deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6 Ednard Gltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. Oflensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhchenelich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — 6—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 3 3 48. Auswärtige Aponnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ. endung der Bücher auf ihre Koſten und Gefahr ſeldſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — 2* 6 eeeeeee Eine eorſiſche Familie; Geſchichte eines Todten; Gabriel Lambert. Von Alerandre Vnmas. an Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Joller. Vier Bändchen. = 0=— Stuttgart. 2 Verlag der Franckhſchen Buchhandlung. 1847. Win⸗ corfiſche Ennilie „ —————— * — . i Anfang des Monats März 1841 reiſte ich in orſicg. Es kann nichts ſo Maleriſches und Bequemes geben, als eine Reiſe in Corſica: man ſchifft ſich in Toulon ein, in zwanzig Stunden iſt man in Ajaccio, oder in vier und zwanzig Stunden in Baſtia. Hier kauft oder miethet man ein Pferd: miethet man es, ſo bezahlt man fünf Franfen täglich dafür; kauft man es, ſo bezahlt man ein für allemal hundert und fünfzig Franken. Man lache nicht über dieſen mäßigen Preis; dieſes gemiethete oder gekaufte Pferd macht, wie das berühmte Roß des Gas⸗ cogners, der vom Pont⸗Neuf in die Seine ſprang, Dinge, welche weder Prospero noch Nautilus, dieſe Helden der Wettrennen von Chantilly und dem Marsfeld machen würden. S geht auf Wegen, wo Balmah ſelbſt Klammern eingetrieben hätte, und über Brücken, wo Auriol eine alancirſtange verlangen würde. Der Reiſende braucht nur die Augen zu ſchließen und ſein Thier machen zu laſſen: die Gefahr geht ihn nichts an. Abgeſehen davon, daß man mit dieſem Pferd, wel⸗ ches überall durchkommt, fünfzehn Lieues jeden Tag zu⸗ rücklegen kann„vohne daß es zu freſſen oder zu ſaufen verlangt. Von Zeit zu Zeit, wenn man anhält, um ein altes, von irgend einem vornehmen Herrn, dem Helden und Haupte einer feudalen Ueberlieferung, erbautes Schloß zu be⸗ uchen, um einen alten von den Genueſern errichteten Thurm 10 zu zeichnen, frißt das Pferd ein Büſchel Gras, ſchält es einen Baum ab, oder leckt an einem mit Moos bedeckten Felſen, und damit iſt Alles geſchehen. Das Nachtquartier iſt noch viel einfacher: der Rei⸗ ſende kommt an ein Dorf, durchzieht die Hauptſtraße in ihrer ganzen Länge, wählt ſich das Haus, das ihm zu⸗ ſagt, und klopft an die Thüre. Einen Augenblick nachher erſcheint der Herr oder die Herrin des Hauſes auf der Schwelle, ſie laden den Reiſenden ein, abzuſteigen, bieten ihm die Hälfte ihres Abendbrodes, ihr ganzes Bett, wenn nur eines da iſt, und wenn ſie ihn am andern Morgen vor die Thüre begleiten, danken ſie ihm für den Vorzug, den er ihnen gegönnt. Von irgend einer Bezahlung iſt gar keine Rede: der Hausherr würde das geringſte Wort hierüber als eine Beleidigung bettachten. Wird das Haus von einem WMädchen bedient, ſo kann man ihr beim Abſchied ein Foulard bieten, mit dem es ſich einen maleriſchen Kopf⸗ putz macht, wenn es zum Feſt von Calvi oder Corte geht. Iſt der Diener ein Mann, ſo wird er gern einen Dolch annehmen, mit dem er, wenn er ihm begegnet, ſeinen Feind tödten kann. Man muß ſich auch noch erkundigen, ob die Diener des Hauſes, was zuweilen der Fall iſt, nicht Verwandte des Herrn ſind, welche, vom Glück minder begünſtigt als er, ihm häusliche Dienſte leiſten, wofür ſie nur Koſt, Wohnung und zwei bis drei Piaſter monatlich annehmen. Und man glaube nicht, daß die Herren, welche von ihren Großenkeln oder von ihren Vettern im vierten oder zwanzigſten Grade bedient werden, darum minder gut be⸗ dient ſeien. Corſica iſt ein franzöſiſches Departement, doch Corſiea iſt lange noch nicht Frankreich. Von Räubern hört man nicht ſprechen. Banditen gibt es im Ueberfluß, ja, doch man darf ſie nicht mit einander verwechſeln. Reiſt ohne Furcht nach Ajaccio, nach Baſtia mit einer vollen Goldbörſe, die an Eurem Sattelbogen hängt, und Ihr werdet die ganze Inſel — — w* n t m el 11 durchzogen haben, ohne den Schatten einer Gefahr ge⸗ laufen zu ſein; doch geht nicht von Oecana nach Levaco, wenn Ihr einen Feind habt, von dem Euch die Vendetta erklärt worden iſt, denn ich würde nicht für Euch wäh⸗ rend dieſer kurzen Fahrt von zwei Meilen ſtehen. Ich befand mich alſo, wie geſagt, im Anfange des März in Corſica. Jadin war in Rom geblieben und ſo reiſte ich allein. Ich war von der Inſel Elba gekommen: ich hatte in Baſtia gelandet und mir um den oben erwähnten Preis ein Pferd gekauft. Ich hatte Corte und Ajaccio beſucht, und durchwanderte für den Augenblick die Pro⸗ vinz Sartene. An dieſem Tage ritt ich von Sartene nach Sulla⸗ caro. Der Marſch war kurz: zehn Lieues vielleicht wegen der Umwege und einer Widerlage der Hauptkette, welche den Rückgrath der Inſel bildet und über die ich reiſen mußte; ich hatte auch einen Führer genommen, aus Furcht, mich in den Makis zu verirren. Gegen fünf Uhr gelangten wir auf den Gipfel des Berges, der zugleich Olmento und Sullacaro beherrſcht. Hier hielten wir einen Augenblick an. „Wo wünſcht Eure Herrlichkeit zu wohnen?“ fragte der Führer. Ich richtete meine Augen auf das Dorf, in deſſen Straßen mein Blick tauchen konnte; es ſchien beinahe öde und nur einige Frauen zeigten ſich in den Straßen, und auch dieſe gingen mit raſchen Schritten und ſchauten häufig umher. Da ich Kraft der beſtehenden Regeln der Gafifreund⸗ ſchaft, von denen ich ein Wort geſagt, die Wahl zwiſchen den hundert oder hundert und zwanzig Häuſern hatte, aus denen das Dorf beſteht, ſo ſuchte ich die Wohnung, welche mir am meiſten Chancen der Bequemlichkeit zu bieten ſchien, und heftete meine Augen auf ein viereckiges Haus, das wie eine Feſtung gebaut war und Zinnen über den Fenſtern und der Thüre hatte. Es war das erſte —— ee 3 5 12 Mal, daß ich ſolche häusliche Feſtungen ſah, doch die Provinz Sartene iſt auch das claſſiſche Land der Vendetta. „Ah! gut,“ ſagte der Führer, mit den Augen der Andeutung meiner Hand folgend,„wir gehen zur Frau Savilia von Franchi. Eure Herrlichkeit hat keine ſchlechte Wahl getroffen und man ſieht, daß es ihr nicht an Er⸗ fahrung gebricht.“ Vergeſſen wir nicht, zu bemerken, daß man in dem ſechs und achtzigſten Departement von Frankreich beſtändig Italieniſch ſpricht. „Aber,“ fragte ich,„iſt es nicht unſchicklich, daß ich auf dieſe Art Gaftfreundſchaft von einer Frau verlange, wenn ich recht verſtanden, gehört dieſes Haus einer rau.“ „Allerdings,“ erwiederte er mit erſtaunter Miene, „doch was ſoll dabei Unſchickliches ſein?“ „Wenn dieſe Frau jung iſt,“ verſetzte ich, bewegt durch ein Gefühl des Wohlanſtandes, oder vielleicht, um es gerade heraus zu ſagen, der Pariſer Eitelkeit,„kann nicht eine Nacht unter ihrem Dache zugebracht, ſie com⸗ promittiren?“ „Sie compromittiren?“ wiederholte der Führer, der offenbar den Sinn dieſes Wortes ſuchte, das ich mit der Entſchiedenheit italienifirt habe, welche uns Franzoſen charakterifirt, wenn wir eine fremde Sprache zu ſprechen haben. „Ei! allerdings,“ ſagte ich ungeduldig;„dieſe Dame iſt Witwe, nicht wahr 2“ „Ja, Erxcellenz.“ „Nun wohl, wird ſie einen jungen Mann bei ſich aufnehmen?“ Im Jahr 1841 war ich ſechs und dreißig und ein halbes Jahr alt und betitelte mich noch junger Mann. „Ob ſie einen jungen Mann aufnehmen wird!“ wie⸗ derholte der Führer.„Was kann es denn ihr machen, ob Sie jung oder alt ſind?“ Ich ſah ein, daß ich nichts herausbringen würde, wenn ich dieſe Art des Fragens fortfetzte. be die tta. der rau hte Fr⸗ em dig ge⸗ ner ne, egt m nn m⸗ er er en n. 13 „Und welches Alter hat Frau Savilia 2“ fragte ich. „Ungefähr vierzig Jahre.“ „Ah!“ machte ich, beſtändig meine eigenen Gedanken beantwortendz„und ſie hat ohne Zweifel Kinder?“ „Zwei Söhne, zwei tüchtige junge Leute.“ „Werde ich ſie ſehen?“ „Sie werden einen ſehen, denjenigen, welcher bei ihr wohnt.“ „Und der andere?“ „Der andere lebt in Paris.“ „Und wie alt ſind ſie?“ „Ein und zwanzig Jahre.“ „Beide?“ „Ja, es ſind Zwillingsbrüder.“ „Und zu welchem Gewerbe beſtimmen ſie ſich 2“ „Der in Paris wird Advokat werden?“ „Und der andere?“ „Der andere wird Corſe ſein.“ „Ah! ah!“ rief ich, denn ich fand die Antwort ſehr charakteriſtiſch, obgleich ſie mit dem natürlichſten Tone gegeben wurde.„Wohl alſo, nach dem Hauſe der Frau Savilia von Franchi.“ Und wir begaben uns wieder auf den Weg. Nach Verlauf einer halben Stunde kamen wir in das Dorf: da erſt bemerkte ich Eines, was ich oben vom Berge nicht hatte ſehen können: daß nämlich jedes Haus wie das von Frau Savilia befeſtigt war, nicht mit Zin⸗ nen, die Armuth der Eigenthümer erlaubte ohne Zweifel dieſen Lurus der Befeſtigung nicht, ſondern ganz einfach mit Bohlen, in deren unterem Theil man Fenſter ange⸗ bracht hatte, wobei ſich Oeffnungen fanden, um die Flin⸗ ten durchzuſtecken. Andere Fenſter waren mit rothen Back⸗ ſteinen ausgemauert. Ich fragte meinen Führer, wie man dieſe Schießſcharten nenne. Er antwortete mir, es wären Archiere, woraus ich erſah, daß die corſiſchen Ven⸗ dette vor der Erfindung der Schießgewehre eingeführt waren. Je mehr wir in den Straßen vorrückten, deſto 14 mehr nahm das Dorf einen Charakter tiefer Einſamkeit und Traurigkeit an. Mehrere Häuſer ſchienen Belage⸗ rungen ausgehalten zu haben und waren von Kugeln durchlöchert. Von Zeit zu Zeit ſahen wir durch die Schießſcharten ein neugieriges Auge funkeln, das uns im Vorbeigehen anſchaute, doch es war unmöglich, zu unterſcheiden, ob dieſes Auge einem Mann oder einer Frau gehörte. Wir gelangten zu dem von mir bezeichneten Hauſe, welches wirklich das bedeutendſte des Dorfes war. Nur war ich über Eines erſtaunt: daß es, ſcheinbar befeſtigt durch Zinnen, die mir aufgefallen, dies in Wirklichkeit nicht war, das heißt, daß die Fenſter weder Bohlen, noch Back⸗ ſteine, noch Archieren, ſondern nur einfache Glasſcheiben hatte, welche in der Nacht von hölzernen Läden geſchützt wurden. Dieſe⸗ Läden bewahrten allerdings Spuren, in denen das Auge des Beobachters Löcher von Kugeln nicht ver⸗ kennen konnte. Doch dieſe Löcher waren alt und gehörten ſichtbar ihrem Urſprunge nach zehn Jahren früher an. Kaum hatte mein Führer geklopft, als ſich die Thüre, nicht ſchüchtern, zögernd, halb, ſondern weit öffnete und ein Bedienter erſchien. Wenn ich ſage Bedienter, ſo täuſche ich mich, ich hätte ſagen ſollen ein Mann. Den Bedienten macht die Livree, und der Menſch, der uns öfſnete, war ganz einfach mit einem Sammetwamms, einer Hoſe vom demſelben Stoffe und ledernen Kamaſchen bekleidet. Die Hoſe war um den Leib mittelſt eines Gürtels von buntſcheckiger Seide befeſtigt, aus dem der Griff eines Meſſers von ſpaniſcher Form hervorſah. „Mein Freund,“ ſagte ich, viſt es unbeſcheiden von einem Fremden, der Niemand in Sullacaro kennt, wenn er Gafffreundſchaft von Eurer Gebieterin verlangt?“ „Nein,“ antwortete er,„gewiß nicht, Ergellenz, der Fremde erweiſt dem Hauſe Ehre, vor dem er anhält. Maria,“ uhr er fort, indem er ſich nach einer Magd umwandte, — eit e⸗ ln en en ob ſe, ur igt cht ck⸗ en itzt ten er⸗ ten re, ind die ach ben var ger von von enn der a dte, 15 welche hinter ihm erſchien,„meldet Frau Savilia, daß ein franzöſiſcher Reiſender Gafffreundſchaft verlange.“ Zu gleicher Zeit kam er eine Treppe von acht Stu⸗ fen, ſo ſteil als die Sproſſen einer Leiter, herab, welche zur Hausthüre führte und nahm den Zügel meines Pferdes. Ich ſtieg ab. „Eure Ercellenz hat ſich um nichts zu bekümmern,“ ſagte er,„Ihr ganzes Gepäcke wird in Ihr Zimmer ge⸗ bracht werden.“ Ich benützte dieſe freundliche Aufforderung zur Träg⸗ heit, eine der angenehmſten, die man einem Reiſenden ma⸗ chen kann, erkletterte langſam die erwähnte Leiter und machte einige Schritte im Innern. Bei der Biegung der Hausflur befand ich mich einer hochgewachſenen Frau in ſchwarzer Kleidung gegenüber. Ich begriff, daß dieſe noch ſchöne Frau, von etwa acht und dreißig bis vierzig Jahren, die Herrin des Hauſes war und blieb vor ihr ſtehen. „Madame,“ ſagte ich mit einer Verbeugung,„Sie müſſen mich ſehr unbeſcheiden finden, doch die Sitte des Landes entſchuldigt, die Einladung Ihres Dieners berech⸗ tigt mich.“ „Seien Sie bewillkommt von der Mutter,“ erwiederte Frau von Franchi,„wie Ihnen bald der Sohn ſeinen Willkomm bieten wird. Von dieſem Augenblick an, mein Herr, gehört das Haus Ihnen; benützen Sie es, als ob es das Ihrige wäre.“ „Ich will Sie nur für eine Nacht um Gaſtfreund⸗ ſchaft bitten, Madame, morgen früh bei Tages Anbruch reiſe ich wieder ab.“ „Es ſteht Ihnen frei, zu thun, wie Ihnen beliebt, mein Herr. Ich hoffe jedoch, daß Sie Ihren Willen ändern und daß wir die Ehre haben werden, Sie lange zu beſitzen.“ Ich verbeugte mich zum zweiten Male. „Maria,“ fuhr Frau von Franchi fort,„führe den Herrn in das Zimmer von Luigi, zünde ſogleich Feuer 16 an und bring' warmes Waſſer. Ich bitte um Verzeihung,“ ſprach ſie, indem ſie ſich wieder gegen mich umwandte, während die Magd ihre Befehle zu befolgen ſich anſchickte. „Ich weiß, das erſte Bedürfniß des ermüdeten Reiſenden iſt Waſſer und Feuer. Wollen Sie dieſem Mädchen fol⸗ gen, mein Herr; verlangen Sie von ihm, was Ihnen fehlen dürfte. Wir ſpeiſen in einer Stunde zu Nacht, und mein Sohn, der wohl bis dahin zurückgekehrt iſt, wird die Ehre haben, Sie fragen zu laſſen, ob Sie ſicht⸗ bar ſind.“ „Sie werden meine Reiſecoſtume entſchuldigen, Ma⸗ dame.“ „Ja, mein Herr,“ erwiederte ſie lächelnd,„doch unter der Bedingung, daß Sie Ihrerſeits die Ländlichkeit unſerer Aufnahme entſchuldigen.“ Die Dienerin ſtieg die Treppe hinauf. Ich verbeugte mich zum letzten Male und folgte ihr⸗ Das Zimmer lag im erſten Stocke und ging nach hinten; die Fenſter öffneten ſich auf einen hübſchen, ganz mit Myrthen und Oleander bepflanzten Garten, durch den ſchräge ein reizender Bach lief, der ſich in den Taravo ergoß. Im Hintergrund war der Blick begränzt von einer Art von Hecke von Fichten, welche ſo nahe an einander ſtanden, daß man hätte glauben ſollen, es wäre eine Mauer. Die Wände waren, wie es beinahe in allen Zimmern italieniſcher Häuſer der Fall iſt, mit Kalk ge⸗ weißt und mit einigen Fresken geſchmückt, welche Land⸗ ſchaften vorſtellten. Ich begriff ſogleich, daß man mir dieſes Zimmer, das dem abweſenden Sohne gehörte, als das bequemſte des Hauſes gegeben hatte. Während Maria das Feuer anzündete und mein Waſſer bereitete, erfaßte mich die Luſt, das Inventar meines Zimmers aufzunehmen und mir nach der Aus⸗ ſtattung einen Begriff von dem Charakter desjenigen zu machen, welcher es bewohnte. Ich ging ſogleich vom Vorhaben zur Verwirk⸗ lichung über, indem ich mich auf den linken Ferſen 17 ſtützte und ſo eine umdrehende Bewegung auf mir ſelbſt ausführte, die mir hinter einander die verſchiedenen Ge⸗ genſtände, von denen ich umgeben war, die Revue paſſiren zu laſſen erlaubte. Die Ausſtattung war ganz modern, was in dieſem „ Theile der Inſel, wohin die Civiliſation noch nicht vor⸗ gedrungen iſt, nothwendig als eine Kundgebung von ziem⸗ lich ſeltenem Lurus betrachtet werden mußte. Sie beſtand aus einem Bett mit eiſernem Geſtell, worauf erei Matratzen und ein Kopfliſſen, aus einem Divan, vier Fauteuils, ſechs Stühlen, einer doppelten Bibliothek und einem Schreib⸗ tiſch; Alles von Mahagoniholz und offenbar aus der Werk⸗ ſtätte des erſten Ebeniſten von Ajaccio hervorgehend. Der Divan, die Fauteuils und die Stühle waren mit geblüm⸗ tem Zitz überzogen und Vorhänge von demſelben Stoffe hingen von den beiden Fenſtern herab und umhüllten das Bett. 6 Ich war ſo weit mit meinem Inventar, als Maria hinausging und mir meine Unterſuchung weiter fortzuſetzen geſtattete. 3 Ich öffnete die Bibliothek und fand die Sammlung aller unſerer großen Dichter: Corneille, Raeine, Molière, La Fyntaine, Ronſard, Victor Hugo und Lamartine; unſere Moraliſten: Montaigne, Pascal, La Bruyére; unſere Geſchichtſchreiber: Möézeray, Chateaubriand, Augu⸗ ſtin Thierry; unſere Gelehrten: Cuvier, Beudant, Elie von Beaumont, endlich einige Bände Romane, worunter ich mit einem gewiſſen Stolz meine Reiſeeindrücke begrüßte. 6 Die Schlüſſel ſtaken in den Schubladen des Schreib⸗ ttiſches; ich öffnete eine und fand Bruchſtücke einer Ge⸗ ſchichte von Corſiea, eine Abhandlung über die Mittel, die Vendetta abzuſchaffen, einige franzöſiſche Verſe, einige italieniſche Sonnete: Alles Manuſcript. Mehr brauchte ich nicht, ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ich nicht nöthig hatte, meine Forſchung weiter . Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 2 18 zu treiben, um mir eine Anſicht von Herrn Luigi von Franchi zu bilden. Es mußte ein ſanfter, den Studien ergebener junger Mann, ein Anhänger der franzöſiſchen Reformen ſein? Ich begriff nun, daß er nach Paris gereiſt war, in der Abſicht, ſich als Advveat aufnehmen zu laſſen. Es Me lag ohne Zweifel in dieſem Plane für ihn eine ganz ſch Zukunft der Civiliſation. geb Dieſe Betrachtungen ſtellte ich an, während ich mich lich ankleidete. Obgleich es ihr nicht an Maleriſchem gebrach, bedurfte doch meine Toilette, wie ich Frau von Francht kan geſagt hatte, einer gewiſſen Nachſicht. Sie beſtand aus tra einem Wamms von ſchwarzem Sammet, das an den Nähten ein der Aermel geöffnet war, um mir in den heißen Stunden mil des Tages Luſt zu geben, und durch die Schlitze nach ſpan⸗ Tu ſcher Weiſe ein Hemd von geſtreifter Seide durchſchimmern mit ließ; aus einer ähnlichen Hoſe, welche ſpaniſche Kamaſchen, Ch auf der Seite geſchlitzt und mit farbiger Seide geſtickt, Sei vom Knie bis unten an das Bein umſchloſſen, und aus and einem Filzhut, der alle Formen annahm, die man ihm geben wollte, beſonders aber die des Sombrerv. Ich hatte dieſe Kleidung, die ich den Reiſenden als kau eine der bequemſten, die ich kenne, empfehle, vollends an⸗ mac gelegt, da öffnete ſich meine Thüre und derſelbe Mann, Ent der mich eingeführt, erſchien auf der Schwelle. fiel. Er kam, um mir zu melden, ſein junger Gebieter, Herr Lucian von Franchi, ſei ſo eben zurückgekehrt und Kar laſſe ſich von mir, wenn ich ſichtbar wäre, die Ehre aus⸗ zu f bitten, mir den Willkomm wünſchen zu dürfen. er ſ Ich antwortete, ich ſtünde Herrn Lucian von Franch zu Befehl und dir Ehre wäre ganz auf meiner Seite. FKaire Einen Augenblick nachher hörte ich ihn mit raſchem welc Schritte heraufkommen und beinahe in demſelben Augen⸗ der blick befand ich mich meinem Wirthe gegenüber. 3 hän ein Abſ von idien ſchen „in Es anze mich rach, anchi aus ihten nden ani⸗ mern chen, ſtickt, aus ihm als an⸗ ann, eter, und aus⸗ nchi 2 chem gen⸗ 19 II. Es war, wie mir mein Führer geſagt hatte, ein junger Mann von zwanzig bis ein und zwanzig Jahren, mit ſchwarzen Haaren und Augen und einer von der Sonne gebräunten Geſichtshaut, eher klein als groß, aber vortreff⸗ lich gebaut. In der Haſt, mir ſeine Complimente auszudrücken, kam er herauf, wie er war, das heißt in ſeiner Reiter⸗ tracht, welche aus einem Ueberrock von grünem Tuch, dem ein Patronengürtel, der ſeine Hüfte umſchloß, ein gewiſſes militäriſches Ausſehen verlieh, aus Beinkleidern von grauem Tuch, innen mit ruſſiſchem Leder beſetzt, und aus Stiefeln mit Sporen beſtand; eine Mütze, in der Art der unſerer Chaſſeurs d'Afrique vollendete ſeinen Anzug. Auf einer Seite ſeines Patrvnengürtels hing eine Peitſche, auf der andern eine Kürbisjlaſche herab. Ueberdies hielt er in der Hand eine engliſche Flinte. Trotz der Jugend meines Wirthes, deſſen Oberlippe kaum von einem leichten Schnurrbart beſchattet war, machte ſich in ſeiner ganzen Perſon ein Gepräge von ſee und Unabhängigkeit ſichtbar, das mir auf⸗ el. Man ſah den Mann aufgezogen für den materiellen Kampf, gewohnt, mitten in der Gefahr zu leben, vhne ſie zu fürchten, aber auch ohne ſie zu verachten, ernſt, weil er ſtark iſt. In einem Nu hatte er Alles geſehen, mein Neceſ⸗ aire, meine Wafſen, das Kleid, das ich abgelegt, das, welches ich trugz ſein Blick war ſchnell und ſicher wie 66 jedes Menſchen, deſſen Leben zuweilen vom Blick ab⸗ hängt. „Sie werden mich entſchuldigen, wenn ich Sie ſtöre, mein Herr,“ ſagte er,„doch ich habe es in einer guten Abſicht gethan, in der Abſicht, mich zu erkundigen, vb 20 Ihnen nichts fehlt. Ich ſehe nie ohne eine gewiſſe Un⸗ ruhe einen Mann vom Feſtlande ankommen, denn wir ſind noch ſo wild, wir Corſen, daß wir, beſonders Fran⸗ zoſen gegenüber, nur zitternd die alte Gaſtfreundſchaft üben, welche indeſſen bald die einzige Ueberlieferung ſein wird, die uns von unſern Vätern bleibt.“ „Und Sie haben Unrecht, zu fürchten, mein Herr,“ erwiederte ich;„es wäre ſchwierig, allen Bedürfniſſen eines Reiſenden beſſer entgegenzukommen, als es Frau von Franchi gethan hat; übrigens,“ fuhr ich im Zimmer um⸗ herſchauend fort,„übrigens werde ich mich hier nicht uber die angebliche Wildheit beklagen, die Sie mir be⸗ zeichnen wollten, und wenn ich nicht von meinen Fenſtern aus dieſe bewunderungswürdige Landſchaft ſehen würde, könnte ich mich in meinem Zimmer in der Chauſſée d'Antin glauben.“ „Ja,“ verſetzte der junge Mann,„das war ein Manie meines armen Bruders Luigi: er liebte es, nach franzöſiſcher Sitte zu leben, doch ich bezweifle, daß ihm bei ſeiner Rückkehr von Paris dieſe armſelige Parodie der Civiliſativn, welche er verlaſſen wird, genügt, wie ſie ihm vor ſeiner Abreiſe genügte.“ „Ihr Herr Bruder iß ſchon lange von Corſica ent⸗ fernt?“ fragte ich den jungen Mann. „Seit einem Jahr, mein Herr.“ „Sie erwarten ihn bald?“ „Oh! nicht vor drei bis vier Jahren.“ „Das iſt eine ſehr lange Abweſenheit für zwei Bri⸗ der, die ſich vhne Zweifel nie verlaſſen hatten 2* „Ja, und die ſich beſonders liebten, wie wir uns liebten.“ „Ohne Zweifel wird er Sie vor dem Ende ſeinr Studien beſuchen?“. „Wahrſcheinlich; er hat es wenigſtens verſprochen“ „In jedem Fall würde Sie wenigſtens nichts abhe ten, ihm einen Beſuch zu machen?“ „Nein, ich verlaſſe Corſica nicht.“ wir auf unte eine eing brüt im( und Rick Auf fäll 21 u Es lag in dem Tone, in welchem dieſe Antwort ge⸗ u geben wurde, jene Liebe für das Vaterland, welche das ai ganze übrige Weltall in einer und derſelben Verachtung an vermiſcht. Ich lächelte. ird,„Es kommt Ihnen ſeltſam vor, daß man ein elendes „ Land wie das unſtige nicht verlaſſen will2“ ſagte er eben⸗ 5 falls lächelnd.„Was wollen Sie? Ich bin eine Art vn von Erzeugniß dieſer Inſel, wie die Steineiche oder der „ Oleander; ich brauche meine mit den Wohlgerüchen des Meeres und den Ausſtrömungen des Gebirges geſchwängerte 5. Atmoſphäre, ich muß meine Waſſerfluthen durchwaten, meine Felſen erklettern, meine Wälder durchforſchen; ich bedarf des Raumes, ich bedarf der Freiheit: ich glaube, ſ ich würde ſterben, wenn man mich in eine Stadt verſetzen wollte.“ 8„Aber warum findet eine ſo große moraliſche Ver⸗ 6 ſchiedenheit zwiſchen Ihnen und Ihrem Bruder ſtatt?“ ihn„Bei einer ſo großen körperlichen Aehnlichkeit, müßten die Sie beifügen, wenn Sie ihn kennen würden.“ ihm„Sie gleichen ſich ſehr?“ it„So ſehr, daß mein Vater und meine Mutter, als 3t wir noch Kinder waren, ſich genöthigt ſahen, ein Zeichen auf unſere Kleider zu machen, um uns von einander zu unterſcheiden.“ „Und als Sie größer wurden?“ fragte ich. „Als wir größer wurden, führten unſere Gewohnheiten gti⸗ eine Verſchiedenheit in der Geſichtsfarbe herbei. Stets eingeſchloſſen, ſtets über ſeinen Büchern und Zeichnungen uns brütend, wurde mein Bruder immer bleicher, während ich im Gegentheil, immer in der Luft, immer auf den Bergen einr und in der Ebene umherlaufend, mich bräunte.“ „Ich hoffe,“ verſetzte ich,„Sie werden mich zum en“ Richter über dieſe Verſchiedenheit machen, indem Sie mir hat⸗ Aufträge für Herrn Luigi von Franchi geben.“ „Ja, gewiß, und mit Vergnügen, wenn Sie dieſe Ge⸗ fälligkeit haben wollen; doch verzeihen Sie, ich bemerke, 22 daß Sie in Ihrer Toilette weiter vorgerückt ſind als ich, und in einer Viertelſtunde wird man ſich zu Tiſche ſetzen.“ „Wollen Sie ſich meinetwegen die Mühe machen, die Kleider zu wechſeln?“ „Wenn dem ſo wäre, ſo könnten Sie es nur ſich ſelbſt vorwerfen, denn Sie hätten mir das Beiſpiel gegeben; je⸗ denfalls bin ich in Reitertracht und muß die Kleidung des Gebirgers anlegen. Ich habe nach dem Abendbrod einen Gang zu machen, wobei mich meine Stiefeln und meine Sporen beläſtigen würden.“ „Sie gehen nach dem Abendbrod weg?“ fragte ich. „Ja,“ erwiederte er,„ich habe ein Rendezvous.“ Ich lächelte. „Oh! keines in dem Sinn, in dem Sie es nehmen, „es iſt eine Zuſammenkunft in Geſchäften.“ „Halten Sie mich für anmaßend genug, zu glauben, ich habe ein Recht auf Ihr Vertrauen?“. „Warum nicht? man muß ſo leben, daß man Alles, was man thut, laut ſagen kann. Ich habe nie eine Ge⸗ liebte gehabt, ich werde nie eine haben. Wenn mein Bru⸗ der heirathet und Kinder bekommt, ſo werde ich wahrſcheinlich nicht einmal heirathen. Nimmt er im Gegentheil keine Frau, ſo muß ich wohl eine nehmen; doch dann geſchieht es nur, daß der Stamm nicht erliſcht. Ich bin, wie ge⸗ ſagt, ein wahrer Wilder,“ fügte er lachend bei,„ñich habe das Licht der Welt hundert Jahre zu ſpät erblickt; doch ich plaudere fortwährend wie eine Elſter, und werde zur Stunde des Abendbrodes nicht fertig ſein.“ „Wir können unſer Geſpräch dennoch fortſetzen, denn Ihr Zimmer liegt wohl dem meinigen gegenüber? Laſſen Sie die Thüre offen, und wir werden plaudern.“ „Thun Sie etwas Beſſeres, kommen Sie zu mirz; ich kleide mich in meinem Cabinet um. Mittlerweile, Sie ſind Liebhaber von Waffen, wie mir ſcheint, mittlerweile ſchauen Sie die meinigen an, es ſind einige darunter, welche einen gewiſſen Werth haben, es verſteht ſich einen geſchichtlichen.“ ich, n die elbſt je⸗ des rd und ch. . len, ben, les, ru⸗ lich eine ieht ge⸗ abe och zur enn ſſen ich Sie eile ter, nen 23 Dieſes Anerbieten ſtand zu ſehr im Einklang mit meinem Wunſche, die Zimmer der zwei Brüder zu ver⸗ gleichen, als daß ich es nicht hätte annehmen ſollen. Ich beeilte mich alſo, meinem Wirthe zu folgen, der die Thüre ſeiner Wohnung öffnete und mir voranging, um mir den Weg zu zeigen. Diesmal glaubte ich in ein wahres Arſenal zu treten. Alle Geräthſchaften waren aus dem fünfzehnten vder aus dem ſechszehnten Jahrhundert: das geſchnitzte Bett mit dem Baldachin, den große gedrehte Säulen trügen, war in grünem Damaſt mit goldenen Blumen drapirt; die Fenſtervorhänge beſtanden aus demſelben Stoff, und in allen Zwiſchenräumen trugen Meubles Trophäen von gothi⸗ ſchen und modernen Waffen. Man konnte ſich über die Neigungen desjenigen, wel⸗ cher dieſes Zimmer bewohnte, nicht täuſchen: ſie waren eben ſo kriegeriſch, als die ſeines Bruders friedlich ſein mußten. „Mein Herr,“ ſagte er, während er in ſein Ankleide⸗ eabinet ging,„Sie ſind hier inmitten dreier Jahrhunderte: ſchauen Sie nur, ich kleide mich indeſſen als Gebirger an, denn ich muß, wie ich Ihnen geſagt, ſogleich nach dem Abendbrod weggehen.“ „Und welche von dieſen Dolchen, Degen und Büchſen ſind die geſchichtlichen Waffen, von denen Sie ſprechen 2“ „Es ſind darunter drei;z verfahren wir nach der Ord⸗ nung. Suchen Sie oben an meinem Bett einen einzelnen Dolch mit breitem Stichblatt und einem Knopf, der ein Siegel bildet.“ „Ich habe ihn. Nun?“ „Es iſt der Dolch von Sampierv.“ „Von dem berüchtigten Sampiero, dem Meuchler von Vanina?“ „Meuchler! nein, Mörder.“ „Das iſt, wie mir ſcheint, dasſelbe.“ „In der übrigen Welt vielleicht, doch nicht in Corſiea.“ „Und dieſer Dolch iſt authentiſch?2“ 24 „Sehen Sie! er hat das Wappen Lon Sampiero, nur iſt die Lilie von Frankreich noch nicht dabei; Sie wiſſen, daß Sampierv erſt nach der Belagerung von Per⸗ di pignan die Lilie in ſeinem Wappen zu führen ermächtigt di wurde.“ ge „Nein, ich wußte dieſen Umſtand nicht; und wie iſt dieſer Dolch in Ihren Beſitz gekommen?“ ur „Oh! er iſt ſchon ſeit dreihundert Jahren in der Familke unt wurde einem Napoleone von Franchi von ſei Sampiero ſelbſt geſchenkt.“ üb „Wiſſen Sie, bei welcher Veranlaſſung?“ be „Sampierv und mein Ahnherr fielen in einen genueſi⸗ ſchen Hinterhalt und vertheidigten ſich wie Löwen; der Helm von Sampiero machte ſich los, ein genueſiſcher Rei⸗ ter war im Begriff, ihn mit ſeiner Keule niederzuſchmet⸗ Se tern, als ihm mein Ahnherr ſeinen Dolch am Zwiſchen⸗ raum des Panzers in den Leib ſtieß; ſobald ſich der Reiter verwundet fühlte, ſpornte er ſein Pferd und entfloh mit dem Dolch von Napoleone, der ſo tief in die Wunde ein⸗ als gedrungen war, daß er ihn nicht herausreißen konnte; da nun mein Ahne, wie es ſcheint, viel auf ſeinen Dolch hielt Ah und ſeinen Verluſt beklagte, ſo ſchenkte ihm Sampierv viel den ſeinigen MNopoleone verlor nichts dabei, denn dieſer in iſt von ſpaniſcher Fabrikativn und durchſtößt zwei überein⸗ eine ander gelegte Fünffrankenſtücke.“ erſe „Darf ich den Verſuch machen?“ „Gewiß.“ Ich legte zwei Fünffrankenſtücke auf den Boden und that einen kurzen, fräftigen Stoß. Lucian hatte mich nicht getäuſcht. Als ich den Dolch wieder aufhob, waren ſchie die zwei Stücke an der Spitze befeſtigt und völlig durchbohrt. lang „Ah! vas iſt ſicherlich der Dolch von Sampiero,“ ben rief ich.„Mich wundert nur, daß er, im Beſitze einer als ſolchen Waffe, ſich eines Strickes bediente, um ſeine Frau fort zu tödten.“ inde „Er beſaß ſie nicht mehr, da er ſie meinem Ahn herrn geſchenkt hatte.“ ſprec uſi⸗ Rei⸗ net⸗ hen⸗ iter mit ein⸗ da ielt ierv eſer ein⸗ 25 „Das iſt richtig.“ „Sampiero war mehr als ſechszig Jahre alt, als er aus⸗ drücklich von Conſtantinopel nach Air kam, um der Welt die große Lehre zu geben, daß es ſich für Frauen nicht geziemt, ſich in Staatsangelegenheiten zu miſchen.“ Ich verbeugte mich zum Zeichen der Beipflichtung und brachte den Dolch wieder an ſeinen Platz. „Und nun, da der Dolch von Sampiero wieder an ſeinem Nagel hängt, gehen wir zu einer andern Waffe über,“ ſagte ich zu Lucian, der immer noch mit Ankleiden beſchäftigt war. „Sie ſehen zwei Portraits neben einander.“ „Ja, das von Paoli und das von Napoleon.“ „Nun wohl, neben dem Portrait von Paoli iſt ein chwert.“ „Ganz richtig.“ „Es iſt das ſeinige.“ „Das Schwert von Pavli? und eben ſo authentiſch als der Dolch von Sampiero?“ „Wenigſtens, denn wie dieſer wurde es, nicht meinem Ahnherrn, ſondern einer meiner Ahufrauen geſchenkt. Ja, vielleicht haben Sie von dieſer Frau ſprechen hören, welche im Augenblick des Unabhängigkeitskrieges, begleitet von einem jungen Mann, vor dem Thurm von Sullacaro erſchien.“ „Nein, erzählen Sie mir dieſe Geſchichte.“ „Oh! ſie iſt kurz.“ „Wir haben nicht die Zeit, lange zu ſchwatzen.“ „Nun wohl, dieſe Frau und der junge Mann er⸗ ſchienen alſo vor dem Thurme von Sullacarv und ver⸗ langten mit Pavli zu ſprechen. Doch da Pavli mit Schrei⸗ ben beſchäftigt war, verweigerte man ihr den Einlaß, und als ſie auf ihrem Willen beſtand, ſuchte ſie die Wache fortzutreiben. Paoli, der den Lärmen gehört hatte, öffnete indeſſen die Thüre und fragte, wer ihn veranlaßt. „„Ich,““ antwortete dieſe Frau,„denn ich wollte Dich ſprechen.““ ————— ———— 26 „„Und was haſt Du mir zu ſagen?““ „„Ich wollte Dir ſagen, daß ich zwei Söhne hatte. Geſtern erfuhr ich, daß der erſie bei der Vertheidigung des Vaterlandes getödtet worden iſt, und ich habe zwanzig Meilen gemacht, um Dir den zweiten zu bringen.““ „Was Sie mir da erzählen, iſt eine ſpartaniſche Geſchichte.“ „Ja, es hat viel Aehnlichkeit.“ „Und wer war dieſe Frau?“ „Es war meine Ahrfrau. Paoli machte ſein Schwert los und ſchenkte es ihr.“ „Ich liebe ungemein dieſe Art, ſich bei einer Frau zu entſchuldigen.“ „Ja, ſie waren eines des andern würdig.“ „Und dieſer Säbel?“ „Iſt der, welchen Bonaparte in der Schlacht bei den Pyramiden trug.“ „Ohne Zweifel iſt er auf dieſelbe Weiſe in Ihre Fa⸗ milie gekommen, wie der Dolch und das Schwert?“ „Ganz auf dieſelbe Weiſe. Nach der Schlacht gab Bonaparte meinem Großvater, der Ofſicier bei den Guides war, Befehl, mit ungefähr fünfzig Mann einen Kern von Mamelucken anzugreifen, welche ſich noch um einen ver⸗ wundeten Anführer hielten. Mein Großvater gehorchte, zerſtreute die Mamelucken und brachte den Anführer zum erſten Conſul. Als er aber ſeinen Säbel wieder in die Scheide ſtecken wollte, war die Klinge dergeſtalt von dem Damaſt der Mamelucken zerhackt, daß er ſie durchaus nicht mehr hineinbringen konnte. Mein Großvater warf Säbel und Scheide, als unnütz geworden, weit von ſich, Napoleon ſah dies und ſchenkte ihm ſeinen Säbel.“ 77 meines Großvaters ganz zerhackt, wie er war, beſitzen, als den des Obergenerals, der ſich unverſehrt erhalten hatte.“ „Schauen Sie gerade aus und Sie werden ihn auch finden. Der erſte Conſul hob ihn auf, ließ den Diamant einſetzen, den Sie am Griff ſehen, und ſchickte ihn mit Aber an Ihrer Stelle würde ich lieber den Säbel der daß und folg ——— 27 der Inſchrift, welche Sie auf der Klinge leſen können, an meine Familie.“ Zwiſchen den zwei Fenſtern, halb aus der Scheide hervorſtehend, in die er nicht mehr geſchoben werden konnte, hing wirklich der Säbel zerhackt und verdreht, mit der einfachen Inſchrift: Schlacht bei den Pyramiden, am 21. Juli 1798. In dieſem Augenblick erſchien der Diener, der mich eingeführt und mir die Ankunft ſeines Herrn gemeldet hatte, wieder auf der Schwelle. „Ercellenz,“ ſagte er, ſich an Lucian, wendend,„Frau von Franchi läßt Ihnen melden, das Abendbrod ſei auf⸗ getragen.“ „Es iſt gut, Griffo,“ antwortete der junge Mann, „ſagt meiner Mutter, wir werden hinabkommen.“ Und nun trat er aus ſeinem Cabinet, wie er es zu⸗ vor geſagt hatte, als Gebirger gekleidet, nämlich mit einem runden Wamms von Sammet, einer kurzen Hoſe und Ka⸗ maſchenz von ſeiner andern Tracht hatte er nur den Potronengürtel beibehalten, der ſeinen Leib umſchloß. Ich betrachtete eben zwei Carabiner, welche einander gegenüber hingen, und auf denen auf dem Kolben das Datum: 21. September 181 9, eilf Uhr Morgens, incru⸗ ſtirt war. „Und dieſe Carabiner,“ fragte ich,„ſind ſie eben⸗ falls geſchichtliche Waffen?“ „Ja,“ antwortete er,„wenigſtens für uns. Der eine iſt der meines Vaters.“ Er hielt inne. „Und der andere?“ „Und der andere,“ ſagte er lachend,„der andere iſt der meiner Mutter. Doch gehen wir hinab, Sie wiſſen, daß man uns erwartet.“ Und er ging voran, um mir den Weg zu zeigen, und bedeutete mir durch ein Zeichen, ich möge ihm folgen. III. Ich geſtehe, daß ich beſchäſtigt mit den letzten Wor⸗ ten von Lucian: dies iſt der Carabiner meiner Mutter, hinabging. Es bewog mich, Frau von Franchi noch aufmerk⸗ ſamer anzuſchauen, als ich es bei unſerem erſten Zuſam⸗ mentreffen hatte. Ihr Sohn küßte ihr, in das Speiſezimmer eintretend, ehrfurchtsvoll die Hand, und ſie empfing dieſe Huldigung mit der Würde einer Königin. „Verzeihen Sie, meine Mutter,“ ſprach Lucian,„ich befürchte, ich habe Sie warten laſſen. 4 „In jedem Fall wäre es mein Fehler, Madame,“ ſagte ich mich verbeugend,„Herr Lucian hat mir ſo ſelt⸗ ſame Dinge mitgetheilt und gezeigt, daß ich ihn durch meine endloſen Fragen zu einer Zögerung veranlaßte.“ „Beruhigen Sie ſich,“ erwiederte ſie,„ich komme ſo eben ſelbſt erſt herab; doch,“ fuhr ſie, ſich an ihren Sohn wendend, fort,„es drängte mich, Dich zu ſehen, um 8. zu fragen, ob Du keine Kunde von Luigi ätte „Sollte Ihr Sohn leidend ſein?“ ſagte ich zu Frau von Franchi. „Lucian befürchtet es,“ antwortete ſie. „Haben Sie einen Brief von Ihrem Bruder erhal⸗ ten?“ fragte ich. „Nein,“ erwiederte er,„und das iſt es gerade„was mich beunruhigt.“ „Aber woher wiſſen Sie, daß er leidet?“ „Weil ich ſelbſt in den letzten Tagen gelitten habe.“ „Verzeihen Sie meine ewigen Fragen, aber das er⸗ klärt mir nicht. „Wiſſen Sie nicht, daß wir Zwillinge ſind?“ „Doch, mein Führer hat es mir geſagt.“ or⸗ ter, erk⸗ m⸗ nd, ing ich elt⸗ rch me ren en, tigi rau al⸗ vas be. 29 „Wiſſen Sie nicht, daß wir, als wir zur Welt kamen, noch an der Seite an einander gewachſen waren 2“ „Nein, dieſen Umſtand wußte ich nicht.“ „Nun wohl, es bedurfte eines Scalpelſchnittes, um uns zu trennen; Folge davon iſt, daß wir, obgleich weit von einander entfernt, einen und denſelben Körper haben, ſo daß der Eindruck, mag er ein phyſiſcher oder morali⸗ ſcher ſein, den einer von uns empfindet, ſeinen Gegen⸗ ſchlag auf den andern hat. In den letzten Tagen bin ich ohne Grund traurig, verdrießlich, düſter geweſen, ich fühlte grauſame Beklemmungen meines Herzens, und es iſt offenbar, daß mein Bruder irgend einen tiefen Kum⸗ mer empfindet.“ Ich ſchaute voll Erſtaunen dieſen jungen Mann an, der etwas ſo Seltſames gegen mich behauptete, ohne daß ſich irgend ein Zweifel bei ihm zu regen ſchien;z ſeine Mutter theilte übrigens vffenbar ſeine Ueberzengung; ſie lächelte traurig und ſprach: „Die Abweſenden ſind in der Hand Gottes. Die Hauptſache iſt, daß Du ſeines Lebens ſicher biſt.“ „Wenn er geſtorben wäre, ſo würde ich ihn wieder⸗ geſehen haben.“ „Und Du hätteſt es mir geſagt, nicht wahr, mein Sohn?“ „Oh! auf der Stelle, das ſchwöre ich Ihnen, meine Mutter.“ „Gut.. Verzeihen Sie, mein Herr,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich an mich wandte,„verzeihen Sie mir, daß ich meine mütterliche Unruhe nicht unterdrücken konnte. Luigi und Lucian ſind nicht nur meine Söhne, ſondern ſie ſind auch die Letzten unſeres Namens. Wollen Sie ich zu meiner Rechten ſetzen.. Lucian ſetze Dich hier⸗ hin.“ Und ſie bezeichnete dem jungen Mann einen leeren Platz zu ihrer Linken. Wir ſetzten uns an das Ende einer langen Tafelz am entgegengeſetzten Ende derſelben lagen ſechs weitere Gedecke, beſtimmt für das, was man in Corſica die Fa⸗ 30 milie nennt, nämlich für die Perſonen, welche in großen die Mitte zwiſchen den Herren und den Dienern alten. Die Tafel war reichlich beſtellt; doch ich geſtehe, obgleich für den Augenblick von einem verzehrenden Hun⸗ ger heimgeſucht, begnügte ich mich, dieſen materiell zu ſtillen, ohne daß mein beunruhigter Geiſt mir eines der zarten Vergnügungen der Gaſtronomie zu genießen ge⸗ ſtattete. Es kam mir in der That bei meinem Eintritt in dieſes Haus vor, als wäre ich in eine fremde Welt eingetreten, wo ich wie in einem Tranme lebte. Wie war es mit dieſer Frau, die einen Carabiner hatte wie ein Soldat? Wie war es mit dieſem Bruder, der dieſel⸗ ben Schmerzen empfand, welche ſein anderer Bruder in einer Entfernung von dreihundert Meilen*) von ihm empfand? Wie war es mit dieſer Mutter, die ihren Sohn ſchwören ließ, er würde es ihr ſagen, ſollte er ihren andern Sohn todt wiederſehen? Es lag in Allem dem, was mir begegnete, wie man zugeſtehen wird, hinreichend Stoff zur Träumerei. Da ich indeſſen bemerkte, daß mein Stillſchweigen unhöflich war, erhob ich die Stirne und ſchüttelte den Kopf, als wollte ich dieſe Maſſe von Gedanken entfernen. Die Mutter und der Sohn fahen ſogleich, daß ich das Geſpräch wieder zu beginnen gedachte. „Sie haben ſich alſo,“ ſagte Lucian, als nähme er ein unterbrochenes Geſpräch wieder auf,„Sie haben ſich alſo Corſica zu beſuchen entſchloſſen?“ „Ja, wie Sie ſehen, ſeit langer Zeit war dies mein Plan, und endlich brachte ich ihn in Ausführung.“ „Meiner Treue, Sie haben wohl daran gethan, nicht zu zögern, denn wie der franzöſiſche Geſchmack, wie die franzöſiſchen Sitten immer mehr um ſich greifen, werden diejenigen, welche hierher kommen, um Corſieg zu ſuchen, d dieſes nicht mehr finden.“ *) Lieues, franzöſiſche Meilen. oßen nern ehe, n⸗ zu der ge⸗ tritt Lelt Wie wie ſel⸗ in ihm en er wie gen den en. ich er ſich ein icht die den en, 31 „In jedem Fall„ erwiederte ich,„wenn der alte Nativnalgeiſt vor der Civiliſativn zurückweicht und ſich in irgend einen Winkel der Inſel flüchtet, werden es ſicher⸗ lich die Provinz Sartene und das Thal des Taravo ſein.“ „Glauben Sie das 2“ ſagte lächelnd der junge ann. „Mir ſcheint, daß das, was ich hier um mich her und unter den Augen habe, ein ſchönes, edles Gemälde von den alten corſiſchen Sitten iſt.“ „Ja, und dennoch hat zwiſchen meiner Mutter und mir, im Angeſicht von vier hundert Jahren der Erinne⸗ rungen, in dieſem Hauſe mit Zinnen und Schießſcharten, der franzöſiſche Geiſt meinen Bruder aufgeſucht, uns ent⸗ führt, nach Paris gebracht, von wo er als Advocat zurückkommen wird. Er wirt in Ajaccio ſtatt im Hauſe ſeiner Väter wohnen; er wird Proreſſe führen: hat er Talent, ſo ernennt man ihn zum Staatsanwalt; dann wird er die armen Teufel verfolgen, die eine Haut ge⸗ macht haben, wie man im Lande ſagt; er wird den Meuchler mit dem Mörder verwechſeln, wie Sie es ſo eben gethan haben; er wird im Namen des Geſetzes den Kopf von denjenigen fordern, welche gethan haben, was nicht zu thun ihre Väter als eine Schande betrachteten; er wird das Urtheil der Menſchen an die Stelle des Ur⸗ theils Gottes ſetzen, und am Abend, wenn er einen Kopf für den Henker rekrutirt hat, wird er dem Lande gedient zu haben glauben, weil er einen Stein zu dem Tempel der Civiliſativn beigetragen, wie unſer Präfect ſagt Ei, mein Gott! mein Gott!“ Und der junge Mann ſchlug die Augen zum Himmel auf, wie es Hannibal nach der Schlacht von Zama gethan haben muß. „Aber Sie ſehen wohl,“ antwortete ich,„Sie ſehen, daß Gott das Gleichgewicht der Dinge herſtellen wollte, denn während er Ihren Bruder zum Sectirer der neuen rundſätze machte, machte er Sie zum Parteigänger der — 32 „Ja, aher wer ſagt mir, daß mein Sohn nicht das Beiſpiel ſeines Oheims befolgen wird, ſtatt das meinige nachzuahmen? Und ich ſelbſt, laſſe ich mich nicht zu Dingen hinziehen, die eines Franchi unwürdig ſind?“ „Sie?“ rief ich erſtaunt. „Ei, mein Gott! ja, ich. Soll ich Ihnen ſagen, was Sie in der Provinz Sartene geſucht haben?“ „Sprechen Sie.“ „Sie kommen mit der Neugierde des Weltmannes, des Künſtlers oder des Dichters; ich weiß nicht, was Sie ſind, und frage Sie nicht; Sie werden es uns ſagen, wenn es Ihnen Vergnügen macht: wenn nicht, ſo ſchweigen Sie, das ſteht ganz in Ihrem Beliehen„ Nun wohl! Sie ſind in der Hoffnung gekommen, ein Dorf in der Vendetta zu ſehen, mit irgend einem ſehr vriginellen Banditen, wie ſie Herr Mérimée in Colomba gemalt hat, in Verbindung gebracht zu werden.“ „Mir ſcheint, ich habe es nicht ganz ſchlimm getrof⸗ fen,“ antwortete ich,„wenn ich nicht ſchlecht geſehen, iſt Ihr Haus das einzige im Dorfe, das nicht befeſtigt iſ.“ „Das beweiſt, daß ich auch ausarte; mein Großvater, mein Urgroßvater, einer meiner Vorfahren hätte irgend einen Antheil an den Parteien genommen, welche das Dorf ſeit zehn Jahren trennen. Wiſſen Sie, was ich bei Allem dem bin, inmitten der Flintenſchüſſe, der Stiletſtiche, die Meſ⸗ ſerſtöße? ich bin Schiedsrichter. Sie jind in die Provinz gekommen, um Banditen zu ſehen, nicht wahr? Beglei⸗ ten Sie mich dieſen Abend, ich werde Ihnen einen zeigen.“ „Wie, Sie werden mir erlauben, Sie zu heghitn⸗ „Ohl mein Gott, ja, es hängt nur von Ihnen ah, wenn es Sie beluſtigen kann“ „Ich nehme es mit großem Vergnügen an.“ 3 „Der Herr iſt wohl ſehr ermüdet,“ ſagte Frau vot Franchi, indem ſie ihrem Sohn einen Blick zuwarf, als ſchämte ſie ſich wie er, Corſica ſo entartet zu ſehen. „Nein, meine Mutter, nein, er ſoll im Gegenthi mit in dett wel ban und der kan Ber Reſ eine ein Kri cart er iſt den lant ford gehi vor aufz in d Nac Hen die gen, Doec Col das nige t zu was 33 mitkommen, und wenn man in der Gegenwart dieſes Herrn in irgend einem Pariſer Salon von der furchtbaren Ven⸗ detta und den unverſöhnlichen corſiſchen Banditen ſpricht, welche den kleinen Kindern von Baſtia und Ajaccio noch bange machen, ſo kann er wenigſtens die Achſeln zucken und ſagen, was daran iſt.“ „Aber aus welcher Veranlaſſung kam der große Streit, der, ſo viel ich nach dem, was Sie mir ſagen, beurtheilen kann, dem Erlöſchen nahe iſt?“ „Oh!“ verſetzte Lucian,„bei einem Streite iſt der Beweggrund gleichgültig und es kommt Alles auf das Reſultat an. Wenn eine ſchief fliegende Mücke den Tod eines Menſchen veranlaßt hat, ſo iſt darum nicht minder ein Menſch geſtorben.“ Ich ſah, daß er ſelbſt zögerte, mir die Urſache des Krieges zu nenuen, der ſeit zehn Jahren das Dorf Sulla⸗ caro verheerte. Aber man begreift wohl, je verſchwiegener er war, deſto begehrlicher wurde ich. „Der Streit hatte jedoch einen Grund,“ ſagte ich; „iſt dieſer Grund ein Geheimniß?“ Oh! mein Gott, nein. Die Sache entſtand unter den Orlandini und den Colonna.“ „Vei welcher Veranlaſſung?“ „Eine Henne entwich aus dem Geflügelhof der Or⸗ landini und flog in den der Colonna. Die Orlandini forderten ihre Henne zurückz die Colonna behaupteten, ſie gehöre ihnen. Die Orlandini bedrohten die Colonna, ſie vor den Friedensrichter zu bringen und ihnen den Eid aufzulegen. Dann drehte die alte Mutter, welche die Henne in der Hand hielt, dieſer den Hals um, warf ſie ihrer Nachbarin in das Geſicht und ſagte:„„Nun wohl, da die Henne Dir gehört, ſo iß ſie.““ Da nahm ein Orlandini die Henne bei den Füßen und wollte damit diejenige ſchla⸗ gen, welche ſie ſeiner Schweſter ins Geſicht geworfen hatte. Doch im Augenblick, wo er die Hand aufhob, legte ein Cylonna, der unglücklicher Weiſe ſein geladenes Gewehr Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 3 34 bei ſich hatte, auf ihn an und ſtreckte ihn mit einer Kugel nieder.“ „Und wie viel Leben haben dieſen Streit bezahlt?“ „Es ſind neun Perſonen getödtet.“ „Und dies wegen einer elenden Henne„welche zwölf Sous werth war!“ „Allerdings; aber ich habe Ihnen ſchon geſagt, man muß nicht die Urſache, ſondern das Reſultat ins Auge faſſen.“ „Und weil nenn Perſonen getödtet worden ſind, muß auch noch eine zehnte ſterben?“ „Sie ſehen wohl, daß dies nicht der Fall iſt, da ich mich zum Schiedsrichter gemacht habe,“ entgegnete Lucian. „Ohne Zweifel auf die Bitte von einer der zwei Familien!“ „Oh! mein Gott! nein, auf die von meinem Bruder, mit dem der Siegelbewahrer davon geſprochen hat Ich frage Sie ein wenig, in was des Teufels miſchen ſie ſich„ Alles in Paris, da ſie ſich mit dem beſchäftigen, was in einem elenden Dorfe in Corſica vorfällt! Der Präfect hat uns wohl dieſen Streich geſpielt; er wird geſagt haben, wenn ich ein Wort ſprechen wolle, werde Alies dies wie ein Vaudeville mit einer Heirath oder mit einem Vers an das Publikum endigen; dann hot man ſich an meinen Bruder gewendet, der ſich dieſer Angelegenheit bemächtigte und mir ſchrieb, er habe ſein Wort für mich gegeben. Was wollen Sie,“ ſprach der junge Mann, das Haupt erhebend,„man durfte dort nicht ſagen, ein Franchi habe das Wort für ſeinen Bruder verpfändet, und ſein Bruder habe dieſes Wort nicht gelöſt.“ „So brachten Sie Alles in Ordnung?“ „Ich befürchte es.“ „Und wir werden ohne Zweifel dieſen Abend das Haupt von einer der Parteien ſehen?“ „Ganz richtig; in der vergangenen Nacht war ich mit dem der andern Partei zuſammen.“ „Beſuchen wir einen Orlandini oder einen Colonna?“ R ſei daf ſte der Fr bet ſell hat „ſo len rau gebt ginc befe mein ugel t?“ wölf man lnge muß mich cian. zwei der, Irh z in ifect ben, wie ers nen igte en upt abe der 35 „Einen Orlandini.“ „Iſt der Ort der Zuſammenkunft fern von hier?“ „In den Ruinen des Schloſſes Vicentello d'Iſtria.“ „Ah! es iſt wahr man hat mir geſagt, dieſe Ruinen wären in der Nähe von hier.“ „Sie ſind ungefähr eine Meile entfernt.“ „ werden wir in etwa drei Viertelſtunden dort ein?“ „Späteſtens.“ „Lucian,“ ſprach Frau von Franchi,„merke wohl, daß Du für Dich ſprichſt, Du, ein Gebirger, brauchſt höch⸗ ſtens drei Viertelſtunden; doch dieſer Herr wird nicht auf den Wegen gehen, auf denen Du gehſt.“ „Das iſt wahr, wir brauchen wenigſtens anderthalb Stunden.“ „Es iſt alſo keine Zeit zu verlieren,“ ſagte Frau von Franchi, indem ſie auf die Pendeluhr ſchaute. „Meine Mutter,“ ſprach Lucian,„Sie werden erlau⸗ ben, daß wir Sie verlaſſen.“ Sie reichte ihm ihre Hand, die ihr Sohn mit der⸗ Achtung küßte, wie er es bei ſeiner Ankunft gethan atte.“ „Sollten Sie es jedoch vorziehen,“ ſagte Lucian, „ſollten Sie es vorziehen, ruhig Ihr Abendbrod zu vol⸗ lenden, in Ihr Zimmer hinaufzugehen und, eine Cigarre rauchend, ſich die Füße zu wärmen „Nein! nein!“ rief ich;„Teufel, Sie haben mir einen Banditen verſprochen und ich muß einen haben.“ „Nun wohl, ſo nehmen wir unſere Flinten, und auf⸗ gebrochen. Ich grüßte ehrfurchtsvoll Frau von Franchi und wir gingen hinaus, Griffo voran, der uns leuchtete. Unſere Vorbereitungen brauchten nicht lange Zeit. Ich befeſtigte einen Reiſegürtel um meinen Leib, den ich vor meinem Abgange von Paris hatte machen laſſen, an die⸗ ſem hing ein Jagomeſſer, während er auf der einen Seite mein Pulver und auf der andern mein Blei enthielt. Lucian erſchien mit ſeinem Patronengürtel, mit einer Doppelflinte von Manton und einer ſpitzigen Mütze, einem Meiſterwerk der Stickerei von den Händen irgend einer Penelope von Sullacarv. „Werde ich Eure Ercellenz begleiten2“ fragte Griffy. „Es iſt unnöthig,“ verſetzte Lucian,„laß nur Dia⸗ mante losz es wäre möglich, daß er uns einen Faſan auf⸗ triebe und bei dieſem Mondſchein könnte man ſchießen wie am hellen Tag.“ Nach einem Augenblick ſprang vor Freude heulend ein ſpaniſcher Jagdhund um uns her. Wir machten zehn Schritte außer dem Hauſe. „Ah!“ rief Lucian ſich umwendend,„ſage im Dorfe, wenn man Flintenſchüſſe im Gebirge höre, ſo ſeien wir es, die geſchoſſen.“ „Seien Sie unbeſorgt, Ercellenz.“ „Ohne dieſe Vorſichtsmaßregel,“ fügte Lucian bei, „würde man vielleicht geglaubt haben, die Feindſeligkeiten hätten wieder begonnen und wir dürften dann wohl das Echo unſerer Flinten in den Straßen von Sullacarv ver⸗ nehmen.“ Wir machten noch einige Schritte und gelangten dann zu unſerer Rechten auf eine kleine Straße, welche gerade nach dem Gebirge führte. IV. Obgleich wir erſt den Anfang des März erreicht hat⸗ ten, war doch das Wetter herrlich, und man hätte es ſo⸗ gar warm nennen können, ohne einen lieblichen Wind, der uns erfriſchte und uns zugleich den ſcharfen, lebhaften Geruch des Meeres zuführte. Der Mond ging klar und glänzend hinter dem Berge Cagna auf, und es war, a gö de eir ſte be au ker ver rul ähr eig ant der nick ken wat in die leih wo eine eine bliel Geb keine einen hölze mant einer einem einer riffv. Dia⸗ auf⸗ wie ulend orfe, ir es, bei, eiten das ver⸗ ann rade hat⸗ ſo⸗ ind, ten und als 37 göße er Lichtcascaden über den ganzen weſtlichen Abhang, der Corſica in zwei Theile theilt und gleichſam aus einer einzigen Inſel zwei verſchiedene Länder macht, welche ſtets gegen einander im Krieg, oder wenigſtens im Haß begriffen ſind. Je mehr wir aufſtiegen und die Schlünde, aus denen der Taravo hervorfließt, in eine Nacht verſan⸗ ken, deren Dunkelheit das Auge vergebens zu durchdringen verſuchte, deſto mehr ſahen wir das mittelländiſche Meer ruhig und einem weiten Spiegel von gebräuntem Stahl ähnlich am Horizont ſich entrollen. Einige der Nacht eigenthümliche Geräuſche, mögen Sie nun bei Tag unter anderen Geräuſchen verſchwinden, mögen ſie wirklich mit der Finſterniß erwachen, machten ſich hörbar und brachten, nicht auf Lucian, der, mit ihnen vertraut, ſie auch zu er⸗ kennen vermochte, wohl aber auf mich, dem ſie fremd waren, ſeltſame Eindrücke des Erſtaunens hervor, welche in meinem Geiſte die beſtändige Bewegung unterhielten, die Allem, was man ſieht, ein mächtigeres Interefſe ver⸗ leiht. Als wir zu einer Art von Verzweigung gelangten, wo ſich die Straße in zwei Theile theilte, nämlich in einen Weg, der um den Berg zu gehen ſchien, und in einen kaum ſichtbaren Fußpfad, der gerade hinaufführte, blieb Lucian ſtehen. „Sagen Sie,“ ſprach er,„haben Sie den Fuß des Gebirgers?“ „Den Fuß, ja, aber nicht das Auge.“ „Das heißt, Sie ſind dem Schwindel unterworfen.“ „Ja, die Leere zieht mich unwiderſtehlich an.“ „Dann können wir dieſem Fußpfad folgen, der Ihnen keine Abſtürze, ſondern nur Terrainſchwierigkeiten bietet.“ „Was die letzteren betrifft, das iſt mir gleichgültig.“ „Wählen wir alſo dieſen Fußpfad, er erſpart uns einen Marſch von drei Viertelſtunden.“ Lucian ſchlug zuerſt den Weg durch ein kleines Ge⸗ hölze von Steineichen ein, durch das ich ihm folgte. Dia⸗ mante marſchirte fünfzig bis ſechzig Schritte vor uns, 38 ſchweifte bald rechts, bald links ab, kehrte von Zeit zu Zeit auf den Fußpfad zurück und wedelte freudig mit ſei⸗ nem Schweif, um uns zu bedeuten, wir könnten ohne Gefahr, uns ſeinem Inſtinkt vertrauend, unſern Marſch fortſetzen. Man ſah, daß, wie die Pferde der Halbfaſhio⸗ nables, welche am Morgen Wechſelagenten, am Abend Löwen zugleich ein Reitpferd und ein Cabrivletpferd haben wollen, Diamante das zweifüßige und das vierfüßige Thier, den Banditen und das Wildſchwein zu jagen dreſſirt war. Um nicht das Anſehen zu haben, als wäre ich den corſiſchen Sitten völlig fremd, theile ich meine Bemerkung Lucian mit. „Sie täuſchen ſich,“ ſagte er, Diamante jagt wirk⸗ lich zugleich den Menſchen und das Thier, doch der Menſch, den er jagt, iſt nicht der Bandit, es iſt die dreifache Race des Gendarme, des Voltigeur und des Freiwilligen.“ „Wie,“ fragte ich,„Diamante iſt alſo ein Banditen⸗ hund?“ „Wie Sie ſagen. Diamante gehörte einem Orlandini, dem ich im Felde Brod, Pulver, Kugeln, kurz die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände ſchickte, deren ein Bandit bedarf. Er wurde von einem Colonna getödtet und ich erhielt am andern Tag ſeinen Hund, der, gewohnt, in unſer Haus zu kommen, leicht eine Freundſchaft für mich faßte.“ „Doch mir ſcheint, ich ſah von meinem Zimmer aus, oder vielmehr von dem Ihres Bruders, noch einen andern Hund als Diamante an der Kette“ „Ja, das iſt Bruseo, er hat dieſelben Eigenſchaften, wie dieſer hier, nur habe ich ihn von einem Colonna, der von einem Orlandini getödtet worden iſt: deshalb⸗ wenn ich einen Colonna beſuche, nehme ich Brusco mit, und wenn ich im Gegentheil mit einem Orlandini zu thun habe, wähle ich Diamante. Läßt man unglücklicher Weiſe Beide zu gleicher Zeit los, ſo zerreiſſen ſie ſich. Die Menſchen,“ fuhr Lucian bitter lachend fort,„die Menſchen können ſich verſöhnen, Frieden ſchließen, dieſelbe Hoſtie th fr ſin D er be t zu ſei⸗ ohne arſch hio⸗ bend aben hier, war. den kung virk⸗ nſch, Race iten⸗ dini, ver⸗ darf. am aus aus, dern ften, nna, halb, mit, thun weiſe Die ſchen oſtie 39 theilen, die Hunde werden nie aus derſelben Schüſſel freſſen“ „Das iſt hübſch,“ rief ich ebenfalls lachend,„das ſind zwei wahre corſiſche Hunde; doch mir ſcheint, daß Diamante, wie alle beſcheidene Herzen, ſich unſern Lobes⸗ erhebungen entzieht; ſeitdem ſich das Geſpräch auf ihm bewegte, haben wir ihn nicht mehr bemerkt.“ „Ah! ſeien Sie deshalb unbeſorgt,“ ſagte Lucian. „Ich weiß, wo er iſt.“ „Und wo iſt er, wenn ich fragen darf?“ „Er iſt beim Mucchiv.“ Ich wollte auf die Gefahr, meinen Wirth zu ermü⸗ den, noch eine Frage wagen, als ſich ein ſo trauriges, ſo gedehntes, ſo klägliches Geheule hören ließ, daß ich bebte und, die Hand auf den Arm des jungen Mannes legend, ſtehen blieb. „Was iſt das?“ rief ich. „Nichts, Diamante weint.“ „Und wen beweint er?“ „Seinen Herrn Glauben Sie, die Hunde ſeien Men⸗ um diejenigen zu vergeſſen, welche ſie geliebt ha⸗ ben?“ „Ah! ich begreife,“ ſagte ich. Diamante ließ ein noch längeres, noch kläglicheres Geheule hören, als das erſte Mal. „Ja,“ ſprach ich,„ſein Herr iſt getödtet worden, wie Sie mir geſagt haben, und wir nähern uns dem Orte, wo man ihn getödtet hat.“ richtig, und Diamante hat uns verlaſſen, um zum Mucchio zu gehen.“ „Der Mucchio iſt alſo das Grab?“ „Ja, das heißt das Denkmal, das jeder Vorüber⸗ gehende, einen Stein oder einen Baumzweig darauf wer⸗ fend, auf dem Grabe jedes Ermordeten errichtet. Die Folge hievon iſt, daß, ſtatt wie andere Gräber unter den Tritten des großen Niveleur, den man die Zeit nennt, einzuſinken, das Grab des Opfers jeden Tag größer wird... 40 ein Symbol der Rache, welche im Herzen ſeiner nächſten Verwandten beſtändig wachſen und fortleben muß.“ Ein drittes Geheule erſcholl, doch diesmal ſo nahe bei uns, daß ich mich eines Schauers nicht erwehren konnte, obgleich mir die Urſache nunmehr völlig bekannt war. Bei der Biegung des Fußpfades ſah ich wirklich, ungefähr zwanzig Schritte von uns, einen weißlichen Stein⸗ haufen, der eine ungefähr vier bis fünf Fuß hohe Pyra⸗ mide bildete. Dies war der Mucchiv. Am Fuß dieſes ſeltſamen Denkmals ſaß Diamante, den Hals vorgeſtreckt, den Rachen geöffnet. Lucian hob einen Stein auf, nahm ſeine Mütze ab, und näherte ſich dem Munhiv. Ich that daſſelbe, indem ich mich in allen Punkten. nach meinem Wirthe richtete. Bei der Pyramide angelangt, brach er einen Zweig von einer Steineiche ab, warf zuerſt den Stein, und her⸗ nach den Zweig auf den Haufen; dann machte er mit dem Daumen jenes raſche Zeichen des Kreuzes, eine cor⸗ ſiſche Gewohnheit, welche ſelbſt Napoleon unter gewiſſen furchtbaren Umſtänden entſchlüpfte. Hierauf begaben wir uns ſchweigſam und nachden⸗ kend wieder auf den Weg. Diamante blieb zurück. Nach ungefähr zehn Minuten hörten wir ein letztes Geheul und beinahe in demſelben Augenblick lief Dia⸗ mante, den Kopf und den Schweif geſenkt, an uns vor⸗ über, erkletterte eine Spitze von ungefähr hundert Fuß und trieb wieder ſein Kundſchafterhandwerk. Wir gingen indeſſen immer weiter und der Fußpfad wurde, wie es mir Lucian vorhergeſagt hatte, immer ab⸗ ſchüſſiger. Ich legte mein Gewehr auf den Rücken, denn ich ſah, daß ich bald meine Hände nöthig haben würde. Mein Führer marſchirte mit derſelben Leichtigkeit fort und ſchien nicht einmal die Schwierigkeit des Bodens zu be⸗ merken. Nachdem wir einige Minuten mit Hülfe von Schling⸗ — „ 8— 1 — — S————— — chſten nahe ehren kannt klich, tein⸗ yra⸗ eſes eckt, ab, kten veig her⸗ mit or⸗ ſſen en⸗ tes ia⸗ or⸗ uß ad b⸗ nn e. nd e⸗ 3 41 pflanzen und Wurzeln hinaufgeklettert waren, gelangten wir auf eine Art von Flattform, die von einigen in Trümmern liegenden Mauern beherrſcht wurde. Dieſe Trümmer waren die des Schloſſes Vicentello d'Iſtria, welche das Ziel unſerer Reiſe bildeten. Nach fünf Mi⸗ nuten ein neues Klettern auf einem noch ſchwierigeren, noch abſchüſſigeren Boden. Sobald Lucian die letzte Ter⸗ raſſe erreicht hatte, bot er mir die Hand und zog mich zu ſich empor. „Ah! ah!“ ſagte er zu mir,„für einen Pariſer be⸗ ſiegen Sie die Schwierigkeiten gar nicht ſchlimm.“ „Das kommt davon her,“ erwiederte ich,„daß der Pariſer, den Sie ſo eben bei ſeinem letzten Schritt unter⸗ ſtützten, ſchon einige Ausflüge dieſer Art gemacht hat.“ „Ja,“ ſagte Lucian lachend,„haben Sie nicht in der Nähe von Paris einen Berg, den man Montmartre nennt?“ „Wohl, doch außer dem Montmartre, den ich nicht verleugne, habe ich noch einige andere Berge erſtiegen, die man den Rigi, das Faulhorn, den Gemmi, den Veſuv, Stromboli, den Aetna nenkt.“ „Oh! nun werden ganz im Gegentheil Sie mich verachten, weil ich nur den Monte Rotondo erklettert habe. In jedem Fall ſind wir an Ort und Stelle; vor vier⸗ hundert Jahren würden Ihnen meine Ahnen dieſe Thüre geöffnet und zu Ihnen geſagt haben: Seid willkommen in unſerem Schloſſe. Heute zeigt Ihnen ihr Abkömm⸗ ling eine Breſche und ſpricht: Seien Sie willkommen in dieſen Trümmern.“ „Dieſes Schloß hat alſo ſeit dem Tode von Vicentello dIſtria Ihrer Familie gehört?“ fragte ich, indem ich das Geſpräch wieder aufnahm, wo wir es gelaſſen hatten. „Nein, doch vor ſeiner Geburt war es der Aufent⸗ haltsort von unſerer Aller Ahnfrau, der bekannten Savilia, der vn Lucian von Franchi.“ „Findet ſich nicht in Philippini eine furchtbare Ge⸗ ſchichte über dieſe Frau?“ „Ja. Wenn es Tag wäre, könnten Sie noch von 42 hier aus die Trümmer des Schloſſes Valle ſehen; dort wohnte der Herr von Giudice, ebenſo gehaßt, als ſie ge⸗ ſchätzt, ebenſo häßlich, als ſie ſchön war Er verliebte ſich in ſie, und da ſie ſeine Liebe nicht ſchleunigſt nach ſeinen Wünſchen erwiederte, ließ er ihr verkündigen, wenn ſie ſich nicht entſchlöße, ihn in einer gegebenen Friſt zum Gemahl zu nehmen, ſo würde er ſie mit Gewalt ent⸗ führen. Savilia ſtellte ſich, als wollte ſie ihm nachgeben, und lud Giudice ein, mit ihr zu Mittag zu ſpeiſen. Im höchſten Maße erfreut, vergaß Giudice, daß er zu dieſem ſchmeichelhaften Erfolg nur mit Hülfe der Drohung ge⸗ langt war, und entſprach der Einladung, begleitet von wenigen Dienern. Hinter ihnen verſchloß man das Thor und fünf Minuten nachher war Giudice Gefangener und in einen Kerker eingeſperrt.“ Ich ging auf dem bezeichneten Weg weiter und be⸗ fand mich ſodann in einem viereckigen Hof. Durch die von der Zeit ausgehöhlten Oeffnungen warf der Mond auf den mit Trümmern gefüllten Boden große Lichtſtreifen, alle andere Theile waren in den Schatten getaucht, den die aufrecht gebliebenen Mauern warfen. Lucian zog ſeine Uhr. „Ah!“ ſagte er,„wir ſind zwanzig Minuten voraus: ſetzen wir uns, Sie müſſen müde ein.“ Wir ſetzten uns, oder legten uns vielmehr auf einen mit Raſen bewachſenen Abhang, einer großen Breſche gegen⸗ über. „Doch mir ſcheint, das iſt noch nicht die ganze Ge⸗ ſchichte?“ fragte ich. Nein,“ ſuhr Lucian fort;„denn jeden Morgen und jeden Abend ſtieg Savilia in den Kerker hinab, welcher an den ſtieß, wo Gindice eingeſperrt war, und hier, nur durch ein Gitter von ihm getrennt, entkleidete ſie ſich und zeigte ſich ſo dem Gefangenen:„Giudice,“ ſagte ſie zu ihm,„wie hat ein Menſch, der ſo häßlich iſt wie Du, je glauben können, er würde dies Alles beſitzen?““ Dieſe Strafe dauerte drei Monate und erneuerte ſich jeden Tag c ce rt e⸗ te ch n, iſt it⸗ n, m e⸗ on or nd e⸗ die nd n, en 16: en n 43 zweimal. Doch nach Verlauf von drei Monaten gelang es Gindire, mit Hülfe einer Kammerfrau, die er verführte, zu entfliehen. Er kehrte ſodann mit allen ſeinen Vaſallen zurück, welche viel zahlreicher waren, als die von Savilia, nahm das Schloß im Sturm, bemächtigte ſich ebenfalis der Perſon von Savilia, ſtellte ſie nackt in einem großen eiſernen Käfig an einem Kreuzwege des Waldes, genannt Bocca di Cilaccia, aus und bot ſelbſt den Schlüſſel dieſes Käſigs allen Vorübergehenden an, die ihre Schönheit in Verſuchung führte; nach drei Tagen dieſer öffentlichen Proſtitution war Savilia todt.“ „Mir ſcheint,“ erwiederte ich,„Ihre Ahnen verſtanden die Rache nicht ſchlecht und ihre Nachkömmlinge, welche ſich ganz einfach mit einem Flintenſchuß oder einem Dolch⸗ ſtoß tödten, ſind ein wenig ausgeartet.“ „Abgeſehen davon, daß ſie bald gar nicht mehr tödten werden. Doch dies iſt wenigſtens in unſerer Familie nicht ſo der Fall geweſen,“ ſagte der junge Mann.„Die zwei Söhne von Savilia, welche in Aſaccio unter der Obhut ihres Oheims lebten, wurden als wahre Corſen erzogen und bekriegten fortwährend die Söhne von Gindice. Die⸗ ſer Krieg hat vier Jahrhunderte gedauert und erſt, wie Sie auf den Carabinern meines Vaters und meiner Mutter ſehen konnten, am 21. September 1819, um eilf Uhr Morgens, geendigt.“ „Ich erinnere mich in der That dieſer Inſchrift, doch ich hatte keine Zeit mehr, mir eine Erklärung varüber von Ihnen zu erbitten, denn in dem Augenblick, wo ich ſie geleſen, gingen wir zum Mittagsbrode hinab“ „So hören Sie: von der Familie der Gindice blie⸗ ben im Jahr 1819 nur noch zwei Brüder; von der Fa⸗ milie der Franchi war nur noch mein Vater übrig, der ſeine Baſe geheirathet hatte. Drei Monate nach dieſer Heirath beſchloßen die Gindice, durch einen einzigen Schlag mit uns ein Ende zu machen. Der eine der Brüder legte ſich auf der Straße von Olmedo in Hinterhalt, um mei⸗ nen Vater zu erwarten, der von Sartene zurückkam, wäh⸗ 44 rend der andere, dieſe Abweſenheit benützend, unſer Haus ſtürmen ſollte. Die Sache wurde nach dieſem Plan aus⸗ geführt, nahm aber eine ganz andere Wendung, als es die Angreifer erwartet hatten. Von dem Vorhaben ſeiner Feinde in Kenntniß geſetzt, war mein Vater auf ſeiner Hut; ebenfalls gewarnt, verſammelte meine Mutter Hir⸗ ten, ſo daß ſich in dem Augenblick dieſes doppelten Angriffs Beide im Vertheidigungszuſtand befanden, mein Vater auf den Bergen, meine Mutter in meinem Zimmer. Nach einem Kampfe von fünf Minuten fielen die zwei Brüder Giudice, der eine von meinem Vater, der andere von mei⸗ ner Mutter niedergeſtreckt. Als mein Vater ſeinen Feind fallen ſah, zog er ſeine Taſchenuhr: es war eilf Uhr! Als meine Mutter ihren Gegner ſtürzen ſah, wandte ſie ſich gegen die Pendeluhr um es war eilf Uhr! Alles hatte in derſelben Minute geendigt; es gab keinen Giudice mehr, die Race war erloſchen. Die ſiegreiche Familie Franchi war fortan ruhig, und da ſie ihr Werk während dieſes Krieges von vier Jahrhunderten würdig gethan hatte, ſo miſchte ſie ſich in nichts mehr; mein Vater ließ nur den Tag und die Stunde dieſes ſeltſamen Ereigniſſes auf jeden der Carabiner graviren, die den Schuß gethan hatten, und hing ſie auf jede Seite der Pendeluhr an die Stelle, wo Sie dieſelben geſehen haben. Sieben Monate nachher gebar meine Mutter Zwillinge, einer derſelben iſt Ihr Diener, der Corſe Lucian, und der andere der Philanthrope Luigi, ſein Bruder.“ In dieſem Augenblick ſah ich auf einem beleuchteten Theile des Terrain den Schatten eines Menſchen und den eines Hundes hervortreten. Es war der des Banditen Orlandini und der unſeres Freundes Diamante. 2 Zur ſelben Zeit hörten wir die Glocke von Sullararo langſam neun Uhr ſchlagen. Meiſter Orlandini war, wie es ſcheint, der Anſicht von Ludwig XV., welcher bekanntlich behauptete, die Pünktlichkeit ſei die Höflichkeit der Könige. aus us⸗ es ner ner ir⸗ iffs ater ach der ei⸗ ind r! ſie lles en che erk dig ein nen den der en. ge, der ten nd res wo cht die 45 Man konnte unmöglich pünktlicher ſein, als dieſer König des Gebirges, den Lucian auf den Schlag neun Uhr beſchieden hatte. Als wir ihn erblickten, ſtanden wir auf. V. „Sie find nicht allein, Herr Lucian?“ ſagte der Bandit. 6 „Seien Sie deshalb unbeſorgt, Orlandini, der Herr iſt ein Freund von mir, der von Ihnen ſprechen hörte und Sie zu ſehen wünſchte. Ich glaubte ihm dieſes Ver⸗ gnügen nicht verſagen zu dürfen.“ „Der Herr iſt willkommen,“ ſprach der Bandit, in⸗ dem er ſich verbeugte und einige Schritte gegen uns that. Ich erwiederte ſeinen Gruß mit der pünktlichſten Höflichkeit. „Sie müſſen ſchon ſeit einiger Zeit hier ſein?“ fuhr Orlandini fort. „Ja, ſeit zwanzig Minuten.“ „So iſt es: ich hörte die Stimme von Diamante, der auf dem Mucchio heulte, und ſchon vor einer Vier⸗ telſtunde zu mir kam. Nicht wahr, es iſt ein gutes, treues Thier, Herr Lucian?“ „Ja, ſo iſt es, Orlandini, gut und treu,“ erwiederte Lucian, Diamante ſtreichelnd. „Da Sie jedoch wußten, daß Herr Lucian hier war,“ fragte ich,„warum ſind Sie nicht früher ge⸗ kommen?“ „Weil wir uns auf neun Uhr zuſammenbeſchieden hatten, und weil es ebenſo unſchicklich iſt, eine Viertel⸗ ſtunde früher, als eine Viertelſtunde ſpäter zu kommen.“ 46 „Wollen Sie mir damit einen Vorwurf machen, Orlandini 2“ ſagte Lucian lachend. „Nein, mein Herr, Sie konnten hiezu Gründe haben; übrigens ſind Sie in Geſellſchaft und haben wahrſcheinlich dieſem Herrn zu Liebe Ihre Gewohnheit verändert; denn Sie ſind auch pünktlich, Herr Lucian, das weiß Niemand beſſer als ich, denn Sie haben ſich, Gott ſei Dank, oſt meinetwegen bemüht.“ „Das bedarf keines Dankes, Orlandini, denn dies⸗ mal wird es wahrſcheinlich das letzte Mal ſein“ „Haben wir nicht in dieſer Hinſicht einige Worte zu wechſeln, Herr Lucian?“ fragte der Bandit. Ja, und wenn Sie mir folgen wollen.. „Zu Ihren Befehlen.“ Lucian wandte ſich gegen mich um. „Sie entſchuldigen mich, nicht wahr?“ ſagte er. „Immer zu.“ Beide entfernten ſich und ſtiegen auf die Breſche, durch welche der Mond ſtrahlte, der die Umriſſe ihrer Silhouetten in einem ſilbernen Fluidum zu baden hien. Jetzt erſt konnte ich Orlandini aufmerkſam an⸗ ſchauen. Es war ein Mann von hoher Geſtalt, der den Bart in ſeiner ganzen Länge trug und auf dieſelbe Weiſe ge⸗ kleidet war, wie der junge Franchi, nur mit der Aus⸗ nahme, daß ſeine Kleider die Spuren einer häufigen Berührung mit dem Mafis, in dem ihr Eigenthümer lebte, mit dem dornigen Geſträuche, durch das er mehr als einmal zu fliehen genöthigt geweſen war, und mit der Erde an ſich trugen, auf der er jede Nacht ſchlief. Ich konnte nicht hören, was ſie ſagten, einmal weil ſie zwanzig Schritte von mir entfernt waren, und dann, weil ſie den corſiſchen Dialect ſprachen. Doch an ihren Geberden bemerkte ich leicht, daß der Bandit mit großer Wärme eine Reihe von Behauptungen beſtritt, die der junge Mann mit einer Ruhe auseinanderſetzte, welche mi ſo wr e, en art ge⸗ 8⸗ en ner ehr“ der veil nn, ren ßer der che 47 der Unparteilichkeit, mit der er bei dieſer Angelegenheit zu Werke ging, alle Ehre machte. Die Geberden von Orlandini wurden immer weniger häufig und weniger energiſch; ſeine Rede ſelbſt ſchien zu erlahmen: auf eine letzte Bemerkung neigte er das Hauptz dann nach einem Augenblick reichte er dem jungen Manne die Hand. Die Unterredung war aller Wahrſcheinlichkeit nach beendigt, denn Beide kehrten zu mir zurück. „Mein lieber Gaſt,“ ſagte der junge Mann,„Or⸗ landini wünſcht Ihnen die Hand zu drücken, um Ihnen zu danken.“ „Wofür?“ fragte ich. „Daß Sie einer ſeiner Pathen ſein wollen. Ich habe mich für Sie verbindlich gemacht.“ „Wenn Sie ſich für mich verbindlich gemacht haben, ſo begreifen Sie, daß ich annehme, ohne nur zu wiſſen, wovon die Rede iſt.“ Ich reichte dem Banditen die Hand, und dieſer er⸗ wies mir die Ehre, ſie mit dem Ende der Finger zu be⸗ rühren. „Somit,“ fuhr Lucian fort,„ſomit können Sie meinem Bruder ſagen, daß Alles nach ſeinen Wünſchen iſt, und daß Sie ſogar den Vertrag unterzeichnet aben.“ „Es findet alſo eine Heirath ſtatt?“ „Nein, noch nicht, doch vielleicht wird das kommen.“ Ein verächtliches Lächeln zog über die Lippen des Banditen. „Den Frieden, da Sie es durchaus ſo haben wollen, Herr Lucian,“ ſagte er,„doch keine Verbindung, das iſt nicht im Vertrage aufgenommen.“ „Nein,“ verſetzte Lucian,„s iſt nur aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach in der Zukunft geſchrieben. Doch ſpre⸗ chen wir von etwas Anderem Haben Sie nichts gehört, während ich mit Orlandini redete?“ „Von dem, was Sie geſagt haben?“ 48 Umgegend ſprach.“ „Nein, ſondern von dem, was ein Faſan in der kön „In der That, es ſcheint mir, ich habe einen Hah⸗ nen balzen hören, doch ich glaubte, ich täuſchte mich.“ die „Sie täuſchten ſich nicht, es ſitzt ein Hahn auf dem großen Kaſtanienbaum, den Sie hundert Schritte von hier geſehen, Herr Lucian, ich habe ihn ſo eben im Vor⸗ iſt übergehen gehört.“ den „Nun wohl,“ ſagte Lucian heiter,„wir müſſen ihn morgen eſſen.“ „Er läge ſchon unten,“ verſetzte Orlandini,„wenn Ve ich nicht befürchtet hätte, man könnte glauben, ich ſchöße auf etwas Anderes, als auf einen Faſanen.“ „Ihnen gebührt die Ehre,“ ſprach Lucian, indem er ſich gegen mich umwandte und ſein Gewehr, das er eben zu geſpannt hatte, wieder auf die Schulter warf. „Hören Sie einen Augenblick, ich bin meines Schuſ⸗ Ge ſes nicht ſo ſicher als Sie, und möchte gern meinen Theil 3 an dem Faſanen eſſen, ſchießen Sie alſo.“ „In der That,“ verſetzte Lucian,„Sie ſind nicht ſo, W ſehr wie wir an die Jagd zur Nachtzeit gewöhnt, und Sie würden ſicherlich zu nieder ſchießen. Wenn Sie in⸗ deſſen morgen nichts zu thun haben, ſo werden Sie ſich na entſchädigen.“ Wir traten aus den Ruinen auf der entgegengeſetzten Seite, wo wir hereingekommen waren; Lucian ging vor⸗ aus. In dem Augenblick, wo wir den Fuß in den Maki zu ſetzten, verrieth ſich der Faſan ſelbſt, indem er wieder zu balzen anfing. Er ſaß achtzig Schritte von uns, wenl ver⸗ D borgen in den Zweigen eines Kaſtanienbaumes, deſſen C Zugänge auf allen Seiten durch einen dichten Makis ver⸗ ſperrt waren. „Wie werden Sie bis zu ihm gelangen, ohne daß ur er Sie hört?“ fragte ich Lucian.„Das ſcheint mir nicht leicht.“ der h⸗ em wn or⸗ ihn enn öße er ben uſ⸗ heil t ſo und in⸗ ſich ten vor⸗ Naki zu ver⸗ eſſen ver⸗ daß mir 49 „Nein,“ antwortete er mir,„wenn ich ihn nur ſehen könnte, ich würde von hier aus ſchießen.“ „Wie, von hier aus! haben Sie eine Flinte, welche die Faſanen auf achtzig Schritte erlegt?“ „Mit Schrot, nein, mit der Kugel, ja.“ „Ah! mit der Kugel, das laſſen wir gut ſein, das iſt etwas Anderes; und Sie haben wohl daran gethan, den Schuß zu übernehmen.“ „Wollen Sie ihn ſehen?“ fragte Orlandini. „Ja,“ antwortete Lucian,„ich geſtehe, es würde mir Vergnügen machen.“ „Warten Sie einen Augenblick.“ Orlandini ahmte das Gekluckſe der Faſanhenne nach. In demſelben Augenblick ſahen wir, ohne den Faſan zu erblicken, eine Bewegung in den Blättern des Kaſta⸗ nienbaumes. Der Faſan ſtieg, während er durch ſein Geſchrei die Einladung von Orlandini erwiederte, von Zweig zu Zweig. Endlich erſchien er auf dem Gipfel des Baumes, völlig ſichtbar und ſich kräftig von dem matten Weiß des Himmels abhebend. Orlandini ſchwieg und der Faſan blieb unbeweglich. Zu gleicher Zeit ſenkte Lucian ſeine Flinteund ſchoß, nachdem er eine Secunde gezielt hatte. Der Faſan fiel wie ein Ball. „Such'!“ ſagte Lucian zu Diamante, der in den Makis eilte und nach fünf Minuten, den Faſan im Rachen, zurückkam Die Kugel hatte ihm den Leib durchbohrt. „Das iſt ein ſchöner Schuß, beſonders mit einer Doppelflinte,“ ſagte ich,„und ich mache Ihnen mein Compliment darüber.“ „Oh!“ verſetzte Lucian,„es iſt weniger Verdienſt dabei, als Sie glaubenz einer von den Läufen iſt gezogen und trägt die Kugel wie eine Buchſe.“ „Gleichviel, ſelbſt mit einer Büchſe würde der Schuß eine ehrenvolle Anerkennung verdienen.“ Eine eorſiſche Familie u. ſ. w. —— 50 „Bah!“ verſetzte Orlandini,„mit einer Büchſe trifft Lucian auf drei hundert Schritte ein Fünffranken⸗ ü „Schießen Sie eben ſo gut mit der Piſtole als mit der Flinte?“ „Auf fünf und zwanzig Schritte würde ich ſtets von zwölf Kugeln ſechs an einer Meſſerklinge durchſchneiden.“ Ich nahm meinen Hut ab und machte Lucian mein Compliment. „Und iſt Ihr Bruder auch ſo ſtark als Sie?“ fragte ich. „Mein Bruder!“ erwiederte er,„armer Luigi! er hat nie eine Flinte oder eine Piſtole berührt. Ich be⸗ fürchtete auch immer, es könnte ihm in Paris Schlimmes widerfahren. Denn brav wie er iſt, und um die Ehre des Landes zu behaupten, ließe er ſich tödten.“ Hienach ſteckte Lucian den Faſan in die Taſche ſeines großen Sammetwammſes. „Morgen alſo, mein lieber Orlandini,“ ſagte er⸗ „Ich kenne Ihre Pünktlichkeit; um zehn Uhr werden Sie und Ihre Freunde und Verwandte am Ende der Straße ſein, nicht wahr? Auf der Seite des Berges, zu derſelben Stunde und am entgegengeſetzten Ende wird Colonna ſeinerſeits mit ſeinen Freunden und ſeinen Verwandten er⸗ ſcheinen. Wir werden uns auf den Stufen der Kirche einfinden.“ „Abgemacht, Herr Lucian; ich danke für die Mühe. Und Ihnen, mein Herr,“ fuhr Orlandini fort, indem er ſich gegen mich wandte und ſich vor mir verbeugte,„Ihnen meinen Dank für die Ehre.“ Nach dieſem Austauſch von Complimenten trennten wir uns, Orlandini kehrte in den Makis zurück, und wir ſchlugen wieder den Weg nach dem Dorf ein. Diamante blieb einen Augenblick unentſchloſſen zwi⸗ ſchen Orlandini und uns und ſchaute abwechſelnd rechts und links. Nach einem Zögern von fünf Minuten erwies er uns die Ehre des Vorzugs. Ich geſtehe, ich war, als ich die doppelte Mauer der trifft ken⸗ mit von en mein ich. er be⸗ mes Fhre eines er. Sie raße lben nn er⸗ irche ühe. ner hnen nten wir zwi⸗ echts wies der 5¹ Felſen, von denen ich geſprochen, erkletterte, nicht ganz ruhig über die Art, wie ich hinabſteigen würde, denn das Hinabſteigen iſt im Allgemeinen bei weitem ſchwieri⸗ ger als das Aufſteigen. Ich ſah mit einem gewiſſen Vergnügen, daß Lucian, der ohne Zweifel meinen Gedan⸗ ken errieth, einen andern Weg wählte als den, auf wel⸗ chem wir gekommen waren. Dieſer Weg bot mir noch einen andern Vortheil, den des Geſpräches, das natürlich abſchüßige Stellen unter⸗ brachen. Da aber der Abhang ſanft und der Pfad leicht war, ſo hatte ich noch nicht fünfzig Schritte gemacht, als ich mich wieder meinen gewöhnlichen Fragen überließ. „Der Friede iſt alſo geſchloſſen?“ ſagte ich. „Ja, doch er ließ ſich, wie Sie ſehen konnten, nicht ohne Mühe zu Stande bringen. Ich machte ihm begreif⸗ lich, die Colonna ſeien in jeder Beziehung entgegengekom⸗ men. Einmal hatten ſie fünf Todte, während die Orlandi nur vier hatten. Dann hatten die Colonna geſtern zur Verſöhnung eingewilligt, während die Orlandi heute erſt einwilligten. Endlich machten ſich die Colonna anheiſchig, den Orlandi öffentlich eine lebendige Henne zu geben, eine Einräumung, durch welche ſie anerkannten, daß ſie Unrecht gehabt hatten. Dieſe letzte Betrachtung gab den Ausſchlag.“ „Und morgen ſoll die rührende Verſöhnung ſtatt⸗ finden?“ „Morgen um zehn Uhr. Sie ſehen, daß Sie nicht zu unglücklich ſind. Sie hofften eine Vendetta zu ſehen?“ „Gewiß.“ „Bah!“ verſetzte bitter lachend der junge Mann,„ein ſchönes Ding um eine Vendetta! Seit vierhundert Jahren hört man in Corſica nur hievon ſprechen. Sie werden eine Ausſöhnung ſehen, und das iſt etwas viel Selteneres.“ Ich mußte lachen. „Sie bemerken, daß Sie über uns lachen,“ ſprach er, „und Sie haben Recht.“ „Nein, ich lache über etwas ganz Sonderbares, dar⸗ 52 über, daß ich Sie wüthend gegen Sie ſelbſt ſehe, weil es Ihnen ſo gut gelungen iſt?“ „Nicht wahr? Ach! wenn Sie mich hätten verſtehen können, Sie würden mich bewundert haben. Doch kom⸗ men Sie in zehn Jahren zurück und ſeien Sie unbeſorgt: alle dieſe Leute werden Franzöſiſch ſprechen.“ „Sie ſind ein vortrefflicher Advoeat.“ „Nein, verſtändigen wir uns, ich bin Schiedsrichter. Was Teufels wollen Sie! die Pflicht eines Schiedsrichters iſt Verſöhnung. Sollte man mich zum Schiedsrichter zwi⸗ ſchen dem lieben Gott und Satan machen, ich würde ſie zu verſöhnen ſuchen, obgleich ich überzeugt bin, Gott würde eine Thorheit begehen, wenn er auf mich hörte.“ Da ich ſah, daß dieſe Art der Unterhaltung meinen Gefährten nur erbitterte, ſo ließ ich das Geſpräch fallen, und da er es ſeinerſeits nicht aufzunehmen ſuchte, ſo kamen v nach Hauſe, ohne ein Wort mehr geſprochen zu aben. VI. Griffo wartete. Ehe ſein Herr nur ein Wort an ihn richtete, ſteckte er ſeine Hand in die Taſche ſeines Wamm⸗ ſes und zog den Faſan heraus. Er hatte den Flintenſchuß gehört und erkannt. Frau von Franchi war noch nicht zu Bette gegan⸗ gen; ſie hatte ſich nur in ihr Zimmer zurückgezogen und Griffo beauftragt, ihrem Sohne zu ſagen, er möge vor Schlafengehen zu ihr kommen. Der junge Mann erkundigte ſich, ob ich nichts be⸗ dürfe, und bat mich auf meine verneinende Antwort um Erlaubniß, den Befehlen ſeiner Mutter zu folgen. veil hen m⸗ gt: ter. ters wi⸗ ſie ott te.“ nen len, men zu ihn nm⸗ huß an⸗ und vor be⸗ um 53 Ich gab ihm jede Freiheit und ging in mein Zim⸗ mer hinauf. Mit einem gewiſſen Stolze ſah ich es wieder. Meine Studien über die Aehnlichkeiten hatten mich nicht getäuſcht, und ich that mir etwas darauf zu gut, daß ich den Cha⸗ racter von Luigi errathen, wie ich den Character von Lu⸗ cian errathen hätte. Ich entkleidete mich langſam, nahm aus der Bibliothek des zukünftigen Advocaten die Orien⸗ talen von Victor Hugo und legte mich voll Selbſtzu⸗ friedenheit zu Bette. Ich hatte zum hundertſten Male das Feuer des Himmels geleſen, als ich Tritte hörte, welche die Treppe heraufkamen und ſachte vor meiner Thüre anhielten; ich vermuthete, es wäre mein Wirth, der mir gute Nacht wünſchen wollte, aber ohne Zweifel befürchtend, ich wäre ſchon entſchlummert, meine Thure zu öffnen zögerte. „Treten Sie ein,“ ſagte ich und legte mein Buch auf den Nachttiſch. Die Thüre öffnete ſich wirklich, und Lucian erſchien. „Verzeihen Sic,“ ſprach er,„mir ſcheint, ich war dieſen Abend verdrießlich, und ich wollte mich nicht nieder⸗ legen, ohne mich bei Ihnen zu entſchuldigen; ich komme alſo, um Abbitte zu thun und mich, da Sie ohne Zweifel noch viele Fragen zu machen haben, ganz zu Ihrer Ver⸗ fügung zu ſtellen.“ „Ich danke tauſendmal,“ erwiederte ich,„durch Ihre Artigkeit bin ich beinahe gänzlich über das unterrichtet, was ich wiſſen wollte, und ich wünſchte nur noch Eines zu erfahren, was ich Sie nicht zu fragen mir vorgenom⸗ men habe.“ „Warum?“ „Weil es in der That zu unbeſcheiden wäre. Ich ſage Ihnen übrigens, dringen Sie nicht in mich, ich kann nicht für mich ſtehen.“ „Nun, ſo laſſen Sie ſich gehen, es iſt etwas Schlim⸗ mes um eine nicht befriedigte Neugierde; das veranlaßt natürlich Vermuthungen, und unter drei Vermuthungen 51 ſind wenigſtens zwei demjenigen, der der Gegenſtand der⸗ ſelben iſt, nachtheiliger, als es die Wahrheit wäre.“ „Beruhigen Sie ſich über dieſen Punkt: meine ver⸗ letzendſten Vermuthungen in Beziehung auf Sie führen ganz einfach zum Glauben, daß Sie ein Zauberer ſind.“ Der junge Mann lachte. „Teufel,“ ſagte er,„Sie machen mich eben ſo neu⸗ tig⸗ als Sie ſelbſt ſein mögen, ich bitte, ſprechen ie „Nun wohl, Sie haben die Güte gehabt, Alles auf⸗ zuklären, was mir dunkel war, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen Punktes; Sie haben mir die ſchönen geſchichtlichen Waffen gezeigt, die ich vor meiner Abreiſe noch einmal ſehen zu dürfen mir die Erlaubniß erbitte.“ „Das iſt Eines.“ „Sie haben mir erklärt, was die doppelte und gleiche Inſchrift auf den beiden Büchſen bedeutete.“ „Das ſind zwei.“ „Sie haben mir begreiflich gemacht, wie Sie in Folge des Phänomens Ihre Geburt, obgleich dreihundert Meilen von ihm entfernt, dieſelben Eindrücke fühlen, die Ihr Bruder an ſich erfährt, wie er ohne Zweifel ſeinerſeits die Ihrigen empfindet.“ „Das ſind drei.“ „Als aber Frau von Franchi in Beziehung auf das Gefühl der Traurigkeit, das Sie erfaßte und glauben machte, Ihrem Bruder ſei ein widriges Ereigniß begegnet, fragte, ob Sie ſicher wären, daß er nicht geſtorben, da antworteten Sie:„„Nein, wenn er todt wäre, ſo hätte ich ihn wiedergeſehen.““ „Ja, es iſt wahr, das habe ich geantwortet.“ „Nun denn, wenn die Erklärung dieſer Worte in ein profanes Ohr gelangen darf, ſo erklären Sie mir die⸗ ſelben, ich bitte Sie.“ Das Antlitz des jungen Mannes hatte, während ich ſprach, nach und nach einen ſo ernſten Ausdruck ange⸗ nommen, daß ich die letzten Worte zögernd hervorbrachte. m n r⸗ en .. u⸗ en uf⸗ n⸗ en nal che lge len its 55 Es trat ſogar, nachdem ich zu ſprechen aufgehört, einen Augenblick Stillſchweigen unter uns ein. „Hören Sie,“ rief ich,„ich ſehe wohl, daß ich un⸗ beſcheiden geweſen bin; nehmen wir an, ich habe nichts geſagt.“ „Nein,“ entgegnete er,„Sie ſind nur ein Weltmann und darum ein wenig ungläubig, und ich befürchte, eine alte, ſeit vierhundert Jahren beſtehende Familienüberlie⸗ ferung als Aberglauben von Ihnen behandeln zu ſehen.“ „Erlauben Sie mir,“ erwiederte ich,„ich ſchwöre Ihnen Eines: Niemand iſt in Beziehung auf Legenden und Traditionen gläubiger als ich, und es gibt ſogar Dinge, an welche ich ganz beſonders glaube: an die un⸗ möglichen Dinge.“ „Sie würden alſo an Erſcheinungen glauben 20 „Soll ich Ihnen erzählen, was mir ſelbſt begeg⸗ net iſt?“ „Ja, das wird mich ermuthigen.“ „Mein Vater ſtarb im Jahr 1807, ich war folglich noch nicht drei und ein halbes Jahr alt; als der Arzt das nahe bevorſtehende Ende des Kranken verkündigte, brachte man mich zu einer alten Muhme, welche ein Haus zwiſchen Hof und Garten bewohnte. Sie ließ mir ein Bett dem ihrigen gegenüber machen, legte mich zur gewöhnlichen Stunde darein, und ich entſchlummerte trotz des Unglücks, das mich bedrohte, ohne daß ich indeſſen ein Bewußtſein davon hatte. Plötzlich geſchahen drei heftige Schläge an die Thüre unſeres Zimmers. Ich erwache, ſteige von mei⸗ nem Bette herab und gehe auf die Thüre zu. „Wohin gehſt Du?““ fragte mich meine Muhme, welche, wie ich durch die drei Schläge erweckt, einen ge⸗ wiſſen Schrecken nicht zu überwinden vermochte, denn ſie wußte, daß, inſofern die Hausthüre geſchloſſen, Niemand an die Thüre des Zimmers, wo wir waren, klopfen konnte. „Ich öffne Papa, der mir Adien ſagen will,““ ant⸗ wortete ich. „Nun ſprang ſie vom Bette herab und legte mich 56 gegen meinen Willen wieder nieder, denn ich weinte ſehr und ſchrie unaufhörlich. „„Papa iſt vor der Thüre und ich will Papa ſehen, ehe er ganz fortgeht.““ „Hat ſich dieſe Erſcheinung ſeitdem wiederholt?“ fragte Lucian. „Nein, obgleich ich ſie ſehr oft herbeigerufen; doch vielleicht bewilligt Gott der Reinheit des Kindes Vorrechte, die er der Verdorbenheit des Mannes verweigert.“ „Nun!“ ſagte Lucian lächelnd,„in unſerer Familie ſind wir glücklicher als Sie.“ „Sie ſehen Ihre Verwandten im Tode wieder?“ „So oft ein großes Ereigniß in Erfüllung gegangen iſt oder gehen wird.“ „Und welchem Umſtande ſchreiben Sie dieſes Ihrer Familie eingeräumte Vorrecht zu?“ „Hören Sie, was ſich in unſerer Familie als Ueber⸗ lieferung erhalten hat; ich ſagte Ihnen, Savilia ſei mit Hinterlaſſung von zwei Söhnen geſtorben.“ „Ja, ich erinnere mich deſſen.“ „Dieſe zwei Söhne wuchſen heran und liebten ſich mit der ganzen Liebe, die ſie auch auf ihre anderen Ver⸗ wandten übertragen haben würden, wenn ihre anderen Verwandten gelebt hätten. Sie ſchwuren ſich alſo, daß nichts ſie zu trennen vermöchte, ſelbſt nicht einmal der Tod, und in Folge irgend einer mächtigen Verſchwörung ſchrieben ſie mit ihrem Blut auf ein Stück Pergament, das ſie aus⸗ tauſchten, den gegenſeitigen Eid, daß der zuerſt Ster⸗ bende dem Andern einmal im Augenblick ſeines eigenen Todes und ſodann in allen höchſt bedeutungsvollen Mo⸗ menten ſeines Lebens erſcheinen ſollte. Drei Monate nachher wurde einer von den Brüdern in einem Hinterhalte gerade in dem Augenblick getödtet, wo der andere einen Brief ſiegelte, der für ihn beſtimmt war; da er aber ſeinen Ring auf das noch glühende Wachs drückte, hörte er einen Seuſzer hinter ſich, und ſich umwendend erblickte er ſeinen Bruder, der hinter ihm ſtand und ihm die Hand auf die — 8„— — — p— 57 hr Schulter legte, obgleich er dieſe Hand nicht fühlte. Mit einer maſchinenmäßigen Bewegung reichte er ihm den für n, ihn beſtimmten Brief; der Andere nahm dieſen Brief und verſchwand. 2„Am Vorabend ſeines Todes ſah er ihm wieder. .„Ohne Zweifel hatten ſich die zwei Brüder für ſich ch und ihre Abkömmlinge anheiſchig gemacht, denn ſeit jener te, Zeit haben ſich die Erſcheinungen nicht nur im Augenblick des Todes derjenigen, welche hinſcheiden, ſondern auch lie am Vorabend aller großen Ereigniſſe erneuert.“ „Haben Sie eine ſolche Erſcheinung gehabt?“ „Nein, da jedoch mein Vater in der Nacht, die ſei⸗ en nem Tode vorherging, von ſeinem Vater benachrichtigt worden iſt, er würde ſterben, ſo nehme ich an, daß mein er Bruder und ich daſſelbe Vorrecht genießen werden, inſofern wir nichts gethan haben, wodurch wir uns dieſer Gunſt r⸗ unwürdig gemacht hätten.“ nit„Und dieſes Privilegium iſt nur den männlichen Mit⸗ gliedern der Familie bewilligt?“ „Ja.“ ich„Das iſt ſonderbar.“ er⸗„Es iſt ſo.“ en Ich ſchaute den jungen Mann an, der mir kalt, ernſt ⸗ hts und ruhig eine Sache ſagte, die man als unmöglich be⸗ in trachtet und wiederholte mit Hamlet: ſie us⸗ There are more things in heaven and earth, Horatio, 6 Then are dreamt of in our philosophy! nen In Paris hätte ich dieſen jungen Mann für einen to⸗ Myſtificator gehalten; aber im Herzen von Corſica, in her einem kleinen, u bekahnten Dorfe mußte ich ihn ganz ein⸗ ade fach als einen Narren, der ſich in gutem Glauben täuſchte, rief voder als einen Privilegirten, glückticher oder unglücklicher nen als die andern Menſchen, anſehen. nen„Und nun wiſſen Sie Alles, was Sie wiſſen wollen?“ nen ſagte er nach einem langen Stillſchweigen. die„Ja, ich danke,“ antwortete ich,„ich bin gerührt von 58 Ihrem Vertrauen zu mir und verſpreche Ihnen, das Ge⸗ heimniß zu bewahren.“ „Oh! mein Gott! entgegnete er lächelnd,„es iſt kein Geheimniß hiebei, und der erſte der beſte Bauer des Dorfes würde Ihnen dieſe Geſchichte erzählt haben, wie ich ſie Ihnen erzähle; nur hoffe ich, daß ſich mein Bruder in Paris dieſes Vorrechtes nicht gerühmt hat, denn in Folge hievon würde man ihm wohl in das Geſicht ge⸗ lacht haben, und die Frauen hätten Nervenanfälle be⸗ kommen.“ Nach dieſen Worten ſtand er auf, wünſchte mir gute Nacht und begab ſich in ſein Zimmer. Obgleich müde, hatte ich doch Mühe, einzuſchlafen; mein Schlaf war auch ſehr unruhig. Ich ſah verworren in meinem Traume alle Perſonen wieder, mit denen ich im Verlaufe des Tages in Verbindung gekommen war, aber ohne daß ſie unter ſich in einem Zuſammenhang ſtanden. Erſt am Morgen verſank ich in einen wirklichen Schlaf, und ich erwachte nur bei dem Tone der Glocke, welche an meine Ohren zu ſchlagen ſchien. Ich zog meine Klingel, denn mein empfindſamer Vor⸗ gänger hatte den Lurus ſo weit getrieben, daß er im Be⸗ reiche ſeiner Hand die Schnur einer Klingel, der einzigen vielleicht, die ſich im ganzen Dorfe fand, anbringen ließ. Sogleich erſchien Griffo mit warmem Waſſer. Ich ſah, daß Herr Luigi von Franchi dieſen Kammerdiener ziemlich gut dreſſirt hatte. Lucian hatte ſchon zweimal gefragt, ob ich erwacht wäre, und erklärt, um halb zehn Uhr würde er, wenn ich mich nicht rührte, in mein Zimme eintreten. Es war neun Uhr fünf und zwanzig Minuten und ich ſah ihn auch bald erſcheinen. Diesmal war er als Franzoſe und zwar als eleganter Franzoſe gekleidet. Er trug einen ſchwarzen Oberrock, eine Phantaſieweſte und weiße Beinkleider, denn am An⸗ fang des Monats Merz trägt man ſchon lange weiße Hoſen in Corſica.. 6 59 Ge⸗ Er ſah, daß ich ihn mit einem gewiſſen Erſtaunen anſchaute.“ iſt„Sie bewundern meinen Anzug,“ ſagte er;„es iſt des ein neuer Beweis, daß ich mich civiliſire.“ wie„Ja, meiner Treue,“ antwortete ich,„und ich geſtehe, der daß ich nicht wenig erſtaunt bin, einen Schneider von die⸗ in ſer Stärke in Ajaccio zu finden. Mit meinem Sammet⸗ ge⸗ gewand werde ich das Ausſehen eines Johann von Paris be⸗ neben Ihnen haben.“ „Meine Toilette iſt auch Vollblut⸗Humann, mein lie⸗ ute ber Gaſt. Da mein Bruder und ich durchaus gleich ge⸗ wachſen find, ſo hat mir mein Bruder den Spaß gemacht, n; mir eine vollſtändige Garderobe zu ſchicken, die ich, wie ren Sie ſich denken können, nur bei feierlichen Veranlaßungen ich anziehe: wenn der Herr Präfect durchkommt, wenn der Herr ar, Generalcommandant des ſechs und achtzigſten Departement ng ſeine Rundreiſe macht; oder wenn ich endlich einen Gaſt en wie Sie empfange, und dieſes Glück mit einem ſo feierli⸗ ce, chen Ereigniß zuſammentrifft, wie das iſt, welches nun in Erfüllung gehen wird.“ or⸗ Es lag in dieſem jungen Mann eine ewige Ironie, e⸗ geleitet von einem erhabenen Geiſt, welche jedoch nie die en Schranken eines vollkommenen Wohlanſtandes überſchritt. eß. Ich beſchränkte mich darauf, daß ich mich zum Zei⸗ ſch chen des Dankes verbeugte, während er mit aller ge⸗ ſer bräuchlichen Vorſicht ein Paar gelbe von Bvivin oder Rouſſeau auf ſeine Hand geformte Handſchuhe anzog. ht Mittlerweile vollendete ich ſelbſt meine Tvilette. ich Es ſchlug drei Viertel auf zehn Uhr. „Gehen wir,“ ſagze er zu mir,„wenn Sie das Schau⸗ nd ſpiel ſehen wollen, iſt, glaube ich, Zeit, daß wir unſere Sperrſitze nehmen, vorausgeſetzt, daß Sie es nicht vor⸗ er ziehen, zu frühſtücken, was, wie mir ſcheint, vernünftiger ck, wäre.“ n⸗„Ich danke, ich eſſe ſelten vor eilf oder zwölf Uhr en und kann alſo beiden Operationen entſprechen.“ „So kommen Sie.“ 60 Ich nahm meinen Hut und folgte ihm. Von der Treppe mit acht Stufen, auf der man zu der Thüre des von Frau von Franchi und ihrem Sohn bewohnten, befeſtigten Schloſſes gelangte, überſchaute man den ganzen Platz. Dieſer Platz war, im Gegenſatz zum vorhergehenden Tag, ganz mit Menſchen bedeckt, doch dieſe ganze Menge beſtand aus Frauen und Kindern unter zwölf Jahren; nicht ein einziger Mann erſchien. Auf der Treppe der Kirche ſtand ein Mann feierlich mit der dreifarbigen Schärpe umgürtet: dies war der Maire. Unter dem Portieus ſaß ein ſchwarz gekleideter Mann an einem Tiſche und ein bekritzeltes Papier vor ſich. Dies war der Notar; das bekritzelte Papier enthielt die Ver⸗ ſöhnungsurkunde. Ich nahm Platz an einer der Seiten des Tiſches mit den Verwandten von Orlandini. Auf der andern Seite waren die Verwandten von Colonna; hinter dem Notar nahm Lucian Platz, der für Beide gleich geſinnt war. Im Chor der Kirche ſah man die Prieſter bereit, die Meſſe zu leſen. Es ſchlug zehn Uhr. In demſelben Augenblick durchlief ein Zittern die Menge, und die Augen richteten ſich auf die zwei Enden der Straße, wenn man Straße den ungleichen Zwiſchen⸗ raum nennen darf, den die Laune zwiſchen etwa fünfzig nach der Phantaſie ihrer Eigenthümer erbauten Häuſern gelaſſen hatte. Alsbald ſah man von der Seite des Berges Orlan⸗ dini, von der Seite des Fluſſes Colonna erſcheinen; jeder war gefolgt von ſeinen Parteigängern; doch nach dem feſtgeſtellten Programm trug keiner ſeine Waffen; abge⸗ ſehen von den etwas zurückſtoßenden Geſichtern, hätte man glauben können, ehrliche Kirchenvorſteher folgen einer Proreſſion. Die zwei Häupter boten einen ſehr ſcharfen Contraſt; Orlandini war, wie geſagt, groß, ſchlank, braun, behende. p. zu hn an en ge en; ich re. nn ies er⸗ nit ite tar die die en n⸗ zig rn n⸗ er m e⸗ tte er ſt e. 6¹ Colonna war kurz, unterſetzt, kräftig; er hatte einen rothen Vart und rothe Haare; Bart und Haupthaare waren kurz und kraus. Beide trugen in der Hand einen Oelzweig, das ſym⸗ boliſche Emblem des Friedens, den ſie beſiegeln ſollten... eine poetiſche Erfindung des Maire. Colonna hielt ferner noch an den Füßen eine weiße Henne, beſtimmt, diejenige zu erſetzen, welche zehn Jahre früher Anlaß zu dem Streite gegeben hatte. Die Henne war lebendig. Dieſer Punkt war lange verhandelt worden, und bald wäre hierüber die ganze Sache geſcheitert, indem es Cu⸗ lonna als eine doppelte Demüthigung betrachtete, daß er lebendig die Henne zurückgeben ſollte, welche ſeine Muhme todt der Baſe von Orlandini ins Geſicht geworfen hatte. Doch durch die Kraft der Logik hatte Lucian Colonna beſtimmt, die Henne zu geben, wie er durch die Kraft der Dialektik Orlandini beſtimmte, ſie anzunehmen. In dem Moment, wo die zwei Feinde erſchienen, erſchollen wieder alle Glocken, nachdem ſie einen Augen⸗ blick geſchwiegen hatten. Als ſie ſich erblickten, machten Orlandini und Co⸗ lonna eine und dieſelbe Bewegung, welche ganz klar einen gegenſeitigen Widerwillen bezeichnete; ſie ſetzten indeſſen ihren Weg fort. 6 Gerade vor der Kirchenthüre blieben ſie ungefähr vier Schritte von einander ſtehen. Hätten ſich drei Tage vorher dieſe zwei Männer in einer Entfernung von hundert Schritten von einander ge⸗ troffen, ſo wäre ſicherlich einer von Beiden auf dem Platze geblieben. Es herrſchte fünf Minuten lang nicht nur in den zwei Gruppen, ſondern in der ganzen verſammelten Menge ein Stillſchweigen, das, trotz des verſöhnenden Zweckes der Verſammlung, nichts Frievliches hatte. Da nahm der Maire das Wort und ſprach: „Nun, Colonna, Ihr wißt wohl, daß es Eure Sache iſt, zu reden.“ Colonna machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und ſprach ein paar Worte in corſiſchem Patvis. Ich glaubte zu verſtehen, er vrücke ſein Bedauern darüber aus, daß er zehn Jahre in Vendetta, mit ſeinem guten Nachbar Orlandini geweſen, und er biete ihm als Genugthuung die weiße Henne, die er in der Hand hielt. DOrlandini wartete, bis der Satz ſeines Gegners völlig geſchloſſen war, und erwiederte ihn mit einigen anderen corſiſchen Worten, welche von ſeiner Seite das Verſprechen enthielten, ſich keines andern Umſtandes als der Verſöhnung zu erinnern, welche unter den Auſpicien des Herrn Maire, unter der Schiedsrichterſchaft von Herrn Lucian und unter der Protokollirung des Herrn Notars ſtattgefunden habe. Dann ſchwiegen Beide abermals. „Nun wohl, meine Herren,“ ſprach der Maire,„es war, wie mir ſcheint, verabredet, ſich die Hand zu reichen.“ Mit einer inſtinctartigen Bewegnng legten die zwei Feinde ihre Hände hinter den Rücken. Der Maire ſtieg die Stufe herab, auf der er ſtand, ſuchte hinter ſeinem Rücken die Hand von Colonna, nahm ——— hinter dem ſeinigen die von Orlandini, und nach einiger Anſtrengung, die er unter einem Lächeln zu verbergen ſuchte, gelang es ihm, die beiden Hände zu vereinigen. Der Notar ergriff dieſen Augenblick, ſtand auf und las, während der Maire die Hände feſthielt, welche An⸗ fangs Alles thaten, was ſie vermochten, um ſich zu be⸗ freien, endlich aber ſich darein fügten, daß ſie in einander blieben: „Vor uns Giuſeppe Antonio Sarrola, königlichem Notar in Sullacaro in der Provinz Sartené, „Auf dem großen Platze des Dorfes, der Kirche gegenüber, in Gegenwart des Herrn Maire, von Pathen und der ganzen Einwohnerſchaft, re ſt n m ls t. rs en as s ien rn s 63 „Iſt zwiſchen Gaetano Orlandi, genannt Orlandini, hund Marco Vicenzio Colonna, genannt Schippone, Feierlich abgeſchloſſen worden, wie folgt: „Von heute d. 4. März 1841 an wird die ſeit zehn Jahren zwiſchen ihnen erklärte Vendetta aufhören. „Von demſelben Tage an werden ſie mit einander als gute Nachbarn und Gevattern leben, wie ihre Eltern vor dem unglücklichen Ereigniß lebten, welches die Un⸗ einigkeit in ihre Familien und Freunde gebracht hat. „Zu Beglaubigung deſſen haben ſie Gegenwärtiges unterzeichnet mit Herrn Polo Arbori, Maire der Ge⸗ meinde, Herrn Lucian von Franchi, Schiedsrichter, den Pathen von jedem der Contrahirenden und uns dem Notar. Sullacaro den 4. März 1841. Mit Bewunderung ſah ich, daß der Notar aus einem Uebermaß von Klugheit nicht mit dem geringſten Worte der Henne erwähnt hatte, welche Colonna in ſo eine ſchlechte Stellung Orlandini gegenüber brachte. Das Antlitz von Colonna klärte ſich auch auf, wäh⸗ rend ſich das von Orlandini aus einem entgegengeſetzten Grunde verdüſterte. Der letztere ſchaute die Henne an, die er in der Hand hielt, wie ein Menſch, der ſichtbar auf das Heſtigſte in Verſuchung gerieth, ſie Colonna ins Geſicht zu ſchleudern. Aber ein Blick von Lucian von Franchi erſtickte dieſe ſchlimme Abſicht im Keime. Der Maire ſah, daß keine Zeit zu verlieren war; er ſtieg rückwärts hinauf, während er beſtändig die zwei Hände in einander hielt und die Neuverſöhnten nicht einen Moment aus dem Geſichte verlor. Sodann, um einem neuen Kampfe zuvorzukommen, der im Augenblick des Unterzeichnens unfehlbar entſtehen mußte, weil jeder von den Gegnern zuerſt unterzeichnen als eine Conceſſion zu betrachten hatte, nahm er eine Feder, unterzeichnete ſelbſt und reichte, die Schande in eine Ehre verwandelnd, die Feder Orlandini, der ſie aus ſeinen Händen nahm, unterſchrieb und ſodann Lucian gab, welcher ſich derſelben — 64 friedlichen Liſt bediente und ſie Colonna bot, wonach dieſer ſein Kreuz machte. In demſelben Augenblick erſchollen die kirchlichen Ge⸗ ſänge, wie man das Te Peum nach einem Siege fingt. Wir unterzeichneten ſodann Alle hinter einander ohne Unterſcheidung des Rangs und des Titels, wie der Adel von Frankreich hundert und drei und zwanzig Jahre frü⸗ her die Proteſtation gegen den Herzog von Maine unter⸗ zeichnet hatte. Hierauf traten die zwei Helden des Tages in die Kirche und knieten auf den beiden Seiten des Chors nie⸗ der, jeder an dem Platz, der für ihn beſtimmt war. Ich ſah, daß von dieſem Augenblick an Lucian völlig ruhig blieb. Alles war beendigt, die Verſöhnung beſchwo⸗ ren, nicht nur vor den Menſchen, ſondern auch vor Gott. Der Reſt des Gottesdienſtes verlief ohne ein erwäh⸗ nenswerthes Ereigniß. Nach Beendigung der Meſſe entfernten ſich Orlandini und Colonna mit demſelben Ceremoniel. In Folge einer Aufforderung des Maire berührten ſie ſich vor der Thüre noch einmal die Hand; dann ſchlug Jeder mit ſeinem Gefolge von Freunden und Verwandten den Weg nach! ſeinem Hauſe ein, wohin ſeit drei Jahren weder der Eine, noch der Andere zurückgekehrt war. Lucian und ich begaben uns zu Frau von Franchi, wo das Mittagsbrod unſerer harrte. Aus dem Zuwachs von Aufmerkſamkeiten, deren Gegenſtand ich war, konnte ich leicht erſehen, daß Lucian; meinen Namen über meine Schulter in dem Augenblick geleſen hatte, wo ich ihn unten an die Urkunde ſchrieb, und daß ihm dieſer Name nicht ganz fremd war. Ich hatte am Morgen Lucian geſagt, ich beabſichtige nach dem Mittageſſen abzureiſen; ich wurde gebieteriſch nach Paris durch meine Proben von: Eine Heirath unter Ludwig XV. zurückberufen, und trotz des Drän⸗ gens von Mutter und Sohn beſtand ich auf memem erſten Entſchluß. ſer e⸗ gt. ne del tü⸗ er⸗ die ie⸗ 65 Lucian bat mich um Erlaubniß, mein Anerbieten, ein Schreiben an ſeinen Bruder mitzunehmen, benützen zu dürfen, und Frau von Franchi, welche unter ihrer antiken Stärke nichtsdeſtoweniger das Herz einer Mutter verbarg, nahm mir das Verſprechen ab, dieſen Brief ſelbſt ihrem Sohne zu überbringen. Die Mühe war indeſſen nicht groß: Luigi von Franchi Si nun ein wahrer Pariſer, in der Rue du Helder ro 7. Ich verlangte zum letzten Male das Zimmer von Lucian zu ſehen; er führte mich ſelbſt dahin, zeigte mir mit der Hand Alles, was dazu gehörte, und ſprach: „Sie wiſſen, daß wenn irgend ein Gegenſtand Ihnen gällt, Sie denſelben nehmen müſſen, denn dieſer Gegen⸗ ſtand gehört Ihnen.“ 3 Ich nahm einen kleinen Dolch von der Wand, der in einem ſo dunkeln Winkel hing, daß ich daraus ſchlie⸗ ßen konnte, er habe keinen Werth, und da ich Lucian einen lüſternen Blick auf meinen Jagdgürtel, deſſen Ein⸗ richtung er ungemein lobte, hatte werfen ſehen, ſo bat ich ihn, denſelben anzunehmen; er hatte den guten Ge⸗ ſchmack, ihn zu nehmen, ohne mich meine Bitte wieder⸗ holen zu laſſen. In dieſem Augenblick erſchien Griffo auf der Schwelle und kündigte mir an, das Pferd ſei geſattelt und der Führer harre meiner. Ich hatte das Geſchenk, das ich Griffo beſtimmte, auf die Seite gelegt: es war eine Art von Jagdmeſſer mit zwei längs der Klinge befeſtigten Piſtolen, deren Bat⸗ terien im Griff verborgen waren. Nie habe ich ein Entzücken geſehen, das dem ſeinigen gleichgekommen wäre. Ich ging hinab und fand Frau von Franchi unten an der Treppe; ſie erwartete mich, um mir glückliche Reiſe zu wünſchen, auf derſelben Stelle, wo ſie mir den Willkomm geboten hatte. Ich küßte ihr die Hand, denn Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 5 66 ich fühlte eine große Achtung vor dieſer zugleich ſo ein⸗ fachen und ſo würdigen Frau. Lucian geleitete mich bis vor die Thüre. „An jedem andern Tag,“ ſagte er,„würde ich mein Pferd ſatteln und Sie bis jenſeits des Gebirges führen, doch heute wage ich es nicht, Sullacaro zu verlaſſen, aus Furcht, es könnte der eine oder der andere von unſern neuen Freunden eine Thorheit begehen.“ „Daran thun Sie wohl,“ erwiederte ich;„glauben Sie mir, ich meinerſeits wünſche mir Glück, daß ich eine für Corſica ſo neue Feierlichkeit geſehen habe.“ . „Ja, wünſchen Sie ſich imerhin Glück, denn Sie 6 unſere Ahnen in ihren haben etwas geſehen, worü Gräbern gebebt haben müſſen.“ „Ich begreife; bei ihnen wäre das Wort heilig genug geweſen, daß ſie bei ihrer Verſöhnung nicht der Vermittlung eines Notars bedurft haben würden.“ „Sie hätten ſich gar nicht verſöhnt,“ ſprach er und reichte mir die Hand. 45 „Beauftragen Sie mich nicht, Ihren Bruder zu um⸗ armen?“ fragte ich. „Ja, gewiß, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht.“ „Wohl, dann umarmen wir uns; ich kann nicht geben, was ich nicht empfangen habe.“ Wir umarmten uns. „Werde ich Sie eines Tags wiederſehen?“ ſagte ich. „Ja, wenn Sie nach Corſica kommen.“ „Nein, ſondern wenn Sie nach Paris kommen.“ „Ich komme nie dahin,“ ſprach Lucian. „In jedem Fall finden Sie Karten mit meinem Na⸗ men auf dem Kamin Ihres Bruders. Vergeſſen Sie die Adreſſe nicht.“ 5 „Ich verſpreche Ihnen, daß Sie mein erſter Beſuch ſind, ſollte mich je ein Ereigniß auf das Feſtland führen.“ „Abgemacht alſo.“ „ — Sren e—r———— in⸗ ein en, us* rn en ine Sie en lig der nd m⸗ ihe cht ch. ta⸗ die Er reichte mir zum letzten Male die Hand, und wir verließen uns, doch ſo lange er mich die Straße, welche zum Fluſſe führte, hinabreiten ſehen konnte, folgte er mir mit den Augen. Alles war ruhig im Dorf, obgleich ſich noch jene Aufregung wahrnehmen ließ, welche auf große Ereigniſſe folgt, und ich entfernte mich, die Augen, während ich an den Häuſern vorüber kam, auf jede Thüre heftend, denn ich zählte darauf, daß ich meinen Pathen Orlandini, der mir in der That Dank ſchuldig war und ihn noch nicht abgeſtattet hatte, heraustreten ſehen würde. Doch ich hatte das letzte Haus des Dorfes hinter mir und befand mich auf dem freien Felde, ohne etwas erblickt zu haben, was ihm geglichen hätte. Ich glaubte gänzlich von ihm vergeſſen worden zu ſein und geſtehe, daß ich ihm bei der ernſten Beſchäftigung, welche Orlandini an einem ſolchen Tage in Anſpruch nehmen mußte, aufrichtig dieſe Vergeßlichkeit verzieh, als ich plötz⸗ ich, da ich den Makis von Biechiſano erreicht hatte, aus Gehölze einen Mann hervorkommen ſah, der ſich uf den Weg ſtellte; ſogleich erkannte ich in dieſem denjenigen, welchen ich, in meiner franzöſiſchen Un⸗ geduld und an den Pariſer Wohlanſtand gewöhnt, ſchon des Undanks beſchuldigte. Ich bemerkte, daß er Zeit gehabt hatte, die Kleidung abzulegen, in der er mir in den Ruinen von Vicentello erſchienen war, daß er ſeinen Patronengürtel trug, woran die unerläßliche Piſtole hing, und daß er ſeine Flinte bei ſich hatte; als ich zwanzig Schritte von ihm entfernt war, nahm er den Hut in die Hand, während ich meinem Pferde die Sporen gab, damit er nicht warten durfte. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich wollte Sie nicht ſo von ullacaro abreiſen laſſen, ohne Ihnen für die Ehre zu danken, die Sie einem armen Bauern, wie ich bin, dadurch erwieſen haben, daß Sie ihm als Zeuge dienten, und da ich dort hiezu weder die behagliche Gemüthsſtimmung, noch ——————— ——— 68 die freie Zunge hatte, ſo kam ich hierher, um Sie zu erwarten“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte ich,„doch Sie hätten ſich deshalb nicht in Ihren Geſchäften ſtören laſſen ſollen, und die Ehre war ganz auf meiner Seite.“ „Und dann,“ fuhr der Bandit fort,„was wollen Sie, mein Herr? man verliert nicht in einem Augenblick die Gewohnheit von vier Jahren. Die Gebirgsluft iſt furchtbar; hat man ſie einmal eingeathmet, ſo erſtickt man überall. In dieſen elenden Häuſern glaubte ich ſo eben, jedes Haus müßte mir auf den Kopf fallen.“ 3 „Sie werden jedoch Ihr gewöhnliches Leben wieder aufnehmen?“ entgegnete ich.„Sie haben, wie ich höre, ein Haus, ein Feld, einen Weinberg?“ „Ja, allerdings, doch meine Schweſter hütete das Haus und die Luckſer waren da, um mein Feld zu be⸗ ſtellen und meine Trauben zu leſen. Wir Corſen arbei⸗ ten nicht.“ „Was thun Sie denn?“ „Wir beaufſichtigen die Arbeiter, wir gehen mit der Flinte auf der Schulter ſpazieren, wir jagen.“ S „Nun, ſo wünſche ich Ihnen gute Jagd, mein lieber Herr Orlandini,“ ſprach ich, indem ich ihm die Hand reichte.„Bedenken Sie, meine Ehre und die Ihrige find dabei verpfändet, daß Sie fortan nur auf Steinböcke, Damhirſche, Wildſchweine, Faſanen und Feldhühner, und nie auf Marco Vicenziv Colonna oder irgend eine Perſon ſeiner Familie ſchießen.“ „Ah! Ercellenz,“ erwiederte mein Pathe mit einem Ausdruck in ſeinen Zügen, den ich bis jetzt nur auf dem Geſichte von normanniſchen Prozeßkrämern wahrgenommen hatte,„die Henne, die er mir gegeben, war ſehr mager!“ Und ohne ein Wort beizufügen, kehrte er in den Makis zurück, wo er alsbald verſchwand. 3 Ich ritt weiter und ſann über dieſe Urſache eines wahrſcheinlichen Bruches zwiſchen den Orlandini und Co⸗ lonna nach. 69 Die nächſtfolgende Nacht ſchlief ich in Albiteccia. Am andern Tag kam ich nach Ajacciv. Acht Tage nachher war ich in Paris. VII. Am Tage meiner Ankunft begab ich mich zu Herrn Luigi von Franchi; er war ausgegangen. Ich ließ meine Karte zurück mit einer Zeile, in der ich ihm mittheilte, daß ich geraden Wegs von Sullacarv ankomme und für ihn mit einem Brieſe von Herrn Lucian, ſeinem Bruder, beauftragt ſei. Ich bat ihn, mir zu be⸗ merken, um welche Stuͤnde ich ihn treffen könnte, und fügte bei, ich hätte mich verbindlich gemacht, ihm den Brief ſelbſt zu übergeben. um mich in das Cabinet ſeines Herrn zu führen, wo ich das Billet ſchreiben ſollte, ließ mich der Bediente durch das Speiſezimmer und den Salon gehen. Ich ſchaute umher und bemerkte denſelben Geſchmack, den ich ſchon in Sullacaro wahrgenommen hatte; nur war dieſer Geſchmack durch die Pariſer Eleganz erhöht. Herr Luigi von Franchi ſchien mir eine reizende Junggeſellenwohnung zu haben. Am andern Tag, als ich mich eben ankleidete, näm⸗ lich gegen eilf Uhr Morgens, meldete mir mein Diener Herrn von Franchi. Ich befahl, ihn in den Salon ein⸗ treten zu laſſen, ihm die Zeitungen anzubieten und zu ſa⸗ gen, ich würde ſogleich erſcheinen. Fünf Minuten nachher kam ich in der That in den Sglon. Herr von Franchi, der, aus Höflichkeit vhne Zweifel, ein Fenilleton, welches damals von mir in der Preſſe erſchien, zu leſen angefangen hatte, erhob das Haupt bei dem Geräuſch, das ich machte. 70 Ich war wie verſteinert über die Aehnlichkeit mit ſeinem Bruder. Er ſtand auf. „Mein Herr,“ ſagte er,„ich konnte kaum an mein Gluck glauben, als ich geſtern das kleine Billet las, das mir mein Bedienter bei meiner Rückkehr übergab. Ich ließ ihn zehnmal Ihr Signalement wiederholen, um mich zu überzengen, daß es mit Ihren Portraits im Einklang ſtehe; in meiner doppelten Ungeduld, Ihnen zu danken und Nachricht von meiner Familie zu erhalten, habe ich mich dieſen Morgen hierher begeben, ohne zu viel über die Schicklichkeit der Stunde nachzudenken, was mich be⸗ fürchten läßt, daß ich allzu frühzeitig komme.“ „Verzeihen Sie,“ erwiederte ich,„wenn ich nicht ſo⸗ gleich auf Ihr artiges Compliment antworte, doch ich ge⸗ ſtehe Ihnen, ich ſchaue Sie an und frage mich, ob ich mit Herrn Luigi oder mit Herrn Lucian von Franchi zu ſprechen die Ehre habe.“ „Nicht wahr die Aehnlichkeit iſt groß?“ verſetzte er lächelnd.„Als ich noch in Sullacarv war, gab es außer meinem Bruder und mir kaum einen Menſchen, der ſich nicht täuſchte; hat er jedoch ſeit meiner Abreiſe ſeine cor⸗ ſiſchen Gewohnheiten nicht abgeſchworen, ſo mußten Sie ihn beſtändig in einem Coſtume ſehen, das eine Verſchie⸗ denheit zwiſchen uns herbeiführt.“. „Der Zufall hat es gerade gewollt,“ entgegnete ich, „daß er, als ich ihn verließ, mit Ausnahme der weißen Hoſe, welche in Paris noch nicht getragen wird, genau gekleidet war, wie Sie es ſind. Dem zu Folge habe ich nicht einmal, um Ihre Gegenwart von der Erinnerung an ihn zu trennen, die Verſchiedenheit der Tracht, von der Sie ſprechen. Aber,“ fuhr ich fort, indem ich den Brief aus meinem Portefeuille zog,„aber ich begreife, daß es Sie drängt, Kunde von Ihrer Familie zu erhalten; nehmen Sie alſo dieſen Brief, den ich bei Ihnen zurückgelaſſen haben würde, hätte ich nicht Frau von Franchi verſpro⸗ chen, Ihnen denſelben zu eigenen Händen zu übergeben.“ 5 7¹ nit„Und Sie haben Alle geſund verlaſſen 2 „Ja, aber in Unruhe.“ „Ueber mich?“ ein 5„Ueber Sie. Doch leſen Sie dieſen Brief, ich bitte as ie.“ ch„Sie erlauben?“ ich„Gewiß!“ ng Herr von Franchi entſiegelte den Brief, während ich en Cigaretten bereitete. ich Ich folgte ihm jedoch mit den Augen, indeß ſein Blick ber raſch das brüderliche Schreiben durchlief; von Zeit zu Zeit be⸗ murmelte er lächelnd:„Dieſer liebe Lucian! dieſe gute Mutter! Ja, ja ich verſtehe.“ ſo⸗ Ich konnte mich kaum von meinem Erſtaunen über ge⸗ dieſe ſeltſame Aehnlichkeit erholen, doch ich bemerkte, wie ich mir Lucian ſchon geſagt hatte, mehr Weiße in der Geſichts⸗ zu farbe und eine reinere Ausſprache des Franzöſiſchen. „Nun!“ ſagte ich, als er geendigt hatte, indem ich er ihm eine Cigarette reichte, die er an der meinigen anzün⸗ ßer dete,„Sie haben es geſehen: Ihre Familie war unruhig, ſich und ſie hatte, wie ich mit Vergnügen bemerke, Unrecht.“ or⸗„Nein,“ erwiederte er traurig,„nicht ganz. Es iſt Sie wahr, ich bin nicht krank geweſen, aber ich hatte einen ie⸗ Kummer, einen heftigen Kummer, der ſich, ich muß es geſtehen, noch durch den Gedanken vermehrte, daß ich hier ich, leidend, meinen Bruder dort leiden machte.“ ßen„Herr Lucian ſagte mir ſchon, was Sie mir ſo eben au ſagen, mein Herr; doch daß ich glaubte, eine ſo außer⸗ ordentliche Sache ſei Wahrheit und nicht ein Vorurtheil ng ſeines Geiſtes, bedurfte es für mich nicht weniger, als des der Beweiſes, den ich in dieſem Augenblick erhalte; Sie ſind rief alſo ſelbſt überzeugt, mein Herr, daß das Mißbehagen, es welches Ihr Bruder dort empfand, von dem Leiden ab⸗ nen hing, das Sie hier fühlten?“ ſen„Ja, mein Herr, vollkommen.“ ro⸗„Da ich mich in Folge Ihrer bejahenden Antwort n.“ doppeit für das intereſſire, was Ihnen begegnet, ſo er⸗ 8 72 lauben Sie mir, Sie, aus Theilnahme nicht aus Neu⸗ gierde, zu fragen, ob der Kummer von dem Sie ſprachen, ganz vorüber iſt, und ob Sie ſich auf dem Wege der Tröſtung befinden?“ „Oh! mein Gott!“ ſagte er, Sie wiſſen wohl, die heftigſten Schmerzen entſchlummern mit der Zeit, und wenn nicht irgend ein Unfall die Wunde meines Herzens vergiftet, nun, ſo wird ſie noch einige Zeit bluten und dann vernarben. Mittlerweile empfangen Sie abermals meinen vollen Dank und geben Sie mir die Erlaubniß, Sie von Zeit zu Zeit beſuchen und mit Ihnen über Sul⸗ lacaro ſprechen zu dürfen.“ „Mit dem größten Vergnügen; doch warum ſetzen wir nicht in dieſem Augenblick ein Geſpräch fort, das mir eben ſo angenehm iſt, als Ihnen? Sehen Sie, mein Be⸗ dienter kommt, um zu melden, daß das Frühſtück aufge⸗ tragen iſt. Machen Sie mir das Vergnügen, eine Cote⸗ lette mit mir zu verzehren, und wir werden dann nach unſerer Bequemlichkeit plandern.“ „Zu meinem großen Bedauern iſt dies unmöglich. Ich habe geſtern einen Brief von dem Herrn Siegelbe⸗ wahrer erhalten, der mich bittet, heute zur Mittagsſtunde in das Juſtizminiſterium zu kommen; und Sie begreifen wohl, daß ich, ein armer, kleiner, zukünftiger Advocat, eine ſo große Perſon nicht kann warten laſſen.“ „Ah! er ruft Sie wahrſcheinlich wegen der Angele⸗ genheit der Orlandi und Colonna?“ „Ich glaube es, und da mir mein Bruder ſagt, der Streit ſei beendigt...“ „In Gegenwart des Notars, ich kann Ihnen Nach⸗ richt hierüber geben, denn äch habe den Vertrag als Pathe von Orlandini unterzeichnet.“ „In der That, mein Bruder ſchreibt mir einige Worte hierüber. Hören Sie,“ ſagte er, indem er ſeine Uhr zog, „es iſt noch einige Minuten bis Mittag, ich will vor Allem dem Herrn Siegelbewahrer melden, daß mein Bruder mein Wort erfüllt hat.“ 73 7 „Oh! gewiſſenhaft, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Dieſer liebe Lucian! ich wußte wohl, daß er es thun würde, obgleich es nicht ſeinen Gefühlen entſprach.“ „Ja, und Sie müſſen ihm Dank dafür wiſſen, denn ich ſage Ihnen, es koſtete ihn eine große Anſtrengung.“ „Sprechen wir von Allem dem ſpäter, denn Sie be⸗ greifen, es iſt ein großes Glück für mich, mit den Augen des Geiſtes, hervorgeruſen durch Sie, meine Mutter, mei⸗ nen Bruder, mein Vaterland wiederzuſehen! Wenn Sie alſo die Güte haben wollen, mir Ihre Stunde zu nennen.. „Das iſt nun ziemlich ſchwierig. Während der erſten Tage, die auf meine Rückkehr folgen, werde ich ein wenig Vagabund ſein. Doch ſagen Sie mir, wo ich Sie finden kann.“%. „Hören Sie, nicht wahr morgen iſt Faſching Dien⸗ ſtag 2. „Morgen?“ „Ja.“ „Nun?“ „Gehen Sie auf den Ball der Oper?“ „Ja oder nein. Ja, wenn Sie mich das fragen, um mir dort Rendezvous zu geben; nein, wenn ich kein Inte⸗ reſſe habe, dahin zu gehen.“ „Ich muß dahin gehen, ich bin verbunden, dahin zu gehen.“ „Ah! ah!“ verſetzte ich lächelnd,„ich ſehe wohl, daß mit der Zeit, wie Sie ſo eben ſagten, die heftigſten Schmer⸗ zen entſchlummern, und daß die Wunde Ihres Hetzens ver⸗ narben wird.“ „Sie täuſchen ſich, denn ich hole mir dort wahrſchein⸗ lich neue Leiden.“ „Dann gehen Sie nicht.“ „Ci! mein Gott! thut man in dieſer Welt, was man will? Ich werde unwillkührlich ſortgeriſſen; ich gehe, wo⸗ hin mich das Mißgeſchick treibt. Es wäre beſſer, ich ginge nicht, ich weiß es wohl, und dennoch werde ich gehen“ „Morgen alſo in der Oper?“ 74 „Ja.“ „Zu welcher Stunde?“ „Eine halbe Stunde nach Mitternacht, wenn Sie wollen.“ „Wo dies?“ „Im Foyer. Um ein Uhr habe ich Rendezvous vor der Pendeluhr.“ „Abgemacht.“ Wir drückten uns die Hand und er entfernte ſich raſch, denn es ſchlus zwölf Uhr. Ich meinerſeits beſchäftigte mich den Nachmittag und den ganzen anderi Tag mit Gängen, welche für einen Mann unexläßlich„der von einer Reiſe von achtzehn Monaten zurückke Eine halbe Stunte üach Mitternacht war ich an dem Ort, wo wir uns zuſamn enbeſchieden hatten. Luigi ließ enige Süt auf ſich warten; er hatte in den Corridors eine Maske verfolgt, die er zu erkennen ge⸗ glaubt; doch die Maske war in der Menge verſchwunden, ohne daß er ſie einzuholen im Stande geweſen. Ich wollte von Corſica ſprechen, doch Luigi war zu ſehr zerſtreut, um einen ſo ernſten Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs zu verfolgen; beſtändig hielt er ſeine Augen auf der Pendeluhr geheftet, plößlich aber verließ er mich und rief: „Ah! hier kommt mein Veilchenſtrauß.“ Und er durchſchritt die Menge, um zu einer Frau zu gelangen, welche wirklich einen ungeheuren Veilchenſtrauß in der Hand hielt. Da zum Glück für die Spaziergänger im Corridor Sträuße aller Art waren, ſo wurde ich bald von einem Camelienſtrauß angeredet, der mir zu meiner Rückkehr nach Paris Glück wünſchte. Auf den Camelienſtrauß folgte ein Theeroſenſtrauß. Auf den Theeroſenſtrauß ein Heliotropenſtrauß. Endlich war ich bei meinem fünften Strauß, als ich D* traf. 3 ————„— em in ge⸗ en, He⸗ auf und zu auß idor nem nach auß. 75 „Ah! Sie ſind es, mein Lieber,“ ſagte erz„ſeien Sie willfommen, es freut mich unendlich, Sie zu ſehen; wir ſpeiſen dieſen Abend bei mir mit einem So und So(er nannte mir drei oder vier von unſern gemeinſchaftlichen Freunden), und wir zählen auf Sie.“ „Ich danke Ihnen tauſendmal, mein Liebſter,“ erwie⸗ derte ich,„doch trotz meines ſehnlichen Verlangens, Ihre Einladung anzunehmen, kann ich es nicht thun, weil ich mit Jemand hier bin.“ 3 „Mir ſcheint, ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß Jeder das Recht hat, ſeinen Jemand mitzubringen; es verſteht ſich, daß auf dem Tiſch ſechs Waſſerflaſchen ſtehen, welche keinen andern Zweck haben, als die Sträuße friſch zu erhalten.“ „Ei! mein theurer Freund, Sie täuſchen ſich, ich habe keine Sträuße in Ihre Flaſchen zu ſtecken; ich bin mit einem Freunde.“, „Nun wohl! Sie erinnern ſich doch des Sprüchworts: die Freunde unſerer Freunde...“ „Es iſt ein junger Mann, den Sie nicht kennen.“ „So werden wir Bekanntſchaft machen.“ „Ich werde ihm dieſes Glück vorſchlagen.“ „Ja, und wenn er ſich weigert, ſo bringen Sie ihn mit Gewalt.“ „Ich will thun, was ich kann, das verſpreche ich Ih⸗ nen„ Um wie viel Uhr ſetzt man ſich zu Tiſche?“ „Um drei Uhr; doch da man bis ſechs Uhr bleiben wird, ſo haben Sie Muße.“ „Es iſt gut.“ Ein Mausöhrchenſtrauß, der vielleicht den letzten Theil unſeres Geſprächs gehört hatte, nahm nun den Arm von D*** und entfernte ſich mit ihm. Einige Augenblicke nachher begegnete ich Luigi, der aller Wahrſcheinlichkeit nach mit ſeinem Veilchenſtrauß ge⸗ endigt hatte. Da mein Domino mit einem ziemlich gewöhnlichen Geiſte begabt war, ſo ſchickte ich ihn einen meiner Freunde in⸗ triguiren und nahm wieder den Arm von Luigi. man im Allgemeinen auf dem Maskenball den Leuten nur„ Dinge ſagt, die man ihnen unbekannt laſſen ſollte.“ b „Nun!“ ſagte ich,„haben Sie erfahren, was Sie wiſſen wollten?“ ſ „Oh! mein Gott, ja: es iſt Ihnen nicht fremd, daß —— „Mein armer Freund.. verſetzte ich;„verzeihen Sie, daß ich Sie ſo nenne, doch mir iſt es, als kennete ich ſie ſo lange, als ich Ihren Bruder kenne. Laſſen Sie hören... Sie ſind unglücklich, nicht wahr?. Waos iſt es?“ 1„ „Oh! mein Gott, nichts, was einer Wiederholung werth wäre.“ 6 Ich ſah, daß er ſein Geheimniß bewahren wollte, und brach ab. Wir machten ſchweigend ein paar Gänge; ich ziem⸗ 1 lich gleichgültig, denn ich erwartete Niemand; er, das Auge beſtändig auf der Lauer und jeden Domino, der im Bereiche unſeres Blickes vorüberkam, aufmerfſam prüfend. „Mein Freund,“ ſagte ich,„wiſſen Sie, was Sie thun ſollten?“ Er bebte wie ein Menſch, den man ſeinem Kummer entreißt. „Ich!... nein!... was ſagen Sie? Verzeihen 7 e „Ich ſchlage Ihnen eine Zerſtrenung vor, die Sie nöthig zu haben ſcheinen.“ heitern.“ „Welche?“ „Speiſen Sie mit mir bei einem Freunde zu Nacht.“ „Oh! nein, nein. ich wäre ein zu verdrießlicher 7 „Bah! wir ſprechen Tollheiten, und das wird Sie er⸗ „Ueberdies bin ich nicht eingeladen.“ „Sie täuſchen ſich: Sie ſind es.“ ur ete ſen „ ng m⸗ das im nd. Sie mer hen Sie hi.“ cher er⸗ * 77 „Das iſt ſehr artig von Ihrem Amphitryon, doch bei meinem Ehrenwort, ich fühle mich nicht würvig.. In dieſem Augenblick begegneten wir D*. Er ſchien ſehr von ſeinem Mausörhrhenſtrauße in Anſpruch genommen, aber er ſah mich. „Nun!“ ſagte er,„es iſt abgemacht, nicht wahr? um drei Uhr.“ „Weniger abgemacht als je, theurer Freund. Ich kann nicht von Ihrer Geſellſchaft ſein.“ „Dann gehen Sie zum Teufel,“ ſagte er und ſetzte ſeinen Weg fort. „Wer iſt dieſer Herr?“ fragte Luigi. „Es iſt D***, einer unſerer Freunde, ein junger Mann von viel Geiſt, obgleich Gerant von einer unſerer erſten Zeitungen.“ „Herr B***“ rief Luigi;„Herr D*** Sie ken⸗ nen ihn?“ „Gewiß, ich ſtehe mit ihm ſeit drei Jahren in einer Verbindung der Freundſchaft und beſonders des Intereſſe.“ „Soliten Sie dieſe Nacht bei ihm ſpeiſen?“ „Allerdings.“ „Zu ihm wollten Sie mich alſo führen?“ „Ja.“ „Dann iſt es etwas Anderes, ich nehme Ihren Vor⸗ ſchlag anz oh! ich nehme ihn mit großem Vergnügen an.“ „Das gefällt mir;z doch es hat Mühe gekoſtet.“ „Vielleicht ſollte ich nicht gehen,“ ſprach Luigi traurig lächelnd,„doch Sie wiſſen, was ich Ihnen geſtern ſagte: wir gehen nicht dahin, wohin wir gehen ſollten, ſondern wohin uns das Geſchick treibt; ein Belege dafür iſt, daß ich beſſer daran gethan hätte, dieſen Abend nicht hierherzukommen.“ In dieſem Augenblick begegnete mir Ds abermals. „Mein lieber Freund,“ ſagte ich,„ich habe meine Willensmeinung geändert.“ „Und Sie nehmen Theil an unſerer Geſellſchaft?“ „Ja.“ 5 „Ah! bravo, doch ich muß Sie von Einem in Kennt⸗ niß ſetzen.“ „Wovon?“ „Davon, daß Jeder, der heute mit uns ſpeiſt, auch übermorgen mit uns zu Nacht ſpeiſen muß.“ „Kraſt welchen Geſetzes?“ „Kraft einer Wette mit Chateau⸗Renaud.“ Ich fühlte, wie Luigi, deſſen Arm durch den meini⸗ gen geſchlungen war, heftig bebte, und wandte mich um, aber obgleich er bleicher ausſah, als einen Augenblick zu⸗ vor, hatte ſich doch der Ausdruck ſeines Geſichtes nicht im mindeſten verändert. „Und worauf beruht dieſe Wette?“ fragte ich. „Ohl es wäre zu lange, es Ihnen zu ſagen. Dann iſt eine Perſon bei dieſer Wette betheiligt, welche ſie ver⸗ lieren machen könnte, wenn ſie davon ſprechen hörte.“ „Gut, um drei Uhr.“ „Um drei Uhr.“ Wir trennten uns wieder; als wir vor der Pendel⸗ uhr vorüberkamen, warf ich einen Blick darauf; es war zwei Uhr fünf und dreißig Minuten. „Kennen Sie dieſen Herrn von Chateau⸗Renaud?“ fragte Luigi mit einer Stimme, deren Erſchütterung er vergebens zu verbergen ſuchte. „Nur vom Sehen; ich habe ihn zuweilen in Geſell⸗ ſchaft getroffen.“ „Somit iſt er kein Freund von Ihnen?“ „Nicht einmal ein einfacher Bekannter.“ „Ah! deſto beſſer.“ „Warum dies?“ „Gleichviel.“ „Doch Sie, kennen Sie ihn?“ „Mittelbar.“ Trotz der ausweichenden Antworten konnte ich leicht ſehen, daß zwiſchen Herrn von Franchi und Herrn von Chateau⸗Renaud eine von jenen geheimnißvollen Beziehun⸗ gen obwaltete, deren Conductor eine Frau iſt. Ein inſtinkt⸗ nt⸗ uch ni⸗ m, zu⸗ nn er⸗ el⸗ var 2. er ell⸗ icht wn in⸗ ikt⸗ 79 artiges Gefühl machte mir nun begreiflich, daß es für meinen Gefährten beſſer wäre, wenn wir jeder nach Hauſe zurückkehren würden. „Herr von Franchi,“ ſagte ich,„wollen Sie auf meinen Rath hören?“ „Worin?“ „Gehen wir nicht zum Abendbrod bei D***.“ „Aus welchem Grund? erwartet er Sie nicht? oder haben Sie ihm vielmehr nicht geſagt, Sie würden ihm einen Gaſt bringen?“ „Gewiß; ich ſage es auch nicht deshalb.“ „Und warum denn?“ „Weil ich einfach glaube, daß es beſſer iſt, wenn wir nicht dahin gehen.“ „Aber warum haben Sie Ihre Willensmeinung ge⸗ ändert? Noch ſo eben wollten Sie mich wider meinen Willen dahin führen.“ „Wir müſſen dort Herrn von Chateau⸗Renaud treffen.“ „Deſto beſſer, man ſagt, er ſei ſehr liebenswürdig, und ich wäre entzückt, nähere Bekanntſchaft mit ihm zu machen.“ „Wohl! es ſei. Gehen wir, da Sie es ſo wollen.“ Wir gingen hinab und nahmen unſere Paletots. D** wohnte zwei Schritte von der Oper; es war ſchön Wetter, ich dachte, die friſche Luft würde einiger⸗ maßen den Geiſt meines Gefährten beruhigen. Ich ſchlug ihm vor, zu Fuß zu gehen, was er auch annahm. Ich fand im Salon mehrere von meinen Freunden, Stammgäſte des Foyer der Oper, Inhaber der hölliſchen Loge von B. L. V. A. A. Auch waren, wie ich ver⸗ muthet, ein paar Dominos anweſend, die ihre Masken abgelegt hatten und ihre Sträuße in der Hand hielten, in der Erwartung des Augenblicks, ſie in die Flaſchen zu pflanzen. Ich ſtellte Luigi von Franchi den Einen und den Andern vor; es bedarf nicht der Erwähnung, daß er von Allen auf das Artigſte aufgenommen wurde. Zehn Minuten nachher kam auch D** nach Hauſe; er brachte den Mausöhrchenſtrauß mit, der ſich die Maske ob mit einer Hingebung und einer Leichtigkeit abnahm, welche ih die hübſche Frau zuerſt, und dann die an ſolche Partien gewöhnte Frau bezeichnete. Ich ſtellte Herrn von Franchi D*** vor. „Sind nun alle Vorſtellungen abgemacht, ſo bitte D ich, daß man ſich zu Tiſche ſetzt,“ ſagte von B*. „Alle Vorſtellungen ſind abgemacht, doch es ſind noch S nicht alle Gäſte eingetroffen,“ erwiederte Dujarrier.“ „Und wer fehlt noch?, „Es fehlt uns Chateau⸗Renaud.“ N „Ah! es iſt richtig; findet nicht eine Wette ſtatt?“ R fragte V**v. ſe „Ja, eine Wette um ein Abendbrod von zwölf Per⸗ lie ſonen, daß er uns nicht eine gewiſſe Dame bringe, die er ſe mitzubringen ſich anheiſchig gemacht hat.“ „Und wer iſt die Dame?“ fragte der Mausöhrchen⸗ ſtrauß,„wer iſt die Dame, die man für ſo ſtörriſch hält, ſa daß man ſolche Wetten in Beziehung auf ſie eingeht?“ H Ich ſchaute Herrn von Franchi anz er war ſcheinbar ſe ruhig, aber bleich wie der Tod. „Meiner Treue,“ antwortete D**,„es iſt keine Indiscretion, Ihnen die Maske zu nennen, um ſo mehr, S als Sie dieſelbe aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht kennen. Es iſt Madame... 5 Luigi legte die Hand auf den Arm von D R und ſprach: „Mein Herr, bewilligen Sie mir in Berückſichtigung unſerer neuen Bekanntſchaft eine Bitte.“ Cl „Welche?“ „Nennen Sie die Perſon nicht, welche mit Herrn ut von Chateau⸗Renaud kommen ſoll; Sie wiſſen, es iſt eine verheirathete Frau.“ „Ja, doch ihr Gatte befindet ſich in Smyrna, in dr Indien, in Merieo, ich weiß nicht ww. Wenn man einen iſe; iske ſche tien itte och t2 zer⸗ er en ält, bar eine ehr, nen. ** ung errn eine * in inen 8¹ Mann hat, der ſo weit entfernt iſt, ſo iſt es gerade, als ob man keinen hätte.“ „Ihr Gatte wird in einigen Tagen zurückkommen, ich kenne ihnz es iſt ein wackerer Mann und ich möchte ihm wo mög⸗ lich den Kummer erſparen, bei ſeiner Rückkehr zu hören, daß ſeine Frau eine ſolche Inconſequenz begangen hat.“ „Dann entſchuldigen Sie mich, mein Herr,“ ſagte ***.„Ich wußte nicht, daß Sie dieſe Dame kennen; ich bezweifelte ſogar, daß Sie verheirathet wäre; doch da Sie dieſelbe kennen, da Sie ihren Gatten kennen.. „Ich kenne Beide.“ „So werden wir mit der größten Discretion zu Werke gehen. Meine Herren und Damen, mag Chateau⸗ Renaud kommen oder nicht kommen, mag er allein oder begleitet kommen, mag er ſeine Wette gewinnen oder ver⸗ lieren: ich erbitte mir von Ihnen die Geheimhaltung die⸗ ſes Abenteuers.“ Die Geheimhaltung wurde einſtimmig verſprochen, wahrſcheinlich nicht aus einem ſehr tiefen Gefühle geſell⸗ ſchaftlichen Wohlanſtandes, ſondern weil man gewaltig Hunger hatte und ſich ſo ſchnell als möglich zu Tiſche ſetzen wollte. „Ich danke, mein Herr,“ ſprach Franchi zu Dse, indem er ihm die Hand reichte;„ich verſichere Sie, daß Sie als ein wackerer Mann gehandelt haben.“ Man ging in den Speiſeſaal und Jeder nahm ſeinen Platz. Zwei Plätze blieben leer: es waren die von Chateau⸗ Renaud und der Dame, die er bringen ſollte. Der Bediente wollte die Gedecke wegnehmen. „Nein,“ ſagte der Herr des Hauſes;„laſſen Sie: Chateau⸗Renand hat bis vier Uhr Zeit. Um vier Uhr nehmen Sie die Gedecke weg, denn auf den Schlag vier Uhr hat er verloren.“ Ich ließ Herrn von Franchi nicht aus dem Blickz er wandte ſeine Augen nach der Pendeluhr, ſie bez drei Uhr und vierzig Minuten.“ Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 6 chnete 82 „Geht ſie gut?“ fragte Luigi kalt. „Das geht mich nichts an,“ erwiederte D*,„es iſt die Sache von Chateau⸗Renand; ich habe meine Pen⸗ deluhr nach ſeiner Taſchenuhr richten laſſen, damit er ſich nicht wegen Ueberrumpelung beklagen kann.“ „Ei, meine Herren,“ ſagte der Mausöhrchenſtrauß, „da man nicht von Chateau⸗Renaud und ſeiner Unbe⸗ kannten ſprechen darf, ſo ſprechen wir nicht davon, denn wir verfallen in die Symbole, in die Allegorien und in die Räthſel, was zum Sterben langweilig iſt.“ „Sie haben Recht, St“,“ antwortete V*z„es gibt ſo viele Frauen, von denen man reden kann, und welche nichts Anderes wünſchen, als daß man von ihnen ſpricht.“ „Auf die Geſundheit von dieſen!“ rief D und man fing an, die Gläſer mit Champagner zu füllen. Ich bemerkte, daß Luigi ſein Glas kaum mit den Lippen berührte. „Trinken Sie doch,“ ſagte ich zu ihm,„Sie ſehen wohl, daß er nicht kommen wird.“ „Es iſt erſt drei Viertel auf vier Uhr,“ erwiederte er.„Um vier, das verſpreche ich Ihnen, werde ich, ſo ſehr ich auch zurück ſein mag, denjenigen einholen, wel⸗ cher am weiteſten voraus ſein wird.“ „Gut alſo.“ Während wir dieſe Worte mit leiſer Stimme aus⸗ tauſchten, wurde das Geſpräch allgemein und geräuſchvoll; von Zeit zu Zeit blickten Ds und Luigi nach der Pen⸗ deluhr, welche unempfindlich ihren Gang fortſetzte, trotz 3 ungeduld der zwei Perſonen, die ihren Zeiger be⸗ ragten. um vier Uhr weniger fünf Minuten ſchaute ich Luigi an. „Auf Ihre Geſundheit,“ ſagte ich. 46 helnd nahm er ſein Glas und ſetze es an die n⸗ ich ß, nn es nd ten R ſen rte el⸗ us⸗ ll; en⸗ rotz be⸗ 83 Er hatte ungefähr die Hälfte getrunken, als die Klingel ertönte. Ich hatte geglaubt, er könnte nicht mehr bleicher werden, doch ich täuſchte mich. „Er iſt es!“ ſagte er. „Ja, doch ſie iſt es vielleicht nicht,“ erwiederte ich. „Das werden wir ſehen.“ Der Klang der Glocke hatte die Aufmerkſamkeit von allen Anweſenden erregt, und das tiefſte Stillſchweigen folgte unmittelbar auf die geräuſchvolle Converſation, welche um den Tiſch kreiſte und von Zeit zu Zeit über dieſen ſprang. Man hörte ſodann etwas wie einen Streit im Vor⸗ zimmer. D*** ſtand auf und öffnete die Thüre. „Ich habe ſeine Stimme erkannt,“ ſagte Luigi zu mir, indem er mich am Fauſtgelenke packte, das er mit aller Gewalt zuſammenpreßte. „Muth gefaßt, ſeien Sie ein Mann,“ erwiederte ich. „Kommt ſie, um hier bei einem Menſchen, den ſie nicht kennt, und mit Leuten, die ſie nicht kennt, zu Nacht zu ſpeiſen, ſo iſt ſie offenbar eine liederliche Perſon und eine ſolche iſt nicht würdig der Liebe eines wackern Mannes.“ „Aber ich bitte Sie, Madame,“ ſagte Dss im Vorzimmer,„treten Sie doch ein, ich verſichere Sie, daß wir ganz unter Freunden ſind.“ „Aber tritt doch ein, meine liebe Emilie,“ rief Herr von Chateau⸗Renaud,„Du brauchſt Deine Maske nicht abzunehmen, wenn Du nicht willſt.“ „Elender!“ murmelte Luigi. In dieſem Augenblick trat eine Frau ein, mehr ge⸗ ſchleppt als geführt von Chateau⸗Renaud und von Drss, der ſeine Hausherrnpflicht zu erfüllen glaubte. „Vier Uhr weniger drei Minuten,“ ſagte ganz leiſe hateau⸗Renaud zu Duw. „Sehr gut, mein Lieber, Sie haben gewonnen.“ „Noch nicht, mein Herr,“ ſprach die Unbekannte zu 84 Chateau⸗Renaud, indem ſie ſich in ihrer ganzen Höhe aufrichtete;„ich begreife nun Ihr Drängen, Sie haben mich hierher zum Abendbrod zu bringen, nicht wahr?“ Chateau⸗Renaud ſchwieg. Sie wandte ſich an Den?, und ſagte zu ihm: „Da dieſer Menſch nicht antwortet, ſo antworten Sie, mein Herr: nicht wahr, Herr von Chateau⸗Renaud hatte gewettet, er würde mich zu Ihnen zum Abendbrod bringen?“ „Ich kann Ihnen nicht verbergen, Madame, daß mir Herr von Chateau⸗Renaud mit dieſer Hoffnung ſchmeichelte.“ „Nun wohl! Herr von Chateau⸗Renaud hat verloren, denn ich wußte nicht, wohin er mich führte, und glaubte zum Abendbrod zu einer meiner Freundinnen zu gehen; da ich nun nicht freiwillig gekommen bin, ſo muß Herr von Chateau⸗Renaud, wie es ſcheint, den Betrag ſeiner Wette verlieren.“ „Doch nun, da Sie hier ſind, liebe Emilie, werden Sie auch bleiben, nicht wahr?“ verſetzte Herr von Cha⸗ teau⸗Renaud.„Sie ſehen, wir haben gute Geſellſchaft an Männern und luſtige Geſellſchaft an Frauen“ „Nun, da ich hier bin,“ ſprach die Unbekannte, „danke ich dem Herrn, dem dieſes Haus zu gehören ſcheint, für ſeine gute Aufnahme; inſofern ich aber leider ſeiner freundlichen Einladung nicht entſprechen kann, bitte ich Herrn Luigi von Franchi, mir den Arm zu geben und mich nach Hauſe zu führen.“ Luigi von Franchi machte nur einen Sprung und befand ſich nach einer Secunde zwiſchen Chateau⸗Renaud und der Unbekannten. „Madame,“ entgegnete Chateau⸗Renaud, vor Zorn mit ven Zähnen knirſchend,„ich bemerke Ihnen, daß ich Sie hierher gebracht habe, und daß es folglich an mir iſt, Sie zurückzuführen.“ „Meine Herren,“ ſagte die Unbekannte,„Sie ſind hier fünf Männerz ich ſtelle mich unter den Schutz Ihrer —— he en ht en ud nir e.“ en, bte — err ner den ha⸗ aft nte, int, ner und und aud orn ich mir ſind hrer 85⁵ Ehre; Sie werden hoffentlich Herrn von Chateau⸗Renaud verhindern, mir Gewalt anzuthun.“ Chateau⸗Renaud machte eine Bewegung, wir ſtan⸗ den auf. „Es iſt gut, Madame,“ ſagte er,„Sie ſind frei, ich weiß, an wen ich mich zu halten habe.“ „Wenn Sie mich meinen, mein Herr,“ ſprach Luigi von Franchi mit einer nicht zu beſchreibenden Miene des Stolzes:„Sie werden mich morgen den ganzen Tag in der Rue du Helder Nro. 7. treffen.“ „Es iſt gut, mein Herr, vielleicht habe ich nicht die Ehre, mich ſelbſt bei Ihnen einzufinden, doch ich hoffe, Sie werden ſtatt meiner zwei meiner Freunde empfangen.“ „Das fehlte Ihnen nur noch, mein Herr, daß Sie mir in Gegenwart einer Dame ein ſolches Rendezvous gaben,“ ſprach Luigi von Franchi, die Achſeln zuckend. „Kommen Sie, Madame,“ fuhr er fort, indem er den Arm der Unbekannten nahm,„glauben Sie mir, daß ich Ihnen aus dem Grunde meines Herzens für die Ehre danke, die Sie mir erweiſen.“ Hienach entfernten ſich Beide unter einem tiefen Still⸗ ſchweigen. „Nun, was! meine Herren?“ ſagte Chateau⸗Renaud, als die Thüre ſich wieder geſchloſſen hatte,„ich habe ver⸗ loren, das iſt ganz einfach. Uebermorgen Abend Alle, die wir hier ſind, bei den Fröres Provencaur.“*) Und er ſetzte ſich an einen von den leeren Plätzen, ſu reichte ſein Glas D**, der es bis zum Rand üllte. Die übrige Zeit des Abendbrods verging indeſſen, wie man leicht begreift, ziemlich verdrießlich. *) Berühmter Reſtaurant in Paris. VIII. Am andern Tag, oder vielmehr an demſelben Tag, war ich um zehn Uhr Morgens vor der Thüre von Herrn Luigi von Franchi. Als ich die Treppe hinaufſtieg, be⸗ gegnete ich zwei jungen Leuten, welche herabkamen: der eine war offenbar ein Mann der Geſellſchaft; der andere, mit der Ehrenlegion decorirt, ſchien, obgleich bürgerlich gekleidet, ein Militär zu ſein. Ich vermuthete, daß dieſe zwei Herren von Herrn Luigi von Franchi kamen, und folgte ihnen mit den Augen bis unten an die Treppe. Dann ſetzte ich meinen Weg fort und läutete. Der Bediente öffnete mir; ſein Herr war in ſeinem Cabinet. Als er eintrat, um mich zu melden, wandte Luigi, welcher ſaß und ſchrieb, den Kopf um. „Ah!“ rief er, indem er das angefangene Billet zu⸗ ſammendrehte und ins Feuer warf,„dieſes Billet war für Sie beſtimmt, und ich wollte es eben an Sie ab⸗ ſchicken. Es iſt gut, Joſeph; ich bin für Niemand zu Hauſe.“ Der Bediente entfernte ſich. „Haben Sie nicht auf der Treppe zwei Herrn be⸗ gegnet?“ fuhr Luigi einen Stuhl vorrückend fort. „Ja, der eine iſt decorirt.“ „So iſt es.“ „Ich vermuthete, ſie kämen von Ihnen.“ „Und Sie haben richtig errathen.“ „Sind ſie im Auftrag von Herrn von Chateau⸗ Renaud erſchienen?“ „Es ſind ſeine Zeugen.“ „Ah! Teufel, er hat die Sache im Ernſt genommen, wie es ſcheint.“ „Er konnte nichts Anderes machen, das werden Sie zugeben,“ erwiederte Luigi. 9/ rn e er u⸗ ar b⸗ 87 „Und ſie kamen 2. „Um mich zu bitten, ihnen zwei von meinen Freun⸗ den zu ſchicken, damit ſie die Angelegenheit mit ihnen be⸗ ſprechen könnten; da dachte ich an Sie.“ „Ich fühle mich ſehr geehrt, daß Sie ſich meiner ſ„ doch ich kann mich nicht allein bei ihnen ein⸗ nden.“ „Ich habe einen meiner Freunde, den Varon Gior⸗ dano Martelli, bitten laſſen, bei mir zu frühſtücken. Um eilf Uhr wird er hier ſein. Wir frühſtücken mit einander und zur Mittagſtunde haben Sie die Güte, zu dieſen Herren zu gehen, welche bis drei Uhr zu Hauſe zu blei⸗ ben verſprachen. Hier ſind ihre Namen und ihre Adreſſen.“ Luigi reichte mir zwei Karten. Der eine hieß Vicomte René von Chateaugrand, der andere Herr Adrian von Boiſſy. Der erſte wohnte in der Rue de la Pair Ny. 12; der zweite, der, wie ich ver⸗ muthet hatte, zur Armee gehörte, war Lieutenant bei den Chaſſeurs dAfrique und wohnte in der Rue de Lille. Ich drehte die Karten in meiner Hand hin und her. „Nun! was macht Sie verlegen?“ fragte Luigi. „Ich möchte offenherzig von Ihnen erfahren, ob Sie dieſe Angelegenheit als eine ernſte betrachten. Sie begrei⸗ fen, daß ſich unſer ganzes Benehmen darnach richten wird.“ „Wie denn! als ſehr ernſt! Uebrigens mußten Sie hören, daß ich mich zur Verfügung von Herrn Chateau⸗ Renaud ſtellte, und daß er mir ſeine Zeugen ſchicit. Ich habe alſo nur gewähren zu laſſen.“ „Ja, gewiß, aber „Vollenden Sie,“ ſprach Luigi lächelnd. „Aber man müßte doch wiſſen, warum Sie ſich ſchla⸗ gen. Man kann nicht zwei Männer ſich gegenſeitig den Hals abſchneiden ſehen, ohne auch nur im Geringſten den Beweggrund des Zweikampfs zu kennen. Sie wiſſen, die Stellung des Zeugen iſt ernſter als die des Kämpfenden.“ „Ich werde Ihnen auch mit zwei Worten die Ur⸗ ſache dieſes Streites ſagen. Hören Sie. Bei meiner An⸗ „ kunſt in Paris ſtellte mich einer meiner Freunde, ein Fre⸗ gattenkapitän, ſeiner Frau vor. Sie war ſchön, ſie war jung; ihr Anblick machte einen ſſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich aus Furcht, in ſie verliebt zu werden, nur höchſt ſelten die mir bewilligte Erlaubniß, zu jeder Stunde in das Haus zu kommen, benützte. Mein Freund beklagte ſich über meine Gleichgültigkeit, und ich ſagte ihm vffen⸗ herzig die Wahrheit, nämlich ſeine Frau wäre in jeder Beziehung zu reizend, als daß ich mich der Gefahr aus⸗ ſetzen könnte, ſie öfter zu ſehen. Er lächelte, reichte mir die Hand und forderte mich auf, an demſelben Tag mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen. „Mein kieber Luigi,“ ſagte er beim Nachtiſch zu mir,„ich reiſe in drei Wochen nach Merico ab; viel⸗ leicht bleibe ich drei Monate abweſend, vielleicht ſechs Monate, vielleicht noch länger; wir Seeleute wiſſen zu⸗ weilen die Zeit unſerer Abfahrt, aber nie die unſerer Heim⸗ kehr. Ich empfehle Ihnen Emilie in meiner Abweſenheit. Emilie, ich bitte Sie, Luigi von Franchi als Ihren Bru⸗ der zu behandeln.““ „Die junge Frau antwortete damit, daß ſie mir die Hand reichte. „Ich war erſtaunt, wußte nichts zu erwiedern und mußte meiner zukünftigen Schweſter ſehr albern vorkommen. „Drei Wochen nachher reiſte mein Freund wirklich ab. „Während dieſer drei Wochen hatte er von mir ver⸗ langt, daß ich mindeſtens einmal wöchentlich in Familie mit ihm ſpeiſen ſollte. 5 „Emilie blieb bei ihrer Mutter; ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß ſie mir durch das Vertrauen ihres Gatten heilig geworden war, und daß ich ſie, obgleich ich ſie mehr liebte, als es ſich für einen Bruder geziemt, immer nur als eine Schweſter betrachtete. „Es vergingen ſechs Monate. Ihr Gatte hatte von Emilie, weiche beſtändig bei ihrer Mutter wohnte, bei ſeiner Abreiſe verlangt, daß ſie fortwährend empfange. WMein armer Freund fürchtete nichts ſo ſehr, als den Ruf * e⸗ 1⸗ r⸗ lie en ſie er on bei ge. uf 89 eines eiferſüchtigen Mannes; es iſt wahr, er betete Emilie an und hatte vollkommenes Zutrauen zu ihr. „Emilie empfing alſo fortwährend. Uebrigens geſchah dies im vertrauteren Kreiſe und die Anweſenheit ihrer Mutter benahm den ſchlimmſten Geiſtern jeden Vorwand zum Tadel; es fiel auch Niemand ein, ein Wort zu ſagen, das ihren Ruf im Geringſten verletzen konnte. „Vor ungefähr drei Monaten ließ ſich Herr von Chateau⸗Renaud vorſtellen. Nicht wahr, Sie glauben an Vorgefühle? Bei ſeinem Anblick bebte ich: an mich rich⸗ tete er das Wort nicht; er war das, was in einem Salon ein Mann der Welt ſein muß, und dennoch haßte ich ihn ſchon, als er wegging. Warum Ich wußte es ſelbſt nicht, oder vielmehr, ich hatte wahrgenommen, daß den Eindruck, den ich, als ich Emilie zum erſten Mal ſah, empfunden, auch er empfunden hatte. „Es kam mir vor, als hätte ihn Emilie mit einer un⸗ gewöhnlichen Coquetterie aufgenommen: vielleicht täuſchte ich mich, doch ich hatte, wie geſagt, im Grunde meines Herzens nie aufgehört, Emilie zu lieben, und ich war eiferſüchtig. „Bei der nächſten Abendgeſellſchaft verlor ich Herrn von Chateau⸗Renaud nicht aus dem Blick; vielleicht bemerkte er, daß ich ihm beharrlich mit den Augen folgte, und es kam mir vor, als ob er, halblaut mit Emilie plaudernd, mich lächerlich zu machen ſuchte. „Hätte ich nur auf die Stimme meines Herzens ge⸗ hört, ſo würde ich ſchon an dieſem Abend einen Streit unter irgend einem Vorwand geſucht haben, und ich hätte mich mit ihm geſchlagen; doch ich bemeiſterte mich, indem ich mir wiederholte, ein ſolches Benehmen wäre albern. „Was wollen Sie! jeder Freitag war fortan eine Marter für mich. Herr von Chatcau⸗Renaud iſt ganz ein Weltmann, ein Elegant, ein Löwe. Ich erkannte in vielen Beziehungen ſeine Ueberlegenheit, doch es ſchien mir, als ſtellte ihn Emilie noch höher, als er es verdiente. „Bald glaubte ich wahrzunehmen, daß ich nicht allein 8 90 den Vorzug bemerkte, den Emilie Herrn von Chateau⸗Renaud gab, und dieſes Vorziehen vermehrte ſich ſo ſehr und wurde ſo ſichtbar, daß eines Tags Giordano, der, wie ich, ein ge⸗ wöhnlicher Gaſt des Hauſes war, mit mir darüber ſprach⸗ „Nun war ich entſchieden; ich beſchloß, mit Emilie zu ſprechen, überzeugt, es wäre nur eine Inconſequenz von ihrer Seite, und ich hätte ihr nur die Augen über ihr Be⸗ nehmen zu öffnen um ſie zu veranlaſſen, Alles wieder gut zu machen, was ſie bis jetzt in den Verdacht des Leicht⸗ ſinns hatte bringen können. „Doch zu meinem großen Erſtaunen nahm Emilie meine Bemerkungen, als einen Scherz auf und behauptete, ich wäre verrückt und diejenigen, welche meine Anſicht theilten, wären eben ſo verrückt als ich. „Ich drang weiter in jie. „Emilie antwortete, ſie könnte mir in einer ſolchen Angelegenheit kein Gewicht einräumen, und ein verliebter Menſch wäre nothwendig ein voreingenommener Richter. „Das machte mich verblüfft; ihr Gatte hatte ihr Alles geſagt. „Sie begreifen, aus dem Geſichtspunkte eines unglück⸗ lichen und eiferſüchtigen Liebhabers betrachtet, wurde meine Rolle fortan lächerlich und beinahe gehäſſig: ich hört auf, Emilie zu beſuchen. „Doch ich hatte nichtsdeſtoweniger Kunde von ihr, ich wußte nicht minder, was ſie that, und war nicht minder unglücklich, denn man fing an die beharrlichen Bemühun⸗ gen von Herrn von Chateau⸗Renaud bei Emilie zu be⸗ merken und laut davon zu ſprechen. „Ich entſchloß mich, ihr zu ſchreiben; ich that dis! auch mit aller Maßhaltung, der ich fähig war, und bat ſie im Namen ihrer gefährdeten Ehre, im Namen ihres abweſenden und völlig vertrauensvollen Gatten, ſtrenger über ſich zu wachen, als ſie es that; ſie antwortete mir nicht. „Was wollen Sie! die Liebe iſt unabhängig vom S m der vie zu ha D kat da mi ein die aud Willen; die arme Frau liebte und da ſie liebte, war ſie rde blind, oder wollte ſie dies durchaus ſein. ge⸗„Einige Zeit nachher hörte ich laut ſagen, Emilie ſei ach. die Geliebte von Chateau⸗Renaud. nilie„Was ich litt, kann ich nicht ausdrücken. Da geſchah von es, daß mein Bruder den Gegenſchlag meines Schmerzes Be⸗ fiühlte. gut„Es vergingen indeſſen etwa zwölf Tage und mittler⸗ icht⸗ weile kamen Sie an. „An dem Tage, an welchem Sie bei mir erſchienen, nilie hatte ich einen anonymen Brief erhalten. Dieſer Brief tete, kam von einer Unbekannten, die mich auf den Ball der ſicht Oper zu kommen aufforderte. Sie ſagte, ſie habe mir ge⸗ wiſſe Mittheilungen über eine mir befreundete Dame zu machen, deren Vornamen ſie mir für den Augenblick nur chen nennen könne. ebter„Dieſer Vorname war Emilie. ter.„Ich ſollte ſie an einem Veilchenſtrauß erkennen. ihr„Ich hätte, wie ich Ihnen damals ſagtr, nicht gehen ſollen, doch ich wiederhole Ihnen, das Mißgeſchick trieb lüc⸗ mich fort. neine„Ich kam und fand meinen Domino zur beſtimmten hörte Stunde und am bezeichneten Ort. Er beſtätigte mir, was man mir ſchon geſagt hatte, nämlich Chateau⸗Renaud wäre ihr, der Geliebte von Emilie, und als ich daran zweifelte, oder indet vielmehr mich ſtellte, als zweifelte ich, ſuchte er es dadurch hun⸗ zu beweiſen, daß er behauptete, Herr von Chateau⸗Renaud be⸗ habe gewettet, er würde ſeine neue Geliebte zu Herrn „ D zum Abendbrod führen. dies!„Der Zufall wollte, daß Sie Herrn D*5 bt kannten, daß Sie zu dem Abendbrod eingeladen waren, ihres daß Sie einen Freund mitbringen konnten, daß Sie enger mir den Antrag machten, mich mitzunehmen, und daß ich mir einwilligte. „Das Uebrige wiſſen Sie. vom„Was kann ich nun Anderes thun, als warten und die Vorſchläge annehmen, die man mir machen wird?“ 92 Es war nichts hierauf zu erwiedern: ich neigte das Haupt „Aber,“ verſetzte ich nach einem Augenblick mit einem Gefühl der Furcht,„aber ich glaube mich zu erinnern. hoffentlich täuſche ich mich, daß mir Ihr Bruder ſagte, Sie haben nie eine Piſtole oder einen Degen berührt.“ „Das iſt wahr.“ „Dann ſind Sie alſo der Gnade Ihres Gegners an⸗ heimgegeben?“ „Was wollen Sie, Gott wird ſchon ſorgen!“ In dieſem Augenblick meldete der Kammerdiener den Baron Giordano Martelli. Er war, wie Luigi von Franchi, ein junger Corſe aus der Provinz Sartene; er diente im 17. Regiment, wo er in Folge mehrerer bewunderungswürdiger Waffen⸗ thaten in einem Alter von drei und zwanzig Jahren zum Kapitän ernannt worden war. Es bedarf nicht der Er⸗ wähnung, daß er bürgerliche Kleidung trug „Nun!“ ſagte er, nachdem er mich begrüßt hatte, „die Sache iſt endlich dahin gekommen, wohin ſie kommen mußte, und nach dem, was Du mir ſchreibſt, wirſt Du aller Wahrſcheinlichkeit nach im Verlauf des Tages den Beſuch der Zeugen von Herrn von Chateau⸗Renand er⸗ halten.“ „Ich habe ihn erhalten,“ ſprach Luigi. „Dieſe Herren haben Dir wohl ihre Namen und ihre Adreſſen zurückgelaſſen?“ „Hier ſind ihre Karten.“ „Gut! Dein Kammerdiener ſagt mir, es ſei aufge⸗, tragen; wir wollen frühſtücken und werden ihnen dann einen Beſuch machen.“ Wir gingen in das Speiſezimmer und es war nicht mehr die Rede von der Angelegenheit, die uns verſammelte. Luigi befragte mich nun über meine Reiſe in Corſica, und jetzt erſt fand ich Gelegenheit, ihm Alles zu erzählen, was der Leſer ſchon weiß. Zu dieſer Stunde, da der Geiſt des jungen Mannes — dur gen und zigt für die lon zu wã net gec 93 durch den Gedanken, er würde ſich am andern Tage ſchla⸗ gen, beruhigt war, kamen alle Gefühle des Vaterlandes z und der Familie in ſein Herz zurück. Er ließ mich zwan⸗ em zigmal wiederholen, was ſein Bruder und ſeine Mutter ie, für ihn geſagt hatten, und war, vertraut mit den wahr⸗ , heft corſiſchen Sitten von Lucian, beſonders gerührt durch die Sorge, mit der er den Streit der Orlandini und Co⸗ n onna beizulegen bemüht geweſen. Es ſchug die Mittagsſtunde. „Ohne Sie fortreiben zu wollen,“ ſagte Luigi,„glaube ich doch, es wäre Zeit für Sie, den beſprochenen Beſuch den zu machen; zögern Sie länger, ſo könnten die Herren ſe wähnen, wir behandeln die Sache nachläßig.“ t„Oh! in dieſer Hinſicht ſeien Sie unbeſorgt,“ entgeg⸗ 3 nete ich;„ſie ſind vor kaum zwei Stunden von hier weg⸗ gegangen, und Sie brauchten doch Zeit, um uns in Fr⸗ Kenntniß zu ſetzen.“ „Gleichviel, Luigi hat Recht,“ ſagte der Baron Gior⸗ anv. i„Nun müſſen wir doch wiſſen, welche Waffe Sie Du vorziehen, den Degen oder die Piſtole?“ fragte ich Luigi. „Oh! mein Gott, ich habe es Ihnen ſchon geſagt, das iſt mir vollkommen gleichgültig, inſofern ich weder mit der einen noch mit der andern Waffe vertraut bin. Uebrigens wird mir Herr von Chateau⸗Renaud die Ver⸗ ihre legenheit der Wahl erſparen. Er wird ſich ohne Zweifel für den Beleidigten halten, und unter dieſem Titel kann er nach ſeinem Belieben die Waffen wählen.“ ſ.„Die Beleidigung iſt indeſſen beſtreitbar. Sie haben nichts Anderes gethan, als daß Sie den Arm gegeben, de man von Ihnen gefordert.“ icht„Hören Sie,“ ſprach Luigi: jede Discuſſion könnte neiner Anſicht nach eine Wendung nehmen, als wünſchte ich eine Ausgleichung. Ich bin, wie Sie wiſſen, ſehr fried⸗ in, licher Natur und entfernt kein Raufer, da dies die erſte Angelegenheit dieſer Art bei mir iſt; aber gerade aus nnes 94 allen dieſen Gründen ſoll mein Spiel ein ſchönes Ausſehen haben.“ „Das können Sie leicht ſagen, Sie ſpielen nur um Ihr Leben, und überlaſſen uns Ihrer ganzen Familie gegenüber die Verantwortlichkeit für das, was gsſchehen wird.“ „Oh! was das betrifft, ſeien Sie unbeſorgt, ich kenne . meine Mutter und meinen Bruder. Sie werden Sie fra⸗ gen:„„Hat ſich Luigi als ein wackerer Mann benommen?““ Und wenn Sie ihnen antworten:„Jaz““ ſo werden ſie ſagen:„„Es iſt gut.““ „Aber den Teufell wir müſſen doch wiſſen, welche Waffe Sie vorziehen?“ „Nun wohl! wenn man die Piſtole vorſchlägt, ſo nehmen Sie ſogleich an.“ „Das war auch meine Anſicht,“ ſagte der Baron. „Alſo die Piſtole,“ erwiederte ich,„a es Beider An⸗ ſicht iſt. Doch die Piſtole iſt eine häßliche Waffe.“ „Habe ich von heute bis morgen Zeit mit dem Degen fechten zu lernen?“ „Nein. Aber mit einer guten Lection von GPriſier dürften Sie es vielleicht dahin bringen, daß Sie ſich ver⸗ theidigen könnten.“ Lächelnd erwiederte Luigi: „Glauben Sie mir, was morgen früh mit mir ge⸗ ſchehen wird, ſteht ſchon da oben geſchrieben, und was wir auch thun möchten, Sie und ich, wir werden nichts daran ändern.“ Hienach drückten wir ihm die Hand und gingen hinab. Es war natürlich, daß wir zuerſt den Zeugen unſeres Gegners befuchten, der uns am nächſten war; wir begaben uns alſo zu Herrn René von Chateaugrand, welcher, wie geſagt, in der Rue de la Pair Nro. 12 wohnte. Die Thüre war für Jeden verſchloſſen, der nicht im Auftrage von Herrn Luigi von Franchi kommen würde. Wir nannten unſere Sendung, gaben unſere Karten, und wurden auf der Stelle eingeführt. hen um ilie hen . nne ra⸗ ſie che ſo in⸗ en ſier er⸗ ge⸗ as b. es en ie im de. nd 95 Wir fanden in Herrn von Chateaugrand einen äußerſt eleganten Weltmann. Er wollte durchaus nicht, daß wir uns die Mühe machten, zu Herrn von Boiſſy zu gehen, denn er ſagte, es wäre unter ihnen verabredet, daß der Erſte, zu dem wir kämen, den Andern holen ließe. So⸗ gleich ſchickte er ſeinen Bedienten zu Herrn von Boiſſy und ließ dieſen benachrichtigen, daß wir ihn in ſeiner Woh⸗ nung erwarteten. Während des Augenblicks, den wir warten mußten, war nicht eine Sekunde die Rede von der Angelegenheit, die uns hierherführte. Man ſprach vom Wettrennen, von der Jagd, von der Oper. Herr von Bviſſy kam nach Verlauf von zehn Minuten. Dieſe Herren machten nicht einmal Anſpruch auf die Wahl der Waffen: Herr von Chateau⸗Renaud war mit dem Degen und der Piſtole gleich vertraut und überließ die Wahl Herrn von Franchi oder dem Zufall. Man warf einen Louis d'or in die Luft, die Vorder⸗ ſeite ſollte für den Degen, die Ruckſeite für die Piſtole ontſcheiden; der Louis d'or fiel ſo, daß die Rückſeite auf⸗ wärts ſchaute. Es wurde verabredet, daß der Zweikampf am andern Morgen um neun Uhr im Walde von Vincennes ſtatt⸗ haben ſollte, daß die Gegner in einer Entfernung von zwanzig Schritten von einander zu ſtehen hätten, daß man dreimal in die Hände klatſchen würde, und daß ſie beim dritten Schlag ſchießen ſollten. Wir gingen wieder zu Herrn von Franchi, um ihm dieſe Nachricht mitzutheilen. An demſelben Abend fand ich, nach Hauſe zurück⸗ kehrend, Karten von den Herren von Chateaugrand und von Boiſſy. 96 IX. Ich hatte mich um acht Uhr Abends zu Herrn von Franchi begeben, um ihn zu fragen, ob er mich nicht mit irgend Etwas beauftragen wollte, doch er bat mich, bis am andern Tag zu warten, und erwiederte mir mit einer, ſeltſamen Miene: „Die Nacht bringt guten Rath.“ Am andern Morgen, ſtatt ihn um acht Uhr abzu⸗ holen, was uns hinreichend Zeit gelaſſen hätte, auf den Schlag neun Uhr bei dem Rendezvvus zu ſein, be⸗ gab ich mich um halb acht Uhr zu Herrn Luigi von Franchi. 9 Er war in ſeinem Cabinet und ſchrieb. Bei dem Geräuſch, das ich die Thüre öffnend machte, wandte er ſich um. Er war ſehr bleich. „Verzeihen Sie,“ ſagte er zu mir,„ich vollende einen Brief an meine Mutter. Setzen Sie ſich; nehmen Sie ein Journal, wenn die Journale ſchon angekommen ſind, die Preſſe zum Beiſpiel enthält ein reizendes Feuilleton von Herrn Méry.“ 3 Ich nahm das bezeichnete Journal, ſetzte mich und betrachtete mit Erſtaunen den Widerſpruch, den die bei⸗ nahe leichenartige Bläſſe des jungen Mannes mit ſeiner ſanften, ruhigen, ernſten Stimme bildete. Ich verſuchte es, zu leſen, doch ich folgte mit den Angen den Buchſtaben, ohne daß ſie meinem Geiſt einen klaren Sinn boten. Nach etwa fünf Minuten ſagte er zu mir: „Ich habe geſchloſſen.“ Dann läutete er ſeinem Kam⸗„ merdiener und ſprach zu dieſem: „Joſeph, ich bin für Niemand zu Hauſe, nicht ein⸗ mal für Giordano; laſſen Sie ihn in den Salon eintre⸗ ten, wenn er kommt; ich wünſche, ohne von irgend Je⸗ mand unterbrochen zu werden, zehn Minuten mit dem Herrn allein zu ſein.“ Der Diener ſchloß die Thüre wieder. von mit bis iner zu⸗ auf be⸗ von hte, nen Sie ind, ton und bei⸗ ner den nen m⸗ in⸗ re⸗ Je⸗ em 97 „Hören Sie, mein lieber Alerander,“ ſagte er ſodann zu mir,„Giordano iſt Corſe und hat corſiſche Anſichten, ich kann mich ihm alſo in dem, was ich wunſche, nicht anvertrauen; ich werde von ihm nur Geheimhaltung for⸗ dern; Sie aber müſſen mir verſprechen, Puntt für Puntt meine Inſtructionen zu befolgen.“ „Gewiß, iſt das nicht die Pflicht für einen Zeugen?“ „Eine um ſo ernſtere Pflicht, als Sie unſerer Familie dadurch vielleicht ein zweites Unglück erſparen werden.“ „Ein zweites Unglück?“ fragte ich erſtaunt. „Hier,“ ſagte er,„hier iſt das, was ich meiner Mut⸗ ter geſchrieben habe, leſen Sie den Brief.“ Ich nahm den Brief aus den Händen von Luigi von Franchi und las mit wachſendem Erſtaunen: „Meine gute Mutter, „Wüßte ich Sie nicht zugleich ſtark wie eine Sparta⸗ nerin und ergeben wie eine Chriſtin, ſo würde ich alle mögliche Mittel anwenden, um Sie auf ein furchtbares Ereigniß vorzubereiten, das Sie treffen wird: wenn Sie dieſen Brief empfangen, haben Sie nur noch einen Sohn. Lucian, mein vortrefflicher Bruder, liebe meine Mutter für uns Beide. „Vorgeſtern wurde ich von einer Hirnentzündung be⸗ fallen, ich ſchenkte den erſten Symptomen wenig Aufmerk⸗ ſamkeit; der Arzt kam zu ſpätz meine Mutter, es iſt we⸗ nig Hoffnung mehr für mich, wenn nicht ein Wunder eintritt, und was berechtigt mich, zu hoffen, Gott werde ein Wunder für mich thun? „Ich ſchreibe Ihnen in einem lichten Augenblick; ſterbe ich, ſo wird dieſer Brief eine Viertelſtunde nach meinem Tod auf die Poſt gebracht; denn in der Selbſt⸗ ſucht meiner Liebe für Sie will ich, daß Sie erfahren, ich ſei von der ganzen Welt nur Ihre Zärtlichkteit und die meines Bruders beklagend geſtorben. „Gott befohlen, meine Mutter, weinen Sie nicht; es Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 7 98 war die Seele, die Sie liebte, und nicht der Körper, und die Seele wird fortfahren, Sie zu lieben, wohin ſie auch gehen mag. „Gott befohlen, Lucian, verlaſſe nie unſere Mutter und bedenke, daß ſie nur noch Dich hat. „Ihr Sohn, Dein Bruder „Luigi von Franchi.“ Nach dieſen letzten Worten wandte ich mich gegen denjenigen um, welcher ſie geſchrieben hatte. „Nun!“ ſagte ich,„was ſoll das bedeuten?“ „Begreifen Sie nicht?“ erwiederte er. „Nein.“ „Um neun Uhr zehn Minuten werde ich getödtet ſein.“ 9 ein. „Sie werden getödtet ſein!“ „Sie ſind ein Narr. Warum plagen Sie ſich mit ſolchen Gedanken?“ „Ich bin kein Narr. Ich plage mich nicht damit, mein lieber Freund. Ich bin ganz einfach benachrichtigt.“ „Benachrichtigt?. und durch wen?“ „Hat Ihnen mein Bruder nicht erzählt, daß die Männer unſerer Familie ein ſeltſames Vorrecht genießen?“ fragte Luigi lächelnd. „Es iſt wahr,“ erwiederte ich, unwillkührlich ſchauernd, „er hat mir von Erſcheinungen geſprochen.“ „So iſt es. Nun wohl! mein Vater iſt mir in dieſer Nacht erſchienen; deshalb haben Sie mich ſo bleich ge⸗ funden: der Anblick der Todten macht die Lebenden bleich.“ Ich ſchaute ihn mit einem Erſtaunen an, das nicht ganz von Schrecken frei war. „Sie haben Ihren Vater geſehen in dieſer Nacht... ſagen Sie?“ „Und er hat mit Ihnen geſprochen?“ „Er hat mir meinen Tod verkündigt.“ ſ au und uch und er gen tet mit nit, t.“ die 7 nd, ſer g cht ——— 99 „Das war ein furchtbarer Traum.“ „Das war eine furchtbare Wirklichkeit.“ „Sie ſchliefen?“ „Ich wachte. Glauben Sie denn nicht, daß ein Vater ſeinen Sohn beſuchen kann?“ Ich neigte das Haupt, denn im Grunde meines Her⸗ zens glaubte ich an dieſe Möglichkeit. „Wie iſt das geſchehen?“ fragte ich. „Oh! mein Gott, auf die allereinfachſte und natür⸗ lichſte Weiſe. Ich las in Erwartung meines Vaters, denn ich wußte, daß er mir, wenn ich eine Gefahr liefe, erſchei⸗ nen würde, als um Mitternacht meine Lampe von ſelbſt erbleichte, die Thüre ſich langſam öffnete und mein Vater erſchien“ „Aber wie denn?“ fragte ich. „Wie zu ſeinen Lebzeiten, in der Kleidung, die er gewöhnlich trug; nur war er ſehr bleich und ſeine Augen waren ohne Blick.“ „Oh, mein Gott!. 8 „Er näherte ſich langſam meinem Bett. Ich erhob mich auf einen Ellenbogen. „„Willkommen, mein Vater,““ ſagte ich zu ihm. „Er näherte ſich mir immer mehr, ſchaute mich ſtarr an, und es kam mir vor, als ob das blickloſe Auge durch die Kraft des väterlichen Gefühles ſich belebte! „Fahren Sie fort... das iſt ſchrecklich! „Da bewegten ſich ſeine Lippen und ſeltſamer Weiſe! obgleich ſeine Worte keinen Ton hervorbrachten, hörte ich ſie doch in meinem Innern deutlich und vibrirend wie ein Echo erklingen.“ „Und was ſagte er Ihnen?“ „Denke an Gott, mein Sohn!““ „Ich werde alſo in dem Duell getödtet?“ fragte ich. Ich ſah zwei Thränen aus dieſen blickloſen Augen auf das bleiche Geſicht des Geſpenſtes fließen. „Und zu welcher Stunde?““ ————-— 100 „Er drehte den Finger gegen die Pendeluhr; ich folgte der Richtung; ſie bezeichnete neun Uhr zehn Minuten. „„Gut, mein Vater,“ antwortete ich.„„Der Wille Gottes geſchhe. Es iſt wahr, ich verlaſſe meine Mutter, doch um mich mit Dir wiederzuvereinigen.““ „Ein bleiches Lächeln ſchwebte über ſeine Lippen, er machte mir ein Zeichen des Abſchieds und entfernte ſich. „Die Thüre öffnete ſich von ſelbſt vor ihmn verſchwand und die Thüre ſchloß ſich wieder.“ Dieſe Erzählung wurde ſo einfach und ſo natürlich — gegeben, daß offenbar die Scene, welche mir Franchi mit⸗ theilte, ſich wirklich ereignet hatte, oder daß er in der Befangenheit ſeines Geiſtes das Spielzeug einer Täuſchung geweſen, die er für Wirklichkeit genommen hatte, und die folglich eben ſo furchtbar war als dieſe. Ich trocknete den Schweiß ab, der mir von der Stirne lief. er fort. „Ja.“ „Was glauben Sie, daß er thun wird, wenn er er⸗ fährt, daß ich im Duell getödtet worden bin?“ „Er wird auf der Stelle von Sullacarv abreiſen, um ſich mit demjenigen zu ſchlagen, welcher Sie getödtet hat.“ „Ganz richtig, und wenn er ebenfalls getödtet wird, iſt meine Mutter dreifache Witwe durch den Verluſt ihres Gatten, ihrer beiden Söhne.“ „Oh! ich begreife; das iſt gräßlich!“ „Das muß nun vermieden werden, und deshalb habe ich dieſen Brief geſchrieben. Wähnt mein Bruder, ich ſei an einer Hirnentzündung geſtorben, ſo wird er Nie⸗ mand deshalb angreifen, und meine Mutter wirs ſich leichter tröſten, wenn ſie glaubt, der Wille Gottes habe mich weggerafft, als wenn ſie weiß, daß ich von der Hand eines Menſchen getroffen worden bin. Wenn nicht... „Wenn nicht? wiederholte ich. „Sie kennen nun meinen Bruder, nicht wahr?“ fuhr, ——„— pf olgte 101 Bill„Ah! nein.. verſetzte Luigi,„das wird nicht ge⸗ ſchehen“ tter, Ich ſah, daß er eine perſönliche Befürchtung beant⸗ wortete, und drang nicht weiter in ihn. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre. ch.„Mein lieber Franchi,“ ſprach der Baron Giordano, „ich habe Deinen Befehl geehrt, ſo lange es möglich war. lich Doch es iſt acht Uhr; die Zuſammenkunft iſt auf neun it⸗ Uhr beſtellt; wir haben zwei Lieues zu machen und müſſen m aufbrechen.“ †„Ich bin bereit, mein Theuerſter,“ erwiederte Luigi. „Tritt doch ein. Ich habe dem Herrn geſagt, was ich ihm zu ſagen hatte.“ Er ſchaute mich an und legte ve einen Finger auf den Mund.„Was Dich betrifft, mein Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich gegen den Tiſch um⸗ uhr wandte und einen verſiegelten Brief nahm,„hier iſt Dein Beſchäft. Begegnet mir Unglück, ſo lies dieſes Billet und richte Dich nach dem, um was ich Dich darin bitte.“ „Gut! Haben Sie ſich mit Waffen verſehen?“ fragte ntich der Baron Giordano.„Sind ſie im Wagen?“ um„Ja,“ antwortete ich;„doch in dem Augenblick, wo at.“ ich mich von Hauſe entfernte, habe ich bemerkt, daß einer itd on den Hahnen ſchlecht ſpielt. Wir werden im Vorbei⸗ 5 fahren einen Piſtolenkaſten von Devisme mitnehmen.“ Luigi ſchaute mich lächelnd an und reichte mir die Hand; er hatte mich begriffen. Ich wollte nicht, daß er abe mit meinen Piſtolen getödtet werden ſollte. jc„Haben Sie einen Wagen?“ fragte Luigi,„oder ſoll S i Jpſeph einen holen?“ ſich„Ich habe mein Coupé,“ ſagte der Baron,„und abe wenn wir uns ein wenig behelfen, finden wir zu drei i Platz. Uebrigens ſind wir mit der Zeit zurück und wer⸗ den immerhin beſſer mit meinen Pferden, als mit Fiacre⸗ pferden fahren.“ „Vorwärts,“ ſagte Luigi. Wir gingen hinab; vor der Thüre erwartete uns Joſeph. „ „Soll ich den gnädigen Herrn begleiten?“ fragte er. „Nein, Joſeph,“ antwortete Luigi,„es iſt unnöthig, ich bedarf Ihrer nicht.“ Dann ein wenig zurückbleibend, ſprach er zu ihm, indem er ihm ein Röllchen Gold in die Hand drückte: „Nehmen Sie, mein Freund, und wenn ich Sie in meinen Augenblicken ſchlimmer Laune zuweilen ein wenig heftig angelaſſen habe, ſo verzeihen Sie mir.“ „Oh! gnädiger Herr,“ rief Joſeph, Thränen in den Augen,„was ſoll das bedeuten?“ „Stille,“ ſagte Luigi. ünd er ſprang in den Wagen und ſetzte ſich zwi⸗ ſchen uns. „Es war ein guter Diener,“ ſprach er, einen letzten Blick auf Joſeph werfend,„und wenn der Eine oder der Andere von Ihnen ihm nützlich ſein könnte, ſo wäre ich ſehr dankbar dafür.“ „Entläſſeſt Du ihn?“ fragte der Baron. „Nein,“ erwiederte Luigi lächelnd,„ich verlaſſe ihn.“ Wir hielten vor der Thüre von Devisme und ver⸗ weilten nur ſo lange, als wir brauchten, um einen Piſtolen⸗ kaſten, Pulver und Kugeln zu nehmenz dann fuhren wir im ſcharfen Trab der Pferde weiter. Wir waren in Vincennes um neun Uhr weniger fünf Minuten; ein Wagen kam zu gleicher Zeit mit dem unſtigen, es war der von Herrn von Chateau⸗Renaud. Wir gelangten in den Wald auf zwei verſchiedenen We⸗ gen. Unſere Kutſcher ſollten in der großen Allee zuſam⸗ 5 ———— — mentreffen. Einige Augenblicke nachher waren wir an Ort und Stelle. 3 3 „Meine Herren,“ ſprach Luigi zuerſt ausſteigend, — — „Sie wiſſen, es iſt keine gütliche Ausgleichung möglich.“ „Doch wenn... verſetzte ich⸗ „Ohl mein Lieber, erinnern Sie ſich, daß Sie nach der vertraulichen Mittheilung, die ich Ihnen gemacht habe, 103 weniger als irgend Jemand berechtigt ſind, einen Vergleich r. vorzuſchlagen oder anzunehmen.“ g,. Ich neigte das Haupt vor dieſem entſchiedenen Willen, der für mich ein höchſter Wille war. m Wir ließen Luigi bei dem Wagen und gingen auf die Herren von Boiſſy und Chateaugrand zuz der Baron in Giordano hielt den Piſtolenkaſten in der Hand. ig Wir tauſchten eine Begrüßung. „Meine Herren,“ ſprach der Baron Giordanv,„unter en umſtänden, wie die, in welchen wir uns befinden, ſind die kützeſten Complimente die beſten, denn wir können jeden Augenblick geſtört werden. Wir haben es übernommen, vi⸗ die Waffen zu bringen, hier ſind fie, wollen Sie dieſelben prüfen, wir holten ſie ſo eben beim Büchſenmacher und ten geben Ihnen unſer Ehrenwort, daß Herr Luigi von Franchi der ſie nicht einmal geſehen hat.“ ich„Dieſes Wort war unnöthig, mein Herr,“ erwiederte f der Vicomte von Chateaugrand,„wir wiſſen, mit wem wir es zu thun haben.“ n.“ Hierauf nahm er eine Piſtole, während Herr von er⸗ Boiſſy die andere nahm; die zwei Zengen ließen die Federn en⸗ ſpielen und unterſuchten das Caliber. wir„Es ſind gewöhnliche Piſtolen, mit denen noch nie geſchoſſen worden iſt,“ ſagte der Baronz„ſoll es nun ger erlaubt ſein, den doppelten Drücker zu benützen, oder em nicht 2 ud.„Meiner Anſicht nach ſoll es Jeder nach ſeinem Be⸗ We⸗ lieben und nach ſeiner Gewohnheit halten,“ erwiederte Herr m on eBoiſſy. 5 Es ſei,“ ſagte der Baron Giordanv.„Alle gleiche und Chancen ſind angenehm.“ „So werden Sie Herrn von Franchi in Kenntniß end, ſetzen, während wir daſſelbe bei Herrn von Chateau⸗Renaud thnn“ „Abgemacht; wir haben nun die Waffen gebracht,“ rach fuhr der Baron Giordano fort,„und an Ihnen iſt es, ſie abe, zu laden, meine Herren.“ Die zwei jungen Leute nahmen jeder eine Piſtole, maßen ſtreng dieſelbe Pulverladung ab, nahmen auf den Zufall zwei Kugeln und ſtießen ſie mit dem Klöpfel in den Lauf. Während dieſer Operation, an der ich keinen Antheil nehmen wollte, näherte ich mich Luigt, der mich, ein Lächeln auf den Lippen, empfing. „Sie vergeſſen nichts von dem, um was ich Sie ge⸗ beten habe,“ ſagte er,„und Sie bewirken bei Giordano, den ich übrigens ſchriftlich darum erſuche, daß er nichts erzählt, und zwar weder meiner Mutter noch meinem Bru⸗ der. Seien Sie auch dafür beſorgt, daß die Zeitungen nicht von dieſer Angelegenheit ſprechen, und wenn ſie da⸗ von ſprechen, daß ſie wenigſtens die Namen nicht nennen.“ „Sie ſind alſo immer noch der ſchrecklichen Ueberzeu⸗ gung, das Duell werde einen unſeligen Ausgang für Sie nehmen?“ fragte ich. „Ich bin mehr als je davon überzengt; doch Sie werden mir wenigſtens die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ich dem Tod als ein wahrer Corſe entgegen⸗ ſchaue.“ „Ihre Ruhe, mein lieber Franchi, iſt ſo groß, daß ſie mir die Hoffnung verleiht, Sie ſeien ſelbſt nicht voll⸗ kommen überzeugt.“ Luigi zog ſeine Uhr. „Ich habe noch ſieben Minuten zu leben,“ ſagte er, „nehmen Sie meine Uhr, behalten Sie dieſelbe zum Andenken an mich; es iſt eine vortreffliche Bréguet⸗Uhr.“ Ich nahm die Uhr und drückte Franchi die Hand „In acht Minuten hoffe ich ſie Ihnen zurückzugeben,“ erwiederte ich „Sprechen wir nicht mehr davon, Sie ſehen, die Her⸗ ren kommen.“ „Meine Herren,“ ſagte der Vicomte von Chateau⸗ grand,„es muß hier rechts eine Lichtung ſein, die ich für meine Rechnung im vorigen Jahre gemacht habe; ſollen X v* wir ſie ſuchen? Wir ſind dort beſſer als in einer Allee, wo wir geſehen und geſtört werden können.“ „Führen Sie uns, meine Herren, wir werden Ihnen folgen,“ ſprach der Baron Giordanv. Der Vicomte ging voran und wir folgten ihm in zwei abgeſonderten Gruppen. Bald befanden wir uns, nachdem wir etwa dreißig Schritte hinabgeſtiegen waren, inmitten einer Lichtung, welche ohne Zweifel früher eine Lache, nunmehr aber ausgetrocknet, eine ganz von Gehölz umgebene Hohlung bildete; das Terrain ſchien folglich abſichtlich dazu gemacht, als Schauplatz für eine Seene in der Art zu dienen, wie die, welche nun vorfallen ſollte. „Herr von Martelli,“ ſagte der Vicomte,„wollen Sie die Schritte mit mir meſſen?“ Der Baron bejahte durch eine Verbeugung; dann ſtellten er ſich neben Herrn von Chateaugrand, und ſie maßen zwanzig gewöhnliche Schritte. Ich blieb alſo noch einige Secunden mit Herrn von Franchi allein. „Hören Sie,“ ſagte er,„Sie werden mein Teſta⸗ ment auf dem Tiſche finden, auf dem ich ſchrieb, als Sie eintraten“ „Es iſt gut,“ antwortete ich,„ſeien Sie unbeſorgt.“ „Meine Herren, wenn Sie wollen,“ ſprach der Vicomte von Chateaugrand. „Hier bin ich,“ erwiederte Luigi;„leben Sie wohl, theurer Freund, ich danke Ihnen für alle Mühe, die ich Ihnen gemacht habe, nicht zu rechnen die, welche ich Ihnen noch machen werde,“ fügte er mit einem ſchwermüthi⸗ gen Lächeln bei. Ich nahm ſeine Hand, ſie war kalt, aber durchaus nicht erregt. „Vergeſſen Sie,“ ſprach ich,„vergeſſen Sie die Er⸗ ſcheinung dieſer Nacht und zielen Sie ſo gut Sie können.“ „Erinnern Sie ſich des Freiſchütz?“ S 6 106 „Nun wohl! Sie wiſſen, jede Kugel hat ihre Beſtim⸗ mung; Gott befohlen!“ Er ging auf den Baron Giordano zu, der die für ihn beſtimmte Piſtole in der Hand hielt, nahm dieſelbe, ſpannte, ohne einen Blick darauf zu werfen, und ſtellte ſich an ſeinen durch ein Schnupftuch bezeichneten Poſten. Herr von Chateau⸗Renaud war ſchon auf ſeinem Poſten. Es trat ein Augenblick düſteren Schweigens ein, während die zwei jungen Leute ihre Zeugen, ſodann die ihrer Gegner und endlich ſich gegenſeitig grüßten. Herr von Chateau⸗Renaud ſchien vollkommen mit ſolchen Angelegenheiten vertraut zu ſein, und er lächelte, wie ein Menſch, der ſeiner Sache ſicher iſt. Vielleicht wußte er überdies, daß Herr Luigi von Franchi zum erſten Male eine Piſtole berührte. 3. Luigi war kalt und ruhig; ſein ſchöner Kopf hatte das Ausſehen einer Marmorbüſte. „Nun! meine Herren,“ ſagte Chateau⸗Renaud,„Sie ſehen, wir warten.“ Luigi warf mir einen letzten Blick zu, dann ſchlug er mit einem Lächeln die Augen zum Himmel auf. „Vorwärts, meine Herren,“ rief Chateaugrand,„halten Sie ſich bereit.“ S Hierauf ſchlug er die Hände an einander und zählte: e e Die zwei Schüſſe bildeten nur einen einzigen Knall. In demſelben Augenblick ſah ich Luigi von Franchi zwei⸗ mal ſich um ſich ſelbſt drehen und auf ein Knie fallen. Herr von Chateau⸗Renaud blieb aufrecht; nur der Umſchlag ſeines Rockes war durchſchoſſen worden. Ich ſtürzte auf Luigi zu. „Sie ſind verwundet?“ ſagte ich. Er ſuchte zu antworten, doch vergebens; ein blutiger Schaum erſchien auf ſeinen Lippen. Zu gleicher Zeit ließ er die Piſtole fallen und fuhr mit der Hand nach der rech⸗ ten Seite ſeiner Bruſt. — 1 ir e, te m n, ie it 6 pt en 107 Kaum ſah man auf ſeinem Oberrock ein Loch groß genug, daß man den Finger hätte hinein ſtecken können. „Herr Baron,“ rief ich,„laufen Sie in die Kaſerne und bringen Sie den Wundarzt des Regimentes.“ Doch Herr von Franchi raffte ſeine Kräfte zuſammen, hielt Giordano zurück und bedeutete ihm durch ein Zeichen mit dem Kopf, daß es unnütz wäre. Zu gleicher Zeit fiel er auf das zweite Knie. Herr von Chateau⸗Renaud entfernte ſich ſogleich, doch ſeine zwei Zeugen näherten ſich dem Verwundeten. Mittlerweile hatten wir den Rock geöffnet, die Weſte und das Hemd zerriſſen. Die Kugel war unterhalb der ſechsten Rippe rechts eingedrungen und kam ein wenig über der linken Hüfte heraus. Bei jedem Athemholen des Sterbenden ſprang das Blut aus den beiden Wunden hervor. Die Verletzung war offenbar tödtlich. „Herr von Franchi,“ ſagte der Vicomte von Chateau⸗ grand,„glauben Sie mir, wir ſind troſtlos über den Aus⸗ gang dieſer unglücklichen Angelegenheit, und wir hoſſen, Sie ſcheiden vhne Haß gegen Herrn von Chateau⸗Renaud?“ „Ja, ja,“ murmelte der Verwundete,„ja, ich ver⸗ zeihe ihm, doch er gehe, er gehe Dann ſich gegen mich umwendend, ſagte er: „Erinnern Sie ſich Ihres Verſprechens.“ „Ohl ich ſchwöre Ihnen, daß nach Ihren Wünſchen geſchehen wird.“ 3 „Und nun ſchauen Sie auf die Uhr,“ fügte er lä⸗ chelnd bei. 1 Nach dieſen Worten fiel er einen Seufzer ausſtoßend zurück. Es war ſein letzter. Ich ſchaute auf die Uhr: der Zeiger deutete gerade auf neun Uhr zehn Minuten. Dann blickte ich auf Luigi von Franchi: er war todt. Wir brachten den Leichnam in ſeine Wohnung zurück, und während der Baron Giordanv die Anzeige bei dem Polizeicommiſſär des Quartiers machte, ſtieg ich mit Jo⸗ ſeph in ſein Zimmer hinauf. Der arme Burſche weinte heiße Thränen. Bei meinem Eintritt fielen meine Angen unwillkühr⸗ lich auf die Pendeluhr. Sie bezeichnete neun Uhr und zehn Minuten. Ohne Zweifel hatte man ſie aufzuziehen vergeſſen und ſie war gerade um dieſe Stunde ſtehen geblieben. Einen Augenblick nachher kam der Baron Giordano mit den Leuten vom Gericht zurück, welche, von ihm be⸗ nachrichtigt, hier erſchienen, um zu verſiegeln. Er wollte ſchriftlich den Freunden und Bekannten des Verſtorbenen Mittheilung machen; doch ich bat ihn, zuvor den Brief zu leſen, der ihm von Luigi von Franchi vor ſeinem Abgange übergeben worden war. Dieſer Brief enthielt die Bitte, Lucian die Urſache ſeines Todes zu verbergen, und die Aufforderung, damit Niemand eingeweiht würde, die Beerdigung ohne alles Gepränge und Geräuſch vorzunehmen. Der Baron Giordano übernahm dieſe Einzelnheiten, und ich machte auf der Stelle einen doppelten Beſuch bei den Herren von Boiſſy und von Chatcaugrand, um ſie zu bitten, über dieſe unglückliche Angelegenheit zu ſchwei⸗ gen und Herrn von Chateau⸗Renaud, ohne ihm zu ſagen, aus welcher Urſache man ſeine Abreiſe wünſchte, aufzu⸗ er möge Paris wenigſtens auf einige Zeit ver⸗ aſſen. Sie verſprachen mir, mein Anfinnen, ſo viel in ihren Kräften läge, zu unterſtützen, und während ſie ſich zu Herrn von Chateau⸗Renaud begaben, brachte ich auf die Poſt den Brief, der Frau von Franchi ankündigte, ihr Sohn ſei an einer Hirnentzündung geſtorben. . b⸗ te r⸗ d — Gegen das Herkommen bei ſolchen Angelegenheiten machte dieſes Duell wenig Lärmen. Seibſt die Zeitungen, dieſe geräuſchvollen, falſchen Trompeten der Oeffentlich⸗ keit, ſchwiegen. Einige vertraute Freunde geleiteten den Leichnam des unglücklichen jungen Mannes nach dem Pore⸗Lachaiſe. Herr von Chateau⸗Renaud, ſo ſehr man auch in ihn drang, weigerte ſich jedoch, Paris zu verlaſſen. Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, dem Briefe von Luigi von Franchi an ſeine Familie einen Brief von mir folgen zu laſſen, doch, ſo vortrefflich auch die Abſicht war, dieſe Lüge in Beziehung auf einen Sohn und einen Bruder widerſtrebte mir: ich war überzeugt, daß Luigi ſelbſt lange gekämpft und, um ſich zu entſchlie⸗ ßen, der gewichtigen Gründe, die er mir angegeben, be⸗ durft hatte. Auf die Gefahr, der Gleichgültigkeit oder des Un⸗ danks beſchuldigt zu werden, ſchwieg ich alſo, und ich war ſicher, daß der Baron Giordano daſſelbe that. Fünf Tage nach dieſem Ereigniß, gegen eilf Uhr Abends, arbeitete ich an meinem Tiſch, an der Ecke des Kamins, allein und in ziemlich verdrießlicher Stimmung, als mein Bedienter eintrat, die Thüre wieder ſchloß und mir mit bewegter Stimme meldete, Herr von Franchi wünſche mich zu ſprechen. Ich wandte mich um und ſchaute ihn feſt an: er war ſehr bleich. „Was ſagſt Du da, Victor?“ fragte ich. „Oh! Herr, in der That, ich weiß es ſelbſt nicht,“ erwiederte er. „Von welchem Herrn von Franchi ſprichſt Du?“ „Von Ihrem Freunde.. von demjenigen, welchen ich zwei oder dreimal hier geſehen habe.“ „Du biſt ein Narr. Weißt Du nicht, daß wir das Unglück gehabt haben, ihn vor fünf Tagen zu verlieren?“ „Ja, und deshalb ſehen Sie mich ſo erſchüttert. Er läutete; ich war im Vorzimmer, öffnete die Thüre, wich zurück, als ich ihn erblickte, doch er trat ein und fragte mich, ob mein Herr zu Hauſe wäre; ich war ſo erſchro⸗ cken, daß ich bejahte; da ſagte er zu mir:„„Melden Sie ihm, daß Herr von Franchi ihn zu ſprechen wünſche;““ wonach ich hierher eilte.“ „Du biſt ein Narr, mein Lieber, das Vorzimmer war ohne Zweifel ſchlecht beleuchtet, und Du haſt ſchlecht geſehen; Du warſt noch ſchlaftrunken, und haſt ſchlecht gehört. Kehre noch einmal zurück und frage ihn nach ſeinem Namen.“ „Oh! das iſt unnöthig, ich ſchwöre, daß ich mich nicht täuſche; ich habe gut gehört und gut geſehen.“ „Nun wohl! ſo laß ihn eintreten.“ Victor kehrte ganz zitternd zur Thüre zurück, öffnete ſie und ſagte, während er im Innern meines Zimmers blieb:* „Der Herr wolle die Güte haben, einzutreten.“ Sogleich hörte ich, trotz des dämpfenden Teppichs, Tritte, welche durch den Salon kamen und ſich meinem Zimmer näherten, und gleich darauf ſah ich wirklich Herrn von Franchi an meiner Thüre erſcheinen. Ich geſtehe, daß mein erſtes Gefühl ein Gefühl des Schreckens war; ich ſtand auf und machte einen Schritt rückwärts. „Verzeihen Sie, daß ich Sie zu einer ſolchen Stunde ſtöre,“ ſagte Herr von Franchi;„doch Sie begreifen, ich bin vor zehn Minuten angekommen und wollte nicht bis morgen warten, um mit Ihnen zu ſprechen.“ „Oh! mein lieber Lucian,“ rief ich, indem ich auf ihn zulief und ihn in meine Arme ſchloß;„Sie ſind es, Sie ſind es alſo!“ Und unwillkührlich entſtürzten Thränen meinen Augen. „Ja,“ ſagte er,„ich bin es.“ Ich betechnete die abgelaufene Zeit: der Brief konnte — „—„ — 11¹¹ faum, ich ſage nicht nach Sullacaro, ſondern nach Ajaccio gekommen ſein.“ „Oh mein Gott!“ rief ich,„Sie wiſſen alſo nichts?“ „Ich weiß Alles.“ „Wie, Alles?“ „Ja.“ „Victor,“ ſagte ich, indem ich mich gegen meinen Bedienten umwandte, der ſich durchaus noch nicht beruhigt hatte,„laß uns allein, oder komm vielmehr in einer Vier⸗ telſtunde mit Abendbrod zurückz Sie eſſen doch mit mir zu Nacht und ſchlafen bei mir, nicht wahr, Lucian?“ „Ich nehme Alles an,“ antwortete er,„ich habe ſeit Aurerre nichts gegeſſen. Sodann, da mich Niemand kannte, vder vielmehr,“ fügte er mit einem tief traurigen Lächeln bei,„da mich Jedermann bei meinem armen Bruder zu erkennen ſchien, wollte man mir nicht öffnen, und ich ließ das ganze Haus im Aufruhr zurück.“ „In der That, mein lieber Lucian, Ihre Aehnlich⸗ keit mit Luigi iſt ſo groß, daß ich ſo eben ſelbſt darüber betroffen war.“ „Wie!“ rief Viector, der es noch nicht hatte über ſich gewinnen können, aus meinem Zimmer wegzugehen, „der Herr iſt alſo der Bruder?“ „Ja; doch gehe und bediene uns.“ Victor entfernte ſich, und wir befanden uns allein. Ich nahm Lucian bei der Hand, führte ihn zu einem Lehnſtuhl und ſetzte mich zu ihm. „Sie waren alſo,“ ſagte ich, immer mehr erſtaunt, „Sie waren alſo auf der Reiſe, als Sie die unſelige Kunde vernahmen?“ „Nein, ich war in Sullacarv.“ „Unmöglich! der Brief Ihres Bruders kann kaum in dieſem Augenblick angelangt ſein.“ „Sie haben die Ballade von Bürger vergeſſen, mein lieber Alerander; die Todten ſind ſchnell.“ Ich ſchauerte. 112 „Was wollen Sie damit ſagen? Erklären Sie ſich, ich verſtehe Sie nicht.“ „Vergaßen Sie, was ich Ihnen von den Erſcheinungen in unſerer Famitie geſagt habe.“ „Sie haben Ihren Bruder wiedergeſehen!“ rief ich. „Ja.“ „Wann dies 2“ „In der Nacht vom 16. auf den 17.“ „Und er hat Ihnen Alles geſagt.“ „Alles.“ „Er hat Ihnen geſagt, er wäre todt?“ „Er hat mir geſagt, er ſei getödtet worden; die Tod en lügen nicht.“ „Er hat Ihnen geſagt, auf welche Art?“ „Im Duell“ „Durch wen?“ „Durch Herrn von Chateau⸗Renaud.“ „Nein, nicht wahr? nein,“ entgegnete ich.„Sie ha⸗ ben es auf eine andere Art erfahren.“ „Glauben Sie, ich ſei in der Stimmung, zu ſcherzen?“ „Verzeihen Sie doch in der That, was Sie mir ſa⸗ gen, iſt ſo ſeltſam, und Alles, was Ihnen begegnet, Ihnen und Ihrem Bruder, liegt ſo außerhalb der Geſetze rer „Daß Sie nicht daran glauben wollen, nicht wahr? ich begreife. Doch ſehen Sie,“ ſagte er, indem er das Hemd öffnete und mir ein blaues Mahl auf ſeiner Haut unter der ſechsten rechten Rippe zeigte,„werden Sie dem glauben?“ „In der Tha,“ rief ich,„es iſt richtig, auf dieſer Stelle wurde Ihr Bruder getroffen.“ „Und die Kugel iſt hier herausgekommen, nicht wahr?“ fuhr er fort, indem er den Finger über die linke Hüfte legte. „Das iſt wunderbar!“ rief ich. „Und ſoll ich Ihnen nun ſagen, zu welcher Stunde er geſtorben iſt?“ a⸗ 2 ſa⸗ en r? as ut em ſer 2. fte 113 „Sprechen Sie.“ „Um neun Uhr zehn Minuten.“ „Erzählen Sie mir Alles auf einmal: mein Geiſt verwirrt ſich, wenn ich Sie frage und Ihre phantaſtiſchen Antworten höre, eine Erzählung iſt mir lieber.“ „Oh! mein Gott, das iſt ganz einfach; an dem Tage, wo mein Bruder getödtet wurde, war ich ſehr frühe von Hauſe weggeritten, um unſere Schäfer in der Gegend von Carboni zu beſuchen; unter Weges ſchaute ich nach der Stunde und ſteckte dann meine Uhr wieder in die Taſche; in demſelben Augenblick erhielt ich einen ſo hefti⸗ gen Schlag an die Seite, daß ich ohnmächtig wurde. Als ich die Augen wieder öffnete, lag ich in den Armen von Orlandini, der mir Waſſer ins Geſicht ſpritzte. Mein Pferd ſtand vier Schritte von mir, ſtreckte die Nüſtern gegen mich aus und ſchnaubte. „„Nun,““ ſagte er,„was iſt Ihnen denn begegnet?““ „„Oh! mein Gott!““ erwiederte ich,„ich weiß es ſelbſt nicht; doch haben Sie nicht einen Schuß gehört?““ „Nein.“ „„Es iſt mir, als hätte mich ſo eben hier eine Kugel getroffen.““ Und ich zeigte ihm die Stelle, wo ich den Schmerz empfand. „Einmal,““ verſetzte er,„iſt weder ein Piſtolen⸗ noch ein Flintenſchuß gefallen, und dann haben Sie kein Loch in Ihrem Rock.““ „So iſt mein Bruder getödtet worden,““ erwie⸗ derte ich. „„Ah! das iſt etwas Anderes,“ rief er. Ich öffnete meinen Rock und fand das Mahl, das ich Ihnen vorhin zeigte: nur war es im erſten Augen⸗ blick wie blutig. „Ich fühlte mich ſo ſehr gelähmt durch den doppelten körperlichen und moraliſchen Schmerz, daß ich einen Augen⸗ blick verſucht war, nach Sullacaro zurückzukehren: doch ich dachte an meine Mutter, ſie erwartete mich erſt zum Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 8 1¹4 Abendbrod, ich hätte einen Grund für meine Rückkehr angeben müſſen, und wußte keinen. Andererſeits wollte ich ihr nicht ohne eine größere Gewißheit den Tod meines Bruders ankündigen. „Ich ſetzte alſo meinen Weg fort und kam erſt um ſechs Uhr Abends nach Hauſe. „Meine arme Mutter empfing mich wie gewöhnlich; es war klar, daß ſie nichts vermuthete. Sogleich nach dem Abendbrod begab ich mich in mein Zimmer. „Als ich durch den Ihnen bekannten Gang kam, löſchte mir der Wind meine Kerze aus. Ich wollte hinabgehen, um ſie wieder anzuzünden, da erblickte ich durch die Spalten der Thüre Licht im Zimmer meines Bruders. „Ich glaubte, Griffo hätte in dieſem Zimmer zu thun gehabt und die Lampe mitzunehmen vergeſſen. „Ich drückte die Thüͤre auf: eine Kerze brannte bei dem Bette meines Bruders, und auf dieſem Bett lag mein Bruder nackt und blutig. „Einen Augenblick, ich geſtehe es, blieb ich unbeweg⸗ lich vor Schrecken; dann näherte ich mich und berührte ihn; er war ſchon kalt. „Er hatte eine Kugel durch den Leib bekommen, an derſelben Stelle, wo ich den Schlag gefühlt, und einige Blutstropfen fielen aus den bläulichen Lefzen der Wunde. „Es unterlag für mich keinem Zweifel mehr, daß mein Bruder getödtet worden war. „Ich ſank auf die Kniee, ſtützte meinen Kopf an das Bett und verrichtete mit geſchloſſenen Augen mein Gebet. „Als ich meine Augen wieder öffnete, befand ich mich in der tiefſten Finſterniß; die Kerze war erloſchen, die Erſcheinung verſchwunden. „Ich betrachtete das Bett, es war leer. „Hören Sie, ich halte mich für ſo muthig als irgend Einen, doch ich geſtehe, als ich das Zimmer tappend ver⸗ ließ, ſträubten ſich meine Haare und der Schweiß trat auf meine Stirne. ehr„Ich ging hinab, um eine andere Kerze zu holen; lUte meine Mutter ſah mich und ſtieß einen Schrei aus. nes„„Was haſt Du denn?““ ſagte meine Mutter,„„und warum biſt Du ſo bleich.““ um„„Ich habe nichts,““ antwortete ich, nahm ein an⸗ deres Licht und ging wieder hinauf. ich;„Das Licht wurde nicht wieder ausgeblaſen und ich ach kehrte in das Zimmer meines Bruders zurück; diesmal war es leer. chte„Die Kerze war völlig verſchwunden; keine Laſt hatte hen, die Matratze des Bettes niedergedrückt. lten„Auf dem Boden lag meine erſte Kerze, die ich wie⸗ der anzündete. hun„Trotz dieſes Mangels an neuen Beweiſen, hatte ich genug geſehen, um überzeugt zu ſein. Um neun Uhr zehn bei Minuten Morgens war mein Bruder getödtet worden. nein„Ich ging in mein Zimmer und legte mich nieder. „Ich brauchte, wie Sie ſich denken können, lange, bis veg⸗ ich entſchlummerte; die Müdigkeit trug endlich den Sieg über hrte die Aufregung davon, und der Schlaf bemächtigte ſich meiner. „Dann ſetzte ſich Alles in Form eines Traumes fort, an ich ſah die Scene wie ſie vorgefallen war. Ich ſah den nige Mann, der ihn getödtet hat, ich hörte ſeinen Namen aus⸗ nde. ſprechen: er heißt Herr von Chateau⸗Renaud.“ daß„Ach! dies Alles iſt nur zu wahr,“ ſprach ich; „doch was machen Sie in Paris?“ das„Ich will denjenigen tödten, welcher meinen Bruder ebet. getödtet hat.“ mi„Ihn tödten?“ die„Oh! ſeien Sie unbeſorgt, nicht auf corſiſche Weiſe, hinter einer Hecke hervor vder über eine Mauer: nein, uuf franzöſiſche Manier, mit weißen Handſchuhen, Jabot gend und Manchetten.“ ver⸗„Und Frau von Franchi weiß, daß Sie in dieſer Ab⸗ trat ſcicht a Paris gekommen ſind?“ „Ja.“ „Und ſie hat Sie abreiſen laſſen?“ 116 „Sie küßte mich auf die Stirne und ſagte:„„Gehe!““ Meine Mutter iſt eine wahre Corſin.“ „Und Sie ſind gekommen?“ „Hier bin ich.“ „Doch als er noch lebte, wollte Ihr Bruder nicht gerächt werden.“ „Nun!“ ſprach Lucian bitter lächelnd,„ſeitdem er todt iſt, wird er ſeine Anſicht geändert haben.“ In dieſem Augenblick brachte der Kammerdiener das Abendbrod; wir ſetzten uns zu Tiſche. Lucian aß wie ein von jeder Sorge freier Mann. Nach dem Abendbrod führte ich ihn in ſein Zimmer, er dankte mir, drückte mir die Hand und wünſchte mir eine gute Nacht. Es war die Ruhe, die bei ſtarken Seelen auf einen unerſchütterlichen Entſchluß folgt, den ſie gefaßt haben. Am andern Morgen trat er bei mir ein, ſobald ihm mein Bedienter geſagt hatte, ich wäre ſichtbar. „Wollen Sie mich nach Vincennes begleiten?“ fragte er.„Es iſt eine fromme Pilgerfahrt, die ich zu machen gedenke; haben Sie keine Zeit, ſo werde ich allein gehen“ „Wie, allein! Und wer wird Ihnen den Platz be⸗ zeichnen?“ „Oh! ich werde ihn wohl finden; habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich ihn im Traum geſehen?“ Ich war begierig, zu erfahren, wie weit dieſe innere Anſchauung ging. 1 „Es iſt gut, ich werde Sie begleiten,“ ſagte ich. „Nun wohl, ſo machen Sie ſich bereit, während ich an Giordano ſchreibe; Sie werden mir erlauben, daß ich durch Ihren Kammerdiener den Brief beſtellen laſſe?“ „Er ſteht ganz zu Ihrer Verfügung.“ „Ich danke.“ Er ging hinaus und kam nach zehn Minuten wieder zurück; ich hatte ein Cabrivlet holen laſſen; wir ſtiegen ein und fuhren nach Vincennes. Als wir auf den Kreuzweg kamen, ſagte Lucian: „Nicht wahr, wir nähern uns 2* e— 8 8—) ———— —— —„0— t er 16 in d ir en m te en . en re ich er en 117 „Ja, zwanzig Schritte von hier ſind wir damals in den Wald eingetreten.“ „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſprach der junge Mann, das Cabriolet anhaltend. Es war ſo. Lucian trat in den Wald, ohne zu zögern und als ob er ſchon zwanzigmal hier geweſen wäre. Er ging ge⸗ rade auf die Hohlung zu und vrientirte ſich einen Augen⸗ blick, als er ſie erreicht hatte; dann ſchritt er bis zu dem Platz, wo ſein Bruder gefallen war, neigte ſich ein wenig und ſagte, als er eine röthliche Platte bemerkte: „Es iſt hier.“ Dann ſenkte er langſam den Kopf und küßte mit den Lippen den Raſen. Bald erhob er ſich wieder mit entflammtem Auge, durchſchritt die ganze Tiefe der Hohlung bis zu der Stelle, wo Herr von Chateau⸗Renaud geſchoſſen hatte, ſtampfte mit dem Fuße und ſprach: „Hier ſtand er, hier werden Sie ihn morgen nieder⸗ geſtreckt ſehen.“ „Wie! morgen?“ „Ja; entweder iſt er ein Feiger, oder er gibt mir morgen Genugthuung.“ „Aber, mein lieber Lucian,“ ſagte ich,„in Frank⸗ reich iſt es, wie Sie wiſſen, Gewohnheit, daß ein Duell keine andere Folgen, als die natürlichen dieſes Duells nach ſich zieht. Herr von Chateau⸗Renaud hat ſich mit Ihrem Bruder geſchlagen, den er herausgefordert, doch er hat nichts mit Ihnen zu thun.“ „Ah! wahrhaftig, Herr von Chateau⸗Renaud hatte das Recht, meinen Bruder herauszufordern, weil mein Bruder ſeine Unterſtützung einer Fran angeboten, die er feige hintergangen, Ihrer Anſicht nach hatte er das Recht, meinen Bruder herauszufordern! Herr von Chateau⸗Re⸗ naud hat meinen Bruder getödtet, der nie zuvor eine Piſtole berührt, er hat ihn mit eben ſo viel Sicherheit getödtet, als wenn er auf jenes Reh geſchoſſen, das uns anſchaut, und ich, ich ſollte nicht das Recht haben, Herrn von Chateau⸗Renaud herauszufordern?“ Ich neigte das Haupt, ohne zu antworten. „Uebrigens haben Sie mit dem Allem nichts zu thun,“ fuhr er fort.„Seien Sie ruhig, ich habe dieſen Morgen an Giordano geſchrieben, und wenn wir nach Paris zurückkommen, iſt Alles geordnet. Glauben Sie denn, daß Herr von Chateau⸗Renaud meinen Vorſchlag zurückweiſen wird?“ „Herr von Chateau⸗Renaud ſteht leider ſo ſehr im Ruf des Muthes, daß es mir nicht geſtattet iſt, den ge⸗ ringſten Zweifel in dieſer Hinſicht zu haben.“ „Dann geht Alles auf das Beſte,“ ſagte Lucian. „Laſſen Sie uns frühſtücken.“ Wir kehrten in die Allee zurück und ſtiegen wieder in das Cabrivlet. „Kutſcher,“ ſagte ich,„Rue de Rivoli.“ „Nein,“ verſetzte Lucian,„ich führe Sie zum Früh⸗ ſtück. Kutſcher, in das Café de Paris. Nicht wahr, mein Bruder pflegte dieſes Haus zu beſuchen?“ „Ich glaube.“ „Uebrigens habe ich Giordano dahin beſchieden.“ „In das Café de Paris alſo.“ Eine halbe Stunde nachher waren wir vor der Thüre des Reſtaurant. Der Eintritt von Lucian war ein neuer Beweis für die ſeltſame Aehnlichkeit zwiſchen ihm und ſeinem Bruder. Das Gerücht von dem Tod von Luigi hatte ſich verbrei⸗ tet, es iſt wahr, vielleicht nicht in allen ſeinen Einzeln⸗ heiten; doch es hatte ſich verbreitet, und die Erſcheinung von Lucian ſchien Jedermann in Erſtaunen zu ſetzen. Ich verlangte ein Cabinet und ſagte, man möge den Baron Giordano zu uns ſchicken. Man gab uns ein Zimmer nach hinten zu. Lucian las die Zeitungen mit einer Kaltblütigkeit, welche der Un⸗ empfindlichkeit glich. Als wir mitten im Frühſtück be⸗ griffen waren, trat Giordano ein. ⸗ r, re ir n⸗ n n⸗ e⸗ 119 Die zwei jungen Leute hatten ſich ſeit vier oder fünf Jahren nicht geſehen; ein Händedruck war die einzige gegenſeitige Freundſchaftsbezeigung. „Alles iſt geordnet,“ ſagte Giordano. „Herr von Chateau⸗Renaud nimmt an?“ „Ja, doch unter der Bedingung, daß man ihn nach Ihnen in Ruhe laſſe.“ „Oh! er mag unbeſorgt ſein. Ich bin der letzte der Franchi. Haben Sie ihn geſehen oder die Zeugen?“ „Ihn ſelbſt. Er hat es übernommen, die Herren von Boiſſy und Chateaugrand zu benachrichtigen. Was die Waffen, die Stunde und den Ort betrifft, ſo ſoll es ge⸗ halten werden, wie bei Ihrem Bruder.“ „Gut.. ſetzen Sie ſich und frühſtücken Sie.“ Der Baron ſetzte ſich und man ſprach von anderen Dingen. Nach dem Frühſtück bat uns Lucian, ihn von dem Polizeicommiſſär, der die Siegel angelegt, und von dem Eigenthümer des Hauſes, das ſein Bruder bewohnt hatte, anerkennen zu laſſen: er wollte in dem Zimmer von Luigi die letzte Nacht zubringen, die ihn von ſeiner Rache trennte. Die hiezu erforderlichen Schritte nahmen einen Theil des Tages weg und Lucian konnte erſt gegen fünf Uhr Abends in die Wohnung ſeines Bruders. Wir ließen ihn allein; der Schmerz hat ſeine Ver⸗ ſchämtheit, die man achten muß. Lucian beſchied uns auf den andern Tag um acht Uhr, wobei er mich bat, dieſelben Piſtolen zu bringen und ſie ſogar zu kaufen, wenn ſie käuflich wären. Ich begab mich ſogleich zu Devisme, und der Han⸗ del wurde um ſechs hundert Franken abgeſchloſſen. Am andern Morgen um drei Viertel auf acht Uhr war ich bei Lucian. Als ich eintrat, ſaß er an demſelben Platz und ſchrieb an demſelben Tiſch, wo ich ſeinen Bruder ſchrei⸗ bend gefunden hatte. 120 Er hatte ein Lächeln auf den Lippen, obgleich er ſehr bleich war. „Guten Morgen,“ ſagte er,„ich ſchreibe an meine Mutter.“ „Ich hoffe, Sie theilen ihr eine minder traurige Kunde mit, als die, welche ihr vor acht Tagen von Ih⸗ rem Bruder mitgetheilt wurde.“ „Ich ſchreibe ihr, daß ſie ruhig für ihren Sohn beten könne und daß er gerächt ſei.“ „Wie können Sie mit dieſer Gewißheit ſprechen?“ „Hat Ihnen mein Bruder nicht zum Voraus ſeinen Tod verkündigt?... Ich verkündige Ihnen zum Voraus den von Chateau⸗Renaud. Hören Sie,“ ſagte er, indem er aufſtand und mich am Schlaf berührte,„meine Kugel ſoll ihn an dieſer Stelle treffen.“ „Und Sie?“ „Er trifft mich nicht.“ „Aber warten Sie doch wenigſtens den Ausgang des Duells ab, um dieſen Brief wegzuſchicken.“ „Das iſt ganz unnöthig.“ Er läutete. Der Kammerdiener erſchien. „Joſeph,“ ſagte er,„bringen Sie dieſen Brief auf die Poſt.“ „Sie haben alſo Ihren Bruder wiedergeſehen?“ rief ich. „Ja,“ ſprach Lucian. Es lag etwas Seltſames in dieſen zwei Duellen hin⸗ ter einander, wobei einer von den Gegnern vorher verur⸗ theilt war. Mittlerweile kam der Baron Giordano. Lucian hatte ſo große Eile und trieb den Kutſcher dergeſtalt an, daß wir zehn Minuten vor der beſtimmten Stunde an Ort und Stelle waren. Unſere Gegner kamen gerade um neun Uhr. Sie waren alle drei zu Pferde, und es folgte ihnen ein Bedienter ebenfalls zu Pferde. Herr von Chateau⸗Renaud hatte ſeine Hand im Rock, ne ge h⸗ hn en us m el uf 2 n⸗ r⸗ 124 ich glaubte Anfangs, er trüge den Arm in der inde. Zwanzig Schritte von uns ſtiegen die Herren ab und warfen die Zügel ihrer Pferde dem Bedienten zu. Herr von Chateau⸗Renaud blieb zurück, ſchaute jedoch nach Lucian; ſo entfernt wir von ihm waren, ſah ich ihn doch erbleichen. Er wandte ſich um und beluſtigte ſich damit, daß er mit der Reitpeitſche, die er in der Hand hielt, die kleinen Blumen vom Raſen hieb. „Wir ſind an Ort und Stelle, meine Herren,“ ſag⸗ ten die Herren von Chateaugrand und von Boiſſy.„Sie kennen unſere Bedingungen: es muß dies das letzte Duell ſein, und wie es auch ausgehen mag, Herr von Chateau⸗ Renaud iſt nicht verantwortlich für das doppelte Re⸗ ſuitat.“— „Abgemacht,“ erwiederten wir. Lucian verbeugte ſich zum Zeichen der Einwilligung. „Sie haben Waffen, meine Herren?“ fragte der Vi⸗ comte von Chateaugrand. „Dieſelben.“ „Und ſie ſind Herrn von Franchi unbekannt?“ „Noch viel mehr als Herrn von Chateau⸗Renaud. Herr von Chateau⸗Renaud hat ſich derſelben einmal be⸗ dient. Herr von Franchi hat ſie noch gar nicht geſehen.“ „Es iſt gut, meine Herren. Komm, Chateau⸗Re⸗ naud.“ Sogleich traten wir in den Wald, ohne ein Wort zu ſprechen: wir hatten uns kaum von der Scene erholt, deren Schauplatz wir wiederſehen ſollten, und Jeder von uns fühlte, es würde etwas nicht minder Furchtbares vorgehen. Wir kamen auf die Hohlung. Mit großer Selbſtbeherrſchung ausgerüſtet, ſchien Herr von Chateau⸗Renaud ruhig; doch diejenigen, welche ihn bei dieſen beiden Vorfällen geſehen hatten, konnten dennoch den Unterſchied wahrnehmen. Von Zeit zu Zeit warf er einen verſtohlenen Blick 122 auf Lucian, und dieſer Blick drückte eine Unruhe aus, welche dem Schrecken glich. Vielleicht war es die große Aehnlichkeit der zwei Brüder, was ihn erſchütterte, und er glaubte in Lucian den rächenden Schatten von Luigi zu erblicken. Während man die Piſtolen lud, ſah ich ihn endlich ſeine Hand aus dem Rock ziehen; ſie war in ein naſſes Sacktuch gewickelt, das die fieberhaften Bewegungen be⸗ ſäuftigen ſollte. Lucian wartete mit feſtem, ruhigem Auge, wie ein Menſch, der ſeiner Rache ſicher iſt. Ohne daß man ihm ſeinen Platz bezeichnete, nahm Lucian den, wo ſein Bruder getödtet worden war, was natürlich Herrn von Chateau⸗Renaud nöthigte, die Stelle zu wählen, die er früher inne gehabt hatte. Lucian nahm ſeine Waffe mit einem Lächeln der Freude. Bis dahin bleich, wurde Herr von Chateau⸗ Renaud, als er die ſeinige ergriff, leichenfarbig. Dann fuhr er mit ſeiner Hand zwiſchen ſeine Halsbinde und ſeinen Hals, als ob ihn die Binde erſtickte. Man kann ſich keinen Begriff von dem Gefühl un⸗ willkührlichen Schreckens machen, mit dem ich dieſen jungen, ſchönen, reichen, eleganten Mann anſchaute, der am Morgen zuvor noch lange Jahre zu leben glaubte, und heute den Schweiß auf der Stirne, die Angſt im Herzen, ſich verurtheilt fühlte. „Sind Sie bereit?“ fragte Herr von Chateaugrand. „Ja,“ antwortete Lucian. Herr von Chateau⸗Renaud machte ein beſtätigendes Zeichen. Ich meinerſeits wandte mich um. „Ich hörte die zwei auf einander folgenden Schläge in die Hand, und bei dem dritten den Knall der zwei Piſtolen. Als ich mich wieder der Scene zuwandte, war Herr von Chateau⸗Renaud auf dem Boden ausgeſtreckt, todt, 123 ohne einen Seufzer ausgeſtoßen, ohne eine Bewegung ge⸗ macht zu haben. Ich näherte mich ihm, angetrieben durch die un⸗ überwindliche Neugierde, die uns eine Kataſtrophe bis zum Ende zu verfolgen hinreißt; die Kugel war in den Schlaf gerade an der Stelle eingedrungen, die mir Lucian bezeichnet hatte. Ich lief auf ihn zu; er war ruhig und unbeweglich geblieben; als er mich in ſeinem Vereiche ſah, ließ er ſeine Piſtole fallen und warf ſich in meine Arme. „Oh! mein Bruder! mein armer Bruder!“ rief er. Und er brach in ein Schluchzen aus. Dies waren die erſten Thränen, die der junge Mann vergoſſen hatte. rſichte eines Soien von ihm ſelbſt erzählt. An einem Decemberabend befanden wir uns zu drei in dem Atelier eines Malers; das Wetter war trübe und kalt und der Regen ſchlug mit ſeinem beſtändigen, mono⸗ tonen Geräuſch an die Fenſter. Das ungeheure Atelier wurde nur ſchwach von dem Feuer eines Ofens beleuchtet, um den wir uns gruppirt hatten. Obgleich wir insge⸗ ſammt jung und heiter waren, hatte doch das Geſpräch unwillkührlich einen Wiederſchein von dem traurigen Abend angenommen und bald war man mit den luſtigen Worten zu Ende. Einer von uns unterhielt beſtändig eine bläu⸗ liche Punſchflamme, welche auf alle Gegenſtände umher ein phantaſtiſches Licht warf. Die großen Anlagen, die Chriſtusbilder, die Madonnen, die Bacchantinnen ſchienen ſich zu bewegen und an der Wand hin zu tanzen, wie in demſelben grünlichen Tone vermengte Leichname.“ Der weite, in dem Lichte der Schöpfungen des Malers ſtrahlende, von ſeinen Träumen beſtirnte Saal hatte in der Dunkelheit dieſes Abends einen ſeltſamen Charakter angenommen. So oft der ſilberne Löffel wieder in die Bowle mit dem entzündeten Getränke fiel, zeichneten ſich die Ge⸗ genſtände an den Mauern ab mit unbekannten For⸗ men, mit unerhörten Tinten, von den alten Propheten mit dem weißen Bart bis auf jene Caricaturen, mit denen ſich die Wände der Ateliers bevölkern und die nun ein Heer von Dämonen zu ſein ſchienen, wie man ſie im Traume ſieht vder wie ſolche Goya gruppirte. Digbeüge⸗ kalte Ruhe * 3 128 außen vervollſtändigte das Phantaſtiſche im Innern. Man füge dem bei, daß wir uns, ſo oft wir einander bei dieſer Helle eines Augenblicks betrachteten, mit graugrünen Ge⸗ ſichtern, die Augen ſtarr und glänzend wie Karfunkel, die Lippen bleich und die Wangen hohl erſchienen; das Schreck⸗ lichſte aber hiebei war eine Gypsmaske, welche man nach einem kürzlich erſt geſtorbenen Freunde von uns gegoſſen hatte; dieſe Maske war in der Nähe des Fenſters aufge⸗ hängt und empfing zu drei Viertheilen den Refler des Punſches, was ihr eine ſeltſam höhniſche Phyſiognomie verlieh. Jedermann hat, wie wir, an ſich den Einfluß der großen, finſteren Säle erfahren, wie ſie Hoffmann ſchildert und Rembrandt malt. Jedermann hot einmal wenigſtens jene Furcht ohne Urſache, jenen unwillkührlichen Schauer beim Anblick von Gegenſtänden erlebt, denen der bleiche Strahl des Mondes oder das zweifelhafte Licht einer Lampe eine geheimnißvolle Form verleiht; Jedermann hat ſich in einem düſteren, großen Zimmer befunden an der Seite eines Freundes ſitzend, auf irgend eine unwahr⸗ ſcheinliche Geſchichte horchend, von einem geheimen Schrecken ergriffen, welchen man ſogleich aufhören laſſen kann, denn man darf nur eine Lampe anzünden oder von anderen Dingen ſprechen, was man zu thun ſich wohl hütet, ſo ſehr bedarf unſer armes Herz der Aufregungen, mögen ſie wahr oder falſch ſein. An dieſem Abend alſo waren wir, wie geſagt, zu drei. Das Geſpräch wählt bekanntlich nie eine gerade Linie, um zu ſeinem Ziele zu gelangen, und ſo hatte es auch hier alle Phaſen der Gedanken von uns zwanzig⸗ jährigen jungen Leuten durchlaufen, war bald leicht ge⸗ weſen wie der Rauch unſerer Cigarren, bald heiter wie die Flamme des Punſches, bald düſter wie das Lächeln der Gypsmaske. Wir waren ſo weit gelangt, daß wir von gar nichts mehr ſprachenz die Cigarren, welche den Bewegungen der Köpfe und Hände folgten, glänzten wie drei im Glorien; offenbar mußte der — S S 8S S v8— 8 N8—— ie ir n ie er 129 Etſte, der den Mund öffnete und dieſes Stillſchweigen unterbtach, und ſollte es auch eines Scherzes wegen ge⸗ ſchehen, den zwei Andern einen kurzen Schrecken verur⸗ ſachen, ſo ſehr war Jeder für ſich in eine nachdenkende Träumerei verſunken. „Heinrich,“ ſprach derjenige, welcher den Punſch brennen ließ, ſich an den Maler wendend,„haſt Du Hoff⸗ mann geleſen?“ „Ich meine wohl,“ antwortete Heinrich. „Und was denkſt Du von ihm?“ „Ich denke, ſeine Werke ſind bewunderungswürdig, und dies um ſo mehr, als derjenige, welcher dieſelben ſchrieb, offenbar an das, was er ſchrieb, glaubte; ich für meine Perſon weiß, daß ich, wenn ich Abends etwas von ihm las, häufig mich niederlegte, ohne mein Buch zu ſchließen und ohne daß ich hinter mich zu ſchauen wagte.“ „Du liebſt alſo das Phantaſtiſche2“ „Ungemein.“ „Und Duk“ fragte er, ſich an mich wendend. „Ich ebenfalls.“ „Wohl, ſo will ich Euch eine phantaſtiſche Geſchichte erzählen, welche mir begegnet iſt.“ „Dies konnte nicht anders endigen. erzähle.“ „Es iſt eine Geſchichte, die Dir ſelbſt begegnet iſt?“ verſetzte ich. „Mir ſelbſt.“ „Nun, ſo erzähle, ich bin heute geneigt, Alles zu glauben.“ „Du kannſt dies um ſo eher, als ich mit meiner Ehre dafür bürge, daß ich der Held dieſer Begebenheit bin.“ „Gut, beginne, wir hören.“ Er ließ den Löffel in die Bowle fallen, die Flamme erloſch allmählig und wir blieben in völliger Finſterniß, nur unſere Beine waren vom Feuer des Ofens beleuchtet. Er fing an: „Eines Abends, vor etwa einem Jahre, war gerade Eine corſiſche Familie u. ſ w. 9 130 dasſelbe Wetter wie heute: dieſelbe Kälte, derſelbe Regen, dieſelbe Traurigkeit. Ich hatte viele Kranke, und nachdem ich meinen letzten Beſuch gemacht, ließ ich mich, ſtatt einen Augenblick die italieniſche Oper zu beſuchen, wie dies meine Gewohnheit war, nach Hauſe fahren. Ich wohnte in einer der ödeſten Straßen des Faubvurg Saint⸗Germain. Sehr ermüdet, legte ich mich raſch zu Bette, löſchte meine Lampe aus und unterhielt mich eine Zeit lang damit, daß ich das im Kamin brennende Feuer beobachtete, wie es große Schatten auf meinem Bettvorhange tanzen ließ; endlich ſchloßen ſich meine Augen und ich entſchlummerte. Ich mochte ungefähr eine Stunde geſchlafen haben, als ich fühlte, daß mich eine Hand kräftig ſchüttelte. Ich er⸗ wachte plötzlich wie ein Menſch, der lange zu ſchlafen hoffte, und beſchaute mir ganz erſtaunt meinen nächtlichen Beſuch. Es war mein Diener.. „„Mein Herr,““ ſagte er zu mir,„„ſtehen Sie ſogleich auf, man will Sie zu einer jungen Dame holen, welche im Sterben liegt.““ „„Wo wohnt dieſe junge Dame?““ fragte ich. „„Beinahe gegenüber. Der Menſch, welcher hier iſt, um Sie zu rufen, wird Sie führen.““ „Ich ſtand ſogleich nuf und kleidete mich haſtig an, denn ich dachte, die Stunde und die Umſtände würden meinen Anzug entſchuldigen, nahm meine Lancette und folgte dem Mann, den man mir geſchickt hatte. „Es regnete in Strömen. Glücklicher Weiſe hatte ich nur über die Straße zu gehen und war ſogleich bei der Perſon, welche meinen Beiſtand forderte. Sie be⸗ wohnte ein ſehr anſehnliches ariſtokrotiſches Hotel. Ich 5 durchſchritt einen großen Hof, ſtieg die Stufen einer Frei⸗ treppe hinauf und ging durch ein Vorhaus, wo Bedien⸗ ten meiner warteten; man ließ mich noch einen Stock hinaufſteigen und ich befand mich bald in dem Zimmer der Kranken. Es war ein großes, ganz mit alten Meu⸗ bles von ſchwarzem geſchnitztem Holze ausgeſtattetes Ge⸗ mach. Eine Frau führte mich in dieſes Zimmer ein . n, m en ne in n. ne aß 5 te. s er⸗ fen en Sie en, ier an, den ind tte bei be⸗ Ich rei⸗ en⸗ tock mer eu⸗ e⸗ ein 131 wohin uns Niemand folgte. Ich ging geraden Wegs auf ein großes Säulenbett zu, das mit einem alten, reichen Seidenſtoffe behängt war, und ſah auf dem Kiſſen den reizendſten Madonnenkopf, den ſich je Raphael geträumt haben mag. Haare ſo golden wie eine Welle des Paktolos entrollten ſich um ein Geſicht von engeliſcher Rundung;z ihre Augen waren halb geſchloſſen, der leicht geöffnete Mund ließ eine doppelte Reihe von Perlen ſehen; ihr Hals war von einer blendenden Weiße und von tadelloſer Reinheit in ſeinen Linien; was man bei dem etwas vor⸗ geſchobenen Hemde von der Bruſt zu erſchauen vermochte, war ſo ſchön, daß ein heiliger Antonius darüber hätte in Verſuchung gerathen können, und als ich ihre Hand er⸗ griff, erinnerte ſie mich an die weißen Arme, welche Homer ſeiner Juno gibt. Kurz, dieſe Frau war das Muſterbild des chriſtlichen Engels und der heidniſchen Göttin; Alles offenbarte an ihr die Reinheit der Seele und die Gluth der Sinne; ſie hätte als Modell für eine heilige Jung⸗ frau oder für eine leichtfertige Baechantin dienen, einen Weiſen zur Tollheit verleiten oder einem Gottesläugner den Glauben geben können; und nachdem ich mich ihr völlig genähert hatte, fühlte ich, durch die Hitze des Fie⸗ bers, den aus allen Wohlgerüchen der Blumen zuſammen⸗ ſe geheimnißvollen Duft, welchen die Frau aus⸗ römt. „Ich vergaß ganz und gar, was mich hierher geführt hatte, ſchaute ſie an wie eine Offenbarung und fand weder in meinen Erinnerungen, noch in meinen Träumen etwas Aehnliches, als ſie plötzlich den Kopf gegen mich umdrehte, ihre großen blauen Augen öffnete und zu mir ſagte: „„Ich leide ſehr.““ „Sie hatte indeſſen beinahe nichts; ein Aderlaß, und ſie war gerettet. „Ich nahm meine Lancette, aber in dem Augenblick, wo ich den ſo ſchönen, ſo weißen Arm berühren wollte, zitterte meine Hand; der Arzt trug jedoch den Sieg über den Menſchen davon. Sobald ich die Ader geöffnet hatte, ſtrömte Blut ſo rein wie flüſſige Koralle hervor, und ſie ſank in Ohnmacht. „Ich wollte ſie nicht verlaſſen und blieb auch bei ihr. Es bereitete mir ein geheimes Glück, das Leben die⸗ ſer Frau in meinen Händen zu halten. Ich ſtillte das Blut; ſie öffnete allmählig die Augen, legte die Hand, welche ſie frei hatte, an ihre Bruſt, wandte ſich gegen mich um, und ſchaute mich mit einem von jenen Blicken an, welche verdammen oder erlöſen. „„Ich danke,““ ſprach ſie zu mir,„„ich leide weniger.““ „Es herrſchte ſo viel Wolluſt, Liebe und Leidenſchaft um ſie her, daß ich an meinen Platz feſtgebannt war, jeden Schlag ihres Herzen an den Schlägen des meinigen zählte, auf ihr noch etwas fieberhaftes Athemholen horchte und mir ſagte, wenn etwas vom Himmel auf Erden wäre, ſo müßte es die Liebe dieſer Frau ſein. „Sie entſchlummerte. „Ich kniete beinahe auf den Stufen ihres Bettes wie ein Prieſter am Altar. Eine am Plafond hängende Ala⸗ baſterlampe warf ein bezauberndes Licht auf alle Gegen⸗ ſtände. Ich war allein bei ihr. Die Frau, welche mich eingeführt hatte, war weggegangen, um zu verkünden, daß ſich ihre Gebieterin beſſer befinde und Niemand mehr brauche. Ihre Gebieterin lag wirklich da, ruhig und ſchön wie ein in ſeinem Gebet entſchlummerter Engel. Ich aber war wahnſinnig vor Liebe. „Indeſſen konnte ich nicht die ganze Nacht in dieſem Zimmer bleiben. Ich entfernte mich alſo ebenfalls ſo ge⸗ räuſchlos als möglich, um ſie nicht aufzuwecken, gab noch einige Vorſchriften in Beziehung auf die Pflege der Kran⸗ ken und ſagte, ich würde am andern Tage wiederkommen. „Als ich wieder zu Hauſe war, wachte ich nur an ſie denkend. Ich begriff, die Liebe dieſer Frau müßte ein ewiger Zauber in Leidenſchaft und Traum beſtehend ſeinz ſie müßte züchtig ſein wie eine Heilige und leidenſchaftlich wie eine Cvurtiſanez ich errieth, daß ſie vor der We „— i ⸗ 6 d, de ft ) en te te, 133 alle Schätze ihrer Schönheit verbergen und ihrem Gelieb⸗ ten ſich unverhüllt und ohne allen Rückhalt hingeben mußte; kurz die Erinnerung an ſie verzehrte meine Nacht, und als der Tag erſchien, war ich raſend verliebt. „Doch nach den tollen Gedanken einer aufgeregten Nacht kamen die Betrachtungen. Ich ſagte mir, es trenne mich vielleicht eine unüberſteigbare Kluft von dieſer Frau; ſie ſei zu ſchön, um nicht einen Geliebten zu haben; ſie müſſe zu ſehr geliebt werden, um ihn vergeſſen zu können, und ohne ihn zu kennen, fing ich an, dieſen Menſchen zu haſſen, dem Gott ſo viel Seligkeit in der Welt gegeben, daß er ohne zu murren eine Ewigkeit von Schmerzen zu ertragen vermöchte. „Ungeduldig harrte ich der Stunde entgegen, wo ich mich bei ihr einfinden konnte, und die Zeit, welche ich mit Warten zubrachte, kam mir wie ein Jahrhundert vor. ſchlug die Stunde und ich entfernte mich von auſe. „Als ich in ihr Hotel kam, führte man mich in ein Boudvir von vortrefflichem Geſchmack, von wüthendem Rococo, von leidenſchaftlichem Pompadour. Sie war allein und las. Ein langes Gewand von ſchwarzem Sammet umſchloß ſie feſt zugeneſtelt von oben bis unten und ließ nur, wie bei den Jungfrauen von Peruginv, die Hände und den Kopf ſehen; ſie trug eoquettiſch den Arm, an welchem ich ihr zur Ader gelaſſen hatte, in einer Binde und ſtreckte vor dem Feuer ihre zwei kleinen Füße aus, welche nicht gemacht zu ſein ſchienen, um auf Erden zu gehen. Kurz, dieſe Frau war ſo vollkommen ſchön, daß Gott ſie der Welt offenbar als eine Skizze von ſeinen Engeln gegeben hatte. „Sie reichte mir die Hand und hieß mich an ihre Seite ſitzen. „„So bald aufgeſtanden, Madame!““ ſagte ich,„„Sie ſind unvorſichtig.““ „„Nein, ich bin ſtark,““ erwiederte ſie lächelnd,„ich habe gut geſchlafen und war überdies nicht krank.“ 134 „Sie ſagten doch, Sie litten?““ „„Mehr im Geiſte, als im Körper.““ „„Haben Sie einen Kummer, Madame?““ „„Oh! einen tiefen.„ Zum Glück iſt Gott auch Arit und hat ein Univerſalmittel gefunden, die Vergeſſen⸗ heit. „Aber es gibt Schmerzen, welche tödten,“ entgeg⸗ nete ich. „Nun! der Tod oder die Vergeſſenheit, iſt das nicht vasſelbe? der eine iſt das Grab des Körpers, die andere das Grab des Herzens.““ „„Aber Sie, Madame, wie können Sie einen Kum⸗ mer haben? Sie ſind zu erhaben, als daß er ſie erreichen könnte, und die Schmerzen müſſen unter Ihren Füßen hin⸗ ziehen wie die Wolken unter den Füßen Gottes. Für uns die Stürme, für Sie die Heiterkeit.“ „„Sie täuſchen ſich,““ erwiederte ſie,„„und das dient mir zum Beweiſe, daß Ihre ganze Wiſſenſchaft hier beim Herzen aufhört.“ „Wohl, ſo ſuchen Sie zu vergeſſen, Madame, zu⸗ weilen geſtattet Gott, daß eine Freude auf den Schmerz, ein Lächeln auf Thränen folgt; und wenn das Herz des Leidenden zu leer iſt, um ſich ganz allein zu füllen, wenn die Wunde zu tief iſt, um ſich ohne Beiſtand zu ſchließen, ſo ſchickt er auf den Weg der Seele, die er tröſten will, eine andere Seele, welche ſie verſteht, und es kommt ein Augenblick, wo das leere Herz ſich abermals füllt, wo die Wunde vernarbt.““ „„Und was für ein Dictam iſt es, mit welchem Sie die Wunde heilen würden?““ „„Das kommt auf die Beſchaffenheit der Kranken an, den Einen würde ich den Glauben, den Anderen die Liebe rathen.““ „„Sie haben Recht,““ ſprach ſie,„es ſind dies die zwei barmherzigen Schweſtern der Seele.““ „Es trat ein ziemlich langes Stillſchweigen ein, das ich dazu benützte, dieſes göttliche Antlitz, auf welches die es en, ill, ein die Sie ken die die das die 135 durch die ſeidenen Vorhänge einſtrömende Halbbeleuchtung bezaubernde Tinten warf, und die goldenen Haare zu be⸗ wundern, die nun nicht mehr, wie am Abend zuvor, frei in Wellen herabfielen, ſondern an den Schläfen geglättet und hinter dem Kopfe durch ſich ſelbſt eingezwängt waren. „Das Geſpräch hatte ſchon Anfangs eine ſo traurige Wendung genommen; dieſe Frau erſchien mir auch noch ſtrahlender, als das erſte Mal, mit ihrer dreifachen Krone von Schönheit, Leidenſchaft und Schmerz. Gott hatte ſie durch das Märtyrthum vollkommen gemacht, und der⸗ jenige, welchem ſie ihre Seele ſchenkte, übernahm die doppelte und doppelt heilige Aufgabe, ſie die Vergangen⸗ heit vergeſſen und auf die Zufunft hoffen zu laſſen. „Ich blieb ihr gegenüber nicht mehr wahnſinnig ver⸗ liebt, wie ich es am Abend vorher vor ihrem Fieber ge⸗ wefen war, ſondern gleichſam geſammelt vor ihrer Re⸗ ſignativn. Hätte ſie ſich mir in dieſem Augenblick geſchenkt, ich wäre ihr zu Füßen gefallen; ich hätte ihre Hände er⸗ griffen und wie mit einer Schweſter, den Engel achtend und die Frau tröſtend, geweint. „Doch was für ein Schmerz war es, den man ver⸗ geſſen machen ſollte, wer hatte die noch blutende Wunde geſchlagen? Das war es, was ich nicht wußte, was ich errathen ſollte; denn zwiſchen der Kranken und dem Arzte fand genug Vertraulichkeit ſtatt, daß ſie mir das Vorhan⸗ denſein eines Kummers zugeſtand, aber noch nicht genug, daß ſie mir die Urſache deſſelben nannte. Nichts in ihrer Umgebung konnte mich auf die Fährte bringen; am Abend war Niemand an ihr Bett gekommen, um eine Sorge für ſie zu voffenbaren, ſie zu pflegen, am Morgen fand ſich Niemand ein, um ſie zu beſuchen; dieſer Schmerz mußte alſo bereits in der Vergangenheit liegen und ſich nur in der Gegenwart wiederſtrahlen. „„Doctor,““ ſagte ſie plötzlich, aus ihrer Träumerei erwachend,„ich werde bald tanzen können.“ „„Ja, Madame,““ antwortete ich etwas erſtaunt über dieſen Uebergang. „Ich muß einen längſt erwarteten Ball geben,““ ſprach ſie;„nicht wahr, Sie kommen dazu?. Sie müſſen eine ſchlimme Meinung von meinem Schmerze haben, der mich, während er mich bei Tag in Träume verſenkt, nicht abhält, bei Nacht zu tanzen. Sehen Sie, es gibt Leiden, die man in das Innerſte ſeines Herzens zurückdrängen muß, damit die Welt nichts davon wahrnehmen kann; es gibt Qualen, die man mit einem Lächeln maskiren muß, damit Niemand ſie erräth; ich will meinen Kummer für mich behalten, wie ein Anderer ſeine Freude behalten würde. Dieſe Welt, welche mich beneidet und eiferſüchtig auf mich iſt, weil ſie mich ſchön ſieht, hält mich für glücklich, und ich will ihr dieſe Ueberzeugung nicht benehmen. Deehalb tanze ich auf die Gefahr, am andern Tage zu weinen, aber allein zu weinen!““ „Sie reichte mir die Hand mit einem unendlich treu⸗ herzigen, aber traurigen Blick. „„Nicht wahr, auf baldiges Wiederſehen?““ ich meine Lippen auf ihre Hand gedrückt, gin. „Ich kam ganz albern in meine Wohnung zurück. „Von meinem Fenſter aus konnte ich die ihrigen ſehen.... Den ganzen Tag brachte ich damit zu, ſie zu beſchauen... Den ganzen Tag waren ſie düſter und ſchweigſam. Ich vergaß Alles um dieſer Frau willen.. Ich ſchlief nicht.. Ich aß nicht. Am Abend hatte ich das Fieber. Am andern Morgen verfiel ich in ein Delirium, am andern Abend war ich todt!... „Todt!“ riefen wir. „Todt!“ wiederholte unſer Freund mit einem Tone der Ueberzeugung, der ſich nicht ſchildern läßtz„todt wie Edgar, deſſen Maske Ihr dort ſeht.“ „Fahre fort,“ ſprach ich. Der Regen ſchlug immer noch an die Fenſterſcheiben; wir legten mehr Holz in den Ofen, deſſen rothe, lebhafte Flamme ein wenig die Dunkelheit erhellte, in der das Atelier verſchwand. t n h d b er en zu d tte in ne ie fte as 137 Er fuhr fort: „Von dieſem Augenblick an fühlte ich nichts mehr als eine kalte Erſchütterung, es war ohne Zweifel der Moment, wo man mich in das Grab warf. „Ich weiß nicht, ſeit wie lange ich begraben war, als ich undeutlich eine Stimme vernahm, die mich bei meinem Namen rief. Ich ſchauerte vor Kälte, ohne ant⸗ worten zu können. Einige Augenblicke nachher rief mich die Stimme abermals. Ich ſtrengte mich an, um zu ſpre⸗ chen, aber meine Lippen fühlten, ſich bewegend, das Lein⸗ tuch, in das ich vom Kopf bis zu den Füßen gehüllt war. Es gelang mir jedoch matt die drei Worte: „„Wer ruft mich?““ zu artiluliren. „„Ich,““ antwortete man. „„Wer biſt Du?““ „„Ich.““ „Und die Stimme wurde immer ſchwächer, als ver⸗ löre ſie ſich im Winde, oder als ob es nur ein vorüber⸗ gehendes Geräuſch der Blätter geweſen wäre. „Die Stimme drang noch ein drittes Mal an mein Ohr; aber diesmal ſchien der Name von Zweig zu Zweig zu laufen, ſo daß ihn der ganze Friedhof dumpf wieder⸗ holte, und ich hörte ein Geräuſch von Flügeln, als hätte der plötzlich in der Stille ausgeſprochene Name einen Trupp Nachtvögel entfliegen gemacht. „Meine Hände fuhren nach dem Geſichte, als würden ſie durch geheimnißvolle Federn in Bewegung geſetzt. Ich ſchob ſtillſchweigend das Leintuch, mit welchem ich bedeckt war, bei Seite und ſuchte zu ſehen. Es war mir, als erwachte ich aus einem langen Schlafe. Ich fror. „Stets werde ich mich des finſteren Schreckens erin⸗ nern, der mich umgab. Die Bäume hatten keine Blätter mehr und krümmten ſchmerzhaft ihre Aeſte, welche kahl ausſahen wie große Skelette; ein ſchwacher Strahl des Mondes erleuchtete, durch lange, ſchwarze Wolken dringend, vor mir einen Horizont von weißen Grabſteinen, welche eine 138 Treppe des Himmels zu ſein ſchienen, und alle die un⸗ deutlichen Stimmen der Nacht waren voll Geheimniß und Bangen. „Ich wandte den Kopf und ſuchte denjenigen, welcher mich gerufen hatte. Er ſaß neben meinem Grabe und be⸗ obachtete, den Kopf auf ſeine Hände geſtützt, jede meiner Bewegungen. Es graute mit. „„Wer ſeid Ihr?““ fragte ich, alle meine Kräfte zuſammenraffend;„warum erweckt Ihr mich?““ „„Um Dir einen Dienſt zu leiſten,“ antwortete man „„Wo bin ich.““ „„Auf dem Friedhofe.““ „„Wer ſeid Ihr?““ „„Ein Freund.““ „„Laßt mir meinen Schlaf.““ „„Höre,““ ſprach er:„erinnerſt Du Dich der Erde?““ „„Nein.““ „„Du beklagſt nichts?““ „„Nein.““ „„Seit wie lange ſchläfſt Du?““ „„Ich weiß es nicht.““ mir. „„Ich will es Dir ſagen. Du biſt ſeit zwei Tagen todt, Dein letztes Wort war der Name eines Weibes, ſtatt daß es der des Herrn hätte ſein ſollen, und Dein Leib würde Satan gehöron, wenn Satan Dich nehmen wollte. Erinnerſt Du Dich?““ „„Willſt Du leben?““ „„Ihr ſeid Satan?““ „„Satan, oder nicht, willſt Du leben?““ „„Allein?““ „„Nein, Du wirſt ſie wiederſehen.““ „„Wann 2 „„Dieſen Abend.““ 7ℳ „„Wo?“ — N — —— 139 „„In ihrem Hauſe.““ „„Ich nehme es an,““ erwiederte ich und ſuchte mich zu erheben.„Deine Bedingungen?““ „Ich mache Dir keine,““ antwortete mir Satan, „„glaubſt Du denn, ich ſei von Zeit zu Zeit nicht fähig, Gutes zu thun? Sie gibt dieſen Abend einen Ball und ich führe Dich dahin.““ „„Vorwärts alſv.““ „„Vorwärts.““ „Satan reichte mir die Hand und ich ſtand. „Es wäre rein unmöglich, Euch zu ſchildern, was ich em⸗ pfand; ich fühlte, wie eine erdige Kälte meine Glieder ver⸗ eiſte, mehr kann ich nicht ſagen. „„Nun, folge mir,““ fuhr Satan fort.„„Du be⸗ greifſt, daß ich Dich nicht durch die große Pforte führe. Der Thürſchließer würde Dich nicht hinauslaſſen. Wer einmal hier iſt, kommt nicht hinaus. Folge mir alſo, wir gehen zuerſt in Deine Wohnung, wo Du Dich ankleideſt; denn Du kannſt in Deinem gegenwärtigen Anzug um ſo weniger auf den Ball gehen, als es kein Maskenball iſt; nur hülle Dich wohl in Dein Leichentuch, denn die Nächte ſind friſch und Du könnteſt frieren.““ „Satan lachte, wie Satan lacht, und ich wanderte an ſeiner Seite fort. „„Ich bin überzeugt,““ ſprach er,„„daß Du mich trotz des Dienſtes, den ich Dir leiſte, noch nicht liebſt. Ihr Menſchen ſeid einmal ſo ſtets undankbar gegen die Freunde; nicht als ſchmähte ich die Undankbarkeit, es iſt ein Laſter von meiner Erfindung und gehört zu den verbreitetſten; aber ich möchte Dich gern minder traurig ſehen, das iſt die einzige Dankbarkeit, welche ich von Dir verlange.““ „Ich folgte beſtändig, weiß und kalt wie eine Mar⸗ morſtatue, der eine geheime Feder Bewegung verliehen, nur hätte man in den Angenblicken des Schweigens meine Zähne unter einem eiſigen Schauer klappern und die Knochen meiner Glieder bei jedem Schritte krachen hören können. „„Werden wir bald an Ort und Stelle ſein?““ fragte ich mit großer Anſtrengung. „„Ungeduldiger!““ rief Satan;„„ſie iſt alſo ſehr ſchön 2“ i*. „„Wie ein Engel!““ „„Ah! mein Lieber,““ verſetzte er lachend,„„man muß geſtehen, daß Du in Deinen Worten das Zartgefühl verletzeſt. Du ſprichſt mir von Engeln, mir, der ich ſelbſt einer geweſen bin, während kein Engel für Dich thun würde, was ich heute für Dich thue. Ich vergebe Dir abermals. Man muß wohl etwas einem Menſchen hin⸗ gehen laſſen, der ſeit zwei Tagen todt iſt; dann bin ich auch dieſen Abend ſehr heiter; es ſind in der Welt Dinge vorgegangen, welche mich entzucken. Ich hielt die Menſchen für entartet; ich glaubte, ſie wären ſeit einiger Zeit tu⸗ gendhaft geworden, aber nein, ſie ſind immer dieſelben, ſo wie ich ſie geſch aſſen habe. Nun wohl, mein Lieber, ſelten ſah ich Tage wie dieſen. Ich habe ſeit geſtern Abend allein in Europa ſechshundert Selbſtmorde gehabt, worunter mehr junge Leute als Greiſe, was ein Verluſt iſt, weil ſie ohne Kinder ſtarben; ferner zweitauſend zweihundert und drei und vierzig Ermordungen, immer in Europa allein, in den andern Welttheilen rechne ich nicht mehr; ich bin bei dieſen wie die reichen Kapitaliſten: ich kann mein Vermögen nicht aufzählen. Zwei Millionen ſechsmal hundert drei und zwanzigtauſend neun hundert neun Ehebrüche, worüber man ſich wegen der Bälle nicht wundern darf. Zwölf hundert Richter, welche ſich erkaufen ließen: gewöhnlich habe ich mehr. Was mir aber am meiſten Vergnügen machte, waren ſieben und zwanzig Jung⸗ frauen, von denen die älteſte nicht achtzehn Jahre zählte, welche unter Gottesläſterungen ſtarben. Im Ganzen, mein Lieber, macht mir dies für heute eine Einnahme von un⸗ gefähr zwei Millionen ſechsmal hundert und acht und zwanzig tauſend Seelen. Falſchmünzereien, Proreſſe und Aehnliches zähle ich nicht, das ſind gleichſam Bruchtheile. Nimm eine Durchſchnittszahl von drei Millionen Seelen an, welche ——5 144 ſich täglich zu Grunde richten, und bedenke, in welcher Zeit die Welt ganz mir gehört! Ich werde genöthigt ſein, Gott das Paradies abzukaufen, um die Hölle zu vergrößern.“““ „„Ich begreife Deine Heiterkeit,““ murmelte ich, meine Schritte beſchleunigend. „„Du ſagſt mir dies mit einer düſteren, zweifel⸗ haften Miene,““ verſetzte Satan.„„Fürchteſt Du mich denn, daß Du mir nicht in das Geſicht ſiehſt? Bin ich denn ſo zurückſtoßend? Ich bitte Dich, laß uns ein wenig vernünftig mit einander ſprechen. Was würde aus der Welt ohne mich? eine Welt, welche vom Himmel gekom⸗ men, Gefühle und nicht von mir herſtammende Leiden⸗ ſchaften beſäßr. Doch die Welt würde am Spleen ſterben, mein Lieber!.. Wer hat das Gold erfunden? Ich. Das Spiel? Ich. Die Liebe? Ich. Die politiſchen An⸗ gelegenheiten? Abermals ich. Ich begreife die Menſchen nicht, die mir ſo gram ſind. Eure Dichter, zum Beiſpiel, welche von der reinen Liebe ſprechen, ſehen nicht, daß ſie, indem ſie die rettende Liebe zeigen, die Leidenſchaft, welche zu Grunde richtet, verachten, denn mit meiner Hülfe iſt das, was Ihr vorzugsweiſe ſucht, nicht ein weibliches Weſen wie die Jungfrau, ſondern eine Sünderin wie Eva. Und Du ſelbſt, den ich ſo eben aus dem Grabe gezogen habe, Du, der Du noch die Kälte einer Leiche und die Bläſſe eines Todten haſt, willſt in dieſem Augenblick nicht eine reine Liebe bei derjenigen ſuchen, zu welcher ich Dich führe, ſondern eine Nacht der Wolluſt. Du ſiehſt wohl, daß das Böſe den Tod überlebt, und daß der Menſch, wenn er zu wählen hätte, eine Ewigkeit der Leidenſchaften der Ewig⸗ keit des Glückes vorzöge; der Beweis findet ſich darin, daß er für ein paar Jahre der Leidenſchaften auf Erden eine Ewigkeit des Glückes im Himmel verliert.““ „„Werden wir bald an Ort und Stelle ſein?““ wiederholte ich, denn der Horizont erneuerte ſich fortwäh⸗ rend und wir marſchirten ohne vorzurücken. „„Immer ungeduldig,““ ſprach Satan,„und ich ſuche doch den Weg ſo viel, als ich vermag, abzukürzen. Du 142 begreifſt, daß ich nicht durch das Thor gehen kann; denn es iſt dort ein großes Kreuz, und das Kreuz iſt meine Douane. Da ich gewöhnlich mit Dingen reiſe, welche von ihr verboten ſind, ſo würde man mich anhalten, und ich wäre genöthigt mich zu bekreuzen; ich kann wohl ein Verbrechen begehen, werde mich aber nie zu einem Sacri⸗ legium entſchließen, und dann würde man Dich, wie ge⸗ ſagt, nicht hinauslaſſen. Du glaubſt, man ſterbe, man werde begraben und könne eines Tags gehen, ohne ein Wort zu ſagen? Du täuſcheſt Dich, mein Lieber, ohne mich hätteſt Du die ewige Auferſtehung abwarten nſ was etwas lange gedauert haben würde. Folge mir alſo und ſei unbeſorgt. Ich habe Dir einen Ball verſprochen und Du wirſt ihn haben. Ich halte mein Verſprechen und meine Unterſchrift jſt bekannt.““ „In dieſer ganzen Ironie meines entſetzlichen Ge⸗ fährten lag etwas Unſeliges, was mich in Eis verwan⸗ delte; es iſt mir, als hörte ich noch in dieſem Augenblick Alles, was ich Euch ſo eben geſagt habe. „Wir marſchirten noch einige Zeit und gelangten end⸗ lich zu einer Mauer, vor der eine Treppe bildende Grab⸗ ſteine angehäuft waren. Satan ſetzte ſeinen Fuß auf den erſten und ging wider ſeine Gewohnheit auf den heiligen Steinen, bis er die Höhe der Mauer erreicht hatte. „Ich zögerte, denſelben Weg zu verfolgen. Ich hatte ange. „Er reichte mir die Hand und ſprach: „„Es iſt keine Gefahr dabei: Du kannſt den Fuß darauf ſetzen, es ſfind Bekannte.““ „Als ich bei ihm war, fuhr er fort: ich Dich ſehen Jaſſen, was in Paris vor⸗ geht?“ „„Nein, laß uns gehen.““ „„Vorwärts alſo, da Du ſo große Eile haſt.““ „Wir ſprangen von der Mauer zur Erde. „Der Mond hatte ſich unter dem Auge Satans verſchleiert wie ein junges Mädchen unter einem frechen in ne e id in i⸗ ⸗ n n W X W — 1 143 Blicke. Die Nacht war kalt, alle Thüren waren geſchloſ⸗ ſen, alle Fenſter düſter, alle Straßen ſchweigſam: es war, als hätte ſeit geraumer Zeit Niemand den Boden betre⸗ ten, auf dem wir wanderten. Alles um uns her hatte ein unheilſchwangeres Ausſehen: es kam mir vor, als würde, wenn der Tag käme, Niemand die Thüren öffnen und kein Tritt das Stillſchweigen unterbrechen. Ich glaubte in einer ſeit Jahrhunderten todten und bei Ausgrabungen wiederaufgefundenen Stadt zu marſchiren; alle Häuſer ſchie⸗ nen zu Gunſten des Friedhofes entvölkert zu ſein. „Wir wanderten fort, ohne ein Geräuſch zu hören, ohne einem Schatten zu begegnen. Der Weg war lange durch dieſe in ihrer Ruhe und Stille furchtbare Stadt; endlich gelangten wir an unſer Haus. „„Kannſt Du Dich entfinnen?““ fragte mich Satan. „„Ja,““ antwortete ich mit dumpfem Tone,„„laß uns hineingehen.““ „„Warte, ich muß öffnen; auch den Diebſtahl mit Einbruch habe ich erfunden. Ich beſitze einen Nachſchlüſſel zu allen Thüren, nur nicht zu der des Paradieſes.““ „Wir traten ein. „Die Ruhe außen herrſchte innen fort: es war gräßlich. „Ich glaubte zu träumen ich athmete nicht mehr. Stellet Euch vor, Ihr findet zurückkehrend in Euer Zim⸗ mer, wo Ihr ein paar Tage zuvor geſtorben ſeid, alle Dinge, ſo wie ſie während Euerer Krankheit waren, nur mit dem düſteren Ausſehen, das der Tod verleiht; denkt Euch alle Dinge ſo geordnet, als ſollten ſie nie mehr von Euch berührt werden. Als die einzige belebte Sache, die ich ſeit meinem Austritt aus dem Friedhofe geſehen, erblickte ich meine große Pendeluhr, neben der ein menſch⸗ liches Weſen geſtorben war, und die nun die Stunden meiner Ewigkeit zu zählen fortfuhr, wie ſie die Stunden meines Lebens gezählt hatte. „Ich ging an den Kamin und zündete eine Kerze an, um mich von der Wahrheit zu überzeugen; denn 144 Alles, was mich umgab, erſchien mir durch eine bleiche, phantaſtiſche Helle, welche mir gleichſam ein inneres Ge⸗ fühl verlieh. Alles beſtand in der Wirklichkeit. es war mein Zimmer. Ich ſah das Portrait meiner Mutter wie⸗ der, das mir immer noch zulächelte; ich öffnete die Bücher, in denen ich einige Tage vor meinem Tod geleſen hatte. Nur erblickte ich an meinem Bett keine Leintücher mehr, und überall fanden ſich gerichtliche Siegel. „Satan ſaß im Hintergrunde des Zimmers und las in der Geſchichte der Heiligen. „In dieſem Augenblick ging ich vor einem großen Spiegel vorüber und ſah mich in meinem ſeltſamen An⸗ zug, den Leib in ein Leichentuch gehüllt, das Geſicht bleich, die Augen trübe.. Ich zweifelte an dem Leben, das mir eine unbekannte Macht gab, und legte die Hand an das Herz. „Mein Herz ſchlug nicht. „Ich fuhr mit den Händen an die Stirne: die Stirne war kalt wie die Bruſt, der Puls ſtumm wie das Herz, und dennoch erkannte ich Alles, was ich verlaſſen hatte. Es lebten alſo nur noch der Geiſt und die Augen in mir. „Das Gräßlichſte dabei war, daß ich den Blick nicht von dem Spiegel abwenden konnte, dermir mein düſteres, eiſiges, todtes Bild zurückgab; jede Bewegung meiner Lippen erſchien in dem Glaſe wie das häßliche Lächeln eines Leichnams. Ich konnte meinen Platz nicht verlaſſen, ich konnte nicht ſchreien. „Das Uhrwerk ließ das dumpfe, unheimliche Ge⸗ ſchnarre vernehmen, das dem Schlagen bei allen Pendel⸗ uhren vorhergeht: die meinige ſchlug zwei Uhr und Alles wurde wieder ruhig. „Dann ſchlug eine Uhr in einer benachbarten Kirche ebenfalls, dann eine andere und wieder eine andere. „Ich erblickte in einem Winkel des Spiegels Satan, welcher über dem Leben der Heiligen eingeſchlafen war. „Es gelang mir, mich umzuwenden. Dem Spiegel gegenüber, welchen ich betrachtete, hing ein anderer, ſo — n ⸗ h, 16 in ie z/ e. ht 8, r n n, e. l⸗ 6 —— daß ich mich bei jener bleichen Helle einer einzigen Kerze in einem weiten Saale tauſendmal wiederholt ſah. „Meine Angſt hatte den höchſten Grad erreicht; ich ſtieß einen Schrei aus. „Satan erwachte. „„Damit will man dem Menſchen die Tugend geben,““ ſagte er auf das Buch deutend: es iſt ſo langweilig, daß ich darüber eingeſchlafen bin, ich, der ich ſeit ſechs tauſend Jahren wache. Du biſt noch nicht bereit?““ „“ antwortete ich maſchinenmäßig:„hier in ich.““. „„Beeile Dich,““ ſprach Satanz„„reiße die Siegel ab, nimm Deine Kleider und beſonders Gold, viel Gold; laß die Schubladen offen, und morgen werden die Ge⸗ richte Gelegenheit finden, irgend einen armen Teufel wegen Siegelverletzung zu verurtheilen: das iſt mein kleiner Nutzen.““ ⸗ „Ich kleidete mich an: von Zeit zu Zeit betaſtete ich mir die Stirne und die Bruſt: Beides war kalt. „Als ich fertig war, ſchaute ich Satan an und fragte: „„Wir werden ſie ſehen?““ „„In fünf Minuten.““ „„Und morgen?““ 8 „„Morgen kehrſt Du zu Deinem gewöhnlichen Leben zurück; ich thue die Dinge nicht halb.““ „Ohne Bedingungen?““ „„Ohne Bedingungen.““ „„Vorwärts.““ „„Folge mir.““ „Wir gingen hinab. „Nach ein paar Augenblicken befanden wir uns vor dem Hauſe, in welches man mich vier Tage zuvor hatte rufen laſſen. Ich erkannte die Freitreppe, die Hausflur, das Vorzimmer. Die Zugänge zu dem Salon fand ich voll von Menſchen. Es war ein von Lichtern, Blumen, Cdelſteinen und Frauen glänzendes Feſt. Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 10 146 „Man tanzte. „Beim Anblick dieſes freudigen Getümmels glaubte ich an meine Auferſtehung. „Ich neigte mich an das Ohr von Satan, der mich nicht verlaſſen hatte, und fragte ihn flüſternd: „Wo iſt ſie 2““ „„In ihrem Boudvir.““ „Ich wartete, bis der Contretanz zu Ende war und durchſchritt dann den Salon; bei dem Feuer der Kerzen ſandten mir die Spiegel mein immer noch bleiches, finſte⸗ res Geſicht zurück. Ich ſah das Lächeln wieder, das mich eiſig durchſchauert hatte, doch hier war es nicht mehr die Einſamkeit, es war die Welt, nicht mehr der Friedhof, es war ein Ball, nicht mehr das Grab, es war die Liebe. Ich ließ mich berauſchen und vergaß einen Augenblick, woher ich kam. „Sobald ich an die Thüre des Bondvir gelangte, erblickte ich ſie. Sie war ſchöner als die Schönheit, keu⸗ ſcher als der Glaube. Ich blieb ein paar Secunden wie in Entzückung ſiille ſtehen; ſie trug ein Kleid von blen⸗ dender Weiße, Schultern und Arme waren entblößt. Ich ſah, mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit, einen kleinen rothen Punkt an der Stelle des Armes, wo ich ihr zur Ader gelaſſen hatte. Als ich erſchien, war ſie von jungen Leuten umgeben, auf welche ſie kaum hörte; ſie ſchlug nachläßig ihre ſchönen, wolluſtreichen Augen auf und erblickte mich; ſie erkannte mich wohl nicht ſogleich, lächelte mir aber dann auf die entzückendſte Weiſe zu, verließ ihre ganze Umgebung und trat mir entgegen. „„Sie ſehen, daß ich ſtark bin,“ ſagte ſie zu mir. „Das Orcheſter ließ ſich hören. „Und um es Ihnen zu beweiſen,““ fuhr ſie, mich beim Arme nehmend, fort,„„laſſen Sie uns mit einander walzen.““ „Sie ſagte ein paar Worte zu Einem, der an ihrer Seite ging. Ich ſah Satan neben mir und ſprach zu ihm e ⸗ ie ⸗ er 11 — —, * 147 „„Du haſt mir Wort gehalten, ich danke Dir; doch ich muß dieſe Frau noch heute Nacht beſitzen.““ „„Du ſollſt ſie haben, doch wiſche Dein Geſicht ab, Du haſt einen Wurm an der Wange.““ „Und er verſchwand und ließ mich noch mehr zu Eis erſtarrt zurück, als ich es zuvor geweſen war. Als wollte ich mich dem Leben wiedergeben, drückte ich den Arm derjenigen, welche ich aus der Tiefe des Grabes auf⸗ geſucht hatte, und zog ſie in den Saal. „Es war einer von den berauſchenden Walzern, wo Alles, was uns umgibt, verſchwindet, wo das Eine nur noch für das Andere lebt, wo die Hände ſich verketten, wo der Athem ſich vermiſcht, wo Bruſt die Bruſt berührt. Ich walzte, meine Augen auf die ihrigen geheftet, und ihr Blick, der mir ewig zulächelte, ſchien mir zu ſagen: „„Wenn Du wüßteſt, welche Schätze an Liebe und Lei⸗ denſchaft ich meinem Geliebten geben würde! Wenn Du wüßteſt, welche Wolluſt in meinen Liebkoſungen, welches Feuer in meinen Küſſen liegt! Demjenigen, welcher mich liebte, alle Schönheiten meines Leibes, alle Gedanken meiner Seele, denn ich bin jung, denn ich bin liebevoll, denn ich bin ſchön.““ „Und der Walzer riß uns in ſeinem leichtfertigen, raſchen Wirbel fort. „Es dauerte lange ſo. Als die Muſik aufgehört, waren wir die Einzigen, welche noch walzten. „Sie fiel geſchmeidig wie eine Schlange auf meinen Arm und ſchlug die ſchönen Augen zu mir auf, welche an der Stelle des Mundes zu mir zu ſagen ſchienen:„„Ich liebe Dich.““ „Ich zog ſie in ihr Boudvir fort, wo wir allein waren. Die Säle wurden öde und leer. „Sie ſank auf eine Cauſenſe und ſchloß halb die Augen aus Müdigkeit, wie unter einem Liebesdrucke. „Ich neigte mich auf ſie herab und ſagte leiſe zu ihr: „„„Wenn Sie wüßten, wie ich Sie liebe!““ „„Ich weiß es,““ erwiederte ſie,„„und ich liebe Sie ebenfalls.““ „Es war, um wahnſinnig zu werden. „„Ich gäbe mein Leben,““ ſagte ich,„„für eine Stunde der Liebe mit Ihnen, und meine Seele für eine Nacht.““ „„Höre,““ flüſterte ſie, eine in der Tapete verbor⸗ gene Thüre öffnend,„„in einem Augenblick werden wir allein ſein““ „Sie ſchob mich mit ſanfter Gewalt hinein, und ich befand mich in einem nur von einer Alabaſterlampe be⸗ leuchteten Schlafzimmer. „Alles war hier Wohlgeruch von unbeſchreiblicher, geheimnißvoller Wolluſt. Ich ſetzte mich zum Feuer, denn ich fror; ich betrachtete mich im Spiegel und war immer noch ſo bleich. Ich hörte die Wagen, welche einer nach dem andern wegfuhren; als der letzte verſchwunden war, trat ein düſteres, feierliches Stillſchweigen ein. Allmälig erfaßten mich wieder Schrecken und Bangigkeitz ich wagte es nicht mehr, in den Spiegel zu ſchauen, ich wagte es nicht mehr, mich umzudrehen, ich hatte kalt. Ich ſtaunte, daß ſie nicht kam, zählte die Minuten und hörte kein Ge⸗ räuſch. Ich ſtützte die Ellbogen auf meinen Schvoß und legte den Kopf in die Hände. „Da fiel mir meine Mutter ein, meine Mutter, welche zu dieſer Stunde ihren todten Sohn beweinte, meine Mutter, deren ganzes Leben ich war, und an die ich bis dahin noch keine Secunde gedacht hatte. Alle Tage mei⸗ ner Kindheit zogen wie ein lachender Traum vor meinen Augen vorüber. Ich ſah, daß ich, ſo oft von mir eine Wunde zu verbinden, ein Schmerz zu ſtillen geweſen war, ſtets meine Zuflucht zu meiner Mutter genommen. Zur Stunde, wo ich mich auf eine Liebesnacht vorbereitete, bereitete ſich vielleicht bei ihr eine Nacht der Schlafloſigkeit, eine ſülle, ſchweigſame Nacht, die ſie nur mit der Erinnerung an mich durchwachte. Dieſer Gedanke war gräßlich; ich hatte Gewiſſensbiſſe; die Thränen traten mir in die Augen. * . S—— — 149 Ich ſtand auf. In dem Augenblick, wo ich in den Spie⸗ gel ſchaute, gewahrte ich einen weißen, bleichen Schatten hinter mir, der mich feſt aublickte. „Ich wandte mich um: es war meine ſchöne Ge⸗ liebte. „Zum Glück ſchlug mein Herz nicht, denn durch die fortwährend geſteigerte Aufregung wäre es gebrochen. „Alles war ſchweigſam, außen wie innen. „Sie zog mich an ſich, und bald vergaß ich Alles: Satan, meine Mutter und die ganze Welt. Es war eine Nacht, welche ſich nicht erzählen läßt mit unbekann⸗ ten Freuden, mit einer Wolluſt, die ſich dem Leiden nä⸗ hert. In meinen Liebesträumen fand ich nichts, was dieſer Frau ähnlich war, welche ich in den Armen hielt.. glühend wie eine Meſſalina, keuſch wie eine Madonna, geſchmeidig wie eine Tigerin, mit Küſſen, welche die Lippen verbrannten, mit Worten, welche das Herz ver⸗ ſengten; ſie hatte etwas ſo mächtig Anziehendes in ſich, daß ich in gewiſſen Augenblicken bange bekam. „Endlich fing die Lampe an zu erbleichen und der Tag erſchien.. „„Höre,““ ſagte ſie zu mir,„„Du mußt gehen, der Tag bricht an und Du darfſt nicht länger hier weilen, aber heute Abend, mit Einbruch der Nacht, erwarte ich Dich, nicht wahr?““ „Zum letzten Male fühlte ich ihre Lippen auf den meinigen, ſie drückte krampfhaft meine Hände und ich entfernte mich. „Es herrſchte immer noch dieſelbe Ruhe außen. „Ich ging wie ein Verrückter; ich glaubte kaum an mein Leben und dachte nicht daran, mich zu meiner Mut⸗ ter zu begeben oder nach Hauſe zurückzukehren, ſo ſehr hielt dieſe Frau mein Herz umſtrickt. „Ich weiß nur ein Ding, das man mehr wünſcht, als eine erſte Nacht bei ſeiner Geliebten zuzubringen: eine zweite. „Der Tag war erſchienen, traurig, düſter, kalt. Ich ging auf den Zufall in einer öden, verlaſſenen Gegend umher, um den Abend zu erwarten. „Der Abend kam frühzeitig. „Ich lief nach dem Hauſe, wo der Ball ſtattgefun⸗ den hatte. „In dem Augenblick, wo ich über die Schwelle trat, ſah ich einen bleichen, hinfälligen Greis die Frei⸗ treppe herabſteigen. „„Wohin geht der Herr?““ fragte mich der Haus⸗ meiſter. „„Zu Frau von Pe*,. erwiederte ich. „„Zu Frau von P**,“ entgegnete er, auf den Greis deutend,„„jener Herr dort bewohnt dieſes Hotel, ſie iſt vor zwei Monaten geſtorben.““ „Ich ſtieß einen Schrei aus und fiel rückwärts.“ „Und hernach?“ fragte ich den Erzähler. „„Hernach,““ ſagte er, ſich an unſerer Aufmerk⸗ ſamkeit weidend und einen beſonderen Nachdruck auf ſeine Worte legend,„hernach erwachte ich, denn das Ganze war nur ein Traum.““ . — — — — — = — 5 abriel k ne I. Der Galeerenſklave. Ich war im Monat Mai 1835 in Toulon. Ich bewohnte eine kleine Baſtide*), welche einer meiner Freunde zu meiner Verfügung geſtellt hatte. Dieſe Baſtide lag fünfzig Schritte von dem Fort Lamalgue, gerade der berühmten Redoute gegenüber, welche im Jahr 1793 das geflügelte Glück des jungen Artillerie⸗ officiers emportauchen ſah, der Anfangs General Bo⸗ naparte und dann Kaiſer Napolevn war. Ich hatte mich in der lobenswerthen Abſicht, zu ar⸗ beiten, zurückgezogen. Es wogte in meinem Kopf ein ſehr düſteres, ſehr furchtbares Brama, das ich von eben dieſem Kopf auf das Papier wollte übergehen laſſen. Dieſes ſo furchtbare Drama war der Kapitän aul. Doch ich bemerkte Eines: daß man zu einer tiefen und anhaltenden Arbeit enge Zimmer, nahe aneinander⸗ ſtehende Wände und ein durch dunkelfarbige Vor⸗ hänge gedämpftes Tageslicht braucht. Die weiten Hori⸗ zonte, das unabſehbare Meer, die rieſigen Gebirge, dies Alles, beſonders wenn es in die reine, goldene Luft des Süden getaucht iſt, dies Alles führt geraden Weges zur Beſchauung, und nichts entfernt den Menſchen mehr von der Arbeit, als die Beſchauung. — *) So nennt man in der Provence ein Landhaus. 154 Die Folge davon war, daß ich, ſtatt Paul Jones auszuführen, Don Juan von Marana träumte. Dir Wirklichkeit wandte ſich dem Traume und das Drama der Metaphyſik zu. Ich arbeitete alſo nicht, wenigſtens nicht bei Tage. Ich beſchaute, und ich geſtehe, dieſes mittelländiſche Azurmeer mit ſeinen goldenen Flittern, dieſe rieſigen Berge ſo ſchön in ihrer furchtbaren Nacktheit, dieſer Himmel ſo tief und düſter in ſeiner Durchſichtigkeit, Alles dies kam mir herrlicher zu ſehen vor, als das, was ich hätte ſchaf⸗ fen können, mir intereſſant zu leſen dünkte. Es iſt wahr, in der Nacht, wenn ich es über mich gewinnen konnte, meine Läden gegen die verſuchenden Strahlen des Mondes zu ſchließen, wenn ich meine Blicke von dem ganz von Sternen funkelnden Himmel abzu⸗ wenden vermochte, wenn ich mich mit meinen eigenen Gedanken vereinigen konnte, errang ich wieder einige Herrſchaft über mich. Doch wie ein Spiegel hatte mein Geiſt einen Wiederſchein von den Anſchauungen des Tages bewahrt, und es waren nicht mehr menſchliche Geſchöpfe mit ihren irdiſchen Leidenſchaften, die mir erſchienen, es woren ſchöne Engel, die auf den Befehl Gottes mit einem Flügelſchlag dieſe endloſen Räume durchzogen; es waren geächtete, höhniſche Dämonen, welche auf einem nackten Felſen ſitzend die Erde bedrohten; es war endlich ein Werk wie die Göttliche Komödie, wie das Verlo⸗ rene Paradies, oder wie Fauſt, das ſich zu erſchließen verlangte, und nicht mehr eine Dichtung wie Angele oder wie Antony. Leider war ich weder Dante, noch Milton, noch Göthe. Wenn der Tag kam, zerſtörte er, in umgekehrtem Verhältniß zu Penelope, die Arbeit der Nacht. Der Morgen brach an. Ich wurde durch einen Kanonenſchuß erweckt und ſprang aus meinem Bett. Ich öffnete mein Fenſter, Lichtſtröme bemächtigten ſich meines Zimmers und trieben alle die armen, über 18 r e—— ——, — ——— 8 c—, —— ————— ⸗ n e en en er 65 155 den hellen Tag erſchrockenen Geſpenſter meiner Schlafloſig⸗ keit vor ſich her. Da ſah ich majeſtätiſch außerhalb der Rhede einen prachtvollen Dreimaſter, den Driton oder den Montebello, ſchwimmen, der gerade vor meiner Villa, als geſchähe es zu meiner Unterhaltung, ſeine Mannſchaft manveuvriren oder ſeine Kanoniere Uebungen vornehmen ließ. Dann kamen die Tage des Sturms, die Tage, wo der ſo reine Himmel ſich mit düſteren Wolken verſchleierte, wo das ſo azurne mittelländiſche Meer aſchgrau wurde, wo der ſo ſanfte Wind ſich in einen Orkan verwandelte. Da faltete ſich der weite Spiegel des Himmels, die ſo ruhige Oberfläche fing an zu kochen wie an dem Feuer eines unterirdiſchen Ofens. Die Wellen wurden zu Bergen. Die blonde, ſanfte Amphitrite ſchien, wie ein empörter Rieſe, den Himmel erklettern zu wollen, krümmte und rang die Arme in den Wolken und heulte mit jener mächtigen Stimme, die man nicht mehr ver⸗ gißt, wenn man ſie einmal gehört hat. Dergeſtalt, daß mein armes Drama immer mehr in Fetzen ging. Ich klagte eines Tages bei dem Hafencommandanten über dieſen Einfluß der äußeren Gegenſtände auf meine Einbildungskraft und erklärte, ich wäre ſo müde, gegen dieſe Eindrücke anzuſtreben, daß ich mich als beſiegt be⸗ kenne und entſchloſſen ſei, vom nächſten Tage an die ganze Zeit, die ich noch in Toulon bleiben würde, nur ein beſchauliches Leben zu führen. Dem zu Folge fragte ich ihn, an wen ich mich wenden könnte, um eine Barke zu miethen: eine Barke war die erſte Nothwendigkeit des neuen Lebens, das mich der Geiſt in ſeinem Siege über die Materie anzunehmen zwang. Der Hafencommandant antwortete mir, er werde an meine Frage denken und für Befriedigung meines Wun⸗ ſches ſorgen. Als ich gm andern Morgen mein Fenſter öffnete, 156 erblickte ich zwanzig Schritte unter mir, ſich am ufer ſchaukelnd, eine reizende Barke, welche zugleich mit dem Ruder und mit dem Segel fahren konnte und mit zwölf Galeerenſklaven bemannt war. Ich dachte bei mir, es wäre dies gerade eine Barke, wie ich eine brauchte, als ich ſah, daß der Aufſeher, ſobald er mich erblickte, ſeinen Kahn anlegen ließ, an das Ufer ſprang und auf die Thüre meiner Baſtide zu⸗ ſchritt. Ich ging dem ehrenwerthen Beſuche entgegen. Er zog ein Billet aus ſeiner Taſche und übergab es mir. Es war in folgenden Worten abgefaßt: „Mein lieber Methaphyſiker, „Da man die Dichter nicht von ihrem Berufe abwen⸗ dig machen muß, und da Sie ſich über den Ihrigen, wie es ſcheint, bis jetzt getäuſcht haben, ſo ſchicke ich Ihnen die gewünſchte Barkez Sie können die ganze Zeit, die Sie in Toulon wohnen werden, von der Oeffnung bis zum Schließen des Hafens darüber verfügen. „Sollten Ihre Angen zuweilen müde, den Himmel zu betrachten, verſucht ſein, wieder auf die Erde herabzuſtei⸗ gen, ſo ſinden Sie um ſich her zwölf Burſche, welche Sie leicht und durch ihren Anblick allein vom Idealen zur Wirklichkeit zurückführen werden. „Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie vor ihnen weder Ihre Juwelen, noch Ihr Geld zeigen dürfen. „Das Fleiſch iſt ſchwach, wie Sie wiſſen, und da ein altes Sprüchwort ſagt, man ſolle Gott nicht verſuchen, ſo darf man noch viel weniger den Menſchen verſuchen, beſonders wenn dieſer Menſch ſchon der Verſuchung unter⸗ legen iſt. „Ganz der Ihrige.“ Ich rief Jadin und theilte ihm unſer Glück mit. Zu meinem großen Erſtaunen nahm er die Kunde — 8— S— 5 h ſt er m lf , in U⸗ 1 e e — 157 nicht mit der Begeiſterung auf, die ich erwartet hatte; die Geſellſchaft, in der wir leben ſollten, kam ihm ein wenig gemiſcht vor. Da er jedoch nach einem flüchtigen Blicke, den er auf unſere Mannſchaft warf, unter den rothen Mützen, mit denen ſie geſchmückt waren, einige charakteriſtiſche Köpſe bemerkte, ſo faßte er philoſophiſch ſeinen Entſchluß, be⸗ deutete unſern neuen Dienern durch ein Zeichen, ſie ſollen ſich nicht rühren, trug einen Stuhl auf das Ufer, nahm Papier und Kreide, und begann eine Skizze von der Barke und ihrer furchtbaren Mannſchaft. Dieſe zwölf Männer, welche ruhig, ſanſt, gehorſam hier unſerer Befehle harrten und ihnen zuvorzukommen ſuchten, hatten in der That jeder ein Verbrechen begangen: Die Einen waren Diebe, Die Andern waren Brandſtifter, S, Die Dritten waren Mörder. Die menſchliche Gerechtigkeit hatte ſich ihrer bemäch⸗ tigt; es waren ihrer Ehre entſetzte, gebrandmarkte, von der Welt abgeſchnittene Weſen: es waren keine Menſchen mehr, ſondern Dinge; ſie hatten keinen Namen mehr, es waren Nummern. Vereinigt bildeten ſie eine Geſammtheit: dieſe Ge⸗ ſammtheit war das ſchändliche Ding, das man Bagno nennt. Der Hafencommandant hatte mir offenbar ein ſelt⸗ ſames Geſchenk gemacht. Und dennoch war es mir nicht unangenehm, von Nahem dieſe Menſchen zu ſehen, deren Titel allein, in einem Salon ausgeſprochen, Schrecken verbreitet. Ich näherte mich ihnen, ſie ſtanden Alle auf und nahmen ihre Mützen ab. „Meine Freunde,“ ſagte ich,„Ihr wißt, daß der Hafencommandant Euch für die ganze Zeit, die ich in Toulon bleiben werde, zu meiner Verfügung geſtellt hat?“ Keiner von ihnen antwortete, weder durch ein Wort, noch durch eine Geberde. „Ich hoffe, ich werde mit Euch zufrieden ſein,“ fuhr 158 ich fort,„Ihr aber, ſeid unbeſorgt, werdet auch mit mir zufrieden ſein.“ Dasſelbe Stillſchweigen. Ich begriff, daß dies eine Sache der Disciplin war. Ich zog aus meiner Taſche mehrere Geldſtücke, die ich ihnen anbot, um auf meine Geſundheit zu trinken, doch nicht eine Hand ſtreckte ſich aus, um ſie zu nehmen. „Es iſt ihnen verboten, etwas anzunehnen,“ ſagte der Aufſeher. „Und warum dies?“ fragte ich. „Sie durfen kein Geld für ſich haben.“ „Aber Sie, können Sie ihnen nicht erlauben, ein Glas Wein zu trinken, bis wir bereit ſind?“ „Ah! ja wohl.“ „Nun, ſo laſſen Sie Frühſtück aus der Schenke des Fort holen, ich werde bezahlen.“ „Ich ſagte es wohl dem Commandanten,“ verſetzte der Aufſeher mit einer und derſelben Bewegung den Kopf und die Schultern ſchüttelnd, ich ſagte es wohl, Sie würden ſie mir verderben. Doch da ſie in Ihrem Dienſte ſind, müſſen ſie wohl thun, was Sie wollen. Vorwärts, Gabriel einen Schritt bis zum Fort Lamalgue. Brod, Wein und ein Stück Käſe.“ „Ich bin im Bagno, um zu arhbeiten, und nicht um Ihre Aufträge zu beſorgen,“ antwortete derjenige, an welchen dieſer Befehl gerichtet war. „Ah! es iſt richtig; ich vergaß, daß Du zu vor⸗ nehmer Herr biſt, um dies zu thun, Herr Doctor, doch da es ſich eben ſo gut um Dein Frühſtück handelte, als um das der Anderen „Ich habe meine Suppe gegeſſen und es hungert mich nicht,“ antwortete der Galeerenſklave. „Entſchuldigen Sie.. Nun wohl! Roſſignol wird nicht ſo ſtolz ſein.. vorwärts, Roſſignol, mein Sohn.“ Die Weiſſagung des ehrenwerthen Aufſehers ver⸗ wirklichte ſich. Derjenige, an welchen das Wort gerichtet war, und der ohne Zweifel ſeinen Namen dem Mißbrauch S— nir r. die ch er N —— 159 verdankte, welchen er mit dem geiſtreichen Inſtrumente ge⸗ trieben hatte, mit deſſen Hülfe man den fehlenden Schlüſſel zu erſetzen gewußt*), ſtand auf, ſchleppte ſeinen Ka⸗ meraden nach ſich, denn jeder Mann iſt bekanntlich im Bagno an einen andern Mann genietet, und ging auf die Schenke zu, die uns mit Lebensmitteln zu verſehen die Ehre hatte. Mittlerweile warf ich einen Blick auf den Wider⸗ ſpänſtigen, deſſen wenig ehrfurchtsvolle Antwort zu meinem großen Erſtaunen keine ärgerliche Folge nach ſich zog; doch er hatte den Kopf auf die andere Seite gewendet, und da er dieſe Stellung mit einer Beharrlichkeit behaup⸗ tete, welche das Reſultat eines feſten Entſchluſſes zu ſein ſchien, ſo konnte ich ihn nicht ſehen; aber ich merkte mir ihn an ſeinen blonden Haaren und an ſeinem rothen Schnurrbart, kehrte in meine Baſtide zurück und nahm mir vor, denſelben in einem andern Augenblick näher zu betrachten. Ich geſtehe, daß meine Neugierde in Beziehung auf dieſen Menſchen mich veranlaßte, mein Frühſtück zu be⸗ ſchleunigen. Ich trieb auch Jadin, der meine Ungeduld nicht begriff, zur Eile an und kehrte an das Ufer des Meeres zurück. Unſere neuen Diener waren nicht ſo weit vorgerückt als wir: Wein vom Fort Lamalgue, Weißbrod und Käſe, bildeten für ſie ein Ertra, woran ſie nicht gewöhnt waren, und ſo verlängerten ſie den Genuß ihres Mahles. Roſſignol und ſein Gefährte beſonders ſchienen im höchſten Grade dieſes Glück zu ſchätzen. Fügen wir bei, daß der Aufſeher ſeinerſeits menſch⸗ lich genug war, es zu machen wie ſeine Untergebenen: nur hatten ſeine Untergebenen eine Flaſche für zwei, wäh⸗ rend er zwei Flaſchen für einen hatte. Was denjenigen betrifft, welchen der Aufſeher unter dem poetiſchen Namen Gabriel bezeichnete, ſo hatte ihn *) Roſſignol bedeutet zugleich Nachtigall und Dietrich. 160 wohl ſein Kugelgenoſſe, der nicht auf das Mahl verzichten wollte, gezwungen, ſich mit den Andern zu ſetzen; doch ſtets in menſchenfeindlicher Stimmung, ſchaute er ihnen verächtlich zu, wie ſie ſpeiſten, ohne irgend etwas zu be⸗ rühren. Als ſie mich erblickten, ſtanden alle Galeerenſklaven auf, obgleich ihr Mahl, wie geſagt, noch nicht beendigt war; doch ich bedeutete ihnen durch ein Zeichen, ſie mögen beendigen, was ſie ſo gut angefangen, und ich würde warten. Der Mann, den ich ſehen wollte, hatte kein Mittel mehr, meine Blicke zu vermeiden. Ich ſchaute ihn alſo nach meiner Bequemlichkeit an, obgleich er ſeine Mütze abſichtlich, um dieſer Prüfung zu entgehen, bis auf ſeine Augen vorgedrückt hatte. Er mochte ungefähr acht und zwanzig bis dreißig Jahre alt ſein; im Gegenſatz zu ſeinen Nachbarn, auf deren roher Phyſiognomie man leicht die Leidenſchaften leſen konnte, welche ſie an den Ort geführt hatten, wo ſie nunmehr waren, hatte er eines von den verwiſchten Geſichtern, bei denen man in einer gewiſſen Entfernung keinen Zug erkennt. Sein Bart, den er in ſeiner ganzen Entwicklung hatte wachſen laſſen, welcher jedoch ſpärlich und von einer falſchen Farbe war, vermochte ſeiner Phy⸗ ſiognomie keinen beſtimmten Charakter zu geben. Seine hellgrauen Augen ſchweiften unentſchieden von einem Gegenſtand zum andern, ohne ſich durch irgend einen Ausdruck zu beleben; ſeine Glieder waren ſchwäch⸗ lich und ſchienen von der Natur durchaus zu keiner an⸗ ſtrengenden Arbeit beſtimmt zu ſein. Kurz, von den ſieben Todſünden, welche auf der Erde im Namen des Feindes der Menſchheit rekrutiren, war diejenige, unter deren Banner er ſich hatte aufneh⸗ men laſſen, offenbar die Trägheit. Ich hätte alſo meine Blicke ſchnell wieder von dieſem Menſchen abgewendet, der, wie ich mit Beſtimmtheit an⸗ nahm, zum Studium nur ein Verbrechen zweiten Ranges ten och nen be⸗ en igt en en. tel n, ig uf en vo 19 en ch h⸗ n id ⸗ 1⸗ 161 zu bieten vermochte, wäre nicht durch eine ſchwankende Erinnerung meinem Gedächtniß zugeflüſtert worden, ich ſehe ihn nicht zum erſten Male. Leider war es erwähnter Maßen eine von den Phy⸗ ſiognomien, bei denen nichts auffällt, welche, abgeſehen von ganz beſonderen Gründen, wenn ſie an uns vorüber⸗ gehen, keinen Eindruck hervorbringen können. Während ich überzengt blieb, daß ich dieſen Men⸗ ſchen ſchon geſehen, was dadurch, daß er meine Blicke ſo beharrlich vermied, noch klarer wurde, war es mir alſo unmöglich, mich zu erinnern, wo und wie ich ihn geſehen. Ich näherte mich dem Aufſeher und fragte ihn nach dem Namen desjenigen meiner Gäſte, welcher meinem Mahl ſo wenig Ehre erwies. Er hieß Gabriel Lambert. Dieſer Name unterſtützte mein Gedächtniß durchaus nicht; ich hörte ihn zum erſten Male ausſprechen. Ich glaubte, ich hätte mich getäuſcht, und da Jadin auf der Schwelle unſerer Villa erſchien, ging ich ihm entgegen. Jadin brachte unſere zwei Flinten; unſere Spazier⸗ fahrt hatte an dieſem Tag keinen andern Zweck, als daß wir Meervögel jagen wollten. Ich ſprach ein paar Worte mit Jadin und empfahl ihm, den Mann, welcher der Gegenſtand meiner Nengierde war, aufmerkſam zu betrachten. * Doch Jadin erinnerte ſich nicht, ihn geſehen zu haben, und der Name Gabriel Lambert war ihm, wie mir, völ⸗ lig fremd. Mittlerweile hatten unſere Galeerenſtlaven ihr Mahl beendigt; ſie ſtanden auf, um wieder ihren Poſten in der Barke einzunehmen; wir näherten uns derſelben ebenfalls. Und da wir, um ſie zu erreichen, von Fels zu Fels ſprin⸗ gen mußten, ſo machte der Aufſeher dieſen Unglücklichen ein Zeichen und ſie traten ſofort bis an die Kniee in die See, um uns zu helfen. Doch ich bemerkte Eines, ſtatt uns die Hand als Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 11 162 Stützpunkt zu reichen, wie es gewöhnliche Matroſen ge⸗ than hätten, boten ſie uns den Ellenbogen. War dies Folge eines vorher gegebenen Befehles? Geſchah dies in der demüthigen Ueberzeugung, ihre Hand wäre unwürdig, die Hand eines ehrlichen Menſchen zu berühren? Gabriel Lambert war ſchon mit ſeinen Ge fährten in der Barke und hielt ſein Ruder in der Hand. II. Henri von Faverne. Wir fuhren ab; doch wie groß auch die Zahl der Meven war, welche um uns her flatterten, meine Auf⸗ merkſamkeit blieb einem einzigen Ziele zugewendet. Je mehr ich dieſen Menſchen anſchaute, deſto mehr kam es mir vor, als wäre er in nicht ſehr ferne liegenden Tagen auf irgend eine Weiſe mit meinem Leben vermiſcht geweſen. Wo dies? wie dies? deſſen konnte ich mich nicht erinnern. Zwei bis drei Stunden vergingen in dieſem hart⸗ näckigen Nachſuchen meines Gedächtniſſes, doch ohne irgend ein Reſultat herbeizuführen. Der Galeerenſtlave ſchien ſo ſehr darauf bedacht, meinen Blick zu vermeiden, daß der Eindruck, den dieſer Blick offenbar auf ihn hervorbrachte, mir peinlich zu wer⸗ den anfing, und daß ich mich an etwas Anderes zu denken bemühte. Doch man weiß, wie anſpruchsvoll der Geiſt iſt, wenn er ſich auf einen Menſchen heften willz unwillkühr⸗ lich kam ich immer wieder auf ihn zurück. c In der Ueberzeugung, daß ich mich nicht täuſchte, ——, nd zu — 1—————— 163 befeſtigte mich noch der Umſtand, daß, ſo oft ich die Augen von ihm abgewendet hatte, um ſie nach einer andern Seite zu richten, und ich mich ſodann wieder nach ihm umwandte, er jedes Mal ebenfalls mich anſchaute. So verging der Tag: wir landeten einige Male. Ich war in jener Zeit damit beſchäftigt, die Lebensereigniſſe von Murat zuſammenzuſtellen und zu ordnen, und ein Theil dieſer Ereigniſſe war an den Orten vorgefallen, wo wir uns befanden; bald bat ich Jadin, eine Zeichnung für mich zu entwerfen, bald wollte ich eine einfache Unter⸗ ſuchung der Oertlichkeit vornehmen. Jedes Mal näherte ich mich dem Aufſeher, um ihn zu befragen, doch jedes Mal begegnete ich dem Blick von Gabriel Lambert, der mir ſo demüthig, ſo flehend vor⸗ kam, daß ich die Erläuterung, welche ich verlangen wollte, auf einen andern Augenblick verſchob. Um fünf Uhr Nachmittags kehrten wir zurück. Da der Reſt des Tages dem Mittagsbrode und der Arbeit gewidmet ſein ſollte, ſo entließ ich meinen Auf⸗ ſeher und ſeine Truppe, und beſtellte ihn auf den andern Morgen um acht Uhr. Unwillkührlich konnte ich an nichts Anderes denken, als an dieſen Menſchen. Es iſt uns Allen zuweilen vor⸗ gekommen, daß wir in unſerer Erinnerung einen Namen ſuchen, den wir nicht wieder finden können, und dennoch haben wir dieſen Namen einſt ganz genau gewußt. Dieſer Name flieht gleichſam vor dem Gedächtniß; wir haben den Klang im Ohr, die Form im Geiſt; ein flüchtiger Schimmer erleuchtet ihn, er will mit einem Ausruf aus unſerem Mund hervor, plötzlich aber entweicht dieſer Name abermals, verſenkt ſich wieder tiefer in die Nacht und ver⸗ ſchwindet ganz und gar, ſo daß man ſich am Ende fragt, ob man ihn nicht im Traume gehört habe, und daß es einem vorkommt, als ob der Geiſt, wenn er ſeine Forſchung weiter fortſetzen würde, ſich in der Finſterniß verlieren und an die Gränzen des Wahnfinns gelangen müßte. 164 So war es bei mir während des ganzen Abends und während eines Theils der Nacht. Nur war es ſeltſamer Weiſe nicht eine Sache ohne Conſiſtenz, nicht ein Ton ohne Körper, was mich floh, ſondern ein Menſch, den ich fünf bis ſechs Stunden unter den Augen gehabt, den ich mit dem Blicke hatte befragen können, den ich mit der Hand zu berühren im Stande geweſen wäre. Diesmal gab es wenigſtens für mich keinen Zweifel: es war weder ein Traum, den ich gemacht, noch ein Ge⸗ ſpenſt, das mir erſchienen: ich wußte mich der Wirklich⸗ keit ſicher und erwartete den Morgen voll Ungeduld. Schon um ſieben Uhr war ich an meinem Fenſter, um die Barke kommen zu ſehen. Ich erblickte ſie, als ſie aus dem Hafen herausfuhr, einem ſchwarzen Punkte ähnlich; je mehr ſie vorrückte, deſto deutlicher wurde ihre Form. Anfangs ſah ſie aus wie ein großer Fiſch, der auf der Oberfläche des Meeres ſchwimmen würde; das Unge⸗ heuer ſchien mit Hülfe ſeiner zwölf Füße auf dem Waſſer zu marſchiren. Dann unterſchied man die Menſchen und endlich die Züge ihrer Geſichter. Doch bis zu dieſem Punkte gelangt, ſuchte ich ver⸗ gebens Gabriel Lambert; er fehlte und zwei neue Sträf⸗ linge hatten ihn und ſeinen Gefährten erſetzt. Ich lief bis zum Ufer. Die Galeerenſtlaven glaubten, ich hätte Eile, mich einzuſchiffen, und ſprangen ins Waſſer, um die Kette zu bilden; doch ich bedeutete ihrem Wächter durch ein Zeichen, er möchte zu mir kommen, damit ich allein mit ihm ſpre⸗ chen könnte.* Er kam: ich fragte ihn, warum Gabriel Lambert nicht mit den Andern wäre. Er antwortete mir, von einem heftigen Fieber befallen, habe er vom Dienſte freigeſprochen zu werden verlangt, was ihm auch auf ein ärztliches Zeugniß bewilligt worden ſei. —— e⸗ —— 165 Während ich mit dem Aufſeher ſprach, über deſſen Schulter ich die Barke und die Leute, mit denen ſie be⸗ mannt war, ſehen konnte, zog einer von den Galeerenſkla⸗ ven einen Brief aus ſeiner Taſche und zeigte mir ihn. Es war derjenige, welchen man unter dem Namen Roſſignol bezeichnet hatte. Ich begriff, daß es Gabriel möglich geworden war, mir zu ſchreiben, und daß es Roſſignok übernommen hatte, ſein Bote zu werden. Ich erwiederte mit einer Geberde des Einverſtändniſſes das Zeichen, das er mir machte, und dankte dem Auf⸗ ſeher. „Wünſchte ihn der Herr vielleicht zu ſprechen?“ fragte mich der Aufſeher;„in dieſem Fall würde ich ihn, krank oder nicht krank, morgen kommen laſſen.“ „Nein,“ erwiederte ich,„es iſt mir nur ſein Geſicht geſtern aufgefallen, und als ich ihn heute nicht unter ſeinen Kameraden ſah, erkundigte ich mich nach der Urſache ſeiner Abweſenheit. Es ſcheint mir, dieſer Menſch ſteht über denjenigen, mit welchen er zuſammen iſt.“ „Ja, ja,“ ſagte der Aufſeher,„es iſt einer von unſeren er mag machen, was er will, man ſieht es ſo⸗ gleich.“ Ich wollte meinen braven Auſſeher fragen, was er unter den Worten unſere Herven verſtünde, als ich Roſſignol ſah, der, während er zugleich ſeinen Kettenge⸗ fährten nach ſich zog, einen Stein aufhob und den Brief, den er mir gezeigt hatte, unter dieſem Stein verbarg. Von nun an hatte ich, wie man leicht begreift, nur he ein Verlangen: das, dieſen Brief in Händen zu haben. Ich entließ den Auſſeher mit einer Kopfbewegung, welche ihm andeutete, daß ich ihm nichts mehr zu ſagen hatte, und ſetzte mich zu dem Stein. Er kehrte ſogleich zurück, um ſeinen Platz im Vor⸗ dertheil der Barke wieder einzunehmen. Während dieſer Zeit hob ich den Stein auf und be⸗ mächtigte mich des Briefes, und zwar ſeltſamer Weiſe nicht ohne eine gewiſſe unruhige innere Bewegung. Ich begab mich wieder in meine Wohnung. Dieſer Brief war auf grobes Schulpapier geſchrieben, aber pünktlich und mit einer gewiſſen Zierlichkeit zuſam⸗ mengelegt Die Schrift war klein, fein und von einem Charae⸗ 6 der einem Schreiber von Profeſſion Ehre gemacht hätte. Der Brief war überſchrieben: „An Herrn Alerandre Dumas.“ Dieſer Menſch hatte mich alſo auch erkannt. Raſch öffnete ich den Brief und las, wie folgt: „Mein Herr, „Ich habe geſtern geſehen, wie ſehr Sie ſich anſtreng⸗ ten, um mich zu erkennen, und Sie mußten ſehen, wie ſehr ich mich anſtrengte, um nicht erkannt zu werden. „Sie begreifen, daß unter allen Demüthigungen, denen wir preisgegeben ſind, eine der größten diejenige iſt, daß wir uns, unſerer Würde entſetzt, wie wir dies ſind, einem Manne gegenüber befinden, welchen wir in der Ge⸗ ſellſchaft getroffen haben. „Ich habe mir alſo das Fieber gegeben, um mir heute dieſe Demüthigung zu erſparen. „Bewahren Sie nun einiges Mitleid für einen Un⸗ glücktichen, der, er weiß es wohl, nicht einmal ein Recht auf Mitleid hat, ſo verlangen Sie nicht, mein Herr, daß ich in Ihren Dienſt zurückkehrez ich wage es ſogar, mir noch mehr von Ihnen zu erbitten: richten Sie keine Frage an mich über meine Perſon. Im Austauſch für dieſe Gnade, um deren Bewilligung ich Sie auf den Knieen anflehe, gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen, ehe Sie Toulon verlaſſen, den Namen mittheile, unter welchem Sie mich getroffen haben: mit dieſem Namen werden Sie Alles wiſſen, was Sie zu wiſſen wünſchen. g⸗ Re en he ie —,—— —„ 167 „Haben Sie die Güte, die Bitte desjenigen in Er⸗ wägung zu ziehen, welcher nicht den Muth hat, ſich zu nennen „Ihren ergebenſten Diener „Gabriel Lambert.“ Wie die Adreſſe, ſo war auch der Brief mit der rei⸗ zendſten engliſchen Handſchrift geſchrieben, die man ſehen konnte; er beurkundete eine gewiſſe Gewohnheit des Styls, obgleich die drei orthogrophiſchen Fehler*), die er ent⸗ hielt, den Mangel an aller Erziehung bezeichneten. Die Unterſchrift war mit einem von jenen verwickel⸗ ten Federzügen geſchmückt, wie man ſie nur noch am Ende des Namens gewiſſer Dorfnotare findet. Es war eine ſeltſame Miſchung von vrigineller Ge⸗ meinheit und angeeigneter Eleganz. Dieſer Brief ſagte mir für den Augenblick nichts, aber er verſprach mir für die Zukunft Alles, was ich zu wiſſen wünſchte. Dann fühlte ich mich von Mitleid erfaßt für dieſe Natur, welche erhabener, oder wenn man will, niedriger war als die anderen. nicht ein Reſt von Größe in ſeiner Demüthi⸗ ung? Ich beſchloß alſo, ihm zu bewilligen, was er von mir forderte, und ſagte zu dem Aufſeher, weit entfernt zu wünſchen, daß man mir Gabriel Lambert zurückgeben würde, hätte ich zuerſt gebeten, mich von dieſem Menſchen zu be⸗ freien, deſſen Geſicht mir mißfiele. Dann öffnete ich den Mund nicht mehr und Niemand ſprach ein Wort von der Sache. Ich verweilte noch vierzehn Tage in Toulon und wäh⸗ rend dieſer vierzehn Tage blieben die Barke und ihre Mannſchaft in meinem Bienſt. Nur kündigte ich zum Voraus meine Abreiſe an. *) Der Ueberſetzer konnte dieſe Fehler nicht wiederholen. „— 168 Ich wünſchte, daß dieſe Kunde zu Gabriel Lambert gelangen möchte, denn ich wollte ſehen, ob er ſich des 1 Ehrenworts, das er mir gegeben, erinnern würde. Der letzte Tag verging, ohne daß irgend etwas mir f andeutete, mein Mann ſchicke ſich auch nur entfernt an, ſein Verſprechen zu halten, und ich geſtehe, ich machte mir„ meine Discretion ſchon zum Vorwurf, als ich, während ich von meinen Leuten Abſchied nahm, Roſſignol einen 1 Blick auf den Stein werfen ſah, wo ich ſchon den Brief gefunden hatte. 1 Dieſer Blick war ſo bezeichnend, daß ich ihn auf der 1 Stelle begriff, und ich antwortete durch eine Geberde, welche ſagen wollte: „Es iſt gut.“ Während ſodann dieſe Unglücklichen, in Verzweiflung darüber, daß ſie mich verlaſſen ſollten, denn die vierzehn— Tage, die ſie in meinem Dienſte zugebracht, waren Feſt⸗ tage für ſie geweſen, rudernd ſich von der Baſtide ent⸗ fernten, hob ich den Stein auf und fand darunter eine Karte.. Auf dieſer Karte las ich: Der Viromte Henri von Faverne. III. Das Foyer der Oper. Gabriel Lambert hatte Recht; dieſer Name ſagte wenn nicht Alles, doch wenigſtens einen Theil vo was ich zu wiſſen wünſchte. „Es iſt richtig, Henri von Faverne!“ rief ich,, 169 von Faverne, ſo iſt es! Warum des Teufels habe ich ihn nicht wiedererkannt?“ Allerdings hatte ich denjenigen, welcher dieſen Namen führte, nur zweimal geſehen, doch unter Umſtänden, wo ſich ſeine Züge tief in mein Gedächtniß eingeprägt. Es war die dritte Vorſtellung von Robert dem Deufelz ich ging mit einem meiner Freunde, dem Ba⸗ ron Olivier d'Hornoy im Forer der Oper ſpazieren. Ich war mit ihm an dieſem Abend nach einer Ab⸗ weſenheit von drei Jahren zum erſten Male wieder zuſam⸗ mengetroffen. Wichtige Angelegenheiten hatten ihn nach Guadeloupe gerufen, wo ſeine Familie beträchtliche Güter beſaß, und war erſt ſeit einem Monat von den Colonien zurück⸗ gekehrt. Dieſes Wiederſehen gewährte mir große Freude, denn wir ſtanden früher in enger Verbindung mit einander. Zweimal kreuzten wir im Hin⸗ und Hergehen einen Menſchen, der ihn jedes Mal auf eine höchſt auffallende Weiſe anſchaute. Wir ſollten ihm eben zum dritten Male begegnen, als Olivier mich fragte: „Iſt es Ihnen gleichgültig, vb wir im Corridor oder hier auf und abgehen?“ „Vollkommen gleichgültig,“ antwortete ich,„doch wa⸗ rum dies?“ „Ich werde es Ihnen ſogleich ſagen,“ erwiederte er. Wir machten einige Schritte und befanden uns im Corridor. „Weil,“ fuhr er fort,„weil wir zweimal einen Men⸗ ſchen gekreuzt haben. Der uns auf eine ſeltſame Weiſe anſchaute, ich habe merkt. Wer iſt dieſer Menſch?“ „Ich kann es Ihnen nicht genau ſagen, ich weiß nur, er ausſieht, als ſuchte er einen Handel mit mir zu n, während ich ganz und gar nicht mit ihm in treit u gerathen wünſchte.“ 170 „Und ſeit wann, mein lieber Olivier, fürchten Sie die Streitigkeiten? Wenn ich mich recht erinnere, ſtanden Sie früher in dem unſeligen Rufe, ſie eher zu ſuchen, als zu fliehen.“ „Ja, es iſt wahr, ich ſchlage mich, wenn es ſein muß; doch Sie wiſſen, man ſchlägt ſich nicht mit Jeder⸗ mann.“ „Ich begreife, dieſer Menſch iſt ein Induſtrieritter.“ „Ich habe keine Gewißheit hierüber, doch ich be⸗ fürchte es.“ „In dieſem Fall, mein Lieber, haben Sie vollkommen Recht; das Leben iſt ein Capital, das man nur gegen ein ungefähr gleichbedeutendes Capital wagen muß; wer es anders hält, ſpielt ein Narrenſpiel.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre einer Loge, und eine junge, hübſche Frau machte coquettiſch Olivier ein Zeichen mit der Hand, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche. „Verzeihen Sie, mein Lieber, ich muß Sie verlaſſen.“ „Für lange Zeit?“ „Nein, gehen Sie im Corridor auf und ab, und vor zehn Minuten bin ich wieder bei Ihnen.“ „Vortrefflich.“ Ich ſetzte meinen Spaziergang während der angege⸗ benen Zeit allein fort, und fand mich auf der Seite, welche derjenigen gegenüberlag, wo ich Olivier verlaſſen hatte, als ich plötzlich ein gewaltiges Geräuſch vernahm und ſah, wie ſich die andern Spaziergängen nach der Stelle wand⸗ ten, wo dieſes Geräuſch entſtanden war; ich folgte der 3 Richtung der Uebrigen und gewahrte Olivier, der aus einer Gruppe hervorkam, mich, ſobald er meiner anſichtig wurde, am Arm nahm und zu mir ſagte: 3 „Kommen Sie, mein Lieber, laſſen Sie uns gehe „Was gibt es denn,“ fragte ich„und warum Sie ſo bleich?“ „Es iſt geſchehen, was ich vorherſah, dieſer Menſch hat mich beleidigt und ich muß mich mit ihm ſchlagenz doch kommen Sie geſchwinde zu mir oder zu Ihnen, ich n werde Ihnen Alles erzählen.“ 8 Wir ſtiegen raſch eine der Treppen hinab, während der Fremde die andere hinabſtieg; er hielt ſein mit Blut n beflecktes Sacktuch vor dem Geſicht. 7 Olivier und er trafen ſich an der Thüre. „Sie werden nicht vergeſſen, mein Herr,“ ſprach der * Fremde mit lauter Stimme, ſo daß ihn Jedermann hören ⸗ mußte,„Sie werden nicht vergeſſen, daß ich Sie morgen um ſechs Uhr im Bois de Boulogne erwarte.“ n„Ja wohl, mein Herr,“ verſetzte Olivier die Achſeln n zuckend,„es iſt eine abgemachte Sache.“ 3 Und er that einen Schritt rückwärts, um ſeinen Gegner vorüberzulaſſen, der hinausging, indem er ſich in der offenbaren Abſicht, Effect zu machen, in ſeinen Mantel r drapirte. „Oh! mein Gott,“ ſagte ich zu Olivier,„was für ein iſt das? Und Sie wollen ſich mit ihm ſchla⸗ gen?“ „Ich muß bei Gott wohl.“ „Warum müſſen Sie?“ „Weil er die Hand gegen mich erhoben hat, weil ich ihm einen Hieb mit dem Stock über das Geſicht ver⸗ ſetzt habe.“ „Wirklich?“ „Bei meinem Wort! eine Laſtträgerſcene, ſo ſchmutzig, als man ſich nur immer denken kann: ich ſchäme mich z doch was wollen Sie! es iſt einmal ſo“ Aber wer iſt denn dieſer Bauernkerl, welcher glaubt, üſſe Leuten unſerer Art Ohrfeigen geben, um ſie ringen, daß ſie ſich ſchlagen?“ r er iſt? er iſt ein Herr, der ſich Vicomte Henri verne nennen läßt.“ nri von Faverne, ich kenne das nicht.“ auch nicht.“ tun, wie können Sie einen Streit mit einem Men ben, den Sie nicht kennen?“ 172 „Gerade, weil ich ihn nicht kenne, habe ich einen Streit mit ihm: das kommt Ihnen ſeltſam vor, nicht wahr?“ „Ich geſiehe es.“ „Ich will es Ihnen erzählen. Hören Sie, es iſt ſchön Wetter, ſtatt uns zwiſchen vier Wänden einzu⸗ † ſchließen, wollen wir, wenn es Ihnen genehm iſt, bis zur Madeleine gehen.“ „Wohin Sie wollen.“ „Vernehmen Sie alſo, dieſer Henri von Faverne hat herrliche Pferde und ſpielt ein wahnfinniges Spiel, ohne daß man weiß, daß er irgend ein Vermögen unter der Sonne beſitzt: übrigens bezahlt er gut, was er kauft oder was er verliert, und es läßt ſich von dieſer Seite nichts gegen ihn ſagen. Doch da er, wie es ſcheint, auf dem Punkte iſt, ſich zu verheirathen, ſo hat man ihn um einige Erläuterungen über das Vermögen gebeten, von dem er einen ſo blendenden Gebrauch macht, worauf er„ erwiederte, er wäre von einer Familie reicher Pflanzer, welche bedeutende Güter in Guadeloupe beſäße. Ich komme gerade von dort an, und ſo erkundigte man ſich bei mir und fragte mich, ob ich einen Grafen von Faverne in Pointe⸗A⸗Pitre kenne. „Ich muß Ihnen nun ſagen, daß ich in Pointe⸗à⸗ Pitre Alles kenne, was gekannt zu ſein verdient, und daß es von einem Ende der Inſel zum andern eben ſo wenig einen Grafen von Faverne gibt, als auf meiner Hand. „Sie begreifen, ich ſagte ganz einfach, wie die Sache war, ohne auf das, was ich äußerte, irgend ein Gewicht zu legen. Da es übrigens der Wahrheit entſprach, ſo 5 hätte ich es am Ende in jedem Fall geſagt. „Es ſcheint nun, meine Weigerung, dieſen Herrn anzuerkennen, hat ſeinen Heirathsplänen ein Hinderniß in den Weg geſtellt. Er ſchrie ganz laut, ich wär Verleumder, und er würde mich meine Verleumdung renen machen. Ich kümmerte mich nichts darum, doe dieſen Abend begegnete ich ihm, wie Sie geſehen, und ich e r — 173 fühlte, Sie wiſſen, man fühlt dies, daß ich Streit mit dieſem Menſchen bekommen würde. „Sie ſind übrigens Zeuge, mein lieber Freund, daß ich dieſen Streit vermieden habe, ſo lange ich konnte. Ich verließ das Foyer, ich ging in den Corridor, und als ich ſah, daß er uns auch in den Corridor folgte, trat ich in die Loge der Gräfin Ms, welche, wie Sie wiſſen, Creolin iſt und nie von dieſem Herrn oder von irgend einem Faverne hat ſprechen hören. „Ich glaubte, damit loszukommen; baſtal er erwar⸗ tete mich vor der Thüre der Loge, das Uebrige wiſſen Sie: morgen ſchlagen wir uns, wie Sie gehört haben.“ „Ja, um ſechs Uhr Morgens; doch wer hat dies ſo geordnet?“ „Das beweiſt mir abermals, daß ich es mit einem Bauernkerl zu thun habe. Iſt es je an den Gegnern, dergleichen Dinge zu ordnen? Was bliebe den Zeugen dann noch zu thun? Sodann ſich Morgens um ſechs Uhr ſchlagen, begreifen Sie das? Wer ſteht um ſechs Uhr auf 2 Dieſer Menſch iſt alſo in ſeiner Jugend Ackerknecht geweſen! Ich meines Theils weiß, daß ich morgen von einer abſcheulichen Laune ſein“und mich ſehr ſchlecht ſchlagen werde.“ „Wie, Sie werden ſich ſehr ſchlecht ſchlagen?“ „Ganz gewiß, es iſt beim Teufel etwas Ernſtes um einen Zweikampfz man nimmt ſich jede Bequemlichkeit bei der Liebe, aber man geſteht ſich nicht die geringſte Phan⸗ taſie im Punkte des Duells zu! Ich weiß nur, daß ich mich immer um eilf Uhr oder zur Mittagsſtunde geſchla⸗ gen und mich im Allgemeinen ſehr gut dabei befunden habe. Ich frage Sie ein wenig, um ſechs Uhr Morgens, im Monat October, man ſtirbt vor Kälte, man ſchnattert, man hat nicht geſchlafen.“ „Nun, ſo gehen Sie nach Hauſe und legen Sie ſich zu Bette.“ Ja, legen Sie ſich zu Bette, das iſt leicht geſagt; man hat immer, wenn man ſich am andern Tag ſchlägt, etwas wie ein Ende von einem Teſtament zu machen, einen Brief an ſeine Mutter oder ſeine Geliebte zu ſchreiben; Alles dies nimmt einen bis zwei Uhr Morgens in An⸗ ſpruch. „Dann ſchläft man ſchlecht; denn ſehen Sie, man mag ſagen, was man will, man mag brav ſein, ſo ſehr man will, ſo iſt es immer eine ſchlimme Nacht, die Nacht, welche einem Duell vorhergeht; und um fünf Uhr auf⸗ ſtehen! denn ſoll man ſich um ſechs Uhr im Bois de Boulogne einfinden, ſo muß man um fünf Uhr aufſtehen, bei Licht aufſtehen, kennen Sie etwas Verdrießlicheres als das? „Er mag ſich auch gut halten, dieſer Herr, ich werde ihn nicht ſchonen, dafür ſtehe ich Ihnen. Ah! ich zähle darauf, daß Sie mein Zeuge ſind.“ „Bei Gott!“ „Bringen Sie Ihre Degen, ich will mich der mei⸗ nigen nicht bedienen, er könnte ſagen, ich ſei auf meiner Hut.“ „Sie ſchlagen ſich auf den Degen?“ „Ja, das iſt mir lieber; das tödtet eben ſo gut als die Piſtole und macht nicht zum Krüppel; eine ſchlechte Kugel zerſchmettert einem den Arm, man muß ihn ab⸗ nehmen, und man iſt verſtümmelt. Bringen Sie Ihre Degen.“ „Es iſt gut, ich werde um fünf Uhr bei Ihnen ſein.“ „Um fünf Uhr! wie beluſtigend iſt es auch für Sie, um fünf Uhr aufſtehen zu müſſen!“ „Oh! für mich iſt es beinahe gleichgültig, denn es iſt die Stunde, wo ich mich niederlege“ „Gleichviel, wenn die Dinge unter anſtändigen Leu⸗ ten vorgehen und Sie mein Zeuge ſind, ſo laſſen Sie mich ſchlagen, wie es Ihnen bekiebt, doch laſſen Sie mich um eilf Uhr oder zur Mittagsſtunde ſchlagen, und Sie werden ſehen, bei meinem Ehrenwort, es wird kein Vergleich ſein; ich werde hundert Procent gewinnen.“ S ——— en nz n⸗ n hr , f⸗ de n, es de e i⸗ er 6 te b⸗ re 175 „Stille doch, ich bin überzeugt, Sie ſind morgen herrlich.“ „Ich werde mein Beſtes thun; doch auf Ehre, ich hätte mich lieber dieſen Abend unter einer Laterne ge⸗ ſchlagen, wie ein Soldat auf der Wache, als daß ich morgen um eine ſolche Stunde aufſtehen müßte; Sie, mein Lieber, der Sie kein Teſtament zu machen haben, legen Sie ſich zu Bette, und empfangen Sie meine Ent⸗ ſchuldigung im Namen dieſes Menſchen“ „Ich gehe von Ihnen, mein lieber Olivier, doch nur, um Ihnen Ihre ganze Zeit zu laſſen. Haben Sie mir ſonſt einen Auftrag zu geben?“ „Ah! ich brauche zwei Zeugen: gehen Sie in den Club, und ſagen Sie Alfred von Nerval, ich zähle auf ihn; das wird ihm nicht zu läſtig ſein, er wird bis um dieſe Stunde ſpielen, und damit iſt Alles abgemacht. Dann brauchen wir. bei meinem Ehrenwort, ich weiß nicht, wo ich den Kopf habe.. wir brauchen einen Arzt; ich habe nicht Luſt, dieſem Herrn, wenn ich ihm einen Degenſtich beibringe, das Blut auszuſaugen; es iſt mir lieber, wenn man ihm zur Ader läßt.“ „Geben Sie einem den Vorzug?“ „Wem?“ „Einem Arzt?“ „Nein! ich fürchte ſie alle gleich ſehr. Nehmen Sie Fabien; iſt er nicht Ihr Arzt? Es iſt auch mein Arzt; er wird uns dieſen Dienſt mit Vergnügen leiſten, wenn er nicht etwa befürchtet, es könnte ihm beim König ſcha⸗ den, denn Sie wiſſen, daß er vierteljährig bei Hof fune⸗ tionirt.“ „Seien Sie unbeſorgt, er wird nicht einmal daran denken.“ „Ich glaube es auch, denn er iſt ein vortrefſlicher Junge, entſchuldigen Sie mich, daß ich ihn zu einer ſol⸗ chen Stunde aufzuſtehen veranlaſſe.“ „Bah! er iſt daran gewöhnt.“ „Für eine Geburtshülfe, ja, aber nicht für ein Duell. 176 Doch ich plaudere hier wie eine Elſter und halte Sie auf der Straße auf Ihren Beinen, während Sie in Ihrem Bett ſein ſollten. Legen Sie ſich nieder, mein lieber Freund, legen Sie ſich nieder.“ „Gute Nacht und guten Muth!“ „Ah! meiner Treue, ich ſchwöre Ihnen, ich weiß nicht, wie es ſein wird,“ ſagte Olivier, indem er gähnte, um ſich den Kiefer auszurenken,„in der That, Sie machen ſich keinen Begriff, wie ſehr es mich langweilt, mich mit dieſem Burſchen zu ſchlagen.“ Nach dieſen Worten verließ mich Olivier, um nach Hauſe zuückzukehren, während ich in den Club und zu Fabien ging. Ich hatte ihm, als ich ihn verließ, die Hand gege⸗ ben und gefühlt, daß ſeine Hand von einer nervöſen Be⸗ wegung erſchüttert wurde. Ich begriff das nicht. Olivier ſtand beinahe im Ruf eines Duelliſten. Wie konnte ein Zweikampf einen ſo hef⸗ tigen Eindruck auf ihn machen. Nichtsdeſtoweniger war ich ſeiner für den anderen Tag ſicher. III. Vorbereitungen. Ich lief zum Doctor, und von da in den Club; Alfred verſprach, ſich nicht niederzulegen, und Fabien, zur verabredeten Stunde aufgeſtanden zu ſein: Beide ſollten ſich um drei Viertel auf fünf Uhr bei Olivier einfinden. Ich kam um halb fünf Uhr zu ihm, um ihm zu ſagen, es ſei Alles nach ſeinem Belieben geurdnet. Er ſaß an ſeinem Tiſch und beendigte einige Briefe. iß en it ch e⸗ e⸗ uf f⸗ en b; zur ten en. en, fe. 177 Er hatte ſich nicht niedergelegt. „Nun! mein lieber Olivier,“ fragte ich,„wie be⸗ finden Sie ſich?“ „Oh! ſehr unbehaglich: Sie ſehen den müdeſten Men⸗ ſchen der Erde; ich hatte, wie ich vermuthete, nicht Zeit, eine Minute zu ſchlafen, und kein Feuer hier, ſo daß ich mich nicht wärmen konnte. Iſt es kalt außen?“ „Nein, das Wetter iſt feucht, und es fällt ein Nebel.“ „Sie werden ſehen, wir ſind ſo glücklich, daß Waſſer in Strömen herabſtürzt. „Wie beluſtigend iſt es, ſich beim Regen und die Füße im Koth zu ſchlagen! „Wenn dieſer Menſch nicht ein gemeiner Kerl wäre, ſo hätte man es auf ſpäter verſchoben, oder ſich unter Dach geſchlagenz er kann auch ruhig ſein, ſeine Sache ſoll glatt abgemacht werden, und ich werde ihn von der Luſt, zum zweiten Male Streit mit mir zu ſuchen, heilen, dafür ſtehe ich Ihnen.“ „Ah! mein Lieber, Sie ſprechen, als ob Sie ihn zu tödten ſicher wären.“ „Oh! Sie begreifen, man iſt nie ſicher, daß man ſeinen Mann tödtet; nur die Aerzte können hiefür ſtehen⸗- „Nicht wahr, Fabien?“ fügte er lächelnd bei, indem er dem Arzte, welcher eben eintrat, die Hand reichte,„doch ich werde ihm einen hübſchen Degenſtich beibringen, das iſt gewiß.“ „In der Art desjenigen, welchen Sie am Vorabend Ihrer Abreiſe nach Guadeloupe dem portugieſiſchen Of⸗ ficier gaben, den ich nur mit der allergrößten Mühe dem Tode entriſſen habe, nicht wahr 2“ ſagte Fabien. „Ohl bei ihm war es etwas Anderes: er hatte den Monat Mai gewählt; dann ſtatt mir brutaler Weiſe ſeine Stunde ins Geſicht zu werfen, fragte er mich höflich um die meinige. „Denken Sie ſich, mein Lieber, es war eine Ver⸗ gnügenspartie, wir ſchlugen uns um eilf Uhr Morgens in Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 12 178 Montmorency, an einem herrlichen Tage. Erinnern Sie ſich, Fabien, in dem Gebüſche neben uns ſang eine Gras⸗ mücke: ich bete die Vögel an. Während ich mich ſchlug, hörte ich dieſe Grasmücke ſingen; ſie entflog erſt bei der Bewegung, die Sie machten, als Sie meinen Gegner fal⸗ len ſahen. „Wie gut fiel er, nicht wahr? Er grüßte mich da⸗ pei mit der Hand; es war ein äußerſt anſtändiger Mann, dieſer Portugieſe; der Andere, Sie werden es ſehen, wird fallen wie ein Ochs und mich beſpritzen.“ „Ah! mein lieber Qlivier,“ ſagte ich,„Sie ſind alſo ein heiliger Georg, da Sie zum Voraus ſo ſprechen?“ „Nein, ich fechte ſogar ziemlich ſchlecht, aber ich habe ein feſtes Fauſtgelenke, und auf dem Kampfplatz eine Kaltblütigkeit wie alle Teufel; dabei habe ich es diesmal mit einem Feigen zu thun.“ „Mit einem Feigen der Sie herausgefordert hat 2“ „Das thut nichts, es beſtätigt im Gegentheil meine Behauptung. „Sie haben wohl geſehen, daß er, ſtatt mir ruhig ſeine Zeugen zu ſchicken, wie man dies in guter Geſell⸗ ſchaft thut, ſich den Kopf dadurch erhitzen wollte, daß er mich ſelbſt beleidigte; auch ging er zweimal an mir vor⸗ über, ohne etwas Anderes zu thun, als mich anzuſchauen; erſt als er mich von meinem Wege abgehen ſah, glaubte er, ich hätte Angſt, und ließ ſich den Kamm wachſen; es iſt ein Menſch, der ſich nothwendig mit einem Mann von guter Stellung ſchlagen muß, um die Flecken ſeiner Ehre zu tilgen. Es iſt nicht ein Duell, was er mir vorſchlägt, ſondern eine Sperulation, die er unternimmt. „Uebrigens werden Sie dies Alles auf dem Kampf⸗ platz ſehen.. „Ah! endlich erſcheint Nerval; ich glaubte, er würde gar nicht kommen.“ „Das iſt nicht mein Fehler, mein Lieber,“ ſagte Nerval eintretend;„übrigens komme ich nicht zu ſpät. (Er zog ſeine Uhr.) Fünf Uhr. Denke Dir, daß ich etliche ———— ie 8⸗ g, er ⸗ G⸗ n, rd ibe ine ral 2“ ine hig ell⸗ er or⸗ en; bte es von hre igt, pf⸗ rde agte pät. iche ———— — 179 und dreißig jtauſend Franken von Valjuſon gewonnen hatte, und daß ich ihm Revanche auf Revanche geben mußte, bis er nur noch zweitauſend verlor.„Ah! Du ſchlägſt Dich alſo? „Oh! mein Gott, ja.“ „Alerandre kam gerade, um es mir zu ſagen, als ich um zweihundert Louis d'or leichter gemacht worden war, ſo daß ich ziemlich ſchlecht hörte. „Hätteſt Du nicht gehalten, neun und zwanzig durch den Umſchlag und das Ausſpielen?“ „Gewiß hätte ich gehalten.“ „Nun wohl! ich finde fünf Trefles; dieſer Dummkopf von Larry, der die Karten gemiſcht, hatte ſich drei für ſich allein und alberner Weiſe, wie Alles was er thut, das Aß und den König einem Andern gegeben. „Ich hatte bereits zehntauſend Franken verloren, als mir der gute Gevanke kam, mich im Ecarté mit Valju⸗ ſon zu erholen, ſo daß ich weder verliere noch gewinne. Sie ſpielen nicht, Fabien?“ „Nein.“ „Sie haben ſehr Recht; ich kenne nichts Einfältigeres als das Spiel, es iſt eine Gewohnheit, die ich angenom⸗ men habe und gern wieder ablegen würde. Gibt es kein Gegenmittel, Doctor, aber ein angenehmes Mittel, ein moraliſches Mittel, in Verbindung mit einer guten higieni⸗ ſchen Diät? „Doch bei dieſer Gelegenheit, mein Lieber, wo des Teu els hat d'Harville ſeinen abſcheulichen Koch genom⸗ men? Bei einem conſtitutionellen Miniſter? Er hat uns geſtern ein Mittagsbrod gegeben, das Niemand eſſen konnte. Du vermutheteſt es wohl, und biſt nicht tomen Du haſt wohl daran gethan. Ah! wo ſchlägt man ſich?“ „Im Bvis de Bonlogne, in der Allée de la Muette.“ „Oh! das ſind claſſiſche Ueberlieferungen. Seitdem Du in Guadeloupe biſt, ſchlägt man ſich nicht mehr dort: man ſchlägt ſich in Clignancvurt oder in Vincennes. „Ah! es gibt reizende Orte, welche Neſtor entdeckt hat; Du weißt, er iſt der Chriſtoph Columbus dieſer Welten: ſie haben ſich dort mit Galvis geſchlagen, ein reizendes Duell! „Du weißt, wie brav Beide ſind: jeder gab dem andern drei Degenſtiche, und ſie verließen ſich zufrieden wie die Götter. „Numero Peus impare gaudet. „Du ſiehſt, wie ich mein Lateiniſch inne habe. Und wenn ich bedenke, daß man den Preis für das Thema zu meinem Nachtheil dieſem Dummkopf von Larry gegeben hat, der mit ſeinen drei Trofles Schuld war, daß ich zwei⸗ hundert Louis d'or verlor. „Du wirſt es ihn dieſen Abend entgelten laſſen. Doch ich glaube, meine Herren,“ fuhr Olivier fort,„ich glaube, es iſt Zeit, daß wir aufbrechen; wir dürfen nicht auf uns warten laſſen. „Wie kommen wir dahin?“ „In einem Landau, in welchem auch die Degen ſind,“ erwiederte ich;„der Wagen iſt ſo ehrbar, daß man nie vermuthen wird, was er enthält.“ „Sehr gut! gehen wir hinab.⸗ Wir gingen hinab, nahmen Platz im Wagen und befahlen dem Kutſcher, uns in das Bois de Boulogne zu führen. „Ah!“ ſagte Alfred, als der Wagen zu rollen anfing, „ich werde vielleicht auch einen Strauß haben.“ „Und warum dies?“ „Deinetwegen.“ „Meinetwegen?“ „Ja. Du weißt, Du ſagteſt kürzlich bei Frau von Méranges, Du kenneſt in Guadeloupe keinen Herrn von Faverne.“ „Ganz richtig.“ „Ich hörte dies, während ich eine Partie Whiſt machie: es war mir zu einem Ohr hinein und zum an⸗ dern hinausgegangen, als man vorgeſtern im Club, er⸗ rathe wen, vorſchlägt? Einen Herrn Henri von Faverne, —— on on iſt n⸗ er⸗ ne, 181 der ſich Vicomte nennen läßt und, wie ich ſicher weiß, gar nichts iſt. Da ſagte ich, es wäre unmöglich, dieſen Menſchen zuzulaſſen, die Faverne beſtünden gar nicht, Du kenneteſt Guadelvupe wie Deine Taſche, und hätteſt nie von dieſen Leuten ſprechen hören; ſo wurde er zurück⸗ gewieſen. „Es iſt übrigens ärgerlich, denn er ſpielt ſehr ſchön; es ſcheint, er hat erfahren, daß ich mich gegen ihn aus⸗ geſprochen und iſt deshalb auf mich erboſt. „Nach ſeinem Belieben! ſobald er müde iſt, mir zu grollen, wird er es mir ſagen, und ich erwarte ihn.“ „Doch ſprich, mit wem ſchlägſt Du Dich?“ „Mit ihm?“ „Mit wem?“ „Mit Deinem Henri von Faverne.“ „Wie? gegen mich iſt er aufgebracht, und mit Dir ſchlägt er ſich?“ „Ja, er wird erfahren haben, daß die Auskunft von mir herrührt, und hat ſich ganz natürlich an mich ge⸗ wendet.“ „Oh! warte einen Augenblick!“ rief Alfred,„ich werde es ihm ſagen.“ „Du wirſt ihm nichts ſagen. Dieſer Herr iſt ein ungeſchlachter Burſche, mit dem man nicht ſpricht; übri⸗ gens ſteht Deine Angelegenheit in keinem Zuſammenhang mit der meinigen: er hat mich beleidigt, und ich muß mich mit ihm ſchlagen, damit iſt es abgemacht. Nach mir kommt die Reihe an Dich.“ „Ah, ja! Du richteſt ſie gut zu, wenn Du ſie ein⸗ mal auf das Korn nimmſt. Doch dieſen, ich bitte Dich, tödte nicht ganz; nur unter dieſer Bedingung überlaſſe ich ihn Dir. Willſt Du eine Cigarre?“ „Ich danke.“ „Du weißt nicht, was Du ausſchlägſtz es ſind ächte Cigarren des Königs von Spanien, welche Vernon von der Havanna zurückgebracht hat. „Sie rauchen nicht, Doctor?“ 182 „Nein.“ „Sie haben Unrecht.“ Hienach zündete Alfred ſeine Cigarre an, lehnte ſich in eine Ecke des Wagens, überließ ſich ganz der ange⸗ nehmen Beſchäftigung, die er ſich gemacht hatte, und verſank in die Wolluſt der Rauchens. V. Die Allée de la Muette. Während dieſer Zeit erhob ſich ein bleicher, kränk⸗ licher Morgen, und man fing an, das Bois de Boulogne im Nebel verloren wahrzunehmen. Fin Wagen fuhr vor dem unſrigen, und da er die Porte Maillot wählte, ſo zweifelten wir nicht mehr daran, es wäre der unſeres Gegners; wir befahlen alſo unſerem Kutſcher, ihm zu folgen; er wandte ſich gegen die Allée de la Muette, wo er, nachdem er ungefähr das Drittel erreicht hatte, anhielt; der unſtige holte ihn ein und hielt ebenfalls an; wir ſtiegen aus. Ich warf nun einen Blick auf Olivier. Fs war eine völlige Veränderung in ihm vorge⸗ gangen. Die nervöſe Bewegung, die ihn am Tage vor⸗ her erſchütterte, hatte ſich gänzlich verloren, und er war wieder kalt und ruhig; ein Lächeln äußerſter Verachtung bog ſeinen Mund und eine leichte Falte zwiſchen den zwei Augbrauen war das einzige Zuſammenziehen, das man in ſeinem Geſichte bemerken konnte; nicht ein Wort kam aus ſeinem Munde. Sein Widerſacher bot einen ganz entgegengeſetzten Anblick; er ſprach laut, lachte geräuſchvoll und geberdete ſich mit aller Gewalt; bei allem dem war ſein fratzen⸗ in e⸗ r⸗ ar 19 ei an m en ete n 183 haftes Geſicht bleich und zuſammengezogen; von Zeit zu Zeit preßte ihm ein Nervenkrampf die Bruſt und zwang ihn, zu gähnen. Wir näherten uns ſeinen zwei Zeugen, welche ge⸗ nöthigt waren, ihm zu ſagen, er möge ſich entfernen. Dann machte er pfeifend einige Schritte rückwärts und ſtieß das Stöckchen, das er in der Hand hielt, ſo heftig in die Erde, daß es zerbrach. Die Vorbereitungen zum Zweikampf waren leicht zu ordnen. Herr von Faverne hatte die Stunde bezeichnet, Olivier hatte die Waffen gewählt, und es war ſomit jede Verſöhnung unmöglich. Es handelte ſich nur noch einfach darum, zu wiſſen, ob der Kampf nach einer erſten Verwundung aufhören, oder ob man ihm einen Verlauf nach dem Belieben der Kämpfenden laſſen ſollte. Olivier hatte ſich für das Letztere ausgeſprochen, dies war ſein Recht in ſeiner Stellung als Beleidigter: nichts ſollte die Degen aufhalten, als der Fall von einem der beiden Gegner. Die Zeugen ſtritten einen Augenblick, waren aber genöthigt, nachzugeben; wir kannten weder den Einen, noch den Andern; es waren Freunde von Herrn Henri von Faverne, und, abgeſehen von ihrem einſchneidenden Tone und ihren Unterofficiersmanieren, fanden wir ſie ſenich vertraut mit den Functionen, die ſie zu erfüllen hatten. Ich reichte ihnen die Degen, welche ſie unterſuchten. Während dieſer Unterſuchung kehrte ich zu Olivier zurück. Er war damit beſchäftigt, einen heraldiſchen Fehler bemerkbar zu machen, der ſich in das, ohne Zweifel impro⸗ viſirte, Wappen ſeines Gegners eingeſchlichen hatte: der Vicomte führte Farbe auf Farbe. Als er mich ſah, nahm er mich bei Seite. „Hören Sie,“ fagte er,„hier ſind zwei Briefe, der eine für meine Mutter, der andere für„ Er ſprach dieſen Namen nicht aus, ſondern zeigte ihn mir nur auf den Brief geſchrieben: es war der einer ſ2 Perſon, die er liebte und zu heirathen im Begriffe and. „Man weiß nicht, was geſchehen kann,“ fuhr er fort; „ſollte mir Unglück widerfahren, ſo laſſen Sie dieſen Brief zu meiner Mutter bringen; den andern, lieber Freund, übergeben Sie nur zu eigenen Händen.“ Dann als ich wahrnahm, daß er immer ruhiger wurde, je näher der Angenblick des Zweikampfes kam, ſagte ich: „Mein lieber Olivier, ich fange an zu glauben, daß dieſer Menſch Unrecht gehabt hat, Sie zu beleidigen, und daß er ſeine Unklugheit theuer bezahlen wird.““ „Ja,“ ſprach der Doector,„beſonders wenn Ihre Kaltblütigkeit wahr iſt.“ Ein Lächeln ſchwebte über die Lippen von Olivier. „Doctor,“ ſagte er,„wie oft ſchlägt in einer Minute in gewöhnlichem Geſundheitszuſtande der Puls eines Men⸗ ſchen, der kein Motiv der Aufregung hat?“ „Vier und ſechzig oder fünf und ſechzigmal,“ ant⸗ wortete Fabien. „Fühlen Sie meinen Puls, Doctor,“ ſagte Olivier, indem er Fabien die Hand reichte. Fabien zog ſeine Uhr, druckte ſeinen Finger auf die Arterie und ſprach nach einer Minute: „Sechs und ſechzig Pulsſchläge; Sie beherrſchen ſich auf eine wunderbare Weife; entweder iſt Ihr Gegner ein heiliger Georg, oder er iſt ein todter Mann.“ „Mein lieber Olivier,“ ſprach Alfred ſich umwendend, „biſt Du bereit?“ „Ich?“ verſetzte Olivier,„ich warte.“ „Nun, meine Herren,“ ſprach er,„nichts hält uns ab, den Kampf beginnen zu laſſen.“ „Ja, ja,“ rief Herr von Faverne,„ja, geſchwinde, geſchwinde, beim Teufel!“ Olivier ſchaute ihn mit einem leichten Lächeln der te er t; ief de, h: nd re ute n⸗ nt⸗ ns de, der Verachtung an, und zog als er ſah, daß er ſeinen Rock und ſeine Weſte von ſich warf, dieſe Kleidungsſtücke auch aus. Da erſchien ein neuer Unterſchied zwiſchen dieſen zwei Männern. Olivier war auf das Zierlichſte gekleidet; er hatte vollſtändige Toilette gemacht, um ſich zu ſchlagen; ſein Hemd war vom feinſten Batiſt, glänzend weiß und ſorg⸗ fältig gefältelt; ſein Bart war friſch geordnet und ſeine Haare hatten eine Wellenform, als ob ſie eben von dem Eiſen ſeines Kammerdieners kämen. Das Haupthaar von Herrn von Faverne deutete im Gegentheil eine bewegte Nacht an. Man ſah, daß er ſeit dem vorhergehenden Tage nicht friſirt worden, und daß dieſe Friſur durch die Unruhe der Nacht ſehr in Unordnung gerathen war; ſein Bart war lang, und ſein Hemd von Jaconnas war ſicherlich das⸗ ſelbe, in welchem er ſich Abends niedergelegt hatte. „Dieſer Menſch iſt offenbar ein Bauernkerl,“ mur⸗ melte Olivier. Ich gab ihm einen von den Degen, während man den andern ſeinem Gegner reichte. Olivier nahm ihn bei der Klinge und es war, als ſchaute er ihn gar nicht anz man hätte glauben ſollen, er hielte ein Spazierſtöck⸗ chen in der Hand. Herr von Faverne nahm im Gegentheit den ſeinigen am Griffe, und peitſchte zwei oder dreimal die Luft mit der Klinge; dann umwickelte er die Hand mit einem ſei⸗ denen Taſchentuche, um den Degen mehr zu befeſtigen. Hlivier zog jetzt erſt ſeine Handſchuhe aus, hielt es aber für unnöthig, ſich der Vorſichtsmaßregel zu bedienen, welche ſein Gegner genommen hatte; ich gewahrte nun ſeine Hand; ſie hatte die Weiße und Zartheit einer Frauenhand. „Nun! mein Herr,“ ſagte Herr von Faverne,„nun?“ „Nun! ich warte,“ antwortete Olivier. „Vorwärts, meine Herren,“ rief Alfred. Die Gegner, welche zehn Schritte von einander ent⸗ 186 fernt waren, näherten ſich nun; ich bemerkte, daß das Ge⸗ ſicht von Olivier immer ſanfter und lächelnder wurde, je näher er ſeinem Gegner kam. Das Geſicht ſeines Feindes nahm im Gegentheil einen Character von Wildheit an, deſſen ich ſeine Züge nicht für fähig gehalten hätte; ſein Auge wurde blutig und ſeine Geſichtshaut aſchfarbig. Ich fing an der Meinung von Olivier zu ſeinz dieſer Menſch war ein Feiger. In dem Augenblick, wo die Degen ſich berührten, öffneten ſich ſeine Lippen und zeigten krampfhaft zuſammen⸗ gepreßte Zähne. Beide legten ſich einander gegenüber aus; doch ſo einfach, leicht und zierlich die Stellung von Ollivier war, ſo ſteif und eckigt, obgleich in allen Regeln der Kunſt, war die ſeines Gegners. Man ſah, daß dieſer Menſch in einem gewiſſen Alter fechten gelernt hatte, während der Andere als wahrer Edel⸗ mann ſeit ſeiner Kindheit mit Rappieren ſpielte. Herr von Faverne begann den Angriff: ſeine erſten Stöße waren lebhaft, geſchloſſen, genau; als er aber dieſe Stöße gethan hatte, hielt er inne, als wäre er erſtaunt über den Widerſtand ſeines Gegners. Olivier hatte in der That ſeine Angriffe mit derſelben Leichtigkeit parirt, als er dies bei einer Uebung im Fechtſaale gethan haben dürfte. Herr von Faverne wurde wo möglich noch bleicher und Olivier noch lächelnder. Herr von Faverne veränderte ſeine Auslage, bog die Kniee, ſpreizte die Beine nach der Weiſe der italieniſchen Meiſter, und wiederholte dieſelben Stöße, jedoch indem er ſie mit jenen Schreien begleitete, welche, um ihre Gegner zu erſchrecken, die Regimentsprofoße auszuſtoßen pflegen. Doch dieſe Veränderung des Angriffs hatte keinen Einfluß auf Olivier: ohne um einen Schritt zurückzu⸗ weichen, ohne eine Sohle breit ſeine Lage zu verlaſſen, ohne eine einzige von ſeinen Bewegungen zu beſchleunigen, band ſich ſein Degen mit dem ſeines Gegners, oder er 187 kam ihm abwechſelnd zuvor, als ob er die Stöße, die die⸗ ſer auf ihn führen wollte, hätte errathen können. Er beſaß in der That, wie er ſelbſt ſagte, eine furchtbare Kaltblütigkeit. Der Schweiß der Ohnmacht und der Mudigkeit floß von der Stirne von Herrn von Faverne; die Muskeln ſeines Halſes und ſeiner Arme ſchwollen an wie Stricke; doch ſeine Hand ermattete ſichtbar und man ſah ein, daß ſein Degen, wenn er nicht durch das ſeidene Tuch an ſein Fauſtgelenke befeſtigt geweſen wäre, ihm bei dem erſten, etwas lebhaften Angriff ſeines Gegners hätte aus den Händen fallen müſſen. Olivier fuhr im Gegentheil fort, mit dem ſeinigen zu ſpielen. Wir ſchauten ſchweigend dieſem furchtbaren Spiele zu, deſſen Ausgang ſich leicht errathen ließ. Man konnte vorausſetzen, daß Herr von Faverne ein verlorener Mann war. Nach einem Augenblick wurde ein noch bezeichnenderes Lächeln auf den Lippen von Olivier ſichtbar. Er machte ebenfalls ein paar Scheinſtöße, dann zuckte ein Blitz in ſeinen Augen; er fiel weit aus, und ſtieß ihm, mit einem einfachen Losmachen ſeiner Klinge, das jedoch ſo feſt, ſo lebhaft war, daß wir ihr nicht mit den Augen folgen konnten, ſeinen Degen durch den Leib. Statt die in ſolchen Fällen gewöhuliche Vorſichts⸗ maßregel zu nehmen, das heißt, ſtatt ſich einen Schritt rückwärts zu werfen, ſenkte er ſodann ſeinen blutigen Degen und wartete. Herr von Faverne ſtieß einen Schrei aus, fuhr mit ſeiner linken Hand nach ſeiner Wunde, ſchüttelte ſeine rechte Hand, um ſie von dem Degen zu befreien, der ihn, an ſein Fauſtgelenk gebunden, wie eine Keule belaſtete, wurde völlig leichenbleich, wankte einen Augenblick und fiel ohnmächtig nieder. Ohne ihn völlig aus dem Auge zu verlieren, wandte ſich Olivier gegen Fabien um, und ſagte mit ſeinem ge⸗ 188 wöhnlichen Stimmtone, in dem ſich nicht die geringſte Aufregung erkennen ließ: „Nun, Doctor, das Uebrige geht, glaube ich, Sie an.“ Fabien war ſchon bei dem Verwundeten. Der Degen war ihm nicht nur durch den Leib gedrungen, ſondern er hatte auch das flatternde Hemd durchlöchert, ſo tief war der Stich geweſen; das Blut hing auf mehr als zehn Zoll an der Klinge. „Hier, mein Lieber,“ ſagte Olivier zu mir,„hier iſt Ihr Degenz es iſt erſtaunlich, wie gut er mir in der Hand liegt. Bei wem haben Sie ihn gekauft?“ „Bei Devismes.“ „Haben Sie die Güte, mir einen ähnlichen zu be⸗ ſtellen.“ „Behalten Sie dieſen; Sie bedienen ſich deſſelben zu gut, als daß ich ihn wieder von Ihnen zurücknehmen ſollte.“ „Ich danke, es wird mir Vergnügen machen, ihn zu beſitzen.“ Dann ſich gegen den Verwundeten umwendend: „Ich glaube, ich habe ihn getödtet, das würde mir leid thun; ich weiß nicht, warum es mir vorkommt, als müßte dieſer Unglückliche nicht durch die Hand eines ehr⸗ lichen Mannes ſterben.“ Da wir nun nichts mehr hier zu thun hatten, inſo⸗ fern Herr von Faverne in den Händen von Fabien, das heißt von einem der geſchickteſten Aerzte von Paris war, ſo ſtiegen wir wieder in unſern Wagen, während man den Verwundeten in den ſeinigen brachte. Zwei Stunden nachher erhielt ich eine herrliche tür⸗ kiſche Pfeife, die mir Slivier im Austauſch für meinen Degen ſchickte. Am Abend erkundigte ich mich perſönlich nach Herrn von Faverne; am andern Tag ſchickte ich meinen Be⸗ dienten, am dritten Tage meine Karte; als ich an dieſem dritten Tage erfuhr, daß er durch die Sorge von Fabien —— — 189 außer Gefahr war, hoörte ich auf, mich um ihn zu be⸗ kümmern. Zwei Monate nachher empfing ich meinerſeits ſeine Karte. Dann unternahm ich eine Reiſe, und ich ſah ihn nicht mehr bis an dem Tage, wo ich ihn im Bagno fand. Olivier hatte ſich über die Zukunft dieſes Menſchen nicht getäuſcht. VI. Das Manuſeript. Man erräth nun, wie neugierig ich war, die Er⸗ eigniſſe kennen zu lernen, welche dieſen Menſchen, mit dem ich, wie er ſagte, in der Geſellſchaft zuſammenge⸗ troffen war, auf die Galeere gebracht hatten. Ich dachte ganz natürlich an Fabien, der, da er die Wunde, die ihm Olivier beigebracht, geheilt hatte, inte⸗ reſſante Kunde über ihn erhalten haben mußte. Bei meiner Rückkehr nach Paris machte ich auch ihm zuerſt einen Beſuch. Ich hatte mich nicht getäuſcht; Fa⸗ bien, der Tag für Tag das, was er thut, aufzuſchreiben pflegt, ging an ſeinen Serretaire und ſuchte unter meh⸗ reren von einander getrennten Heften eines, das er mir übergab. „Nehmen Sie, mein Freund,“ ſagte er,„Sie finden hierin jede Auskunft, die Sie zu haben wünſchen; ich will es Ihnen anvertrauen, machen Sie damit, was Ihnen beliebt, aber verlieren Sie es nicht; dieſes Heft gehört zu einem großen Werk, das ich über die moraliſchen welche ich behandelt habe, abzuſaſſen ge⸗ enke.“* 190 „Oh! Teufel, mein Lieber,“ erwiederte ich,„arin läge ein Schatz für mich.“ „Seien Sie unbeſorgt, theurer Freund; ſterbe ich an einer gewiſſen Pulsadergeſchwulſt, die mir von Zeit zu Zeit ganz leiſe in das Herz flüſtert, daß ich nur Staub bin und wieder zu Staub zu werden gefaßt ſein muß, ſo ſind dieſe Hefte für Sie beſtimmt, und mein Teſta⸗ mentsvollſtrecker wird ſie Ihnen zuſtellen.“ „Ich danke für die Abſicht, doch ich hoffe das Ge⸗ ſchenk, das Sie mir verſprechen, nie zu erhalten; Sie ſind höchſtens drei bis vier Jahre älter als ich.“ „Sie ſchmeicheln mir; wenn ich mich nicht tänſche, bin ich zwölf bis dreizehn Jahre älter; aber was macht das Alter unter ſolchen Umſtänden? Ich kenne einen Greis von ſiebenzig Jahren, der jünger iſt als ich.“ „Gehen Sie doch, Doctor, Sie haben ſolche Ge⸗ danken?“ „Gerade, weil ich Doctor bin, habe ich ſie. „Wollen Sie meine Krankheit ſehen? hier iſt ſie.“ Er führte mich zu einer vollendeten Zeichnungz ſie ſiellte die Anatomie des Herzens dar. „Ich habe dieſe Zeichnung nach meiner Unterweiſung und zu meinem Privatgebrauche machen laſſen, um meine Lage, wenn ich ſo ſagen darf, materiell zu beurtheilen. Sie ſehen, es iſt eine Pulsadergeſchwulſt; eines Tages wird dieſes Gewebe hier zerberſten; wann? ich weiß es nicht; vielleicht heute, vielleicht in zwanzig Jahren; es iſt nur gewiß, daß es berſten wird: dann iſt in drei Secun⸗ den Alles vorbei. „Und an einem ſchönen Morgen hören Sie ſagen: „„Ah! der arme Fabien, Sie wiſſen?““ „„Ja. Nun?““ „„Er iſt plötzlich geſtorben.““ „„Bah! Und wie dies?““ „„Oh! mein Gott, während er einem Kranken den Puls fühlte. Man ſah ihn roth werden, erbleichen, und eis en nd icht 191 er fiel nieder, ohne nur einen Schrei von ſich zu geben; als man ihn aufhob, war er todt.““ „„Das iſt ſeltſam!““ „Man wird zwei Tage in der Geſellſchaft, acht in der Medieinſchule, vierzehn im Inſtitut davon ſprechen, und Alles iſt abgethan. Gute Nacht, Fabien!“ „Sie ſind verrückt, mein Lieber.“ „Es iſt, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre habe... Doch ich bitte tauſendmal um, Verzeihung, ich muß Sie verlaſſen, das Hoſpital nh mich; hier iſt Ihr Heft, nehmen Sie eine Abſchrift davon und machen Sie damit, was Sie wollen. Gott befohlen“ Ich drückte Fabien zum Dank noch einmal die Hand, und nahm zugleich freudig und betrübt von ihm Abſchied: betrübt über ſeine Vorherſagung, freudig über die Aus⸗ kunft, die ich durch mein Heft erhalten ſollte. Nach Hauſe zurückgekehrt, befahl ich meinem Be⸗ dienten, Niemand zu mir zu laſſen, zog meinen Schlaf⸗ rock an, ßreckte mich in einem großen Fauteuil aus, ſtützte meine Füße auf die Feuerböcke und öffnete mein koſtbares ft. Ich ſchreibe buchſtäblich ab, ohne an der Abfaſſung von Fabien das Geringſte zu verändern. Oetober 18 Dieſen Morgen um ein Uhr wurde ich benachrichtigt, daß ein Duell zwiſchen Herrn Henri von Faverne und Herrn Olivier dHornoy ſtattfinden ſollte, und daß dieſer mich bitten laſſe, ſie auf den Kampfplatz zu begleiten. Ich begab mich auf den Punkt fünf Uhr zu ihm. Um ſechs Uhr waren wir in der Allée de la Muette, wohin man ſich beſchieden hatte. Um ſechs Uhr und fünf⸗ zehn Minuten ſtürzte Herr Henri von Faverne durch einen Degenſtich verwundet nieder. Ich eilte auf ihn zu, während Olivier und ſeine Zeugen wieder in den Wagen ſtiegen und nach Paris zurückkehrten; der Verwundete war ohnmächtig. 192 Seine Wunde war offenbar, wenn nicht tödtlich, doch wenigſtens ſehr bedeutend. Die Spitze des dreieckigen Eiſens drang in die rechte Seite ein und kam mehrere Zolle aus der linken heraus. Ich nahm ſogleich einen Aderlaß vor. Dem Kutſcher empfahl ich bei der Rückkehr, durch die Allée von Neuilly und über die Champs⸗Elyſées zu fah⸗ ren, einmal, weil dieſer Weg der kürzere war, und dann beſonders, weil der Wagen, inſofern er beſtändig auf der Erde fortrollen konnte, den Verwundeten weniger anſtrengen mußte. Als wir die Höhe des Triumphbogens erreichten, gab Herr von Faverne einige Lebenszeichen von ſich; ſeine Hand bewegte ſich, ſchien den Sit eines tiefen Schmerzes zu ſuchen und verweilte auf ſeiner Bruſt. Einige erſtickte Seufzer, welche das Blut aus ſeiner doppelten Wunde hervorſpringen machten, entwanden ſich peinlich ſeinem Munde; dann heftete er ſeinen Blick auf mich, erkannte mich und murmelte mit einer gewiſſen An⸗ ſtrengung: „Ah! Sie ſind es, Doctor? Ich bitte Sie, verlaſſen Sie mich nicht; ich fühle mich ſehr ſchlimm.“ Erſchöpft durch dieſe Anſtrengung, ſchloß er wieder die Augen und ein leichter röthlicher Schaum befeuchtete ſeine Lippen. Die Lunge war ofſenbar verletzt. „Seien Sie unbeſorgt,“ erwiederte ich,„Sie ſind allerdings ſchwer verwundet, doch die Wunde iſt nicht tödtlich.“ Er antwortete mir nicht, öffnete die Augen nicht; doch er drückte mir ſchwach die Hand, mit der ich ihm den Puls fühlte. So lange der Wagen auf der Erde fortrollte, ging Alles gut; als wir aber auf den Revolutionsplatz kamen, war der Jutſcher genöthigt, auf dem Pflaſter zu fahren, und die Stoͤße des Wagens ſchienen dem Kranken ſolche Schmerzen zu bereiten, daß ich ſeine Zeugen fragte, ob nicht einer derſelben in der Nachbarſchaft wohnte, damit 0 en re en ie h⸗ nn er en ab ine zes ner ſich auf An⸗ ſſen eder tete ſind icht doch den ging nen, ren, olche „ob amit 193 man dem Verwundeten den Weg erſparen könnte, den er noch bis zur Rue Taitbout zu machen hätte. Doch bei dieſer Frage, welche Herr von Faverne, trotz ſeiner ſcheinbaren Unempfindlichkeit hörte, rief er: „Nein, nein, zu mir!“ Ueberzeugt, die moraliſche Ungeduld könnte nur die körperliche Gefahr vermehren, gab ich meinen erſten Ge⸗ danken auf und ließ den Kutſcher weiter fahren⸗ Nach zehn peinlichen Minuten, während welcher ich das Geſicht des Verwundeten bei jedem Stoß ſich zuſam⸗ menziehen ſah, kamen wir in die Rue Taibont Nrv. 11. Herr von Faverne wohnte im erſten Stock. Einer von den Zeugen ging voraus, um die Bedienten zu benach⸗ richtigen, welche uns ihren Herrn tragen helfen ſollten: zwei Bedienten in glänzender, auf allen Nähten galonnirter Livree kamen herab. Ich habe die Gewohnheit, die Menſchen nicht nur nach ihrer eigenen Perſon, ſondern auch nach ihrer Um⸗ gebung zu beurtheilen; ich ſchaute daher dieſe zwei Diener prüfend an: weder der Eine, noch der Andere zeigte die mindeſte Theilnahme für den Verwundeten. Sie waren offenbar ſeit kurzer Zeit im Dienſt von Herrn von Faverne, und dieſer Dienſt hatte ihnen kein Mitgefühl für ihren Herrn eingeflößt. Wir gingen vurch eine Reihe von Zimmern, welche mir koſtbar ausgeſtattet vorkamen, ohne daß ich ſie jedoch im Einzelnen prüfen konnte, und gelangten in das Schlaf⸗ zimmer; das Bett war noch ungemacht, wie es ſein Herr verlaſſen hatte. An der Tapete auf der Seite des Kopf⸗ kiſſens, im Bereiche der Hand, hingen ein Paar Piſtolen und ein türkiſcher Dolch. Wir legten den Verwundeten auf ſein Bett,„die zwei Bedienten und ich, denn die zwei Zeugen, welche ihre Gegenwart für unnütz hielten, hatten ſich ſchon entfernt. Als ich ſah, daß die Wunde nicht mehr bluten wollte, nahm ich einen Verband vor. Sobald dies geſchehen war, Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 13 194 hieß der Verwundete durch ein Zeichen die Bedienten weg⸗ gehen und wir blieben allein. Trotz des geringen Antheils, den ich bis jetzt an Herrn von Faverne, der mir einen gewiſſen Widerwillen einflößte, genommen hatte, betrübte mich die Vereinzelung, in der ich ihn zurücklaſſen ſollte. Ich ſchaute umher, heftete meine Angen auf die Thüre und erwartete immer, Jemand eintreten zu ſehen, aber ich wurde in meiner Erwartung getäuſcht. Doch ich konnte nicht länger bei ihm bleiben, meine täglichen Geſchäfte riefen mich; es war halb acht Uhr, um acht Uhr mußte ich in der Charité ſein. „Haben Sie denn Niemand zu Ihrer Pflege?“ fragte ich. „Niemand,“ antwortete er mit dumpfem Tone. „Haben Sie keinen Vater, keine Mutter, keinen Ver⸗ wandten?“ „Niemand.“ „Keine Geliebte?“ Er ſchüttelte ſeufzend den Kopf und es kam mir vor, als murmelte er den Namen Louiſe, doch dieſer Name war ſo unartikulirt, daß ich im Zweifel blieb. „Ich kann Sie nicht ſo verlaſſen,“ ſagte ich. „Schicken Sie mir eine Wärterin,“ erwiederte der Verwundete,„ſagen Sie ihr, ich werde ſie gut bezahlen.“ Ich ſtand auf, um ihn zu verlaſſen. „Sie gehen ſchon?“ fragte er. „Ich muß, ich habe meine Kranken; wären es Reiche, ſo hätte ich vielleicht das Recht, ſie warten zu laſſen; doch es ſind Arme und ich muß pünktlich ſein.“ „Sie werden im Verlaufe des Tags wiederkommen, nicht wahr?“ „Ja, wenn Sie es wünſchen.“ „Gewiß, und ſo bald als möglich, nicht wahr?“ „So bald als möglich.“ „Sie verſprechen es mir?“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ g⸗ rn te, er re c ne m te r ir ne er he, n, 195 „Gut.“ Ich that zwei Schritte gegen die Thüre, der Verwun⸗ dete machte eine Bewegung, als wollte er mich zurückhal⸗ ten und den Mund öffnen. „Was wünſchen Sie?“ fragte ich. Er ließ ſeinen Kopf wieder fallen, ohne zu ant⸗ worten. Ich näherte mich ihm. „Sprechen Sie,“ fuhr ich fort;„wenn es in meiner Macht liegt, Ihnen einen Dienſt zu leiſten, ſo werde ich es thun.“ Er ſchien einen Entſchluß zu faſſen. haben mir geſagt, die Wunde wäre nicht tödt⸗ lich?“ „Ich habe es geſagt.“ „Können Sie mir dafür ſtehen?“ „Ich glaube; wenn Sie jedoch irgend eine Anordnung zu treffen haben.. „Nicht wahr, das heißt, ich könnte jeden Angenblick ſterben 2“ Und er wurde noch bleicher und ein kalter Schweiß perlte an der Wurzel ſeiner Haare. „Ich habe Ihnen geſagt, die Wunde wäre nicht ge⸗ fährlich, zu gleicher Zeit bemerkte ich Ihnen aber auch, ſie wäre bedenklich.“ „Mein Herr, nicht wahr, ich darf Vertrauen zu Ihrem Wort haben?“ „Man muß diejenigen, an welchen man zweifelt, nicht ragen„ „Nein, nein, ich zweifle nicht an Ihnen. Nehmen Sie,“ fügte er bei, indem er mir einen Schlüſſel bot, den er von einer an ſeinem Halſe hängenden Kette löſte,„öff⸗ nen Sie mit dieſem Schlüſſel die Schublade jenes Secre⸗ taire dort.“ Ich that, was er von mir verlangte; er erhob ſich auf einen Ellenbogen; Alles, was ihm von Leben blieb, ſchien ſich in ſeinen Augen zuſammengedrängt zu haben. „Sie ſehen ein Portefeuille 2“ ſagte er. „Hier iſt es.“ „Es iſt voll von Familienpapieren, welche nur mich intereſſiren; Doctor, ſchwören Sie mir, dieſes Porteuille, wenn ich ſterbe, in das Feuer zu werfen.“ „Ich verſpreche es Ihnen.“ „Ohne die Papiere zu leſen?“ „Das Portefeuille iſt mit einem Schlüſſel geſchloſſen.“ „Oh! ein ſolches Schloß iſt leicht zu öffnen.“ Ich ließ das Portefeuille wieder fallen. Obgleich das Wort beleidigend war, hatte es mir doch mehr Ekel als Zorn eingeflößt. Der Kranke ſah, daß er mich verletzt hatte. „Verzeihen Sie,“ ſagte er,„ich bitte Sie tauſendmal um Verzeihung; der Aufenthalt auf den Colonien hat mich mißtrauiſch gemacht. Vergeben Sie, nehmen Sie das Portefeuille wieder und verſprechen Sie mir, es zu ver⸗ brennen, wenn ich ſterbe.“ „Ich verſpreche es Ihnen zum zweiten Male.“ „Ich danke.“ „Iſt dies Alles?“ „Sind nicht in derſelben Schublade mehrere Bank⸗ billets?“ „Ja, zwei von tauſend, drei von fünf hundert.“ „Ich bitte, geben Sie mir dieſelben, Doctor.“ Ich nahm die Billets und gab ſie ihm; er zerknitterte ſie und machte eine runde Kugel daraus, die er unter ſein Kopfliſſen ſteckte. „Ich danke,“ ſagte er, erſchöpft durch die Anſtren⸗ gung... Dann ſank er zurück und murmelte:„Ah! Doe⸗ tor, ich glaube, ich ſterbe. Doctor, retten Sie mich, und dieſe fünf Bankbillets gehören Ihnen, das Doppelte, das Dreifache, wenn es ſein muß.. Ah!... Ich ging auf ihn zuz er war abermals ohnmächtig. Ich läutete einem Bedienten, während ich den Verwundeten an einem Fläſchchen, worin engliſches Salz enthalten war, 1 h n 197 riechen ließ. Nach einigen Augenblicken fühlte ich an der Bewegung ſeines Pulſes, daß er wieder zu ſich kam. „Ah! diesmal noch nicht,“ murmelte er; dann öffnete er die Augen, ſchaute mich an und fügte bei:„Ich danke, Doctor, daß Sie mich nicht verlaſſen haben.“ „Doch nun muß ich Sie endlich verlaſſen,“ erwie⸗ derte ich. „Ja, aber fommen Sie bald zurück.“ „Um Mittag werde ich hier ſein.“ „Glauben Sie, es ſei bis dahin einige Gefahr vor⸗ handen?“ „Ich glaube es nicht; hätte das Eiſen ein weſent⸗ liches Organ verletzt, ſo wären Sie jetzt todt.“ „Und Sie ſchicken mir eine Wärterin?“ „Auf der Stellez mittlerweile darf Sie Ihr Bedien⸗ ter nicht verlaſſen.“ „Allerdings,“ ſagte der Lackei,„ich kann beim gnä⸗ digen Herrn bleiben.“ „Nein, nein,“ rief der Verwundete,„gehen Sie zu Ihrem Kämeraden, ich wünſche zu ſchlafen, und wenn Sie da bleiben, verhindern Sie mich daran.“ Der Lackei ging hinaus. „Es iſt nicht klug, allein zu Bleiben,“ ſagte ich. „Iſt es nicht unkluger, mit einem Burſchen zu bleiben, der mich ermorden kann, um mich zu beſtehlen?“ erwie⸗ derte er. „Das Loch iſt gemacht,“ fügte er mit leiſer Stimme bei,„ſchiebt man einen Degen in die Wunde, ſo kann man das Herz finden, das mein Gegner verfehlt hat.“ Ich zitterte bei dem Gedanken, der den Geiſt dieſes Menſchen durchzuckt hatte; wer war er denn, daß ihm ſolche Ideen kamen? „Nein,“ fügte er bei,„nein, im Gegentheil, ſchließen Sie mich ein, nehmen Sie den Schlüſſel, geben Sie ihn der Wärterin und empfehlen Sie ihr, mich weder bei Tag noch bei Nacht zu verlaſſen; nicht wahr, es iſt eine ehr⸗ liche Frau?“ 198 „Ich ſtehe für ſie.“ „Nun wohl, ſo gehen Sie; auf Wiederſehen... um Mittag.“ Ich ging hinaus und ſchloß ihn ſeiner Bitte gemäß ein. „Doppelt,“ rief er,„doppelt.“ Ich drehte den Schluſſel noch einmal um.+ „Meinen Dank,“ ſprach er mit ſchwacher Stimme. Ich entfernte mich. „Euer Herr will ſchlafen,“ ſagte ich zu den Lackeien, welche im Vorzimmer lachten,„und da er befürchtet, Ihr könntet bei ihm eintreten, ohne gerufen zu ſein, ſo hat er mir dieſen Schlüſſel für die Wärterin übergeben, welche kommen wird.“ Die Lackeien wechſelten einen ſeltſamen Blick, ant⸗ worteten aber nichts. VII. Der Kranke. Ich verließ das Haus. Fünf Minuten nachher war ich bei einer vortrefflichen Krankenwärterin, welche ſich ſogleich, nachdem ich ihr Inſtructionen gegeben, in die Wohnung von Herrn Henri von Faverne verfügte. Meinem Verſprechen gemäß kehrte ich zur Mittags⸗ ſtunde zurück. Er ſchlief noch. Ich hatte einen Augenblick den Gedanken, meine Gänge fortzuſetzen und ſpäter wiederzukommen. Doch er hatte der Wärterin ſo ſehr empfohlen, man möchte mich, wenn ich käme, bitten, ſein Erwachen zu er⸗ warten, daß ich mich in den Salon ſetzte, auf die Ge⸗ fahr, eine halbe Stunde von der einem Arzte ſtets ſo koſt⸗ baren Zeit zu verlieren. Ich benützte dieſes Warten, um einen Blick umher⸗ zuwerfen und mir, wenn es mir möglich wäre, durch die Betrachtung der äußeren Gegenſtände eine beſtimmte An⸗ ſicht über dieſen Menſchen zu bilden. Beim erſten Anblick hatten alle dieſe Gegenſtände ein elegantes Ausſehen, und erſt, wenn man die Wohnung im Einzelnen prüſte, erkannte man das Gepräge einer geſchmack⸗ loſen Koſtbarkeit: die Teppiche waren von bunter Farbe und gehörten zu den größten, welche die Magazine von Sallandrouze liefern können; doch ſie ſtanden nicht im Einklang mit der Farbe der Tapeten und der der Meubles. Ueberall war das Gold vorherrſchend. Die Gefimſe der Thüren und des Plafond waren vergoldet, goldene Franſen hingen an den Vorhängen, und die Tapezierung verſchwand unter der Menge der goldenen Rahmen, welche die Wände bedeckten und Stiche zu zwanzig Franken, oder ſchlechte Copien von Meiſtergemälden enthielten, die man ohne Zweifel an den unwiſſenden Erwerber für Orgina⸗ lien verkauſt hatte. Vier Etagsren ſtanden in den vier Ecken des Salon; doch mitten unter ſehr koſtbaren chineſiſchen Geſäſſen ſpreizten ſich Elfenbeine von Dieppe und moderne Por⸗ zellane von ſo plumper Arbeit, daß man nicht entfernt glauben konnte, ſie hätten ſich hier als ſächſiſche Figurinen eingeſchlichen. Die Pendeluhr und die Candelabres waren von dem⸗ ſelben Geſchmack, und ein Tiſch, beladen mit prachtvoll eingebundenen Büchern, vervollſtändigte das Geſammtweſen, indem er einen ziemlich mittelmäßigen Proſpectus von dem lieferte, was der Herr des Hauſes gewöhnlich las. Alles war neu und ſchien höchſtens ſeit drei oder vier Monaten gekauft zu ſein. Ich vollendete meine prüfende Betrachtung, die mich nichts Neues lehrte, wohl aber mich in der Meinung be⸗ ſtätigte, daß ich mich bei einem ſeit kurzer Zeit erſt Reich⸗ — gewordenen von ſehr mangelhaftem Geſchmack befand, dem es zwar gelungen war, um ſich her alle Anzeichen, aber nicht die Wirklichkeit des eleganten Lebens zu ſam⸗ meln, als die Wärterin eintrat und mir meldete, der Kranke ſei ſo eben erwacht. Ich ging ſogleich aus dem Salon in das Schlaf⸗ zimmer. Hier wurde meine ganze Aufmerkſamkeit durch den Kranken in Anſpruch genommen. Beim erſten Blick bemerkte ich jedoch, daß ſich ſein Zuſtand nicht verſchlimmert hatte; die Symptome waren im Gegentheil fortwährend günſtig. Ich beruhigte ihn daher, denn ſeine Angſt war im⸗ e mer noch dieſelbe, und das Fieber, das ihn ſchüttelte, ſteigerte dieſelbe auf einen Grad, der bei einem Mann peinlich anzuſchauen war. Wie hatte dieſer ſo ſchwache Menſch den Muth gehabt, einen Mann zu beleidigen, der wegen der Leichtigkeit, mit welcher er den Degen hand⸗ habte ſo bekannt war wie Olivier, und wie kam es, daß er, nachdem er ihn beleidigt hatte, ſich auf dem Kampf⸗„ platz benahm, wie er dies gethan? Es war dies ein Geheimniß, dem entweder eine äußerſte n Berechnung oder im Gegentheil ein unberechneter Zorn zu n Grunde liegen mußte. Ich dachte übrigens, dies Alles b würde ſich eines Tags für mich aufklären: denn wenige n Geheimniſſe bleiben den Aerzten hartnäckig verborgen. Minder beunruhigt durch ſeinen Zuſtand, konnte ich n nun auch ſeine Perſon prüfen: ſie war wie ſeine Woh⸗ nung eine Zuſammenſetzung von Anomalien. u Alles, was die Kunſt von ihm ariſtokratiſch zu machen d vermochte, hatte einen gewiſſen eleganten Charakter ange⸗ nommenz ſeine mattblonden Haare waren nach der Mode geſchnitten, ſein ſpärlicher Backenbart war regelmäßig be⸗ d handelt. p Doch die Hand, die er mir reichte, damit ich den 9 Puls fühlte, war gemein; die Sorge, die er ſeit einiger Zeit darauf verwendete, hatte die natürliche Plumpheit n M v—* W 201 nicht auszumerzen vermocht; ſeine Nägel waren ſchlecht geformt und zernagt, und die Stiefel, welche an ſeinem Bette ſtanden, zeigten an, daß der Fuß, wie die Hand, von plebejiſchem Urſprung war. Der Verwundete hatte, wie geſagt, das Fieber, und dieſes Fieber konnte, obgleich ziemlich ſtark, kaum ſeinen Augen einen beſtimmten Ausdruck verleihen; ſie hefteten ſich, wie ich bemerkte, nie unmittelbar auf einen Menſchen oder auf eine Sache; dagegen war ſeine Rede von einer außerordentlichen Heftigkeit und Schnelligkeit. „Ah! Sie hier, mein lieber Doctor,“ ſagte erz „nun Sie ſehen, ich bin noch nicht todt, und Sie ſind ein großer Prophet; doch bin ich außer Gefahr? Dieſer verfluchte Degenſtich! er hat gut getroffen. Er bringt alſo ſein Leben mit Fechten zu, dieſer Raufer, dieſer Ver⸗ läumder, dieſer elende Olivier!“ Ich unterbrach ihn. „Verzeihen Sie,“ ſagte ich,„ich bin der Arzt und Freund von Herrn d'Hornoy, ihm folgte ich auf den Kampfplatz und nicht Ihnen. „Ich kenne Sie erſt ſeit dieſen Morgen, mein Herr, und ihn kenne ich ſeit zehn Jahren. Sie ſehen alſo ein: wenn Sie fortfahren, ihn anzugreifen, ſo muß ich Sie bitten, ſich an einen andern von meinen Collegen zu wenden.“ „Wie, Doctor!“ rief der Verwundete,„Sie würden mich in dem Zuſtande, in welchem ich mich befinde, ver⸗ laſſen? das wäre gräßlich. Abgeſeben davon, daß Sie wenige Kunden finden dürften, welche Sie bezahlen wer⸗ den wie ich.“ „Mein Herr!“ „Oh! ja ich weiß, Ihr gebt Euch Blle den Anſchein der Uneigennützigkeit; doch dann kommt, wie man zu ſagen pflegt, die Viertelſtunde von Rabelais und Ihr wißt Eure Rechnung gut einzurichten.“ „Es iſt möglich, mein Herr, daß man einigen von meinen Collegen dieſen Vorwurf machen kann; doch ich, * was mich betrifft, werde Ihnen, indem ich meine Beſuche nicht über das ſtreng nothwendige Ziel ausdehne, beweiſen, daß die Habgier, welche Sie meinen Collegen vorwerfen, nicht der bei mir vorherrſchende Fehler iſt.“ „Ah! Doctor, Sie ärgern ſich?“ „Nein, ich erwiedere das, was Sie mir ſagen.“ „Sie müſſen nicht zu ſehr auf das merken, was ich ſage; Sie wiſſen, wir Edelleute haben zuweilen ein zu leichtes Wort; verzeihen Sie mir alſo.“ 7 Ich verbeugte mich, er reichte mir die Hand. „Ich habe ſchon Ihren Puls befühlt,“ ſagte ich,„er iſt ſo gut, als er nur immer ſein kann.“ „Sie grollen mir, weil ich Böſes von Herrn Olivier geſagt habe; er iſt Ihr Freund, ich hatte Unrecht: doch es iſt ganz einfach, daß ich auf ihn erboſt bin, abgeſehen von dem Degenſtich, den er mir gegeben.“ „Und den Sie auf eine Weiſe ſuchten, daß er Ihnen nſet nicht verweigern konnte, das werden Sie zuge⸗ ſtehen.“ „Ja, ich habe ihn beleidigt; doch ich wollte mich mit ihm ſchlagen, und wenn man ſich mit den Leuten ſchlagen will, muß man ſie wohl beleidigen. „Verzeihen Sie, Doctor, wollen Sie mir den Ge⸗ fallen erweiſen, zu läuten?“* Ich zog an der Klingelſchnur, einer von den Be⸗ dienten trat ein. „Hat man ſich im Auftrage von Herrn von Macar⸗ tie nach meinem Befinden erkundigt?“ „Nein, Herr Baron,“ antwortete der Lackei. „Das iſt ſonderbar,“ murmelte der Kranke, ſichtbar ärgerlich über dieſen Mangel an Theilnahme. Es trat einen Augenblick Stillſchweigen ein; ich machte eine Bewegung, um meinen Stock zu nehmen. „Denn Sie wiſſen, was er mir gethan hat, Ihr Freund Olivier?“ „Nein. Ich habe von ein paar Worten ſprechen hören, welche im Club geſagt worden ſein ſollen, iſt es das?“ me mi ha che en, en, ich zu „er ier och en ien ge⸗ mit gen e⸗ Be⸗ ar⸗ 203 „Er machte, oder wollte vielmehr machen, daß eine glänzende Heirath für mich ſcheiterte: eine junge Perſon von achtzehn Jahren, ſchön wie die Liebesgötter und fünf⸗ zigtauſend Franken Rente.“ „Und wie konnte er dieſe Heirath ſcheitern machen?“ „Durch ſeine Verleumdungen, Doctor, indem er ſagte, er kenne Niemand meines Namens auf Guadeloupe, wäh⸗ rend mein Vater, der Graf von Faverne, daſelbſt zwei Meilen Grundgebiet und ein prachtvolles Wohngebäude nebſt dreihundert Schwarzen befitzt. „Doch ich habe an Herrn von Malpas, den Gouver⸗ neur, geſchrieben, und in zwei Monaten werden die erfor⸗ derlichen Papiere hier ſein; dann wird man ſehen, wer von uns Beiden gelogen hat.“ „Olivier kann ſich täuſchen, mein Herr, doch er wird nicht gelogen haben.“ „Mittlerweile iſt er Schuld, daß derjenige, welcher mein Schwiegervater werden ſollte, ſich nicht einmal nach mir erkundigen läßt.“ „Er weiß vielleicht nicht, daß Sie ſich geſchlagen haben?“ „Er weiß es; denn ich habe es ihm geſtern geſagt.“ „Sie haben es ihm geſagt?“ „Gewiß. Als er mir geſtern hinterbrachte, was Herr Hlivier von mir geſprochen hatte, ſagte ich zu ihm:„„Ah! ſo iſt es! nun wohl, nicht ſpäter als dieſen Abend werde ich mit dem ſchönen Herrn Olivier Streit ſuchen, und man ſoll ſehen, ob ich Angſt habe.““* Ich fing an, den augenblicklichen Muth meines Kran⸗ ken zu begreifen. Es war zu hundert Procent angelegtes Geld: ein Duell konnte ihm eine hübſche Frau und fünf⸗ zigtauſend Livres Rente einbringen, und er ſchlug ſich. Ich ſtand auf. „Wann werde ich Sie wiederſehen, Doctor?“ „Morgen komme ich, um Ihnen den Verband abzu⸗ nehmen.“. „Ich hoffe, wenn man von dieſem Duell in Ihrer Gegenwart ſpricht, werden Sie ſagen, ich habe mich gut benommen.“ „Ich werde ſagen, was ich geſehen habe, mein Herr.“ „Dieſer elende Olivier,“ murmelte der Verwundete, „ich hätte hunderttauſend Franken gegeben, wäre ich im Stande geweſen, ihn auf der Stelle zu tödten.“ „Wenn Sie genug ſind, um mit hunderttauſend Franken den Tod eines Menſchen zu bezahlen,“ erwiederte ich,„ſo muͤſſen Sie den Verluſt Ihrer Heirath weniger beklagen, denn ſie hätte Ihrem Vermögen nur eine Rente von fünfzigtauſend Franken beigefügt.“ „Ja, doch dieſe Heirath geſiel mir; dieſe Heirath er⸗ laubte mir, gewagte Speculationen aufzugeben; zein junger Mann, geboren mit ariſtokratiſchem Geſchmack, iſt übrigens nie reich genug. Auch ſpiele ich an der Börſe; es iſt wahr, ich habe Glück: im vergangenen Monat gewann ich mehr als dreißigtauſend Franken.“ „3 mache Ihnen mein Compliment, mein Herr, morgen alſo.“ Sie doch ich glaube man hat geläutet!“ „Ja.“ „Man kommt?“ „Ja.“ Ein Bedienter trat ein. Zum erſten Mal ſah ich den Baron ſeine Augen auf einen Menſchen heſten. „Nun!“ fragte er, ohne daß er dem Bedienten Zeit ließ, zu ſprechen. „Herr Baron,“ ſagte der Lackei,„es iſt der Herr Graf von Macartie, der ſich nach Ihnen erkundigen läßt.“ „In Perſon?“ „Nein, er ſchickt ſeinen Kammerdiener.“ „Ah!“ machte der Kranke;„und Sie haben geant⸗ wortet?“ „Der Herr Baron ſei ſchwer verwundet, doch Doctor ſtehe für ihn.“ „Iſt es Doctor, ſtehen Sie für mich?“ —— der der es Ve ha ſtie we gut ete, im ſend erte iger ente er⸗ iger ens iſt ann err, et!“ 205 „Ja, tauſendmal ja,“ erwiederte ich,„das heißt, wenn Sie keine Unklugheit begehen.“ „Oh! was das betrifft, ſeien Sie unbeſorgt. Sagen Sie, Doctor: daß der Graf von Macartie ſich nach mir erkundigen läßt, beweiſt, daß er nicht an die Worte von Herrn Olivier glaubt?“ „Ohne Zweifel.“ „Nun, ſo heilen Sie mich raſch, und Sie werden bei der Hochzeit ſein.“ „Ich werde mein Beſtes thun, um zu dieſem Ziel zu gelangen.“ Ich grüßte und ging hinaus. VIII. Das Billet von fünfhundert Franken. Sobald ich außen war, athmete ich freier: dieſer Menſch flößte mir ſeltſamer Weiſe einen Widerwillen ein, den ich nicht begreifen konnte, und der dem Ekel glich, den man beim Anblick einer Spinne oder einer Kröte fühlt; es drängte mich, ihn außer Gefahß zu ſehen, um jede Verbindung mit ihm aufzuheben. Am andern Tage kam ich, wie ich ihm verſprochen hatte; es ging vortrefflich mit der Wunde. Das Eigenthümliche bei Verwundungen durch Degen⸗ ſtiche iſt, daß ſie unmittelbar tödten oder raſch geheilt werden. Die Wunde von Herrn von Favern verhieß ſchnelle Heilung. Acht Tage nachher war er ausgefahren. Nach dem Verſprechen, das ich mir geleiſtet, kündigte ich ihm an, da meine Beſuche nunmehr unnöthig ge⸗ worden, ſo würde ich ſie vom nächſten Tage an einſtellen. Er drang in mich, wiederzukommen, doch mein Ent⸗ ſchluß war gefaßt, und ich hielt feſt. „In jedem Fall, ſprach der Wiedergeneſende,„in jedem Fall werden Sie ſich nicht weigern, mir das Porte⸗ feuille zurückzubringen, das ich Ihnen gegeben habe: es iſt von zu großem Werth, als daß man es einem Be⸗ dienten anvertrauen könnte, und ich zähle auf dieſen letzten Act Ihrer Gefälligkeit.“ Ich machte mich hiezu anheiſchig. Am andern Tage brachte ich ihm wirklich das Por⸗ tefeuille; Herr von Faverne bat mich, einen Sitz an ſeinem Bett zu nehmen, und halb damit ſpielend, öffnete er das Portefeuille. Es mochte ungefähr ſechzig Bankbillets, meiſtens von tauſend Franken, enthalten; der Baron zog wei oder drei heraus und beluſtigte ſich damit, daß er ſ zerknitterte. Ich ſtand auf. „Doctor,“ ſagte er,„wundern Sie ſich nicht über Eines?“ „Worüber?“ fragte ich. „Daß man den Muth hat, ein falſches Bankbillet zu machen.“ „Das wundert mich, weil es eine feige und ehrloſe Handlung iſt.“ „Ehrlos vielleicht, doch nicht ſo ſehr feig. Wiſſen Sie, daß man eine feſte Hand braucht, um die zwei kleinen Zeilen zu ſchreiben: „Das Beſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tod.“ „Ja, allerdings, doch das Verbrechen beſitzt ſeinen in gte ge⸗ en. nt⸗ „in te⸗ es Be⸗ ten or⸗ em das ts, z0g er ber llet ſſen nen nen oſe 207 eigenen Muth. Derjenige, welcher einen Menſchen am Saume eines Waldes erwartet, hat beinahe eben ſo viel Muth, als ein Soldat, der Sturm läuft oder eine Bat⸗ terie nimmt; deſſen ungeachtet decorirt man den einen, während man den andern auf das Schaffot ſchickt.“ „Auf das Schaſſot!... Ich begreife, daß man einen Mörder auf das Schaffot ſchickt; doch finden Sie nicht, Doctor, daß es ſehr grauſam iſt, einen Menſchen zu guil⸗ lotiniren, weil er falſche Billets gemacht hat?“ Der Baron ſagte dieſe Worte mit ſo bebender Stimme und einer ſo ſichtbaren Veränderung ſeiner Züge, daß es mir auffiel. „Sie haben Recht,“ erwiederte ich;„ich weiß auch aus ſicherer Quelle, daß man alsbald dieſe Strafe mil⸗ dern und auf die Galeeren beſchränken wird“ „Sie wiſſen das, Doctor?“ rief der Kranke lebhaſt, „Sie wiſſen das ſind Sie Ihrer Sache ſicher?“ „Ich habe es denjenigen ſagen hören, von welchem der Vorſchlag ausgehen wird.“ „Den König. In der That, es iſt wahr, Sie ſind Vierteljahrsarzt des Königs. Ah! der König hat es ge⸗ ſagt. Und wann ſoll der Antrag gemacht werden.“ „Ich weiß es nicht.“ „Ich bitte Sie, Doctor, erkundigen Sie ſich, das intereſſirt mich.“ „Es intereſſirt Sie 2“ fragte ich erſtaunt. „Ganz gewiß. Intereſſirt es nicht jeden Freund der Menſchheit, zu erfahren, ob ein zu ſtrenges Geſetz aufge⸗ hoben wird?“ „Es wird nicht aufgehoben, mein Herr, die Galeeren werden nur den Tod erſetzen; erſcheint Ihnen dies als eine ie Verbeſſerung des Schickſals der Unglückli⸗ chen?“ „Nein, gewiß nicht!“ erwiederte der Baron verlegen; „man könnte ſogar ſagen, daß dies noch ſchlimmer iſtz doch es bleibt wenigſtens vas Leben, es bleibt die Hoffnung; 208 das Bagno iſt wenigſtens ein Gefängniß, und es gibt kein je Gefängniß, aus dem man nicht entweichen kann.“ i Dieſer Menſch wurde mir immer widriger; ich machte r eine Bewegung, um mich zu entfernen. ſe „Nun! Doctor, Sie verlaſſen mich ſchon?“ ſagte der Baron, während er mit einer gewiſſen Verlegenheit de ein paar Bankbillets in der ſichtbaren Abſicht, ſie in meine bi Hand zun ſchieben, zuſammenrolite. „Allerdings,“ antwortete ich, indem ich abermals einen Schritt rückwärts machte;„ſind Sie nicht geheilt, mein Herr? Wozu lkönnte ich Ihnen jetzt noch nützlich ſein?“* Sie das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft für 5 nichts. „Leider haben wir Aerzte nur wenig Zeit dieſem di Vergnügen zu widmen, ſo lebhaft es auch ſein mag. Un⸗ B ſere Geſellſchaft iſt die Krankheit, und ſobald wir ſie aus einem Hauſe vertrieben haben, müſſen wir hinter ihr hin⸗ i ausgehen, um ſie in einem andern zu verfolgen. Erlauben ſie Sie mir alſo, Herr Baron, daß ich von Ihnen Abſchied nehme.“ S „Werde ich nicht mehr das Vergnügen haben, Sie zu ſehen?“ „Ich bezweifle es, mein Herr. Sie treiben ſich in der Geſellſchaft umher, und ich beſuche ſie nur ſelten; meine Stunden ſind gezählt, und jede derſelben hat ihr Geſchäft.“ „Wenn ich aber wieder krank würde?“ Fr „Oh! das iſt etwas Anderes, mein Herr.“ tar „In dieſem Fall dürfte ich alſo auf Sie zählen?“ it „Volilvmmen.“ 2 „Doctor, Ihr Wort.“ „„Ich brauche es Ihnen nicht zu geben, da ich nur„ eine Pflicht erfüllen werde.“ Ju „Gleichviel, geben Sie es mir immerhin!“ ſ „Nun wohl! mein Herr, ich gebe es Ihnen.“ us n⸗ en ed in nz hr 2“ 209 Der Baron reichte mir abermals die Hand; doch da ich vermuthete, dieſe Hand enthalte immer noch die frag⸗ lichen Billets, ſo ſtellte ich mich, als gewahrte ich die freundſchaftliche Geberde nicht, mit der er von mir Ab⸗ ſchied nahm, und ging hinaus.* Am andern Tag erhielt ich unter Umſchlag und mit der Karte des Herrn Baron Henri von Faverne ein Bank⸗ billet von tauſend Franken und eines von fünf hundert. Ich antwortete ihm ſogleich: „Mein Herr Baron, „Würden Sie gewartet haben, bis ich Ihnen meine Rechnung geſchickt hätte, ſo wäre es Ihnen klar geworden, daß ich mein Verdienſt nicht ſo hoch anſchlage, als Sie dies zu thun belieben. „Ich habe die Gewohnheit, ſelbſt den Preis meiner Beſuche zu beſtimmen, und um Ihren Edelmuth zu be⸗ ruhigen, ſage ich Ihnen, daß ich ſie bei Ihnen zum höch⸗ ſten Preiſe berechne, das heißt zu zwanzig Franken. „Ich hatte die Ehre, mich zehnmal zu Ihnen zu be⸗ geben, Sie ſind mir alſo nur zweihundert Franken ſchuldig: Sie haben mir fünfzehnhundert Franken geſchickt, ich ſchicke Ihnen dreizehnhundert zurück. „Genehmigen Sie die Verſicherung u. ſ. w. u. ſ. w. „Fabien.“ Ich behielt in der That das Billet von fünfhundert Franken und ſchickte dem Baron von Faverne das von tauſend Franken mit dreihundert Franken in Silber zu⸗ rück; dann ſteckte ich dieſes Billet in ein Portefeuille, wo⸗ rin ſich ſchon ein Dutzend andere Billets von derſelben Summe befanden. Am andern Tag hatte ich einige Einkäufe bei einem Juwelier zu machen. Dieſe Einkäufe beliefen ſich auf zweitauſend Franken. Ich bezahlte mit vier Bankbillets, jedes von fünfhundert Franken. Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 14 210 Acht Tage nachher erſchien der Juwelier, begleitet von zwei Gefreiten der Polizei in meiner Wohnung. Eines von den vier Billets, die ich ihm gegeben, war an der Bank, wo er eine Zahlung zu machen hatte, als falſch erkannt worden. Man hatte ihn ſodann gefragt, von wem er dieſe Billets hätte, er nannte mich, und man kam zu mir, um eine Nachforſchung anzuſtellen. Da ich dieſe vier Billets aus einem Portefeuille ge⸗ nommen hatte, worin, wie geſagt, ein Dutzend andere waren, welche ich aus verſchiedenen Quellen erhalten hatte, ſo war es mir unmöglich, der Juſtiz irgend eine Auskunft zu geben. Doch ich kannte meinen Juwelier als einen vollkom⸗ men ehrlichen Mann und erklärte, ich wäre bereit, die t fünfhundert Franken zu erſetzen, wenn man mir das Billet zurückgeben würde; aber man antwortete: dies wäre nicht gebräuchlich, denn die Bank bezahle alle Billets, die man ihr präſentire, und wenn ſie auch als falſch erkannt werden. Vollkommen von dem Verdacht, wiſſentlich ein falſches Billet ausgegeben zu haben, gereinigt, ging der Juwelier von mir weg. Nach einigen neuen Fragen entfernten ſich die Polizei⸗ agenten ebenfalls, und ich hörte nicht mehr von dieſer Sache ſprechen. —— —————— IX. Eine Ecke des Schleiers. Drei Monate waren verlaufen, als ich unter meiner Morgencorreſpondenz folgendes kleine Billet fand: —c= 8— tet ar als eſe um ge⸗ ere tte, nft m⸗ die llet icht nan en. hes lier zei⸗ eſer iner 211 3„Mein lieber Doctor, 82 „Ich bin wahrhaftig krank und bedarf ernſtlich Ihrer Wiſſenſchaft; kommen Sie heute zu mir, wenn Sie keinen Groll gegen mich bewahrt haben*). „Ihr ergebenſter „Henri, Baron von Faverne „Rue Taitbont Nr. 11.“ Dieſer Brief, den ich wortgetreu mit ſeinen orthogra⸗ phiſchen Fehlern wiederhole, beſtätigte die Anſicht, die ich von dem Mangel an Erziehung meines Kunden gefaßt hatte. War er, wie er ſagte, in Guadelonpe geboren, ſo durfte man ſich übrigens weniger darüber wundern. Man weiß, wie ſehr im Allgemeinen die Erziehung der Pflanzer vernachläßigt iſt. Doch andererſeits hatte der Baron von Faverne weder die kleinen Hände, noch die kleinen Füße, noch die ſchlanke, anmuthige Geſtalt, noch die reizende Sprache der Men⸗ ſchen aus den Tropenländern, und für mich war es klar, daß ich es mit einem durch den Aufenthalt in der Haupt⸗ ſtadt einigermaßen abgehobelten Provinzmenſchen zu thun hatte.* Da er indeſſen wirklich krank ſein konnte, ſo begab ich mich zu ihm. Ich trat ein und fand ihn in einem mit veilchen⸗ ſe und vrangefarbigem Damaſt ausgeſchlagenen Bou⸗ vir. Zu meinem großen Erſtaunen war dieſer Winkel in iren ganzen Weſen weit geſchmackvoller als die übrige ohnung. Er lag halb auf einem Sopha, in einer ſichtbar ſtudirten Haltung, und war mit einer ſeidenen, bis auf die Füße gehenden Hoſe und einem glänzenden Schlafrock be⸗ kleidet; zwiſchen ſeinen dicken Fingern ſchob er ein reizen⸗ WAuch in dieſen paar Zeilen finden ſich wieder orthographi⸗ ſche Fehler, welche unüberſetzt bleiben müſſen. 2¹² des kleines Flacon von Klackmann oder Benvenuto Cellini hin und her. „Ahl wie gut und freundlich iſt es von Ihnen, daß Sie mich beſuchen, Doctor,“ ſagte er, indem er halb auf⸗ ſtand und mir durch ein Zeichen bedeutete, ich möge mich ſeßen.„Uebrigens habe ich Sie nicht belogen; ich bin furchtbar leidend.“ „Was haben Sie?“ fragte ich;„ſollte es Ihre Wunde 6. „Nein, Gott ſei Dank, es iſt jetzt nicht mehr davon ſichtbar, als wenn es ein Blutegelſtich wäre. Nein, ich weiß nicht, Doctor, wenn ich nicht befürchtete, Sie könn⸗ ten über mich ſpotten, würde ich ſagen, ich habe Vapeurs.“ Ich lächelte. „Ja, nicht wahr,“ fuhr er fort,„das iſt eine Krank⸗ heit, welche Sie ausſchließlich für Ihre Schönen aufbe⸗ wahren. Doch es iſt darum nicht minder wahr, daß ich leide, daß ich ſehr leide, und zwar ohne ſagen zu können, woran ich leide, noch wie ich leide.“ „Teufel! das wird gefährlich. Sollte es Hypochon⸗ drie ſein?“ „Wie nennen Sie das, Doctor?“ Ich wiederholte das Wort, doch ich ſah, daß es dem Geiſte des Baron von Faverne keinen Sinn bot: mittler⸗ weile nahm ich ſeine Hand und legte die zwei Finger auf die Arterie. Er hatte in der That einen nervigen, aufgeregten Puls tete man; der Baron zuckte und die Pulsſchläge beſchleu⸗ nigten ſich. „Was haben Sie?“ fragte ich.* „Nichts,“ antwortete er,„das iſt nur ſtärker, als ich wenn ich eine Klingel höre, bebe ich, und dann muß ich erbleichen. Ah! Doector, ich ſage Ihnen, ich bin ſehr krank.“ Der Baron war in der That leichenbleich geworden. Während ich die Schläge der Arterie berechnete, läu⸗ — —„— n ch n⸗ k⸗ e⸗ ich n, n⸗ em er⸗ uf ten iu⸗ eu⸗ als mn bin en. 213 Ich fing an zu glauben, daß er nicht übertrieb, und daß er in Wirklichkeit ſehr litt; nur war ich überzeugt, 16 dieſe phyſiſche Erſchütterung eine moraliſche Urſache hatte. Ich ſchaute ihn ſcharf an, er ſenkte die Augen, und auf die Bläſſe, welche ſein Geſicht bedeckt hatte, folgte eine lebhafte Röthe. 2 „Ja,“ ſagte ich,„Sie leiden offenbar.“ „Nicht wahr, Doctor?“ rief er. „Ich habe ſchon zwei von Ihren Collegen geſehenz Sie waren ſo ſonderbar gegen mich, daß ich es nicht wagte, zu Ihnen zu ſchicken, um Sie rufen zu laſſen. Die Dummköpfe lachten, als ich ihnen ſagte, ich leide an den Nerven.“ „Sie leiden,“ verſetzte ich,„doch es iſt keine körper⸗ liche Urſache, die Sie leiden macht; Sie haben irgend einen moraliſchen Schmerz, eine ernſte Unruhe vielleicht.“ Er bebte. „Und welche Unruhe ſoll ich haben? Alles geht im Gegentheil auf das Beſte. Meine Heirath.. ah! Sie wiſſen? meine Heirath mit Fräulein von Macartie, welche wegen Ihres Herrn Olivier beinahe abgebrochen worden wäre„ „Ja; nun?“ „Sie wird in vierzehn Tagen ſtattfinden; das erſte Aufgebot iſt verkündigt. Uebrigens iſt er für ſeine Be⸗ hauptungen ſehr beſtraft worden und hat ſich bei mir ent⸗ ſchuldigt.“ „Wie dies?“ „Germain,“ ſagte der Baron,„geben Sie mir das Portefeuille, das dort auf der Ecke des Kamins liegt.“ Der Bediente gehorchte, der Baron nahm das Porte⸗ feuille und öffnete es. „Sehen Sie,“ ſagte er mit einem leichten Zittern in der Stimme,„hier iſt mein Geburtsſchein: in Point⸗à⸗ Pitre geboren, wie Sie ſehen; ferner iſt hier das Certificat von Herrn Malpas, welches beſtätiot, daß mein Vater „ einer der erſten und reichſten Grundeigenthümer in Guade⸗ loupe iſt. „Man hat dieſe Papiere Herrn Olivier gezeigt, und da er die Unterſchrift des Gouverneur kannte, ſo mußte er geſtehen, dieſe Unterſchrift wäre die ſeinige.“ Während er mir dieſe Papiere wies, nahm das Ner⸗ venzittern des Barons immer mehr zu. „Ihr Leiden muß heftiger ſein?“ ſagte ich zu ihm. „Warum ſoll ich nicht leiden! man verletzt mich, man verfolgt mich, die Verleumdung hängt ſich an mich an. Ich weiß jeden Tag nicht, vb man mich nicht eines Verbrechens anklagen wird. Oh! ja, ja, Doctor, Sie haben Recht,“ fuhr der Baron mit einer gewiſſen An⸗ ſtrengung fort,„ich leide, ich leide ungemein.“ „Sie müſſen ſich beruhigen.“ „Mich beruhigen, das iſt leicht zu ſagen! Bei Gott! wenn ich mich beruhigen könnte, ſo wäre ich geheilt. „Hören Sie, es gibt Augenblicke, wo meine Nerven ſtarr werden, als ob ſie zerſpringen wollten, wo meine Zähne ſich an einander preſſen, als ob ſie ſich brechen wollten, wo ich ein Geſumme in meinem Kopf höre, als ob alle Glocken von Notre⸗Dame in mein Ohr ſchalltenz dann iſt es mir, als müßte ich ein Narr werden. „Doctor, was iſt der ſanfteſte Tod?“ „Warum dies?“ „Weil mich zuweilen die Luſt erfaßt, mich zu tödten.“ „Gehen Sie doch.“ „Doctor, man ſagt, wenn man ſich mit Blaufäure vergifte, ſei es in einem Augenblick geſchehen.“ „Das iſt wirklich der ſchnellſte Tod, den man kennt.“ „Doctor, Sie ſollten mir für jeden ll ein Fläſch⸗ chen Blauſäure bereiten.“ „Sie ſind ein Narr.“ „Hören Sie, ich bezahle Ihnen dafür, was Sie wol⸗ len, tauſend Thaler, ſechs tauſend Franken, zehn tauſend ſ wenn Sie dafür ſtehen, daß man ſtirbt, ohne zu eiden.“ . — — h, h es ie ⸗ t en ne en nz 215 Ich ſtand auf. „Nun, wie?“ ſprach er, indem er mich zurückhielt. „Ich bedaure, mein Herr, daß Sie mir unabläſſig Dinge ſagen, welche nicht nur meine Beſuche abkürzen, ſondern auch eine längere Verbindung mit Ihnen unmög⸗ lich machen.“ „Nein, nein, bleiben Sie, ich bitte Sie, ſehen Sie nicht, daß ich das Fieber habe, und daß dieſes mich ſo ſprechen macht?“ Er läutete, derſelbe Bediente erſchien. „Germain, ich habe Durſt,“ ſagte der Baron;„geben Sie mir etwas zu trinken.“ „Was wünſcht der Herr Baron?“ „Sie werden etwas mit mir nehmen, nicht wahr?“ „Nein, ich danke,“ antwortete ich. „Gleichviel,“ fuhr er fort,„bringen Sie zwei Gläſer und eine Flaſche Rhum.“ Germain ging hinaus. Nach einigen Augenblicken kehrte er mit einem Plätt⸗ chen zurück, worauf die verlangten Gegenſtände ſtanden; ich bemerkte nur, daß die Gefäße, ſtatt Liqueurgläſer zu ſein, Gläſer waren, wie man ſie beim Bordeaurwein ge⸗ braucht. Der Baron füllte ſie beide, doch ſeine Hand zitterte ſo ſtark, daß ein Theil des Liqueur, wenigſtens dem gleich, welchen die Gläſer enthielten, auf das Plättchen fiel. „Koſten Sie das,“ ſagte er,„es iſt vortrefflicher Nhum, den ich ſelbſt von Guadeloupe mitgebracht habe, wo ich nach der Behauptung Ihres Herrn Olivier d'Hornoy nie geweſen ſein ſoll.“ „Ich danke Ihnen, ich trinke nie dergleichen.“ Er nahm eines von den beiden Gläſern. „Wie,“ ſagte ich,„Sie wollen das trinken?“ „Allerdings.“ „Wenn Sie dieſes Leben fortſetzen, ſo werdeu Sie 3 au die Flanellweſte verbrennen, welche Ihre Bruſt edeckt“ 216 „Glauben Sie, daß man ſich tödten kann, wenn man viel Rhum trinkt?“. „Nein, aber man kann ſich eine Magendarmentzün⸗ dung zuziehen, an der man eines ſchönen Tags nach langen furchtbaren Schmerzen ſtirbt.“ Er ſetzte das Glas auf die Platte, ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt und ſeine Hände auf ſeine Kniee fallen, und murmelte mit einem Seufzer: „Doctor, Sie erkennen alſo, daß ich ſehr krank bin?“ „Ich ſage nicht, Sie ſeien krank, ich ſage nur, Sie leiden.“ „Iſt das nicht daſſelbe?“ „Nein.“ „Und was rathen Sie mir? Die Mediein muß für jedes Leiden ihre Mittel haben; es wäre ſonſt nicht der Muhe werth, die Aerzte ſo thener zu bezahlen.“ „Sie ſagen das nicht gegen mich?“ erwiederte ich lachend. „Oh nein! Sie ſind in allen Dingen ein Muſtet.“ Er nahm das Glas Rhum und trank es, ohne an das zu denken, was er that. Ich hielt ihn nicht zurück, denn ich wollte ſehen, welche Wirkung dieſes brennende Getränk auf ihn hervorbrächte. Es ſchien gar keine Wirkung hervorzubringen; es war, als hätte er nur ein Glas Waſſer geleert. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß ſich dieſer Menſch oft durch den Gebrauch alkohvliſcher Getränke zu betäuben geſucht hatte. Nach einem Augenblick ſchien er in der That wieder einige Energie zu gewinnen. „Im Ganzen,“ ſagte er, das Stillſchweigen unter⸗ brechend und ſeine eigenen Gedanken beantwortend,„im Ganzen bin ich ſehr gut, daß ich mich ſo quäle! Bah! ich bin jung, ich bin reich, ich genieße das Leben, das wird dauern ſo lange es kann.“ Er nahm ein zweites Glas und leerte es wie das erſte. — — 5—-——— 4— 217 in„Sie rathen mir alſo nichts, Doctor?“ „Doch, ich rathe Ihnen, Vertrauen zu mir zu haben n⸗ und mir mitzutheilen, was Sie quält.“ en„Sie glauben immer noch, daß ich etwas habe, was ich nicht zu ſagen wage?“ pf„Ich ſage, daß Sie ein Geheimniß haben, welches n, Sie für ſich behalten.“ „Ein wichtiges?“ verſetzte er mit einem gezwungenen 2. Lächeln. ie„Ein furchtbares.“ Er erbleichte und nahm maſchinenmäßig die Flaſche am Hals, um ſich ein drittes Glas einzuſchenken. Ich hielt ihn zurück. ür„Ich habe Ihnen ſchon geſagt, Sie würden ſich er tödten,“ ſprach ich. Er ſank ein wenig zurück und ſtützte ſeinen Kopf an ich das Täfelwerk. „Ja, Doctor, ja, Sie ſind ein Mann von Genie; r.“ ja, Sie haben dies ſogleich errathen, Sie, während die an Anderen nichts ſahen, als Feuer; ja, ich habe ein Ge⸗ ick, heimniß, und wie Sie ſagen, ein furchtbares Geheimniß, ide das mich ſicherer tödten wird, als der Rhum, den Sie mich zu trinken verhindern, ein Geheimniß, das ich ſtets es irgend Jemand anzuvertrauen Luſt hatte, und das ich Ihnen ſagen würde, wenn Sie, wie die Beichtväter, das ſch Gelübde der Verſchwiegenheit abgelegt hätten; doch be⸗ en urtheilen Sie; wenn dieſes Geheimniß mich ſo ſehr quält, während ich die Ueberzeugung habe, daß ich es allein der kenne, wie wäre es erſt, wenn ich zu meiner ewigen Marter wüßte, es ſei irgend einem andern Menſchen be⸗ e⸗kant! im Ich ſtand auf. h!„Mein Herr,“ ſagte ich,„ich habe kein Geſtändniß das von Ihnen verlangt, ich habe Ihnen keine Mittheilung gemacht, Sie ließen mich als Arzt kommen, und ich ſagte das Ihnen, der Arzt hätte nichts mit Ihrem Zuſtand zu thun. „Bewahren Sie nun Ihr Geheimniß, das ſteht ganz 218 in Ihrer Willkühr, mag dieſes Geheimniß auf Wen Herzen, oder auf Ihrem Gewiſſen laſten. „Gott befohlen, Herr Baron.“ Der ließ mich weggehen, ohne mir zu ant⸗ worten, ohne eine Bewegung zu machen, um mich zurück⸗ zuhalten, ohne mich zurückzurufen; nur konnte ich ſehen, als ich mich umwandte, um die Thüre zuzumachen, daß er zum dritten Male nach der Rhumflaſche, ſeiner unſe⸗ ligen Tröſterin, die Hand ausſtreckte. X. Ein furchtbares Geſtändniß. Ich ſetzte meine Gänge fort; doch unwillkührlich konnte ich aus meinem Geiſte nicht vertreiben, was ich geſehen und gehört hatte. Während ich gegen dieſen Un⸗ glücklichen den von mir zugeſtandenen moraliſchen und inſtinktartigen Widerwillen behielt, fing ich an, jenes kör⸗ perliche Mitleid, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, für ihn zu fühlen, das der zum Leiden beſtimmte Menſch für jedes leidende Weſen empfindet. Ich ſpeiſte auswärts, und da ein Theil meines Abends Beſuchen gewidmet war, ſo kehrte ich erſt nach Mitter⸗ nacht nach Hauſe zurück. Man ſagte mir, ein junger Mann, welcher mich con⸗ ſultiren wolle, erwarte mich ſeit einer Stunde in meinem Cabinet. Ich fragte nach ſeinem Namen, er hatte ihn nicht nennen wollen. Ich trat ein und erkannte Herrn von Faverne. Er war bleich und ebenſo aufgeregt als am Morgen; ein Buch, das er zu leſen verſucht hatte, lag offen auf t⸗ k⸗ ß e⸗ ich ch n⸗ nd r⸗ hn es ds er⸗ n⸗ em cht 2¹9 dem Schreibtiſch. Es war die Abhandlung über Torigo⸗ logie von Orifila. „Nun?“ fragte ich,„Sie fühlen ſich alſo ſchlimmer?“ „Ja,“ antwortete er,„ſehr ſchlimm; es iſt mir ein furchtbares Ereigniß, ein gräßliches Abenteuer begegnet, und ich bin hieher gelaufen, um es Ihnen zu erzählen. Hören Sie, Doctor, ſeitdem ich mich in Paris aufhalte, ſeit ich das Leben führe, das Sie kennen, ſind Sie der einzige Menſch, der mir volles Vertrauen eingeflößt hat; ich komme auch, wie Sie ſehen, nicht um ein Mittel gegen das von Ihnen zu verlangen, woran ich leide; Sie haben mir geſagt, es gebe keines, und während ich Sie rufen ließ, wußte ich wohl, daß es keines gibt, ſondern ich wünſchte einen Rath von Ihnen zu bekommen.“ „Ein Rath iſt viel ſchwieriger zu geben, als eine Ver⸗ ordnung, mein Herr, und ich geſtehe Ihnen, daß ich nur ſehr ſelten einen ertheile. „Einmal verlangt man im Allgemeinen nur einen Rath, um ſich ſelbſt in dem Entſchluß zu beſtärken, den man ſchon gefaßt hat, oder wenn man, noch unentſchie⸗ den über das, was man thun ſoll, den gegebenen Rath befolgt, ſo thut man es, damit man eines Tags das Recht hat, zum Rathgeber zu ſagen: Daran ſind Sie Schuld.“ „Es iſt etwas Wahres an Ihrer Bemerkung, Doc⸗ tor; doch wie ich glanbe, daß ein Arzt nicht berechtigt iſt, eine Verordnung zu verweigern, ebenſo glaube ich nicht, daß ein Menſch befugt iſt, einen Rath zu verweigern.“ „Sie haben Recht, ich weigere mich auch nicht, Ihnen einen Rath zu gebenz Sie werden mir nur das Vergnügen machen, ihn nicht zu befolgen.“ Ich ſetzte mich nun zu ihm, doch ſtatt mir zu ant⸗ worten, ließ er ſeinen Kopf in ſeine Hände fallen, und blieb wie vernichtet in ſeinen eigenen Gedanken. „Nun?“ fragte ich nach einem Augenblick des Still⸗ ſchweigens. 220 „Nun,“ erwiederte er,„am klarſten bei dem Allem iſt mir, daß ich verloren bin.“ Es lag in dieſen Worten ein ſolcher Ausdruck der Ueberzeugung, daß ich bebte. „Verloren, Sie? und wie dies?“ fragte ich. „Sicherlich, ſie wird mich verfolgen, ſie wird Jeder⸗ mann ſagen, wer ich bin, ſie wird meinen wahren Namen von allen Dächern herab ſchreien.“ „Wer dies?“ „Sie, bei Gott!“ „Sie? wer ſie?“ „Marie.“ „Wer iſt Marie?“ „Ah! es iſt wahr, Sie wiſſen es nicht; eine kleine Närrin, eine leichtfertige Dirne, mit der ich mich abzu⸗ geben die Güte hatte, mit der ich ein Kind zu zeugen ſo albern war.“ „Nun! wenn es eine von den Frauen iſt, bei denen man ſich mit Geld abfindet, ſo ſind Sie reich genug.“ „Ja,“ entgegnete er mich unterbrechend,„doch es iſt leider keine von dieſen Frauen: es iſt ein Dorfmädchen, ein armes Mädchen, ein frommes Mädchen.“ „So eben nannten Sie dieſe Marie eine leichtfertige Dirne.“ „Ich hatte Unrecht, mein lieber Doetor, ich hatte Unrecht, es war der Zorn, der mich ſo ſprechen ließ; oder vielmehr, nein, nein, es war die Furcht.“ „Dieſe Frau kann alſo einen unſeligen Einfluß auf Ihr Schickſal üben?“ „Sie kann meine Heirath mit Fräulein von Macartie verhindern.“ „Wie dies?“ „Wenn ſie meinen Namen nennt und entdeckt, wer ich bin.“ „Sie heißen alſo nicht von Faverne?“ „Nein.“ „Sie ſind alſo kein Baron?“ n d di em der er⸗ nen ine zu⸗ ſo nen iſt hen, tige atte oder auf tie wer 22¹ „Nein.“ „Sie ſind alſo nicht auf Guadelvupe geboren?“ „Nein. Sehen Sie, dies Alles war eine Fabel.“ „Olivier hatte alſo Recht?“ „Ja.“ „Aber wie konnte Herr von Malpas, der Gouver⸗ neur von Guadelvupe, beurkunden 2 „Stille,“ ſagte der Baron, indem er heftig meine Hand drückte,„das iſt mein anderes Geheimniß, Sie wiſſen, das Geheimniß, das mich umbringt.“ Wir blieben einen Augenblick Beide ſtumm. „Nun! doch dieſe Frau, dieſe Marie, Sie haben ſie alſo wiedergeſehen?“ „Heute, Doctor, heute, dieſen Abend; ſie hat ihr Dorf verlaſſen, iſt nach Paris gekommen und hat mich hier ent⸗ deckt, und dieſen Abend, ohne mir zu ſagen, wer ſie wäre, fand ſie ſich mit ihrem Kind bei mir ein.“ „Und was haben Sie gethan?“ „Ich habe geſagt,“ verſetzte Herr von Faverne mit düſterem Tone,„ich habe geſagt, ich kenne ſie nicht, und ließ ſie von meinen Leuten vor die Thüre werfen.“ Ich wich unwillkührlich zurück. „Sie haben dies gethan, Sie haben Ihr Kind ver⸗ leugnet, und ſeine Mutter durch Ihre Lackeien wegjagen laſſen?“ „Was hätte ich denn thun ſollen?“ „Ah! das iſt abſcheulich.“ „Ich weiß es wohl.“ Und wir verſanken Beide wieder in ein Stillſchwei⸗ gen. Nach einem Augenblick erhob ich mich. „Und was habe ich mit dem Allem zu ſchaffen?“ fragte ich. „Sehen Sie nicht, daß mich Gewiſſensbiſſe peinigen?“ „Ich bemerke, daß Sie Furcht haben.“ „Nun wohl, Doctor ich wünſchte, Sie würden dieſe Frau ſehen.“ „Ich!“ 222 „Ja, Sie, thun Sie mir den Gefallen, ſie zu ſehen.“ „Und wo werde ich ſie finden?“ „Einen Angenblick, nachdem ich ſie weggejagt hatte, ſchob ich den Vorhang meines Fenſters zuruͤck und ge⸗ wahrte ſie mit ihrem Kinde auf einem Weichſtein.“ „Und Sie glauben, daß ſie noch dort iſt?“ „Ja.“ „Sie ſind alſo wieder mit ihr zuſammengetroffen?“ „Nein, ich bin durch eine Hinterthüre hinausgegan⸗ gen und zu Ihnen gelaufen.“ „Warum ſind Sie nicht ganz einfach durch die große Thüre hinaus und in Ihrem Wagen gefahren?“ „Ich hatte bange, ſie würde ſich meinen Pferden unter die Füße werfen.“ Ich ſchauerte. „Was ſoll ich hiebei thun? Wozu kann ich Ihnen nützlich ſein?“ „Doctor, thun Sie mir einen Gefallen; ſprechen Sie mit ihr; ſie ſoll mit ihrem Kind nach Trouville zurück⸗ kehren; ich gebe ihr, was ſie will, zehn tauſend Franken, zwanzig tauſend Franken, fünfzig tauſend Franken.“ „Doch wenn ſie Alles dies ausſchlägt?“ „Wenn ſie es ausſchlägt, wenn ſie es ausſchlägt... nun! ſo werden wir ſehen.“ Der Baron ſprach dieſe letzten Worte mit einem ſo finſteren Tone, daß ich für die arme Frau zitterte. „Es iſt gut, mein Herr,“ antwortete ich,„ich will ſie ſehen.“ „Und Sie werden ſie dahin bringen daß ſie abreiſt?“ „Ich kann Ihnen nicht dafür ſtehen; Alles, was ich Ihnen zu geloben vermag, iſt, daß ich die Sprache der Vernunft mit ihr ſprechen, ihr die Entfernung zeigen werde, welche zwiſchen Ihnen und ihr ſtattfindet.“ „Die Entfernung?“ J „Sie vergeſſen, daß ich Ihnen geſtanden habe, ich ſei kein Baronz ich bin ein Bauer, mein Herr, ein ein⸗ —„e te, e⸗ 2 n⸗ en ſen Sie ick⸗ en, ſo vill t2“ der gen 223 facher Bauer und habe mich durch meinen. Verſtand über meine natürliche Stellung erhoben; nur bitte ich Sie um Stillſchweigen. Sie begreifen, daß Herr von Macartie mir ſeine Tochter nicht geben würde, wenn er wüßte, daß ich ein Bauer bin.“ „Es liegt Ihnen alſo ungeheuer viel an dieſer Heirath?“ „Ich habe Ihnen geſagt, es iſt für mich das einzige Mittel, gewagte Speculationen, welche ich zu unternehmen genöthigt bin, aufgeben zu können.“ „Ich werde das Mädchen ſehen.“ „Dieſen Abend?“ „Dieſen Abend. Wo werde ich ſie finden?“ „Da, wo ich ſie geſehen habe.“ „Auf dem Weichſtein?“ „Ja.“ „Sie glauben, ſie ſei noch dort?“ „Ich bin deſſen ſicher.“ „Vorwärts.“ Er ſtand raſch auf und ſtürzte nach der Thüre; ich folgte ihm. Wir gingen hinaus. Ich wohnte kaum fünf hundert Schritte von ihm. Als wir an die Ecke der Rue Taitbout und der Rue du Helder kamen, blieb er ſtehen, deutete mit dem Finger auf etwas Geſtaltloſes, das man kaum im Schatten unter⸗ ſchied, und ſagte: „Dort, dort!“ „Was, dort?“ „Sie.“ „Das Mädchen?“ „Ja. Ich kehre durch die Rue du Helder zurück. Das Haus hat, wie Sie wiſſen, einen doppelten Eingang.. Gehen Sie zu ihr.“ „Ich gehe.“ „Warten Sie. Ich muß Sie um einen letzten Dienſt bitten. Mir ſcheint, ich werde ein Narrz ich habe den 224 Schwindel; Alles dreht ſich um mich„ Ihren Arm, Doctor, führen Sie mich bis zu der kleinen Thüre.“ „Gern.“ Ich nahm ſeinen Armz er wankte in der That wie ein Betrunkener. Ich führte ihn bis zur Thüre. „Ich danke, Doctor, ich danke; ich ſchwöre, ich bin Ihnen ſehr erkenntlich; und wenn Sie einer von den Menſchen wären, die ſich ihre Dienſte bezahlen laſſen, ſo würde ich Ihnen für dieſen bezahlen, was Sie wollten. Gut, wir ſind nun an Ort und Stelle; nicht wahr, Sie kommen morgen und geben mir Antwort? Ich ginge wohl zu Ihnen, aber bei Tage würde ich es nicht wagen, ich hätte bange, ihr zu begegnen.“ „Ich werde kommen.“ „Adieu, Doctor.“ Er läutete, man öffnete. „Einen Augenblick,“ ſagte ich, indem ich ihn zurück⸗ hielt,„der Name dieſer Frau?“ „Marie Granger.“ „Gut... Auf Wiederſehen.“ Er trat in ſein Haus und ich ging wieder die Rue du Helder hinauf, um in die Rue Taitbout zurückzukehren. Als ich an die Ecke der zwei Straßen gelangte, da wo ich die Frau erblickt hatte, hörte ich einen Lärmen und ſah eine ziemlich beträchtliche Gruppe, welche ſich im Schatten bewegte. Ich lief hinzu. Eine vorüberziehende Patrouille hatte die Unglück⸗ liche bemerkt, und da ſie, befragt, was ſie um zwei Uhr Morgens hier machte, nicht hatte antworten wollen, ſo führte ſie dieſe Patrouille nach der Wache. Die arme Frau marſchirte mitten unter den National⸗ garden und trug ihr weinendes Kind auf ihren Armen; doch ſie vergoß keine Thräne, ſie ſtieß keine Klage aus. Ich näherte mich ſogleich dem Anführer der Patrouille. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte ich,„ich kenne dieſe Frau.“ m ni ck⸗ ue n. da en im 225 Sie hob raſch den Kopf in die Höhe und ſchaute mich an. „Er iſt es nicht,“ ſagte ſie und ließ ihr Haupt wie⸗ der ſinken. „Sie kennen dieſe Frau, mein Herr?“ erwiederte der Korporal. „Ja, ſie heißt Marie Granger und iſt aus dem Dorfe Trouville.“ „Das iſt mein Name und es iſt der meines Dorfes. Wer ſind Sie, mein Herr? Im Namen des Himmels, wer ſind Sie?“ „Ich bin der Doctor Fabien und komme im Auftrag von ihm.“ „Im Auftrage von Gabriel?“ „Ja.“ „Dann, meine Herren, laſſen Sie mich gehen. Ich flehe Sie an, laſſen Sie mich mit ihm gehen.“ „Sie ſind wirklich der Doctor Fabien?2“ fragte mich der Anführer der Patrouille. „Hier iſt meine Karte, mein Herr.“ „Und Sie ſtehen für dieſe Frau?“ „Ich ſtehe für ſie.“ „Dann können Sie ſie mitnehmen.“ „Ich danke.“ Ich bot der Unglücklichen den Armz doch ſie zeigte mir mit einer Geberde ihr Kind, das ſie zu tragen ge⸗ nöthigt war, und ſagte: „Ich werde Ihnen folgen, mein Herr. Wohin gehen wir?“ „Zu mir.“ Zehn Minuten nachher war ſie in meinem Cabinet und ſaß an demſelben Platz, wo eine halbe Stunde vor⸗ her der angebliche Baron von Faverne geſeſſen hatte. Das RKind ſchlief in einem Lehnſtuhl im Nebenzimmer. Es fand unter uns ein langes Stillſchweigen ſtatt, das ſie zuerſt unterbrach. Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 15 „Nun, mein Herr,“ ſagte ſie,„was ſoll ich Ihnen erzählen?“ „Was Sie glauben, ich müßte es nothwendig wiſſen. Bemerken Sie wohl, daß ich nicht frage, ſondern warte, bis Sie ſprechen.“ „Ach! was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſehr traurig, und dennoch hat es kein Intereſſe für Sie.“ „Jeder körperliche oder moraliſche Schmerz gehört in meinen Wirkungskreis, fürchten Sie ſich alſo nicht, mir den Ihrigen anzuvertrauen, wenn Sie glauben, ich könnte ihn erleichtern.“ „Ah! nur er kann ihn erleichtern,“ ſagte die arme Frau. „Nun! da er mich beauftragt hat, Sie aufzuſuchen, ſo iſt nicht jede Hoffnung verloren.“ „So hören Sie mich; doch bedenken Sie, indem Sie mich hören, daß ich nur eine arme Bäuerin bin.“ „Sie ſagen es mir und ich glaube Ihnen; aus Ihren Worten ſollte man jedoch ſchließen, Sie gehören einem höheren Stande an.“ „Ich bin die Tochter des Schulmeiſters vom Dorfe, wo ich geboren, das wird Ihnen Alles erklären. Ich habe einen Schein von Erziehung erhalten und kann beſſer leſen und ſchreiben, als es die andern Bäuerinnen thun.“ „Sie haben alſo dieſelbe Heimath wie Gabriel?“ „Ja, nur bin ich vier oder fünf Jahre jünger als er. Ich ſehe ihn auch, ſo lange ich mich erinnern kann, mit etwa zwanzig andern Burſchen vom Dorfe, welche mein Vater verſammelte, am Ende einer langen Tafel ſitzen, welche ganz ausgezackt war durch die Namen und Zeich⸗ nungen, die mit ihren Federmeſſern die Schüler einſchnit⸗ ten, die mein Vater leſen, ſchreiben und rechnen lehrte. Er war der Sohn eines braven Meiers, der allgemein im Ruf der Ehrlichkeit ſtand.“ „Lebt ſein Vater noch?“ „Ja, mein Herr.“ „Aber er hat aufgehört, ſeinen Sohn zu ſehen 2“ „Er weiß nicht, wo er iſt, und glaubt, er ſei nach * ren iem rfe, Ich ſſer m.“ er mit nein ben, ich⸗ nit⸗ rte. im nach 227 Guadeloupe abgereiſt. Doch warten Sie, jeder einzelne Umſtand wird der Reihe nach kommen. Entſchuldigen Sie, daß ich ſo ausführlich ſpreche; ich muß Ihnen die Dinge im Einzelnen erzählen, damit Sie uns Beide be⸗ urtheilen können. „Obgleich groß für ſein Alter, war Gabriel doch ſchwach und kränklich; er wurde auch beſtändig bedroht, und zwar ſogar von Kindern, welche viel jünger waren, als er. Ich erinnere mich, daß er nicht mehr den Muth hatte, mit den Anderen zur Stunde hinauszugehen, wo die Schüler zu ihren Eltern zurückkehren, und daß ihn mein Vater beinahe immer auf der Treppe fand, wohin er ſich aus Furcht, geſchlagen zu werden, geflüchtet hatte, und wo man es nicht wagte, ihn zu holen. „Mein Vater fragte ihn ſodann, was er hier machte, und der arme Gabriel antwortete weinend, er habe Furcht, geſchlagen zu werden. „Sogleich rief mich mein Vater und gab mich als Geleite dem armen Flüchtling, der unter meinem Schutze unverſehrt nach Hauſe kam; denn vor mir, der Tochter des Schulmeiſters, wagte es Niemand, ihn zu berühren. „Folge davon war, daß Gabriel eine große Zunei⸗ gung zu mir zu faſſen ſchien, und daß es bei uns zur Gewohnheit wurde, beſtändig zuſammen zu ſein; nur war von ſeiner Seite dieſe Zuneigung Selbſtſucht, und von der meinigen Mitleid. „Gabriel lernte ſehr ſchwer leſen und rechnen; doch für das Schreiben hatte er eine große Leichtigkeit; er be⸗ ſaß nicht nur ſelbſt eine herrliche Handſchrift, ſondern er hatte auch eine ſeltene Fähigkeit, die Schrift von allen ſeinen Kameraden nachzuahmen, und zwar in einem Grad, daß die Nachahmung mit dem Original zuſammengehalten den Urheber unentſchieden ließ. „Die Kinder lachten über dieſes ſeltſame Talent und beluſtigten ſich damit; doch mein Vater ſchüttelte traurig den Kopf und ſagte oft: . 228 „„Glaube mir, Gabriel, mache keine ſolche Dinge, das wird eine ſchlimme Wendung nehmen.““ „„Bah! wie ſoll das eine ſchlimme Wendung neh⸗ men, Herr Granger?““ erwiederte Gabriel.„Ich werde ganz einfach Schreibmeiſter, ſtatt Ackerknecht zu ſein.“ „„Schreibmeiſter iſt kein Stand in einem Dorfe,““ verſetzte mein Vater. „„Nun wohl! ich gehe nach Paris und treibe dort dieſes Geſchäft,““ antwortete Gabriel. „Mich meinerſeits, die ich nicht einſah, was aus der Nachahmung der Schrift Anderer Schlimmes hervor⸗ gehen konnte, beluſtigte ungemein das Talent, das jeden Tag bei Gabriel Fortſchritte machte. „Denn Gabriel beſchränkte ſich nicht mehr darauf, die Handſchrift allein nachzuahmen, er ahmte Alles nach. „Ein Kupferſtich war ihm in die Haͤnde gefallen, und mit einer wunderbaren Geduld copirte er Linie für Linie ſo genau, daß es, abgeſehen von der Größe des Papiers und der Farbe der Tinte, bei Beſichtigung des Originals und der Copie ſchwer geweſen wäre, zu ent⸗ ſcheiden, was das Werk der Feder, und was das Werk des Grabſtichels. Der arme Vater, der in dieſer Copie das ſah, was ſie wirklich war, nämlich ein Meiſterwerk, ließ ſie vom Glaſer des Dorfes einrahmen und zeigte ſie Jedermann. „Der Maire und der Adjunct kamen, um ſie anzu⸗ ſchauen, und der Maire ſagte zum Adjunct, als er wegging: „„Dieſer Junge hat ein Vermögen an der Spitze ſeiner Finger.““ „Gabriel hörte dieſe Worte: „Mein Vater hatte ihn Alles gelehrt, was er ihn lehren konnte, und Gabriel kehrte in ſeine Meierei zurück. „Da er das ältere von den beiden Kindern, und da Thomas nicht reich war, ſo mußte er zu arbeiten an⸗ fangen. „. de 18 r⸗ f, h. n, ur es es t⸗ rk ie ie 1= er tze n W n⸗ „Doch die Arbeit mit dem Pflug war ihm uner⸗ träglich. „Ganz im Gegenſatz zu den Bauern, wäre Gabriel gern ſpät zu Bette gegangen und ſpät aufgeſtanden; ſein größtes Glück war, bis um Mitternacht zu wachen, um mit ſeiner Feder alle Arten von verzierten Buchſtaben, Zeichnungen und Nachahmungen zu machen: der Winter war auch ſeine ſelige Zeit und die Nachtwachen bildeten ſeine Feſtſtunden. „Andererſeits brachte ſein Widerwille gegen die Feld⸗ arbeiten ſeinen Vater in Verzweiflung. Thomas Lambert war nicht reich genug, um einen unnützen Mund zu füt⸗ tern. Er hatte geglaubt, die Anweſenheit von Gabriel würde ihm einen Ackerknecht erſparen, doch zu ſeinem großen Erſtaunen ſah er, daß er ſich getäuſcht.“ XI. Abreiſe nach Paris. „Glücklicher oder unglücklicher Weiſe beſuchte eines Tages der Maire, nach deſſen Weiſſagung Gabriel ſein Zukunft an der Spitze ſeiner Finger hatte, den Vater Tho⸗ mas und machte ihm den Antrag, er wolle Gabriel gegen Koſt und hundert fünfzig Franken jährlich zu ſeinem Schreiber nehmen. „Gabriel betrachtete dieſen Antrag als ein Glück, doch der Vater Thomas ſchüttelte den Kopf und ſagte: „„Wohin wird Dich das führen, Junge?““ „Beide nahmen nichtsdeſtoweniger den Antrag des Maire an, und Gabriel vertauſchte wirklich den Pflug gegen die Feder. „Wir waren gute Freunde geblieben, Gabriel ſchien 5 ſogar Liebe für mich zu hegen; ich meinerſeits liebte ihn von ganzem Herzen. „Jeden Abend gingen wir, wie dies in den Dörfern gebräuchlich iſt, bald am Geſtade des Meeres, bald am Ufer der Touque ſpazieren. „Niemand kümmerte ſich darum; wir waren Beide arm, und paßten vollkommen zuſammen. „Rur ſchien Gabriel einen nagenden Wurm in der Seele zu haben; dieſer nagende Wurm war das Verlan⸗ gen, nach Paris zu kommen; er hatte die Ueberzeugung, wenn er nach Paris käme, würde er ſein Glück machen. „Paris war alſo für uns der Untergrund jedes Ge⸗ ſpräches. Paris war die magiſche Stadt, welche uns Pe die Pforte des Reichthums und des Glückes öffnen ollte. „Ich gab mich dem Fieber hin, das ihn ſchüttelte, und wiederholte meinerſeits: „„Ohi ja, Paris! Paris!““ „In unſern Zukunftsträumen hatten wir unſere Eri⸗ ſtenzen ſo mit einander verkettet, daß ich mich zum Vor⸗ aus als die Frau von Gabriel betrachtete, obgleich nie ein Wort von Heirath unter uns ausgetauſcht, obgleich, ich muß es ſagen, nie ein Verſprechen gegeben wurde. „Die Zeit verlief. „Im Stande, ſich ſeiner Lieblingsbeſchäftigung zu widmen, ſchrieb Gabriel jeden Tag; er führte die Regi⸗ ſter der Mairie mit einer außerordentlichen Pünktlichkeit und einem bewunderungswürdigen Geſchmack „Der Maire war entzückt, einen ſolchen Schreiber zu haben. „Es kam die Zeit der Wahlen: einer von den Depu⸗ tirten, welche ſich um Wiedererwählung bewerben wollten, machte ſeine Rundreiſe, er kam nach Trouville; Gabriel war das Wunder von Tronville, man zeigte ihm die Re⸗ giſter der Mairie, und Gabriel wurde ihm am Abend vor⸗ geſtellt. „Der Candidat hatte ein Rundſchreiben abgefaßt —— ——— —— — e M * w M 231 doch es gab nur im Havre eine Druckerei; man mußte das Manifeſt in die Stadt ſchicken, und das verſpätete die Sache um drei bis vier Tage. „Die Austheilung war jedoch dringend, da der Can⸗ didat eine größere Oppoſition traf, als er zuvor erwartet hatte. „Gabriel machte ſich anheiſchig, in der Nacht und am nächſtfolgenden Tage fünfzig Circuläre zu ſchreiben. Der Abgeordnete verſprach ihm hundert Thaler, wenn er ihm dieſe fünfzig Eremplare in vier und zwanzig Stunden liefern würde. „Gabriel ſagte Alles zu und lieferte ſtatt fünfzig ſiebenzig Manifeſte. „Im höchſten Maße erfreut, gab ihm der Candidat fünf hundert Franken, ſtatt drei hundert, und leiſtete ihm das Verſprechen, ihn bei einem reichen Banquier in Paris zu empfehlen, der ihn wahrſcheinlich auf dieſe Empfeh⸗ lung zu ſeinem Secretaire nehmen würde.. „Gabriel lief an dieſem Abend freudetrunken herbei. „„Marie,“ ſagte er zu mir,„Marie, wir ſind gerettet; ehe ein Monat vergeht, reiſe ich nach Paris ab; ich erhalte einen guten Platz, ſchreibe Dir ſodann und Du kommſt zu mir.““ „Ich dachte nicht einmal daran, ihn zu fragen, ob ich als ſeine Frau zu ihm kommen ſollte, ſo fern war mir der Gedanke, Gabriel könnte mich täuſchen. „Ich bat ihn nur um die Erklärung dieſer Zuſage, die noch ein Räthſel für mich war. Er erzählte mir Alles, ſprach von der Protection des Abgeordneten, und zeigte mir ein gedrucktes Papier. „„Was für ein Papier iſt das?““ fragte ich. „„Ein Billet von fünf hundert Franken,““ antwor⸗ tete er. „Wie!.. rief ich,„„dieſer Papierfetzen iſt fünf hundert Franken werth?““ „„Ja,““ ſagte Gabriel,„„und wenn wir nur zwan⸗ zig ſolche hätten, wären wir reich.““ 232 4„„Das wuͤrde uns zehn tauſend Franken machen,““ verſetzte ich. 3„Mittlerweile verſchlang Gabriel das Papier mit den ugen. „„Woran denkſt Du, Gabriel 2““ fragte ich. „„Ich denke, daß ein ſolches Billet nicht ſchwerer nachzuahmen iſt, as ein Kupferſtich.““ „„Ja aber das muß ein Verbrechen ſein?““ „„Schau,““ ſagte Gabriel. zUnd er zeigte mir die zwei Linien, welche unten an das Billet geſchrieben waren: „Dus Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode.“ „„Ah! ohne dieſes,““ rief er,„„hätten wir bald zehn, und zwanzig, und fünfzig.““ „„Gabriel,“ verſetzte ich ganz bebend,„„was ſagſt Du da?““ „„Nichts, Marie, ich ſcherze.“ „Und er ſieckte das Billet wieder in ſeine Taſche. „Acht Tage nachher fanden die Wahlen ſtatt. „Trotz der Rundſchreiben wurde der Candidat nicht gewählt. Nach ſeinem Durchfall begab ſich Gabriel zu ihm, um ihn an ſein Verſprechen zu erinnern; doch er war ſchon abgereiſt. „Gabriel kehrte in Verzweiflung zurück: aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach würde der geſcheiterte Candidat das Ver⸗ ſprechen vergeſſen, das er dem armen Schreiber der Mairie geleiſtet hatte. „Plötzlich ſchien ein Gedanke in ſeinem Geiſte zu kei⸗ men, lächelnd verweilte er dabei und nach einem Augenblick ſagte er zu mir: „Zum Glück habe ich das Original von dem einfäl⸗ tigen Rundſchreiben behalten.““ „Und er zeigte mir dieſes Original von der Hand des Candidaten geſchrieben und unterzeichnet. 233 „„Und was wirſt Du mit dem Original machen 2“ fragte ich. „„Oh! mein Gott! gar nichts; nur dürfte mich dieſes Papier bei Gelegenheit in ſeine Erinnerung zurück⸗ rufen.““ „Dann ſprach er nicht mehr von dieſem Gegenſtand, und er ſchien ſogar das Rundſchreiben bis auf ſein Vor⸗ handenſein vergeſſen zu haben. „Acht Tage nachher kam der Maire zu Thomas Lam⸗ bert mit einem Briefe in der Hand. Dieſer Brief war vom geſcheiterten Candidaten. „Gegen alle Erwartung hielt er ſein Verſprechen und ſchrieb dem Maire, er habe bei einem der erſten Banquiers von Paris eine Commisſtelle für Gabriel gefunden, nur ſollte er drei Monate lang als Ueberzähliger dienen. Dies war ein unerläßliches Opfer an Zeit und Geld, wonach Gabriel acht hundert Franken Gehalt bekommen würde. „Gabriel eilte, mir dieſe Neuigkeit mitzutheilen; doch während ſie ihn mit Frende erfüllte, verſetzte ſie mich in tiefe Betrübniß. „Wohl hatte ich mich zuweilen, durch die Träume von Gabriel angeregt, wie er nach Paris geſehnt; doch für mich war Paris nur ein Mittel, denjenigen, welchen ich liebte, nicht zu verlaſſen; mein ganzer Ehrgeiz beſchränkte ſich darauf, daß ich die Frau von Gabriel werden wollte, und dies ſchien mir viel mehr geſichert bei dem de⸗ müthigen, eintönigen Daſein des Dorfes, als im raſchen, glühenden Wirbel der Hauptſtadt. „Bei dieſer Kunde fing ich alſo an zu weinen. „Gabriel warf ſich vor mir anf die Kniee und ſuchte mich durch ſeine Verſprechungen und Betheurungen zu be⸗ ruhigen; doch ein tiefes, furchtbares Gefühl ſagte mir, Al⸗ les wäre für mich vorbei. „Die Abreiſe von Gabriel war indeſſen noch nicht entſchieden. „Thomas Lambert ließ ſich herbei, ein kleines Opfer zu bringen. Der Maire lieh ihm, wohlverſtanden, gegen Unterpfand, fünf hundert Franken, und da Niemand et⸗ was von der Freigebigkeit des Candidaten wußte, ſo war Gabriel Beſitzer einer Summe von tauſend Franken. „Es wurde für alle Welt beſtimmt, daß er noch an demſelben Abend nach Pont l'Evéque abreiſen würde, von wo ihn ein Wagen nach Rouen führen ſollte; doch unter uns wurde beſchloſſen, er ſollte einen Umweg machen und zurückkommen, um die Nacht bei mir zuzubringen. „Ich ſollte das Fenſter meines Zimmers offen laſſen. „Es war das erſte Mal, daß ich ihn ſo empfing, und ich hoffte bei dieſer letzten Zuſammenkunft eben ſo ſtark gegen mich und mein Herz zu ſein, als ich es immer ge⸗ weſen war. „Ach! ich täuſchte mich. Ohne dieſe Nacht wäre ich nur unglücklich geweſen. Durch dieſe Nacht war ich ver⸗ loren. „Bei Tagesanbruch verließ mich Gabriel; wir mußten uns trennen. Ich führte ihn durch die Gartenthüre, welche nach den Dünen ging. „Hier erneuerte er mir alle ſeine Verſprechungen, hier ſchwur er mir abermals, er würde nie eine andere Frau nehmen als mich, und er ſchläferte wenigſtens meine Be⸗ fürchtungen ein, wenn er auch nicht meine Gewiſſensbiſſe zu beſchwichtigen vermochte. „Wir verließen uns. Ich verlor ihn an der Ecke der Mauer aus dem Blick; doch ich lief ihm nach, um ihn noch einmal zu ſehen, und gewahrte ihn in der That, wie er mit raſchem Schritte dem Fußpfad folgte, der nach der Landſtraße führte. „Es kam mir vor, als läge in der Eile ſeiner Schritte etwas ſeltſam mit meinem Schmerze Contraſtirendes. „Ich rief ihn durch einen Schrei zurück. „Er wandte ſich um, ſchwang ſein Sacktuch zum Zei⸗ chen des Abſchiedes und ging ſeines Weges. „Als er ſein Sacktuch zog, ließ er, ohne es zu be⸗ merken, ein Papier aus ſeiner Taſche fallen. „Ich rief ihm noch einmal, doch ohne Zweifel aus he he ü v* — n h te i⸗ 235 Furcht, ſich erweichen zu laſſen, ſetzte er ſeinen Marſch fort. „Ich lief ihm nach, kam auf den Platz, wohin das Papier gefalleg war, und fand es auf der Erde. „Es war ein Billet von fünf hundert Franken, nur war es ein anderes Papier, als das, welches ich geſehen hatte. Da rafſte ich alle meine Kräfte zuſammen und rief zum letzten Mule; er wandte ſich um, ſah mich mit dem Billet winken, blieb ſtehen, durchwühlte alle ſeine Taſchen, gewahrte ohne Zweifel, daß er etwas verloren hatte, und kehrte eiligſt zu mir zurück. „„Halt,““ ſagte ich,„„Du haſt etwas verloren, und ich bin ſehr glücklich darüber, da ich Dich nun noch ein⸗ mal umarmen kann““ „„Ah!““ erwiederte er lachend,„Deinetwegen allein komme ich zurück, liebe Marie, denn dieſes Billet hat kei⸗ nen Werth.““ „„Wie, es hat keinen Werth?““ „„Nein, das Papier iſt nicht dieſem ähnlich.““ „Und er zog das andere Billet aus ſeiner Taſche. „„Nun! was für ein Billet iſt es denn?““ „„Eines, das ich zu meinem Vergnügen nachgeahmt habe, das jedoch werthlos iſt; Du ſiehſt es wohl, liebe Marie, ich komme nur Deinetwegen zurück.““ „Und um mir einen letzten Beweis von dieſer Wahr⸗ heit zu geben, zerriß er das Billet in kleine Stücke und übergab dieſe dem Winde. „Dann erneuerte er mir noch einmal ſeine Verſpre⸗ chungen und Betheurungen, und da die Zeit drängte und er fühlte, daß ich nicht mehr die Kraft hatte, mich auf⸗ recht zu erhalten, ſetzte er mich an den Rand des Grabens, gab mir einen letzten Kuß und entfernte ſich. „Ich folgte ihm mit den Augen und ſtreckte die Arme nach ihm aus, ſo lange ich ihn ſehen konnte; als ihn ſo⸗ dann eine Biegung des Weges meinem Blicke entzog, ver⸗ barg ich meinen Kopf in meinen Händen und fing an zu weinen. 236 „Ich weiß nicht, wie lange ich ſo in meinem Schmerz verſunken blieb. „Ich kam zu mir bei einem Geräuſch, das ich in mei⸗ ner Nähe hörte. Dieſes Geräuſch wurde veranlaßt durch ein junges Mädchen, das ſeine Lämmer hütete und mich ganz erſtaunt anſchaute, denn es begriff meine Unbeweg⸗ lichkeit nicht. „Ich ſchaute empor. „„Ah!““ ſagte das Mädchen,„„Sie ſind es, Made⸗ moiſelle Marie, warum weinen Sie denn?““ „Ich trocknete meine Thränen und ſuchte zu lächeln. „Dann hob ich, um mich mit ihm durch die Dinge zu verketten, die er berührt hatte, die Papierſtückchen auf, die er in den Wind geworfen. „Endlich dachte ich, mein Vater könnte aufſtehen und über meine Abweſenheit in Unruhe gerathen, und begab mich haſtig auf den Weg nach Hauſe. „Ich hatte kaum zwanzig Schritte gemacht, als ich hörte, daß man mich rief. „Ich wandte mich um, und ſah die junge Schäferin mir nachlaufen. Ich wartete. „„Was willſt Du, mein Kind?““ fragte ich. „„Mademviſelle Marie,““ ſagte ſie,„„ich gewahrte, daß Sie alle die kleinen Papiere aufhoben, hier iſt eines, das Sie vergeſſen haben.““ „Ich blickte auf das, was das Kind mir bot: es war in der That ein Bruchſtück von dem ſo geſchickt von Gabriel nachgeahmten Billet. „Ich nahm es aus den Händen des kleinen Mädchens und warf die Augen darauf. „Durch einen ſeltſamen Zufall war es derjenige Theil des Billets, worauf die unſelige Drohung ſtand: „Dus Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tode.“ ———— — ——„ 8— — . e f, d b n 23 „Ich ſchauerte, ohne daß ich begreifen konnte, woher der Schrecken kam, der ſich inſtinktartig meiner bemäch⸗ tigte. Nur an dieſen zwei Zeilen allein hätte man zu bemerken vermocht, daß das Billet nachgeahmt war. Sicht⸗ bar hatte die Hand von Gabriel gezittert, als er ſie ſchrieb, oder vielmehr malte. „Ich ließ alle andere Stücke fallen und behielt nur dieſes. „Dann kehrte ich zurück, vhne daß mein Vater mich bemerkte. „Doch als ich in das Zimmer trat, wo Gabriel die Nacht zugebracht hatte, erweckte Alles in mir eine Reue. So lange er da geweſen war, hatte mich mein Vertrauen zu ihm aufrecht erhalten; nun da er abweſend, kehrte jeder einzelne Umſtand, der dieſes Vertrauen ſchwächen ſollte, in meine Erinnerung zurück, und ich fühlte mich wahr⸗ haft vereinzelt mit meinem Fehltritt.“ Xll. Die Beichte. „Es vergingen acht Tage, ehe ich eine Nachricht von Gabriel erhielt; der Morgen des achten Tages brachte mir endlich einen Brief von ihm. „Er war, wie er ſagte, in Paris angekommen, bei ſeinem Banquier eingetreten und wohnte einſtweilen in einem kleinen Hotel der Rue des Vieur⸗Anguſtins. „Dann kam eine Schilderung von Paris und der ieng welche die Hauptſtadt auf ihn hervorgebracht atte. „Er war trunken vor Freude. 238 „Eine Nachſchrift kündigte mir an, ich würde in drei Monaten ſein Glück theilen.. „Statt mich zu beruhigen, erfüllte mich Lieſer Brief mit tiefer Betrübniß, und zwar, ohne daß ich begriff warum. „Ich fühlte, daß ein Unglück über meinem Haupte ſchwebte und bereit war, auf mich niederzuſtürzen. „Ich antwortete ihm indeſſen, als ob ich freudig wäre über ſeine Freude, und gab mir das Anſehen, als glaubte ich an die Zukunſt, die er mir verſprach, während eine innere Stimme mir zurief, ſie ſei nicht für mich gemacht. „Vierzehn Tage nachher erhielt ich einen zweiten Brief. Dieſer fand mich in Thränen. „Ach! wenn Gabriel ſein Verſprechen nicht hielt, war ich ein entehrtes Mädchen: ich ſollte in acht Monaten Mutter werden. „Ich ſchwankte einen Augenblick, ob ich Gabriel dieſe Kunde mittheilen ſollte. „Doch ich hatte Niemand außer ihm in der Welt, † dem ich mich anvertrauen konnte Ueberdies hatte er die halbe Schuld an meinem Fehltritt, und wenn mich Je⸗ mand unterſtützte, ſo war es billig, daß er es that. „Ich ſchrieb ihm daher, er möge den Augenblick un⸗ ſerer Wiedervereinigung ſo ſehr als möglich beſchleunigen, und ſagte ihm, in Zukunft hätten ſeine Beſtrebungen nicht unſer Glück, ſondern auch das unſeres Kindes zum iele. „Ich hoffte mit umgehender Poſt einen Brief zu er⸗ halten, oder ich zitterte vielmehr, gar keinen mehr zu be⸗ kommen, als ich kaum den meiuigen weggeſchickt hatte: denn es rief mir, wie geſagt, ein dumpfes Vorgefühl zu, Alles wäre für mich zu Ende. „Gabriel antwortete in der That nicht mir, ſondern ſeinem Vater; er meldete ihm, der Bangquier, bei dem er eine Stelle erhalten, habe bedeutende Intereſſen in Gua⸗ deloupe, und da er bei ihm mehr Verſtand erkannt, als bei ſeinen Bureaugenoſſen, ſo habe er ihn mit der Anord⸗ nung dieſer Intereſſen beauftragt, unter dem Verſprechen, — als end ht. ief. At, ten eſe elt, die Je⸗ in⸗ en, cht um er⸗ be⸗ te: zu, ern er ta⸗ als rd⸗ en, — 239 ihm bei ſeiner Rückkehr einen Antheil am Nutzen zu geben. Dem zu Folge werde er noch an demſelben Tag nach den Antillen abreiſen, und er könne die Zeit ſeiner Rückkehr nicht beſtimmen. „Zugleich ſchickte er von dem Gelde, das ihm der Banquier zu der Reiſe gegeben, ſeinem Vater die fünf⸗ hundert Franken zurück, die er für ihn entlehnt hatte. „Dieſe Summe beſtand in einem Billet von fünf⸗ hundert Franken. „Eine Nachſchrift ſagte ſeinem Vater, da er nicht mehr Zeit habe, mir zu ſchreiben, ſo bitte er ihn, mir dieſe Kunde mitzutheilen. „Der Schlag war, wie man leicht begreift, furchtbar. „Da ich jedoch noch nie von Gabriel eine Antwort umgehend erhalten hatte, ſo wußte ich nicht, wie viel Tage ein Brief brauchte, um nach Paris zu gelangen, und folg⸗ lich auch nicht, in wie viel Zeit man eine Antwort er⸗ halten konnte. „Ich nährte alſo noch die Hoffnung, ſein Brief ſei wahrſcheinlich geſchrieben worden, ehe er den meinigen empfangen. „Unter irgend einem Vorwand ging ich zum Maire und bat ihn um Auskunft hierüber. Er hielt das Billet in der Hand, das ihm der Vater Thomas gegeben hatte. „„Nun, Marie!““ ſagte er, als er mich ſah,„„Dein Geliebter iſt im Zuge, ſein Glück zu machen.““ „Ich antwortete ihm nur, indem ich in Thränen zerfloß. „„Wie!““ rief er,„es macht Dir Kummer, daß ſich Gabriel bereichert? Ich ſagte immer, dieſer Burſche habe das Glück an der Spitze ſeiner Finger.““ „„Ach! mein Herr,““ erwiederte ich,„Sie täuſchen ſich in meinen Gefühlen; ich werde dem Himmel ſtets für jedes Glück danken, das Gabriel widerfährt; ich befürchte nur, er dürfte mich in ſeinem Gluck vergeſſen.““ „„Ah! was das betrifft, meine arme Marie,““ ent⸗ gegnete der Maire, ich möchte nicht dafür ſtehen, und 240 wenn ich Dir rathen ſoll, ſo ſage ich Dir, komme Gabriel zuvor, ſobald ſich eine Gelegenheit bietet. Du biſt ein fleißiges, geordnetes Mädchen, an dem ich nie etwas zu tadeln hatte, trotz Deines vertrauten Verhältniſſes mit Gabriel; nun wohl! meiner Treue, den erſten hübſchen Jungen, der ſich zeigt, um ihn zu erſetzen, würde ich neh⸗ men, und höre, André Morin, der Fiſcher, Du weißt, ſprach mit mir erſt geſtern davon.““ „Ich unterbrach ihn und ſagte: „„Herr Maire, ich werde die Frau von Gabriel, oder ich bleibe ledig; es finden Gelöbniſſe unter uns ſtatt, die er vergeſſen kann, die ich aber nie vergeſſen werde.““ „„Ja, ja,““ erwiederte er,„ich kenne das; ſo richten ſich alle die armen, unglücklichen Mädchen zu Grundez mache es, wie Du willſt, mein Kind, ich habe keine Ge⸗ walt über Dich, doch wenn ich Dein Vater wäre, wüßte ich, was ich thun würde.““ „Ich zog bei ihm die Erkundigungen ein, deren wegen ich gekommen war, und kehrte, die abgelaufene Zeit be⸗ rechnend, nach Hauſe zurück. „Gabriel hatte an ſeinen Vater geſchrieben, nachdem er meinen Brief erhalten. „Ich wartete vergebens den andern Tag, den zweiten Tag, die ganze Woche, den ganzen Monat: ich erhielt keine Nachricht von Gabriel. „Eine Hoffnung hatte mich auſrecht erhalten; da er keine Zeit gehabt, mir von Paris aus zu ſchreiben, ſo würde er mir wohl von dem Hafen aus ſchreiben, wo er ſich einſchiffte, oder wenn er nicht von dieſem Hafen aus ſchriebe, ſo würde er mir wenigſtens von Guadeloupe ſchreiben. „Ich verſchaffte mir eine Karte und fragte einen un⸗ ſerer Matroſen, der mehrere Reiſen nach Amerika gemacht hatte, welchen Weg die Schiffe nehmen, um ſich nach Gua⸗ deloupe zu begeben. „Er zog mir mit dem Bleiſtift eine lange Linie, und riel ein zu mit n eh⸗ ßt, der die ten de; e⸗ ßte er e⸗ em ten elt 24¹ ich hatte wenigſtens einen Troſt, den, zu ſehen, welchen Weg Gabriel, ſich von mir entfernend, verfolgte. „Um Nachricht von ihm zu erhalten, waren drei Mo⸗ nate erforderlich. Ich erwartete mit ziemlich viel Ruhe den Ablauf dieſer drei Monate, doch es kam nichts, und ich blieb in dem furchtbaren Halbdunkel, das man Zweifel nennt, und das noch viel ſchlimmer iſt, als die Nacht. „Die Zeit verging indeſſen, alle innige Empfindungen, welche das Daſein eines Weſens, das ſich aus unſerem Weſen bildet, ankündigen, regten ſich in mir. Gewiß köſt⸗ liche Empfindungen im gewöhnlichen Zuſtand des Lebens, und wenn das Daſein dieſes Weſens das Reſultat der Bedingungen der Geſellſchaft iſtz ſchmerzliche, bittere, gräß⸗ liche Empfindungen, wenn jedes Beben an den Fehltritt und die Weiſſagung des Unglücks erinnert. „Ich war ſeit ſechs Monaten in andern Umſtänden. bis dahin hatte ich meine Schwangerſchaft glücklich vor Aller Augen verborgen; doch ein furchtbarer Gedanke ver⸗ folgte mich, der Gedanke, daß ich, wenn ich fortführe, mich ſo zuſammenzuſchnüren, das Leben meines Kindes gefähr⸗ den könnte. „Es nahten die Oſtern. Dies iſt bekanntlich in un⸗ ſern Dörfern die Zeit allgemeiner Andachtsübungen. Auf ein Mädchen, das ſeine Oſtern nicht feierte, wuͤrden alle ihre Kamerädinnen mit dem Finger deuten. „Ich hatte im Grunde meines Herzens zu religiöſe Gefühle, um mich dem Beichtſtuhl zu nähern, ohne mei⸗ nen Fehltritt ganz zu enthüllen; ſeltſamer Weiſe aber ſah ich die Zeit dieſer Enthüllung mit einer gewiſſen Freude nahen, in die ſich Furcht miſchte.* „Dies kam davon her, daß unſer Geiſtlicher einer von jenen braven Prieſtern war, welche um ſo nachſichtiger gegen die Fehler Anderer find, als ſie dieſelben nicht ihre eigenen Sünden ſühnen zu laſſen haben. „Es war ein frommer Greis mit weißen Haaren und ruhigem, lächelndem Antlitz, bei deſſen Anblick e Schwache, Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 242 der Unglückliche oder der Schuldige fühlten, ſie würden Unterſtützung bei ihm finden. „Ich war alſo zum Voraus feſt entſchloſſen, ihm Alles zu ſagen und mich von ſeinen Rathſchlägen leiten zu laſſen. „Am Vorabend des Tages, wo alle junge Mädchen zur Beichte gehen ſollten, begab ich mich zu ihm. „Ich geſtehe, mein Herz ſchnürte ſich furchtbar zu⸗ ſammen, als ich die Hand nach der Klingel des Pfarr⸗ hauſes ausſtreckte. Ich hatte die Nacht abgewartet, damit mich Niemand da eintreten ſah, wohin ich in anderen Zeiten ganz offen zwei oder dreimal wöchentlich kam; auf der Schwelle verließ mich der Muth und ich war genöthigt, mich an die Mauer anzulehnen, um nicht zu fallen. „Doch ich raffte meine Kräfte zuſammen und läutete mit einer ungeſtümen Bewegung. „Die alte Haushälterin öffnete mir ſogleich. „Der Pfarrer war, wie ich es mir gedacht hatte, allein in einem kleinen, abgelegenen Zimmer, wo er beim Schein einer Lampe ſein Brevier las. „Ich folgte der alten Catherine, welche die Thüre öffnete und mich meldete. „Der Pfarrer hob den Kopf empor. Sein ſchönes, ruhiges Antlitz befand ſich nun ganz im Licht, und ich begriff: wenn es in der Welt einen Troſt für gewiſſe unwiederbringliche Unglücksfälle gibt, ſo iſt es der, ſein Unglück ſolchen Menſchen zu bekennen. „Ich blieb indeſſen bei der Thüre und wagte es nicht, vorzuſchreiten. „„Es iſt gut, Catherine,““ ſagte der Pfarrer,„laſſen Sie uns allein, und wenn Jemand käme und nach mir fragen würde „So werde ich ſagen, der Herr Pfarrer ſei nicht zu Hauſe,“ erwiederte die alte Haushälterin. „„Nein,““ ſprach der Pfarrer,„„man darf nicht lügen, meine gute Catherine, Sie ſagen, ich ſei im Gebet be⸗ griffen.““ „Gut, Herr Pfarrer,“ erwiederte Catherine. en es en. en u⸗ rr⸗ nit ren uf gt, ete e im üre es, ich iſſe ein ht, ſen nir en, be⸗ 243 „Und ſie ging hinaus und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Ich blieb unbeweglich und ohne ein Wort zu reden. „Der Pfarrer ſuchte mich mit den Augen in der Dunkelheit, in der mich das umgränzte Licht der Lampe ließ; als er mich ſodann erblickte, ſtreckte er die Hand ge⸗ gen mich aus und ſagte zu mir: „„Komm, meine Tochter... ich erwartete Dich... „Ich machte zwei Schritte, nahm ſeine Hand und fiel vor ihm auf die Kniee. „Sie erwarteten mich, mein Vater,““ erwiederte ich; „„Sie wiſſen alſo, was mich zu Ihnen führt?““ „„Ach! ich vermuthe es,““ antwortete der würdige Prieſter. „„Oh! mein Vater, ich bin ſehr ſtrafbar!““ rief ich, in ein Schluchzen ausbrechend. „„Mein armes Kind, ſage, Du ſeiſt ſehr unglücklich.“ „„Aber, mein Vater, vielleicht wiſſen Sie nicht Alles, denn wie hätten Sie errathen können?““ „„Höre, meine Tochter, ich will es Dir ſagen,““ ent⸗ gegnete der Prieſter,„ich erſpare Dir damit ein Geſtänd⸗ niß, das Dir auch gegen mich peinlich wäre, nicht wahr?““ „„Oh! ich fühle nun, daß ich Ihnen Alles mittheilen kann; ſind Sie nicht der Diener Gottes, der Alles weiß?““ „„Nun wohl! ſprich mein Kind,“ ſagte der Prieſter, „„ſprich, ich höre Dich.““ „Mein Vater,““ rief ich,„mein Vater „Und meine Stimme ſtockte in meiner Bruſt, ich hatte zu viel auf meine Kräfte vertraut und konnte nicht mehr. „Ich vermuthete Alles am Tage der Abreiſe von Gabriel,“ ſagte der Prieſter.„An dieſem Tage, mein armes Kind, habe ich Dich geſehen, vhne daß Du mich ſahſt. „„Ich war in der Nacht gerufen worden, um die Beichte eines Sterbenden zu empfangen, und begegnete, als ich Morgens um vier Uhr zurückkam, Gabriel, von dem Redermann glaubte, er wäre am Abend zuvor abgereiſt. „„Als er mich erblickte, warf er ſich hinter eine Hecke 244 und ich ſtellte mich, als ſähe ich ihn nicht; hundert Schritte weiter fand ich ein junges Mädchen, das, den Kopf in ſeinen Händen, am Rande eines Grabens ſaßz ich erkannte Dich, doch Du ſchauteſt nicht empor.““ „„Ich hörte Sie nicht, mein Vater,“ erwiederte ich, „denn ich war ganz in den Schmerz der Trennung ver⸗ ſunken!““ „„Ich ging alſo vorüber. Anfangs hatte ich Luſt, ſtehen zu bleiben und mit Dir zu ſprechen. Doch es hielt mich der Gedanke zurück, Du hoffteſt ohne Zweifel, wie Gabriel, Dich zu verbergen: ich ging alſo meines Wegs. „Als ich mich um die Ecke der Gartenmauer Deines Vaters wandte, ſah ich, daß die Thüre offen war;z da begriff ich Alles: Gabriel, von dem Jedermann glaubte, er wäre abgereiſt, hatte die Nacht bei Dir zugebracht.““ „„Ach! ach! mein Vater, das iſt leider die Wahrheit.“ „„Als Du dann aufhörteſt, in das Pfarrhaus zu kommen, wie Du dies früher gethan, ſagte ich zu mir: die Arme, ſie kommt nicht, weil ſie in mir einen Richter zu finden fürchtet.““ „Mein Schluchzen verdoppelte ſich. „„Nun wohl!““ fragte mich der Pfarrer,„was kann ich für Dich thun? Sprich, mein Kind.““ „„Mein Vater,“ ſagte ich,„ich möchte wiſſen, ob Gabriel wirklich abgereiſt iſt, oder ob er ſich immer noch in Paris befindet.““ „„Wie, Du zweifelſt. „Mein Vater, es iſt mir ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf gegangen, der Gedanke, Gabriel habe, um ſich meiner zu entledigen, geſchrieben, er reiſe ab.““ „„Und was führt Dich zu dieſem Glauben?““ fragte der Prieſter. „Einmal ſein Stillſchweigen; ſo ſehr er auch im Augenblick ſeiner Abreiſe Eile haben mochte, ſo hatte er doch immer noch Zeit, mir ein Wort zu ſchreiben; konnte er es nicht von Paris, ſo doch wenigſtens von dem Orte, wo er ſich einſchiffte, ſodann von dort, wenn er angekom⸗ 4 —— ——— ac ſt 245 men wäre. Hätte er mir nicht Nachricht von ſich gege⸗ ben? Weiß er nicht, daß ein Brief von ihm mein Leben und vielleicht das Leben meines Kindes iſt?““ „Der Pfarrer ſtieß einen Seufzer aus. „„Ja, ja,““ murmelte er,„„der Menſch iſt im All⸗ gemeinen ſelbſtſüchtig, und ich will Niemand verleumden; doch Gabriel! Gabriel! „Ich habe ſtets zu meinem Kummer Deine große Liebe für dieſen Menſchen geſehen.““ „„Was wollen Sie, mein Vater! wir wurden mit einander aufgezogen und haben uns nie verlaſſen; was wollen Sie! es kam mir vor, als würde das Leben fort⸗ dauern, wie es angefangen hatte.““ „„Du ſagſt alſo, Du wünſcheſt zu wiſſen...“ „„Ob Gabriel wirklich von Paris abgereiſt iſt.““ „„Das iſt leicht zu erfahren.. mir ſcheint, durch ſeinen Vater.. Höre, ermächtigſt Du mich, ſeinem Vater Alles zu ſagen?““ „„Ich habe mein Leben und meine Ehre in Ihre Hände gelegt, mein Vater, thun Sie damit, was Sie wollen.“ „„Erwarte mich, meine Tochter,““ ſprach der Prie⸗ ſter,„„ich gehe zu Thomas Lambert.““ „Und er entfernte ſich. „Ich blieb auf den Knieen, wie ich war, und ſtützte meinen Kopf auf den Arm des Lehnſtuhles, ohne zu beten, ohne zu weinen, in meine Gedanken verſunken. „Nach einer Viertelſtunde öffnete ſich die Thüre wieder. „Ich hörte Tritte, die ſich mir näherten, und eine Stimme ſprach zu mir: „„Erhebe Dich, meine Tochter, und komm in meine Arme.““ „Dieſe Stimme war die von Thomas Lambert. „Ich erhob das Haupt und befand mich dem Vater von Gabriel gegenüber. „Er war ein Mann von fünf und vierzig Jahren, bekannt durch ſeine Redlichkeit, einer von den Menſchen, die nur Eines kennen: die Erfüllung des gegebenen Wortes. „Hat Dir mein Sohn je geſagt, er würde Dich heirathen?““ fragte er mich;„„laß hören, antworte mir, wie Du Gott antworten würdeſt.““ „Nehmt,“ ſagte ich, und ich reichte ihm den Brief von Gabriel, worin er mir verſprach, mich in drei Mo⸗ naten zu ſich kommen zu laſſen, und in welchem er mich ſeine Frau nannte „„Und in der Ueberzeugung, er würde Dein Gatte werden, haſt Du ihm nachgegeben?““ „„Ach! ich habe ihm nachgegeben, weil er abzureiſen im Begriffe war, und weil ich ihn liebte.“ „Gut geantwortet,“ ſprach der Prieſter, zum Zeichen der Billigung mit dem Kopfe nickend,„gut geantwortet, mein Kind.““ „Ja, Sie haben Recht, Herr Pfarrer,““ ſagte Thomas.„Marie,“ fuhr er fort,„Du biſt meine Tochter, und Dein Kind iſt mein Kind; in acht Tagen werden wir étfahren, wo Gabriel iſt.““ Wie dies?““ fragte ich. „Seit geraumer Zeit hatte ich die Abſicht, eine Reiſe nach Paris zu machen, um gewiſſe Intereſſen mit meinem Gutsherrn perſönlich zu ordnen. Morgen reiſe ich ab. In Paris gehe ich zu dem Banquier, und ich ſchreibe dann an Gabriel, wo er auch ſein mag, und fordere ihn Kraft meines väterlichen Anſehens auf, Dir ſein Wort zu halten““ „Gut,“ verſetzte der Pfarrer,„gut, Thomas; und ich füge Eurem Brief einen von mir bei, worin ich im Namen der Religivn mit ihm ſprechen werde.““ „Ich dankte Beiden, wie Hagar dem Engel danken mußte, der ihr die Ouelle bezeichnete, wo ſie den Durſt ihres Kindes ſtillen konnte. „Als ich mich entfernte, geleitete mich der Prieſter zurück.“ „Morgen,“ ſagte er zu mir. m ze au w — N— n t, ne en iſe m be hn ort 6 5 ich ken urſt ſter 247, „„Oh! mein Vater,““ entgegnete ich,„ich kann mich alſo mit meinen Kamerädinnen noch in der Kirche zeigen?“ „„Für wen würde denn die Kirche ihre Tröſtungen aufbewahren, wenn nicht für die Unglücklichen?““ er⸗ wiederte der Prieſter.„Komm, mein Kind, komm mit Vertrauen; Du biſt weder die Magdalena, noch die Ehe⸗ brecherin, und Gott hat Beiden verziehen.““ „Am andern Tag beichtete ich und erhielt die Abſo⸗ lution. „Am zweiten Tag, am Oſtertag, nahm ich das Abendmahl mit meinen Kamerädinnen. „Thomas Lambert war, wie er es geſagt hatte, am Abend zuvor nach Paris abgereiſt. „Es vergingen acht Tage, während welcher ich jeden Morgen den Pfarrer beſuchte, um zu fragen, ob er keine Nachricht vom Vater Thomas erhalten hätte; während dieſer acht Tage kam kein Brief. „Am Abend des Sonntags, der auf das Oſterfeſt folgte, ſah ich gegen ſieben Uhr die alte Catherine ein⸗ treten; ſie wollte mich im Auftrage ihres Herrn holen. „Ich ſtand ganz zitternd auf und folgte ihr eiligſt; doch ich hatte nicht den Muth, die Entſernung, welche das Haus meines Vaters vom Pfarrhofe trennte, zurück⸗ zulegen, ohne ſie zu fragen „Sie ſagte mir, der Vater Thomas ſei ſo eben von K zurückgekehrt. Mehr zu fragen, hatte ich nicht die raft. „Als ich in das Pfarrhaus kam, ſaßen Beide in dem kleinen Cabinet, wo die von mir erzählte Seene vorfiel. Der Pfarrer war traurig und der Vater Thomas ernſt und düſter. „Ich blieb an der Thüre ſtehen, denn ich fühlte, daß meine Sache entſchieden und verloren war. „„Muth, mein Kind,“ ſprach der Prieſter,„Vater Thomas bringt uns ſchlimme Nachrichten.“ „„Gabriel liebt mich nicht mehr,““ rief ich. 248 „Man weiß nicht, was aus Gabriel geworden iſt,““ erwiederte der Pfarrer. „„Wie ſo?““ rief ich,„„ℳiſt das Schiff, auf dem er ſich befand, verlorengegangen? Iſt Gabriel todt?““ „„Gefiele es dem Himmel! und wäre die ganze Fa⸗ bel, die er uns vorgemacht hat, eine Wahrheit!““ ſprach der Vater. 5 „„Welche Fabel?““ fragte ich erſchrocken; denn ich fing an Alles wie durch einen Schleier zu ſehen. „Ja,““ ſagte der Vater,„„ich ging zu dem Ban⸗ quier, doch er wußte nicht, was ich wollte, denn er hat nie einen Commis Namens Gabriel Lambert, er hat nie ein Intereſſe in Gnadeloupe gehabt.““ „„Oh! mein Gott! dann hättet Ihr zu demjenigen gehen müſſen, welcher ihm den Platz verſchafft hat, zu dem Candidaten, Ihr wißt.““ „Ich bin bei ihm geweſen,““ erwiederte der Vater. Nün „„Er hat nie an mich oder meinen Sohn geſchrie⸗ ben.““ „„Aber der Brief!““ „„Den Brief hatte ich bei mir, ich zeigte ihn dem⸗ ſelben, er erkannte vollkommen ſeine Handſchrift, doch er hat ihn nicht geſchrieben.““ „Ich ließ meinen Kopf auf meine Bruſt ſinken. „Thomas Lambert fuhr fort: „„Von da ging ich in die Rue des Vieur⸗Auguſtins, in das Hotel de Veniſe.““ „Nun,““ fragte ich,„„habt Ihr dort eine Spur von ihm gefunden?““ „„Er iſt ſechs Wochen in dieſem Hotel geblieben, dann hat er es, nachdem er ſeine Rechnung bezahlt, ver⸗ laſſen, und man weiß nicht, was aus ihm geworden if „Oh! mein Gott! mein Gott,““ rief ich,„was ſoll dies Alles bedeuten?““ „„Dies ſoll bedeuten,“ murmelte Thomas Lambert, — — —— ⸗ h h ———— 249 „„daß von uns Beiden, mein armes Kind, ich wahrſchein⸗ lich am Unglücklichſten bin.““ „„Ihr wißt alſo durchaus nicht, was aus ihm ge⸗ worden iſt?““ „„Ich weiß es nicht.““ „„Aber auf der Polizei hättet Ihr vielleicht erfahren können. ſagte der Pfarrer. „„Ich dachte wohl daran,“ murmelte Thomas Lambert,„„doch ich hatte bange, auf der Polizei zu viel zu erfahren.““ „Wir ſchauerten Alle, und ich beſonders. „„Und was iſt nun zu thun?““ fragte der Pfarrer. „„Wir müſſen warten,“antwortete Thomas Lambert. „„Doch ſie,““ verſetzte der Prieſter, indem er anf mich deutete,„ſie kann nicht warten.““ „„Das iſt wahr!““ ſprach Thomas Lambert.„Sie ſoll bei mir wohnen, denn iſt ſie nicht meine Tochter?““ „Ja; doch da ſie nicht die Frau Eures Sohnes iſt, ſo wird ſie in drei Monaten entehrt ſein.““ „„Und mein Vater!““ rief ich,„mein Vater, der bei dieſer Nachricht vor Kummer ſterben wird?““ Man ſtirbt nicht vor Kummer,“ erwiederte Tho⸗ mas Lambert;„doch man leidet ſehr, und es iſt unnöthig, dieſen armen Mann leiden zu laſſen: unter irgend einem Vorwand wird Marie ſich einen Monat bei meiner Schwe⸗ ſter aufhalten, welche in Caren wohnt, und ihr Vater erfährt nichts von dem, was während dieſer Zeit vorfällt.““ „Alles geſchah, wie es verabredet wurde. „Ich brachte einen Monat bei der Schweſter von Thomas Lambert zu, und während dieſes Monats gebar ich das Kind, welches in jenem Lehnſtuhle ſchläft. „Mein Vater wußte nichts von dem, was mir be⸗ gegnet war, und das Geheimniß wurde ſo gut bewahrt, daß es, wie ihm, Jedermann unbekannt blieb. „Es vergingen fünf bis ſechs Monate, ohne daß ich von irgend etwas ſprechen hörte; doch endlich eines Mor⸗ 250 gens verbreitete ſich das Gerücht, der Maire ſei von Paris angekommen und habe auf ſeiner Reiſe Lambert begegnet. „Man erzählte zum Belege für dieſes Begegnen ſo ſeltſame Dinge, daß man die Wahrheit bezweifeln konnte. „Ich ging aus, um mich bei Thomas Lambert zu erkundigen, was wohl an den Gerüchten, welche bis zu mir gedrungen, Wahres ſein könnte; doch ich war kaum fünfzig Schritte außer dem Hauſe, als ich den Maire ſelbſt traf. „„Nun, meine Schöne,““ ſagte er,„„ich wundere mich nicht mehr, daß Dir Dein Liebhaber zu ſchreiben aufgehört: es ſcheint, er hat Glück gemacht.““ „„Oh! mein Gott! und wie dies 2 fragte ich. „Wie? ich weiß es nicht; doch ſo viel iſt wahr, als ich von Courbevvie zurückkam, wo ich bei meinem Schwiegerſohn zu Mittag geſpeiſt hatte, begegnete ich einem ſchönen Herrn zu Pferd, einem Elegant, einem Dandy, dem ein Bedienter, ebenfalls zu Pferd, folgte. Rathe, wer es war?““ „„Wie ſoll ich es errathen?““ „„Nun wohl! es war Meiſter Gabriel. Ich erkannte ihn und legte mich halb aus meinem Cabriolet, um ihm zu rufen; doch ohne Zweifel erkannte er mich ebenfalls, und ehe ich Zeit gehabt hatte, ſeinen Namen auszuſpre⸗ chen, gab er ſeinem Pferde beide Sporen und ſprengte im Galopp fort.““ „Oh! Sie werden ſich getäuſcht haben,“ entgeg⸗ nete ich. „Ich glaubte es wie Du,“ antwortete er;„doch der Zufall fuͤgte es, daß ich am Abend in die Oper ging, in das Parterre, wohlverſtanden. Ich bin ein Bauer, und das Parterre iſt gut genug für mich; doch er, da er ein vornehmer Herr iſt, wie es ſcheint, war in den erſten Logen und zwar in einer der ſchönſten, zwiſchen zwei Säulen, und plauderte, und machte den Süßen gegen die Damen, und hatte am Knopfloch eine Camelia ſo groß wie meine Hand.““ 25¹ 6„„Unmöglich! unmöglich!““ murmelte ich. .„„Es iſt doch ſo; aber ich zweifelte auch und wollte o ins Klare kommen. Im Zwiſchenact ging ich hinaus und ſtellte mich in die Nähe der Loge; bald öffnete ſich u die Thüre und unſer Faſhionable ging an mir vorüber. 4„„Gabriel,“ ſagte ich mit halber Stimme. n„„Er wandte ſich raſch gegen mich um und erblickte e mich; da wurde er ſcharlachroth und ſtürzte auf die Treppe mit einer Eile, daß er beinahe einen Herrn und eine e Dame, welche ſich auf ſeinem Wege fanden, niederge⸗ n worfen hätte. Ich folgte ihm, doch als ich unter den Säulengang kam, ſah ich ihn in ein äußerſt zierliches Coupé ſteigen, ein Bedienter in Livree ſchloß den Schlag r, hiuter ihm, und das Coupé fuhr im Galvpp weg.““ 3„„Aber wie ſoll er einen Wagen und Bedienten in h Livree beſitzen?““ fragte ich.„„Sie werden ſich getäuſcht m haben, ſicherlich war es nicht Gabriel.““ e.„„Ich ſage Dir, ich habe ihn geſehen, wie ich Dich ſehe, und ich weiß ſicher, daß er es warz ich muß ihn doch wohl kennen, da ich ihn drei Jahre als Schreiber te in meiner Mairie gehabt habe.““ m„„Haben Sie das noch Anderen geſagt, als mir?“ ,„„Bei Gott, ich habe es Jedem geſagt, der es hören e⸗ wollte. Er hat mich nicht um Geheimhaltung gebeten, te inſofern er mir nicht einmal die Ehre erwieſen, mich zu erkennen.““ g⸗„„Aber ſein Vater?““ ſagte ich mit halber Stimme. „„Sein Vater kann nur entzückt ſein, denn was be⸗ ch weiſt dies Anderes, als daß ſein Sohn Glück gemacht hat?““ g,„Ich ſtieß einen Seufzer aus und ging nach dem r, Hauſe von Thomas Lambert. er„Ich fand ihn, den Kopf in ſeinen Händen, an en einem Tiſche ſitzend, er hörte mich die Thüre nicht öffnen, vei er hörte nicht, wie ich mich ihm näherte. Ich legte ihm die die Hand auf die Schulter; er ſchauerte und wandte oß ſich um. „„Nun! Du weißt auch Alles?““ „Der Herr Maire erzählt mir ſo eben, er habe Gabriel zu Pferd und in der Oper begegnet; doch er kann ſich getäuſcht haben.““ „„Wie ſoll er ſich getäuſcht haben? Kennt er ihn nicht ſo gut als wir? Oh! nein, dies Alles iſt die reine Wahrheit.“ „Wenn er Glück gemacht hat,“ erwiederte ich ſchüch⸗ tern,„ſo müſſen wir uns darüber freuen, wenigſtens wird er glücklich ſein.“ „Glück gemacht!““ rief der Vater Thomas;„„und durch welches Mittel ſoll er Glück gemacht haben? Gibt es ehrenhafte Mittel, ſein Glück in anderthalb Jahren zu machen! erkennt ein Menſch, der ſein Glück auf eine ehrenhafte Weiſe gemacht hat, nicht ſeine Landsleute, ver⸗ birgt er ſein Daſein ſeinem Vater, vergißt er die Ver⸗ ſprechungen, die er ſeiner Braut geleiſtet hat?““ „Oh! was mich betrifft, Sie begreifen wohl, ich bin ſeiner nicht würdig, wenn er ſo reich iſt.“ „Marie, Marie,“ ſprach der Vater, den Kopf ſchüttelnd,„ich befürchte viel mehr, daß er Deiner nicht würdig iſt.“ „Und er ging auf den kleinen Rahmen zu, der die Federzeichnung enthielt, welche Gabriel einſt gemacht hatte, zerbrach ihn in Stücke, zerknitterte die Zeichnung in ſeinen Händen und warf ſie ins Feuer. „Ich ließ ihn machen, ohne ihn zurückzuhalten, denn ich dachte an das Bruchſtück eines Banlbillets, das am Morgen ſeiner Abreiſe die kleine Schäferin aufgehoben, ein Bruchſtück, das ich aufbewahrt hatte, und worauf die Worte ſtanden: Das Geſetz beſtraft den Fülſcher mit dem Yode. „„Was iſt zu thun?““ fragte ich. „„Man muß ihn in ſein Verderben rennen laſſen, wenn es nicht ſchon geſchehen iſt.““ G un ich ge mi 253 e„„Hört,““ ſprach ich,„„ſucht von meinem Vater die Erlaubniß zu erhalten, daß ich noch einmal vierzehn Tage bei Eurer Schweſter zubringen darf.““ „„Nun?“ e„„Dann werde ich nach Paris gehen.““ „Er ſchüttelte den Kopf und murmelte zwiſchen den * Zähnen: 8„„Ein unnöthiger Gang, glaube mir, ein unnöthi⸗ ger Gang.““ d„„Vielleicht.““. t„„Denkſt Du, wenn mir einige Hoffnung bliebe, ich 5 ginge nicht ſelbſt? Uebrigens wiſſen wir ſeine Adreſſe 6 nicht; wie ſollen wir ihn finden, ohne uns bei der Polizei e zu erkundigen, und wer weiß, was geſchehen wird, wenn 3 wir uns bei der Polizei erkundigen?““ „„Ich habe ein Mittel,““ erwiederte ich. h„„Ihn zu finden?““ „„Ja.““ pf„„So gehe! vielleicht gibt Dir der gute Gott dieſen Gedanken ein. Brauchſt Du etwas?““ „„Nur die Erlaubniß meines Vaters.““ ie„An demſelben Tag wurde die Erlaubniß erbeten e, und ertheilt; aber mit mehr Schwierigkeit als das erſte 6. Mal. Seit einiger Zeit war mein Vater leidend, und ich füblte ſelbſt, daß die Stunde, ihn zu verlaſſen, ſchlecht 6 gewählt war; doch etwas Stärkeres als mein Wille trieb mich fort.“ n, ie n, 254 XIII. Das Sträußermädchen. „Drei Tage nachher reiſte ich ab; mein Vater glaubte, ich ginge nach Caen, und Thomas Lambert und der Pfarrer wußten allein, daß ich mich nach Paris begab. „Ich kam durch das Dorf, wo mein Kind lebte, und nahm dieſes mit mir. Ich arme Närrin bedachte nicht, daß es an mir ſchon zu viel war. „Nach drei Tagen war ich in Paris. „Ich ſtieg in der Rue des Vieur⸗Auguſtins im Hotel de Veniſe ab: es war dies das einzige Hotel, deſſen Namen ich kannte, es war auch dasjenige, wo er abge⸗ ſtiegen, und wohin ich ihm geſchrieben hatte. „Hier zog ich Erkundigungen über ihn ein; man er⸗ innerte ſich ſeiner vollkommen: er lebte ſtets in ſeinem Zimmer eingeſchloſſen und arbeitete unabläßig mit einem Kupferſtecher, ohne daß man wußte woran. „Man erinnerte ſich auch, daß einige Zeit nach ſei⸗ nem Abgang aus dem Hotel ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit dem Ausſehen eines Bauern, im Hotel er⸗ ſchienen war und dieſelben Fragen gemacht hatte. „Ich erkundigte mich, wo die Oper wäre. Man be⸗ zeichnete mir den Weg, den ich verfolgen ſollte, und ich wagte mich zum erſten Male in die Straßen von Paris. „Ich hatte folgenden Plan in meinem Geiſt feſtge⸗ ſtellt: Gabriel kommt in die Oper, ich erwarte vor dem Opernhaus alle Wagen, welche anhalten. Steigt Gabriel aus einem derſelben aus, ſo erkenne ich ihn wohl, ich frage den Bedienten nach ſeiner Adreſſe und ſchreibe ihm am andern Tage, ich ſei in Paris und wünſche ihn zu ſehen. Schon am Abend meiner Ankunft brachte ich dieſen Plan in Ausführung. Dies war Dienſtag vor acht Ta⸗ 255 gen. Ich wußte nicht, daß die Oper nur Montags, Donnerſtags und Sonnabends ſpielt. „Vergebens wartete ich auf die Oeffnung der Thüren. Ich erkundigte mich nach der Urſache dieſer Stille und Dunlelheit. Man ſagte mir, die Vorſtellung finde erſt am nächſten Tage ſtatt. te,„Den ganzen andern Tag blieb ich in meinem Hotel er allein mit meinem armen Kind; ich hatte es ſo wenig geſehen, daß mich dieſe Einſamkeit glücklich machte. Un⸗ bekannt in Paris, wagte ich es wenigſtens, Mutter zu ſein. aß„Der Abend kam, und ich ging abermals aus. „Ich glaubte, ich könnte unter der Säulenhalle war⸗ ten, doch die Stadtſergenten erlaubten es mir nicht. tel„Ich ſah einige Frauen ungehindert umhergehen und ſen fragte, warum man ihnen geſtattete, was mir nicht er⸗ ge⸗ laubt wäre; man antwortete mir, es wären Sträußer⸗ mädchen. er⸗„Während ich in der größten Unruhe wartete, kamen em viele Wagenz aber ich konnte diejenigen, welche ausſtiegen, em nicht ſehen: vielleicht war Gabriel unter ihnen. „Dies war ein verlorener Abend und ich mußte wie⸗ ſei⸗ der zwei Tage warten; doch ich fügte mich darein und zig kehrte mit einem neuen Plan in mein Hotel zurück. er⸗„Dieſer Plan beſtand darin, daß ich zwei Tage nach⸗ her in jede Hand einen Strauß nehmen und mich für ben ein Sträußermädchen ausgeben wollte. ich„Ich kaufte Blumen, machte zwei Sträuße, und be⸗ ris. gab mich an meinen Poſten: diesmal ließ man mich frei ge⸗ umhergehen. dem„Ich näherte mich allen Wagen, welche anhielten, riel und prüfte aufmerkſam die ausſteigenden Perſonen. ich„Es war ungefähr neun Uhr und Jedermann ſchien ihm angekommen zu ſein, als ein letzter, verzögerter Wagen zu anfuhr. Durch die Oeffnung des Schlages glaubte ich Ga⸗ briel zu erkennen. eſen„Ich wurde von einem ſolchen Zittern befallen, daß Ta⸗ 256 ich mich auf einen Weichſtein Kützte, um nicht niederzu⸗ ſinken. Der Lackei öffnete den Schlag; ein junger Mann, der Gabriel glich, ſprang heraus; ich machte einen Schritt, um auf ihn zuzugehen, doch ich fühlte, daß ich auf das Pflaſter ſtürzen würde. „Um wie viel Uhr?““ fragte der Kutſcher. „„Um halb zwölf Uhr,““ antwortete er, leicht die Treppe hinaufſteigend. „Und er verſchwand unter dem Säulengang während ſich der Wagen im Galopp entfernte. „Es war ſein Geſicht, es war ſeine Stimme: doch wie konnte dieſer elegante junge Mann, mit den unge⸗ zwungenen Manieren, der arme Gabriel ſein? Die Ver⸗ wandiung kam mir gauz unmöglich vor. „Und dennoch, aus der Erſchütterung, die ſich meiner bemächtigt, begriff ich, daß es durchaus kein Anderer ſein konnte. „Ich wartete.. „Es ſchlug halb zwölf Uhr. Man fing an aus der Oper wegzugehen, dann fuhren die Wagen hinter einan⸗ der vor. „Eine Gruppe, welche aus einem Mann von unge⸗ fähr fünfzig Jahren, aus einem jüngeren Mann und zwei Frauen beſtand, näherte ſich einem der Wagen; der junge Mann war Gabriel; er gab der älteren von den zwei Frauen den Arm: die jüngere dünkte mir reizend. „Er ſtieg jedoch nicht mit ihnen in den Wagen, ſon⸗ dern begleitele ſie nur bis zum Fußtritt; nachdem er ſich hier vor ihnen verbeugt hatte, machte er ein paar Schritte rückwärts und wartete dann auf den Stufen, bis ſein Wagen ihn auch abholte. „Ich hatte alle Zeit, um ihn prüfend zu betrachten, und es unterlag keinem Zweifel mehr, er war esz er gab geräuſchvolle Zeichen der Ungeduld von ſich, und als der Kutſcher vorfuhr, ſchmälte er, daß er ihn hatte fünf Minu⸗ ten warten laſſen. 1⸗ n, t, 6 ie er n⸗ ge⸗ vei ige vei n⸗ ſich itte ein ten, ab der nu⸗ 257 „Iſt das der demüthige, ſchüchterne Gabriel das Kind, das ich gegen die andern Kinder beſchützte? „„Wohin fährt der gnädige Herr?““ fragte der Lackei, während er den Schlag ſchloß. „„Nach Hauſe,““ antwortete er. „Der Wagen fuhr ſogleich ab, erreichte das Byule⸗ vard und wandte ſich rechts. „Ich kehrte in das Hotel zurück, und wußte nicht, ob ich ſchlief oder wachte; zuweilen kam es mir vor, als ob Alles, was ich geſehen, ein Traum wäre. „Zwei Tage nachher geſchah daſſelbe, nur mit dem Unterſchied, daß ich diesmal, ſtatt die Abfahrt des Coupé am Ausgang der Oper zu erwarten, an der Ecke der Rue Lepeletier wartete; das Coupé kam ein paar Minuten vor Mitternacht vorbei; es folgte eine Zeit lang dem Bon⸗ levard und fuhr dann in die zweite Straße zu meiner Rechten; ich ging bis zu dieſer Straße, um zu erfahren, wie ſie hieß: es war die Rue Taitbvut. „Wiederum zwei Tage ſpäter wartete ich an der Ecke der Rue Taitbvut. Ich dachte, ich würde auf dieſe Weiſe ſehen, wo der Wagen anhielt. „Der Wagen fuhr in der That in Nr. 14, ein Beweis, daß er hier wohnte. „Ich kam vor die Thüre gerade in dem Augenblick, wo der Portier die beiden Flügel ſchloß. Wohnt nicht hier,““ fragte ich mit einer Stimme, der ich vergebens Feſtigkeit zu verleihen ſuchte,„„wohnt nicht hier Herr Gabriel Lambert?““ „„Gabriel Lambert?““ verſetzte der Portier,„ich kenne dieſen Namen nicht; es iſt Niemand dieſes Namens im Hauſe.““ „„Aber der Herr, der ſo eben zurückkehrt, wie nen⸗ nen Sie ihn?““ 3„Wen 2 „„Denjenigen, deſſen Wagen hier ſteht.““ „„Ich nenne ihn den Baron Henri von Faverne und Eine corſiſche Familie u. ſ. w. 17 258 nicht Gabriel Lambert; wenn es das iſt, was Sie wiſſen wollten, mein ſchönes Kind, ſo ſind Sie nun auf dem Laufenden.““ „Und er ſchloß die Thüre vor mir. „Ich kam in das Hotel zurück, ungewiß über das, was ich thun ſollte. „Wohl war es Gabriel, darüber gab es keinen Zweifel für mich; doch Gabriel, der reich geworden, der ſeinen Namen verbarg, und dem folglich mein Beſuch zweifach unangenehm ſein mußte. „Ich ſchrieb ihm. Nur ſetzte ich auf die Adreſſe: an den Herrn Baron Henri von Faverne, zur Uebergabe an Herrn Gabriel Lambert. „Ich bat ihn um eine Zuſammenkunft und unter⸗ zeichnete: „Marie Granger.“ „Am andern Morgen ſchickte ich den Brief durch einen Commiſſionär ab, dem ich auf eine Antwort zu war⸗ ten befahl. „Der Commiſſionär kam bald zurück und ſagte mir, der Baron wäre nicht zu Hauſe. „Am nächſten Tag ging ich ſelbſt; ohne Zweifel war die Thüre für mich verſchloſſen, denn die Bedienten behaupteten, der Baron wäre nicht ſichtbar. „Am zweiten Tag kam ich abermals. Die Bedienten ſagten, der Herr Baron habe geantwortet: er kenne mich nicht und verbiete, mich ferner zu empfangen. „Da nahm ich mein Kind in meine Arme und ſetzte mich auf den Weichſtein der Thüre gegenüber. „Ich war entſchloſſen, zu bleiben, bis er ausgehen würde. „Ich blieb den ganzen Tag, dann kam die Nacht. „Um zwei Uhr zog eine Patrouille vorüber und fragte mich, wer ich wäre und was ich hier machte. „Ich ſagte, ich warte. 3 „Der Anführer der Patrouille befahl mir, ihm zu folgen. 25⁵9 „Ich folgte ihm, ohne zu wiſſen, wohin er mich führte. „Da kamen Sie und nahmen ſich meiner an. „Und nun, mein Herr, wiſſen Sie Alles; Sie kamen im Auftrage von ihm, ich habe keine andere Stütze in Paris als Sie. Sie ſcheinen gut zu ſein; was ſoll ich thun? Sprechen Sie, rathen Sie mir.“ „„Dieſen Abend kann ich Ihnen nichts mehr ſagen,““ erwiederte ich,„doch ich werde Sie morgen früh ſprechen.““ „„Und haben Sie einige Hoffnung für mich, mein Herr?““ „„Ja, ich habe die Hoffnung, daß er Sie nicht wird wiederſehen wollen.““ „„Oh! mein Gott! was wollen Sie damit ſagen?““ „„Ich will damit ſagen, mein liebes Kind, daß es beſſer iſt, die arme Marie Granger, als die Baronin Henri von Faverne zu ſein.““ „„Ach! Sie glauben alſo wie ich, daß er „„Ich glanbe, daß er ein Elender iſt, und bin bei⸗ nahe ſicher, daß ich mich nicht täuſche.““ „„Ah! meine Tochter, meine Tochter!““ ſprach die arme Mutter, indem ſie ſich vor dem Lehnſtuhl, wo ihr Kind ſchlief, auf die Kniee warf und es mit ihren beiden Armen bedeckte, als wollte ſie es gegen die Zukunft, welche ſeiner harrte, beſchützen. Es war zu ſpät für ſie, noch in die Rue des Vieur⸗ Auguſtins zurückzukehren. Ich rief meine Ausgeberin und übergab ihr die Mut⸗ ter mit dem Kind. Dann ſchickte ich einen meiner Dienſtboten zu der Beſitzerin des Hotel de Veniſe und ließ ihr ſagen, Made⸗ moiſelle Marie Granger ſei bei dem Doctor Fabien, wo ſie zu Mittag geſpeiſt, unwohl geworden und könne erſt am nächſten Tag zurückkehren. 260 XIV. Die Kataſtrophe. Am andern Tag, oder vielmehr an demſelben Tag, trat mein Kammerdiener Morgens um ſieben Uhr bei mir ein. „Mein Herr,“ ſagte er,„ein Bedienter des Herrn Baron Henri von Faverne iſt da und wartet ſchon ſeit einer halben Stunde; doch da der Herr Dortor erſt um drei Uhr zu Bette gegangen iſt, ſo wollte ich ihn nicht wecken. Ich hätte ſogar noch gezögert, wäre nicht ein zweiter gekommen, der noch mehr auf Eile drang, als der erſte. „Nun! was verlangen dieſe zwei Bedienten 2“ „Sie kommen, um zu melden, ihr Herr erwarte den Herrn Doctor. Es ſcheint der Baron iſt ſehr leidend und hat ſich in dieſer Nacht nicht zu Bette gelegt.“ „Antworten Sie, ich werde ſogleich kommen.“ Ich kleidete mich in der That in aller Eile an und lief zu dem Baron. Er war wirklich, wie die Bedienten ſagten, nicht ſchlafen gegangen und hatte ſich nur ganz angekleidet auf ſein Bett geworfen. Ich fand ihn daher mit ſeinen Beinkleidern und ſei⸗ nen Stiefeln in einen weiten Schlafrock von Damaſt ge⸗ wickelt. Sein Rock und ſeine Weſte hingen auf einem Stuhl und Alles offenbarte im Zimmer die Unordnung einer ſehr bewegten, ſchlafloſen Nacht. „Ah! Doetor, Sie ſind es,“ rief er;„man laſſe Nie⸗ mand herein.“ und mit einem Zeichen der Hand entließ er den Be⸗ dienten, der mich eingeführt hatte. „Verzeihen Sie, daß ich nicht früher gekommen bin,“ ſagte ich.„Mein Bedienter wollte mich nicht wecken, weil ich mich erſt um drei Uhr Morgens niedergelegt hatte.“ —— —— — e— — —— 5 i 261 „Ich muß Sie um Entſchuldigung bitten, ich lang⸗ weile Sie, Doctor, ich ermüde Sie, und bei Ihnen iſt dies um ſo ſchrecklicher, als man nicht weiß, wie man Sie für Ihre Bemühungen entſchädigen ſoll; doch Sie ſehen, ich leide wirklich, nicht wahr? Und Sie haben Mitleid mit mir.“ Ich ſchaute ihn an. Es ließ ſich nicht wohl ein verſtörteres Geſicht finden, als das ſeinige und ich bekam wahrhaft Mitleid. „Ja, Sie leiden, ich begreife, daß das Leben für Sie eine Marter iſt.“ „Nämlich, ſehen Sie, Dortor, es gibt keine von jenen Waffen, Dolch oder Piſtole, die ich nicht zweimal an mein Herz oder an meine Stirne geſetzt habe! doch was wol⸗ len Sie 2“ Er dämpfte ſeine Stimme und ſagte hohnlachend: „Ich bin ein Feiger; ich habe Furcht vor dem Ster⸗ en. „Glauben Sie das? Sie, Doctor, der Sie geſehen, wie ich mich geſchlagen? Glauben Sie, daß ich vor dem Sterben zittere?“ „Von Anfang an war ich der Ueberzeugung, daß Sie keinen moraliſchen Muth beſitzen, mein Herr.“ „Wie, Doctor, Sie wagen es, mir das ins Geſicht zu ſagen?“ „Ja, ich ſage, Sie haben nur den ſanguiniſchen Muth, das heißt, den Muth, der mit dem Blute in den Kopf ſteigt. Ich behaupte, daß Sie keine Entſchloſſenheit haben, und zum Beweiſe dient, daß Sie, während Sie, wie Sie ſelbſt ſagen, zehnmal Luſt bekamen, ſich zu tödten, während Sie Waffen aller Art unter der Hand haben, Gift von mir verlangten.“ Er ſtieß einen Seufzer aus, ſank in einen Lehnſtuhl und ſchwieg. „Doch,“ ſprach ich nach einem Augenblick,„nicht um eine Theſe über den phyſiſchen oder moraliſchen, über den ſanguiniſchen oder galligen Muth zu beſprechen, haben Sie 262 mich kommen laſſen, nicht wahr, ſondern um von ihr zu reden?“ „Ja, ja, Sie haben Recht, um von ihr zu reden. Nicht wahr, Sie haben ſie geſehen?“ „Ja.“ „Nun! was ſagen Sie von ihr.“ „Ich ſage, daß es ein edles Herz, ein frommes Mäd⸗ chen iſt.“ „Ja, doch mittlerweile wird ſie mich ins Verderben ſtürzen, denn nicht wahr, ſie wollte nichts hören? ſie ſchlägt jede Entſchädigung aus, ſie will, daß ich ſie heirathe, oder ſie wird von allen Dächern ſchreien, wer ich bin, und viel⸗ leicht, was ich bin?“ „Ich kann Ihnen nicht verbergen, daß ſie in dieſer Abſicht nach Paris gekommen iſt.“ „Sollte ſie andern Sinnes geworden ſein, Doctor? Sollte es Ihnen gelungen ſein, ſie zu einer Aenderung in ihren Anſichten zu bewegen?“ „Ich habe ihr wenigſtens geſagt, was ich denke: daß es wäre, Marie Granger, als Frau von Faverne zu ſein.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Doctor, wollen Sie etwa agen 2 „Ich will ſagen, Herr Lambert,“ erwiederte ich kalt, „daß ich, zwiſchen dem vergangenen Unglück von Marie Granger und dem zukünftigen Unglück von Fräulein von Macartie wählend, das Unglück des armen Mädchens, das ſeinem Kind keinen Namen zu geben hat, vorziehen würde.“ „Ach! ja, ja, Doctor, Sie haben Recht, mein Name iſt ein unſeliger Name. Doch ſagen Sie mir, lebt mein Vater noch?“ „Ja.“ „Ah! Gott ſei gelobt, ich hatte ſeit mehr als fünfzehn Monaten keine Nachricht mehr von ihm“ „Er kam nach Paris, um Sie zu ſuchen, und erfuhr, Sie wären nicht nach Guadeloupe abgereiſt.“ ———— — c——„ c„— . . n 8, en ne in hn r, 263 „Großer Gott!... und was hat er in Paris ge⸗ hört?“ „Er hat gehört, daß Sie nie bei dem Banquier ge⸗ weſen ſind, und daß der Brief, den er von Ihrem angebli⸗ chen Beſchützer empfangen hatte, nie von dieſem geſchrieben worden war.“ Der Unglückliche ſtieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen glich. Dann fuhr er mit den Händen nach ſei⸗ nen Augen „Er weiß dies, er weiß dies,“ murmelte er, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen.„Doch was iſt darüber zu ſagen? Dieſer Brief war allerdings vorgeblich; aber er ſchadete Niemand. Ich wollte nach Paris kommen und wäre verrückt geworden, wenn ich es nicht durchgeſetzt hatte. Ich wandte dieſes Mittel an, es war das einzige. Sie an meiner Stelle nicht dasſelbe gethan, Doe⸗ tor?“ „Fragen Sie mich das im Ernſt, mein Herr?“ ſprach ich, indem ich ihn feſt anſchaute. „Doctor, Sie ſind der unbeugſamſte Menſch, den ich kenne,“ erwiederte der Baron, der nun aufſtand und mit großen Schritten auf und abging.„Sie haben mir immer nur Hartes geſagt, und dennoch, wie kommt das? ſind Sie der einzige Menſch, zu dem ich ein grenzenloſes Zu⸗ trauen habe. Wenn ein Anderer die Hälfte der Dinge ahnete, die Sie wiſſen!. Er näherte ſich einer an der Wand hängenden Piſtole und legte die Hand an den Kolben mit einem Ausdruck von Wildheit, der mehr ein reißendes Thier als einen Menſchen bezeichnete. „Ich würde ihn tödten!“ In dieſem Augenblick trat ein Bedienter ein. „Was wollen Sie?“ fragte der Baron ungeſtüm. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich den gnädigen Herrn trotz ſeines Befehles unterbreche, doch der gnädige Herr hat vor drei Monaten ſeine Ställe wieder neu be⸗ ſetzt, und es kommt nun ein Commis der Bank, um den 264 Wechſel einzuziehen, den der gnädige Herr ihm ausge⸗ ſtellt hat.“ „Wie viel beträgt der Wechſel?“ fragte der Baron. „Vier tauſend Franken.“ „Es iſt gut,“ ſagte der Baron, indem er auf ſeine Secretaire zuging und aus der Brieftaſche, die er mir frü⸗ her zum Aufbewahren gegeben hatte, vier Bankbillets je⸗ des von tauſend Franken nahm,„hier ſind ſie und bringen Sie mir den Wechſel.“ Aus einer Brieftaſche Bankbillets nehmen und ſie einem Bedienten übergeben war eine ganz einfache Hand⸗ lung; doch der Baron vollzog dieſe Handlung mit einem ſichtbaren Zögern, und ſein gewöhnlich bleiches Antlitz wurde leichenfarbig, als er mit einem unruhigen Blicke dem Bedienten folgte, der mit den Billets wegging. Es trat ein Augenblick düſteren Stillſchweigens unter uns ein; der Baron bewegte zwei oder dreimal die Lippen, um zu ſprechen, doch jedes Mal ſtarben die Worte in ſei⸗ nem Mund. Der Bediente öffnete abermals die Thüre. „Nun! was gibt es noch?“ fragte der Baron mit lebhafter Ungeduld. „Der Commis wünſchte ein Wort mit dem gnädigen Herrn zu ſprechen.“ „Dieſer Menſch hat nichts mit mir zu ſprechen,“ rief der Baron;„er hat ſein Geld und ſoll gehen.“ Der Commis erſchien hinter dem Bedienten und ſchlüpfte zwiſchen ihn und die Thüre. „Verzeihen Sie,“ ſprach er,„verzeihen Sie, Sie täu⸗ ſchen ſich, mein Herr, ich habe Ihnen etwas zu ſagen.“ Dann machte er einen Sprung, packte den Barvn am Kragen und rief: „Ich habe Ihnen zu ſagen, daß Sie ein Fälſcher ſind, und daß ich Sie im Namen des Geſetzes verhaſte.“ Der Barnn ſtieß einen Schreckensſchrei aus und wurde aſchfarbig. ru S e ur ſtr kei w . n e P ke r , 265 „Zu Hülfe!“ murmelte er,„zu Hülfe, Doctor; Joſeph, rufe meine Lente. Zu Hülfe! zu Hülfe!“ „Zu Hülfe!“ rief auch mit einer noch viel ſtärkeren Stimme der vorgebliche Commis der Bankz„herbei, Ihr Leute!“ Sogleich öffnete ſich die Thüre einer Geheimtreppe, und zwei Männer ſtürzten in das Zimmer des Barons. Es waren zwei Agenten der Sicherheitspolizei. „Aber wer ſind Sie denn?“ rief der Baron ſich ſträubend,„wer ſind Sie, und was wollen Sie von mir?“ „Herr Baron, ich bin V**,“ ſagte der falſche Commis der Bank,„und Sie ſind gefangen; machen Sie Lärmen, keinen Scandal, und folgen Sie uns gut⸗ willig.“ Der Name V* war ſo bekannt, daß ich ſchauerte. „Ihnen folgen,“ fuhr der Baron fort, der ſich immer noch ſträubte,„Ihnen folgen, und wohin Ihnen folgen?“ „Bei Gott! wohin man die Leute Ihrer Art führt, Sie brauchen ſich nicht zu erkundigen, Sie müſſen das wiſſen, nach dem Depot der Polizei!“ „Nie!“ rief der Gefangene,„nie!“ Und mit einer heftigen Anſtrengung machte er ſich von den beiden Männern, die ihn hielten, los, ſtürzte nach ſeinem Bett und ergriff einen türkiſchen Dolch. In demſelben Augenblick zog der falſche Commis der Bank mit einer Bewegung ſo raſch als der Gevanke zwei Taſchenpiſtolen hervor und richtete ſie gegen den Baron. Doch er hatte ſich in der Abſicht des Letzteren ge⸗ täuſcht, dieſer wandte die Waffe gegen ſich ſelbſt. Die zwei Agenten wollten auf ihn ſtürzen und ſie ihm entreißen. „Unnöthig!“ ſagte VV**,„unnöthig! ſeien Sie unbeſorgt, er wird ſich nicht tödten; ich kenne die Herren Fälſcher von lange her: es ſind Burſche, welche die größte Achtung vor ihrer Perſon haben. Immerzu, mein Freund, immerzu,“ fuhr er fort, indem er die Arme kreuzte und es dem Unglücklichen freiſtellte, ſich zu erdolchen.„Geniren Sie ſich unſeretwegen nicht; thun Sie es, thun Sie es.“ Der Baron ſchien denjenigen, welcher eine ſo ſeltſame Ausforderung an ihn ergehen ließ, Lügen ſtrafen zu wollen, näherte raſch ſeine Hand ſeiner Bruſt und ſtürzte, einen Schrei ausſtoßend, nieder. Sein Hemd bedeckte ſich mit Blut. „Sie ſehen wohl,“ ſagte ich, indem ich auf den Ba⸗ ron zueilte,„der Unglückliche hat ſich getödtet.“ Er lachte. „Getödtet, er! ah! er iſt nicht ſo dumm. Oeffnen Sie das Hemd, Doctor.“ „Doector!“ verſetzte ich erſtaunt. „Bei Gott!“ ſprach V**,„ich kenne Sie, Sie ſind der Doctor Fabien. „Oeffnen Sie das Hemd, und wenn Sie eine einzige Wunde finden, welche mehr als vier bis fünf Linien Tiefe hat, ſo verlange ich ſtatt ſeiner guillotinirt zu werden.“ Ich zweifelte jedoch, denn der Unglückliche war wirk⸗ lich ohnmächtig und bewegungslos. Ich öffnete das Hemd und beſichtigte die Wunden. Ich fand ſechs, doch es waren, wie V*** vorher⸗ geſagt hatte, wahre Nadelſtiche. Ich entfernte mich voll Ekel. „Nun!“ ſagte Vs,„bin ich ein guter Phyſiologe, Herr Doctor? Vorwärts, vorwärts,“ fuhr er fort,„legt dieſem Burſchen die Daumfeſſeln an, ſonſt wird er auf dem ganzen Wege zappeln.“ „Nein, nein, meine Herren!“ rief der Baron, den dieſe Drohung ſeiner Ohnmacht entriß;„nein, wenn man mich im Wagen fahren läßt, werde ich kein Wort ſagen, keinen Verſuch machen, zu entweichen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.“ „Hört Ihr, meine Kinder, er gibt ſein Ehrenwort; das iſt beruhigend, wie? was ſagt Ihr zu dem Ehren⸗ wort des Herrn?“ Die zwei Agenten lachten und gingen mit den Daum⸗ feſſeln auf den Baron zu. Ich fühlte bei dieſer Scene ein Mißbehagen, das ich nicht beſchreiben kann, und wollte mich entfernen. ne n, en t. en nd ge efe k⸗ r⸗ 8 uf en un ort be rt; n⸗ 267 „Nein! nein!“ rief er, indem er ſich an meinen Arm anklammerte,„nein, nein, gehen Sie nicht; wenn Sie gehen, werden dieſe Leute kein Mitleid mehr mit mir haben und mich wie einen Verbrecher durch die Straßen ſchleppen.“ „Wozu kann ich Ihnen nützen, mein Herr?“ fragte ich,„ich habe keinen Einfluß auf dieſe Herren.“ „Doch, doch, Sie haben, Doctor, täuſchen Sie ſich nicht,“ ſagte er mit halber Stimme,„ein ehrlicher Mann hat immer Einfluß auf dieſe Leute. Verlangen Sie mich bis zur Polizei zu begleiten, und Sie werden ſehen, daß ſie mich in einem Wagen fahren laſſen und nicht knebeln.“ Ein Gefühl tiefen Mitleids ſchnürte mir das Herz zuſammen und trug den Sieg über die Verachtung davon. „Herr V***, ſagte ich zu dem Anführer der Agen⸗ ten,„dieſer Unglückliche bittet mich, zu ſeinen Gunſten zu vermitteln, er iſt im Quartier bekannt, man hat ihn in der Geſellſchaft aufgenommen kurz, ich erſuche Sie, erſparen Sie ihm unnöthige Demüthigungen.“ „Herr Fabien,“ erwiederte V** mit der größten Höflichkeit,„einem Manne wie Sie, habe ich nichts abzu⸗ ſchlagen. Ich hörte, daß dieſer Menſch Sie bat, ihn bis zur Polizei zu begleiten. Gut! wenn Sie einwilligen, ſteige ich mit Ihnen in den Wagen und die Dinge gehen ganz ſanſt ab.“ „Doctor, ich flehe Sie an,“ ſprach der Baron. „Wohl, es ſei,“ ſagte ich,„ich werde meine Sendung bis zum Ende erfüllen. Herr V***, haben Sie die Güte, einen Fiacre holen zu laſſen.“ „Und laſſen Sie ihn vor die Thüre fahren, welche nach der Rue du Helder geht,“ rief der Baron⸗ „Fil⸗de⸗ſoie,“ ſprach V** mit einem nicht zu be⸗ ſchreibenden ironiſchen Tone,„vollziehen Sie den Befehl des Herrn Baron.“ Der mit dem Namen Fil⸗de⸗ſpie*) bezeichnete Menſch *) Seidenfaden. 268 ging weg, um den Auſtrag, den man ihm gegeben hatte, zu erfüllen. „Mittlerweile,“ ſprach V**,„werde ich mit der Erlaubniß des Herrn Baron ſeinen Seeretaire ein wenig durchſuchen.“ Gabriel machte eine Bewegung gegen den Secretaire. „Oh! bemühen Sie ſich nicht, Herr Baron,“ ſagte V**, den Arm ausſtreckend,„wenn ſich einige darin fänden, ſo wäre das nicht mehr und nicht weniger: wir haben ſchon wenigſtens hundert, welche aus Ihrer Fabrik hervorgegangen.“ Der Gefangene ſank auf einen Stuhl nieder, und der⸗ jenige, welcher ihn verhaftet hatte, ſchritt zur Durchſuchung. „Ah! ah!“ ſagte er,„ich kenne dieſe Secretaires, das iſt von der Art von Barthélemy. Betrachten wir zuerſt die Schubladen und dann die Geheimfächer.“ Und er durchwühlte alle Schubladen, worin ſich außer dem erwähnten Portefeuille nichts fand als Briefe. „Nun die Geheimfächer,“ ſagte er. Gabriel erbleichte und erröthete abwechſelnd, während er ihm mit den Augen folgte. Ich bewunderte nun die Geſchicklichkeit dieſes Mannes. Es waren in dem Secetaire vier verſchiedene Geheimfächer, und es entging ihm nicht nur keines davon, ſondern er entdeckte den Mechanismus auf der Stelle, ohne zu taſten und auf die einfache Anſchauung. „Hier iſt der Roſentopf,“ ſagte er, indem er etwa hundert Bankbillets von fünfhundert und von tauſend Fran⸗ ken zuſammenpackte.„Peſt! Herr Baron, Sie ſind nicht mit einer todten Hand zu Werk gegangen: vier Burſche wie Sie, und nach Verlanf eines Jahres würde die Bank ſpringen.“ Der Baron antwortete nur durch einen tiefen Seufzer und indem er ſeinen Kopf in ſeinen Händen verbarg. In dieſem Augenblick kam Fil⸗de⸗ſoie, der Agent, zurück. me im Jc thu Lie te, der nig re. gte rin wir wik er⸗ ng. das erſt ßer end es. her, er ſten twa an⸗ icht ſche ank fzer ent, 269 „Meine Herren, der Fiacre iſt vor der Thüre,“ meldete er. „Dann vorwärts,“ ſprach V***. „Aber Sie ſehen,“ unterbrach ich ihn,„der Herr iſt im Schlafrock, und Sie können ihn nicht ſo mitnehmen.“ „Ja, ja,“ rief Gabriel,„ich muß mich ankleiden.“ „Kleiden Sie ſich alſo an und machen Sie geſchwinde. Ich hoffe, wir ſind artig, wie?.. Es iſt wahr, wir tn es nicht Ihretwegen, ſondern dem Herrn Doctor zu iebe.“ Und er wandte ſich gegen mich um und verbeugte ſich. Doch ſtatt die ihm gegebene Erlaubniß zu benützen, blieb Gabriel unbeweglich auf ſeinem Stuhl. „Nun! nun! rühren wir uns ein wenig und zwar raſcher. Wir haben um neun Uhr einen andern Herrn ein⸗ zufangen, und des Einen wegen darf der Andere nicht verfehlt werden.“ Gabriel öffnete den Schrank, worin ſeine Röcke hin⸗ gen; doch er nahm fünf oder ſechs herab, ohne ſich zu einem zu entſchließen. „Mit der Erlaubniß des Herrn Baron werden wir ihm als Kammerdiener dienen,“ ſagte V***, und er machte den Agenten ein Zeichen, worauf dieſe aus einer Commode eine Weſte und eine Halsbinde nahmen, während er ſelbſt im Schranke einen Oberrock wählte. Dann begann die ſeltſamſte Toilette, die ich in mei⸗ nem Leben geſehen hatte. Aufrecht und auf ſeinen Beinen wankend, ließ der Gefangene mit ſich machen, was man wollte, und heftete nur erſtaunte Blicke auf Jeden von uns. Man band ihm ſein Halstuch um, man zog ihm ſeine Weſte und ſeinen Rock an, als wäre er ein Auto⸗ mate geweſen, dann ſetzte man ihm ſeinen Hut auf den Kopf und ſchob ihm ein Stöckchen mit goldenem Knopf in die Hand.. Man hätte glauben ſollen, er müßte niederfallen, wenn man ihn nicht unterſtützte. 270⁰ Die zwei Agenten nahmen ihn jeder unter einer Achſel, und jetzt erſt ſchien er zu erwachen. „Nein, nein!“ rief er, ſich an meinen Arm anklam⸗ mernd;„ſo, ſo, Sie haben es mir verſprochen, Doctor.“ „Ja,“ verſetzte ich,„doch kommen Sie.“ „Herr Baron,“ ſprach V“,„ich ſage Ihnen zm Voraus, wenn Sie eine Bewegung machen, um zu fliehen, ſo zerſchmettere ich Ihnen die Hirnſchale.“ „Habe ich Ihnen nicht mein Ehrenwort gegeben, daß ich nicht entweichen werde?“ ſagte er, indem er ſeine Feigheit unter einem Gefühle ehrenhaften Anſcheins zu verdecken ſuchte. „Ahl es iſt wahr,“ verſetzte V***, während er ſeine Piſtolen ſpannte,„ich hatte es vergeſſen. Vorwärts.“ Wir gingen die Treppe hinab, der Unglückliche ſtützte ſich auf meinen Arm, und der Anführer folgte mit ſeinen zwei Alguazils. Als wir in den Hof kamen, eilte einer von den Agenten auf den Fiacre zu und öffnete den Schlag. Ehe er einſtieg, warf der Gefangene einen ſcheuen Blick nach rechts und links, als wollte er ſehen, ob keine Flucht möglich wäre. Doch in dieſem Augenblick fühlte er, daß man ihm etwas zwiſchen ſeine beiden Schultern ſetzte; er wandte ſich um: es war der Lauf der Piſtole. Mit einem Sprung ſtürzte er in den Fiacre. V hedeutete mir durch ein Zeichen, ich möge einſteigen und den Hinterſitz einnehmen. Es war nicht die geeignete Zeit, um Ceremonien zu machen. Ich ſetzte mich auf den Poſten, der mir onge⸗ wieſen war. Er ſagte hierauf auf Rothwälſch zu ſeinen Agenten ein paar Worte, die ich nicht verſtehen konnte, ſtieg ſo⸗ dann ebenfalls ein, und ſetzte ſich auf den Vorderſitz. Der Kutſcher ſchloß den Schlag. „Nach der Polizeipräfertur, nicht wahr, mein Herr?“ fragte er. wi „e ſte Ju we fol un hi ge wa ge kat wr ner m⸗ r.“ um en, aß ine er s.“ tzte nen den uen ine hm dte öge ge⸗ ten ſo⸗ 2 271 „Ja,“ antwortete V*;„doch woher wiſſen Sie, wohin wir wollen, mein Freund?“ „Stille, ich habe Sie erkannt,“ ſagte der Kutſcher, „es iſt ſchon das dritte Mal, daß ich Sie führe, und ſtets in Geſellſchaft.“ „Nun,“ verſetzte V**,„man baue noch auf ein Jucognitv.“ Der Fiacre rollte gegen das Boulevard zu, dann wählte er die Rue de Richelieu, erreichte den Pont⸗Neuf, folgte dem Quai des Orfovres, wandte ſich rechts, fuhr unter ein Gewölbe, drang in eine Art von Gäßchen und hielt vor einer Thüre. Jetzt erſt ſchien der Gefangene aus ſeiner Erſtarrung zu erwachen; auf dem ganzen Wege hatte er kein Wort geſprochen. „Wie!“ rief er,„ſchon! ſchon! ſchon!“ „Ja, Herr Baron,“ ſagte V***,„das iſt Ihre proviſoriſche Wohnung; ſie iſt weniger elegant als die in der Rue Taitbvut, doch bei Ihrem Gewerbe gibt es hohe und niedere, und man muß Philoſoph ſein.“ Hienach öffnete er den Schlag und ſprang aus dem Wagen. „Haben Sie mir noch einen Auftrag zu geben, ehe ich Sie verlaſſe?“ fragte ich den Gefangenen. „Ja, ja,“ erwiederte er,„ſie ſoll nicht erfahren, was vorgefallen iſt.“ „Wer, ſie?“ „Marie.“ „Ah! es iſt wahr, arme Frau! ich hatte ſie ver⸗ geſſen. Seien Sie unbeſorgt, ich werde thun, was ich kann, um ihr die Wahrheit zu verbergen.“ „Ich danke, ich danke, Doctor. Ah! ich wußte wohl, daß Sie mein einziger Freund ſind.“ „Nun, ich warte,“ ſagte der Anführer der Brigade. Gabriel gab einen Seufzer von ſich, ſchüttelte träu⸗ rig den Kopf und ſchickte ſich an, auszuſteigen. Scheinbar um ihm zu helfen, nahm ihn Vss heim 272 Arm; Beide näherten ſich der unſeligen Pforte, welche ſich von ſelbſt, und als hätte ſie ihren großen Lieferan⸗ ten erkannt, öffnete. Der Gefangene warf mir einen letzten, trübſeligen Blick zu, und die Pforte ſchloß ſich hinter ihnen mit einem dumpfen Geräuſch. An demſelben Tage verließ Marie Paris und kehrte nach Trouville zurück. Ich ſagte ihr nichts, wie ich es Gabriel verſprochen hatte, doch ſie vermuthete Alles. Bicétre. Sechs Monate wapen ſeit den von mir erzählten Ereigniſſen vorüber, un mehr als einmal hatten ſie ſich, ſo ſehr ich mich auch bemühte, ſie zu vergeſſen, vor mein Gedächtniß geſtellt, als jich gegen ſechs Uhr Abends, da ich mich eben zu Tiſche ſetzen wollte, folgenden Brief erhielt: „Mein Herr, „In dem Augenblick, wo er vor dem Throne Gottes erſcheinen ſoll, wohin ihn ein Todesurtheil führt, bittet Sie der unglückliche Gabriel Lambert, der eine tiefe Erin⸗ nerung für Ihre Güte bewahrt hat, um einen letzten Dienſt; er hofft, Sie werden die Gefälligkeit haben, ſich vom Präfecten die Erlaubniß, ihn beſuchen zu dürfen, geben zu laſſen, um noch einmal in ſeinen Kerker hinab⸗ zuſteigen. Es iſt keine Zeit zu verlieren: die Hinrichtung ſindet morgen früh um ſechs Uhr ſtatt. „Ich habe die Ehre zu ſein u. ſ. w. „Der Abbé** 7 „Gefängnißprieſter.“ nif der ſta fra ſo ſelt he n⸗ en nit rte en ch, ein ief tes ttet in⸗ ten ſich en, ab⸗ ing 275 Ich hatte einige Gäſte bei Tiſche. Ich zeigte ihnen dieſen Brief, erklärte ihnen mit ein paar Worten, wovon die Rede war, wählte einen zu meinem Stellvertreter und beauftragte ihn, in meiner Abweſenheit den Andern die Honneurs zu machen. Dann ſtieg ich ſogleich in ein Cabrivlet und fuhr weg. Es machte mir, wie ich vorhergeſehen, feine Mühe, eine Einlaßkarte zu erlangen, und ich kam gegen ſieben Uhr Abends nach Bicétre. Es war das erſte Mal, daß ich über die Schwelle dieſes Gefängniſſes ſchritt, das, ſeitdem die Hinrichtungen nicht mehr auf der Gröéve ſtattfanden, die letzte Woh⸗ nung der zum Tode Verurtheilten geworden war. Ich hörte auch nicht ohne eine tiefe Bellemmung des Herzens, nicht ohne eine gewiſſe perſönliche Angſt, von der auch der ehrlichſte Mann nicht frei iſt, die maſſigen Thü⸗ ren ſich hinter mir ſchließen. Es iſt, als wäre hier jedes Wort eine Klage, jedes Geräuſch ein Seufzer, man athmet eine andere Luft ein, als die, welche für die Menſchen beſtimmt iſt; und als ich dem Gefängnißdirector die Erlaubniß, ſeine Haüs⸗ genoſſen zu beſuchen, vorwies, war ich ſicherlich ſe 3 und zitternd, als die Gäſte, die er gewöhnlich empföhgt Kaum hatte er meinen Namen geleſen, als er ſich unterbrach, um mich zum zweiten Male zu begrüßen. Dann rief er einem Schließer und ſagte zu ihm: „Francvis, führen Sie den Herrn in den Kerker von Gabriel Lambert; die gewöhnlichen Regeln des Gefäng⸗ niſſes ſind nicht auf ihn anzuwenden, und er wünſcht mit dem Verurtheilten allein zu bleiben, was Sie ihm ge⸗ ſtatten werden.“ „In welchem Zuſtand finde ich den Unglücklichen?“ fragte ich. „Wie ein Kalb, das man auf die Schlachtbank führt, ſo hat man mir wenigſtens geſagt; doch Sie werden es ſelbſt ſehen: er iſt ſo niedergeſchlagen, daß man es für Eine corſiſche Familie u. ſ. w⸗ 18 276 unnöthig gehalten hat, ihm das Zwangskamiſol anzu⸗ ziehen.“ Ich ſeufzte. Vß hatte ſich in ſeinen Prophe⸗ zeiungen nicht getäuſcht, und im Angeſicht des Todes war ihm der Muth nicht gekommen. Nachdem ich dem Director, der ſich wieder zu einer Piquetpartie ſetzte, welche durch meine Ankunft unter⸗ brochen worden war, mit dem Kopf ein Zeichen des Dan⸗ kes gemacht hatte, folgte ich dem Schließer. Wir durchſchritten einen kleinen Hof, traten in einen düſteren Hausgang und ſtiegen ein paar Stufen hinab. Wir fanden einen zweiten Hausgang, in dem Ker⸗ kerknechte wachten, welche von Minute zu Minute ihr Geſicht an vergitterte Oeffnungen drückten. In dieſen Zellen fanden ſich die zum Tode Verur⸗ theilten, deren letzte Augenblicke man ſo überwacht, aus Furcht, der Selbſtmord könnte ſie dem Schaffot entziehen. Der Schließer offnete eine von dieſen Thüren, und ich blieb wie in einem letzten Gefühle des Schreckens unbeweglich. „Treten Sie ein,“ ſagte er,„es iſt hier. He! he! junger Mann,“ fügte er bei,„erheitern Sie ſich ein wenig, hier iſt der Mann nach dem Sie verlangten.“ „Wer? der Doctor?“ fragte eine Stimme. „Ja, mein Herr,“ antwortete ich eintretend,„ich entſpreche Ihrer Bitte.“ Ich konnte nun mit einem Blicke die elende, finſtere Nacktheit des Kerkers umfaſſen. Im Hintergrund war ein armſeliges Bett, über dem dicke Gitterſtangen das Vorhandenſein eines Luftloches andeuteten. Geſchwärzt durch die Zeit und den Rauch, waren die Wände auf allen Seiten mit den Namen beſudelt, welche die auf einander folgenden Gäſte* furchtbaren Ortes vielleicht mit Hülfe ihrer Eiſen dakauf geſchrieben hatten. Einer derſelben, der wohl eine launenhaftere Phantaſie be⸗ ſaf die ſaf vie Ar bli der ha ſte ind ſch zu daf unt ſag geg wi ſeit na zitt hör *5* S S e⸗ 277 ſaß, als die Andern, hatte das Bild einer Guillotine auf die Wand gezeichnet. An einem durch eine rauchige Lampe beleuchteten Tiſch ſaßen zwei Männer. Der eine derſelben war ein Mann von acht und vierzig bis fünfzig Jahren, dem ſeine weißen Haare das Ausſehen eines Greiſes von ſiebzig Jahren verliehen. Der andere war der Verurtheilte. Als er mich erblickte, ſtand er auf, doch der Andere blieb unbeweglich, als ob er weder ſehen, noch hören würde. „Ah! Doctor,“ ſagte der Verartheilte, der ſich mit der Hand auf den Tiſch ſtützte, um ſich ſtehend zu er⸗ halten,„Sie haben alſo eingewilligt, mich zu beſuchen? „Ich kannte wohl Ihr vortreffliches Herz und ich ge⸗ ſtehe, dennoch zweifelte ich. „Mein Vater, mein Vater,“ rief der Verurtheilte, indem er dem Greis auf die Schulter klopfte,„es iſt der Doctor Fabien, von dem ich ſo oft geſprochen.. Ent⸗ ſchuldigen Sie ihn,“ fuhr der junge Mann fort, der nun zu mir zurückkam und auf Thomas Lambert deutete,„meine Verurtheilung hat ihm einen ſolchen Schlag beigebracht, daß ich glaube, er wird wahnſinnig.“ „Sie haben mich zu ſprechen gewünſcht, mein Herr, und ich habe mich beeilt, Ihrer Aufforderung zu folgen,“ ſagte ich.„Bei meinem Stande iſt die Nachgiebigkeit gegen ſolche Bitten keine Sache der Güte, ſondern der Pficht.⸗ „Nun, Doctor,“ erwiederte der Verurtheilte,„Sie wiſſen morgen Und er fiel wieder auf ſeinen Schämel zurück, wiſchte ſeine von Schweiß befeuchtete Stirne mit einem ganz naſſen Sacktuch ab, und ſetzte an ſeine Lippen ein Glas Waſſer, wovon er ein paar Tropfen trank, doch ſeine Hand zitterte dergeſtalt, daß ich das Glas an ſeinen Zähnen klappern hörte. Während des kurzen Stillſchweigens, das nun eintrat, ſchaute ich ihn aufmerkſam an. Nie hatte die ſchmerzlichſte Krankheit eine gräßlichere Veränderung bei einem Menſchen hervorgebracht. Falſch und lächerlich unter der Kleidung eines Dandy, war Gabriel in der Livree des Schaffots wieder ein bemitleidenswerthes Geſchöpf geworden. Stets ſehr hager für ſeine lange Geſtalt, war ſein Körper noch mehr abge⸗ zehrt. Der Kreis ſeiner hohlen Augen ſchien in Blut zu ſchwimmen. Sein Geſicht war leichenbleich und der Schweiß hatte ſeine dochtartigen, ſteif gewordenen Haare an die Stirne und an die Schläfe geklebt. Er trug denſelben Rock, dieſelbe Weſte und dieſelben Beinkleider, wie am Tage ſeiner Verhaftung, nur war Alles ſchmutzig und zerriſſen. „Mein Vater,“ ſagte er, den immer noch unbeweg⸗ lichen, ſtummen Greis ſchüttelnd,„mein Vater, es iſt der Doctor.“ „Wie?“ murmelte der Greis. „Ich ſage Euch, daß es der Doctor iſt,“ fuhr er, die Stimme erhebend fort,„und ich möchte gern mit ihm allein ſprechen. „Ci! mein Gott,“ rief er ungeduldig,„wir haben keine Zeit zu verlieren, ſteht auf und laßt uns allein.“ Dann legte er ſeine Hand unter die Schulter des Greiſes und ſuchte ihn aufzuheben. „Was gibt es? was gibt es?“ fragte der Greis, „kommen ſie ſchon, um Dich zu holen? Es iſt noch nicht Zeit, erſt morgen früh um ſechs Uhr.“ Der Verurtheilte fiel auf ſeinen Schämel zurück und ſtieß einen tiefen Seufzer aus.„ „Hören Sie, Doctor,“ ſprach er,„bringen Sie ihn zur Vernunft, ſagen Sie ihm, daß ich mit Ihnen allein zu ſein wünſche; ich leiſte darauf Verzicht, meine Kräfte ſind erſchöpft.“ Und er ſchluchzte, ſtreckte die Arme aus und legte das Geſicht auf den Tiſch⸗ 8 S*35— r ⸗ P in fte s 279 Ich bedeutete dem Schließer durch ein Zeichen, er möge mir helfen. Er näherte ſich mit mir dem Greiſe. „Mein Herr,“ ſagte ich,„ich bin ein alter Bekann⸗ ter Ihres Sohnes. Er will mir ein Geſtändniß anver⸗ trauen, haben Sie die Güte, uns allein zu laſſen.“ Zu gleicher Zeit hoben wir ihn auf, jeder an einem Arm, um ihn in den Gang zu führen. „Das iſt es nicht, was man mir verſprochen hat,“ rief er.„Man hat mir verſprochen, ich könnte bis zum letzten Augenblick bei ihm bleiben. Ich habe die Erlaub⸗ niß erhalten, warum will man mich wegführen?“ Und durch das Uebermaß des Schmerzes wieder zu ſich zurückgerufen, warf ſich der Greis auf den auf dem Tiſche ausgeſtreckten jungen Mann. „Er wird nicht gehen,“ murmelte dieſer,„und er muß doch einſehen, daß jede Minute für mich koſtbarer iſt, als ein Jahr in dem Leben eines Andern.“ „Verſtehen Sie wohl, man will Ihnen Ihren Sohn nicht entreißen, mein Herr,“ ſagte ich,„Ihr Sohn wünſcht im Gegentheil nur einen Augenblick mit mir allein zu bleiben.“ „Iſt das wahr, Gabriel?“ fragte der Greis. „Ei! mein Gott, ja, ich wiederhole es Euch ſeit einer Stunde.“ „Dann iſt es gut, ich gehe; doch ich will ganz in der Nähe ſeines Kerkers bleiben.“ „Sie werden hier im Gange verweilen.“ „Und ich kann zurückkehren?“ „Sobald es Ihr Sohn verlangt.“ „Sie wollen mich nicht täuſchen, Doctor; einen Vater zu hintergehen wäre gräßlich.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie in einem Augenblick zurückfehren können.“ „Dann verlaſſe ich Sie,“ ſagte der Greis; und er drückte ebenfalls ſeine Hände auf ſeine Augen und ging hinaus. Der Schließer ging zu gleicher Zeit mit hinaus und ſchloß die Thüre. Ich ſetzte mich an den Platz, den der Greis ver⸗ laſſen hatte. „Nun, Herr Lambert,“ ſagte ich,„wir ſind allein, was kann ich für Sie thun? ſprechen Sie.“ Er erhob langſam das Haupt, ſtützte ſich auf ſeine zwei Hände, ſchaute mit irren Augen umher und heftete dann auf mich einen Blick, der allmälig eine gräßliche Starrheit annahm. „Sie können mich retten,“ ſagte er. „Ich!“ rief ich bebend,„und wie dies?“ Er ergriff meine Hand. „Stille,“ ſagte er,„und hören Sie mich.“ „Erinnern Sie ſich, daß wir eines Tags in der Rue Taitbont ſaßen, wie wir hier ſitzen, und daß ich Ihnen auf ein Bankbillet geſchrieben die Worte zeigte: „Das Geſetz beſtraft den Fälſcher mit dem Tod.“ „Ja.“ „Erinnern Sie ſich, daß ich mich damals über die Härte des Geſetzes beklagte, und daß Sie mir ſagten, der König beabſichtige den Kammern eine Verwandlung der Strafe vorzuſchlagen?“ „Ja, ich erinnere mich deſſen.“ „Nun wohl! ich bin zum Tod verurtheilt, vorgeſtern iſt mein Caſſationsgeſuch verworfen wordenz es bleibt mir keine Hoffnung mehr, als die auf ein Gnadengeſuch, das ich bei Seiner Majeſtät eingegeben habe.“ „Ich verſtehe.“ „Sie ſind immer noch Vierteljahrsarzt des Königs?“ „Ja, und ich habe ſogar in dieſem Augenblick den Dienſt.“ „Nun, mein lieber Doctor, als Arzt des Koͤnigs 1e he ue en ie er er rn ir as 2. en 281 können Sie dieſen in jeder Stunde ſehen; ich bitte Sie, begeben Sie ſich zu ihm ſagen Sie ihm, Sie kenne mich, haben Sie dieſen Muth, und verlangen Sie mei Begnadigung von ihm; ich flehe Sie im Namen des H mels darum an.“„ „Doch dieſe Begnadigung,“ entgegnete ich,„voraus⸗ geſetzt auch, ich könnte ſie verlangen, wird immer nur eine Strafverwandlung ſein.“ 6 „Ich weiß es wohl.“ „Und täuſchen Sie ſich nicht, dieſe Strafverwandlung wird darin beſtehen, daß Sie auf Lebenszeit zu den Ga⸗ leeren verdammt werden.“ „Was wollen Sie?“ murmelte der Verurtheilte mit einem Seufzer,„das iſt immer noch beſſer als der Tod.“ Ich fühlte nun meinerſeits, wie ein kalter Schweiß auf meiner Stirne perlte. „Ja,“ ſprach Gabriel,„ja, ich begreife, was in Ihnen vorgeht: Sie verachten mich, Sie finden mich feig, Sie ſagen, es ſei hundertmal beſſer, zu ſterben, als ſein Leben⸗ lang, beſonders wenn man erſt ſechs und zwanzig Jahre alt iſt, eine ſchändliche Kugel zu ſchleppen. Aber was wol⸗ len Sie, ſeitdem dieſer Spruch gefällt worden iſt, habe ich nicht eine Stunde geſchlafen: ſchauen Sie meine Haare an. die Hälfte derſelben iſt weiß geworden. ia, ich habe Angſt vor dem Tod, retten Sie mich vor dem Tyod, das iſt Alles, was ich mir von Ihnen erbitte, ſie mögen dann mit mir machen, was ſie wollen.“ „Ich werde mich bemühen,“ erwiederte ich. „Ah! Doctor! Doctor!.. rief der Unglückliche, indem er meine Hand ergriff und die Lippen darauf drückte, ehe ich Zeit hatte, ſie zurückzuziehen,„Doctor, ich wußte nahl daß meine einzige, meine letzte Hoffnung auf Ihnen beruht. „Und nun verlieren Sie keine Minute mehr, gehen Sie, gehen Sie; ſollte ſich ein Zufall Ihrem Wunſche, den König zu ſehen, widerſetzen, ſo ſeien Sie im Namen des Himmels beharrlich; bedenken Sie, daß mein Leben an Ihren Worten hängt, bedenken Sie, daß es neun Uhr Abends iſt, und daß es morgen früh um ſechs Uhr ge⸗ ſchehen ſoll. Neun Stunden zu leben, mein Gott! wenn Sie mich nicht retten, nur noch neun Stunden zu leben!“ „Um eilf Uhr werde ich in den Tuilerien ſein.“ „Und warum erſt um eilf Uhr? warum nicht auf der Stelle? Sie verlieren zwei Stunden, wie mir ſcheint.“ „Weil ſich der König gewöhnlich um eilf Uhr zurück⸗ zieht, um zu arbeiten, und weil er bis zu dieſer Stunde im Empfangsſalon verweilt.“ „Ja, und es finden ſich dort hundert Perſonen, welche plaudern, lachen, und des andern Tages ſicher ſind, ohne zu bedenken, daß es einen Menſchen, einen ihres Gleichen gibt, der ſich in ſeinem Todeskampf zerarbeitet, in einem RKerker, bei dem Scheine dieſer Lampe, im Angeſicht dieſer Mauern, welche bedeckt ſind mit Namen von Leuten, die gelebt haben, wie er in dieſem Augenblick lebt, und dann am andern Tage todt waren. Sie wiſſen dies Alles nicht, dieſe Leute, ſagen Sie ihnen, daß es ſo iſt, damit ſie Mitleid haben.“ „Ich werde thun, was ich kann, mein Herr, ſeien Sie unbeſorgt.“ „Und ſollte der König zögern, ſo wenden Sie ſich an die Königin: es iſt eine fromme Frau, ſie muß gegen die Todesſtrafe ſein! „Wenden Sie ſich an den Herzog von Orleans, Jedermann ſpricht von ſeinem guten Herzen. Er ſagte eines Tags, wie man mich verſichert hat, wenn er den Thron beſtiege, ſollte nicht eine einzige Hinrichtung mehr unter ſeiner Regierung ſtattfinden. „Wenn Sie ſich an ihn wenden würden, ſtatt an den König?“ „Beruhigen Sie ſich, ich werde thun, was nur immer zu thun iſt.“ „Aber hoffen Sie wenigſtens etwas?“ „Die Gnade des Königs iſt groß, ich hoffe auf ſie.“ „Gott höre Sie,“ rief er, die Hände faltend.„Oh! ni vo mi wa rü M un zw wa zug der cker 1— 283 mein Gott! rühren Sie das Herz desjenigen, welcher mit einem Wort mich tödten oder begnadigen kann.“ „Gott befohlen, mein Herr.“ „Gott befohlen! was ſagen Sie da? werden Sie nicht wiederkommen?“ „Ich werde wieder kommen, wenn es mir gelun⸗ gen iſt“ „Oh! daß ich Sie in dem einen oder dem andern Fall wiederſehen würde! Mein Gott! wie ſchrecklich wäre es, ſollte ich Sie nicht mehr ſehen? Bis zum Fuße des Schaffots würde ich Sie erwarten, und weich eine Mar⸗ ter müßte ein ſolcher Zweifel ſein. Kommen Sie zurück, ich flehe Sie an.“ „Ich werde zurückkommen.“ „Ah! gut,“ ſagte der Verurtheilte, den ſeine Kräfte von dem Augenblick an, wo er dieſes Verſprechen von mir verlangt hatte, zu verlaſſen ſchienen;„gut, ich er⸗ warte Sie!“ Und er ſank ſchwerfällig auf ſeinen Stuhl nieder. Ich ging auf die Thüre zu. „Hören Sie,“ rief er,„ſchicken Sie mir meinen Vater, ich will nicht allein bleiben; die Einſamkeit iſt der Anfang des Todes.“ „Ich werde thun, was Sie verlangen.“ „Warten Sie. Zu welcher Stunde werden Sie zu⸗ rück ſein?“ „Ich weiß es nicht, doch ich hoffe gegen ein Uhr Morgens.“ „So eben hat es halb zehn Uhr geſchlagen, es iſt unglaublich, wie ſchnell die Stunden vorübergehen, ſeit zwei Tagen beſonders! In drei Stunden alſo, nicht wahr?“ „Ja.“ „Gehen Sie, gehen Sie;z oh! ich möchte Sie gern zugleich bei mir behalten und gehen ſehen.. Auf Wie⸗ derſehen, Doctor, auf Wiederſehen. Ich bitte Sie, ſchi⸗ cken Sie mir meinen Vater.“ 284 Die Empfehlung war unnöthig: der arme Greis ſah mich nicht ſo bald an der Thüre erſcheinen, als er aufſtand. Der Schließer, welcher mich herausließ, ließ ihn hinein, und die Thüre ſchloß ſich wieder hinter ihm. Ich ſtieg mit beklommenem Herzen hinauf. Nie hatie ich ein ſo häßliches Schauſpiel geſehen, und wir Aerzte ſind doch mit dem Tode vertraut, und es gibt wenige Formen, unter denen er uns nicht bekannt geworden iſt; ſue nie hatte ich das Leben ſo feig gegen ihn kämpfen ehen. Ehe ich mich aus dem Gefängniß entfernte, ſagte ich dem Director, ich würde wahrſcheinlich im Verlaufe der MNacht zurückkehren. Mein Cabrivlet erwartete mich vor der Thüre; ich fuhr nach Hauſe, fand meine Freunde, welche ganz luſtig eine Bouillotte machten, und erinnerte mich der Worte des Unglücklichen: Es gibt in dieſem Augenblick Menſchen, welche lächen, ſich beluſtigen, ohne zu bedenken, daß einer ihres Gleichen ſich im Todeskampfe zerarbeitet.“ Ich war ſo bleich, daß ſie, als ſie mich erblickten, einen Schrei des Erſtaunens, beinahe des Schreckens aus⸗ ſtießen und alle mich zu gleicher Zeit fragten, ob mir ein Unfall begegnet wäre. Ich erzählte ihnen, was vorgefallen war, und am Ende meiner Erzählung waren ſie beinahe ſo bleich als ich. Dann trat ich in mein Cabinet und kleidete mich an. Als ich herauskam, hatte die Buuillotte aufgehört. Sie ſtanden und ſprachen mit einanders es hatte ſich ein großer Streit über die Todesſtrafe erhoben. reis r ihn atte rzte nige iſt; fen ich der ich iſtig des elche hres kten, aus⸗ mir am s ich. an. Art. ſich XVI. Ein Abend des Königs. Es war halb eilf Uhr. Ich wollte von ihnen Ab⸗ ſchied nehmen, doch Alle antworteten mir, ſie würden mit meiner Erlaubniß bei mir bleiben, um den Ausgang mei⸗ nes Beſuches bei Seiner Majeſtät abzuwarten. Ich kam in die Tuilerien. Es war Cercle bei der Königin. Die Königin, die Prinzeſſinnen und die Ehrendamen ſaßen um einen runden Tiſch und arbeiteten ihrer Ge⸗ wohnheit gemäß an Stickereien, welche für wohlthätige Zwecke beſtimmt waren. Man ſagte mir, der König habe ſich in ſein Cabinet zurückgezogen und arbeite. Zwanzigmal war ich mit Seiner Majeſtät in dieſes Allerheiligſte gekommen; ich brauchte mich alſo nicht füh⸗ ren zu laſſen, denn ich kannte den Weg. In dem anſtoßenden Zimmer arbeitete ein Privat⸗ ſecretaire des Königs, Namens L**s; es war einer meiner Freunde, und dabei einer von den Männern, auf deren Herz man ſtets zählen kann. Ich ſagte ihm die Urſache, die mich hierher führte, und erſuchte ihn, Seiner Majeſtät zu melden, ich wäre da und bäte um die Gunſt, zugelaſſen zu werden. Luv öffnete die Thüre, und einen Augenblick nach⸗ her hörte ich den König antworten: „Fabien, der Doctor Fabien? Nun, er ſoll ein⸗ treten.“ Ich benützte die Erlaubniß, ohne nur die Rückkehr des Secretaire abzuwarten: der König bemerkte meine Eile und rief: „Ah! Doctor, es ſcheint, Sie horchen an der Thüre, kommen Sie, kommen Sie.“ Ich war ſehr bewegt. Nie hatte ich den König unter ähnlichen Umſtänden geſehen, ein Wort von ihm ſollte über das Leben eines Menſchen entſcheiden. Die königliche Majeſtät erſchien mir in ihrem gan⸗ zen Glanze, ihre Macht hatte in dieſem Augenblick An⸗ theil an der Macht Gottes. Es lag ein ſolcher Ausdruck von Heiterkeit in dem Antlitz des Königs, daß ich Vertrauen faßte. „Sire,“ ſprach ich,„ich bitte Eure Majeſtät tau⸗ ſendmal um Verzeihung, daß ich ſo vor ihr erſcheine, ohne daß ſie mir die Ehre erwieſen hat, mich rufen zu laſſen; doch es betrifft eine gute, fromme Handlung, und ich hoffe, dem Beweggrunde zu Liebe wird Eure Majeſtät mir vergeben.“ „In dieſem Fall ſind Sie doppelt willkommen, Doe⸗ tor, ſprechen Sie geſchwinde. Das Königshandwerk wird in dieſen Zeitläuften ſo ſchlimm, daß man die Gelegen⸗ heit, es ein wenig zu verbeſſern, nicht vorübergehen laſſen darf: was wünſchen Sie?“ „Ich habe oft die Ehre gehabt, mit Eurer Majeſtät die ernſte Frage der Todesſtrafe zu beſprechen, und ich weiß, was die Anſichten Eurer Majeſtät über dieſen Ge⸗ genſtand ſind; ich komme alſo mit vollem Vertrauen.“ „Ah! ah! ich vermuthe, was Sie hierher führt.“ „Ein Unglücklicher, der falſche Bankbillets gemacht hat, iſt von den letzten Aſſiſen zum Tode verurtheilt worden: vorgeſtern wurde ſein Caſſationsgeſuch verworfen, und dieſer Menſch ſoll morgen hingerichtet werden.“ 3 „Ich weiß es,“ ſagte der König,„ich habe den Cercle verlaſſen, um dieſen Proceß ſelbſt zu unterſuchen.“ „Wie, Sie ſelbſt, Sire?“ „Mein lieber Herr Fabien,“ fuhr der König fort, „erfahren Sie, daß in Frankreich kein Kopf fällt, ohne der Verurtheilte wahrhaft ſchuldig iſt. daß ich durch mich ſelbſt die Gewißheit erlangt habe, daß 287 „Jede Nacht, die einer Hinrichtung vorangeht, iſt für en mich eine Nacht tiefer Studien und feierlicher Betrachtungen. es„Ich unterſuche die Protvcolle von ihrer erſten bis zur letzten Zeile, ich verfolge die Anklageakte in allen ihren 1 Einzelnheiten. n⸗„Ich wäge die Klagepunkte wie die Entlaſtungsan⸗ gaben ab; fern von jedem fremden Eindruck, allein mit m der Nacht und der Einſamkeit, ſtelle ich mich zum Richter der Richter auf. Iſt meine Ueberzeugung die ihrige, nun 35 ſo ſtehen das Verbrechen und das Geſetz einander gegen⸗ ne über, und man muß das Geſetz walten laſſen; zweifle ich, ſo erinnere ich mich des Rechtes, das mir Gott verliehen ich hat, und erhalte, wenn ich auch nicht begnadige, doch wenig⸗ tät ſtens das Leben. Hätten es meine Vorgänger gemacht, wie ich es mache, Doctor, ſo würden ſie vielleicht in dem 36 Augenblick, wo Gott ſie ebenfalls verurtheilte, einige Reue weniger auf ihrem Gewiſſen und einiges Bedauern mehr auf ihrem Grabe gehabt haben.“ ſen Ich ließ den König ſprechen und ſchaute, ich muß es geſtehen, mit tiefer Verehrung dieſen allmächtigen Mann tät an, der, während man zwanzig Schritte von ihm lachte ich und ſcherzte, ſich allein und ernſt zurückzog und ſeine ge⸗ Stirne auf eine lange, ermüdende Proeeßgeſchichte beugte, um die Wahrheit darin zu ſuchen. So wachten auf den beiden äußerſten Enden der Geſellſchaft zwei Männer mit cht einem Gedanken beſchäftigt: der Verurtheilte, daß ihn der ilt König begnadige, der König, daß er dem Verurtheilten en, Gnade ertheilen konnte. 4„Mun! Sire,“ fragte ich unruhig,„was iſt Ihre An⸗ rcle ſicht uber dieſen Unglücklichen?“ 5 Er iſt wahrhaft ſchuldig und hat auch nicht einen Augenblick geleugnet; doch das Geſetz iſt zu ſtreng.“ ort,*„Ich habe alſo Hoffnung, die Begnadigung zu er⸗ hne kangen, welche ich mir von Eurer Majeſtät erbitten wollte?“ daß„Mein lieber Herr Fabien, ich möchte Sie gern glau⸗ ben laſſen, ich thue etwas für Siez doch ich will nicht lügen: als Sie eintraten: war mein Entſchluß ſchon gefaßt.“ ——————— 288 „Eure Majeſtät begnadigt alſo?“ „Nennt man das begnadigen?“ verſetzte der König. Er nahm das vor ihm aufgelegte Geſuch und ſchrieb bew an den Rand folgende zwei Zeilen: Ort „Ich verwandle die Todesſtrafe in lebens⸗ längliche Zwangsarbeit.“ Und er unterzeichnete.„ich „Oh!“ ſagte ich,„Sire, das wäre für einen Anderen ein graufameres Urtheil als die Todesſtrafe, doch für ihn iſt es eine Begnadigung, dafür ſtehe ich, eine wahre Be⸗ gnadigung. Erlaubt mir Eure Majeſtät, ſie ihm anzukündigen?“ geſit „Gehen Sie, Herr Fabien, gehen Sie,“ ſagte er. es 1 Dann rief er L**ß und ſprach zu ihm: 4„Laſſen Sie dieſe Papiere ſogleich zum Herrn Siegel⸗ bewahrer tragen, ſie müſſen ihm auf der Stelle übergeben Lebe werden; es iſt eine Strafverwandlung.“ und er grüßte mich mit der Hand und öffnete einen den anderen Actenfasecikel. fiel I†ch verließ die Tuilerien auf der beſonderen Treppe, geſt welche von dem Cabinet des Königs zu dem Haupteingang ihn führt; mein Cabriolet fand ich noch im Hof, ich ſtieg raſch ein und fuhr weg. Es ſchlug Mitternacht, als ich nach Bicstre kam. zuri Der Director machte immer noch ſeine Piquetpartie. Ich ſah, daß ich ihm durch die Störung, die ich ihm verurſachte, ſehr läſtig wurde. Leb „Ich bin es,“ ſagte ich,„Sie haben mir zu dem Verurtheilten zurückzukehren erlaubt, und ich benütze dieſe Erlaubniß.“„un „Thun Sie es,“ erwiederte er.„Francvis, führen Sie den Herrn.“* vern Dann wandte er ſich mit einem Lächeln tiefer Be⸗ friedigung zu ſeinem Mitſpieler um und ſagte zu ihm: daß „Vierzehn Damen und ſieben Piques, find ſie gut? „Bei Gott!“ antwortete der Andere mit einer äußerſtärger⸗ 6 lichen Miene,„ich glaube wohl, ich habe nur fünf Carreaux.“ 289 Mehr hörte ich nicht. Es iſt unglaublich, wie viel verſchiedenartige Gemüths⸗ bewegungen eine und dieſelbe Stunde und ein und derſelbe Ort in ſich ſchließen. Ich ſtieg ſo raſch als möglich die Treppe hinab. „Ich bin es!“ rief ich von der andern Seite der Thüre, „ich bin es!“ Ein Schrei erwiederte den meinigen. Die Thüre offnete ſich. Gabriel Lambert war von ſeinem Sitze aufgeſprungen. Er ſtand mitten in ſeinem Kerker, bleich, die Haare geſträubt, die Augen ſtarr, die Lippen zitternd und wagte es nicht, eine Frage zu thun. „Nun, wie ſteht es?“ murmelte er endlich. „Ich habe den König geſehen, er ſchenkt Ihnen das Leben.“ Gabriel gab einen zweiten Schrei von ſich, griff mit den Armen umher, als wollte er eine Stütze ſuchen, und fiel ohnmächtig bei ſeinem Vater nieder, der ebenfalls auf⸗ geſtanden war und nicht einmal die Arme ausſtreckte, um ihn zu halten. Ich bückte mich, um dem Unglücklichen beizuſtehen. „Einen Augenblick,“ ſagte der Greis, indem er mich zurückhielt,„unter welcher Bedingung?“ „Wie! unter welcher Bedingung?“ „Ja, Sie haben geſagt, der König ſchenke ihm das Leben, doch unter welcher Bedingung begnadigt er ihn?“ Ich ſuchte eine Ausflucht. „Lügen Sie nicht, mein Herr,“ ſprach der Greis, „unter welcher Bedingung?“ „Die Todesſtrafe iſt in lebenslängliche Zwangsarbeit verwandelt.“ „Es iſt gut,“ ſprach der Vater,„ich vermuthete es, daß der Ehrloſe Sie deshalb ſprechen wollte.“ Und er richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe auf und ging feſten Schrittes auf ſeinen Stock zu, der in einer cke ſtand. 290 „Was machen Sie?“ fragte ich. vorgezogen. „Ich „Aber, mein Herr,“ ſagte ich. mir je ein Menſch eingeflößt hat. erwandlung. XVII. Der Gehenkte. „Er bedarf meiner nicht mehr. Ich war gekommen, um ihn ſterben, nicht um ihn brandmarken zu ſehen. Das Schaffot hätte ihn gereinigt, der Feige hat das Bagno brachte meinen Segen dem Guillotinirten, ich gebe meinen Fluch dem Galeerenſklaven.“ „Laſſen Sie mich gehen,“ ſprach der Greis, indem er den Arm gegen mich mit einer Miene ſo hoher Würde ausſtreckte, daß ich auf die Seite trat und ihn nicht durch ein einziges Wort zurückzuhalten ſuchte. Er entfernte ſich ernſten, langſamen Schrittes und verſchwand in der Hausflur, ohne den Kopf nur noch ein einziges Mal nach ſeinen Sohne umzuwenden. Es iſt wahr, als Gabriel Lambert wieder zu ſich kam, fragte er nicht einmal, wo ſein Vater wäre. Ich verließ dieſen Elenden mit dem tiefſten Ekel, den Zwei Tage nachher las ich im Moniteur die Straf⸗ Dann hörte ich nicht mehr von ihm ſprechen, und ich iß nicht, in welches Bagno man ihn gebracht hat. Hier endigte die Erzählung von Fabien. Als ich gegen das Ende des Monats Juni 1841 von einer meiner Reiſen nach Italien zurückkam, gewöhnlich eine Maſſe von Briefen, welche mi fand ich wie ch erwarteten. on wie en. 291 „ Im Allgemeinen und zur Erbauung derjenigen, welche mir ſchreiben, muß ich geſtehen, daß die Sichtung in ſol⸗ chen Fällen bald gemacht iſt. Die Briefe, welche ich als von einer befreundeten Hand kommend erkenne, werden bei Seite gelegt und ge⸗ leſenz die anderen werfe ich unbarmherzig ins Feuer. Einer von dieſen Briefen jedoch, mit dem Poſtſtempel von Toulon, deſſen Handſchrift durchaus keine Erinnerung in mir erweckte, erhielt Begnadigung wegen ſeiner ſelt⸗ ſamen Adreſſe. Dieſe Adreſſe lautete: „Monsieur Alexandre Dumas, hoteur dramma- tique an Europe, voire an passant à l'hotel de Paris syl ony serait pas.“ (Herrn Alerander Dumas, dramatiſchem Schriftſteller in Europa, im Vorübergehen im Hotel de Paris nachzu⸗ zuſehen, ob er nicht etwa dort iſt.) Ich entſiegelte den Brief und ſuchte den Namen des Schmeichlers, der ihn mir geſchickt hatte. Er war Roſ⸗ ſignol unterzeichnet. Am Anfang dünkte mir dieſer Name ſo unbekannt als die Handſchrift; doch als ich mit dem Stempel zuſammenhielt, fing ich an, klar it nen Erinnerungen zu ſehen; die erſten Worte hoben ü gens alle meine Zweifel. Er kam von einem der zwölf Galeerenſtlaven, welche in meinem Dienſt geweſen waren, während ich meine kleine Baſtide im Fort Lamalgue bewohnte. Da dieſer Brief nicht allein im Zuſammenhang mit der von mir ſo eben erzählten Geſchichte ſteht, ſondern auch die Ergänzung der⸗ ſelben iſt, ſo will ich ihn ganz einfach dem Leſer vor Angen legen, wobei ich ihn mit den orthographiſchen Fehlern verſchone, von denen er in der Adreſſe ein Muſter ge⸗ ſehen hat. „Herr Dumas, „Verzeihen Sie einem Menſchen, Unglück Eine corſiſche Familie u. ſ. w. für den Augenblick von der Geſellſchaft getrennt hat(ich bin, wie Ihnen bekannt, nur für eine beſtimmte Zeit hier), daß er ſo kühn iſt, an Sie zu ſchreiben; doch ſeine Abſicht wird ihm als Entſchuldigung bei Ihnen dienen, in Betracht, daß er das, was er thut, in der Hoffnung, Ihnen angenehm zu ſein, thut. (Das Vorwort war, wie man ſieht, ermuthigend; ich fuhr auch fort.) „Sie müſſen ſich nothwendig des Gabriel Lambert erinnern, den man den Doctor nannte; Sie wiſſen wohl, der, welcher im Fort Lamalgue das ausgezeichnete Früh⸗ ſtück nicht holen wollte, mit dem Sie uns zu bewirthen die Güte hatten. „Der Dummkopf! „Sie müſſen ſich ſeiner erinnern, denn Sie erkannten in ihm einen Menſchen, den Sie einſt in der ſchönen Welt geſehen hatten, und er hatte Sie auch erkannt, und das beſchäftigte Sie ſo ſehr, daß Sie den armen Vater Chiverny, den Aufſeher, der trotz ſeines boshaften Geſichtes ein braver Mann iſt, mit Fragen beſtürmten. „Hören Sie alſo, was ich Ihnen über Gabriel Lam⸗ bert zu ſagen habe. eit ſeiner Ankunft in der Anſtalt hatte Gabriel zum Kettenkameraden einen guten Burſchen, Namens Accacia, der wegen einer Albernheit bei uns war. „Bei einem Streit, den er mit Kameraden bekam, gab er, ohne es abſichtlich zu thun, ſeinem beſten Freund einen Meſſerſtich, was ihm zehn Jahre eingetragen hat, weil ſein beſter Freund daran geſtorben iſt, worüber ſich der arme Accacia nie tröſten konnte. „Doch der Richter nahm Rückſicht auf ſeine Unſchuld und gab ihm, obgleich ſeine Unvorſichtigkeit den Tod eines WMenſchen veranlaßt hatte, nur die rothe Mütze. „Vier Jahre nach Ihrem Aufenthalt in Toulon, nämlich im Jahre 1838, nahm Accacia eines Morgens von uns Abſchied. 2 293 „Am Abend zuvor hatte mein Kettenkamerad zufällig geklatſcht.*) „In Folge dieſes doppelten Ereigniſſes einer Abreiſe und eines Todes, waren Gabriel und ich allein und man kuppelte uns zuſammen. „Gabriel hatte, wenn Sie ſich erinnern, nicht das lieblichſte Ausſehen. Die Nachricht, daß ich mit ihm zu⸗ ſammengekettet werden ſollte, berührte mich alſo nicht gerade auf das Angenehmſte. „Ich bedachte indeſſen, daß ich nicht in Toulon war, um nach meinem Wohlbehagen zu leben, und da ich Philo⸗ ſoph bin, ſo fügte ich mich. „Am erſten Tag öffnete er mir den Mund nicht, was mich ungemein langweilte, inſofern ich meiner Natur nach redſelig bin: dies beunruhigte mich um ſo mehr, als Acca⸗ eia mehr als einmal mit mir über ſein Mißgeſchick, an einen Stummen gekuppelt zu ſein, geſprochen hatte. „Ich dachte, ich, der ich auf zwanzig Jahre hier bin, und folglich noch zehn Jahre durchzumachen hatte,(mein Urtheil, ein ſehr ungerechtes urtheil, das ſicherlich caſſirt worden wäre, wenn ich Protertionen gehabt hätte, iſt vom 24. Auguſt 1828) müßte zehn nur wenig ergötzliche Jahre hinbringen. „In der Nacht überlegte ich mir daher, was ich thun ſollte, da fiel mir das Mittel ein, das der Fuchs gebraucht hatte, um den Raben zum Sprechen zu bringen, und ich ſagte, als es Tag geworden war: „Herr Gabriel, erlauben Sie mir, daß ich mich dieſen Morgen nach dem Zuſtand Ihrer Geſundheit erkundige?““ „Er ſchaute mich erſtaunt an, denn er wußte nicht, ob ich im Ernſt ſprach oder ſeiner ſpottete. „Ich bevbachtete den größten Ernſt. „„Wie, nach meiner Geſundheit?““ erwiederte er. „Das war, wie Sie ſehen, ſchon etwas. Ich hatte ihm die Zähne aufgebrochen. *) Er war geſtorben. 294 „„Ja nach dem Zuſtande Ihrer Geſundheit,““ verſetzte ich;„„Sie ſchienen mir eine ſchlimme Nacht zu haben.““ „Er ſeufzte. „„Ja, ſchlimm,““ ſagte er,„„doch ſo ſind alle meine Nächte.““ „„Teufel!““ rief ich. „Ohne Zweifel täuſchte er ſich im Sinn meines Aus⸗ rufs, denn nach kurzem Stillſchweigen fuhr er fort: „„Seien Sie übrigens unbeſorgt, wenn ich nicht ſchlafe, werde ich wenigſtens ruhig zu ſein und Sie nicht aufzuwecken mich bemühen.““ „„Oh! machen Sie ſich meinetwegen nicht ſo viel Mühe, Herr Lambert,““ erwiederte ich,„„ich fühle mich ſo geehrt, Ihr Kettenkamerad zu ſein, daß ich gern einige Unbequemlichkeiten ertragen werde.““ „Gabriel ſchaute mich mit neuem Erſtaunen an. „So hatte ſich Accacia nicht benommen, um ihn zum Sprechen zu bringen, er hatte ihn geſchlagen, bis er ge⸗ ſprochen; doch obgleich er ein Reſultat erreicht hatte, ſo— war doch dieſes Reſultat nie befriedigend geweſen, und es hatte immer eine Kälte zwiſchen ihnen obgewaltet. „„Warum ſprechen Sie ſo mit mir, mein Freund?““ fragte mich Gabriel Lambert. „Weil ich weiß, mit wem ich ſpreche, mein Herr, und weil ich kein Bauernlümmel bin, das dürfen Sie mir „Gabriel ſchaute mich mit einer mißtrauiſchen Miene an, aber ich lächelte ihm mit ſolcher Freundlichkeit zu, daß ein Theil ſeines Argwohns zu verſchwinden ſchien. „Es kam die Stunde des Frühſtücks. Man brachte uns wie gewöhnlich unſern Napf für zwei, doch ſtatt ſo⸗ gleich meinen Löffel in die Suppe zu tauchen, wartete ich achtungsvoll, bis er geendigt hatte, um anzufangen. Dieſe Aufmertſamkeit rührte ihn dergeſtalt, daß er mir nicht nur den größern Theil, ſondern auch die beſſeren Stücke überließ. „Ich ſah, daß man in dieſer Welt durch Höflichkeit gewinnen kann. —,— 295 „Kurz, nach acht Tagen waren wir, abgeſehen von einer gewiſſen ſtolzen Miene, die ihn nicht verließ, die beſten Freunde. „Leider hatte ich dadurch, daß ich meinen Gefährten zum Reden brachte, nicht viel gewonnen: ſeine Geſpräche waren äußerſt ſchwermüthig, und ich bedurfte wahrhaftig der ganzen natürlichen Heiterkeit meines Geiſtes, daß ich mich nicht ſelbſt in einer ſolchen Schule verdarb. „So brachte ich zwei Jahre hin, während welcher er immer düſterer wurde. „Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, daß er mir ein Ge⸗ ſtändniß machen wollte. „Ich ſchaute ihn dann mit der treuherzigſten Miene, die mir zu Gebot ſtand, an, um ihn zu ermuthigen; aber ſein halb geöffneter Mund ſchloß ſich wieder, und ich ſah, daß die Sache auf einen andern Tag verſchoben war. „Ich ſann nach, was für ein Geſtändniß es ſein könnte, und das war immer eine Beſchäftigung, die mich ein wenig zerſtreute, als wir eines Tages neben einem Wagen hergingen, der mit alten Kanonen beladen war, die man zum ümgießen wegbrachte; dieſer Wagen mochte wohl zehntauſend Pfund ſchwer ſein, und ich bemerkte, wie er ſich ihm näherte und ihn auf eine Weife anſchaute, welche ſagen wollte: Se. „„Wäre ich kein Feigling, ſo würde ich meinen K darunter legen, und Alles wäre abgethan.““ „Von dieſem Augenblick war ich im Klaren. Selbſtmord iſt etwas Gewöhnliches im Bagnv. Als wir eines Tags am Hafen arbeiteten, und ich ihn, dieſe Vereinzelung benützend, mich auf ſeine gewöhn⸗ liche Weiſe anſchauen ſah, beſchloß ich auch, ſeinen Be⸗ denflichkeiten ein Ende zu machen. Ich muß Ihnen ſagen, daß dergleichen nach und nach höchſt peinlich war, und daß es mir allmälig bis über die Ohren ging, ſo daß ich um's Leben gern auf die eine oder die andere Weiſe losgeworden wäre. „„Nun!““ ſagte ich,„laſſen Sie hören, was haben Sie, daß Sie mich ſo anſchauen?““ „„Ich, nichts,“ erwiederte er. „„Doch, doch.““ 3 „„Du täuſcheſt Dich.““ „„Ich täuſche mich ſo wenig, daß ich Ihnen, wenn Sie wollen, ſagen werde, was Sie haben.““ Du?““ * „Ja.“. „„Nun, ſo ſprich.““ „„Sie möchten ſich gern aus der Welt ſchaffen und haben nur bange, ſich ſchmerzlich zu verletzen.““ „Er wurde weiß wie ein Leintuch. „„Und wer hat Dir das geſagt?““ „„Ich habe es errathen.““ „„Nun wohl, ja, Roſſignol, Du haſt Recht, es iſt 3 Wahrheit; ich möchte mich gern tödten, aber ich habe n „„Es iſt alſo richtig. Das Bagno langweilt Sie?.““ „„Ich habe es hundertmal beklagt, daß ich nicht guillotinirt worden bin.““ „„Jeder hat ſeinen Geſchmack. Doch ich geſtehe, ob⸗ gleich die Tage, die man hier zubringt, nicht aus Gold und Seide geſponnen ſind, ſo iſt es mir doch noch lieber als Clamart*).““. ch begreife, Sie finden ſich nicht am rechten Ort. Wenn man hundert tauſend Livres Rente gehabt, wenn ſchönen Equipagen gefahren iſt, wenn man ſich in feines Tuch gekleidet und Cigarren zu vier Sous ge⸗ naucht hat, iſt es allerdings peinlich, die Kugel zu ſchlep⸗ pen, roth gekleidet zu ſein und Galgenknaſter zu kauen; aber was wollen Sie! man muß Philoſoph ſein in dieſer Welt, wenn man nicht den Muth beſitzt, ſich ſeinen Paß für die andere zu unterzeichnen““ . ſtieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen gliech. *) Der Name eines Kirchhofs vor den Thoren von Paris. ————— ——— —,———— W——— 297 „„Haſt Du nie Luſt gehabt, Dich zu tödten 0 fragte er. „„Meiner Treue, nein.““ „„Du haſt alſo nie daran gedacht, welche von den verſchiedenen Todesarten die am mindeſten ſchmerzſchafte ſein müßte?““ „„Teufel! man hat immer einen Augenblick durch⸗ zumachen, welcher hart ſein muß; doch das Hängen ſoll ſeine Reize haben.““ „„Du glaubſt?““ „„Gewiß glaube ich es; man ſagt ſogar, die Guil⸗ lotine ſei deshalb erfunden worden. Ein Gehenkter, deſſen Strick gebrochen war, hatte, wie es ſcheint, ſo angenehme Dinge davon erzählt, daß die Verurtheilten am Ende zum Galgen gingen, als ob es eine Hochzeit wäre.““ Wahrhaftig?““ „„Sie begreifen, daß ich es nicht verſucht habe, doch es iſt hier eine Sage.““ „„Somit würdeſt Du Dich alſo hängen, wenn Du Dich zu tödten entſchloſſen wäreſt 2 „„Gewiß.““ „Er öffnete den Mund; ich glaube, er wollte mir den Vorſchlag machen, wir ſollten uns mit einander hän⸗ gen, ohne Zweifel las er aber in meinem Geſicht, daß ich nicht zu dieſer Vergnügenspartie geneigt war, denn er ſchwieg einen Augenblick. „„Nun!““ ſagte ich,„„ſind Sie entſchloſſen!““ „„Noch nicht ganz, denn es bleibt mir eine H ff⸗ nung.““„ „„Welche 2“ „„Ich hoffe einen Kameraden zu finden, der dafür⸗ daß ich ihm meine ganze Habe und einen Brief hinter⸗ terlaſſe, worin ich beſtätige, daß ich mich ſelbſt umgebracht, mich zu tödten einwilligt.““ „Zu gleicher Zeit ſchaute er mich an, als wollte er mich fragen, ob ich nicht darauf eingehen würde.. „Ich ſchüttelte den Kopf und erwiederte: 298 „„Oh! nein, damit befaſſe ich mich nicht, und die Latwerge macht mir bange; darum hätten Sie Accacia bitten müſſen, der war wegen eines Streiches dieſer Art hier, und er hätte vielleicht alle Vorſichtsmaßregeln ge⸗ nommenund eingewilligt; bei mir aber iſt das unmöglich.““ „„Doch Du wirſt mir wenigſtens helfen, wenn ich einmal entſchloſſen bin, mich zu tödten?““ „„Das heißt, ich werde Sie nicht hindern, Ihr Vor⸗ haben auszuführen. Teufel! ich bin nur auf beſtimmte Zeit hier und will mich nicht gefährden.““ „Hier endigte ſich unſer Geſpräch. „Es vergingen ſechs Monate, ohne daß auch nur einmal von dieſem Gegenſtand zwiſchen uns die Rede ge⸗ weſen wäre. „Ich ſah jedoch, daß Gabriel immer trauriger wurde und ſich immer mehr mit ſeinem Plane vertraut machte. „Da mich ſeine Betrachtungen durchaus nicht erhei⸗ terten, ſo drängte es mich, ich muß es geſtehen, ihn zu einem Entſchluß kommen zu ſehen. „Endlich eines Morgens, als er ſich die ganze Nacht hin und hergewälzt hatte, ſtand er noch bleicher als ge⸗ wöhnlich auf; und als er ſein Frühſtück nicht berührte, fragte ich ihn, ob er krank wäre. „„Heute wird es geſchehen,““ erwiederte er. „„Oh! oh! entſchieden?““ „„Ohne Aufſchub.““ „„Und Sie haben alle Vorſichtsmaßregeln getroffen?““ „„Haſt Du geſtern nicht geſehen, daß ich ein Billet in der Cantine*) ſchrieb?““ „„Ja, doch ich war nicht ſo unbeſcheiden, es anzu⸗ ſchauen.““ „„Hier iſt es.““ „Er gab mir ein kleines, zuſammengelegtes Papier, und ich las: „„Da mir das Leben im Bagno unerträglich gewor⸗ *) Eine Bude in Feſtungen u. dgl. wo Getränke abgegeben werden. — 299 den, ſo bin ich entſchloſſen, mich morgen am 5. Juni 1841 zu hängen. Gabriel Lambert. „„Nun!““ ſagte er, als wäre er erfreut über den Beweis, den er mir von ſeinem Muth gab,„„Du ſiehſt wohl, daß mein Entſchluß gefaßt iſt, und daß meine Hand beim Schreiben nicht gezittert hat.““ „„Ja, ich ſehe es,““ antwortete ich,„„doch durch dieſes Billet bringen Sie mir wenigſtens einen Monat Einſperrung.““ „„Warum 20 „„Weil nichts ſagt, daß ich Sie in Ihrem Plane nicht unterſtützt habe, und ich laſſe es auch nur zu, daß Sie ſich hängen, wenn mir nichts Schlimmes daraus erwächſt.“ „„Wie ſoll ich es denn machen?““ „„Schreiben Sie vor Allem ein anderes Billet.““ „In welchen Worten ſoll es abgefaßt ſein?““ „„Ungefähr in folgenden: „„Heute, während der Ruheſtunde, die man uns be⸗ willigt, indeß mein Kamerad Roſſignol ſchlafen wird, ge⸗ denke ich den längſt von mir gefaßten Entſchluß, mich ſelbſt zu tödten, in Ausführung zu bringen, da mir das Leben im Bagno unerträglich geworden iſt. „Ich ſchreibe dieſen Brief, damit man Roſſignol auf keine Weiſe beunruhigt. „„Gabriel Lambert.““ „Gabriel billigte die Abfaſſung, ſchrieb den Brief und ſteckte ihn in ſeine Taſche. „In der That an demſelben Tage, als die Mittags⸗ ſtunde geſchlagen, fragte mich Gabriel, der ſeit dem Mor⸗ gen kein Wort mehr geſprochen, ob ich einen zur Aus⸗ führung ſeines Planes geeigneten Ort kenne. Ich ſah wohl, daß er ſchwankte und daß es nicht ſogleich geſchah, wenn ich ihm nicht half. „„Ich habe, was Sie brauchen,““ ſagte ich, indem ich ihm ein Zeichen mit dem Kopf machte.„„Sind Sie indeſſen noch nicht feſt entſchloſſen, ſo verſchieben Sie es auf einen andern Tag.““ „„Nein,“ erwiederte er mit einer gewaltigen An⸗ ſtrengung gegen ſich ſelbſt;„„nein, ich habe geſagt, heute werde es geſchehen, und es geſchieht auch.““ „Es iſt wahr,““ verſetzte ich mit nachläßigem Tone,„„hat man einen Entſchluß gefaßt, ſo iſt es beſſer, wenn man ihn auch ſogleich vollbringt.““ „„So führe mich,““ ſprach Gabriel. „Wir begaben uns auf den Weg; er ließ ſich ſchlep⸗ pen, doch ich ſtellte mich, als bemerkte ich es nicht. „Je mehr wir uns dem Orte näherten, den er ſo gut kannte als ich, deſto mehr machte er den Schleppfuß. Ich that, als ſähe ich nichts, und ging immer weiter. „„Ja, hier iſt es,“ murmelte er, als wir an Ort und Stelle waren. „Ein Beweis, daß er den Platz ſo gut wie ich als ſehr geeignet für die Sache erkannt hatte. „Bei einem der großen viereckigen Bretterhaufen, welche Sie kennen, ſtand ein herrlicher Maulbeerbaum. „Ich konnte mich ſtellen, als ſchliefe ich im Schatten dieſes Haufens und er konnte ſich während dieſer Zeit hängen. „„Nun!““ ſagte ich,„was halten Sie von diefer Stelle?““ „Er war bleich wie der Tod. „„Ah!““ rief ich,„ich ſehe wohl, daß es heute noch nicht geſchehen wird.““ „Du täuſcheſt Dich,““ entgegnete er,„mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt; es fehlt mir nur ein Strick.“ „„Wie,““ verſetzte ich,„Sie kennen den Ort nicht?““ „„Welchen Ort?““ „„Den Ort, wo Sie den Strick verborgen haben, den Sie eines Tages in die Taſche ſchoben, als wir durch die Seilerei kamen.““ „In der That,““ erwiederte er ſtammelnd,„„ich glaube, ich habe ihn hier aufbewahrt.““ „„Dort,“ ſagte ich und deutete auf die Stelle des 301 Bretterhaufens, wo ich ihn vierzehn Tage vorher den frag⸗ lichen Gegenſtand hatte verſtecken ſehen. „Er bückte ſich und ſchob ſeine Hand in eine von den Oeffnungen. „„In der andern,““ ſprach ich,„„in der andern.““ „Er ſuchte wirklich in der andern und zog einen hübſchen drei Klafter langen Strick heraus. „Satriſti,“ rief ich,„„da läuft einem das Waſſer im Mund zuſammen.““ „„Was ſoll ich nun thun?““ fragte er. „„Bitten Sie mich ſogleich, Ihnen die Sache zu be⸗ reiten, es wird eher geſchehen ſein.““ „„Nun wohl, ja,““ verſetzte er,„„Du würdeſt mir ein Vergnügen machen.““ „Ich würde Ihnen ein Vergnügen machen?““ Ja.“ „„Sie bitten mich darum?““ „„Ich bitte Sie darum.““ „„Einem Kameraden kann ich nichts abſchlagen.““ „Ich machte eine hübſche Schlinge an den Strick, befeſtigte dieſen an einen der ſtärkſten und höchſten Aeſte und ſtellte nahe an den Maulbeerbaum ein Scheit aufrecht, das er nur mit dem Fuße umſtoßen durfte, um zwei Schuh leeren Raum zwiſchen ſich und der Erde zu be⸗ kommen. „Das war gewiß mehr, als ein ehrlicher Mann brauchte, um ſich zu hängen. „Während dieſer ganzen Zeit ſchaute er mir zu. „Er war nicht mehr bleich, er war aſchgrau. „Alsich meine Vorbereitungen beendigt hatte, ſprach ich: „„Das große Werk iſt geſchehen; mit ein bischen Entſchloßenheit wird das in einer Sekunde beendigt ſein.““ „„Das iſt leicht zu ſagen,““ murmelte er. „„ebrigens wiſſen Sie wohl, daß ich Sie nicht an⸗ treibe,“ bemerkte ich;„im Gegentheil, ich habe gethan, was ich konnte, um Sie abzuhalten.“ „„Ja, aber ich will es,“ erwiederte er, während er entſchloſſen auf das Scheit ſtieg. „„Warten Sie doch, bis ich mich niedergelegt habe.““ „„Lege Dich nieder.““ „Ich that es. „„Gott befohlen, Roſſignol,“ ſagte er. „Und er ſieckte ſeinen Kopf durch die Schlinge. „Nehmen Sie doch Ihre Halsbinde ab,“ ſagte ich. „„Nun! gut, das wäre neu.““ „„Es iſt wahr,““ murmelte er „Und er zog ſeine Halsbinde ab. „„Gott befohlen, Roſſignolo,““ wiederholte er. „Gott befohlen, Herr Lambert; Muth, Much! ich ſchließe die Augen, um das nicht zu ſehen.““ „Es war in der That furchtbar anzuſchauen. „Zehn Minuten lang hielt ich die Augen geſchloſſen, aber nichts deutete mir an, daß etwas Neues vorfiel. „Ich öffnete ſie wieder. Er hatte immer noch ſeinen Hals in der Schlinge; doch der Farbe nach war es ſchon kein Menſch mehr, ſondern eine Leiche. „„Nun?““ fragte ich. „Er ſtieß einen Seufzer aus. „„Der Vater Chiverny,““ rief ich, indem ich die Augen wieder ſchloß und eine Bewegung machte, durch welche, glaube ich, das Scheit umfiel. „„Herbei, zu Hül. ſuchte Lambert zu rufen, aber die Stimme erloſch in der Kehle erdroßelt. „Ich fühlte, daß krampfhafte Bewegungen den Baum zittern machten, dann hörte ich etwas wie ein Röcheln. „Nach einer Minute war Alles ruhig und ſtille. „Ich wagte es nicht, mich zu rühren, ich wagte es nicht, die Augen zu öffnen, ich hatte den Aufſeher, Sie wiſſen, den Vater Chiverny auf mich zukommen ſehen, ich hörte das Geräuſch von Tritten; endlich fühlte ich, daß man mir einen gewaltigen Fußtritt an die Seite gab. „Nun, was gibt es, Ihr Burſche?““ rief ich, indem ich mich umdrehte und mich ſtellte, als erwachte ich. 303 „„Was es gibt? Dein Kamerad hat ſich gehängt, während Du ſchläfſt, Taugenichts!““ „„Welcher Kamerad? Ah! es iſt wahr,“ ſagte ich, als ob ich gar nicht wüßte, was vorgefallen war. „Haben Sie je einen Gehenkten geſehen, Herr Du⸗ mas? Das iſt ſehr häßlich! Gabriel beſonders war ab⸗ ſcheulich. Es iſt anzunehmen, daß er ſich ſehr zerarbeitet hatte; denn er war ganz entſtellt, die Augen traten aus ſeinem Kopf hervor, die Zunge hing ihm aus dem Halſe, und er hielt ſich mit beiden Händen an denk Strick ange⸗ klammert, als ob er daran hinaufzuklettern verſucht hätte. „Es ſcheint, mein Geſicht drückte ein ſolches Erſtau⸗ nen aus, daß man an meine Unwiſſenheit glaubte. „Ueberdies durchſuchte man die Taſche von Gabriel, und fand darin das kleine Papier, das mich völlig ent⸗ laſtete. „Man nahm den Leichnam herab, legte ihn auf eine Tragbahre und brachte uns Beide in das Krankenhaus. „Dann meldete man den Vorfall dem Inſpector. Während dieſer Zeit blieb ich bei dem Körper meines Ge⸗ fährten, an den ich gekettet war. „Nach einer Viertelſtunde kam der Inſpector; er un⸗ terſuchte den Leichnam, hörte den Vericht des Vater Chi⸗ verny und befragte mich. „Dann faßte er ſeine ganze Weisheit zuſammen, um ſein Urtheil zu fällen, und ſprach: „„Den Einen auf den Kirchhof, den Andern ins Ge⸗ fängniß.““ „„Aber, Herr Inſpector!““ rief ich. „„Auf vierzehn Tage,““ ſagte er. „Ich ſchwieg. „Ich hatte bange, eine Verdopplung der Strafe herbeizuführen, was gewöhnlich geſchieht, wenn man reclamirt. „Man nietete mich ab und führte mich in den Kerker, wo ich vierzehn Tage blieb. „Als ich herauskam, feſſelte man mich mit Perce⸗ 304 oreille*), einem hübſchen Jungen zuſammen, den Sie nicht kennen: dieſer ſpricht wenigſtens. „Dies, Herr Dumas, ſind die Begebenheiten, die ich Ihnen achtungsvoll mittheilen wollte, in der Ueberzengung, ſie müßten Ihnen angenehm ſein. Iſt es mir gelungen, ſo bitte ich Sie, e guten Doctor Lauvergne zu ſchreiben, er möge mir in Ihrem Auftrage ein Pfund Ta⸗ bak geben. „Ich habe die Ehre zu ſein mit tiefſter Verehrung, 2„mein Herr, „Ihr gehorſamſter, unterthänigſter Diener „Roſſignol „wohnhaft in Toulon.“ XVIII. Protokoll. Im Monat October 1842 kam ich wieder durch Tonlon. Ich hatte die ſeltſame Geſchichte von Gabriel Lambert nicht vergeſſen, und ich war neugierig, zu erfahren, ob die Dinge wirklich ſo ſich ereignet hatten, wie es mir mein Correſpondent Roſſignol geſchrieben. Zu dieſem Behufe wollte ich dem Hafencvmmandanten einen Beſuch machen. Leider war ein Anderer an ſeine Stelle gekommen, ohne daß ich etwas davon wußte. Sein Nachfolger nahm mich nichtsdeſtoweniger vor⸗ trefflich auf, und als er mich im Verlaufe des Geſprä⸗ ches fragte, ob er mir zu etwas dienlich ſein könnte, ge⸗ ſtand ich ihm, mein Beſuch ſei nicht ganz uneigennützig *) Ohrwurm. ⸗ 305 und ich wünſche zu wiſſen, was aus einem Sträfling Namens Gabriel Lambert geworden. Er ließ ſogleich ſeinen Secretaire rufen; es war dies ein junger Mann, den er ein Jahr zuvor nach Toulon mitgebracht hatte. „Mein lieber Herr Durand,“ ſagte er zu ihm,„er⸗ kundigen Sie ſich, ob Gabriel Lambert immer noch hier iſt: dann kommen Sie zurück und theilen uns mit, was er macht, und wie die ihn betreffenden Noten lauten. Der junge Mann entfernte ſich und kam nach zehn Minuten mit einem vffenen Regiſter zurück. „Mein Herr,“ ſagte er zu mir,„wenn Sie ſich die Mühe geben wollen, dieſe paar Zeilen zu leſen, ſo werden Sie vollkommen befriedigt ſein.“ Ich ſetzte mich an den Tiſch, auf den er das Regiſter gelegt hatte, und las: „Ich, Laurent Chiverny, Aufſeher erſter Claſſe, er⸗ kläre, daß ich heute, am fünften Juni Ein tauſend acht hundert ein und vierzig, als ich während der den Verur⸗ theilten wegen der großen Hitze bewilligten Ruheſtunde auf dem Werft meine Runde machte, den zu lebensläng⸗ licher Zwangsarbeit verurtheilten Gabriel Lambert aufge⸗ hängt an einem Maulbeerbaum gefunden habe, in deſſen Schat⸗ ten ſein Kettengenoſſe André Toulman, genannt Roſſignol, ſchlief, oder zu ſchlafen ſich den Anſchein gab. „Bei dieſem Anblick war meine erſte Sorge, den letz⸗ teren zu wecken; er gab das größte Erſtaunen über dieſes Ereigniß kund und behauptete, durchaus nicht daran mit⸗ ſchuldig zu ſein. Nachdem man den Leichnam losgemacht hatte, durchſuchte man ihn und fand wirklich in ſeiner Taſche einen Zettel, der Rvoſſignol völlig entlaſtete. „Da jedoch der Verurtheilte als außerordentlich feig bekannt war, und da er ſich nicht wohl ohne die Hülfe ſeines Gefährten aufgehängt haben kann, inſofern er durch eine nur zwei und einen halben Fuß lange Kette an ihn gebunden war, ſo beantrage ich bei dem Herrn Inſpector, 306 André Toulman, genannt Roſſignol, auf einen Monat ins Gefängniß zu ſchicken. „Laurent Chiverny, „Aufſeher erſter Claſſe.“ Darunter waren mit einer andern Handſchrift und mit einem Federzuge unterzeichnet folgende zwei Zeilen geſchrieben: „Den Gabriel Lambert dieſen Abend begraben und den Roſſignol ſogleich auf einen Monat ins Gefängniß ſchicken. „W Be. Ich nahm eine Abſchrift von dem Protokoll und lege es meinen Leſern, ohne ein Wort daran zu verändern, vorz ſie werden darin mit der Beſtätigung deſſen, was mir Roſſignol geſchrieben, die natürliche und vollſtändige Ent⸗ wickelung der von mir erzählten Geſchichte finden. Dem füge ich nur bei, daß ich den Scharfſinn des ehrenwerthen Aufſehers Meiſter Laurent Chiverny bewun⸗ dere, der errathen hatte, daß in dem Augenblick, wo man den Leichnam von Gabriel Lambert fand, ſein Gefährte André Toulman, genannt Roſſignol, zwar zu ſchlafen ſchien, aber nicht ſchlief.— Ende. *„ ———— Z2 2