hen, die Augen zu ſchließen und einzuſchlafen, mich t. ans Fenſter ſtellte, und beim Gedanken an ſie in hr holde Träumerei verfiel. Ich war, Gott weiß wie lange ſchon, darin verſunken, als ich durch den Schleier hindurch, welchen die verliebten Gedanken ht or meinen Augen ausbreiteten, ein lebendiges n⸗ Weſen, beinahe eben ſo unmateriell wie der Wind, es der durch meine Haare fuhr, zu ſehen glaubte. Es eit war etwas Leichtes wie ein verdichteter Dunſt; ein rs weiß und roſarother Schatten, der durch die Alleen on des Parlks glitt, juſt unter meinem Fenſter ſtehen er blieb und ſich auf den Stamm des Baumes ſtützte, es deſſen Blätterwerk meinen geſchloſſenen Fenſterladen nt⸗ ſtreifte. Ich erkannte, oder vielmehr ich ahnte, daß ei⸗ die ſchöne nächtliche Fee Niemand anders war als — Fräulein von St. André, und ich wäre höchſt wahr⸗ lle ſcheinlich zum Fenſter hinausgeſprungen, um deſto in⸗ eher bei ihr anzukommen und deſto ſchneller ihr zu ein Füßen zu fallen, als ein zweiter Schatten, weniger el, roſig und weniger weiß als der erſte, aber beinahe Es eben ſo leicht, den Raum durchſchritt, welcher eine — Seite der Allee von der andern trennte. Dieſer Schatten gehörte augenſcheinlich dem männlichen Geſchlechte an.“ et, Dumas, Horoſcop. 1. 10 146 „Ah! ah!“ murmelte der Admiral. „Juſt dieſen Ausruf habe ich mir auch erlaubt,“ ſagte Condé;„aber die beleidigenden Zweifel, die in Betreff der Tugend des Fräuleins von St. An⸗ dré in mir erwacht waren, dauerten nicht lange; denn die beiden Schatten begannen zu zwitſchern, und da das Getöne der Stimmen durch die Baum⸗ zweige und die Spalten der Läden bis zu mir her⸗ auf drang, ſo hörte ich was die handelnden Per⸗ ſonen der Scene, die zwanzig Schritte unter mir aufgeführt wurde, ſprachen; auch hatte ich bereits alle Beide erkannt.“ „Wer waren ſie denn?“ „Fräulein von St. André und der Page ihres Vaters.“ „Und um was handelte es ſich?“ „Ganz einfach um eine Fiſchpartie für den fol⸗ genden Tag.“ „Um eine Fiſchpartie?“ „Ja, mein Vetter; Fräulein von St. André iſt eine fanatiſche Liebhaberin vom Fiſchen mit der Angelleine.“ „Und um eine Fiſchpartie zu beſprechen, hatten ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren und ein junger Page von neunzehn einander auf Nachts zwölf oder ein Uhr in dieſen Park beſchieden?“ „Ich zweifelte wie Ihr daran, mein lieber Ad⸗ miral, und ich muß ſagen, daß dieſer junge Page ſehr betroffen ſchien, als er, nachdem er voll Eifer und ohne Zweifel mit ganz andern Hoffnungen herbeigelaufen war, aus des Fräuleins eigenem Munde erfuhr, ſie habe ihn blos deßhalb beſchieden, 6 die n⸗ n, m⸗ er⸗ er⸗ nir its res iſt der ten ein hts Ad⸗ age fer gen em en, 147 weil ſie ihn bitten wolle zwei Angelleinen, eine für ſie und die andere für ihn, anzuſchaffen und ſich damit Morgens fünf Uhr am Ufer des Kanals einzufinden. Dem jungen Pagen entwiſchten ſogar die Worte: „Aber, mein Fräulein, wenn Ihr mich aus kei⸗ ner andern Abſicht beſchieden habt, als weil Ihr eine Angelleine von mir wünſchtet, ſo war es un⸗ nöthig aus einer ſo einfachen Sache ein ſo großes Geheimniß zu machen.“ „Darin täuſchet Ihr Euch, Jacques,“ antwor⸗ tete das junge Mädchen:„ich werde, ſeit die Feſte begonnen haben, dermaßen unſchmeichelt und ge⸗ feiert, von ſo vielen Schönthuern und Anbetern umlagert, daß ich, wenn ich Euch um eine Angel⸗ ſchnur erſucht hätte und meine Abſicht unglücklicher Weiſe bekannt worden wäre, heute früh um fünf Uhr drei Viertel der Herren des Hofs, mit Inbe⸗ griff des Herrn von Condé, am Ufer des Kanals vorgefunden haben würde; und Dieß hätte, wie Ihr Euch wohl denken könnt, die Fiſche dermaßen erſchreckt, daß ich nicht einmal den kleinſten Gründ⸗ ling gefangen hätte. Ich habe nun Das nicht ge⸗ wollt; ich will vielmehr morgen ohne andere Ge⸗ ſellſchaft als die Eure, Ihr undankbarer Menſch, einen wundervollen Fiſchzug thun.“ „Ach ja, mein Fräulein,“ ſagte der junge Page, „ach ja, ich bin ein Undankbarer!“ „Alſo es bleibt dabei, Jacques, um fünf Uhr.“ „Ich werde mich ſchon um vier Uhr mit zwei Angelleinen einfinden, mein Fräulein.“ 10 148 „Aber Ihr dürft nicht vor mit und ohne mich fiſchen, Jacques.“ „Oh, ich verſpreche, daß ich auf Euch warten will.“ „Gut alſo. Für Eure Mühe habt Ihr hier meine Hand.“ „Ach, mein Fräulein!“ rief der junge Mann, indem er ſich über dieſe cokette Hand hermachte und ſie mit Küſſen bedeckte. „Sachte, ſachte!“ rief das junge Mädchen, in⸗ dem ſie die Hand zurückzog,„ich habe Euch erlaubt meine Hand zu küſſen, aber nicht ſie in Flammen zu ſetzen. Und jetzt gute Nacht, Jacques! Um fünf Uhr am Ufer des großen Kanals.“ „Ach, kommt wann Ihr wollt, mein Fräulein, ich verſpreche Euch, daß ich da ſein werde.“ „Geht jetzt, geht!“ ſagte Fräulein von St. An⸗ drs, indem ſie ihm mit der Hand winkte. „Der Page gehorchte augenblicklich und lautlos, wie ein Geiſt dem Zauberer gehorcht, von dem er abhängt. In weniger als einer Secunde war er verſchwunden. „Fräulein von St. André blieb noch einen Au⸗ genblick da; nachdem ſie ſich ſodann verſichert hatte, daß Nichts die Stille der Racht und die Einſamkeit des Gartens ſtörte, verſchwand ſie ebenfalls mit dem feſten Glauben, daß ſie weder geſehen noch ge⸗ hört worden ſei.“ „Und Ihr ſeid gewiß, mein lieber Prinz, daß die ſchlaue Dirne Euch nicht an Eurem Fenſter ahnte?“ „Ach, mein lieber Vetter, Ihr raubet mir alle meine Illuſionen.“ lit gib An M ſen ich ten nn, chte in⸗ ubt men Um ein, An⸗ los, er rer Au⸗ atte, nkeit mit ge⸗ s die te?“ alle 149 Dann trat er noch näher zum Admiral und agte: „Nun wohl, da Ihr ein ſo tief blickender Po⸗ litiker ſeid, ſo will ich's Euch nur geſtehen, es gibt Augenblicke wo ich nicht darauf ſchwören möchte.“ „Auf was?“ „Daß ſie mich nicht geſehen habe, und daß dieſe Angelleine, dieſe Fiſchpartie, dieſe Beſtellung auf Morgens fünf Uhr nicht eine bloße Comödie gewe⸗ ſen ſei?“ „Ei, warum nicht gar?“ „Oh, ich läugne niemals, wenn es ſich um eine weibliche Spitzbüberei handelt,“ ſagte der Prinz, „und je jünger und naiver die Perſon iſt, um ſo weniger läugne ich. Aber das müßt Ihr geſtehen, mein lieber Admiral, daß, wenn die Sache ſich wirklich ſo verhält, das Dämchen ſehr gewandt iſt.“ „Ich gebe es gerne zu.“ „Ihr begreift wohl, daß ich mich am folgenden Morgen um fünf Uhr in der Nähe des großen Ca⸗ nals auf die Lauer geſtellt habe. Der Page hatte Wort gehalten. Er war ſchon vor Tagesanbruch da. Die ſchöne Charlotte ihrerſeits war gleich der Morgenröthe einen Augenblick vor der Sonne er⸗ ſchienen und hatte mit ihrem Roſenfinger eine wohl⸗ beköderte Angelleine aus Jacques Händen entgegen⸗ genommen. Einen Augenblick fragte ich mich, wa⸗ rum ſie beim Fiſchen eines Kameraden bedürfe; aber bald begriff ich, daß ſo reizende Finger ſich nicht der Gefahr ausſetzen durften die ſchrecklichen Thiere zu berühren, welche ſie an die Angel heften, und ſogar diejenigen, welche ſie hinwegnehmen mußte, wenn 150 der Page ihr nicht dieſes abſtoßende Geſchäft erſpart hätte. Auf ſolche Art blieb alſo von dieſer Fiſchpartie, die bis ſieben Uhr währte, dem ſchönen und eleganten jungen Mädchen Nichts als das Vergnügen, und die⸗ ſes mußte groß ſein, denn wahrhaftig die jungen Leutchen bekamen eine ganze Pfanne voll.“ „Und Ihr, was habt Ihr bekommen, mein lie⸗ ber Prinz?“ „Einen abſcheulichen Catarrh, denn ich ſtand mit den Füßen und einer grimmigen Liebe, deren Folgen Ihr jetzt ſehet, im Waſſer.““ „Und Ihr glaubet, die kleine Plaudertaſche habe von Eurer Anweſenheit Nichts gewußt?“ „Ach mein Gott, lieber Vetter, vielleicht wußte ſie mich da; aber wahrlich, wenn ſie ihren Fiſch an ſich zog, rundete ſie ihren Arm ſo graziös über das Ufer hin und hob ihr Röckchen ſo kokett in die Höhe, daß ich um dieſes Armes und dieſes Beines willen Alles verzeihen würde, denn wenn ſie mich da wußte, ſo machte ſie all dieſe allerlicbſten Ar⸗ tigkeiten mir und nicht dem Pagen zu Liebe, ſinte⸗ mal ich zu ihrer Rechten war und ſie ihren rechten Arm rundete, ihr rechtes Bein in die Höhe hob. Kurz nnd gut, mein lieber Admiral, ich liebe ſie, wenn ſie naiv iſt; aber wenn ſie kokett iſt, ſo iſt es noch weit ſchlimmer, dann bete ich ſie an! Ihr ſehet, daß ich auf die eine oder andere Weiſe ſehr krank bin.“ „Und ſeit dem?“ „Seit dem, lieber Vetter, habe ich dieſen rei⸗ zenden Arm und dieſes Bein wieder geſehen, aber nur von ferne, ohne mich jemals der Beſitzerin die⸗ art tie, ten ie⸗ zen lie⸗ ind ren abe ßte an ber die nes ich Ar⸗ te⸗ ten ſie, iſt Ihr ehr rei⸗ ber ie⸗ ——— 2 15¹ ſer Zauberſchätze nähern zu können, denn ſobald ſie mich auf einer Seite bemerkt, ſo entfliebt ſie, dieſe Gerechtigkeit muß ich ihr widerfahren laſſen, nach der andern.“ „Und wohin ſoll dieſe ſtumme Leidenſchaft zu⸗ letzt führen?“ „Ach, mein Gott, das müßt Ihr einen geſcheid⸗ tern Mann fragen, als ich bin, lieber Vetter; denn wenn dieſe Leidenſchaft ſtumm iſt, wie Ihr ſagt, ſo iſt ſie zu gleicher Zeit auch taub und blind, d. h. ſie hört auf keinen Rath und ſieht nicht über die gegenwärtige Stunde hinaus, will beſonders nicht darüber hinausſehen.“ „Aber, mein lieber Prinz, Ihr müßt doch in irgend einer Zukunft eine Belohnung für dieſen muſterhaften Sclavendienſt hoffen.“ „Natürlich; aber dieſe liegt in einer ſo fernen Zukunft, daß ich gar nicht hinzuſchauen wage.“ „Nun wohl, laßt Euch rathen, ſchaut nicht hin.“ „Warum das, Herr Admiral?“ „Weil Ihr Nichts da ſehen würdet, und weil Euch das allen Muth rauben könnte.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Ei, mein Gott, es iſt doch ſehr leicht zu ver⸗ ſtehen, aber zu dieſem Ende müßt Ihr mich an⸗ hören.“ „Sprecht, Herr Admiral.“ „Macht Euch auf Etwas gefaßt, mein lieber Prinz.“ „Wenn es ſich um Fräulein von St. André handelt, mache ich mich auf Alles gefaßt.“ —— 3 ſ 5 1 —— — — 152 „Ich will Euch die Wahrheit ohne Unſchweif ſagen, mein lieber Prinz.“ „Herr Admiral, ich bin Euch ſeit langer Zeit mit der ehrerbietigen Zärtlichkeit, die man einem ältern Bruder widmet, und mit der zärtlichen Hin⸗ gebung, die man für einen Freund hat, zugethan. Ihr ſeid der einzige Mann in der Welt, dem ich das Recht zuerkenne mir zu rathen. Damit ſage ich Euch zugleich, daß ich die Wohrheit aus Eurem Munde nicht nur nicht fürchte, ſondern Euch viel⸗ mehr gehorſamſt darum bitte. Sprecht!“ „Dank, Prinz!“ antwortete der Admiral als ein Mann, der die gewaltigen Einflüſſe begriff, welche die Liebesangelegenheiten auf ein Gemüth wie Herr von Condé hervorbringen konnten, weß⸗ halb er auch Dingen, die er bei einem Andern als dem Bruder des Königs von Navarra kaum beach⸗ tet haben würde, eine bedeutende Wichtigkeit bei⸗ legte;„Dank! und da Ihr mir ein ſo ſchönes Spiel einräumt, ſo will ich Cuch die ganze nackte Wahr⸗ heit ſagen: Fräulein von St. André liebt Euch nicht, mein lieber Prinz; Fräulein von St. André wird Euch niemals lieben.“ „Solltet Ihr nicht ein wenig Aſtrolog ſein, Herr Admiral? und ſolltet Ihr zufällig die Sterne über mich befragt haben, um mir eine ſo garſtige Prophezeiung zu machen?“ „Nein; aber wißt Ihr, warum ſie Euch nicht lieben wird?“ fügte der Admiral hinzu. „Wie ſoll ich das wiſſen, da ich doch Alles auf⸗ biete, um mir ihre Liebe zu erwerben.“ „Sie wird Euch nicht lieben, weil ſie nie Je⸗ 153 if mand lieben wird, dieſen kleinen Pagen ſo wenig als Euch; ſie iſt ein trockenes Herz, eine ehrgeizige eit Seele. Ich habe ſie als kleines Kind gekannt, und m ohne die aſtrologiſchen Kenntniſſe zu beſitzen, die n⸗ Ihr ſo eben bei mir vermuthet, habe ich im Stillen n. prophezeit, daß ſie eines Tags eine Rolle in dieſem ch großen Haus des Laſters ſpielen würde, das wir vor ge Augen haben.“ m Und mit einer Geberde höchſter Verachtung l⸗ zeigte der Admiral auf den Louvre. „Ah, ah!“ ſagte Herr von Condé,„das iſt ein ls anderer Geſichtspunkt, von welchem aus ich ſie noch f, nicht betrachtet habe.“ th„Sie war noch nicht acht Jahre alt, als ſie die ß⸗ vollendete Buhldirne ſpielte, à 1a Agnes Sorel oder [8 Frau von Etampes; ihre jungen Freundinnen ſetz⸗ ten ihr ein pappendeckelnes Diadem auf den Kopf i⸗ und führten ſie um das Hotel herum ſpazieren mit el dem Ruf: Es lebe die kleine Königin! Nun wohl, r⸗ ſie hat die Erinnerung an dieſes Kinderkönigthum ch fortwährend bewahrt. Sie behauptet, daß ſie Herrn 6 von Joinville, ihren Bräutigam, liebe: allein ſie lügt. Sie ſtellt ſich zwar ſo, aber wißt Ihr auch n, warum? Weil der Vater des Herrn von Joinville, e Herr von Guiſe, mein ehemaliger Freund und jetzt e mein erbittertſter Gegner, binnen Kurzem König von Frankreich ſein wird, wenn man ihm Nichts in den Weg wirft.“ „Ha, zum Teufel! iſt das Eure Ueberzeugung, f⸗ mein Vetter?“ „Meine aufrichtige Ueberzeugung, lieber Prinz, ⸗ und ich ſchließe daraus, daß Eure Liebe zu dem 154 ſchönen Ehrenfräulein der Königin eine unglückliche Liebe iſt, weßhalb ich Euch beſchwöre Euch ſo bald als möglich davon loszuſagen.“ „Iſt das Euer Rath?“ „Ja, und ich ertheile ihn Euch vom Grund meines Herzens.“ „Und ich, lieber Vetter, will Euch vor allen Dingen ſagen, daß ich ihn ſo annehme wie er ge⸗ geben wird.“ „Nur werdet Ihr ihn nicht befolgen?“ „Was wollt Ihr, mein lieber Admiral? man iſt nicht Herr über dieſe Dinge da.“ „Gleichwohl, mein lieber Prinz, müßt Ihr aus der Vergangenheit auf die Zukunft ſchließen.“ „Nun wohl ja, ich geſtehe, daß ſie bis jetzt keine ſehr heftige Sympathie für Euren Diener empfindet.“ „Aber Ihr glaubet, Dieß könne nicht von Dauer ſein. Ah! ich weiß, daß Ihr eine gute Meinung von Euch ſelbſt habt, mein lieber Prinz.“ „Was wollt Ihr? man wütde den Andern eine allzu gute Gelegenheit zur Verachtung geben, wenn man ſich ſelbſt verachtete. Aber das iſt es nicht. Wenn ſie dieſe Zärtlichkeit nicht für mich hat, ſo könnt Ihr doch nicht verhindern, daß ich dieſelbe unglücklicher Weiſe für ſie habe. Ihr zuckt die Achſeln darüber. Was wollt Ihr machen? Steht es mir frei zu lieben oder nicht zu lieben? Wenn ich zu Euch ſagte: Ihr habt die Belagerung von St. Quentin drei Wochen lang mit zweitauſend Mann gegen die fünfzig oder ſechzigtauſend Fla⸗ mänder und Spanier des Prinzen Emanuel Phili⸗ 155⁵ bert und des Königs Philipp II. ausgehalten; nun wohl, Ihr müßt jetzt ſelbſt die Stadt belagern; es liegen dreißigtauſend Mann drinnen, und Ihr habt blos zehntauſend; würdet Ihr Euch weigern St. Quentin zu belagern? Nein, nicht wahr? Warum? Weil Ihr vermöge Eures bewährten kriegeriſchen Genies die Gewißheit habt, daß für tapfere Männer kein Platz uneinnehmbar iſt. Nun wohl, ich, mein lieber Vetter, rühme mich vielleicht, aber ich glaube eine bewährte Wiſſenſchaft der Liebe zu beſizen wie Ihr Euer bewährtes Genie für den Krieg, und ich ſage Euch: Kein Platz iſt unein⸗ nehmbar; Ihr habt mir das Beiſpiel im Krieg gegeben, mein lieber Admiral, erlaubt mir, daß ich Euch das Beiſpiel in der Liebe gebe.“ „Ach, Prinz! Prinz!“ ſagte der Admiral ſchwer⸗ müthig,„was für ein großer Feldherr würdet Ihr geworden ſein, wenn ſtatt der fleiſchlichen Gelüſte, welche Euch die Liebe ins Herz legen, hohe Leiden⸗ ſchaften Euch den Degen in die Hand gelegt hätten.“ „Ach! Ihr wollt von der Religion ſprechen?“ „Ja, Prinz, und wollte Gott, daß Ihr einer von den Unſern und folglich einer von den Seinen würdet!“ „Mein lieber Vetter,“ ſagte Condé mit ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit, unter welcher er jedoch die Willenskraft eines Mannes hervorſchimmern ließ, der, ohne daß man es ihm anſieht, oft über dieſen Gegenſtand nachgedacht hat,„Ihr werdet es viel⸗ leicht nicht glauben, aber ich habe über die Religion zum Mindeſten eben ſo beſtimmte Ideen wie über die Liebe.“ 156 „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte der Ad⸗ miral erſtaunt. Das Lächeln verſchwand von den Lippen des Prinzen und er fuhr ernſthaft fort: „Damit will ich ſagen, Herr Admiral, daß ich meine eigene Religion, meinen eigenen Glauben, meine eigene chriſtliche Liebe habe; daß ich, um Gott zu ehren, keiner fremden Vermittlung bedarf, und ſo lang Ihr mir nicht beweiſen könnt, mein lieber Vetter, daß Eure neue Lehre der alten vor⸗ zuziehen iſt, ſo erlaubt, daß ich die Religion meiner Väter beibehalte, es müßte mich denn die Laune ankommen ſie zu ändern, um Herrn von Guiſe einen Streich zu ſpielen.“ „Oh, Prinz! Prinz!“ murmelte der Admiral, „werdet Ihr auf ſolche Art dieſe Schäze von Kraft, Jugend und Intelligenz vergeuden, die der Ewige Euch geſchenkt hat, und werdet Ihr ſie nicht zum Vortheil irgend einer großen Sache anzuwenden wiſſen? Iſt Euer inſtinctmäßiger Haß gegen die Herren von Guiſe nicht eine providentielle Mah⸗ nung? Erhebet Euch, Prinz, und wenn Ihr die Feinde Eures Gottes nicht bekämpfet, ſo bekämpfet wenigſtens die Feinde Eures Königs.“ „Ei,“ ſagte Condé,„Ihr vergeßt jetzt, Vetter, daß ich meinen eigenen König habe, wie meinen eigenen Gott: allerdings iſt mein König eben ſo klein, als mein Gott groß iſt. Mein König, lieber Admiral, iſt der König von Navarra, mein Bruder. Das iſt mein wahrer König. Der König von Frankreich kann für mich blos ein angenomme⸗ ner König, ein Oberlehensherr ſein.“ ———————— 157 „Ihr wollt die Frage umgehen, Prinz; Ihr habt Euch doch für dieſen König geſchlagen?“ „Nun ja, weil ich mich je nach meiner Laune für alle Könige ſchlage, gerade wie ich nach meiner Phantaſie alle Frauen liebe.“ „Es iſt alſo unmöglich, mein lieber Prinz, über einen dieſer Gegenſtände ernſthaft mit Euch zu ſprechen?“ fragte der Admiral. „Nicht doch,“ antwortete der Prinz mit einem gewiſſen Ernſt,„wir werden zu einer andern Zeit darüber ſprechen, mein Vetter, und ich werde Euch über dieſe Sache Rede ſtehen. Glaubet mir, ich würde mich für einen ſehr erbärmlichen Menſchen und einen ſehr ſchofeln Bürger halten, wenn ich mein ganzes Leben einzig und allein dem Dienſt der Damen widmete. Ich weiß, daß ich Pflichten zu erfüllen habe, Herr Admiral, und daß die In⸗ telligenz, der Muth und die Gewandtheit, koſtbare Gaben, die ich vom Herrn empfangen, mir nicht blos verliehen worden ſind, um Serenaden unter den Balconen darzubringen. Aber habt Geduld, mein lieber Vetter und trefflicher Freund. Laßt dieſe erſten Flammen der Jugend verdunſten; be⸗ denket, daß ich noch nicht dreißig Jahre alt bin, zum Teufel, Herr Admiral, und daß ich in Erman⸗ gelung eines Kriegs die Thatkraft, die ich in mir ſpüre, doch zu irgend Etwas verwenden muß. Ver⸗ zeiht mir alſo noch dieſes Abenteuer, und da ich den Rath, den Ihr mir gabet, nicht angenommen habe ſo gebet mir denjenigen, um den ich Euch itte.“ „Sprecht, Tollkopf!“ ſagte der Admiral väterlich, 158 „und Gott gebe, daß der Rath, den ich Euch ertheilen werde, Euch irgendwie nützen möge.“ „Herr Admiral,“ ſagte der Herr Prinz von Condé, indem er den Arm ſeines Vetters ergriff, „Ihr ſeid ein großer General, ein großer Stratege, unbeſtritten der größte Kriegsmann unſerer Zeit: ſagt mir, wie würdet Ihr's an meiner Stelle zum Beiſpiel angreifen, um zu dieſer Stunde, d. h. gegen Mitternacht bei Fräulein von St. André einzudringen und ihr zu ſagen, daß Ihr ſie liebet.“ „Ich ſehe wohl, mein lieber Prinz, ſagte der Admiral,„daß Ihr nicht wahrhaft geheilt werdet, wenn Ihr dieſe Perſon nicht genau kennen lernt. Ich leiſte Euch alſo einen Dienſt, wenn ich Euch in Eurer Thorheit unterſtütze, bis dieſe Thorheit ſich in Vernunft umwandelt. Nun wohl, an Eurer Stelle„ „Still!“ ſagte Condé in den Schatten zurück⸗ tretend. „Und warum?“ „Weil es mir ſcheint, als ob Etwas wie ein zweiter Verliebter ſich dem Fenſter näherte.“ „Ja wahrhaftig,“ ſagte der Admiral. Und nach dem Beiſpiel des Prinzen verlor er ſich im dunkeln Schatten des Thurms. Unbeweglich und mit zurückgehaltenem Athem ſahen ſie jetzt Robert Stuart herannahen; ſie ſahen ihn den Stein aufheben, ein Billet umbinden, und Stein und Billet durch das beleuchtete Fenſter ſchleudern. Dann hörten ſie das Geklirr der zertrümmerten Scheiben. —— 159 Hierauf ſahen ſie den Unbekannten, den ſie für einen Verliebten gehalten hatten, obſchon er, man muß ihm dieſe Gerechtigkeit widerfahren iaſſen, nichts weniger als Das war, entfliehen und ver⸗ ſchwinden, als er die Gewißheit hatte, daß ſein Wurfgeſchoß am Ort ſeiner Beſtimmung angelangt war. „Ah, ſo wahr ich lebe,“ ſagte Condé,„ohne Euch Eures Rathes. ein andermal zu entbinden, mein lieber Vetter, ſo danke ich Euch doch für heute dafür.“ „Warum?“ „Weil ich mein Mittel gefunden habe.“ „Welches?“ „Nun bei Gott, Dieß iſt ſehr einfach; dieſes zerbrochene Fenſter gehört dem Marſchall von St. André, und es iſt ſicherlich in keiner guten Abſicht zertrümmert worden.“ Kun?“ „Nun, ich kam aus dem Louvre; ich hörte das Geklirr der Fenſterſcheibe, ich fürchtete, es möchte irgend ein Complott gegen den Marſchall dahinter ſtecken, und wahrlich, trotz der ſpäten Nacht, konnte ich nicht widerſtehen, ſondern bin aus eitel Theil⸗ nahme für ihn heraufgeſtiegen, um zu fragen, ob ihm kein Unglück widerfahren ſei.“ „Narr! Narr! dreifacher Narr!“ ſagte der Ad⸗ miral. „Ich bat Cuch um einen Rath, mein Freund; würdet Ihr mir einen beſſern ertheilt haben?“ „Ja.“ t „Welchen?“ 160 „Nicht hinzugehen.“ „Ei, Ihr wißt ja, Dieß war der erſte, und ich zc. Euch bereits geſagt, daß ich ihn nicht befolgen wolle.“ „Nun denn, es ſei! Gehen wir zu dem Mar⸗ ſchall von St. André.“ „Ihr kommt alſo mit mir?“ „Mein lieber Prinz, wenn man einen Narren nicht hindern kann ſeine Narrheiten auszuführen, und wenn man dieſen Narren ſo liebt, wie ich Euch liebe, ſo muß man ſich bei dieſer Narrheit bethei⸗ ligen und dafür ſorgen, daß er ſo viel als möglich Nutzen daraus zieht. Gehen wir zu dem Marſchall.“ „Mein lieber Admiral, Ihr werdet mir ſagen, welche Breſche ich erſteigen, durch welche Salve ich paſſiren muß, um Euch zu folgen, und bei der näch⸗ ſten Gelegenheit werde ich Euch nicht folgen, ſon⸗ dern voranſchreiten.“ „Gehen wir zu dem Marſchall.“ Und ſie begaben ſich Beide nach dem Haupt⸗ eingang des Louvre, wo der Admiral, nachdem er die Parole abgegeben hatte, eintrat und hinter ihm der Prinz von Condé. V Die Sirenr. Vor der Wohnung angelangt, welche der Herr Marſchall von St. André in ſeiner Eigenſchaft als königlicher Kammerherr im Louvre inne hatte, klopfte der Admiral; aber die langſam aufgeſtoßene ch n r⸗ rr ls e, ne —————,.—— 161 Thüre wich unter ſeinem Finger und öffnete ſich ins Vorzimmer. Dort ſtand ein Lakai mit äußerſt beſtürzter Miene. „Mein Freund,“ ſagte der Admiral zu ihm,„iſt der Herr Marſchall in ſo ſpäter Racht noch ſichtbar?“ „Der Herr Marſchall,“ antwortete der Lakai, „würde es gewiß für Eure Excellenz noch ſein, aber ein unerwartetes Ereigniß hat ihn ſo eben genö⸗ thigt zum König zu gehen.“ „Ein unerwartetes Ereigniß?“ ſagte Condé. „Ein unerwartetes Ereigniß führt auch uns zu ihm,“ verſetzte Herr von Coligny,„und wahrſchein⸗ lich iſt es daſſelbe. Handelt es ſich nicht um einen Stein, der eines ſeiner Fenſter zertrümmert hat?“ „Ja, gnädigſter Herr, und der zu den Füßen des Herrn Marſchalls in dem Augenblick niederfiel, wo er aus ſeinem Arbeitscabinet in ſein Schlaf⸗ zimmer trat.“ „Ihr ſehet, daß ich das Ereigniß kenne, mein Freund, und da ich dem Herrn Marſchall vielleicht auf die Spur des Verbrechers helfen könnte, ſo hätte ich mich gerne mit ihm über die Sache be⸗ ſprochen.“ „Wenn der Herr Admiral,“ antwortete der La⸗ kai,„warten und inzwiſchen bei Fräulein von St. André vorſprechen möchte, ſo würde der Herr Mar⸗ ſchall wahrſcheinlich bald zurückkommen.“ „Aber das Fräulein iſt vielleicht in dieſem Au⸗ genblick nicht mehr auf?“ fragte der Prinz von Condé,„und wir möchten um Alles in der Welt nicht zudringlich ſein.“ Dumas, Horoſcvp. J. 11 162 „Oh gnädigſter Herr,“ ſagte der Kammerdiener, der den Prinzen erkannt hatte,„Eure Hoheit kann beruhigt ſein. Ich habe ſo eben eine der Frauen des gnädigen Fräuleins geſehen, und ſie hat geſagt, das gnädige Fräulein werde nicht zu Bette gehen, bis ihr Vater zurückgekommen ſei und bis ſie wiſſe, was dieſer Brief bedeute.“ „Welcher Brief?“ fragte der Admiral. Der Prinz ſtieß ihn mit dem Ellbogen. „Das iſt ganz einfach,“ ſagte er,„der Brief, der wohrſcheinlich um den Stein gebunden war.“ Dann ſagte er leiſe zu dem Admiral: „Das iſt eine Art von Correſpondenz, die ich mehr als einmal mit Erfolg angewandt habe, mein Vetter.“ „Nun wohl,“ ſagte der Admiral,„wir nehmen Euer Anerbieten an, mein Freund.„Fragt das Fräulein von St. André, ob ſie den Herrn Prin⸗ zen von Condé und mich empfangen könne.“ Der Diener entfernte ſich und kam nach einigen Secunden mit der Nachricht zurück, das gnädige Fräulein erwarte die beiden Herrn. Dann ſchritt er ihnen nach dem Corridor voran, welcher zur Wohnung des Fräuleins von St. An⸗ dré führte. „Geſteht, mein lieber Prinz,“ ſagte der Admiral halblaut,„daß Ihr mich da zu einem ſonderbaren Handwerk veranlaßt habt.“ „Mein lieber Vetter,“ ſagte Conds,„Ihr kennet das Sprichwort: E gibt kein dummes Hand⸗ werk, beſonders unter denjenigen, die man aus Ergebenheit treibt.“ — 2—— 163 er, Der Diener meldete Seine Hoheit den Herrn ann Prinzen von Conds und Seine Excellenz den Ad⸗ uen miral Coligny. Dann hörte man Fräulein von gt, St. André mit ihrer lieblichſten Stimme ſagen: „Sie mögen eintreten.“ ſſe, Der Diener entfernte ſich, und die beiden Her⸗ ren traten in das Zimmer, wo Fräulein von St. André ſich aufhielt; in der Mitte deſſelben funkelte jene fünfarmige Lampe, deren Licht der Prinz ſchon der ſeit drei Monaten zwiſchen den Scheiben und den Fenſtervorhängen des jungen Mädchens hindurch 3 beobachtete. ich Es war ein mit hellblauem Atlas ausgeſchlage⸗ ein nes Boudoir, in welchem Fräulein von St. Andrs; roſaroth, weiß und blond, wie eine Najade in einer nen azurnen Grotte erſchien. das„Ach mein Gott!“ begann der Prinz von Condé, rin⸗ wie wenn ihm ſeine Aengſtlichkeit nicht geſtattete ſich mit den gewöhnlichen Complimenten aufzuhal⸗ gen ten,„was iſt denn Euch oder dem Herrn Marſchall ige ſo eben widerfahren?“ „Ah,“ verſetzte das Fräulein von St. André, an,„Ihr wißt das Ereigniß ſchon, Herr Prinz?“ An⸗„Ja, mein Fräukein,“ verſetzte der Prinz;„der Herr Admiral und ich kamen aus dem Louvre; wir ral befanden uns juſt unter Euern Fenſtern, als ein ren Stein ziſchend über unſere Köpfe hinflog; zu glei⸗ cher Zeit hörten wir ein ſtarkes Geklirre von zer⸗ Ihr trümmerten Fenſtern, das uns erſchreckte; wir kehr⸗ nd⸗ ten deßhalb augenblicklich in den Louvre zurück und nus nahmen uns die Freiheit hieherzukommen, um bei Euern Lakaien zu fragen, ob dem barnn 164 Nichts zugeſtoßen ſei. Der brave Mann, an den wir uns wandten, hatte uns ſehr unkluger Weiſe geſagt, daß wir uns bei Euch ſelbſt erkundigen kön⸗ nen, daß Ihr vielleicht trotz der ſpäten Nacht die Gewogenheit haben würdet uns zu Gunſten des Motivs, das uns herbeiführte, Eure Thüre zu öff⸗ nen. Der Herr Admiral nahm Anſtand. Ich da⸗ gegen bei dem großen Intereſſe, das ich dem Herrn Marſchall und den übrigen Perſonen ſeiner Familie widme, beſtand darauf, daß wir hiehergehen ſollten, und ſo ſind wir denn da, mein Fräulein, mögt Ihr uns nun zudringlich nennen oder nicht.“ „Ihr ſeid in Wahrheit allzu gütig, mein Prinz, daß Ihr uns blos allein bedroht glaubtet und Euch um ünſertwillen beunruhiget. Aber dieſe Gefahr gilt, wenn ſie vorhanden iſt, höheren Häuptern als die unſrigen ſind.“ „Was wollt Ihr damit ſagen, mein Fräulein?“ fragte der Admiral lebhaft. „Dieſer Stein, der die Scheiben zertrümmerte, war mit einem beinahe drohenden Schreiben an den König umwickelt. Mein Vater hat die Bot⸗ ſchaft aufgehoben und an ihre Adreſſe gebracht.“ „Aber,“ fragte der Prinz von Condé in plötz⸗ licher Inſpiration,„hat man den Hauptmann der Garden in Kenntniß geſetzt?“ „Das weiß ich nicht, gnädigſter Herr,“ antwor⸗ tete Fräulein von St. André,„aber jedenfalls ſollte man, wenn es nicht geſchehen iſt, es ſogleich thun.“ „Allerdings, es iſt keine Minute zu verlieren,“ en iſe n⸗ die es ff⸗ ⸗ rn lie en, hr nz, uch hr als 2 te, ot⸗ der or⸗ Us ich n 165 fuhr der Prinz fort. Dann wandte er ſich zu Co⸗ ligny mit der Frage: „Commandirt nicht Euer Bruder Dandelot dieſe Woche im Louvre?“ „Er ſelbſt, mein lieber Prinz,“ antwortete der Admiral, der Condé's Gedanken im Flug erfaßte; „jedenfalls will ich ihm ſelbſt ſagen, daß er ſeine Wachſamkeit verdoppeln, die Parole verändern, kurz und gut auf ſeiner Hut ſein ſolle.“ „Geht, Herr Admiral,“ rief der Prinz ganz vergnügt darüber, daß man ihn ſo gut begriffen hatte,„und Gott gebe, daß er noch zur Zeit an⸗ kommt!“ Der Admiral trat lächelnd ab und ließ den Prinzen von Condé allein bei dem Fräulein von St. André zurück. Das junge Mädchen ſchaute mit ſpöttiſchem Blick dem ernſten Admiral nach. Dann wandte ſie ſich an den Prinzen und ſagte: „Jetzt behaupte man noch, daß Eure Hoheit dem König nicht wie Ihrem eigenen Bruder zugethan ſei.“ „Wer hat denn je an dieſer Anhänglich'eit ge⸗ zweifelt, mein Fräulein?“ fragte der Prinz. „Der ganze Hof, gnädigſter Herr, und ich ins Beſondere.“ „Daß der Hof daran zweifelt, finde ich ſehr natürlich; der Hof gehört Herrn von Guiſe, wäh⸗ rend Ihr, mein Fräulein...“ „Ich gehöre ihm noch nicht; aber ich werde ihm gehören: das iſt der Unterſchied zwiſchen dem Prä⸗ 6 und dem Futurum, gnädigſter Herr, mehr nicht.“ 166 „Alſo hält man noch immer an dieſer unglaub⸗ lichen Verbindung feſt?“ „Mehr als je, gnädigſter Herr.“ „Ich weiß nicht warum,“ ſagte der Prinz,„aber ich habe in meinem Kopf, ich ſollte ſagen in mei⸗ nem Herzen, den geheimen Gedanken, daß ſie nie zu Stande kommen werde.“ „Wahrhaftig, mein Prinz, ich würde Angſt be⸗ kommen, wenn Ihr nicht ein ſo ſchlechter Prophet wäret.“ „Gütiger Gott! Wer hat denn meine aſtrolo⸗ giſche Wiſſenſchaft bei Euch ſo ſehr in Verruf ge⸗ bracht?“ „Ihr ſelbſt, Prinz.“ „Und wie das?“ „Indem Ihr mir prophezeitet, daß ich Euch lie⸗ ben würde.“ „Hab ich das wirklich prophezeit?“ „Oh, ich ſehe, daß Ihr den Tag des wunder⸗ baren Fiſchfangs vergeſſen habt.“ „Um ihn zu vergeſſen, mein Fräulein, müßte ich die Maſchen des Netzes zerriſſen haben, worin Ihr mich an dieſem Tage finget.“ „Oh Prinz, Ihr würdet beſſer von einem Netz ſprechen, worin Ihr Euch ſelbſt gefangen habt. Ich habe, Gott ſei Dank, niemals ein Netz ausgeſpannt, womit es auf Euch abgeſehen geweſen wäre.“ „Nein; aber Ihr habt mich an Euch gelockt wie jene Sirenen, von denen Horaz ſpricht.“ „Oh,“ ſagte Fräulein von St. André, die, wie damals alle Damen, die beinahe eben ſo gelehrt als galant waren, Latein verſtand,„desinit in — Seee ber ei⸗ nie be⸗ het lo⸗ ge⸗ lie⸗ er⸗ hr tetz Ich nt, ockt wie hrt in 167 piscem“ ſagt Horaz. Schaut mich einmal an, höre ich als Fiſch auf?“ „Nein, und Ihr ſeid deßhalb nur um ſo ge⸗ fährlicher, weil Ihr die Stimme und die Augen der antiten Zauberinnen habt. Ihr habt mich ohne es zu wiſſen, unſchuldiger Weiſe vielleicht, an Euch gelockt, aber ich bin jetzt da und ich ſchwöre Euch, daß ich in unauflösliche Ketten geſchlagen bin.“ „Wenn ich Euren Worten den mindeſten Glau⸗ ben ſchenken könnte, Prinz, ſo würde ich Euch auf⸗ richtig beklagen, denn unerwiederte Liebe ſcheint mir der grauſamſte Schmerz zu ſein, den ein füh⸗ lendes Herz empfinden kann.“ „Beklaget mich alſo von ganzer Seele, mein Fräulein; denn nie iſt ein liebender Mann weni⸗ ger geliebt worden als ich.“ „Ihr werdet mir wenigſtens die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Prinz,“ antwortete Fräulein von St. André lächelnd,„daß ich Euch zur Zeit gewarnt habe.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, mein Fräulein; es war bereits zu ſpät.“ „Und von welcher Aera datiret Ihr die Geburt Eurer Liebe? von der chriſtlichen oder von der muhamedaniſchen?“ „Vom Landifeſt, mein Fräulein, von jenem un⸗ glücklichen oder glücklichen Tag, wo ich Euch gänz⸗ lich in Euren Mantel vermummt ſah, wo Eure Haare im Sturm ſich aufgelöst hatten und in blon⸗ — Flechten um Euren Schwanenhals ſich ſchlän⸗ gelten.“ 163 „Aber Ihr habt mich an dieſem Tag kaum an⸗ geredet, Prinz.“ „Wahrſcheinlich ſah ich Euch zu viel an, und ſo hat die Anſchauung das Wort getödtet. Man ſpricht zu den Sternen auch nicht: man ſchaut ſie an, man träumt und man hofft!“ „Aber wißt Ihr auch, Prinz, daß dieß eine Vergleichung iſt, die Herrn Ronfard eiferſüchtig machen könnte?“ „Sie wundert Euch?“ „Ja, ich wußte nicht, daß Ihr ſo viel poetiſchen Sinn habt.“ „Die Poeten, mein Fräulein, ſind die Echos der Natur; die Natur ſingt, und die Poeten ſingen die Lieder der Natur nach.“ „Es kommt immer beſſer, Prinz, und ich ſehe, daß man Euch verleumdet hat, wenn man ſagte, daß Ihr blos Geiſt beſitzet; Ihr beſitzet, wie mir eii⸗ noch überdieß eine glänzende Einbildungs⸗ raft.“ „Ich habe in meinem Herzen Euer Bild, und dieſes ſtrahlende Bild beleuchtet ſelbſt meine unbe⸗ deutendſten Worte: ſchreibet alſo das Verdienſt, das Ihr mir zuerkennen wollt, einzig und allein Euch ſelbſt zu.“ „Nun wohl, Prinz, ſo laßt Euch einen Rath geben: Schließet Eure Augen und ſehet mein Bild nicht an, das iſt das Glücklichſte was ich Euch wün⸗ ſchen kann.“ Fräulein von St. André trat jetzt, eben ſo triumphirend über ihren Sieg als Herr von Condé durch ſeine Niederlage gedemüthigt war, einen . akn———.—— 169 an⸗ Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand mit den Worten: ind„Sehet, Prinz, ſo behandle ich einen Beſiegten.“ an Der Prinz ergriff die weiße, aber kalte Hand ſie des jungen Mädchens und drückte feurig ſeine Lip⸗ pen darauf. ine Bei dieſer ſchlecht berechneten Bewegung fiel tig eine Thräne, die im Winkel ſeines Auges zitterte, und die ſein Hochmuth vergebens zu trocknen ver⸗ ſucht hatte, auf dieſe Marmorhand, wo ſie zitterte en und wie ein Diamant glänzte. Fräulein von St. André fühlte und ſah ſie zu⸗ o8 gleich. en„Ei wahrhaftig, ich glaube, Ihr weinet in al⸗ 6 lem Ernſt, Prinz,“ rief ſie mit lautem Lachen. 3„Es iſt ein Regentropfen nach einem Gewitter,“ antwortete der Prinz ſeufzend.„Was gibt es da zum Verwundern?“ 8⸗ 6 Fräulein von St. André heftete einen flam⸗ 6 menden Blick auf den Prinzen und ſchien einen Augenblick zwiſchen Coketterie und Mitleid zu ſchwanken; endlich aber zog ſie, ohne daß man ſa⸗ in gen konnte, welches von beiden Gefühlen obſiegte, vielleicht unter dem Einfluß der Vermiſchung beider, ein feines Battiſttüchlein ohne Wappen und An⸗ d fangsbuchſtaben, aber ganz von ihrem Lieblings⸗ geruch durchduftet, aus der Taſche, warf es dem Prinzen zu und ſagte: 0„Sehet, gnädigſter Herr, ſolltet Ihr zufällig an dieſer Krankheit des Weinens leiden, ſo habt Ihr n hier ein Schnupftuch, um Eure Thränen zu trocknen.“ 170 Dann fügte ſie mit einem Blicke, der ganz ent⸗ ſchieden dem Gebiet der Coketterie angehörte, hinzu: „Behaltet es zum Andenken an eine Undank⸗ are.“ Und ſie verſchwand leicht wie eine Fee. Der Prinz nahm halb liebestoll das Schnupf⸗ tuch und eilte, als fürchtete er, man möchte ihm das koſtbare Geſchenk wieder nehmen, die Treppe hinab. Er dachte nicht mehr daran, daß das Le⸗ ben des Königs bedroht war; er vergaß, daß ſein Vetter, der Admiral, ihn bei dem Fräulein von St. André abholen ſollte, und das Einzige was er zu thun vermochte war, daß er das theure Tüch⸗ lein mit Liebesküſſen bedeckte. VI Die Cugend des Fräuleins von St. André. Erſt am Uferrand blieb Condé ſtehen, wie wenn er gedacht hätte, daß zum mindeſten die fünfhundert Schritte, die er jetzt zwiſchen ſich und Fräulein von St. André gebracht hatte, nöthig ſeien, um ihm ſe ruhigen Beſiß des koſtbaren Schnupftuchs zu ſichern. Jetzt erſt ſiel ihm auch ein, daß er dem Admi⸗ ral verſprochen hatte auf ihn zu warten: er war⸗ tete alſo ungefähr eine Viertelſtunde, während welcher er das Tüchlein an ſeine Lippen preßte und an ſeine Bruſt drückte, wie etwa ein ſechzehn⸗ jähriger Gymnaſiſt bei ſeiner erſten Liebe. Erwartete er jetzt wirklich den Admiral oder +—— —————— 171 blieb er ganz einfach ſtehen, um noch länger dieſes Licht zu ſehen, das den fatalen Einfluß hatte, ihn, den glänzenden Nachtſchmetterling anzulocken, bis er ſich daran verbrannte? Im Uebrigen war der arme Prinz in allem Ernſt entflammt, und dieſes durchduftete Schnupf⸗ tuch trug dazu bei ihn ſchrecklich in Brand zu ſtecken. Der ſtolze Kämpe der Liebe war weit entfernt ſich überwunden zu glauben, und hätte das junge Mädchen, hinter ihren Fenſtervorhängen verborgen, beim Mondſchein eine zweite Thräne, dießmal eine Thräne der Wonne, in den Wimpern des Prinzen glänzen geſehen, ſo würde ſie ohne Zweifel begrif⸗ fen haben, daß dieſes Schnupftuch die Thränen nicht nur nicht trocknete, ſondern vielmehr die Gabe hatte ſie hervorzulocken, und daß die Thränen des Kummers durch die Thränen der Wonne verwiſcht waren. Nach einigen Minuten dieſer Liebesentzückungen und wahnſinnigen Küſſe wurde einer der Sinne des Prinzen, der nicht beſchäftigt war, ohne Zweifel zur Rache dafür, daß ſein Herr ihn gänzlich ver⸗ geſſen hatte, plötzlich durch ein unerwartetes Ge⸗ räuſch geweckt. Dieſer Sinn war der Gehörſinn. Das Geräuſch kam offenbar aus den Falten des Schnupftuchs. Es erinnerte an den Tanz der beim erſten Hauch des Herbſtwindes abgefallenen Blätter oder auch an eine kleine Völkerſchaft von Inſekten, die nach dem Feſt des Tages maſſenhaft in ihre Baumhöhle zurückkehrt; oder endlich an jene melancholiſchen Töne, welche die Waſſertropfen 172 machen, wenn ſie aus den Brunnen in die Becken herabfallen. Es war eine Art von Geknitter, wie wenn man ein ſeidenes Kleid unter die Hand bekommt. Woher kam es? Augenſcheinlich konnte dieſes allerliebſte Battiſt⸗ tüchlein nicht aus eigenem Antrieb und vermöge ſeiner eigenen Willenskraft ein Geräuſch erregen, das für ihn eine ſo entſchiedene Wirklichkeit hatte. Verwundert über dieſes Geräuſch wickelte der Prinz ſorgfältig das Schnupftuch auf, das ihm naiv ſein Geheimniß überlieferte. Es war ein zuſammengerolltes Papierchen, das ſich, ohne Zweifel aus Verſehen, in den Falten die⸗ fes Schnupftuchs befand. Dieſes Billet ſchien nicht blos von demſelben Parfum durchduftet zu ſein, wie das Schnupftuch, ſondern dieſes allerliebſte Parfum kam vielleicht nicht von dem Schnupftuch, ſondern von dem Billet. Herr von Conds ſchickte ſich an das Papierchen zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger zu faſ⸗ ſen, und zwar ſo ſorgfältig wie ein Kind, das einen auf einer Blume ſitzenden Schmetterling an den Flügeln zu ergreifen wünſcht; aber wie der Schmet⸗ terling dem Kind entwiſcht, ſo entwiſchte das Billet, durch einen Windſtoß entführt, Herrn von Condé. Herr von Condé ſah es in der Nacht wie eine Schneeflocke flattern und ſprang ihm mit noch weit größerer Haſt nach, als ein Knabe ſeinem Schmet⸗ terling nachjagt. Unglücklicher Weiſe war das Papier mitten unter die für die Polaſtbauten zugehauenen Steine n r 173 gefallen, und da es beinahe dieſelbe Farbe hatte, ſo war es ſchwer es unter ihnen herauszufinden. Der Prinz begann mit hartnäckigem Eifer zu ſuchen. Hatte er ſich nicht in den Kopf geſetzt(die Verliebten ſind doch in Wahrheit ſonderbare Leute), Fräulein von St. André habe ihn unter ihren Fenſtern geſehen, ſie habe dieſes Billetchen zum Voraus geſchrieben, um es ihm bei kommender Ge⸗ legenheit zu geben, und jetzt da dieſe Gelegenheit ſich gefunden, habe ſie es ihm überreicht? Dieſes Billetchen gab ihm wahrſcheinlich die Er⸗ klärung ihres Benehmens: das Geſchenk mit dem Schnupftuch war blos eine Beförderung des Bil⸗ lets auf die Poſt. Man muß geſtehen, es war wirklich Unglück ein ſolches Billet zu verlieren. Aber das Billet durfte nicht verloren gehen; Herr von Condé ſchwur es zu Gott, und mußte er bis zum Morgen warten. Inzwiſchen ſuchte er, aber vergebens. Einen Augenblick kam er auf die Idee nach der Wachſtube im Louvre zu laufen, dort ein Licht zu entlehnen und dann weiter zu ſuchen. Ja; aber wenn während dieſer Zett der Un⸗ ſtern einen neuen Windſtoß herbeiführte, wer ſagte dann dem Prinzen, daß er das Billet da finden werde, wo er es gelaſſen? Während der Prinz ſich dieſen ſchmerzlich ban⸗ gen Bekrachtungen überließ, ſah er eine Patrouille auf ſich zukommen, von einem Sergenten geführt, der eine Laterne in der Hand trug. 174 Beſſeres konnte er ſich für den Augenblick nicht wünſchen. Er rief den Sergenten, gab ſich zu erkennen und borgte ihm ſeine Laterne ab. Nachdem er zehn Minuten lang geſucht, ſtieß er einen Freudenſchrei aus: er hatte das glückſelige Papier ſo eben bemerkt. Dießmal machte es keinen Fluchtverſuch und mit unſäglicher Freude deckte der Prinz ſeine Hand darauf. Aber im ſelben Augenblick verſpürte er eine Hand, die ſich auf ſeine Schulter legte, und eine Stimme fragte ihn in verwundertem one: „Was zum Teufel macht Ihr denn da, mein lieber Prinz? Solltet Ihr zufällig einen Menſchen ſuchen?“ Der Prinz erkannte die Stimme des Admirals. Er gab dem Sergenten raſch die Laterne zu⸗ rück und ſchenkte den Soldaten die zwei oder drei Goldſtücke, die er bei ſich hatte, und die wahrſchein⸗ lich für den Augenblick das ganze Vermögen des armen jüngeren Sohnes ausmachten. „Ah,“ ſagte er,„ich ſuche Etwas was für einen Verliebten noch weit wichtiger iſt als ein Menſch für einen Philoſophen: ich ſuche einen Brief.“ „Und habt Ihr ihn gefunden?“ „Ja, zum Glück, denn hätte ich ihn nicht ſo hartnäckig geſucht, ſo würde wahrſcheinlich morgen eine ehrſame Dame vom Hof ſchrecklich compromit⸗ tirt werden.“ —— „Ei zum Teufel, das nenne ich einen discreten Kavalier. Und dieſes Billet.. „Hat nur für mich Wichtigkeit, mein lieber Admiral“, ſagte der junge Prinz, indem er es in die Seitentaſche ſeines Wamſes ſteckte.„Sagt mir alſo, während ich Euch in die Rue Bethiſy begleite, was zwiſchen dem Marſchall von St. André und dem König vorgefallen iſt.“ „So wahr ich lebe, etwas ſehr Seltſames: ein Brief, worin gegen die auf den 22. angekündigte Seie des Rathes Anne Dubourg proteſtirt wird.“ „Ei ei, mein lieber Admiral,“ ſagte der Prinz lachend,„das ſieht mir gerade aus, als käme es von irgend einem kezeriſchen Tollkopf.“ „Ich fürchte es in der That,“ verſetzte Coligny, „und ich zweifle ſehr daran, ob dem armen Rath damit ein Gefallen geſchieht. Wie kann man jezt noch um ſeine Begnadigung bitten? Der König kann immer antworten: Nein, denn wenn ich den Rath nicht hinrichten ließe, ſo würde man glauben, ich habe Furcht.“ „Nun wohl,“ ſagte Condé,„überlegt dieſe wich⸗ tige Frage, mein lieber Admiral, und ich zweifle nicht daran, daß Ihr in Eurer Weisheit ein Mit⸗ tel finden werdet die Sache in Ordnung zu bringen.“ Und da man jetzt an der Kirche St. Germain⸗ l'Auxerrois angelangt war, da ferner der Prinz auf der Müllerbrücke über die Seine gehen mußte, um ſein Hotel zu erreichen, da endlich die Nacht⸗ wächter zehn Schritte von ihm Ein Uhr ſchrieen, ſo lieferte ihm das Alles zuſammen, die Localität, 176 der weite Weg und die ſpäte Nacht, einen erwünſch⸗ ten Vorwand, um den Admiral zu verlaſſen und nach Hauſe zu gehen. Der Admiral ſeinerſeits war zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um ihn zurückzuhalten. Es ſtand alſo dem Weggang des Herrn von Condé Nichts im Weg, und als dieſer ſich einmal außer der Sehweite des Herrn von Chatillon be⸗ fand, da begann er aus Leibeskräften zu laufen, hielt aber beſtändig ſeine Hand feſt auf dem koſt⸗ baren Billet in ſeiner Wamstaſche, um es nicht von Neuem zu verlieren. Aber dießmal war keine Gefahr vorhanden. Nach Hauſe kommen, die fünfzehn oder achtzehn Stufen, die in ſeine Wohnung führen, hinanflie⸗ gen, durch ſeinen Kammerdiener Wachskerzen an⸗ zünden laſſen, ihn fortſchicken mit dem Bedeuten, daß er ſeiner Dienſte nicht mehr bedürfe, die Thüre ſchließen, an die Lichter treten und das Papier aus ſeiner Taſche ziehen— das Alles war die Sache von kaum zehn Minuten. Nur zog im Augenblick, wo er dieſe bezaubernde Liebesbotſchaft— ein ſo ſüß duftendes Billet konnte nichts Anderes ſein— aufrollte und las, eine Wolke über ſeine Augen hin, und ſein Herz ſchlug ſo heftig, daß er genöthigt war ſich an das Kamin zu ſtützen. Endlich beruhigte ſich der Prinz. Seine Augen klärten ſich, konnten auf dem Billet haften, und er las folgende Zeilen, auf welche er in dem holden Wahn ſeiner Selbſttäuſchungen ganz und gar nicht gefaßt war. v W 177 Und Ihr, liebe Leſer, ſeid Ihr wohl gefaßt auf den Inhalt dieſes Briefs, der aus Verſehen in dem Schnupftuch geblieben, das Fräulein von St. ihrem verzweifelten Liebhaber zugeworfen at? Ihr Kenner des Menſchenherzens, habt Ihr eine gute Meinung von dem jungen Mädchen, das weder für dieſen hübſchen Pagen noch für dieſen ſchönen Prinzen Liebe empfindet, und das dem Einen Rendezvous gibt um eine Angelleine von ihm zu verlangen, dem Andern ihr Schnupftuch zuwirft, damit er ſich die Thränen trodne, die ihretwegen fließen, und zwar dieß Alles, während ſie im Begriff ſteht einen Dritten zu heirathen? Bringt die Natur wirklich ſolche ſteinerne Her⸗ zen hervor, welche die ſtärkſte und ſchneidendſte Klinge nicht zu rizen vermag? Ihr zweifelt? Sehet den Inhalt des Briefes an und Ihr werdet nicht mehr zweifeln. „Lieber Schatz, kommt morgen Nacht um Ein Uhr fein gewiß in das Zimmer der Verwandlun⸗ gen: das Zimmer, wo wir geſtern Nacht beiſammen waren, liegt zu nahe beim Gemach der beiden Kö⸗ niginnen; unſere Vertraute wird dafür ſorgen, daß die Thüre offen bleibt.“ Keine Unterſchrift; die Hand unbekannt. „Oh, das verworfene Geſchöpf!“ rief der Prinz, indem er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug und den Brief fallen ließ. Und nach dieſem erſten Ausbruch, der aus ſei⸗ nem tiefſten Herzen kam, ſtand er einen Augenblick wie vernichtet da. Dumas, Horoſcop. I. 12 178 Bald aber bekam er wieder Sprache und Be⸗ wegung; er ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab und rief: „Alſo hatte der Admiral Recht.“ Er bemerkte jetzt den Brief, den er auf einen Lehnſtuhl hatte fallen laſſen. „Alſo,“ fuhr er immer hitziger werdend fort, „alſo bin ich das Spielzeug einer ausgemachten Cokette geweſen, und Diejenige die mit mir geſpielt hat, iſt ein Kind von fünfzehn Jahren! Ich, der Prinz von Condé, d. h. der Mann, der bei Hof für den feinſten Kenner des Frauenherzens gilt, ich habe mich durch die Gaunereien eines kleinen Mädchens bethören laſſen. Beim Blute Chriſti, ich ſchäme mich meiner ſelbſt! Ich habe mich wie ein Schuljunge hänſeln laſſen, und ich habe drei Mo⸗ nate meines Lebens, drei Monate im Leben eines geſcheidten Mannes mit zweckloſen Opfern ohne Vernunft, ohne Nutzen, ohne Ruhm vergeudet, ich habe drei Monate mit einer fieberhaften Liebe zu einer nichtswürdigen Dirne vergeudet, ich! ich!“ Er erhob ſich wüthend. „Ach ja; aber jetzt da ich ſie kenne,“ fuhr er fort,„jetzt ſoll ſie es mit mir zu thun haben; wir wollen ſehen, wer von uns Beiden am feinſten ſpielt. Du kennſt mein Spiel, ſchönes Jungfräulein; aber ich kenne jetzt auch das Deinige. Oh, ich bürge dir dafür, ich werde den Namen dieſes Menſchen erfahren, der kein ruhiges Vergnügen genießen konnte.“ Der Prinz zerknitterte den Brief, ſteckte ihn zwiſchen ſeine hohle Hand und ſeinen Handſchuh, e⸗ er en rt, elt e 179 nahm ſeinen Degen wieder, ſetzte ſeinen Hut auf und wollte eben ausgehen, als plötzlich ein Gedanke ihn zurückhielt. Er ſtemmte ſich mit dem Ellbogen an die Wand, lehnte ſeine Stirne in ſeine Hand und ſann tief nach; dann, nach einem Augenblick der Ueberle⸗ gung, nahm er ſeinen Hut wieder ab, ließ ihn durch's Zimmer fliegen, ſetzte ſich wieder an den Tiſch und las dieſen Brief, der eine ſo ſchreckliche Aenderung in ſeinem Gemüth hervorgebracht hatte, zum zweiten Male. „Teufelsbrut!“ ſagte er, als er mit der Lektüre fertig war,„heuchleriſches und lügneriſches Weibs⸗ ſtück! du ſtießeſt mich mit der einen Hand zurück und lockteſt mich mit der andern an; du gebrauchteſt gegen mich, einen bis zur Einfältigkeit ehrlichen Mann, alle Mittel Deiner hölliſchen Falſchheit, und ich ſah Nichts; ich begriff Nichts; als ehrlicher Mann war ich ſo dumm an Ehrlichkeit zu glauben, als tugendhafter Mann, war ich ſo dumm mich vor der falſchen Tugend zu verbeugen. Ach ja, ich weinte; ja ich weinte vor Aerger; ja ich weinte vor Wonne! Fließet, fließet jetzt, meine Thränen! Thränen der Scham und Wuth! Fließet und verwiſchet die Flecken, womit dieſe unſaubere Liebe mich bedeckt hat! Fließet und reißet, wie ein Strom das dürre Laub, die letzten Selbſttäuſchungen meiner Jugend, den letzten Glauben meiner Seele mit fort!!! Und in der That begann dieſer kräftige Geiſt, dieſes Löwenherz zu ſchluchzen wie ein Kind. Als er auf ſolche Art ſeinem Schmerz Genüge 12 180 geleiſtet, las er den Brief zum dritten Mal, aber dießmal ohne Bitterkeit. Die Thränen hatten die Selbſttäuſchungen der Jugend und den Glauben der Seele, welchen nur diejenigen verlieren die ihn nie gehabt haben, nicht fortgeriſſen, wohl aber im Gegentheil den Zorn und die Galle. Freilich laſſen ſie Hohn und Verachtung hinter ſich. „Jedenfalls,“ ſagte er nach einem Augenblick, „habe ich mir ſelbſt geſchworen den Namen dieſes Mannes in Erfahrung zu bringen, und ich werde ihn auch in Erfahrung bringen; man ſoll nicht ſagen, daß ein Mann, mit welchem ſie ſich über meine lächerliche Leidenſchaft luſtig gemacht, mich verhöhnt habe und am Leben geblieben ſei. Aber dieſer MWann,“ fuhr der Prinz fort,„wer mag er ſein?“ Und er las den Brief von Neuem. „Ich kenne die Handſchrift beinahe ſämmtlicher Herrn am Hofe, vom König an bis herab bis auf Herrn von Mouchy, und doch iſt mir dieſe da unbe⸗ kannt. Bei genauerer Betrachtung könnte man ſie für eine Frauenhand, für eine nachgemachte Hand hal⸗ ten. Nachts Ein Uhr Saal der Verwandlungen. Warten wir auf morgen; Dandelot hat die Woche im Louvre, Dandelot wird mir behulflich ſein, und nöthigenfalls auch der Herr Admiral.“ Und nachdem der Prinz dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ging er noch drei⸗ oder viermal in ſeinem Zimmer auf und ab, dann warf er ſich zuletzt ganz angekleidet auf ſein Bett. Aber die Gemüthsbewegungen aller Art, die erſc mei mich Ste ein daß lore entf er er ur cht rn ch. ick, ſes cht ber ich ber er her auf be⸗ für al⸗ en. che und aßt em anz die 181 ihn heimgeſucht, hatten ihm ein Fieber zugezogen, das ihm nicht geſtattete ein Auge zu ſchließen. Nie hatte er vor einer wenn auch noch ſo mörderiſchen Schlacht eine ſolche Nacht erlebt. Glücklicher Weiſe war es ſchon ſehr ſpät; die Nachtwächter riefen drei Uhr, als der Prinz ſich auf ſein Bett warf. Bei Tagesanbruch ſtand er auf und ging zum Admiral. Herr von Coligny war ein Frühaufſteher, und der Prinz fand ihn ſchon auf den Beinen. Als der Admiral Herrn von Condé erblickte, erſchrack er über ſeine Bläſſe und Aufregung. „Oh mein Gott!“ rief er,„was habt Ihr denn, mein lieber Prinz, was iſt Cuch zugeſtoßen?“ „Ihr erinnert Euch,“ ſagte der Prinz, daß Ihr mich geſtern angetroffen habt, wie ich unter den Steinen im Louvre einen Brief ſuchte, nicht wahr?“ „Ja, und Ihr habt auch das Glück gehabt ihn zu finden.“ „Das Glück! Ich glaube in der That, daß ich dieſen Ausdruck gebraucht habe.“ „War dieſer Brief nicht von einer Frau?“ „Doch.“ „Und dieſe Frau?“ „Sie iſt, wie Ihr geſagt habt, mein Vetter, ein Ungeheuer von Heuchelei.“ „Ah, ah! Fräulein von St. André; es ſcheint, daß von ihr die Rede iſt.“ „Da leſet ſelbſt; dieß iſt der Brief, den ich ver⸗ loren und den der Wind aus einem Schnupftuch entführt hatte, das ſie mir geſchenkt.“ 2 182 Der Admiral las. Im Augenblick wo er zu Ende war kam Dan⸗ delot vom Louvre her, wo er die Nacht zugebracht hatte. Dandelot war im Alter des Prinzen und ſehr nahe mit ihm verbunden. „Ah, mein lieber Dandelot,“ rief Conds,„ich kam zu dem Herrn Admiral hauptſächlich in der Hoffnung Euch da zu treffen.“ „Nun wohl, da bin ich, mein Prinz.“ „Ich habe Euch um einen Dienſt zu erſuchen.“ „Zu Eurem Befehl.“ „So hört, um was es ſich handelt: Ich muß aus einem Grund, den ich Euch nicht mittheilen darf, heute Abend um Mitternacht in's Zimmer der Verwandlungen kommen; habt Ihr irgend einen Grund mir den Gang zu verſchließen?“ „Ja, gnädigſter Herr, und zu meinem großen Bedauern.“ „Und warum das?“ „Weil Seine Majeſtät heute Nacht einen Droh⸗ brief erhalten hat, worin ein Mann erklärt, daß er Mittel habe bis zum König zu gelangen, und weil der König die ſtrengſten Befehle ertheilt hat, wodurch ſämmtlichen Edelleuten, die keinen Dienſt haben, der Eintritt in den Louvre nach zehn Uhr unterſagt iſt.“ „Aber, mein lieber Dandelot,“ ſagte der Prinz, „dieſe Maßregel kann mich nicht betfeffen; ich habe bis jetzt zu jeder Stunde meinen Eintritt im Louvre gehabt, und wenn die Maßregel nicht perſönlich gegen mich erlaſſen worden iſt... „Es verſteht ſich von ſelbſt, gnädigſter Herr ——. ae daß die Maßregel nicht gegen Euch perſönlich er⸗ n⸗ laſſen ſein kann; da ſie aber gegen Alle erlaſſen cht iſt, ſo ſeid Ihr auch darunter begriffen.“ nd„Nun wohl, Dandelot, Ihr müßt zu meinen Gunſten eine Ausnahme machen aus Motiven, die ich der Herr Admiral kennt und die dieſen Vor⸗ er gängen da gänzlich fremd ſind: aus einem ganz perſönlichen Grund muß ich heute um Mitter⸗ nacht in den Saal der Verwandlungen gelan⸗ gen, und es iſt überdieß dringend nöthig, daß die⸗ ſer Beſuch für Jedermann, ſelbſt für Seine Maje⸗ uß ſtät, ein Geheimniß bleibe.“ en Dandelot zögerte, weil er ſich ſchämte dem der Prinzen Etwas abzuſchlagen. Er wandte ſich gegen den Admiral, um ihn mit den Augen zu befragen, was er thun ſolle. en Der Admiral machte mit dem Kopf ein Zeichen, das ſo viel bedeutete als die vier Worte:„Ich hafte für ihn.“ Dandelot faßte wacker ſeinen Entſchluß. aß„Nun, gnädigſter Herr,“ ſagte er,„ſo geſtehet nd mir, daß die Liebe einigen Antheil an Eurer Ex⸗ at, pedition hat, damit ich einen etwaigen Verweis nſt wenigſtens wegen einer Sache erhalte, die ein Edel⸗ hr mann geſtehen kann.“ „Oh, in dieſer Beziehung will ich Euch Nichts nz. verhehlen, Dandelot: auf Ehre, die Liebe iſt der be einzige Grund, weßhalb ich Euch um dieſen Dienſt vre erſuche.“ lich„Nun denn, gnädigſter Herr,“ ſagte Dandelot, „es bleibt alſo dabei, um Mitternacht werde ich rr Euch in den Saal der Verwandlungen einführen.“ 184 „Dank, Dandelot,“ ſprach der Prinz, indem er ihm die Hand reichte,„und wenn Ihr je in einer Angelegenheit dieſer oder irgend einer andern Art eines Beiſtandes bedürft, ſo bitte ich Euch Niemand anders als mich darum anzugehen.“ Nachdem er ſodann beiden Brüdern die Hände gedrückt, ſtieg Heinrich von Conds raſch die Treppe des Hotels Coligny hinab. 5 Der Faal der Perwandlungen. Erinnert Euch, theure Leſer, der ſieberiſchen Stunden, welche ihr langſam eine um die andere zähltet, als Ihr dem Augenblick Eures erſten Ren⸗ dezvous entgegenharrtet, oder noch beſſer, denket an die qualvollen Bangigkeiten zurück, die Euch das Herz zuſammenſchnürten, wenn Ihr der unglücks⸗ ſchwangern Minute entgegenſahet, welche Euch den Beweis für die Untreue Eurer Angebeteten bringen ſollte, dann könnt Ihr Euch einen Begriff machen, wie langſam und ſchmerzlich ſich für den armen Prinzen von Condé dieſer ewige Tag hinſchleppte. Er verſuchte es jetzt mit dem bekannten Recept der Aerzte und Philoſophen aller Zeiten, nämlich, daß man die Kümmerniſſe des Geiſtes durch kör⸗ perliche Anſtrengungen bekämpfen müſſe. Er be⸗ fahl ſein ſchnellſtes Roß, ſchwang ſich hinauf, über⸗ ließ ihm den Zügel oder glaubte dieß wenigſtens zu thun, und nach einer Viertelſtunde befanden ſich Roß und Reiter in St. Cloud, wo Herr von Condé r r t 8 e v 6* —— — 8— c S S NN 185 indeß, als er ſein Hotel verließ, keineswegs einen Beſuch beabſichtigt hatte. Er trieb ſein Pferd in eine entgegengeſetzte Rich⸗ tung. Nach einer Stunde befand er ſich wieder an demſelben Platz: das Schloß von St. Cloud war für ihn der Diamantberg der Schiffer von Tauſend und eine Nacht, wohin die Schiffe unauf⸗ hörlich zurückkommen, da alle ihre Anſtrengungen um ſich zu entfernen nutzlos bleiben. Das Mittel der Philoſophen und Aerzte, das bei andern Leuten unfehlbar iſt, wollte, wie es ſcheint, bei dem Prinzen von Condé nicht verfan⸗ gen. Er war Abends zwar körperlich wie gerädert, aber moraliſch noch eben ſo krank, eben ſo beküm⸗ mert wie am Morgen. Als der Tag ſich neigte, kehrte er erſchöpft, niedergeſchlagen, ſterbend in ſein Hotel zurück. Sein Kammerdiener überreichte ihm drei Briefe, denen er anſah, daß ſie von den erſten Damen des Hofes kamen: er öffnete ſie nicht einmal. Der Kammerdiener meldete ihm, ein junger Menſch ſei den Tag über ſechsmal in's Hotel gekommen, um, wie er behauptet, dem Prinzen Mittheilungen der wichtigſten Art zu machen, er habe jedoch trotz der dringendſten Vorſtellungen ſeinen Namen verweigert; allein der Prinz beachtete dieſe Nachricht eben ſo wenig, als wenn man zu ihm geſagt hätte:„Gnä⸗ digſter Herr, es iſt ſchön Wetter,“ oder:„Gnädigſter Herr, es regnet.“ Er ging in ſein Schlafzimmer und ſchlug me⸗ chaniſch ein Buch auf. Aber welches Buch konnte 186 die Biſſe dieſer Schlange übertäuben, die an ſeinem Herzen nagte? Er warf ſich auf ſein Bett. Aber ſo ſchlecht er in der letzten Nacht geſchlafen hatte, ſo müde er vom heutigen Rennen geworden war, ſo rief er doch vergebens den Freund, den man Schlaf nennt, und der gleich andern Freunden in den Tagen des Glückes an Eurer Seite ſteht, aber, wenn man ſeiner am meiſten bedarf, in den Augenblicken des Miß⸗ geſchickes ſich fern hält. Endlich kam die ſo erſehnte Stunde: eine Uhr ließ zwölf Glockenſchläge vernehmen; der Nacht⸗ wächter ging vorbei und rief: 6 „Es hat zwölf Uhr geſchlagen.“ Der Prinz nahm ſeinen Mantel, gürtete ſein Schwert um, hing ſeinen Dolch an und ging. Unnütz zu fragen, welche Richtung er einſchlug. Zehn Minuten nach zwölf Uhr ſtand er vor dem Louvrethor. Die Schildwache hatte die Loſung, der Prinz brauchte ſich blos zu nennen: er trat ein. Ein Mann erging ſich in dem Corridor, auf welchem die Thüre des Zimmers der Verwandlungen ſich öffnete. Condé zögerte einen Augenblick. Dieſer Mann kehrte ihm den Rücken zu; aber bei dem Geräuſch, das der Prinz machte, drehte er ſich um, und unſer Verliebter erkannte Dandelot, der ihn erwartete. „Hier bin ich,“ ſagte dieſer,„um Euch meinem Verſprechen gemäß gegen jeden Liebhaber oder beizuſtehen, der Euch den Weg verſperren önnte.“ — S— 8 02) — — r r h r 5 e e. P m r n 187 Condé drückte mit fieberiſcher Hand die Hand ſeines Freundes. „Dank!“ ſagte er,„aber ich habe meines Wiſ⸗ ſens Nichts zu fürchten: ich bin nicht der Mann, den man liebt.“ „Zum Teufel, warum kommt Ihr aber hieher?“ fragte Dandelot.. „Um zu ſehen, wen man liebt... aber, ſtill, hier kommt Jemand.“ „Wo? Ich ſehe Niemand.“ „Aber ich, ich höre Tritte.“ „Zum Henker!“ ſagte Dandelot,„was für feine Ohren doch die Eiferſüchtigen haben.“ Condé zog ſeinen Freund in eine Vertiefung, und von da ſahen ſie Etwas wie einen Schatten herbeikommen, der, vor der Thüre des Saales der Verwandlungen angelangt, einen Augenblick ſtehen blieb, lauſchte, ſich umſchaute, dann aber, als er Nichts hörte und Nichts ſah, die Thüre aufſtieß und eintrat. „Es iſt nicht Fräulein von St. André,“ mur⸗ melte der Prinz;„dieſe da iſt um einen Kopf größer.“ „Alſo Fräulein von St. André erwartet Ihr?“ fragte Dandelot.„Ich erwarte ſie nicht; ich laure ihr auf.“ „Aber wie könnte Fräulein von St. André „Still!“ „Gleichwohl...“ „Seht, mein lieber Dandelot, m Euer Gewiſ⸗ ſen zu beruhigen, nehmit dieſes Billet hier; bewah⸗ ret es wie den Stern Eurer Augen; leſet es mit . 188 Muße, und wenn ich zufällig heute Nacht nicht entdecken ſollte was ich ſuche, ſo gebt Euch Mühe unter allen Handſchriften, die Ihr kennet, den Herrn dieſer da aufzufinden.“ „Darf ich dieſes Billet meinem Bruder mit⸗ theilen?“ „Er hat es bereits geleſen: vor ihm habe ich keine Geheimniſſe. Ach, ich gäbe viel dafür, um zu erfahren, wer dieſes Billet geſchrieben hat.“ „Morgen werde ich es Euch zurückſchicken.“ „Nein, ich werde es ſelbſt bei Euch holen; laßt es Eurem Bruder; vielleicht werde ich Euch ſelbſt Etwas zu erzählen haben... Ei ſehet, da kommt dieſelbe Perſon heraus.“ Der Schatten, der in's Zimmer gegangen war, kam wirklich heraus und ſchlug dießmal die Rich⸗ tung der beiden Freunde ein: glücklicher Weiſe war dieſer Corridor, wahrſcheinlich mit Vorbedacht, ſchlecht beleuchtet, und in ihrer Vertiefung befanden ſie ſich außerhalb des Wegs, ſo wie in gänzlicher Dunkelheit. Aber aus dem ſchnellen und ſichern Schritt, womit dieſer Schatten trotz der Finſterniß einher⸗ ging, war leicht zu erſehen, daß er mit dem Weg vollkommen vertraut war. Im Augenblick, wo er an den beiden Freunden vorbeikam, drückte Herr von Condé Dandelot die Hand. „Lanoue!“ murmelte er. Lanoue war eine der Frauen Catharinas von Medici, und zwar, wie man ſagte, die Lieblings⸗ und Vertrauensdame der Königin Mutter. Was hatte ſie hier zu thun, wenn ſie nicht —+ 189 durch das im Billet angezeigte Rendezvous berufen wurde? Im Uebrigen hatte ſie die Thüre nicht geſchloſſen, ſondern halb offen gelaſſen: folglich wollte ſie wie⸗ der kommen. Es war kein Augenblick zu verlieren, denn das nächſte Mal wurde die Thüre höchſt wahrſcheinlich hinter ihr geſchloſſen. Alle dieſe Betrachtungen fuhren dem Prinzen blitzſchnell durch den Kopf; er drückte noch einmal Dandelots Hand und ſtürzte auf den Saal der Ver⸗ wandlungen zu. Dandelot machte eine Bewegung, um ihn zu⸗ rückzuhalten: Condé war ſchon fern. Wie er gedacht hatte, wich die Thüre unter einem einfachen Druck, und er befand ſich im Zimmer. Dieſes Zimmer, eines der ſchönſten im Louvre, ehe Carl IX. die kleine Gallerie beginnen ließ, führte ſeinen mythologiſchen Namen von den Tapiſ⸗ ſerien, die es bedeckten. Die Hauptgegenſtände dieſer Gemälde, bei denen die Nadel mehr als einmal ſiegreich gegen den Pin⸗ ſel gekämpft hatte, waren in der That die Fabeln von Perſeus und Andromeda, von der Meduſa, vom Gott Pan, von Apollo und Daphne. Diejenige aber, welche die Aufmerkſamkeit ganz beſonders anzog, war, ſagt ein Ceſchichtsſchreiber, die Fabel von Jupiter und Danage. Danae war von ſo zarter und kunſtfertiger Hand ausgeführt, daß man auf ihrem Geſicht das Entzücken gewahrte, womit ſie den Goldregen fühlte, ſah und hörte. 190 Sie war als Königin der andern Tapiſſerien von einer ſilbernen Lampe beleuchtet, die von Ben⸗ venuto Cellini ſelbſt ſculptirt und nicht, wie man verſicherte, gegoſſen worden war. Und in der That, welcher andere als der florentiniſche Meiſelkünſtler hätte ſich ſchmeicheln können einen Silberblock in eine Blumenvaſe umzuſchaffen, aus welcher die Flamme ſelbſt als Lichtblume hervorſtrahlt! Dieſe Danae bildete die Wände eines Alkovens, und die Lampe, welche die unſterbliche gemalte Danae beleuchtete, hatte zugleich die Beſtimmung all die lebendigen ſterblichen Danaen zu beſtrahlen, welche in dem Bett, worüber ſie hing, den Gold⸗ regen der Jupiter dieſes irdiſchen Olymps erwarten ſollten, den man den Louvre nannte. Der Prinz ſchaute um ſich, hob die Fenſter⸗ und Thürvorhänge auf, um ſich zu vergewiſſern, daß er allein ſei, ſtieg dann nach dieſer genauen Durchſuchung über das Geländer weg, legte ſich auf den Teppich und ſchlüpfte unter das Bett. Für diejenigen unſerer Leſer, die mit dem Ameublement des ſechzehnten Jahrhunderts nicht vertraut ſind, wollen wir ſagen was das Gelän⸗ der war. Geländer nannte man die gallerieartige Ver⸗ zäunung aus kleinen Pfeilern, die ſich um die Betten herumzog, um die Alkoven zu ſchließen, wie man ſie noch heutzutage im Chor der Kirchen und Ca⸗ pellen und in Ludwigs XIV. Schlafzimmern in Ver⸗ ſailles ſieht. Wir haben geglaubt, der Leſer würde uns, indem er mit Herrn von Condé über das Geländer WN—*— N— — M ——— 191 ſtiege und zwar ſo ſchnell, wie wir's ihn thun lie⸗ ßen, mit ſeinen Bemerkungen verſchonen, allein bei näherer Ueberlegung wollen wir doch der Erklärung nicht ausweichen, ſondern ihr lieber mit friſchem Muth entgegen gehen. Der Prinz, ſagten wir, legte ſich auf den Tep⸗ pich und ſchlüpfte unter das Bett. Ach ja, allerdings, dieß war eine lächerliche Stellung und unwürdig eines Prinzen, zumal wenn dieſer Prinz Conds heißt. Aber was wollt Ihr? Es iſt nicht meine Schuld, wenn der junge, ſchöne, verliebte Prinz von Condé bis zur Lächerlichkeit eiferſüchtig war, und da ich die Thatſache in der Geſchichte des Prinzen verzeichnet finde, ſo wird man mir erlauben, nicht ſcrupulöſer zu ſein als der Geſchichtsſchreiber. Und Ihre Bemerkung, lieber Leſer, iſt ſo wahr und ſo verſtändig, daß der Prinz, als er kaum unter dem Bett war, ganz auf dieſelben Betrach⸗ tungen gerieth und mit den ſtrengſten Selbſtvor⸗ würfen ſich fragte, welche unanſtändige Figur er unter dieſem Bett machen würde, wenn ihn auch nur ein Bedienter entdecken ſollte, zu welchen zahl⸗ loſen Sticheleien und boshaften Spöttereien er ſei⸗ nen Feinden reichlichen Stoff liefern würde, mit welcher Schmach er ſich in den Augen ſeiner Freunde zu bedecken riskire. Er ging ſo weit, daß er das zornige Geſicht des Admirals auf der Tapiſſerie zu erblicken glaubte, denn wenn wir uns als Kinder oder Männer in einer zweifelhaften Lage befinden, ſo iſt die Perſon, an die wir denken, deren Dazu⸗ kommen und Vorwürfe wegen unſerer Narrheit wir .— 192 am meiſten fürchten, immer diejenige, die wir am meiſten lieben und verehren. Der Prinz ertheilte ſich alſo— wir bitten den gewiſſenhaften Leſer davon überzeugt zu ſein, all die Verweiſe, die ein Mann von ſeinem Character und ſeiner Stellung in einer ſolchen Lage ſich er⸗ theilen mußte; aber das Ergebniß all ſeiner Be⸗ trachtungen war, daß er etwa zwanzig Centimeter tiefer, wie man heutzutage ſagen würde, unter das Bett ſchlüpfte und ſich möglichſt bequem da ein⸗ richtete. Ueberdieß hatte er an etwas ganz anderes zu denken. Er mußte ſich über das Benehmen klar werden, das er einzuhalten hätte, wenn er ſich einmal den beiden Liebenden gegenüber befände. Das Einfachſte ſchien ihm plötzlich hervorzurücken und ohne lange Erklärungen mit ſeinem Neben⸗ buhler den Degen zu kreuzen. So einfach indeß dieſe Maßregel war, ſo ſchien ſie ihm doch bei näherer Ueberlegung nicht ohne Gefahr zu ſein, wenn auch nicht für ſeine Perſon, ſo doch für ſeine Ehre. Wer dieſer Nebenbuhler immer ſein mochte, ſo war er zwar allerdings ein Mitſchuldiger an der Coketterie des Fräuleins von St. André, aber ein ſehr unſchuldiger Mitſchuldiger. Der Prinz ging alſo von ſeinem erſten Plane ab und beſchloß ganz kalt zuzuſehen und zuzuhören, was ſich unter den Augen und vor den Ohren eines Nebenbuhlers zutragen würde. Er hatte eben die⸗ ſen großen Act der Selbſtverleugnung vollbracht, als das ſehr laute Schlagen ſeiner Uhr ihm plötz⸗ 3 193 lich eine Gefahr enthüllte, an die er nicht gedacht hatte. Damals waren, wie übrigens die Beſchäfti⸗ gung Carls V. in St. Juſt beweist, die Taſchen⸗ und Pendeluhren nicht blos Luxusgegenſtände, ſon⸗ dern auch Phantaſieſtücke, und gingen weit weniger nach der Hoffnung des Mechanikers, als nach ihrer eigenen Laune. So kam es, daß die Uhr des Herrn von Condé, die der Louvreuhr um eine halbe Stunde nachging, auf einmal zwölf ſchlug. Herr von Condé wurde, wie man bereits ge⸗ ſehen hat, von einer ungewöhnlichen Ungeduld heim⸗ geſucht. Er fürchtete, ſeine Uhr könnte, wenn ſie geendet hätte, Luſt bekommen von vorn anzufangen und ihn durch ihren Schlag zu verrathen; deßhalb nahm er das indiscrete Kleinod in die Höhlung ſeiner linken Hand, hielt den Griff ſeines Dolches feſt darauf, drückte ihn feſt gegen das Zifferblatt, und unter dieſem Druck, der das doppelte Gehäuſe zertrümmerte, hauchte die unſchuldige Uhr ihren letzten Seufzer aus. Die menſchliche Ungerechtigkeit war befriedigt. Kaum war dieſe Execution vollendet, als die Zimmerthüre von Neuem mit einem Geräuſche auf⸗ ging, welches die Augen des Prinzen auf ſie lenkte: er ſah jetzt Fräulein von St. André mit lauernden Blicken und lauſchendem Ohr hereintreten, auf den Zehen hinter der abſcheulichen Creatur einhergehend, die ſich Lanoue nannte. Dumas, Horoſcop. I. 13 HX. Die Toilette der Venus. Wenn wir ſagen, ſie ſei auf den Zehen hinter dieſer abſcheulichen Lanoue einhergeſchlichen, ſo täu⸗ ſchen wir uns, nicht in Bezug auf Lanoue, ſondern auf Fräulein von St. André. Einmal im Saal der Verwandlungen, ging Fräulein von St. André nicht mehr hinter, ſon⸗ dern vor Lanoue her. Lanoue blieb hinten, um die Thüre zu ſchließen. Das junge Mädchen ſtellte ſich vor einen Toi⸗ lettentiſch, worauf zwei Leuchter ſtanden, welche nur auf die mittheilſame Flamme, die ihnen das Leben geben ſollte, warteten, um mit ihrem ganzen Glanze zu leuchten. „Ihr ſeid gewiß, daß man uns nicht geſehen hat, meine liebe Lanoue?“ fragte ſie mit jener hol⸗ den Stimme, welche, nachdem ſie im Herzen des Prinzen die Liebe entzündet, jetzt ſeinen Zorn ent⸗ flammte. „Oh, fürchtet Nichts, gnädiges Fräulein,“ ant⸗ wortete die Kupplerin.„In Folge des Drohbrie⸗ fes, der geſtern dem Könige zukam, ſind die ſtreng⸗ ſten Befehle ergangen, und nach zehn Uhr Abends ſind die Thore des Louvre verſchloſſen worden.“ „Für Jedermann?“ fragte das junge Mädchen. „Für Jedermann.“ „Ohne Ausnahme?“ „Ohne Ausnahme.“ „Selbſt für den Prinzen von Conds?“ 195 Lanoue lächelte. „Für den Prinzen von Condé ganz beſonders, gnädiges Fräulein.“ „Ihr wißt es gewiß, Lanoue?“ „Ganz gewiß, gnädiges Fräulein.“ „Ah Drün Das junge Mädchen hielt inne. „Was habt Ihr denn von dem Herrn Prinzen zu fürchten?“ „Sehr viel, Lanoue.“ „Wie ſo, ſehr viel?“ „Ja, und ganz beſonders Etwas.“ „Was?“ „Daß er mich bis hieher verfolgen könnte.“ „Bis hieher?“ „Ja⸗“ 2 in den Saal der Verwandlungen?“ 6*. „Aber wie kann er denn wiſſen, daß das gnä⸗ dige Fräulein da iſt?“ „Er weiß es, Lanoue.“ Der Prinz hörte, wie man wohl begreift, mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. „Wer konnte es ihm mittheilen?“ „Ich ſelbſt.“ „Ihr „Ja, ich ſelbſt in meiner Einfalt.“ „Oh, mein Gott.“ „Denk Dir nur, geſtern habe ich im Augenblick, wo er mich verlaſſen wollte, in Folge eines Scher⸗ zes die Unvorſichtigkeit begangen ihm mein Schnupf⸗ tuch zuzuwerfen; in dieſem Schnupftuch ſich 196 das Billetchen, das Du mir ſo eben überreicht hatteſt.“ „Aber es war nicht unterzeichnet?“ „Zu allem Glück nicht.“ Das iſt wirklich ein großes Glück, Jeſus Ma⸗ ria Die Kupplerin bekreuzte ſich andächtig. „Und,“ fuhr ſie fort,„Ihr habt Euer Schnupf⸗ tuch nicht zurückgefordert?“ „Doch. Ich habe Mezieres den Tag über ſechs⸗ mal zu ihm geſchickt; der Prinz war ſchon am frühen Morgen ausgeritten und Abends um 9 Uhr noch nicht zurückgekehrt.“ „Ah, ah!“ murmelte der Prinz,„das iſt der Page mit der Angelſchnur, der ſo dringend darauf beſtand mich zu ſprechen.“ „Ihr trauet dieſem jungen Menſchen, gnädiges Fräulein?“ „Er iſt in mich vernarrt.“ „Die Pagen ſind ſehr ſchwazhaft; es gibt ein Sprüchwort darüber.“ „Mezieres iſt nicht mein Page, ſondern mein Sklave,“ ſagte das junge Mädchen im Ton einer Königin.„Ah, Lanoue; dieſer verwünſchte Herr von Condé! Es kann ihm nichts Schlimmeres be⸗ gegnen, als was ich ihm wünſche.“ „Dank, Schönſte der Schönen!“ murmelte der Prinz.„Ich werde Eurer vortrefflichen Geſinnun⸗ gen gegen mich gedenken.“ „Nun wohl, gnädiges Fräulein,“ ſagte Lanoue, „für heute Nacht könnt Ihr ruhig ſein. Ich kenne 8 —— 197 ht den Kapitän der ſchottiſchen Garde und ich werde ihm den Herrn Prinzen empfehlen.“ „In weſſen Auftrag?“ „Ganz auf eigene Fauſt! Seid ruhig, das wird a⸗ genügen.“ „Ah, Lanoue!“ .„Was wollt Ihr, gnädiges Fräulein? Während f⸗ man für die Andern ſorgt, darf man wohl auch ein wenig an ſich ſelbſt denken.“ 8⸗„Dank, Lanoue; denn dieſer Gedanke allein m ſtörte das Vergnügen, das ich mir von der heuti⸗ r gen Nocht verſprach.“ Lanoue ſchickte ſich an wegzugehen. er„He, Lanoue,“ ſagte Fräulein von St. André, uf„ehe Du weggehſt, zünde mir doch dieſe Leuchter 1 an; ich will nicht in dieſer Dunkelheit bleiben; 3 dieſe großen halbnackten Figuren machen mir Angſt; es iſt mir, als wollten ſie ſich von der Tapiſſerie abheben und auf mich zukommen.“ n„Ah, wenn ſie kommen,“ ſagte Lanoue, indem ſie am Kaminfeuer ein Papier anzündete,„ſo könnt 3 Ihr ganz ruhig ſein, ſie thun es dann blos, um 3 Euch als die Göttin Venus anzubeten.“ 5 Und ſie zündete den fünfarmigen Leuchter an, 5 ſo daß das ſchöne junge Mädchen in einer Flam⸗ 7 5 menglorie den Blicken des Prinzen ausgeſezt blieb. Sie war entzückend im Wiederſtrahl des Toi⸗ er lettenſpiegels, in ihrem durchſichtigen Gaskleid, durch ⸗ welches das Roſenroth des Fleiſches hervorſchim⸗ merte. e, In der Hand hielt ſie einen blühenden Myr⸗ thenzweig, den ſie als einen Kranz in ihr Haar ſteckte. . 198 Prieſterin der Venus, hatte ſie ſich mit der hei⸗ ligen Blüthe geſchmückt. Als das junge Mädchen jetzt allein im Zimmer war oder wenigſtens ſich allein glaubte, begann ſie kokett und verliebt ſich im Spiegel zu betrachten, bog mit ihren roſigen Fingerſpitzen ihre ſchwarzen, ſammtweichen Augenbrauen und drückte ihre flache Hand auf die goldene Garbe ihrer Haare. So geſchmückt und in einer Poſitur, die ihre feine und geſchmeidige Taille hervorhob, wiegte ſich das junge Mädchen, friſch wie Quellwaſſer, roth wie eine Morgenwolke, heiter wie die Jungfrau⸗ ſchaft, lebendig wie jene erſten Frühlingspflanzen, die voll Lebensdrang den lezten Schnee durchbre⸗ chen, vor dem Spiegel, und ſo glich ſie, wie La⸗ noue geſagt hatte, der Venus Cytherea, aber der Venus in ihrem vierzehnten Jahr, am Morgen wo ſie, am Ufer ſtehend, im Begriff ihren Einzug im himmliſchen Hofe zu halten, ſich zum lezten Mal im Spiegel des Meeres betrachtete, noch abgekühlt von ſeiner lezten Berührung. Nachdem ſie ihre Augenbrauen krumm gebogen, ihre Haare geglättet, durch einen Augenblick Ruhe ihren Wangen, welche ein unruhiger und haſtiger Gang allzu warm bepurpurt hatte, ihren roſigen Ton wiedergegeben, gab das junge Mädchen die Beäugelung ihres Geſichtes im Spiegel auf; ihre Augen ſenkten ſich vom Hals auf die Schultern und ſchienen ihre Bruſt zu ſuchen, die in dunſtigen Spitzenwogen, jenen Wolken gleich, welche der erſte Hauch des Nordwinds verjagt, verloren war. Sie war ſo ſchön mit ihren feuchten Augen, —— 8 8 v N —————— 199 ihren erröthenden Wangen, dem halboffenen Munde, den Zähnen, die gleich einer doppelten Perlenreihe in einem Korallenkäſtchen funkelten; ſie war ſo wahrhaft das Abbild der Wolluſt, daß der Prinz in dieſem Augenblick ihre Koketterie, ihren Haß, ihre Drohungen vergaß und im Begriff ſtand aus ſeinem Verſteck hervorzukommen, ſich ihr zu Füßen zu werfen und zu rufen: „Ums Himmels willen, junges Mädchen, liebe mich eine Stunde und nimm für dieſe Stunde der Liebe mein Leben hin!“ Zum Glück oder Unglück für ihn, denn wir ha⸗ ben die Vor⸗ oder Nachtheile nicht erwogen, welche die Ausführung dieſes plötzlichen Gedankens hätte haben dürfen, drehte ſich das junge Mädchen nach der Thüre um und ſagte oder ſtammelte vielmehr: „Ach, Geliebteſter meines Herzens, wirſt Du denn nicht kommen?“ Dieſer Ausruf und dieſer Anblick gaben dem Prinzen ſeinen ganzen Zorn zurück, und Fräulein von St. André erſchien ihm von Neuem als das haſſenswertheſte Geſchöpf der Erde. Sie ging nach dem nächſten Fenſter, zog die dichten Vorhänge hinweg, verſuchte das ſchwere Fenſter zu öffnen, und da es ihren zarten länglichten Händen an Kraft zu einem ſolchen Geſchäft man⸗ gelte, ſo begnügte ſie ſich, ihren Kopf an das koſt⸗ bare Glas zu drücken. Das Gefühl der Friſche, das ſich ihrer Stirne mittheilte, veranlaßte ſie ihre ſchmachtenden Augen wieder aufzuſchlagen; ſie blieben eine Weile unklar und wie geblendet; dann begannen ſie allmählig die E 200 Gegenſtände zu unterſcheiden, und hafteten zuletzt auf einem in einen Mantel gehüllten Manne, der unbeweglich in Steinwurfsweite vom Louvre ſtand. Der Anblick dieſes Mannes entlockte dem Fräu⸗ lein ein Lächeln, und es unterliegt keinem Zweifel, daß der Prinz, wenn er dieſes Lächeln geſehen hätte, den boshaften Gedanken, der es hervorgeru⸗ fen, geahnt haben würde. Ueberdieß wäre er, wenn er nahe genug geweſen wäre, um dieſes Lächeln zu ſehen, auch nahe ge⸗ nug geweſen, um die Worte zu hören, die in triumphirendem Ton zwiſchen den Lippen des jun⸗ gen Madchens hervorglitten:„Er iſt's!“ Dann fügte ſie mit einem Ausdruck unnennba⸗ ren Spottes hinzu: „Gehet immerhin ſpazieren, mein lieber Herr von Condé, ich wünſche Euch viel Vergnügen zu Eurem Spaziergang.“ Es war augenſcheinlich, daß Fräulein von St. André den Mann im Mantel für den Prinzen von Condé hielt. Und dieſer Irrthum war ganz natürlich. Fräulein von St. André war aufs Genaueſte von den Beſuchen unterrichtet, welche der Prinz ſeit drei Monaten jeden Abend incognito unter ihren Fenſtern abſtattete, aber ſie hatte ſich wohl gehütet Etwas davon gegen ihn verlauten zu laſſen, denn wenn ſie geſagt hätte, daß ſie es bemerkt habe, ſo hätte ſie auch eingeſtanden, daß ſie ſich ſeit drei Monaten leiſe mit einem Gedanken beſchäftigte, den ſie laut verläugnete. W* — 201 Fräulein von St. André glaubte alſo den Prin⸗ zen am Ufer zu ſehen. Nun war der Anblick des am Ufer ſpazierenden Prinzen, während ſie davor zitterte ihm im Louore zu begegnen, das allerberuhigendſte Bild, das Frau Luna, dieſe blaſſe und melancholiſche Freundin der Verliebten, ihr zeigen konnte. Beeilen wir uns jetzt unſern Leſern, die recht gut wiſſen, daß der Prinz nicht allgegenwärtig war, folglich nicht zu gleicher Zeit innen und außen, unter dem Bett und am Ufer ſein konnte, mitzu⸗ theilen, wer dieſer in einen Mantel gehüllte Mann war, welchen Fräulein von St. André für den Prinzen hielt, der nach ihrer Anſicht mit den Zäh⸗ nen klappern mußte. Dieſer Mann war unſer Hugenotte von geſtern, unſer ſchottiſcher Freund, Robert Stuart, der ſtatt der erwarteten Antwort auf ſein Schreiben in Er⸗ fahrung gebracht hatte, daß die Herrn vom Par⸗ lament den Tag über Alles aufgeboten, damit die Hinrichtung Anne Dubourgs am morgenden oder übermorgenden Tag vor ſich gehen ſollte; es war Robert Stuart, entſchloſſen einen zweiten Verſuch zu wagen. In Folge dieſes Entſchluſſes ſah das junge MWädchen in demſelben Augenblick, wo das boshafte Lächeln auf ihren Lippen ſchwebte, den Mann am Ufer ſeinen Arm aus dem Mantel hervorſtrecken, eine Bewegung machen, die ſie für eine drohende hielt, und mit großen Schritten hinweg⸗ eilen. Zu gleicher Zeit hörte ſie ein ähnliches Geklirre 202 wie in der letzten Nacht, das heißt das Zerſplittern einer Fenſterſcheibe. „Ah!“ rief ſie,„er war es nicht!“ Und die Roſen ihres Lächelns verſchwanden augenblicklich unter den Veilchen ihrer Haut. Oh, diesmal ſchauerte ſie in allem Ernſt, nicht mehr vor Vergnügen, ſondern vor Schreck; ſie ließ den Fenſtervorhang zurückfallen und kam taumelnd und blaß zurück, um ſich auf die Lehne des Cana⸗ pees zu ſtützen, auf welchem ſie vor einigen Minu⸗ ten noch ſo ſchmachtend hingegoſſen gelegen hatte. Wie am vorhergehenden Tag, war eines der Fenſter in der Wohnung des Marſchalls von St. André zertrümmert worden. Nur war es dießmal eines der Fenſter von der Seineſeite her, aber es gehörte noch immer zur Wohnung ihres Vaters. Wenn der Marſchall, wie am vorhergehenden Tag, noch auf, oder wenn er ſchon zu Bette gegangen war, aber plötzlich aus dem Schlafe geſchreckt wurde und ans Zimmer ſeiner Tochter klopfte, jedoch keine Antwort erhielt, was konnte da geſchehen? Sie zitterte jetzt voll Angſt und ſiel halb in Ohnmacht, zum großen Erſtaunen des Prinzen, der die plötzliche Veränderung auf dem Geſichte des jungen Mädchens geſehen hatte, ohne ihre Urſache errathen zu können; ſie befand ſich in jenem Zuſtand gänzlicher Erſchöpfung, wo Alles was geſchehen kann Demjenigen was iſt vorzuziehen iſt, als die Thüre ſich öffnete und Lanoue haſtig eintrat. Sie war beinahe eben ſo verſtört wie das Mädchen ſelbſt. 203 „Oh, Lanoue,“ ſagte Dieſe,„weißt Du, was ſo eben geſchehen iſt? „Nein, gnädiges Fräulein,“ antwortete die Kupplerin,„aber es muß etwas ſehr Schreckliches ſein, denn Ihr ſeid todtenblaß.“ „Sehr ſchrecklich in der That, und Du mußt mich augenblicklich in meine Wohnung zurückbe⸗ gleiten.“ „Und warum Das, gnädiges Fräulein?“ ſt„Du weißt, was geſtern um Mitternacht geſchehen iſt?“ „Das gnädige Fräulein meint den Stein, der mit einem Drohbrief gegen den König umbunden war?“ „Ja. Daſſelbe iſt ſo eben wieder geſchehen, Lanoue, ein Mann, ohne Zweifel der gleiche, den ich für den Prinzen von Condé hielt, hat wie geſtern ſo eben einen Stein geworfen und eine Fenſterſcheibe des Marſchalls zertrümmert.“ „Und Ihr habt Angſt?“ „Allerdings, Du begreifſt, Lanoue, ich fürchte, mein Vater könnte an meine Thüre klopfen, und wenn er keine Antwort bekommt, aus Mißtrauen oder Unruhe mein Zimmer öffnen, das er dann leer finden würde.“ „Oh, wenn Ihr Das fürchtet, gnädiges Fräu⸗ lein,“ ſagte Lanoue,„ſo könnt Ihr Euch beruhigen.“ „Warum?“ Sb„Euer Vater iſt bei der Königin Catharina.“ 8„Bei der Königin Morgens um ein Uhr?“ „Ach, gnädiges Fräulein, es hat ſich ein großer Unfall zugetragen.“ —— 204 „Was denn?“ „Ihre Majeſtäten ſind heute auf die Jagd ge⸗ ritten.“ „Nun?“ „Nun, gnädiges Fräulein, das Pferd der kleinen Königin(ſo nannte man Maria Stuart) hat geſtrau⸗ chelt, Ihre Majeſtät iſt gefallen, und da ſie im dritten Monat ſchwanger iſt, ſo fürchtet man, ſie möchte ſich verletzt haben.“ „Ah, mein Gott!“ „So daß der ganze Hof auf den Beinen iſt.“ „Ich glaube es wohl.“ „Daß alle Ehrenfräulein ſich in den Vorzimmern oder bei der Königin⸗Mutter befinden.“ „Und Du haſt mich nicht benachrichtigt, Lanoue?“ „Ich habe die Sache ſo eben erſt ſelbſt erfahren, gnädiges Fräulein, und habe mir nur die Zeit ge⸗ nommen hinzulaufen, um mich von der Wahrheit zu verſichern.“ „Dann haſt Du ihn geſehen?“ „Wen?“ „Ihn.“ „Natürlich.“ „Nun wohl?“. „Nun wohl, gnädiges Fräulein, die Sache iſt verſchoben. Ihr begreift wohl, daß er ſich in einem ſolchen Augenblick nicht entfernen kann.“ „Und auf wann verſchoben?“ „Auf morgen.“ „Wo?“ „Hier.“ „Zur ſelben Stunde?“ 205 Ja 7 „ 2 „So komm ſchnell, Lanoue.“ „Da bin ich ſchon, gnädiges Fräulein. Laßt mich nur zuvor die Kerzen auslöſchen.“ „In Wahrheit,“ rief das junge Mädchen,„man ſollte glauben, ein böſer Geiſt ſei gegen uns ent⸗ feſſelt.“ „Oh, im Gegentheil,“ ſagte Lanoue, indem ſie die letzte Kerze ausblies. „Wie ſo, im Gegentheil?“ fragte Fräulein von St. André vom Gange her. „Allerdings; dieſer Unfall wird Euch Eure Frei⸗ heit ſchenken.“ Und ſie eilte dem Fräulein nach. Die Tritte der beiden Weggehenden verhallten bald in den Tiefen des Ganges. „Alſo morgen,“ ſagte ſeinerſeits der Prinz, der aus ſeinem Verſteck hervorkam und das Geländer wieder überſtieg, ohne über den Namen ſeines Ne⸗ benbuhlers klüger geworden zu ſein, als er geſtern war.„Morgen, übermorgen, alle Tage, wenn es ſein muß; aber bei der Seele meines Vaters, ich werde bis zum Aeußerſten ſchreiten.“ Und er verließ gleichfalls den Saal der Ver⸗ wandlungen, ſchlug im Corridor die entgegengeſetzte Richtung von Fräulein von St. André und Lanoue ein, ſchritt durch den Hof und erreichte die Straßen⸗ thüre, ohne daß inmitten der Verwirrung, welche die beiden obenerwähnten Vorfälle im Louvre her⸗ vorgerufen hatten, Jemand daran dachte, wohin oder woher zu fragen. 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18