— † ——— 3 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher iut franzöſiſcher Literatur on Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 6 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. auf 1 Monat: 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurſckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ieit Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezelt. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Leiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Holländerin. —— * 2 Die Holländerin. „ Roman von Alerander Dumas. Deutſch Auguſt Schrader. Erſter Band. Leipzig⸗ 6 C. Berger's Buchhandlung. 1848. Der Held des gegenwärtigen Romans„die Hol⸗ länderin“ iſt derſelbe, den uns der Verfaſſer in ſeinem vorangegangenen Werke:„Die beiden Selbſt⸗ mörder“ oder„Vier Frauenabenteuer“, in ſo rei⸗ zenden Situationen vorführt. Die in jenem äußerſt ſpannend vorbereitete Kataſtrophe entwickelt ſich in dem vorliegenden Werke und dürfte das Erſcheinen deſſelben den Freunden der Dumas ſchen Muſe will⸗ kommen ſein. Der Ueberſetzer ⸗ —— Im Hofe der Poſthalterei zu Seſto⸗Calende ſtand ein Poſtwagen zur Abfahrt bereit. Mit lauter Stimme, eine Liſte in der Hand haltend, las der Conducteur die Namen der Reiſenden, welche er befördern ſollte. Als 3 der Name„Herr Van⸗Dick“ gerufen wurde, ſtieg ein Mann von auffallender Leibesſtärke in den Coupé, der noch leer war, und nahm, ſich gemächlich ausbreitend, Platz darin. Schon ſtand der Poſtmann im Begriffe, die Thür des Wagens zu ſchließen, als ein junger Mann eilig aus dem Büreau trat und ihm eine Karte über⸗ reichte.. Die Thür des Coupö's, worin der dicke Herr ſaß, ward wieder geöffnet und der Zuletztgekommene nahm an der Seite des Wohlbeleibten Platz. Nachdem alle Reiſende in dem Wagen ihre Plätze genommen, trat der Conducteur an den Coupé, in welchem Herr Van⸗Dick und der junge Mann allein ſaßen. Die Holländerin. I. 1 — — Bier fehlt noch Jemand, ſprach er; es ſind drei Plätze bezahlt und ich ſehe nur zwei Perſonen. — Gunz recht, antwortete der dicke Herr, ich habe zwei Plätze gemiethet! — So erwarten Sie wohl noch Jemanden? — Nein, ich habe es gethan, um bequemer ſitzen zu können. Der Conducteur lächelte, ſchloß die Thür des Wagens und beſtieg ſeinen Platz. Der dicke Herr ſah den jungen Mann an und ſprach: — Auf dieſe Weiſe wird einer dem andern nicht zur Laſt fallen. — Es iſt wahr, mein Herr! anwortete dieſer. Es iſt ein Lurus, den ich um ſo mehr bewundere, als ich davon profitire. — Um ſo begreiflicher wird er Ihnen erſcheinen. Denken Sie ſich einmal, wenn drei ſolcher Reiſende, wie ich bin, in dieſem Coupé ſäßen, würde man nicht den einen erdrücken und den andern auf die Landſtraße werfen müſſen, um frei athmen zu können? — Wenn man ſich ein wenig einrichtet, entgegnete der junge Mann mit einer treuherzigen Miene, würde man wohl nicht nöthig haben, ſolche ſchmerzhaften Erpeditionen aus⸗ zuführen. —8 Herr Van⸗Dick lächelte, wie ein reicher Mann lächelt, wenn er ſagen will:„ich habe das Recht, ſo zu handeln, wie ich handele.“ Dann fuhr er fort: — Es iſt übrigens auch meine Gewohnheit, wenn ich reiſe, daß ich mir ſtets zwei Plätze kaufe. Einmal bin ich jedoch dahei angeführt. — Wie iſt das gekommen? — Ganz einfach. Ich hatte nämlich zu jener Zeit einen Menſchen in meinen Dienſten, der über alle Begriffe dumm war.„Peter, ſpreche ich zu ihm, geh' und beſtelle mir zwei Plätze auf der Diligence, ich habe eine dringende Reiſe zu machen.“ „— Wie, zwei Plätze? antwortet er mir. „— Ja, zwei Plätze! „— Peter kommt zurück und giebt mir ein Billet, wonach mir zwei Plätze reſervirt ſind. Wie immer, waren auch dieſe beiden Plätze für mich allein beſtimmt. Ich komme alſo auf der Poſt an, ſteige in den Wagen und mache es mir bequem, wie Sie es vorhin von mir ge⸗ ſehen haben: da ſteigen plötzlich noch zwei wohlgenährte Perſonen ein und ſetzen ſich neben mich. Ich rufe den Conduecteur und ſpreche zu ihm: „— Hier waltet ein Irrthum ob! „Wie ſo? fragt er. „— Weil ich zwei Plätze bezahlt habe. Sind nicht auf den Namen Van⸗Dick zwei Plätze eingetragen? „— Ganz recht „— Nun, ſo hat der eine dieſer Herrn nicht das Recht, hier zu bleiben. „— Der Conducteur ſieht abermals in ſeine Liſte, dann ſpricht er: „— Sie irren ſich, mein Herr, nicht ich; es ſind zwei Plätze für ſie reſervirt, aber einer davon befindet ſich im Coupé, der andere im Cabriolet! „Demnach war ich gezwungen, in einer höchſt be⸗ drängten Lage die Reiſe bis Brüſſel zu machen. — Sind ſie ein Oeſterreicher? — Nein, mein Herr, ich bin ein Holländer! — Wie, rief der junge Mann in einem Tone, dem deutlich anzuhören war, daß er ſich über ſeinen dicken Nachbar ein wenig luſtig machte, Sie ſind ein Holländer? Holland ſoll ein ſchönes Land ſein! — Ein ſchönes und reiches Land! — Sie ſcheinen Ihr Vaterland zu lieben? — Man liebt ſtets das Land, in welchem man geboren iſt, wo man nach ſeinen Gewohnheiten lebt, ſeine Familie hat und ſein Vermögen erworben. Der junge Mann ſank in die Ecke des Wagens zu⸗ v — — 5— rück und flüſterte leiſe:„der Mann iſt ſehr glücklich!“ Ein tiefer Seufzer folgte dieſer Aeußerung und hätte Herr Van⸗Dick nicht ein Zeitungsblatt aus der Taſche ge⸗ zogen und ſich zum Leſen angeſchickt, ſo würde er wahr⸗ genommen haben, daß ſein Nachbar ſich in ein tiefes Nachdenken verlor. Bei dem Anblicke des Glückes drückt die Laſt des unglückes doppelt ſchwer. Dies empfand in dieſem Augen⸗ blicke unſer junge Reiſende, der ohne Vaterland, ohne Familie und ohne Vermögen einem ungewiſſen Ziele ent⸗ gegenging, oder richtiger geſagt, ohne Ziel reiſ'te. Triſtan war zuletzt Tenoriſt am Theater zu Mailand geweſen, und noch vor kurzer Zeit hätte er den reichen, gemüth⸗ lichen Holländer nicht beneidet, da er ſich alles deſſen zu erfreuen gehabt, was das Leben angenehm machtz doch in dieſem Augenblicke, von den Frauen betrogen und durch ſie ſeiner Stellung beraubt, ſchien ihm das Loos ſeines Reiſegefährten ſehr beneidenswerth, der mit großer Zu⸗ friedenheit ſeine Doſe öffnete, eine Priſe wohlriechenden Tabaks ſchnupfte und ruhig das Zeitungsblatt entfaltete. Aus dem geöffneten Journale fiel ein Brief zur cri daß es Herr Van⸗Dick merkte. Triſtun hob ihn auf und überreichte ihn ſeinem Beſitzer. — 5— — Sie verlieren dieſes Papier, mein Herr. — Danke, danke! ſprach der Solländer und lächelte, indem er die Aufſchrift anſah. — Er iſt von meiner Frau. Triſtan machte mit dem Kopfe und den Blicken eine Bewegung, die eben ſo gut ſagte:„Ah, Sie ſind ver⸗ heirathet, ich mache Ihnen mein Kompliment;“ als auch: „Was Sie mir da ſagen, iſt mir ſehr gleichgültig!“ — Sind Sie verheirathet? fragte der Holländer. — Nein, mein Herr! Ich kann mit Recht ſagen, daß ich nicht verheirathet bin, dachte Triſtan, da ich nicht einmal weiß, wo meine Frau iſt. — Das iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm! entgegnete Herr Van⸗Dick. — Je nachdem! — Es iſt immer ſchlimm! — Wenn aber die Fran ſchlecht iſt? — Die Frau iſt immer gut. — Dieſe Annahme iſt ſehr kühn. — Sie iſt nur wahr, mein Hert. Ich geſtehe es zu, daß keine Frau gut geboren wird, aber ſie wird es ſpäter. — Durch die Sorgfalt, welche man ihr widmet? ℳ . ——— — Selten. — Durch die Liebe, die man zu ihr hegt? — Mitunter. — Wohl gar durch Gleichgültigkeit? — Ganz recht, mein Herr, gans recht! Widmet man einer Frau viel Sorgfalt, ſo wird ſie ſich ſtets ſchwach und leidend geben; betet man ſie an, ſo giebt ſie ſich nach Maßgabe der Liebe als ein Tyrann, und als ein Opfer, wenn man ſie nicht mehr wie früher liebt; weiß aber die Frau, weder daß man ſie liebt, noch daß“ man ſie nicht liebt, ſieht ſie, daß man ſie ohne Enthuſias⸗ mus und ohne Verachtung vehandelt, ſpricht man nur zu ihr:„Ich frühſtücke um elf Uhr und eſſe um 6 Uhr zu Mittag“, redet nie von Geſchäften mit ihr, legt ihr nie Rechenſchaft von ſeinen Handlungen ab und ſieht ſie nur bei Tiſche: dann können Sie ſich verſichert halten, mein Herr, daß die Frau eine Selavin iſt, die ſich mit einem Lächeln begnügt, an einer Zärtlichkeit hoch erfreut, und ſich nicht beſſer hält, als die Pfeife, die ihr Mann raucht, oder das Bier, das er trinkt. — Dieſe Theorie hat vielleicht in Holland ihr Gutes; in allen übrigen Ländern würde ſie aber ſehr mangel⸗ haft ſein. — Die guten Theorien ſind für alle Länder gut. ſchaffen und allen daſſelbe Herz gegeben. — Ja, aber nicht daſſelbe Geſicht, nicht denſelben Character. Es giebt Länder, in denen die Frauen heißeres Blut und heftigere Leidenſchaften beſitzen, als in manchen andern. Wenn Ihre Theorie auch bei den Frauen des Nordlandes ihre Anwendung fände, ſo möchte dies wohl bei denen der Südländer nicht der Fall ſein. — Ich zweifle daran, mein Herr. — Erlauben Sie mir, Ihnen zu ſagen, daß Sie unrecht haben. Ich habe in dieſer Beziehung lange und gründliche Studien angeſtellt. Wollte man außerdem Ihre Anſicht als Regel gelten laſſen, ſo kann ich Sie ver⸗ ſichern, daß dieſe Regel ſehr viel Ausnahmen erleidet. — Wohl möglich, antwortete lächelnd Herr Van⸗ Dick, ich kenne nicht alle Frauen. Alles was ich weiß, iſt, daß ich mich vor zehn Jahren verheirathete, daß meine Frau ſehr ſchön, aber auch ſehr kokett war, und daß ſie alle jene Fehler beſaß, welche die elegante Welt ſür Tu⸗ genden hält; daß ſie aber nach zwei Monoten, kraft meines feſten Willens und meiner unerſchütterlichen Gleichgültig⸗ keit gegen ſie und ihre Launen, ordentlich, ökonomiſch und ſanft geworden iſt, daß ich jeden Tag um elf Uhr frühſtückte, um ſechs Uhr zu Mittag aß, im Hauſe nie Der Schöpfer hat alle Frauen nach einem Modelle ge⸗ † 5 — — —— — ein Wort mit ihr ſprach, kam und ging wie es mir be⸗ liebte, und daß ich, mit einem Worte, ſtets daſſelbe Ge⸗ ſicht und daſſelbe Herz vorfand. — Sie find ein glücklicher Mann! — Wahrhaftig, vas bin ich. Da ſehen Sie die erſten Zeilen dieſes Briefes:„Mein Geliebter, mit großer Freude vernahm ich deine Rückkehr, denn ich vermiſſe ſchmerzlich deine Anweſenheit. Auch Julius erwartet Dich mit großer Ungeduld.“ Julius, unterbrach ſich der Hol⸗ länder, iſt nämlich mein Sohn! — Ah, Sie haben auch einen Sohn? — Einen ſchönen, blonden Jungen von neun Jahren. — Und jetzt kehren Sie in den Schooß Ihrer Fa⸗ milie zurück? — Ach Gott ja! — Haben Sie eine Vergnügungsreiſe gemacht? fuhr der Tenor fort, der in dieſer neuen Bekanntſchaft Zer⸗ ſtreuung und Erheiterung fand. — Es war eine Vergnügungs⸗ und Geſchäfts⸗Reiſe, antwortete der Holländer. — So, Sie ſind alſo in Geſchäften? — Ich bin der Chef eines ſehr großen, und kann mit Recht ſagen, eines ſehr bekannten Handlungshauſes. —— — Und während die er Zeit beſorgt Madame Van⸗ Dick alles allein, was ſonſt Sie beſorgten? — O nein, ich habe meiner armen Frau einen Commis zur Hülfe gegeben, einen ſanften, einſichtsvollen jungen Mann. — So, ſprach Triſtan und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, das ſeine Lippen zu ſprengen drohete— es iſt ja wahr, Sie müſſen einen Commis haben. — Mein Haus würde ohne ihn nicht beſtehen können, da ich ſehr oft verreiſen muß. Der arme Menſch hat viel Arbeit! — Ich glaube es. — Alles, was ich nicht thun will, ſprach Herr Van⸗ Dick, muß er thun. Triſtan glaubte dieſer Phraſe eine geiſtreiche Abſicht unterlegen zu können, aber die ungeheure Ruhe und Gut⸗ herzigkeit, die ſich in dem Geſichte des Kaufmanns aus⸗ ſprach, belehrte ihn eines andern. — Iſt dieſer Commis ſchon lange in Ihren Dienſten? — Zwei Jahre. Sein Vorgänger war ein ſchlech⸗ tes Subject, dem Euphraſia kein Vertrauen ſchenkte. Euphraſia iſt nämlich der Name meiner Frau. Deshalb gab ich ihm ſeinen Abſchied, denn in wichtigen Sachen, das heißt in ſolchen, von denen meine Ruhe abhängt, — — —— richte ich mich ſtets nach Euphraſia. Er hat ſie be⸗ trogen. — Er hat ſie betrogen? wiederholte Triſtan, der nicht wußte, welchen Sinn er in dieſen Satz legen ſollte. — Ja, er hat die Frau betrogen, die ihn recht ſehr liebte. — Das iſt ein wenig ſtark! dachte Triſtan. Dieſer Menſch iſt entweder verrückt, oder er iſt ein gemäſteter Richelieu. Und der, den Sie, jetzt haben, ſprach er laut, betrügt ihre Frau nicht? — O, dieſer iſt ein Muſter von Aufmerkſamkeit und Sorgfalt für ſie und mich. Wenn er fortfährt, ſich ſo zu betragen, werde ich ſein Glück machen und ihn ver⸗ heirathen, vorausgeſetzt, daß Euphraſia nichts dagegen hat. — Warum ſollte ſie etwas dagegen haben? — Weil ſie ihn mehr liebt, als ſeinen Vorgänger. — Iſt er vielleicht ein Verwandter von Ihnen? — Nein! — Wenn Sie ihm aber ſo gewogen ſind, müßte Sie doch nichts abhalten, ihn zu verheirathen, und ſeiner Frau eine Anſtellung in Ihrem Hauſe zu geben. — Das wird Euphraſia nicht wollen. — Warum? — Sie iſt eiferſüchtig. — Auf Ihren Commis? — Wäre Triſtan nicht von den Wänden und der Decke des Wagens eingeſchloſſen geweſen, er hätte einen Satz von ſechs Fuß Höhe gemacht. Der Holländer er⸗ zählte alle dieſe Sachen mit einer ſo enormen Kaltblütig⸗ keit, daß man hätte glauben mögen, er erheuchele ſie aus⸗ drücklich, um, wie man zu ſagen pflegt, Triſtan blau an⸗ laufen zu laſſen. — Verzeihung, fuhr der Tenor fort, wenn ich dieſe Frage an Sie richte: wenn Ihre Frau nun eiferſüchtig auf die Frau Ihres Commis ſein kann, müſſen Sie dann nicht eiferſuͤchtig auf den Commis ſein? — Ich? — Ja! — Warum? — Potz Element! ſprach Triſtan und dehnte die Frage bis zu den äußerſten Grenzen aus, um zu wiſſen, was er von ſeinem Nachbar zu halten habe.— Potz Ele⸗ ment! Wenn Ihre Frau ihn liebt, ſo entwendet er Ihnen natürlich einen Theil der Liebe, welche Ihre Gattin Ihnen ganz zu geben ſchuldig iſt. — Irrthum! — Wie ſo? 4 — 3— — Er liebt mich mehr, als meine Frau. — Glauben Sie? — Ich bin davon überzeugt. Wenn er mich meyr liebt, als Euphraſia, giebt er mir mehr, als er mir nimmt. Nach der regula de tri ganz richtig gerechnet. — Zugeſtanden, ſprach Triſtan, nachdem er einen Augenblick überlegt; was thut er aber für Sie? — Wie ich bereits geſagt, alles, was ich nicht thun will, zum Beiſpiel—— — Zum Beiſpiel? fragte Triſtan raſch, der nun die vollſtändige Erklärung erwartete. — Zum Beiſpiel, fuhr der Holländer mit leutſeliger Miene in einem gutherzigen Tone fort, führt er meine Bücher, und ich muß geſtehen, daß er ſich nie um einen Pfennig verrechnet; bin ich abweſend, ſo führt er meine Frau ſpazieren und auf den Ball, mit einem Worte, er thut Alles, was man von einem wahren Freunde ver⸗ langt. — Dieſer Mann iſt ein Geheimniß, dachte Triſtan, er iſt entweder ein großer Narr, oder ein großer Philoſoph. Sie ſind ſehr glücklich, ſprach er laut, um Herrn Van⸗ Dick auf die Antwort wieder zurückzuführen, die er zu erwarten ſchien, Sie find in der That ſehr glücklich, da Sie einen wahrhaften Freund beſitzen. ——— — 14— — Haben Sie nie einen ſolchen gehabt? — O ja! — Nun? — Ich habe ihm das Leben gerettet, und dafür gab er mir einen Degenſtich. — In die Bruſt? — In die Schulter. — Ein Glück, daß er Sie nicht getödtet hat. Ver⸗ urſacht ein Degenſtich große Schmerzen? — Je nachdem man ihn empfängt. — Ich meine im Arm oder in der Schulter? — An dieſen Orten iſt er mehr läſtig, als ſchmerz⸗ haft. — Das dachte ich mir. — Warum dieſe Frage? — Weil ich mich einmal ſchlagen ſollte. — Wegen einer ernſten Sache? — Nein, nur wegen eines Menſchen, der mir ge⸗ ſagt, daß Euphraſia mich hinterginge. Ich ſtand zufällig und gab ihm eine Ohrfeige; hätte ich geſeſſen, würde ich ihm nicht geantwortet haben. — Und was that der andere? — Er forderte mich. — Nahmen Sie die Forderung an? 2 — 4 —— ———— — 15— — Ja, aber ich habe mich nicht geſchlagen. 4— Hat er Sie um Entſchuldigung gebeten? 3₰— Nein, wir beſtimmten für den folgenden Tag ein Rendez⸗Vous. Als ich nach Hauſe kam, fand ich den Commis vor, von dem ich Ihnen vorhin erzählte, daß er meine Bücher führt. Es war gerade am Ende des Monats, er hatte viel Zahlungen zu machen, und be⸗ ſchäftigt mit dieſen Zahlungen, vergaß auch ich, daß ich mich den nächſten Morgen ſchlagen ſollte. Den größten 3 Theil der Nacht brachte ich mit dem Ordnen der Rech⸗ nungen zu und ging ſpät zu Bett. Es war ſehr kalt % und um elf Uhr des Morgens ſchlief ich noch ſo ſanft, wie man nur ſanft ſchlafen kann. Da ward ich geweckt. Als ich die Augen öffnete, ſah ich den Mann vor mir, dem ich Tages zuvor eine Ohrfeige gegeben hatte— er ſchien vor Kälte ganz erſtarrt zu ſein. „— Mein Herr, ſprach er mit zornbebender Stimme, ſeit drei Stunden erwarte ich Sie! „— Nun, fragte ich. „— Nun, mein Herr, Sie ſind nicht zum Rendez⸗ Vous gekommen? 3„— Ich weiß es, mein Herr, da ich noch im Bette liege. „— Aber mich friert! — * — ————— ———— —— — „— Das kann mir ſehr gleichgültig ſein, denn mir iſt warm. „— Sind Sie bereit, mir zu folgen? „— Fiällt mir nicht ein. Ich habe nicht Luſt, wie Sie, mit den Zähnen zu klappern, weiße Backen und eine rothe Naſe zu bekommen. Wann waren Sie an dem be⸗ ſtimmten Orte? „— Um acht Uhr, mein Herr. „— Und Sie haben mich erwartet? „— Bis elf Uhr— macht drei Stunden. „— Da hat Sie wohl ſehr gefroren? „— Ich bin ganz erſtarrt, antwortete mein Gegner, und werde wohl eine Krankheit davon tragen. „— Nun, mein wackerer Freund, ſprach ich, ich finde, duß Sie für die mir zugefügte Beleidigung genug geſtraft ſind, ich verzeihe Ihnen, gehen Sie nach Hauſe. Legen Sie ſich in ein gut gewärmtes Bett, trinken Sie eine Taſſe heißen Syrup und es wird Ihnen nichts ſchaden. Leben Sie wohl, mein Beſter, und hüten Sie ſich in Zukunft vor Unbeſonnenheiten. „Mit dieſen Worten wandte ich mich in meinem Bette um, um wieder einzuſchlafen; der Herr aber fuhr Tfort zu ſchreien und zu toben. Da zog ich die Glocke und ließ ihn zur Thür hinauswerfen. Ich glaube, mein — Commis hat die Sache in Ordnung gebracht, da er es 3 war, den jener Herr mir als den Liebhaber meiner Frau bezeichnete. Ich habe nie wieder etwas von meinem Gegner gehört.“ 3 Triſtan ſah Herrn Van⸗Dick bewundernd an⸗ — Der iſt in der That ein glücklicher Menſch, dachte er. Während dieſer Zeit hatte der Holländer, als ob er „ ganz gleichgültige Sachen erzählte, ruhig und ſorgfültig ſeine Zeitung entfaltet und ſie von dem Tabak geſäubert, der darauf gefallen war. In dem Augenblicke, als er zu leſen beginnen wollte, ſenkte er noch einmal das Blatt und richtete ſeine mit der Brille bewaffneten Augen auf Triſtan. — Nicht wahr, junger Mann— fragte er— Sie haben ſich einer Frau wegen geſchlagen? — Ja! Hert Van⸗Dick lächelte und ſchien den Abſchnitt in der Zeitung zu ſuchen, den er leſen wollte. Als er ihn, gefunden, lehnte er ſich in die Ecke des Wagens und be⸗ gann aufmerkſam zu leſen. Triſtan betrachtete noch eine Zeitlang dieſes Original uunnter der ſo ganz gewöhnlichen Hülle, dann weidete er ſich an der Landſchaft, die ſich vor ſeinen Augen aus⸗ Die Holländerin. l. 2 —— — 16— breitete. Da er nichts zu leſen hatte und des Denkens müde war, ſchob er ſeine Reiſemütze unter den Kopf und ſchloß die Augen, um zu ſchlafen. 2. Die Vorſehung nimmt die Geſtalt eines holländiſchen Kauf⸗ manns an. Der Wagen, in welchem ſich die Herrn Van⸗Dick und Triſtan befanden, fuhr, wie alle Wagen, welche täg⸗ lich einen beſtimmten Weg zurücklegen müſſen. Die Pferde, mit horizontal gerichtetem Halſe, trabten mit einer ruhigen und einförmigen Langſamkeit, welche zu beobachten Ver⸗ gnügen gewährt. Der Kutſcher, halb im Schlafe auf ſeinem hohen Sitze, läßt, wie Hippolyt, die Zügel über ſeine Renner herabhängen, und weckt ihn dann und wann ein Stoß des Wagens, ſo verſetzt er den Roſſen einen wohlthätigen Peitſchenhieb, den dieſe mehr für eine freund⸗ ſchaftliche Erinnerung, als für einen Beweis des Zornes halten, denn ſie bewegen fich auch nicht um ein Haar — raſcher, ſondern thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Der Wagenlenker ſchließt ſeine Augen wieder und bleibt unempflndlich gegen die Reize, mit welchen ihn die Natur umgiebt. Niemand beklagt ſich übrigens darüber, denn es iſt eine ſtillſchweigend angenommene Sache, daß dieſer, von zwei magern Pferden gezogene alte Holzkaſten ſich mit den Flügeln der Jugend nicht verſuchen kann, da er ſonſt denen, die er befördert, gefährlich werden mögte. In einer ſolchen Lage bleiben dem Reiſenden nur drei Dinge zu thun: er plaudert, wenn er einen Nachbar zum Plau⸗ dern hat, er lieſ't, wenn er ein unterhaltendes Buch hat, oder er ſchläft, wenn er Schlaf hat. Triſtan hatte ge⸗ plaudert, ein Buch hatte er nicht, folglich ſchlief er. Herr Van⸗Dick hatte ſeine Lectüre beendet und war, wie es ſchien, nicht ſonderlich davon erbaut. Nachdem er das Zeitungsblatt wieder zuſammengelegt, eine Priſe duf⸗ tenden Tabaks geſchnupft und die Brille ſorgfältig in ihr Etui geſteckt, blies er die Tabakskörner von ſeinem Hemde und räuſperte ſich, wie ein Menſch, der nicht mehr weiß, was er thun ſoll. Triſtan, der nur in einem leiſen Schlafe lag und auf einen Vorwand zum Erwachen wartete, bewegte ſich und ſchlug die Augen auf. 2* „mein Herr, — Nun ſprach er, haben Sie Ihre Lectüre beendet? — So eben, und Sie, haben Sie Ihren Schlaf beendet? Ja N Was zum Teufel, wo können wir ſein? Ich weiß es nicht.. — Der Conducteur wied doch anhalten, damit wir zu Mittag eſſen können? — Soffentlich zumal, da es nicht viel Wühe koſtet, die Roſſe in ihrem Laufe zu hemmen Ich habe mir ſchon oft die Frage vorgelegt, was ein C ſo viel Zeit a onducteur, der gentlich denkt. wäre er zu zubringt, wohl ei — Er denkt nicht. Wenn er dächte, entſchuldigen. — Was thut er⸗ G ſchlüft. ir i chgültig, antwortete Berr Van⸗Dick mit großer Ruhe; warum, will ich Ihnen er⸗ klären Ich reiſe, nicht wahr? Mit einem Platze würde 21 ich ſchlecht fahren, alſo nehme ich mir zwei. Ich ſteige in den Wagen. Befinde ich mich in dem Coupé allein, ſo habe ich drei Plätze, obgleich ich nur für zwei bezahlt 1 habe; dies iſt ein Glück, das ich nicht erwartete und nütze 5 es. Habe ich einen Nachbar, ſo plaudere ich mit ihm. Finde ich ſeine Unterhaltung amüſant, ſo höre ich, und finde ich Vergnügen zu reden, ſo rede ich. Sehe ich, daß wir nicht zuſammen ſympathiſiren, ſo vergeſſe ich, daß er da iſt, mache mir es auf meinen beiden Plätzen bequem, ₰ ziehe mein Journal aus der Taſche und leſe. Langweilt mich mein Journal, ſo ſchlafe ich, und habe ich keine Luſt mehr zum ſchlafen, ſo eſſe ich, denn ich führe ſtets einen kleinen Vorrath bei mir. Habe ich keinen Hunger, ſo betrachte ich die Gegend, und gefällt mir die Gegend 3 nicht, ſo denke ich. Bei dem Denken komme ich indeß immer zuletzt an, denn es iſt ſehr ermüdend. Der Con⸗ ducteur kann mich alſo nicht ärgern. Fährt er ſchnell, ſo freue ich mich über die Schnelligkeit, fährt er lang⸗ ſam, ſo habe ich das Vergnügen, mich wiegen zu laſſen. Indem ich mich ſo zum Sclaven der Umſtände mache, werde ich der Herr derſelben. — Sie ſind ein glücklicher Mann! — Haben Sie Unglück gehabt? — Sehr viel! — — Auch jetzt noch? — Immer, ſo lange ich lebe. — Der Unterſchied zwiſchen uns beiden iſt mir klar. Sie lieben Niemanden, nicht einmal ſich ſelbſt. Ich liebe zwar auch Niemanden, aber ich liebe mich ſelbſt. Sie find Miſanthrop und ich bin Egoiſt, bin daher glück⸗ licher als Sie; aber da Sie noch jung find, können Sie einſt eben ſo glücklich werden, als ich. Warum ärgern Sie ſich über den Conducteur? Müſſen Sie vielleicht irgend wo eilig eintreffen? — RNein; ich würde nirgends etwas beſſeres vor⸗ finden, auch weiß ich nicht einmal, wohin ich reiſe. — Haben Sie Familie? — Nein. — Beirathen Sie. — Um Geſchöpfe zu erzeugen, die einſt leiden wer⸗ den, wie Hamlet ſagt. Das iſt unnütz, außerdem habe ich auch kein Vermögen und keine Stellung in der Welt. — Was gedenken Sie zu beginnen? — Bei Gott, das weiß ich nicht! Vielleicht wird das Schickſal müde, mich zu verfolgen, wenn ich ihm eine Gleichgültigkeit entgegenſtelle, wie Sie ſie beſitzen. In dieſem Augenblicke hielt der Wagen an. Der Conducteur öffnete die Thür des Wagens und kündigte — — den Reiſenden an, daß ſie ausſteigen und zu Mittag eſſen könnten. Triſtan und Van⸗Dick lenkten ihre Schritte der table d'höte zu und ſetzten ſich hinter die leeren Teller. Der Condueteur nahm am Ende des Fiſches Platz, wo ihm die Schüſſeln zur Seite ſtanden. Kaum hatte er ſo raſch ſeine Suppe, ſein Gemüſe und ſeinen Braten ge⸗ geſſen, als nur ein Menſch im Stande iſt, zu eſſen, als er auch ſchon ausrief: — Beeilen Sie ſich, meine Herrn, beeilen Sie ſich! — Baben Sie dergleichen ſchon erlebt? fragte Van⸗ Dick unſern Triſtan. — Nein, noch nie. — Dieſer Menſch iſt noch ſtärker, als ich. — Beneiden Sie ihn? — Nein, das wäre zu anſtrengend; ich bewundere ihn. — Wie finden Sie das Eſſen, — Schlecht. — Und doch eſſen Sie? — Ich habe meinen Grund. — Welchen? — Das Bedürfniß, mich zu gewöhnen. Morgen wird mir das Frühſtück weniger ſchlecht erſcheinen, das Mittagseſſen vielleicht gut und komme ich nach Hauſe, finde ich dort meine Lebensmittel excellent. — Sie ſind ein großer Philoſoph. — Ich weiß es. Als der Conducteur ſeine Mahlzeit völlig beendet, ließ er die Reiſenden in den Wagen ſteigen. Herr Van⸗ Dick nahm ſeine beiden Plätze wieder ein, zog langſam eine Pfeife hervor, lud ſie mit Tabak, ſchlug Feuer, blies es an, legte es auf die Pfeife und begann zu rauchen. — Genirt Sie der Tabakrauch? fragte er Triſtan, als das Feuer ſich dem Tabak mittheilte. Hierauf legte er ſich mit einer unbeſchreiblichen Be⸗ haglichkeit in die Ecke des Wagens und athmete wollüſtig den Rauch, den er aus ſeiner Pfeife blies. Mit wahrer Bewunderung betrachtete Triſtan dieſen Mann. Der Tag näherte fich dem Abend, die Sonne begann ſich zu röthen, ein durchſichtiger Nebel lagerte ſich wie ein Bote der Nacht auf die Felder und die Luft war ſo ruhig, daß der Rauch, den Herr Van⸗Dick ausblies, einige Augenblicke unſchlüſſig ſtehen blieb und ſich dann nach und nach verzog. Bei dem Anblicke dieſes Glückes und dieſes Wohl⸗ behagens ſtiegen in dem Geiſte unſeres Helden unendlich viel Gedanken auf. Herr Van⸗Dick dachte nichts, er —.—————— — — — rauchte, betrachtete die verſchiedenen Geſtalten, welche der Rauch bildete und freute ſich über die Kinder, welche in den Dörfern ſchreiend dem Wagen nachliefen. Endlich verſchmolz die ganze Landſchaft in eine Farbe, der Mond ſtieg herauf, die Nacht kam und die Pfeife des Holländers ging aus, da ihr der Tabak fehlte. Dann ſchloß er die Augen und ein etwas ſtarkes Athemholen kündigte ſeinem Nachbar an, daß er eingeſchlafen ſei. Nachdem Triſtan noch eine Zeitlang über den Wechſel der menſchlichen Schickſale nachgedacht, ſchlief auch er ein. Als er bei dem erſten Wehen der friſchen Morgen⸗ luft erwachte, hatte er das Vergnügen, den vollen Schlaf eines Holländers zu erblicken. Triſtan vergnügte ſich an dieſer Menſchennatur, und als ob eine gegenſeitige An⸗ ziehungskraft in Beiden wirkte, vergnügte ſich Herr Van⸗ Dick an ihm. Beide kannten ſich erſt ſeit zu kurzer Zeit, um ſich dieſe Sympathie zu geſtehen, aber unſer Tenor genoß das Vergnügen, die Theorien dieſes Kaufmanns anzuhören, welche mit ſeinen Prinzipien ganz überein⸗ ſtimmten.„Ich hätte beſſer gethan, ſprach er zu ſich ſelbſt, wenn ich meine Frau nicht geliebt und nicht gehei⸗ rathet hätte; ein Mädchen, was ich nicht geliebt, das mir aber einen Fond von Käſen oder Materialwaaren zuge⸗ bracht, als Lebensgefährtin zu ehelichen, wäre erſprießlicher — 26— für mich geweſen, zu ſtudiren und Verſe und Gemälde zu fabriciren. Eine andere Frau hätte mich ebenſo geliebt, als die meinige.“ Nachdem er dieſe Betrachtung vollendet und vielleicht eine Thräne im Auge zerdrückt hatte, erwachte der Hol⸗ länder. — Nun, mein Beſter, haben Sie gut geſchlafen? — Sehr wenig. — Ich glaube, wir ſind Crevola bereits paſſirt? — Ja. Aber was fehlt Ihnen, mein junger Freund, Sie ſcheinen mir traurig zu ſein? — Ich bin es in der That. — Was iſt Ihnen? — Die Einſamkeit hat trauri ge Betrachtungen in mir erweckt! — HBaben Sie vielleicht Jemanden Sie lieben? — Nein. — Vielleicht eine Geliebte? — O durchaus nicht. Ich bin traurig, weil man mich da, wohin ich gehe, nicht mehr lieben wird, als vort, woher ich komme. — In Ihrem Alter hleibt man nicht lange allein. verlaſſen, den als auf dem Lande zu ſeufzen, Medicin Gott hat den jungen Leuten die Liebe in das Herz ge⸗ pflanzt, damit ſie ſich ein⸗ Familie anſchaffen können. — Wenn aber die Lieb entflieht? — Dann bleibt die Freundſchaft! wie die Weiſen ſagen. — Und wenn man der Freundſchaft keinen Glauben ſchenkt? — Dann bleiben die Geſchäfte, und dabei können Sie verſichert ſein, keine Freunde zu haben. — Ganz recht. Um aber Geſchäfte zu machen, muß man Vermögen beſitzen, das mir fehlt. — Verſtand iſt alles, was dazu nöthig iſt. Als 1 ich anfing, beſaß ich nichts, und jetzt kommandiere ich zwölftauſend Thaler jährlicher Renten und bin Chef einer ausgebreiteten Leinewand⸗ und Tuch⸗Handlung en gros. — Sie, mein Herr, ſcheint eine Fee aus der Taufe gehoben zu haben. — Wer verhindert Sie, dieſelbe Gevatterin zu haben? — Der Platz iſt beſetzt. — Man wird Ihnen helfen. — Wer? — Jeder. Ich! — Sie? —— Ihr noch — Und. wie würden Sie mir helfen? — Indem ich mich Ihrer bediene. Sie geben mir e Intelligenz, und ich gebe Ihnen eine Stellung. Was haben Sie gelernt? — Alles, und nichts! — Schreiben Sie eine gute Hand? — Eine ſehr gute. — Verſtehen Sie Mathematik? — Vollkommen. — Sprechen Sie ftemde Sprachen. — Ich ſpreche deren vier. — Welche? Franzöſiſch, Deutſch, Engliſch und Italieniſch. Und mit dieſen Kenntniſſen verzweifeln Sie? 8 habe bereits alles verſu auf demſelben Flecke. cht, bin aber immer — Haben Sie die Bandlung betrieben? — Nie. — Ah, Sie fürchten wohl, ſich die Hände an den Stoffen und Regiſtern zu beſchmutzen? Sie wollen lieber ein unverſtandener Künſtler ſein, als ein poſitiver Kauf⸗ mann! über d en Handel. Millionen in Bewegung ſetzen, Schiffe Glauben Sie mir, junger Mann„es geht nichts beladen, und gegen Elemente und Zufall ſpielen, hat einen beſondern Reiz, eine beſondere Poeſie. — Sie haben recht. — Das will ich meinen! — Und Sie glauben, mein Herr, daß ich Ihnen in etwas nützlich ſein könnte? — Ich glaube es. Mir fehlen Ihre Kenntniſſe, und Ihnen fehlt mein Geld. Verſchmelzen wir uns, wir werden eine profitable Maſſe bilden. Triſtan rückte Herrn Van⸗Dick näher. — Ach, mein Herr, ſprach er, Sie verbinden mich unendlich! Sie nehmen mir einen Platz, ſprach lächelnd der Holländer. Triſtan zog ſich zurück. — Reden Sie nicht von Verbindlichkeit, wir machen ein Geſchäft, und nichts anderes. Ich ärgere mich nicht, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, aber ich freue mich, meinen Vortheil dabei zu finden. Alſo Sie ſprechen Engliſch? 2— Vollkommen. .— Und Deutſch? — Ebenſo. — Und Italieniſch. Wie Manzoni. — — Warum haben Sie mir das ni — Es iſt glücklicherweiſe noch Zeit. — Wie viel wollen Sie für das alles haben? — Was Sie mir geben. — Wiſſen Sie, wozu ich Sie anwenden werde? — Ich habe Ihnen geſagt, daß ich einen Sohn habe. — Nun? — Dieſes Kind wird von ſeiner Mutter angebetet, ſie will ſich nicht von ihm trennen. Darum bleibt es zu Hauſe und Sie leiten ſeine Erziehung. Verſtunden? — Vollkommen. — Dafür biete ich Ihnen tauſend Thaler. — Das iſt ein Vermögen. — Sie leben in meinem Hauſe, wie ich ſelbſt. — Sie überſchütten mich. — Kommen Sie von Mailand? — Ja. — Sind Sie lange dort geweſen? — Nein; doch warum fragen Sie mich danach? — Weil ich bei meiner Durchreiſe in Mailand einen meiner guten Freunde antraf, einen Arzt, der ſich erſt kürzlich verheirathet hat. Dieſen fragte ich, ob er nicht cht gleich geſagt? — einen jungen Mann wüßte, der zwei oder drei Sprachen verſtände, und da Sie mir ſagen, daß Sie Mediein ſtu⸗ dirt haben, wundere ich mich, daß er Sie nicht kennt, denn er hält ſich ſchon einige Zeit in Mailand auf. — Wie nennt er ſich? — Herr Mametin. — Der Mann iſt mir unbekannt. — Thut auch nichts zur Sache, da ich Sie kenne. Die Sache iſt alſo abgemacht? 8 — Ich glaube es wohl. 2 — Sie wiſſen nun, wohin Sie gehen. — Ach, mein Herr, Sie retten mir das Leben! — Wie kann man in Ihrem Alter verzweifeln wollen! Sie werden Ihre Arbeit haben, das Kind iſt verzogen. — um ſo beſſer! 3 — A propos! 6 — Reden Sie. — Sie gefallen mir außerordentlich, und ich bin er⸗ freut, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, aber— — Aber? — Ich bin nicht allein in meinem Hauſe. — Baben Sie einen Aſſocié? — RNein, aber ich habe eine Frau. — — Ich werde alles aufbieten, um Madame Van⸗ Dick zu gefallen. — Vor allen Dingen richten Sie ſich ſo ein, daß die Ruhe nicht geſtört wird — Soll geſchehen. — Und wenn meine Frau Sie nicht liebt, ſo müß⸗ ten wir uns doch trennen, obgleich es mir viel Ver⸗ gnügen macht, Sie zu ſehen. — Ich werde alles thun, was ſie will. — Dies iſt das Mittel, ſich bei ihr beliebt zu machen. — Halt! dachte Triſtan, ich merke, daß Madame Van⸗Dick für ihren Gatten thut, was dieſer für die Umſtände: ſie unterwirft ſich ihm, um ihn zu be⸗ herrſchen. Nach dieſer kurzen Betrachtung reichte er Herrn Van⸗Dick beide Hände, welche dieſer herzlich drückte. —— — * t . —— — 8. Man denke ſich die Freude unſeres Freundes! Der Glückswechſel trat nach einem jeden Unglücke mit einer ſolchen Pünktlichkeit ein, daß er keinen Grund hatte, ſich der Verzweiflung preiszugeben, ohne eine Gottesläſterung zu begehen. Die wenigen Worte des Holländers, durch welche ſeine Lage geändert worden, hatten auch die Natur vor ſeinen Augen verändert. Triſtan fand die Bäume ſchöner und den Tag ſtrahlender, der Geſang der Vögel, die in dem klaren Aether ſchwebten, ſchien ihm melodi⸗ ſcher und die Thautropfen, die auf den Grashalmen und Geſträuchen am Wege blitzten, däuchten ihm Diamanten des reinſten Waſſers zu ſein. — Ah, Lea, dachte er, Sie glauben, daß ich zu Ihnen zurücktehre! Und Du, meine liebe Frau, Du ver⸗ heiratheſt Dich wieder und glaubſt vielleicht, ich ſterbe vor Gram, wenn ich Deine neue Verbindung erfahre!— O durchaus nicht, es giebt außer Euch noch andere Frauen auf der Erde. Es lebe Gott und die Menſchen! Die Welt iſt doch ſchön! Unſer Held empfand eine Freude ſonder Gleichen. Die Holländerin. 1. 8 ſei, obgleich ihm der Gedanke an ſie ſtets das Herz durch⸗ ſchnitt) einem glücklichen Leben entgegenging, daß er künftig in einem bequemen Zimmer, von großen Re⸗ angehöre, welche unter dem Scepter eines ihrer Glieder ſtets einig ſein mußte, ſo fiel ihm auch nicht im Entfern⸗ teſten ein, daß das Schickſal die Verwirklichung dieſes ſchönen Traumes hintertreiben könne. Triſtan machte ſchon ſeine Pläne für die Zukunft: Bolland, das er bis zu dieſem Augenblicke ſtets verachtet hatte, ſchien ihm nun Der Bolländer, als ob er die einfachſte Sache von der Welt abgemacht htte, ſtopfte ſich ruhig ſeine Pfeife und zündete ſie an, um gänzlich den Schlaf zu ver⸗ treiben, der ihm die Augenlider noch fchwer machte. Der junge Mann war dergeſtalt von Neigung und Dankbar⸗ keit zu dem Leinwandhändler durchdrungen, daß er wünſchte, es möge irgend Jemand den Herrn Van⸗Dick in ſeinem Tabaksvergnügen ſtören, um ihm bei dieſer Gelegenheit ſeine Dankbarkeit an den Tag legen und dieſen Jemand morden zu können. — Mein beſter Herr Van⸗Dick, ſprach er, erlauben Sie mir, daß ich Sie ſo nennen darf, denn ich fühle mich ſo zu Ihnen hingezogen, als ob ich Sie ſchon ſeit zehn Jahren kenne, ſeien Sie meines Eifers und meiner vollen Dankbarkeit gewiß. — Ich glaube Ihnen, mein beſter Herr. — Sehen Sie, ich bin nicht, wie andere Männer; ich ſchließe ſelten Freundſchaftsbündniſſe, aber wenn ich ſie ſchließe, ſind ſie aufrichtig und feſt. — Um ſo beſſer, junger Mann, um ſo beſſer! ant⸗ wortete Herr Van⸗Dick und blies eine dicke Rauchwolke in die Luft. — Mit welcher Luſt will ich mich der Erziehung Ihres Sohnes unterziehen! Ich liebe ihn jetzt ſchon, als ob er mein eigenes Kind wäre. — Um ſo beſſer, um ſo beſſer! — Was gedenken Sie aus dem lieben Kleinen zu machen? — Der Handel, den ich Ihnen vorhin ſo rühmte, 3* — iſt nur dann angenehm, wenn man ihn betreiben muß, um ſich Vermögen zu erwerben. Wenn man aber bereits ein Vermögen beſitzt, ſo verlieren ſeine Reize unendlich. Da mein Sohn nun bei ſeiner Großjährigkeit ein Ver⸗ mögen vorfindet, ſo möchte ich nicht, daß er wird, was ich bin. Ich will, daß er eine Erziehung genießt, ver⸗ möge welcher er im Stande iſt, in einem Salon Figur zu machen, ich will, daß er zu ſeinem Zeitvertreib Künſt⸗ ler ſein kann, daß er mit einem Worte, wenn auch nicht ein außerordentlicher, doch ein bemerkenswerther Mann werde. — Das iſt wohlgedacht. — Singen Sie auch? — Sie werden darüber urtheilen. — Ich will, daß er zeichne. — Er wird zeichnen. — Sie ſind ein Univerſalgenie! — Wie ſchon geſagt, beſitze ich alle Kenntniſſe, die mein Glück gemacht haben würden, wenn ich Vermögen gehabt hätte; das ihres Sohnes werden ſie machen, da er einſt reich ſein wird. — Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihrem Gehalte noch etwas hinzuzufügen. — Richts, Herr Van⸗Dick! — So ſchicke ich meinen Sohn in eine Penſion. — Ah, Gerr Van⸗Dick! — Ich kann Sie nicht aller Ihrer Zeit berauben. — Sie machen mich aber glücklich, wenn— — Kurz und bündig— was kann ich thun, um Ihnen einen Gegendienſt zu leiſten? — Bewahren Sie mir Ihre Freundſchaft, das iſt mir der höchſte Preis. — Die haben Sie bereits. — Dann wünſche ich nichts mehr. — Nach Belieben, ſprach der Holländer und reichte Triſtan eine Hand, während die andere aus dem Wagen fuhr und durch Klopfen die Aſche aus der Pfeife räumte — nach Belieben, mein Haus iſt das Ihrige. Triſtan weinte faſt Thränen der Dankbarkeit. Von dieſem Augenblicke an hätte man glauben mö⸗ gen, daß der Tenor und der Kaufmann ſich bereits ſeit zwanzig Jahren gekannt hätten. Triſtan machte jeden Tag merkliche Fortſchritte in der Achtung und Freundſchaft des Herrn Van⸗Dick. Während der langen Reiſe fertigte er Zeichnungen, die der Holländer mit größerm Vergnügen betrachtete, als die koſtbaren BVilder, welche ſeine Zimmer ſchmückten. — Reizend, reizend! rief Herr Van⸗Dick, indem er Triſtan's Bleifeder neugierig mit den Augen folgte. Wenn dieſer eine Zeichnung begann, ſo konnte er ſich bei den erſten Strichen nicht erklären, wie hieraus ein Bild ent⸗ ſtehen könnez trat nun die Landſchaft oder die Figur aus dem Chaos der Striche und Schattirungen heraus, dann rief er: Meiſterhaft! Bewunderungswürdig! So paſſirten ſie den Simplon und das Waliſer⸗ land. Von Villeneuve brachte ſie das Dampfboot nach Lauſanne, von dort gingen ſie nach Neuchatel und Baſel und in Straßburg beſtiegen ſie ein Rheinſchiff, das ſie nach Rotterdam bringen ſollte. — Holland iſt ein ſchönes Land, ſprach Herr Van⸗ Dick; dort werden Sie viel Zeichnungen zu machen haben.. — Soll geſchehen. — Es giebt dort Straßen und Häuſer, wie Sie deren nirgend ſo ſchön erblicken werden. — So ſind ſie gut für das Album der Madame Van⸗Dick. — Meine Frau wird Sie anbeten. — Glauben Sie? — Ich bin davon überzeugt. — Dann fürchte ich nichts mehr.* — Nichts auf der Welt. — — Ich muß Ihnen offen bekennen, daß ich nach dem, was Sie mir geſagt haben, zittere, ihr zu miß⸗ fallen. — Ich bürge Ihnen für ihre Freundſchaft, denn ſie vergöttert die Künſtler. — Singt ſie? — Ich glaube, ja! — So werde ich Abends mit Madame Van⸗Dick muſiciren. — Nach Belieben. O mein Haus wird ein wahres Paradies werden! — Ein Paradies, deſſen Gott Sie ſind! — Mein beſter Freund! — Mein beſter Herr Van⸗Dick! Beide gingen Arm in Arm auf der Brücke ſpa⸗ zieren. Triſtan war der Vertraute, der Unentbehrliche des Herrn Van⸗Dick geworden, der ihm ſein ganzes Leben, von ſeiner Kindheit bis zu ſeiner Verheirathung erzählt hatte. Ueber dieſe letzte Epoche war er aber raſch hin⸗ weggegangen, er hatte ſie nur einfach mit den Worten bezeichnet:„Ich verheirathete mich und ſeit dieſer Zeit bin ich glücklich.“ Die Reiſe näherte ſich indeß ihrem Ende. — Eines Morgens um acht Uhr kamen Freunde zu Thiel an, wo ſie frühſtückten. — Dieſen Abend ſind wir in Amſterdam, ſprach Herr Van⸗Dick, wenn wir uns mit dem Frühſtücke be⸗ eilen, was ich jedoch für einen Fehler erachte; nehmen wir uns aber Zeit, kommen wir morgen früh dort an. Was meinen Sie? die beiden — Nur Sie haben zu entſcheiden, mein beſter Herr Dick, denn Sie haben eine Frau, die Sie erwartet. — Um ſo mehr Grund, noch ein wenig länger den Junggeſellen zu ſpielen. — Wie Sie befehlen! Die beiden Männer vollendeten ruhig ihr Frühſtück, dann beſtellten ſie ſich drei Plätze in reiſ'ten gegen Mittag nach Utrecht ab Uhr ankamen. So gewiſſenhaft wie ſie gefrühſtückt, nahmen ſie hier das Piner ein. — Wie werden wir nach Amſterdam kommen? fragte Triſtan. — Per Barke. — Was nennen Sie eine Barke? — Cine Art Schiff, das von einem Pferde gezogen Van der Diligence und „wo ſie um ſieben wird und ungefähr hundert Perſonen faßt. ——— — — Und morgen ſind wir in Amſterdam? — Um fünf Uhr Morgens. Sie reiſ'ten ab und waren am andern Tage um be⸗ ſagte Stunde im Hafen von Utrecht. — Da liegt Amſterdam! ſprach Herr Van⸗Dick mit einer triumphirenden Miene. — Ich muß geſtehen, daß es mir nicht unangenehm iſt, dieſe Stadt näher kennen zu lernen, was ich ſchon ſeit langer Zeit gewünſcht habe. — In zwei Stunden werden Sie ſie ſehen, ſprach der Holländer, indem er an das Land ſtieg. — Warum nicht ſogleich? — Weil die Thore erſt gegen ſieben Uhr geöffnet werden. — Nicht übel! Was beginnen wir bis dahin? — Ah, es giebt Häuſer, die für uns offen ſind. — Wirthshäuſer? — Ja. — Was machen jene zerlumpten Leute dort? — Sie warten. — Auf was? — Daß die Barke ankomme, um die Koffer der Rei⸗ ſenden zu tragen. — Die Menſchen ſehen entſetzlich aus. — 42— — Es ſind Juden. — Man möchte ſie für Banditen halten. — Sie ſind es auch. — Sie bellen wie die Hunde; was verlangen ſie? — Ihre Pakete. — Wie in Livorno. — Es iſt beſſer; hier verlangen ſie, in Livorno neh⸗ men ſie. — Ganz richtig. Kann man ihnen die Sachen an⸗ vertrauen? — Noch nicht, ſie würden dann zwei Stunden Zeit haben, um Sie zu beſtehlen; wenn man öffnet, übergiebt man ſie ihnen, bis dahin behalten Sie ſie bei ſich. — Und wo iſt die Höhle, in der ſie das Geſtohlene verbergen? — In der Stadt. Ich werde ſie Ihnen zeigen, man nennt ſie den Judenwinkel. Unter dieſem Geſpräche begleitete Herr Van⸗Dick ſeine Koffer und überwachte ſie mit einem Blicke, der durchaus der Ehrlichkeit deſſen nicht ſchmeichelte, der ſie auf ſeinem Karren fuhr. Gegen ſieben Uhr wurden die Thore geöffnet und die Menge ſtürzte heulend in die Straßen der Stadt. Die Luft war grau und an dem ganzen Himmel von Amſterdam war auch nicht ſo viel Blaues zu finden, als man nöthig hat, um eine Weſte daraus zu fertigen. — Es iſt heute ſchön, ſprach Herr Van⸗Dick, indem er mit Wolluſt die Luft des Vaterlandes einſog. — Was meinen Sie? fragte Triſtan, der glaubte, er habe ſich geirrt. — Ich ſage, daß es heute ſchön iſt, antwortete ernſt⸗ haft der Kaufmann. — Teufel, dachte unſer Tenor, wie müſſen die Tage ausſehen, die Herr Van⸗Dick ſchlecht findet! — Jetzt, fuhr der Holländer fort, folgen Sie mir. Nach dieſen Worten bog er in die Utrechter Straße und verfolgte ſie bis zur erſten Brücke. Hier wandte er ſich rechts. Ohne den Juden, welcher die Sachen fuhr, aus den Augen zu verlieren, klopfte er ſeinem Begleiter auf die Achſel und ſprach: — Was meinen Sie zu dem Hauſe, das dort vor uns ſteht? — Jenes ſchöne Haus mit der großen Steintreppe? — Ja. — Ein prachtvolles Haus. — Es iſt das unſrige. Ich mache Ihnen mein Compliment! — Auch die andere S Magazine. eite gehört mir, dort liegen die — Ich werde Sie nicht anders mehr als Kröſus nennen. In dieſem Augenblicke ſtieg Herr Van⸗Dick die Treppe hinauf, die zu der Thür führte und durch einen Baleon, ungefähr vier Fuß von der Erde, mit einer andern Treppe von derſelben Form und zu demſelben Gebrauche verbun⸗ den ward. Herr Van⸗Dick klopfte mit ſtarken Schlägen an die Thür. Eine Frau öffnete. — Ach, der Herr! rief ſie; ſein— ich werde es ihr melden. — Schläft ſie noch? — Ja, Herr. — So wecke an ſie nicht, aber man ſorge dafür, daß Punkt elf Uhr dus Frühſtüch bereit ſei und gebe die⸗ ſem Herrn ein Zimmer im zweiten Stockwerk. Wenn Sie ſchlafen wollen, mein Beſter, fuhr Herr Van⸗Dick fort, geniren Sie ſich nicht. Madame wird überraſcht — Was werden Sie thun, mein freundlicher Wirth? — Ich werde einen Spaziergang durch den Garten machen, mein Journal leſen, meine Pfeife rauchen und das ſchöne Wetter genießen. ni de: die ie — Erlauben Sie, daß ich Sie begleite? — Wird mir ſehr angenehm ſein. — Nun, dachte Triſtan, indem er der rothbackigen, kräftigen Magd folgte, bis auf den weißen Himmel und die ſchwarzen Straßen ſcheint Holland ein ſchönes Land zu ſein. 4. Herr Van⸗Dick zeigte nun unſerm Triſtan ſein gan⸗ zes Haus, das, beiläufig geſagt, ſehr ſchön eingerichtet war. Er führte ihn auch in die Maga zine, zu denen man über drei Stufen gelangte. Auf der einen Seite grenzten ſie an den Prinzen⸗Kanal, auf der anden an den Garten. Längs dem Garten lief eine Art Corridor hin, der zu dem Bureau führte, das mit Blumen und Vögeln umgeben war. Waren die Magazine geöffnet, ſo hielt ſich hier der erſte Commis auf, von dem der Holländer erzählt hatte. Der Garten war nicht ſehr groß, aber es ſtanden ei⸗ nige große Bäume darin, deren Laubdach die Strahlen der Sonne jedenfalls verhüllen würden, wenn in Holland die Sonne ſchiene. — 46— Eine andere Thür, gleichlaufend mit der der Maga⸗ zine, die ſich ebenfalls nach dem Garten zu öffnete, führte in das Haus, das Madame Van⸗Dick, ihr Sohn und Herr Van⸗Dick bewohnte und nun auch Triſtan bewohnen ſollte. Sowohl von der Seite des Kanals als von der des Gar⸗ tens führte eine Treppe in das erſte Stockwerk, das der Herr und die Herrin des Hauſes bewohnten. Ein jeder von Beiden hatte ein Zimmer für ſich, ſo daß ſie ſich nach Belieben trennen oder vereinigen konnten. Neben dem Zim⸗ mer der Madame Van⸗Dick befand ſich das des jungen Herrn Van⸗Dick. Das zweite Stockwerk war für Triſtan beſtimmt und das dritte bewohnten die Domeſtiken. Auf demſelben Gange, der zu unſers Tenors Zimmer führte, befanden ſich zwei andere für beſuchende Freunde. Berr Van⸗Dick führte Triſtan in ſein Appartement, zeigte ihm die Einrichtung deſſelben, öffnete die Fenſter und machte ihn auf die Ausſicht aufmerkſam, die auf der einen Seite nach dem Garten hinausging und auf der an⸗ dern nach dem Prinzen⸗Kanal, d. h. nach einer Straße, die an einem ziemlich breiten Kanale hinläuft. — Bier bietet ſich Ihnen ſtets Zerſtreuung, ſprach der Kaufmann; Menſchen, Barken und Kaufmannsgüter wogen hier in buntem Gedränge. — Wohin gehen die Kaufmannsgüter? — 1 ga⸗ rte err ir⸗ —— — RNach allen Weltgegenden. Ein anderes Haus von derſelben Wichtigkeit beſitze ich auch in Harlem. — Ein Handlungshaus? — Allerdings. Da es drei Stunden von hier ent⸗ fernt iſt, dient es mir Sonntags zum Ziele einer nade und zum Landhauſe. Herr Van⸗Dick ſchloß das Fenſter. In dem Augen⸗ blicke, als er vie Prome⸗ Treppe wieder hinabſteigen wollte, ließ ſich eine Stimme vernehmen, die ihn rief. — Ah, da kommt mein Sohn! Das Kind warf ſich in die Arme des Vaters und grüßte Triſtan mit der Verwunderung, mit welcher Kinder unbekannte Perſonen grüßen, die ſie zu grüßen in dem Hauſe ihres Vaters gezwungen ſind. — Siehſt du dieſen Herrn? ſprach darauf der Hol⸗ länder zu ihm. — Ja, Papa. — Von heute an bleibt er bei uns und von morgen an wirſt Du Alles thun, was er Dir ſagen wird. Das Kind ſah den Vater an, als ob es fragen wollte: warum? — Weil, antwortete der Papa, dieſer Herr mit Dei⸗ ner Erziehung beauftragt iſt. —— Die Verwunderung des Knaben verwandelte ſich in Schrecken. Triſtan bemerkte es und ſprach zu ihm: — Fürchten Sie nichts, mein kleiner Freund, ich bin kein gewöhnlicher Schulmeiſter, Sie werden mir bald gut ſein. Bei dieſen Worten ſtrich er dem Kinde freundſchaftlich die blonden Locken. Als es ſich von dem erſten Schrecken erholt hatte, ſprach es lebhaft zu Herrn Van⸗Dick: — Mama iſt aufgeſtanden, ich werde zu ihr gehen und ihr ſagen, daß Du angekommen biſt! — Geh, mein Kind! Der Knabe lief die Treppe zum erſten Stockwerke hinab, wo man ihn mit kindlicher Unbefangenheit die Thür öffnen hörte. Eine halbe Stunde ſpäter lehnten die beiden Männer in der Brüſtung eines Fenſters, das vom Erdgeſchoſſe nach dem Garten hinausging, plauderten mit einander und be⸗ trachteten die Blumen und Bäume. Madame Van⸗Dick war herabgeſtiegen und nachdem ſie ihren Mann geſucht hatte, trat ſie endlich in den Speiſeſaal, wo ſie ihn erblickte. Die beiden Männer am Fenſter hörten ſie nicht kom⸗ men, ſo daß ſie ſich ihrem Manne näherte und ihn auf die Achſel ſchlug. — Faſt eine Stunde ſchon ſuche ich Sie, ſprach ſie in ut 4. ℳ — in einem halb ſpröden, halb ſüßen Tone, und wäre Triſtan nicht zugegen geweſen, den Madame nuchläſſig grüßte, hätte man das Süße deſſelben nicht bemerkt. — Wir ſind da, beſte Freundin, wir ſind da. Ich ſprach ſo eben mit dieſem Herrn über unſern Eduard. Herr Triſtan, fuhr er fort, indem er auf unſern Freund deu⸗ tete, ein junger Mann von großem Verdienſt, der ſich der Erziehung unſers Sohnes unterziehen will. Madame Van⸗Dick grüßte noch einmal den neuen Gaſt, der ſich bei der Schmeichelei des Gatten mit großer Beſcheidenheit verbeugte und reſpectvoll den Gruß der Gat⸗ tin erwiderte. — Seit vier Tagen erwarten wir Sie ſchon, fuhr die Dame zu dem Holländer gewendet fort, wir hatten ſchon Angſt um Sie. — Ach mein Gott, Madame! ſprach Triſtan, daran trage ich allein die Schuld, denn ich glaube, daß ich Herrn Van⸗Dick's Ankunft verzögert habe. Ich allein bin an⸗ zuklagen und, einmal angeklagt, reklamire ich Ihre Huld und Nachſicht, damit ich nicht mit einer traurigen Em⸗ pfehlung in dieſes Haus trete. Si ſind begnadigt, mein Herr, ſprach Madame Van⸗Dick mit einem Lächeln, welches Triſtan dafür zu danken ſchien, daß er die Autorität der Frau errathen. Die Holländerin. I. 4 —— v C4 — — Um ſo mehr, meine Liebe, als der HBerr ſich mit Dir beſchäftigte, fuhr der Kaufmann fort. — Mit mir? — Ganz gewiß, denn er bringt Dir ein Album voll Zeichnungen mit, die er auf unſerer Reiſe angefertigt hat. — Mein Herr, ich bin Ihnen unendlich verbunden! Sie werden mir nach dem Früyſtück alle die ſchönen Sa⸗ chen zeigen, denn für ermüdete Reiſende, wie Sie find, darf das Frühſtück nicht zu ſpät kommen und ich glaube, es iſt bereits ſervirt. Madame Van⸗Dick forderte ihren Gemahl und Triſtan auf, Platz zu nehmen, die, nach dem Garten hinausblickend, das Auftragen der Speiſen nicht bemerkt hatten. Euphraſia— wir wollen ſie ſo nennen, da wir ih⸗ ren Namen wiſſen— Euphrafia zog die Glocke. Die dicke Magd erſchien. — Man ſage Herrn Wilhelm, ſprach die Dame, daß wir bei Tiſche ſitzen! — 4 Propos, wie geht es dem guten Wilhelm? — Vollkommen wohl. Herr Wilhelm erſchien. Triſtan erhob ſich halb von ſeinem Platze. — Mein beſter Triſtan, ſprach Herr Van⸗Dick, ich ftelle Ihnen hier Herrn Wilhelm vor, mein zweites Ich — im Hauſe, Herrn Wilhelm, von dem ich Ihnen bereits er⸗ zählt habe. Triſtan grüßte Gerrn Wilhelm und ſetzte ſich wieder. Dann ſtellte Herr Van⸗Dick Triſtan Herrn Wilhelm vor. Die beiden Männer grüßten ſich abermals. — Und jetzt, da alle ſich kennen, frühſtücken wir. Cuphraſta, die während dieſer Zeit ein gebratenes Huhn zerlegt, ließ nun die Aſſiette, worin ſich die Stücke befanden, eirculiren. Während alle aßen, prüfte unſer Tenor Euphraſia. Dieſe war eine Frau, der, man wußte nicht was fehlte, um ſie ſchön nennen zu können. Ihr Geſicht war ein wenig roth und ein wenig gewöhnlich, aber von einer gewiſſen bürgerlichen Regelmäßigkeit. Der Blick, für Au⸗ genblicke ſanft, veränderte ſich plötzlich bei der geringſten Aufregung und ward gebieteriſch; man ſah, daß das Sanfte erkünſtelt war. Die Stirn Euphraſia's war zwar hoch, aber ſchmal und glänzend, und aus dem ganzen Geſichte derſelben leuchtete eine eben nicht anſtändige Freiheit. Un⸗ ter ihrer geſunden Haut glaubte man den Lauf und das Leben des Blutes wahrnehmen zu können; ihre Arme wa⸗ ren voll, ſogenannte ſchöne Arme, aber nicht zu verwech⸗ ſeln mit wohlgeformten. Die Hände waren dick und un⸗ geſchickt. Hals und Buſen trug Madame Van⸗Dick faſt 4* immer über die Gebühr entblößt, ihre Kleidung war ge⸗ ſchmacklos und doch ſchien ſie überzeugt zu ſein, daß nichts ſchöner ſei, als ſie. Eine angeborene, faſt brutale Ueppig⸗ keit, ohne Geiſt und Anſtrich, ſprach aus ihrer ganzen Perſon. Sie mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zäh⸗ len und mußte für einen gewöhnlichen Mann, der ſich täuſcht und die Hitze des Blutes für Wärme des Herzens nimmt, immer noch eine wünſchenswerthe Frau ſein. Eu⸗ phraſia ſchien ſich ſelbſt am meiſten zu gefallen, denn ſie ſah beſtändig in den Spiegel, der ihr gegenüber an der Wand hing. Madame Van⸗Dick gab ſich gern ein wichtiges An⸗ ſehen und machte alle Welt glauben, ſie ſei die Seele des Hauſes. Wer ſie nicht ſchön fand, wurde von ihr gehaßt und ihr Haß mußte um ſo gefährlicher werden, als ſie darin ohne Verſtand handelte. Bei dem kleinſten Com⸗ plimente, das man ihr machte, bildete ſie ſich ein, man mache ihr den Hof, und ſagte man ihr über ihre Schön⸗ heit, ihre Grazie und ihren Geiſt die größten Schmeiche⸗ leien, Schmeicheleien, die faſt an Unverſchämtheit grenzten, ſo erreichte man immer noch nicht die Meinung, die ſie von ſich ſelbſt hegte. Fügt man dieſen Eigenſchaften noch eine ſchauerliche Unwiſſenheit hinzu, ſo hat man ein ziem⸗ lich treues Bild von Madame Van⸗Dick. — Wie man ſieht, war Euphraſia Van⸗Dick eine Per⸗ ſon, an die ein Mann von etwas mehr als gewöhnlicher Bildung nicht denken konnte. Schon nach Verlauf von zwei Stunden hatte Triſtan von allem, was wir hier angedeutet haben, den Beweis und ein leiſe ausgeſtoßenes„Hm!“ zeigte an, daß ſeine Wahrnehmungen nicht zu Euphraſia's Vortheil bei ihm ausgefallen waren. An der Seite dieſer Dame ſaß Herr Wilhelm. Dieſer junge Mann war eben ſo kräftig als ſeine Nachbarin, aber eine enge Halsbinde und ein enger Rock mit engen Aer⸗ meln hatten ihn dergeſtalt eingeſchnürt, daß man einen ſteifern Menſchen, wie er repräſentirte, nicht leicht ſehen konnte. Herr Wilhelm hatte hellblondes Haar, kaum ſicht⸗ bare Augenbrauen, hellblaue Augen, rothe Backen und rothe Hände. Eine bemerkenswerthe Doſis Geiſt ſchien er nicht zu beſitzen, er war aber dabei, wie es in der Regel nicht der Fall zu ſein pflegt, nicht anmaßend, und ſprach kein Wort. Oſt hatte er ſchon den Mund zum Reden geöffnet und Triſtan ſchien, aus Artigkeit, mit großer Auf⸗ merkſamkeit auf das zu warten, was der Commis ſagen wollte; aber ſtets ward Herr Wilhelm durch dieſe Auf⸗ merkſamkeit ſo verwirrt, daß er, um ſich zu beſchäftigen, ungeheuere Biſſen in den halbgeöffneten Mund ſchob, wo⸗ — möglich noch röther im Geſicht wurde und ausſah, als ob er weinen wollte. Um ihn zu beruhigen, warf ihm Eu⸗ phraſia durch den Spiegel einen Blick zu, der ſagen ſollte: „Sie ſind ſchön und benehmen ſich vortrefflich;“ aber ver⸗ gebens, Wilhelm blieb traurig und conſternirt wie ein mageres Frauenzimmer, das mit entblößtem Halſe daſitzt und um ſich herum runde, volle Achſeln gewahrt. Uebri⸗ gens ſchien Wilhelm eine gute Natur zu ſein und ein zärt⸗ liches Herz voll Illuſionen zu haben. Man merkte, daß dieſe Melancholie, die über ſeine ganze Perſon ausgegoſſen lag, von der großen Maſſe Blut herrührte, die er in den Wangen und in den Händen hatte, denn das Beſtreben, dieſe gemeinen Körperreize durch einen eleganten Umſchlag zu verdecken, war nicht zu verkennen. Um die Röthe ſei⸗ nes Geſichtes matter zu machen, trug er eine weiße Hals⸗ binde, die aber ſo feſt angelegt war, daß ihm das Blut in die Wangen ſtieg, und um weniger plump und ſan⸗ guiniſch zu erſcheinen, trug er ſchwarze Kleider, die aber ſo eng waren, daß er faſt die Hände und Beine nicht be⸗ wegen konnte. Wilhelm hatte zwar ſeine traurigen Augenblicke, er genoß aber auch ſeine Stunden des Troſtes. Madame Van⸗Dick liebte ihn und liebte ihn ſchon ſeit zwei Jahren. Sie waren eins für das andere geſchaffen. Sie, als eine wohlgenährte Dame, war voll Bewunderung für dieſe kräf⸗ tige, derbe Natur, und Wilhelm, als ein rother Koloß, liebte dieſe wohlgemäſtete Taube, die ſich ſeiner Liebe an⸗ vertraute. Der Tag, an dem Triſtan in dem Hauſe erſchien, war übrigens einer der traurigſten in dem Leben Wilhelm's, denn in dem Neuangekommenen erblickte er das Muſter des Mannes, den er vorſtellen wollte, aber nicht erreichen konnte So vft Triſtan mit der feinen weißen Hand ſei⸗ nen ſchwarzen Schnurrbart ſtrich oder in ſeinem vollen ſchö⸗ nen Haar wühlte, welches das bleiche, regelmäßige Geſicht umfloß, ſo oft fühlte ſich der arme Wilhelm von Schmerz und Bewunderung durchdrungen. Die ſchön gefertigte Klei⸗ dung Triſtan's, die er förmlich ſtudirte, erpreßte dem ar⸗ men jungen Manne tiefe Seufzer. Da er von Herzen gut war, ſo zählte er darauf, ſich in dem neuen Hausgenoſſen einen Freund zu erwerben und von ihm die Geheimniſſe dieſer gefülligen Toilette und dieſes einſchmeichelnden Be⸗ nehmens zu erlernen. Deshalb auch konnte Triſtan ſicher ſein, ſo oft er ein Wort ſprach, Wilhelms Geſicht lächelnd und bewundernd zu finden. Die dritte Perſon war das Kind, das ſich durch et⸗ was Beſonderes nicht auszeichnete. Nach dem Frühſtücke wurden die Zeichnungen in Au⸗ — genſchein genommen. Als Herr Van⸗Dick zwei oder drei derſelben mit angeſehen,— er kannte ſie nämlich ſchon alle— begab er ſich in ſein Bureau, um nachzuſehen, was ſich in ſeiner Abweſenheit ereignet hatte. Madame Van⸗Dick ſaß neben Wilhelm, der kleine Eduard legte ſeinen Kopf vor ſeine Mutter und Triſtan zeigte dieſen drei Perſonen eine Zeichnung nach der an⸗ dern, ein Frohndienſt, der ihm wenig Vergnügen gewährte, aber dazu dienen ſollte, ihn in ein gutes Einverſtändniß mit allen zu ſetzen. Euphraſia war entzückt, Wilhelm wie Euphraſia und. Eduard wie Wilhelm. Nachdem alle Bilder angeſehen, ward das Album ge⸗ ſchloſſen. Wilhelm ging in ſein Bureau, Euphraſia ſchickte ſich an, nach ihrem Zimmer zu gehen und Eduard lief 1 hinaus, um zu ſpielen. 1 Serr Van⸗Dick erſchien wieder und ſchlug Triſtan vor, die Merkwürdigkeiten der Stadt mit ihm in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Die Annahme dieſes Vorſchlages ſchien unſern Tenor am meiſten in die Gunſt Euphraſia's zu ſetzen, da er ſie von ihrem Manne befreite, denn ſie em⸗ pfahl ſich mit einer graziöſen Verbeugung und einem äu⸗ b ßerſt freundlichen Lächeln. Als Triſtun an die Thür kam, traf er Herrn Van⸗ — Dick, der mit der Magd in einem Geſpräche begriffen war. Wie wir bereits geſagt, war dieſe ein wohlgenährtes, ſtar⸗ kes Mädchen, faſt Wilhelms Figur, mit ſchönen ſchwarzen Augen, ſchwarzen Haaren und nervigen Armen, mit einem Worte eine Perſon, welche man als Statue der Freiheit hätte verwenden können. Herr Van⸗Dick verließ die Köchin, als er Triſtan be⸗ merkte. — Ich erwartete Sie! ſprach er. — Hier bin ich. Verzeihung, daß ich Sie warten ließ. Die beiden Männer verließen das Haus. Gegen fünf Uhr kamen die Spaziergänger zurück. Das Mittageſſen ging vorüber wie das Frühſtück, nur wollte es unſerm Triſtan ſcheinen, als ob Wilhelm etwas röther und Euphraſia etwas ruhiger ſei. Nach Tiſche ward ein Spaziergang durch den Garten gemacht, dann nahm Herr Van⸗Dick Triſtan mit ſich. Euphraſia blieb mit Wilhelm allein. Triſtan plauderte lange, denn er wollte die Unterhal⸗ tung der beiden Liebenden nicht ſtören. Nach einer hal⸗ ben Stunde kehrte er in den Saal zurück. Das Kind ward zu Bette geſchickt. Triſtan ſchützte die Anſtrengung der Reiſe vor und —— bat um die Erlaubniß, fſich zurückziehen zu dürfen, eine Erlaubniß, die man ihm gern bewilligte. Euphraſia fuhr fort, gegen ihren Gaſt liebenswürdig zu ſein und fragte nach, ob ſein Zimmer, wie ſie befoh⸗ len, in Ordnung gebracht ſei. Der Tenor ſtieg die Treppen hinauf und begab ſich in ſein Zimmer. Nach den gemachten Erfahrungen fand er das Haus ſchön und angenehm, er verſprach ſich ein zufriedenes, gemüthliches Leben mit ſeinen Bewohnern. — Madame Van⸗Dick, dachte er, hält ſich für ſenti⸗ mental, ſchön und geiſtreich; ich werde ihr ſagen, daß ich den Werther verehre, werde über den Schwank lachen und ihr den Beinamen Ninon geben. Herr Wilhelm will ſtets gut gekleidet erſcheinen, ich werde ihm ſeine Kleider aus⸗ wählen, ihm Sonntags die Halsbinde anlegen und er wird mich vergöttern. Der kleine Eduard iſt wild, ich werde ihm das Ballſpiel zeigen und ihn„Guter Mond, du gehſt ſo ſtille“ auf dem Piano ſpielen lehren. Herrn Van⸗Dick, der mir der beſte Menſch von der Welt zu ſein ſcheint, werde ich in ſeinen ausländiſchen Correſpondenzen helfen und werde, wenn es ſein muß, für ihn in das Feuer gehen. Unter dieſen Gedanken legte ſich S zu Bette, als es acht Uhr ſchlug. ne — Er mochte ungefähr vier Stunden geſchlafen haben, als er wieder erwachte. Da bemerkte er, daß er vergeſſen hatte, das Fenſter zu ſchließen, das in den Garten hin⸗ ausging, denn der friſche Nachtwind zog herein. Er ſtand auf und näherte ſich dieſem Fenſter. Da war es, als ob er in dem Fenſter des erſten Stockwerks, das ſich unter dem ſeinigen befand, ſprechen hörte. Leiſe ſteckte er den Kopf hinaus, und da es ſehr finſter war und er nicht ge⸗ ſehen werden konnte, lauſchte er. In demſelben Augenblicke bemerkte er einen Schatten, der eine Leiter an die Mauer des Hauſes legte. Gleich darauf ſah er eine Hand aus dem Fenſter kommen, welche dieſe Leiter befeſtigte. — Kann ich hinaufſteigen? fragte eine Stimme, in der er die Wilhelms erkannte. — Ja! antwortete eine andere Stimme, in der er die Euphraſia's erkannte. — Und Herr Van⸗Dick? — Schläft. — Gewiß? — Ganz gewiß! — Da bin ich, mein Engel! Und der dicke Wilhelm ſetzte den Fuß auf die erſte Sproſſe der Leiter, welchs unter dem Gewichte laut auf⸗ ſeufzte. Dann gelangte er an das Fenſter, ſtieg hinein, und Triſtan hörte nichts mehr. — Nicht übel! dachte Triſtan. Die Balcon⸗Stene aus Shakeſpeare's Romeo und Julia. Nachdem er das Fenſter geſchloſſen, wollte er ſich wieder zu Bette legen, da glaubte er aber auf dem Cor⸗ ridor ein Geräuſch zu vernehmen. Er öffnete die Thür ſeines Zimmers, ging leiſe bis zur Eingangsthür und legte. ſein Ohr an das Schlüſſelloch. — Lotte, ſprach eine Stimme, in der Triſtan die des Herrn Van⸗Dick erkannte, wo zum Teufel ſteckſt Du denn? — Hier bin ich! — Warum entläufſt Du mir denn immer? — Ich fürchte, daß Madame mich hört. — Meine Frau ſchläft. — Gewiß? 5 — Ganz gewiß! di Die Stimmen entfernten ſich und Triſtan glaubte 3 wahrzunehmen, daß ſie die Treppe hinaufgingen, die zu 8. dem Stockwerke über ſeinem Zimmer führte. A — Lotte, ſprach er leiſe zu ſich ſelbſt, iſt das große, C dicke Mädchen, das ich heute einige Male geſehen. Nicht 8 übel! Ich befinde mich zwiſchen zwei Liebſchaften. Unter 6 d mir Shakeſpeare, über mir Moliere. Im erſten Stockwe —— geht der Commis als Romeo zu ſeiner Herrin, und im dritten ſchleicht ſich Gros⸗René zur Marinette. Ich bin ſehr zufrieden mit dem, was ich hier wahrnehme, denn von morgen an werde ich das Eſſen ſtets ausgezeichnet gut ich finden, um der Köchin zu ſchmeicheln, die mir eine der mächtigſten Perſonen im Hauſe zu ſein ſcheint. ne r⸗ ür In dem Augenblicke, als es ein Uhr Morgens ſchlug, e kehrte Triſtan, vor Kälte zitternd, in ſein Zimmer zurück. es n7 5. So oft Triſtan am folgenden Tage den dicken Wilhelm oder Herrn Van⸗Dick ſah, regte ſich in ihm eine Lachluſt, die er kaum zu unterdrücken vermochte. Weder der eine noch der andere dieſer beiden Herren verrieth übrigens die zu geringſte Verlegenheit oder auch nur die leiſeſte Furcht. Als die Stunde des Frühſtücks erſchien, näherte ſich der e Commis dem Negocianten und reichte ihm die Hand, welche / ht der Letztere ſehr freundlich drückte; dann trat er Euphraſia entgegen und machte eine tiefe reſpectvolle Verbeugung. ke Herr Van⸗Dick wendete in dieſem Augenblicke den Kopf S————— nach einer andern Seite und bemerkte es nicht. Zuletzt näherte ſich Herr Wilhelm unſerm Triſtan, der, ihm die Hälfte des Weges erſparend, einige Schritte ihm entgegen machte und ſeine feine weiße Hand vertraulich in die breite, rothe Hand des jungen Kaufmanns legte. — Wie befinden Sie ſich? fragte dieſer und wurde über und über roth wie ein Menſch, der die erſten Worte einer Phraſe zu Tage fördert, auf die er ſich lange Zeit vorbereitet. — Gut; und Sie, Herr Wilhelm? — Danke, vortrefflich! Das Getümmel in dem Ka⸗ nale hat Sie wohl früh geweckt? — Ich konnte es nicht hören, da mein Zimmer nach dem Garten hinaus liegt. Herr Wilhelm wurde roth wie eine Kirſche und es bedurfte eines Blickes Euphrafia's, um ihm die Ruhe wie⸗ derzugeben. Saben Sie Bücher, begann Wilhelm wieder, im Falle Sie gewohnt ſind, ſpät einzuſchlafen? — O, im Gegentheil, antwortete Triſtan, der den armen jungen Mann wieder beruhigen wollte, um für die Folge mit ihm auf einem guten Fuße zu bleiben, im Ge⸗ gentheil, ich ſchlafe ſchon früh ein und erfreue mich eines bleiernen Schlafes, aus dem ich erſt bei hellem Tage erwache. — Sce— li E ich Et an nie Bl beſ rul Ap uch gro phr des raff — 65— etzt Triſtan hatte ſich nicht getäuſcht. Wilhelms Ge⸗ die ſichtszüge wurden ruhig und nahmen einen durchaus freund⸗ en lichen Ausdruck an. te, Man ſetzte ſich zu Tiſche: Wilhelm nahm zwiſchen Euphraſia und dem Kinde Platz, Triſtan zwiſchen Herrn de Van⸗Dick und Euphraſia. te— Vortreffliche Cotelettes, Madame, ſprach Triſtan, it ich mache Ihnen, Ihrer Köchin wegen, mein Compliment. Es iſt zwar erſt das zweite Mal, daß ich die Ehre habe, an Ihrem Tiſche zu ſitzen, aber ich muß geſtehen, daß ich ⸗ nie beſſer gegeſſen habe. Indem Triſtan dies ſagte, warf er verſtohlen einen h Blick auf Herrn Van⸗Dick; dieſer aber, wahrſcheinlich beſſer an ſolche Sachen gewöhnt, als ſein Commis, fuhr 8 ruhig fort, ſein Fleiſch zu zerſchneiden und mit großem ⸗ Appetite zu eſſen. — In der That, antwortete Euphraſta, unſere Lotte e iſt eine vortreffliche Köchin, außerdem iſt ſie treu und ehr⸗ lich und dafür ſteht ſie bei meinem Gemahl und mir in großer Gunſt. e Wie es Triſtan ſchien, ſahen ſich Wilhelm und Eu⸗ ⸗ phraſia bei dieſen Worten lächelnd an, während der Herr des Hauſes das Gelbe eines Eies mit der Miene eines raffinirten Gutſchmeckers einſchlürfte. — WMein Freund, ſprach der Kaufmann zu Triſtan nach einer Pauſe, ich habe Sie um einen Dienſt zu bitten. — Jemehr ich Ihnen nützen kann, antwortete dieſer, jemehr werde ich mich glücklich fühlen. — Hätten Sie wohl die Güte, fuhr der Negoeiant fort, zwei oder drei Briefe zu ſchreiben? Madame Van⸗ Dick wird Ihnen Anweiſung dazu ertheilen, denn ich muß in Geſchäften ausgehen. — Gern.. — Du weißt, doß an das Haus Schmidt zu Leip⸗ zig, Antonini zu Florenz, und William zu London ge⸗ ſchrieben werden muß. Sie, lieber Wilhelm, werden die Vallen erpediren. Ich zähle auf Sie. — Sie können ſich auf mich verlaſſen, Herr Van⸗Dick. — Wohin gehſt Du heute, mein Freund? fragte Euphraſia und warf einen flüchtigen Blick auf Wilhelm, der zu ſagen ſchien:„Vielleicht ſind wir allein.“ Wilhelm blickte auf Triſtan, als wollte er ſagen: „Und er bleibt.“ Euphraſia beruhigte ihren Geliebten aber durch einen Blick, der Triſtan überzeugte, daß ſie ihn nicht für fein genug hielt, um ihre Freundſchaft mit Wilhelm zu ahnen. ſer Freund. Für dieſes Lächeln werde ich mich rächen, dachte un⸗ c.— ſtan— Ich gehe nach Harlem, antwortete Herr Van⸗ tten. Dick, um dort meine Magazine in Augenſchein zu nehmen. eſer,— Es hat ſich dort während Ihrer Abweſenheit nichts ereignet, ſprach Wilhelm. iant— Thut nichts, der Weg dorthin wird eine heilſame an⸗ Promenade für mich ſein. Bis an den Hafen von Har⸗ nuß lem gehe ich zu Fuß, dort nehme ich mir einen Wagen und bin gegen Abend zum Diner wieder zurück. Sollte ich um ſechs Uhr nicht eingetroffen ſein, ſo ſetzt Euch im⸗ ip⸗ merhin zu Tiſche. Wir haben die Gewohnheit, auf Nie⸗ ge⸗ mand zu warten, fügte Herr Van⸗Dick hinzu, indem er die ſich zu ſeinem neuen Gaſte wandte, weder auf den Herrn noch auf die Frau vom Hauſe, noch auf die übrigen Genoſſen. ick.— Ich werde es mir merken, antwortete Triſtan. gte— Und jetzt, geliebte Freundin, verlaſſe ich Dich. lm, Der Holländer ſtand auf, ergriff die Hand ſeiner Frau und küßte ſie auf die Stirn. Wilhelm ſtieß einen en: Seufzer, von der Eiferſucht erpreßt, aus, während die re⸗ ſignirte Gattin ihm als Belohnung zulächelte. en Herr Van⸗Dick verließ das Zimmer. in Triſtan, der wegen der Briefe, die er ſchreiben ſollte, n. nähere Auskunft wünſchte, begleitete ihn bis zur Thür. n⸗ Hier angelangt, blieb Herr Van⸗Dick ſtehen, ſtieß die Thür der Küche auf und ſprach zu der Köchin: Die Holländerin. I. 5 — hm ſechs Uhr, mein Kind, vergiß es nicht. großen ſchwarzen Augen, Sie können außer Sorgen ſein. Herr Van⸗Dick wechſelte ein vertrauliches Lächeln mit ihr, das heißt, er lächelte nicht wie ein Herr vom Hauſe, welcher bei ſeiner Köchin das Mittageſſen beſtellt. Dann drückte er Triſtan noch einmal die Hand und verließ das Haus, nachdem er ſich eine Cigarre angezündet hatte. — Mein Herr, rief Lotte, als Triſtan ſich entfernen wollte, mein Herr! Triſtan blieb ſtehen. — Was wünſchen Sie, mein Kind, ſprach er und gab der Köchin denſelben Titel, welchen ihr Herr Van⸗ Dick gegeben hatte. — Mein Herr, fuhr Lotte fort, indem ſie ſich dem Gerufenen näherte, wenn Sie in Frankreich vielleicht an⸗ ders gewohnt ſind zu ſpeiſen, als hier, ſo geniren Sie ſich nicht. — Danke! — Wenn Sie Morgens vor elf Uhr eine Taſſe Milch, Kaffee, Choeolade oder eine gebratene Taube und eine Flaſche Bordeaux genießen wollen, ſo ſagen Sie es mir, ich bringe es Ihnen auf Ihr Zimmer. — Danke, danke! — Nein, Herr, ſprach das dicke Mädchen mit den — 67— — Sollten Sie einmal Appetit bekommen, ſo ſagen en Sie es mir, ich werde für Sie ſorgen. Sie brauchen ſich n. an keinen andern im Hauſe zu wenden, der Berr hat es nit mir anbefohlen. ſe, Die Köchin zog ſich in ihre Küche zurück, wo ſie wie in eine unbeſchränkte Königin waltete, eine Freiheit, die ihr as die Freundſchaft des Hausherrn zugeſichert. Triſtan trat in dem Augenblicke wieder in das Zim⸗ en mer, als Wilhelm ſich anſchickte, von Euphraſia Abſchied zu nehmen, die ſich mit Sticken beſchäftigte. — Ich erwartete Sie, ſprach Madame Van⸗Dick. id Triſtan verbeugte ſich. ⸗— Und ich verlaſſe Sie, ſprach Wilhelm, um in mein Bureau zurückzukehren. m Wilhelm empfahl ſich und ging. i⸗— Ein charmanter junger Mann, ſprach Triſtan. ie— Es iſt wahr! antwortete Euphraſia, leiſe erröthend. — Während der Reiſe hat Herr Van⸗Dick mir viel Gutes von dem jungen Manne geſagt, und ich muß be⸗ h, kennen, daß ſich Alles beſtätigt. te— Es iſt ein zuverläſſiger, biederer Menſch, dem mein r, Mann ſein ganzes Vertrauen ſchenkt. — Man ſieht es ihm an, er hat ein freies, offenes und dabei intereſſantes Geſicht. 5* — 68— Um den Schein zu meiden, als ob er mit Fleiß die Eigenſchaften des jungen Sandlungsbefliſſenen rühmte, gab er dem Geſpräche eine andere Wendung. — Hätten Sie wohl die Güte, Madame, und ſagten mir, in welchem Sinne ich die Briefe an die Herren Schmidt, Antonini und William zu ſchreiben habe? Euphraſia erwachte aus einer leichten Träumerei, in welche ſie die Complimente Triſtan's über Wilhelm ver⸗ ſenkt hatten, und indem ſie einen dankenden Blick auf un⸗ ſern Helden warf, ſprach ſie: — Ach, Verzeihung, ich bin ſo zerſtreut, daß ich dieſe Briefe vergeſſen hatte. Sie ſtand auf und ging in das Zimmer ihres Man⸗ nes, um einige Papiere zu holen. — Es iſt unbezweifelt, ſprach Triſtan bei ſich ſelbſt, ſie liebt ihren Wilhelm leidenſchaftlich. Da es ihm ſehr gleichgültig ſein konnte, ob ſie den wohlgenährten Kaufmannsdiener liebte oder nicht, betrach⸗ tete er, um die Pauſe bis zu Euphraſia's Rückkehr aus⸗ zufüllen, die Stickerei, mit der ſie beſchäftigt war. — Sier ſind die Briefe, ſprach Madame eintretend, die zu beantworten find. Mein Mann iſt bereit, die ver⸗ langten Lieferungen zu machen, er erwartet nur einen Avis⸗Brief, um ſie zu erpediren. die gab ten ren in er⸗ n⸗ eſe n⸗ P — 65— — Iſt außerdem noch etwas zu bemerken? — Nichts. Triſtan ergriff Papier, Feder und Dinte, ſetzte ſich an den Tiſch und ſchickte ſich an, zu ſchreiben. In dieſem Augenblicke warf Madame Van⸗Dick Wil⸗ helm, der in ſeinem Bureau neben dem Fenſter ſaß, einen langen, zärtlichen Blick zu. Beide konnten miteinander correſpondiren, wenn auch nicht durch Worte, doch durch Winke. Triſtan that, als ob er nichts merkte, und vollendete ruhig ſeine Arbeit. Nach kurzer Zeit war er damit fer⸗ tig, dann las er den Inhalt der Briefe Madame Van⸗ Dick franzöſiſch vor. — Vortrefflich, ſprach ſie, Sie befreien meinen Mann von einer großen Laſt, wenn Sie ihm öfter den Dienſt leiſten, den Sie ihm heute geleiſtet haben. Und dieſe Frau, anmaßend bis zur Lächerlichkeit, be⸗ gleitete dieſe ſo einfache Phraſe mit einem Blicke, den die Augen in der Regel für die Ergießungen des Herzens auf⸗ bewahren. Triſtan, der ſich nach und nach den Gewohnheiten dieſer Dame fügte, fiel dieſer Redeton weiter nicht auf, er dankte ganz einfach, ohne ihm eine Bedeutung unterzu⸗ legen. — 55— — Kann ich Ihnen noch in etwas nützlich ſein? fragte er. — Nein; alles, was Sie für heute thun konnten, haben Sie gethan. Wollen Sie mich ſchon verlaſſen? Dieſen Satz ſprach Euphraſia in einem Tone, in welchem eine andere geſagt haben würde:„Ich fühle, daß ich ſterben muß!“ — O nein, Madame; ich würde mich ſogar ſehr glücklich preiſen, wenn ich Ihnen ferner noch Geſellſchaft leiſten darf. — Sehr verbunden! Ein Lächeln der Dankbarkeit umſchwebte die Lippen der Madame Van⸗Dick.. 8 — Erzählen Sie mir doch, Herr Triſtan, fuhr ſie fort, wie Sie die Bekanntſchaft meines Mannes gemacht haben. Triſtan erzählte. — Es gieht doch ſonderbare Zufälle, ſprach ſie dann nach der Erzählung. — In der That, entgegnete Triſtan, einen Seufzer ausſtoßend, wie hätte ich denken können, daß ich nach Holland kommen und der Gaſt eines ſo freundlichen, wohl⸗ wollenden Hauſes werden würde! Um Euphraſia zu ſchmeicheln, ſtieß Triſtan einen zweiten Seufzer aus. — in?— Herr Van⸗Dick hat mir geſagt, daß Sie ihm gleich gefallen hätten. en,— Und ich, Madame, muß geſtehen, daß mich eine unerklärliche Sympathie an ihn feſſelt. in— Er iſt auch ein vortrefflicher Mann, nicht wahr? daß— Ja, Madame, eine auserleſene Natur! — Berr Triſtan, ich fühle mich ſo zu Ihnen hinge⸗ ehr zogen, als ob Sie bereits einer meiner älteſten Freunde aft wären; darum kann ich Ihnen geſtehen, daß, obgleich Herr Van⸗Dick ein höchſt achtbarer Mann iſt, ich doch nicht immer glücklich mit ihm geweſen bin. en— Iſt es möglich, Madame! rief unſer Tenor mit einer Miene, die Ueberraſchung, Erſtaunen und Mitleiden zu⸗ ſie gleich ausdrückte. n.— Was ich ſagte, Herr Triſtan, iſt die reine, trau⸗ rige Wahrheit. Herr Van⸗Dick iſt ein Mann des Han⸗ nn dels, ein Mann, der wohl eine Frau von vierzig Jahren glücklich machen konnte, aber nicht ein junges Mädchen er von ſechszehn Jahren, wie ich war, als ich ihn heirathete. ch— Wie, Madame, rief Triſtan, Sie ſind ſchon ſechs⸗ ⸗ undzwanzig Jahre alt? Sie ſcheinen kaum zweiundzwanzig zu zählen! Als ich den großen Knaben ſah, der dort im en Garten ſpielt, wollte ich nicht glauben, daß er Ihr Sohn ſei; ich hätte wetten mögen, daß er Ihr Bruder wäre. — 2— — O Sie Schmeichler, ſprach ſie erröthend, der Franzoſe iſt in Ihnen nicht zu verkennen! — Ich ein Schmeichler, Madame? O Sie ſcheinen mich nicht zu kennen! — Ich weiß genau, wie alt ich bin, weiß auch, daß ich nicht nur ſechsundzwanzig Jahre alt ſcheine, ſondern dreißig Jahre. — Sie ſcherzen, Madame! — O nein! Ich habe ſehr viel gelitten! Alle die Seufzer, die Madame Van⸗Dick bis jetzt ausgeſtoßen hatte, waren nichts gegen den, den ſie bei die⸗ ſen Worten ausſtieß. „Wenn das ſo fort geht, dachte Triſtan, wird mein Aufenthalt in dieſem Hauſe nicht immer der angenehmſte ſein.“ — Sie haben gelitten? Welcher Dämon, eiferſüchtig 4 auf Ihre Schönheit, iſt im Stande geweſen, den Blumen Ihrer Bahn und den Tagen Ihres Lebens Duft und Glanz zu rauben? Triſtan biß die Lippen zuſammen, ein gewöhnliches Mittel, ſich des Lachens zu erwehren. — Sie zweifeln, weil Sie meiner äußern Ruhe glau⸗ ben, ohne in das Innere zu blicken. — Berzeihen Sie mir dieſe Reflerion, Madame; aber —— der worin hätten Sie unglücklich geweſen ſein können? Ihr Gemahl liebt Sie, Ihr Sohn betet Sie an; Sie ſind jung, nen reich, ſchön, die Männer müſſen Sie bewundern, oder ſie haben keine Augen, und die Frauen müſſen Sie beneiden, daß oder ſie haben keine Eigenliebe mehr. Was wünſchen Sie ern noch mehr? — Rechnen Sie für nichts, mein Herr, wenn man die Träume ſeines Lebens nach und nach hat verſchwinden geſehen? Ach, ihr Mädchenträume, wo ſeid ihr hin? tzt Nachdem Euphraſia wehmüthig gen Himmel geblickt, ie⸗ ließ ſie das Haupt melancholiſch auf den vollen Buſen herabfinken, was in der ganzen Welt ein 38 tiefer in Trauer iſt. ſte— Welch' ein lächerliches, unangenehmes Weib! dachte Triſtan. Hätte mir ihr Mann dies Alles vorher⸗ ig geſagt, ich weiß nicht, ob ich gefolgt wäre. Armer en Wilhelm! d— Haben Sie je geliebt, Herr Triſtan? fragte Eu⸗ phraſia nach einer Pauſe. 8— O ja, Madame. — Oft? ⸗— Nur einmal. Madame Van⸗Dick ſchien den jungen Mann mit Be⸗ r wunderung zu betrachten. — 1— — Ach, es muß doch ſchön ſein, nur einmal geliebt zu haben! Und ſind Sie von ihr wiedergeliebt, Herr Triſtan? — Ich glaube, ja. — Und jetzt? — Jetzt iſt ſie todt. — Armer junger Mann! Eine gehorſame Thräne glänzte in den Augen Eu⸗ phraſia's. — War es vielleicht ein junges Mädchen, das Sie entführt haben? fragte Madame Van⸗Dick weiter, die hoffte, etwas von dem Roman aus Triſtans Leben kennen zu lernen. — Nein, Madame, es war meine Frau. — Ihre Frau? — Sie liebten Ihre Frau! So giebt es in der Welt doch verheirathete Männer, welche ihre Frauen lieben? — Sie ſollten doch weniger als irgend Jemand daran zweifeln, denn Ihr Mann betet ſie an. Madame Van⸗Dick ſenkte den Kopf. — Bevor Sie Ihre Frau heiratheten, Herr Triſtan, machten Sie ihr den Hof, nicht wahr? — Gewiß. liebt Herr Eu⸗ Sie ffte, zu n, — Abends gingen Sie in dunkeln, einſamen Alleen mit ihr ſpazieren? — Ja. — Sie drückte Ihnen die Sand und Nachts träumte einer von dem andern? — Ganz recht. — Leider! Ein Seufzer ertönte. — Haben Sie dieſes Glück, Madame, das Sie mir ſo genau beſchreiben, nicht auch empfunden? — Nein, dieſes Glück iſt ein Traum, der bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen. „Ein Satz, dachte Friſtan, der für Herrn Wilhelm nicht ſehr ſchmeichelhaft iſt.“ — Aber für dieſes Glück, das Sie bedauern nicht genoſſen zu haben, fügte er laut hinzu, genoſſen Sie das häusliche Glück, Familienfreuden und die Annehmlichkeiten des Reichthums. Und wenn Ihre Vergangenheit— in Ihrem Alter, Madame, hat man übrigens noch keine Ver⸗ gangenheit— wenn Ihre Vergangenheit ohne Leidenſchaft war, das heißt, ohne Sturm, iſt ihre Zukunft ohne Un⸗ ruhe. In Ihrem Leben, deſſen Tage ruhig dahinfloſſen, bildet ſich am Morgen ſtets derſelbe reine, klare Horizont, der am Abend verſchwand. Da Sie nur von Liebe ge⸗ — 6— träumt, haben Sie nie Enttäuſchung, Sehnſucht und Ver⸗ langen kennen gelernt. Hätte ich, Madame, der ich in demſelben Alter ſtehe, wie Sie, zwiſchen Ihrem Glücke und dem meinigen zu wählen, ich gäbe dem Ihrigen den Vor⸗ zug, denn Sie glauben noch, ich aber glaube nicht mehr. — Und doch wäre ich glücklich geweſen, rief Eu⸗ phraſia in erkünſtelter Exaltation, hätte ich anſtatt eines ſo materiellen Ehemannes einen liebenden Gatten gefun⸗ den, wie Sie ſind! Sie ſcheinen mir einer von den Män⸗ nern zu ſein, die aus tiefem Herzen lieben. — Bolla! dachte Triſtan, als er die Blicke bemerkte, init welchen Euphraſta dieſe Worte begleitete. Madame Van⸗Dick hat Luſt, den Herrn Wilhelm zu hintergehen. — Es iſt wahr, Madame, fuhr er laut fort, ich liebte aus tiefem Herzen; aber eine ſolche Liebe, wie ich ſie empfand, verbrennt das Herz und läßt nur einen Haufen Aſche zurück, unter dem auch nicht ein Fünkchen Feuer mehr glimmt. Triſtan hielt dieſen albernen Satz, den er mit einer wahren Zerknirſchung geſprochen hatte, für geeignet, Eu⸗ phraſia in Bezug auf ſich vollkommen aufzuklären, im Fall ſie ſich geneigt fühlen ſollte, ihn mit jener Leiden⸗ ſchaft zu beehren, welche ſie bedauerte, nicht empfunden zu haben. — Euphraſia fuhr fort, ſich mit ihrer Stickerei zu be⸗ ſchäftigen, ihre Blicke aber, anſtatt wie früher nach Wil⸗ helms Bureau hinüberzuſchweifen, richteten ſich verſtohlen auf Triſtan, der mit einer Feder auf einem Stück Papier zeichnete, das vor ihm liegen geblieben war. — Was machen Sie da, Herr Triſtan? fragte Eu⸗ phraſia. — Ich zeichne die Parthie des Gartens, in welcher ſich jenes alte Haus erhebt, das viel Charakter hat. — Ich muß Sie um etwas bitten, Herr Triſtan. — Reden Sie, Madame. — Ich möchte, daß Sie mir mein Portrait machten. — Mit Vergnügen, Madame, und ſelbſt mit großer Dankbarkeit, denn ein Maler iſt ſtolz und glücklich, ein ſchönes Geſicht geſchaffen zu haben. — Sie ſind ſehr gütig. So willigen Sie alſo ein? — Jetzt fordere ich es ſogar. — Sie ſind ſehr liebenswürdig. Bei dieſen Worten reichte Euphraſia dem Tenor ihre große Hand, welche dieſer an ſeine Lippen drückte. — Die Sache iſt alſo abgemacht. Von heute an bin ich zu Ihrem Dienſte bereit. — Morgen alſo? — Wie es Ihnen beliebt. —— — Ich bitte jedoch, die Sache geheim zu halten. — Vor Herrn Van⸗Dick? — Vor aller Welt. — Es ſoll niemand etwas davon erfahren. — Es wird ein Miniaturgemälde, nicht wahr? — Ja, Madame, eines von jenen Gemälden, ant⸗ wortete Triſtan betonend, welche aus einer Hand in die andere gehen, ohne daß man es bemerkt, und das ganze Leben hindurch auf dem Herzen ruhen können, ohne daß man ſie dort vermuthet. — Ach ja, ein ſolches Portrait wünſche ich mir. Euphraſia warf einen Blick durch das Fenſter nach Wilhelm hinüber, der ſagen ſollte:„Ich beſchäftige mich mit Ihnen.“ Triſtan erhob ſich. — Wie, Sie ſtehen auf? rief Madame Van⸗Dick in einem Tone, mit dem ſie eben ſo gut hätte ſagen können: „Wie, Ihre Mutter iſt geſtorben?“ — Ja, Madame. — Wollen Sie ausgehen? — Nein; ich will zu Ihrem Herrn Sohne gehen, um ihm heute den erſten Unterricht zu ertheilen. — Um zu dem Sohne zu gehen, verlaſſen Sie die Mutter? — Ich muß, Madame. — So gehen Sie denn; ſobald aber der Unterricht beendet iſt, kehren Sie zurück, um ein wenig mit mir zu plaudern. — Wenn Sie erlauben— — Ich befehle es! Madame Van⸗Dick reichte Triſtan abermals ihre Hand. Der junge Mann ſchritt der Thür zu, und als er ſie im Rücken hatte, ſtieß er einen Seufzer aus, der über ſeine Freude, endlich frei zu ſein, keinen Zweifel übrig ließ. Euphraſia nahm ihren Platz am Fenſter wieder ein und fuhr zu arbeiten fort. Wilhelms Geſicht ſtrahlte vor Freude, als er bemerkte, daß ſie ſich mit ihm allein be⸗ ſchäftigte, denn ein Blick und ein Lächeln folgte dem andern. Triſtan führte den Knaben auf ſein Zimmer und ließ ihn ſich mit dem Rücken dem Fenſter zu ſetzen, ſo daß er den Blickwechſel Wilhelms und Euphraſia's beobachten konnte, der, ſeit ſich Madame Van⸗Oick unbeobachtet glaubte, im⸗ mer ſentimentaler wurde. Der Exrtenor prüfte nun ſeinen Schüler und nahm mit Schrecken wahr, daß er noch nicht einmal die Anfangsgründe des Leſens und Schreibens wußte. Der Lehrer ſeufzte tief auf, als er des Horizontes gedachte, der ſich vor ihm entrollte. Er tröſtete ſich jedoch damit, daß aller Anfang ſchwer ſei, und daß das Haus am Prin⸗ — S zen⸗Kanal ihm vielleicht weniger unangenehm ſein würde, wenn er ſich an die Koketterien der Mutter und an die Unwiſſenheit des Sohnes gewöhnt hatte. Es ſchien indeß, als zöge Triſtan das zweite Uebel dem erſten vor, denn anſtatt zu Madame Van⸗Dick zurück⸗ zukehren und ihrem Geſchwätze zu lauſchen, blieb er bis zum Diner in ſeinem Zimmer und hörte die Dummheiten des Herrn Eduard an. Herr Van⸗Dick kam zurück, wie er verſprochen. So lange man bei Tiſche ſaß, hatte Triſtan das Vergnügen, zu ſehen, daß Wilhelm Euphraſia betrachtete, wie Paul ſeine Virginie. Wie ſchon geſagt, ſchien Wilhelm für Triſtan eine beſondere Zuneigung zu hegen. Anſtatt, wie es bei ge⸗ meinen Seelen in der Regel der Fall iſt, von der Bewun⸗ derung zum Neide überzugehen, entſtand in ihm der Wunſch, mit ſeinem neuen Genoſſen ein aufrichtiges Freundſchafts⸗ verhültniß zu ſchließen, denn er hoffte von ihm die Sitten und Manieren zu erlernen, welche Triſtan in ſeinen Au⸗ gen vor ſo vielen Männern auszeichneten. Dieſer hatte Wilhelms Wunſch auch bald erkannt und war nicht ab⸗ geneigt, ihn nach Kräften zu erfüllen. Unglücklicherweiſe war der Handlungsbefliſſene aber ſo ſchüchtern, daß er es nicht wagte, ſich dem jungen Manne ganz zu entdecken. — 81— Triſtan mußte demnach ſeine Gefühle aus den Blicken und dem Lächeln leſen, die, beiläufig geſagt, über ſein Wohl⸗ . wollen keinen Zweifel obwalten ließen. Auf dieſe Weiſe war Triſtan Euphraſta's wirklicher Rival geworden. Wilhelm betrachtete ſeine Herrin mit Liebe, unſern Triſtan aber mit Bewunderung. Der Schön⸗ heit der Geliebten widmete er ſein Herz, die Augen aber 5 der Toilette ſeines Freundes. Jeden Morgen, wenn Triſtan erſchien, eilte Wilhelm ihm entgegen, und trug Triſtan eine andere Cravatte oder eine andere Weſte als Abends zuvor, ſo ſah ihn Wilhelm an, wie ein geheilter Blinder den Tag anſieht. — Ach, Herr Triſtan, rief er dann aus eine reizende Cravatte tragen Sie heute! — Herr Wilhelm, antwortete Triſtan, ich beſitze Stück von dieſer Sorte, darf ich mir erlauben, Ihnen davon anzubieten? — Ich weiß nicht, ob ich darf — Nehmen Sie, ſprach Triſtan, es ſind Sachen, die aus Frankreich kommen und die Sie hier nicht würden. Wilhelm erſchöpfte ſich in Dankſagungen und Triſtan wollte nicht nur, daß der Commis die Cravatte annahm, ſondern er band ſie ihm auch um, und ſolche Tage waren Die Holländerin. I. 5 6 „was für zwei eine vorfinden — 82— für Wilhelm die glücklichſten. Unſer Holländer war dabei aber ein ſehr delieater Jüngling, er wollte durchaus nichts nehmen, ohne dafür zu geben; ſtets machte er Triſtan in derſelben Art Gegengeſchenke. Auf dieſe Weiſe bildete ſich zwiſchen den beiden jun⸗ gen Leuten bald ein Verhältniß, wie Wilhelm es gewünſcht. Triſtan, der anfangs kaum das Lachen unterdrücken konnte, wenn der Commis den Mund öffnete, um zu reden, aber kein Wort hervorzubringen wagte, hörte ihm jetzt mit Ver⸗ gnügen zu, denn Wilhelms Schüchternheit war einer freund⸗ lichen Offenheit gewichen und er entwickelte nicht nur Geiſt in ſeiner Unterhaltung, ſondern auch einen nicht unbedeu⸗ tenden Schatz von Kenntniſſen. Durch dieſe neue Entveckung ward das freundſchaft⸗ liche Band, das die beiden jungen Männer umſchlang, noch feſter geknüpft und mit jedem Tage verſtanden ſie ſich einander mehr. Hatte einer den andern um etwas zu bitten, ſo konnte er ſich der Gewährung ſtets verſichert halten. Man muß aber hieraus nicht ſchließen, daß Wilhel[m und Triſtan unzertrennlich waren. O durchaus nicht! Sie ſahen ſich täglich kaum zwei Stunden, aber ihr Umgang war ein herzlicher, und ſo oft ſie ſich fahen, waren ſie glücklich. —— — — 83— Wie kommt es aber, wird der Leſer fragen, da Wil⸗ helm ein wackerer junger Mann iſt, daß er den Mann, von dem er abhängt, betrügt, indem er der Liebhaber ſei⸗ ner Frau iſt? Antwort: Ein Ehemann wird nur dann betrogen, wenn er an die Liebe ſeiner Frau glaubt, wenn er dieſe Frau liebt und nicht weiß, daß ſie einen andern liebt. Und wer hat Ih⸗ nen geſagt, daß Herr Van⸗Dick zu dieſer Gattung Ehe⸗ männer gehört? 6. In der Liebe des jungen Handlungsdieners zu der Frau des Leinwandhändlers lag ſo viel jugendliche Un⸗ befangenheit, ja ſelbſt ſo viel offenes Vertrauen, daß dieſe Liaiſon, die unſerm Triſtan anfangs lächerlich erſchien, ihm endlich eine gewiſſe Achtung einflößte, und anſtatt ſich dar⸗ über luſtig zu machen, ſchloß er ſich ſeinem Freunde um ſo inniger an. Hauſes auf dieſer Außerdem ſchien auch der Frieden des Liebe zu beruhen, denn überall herrſchte 6* eine völlige Harmonie. Herr Van⸗Dick, der vielleicht är⸗ gerliche Auftritte fürchtete, fand alles gut, was die Köchin that, und dieſe that, was ſie wollte; Euphraſta, welche ihre Gründe hatte, ihren Mann mit Schonung zu behan⸗ deln, billigte alles, was Herr Van⸗Dick that; Wilhelm, der nur Augen und Sinn für ſeine Geliebte hatte, fand alles vortrefflich, was dieſe that, und Triſtan, der aller bedurfte, lobte die Küche der Köchin, bewunderte die Spe⸗ culationen des Gatten, lächelte über die witzigen Einfälle der Gattin und verehrte die Gutherzigkeit des Liebhabers. Er war indeß nicht ſelten gezwungen, Zerſtreuung außer dem Hauſe zu ſuchen, denn in dem Hauſe hatte er weder eine Bekanntſchaft, noch eine Liebe, und wenn Herr Van⸗Dick in der Küche und Wilhelm im Saale war, blieb ihm nichts weiter übrig, als mit Monſieur Eduard eine Gruppe für ſich zu bilden, und Monſieur Eduard war eine ungezogene Range. Triſtan hatte weder das Alter, noch den Charakter und die Erziehung, um lange Zeit dieſes einformige Leben zu ertragen, es mußte ihm ein Erſatz, in Geſtalt einer Frau, von außen her kommen, aber in einer wahrhaften Frau, die ihn an Louiſe, an Henriette und Lea zugleich erinnerte. Dieſer Gedanke ſtieg in ihm auf, während er an dem —— Portrait der Madame Van⸗Dick arbeitete, und als die Au⸗ gen, welche jenen unfühlbaren Punkt ſuchten, auf den ſein Sinnen gerichtet war, zufällig auf Wilhelm und Euphraſia fielen, die, wenn ſie ſich mit den Händen nicht erreichen konnten, ſich durch Blicke näherten, da beneidete er die glückliche Natur dieſes Handlungsvieners, der ſich glücklich pries, ein ſo lächerliches Geſchöpf als Madame Van⸗Dick zur Geliebten zu haben. Es läßt ſich leicht denken, daß die Stellung, welche Euphraſia für ihr Miniaturgemälde ſuchte, keine unbedeu⸗ tende Sache war. So verlangte ſie, der Maler ſolle ihr die von allen Jungfrauen Raphael's angeben, denn in ei⸗ ner ſolchen wollte ſie ſich ſtets den Blicken Wilhelms zei⸗ gen. Unſer Freund hatte große Mühe, ihr dies auszure⸗ den und begreiflich zu machen, daß die Jungfrauen Ra⸗ phael's das heilige Kind neben ſich hätten und daß ſie doch unmöglich Monſieur Eduard auf ihr Knie nehmen könne, um der heiligen Jungfrau zu gleichen. Die gute Madame Van⸗Dick bequemte ſich endlich, eine Stellung aus dem neunzehnten Jahrhundert in einem zeitgemäßen Kleide zu nehmen und ergab ſich darein, ſich mit Blumen in dem gelockten Haare, mit entblößtem Bu⸗ ſen, nackten Armen, feuchtem Blicke und melancholiſchem Lächeln malen zu laſſen. * Als alles vorbereitet, ſetzte ſich Triſtan an die Arbeit. Eine lange Pauſe trat ein. Triſtan richtete nur dann ſeine Blicke auf Euphraſia, wenn es nöthig war; ſobald dieſe aber auf der Zeichnung ruheten, drängte ſich ihm der Gedanke an die Vergangenheit auf. Ein tiefer Seufzer entquoll ſeiner Bruſt, als er ſie mit der Gegenwart, das heißt mit Euphraſia, verglich. — Was fehlt Ihnen, Herr Triſtan? fragte dieſe, Sie ſcheinen mir traurig zu ſein? Bei dem Ausſprechen dieſer Worte kniff die Hollän⸗ derin ihre Lippen dicht zuſammen, um den Maler auch nicht einen Augenblick glauben zu machen, ſie habe einen großen Mund, und daher kam es, daß die Frage in einem ziſchenden Tone zu Tage gefördert wurde. Triſtan, der ſah, daß ſich Euphraſia Mühe gab, ſo zu ſprechen, und nicht dafür bürgen konnte, bei der näch⸗ ſten Frage ſein Lachen zu unterdrücken, antwortete: — O es iſt nicht nöthig, Madame, daß Sie ſich ge⸗ niren, wenn Sie ſprechen wollen. Wenn Sie Ihre Stel⸗ lung beibehalten, kann ich auch im Geſpräche arbeiten, es wird alles gut werden. Euphraſia erröthete ein wenig bei der Bemerkung des Malers, dann aber antwortete ſie mit einer unendlichen Grazie: — — — Alles das giebt mir indeß den Grund Ihres Seufzers nicht an. Was fehlt Ihnen? Schenken Sie mir Ihr Vertrauen, und haben Sie Kummer, ſo theilen Sie ihn mit mit. Es giebt gewiſſe moraliſche Wunden, die wir Frauen beſſer zu verbinden verſtehen, als die größten Philoſophen. Obgleich dieſe Phraſe eine ganz gewöhnliche war, ſo mußte Triſtan dennoch darüber ſtaunen und mehr noch über den Ausdruck, in welchem ſie geſprochen wurde. „Sollte Madame Van⸗Dick bei allen ihren Lächer⸗ lichkeiten dennoch Herz beſitzen?“ dachte der Maler, und um ſie für dieſe Entdeckung zu belohnen, antwortete er Euphraſia, wie er einer andern Frau geantwortet haben würde: — Ich bin in der That traurig, Madame, weil mich der Anblick des Glücks, deſſen ſich alle hier zu erfreuen haben, und vorzüglich Sie, an meine verlaſſene Stellung in der Welt erinnert. Und wenn ich bedenke, daß ich Sie, ſo ſchön und liebenswürdig, jetzt male, ſo ſagt mir eine Stimme, der Maler und ſein Original bereiten jemandem ein Glück, das mir niemand geben wird. Ja, Madame, ich bin traurig, wenn ich in Ihr jugendlich ſchönes Antlitz blicke, weil ich mich eines entſchwundenen Schattens erin⸗ nere, der faſt ſo ſchön war, als Sie! Die Worte„Ffaſt ſo ſchön als Sie“ brachte auf die eitle Madame Van⸗Dick einen ſolchen Eindruck hervor, daß ſie vor Freude hochroth wurde. — Ach nein, antwortete ſie ſich zierend, ich bin nicht ſchöner, Sie treiben Scherz mit mir. Ich bin feſt über⸗ zeugt, daß die am wenigſten ſchöne von den Frauen, die Sie geliebt— ich ſetze voraus, daß Sie mehrere geliebt haben— immer noch ſchöner war, als ich bin; aber die Reize des Geſichts wiegen die Eigenſchaften des Herzens nicht auf und aufrichtige Freundſchaft iſt wohl im Stande, Liebeskummer zu mildern. — Haben Sie Ihre Mutter noch? fragte theilneh⸗ mend Euphraſia nach einer kleinen Pauſe. — Nein, Madame. — Keinen Bruder, keine Schweſter? — Nein. — Ueberhaupt keine Familie? — Nein, antwortete Triſtan traurig, der durch dieſe Fragen an ſeine Einſamkeit erinnert wurde.— — Armer junger Mann! Ich werde mich bemühen, Sie hier finden zu laſſen, was Ihnen fehlt. Herr Van⸗ Dick wird Ihnen Bruder, ich Ihnen Schweſter ſein. Wol⸗ len Sie es? — Ach, wie dankbar würde ich es annehmen, wenn ich nicht fürchten müßte, Ihnen Mühe zu verurſachen und einem Dritten die glücklichen Augenblicke zu rauben, die Sie mir vielleicht in Zukunft widmen würden. — Welchen Dritten meinen Sie, mein beſter Triſtan? fragte Euphraſia erſtaunt. — Ich meine den, dem dieſes Portrait beſtimmt iſt. — Und für wen glauben Sie? — Darf ich alles ſagen, was ich denke? — Reden Sie! — Für Herrn Wilhelm. — Gut! Darf ich Sie um eine Gefälligkeit bitten, Herr Triſtan? — Bitten Sie. — Sagen Sie Herrn Wilhelm nichts von dieſem Portrait. — Wollen Sie ihm eine Ueberraſchung bereiten? — Nein, fuhr Euphraſia erröthend fort; dieſes Portrait iſt nicht für ihn. — Und wem haben Sie es beſtimmt? Sie ſehen, Madame, prach Triſtan weiter, daß ich ein aufdringlicher Freund bin. Noch iſt es Zeit, Ihr Verſprechen, mir Schweſter ſein zu wollen, zurückzunehmen, wenn Sie fin⸗ den, daß ich zu viel fordere. Euphraſia ſah Triſtan ſcharf an, um zu erforſchen, — 90— ob ſie ihm die Wahrheit ſagen dürfe. Da es ihr ſchien, als ob der Maler ſie freundlich und verlangend anſah, ant⸗ wortete ſie: — Dieſes Portrait iſt für—— Nein, iſt es voll⸗ endet, werde ich Sie ſelbſt bitten, es der Perſon zu über⸗ reichen, der es beſtimmt iſt. — Nach Ihrem Gefallen, ſprach Triſtan lächelnd. Dieſer Auftrag wird mir das Geheimniß erſetzen. Doch, fügte er hinzu, wir haben ſo eifrig geplaudert, daß wir das Nahen des Abends nicht bemerkten. Wenn es Ihnen recht iſt, beginnen wir morgen wieder. Euphraſia ſtand auf, trat hinter Triſtan und betrach⸗ tete, das Haupt über ſeine Schulter geneigt, das Portrait. — Schmeichler, ſprach ſie ſich zietend, ich bin nicht ſo ſchön, als Sie mich malen. — Madame, antwortete Triſtan, dort iſt ein Spiegel, vergleichen Sie! — Sie zürnen mir doch nicht? fuhr ſie* fort und reichte dem Maler die Hand. — Mein Gott, weshalb? — Weil ich Ihnen den künftigen Beſitzer dieſes Por⸗ traits nicht nennen will. — Ich dachte ſchon nicht mehr daran. — — Herr Triſtan, ich ſehe, daß wir ſtets gute Freunde bleiben werden. Ein Handſchlag beſiegelte dieſe Worte. Nachdem ſie den jungen Mann noch einmal liebrei⸗ zend angelächelt, verließ ſie hüpfend das Zimmer. Die Abſicht, durch dieſe Bewegung an ein Alter von ſechsund⸗ zwanzig Jahren glauben zu machen, war nicht zu verkennen. — Sonderbar! ſprach Triſtan, indem er Bleifeder und Pinſel verſchloß, dieſe Frau iſt weder jung noch ſchön, lächerlich aber im höchſten Grade; und doch ſcheint ſie von Herzen gut zu ſein.— In der Frau muß irgend etwas noch verborgen liegen! . Ein ſchöner Abend war zur Erde niedergeſunken. Lriſtan zündet⸗ ſich nach dem Diner eine Cigarre an und ging in den Garten hinab. Eine laue Luft ließ ſanft die Blätter der Bäume rauſchen. Madame Van⸗Dick war im Saale zurückgeblieben, da ſie Beſuch von einer Freundin erhalten hatte. Der Ne⸗ gociant leiſtete ihr Geſellſchaft. — Herr Wilhelm folgte Triſtan. In Garten ergriff er ſeinen Arm. Der Handlungsbefliſſene ſah finſter vor ſich hin, es war erſichtlich, daß ihn irgend etwas unglücklich machte. Daß Triſtan den Grund dieſer Traurigkeit erfahren ſollte, ließ ſich aus der Art und Weiſe ſchließen, in der er ſich des Armes bemächtigt, denn ſie trug das Gepräge einer großen Vertraulichkeit. Der Hauslehrer merkte bald, daß ein düſterer Gedanke Wilhelms Herz beengte und die Röthe ſeiner Wangen et⸗ was matter machte. Beide ſchritten langſam durch die Wege des Gartens. Wilhelm, beſeelt von dem Wunſche, gefragt zu werden, öffnete jeden Augenblick den Mund, um ein Geſpräch zu beginnen, aber ſtets verſcheuchte ein Seufzer das Wort von den Lippen. Triſtan rauchte ruhig ſeine Cigarre und blies mit der Wolluſt eines Rauchers dicke Wolken in die ſchöne Abendluft. Da er wußte, daß Wilhelm ſich mittheilen würde, wollte er nicht voreilig fragen, ſchickte ſich aber an, zu hören und zu tröſten, wenn es nöthig ſein ſollte. Wilhelms Seufzer wurden indeß ſo häufig und nah⸗ men dergeſtalt einen Charakter verfaſſungsmäßigen Spleens an, daß es ihm eine Tyrannei erſchien, wenn er ſie nicht bemerken wollte. 55— — Was fehlt Ihnen, mein beſter Wilhelm? fragte Triſtan endlich, Sie ſcheinen heute Abend von einer ent⸗ ſetzlichen Traurigkeit geplagt zu ſein. — Ach ja ſeufzte Wilhelm und ſenkte den Kopf über die Bruſt herab. — Was iſt Ihnen begegnet? fragte der Lehrer theil⸗ nehmend weiter. Ein dicker Seufzer war die Antwort. — Sind es Sachen, die ſich nicht ſagen laſſen? Oder haben Sie kein Vertrauen zu mir? — Ach, Herr Triſtan, wie können Sie glauben— — Nun, ſo theilen Sie mir mit, was Ihnen Kum⸗ mer macht! — Werden Sie ſich auch nicht luſtig über mich machen? — Wie, Herr Wilhelm, bin ich nicht ſtets Ihr Freund geweſen? Wie kommen Sie auf dieſen ſonderbaren Ge⸗ danken? Der Commis ward bis hinter die Ohren roth, ergriff Triſtan's Hand und bat des Geſagten wegen wehmüthig um Verzeihung. — So hören Sie denn, Herr Triſtan, fügte er hin⸗ zu,— denn er hatte vor dem eleganten Anzuge des Tenors einen ſolchen Reſpekt, daß er ſich nicht daran gewöhnen —— konnte,„mein lieber Herr Triſtan“ zu ſagen, wie dieſer ihn„mein lieber Herr Wilhelm“ nannte,— ſo hören Sie denn, Sie ſind ein Mann von zu viel Geiſt, als daß Ih⸗ nen gewiſſe Dinge unbemerkt geblieben wären. — Ich habe nichts bemerkt, mein lieber Herr Wil⸗ helm, außer, daß Herr Van⸗Dick ein achtungswerther Mann iſt, den ich liebe, Madame Van⸗Dick eine liebenswürdige Dame, die ich achte, und Sie ein braver junger Mann, den ich ſchätze. — Nichts anderes? — Nein! Wilhelm ſchwieg. — Nun, fuhr Triſtan fort, haben Sie mir etwas zu ſagen? — Ja. — Und wagen es nicht? — Nein. — Warum? — Weil Sie vorhin geſagt haben, ich ſei ein braver junger Mann und weil ich fürchte, Sie ändern dieſe vor⸗ theilhafte Meinung von mir, wenn ich es Ihnen geſagt habe. — Sie würden mich beunruhigen, antwortete Triſtan lächelnd, wenn ich von dem, was ich geſagt, nicht zu feſt überzeugt wäre. — 95— — Iit es meine Schuld? ſprach Wilhelm zu ſich ſelbſt; ich konnte ſterben, aber nicht widerſtehen. — Aber, beſter Freund, was fehlt Ihnen heute Abend? — Herr Triſtan— — Zunächſt ſagen Sie:„mein lieber Herr Triſtan“, oder ich muß glauben, daß Sie mich nicht für Ihren Freund halten. Wilhelm drückte die Hand ſeines Freundes. — Nun? Wilhelm ſtand ſtill. — Nun, ſprach er laut, es waltet hier ein Geheimniß ob! — Und welches? — Nicht wahr, ich rede zu einem Stummen? — Der bei dem letzten Worte todt ſein wird. — Nun, mein lieber Herr Triſtan, ſprach der Com⸗ mis und blickte ſich um, ob ihn auch niemand hören und. ſehen konnte, ich bin der Liebhaber der Madame Van⸗-Dick. — Glücklicher Freund! antwortete ruhig Triſtan. — Setzt Sie das nicht in Erſtaunen? — Im Gegentheil, es macht mir Vergnügen! — Es iſt aber Infamie, ein ſcheußlicher Verrath! — In wiefern? — Weil ſie die Gattin eines Mannes iſt, dem ich Alles verdanke. — Beſter Herr Wilhelm, Sie klagen ſich da einer Sache an, die wirklich nicht der Mühe werth iſt. — Wie, ſo habe ich alſo nichts Böſes gethan? — Durchaus nicht! Jedes Ding in der Welt hat ſeine Entſchuldigung und Ihre Liebſchaft hat deren mehr, als alles andere. — Ach, Sie machen mich glücklich, Herr Triſtan, mein lieber Herr Triſtan! — Iſt es Ihre Schuld, wenn Madame Van⸗Dick ſchön iſt? — Das iſt wahr. — Iſt es Ihre Schuld, wenn dieſe Dame Sie liebt? — Auch wahr. — Iſt es endlich Ihre Schuld, wenn Sie ſie wieder lieben? — Alles, alles wahr! O fahren Sie fort! — Und nun giebt es noch viel andere Entſchuldi⸗ gungsgründe. — Welche? — Herr Van⸗Dick ſcheint ſeine Frau nicht ſonderlich zu lieben, und ſeine Frau, die nicht geliebt wird, leidet, bis ſie jemand liebt. Kann man Ihnen nun zürnen, daß Sie ihre Seele verſtanden haben, und daß Gott Ihnen erlaubt hat, einem verkannten Herzen Troſt und Balſam zu ſpenden? — 5— — Das iſt recht. — Und nun kommt hinzu, daß Herr Van⸗Dick ſeine Frau nicht nur nicht liebt, ſondern daß er auch noch eine andere liebt. — Sie wiſſen es? — Ich habe ſie geſehen. — Die Köchin? — Ja. Sie ſehen alſo, daß es Ihnen erlaubt iſt, Madame Van⸗Dick zu lieben, und daß dieſe Liebe nur eine Verirrung des Zufalls oder der Vorſehung iſt. Verirrun⸗ gen werden nicht angerechnet. — Das alles habe ich mir bereits ſelbſt ſch um mich in meinen eigenen Augen zu rechtfertigen, und fühle mich ſehr glücklich, Sie ſo reden zu hören; aber— — Nun, giebt es noch etwas? — Ja. — Reden Sie! — Ich habe mich an dieſe L ich mich heute im höchſten Grade un hrechen zu müſſen. — Warum? — Weil ich reiſe. — Für immer? fragte Triſtan erſchreckt, der fürch⸗ tete, ſeinen neuen Freund zu verlieren. Die Holländerin. I. on geſagt, iebe ſo gewöhnt, daß glücklich fühle, ſie ab⸗ — Auf einen Monat. — Aber weshalb reiſen Sie? — Um wichtige Handelsgeſchäfte zu beforgen. — Können Sie Herrn Van⸗Dick nicht ſtatt Ihrer reiſen laſſen? — Nein. — Kann ich die Geſchäfte nicht abmachen? — Nein; und wenn auch. — Reden Sie frei. — Danke; aber es iſt unmöglich, ich ſelbſt muß reiſen. — Dieſe Abweſenheit beunruhigt Sie alſo? — J — Was 5. ein Monat? Sie werden verliebter zu⸗ rückkehren. — Aber wer fagt mir, daß mich Euphraſia noch lie⸗ ben wird? — Glauben Sie, daß eine Frau in einem Monate ihre erſte Liebe vergißt? — Ach, das iſt es ja eben, fügte Wilhelm ſeufzend hinzu, ich bin nicht Euphraſia's erſte Liebe, und ängſtige ich mich am meiſten. — Was Sie mir da ſagen! antwortete Triſtan über⸗ raſcht. — Leider die Wahrheit! — Es iſt übrigens oft der Fall geweſen, daß eine Frau zwei Liebhaber gehabt hat, von denen ſie den erſten nicht geliebt, den zweiten aber anbetet. — Wohl wahr; wenn ſich aber in Abweſenheit des zweiten ein dritter einſtellt? — Und wen glauben Sie, der ſich einſtellt? — Er hat nicht einmal nöthig, ſich einzuſtellen, er iſt bereits im Hauſe. — Was ſoll das heißen? — Hören Sie, mein beſter Herr Triſtan, Sie ſind mir ein wenig gut, nicht wahr? — Ich läugne es nicht. — Und ich liebe Sie wie einen Bruder. Wollen Sie mir alles verzeihen, was ich Ihnen noch ſagen werde? — Ich erlaube Ihnen ſogar, mich zu prügeln. — Nun, ſo will ich Ihnen auch alles geſtehen. Se⸗ hen Sie, ich bin ein dicker, ſtämmiger Burſche, während Sie ein ſchöner und eleganter junger Mann ſind. Eu⸗ phraſia hat bereits zwei Männer geliebt, kann ſie nun nicht auch einen dritten lieben, vorzüglich wenn dieſer dritte in jeder Beziehung über den beiden andern ſteht? Euphraſta iſt veränderlich, und ich fürchte, daß ſie Sie liebt und daß in meiner Abweſenheit— Herr Wilhelm preßte beide Hände an ſeine Stirn, als ob er die Menge der Gedanken, die in ihm aufſtiegen, zurückdrängen wollte. — Sind Sie toll, daß Sie an Ihrer Geliebten und an einem Freunde zweifeln? Doch, wie kommt es, daß Sie ſolche Sachen vorausſetzen? Madame Van⸗Dick kennt mich kaum und ſieht in mir nur den Lehrer ihres Sohnes. — Es iſt vielleicht lächerlich, ſo zu lieben; aber ich bin einmal in Euphraſia vernarrt und würde ſterben, wenn ſie mich hinterginge. — Beruhigen Sie ſich. Weiß ſie, daß Sie reiſen? — Ja. 3 — Seit wann? — Seit vier Tagen. — Hat ſie Ihnen nichts geſagt, nichts verſprochen? — Nein, ſie hat geweint, das iſt alles. — Nun ſehen Sie einmal, was Sie für ein großer Thor ſind! Sie verdienten eigentlich, daß ich Ihnen auch nicht ein Wort von Ihrem Glücke ſagte. — O reden Sie, reden Sie! — Verſprechen Sie mir, keinen Argwohn mehr zu hegen? — Ich verſpreche es. — An Euphraſia's Tugend zu glauben? — Ja. — 101— — Und an meine Freundſchaft? — Ich ſchwöre es Ihnen! — Nun— — O reden Sie ſchnell! — Vor drei Tagen bat ſie mich, ihr Portrait zu fertigen, aber ohne irgend jemandem etwas davon zu ſa⸗ gen. Für wen könnte dieſes Portrait wohl ſein, wenn es nicht für Sie wäre, ungläubiger Thomas? — Hat ſie Ihnen geſagt, daß es für mich iſt? — Nein, aber ſie hat mir geboten, vorzüglich Ihnen nichts davon zu ſagen. Sie ſehen daraus, daß ſie Ihnen eine Ueberraſchung bereiten will. — Ach, mein beſter, beſter Herr Triſtan, Sie find mein Retter! Mein Leben, mein Blut, ſo wie ich hier bin, alles gehört Ihnen! Mit Thränen in den Augen warf ſich der Hand⸗ lungsbefliſſene in die Arme des Hauslehrers. — Jetzt können Sie ruhig abreiſen. — Wird das Portrait vor meiner Abreiſe vollendet ſein? — Wann reiſen Sie? — In vier Tagen. — Es iſt morgen ſchon fertig. — Es wird doch in ein Medaillon gefaßt, nicht wahr? — 102— — Ich werde alles beſorgen. — Ach, wie liebe ich Sie! — Ungläubiger! — Sie werden doch mit ihr über mich reden, nicht wahr? — Ganz gewiß. — Sie wachen über ſie? — Wird nicht nöthig ſein. — Werden Sie mir ſchreiben? — Alle Tage. — Ach, mein beſter Triſtan, Sie hat Gott hierher geſandt! Wilhelm, der ſich vor Freude nicht mehr kannte, war ſich noch einmal in die Arme ſeines Freundes. S. Triſtan hegte für Wilhelm bereits eine aufrichtige Freundſchaft, aber nach dieſer Unterredung verwandelte ſich dieſe Freundſchaft in Enthuſiasmus, in Verehrung, in Achtung. Es war ſchwer, aufrichtiger zu lieben, als der Commis liebte, und jeder, der dieſe Liebe kannte, hätte — 103— mit unſerm Hauslehrer den Entſchluß faſſen müſſen, dieſe Aufrichtigkeit nicht zu hintergehen, und dieſe Liebe nicht zu entmuthigen. Soviel wir Triſtan's Charakter kennen, konnte es ihm übrigens nicht ſchwer werden, einen ſolchen Entſchluß zu faſſen, und ihn redlich auszuführen konnte ihm aus dem Grunde nicht als ein großes Verdienſt an⸗ gerechnet werden, da er Madame Van⸗Dick nach Louiſe, Henriette und Lea kennen gelernt hatte. Trotzdem er Wil⸗ helm's gutem Herzen alle Achtung zollte, mußte er doch bei dem Anblicke dieſer albernen und dabei wahren Liebe lächeln, vorzüglich wenn er bedachte, daß ſie Euphraſia, und nicht ein reines, ſchönes junges Mädchen bewirkte. Wilhelm's Argwohn kam ihm ebenſo lächerlich vor, als ſeine Liebe, denn wenn er bedachte, daß er Louiſe, dieſen Inbegriff von Anmuth und Grazie, vergeſſen, oder doch wenigſtens ohne ſie leben konnte, ſo war an eine Liebe zu Euphraſia wohl nicht zu denken, und wenn ſie auch noch ſo ſüß lächelte und noch mehr der zärtlichen Blicke auf ihn richtete, als ſie bisher gethan. — Schöne Madame, ſprach Triſtan bei ſich ſelbſt, geben Sie Ihre Hoffnung auf, ich bin auf meiner Huth und werde Sie ſtets auf den rechten Weg zurückführen, ſobald Sie ihn, in ſoweit es Wilhelm anbetrifft, ver⸗ laſſen. — 104— 2 Unter dieſen Gedanken war Triſtan in ſein Zimmer gegangen, um das Maaß zu dem Portrait zu nehmen, das er denſelben Abend noch in ein Medaillon wollte faſſen laſſen. Als er die Treppe wieder herabſtieg, begegnete ihm Madame Van⸗Dick, die in ihr Zimmer gehen wollte. — Gehen Sie aus, Herr Triſtan? — Ja, Madame. — Sehen wir uns heute Abend nicht mehr? — O ja. Ich gehe nur auf eine Minute aus, um das Medaillon zu beſorgen, ſetzte er leiſe hinzu. — Vortrefflich und höchſt liebenswürdig, daß Sie an mich denken. Sie reichte Triſtan die Hand, der ſie küßte. — Wie wünſchen Sie, daß ich es auswähle? fuhr er fort. — Wie Sie wollen. — Ich möchte gern Ihre Anſicht wiſſen. — Meine Anſicht wird die Ihrige ſein. — Wenn ich wüßte, für wen Sie es beſtimmt, ſprach Triſtan mit Intention, würde ich nach dem Ge⸗ ſchmacke dieſer Perſon wählen. — Wählen Sie, als ob es für Sie wäre, antwor⸗ tete Madame Van⸗Dick und entfloh nach dieſen Worten. Triſtan blieb noch einige Augenblicke nachdenkend — 405— und mit geſenktem Haupte ſtehen. Wer ihn ſo geſehen hätte, würde ihn für einen Menſchen gehalten haben, dem eine ſehr ſchlechte Nachricht hinterbracht worden ſei. Er ging, wählte das Medaillon aus und kehrte zurück. Madame Van⸗Dick ſpielte auf dem Pianv in dem Saale, ihr Herr Sohn lag in einem Stuhle und ſchlief und Wilhelm glaubte die heilige Cäcilie zu ſehen. Euphraſia warf Triſtan einen Blick zu, als wollte ſie ſagen:„Ruhig!“ und Triſtan deutete Wilhelm durch einen Blick an:„Ich habe mich ſoeben mit Dir beſchäf⸗ tigt.“ Auf dieſe Weiſe waren Alle glücklich, nur Triſtan nicht, wie ſich von ſelbſt verſteht. Nach einer halbſtündigen jämmerlichen Unterhaltung ſchützte er Müdigkeit vor und ließ die beiden Liebenden allein. Wo Herr Van⸗Dick war, thut nichts zur Sache; im Saale aber war er nicht. Madame Van⸗Dick weckte Monſieur Eduard mit den Worten: — Du biſt unerträglich, daß Du im Saale immer ſchläfſt. Geh und laß Dich zu Bette bringen, mache aber die Thüre feſt zu, wenn Du hinausgehſt. —— Als der ſchlaftrunkene Knabe den Saal verlaſſen hatte, ſprach Wilhelm zu Euphraſia: — Sie ſind ein Cngel! — Wilhelm, ich liebe Sie unendlich! ſprach Eu⸗ phrafia. 9. Wie wir bereits mitgetheilt, hatte Triſtan dem Herrn Wilhelm verſprochen, Euphraſia's Portrait am nächſten Morgen vollendet zu haben. Nach dem Frühſtücke verfügte er ſich demnach in Madame Van⸗Dick's Zimmer, die, auf die Meldung, der Maler ſei da, auch nicht lange warten ließ, und in der⸗ ſelben Kleidung als Tages zuvor erſchien. Als Euphraſia eintrat, reichte ſie Triſtan die Hand und ſprach mit einem feinen Lächeln: Wie befinden Sie ſich? — Ach, Madame, Bewunderung und Furcht hat. ſich meiner zu gleicher Zeit bemächtigt. — Warum? — 107— — Weil ich fürchte, indem ich Sie ſo ſchön ſehe, das Bild nicht ähnlich zu malen. — Kind, wie können Sie lügen! Nach dem Worte„Kind“, in einem gewiſſen freund⸗ ſchaftlichen, anmaßenden und bewegten Tone geſprochen, hätte man glauben mögen, Madame Van⸗Dick habe die ganze Nacht von dem geträumt, än den ſie es richtete. — Sie finden alſo, daß ich ſo gut bin? — Ich finde keine Worte, um Ihnen zu antworten. — Iſt es nöthig, daß ich dieſes Tuch ablege, das mir die Schultern deckt? — Ich antworte, was die Menſchen antworten wür⸗ den, wenn Gott ſie früge, ob ſie wollten, daß er die Wol⸗ ken vom Himmel verjagte. — Wiſſen Sie, Herr Triſtan, entgegnete Euphraſia mit der Röthe der Eitelkeit auf den Wangen, wiſſen Sie, daß man ſehr ſtark ſein muß, um zu widerſtehen, wenn Sie einer Frau den Hof machen? Um mich zu waffnen, will ich ein wenig kokett werden, was meinen Sie dazu, Herr Triſtan? — Ich meine, Madame, daß die Koketterie, wenn man jung, ſchön und geliebt iſt, nicht beſſer in dieſe dreifache Krone paßt, als ein falſcher Stein in ein köni⸗ nigliches Diadem. — 108— — Wenn die Frau, fuhr Madame Van⸗Dick fort, während Triſtan Pinſel und Farben vorbereitete, zwar noch jung iſt, aber nicht mehr ſchön und geliebt, muß ſie ſich in Ermangelung echter Steine wohl mit einem unechten begnügen. — Ich kenne keine Frau dieſer Gattung, Madame. — Es iſt rein unmöglich, Ihnen beizukommen! Dies führt mich zu der Frage zurück: Wie würden Sie ſich wohl benehmen, wenn ſie heute oder morgen verliebt werden? — Zunächſt erlauben Sie mir die Bemerkung, daß es für mich rein unmöglich iſt, in dieſen Fall zu kommen. — Und warum? fragte Euphraſia mit dem Lächeln einer beleidigten Frau. — Weil ich alle Liebe, die mein Serz barg, ver⸗ ſchwendet habe und nun ruinirt bin. — Sie zweifeln an Gott! — Ich zweifele nur an mir, das iſt Alles. — Wenn aber eine Frau Sie liebte? — So würde ich dieſe Frau beklagen. — Und wenn ſie Ihnen ihre Liebe geſtände? — Würde ich ſie noch ein wenig mehr beklagen. — Wenn es aber nun eine Frau wäre, die noch — 169— nie geliebt und alle ihre Träume, alle ihre Hoffnungen auf Sie geſetzt hätte? — O, dann würde ich ſie ungeheuer beklagen! — Und würden Sie nicht verſuchen, Ihr Herz an dieſem jungen und reinen Feuer wieder zu erwärmen? — Nein. — Sie ſtellen ſich ſtärker, als Sie ſind. — Auch glaube ich, daß ich nie in die Nothwen⸗ digkeit verſetzt werde, zum Aeußerſten ſchreiten zu müſſen und ihr zu ſagen, wenn ſie mir ihre Liebe geſteht, daß ch ſie nicht liebe. — Warum? — Weil eine Frau, die nie geliebt hat, jung und keuſch iſt, bei dem erſten Anblicke ſich bis zur Leidenſchaft in mich nicht verlieben wird, zumal, wenn ich ihr den Hof nicht gemacht habe; und ſollte eine Leidenſchaft Wur⸗ zel faſſen, ſo wird ſte es nicht wagen, mir zu geſtehen, daß ſie mich liebt, denn wir Männer wagen ja kaum ei⸗ ner Frau zu ſagen, daß wir ſie lieben. Madame Van⸗Dick biß ſich in die Lippen. — Sie ſind ſehr ſtreng, antwortete ſie. — Nein, ich glaube nur an die Tugend der Frauen. Eine lange Pauſe trat ein. Triſtan, der ſchien, als ob er dieſe Unterhaltung ſchon vergeſſen hatte, richtete ſeine — 10— Augen auf Madame Van⸗Dick, wie auf eine Statue, ſah wieder auf das Bild, um ſeinem Pinſel zu folgen, und hatte die gleichgültigſte Miene von der Welt. — Habe ich dieſelbe Stellung von geſtern? Sagen Sie es nur, wenn Sie wollen, daß ich mich anders ſetzen ſoll. — Sie ſind in derſelben Stellung, Madame. — Haben Sie gut geſchlafen? — Vollkommen. — Sie ſind ſehr glücklich; ich habe die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen. — Waren Sie krank? — Nein; aber ein Heer trauriger Gedanken drängte ſich mir auf. — Was könnte Sie wohl betrüben, fuhr Triſtan fort, ohne auch nur das kleinſte Gewicht auf das zu le⸗ gen, was er ſprach, Sie, die Sie geſchaffen ſind, um glücklich zu ſein? Wollten Sie gefülligſt Ihren Kopf ein wenig mehr links wenden? So? — Ja. Danket — Was wollten Sie mir ſagen? — Ich wollte fragen„ woher dieſe Traurigkeit bei Ihnen käme? — 111— — Habe ich Ihnen nicht ſchon hundertmal geſagt, Berr Triſtan, daß ich nicht glücklich bin. — Sie ſehen, daß ich es nie geglaubt. — Daran haben Sie ſehr unrecht gethan, denn es iſt wahr, vorzüglich ſeit einigen Tagen. Madame Van⸗Dick war hoch erfreut, ſich buͤcken zu . können, um ihr Schnupftuch aufzuheben, und die Bewe⸗ gung zu unterdrücken, die ſie zu empfinden glaubte. — Wahrhaftig? ſprach Triſtan, indem er ſich ein wenig zurückbog, um die Wirkung der Farbe zu ſehen, 1 die er in dieſem Augenblicke aufgetragen hatte. Wahrhaftig? 6 Was iſt Ihnen begegnet, Madame? — Ich weiß nicht, ob ich Ihnen dergleichen Sachen 3 ſagen darf. — Baben wir uns nicht geſtern gegenſeitiges Ver⸗ trauen und Freundſchaft gelobt? Madame Van⸗Dick ſtockte. — Nunk fragte der Maler. Run—— — Verzeihung, Madame, wenn ich Sie unterbreche, 5 wollten Sie wohl den Kopf ein wenig höher heben und mich anſehen— So— tauſend Dank! Was wollten Sie ſagen? Madame Van⸗Dick ſah, daß ſie durch die Gleichgül⸗ 3 — tigkeit desjenigen, mit dem ſie ſich unterhielt, in ein höchſt lächerliches Geſpräch verwickelt hatte, aus dem nach und nach ſich herauszuziehen es ihr an Geiſt fehlte. Da ſie nicht wagte, es plötzlich abzubrechen, kam ſie immer tiefer hinein, was unſerm Triſtan ein großes Vergnügen gewährte, der, wie wir wiſſen, ſich geſchworen hatte, hart wie Marmor zu bleiben. — Ich ſagte, und dieſes ſteht in Verbindung mit dem, was wir vorhin ſprachen, fuhr Euphraſia fort, die „ glücklich war, auf das wieder zurückzukommen, das ſie ge⸗ zwungen worden, abzubrechen— ich ſagte, daß es nicht nur junge Mädchen giebt, welche einer ernſten Liebe fä⸗ hig ſind, ſondern auch verheirathete Frauen, und dieſe, wenn ſie unter einer Leidenſchaft ſeufzen, die nichts zu bezwingen vermag, ſind doppelt unglücklich, erſtens weil ſie nicht frei ſind, und zweitens, weil die Welt ihnen dieſe Leidenſchaft zum Verbrechen anrechnet. — Ich muß aber noch hinzufügen, ſprach Triſtan, dem es Vergnügen zu machen ſchien, der armen Madame Van⸗Dick zu widerſprechen, daß es auch ſehr viel Frauen giebt, die in excentriſcher Leidenſchaft ein Glück zu finden wähnen und ſich dem erſten beſten jungen Manne, braun oder blond, ergeben, ohne an ihren Mann und an ihre Kinder zu denken. Mögen ſie nun durch Umſtände vor N— — 113— einem Fehltritte bewahrt worden ſein, oder mögen fie wirklich erlegen haben, ſie werden ſpäter einſehen, daß ſte ſich getäuſcht und nicht einmal ſich wundern, daß ſie vor Liebe nicht geſtorben ſind. — Sie werden immer ſtrenger, Herr Triſtan, ant⸗ wortete Euphraſia verletzt; was Sie ſoeben ſagten, dürf⸗ ten Sie nicht allen Frauen ſagen, denn Sie könnten leicht einer begegnen, die ſich in dem Falle befindet, den Sie bezeichnen. Sie würden dieſer Frau dann ſehr wehe thun, ohne daß ſie Ihnen etwas zu Leide gethan. Triſtan ſah ein, daß er ein wenig zu weit gegan⸗ gen war, denn Madame Van⸗Dick traten faſt die Thrä⸗ nen in die Augen. — Dann muß ich auch noch hinzufügen, ſprach er raſch, daß ich von den Frauen im Allgemeinen ſprach und daß jede Regel ihre Ausnahme hat. Es kann leicht geſchehen, daß„die Familie eines jungen Mädchens ſich wirklich täuſcht und die Träume eines Kindes der Lange⸗ weile eines Greiſes beigeſellt, ein liebendes Herz einem blaſirten und eine ausgezeichnete Natur einer gemeinen. Unter dieſen Umſtänden würde ich eine Frau nicht nur entſchuldigen, ſondern ſie achten und gegen Jedermann vertheidigen. — Dies ſöhnt mich mit Ihnen wieder ein wenig Die Holländerin. 1. 8 — 114— aus, Herr Triſtan. Ach, wie glücklich ſind doch die Männer, und vorzüglich Sie, mein Herr, da Sie ſo gleich⸗ gültig über Herzensangelegenheiten ſprechen können. Doch nun erlauben Sie mir, Sie um etwas zu bitten. — Reden Sie, Madame! — Wollen Sie von jetzt an Alles glauben, was ich Ihnen ſagen werde? — Ja.„ — Und zu errathen ſuchen, was ich nicht wage, Ihnen zu ſagen? — Ich werde alle meine Kräfte aufbieten. — Jetzt, ſprach ſie, indem ſie aufſtand und ſich die Augen trocknete, bin ich häßlich, durch Ihre Schuld habe ich rothe Augen bekommen. Zeigen Sie mir mein Por⸗ trait, damit ich ſehe, wie ich vorhin war, denn wie ich jetzt bin, wage ich nicht, mich zu betrachten. Euphraſia legte beide Hände auf die Achſel des Ma⸗ lers, ihren Kopf auf die Hände und betrachtete ſo das Bild. — Reizend! rief ſie aus; doch bin ich auch ſo ſchön, als dieſes Bild? — Wie ich bereits geſagt, antwortete Triſtan lächelnd, nehme ich Sie ſtets, wie Sie ſind. — 115— Euphraſia ſah den jungen Mann liebevoll an und lächelte wieder. — Lieben Sie mich ein wenig? fragte ſie. — Wie können Sie an meiner aufrichtigen Zunei⸗ gung zweifeln, Madame! — Sie haben recht, wenn Sie mich lieben, denn ich liebe Sie auch. „ Ein Seufzer der Reſignation entquoll ihrem Buſen. — Soll ich noch ſitzen? fuhr ſie nach einer Pauſe fort. — Wie Sie ſehen, Madame, iſt das Bild ziemlich vollendet; ich habe nur noch das Kleid zu machen und dazu bedarf es der Sitzung nicht. — So kann ich mich wohl entkleiven? — Ich werde mich auf mein Zimmer zurückziehen. — O nein, Sie können bleiben! Ich gehe in mein Toilettenzimmer. Dieſen Abend, Triſtan? — Auf Wiederſehen, Madame! Euphraſia reichte dem Maler die Hand und ihn mit allem Feuer anblickend, das ſie noch im Auge hatte, ſprach ſie: — Sie machen ſich doch nicht luſtig über mich? — Ich habe nie daran gedacht. — Wiſſen Sie jetzt, wem dieſes Portrait beſtimmt fügte ſie mit einer erkünſtelten Schüchternheit hinzu. — 116— — Ja, antwortste Triſtan mit einer erkünſtelten Be⸗ wegung. — Adieu! — Adieu, Madame! Triſtan küßte Euphraſia's Hand. Kaum war er in das Zimmer getreten, als Wilhelm ihm folgte. — Nun, ſprach der Handlungsdiener, iſt es fertig — Hier, ſprach der Tenor und zeigte ihm das Portrait. — Ach, bewunderungswürdig ſchön! Mein beſter Triſtan, ſeien Sie meiner Dankbarkeit gewiß! Wann wird es ganz vollendet ſein? — Es bedarf kaum noch einer Stunde Arbeit. — Hat Ihnen Euphraſia geſtanden, daß dieſes Bild für mich iſt? — Ja, aber mit einem Beiſatze. — Mit welchem? — Ihnen durchaus keinen Grund zu Vermuthungen zu geben. Darum ſtellen Sie ſich, als ob Sie nichts wüßten. — Ohne Sorgen. — Sie wird es Ihnen nicht einmal hier geben. — Wie?! — — 117— — Sie wird es Ihnen auch nicht ſelbſt überreichen. — Warum? — Weil ſie eine vollkommene Ueberraſchung beab⸗ ſichtigt. — Vortreffllich! — Sie hat mich beauftragt, Sie bis zum Wagen zu begleiten und es Ihnen im Augenblicke, wo Sie ab⸗ reiſen, in die Hand gleiten zu laſſen. — Daran erkenne ich ſie! — Alſo Vorſicht, oder ich zürne Ihnen. — Fürchten Sie nichts. Jetzt gehe ich ruhig in mein Büreau zurück. Tauſend Dank, mein beſter Triſtan! Mit einem Geſichte, in dem ſich die ſeligſte Freude ausſprach, verließ Wilhelm das Zimmer. — Das iſt ein glücklicher Menſch, dachte Triſtan, als er den Commis ſich entfernen ſah. Meine beſte Ma⸗ dame Van⸗Dick, Sie mögen reden und handeln wie Sie wollen, dahin bringen Sie mich nicht, daß ich das Glück dieſes unſchuldigen Jünglings zerſtöre. Am Tage vor Wilhelm's Abreiſe hatte Triſtan ihm noch einmal das Verſprechen abgenommen, Euphraſia in Bezug auf das Portrait nichts zu ſagen. Wilhelm war ein ehrlicher junger Mann und hielt treulich ſein Ver⸗ ſprechen. Es war ein Uhr Nachts, als der arme Knabe zu ſeiner Geliebten ſchlich, um auf einen Monat Abſchied von ihr zu nehmen. Triſtan, hinter ſeinem Fenſter ver⸗ borgen, lauſchte der Scene. Der Abſchied war herzzerreißend. Vor Anbruch des Tages verließ Wilhelm Euphra⸗ ſia's Zimmer. Er war ſo bewegt, daß er nicht bemerkte, wie ſeine Geliebte es noch etwas mehr hätte ſein können. Nach dem Frühſtück, von dem er, beiläufig geſagt, nur wenig genoſſen, fand er noch einmal Gelegenheit, während Herr Van⸗Dick in ſeinem Büreau die letzten In⸗ ſtructionen ordnete, Euphraſia zu ſprechen. Die Dame ſeufzte, als ob ſie dem ſcheidenden Geliebten auf ein gan⸗ zes Jahr Vertrauen einflößen wollte; Wilhelm aber ward von Secunde zu Secunde bewegter und gewahrte mithin den Erguß des Kummers nicht, wie er in verfloſſener Nacht die Kälte nicht gewahrt hatte. r — 119— Herr Van⸗Dick kehrte mit Briefen in der Hand zu⸗ rück. Indem er Wilhelm's Hand auf das Freundſchaft⸗ lichſte drückte, ſprach er: — Beſter Wilhelm, ich hätte Sie gern dieſer lang⸗ weiligen Reiſe überhoben, aber Sie wiſſen, daß ich ab⸗ gehalten bin. Ich habe gethan, was in meinen Kräften ſtand, um Sie hier bleiben zu laſſen, meine Anweſen⸗ heit hier iſt aber durchaus nothwendig. Zürnen Sie mir darum nicht, und kehren Sie ſo ſchnell als möglich zu⸗ rück. Haben Sie mich verſtanden? — Ja. — Sie beſitzen unbeſchränkte Vollmacht. — Gut. — Handeln Sie, wie Sie es für gut finden und ſagen Sie dem Hauſe Daniel, daß ich ihm nicht allein Zeit, ſondern auch Geld bewillige, um ſeinem Sturze vorzubeugen. Sorgen Sie dafür, daß ich in keinen Pro⸗ ceß verwickelt werde, das iſt Alles, was ich wünſche. Nun reiſen Sie! — Leben Sie wohl, mein beſter Herr Van⸗Dick! — Leben Sie wohl, mein beſter Wilhelm. Eine innige Umarmung vollendete dieſe Abſchiedsſcene. Der Herr des Hauſes, ſich die Hände reibend, ging in — 120— ſein Zimmer zurück, und Wilhelm, von Triſtan begleitet, verließ das Haus. Eine Thräne und ein tiefer Seufzer des Handlungs⸗ befliſſenen begleitete das Geräuſch der ſich ſchließenden Thür. — Faſſen Sie Muth, Wilhelm! ſprach Triſtan. Wäre der Leſer mit Triſtan Zeuge von dem Schau⸗ ſpiele dieſer Leidenſchaft geweſen, er würde ſie, wie er, lächerlich und äußerſt komiſch gefunden haben, was ſie im Grunde auch war. 3 — Muth, wiederholte er, und wenn Sie keinen ha⸗ ben, werden Sie ihn von mir erhalten. — Haben Sie das Portrait? — So geben Sie es mir. — Verſprechen Sie mir auch, Muth zu faſſen? — Ja. — Nicht mehr traurig zu ſein? — Ja. Nun amüſirte ſich Triſtan, ihm das Portrait zu zeigen und es jedesmal zurückzunehmen, ſo oft er es er⸗ greifen wollte. Dabei erpreßte er ihm ein Verſprechen nach dem andern„wie man mit Kindern zu thun pflegt, wenn man ihnen ein Spielzeug unter der Bedingung giebt, es— 3— daß ſie artig ſein ſollen. Endlich übergab er das Me⸗ daillon ſeinem Freunde, der es mit Begeiſterung küßte. — Und ich glaubte, rief Wilhelm, Sie ſeien in Eu⸗ phraſia verliebt! — Großer Thor! — Ja, ein Thor, der glaubte, daß Sie mich hin⸗ tergingen! — Wer läßt Sie ſolche Sachen glauben? — Euphraſia. — Wie? — Sie ſagte mir, daß Sie bis zum Wahnſinn in ſie verliebt wären. — Ich? — Ja. Sie hätte es aus Ihren Blicken und aus Ihrem zuvorkommenden Benehmen gemerkt. Als ſie ſah, daß ſich die Eiferſucht in mir regte, ſchien ſie glücklich zu ſein. — Dies iſt nur ein Mittel, das ſie erfand, um ſich noch ein wenig geliebter zu machen. — Ich glaube es faſt; es iſt aber ſchlecht von ihr. — Zürnen Sie ihr deshalb nicht, dieſe Gewohnheit beſitzen faſt alle Frauen. — Sie konnte mich aber mit Ihnen entzweien, der Sie mein beſter Freund ſind. — 122— — Jetzt wiſſen Sie doch, was Sie davon zu halten haben, nicht wahr? — O Himmel! — Werden Sie mich noch länger in Verdacht haben? — Man könnte mir noch wahrſcheinlichere Sachen ſagen, ich würde ſie nicht glauben. — Daran werden Sie wohl thun, denn ich ſchwöre Ihnen, daß dies das allerletzte iſt, woran ich denken werde. Unter dieſem Geſpräche waren die beiden Freunde bei der Diligence angelangt. Wilhelm begegnete einigen bekannten Perſonen, die er grüßte; er entfernte ſich aber raſch von ihnen, denn er mußte noch von Euphraſia reden. Man hörte es an ſeinen Wor⸗ ten, daß ihm das Herz gewaltig klopfte und ſelbſt dann, als er von andern Sachen ſprach, als von ſeiner Liebe, verrieth das Behen ſeiner Lippen und das Stocken ſeiner Rede, daß die Heiterkeit ſeines Geiſtes ſeinem Herzen folgte, und das Herz weder dort war, wo er ſich befand, noch wohin er ging. — Sie werden mir doch ſchreiben? fragte er. — Ja. — Und werden mit ihr von mir reden? — Gewiß. — Aber nicht zu offen, denn das Schamgefühl ei⸗ ner Frau leidet immer, wenn ein Fremder von ihrem Liebhaber ſpricht. — Sie hat aber Vertrauen zu mir. Würde ſie mich im entgegengeſetzten Falle wohl beauſtragt haben, Ihnen ihr Portrait einzuhändigen? — Das iſt wahr. Sie bleiben zurück, o wie glück⸗ lich ſind Sie! — Und Sie werden in vierzehn Tagen zurückge⸗ kehrt ſein. — So bald als möglich. Die Reiſenden wurden gerufen. Die beiden Freunde umarmten ſich. Bis zur Abfahrt des Wagens blieb Triſtan an der Thür deſſelben ſtehen. Bei dem erſten Peitſchenhiebe des Poſtillons reichte Wilhelm noch einmal die Hand aus dem Wagen, und rief dem Freunde ein letztes Lebewohl zu. In dieſem Augenblicke traten dem armen jungen Manne zwei lange zurückgehaltene Thränen in die Augen. Außer dieſen beiden floß auch eine für Triſtan. Der Wagen fuhr ab. Wilhelm ſteckte noch zwei oder drei Mal den Kopf aus der Thür und grüßte Triſtan, der, die Hände in ſei⸗ nen Taſchen, den Rückweg antrat. Als der Wagen an — 124— der nächſten Straßenecke verſchwand, blieb der Handlungs⸗ reiſende allein mit ſeinen Gedanken. — Ich bin doch neugierig, dachte Triſtan, was ſich nun ereignen wird. Bald trat er in das Haus des Kaufmanns, wo er Herrn Van⸗Dick in ſeinem Bureau fand. Der würdige Mann war ſchon ſeit einigen Tagen, wie er Wilhelm ge⸗ ſagt hatte, an ſein Arbeitszimmer gefeſſelt, denn die Ge⸗ ſchäfte drängten ſich. Nur zur Tiſchzeit ſah man ihn ſeine Bücher verlaſſen, und dann erſchien er lächelnd und ſich die Hände reibend. Madame Euphraſia Van⸗Dick war allein. Als ſie Triſtan kommen ſah, ging ſie ihm auf der Treppe ent⸗ gegen und that, als ob ſie ihm zufällig begegnete. — Nun, ſprach ſie, iſt er abgereiſ't? — Ja. Freiheit und Freude ſtrahlten aus Euphraſia's Augen. — Was werden Sie jetzt beginnen, Herr Triſtan? — Iſt Ihr Herr Sohn immer kranks G — Bedarf Herr Van⸗Dick meiner? — Nein. — Dann werde ich ein wenig ausgehen, antwortete Tri⸗ ſtan, der eine Unterhaltung mit Euphraſia vermeiden wollte. 3 — 125— — Sie gehen aus, und ich muß mit meiner Trau⸗ rigkeit allein bleiben. Sie ſind ein ſchlechter guter Freund. Bei dieſen Worten zog ſie ein Mäulchen. — Mich ruft ein Geſchäft fort, Madame; kehre ich zurück, ſtehe ich mit Vergnügen zu Ihren Dienſten, wenn Sie noch traurig und allein ſind. — Adieu denn, ſprach Euphraſia und war noch be⸗ trübter, Triſtun auf eine Stunde ſcheiden zu ſehen, als ſie es bei Wilhelm's Abſchiede für einen ganzen Monat geweſen. Wie ſich denken läßt, kam Triſtan zurück, als man ſich zu Tiſche ſetzen wollte. Euphraſia hatte eine neue Toilette gemacht, ſie war daher gereizt, daß ſie vergebens gewartet hatte, und böſe, daß ſie ſich angekleidet, um zu warten. Als aber Triſtan erſchien, verſchwand der Groll, ohne auch nur auf der Stirn der Kaufmannsfrau eine von jenen flüchtigen Wol⸗ ken zurückzulaſſen, die den Abzug eines Gewitters be⸗ zeichnen. — Wie geht es Eduard? fragte Herr Van⸗Dick, in⸗ dem er ſich zu Tiſche ſetzte. — Beſſer, mein Freund. Dies war der einzige menſchliche Laut, der ſich in das Geklirr der Gabeln und Teller während der Mahl⸗ — 126— zeit miſchte. Herr Van⸗Dick ſchien zu viel zu denken, um reden zu können, Triſtan fand keinen Geſchmack an der Unterhaltung ſeiner Tiſchgenoſſen und Euphraſia konnte vernünftigerweiſe nicht ſagen, was ſie dachte. Nach dem Eſſen förderte Herr Van⸗Dick noch drei Silben zu Tage. — Ich gehe, ſprach er. Und er ging. Diesmal bot ſich kein Mittel dar, Euphraſia zu ent⸗ gehen. — Sie haben bei Tiſche kein Wort geſprochen, Herr Triſtan, ſind Sie krank? Triſtan, der in dieſer Phraſe eine Ausgangsthür aus ſeiner Verlegenheit ſah, antwortete: — Ja, Madame, mir iſt nicht wohl, darum gedenke ich, mich bei guter Zeit zurückzuziehen. — Ich glaube, Sie ſuchen mich wirklich zu fliehen. — Ich, Madame, und warum? — Sie verſprachen mir, recht bald zurückzukehren. — Ein Geſchäft— — Eine Frau vielleicht? — Die Frauen ſind aus meinem Herzen verbannt. — Alle? — Alle! de bet we des — 127— — Das Wetter iſt ſchön, fuhr Madame Van⸗Dick nach einigen Augenblicken fort, reichen Sie mir Ihren Arm und führen Sie mich ein wenig in den Garten; wollen Sie? — Gern. Der Abend war in der That ſehr ſchön. Euphraſia und Triſtan gingen nach einer Laube, deren in einander verſchlungene Zweige und Blätter dem letzten Scheine des Tages den Eingang verwehrten. Durch die warme, ruhige Luft wehte ein würziger Hauch, der die Herzen der Liebe erſchließt und unwillkührlich zur Mittheilung deſſen reizt, was man empfindet. Madame Van⸗Dick empfand wahrſcheinlich ſehr viel, denn ſie ſtützte ſich mit einer Nachläſſigkeit, welche die Wärme des Abends entſchuldigte, auf Triſtan's Arm und betrachtete mit ſeitwärts gebogenem Kopfe die Blumen, welche ihre erfriſchten Blätter und Kelche über die Wege des Gartens neigten. In der Laube befanden ſich Stühle. Madame Van⸗ Dick ergriff einen und ließ Triſtan ſich ihr gegenüber auf einen andern ſetzen, doch ſo nahe, daß ihre Füße die ſei⸗ nes Stuhles erreichen konnten. — Ein köſtlicher Abend! ſprach ſie. — In der Thet, Madame. — 128— Fünf Minuten vergingen, ohne daß ein Wort ge⸗ ſprochen wurde. — Wie befinden Sie ſich, Freund? — Beſſer. — Ich wußte es ja. Es vergingen abermals fünf Minuten⸗ Die Unterhaltung glich einer Lampe ohne Oel, deren Docht man vergebens anzuzünden ſucht und nur eine kleine blaue Flamme zeigt, um gleich wieder zu erlöſchen. — Was fehlt Ihnen, Herr Triſtan? Warum reden Sie nicht? — Ich dachte, Madame. — Und darf man wiſſen, an wen? — An den armen Wilhelm, der gewiß ſehr traurig ſein wird und wünſcht, daß er mit mir ſeinen Platz ver⸗ tauſchen könne. — Würden Sie dieſen Tauſch gern eingehen? — Um ihn glücklich zu machen—— ⁰ — Sie ſind indifferent, ſprach Euphraſia etwas ge⸗ reizt. — Ich bin nur ergeben, Madame. — Und warum glauben Sie, daß Herr Wilhelm bei mir ſein möchte? — Darf ich reden? en ne rig er⸗ lm — 129— — Ich bitte. — Weil er Sie liebt. 4 — Wiſſen Sie auch, ob das, was ihn glücklich macht, mir Vergnügen gewähren würde und daß der Tauſch, den Sie in Ihrer Ergebung beabſichtigen, nur ei⸗ nem von beiden angenehm iſt? — Ich bin überzeugt, Madame, daß Sie Wilhelm's Wunſch theilen. — Was läßt Sie das glauben? — Das, was ich glaube geſehen zu haben. — Sie täuſchen ſich in dem, was Sie geſehen ha⸗ ben, und in dem, was Sie glauben. — Dann beklage ich ihn. — Herr Wilhelm iſt ein Freund, der mich liebt, und den ich wie eine Freundin wieder liebe; er wird aber mit den Angelegenheiten, welche ſeine Reiſe nöthig machten, ſo beſchäftigt ſein, daß er ſich um ſeine zurückgelaſſenen Freunde wenig kümmert, deſſen bin ich gewiß. — Sie ſind undankbar. — Nein, ich kenne Wilhelm, nichts weiter. — Bedauern Sie ihn nicht? — Seine Reiſe war nothwendig. Herr Triſtan, Sie ſcheinen von mir in Bezug auf Wilhelm irgend eine Er⸗ Die Holländerin. 1. 9 — 030— öffnung erlangen zu wollen, wird er daſſelbe von Ihnen über mich verlangen? — Nein, Madame. — Ich wiederhole Ihnen, Herr Wilhelm iſt und bleibt nichts mehr als ein Freund für mich. Ich weiß, daß er ſtark in mich verliebt iſt, und vielleicht würde ſeine aufrichtige Liebe in meinem traurigen und einförmigen Le⸗ ben mich gerührt haben; aber jetzt iſt es zu ſpät. — Das iſt köſtlich! dachte Triſtan. Ich habe zwar ſchon oft gehört, wenn Frauen lügen, dieſe aber überſteigt alle Begriffe. — Und warum zu ſpät? fragte er laut. — Weil der Platz, den er einzunehmen wünſchte, zwar noch nicht beſetzt, aber doch ſchon vergeben iſt. — Darf man wiſſen, an wen? — Nein, man muß ihn errathen, und Sie haben ihn errathen, davon bin ich überzeugt. Triſtan antwortete nicht. Euphraſia nahm dieſes Schweigen für ein Ge⸗ ſtändniß. — Haben Sie ſich mit dem Medaillon beſchäftigt? fuhr ſie fort. — Ja, Madame. — Iſt es fertig? — Ja. — Wo iſt es? — Haben Sie mir nicht geſagt, daß Sie es Je⸗ mandem beſtimmt hätten? — Wohl wahr; aber ich habe Ihnen die Perſon nicht genannt. — Haben Sie mir nicht geſagt, ich ſolle ſie er⸗ rathen? — Ja. — Nun, ich habe ſie errathen. — Ach, rief Euphrafia in einem Tone, der ſich nicht beſchreiben läßt, ſo haben Sie das Portrait dem ge⸗ geben, der es haben ſollte? — Ja. — Sind Sie Ihrer Sache gewiß? — Balten Sie mich für unfähig, eine ſo leichte Sache zu errathen? — War er— glücklich? — Enthuſiasmirt! — Und was wird er thun? — Er wird es ſein ganzes Leben hindurch auf ſei⸗ nem Herzen tragen. — Und jetzt? — 132— — Würde er es begeiſtert küſſen, wenn ihm nicht Jemand zur Seite ſäße. Euphraſia ergriff Triſtan's Arm. — MWachen wir einen Spaziergang durch den Gar⸗ ten, ſprach ſie. Wiſſen Sie, daß Sie ein geiſtreicher Mann ſind, Herr Triſtan? Sie errathen Sachen, ohne daß man ſie Ihnen ſagt. — Dazu, Madame, bedarf man nur des Herzens und der Augen. — Iſt er überzeugt, daß ich ihn liebe? — Gewiß. — Wird er mich nicht täuſchen? — Nie, er hat es geſchworen! Euphraſia ſtützte ſich bei jeder Antwort ein wenig mehr auf Triſtan's Arm. — Ich weiß nicht, wie mir heute Abend iſt, fuhr ſie fort; ich empfinde ein Glück, das ich noch nie empfun⸗ den habe. Ich bin ſo glücklich, und Sie? — Wer würde an meiner Stelle nicht glücklich ſein? Euphraſia druckte den Arm, der den ihrigen unter⸗ ſtützte. — Würden Sie mir wohl etwas glauben? fragte ſie plötzlich. — Was? — 133— — Sie werden es nicht glauben? — Ich ſchwöre es. — Nun, mein Mann wird nach Hauſe kommen, nicht wahr? — Ja. — Wiſſen Sie, was er thun wird? — Nein. — Er wird in ſein Zimmer gehen, ſich einſchließen und leſen. — Wahrhaftig? — Ja. Er kümmert ſich nie um mich und thut, als ob ich gar nicht exiſtirte. Komme ich nach Hauſe und bin in meinem Zimmer, ſo bin ich Wittwe und bin mehr durch ſeine Gewohnheiten als durch das Stockwerk, wel⸗ ches zwiſchen uns liegt, von meinem Manne geſchieden. — Das iſt ſeltſam! — Ich könnte des Nachts bei mir empfangen, wen ich wollte, ohne daß Herr Van⸗Dick etwas davon merkte. Sein Zimmer iſt weit von dem meinigen entfernt, er hört weder kommen, noch gehen. — Glücklicherweiſe wacht die Tugend an Ihrer Schwelle. — Nein, die Tugend nicht, aber die Treue. — So nehmen Sie alſo Beſuche an? — 134— — Nein, aber wenn er mich liebt, wie er geſagt, ſo wird er verſtehen, daß er kommen kann. — Der, welcher Ihr Portrait hat? — Ja. — Er wird kommen. Euphraſia drückte abermals Triſtan's Arm. — Er wird kommen, nicht wahr? — Ja. — Ach, Triſtan, ich weiß nicht, was ich ſage, mir brennt der Kopf und das Herz. Endlich empfinde ich die Liebe, die ich geträumt habe! Glühend drückte ſie die Hand des jungen Mannes und ließ ihn abermals neben ſich ſetzen, dann ſpreizte ſie ihr Kleid aus einander, als ob ſie die Friſche der Abend⸗ luft von allen Seiten einſaugen wollte, wonach ſie ein großes Bedürfniß zu haben ſchien. Ihre Arme waren bloß und ein gewiſſes wollüſtiges Parfüm entſtrömte die⸗ ſer Frau, die, in dem Schatten des Abends, nicht mehr die lächerliche Frau des Tages war. Bei jeder Frau, die liebt, gleichviel ob mit den Sinnen oder mit dem Herzen, ſei ſie Bürgerin oder Herzogin, geiſtreich oder einfältig, erſcheint immer ein Moment, in dem ſie ſich verführeriſch und unwiderſtehlich zu machen weiß. Madame Van⸗Dick, erſchoͤpft von der Schwüle des Tages und überzeug — 135— Triſtan ihr Portrait behalten habe, hatte ihm keine wört⸗ lichen Vertraulichkeiten mehr zu eröffnen, mit Innigkeit, die vielleicht ihre einzige Tugend war, legte ſie ihren Kopf auf die Schulter ihres geträumten Geliebten und in dem Drucke ihrer Arme fühlte Triſtan eine von jenen ſtar⸗ ken, unbändigen Naturen, die wohl zuweilen müde, aber nie zu ſättigen ſind. Triſtan war nicht von Erz, auch er erlag der glü⸗ henden Luft, die ſich in Euphraſia zu conrentriren und, von ihr wieder ausſtrömend, ſich noch brennender über ihn zu ergießen ſchien. Es iſt wahr, er hatte auf ein „Liebſt Du mich?“ das ihren Lippen entquoll, und in das die bürgerliche Phryne das ganze Feuer ihres Blutes gelegt, nichts geantwortet; aber ungeachtet des Wilhelm gegebenen Verſprechens, das in rothen Zügen über den Blättern der Bäume webte und das Triſtan's verwirrter Kopf zu bannen ſuchte, konnte er ſich dennoch nicht er⸗ wehren, Euphraſita's häufiges Drücken zu erwidern, er konnte ſeine Augen von dieſem halbentblößten Buſen nicht abwenden, den ihm das bleiche Licht der Sterne wie un⸗ ter einer Perlenmutterhülle zeigte und ſein heißer Kopf konnte den verlangenden Athem der Frau nicht abwehren, die er in ſeinen Armen hielt. Noch ſchwankte Triſtan, als ſich Lotte's Stimme vernehmen ließ. — 136— Madame Van⸗Dick machte einen Satz, als ob man ihr ein glühendes Eiſen auf die Schulter applicirte. Aber nicht Scham oder Furcht brachte bei ihr dieſe Bewegung hervor, ſondern der ganz natürliche Eindruck eines uner⸗ warteten Schrei's, der plötzlich durch die ſtarkgeſchwächten Sinne fährt. — Was giebt es? fragte ſie ganz laut, indem ſie aufſtand und die unterbrochene Ordnung ihrer Toilette wiederherſtellte. — Madame, rief Lotte von der andern Seite des Gartens her, der Unſchlag iſt fertig und Herr Eduard will, daß Sie ihm denſelben umlegen ſollen. — Ich werde kommen. Lotte entfernte ſich. — Höre, ſprach Euphraſia, indem ſie Triſtan's Hand drückte, ich will ein wenig bei meinem Sohne bleiben, geh' in Dein Zimmer und wenn Du mich auf meinem Piano ſpielen hörſt, geh' in den Garten hinab, nimm jene Leiter und ſteige durch das Fenſter. Ich liebe Dich! Euphraſta war verſchwunden, ehe Triſtan ein Wort antworten konnte. Der Hauslehrer ſtand nun auf, ſchwankte ein wenig, wie ein Mann, der aus einem Traume oder aus einer Trunkenheit erwacht, fuhr mit der Hand über die Stirn, ſah ſich um, machte dann einen kurzen Spa⸗ —— — ———— — 137— ziergang durch den Garten, ging in ſein Zimmer, ſetzte ſich an das Fenſter und betrachtete die Sterne. Er hatte noch keine halbe Stunde ſo geträumt, ohne zu wiſſen wovon, als er den erſten Ton von dem Piano der Madame Van⸗Dick hörte. Sie ſpielte„den letzten Gedanken“ von Weber, und zufällig ſpielte ſie ihn gut. 1I. Aus dieſem Kapitel iſt zu erſehen, daß die Muſik nicht immer die Sitten der Menſchen mildert. Bei den erſten Tönen, welche Madame Van⸗Dick ih⸗ rem Piano entlockte, ward Triſtan unwillkührlich tief be⸗ wegt. Wollte man den Einfluß der Sinne wegläugnen, könnte man auch die ganze Natur verneinen. Wie ſich der Leſer erinnert, beſaß unſer Held keine immaterielle Natur; ſeit der Zeit, daß er den Negocianten kennen ge⸗ lernt, hatte die Keuſchheit an der Thür dieſes Hauſes gewacht, und wenn auch von Zeit zu Zeit Liebesgedanken den Kopf des Hauslehrers erhitzten, ſo hatten ſie ſich doch nie verwirklicht. Es iſt demnach leicht begreiflich, wenn die keuſche Göttin, welche über Triſtan wachte, ihrer — 188— Wache einmal müde wurde und dem Schützlinge einen Irrthum erlaubte, ebenſo auch läßt ſich die Unentſchloſſen⸗ heit erklären, welche der muſikaliſchen Einladung Euphra⸗ ſia's antwortete. Er hatte Wilhelm einen heiligen Eid geſchworen, das iſt wahr; er fand, oder vielmehr er hatte lange Zeit ſchon Euphraſia ſehr lächerlich gefunden, das iſt auch wahr: aber Wilhelm war fern, er konnte nichts bemerken. So lange die Welt ſteht, find Meineide die⸗ ſer Art unzählige geſchworen und die Natur hat vor Ent⸗ ſetzen darüber nicht gebebt, ſie hat die Erinnerung daran nicht einmal bewahrt. Hinter dem Horizonte, den die Schatten des Abends verhüllten, gab es ſehr viel Kirch⸗ höfe, auf dieſen Kirchhöfen viel Gräber und in dieſen Gräbern lagen ſehr viel Leute, welche denſelben Verfüh⸗ rungen unterlegen, die unſern Helden verfolgten; gute und böſe, treue und meineidige Liebhaber hatte der Tod hin⸗ weggerafft, ſie lagen friedlich in einer und derſelben Erde, unter einer und derſelben Decke. Solche Gedanken ſteigen in einem Manne auf, der, wie Triſtan, im Begriffe ſteht, eine That zu vollbringen, welche die Monotonie ſeines Lebens zu einer verdächtigen ſtempelt. Wäre Triſtan in ſeinem früher freien Stande als junger Mann auf einen Sandlungsbefliſſenen von Wilhelm's Schlage geſtoßen, und dieſer Handlungsbefliſ⸗ — 139— ſene hätte eine Geliebte von Euphraſta's Schlage gehabt, es wäre ſehr wahrſcheinlich, daß er, unter demſelben ge⸗ leiſteten Verſprechen, nicht einen Augenblick gezögert, ſondern die ganze Sache für eine kleine Sünde gehalten hätte, welche am Morgen beſchloſſen, am Abend ausge⸗ führt und am nächſten Tage wieder vergeſſen geweſen. Aber die gegenwärtige Sachlage war eine andere. Triſtan hatte einen feierlichen Eid grſchworen, ob mit Unrecht oder Recht, lag ihm nicht zu entſcheiden ob. Wil⸗ helm liebte Euphraſia, gleichviel vb mit Recht oder Un⸗ recht; er war traurig, als er abreiſte, aber er ſetzte völ⸗ les Vertrauen in ſeinen Freund, und es wire nieder⸗ trächtig, ſelbſt wenn die That unbekannt bliebe, dieſes Vertrauen zu täuſchen, oder über dieſe Traurigkeit zu lachen. — Wenn Madame Van⸗Dick, ſprach er zu ſich, als das ungeduldige Piano immer dringender ertönte, wenn Madame Van⸗Dick Wilhelm's Frau wäre, ſo wäre dies ſehr ſchlecht; aber ſie iſt nur ſeine Geliebte und Herrn Van⸗Dick's Gattin, der es gut mit mir meint. Da Wil⸗ helm Gerrn Van⸗Dick betrügt, könnte ich auch Wilhelm betrügen; indeß, fuhr er nach einigem Nachdenken fort, iſt die Sache nicht dieſelbe. Herr Van⸗Dick ſieht gar nicht aus, als ob er ſeine Frau anbetete, er liebt viel⸗ —— mehr ſeine Köchin und hat Euphraſia ſeinem Commis nicht anvertraut, während ich mich damit befaſſe, über die Tugend der Dame zu wachen. Das Inſtrument tönte immer fort. — Wer wird es erfahren? ſprach Triſtan weiter; au⸗ ßerdem iſt Euphraſia kein junges Mädchen mehr, Wilhelm iſt nicht ihr erſter Liebhaber und ich werde nicht der letzte ſein. Wer wird ihm ſagen, daß ſie ihn betrogen hat? Ein Unglück, was man nicht kennt, iſt kein Unglück zu nennen. Ich habe gethan, was ich konnte, um Euphraſia zu vermeiden; ſie ſelhſt hat gewünſcht und wünſcht immer noch. Wenn ſie Wilhelm nicht mehr liebt, wird ſie meine Gleichgültigkeit nicht vermögen, ihn zu lieben. Außerdem iſt ſie auch ſehr ſchön. Als ich den Eid leiſtete, wußte ich nicht alles, was ich jetzt weiß. Triſtan verſank in Nachdenken. In dieſem Augenblicke ſchwieg das Pianv. — Ah! ſprach er, und unwillkühriich klopfte ſein Herz. — Sie ſpielt nicht mehr, ſie erwartet mich! Leiſe, auf den Fußſpitzen, ſchlich er zum Fenſter. Auch Euphraſta war an ihrem Fenſter und huſtete jenen hart⸗ näckigen Huſten, der laut allgemeiner Uebereinkunft be⸗ ſtimmt iſt, begreiflich zu machen, daß der, den man erwartet, kommen kann. — Wos ſoll ich thun? dachte Triſtan. Es ward gehuſtet. — Sie fährt fort! Ein Lächeln umſchwebte die Lippen des Hauslehrers. — Da ich meinen Schwüren ſo treu bleibe, dachte er, will ich dieſer armen Frau, deren Gunſt ich mir er⸗ halten muß, auch einen leiſten. Dabei iſt aber die Haupt⸗ ſache, zu wiſſen, ob der erſte mehr gilt, als der Triſtan lächelte wie ein Menſch, ſchlechten Grund zu überzeugen ſucht. Das Huſten hörte auf. — Ah, ſprach er, indem er den Kopf aus dem Fen⸗ ſter ſenkte, ſollte ſie ſich ſchon zufrieden gegeben haben? Um ſo beſſer! um ſo beſſer! Dies„Um ſo beſſer“ kam aber nicht zen, es war falſch. Der Menſch liebt dieſe Art Kämpfe. Wenn er nicht unterliegt, ſpricht er zu ſich:„Wie ſtark bin ich!“ Unter⸗ liegt er, ſpricht er:„Wie habe ich gekämpft!“ Triſtan ſteckte ſeinen Kopf etwas weiter hinaus. Euphraſia war zwar von ihrem Fenſter verſchwun⸗ den, das Fenſter aber war offen geblieben. — Zum Teufel, ſprach Triſtan, ich bin ein Mann und finde an dieſem kindiſchen Kampfe Vergnügen! Ich zweite. der ſich durch einen aus dem Her⸗ — 142— will zu ihr gehen, aber nur, um ihr zu ſagen, daß an ein Verhältniß zwiſchen uns nicht zu denken ſei. Ich werde ihr erzählen, was mir Wilhelm geſagt hat— wenigſtens werde ich ruhig ſein. Daß ich ihr nicht böſe bin, iſt zwar ſehr gut, aber ich muß es ihr doch ſagen. Mit dieſem plötzlichen Entſchluſſe, hinter dem auch noch der Wunſch ſich verbarg, die in der Laube begonnene Scene fortzuſetzen, drehte Triſtan den Schlüſſel in der Thür und öffnete ſie leiſe, indem er mit dem Mittel, das ihm ſeine Klugheit gerathen, ſein Gewiſſen zu beſchwichti⸗ gen ſuchte. In dem Augenblicke, als er die Schwelle ſeiner Thür überſchreiten wollte, hörte er in dem Erdgeſchoſſe Geräuſch. Er lauſchte einen Augenblick und erkannte Herrn Van⸗ Dick's Gang, der nach Hauſe kam und ruhig ſein Zimmer betrat. Dieſe Verzögerung verwünſchend, die ihn in den Au⸗ gen der Madame Van⸗Dick als einen unartigen Mann mußte erſcheinen laſſen, trat Triſtan in ſein Zimmer zurück. Hier legte er ſein Ohr an das Schlüſſelloch der Thür und hörte, wie der Negociant die Thüren verſchloß, welche ſei⸗ nem Schlafzimmer vorangingen. 9 Alles war ruhig. — Ich werde mir eine unverſöhnliche Feindin erwer⸗ — 143— ben, wenn ich nicht hinabgehe, dachte Triſtan. Welchen Grund ſoll ich ihr morgen angeben? Was ſoll ich thun? In dieſem Augenblicke ließ ſich das Piano wieder vernehmen; allein Madame Van⸗Dick, die nicht wußte, welchem Umſtande ſie Triſtan's Schweigen zuſchreiben ſollte, hatte den Fuß auf das Pedal des Inſtrumentes geſetzt und „der letzte Gedanke von Weber“, von den kräftigen Fin⸗ gern Euphraſia's verwirklicht, ſchlug rauſchend an das Ohr desjenigen, dem er beſtimmt war. Triſtan konnte ſich des Lachens nicht erwehren. — O Himmel! dachte er, wenn das in dieſer Stei⸗ gerung fortgeht, zerſpringen in einer halben Stunde die Fenſterſcheiben. Hilf, Himmel! Verehrteſte Madame Van⸗ Dick, wie lieben Sie mich! In der That, wenn ihre Liebe mit der Energie, mit der ſie die Taſten des Inſtrumentes berührte, in Verhält⸗ niß ſtand, mußte Euphraſia unſern Triſtan nicht wenig lieben. Es war nicht mehr Muſik, es war eine Rebellion von Tönen. — Man muß dem Dinge ein Ende machen, ſprach Triſtan. Wenn ich den Tod Raphael's nicht erleiden will, den mir dieſe mächtige Harmonie zu verſprechen ſcheint, darf ich jetzt nicht hinabgehen. Ich muß einen Entſchluß faſſen, aber da ich ein großer Narr bin und dieſen Ent⸗ — 144— ſchluß in meinem eigenen Willen nicht finden kann, will ich mir ihn vom Zufalle geben laſſen. Mit dieſen Worten ging unſer Freund leiſe zu ſeinem Kamine und zündete ein Licht an; dann zog er ein Stück Geld aus der Taſche und trat zu ſeinem Bette. — Madame Van⸗Dick hat gewonnen, fällt die Rück⸗ ſeite; erſcheint das Bild, habe ich gewonnen, das heißt, ich gehe nicht hinab. Dies iſt die letzte Probe, und wenn Sie verlieren, meine beſte Madame, ſo mögen Sie die Poſaune blaſen, bei deren Ton die Mauern von Jerichow eingeſtürzt ſind, ich komme nicht! — Bild! ſprach er und warf das Geldſtück in die Luft. Die Münze drehete ſi i raſch um ſich ſelbſt und fiel auf das Bett. Triſtan trat mit dem Lichte heran. Das Bild des Monarchen ward von demſelben beſchienen. — Ich habe gewonnen, ſprach Triſtan, indem er das Geldſtück wieder in ſeine Taſche ſchob, oder richtiger ge⸗ ſagt, ſie hat verloren. Diesmal bleibt es dabei! Nun ſchloß er leiſe das Sſe und zog die Vor⸗ hänge zuſammen. Der muſikaliſche Lärm dauerte fort, aber etwas dumpfer. — Und nun zu Bett, ſprach er zu ſich, ich habe die — 145— Ruhe verdient. Ich hoffe, mein beſter Wilhelm, Sie ha⸗ ben einen Freund, der ſeine Schwüre hält. Doch gleich⸗ viel, ich handele in meinem Intereſſe klug. Die Muſik dauerte fort. Triſtan entkleidete ſich, ſah nach der Uhr, die Eins zeigte und öffnete die Vorhänge ſeines Bettes. — Das nächſte Frühſtück wird nicht ſehr erbaulich ſein. In dieſem Augenblicke ſchwieg das Inſtrument. — Ah, jetzt wird ſie wieder huſten. Und in der That, trotzdem das Fenſter geſchloſſen war, vernahm Triſtan Euphrafta's Huſten, der, wie das Piano, den Ton geändert hatte. — Huſte nur! dachte Triſtan, ich gehe zu Bette. Der junge Mann ſchlüpfte unter die Decke und ſprach: — Jetzt bin ich mit dem, was ich gethan, zufrieden. Mit dem Lichte verlöſchen auch meine Leidenſchaften. Gute Nacht! Eine Viertelſtunde mochte verfloſſen ſein, während wel⸗ cher Triſtan, ermüdet von dem Kampfe ſeiner Empfindun⸗ gen, ſich zum Schlafen vorbereitete und mit halbgeſchloſ⸗ ſenen Augen in ſeinem Bette lag, als plötzlich ein unge⸗ heurer Lärm durch das Haus ſchallte. Als ob man einen Flintenſchuß in dem Zimmer abgefeuert hätte, ſprang der Hauslehrer in ſeinem Bette empor. Die Holländerin. I. 10 — 4⁴6— Die Urſache dieſes Schreckens war Madame Van⸗Dick, welche den„letzten Gedanken“ von Weber wieder begann; ſie ſchien ihn aber nicht mehr mit den Fingern zu ſpielen ſondern, nach der Kraft zu urtheilen, mit den F äuſten. — Nicht übel, ſprach Triſtan, indem er ſich aufrich⸗ tete, jetzt weiß ich kein Mittel mehr, mich zu halten. Ma⸗ dame bringt das ganze Stadtviertel in Bewegung. Triſtan verließ das Bett und ſuchte ſeine Kleider, um zu Euphraſia hinabzugehen, diesmal ab Entſchluſſe, ſie zum Schweigen zu bringen und ihr feſt zu widerſtehen. In dieſem Augenblicke hörte er im Erd⸗ geſchoſſe heftig ein Fenſter öffnen und die Stimme des Herrn Van⸗Dick rief ſeiner Frau zu — Was zum Teufel beginnſt Du denn da oben, meine theure Freundin? Man kann ja kein Auge ſchließen! Eduard iſt krank, und wenn das fortgeht, laufen die Men⸗ ſchen in der Straße zuſammen. Warte bis morgen. Schon zweimal war ich eingeſchlafen, Du haſt mich aber wieder aufgeweckt. Gott möge es dem Herrn Weber verzeihen, daß er einen„letzten Gedanken“ componirt hat! Ich bin überzeugt, daß der arme Triſtan nicht ſchlafen kann. Nicht wahr, mein beſter Herr Triſtan? Triſtan hütete ſich wohl, zu antworten. er mit dem feſten — 147— — Ah, er ſchläft, ſprach Herr Van⸗Dick, indem er das Fenſter ſchloß. Er wird wohl ſehr müde ſein! Wie durch einen Zauber verſtummte die Muſik. Triſtan war froh, daß ihm dieſer Umſtand zu Hülfe gekommen. Er legte ſich wieder zu Bette und dachte noch einige Augenblicke über die Begebenheiten des Abends nach und über das, was er für den folgenden Morgen vorausſah. Gleich darauf hörte er Madame Van⸗Dick ſo leiſe als möglich das Fenſter ſchließen. Als es zwei Uhr ſchlug, herrſchte eine ſo tiefe Ruhe in dem Hauſe, daß man den Flug einer Mücke hätte hö⸗ ren können. 12. Madame Van⸗Dick iſt traurig. Als Triſtan erwachte, war es bereits heller Tag. Es ſchlug ſechs Uhr. Das Bewußtſein, eine gute Handlung vollbracht zu haben, hatte unſerm Helden, wie man ſieht, einen ruhigen Schlaf verliehen. Er war ob ſeiner That ſo glücklich und 10* — 18— ſo ſtolz, daß ihm das Begegnen der Madame Van⸗Dick neben der Zufriedenheit, die er empfand, nur eine Klei⸗ nigkeit zu ſein ſchien. Fröhlich verließ er daher ſein Bett. Als er die Vor⸗ hänge ſeines Fenſters öffnete, drang ihm ein Lichtmeer entgegen, daß er die Augen ſchließen mußte. Er öff nun nete auch das Fenſter und die friſche Morgenluft that ſeiner Stirn ſo wohl, wie die Erinnerung an den errun⸗ genen Sieg ſeinem Herzen. Neugierig, zu wiſſen, was ſich ereignen würde, klei⸗ dete er ſich raſch an und ſtieg die Treppen hinab. Im Erdgeſchoſſe begegnete ihm Lotte, welche er um das Befin⸗ den des Herrn Eduard befragte. Der Zögling befand ſich beſſer. Triſtan ging nun in den Garten, wo er Herrn Van⸗ Dick antraf. Der Leinwandhändler begoß die Blumen. Als er ſeinen neuen Freund kommen ſah, rief er ihm ent⸗ gegen:„Guten Morgen, mein beſter Herr Triſtan!“ ſich in ſeiner Beſchäftigung zu unterbrechen. — Guten Morgen, mein beſter Herr Van⸗Dick! ant⸗ wortete Triſtan und dächte dabei:„Wie ich mit der Frau ſtehe, weiß ich nicht, der Mann ſcheint mir aber immer noch gewogen zu ſein.“ — Haben Sie gut geſchlafen, Herr Van⸗Dick? fügte ohne der Hauslehrer hinzu, ohne ein Lächeln unterdrücken zu können, deſſen Grund der Leſer kennt. — Von zwei Uhr an ſehr gut; bis dahin aber— — Sind Sie krank geweſen? — O nein. Ich bin aber ſpät nach Hauſe gekom⸗ men, und dann hat ſich meine liebe Gattin mit einer ſol⸗ chen Kraft und Beharrlichkeit an Webers letztem Gedanken amüſirt, daß der große Componiſt ſich gefreut hätte, wenn er es gehört. — Wahrhaftig? — Es war nicht zum Aushalten. Haben Sie denn nichts gehört? — Nichts. — Sie wollen aus Artigkeit nichts gehört haben. — Nein. Und wenn Madame Van⸗Dick noch ſo ſtark geſpielt hätte, ich würde dennoch nichts gehört haben. — Waren Sie nicht zu Hauſe? fragte der Kaufmann mit einem vertraulichen Lächeln. — Ich war zu Hauſe, aber ich lag in einem tiefen Schlafe. — Sie ſind ſehr glücklich. — Wie befindet ſich Madame Van⸗Dick dieſen Morgen? — Ich habe ſie noch nicht geſehen. Wahrſcheinlich wird ſie etwas angeſtrengt ſein. — 150— Nachdem Herr Van⸗Dick und Triſtan noch einen Spaziergang durch den Garten gemacht, meldete ein Die⸗ ner, daß das Frühſtück ſervirt ſei. Die beiden Männer gingen hierauf in den Speiſeſaal, wo ſie Madame Van⸗ Dick antrafen. Die Dame hatte die Fenſtervorhänge ſo dicht verſchloſſen, daß man in dem Zimmer bei dem erſten Eintritte aus dem hellen Tage kaum die Gegenſtände zu unterſcheiden vermochte. — Was Teufel, ſprach Herr Van⸗Dick, was ſoll denn das bedeuten? — Es geſchah der Hitze wegen, mein Freund, und dann auch übt das Licht einen nachtheiligen Einfluß auf meine Augen aus. — Aber warum wendeſt Du dem Lichte den Rücken zu? Dieſer Saal kommt mir beinahe wie ein Grab vor. Mit dieſen Worten ſchob Herr Van⸗Dick eigenhändig die Vorhänge eines der Fenſter zurück. — So, ſprach er, wird dem Geſchmacke aller genügt ſein; ein geſchloſſener Vorhang für Dich, ein offener für uns, denn ich denke, Herr Triſtan wird das Licht eben ſo lieben, als ich. Aber Triſtan, der bemerkte, daß Madame Van⸗Dick rothgeweinte Augen hatte und ſelbſt jetzt noch ihre Thrä⸗ nen zurückzuhalten ſuchte, verſtand, warum ſie nicht in den — 151— Garten gekommen war, er verſuchte demnach, ſich mit der Herrin des Hauſes auf einen guten Fuß zu ſetzen und antwortete: — Erlauben Sie mir, mein beſter Herr, das vorzu⸗ ziehen, was Madame Van⸗Dick wünſcht. Euphraſia antwortete weder durch ein Wort, noch durch ein Zeichen. — Haben Sie die Nacht gut verbracht, Madame? fragte Triſtan ſich ihr nähernd und bemerkte zu ſpät, daß dieſe Frage, die ihm die Gegenwart des Herrn Van⸗Dick abnöthigte, das Anſehen eines ſchlechten Scherzes hatte. — Danke, mein Herr, ſehr gut, antwortete Euphraſia trocken. — Ah, jetzt ſehe ich, warum Du die Fenſtervorhänge geſchloſſen haſt, Kokette, ſprach Herr Van⸗Dick ſpöttiſch lächelnd, indem er ſeiner Frau gegenüber Platz nahm, es geſchah, weil Du ganz roth biſt. Madame Van⸗Dick wurde noch röther, und Triſtan, der verſtohlen einen Blick auf ſie warf, ſah eine Thräne des Zornes in ihren Augen blitzen. „Dieſe Thräne werde ich theuer bezahlen müſſen, dachte Triſtan. — Man könnte ſagen, Du habeſt geweint, fuhr der —————— Kaufmann mit jener Beharrlichkeit der Ehemänner fort, welche wiſſen, daß ſie ihre Frau ärgern. Madame Van⸗Dick antwortete nicht. Triſtan ſah, daß die Thräne, welche ſich hervordrängte, dem Fallen nahe war. Die arme Frau dauerte ihn. — Madame iſt krank, ſprach er. — Dieſe Nacht war ſie es nicht, meinte Herr Van⸗ Dick; ſage mir nur, theure Freundin, welche Wuth, das Piano zu mißhandeln, Dich erfaßt hatte? Die Thräne rollte jetzt über ihre Wange und fiel in eine der Falten ihres ſeidenen Kleides. Herr Van⸗Dick, der mit ſeinem Braten beſchäftigt war, hatte nichts bemerkt. Triſtan ſah es, ſagte aber be⸗ greiflicherweiſe nichts. — Der letzte Gedanke von Weber ſcheint Dir zu ge⸗ fallen? fuhr der Holländer fort, indem er ſein Glas mit Wein füllte. Euphraſia warf ihre Servictte auf den Tiſch, ſtand auf, warf den Stuhl zu Boden und verließ mit den Wor⸗ ten:„Sie ſind ein Narr!“ den Saal. — Madame iſt nicht gut gelaunt, ſprach Herr Van⸗ Dick in dem gleichgültigſten Tone von der Welt und trank ein Glas Waſſer. — Sie haben ſie ein wenig gequält. — ch? — Ich weiß, was ihr fehlt. — Wahrhaftig? — Ja. — Und darf man, ohne indiseret zu erſcheinen, um den Grund ihres Kummers fragen, denn ich wäre ſo un⸗ geſchickt, ihn zu erneuen, indem ich verſuchte, ſie zu tröſten. — Es fehlt ein Couvert an dieſem Tiſche. — Ah, das iſt recht. — Verſtehen Sie? — Vollkommen; ihr Sohn iſt krank. Triſtan ſtellte ſich, als ob er die doppelſinnige Beto⸗ nung, mit welcher Herr Van⸗Dick dies„Verſtehen Sie?“ geſprochen hatte, nicht verſtände. — Ich dachte nicht daran, fuhr Triſtan unbefangen fort, Madame Van⸗Dick liebt ihren Sohn mit mütterlicher Zärtlichkeit. Herr Van⸗Dick hielt Triſtan's Antwort für eine auf⸗ richtige und zog es vor, ihn in ſeinem Irrthume zu laſſen. — Sie verſtehen alſo jetzt, nicht wahr? fuhr er fort. — Vollkommen; man hat mir aber dieſen Morgen auf mein Befragen geſagt, daß ſich Eduard viel beſſer be⸗ findet. Der Kummer Madame Van⸗Dick's, eine ſo gute — — 154— Mutter ſie immerhin iſt, wäre in den verfloſſenen Tagen viel natürlicher geweſen; ſie grämt ſich in dieſem Augen⸗ genblicke ohne Grund. — Um ſo mehr, fügte Herr Van⸗Dick hinzu, als ſie dieſe Nacht den armen Knaben durch ihre muſikaliſche Wuth in ſeinem Schlafe ſtörte. „Ich muß ihn auf das zurückzuführen ſuchen, dachte Triſtan, was ihm vorhin auf den Lippen ſchwebte.“ — Auch glaube ich, ſprach er laut, daß dies der Grund von Madame Van⸗Dick's Traurigkeit nicht iſt. — Vielleicht. — Vermuthen Sie keinen andern Grund? — Nein. Je mehr Zeit Herr Van⸗Dick zu überlegen hatte, je feſter ſchien bei ihm der Entſchluß zu werden, Triſtan bei ſeiner erſten Vorausſetzung zu laſſen. — Meinetwegen mag ſie dieſen oder jenen Grund haben, mir iſt alles gleich. Wenn ſich die Männer ſtets um die ſchlechten Launen ihrer Frauen kümmern wollten⸗ hätten ſie nichts weiter zu thun, für andere Sachen würde ihnen keine Zeit bleiben. Die betrübten Frauen ſind wie die Kinder, welche fallen: hebt man ſie auf, weinen fſie, und läßt man ſie allein aufſtehen, ſagen ſie kein Wort. Herr Van⸗Dick ſtand vom Tiſche auf. — 155— — Indeß, ſprach Triſtan und folgte ſeinem Beiſpiele, man kann Madame Van⸗Dick doch nicht ſo laſſen. — Mein beſter Triſtan, antwortete der Negociant, indem er dem Hauslehrer auf die Schulter klopfte, ſeien Sie ſo liebenswürdig, ihr Geſellſchaft zu leiſten, tröſten Sie ſie und ſagen Sie ihr, daß ich dieſes Geſchäft ſelbſt abgemacht haben würde, wenn ich nicht ausgehen müßte. Ich verlaſſe mich auf Sie. Herr Van⸗Dick ergriff ſeinen Hut. — Wann kommen Sie wieder zurück, mein beſter Herr Van⸗Dick? — Zum Diner. Adien! — Adieu! — Sorgen Sie dafür, daß ſie bei Tiſche vergnügt ift. Es giebt nichts langweiligeres in der Welt, als ein trüb⸗ ſeliges Geſicht anſehen zu müſſen, wenn man bei Tiſche ſitzt. — Aber ich weiß nicht, was ich ihr zu vieſem Zwecke ſagen ſoll? — Sagen Sie ihr, daß die Leute, welche verreiſt ſind, wiederkommen werden. — Und daß Sie um ſechs Uhr wiederkommen wer⸗ den, fügte Triſtan mit einem Lächeln hinzu. — Dieſe Nachricht wird ihr Vergnügen machen. Sie verſtehen mich vortrefflich! 136— Lächelnd verließ der Holländer den Saal. Doch kaum hatte er die Thür geſchloſſen, als ſte ſich wieder 5 und Herr Van⸗Dick zurückkehrte. — Sobllte ſie noch traurig ſein, begann der Wieder⸗ kehrende, ſo halte ich mich an Sie. In Wilhelms Ab⸗ weſenheit liegen Ihnen ſolche Sachen ffnete zur Beſorgung ob. Nachdem er ſich eine Cigarre angezündet, verließ er endlich den Saal, um nicht noch einmal zurückzukehren. — Ein ſonderbarer Menſch! dachte Triſtan. Ob er mich auch dann wohl beauftragt hätte, ſeine Frau zu trö⸗ ſten, wenn er den wahren Grund ihrer Traurigkeit wüßte. In dieſem Augenblicke ertönte eine Glocke. Gleich darauf trat Lotte in den Saal. Mein Herr, Madame wünſcht Sie zu ſprechen. — Wo iſt Madame? — In ihrem Zimmer. — Ich werde kommen. Wie ein Menſch, der eben ſo gern an jeden beliebigen andern Ort ginge als dorthin, wohin er eben geht, ſtieg Triſtan langſam die Treppe hinauf. 13. Triſtan Joſeph und Euphraſia Potiphar. Triſtan traf Madame Van⸗Dick in ihrem Schlafzim⸗ mer an. Den Umſtand, daß ſie ſich in ihrem Zimmer befand, hatte die Dame benutzt, um die Vorhänge zu ſchließen und in einem matten Roth zu erſcheinen. Das Piano war geſchloſſen. Auf dem Kamine, auf dem Tiſche, überall, wo nur eine Vaſe ſtehen konnte, öffneten Blumen ihren würzigen Kelch. Die geſchloſſenen Fenſtervorhänge geſtatteten nur wenigen Sonnenſtrahlen den Eingang; neugierig drangen ſie in den Schoos dieſes Zimmers, um die Blumen zu ſuchen, die ſie lieben. Von Zeit zu Zeit verhüllte eine Wolke, die am Himmel vorüberzog, dieſe Strahlen, ſo daß die Blumenſträuße im Schatten ſtanden. Sonne, Blumen und Vögel, zu einem poetiſchen Rah⸗ men um ein bürgerliches Gemälde gebildet, hatte Madame Van⸗Dick zu ihrer letzten Hülfe herbeigerufen, ſie zählte feſt auf ihren Einfluß. — 158— Nie verzeiht eine Frau einem Manne, wenn er ſie verſchmäht, und vorzüglich dann, wenn ſie, wie Euphraſia, ihn allein zum Vertrauten ihrer Liebe gemacht hat. Euphraſia war keine geiſtreiche Frau, wie wir bereits oft und vielleicht zu oft geſagt haben, aber ſie war eine Frau, die, wenn die Leidenſchaft der Sinne oder des Her⸗ zens ſie einen Augenblick beherrſchen oder in einen treulo⸗ ſen Zuſtand verſetzen konnte, einmal zur Ueberlegung ge⸗ kommen, nie wieder in dieſelhe Lage zurückverfiel Außer⸗ dem war ſie für äußere Verführungen und phyſiſche Ein⸗ drücke ſehr empfänglich, ſo daß wir uns nicht wundern können, ſie in dieſem letzten Kampfe gegen den unverwund⸗ baren Triſtan mit ſolchen Waffen ausgerüſtet zu erblicken. Der Tag war ſchwül wie der Abend, der ihm vor⸗ anging; aber ſo ſchwül auch jener Abend war, ſo ſtellte ſich doch dann und wann ein kühles Lüftchen ein, das eine glühende Stirn erfriſchen und eine gepreßte Bruſt be⸗ ruhigen konnte, und ſo einſam Euphraſia in ihrem Garten auch war, ſo konnte ſie doch von aller Welt überraſcht werden, wie zum Beiſpiel von der dicken Lotte: jetzt aber war ihre Tugend vor den beiden Freunden des Abends geſichert, die friſche Luft und die Zeugen konnten ſie nicht erreichen. Sie war in ihrem Zimmer, wo niemand das Recht hatte, ſie zu ſtören; die Fenſtervorhänge waren ge⸗ — 59— ſchloſſen und das Zimmer athmete alle Düfte, welche im Stande ſind, ein Verlangen vollſtändiger zu machen. Die Dame ſelbſt war weiß gekleidet und Hals, Buſen und Arme deckte keine neidiſche Hülle. In dem matten Lichte, welches lüſtern durch das Zimmer webte konnte ſie Schuktern und Arme mit Koketterie zur Schau tragen, denn alle Formen und Umriſſe erſchienen viel feiner, edler und ariſtokratiſcher und dabei athmete das Fleiſch Leben und Friſche. Madame Van⸗Dick war einer Najade zu vergleichen, wie ſie die Dichter des achtzehnten Jahrhunderts ſchildern. Wir, die wir proſaiſcher ſind und nur ein wah⸗ res Weib zu ſchildern uns bemühen, wir ſagen ganz ein⸗ fach, wie ſie war: ein üppiges, verlangendes Weib. Vor Aerger weinend, hatte Euphraſia den Saal ver⸗ laſſen. Nachdem ſie ihre Augenlider von den unnützen und für ihre Augen ſelbſt gefährlichen Thränen befreit, ſchloß ſie ſich in ihr Toilettenzimmer ein, enthüllte vor dem Spiegel die Reichthümer ihres Körpers, und beſprengte ihn mit wohlriechendem Waſſer. Lächelnd unter dem wol⸗ lüſtigen Dufte, den ihr ganzes Weſen aushauchte, hüllte ſie denn dieſen einbalſamirten Körper, verachtet, weil er unbekannt war, in den feinſten Battiſt. Nachdem Lieſe Armirung geſchehen, hatte ſie Herrn Van⸗Dick das Haus — 160— verlaſſen ſehen, die Klingel gezogen und der Köchin den Auftrag ertheilt, ihren Feind zu rufen. Triſtan erwartete eine Scene voll Vorwürfe und Haß. Kaum war er eingetreten, als Euphraſta mit der ſü⸗ ßeſten Stimme von der Welt ſprach: — Das iſt ſchön! — Ich ſtand ſo eben im Begriffe, Madame, Sie um die Ehre eines Beſuches bitten zu laſſen. — Nun, ſo ſetzen Sie ſich, und plaudern wir ein wenig. Triſtun nahm einen Stuhl und ließ ſich in einer ge⸗ wiſſen Entfernung von Euphraſla nieder. — Fürchten Sie ſich vor mir? fuhr ſie fort. Rücken Sie doch näher. Triſtan rückte näher. — Alſo, ſprach Madame Van⸗Dick, indem ſie die Hand des Hauslehrers ergriff, auf dieſe Weiſe kommen Sie zu den Rendezvous, welche Sie geben. — Welche ich gebe? konnte ſich Triſtan nicht er⸗ wehren zu fragen. — Ja, welche Sie geben, oder welche man Ihnen giebt, wenn Sie das lieber wollen. In letzterm Falle iſt es noch ſchlimmer, wenn Sie fehlen. Anfangs fürchtete ich, daß Sie krank wären; ich war ſehr unruhig. — 161— n— Madame— — Haben Sie mich gehört? . Se zut 3— Warum verharrten Sie denn in Ihrem Still⸗ ſchweigen? Antworten Sie, mein Herr, wollen Sie noch einmal hören, daß man Sie liebt? 3 . Triſtan wollte reden. — Ich weiß, was Sie ſagen wollen, böſer Menſch, ſ irgend eine nichtige Entſchuldigung. Die Furcht überraſcht, 3 oder nicht geliebt zu werden. Aber ſo ſind die Männer. Es thäte wahrhaftig Noth, daß die Frau, die euch liebt, ſich aller Scham begiebt, um zu eutem Herzen zu gelan⸗ gen. Nun, Triſtan, fuhr Madame Van⸗Dick fort, indem. ſie auch ſeine andere Hand ergriff, habe ich Ihnen nicht ſchon alles geſagt, was nur eine Frau ſagen kann? Gehen 1 Sie, Sie haben mir viel Schmerz verurſacht. Ich ver⸗ wünſchte Sie und gab mir das heilige Verſprechen, nie wieder mit Ihnen zu reden, Sie nie wieder zu ſehen. Die⸗ ſen Morgen vermochte ich nicht, meine Thränen zurück⸗ zuhalten; als ich Sie aber wiederſah, habe ich Ihnen ver⸗ ziehen. Triſtan's Lage wurde gefährlich. — Aber Madame, ſprach Triſtan, was die Liehe an⸗ betrifft, welche man für eine Frau hegen kann, ſo giebt es Die Holländerin, J. 11 — 162— oft ein Gefühl, das über dieſe unerlaubte Liebe den Sieg davontragen muß. — Welches? — Die Dankbarkeit. — Was wollen Sie damit ſagen? — Ich will ſagen, daß ich hier Gaſt des Herrn Van⸗Dick bin, und daß es die Gaſtfreundſchaft dieſes Man⸗ nes ſchlecht belohnen hieße, wenn ich es wagen wollte, ſeine Frau zu lieben. — Was kümmert Sie das? Außerdem wird er es nicht wiſſen. — Aber ich werde es wiſſen. — Und dann? — Und dann, wenn nicht Herr Van⸗Dick, wird mir mein Gewiſſen Vorwürfe machen. — Wegen ſolcher Läppereien ſtoßen Sie eine Frau zurück, welche Sie liebt? Jetzt iſt es übrigens zu ſpät. — Zu ſpät? wiederholte Triſtan, indem er faſt einen Satz auf ſeinem Stuhle machte. — Ganz gewiß. Denn wäre Lotte nicht dazwiſchen gekommen, würden Sie geſtern ſchon dieſer ſtrafbare Gaſt geworden ſein, fügte Euphraſia lächelnd hinzu. — Vielleicht, Madame. — In jenem Augenblicke überlegten Sie nicht. — 163— — Aber ich habe ſeitdem überlegt. — So, und das Reſultat dieſer Ueberlegung hat Sie wohl abgehalten, geſtern Abend zu mir zu kommen? fragte Euphraſta verletzt. — Ja, Madame. — In dieſem Falle haben Sie ſich dieſe Nacht wohl recht luſtig über mich gemacht? — Wie können Sie glauben, Madame— — Da Sie doch ſo delicat ſind, hätten Sie dem Herrn Van⸗Dick antworten ſollen, als er Sie rief, und mit ihm mir ſagen können, daß ich aufhörte, das Ihnen nur allein bekannte Zeichen zu geben. — Glauben Sie mir, Madame, nur ein Gefühl von Ehre iſt der einzige Grund meines Schweigens. — Wenn man in Ihrem Alter ſteht und einige Le⸗ benserfahrung beſitzt, läßt man ſich von dergleichen Rück⸗ ſichten nicht abhalten. Hat dieſes Gefühl Ihnen vielleicht auch die Worte dictirt, die Sie mir geſtern Abend ſagten? Wenigſtens hätten Sie mich auf der Stelle es merken laſ⸗ ſen ſollen, anſtatt mit einer armen Frau, die Sie liebt und die nur auf ihr Berz hört, Ihren Scherz zu treiben. Wahrhaftig, ich muß heute bei dieſem Geſtändniſſe meiner Liebe erröthen! Uebrigens werde ich die Demüthigung ver⸗ geſſen, die ich erlitten, aber nur unter der Bedingung, daß 11* — 164— Sie mir den wahren Grund Ihres Betragens nennen, denn der thörigte, den Sie mir vorhin angaben, kann es nicht ſein. Jetzt begann der Aerger in Madame Van⸗Dick's Strategie die Oberhand zu gewinnen, und es war gar nicht ſchwer, das falſche Manöver zu erkennen, welchem ſie ſich hingab. Es war übrigens ſelbſt für eine geiſtreiche Frau nicht leicht, ſich geſchickt aus einem ſolchen Abenteuer heraus⸗ zuwinden. — Nun, Madame, fuhr Triſtan fort, der durch ei⸗ nige Complimente das, was er geſagt hatte, zu mildern gedachte, erlauben Sie mir, frei und offen zu reden, wie es mir um das Herz iſt? — Ich höre. — Nun denn, Madame, ja, ich liebe Sie! Ja, ge⸗ ſtern hätte ich beinahe meinen Eid verletzt, den ich ge⸗ ſchworen habe. Als ich Sie ſah, war ich weder meiner Sinne, noch meines Herzens mächtig, ich vergaß mein ge⸗ gebenes Wort. Glücklicherweiſe— verzeihen Sie mir die⸗ ſen Ausdruck— brachte mich Lotte's Stimme, die Sie rief, zur Wirklichkeit zurück. — Man kann einer Frau immer ſagen, daß man ſie liebt, wenn man ihr ſpäter gute Gründe angeben kann, um ſie nicht zu lieben, antwortete Euphraſia. — 165— — Dann erlauben Sie, Madame, daß ich ſchweige. — O nein, fahren Sie fort, mein Herr. — Erinnern Sie ſich noch der Zeit, wo ich das Vergnügen hatte, Ihr Portrait zu malen? — Ja. — Da war es, wo ſich eine wirkliche Leidenſchaft meiner bemächtigte. Und doch habe ich es Ihnen nie ge⸗ ſtanden. — Was ſagen Sie da? — Die Wahrheit. — Wenn Sie mir dieſe Liebe nicht geſtanden haben, ſo haben Sie wenigſtens dafür geſorgt, daß ich ſie merken konnte. — Durchaus nicht. — Sie ſind ein unverſchämter Lügner, mein Herr! rief Madame Van⸗Dick, welche abermals der Zorn zu be⸗ herrſchen anfing. Triſtan ſtand auf. — Bleiben Sie, mein Herr, ich will es. Als Sie mich fragten, wem dieſes Portrait beſtimmt ſei, was habe ich Ihnen geantwortet? — Daß Sie es mir nicht ſagen wollten. — Aber daß Sie es errathen könnten. — Ja. — 166— — Als es vollendet war, und nachdem ſie aus tau⸗ ſend kleinen Anzeichen meine thörigte Liebe hatten ermeſſen können, fragte ich Sie, ob Sie das Portrait dem einge⸗ händigt hätten, dem es beſtimmt ſei. Was haben Sie mir da geantwortet? — Daß ich es abgegeben habe. — Nun, mein Herr, geben Sie mir dieſes Portrait zurück und entfernen Sie ſich aus meinem Zimmer! — Madame, das Portrait iſt nicht mehr in meinen Bänden, antwortete Triſtan, der jetzt auch die Geduld verlor. — Wer hat es? fragte Madame Van⸗Dick, indem ſie aufſtand. — Haben Sie mir nicht geſagt, daß es für einen Mann beſtimmt ſei, den Sie lieben? — Nun? — Ich habe es Ihrem Geliebten gegeben, Madame. — Meinem Geliebten? — Herrn Wilhelm. — Und wer hat Ihnen geſagt, daß Herr Wilhelm mein Geliebter iſt? — Er ſelbſt. — Er hat gelogen, mein Herr, wenn er das geſagt hat, und Sie ſind ein impertinenter Menſch, daß Sie es mir wiederholen. O, wie hat mich dieſer Menſch genarrt — 167— und gedemüthigt! murmelte Madame Van⸗Dick. Ich werde n mich aber zu rächen wiſſen, mein Herr Triſtan! ⸗— Verzeihung, Madame, antwortete Triſtan, indem e er ſeine vorige Ruhe wieder annahm, ich glaube, der Zorn läßt Sie die Wahrheit vergeſſen. Ich habe verſucht, einem geleiſteten Eide treu zu bleiben, und anſtatt mir zu dan⸗ t ken, daß ich Sie vor wahrſcheinlichen Gewiſſensbiſſen ſicher 6 ſtellen will, behandeln Sie mich wie einen Bedienten. n— Welchen Eid haben Sie denn geleiſtet, mein Herr? 3 — Ich habe geſchworen, Ihnen nie mehr als ein Freund zu ſein. — Und wem? 3 iuut Hepn Wilhelm, Madame. 4 — Was für ein Recht hat Herr Wilhelm, dieſen Eid von Ihnen zu verlangen? — Er hat mir geſagt, daß er Sie liebt, daß Sie ſchon ſeit langer Zeit ſeine Geliebte find und daß er eifer⸗ ſüchtig auf mich iſt. Auf dieſes Geſtändniß habe ich ihm verſprochen, Sie ſtets als eine geheiligte Schweſter zu be⸗ trachten, und dieſes Verſprechen zu halten war um ſo ſchwieriger, da Sie ſchön ſind, Madame, und da auch ich Sie liebe, wie ich Ihnen bereits mir zu ſagen erlaubte. — Und wer hat Sie gezwungen, dieſes Verſprechen abzugeben? fragte Euphraſia, die einſah, daß kein Mittel — 468— mehr vorhanden war, ihr Verhältniß zu Wilhelm in Ab⸗ rede zu ſtellen. — Eine unbeſchreibliche Sympathie, welche ich für ihn empfand, die Achtung, welche ich vor einer ernſten Neigung hegte, und der feſte Entſchluß, mein Glück dem Glücke derjenigen zu vpfern, die ich liebe.* — Narr! ſprach Euphraſia. — Nach dem, was vorgegangen, bleibt mir nichts mehr zu thun, als ein Haus zu verlaſſen, in welchem ich, ohne es gewollt zu haben, eine große Verwirrung ange⸗ richtet. Ich verlaſſe es, und wenn ich auch nicht Ihre Freundſchaft, die mir ſtets theuer gewefen, mit mir nehmen kann, ſo können Sie mir doch wenigſtens Ihre Achtung nicht verſagen. Triſtan verbeugte ſich, öffnete die Thür und verließ das Zimmer, ohne daß Madame Van⸗Dick ihn durch ein Wort oder durch einen Wink zurückzuhalten ſuchte. Als er ſich auf dem Corridor befand, blieb er ſtehen und ſprach bei ſich:„Da bin ich nun!“— Dann fügte er hinzu: „Ich habe gethan, was ich thun mußte.“— O, der Elende! rief Euphraſia; wie er ſeinen Scherz mit mir treibt! Aber noch iſt nicht alles vorbei, Herr Triſtan, Sie ſollen dieſen Scherz theuer bezahlen. Nachdem Madame Van⸗Dick die Thränen des Zornes getrocknet hatte, die ihre Augen näßten, öffnete ſie ihren Secretair, ergriff Papier, Feder und Dinte und ſchickte ſich an zu ſchreiben. In derſelben Zeit trat Triſtan in ſein Zimmer, ging nachdenkend einige Augenblicke auf und ab, öffnete den Schiebkaſten ſeines Tiſches, nahm Federn und Papier her⸗ aus und ſetzte ſich wie ein Menſch an den Tiſch, der ei⸗ nen Brief ſchreiben will. 14. Die beiden Briefe. Wilhelm war in Brüſſel angekommen. Er ſäumte nicht, ſich mit dem Geſchäfte, das Haus Daniel betreffend, zu befaſſen; aber ſchon am erſten Tage gewann er die Ue⸗ berzeugung, daß er es vor drei Wochen nicht würde beendi⸗ gen können. Gleich darauf erhielt er zwei Briefe. Auf dem Umſchlage des einen erkannte er Triſtan's Handſchrift, auf dem andern die Euphraſia's. Zunächſt öffnete er das Siegel des letztern, da er aber, trotz der Freundſchaft, die er für den Hauslehrer — 0— empfand, eine größere Liebe zu ſeiner Freundin hegte, ſo ſchätzte er Euphraſia's Brief höher und beſchloß, um das Beſte zuletzt zu genießen, zumal da er ihm ſtärker erſchien, Triſtan's Brief zuerſt zu leſen. Wilhelm ſchloß ſein Fenſter, damit das Geräuſch, das von der Straße herauf drang, ſeine zweifache Lectüre nicht ſtören konnte, dann küßte er entzückt den zurückgelegten Brief, warf ſich nachläſſig in einen großen Stuhl und las: „Ich glaube kaum, mein beſter Wilhelm, daß Sie ermeſſen können, wie unglücklich mich Ihre Abweſenheit macht. Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn Sie hier wären. Zwar bin ich überzeugt, daß Sie mei⸗ nen Kummer theilen, ich zweifle indeß, daß er dieſelbe Urſache haben mag. „In Bezug auf Sie iſt in dem Hauſe keine Ver⸗ änderung vorgegangen, nur für mich ſcheint der Horizont ein wenig trübe werden zu wollen. Wie mir ſcheint, werde ich aus Gründen, die ich Ihnen ſpäter mitzuthei⸗ len gedenke, Herrn Van⸗Dick verlaſſen müſſen. In al⸗ lem, was ich unternehme, habe ich Unglück, und wenn ich nicht von Zeit zu Zeit Troſt aus Ihrer Freundſchaft für mich ſchöpfte, ich würde an dem Leben verzweifeln. „So oſt ich mich bei Madame Van⸗Dick befand, haben wir von Ihnen geſprochen. Ich erlaube mir dieſen — 171— Namen zu ſchreiben, da ich weiß, daß Sie klug ſind und dieſen Brief ſorgfältig aufbewahren werden. Sie hat mir ihre Gedanken über Sie nicht verborgen und ich glaube, daß ſie mein Leid über Ihre Abweſenheit, wenn auch in einem andern Sinne, theilt. „Geſtern, als ſie von Ihnen zu mir ſprach, habe ich ſie aufmerkſam beobachtet; ſie ſchien ſehr bewegt zu ſein, und ich glaube den Grund dieſer Bewegung zu kennen. Es iſt wohl nicht nöthig, daß ich Ihnen den⸗ ſelben mittheile; ſeien Sie glücklich, denn Sie verdienen es. Obgleich mich unerwartete Umſtände ſehr traurig gemacht haben, ſo bin ich doch ſtolz, mir ſagen zu kön⸗ nen, daß Sie einen Theil Ihrer jetzigen und zukünftigen Freuden mir zu verdanken haben. „Ich hoffe, daß mich ein Brief von Ihnen noch in dem Hauſe am Prinzen⸗Kanal antreffen wird; ſollte ich es vielleicht vor Ankunft deſſelben verlaſſen, ſo bleibt meine Adreſſe zurück, denn jedenfalls bleibe ich in der Stadt. „Was auch geſchehen möge, zweifeln Sie weder an meiner Freundſchaft noch an meiner Ergebenheit.“ — Sonderbar, ſprach Wilhelm, nachdem er geleſen, dieſer Brief iſt eben ſo geheimnißvoll als traurig. Warum will Triſtan das Haus verlaſſen? Warum giebt er die —— Gründe ſeines Bruches mit Herrn BV Van⸗Dick nicht an? Was mag dem armen Menſchen zugeſtoßen ſein? Ueber dieſen Gedanken vergaß der Hand auf einen Augenblick den Brief, Hand hielt. lungsbefliſſene den er in ſeiner linken — Ich werde ſpäter noch einmal leſen, dachte er, legte Triſtan's Brief auf den Kamin und öffnete den von Eu⸗ phraſia mit wonnebebender Hand. Sein Inhalt war folgender: „Geliebter!“ „Du kannſt Dir keinen Be glücklich Deine Euphraſia dur iſt. Eine nicht zu verbannende Traurigkeit hat ſich meiner bemächtigt. Und Du, biſt auch Du traurig, mein Wil⸗ helm? Ach, die Liebe iſt ein furchtbares Ding, wenn man ſcheiden muß! Wenn ich vorausſetze, daß Sie traurig ſind, irre ich mich vielleicht, mein Herr, denn es iſt ja möglich, daß Sie mich hintergehen; aber Sie wiſſen, wie eiferſüchtig ich bin und daß mich der Gedanke, Sie lieben eine andere Frau, ſtets zittern läßt. Wilhelm, griff machen, wie un⸗ ch Deine Abreiſe geworden wenn das je geſchehen ſollte, ſterbe ich! — Wie ſie mich liebt! rief Wilhelm, Freudenthränen in den und fuhr mit Augen zu leſen fort: „Ach, ich bin ſehr traurig! Geſtern ließ ich das Fenſter die ganze Nacht offen, als ob ich Dich immer noch erwartete. Aber Du kamſt nicht! Ich habe kein Auge geſchloſſen Um mich zu zerſtreuen, ſetzte ich mich an mein Piano und um zwei Uhr Morgens mußte man mir ſagen, daß ich das ganze Haus beunruhige. Indem ich nur an Dich dachte, hatte ich die Zeit vergeſſen. Wir war, als ob dieſe Muſik auch Dich wachend finden müſſe, wie Deine Euphraſia es war, daß Du ihren Ng⸗ men unaufhörlich flüſterteſt, wie ſie den Deinigen flüſterte. „Du biſt glücklicher, als ich, denn Du haſt mein Portrait, mir giebt nur mein Herz Dein Bild zurück. Berr Triſtan hat mir geſagt, daß er meinen Auftrag erfüllt und Dir das Portrait ausgehändigt habe, ich, um Dir eine Ueberraſchung zu bereiten, heimlich für Dich anfertigen ließ. Gefällt es Dir? Biſt Du glücklich? O ſchreibe mir, mein angebeteter Wilhelm, und wiederhole mir oft, daß Du mich liebſt. Dieſes Wort iſt ſo ſüß für eine Frau, die nie geliebt hat und endlich fühlt, daß ſie liebt! Und dennoch muß ich Dir, trotz meiner Liebe für Dich, einen Kummer bereiten. Ich habe lange gezögert, ihn Dir mitzutheilen, aber ich fühle mich Deiner unwürdig, wenn mein Herz Dir etwas zu verbergen hat. das — 171— „Du biſt ſo gut und kommſt wohl nicht auf den Gedanken, daß man Dich betrügen könne. Ich war übrigens in demſelben Irrthume befangen und muß be⸗ kennen, daß mich die Enttäuſchung über einen Mann, den ich unſern Freund wähnte, ſehr traurig geſtimmt hat.“ — Was will ſie damit ſagen? flüſterte Wilhelm. Er fuhr fort: „Du weißt, wie gut und vertrauensvoll wir Herrn Triſtan ſtets entgegengekommen ſind, und ich ſelbſt be⸗ ging jetzt die Unklugheit, ihn zum Vertrauten unſerer Liebe zu machen, indem ich von ihm mein Portrait malen ließ und ihn beauftragte, es Dir zu übergeben. Doch wie unrecht thaten wir, einem ſolchen Manne zu trauen! 6 „Geſtern Abend nahm ich unſchulvigerweiſe ſeinen Arm und machte mit ihm einen Spaziergang durch den Garten, vertraulich von Dir plaudernd. Anfangs ant⸗ wortete er mir, ſpäter aber bemerkte ich, daß er mir nicht mehr antwortete, ſondern ſtärker und immer ſtärker meinen Arm drückte. Ich wollte ihn zurückziehen, aber er hielt ihn feſt. Als ich mich ſetzte, nahm er an mei⸗ ner Seite Platz und ohne mir zu ſagen, daß er mich liebte, ließ er es mich doch auf eine Weiſe merken, daß meine Lage ſehr gefährlich geworden wäre, wenn Lotte — 125— mich nicht gerufen hätte. Obgleich ich mir vorgenom⸗ men, Dir von dieſer Sache nichts mitzutheilen, um Dir Kummer zu erſparen, ſo nimmt ſie doch jetzt einen ſo ernſten Charakter an, daß ich es für meine Pflicht erachte, Dich davon in Kenntniß zu ſetzen.“ — Entſetzlich! rief Wilhelm, und fuhr fort: „Denke Dir, geliebter Freund, was mir dieſen Mor⸗ gen begegnet. Von einer übermäßigen Traurigkeit be⸗ fallen, deren Grund ich wohl nicht nöthig habe, Dir anzugeben, ſitze ich da, als Herr Van⸗Dick mich der⸗ geſtalt peinigt, daß ich in Thränen ausbrach. Jetzt zweifele noch, daß ich Dich liebe!— Kurz, ich flüchtete mich in mein Zimmer und weinte recht von Herzen. Herr Van⸗Dick war ausgegangen und ich wollte den Tag einſam in der Erinnerung an Dich verleben. Da ſtellt ſich mir plötzlich Herr Triſtan vor. „Da ich nichts anderes vermuthen konnte, als daß er wegen ſeines Betragens vom vorigen Abend ſich zu entſchuldigen käme, ſo glaubte ich ihn empfangen zu müſſen; aber ich werde Dir nie alles mittheilen kön⸗ nen, was ſich nun ereignete, ich würde erröthen, wenn ich Dir das ſagen wollte, was mir dieſer Menſch geſagt hat. Nur ſo viel wiſſe, daß er ſich ſolche Worte er⸗ laubte, die mir Thränen der Scham erpreßten, und nachdem ich ihn zur Thür hinausgeworfen, ihm die Wei⸗ ſung zukommen ließ, für immer das Haus des Herrn Van⸗Dick zu verlaſſen. In dem Augenblicke, wo ich Dir ſchreibe, bin ich noch ſo bewegt von dieſer Scene, daß mir die Hand zittert. Ich wollte dieſen Brief nicht mit der Erzählung von ſolchen Sachen beginnen, damit die erſten Worte, die Du von mir lieſeſt, nicht eine ſchlechte Neuigkeit enthalten. „Du begreifſt die Gründe, welche mich veranlaſſen, dieſes alles Dir zu ſchreiben. Du liebſt dieſen Mann, und da er ſehr ſchlau und fein iſt, könnte er leicht ſeine Schlauheit und Deine Freundſchaft benutzen, um Dir irgend eine Lüge auf meine Rechnung aufzubürden und mir ſo Deine Liebe und Achtung, zwei Sachen, die mir in der Welt am theuerſten ſind, entwenden. „Schreibe ihm übrigens nicht, mache ihm durchaus keinen Vorwurf über das Geſchehene und gewähre ihm das Vergnügen nicht, zu glauben, er habe Dir wehe gethan. O, welch ein ſchlechter Menſch! Schreibe mir ſo ſchnell als möglich, ob er Dir mein Portrait einge⸗ händigt hat, denn ich zittere bei dem Gedanken, daß er es behalten und, wenn er einmal aus dem Hauſe iſt, als ein Zeichen ſeines Sieges benützt. — 177— „Lebe wohl, mein innigſt geliebter Freund; ſchreibe oft, aber verſtelle Deine Handſchrift auf dem Umſchlage des Briefes ein wenig, damit die Domeſtiken ſie nicht erkennen. Noch einmal, lebe wohl! Tauſend Küſſe be⸗ gleiten dieſen Brief. Ich liebe Dich aus tiefſtem Herzen.“ Als Wilhelm dieſen Brief geleſen, hätte man ihn für eine Marmor⸗Statüe halten mögen. 15. An dem Tage, an welchem dieſe beiden Briefe ge⸗ ſchrieben worden, kam Herr Van⸗Dick fünf Minuten vor. ſechs Uhr in ſeine Wohnung zurück. Er machte einen. Gang durch den Garten, dann trat er, als es ſechs Uhr ſchlug, in den Speiſeſaal. Auf dem Tiſche ſtanden drei Couverts, im Saale aber war noch Niemand. Herr Van⸗Dick zog die Glocke. Ein Diener erſchien. — Man ſervire das Eſſen! ſprach er. Die Holländerin. I. 12 — 178— Der Diener erſchien wieder und brachte die Suppe. — Wo iſt Herr Triſtan? — In ſeinem Bimmer. — Und Madame? — In dem ihrigen. — Man rufe ſie! Herr Van⸗Dick ſetzte ſich zu Tiſche und aß. Der Diener kam zurück. — Madame hat keinen Hunger, ſprach er. — Und Herr Triſtan? — Auch nicht. — So! Man gehe zu Herrn Triſtan, fuhr der Holländer fort, und bitte ihn, er möge herabkommen und mir Geſellſchaft leiſten, ich äße nicht gern allein. Einige Augenblicke ſpäter öffnete Triſtan die Thür des Speiſeſaals. — Sie haben keinen Hunger? — Nein, mein Herr. — Setzen Sie ſich zu Tiſche, der Appetit wird ſchon kommen. Was fehlt Madame Van⸗Dick? — Ich weiß es nicht. — Gut. Setzen Sie ſich. Triſtan nahm Platz. Ein heftiger Zug an der Glocke, die von Euphraſia's ——— —— — 179— Zimmer ausging, ließ ſich plötzlich vernehmen. Eine Mi⸗ nute ſpäter erſchien Lotte. — Herr, ſprach ſie, Madame verlangt nach Ihnen. — Weshalb? — Ich weiß es nicht. — Iſt ſie krank? — Nein, Herr! — Man ſage ihr, vaß ich eſſe; nach Tiſche würde ich erſcheinen. Die Köchin entfernte ſich. — Ein ſchlechter Humor weht heute durch das Haus, ſprach Herr Van⸗Dick. Haben Sie meine Frau nicht getröſtet? — Es ſcheint ſo. — Aber was zum Teufel, Herr Triſtan, fehlt Ih⸗ nen? Ihre Traurigkeit benimmt mir den Appetit. — Wenn Sie gegeſſen haben, mein beſter Herr Van⸗ Dick, werde ich es Ihnen erzählen. — Warum nicht jetzt? — Weil— — Ein triftiger Grund, ich begnüge mich damit. In dieſem Augenblicke trat Lotte wieder ein. — Herr, Madame hat ſogleich mit Ihnen zu reden. — Man ſage ihr, ſie möge ſich zu mir bemühen. 12* —— Wie man ſieht, wollte Herr Van⸗Dick in Lotte's Au⸗ gen nicht ſcheinen, als ob er ſeiner Frau gehorche. Die Köchin entfernte ſich. — Die Frauen ſind doch ſeltſame Geſchöpfe, ſprach der Kaufmann, indem er ſich ein Stück von dem Braten abſchnitt, ſie begreifen nicht, daß man gerade das thut, was ſie nicht wollen. Ich habe Hunger, und meine Frau, die nicht eſſen will, wird nicht ruhen, bis ſie mich ver⸗ anlaßt hat, vom Tiſche aufzuſtehen. Triſtan lächelte wie ein Menſch, der begreift, daß er wenigſtens durch ein Lächeln auf das antworten muß, was man ihm ſagt. Lotte erſchien zum dritten Male. — Wird ſie kommen? fragte Herr Van⸗Dick. — Nein, Herr. — Warume — Madame hat mich gefragt, ob Sie allein ſeien. Als ich ihr antwortete, daß Sie mit Herrn Triſtan bei Tiſche ſäßen, trug ſie mir auf, Ihnen zu ſagen, ſie wolle den Herrn Van⸗Dick allein ſprechen und ließe ihn bitten, ſich zu ihr zu bemühen. Herr Van⸗Dick zuckte die Achſeln. — Ich werde mich zurückziehen, ſprach Triſtan, in⸗ dem er aufſtand. ——— — 181— — O durchaus nicht, bleiben Sie! Um für den Abend Frieden zu haben, will ich zu ihr gehen. Mit dem Ausdrucke des Verdruſſes warf der Lein⸗ wandhändler ſeine Serviette auf den Tiſch. — Iſt ſie in ihrem Zimmer? fragte er, indem er an Lotte vorbeiging. — Ich möchte wohl wiſſen, ſprach Triſtan bei ſich ſelbſt, als Herr Van⸗Dick und Lotte den Saal verlaſſen, was die gute Madame Van⸗Dick ihrem Manne ſagen wird. Das iſt nun das Reſultat einer aufrichtigen Freundſchaft, ohne den Brief zu rechnen, den ſie für Wilhelm zur Poſt geſandt hat. Wie wird ſie mich darin behandeln! Herr Van⸗Dick war zu ſeiner Frau gegangen. Sie ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, als er eintrat. — Nun, was wollen Sie von mir? ſprach er. — Nicht übel, ſprach die Dame, wenn man Sie ſprechen will, muß man dreimal ſchicken. — Beſte Frau, ich hatte einen großen Hunger. Was Du mir ſagen willſt, iſt wahrſcheinlich nicht ſehr dringendy varumn zögerte ich ein wenig, den Tiſch zu verlaſſen. — Sehr artig! — Wenn Du mich haſt rufen laſſen, um mir Grob⸗ heiten zu ſagen, gehe ich wieder. — 182— — Nein, mein Herr! Ich will nur ſehen, ob Sie fähig ſind, etwas zu thun, was mir angenehm iſt. — Rede, mein Kind, rede! — Ich höre, daß Herr Triſtan morgen dieſes Haus verläßt. — Triſtan? — Ja. — Warum? — Weil es mir gefällt. — Wenn es mir aber gefällt, daß er bleibt? Herr Triſtan iſt ein liebenswürdiger junger Mann, den ich nur loben kann. — So bleibt Ihnen die Wahl zwiſchen Ihrer Frau und ihm. — Warum? — Weil er mich beleidigt hat. — Hat er vielleicht vergeſſen, Dir den Hof zu ma⸗ chen? ſprach Herr Van⸗Dick, dem die Sache Spaß zu machen ſchien. — Sind Sie vielleicht gekommen, um mir Imper⸗ tinenzen zu ſagen, mein Herr? — Darf man denn nicht ſcherzen? — Nein; in ernſten Sachen nicht. — So! Was hat er Ihnen denn zu Leide gethan ———————————————— —— mahl! — 183— Er hat Sie hintergehen wollen, mein Herr Ge⸗ Wie ſo? Indem er mir ſeine Liebe geſtand. Er liebt Dich? Ja, mein Herr! Und deshalb willſt Du, daß er uns verlaſſe? Ja. Es iſt das erſte Mal, daß Dir das begegnet. Was wollen Sie damit ſagen? Ich will damit ſagen, daß ich ſehr geduldig bin, indem ich Ihre Albernheiten anhöre, und daß Triſtan nicht mehr Luſt hat, Ihnen ein Liebesgeſtändniß zu ma⸗ chen, als mir. Indem Herr Van⸗Dick dieſe Worte ſprach, ordnete er zwei Vaſen, die nicht in einer Linie ſtanden. So geben Sie dieſem Manne Recht, entgegnete Euphrafia. kommt. Nein! Ich gebe Ihnen Unrecht, das iſt Alles. Alſo dem erſten, beſten, der da hergelaufen Triſtan iſt mir zugethan. Triſtan iſt ein Menſch, den Sie auf der Straße gefunden haben. — 184— — Und mit dem ich ſehr zufrieden bin, das ver⸗ ſichere ich Sie! — Der nicht weiß, wem er angehört. — Um ſo mehr Grund, daß er hier bleibt. — Gut, ſprach Euphraſia im höchſten Zorne, das wollte ich wiſſen, mein Herr! — So kann ich zurückkehren, um meine Mahlzeit zu vollenden? — Ja; nur etwas muß ich Ihnen noch mittheilen. — Und das wäre? — Wenn morgen Nachmittag um vier Uhr Herr Triſtan noch hier iſt, verlaſſe ich morgen Abend das Haus. — Nach Ihrem Gefallen. — Und was ich wünſchte, habe ich vabei in Er⸗ fahrung gebracht. — Das iſt? — Daß Sie Ihrer Frau keine Achtung zu verſchaf⸗ fen wiſſen. — Iſt nicht meine Sache. — Und weſſen denn, wenn ich fragen darf? — Die Sache Wilhelm's. — Unverſchämter! rief Madame Van⸗Dick und Thrä⸗ nen der Wuth rannen über ihre Wangen⸗ S — 185— — Bitte, bitte, rief Herr Van⸗Dick mit großer Kaltblütigkeit, wir wollen uns nicht überwerfen. Sie halten zu Wilhelm, ich halte zu Triſtan. Es iſt wahr, uns leiten nicht dieſelben Beweggründe; die meinigen ſind aber, um natürlicher zu ſein, nicht ſchlechter. Um Ruhe zu erhalten, laſſe ich Sie thun, was Ihnen beliebt. Aber um des Himmels willen zwingen Sie mich nicht Ihnen zu ſagen, was ich mit geſchloſſenen Augen ſehe. Bleibe ein Jeder von uns, wie er bisher immer geweſen iſt und vor allen Dingen vermeiden wir Mittags um elf Uhr und Abends um ſechs Uhr allen Streit, dies ſind die Stun⸗ den, wo ich zu eſſen pflege. In der übrigen Zeit des Tages reizen Sie mich zum Zorn, ſoviel Sie wollen, ich autoriſire Sie dazu. — Schauderhaft! — Gut, ſchauderhaft! Seit geſtern ſind Sie trau⸗ rig, ich begreife dieſe Traurigkeit, denn ſie fällt auf mich zurück, und das iſt recht, denn ich habe ihn nach Brüſ⸗ ſel geſchickt. Ich ſelbſt hätte dahin gehen ſollen, nicht wahr? Ich habe aber nicht Luſt zu reiſen und halte die Commis nicht für Sie allein. Was Triſtan anbetrifft— — So verläßt er das Haus! — Was Triſtan anbetrifft, der mir lieb iſt, ſo wird er bleiben. Ueberhaupt thun Sie am beſten, wenn Sie —— — mir weder von Ihrer Liebe noch von Ihrem Haſſe reden. Wollen Sie mich zu Tiſche begleiten? — O welche Infamie! rief Euphraſia unter Thrä⸗ nen; aber ich werde mich rächen. — Wollen Sie mich begleiten? Einmal, zweimal, dreimal? Ich empfehle mich Ihnen! Herr Van⸗Dick verließ das Zimmer ſeiner Frau und ging in den Speiſeſaal zurück, wo Triſtan nicht ohne ei⸗ nige Aengſtlichkeit auf das Reſultat dieſer Unterredung wartete. Ruhig nahm der Holländer ſeinen Platz wieder ein, befeſtigte die Serviette unter ſeinem Kinn und wandte ſich mit den Worten zu dem Diener: — Man bringe das Geflügel! Druck von Sturm und Koppe in Leipzig. —— 6—— — 3— ſſſſſſſſiſſſſſſ 11 12 13 14 15 16 17