k— ² 2 8—— 5 3 =——— Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Gduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Zeſebedingungen. — 1. Oflensein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von MWorgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme entſprechende Summe von mir zurückerſtattet eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe wird. 4. Abonnement. Daſſelbe eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mi 50 Pf. 2 Mt.— f. 3 5 S ) muß voraus bezahlt werden und „„„ 5 Auswäptige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſe 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriffene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Zurückſendung lbſt zu ſorgen. 3 8 — „ Heinrich h. Von Alerander Pumas. Aus dem Franzöſiſchen 5 von PDr. Gottlob Fink. — 0000 000 Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1858. 3 — 4 . Heinrich IW wurde am 13. December 1553 in Pau geboren. Er war der Sohn Antons von Bourbon, der von dem Grafen von Clermont, ſechsten Sohne des heiligen Ludwig, abſtammte.— Dieſer Anton von Bourbon war ein ſehr herabgekommener Abkömmling, ein triſter Herr, abwechſelnd Katholik und Pro⸗ teſtant, Proteſtant und Katholik.— Er war zufällig Katholik, als er bei der Belagerung von Rouen getödtet wurde; daraus geht hervor, daß 3 Hugenotte es war, der ihm das Lebenslicht aus⸗ blies. Wie wurde er getödtet?— Dieß iſt eine Art geſchichtlichen Problems, das durch ſeine Grabſchrift gelöst wird. Dieſelbe lautet: Hier, Leſer, ruht ein Prinzelein, Das ruhmlos lebt' und ſtarb als— Meiner Treu, Leſer, Du mußt den Reim ſelbſt ſuchen er iſt nicht ſchwer zu finden. Die Mutter unſeres Helden war Johanna von 1 ——. n Albret, ein wahres Ideal von einer Frau. Sie be⸗ ſaß von ihrem Väter her das Königreich Navarra; nachdem ſie im Jahr 1562 die Herrſchaft daſelbſt angetreten, führte ſie im Jahr 1567 den Calvinis⸗ mus ein. Unglücklicherweiſe ließ ſie ſich unter dem Vorwand der Vermählung ihres Sohnes mit Mar⸗ gareth von Valois an den franzöſiſchen Hof ver⸗ locken, denn ſie ſtarb da zwei Monate vor der Bar⸗ tholomäusnacht und zwar, wie man ſagt, in Folge einer Vergiftung durch ein paar parfümirte Hand⸗ welche Catharina von Medici ihr verehrt atte. Der Oheim Heinrichs IV war jener liebenswür⸗ dige Prinz von Condé, welcher bei Jarnac von Mon⸗ tesquiou erwordet wurde und ſein ganzes Leben lang der Liebling der Frauen geweſen, obſchon er ganz klein und noch dazu etwas buckelig war. Johanna von Albret befand ſich, als ſie ihre Schwangerſchaft bemerkte, in der Picardie bei An⸗ ton von Bourbon, Gouverneur der Provinz und Befehlshaber einer Armee, die Karl V bekriegte. Sie meldete die Nachricht ſogleich ihrem Vater, Hein⸗ rich Albret, König von Navarra, der ſie zu ſich berief. Sie verabſchiedete ſich von ihrem Gatten, ver⸗ ließ Compiegne, reiste durch Frankreich und kam am 4. December 1553 zu Pau in Bearn an. Johanna war nicht ohne Beſorgniſſe. Ihr Va⸗ ter hatte eine große Intrigantin zur Maitreſſe, und man ſagte, Heinrich von Albret habe ein Teſtament zu Gunſten dieſer Perſon und zu Ungunſten ſeiner Tochter gemacht. 5 Eines Tags— am dritten Tag nach ihrer An⸗ kunft— nahm ſich Johanna das Herz ihren Vater über dieſes Teſtament zu befragen. „Schon gut, ſchon gut,“ antwortete dieſer;„ich werde Dich das Teſtament ſehen laſſen, ſobald Du mir das Kind gezeigt haſt, jedoch unter einer Be⸗ dingung.“ „Unter welcher?“ fragte Johanna. „Damit Du mir kein weinerliches und kopfhän⸗ geriſches Kind zur Welt bringſt, mußt Du mir über die ganze Zeit Deiner Entbindung ein Liedchen ſingen.“ Die Sache murde ſo verabredet. Am 13. December, folglich neun Tage nach ihrer Ankunft, begann Johanna die erſten Wehen zu em⸗ pfinden. Sie ſchickte ſogleich zu ihrem Vater, verbot je⸗ doch ihm zu ſagen, von was es ſich handle. Der König kam, und als er ſeine Tochter ſingen hörte, ſagte er: „Ah gut! Es ſcheint der Augenblick iſt da und ich werde bald Großvater werden.“ Selbſt während der größten Schmerzen unter⸗ brach Johanna ihren Geſang nicht: ſie murde ſin⸗ gend entbunden. Deßhalb bemerkte man auch, daß Heinrich W lachend zur Welt kam, während die meiſten andern Kinder ſchreiend das Tageslicht er⸗ blicken. Kaum war das Kind da, ſo verſicherte ſich der König, daß es ein Knabe war. Dann eilte er in ſein Kabinet, nahm das in einer goldenen Kapſel aufbewahrte Teſtament und überbrachte es der Prin⸗ zeſſin; aber während er ihr mit der einen Hand ————— 6 die Kapſel gab, nahm er mit der andern das Kind und ſagte: „Meine Tochter, Das hier gehört Dir, aber Das da gehört mir.“ So ſprechend ließ er die goldene Kapſel auf dem Bett und trug das Kind in ſeinem Rockſchooße fort. Sobald er auf ſein Zimmer kam, rieb er dem Neugebornen mit einer Knoblauchzinke die Lippen und ließ ihn aus einer goldenen Schaale einen Schluck Wein trinken, die Einen ſagen Cahors, die Andern Arbois. Das Wappen von Bearn beſteht aus zwei Kühen. Als daher die Königin Marg areth, Heinrichs Gemahlin, mit Johanna von Albret niedergekommen war, hat⸗ ten die Spanier geſagt:„Welches Wunder! die Kuh hat ein Schaf geworfen.“ „Welches Wunder!“ rief jetzt Heinrich von Bearn, indem er ſeinen Enkel liebkoste,„das Schaf hat einen Löwen geworfen.“ Der Löwe war mit vier Schneidezähnen, zwei oben und zwei unten, zur Welt gekommen. Er biß ſeinen beiden erſten Ammen dermaßen in die Bruſt, daß er ſie zum Dienſt untauglich machte. Die dritte, eine derbe Bäuerin aus der Gegend von Tarbes, verſetzte ihm bei einer ſolchen Gelegenheit eine ſo tüchtige Ohrfeige, daß er von ſeiner Sucht zu beißen curirt wurde. Der König gab ihm Suſanna von Bourbon, Gemahlin Johanns von Albret und Baronin von Mioſſens, zur Erzieherin und befahl, daß man ihn zu Coaraze in Bearn, einem mitten unter Felſen 4 3 Bergen gelegenen Jagdſchloß, heranwachſen aſſe. Die Nahrung und Kleidung des Kindes wurde von ſeinem Großvater vorgeſchrieben. Seine Nah⸗ rung beſchränkte ſich auf ſchwarz Brod, Rindfleiſch, Käſe und Knoblauch; ſeine Kleidung auf ein Wams und Bauernhoſen; wenn er ein Paar zerriſſen hatte, ſo bekam er ein neues. Er lief die meiſte Zeit barfuß und barhäuptig auf den Felſen herum, fort⸗ während auf Befehl des Großvaters. Als Anton von Bourbon und Johanna von Albret an den franzöſiſchen Hof gingen, nahmen ſie den jungen Heinrich mit. Er war damals ein ge⸗ ſunder, dicker Junge von fünf Jahren mit einem ehrlichen, geiſtreichen und offenen Geſicht. „Wollt Ihr mein Sohn ſein?“ fragte ihn Kö⸗ nig Heinrich II. Der Junge ſchüttelte den Kopf und ſagte, auf Anton von Bourbon deutend, auf bearniſch: „Der da iſt mein Vater.“ „Nun denn, wollt Ihr mein Tochtermannwerden?“ „Sehen wir das Mädchen,“ antwortete der Junge. Man ließ die kleine Margareth kommen, die ſechs oder ſieben Jahre zählte. „Ja gern,“ ſagte er. Und von dieſem Augenblick an war die Verbin⸗ dung beſchloſſen. Bald darauf fiel Anton von Bourbon bei der Belagerung von Rouen, und Johanna von Albret kehrte nach Bearn zurück, aber man verlangte von — 8 ihr, daß ſie ihren Sohn am franzöſiſchen Hofe laſ⸗ ſen müſſe. Er blieb alſo unter der Leitung eines Erziehers Namens la Gaucherie zurück.— Dieſer war ein braver und würdiger Edelmann, der ſich alle mög⸗ liche Mühe gab ſeinem Zögling die Begriffe von Recht und Unrecht einzuprägen. Eines Tags, nachdem er ihn die Geſchichte von Coriolan und Camillus hatte leſen laſſen, fragte er ihn, welchen von dieſen beiden Helden er vorziehe. Der Knäbe rief: „Sprecht mir nicht von dem erſten, er iſt ein garſtiger Menſch.“ „Und der zweite?“ „Oh, der Zweite, das iſt etwas ganz Anderes. Ich liebe ihn von ganzem Herzen, und wenn er noch lebte, würde ich ihm um den Hals fallen, ihn lüſ⸗ ſen und zu ihm ſagen:„Mein General, Ihr ſeid ein braver rechtſchaffener Mann, und Coriolan wäre nicht werth Euer Stallknecht zu ſein. Ihr habt nicht wie er Eurem Vaterland, das Euch ungerech⸗ terweiſe verbannt hatte, Groll nachgetragen, ſondern ſeid ihm zu Hülfe geeilt. Mein höchſter Wunſch wäre unter Furen Befehlen das Kriegshandwerk zu lernen; nehmt mich gefälligſt unter Cure Solda⸗ ten auf. Ich bin klein und beſitze noch nicht viel Kraft; aber ich habe Herz und Ehre im Leib und ich will Euch gleichen.“ „Aber,“ ſagte ſein Lehrer,„Ihr ſolltet doch Leute, welche die Waffen gegen ihr Vaterland er⸗ griffen haben, etwas mehr ſchonen.“ „Und warum das?“ fragte der Knabe lebhaft. 9 „Nun, weil ſich möglicherweiſe in Eurer eigenen Familie ein Mann vorfinden könnte, der dasſelbe Verbrechen begangen hat.“ „Das iſt nicht möglich; ich will Euch Alles glau⸗ ben, nur das nicht.“ „Ihr werdet mir gleichwohl glauben müſſen,“ ſagte la Gaucherie:„die Geſchichte iſt da.“ „Welche Geſchichte2“ „Die des Connetable von Bourbon.“ Und er las ihm die Geſchichte des Connetable vor. „Hah!“ ſagte der Junge, der während dieſer Vorleſung bald roth, bald blaß geworden, dann auf⸗ geſtanden, mit großen Schritten auf und abgegangen war und ſogar geweint hatte,„hah! Ich hätte einen Bourbon niemals einer ſolchen Schändlichkeit fähig geglaubt, und ich erkenne dieſen da nicht als Ver⸗ wandten an.“ Er nahm ſogleich eine Feder, tunkte ſie ein und ſtrich den Connetable von Bourbon auf dem Fami⸗ lienſtammbaum aus. „Aber,“ ſagte la Gaucherie,„jetzt habt Ihr ja eine Lücke in Eurem Hauſe. Wen wollt Ihr an die Stelle ſetzen?“ Der Knabe beſann ſich einige Sekunden. „Oh!“ ſagte er dann,„ich weiß ſchon, wen ich darauf ſchreiben will.“ Und ſtatt der Worte Connetable von Bourbon ſchrieb er: der Ritter Bayard. Der Lehrer klatſchte in die Hände, und von die⸗ ſem Augenblick an blieb der Connetable von Bour⸗ bon auf dem Stammbaum des nachmaligen Hein⸗ rich IW ausgeſtrichen. —————— 10 Mit zwölf Jahren wurde der Knabe einem Offi⸗ cier Namens Coſte, der einige Edelleute zum Sol⸗ datenhandwerk heranzudreſſiren hatte, in die Schule gegeben. So rauh dieſes Handwerk war, ſo gefiel es doch Heinrich weit beſſer, als dasjenige, das er bei la Gaucherie treiben mußte. Den Panzer tragen, ſich in der Muskete üben, Schwimmen und Fechten, alles das deuchte dem Bearner Bauer, der als zar⸗ tes Kind im bloßen Kopf und barfuß auf den Fel⸗ ſen von Coaraze herumgeklettert war, weit luſtiger, als wenn er den Virgil ſtudiren, den Horaz über⸗ mit Algebra und Mathematik ſich abquälen ollte. Nachdem Heinrich ein Jahr unter dieſen jungen Leuten zugebracht, welche man die Freiwilligen nannte, erklärte Coſte, ſein neuer Zögling habe ſo große Fortſchritte gemacht, daß er ſich veranlaßt ſehe ihn zu ſeinem Lieutenant zu ernennen. Um dieſe Zeit machten die Türken Verſuche ſich Maltas zu bemächtigen, und Frankreich ſchickte den Rittern Schiffe zu Hülfe. Heinrich, der noch nicht vierzehn Jahre zählte, verlangte die Expedition mit⸗ machen zu dürfen, allein ſein Vetter König Carl IX ſchlug es ihm beharrlich ab. Mittlerweile ſtarb la Gaucherie, der Hofmeiſter des Prinzen. Johanna von Albret, die in dieſem Todesfall einen Vorwand erblickte ihren Sohn vom Hof zu⸗ rückzunehmen, erſchien ſelbſt, um ihn abzuholen. Sie hatte einen ſchweren Kampf mit dem König und Catharina von Medici zu beſtehen, denn dieſe woll⸗ ten in Folge der Prophezeiung eines Aſtrologen, 11 daß das Haus Valois aus Mangel an männlichen Erben erlöſchen und ein Bourbon an die Stelle treten würde, den künftigen König von Navarra nicht aus dem Auge laſſen. Endlich behielt aber doch die Mutter die Oberhand, und Johanna von Albret hatte die Freude ihren Sohn nach Bearn zurückzu⸗ bringen. Die Rückkehr des jungen Prinzen in ſein Reich war ein großes Feſt für das Land. Von allen Sei⸗ ten ſtrömten Deputationen herbei; es wurden Reden in allen Mundarten gehalten; man brachte Geſchenke von allen Arten. Unter dieſen Deputationen, dieſen Reden und dieſen Geſchenken empfing Heinrich eine Geſandtſchaft der Bauern aus der Gegend von Coaraze, die ihm Käſe ſchickten. Unglücklicher Weiſe ſah der Wort⸗ führer im Augenblick, wo er ſeine Rede beginnen ſollte, den Prinzen an und nun vermochte er keine andern Worte mehr zu finden, als folgende: „Ah der ſchöne Junge und wie er gewachſen iſt! welch ein Gevatter!... Und wenn man bedenkt, daß er von unſern Käſen ſo groß und ſo ſchön ge⸗ worden iſt!“ Bald darauf entbrannte der Krieg zwiſchen den Katholiken und den Hugenotten in Folge der Hin⸗ richtung des Rathes Anne Dubourg und des Ge⸗ metzels von Vaſſy. Der junge Prinz machte dabei ſeine erſten Waffengänge unter den Befehlen des Prinzen von Condé;— aber dieß iſt die Sache der Geſchichtſchreiber und nicht die unſere. Verzeichnen wir nur eine einzige Thatſache; nämlich daß unſer junger König von Navarra, der N ———— 12 ſich ſo wacker ſchlug, wenn er einmal warm gewor⸗ den, von Natur nicht tapfer war; wenn er rufen hörte: da ſind die Feinde, ſo ging in ſeinem Leib eine Umwälzung vor, die er nicht immer zu bemei⸗ ſtern vermochte. Bei dem Scharmützel von Roche⸗l'Abeille, einem der erſten, denen er anwohnte, fühlte er, daß trotz ſeines feſten Entſchluſſes ſich tapfer zu halten, ſein Körper von Kopf zu Fuß zitterte, obſchon er ziem⸗ lich entfernt vom Feuer war. „Hah, ſchlechtes Gerippe,“ ſagte er,„Du zitterſt? Nun wohl ventrersaint-gris! Du ſollſt auch wiſſen, warum Du zitterſt.“ Und er ſtellte ſich mitten ins Gewehrfeuer auf einen ſo gefährlichen Poſten, daß ſeine beiden Freunde Segur und Larochefoucauld, die nicht wußten warum er dieſe Stellung gewählt hatte, ihn für verrückt hielten und mit eigener Lebensgefahr von da ab⸗ holten. Man weiß, wie dieſer dritte Bürgerkrieg endete. Nachdem die Hugenotten geſchlagen und der Prinz von Condé ermordet worden, kam Königin Catharina auf den Einfall die Ketzer im Reiche mit einem einzigen Schlage abzuthun. Sie heuchelte eine große Frie⸗ densliebe, erklärte es für ſinnlos, daß Franzoſen einander ſelbſt umbringen, während die wahren Feinde in Spanien ſeien, und ſchlug den hugenottiſchen Häup⸗ tern einen Vergleich vor. Die ſeit langer Zeit be⸗ ſchloſſene Verbindung zwiſchen Carl IX und Jo⸗ hanna von Albret ſollte vollzogen werden; man würde den König von Navarra mit Margareth von Volois vermählen, und nicht blos als Bundesgenoſ⸗ ſen, ſondern als wirkliche Brüder ſollten Katholiken und Proteſtanten gegen Spanien marſchiren. Johanna von Albret begab ſich nach Paris um das Terrain zu unterſuchen. Heinrich ſeinerſeits zog ſich in die Gascogne zurück und wartete, bis ſeine Mutter ihm ſchreiben würde, daß er ungefähr⸗ det an den Hof kommen könne. Sobald er den erwarteten Brief erhielt, brach er nach Paris auf. Coligny war ihm vorangereist. Die Königin Mutter hatte alſo jetzt alle ihre Feinde in ihrer Hand. Das beſchloſſene Vernichtungsgeſchäft begann mit der Königin von Navarra. Eines Tags fühlte ſich Johannn von Albret, nachdem ſie eine Stunde lang parfümirte Handſchuhe getragen, welche Catharina von Medici ihr geſchenkt, unwohl. Bald wurde die Sache ſo bedenklich, daß ſie einſah, daß ſie ſterben mußte. Sie dictirte ihr Teſtament und ließ ihren Sohn kommen. Sie empfahl ihm feſtes Verharren bei ſeiner Re⸗ ligion und ſtarb. Heinrich verging beinahe vor Schmerz; er liebte ſeine Mutter aufs Zärtlichſte und ſchloß ſich mehrere Tage lang ein, ohne irgend Jemand zu empfangen. Eines Tags meldete man den König. Dießmal mußte er öffnen. Carl IX kam ſelbſt, um ſeinen Vetter aus ſeiner Zurückgezogenheit zu holen und ihn auf die Jagd zu führen. Dieß war ein Befehl, Heinrich gehorchte. Am 18. Auguſt waren alle Vorbereitungen zur Vermählung getroffen und dieſelbe fand Statt. Die vier folgenden Tage vergingen mit Tur⸗ nieren, Schmauſereien und Balletten, mit denen der 14 König und die Königin Mutter ſich dermaßen be⸗ ſchäftigten, daß ſie kaum mehr ſchliefen. Am 22. deſſelben Monats, als der Admiral aus dem Louvre trat, um ſich nach ſeinem Hotel in der Rue Bethiſy zu begeben, ſchoß man eine mit zwei Kugeln geladene Büchſe auf ihn ab; die eine Kugelzerſchmetterte ihm einen Finger, die andere ver⸗ wundete ihn ſchwer am linken Arm. Der König ſchien wüthend, die Königin Mutter in Verzweiflung zu ſein. Das war etwas ganz Anderes als ein Muske⸗ tenfeuer. Heinrich hatte daher große Angſt, als er ſah, welche Wendung die Dinge nahmen. Er ſchloß ſich in ſeine Wohnung ein, wo ſeine beiden Freunde Segur und Larochefoucauld ſo wie ſein neuer Hof⸗ meiſter Beauvais ihn beſuchten. Alle drei bemühten ſich ihn zu beruhigen, aber dieſesmal ließ Heinrich ſein Gerippe ganz nach Be⸗ lieben zittern; er wollte ſich nicht nur nicht beſchwich⸗ tigen laſſen, ſondern that ſogar alles Mögliche, um ſie ſelbſt in Schrecken zu ſetzen.. „Bleibt bei mir,“ ſagte er zu ihnen;„verlaſſen wir einander nicht; wenn wir ſterben müſſen, ſo ſterben wir doch zuſammen.“ Die Freunde wollten an nichts glauben und be⸗ ſtanden darauf ſich zu entfernen. „Nun ſo thut wos Ihr wollt,“ ſagte Heinrich zu ihnen.„Jupiter verblendet Diejenigen, die er ins Verderben ſtürzen will.“ Und er verabſchiedete ſich von ihnen mit einer Umarmung, aber während dieſer Umarmung ſank er ohnmächtig zu Boden. „ 4 15 Die beiden jungen Leute und der Hofmeiſter hoben ihn auf. Er war bewußtlos. Sie legten ihn jetzt in ſein Bett, wo er eine Stunde lang kein Lebenszeichen von ſich gab. End⸗ lich kam er wieder zu ſich, ſchlug ſeine Augen auf, ſchloß ſie aber beinahe ſogleich wieder. Die jungen Leute glaubten, das beſte Mittel bei einer ſolchen Kriſis ſei der Schlaf. Sie nahmen Beauvais mit fort und ließen den Prinzen allein. Der folgende Tag war der 24. Nachts zwei Uhr wurde Heinrich durch Bogen⸗ ſchützen erweckt, welche ihm befahlen ſich anzukleiden und zu dem König zu kommen. Er wollte ſeinen Degen nehmen, aber man ver⸗ bot es ihm. In dem Zimmer, wohin man ihn führte, traf er den Prinzen von Condeé, der gleich ihm waffenlos und gefangen war. Einen Augenblick darauf kam Carl IX wüthend, trunken von Pulver und Blut, mit einer Büchſe in der Hand herein. „Tod oder Meſſe?“ rief er Heinrich und dem Prinzen von Fondé zu. „Meſſe!“ antwortete Heinrich. „Tod!“ antwortete Condé. Carl IX ſtand im Begriff den jungen Prinzen, der ihm ins Geſicht Widerſtand zu leiſten wagte, über den Haufen zu ſchießen, aber er nahm dennoch Anſtand ſeinen Verwandten zu tödten. „Ich gebe Euch eine Viertelſtunde Bedenkzeit,“ ſagte Cark IX,„in einer Viertelſtunde werde ich wiederkommen.“ 16 Und er entfernte ſich. Während dieſer Viertelſtunde hatte Heinrich ſei⸗ nem Vetter bewieſen, daß ein durch Gewalt ent⸗ riſſenes Verſprechen keine verpflichtende Kraft habe, und daß es von ihnen als den beiden Häuptern der Zukunftspartei weit politiſcher ſei ſich durch Heuchelei am Leben zu erhalten, als durch Wider⸗ ſtand einem ſichern Tod auszuſetzen. Heinrich war immer ſehr beredt und beſonders bei ſolchen Gelegenheiten: er überzeugte Condé. Carl M kam nach Ablauf der feſtgeſetzten Friſt zurück. „Nun?“ fragte er. „Die Meſſe, Sire!“ antworteten die beiden jun⸗ gen Leute. Da die Bartholomäusnacht der politiſchen Ge⸗ ſchichte unſeres Helden angehört, ſo werden wir uns nicht damit beſchäftigen. Aber beſchäftigen wir uns mit der Königin Mar⸗ gareth oder, wie Carl X ſie nannte, der Königin Margot. Dieſe gehört zu ſeinem Privatleben. II. „Indem ich meine Schweſter Margot dem Prin⸗ zen von Bearn gebe,“ hatte Carl X geſagt,„gebe ich ſie allen Hugenotten des Königreichs.“ Vielleicht hatte der Prinz von Bearn den wah⸗ ren Sinn dieſer Phraſe verſtanden, aber er nahm ſie nur in demjenigen, den ſie zu haben ſchien. Im Uebrigen hatte Heinrich ſeiner zukünftigen S 17 Gemahlin, die ihn nicht mehr geſehen hatte, ſeit er mit dreizehn Jahren den Hof verlaſſen, auf den erſten Blick ungemein gefallen. Die Herrn von Souvray, ſpäter Hofmeiſter Ludwigs KllI, und von Pluvinel, erſter Stallmei⸗ ſter, führten der Prinzeſſin ihren Verlobten zu. Als ſie ihn bemerkte, rief ſie: „Oh wie ſchön er iſt! welch herrlicher Wuchs, und wie glücklich ſich der Chiron ſchätzen muß, der einen ſolchen Achilles erzieht!“ Dieſer Ausruf mißfiel dem Oberſtallmeiſter, der nicht viel ſcharfſinniger war als ſeine Pferde, höchlich. „Habe ich es nicht vorher geſagt,“ ſagte er zu Souvray,„daß dieſes boshafte Weib uns irgend eine Beleidigung ſagen würde?“ „Wie ſo?“ „Habt Ihr denn nicht gehört?“ „Was denn?“ „Sie hat uns Chiron genannt.“ „Das iſt für Euch nur eine halbe Beleidigung, mein lieber Pluvinel,“ ſagte Herr von Souvray; „Ihr habt von Chiron weiter nichts als das Hin⸗ tergeſtell.“ Margareth von Valois, Schweſter des Königs Carl IX, war übrigens eine ſehr ſchöne, ſehr ge⸗ lehrte und ſehr geiſtreiche Prinzeſſin. Das Einzige was man ihr vorwerfen konnte, war, daß ſie ein etwas langes Geſicht und etwas herabhängende Wangen hatte, ſonſt Nichts.. Doch wir täuſchen uns, man warf ihr noch etwas Anderes vor, und beſonders that dieß ihr Gemahl— man warf ihr vor, daß ſie ſehr leichtfertig ſei. Dumas, Heinrich 1v. 2 Mit eilf Jahren hatte ſie, wenn man Heinrich IV glauben darf, bereits zwei Liebhaber gehabt: Antra⸗ guet und Charins. Dann hatte ſie Martigues gehabt, einen Infan⸗ terieoberſt und tapfern Mann, der zu den Stürmen und Scharmützeln gewöhnlich mit zwei Geſchenken ging, die er von ihr empfangen hatte: einer Schärpe, die er um ſeinen Hals trug, und einem Hündchen, das er auf ſeinem Arme trug, bis er am 19. No⸗ vember 1569 bei der Belagerung von Saint⸗Jean⸗ d'Angely getödtet wurde. Dann war Herr von Guiſe gekommen, der ſie ſo leidenſchaftlich liebte, daß er durch den Einfluß ſeines Oheims, des Kardinals von Lothringen, ihre Ehe mit dem König Dom Sebaſtian von Portugal auflöſen ließ. Sodann waren, wie man ferner ſagte— denn was ſagte man nicht über die arme Frau?— ihr Bruder, Franz von Alencon, und ihr anderer Bru⸗ der, Heinrich von Anjou, gefolgt. Um dieſe Zeit hatte ſie den König von Navarra geheirathet, und der Kummer über dieſe Verbindung hatte Antraguet beinahe getödtet. Margareths Ausſteuer hatte aus fünfmalhun⸗ derttauſend Goldthalern, das Stück zu vierundfünf⸗ zig Sous, beſtanden.— Der König gab dreimalhundert⸗ tauſend, die Königin Mutter zweimalhunderttauſend, die Herzoge von Alengon und von Anjou fügten je fünf⸗ undzwanzigtauſend Franken hinzu. Das Witthum wurde auf vierzigtauſend Franken Rente mit dem möblirten Schloß Vendome als Woh⸗ nung feſtgeſetzt. — z 8— nn hr ru⸗ ng in⸗ nf⸗ rt⸗ nd, nf⸗ h⸗ 19 Margareth lag im Bett und ſchlief ruhig, als das Signal zum Gemetzel gegeben wurde. Auf einmal wurde ſie durch einen Mann geweckt, der mit Händen und Füßen zugleich an ihre Thüre pochte und„Navarra, Navarra!“ rief. Die Amme der Prinzeſſin, die in ihrem Zimmer ſchlief, glaubte, der Bearner ſei es ſelbſt, und öffnete ſchleunig; aber es war ein junger Edelmann Namens Tejan, ſagt Margareth, und Leyran, ſagt Dupleix. Er wurde von vier Mördern verfolgt, und als er die Thüre offen ſah, ſtürzte er ins Zimmer, warf ſich auf das Bett der Prinzeſſin, umſchlang ſie mit ſeinen ganz blutigen Armen, denn er hatte einen Degenſtich und einen Hellebardenſtoß erhalten, und fiel mit ihr in den Bettgang hinab. Man wußte nicht, wer am lauteſten ſchrie, die Königin oder die⸗ ſer Unglückliche, aber noch ſchlimmer war es, als die Mörder, die ihn nicht loszureißen vermochten, ihn in den Armen der Königin ſelbſt zu tödten ver⸗ ſuchten. Glücklicherweiſe kam der Gardecapitän Gas⸗ pard de la Chatre, der unter dem Namen Nangay bekannter iſt, hinzu, wies die Mörder hinaus und bewilligte der Königin Margareth das Leben des armen Tejan; dieſer aber wollte ſeinen Platz nicht mehr räumen, die Königin ließ ihn daher in ihrem Kabinet verbinden und ſchlafen, und er verließ es erſt nach vollſtändiger Heilung. Man muß der Königin Margareth die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen: ihr erſtes Wort an Nangay, ſobald Tejan ſich außer Gefahr befand, war, daß ſie nach dem Prinzen von Bearn fragte. Der Gardecapitän ſagte ihr, er ſei nebſt Herrn von 2 20 Condé im Kabinet des Königs, und es könnte ſehr leicht ſein, daß die Anweſenheit ſeiner jungen Gat⸗ tin ihm von großem Nutzen wäre. Margareth hüllte ſich in einen Nachtmantel und eilte nach dem Zimmer ihrer Schweſter, der Frau von Lothringen, wo ſie mehr todt als lebendig an⸗ kam. Im Augenblick wo ſie im Vorzimmer eintraf, wurde ein Edelmann Namens Labourſe nur drei Schritte von ihr mit einer Hellebarde niedergeſtoßen und ſank todt zu Boden. Kaum war ſie in dieſem Zimmer, als zwei Flüchtlinge hereinſtürzten und ſie um Hülfe anfleh⸗ ten; es waren Mioſſens, erſter Kammerherr ihres königlichen Gemahls, und Armagnac, ſein erſter Kammerdiener. Margareth warf ſich dem König ſo wie der Kö⸗ nigin Mutter zu Füßen und erlangte mit großer Mühe die Begnadigung dieſer Leute. Eine Tradition will ſogar wiſſen, der Fürſt von Bearn ſei nur dadurch gerettet worden, daß er ſich unter den Reifrock ſeiner Gemahlin geflüchtet habe, der weit genug geweſen ſei, um einen Mann, ja ſogar mehrere darunter zu verſtecken. Dieſe Sage muß nicht ſo ganz ohne geweſen ſein, denn ſie gab Veranlaſſung zu allerlei Verschen. Wenn wir ſagen, die Königin Margareth habe unter ihrem Reifrock einen Mann, ja ſogar mehrere verbergen können, ſo ſchwatzen wir nicht ins Blaue hinein, ſondern haben eine ſehr gute Autorität für unſere Behauptung. „Sie machte,“ ſagt Tallemant des Réaux,„ihre Schulterbedeckung und ihre Schnürleiber weit breiter — ————— e„ hr t⸗ nd u n⸗ f, en ei es er 5⸗ er n e, en be re ue ür re er 21 als nöthig war, und ihre Aermel im Verhältniß; um ſich eine ſchönere Taille zu geben, trug ſie an beiden Seiten ihres Körpers einen Zinnapparat, der ihren Hüften mehr Umfang verlieh. Es gab viele Thüren, durch welche ſie nicht gehen konnte. Aber das iſt noch nicht das Erſtaunlichſte an der Sache; unter allen ihren Reifröcken hatte die ſhne Prinzeſſin einen, den ſie ganz beſonders iebte. Man höre was derſelbe Schriftſteller darüber 1 ſag „Sie trug einen großen Reifrock, der ringsherum Taſchen hatte, und in jede derſelben ſteckte ſie eine Kapſel, welche das Herz eines ihrer verſtorbenen Liebhaber enthielt; denn wenn dieſe ſtarben, ſo ver⸗ ſäumte ſie nicht ihre Herzen einbalſamiren zu laſ⸗ ſen. Dieſer Reifrock wurde jeden Abend an einen Haken gehenkt, der hinter der Lehne ihres Bettes mit einem Vorlegeſchloß verwahrt war. Ihr Gemahl hatte ihr nicht blos den Vorwurf zu machen, daß ſie die Herzen ihrer Liebhaber ein⸗ balſamiren ließ, ſondern auch daß ſie bis auf den Greveplatz ging, um ihre Köpfe zu holen. Sie hatte in ihren Dienſten einen ſchönen Edel⸗ mann Namens la Mole, der ſich mit den Marſchäl⸗ len von Montmorency und Coſſé in eine Verſchwö⸗ rung einließ und deßhalb nebſt ſeinem Freund Han⸗ nibal von Coconas in St. Jean enthauptet wurde. Die Köpfe der Beiden waren auf dem Greveplatz ausgeſtellt, aber als die Nacht einbrach, kamen Frau Margareth, die Geliebte la Moles, und Frau von Nevers, die Geliebte von Coconas, nahmen die —— Köpfe weg, trugen ſie in ihre Caroſſen und begru⸗ ben ſie mit ihren allerliebſten Händchen in der Ka⸗ pelle St. Martin unter dem Montmartre. Im Uebrigen war die Königin Margot dieß la Mole wohl ſchuldig; denn der ſchöne Edelmann hatte ſie heiß geliebt, er hatte ihretwegen conſpirirt und noch beim Hinaufſteigen auf das Schaffot einen Muff geküßt, den ſie ihm zum Geſchenk gemacht. La Mole iſt es, der in einem auf Anſtiften der Königin Margareth gedichteten Liede vom Kardinal du Perron als Hyaeinth aufgeführt iſt, und wäre nicht Saint⸗Luc zu der armen Dame nach Nerac gegangen, wo es ſeiner Zärtlichkeit gelang ihr Herz ein wenig zu zerſtreuen, ſo würde ſie vermuthlich lange Zeit gebraucht haben, um ſich über ihren Verluſt zu tröſten. „Freilich,“ ſagt ihr Gemahl ſelbſt,„kam Buſſy von Amboiſe dieſem Saint⸗Luc bei ſeinem ſchwieri⸗ gen Tröſtungsgeſchäft zu Hülfe, und als ihre Trau⸗ rigkeit immer noch nicht weichen wollte, ſo nahm ſie auch noch Mayenne dazu.“ Im Uebrigen muß die Königin von Navarra trotz der beiden Mängel, die wir ihr vorgeworfen haben, nämlich eines etwas zu langen Geſichtes und etwas zu ſehr herabhängender Wangen, ſehr ſchön geweſen ſein, denn als einige Zeit nach der Bar⸗ tholomäusnacht der Herzog von Anjou zum König von Polen ernannt wurde, und eine polniſche Ge⸗ ſandtſchaft nach Paris kam, äußerte ſich Lasco, das Haupt derſelben, nach der Audienz, welche die Kö⸗ nigin Margareth ihm und ſeinen Gefährten gegeben, wörtlich folgendermaßen: U⸗ 5 eß un irt en er re ac ch en 09 ⸗ u⸗ ie ra en d n r⸗ ig e⸗ a8 ö⸗ n, 23 „Nachdem man ſie geſehen, gibt es nichts mehr zu ſehen, und ich möchte beinahe jene Pilger von Mekka nachahmen, die ſich, wenn ſie das Grab ihres Propheten geſchaut haben, aus Frömmigkeit die Augen ansſtechen, um ihre Blicke durch keinen an⸗ dern Gegenſtand mehr zu entweihen.“ S Bei allem Dem war Heinrich von Navarra ſei⸗ ner Gemahlin zu großem Danke verpflichtet. Zuvörderſt iſt es beinahe gewiß, daß ſie ihm in der Bartholomäusnacht das Leben rettete, und daß nur ſeine Eigenſchaft als Gemahl der Schweſter des Königs ihn ſchützte. Deßhalb wollte auch die Königin Mutter ihm dieſe Eigenſchaft entziehen. Sie ging zu Margareth, ſagte ihr, daß der Her⸗ zog von Guiſe ſie aufs leidenſchaftlichſte liebe und über ihre Vermählung in Verzweiflung ſei; wegen der Trennung ihrer Ehe habe ſie ſich nicht zu beun⸗ ruhigen, denn ſie brauche blos zu ſagen, daß ihre Ehe nicht vollzogen worden ſei, ſo werde ſie die Scheidung ganz leicht erlangen. 2 Aber die züchtige Prinzeſſin, welche begriff, daß man den Tod eines Mannes von ihr verlangte, und die ſo gutherzig war, daß ſie beinahe in Ohnmacht fiel, wenn ſie Jemand leiden ſah, die züchtige Prin⸗ zeſſin antwortete: „Ich bitte Euch, Madame, mir zu glauben, daß ich von Dem, was Ihr von mir verkangt, ganz und gar nichts verſtehe, und daß ich folglich nicht darauf antworten kann; aber man hat mir einen Gemahl gegeben und ich will ihn behalten.“ „Und ich antwortete ſo“— ſagt die ſchöne Prin⸗ 24 zeſſin in ihren Memoiren—„weil ich mir wohl denken konnte, daß die Trennung nichts anderes als das Verderben meines Gemahls bezweckte.“ Daher kam es enn auch, daß Heinrich, ſei es nun aus Gleichgültigkelt, ſei es aus Dankbarkeit, ſei es vielleicht mehr noch aus Berechnung, nicht blos zu der lockeren Aufführung ſeiner Gemahlin die Augen zudrückte, ſondern ſie zuweilen ſogar mit ihren Lieb⸗ habern verſöhnte. Dieß that er z. B. mit dem Vicomte von Tu⸗ renne, der ſpäter Herzog von Bouillon wurde. Man höre, er ſelbſt wird uns erzählen, wie er ſich dabei anſchickte: „Auf dieſe erſten Liebhaber, die einander zu verſchiedenen Zeiten ablösten— denn die große Anzahl wird mich entſchuldigen, wenn ich ihre Rei⸗ henfolge nicht recht anzugeben weiß— folgte alſo der Vicomte von Turenne, der bekanntlich kein Koſtverächter war, und den ſie gleich ſeinen Vorgän⸗ gern bald verabſchiedete, weil ſie fand, daß ſeine Taille in keinem Verhältniß ſtand mit. ſie ver⸗ glich dieſelbe mit den leeren Wolken, die nur von außen etwas gleich ſehen. Der traurige Liebhaber gerieth darüber in Verzweiflung und wollte nach einem thränenreichen Abſchied ſich in irgend einer fernen Gegend begraben, aber ich, der ich das Geheimniß kannte, jedoch im Intereſſe der reformirten Kirche mir die Miene gab, als ob ich nichts davon wüßte, gab meiner keuſchen Gemahlin ganz ausbrück⸗ lich auf, ihn zurückzurufen, was ſie auch that, aber ſehr ungern.“ ohl res un zu en b⸗ — N 25 Und dieſer gute König Heinrich, deſſen vortreff⸗ liche Eigenſchaften wir trotz der Maſſe ſeiner Lob⸗ reder noch nicht alle kennen, macht dazu folgende Bemerkung: „Was werdet Ihr zu meiner Gefälligkeit ſagen, Ihr griesgrämige Eheherrn? Fürchtet Ihr nicht, Eure Frauen werden Euch davon laufen und zu mir kommen, weil ich ein ſolcher Freund der Natur bin, oder werdet Ihr vielleicht dafür halten, es ſtecke eine gewiſſe Niederträchtigkeit dahinter? Ihr hättet Recht dieß anzunehmen, und ich müßte es Euch ge⸗ ſtehen, wenn ich Euch nicht zu bedenken geben müßte, daß ich damals mehr Naſe als Königreich und mehr Worte als Geld beſaß.“ Dann fügt dieſer Fürſt, der während ſeines ganzen geiſtreichen Gascognerlebens alle Umſtände ſo gut auszubeuten wußte, noch Folgendes hinzu: „Die Rückſicht auf dieſe Dame, ſo wie ſie iſt, erweichte ihre Brüder und die Königin Mutter, die ſehr gegen mich erbittert waren. Ihre Schönheit zog eine Menge Edelleute zu mir her, und ihre Schönheit feſſelte ſie, denn es gab keinen Sohn aus gutem Hauſe und keinen artigen Geſellen, der nicht einmal in ſeinem Leben Diener der Königin von Navarra geweſen wäre, welche Niemand abwies, ſondern gleich den öffentlichen Almoſenſtöcken von Jedem ſeine Opfergabe annahm.“ Geſtehen wir, daß wir als pure und ſimple Ge⸗ ſchichtſchreiber uns großer Härte und Grauſamkeit ſchuldig machen würden, wenn wir der ſchönen Mar⸗ gareth dieſe allerliebſten Sünden, für welche ihr beſchützen konnte; zweitens daß der ganze Hof den 26 Gemahl ſie ſo galant abſolvirte, als Verbrechen aus⸗ legen wollten. Und er hatte Recht, dieſer gute Heinrich, wenn er ſagte, ſeine Gemahlin habe ihre Brüder und die Königin Mutter erweicht; denn dieſe waren ſehr gegen ihn erbittert, wie die Angelegenheit von la Mole und Coconas beweist, wobei er ohne ſeine Gemahlin leicht hätte ſeinen Kopf laſſen können. Man höre mit wenigen Worten, wie es mit dieſem Handel beſchaffen war, auf den wir zurück⸗ kommen. In der Bartholomäusnacht hatte Heinrich von Navarra zwar ſein Leben gerettet, aber ſeine Frei⸗ heit eingebüßt. Er befand ſich als Gefangener im Louvre und hatte ungemeine Luſt zu entfliehen. Da mittlerweile der Herzog von Anjou zum König von Polen ernannt worden war, ſo beſchloß man, derſelbe ſolle am 28. September 1573 von Paris abreiſen, und ſeine Schweſter Margareth ſammt dem ganzen Hofe ſolle ihn bis Blamont begleiten. Margareth ſtand in dieſem Augenblick aufdem allerbeſten Fuß mit ihrem Bruder, und wir möchten uns dem Glauben hinneigen, daß der Bear⸗ ner das, was er für den Vicomte von Turenne gethan, auch ſchon für den Herzog von Anjou ge⸗ than habe, der als Liebling der Königin Mutter dem Gefangenen den beſten Schutz gewähren konnte. Nun drängten zwei Gründe den Bearner zur Flucht: erſtens daß der Herzog von Anjou, ſein Gönner, in die Fremde zog und ihn alſo nicht mehr aus⸗ enn die ſehr la eine mit ück⸗ von rei⸗ im hen. nig an, ris dem em wir ar⸗ nne ge⸗ tter nte. zur ein ehr den 27 Herzog begleitete und folglich die Ueberwachung weniger ſtreng werden mußte. Der Herzog von Alengon, der durch die Ernen⸗ nung ſeines Bruders zum König von Polen Herzog von Anjou geworden, und Heinrich, Prinz von Be⸗ arn, hatten beſchloſſen während dieſer Reiſe zu entfliehen, ihren Weg durch die Champagne zu neh⸗ men und das Commando eines Truppencorps zu übernehmen, welches unter ihren Befehlen marſchi⸗ ren ſollte. Mioſſens, der für die Königin von Navarra, ſeit ſie ihm das Leben gerettet und vielleicht auch angenehm gemacht, keine Geheimniſſe hatte, ſetzte ſie von dieſem Plan in Kenntniß. Die Duldſamkeit des Bearners hatte, wie man ſieht, ihre gute und ihre ſchlimme Seite. Sei es nun, daß Margareth die Gefahren fürch⸗ tete, denen ſich die beiden Prinzen auf ihrer Flucht ausſetzen könnten, ſei es daß ſie ſich beleidigt fühlte, weil man ſie nicht ins Vertrauen gezogen hatte, kurz ſie ſagte ihrerſeits Alles der Königin Catha⸗ rina, behielt ſich jedoch das Leben ihres Gatten und ihres Bruders vor; nur wußte die arme Frau eine einzige Sache nicht, nämlich daß ihr vielgeliebter la Mole, um ſie nicht verlaſſen zu müſſen, in die Ver⸗ ſchwörung eingetreten war und ſeinen Freund Co⸗ conas mit hineingezogen hatte. Die Folge davon war, daß Heinrich von Bearn und der Herzog von Anjou mit dem Leben davon kamen, la Mole und Coconas aber auf dem Gre⸗ veplatz enden mußten, wo ihre Leichname in vier 28 Theile getheilt und an vier Galgen geſchlagen, ihre Köpfe auf zwei Pfähle geſteckt wurden. Nur in einem Augenblick eheherrlichen Menſchen⸗ haſſes war es Heinrich von Bearn angekommen, daß er ſeiner Gemahlin, Margareth von Volois, und ihrer Freundin, Henriette von Sauve, Herzo⸗ gin von Nevers, den Vorwurf machen konnte dieſe Köpfe bei nächtlicher Weile von den Pfählen, wo ſie aufgeſteckt waren, herabgenommen und ſie mit ihren ſchönen Händen in der St. Martinskapelle unter dem Montmartre begraben zu haben. Die arme Margareth hatte ſich über dieſe Ka⸗ taſtrophe la Moles kaum getröſtet, als ein nicht minder ſchreckliches Unglück ſie von Neuem in eine ähnliche Verzweiflung verſetzte. Buſſy, der tapfere Buſſy, Buſſy von Amboiſe wurde von dem Grafen von Montſoreau ermordet, der ſeine Gemahlin Diana von Meridor zwang ihm ein Rendezvous zu geben und ihn dann von zwan⸗ zig Mann, die er mitbrachte, niedermachen ließ. Ah bei dieſem Mann können wir wohl geſtehen, daß ſein Verluſt eine Frau zur Verzweiflung brin⸗ gen konnte, ſelbſt wenn dieſe Frau eine Königin war. Die arme Margareth, die ihren Memoiren zu Folge ſo unſchuldig war, daß ſie acht Tage nach ihrer Verheirathung nicht wußte, ob ihre Ehe voll⸗ zogen worden, ſie, die ihre naive Antwort in Betreff deſſen, was die Königin Mann ſein nannte, mit der Erklärung rechtfertigt, ſie habe ſich im Fall je⸗ ner Römerin befunden, welche auf die Vorwürfe ihres Mannes, daß ſie ihm nichts von ſeinem üblen —— hre en⸗ en, is, zo⸗ eſe wo nit lle da⸗ cht ne iſe et, m n⸗ n⸗ in l⸗ ff it e⸗ e 29 Athem geſagt, zur Antwort gab:„Ich glaubte alle Männer hätten einen ſolchen, da ich nie einem An⸗ dern als Dir nahe gekommen bin,“*) die arme Margareth hatte nicht den Muth Buſſy zu verläugnen. „Er war,“ ſagt ſie in ihren Memoiren,„gebo⸗ ren um der Schrecken ſeiner Feinde, der Ruhm ſei⸗ we Herrn und die Hoffnung ſeiner Freunde zu ſein.“ Dieß kommt daher, daß Buſſy ſeinerſeits dieſe Königin Margareth, die ihm ſo ſchönes Lob ſpen⸗ dete, heiß liebte. Eines Tags, als er in einem hartnäckigen Duell mit dem Capitän Page ſeinen Gegner unter ſich bekam und ihn eben tödten wollte, weil er geſchwo⸗ ren hatte, derſelbe müſſe von ſeiner Hand ſterben, rief dieſer: „Im Namen derjenigen Perſon, die Ihr am mei⸗ ſten liebet, bitte ich Euch um mein Leben.“ Die Bitte ging ihm unmittelbar zu Herzen, er ſein Knie und ſeinen Degen zugleich und agte: „So geh denn und ſuche in der ganzen Welt die ſchönſte Prinzeſſin und Dame, wirf Dich zu ihren üßen, um ihr zu danken, und ſage ihr, daß Dir Buſſy aus Liebe zu ihr das Leben gerettet habe.“ Und der Capitän Page ging, ohne zu fragen wer dieſe ſchöne Dame und Prinzeſſin ſei, gerade⸗ wegs zu Margareth von Valois, warf ſich ihr zu *) Trotz ihrer Gelehrſamkeit täuſcht ſich unſere ſchöne Königin Margareth: bie Antwort iſt nicht von einer Römerin, ſondern von der Gemahlin Hieros, des Thrannen von Syrakus. 30 Füßen und dankte ihr, daß ſie ihn vom Tode ge⸗ rettet. Wie heiß daher auch die ſchöne Königin ihren tapfern Buſſy liebte! Sie erzählt in ihren Memoi⸗ ren, er habe eines Tags mit neunzehn Mann drei⸗ hundert Feinden die Spitze geboten und nur einen einzigen Mann verlorenz„und dabei,“ fügt ſie hin⸗ zu,„trug der tapfere Buſſy ſeinen Arm in der Binde.“ Heinrich IV, der ſich in das leichtfertige Leben ſeiner Gemahlin zu ergeben ſchien, zeigte ſich gleich⸗ wohl einmal unbarmherzig gegen ſie, und zwar aus Veraulaſſung von Buſſy.— Vielleicht konnte der König, der ſeinen Muth durch moraliſche Kraft hatte erringen müſſen, dem von Natur mit Muth begab⸗ ten Helden dieſen Vorzug nicht verzeihen. Margareth hatte in ihren Dienſten ein Mädchen von Stand als Vertraute und Agentin bei ihrem Liebeshandel mit Buſſy; ſie hieß Gilonne Goyon und war die Tochter des Marſchalls Jacob von Matig⸗ non; man nannte ſie gewöhnlich nur die Thorigny. König Carl IX ließ ſich von Heinrich 1W gegen das arme Mädchen aufhetzen und verlangte ihre Entfernung. Die Thorigny wurde alſo trotz der Bitten und Thränen ihrer Gebieterin fortgeſchickt und begab ſich zu einem ihrer Vetter. Auch Buſſy hatte Befehl erhalten den Hof zu verlaſſen. Im Anfang verweigerte er den Gehor⸗ ſam, aber auf die dringenden Vorſtellungen des Herzogs von Alencon, dem er angehörte, ergab er ſich doch endlich in die Verbannung. ge⸗ hren moi⸗ drei⸗ inen hin⸗ der eben eich⸗ aus der atte gab⸗ chen rem und tig⸗ ny. gen ihre und ſich zu or⸗ des er 31 Das war für Margareth ein großer Kummer, und Heinrich 1W ſelbſt hatte viel darunter zu lei⸗ den. Man ſehe nur was die Königin von Navarra in ihren Memoiren darüber ſagt: „Ich verbannte jetzt alle Klugheit, gab mich meinem Verdruß hin und konnte mich nicht mehr zwingen dem König, meinem Gemahl, ein freundli⸗ ches Geſicht zu zeigen; ſo daß wir nicht mehr bei⸗ ſammenwohnten und nicht mehr miteinander ſprachen.“ Zum Glück dauerte dieſer gezwungene Zuſtand nicht lange. Am 15. September 1575 entwiſchte der Herzog von Alengon, und kurze Zeit nachher war der Kö⸗ nig von Navarra, der eine Jagd in der Gegend bon Senlis vorſchützte, ſo glücklich daſſelbe auszu⸗ ühren. König Heinrich III— der nach Carls IX Tod aus Polen zurückgekehrt war und jetzt regierte, war wüthend. Er beſann ſich, auf wen er ſeinen Zorn fallen laſſen ſollte. Die arme Thorigny befand ſich in ſeiner Gewalt. Er behauptete— mit welchem Recht weiß ich frei⸗ lich nicht— das Fräulein habe die doppelte Flucht unterſtützt, und ſchickte Leute nach dem Hauſe ihres Vetters, um ſie in einem Fluß, der ein paar hun⸗ dert Schritte von dem Hauſe hinweg floß, zu erſäu⸗ fen. Die Unglückliche war ſehr ſchlimm daran. Die Reiter hatten ſich zuerſt des Schloſſes, ſodann ihrer Perſon bemächtigt und banden ſie eben auf das Pferd, das ſie forttragen ſollte, als zwei Officiere des Herzogs von Alencon, la Ferté und Aventigny, die ſich zu dem Prinzen begeben wollten, den in ——— 32 ihrer Beſtürzung fliehenden Dienern des Schloſſes begegneten. Dieſe erzählten ihnen Alles, die Offi⸗ ciere jagten ſpornſtreichs mit ihren Leuten in der bezeichneten Richtung dahin und erſchienen auf dem Platz in dem Augenblick, wo die Thorigny bereits vom Pferde gehoben war und nach dem Fluſſe hin⸗ getragen wurde. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſie gerettet ward. Heinrich IV war abgereist, ohne ſeine Gemahlin davon in Kenntniß zu ſetzen und ohne ihr Lebewohl zu ſagen; aber kaum war er in Guyenne angelangt, ſo ſchrieb er ihr, ſagt der Verfaſſer der geſchicht⸗ lichen und kritiſchen Memoiren, einen ſehr freundlichen Brief und erſuchte ſie um ihre Verwen⸗ dung bei dem König, ſowie um Nachrichten vom Hof, damit er ſein Benehmen darnach einrichten könne. Die gute Königin Margareth verzieh Alles und vermittelte die Angelegenheiten ihres Bruders, des Herzogs von Alencon, ſowie ihres Gatten, des Kö⸗ nigs von Navarra, ließ jedoch, wie man verſichert, bei dieſer Gelegenheit ihren Feind Du Guaſt er⸗ morden.— Die Anklage iſt hart, aber die Sache war zu jener Zeit ganz und gar nicht ſelten, und der Meuchelmord war vollkommen an der Tages⸗ ordnung. Man höre übrigens was Margareth in ihren Me⸗ moiren von dieſem Du Guaſt ſagt: „Du Guaſt war in Folge eines Gottesurtheils getödtet worden, als er ein Schwitzbad nahm. Wie er denn auch ein durch alle Arten von Unflath ver⸗ dorbener Körper war, welcher der Fäulniß überge⸗ ben wurde, die ihn ſeit langer Zeit ergriffen hatte — ——— ——— d h di de n ſſes ffi⸗ der dem eits hin⸗ d. lin ohl ngt, cht⸗ ſehr en⸗ of, me. und des Kö⸗ ert, er⸗ iche und es⸗ Me⸗ eils Wie er⸗ ge⸗ atte v 33 und ſeine Seele dem Teufel, dem er ſie durch Zau⸗ berei und alle Arten von Bosheit geweiht hatte...“ Wenn man Brantome glauben darf, ſo war die⸗ ſer Du Guaſt der vollkommenſte Mann ſeiner Zeit. Freilich war Du Guaſt der Günſtling Hein⸗ richs III, und Brantome, die eingefleiſchte Schmei⸗ helei, ſchmeichelte dem Günſtling noch über das Grab hinaus; lebte ja doch der König noch. Du Guaſt wurde einige Tage nach der Abreiſe Heinrichs 1V in ſeinem eigenen Hauſe, wo er krank lag, von Wilhelm Dubrat, Baron von Viteaux, er⸗ mordet. Desportes, Verfaſſer der allerliebſten Villanelle Roſette, welche der Herzog von Guiſe fünf Mi⸗ nuten vor ſeiner Ermordung ſang, hat auf dieſen Meuchelmord ein recht hübſches Sonnett gemacht. Ob nun bei Margareth die Lebe zu ihrem Gat⸗ ten wiedererwachte oder ob ſie in den politiſchen Streitigkeiten erdrückt zu werden befürchtete, kurz, ſie verlangte zum allgemeinen Erſtaunen, daß man ſie zu Heinrich IW nach Guyenne gehen laſſez der König verweigerte ihr aber dieſen Wunſch unter dem Vorwand, er wolle nicht, daß ſeine Schweſter mit einem Ketzer lebe. Erſt als die Königin Mutter beſchloß ſelbſt nach Guyenne zu gehen, um mit Heinrich IV zu unter⸗ handeln, erlangte Margareth die Erlaubniß ſie auf dieſer Reiſe zu begleiten. Aber die Königin Mutter ſcheint zu wenig auf die Reize ihrer verführeriſchen Tochter gerechnet zu haben, denn ſie nahm ihre fliegende Schwadron, wie ſie es nannte, mit, d. h. eine Schwadron der hübſcheſten Dumas, Heinrich IW. 3 34 Mädchen des Reichs, ein Chörchen, das ſich nach der Verſicherung Brantomes zuweilen auf dreihundert Köpfe belief. Dieſe famöſe fliegende Schwadron, von welcher die Memoiren und Flugſchriften jener Zeit ſo viel zu erzählen wiſſen, war ein gewaltiges Verführungs⸗ mittel für die Königin Catharina von Medici. Freilich hat Alexander der Gemahlin und den Töchtern des Darius; Scipio jener ſchönen Spa⸗ nierin, der Braut des Allutius, deren Ramen die Geſchichte uns aufzubewahren vergeſſen hat; Auguſtus der Kleopatra und Napoleon der ſchönen Königin Luiſe von Preußen wacker widerſtanden. Aber wie ſollte ein Mann, ſei er nun General, König oder Kaiſer, einer Schwadron von dreihundert Frauen⸗ zimmern widerſtehen können, von denen eine ſchö⸗ ner und verführeriſcher war als die andere, und die dem Commando eines Feldherrn wie Catharina von Medici gehorchten? Wahrlich ein Mann von dem Temperament Heinrichs IV, deſſen Haupttugend nicht in der Ent⸗ haltſamkeit beſtand, mußte da erliegen. Er erlag auch. Der ſchönen Dayelle wurden die Ehren des Triumphes zu Theil. Sie war eine Griechin aus der Inſel Cypern, von jenem Eiland, das vor bald dreitauſend Jah⸗ ren der Liebesgöttin ihren Namen Cypris gegeben. Als Kind hatte ſie auf den Ruinen von Amathunt, von Paphos und von Idalia geſpielt, und als im Jahr 1571 die Stadt von den Türken eingenom⸗ men und geplündert worden, hatte ſie ſich glücklich der dert cher viel g⸗ den pa⸗ die tus gin wie der en⸗ hö⸗ und ina ent des rn, ah⸗ en. nt, m⸗ lich 35 auf eine venetianiſche Galeere geflüchtet. Sie wurde an den Hof Catharina's empfohlen, und die Köni⸗ gin hatte ſie, da ſie aus ihrer wunderbaren Schön⸗ heit Nutzen zu ziehen hoffte, in ihre fliegende Schwa⸗ dron angeworben. Sie und Frau von Sauve, ſagt d»Aubigné, waren die zwei hübſchen und gewandten Perſonen, welche die Königin Mutter auf ihrer Gascognerreiſe im Jahr 1578 anwandte, um Heinrich IV Kurz⸗ weil zu bereiten. Zum Glück für die Angelegenheiten der Huge⸗ notten übernahm es Margareth, die bei all ihrer ehelichen Untreu ihrem Gemahl ſtets wohlwollte, dieſer Leidenſchaft Heinrichs für die Griechin ein Gegengewicht entgegenzuſtellen; ſie verführte den Rath Pibrac, der damals noch ganz trunken war von der Berühmtheit, welche ſeine vor vier Jahren gedruckten moraliſchen Gedichte ihm eingetragen hatten. Dieſer Meſſire Guy de Faux, Herr von Pibrac, war ein ſehr bedeutender Mann. Er hatte Frank⸗ reich auf dem Trienter Concil mit dem Titel als Verweſer vertreten, war dann, nachdem er die Frei⸗ heiten der gallicaniſchen Kirche daſelbſt vertheidigt, Generaladvokat, hierauf Staatsrath geworden, hatte Heinrich III nach Polen begleitet, war mit ihm von da zurückgekommen und ſollte jetzt bei den Con⸗ ferenzen von Nerac die Intereſſen der Katholiken vertheidigen. Margareth vergaß die Dienſte nicht, welche der wackere Rath ihrem Gemahl geleiſtet hatte. Sie machte ihn ſpäter zum Parlamentspräſihenten, ſo⸗ 3 36 dann zu ihrem Kanzler und zum Kanzler des Her⸗ zogs von Alengon. Ueber die Reſultate der Conferenzen von Nerac, über die Artikel des Vertrags und den Einfluß, welchen er auf die Angelegenheiten der Zeit aus⸗ übte, muß man die Geſchichte, nicht aber dieſe Chro⸗ nik befragen. Bekanntlich haben wir uns eine ganzi andere Aufgabe geſtellt. Als der Vertrag unterzeichnet und die Conferen⸗ zen geſchloſſen waren, ging die Königin Mutter nach Languedoc, und der Hof des Königs von Na⸗ varra begab ſich nach Pau in Bearn. III. Wir haben ſo ziemlich die ganze Liſte der Lieb⸗ haber Margarethens aufgeführt. Verſuchen wir nun auch ein Verzeichniß von den Maitreſſen Hein⸗ richs IV zu geben. Von ſeinem Aufenthalt in Be⸗ arn, der ſeiner Vermählung voranging, weiß man ſich nur einer kleinen Liebſchaft zu erinnern, wie ſie zwiſchen einem kleinen Mädchen und einem jun⸗ gen Menſchen wohl vorkommen. Alle Welt kennt den Namen Fleurette, ohne etwas Anderes von ihr zu wiſſen, als daß ſie die Tochter eines Gärtners von Nerac war, daß Heinrich von Bearn ſie liebte und daß ſie ihn wieder liebte. In dieſer Liebe iſt nichts Beſtimmtes und Zuverläſſiges, nicht einmal der Name der Heldin. „Fleurette,“ ſagt der Verfaſſer der Anekdoten von den Königinnen und Regentinnen Frankreichs, b⸗ ir in⸗ e⸗ an ie n⸗ int hr rs bte iſt ial ten 5s, v 37 „iſt der wahre oder erdichtete Name einer Gärtners⸗ tochter vom Schloß Nerac, die hübſch genug war, um dem König von Navarra zur Kurzweil zu dienen. Sodann kommt Fräulein von Tignonville, die Tochter des Lorenz von Montuan. Dieſe war nicht die Maitreſſe, ſondern die Geliebte des Königs von Navarra. Widerſtand war ſelten in jener ſchönen Zeit, wo die Liebe die dritte, wenn nicht die erſte Religion war. Halten wir alſo dieſe Dame feſt; ſie iſt überdieß authentiſcher als die Geſchichte mit Fleurette. Sully und d'Aubigné bezeugen es uns. „Der König von Navarra,“ ſagt Sully,„begab ſich nach Bearn unter dem Vorwand ſeine Schwe⸗ ſter zu beſuchen. Man glaubt jedoch, daß er in Wirklichkeit durch die junge Tignonville dahingezo⸗ gen wurde, welcher er damals den Hof machte. Sie ſetzte den Angriffen des Königs von Navarra feſten Widerſtand entgegen, und dieſer Fürſt, der immer mehr in Flammen gerieth, je mehr Schwierigkeiten er zu bekämpfen hatte, bot bei der jungen Tignon⸗ alle Mittel eines leidenſchaftlichen Liebhabers auf. Welcher Art waren dieſe Mittel eines leiden⸗ ſchaftlichen Liebhabers? DAubigné wird es uns ſagen, er ſelbſt ſpricht: „Nachdem der Liebeshandel zwiſchen dem jun⸗ gen König und der jungen Tignonville begonnen, die, obſchon ſie Mädchen war, tugendhaften Wider⸗ ſtand leiſtete, wollte der König in dieſer Sache d'Au⸗ igné verwenden, da er es für ausgemacht hielt, daß ihm nichts unmöglich ſei; dieſer aber, der in 38 großen Dingen ziemlich laſterhaft war und aus Laune vielleicht einen ſolchen Dienſt einem Cameraden nicht abgeſchlagen hätte, empörte ſich dermaßen über den Namen, den man ihm aufheften, und das Amt, das man ihm aufbürden wollte, daß ſelbſt die maß⸗ loſen Liebkoſungen ſeines Herrn, ja ſogar ſein fle⸗ hendes kniefälliges Bitten und Händeringen ihn nicht zu rühren vermochten.“ Der König von Navarra wurde alſo abgewieſen und ſah ſich genöthigt zu Frau von Sauve zurück⸗ zukehren. Dieſe war übrigens eine allerliebſte Nothhülfe. Charlotte von Beaune von Semblangay, Frei⸗ frau von Sauve, war nicht blos eine der ſchönſten, ſondern auch eine der verführeriſchſten Damen des Hofes, und man darf nicht glauben was Margareth in ihren Memoiren von ihr ſagt, denn ſie war zwei⸗ mal die Nebenbuhlerin der Königin, zuerſt bei dem Herzog von Alengon und dann bei Heinrich von Navarra. Sie war die Enkelin des unglücklichen Semblangay, der unter Franz 1 hingerichtet wurde, und hatte ihren reizenden Titel Freifrau von Sauve von Simon von Fizes, Baron von Sauve, ihrem Gatten. Es fiel ihr gar nicht ein Widerſtand zu leiſten wie die junge Tignonville: Widerſtand lag nicht in den Gewohnheiten dieſer Dame; ſie war die erklärte Maitreſſe des Königs von Navarra, ſo lange er mit dem Herzog von Alencon in dem Louvre con⸗ ſignirt war, und ihre Liebe it daß dem Gefan⸗ genen, ja man verſichert ſogar allen beiden die Stun⸗ den der Haft ſchneller entſchwanden. b⸗ n n ⸗ i⸗ , 8 h 1⸗ e. e n 1 te W ⸗ ⸗ 1. v 39 Dieſe üble Nachrede ſcheint nicht ganz auf Ver⸗ leumdung zu beruhen, denn in den Memoiren Sul⸗ lys findet man von Heinrichs 1V eigener Hand folgende Zeilen: „Unſer erſter Haß begann zur Zeit wo wir Beide als Gefangene am Hof waren. Da wir nicht wuß⸗ ten, womit wir uns unterhalten ſollen, weil wir nicht oft ausgingen und keine andere Leibesübung hatten, als Wachteln in meinem Zimmer fliegen zu laſſen, ſo verkürzten wir uns die lange Weile da⸗ mit, daß wir den Damen ſchön thaten; und ſo ver⸗ liebten wir uns Beide in eine und dieſelbe Schön⸗ heit, nämlich Frau von Sauve, die ſich gegen mich ſehr freundlich erzeigte, ihn aber in meiner Gegen⸗ wart anfuhr und verächtlich behandelte, ſo daß er ganz wüthend wurde.“ Der Haß zwiſchen den beiden Prinzen ſtieg auf einen ſolchen Grad, daß ſie im Begriff ſtanden ein⸗ ander in einem Duell ohne Zeugen zu ermorden, was nur dadurch verhindert wurde, daß Heinrich IV, wie wir bereits geſagt haben, äußerſt vorſichtig war, der Herzog von Alengon aber noch weit mehr. Dieſer Haß hatte eine eigenthümliche Folge: ſie blieben ſchrecklich eiferſüchtig auf einander, wa⸗ ren es aber gar nicht mehr gegenüber von Fremden. „So daß,“ ſagt Margareth in ihren Memoiren, „obſchon die Dame von Sauve von dem Herzog von Guiſe, von Du Guaſt, von Souvray und meh⸗ reren Andern geliebt wurde, die ſämmtlich mehr Gunſt genoſſen als der König von Navarra und der Herzog von Alengon, dieſe Beiden ſich gar nicht darum bekümmerten, ſondern nur den Vorzug fürch⸗ teten, den ſie dem Einen vor dem Andern geben könnte.“ Heinrichs Leidenſchaft für dieſe Dame hatte den höchſten Grad erreicht, als er aus dem Louvre ent⸗ floh; wie wir bereits geſagt, reiste er, ſei es nun in Folge des Einfluſſes der Frau von Sauve oder weil er Verrath fürchtete, von Paris ab, ohne ſei⸗ ner Gemahlin ein Wörtchen zu ſagen. Sehr gerne hätte er wenigſtens ſeine Maitreſſe mitgenommen, aber das war unmöglich. „Die ſchöne Dayelle brachte,“ ſagt Margareth, „dem Herzen des Königs eine augenblickliche Zer⸗ ſtreuung, ſo lange er von ſeiner Circe getrennt war, deren Reize durch die Entfernung ihre Macht ver⸗ loren hatten. Aber als die ſchöne Dayelle mit der Königin Mutter wieder abgereist war, wurde der Briefwechſel von Neuem angeknüpft, und nun ent⸗ floh ihrerſeits Frau von Sauve aus Paris, um ſich zu dem König nach Pau zu begeben. Unglücklicherweiſe hatte ſie es gar zu lange an⸗ ſtehen laſſen, Und der König hatte ſich auf einer Reiſe nach Agen in Catharina du Luc verliebt. Sie war das ſchönſte Mädchen der Stadt und ihre Schönheit ſtürzte ſie ins Elend. Heinrich IV hatte eine Tochter von ihr, aber da die Ereigniſſe ihn von ihr trennten, und Heinrich IV vergeſſen hatte zu ſorgen, ſo verhungerten Mutter und ind. Ah, dieſer Heinrich IW war ein ſehr vergeßli⸗ cher Liebhaber, Freund und König, und überdieß war er— d'Aubigné weiß ein Liedchen davon zu ſingen— ſehr geizig. en en nt⸗ un der ei⸗ en, th, er⸗ ar, er⸗ der er nt⸗ ich n⸗ ler Sie hre tte tte nd li⸗ ieß 41 Der König beauftragte ihn um dieſe Zeit mit einer Sendung nach der Gascogne. D'Aubigné wollte bei dieſer Gelegenheit als ächter vornehmer Herr, der er war, auftreten und verbrauchte ſieben oder achttauſend Franken von ſeinem eigenen Ver⸗ mögen. Er rechnete ſicher darauf, daß der König trotz ſeines Geizes ihm ſeine Auslage erſetzen und noch überdieß eine Belohnung geben würde; aber ſtatt aller Vergütung ſchenkte Heinrich IV ihm ſein Portrait, worüber ſich d'Aubigné in Proſa und Ver⸗ ſen vielfach luſtig machte. „Heinrich IV hatte bei ſeiner Abreiſe aus Agen nicht blos die arme Catharina du Luc vergeſſen, ſondern auch,“ ſagt d'Aubigné,„einen großen Wach⸗ telhund Namens Citron, der gewöhnt war auf den Füßen des Königs zu ſchlafen. Dieſes arme Thier verhungerte beinahe und kam daher zu d'Aubigné, um ihm zu ſchmeicheln; darüber gerührt gab er es einer Frau in die Koſt und ließ ihm zu ſein Hals⸗ band ein Sonett nähen, worin dieſer Hund allen Höflingen als Muſter der Treue vorgehalten und ihnen ſtark zu Gemüthe geführt wird, daß auch ſie ſelbſt keinen beſſeren Lohn zu erwarten hätten. Zum Glück für den armen Citron kam Heinrich am folgenden Tag nach Agen; man führte den Hund vor den König und dieſer erblaßte, ſagt d'Au⸗ bigné, als er die Verſe las. Es iſt wahrſcheinlich, daß dieſes Erblaſſen dem Hunde eine lebenslängliche Rente eintrug. D'Au⸗ bigné ſagt nichts mehr darüber. Heinrich IW gewöhnte ſich allmählig an dieſe Art von Vorwürfen, und nachdem er erblaßt war, 42 gab er ſich nicht einmal mehr die Mühe wegen einer ſolchen Kleinigkeit zu erröthen. Inzwiſchen wollen wir eine Anekdote erzählen, die auf einige Jahre ſpäter fällt. „Eines Nachts,“ ſagt d'Aubigné,„als ich mit dem Herrn de la Force— demſelben Caumont, der ſich in der Bartholomäusnacht auf wunderbare Weiſe gerettet, deſſen Abenteuer Voltaire in ſo ſchlech⸗ ten Verſen beſchrieben hat, und der im Jahr 1652 dreiundneunzig Jahre alt als Marſchall von Frank⸗ reich ſtarb— eines Nachts, als ich mit Herrn de la Force in der Garderobe meines Herrn ſchlief, ſagte ich zu wiederholtenmalen zu ihm:„La Force, unſer Herr iſt doch ein gemeiner Knicker und der undankbarſte Kerl auf dem ganzen Erdboden.“ Mein Camerad, der halb eingeſchlafen war, fragte:„Was ſagſt Du, d'Aubigné?“ Der König, der das Geſpräch gehört hatte, antwortete ſtatt ſeiner:„Er ſagt, ich ſei ein ganz gemeiner Knicker und der undankbarſte Kerl auf dem ganzen Erdboden. Was für einen harten Schlaf Ihr doch habt, la Force!“ Worüber, fügt d⸗Aubigné von ſich ſelbſt ſprechend hinzu, der Stallmeiſter etwas verblüfft wurde. Aber ſein Herr machte ihm darum am folgenden Tag kein böſes gab ihm jedoch auch keinen Viertelthaler mehr.“ Dieſes iſt ein von Meiſterhand geſchilderter Charakterzug Heinrichs IV.— Hab Dank, d'Aubigné. Die Geſchichte Heinrichs IV iſt eine lange Auf⸗ zählung ſeiner Liebeshändel und ſeiner Freundſchaf⸗ ten: nur findet man ihn in der Freundſchaft beſtän⸗ dig undankbar und in der Liebe flatterhaft. gen hen ige mit der are 352 nk⸗ ief, rce, der ein zas ich rſte nen er, der err ſes ler ter né. uf⸗ af⸗ än⸗ 43 Auf Catharina du Lue folgte die Frau des Pe⸗ ter Martinus, die man nach ihrem Manne Martina nannte. Ihr Name, die Gefälligkeit ihres Gemahls und ein großer Ruf der Schönheit, um deren wil⸗ len der Kanzler von Navarra Dufay ſich in ſie verliebte, das iſt Alles was von ihr übrig bleibt. Dann kam Anna von Balzac, Tochter des Jo⸗ hann von Balzac, Herrn von MWontaigu, Oberinten⸗ danten des Hauſes Condé. Sie heirathete Franz de l'Isle, Herrn von Treigny, aber die Skandal⸗ chronik bezeichnet ſie nur als die Montaigu. Dann Arnaudine, über welche man im erſten Band des Bekenntniſſes Sancys ziemlich ſeltſame Mittheilungen finden wird. Hierauf das Fräulein von Rebours, Tochter eines Präſidenten von Calais. Dieſe wird von Margareth ſehr hart mitgenommen. Allerdings hatte ſie auch dann noch ihre Liebeshändel mit dem König, als Margareth ſelbſt ſich in Pau aufhielt. „Sie war,“ ſagt die Königin von Navarra, „ein boshaftes Mädchen, das mich nicht liebte und mir tagtäglich allen möglichen Schabernack anthat.“ Aber die Herrſchaft der Rebours währte nicht lange. Der König und der Hof verließen Pau, wo das arme Mädchen krank wurde und deßhalb zurückbleiben mußte. Von aller Welt verlaſſen ſtarb ſie in Chenon⸗ ceaux. „Als dieſes Mädchen ſehr krank wurde,“ erzählt rantome,„ging die Königin Margareth zu ihr und machte der Sterbenden im Augenblick wo ſie ihre Seele aushauchen wollte noch Vorwürfe; dann —— 44 ſagte ſie:„Dieſes arme Mädchen leidet ſehr, aber ſie hat auch viel Böſes gethan.“ Dieß war ihre Leichenrede. Ihre Nochfolgerin war Francisca von Mont⸗ morency⸗Foſſeux, bekannter unter dem Namen die ſchöne Foſſeuſe. Man muß in den Memoiren Margareths die Schilderung leſen, welche ſie von dem reizenden kleinen Hof in Nerac entwirft; dem heikelſten Koſt⸗ verächter kann dabei das Waſſer in den Mund kom⸗ men. Er beſtand aus dem ſchönſten und Galante⸗ ſten was der Süden vorzuweiſen hat. Margareth von Navarra und Catharina, die Schweſter Hein⸗ richs IV, waren ſeine Königinnen. Es war dieß ein eigenthümliches Gemiſch von Katholiken und Proteſtanten; aber für den Augenblick hatten die Religionskriege aufgehört. Die Einen gingen mit dem König von Navarra in die Predigt, die An⸗ dern mit Margareth in die Meſſe, und da der Tem⸗ pel durch eine allerliebſte buſchreiche Promenade von der Kirche getrennt war, ſo traf man ſich in köſtlichen Myrten⸗ und Lorbeeralleen unter Gruppen von grünen Eichen und Meerkirſchenbäumen. Sobald man einmal da war, vergaß man dann Predigt und Meſſe, Luther und Papſt, und opferte, wie man da⸗ mals zu ſagen pflegte, einzig und allein dem Lie⸗ besgott. Die ſchöne Foſſeuſe opferte ihm mit ſolchem Er⸗ folg, daß ſie ſchwanger wurde. Glücklicherweiſe beſchäftigte Margareth ſich da⸗ mals ſehr mit dem Vicomte von Turenne und küm⸗ merte ſich ſehr wenig um Das was ihr Gatte that. * ———————— Sc—— e Sc— c— 9„—— —— ber ont⸗ die die den oſt⸗ om⸗ nte⸗ reth ein⸗ dieß und die mit An⸗ em⸗ von chen von man und da⸗ Lie⸗ Er⸗ da⸗ küm⸗ hat. 45 Gleichwohl war es eine Verlegenheit. Die Foſ⸗ ſeuſe gehörte zu den Damen der Königin, und ſämmt⸗ liche Damen der Königin ſchliefen in dem ſoge⸗ nannten Fräuleinzimmer. Die Gefälligkeit der guten Margareth rettete jedoch die beiden Liebenden aus ihrer Verlegenheit. Laſſen wir die Königin ſelbſt das Abenteuer er⸗ zählen. „Die Wehen ſtellten ſich eines Morgens mit Tagesanbruch bei dem Fräulein ein, als ſie im Fräuleinzimmer lag. Sie ließ meinen Arzt holen und erſuchte ihn den König, meinen Gemahl, zu be⸗ nachrichtigen, was er auch that. Wir Damen la⸗ gen Alle in einem und demſelben Zimmer in ver⸗ ſchiedenen Betten, wie wir es gewohnt waren. Als der Arzt dem König dieſe Nachricht brachte, gerieth er ſehr in die Klemme und wußte nicht was er thun ſollte, denn auf der einen Seite fürchtete er, die Sache möchte entdeckt werden, auf der andern das Fräulein möchte nicht die nöthige Hülfe empfangen; denn er liebte ſie ſehr. Endlich beſchloß er mir Al⸗ les zu geſtehen und mich um Beiſtand für das Fräulein zu erſuchen, da er wohl wußte, daß er mich, was auch geſchehen ſein mochte, ſtets bereit finden würde ihm in jeder Beziehung gefällig zu ſein. Er öffnete meinen Vorhang und ſagte zu mir: Meine Liebe, ich habe Euch etwas verhehlt, was ich Euch jetzt geſtehen muß; ich bitte deßhalb um Ent⸗ ſchuldigung; aber thut mir den Gefallen ſogleich aufzuſtehen und der Foſſeuſe Hülfe zu bringen, die ſehr unwohl iſt. Ihr wißt wie ſehr ich ſie liebe; ich bitte Euch, thut mir dieſen Gefallen.“ 46 Und Margareth erhob ſich und ſtand der armen Foſſeuſe bei; ſie wurde von einem Mädchen ent⸗ bunden, das todt zur Welt kam, weil die Mutter, um ihren Zuſtand zu verhehlen, ſich übermäßig ge⸗ ſchnürt hatte. Unmittelbar nach der Entbindung brachte man die Kranke in das Fräuleinzimmer zurück. Heinrich hoffte, man würde auf dieſe Art nichts ahnen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß noch am ſelben Tag ganz Nerac die Neuigkeit erfuhr. Heinrichs Liebeshandel mit der ſchönen Foſſeuſe währte fünf Jahre; hernach trennten ſie ſich in Folge freundſchaftlicher Uebereinkunft: Heinrich hatte ſich in die Gräfin von Guiche verliebt; die Foſſeuſe heirathete Franz von Broc, Herrn von Saint⸗ Mars. Von dieſem Augenblick an verſchwindet die ſchö⸗ ne Foſſeuſe gänzlich vom Schauplatz und verliert ſich in der Nacht der Ehe, welche für ſie beinahe eben ſo dicht wurde, wie die Nacht des Todes, denn man weiß von Stund an nicht mehr, wo ſie lebte, und wo ſie ſtarb. Aber ehe wir auf die ſchöne Gräfin von Guiche, die unter dem Namen Coriſande bekannter wurde, zu ſprechen kommen, wollen wir noch einige Worte von Margareth ſagen. Das gute Einverſtändniß zwiſchen den beiden Gatten, das ſelbſt durch die Oeffentlichkeit ihrer ge⸗ genſeitigen Liebeshändel nicht hatte geſtört werden können, wurde durch die religiöſen Angelegenheiten getrübt. Der Hof befand ſich in Pau, einer beinahe ganz S— ce c— e 47 proteſtantiſchen Stadt. So kam es, daß die beiden Religionen nicht mehr, wie in dem neutralen Städt⸗ chen Nerac, jede ihre eigenen Tempel hatten. Alles was man Margareth erlaubte beſchränkte ſich dar⸗ auf, daß ſie in einer kleinen Schloßkapelle, die kaum ſechs oder ſieben Perſonen faßte, die Meſſe hören durfte. Die wenigen Katholiken der Stadt hofften mindeſtens in kleinen Abtheilungen dieſer Meſſe anwohnen zu dürfen; aber kaum befand ſich die Königin in der Kapelle, als ein gewiſſer Lepin, ein eifriger Hugenotte und Intendant des Königs von Navarra, die Brücke aufziehen ließ. Am Pfingſt⸗ tag des Jahres 1579 jedoch gelang es einigen Ka⸗ tholiken ſich in die Kapelle zu ſchleichen und als fromme Räuber des himmliſchen Wortes die Meſſe zu hören. Die Hugenotten ſind, wenn ſie ſich im Beſitz der Gewalt befinden, nicht minder verfol⸗ gungsfüchtig als die Katholiken, wie der Scheiter⸗ haufen beweist, welchen der arme Servet in Genf beſteigen mußte. Sie entdeckten die Eindringlinge, benachrichtigten Lepin von dieſer Uebertretung ſei⸗ ner Befehle, und nun drang man in Gegenwart der Königin ſelbſt in die Kapelle, verhaftete die Katholiken und führte ſie unter allerlei Mißhand⸗ lungen ins Stadtgefängniß. Margareth beklagte ſich darüber bei ihrem kö⸗ niglichen Gemahl. Lepin kam dazu und ſprach mit einem Hochmuth, welchen die Königin als Unverſchämtheit, der Kö⸗ nig jedoch nur als Unbeſcheidenheit bezeichnete. Aber die Königin, die ihre Macht kannte, beſtand auf der augenblicklichen Freilaſſung der gefangenen 48 Katholiken. Lepin hatte ſie beſchimpft: ſie ver⸗ langte ſeine Wegjagung. Heinrich ſah ſich nach langem Sträuben ge⸗ nöthigt ihr in beiden Punkten Genugthuung zu ge⸗ ben; aber die Hartnäckigkeit, womit ſie auf ihren Forderungen beſtanden hatte, flößte ihm gegen ſeine Gemahlin jenen tiefen Groll ein, der ſpäter d'Aubigné ſeine ſatiriſche Eheſcheidung diktirte, und die bisherige Gleichgültigkeit, welche zwiſchen den beiden Gatten beſtanden, ging jetzt in den offen⸗ kundigſten Zwieſpalt über. Die Königin zog ſich nach Nerac zurück, und da ſeit 1577 die Feindſeligkeiten von Neuem be⸗ gonnen hatten, ſo ſetzte ſie es durch, daß Nerac von Katholiken und Proteſtanten als neutrale Stadt behandelt, und auf drei Meilen in der Umgegend kein Act der Feindſeligkeit begangen werden ſollte, jedoch nur unter der Bedingung, daß der König von Navarra ſich nicht dort einfinde. Unglücklicherweiſe führte eine Liebesintrigue den König nach Nerac. Biron erfuhr es, und im Augen⸗ blick, wo er das Gefolge des Königs angreifen ließ, flog eine Kanonenkugel einige Fuß unterhalb der Brüſtung, von wo Margareth dem Gefecht zu⸗ ſah, in die Mauer. Margareth verzieh Biron dieſe Unziemlich⸗ keit niemals. Dieſer ſiebente Bürgerkrieg wurde Heinrich III üller alle Maßen läſtig. Er war vielleicht von allen Faullenzerkönigen, die in Frankreich geherrſcht haben, und ihre Zahl iſt groß, derjenige der ſich am meiſten nach Ruhe ſehnte. Er war aber auch, S G 5— —— r⸗ e⸗ e⸗ en ne n6 nd en n⸗ nd e⸗ ac dt nd te, ig 49 als ſollten ſeine außerordentlichen Fehler ſchon auf dieſer Erde beſtraft werden, derjenige der die aller⸗ unruhigſte Regierung hatte. Kurz und gut, er meinte, nur dann würde Alles wieder gut gehen, wenn Heinrich und der Herzog von Alengon von Neuem gefangen oder, wer weiß? ſogar geradezu todt wären. Er dachte, wenn er Margareth nach Paris riefe, ſo würden ſie ſich vielleicht dorthin verlocken laſſen. Man ſchloß daher einen jener Scheinfrieden, welche die Königin Mutter ſo gut zu ſchließen verſtand, und Heinrich Ill ſchrieb ſeiner Schweſter, ſie möchte an den Hof zurückkommen. Der Herzog von Alencon erſchien wieder im Louvre, aber der König von Navarra ließ ſich durch keinerlei Vorſtellungen beſtimmen ſein Reich zu verlaſſen. Wenn man den Herzog von Alengon verhaftete oder umbrachte, ſo war die Arbeit nur halb ge⸗ than, und die andere Hälfte wurde dadurch um ſo ſchwieriger. Heinrich III begnügte ſich daher mit ſtillen Wuth⸗ ausbrüchen, und zerbiß vor Aerger ſeine Fäuſte, als er ſah, daß der Fuchs mit aller Gewalt nicht in die Falle laufen wollte. Aber es fehlte ihm nur an einer Gelegenheit und an einem Opfer: Beides zeigte ſich bald. Joyeuſe, der liebſte Günſtling Heinrichs III, be⸗ fand ſich auf einer Sendung nach Rom. Heinrich III ſchickte ihm einen Curier mit einem wichtigen Schrei⸗ ben, welches einige jener politiſchen und Privat⸗ geheimniſſe enthielt, die wir in der Hermaphro⸗ Dumas, Heinrich 1V. 4 50 diteninſel und andern Schmähſchriften jener Zeit aufgedeckt finden. Der Curier wurde ermordet und die Depeſche entwendet. Heinrich III ſchöpfte Verdacht auf ſeine Schwe⸗ ſter, und gerieth in eine grimmige Wuth gegen ſie. Er fuhr ſie in Gegenwart des ganzen Hofes hart an, warf ihr laut ihre Ausſchweifungen vor, nannte ihre Liebhaber, erzählte die geheimſten Anekdoten aus ihrem Leben, wie wenn er in ihrem Alkov verſteckt geweſen wäre, und befahl ihr endlich Paris zu verlaſſen und den“ Hof von ihrer anſteckenden Gegenwart zu befreien. Gleich am folgenden Tag reiste die Königin von Navarra, ſei es nun, daß es ſie drängte aus dem Palaſt wegzukommen, wo man ihr einen ſol⸗ chen Schimpf angethan hatte, oder daß ſie ganz einfach dem Befehl ihres Bruders nachkommen wollte, ohne Gefolge und ſogar ohne Domeſtiken von Pa⸗ ris ab; ſie nahm nur die Bedienung einer einfachen Dame, d. h. zwei Frauen mit. Freilich waren dieſe zwei Frauen Frau von Duras und Fräulein von Bethune. Augenſcheinlich glaubte der König, dieſes ſei noch zu viel für eine Fürſtin, die er ſo ſchimpflich behandelte. Zwiſchen Saint⸗Clair und Palaiſeau erſchien ein Gardekapitän, Namens Solern, an der Spitze eines Trupps von Büchſenſchützen, ließ die Sänfte der Königin anhalten, zwang dieſe herauszuſteigen, be⸗ diente Frau von Duras und Fräulein von Bethune mit Ohrfeigen, und führte beide als Gefangene v e⸗ ie. rt ite en ov ris en in ol⸗ nz té, U⸗ en eſe on ſei ich ein es er be⸗ me ne 51 nach der Abtei Ferrieres bei Montargis, wo ſie ein für die Tugend der Königin äußerſt beleidigen⸗ des Verhör zu beſtehen hatten. Mezerai und Varillas fügen ſogar hinzu, der König habe dieſem Verhör angewohnt; aber ohne Zweifel bereute Heinrich I11 nach einiger Ueberle⸗ gung, und nachdem ſein Zorn beſchwichtigt war, die abſcheuliche That, und ſchrieb daher ſelbſt an Hein⸗ rich von Bearn, damit der König von Navarra die Sache zuerſt von ihm erfahren ſollte. Der König befand ſich in der Gegend von Sainte⸗ Foir auf der Jagd, als er einen Garderobediener Heinrichs III kommen ſah, der ihm ein eigenhändi⸗ ges Schreiben ſeines Herrn überreichte. Dieſer meldete, nachdem er den ſchlechten und ärgerlichen Lebenswandel der Frau von Duras und des Fräuleins von Bethune in Erfahrung gebracht, habe er beſchloſſen ſie als eine höchſt verderbliche und bei einer ſo hohen Fürſtin nicht zu duldende Brut aus der Rähe der Königin von Navarra weg⸗ zujagen. Aber von der Art, wie er ſie weggejagt, und von dem Schimpf, den er der Königin von Navarra angethan hatte, ließ er kein Wörtchen verlauten. Heinrich lächelte, wie er bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu thun pflegte, ließ den Abgeſandten des Königs aufs Beſte bewirthen und wartete, da er ſich wohl dachte, daß etwas Außerordentliches vor⸗ gefallen ſein mußte, auf neue Nachrichten. Dieſe kamen auch bald und zwar in einem Brief der Königin von Navarra ſelbſt. Sie erzählte ihm den Vorfall mit die eben ſo unverkennbar das Gepräge der Wahr⸗ heit trugen, wie das Schreiben Heinrichs III das Gepräge der Lüge trug. Der König von Navarra ſchickte ſogleich Du⸗ pleſſis⸗Mornay an den franzöſiſchen Hof ab, um Heinrich lll auf's Dringendſte zu erſuchen, daß er ihm die Urſache der Beſchimpfung, welche er der Königin Margareth und ihren Frauen angethan, mittheilen und zugleich als guter Herr die Schritte bezeichnen möchte, die er zu thun habe. Heinrich III gebrauchte Ausflüchte und man er⸗ langte keine Genugthuung. Margareth ſetzte alſo ihre Reiſe nach Nerac fort, wo ihr Gemahl ſie vor den Stadtthoren empfing. Aber ſie hatte zu den alten Vergehungen, die ihr Gemahl ihr ſchon früher vorzuwerfen gehabt, noch neue gefügt, und in Folge eines Streites, worin ihr Ge⸗ mahl ſie beſchuldigte, daß ſie von Jakob Chevalon ein Kind gehabt habe, zog ſich Margareth nach Agen zurück, einer Stadt, welche ihr ſelbſt gehörte, da man ſie ihr als Heirathgut geſchenkt hatte. Das Schlimmſte dabei war, daß das Kind wirk⸗ lich vorhanden war: dieſer Sohn, welchen Baſſom⸗ piere den Vater Erzengel und Dupleix den Vater Engel nennt, wurde ſpäter Kapuziner, Beichtvater der Marquiſe von Verneuil, und einer der hart⸗ näckigſten Agenten jener Verſchwörung, in welcher Heinrich IV beinahe ſein Leben gelaſſen hätte, und in Folge deren der Graf von Auvergne und Herr von Entragues zum Tod verurtheilt wurden. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Heinrich W ſie begnadigte. d— 8 8— N w — v— — — 53 Mittlerweile ſtarb der Herzog von Alencon ganz plötzlich in Chateau⸗Thierry. Ratürlich glaubte Jedermann, er ſei vergiftet worden. Der Krieg entbrannte von Neuem. Dieſesmal hatte es Heinrich von Navarra mit zwei Feinden zu thun: mit ſeinem Schwager Hein⸗ rich IIl und mit der Königin Margareth. Dieſe hatte ſich, wie wir bereits geſagt, in ihre gute Stadt Agen zurückgezogen, aber ihre mehr als leichtfertige Aufführung zog ihr die Verachtung der Einwohner zu, denen ſie ſich zu gleicher Zeit durch ihre Erpreſſungen verhaßt machte. Die Bürger von Agen ſchickten Boten an den König von Navarra ab, und ließen ihn erſuchen, er möchte ein kleines Truppenkorps ſchicken, um ihre Stadt zu nehmen; ſie ſelbſt würden von Her⸗ zen gern die Hand dazu bieten. Heinrich ſchickte alſo Herrn von Matignon ab, und die Stadt wurde ſo ſchnell eingenommen und erobert, daß die Königin von Navarra nur noch Zeit hatte ſich hinter einem Ebelmann Namens Lig⸗ nerac auf das Pferd zu ſetzen und in aller Eile zu entfliehen. Frau von Duras ſaß hinter einem andern Edelmann. So legten die Flüchtlinge in zwei Tagen vierundzwanzig Meilen zurück und be⸗ gaben ſich dann nach Carlat, einer auvergniſchen Gebirgsfeſtung, wo ein Bruder Ligneracs comman⸗ dirte und der Königin eine Zufluchtsſtätte anbot. Sie wurde in dieſem Augenblick zu gleicher Zeit von ihrem Bruder und ihrem Gemahl verfolgt. Die Einwohner von Carlat zeigten ſich eben ſo unfreundlich gegen ſie wie die von Agen und be⸗ ſchloſſen ſie an ihren Gemahl auszuliefern. Glücklicherweiſe erfuhr ſie das Complott noch zu rechter Zeit und konnte entfliehen. Aber auf ihrer Flucht fiel ſie in die Hände des Marquis von Canillac, der ſie auf das am Allier gelegene Schloß Uſſon ſechs Stunden von CElermont führte. Canillac war jung, Margareth war noch immer ſchön, und nach Verlauf von acht Tagen war Canillac der Gefangene ſeiner Gefangenen. Darum war jedoch Margareth noch nicht frei, ſondern ihr Käfig hatte ſich blos erweitert und die Gränzen ihrer Freiheit waren die Feſtungsmauern. Der Platz war uneinnehmbar, aber Margareth konnte nicht herauskommen und mußte zwanzig Jahre, d. h. von 1585 bis 1605, wo ſie wieder am Hof erſchien, dableiben. Laſſen wir ſie alſo in Uſſon und begleiten wir Heinrich von Bearn, der dem Zeitpunkt immer näher rückte, wo er Heinrich IW wurde, bei ſeinen neuen Liebeshändeln. %½ Wir haben geſagt, daß in der Hierarchie oder, wenn man lieber will, in der Chronologie der Lie⸗ besgeſchäfte unſeres Helden die ſchöne Coriſande auf die ſchöne Foſſeuſe folgte. Diana von Andoins, Vicomteſſe von Louvigny, bekannter unter dem Namen Coriſande, hatte ſchon in früher Jugend Philibert von Grammont, Grafen von Guiche, Großvater jenes Grammont, der uns 8 B it r i, ie of P n 55 aus der Feder ſeines Schwagers Hamilton ſo aller⸗ liebſte Memoiren hinterlaſſen, geheirathet; wenn man ihm glauben darf, ſo könnte er leicht ein Enkel Heinrichs IV ſein, denn er ſpricht ſich darüber ge⸗ gen ſeinen Freund Matta folgendermaßen aus: „Was dieß für ein ſchlechter Witz von Dir iſt! Wie kannſt Du Dir einbilden, daß ich Leute wie Meridor und Coriſande nicht kennen ſollte? Ich ſoll vielleicht nicht wiſſen, daß es nur von meinem Vater abgehangen hat der Sohn Heinrichs IV zu heißen? Der König wollte ihn mit aller Gewalt anerkennen, aber der dumme Mann hat ſich nie darauf eingelaſſen. Da kannſt Du ſehen, was die Grammont ohne dieſen einfältigen Eigenſinn jetzt wären! ſie hätten den Vortritt vor einem Cäſar von Vendome. Du magſt lachen ſo lang Du willſt, das iſt ſo wahr als das Cvangelium.“ Höchſt wahrſcheinlich war es indeß nur eine Prahlerei von dem Chevalier von Grammont. Heinrich IW hatte allerdings Poriſande zum erſtenmal ganz flüchtig geſehen, als er im Jahr 1576 vom Hofe entfloh, aber er hatte ſich nicht lange genug bei ihr aufgehalten, daß ſein Anfang von Liebe, wenn überhaupt ein ſolcher beſtand, irgend eine Folge gehabt hätte. Er ſah ſie erſt im Jahr 1582 oder 1583 wie⸗ der, alſo zwei oder drei Jahre nach dem Tode des Grafen von Guiche, der im Jahr 1580 bei der Belagerung von La Fore gefallen war. Der Che⸗ valier von Grammont muß daher ſchlechterdings Enkel des Grafen von Guiche bleiben und kann nicht der Neffe Cäfars von Vendome ſein. 56 Das Datum dieſer neuen Liebe gibt Sully uns an. „Im Jahr 1583,“ ſagt er,„hatte die verliebte Leidenſchaft, welche der König von Navarra für die von Guiche empfand, ihren höchſten Grad erreicht.“ Einige Schriftſteller wollen die Tugend der ſchö⸗ nen Coriſande, die ihr Enkel Grammont ſo leicht⸗ fertig blosſtellt, in Schutz nehmen und behaupten, ſie ſei ſtets unbefleckt geblieben; dieß iſt möglich, Alles iſt möglich, aber es iſt nicht wahrſcheinlich. Jedenfalls iſt hier ein Brief von dem Bearner, r einige Schlaglichter auf den Streitpunkt werfen ann. Wohlverſtanden, wir geben nur die compromit⸗ tirendſten Stellen daraus: „Ich kam geſtern Abend in Marans an, wohin ich aufgebrochen war um für die Sicherheit des Platzes zu ſorgen. Ach wie ſehnlich ich Euch hierher wünſchte! Dieſer Ort würde Euch von allen die ich je geſehen habe am beſten zuſagen. Schon aus die⸗ ſem einzigen Grund bin ich bereit ihn einzutauſchen für. Es gibt da alle Arten von Vögeln, die in den verſchiedenſten Tonweiſen pfeifen; von den See⸗ vögeln ſchicke ich Euch Federn; die Fiſche ſind un⸗ geheuer groß und theuer: ein großer Karpfen drei Sous und ein Hecht fünf. Es iſt hier großer Han⸗ del, Alles zu Schiffe; wir haben hier das aller⸗ ſchönſte Getreide. Man kann hier im Frieden ſehr angenehm und im Krieg vollkommen ſicher leben; man kann ſich mit Denjenigen die man liebt ver⸗ gnügte Tage machen und ihre Abweſenheit beklagen. y te ie ad ö⸗ h, en in es er je e⸗ n in E⸗ n⸗ ei ⸗ r⸗ r r⸗ n. t⸗ 57 Ich breche am Donnerſtag nach Pons auf, wo ich Euch näher bin, aber mich nicht lange aufhalten werde. Meine Seele, behaltet mich in freundlichem Andenken; glaubet, daß meine Treue rein und flecken⸗ los iſt; es hat ihres gleichen nie gegeben. Wenn das Euch Zufriedenheit bringt, ſo lebet glücklich. Heinrich.“ Die nähere Verbindung entſtand in Mont de Marſan. Hier wohnte die ſchöne Wittwe und ging, wenn man d'Aubigné glauben darf, tagtäglich in die Meſſe, begleitet von Esprit, von der kleinen Lambert, von einem Mauren, einem grünberockten Basken, dem Pavian Bertrand, einem engliſchen Pagen, einem Hund und einem Lakaien. War es die Schönheit der Gräfin oder bie Ori⸗ ginalität ihres Gefolges, was den König verführte? Thatſache iſt, daß er ſich leidenſchaftlich verliebte. Um dieſe Zeit betrieb Heinrich ſeine Eheſcheidung, und er trug ſich immer mit der Idee jede Frau zu heirathen, in die er ſich verliebte. Es fehlte wenig, ſo hätte er Gabriele geheirathet: ihr Tod vereitelte dieſen Plan, und nun ſtellte er dem Fräulein von Entragues ein Eheverſprechen aus, welches, wie wir ſpäter ſehen werden, ſein Miniſter Sully zerriß. Er äußerte ſich gegen d'Aubigné in Betreff einer Vermählung mit der Gräfin von Guiche; dieſer aber hielt dem königlichen Amoroſo eine ſcharfe Strafpredigt und nahm ihm ſogar ſeine Edelmanns⸗ parole darauf ab, daß er zwei Jahre lang nie mehr den Gedanken haben wolle die ſchöne Coriſande zu heirathen. Heinrich verſprach es, behielt ſich iedoch vor, nach —— zwei Jahren ſeinem eigenen Gutdünken zu folgen, und d»Aubigns war ruhig. Er wußte recht gut wie lange die Liebesgluth des Königs gewöhnlich an⸗ hielt. DAubigné täuſchte ſich über die Dauer, nicht aber über die Leidenſchaftlichkeit der Liebe des gemeinen Knickers und undankbarſten Kerls von der Welt, wie er ſeinen Herrn nannte. Zwei Jahre ſpäter war Heinrich noch immer Coriſandes Liebhaber, allein er ſprach nicht mehr vom Heirathen. Seine höchſte Liebesgluth fällt in die Zeit, wo er die Schlacht von Coutras lieferte, worin er Joyeuſe ſchlug und tödtete. Vor der Schlacht und im Augenblick des An⸗ griffs hatte er die beiden Söhne ſeines bei Jarnac ermordeten Oheims Conds bei ſich; der Eine nannte ſich nach ſeinem Vater Prinz von Condé, der An⸗ dere Graf von Soiſſons. Die Anrede des Königs von Navarra war kurz. Er zog ſeinen Degen und ſprach: „Es bedarf hier keiner langen Worte. Ihr ſeid Bourbonen, und ſo wahr Gott lebt, ich will Euch beweiſen, daß ich Euer Erſtgeborner bin.“ „Und wir,“ antwortete Conds,„werden Euch zeigen, daß Ihr wackere jüngere Söhne habt.“ Das Ergebniß der Schlacht iſt bekannt; der Sieg war vollſtändig; die beiden Joyeuſe fielen. Am Abend hielt man einen Schmaus im Schloſſe Coutras. Die Leichname der beiden Joyeuſe wurden nackt in einem untern Saale ausgeſtellt. und wie an⸗ ber nen wie mer ehr er An⸗ nac nte An⸗ eid uch uch der ſſe ct 59 Ein Anweſender erlaubte ſich einen Scherz über die beiden tapfern Edelleute, die ſich lieber hatten tödten laſſen, als daß ſie fliehen wollten. „Schweigt!“ ſagte Heinrich ſtrenge zu ihm; „dieß iſt der Augenblick der Thränen, ſogar für die Sieger.“ Da er dann immer und bei jeder Gelegenheit Witz haben und ganz beſonders als ächter Gas⸗ cogner denſelben auch zeigen wollte, ſchrieb er an Heinrich Ml: „Sire, gnädigſter Herr und Bruder, danket Gott: ich habe Eure Feinde und Euer Heer geſchlagen.“ Was glaubt Ihr nun, daß Heinrich IV nach ge⸗ wonnener Schlacht thun werde? Seine Vortheile benützen, um ſeine Vereinigung mit der proteſtan⸗ tiſchen Armee zu bewerkſtelligen, die er in Deutſchland mit dem Geld angeworben, das die ſchöne Coriſande ihm mittelſt Verpfändung ihrer Güter verſchafft hat? — D'Aubigné, Sully und Wornay würden ihm dazu gerathen haben, aber er hütete ſich wohl ſie um ihren Rath anzugehen. Er nimmt die auf dem Schlachtfeld geſammelten Fahnen und macht der Gräfin von Guiche ein Bett davon, in welchem er mit ihr einſchläft, während der Herzog von Guiſe ſeine deutſche Armee vernichtet. Zum Dank dafür ließ Heinrich IIl ein Jahr nachher den Herzog von Guiſe und den Kardinal von Lo⸗ thringen in Blois ermorben. Es war nichts Verwunderliches daran, daß Hein⸗ rich von Navarra im Augenblick nach errungenem Sieg an ſeine Maitreſſe dachte. Man wird ſogleich ſehen, daß er ſelbſt im Au⸗ genblick des Todes an ſie dachte. Im Januar 1589 belagerte der Herzog von Nevers Garnache, ein Städtchen in Unterpoitou. Heinrich eilte herbei um die Stadt zu entſetzen, und da es ſehr kalt war, ſo ſtieg er vom Pferd; bei dieſer Gelegenheit erhitzte er ſich zuerſt, dann er⸗ kältete er ſich, ſo daß er am neunten krank wurde und am dreizehnten ſterben zu müſſen glaubte. Am fünfzehnten ſchrieb er an die Gräfin von Guiche: „Yerre hat wegen meiner Krankheit, von der ich, Gott ſei Dank! wiederhergeſtellt bin, nicht ab⸗ geſchickt werden können. Ihr werdet bald von mir eben ſo gut ſprechen hören wie in Niort. Ich kann nicht ſchreiben. Wahrhaftig mein Herz, ich habe den Himmel offen geſehen, aber ich war nicht wür⸗ dig hineinzukommen. Gott will ſich meiner noch bedienen. In zweimal vierundzwanzig Stunden war ich ſo herabgekommen, daß man mich hätte in das Grabtuch wickeln können; Ihr hättet Mitleid mit mir gehabt. Hätte meine Kriſis zwei Stunden länger gedauert, ſo wäre ich ein Fraß der Würmer geworden. Eben erhalte ich Nachrichten von Blois. Zweitauſend fünfhundert Mann unter Saint⸗Pol waren von Paris ausmarſchirt, um Orleans zu Hülfe zu kommen. Die Truppen des Königs haben ſie dermaßen zuſammengehauen, daß man glaubt, Orleans werde in zwölf Tagen genommen werden. „Ich ſchließe, weil ich unwohl bin. „Guten Tag, meine Seele.“ Zum Unglück für die Gräfin von Guiche kam Au⸗ von itou. und bei ner⸗ urde von der ab⸗ mir kann habe wür⸗ noch war das mit nden rmer lois. Pol zu aben ubt, den. kam 61 dem König von Navarra einige Tage nach ſeiner Geneſung Frau von Guercheville in den Weg, und nun verliebte er ſich in dieſe. Die ſchöne Coriſande bemerkte die Veränderung, die im Herzen ihres Geliebten vorging, weil ſie auf einmal ganz vergeſſen wurde. Sie ſchickte ihren Vetter, den Marquis von Parabere, an ihn ab und ließ fragen, wie ſie dieſes Schweigen zu deuten habe. Heinrich geſtand mit ſeiner gewöhnlichen Treuher⸗ zigkeit ſeine neue Liebe ein, aber obſchon er ſein Unrecht anerkannte, weigerte er ſich doch es wieder gut zu machen, und ließ der Gräfin von Guiche blos ſagen: wenn ſeine Achtun gund ſeine Freund⸗ ſchaft ihr genügen können, ſo ſolle ſie ſich niemals über ihn zu beklagen haben. Die Gräfin von Guiche kannte Heingich. Sie wußte, daß nach einer ſolchen Erklärung nichts mehr von ihm zu hoffen war. Sie ergab ſich alſo in ihr Schickſal und acceptirte dieſe Achtung und Freund⸗ ſchaft, welche der König von Navarra ihr anbot und wirklich auch ſein ganzes Leben lang bewahrte. Nun aber ging es Heinrich mit ſeiner neuen Liebe ſonderbar; der ungetreue Liebhaber der Grä⸗ fin von Guiche ſtieß nämlich bei Frau von Guer⸗ cheville auf denſelben Widerſtand, den er fünfzehn Jahre früher bei Fräulein von Tignonville gefun⸗ den hatte. Heinrich bot die Che an, wie ſie heutzutage ein Student einer Griſette anbieten könnte, die er verführen will; aber die Marquiſe antwortete ihm, als Wittwe eines einfachen Edelmanns wiſſe ſie recht wohl, daß ſie kein Anrecht auf eine ſolche Ehre habe. Als nun Heinrich ſah, daß die Feſtung wirk⸗ lich uneinnehmbar war, ſo verzichtete er auf ſein Unternehmen, und um bei Frau von Guercheville ein freundliches Andenken an dieſe Liebe zu hinter⸗ laſſen, verheirathete er ſie mit Karl Dupleſſis, Herrn von Liancourt, Grafen von Beaumont, Ritter der Orden des Königs. Dabei ſagte er zu ihr: „Da Ihr in Wahrheit eine Dame von Ehre ſeid, ſo ſollt Ihr Ehrendame der Königin werden, wer auch diejenige ſein mag, die ich als Ehegemahl auf den Thron ſetzen werde.“ Und er hielt wirklich Wort: die Marquiſe von Guercheville und ſpäter Gräfin von Beaumont war die erſte Ehrendame, welche der König ſeiner Ge⸗ mahlin, Maria von Medici, vorführte. Währgnd Frau von Euercheville durch den Wi⸗ derſtand, den ſie dem König von Navarra leiſtete, die Verwunderung ihrer Zeitgenoſſen erregte, trö⸗ ſtete ſich Heinrich bei den Gunſtbezeugungen, welche Charlotte des Eſſarts, Gräfin von Romorantin, ihm gewährte. Aus dieſer Verbindung gingen zwei Töchter her⸗ vor: Johanna Baptiſte von Bourbon, die im März 1608 legitimirt wurde, und Marie Henriette von Bourbon, die im Februar 1629 als Aebtiſſin von Chelles ſtarb. Die erſte war eine ausgezeichnete Dame. Imn Jahr 1635 zur Aebtiſſin von Fontevrault ernannt, machte ſie durch ihren Eeiſt, ihre Talente und ihre Feſtigkeit ihrem Orden große Ehre. Sie erlangte ſogar eine königliche Verordnung, wodurch den Prio⸗ ren ihres Ordens befohlen wurde ihr im mündli⸗ wirk⸗ ſein wille nter⸗ errn der Ehre den, mahl von war Ge⸗ Wi⸗ ſtete, trö⸗ elche ntin, her⸗ März von von Im innt, ihre ngte rio⸗ ndli⸗ 63 chen und ſchriftlichen Verkehr den Titel Mutter zu geben. Dieſer Titel war offenbar eine große Ehre, und ſie hielt, wie es ſcheint, ſehr darauf, denn als ſie in ihrem neunzigſten Jahre am Sterben war und der Prior von Fontevrault, der ihr beiſtand, bei Ueberreichung der Hoſtie zu ihr ſagte:„meine Schweſter, empfanget das heilige Viaticum;“ da ſchaute ſie ihm feſt ins Geſicht und ſagte: „Sagt meine Mutter; eine königliche Ver⸗ ordnung befiehlt es Euch.“ Sie hatte nicht immer Urſache gehabt mit den Verordnungen, die ihretwegen erlaſſen wurden, ſo zufrieden zu ſein. Der Präſident Harlay unter andern hatte eine ſolche erlaſſen, die ihr dermaßen zu Herzen ging, daß ſie ſich wüthend zu ihm begab, ihn beinahe injurirte und ihre Anrede mit,den Wor⸗ ten ſchloß: „Wißt Ihr denn nicht, mein Herr, daß ich vom Blute Heinrichs IV ſtamme?“ „Oh ja, ja Madame, Ihr ſtammt davon,“ ant⸗ ſ der Präſident,„und zwar vom allerfeurig⸗ ten.“ Ihre Mutter heirathete im Jahre 1630, d. h. in ihrem einundvierzigſten Jahr Franz de I»Hopi⸗ tal, Herrn von Hallier, der ſie, wie ſein Geſchicht⸗ ſchreiber ſagt, als Fürſtenwittwe betrachtete. Ihrſeht, liebe Leſer, daß man Alles in Einklang bringen kann, und daß Diejenigen die ſich an den Dingen ſtoßen, ſtatt ganz einfach den geſtickten Man⸗ tel der Worte darüber zu werfen, große Einfalts⸗ pinſel ſind. „Apropos, wir hatten vergeſſen zu ſagen, daß 64 dieſe Dame zwiſchen ihrem Bruch mit Heinrich 1V und ihrer Vermählung mit Franz de'Hopital ſechs Kinder vom Kardinal von Guiſe gehabt hatte. Sie ſtarb im Juni 1751, und Loret verkündet ihren Tod im vierundzwanzigſten Brief ſeiner hiſto⸗ riſchen Muſe. Während der Blüthenzeit des Liebeshandels, welchen Heinrich IV mit Charlotte des Eſſarts un⸗ terhielt, trugen ſich politiſche Ereigniſſe von der höchſten Wichtigkeit zu, die wir mit wenigen Wor⸗ ten verzeichnen werden. Jakob Clement ermordete zum großen Jubel der Pariſer und zur großen Verherrlichung ſeines Na⸗ mens den König Heinrich III. Wer etwa, nicht an dem Morde, ſondern an der Verherrlichung zweifeln wollte, der leſe folgendes Verschen: Jacques Clement war ein braver Mann, Herr Heinrich mußte glauben dran. Dieſer Vers wurde unter einen Kupferſtich ge⸗ ſchrieben, welcher das Märtyrerthum des ſeligen heiligen Jakob Clement darſtellte, wie er unter den Hellebarden der königlichen Garde ſeinen Geiſt aushauchte. Heinrich IVW— durch den Tod Heinrichs III wurde unſer Held Heinrich 1W— mußte jetzt die Belagerung von Paris aufheben und nach Dieppe gehen, um die Hülfstruppen zu erwarten, welche die Königin Eliſabeth ihm ſchicken ſollte. Wenn wir ſagen, er ſei Heinrich IV geworden, ſo heißt das nur ſo viel, daß er ſich zu Heinrich 1V gemacht hatte, denn Viele die ihn als General an IV chs det to⸗ ls, der or⸗ der ka⸗ der des ge⸗ gen den eiſt 1II die ppe lche en, rich ral 65 anerkannten, hatten ihn nicht als König anerkennen wollen. Vergebens hatte Giory das Signal des Gehorſams gegeben, indem er ſich ihm zu Füßen warf und rief: „Sire, Ihr ſeid der König der Tapfern und nur die Feiglinge werden Euch verlaſſen!“ Viele Edelleute, die keine Feiglinge waren, hatten ihn gleichwohl verlaſſen, ſo daß er in Dieppe nur über dreitauſend Mann gebot. Mayenne verfolgte ihn mit dreißigtauſend Krie⸗ gern. Er mußte ſiegen oder ſich ins Meer werfen laſſen. . Heinrich erfocht bei Arques einen vollſtändigen ieg. Noch am Abend der Schlacht ſchrieb ex an Cril⸗ lon das weltberühmte Billet: „Hänge Dich, wackerer Crillon, wir haben bei Arques geſiegt und Du warſt nicht dahei. „Adieu Crillon, ich liebe Dich, geh es wie es wolle. „Heinrich.“ Heinrich war ſtets witzig; nur ließ er ſeinen Witz an den Schlachtabenden noch mehr funkeln als an den gewöhnlichen Tagen. Eliſabeth ſchickte ihm fünftauſend Mann. Mit dieſen und etwa zweitauſendfünfhundert Mann, die er nach der Schlacht von Arques noch beſaß, trieb er Mayenne bis unter die Mauern von Peris zurück. Aber Paris war dermaßen fanatiſirt, daß es noch immer uneinnehmbar blieb. Um indeß den Dumgs, Heinrich IV. 5 66 Bewohnern einigen Schrecken einzujagen, erlaubte er ſeinen leichten Truppen einen Angriff, der erſt mitten auf dem Pont⸗neuf anhielt. Dieſer war im ahr 1578 von Ducerceau erbaut worden und da⸗ mals wirklich die neue Brücke. Juſt, an der Stelle, wo der Angriff aufhörte, ſteht jetzt die Reiterſtatue Heinrichs IV. Egmont rückte mit einer ſpaniſchen Armee heran. Man mußte ſich zurückziehen. Nayenne und Egmont bewirkten ihre Vereini⸗ gung und verfolgten Heinrich IV, welchen ſie in den Ebenen von Jyry erreichten oder der ſie vielmehr dort erwartete. Auch hier ſprach unſer Held, der vor dem Feinde ſo groß und vor ſeinen Maitreſſen ſo ſchwach war, wieder einige jener Worte, die ſo populär gewor⸗ den ſind, daß man ſie bei einer Arbeit wie die unſerige unmöglich übergehen kann. Im Augenblick des Angriffs ſagte er: „Cameraden, Ihr ſeid Franzoſen und dort ſteht der Feind. Wenn Ihr Eure Fahnen verlieret, ſo ſammelt Euch um den weißen Federbuſch Eures Königs. Ihr werdet ihn ſtets auf dem Wege der Ehre finden.“ Da er Tags zuvor einen ſeiner tapferſten Die⸗ ner, den Oberſt Schomberg, durch ein hartes Wort beleidigt hatte, ſo ſprengte er im Angeſicht der gan⸗ zen Armee zu ihm hin und ſagte laut genug, daß man ihn fern wie nah hören konnte: „Oberſt Schomberg, der Kampf beginnt; es kann ſich fügen, daß ich umkomme, und da wäre es nicht recht, wenn ich die Ehre eines tapfern Edelmanns e—————————— —— ini⸗ den nehr inde war, wor⸗ die ſteht ſo ures der Die⸗ Wort gan⸗ daß kann nicht anns 67 wie Ihr ſeid mitnähme. Ich erkläre alſo, daß ich Euch als einen rechtſchaffenen Mann anerkenne, keiner Niederträchtigkeit fähig iſt. Umarmet mich.“ „Ah Sire,“ antwortete Schomberg,„Euer Ma⸗ jeſtät hat mich geſtern verletzt: heute tödtet Ihr mich, denn Ihr leget mir die Verpflichtung auf, in Eurem Dienſte zu ſterben.“ So geſchah es auch wirklich. Schomberg, der den erſten Angriff leitete, drang mitten in die ſpa⸗ niſchen Carrées und fiel bei dieſer Gelegenheit. Einer jener Umſtände, welche zuweilen unter dem Namen Zufall über den Erfolg eines Tages entſcheiden, hätte den Sieg von Jyry beinahe in eine Niederlage verwandelt. Ein Cornet mit weißem Federbuſch zog ſich verwundet aus dem Kampf zurück, man hielt ihn für den König. Zum Glück wurde Heinrich rechtzeitig davon be⸗ nachrichtigt; er ſprengte mitten unter die Seinigen, die in Folge der raſchen Verbreitung der fatalen Kunde bereits zu weichen anfingen, und rief ihnen mit Donnerſtimme zu: „Da bin ich! da bin ich! Schaut mich nur an: ich bin voll von Leben, ſeid Ihr voll von Ehre.“ Das letzte Wort des Tages, als Biron durch ſeinen Angriff mit der Reſerve den Sieg entſchieden hatte, lautete: „Schonet die Franzoſen!“ Die Siege von Arques und von Jory entwaff⸗ neten Paris. Heinrich begann die Belagerung der Stadt von Neuem. 5 68 Er hatte ſein Hauptquartier auf dem Mont⸗ martre. Hundert Schritte davon befand ſich eine Abtei und in derſelben ein junges Mädchen, Namens Marie von Beauvilliers, Tochter des Grafen Claude von Saint⸗Aignan und der Marie Babou de la Bourddiſiere. Dieſe la Bourdaiſiere, zu denen auch Gabriele von Eſtrees gehörte, waren, ſagt Tallemant des Réaux, die an galanten Frauen fruchtbarſte Fa⸗ milie, die jemals in Frankreich geblüht hat. Man zählt ihrer fünf⸗ oder ſechsundzwanzig, theils Nonnen, theils verheirathete Frauen, die ſich alle unverholen dem Cultus der Liebe geweiht hatten. Deßhalb, fährt der geſchichtſchreibende Beamte fort, ſagt man auch, das Wappen der la Bourdaiſiere ſei eine Hand⸗ voll Wicken, denn in Folge eines komiſchen Zu⸗ ſammentreffens befindet ſich wirklich in ihrem Wap⸗ pen eine Hand, die Wicken ausſät. Man machte folgenden Vers darauf: Wie verdienſtlich iſt die Hand, Die ſo klug und mit Verſtand, Zu der Menſchheit Wohl allein, Wicken ausſät, groß und klein!“ Um den Witz dieſes Verſes verſtändlich zu machen, müſſen wir den Leſern des Jahrs der Gnade 1858 ſagen, daß Wicke(vesce) und Jeichtfertige Dirne früher ſynonym waren. Wie wurde nun aber dieſe Familie, deren Ober⸗ haupt ganz einfach Babou hieß, zu einer Familie de la Bourdaiſiere? Das wollen wir jetzt erzäh⸗ „ 0 n, ne T 69 len, da wir im beſten Zug ſind unſern Nebenmen⸗ ſchen allerlei Böſes nachzureden. Eine Dame von Bourges, Wittwe eines Pro⸗ curators oder Notars, kaufte auf dem Trödelmarkt ein ſchlechtes Wams, in deſſen Schoß ſie ein Schrei⸗ ben folgenden Inhalts fand: „Im Keller des und des Hauſes ſechs Fuß un⸗ ter der Erde an dem und dem Ort— der Ort war Lans genau angegeben— befindet ſich die und die Summe Goldes in Töpfen.“ Der Betrag der Summe iſt nicht bis auf uns gekommen; wir wiſſen nur ſo viel, daß ſie ſehr be⸗ deutend war. Die Wittwe ſann nach. Der Gouverneur der Stadt war Wittwer und ohne Kinder; ſie ging zu ihm, trug ihm die Sache vor, und man kann ſich wohl denken, daß er ſie mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit anhörte; nur hütete ſie ſich wohl ihm die Hauptſache des Geheimniſſes zu ſagen, nämlich den Ort wo der Schatz lag. „Ihr habt mir jetzt nur noch mitzutheilen, wo das Haus iſt,“ ſagte er. „Das thue ich nur unter der Bedingung, daß Ihr Euch zu Etwas verpflichtet.“ „Zu was?“ „Mich zu heirathen.“ Der Gouverneur überlegte jetzt ebenfalls und 9 die Wittwe an; ſie hatte noch Reſte von Schön⸗ eit. Mun wohl, es ſei!“ ſagte er. Die beiden Bundesgenoſſen ſchloſſen jetzt einen Vertrag ab, dem zufolge der Gouverneur die Wittwe 70 heirathen mußte, wenn die bezeichnete Summe ſich in dem Keller vorfand. Als der Vertrag unterzeichnet war, begann man die Nachgrabungen und die Summe fand ſich voll⸗ ſtändig vor. Der Gouverneur heirathete die Wittwe und kaufte von dem ſeltſamen Mitbringen die Herr⸗ ſchaft la Bourdaiſiere. Seitdem nannten ſich die Babou nicht mehr kurz⸗ weg Babou, ſondern Babou de la Bourdaiſiere. Um auf die Galanterie der Damen dieſes Na⸗ mens zurückzukommen, wollen wir nur ein einziges Beiſpiel anführen. Es gab eine de la Bourdaiſiere, die ſich rühmte die Geliebte des Papſtes Clemens VII, des Kai⸗ ſ. Carl V und des Königs Franz 1 geweſen zu ein. Vielleicht war dieſe Dame auch mit irgend einer diplomatiſchen Sendung zwiſchen dieſen drei erhabe⸗ nen Perſonen beuait 8 Alſo auf dem Montmartre ſtand eine Abtei und in dieſer Abtei befand ſich ein Fräulein de la Bour⸗ daiſiere. Ohne Zweifel hatte ſie ihrem Wappen den Wahlſpruch beigefügt: Gutes Blut verläugnet ſich nicht. Sie war von ihrer Mutter her eine de la Bourdaiſiere, von ihrem Vater her eine Beau⸗ villiers, und zählte kaum ſiebenzehn Jahre. Sie war im Kloſter Beaumont les Tours bei ihrer Tante Anna Babon de la Bourdaiſiere, der Aebtiſſin daſelbſt, erzogen worden. Ihr Beruf, ſagt der Geſchichtſchreiber, von dem wir dieſe Einzelheiten entlehnen, ganz naiv, ihr ſich an U⸗ rr⸗ nte ai⸗ ner be⸗ ind ur⸗ ven net de au⸗ bei der em ihr 71 Beruf war nicht bas Kloſter. Bei ihres Vaters Tod waren drei Söhne und ſechs Mädchen im Hauſe. Das arme Kind wurde alſo für die Kirche beſtimmt; damit ihre Brüder einen größern Antheil am väter⸗ lichen Vermögen erhielten. Heinrich beſaß ſo viel Geiſt, daß er Fräulein oder vielmehr Frau von Beauvilliers— man redete die Nonnen mit Madame an— ohne viel Mühe überzeugte, daß es angenehmere Sachen in der Welt gebe, als die Meſſe zu bedienen und die Veſper zu ſingen. Sie glaubte ihm und ging mit ihm nach Senlis. Aber die Belagerung? Ha bei Gott! Heinrich IV kümmerte ſich nicht viel um Paris, wenn es ſich um ein ſchönes Kind von ſiebenzehn Jahren handelte. Man ſehe nur, was ein beinahe gleichzeitiger Schriftſteller ſagt. „Wäre dieſer Fürſt als König von Frankreich ge⸗ boren worden und wäre ſeine Regierung in Friedenszei⸗ ten gefallen, ſo wäre er vermuthlich kein großer Mann geworden. Er würde ſich gänzlich der Wolluſt er⸗ geben haben, denn trotz aller Widerwärtigkeiten, die er bekämpfen mußte, ließ er die wichtigſten Ge⸗ ſchäfte im Stich, um ſeinen Vergnügungen nachzu⸗ gehen. Statt nach der Schlacht von Coutras ſeine Vortheile zu befolgen, liebelt er mit der Gräfin von Guiche und bringt ihr die Fahnen, die er erbeutet hat. Während der Belagerung von Amiens läuft er der Frau von Beaufort nach, ohne ſich um den Kardinal von Oeſterreich, den nachmaligen Erzherzog Albert zu bekümmern, welcher heranzog, um einen Erſatz der Stadt zu verſuchen.“ So kam es denn, daß Sigogne folgendes Epi⸗ gramm auf ihn machte: Heinrich ſchreckt ſeine Feinde ſchon Mit feiner Flammenblicke Spur, Doch läuft vor Pfäfflein er davon Und folgt den Spuren einer.. Wahrhaftig, liebe Leſer, ſetzt Euch den letzten Satz zuſammen ſo gut Ihr könnt; die Reimkunſt gebietet über viele Mittel und wird Euch helfen. Er ging alſo mit ſeiner ſchönen Nonne nach Senlis, dieſer gute Bearner, dieſer geiſtreiche Heinrich. Bayle hat in ſeinem Dictionnaire von ihm ge⸗ ſagt:„Wenn man einen Eunuchen aus ihm gemacht hätte, ſo hätte er Alexander und Cäſar verdunkeln können.“ Erhabener Thor! Wenn man einen Eunuchen aus ihm gemacht hätte, ſo hätte er die Schlachten von Coutras, von Arques und Jvry nicht gewon⸗ nen. Die Narſes ſind ſelten und die Geſchichte hat uns dieſe große Ausnahme nur ein einzigesmal vorgeführt. Zu ihrem Unglück hatte die arme Nonne etwas zu ſchnell nachgegeben. Heinrich 1W wußte ihr kei⸗ nen Dank für ihre Schwäche; er ſah eine andere Frau, die ebenfalls aus der Familie la Bourdai⸗ ſiere ſtammte, und Frau von Beauvilliers wurde vergeſſen— vergeſſen als Geliebte und nicht als Freundin, dieſe Cerechtigkeit müſſen wir Heinrich IV widerfahren laſſen, denn es exiſtirt aus dem Jahr len ———— 73 1597 eine Urkunde, worin die ehemalige Maitreſſe des Siegers von Jyry den Titel Aebtiſſin, Dame von Montmartre, von Porcherons und von Fort⸗ aux⸗Dames annimmt. Sie ſtarb den 21. April 1650 im Alter von ſechsundſiebenzig Jahren. V. So ſind wir denn bei der populärſten aller Maitreſſen Heinrichs 1V, bei Gabriele d'Eſtrees. Zweierlei Dinge haben zu dieſer Popularität beigetragen. Heinrichs 1V allerliebſtes Abſchiedslied: Holdſelge Gabriele Ich ſage Dir Lebwohl u. ſ w., und der bekannte Paſſus, welchen Voltaire ihr in ſeiner Henriade widmet. Auch von andern mehr oder weniger berühm⸗ ten Poeten iſt ſie tauſendfach beſungen worden. Porcheres hat ihre Haare und ihre Augen, Wilhelm von Sablé ihre übrigen Reize geprieſen; kurz es eriſtirt über ſie eine Maſſe von Verſen in allen Dichtungsarten, die aber ſammt den Namen der Verfaſſer füglich der Vergeſſenheit überlaſſen blei⸗ ben können. Im Uebrigen hatte Gabriele, nach einem OHriginal⸗ bild zu ſchließen, welches Gaſton, einem Bruder Lud⸗ wigs XlII, d. h. einem der Söhne Heinrichs 1V ge⸗ hörte, das allerreizendſte Köpfchen, üppige blonde Haare, blaue Augen von blendendem Glanz, einen . Teint von Lilien und Roſen, wie man damals ſagte und wie gewiſſe Leute noch heutzutage ſagen. Gabriele war ums Jahr 1575 geboren. Sie hatte ſich noch nicht am Hof gezeigt, als Heinrich auf einem ſeiner Ausflüge in der Gegend von Sen⸗ lis ſie begegnete. Sie bewohnte das Schloß Coeuvres und die Be⸗ S fand im Walde von Villiers⸗Cotterets tatt. Demouſtiers hat den traditionellen Zuſammen⸗ kunftsort dadurch verherrlicht, daß er gleich einem Hirten Virgils oder einem Helden Arioſts folgen⸗ den Vers in eine Buche einſchnitt. Dies Wäldchen war der Lieblingsort Einſt treu verliebter Seelen; Wen rührt es nicht, wie Heinrich dort Geliſpelt ſo manch ſüßes Wort, Geſeufzt bei Gabrielen! Ich bin heutzutage vielleicht der einzige Menſch in Frankreich, der ſich dieſes Verſes erinnert. Dieß kommt daher, daß meine Mutter, als ich noch ein kleiner Junge war, mich ihn an dem betreffenden Baum leſen ließ und mir zugleich erklärte, wer Hein⸗ rich, wer Gabriele und wer Demouſtiers waren. In Betreff der Geburt des ſchönen Mädchens walteten einige Zweifel ob. Sie war allerdings während der Ehe des Herrn von Eſtrees mit ihrer Mutter geboren, aber nachdem Frau von Eſtrees bereits ſeit fünf oder ſechs Jahren mit dem Mar⸗ quis von Allegre davongelaufen war, deſſen tragi⸗ ſchen Tod ſie theilte. Als die liguiſtiſch geſinnten Einwohner von Iſſoire erfuhren, daß in einem 75 Wirthshaus der Stadt ein vornehmer Herr und eine Dame wohnten, die zu dem König hielten, mach⸗ ten ſie einen Aufſtand, erdolchten den Marquis ſammt ſeiner Geliebten und warfen Beide zum Fenſter hinaus. Dieſe Frau von Eſtrees war ebenfalls eine la Bourdaiſiere: ſie hatte ſechs Töchter und zwei Söhne. Die ſechs Töchter waren: Frau von Beaufort, Frau von Villars, Frau von Namps, die Gräfin von Sauzay, die Aebtiſſin von Maubuiſſon und Frau von Balagny. Die letztere iſt die Delia in der Aſträa. „Sie hatte,“ ſagt Tallemant des Réaux,„einen etwas verdorbenen Wuchs, war aber die galanteſte Perſon von der Welt. Von ihr hatte Herr von Epernon die Aebtiſſin St. Gloſſine von Metz. Man nannte ſie und ihren Bruder— der zweite Sohn war geſtorben— die ſieben Todſünden. Auf den Tod der Frau von Beaufort hatte Frau von Neuvic, die ihrer Beerdigung aus den Fenſtern der Frau von Bar zuſah, folgenden Vers gemacht: O welcher Schmerz! Dahingeſchieden Iſt eine Todſünd' und hienieden Sind nur noch ſechſe von den ſieben, Die laſſen herzen ſich und lieben. Aber ſo jung auch die ſchöne Gabriele war, ſo hatte doch, verſichert man, ihr Herz bereits geſpro⸗ chen und ihr Körper hatte auf die Stimme ihres Herzens gehört. Sie liebte einen der ſchönſten und liebenswürdigſten Cavaliere des Hofes, Roger von St. Barry, berühmt unter dem Namen Bellegarde, 76 Großſtallmeiſter Frankreichs und wegen ſeines Amtes kurzweg der Große genannt. Unglück⸗ licherweiſe war er ſehr indiscret: gleich dem König Candaules konnte er ſeinen Mund nicht halten. Er machte Heinrich IW ein ſolches Rühmen von der Schönheit ſeiner Geliebten, daß dieſer ſie zu ſehen wünſchte. Er kam, ſah und liebte ſie. Das war ein Seitenſtück zu dem veni, vidi, vici Cäſars. Deßhalb wurde auch das erſte Kind, das aus dieſer Liebe hervorging, Cäſar genannt. Gabriele wallte ihn Alexander nennen, aber Heinrich ſchüttelke den Kopf und ſagte: „Nein, nein, man würde ihn nur Alexander den Großen nennen.“ Gabriele erröthete und beſtand nicht weiter darauf. Wir haben bereits geſagt, daß man den Ober⸗ ſtallmeiſter den Großen nannte. Zum großen Glück für Bellegarde war Gabriele nicht ſo rachſüchtig wie die ſchöne Königin von Ly⸗ dien, die ihren Gemahl durch ihren Liebhaber um⸗ bringen ließ, weil der erſtere ſie dem letztern gezeigt hatte. Sie weihte ihm im Gegentheil ihr ganzes Leben lang zärtliche Gefühle, die Heinrich IW man⸗ chen Aerger bereiteten. Mehr als zehnmal rief er in Augenblicken des Zornes: „Ventre saint-gris! Gibt es denn Niemand, der mich von dieſem verdammten Bellegarde befreite!“ Aber fünf Minuten nachher ſagte er: 77 „Ihr Alle, die Ihr meine Worte gehört häbt, hütet Euch wohl es zu thun.“ Dieſe Eiferſucht, welche ihn während der neun oder zehn Jahre ſeiner Verbindung mit Gabriele beſtändig quälte, datirt ſchon vom Anfang dieſer Verbindung. Wir haben geſehen, wie Heinrich durch Belle⸗ gardes Vermittlung Gabriele kennen gelernt hatte. Sein Erſtes war nun, daß er ſie nach Mantes, wo der Hof ſich aufhielt, mitnahm und Bellegarde ver⸗ bot ihr dahin zu folgen. Der troſtloſe Liebhaber ſah ſich gezwungen zu gehorchen, aber Fräulein von Eſtrees fand das Ver⸗ fahren tyranniſch. Eines Morgens erklärte ſie ihrem königlichen Verfolger— denn man behauptet, der König ſei noch nicht ihr Liebhaber geweſen— ſie finde ſein Be⸗ nehmen ſehr unzart, und wenn er ſie wirklich lieben würde, wie er zu behaupten ihr die Ehre erweiſe, ſo würde er ſich ihrer vortheilhaften Verbindung mit Bellegarde, der ſie heirathen wolle, nicht wider⸗ ſetzen. Damit entfernte ſie ſich. Heinrich verſank in Nachdenken. An was dachte er? Er dachte daran ihr das anzubieten was er immer anbot, nämlich die Ehe; aber man konnte ein ſolches Anerbieten nicht für aufrichtig halten. Heinrich war mit Margareth vermählt, und obſchon er allen Umgang mit ihr ab⸗ gebrochen hatte, ſo war doch ſeine Eheſcheidung im⸗ mer noch nicht ausgeſprochen. Er überlegte noch, was er Gabrielen ſagen könnte, um ſie an ſich zu feſſeln, als man ihm mel⸗ 78 dete, daß ſie nach Coeuvres abgereist ſei. Unglück⸗ licherweiſe hatte ſie juſt einen Tag gewählt, wo ſie wußte, daß Heinrich ſie nicht verfolgen konnte. Aber er ſchickte ihr eine Botſchaft, die nichts enthielt als die drei Worte: „Erwartet mich morgen.“ Und er war wirklich ſo liebestoll wie nur ein junger Menſch von zwanzig Jahren hätte ſein kön⸗ nen; er verkor gänzlich den Kopf in ſeiner Ver⸗ zweiflung und beſchloß ſie um jeden Preis wieder an ſich zu ziehen. Er hatte mehr als zwanzig Wegſtunden zu und mußte durch zwei feindliche Armeen gehen. „Niemals,“ ſagt der Eeſchichtſchreiber, dem wir dieſe Details entlehnen,„hat Cäſar auf ſeinem Weg von Apollonia nach Brindiſi ſo vielen Gefahren Trotz geboten wie Heinrich IV auf dem Wege von Man⸗ tes nach Coeuvres.“ Er reiste mit nur fünf Freunden zu Pferde ab; drei Stunden von Coeuvres, wahrſcheinlich in Ver⸗ berie, ſtieg er, als er die Straßen des Waldes von Compiegne vom Feinde bewacht ſah, ab, zog Bauern⸗ kleider an, nahm einen Sack voll Stroh auf den Kopf und begab ſich ins Schloß. Er war an zwanzig franzöſiſchen und ſpaniſchen Patrouillen vorbeigekommen, die nicht die entfern⸗ teſte Ahnung davon hatten, daß dieſer ſtrohbeladene Bauer ein Verliebter ſein könnte, der ſeine Moi⸗ treſſe beſuchte, und daß dieſer Verliebte der König von Frankreich ſei. Obſchon Gabriele von der Ankunft des Königs 1 r⸗ er u ir eg z n⸗ b; r⸗ on 5 en en n⸗ ne i⸗ ig 83 79 benachrichtigt war, ſo glaubte ſie ihn doch eines ſol⸗ chen Wahnſinns nicht fähig und wollte ihn nicht erkennen; aber als ſie ihn erkannte, ſtieß ſie einen lauten Schrei aus, dem ſie nur die unverbindliche Phraſe beifügte: „Oh Sire, Ihr ſeid ſo häßlich, daß ich Euch gar nicht anſehen mag!“ Zum Glück für den König hatte Gabriele die Marquiſe von Villars, ihre Schweſter bei ſich. Als Gabriele ſich entfernte, blieb die Marquiſe bei dem König und ſuchte ihn zu überreden, daß das Fräu⸗ lein ſich nur aus Furcht vor einer Ueberrumpelung durch ihren Vater zurückgezogen habe. Aber er mußte ſich bald von der Unſtichhaltigkeit dieſes Grun⸗ des überzeugen, als er ſah, daß ſie gar nicht mehr zum Vorſchein kam. Gabriele zeigte ſich wirklich trotz der dringend⸗ ſten Zureden nicht mehr, und Heinrich mußte wie⸗ der abreiſen wie er gekommen war, ohne von der gefährlichſten Handlung ſeines Lebens, bei welcher er ſein eigenes und ſeiner Freunde Wohl, das Wohl ſeiner Krone und des ganzen Landes aufs Spiel geſetzt hatte, den mindeſten Dank zu erndten. „Und was noch das Verwunderlichſte am Ganzen war,“ ſagt Tallemant des Réaux,„das iſt die That⸗ ſache, daß er wirklich kein ſonderlicher Held war. Frau von Verneuil nannte ihn den Capitän Gut⸗ wille.“ Seine Abweſenheit hatte bei Hof großen Schrecken erregt, beſonders als man den Zweck der Reiſe und ihre Gefährlichkeit erfuhr. Sully und Mornay, 80⁰ ſein Seneca und ſein Burrhus, erwarteten ihn da⸗ her mit einer ſcharfen Strafpredigt. Heinrich IV ſenkte wie gewöhnlich den Kopf, dieſesmal jedoch weniger wegen der Vorwürfe ſeiner beiden derben Freunde, als weil das Abenteuer mißlungen war. Statt aller Rechtfertigung gab er ſeine Edelmannsparole, daß er nicht mehr von Neuem anfangen wolle, und er traf wirklich ſeine Maßregeln ſo, daß er dieſes nicht nöthig hatte. Um Gabriele an den Hof zu locken, ließ er ihren Vater kommen und ernannte ihn zu ſeinem Rathe; aber Herr von Eſtrees kam ganz allein. Ein zweiter Bewerber hatte ſich eingeſtellt und ebenfalls die Ehe angeboten: der Herzog von Lon⸗ gueville. Gabriele liebte Bellegarde um des Vergnügens willen, das ſeine Liebe ihr bereitete; jetzt gab ſie ſich den Anſchein als ob ſie Longueville aus ehrgei⸗ zigen Hoffnungen liebte. Der Herzog von Longueville bemerkte bald das Spiel, das ſie ſpielte, und die Gefahr, der er ſich bei der Liebesglut des Königs ausſetzen würde, wenn er ſich dabei betheiligte. Er that, als wollte er ihr ihre Briefe zurück⸗ ſchicken, und verlangte die ſeinigen wieder. Gabriele ſchickte ehrlich alle vom erſten bis zum letzten, aber als ſie ihre eigenen Briefe muſterte, bemerkte ſie, daß zwei, und zwar höchſt compromittirenden Inhalts fehlten. Einige Tage nachher kam der Herzog nach Doul⸗ lens und wurde mit einer Ehrenſalve begrüßt. Zu⸗ fälligerweiſe war eine der Flinten mit einer c———— — —* N 6— —— 85 —* v 81 Kugel geladen, und wiederum zufälligerweiſe traf dieſe Kugel den Herzog, ſo daß er todt zu Boden ſtürzte. Bellegarde ließ ſich durch dieſes Beiſpiel warnen. Er beſchloß ſich weder mit einem ſo verliebten König, noch mit einer ſo gefährlichen Geliebten zu über⸗ werfen, und als er erfuhr, daß Herr von Eſtrees ſeine Tochter mit Niklas von Armeval, Herrn von Liancourt, verheirathen wollte, trat er glücklich in den Hintergrund, behielt ſich aber vor, ſpäter wieder aufzutreten. Gabriele ſchrie laut auf, als ſie ihren Freier zu Geſicht bekam. Er war boshaft und dabei häß⸗ lich. Sie wandte ſich an Heinrich IW und ſuchte ihm weiß zu machen, daß ihr Wiberwille gegen errn von Liancourt von der Anziehungskraft her⸗ rühre, die er ſelbſt auf ſie ausübe. Heinrich, der nicht ganz davon überzeugt war, wagte es nicht ſich gegen dieſe Vermählung zu erklären, welche Herr von Eſtrees ſehr zu wünſchen ſchien. Gabriele ihrerſeits rief fortwährend den König um Hülfe an. Heinrich ſchlug einen Mittelweg ein und verſprach am Hochzeittag gleich dem Deus ex machina der lten zu erſcheinen und die Neuvermählte vor allen Anfechtungen von Seiten ihres Gatten zu ſchützen. Unglücklicherweiſe war er am Hochzeittage ander⸗ wärts beſchäftigt, ſo daß er unmöglich abkommen konnte und Gabrielen das ſchwierige Geſchäft ſich ihres Gatten zu erwehren ganz allein überlaſſen mußte. Inzwiſchen hatte Herr von Liancourt noch keine Gunſtbezeugungen von ihr erhalten— wenigſtens Dumas, Heinrich IV⸗ 6 82 ſchwor es Gabriele— als Heinrich, dem es gelungen war wieder in die Nähe von Coeuvres zu kommen, Herrn von Liancourt den Befehl ertheilte mit ſeiner Gemahlin in Chauny zu erſcheinen. Der Gatte hatte große Luſt nicht zu gehorchen, dachte aber doch an die Gefahren, denen er ſich dadurch ausſetzen würde, und dann hoffte er viel⸗ leicht, daß ein ganzes Vermögen und eine ganze Zukunft in dieſer Einladung liegen könnte. Er nahm alſo ſeine Gemahlin nach Chauny mit. Die königlichen Equipagen waren bereit: Hein⸗ rich reiste zur Belagerung von Chartres ab. Den Eheherrn betrachtete der König gänzlich als nicht exiſtirend; er lud ihn nicht einmal ein ſeine Gemahlin zu begleiten, ſondern hieß Gabriele in ſeine Kutſche ſteigen, ſetzte ſich neben ſie und reiste ab. Nur die gute Marquiſe von Villars, die in Coeuvres ihr Beſtes gethan hatte, damit der Konig den ihm dort gewordenen Empfang ver⸗ geſſen ſollte, und Frau von La Bourdaiſtere, ihre Couſine, durften mitkommen. Bald kam auch Frau von Sourdis, Gabrieles Tante, die eine neue Albernheit von Seiten ihrer Nichte fürchtete, zu ihnen. Die Rathſchläge, welche dieſe vortreffliche Tante ihrer Richte ertheilte, trugen weſentlich zur Beglückung Heinrichs bei; er belohnte ſie auch dadurch, daß er nach Einnahme der Stadt Chartres ihren Gemahl zum Gouverneur derſelben ernannte. Eine einzige Sache beunruhigte Heinrich IV in ſen Liebesgeſchäften; ſeine Eiferſucht auf Belle⸗ garde. gen nen, iner ſich iel⸗ nze mit. ein⸗ lich ein iele und rs, mit er⸗ hre les rer che en nte adt en le⸗ 83 Vergebens nahmen ſich die beiden jungen Leut⸗ chen aufs Aengſtlichſte in Acht; man liebt nicht, ohne daß vom Liebesfeuer, wenn es auch noch ſo ſorgfältig verborgen wird, irgend ein Funke hinausſprüht. Heinrich IV ſah ſie eines Tags miteinander tanzen: er ſah ſie, ſie aber ſahen ihn nicht. Er ſchüttelte den Kopf über die Art wie ſie einander bei der Hand hielten, und murmelte zwiſchen ſeinen Zähnen: „Ventre-saint-gris! Das iſt eine ganz offenbare Liebſchaft.“ Um ſich Gewißheit zu verſchaffen, ſchützte er ein Unternehmen vor, das ihn die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag auswärts beſchäftigte, brach dann Abends acht Uhr auf und kehrte um Mitternacht zurück. Der König hatte ſich nicht getäuſcht: als er zu⸗ rückkam, waren Gabriele und Bellegarde beiſammen. La Rouſſe, Gabrieles Vertraute, konnte, während ihre Gebieterin dem König öffnete, nur noch Belle⸗ garde in ihrem eigenen Schlafzimmer, das unmittel⸗ bar an Gabrieles Zimmer ſtieß, verſtecken. Dann entfernte ſie ſich und nahm den Schlüſſel mit. Der König behauptete Hunger zu haben und verlangte Etwas zu eſſen. Gabriele entſchuldigte ſich; ſie habe ihn nicht erwartet und daher auch Nichts zubereiten laſſen. „Ei,“ ſagte der König,„ich weiß, daß Ihr in dieſem Kabinet da Conſitüren habt. Ich will mich mit Confitüren und Brod begnügen.“ 6* 84 Gabriele that, als ob ſie den Schlüſſel ſuchte, der ſich aber natürlich nicht vorfand. Heinrich IV befahl la Rouſſe zu holen, allein ſie war nirgends aufzutreiben. „Nun denn,“ ſagte der König,„ich ſehe wohl, daß ich die Thüre einſtoßen muß, wenn ich Etwas zu eſſen bekommen will.“ Und er begann mit dem Fuß heftig an die Thüre zu ſtoßen. Sie wäre demnächſt gewichen, als auf einmal la Rouſſe eintrat und fragte, warum der König all dieſen Lärm mache. „Darum,“ antwortete er,„weil ich von den Con⸗ fitüren eſſen will, die ſich in dieſem Kabinet be⸗ finden.“ „Aber warum öffnet Seine Majeſtät die Thüre nicht ganz einfach mit dem Schlüſſel ſtatt ſie ei⸗ zuſtoßen?“ „Ventre-saint-gris“, antwortete der König, „warum? warum. weil ich den Schlüſſel nicht habe.“ „Da iſt er,“ ſagte la Rouſſe. Und mit einem beruhigenden Blick auf ihre Ge⸗ bieterin gab ſie dem König den Schlüſſel. Heinrich ging hinein; das Kabinet war leer: Bellegarde war zum Fenſter hinausgeſprungen. Der König kam beſchämt und mit einem Confi⸗ türentopf in jeder Hand wieder heraus. Gabriele that zum Verzweifeln. Heinrich ſank zu ihren Füßen und bat um Verzeihung. Beaumarchais hat dieſe Scene in ſeinem zweiten Act der Hochzeit des Figaro nachgebildet. hte, lein ohl, vas üre mal all on⸗ be⸗ üre ein⸗ nig, icht er nfi⸗ ank iten 85 Später, als Heinrich Gabriele heirathen wollte, erbot ſich Herr von Praſlin, Gardekapitän und ſpäter Marſchall von Frankreich, Bellegarde in Gabrieles Zimmer überraſchen zu laſſen, um ſeinen Herrn an einer Dummheit zu verhindern, durch welche er die Achtung aller ſeiner Freunde verſcherzt haben würde. Es war in Fontaincbleau. Der König ſtand auf, kleidete ſich an, nahm ſeinen Degen und folgte Herrn von Praſlin; aber im Augenblick, wo dieſer anklopfte, damit man ihm öffnen ſollte, fiel Heinrich IV ihm in den Arm. „Nein wahrhaftig, nein,“ ſagte er,„dieß würde ihr gar zu viel Kummer machen.“ Und er kehrte in ſein Zimmer zurück. Welch ein guter König und beſonders welch ein würdiger Mann doch dieſer tapfere und geiſtreiche Bearner war! W. Inmitten all dieſer Vorfälle war der König nach einer vierjährigen, zu wiederholtenmalen un⸗ terbrochenen und wieder neu angefangenen Belage⸗ rung in Paris eingezogen. Man kennt die näheren Umſtände dieſer Belage⸗ rung, welche einen neuen Beleg für die Thatſache liefert, daß der Religionshaß noch weit ſchrecklicher iſt als der politiſche Haß. Herr von Nemours war es, der alle unnützen Mäuler von Paris fortſchickte. Als Heinrich die armen Vertriebenen bleich, 86 ausgehungert, mit demüthigem Flehen herauskommen ſah, da erbarmte er ſich ihrer. „Laßt ſie herkommen,“ ſagte er zu den Vorpoſten, welche ſie zurücktreiben wollten;„es gibt auch für ſie Lebensmittel in meinem Lager.“ In Paris verhungerten täglich tauſend Perſonen, denn Heinrich hatte ſich aller Vorſtädte bemächtigt. Man machte Verſuche aus Todtenknochen, die man zerſtieß, Brod zu backen. Dieſe Nahrung verdop⸗ pelte die Sterblichkeit. Heinrich war ſchmerzlich betrübt, als er ſehen mußte, daß Paris trotz dieſer äußerſten Noth ſich nicht ergeben wollte. Herr von Gondy, Erzbiſchof von Paris, er⸗ barmte ſich ſeiner Schäflein. Er ging ins Lager des Königs, den er von ſeinem ganzen Adel umgeben fand, und als er ſich beklagte, daß er durch die Reihen deſſelben kaum durchkommen könne, ſagte der Bearner zu ihm: „Ventre-saint-gris! Ihr ſolltet die Leute ein⸗ mal an einem Schlachttag ſehen, da drängen ſie ſich noch weit ſtärker um mich.“ Das Ergebniß der Beſprechung war ein neuer glänzender Beleg für den Geiſt und das Herz Hein⸗ richs. gleich aber den in der Hauptſtadt herrſchenden Fana⸗ tismus ſchilderte und ihm erklärte, er werde Paris nicht eher bekommen, als bis der letzte Soldat ge⸗ tödtet und der letzte Bürger geſtorben ſei, da ſagte Heinrich: „Ventre-saint-gris! Als Herr von Gondy ihm die Hungersnoth, zu⸗ So weit ſoll es nicht kom⸗ on in⸗ ſich uer in⸗ zu⸗ ¹ na⸗ ris ge⸗ gte 87 men. Ich bin wie die wahre Mutter Salomos: ich will Paris lieber gar nicht als zerſtückelt haben.“ Und noch am ſelben Tag ließ er ganze Wagen voll Lebensmittel nach Paris führen. Der Fanatismus war, wie der Erzbiſchof geſagt hatte, ſo groß, daß Heinrich trotz dieſer in der Kriegsgeſchichte und beſonders in der Geſchichte der Bürgerkriege beiſpielloſen Großmuth erſt drei Jahre ſpäter in ſeiner Hauptſtadt einziehen konnte und auch da nur in Folge einer Ueberrumpelung. Er hatte den Gouverneur Briſſac, die Mehrzahl der Schöffen und den ganzen Reſt des Parlaments in ſein Intereſſe gezogen. Der 22. März wurde zu dieſem Einzug gewählt. Der Oberbürgermeiſter Lhuillier und drei Schöffen, Langlois, Neret und Beaurpaire, verſammelten ihre Verwandten und Freunde um ſich, jagten die Spa⸗ nier aus ihren Wachthäuſern und bemächtigten ſich der Thore St. Denis und St. Honoré. Der König hatte ihnen durch eine Rakete, die er auf dem Montmartre ſteigen ließ, das Signal gegeben. Er zog zwei Stunden vor Tagesanbruch ein, ohne auf den mindeſten Widerſtand zu ſtoßen. Die royaliſtiſche Armee verbreitete ſich in der Stadt und beſetzte die Hauptpoſten, ſo daß ſelbſt die fanatiſti⸗ ſchen Poriſer bei ihrem Erwachen ſich außer Stand ſahen irgend etwas zu unternehmen. Sie ſchwiegen daher oder blieben zu Hauſe, als auf einmal Män⸗ ner mit weißen Fahnen und ihren Hüten in der Hand durch alle Straßen zogen und riefen: „Generalpardon!“ 88⁸ Jetzt entſtand ein ungeheurer Jubel in Paris die ganze Stadt brach in den Ruf aus:„Es lebe der König!“ Heinrich hatte ſich bereit erklärt abzuſchwören. Man kennt ſein berühmtes, ſprüchwörtlich geworde⸗ nes Dictum:„Die gute Stadt Paris iſt wohl eine Meſſe werth.“ Sein erſter Beſuch galt alſo der Notre⸗Dame. Eine unermeßliche Menſchenmenge folgte ihm. Die Garden wollten das Volk zurücktreiben. „Laßt die Leute immerhin herankommen!“ rief Heinrich.„Sehet ihr nicht, daß all dieſes Volk mit wahrem Heißhunger ſeinen König zu ſehen ver⸗ langt?“ Der König kam ohne allen Unfall in Notre⸗ Dame und ebenſo von da im Louvre an. Gabriele, die ihm folgte, wurde zuerſt im Hotel du Bouchage, das an den Palaſt ſtieß, einquartiert. Bei ihr wäre Heinrich fünf Monate ſpäter bei⸗ nahe von Johann Chatel ermordet worden. Der König empfing zwei Edelleute, die nieder⸗ gekniet waren, um ihm ihre Huldigungen darzubrin⸗ gen. Im Augenblick wo er ſich bückte, um ſie auf⸗ zuheben, bekam er einen heftigen Stoß in die Lippe. Im Anfang glaubte er, ſeine Tochter Mathurine habe ihn aus Ungeſchicklichkeit geſtoßen. „Hol der Teufel das närriſche Mädchen!“ ſagte er,„ſie hat mich verwundet.“ Seine Lippe war geſpalten und ein Zahn ein⸗ geſchlagen. Aber das Mädchen lief an die Thüre, verſchloß ſie und rief: 8; be en. de⸗ ine ne. ie ief nit er⸗ f⸗ 89 „Nein, nein Vater, ich habe es nicht gethan, ſondern dieſer Menſch da!“ Und ſie deutete auf einen jungen Menſchen, der ſich hinter einem Fenſtervorhang verbarg. Die beiden Edelleute ſtürzten mit dem Degen in der Fauſt auf ihn zu. „Thut ihm nichts zu leide!“ rief Heinrich IV, „das kann nur ein Narr ſein.“ Der König täuſchte ſich nicht ſtark: es war ein Fanatiker. Der junge Mann wurde verhaftet und man fand das Meſſer, womit er den König geſtoßen hatte, bei ihm. Er hieß Johann Chatel, war eines rei⸗ chen Tuchhändlers Sohn und ſtudirte in Clermont. Weit entfernt ſein Verbrechen zu läugnen, rühmte er ſich deſſelben und erklärte, er habe aus eigenem Antrieb und Religionseifer ſo gehandelt, da er die Ueberzeugung hege, daß man jeden König, der dem Papſt mißfalle, tödten dürfe. Ueberdieß habe er in den Augen des Herrn ein Verbrechen abzubüßen, und da habe ihm das Blut eines Ketzers eine Süh⸗ nung geſchienen, die Gott wohlgefällig ſein müſſe. Worin beſtand dieſes Verbrechen? Es war daſ⸗ ſelbe, um deſſen willen Gott einſt Onan mit dem Blitz erſchlagen hatte. Der König hatte wahrlich Recht, wenn er Johann Chatel für einen Wahnſinnigen erklärte. Die Strafe war furchtbar. Die Jeſuiten wurden als Jugendverderber, als Ruheſtörer, als Feinde des Königs und des Staats aus Frankreich verjagt. Der Pater Guignard, bei welchem man aufrühreriſche Schriften fand, wurde 90 gehenkt, ſein Leichnam verbrannt und die Aſche in den Wind geſtreut. Johann Chatel erlitt die Strafe der Königs⸗ mörder. Man band ihm das Meſſer, das er zu ſeinem Verbrechen gebraucht hatte, in die Hand und hieb ihm dieſelbe ab. Sodann wurde er mit glühenden Zangen erißß und von vier Pferden zerriſſen; hernach wurde ſein Körper auf einem Scheiterhau⸗ fen verbrannt und ſeine Aſche gleich der des Paters Guignard in den Wind zerſtreut; endlich wurde ſein Haus, das vor dem Juſtizpalaſt ſtand, eingeriſſen und auf ſeiner Stelle eine Pyramide erbaut, in deren vier Seiten man das Urtheil des Parlaments nebſt griechiſchen und lateiniſchen Inſchriften eingravirte. — Dieſe Pyramide wurde im Jahr 1705 auf Be⸗ fehl des Enkels von Heinrich IV, nämlich Ludwigs XIV und auf Anſuchen der Jeſuiten, die gerade nach Frankreich zurückgekehrt waren„niedergeriſſen. Der Oberbürgermeiſter Franz Miron ließ an ihrer Stelle einen Brunnen errichten, der ſpäter in die Rue St. Victor verlegt wurde. Von allen Seiten her kamen dem König Glück⸗ wünſche zu. Reden, Adreſſen, Druckſchriften, Ma⸗ nuſcripte in Proſa und Verſen. Unter den Manuſcripten befand ſich eines, wor⸗ über er ſich viele Gedanken machte: es kam von dAubigns, der trotz der Abſchwörung ſeines Königs ein glühender Calviniſt geblieben war und ihn mit der ſtrengſten Strafe Gottes bedrohte. Noch am Tag ſeines Einzugs in Paris hatte der König ſeine Tante, Frau von Montpenſier, be⸗ 91 ſucht, eine wüthende Liguiſtin, die ganz erſtaunt war, daß er zu ihr, ſeiner großen Feindin, ohne alles Gefolge kam, wie ein wohlerzogener Reffe, der Geburtstag oder zum neuen Jahr gratuliren wollte. „He?“ ſagte ſie, nachdem ſie ihn ſitzen gehei⸗ ßen,„was wollt Ihr denn hier?“ „Ci,“ ſagte Heinrich,„Ihr hattet früher immer ſo gute Confitüren, daß mir jetzt der Mund dar⸗ nach wäſſerig geworden iſt, und ich wollte Euch nur fragen, ob Ihr noch immer welche beſitzt?“ „Ah, ich begreife, mein Neffe: Ihr wollt mich auf einer Blöße ertappen, denn Ihr glaubet, daß ich in Folge der Hungersnoth keine mehr haben werde.“ „Ventrersaint-gris, nein!“ antwortete der Kö⸗ nig,„ſondern ich habe ganz einfach Hunger.“ „Manon,“ ſagte die Prinzeſſin,„laßt einge⸗ machte Aprikoſen hereinbringen.“ Manon brachte einen Topf. Frau von Montpenſier öffnete ihn, nahm einen Löffel und wollte davon koſten: man hatte in jener Zeit den Brauch von Allem zu koſten was man dem König anbot. Aber Heinrich fiel ihr in den Arm. „Was fällt Euch ein, Tante?“ ſagte er. „Ei wie,“ antwortete ſie,„habe ich Euch nicht hartnäckig genug bekriegt, um Euch verdächtig zu ſein?“ „Nein, Ihr ſeid es mir nicht, Tante.“ Damit nahm er ihr den Topf aus der Hand 92 und aß, ohne daß vorher davon gekoſtet worden war. „Ha,“ ſagte ſie,„ich ſehe wohl, Sire, daß ich Eure Dienerin werden muß.“ Sie warf ſich ihm zu Füßen und bat um Er⸗ laubniß ſeine Hand zu küſſen; aber Heinrich ſtreckte ihr beide Arme entgegen und drückte ſie an ſeine Bruſt⸗ In Bezug auf dieſes Koſten trug ſich einmal folgende Aneldote zu: Der Edelmann, der dem König einſchenkte, war ſehr zerſtreut, ſo daß er, ſtatt die Probe zu trinken, die man in den Deckel des Glaſes goß, das Glas ſelbſt austrank. Heinrich ſah ihm ganz ruhig zu und ſagte, als er fertig war, zu ihm: „Ihr hättet wenigſtens meine Geſundheit trin⸗ ken ſollen, dann hätte ich Euch Beſcheid gethan.“ Nach der Rückkehr in den Louvre kam das Ka⸗ pitel der Belohnung. Man ernannte eine ganze Maſſe Ritter des Heiligen⸗Geiſt⸗Ordens. Der Graf von Vieuville Vater, ehemcliger Haushofmeiſter des Herrn von Nevers, Neffen Hein⸗ richs IV, gehörte auch zu den Glücklichen. Als er das Halsband empfangen ſollte, kniete er dem Ge⸗ brauch gemäß nieder und ſagte die üblichen Worte: non sum dignus(Herr, ich bin nicht wür⸗ dig). „Ich weiß es bei Gott wohl,“ antwortete der König,„aber mein Neffe hat mich ſo inſtändig dar⸗ um gebeten, daß ich es ihm nicht abſchlagen konnte.“ Vieuville erzählte die Sache ſelbſt, denn er dachte wohl, daß, wenn er ſie verſchwieg, der Kö⸗ nig in ſeinem gascogniſchen Humor nicht ermangeln würde ſie auszuplaudern, Dieſer Vieuville war übrigens ſelbſt ein Mann von Geiſt. Eines Tags mochte er ſich über einen gewiſſen Raufbold luſtig, der im Rufe ſtand jedes⸗ mal ſeinen Mann zu liefern. Dieſer ſchickte ihm eine Herausforderung durch zwei Zeugen, die ihm erklärten, daß ſein Gegner ihn am folgenden Mor⸗ gen um ſechs Uhr hinter dem Carmeliterkloſter er⸗ warte. „Um ſechs Uhr?“ antwortete Vieuville,„ich ſtehe wegen meiner eigenen Geſchäfte nie ſo früh auf und müßte ein Narr ſein, wenn ich wegen der Geſchäfte Eures Freundes ſo bald aufſtehen wollte.“ Und er ging nicht zum Rendezvous, ſondern be⸗ gab ſich in den Louvre, wo er die Geſchichte er⸗ zählte und alle Lacher auf ſeine Seite brachte. Männer wie Heinrich 1V ergänzen ſich durch ihre Umgebung. Man erinnert ſich des Briefes, den er nach der Schlacht von Arques an Crillon ſchrieb. Erillon ſtellte ſich wieder bei ihm ein und ver⸗ ließ ihn fortan beinahe nie mehr. Gleichwohl be⸗ fand ſich Crillon im Augenblick wo Heinrich 1V in Paris einzog, mit dem jungen Herzog von Guiſe, der Heinrichs 1V Gouverneur der Provence war, in Marſeille. In Blois hatte Heinrich UI im Jahr 1588 Cril⸗ lon den Antrag gemacht den Herzog von Guiſe zu ermorden, aber Erillon hatte ihm blos geantwortet: „Sire, Ihr nehmet mich für einen Andern.“ Damit hatte er Heinrich III den Rücken gelehrt und war weggegangen. Der König hatte ihn dem jungen Herzog von Guiſe beigegeben und Crillon war der eigentliche Gouverneur der Provence. Nun kreuzte eine ſpaniſche Flotte vor Marſeille. Eines Nachts als die jungen Leute tranken und Crillon ſchlief, beſchloß man eine Probe anzuſtellen, ob er den Ruf der Tapferkeit, welchen er im gan⸗ zen Lande genoß, auch wirklich verdiene. Man ſtürzte daher in ſein Zimmer und ſchrie: „Auf! auf! der Feind iſt Herr der Stadt.“ Crillon erwachte über dem Lärmen und fragte mit ſeiner gewöhnlichen Gemüthsruhe, was dieſes Geſchrei bedeuten ſolle. Man wiederholte ihm das verabredete Mährchen, d. h. man ſchrie ihm in die Ohren, Alles ſei verloren und der Feind ſei über⸗ all Herr. „Nun und dann?“ fragte Crillon. „Wir kommen Euch zu fragen, was zu thun iſt?“ ſagte der Herzog von Guiſe. „Harnibieu,“ antwortete Crillon, indem er mit derſelben Gelaſſenheit, als ob er zur Parade ginge, ſeine Hoſen anzog,„das iſt eine ſchöne Frage! Wir müſſen als Leute von Herz ſterben.“ Die Probe war gemacht: der Herzog von Guiſe ſagte zu Crillon, daß es blos auf eine ſolche abgeſehen geweſen ſei. Crillon zog ſeine Hoſen mit derſelben Ruhe, womit er ſie angelegt hatte, wieder aus, ſagte aber dabei zu dem jungen Herzog: „Harnibieu! Du haſt ein gefährliches Spiel ge⸗ ——— 95 ſpielt, mein Sohn, wenn du mich ſchwach gefunden hätteſt, ſo würde ich Dich erdolcht haben.“ ierauf ging er wieder ins Bett, zog die Decke bis an ſeine Naſe herauf und ſchlief von Neuem ein. Crillon war Gascogner wie Heinrich IV und vielleicht noch ein ächterer. Heinrich 1V behauptete blos, daß er vom heiligen Ludwig abſtamme, wäh⸗ rend Crillon, der von Balbez von Erillon abſtammte, ſein Geſchlecht bis auf Balbus hinaufführte. Er hatte niemals das Tanzen lernen wollen, denn als ſein Lehrer in der erſten Stunde zu ihm ſagte:„Bücket Euch! weichet zurück!“ da ant⸗ wortete er: „Harnibieu, Herr Tanzmeiſter, das werde ich nicht thun. Crillon wird ſich niemals bücken und niemals zurückweichen.“ Er war ein eifriger Katholik und legte einen öffentlichen Beweis davon ab. Als er einmal an einem Paſſionstag in der Kirche war und der Prie⸗ ſter die Kreuzigung Chriſti ſchilderte, da gerieth Crillon über die Leiden des Heilandes in den größ⸗ ten Zorn. „Harnibieu!“ rief er,„Herr Jeſus Chriſtus, welch ein Unglück für Euch, daß Crillon nicht da war; man würde Euch nie gekreuzigt haben.“ ls Heinrich nach Lyon kam, um Marig von Medici zu empfangen, ſtellte er Crillon der zukünf⸗ tigen Königin mit den Worten vor: „Madame, ich präſentire Euch den erſten Feld⸗ herrn der Welt.“ „Ihr habt gelogen, Sire,“ antwortete Crillon, „Ihr ſeids.“ 96 Er ſtarb am 2. Dezember 1615. Am dritten öffneten ihn die Aerzte; er hatte zweiundzwanzig Wunden auf dem Leib und ſein Herz war doppelt ſo groß als bei andern Menſchen. Kommen wir zu dem König zurück, der ſich zum Vorwurf zu machen hatte, daß er Crillon nicht zum Marſchall von Frankreich erhoben. Freilich hatte Crillon nebſt Sully verhindert, daß Gabriele Köni⸗ gin wurde. Wir haben von Heinrichs IV Beſuch bei ſeiner Tante, der Frau von Montpenſier, geſprochen. Er beſuchte auch ſeine andere Tante, Frau von Conds, Wittwe des bei Jarnac gefallenen Prinzen. Sie war ausgefahren und da Niemand es ihm ſagte, ſo ging er bis in ihr Schlafzimmer. Herr von Noailles kam eben heraus und hatte auf dem Bett folgende Zeilen zurückgelaſſen: Biſt Du, o Göttin, von mir fern, So bin ich ein armſelger Wicht. Heinrich ergriff eine Feder und vollendete den Vers folgendermaßen: Die Tante hat die Menſchen gern, Drum nenne, Freund, ſie Göttin nicht. Sodann entfernte er ſich. Es handelte ſich jetzt um Unterweiſung des Kö⸗ nigs in der katholiſchen Religion. Herr Duperron, Biſchof von Evreux, erhielt dieſen Auftrag, der immer ſchwierig iſt, aber bei einem geiſtreichen Mann wie Heinrich 1V noch ſchwieriger ſein mußte, als bei jedem Andern. N 5— 97 Der Biſchof begann ſeinen Unterricht mit der Erklärung der Hölle Heinrich IV ſchien den Worten des Prälaten große Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Dieß ermuthigte den geiſtlichen Herrn. „Sire,“ ſagte er,„wir kommen jetzt ans Feg⸗ feuer.“ „Das iſt unnöthig,“ antwortete der König. „Warum?“ fragte der Biſchof. „Ich weiß was es iſt 36 wie, Sire, Ihr wißt was das Fegfeuer iſt?“ R „Nun, was iſt es denn?“ „Hochwürbiger Herr,“ ſagte der König,„es iſt das Brod der Mönche; berühren wir es nicht.“ Der Unterricht wurde nicht fortgeſetzt. Auch galt Heinrich IV niemals für einen ſehr eifrigen Katholiken. Gleichwohl trug ſich in einem Krieg gegen den Herzog von Savoyen, wo Heinrich 17 perſönlich Montmeillant belagerte, Folgendes zu: Der König ſtand nebſt Sully hinter einem Felſen und leitete die Arbeiten der Artillerie, als eine Kanonenkugel aus der Stadt an dem Felſen anprallte und ihn theilweiſe zerſplitterte. „Ventre-saint-gris!“ rief Heinrich, indem er ſich bekreuzte. „Ah Sire,“ ſagte Sully,„jetzt ſoll mir Niemand mehr behaupten wollen, Laß Ihr kein guter Ka⸗ tholit ſeid.“ Als er ſich zu dieſer Belagerung begab, hatte er in einem kleinen Dorf angehalten, um zu diniren. Dumas, Heinrich 1V. 7 98 Da Sully eben damit beſchäftigt war den Marſch der Artillerie anzuordnen, und der König ſah, daß er allein ſpeiſen mußte, ſo ſagte er: „Man hole mir denjenigen Mann aus dem Dorf, der für den witzigſten gilt.“ Fünf Minuten ſpäter führte man ihm einen Bauern mit ſchelmiſchen Augen und ſpöttiſchem Munde vor. „Tritt näher,“ ſagte der König zu ihm. „Hier bin ich, Sire.“ „Setz Dich dorthin.“ Heinrich deutete auf einen Stuhl, der auf der andern Seite des Tiſches ſtand. „Zu Befehl,“ ſagte der Bauer, indem er ſich ſetzte. „Wie heißeſt Du?“ „Gaillard(luſtiger Kautz).“ „Ah, ah! und was iſt für ein Unterſchied zwiſchen Gaillard und Paillard(Mädchenjäger)?“ „Sire, der ganze Abſtand zwiſchen Beiden be⸗ ſteht in der Breite eines Tiſches.“ „Ventre-saint-gris!“ ſagte der König,„ich habe genug; ich hätte nicht geglaubt, daß ich in einem ſo kleinen Dörfchen ſo viel Witz finden ſollte.“ Als er bei der Rückkehr von dieſem Feldzug durch eine Stadt kam, wohin er ſeine Fouriere vorausgeſchickt hatte, um ihm ein Mahl zu beſtellen, wurde er plötzlich durch eine Deputation aufgehalten, an deren Spitze der Bürgermeiſter ſtand. „Ventre-saint-gris!“ ſagte er,„nichts konnte mir in dieſem Augenblick ungelegener kommen als ſch aß em len em der ſich re n, n, tte 99 eine lange Rede; doch gleichviel, man muß ſich ge⸗ dulden.“ Und er hielt ſein Pferd an. Der Bürgermeiſter kam dicht zu ihm und ſank auf ein Knie; in ſeiner Hand hielt er ein großes Stück Papier, worauf die zu verleſende Rede ſtand. Aber der würdige Beamte hatte ſeinen Platz ſchlecht gewählt: ſein Knie kam auf einen Kieſelſtein, der ihm ſo wehe that, daß er nicht an ſich zu halten vermochte. „Zum Teufel!“ ſagte er. „Gut,“ ſagte Heinrich IV,„laſſen wirs dabei bewenden, mein Freund: Alles was Ihr noch hinzu⸗ fügen könntet würde den Eindruck dieſer erſten Worte nur verwiſchen. Gehen wir zu Tiſche.“ Heinrich 1V liebte die kurzen Reden. „Die langen Reden,“ ſagte er,„haben mir meine grauen Haare gemacht.“ Nach Tiſch lud ber Bürgermeiſter den König ein die Stadt zu beſuchen. Der König, der eine Stunde vor ſich hatte, entſchloß ſich zu dem vorge⸗ ſchlagenen Spaziergang. An einer Straßenecke fand er ſich einem alten Weib gegenüber, das an einer Mauer niederge⸗ ſaß. Als ſie den König ſah, wollte ſie auf⸗ „Bleibt, bleibt, meine Liebe,“ ſagte er,„ich will lieber das Huhn ſehen als das Ei.“ Während der Belagerung von la Rochelle hörte er erzählen, daß ein Krämer durch ſeinen Verkehr mit dem böſen Geiſt eine Mandeglore erlangt und mit ihrer Hülfe Glück gemacht habe. h 100— wurden die andern Kaufleute neidiſch und gaben Heinrich lV zu verſtehen, er würde ein gutes Werk thun, wenn er ihren Collegen als Hexenmeiſter verurtheilen und verbrennen ließe. Des Bearners Ruf als guter Katholik könne dabei nur gewinnen. Unglücklicherweiſe glaubte Heinrich IV nicht ſo leicht an all dieſe Zaubereigeſchichten, und als man ihn eines Tags dringend um ſeine Entſcheidung in Betreff dieſes Mannes erſuchte, deſſen ſchnell erwor⸗ bener Reichthum für die Stadt ein Stein des An⸗ ſtoßes war, verſprach er eine beſtimmte Antwort auf den folgenden Tag. Die Eiferer kommen. „Nun wohl, Sire, hat Euer Majeſtät ſich eine beſtimmte Meinung gebildet?“ „Ja,“ antwortete Heinrich IV,„heute Nacht um zwölf Uhr habe ich Jemand fortgeſchickt, der bei Eurem Kollegen anklopfen und ein Talglicht um drei Heller kaufen mußte. Der Mann iſt aufge⸗ ſtanden, hat ſeine Thüre geöffnet und das Talglicht verkauft. Sehet, das iſt ſein Zaubermittel Er er⸗ greift jede Gelegenheit um Etwas zu verdienen, und deßhalb ſtehen ſeine Geſchäfte ſo gut.“ Heinrich IV begriff die Rechtſchaffenheit bei An⸗ dern um ſo beſſer als er ſelbſt von Natur eine unwiderſtehliche Neigung zum Stehlen hatte. Er konnte es ſich nicht verſagen alle koſtbaren Gegen⸗ ſtände, die er vor ſich ſah, und ſogar Geld zu neh⸗ men und in ſeine Taſche zu ſtecken; aber noch an demſelben oder ſpäteſtens am folgenden Tag ſchickte er Alles zurück. ben erk iſter ers nen. nan in vor⸗ An⸗ vort eine um bei fge⸗ licht er⸗ und An⸗ eine Er gen⸗ neh⸗ n ickte 101 „Wäre ich nicht König geweſen,“ ſagte er oft, „ſo wäre ich ganz ſicherlich gehenkt worden.“ ein Aeußeres war nicht ſehr vortheilhaft, ja ſogar etwas gemein und rechtfertigte den Ausruf Gabrieles, als ſie ihn in Bauernkleidern ſah:„Ah Sire, wie häßlich Ihr ſeid!“ Louiſe de[Hopital, die Freundin des hübſchen Königs Heinrich 111, wurde über den Eindruck be⸗ fragt, welchen der neue König, den ſie eben zum erſtenmal geſehen, auf ſie gemacht habe. „Ich habe den König geſehen,“ antwortete ſie, „aber ich habe Seine Majeſtät nicht geſehen.“ Wenn er ein zerfallendes Haus bemerkte, pflegte er zu ſagen: „Dieſes gehört mir oder der Kirche.“ —— V. Heinrichs Liebe zu Gabriele nahm nicht nur nicht ab, ſondern ſteigerte ſich vielmehr dermaßen, daß die Freunde des Königs, wie wir bereits ge⸗ ſagt haben, ernſtlich fürchteten, er möchte die Thor⸗ heit begehen ſie zu heirathen. Im Juni 1594 hatte ſie ihm einen Sohn geborkn, den er aus Gründen nicht Alexander, ſondern Cäſar taufen ließ. Der König war hocherfreut darüber und gab jetzt ſeiner Maitreſſe einen andern Namen, denn ſie hatte bisher den Namen Liancourt beibehalten, as Einzige was ſie von ihrem Gemahl empfangen hatte. Sie erhielt jetzt den Titel Marquiſe von Monceaux. 102 Von dem Augenblick an wo Gabriele ihrem Ge⸗ liebten einen Sohn geſchenkt hatte, begann ſie ſich dem ſchönen Traum hinzugeben, daß ſie eines Tags Königin von Frankreich werden könnte. Bei dieſer Hoffnung ſtützte ſie ſich mit dem einen Arm auf ihre Tante, Frau von Sourdis, mit dem andern auf Herrn von Chiverny, Kanzler von Frankreich. Ihre Ehe mit Herrn von Liancourt war ein Hinderniß, das unüberſteiglich ſchien. Sie ließ zu⸗ erſt die Trennung, dann die Nichtigkeit ausſpr echen. Der König ſeinerſeits that Schritte, um von Margareth die Einwilligung in eine Eheſcheidung zu erlangen. Inzwiſchen wurde Cäſar von Vendome kraft einer im Parlament von Paris eingetragenen Ur⸗ kunde legitimirt. Zur Belohnung für dieſe Güte des Königs brach Gabriele gänzlich mit Bellegarde. Im Uebrigen war ihr Einfluß in zwei Bezie⸗ hungen günſtig geweſen. Sie hatte den König zur Abſchwörung bewogen, ſie veranlaßte ihn, daß er Sully zum Finanzminiſter ernannte. Die Finanzen waren Franz von O übergeben und gediehen, nach beifolgendem Brief Heinrichs 1V zu ſchließen, nicht ſonderlich in ſeinen Händen. Als der König vor Amiens lag, ſchrieb er an Sully: „Mein lieber Sully, ich befinde mich in der Nähe des Feindes, und doch beſitze ich eigentlich kein einziges tüchtiges Schlachtroß und nicht einen einzigen vollſtändigen Harniſch, den ich anziehen könnte. Meine Hemden ſind gänzlich zerriſſen, aus — an er ich en en 103 meinen Wämſern ſehen die Ellenbogen hervor; meine Töpfe ſtehen häufig ganz leer, und ſeit zwei Tagen dinire und ſoupire ich bald bei Dieſem bald bei Jenem, denn meine Lieferanten erklären, ſie kön⸗ nen nichts mehr für meine Tafel anſchaffen, da ſie ſeit länger als ſechs Monaten kein Geld erhalten haben.“ Bald darauf wurde Sully zum Finanzminiſter ernannt. Gabriele gebar noch zwei Kinder: Catharina Henriette, die als franzöſiſche Prinzeſſin legitimirt und ſpäter Herzogin von Elbeuf wurde, und Ale⸗ rander von Vendome, den nachmaligen Großprior von Frankreich. Dieſe Belagerung von Amiens war höchſt uner⸗ wartet gekommen. Am 12. März 1597, am Vor⸗ abend von Mitfaſten, während der König auf einem Ball mit der Marquiſe tanzte, meldete man, Amiens ſei von den Spaniern überrumpelt worden. Na⸗ türlich unterbrach dieſe Nachricht den Ball. Der König ſtand einen Augenblick nachdenklich da, dann aber faßte er ſchnell ſeinen Entſchluß und ſagte: „Ich habe lang genug den König von Frank⸗ reich geſpielt; es iſt Zeit, daß ich wieder den König von Navarra ſpiele.“*) Da die Marquiſe weinte, fügte er hinzu: „Ja es iſt ſo, Geliebte, ich muß die Waffen er⸗ greifen und wieder Krieg führen.“ Napoleon 1 ſagt etwas Aehnliches bei Montereaur:„Vor⸗ wärts, Bonaparte, rette Napoleon!“ Er brach auf und am 25. September 1597 war Amiens wieder genommen. Während dieſer Belagerung, am 10. Juni 1597, erhob Heinrich IW Gabriele zur Herzogin von Beau⸗ fort. Wir haben geſagt, daß Gabriele ihren guten Antheil an der Bekehrung Heinrichs 1V gehabt habe. Einige Tage vorher ſchrieb ihr Liebhaber folgenden Brief an ſie: „Ich bin früh am Abend angekommen und Dieugard hat mich beläſtigt bis ich zu Bette ging: wir glauben an den Waffenſtillſtand und daß er heute abgeſchloſſen werden ſoll. Uebrigens ſtehe ich den Liguiſten als ungläubiger Thomas gegenüber und will heute früh anfangen mit den Biſchöfen zu ſprechen. Außer dem Geleite, das ich Euch geſtern ſchickte, ſende ich Euch noch fünfzig Büchſenſchützen, die ſo gut ſind wie Küraſſiere. Da ich die zuver⸗ läſſige Hoffnung habe Euch morgen zu ſehen, ſo kann ich mich heute kurz faſſen. Am Sonntag werde ich den gefährlichen Sprung thun. In die⸗ ſem Augenblick liegen mir hundert überläſtige Ge⸗ ſellen auf dem Hals, die mir St. Denis verhaßt machen werden, wie Ihr es oft thut. Guten Tag, mein Herz! Kommt morgen bei guter Zeit, denn es iſt mir als hätte ich Euch ſchon ein ganzes Jahr nicht geſehen. Ich küſſe millionenmal die ſchönen Hände meines Engels und den Mund meiner theu⸗ ren Geliebten. Am 23. Juli.“ Einige Tage nach der Geburt Cäſars ſchrieb er ihr wie folgt: S S— S—————— ar 7, Uu⸗ en e. en ch er zu n ſo de e⸗ e⸗ ßt g, in r n 1⸗ 105 „Mein theures Herz, ich weiß für Euch nichts Keues, als daß ich geſtern die Heirathsangelegen⸗ heit meines Vetters wieder aufgenommen habe und daß alle Verträge ausgefertigt worden ſind. Ich ſpielte geſtern bis um Mitternacht Reverſino. Dieß ſind alle Nachrichten aus St. Germain„ mein holder Schatz. Ich ſehne mich ungemein nach Euch, werde Euch aber wohl vor Eurem Kirchgang nicht zu ſehen bekommen, denn ich kann mein gewohntes Leben noch nicht beginnen, weil der ſavoyiſche Ge⸗ ſandte, der mir den Frieden beſchwören ſoll, erſt am Samſtag kommt. Mein theurer Schatz, liebet mich immer recht und ſeid verſichert, daß Ihr im⸗ mer die Einzige ſein werdet, die meine Liebe beſitzt. Mit dieſer Betheurung küſſe ich Euch und den klei⸗ nen Jungen millionenmal. Den 14. November.“ Schließen wir unſere Proben von Heinrichs IV Liebesbriefſtyl mit folgendem Billet, für deſſen Ver⸗ faſſer man ſicherlich weit eher Herrn von Scudery als den Sieger von Coutras und von Jvry halten möchte. „Mein theures Herz, ich bin mit der Schnellig⸗ keit eines Hirſches hiehergeeilt und um vier Uhr eingetroffen. Ich bin in meiner kleinen Wohnung abgeſtiegen, wo es wunderſchön iſt. Meine Kinder ſind da zu mir gekommen oder vielmehr man hat ſie mir gebracht. Meine Tochter gedeiht ſehr und wird ſchön; aber mein Sohn wird noch ſchöner wer⸗ den als ſein älterer Bruder. Ihr beſchwört mich, meine Theuerſte, daß ich eben ſo wiel Liebe zurück⸗ bringen möge als ich zurückgelaſſen habe. Ach 106 welche Freude gewährt Ihr mir, denn ich habe ſo viel Liebe genoſſen, daß ich alle mitgenommen zu haben glaubte und daher meinte, es ſei Euch keine übrig geblieben. Ich bin müde und will mich jetzt mit Morpheus unterhalten; aber wenn er mir einen andern Traum vorführt als Euch, ſo werde ich ſeine Geſellſchaft für immer fliehen. Gute RNacht für mich, guten Tag für Euch, meine theure Geliebte! Ich küſſe millionenmal Eure ſchönen Augen.“ Jetzt nur noch einen einzigen Brief, aber dieſer ſoll gewiß der letzte ſein. „Mein ſchönes Liebchen, zwei Stunden nach der Ankunft dieſes Briefes werdet Ihr einen Reiter ſehen, der Euch ſehr liebt und den man König von Frankreich und Navarra nennt, ein zwar ehrenvoller aber mitvielen Mühſalen verbundener Titelz der Titel eines Unterthans von Euch iſt unendlich angeneh⸗ mer. Im Uebrigen ſind alle Drei gut, in welche Sauce man ſie auch legen mag, und ich bin ent⸗ ſchloſſen ſie Niemand abzutreten. Ich habe aus Eurem Brief erſehen, daß Ihr Euch beeilt, um nach St. Germain zu kommen. Es freut mich ſehr, daß Ihr meine Schweſter lieb habt; dieß iſt einer der ſicherſten Beweiſe, den Ihr mir von Eurer Huld geben könnet, welche mir theurer iſt als mein Le⸗ ben, denn auch ich liebe ſie ſehr. „Guten Tag, mein Alles; ich küſſe Eure ſchönen Augen millionenmal. „Aus unſerer herrlichen Einöde in Fontainebleau den 12. September.“ Man ſieht wie verliebt der König in Gabriele war. Er unterhandelte mit der römiſchen Curie e e 107 wegen der Auflöſung ſeiner Ehe mit Margareth; er beſtürmte dieſe in die Eheſcheidung zu willigen, aber ſie weigerte ſich hartnäckig und Heinrich ſei⸗ nerſeits war entſchloſſen ſich über Alles hinwegzu⸗ ſetzen. Man erklärte Heinrich von Bourbon, Prinzen von Conds, als Baſtard; der Graf von Soiſſons wurde Kardinal und man gab ihm dreimalhundert⸗ tauſend Thaler Rente in Pfründen. Franz von Bourbon, Prinz von Conti, hatte Johanna von Coöme, Gräfin von Montafix, Mutter der Gräfin von Soiſſons, geheirathet, die aber keine Kinder mehr bekommen konnte. Endlich ſollte der Mar⸗ ſchall von Biron die Tochter der Frau von Eſtrees heirathen, die ſpäter Frau von Sauzay wurde. Und dennoch fehlte es dem König weder von oben noch von unten an Warnern. Eines Abends, als er in ſehr einfacher Tracht und ohne andere Begleitung als zwei oder drei Edelleute von der Jagd zurückkam, ließ er ſich vom Quais Malaquais, da wo jetzt die Brücke der Saints⸗ Peres iſt und wo ſich ehemals eine Fähre befand, über den Fluß ſetzen. Es war im Jahr 1598, man hatte kaum erſt den Frieden von Verviers un⸗ terzeichnet. Als der König ſah, daß der Fährmann ihn nicht kannte, fragte er ihn, was man von dem Frieden halte? „Ei wahrhaftig,“ ſagte der Fährmann,„ich weiß nicht was dieſer ſchöne Friede bedeutet, aber ſo viel weiß ich, daß man auf Alles Steuern legt, 108 ſogar auf dieſes armſelige Schiffchen da, mit dem ich mich mühſelig durchſchlage.“ „Ei wie,“ verſetzte Heinrich,„wird denn der König nicht in all dieſe Geſchichten Ordnung brin⸗ gen?“ „Bah,“ antwortete der Fährmann,„der König iſt ein ganz guter Teufel, aber er hat eine Maitreſſe, die ſo viel ſchöne Kleider und Flitterſtaat braucht, daß das Ding gar kein Ende nimmt.. Und das Alles müſſen wir bezahlen.“ Dann fügte er in ſehr mitleidigem Tone hinzu: „Ich wollte mir's noch gefallen laſſen, wenn ſie ihm allein gehörte, aber man ſagt, ſie careſſire mit noch vielen Andern.“ Der König lachte. War dieſes Lachen aufrich⸗ tig gemeint oder war es erzwungen? Wir ſind nicht tief genug in die Geheimniſſe der königlichen Eiferſucht eingeweiht, um über dieſe Frage zu entſcheiden. Aber jedenfalls ließ er am folgenden Tag den Fährmann rufen urd befahl ihm alles Das vor der Herzogin von Beaufort noch einmal zu ſagen. Der Fährmann wiederholte Alles und vergaß kein Wort. Die Herzogin war wüthend und wollte ihn hängen laſſen. Aber Heinrich zuckte die Achſeln und ſagte: „Ihr ſeid nicht geſcheidt. Er iſt ein armer Schlucker, welchen das Elend in üble Laune ver⸗ ſetzt. Ich befehle, daß er für ſein Schiff nichts mehr zu bezahlen habe, und ich ſtehe Euch dafür, von morgen an wird er nichts anderes ſingen als: Es lebe Heinrich 1V und die holdſelige Gabriele!“ Und der Fährmann verließ den Louvre mit ei⸗ ———— 50—-— 109 nem Beutel, der fünfundzwanzig Goldthaler ent⸗ hielt, ſo wie mit der Steuerfreiheit für ſein Schiff. Etwas quälte indeß die Herzogin weit mehr als alles Gerede von Fährleuten: die Horoſcope, die ſie ſich über ihr Glück hatte ſtellen laſſen und die ſämmtlich zum Verzweifeln ungünſtig kauteten. Die Einen ſagten, ſie würde ſich nicht mehr verhei⸗ rathen; die Andern, ſie würde jung ſterben; Dieſe, ein Kind würde ſie um alle Hoffnung bringen; Zene, eine Perſon, der ſie ihr ganzes Vertrauen ſchenke, würde Ihr einen böſen Streich ſpielen. Je näher ihr Glück den Andern ſchien, um ſo unſicherer erſchien es ihr ſelbſt, und Gratienne, ihre vertraute Zofe, ſagte zu Sully: „Ich weiß nicht was meine Gebieterin hat, aber ſie weint und ſeufzt immer die ganze Nacht.“ Und gleichwohl ſchickte Heinrich ſeinem Geſand⸗ ten in Rom, Herrn von Sillery, die dringendſten Befehle zu; ja er drohte ſogar Frankreich prote⸗ ſtantiſch zu machen, wenn man ſeine Ehe nicht auf⸗ löſe; zugleich ſchickte er Margareth einen Curier um den andern und bedrohte ſie mit einem Ehe⸗ bruchsprozeß, im Fall ſie auf die Scheidung nicht einginge. Mitlerweile wurde Gabriele von Neuem ſchwan⸗ ger. Sie war mit dem König in Fontainebleau; das Oſterfeſt nahte heran; der König erſuchte ſie daſſelbe in Paris zu begehen, damit das Volk, welches ſie, man weiß nicht warum, für eine Hu⸗ genottin hielt, keine Veranlaſſung hätte über ſie zu murren. Auch ihr Beichtvater, René Benoit, re⸗ 110 dete ihr dringend zu, ſie möchte zu dieſer Feier nach Paris zurückkehren. Es wurde alſo beſchloſſen, daß die zwei Lieben⸗ den ſich auf vier oder fünf Tage trennen und un⸗ mittelbar nach den Oſterfeiertagen wieder zuſammen⸗ treffen ſollten. Eine ſo kurze Abweſenheit war ſehr wenig für Leute, die ſo oft von einander getrennt geweſen, und gleichwohl hat es nie einen ſchmerzlicheren Ab⸗ ſchied gegeben. Es war, als läge irgend eine To⸗ desahnung ſchwer auf ihnen, und als ſagte eine Grabesſtimme in ihren Herzen, daß ſie einander nicht wiederſehen ſollten. Sie konnten ſich nicht entſchließen auseinanderzugehen; ſie trennten ſich; Gabriele machte zwanzig Schritte und kam dann zurück, um dem König ihre Kinder, ihre Diener⸗ ſchaft, ihr Haus in Monceaux zu empfehlen; hier⸗ auf nahm der König Abſchied von ihr und nun war er es, der ſie zurückrief. Heinrich begleitete ſie über eine Meile weit und kehrte dann ganz trau⸗ rig nach Fontainebleau zurück, während Gabriele W minder traurig und troſtlos ihren Weg fort⸗ etzte. Sie kam enblich in Paris an. In ihrem Ge⸗ folge hatte ſie Heinrichs 1V Kammerdiener, einen gewiſſen Fouquet, genannt la Varenne. Er war der vertraute Vermittler der Liebſchaften des Kö⸗ nigs und ſpielte bei ihm dieſelbe Rolle, welche Le⸗ bel bei Ludwig XV ſpielte. Der Unglückliche äng⸗ ſtigte ſich halb zu Tod, weil eine zahme Elſter, die er reizte, ihn ſtatt bei ſeinem Familiennamen Fou⸗ quet oder bei ſeinem Zunamen la Varenne zu nen⸗ 111 nen, mit einem Fiſchnamen anrief. Es ſcheint, daß die gelehrte Elſter im Ganzen genommen keinen ſo ſchrecklichen Irrthum beging wie der Affe Lafontai⸗ nes, der den Piräus für einen Menſchennamen ge⸗ halten hatte. In Paris ſtieg Gabriele, man weiß nicht war⸗ um— die großen Kataſtrophen haben ihre Myſte⸗ rien— nicht in ihrer eigenen Wohnung, ſondern bei Sebaſtian Zamet ab. Wie kam es doch, daß wir in unſerer Schilde⸗ rung vom Privatleben des Königs dieſen reichen Anhänger Seiner Majeſtät ganz übergangen haben? Wir begreifen es ſelbſt nicht. Sebaſtian Zamet, Vater eines franzöſiſchen Ge⸗ nerals und eines Biſchofs von Langres, war, ſagt man, unter Heinrich III Schuſter geweſen. Er ſtammte aus Lucca. Sein jovialer Charakter und ſeine florentiniſchen Scherze verſchafften ihm Zutritt bei Heinrich IW. Er was man in der damaligen Zeit in Paris einen Partiſan, wie früher in Jeru⸗ ſalem einen Phariſäer nannte. Beim Heirathscontract einer ſeiner Töchter fragte der Notar verlegen, welchen Titel er für ihn einſchreiben ſolle. „Schreibt Herr von ſiebenzehnmalhunderttau⸗ ſend Thalern,“ ſagte Zamet. Der König liebte ihn, wie wir bereits geſagt haben, und ſoupirte mit ſeinen Freunden und Mai⸗ treſſen oft bei ihm. Er nannte ihn ſchlechtweg Baſtian. Gabriele ſtieg alſo nicht in ihrem eigenen Hotel, wo ſie ohne Zweifel nicht erwartet wurde, ſondern bei Sebaſtian Zamet ab. 112 Es war am Gründonnerſtag. Zamet ſchien hoch erfreut über die große Ehre, die Gabriele ihm erwies; er ließ ein köſtliches Mahl anrichten und bereitete mit eigener Hand die Lieb⸗ lingsſpeiſen der Herzogin. 6 Nachmittags ging ſie in die Rumpelmette, die mit feierlicher Muſik in der Kirche Petit⸗St. Antoine gehalten werden ſollte. Sie begab ſich dahin in einer Sänfte, neben welcher ein Garde⸗ capitän ging. Man hatte ihr eine Kapelle vorbe⸗ halten, damit ſie weder zu ſehr gedrängt, noch zu ſehr geſehen werden ſollte. Fräulein von Guiſe war bei ihr, und während des Gottesdienſtes zeigte ihr die Herzogin Briefe aus Rom, worin verſichert wurde, daß die Scheidung des Königs von Marga⸗ reth demnächſt erfolgen ſolle, wie auch zwei Briefe, die ſie an demſelben Tag von dem König erhalten hatte. Dieſe Briefe waren vielleicht die feurigſten und leidenſchaftlichſten, welche Heinrich IV der Her⸗ zogin von Beaufort jemals geſchrieben. Er meldete ihr, daß er unverzüglich Herrn von Fresnes mit neuen Befehlen nach Rom ſchicken würde. Als ſie nach der Rumpelmette aus der Kirche ging, lehnte ſie ſich auf den Arm der Frau von Guiſe und ſagte zu ihr: „Ich weiß nicht was ich habe, aber ich fühle mich unwohl.“ Beim Einſteigen in ihre Sänfte ſagte ſie! „Habt die Güte und leiſtet mir heute Abend ein wenig Geſellſchaft.“ Sie ließ ſich zu Zamet zurückbringen und wollte, da ſie ſich etwas beſſer fühlte, einen Spaziergang Kit get 7— N—— ——— vX— P 113 in den Gärten machen; aber während deſſelben trat eine neue Kriſis ein. Jetzt erhob ſie, wie wenn auf einmal ein Blitz ihren Geiſt erleuchtet hätte, ein großes Geſchrei und verlangte, daß man ſie von Zamet hinwegſchaffe und zu ihrer Tante, Frau von Sourdis, ins Kloſter St. Germain bringe; was man zu thun genöthigt war, ſagt la Varenne zu Sully, weil ſie das hef⸗ tigſte Verlangen ausdrückte aus dem Hauſe des Herrn Zamet wegzukommen. Sobald die Herzogin zu Frau von Sourdis kam, ließ ſie ſich entkleiden. Sie klagte über ſtarkes Kopfweh. Während man ſie entkleidete, bekam ſie Krämpfe, von denen ſie nur durch eine Menge von Mitteln befreit wurde. Als ſie wieder zu ſich kam, ver⸗ langte ſie Feder und Tinte, um an den König zu ſchreiben, aber ein neuer Krampfanfall verhinderte ſie daran. Als ſie abermals zur Beſinnung kam, nahm ſie einen ſo eben angekommenen Brief vom König ent⸗ gegen— es war der dritte, den ſie ſeit geſtern er⸗ hielt— ſie wollte ihn leſen, wurde aber zum drit⸗ ten Male von Krämpfen befallen, die immer hef⸗ tiger wurden. Am Freitag machte ſie eine Fehlgeburt: das Kind hatte vier Monate. Am Freitag Abend verlor ſie das Bewußtſein. Gegen eilf Uhr ſtarb ſie. Auf dieſe Art gingen die vier weiter oben mit⸗ getheilten Prophezeiungen in Erfüllung. Nach ihrem Tod war ſie, ſagt Mezeray, ſo Dumas, Heinrich WW. 8 1¹4 häßlich und ihr Geſicht dermaßen entſtellt, daß man ſie nicht ohne Schauder anſehen konnte. Ihre Feinde nahmen daher Veranlaſſung dem Volk weiß zu machen, der Teufel habe ſie in dieſen Zuſtand ver⸗ ſetzt, weil ſie ſich ihm verſchrieben habe, um ganz allein die Gunſt des Königs zu beſitzen, und nun habe er(wohlverſtanden der Teufel) ihr den Hals gebrochen. Die Veranlaſſung zu dieſem Mährchen gab der königliche Leibarzt Riviere, der, nachdem er ſie an⸗ geſchaut hatte, die Unvorſichtigkeit beging beim Hinausgehen zu ſagen: „Hic est manus Pomini(hier iſt die Hand des Herrn).“ Im Uebrigen erzöhlte man ſich zur ſelben Zeit etwas ganz Aehnliches von Louiſe von Bude, der zweiten Gemahlin Heinrichs von Montmorency. Sully ſpricht ſich in ſeinen Memoiren folgender⸗ maßen über ſie aus: „Sie befand ſich, ſagt man, in Geſellſchaft, als man ihr meldete, ein Edelmann von hübſchem Aeu⸗ ßern, jedoch von ſchwarzer Hautfarbe und ditto Bart ſei da und verlange ſie in einer wichtigen Angele⸗ genheit zu ſprechen. Sie ſchien betreten und ließ ihm in größter Beſtürzung ſagen, er möchte ein andermal wiederkommen. Da antwortete er, wenn ſie nicht komme, ſo werde er ſie holen. Sie mußte alſo ihre Geſellſchaft verlaſſen und verabſchiedete ſich mit thränenden Augen, wie wenn ſie einem ſichern Tod entgegenginge, von ihren Freundinnen. Sie ſtarb auch wirklich nach einigen Tagen und ihr Geſicht und ihr Hals waren umgedreht. Dieſes — nan inde zu ver⸗ n nun als der an⸗ eim des Zeit der nch. der⸗ als Aeu⸗ Bart gele⸗ ließ ein venn ußte edete inem inen. und ieſes wiiiiccict 11⁵ Währchen,“ fügt Sully hinzu,„kommt aus dem Munde der drei Damen, von denen Frau von Montmorency ſich verabſchiedet hatte.“ An Gabrieles Todestag befand ſich Heinrich 1V, wie wir bereits geſagt haben, in Fontainebleau. Bei der erſten Rachricht von ihrem Erkranken ſchwang er ſich auf ſein Pferd und jagte ſporn⸗ ſtreichs davon. In Villejuif ſtieß er auf einen Curier, welcher ihm den Tod der Herzogin zu“ melden hatte. Seine Begleiter Ornano, Roquelaure und Frontenac hielten ihn jetzt zurück und brachten ihn nach der Abtei Sauſſaie oberhalb Villejuif, wo er ſich auf ein Bett warf und den heftigſten Schmerz an den Tag legte. Einige Stunden nachher kam eine Caroſſe aus Paris für ihn an, er ſtieg hinein und fuhr nach Fontainebleau zurück, wohin die vornehmſten Herren des Reiches jetzt kamen. Aber als Heinrich IV in den großen Saal des Schloſſes trat, ſagte er: „Meine Herren, ich bitte die Geſellſchaft nach Paris zurückzukehren und um Troſt für mich zu beten.“ Die Edelleute entfernten ſich unter tiefen Ver⸗ beugungen. Der König behielt nur Bellegarde, den Grafen Lude, Terme, Caſtelnau de la Chaloſſe, Monglat und Frontenac bei ſich. Und als Baſſompierre, welcher die Herzogin von Beaufort zu Waſſer von Fontainebleau nach Paris geführt hatte, mit den Andern abtreten wollte, da hielt der König ihn zurück und ſagte: „Baſſompierre, Ihr ſeid zuletzt bei meiner Ge⸗ 8 116 liebten geweſen. Bleibt jetzt auch bei mir und er⸗ zählet mir von ihr.“ „Ich blieb alſo ebenfalls,“ ſagt Baſſompierre, „und ſo waren wir fünf oder ſechs Tage beiſammen, ohne daß die Geſellſchaft ſich vergrößerte, außer daß einige Cendte kamen, um den König zu tröſten, die jedoch bald wieder abreisten.“ Nach Verfluß von acht Tagen behielt Heinrich IV nur noch Buſſy, Zamet und den Herzog von Retz bei ſich. Letzterer ſagte, nachdem er einige Klagen von dem König angehört, beinahe lachend zu ihm: „Ci wahrhaftig, Sire, am Ende glaube ich doch in dieſem Tod eine Fügung des Himmels erblicken zu müſſen.“ „Eine Fügung des Himmels und warum denn?“ fragte Heinrich IV. „Ei ſo denkt doch an die Abſcheulichkeit, die Ihr begehen wolltet, Sire.“ „Welche Abſcheulichkeit?“ „Dieſes Frauenzimmer zu heirathen. Fräu⸗ lein von Eſtrees zur Königin von Frankreich zu machen. Oh ich erkläre Euch zum zweitenmal, daß die Vorſehung uns hier eine große Gnade erwie⸗ ſen hat.“ Der König ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt ſinken und ſann einige Zeit nach. Sodann richtete er ſeinen Kopf wieder auf und ſagte: „Am Ende habt Ihr doch vielleicht Recht, Her⸗ zog, und mag es nun eine Gnade oder eine Prü⸗ M ch en P U⸗ zu aß e⸗ en 117 fung ſein, ſo glaube ich, daß ich jedenfalls Gott danken muß.“ Und er dankte Gott und tröſtete ſich, ſagt der Verfaſſer der Liebeshändel des großen Ale⸗ rander, ſo gut, daß er ſich drei Wochen ſpäter in Fräulein von Entragues verliebte. Ueber den Tod der armen Gabriele erfuhr man nichts Näheres, nur beſtand ein Gerücht, daß ſie vergiftet worden ſei. Aber von wem? VIII. Eines Abends ſaßen Heinrich und Sully im Schlafzimmer des Königs beiſammen und unterhiel⸗ ten ſich, ihre Füße auf die Feuerböcke geſtellt, wie zwei ſimple Spießbürger aus der Rue St. Denis. Es war drei oder vier Monate nach Gabrieles Tod und ein Monat oder ſechs Wochen, nachdem Fräulein von Entragues die Erbſchaft der Herzogin von Beaufort angetreten hatte. „Sire,“ ſagte Sully,„wir haben jetzt von Frau Margareth die Einwilligung in die Scheidung und Eure Ehe wird demnächſt am römiſchen Hof für nichtig erklärt werden. Ihr ſolltet daran denken Euch unter den Prinzeſſinnen der regierenden Häuſer eine Gemahlin zu wählen, denn, ohne daß ich Euch in böſer Abſicht an Euer Alter erinnere, Ihr wer⸗ det am 13. Dezember ſechsundvierzig Jahre alt und habt die höchſte Zeit zu heirathen, wenn Ihr Euern Dauphin bis zu ſeiner Volljährigkeit leiten wollt.“ 118 telte er den Kopf und ſagte: „Mein Freund, es iſt eine bedenkliche Sache eine zweite Frau zu nehmen, wenn die erſte Margareth von Valois geheißen hat, denn ſelbſt angenommen daß ich alle Schönheiten und Vorzüge ſämmtlicher Maitreſſen, die ich gehabt habe, in einer einzigen Perſon vereinigt fände, ſo würde ich doch noch etwas Anderes an ihr wünſchen.“ „Nun Sire, was verlanget Ihr denn von einer Frau, wenn Ihr mit ihr zufrieden ſein ſollt?“ „Ich verlange Schönheit der Perſon, Züchtigkeit in ihrem Wandel, Gefälligkeit in ihrer Gemüthsart, einen feinen und gewandten Geiſt, Fruchtbarkeit, hohe Abſtammung und den Beſitz großer Staaten; aber, mein Freund, ich glaube, daß dieſe Frau noch nicht geboren iſt und auch ſo bald nicht zur Welt kommen wird.“ „Nun wohl denn,“ ſagte Sully,„ſo laßt uns nach einem Gegenſtand ſuchen, der in Wirklichkeit erxiſtirt.“ „Suchen wir, wenn Dir das Vergnügen macht, Rosny.“ „Was ſagt Ihr zu der ſpaniſchen Infantin, Sire?“ „Ich ſage, daß ich ſie mir trotz ihres Alters und ihrer Häßlichkeit gefallen ließe, wenn ich die Niederlande mit ihr erheirathen könnte.“ t Ihr nicht irgend eine Prinzeſſin in Deutſch⸗ and?“ „Sprich mir nicht davon, Sully! Eine Königin Heinrich ſann einen Augenblick nach; dann ſchüt⸗ e th en er 5 119 aus dieſer Ration hat beinahe ganz Frankreich zu Grunde gerichtet.“ „Die Schweſtern des Prinzen von Oranien?“ „Sie ſind Hugenottinnen und würden mich mit Rom und den eifrigen Katholiken verfeinden.“ „Die Nichte des Herzogs Ferdinand von Florenz?“ „Sie ſtammt aus dem Hauſe der Königin Ca⸗ tharina, welche Frankreich und mir insbeſondere viel Böſes zugefügt hat.“ „Nun ſo wollen wir uns im Königreich ſelbſt umſchauen. Ihr habt z. B. Eure Nichte, Fräulein von Guiſe.“ „Sie iſt von edlem Geſchlecht, ſchön, groß, ſchlank, etwas cokett und liebt wie man verſichert die Hühnchen*) eben ſo ſehr auf dem Papier wie fri⸗ caſſirt oder am Spieße. Sie iſt ſanft, geiſtreich, unterhaltend und würde mir ſehr gefallen; nur würde ich fürchten, daß ſie gar zu ſehr darauf aus⸗ ginge ihre Brüder und ihr Haus zu erhöhen. Die älteſte Tochter des Hauſes Mayenne würde mir trotz ihrer ſchwarzen Haut nicht mißfallen, aber ſie iſt zu jung. Es iſt noch eine Luxemburg, eine Guemenee und meine Couſine Catharina von Rohan vorhanden. Letztere aber iſt Hugenottin und die Andern gefallen mir nicht.“ „Dem ſei wie ihm wolle, Sire,“ ſagte Sully, „Ihr müßt Euch nun einmal verheirathen, und da würde ich an Eurer Stelle ganz einfach eine ſanfte und gefällige Frau ſuchen, die mir Kinder ſchenkte und im Stande wäre dem Reich und ihrer Familie *) Poulet(Huhn) bebeutet auch Liebesbrief. A. d. U⸗ 120 vorzuſtehen, wenn ich bei meinem Tod einen un⸗ mündigen Dauphin hinterließe.“ Heinrich W ſtieß einen Seufzer aus. Sully ſah wohl, daß er Zugeſtändniſſe machen mußte. „Natürlich,“ ſagte er,„würde ich die Vorzüge, die meiner Frau fehlten, bei einer Maitreſſe ſuchen.“ Dieſe letzte Betrachtung ſchien auf Heinrich 1V zu wirken. „Die Maitreſſe habe ich bereits,“ ſagte er,„fehlt nur noch die Frau.“ „Nun wohl, Sire, laßt uns ſuchen.“ „Ich ſehe nur Diejenigen, die ich Dir bereits genannt habe.“ 6 „Nun ſo laßt uns unter den Genannten ſuchen.“ Und die beiden Männer begannen zu ſuchen. Endlich, nachdem ſie lange geſucht, erörtert und ſich geſtritten hatten, wurde das Vorurtheil gegen den Namen Medici beſeitigt und die Wahl fiel auf Maria von Medici, Nichte des Großherzogs Ferdi⸗ nand von Florenz, Tochter des letzten Herzogs Franz von Medici und der Johanna von Oeſtreich. Sie war kein junges Mädchen mehr, als Hein⸗ rich IW an ſie dachte, ſondern bereits vierundzwan⸗ zig Jahre alt. Man rühmte ihre Schönheit und mit Recht. Sie hatte eine hohe Stirne, die ſchönſten braunen Haare von der Welt, einen wundervoll weißen Teint, feurige Augen, einen ſtolzen Blick, das lieblichſte ovale Geſicht, einen herrlichen Hals und Buſen, Arme und Hände, die würdig waren den großen Malern und Bildhauern ihres Vaterlandes als Mo⸗ W d en uf i⸗ 18 n⸗ n⸗ d en t, te n o⸗ 121 delle zu dienen; endlich eine üppige, wohlpropor⸗ tionirte Geſtalt. Gabriele hatte eines Tags, als ſie die Por⸗ traits der Infantin Iſabella und Marias von Me⸗ dici ſah, geäußert: „Die Spanierin fürchte ich nicht, aber die Flo⸗ rentinerin macht mir ſehr bange.“ So viel über ihre phyſiſchen Egenſchaften. Was die moraliſchen und geiſtigen Eigenſchaften betraf, ſo war ſie weit entfernt alle diejenigen zu haben, die Heinrich 1IV bei ihr zu finden hoffte. Sie hatte ein gutes, ſogar edles Herz wie auch ein gewiſſes Zartgefühl, dabei aber mehr Eigendünkel als Fähigkeit, mehr Eigenſinn als wirklichen Werth. Sie hielt halsſtarrig an ihrer eigenen oder ihrer Rathgeber Anſichten feſt, intriguirte gern und beſaß den Inſtinct jener italieniſchen Politik, welche darin beſteht, daß man Parteien ins Leben ruft und ſie dann entzweit. Waren aber dieſe Parteien einmal geſchaffen und getrennt, ſo verſtand ſie es nicht ſie zu ihren eigenen Gunſten wieder zu vereinigen und auszubeuten, ſo daß ſie im Gegentheil immer ein Opfer derſelben wurde. Wenn der König übler Laune war, ſo ſchalt er ſie ſtolz, hochmüthig, miß⸗ trauiſch, prunkſüchtig und verſchwenderiſch, träge und rachſüchtig; doch ließ er ihr das nicht als Ge⸗ gengewicht gegen die angeführten Fehler, ſondern vielleicht als einen weitern Vorwurf gelten, daß ſie verſchwiegen ſei und daß es ſchwer halte Dinge zu entdecken, die ſie geheim halten wolle. So viel von der Gemahlin. Die Maitreſſe, mit der ſich Heinrich IW bereits 122 verſehen hatte, nämlich Henriette von Entragues, war die Tochter der Maria Touchet und des Franz von Balzae, Herrn von Entragues, von Marcouſſis und von Malesherbes, der von Heinrich Il im Jahr 1573 zum Ritter ſeines Ordens ernannt wor⸗ den. Sie war 1579 geboren und die jüngere Schwe⸗ ſter des bekannten Grafen von Auvergne, der ſpä⸗ ter Herzog von Angouleme wurde und ein natürli⸗ cher Sohn Carls IX war. Wäre er ſtatt deſſen ſein legitimer Sohn geweſen, ſo wären, da er acht⸗ undſiebenzig Jahre alt wurde und erſt 1659 ſtarb, Heinrich III, Heinrich IV, Ludwig XIIl und Lud⸗ wig XIV fämmtlich nicht auf den Thron gekommen. Fräulein von Entragues war neunzehn Jahre alt, als Gabriele ſtarb. Sie war damals wun⸗ derſchön. Berthault hatte ihre Reize durch ein höchſt ſchwül⸗ ſtiges Sonnet verewigt. Ich weiß nicht, ob es unſern Leſern aufgefallen iſt, daß die drei Dichter, welche die ſichtbaren und die geheimen Schönheiten der Maitreſſen des Kö⸗ nigs durch ſolche Verſe verherrlichten, der Abbé Desportes, der Erzbiſchof Berthault und der Kar⸗ dinal Duperron waren. Kommen wir auf Fräulein von Entragues zurück. Wir haben eine Idee von ihrer Schönheit zu geben verſucht; gehen wir weiter. Ihr Geiſt war lebhaft, ihre Unterhaltung leicht und angenehm. Sie hatte mit Heinrich IV die Aehnlichkeit, daß ſie gerne Witze machte. Sie war, ſagt Sully, ein ſcharfer Schnabel, der vurch ſeine treffenden Gwiderungen dem König 123 manchen heiteun Augenblick bereitete. Es fehlte ihr auch nicht an literariſcher Bildung, und wenn man Hemery von Amboiſe glauben darf, ſo hielt ſie in der einen ihrer ſchönen Hände die Bekenntniſſe des heiligen Auguſtin und in der andern die galanten Damen von Brantome; aber ſie war boshaft, auf⸗ brauſend, rachſüchtig und weit mehr ehrgeizig als zärtlich. Heinrich IV bezweifelte, daß ſie ihn je⸗ mals geliebt habe, und wir bezweifeln es noch aus weit gewichtigeren Gründen. Ihr Anziehungsmittel beſtand darin, daß ſie aus Intereſſe that was Fräulein von Tignonville und Antoinette von Pons aus Tugend gethan hatten. „Die Perſonen,“ ſagt Sully,„deren ſämmtliche Anſprüche auf Achtung in einigen Hofintriguen be⸗ ſtanden, in dem Verdienſt dem König angenehm ein Geſchichtchen zu erzählen, alle ſeine Worte mit lau⸗ tem Geſchrei zu bewundern und die Vergnügungs⸗ partien mitzumachen, bei denen ſich die Fürſten wie andere Menſchenkinder vergeſſen, dieſe Perſonen machten ihm ein ſolches Rühmen von den Reizen, der Heiterkeit, der Lebhaſtigkeit und der Anmuth des Fräuleins von Entragues, daß er Luſt bekam ſie zu ſehen, dann wieder zu ſehen, dann ſie zu lieben.“ Sully's Widerwille gegen Fräulein von Entra⸗ gues war nur Inſtinct, ſteigerte ſich aber zum Haß, als Heinrich W ſeinen Finanzminiſter erſuchte dem Fräulein hunderttauſend Thaler zu bezahlen. Dieſes war der Preis, den ſie für ihre Liebe feſtgeſetzt hatte. Sully, der bei Heinrich IV kein Blatt vor den 124 Mund nahm, machte dem König bemerklich, daß er im Augenblick wo er dieſe Summe verlange, die ſo viel war als heutzutage ſechs bis ſiebenmalhun⸗ derttauſend Franken, ein Kapital von vier Millio⸗ nen zuſammenbringen müſſe, um das Bündniß mit den Schweizern zu erneuern; aber alle ſeine Vor⸗ ſtellungen halfen nichts, er mußte die hunderttau⸗ ſend Thaler geben. Kaum hatte jedoch Fräulein von Entragues das Geld in der Hand, ſo ſchob ſie ihre Eltern vor, um Weigerungen zu bemänteln, welche dem König jetzt ſonderbar erſcheinen konnten. Sie ſchrieb ihm alſo: „Mein großer König, ich werde ſo ſtreng be⸗ aufſichtigt, daß es mir ſchlechterdings unmöglich iſt Euch all die Beweiſe von Dankbarkeit und Liebe zu geben, die ich dem größten König und liebens⸗ würdigſten der Menſchen nicht zu verweigern ver⸗ mag. Es bedarf einer Gelegenheit, allein man entzieht mir alle auf's ſorgfältigſte und mit einer beinahe unüberwindlichen Grauſamkeit. Ich habe Euch Alles verſprochen und werde Euch Alles ge⸗ währen, aber ich muß auch in den Stand dazu ge⸗ ſetzt werden, und kann ich es denn mitten unter den Arguſen, die mich fortwährend umlagern? Schmei⸗ cheln wir uns nicht, wir werden niemals die nöthige Freiheit erhalten, wenn wir ſie nicht von Herrn und Frau von Entragues bekommen. Es handelt ſich nicht mehr darum meine Gunſt zu gewinnen, ich bin nur allzugeneigt. Ihr habt mein Herz er⸗ rungen, was dürftet Ihr nicht von mir verlangen?“ Nun aber beſtand dieſes Mittel von Herrn und ¹125 Frau von Entragues etwas mehr Freiheit zu er⸗ langen, darin daß man dem Fräulein ein Ehever⸗ ſprechen ausſtellte. Heinrich weigerte ſich Anfangs; aber Fräulein von Entragues war ſo ſchön. Heinrich erbot ſich zu einem mündlichen Ver⸗ ſprechen in Gegenwart der nächſten Verwandten. Fräulein von Entragues antwortete: „Mein theurer Sire, ich habe mit Herrn und Frau von Entragues ſprechen laſſen und ſelbſt ge⸗ ſprochen, aber es iſt nichts von ihnen zu hoffen. Ich begreife ihr Benehmen nicht. Ich kann Guer Majeſtät nur ſo viel ſagen, daß ſie ſich niemals ergeben werden, wenn Ihr Euch nicht zum Schutz ihrer Ehre zu einem Eheverſprechen verſtehet. Es iſt nicht meine Schuld, daß ſie ſich nicht mit einem mündlichen Verſprechen begnügt haben, ſie beſtehen hartnäckig auf einer ſchriftlichen Zuſage. Vergebens habe ich ihnen die Nutzloſigkeit und Unbilligkeit die⸗ ſer Formalität vorgeſtellt, vergebens habe ich ihnen auseinandergeſetzt, daß eine ſchriftliche Zuſage nicht mehr Werth hätte als eine mündliche, da es keinen Richter gäbe, welcher einen Mann von ſolchen Muth und ſo gutem Schwert, einen Mann, der ſtets über vierzigtauſend Bewaffnete und vierzig — Kanonen zu gebieten habe, vor ſein Tribunal zie⸗ hen könnte. „Aber, Sire, da meine Eltern nun einmal ſo halsſtarrig auf dieſer eiteln Formalität beſtehen, was riskiret Ihr dabei, wenn Ihr ihrer Dumm⸗ heit nachgebet? Und wenn Ihr mich eben ſo lie⸗ 126 bet wie ich Euch, könnt Ihr dann Anſtand nehmen ſie um meinetwillen zufrieden zu ſtellen? „Macht alle Bedingungen, die Ihr nur wün⸗ ſchet; ich bin mit Allem zufrieden, was mir meinen Geliebten ſichert.“ Heinrich war ein hitziger Spieler bei dieſem ge⸗ fährlichen Spiel mit den Weibern. Man konnte ihn leicht davon abbringen, ſo lang er gewann, niemals aber ſo lang er im Begriff ſtand zu ver⸗ lieren. „Und,“ ſagt Sully,„dieſer Zieraffe, dieſe ver⸗ ſchmitzte Dirne wußte dem König ſo gut zu ſchmei⸗ cheln, wußte ihm von ſo viel Seiten beizukommen und alle ſeine Liebesboten und Schmeichler, die ihm beſtändig in den Ohren lagen, dermaßen für ſich zu gewinnen, daß er ſich zu dieſem Verſprechen ent⸗ ſchloß, weil man ihm weiß machte, er könnte ohne daſſelbe die Gunſtbezeugungen nicht erlangen, die er bereits ſo theuer bezahlt hatte.“ Zum Glück war Sully da. Heinrich IW that Nichts ohne ihn um Rath zu fragen. Er befand ſich in Fontainebleau, und als er eben auf die Jagd reiten wollte, ließ er Sully rufen, nahm ihn bei der Hand und ſchlang ſeine Finger in die Finger des Finanzmannes, wie er zu thun pflegte, wenn er etwas von ihm verlangen wollte, was ihn in Verlegenheit brachte. „Wohlan, Sire,“ fragte Sully,„was gibt es wieder?“ „Mein lieber Sully,“ ſagte der König,„da ich Dir alle meine Geheimniſſe anvertraue, ſo will ich 127 Dir jetzt noch eines mittheilen und Dir auseinan⸗ derſetzen, was ich für die Eroberung eines Schatzes thun will, den ich ſonſt vielleicht nicht finden würde.“ Damit überreichte er ihm ein Papier, und drehte ſich dann um, wie wenn er ſich ſchämte ihn leſen zu ſehen. .„Lies das,“ ſagte er,„und ſag mir Deine An⸗ ſicht.“ Sully las: es war das Eheverſprechen, das der König dem Fräulein von Entragues ausſtellte. Es war indeſſen an eine Eventualität geknüpft. Heinrich verpflichtete ſich zu der Heirath nur in dem Fall, daß Fräulein von Entragues vor Jahresfriſt einen Sohn gebären würde. Nachdem Sully geleſen hatte, trat er zu dem König. „Nun,“ ſagte Heinrich,„was hältſt Du davon?“ „Sire,“ antwortete der Finanzmann,„ich habe uber dieſe Angelegenheit, die Euch ſo ſehr am Her⸗ zen liegt, noch nicht reiflich genug nachgedacht, um Euch meine Anſicht ſagen zu können.“ „Ah bah,“ erwiderte Heinrich,„ſprich ganz offen, mein Lieber, und ſei nicht gar zu zurückhaltend. Dein Schweigen beleidigt mich mehr als alle Deine Bemerkungen und Ausſtellungen thun könnten, denn über den fraglichen Gegenſtand, wobei ich Deine Zu⸗ ſtimmung nicht hoffe, da Dir die hunderttauſend Thaler, die Du bezahlen mußteſt, noch immer am Herzen nagen, erlaube ich Dir Alles zu ſagen was Du nur willſt, und verſichere Dich, daß ich nichts übel nehmen werde. Sprich alſo ganz offen und 128 ſage mir was Du denkſt. Ich will es, ich befehle es Dir.“ n Ihr wollt es alſo in allem Ernſt?“ a.“ „Und ich kann ſagen oder thun was ich will, Ihr werdet nichts übel nehmen?“ „Nein.“ „Sire,“ ſagte jetzt Sully, indem er das Papier zerriß,„ſehet das iſt meine Meinung, da Ihr ſie wiſſen wollt.“ „Ventre-saint-gris! was macht Ihr da, mein Herr?“ rief Heinrich;„ich glaube, Ihr ſeid ein Narr.“ „Ja, Sire,“ antwortete Sully,„ich bin ein Narr, ſogar ein Dummkopf und wblite nur, daß ich der einzige in Frankreich wäre.“ „Ich verſtehe Euch,“ ſagte der König,„und will weiter nichts mehr ſagen, um mein Wort nicht zu brechen.“ Damit ging er weg. Aber er begab ſich jetzt in ſein Kabinet, ver⸗ langte von Lomenie Tinte und Papier und ſchrieb mit eigener Hand ein neues Verſprechen, das wirk⸗ lich abgeſandt wurde. Als er dann unten an der Treppe Sully be⸗ gegnete, ging er an ihm vorüber ohne ihn anzu⸗ reden, und jagte nun zwei Tage hinter einander im Wald von Malesherbes. Als Heinrich nach Fontainebleau zurückkam, fand er in ſeinem Kabinet hunderttauſend Thaler auf dem Boden liegend. Er ließ Sully rufen. 129 „Was iſt das?“ fragte er. „Sire,“ ſagte Sully,„das iſt Geld.“ „Das ſehe ich.“ „Rathet wie viel es iſt, Sire.“ „Wie ſoll ich das errathen? Ich weiß nur, daß es viel iſt.“ „Nein, Sire.“ „Wie ſo nein?“ „Es ſind nur hunderttauſend Thaler.“ Heinrich begriff; dann ſagte er nach einer Pauſe: „Ventre-saint-gris! Das iſt eine theure Nacht.“ „Ohne das Eheverſprechen zu rechnen, Sire.“ „Oh!“ ſagte Heinrich IV,„was das Ehever⸗ ſprechen betrifft, ſo iſt es ja nur unter der Bedin⸗ gung gültig, daß ſie ein Kind bekommt, und da will ich ſchon ſorgen.“ „Vielleicht nicht ganz allein, Sire.. „Ja, aber es muß ein Junge ſein, ein Junge.“ ſni wir alſo auf Gott, Sire! Gott iſt groß. „Und in meiner Abweſenheit iſt nichts Neues vorgefallen?“ fragte Heinrich. „Doch, Sire. Eure heſceibung iſt in Rom kanoniſch ausgeſprochen worden.“ „Ah Teufel!“ ſagte Heinrich etwas nüchtern ge⸗ worden,„das ändert Vieles.“ Einige Tage nach dieſer Kunde, die in der That Vieles änderte, hatten Heinrich IV und Sully, die ſich wieder ausgeſöhnt hatten, unter vier Augen, ihre Füße auf den Feuerböcken ſtehend, das im An⸗ S dieſes Kapitels mitgetheilte Dumas, Heinrich IV. 130 Die Wahl fiel alſo wie geſagt auf Maria von Medici. Sully übernahm Alles und unterzeichnete mit Villeroi und Sillery den Ehevertrag. Dann begab er ſich zu dem König, da derſelbe während dieſes Geſchäftes zweimal nach ihm gefragt hatte. „Zum Teufel! woher kommſt Du, Rosny?“ rief Heinrich W ihm entgegen. „Von Eurer Hochzeit, Sire,“ antwortete Sully. „Ah, ah, Ihr habt mir alſo ein Weib gegeben?“ fragte Heinrich. „Ja und Ihr könnt Euch jetzt nicht mehr los⸗ ſagen, der Vertrag iſt unterzeichnet.“ Heinrich ſchwieg eine halbe Stunde, indem er ſich am Kopf krazte und an ſeinen Nägeln kaute. Endlich brach er das Schweigen und ſagte, in⸗ dem er die Hände in einander ſchlug: „Nun wohl, es ſei, verheirathen wir uns, da ich zum Beſten meines Volks nun einmal verhei⸗ rathet ſein muß; aber ich fürchte ſehr einer uner⸗ träglichen Perſon zu begegnen, die mir häusliche Streitigkeiten verurſacht, welche mir mehr zuwider ſind als alle Verlegenheiten des Krieges und der Politik zuſammen.“ Welche unerträgliche Perſon meinte der König? Meinte er Henriette von Entragues oder Maria von Medici? Im einen oder andern Fall ſetzte Sully ſeinen Willen durch. Und ſo lief es beinahe immer ab zwiſchen dem König und dem Miniſter. on tit i⸗ r⸗ e ik —————— 131 b Sagen wir einige Worte von Sully, der nach Heinrich IV der populärſte Mann ſeiner Zeit war⸗ Er iſt eine nicht ſehr genau gekannte Excellenz, und es lohnt ſich wohl der Mühe ihn auch ein wenig im Schlafrock zu ſehen. Wir wollen den Augenblick, wo Heinrich W ſich mit ſeiner Maitreſſe wegen ſeiner Vermählung, die ſie ſo eben erfahren hat, herumſtreitet, dazu be⸗ nützen, um ſeinen Miniſter näher ins Auge zu faſſen. Nicht wahr, Leſer, Ihr errathet wohl was die Beiden ſich ſagen können; aber Ihr errathet nicht was ich Euch von Sully zu erzählen weiß. Sully behauptete, daß er von den Grafen von Bethune in Flandern abſtamme, aber ſeine Feinde verſicherten, er ſtamme ganz einfach von einem Schotten Namens Bethun. Sein großes Glück bei dem König begann bei der Belagerung von Amiens; von Gabriele von Eſtrees unterſtützt, hob er den Finanzminiſter Har⸗ lay von Sancy aus dem Sattel. Harlay von Sancy hatte Heinrich IV große Dienſte geleiſtet; unter Anderem hatte er ihm zu Liebe einen ſehr ſchönen Diamant, der ſich heutzu⸗ tage unter den Krondiamanten befindet und der Sancy heißt, bei den Juden von Metz verpfändet. Aber eines Tags als Heinrich IV ihn wegen ſeiner Vermählung mit Gabriele von Eſtrees zu Rathe zog, hatte er geantwortet: „Wahrhaftig, Sire, Dirne um Dirne, die Tochter Heinrichs II wäre mir ſo lieb wie Frau von 132 Heinrich W hatte Sancy, den er liebte und ſchätzte, dieſe Aeußerung vollkommen verziehen, aber Gabriele verzieh ſie ihm nicht und beförderte Sully an ſeine Stelle. Sully machte Gabriele ſehr eifrig den Hof, aber ſobald er zum Finanzminiſter ernännt war, kehrte er ſich ganz natürlich gegen ſie. Sancy, der für einen eben ſo ehrlichen Mann galt wie Sully für einen großen Dieb, kehrte ins Privatleben zurück, und war in Folge der Schulden, die er im Dienſte des Königs gemacht hatte, ſo arm, daß Heinrich eine Ordonnanz erließ, welche jedem Gläubiger verbot Sancy zum Gefängniß verurthei⸗ len zu laſſen, und jedem Gerichtsdiener ihn dahin abzuführen. Der gute Mann ging niemals ohne ſeine Ordonnanz aus, die er unter ſeinem Wamms in einer angeketteten Brieftaſche trug. Es begeg⸗ nete ihm oft, daß er von den Schergen feſtgenom⸗ men wurde: dann ließ er ſich bis an die Thüre des Gefängniſſes führen, dort aber zog er ſeine Ordonnanz heraus und nun mußte man ihn wieder freilaſſen. Wenn man ihn fragte, warum er dieſes thue, antwortete er mit einem halb fröhlichen halb weh⸗ müthigen Lachen: „Ich bin ſo arm, daß dieſes das einzige Ver⸗ gnügen iſt, das ich mir machen kann.“ Nur noch ein paar Worte über Herrn von Sancy, unter deſſen Namen die ſatyriſche Eheſchei⸗ dung von d'Aubigné erſchienen iſt, oder vielmehr über ſeine Kinder; dann wollen wir zu Sully und hernach zu Heinrich IV zurückkehren. on ei⸗ hr nd 133 Herr von Sancy hatte zwei Söhne. Einer von ihnen war Kammerpage Heinrichs IV. Da er es müde war dem König zu Fuß die Fackel voranzutragen, ſo kam er auf den Einfall ſich einen Zelter zu kaufen und die Fackel zu Pferd zu tragen. Der König fand den Luxus etwas zu groß für einen Pagen. Er erkundigte ſich, und als er erfuhr, daß es der Sohn Sanchs war, befahl er bei ſeiner Rückkehr in den Louvre ihm die Ruthe zu geben. Während der ganzen Züchtigung fluchte der junge Mann: par la mort! Da er aber als Stammler das R nicht recht ausſprechen konnte, ſo ſagte er: pa la mot, und ſo blieb ihm der Name Palamot ſein ganzes Leben lang. „Er war ein ſpaßhafter Menſch,“ ſagt Tallemant des Réchrr„Eines Tags traf er Frau von Gue⸗ menee auf der Straße von Orleans. Sie kehrte nach Paris zurück; ihm war das Reiten entleidet, denn es war ſchlechtes Wetter. Er ſprengte alſo an die Caroſſe der Frau von Guemenee und ließ ſie anhalten. Ah, Madame, ſagte er, es gibt Räuber im Thale von Torfou, und da Ihr allein ſeid, ſo biete ich mich Euch als Begleiter an.— Ich danke, antwortete ſie, ich habe keine Furcht.— Madame, verſetzte Palamot, man ſoll mir nicht nachſagen können, daß ich Euch in der Noth verlaſſen habe. So ſprechend öffnete er den Schlag, ſetzte ſich trotz aller Einwendungen der Dame in ihren Wagen und ließ ſein Pferd wie einen Hund hintennachlaufen.“ Als in Rom Frau von Briſſac, die Gemahlin des Geſandten, das Luſthaus der Medici beſuchen 134 wollte, reiste Palamot voraus, um zu ſehen ob Nichts fehle. Eine Niſche war leer: man hatte Tags zuvor die Statue weggenommen, um ſie aus⸗ zubeſſern. „Ei das iſt ſchlimm,“ ſagte er. Er kleidete ſich aus, verſteckte ſeine Kleider in einem Gebüſch und ſtellte ſich in der Haltung des pythiſchen Apollo in die Niſche. Im fünßzigſten Jahre trat er in den Orden des Dratoriums. Man nannte ihn nur Pater Palamot; ſein Name Sancy war gänzlich vergeſſen. Sein Wandel war tadellos; nur hatte er in ſeiner Zelle lauter Heilige, die zu Pferde ſaßen und Degen trugen, wie den heiligen Moriz und den heiligen Martin. Der zweite Sohn des Herrn von Sancy wurde, nachdem er Geſandter in Conſtantinopel geweſen, gleichfalls Prieſter des Oratoriums. Eines Tags kam er in ein Karmeliterinnenkloſter, das ſein Großvater geſtiftet hatte. Die Nonnen erwieſen ihm nicht mehr Ehre als irgend einem beliebigen Menſchen, gegen deſſen Familie ſie nicht die mindeſte Verpflichtung hätten. Er beſchwerte ſich darüber. Als er ein andermal wieder kam, wollte die Superiorin ihren Fehler gut machen; aber zufällig war der Schlüſſel zum Gitterthor verloren gegangen. Man brauchte eine halbe Stunde bis man ihn wie⸗ der fand, und nun hatte Sancy die größte Mühe bis er die Superiorin beſtimmen konnte, daß ſie ihren Schleier aufhob. i 135 Endlich verſtand ſie ſich hiezu und der Mönch erblickte ein citronengelbes Geſicht. „Hol der Teufel dieſe Betſchweſter,“ ſagte er, „die mich eine halbe Stunde lang auf ein Diner warten läßt und mir dann eine Omelette vorſetzt.“ Und er kehrte ihr den Rücken.“ Kommen wir auf Sully zurück. Er hatte ſeine amtliche Thätigkeit als Paßcon⸗ troleur bei der Belagerung von Amiens begonnen. Da er von Finanzſachen verdammt wenig verſtand, ſo nahm er, ſobald er zum Finanzminiſter ernannt worden, einen gewiſſen Angelus Cappel, Herrn von Luat, in ſeine Dienſte; dieſer war Schriftſteller und— eine große Seltenheit— ſeinem Herrſcher treu; er ließ ſogar, als Sully in Ungnade fiel, zu ſeinem Lob ein Büchlein drucken, das den Titel führte: der Vertraute. Herr von Luat wurde wegen dieſes Buches verhaftet und ins Gefängniß geworfen. Als man ihn vor den Unterſuchungsrichter führte und dieſer zu ihm ſagte: „Verſprecht Ihr die Wahrheit zu ſagen?“ da antwortete er: „Zum Henker, ich werde mich wohl hüten. Ich ſtehe in dieſem Augenblick vor Euch, weil ich ſie geſagt habe.“ Trotz ſeiner Würde als Finanzminiſter beſaß Sully keinen Wagen, ſondern begab ſich auf der Schabracke, wie man damals ſtatt reiten ſagte, in den Louvre. Geſchah dieſes aus Geiz oder geſchah es vielleicht, weil Heinrich IV, der ſeinem Pagen 136 keinen Zelter gönnen wollte, auch ſeinem Miniſter keinen Wagen gönnte? Der Marquis von Coeuvres und der Marquis von Rambouillet waren die erſten, die einen Wagen hatten. Der letztere ſchützte ſein ſchlechtes Geſicht, der erſtere eine Schwäche in der Achillesſehne vor. Der König brummte immer über ſie, und ſie ver⸗ bargen ſich, wenn ſie ihm in den Weg kamen. Auch Ludwig XIII ſah es höchſt ungern, wenn die adeligen Herren ſich dieſen Luxus erlaubten. Eines Tages begegnete er Herrn von Fontenay⸗ Mareuil, der in einem Wagen ſaß. „Wie kann ein Junggeſelle einen Wagen haben?“ „Er will ſich eben verheirathen, Sire,“ gab man ihm zur Antwort. Dieß war nicht wahr. Zu Heinrichs iV Zeiten wußte man ſogar kaum etwas von einem Paßgänger. Der König allein beſaß einen Zelter; ſein Gefolge trabte. Als der König Herrn von Sully zum Finanz⸗ miniſter erhob, that dieſer daſſelbe was die Könige von Frankreich bei ihrer Thronbeſteigung zu thun pflegen; er ließ ein Inventar von ſeinen Gütern aufnehmen und ſchenkte ſie dem König, indem er hoch und theuer verſicherte, daß er nur von ſeinem Gehalt und den Erſparniſſen aus ſeinem Gute Rosny leben wolle. Der König, der ein Gascogner war, lachte herz⸗ lich über dieſe Gasconnade. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„ich war bis jetzt noch nicht im Klaren, ob Sully von ſchottiſcher oder flämi⸗ ſcher Abſtammung iſt. Offenbar iſt er ein Schotte.“ ———— is n r⸗ 137 „Warum, Sire?“ fragte man ihn. 3e die Schotten die Gascogner des Nordens ind.“ Heinrich IV ſah nämlich blos Das was er ſehen wollte; man erinnere ſich nur an die Gelegenheit, wo Herr von Praſlin ihm beweiſen wollte, daß Bellegarde bei Gabriele ſei. Sully imponirte ihm daher nicht ſehr mit ſeiner angeblichen Sittenſtrenge. Eines Tags ſtand Heinrch IW auf dem Balcon und ſah Sully kommen; der Miniſter ſalutirte von utn und wäre bei dieſer Gelegenheit beinahe ge⸗ allen. „Wundert Euch nicht darüber,“ ſagte der König zu den Umſtehenden,„wenn mein verſoffenſter Schwei⸗ zer ſo viele pots de vin*) im Kopf hätte wie er, ſ wäre er ſeiner ganzen Länge nach zu Boden ge⸗ allen.“ Sully, der nach ſeinem Tod zu ſo großer Popu⸗ larität gelangte, war bei ſeinen Lebzeiten nicht ſehr beliebt. Dieß kam von ſeiner Barſchheit und ſeinem unfreundlichen Benehmen her. Eines Abends nach Tiſch kamen fünf oder ſechs adelige Herren, die im Louvre äußerſt gerne geſehen wurden, ins Arſenal, um ihm ihre Aufwartung zu machen. Ihre Namen ließen keine Abweiſung zu; da ſie Zutritt bei dem König hatten, ſo konnten ſie auch auf Zutritt bei dem Miniſter Anſpruch machen. Er empfing ſie alſo mit ſeiner gewöhnlichen ſauertöpfiſchen Miene. *) Unüberſetzbares Wrrtſpiel. Pot de vin(Weinkrug) hat auch die Bedentung Trinkgeld, Schmieralien. A. d. U. 138 „Was wünſchet Ihr von mir, meine Herren?“ fragte er. Einer von ihnen, der ſich einen beſſern Empfang verſprach, wenn er dem Miniſter ſogleich erklärte, daß weder er noch ſeine Begleiter um eine Gunſt bitten, antwortete: „Ihr könnt ruhig ſein, wir kommen blos um Euch zu ſehen.“ „Ah wenn es ſonſt nichts iſt,“ ſagte Sully, „dieß wird bald geſchehen ſein.“ Er drehte ſich alſo nach vorn und hinten, um ſich ſehen zu laſſen, dann ging er in ſein Kabinet zurück und ſchloß die Thüre hinter ſich zu. Ein Italiener aus dem Gefolge, das Maria von Medici mitgebracht, hatte Geldangelegenheiten mit ihm gehabt und ſich eine Menge Grobheiten gefallen. laſſen müſſen, ohne eine einzige Piſtole von ihm herauslocken zu können. Als er das letztemal aus dem Arſenal kam und über den Greveplatz ging, wurden gerade drei oder vier Miſſethäter gehenkt. „O beati impiecati,“ rief er,„che non avete da fare con quel Rosny!“(Dh Ihr Glücklichen am Galgen, Ihr habt mit dieſem Rosny nichts zu thun.) Seine Zähigkeit im Geldpunkt wäre ihm beinahe übel bekommen. Ein alter, dem König wohl⸗ bekannter Hausmeiſter des Marſchalls von Biron, Namens Pradel, konnte von Sully ſein Recht nicht erlangen, denn dieſer weigerte ſich beharrlich ihm ſeine Gage zu bezahlen. Eines Abends drang der Mann bis in den Speiſeſaal; Sully wies ihn hinaus, Pradel aber erklärte, daß er bleibe, und nun wollte ———— c—— c—— 85 — 139 Sully ihn bei den Schultern hinausſchieben; da nahm Pradel ein Meſſer vom Tiſch und erklärte dem Miniſter, wofern er ihn nur mit der Finger⸗ ſpitze berühre, werde er ihm ſein Meſſer in den Leib ſtoßen. Sully kehrte in ſein Kabinet zurück und ließ ihn durch ſeine Leute hinauswerfen. Pradel begab ſich zum König. „Sire,“ ſagte er,„ich will lieber am Galgen ſterben als verhungern, denn das iſt ſchneller ge⸗ ſchehen. Wenn ich binnen drei Tagen nicht bezahlt bin, ſo muß ich Euch mit Bedauern melden, daß ich Euern Finanzminiſter umbringen werde.“ Er hätte dieſes auch ſicherlich gethan, aber Sully bezahlte ihn auf ausdrücklichen Befehl Heinrichs IV. Sully hatte die gute Idee gehabt an den Straßen Ulmen pflanzen zu laſſen, um ihnen einigen Schmuck zu verleihen. Dieſe Ulmen wurden Rosny genannt. Der Miniſter war aber ſo verhaßt, daß die Bauern ihm zum Tort die Bäume abhieben.„Es iſt ein Rosny,“ ſagten ſie;„machen wir einen Biron da⸗ raus.“— Biron war bekanntlich im Jahr 1602 enthauptet worden. Von dieſem ſelben Biron, auf welchen wir, wie überhaupt auf alle großen Männer aus der Regie⸗ rungszeit Heinrichs IV, natürlich zurückkommen wer⸗ den, erzählt Sully in ſeinen Memoiren Folgendes: „Herr von Biron und zwölf der eleganteſten Herrn vom Hofe konnten mit einem Tanzſpiel, das ſie arrangiren wollten, nicht zu Stande kommen. Damit etwas aus der Sache wurde, mußte der König mich kommen laſſen und mir die ganze Lei⸗ tung übergeben.“ 140 Nicht wahr, liebe Leſer, Ihr könnt Sully als Tanzmeiſter vor Augen ſehen? und gleichwohl war dieß, wenn nicht ſein Beruf, doch wenigſtens ſein Stolz. Während Crillon nicht hatte tanzen lernen wollen, weil man ſich bücken und zurückweichen mußte, ſo war das Tanzen Sullys größte Leidenſchaft. Alle Abende bis zum Tod Heinrichs 1V kam ein Kammerdiener des Königs Namens la Roche zu Sully, ſpielte ihm auf der Laute die beliebteſten Tänze vor, und Sully tanzte ſie ganz allein mit einer fantaſtiſchen Mütze auf dem Kopf, die er in ſeinem Kabinet gewöhnlich trug, ohne andere Zu⸗ ſchauer als Duret, den nachmaligen Präſidenten von Chivry, und ſeinen Secretär la Clavelle. An großen Feſttagen jedoch brachte man Möd⸗ chen, mit denen man allerlei Poſſen trieb. Nach dem Tod ſeiner erſten Gemahlin Anna von Courtenay hatte er Rahel von Cochefilet, ver⸗ wittwete Chateaupers, geheirathet. Sie führte einen lockern Lebenswandel und verſagte ſich die Liebhaber nicht. Sully ließ ſich übrigens dadurch nicht täuſchen, und damit man ihm nicht nachſagen konnte, er habe Dinge, die er ganz genau wußte, nicht gewußt, ſchrieb er in die Rechnungen, welche er über das Geld führte, das er ſeiner Frau gab: „So viel für Euern Tiſch ſo viel für Eure Toilette ſo viel für Eure Dienerſchaft ſo viel für Eure Liebhaber.“. Er hatte um zu ſeiner Frau zu gelangen eine Treppe machen laſſen, die von der ſeinigen ganz unabhängig war. als ar ein ten en ft. ein zu ten mit in on 141 Als ſie fertig war, gab er der Gräfin den Schlüſſel und ſagte zu ihr: „Madame, laßt die bewußten Leute über dieſe Treppe gehen. So lange ſie auf dieſem Weg kommen, habe ich nichts zu ſagen. Aber das erkläre ich Euch, wenn ich einem dieſer Herren auf meiner Treppe begegne, ſo werfe ich ihn köpflings hinab.“ Er war Calviniſt, und obgleich er Heinrich IV zur Abſchwörung rieth, hatte er doch ſelbſt niemals abſchwören wollen. „Man kann in jeder Religion ſelig werden,⸗ ſagte er. Im Augenblick ſeines Todes befahl er, man ſolle ihn unter allen Umſtänden in geweihter Erde begraben. Fünfundzwanzig Jahre nachdem kein Menſch mehr Ketten und Orden in Diamanten trug, trug er täglich noch welche und ſpazierte in ſolchem Auf⸗ putz unter den Hallen der Place Royale umher, in deren Nähe ſein Hotel ſtand. Gegen das Ende ſeines Lebens zog er ſich nach Sully zurück, wo er eine Art von Schweizergarde hielt, die viel exerzieren und das Gewehr vor ihm präſentiren mußte, wenn er aus⸗ oder einging. „Außerdem hielt er,“ ſagt Tallemant des Réaux, „fünfzehn bis zwanzig alte Gecken und ſieben oder acht alte adelige Reiter, die ſich auf den Glockenſchlag in Reih und Glied aufſtellten und Spaliere bildeten, wenn er auf die Promenade ging.“ Sie mußten dann auch hinter ihm dreinlaufen. Er ſtarb auf ſeinem Schloſſe Villebon einund⸗ dreißig Jahre nach Heinrich IV. 142 Ludwig KlII hatte ihn im Jahre 1634 zum Marſchall gemacht. Die Herrſchaft Rosny wurde im Jahr 1817 oder 1818 um zwei Millionen von dem Herzog von Berry angekauft. err von Girardin ſtand in Unterhandlung, um die Herrſchaft Ermenonville an ihn zu verkaufen. „Wie viel verlangſt Du für dieſes Gut?“ fragte ihn der Prinz auf einer Jagd in Compiegne. „Zwei Millionen, gnädigſter Herr.“ „Warum nicht gar?“ „Allerdings. Haben Eure Hoheit nicht auch für Rosny ſo viel bezahlt?“ „Und der Schatten Sullys, rechneſt Du den für Nichts?“ antwortete der Prinz. X. Wir haben Heinrich IW verlaſſen, wie er ſich mit Fräulein von Entragues, die ſeine Vermählung mit Maria von Medici erfahren hatte, herumzankte. Sie war um ſo wüthender, als das Verſprechen, wie man ſich erinnert, dahin lautete, daß Heinrich ſie heirathen werde, wenn ſie binnen Jahresfriſt einen Sohn gebäre. Nun befand ſich Fräulein von Entragues in geſegneten Umſtänden. Es handelte ſich alſo nur noch darum, ob ſie einen Knaben oder ein Mädchen gebären werde. —0— S S8S cS———— m 17 on im te ür 143 Der Hof war in Moulins und Fräulein von Entragues in Paris. Sie bot Alles auf, damit der König nach Paris kommen und ihrer Entbindung anwohnen ſollte; allein dieſe neue Verlegenheit wurde Heinrich erſpart. Es entſtand ein heftiges Gewitter, der Blitz ſchlug in das Zimmer, wo Fräulein von Entragues lag, und fuhr unter ihr Bett; ſie nahm zwar keinen Schaden, gerieth aber doch in ſolchen Schrecken, daß ſie ein todtes Kind zur Welt brachte. Auf dieſe Nachricht eilte der König herbei und bemühte ſich ſehr um die Kranke. Fräulein von Entragues überſchüttete ihn mit Vorwürfen wegen ſeines Verraths und Meineids; als ſie aber ſah, daß ein allzu langes Beharren auf dieſem Punkt ihren königlichen Liebhaber er⸗ müden konnte, und daß ſie keine Hoffnung mehr hatte ihn zum Gatten zu bekommen, ſo begnügte ſie ſich zur Entſchädigung mit dem Titel einer Mar⸗ quiſe von Verneuil. Dann wurde ſie auf einmal eben ſo unterwürfig als ſie vorher hochmüthig geweſen, und bat, er möchte ſie doch wenigſtens als ſeine Maitreſſe be⸗ halten, da ſie nicht ſeine Gemahlin werden könne. Was den König hauptſächlich beſtimmt hatte in ſeine von Sully ſo ſchlau betriebene und durch⸗ geſetzte Vermählung zu willigen, das war ſein Arg⸗ wohn auf Bellegarde. Bellegarde war, verſicherte man, der amant de coeur der Herzogin von Beau⸗ fort geweſen, und es wurde behauptet, daß auch Fräulein von Entragues ihm keineswegs abhold ſei. Zwei Worte über dieſen Nebenbuhler, den Hein⸗ 144 rich IV immer auf ſeinem Weg oder vielmehr auf dem Weg zum Schlafzimmer ſeiner Maitreſſen fand. Roger von Saint⸗Lary, Herzog von Bellegarde, Großſtallmeiſter von Frankreich, war im Jahr 1567 geboren, folglich zur Zeit, in welcher wir jetzt an⸗ gelangt ſind, d. h. im Jahr 1599 kaum zweiund⸗ dreißig Jahre alt. Racan fagte, man habe von Herrn von Belle⸗ garde irrthümlicherweiſe dreierlei geglaubt: erſtens daß er feig, zweitens daß er galant, drittens daß er liberal ſei. Er war ſehr ſchön, und man beſchuldigte ihn, daß er in dieſer Zeit, wo die Schönheit bei Hof ein wichtiges Mittel war um ſein Glück zu machen, dieſes Mittel wirklich angewandt häbe. Er war der Günſtling Heinrichs Il geweſen und man hatte ihm ſehr garſtige Dinge nachgeſagt. Er beſaß eine ſehr ſchöne Stimme und ſang hübſch; er war immer aufs zierlichſte gekleidet und wußte ſich ſehr elegant auszudrücken; aber daneben ſchnupfte er ſtark, und ſo kam es, daß er wie Tal⸗ lemant des Rsaux ſagt, ſchon in ſeinem fünfund⸗ dreißigſten Jahre eine Triefnaſe bekam. Mit der Zeit nahm dieſe Widerwärtigkeit zu. Ludwig XIIl, der Saint⸗Simon zum Herzog machte, weil er nicht in ſein Horn geiferte, hatte einen großen Eckel an der Triefnaſe Bellegardes, und gleichwohl wagte er ihm nichts darüber zu ſa⸗ gen, weil er einen Freund ſeines Vaters in ihm reſpectirte. „Marſchall,“ ſagte er eines Tags zu Baſſom⸗ aß n, of en, ar tte ng nd en al⸗ nd⸗ z08 tte es, ſa⸗ ihm om⸗ 145 pierre,„gebt doch Bellegarde zu verſtehen, daß ſeine Triefnaſe mir zuwider iſt.“ „Wahrhaftig, Sire,“ antwortete dieſer,„ich möchte Euer Majeſtät bitten gefälligſt irgend einen Andern mit dieſem Auftrag beehren zu wollen.“ „So findet mir ein Mittel, wie ich zu meinem Zweck gelangen kann.“ „Oh das iſt ſehr leicht,“ ſagte Baſſompierre. „Sobald Herr von Bellegarde ſich wieder bei Furem Lever oder Coucher einfindet, brauchet Ihr blos mit lachendem Munde zu befehlen, Jedermann ſolle ſich ſchneuzen.“ Der König ermangelte nicht dieſen Rath zu be⸗ folgen. Aber Bellegarde errieth, woher dieſer geheime Stoß kam, und ſagte: „Sire, es iſt wahr, daß ich dieſe Unannehmlich⸗ keit habe, die Ihr mir vorwerfet, aber Ihr könnt ſie wohl dulden, da Ihr ja auch die Füße des Herrn von Baſſompierre duldet.“ Dieſe Aeußerung hätte beinahe ein Duell zwi⸗ ſchen Baſſompierre und Bellegarde herbeigeführt, aber glücklicherweiſe legte ſich der König ins Mittel und es kam nicht ſo weit. Was den Vorwurf der Feigheit betrifft, den man ihm machte, ſo war er ſehr ungerecht, und in die⸗ ſer Beziehung läßt ihm der Herzog von Angouleme, Baſtard von Frankreich, dieſer Sohn Carls IX und der Maria Touchet, mit dem wir uns ſogleich zu beſchäftigen haben werden, in ſeinen Memoiren volle Gerechtigkeit widerfahren. Er ſpricht ſich ſol⸗ dendermaßen über ihn aus: Dumas, Heinrich IV. 10 146 „Unter denjenigen, die bei der Belagerung von Arques am meiſten Tapferkeit an den Tag legten, verdient der Großſtallmeiſter Herr von Bellegarde beſonders hervorgehoben zu werden. Sein Muth war mit einer ſolchen Beſcheidenheit und mit einer ſo freundlichen Gemüthsart gepaart, daß es ihm in den Gefechten keiner an Zuverſicht⸗ lichkeit und bei Hof keiner an Artigkeit zuvorthat. Er ſah einen auffallend mit Federn geſchmück⸗ ten Ritter, der aus Liebe zu den Damen eine Pi⸗ ſtolenkugel auszuwechſeln verlangte, und da Belle⸗ garde zu den größten Lieblingen der Damen gehörte, ſo bezog er dieſe Forderung auf ſich; er ſprengte alſo unverzüglich auf ſeinem ſpaniſchen Hengſt, wel⸗ cher Fregouze hieß, auf ihn zu und griff ihn mit eben ſo großer Gewandtheit als Kühnheit an. Der Ritter ſchoß aus zu großer Ferne auf Herrn von Bellegarde und fehlte ihn. Aber er ging ihm jetzt ſo nahe zu Leib, daß er ihm den linken Arm zer⸗ ſchmetterte, worauf der Ritter entfloh und ſich in die nächſte beſte Schwadron, die er von ſeiner Ar⸗ mee antraf, zurückzog.“ Er konnte nun einmal die Gewohnheit nicht laſſen den Maitreſſen oder Frauen der Könige den Hof zu machen. Nachdem er der Liebhaber der Herzogin von Beaufort und des Fräuleins von Entragues geweſen, nachdem er für den Günſtling der Maria von Medici gegolten, brachte er ſeine Huldigungen auch noch Anna von Oeſtreich dar, obgleich er damals ſchon fünfzig oder fünfundfünf⸗ zig Jahre alt war. on en, de th nit ⸗ at. ck⸗ i⸗ le⸗ te, te el⸗ nit er on tzt er⸗ in ht en er on g ne f⸗ 147 Zu ſeinen Eigenheiten gehörte, daß er jeden Augenblick ſagte:„Ah ich bin todt.“ „Was würdet Ihr einem Manne thun, der Euch eine Liebeserklärung machte?“ fragte er die Ge⸗ mahlin Ludwigs XIII. „Ich würde ihn umbringen,“ antwortete die geſtrenge Fürſtin. „Ah ich bin todt,“ rief Bellegarde. Und er ſank zurück, wir wenn er wirklich todt wäre. Nun waren, wie wir bereits geſagt haben, Ge⸗ rüchte über das vertrauliche Verhältniß dieſes Edel⸗ manns zu Fräulein von Entragues Heinrich IV zu Ohren gekommen. Fräulein von Entragues, die dadurch um eine Krone gebracht wurde, deren ſie ſich ſicher glaubte, ſchrieb dieſe Gerüchte der geckenhaften Ruhmredigkeit Bellegardes zu. Sie wandte ſich alſo an Claudius von Lothringen, den man den Prinzen von Join⸗ ville nannte, und der dafür galt, daß ſie ihn eben⸗ falls gerne ſehe, und bat ihn, er möchte ihr den Herrn von Bellegarde vom Halſe ſchaffen. Der Prinz, der in dem letztern einen Neben⸗ buhler erblickte, ging mit dem größten Vergnügen darauf ein. Er lauerte alſo dem Herzog vor dem Hauſe Zamets in der Nähe des Arſenals, wo der König ſchlief, auf und rief ihn an. Unverſehens überrumpelt, wurde Bellegarde verwundet, aber ſeine Leute, die hinter ihm kamen, eilten ihm zu Hülfe und verfolgten den Prinzen, welcher getödtet wor⸗ den wäre, wenn nicht der Marquis von Rambouil⸗ let aus dem Hauſe Angenne ſich noch eingeſunden 10 148 hätte. Der Marquis ſeinerſeits wurde bei dieſer Rauferei gefährlich verwundet. Der König erfuhr die Sache und gerieth in großen Zorn über den Prinzen von Joinville, den er im Verdacht hatte auf allzutraulichem Fuß mit der ſchönen Henriette zu ſtehen; es bedurfte aller Bitten ſeiner Mutter und des Fräuleins von Guiſe um ihn gänzlich zu beſchwichtigen. Endlich aber kamen wichtige Angelegenheiten wieder aufs Tapet und drängten dieſe Stänkereien in den Hintergrund. Dieſe wichtigen Angelegenheiten waren der Krieg mit Carl Emanuel, Herzog von Savoyen, und die Verſchwörung Birons. Heinrich IV hatte Carl von Gontaut, Herzog von Biron, der mehr ſein Freund als ſein Diener war, gegen Carl Emanuel ins Feld geſchickt. Biron war ein Jahr älter als Bellegarde und von mittlerer Größe; er hatte ein braunes ſehr markir⸗ tes Geſicht und tiefliegende Augen mit unheimlichem Blick. Im Uebrigen war er tapfer bis zur Ver⸗ wegenheit. Nach ſeiner Hinrichtung zählte der Henker ſie⸗ benund,wanzig Wunden an ſeinem Leib. Biron ſchien auf einem Schlachtfeld geboren zu ſein, ſo viel kriegeriſches Talent entwickelte er ſchon in zarter Jugend. Bei der Belagerung von Rouen, wo er kaum vierzehn Jahre zählte, ſah er eine ſtarke Abtheilung der Belagerten, die aufs Foura⸗ gieren ausging. „Gebt mir nur fünfzig Mann,“ ſagte er da zu ſeinem Vater,„ſo will ich dieſen ganzen Haufen ————————„— ————„„ — n——— 149 auseinanderjagen, denn ſo wie ſie daſtehen, können ſie ſich unmöglich vertheidigen.“ „Ich ſehe das ſo gut wie Du,“ antwortete ihm ſein Vater,„aber das könnte dem Krieg ein Ende machen, und zu was wären denn wir auf der Welt, wenn es keinen Krieg gäbe?“ Er hatte ſeine erſten Feldzüge in der ligiſtiſchen Armee gemacht, und wir haben geſehen wie ſich die Königin Margareth darüber erzürnte, daß er die Unziemlichkeit beging eine Kanonenkugel abzu⸗ feuern, die nur vier Fuß unter ihr einſchlug. Nach dem Tode Heinrichs III ſchloß er ſich Hein⸗ rich IV an und entwickelte einen bewundernswürdi⸗ gen Muth bei Arques, bei Jyry ſo wie bei den Belagerungen von Paris und von Rouen, ferner in den Gefechten von Aumale und von Fontaine⸗ Frangaiſe, in welchem letzteren Heinrich IW ihm das Leben rettete. Er war aber auch ſchon mit vierzehn Jahren Oberſt der Schweizer, mit zwanzig Generalmajor und mit fünfundzwanzig Generallieutenant. Im Jahr 1592 nach dem Tod ſeines Vaters ertheilte ihm der König den Titel eines Admirals von Frankreich, gab ihm aber ſtatt deſſen im Jahr 1594 den Mar⸗ ſchallstitel. Endlich im Jahr 1595 hatte Heinrich ihn zum Gouverneur von Burgund ernannt. Trotz all dieſer Belohnungen beſchwerte er ſich unaufhörlich und ſagte, all dieſe Hallunken von Fürſten ſeien nichts als das Erſäufen werth, und Heinrich IW würde ohne ihn höchſtens eine Dornen⸗ krone haben. Noch gieriger nach Lob als nach Gunſtbezeugungen und nach Geld, beklagte er ſich, 15⁰ daß der König nur ſich ſelbſt lobe und zu ihm nie⸗ mals ein freundliches Wort der Aufmunterung ge⸗ ſagt habe. Ohne Zweifel hatte er nachſtehende Phraſe in dem Brief vergeſſen, welchen er der Königin Eliſa⸗ beth von Heinrich IV zu überreichen hatte: „Ich ſchicke euch das ſchneidendſte Werkzeug mei⸗ ner Siege.“ Bei alle dem war der Herzog von Biron ge⸗ lehrt, weit gelehrter als es ſich für einen Kriegs⸗ mann der damaligen Zeit ziemte, ſo daß er ſich beinahe eben ſo ſehr über ſeine Kenntniſſe ſchämte, als er auf ſeine Tapferkeit ſtolz war. Eines Tags fragte Heinrich IV in Fresnes nach der Bedeutung eines griechiſchen Verſes, der in der Gallerie ſtand. Er wandte ſich dabei an einige Reque⸗ tenmeiſter, die kein Griechiſch verſtunden und ſich daher den Anſchein gaben als ob ſie ihn nicht hörten. Zufällig ging der Marſchall vorbei und hörte die Frage des Königs. „Sire,“ ſagte er,„ich will Euch die Bedeutung dieſes Verſes ſagen.“ Er ſagte ſie, machte ſich aber dann, ganz zer⸗ knirſcht darüber, daß er mehr wußte als Rechtsge⸗ lehrte, eiligſt aus dem Staube. Wenn er übrigens das Geld liebte, ſo geſchah es blos weil er es gerne wieder ausgab, denn er war ſehr prachtliebend und ſehr mildthätig. Sein Intendant Sarran drang ſchon lange Zeit in ihn, daß er ſeinen Hausſtand herabſetzen ſolle, und brachte ihm eines Tags ein Verzeichniß derjenigen Diener, 151 ie⸗„ die ihm unnütz ſeien. Der Marſchall nahm die e⸗ Liſte, ſah ſie genau durch und ſagte dann: „Das ſind alſo Diejenigen, die ich nach Eurer in Behauptung entbehren könnte, ich möchte jetzt wiſ⸗ ſa⸗ ſen, ob ſie auch mich entbehren können.“ Und trotz der dringenden Vorſtellungen Sarrans ei⸗ jagte er nicht einen einzigen weg. Nun denn, die wichtigen Angelegenheiten, welche ge⸗ den König außer ſeiner zukünftigen Vermählung be⸗ s⸗ ſchäftigten, waren wie geſagt der Krieg mit Sa⸗ ſich voyen und der Verrath Biron's. te, Biron hatte trotz aller Gunſtbezeugungen, womit Heinrich IV ihn überſchüttete, einen Vertrag mit ach Carl Emanuel und dem König von Spanien abge⸗ der ſchloſſen. ue⸗ Wir wollen mit wenigen Worten ſagen, welche ſich Bewandtniß es mit der Verſchwörung hatte. en. Heinrich hatte keine legitimen Kinder. Nach rte ſeinem Tod erbte der König von Spanien den Thron Frankreichs, der Herzog von Savoyen nahm die ing Provence und die Dauphiné; Biron heirathete eine ſeiner Töchter und erhielt eine franzöſiſche Provinz er⸗ mit dem Fürſtentitel. Einer ſeiner Edelleute ver⸗ ge⸗ rieth Heinrich IW das ganze Complott und überlie⸗ ferte ihm ſämmtliche Beweiſe. ah Der König ſchickte Biron als Geſandten nach er England, ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze ſeiner Trup⸗ ein pen und ſchlug den Herzog von Savoyen ſammt hn, den Spaniern. chte Während dieſer Zeit brach Bellegarde mit einem er, Geleite von vierzig Edelleuten nach Florenz auf, wo er am Ende Septembers ankam, mit der Voll⸗ 152 macht Maria von Medici im Namen des Königs zu heirathen. Am 5. Oktober 1600 wurde die Ceremonie voll⸗ zogen; am 13. verabſchiedete ſich Maria von ihrer Familie, am 17. ſchiffte ſie ſich mit ſiebenzehn Ga⸗ leeren in Livorno ein. Die Fahrt war gefährlich und die Winde wid⸗ rig: man brauchte zehn Tage von Genua nach Marſeille. Malherbe ſchreibt die Verzögerung auf Rechnung ber Liebe, welche Neptun für die Braut gefaßt abe. Dieſes träge, von Neptun aufgehaltene Schiff iſt es, welches die Nereiden auf dem ſchönen Ru⸗ bensſchen Gemälde umgeben. Man landete am 3. November in Marſeille. Nichts prachtvolleres als die Galeere, auf wel⸗ cher Maria von Medici nach Frankreich kam; ſie war ſiebenzig Fuß lang und hatte auf jeder Seite ſie⸗ benundzwanzig Ruderer. Das Innere war ganz vergoldet. Das Hintertheil war eine eingelegte Ar⸗ beit von indianiſchem Rohr, Granat-, Ebenholz, Perlmutter, Elfenbein und Laſurſtein. Es war mit zwanzig großen Eiſenreifen eingefaßt, die unterein⸗ ander verſchlungen und mit Topaſen, Smaragden und andern Edelſteinen ſowie mit zahlloſen Perlen geſchmückt waren. Im Innern war dem Lehnſtuhl der Königin gegenüber das Wappen Frankreichs angebracht, deſſen Lilien aus Diamanten beſtanden; daneben prangte das Wappen der Medici aus fünf großen Rubinen und einem Saphir beſtehend; die Rubinen ſtellten die rothen Turteltauben vor und ll⸗ 153 der Saphir die himmelblaue Turteltaube, welche Ludwig IX in das Wappen der florentiniſchen Herzoge eingeführt hatte, die damals noch weiter nichts als reiche Kaufleute waren. Die Fenſtervor⸗ hänge beſtanden aus Goldſtoff mit Franzen und die Wandtapeten aus ähnlichen Stoffen. Bei der Landung wurde Maria von dem Con⸗ netable von Frankreich empfangen. Vier Bürger⸗ meiſter von Marſeille überreichten ihr die Schlüſſel der Stadt, und ſie wurde unter einem Himmeldach von Silberſtoff nach dem Palaſt geführt. Sie trug nach italieniſchem Zuſchnitt ein Kleid von Goldſtoff mit blauem Grund, war ſehr einfach friſirt, nicht gepudert und hatte ihren Buſen gänz⸗ lich bedeckt. Vor den Thoren von Avignon traf ſie den Aſſeſ⸗ ſor Suares, der knieend eine Rede an ſie hielt, während die drei ſchönſten Mädchen der Stadt als Grazien coſtümirt ihr die Schlüſſel der Stadt dar⸗ boten. Der Erzbiſchof empfing ſie in der Kirche, wo er ſie und ihre künftige Nachkommenſchaft ſegnete. Der Bürgermeiſter führte ſie nach dem großen Palaſt und ſchenkte ihr hundertfünfzig goldene Medaillen, auf denen ſich ihr eigenes und des Kö⸗ nigs Portrait, auf der Rückſeite aber die Stadt Avignon befand. Endlich am 2. December kam ſie nach Lyon und zog bei Fackelſchein in die Stadt ein durch die Porte Dauphine. Die Königin erwartete den König acht Tage lang. Dieſer war mit Poſtpferden von Savoyen abgereist, aber durch die ſchlechten Wege aufgehal⸗ ten worden. Er kam gegen eilf Uhr Abends an, mußte aber ſehr lange an der Brücke von Lyon warten, bis man ihm den Schlagbaum öffnete, da er ſeine Ankunft nicht vorher hatte anzeigen laſſen. Maria von Medici ſoupirte eben nach einem Ball, den man ihr zu Ehren gegeben hatte. Heinrich miſchte ſich, um ſie zu ſehen, unter die Menge und fand ſie ſehr ſchön; aber kaum war ſie in ihr Gemach zurückgekehrt, ſo trat er ſelbſt ein und gab ſich zu erkennen. Maria von Medici wollte nach einer tiefen Re⸗ verenz die Knie beugen, um dem König die Hand zu küſſen, aber er duldete es nicht, ſondern hob ſie auf und küßte ſie mit der herzgewinnenden Anmuth, womit er ſeine Complimente ſo gut zu begleiten verſtand, auf das Geſicht. Nachdem er dann kurz von den Verzögerungen, die ihm auf ſeiner Reiſe zugeſtoßen, wie auch von dem Erfolg ſeiner Waffen gegen den Herzog von Savoyen geſprochen, entfernte er ſich um zu ſoupi⸗ ren, kehrte aber nach einer Viertelſtunde ins Zim⸗ mer der Prinzeſſin zurück und vollzog die Ehe noch in derſelben Nacht. Der Hof blieb in Lyon, um die ſavoyiſchen An⸗ gelegenheiten ins Reine zu bringen und den Frie⸗ den zu ſchließen; in ſechs Wochen war Alles been⸗ digt. Die Königin kam ſchwanger mit dem Dau⸗ phin Ludwig Xlil im März 1601 in Paris an, ſtieg bei ihrem erſten Kammerherrn, Herrn von Gondi, ab, hielt ſich einige Zeit in dem fatalen Hauſe Zamets auf, wo die arme Gabriele ihren n, E n i⸗ Todesſtoß empfangen hatte, und bezog endlich ihre Gemächer im Louvre. Aus dem Louvre führte der König ſeine Gemah⸗ lin zu Anfang des Frühjahrs nach St. Germain, wo er das neue Schloß bauen ließ; dann feierte er ſein Jubiläum in Orleans und legte zugleich den erſten Stein zu der Kirche St. Croix. Begreiflicherweiſe hatte die Königin bei ihrer Ankunft die Marquiſe von Verneuil, welche ihr auf Befehl des Königs durch die alte Herzogin von Nemours vorgeſtellt wurde, ziemlich kalt empfangen. Aber eine Frau, die ſpäter eine traurige Be⸗ rühmtheit erhielt, übernahm es die Gemahlin und die Maitreſſe auszuſöhnen. Dieß war Fleonore Galigai, welche die Königin mitgebracht hatte und der ſie den Titel als Ehrendame geben wollte, wel⸗ chen jedoch der König trotz der Bitten ſeiner Ge⸗ mahlin verweigerte. Als Eleonore ſah, daß ſie von dieſer Seite her nichts zu hoffen hatte, beſuchte ſie die Marquiſe von Verneuil und verſprach ihr, wenn ſie ſich für ſie verwende und ihr dieſe Stelle als Ehrendame ver⸗ ſchaffe, welche der Gegenſtand ihres Ehrgeizes ſei, ſo wolle ſie ihr dagegen zu großer Gunſt bei der Königin verhelfen. Der Vertrag wurde unter dieſen Bedingungen abgeſchloſſen und von beiden Seiten ehrlich gehalten. Fleonore wurde zur Ehrendame ernannt und die Marquiſe von Verneuil wurde von der Köni⸗ gin beſſer empfangen. Heinrich IW benützte dieſe freundliche Stimmung 156 Marias gegen Frau von Verneuil, um letzterer eine Wohnung im Louvre herzurichten. Im Uebrigen waren die Königin und die Mai⸗ treſſe zu gleicher Zeit ſchwanger. Dieſes Zuſammentreffen erregte die Eiferſucht Marias von Neuem, aber Frau von Verneuil lei⸗ ſtete ihr abermals Dienſte. Eleonore wünſchte Con⸗ cini, den nachmaligen Marſchall von Ancre, zu hei⸗ rathen. Der König wollte ſeine Einwilligung nicht geben, weil er dieſe beiden Italiener verabſcheuts. Die Marquiſe von Verneuil vermittelte die Sache und die Vermählung kam zur großen Freude Ma⸗ rias von Medici zu Stande. Am 27 September 1601 gebar die Königin den Dauphin Ludwig XIII. Er wurde neun Monate und achtzehn Tage nach dem Zuſammentreffen der beiden Gatten geboren. Stephan Bernard, Generallieutenant im Bezirke von Chalons, machte auf dieſe Geburt folgendes Diſtichon, worin Jahr, Wochentag, Thierkreiszei⸗ chen, Monat und Stunde angegeben ſind. LVCE JoVIS PRIMa oVA soL. SVB8 LANCn RRrVLah NAA SALVS REGNo n8 JVSTITIARoVE CApV. Die Zahlenbuchſtaben des Diſtichons geben die Zahl 1601 an. Der Herameter ſagt, daß der Dauyhin an einem Donnerſtag des Monats Sep⸗ tember, der Pentameter, daß er unter dem Zeichen der Wage geboren wurde, ein Umſtand, fügt der Geſchichtſchreiber naiv hinzu, welcher ihm den Bei⸗ namen„der Gerechte“ verſchaffte. 3 Die Marquiſe von Verneuil gebar ohne großes 157 Aufſehen gegen Ende Oktobers einen Jungen, wel⸗ cher in der Taufe die Namen Gaſton Heinrich er⸗ hielt und zuerſt Biſchof von Metz, dann Herzog von Verneuil wurde. An den Kirchgängen der Wöchnerinnen wurden große Feſte gehalten: die Krone derſelben war ein Ballet, wir wiſſen aber nicht, ob es dasjenige iſt, wegen deſſen Sully um Rath gefragt wurde. Die Königin wählte zur Ausführung deſſelben die fünf⸗ zehn hübſcheſten Damen ihres Hofes und die Mar⸗ quiſe von Verneuil gehörte auch zu den Auserko⸗ renen. Der Erzbiſchof Berthault machte auf dieſes Ballet ein Gedicht, worin er den Zuſchauern mit⸗ theilte, daß die Königin und ihre fünfzehn Damen die ſechzehn Tugenden vorſtellen. Apollo kam mit ſeiner Leier in der Hand und den neun Muſen in ſeinem Gefolge herein, und es wurden Verſe ge⸗ ſungen, deren Refrain alſo lautete: O du wundergroßer König, Dich verehrt man unterthänig. Acht Ehrenfräulein der Königin tanzten im zwei⸗ ten Theil des Ballets; im dritten erſchien die Kö⸗ nigin ſelbſt mit ihrem Gefolge, das in vier Qua⸗ drillen abgetheilt war. Die Diamanten und Edel⸗ ſteinen, womit die Damen dieſer Quadrillen ſich ge⸗ ſchmückt, warfen einen ſo wunderbaren Glanz, daß man nie etwas Aehnliches geſehen hatte. Der König ſelbſt war von dem Schauſpiel ganz geblendet, ſo daß er ſich gegen den päpſtlichen Nuntius wandte und ihn fragte: „Habt Ihr je eine ſchönere Schwadron geſehen, 158 Monſignore?“„Bellissimo,“ antwortete der Nuntius, „e pericolosissimo.“(Sehr ſchön und ſehr gefährlich.) Leider war dieſe gute Harmonie, die zwiſchen dem König, ſeiner Gemahlin und ſeiner Maitreſſe obwaltete, nicht von langer Dauer. Frau von Villars, Gabrieles Schweſter, auf welche der König noch zu Lebzeiten der Frau von Beaufort einige Blicke geworfen hatte, ſah in der Marquiſe von Verneuil nur eine Nebenbuhlerin und ſann unaufhörlich auf Rache gegen ſie. Sie verſtändigte ſich mit der Königin, welche unter der Maske der Freundſchaft eine florentiniſche Abneigung gegen die Marquiſe hegte. Maria war von Herzen gern bereit, ſich bei dieſer Rache zu betheiligen. Man erſann folgendes Mittel hiezu: Joinville war, wie wir bereits geſagt haben, von Frau von Verneuil gütig behandelt worden; er hatte von ihr eine Menge Briefe, die ihre Ver⸗ traulichkeit ans Licht ſtellten, aber um ſeine Stel⸗ lung am Hof nicht zu verlieren, hatte er ſich mit der Marquiſe überworfen und mit Frau von Villars verbündet. Frau von Villars wußte es ſo einzurichten, daß ſie ihm die Briefe der Marquiſe von Verneuil ab⸗ lockte. Die Königin wurde darin ſehr mitgenommen und eine plumpe Bankiersfrau geſcholten. Auch der König wurde nicht ſehr geſchont, der Prinz jedoch wurde mit den ſüßeſten Schmeichelreden traktirt. Man brachte der Königin die Briefe. Ihr erſter Ausruf war: 8, .) n e uf n er d he ei 5. r⸗ l⸗ it rs en ch nz en 159 „Der König muß ſie zu Geſicht bekommen!“ Dieß war der ſehnlichſte Wunſch der Frau von Villars; man beſchloß daher ſie dem König vorzu⸗ legen. Eleonore Galigai wurde dabei nicht zu Rathe gezogen, denn in ihrer Klugheit würde ſie ſich dem gewagten Unternehmen wohl widerſetzt haben. Frau von Villars bat den König um eine Pri⸗ vataudienz. Der König bewilligte ſie alsbald. Frau von Villars begann mit Verſicherungen der tiefſten Verehrung und Ergebenheit, die ihr nicht erlauben dem König den Schimpf zu ver⸗ ſchweigen, der ihm angethan werde, denn ſie müßte ſich ſelbſt für eine Verworfene halten, wenn ſie es ruhig mitanſehen könnte, wie in dem größten der Könige der beſte der Herren und der rechtſchaffenſte Mann der Welt verrathen werde. Damit ließ ſie ihm ein Päckchen Briefe in die Hand gleiten. Heinrich 1V las ſie und gerieth in eiferfüchtige Wuth. Er dankte der Frau von Villars und brach, da es ihn nach baldiger Rache gelüſtete, das Geſpräch ſogleich ab. Als dann Frau von Villars ſich ent⸗ fernt hatte, ließ er ſeinen Vertrauten, den Grafen Lude, rufen und ſchickte ihn zur Marquiſe um ihr zu ſagen, ſie ſei eine treuloſe Verrätherin, das ſchlech⸗ teſte Weibsbild unter der Sonne, kurz ein Unge⸗ heuer, und er werde ſie nie wiederſehen. Die Marquiſe ließ mit lächelnden Lippen den Boten ſeine ſchwierige Sendung zu Ende bringen. 160 Dann antwortete ſie ehrerbietig: „Sagt dem König, daß mein Gewiſſen mir ganz und gar kein egen gegen Seine Majeſtät vor⸗ werfe, und daß ich alſo nicht errathen könne, warum er mich ſo ſchonungslos behandle. Man hatte ihn ohne Zweifel falſch berichtet: die Wahrheit wird mich rächen.“ Aber ſobald der Bote fort war, zog ſie ſich, da ſie ſich keineswegs ganz tadellos wußte, voll Unruhe in ihr Kabinet zurück. Man ließ den Prinzen von Joinville, ſeine Schweſter, Fräulein von Guiſe, und den Herzog von Bellegarde holen. Der Prinz von Joinville geſtand, daß er der Frau von Villars die Briefe gegeben hatte. Man wußte alſo, woher der Schlag kam. An eine Abwehrung deſſelben war nicht mehr zu denken, wohl aber konnte man noch hoffen ſeine Kraft zu ſchwächen. Man hielt Kriegsrath. Alles wurde auf die Bosheit eines Secretärs des Herzogs von Guiſe geſchoben, der große Ge⸗ wandtheit im Nachmachen von Handſchriften aller Art beſaß. Die Falle war plump, allein man wußte, daß Heinrich 1W nichts ſehnlicher wünſchte als getäuſcht zu werden. Der Secretär, der in Kenntniß geſetzt und mit der Ausſicht auf eine ſchöne Rente verlockt wurde, ſollte nur ſo viel läugnen als nöthig war, damit er überführt werden konnte. Die Marquiſe ſchrieb an Heinrich IW und bat um Erlaubniß ſich recht⸗ —„— c—— 8 ſi nö r⸗ m hn ird da he ne 0g er hr ne irs He⸗ ller an hte mit de, mit ieb ht⸗ —————— 161 fertigen zu dürfen. Eine Stunde ſpäter war der König bei ihr. Das Ergebniß der Rechtfertigung war ein Ge⸗ ſchenk von ſechstauſend Livres und die Beſtrafung der Schuldigen. Frau von Villars wurde verbannt und über⸗ warf ſich natürlich mit Herrn von Joinville; dieſer wurde nach Ungarn in den Krieg geſchickt. Den Secretär warf man ins Gefängniß. Jetzt war es mit der heuchleriſchen Freundſchaft zwiſchen der Königin und der Marquiſe zu Ende; der Haß kam offen an den Tag und es ſtanden nur noch zwei Rebenbuhlerinnen einander gegen⸗ über. Der König ſeinerſeits hatte ſich ſicht ganz täu⸗ ſchen laſſen: die Marquiſe war in ſeinen Augen nicht unſchuldig. Leider fand er ſie, ſo undankbar, treulos und verrätheriſch ſie auch war, mit jedem Tag reizender.. Um Waffen gegen ſie zu erhalten, verliebte er ſich jetzt in Frau von Sourdis, nachmalige Gräfin Eſtanges; in Fräulein von Beuil, die ſpäter Herrn von Chauvallon heirathete und unter dem Namen Gräfin von Moret bekannt iſt; ferner knüpfte er mit Fräulein von Guiſe wieder an und ſuchte ſich, aber vergeblich, bei der Herzogin von Montpenſier und der Herzogin von Nevers einzuniſten. Dieß gab der Frau von Verneuil zu denken: ſie begriff, daß ein launiſcher Zufall genügen konnte, um den König in die Arme einer Nebenbuhlerin zu werfen. Sie erſann jetzt jene ſeltſame Ver⸗ Dumas, Heinrich 1v. 11 162 ſchwörung, die trotz ihrer Wunderlichkeit eine ge⸗ wiſſe Bedeutung gewann. Sie wollte mittelſt des Eheverſprechens von der Hand des Königs ſeine Ehe mit Maria von Medici nichtig erklären, ſodann ſich ſelbſt als legitime Gattin und ihre Kinder als die wahren Thronerben anerkennen laſſen. Der Plan war unſinnig; aber der mehrerwähnte Graf von Auvergne, ihr Halb⸗ bruder, und der König Philipp IIl von Spanien fanden das nicht. Der Graf von Entragues, Vater der Marquiſe, ein Greis von dreiundſiebenzig Jahren, ſowie zwei Engländer Namens Fortan und Morgan betheilig⸗ ten ſich gleichfalls bei der Verſchwörung. Sagen wit einige Worte über den Grafen von Auvergne, der ſpäter Herzog von Angouleme hieß. Hätte, meint Tallemant des Réaux, Herr von Angduleme den Gaunerfinn, welchen Gott ihm ge⸗ geben, ablegen können, ſo wäre er einer der größten Männer ſeines Jahrhunderts geworden. Er war ſchön, tapfer, geiſtreich, beſaß Kenntniſſe, verſtand den Krieg, aber er war ſein ganzes Leben lang nur darauf aus, einen Schnitt zu machen, damit er Geld zu verſchwenden hätte, nicht um Geld zu⸗ ſammenzuſcharren. 3 Ueberdieß hatte er eine Falſchmünzerwerkſtätte; nicht als ob er ſelbſt falſche Münze gemacht hätte, dazu war er zu ſehr vornehmer Herr, aber er ließ welche machen. „Wie viel verdienet Ihr jährlich mit Falſch⸗ münzen?“ fragte ihn Heinrich 1W eines Tags. „Wahrhaftig, Sire, darauf kann ich keine be⸗ 163 ſtimmte Antwort geben,“ ſagte er;„doch iſt ſo viel wahr, daß ich an Merlin in meinem Schloß Gro⸗ bois ein Zimmer vermiethe und daß er mir vier⸗ tauſend Thaler dafür bezahlt.“ Man ſieht, das war gut vermiethet. Leider währte die Sache nur ein paar Jährchen. Heinrich IV gab Befehl Merlin zu verhaften, aber der Graf von Auvergne wurde gewarnt und ließ ihn entwiſchen. ines Tags fragte er Herrn von Chevreuſe: „Wie viel gebt Ihr denn Curen Secretären jährlich?“ „Hundert Thaler.“ „Das iſt nicht viel,“ antwortete er;„ich gebe den meinigen zweihundert.. Freilich bezahle ich ſie nicht.“ Wenn ſeine Leute ihren Lohn verlangten, zuckte er die Achſeln. „Ei,“ ſagte er,„Ihr könnt Euch ſelbſt bezahlt machen. Vier Straßen führen nach dem Hotel An⸗ gouleme, Ihr ſeid an einem guten Ort, benützt die Gelegenheit, wenn Ihr wollt.“ Das Hotel d'Angouleme, ſpäter unter dem Namen Hotel Lamoignon bekannt, lag in der Rue Pavee im Marais. Der Kardinal von Richelieu ſagte, als er ihm ein Armeecorps zu commandiren gab, zu ihm: „Der König gibt Euch dieſes Armeecorps, mein Herr, aber er erwartet, daß Ihr nicht.(und er machte mit der Hand die Bewegung des Zuſammen⸗ ſcharrens).“ 142 164 Ein Anderer hätte es übelgenommen, er aber lächelte und zuckte die Achſeln. „Mein Herr,“ ſagte er,„man wird ſein Mög⸗ lichſtes thun um Seine Majeſtät zufrieden zu ſtellen.“ Mit ſiebenzig Jahren, als er ſchon ganz gebeugt und von der Gicht gelähmt war, heirathete er ein hübſches und angenehmes Mädchen von zwanzig Jahren, Fräulein von Narbonne, die ihn um fünf⸗ undſechzig Jahre überlebte. Daraus geht hervor, daß die Herzogin von An⸗ gouleme, Schwiegertochter Carls IX, im Jahr 1715, dem Todesjahr Ludwigs XIV, noch am Hofe war. Bourſault ſagt daher in ſeinen Memoiren: „Seit den erſten Zeitaltern der Welt, wo die Menſchen ſo lange lebten, hat es keine Schwieger⸗ tochter gegeben, die wie Frau von Angouleme hun⸗ dertundzwanzig Jahre nach dem Tod ihres Schwie⸗ gervaters in voller Geſundheit gelebt hätte.“ XI. Kommen wir auf die Verſchwörung der Mar⸗ quiſe von Verneuil zurück. Sie wurde entdeckt. Der Graf von Entragues wurde in die Concier⸗ gerie des Palaſtes gebracht, der Graf von Auvergne in die Baſtille und Frau von Verneuil erhielt Haus⸗ arreſt. Einen Augenblick glaubte man an einen Prozeß auf Leben und Tod gleich dem von Biron, aber dieſe Ausſicht ängſtigte die Marquiſe keineswegs. ar⸗ er⸗ e us⸗ zeß ber 165 „Der Tod hat nichts Schreckliches für mich,“ ſagte ſie,„im Gegentheil wünſche ich ihn. Wenn der König mich hinrichten ließe, ſo würde man wenigſtens ſagen, er habe ſeine erſte Gemahlin ge⸗ tödtet um ohne Gewiſſensbiſſe mit der zweiten zu leben; ich war vor der Italienerin Königin. Ueber⸗ dieß habe ich den König nur um drei Dinge zu bitten: um Pardon für meinen Vater, um einen Strick für meinen Bruder und um Gerechtigkeit für mich.“ Als wahrer Schnapphahn hatte der Graf von Auvergne, ſobald man ihn feſtgenommen, Alles geſtanden. Er wär in Aigueperſe verhaftet worden. Nereſtan, der ihn gefangen nahm, forderte ihm ſeinen Degen ab. „Hier,“ ſagte er, ihn überreichend,„Du bekommſt da nichts Rares; ich habe ihn bis jetzt nur auf der Schweinsjagd gebraucht.“ Als er nach Paris kam um gerichtet zu werden, hätte man glauben können, er gehe auf einen Ball; er war freilich noch jung und erſt dreißig Jahre alt. Unterwegs erzählte er ſeine Liebesgeſchichten und die drolligſten Abenteuer ſeines Lebens. In der Nacht, die auf ſeine Verhaftung folgte, ſchlief er ganz ruhig, und als man ihn am Morgen weckte, ſagte er: „Ha bei Gott, Ihr hättet mich ſchon früher verhaften ſollen, das hätte mir manche Beſorgniſſe erſpart.“ Als ihn daher la Chevallerie, Sully's Lieute⸗ nant, der ſich unter ſeinen Wächtern befand, eben ſo 166 luſtig wie gewöhnlich herumſpringen und tanzen ſah, konnte er nicht umhin zu ihm zu ſagen: „Es handelt ſich in Eurer Sache nicht um Tanz⸗ figuren, ſondern um etwas weit Ernſteres.“ Dieſe Bemerkung blieb gänzlich unbeachtet. In der Baſtille erhielt der Graf eine Botſchaft von ſeiner erſten Gemahlin Charlotte, der älteſten Tochter Heinrichs von Montmorency; ſie hatte vom König die Erlaubniß nicht erlangen können, ihren Gemahl zu beſuchen und ließ ihn daher jetzt fragen, was ſie für ihn thun ſolle. „Sie mag ganz unbekümmert ſein,“ antwortete er,„und ſoll mir nur regelmäßig alle acht Tage Käſe und Senf ſchicken.“ Das Urtheil wurde am 1. Februar 1605 gefällt. Der Graf und Herr von Entragues wurden zum Tod verurtheilt. In Betreff der Marquiſe fand eine weitläufigere Unterſuchung ſtatt. In dieſer Angelegenheit ſpielte der Bruder Erzengel, ein Ba⸗ ſtard Margarethens, der Mönch und Beichtvater der Frau von Verneuil geworden war, die Rolle des Rathgebers. Acht Tage nach dem Urtheil wurde die gegen den Grafen von Auvergne ausgeſprochene Todes⸗ ſtrafe in lebenslängliches Gefängniß umgewandelt. Die Marquiſe wurde begnadigt und erhielt die Er⸗ laubniß ſich in ihr Haus zu Verneuil zurückzuziehen. Ihr Vater wurde in ſein Haus in Malesherbes internirt, um uns eines modernen Ausdrucks zu be⸗ dienen. Der Graf von Auvergné blieb in der Baſtile, wo er einen Miethvertrag auf zwölf Jahre abſchloß. 167 Drei Monate ſpäter lebte der König mit Frau von Verneuil wieder ſo vertraulich, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre; nur hielt er es vor ſeiner Gemahlin geheim. Aber üicerweie konnte es nicht lange bis Hof Alles erfuhr. Der König ſchlief mit der Königin in demſelben Bett, und wenn er nach Verneuil gehen wollte, mußte er alſo auswärts ſchlafen. Die Königin ſchickte ihrem Gemahl Späher nach und erfuhr, wohin er ging. Sie war ſchon vorher wüthend und wurde durch dieſen neuen Umſtand noch mehr erbittert. Im Jahr 1606 wären der König und die Kö⸗ nigin, als ſie in Begleitung des Herzogs von Mont⸗ penſier und der Prinzeſſin von Conti nach St. Ger⸗ main en Laye fuhren, beinahe durch einen Un⸗ glücksfall ums Leben gekommen. Ihre Pferde wurden bei der Ueberfahrt auf der Fähre ſcheu und warfen den Wagen in den Fluß. Es fehlte wenig, ſo wäre die Königin er⸗ trunken. Auf dem Heimweg beſuchte der König die Marquiſe. „Ah!“ ſagte dieſe, als ſie das Ereigniß erfuhr, „wenn ich dabei geweſen wäre!“ „Nun ja, meine Liebe,“ fragte Heinrich IV, „wenn Ihr dabei geweſen wäret, was wäre dann geſchehen?“ „Ich wäre ſehr in Angſt geweſen bis ich Euch gerettet geſehen hätte.“ „Und dann?“ 168 „Dann?“ „Nun dann hätte ich, das geſtehe ich Euch, mit dem größten Vergnügen gerufen: die Königin trinkt.“ Heinrich IV konnte es ſich nicht verſagen den Witz weiter zu erzählen, und ſo gelangte er zu den Ohren der Königin. Wenn die Königin wirklich ein zärtliches Ver⸗ hältniß mit Baſſompierre hatte, ſo muß es ſich aus dieſer Zeit herſchreiben. Und man muß geſtehen, daß es ſehr entſchuldbar war, denn Heinrich war, wie man aus dem Bis⸗ herigen erſehen hat, ein ſehr ungetreuer Gatte, und Baſſompierre war, wie man demnächſt ſehen wird, ein höchſt charmanter Mann. Im Zeitpunkt, wo wir jetzt angelangt ſind, d. h ums Jahr 1606, war Baſſompierre ein ſchöner Edelmann von ſiebenundzwanzig Jahren. Er war am 12. April 1579 geboren und ſtammte aus einem guten Haus, das ſeinen Namen von einer zwiſchen Frankreich und Luremburg gelegenen Herrſchaf führte. Dieſe Herrſchaft hieß auf deutſch Belſtein und auf franzöſiſch Baſſompierre. Ueber ſeine Familie mütterlicherſeits ging eine ſeltſame Sage. Ein Herr von Orgevilliers war mit einer Gräfin von Kinspein verheirathet und hatte von ihr drei Töchter. Eines Tags, als er von der Jagd zurück⸗ kam, wollte er in einem oberhalb dem Hausthore gelegenen Zimmer, das ſeit langer Zeit nicht ge⸗ öffnet worden war, einige Geräthſchaften fuchen 3 br en klä unt zw ent Lie Gle jede 169 und traf darin zu ſeiner großen Verwunderung eine ſehr ſchöne Frau, die auf einem prachtvoll geſchnitz⸗ ten Eichenbett lag. Es war ein Montag. Die Frau war eine Fee. Fünfzehn Jahre lang brachte der Graf von Orgevilliers jedesmal die Nacht vom Montag auf den Dienſtag in dieſem Stübchen zu, und wenn er ſpät von der Jagd zurückkehrte oder Morgens ſchon früh aufbrechen wollte, ſo ſchlief er da, um die Gräfin nicht zu wecken. Allein die häufige Abweſenheit ihres Gatten beunruhigte dieſe; ſie erkundigte ſich wo der Graf ſchlafe, und man zeigte ihr das Dachſtübchen. Sie wollte der Sache auf den Grund kommen und ließ ſich einen Nachſchlüſſel machen. Eines Montags um Mitternacht ſchlich ſie ſich auf den Zehen in das geheimnißvolle Stübchen und fand ihren Gemahl bei der Fee liegend. Sie waren Beide eingeſchlafen. Die Gräfin nahm blos ihre Kopfbedeckung ab, breitete ſie auf dem Fußende des Bettes aus und entfernte ſich wieder ganz geräuſchlos. Als die Fee am Morgen ſich entdeckt ſah, er⸗ klärte ſie, daß ſie den Grafen jetzt nicht mehr be⸗ ſuchen könne, weder hier noch anderswo, und ſagte unter einem Strom von Thränen, ihr Schickſal zwinge ſie ſich auf mehr als hundert Meilen zu entfernen, aber ſie wolle ihm als Zeichen ihrer Liebe für die Ausſteuer ſeiner drei Töchter ein Elas, einen Ring und einen Löffel hinterlaſſen; jeder dieſer Gegenſtände ſei ein Talisman und 170 werde der Familie, die ihn bekomme, Glück bringen; wenn jedoch Jemand dep einen oder andern dieſer Talismane entwende, ſo werde er ihm Verderben bringen. Die drei Töchter heiratheten: die älteſte einen Herrn von Croy; die zweite einen Herrn von Salm; die dritte einen Herrn von Baſſompierre. Froy erhielt den Becher; Salm den Ring; Baſ⸗ ſompierre den Löffel. Während der Minderjährigkeit der Kinder ſoll⸗ ten drei Abteien die drei Pfänder aufbewahren: Nivelles für Croy; Remiencourt für Salm und Epinal für Baſſompierre. Eines Tags wollte die Marquiſe von Havré aus dem Hauſe Croy den Becher zeigen, ließ ihn aber fallen, ſo daß er in mehrere Stücke zerbrach. Sie hob dieſelben auf und legte ſie ins Fut⸗ teral zurück mit den Worten: „Wenn ich ihn nicht ganz haben kann, ſo will ich doch wenigſtens die Stücke haben.“ Als ſie am folgenden Tag das Futteral öffnete, fand ſie den Becher wieder vollkommen ganz. Man erinnert ſich, daß die Fee einen Fluch über denjenigen ausgeſprochen hatte, welcher eines der drei Pfänder entwenden würde. Herr von Pange kehrte ſich nicht an dieſe Drohung, ſondern ſtahl eines Abends dem Fürſten von Salm, der in Folge einer Orgie eingeſchlafen war, ſeinen ing. Herr von Pange beſaß vierzigtauſend Thaler Einkünfte, vier prächtige Güter und war überdieß der Finanzminiſter des Herzogs von Lothringen. —————— — — 6 t⸗ ill te, ich es on rn er en ler ieß en. 171 Nun wohl, von Stund an verfolgte ihn Unglück aller Art. Als Geſandter nach Spanien geſchickt, um für ſeinen Herrn eine der Töchter des Königs Philipp zu erhalten, ſcheiterte er in ſeiner Unter⸗ handlung. Als er zurückkam, fand er ſeine Frau von einem Jeſuiten ſchwanger. Seine drei Töchter, die bisher glücklich verheirathet geweſen, wurden ſämmtlich von ihren Gatten verlaſſen. Der Vater des Marſchalls, d. h. unſeres Hel⸗ den, war ein großer Liguiſt. Herr von Guiſe be⸗ handelte ihn nicht blos als Kameraden, ſondern nannte ihn auch, wenn er von ihm ſprach, immer ſeinen Herzensfreund. Er war ein ſehr geſcheidter Mann, was ihn jedoch nicht verhinderte, eine ähn⸗ liche Krankheit zu bekommen wie diejenige, an welcher Franz 1 geſtorben war. „Ach,“ rief ſeine untröſtliche Gattin,„ich hatte ſo flehentlich zu Gott gebetet, daß er Euch davor bewahren möchte.“ „Nun wohl,“ ſagte Baſſompierre Vater,„Eure Gebete ſind ſchön erhört worden, meine Liebe, er hat mich ſauber bewahrt.“ Der Sohn war ein ſo ſchöner Junge und hatte eine ſo vornehme Miene, daß man von ihm ſagte, er ſpiele bei Hof dieſelbe Rolle, welche Belaccueil im Roman von der Roſe ſpielt. Man nannte alle ſchönen, galanten ober durch Eleganz ausgezeichneten jungen Männer Baſſom⸗ pierre. Eine ſehr ſchöne Buhldirne ließ ſich die Baſſompierre nennen. Ein junger ſavoyiſcher Bergbewohner erhielt den Zunamen Baſſompierre, weil er auf einer drei⸗ 172 tägigen Reiſe nach Genf Zeit gefunden hatte die zwei hübſcheſten Mädchen dieſer Stadt in ſich verliebt zu machen und jeder ein Kind zu hinter⸗ laſſen. Baſſompierre ſelbſt machte einmal eine Fahrt auf der Loire, und als er ſich in einer ſehr galanten Abſicht an die Kajüte ſchlich, wo eine ſchöne Reiſende ſchlief, hörte er den Schiffsherrn ſeinem Steuermann zurufen: „Dreh' das Steuerruder, Baſſompierre. 4 Baſſompierre glaubte ſich entdeckt, er hielt dieß für ihn eine Aufforderung nach einer andern Seite zu ſteuern, und zog ſich ganz beſchämt in ſeine Kajüte zurück. Am folgenden Tag erfuhr er, daß der Patron des Schiffes nur den Steuermann gemeint hatte. Man hatte dieſen Baſſompierre genannt, weil er der ſchönſte Schiffer auf dem ganzen Fluſſe war. Und dieſer Ruf der Galanterie war nicht uſur⸗ pirt, ſondern gründete ſich auf wahre Thatſachen und erſtreckte ſich ſogar auf die Leute des Mar⸗ ſchalls. Einer ſeiner Lakaien ſah eines Tags die Gräfin de la Suze ohne einen Schleppträger über den Louvrehof gehen; er eilte ihr zu, ergriff die Schleppe und trug ſie mit den Worten: „Man ſoll nicht ſagen, daß ein Lakai des Herrn von Baſſompierre eine Dame in Verlegenheit ge⸗ ſehen und ſie darin gelaſſen habe.“ Am folgenden Tage erzählte die Gräfin die Anekdote dem Marſchall, welcher ſeinen Lakaien alsbald zum Kammerdiener erhob. Er war überdieß ſehr generös. Eines Abends * 173 ſpielte er im Louvre mit Heinrich IV, der, ganz das Widerſpiel von ihm, ſfilzig war und ſogar be⸗ trog. Auf einmal that der König als merke er, daß halbe Piſtolen unter den ganzen ſeien. „He, he, was iſt denn das?“ ſagte er zu Baſ⸗ ſompierre. „Nun ja, das ſind halbe Piſtolen,“ antwortete dieſer. „Und wer hat ſie ins Spiel gebracht?“ „Ihr, Sire.“ „Ja Ihr.“ „Nein Du, Baſſompierre.“ „Ich 2 „Ja, ich ſchwöre es Dir.“ „Gut,“ ſagte Baſſompierre. 3 Und er erſetzte die halben Piſtolen durch ganze; dann nahm er die halben, warf ſie den Pagen und Lakaien, die im Hofe ſpielten, durchs Fenſter hinaus zu und ſetzte ſich wieder ganz ruhig auf ſeinen Platz. Während er dieſen Act ächter Vornehmheit aus⸗ führte, folgten Heinrich IV und Maria von Medici ihm mit den Augen. „Ei, ei,“ ſagte Maria,„der König tritt auf wie Baſſompierre und Baſſompierre tritt auf wie der König.“ „Nicht wahr,“ verſetzte Heinrich,„Ihr würdet ſehr wünſchen, daß er König wäre?“ „Und warum das?“ „Weil Ihr dann einen jüngeren und ſchöneren Gemahl hättet.“ * 174 Baſſompierre war glücklich im Spiel, ohne daß er jemals im Verdacht ſtand, daß er betrüge. Er gewann Herrn von Guiſe jährlich fünfzigtauſend Thaler ab. Frau von Guiſe bot ihm eine jährliche Leibrente von zehntauſend Thalern, wenn er ver⸗ ſprechen wollte, nicht mehr gegen ihren Gemahl zu ſpielen. Baſſompierre überlegte einen Augenblick, dann aber entſchied er ſich und ſagte: „Ich kann wahrhaftig nicht, ich würde gar zu viel dabei verlieren.“ Heinrich IV verwandte ihn mehreremal als Ge⸗ ſandten. Als er von einer dieſer Geſandtſchaften in Spanien zurückkam, erzählte er dem König, er habe ſeinen Einzug in Madrid auf dem allerſchön⸗ ſten Maulthierchen von der Welt gehalten. „Ah,“ ſagte Heinrich IV,„das muß freilich ſchön geweſen ſein, einen Eſel auf einem Maulthier reiten zu ſehen.“ „Nur ſachte, Sire,“ antwortete Baſſompierre, „ich repräſentirte Eure Majeſtät.“ Er war, wie geſagt, äußerſt prachtliebend, ſo daß er die Schloßhauptmannſchaft von Monceaux blos annahm, um den Hof bewirthen zu können. Maria von Medici ſagte eines Tags zu ihm: „Ihr werdet gewiß viele Dirnen dahin führen, Baſſompierre?“ „Ich wette, Madame,“ antwortete er,„daß Ihr noch weit mehr hinführet als ich.“ „Ei, ei,“ verſetzte die Königin,„wenn ma Euch hört, Baſſompierre, ſo müſſen alle Frauen⸗ zimmer liederlich ſein.“ n er n⸗ 175 „Es gibt wenige, die es nicht ſind,“ verſetzte Baſſompierre, der ſtets das letzte Wort haben wolite. „Nun und ich?“ ſagte ſie. „Oh Madame,“ antwortete Baſſompierre ſich verbeugend,„Ihr ſeid die Königin.“ Nicht zufrieden mit dem Jagdrevier Monceaux, kaufte er auch noch Chaillot. Die Königin Mutter, die ſich immer gern mit Baſſompierre herumneckte, obſchon er ihr redlich Schlag auf Schlag zurückgab, zog ihn auch mit dieſem neuen Kaufe auf. „Ei, Baſſompierre,“ ſagte ſie zu ihm,„warum habt Ihr dieſes Haus gekauft? Es iſt durch Sauf⸗ gelage berüchtigt.“ „Was wollt Ihr, Madame? Ich bin ein Deutſcher.“ „Aber in Chaillot ſeid Ihr auch nicht auf dem Lande; es iſt ja blos eine Vorſtadt von Paris.“ „Madame, ich liebe Paris ſo ſehr, daß ich es nie verlaſſen möchte.“ „Ei, Ihr thut dieſes blos, um liederliche Dirnen hinzuführen.“ „Ich werde allerdings welche hinführen, Ma⸗ dame,“ ſagte Baſſompierre mit der ehrfurchtsvoll⸗ ſten Verbeugung. Die Königin Mutter war wie Baſſompierre, ſie liebte Paris ſehr, war aber auch ſehr gerne in St. Germain. „Ich liebe Paris und St. Germain ſo ſehr,“ ſagte ſie einmal,„daß ich mit dem einen Fuß in Paris und mit dem ondern in St. Germain ſtehen möchte.“ „Und ich,“ ſagte Baſſompierre mit einer Geberde, 176 wie wenn er etwas an der Decke ſuchte,„ich möchte in Nanterre ſein.“ Er wär der Liebhaber, vielleicht ſogar der Ge⸗ mahl der Prinzeſſin von Conti. Herr von Vendome ſagte eines Tags zu ihm: „Unter dieſen Umſtänden müßt Ihr noch zur Partei des Herrn von Guiſe übertreten.“ „Warum das?“ „Weil Ihr der Liebhaber ſeiner Schweſter ſeid.“ „Ah bah,“ antwortete Baſſompierre,„ich bin der Liebhaber aller Eurer Tanten geweſen und liebe darum doch Euch nicht.“ Er war auch der Liebhaber des Fräuleins von Entragues, der Schweſter der Frau von Verneuil, geweſen, und zwar juſt in dem Augenblick, wo Hein⸗ rich W ſich in dieſe Schweſter ſeiner Maitreſſe verliebte. Der Scharwachenhauptmann Teſtu war in dieſem Augenblick der Liebesbote des Königs. Eines Tags, als Baſſompierre bei Fräulein von Entragues war und Teſtu kam, um mit ihr zu ſprechen, verſteckte ſie Baſſompierre hinter einer Tapete, und als Teſtu von der Eiferſucht des Kö⸗ nigs auf den Marſchall ſprach, ſagte Fräulein von Entragues, die eine Reitgerte in der Hand hielt: „Baſſompierre! warum nicht gar, er iſt mir ſo gleichgültig wie dieſe Reitgerte da.“ So ſprechend ſchlug ſie mit ihrer Reitgerte juſt an den Platz, wo Baſſompierre ſich verſteckt hatte. Eines Tags machte der Pater Coton, der Beicht⸗ vater des Königs, ihm Vorwürfe darüber, daß er ſeine Leidenſchaften nicht mehr zu bewältigen wiſſe. „Ach, Pater Coton,“ antwortete Heinrich 1V, ter ſe n 177 „ich möchte doch ſehen, was Ihr thätet, wenn man Euch zu Fräulein von Entragues ins Bett legte.“ Trotz aller Verliebtheit bekam das Fräulein von dem Marſchall einen Sohn, welchen man lange Zeit Abbé von Baſſompierre nannte, der aber ſpäter den Namen Abbé von Faintes annahm. Sie wollte jetzt den Marſchall zum Heirathen nöthigen, wie ihre Schweſter den König hatte nöthigen wollen⸗ Als man nun bei der Königin von der Sache ſprach, da machte der Rath Beautru, der ſpäter eines der erſten Mitglieder der franzöſiſchen Aka⸗ demie wurde, obſchon er nie etwas geſchrieben hat, hinter Baſſompierres Rücken Hörner. „Was macht Ihr denn da?“ fragte die Königin. „Oh, achtet nicht darauf, Madame,“ antwortete Baſſompierre, der ihn in einem Spiegel beobachtet hatte,„Beautru zeigt blos Alles was er trägt.“ Es kam zu einem Prozeſſe, aber Fräulein von Entragues verlor ihn. Man erinnert ſich des famöſen Ballets, bei welchem der päpſtliche Nuntius ſeine Meinung über die weibliche Schwadron ausſprach, die Heinrich 1W ihm zeigte und ſie als äußerſt gefährlich bezeichnete: aſſompierre tanzte einen Pas darin. Im Augenblick, wo er ſeine Toilette machte, meldete man ihm, daß ſeine Mutter geſtorben ſei. „Ihr täuſchet Euch,“ antwortete er,„ſie wird erſt geſtorben ſein, wenn das Ballet vorüber iſt.“ „ WMit einem ſo bequemen Herzen, daß er das Ende des Ballets abwarten konnte, um ſeine Mut⸗ ter zu beweinen, mit einem ſo gefälligen Magen, daß Baſſompierre noch einen Monat vor ſeinem Dumas, Heinrich IV. 12 X 178 Tod ſagte, er wiſſe nicht einmal, wo derſelbe liege, beſaß der Marſchall Alles was er brauchte, um gut zu leben und gut zu ſterben. Er ſtarb daher auch gut, nachdem er gut ge⸗ lebt hatte. Er verſchied in Provins auf einer Rückreiſe nach Paris, und zwar entſchlummerte er ſo ſanft, daß man ihn in derſelben Lage fand, worin er ge⸗ wöhnlich geſchlafen hatte: eine Hand auf dem Kiſ⸗ ſen unter dem Kopfe und die Knie hinaufgezogen. Sein Todeskampf hatte nicht einmal den Ein⸗ fluß gehabt, daß ſeine Beine ſich ſtreckten. XII. Mittlerweile kam es mit all' dieſen Händeln, die der König jeden Augenblick mit der Marquiſe von Verneuit auszufechten hatte, ſo weit, daß er allmählig kälter gegen ſie wurde, und es bedurfte nur einer Veranlaſſung, ſo konnte dieſe mit ſo vie⸗ len Unruhen verbundene Liebe gänzlich aus ſeinem Herzen entfliegen. Dieſe Veranlaſſung ſtellte ſich bald ein. Im Februar 1609 gab die Königin Mutter ein Ballet, bei welchem ſie die ſchönſten Damen des Hofes verwendete. Zu dieſen gehörte Charlotte Margarethe von Montmorency, ein allerliebſtes Kind, das ſo eben ſein vierzehntes Jahr erreicht hatte. „Unter dem ganzen Himmel,“ ſagt Baſſompierre in ſeinen Memoiren,„gab es nichts Schöneres, ———„ 3e, ut ge⸗ iſe ft, ge⸗ kiſ⸗ en. in⸗ n, uiſe fte vie⸗ rem tter men von ben erre res, 179 nichts Lieblicheres und nichts Anmuthsvolleres als Fräulein von Montmprench.“ Sie war die Tochter des Connetable von Mont⸗ morency, zweiten Sohnes des berühmten Anne von Montmorench, der in der Schlacht von St. Quen⸗ tin gefangen genommen und in der Schlacht von St. Denis getödtet worden war. Dieſer hier war nur durch ſeine Reitkunſt be⸗ rühmt. Er legte ein kleines Geldſtück auf die Stange ſeines Steigbügels, ſtellte ſeinen Fuß dar⸗ auf und tummelte ſein Pferd eine Viertelſtunde lang, ohne daß das Geldſtück fiel. Er führte ein ſehr ausſchweifendes Leben, und man erzählte von ihm und ſeinen Töchtern gar ſon⸗ derbare Dinge. Die ſchöne Charlotte hatte ſchon mit fünfzehn Jahren eine Menge von Bewerbern; der Marquis von Sourdis hielt um ſie an, und Baſſompierre bot Alles auf, damit man glauben ſollte, er ſtehe gut mit ihr. Im Augenblick, wo von dieſer Vermählung mit Fräulein von Montmorency die Rede war, bezeich⸗ nete die Königin ſie als Tänzerin bei ihrem Ballet. Dieſes Ballet veranlaßte Streitigkeiten zwiſchen ihr und Heinrich. Heinrich verlangte, man ſolle Jacqueline von Rueil, Gräfin von Moret, ſeine neue Maitreſſe da⸗ bei verwenden. Die Königin wollte das nicht und chlug dagegen Frau von Verdeconne vor. Endlich trug die Königin den Sieg davon. Man hielt Proben mit dem Ballet und hei die⸗ 180 ſer Gelegenheit mußten die Tänzerinnen an der Thüre des Königs vorbeikommen; aber der König verſchloß dieſelbe. 2 Eines Tags jedoch verſchloß er ſie nicht ſo her⸗ metiſch, daß er nicht Fräulein von Montmorency hätte vorbeikommen ſehen. Er ſchloß ſie jetzt nicht wieder, ſondern öffnete ſie vielmehr wagenweit um das Fräulein auch bei ihrer Rücktehr zu ſehen. Tags darauf that er noch mehr und ging ſelbſt in die Probe. Nun waren die Damen als Nymphen gekleidet und hatten vergoldete Wurfſpieße in den Händen. Eine der Balletfiguren beſtand darin, daß ſie die Wurfſpieße erhoben, wie wenn ſie dieſelben ſchleudern wollten. Fräulein von Montmorency be⸗ fand ſich juſt dem König gegenüber, als ſie ihren Wurfſpieß erhob, und es ſah aus, als ob ſie ihn damit durchbohren wollte. Der König geſtand ſpäter, ſie habe die Bewe⸗ gung mit ſolcher Grazie ausgeführt, daß es ihm in der That geſchienen habe, er ſei ins Herz ge⸗ troffen, und zwar ſo tief, daß er beinahe in Ohn⸗ macht gefallen ſei. Von dieſem Augenblick an verſchloß der König ſein Zimmer nicht mehr. Von der Gräfin von Mo⸗ ret war keine Rede mehr, und er ließ die Königin Alles thun was ſie nur wollte. Das Ballet fand ſtatt und gehörte zu den ſchön⸗ ſten, die man je geſehen hatte. Es wurde von zwölf Damen gebildet. Fräulein von Montmorency hatte nicht blos die Augen des Königs auf ſich gezogen und ſie gefeſſelt, — c2 2 g r⸗ ht m ſt et . e⸗ en n e⸗ m n⸗ ig 0. in n⸗ on ie t, 181 ſondern auch die Begeiſterung des Dichters ange⸗ regt. Man begreift, daß Heinrich mit ſeinem entzünd⸗ baren Herzen an einer ſo ſchönen Perſon nicht vor⸗ beigehen konnte ohne ſich zu verlieben; er verliebte ſich alſo raſend in ſie. Aber der Schein mußte gerettet werden. Sie ſollte Baſſompierre heirathen, und man ſagte, es ſei von beiden Seiten eine Neigungsheirath. In Bezug auf Baſſompierre fand kein Zweifel ſtatt und er ſprach es laut und unverholen aus. Der König wünſchte genau zu erfahren, wie Fräulein von Montmorency über die Sache dachte. Er richtete es ſo ain, daß er ſie bei ihrer Tante, der Frau von Angouleme, einer legitimirten Toch⸗ ter Heinrichs II, traf, und lenkte nun das Geſpräch auf die Verheirathuug des Fräuleins mit Baſſom⸗ pierre. „Mein Fräulein,“ fragte er die ſchöne Char⸗ lotte,„iſt dieſe Verbindung Euch angenehm?“ „Sire,“ antwortete ſie,„ich werde mich ſtets glücklich ſchätzen meinem Vater zu gehorchen, und auf dieſen Gehorſam beſchränkt ſich mein ganzer Ehrgeiz.“ Die Antwort war ſo unterwürfig, daß man deutlich ſah, das ſchöne junge Mädchen fügte ſich gerne. Nun begriff der König, daß ein Gatte, der all⸗ zuſehr geliebt wurde, die Hoffnungen des Liebha⸗ bers ſo gut wie vernichten konnte. Er ließ daher Baſſompierre holen. Der Marſchall kam und ſeine ganze Haltung 6 — 182 nſ den glücklichen Liebhaber: er trug die Naſe hoch, hatte ſeine Fauſt in die Hüfte geſtemmt und drehte ſeinen Schnurrbart. „Boſſompierrre,“ ſagte der Körig zu ihn,„ich hub Dich holen laſſen um mit Dir über wichtige Dinge zu ſprechen; 6 Dich, mein Lieber.“ Der König war ſo charmant, daß Baſſompierre geſteht, er habe gleich bei dieſem Anfang Furcht bekommen. Er ſetzte ſich der Aufforderung gemäß und ſagte, er ſtehe zu Befehl. „Baſſompierre,“ ſagte der König zu ihm,„ich bin darauf bedacht geweſen Dir eine ſolide Stel⸗ lung am Hofe zu begründen.“ „Und wie das, Sire?“ fragte Baſſompierre. „Indem ich dich mit Fräulein von Aumale ver⸗ mähle, mein Freund.“ „Ei wie, Sire?“ antwortete Baſſompierre,„Ihr wollt mir alſo zwei Frauen geben?“ „Wie ſo, zwei Frauen?“ „Ja, Euer Majeſtät vergißt mein Verhältniß zu Fräuein von Montmorency?“ „Ach,“ verſetzt der König mit einem Seufzer, „juſt daran werde ich jetzt erſehen, ob Du mein Freund biſt. Ich bin in Fräulein von Montmo⸗ rency raſend verliebt. Wenn Du ſie heiratheſt und ſie Dich liebt, ſo werde ich Dich haſſen; wenn ſie mich liebt, ſo wirſt Du mich haſſen. Nun wohl, es iſt beſſer, wenn es gar keine Urſache gibt, die unſer Einverſtändniß trüben könnte, denn ich bin Dir wirklich von ganzem Herzen zugethan.“ 183 Und als Baſſompierre dieſe Worte mit einer ge⸗ wiſſen Ungeduld anhörte, ſagte der König zu ihm: „Höre, ich bin entſchloſſen ſie mit dem Prinzen von Condé zu vermählen und bei meiner Familie zu behalten. Sie wird der Troſt und die Unter⸗ haltung meines Alters ſein, in das ich jetzt trete. Ich gebe meinem Neffen, dem die Jagd tauſendmal lieber iſt als die Dame, hunderttauſend Livres jähr⸗ lich, damit er ſich die Zeit vertreiben kann, und ich verlange von ihr keinen andern Dank als ihre ein⸗ fache Zuneigung.“ Baſſompierre war von dem Schlag ganz betäubt und ließ Anfangs den Kopf ſinken; aber er war ein zu guter Höfling um ihn nicht bald wieder empor⸗ zuheben und eine lächelnde Miene zu zeigen. „Wohlan, Sire,“ ſagte er,„ich werde thun was Euer Majeſtät wünſcht. Man ſoll nicht ſagen können, ein Unterthan ſei in irgend einer Sache den Wünſchen ſeines Königs entgegengetreten.“ Der König ſtieß einen Freudenſchrei aus und fiel weinend vor Wonne Bäſſompierre um den Hals. Einige Tage ſpäter wurde die Verlobung des Prin⸗ zen von Condé mit Fräulein von Montmorency dem Hof angezeigt Die Trauung fand zu Anfang März 1609 ſtatt. Der Herr Prinz, wie man Herrn von Conds ſchon damals und ſpäter überhaupt alle älteſten Söhne der Familie nannte, war ſehr arm. Er beſaß von ſeinen Gütern nur zehntauſend Livres Einkünfte, aber es war eine große Ehre ihn zum Tochtermann zu haben. Herr von Montmorency gab ſeiner Tochter hun⸗ 184 derttauſend Thaler mit, und der König ſetzte, wie er verſprochen hatte, ſeinem Neffen eine Rente von hunderttauſend Livres aus. Die Vermählung wurde wie eine königliche mit großen Feſten gefeiert. Es fanden Carouſſelle ſtatt, und der König ritt trotz ſeiner drei⸗ oder vierund⸗ fünfzig Jahre mit einem parfümirten Krägchen und chineſiſchen Atlasärmeln nach dem Ringe. Baſſompierre ſeinerſeits war vor Aerger krank geworden. Die Verheirathung der ſchönen Charlotte ſtei⸗ gerte die Liebesgluth des Königs noch immer mehr. Durch inſtändiges Bitten brachte er die Prinzeſſin ſo weit, daß ſie ſich eines Abends mit aufgelösten Haaren zwiſchen zwei Kerzen auf ihrem Balcon zeigte. Als der König ſie ſo mit ihren beinahe auf den Boden herabfallenden Haaren erblickte, da ſank er vor Wonne beinahe in Ohnmacht. „Ach mein Gott,“ ſagte die Prinzeſſin,„der arme Mann iſt verrückt.“ So lächerlich indeß dieſe Verrücktheit ſein mag, ſo rührt ſie doch die Frauen immer ein wenig. Der König brachte daher auch die Prinzeſſin ſo weit, daß ſie ſich von einem ſehr berühmten Maler Na⸗ mens Ferdinand heimlich für ihn malen ließ. Baſſompierre, der ſich ohne Zweifel in der Hoff⸗ nung, daß etwas für ihn abfallen werde, zum Ver⸗ trauten und Boten dieſer heißen Liebe gemacht hatte, trug das Portrait noch ganz naß fort, ſo daß man es mit friſcher Butter einreiben mußte, damit es ſich nicht verwiſchte. Uebrigens konnte der König ſeine Liebe zur ie on it tt, d⸗ d nk i⸗ in n n uf nk er Prinzeſſin ſo wenig verheimlichen, daß Herr von Condé zuletzt die Lunte roch und ſich mit ſeiner Ge⸗ mahlin nach Muret in der Nähe von Soiſſons be⸗ gab. Der König war außer ſich. Er erfährt, daß der Herr Prinz mit ſeiner Gemahlin auf eine Jagd gehen will. Er legt einen falſchen Bart an und bricht auf. Aber der Herr Prinz wird rechtzeitig gewarnt und geht nicht auf die Jagd. Einige Tage nachher wurden der Herr Prinz und ſeine Gemahlin von einem Landedelmann zu Tiſch geladen und fuhren hin. Aber der Edelmann war ein Mitſchuldiger des Königs und hatte ein Loch in eine Tapete gemacht, hinter welcher Heinrich W ſich verſteckte, ſo daß er nach Herzensluſt die Dame betrachten konnte, um derenwillen er all dieſe Tollheiten beging. Bei ihrer Ankunft war ſie von Herrn von Be⸗ neur angeredet worden, der eine Schwägerin in dieſer Gegend hatte und vorgab, daß er ſie beſu⸗ chen wolle. Er hatte einen Poſtwagen und einen Poſtillon, deſſen halbes Geſicht durch ein Pflaſter bedeckt war. Dieſer Poſtillon war der König. Die Frau Prinzeſſin und ihre Schwiegermutter erkannten ihn ganz gut. Der König war dem Wahnſinn nahe. Er wurde von einer wüthenden Eiferſucht gemartert; er ging zu dem Connetable und verſprach ihm goldene Berge, wenn er ſeine Tochter veranlaſſe ein Scheidungs⸗ geſuch einzureichen. 186 Der Connetable ging zu ſeiner Tochter und be⸗ ſtimmte ſie dazu. Man machte dem armen Kinde weiß, ſie werde Königin werden. Der Herr Prinz erfuhr, was im Werke war, ſagte ſeiner Gemahlin, er wolle ſie nach Paris zu⸗ rückbringen, und ließ ſie in eine achtſpännige Karoſſe ſteigen, fuhr aber dann mit ihr nach Brüſſel; er hielt unterwegs nirgends an, ſondern ſpeiste und ſchlief in ſeinem Wagen. Sie waren am 1. December abgereist und ka⸗ men am 3. in Brüſſel an. Der König ſpielte in ſeinem Kabinet, als er dieſe Nachricht von zwei Seiten zugleich erfuhr, von Delbene und dem Scharwachenhauptmann. Er ſtand ſogleich vom Spiele auf, ließ Baſſom⸗ pierre ſein Geld und flüſterte ihm ins Ohr: „Ach, mein Freund, ich bin verloren. Der Herr Prinz entführt ſeine Frau; der Kerl wird ſie ſicher⸗ lich in einem Wald umbringen oder wenigſtens über die Gränze führen.“ Dann ließ er ſogleich ſeinen Rath zuſammenru⸗ fen, um ihn zu fragen, was in dieſem mißlichen Falle zu thun ſei. Der Präſident Jeannin, Sully, Villeroi und der Kanzler Bellidvre bildeten den Rath, dem dieſe Frage vorgelegt wurde. Bellidvre meinte, der Kö⸗ nig ſolle ein Edikt erlaſſen; Villeroi, man ſolle die Sache mit Depeſchen und Unterhandlungen ausma⸗ chen; Jeannin, man ſolle das Ereigniß zu einem Kriegsfall mit den Niederlanden machen; Sully, man ſolle ſchweigen und gar nichts thun. d ſe ie 4. m , 187 Endlich ſagte Baſſompierre, der gleichfals gefragt wurde: „Sire, ein flüchtiger Unterthan iſt bald von aller Welt verlaſſen, wenn der König ſich die Miene gibt als ob er ſich ganz und gar nicht über ſeinen Verluſt kränke. Wenn Ihr das mindeſte Verlangen verrathet den Herrn Prinzen wieder zu bekommen, ſo werden Eure Feinde ſich ein Vergnügen daraus machen Euch dadurch zu ärgern, daß ſie ihn gut empfangen und ihm alle Art von Vorſchub leiſten.“ Man verſuchte es zuerſt mit Unterhandlungen bei dem Erzherzog, aber der ſpaniſche Miniſter und Marquis von Spinola vereitelten ſämmtliche läne. Man beſtach einen Pagen des Prinzen, den kleinen Toiras, der ſpäter Marſchall von Frank⸗ reich wurde. Der franzöſiſche Geſandte in Brüſſel, Marquis von Coeuvres, erhielt vom Könige Voll⸗ macht, um die Prinzeſſin zu entführen und nach Frankreich zurückzubringen. Die Entführung wurde auf den 13. Februar 1610 feſtgeſetzt. Die Prin⸗ zeſſin, die niemals eine große Neigung zu ihrem Gemahl gehabt hatte, erklärte ſich vollkommen be⸗ reit. Aber am Abend vor ver der Ausführung des Planes wurde Alles entdeckt, und das Complott ſchei⸗ terte. Der Prinz tobte wie ein Narr, die ſpaniſchen Miniſter beſchwerten ſich, allein die ganze Unter⸗ handlung war mündlich geführt worden und die Kläger hatten keinen Beweis in den Händen; der Marquis von Coeuvres läugnete Alles. 188 Althergebrachte Gewohnheit det Miniſter, denen etwas mißlingt, ſagt naiv der Geſchichtſchreiber, welchem wir dieſe Details entnehmen. Als der Prinz ſah, daß er in Brüſſel nicht ſicher war, begab er ſich nach Mailand, ließ aber ſeine Gemahlin bei der Infantin Iſabella, welche ſie wie eine Gefangene bewachen ließ. Jetzt verlor der König gänzlich den Kopf. Er ſchrieb dem Prinzen und ſicherte ihm Verzeihung zu, wenn er zurückkomme, bedrohte ihn aber im Fall des Ungehorſams mit ſeinem ganzen Zorn. Er ſolle dann als Empörer und Majeſtätsverbrecher behandelt webben. Der Prinz betheuerte ſeine Ehrerbietung und Unſchuld, erklärte aber, daß er nicht zurückkomme. Als der König erfuhr, daß die Prinzeſſin in Brüſſel zurückgeblieben war, richtete er alle ſeine Batterien nach dieſer Seite. Er ſchickte im Namen des Connetable und der Frau von Angouleme Herrn von Préau ab, mit dem Befehl die Prinzeſſin zu⸗ rückzuverlangen und einem Brief der Eltern, worin ſie den Wunſch ausdrückten, daß die Prinzeſſin der Krönung der Königin beiwohnen möchte, die auf den 10. Mai feſtgeſetzt war; allein der ſpaniſche Hof ſchlug die Herausgabe der Prinzeſſin rund ab. Jetzt beſchloß der König Oeſtreich und Spanien den Krieg zu erklären. „ Er gebrauchte als Vorwand, daß er den Kur⸗ fürſten von Brandenburg gegen den Kaiſer Rudolph unterſtützen wolle. Wer Näheres über dieſen Krieg zu erfahren er en er, her ine ſie Er ng im rn. er nd ne. ne en zu⸗ rin er uf che b. en tr⸗ ph 189 wünſcht, kann in den Memoiren Sully's vollſtän⸗ dige Belehrung finden. Man weiß, welches furchtbare Ereigniß den Ausbruch verhinderte:. Am 14. Mai 1610 Morgens eilf Uhr wurde Heinrich IV in der Rue de la Ferronnerie er⸗ mordet. Wir geben über dieſe Kataſtrophe alle Details, die wir zuſammengebracht haben. XIII. Während dieſer letzten Periode hatte der König, obſchon er in die Frau Prinzeſſin gänzlich vernarrt blieb, drei Maitreſſen: Charlotte des Eſſarts, Grä⸗ fin von Romorantin, von welcher er zwei Töchter hatte, die nachmaligen Aebtiſſinnen von Fontevrault und von Chelles; Frau OQuelen, die Gattin eines Raths der großen Kammer, und das berühmte Fräu⸗ lein Paulet. Angelica Paulet war 1592 geboren, ſomit beim Tode des Königs erſt achtzehn Jahre alt. Saumaiſe führte ſie ſpäter in ſeinem großen geſchichtlichen Verzeichniß der Zier affen unter dem Namen Parthenie auf. Sie war die Tochter Carl Paulets, Kammerſe⸗ eretärs des Königs und Erfinders der Steuer, wel⸗ che nach ihm Paulette genannt wurde. Sie beſtand in einer jährlichen Abgabe, welche die Juſtiz⸗ und Finanzbeamten dafür zu entrichten hatten, daß ihre Aemter auf ihre Erben übergingen. 190 Fräulein Paulet war ſehr lebhaft, ſchlank, ſchön, eine gute Tänzerin, dabei ſpielte ſie vortrefflich die Laute und war die beſte Sängerin ihrer Zeit. Man ſetzte ein Mährchen in Umlauf, daß Nach⸗ tigallen vor Eiferſucht geſtorben ſeien, als ſie das Fräulein ſingen gehört haben. Nur hatte ſie rothe Haare. Nicht ich beklage mich darüber, ſondern Talle⸗ mant des Réaux; aber ihr Roth war ſo ſchön, daß es einen weitern Reiz bildete. Man höre was Saumaiſe darüber ſagt: „Rothhaarige Mädchen, tröſtet Euch; die Par⸗ thenie, von welcher ich ſpreche, hat auch rothe Haare gehabt und iſt dennoch eine Précieuſe, deren Beiſpiel genugſam zeigt, daß die Rothen ebenſo⸗ wohl Liebe einflößen können, als die Brunetten und die Blondinen.“ Sie hatte das Ballet mitgemacht, bei welchem das Fräulein von Montmorency das Herz des Kö⸗ nigs eroberte. Sie erſchien dabei auf einem Del⸗ phin und war wirklich allerliebſt. Mit bezaubernder Stimme ſang ſie das Lied von Lingendes: N „Ich bin der Amphion... Da Heinrich IV die ſchöne Tänzerin Montmo⸗ rency nicht haben konnte, ſo wollte er wenigſtens die ſchöne Sängerin Paulet haben. Sie war die erſte Dame, die den Zunamen Löwin erhielt, der in unſern Tagen unter den⸗ ſelben Verhältniſſen wieder aufgekommen iſt. Man höre nur was Tallemant des Réaux da⸗ rüber ſagt: ———— ——— — ön, ich s le⸗ ß „Die Gluth, mit welcher ſie liebte, ihr Muth, ihr Stolz, ihre feurigen Augen, ihre allzu golde⸗ nen Haare, trugen ihr den Zunamen Löwin ein.“ Heinrich IV, welcher die Abneigung des Herrn von Vendome gegen die Weiber bemerkt hatte, wollte ihn eben zu Mademoiſelle Paulet führen, um ihn galant zu machen, als er unterwegs er⸗ mordet wurde. Gleichwohl hatte es nicht an Weiſſagungen und Prophezeiungen gefehlt. Eine davon, die ſchon zweimal beinahe in Er⸗ füllung gegangen wäre, lautete dahin, daß er in einer Kutſche ſterben werde. Das erſte Mal war während der Belagerung von la Fere. Er begleitete die Herzogin von Beau⸗ fort von Travech nach Mouy; die Pferde ſtrau⸗ chelten auf einem ſchlechten Weg und ſprangen mit dem Wagen in einen Abgrund. Der Wagen wurde zertrümmert und die vier Pferde getödtet oder ver⸗ ſtümmelt. Den zweiten Fall, wie die Kutſche auf der Fähre von Neuilly in den Fluß fiel, haben wir bereits erzählt. Fünf Perſonen befanden ſich im könig⸗ lichen Wagen: der König, die Königin, die Prin⸗ zeſſin von Conti, der Herzog von Montpenſier und der Herzog von Vendome. Der König und der Herzog von Montpenſier ſprangen hinaus, ehe der Wagen ins Waſſer kam, aber die Königin, die Prinzeſſin von Conti und der Herzog von Vendome waren nicht ſo glücklich: man zog zuerſt die Prin⸗ zeſſin von Conti heraus, die ſich auf der noch aus dem Waſſer hervorragenden Seite der Kutſche be⸗ 192 fand. Die Kutſche ſank immer tiefer. La Chatai⸗ gneraie tauchte hinab und zog die Königin an den Haaren herauf. Blieb noch der Herzog von Ven⸗ dome übrig; la Chataigneraie tauchte von neuem unter und war ſo glücklich, auch den jungen Prin⸗ zen zu retten. Zur Belohnung— wenn bei ſolchen Dienſten überhaupt von einer Belohnung die Rede ſein kann— erhielt la Chatagneraie eine Diamantroſe, im Werth von viertauſend Thalern, und wurde zum Capitän der Garden der Königin ernannt. Der König wäre alſo, wie geſagt, ſchon zwei⸗ mal beinahe in einer Kutſche umgekommen. Man hatte überdieß in Deutſchland ſein Horoscop ge⸗ ſtellt. Die Prophezeiung ging dahin, daß er in ſeinem ſiebenundfünfzigſten Jahr eines gewaltſamen Todes ſterben werde. Ueberdieß hatte ein großer Mathematiker berechnet, Heinrich werde glücklich zur Monarchie Europas gelangen, wenn ihn nicht ein furchtbares Ereigniß, das ihn bedrohe, inmitten ſeiner glorreichen Bahn aufhalte. Derſelbe Mann, welcher dem Herzog von Guiſe ſeine Ermordung in der Ständeverſammlung von Blois und dem Herzog von Mayenne den Verluſt der Schlacht von Jory vorhergeſagt, hatte auch prophezeit, daß der König in dieſem Jahr 1610 auf eine gewaltſame Art ums Leben kommen würde. Man hatte in Montargis auf einem Altar die Prophezeiung dieſes unglücklichen Tages gefunden un in Boulogne ein Muttergottesbild weinen ge⸗ ſehen. Die Marſchallin von Retz erzählte, die Königin —— S 8 e— ni de mi den der Kör ſagt 193 Catharina habe zu erfahren gewünſcht, wie es einſt ihren Kindern gehen und wer ihr Nachfolger werden würde; ſie habe alſo einen Zauberer beſchickt, der ihr einen Saal gezeigt, worin ihr jeder ihrer Söhne erſchienen ſei und eben ſo viele Gänge auf⸗ und abgemacht habe, als er Jahre regieren ſolle. Franz I war zuerſt erſchienen und hatte einen Gang gemacht; dann erſchien Carl IX und machte vierzehn Gänge; hierauf Heinrich III, der fünfzehn machte; endlich kam Heinrich von Bearn, der ein⸗ undzwanzig Gänge machte und dann verſchwand. Während der Vorbereitungen zur Krönung zeigte man dem König eine aus Spanien gekom⸗ mene Prophezeiung. Sie lautete dahin, daß ein großer König, der in ſeiner Jugend Gefangener geweſen, im Mai ſterben würde. Aber der König ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Man darf an nichts glauben was aus Spa⸗ nien kommt.“ Und gleichwohl wandte er ſich an Sully mit den Worten: „Sully, ich habe Etwas auf dem Herzen, was mich nicht heiter werden läßt.“ er am 1. Mai im Louvrehof gepflanzte Baum fiel am g. deſſelben Monats ganz von ſelbſt, ſeine Krone der kleinen Treppe zugewandt. Baſſompierre und der Herzog von Guiſe ſtan⸗ en in dieſem Augenblick an dem eiſernen Gelän⸗ der der kleinen Freitreppe vor dem Zimmer der Königin. Baſſompierre ſchüttelte den Kopf und ſagte, auf den gefallenen Baum deutend: „Wenn wir in Deutſchland oder in Italien wä⸗ Dumas, Heinrich W. 13 194 ren, ſo würde man dieſen Fall für ein ſchlimmes Zeichen halten und auf den Umſturz des Baumes ſchließen, in deſſen Schatten die Welt ruht.“ Der König ſtand ungeſehen hinter ihnen; er ſteckte jetzt zu großer Verwunderung ſeinen Kopf zwiſchen die ihrigen. „Habt Ihruns gehört, Sire?“ fragte Baſſompierre. „Natürlich ja,“ ſagte der König,„aber man ſchwatzt mir ſchon ſeit zwanzig Jahren den Kopf voll mit ſolchen Prophezeiungen. Es wird geſchehen wie es Gott gefällt.“„ Die Königin hatte zwei Träume, welche alle dieſe unbeſtimmten Befürchtungen noch vermehrten. Zuerſt träumte ſie— und dieß geſchah im Augenblick, wo die Juweliere ihre Krone zuſam⸗ menſetzten— alle Diamanten, die man ihr zur Verzierung dieſer Krone geſchenkt, hätten ſich in Perlen verwandelt. Nun bedeuten in der Sprache der Träume Perlen nichts anderes als Thränen. Sie ſchlief wieder ein, aber nach einer halben Stunde erwachte ſie von neuem und fuhr mit einem lauten Schrei auf: „Was habt Ihr, meine Liebe?“ fragte der König. „Oh!“ rief ſie,„ich habe einen garſtigen Traum gehabt.“ „Nun, was habt Ihr denn geträumt?“ „Oh nichts.. Ihr wißt, Träume ſind Schäume.“ „Sagt es immerhin.“ „Nun denn, ich habe geträumt, man habe Euch auf der kleinen Treppe einen Meſſerſtich verſetzt.“ „ 8 8 er pf mn pf en le m n⸗ ur in he en m er 195 „Zum Glück iſt es nur ein Traum,“ ſagte der König. „Soll ich nicht die Renoulliere aufſtehen laſſen?“ fragte die Königin in dringendem Ton. So hieß ihre erſte Kammerfrau. „Oh,“ ſagte der König,„es iſt nicht der Mühe werth.“ Und er ſchlief alsbald wieder ein, denn, ſagt ſein Geſchichtſchreiber Mathieu, er war eine ſo glückliche Natur, daß er über Wachen und Schlafen gebieten konnte. Dieſe zwei Träume beunruhigten die Königin ſehr. Sie hatte ihre Träume immer in Erfüllung gehen ſehen: einmal hatte ſie den Tod des Papſtes Leo Xl geträumt, und in ihrem Traum tröſtete ſie der Kardinal Aldobrandini mit der Verſicherung, ſein Nachfolger, wozu Paul Vernannt wurde, werde ihrem Hauſe nicht minder zugethan ſein; ſie hatte ferner den Tod des Großherzogs Ferdinand, ihres Oheims, geträumt; ſie hatte ſich bei ſeinem Agen⸗ ten in Paris nach ſeinem Befinden erkundigt, der Agent hatte geantwortet, Alles ſtehe aufs Beſte, und vier Tage nachher hatte er die Kunde vom Tode ſeines Herrn erhalten. Am 9. Abends ſpielte Heinrich Trictrac, und da meinte er mehreremale Blutflecken auf dem Elfen⸗ bein und Ebenholz zu ſehen. Er wollte ſie mit ſeinem Schnupftuch abwiſchen und ſagte Anfangs nichts; hernach aber fragte er ſeinen Partner, ob er nicht gleichfalls dieſe Blut⸗ flecken ſehe.. Sodann ging er aus um etwas Luft 1 196 Nicht blos ſein Geſicht war getrübt, ſondern auch ſein Herz. Nach dem Spiel ſoupirte die Königin in ihrem kleinen Kabinet und ließ ſich von ihren Damen be⸗ dienen. Der König kam herein, ſetzte ſich zu ihr und trank, nicht aus Durſt, ſondern aus einer Art ehemänniſcher Galanterie zweimal den Reſt aus, den ſie in ihrem Glas gelaſſen hatte. Dann erhob er ſich plötzlich und ging weg, um ſich ins Bett zu begeben. Während dieſer Nacht hatte die Königin die zwei obenerwähnten Träume. Geben wir die Details dieſes letzten Tages, des 14. Mai 1610, ganz genau. Der König erwachte noch früher als gewöhnlich d. h. gegen vier Uhr. Er ging ſogleich in ſein kleines Kabinet, um ſich anzukleiden. Zugleich ließ er Herrn von Rambure rufen, der Tags zuvor angekommen warz um ſechs Uhr warf er ſich auf ſein Bett um ruhiger ſein Gebet zu ver⸗ richten. Während des Betens hörte er an die Thüre klopfen. „Macht auf,“ ſagte er,„es muß Herr von Vil⸗ leroi ſein.“ Er hatte ihn wirklich durch Varenne herbeſchei⸗ den laſſen. Er ſprach lange über Geſchäfte mit ihm, be⸗ ſchied ihn dann in die Tuilerien, um ihm noch mehr zu ſagen, hierauf befahl er ihm den Vorhang zuzu⸗ ziehen und begann ſein Gebet von Neuem. Als er fertig war, brachte er alle ſeine Depeſchen rf r⸗ re l⸗ 197 an den Herzog von Savoyen ins Reine und ver⸗ ſiegelte ſie ſelbſt mit ſeinem Siegel. Sodann begab er ſich in die Tuilerien, ging länger als eine halbe Stunde mit dem Dauphin ſpazieren, ſprach mit dem Kardinal von Joyeuſe und mehreren andern Herren, und befahl ihnen den Streit beizulegen, welchen die Geſandten von Spanien und Venedig bei der Krönung gehabt hatten. Vom Dauphin weg ging er in die Feuillantiner⸗ kirche und hörte die Meſſe. Zuweilen kam er nach zwölf Uhr dort an. In dieſem Fall entſchuldigte er ſich bei der Geiſtlichkeit wegen ſeiner Verſpätung. Er pflegte dann zu ſagen: „Entſchuldigt mich, fromme Väter, ich habe ge⸗ arbeitet. Wenn ich für mein Volk arbeite, ſo iſt das auch gebetet. Ob ich arbeite oder bete, ſo be⸗ ſchäftige ich mich mit Gott.“ Er kehrte in den Louvre zurück, aber ehe er ſich zu Tiſch ſetzte, verlangte er einen gewiſſen Descure zu ſehen, welchen er beauftragt hatte die Paſſage über den Fluß Semoi zu unterſuchen. Der Uebergang war leicht, bequem und ſiher bei Chateau⸗Renaud, einem fürſtlichen Beſitzthum der Prinzeſſin von Conti. Der König war über dieſe Nachricht hoch erfreut. Man hatte ihm geſagt, der Marquis Spinola habe ſich all dieſer Uebergänge bemächtigt, und nun meldete ihm Descure nicht blos, daß dieſes unwahr ſei, ſondern auch, daß ſeine Armee von Herrn von Nevers im beſten Stand erhalten werde, daß die 2 198 Schweizer eingerückt ſeien und daß die Equipagen und die Artillerie beyeit ſtehen. Sodann dinirte er und ließ über Tiſch Herrn von Nereſtan kommen, dem er über die Haltung ſeines Regiments, ſowie über die Schnelligkeit, wo⸗ mit es equipirt worden war, die ſchmeichelhafteſten Complimente machte und die Verſicherung gab, daß„ ihm alle Koſten zurückerſtattet werden ſollen. „Sire,“ antwortete Herr von Nereſtan,„ich biete Alles auf um Eurer Majeſtät zu dienen und denke dabei nicht an Belohnungen, denn ich bin überzeugt, daß ich unter einem ſo großen und edel⸗ müthigen Könige niemals arm ſein werde.“ „Ja Ihr habt Recht, Herr von Nereſtan, die Unterthanen müſſen ihre Dienſte vergeſſen, aber die Könige müſſen ſich derſelben erinnern. Meine Diener müſſen mir vertrauen, und ich muß für ſie ſorgen. Allerdings gibt es Leute, denen ich mehr Gutes gethan habe als Euch, und die nicht ſo er⸗ kenntlich ſind wie Ihr. Große Wohlthaten werden oft durch großen Undank erwidert.“ Kaum hatte er dieß geſagt, ſo traten Madame, die nachmalige Madame Henriette, Madame Chriſtine, die nachmalige Herzogin von Savoyen, und endlich Fräulein von Vendome ein. Der König fragte die drei Kinder, ob ſie ge⸗ ſpeist haben. Frau von Montglat, ihre Gouver⸗ nante, antwortete, ſie habe die Prinzeſſinnen in St. Denis, wo ſie die Reliquien und den Schatz beſucht haben, diniren laſſen. „Habt Ihr Euch gut amüſirt?“ fragte der König. 199 „Ja,“ ſagte Fräulein von Vendome;„nur hat der Herr Herzog von Anjon ſehr geweint.“ „Warum?“ fragte der König. „Weil man ihm auf ſeine Frage, wer in einem Grab liege, das er anſah, zur Antwort gab, Ihr ſeiet es.“ „Drum liebt er mich, der gute liebe Junge,“ ſagte der König.„Geſtern hat er während der ganzen Ceremonie, weil er mich nicht ſah, beſtändig Papa gerufen.“ Nach Tiſch unterhielt er ſich lange mit dem Präſidenten Jeannin und ſeinem Finanzintendanten Arnault und ſagte ihnen, er ſei entſchloſſen an der Reform des Staates zu arbeiten, das Flend und den Druck ſeines Volkes zu erleichtern, nicht mehr zu dulden, daß in Frankreich das Gold mehr gelte als Tugend und Verdienſt, und daß durch die Ver⸗ käuflichkeit der Stellen die heiligen Dinge entweiht werden; er beſchwöre alſo ſeine treuen Diener tugendhaft und muthig ſeine Abſichten zu fördern. Sodann begab er ſich in die Gemächer der Königin, nrit Niemand als der Marquis de la Force ihm olgte. Die Königin war in ihrem Kabinet und ertheilte die nöthigen Befehle in Bezug auf die Pracht und die Herrlichkeit ihres Einzugs. Im Augenblick, wo Heinrich auf der Schwelle erſchien, forderte ſie ihren Beichtvater, den Biſchof von Beziers, auf, nach der Conciergerie des Pa⸗ laſtes zu gehen, um daſelbſt zwei Requetenmeiſter zu holen und mit ihnen über die Befreiung der Gefangenen zu berathen. Als Heinri hörte, daß ſie zu ihr: 200 ch die Herzogin von Guiſe ſagen in die Stadt gehen wolle, ſagte er „Bleibt hier, Baſe, wir werden uns amüſiren.“ „Ich muß durchaus ausgehen, Sire,“ antwortete ſie;„ich habe menberufen.“ einige Parlamentsadvokaten zuſam⸗ „Nun wohl,“ ſagte der König,„ich will die Prinzeſſin von Conti beſuchen; ich habe überdieß große Luſt nach dem Arſenal zu gehen, aber wenn ich dahin gehe, ſo werde ich mich ganz gewiß ärgern.“ „Gehet nicht, Sire, bleibt bei uns und behaltet Eure gute Laun Trotz dieſer e, ſagte die Königin. Einladung verließ er das Kabinet der Königin und ging in ſein eigenes, um zu ſchreiben. Er war von jen er Unruhe gequält, welche die von einem großen Unglück bedrohten Menſchen heimzu⸗ ſuchen pflegt, wenn ihr Inſtinct ihnen ſagt, ſie ſollen ſich ihm zu entziehen ſuchen. Er ſetzte ſich und ſchrieb. Aber bei der an einen Tiſch, nahm eine Feder fünften Zeile hielt er inne, ließ la Claverie rufen, den er zu dem venetianiſchen Geſandten wegen ſeines Streites mit dem ſpaniſchen Geſandten geſchickt hatte, ſprach einige Augenblicke mit ihm und ſchrieb hierauf weiter. Als er ſodann den Brief abgegeben hatte, trat er an ein Fenſter und ſagte, indem „Mein Gott, ſehr beunruhigt?“ Sodann verli er die Hand an ſeine Stirne legte: was habe ich denn, das mich ſo eß er ſein Kabinet und kehrte ins Zimmer der Königin zurück. 1— 201 Hier ſprach er lange mit la Claverie von ſeinen Zukunftsplänen, wie wenn er unmittelbar vor ſei⸗ nem Abſcheiden ſeinen erſten Juſtizbeamten noch in ſeine letzten Abſichten hätte einweihen wollen. Nach dieſer Beſprechung trennten ſich die beiden Männer. „Sire,“ ſagte der Kanzler,„ich werde mich an Euern Rath halten.“ „Und ich,“ antwortete der König, indem er ihn m„ich will jetzt meiner Gemahlin Lebewohl agen.“ Sodann kehrte er zum zweitenmale ins Zimmer der Königin zurück und begann mit ſeinen Kindern zu ſpielen. „Ich weiß nicht was ich heute habe, Madame,“ ſagte er zur Königin,„aber ich kann mich nicht entſchließen von Euch wegzugehen.“ „So bleibt doch,“ ſagte ſie,„wer nöthigt Euch denn zu gehen?“ Der König wandte ſich an Herrn von Vitry, ſeinen Gardekapitän. „Vitry,“ ſagte er,„gehet in den Palaſt und be⸗ aufſichtiget die Vorbereitungen für das königliche Feſt. Ich werde um ſechs Uhr ſelbſt kommen, um nach den Anordnungen zu ſehen.“ „Sire,“ ſagte Vitry,„ich gehorche Eurer Maje⸗ ſtät, aber ich würde lieber hier bleiben.“ „Und warum das?“ „Sire, ich kann nicht an zwei Orten zugleich ſein, und wenn ich Euch ohne Eure Leibwachen auf der Jagd oder beinahe ohne Begleitung auf dem Spa⸗ ziergang ſehe, ſo habe ich keinen Augenblick Ruhe. 202 Denkt Euch meine Beſorgniſſe in dieſem Augenblick, in dieſer großen Stadt, wo ſich gegenwärtig eine ſolche Menge von fremden und unbekannten Leuten aufhält.“ „Ach was,“ antwortete der König,„Ihr ſeid ein Schönredner, Vitry. Ihr wollt blos hier bleiben, um mit den Damen plaudern zu können. Thut was ich Euch ſage; ich hüte mich ſchon fünfzig Jahre ohne einen Capitän und ich werde mich auch heute ganz allein hüten können.“. „Oh was das betrifft,“ antwortete Vitry,„ſo braucht Eure Majeſtät ſich nicht allein zu bewachen. Ich habe drunten zwölf Mann zu Euern Dienſten, die Euch überallhin begleiten können.“ Vitry ging. Der König trat auf die Freitreppe des Zimmers der Königin vor und fragte, ob ſeine Karroſſe unten ſtehe. Man antwortete Ja. Dieſe Worte hörte ein Mann, der auf den Steinen am Louvrethor ſaß, wo die Lakaien ihren Herrn erwarteten; dieſer Mann, welchen kein Menſch beachtete, ſtand auf und verſteckte ſich zwiſchen den beiden Thoren. Heinrich ging ins Kabinet zurück, ſagte der Kö⸗ nigin dreimal Lebewohl und küßte ſie mit einer Inbrunſt, wie wenn es ihm im tiefſten Herzen wehe thäte ſich von ihr zu trennen. „Sire,“ ſagte die Marſchallin de la Chatre, als ſie dieſen Zärtlichkeitserguß ſah,„ich glaube, Euer Majeſtät wird mit jedem Tag verliebter in die Kö⸗ nigin.“ ſa ant rs en en en ſch en ö⸗ er he ls er dö⸗ 203 „Nun ja, Marſchallin, was habt Ihr dazu zu ſagen?“ „Ich habe das zu ſagen, Sire, daß Eure treuen Diener darüber äußerſt erfreut ſind.“ „Und ich ebenfalls,“ ſagte die Königin. Heinrich küßte Maria von Medici abermals und entfernte ſich. Als er die kleine Treppe hinunterging, begegnete er dem Marſchall Bois⸗Dauphin und befahl ihm, er ſolle ſich bereit halten zur Armee zu gehen. Als er ſodann in den Hof kam, ſah er den Herzog von Anjou, der da ſpielte, und fragte ihn, indem er auf Baſſompierre deutete: „Kennſt Du dieſen Herrn da?“ Ein Viertel vor vier Uhr endlich ſtieg er in den Wagen und nahm den Ehrenplatz ein. Aber als er dem Herzog von Epernon begegnete und erfuhr, daß er Geſchäfte in der Stadt hatte, ließ er ihn zu ſeiner Rechten Platz nehmen. Am Schlag auf derſelben Seite ritten der Mar⸗ ſchall von Lavardin und Herr von Roquelaure, auf der andern Seite der Herzog von Montbazon und der Marquis de la Force; vorn befanden ſich der Oberſtallmeiſter Liancourt und der Marquis von Mirabeau. Der Kutſcher ließ durch den dienſtthuenden Stall⸗ meiſter um den Befehl fragen. „Fahret zuvörderſt aus dem Louvre hinaus,“ antwortete der König. Als er dann unter das Gewölbe des erſten Thores kam, ließ er die Karoſſe nach allen Seiten öffnen. 204 Der Mann, der ihn zwiſchen beiden Thoren erwartete, ſtand auf ſeinem Poſten; als er aber den Herzog von Epernon am Platze des Königs ſah und„Nach dem Arſenal“ ſagen hörte, da hoffte er unterwegs beſſere Gelegenheit zur Ausführung ſeines Planes zu finden, ſchlich ſich zwiſchen den Wagen und die Mauer und erwartete den König an einer der Buden, die in der Nähe der Innocents in der Rue de la Ferronnerie ſtanden. Vor dem Hotel Longueville ließ der König an⸗ halten und ſchickte alle ſeine Begleiter zurück. Der Kutſcher ſragte jetzt zum zweitenmal wohin er fahren ſolle, wie wenn er es das erſtemal nicht gehört hätte. „Nach dem Croix⸗du⸗Trahoir,“ ſagte der König.“ „Und von da?“ „Von da... Das will ich Dir ſpäter ſagen.“ Man hielt am Croix⸗du⸗Trahbir an. Der König beſann ſich einen Augenblick, ob er zu Fräulein Paulet oder ins Arſenal fahren ſolle. Dann beſchloß er zuerſt das Arſenal und auf dem Heimweg Fräulein Paulet zu beſuchen. Er ſah zum Schlag hinaus und ſagte laut: „In das Arſenal über den Kirchhof Saints⸗ Innocents.“ Und da es warm war, zog er ſeinen Mantel aus und legte ihn»auf ſeinen Schoß. Man kam in die Rue de la Ferronnerie. Am Eingang der Straße ſah der König Herrn von Montigny vorbeifahren, er beugte ſich noch einmal aus ſeiner Karroſſe heraus und rief ihm zu: ni 205 „Guten Tag, Herr von Montigny.“ Sodann fuhr die Karroſſe des Königs in die Straße ein. VIV. Die Straße war durch Baraken und Boutiquen verſtellt, die an der Mauer des Kirchhofs Saints⸗ Innocents ſtanden. Am 14. Mai 1554, juſt ſechs⸗ undfünfzig Jahre vorher, hatte König Heinrich II in Anbetracht, daß dieſe Rue de la Ferronnerie der gewöhnliche Weg war, welchen die Könige von Frankreich machten um aus dem Louvre nach ihrem Schloß des Tournelles zu kommen, ein Edikt er⸗ laſſen, daß dieſe Boutiquen niedergeriſſen und weg⸗ geräumt werden ſollten. Das Edikt war vom Par⸗ lament gutgeheißen, aber ſeine Ausführung verab⸗ ſäumt worden. Mitten unter dieſen Boutiquen wartete der mehrerwähnte Mann auf den König. Als wollte der Zufall ſelbſt die ſchlimmen Ab⸗ ſichten dieſes Mannes fördern, mußte die königliche Karoſſe beim Eintritt in die Straße auf zwei Wägen ſtoßen, von denen der eine mit Heu, der andere mit Wein beladen war. Der Heuwagen, der mitten in der Straße fuhr, veranlaßte den Kutſcher gezz links zu bleiben und jede Minute anzuhalten. Die Lakaien zu Fuß waren wegen des Hinder⸗ niſſes über den Kirchhof gegangen. 206 Mehrere Perſonen begannen jetzt zwiſchen der Karroſſe und den genannten kleinen Boutiquen hin⸗ und herzugehen. Auch ein Mann, von deſſen linker Schulter ein Mantel herabging, unter welchem er ſein Meſſer verbarg, kam des Wegs. Der König ſchaute nach rechts. Er ſprach mit Epernon, dem er ſo eben ein Papier gegeben hatte. Er hatte ſeinen rechten Arm auf dem Hals des Herzogs liegen, den linken auf den Schultern des Herzogs von Montbazon, der ſeinen Kopf abwandte, damit es nicht ſcheine, er höre was der König zu dem Herzog von Epernon und zu dem Marſchall Lavardin ſagte. Seine Worte lauteten: „Wenn wir vom Arſenal zurückkommen, werde ich Euch die Pläne zeigen, welche Escure für den Uebergang meiner Armee gemacht hat; ſie werden Euch eben ſo gefallen wie mir, ich.. Er unterbrach ſich um zu ſagen: „Ha ich bin verwundet!“ Dann fügte er hinzu: „Es iſt nichts.“ Aber zur gleichen Zeit ſtieß er mehr einen Seufzer als einen Schrei aus, und nun guoll ihm das Blut ſtromweiſe aus dem Munde. „Oh Sire,“ rief Cpernon,„denket an Gott.“ Der König hörte digſe Worte noch, denn er faltete die Hände und ſchlug die Augen zum Himmel auf; aber beinahe ſogleich ſank ſein Kopf auf die Schulter des Herzogs. Er war todt. ſe er n⸗ in er it es es e, zu ll de en en en m er el ie 207 Es hatte ſich Folgendes zugetragen: Der Mann mit dem Mantel und⸗Meſſer hatte den Augenblick benützt, wo der einzige Lakai, der beim König geblieben war, ſein Strumpfband knüpfte. Er ſchlich ſich zwiſchen ihn und die Karroſſe, ſteckte über dem Rad ſeinen Arm zum Schlage hinein und verſetzte dem König zwei Meſſerſtiche. Er wollte einen dritten hinzufügen, aber dieſen fing der Her⸗ zog von Montbazon mit dem Aermel ſeines Wam⸗ ſes auf. Der erſte Stoß, bei welchem der König gerufen hatte: Ich bin verwundet, hatte ihn zwiſchen die zweite und dritte Rippe getroffen, war jedoch, ohne in die Bruſthöhle zu dringen, unter der Bruſtmus⸗ kel abgekleidet; der zweite, der etwas tiefer mitten in die Seite zwiſchen die fünfte und ſechste Rippe geführt wurde, war in die Bruſt eingedrungen, hatte einen Lungenflügel durchſtochen und die Puls⸗ ader über dem linken Herzöhrlein zerſchnitten. In Folge dieſes Stoßes war das Blut aus dem Mund des Königs gequollen. Der Tod war beinahe augenblicklich. In Folge dieſes Schreies und der Bewegung im Innern des Wagens gruppirte ſich das Volk um denſelben, ſo daß der Mörder nicht entfliehen konnte. Der Kutſcher war ſo beſtürzt, daß er weder voran noch zurückzufahren verſuchte. Saint⸗Michel, ein Kammerherr, der hinter dem Wagen kam, ſah den Stoß, aber zu ſpät, um ihn zu verhindern. Er ſtürzte mit gezücktem Degen auf den Mörder los, aber Epernon rief ihm zu: 208 „Bei Eurem Kopf, berührt ihn nicht, wir müſſen ihn lebendig fangen; überdieß iſt der König nicht verletzt.“ Dann packte er den Mörder bei den Händen und entriß ihm das Meſſer. Zu gleicher Zeit verſetzte der Graf von Curſon ihm mit ſeinem Degenknopf einen Stoß auf den Hals, während der Gardecapitän Lapierre ſich ſeiner Perſon bemächtigte und ihn den Lakaien überlieferte. Alsbald ſprang Herr von Liancourt aus dem Wagen, um ſich in das Stadthaus zu begeben und zu thun was ſeines Amtes war. Herr de la Force eilte in das Arſenal um Herrn von Sully zu benachrichtigen. Andere endlich be⸗ gaben ſich in der größten Haſt nach dem Louvre, um für die Sicherheit des jungen Dauphin Sorge zu tragen. Sodann ließ man den Kutſcher umkehren und fuhr nach dem Louvre zurück. Bei der Einfahrt in den Hof rief man wie ge⸗ wöhnlich bei Unglücksfällen: „Wein und den Wundarzt!“ Aber beide waren unnütz. Man wußte bereits von der Verwundung, aber den Tod erfuhr man erſt als man den König aus dem Wagen hob. Der Herzog von Montbazon, Vitry, der Marquis von Noirmoutiers und zwei oder drei Stallmeiſter, die zugegen waren, trugen ihn auf das Bett in ſeinem kleinen Kabinet. Sein Leibarzt Petit wurde gerufen. Er behaup⸗ tete, der König habe erſt auf dem Bett ſeinen letzten 8——— ——— 209 Seufzer ausgehaucht, und er ſelbſt habe, als er noch einen Reſt von Leben geſehen, zu ihm geſagt: „Sire, denket an Gott; ſprecht in Eurem Herzen: Jeſu, Sohn Davids, erbarme dich mein.“ Und darauf habe der König dreimal die Augen aufgeſchlagen. Ein anderer Edelmann verſicherte Mathieu, dem Geſchichtſchreiber des Königs, daſſelbe. Sodann fragte man den Mörder, wer er ſei und was ihn zu der Unthat bewogen habe. Der Präſident Jeannin nahm noch an demſelben Tag ein Verhör mit ihm vor. Man erfuhr jetzt, daß er Franz Rawaillac hieß, in Angouleme geboren und einunddreißig Jahre alt war. Seine Eltern hatten lange Zeit einen Erb⸗ ſchaftsprozeß geführt und waren durch den Verluſt deſſelben in tiefes Elend gerathen. Darauf trat er als Noviz in das Feuillantinerkloſter, mußte es aber bald wegen Geiſteskrankheit wieder verlaſſen. Sein Wahnſinn beſtand hauptſächlich in einem wüthenden Haß gegen die Hugenotten. Er kehrte hierauf in ſeinen Geburtsort zurück, wo er wegen Mords verhaftet und ein Jahr lang eingeſperrt wurde. Er war im Gerichtspalaſt boshaft, im Kloſter wahnſinnig geworden und gerieth im Gefängniß in Verzweiflung. Hier entwarf er, von religiöſen Viſionen heim⸗ geſucht, ſeinen Plan zum Königsmord. In dieſer Abſicht machte er mehrere Reiſen von Angouleme nach Paris; ſeine letzte Reiſe hatte er an Oſtern gemacht, aber er hatte die Krönung der Dumas, Heinrich IV. 14 210 Königin abgewartet, weil er, wie er ſagte, dieſe große Fürſtin nicht um eine ſo wohlverdiente Ehre bringen wollte. Gleichwohl hätte er, wenn er nicht an dieſem letzten Tag Gelegenheit zur Ausführung ſeines Pla⸗ nes gefunden hätte, nach Angouleme zurückkehren müſſen, denn er beſaß kaum noch zwei Franken. Aber im Augenblick, wo es auf der Thurmuhr von Saint⸗Innocents halb vier ſchlug, wurde der Mord vollbracht. Der Mörder war ins Hotel Retz gebracht wor⸗ den. Um ihn leichter zum Geſtändniß zu bewegen, ſagte der Präſident Jeannin beim erſten Verhör zu ihm, der König ſei nicht todt. Aber er ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Ihr täuſchet mich: das Meſſer iſt ſo tief ein⸗ gedrungen, daß ich mit meinem Daumen das Wamms berührt habe.“ Unter den Papieren, die er bei ſich hatte, befand ſich ein Gedicht in Stanzen, auf einen Mann ge⸗ macht, den man zur Richtſtätte führt. Auf die Frage, woher er es habe, antwortete er: „Von einem Apotheker in Avignon, der Verſe und mich wegen dieſer da um Rath gefragt at.“ Am 15. Mai wurde er in die Conciergerie des Palaſtes gebracht und daſelbſt von dem Präſidenten von Harlay, dem Präſidenten Blancmesnil, ſowie den Räthen Boin und Courtin verhört. Aber er beharrte bei ſeiner Behauptung, daß kein Mitſchul⸗ diger vorhanden ſei, daß er einer Stimme von oben gehorcht und, da er in Erfahrung gebracht, daß der —————— ² 8 211 König den Papſt bekriegen wolle, etwas Gott Wohl⸗ gefälliges zu thun geglaubt habe, wenn er Denjeni⸗ gen tödte, der ſeinen Vertreter auf Erden bebrohe. So feſt er bei ſeinen Antworten über bieſen Punkt blieb, ſo wollte man ihm doch nicht glauben. Jeder ſchlug daher neue Torturarten vor, um die Wahrheit aus ihm herauszubringen. Die Königin empfahl ſchriftlich einen Fleiſcher, der ſich erbot den Mörder lebendig zu ſchinden, und zwar mit ſolcher Geſchicklichkeit, daß er noch im ge⸗ ſchundenen Zuſtand die nöthige Kraft hätte um ſeine Mitſchuldigen anzugeben und ſeine Strafe zu erlei⸗ den. Der Hof bewunderte dieſes Anerbieten von Seiten einer Fürſtin, welche verlangte, alle Welt ſolle erfahren, daß die Juſtiz nichts verabſäumt habe, um dem Staatsverbrechen die gebührende Buße widerfahren zu laſſen; er pries dieſe Sorg⸗ ſamkeit einer Wittwe und Mutter, glaubte aber doch den Antrag ablehnen zu müſſen. Ein Baumeiſter Namens Balbany, Erfinder der modernen Ciſternen, ſchlug eine eigenthümliche Tor⸗ tur vor: Man ſolle ein Loch in Form eines umge⸗ kehrten Käfigs in die Erde machen von der Art, daß die glatten glitſchigen Wände durchaus nichts Rauhes darböten, woran der Körper ſich halten könnte. Man ſolle den Verbrecher hineinſtecken, und dieſer würde dann in Folge ſeines eigenen Gewichts dermaßen zuſammenſinken, daß er mit ſeinen Schul⸗ tern zuletzt bis an die Ferſen käme; er würde dabei grauſame Schmerzen erleiden, ohne jedoch ſeine Kör⸗ perkraft zu verlieren, ſo daß man den Maleficanten nach Belieben wieder herausziehen und in vier 14 =———— 212 Stunden wieder in den Stand ſetzen könnte dieſelbe Folter von neuem zu erdulden, bis er endlich ge⸗ ſprochen hätte. Aber der Gerichtshof glaubte ſich auf die ge⸗ wöhnliche Tortur beſchränken zu müſſen. Nur einen Augenblick war er im Zweifel. Sollte die Tortur angewandt werden, bevor der Verbrecher zum Tod verurtheilt war? Die gewöhnlichen Formen erlaubten es nicht, denn die Tortur war nur für zwei Fälle gültig: vor dem Urtheil um den Beweis für das Verbrechen zu erhalten, und nach dem Urtheil um die Mitſchul⸗ digen oder die Aufhetzer zu erfahren. Nun war ſie aber für den erſten Fall nicht mehr nöthig, weil der Verbrecher auf der That ertappt worden war und ſie nicht nur nicht läug⸗ nete, ſondern ſich ihrer ſogar rühmte. Nach langen Nachforſchungen fand der Hof ein Urtheil, das ihn aus ſeiner Verlegenheit zog. Ein Menſch, der Ludwig Kl hatte vergiften wollen, war mehreremale und zwar vor der Verur⸗ theilung gefoltert worden. Mehr verlangte das Parlament nicht zu wiſſen. Nach der Vorleſung der betreffenden Urkunde befahl der Hof, der Mörder ſolle dreimal an drei verſchiedenen Tagen auf die Folter geſpannt werden. Aber Ravaillac hielt die erſte Folter mit folchem Muth aus und blieb ſich in ſeinen Antworten ſo gleich, daß man fürchtete ihm die Kräfte zu rauben, die ſorgfältig geſchont werden mußten, damit er noch die Hinrichtung erleiden konnte. Gleichwohl ließ ſich der Generalprocurator La⸗ 21¹3 gueſle trotz ſeines Unwohlſeins in den Gerichtshof tragen um ſich mit den übrigen Staatsanwälten zu berathen, und ſtellte den Antrag, daß, in Betracht daß ein ſolches Verbrechen mit den ſtrengſten Strafen belegt werden müſſe, zu der Zwickung und Zer⸗ reißung der Glieder noch eine neue Strafe gefügt werden ſolle; die Zwickung ſolle mit glühenden Zangen vorgenommen und in die dadurch gemachten Wunden ſolle geſchmolzenes Blei, ſiedendes Oel, flammend heißes Pech, Wachs und Schwefel unter⸗ einander gegoſſen werden. Es war das erſtemal, daß ein ſolcher Antrag geſtellt wurde. Er wurde angenommen. Das Urtheil lautete folgendermaßen: „Der Angeklagte iſt des Verbrechens der belei⸗ digten göttlichen und menſchlichen Majeſtät über⸗ wieſen wegen des ſehr ruchloſen, ſehr abſcheulichen und ſehr gräuelhaften Vatermords, das er an der Perſon des Königs ſehr guten und ſehr preiswür⸗ digen Angedenkens begangen hat. „Und zur Sühne wird der Mörder verurtheilt vor dem Hauptthor der Kirche Notre⸗Dame zu Paris im bloßen Hemd mit einer zwei Pfund ſchweren brennenden Fackel in der Hand Abbitte zu thun zu ſagen und zu erklären, daß er unſeliger und verrätheriſcherweiſe den König durch zwei Meſſer⸗ ſtiche getödtet hat. Von da ſoll er auf den Greve⸗ platz geführt und auf einem Schaffot an den Brüſten, Armen, Beinen, Schenkeln und Dickbeinen mit glühenden Zangen gezwickt und die rechte Hand, welche das Meſſer hält, womit er den Vatermord 214 begangen hat, ſoll in einem Schwefelfeuer verſengt und gebraten werden; ferner ſoll auf die Stellen, wo er gezwickt worden iſt, geſchmolzenes Blei, ſieden⸗ des Oel, flammendes Pechharz, Wochs und Schwefel, Alles zuſammengeſchmolzen, gegoſſen werden. So⸗ fort ſoll ſein Körper durch vier Pferde zerriſſen und zerſtückelt, ſeine Glieder und ſein Körper vom Feuer verzehrt, zu Aſche gemacht, in die Winde geworfen, ſein Vermögen confiszirt, ſein Geburts⸗ haus niedergeriſſen, ſeine Eltern aus Frankreich verbannt und ſeine übrigen Verwandten gezwungen werden einen andern Namen anzunehmen. Das Urtheil wurde noch am ſelben Tag voll⸗ zogen, und um die Execution zu ſehen, ſtellten ſich ſämmtliche Prinzen, vornehme Herren, Kronbeamten und Mitglieder des Staatsraths an den Fenſtern des Stadthauſes ein, während ganz Paris ſich auf dem Greveplatz zuſammendrängte. Man hatte Anfangs daran gedacht dem Verur⸗ theilten auf derſelben Stelle, wo er den Mord be⸗ gangen hatte, die Hand zu verbrennen; doch unter⸗ ließ man dieſes in Anbetracht, daß der Platz zu eng war, daß kaum einige Perſonen dieſem Vorſpiel der Hinrichtung anwohnen könnten, und daß daſſelbe den Verbrecher allzuſehr ſchwächen würde, der all ſeiner Kräfte bedurfte um die übrigen Strafen zu ertragen. Ehe man den Verurtheilten auf den Greveplatz führte, machte man einen letzten Verſuch mit der Tortur und legte ihm die ſpaniſchen Stiefel an. Der erſte Keil entriß ihm einen lauten Schrei, aber kein Geſtändniß. M „ 215 „Mein Gott,“ rief er,„erbarme Dich meiner Seele und vergib mir mein Verbrechen; aber ſtrafe mich mit dem ewigen Feuer, wenn ich nicht Alles geſagt habe.“ Beim zweiten Keil fiel er in Ohnmacht. Man hielt es nicht für gerathen weiterzugehen, und der Henker bemächtigte ſich ſeiner Perſon. Wie alle Fanatiker, hatte er ſein Verbrechen nach ſeiner eigenen Meinung beurtheilt und glaubte das Volk würde ihm Dank dafür wiſſen. Er war daher äußerſt verblüfft, als er ſich beim Herauskommen aus der Conciergerie mit Hohngeſchrei, Drohungen und Verwünſchungen empfangen ſah. Mitten unter dem Geheul des Volkes kam er nach Notre⸗Dame. Hier warf er ſich mit dem Ge⸗ ſicht auf die Erde, küßte das Ende ſeiner Fackel und zeigte eine tiefe Reue. Dieß war um ſo auffallender, als er vor der Abführung aus dem Gefängniß den König noch ge⸗ läſtert und ſich ſeiner Unthat laut gerühmt hatte. Die Sinnesänderung, die auf dem kurzen Weg nach dem Schaffot in ihm vorgegangen, war gründ⸗ lich und ganz vollſtändig. Als er von dem Karren herabſteigen ſollte, ermahnte ihn der Doctor Tilſac, der ihm beiſtand und die Abſolution ertheilen wollte, er ſolle die Augen zum Himmel aufſchlagen. Aber er antwortete: „Das will ich nicht thun, mein Vater, denn ich bin nicht werth ihn anzuſehen.“ Als er ſodann die Abſolution empfangen hatte, ſagte er: „Mein Vater, Eure Abſolution mag in ewige 216 Verdammniß verwandelt werden, wenn i von der Wahrheit verſchwiegen habe.“ Hierauf beſtieg er das Schaffot, wo man ihn auf den Rücken legte; ſodann band man ihn mit den Händen und Füßen an die Pferde. Das Meſſer, womit man ihm die Hand durch⸗ ſtach, war nicht daſſelbe, das er zu ſeinem Mord gebraucht hatte; dieſes zeigte der Henker dem Volk, das bei ſeinem Anblick einen Schrei der Entrüſtung ausſtieß, und dann warf er es ſeinen Knechten zu, die es in einen Sack ſteckten. Der Verurtheilte zeigte, während ſeine Hand verbrannt wurde, ſo viel Muth, daß er ſeinen Kopf erhob um ſie brennen zu ſehen. Nach der Verbrennung der Hand zwickte man ihn den Beſtimmungen des Urtheils gemäs. Jetzt begann der arme Sünder zu ſchreien. Bald darauf goß man geſchmolzenes Blei, ſie⸗ dendes OHel, heißes Pech, Wachs und Schwefel in die Wunden, und der Henker ſorgte dafür, daß alles ins zuckende Fleiſch hineinkam. Dieß war, ſagt Mathieu, der empfindlichſte Schmerz bei der ganzen Hinrichtung, und man ſah! es deutlich daran, daß der ganze Leib des Ma⸗ leficanten ſich hob, ſeine Beine zappelten und ſein Fleiſch zuckte. Aber, fügt der Geſchichtſchreiber hinzu, das konnte beim Volk kein Mitleid ervegen. Es hätte, als alles fertig war, gerne von neuem anfangen geſehen. n Und dieß iſt ſo wahr, daß ein junger Menſch, der aus einem Fenſter im Stadthaus zuſah, als er die Unvorſichtigkeit beging zu ſagen:„Mein Gott, ch etwas 217 as welche Grauſamkeit!“ von allen Seiten ſchwer be⸗ droht wurde und ſich in der Menge verlieren mußte, ihn denn ſonſt würde man ihn zerriſſen haben. mit Als man ſo weit war, wurde eine Pauſe ge⸗ macht. Die Theologen näherten ſich dem armen ch⸗ Sünder und beſchworen ihn die Wahrheit zu ſagen. rd Aber er antwortete: k,„Ich habe Alles geſagt und kann nicht mehr ng ſagen. Glaubet Ihr, daß ich, da ich ſchon meinen zu, Leib in ſo ſchlechtem Zuſtand ſehe, auch noch meine Seele ins Verderben ſtürzen wolle?“ nd Hierauf gab man den Befehl und die Pferde pf begannen zu ziehen. Da ſie aber dem Volk nicht ſtark genug gingen, an ſo ſpannte dieſes ſich ſelbſt an die Seile. Ein Roßhändler ſtieg, als er eines der Pferde ganz athemlos ſah, von ſeinem eigenen ab und e⸗ ſpannte es an. ie Und, ſagt der Bericht, dieſes Pferd that ſeine es Schuldigkeit beſſer als die andern und brachte in den linken Schenkel ſolche Riſſe, daß er augenblick⸗ te lich ausgerenkt wurde. h Die Stricke waren ſchlaff, und da der Unglück⸗ a⸗ liche nach allen Richtungen hin und hergezerrt wurde, in ſo ſtießen ſeine Seiten an den Pfeilern des Schaffots er an und bei jedem Stoß bog ſich eine Rippe und n. brach; aber er war ſo kräftig, daß er einmal beim m Zurückziehen eines ſeiner Füße auch das daran ge⸗ ſpannte Pferd zurückriß. h, Endlich als der Scharfrichter ſah, daß alle ſeine er Glieder verrenkt, gebrochen, zerquetſcht waren, daß t, er in den letzten Zügen lag und daß die Pferde Dumas, Heinrich 1v. 15 —— 218 nicht mehr konnten, da hatte er Mitleid mit ihm, vielleicht auch mit den Pferden, und wollte den armen Sünder verviertheilen. Als aber das Volk ſeine Abſicht bemerkte, ſtürmte es das Schaffot und riß ihm den Körper aus den Händen. Die Lakaien verſetzten ihm hundert Degen⸗ ſtiche und jeder riß ihm ein Stück Fleiſch ab, ſo daß er nicht in vier, ſondern in mehr als hundert Theile zerriſſen wurde. Ein Weib zerfleiſchte ihn mit den Nägeln, und als ſie ſah, daß dieſe nicht tief genug gingen, biß ſie in ihn hinein. So ging der Körper in unzählige Stücke, und als der Henker denjenigen Theil des Urtheils vollſtrecken wollte, welcher dahin lautete, daß die Reſte des Vater⸗ mörders ins Feuer geworfen werden ſollten, ſo war nichts mehr von ihm übrig als ſein Hemd. Stücke des Leichnams wurden auf allen Plätzen und allen Straßen von Paris verbrannt. toch heut zu Tage, d. h⸗ nach dritthalb Jahr⸗ hunderten, hat man das Geheimniß des Mords noch nicht zu ergründen vermocht. Man muß in dieſer Beziehung glauben, was der Mörder von ſich ſelbſt ſagt, nämlich daß er ein Erleuchteter war, oder was die Geſchichte ſagt, nämlich daß er ein Fanatiker— ein Narr geweſen. Ende. 2