₰ — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk. „1„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurüc der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Das Tribunal ſchritt ſogleich zur Berathung, und nach Ver⸗ lauf einer Viertelſtunde wurde der Angeklagte vorge⸗ rufen, um folgenden Spruch zu hören, den wir wört⸗ lich den Regiſtern jener Zeit entnehmen: Nach Erwägung des Verhörs von Arnauld du Thill, genannt Sancette, ſich ſelbſt nennend Martin⸗ Guerre, Gefangenem in der Conciergerie von Rieur; Nach Erwägung der Angaben von den verſchiede⸗ nen Zeugen von Martin⸗Guerre, von Bertrande de Rolls, von Carbon Barreau u. ſ. w. und beſonders der Angabe des Herrn Grafen von Montgommerh; Nach Erwägung der Geſtändniſſe des Gefangenen ſelbſt, welcher, nachdem er vergebens zu leugnen ge⸗ ſucht, am Ende ſein Verbrechen ſelbſt bekannte; Aus welchen Verhören, Angaben und Geſtändniſ⸗ ſen hervorgeht: Daß der genannte Arnauld du Thill ſchuldig und überwieſen iſt des Betrugs, der Fälſchung, der Namens⸗ und Vornamensſuppoſitivn, des Ehebruchs, des Rau⸗ bes, des Diebſtahls und anderer Vergehen; Hat der Gerichtshof verurtheilt und verurtheilt den genannten Arnauld du Thill:. Die beiden Dianen. 1v. 3 Erſtens, ehrenhafte Buße zu thun vor der Kirche des Ortes Artigues auf den Knieen, im Hemd, bar⸗ haupt und mit bloßen Füßen, den Strang um den Hals und eine brennende Wachskerze in den Händen; Sodann, öffentlich Gott, den König und das Ge⸗ richt, ſowie die Eheleute Martin⸗Guerre und Bertrande de Rolls um Verzeihung zu bitten; Wonach der genannte Arnauld du Thill dem Scharfrichter übergeben werden ſoll, welcher ihn durch die Straßen und an den gewöhnlichen Orten von Ar⸗ tigues umhergehen laſſen und, immer den Strang um den Hals, vor das Haus des genannten Martin⸗Guerre führen wird; Schließlich ſoll genannter Arnauld du Thill an einen Galgen, der zu dieſem Behufe zu errichten iſt, gehenkt und erdroſſelt und ſein Körper hernach ver⸗ brannt werden;* Dabei hat der Gerichtshof den genannten Martin⸗ Guerre und die genannte Bertrande de Rolls von je⸗ der Proredur freigeſprochen, und übergibt den genann⸗ ten Arnauld du Thill dem Richter von Artigues, um gegenwärtigen Spruch nach Form und Inhalt in Voll⸗ zug zu bringen. So gegeben im Gerichte zu Rieur, den zwölften Tag des Juni 1558 Arnauld hörte dieſen Spruch, den er vorhergeſehen, mit einer finſtern Miene an. Er wiederholte jedoch ſeine Geſtändniſſe, erkannte die Gerechtigkeit des Urtheils und offenbarte einige Reue. „Ich flehe die Gnade Gottes und die Verzeihung der Menſchen an und bin geneigt, mich meiner Strafe als Chriſt zu unterziehen,“ ſagte er. Martin⸗Guerre, der bei der Gerichtsſitzung gegen⸗ wärtig war, gab einen neuen Beweis von ſeiner Iden⸗ tität, indem er bei den vielleicht heuchleriſchen Worten ſeines Feindes in Thränen zerfloß. Er überwand ſogar ſeine gewöhnliche Schüchtern⸗ 3 heit und fragte den Präſidenten, ob es kein Mittel gebe, die Begnadigung von Arnauld du Thill zu er⸗ langen, welchem er ſeines Theils von ganzem Herzen die Vergangenheit verzeihe. Aber man antwortete dem guten Martin-Guerre, der König allein habe das Recht, zu begnadigen; bei einem ſo erceptionellen und ſo auffallenden Verbrechen aber würde er ſicherlich die Gnade verweigern, wenn es ſelbſt das Gericht übernähme, ein Geſuch in dieſer Hinſicht an ihn einzureichen. „Ja,“ murmelte Gabriel in ſeinem Geiſt,„ja, der König würde ſich weigern, zu begnadigen, und dennoch hätte er es für ſich ſelbſt ſo ſehr nöthig, daß ihm Gnade gewährt würde! Doch er hätte Recht, wenn er bliebe; keine Gnade! nie Gnade! Gerech⸗ tigkeit!“ Martin⸗Guerre dachte ohne Zweifel nicht wie ſein Herrz denn in dem Bedürfniß, das er fühlte, zu ver⸗ zeihen, öffnete er ſogleich der zerknirſchten, reumüthigen Bertrande ſeine Arme. Bertrande hatte nicht einmal nöthig, die Bitten und Verſprechungen zu wiederholen, welche ſie durch eine letzte, aber nützliche Täuſchung an den Fälſcher Arnauld du Thill, im Glauben, ſie ſpreche mit ihrem Manne, gerichtet hatte. Martin⸗Guerre ließ ihr nicht Zeit, abermals ihre Irrthümer und Schwächen zu be⸗ klagen. Er ſchnitt ihr kurz das Wort mit einem kräf⸗ tigen Kuß ab und führte ſie triumphirend und freudig in das kleine glückliche Haus in Artigues, das er ſo lange nicht mehr geſehen hatte. * Vor eben demſelben Hauſe, das nun wieder in die Hände ſeines rechtmäßigen Eigenthümers übergegangen war, wurde an Arnauld du Thill, acht Tage nach ſei⸗ ner Verurtheilung, dem Spruche gemäß die Strafe vollzogen, die ſeine Verbrechen ſo gut verdient hatten. Von zwanzig Stunden in der Runde kam man herbei, um der Hinrichtung beizuwohnen, und die Stra⸗ ßen des armſeligen Fleckens Artigues waren an dieſem Tag volfreicher, als die der Hauptſtadt. Es iſt nicht zu leugnen, der Schuldige zeigte einen gewiſſen Muth in ſeinen letzten Angenblicken, und krönte wenigſtens durch ein muſterhaftes Ende ſein un⸗ würdiges Daſein. Als der Henker dem Gebrauche gemäß dreimal dem Volke zugerufen hatte:„Es iſt Gerechtigkeit geſchehen!“ waren, während ſich die Menge langſam, ſtillſchweigend und voll Schrecken zurückzog, in dem Hauſe des Opfers ein Mann, der betete und eine Frau, welche weinte, Martin⸗Guerre und Bertrande de Rolls. Die heimathliche Luft, der Anblick der Orte, wo er ſeine Jugend zugebracht, die Liebe der Verwandten und der alten Freunde, und beſonders die Bemühungen von Bertrande de Rolls hatten in wenigen Tagen die Sorgen auf der Stirne von Martin⸗Guerre bis auf die Spur zerſtreut. Eines Abends, in demſelben Monat Juli, ſaß er nach einem glücklichen, ruhigen Tag vor ſeiner Thüre unter der Laube. Seine Frau war im Innern von einigen Haushaltungsgeſchäften in Anſpruch genommen. Doch Martin hörte ſie hin- und hergehen, er war al⸗ ſo nicht allein, und er betrachtete zu ſeiner Rechten die Sonne, welche in ihrem ganzen Glanze untergehend für den kommenden Morgen einen ſo heitern Tag ver⸗ ſprach, als der abgelaufene geweſen war. Martin⸗Guerre ſah dem zu Folge einen Cavalier nicht, welcher von ſeiner Rechten kam und ſich ihm ge⸗ räuſchlos näherte. Dieſer Cavalier blieb einen Augenblick ſtehen und betrachtete mit einem ernſten Lächeln die ſtumme, ruhige Beſchauung von Martin. Dann ſtreckte er die Hand nach ihm aus und be⸗ rührte ſeine Schulter, ohne etwas zu ſagen. —— —— 5 Martin⸗Guerre wandte ſich raſch um, fuhr mit der Hand an ſeine Mütze, ſtand auf und rief ganz erſchüttert: „Wie, Ihr ſeid es, gnädiger Herr? Verzeiht, ich hatte Euch nicht kommen ſehen.“ „Entſchuldige Dich nicht, mein braver Martin,“ erwiederte Gabriel(denn er war es),„ich bin nicht ge⸗ kommen, um Deine Ruhe zu ſtören, ſondern um mich derſelben zu verſichern.“ „Oh! gut, da braucht mich der gnädige Herr nur anzuſchauen,“ ſagte Martin. „Das habe ich auch gethan, Martin,“ erwiederte Gabriel.„Du biſt alſo glücklich?“ „Oh! glücklicher als die Schwalbe in der Luft oder der Fiſch im Waſſer.“ „Das iſt ganz einfach,“ verſetzte Gabriel,„Du haſt in Deinem Hauſe vor Allem den Ueberfluß und die Ruhe gefunden.“ „Ja,“ ſprach Martin⸗Guerre,„das iſt ohne Zwei⸗ fel eine von den Urſachen meiner Zufriedenheit. Ich bin vielleicht genug in der Welt herumgelaufen, ich habe genug Schlachten geſehen, genug gewacht, genug gefaſtet, genug auf hunderterlei Art gelitten, um ein wenig berechtigt zu ſein, ein paar Tage mit Vergnü⸗ gen auszuruhen, nicht wahr, gnädiger Herr? Was den Ueberfluß betrifft,“ fuhr er fort, indem er einen ernſte⸗ ren Ton annahm,„ſo habe ich in der That das Haus reich und zu reich gefunden. Dieſes Geld gehört nicht mir, und ich will es nicht berühren. Arnauld du Thill hat es gebracht und ich gedenke es denjenigen zurückzu⸗ geben, welche ein Recht darauf haben. Der erſte und ſtärkere Theil davon kommt Euch zu, gnädiger Herr, denn er iſt von Eurem Löſegeld in Calais unterſchlagen. Die Summe iſt bei Seite gelegt und bereit, an Euch zurückgegeben zu werden. Was das Uebrige betrifft, mag es Arnauld genommen oder empfangen haben, gleichviel! dieſe Thaler müſſen die Finger beſchmutzen. Meiſter Carbon Barreau, der Ehrenmann, dachte wie ich, und da er zu leben hat, ſo ſchlägt er die unwür⸗ dige Erbſchaft ſeines Neffen aus. Die Gerichtskoſten ſind bezahlt und es wird folglich den Armen der Ge⸗ gend dieſer Reſt zukommen.“ „Aber da mußt Du nicht viel beſitzen, mein armer Martin?“ 1 „Verzeiht, gnädiger Herr,“ antwortete der Stall⸗ meiſter.„Man hat nicht ſo lange einem ſo großmüthi⸗ gen Herrn, wie Ihr ſeid, gedient, ohne daß etwas übrig geblieben iſt. Ich habe von Paris in meiner Taſche eine ziemlich beträchtliche Summe mitgebracht. Ueberdies beſaß die Familie von Bertrande Vermögen und hat ihr einiges Erbgut hinterlaſſen. Kurz, wir werden die Wohlhabenderen der Gegend ſein, wenn ich unſere bezahlt und unſere Wiedererſtattungen gemacht habe.“ „Unter dieſen Wiedererſtattungen, Martin, wirſt Du hoffentlich als von mir kommend nicht ausſchlagen, was Du, wenn es von Arnauld käme, ausſchlagen wür⸗ deſt. Ich bitte Dich, mein treuer Diener, zum Anden⸗ ken und als Belohnung die Summe zu behalten, von der Du ſagſt, ſie gehöre mir.“ „Wie, gnädiger Herr!“ rief Martin⸗Guerre,„mir ein Geſchenk von dieſer Größe!“ „Stille!“ erwiederte Gabriel,„glaubſt Du, ich wolle Deine Ergebenheit bezahlen? werde ich nicht immer Dein Schuldner ſein? Sei nicht ſtolz gegen mich, Mar⸗ tin, und ſprich mir nicht mehr hievon. Es iſt abge⸗ macht, daß Du das Wenige, was ich Dir biete, annimmſt, in der That minder Dir zu Liebe, als mir zu Liebe; denn Du bedarfſt, wie Du geſagt haſt, des Geldes nicht, um reich und geachtet in Deiner Heimath zu le⸗ ben, und das iſt es nicht, was Dein Glück bedeutend vermehren wird. Dein Glück, Du gibſt Dir vielleicht nicht getreulich Rechenſchaft davon, doch nicht wahr, es muß hauptſächlich in Deiner Rückkehr an die Orie be⸗ „ — — W* M—— 7 ſtehen, die Dich als Kind und als jungen Menſchen ge⸗ ſehen haben?“ „Das iſt wahr, gnädiger Herr. Ich fühle mich behaglich, ſeit dem ich hier bin, einzig und allein, weil ich hier bin. Ich betrachte mit Freude und Rührung Häuſer, Bäume, Wege, die ein Fremder nicht einmal bemerken muß. Man athmet offenbar nur in der Luft gut, die am erſten Tage ſeines Lebens eingeathmet hat!“ „Und Deine Freunde, Martin?“ fragte Gabriel. „Ich komme, um mich ſelbſt aller Gegenſtände Deines Glückes zu verſichern. Haſt Du Deine Freunde wie⸗ dergefunden?“ „Ach! gnädiger Herr, einige waren geſtorben,“ ſagte Martin,„doch ich habe noch eine gute Anzahl von Jugendgeſpielen getroffen, und Alle lieben mich wie in der Vergangenheit. Auch ſie erkennen mit Freuden meine Aufrichtigkeit, mein freundſchaftliches Benehmen, meine Ergebenheit. Bei Gott! ſie ſchämen ſich, daß ſie mit mir Arnauld du Thill verwechfeln konnten, der ihnen, wie es ſcheint, Proben eines von dem meinigen ſehr verſchiedenen Charakters gegeben hatte. Einige derſelben hatten ſich ſogar mit dem falſchen Martin⸗ Guerre wegen ſeines ſchlimmen Benehmens entzweit. Man muß ſehen, wie ſtolz und zufrieden dieſe ſind! Kurz, ſie wetteifern, mich mit Beweiſen der Achtung und Zuneigung zu überhäufen, wahrſcheinlich um die ver⸗ lorne Zeit wieder einzubringen, und da wir gerade an den Gegenſtänden meiner Freunde ſind, gnädiger Herr, ſo muß ich Euch verſichern, daß dieſer ein gar ſüßer iſt.“ „Ich glaube Dir, mein guter Martin, ich glaube Dir,“ ſprach Gabriel.„Doch unter den verſchiedenen Zuneigungen, die Dich umgeben, erwähnſt Du nicht der Deiner Frau?“ „Ah! meiner Frau?“ verſetzte Martin⸗Guerre, indem er ſich mit verlegener Miene hinter dem Ohr kratzte. „Allerdings, Deiner Frau,“ ſagte Gabriel unruhig. „Wie! plagt Dich Bertrande immer noch wie früher? Hat ſich ihre Laune nicht gebeſſert? Iſt ſie immer noch undankbar gegen Deine Güte und gegen das Schickſal, das ihr einen ſo zärtlichen und ſo rechtſchaffenen Mann gegeben hat? Wie! wird ſie Dich abermals durch ihr zänkiſches, ſtreitſüchtiges Weſen zwingen, Deine Heimath und Deine theuren Gewohnheiten zu verlaſſen?“ „Ei! ganz im Gegentheil, gnädigſter Herr,“ ſprach Martin⸗Guerre, ſie feſſelt mich nur zu ſehr an dieſe Gewohnheiten und an dieſe Gegend! Sie pflegt mich, ſis ſchmeichelt mir, ſie küßt mich. Keine Launen, keine Widerſpänſtigkeit mehr! Nun wohl, ja! ſie iſt von einer Sanftheit und von einem Gleichmuth, welche kein Ziel finden. Ich habe nicht ſobald den Mund geöffnet, als ſie forteilt. Sie erwartet meine Wünſche nicht, ſie kommt ihnen zuvor. Das iſt bewunderungswürdig! und da ich von Natur auch nicht herrſchſüchtig und tyranniſch, ſondern vielmehr leicht umgänglich und ſanft⸗ müthig bin, ſo führen wir ein wahres Honigleben und bilden die einträchtigſte Ehe, die ſich finden käßt.“ „Das gefällt mir!“ ſagte Gabriel;„Du haſt mich Anfangs beinahe erſchreckt.“ „Gnädiger Herr,“ verſetzte Martin,„es macht mich ein wenig verlegen, verwirrt, ich⸗ muß es ſagen, wenn man dieſen Gegenſtand zur Sprache bringt. Das Ge⸗ fühl, das ich in meinem Herzen finde, wenn ich mich darüber befrage, iſt ziemlich ſeltſam und beſchämt mich ein wenig. Doch nicht wahr, gegen Euch, gnädiger Herr, kann ich mich ganz aufrichtig und unumwunden ausdrücken?“ „Sicherlich,“ antwortete Gabriel. Martin⸗Guerre ſchaute furchtſam umher, um zu ſehen, ob Niemand horchte, und beſonders ob ihn ſeine Frau nicht hören könnte. Dann dämpfte er die Stimme und ſprach: „Nun wohl, gnädiger Herr, ich verzeihe nicht nur dem armen Arnauld du Thill, ſondern ich ſegne ihn ſo⸗ — S e —— — —= c9— S8 c 8rS—„ S— N ——— 9 gar zu dieſer Stunde. Welchen Dienſt hat er mir ge⸗ leiſtet! aus einer Tigerin hat er ein Lamm, aus einem Teufel einen Engel gemacht. Ich ernte die glück⸗ lichen Reſultate ſeiner rohen Manieren, ohne daß ich ſie mir vorzüwerfen habe. Allen geplagten Ehemän⸗ nern(und ihre Zahl iſt groß, wie man ſagt), wünſche ich nur einen Soſie, einen ſo überzeugenden Soſie, wie der meinige war. Kurz, gnädiger Herr, es iſt wahr, Arnauld du Thill hat mir viele Unannehmlichkeiten, viel Kummer bereitet; wird aber all dieſes Ungemach nicht mehr als ausgeglichen ſein, wenn er durch ſein kräftiges Syſtem mein häusliches Glück und die Ruhe meiner letzten Tage zu ſichern vermocht hat?“ „Das iſt gewiß,“ erwiederte lächelnd der junge Graf von Montgommery. „Ich habe alſo Recht,“ ſchloß Martin heiter,„wenn ich, obgleich insgeheim, Arnauld ſegne, da ich zu dieſer Stunde die glücklichen Früchte ſeiner Wirkſamkeit ge⸗ nieße. Ich habe, wie Ihr wißt, gnädiger Herr, einige Philoſophie in meinem Charakter und ich nehme überall die gute Seite der Dinge. Man muß aber zugeſtehen, daß mir Arnauld in jeder Hinſicht mehr genützt, als geſchadet hat. Er war in der Zwiſchenzeit der Mann meiner Frau, doch er hat ſie mir ſanfter als einen Maitag zurückgegeben. Er hat mir momentan meine Habe und meine Freunde geſtohlen; doch ihm habe ich es zu danken, daß meine Habe vermehrt und meine Freundſchaften befeſtigt zu mir zurückgekehrt ſind. Er hat mich endlich harten Prüfungen, beſonders in Noyon und Calais, unterworfen; doch mein gegenwärtiges Le⸗ ben kommt mir darum nur um ſo angenehmer vor. Ich habe dieſen guten Arnauld nur zu loben, und ich lobe ihn.“ „Das iſt ein dankbares Herz,“ ſagte Gabriel. „O!“ rief Martin⸗Guerre, wieder ſeinen Ernſt annehmend,„derjenige, welchen ich mit meiner ganzen Dankbarkeit, mit meiner ganzen Kindlichkeit verehren muß, iſt nicht Arnauld du Thill, ein ſehr unfreiwilliger Wohlthäter, ſondern Ihr ſeid es, gnädiger Herr, dem ich in der That alle dieſe Güter, Vaterland, Vermögen, Freunde und Frau, ſchuldig bin!“ „Genug hierüber, ſage ich Dir noch einmal, Mar⸗ tin!“ ſprach Gabriel.„Alles, was ich verlange, iſt, daß Du dieſe Güter beſitzeſt. Und Du beſitzeſt ſie, nicht wahr? Wiederhole es mir, Du biſt glücklich?“ „Ich wiederhole es Euch, gnädiger Herr, glücklich, wie ich nie geweſen bin.“ „Das iſt Alles, was ich wiſſen wollte. Und nun kann ich abreiſen.“ „Wie! abreiſen!“ rief Martin.„Ihr gedenkt ſchon aufzubrechen, gnädiger Herr?“ „Ja, Martin. Nichts hält mich hier zurück.“ „Verzeiht, das iſt richtig, und wann brecht Ihr auf?“ „Schon dieſen Abend.“ „Und Ihr habt mich nicht davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt!“ rief Martin⸗Guerre.„Und ich vergaß es? und ich ſchlief ein, ich Faulenzer! Doch wartet, wartet gnädiger Herr, das wird nicht lange dauern.“ „Was denn!“ ſagte Gabriel. „Ei! meine Vorkehrungen zur Abreiſe!“ Er ſtand behende und geſchäftig auf, lief nach der Thüre ſeines Hauſes und rief: „Bertrande! Bertrande!“ „Warum rufſt Du Deiner Frau?“ fragte Gabriel. „Damit ſie mir ſogleich packt und von mir Abſchied nimmt, gnädiger Herr.“ „Das iſt unnöthig, mein guter Martin, Du reiſeſt nicht mit mir.“ „Wie! Ihr nehmt mich nicht mit, gnädiger Herr?“ „Nein, ich reiſe allein.“ „Um nicht mehr zurückzukommen?“ „Um wenigſtens lange nicht mehr zurückzukommen.“ — el. ed 2 n.“ 11 „Was habt Ihr mir denn vorzuwerfen?“ fragte Martin⸗Guerre mit traurigem Tone. „Nichts, Martin, Du biſt der treuſte und ergebenſte Diener, den man finden kann.“ „Es iſt aber doch natürlich, daß der Diener dem Herrn, daß der Stallmeiſter dem Cavalier folgt, und Ihr nehmt mich nicht mit!“ „Ich habe drei gute Gründe hiefür, Martin.“ „Darf ich Euch fragen, welche 2“ „Einmal wäre es grauſam, Martin, Dich dem Glück, das Du ſo ſpät genießeſt, und der Ruhe, die Du ſo wohl erworben haſt, zu entreißen.“ „Oh!l was das betrifft, gnädiger Herr, meine Pflicht iſt es, Euch zu begleiten und Euch zu dienen bis zu meiner letzten Stunde, und ich würde, glaube ich, Euch zu Liebe das Paradies verlaſſen.“ „Ja, aber meine Sache iſt es, dieſen Eifer nicht zu mißbrauchen, für den ich Dir danke. Sodann er⸗ kaubt Dir der ſchmerzliche Unfall, deſſen Opfer Du in Calais geweſen biſt, nicht, mir ſo thätige Dienſte zu leiſten, wie in der Vergangenheit, mein armer Martin.“ „Es iſt wahr, gnädiger Herr; ich kann weder mehr an Eurer Seite kämpfen, noch mit Euch zu Pferde ſtei⸗ gen. Aber in Paris, in Montgommery und ſelbſt im Feld gibt es Vertrauensdienſte, mit denen Ihr, wie ich hoffe, noch den armen Invaliden beauftragen könntet, welcher ſich derſelben aufs Beſte entledigen würde.“ „Ich weiß es, Martin, und ich wäre auch vielleicht ſo ſelbſtſüchtig, es anzunehmen, ohne einen dritten Grund.“ „Darf ich ihn kennen, gnädiger Herr?“ „Ja,“ antwortete Gabriel mit einem ſchwermüthi⸗ gen Ernſt,„doch unter der Bedingung, daß Du nicht weiter forſchen, Dich damit begnügen und von dem Verlangen, mir zur folgen, abſtehen wirſt.“ diger Herr?“ „Es iſt traurig und unwiderſprechlich, Martin,“ ſagte Gabriel mit tiefer Stimme.„Bis jetzt iſt mein Leben ganz Ehre geweſen, und hätte ich wollen meinen Namen öfter ausſprechen laſſen, ſo wäre es ganz Ruhm geweſen. Ich glaube in der That Frankreich und dem König unermeßliche Dienſte geleiſtet zu haben, und ich habe, um nicht einmal von Saint⸗Quentin und Calais zu reden, vielleicht reichlich und großmüthig meine Schuld an das Vaterland entrichtet.“ „Wer weiß das beſſer, als ich, gnädiger Herr?“ rief Martin⸗Guerre. „Ja, Martin, doch je mehr dieſer erſte Theil mei⸗ nes Daſeins redlich und hochherzig geweſen ſein wird, je mehr er im Lichte des hellen Tages leuchtet, deſto mehr wird derjenige Theil, den ich noch zu erfüllen habe, furchtbar ſein und das Geheimniß und die Finſterniß ſuchen. Ich habe ohne Zweifel dieſelbe Energie zu entwickeln, doch für eine Sache, die ich nicht zugeſtehen, für ein Ziel, das ich verbergen werde. Ich hatte bis jetzt im offenen Felde vor Gott und vor den Menſchen, freudig einen Lohn zu gewinnen, ich habe nun in der Nacht und in der Herzensangſt ein Verbrechen zu rä⸗ chen. Ich ſchlug mich, ich muß ſtrafen. Vom Solda⸗ ten Frankreichs werde ich der Henker Gottes.“ „Jeſus!“ rief Martin⸗Guerre die Hände faltend. „Ich muß alſo allein ſein für dieſes finſtere Werk, wobei ich ſelbſt den Himmel bitte, meinen Arm und nicht meinen Willen zu gebrauchen, wobei ich gern ein blindes Werkzeug und nicht ein denkender Kopf ſein möchte. Und da ich wünſche, da ich hoffe, daß meine furchtbare Pflicht nur die Hälfte meines Seins hinnimmt, wie ſoll ich daran denken, Dich damit zu verbinden, Martin?“ „Das iſt richtig und ich begreife es, gnädiger Herr,“ ſagte der treue Diener, das Haupt neigend. „Ich danke Euch, daß Ihr mir dieſe Erklärung gege⸗ „Er iſt alſo ſehr ernſt und ſehr gebieteriſch, gnä⸗ — — 3———— —— — —— c ℳ 13 ben habt, obgleich ſie mich betrübt, und ich füge mich, wie ich es Euch verſprochen.“ „Und ich danke Dir meinerſeits für Deine Bot⸗ mäßigkeit,“ ſagte Gabriel;„Dein ergebenes Gemüth be⸗ weiſt ſich hier dadurch, daß Du nicht die Bürde der Verantwortlichkeit, die mich niederdrückt, erſchwerſt.“ „Aber ich, gnädiger Herr,“ verſetzte Martin⸗Guerre, „vermag ich bei dieſer Gelegenheit durchaus nichts, um Euch zu dienen?“ „Du kannſt zu Gott beten, Martin, daß er mir nach meinem Wunſche die Initiative erſpart, welche zu nehmen mich ſo große Anſtrengung koſtet. Du haſt ein frommes Herz und ein ehrliches, reines Leben für Dich, mein Freund, und Dein Gebet kann mir hier mehr nützen, als Dein Arm.“ „Ich werde beten, gnädiger Herr, ich werde beten, und ich brauche Euch nicht zu ſagen, mit welcher In⸗ brunſt.“ „Nun lebe wohl, Martin,“ ſprach Gabriel,„ich muß Dich verlaſſen, um nach Paris zurückzukehren, um bereit und gegenwärtig an dem Tage zu ſein, den zu bezeichnen es Gott gefallen wird. Mein ganzes Leben habe ich das Recht vertheidigt, für die Billigkeit ge⸗ kämpft: der Herr erinnere ſich deſſen an dem äußerſten Tage, von dem ich ſpreche; er laſſe Gerechtigkeit ſeinem Diener widerfahren, wie ich ſie dem meinigen habe widerfahren laſſen.“ Und die Augen zum Himmel aufſchlagend, wieder⸗ holte der ochherſihe junge Mann: „Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!“ Wenn der junge Mann ſeit ſechs Monaten die Augen offen hatte, war es gewöhnlich, um ſie auf den Himmel zu heften, von dem er Gerechtigkeit forderte. Wenn er ſie wieder ſchloß, war es ſtets, um das dü⸗ ſtere Gefängniß des Chatelet in ſeinem noch düſtereren Geiſte zu ſehen, der in ihm: Rache! Rache! rief. Zehn Minuten nachher entriß er ſich mit großer Die beiden Dianen. 1V. 2 Mühe dem Lebewohl und den Thränen von Martin⸗ Guerre und von Bertrande de Rolls, die dieſer geru⸗ fen hatte. „Gott befohlen, mein guter Martin, mein treuer Diener!“ ſprach er, während er beinahe mit Gewalt ſeine Hände von denen ſeines Stallmeiſters losmachte, der ſie ihm ſchluchzend küßte.„Ich muß ſcheiden, Gott befohlen, wir werden uns wiederſehen.“ „Lebet wohl, gnädiger Herr, und Gott beſchütze Euch! oh, er beſchütze Euch!“ Dies war Alles, was der arme Martin⸗Guerre ſagen konnte. Und er ſah durch ſeine Thränen, wie ſein Herr und Wohlthäter wieder zu Pferde ſtieg und ſich in die Finſterniß vertiefte, welche dichter zu werden anfing und ihm bald den düſteren Reiter entzog, wie ſie ihm ſeit langer Zeit ſein Leben entzogen hatte. M. Zwei Priefe. Nach dieſem ſo ſchwierigen und ſo glücklich be⸗ endigten Prozeß verſchwand Gabriel abermals auf meh⸗ rere Monate, und er führte wieder ſein irrendes, un⸗ entſchiedenes, geheimnißvolles Leben. Man traf ihn wieder an zwanzig verſchiedenen Orten. Nichts⸗ deſtoweniger entfernte er ſich nie von der Umgegend von Paris oder vom Hof, indem er es im Schatten ſo einrichtete, daß er Alles ſah, ohne geſehen zu werden. Er beobachtete die Ereigniſſe, doch dieſe Ereigniſſe nahmen ihren Verlauf durchaus nicht nach ſeinem Wunſch. in⸗ ru⸗ uer alt te, ott itze rre err die ng hm 15 Ganz einem einzigen Gedanken hingegeben, erblickte die Seele des jungen Mannes den Ausgang noch nicht, den ſeine Rache erwartete. Die einzige wichtige Thatſache, welche in der po⸗ litiſchen Welt während dieſer paar Monate vorging, war der Frieden von Cateau⸗Cambréſis. Eiferfüchtig auf die Heldenthaten des Herzogs von Guiſe und die neuen Rechte, die ſein Nebenbuhler ſich täglich auf die Dankbarkeit der Nation und die Gunſt des Gebieters erwarb, hatte der Connetable von Mont⸗ morench endlich dieſen Frieden Heinrich Il. durch den mächtigen Einfluß von Diana von Poitiers entriſſen. Der Vertrag wurde unterzeichnet am 3. April 1551. Obgleich im vollen Siege geſchloſſen, war er kaum für Frankreich vortheilhaft. Es bewahrte die drei Bisthümer Metz, Toul und Verdun, mit ihren Grundgebieten. Es behielt Calais nur auf acht Jahre, und bezahlte achtmal hundert tauſend Goldthaler an England, wenn der Platz nicht innerhalb dieſes Zeitraums zurückgegeben war(doch dieſer Schlüſ⸗ ſel von Frankreich wurde nie zurückgegeben, und die achtmal hundert tauſend Goldthaler wurden nie bezahlt). Endlich kehrte Frankreich in den Beſitz von Saint⸗ Quentin und von Ham zurück, und behielt in Piemont vorläufig Turin und Pignerol. Doch Philipp II. bekam in voller Souveränetät die befeſtigten Plätze Thionville, Marienburg, Hesdin. Er ließ Therouanne und Yvoy ſchleifen. Er ließ Bouillon dem Biſchof von Lüttich, den Genueſern die Inſel Cor⸗ ſica, Philibert von Savoyen den größten Theil von Savoyen und von dem unter Franz l. eroberten Pie⸗ mont zurückgeben. Dann machte er ſeine Heirath mit Eliſabeth, der Tochter des Königs, und die des Her⸗ zogs von Savoyen mit der Prinzeſſin Margarethe zur Bedingung. Dies waren für ihn ſo ungeheure Vor⸗ theile, daß ihn ſein Sieg am Saint⸗Laurent⸗Tage keine größere hatte hoffen laſſen. Der Herzog von Guiſe eilte wüthend von der Ar⸗ mee herbei und beſchuldigte laut und nicht ohne Grund Montmorency des Verraths und den König der Schwäche, weil dieſer mit einem Federzug das zugegeben hatte, was die ſpaniſchen Waffen den Franzoſen nach dreißig Jah⸗ ren günſtigen Erfolges nicht hätten entreißen können. Doch das Uebel war geſchehen, und die düſtere Unzufriedenheit des Balafré vermochte nichts gut zu machen. Gabriel freute ſich nicht darüber. Seine Gerech⸗ tigkeit verfolgte den Menſchen im König, und nicht den König in Frankreich. Er hätte ſich gern mit ſei⸗ nem Vaterlande geraͤcht, aber nicht gegen daſſelbe. Doch er merkte ſich in ſeinem Geiſte den Groll, den der Herzog von Guiſe gefaßt haben mußte und auch wirklich gefaßt hatte, als er die erhabenen An⸗ ſtrengungen ſeines Genies durch die dumpfen Ränke der Intrigue vereitelt ſah. Der ZJorn eines fürſtlichen Coriolan konnte bei Gelegenheit den Abſichten von Gabriel dienlich ſein. Franz von Lothringen war übrigens bei Weitem nicht der einzige Unzufriedene des Königreichs. Eines Tags begegnete Gabriel beim Pré⸗aur⸗ Cleres dem Baron de la Renaudie, den er ſeit der Be⸗ ſprechung am Morgen in der Rue Saint⸗Jacques nicht mehr geſehen hatte. Statt ihn zu vermeiden, wie er es that, ſo oft er ein bekanntes Geſicht vor ſich ſah, redete ihn Ga⸗ briel an. Dieſe zwei Männer waren geſchaffen, um ſich zu verſtehen; ſie glichen ſich durch mehr als eine Seite, beſonders durch die Rechtſchaffenheit und die Energie. Beide waren gleichmäßig für die Thätigkeit geboren und leidenſchaftlich für die Gerechtigkeit. Nachdem die erſten Begrüßungen ausgetauſcht wa⸗ ren, ſprach Renaudie entſchloſſen: r⸗ d e, 8 ⸗ n. re u h⸗ ht i⸗ ll, nd n⸗ er ei e⸗ ht a⸗ zu te, ie. en 17 „Ich habe Meiſter Ambroiſe Paré geſehen, Ihr gehört zu den Unſrigen, nicht wahr?“ „Dem Herzen nach, ja, der That nach, nein,“ ant⸗ wortete Gabriel. „Und wann werdet Ihr uns endlich der That nach und offen angehören?“ fragte la Renaudie. „Ich werde nun nicht mehr die ſelbſifüchtige Sprache führen, die Euch vielleicht gegen mich ent⸗ rüſtet hat,“ verſetzte Gabriel.„Ich werde Euch im Gegentheil antworten: Ich will Euch gehören, wann Ihr meiner bedürft, und wann ich Eurer nicht mehr bedarf.“ „Das iſt Großmuth,“ verſetzte la Renaudie.„Der Edelmann bewundert Euch, der Parteimann kann Euch nicht nachahmen. Wenn Ihr den Augenblick erwartet, wo wir aller unſerer Freunde bedürfen werden, ſo wißt, daß dieſer Augenblick gekommen iſt.“ „Was geht denn vor?“ fragte Gabriel. „Man führt einen geheimen Streich gegen die Anhänger der Religion im Schilde. Man will ſich auf einmal aller Proteſtanten entledigen.“ „Welche Anzeichen laſſen Euch dies vermuthen?“ „Man verbirgt ſich kaum,“ antwortete der Baron. „Antoine Minard, der Präſident vom Parlament, hat ganz laut in einer Rathsverſammlung in Saint⸗Germain ge⸗ äußert, man müſſe einen guten Schlag thun, wenn man nicht in eine Art von Republik, wie die Schwei⸗ zer Stände, verfallen wolle.“ 3 „Wie! er hat das Wort Republik ausgeſpro⸗ chen?“ rief Gabriel ganz erſtaunt.„Ohne Zweifel übertrieb er nur die Gefahr, damit man das Gegen⸗ mittel übertreibe?“ „Nicht ſehr,“ verſetzte la Renaudie die Stimme dämpfend;„er hat ſie, um die Wahrheit zu ſagen, nicht ſehr übertrieben. Wir haben uns auch ein wenig ver⸗ ändert, ſeit dem Tage unſerer Zuſammenkunft in der Stube von Calvin. Die Theorien von Ambroiſe Paré kämen uns heute nicht mehr ſo kühn vor, und Ihr ſeht überdies, daß man uns zu den äußerſten Entſchließun⸗ gen antreibt.“ „Dann werde ich vielleicht früher zu den Eurigen gehören, als ich dachte,“ ſagte Gabriel lebhaft. „Das gefällt mir!“ rief la Renaudie. „Nach welcher Seite muß ich meine Augen rich⸗ ten?“ fragte Gabriel. „Nach dem Parlament,“ antwortete der Baron. „Dort wird ſich der Kampf über die Frage entſpinnen. Die evangeliſche Partei zählt darin eine furchtbare Mi⸗ norität, Anne Dubourg, Henri Dufaur, Nicolas Du⸗ val, Euſtache de la Porte und zwanzig Andere. Auf den Mereurialien*), welche den Vollzug der Verfol⸗ gungen gegen die Ketzer fordern, antworten dieſe Par⸗ teigänger des Calvinismus damit, daß ſie die Zuſam⸗ menkunft des Generaleconcils, fordern, welches nach den Worten der Decrete von Conſtanz und Baſel bei den Religionsangelegenheiten zu entſcheiden hat. Sie ha⸗ ben das Recht für ſich, deshalb wird man Gewalt ge⸗ gen ſie anwenden müſſen.“ „Das genügt.“ „Bleibt in Paris, in Eurem Hotel, vumit man Euch im Falle der Noth benachrichtigen kann,“ ſprach la Renaudie. „Es koſtet mich Mühe, doch ich werde bleiben, vor⸗ ausgeſetzt, daß Ihr mich nicht zu lange ſchmachten laßt,“ erwiederte Gabriel;„Ihr habt, wie mir ſcheint, nun genug geſchrieben und geſprochen, und man müßte ausführen und handeln.“ „Das iſt auch meine Anſicht,“ verſetzte la Renau⸗ die.„Haltet Euch bereit und ſeid ruhig.“ 6 Verſammlungen des franzöſiſchen Vei ments re ht n⸗ en h⸗ n. i⸗ u⸗ ⸗ r⸗ n⸗ en en a= e⸗ un r⸗ en t, te — 19 Sie trennten ſich. Gabriel entfernte ſich ganz nachdenkend. Verirrie ſich ſein Gewiſſen nicht im Eifer der Rache? Was trieb ihn jetzt zum Bürgerkrieg an? Doch da die Ereigniſſe nicht zu ihm kamen, ſo mußte er wohl zu ihnen gehen. Noch an demſelben Tag kehrte Gabriel in ſein Hotel in der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul zurück. Er fand hier nur ſeine treue Aloyſe. Martin⸗ Guerre war nicht mehr da, André war bei Frau von Caſtro geblieben; Jean und Babette Peuqoy hatten ſich wieder nach Calais begeben, um von dort nach Saint⸗Quentin zurückzukehren, deſſen Thore der Friede von Cateau⸗Cambréſis dem patriotiſchen Weber wie⸗ der öffnete. Die Rückkehr des Herrn in ſein verlaſſenes Haus war daher diesmal noch trauriger als gewöhnlich. Doch liebte ihn die mütterliche Amme nicht für Alle? Wir müſſen darauf Verzicht leiſten, die Freude der würdigen Frau zu beſchreiben, als ihr Gabriel eröffnete, er werde nun ohne Zweifel einige Zeit bei ihr wohnen. Er würde in der verborgenſten Zurückgezogenheit und in der völligſten Einſamkeit leben; doch er würde bleiben, und nur ſehr ſelten ausgehen; Aloyſe würde ihn ſehen, ihn pflegen; ſie hatte ſich ſeit langer Zeit nicht mehr ſo glücklich gefühlt. Gabriel beneidete mit einem traurigen Lächeln die⸗ ſes Glück einer liebenden Seele. Ah! er konnte es nicht mehr theilen. Sein Leben war für ihn fortan nur ein gräßliches Räthſel, deſſen Löſung er zugleich fürchtete und wünſchte. In dieſen Befürchtungen und in dieſer Ungeduld birgingen ſeine Tage verdrießlich und unruhig einen onat und mehr. Nach dem Verſprechen, das er ſeiner Amme gelei⸗ ſtet, verließ er das Hotel beinahe nie; nur am Abend ſweiſte er zuweilen um das Chatelet her, und wenn 20 er zurückkam, ſchloß er ſich Stunden lang in der Gruft ein, wohin unbekannte Todtengräber nächtlicher Weile verſtohlen den Leichnam ſeines Vater gebracht atten. Gabriel fand ein finſteres Vergnügen daran, ſo zu dem Tage der Verletzung zurückzukehren und ſeinen Muth mit ſeinem Zorn zu unterhalten. Wenn er die ſchwarzen Mauern des Chatelet ſah, wenn er beſonders das marmorne Grab wiederſah, wo die Leiden eines ſo edlen Lebens geendigt hatten, trat der furchtbare Morgen, an dem er ſeinem ermordeten Vater die Augen geſchloſſen, mit allen ſeinen Schauern wieder vor ihn. Dann zogen ſich ſeine Fäuſte krampfhaft zuſam⸗ men, dann ſträubten ſich ſeine Haare, dann ſchwoll ſeine Bruſt an, und er ging aus dieſer gräßlichen Be⸗ ſchauung mit einem ganz neuen Haſſe hervor. In ſolchen Augenblicken beklagte es Gabriel, daß er ſeine Rache in das Schlepptau der Ereigniſſe geſtellt hatte; das Warten wurde ihm unerträglich. Während er ſo ungeduldig wartete, waren die Mör⸗ der ſiegreich und freudig! Dieſer König thronte fried⸗ lich in ſeinem Louvre! Dieſer Connetable bereicherte ſich durch das Elend des Volkes! Dieſe Diana von Poitiers berauſchte ſich in ihren ſchändlichen Liebſchaf⸗ ten! Dies konnte nicht ſo fortdauern! Schlief der Blitz Gottes, zitterten die Unterdrückten in ihrem Schmerz, ſo würde Gabriel ohne Gott und ohne die Menſchen handeln, oder er würde vielmehr das Werkzeug ſowohl der göttlichen Gerechtigkeit, als des menſchlichen Haſſes werden. Hiebei fuhr er mit einer unwiderſtehlichen Bewe⸗ gung nach dem Griffe ſeines Schwertes; er machte ei⸗ nen Schritt, um hinauszueilen. Doch ſein erſchrockenes Gewiſſen erinnerte ihn dann wieder an den Brief von Diang von Caſtro, geſchrie⸗ ——— ft le t e⸗ 1 in E⸗ 21 ben von Calais, worin ihn ſeine Vielgeliebte anflehte, nicht mit eigener Hand zu ſtrafen und, wenn er nicht ein unwillkührliches Werkzeug würde, nicht zu ſchlagen, und wären es auch Schuldige. Gabriel las dieſen rührenden Brief abermals und ließ ſein Schwert wieder in die Scheide fallen. Entrüſtet über ſeine Gewiſſensbiſſe, entſchloß er ſich doch, zu warten. Gabriel gehörte in der That zu denjenigen, welche handeln, und nicht zu denjenigen, welche anführen. Seine Thatkraft war bewunderungswürdig, wenn er ein Heer, eine Partei, oder nur einen großen Mann bei ſich hatte. Doch weder ſeinem Rang, noch ſeiner Natur nach war er im Stande, allein außerordentliche Dinge auszuführen, nicht einmal im Guten, und noch viel weniger im Verhrechen. Er war weder als ein mächtiger Fürſt, noch als ein mächtiges Genie gebo⸗ ren. Das Vermögen und der Wille der Initiative fehl⸗ ten ihm gänzlich. An der Seite von Coligny und vom Herzog von Guiſe hatte er Staunen erregende Thaten vollbracht. Doch nun, wie er Martin⸗Guerre zu verſtehen gege⸗ ben, war ſeine Aufgabe eine ganz andere geworden: ſtatt den Feind zu bekämpfen, hatte er ſeinen König zu beſtrafen. Und diesmal ſtand Niemand an ſeiner Seite, um ihn bei dem furchtbaren Werk zu unter⸗ ſtützen. Er züählte nichtsdeſtoweniger immer noch auf dieſelben Menſchen, die ihm ſchon ihre Macht geliehen hatten, auf Coligny, den Proteſtanten, auf den Her⸗ zog von Guiſe, den Ehrgeizigen. Ein Bürgerkrieg für die Vertheidigung der reli⸗ giöſen Wahrheit, eine Empörung für den Triumph der Uſurpation eines großen Genies, dies waren die ge⸗ heimen Hoffnungen von Gabriel. Der Tod oder die Thronentſetzung von Heinrich IMI., ſeine Beſtrafung in allen Fällen, ging aus der einen oder der andern dieſer Gährungen hervor. Gabriel würde ſich dabei im zwei⸗ ten Rang wie ein Mann vom erſten zeigen. Er würde den Schwur halten, den er dem König ſelbſt geleiſtet, er würde den Meineidigen bis in ſeinen Kindern und Kindeskindern verfolgen. Entgingen ihm dieſe zwei Chancen, ſo hätte Ga⸗ briel, gewohnt, im Gefolge zu erſcheinen, nur Gott walten zu laſſen. Doch dieſe zwei Chancen ſchienen ihm Anfangs nichts entgehen zu ſollen. Eines Tags, am 13. Juni, erhielt Gabriel beinahe zu gleicher Zeit zwei Briefe. Der erſte wurde ihm gegen fünf Uhr Nachmittags durch einen geheimnißvollen Mann gebracht, der ihn nur ihm ſelbſt übergeben wollte und ihn auch erſt übergab, nach⸗ dem er die Züge ſeines Geſichts mit den Anzeigen eines genauen Signalement verglichen hatte. Dieſer Brief war in folgenden Worten abgefaßt: „Freund und Bruder, „Die Stunde iſt gekommen, die Verfolger haben die Maske abgenommen. Gott ſei gelobt! das Märtyr⸗ thum führt zum Sieg. „Sucht noch dieſen Abend um neun Uhr auf der Place Maubert eine braune Thüre bei Nr. 11. „Ihr thut an dieſe Thüre drei durch einen regel⸗ mäßigen Zwiſchenraum abgeſonderte Schläge. Ein Mann wird Euch öffnen und zu Euch ſagen:„Tretet nicht ein, Ihr würdet nicht hell ſehen.““ Ihr antwortet ihm:„Ich bringe mein Licht mit mir.“ Der Mann wird Euch zu einer Treppe von ſiebzehn Stufen füh⸗ ren, die Ihr in der Dunkelheit hinaufſteigt. Oben wird Euch ein zweiter Akolyte anreden und zu Euch ſagen? „Was verlangt Ihr?““ Antwortet:„Was gerecht iſt.“ Man wird Euch ſodann in ein anderes Zimmer führen, wo Euch einer das Loſungswort:„Genf““ in das Ohr ſagt. Ihr werdet ihm mit dem Feldgeſchrei:„Ruhm““ ei⸗ rde tet, nd a⸗ ott g6 ni, fe. vch hm nes ßt: ben yr⸗ der gel⸗ Ein etet rtet ann ſüh⸗ vird en: 6 A. ren, Ohr m““ * 23 antworten. Sogleich wird man Euch unter diejenigen geleiten, welche Eurer heute bedürfen. „Dieſen Abend, Freund und Bruder. Verbrennt das Billei. Verſchwiegenheit und Muth.“ . R. Gabriel ließ ſich eine angezündete Lampe bringen, verbrannte vor dem Boten den Brief und ſprach als Antwort nur: „Ich werde kommen.“ Der Mann grüßte und entfernte ſich. „Ah!“ ſagte Gabriel zu ſich ſelbſt:„endlich find die Evangeliſchen müde!“ Gegen acht Uhr, als er noch über dieſe Berufung von la Renaudie nachdachte, führte Aloyſe einen Pa⸗ gen mit dem Wappen von Lothringen zu ihm. Der Page war der Ueberbringer eines folgender⸗ maßen abgefaßten Briefes: „Mein Herr und theurer Gefährte, „Ich bin ſeit ſechs Wochen wieder in Paris von der Armee zurück, wo ich nichts mehr zu thun hatte. „Man verſichert mich, Ihr müßet auch ſeit einiger Zeit zu Hauſe ſein. Wie kommt es, daß ich Euch noch nicht geſehen? Solltet Ihr mich in dieſen Zeiten der Undankbarfeit und des Vergeſſens auch vergeſſen haben? Nein, ich kenne Euch, das iſt etwas Unmögliches. „Kommt alſo, ich werde Euch, wenn Ihr wollt, morgen früh um 10 Uhr, in meiner Wohnung in den Tournelles erwarten. „Kommt, und wäre es nur, um uns gegenſeitig über das zu tröſten, was ſie aus unſern Siegen gemacht haben.„Euer wohlgewogener Freund „Franz von Lothringen.“ „Ich werde kommen,“ ſprach abermals Gabriel einfach zu dem Pagen. 6 † — 24 er: „Ah! der Ehrgeizige iſt auch erwacht!“ Durch eine doppelte Hoffnung gewiegt, begab er ſich eine Viertelſtunde nachher auf den Weg nach der Place Maubert. IM. Eine Verſammlung von Proteſtanten. Das Haus Nr. 14 der Place Maubert, wohin der Brief von la Renaudie Gabriel beſchieden hatte, gehörte einem Advokaten Namens Trouillard. Man bezeichnete es ſchon im Volke als einen Ort für die Zuſammen⸗ künfte der Ketzer. Pſalmen, die in der Ferne zuweilen die Nachbarn hatten ſingen hören, verſchafften dieſen gefährlichen Gerüchten Glauben. Doch es waren nur Gerüchte, und der Polizei jener Zeit war noch nicht der Gedanke gekommen, ſie zu unterſuchen. Gabriel fand ohne Mühe die braune Thüre und that nach den Inſtructionen des Briefes in regelmäßi⸗ gen Zwiſchenräumen drei Schläge. Die Thüre öffnete ſich wie von ſelbſt, doch eine Hand faßte im Schatten die Hand von Gabriel, und es ſagte Jemand zu ihm: „Tretet nicht ein, Ihr wündst nicht hell ſehen.“ „Ich bringe mein Licht mit mir,“ antwortete Ga⸗ briel nach der Formel. „So tretet ein,“ ſprach die Stimme,„und folgt der Hand, die Euch führt.“ Und als der Knabe ſich entfernt hatte, dachte er er er te n⸗ en en ur ht nd i⸗ ne nd 25 Gabriel gehorchte und machte ſo einige Schritte. Dann ließ man ihn los und ſagte: „Geht nun.“ Gabriel fühlte mit ſeinem Fuß die erſte Stufe einer Treppe. Er zählte ſiebzehn Stufen und blieb ſtehen. „Was verlangt Ihr?“ ſagte eine andere Stimme. „Was gerecht iſt,“ antwortete er. Sogleich öffnete ſich eine andere Thüre vor ihm, und er trat in eine nur durch ein ſchwaches Licht er⸗ leuchtete Stube. Hier fand ſich allein ein Mann, der ſich Gabriel näherte und leiſe zu ihm ſagte: „Genf.“ „Ruhm!“ erwiederte auf der Stelle der junge Graf. Der Mann ſchlug nun auf ein Glöckchen und la Renaudie trat in Perſon durch eine Geheimthüre ein. Er ging auf Gabriel zu und drückte ihm liebevoll die Hand. „Wißt Ihr, was heute im Parlament vorgefallen iſt?“ fragte er ihn. „Ich habe mein Haus nicht verlaſſen,“ antwortete Gabriel. „Ihr ſollt Alles hier erfahren,“ ſagte la Renau⸗ die.„Ihr habt Euch noch nicht gegen uns verbindlich gemacht, gleichviel! wir machen uns gegen Euch ver⸗ bindlich. Ihr ſollt unſere Pläne wiſſen, Ihr ſollt un⸗ ſere Kräfte zählen. Es wird nichts mehr Geheimes für Euch in den Dingen unſerer Partei geben. Euch jedoch wird es freiſtehen, nach Eurem Belieben allein oder mit uns zu handeln. Ihr habt mir geſagt, der Abſicht nach gehöret Ihr zu uns, das genüge. Ich verlange von Euch nicht einmal Euer Wort als Edelmann, nichts von dem zu offenbaren, was Ihr ſehen oder hören werdet. Bei Euch iſt eine ſolche Vorſicht unnöthig.“ 26 „Ich danke für dieſes Vertrauen,“ ſagte Gabriel gerührt;„Ihr werdet es nicht bereuen.“ „Tretet mit mir ein, und bleibt an meiner Seite,“ ſprach la Renaudie:„ch werde Euch nach und nach die Namen von denjenigen unſerer Brüder ſagen, welche Ihr noch nicht kennt; das Uebrige werdet Ihr ſelbſt beurtheilen, kommt.“ Er nahm Gabriel bei der Hand, drückte an eine Feder der Geheimthüre und trat mit ihm in einen großen langen Saal, wo ungefähr zweihundert Per⸗ ſonen verſammelt waren. Einige da und dort zerſtreute Kerzen beleuchteten nur halb die beweglichen Gruppen. Im Uebrigen fan⸗ den ſich weder Geräthſchaften, noch Tapeten, noch Bänke; ein plumper Stuhl von Holz, für den Geiſtlichen oder Redner, war Alles. Die Gegenwart von etwa zwanzig Frauen erklärte, rechtfertigte aber keines Wegs(bemerken wir dies ſo⸗ gleich) die Verleumdungen, zu denen unter den Katho⸗ liken die nächtlichen und geheimen Zuſammenkünfte der Reformirten Anlaß gaben. Niemand bemerkte den Eintritt von Gabriel und ſeinem Führer. Aller Augen und Aller Gedanken wa⸗ ren in dieſem Augenblick auf denjenigen gerichtet, wel⸗ cher die Tribune einnahm, ein Religionär mit trau⸗ riger Stirne und ernſtem Wort. La Renaudie nannte ihn Gabriel. „Es iſt der Rath im Parlament, Nicolas Duval,“ ſagte er leiſe zu ihm.„Er hat ſo eben die Erzählung deſſen angefangen, was bei den Auguſtinern vorgefallen iſt. Hört.“ Gabriel horchte. „Unſer gewöhnlicher Saal im Palaſte,“ fuhr der Redner fort,„war von den Vorkehrungen zu den Hoch⸗ zeitsfeſten der Prinzeſſin Eliſabeth eingenommen; wir hielten proviſoriſch zum erſten Mal unſere Sitzung bei den Auguſtinern, und, ich weiß nicht, der Anblick dieſes +— —„ —— — —„— S c—„ — ne en r⸗ en n⸗ e; er te, ſo⸗ o⸗ er nd el⸗ iu⸗ ng len der ch⸗ wir bei ſes s 27 ungewohnten Saales ließ uns von Anfang unbeſtimmt ein außerordentliches Ereigniß ahnen. „Doch der Präſident Gilles Lemaitre eröffnete die Sitzung wie gewöhnlich und nichts ſchien die Befürch⸗ tungen von Einigen von uns zu rechtfertigen. „Man nahm die am vorhergehenden Mittwoch in Anregung gebrachte Frage wieder auf. Antoine Fumée, Paul de Foir und Euſtache de la Porte ſprachen hin⸗ ter einander zu Gunſten der Duldſamkeit, und ihre feurigen, feſten Reden ſchienen einen lebhaften Eindruck auf die Mehrzahl hervorgebracht zu haben. „Euſtache de la Porte hatte ſich eben unter einem allgemeinen Beifallsſturme geſetzt und Henry Dufaur nahm das Wort, um die noch zögernden Stimmen zu gewinnen, als ſich plötzlich die große Thüre öffnete und der Huiſſier des Parlaments kaut ausrief:„„Der König.““ „Der Präſident ſchien durchaus nicht erſtaunt; er ſtieg eilig von ſeinem Sitze herab, um dem König entgegen zu gehen. Alle Räthe erhoben ſich in Unord⸗ nung, die Einen ganz verwundert, die Andern ſehr ruhig, und als ob ſie das, was kam, erwarteten. „Der König trat begleitet vom Cardinal von Lothringen und vom Cunnetable ein. „„Ich komme nicht, um Eure Arbeiten zu ſtören, mneine Herren vom Parlament,““ ſprach er zuerſt;„ich komme, um ſie zu unterſtützen.““ „Und nach einigen unbedeutenden Complimenten endigte er mit den Worten: „„Der Frieden iſt mit Spanien geſchloſſen; doch bei Gelegenheit der Kriege find arge Ketzereien vorge⸗ fallen, die ſich auch in dieſes Königreich eingeſchlichen haben. Warum habt Ihr nicht gegen die Lutheraner ein Ediet beſtätigt, das ich von Euch verlangte? Doch ich wiederhole, fahrt frei in meiner Gegenwart in den von Euch begonnenen Berathungen fort.““ „Henry Dufaur, der das Wort hatte, nahm es muthig auf dieſe Rede des Königs wieder auf, verthei⸗ digte die Sache der Gewiſſensfreiheit und fügte ſogar ſeiner kühnen Rede einige traurige und ernſte Mitthei⸗ lungen über das Benehmen der Regierung bei. „„Ihr beklagt Euch über Unruhen?““ rief er. „„Nun wohl, wir wiſſen den Urheber und könnten das antworten, was Elias dem Achab antwortete:„„Ihr ſeid es, der Iſrael plagt.““ „Heinrich biß ſich erbleichend auf die Lippen, ſchwieg aber. „Da erhob ſich Anne Dubourg und ließ noch unmit⸗ telbarere und noch ernſtere Vorſtellungen hören. „„Ich fühle,““ ſagte er,„daß es gewiſſe Ver⸗ brechen gibt, Sire, die man unbarmherzig ſtrafen muß, wie den Ehebruch, die Blasphemie, den Meineid, wäh⸗ rend man ſie jeden Tag durch die Unordnung, durch die Ausſchweifung und durch ſtrafbare Liebſchaften be⸗ günſtigt. Doch weſſen beſchuldigt man diejenigen, welche man den Armen des Henkers überantwortet? des Ver⸗ brechens der beleidigten Majeſtät? Nie haben ſie den Namen des Fürſten in ihren Gebeten vergeſſen! nie haben ſie Empörung oder Verrath angezettelt! Wie! weil ſie vurch das Licht der heiligen Schrift die großen Laſter und die ſchmählichen Mängel der römiſchen Macht entdeckt haben, weil ſie verlangten, daß man Ordnung darein bringe, iſt dies eine ungebührliche Freiheit, die den Feuertod verdient!““ „Der König rührte ſich nicht. Doch man fühlte ſeinen Zorn dumpf brüten. „Der Präſident Gilles Lemaitre wollte dem Zorn S Königs ſchmeicheln und rief mit geheuchelter Ent⸗ rüſtung: „56 handelt ſich um Retzer! man endige mit ih⸗ nen wie mit den Albigenſern: Philipp Auguſt hat ſechshundert derſelben an einem Tag verbrennen laſſen.““ „Dieſe heftige Sprache nützte der guten Sache vielleicht mehr, als die gemäßigte Feſtigkeit der Unſri⸗ ————.—— „—„— „— hei⸗ gar ei⸗ er. as hr ieg it⸗ er⸗ ß, ih⸗ ch be⸗ che er⸗ en 29 gen. Es wurde klar, daß bei der Entſcheidung das Re⸗ ſultat der Meinungen mindeſtens im Gleichgewicht ſte⸗ hen müßte. „Heinrich II. begriff dies und wollte Alles durch einen Staatsſtreich brusquiren. „„Der Herr Präſident hat Recht,““ ſagte er. „Man muß mit den Ketzern ein Ende machen, oder ſie flüchten ſich. Und um anzufangen, Herr Connetable, verhafte man auf der Stelle dieſe zwei Rebellen.““ „Er deutete mit der Hand auf Henri Dufaur und Anne Dubourg und ging haſtig hinaus, als könnte er ſeinen Zorn nicht mehr bewältigen. „Ich brauche Euch nicht zu ſagen, Freunde und Brüder, daß Herr von Montmorench dem Befehle des Königs gehorchte. Dubvurg und Dufaur wurden mitten im Parlament in Verhaft genommen und abgeführt, und wir blieben Alle ganz beſtürzt. „Gilles Lemaitre allein fand den Muth, beizufügen: „Das iſt Gerechtigkeit! ſo ſollen alle diejenigen beſtraft werden, welche es wagten, die Achtung vor der königlichen Majeſtät zu verletzen!““ „Doch als wollten ſie ihn Lügen ſtrafen, traten abermals Wachen in den Kreis der geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung und verhafteten, andere Befehle, die ſie vor⸗ zeigten, vollziehend, Foir, Fumée, de la Porte, welche vor der Ankunft des Königs geſprochen und einzig und allein die religiöſe Toleranz vertheidigt hatten, ohne den geringſten Vorwurf gegen den Souverain zu äußern. „Es war alſo gewiß, daß nicht wegen ihrer Vor⸗ ſtellungen an den König, ſondern wegen ihrer religiöſen Meinungen fünf unverletzliche Mitglieder des Parla⸗ ments mittelſt eines ſchändlichen Hinterhaltes unter dem der Beſchuldigung eines Hauptverbrechens elen.“ Nicolas Duval ſchwieg. Das Gemurre des Schmerzes und des Zornes der Verſammlung hatte ihn die beiden Dianen. w. 3 zwanzigmal unterbrochen und folgte energiſcher als je auf die Mittheilung von dieſer großen ſtürmiſchen Sitzung, welche, für uns, in der Entfernung, einer ande⸗ ren Verſammlung anzugehören ſchei hen hat, als hätte ſie zweihundert und dreißig J ſpäter ſtattgefunden. Nur war es zweihundert un nicht das Koͤnigthum, ſondern di letzte Wort haben ſollte. Der Geiſtliche David folgte im Rednerſtuhle auf Nicolas Duval. „Brüder,“ ſprach er,„damit Gott ſie mit ſeinem Geiſte der Wahrheit beſeele, erheben wir vor der Be⸗ rathung gemeinſchaftlich zu ih m unſere Stimmen und unſere Gedanken durch irgend einen Pſalmen.“ „Der Pſalm vierzig!“ riefen mehrere Reformirte. Und Alle fingen an den genannten Pfalm anzu⸗ ſtimmen. Er war ſonderbar gewählt, um die Ruhe wieder⸗ herzuſtellen. Man muß geſtehen, es war viel mehr der Geſang der Drohung, als die Hymne des Gebetes. Doch die Entrüftung überſtrömte in dieſem Augen⸗ blick in den Gemüthern, und mit einem Ausdruck tiefen Gefühles ſang man folgende Strophen, wobei die Er⸗ ſchütterung die Stelle der mangelnden Poeſie einnahm: „Ihr Thoren ohne Herz und Sinn ie eilt zum Untergang ihr hin! Wie wollt ihr ſelbſt euch trügen, Um Jeſum zu bekriegen. Ihr weiht die kurze ebensfriſt Zum Dienſte eurem Antichriſt. Abſchenliche Verräther, Des Satanas Anbeter! Was Gott gebeut, verbietet ihr, Dem Drachen treu, dem Bibelthier.“ d dreißig Jahre ſpäter e Freiheit, welche das Die letzte Stanze war beſonders bezeichnend: — — S=———— Sr—— als hen ide⸗ zſe⸗ hre ter as uf m e⸗ 31 „Für unſern Herrn, für Jeſum Chriſt, Der aller Fürſten König iſt, Soll ungehemmt ſein Wort ertönen, Soll Alles heilen und verſöhnen. Wie? ihr verbreitet ſeinen Fluch, Deß, der das Krenz zur Sühne irug. Schwer iſt die Straf im Erdengrunde, Poch ſchrecklicher im Höllenſchlunde Die Qual für jede Uebelthat, Weh dem, der ſie verſchuldet hat!“ Sobald der Pſalm beendigt war, trat, als ob die⸗ ſer erſte Ruf zu Gott ſchon die Herzen erleichtert hätte, das Stillſchweigen wieder ein, und die Berathung konnte beginnen. La Renaudie nahm zuerſt das Wort, um vor Allem den Standpunkt und die Richtung genau herauszuſtellen. „Brüder,“ ſagte er von ſeinem Platze aus,„in Gegenwart eines unerhörten Ereigniſſes, das alle Be⸗ griffe von Recht und Billigkeit niederwirft, haben wir das Verfahren zu beſtimmen, das die Partei der Re⸗ form zu beobachten hat. Sollen wir uns noch gedulden? oder ſollen wir handeln? und wie ſollen wir in dieſem Fall handeln? Dies ſind die Fragen, die ſich Jeder hier ſtellen, die Jeder nach ſeinem Gewiſſen löſen muß. Ihr ſeht, daß unſere Verfolger von nichts Geringerem, als von einer allgemeinen Niedermetzelung ſprechen und uns insgeſammt aus dem Leben ſtreichen wollen, wie man ein ſchlecht geſchriebenes Wort aus einem Buche ſtreicht. Werden wir gehorſam den Todesſtreich abwar⸗ ten? Oder werden wir es, da die Gerechtigkeit und das Geſetz gerade von denjenigen verletzt ſind, deren Pflicht es iſt, ſie zu beſchützen, verſuchen, uns ſelbſt Gerechtig⸗ keit zu verſchaffen und für einen Augenblick die Gewalt an die Stelle des Geſetzes treten zu laſſen? Euch, meine Brüder und Freunde, geziemt es, zu antworten.“ La Renaudie machte eine kurze Pauſe, um dem * furchtbaren Dilemma Zeit zu laſſen, klar in alle Geiſter einzudringen. Dann fuhr er in der Abſicht, den Schluß zugleich zu erleuchten und zu beſchleunigen, fort: „Zwei Parteien, wir wiſſen es leider Alle, trennen diejenigen, welche die Sache der Reform und der Wahr⸗ heit vereinigen müßte; doch vor der Gefahr und vor dem gemeinſchaftlichen Feinde gebührt es ſich, wie mir ſcheint, daß wir ein Herz und einen Willen haben. Die Mitglieder der einen und der andern Fraction ſind gleich⸗ mäßig eingeladen, ihre Anſicht auszuſprechen und ihre Mittel zu nennen. Derjenige Rath, welcher beſſere Chancen des Gelingens bieten wird, von welcher Seite er auch kommen mag, muß allgemein angenommen wer⸗ den. Und nun ſprecht, meine Freunde und Brüder, in voller Freiheit und in vollem Vertrauen.“ Auf die Rede von la Renaudie folgte ein ziemlich langes Zaudern. Was gerade denjenigen fehlte, welche ihn hörten, war die Freiheit, war das Vertrauen. Und dann bewahrte, trotz der Entrüſtung, von der wirklich alle Herzen erfüllt waren, das Königthum in jener Zeit ein zu großes Blendwerk, als daß die Refor⸗ mirten, Novizen in der Verſchwörung, es gewagt hätten, ſogleich offenherzig ihre Ideen einer bewaffneten Rebel⸗ lion auszudrücken. Sie waren entſchloſſen und in Maſſe ihrer Sache ergeben: doch Jeder wich im Einzelnen vor der Verantwortlichkeit einer erſten Motion zurück. Alle wollten der Bewegung folgen, keiner wagte es, ſie hervorzurufen. Dann, wie es la Renaudie zu verſtehen gegeben hatte, mißtrauten ſie einander; jede von den beiden Parteien wußte nicht, wohin die andere ſie führen würde, und ihre Zwecke waren doch in der That zu unähnlich, als daß die Wahl der Mittel, des Weges und der Füh⸗ rer ihnen hätte gleichgültig ſein können. Die Partei von Genf ſtrebte insgeheim nach der — — er en r= or ir re re te r⸗ n 33 Republik und die des Adels nur nach einer Veränder⸗ ung des Königthums. Die Wahlformen des Calvinismus, das Princip der Gleichheit, das die neue Kirche überall aufſtellte, führten unmittelbar zu dem republikaniſchen Syſteme in den von den Schweizer Cantonen angenommenen Be⸗ dingungen. Doch der Adel wollte nicht ſo weit gehen⸗ er begnügte ſich mit dem Plane, im Einverſtändniß mit der Königin Eliſabeth von England, Heinrich Il. vom Thron zu ſtoßen und ihn durch einen calviniſtiſchen König zu erſetzen. Man nannte ganz leiſe zum Voraus den Prinzen von Condé. Man ſieht, es war ſchwierig, zwei einander ganz entgegengeſetzte Elemente zu einem gemeinſchaftlichen Werke mitwirken zu machen. Gabriel bemerkte daher mit Bedauern nach der Rede von La Renaudie, daß die zwei beinahe feindlichen Lager ſich mit mißtrauiſchem Auge maßen, ohne daß ſie daran zu denken ſchienen, aus den ſo kühn geſtellten Prämiſſen Schlüſſe zu ziehen. Es vergingen ein paar Minuten unter verworrenem Gemurmel, in ſchmerzlicher Unentſchiedenheit. La Re⸗ naudie war nahe daran, ſich zu fragen, ob er nicht durch eine zu ungeſtüme Aufrichtigkeit unwillkührlich die Wirkung der Erzählung von Nicolas Duval zerſtört habe. Dach da er einmal dieſen Weg eingeſchlagen hatte, ſo wollte er Alles wagen, um Alles zu retten, und er wandte ſich an einen magern, ſchwächlichen, kleinen Mann, mit dicken Brauen und gallichter Miene, der bei einer Gruppe in ſeiner Nähe ſtand, und ſagte zu ihm mit lauter Stimme: „Nun, Lignieères, werdet Ihr nicht zu unſern Brüdern ſprechen und ihnen ſagen, was Ihr auf dem Herzen habt?“ „Es ſei!“ antwortete der kleine Mann, deſſen Blick ſich entflammte.„Ich werde ſprechen, doch dann ohne etwas zu verhehlen und ohne etwas zu mildern!“ „Oh! Ihr ſeid bei Freunden,“ verſetzte la Re⸗ naudie. Während Lignieres den Rednerſtuhl beſtieg, ſagte der Baron Gabriel in's Ohr: „Ich wende hier ein gefährliches Mittel an. Dieſer Ligniéres iſt ein Fanatiker, in gutem oder in ſchlechtem Glauben? ich weiß es nicht, der die Dinge zum Aeuſ⸗ ſerſten treibt und mehr Widerſtreben als Sympathien hervorruft. Doch gleichviel! wir müſſen um jeden Preis wiſſen, woran wir uns zu halten haben, nicht wahr?“ „Ja, die Wahrheit trete endlich aus allen dieſen verſchloſſenen Herzen hervor!“ ſagte Gabriel. „Seid unbeſorgt, Ligniöres und ſeine Doctrinen werden nichts davon ſchlummern laſſen!“ verſetzte la Renaudie. Der Redner hub in der That ſehr ex abrupto an und ſprach: „Das Geſetz ſelbſt iſt verdammt worden. Welche Berufung bleibt uns übrig? Die Berufung an die Gewalt und keine andere! Ihr fragt, was zu thun ſei? Wenn ich dieſe Frage nicht beantworte, ſo iſt hier etwas, was an meiner Stelle antworten könnte.“ Er hob eine ſilberne Medaille in die Höhe und zeigte ſie allen Anweſenden. „Dieſe Medaille,“ fuhr er fort,„wird beredter ſprechen, als mein Wort. Für diejenigen, welche ſie aus der Ferne nicht ſehen können, ſage ich, was ſie vorſtellt: ſie bietet das Bild eines flammenden Schwer⸗ tes, das eine Lilie abſchneidet, deren Stängel ſich biegt und fällt. Daneben rollen der Seepter und die Krone im Staub.“ Lignières fügte bei, als befürchtete er, man hätte ihn nicht gut begriffen: „Die Medaillen dienen gewöhnlich zur Erinnerung an vollendete Thatſachen: dieſe diene zur Prophezeiung n 35 eines zukünftigen Ereigniſſes! Ich habe nichts mehr zu ſagen.“ Er hatte wahrlich genug geſagt! Er ſtieg unter dem Beifallsrufe eines ſchwachen Theiles der Ver⸗ ſammlung und unter dem Gemurre einer viel größeren Anzahl von dem Rednerſtuhle herab. Doch die allgemeine Haltung war ein Stillſchwei⸗ gen des Erſtaunens. „Hört!“ ſagte la Renaudie mit leiſer Stimme zu Gabriel,„das iſt nicht die Saite, welche am meiſten Anklang unter uns findet. Zu einer andern! Herr Baron von Caſtelnau,“ fuhr er laut fort, indem er einen eleganten, nachdenkenden jungen Mann aufrief, der zehn Schritte von ihm an der Mauer lehnte,„Herr von Caſtelnau, habt Ihr Eurerſeits nichts zu ſagen?“ „Ich hätte vielleicht nichts zu ſagen, doch ich habe zu antworten,“ erwiederte der junge Mann. „Wir hören,“ ſagte la Renaudie.„Dieſer,“ fügte er bei, indem er ſich an das Ohr von Gabriel neigte, „dieſer gehört zur Partei der Edelleute und Ihr muß⸗ tet ihn im Louvre ſehen an dem Tag, wo Ihr die Nachricht von der Einnahme von Calais überbracht habt. Caſtelnau iſt offenherzig, redlich und brav. Er wird ſeine Fahne eben ſo kühn aufpflanzen, als Ligniöres, und wir werden ſehen, ob man ihn beſſer empfängt.“ Caſtelnau blieb auf einer der Stufen des Redner⸗ ſtuhles ſtehen und ſprach von hier aus: „Ich werde anfangen, wie die Redner, die mir vorhergingen, angefangen haben. Man hat uns mit der Ungerechtigkeit geſchlagen, vertheidigen wir uns gegen die Ungerechtigkeit. Führen wir ins offene Feld unter die Panzer den Krieg, den man ins Parlament unter die rothen Roben gebracht hat!... Doch ich weiche im Uebrigen in meiner Anſicht von der von Herrn von Lignieres ab. Ih habe Euch auch eine Medaille zu zeigen. Hier iſt ſie. Es iſt nicht die ſeinige. Von ferne ſcheint ſie Euch den gemünzten Thalern zu glei⸗ 36 chen, die in unſern Taſchen ſind. Es iſt wahr, ſie bietet auch das Bildniß eines gekrönten Königs. Nur ſteht ſtatt: Henricus II., rex Galliae, auf dem Abſchnitt: Eudovicus KlII., rex Galliae. Ich habe es geſagt.“ Der Baron von Caſtelnau verließ, die Stirne hoch, ſeinen Platz. Die Anſpielung auf den Prinzen Ludwig von Condé war flagrant. Diejenigen, welche Lignières Beifall geklatſcht hatten, murrten, diejenigen, welche gemurrt hatten, klatſchten Beifall. Doch die Maſſe blieb noch unbeweglich und ſtumm unter den zwei Minoritäten. „Was wollen ſie denn?“ fragte Gabriel leiſe la Renaudie. „Ich befürchte, ſie wollen nichts!“ erwiederte der Baron. In dieſem Augenblick verlangte der Advokat des Avenelles das Wort. „Das iſt, glaube ich, ihr Mann,“ ſprach la Renaudie.„Des Avenelles iſt mein Wirth, wenn ich in Paris bin; ein ehrlicher, geſcheiter Mann, aber zu ſchüchtern, zu klug vielleicht. Seine Meinung wird ihr Geſetz ſein.“ Des Avenelles gab ſchon am Anfang der Vorher⸗ ſehung von la Renaudie Recht. „Wir haben muthige und ſogar vermeſſene Worte gehört,“ ſagte er.„Doch war der Augenblick wirklich gekommen, ſie auszuſprechen? Geht man nicht ein wenig zu raſch? Man zeigt uns ein erhabenes Ziel, doch man ſpricht nicht von den Mitteln. Sie können nur verbrecheriſch ſein. Mehr als bei einem von den⸗ jenigen, welche hier ſind, wird meine Seele gemartert von der Verfolgung, die man uns ausſtehen läßt. Doch während wir ſo viele Vorurtheile zu beſiegen haben, muß man auch noch vollends auf die Sache der Reforma⸗ tion die Gehäſſigkeit eines Mordes werfen? Ja, eines ie r h , 8 e — 37 Mordes! denn Ihr könntet auf keinem andern Wege das Reſultat erreichen, das Ihr uns zu zeigen wagt.“ nelles. Beinahe einſtimmiger Beifall unterbrach des Ave⸗ „Was ſagte ich?“ murmelte ganz leiſe la Renau⸗ die.„Dieſer Advokat iſt ihr wahrer Ausdruck!“ Des Avenelles fuhr fort: „Der König iſt in der Kraft und in der Reife des Alters. Um ihn des Thrones zu entſetzen, müßte man ihn herabſtürzen. Welcher lebende Menſch würde eine ſolche Gewaltthat auf ſich nehmen? Die Könige ſind göttlich, Gott allein hat ein Recht über ſie! Ah! wenn irgend ein Unfall, ein unvorhergeſehenes Uebel, ein Privatattentat ſogar in dieſem Augenblick das Le⸗ ben des Königs erreichte und die Vormundſchaft über einen König, der noch in der Kindheit begriffen iſt, in die Hände der frechen Burſche legte, die uns unter⸗ drücken, dann wäre es dieſe Vormundſchaft und nicht das Königthum, es wären die Guiſen und nicht Franz II., Der Bürgerkrieg würde lobenswerth und die Empörung heilig, und ich wäre der Erſte, der Euch: Zu den Waffen! zuriefe.“ Dieſe Energie der Schüchternheit erfüllte die Ver⸗ ſammlung mit Bewunderung, und neue Zeichen des Bei⸗ falls belohnten den klugen Muth von des Avenelles. „Ah!“ ſagte la Renaudie keiſe zu Gabriel,„ich bedaure nun, daß ich Euch habe kommen laſſen. Ihr müßt Mitleid mit uns befommen.“ Gabriel aber ſprach nachdenkend in ſeinem In⸗ was man angreifen würde. nern: „Nein, ich habe ihnen ihre Schwäche nicht vorzu⸗ werfen, denn ſie gleicht der meinigen. heim auf ſie zählte, ſo zählen ſie, wie es ſcheint, auf mich.“ Wie ich insge⸗ „Was wollt Ihr denn thun?“ rief la Renaudie ſeinem triumphirenden Wirthe u. „Auf dem Weg der Geſetzlichkeit bleiben, warten!“ antwortete entſchloſſen der Advokat.„Anne Dubourg Henri Dufaur und drei von unſern Freunden im Par⸗ lament ſind verhaftet worden, doch wer ſagt uns, man werde es wagen, ſie zu verurtheilen, ſie nur anzukla⸗ gen? Meiner Anſicht nach dürfte die Gewaltthätigkeit von unſerer Seite dahin führen, daß ſie die der Macht hervorrufen würde. Und wer weiß, ob unſere Zurück⸗ haltung nicht gerade den Opfern zum Heil gereicht? Behaupten wir die Ruhe der Kraft und die Würde des guten Rechtes. Schieben wir alles Unrecht auf die Seite unſerer Verfolger. Warten wir. Wenn ſie uns gemäßigt und feſt ſehen, werden ſie ſich zweimal beſin⸗ nen, ehe ſie uns den Krieg erklären, wie ich Euch, meine Freunde und Brüder, bitte, Euch ebenfalls zweimal zu beſinnen, ehe Ihr ihnen das Zeichen zu Repreſſalien ebt.“ Des Avenelles ſchwieg, und das Beifallsgeſchrei begann wieder. Ganz glorreich, wollte der Advokat ſeinen Sieg be⸗ ſtätigt ſehen und ſprach: „Diejenigen, welche denken wie ich, mögen die Hand aufheben.“ Beinahe alle Hände erhoben ſich, um des Avenel⸗ les Zeugſchaft zu leiſten, daß ſeine Stimme die der Verſammlung geweſen ſei. „Man hat ſich nun,“ ſagte er,„man hat ſich da⸗ hin entſchieden...“ „Gar nichts zu entſcheiden,“ unterbrach ihn Ca⸗ ſtelnau. „Bis auf einen günſtigeren Augenblick die äußer⸗ ſten Entſchließungen zu verſchieben,“ rief des Avenelles, indem er einen wüthenden Blick auf den Unterbrecher warf. Der Geiſtliche David ſchlug vor, einen neuen Pſalm zu ſingen, um Gott um die Befreiung der ar⸗ men Gefangenen zu bitten. „Gehen wir,“ ſagte la Renaudie zu Gabriel,„dies X ——* W S S„ — N „ * 39 Alles entrüſtet mich reizt mich zum Unwillen. Dieſe Leute wiſſen nur zu fingen, ſie haben nichts Aufrühre⸗ riſches als ihre Pſalmen.“ Als ſie auf der Straße waren, gingen ſie ſchweig⸗ ſam und Beide ganz und gar von ihren Gedanken in Anſpruch genommen neben einander her. Auf dem Pont Notre⸗Dame trennten ſie ſich, la Renaudie kehrte in den Faubvurg Saint⸗Germain und Gabriel nach dem Arſenal zurück. „Gott befohlen, Herr d'Exmès,“ ſprach la Renaudie „es ärgert mich, daß ich Euch Eure Zeit habe verlie⸗ ren laſſen. Glaubt jedoch, daß dies nicht ganz unſer letztes Wort iſt. Der Prinz, Coligny und unſere be⸗ ſten Köpfe fehlten uns dieſen Abend.“ „Ich habe meine Zeit nicht mit Euch verloren,“ erwiederte Gabriel.„Ihr werdet Euch vielleicht binnen Kurzem davon überzeugen.“ „Deſto beſſer! deſto beſſer!“ verſetzte la Renaudie. „Doch ich zweifle... „Zweifelt nicht,“ ſprach Gabriel.„Ich mußte noth⸗ wendig wiſſen, ob die Proteſtanten wirklich die Geduld zu verlieren anfangen, und es iſt mir nützlicher, als Ihr glauben mögt, daß ich mich verſichert habe, ſie ſeien noch nicht müde geworden.“ IV. Eine andere Prüfung. Da ihm die Unzufriedenheit der Reformirten ent⸗ ging, ſo blieb der Rache von Gabriel noch eine Chance, die des Ehrgeizes des Herzogs von Guiſe. Am andern Morgen um zehn Uhr war er auch pünktlich bei dem Rendezvous, das ihm der Brief von Franz von Lothringen im Palaſte der Tournelles be⸗ zeichnet hatte. Der junge Graf von Montgommery wurde erwar⸗ tet. Bei ſeiner Erſcheinung führte man ihn auf der Stelle bei demjenigen ein, welchen man nun ſeiner Kühnheit wegen den Eroberer von Calais nannte. Der Balafré kam voll Eifer Gabriel entgegen und drückte ihm liebevoll die Hände. „Endlich ſeid Ihr da, vergeßlicher Freund?“ ſagte er;„ich war genöthigt, Euch zu ſuchen, Euch bis in Euren Schlupfwinkel zu verfolgen, und wenn ich es nicht gethan hätte, Gott weiß, wann ich Euch geſehen haben würde! Warum dies? warum habt Ihr mich ſeit meiner Rückkehr nicht beſucht?“ „Gnädigſter Herr,“ erwiederte Gabriel mit leiſer Stimme,„ſchmerzliche Empfindungen.. „Ah! ich wußte es wohl!“ unterbrach ihn der Herzog von Guiſe.„Nicht wahr, ſie ſind auch zu Lüg⸗ nern an den Verſprechungen geworden, die ſie Euch ge⸗ leiſtet hatten? Sie haben Euch getäuſcht, Euren Un⸗ willen hervorgerufen, Euch blutig verletzt? Euch, den Retter Frankreichs! Oh! ich habe es wohl vermuthet, es ſei eine Schändlichkeit vorgefallen! Mein Bruder, der Cardinal von Lothringen, der Euerer Rückkehr in den Louvre beiwohnte, der Euren Namen Graf von Montgommery hörte, errieth mit der Feinheit des Prie⸗ ſters, Ihr würdet der Bethörte oder das Opfer dieſer Leute ſein. Warum habt Ihr Euch nicht an ihn ge⸗ wendet? Er hätte Euch in meiner Abweſenheit unter⸗ ſtützen können.“ „Ich danke Euch, gnädigſter Herr,“ erwiederte Ga⸗ briel mit ernſtem Tone,„doch ich gebe Euch die Ver⸗ ſicherung, daß Ihr Euch täuſcht. Man hat auf das Allerſtrengſte die Verbindlichkeiten gehalten, die man gegen mich eingegangen.“ 41¹ „Oh! Ihr ſagt das mit einem Tone, Freund! ℳ „Ich ſage das, wie ich es fühle, gnädigſter Herr. Doch ich muß Euch wiederholen, daß ich mich nicht be⸗ klage, und daß die Verſprechungen, auf die ich zählte.. buchſtäblich vollzogen worden ſind. Reden wir nicht mehr von mir, ich bitte Euch; Ihr wißt, daß mir ge⸗ wöhnlich dieſer Gegenſtand der Unterhaltung nicht ge⸗ fällt, und heute iſt er mir peinlicher als je. Habt die Gnade, beſteht nicht länger auf Euren wohlwollenden Fragen.“ Betroffen durch den ſchmerzlichen Ausdruck von Gabriel, erwiederte der Herzog von Guiſe: „Das genügt, Freund, ich müßte in der That nun befürchten, ohne es zu wollen, eine von Euren ſchlecht geſchloſſenen Wunden zu berühren, und ich will Euch nicht weiter über Euch ſelbſt befragen.“ „Ich danke, Monſeigneur,“ ſprach Gabriel mit einem würdigen, tiefen Tone. „Wißt nur,“ fuhr der Balafré fort,„daß an je⸗ dem Ort, zu jeder Zeit und wofür es auch ſein mäg, mein Anſehen, mein Vermögen und mein Leben Euch gehören, und daß Ihr, wenn mir eines Tags die Chance zu Theil wird, daß Ihr meiner in irgend einem Punkte bedürft, nur Eure Hand auszuſtrecken habt, um die meinige zu finden.“ „Ich danke, Monſeigneur,“ wiederholte Gabriel. „Da dies nun unter uns abgemacht iſt, von was beliebt Euch zu ſprechen?“ „Von Euch, gnädigſter Herr,“ antwortete der junge Mann,„von Eurem Ruhm, von Euren Plänen; das iſt es, was mich intereſſirt! das iſt der Magnet, der mich auf Euren erſten Ruf herbeieilen machte!“ „Mein Ruhm? meine Pläne?“ verſetzte Franz von Lothringen, den Kopf ſchüttelnd.„Ach! das iſt für mich auch ein trauriger Gegenſtand der Unterhaltung.“ „Oh! was ſagt Ihr, Monſeigneur?“ rief Gabriel. „Die Wahrheit, Freund! Ja, ich geſtehe, ich glaubte mir einigen Ruf erworben zu haben; es kam mir vor, als dürfte mein Name gegenwärtig mit eini⸗ ger Achtung in Frankreich, mit einigem Schrecken in Europa ausgeſprochen werden. Und da mir dieſe ſchon glänzende Vergangenheit es zur Pflicht machte, in die Zukunft zu ſchauen, ſo ordnete ich meine Pläne nach meinem Ruhme; ich träumte von großen Dingen für mein Vaterland und für mich ſelbſt, und mir ſcheint, ich hätte ſie vollbracht!“ „Nun, Monſeigneur?“ fragte Gabriel. „Gabriel,“ erwiederte der Herzog von Guiſe,„ſeit ſechs Wochen, ſeit meiner Rückkehr an dieſen Hof habe ich an meinen Ruhm zu glauben aufgehört und auf alle meine Pläne Verzicht geleiſtet.“ „Jeſus! warum dies?“ „Habt Ihr denn nicht vor Allem geſehen, auf welch einen ſchmählichen Vertrag alle unſere Siege ausgelaufen ſind? Wären wir die Belagerung von Calais aufzuheben genöthigt geweſen, hätten die Eng⸗ länder noch die Häfen von Frankreich in ihrer Gewalt, hätte uns endlich die Niederlage auf allen Punk⸗ ten die Unzulänglichkeit unſerer Streitkräfte und die Unmöglichkeit, einen ungleichen Kampf fortzuſetzen, nachgewieſen, man würde keinen unvortheilhafteren und ſchmählicheren Vertrag unterzeichnet haben, als den von Cateau⸗Cambréſis.“ „Es iſt wahr, Monſeigneur, Jedermann beklagt, daß man ſo armſelige Früchte aus einer ſo herrlichen Ernte gezogen hat.“ „Wohl,“ fuhr der Herzog fort,„wie ſoll ich aber⸗ mals für Leute ſäen, welche ſo ſchlecht zu ernten wiſ⸗ ſen? Haben ſie mich nicht durch ihren ſchönen Frie⸗ densſchluß zur Unthätigkeit gezwungen? Mein Schwert iſt auf lange Zeit in der Scheide zu bleiben verurtheilt. Der überall und um jeden Preis ausgelöſchte Krieg löſcht zu gleicher Zeit auch meine glorreichen Träume „ — —— — 0— m i⸗ in n ie h ir t, it e f — — W MN 43 aus; und das iſt, unter uns geſagt, auch eines von den Dingen, die man geſucht hat.“ „Doch Ihr ſeid darum nicht minder mächtig, ſelbſt in dieſer Ruhe, gnädigſter Herr,“ entgegnete Gabriel. „Der Hof achtet Euch, das Volk betet Euch an, die Fremden fürchten Euch.“ „Ja, ich glaube, daß ich im Innern geliebt und auswärts gefürchtet bin,“ ſprach der Balafré;„doch Freund, ſagt nicht, man achte mich im Louvre. Wäh⸗ rend man öffentlich die ſicheren Reſultate unſerer Siege vernichtete, untergrub man auch meinen Privateihfluß. Als ich von dorther zurückkam, wen fand ich mehr als je in Gunſt? Den frechen Beſiegten von Saint-Lau⸗ rent, den Montmoreney, den ich verabſcheue!“ ſicherlich nicht mehr, als ich,“ ſprach Ga⸗ riel. „Durch ihn und für ihn iſt der Friede, über den wir Alle erröthen, geſchloſſen worden. Er begnügte ſich nicht damit, meine Anſtrengungen minder wirkſam zu machen; abermals wußte er in dem Vertrag für ſeine eigenen Intereſſen zu ſorgen, und er ließ ſich zum zwei⸗ ten oder dritten Mal ſein Löſegeld von Saint-Laurent zurückbezahlen. Er ſpeculirt ſogar auf ſeine Nieder⸗ lage und ſeine Schande.“ „Iſt das der Nebenbuhler, den der Herzog von Guiſe annimmt!“ verſetzte Gabriel mit einem verächt⸗ lichen Lächeln. „Er bebt darob, Freund, doch Ihr ſeht wohl, daß man ihm dieſen Menſchen voranſetzt! Ihr ſeht, daß der Connetable durch irgend etwas beſchützt wird, was ſtär⸗ ker iſt, als der Ruhm, durch irgend Jemand, der mäch⸗ tiger iſt, als der König ſelbſt! Ihr ſeht, daß meine Dienſte nie denen von Frau Diana von Poitiers gleich⸗ kommen werden, die der Blitz erſchlagen möge.“ „Oh! Gott höre Euch,“ murmelte Gabriel. „Aber was hat denn dieſe Frau dem König ange⸗ than? Wißt Ihr es, Freund?“ fuhr der Herzog von 44 Guiſe fort.„Hat das Volk Recht, wenn es von Lie⸗ bestränken und Zaubermitteln ſpricht? Ich denke, es gibt zwiſchen ihnen ein ſtärkeres Band, als die Liebe. Es muß nicht allein die Leidenſchaft ſein, was ſie an einander feſſelt, ſondern das Verbrechen. Ich würde ſchwören, unter ihren Erinnerungen finde ſich ein ſchwe⸗ rer Gewiſſensbiß. Es ſind nicht nur Liebende, es ſind Schuldgenoſſen“ Der Graf von Montgommery ſchauerte vom Schei⸗ tel bis zu den Zehen. laubt Ihr das nicht auch, Gabriel?“ fragte ihn der Balafré. „Ja, ich glaube es, Monſeigneur,“ antwortete Ga⸗ briel mit erſtickter Stimme. „Und wißt Ihr,“ ſagte der Herzog von Guiſe, „wißt Ihr, was ich zum Uebermaß der Demüthigung außer dem ungeheuerlichen Vertrag von Cateau⸗Cam⸗ bréſis als Lohn gefunden habe, als ich von der Armee zurückfam? Die unmittelbare Zurücknahme der mir ver⸗ liehenen Würde eines General⸗Lieutenant des König⸗ reichs. Dieſe außerordentlichen Functionen würden in Friedenszeiten unnütz, ſagte man mir. Und ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen, ohne mir zu danken, ſtrich man mir dieſen Titel, wie man ein altes Ge⸗ S das zu nichts mehr dient, in die Rumpelkammer wirft.“ „Iſt es möglich? Man hat nicht mehr Rückſich⸗ ten gegen Euch gehabt?“ verſetzte Gabriel, der das Feuer dieſer von Zorn entbrannten Seele ſchüren wollte. „Wozu mehr Rückſichten für einen überflüſſigen Diener?“ ſprach der Herzog mit den Zähnen knirſchend. „Bei Herrn von Montmorenchy iſt es etwas Anderes. Er iſt Connetable geblieben. Das iſt eine Ehrenſtelle, die man nicht mehr zurücknimmt, und die er durch vierzig Jahre der Niederlagen wohl verdient hat.„ Beim Kreuz von Lothringen! wenn der Kriegswind —————— 1— —— Ton 45⁵ abermal bläſt, da komme man wieder und flehe mich an, und beſchwöre mich, und nenne mich den Retter des Vaterlandes! ich werde ſie zu ihrem Connetable ſchicken. Dieſer rette ſie, wenn er kann! Es iſt ſein Geſchäft und die Pflicht ſeines Amtes Ich, was mich betrifft, nehme, da ſie mich zum Müßiggang verurtheilen, den Spruch an und ruhe bis auf beſſere Zeiten.“ Nach einer Pauſe erwiederte Gabriel mit ernſtem e: „Dieſer Eniſchluß von Eurer Seite iſt ärgerlich, gnädigſter Herr, und ich beklage ihn; denn ich kam ge⸗ rade, um Euch einen Vorſchlag zu machen.“ 6 „Unnütz, Freund, unnütz!“ verſetzte der Balafré, „mein Entſchluß iſt gefaßt. Der Friede, ich wiederhole es Euch und Ihr wißt es wohl, benimmt uns auch jeden Vorwand, uns Ruhm zu erwerben.“ „Verzeiht, gnädigſter Herr,“ entgegnete Gabriel, „es iſt gerade der Friede, was meinen Vorſchlag aus⸗ führbar macht.“ „Wahrhaftig?“ rief Franz von Lothringen in Ver⸗ ſuchung geführt.„Iſt es etwas Kühnes wie die Be⸗ lagerung von Calais?“ „Es iſt etwas noch Kühneres, Monſeigneur.“ „Wie ſo?“ fragte erſtaunt der Herzog von Guiſe. „Ich muß geſtehen, Ihr erregt meine Neugierde unge⸗ mein.“ „Ihr erlaubt mir alſo, zu ſprechen?“ „Ganz gewiß, ich bitte Euch darum.“ „Wir ſind wohl allein hier?“ „Ganz allein, keine lebende Seele hört uns.“ „Nun wohl, gnädigſter Herr,“ ſprach Gabriel ent⸗ ſchloſſen,„hört, was ich Euch zu ſagen habe. Dieſer König, dieſer Connetable wollen ſich Eurer überheben; überhebt Euch ihrer! Sie haben Euch den Titel eines General⸗Lieutenant des Königreichs entzogen, nehmt ihn wieder an!“ Die beiden Dianen. W. 4 46 „Wie? Erklärt Euch!“ „Gnädigſter Herr, die auswärtigen Fürſten fürchten Euch, das Volk liebt Euch, die Armee iſt Euch ganz und gar ergeben. Ihr ſeid ſchon mehr König in Frank⸗ reich, als der König. Ihr ſeid König durch das Genie, er iſt es nur durch die Krone. Wagt es, als Herr zu ſprechen, und Alle werden Euch als Unterthanen hören. Wird Heinrich II. ſtärker ſein in ſeinem Louvre, als Ihr in Eurem Lager? Derjenige, welcher mit Euch ſpricht, wäre glücklich und ſtolz, Euch zuerſt: Eure Majeſtät, zu nennen.“ „Das iſt in der That ein verwegener Plan,“ ſagte der Herzog von Guiſe. Doch er ſah nicht ſehr aufgebracht aus. Er lä⸗ chelte ſogar unter ſeinem geheuchelten Erſtaunen. „Ich bringe einen verwegenen Plan einer außer⸗ ordentlichen Seele,“ fuhr Gabriel mit feſtem Tone fort. „Ich ſpreche für das Wohl von Frankreich: es braucht einen großen Mann als König. Iſt es nicht unſelig, daß allen Euren Ideen der Größe und der Eroberung ſchmählich durch die Laune einer Courtiſane und durch die Eiferſucht eines Günſtlings Feſſeln angelegt werden? Wenn Ihr einmal frei und Meiſter wäret, wo würde Euer Genie Halt machen? Ihr würdet Karl den Gro⸗ ßen erneuern!“ 4 „Ihr wißt, daß das Haus Lothringen von ihm abſtammt!“ rief raſch der Balafré. „Niemand zweifelt daran, wenn man Euch handeln ſieht. Seid Eurerſeits für die Valvis ein Hugo Capet.“ „Ja, aber wenn ich nur ein Connetable von Bour⸗ bon wäre?“ „Ihr verleumdet Euch, gnädigſter Herr. Der Con⸗ netable von Bourbon rief die Fremden, die Feinde zu Hülfe. Ihr würdet Euch nur der Kräfte des Vater⸗ landes bedienen.“. „Aher dieſe Kräfte, über die ich Eurer Anſicht nach 4 verfügen könnte, wo ſind ſie?“ fragte der Balafré. * ten inz nk⸗ ie, zu en. als uch ure gte lã⸗ er⸗ rt. cht ig, ing n? rde ro⸗½ hm eln t ur⸗ on⸗ zu ter⸗ 47 „Zwei Parteien bieten ſich Euch.“ „Welche? Denn ich laſſe Euch in der That ſpre⸗ chen, als ob dies Alles nicht eine Chimäre wäre. Welche Parteien ſind dies?“ „Die Armee und die Reform, Monſeigneur,“ aut⸗ wortete Gabriel.„Ihr könnt vor Allem ein Militär⸗ chef ſein.“ „Ein Uſurpator!“ verſetzte der Balafré. „Sagt ein Eroberer! Doch wenn Ihr lieber wollt, gnädigſter Herr, ſeid der König der Hugenotten.“ „Und der Prinz von Condé?“ entgegnete lächelnd der Herzog von Guiſe. „Er hat den Reiz und die Gewandtheit, doch Ihr habt die Größe und den Glanz. Glaubt Ihr, Calvin würde zwiſchen Euch Beiden zögern? Man muß doch geſtehen, daß es der Sohn des Böttchers von Noyon iſt, der über ſeine Partei verfügt. Sprecht ein Wort, und morgen ſtehen dreißigtauſend Reformirte zu Euren Befehlen.“ „Aber ich bin ein katholiſcher Fürſt, Gabriel.“ „Die Religion der Männer wie Ihr, gnädigſter Herr, iſt der Ruhm.“ „Ich würde mich mit Rom entzweien.“ „Das wird ein Vorwand ſein, um es zu erobern.“ „Freund, Freund,“ ſagte der Herzog von Guiſe, Wre er Gabriel feſt anſchaute,„Ihr haßt Heinrich I. ehr.“ „Eben ſo ſehr, als ich Euch liebe, gnädigſter Herr,“ der junge Mann mit einer edlen Offenher⸗ zigkeit. „Ich liebe die Aufrichtigkeit, Gabriel,“ erwiederte der Balafré mit ernſtem Ton,„und um es Euch zu be⸗ weiſen, will ich meinerſeits auch ganz offenherzig mit Euch ſprechen.“ „Und mein Herz wird ſich für immer über Eurem Geſtändniß ſchließen.“ „Hört alſo,“ ſagte Franz von Lothringen;„ich * kann es nicht leugnen, ſchon oft habe ich in meinen Träumen das Ziel im Auge gehabt, das Ihr mir heute zeigt; doch Ihr werdet mir ohne Zweifel zugeben, Freund, daß man, wenn man ſich nach einem ſolchen Ziele in Marſch ſetzt, wenigſtens es zu erreichen ſicher ſein muß, und daß zu frühzeitig eine ſolche Partie wagen ſie ver⸗ lieren wollen heißt?“ „Das iſt wahr!“ „Nun wohl! denkt Ihr wirklich, mein Trachten ſei reif und die Zeiten ſeien günſtig? So tiefe Stöße und Erſchütterungen müſſen lange zuvor vorbereitet ſein; die Geiſter müſſen ganz gerüſtet ſein, ſie anzu⸗ nehmen. Glaubt Ihr aber, man ſei ſchon heute, ſo zu ſagen, zum Voraus an den Gedanken einer Regierungs⸗, veränderung gewöhnt?“ „Man würde ſich daran gewöhnen!“ „Ich bezweifle es,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Ich habe Armeen befehligt, ich habe Metz vertheidigt und Calais gewonnen, ich bin zweimal General⸗Lieute⸗ nant des Königreichs geweſen. Doch das iſt noch nicht genug. Ich habe mich noch nicht hinreichend der könig⸗ lichen Gewalt genähert! Es gibt allerdings Unzufrie⸗ dene; aber Parteien ſind kein Volk. Heinrich II. iſt jung, verſtändig und brav. Er iſt der Sohn von Franz I. Es iſt keine Gefahr im Verzug, daß man varan denken müßte, ihn des Thrones zu entſetzen.“ „Ihr zögert alſo, Monſeigneur?“ fragte Gabriel. „Ich thue noch mehr, Freund, ich weiſe es von mir,“ antwortete der Balafré.„Ach! wenn morgen durch einen Unfall oder durch eine Krankheit Heinrich M. plötzlich ſterben würde?...“ „Er denkt auch hieran!“ ſagte Gabriel zu ſich ſelbſt. Dann ſprach er laut:„Nun! wenn dieſer un⸗ vorhergeſehene Schlag ſich verwirklichte, Monſeigneur, was würdet Ihr thun?“ Unter einem jungen, unerfahrenen, ganz meiner Diseretion anheimgegebenen König würde ich gewiſſer⸗ —— 6 „„ n te d, n , i e t — ——** N 3 8 8 v * 49 maßen Regent des Reiches. Und wenn die Königin Mutter, oder auch der Herr Connetable es ſich einfäl⸗ len ließen, Oppoſition gegen mich zu bilden, wenn die Reformirten ſich empörten, wenn endlich der Staat in Gefahr eine feſte Hand am Steuerruder forderte, ſo würden die Gelegenheiten gleichſam von ſich ſelbſt ent⸗ ſtehen, und ich wäre beinahe nothwendig. Dann, ich leugne es nicht, wären Eure Pläne vielleicht willkom⸗ men, Freund, und ich würde Euch anhören.“ „Aber bis dahin, bis zu dieſem ſehr unwahrſchein⸗ lichen Tod des Königs?„ „Werde ich mich fügen, werde ich mich darauf be⸗ ſchränken, daß ich die Zukunft vorbereite. Und wenn die in meinen Geiſt geſtreuten Keime erſt für meinen Sohn in Thaten reifen, ſo hat es Gott ſo wollen.“ „Iſt das Euer letztes Wort, gnädigſter Herr?“ „Es iſt mein letztes. Doch ich danke Euch darum nicht minder, daß Ihr dieſes Zutrauen zu meinem Ge⸗ ſchick gehabt habt.“ „Und ich, gnädigſter Herr, ich danke Euch, daß Ihr dieſes Zutrauen zu meiner Diseretion gehabt habt.“ „Ja,“ ſagte der Herzog,„dies Alles iſt todt unter uns, das iſt abgemacht.“ „Und nun entferne ich mich,“ fügte Gabriel auf⸗ ſtehend bei. „Wie? ſchon!“ ſagte der Herzog von Guiſe. „Ja, gnädigſter Herr, ich weiß, was ich wiſſen wollte. Ich werde mich Eurer Worte erinnern: ſie ſind in meinem Herzen in Sicherheit, doch ich werde mich derſelben erinnern. Entſchuldigt mich, ich mußte mich verſichern, ob der königliche Ehrgeiz des Herzogs von ſchon befriedigt ſei. Gott befohlen, gnädigſter err.“ „Auf Wiederſehen, Freund.“ Gabriel verließ die Tournelles trauriger und un⸗ ruhiger als er ſie betreten hatte. „Ach!“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„von dieſen zwei menſchlichen Hülfsmächten, auf die ich gerechnet habe, wird mich keine unterſtützen. Es bleibt mir Gott!“ V. Ein gefährlicher Schritt. In ihrem königlichen Louvre lebte Diana von Ca⸗ ſtro unter beſtändigen Schmerzen und in tödtlicher Herzensangſt. Es war nicht jedes Band zwiſchen ihr und demjeni⸗ gen, welchen ſie ſo ſehr liebte, abgebrochen. Beinahe jede Woche kam der Page André in die Rue des Jardins Saint⸗Paul und erkundigte ſich bei Aloyſe nach Ga⸗ briel. Die Nachrichten, welche er Diana zurückbrachte, waren nicht ſehr beruhigend. Der junge Graf von Montgommery blieb ſtets gleich ſchweigſam, gleich dü⸗ ſter. Die Amme ſprach von ihm nur mit Thränen in den Augen und Bläſſe im Geſicht. Diana zögerte lange. Endlich, an einem Morgen, im Monat Juni, faßte ſie einen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß, um ihren Befürchtungen ein Ende zu machen. Sie hüllte ſich in einen ſehr einfachen Mantel, verbarg ihr Geſicht unter einem Schleier und verließ zur Stunde, wo man kaum im Schloß erwachte, den Louvre, nur von André begleitet, um ſich zu Gabriel zu begeben. Da er ſie mied, da er ſchwieg, ſo würde ſie zu ihm gehen, um endlich den Grund ſeines Schweigens zu erfahren. Eine Schweſter konnte wohl ihren Bruder beſu⸗ chen: war es ſogar nicht ihre Pflicht, ihn zu warnen oder zu troſten? be, 5¹ Leider ſollte der ganze Muth, den Diana gebraucht hatte, um ſich zu dieſem Schritt zu entſchließen, unnütz werden. Gabriel hatte die Gewohnheit des Umherſchweifens noch nicht ganz verloren, und er wählte hiezu auch die einſamen Stunden. Als Diana mit bewegter Hand an die Thüre ſeines Hauſes klopfte, war er ſchon mehr als eine halbe Stunde ausgegangen. Ihn erwarten? Man wußte nie, wann er zurück⸗ kehren würde. Und eine zu lange Abweſenheit aus dem Louvre konnte Diana Verleumdungen ausſetzen. Gleichviel! ſie würde wenigſtens die Zeit warten, die ſie ihm hatte widmen wollen. Sie erkundigte ſich nach Aloyſe; es war ihr auch Bedürfniß, dieſe zu ſehen und ſelbſt zu befragen. André ließ ſeine Gebieterin in ein abgelegenes Zimmer eintreten und benachrichtigte eiligſt die Amme. Seit Jahren, ſeit den glücklichen Tagen von Mont⸗ gommery und Vimoutiers hatten ſich Aloyſe und Diana, die Frau aus dem Volke und die Tochter des Königs, nicht wieder geſehen. Aber Beider Leben war von dem⸗ ſelben Gedanken erfüllt; dieſelbe Unruhe erfüllte aber⸗ mals ihre Tage mit Befürchtungen, ihre Nächte mit Schlafloſigkeit. Als ſich Aloyſe haſtig eintretend vor Frau von Caſtro verneigen wollte, warf ſich Diana wie früher in die Arme der guten Frau, küßte ſie und ſprach, auch wie früher: „Theure Amme!.. „Wie! gnädige Frau,“ ſagte Aloyſe bis zu Thrä⸗ nen bewegt,„Ihr erinnert Euch alſo meiner noch, Ihr erkennt mich?.. „Ob ich mich Deiner erinnere! ob ich Dich erken⸗ ne!“ erwiederte Diana;„das iſt, als müßte ich mich nicht mehr des Hauſes von Enguerrand erinnern! als vermöchte ich nicht mehr das Schloß Montgommery zu erkennen!“ 52 Aloyſe ſchaute jedoch Diana aufmerkſam an, faltete die Hände und rief zugleich lächelnd und ſeufzend: „Wie ſchön ſeid Ihr!“ Sie lächelte, denn ſie hatte das junge Mädchen, 1 das eine ſo ſchöne Dame geworden, ſehr geliebt. Sie ſeuſgte⸗ denn ſie ermaß den ganzen Schmerz von Ga⸗ riel. Diana verſtand den zugleich ſchwermüthigen und entzückten Blick von Aloyſe und ſagte haſtig, während ſie zugleich ein wenig erröthete: „Ich bin nicht gekommen, um von mir zu ſpre⸗ chen, Amme.“ „Von ihm etwa?“ fragte Aloyſe. „Von wem ſonſt? vor Dir kann ich mein Herz öffnen. Welch ein Unglück, daß ich ihn nicht gefunden habe; ich kam, um ihn zu tröſten, und zugleich um mich ſelbſt zu tröſten. Wie iſt er? Nicht wahr ſehr düſter und ſehr troſtlos? Warum hat er mich nicht ein ein⸗ ziges Mal im Lonvre beſucht? Was ſagt er, was thut er? Sprich! ſprich doch, Amme!“ „Ach! gnädige Frau,“ erwiederte Aloyſe,„Ihr habt ſehr Recht, wenn Ihr glaubt, er ſei düſter und troſtlos. Stellt Euch vor..“ Diana unterbrach die Amme: „Warte doch, gute Aloyſe; ehe Du anfängſt, habe ich Dir Eines zu empfehlen. Siehſt Du, ich würde bis morgen bleiben und Dich anhören, ohne müde zu wer⸗ den, ohne zu bemerken, wie die Zeit entflieht. Doch ich muß nach dem Louvre zurückkehren, ehe man meine Abweſenheit bemerkt hat. Verſprich mir alſo, daß Du mich, wenn ich eine Stunde bei Dir geweſen bin, mag er nach Hauſe gekommen ſein oder nicht, davon be⸗ nachrichtigſt und mich wegſchickſt.“ „Ach! gnädige Frau, ich dürfte auch die Stunde vergeſſen, denn ich würde eben ſo wenig müde werden, mit Euch zu ſprechen, als Ihr, mich zu hören.“ ete en, 5ie za⸗ nd re⸗ erz en ich ter in⸗ ut hr nd be is r⸗ ich ne du e de n, ——— 53 „Wie ſoll man das machen?“ verſetzte Diana,„ich befürchte die Schwäche von uns Beiden.“ „Geben wir einer dritten Perſon den harten Auf⸗ trag,“ ſagte Aloyſe. „Gut!„André.“ Der Page, der in einem anſtoßenden Zimmer ge⸗ blieben war, verſprach, an die Thüre zu klopfen, wenn eine Stunde abgelaufen wäre. „Und nun,“ ſagte Diana, während ſie ſich wieder zu der Amme ſetzte,„und nun laß uns nach unſerer Bequemlichkeit und ruhig, wenn auch leider nicht fröh⸗ lich, ſprechen.“ Doch dieſe Unterredung bot für die zwei betrübten Frauen viel Bitteres und viele Schwierigkeiten. Vor Allem wußte keine von Beiden genau, wie weit die Andere in die furchtbaren Geheimniſſe des Hau⸗ ſes Montgommery eingeweiht war. Dann gab es in dem, was Aloyſe von dem vor⸗ hergehenden Leben ihres jungen Gebieters wußte, ſo viele beunruhigende Lücken, die ſie zu deuten für ſich ſelbſt bange hatte. Auf welche Weiſe ſollte ſie ſeine Abweſenheit, ſeine plötzlichen Rückkehren, ſeine häufige Unruhe und ſein Stillſchweigen ſogar erklären? Dann ſagte die Amme Diana Alles, was ſie wußte, Alles, was ſie wenigſtens ſah, und Diana, welche auf die Amme horchte, fand ohne Zweifel eine große Wonne darin, von Gabriel ſprechen zu hören, aber auch einen großen Schmerz, ſo traurig von ihm ſprechen zu hören. In der That, die Mittheilungen von Aloyſe waren nicht geeignet, die Herzensangſt von Frau von Caſtro zu beſchwichtigen, ſie vermehrten ſie eher, und dieſer le⸗ bendige Zenge der Zerriſſenheit und der Ohnmacht des jungen Mannes vergegenwärtigte Diana gleichſam alle Qualen dieſes unſelig bewegten Lebens. Diana konnte ſich immer mehr überzeugen, daß es, wenn ſie diejenigen, welche ſie liebte, retten wollte, die höchſte Zeit war, ins Mittel zu treten. 54 Selbſt unter den ſchmerzlichſten Mittheilungen und Bekenntniſſen geht eine Stunde ſchnell vorüber. Diana und Aloyſe bebten ganz erſtaunt, als ſie André an die Thüre klopfen hörten. „Wiel ſchon?“ riefen ſie gleichzeitig. Oh! das iſt ſchlimm,“ ſagte Diana,„doch ich werde noch ein Viertelſtündchen bleiben.“ „Madame, nehmt Euch in Acht,“ entgegnete die Amme. „Du haſt Recht, Amme, ich muß, ich will gehen. Noch ein Wort: bei Allem, was Du mir von Gabriel geſagt, haſt Du es unterlaſſen, wie mir ſcheint.. kurz, ſpricht er denn nie von mir?“ „Nie, Madame, ich geſtehe es.“ „Oh! er thut wohl daran!“ ſagte Diana mit einem Seufzer. „Und er würde noch beſſer daran thun, auch nie an Euch zu denken.“ „Du glaubſt alſo, daß er an mich denkt, Amme?“ fragte raſch Frau von Caſtro. „Ich bin deſſen nur zu ſicher, gnädige Frau.“ „Er meidet mich jedoch ſorgfältig, er meidet den Louvre.“ „Wenn er den Louvre meidet, Madame,“ ent⸗ gegnete Alohſe den Kopf ſchüttelnd,„ſo geſchieht es nicht wegen des Gegenſtandes, den er liebt.“ „Ich verſtehe,“ dachte Diana ſchauernd,„es ge⸗ ſchieht wegen des Gegenſtandes, den er haßt. Oh!.. 6 ſie laut,„ich muß ihn ſehen, es muß durchaus ein.“ „Gnädige Frau, ſoll ich ihm in Eurem Auftrag ſagen, er möge Euch im Louvre aufſuchen?“ „Nein! nein! nicht im Louvre,“ verſetzte Diana voll Schrecken;„er komme nicht in den Louvre! Ich werde ſehen, ich werde eine Gelegenheit erlauern, wie die von dieſem Morgen. Ich werde wieder hierher kommen.“ und ana die die en. riel rz, em nie 20 55 „Doch wenn er abermals ausgegangen iſt,“ ent⸗ gegnete Aloyſe;„und in welcher Woche, an welchem Tage werdet Ihr kommen? Wißt Ihr es ungefähr? Er würde warten, wie Ihr Euch wohl denken könnt.“ „Ach! wie vermöchte ich, eine arme Königstochter, vorherzuſehen, in welchem Augenblick, an welchem Tag ich frei ſein werde? Doch wenn es ſein kann, ſchicke ich André mit einer Nachricht.“ Befürchtend, man habe ihn nicht gehört, klopfte der Page in dieſer Sekunde zum zweiten Male an die Thüre und rief: „Gnädigſte Frau, die Straßen und die Umgebung des Louvre fangen an ſich zu beleben.“ „Ich komme, ich komme,“ antwortete Frau von Caſtro.„Auf! wir müſſen uns trennen, gute Amme,“ ſagte ſie leiſe zu Aloyſe.„Umarme mich, Du weißt, wie zur Zeit, da ich noch ein Kind, da ich noch glück⸗ lich war.“ Und während Aloyſe ſie, ohne ein Wort ſprechen zu können, eng umſchloſſen hielt, ſagte ſie ihr ins Ohr; „Wache über ihm, pflege ihn.“ „Wie da er noch ein Kind, da er noch glücklich war.“ „Beſſer! oh! beſſer noch! Aloyſe; in jener Zeit bedurfte er der Sorge nicht ſo ſehr.“ Diana verließ das Haus, ehe Gabriel zurückge⸗ kehrt war. Eine halbe Stunde nachher befand ſie ſich wieder, ohne auf ein Hinderniß geſtoßen zu ſein, in ihrer Woh⸗ nung im Louvre. Doch wenn die Folgen des Schrit⸗ tes, den ſie gemacht, ſie nicht mehr beunruhigten, ſo fühlte ſie nur um ſo lebhafter ihre Angſt in Beziehung auf die unbekannten Pläne von Gabriel. Die Ahnungen einer liebenden Frau ſind die klarſten und unbeſtreitbarſten Prophezeiungen. 56 Gabriel kehrte erſt nach Hauſe zurück, als der Tag weit vorgerückt war. Es herrſchte an dieſem Tage eine große Hitze. Er Suznüde am Körper, aber noch viel mehr müde am eiſt. Doch als Aloyſe den Namen von Diana nannte, und ihm ihren Beſuch mittheilte, richtete er ſich auf, belebte er ſich wieder, ganz zitternd und bebend. 2„Was wollte ſie? Was hat ſie geſagt?.. Was hat ſie gemacht?. Oh! warum war ich nicht da! Doch ſprich, ſage mir Alles, Aloyſe, alle ihre Worte, alle ihre Geberden.“ Nun war die Reihe an ihm, gierig die Amme zu befragen, wobei er ihr kaum Zeit zum Antworten ließ. „Sie will mich ſehen?2“ rief er.„Sie hat mir etwas zu ſagen? Doch ſie weiß nicht, wann ſie wie⸗ derkommen kann? Oh! Du begreifſt, ich kann nicht in dieſer Ungewißheit warten, Aloyſe. Ich will ſogleich in den Louvre gehen.“ „In den Louvre, Jeſus!“ rief die Amme ganz er⸗ ſchrocken. „Ei! ganz gewiß,“ antwortete Gabriel ruhig.„Ich denke, ich bin nicht aus dem Louvre verbannt und dem⸗ jenigen, welcher in Calais Frau von Caſtro befreit hat, ſteht wohl das Recht zu, ihr in Paris ſeine Hul⸗ digung darzubringen.“ „Sicherlich,“ ſagte Aloyſe ganz zitternd.„Doch Frau von Caſtro hat beſonders empfohlen, Ihr möget ſie nicht im Louvre beſuchen.“ „Sollte ich etwas dort zu befürchten haben?“ ent⸗ gegnete Gabriel mit ſtolzem Tone.„Das wäre ein Grund mehr, dahin zu gehen.“ „Nein,“ ſagte die Amme;„Frau von Caſtro be⸗ fürchtet wahrſcheinlich ihretwegen.“ „Ihr Ruf hätte noch viel mehr bei einem gehei⸗ men, verſtohlenen Schritt zu leiden, wenn er entdeckt würde, als bei einem öffentlichen Beſuche am hellen ⸗ 57 Tage, wie ich ihr einen zu machen gedenke, wie ich ihn heute, wie ich ihn ſogleich machen werde.“ Und er rief, um ſeine Kleider wechſeln zu laſſen. „Aber, gnädiger Herr,“ ſprach die arme Aloyſe, die ihre Gründe erſchöpft hatte,„Ihr ſelbſt vermiedet bis jetzt den Lvuvre, Frau von Caſtro hat es bemerkt. Ihr wolltet ſie nicht ein einziges Mal ſeit ihrer Rück⸗ kehr beſuchen.“ „Ich beſuchte Frau von Caſtro nicht, da ſie mich nicht rief,“ antwortete Gabriel.„Ich vermied den Louvre, ſo lange ich keinen Beweggrund hatte, dahin zu gehen; doch heute, ohne daß meine Thätigkeit in irgend einer Hinſicht vermittelt hat, fordert mich etwas Unwiderſtehliches auf, Frau von Caſtro wünſcht mich zu ſehen. Ich habe geſchworen, Aloyſe, meinen Willen in mir ſchlummern, ſtets aber das Geſchick und Gott walten zu laſſen, und ich begebe mich auf der Stelle in den Louvre.“ So ſollte der Schritt von Diana das Gegentheil von dem, was ſie gewünſcht hatte, zur Folge haben. VI. Die Unblugheit der Vorſicht. Gabriel drang ohne Widerſtand in den Louvre. Seit der Einnahme von Calais war der Name des jungen Grafen von Montgommery zu oft ausgeſprochen worden, als daß man hätte daran denken ſollen, ihm den Eintritt in die Gemächer von Frau von Caſtro zu verwehren. 58 Diana beſchäftigte ſich in dieſem Augenblick, allein mit einer ihrer Frauen, mit einer Stickerei. Oft ließ ſie ihre Hand finken und dachte träumeriſch an ihre Unterredung am Morgen mit Aloyſe. Plötzlich trat André ganz beſtürzt ein und mel⸗ dete: „Gnädige Frau, der Herr Vicomte d'Exmoés.“ Der Knabe hatte ſich noch nicht abgewöhnt, ſeinem alten Herrn dieſen Namen zu geben. „Wer? Herr d'ermes hier?“ wiederholte Diana erſtaunt. „Madame, er folgt mir auf dem Fuß,“ antwortete der Page.„Hier iſt er.“ Gabriel erſchien an der Thüre, ſo gut als möglich ſeine Erſchütterung bewältigend. Er verbeugte ſich tief vor Frau von Caſtro, welche Anfangs in ihrer Beſtür⸗ zung ſeinen Gruß nicht erwiederte. Doch ſie entließ mit einer Geberde den Pagen und die Kammerfrau. Als Diana und Gabriel allein waren, gingen ſie auf einander zu, reichten und drückten ſie ſich die Hände. So blieben ſie mit verſchlungenen Händen eine Minute lang und ſchauten ſich ſtillſchweigend an. „Ihr hattet die Güte, zu mir zu kommen, Diana,“ ſprach Gabriel endlich mit tiefer Stimme.„Ihr woll⸗ tet mich ſehen, Ihr hattet mit mir zu ſprechen, und ich bin herbeigelaufen.“ „Hat Euch mein Schritt erſt belehrt, daß es für mich ein Bedürfniß iſt, Euch zu ſehen, Gabriel, wußtet Ihr das nicht ohnedies?“ „Diana,“ erwiederte Gabriel mit einem traurigen Lächeln,„ich habe anderswo Proben von meinem Muth abgelegt, und kann wohl ſagen, daß ich hierher in den Louvre gehend bange gehabt hätte.“ „Bange, wovor?“ fragte Diana, welche ſelbſt vor ihrer Frage Furcht hatte. X ein ieß hre el⸗ na ete ich tief ür⸗ en ſie die ine l⸗ ich ür tet en h en 59 „Bange vor Euch bange vor mir!...“ ant⸗ wortete Gabriel. „Und deshalb habt Ihr es vorgezogen, unſere alte Zuneigung zu vergeſſen? Ich ſpreche von der recht⸗ mäßigen und heiligen Seite dieſer Zuneigung?“ fügte ſie eiligſt bei. „Ich hätte es vorgezogen, eher Alles zu vergeſſen, als von ſelbſt in dieſen Louvre zurückzukehren; ich muß es geſtehen. Doch, ach! ich habe es nicht vermocht, und der Beweis. „Der Beweis?“ „Der Beweis iſt, daß ich Euch überall und immer ſuche; iſt, daß ich, während ich Eure Gegenwart fürchtete, Alles in der Welt gegeben hätte, um Euch eine Minute in der Ferne zu erblicken. Der Beweis iſt, daß ich, während ich in Paris, in Fontainebleau, in Saint⸗Germain und in der Nähe der königlichen Schlöſſer umherſchweifte, ſtatt das zu wünſchen, was ich, wie man glaubte, belauerte, Euch, Euren reizenden, ſüßen Anblick, Euer Kleid zwiſchen den Bäumen auf einer Terraſſe erſchaut wünſchte, herbeirief, wollte! Der Beweis iſt endlich, daß Ihr nur einen Schritt mir entgegen zu machen hattet, um mich Klugheit, Pflicht, Angſt, Schrecken, Alles vergeſſen zu laſſen. Und nun bin ich in dem Louvre, den ich fliehen mußte! Und ich beantworte alle Eure Fragen. Und ich fühle, daß dies Alles gefährlich, wahnfinnig iſt, und dennoch thue ich dies Alles. Diana, habt Ihr damit Proben genug?“ „Ja, ja, Gabriel,“ erwiederte ſie haſtig und ganz zitternd. „Ah! wie viel vernünftiger wäre es von mir ge⸗ weſen, auf meinem feſten Entſchluß zu beharren, Euch nicht mehr zu ſehen, zu entfliehen, wenn Ihr mich ru⸗ fen, zu ſchweigen, wenn Ihr fragen würdet! Das wäre beſſer für Euch und für mich geweſen, glaubt es mir, Diana. Ich wußte, was ich that; ich zog für 60 Euch noch die Unruhe, die Schmerzen vor. Mein Gott! warum bin ich ohne Kraft gegen Eure Stimme, gegen Euren Blick?.. Diana fing an zu begreifen, ſie könnte Unrecht ge⸗ habt haben, aus ihrer tödtlichen Unentſchloſſenheit her⸗ auszutreten. Jeder Gegenſtand des Geſprächs war ein Schmerz, jede Frage war eine Gefahr. Zwiſchen die⸗ ſen zwei Weſen, welche Gott vielleicht für das Glück geſchaffen hatte, konnte es durch die Handlungen der ſerſcen nur noch Mißtrauen, Gefahr und Unglück geben. Doch da Diana das Schickſal ſo herausgefordert, ſo wollte ſie ihm nicht entfliehen; ſie wollte den ganzen Abgrund erforſchen, den ſie verſucht hatte, und ſollte ſie auch in ſeiner Tiefe nur die Verzweiflung und den Tod finden. Nach einem nachdenkenden Stillſchweigen ſprach ſie: „Es lag mir aus zwei Gründen daran, Euch zu ſehen, Gabriel: einmal hatte ich Euch eine Erklärung Zu geben, und dann wollte ich mir eine von Euch er⸗ bitten.“ „Sprecht, Diana. Oeffnet und zerreißt mein Herz nach Eurem Belieben: es gehört Euch.“ „Zuerſt war es für mich ein Bedürfniß, Gabriel, Euch auseinanderzuſetzen, warum ich nicht, ſobald ich Eure Botſchaft erhalten, ſogleich den Schleier nahm, den Ihr mir zurückſchicktet, und nicht auf der Stelle in ein Kloſter trat, wie ich dies als mein Vorhaben bei unſerer letzten und ſchmerzlichen Zuſammenkunft in Ca⸗ lais ausgeſprochen hatte.“ „Habe ich Euch den geringſten Vorwurf hierüber gemacht? Ich ließ Euch im Gegentheil durch André ſagen, ich gebe Euch Euer Verſprechen zurück. Das war von mir nicht ein leeres Wort, ſondern eine wirk⸗ liche Abſicht.“ „Es war auch meine wirkliche Abſicht, Nonne zu * 61 werden, Gabriel, und dieſe Abſicht iſt bis jetzt nur ver⸗ tagt, Wißt das wohl.“ „Und warum, Diana? warum auf dieſe Welt ver⸗ zichten, für die Ihr gemacht ſeid?“ „Euer Gewiſſen beruhige ſich über dieſen Punkt, mein Freund,“ ſprach Diana;„nicht ſowohl um dem Eid gehorſam zu ſein, den ich Euch geleiſtet habe, als um den geheimen Wunſch meiner Seele zu befriedigen, will ich dieſe Welt, wo ich ſo viel gelitten, verlaſſen. Ich bedarf ſehr des Friedens und der Ruhez und ich wüßte die Ruhe nunmehr nur bei Gott zu finden. Beneidet mich nicht um dieſe letzte Zufluchtsſtätte!“ „Oh! doch, ich beneide Euch!“ rief Gabriel. „Ich habe nur meinen unwiderruflichen Entſchluß aus einem Grund nicht ſogleich ausgefühtt: ich wollte darüber wachen, daß Ihr die in meinem letzten Briefe enthaltene Bitte erfülltet, daß Ihr Euch nicht zum Richter und Beſtrafer machtet, daß Ihr Gott nicht zu⸗ vorkämet.“ „Wenn man ihm je zuvorkommt,“ ſagte Gabriel halb leiſe. „Endlich,“ fuhr Diana fort,„endlich hoffte ich im Falle der Noth mich zwiſchen diejenigen, welche ich liebe und die ſich haſſen, werfen und, wer weiß? ein Unglück oder ein Verbrechen verhüten zu können. Grollt Ihr mir wegen dieſes Gedankens, Gabriel?“ „Man kann den Engeln nicht wegen deſſen grol⸗ len, was ihrer Natur gemäß iſt,“ ſagte Gabriel.„Ihr ſeid edelmüthig geweſen, und das iſt ganz einfach.“ „Ei!“ rief Frau von Caſtro,„weiß ich ſelbſt, ob ich edelmüthig geweſen bin? weiß ich wenigſtens, bis auf welchen Grad ich es bin? Ich verzeihe in der Finſterniß und auf den Zufall, und das iſt es gerade, worüber ich Euch zu fragen habe, Gabriel; denn ich will mein Geſchick in ſeinem ganzen Entſetzen kennen.“ „Diana! Diana! das iſt eine unſelige Neugierde.“ Die beiden Dianen. 1v. 5 62 „Gleichviel,“ erwiederte Diana.„Ich werde nicht einen Tag länger in dieſer furchtbaren Beklemmung ausharren! Sagt mir, Gabriel, habt Ihr endlich die Ueberzeugung erhalten, daß ich wirklich Eure Schwe⸗ ſter bin? oder habt Ihr ganz und gar jede Hoffnung verloren, die Wahrheit über dieſes ſeltſame Geheimniß zu erfahren? Antwortet mir, ich bitte Euch, ich flehe Euch an.“ „Ich werde antworten,“ ſprach Gabriel traurig. „Diana, ein ſpaniſches Sprichwort ſagt, man müſſe immer auf das Schlimmſte gefaßt ſein. Ich habe mich daher ſeit unſerer Trennung daran gewöhnt, Euch in meinem Geiſte als meine Schweſter zu betrachten. Doch der Wahrheit gemäß muß ich ſagen, daß ich keine neuen Beweiſe erlangt habe. Nur habe ich, wie Ihr bemerktet, keine Hoffnung, kein Mittel mehr, ſolche zu erlangen.“ „Gott des Himmels!“ rief Diana.„Der„der⸗ jenige, welcher dieſe Beweiſe liefern ſollte, lebte er nicht mehr bei Eurer Rückkehr von Calais?“ „Er lebte noch, Diana.“ „Dann ſehe ich, daß man Euch das heilige Ver⸗ ſprechen, welches man Euch geleiſtet, nicht gehalten hat. Doch wer hat mir denn geſagt, der König habe Euch vortrefflich aufgenommen?“ „Man hat ſtrenge Alles gehalten, was man mir verſprach, Diang.“ „Oh! Gabriel, mit welch einer finſteren Miene ſagt Ihr mir das? Heilige Mutter Gottes, was für ein ſchreckliches Räthſel ſteckt hierunter?“ „Ihr habt es verlangt, Ihr ſollt Alles erfahren,“ erwiederte Gabriel.„Ihr ſollt bis zum Ende die Hälfte meines furchtbaren Geheimniſſes tragen. Es iſt mir auch lieb, zu ſehen, was Ihr von meiner Offenbarung denken werdet, ob Ihr, nachdem Ihr ſie vernommen, hei Eurer Milde verharren, und ob Eure Miene, Euer —— 8 icht ung die we⸗ ung iniß lehe rig. üſſe nich in och eine Ihr zu der⸗ icht er⸗ ten abe mir ene für n,“ fte nir ing en, uer haltet ihn alſo auch für 63 Geſicht, Eure Geberden nicht wenigſtens Eure Worte der Gnade Lügen ſtrafen werden. Hört!“ „Ich höre und zittere, Gabriel,“ ſprach Diana. Mit einer keuchenden, bebenden Stimme erzählte Gabriel Frau von Caſtro ſodann Alles, den Empfang des Königs, wie ihm Heinrich II. abermals ſein Ver⸗ ſprechen erneuert, die Vorſtellungen, die dieſem Frau von Poitiers und der Connetable zu machen geſchienen, welche Nacht der Angſt und des Fiebers Gabriel zuge⸗ bracht, ſeinen zweiten Beſuch im Chatelet, ſein Hinab⸗ ſteigen in die Hölle des verpeſteten Gefängniſſes, die traurige Mittheilung von Herrn von Sazerac, kurz Alles. Diana hörte, ohne zu unterbrechen, ohne einen Ausruf, ohne ſich zu rühren, kalt wie eine Bildſäule, die Augen ſtarr in ihrer Höhle, die Haare auf ihrer Stirne geſträubt. Es trat eine lange Pauſe ein, als Gahriel ſeine unſelige Geſchichte beendigt hatte. Dann wollte Diana ſprechen, ſie konnte es nicht. Ihre Stimme blieb in ih⸗ rer erſchütterten Bruſt. Gabriel ſchaute mit einer ge⸗ wiſſen furchtbaren Freude ihre Unruhe und ihren Schrecken an. Endlich ſtieß ſie einen Schrei aus: „Gnade für den König!“ „Ah!“ rief Gabriel,„Ihr verlangt Gnade? Ihr ſchuldig und ſtrafbar! Gnade? h! das iſt eine Verurtheilung! Gnade? nicht wahr, er verdient den Tod?“ „Oh! ich habe das nicht geſagt,“ entgegnete Diana ganz verwirrt. „Doch, Ihr habt es geſagt! ich ſehe, Ihr ſeid meiner Anſicht, Diana, Ihr denkt, Ihr fühlt wie ich. Nur ſchließen wir anders, je nach unſern Naturen; die Frau verlangt Gnade und der Mann Gerechtigkeiti“ „Ah!“ rief Diana,„wie unklug und toll bin ich! warum habe ich gemacht, daß Ihr in den Louvre ge⸗ kommen ſeid!“ 64 In demſelben Augenblick klopfte Jemand leiſe an die Thüre. „Wer iſt da, was will man wieder von mir?“ rief Frau von Caſtro. André öffnete ein wenig die Thüre und ſprach: „Entſchuldigt, gnädige Frau, es iſt eine Botſchaft vom König.“ „Vom König!“ wiederholte Gabriel, deſſen Blick ſich entflammte. „Warum bringt Ihr mir dieſen Brief, André?“ „Madame, er iſt, wie man mir ſagt, dringend.“ „Gebt. Was will der König von mir? Geht, An⸗ wenn eine Antwort nöthig iſt, werde ich Euch ru⸗ en. André entfernte ſich. Diana entſiegelte den könig⸗ lichen Brief und las ganz leiſe wie folgt mit wachſen⸗ dem Schrecken: „Meine theure Diana!“ „Man ſagt mir, Ihr ſeid im Louvre; ich bitte, geht nicht aus, ehe ich zu Euch komme. Ich bin in einer Sitzung des Raths, welche von einem Augenblick zum andern endigen kann. Sobald ich ſie verlaſſe, be⸗ gebe ich mich auf der Stelle und ohne Gefolge in Eure Wohnung. Erwartet mich jede Minute. „Es iſt ſo lange her, daß ich Euch nicht mehr al⸗ lein geſehen habe! Ich bin traurig und muß nothwen⸗ dig einige Augenblicke mit meiner vielgeliebten Tochter plaudern. Sogleich alſo. „Heinrich.“ Erbleichend zerknitterte Diana dieſen Brief in ih⸗ rer krampfhaften Hand, als ſie ihn geleſen hatte. Was ſollte ſie thun? Gabriel ſogleich wegſchicken? Doch wenn er, in⸗ dem er wegginge, dem König begegnen würde, der je⸗ den Augenblick kommen konnte? an rief aft lick . An⸗ ru⸗ ig⸗ en⸗ tte, in lick be⸗ ure al⸗ en⸗ ter ih⸗ 52 65 Den jungen Mann bei ſich zurückbehalten? Aber der König würde ihn bei ſeinem Eintritt finden! Den König warnen, hieße Verdacht erregen. Ga⸗ briel warnen, hieße ſeinen Zorn hervorrufen, indem man ihn zu fürchten ſcheinen würde. Ein Zuſammentreffen zwiſchen dieſen zwei einander ſo gefährlichen Männern ſchien nun unvermeidbar, und Diana, die ſie ſo gern um den Preis ihres Blutes ge⸗ rettet haben würde, hatte dieſes unſelige Zuſammentref⸗ fen herbeigeführt! „Was verlangt der König von Euch?“ fragte Ga⸗ briel mit einer geheuchelten Ruhe, welche das Zittern ſeiner Stimme Lügen ſtrafte. „Nichts, nichts, in der That nichts!“ erwiederte Diana.„Eine Ermahnung wegen des Empfanges von heute Abend.“ „Ich ſtöre Euch vielleicht und entferne mich.“ „Nein, nein, bleibt!“ rief Diana raſch.„Doch wenn Euch,“ fügte ſie bei,„wenn Euch ein Geſchäft auf der Stelle von hier wegruft, ſo möchte ich Euch nicht gern zurückhalten.“ „Dieſer Brief hat Euch beunruhigt, Diana. Ich Euch läſtig zu ſein, und nehme von Euch Ab⸗ chied.“ „Ihr mir läſtig, Freund! könnt Ihr das denken?“ verſetzte Frau von Caſtro.„Habe ich Euch nicht ge⸗ wiſſermaßen geholt? Ach! vielleicht ſehr unkluger Weiſe, befürchte ich. Ich werde Euch wiederſehen, doch nicht mehr hier, ſondern bei Euch; ſobald ich entkom⸗ men kann, beſuche ich Euch und nehme dieſes zugleich ſüße und furchtbare Geſpräch wieder auf. Ich gelobe es Euch, zählt auf mich. Für den Augenblick, Ihr hattet Recht, ich muß es geſtehen ich bin ein wenig erſchüttert, ein wenig leidend, ich habe etwas wie das Fieber..4 „Ich ſehe es, Diana, und verlaſſe Euch,“ ſprach Gabriel mit traurigem Tone. „Auf baldiges Wiederſehen, Freund!“ ſagte ſie. „Geht, geht!“ Sie ging mit ihm bis an die Thüre ihres Zimmers.. „Wenn ich ihn zurückhalte,“ dachte ſte, indem ſie ihn geleitete,„ſo wird er ſicherlich den König ſehen; wenn er ſich im Augenblick entfernt, ſo iſt doch wenig⸗ ſtens eine Hoffnung vorhanden, daß ſie ſich nicht be⸗ gegnen.“ Doch ſie zögerte, zweifelte und zitterte noch. „Verzeiht, ein letztes Wort, Gabriel,“ ſprach ſie ganz außer ſich auf der Thürſchwelle.„Mein Gott, Eure Erzählung hat mich ſo ſehr angegriffen!„ich habe Mühe, meine Gedanken zu ſammeln. Was wollte ich Euch fragen?... Ach! ich habe es. Nur ein Wort noch, ein wichtiges Wort! Ihr habt mir noch nicht geſagt, was Ihr zu thun beabſichtigt? Ich rief: Gnade! und Ihr riefet: Gerechtigkeit! Wie hofft Ihr dieſe Gerechtigkeit zu erlangen?“ „Ich weiß es noch nicht,“ antwortete Gabriel mit finſterer Miene.„Ich verlaſſe mich auf Gott, auf die Ereigniſſe und die Gelegenheit.“ „Auf die Gelegenheit?“ wiederholte Diana ſchauernd. „Auf die Gelegenheit? was verſteht Ihr darunter? Oh! kehrt zurück! kehrt zurück! Ich will Euch nicht ſo gehen laſſen, ehe Ihr mir das Wort: bei Gelegen⸗ heit, erklärt habt. Bleibt, ich beſchwöre Euch.“ Und ſie nahm ihn bei der Hand und führte ihn wieder in das Zimmer. „Wenn er dem König außen begegnet,“ dachte die arme Diana,„ſo werden ſie allein mit einander ſein, der König ohne Gefolge, Gabriel das Schwert an ſei⸗ ner Seite. Hier bin ich wenigſtens da, ich kann zwiſchen ſie ſtürzen, Gabriel anflehen, mich dem Streiche entgegenwerfen. Gabriel muß bleiben.“ F „Ich fühle mich beſſer,“ ſagte ſie laut.„Bleibt, Gabriel, nehmen wir das Geſpräch wieder auf; ſie. rs. ſie n; ig⸗ be⸗ ſie tt, zas tur nir Ich fft mit die nd. r? cht en⸗ ihn die in, ſei⸗ inn bt, uf; 67 gebt mir die Erklärung, die ich von Euch erwe Ich fühle mich viel beſſer.“ „Nein, Diana, Ihr ſeid noch mehr bewegt, als vorhin,“ erwiederte Gabriel.„Und wißt Ihr, welcher Gedanke ſich in mir regt, und welcher Urſache ich Euren Schrecken zuſchreibe?“. „Wahrhaftig, nein, Gabriel, wie ſollte ich es wiſſen?“ „Nun wohl, wenn vorhin Euer Schrei nach Gnade zugeſtand, daß für Euch das Verbrecheu unleugbar war, ſo offenbart nun Eure Angſt, Diana, daß die Be⸗ ſtrafung in Euren Augen geſetzlich wäre. Ihr fürch⸗ tet für den Schuldigen meine Rache und würdet ſie folglich begreifen. Ihr haltet mich hier zurück, um möglichen Repreſſalien zuvorzukommen, die Euch er⸗ ſchrecken, aber nicht in Erſtaunen ſetzen würden, die Euch ganz einfach vorkommen, nicht wahr?“ Diana bebte, ſo ſcharf hatte der Streich getroffen. Nichtsdeſtoweniger raffte ſie ihre ganze Energie zuſammen und erwiederte: „Oh! Gabriel, wie möget Ihr glauben, ich könnte ſolche Gedanken über Euch faſſen; Ihr, mein Gabriel, ein Mörder! Ihr, durch Ueberfall einen ſchlagen, der ſich nicht vertheidigen würde. Das iſt unmöglich! Das wäre mehr als ein Verbrechen, es wäre eine Feig⸗ heit! Ihr bildet Euch ein, ich halte Euch zurück? Ein Irrthum! geht! geht! ich öffne Euch die Thüren. Mein Gott! ich bin ruhig, ſehr ruhig, über dieſen Punkt wenigſtens. Wenn etwas mich beunruhigt, ſo iſt es nicht ein ſolcher Gedanke, dafür ſtehe ich Euch. Ver⸗ laßt mich, verlaßt den Louvre im Frieden. Ich kehre zu Euch zurück, um unſer Geſpräch zu vollenden. Geht, mein Freund, geht!“ Und ſo ſprechend, hatte ſie ihn bis in das Vor⸗ zimmer geführt. Hier fand ſich der Page. Diana dachte wohl dar⸗ an, ihm zu befehlen, Gabriel bis vor den Louvre zu 68 be en. Doch dieſe Vorſichtsmaßregel hätte abermals ihr Mißtrauen verrathen. Als ſie aber hier war, konnte ſie ſich nicht enthalten, André durch ein Zeichen zu rufen und ihn flüſternd zu fragen: „Wißt Ihr, ob der Rath beendigt iſt?“ „Noch nicht, gnädige Frau,“ antwortete André ganz leiſe.„Ich habe die Räthe noch nicht aus dem Saale weggehen ſehen.“ „Gott befohlen, Gabriel,“ ſagte Diana raſch und laut.„Gott befohlen, Freund! Ihr nöthigt mich, Euch beinahe wegzuſchicken, um Euch zu beweiſen, daß ich Euch nicht zurückhalte. Gott befohlen, aber auf baldiges Wiederſehen!“ „Auf baldiges Wiederſehen!“ ſprach mit einem ſchwermüthigen Lächeln der junge Mann, indem er ihr die Hand drückte. Er ging. Sie blieb und ſchaute ihm nach, bis die letzte Thüre ſich hinter ihm geſchloſſen hatte. Dann kehrte ſie in ihr Zimmer zurück und ſank, die Augen in Thränen, das Herz bebend, vor ihrem Betpult auf die Kniee. „O mein Gott! mein Gott!“ ſprach ſie,„wache im Namen Jeſu über demjenigen, welcher vielleicht mein Bruder, über demjenigen, welcher vielleicht mein Vater iſt. Behüte vor einander die Weſen, die ich liebe, o mein Gott! Du allein vermagſt es. 4 s te zu 69 VII. Gelegenheiten. So ſehr ſie bemüht geweſen war, oder vielleicht gerade weil ſie ſo ſehr bemüht geweſen, verwirklichte ſich das, was Frau von Caſtro vorhergeſehen und be⸗ fürchtet hatte. Gabriel entfernte ſich ganz traurig, ganz betrübt. Das Fieber von Diana hatte ihn gewiſſermaßen angeſteckt und verdunkelte ſeine Augen, verwirrte ſeine Gedanken. Er ging maſchinenmäßig über die Treppen und durch die bekannten Gänge des Louvre, ohne viel auf die äußeren Gegenſtände Achtung zu geben. Als er im Begriff war, die Thüre der großen Gal⸗ lerie zu öffnen, erinnerte er ſich nichtsveſtoweniger, daß er bei ſeiner Rückkehr von Saint⸗Quentin hier Maria Stuart begegnet war, und daß ihm die Vermittlung der jungen Königin Dauphine bis zum König zu gelangen geſtattet hatte, wo ihn die erſte Täuſchung erwartete. Denn man hatte ihn nicht nur einmal getäuſcht und verletzt! zu wiederholten Malen hatte man ſeiner Hoffnung den Todesſtreich gegeben! Nach einer erſten Bethörung hätte er ſich allerdings an dieſe jüdiſchen und treuloſen Auslegungen des Buchſtaben eines heili⸗ gen Vertrages gewöhnen und darauf gefaßt ſein müſſen! Während im Geiſte von Gabriel dieſe erſchüttern⸗ den Erinnerungen wieder auftauchten, öffnete er die Thüre und trat in die Gallerie. Plötzlich bebte er, wich er einen Schritt zurück und blieb wie verſteinert ſtehen. Am andern Ende der Gallerie hatte ſich die pa⸗ rallele Thüre gesffnet. 70 Ein Mann war eingetreten. Dieſer Mann war Heinrich 11., Heinrich, der Ur⸗ heber oder wenigſtens der Mitſchuldige der ſtrafba⸗ ren Täuſchungen, die für immer die Seele und das Leben von Gabriel verheert und zu Grunde gerichtet hatten! Der König kam allein, ohne Waffen und ohne Gefolge heran. Der Beleidiger und der Beleidigte befanden ſich zum erſten Mal ſeit der Verletzung einander gegenüber, allein und nur von einander durch eine Entfernung von ungefähr hundert Schritten getrennt, die man in zwan⸗ zig und mit zwanzig Sprüngen durcheilen konnte. Wir haben geſagt, Gabriel ſei plötzlich ſtehen ge⸗ blieben, unbeweglich und eiskalt, wie eine Bildſäule, wie die Statue der Rache oder des Haſſes. Der König blieb auch ſtehen, als er denjenigen erblickte, welchen er ſeit beinahe einem Jahr nicht an⸗ ders als in ſeinen Träumen wiedergeſehen hatte. Die zwei Männer verharrten ſo wohl eine Minute, wie durch einander verzaubert. In dem Wirbel der Empfindungen und Gedanken, welche mit Finſterniß das Herz von Gabriel erfüllten, wußte der beſtürzte junge Mann keine Betrachtung zu wählen, keinen Entſchluß zu faſſen. Er wartete. Was Heinrich trotz ſeines erprobten Muthes em⸗ pfand, ja, es war wohl Schrecken! Dennoch erhob er die Stirne bei dieſem Gedanken, verjagte er jede feige Willensäußerung und faßte ſei⸗ nen Entſchluß. Ruſen hätte fülchten, ſich zurückziehen hätte ſiehen geheißen. Er ſchritt auf die Thüre zu, wo Gabriel wie an⸗ genagelt geblieben war. Eine höhere Gewalt, eine Art von unwiderſtehlicher, unſeliger, fortreißender Macht rief ihn, zog ihn gegen das bleiche Geſpenſt, das ihn zu erwarten ſchien. Er 3 i ec e— 71 fing an dem Schwindel ſeines Schickſals zu unter⸗ r⸗ liegen. ⸗ Gabriel ſah ihn ſo mit einer gewiſſen blinden, in⸗ as ſtinktartigen Befriedigung auf ſich zukommen, doch es tet gelang ihm nicht, irgend einen Gedanken von den Wol⸗ ne ken loszumachen, die ſeinen Geiſt verdunkelten. Er legte nur die Hand an den Griff ſeines Degens. ich Als der König nur noch einige Schritte von Ga⸗ er, briel entfernt war, erfaßte ihn wieder die Angſt, die er on ſchon zurückgedrängt hatte, und preßte ſein Herz wie in n⸗ einen Schraubſtock zuſammen. len Er ſagte ſich unbeſtimmt, ſeine letzte Stunde ſei gekommen und dies ſei gerecht. e⸗ Dennoch näherte er ſich immer mehr. Seine Füße e ſchienen ihn von ſelbſt und ohne daß er daran Antheil hatte vorwärts zu tragen. So müſſen die Nachtwand⸗ e ler gehen. Als er ſich ganz vor Gabriel befand, als er ſeinen Athem hörte und ihn mit den Fingern hätte berühren te, können, griff er mit der Hand in ſeiner ſeltſamen Ver⸗ wirrung an ſein ſammetenes Toquet und grüßte den eñ jungen Mann. Gabriel erwiederte ſeinen Gruß nicht. Er behaup⸗ zu tete ſeine marmorne Haltung, und ſeine verſteinerte Hand verließ ſein Schwert nicht, um nach dem Hute i⸗ zu greifen. Für Gabriel war Heinrich kein König mehr, ſon⸗ eit dern ein Menſch, der ſeinen Vater getödtet hatte, und ſei⸗ dem er nur noch Haß ſchuldig ſein konnte. Er ließ ihn jedoch vorübergehen, ohne ihm etwas hen zu thun und ohne ihm etwas zu ſagen. Der König ging ſeinerſeits vorüber, ohne ſich um⸗ zuwenden und ohne über den Mangel an Achtung zu erſtaunen. Als die Thüre ſich wieder hinter dieſen zwei Män⸗ gen nern geſchloſſen hatte und der Zauber gebrochen war, ————.— R— 72 erwachte jeder von ihnen, rieb ſich die Augen und fragte fich: „War das nicht ein Traum?“ Gabriel ging langſam aus dem Louvre weg. Er beklagte nicht die verlorene Gelegenheit, er bereute es nicht, daß er ſie hatte entſchlüpfen laſſen: er empfand vielmehr eine gewiſſe verworrene Freude darüber. „Meine Beute kommt mir entgegen,“ dachte er, „ſie dreht ſich um meine Garne und nähert ſich mei⸗ nem Speer.“ Er ſchlief in dieſer Nacht, wie er ſeit langer Zeit nicht mehr geſchlafen hatte. Der König war nicht ſo ruhig! Er begab ſich zu Diana, die ihn erwartete und ihn empfing, man er⸗ räth, mit welchem Entzücken! Doch Heinrich war zerſtreut und unruhig. Er wagte es nicht, vom Grafen von Montgommery zu ſprechen. Er ſagte ſich, Gabriel ſei ohne Zweifel, als er ihn getroffen, von ſeiner Tochter gekommen; doch er wollte das nicht ergründen, und er, der, um ſein Vertrauen zu ergießen, ſie beſucht hatte, behielt wäh⸗ rend des ganzen Beſuches eine mißtrauiſche, gezwun⸗ gene Miene. Dann kehrte er düſter und traurig in ſeine Ge⸗ mächer zurück; er fühlte ſich unzufrieden mit ſich ſelbſt und mit den Anderen und ſchlief nicht in dieſer Nacht. Es kam ihm vor, als wäre er in ein Labyrinth eingetreten, aus dem er nicht mehr lebendig heraus⸗ kommen würde. „Doch ich habe mich gewiſſermaßen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ich habe mich dem Schwerte dieſes Men⸗ ſchen dargeboten. Es iſt gewiß, daß er mich tödten will!“ Der König wollte, um ſich zu zerſtreuen und zu betäuben, nicht in Paris bleiben. Während der Tage, welche auf dieſes Zuſammentreffen mit dem Grafen von — ————, — cS— — ein ih⸗ in⸗ bſt ht. th us⸗ zu en⸗ ten zu ge, von b 73 Wontgommery folgten, begab er ſich abwechſelnd nach Saint⸗Germain, nach Chambord und zu Diana von Poitiers in das Schloß Anet. Gegen das Ende des Monats Juni war er in Fontainebleau. Und überall entwickelte er die größt mögliche Thä⸗ tigkeit, und er ſchien ſeine Gedanken durch das Geräuſch, durch die Bewegung, durch Handeln erſticken zu wollen. Die nahe bevorſtehenden Feierlichkeiten bei der Hochzeit ſeiner Tochter Eliſabeth mit König Philipp M. gaben dieſem fieberhaften Bedürfniß nach Thätigkeit eine Nahrung und einen Vorwand. In Fontainebleau wollte er dem ſpaniſchen Bot⸗ ſchafter das Schauſpiel einer Parforcejagd im Walde bieten. Dieſe Jagd wurde auf den 23. Juli beſtimmt. Der Tag kündigte ſich an, als ſollte er heiß und dämpfig werden. Es herrſchte eine Gewitterſchwüle. Deſſenungeachtet entſchloß ſich Heinrich nicht, die gegebenen Befehle zu widerrufen. Ein Sturm iſt auch Geräuſch. Er wollte ſein ungeſtümſtes, raſcheſtes Pferd be⸗ ſi und überließ ſich der Jagd mit einer Art von uth. Es gab einen Augenblick, wo er, von ſeiner Hitze und von der Hitze des Pferdes fortgeriſſen, ſeinem gan⸗ zen Gefolge weit voranritt, die Jagd aus dem Geſichte verlor und ſich im Walde verirrte. Die Wolken häuften ſich am Himmel an, dumpfes Murren erſcholl in der Ferne. Der Sturm war dem Ausbruch nahe. Ueber ſein ſchäumendes Pferd geneigt, das er nicht einmal in ſeinem Gang zu mäßigen ſuchte, ſondern viel⸗ mehr mit der Stimme und den Sporen antrieb, ritt und ritt Heinrich ſchneller als der Wind über Stock und Stein: dieſer Schwindel erregende Galopp gefiel ihm und er lachte ganz laut und ganz allein. Auf einige Augenblicke hatte er vergeſſen. 74 Plötzlich bäumte ſich ſein Pferd erſchrocken; ein Blitz hatte die Wolke zerriſſen und einer von den weißen Felſen die ſich in großer Menge im Walde von Fontainebleau finden, hatte ſich an der Ecke eines Fußpfades erhoben. Der Ausbruch des Donners verdoppelte die Angſt des argwöhniſchen Pferdes. Es fuhr ganz beſtürzt auf. Seine ungeſtüme Bewegung nach rückwärts zerriß den Zügel nahe beim Gebiß. Heinrich war nicht mehr Mei⸗ ſter deſſelben. Dann begann ein wüthender, wahnſinniger, furcht⸗ barer Lauf. Mit ſtarr empor geſträubter Mähne, mit rauchen⸗ den Flanken und ſtählernen Häkſen durchſchnitt das Pferd die Luft wie ein Pfeil. Ueber ſeinen Hals vorgeneigt, um nicht herab zu fallen, Haare und Kleider im Winde flatternd, ſuchte der König vergebens den Zügel wieder zu faſſen, der ihm übrigens unnütz geweſen wäre. Hätte ſie einer ſo im Sturm vorüberſchießen ſehen, er würde ſie ſicherlich für eine hölliſche Erſchei⸗ nung gehalten und eiligſt das Kreuz gemacht haben. Doch Niemand war da, nicht ein lebendige Seele, nicht eine bewohnte Hütte. Dieſe letzte Chance der Ret⸗ tung, welche dem in Gefahr ſchwebenden Menſchen die Gegenwart von ſeines Gleichen bietet, entging dem ge⸗ krönten Reiter. Nicht ein Bettler, nicht ein Wildſchütze, nicht ein Holzhauer, nicht ein Strauchdieb, um den König zu retten. Und der Regen ſtrömte herab und die immer näher kommenden Donnerſchläge beſchleunigten mehr und mehr den wahnſinnigen Galopp des erſchrockenen Pferdes. Mit ſeinen irren Augen ſuchte Heinrich den Fuß⸗ pfad des Waldes zu erkennen, den ſein Roß in ſeinem tödtlichen Laufe verfolgte. ——— en i⸗ le, t⸗ ie e⸗ in zu er hr en 75 An einer gewiſſen Lichtung der Bäume erkannte er auch die Oertlichkeit, und er bebte. Der Pfad führte geraden Weges auf die Höhe eines abſchüſſigen Felſen, der einen tiefen Abgrund über⸗ ragte. Der König ſtrengte ſich an, um das Pferd mit der Hand, mit der Stimme aufzuhalten. Nichts half. Ließ er ſich herabfallen, ſo ſetzte er ſich der Ge⸗ fahr aus, die Stirne auf einem Baumſtamm oder auf einem Granitvorſprung zu zerſchmettern. Es war im⸗ mer noch beſſer, erſt im letzten Augenblick dieſes ver⸗ zweifelte Mittel anzuwenden. Doch in jedem Fall fühlte ſich Heinrich verloren, und er empfahl ſchon ſeine von Gewiſſensbiſſen und Angſt erfüllte Seele der Gnade Gottes. Er wußte ſchon nicht mehr genau, auf welchem Punkte des Fußpfades er ſich befand, und ob der Ab⸗ ſturz nahe oder fern war. Doch er mußte nahe ſein und der König war im Begrif⸗ ſich auf jede Gefahr zu Boden gleiten zu aſſen. Als er einen letzten Blick in die Ferne vor ſich hinauswarf, gewahrte er am Ende des Pfades einen Mann zu Pferde wie er, doch unter dem Schutze einer Eiche ſtille haltend. In dieſer Entfernung konnte er den Reiter nicht erkennen. Ueberdies verbargen ein langer Mantel und ein breitkrämpiger Hut ſeine Züge und ſeine Haltung. Doch es war ohne Zweifel ein Edelmann, der ſich eben⸗ falls im Walde verirrt hatte. Nun ſah ſich Heinrich gerettet. Der Pfad war ſchmal und der Unbekannte durfte nur ſein Pferd vor⸗ wärts gehen laſſen, um dem des Königs den Weg zu verſperren, oder ſeine Hand ausſtrecken, um es in ſei⸗ nem Lauf aufzuhalten. Nichts konnte leichter ſein, und wenn auch einige Gefahr dahei war, ſo mußte der Unbekannte, den König legt. 76 erkennend, nicht zögern, ſich dieſer Gefahr preiszugeben, um ſeinen Herrn zu retten. In zwanzigmal weniger Zeit, als man braucht, um dieſes zu leſen, waren die drei bis vierhundert Schritte, welche Heinrich von ſeinem Retter trennten, zurückge⸗ Um ihn aufmerkſam zu machen, ſtieß Heinrich einen Nothſchrei aus und ſchüttelte ſeinen aufgehobenen rm. Der Unbekannte ſah es und machte eine Bewe⸗ gung. Ohne Zweifel hielt er ſich bereit. Doch, o Schrecken! däs wüthende Pferd ſchoß vor⸗ über, ohne daß es der unbekannte Reiter durch die un⸗ merklichſte Geberde aufzuhalten ſuchte. Er ſchien ſogar ein wenig zurückzuweichen, um jeden möglichen Stoß zu vermeiden. Der König ſtieß einen zweiten Schrei aus, doch diesmal war es nicht mehr ein Ruf um Hülfe, nicht mehr eine Bitte, ſondern ein Schrei der Wuth und der Verzweiflung. Nun glaubte er unter dem Hufſchlag ſeines Pfer⸗ des den Stein, und nicht mehr die Erde ſchallen zu ören. Heinrich hatte den unſeligen Felſen erreicht. Er ſprach den Namen Gottes aus, machte ſeinen Fuß vom Steigbügel los und ließ ſich zur Erde nieder. Der Stoß ſchleuderte ihn fünfzehn Schritte hin⸗ aus. Doch durch ein wahres Wunder fiel er auf einen mit Moos und Gras bedeckten Hügel und that ſich kein Leid. Es war Zeit; zwanzig Schritte von da öff⸗ nete ſich der Abgrund. Was ſein Pferd betrifft, ſo ſchien es, erſtaunt, ſeine Bürde nicht mehr zu fühlen, ſeinen Lauf ein we⸗ nig zu hemmen, ſo daß es, am Rande des Schlundes angelangt, Zeit hatte, dieſen zu meſſen und ſich in einem letzten Inſtinkte, das Auge erweitert, die Nüſtern ra we ihn ge ſch ſei hat Zo göt laf Fal gen mei kan Kö: in nur hob brei Ant die nich Pfer zurü tödt mich eine Die en, um tte, ge⸗ nen nen we⸗ oor⸗ un⸗ 77 rauchend, die Mähne zerzauſt, ungeſtüm zurückzu⸗ werfen. Wäre der König noch darauf geſeſſen, ſo würde ihn gerade dieſes plötzliche Anhalten in den Abgrund geſtürzt haben. Nachdem er gegen Gott, der ihn ſo offenbar be⸗ ſchützt, ein glühendes Dankgebet erhoben, nachdem er ſein Pferd eingeholt, beruhigt und wieder beſtiegen hatte, war es der erſte Gedanke von Heinrich, voll Zorn auf den Unbekannten zuzureiten, der ihn ohne die Ki Vermittlung ſo feige hätte zu Grunde gehen aſſen. Der Unbekannte war ſtets unbeweglich unter den Falten ſeines Mantels an demſelben Platze geblieben. „Elender!“ rief ihm der König zu, als er nahe genug war, um von ihm gehört zu werden,„haſt Du meine Gefahr nicht geſehen? Haſt Du mich nicht er⸗ kannt, Königsmörder? Und wenn er auch nicht Dein König geweſen wäre, mußteſt Du nicht jeden Menſchen in einer ſolchen Gefahr retten, da Du zu dieſem Ende nur Deinen Arm auszuſtrecken hatteſt?“ Der Mann rührte ſich nicht, antwortete nicht; er hob nur ein wenig ſeinen Kopf in die Höhe, den ſein breiter Filzhut vor den Augen von Heinrich verbarg. Der König bebte, als er das bleiche, düſtere Antlitz von Gabriel erkannte. Er verſtummte, beugte die Stirne, und murmelte nur noch: „Der Graf von Montgommery! dann habe ich nichts mehr zu ſagen.“ Und ohne ein Wort beizufügen, gab er ſeinem Pferde die Sporen, und kehrte im Galopp in den Wald zurück. „Er würde mich nicht tödten,“ ſagte er von einem tödtlichen Schauer ergriffen;„doch es ſcheint, er wurde mich ſterben laſſen.“ Gabriel, der allein geblieben, wiederholte mit einem finſtern Lächeln: 6.. Die heiden Dianen. IW. 6 .„Ich fühle, daß meine Beute mir entgegenkommt und daß die Stunde naht.“ VIII. Zwiſchen zwei Pflichten. Die Heirathsverträge von Eliſabeth und von Mar⸗ garethe von Frankreich ſollten am 28. Juni im Louvre unterzeichnet werden. Der König war ſchon am 25ſten trauriger und unruhiger als je nach Paris zurück⸗ gekehrt. Seit der letzten Erſcheinung von Gabriel beſon⸗ ders war ſein Leben eine Marter geworden. Er floh die Einſamkeit und wollte beſtändig Zerſtreuungen von dem finſtern Gedanken haben, von dem er ſo zu ſagen beſeſſen war. Er hatte auch von dieſem zweiten Zuſammentref⸗ fen mit Niemand geſprochen; doch er fühlte in ſeinem Innern zugleich ein Verlangen und eine Furcht, ſich gegen eine ergebene und treue Seele darüber zu er⸗ gießen. Denn er ſelbſt wußte nicht mehr, was er glau⸗ ben und beſchließen ſollte: dadurch, daß er ihm ſo viel in's Geſicht geſchaut, hatte ſich der traurige Gedanke in ſeinem Geiſte völlig verwirtt. 3 Endlich faßte er den Entſchluß, ſich Diana von Caſtro zu eröffnen. Diana hatte ſicherlich Gabriel wiedergeſehen; von der junge Graf ohne allen Zweifel, als er ihm erſten Male begegnete. Sie konnte, ſie mußte ihren Vater entweder über dieſen Punkt beruhigen, oder ihn warnen. Und trotz der bitteren Zweifel, von ſei dig Di Fr Zu ſchi hat den din ger hal gef unt ihr erſt übe ent Au ben den ein Di ant mei der mmt Nar⸗ uvre öſten rück⸗ ſon⸗ floh von agen tref⸗ nem ſich er⸗ lau⸗ viel anke von ihm ußte gen, von 79 denen er unabläſſig heimgeſucht war, glaubte Heinrich ſeine vielgeliebte Tochter nicht ſchuldig oder mitſchul⸗ dig an einem Verrath. Ein geheimer Inſtinet ſchien ihm kundzugeben, daß Diana nicht minder unruhig war, als er. Kannte Frau von Caſtro einerſeits das zweimalige ſeltſame Zuſammentreffen nicht, das ſchon zwiſchen den Ge⸗ ſchicken von König Heinrich und Gabriel ſtattgefunden hatte, ſo wußte ſie andererſeits auch nicht, was aus dem letzteren ſeit einigen Tagen geworden war. André, den ſie mehrere Male in das Hotel der Rue des Jar⸗ dins Saint⸗Paul geſchickt hatte, um dort Erkundigun⸗ gen einzuziehen, hatte keine Nachrichten zurückgebracht. Gabriel war abermals aus Paris verſchwunden. Wir haben ihn auf dem Wege des Königs in Fontainebleau geſehen. Am Nachmittag des 26. Juni war Diana allein und ganz nachdenkend in ihrem Zimmer. Eine von ihren Frauen lief haſtig herbei und meldete ihr den Beſuch des Königs. Der König war ernſt, wie gewöhnlich. Nach den erſten Begrüßungen ging er plötzlich zur Sache ſelbſt über, als wollte er ſich ſogleich ſeiner läſtigen Sorgen entſchlagen. „Meine liebe Diana,“ ſagte er, indem er ſeine Augen in die Augen ſeiner Tochter tauchte,„wir ha⸗ ben ſeit geraumer Zeit nicht mehr mit einander über den Vicomte d'Exmés geſprochen, der nun den Titel eines Grafen von Montgommery angenommen hat. Habt Ihr ihn lange nicht geſehen?“ Bei dem Namen Gabriel erbleichte und zitterte Diana. Doch ſie faßte ſich ſo gut als möglich und antwortete: „Sire, ich habe den Herrn Vicomte d'Ermese meiner Rückkehr von Calais ein einziges Mal geſehen“ „Und wo habt Ihr ihn geſehen, Diana?“ fragte der König. 80 „Hier, im Louvre, Sire.“ „Vor etwa vierzehn Tagen, nicht wahr?“ „In der That, Sire, es mögen ungefähr vierzehn Tage ſein,“ erwiederte Frau von Caſtro. „Ich vermuthete es,“ ſprach der König und machte dann eine Pauſe, als wollte er ſeine neuen Gedanken feſter in's Auge faſſen.* Diana ſchaute ihn aufmerkſam und ängſtlich an und ſuchte den Beweggrund dieſer unerwarteten Fra⸗ gen zu errathen. Doch das ernſte Geſicht ihres Vaters ſchien ihr undurchdringlich, und ihren ganzen Muth zu⸗ ſammenraffend ſagte ſie: „Sire, entſchuldigt mich, darf ich mir die Freiheit nehmen, meinerſeits Eure Majeſtät zu fragen, warum ſie nach dem langen Stillſchweigen, das ſie in Beziehung auf denjenigen, welcher mich in Calais von der Schande rettete, beobachtet hat, mir heute die Ehre dieſes Be⸗ ſuchs erweiſt, bei dem es, wie ich mir einbilde, Abſicht iſt, mich über ihn zu hören?“ „Ihr wünſcht es zu wiſſen, Diana?“ „Sire, ich bin ſo kühn.“ .„Es ſei, Ihr ſollt Alles erfahren, und ich wünſche, daß mein Vertrauen das Eurige hervorrufen möge. Ihr habt mir oft geſagt, Ihr liebet mich, mein Kind?“. „Ich habe es geſagt und ich wiederhole es,“ rief Diana;„ich liebe Euch als meinen König, als meinen Wohlthäter, als meinen Vater.“ „Ich kann alſo Alles meiner zärtlichen und red⸗ lichen Tochter enthüllen,“ ſprach der Königz„hört mich wohl, Diana.“ „Ich höre Euch mit meiner ganzen Seele.“ treffen mit Gabriel: das erſte Mal in der Gallerie des ouvre, das zweite Mal im Walde von Fontainebleau. Er ſagte Diana, welche ſeltſame Haltung ſtummer Re⸗ bellion der junge Mann beobachtet, wie er das erſte Hein erzählte nun ſein zweimaliges Zuſammen⸗ te en in a⸗ rs u⸗ eit ſie ng de e⸗ cht he, ge. ein ief en ed⸗ ich en⸗ des au. Re⸗ rſte 8¹ Mal ſeinen König nicht habe grüßen, wie er ihn das zweite Mal nicht habe retten wollen. Und bei dieſer Erzählung vermochte Diana ihre Traurigkeit und ihre Angſt nicht zu verbergen. Das Zuſammentreffen zwiſchen Gabriel und dem König, das ſie ſo ſehr fürchtete, hatte ſchon bei zwei Gelegenhei⸗ ten ſtattgefunden und konnte ſich noch gefährlicher und furchtbarer erneuern. Ohne daß er die Erſchütterung ſeiner Tochter zu bemerken ſchien, ſchloß Heinrich mit folgenden Worten: „Nicht wahr, das ſind ſchwere Beleidigungen, Diana? Es ſind beinahe Majeſtätsverbrechen! Und dennoch habe ich alle dieſe Beleidigungen und meinen Groll verborgen, weil dieſer junge Mann zur Zeit mei⸗ netwegen gelitten hat, trotz der ruhmwürdigen Dienſte, die er meinem Reich geleiſtet, und wofür er allerdings einen beſſern Lohn erwarten durfte.„ Und ſeinen durchpringenden Blick auf Diana hef⸗ tend, fügte der König bei: „Ich weiß nicht, ich will nicht wiſſen, ob Ihr mein Unrecht gegen Herrn d'Ermés kennt; Ihr ſollt nur er⸗ fahren, daß mir mein Stillſchweigen durch das Gefühl dieſes Unrechts und durch die Reue hierüber vorge⸗ ſchrieben worden iſt... Doch iſt dieſes Stillſchwei⸗ gen nicht auch unklug?... Weiſſagen dieſe Beleidi⸗ gungen nicht auch noch andere, viel ernſtere? Muß ich nicht endlich auf Herrn d'Ermès aufmerkſam ſein? Hierüber wollte ich mich freundſchaftlich mit Euch be⸗ rathen, Diana.“ „Ich danke Euch für dieſes Vertrauen, Sire,“ ant⸗ wortete mit ſchmerzlichem Tone Frau von Caſtro, die ſich ſo zwiſchen die Pflichten von zwei Zuneigungen ge⸗ ſtellt ſah. „Dieſes Vertrauen iſt ganz natürlich, Diana,“ er⸗ wiederte der König.„Doch nun ſprecht!“ fügte er bei als er ſah, daß ſeine Tochter zögerte. „Sire,“ ſagte Diana mit einer gewiſſen Anſtren⸗ 8² gung,„ich glaube, Eure Majeſtät hat Recht. und ſie wird vielleicht weiſe handeln, wenn ſie auf Herrn d'Ermès aufmerkſam iſt.“ „Denkt Ihr, mein Leben ſei in Gefahr, Diana?“ „Oh! ich ſage das nicht, Sire,“ rief Diana leb⸗ haft,„doch Herr d'Ermés ſcheint tief verletzt worden zu ſein und man kann befürchten Die arme Diana hielt ganz zitternd und die Stirne in Schweiß gebadet inne. Ihre letzten Worte, welche eine ihr durch den morgliſchen Zwang entriſſene Art von Anzeige enthielten, widerſtrebten ihrem edlen Herzen. Doch Heinrich deutete ihr Leiden auf eine ganz andere Weiſe und ſprach, indem er aufſtand und mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und abging: „Ich verſtehe Euch, Diana! Ja, ich ahnete es; Ihr ſeht, ich muß dem jungen Mann mißtrauen... Doch unabläßig mit dieſem Schwerte des Damokles über meinem Haupte leben, das iſt unmöglich. Die Könige haben andere Verpflichtungen, als die gewöhnlichen Goelleute. Ich werde Anftalten treffen, daß man ſich des Herrn d'Ermos verſichert.“ Und er machte einen Schritt, als wollte er hin⸗ ausgehen, doch Diana warf ſich ihm entgegen. Wie! Gabriel ſollte angeklagt, vielleicht zum Ge⸗ fangenen gemacht werden! und ſie, Diana wäre es, die ihn verrathen hätte! Sie konnte dieſen Gedanken nicht ertragen. Im Ganzen waren die Worte von Ga⸗ briel nicht ſo bedrohlich geweſen. „Sire, einen Augenblick! rief ſie.„Ihr täuſcht Euch, ich ſchwöre Euch, Ihr täuſcht Euch! Ich habe ent⸗ fernt nicht geſagt, es ſei eine Gefahr für Euer zweimal geheiligtes Haupt vorhanden. Nichts konnte mich in den Geſtändniſſen und Mittheilungen von Herrn d'Ermés den Gedanken an ein ſolches Verbrechen vermuthen laſ⸗ ſen. Großer Gott! hätte ich Euch ſonſt nicht Alles geoffenbart?“ ——. e—— — nd en P en ne he rt n. nz it 8; les ige en in⸗ e⸗ es, ken a⸗ ſcht nt⸗ nal in nös laſ⸗ lles 83³ „Das iſt richtig,“ ſprach Heinrich ſtilleſtehend.„Doch was wolltet Ihr dann ſagen, Diana?“ „Ich wollte nur ſagen, Sire, Eure Majeſtät würde wohl daran thun, ſo viel als möglich ein ſolches ärger⸗ liches Zuſammentreffen zu vermeiden, wobei ein belei⸗ digter Unterthan die ſeinem König ſchuldige Ehrfurcht vergeſſen könnte. Doch von einer Verletzung der Ehr⸗ furcht bis zu einem Königsmord iſt es weit, Sire. Sire, wäre es Eurer würdig, ein erſtes Unrecht durch eine andere Unbilligkeit wieder gut zu machen?“ „Nein, das war gewiß nicht meine Abſicht; zum Beweiſe mag dienen, daß ich geſchwiegen habe, und da Ihr meinen Verdacht zerſtreut, Diana, da Ihr Euch für meine Sicherheit vor Gott und Eurem Gewiſſen verantwortlich macht, da ich Eurer Anſicht nach ruhig ſein kann „Ruhig ſein!“ unterbrach ihn Diana ſchauernd. „Ich habe mich nicht ſo weit ausgeſprochen, Sire. Mit welch einer furchtbaren Verantwortlichkeit belaſtet Ihr mich! Eure Majeſtät müßte im Gegentheil wachen, auf Ihrer Hut ſein.“ „Nein,“ ſprach der König,„ich kann nicht immer fürchten, nicht immer zittern! Seit zwei Wochen lebe ich nicht mehr. Entweder das Eine oder das Andere: entweder überlaſſe ich mich, auf Euer Wort bauend, ruhig meinem Schickſal und meinem Leben, denke an mein Königreich und nicht an meinen Feind, beſchäftige mich gar nicht mehr mit dem Vicomte d'Ermés; oder ich ſetze den Mann, der mich haßt, außer Stand, mir zu ſchaden, zeige ſeine Beleidigungen dem zuſtändigen Richter an und überlaſſe, zu hoch geſtellt und zu ſtol⸗ zen Gemüthes, um mich ſelbſt zu vertheidigen, die Sorge denjenigen, deren Pflicht es iſt, meine Perſon zu wahren.“ „Wer ſind dieſe Menſchen, Sire?“ fragte Diana. „Einmal Herr von Montmorency, der Connetable und Chef des Heeres.“ ½ 84 „Herr von Montmorency!“ wiederholte Diana ſchauernd. Der verhaßte Name von Montmorency erinnerte ſie an alles Unglück des Vaters von Gabriel, an ſeine lange und harte Gefangenſchaft und an ſeinen Tod. Wenn Gabriel ebenfalls in die Hände des Connetable fiel, ſo war ihm dasſelbe Schickſal vorbehalten, er war verloren! Diana ſah vor den Augen ihres Geiſtes denjenigen, welchen ſie ſo ſehr geliebt, in einen luftloſen Kerker verſenkt, dort ſterbend in einer Nacht, oder, was noch viel ſchrecklicher! in zwanzig Jahren und im Sterben derjenigen fluchen, die ihn auf einige ungewiſſe, zwei⸗ deutige Worte preisgegeben hätte. Nichts bewies, daß die Rache von Gabriel den König erreichen konnte oder wollte; aber es war ge⸗ wiß, daß der Groll von Montmoreney Gabriel nicht ſchonen würde.. In einigen Seeunden ſtellte ſich Diana dies Alles in ihrem Geiſte vor; und als der König, ſie ſchärfer fragend, fortfuhr: „Nun, Diana, welchen Rath gebt Ihr mir? Da Ihr beſſer als ich die Gefahren muthmaßen könnt, denen ich preisgegeben bin, ſo wird Euer Wort Geſetz für mich ſein. Soll ich mich nichts mehr um Herrn d'Ermés kümmern, oder ſoll ich mich im Gegentheil um ihn kümmern?“ Da antwortete Diana, welche der Ausdruck dieſer letzten Worte des Königs erſchreckte: „Sire, ich habe Eurer Majeſtät keinen andern Rath zu geben, als den Eures Gewiſſens. Wenn ir⸗ gend ein anderer durch Euch beleidigter Menſch die Achtung gegen Euch auf Eurem Wege verletzt, oder Euch verrätheriſcher Weiſe Eurer Gefahr überlaſſen hätte, ſo hättet Ihr mich nicht um Rath gefragt, denke ich, um eine gerechte Strafe über den Schuldigen zu verhängen. Ein gebieteriſcher Beweggrund hat Eure — 85⁵ Majeſtät zu dem Stillſchweigen der Verzeihung veran⸗ laßt, und ich ſehe nun keinen Grund, warum ſie auf⸗ hören ſoll, ſo zu handeln, wie ſie es zu thun ange⸗ fangen. Denn Herr d'Exmés, wenn der Gedanke eines Verbrechens ihm hätte kommen können, dürfte, wie mir ſcheint, nicht zwei beſſere Gelegenheiten abwarten, als die, welche ſich ihm in einer einſamen Gallerie des Louvre und im Walde von Fontaineblau, am Rande eines Abſturzes, geboten haben..4 „Das genügt, Diana, und ich verlangte nichts An⸗ deres von Euch. Ihr habt eine große Sorge in mei⸗ nem Innern getilgt, wofür ich Euch danke, mein liebes Kind. Sprechen wir nicht mehr hievon. Ich werde nun in voller Freiheit an unſere Hochzeitsfeierlichkeiten denken können. Sie ſollen glänzend werden, und auch Ihr ſollt glänzend ſein, Diana, hört Ihr?“ „Eure Majeſtät entſchuldige mich,“ ſprach Diana, „ich wollte ſie gerade um Erlaubniß bitten, nicht bei dieſen Freudenfeſten erſcheinen zu dürfen. Ich muß geſtehen, es wäre mir lieber, in meiner Einſamkeit bleiben zu dürfen.“ „Wie!“ rief der König,„wißt Ihr nicht, Diana, daß ein ganz königliches Feſt ſtattfinden ſoll? Es wird die ſchönſten Spiele und Turniere der Welt geben, und ich ſelbſt werde einer von den Kämpfenden ſein. Was kann Euch von den herrlichen Spielen entfernt halten, meine vielgeliebte Tochter?“ „Sire, ich habe zu beten...“ antwortete Diana mit ernſtem Tone. Einige Minuten nachher verließ der König Frau die Seele erleichtert von einem Theit ſeiner ngſt. Doch dieſe Angſt, er ließ ſie ganz und gar in dem Herzen der armen Diana zurück. IX. Porzeichen. Von der Unruhe, die ihn ſo traurig gemacht, bei⸗ nahe befreit, betrieb nunmehr der König mit ſeiner ganzen Thätigkeit die Vorbereitungen zu den pracht⸗ vollen Feſten, die er bei Gelegenheit der glücklichen Vermählung ſeiner Tochter Eliſabeth mit Philipp II. und ſeiner Schweſter Margarethe mit dem Herzog von Savoyen geben wollte. In der That, ſehr glückliche Heirathen, welche es wohl verdienten, daß man ſie mit ſo vielen Luſtbarkeiten feierte! Der Dichter von Don Carlos hat es ſo, daß man es nicht zu wiederholen braucht, geſagt, wor⸗ auf die erſte auslief. Der Heirathsvertrag von Philibert Emanuel mit der Prinzeſſin Margarethe von Frankreich ſollte am 28. Juni unterzeichnet werden. Heinrich ließ verkündigen, am 28. und an den fol⸗ genden Tagen wäre in den Tournelles offene Bahn für Tourniere und andere Ritterſpiele. Und unter dem Vorwand, die zwei Bräutigame mehr zu ehren, in Wirklichkeit aber in der Abſicht, ſeinen eigenen leidenſchaftlichen Geſchmack für ein ſolches Lan⸗ zenbrechen zu befriedigen, erklärte der König, er würde ſelbſt unter der Zahl der Kämpfenden ſein. Doch am Morgen des 28. Juni ließ die Königin Catharina von Medicis, welche in jener Zeit ihrer Zu⸗ rückgezogenheit nur ſehr ſelten ausging, den König dringend um eine Unterredung bitten. Heinrich entſprach, wie ſich dies von ſelbſt ver⸗ ſteht, ſogleich dieſem Wunſch ſeiner Frau und ſeiner Dame. ei⸗ ner ht⸗ en on ten ſo, or⸗ nit m l⸗ ür hr en de in 41⸗ ig r — 87 Catharina trat ganz bewegt in das Zimmer des Königs und rief, ſobald ſie ihn ſah: „Ah! theurer Sire, im Namen Jeſu beſchwöre ich Euch, verlaßt bis zum Ende dieſes Monats Juni den Louvre nicht.“ „Und warum dies, Madame?“ fragte Heinrich ganz erſtaunt über den ungeſtümen Anfang. „Sire, es muß Euch in dieſen Tagen ein Unglück widerfahren.“ „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte der König. „Euer Geſtirn, Sire, an dem ich in dieſer Nacht mit meinem italieniſchen Aſtrologen die drohendſten Zeichen einer Gefahr, einer Todesgefahr beobachtet habe.“ Man muß wiſſen, daß Catharina von Medicis ſchon damals ſich der Praktik der Magie und Aſtrolo⸗ gie hingab, die ihr, wenn man den Benkwürdigkeiten jener Zeit glauben darf, im Verlaufe ihres Lebens nur ſelten logen. Doch Heinrich II. war ſehr ungläubig in Bezie⸗ hung auf Geſtirne, und er antwortete der Königin la⸗ chend: „Ei! Madame, wenn mein Geſtirn eine Gefahr verkündigt, ſo wird mich dieſe Gefahr eben ſo gut hier, als auswärts erreichen.“ „Nein, Sire,“ entgegnete Catharina,„unter dem Himmel und in freier Luft erwartet Euch die Gefahr.“ e So iſt es vielleicht ein Wind⸗ 0. „Sire, ſcherzt nicht über ſolche Dinge. Die Sterne ſind das geſchriebene Wort Gottes.“ „Dann muß man zugeſtehen,“ ſprach Heinrich, „daß die göttliche Schrift im Allgemeinen ſehr dunkel und ſehr vernebelt iſt.“ „Wie ſo, Sire?“ 5 „Die Durchſtriche machen den Tert unverſtändlich, ſo daß Jeder daraus entziffern kann, was er will. Nicht wahr, Ihr habt in dem göttlichen Zauberbuch geſehen, ich ſei bedroht, wenn ich den Louvre verlaſſe?“* „Ja, Sire.“ „Nun wohl! Forecatel hat im vergangenen Monat etwas Anderes darin geſehen. Ich glaube, Ihr ſchätzt Forcatel?“ „Ja,“ antwortete die Königin,„er iſt ein ein ge⸗ lehrter Mann, der da ſchon lieſt, wo wir nur buchſta⸗ biren.“ „Erfahrt alſo, Madame, daß Forcatel in Euren Geſtirnen den ſchönen Vers geleſen hat, deſſen einziger Mangel die Unverſtändlichkeit iſt: „Iſt es nicht Mars, ſo fürchtet Euch vor ſeinem Bild.“ „In welcher Hinſicht ſchwächt dieſe Weiſſagung diejenige, welche ich Euch bringe?“ fragte Catharina. „Wartet, Madame. Ich habe irgendwo hier meine Nativität, welche im vorigen Jahr geſtellt worden iſt. Ihr erinnert Euch deſſen, was ſie mir weiſſagt?“ „Ziemlich unbeſtimmt, Sire.“ „Nach dieſer Nativität, Madame, ſteht geſchrieben, daß ich im Zweikampfe ſterben werde: was ſicherlich etwas neu und ſelten bei einem König iſt! Doch ein Zweikampf iſt das Bild von Mars, wie mir ſcheint, es iſt Mars ſelbſt, nach meinem unmaßgeblichen Dafür⸗ halten.“ „Was ſchließt Ihr hieraus, Sire?“ „Daß es, da alle Vorherſagungen ſich widerſpre⸗ chen, ſicherer iſt, keiner von ihnen zu glauben. Dieſe ſtrafen ſich gegenſeitig Lügen, wie Ihr e 11 „Und Eure Majeſtät wird den Louvre in dieſen Tagen verlaſſen?“ fragte Catharina. „Unter allen andern Umſtänden wäre ich glücklich, Madame, Euch dadurch, daß ich bei Euch bliebe, ange⸗ nehm zu ſein. Doch ich habe öffentlich verſprochen und 8— S—— ⸗ ig a. e — N S S S W NMN 89 verkündigt, ich würde zu dieſen Feſten kommen, und ſo muß ich kommen.“ „Ihr werdet wenigſtens nicht ſelbſt die Bahn be⸗ treten?“ „Auch hier verpflichtet mich der Umſtand, daß ich mein Wort gegeben, zu meinem großen Bedauern, Euch nicht zu entſprechen. Doch welche Gefahr kann bei die⸗ ſen Spielen obwalten? Ich bin Euch aus dem Grunde meines Herzens dankbar für Eure Sorge, aber laßt mich Euch ſagen, daß alle dergleichen Befürchtungen chimäriſch ſind, und daß es, wenn man ihnen nachge⸗ ben würde, fälſchlicher Weiſe zum Glauben an Gefah⸗ ren bei dieſen edlen, luſtigen Turnieren führen müßte, i meinetwegen durchaus nicht aufgehoben werden ollen.“ „Sire,“ ſprach Catharina von Medicis beſiegt,„ich bin gewohnt, mich in Euren Willen zu fügen, und füge mich auch heute, obwohl mit Schmerz und Angſt im Herzen.“ „Und Ihr werdet nach den Tournelles kommen, Madame, nicht wahr?“ ſagte der König, indem er der Königin die Hand küßte,„und wäre es nur, um meinen Lanzenſtößen Beifall zu ſpenden und Euch ſelbſt von der Blindheit Eurer Befürchtungen zu überzeugen.“ „Ich werde Euch bis zum Ende gehorchen, Sire,“ antwortete die Königin und entfernte ſich. Catharina wohnte wirklich mit ihrem ganzen Hofe, mit Ausnahme von Diana von Caſtro, dem erſten Tur⸗ niere bei, wobei der König den ganzen Tag mit Jedem, der ſich ihm gegenüber ſtellte, Lanzen brach. „Nun, Madame, die Sterne hatten alſo Unrecht!“ ſagte der König lachend am Abend zur Königin. ſ Catharina ſchüttelte traurig den Kopf und erwie⸗ erte: „Ach! der Monat Juni iſt noch nicht zu Ende.“ Doch am zweiten Tag, am 29. Juni, war es das⸗ 90 ſelbe. Heinrich II. verließ den Turnierplatz nicht, und ſein Glück kam ſeiner Kühnheit gleich. „Ihr ſeht, Madame, daß ſich die Sterne auch für heute täuſchten,“ ſagte er zu Catharina, als ſie in den Louvre zurückkehrten. „Ach! Sire, ich fürchte den dritten Tag darum nur um ſo mehr!“ rief die Königin. Zieſer letzte Turniertag, der 30. Funi, ein Frei⸗ tag, ſollte der ſchönſte und glänzendſte von allen dreien ſein und würdig die erſten Feſte beſchließen. Die vier Platzhalter waren: Der König, der Schwarz und Weiß als die Far⸗ ben von Frau von Poitiers trug. Der Herzog von Guiſe, der Weiß und Hochroth rug. Alfons von Eſte, Herzog von Ferrara, der Gelb und Roth trug. Jakob von Savoyen, der Gelb und Schwarz trug. „Es waren da,“ ſagt Brantome,„vier Fürſten von den beſten Kriegsmännern, die man nicht allein in Frankreich, ſondern auch inkandern Ländern finden konnte. Sie vollbrachten auch Alle an dieſem Tag Wunder, und man wußte nicht, wem man den Ruhm geben ſollte; auch war der König einer der Vortrefflichſten und Gewandteſten zu Pferd in ſeinem Reiche.“ Die Chancen theilten ſich in der That ſehr ſchön unter dieſen vier geſchickten und berühmten Platzhaltern, und die Kämpfe folgten ſich, der Tag rückte vor, ohne vaß man ſagen konnte, wem die Ehre des Turniers ge⸗ bühren würde. Heinrich II. war ganz belebt, ganzbefiebert. Er war bei dieſen Spielen und Waffengängen wie in ſeinem Ele⸗ ment, und es lag ihm vielleicht beinahe eben ſo viel dar⸗ an, hier zu ſiegen, als auf wahren Schlachtfeldern. Doch es kam der Abend, und die Trompeten und Clarine gaben das Zeichen zum letzten Stechen⸗ 5 v S 8 9¹ Es war der Herzog von Guiſe, der es unter gro⸗ ßem Beifall der Damen und der verſammelten Menge vollbrachte. Dann ſtand die Königin endlich athmend auf. Dies war das Zeichen zum Aufbruch. „Wie! iſt es denn vorbei?“ rief der König ge⸗ reizt und eiferſüchtig.„Wartet, meine Damen, iſt es nicht an mir, zu rennen?“ Herr von Vieilleville bemerkte dem König, er habe die Bahn zuerſt eröffnet, die vier Platzhalter haben eine ähnliche Zahl von Kämpfen geliefert, der Vortheil ſei allerdings unter ihnen gleich geblieben und es gebe keinen Sieger, aber die Bahn ſei geſchloſſen und der Tag beendigt. „Ei!“ erwiederte Heinrich voll Ungeduld,„wenn ein König zuerſt heéreingekommen iſt, muß er auch zu⸗ letzt hinausgehen. Das ſoll nicht ſo endigen, und es ſind hier auch noch zwei ganze Lanzen.“ „Aber, Sire,“ verſetzte Herr von Vieilleville,„es ſind keine Angreifer mehr da.“ „Doch, doch, ſeht jenen dort, der das Viſir beſtän⸗ dig herabgelaſſen und noch nicht gekämpft hat. Wer iſt es, Vieilleville?“ „Sire, ich weiß es nicht ich hatte ihn nicht bemerkt antwortete Vieilleville. „He! mein Herr!“ rief Heinrich dem Unbekannten zu,„Ihr werdet, wenn es Euch beliebt, dieſe letzte Lanze mit mir brechen.“ 3 Der Unbekannte verharrte einige Zeit, ohne zu ant⸗ worten; dann aber ſprach er mit ernſter, tiefer, bewegter Stimme: „Eure Majeſtät erlaube mir, dieſe Ehre zurückzu⸗ weiſen.“ Ohne daß Heinrich ſich davon Rechenſchaft geben konnte, miſchte der Ton dieſer Stimme eine ſeltſame Bangigkeit in die fieberhafte Ungeduld, von der er bewegt war. 92 „Ich ſoll Euch erlauben, zurückzuweiſen! nein, ich ve erlaube Euch das nicht, mein Herr,“ ſagte er mit einer vr nervigen Bewegung des Zorns. ke Da ſchlug der Unbekannte ſtillſchweigend ſein Viſir ei auf. gi Und zum dritten Male ſeit vierzehn Tagen konnte E der König das bleiche, düſtere Geſicht von Gabriel von v Montgommery ſehen. * de Grführliches Tournier. Beim Anblick des düſteren, feierlichen Geſichtes des ra * jungen Grafen von Montgommery fühlte der König einen Schauer des Erſtaunens und vielleicht des Schre⸗ de ckens alle ſeine Adern durchlaufen. Doch er wollte es ſich nicht ſelbſt geſtehen, und noch weniger die Anderen dieſe erſte Bewegung, die er vi 1 raſch bewältigte, ſehen laſſen. Seine Seele ſträubte H ſich gegen ſeinen Inſtinet, und gerade weil er eine Se⸗ ſie cunde bange gehabt hatte, zeigte er ſich muthig und fu 1 ſogar verwegen. Gabriel ſprach zum zweiten Male mit langſamem S ernſtem Tone: „Ich bitte Eure Majeſtät inſtändig, nicht uf ihrem G Willen zu beharren!“ „Ich beharre dennoch darauf, Herr von Montgom⸗ mery,“ antwortete der König. 3 Das Geſicht geblendet durch ſo viele entgegenge⸗ ſetzte Gemüthsbewegungen, glaubte Heinrich eine Art 2 des nig re⸗ ind 93 von Herausforderung in den Worten und in dem Ton von Gabriel wahrzunehmen. Erſchrocken über die Rück⸗ kehr der ſeltſamen Unruhe, welche Diana von Caſtro einen Augenblick zerſtreut hatte, ſtemmte er ſich ener⸗ giſch gegen ſeine Schwäche an und wollte der feigen Erſchütterung, die er ſeiner, Heinrichs II., eines Sohnes von Frankreich, eines Königs unwürdig hielt, ein Ende machen. Er ſagte daher zu Gabriel mit einer beinahe über⸗ triebenen Feſtigkeit: „Schickt Euch an, mein Herr, die Lanze gegen mich einzulegen.“ Das Gemüth nicht minder in Aufruhr als das des Königs, verbeugte ſich Gabriel, ohne zu antworten. In dieſem Augenblick näherte ſich Herr von Boiſy, der Oberſtſtallmeiſter, dem König und ſagte, die Königin beſchwöre Seine Majeſtät, aus Liebe für ſie das Kampf⸗ ſpiel nicht fortzuſetzen. „Antwortet der Königin,“ erwiederte Heinrich,„ge⸗ rade ihr zu Liebe wolle ich noch dieſe Lanze brechen.“ Und ſich gegen Herrn von Vieilleville umwen⸗ dend: „Auf, Herr von Vieilleville, waffnet mich ſogleich.“ In ſeiner Unruhe verlangte er von Herrn von Vieille⸗ ville einen Dienſt, der zu den Attributen der Stelle des Oberſtſtallmeiſters, Herrn von Boiſy, gehörte. Sehr er⸗ ſtaunt, bemerkte ihm dies Herr von Vieilleville ehr⸗ furchtsvoll. „Das iſt richtig!“ ſagte der König ſich vor die Stirne ſchlagend.„Wo habe ich denn meinen Kopf!“ Er begegnete dem kalten, unbeweglichen Blick von Gabriel und fügte ungeduldig bei: „Doch, doch, ich habe Recht! muß nicht Herr von Boiſy den Auſtrag der Königin vollziehen und ihr meine Antwort überbringen? Ich wußte wohl, was ich und was ich ſagte! Waffnet mich, Herr von Vieille⸗ ville.“ Die beiden Dianen. W. 7 94 „Wenn dem ſo iſt, Sire,“ ſprach Herr von Vieille⸗ ville,„und da Eure Majeſtät durchaus noch dieſe letzte Lanze brechen will, ſo bemerke ich, daß es mir gebührt, gegen ſie zu kämpfen, und ich nehme mein Recht in Anſpruch. Herr von Montgommery hat ſich in der That am Anfang des Kampfſpiels nicht gezeigt und iſt erſt erſchienen, als er es ſchon geſchloſſen glaubte.“ „Ihr habt Recht, mein Herr,“ erwiederte Gabriel raſch,„und ich ziehe mich zurück, um Euch meinen Platz abzutreten.“ Doch in dem Eifer, mit dem der Graf von Mont⸗ gommery jeden Kampf mit ihm vermied, ſah der König hartnäckig die beleidigende Schonung eines Feindes, der ſich einbildete, er mache ihm bange. „Nein! nein!“ erwiederte er Herrn von Vieilleville mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend.„Gegen Herrn von Montgommery und nicht gegen einen Andern will ich diesmal kämpfen, und es iſt nun genug des Ver⸗ zugs! Waffnet mich.“ Er tauſchte einen ſtolzen, hochmüthigen Blick gegen den ſtarren, ernſten Blick des Grafen und bot, ohne etwas beizufügen, ſeine Stirne dar, um ſich von Herrn von Vieilleville den Helm aufſetzen zu laſſen. Sein Verhängniß verblendete ihn offenbar! Es kam auch Herr von Savoie, um ihn im Namen von Catharina von Medieis zu bitten, die Bahn zu verlaſſen. Und als der König nicht einmal auf ſein dring⸗ liches Flehen antwortete, fügte er leiſe bei: „Auch Frau Diana, von Poitiers, Sire, hat mich beauftragt, Euch insgeheim zu ſagen, Ihr möget auf Eurer Hut ſein und wohl Obacht geben, wem Ihr diesmal den Sieg ſtreitig machen wollt.“ Bei dem Namen von Diana bebte Heinrich un⸗ willkührlich, doch er überwand auch dieſes Beben. „Soll ich vor meiner Dame die Miene haben, als fürchtete ich mich?“ ſagte er zu ſich ſelbſt. er we let er au le⸗ tzte et, in der iſt riel latz ont⸗ nig der ile errn will Ber⸗ egen ohne errn men zu ing⸗ mich auf Ihr un⸗ als 95 Und er beobachtete fortwährend das hochmüthige Schweigen eines beläſtigten und entſchloſſenen Mannes. Indeſſen ſagte auch Herr von Vieilleville, während er ihn waffnete, mit leiſer Stimme zum König: „Sire, ich ſchwöre Euch beim lebendigen Gott, daß ich ſeit mehr als drei Nächten beſtändig träume, es werde Euch heute ein Unglück widerfahren, und dieſer letzte Juni ſei ein unſeliger Tag für Euch.“ Doch der König ſchien ihn nicht einmal zu hören: er war ſchon gewaffnet und ergriff ſeine Lanze. Gabriel hielt die ſeinige in der Hand und erſchien auch auf der Bahn. Die zwei Streiter ſtiegen zu Pferde und ſtellten ſich einander gegenüber auf. Es trät nun ein ſeltſames, tiefes Schweigen in der Menge ein. Aller Augen waren aufmerkſam, jeder Athem ſtockte. 2 Der Connetable und Diana von Caſtro waren in⸗ deſſen abweſend, und Niemand, mit Ausnahme von Frau von Poitiers, wußte, daß zwiſchen dem König und dem Grafen von Montgommery Gründe des Haſſes und An⸗ läſſe zur Rache obwalteten. Niemand ſah klar bei einem Scheinkampf einen blutigen Ausgang vorher. An dergleichen gefahrloſe Spiele gewöhnt, hatte ſich der König ſeit drei Tagen hundertmal auf der Arena unter Bedingungen gezeigt, die denen ungefähr ähnlich waren, welche ſich abermals boten. Und dennoch fühlte man bei dieſem bis zum Ende geheimnißvoll gebliebenen Gegner, bei ſeinen bezeich⸗ nenden Weigerungen, zu kämpfen, bei der blinden Be⸗ harrlichkeit des Königs etwas Ungewöhnliches und Furcht⸗ bares, und vor dieſer unbekannten Gefahr ſchwieg und wartete man. Warum? das hätte Niemand ſagen können! Doch ein Fremder, der in dieſem Augenblick gekommen wäre und das Ausſehen aller dieſer Geſichter wahrgenommen hätte, würde ſich geſagt haben: „Es wird gewiß ein außerorventliches Ereigniß ſtattfinden.“ Die Luft war gleichſam mit Angſt erfüllt. Ein bemerkenswerther Umſtand gab ein fühlbares Zeichen von der düſteren Beſchaffenheit der Gedanken der Menge: 3 Bei den gewöhnlichen Kampfſpielen und ſo lange dieſe dauerten, ließen die Clarine und Trompeten fort⸗ während betäubende Fanfaren ertönen. Es war dies gleichſam die ſchallende, freudige Stimme des Tur⸗ niers. Als aber der König und Gabriel in die Schranken traten, ſchwiegen die Trompeten plötzlich undalle gleich⸗ zeitig; nicht eine einzige ertönte mehr, und ohne daß man ſich davon Recheyſchaft gab, verdoppelten ſich bei dieſem ungewöhnten Stillſchweigen die allgemeine Er⸗ wartung, die Angſt aller Zuſchauer. Noch viel mehr als die Anweſenden, fühlten die zwei Streiter die außerordentlichen Eindrücke der Bangigkeit, welche ſo zu ſagen die Atmoſphäre erfüllten. Gabriel pacht⸗ nicht mehr, ſah nicht mehr, lebte beinahe nicht mehr. Er bewegte ſich maſchinenmäßig und wie in einem Traum, that aus Inſtinct, was er ſchon unter ähnlichen Umſtänden gethan hatte, aber ge⸗ wiſſermaßen geleitet durch einen geheimen, mächtigen Willen, der ſicherlich nicht der ſeinige war. Der König war noch leidender, noch verwirrter. Er hatte auch vor ſeinen Augen eine Art von Wolke, und es ſchien, als handelte und bewegte er ſich eben⸗ falls in einer unerhörten Phantasmagorie, welche weder die Wirklichkeit noch der Traum war. Es trat jedoch ein Blitz ſeines Geiſtes ein, wo er klar die Wahrſagungen wiederſah, die ihm zwei Tage vorher am Morgen die Königin überbracht hatte, die ſeiner Nativität und die von Forcaſtel. Plötzlich, durch irgend einen furchtbaren Schimmer erleuchtet, begriff er den Sinn und die wechſelſeitigen Beziehungen dieſer gniß ares nken unge fort⸗ dies Tur⸗ nken eich⸗ daß bei Er⸗ zwei keit, lebte äßig s er ge⸗ tigen rter. olke, ben⸗ veder vo er Tage „die durch egriff ieſer 97 finſteren Weiſſagungen. Ein kalter Schweiß überſtrömte ihn vom Kopf bis auf die Füße. Er hatte einen Augenblick Luſt, die Bahn zu verlaſſen und auf dieſen Kampf zu verzichten. Aber die Tauſende von aufmerkſamen Augen laſteten auf ihm und feſſelten ihn an ſeinen Platz! Ueberdies gab Herr von Vieilleville das Zeichen zum Anfang. Der Würfel iſt geworfen. Vorwärts! und Gott thue, was ihm gefällt! Die zwei Pferde ſprengten zu gleicher Zeit im Galopp vor; ſie waren in dieſem Augenblick vielleicht verſtändiger und minder blind, als ihre ſchweren, ge⸗ harniſchten Reiter. Gabriel und der König begegneten ſich mitten in der Arena. Beider Lanzen ſtießen an einander, zer⸗ brachen auf ihren Panzern, und ſie ritten ohne einen Unfall an einander vorbei. Die angſtvollen Ahnungen hatten alſo Unrecht ge⸗ habt! Ein freudiges Gemurmel entſtrömte gleichzeitig der erleichterten Bruſt aller Anweſenden. Die Königin hob ihren Blick dankbar zu Gott empor. Doch man freute ſich zu früh! Die Reiter waren in der That noch auf dem Kampfplatz. Nachdem Jeder das Ende, dem entgegen⸗ geſetzt, durch welches ſie eingeritten waren, erreicht hatte, mußten ſie im Galopp zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren und ſich folglich zum zweiten Male be⸗ gegnen. Welche Gefahr war jedoch noch zu befürchten? ſie kreuzten ſich, ohne ſich zu berühren⸗ Aber geſchah es in ſeiner Unruhe, geſchah es abſichtlich, geſchah es aus Unglück, wer wußte je die Urſache außer Gott? Gabriel warf, als er zurückkehrte, nicht, dem Gebhrauche gemäß, den Stumpf der zer⸗ brochenen Lanze, der ihm in der Hand geblieben war, auf die Erde. Er hielt ihn vor ſich geſenkt. 98 Und von ſeinem Pferde im Galopp fortgetragen, traf er mit dieſem Stumpfe bei der Rückkehr Heinrich II. an den Kopf! Das Helmviſir wurde durch die Heftigkeit des Stoßes aufgeſchlagen und der Lanzenſplitter drang tief in das Auge des Königs und kam durch das Ohr heraus. Die Zuſchauer, die ſich ſchon zum Aufbruch er⸗ hoben und zerſtreut hatten, ſahen nur zur Hälfte dieſen furchtbaren Schlag. Doch die es ſahen, ſtießen einen gewaltigen Schrei aus, der die Anderen aufmerkſam machte. Heinrich ließ indeſſen den Zügel fahren, hing ſich an den Hals ſeines Pferdes und vollendete ſo die Lauf⸗ bahn, an deren Ende ihn die Herren von Vieilleville und Boiſy empfingen. „Ah! ich bin todt!“ dies war das erſte Wort des Königs. Er murmelte noch: „Man beunruhige Herrn von Montgommery nicht! es war gerecht.. ich verzeihe ihm.“ Und er ſank in Ohnmacht. Wir wollen es nicht verſuchen, die Verwirrung, welche hierauf folgte, zu ſchildern. Man ſchleppte Catharina von Medieis halb todt fort. Der König wurde auf der Stelle in ſein Zimmer in den Tournelles gebracht, ohne daß er nur einen Augenblick zum Be⸗ wußtſein kam. Gabriel war vom Pferd geſtiegen; er blieb unbe⸗ weglich, verſteinert, und als hätte ihn ſelbſt der Schlag getroffen, den er gethan, bei der Schranke ſtehen. Die letzten Worte des Königs waren gehört und wiederholt worden. Niemand wagte es alſo, ihn zu beunruhigen. Doch man flüſterte um ihn her und ſchaute ihn mit einer Art von Schrecken von der Seite an. Der Admiral von Coligny, der dem Turnier bei⸗ gewohnt hatte, beſaß allein den Muth, ſich dem jungen en, II. des ief hr er⸗ ſen ren am ſich uf⸗ ille des ht ng, opte nig lles Be⸗ nbe⸗ hlag und nzu und der bei⸗ ngen 99 Mann zu nähern, und er ſagte, indem er an ſeiner linken Seite vorüberging, mit leiſer Stimme: „Das iſt ein furchtbares Ereigniß, Freund! Ich weiß wohl, daß der Zufall Alles gethan hat; unſere Ideen und die Reden, die Ihr, wie mir la Renaudie ſagt, in der Verſammlung der Place Maubert hör⸗ tet, haben ſicherlich keinen Antheil an dieſem Un⸗ glück! Gleichviel und obſchon man Euch wegen eines Unfalls nicht anklagen kann, ſeid auf Eurer Hut. Ich gebe Euch den Rath, auf einige Zeit zu verſchwinden und Paris und ſogar Frankreich zu ver⸗ laſſen. Rechnet ſtets auf mich. Auf Wiederſehen.“ „Ich danke,“ antwortete Gabriel, ohne ſeine Stellung zu verändern. Ein trauriges, beinahe unmerkliches Lächeln war über ſeine bleichen Lippen hingeſchwebt, während der Anführer der Proteſtanten mit ihm ſprach. Coligny machte ein Zeichen mit dem Kopf und ent⸗ fernte ſich. Einen Augenblick nachher ſchritt der Herzog von Guiſe, der den König hatte wegtragen ſehen, einige Befehle ertheilend, nach der Stelle zu, wo Gabriel war. Er ging auf der rechten Seite an dem jungen Grafen vorüber und ſagte ihm, während er vorüber⸗ ging, in's Ohr: „Ein ſehr unglücklicher Schlag, Gabriel! Doch, man kann Euch deshalb nicht grollen: man muß Euch nur beklagen. Bedenkt aber dennoch, wenn Jemand unſer Geſpräch in den Tournelles gehört hätte, welche abſcheuliche Muthmaßungen würden die Boshaften aus dieſem einfachen, aber traurigen Zufall ziehen! Gleich⸗ viel, ich bin nun mächtig, und ich bin Euch ganz er⸗ geben, wie Ihr wißt. Zeigt Euch einige Tage nicht, verlaßt aber Paris nicht, das iſt unnöthig. Sollte es Jemand wagen, als Ankläger gegen Euch aufzutreten, ſo erinnert Euch deſſen, was ich Euch geſagt habe: zählt überall, immer, und wofür es auch ſein mag, auf mich.“ „Ich danke, Monſeigneur,“ ſprach Gabriel aber⸗ mals mit demſelben Ton und mit demſelben ſchwer⸗ müthigen Lächeln. Der Herzog von Guiſe und Coligny hatten offen⸗ bar, wenn nicht eine gewiſſe Ueberzeugung, doch einen unbeſtimmten Verdacht, der mißliche Zufall, den ſie ſcheinbar beklagten, ſei nicht ganz ein Zufall. Ohne es ſich ihrem Gewiſſen gegenüber zugeſtehen zu wollen, vermutheten der Proteſtant und der Ehrgeizige, dieſer, Gabriel habe auf's Gerathewohl die Gelegenheit er⸗ griffen, das Glück eines bewunderten Beſchützers zu unterſtützen, jener, der Fanatismus habe den jungen Hugenotten antreiben können, ſeine unterdrückten Brüder von ihrem Verfolger zu befreien. Beide hatten ſich daher verpflichtet geglaubt, einem verſchwiegenen und ergebenen Helfer einige gute Worte zu ſagen; und deshalb hatten ſie ſich hinter einander dem jungen Mann genähert, und deshalb hatte Gabriel ihren doppelten Irrthum mit dieſem traurigen Lächeln aufgenommen. Der Herzog von Guiſe kehrte indeſſen unter die unruhigen Gruppen zurück, die ihn umgaben. Gabriel blickte endlich umher, ſah, wie man ihn von allen Seiten erſchrocken anſchaute, ſeufzte und entſchloß ſich, den unſeligen Ort zu verlaſſen. Er kam in ſein Haus in der Rue des Jardins Saint⸗Paul zurück, ohne daß ihn irgend Jemand auf⸗ hielt oder nur anrief. In den Tournelles war das Zimmer des Königs für Jedermann, mit Ausnahme der Königin, ihrer Kinder und der Aerzte, welche herbeieilten, um dem königlichen Verwundeten beizuſtehen, geſchloſſen. Aber Fernel und alle andere Aerzte erkannten 5 ig en⸗ en ſie ne en, er⸗ er⸗ en der rte der iel eln die tiel len ich, ins uf⸗ igs rer em ten 101 ſehr bald, daß keine Hoffnung vorhanden war, und daß ſie Heinrich II. nicht retten konnten. Ambroiſe Paré befand ſich in Peronne. Der Herzog von Guiſe dachte nicht daran, ihn holen zu laſſen. Der König blieb vier Tage ohne Bewußtſein; am fünften kam er nur ein wenig zu ſich, um einige Befehle zu geben, namentlich den, auf der Stelle die Hochzeit ſeiner Schweſter zu feiern. Er ſah auch die Königin und gab ihr ſeine Auf⸗ träge und Empfehlungen in Betreff ſeiner Kinder und der Angelegenheiten des Reiches. Dann faßten ihn wieder das Fieber und das De⸗ lirium und die völlige Abſpannung. Am 10. Juli 1559, einen Tag, nachdem gemäß ſeinem letzten Willen ſeine Schweſter Margarethe in Thränen den Herzog von Savoyen geheirathet hatte, verſchied Heinrich II. nach eilf langen Tagen des To⸗ deskampfes. An demſelben Tag reiſte oder floh vielmehr Frau Diana von Caſtro nach ihrem alten Kloſter der Bene⸗ dictinerinnen von Saint⸗Quentin, das ſeit dem Frieden von Chateau⸗Cambréſis wieder geöffnet war. e Die Regierung von Franz Il. Xl. Heuer Juſtand der Pinge. Für die Favoritin wie für den Günſtling eines Königs iſt der wahre Tod nicht der Tod, ſondern die Ungnade. Der Sohn des Grafen von Montgommery mußte alſo hinreichend am Connetable und an Diana von Poitiers den gräßlichen Tod ſeines Vaters gerächt haben, wenn durch ihn die zwei Schuldigen von der Macht zur Verbannung, vom Glanze in die Vergeſſen⸗ heit herabſanken. Dies war das Reſultat, das Gabriel noch in der düſteren, träumeriſchen Einſamkeit ſeines Hauſes er⸗ wartete, wo er ſich nach dem unſeligen Schlag vom 30. Juni begraben hatte. Es war nicht ſeine eigene Beſtrafung, was er, wenn Montmorency und ſeine Genoſſin die Gewalt behielten, fürchtete, es war ihre Freiſprechung. Und er wartete. Während der eilf Tage, die Heinrich II. mit dem Tode rang, bot Montmorench Allem auf, um ſeinen Antheil am Einfluß bei der Regierung zu behalten. Er ſchrieb an die Prinzen von Geblüt und forderte fie 104 auf, ihren Platz im Rathe des jungen Königs einzu⸗ nehmen. Seine dringlichen Bitten waren hauptſächlich an Anton von Bourbon, König von Navarra, des nächſten Erben des Thrones, nach den Brüdern den Königs, gerichtet. Er ermahnte ihn, ſchleunigſt zu kommen, und bemerkte ihm, der geringſte Verzug dürfte Fremden eine Ueberlegenheit geben, die er ihnen nicht mehr zu entreißen vermöchte. Er ſandte endlich Courier auf Courier ab, forderte die Einen auf, flehte die Anderen an und verſäumte nichts, um eine Partei zu bilden, welche im Stande entſchieden entgegenzutreten. Diana von Poitiers unterſtützte ihn, trotz ihres Schmerzes, mit ihren beſten Kräften in ſeinen An⸗ ſtrengungenz denn ihr Glück war nun auch auf das Engſte mit dem ihres alten Liebhabers verknüpft und von dieſem gleichſam abhängig. Mit ihm konnte ſie noch regieren, wenn nicht un⸗ mittelbar, doch wenigſtens wirkſam. Als am 10. Juli 1559 der älteſte von den Söh⸗ nen von Heinrich II. unter dem Namen Franz II. durch den Wappenherold zum König ausgerufen wurde, zählte der junge Prinz erſt ſechszehn Jahre, und obgleich ihn das Geſetz für volljährig erklärte, zwangen ihn doch ſein Alter, ſeine Unerfahrenheit und ſeine ſchwache Ge⸗ ſundheit, auf mehrere Jahre die Leitung der Staats⸗ angelegenheiten einem Miniſter zu überlaſſen, der unter ſeinem Namen mächtiger war, als er ſelbſt. Wer ſollte nun dieſer Miniſter, oder vielmehr dieſer Vormund ſein? Der Herzog von Guiſe oder der Connetable? Catharina von Medicis oder Anton von Bourbon? Dies war die Frage am folgenden Tag nach dem Tod von Heinrich II. An dieſem Tag ſollte Franz II. um drei Uhr die Abgeordneten des Parlaments empfangen. Derjenige, den er ihnen als ihren Miniſter vorſtellen würde, konnte er von Guiſe —— e S S —— —„—— ec— b e— r 7— em die ige, nte —— 105 von ihnen, ſtreng genommen, als ihr wahrer König begrüßt werden. 2 Es handelte ſich alſo darum, bei dieſem Kampf der Parteien den Sieg davon zu tragen, und am Morgen des 12. Juli begaben ſich Catharina von Me⸗ dicis und Franz von Lothringen, jedes ſeinerſeits, zu dem jungen König unter dem Vorwand, ihm ihre Bei⸗ leidsbezeigungen zu überbringen, in Wirklichkeit aber, um ihm ihre Rathſchläge einzuflüſtern. Die Witwe von Heinrich II. übertrat ſogar zu dieſem Behufe die Geſetze der Etiquette, die ihr, ſich vierzig Tage lang nicht zu zeigen, vorſchrieben. Von ihrem Gemahl bedrückt und vernachläßigt, fühlte Catharina von Medicis ſeit zwölf Tagen in ihrem Innern jene weitumfaſſende, tiefe Herrſchſucht erwachen, die den Reſt ihres Lebens ausfüllte. Doch da ſie nicht die Regentin eines volljährigen Königs ſein konnte, ſo war ihre einzige Chance, durch einen ihren Intereſſen ergebenen Miniſter zu re⸗ gieren. Der Connetable von Montmorench ſollte nicht dieſer Miniſter ſein. Er hatte unter der vorhergehenden Regierung nicht wenig dazu beigetragen, den recht⸗ mäßigen Einfluß von Catharina auf die Seite zu ſchieben, um an deſſen Stelle den von Diana von Poi⸗ tiers zu ſetzen. Die Königin Mutter verzieh ihm ſeine Intriguen nicht und dachte nur daran, ihn für ſein ſtets hartes und oft barbariſches Benehmen gegen ſie zu beſtrafen. Anton von Bourbon wäre ein gelehrigeres Werk⸗ zeug in ihrer Hand geweſen, doch er gehörte der re⸗ formirten Religion an; Johanna d'Albret, ſeine Frau, war auch herrſchſüchtig, und ſein Titel als Prinz von Geblüt konnte ihm, in Verbindung mit dieſer wirk⸗ lichen Gewalt, gefährliche Velleitäten eingeben. Es blieb der Herzog von Guiſe. Würde aber Franz von Lothringen gutwillig das morgliſche An⸗ 106 ſehen der Königin Mutter anerkennen, oder würde er ſich gegen jede Theilung der Macht ſträuben 2 Dies war es, worüber ſich Catharina von Me⸗ dieis gern Sicherheit verſchafft hätte: ſie nahm auch mit Freuden die Zuſammenkunft an, welche am Morgen. dieſes entſcheidenden Tages der Zufall in Gegenwart des Königs zwiſchen ihr und Franz von Lothringen herbeiführte. „Sie wollte Gelegenheit ſuchen oder ſchaffen, um den Balafré auf die Probe zu ſiellen und ſeine Ge⸗ ſinnung in Beziehung auf ſie zu ſondiren. Doch der Herzog war nicht minder gewandt in der Politik als im Krieg, und er blieb ſorgfältig auf ſeiner Hut. Dieſer Prolog des Stückes fand im königlichen Zimmer im Louvre ſtatt, wo Franz II. am Tage vor⸗ her eingeſetzt worden war, und hatte als Schau⸗ ſpieler nur die Königin Mutter, den Balafré, den jungen König und Maria Stuart. Franz und ſeine junge Königin waren neben die⸗ ſen kalten, egviſtiſchen, herrſchſüchtigen Charakteren nur reizende, naive, verliebte Kinder, deren Vertrauen dem Erſten, dem Beſten gehören ſollte, der ſich auf 46 geſchickte Weiſe ihrer Gemüther zu bemächtigen wüßte. Sie beweinten aufrichtig den Tod des Königs, ihres Vaters, und Catharina fand ſie ganz traurig und troſtlos. „Mein Sohn,“ ſagte ſie zu Franz,„es iſt gut von Euch, daß Ihr dieſe Thränen dem Andenken des⸗ jenigen ſchenkt, den Ihr zuerſt unter Allen beklagen müßt. Ihr wißt, ob ich dieſen bittern Schmerz theile! Bedenkt aber auch, daß Ihr nicht allein Sohnespflichten zu erfüllen habt. Ihr ſeid auch Vater, Vater Eures Volkes! Nachdem Ihr der Vergangenheit dieſen ge⸗ rechten Tribut des Bedauerns entrichtet habt, wendet Euch der Zukunft zu. Erinnert Euch, daß Ihr König 5 „ 2 1 n * n uf n 8, d ut en el en es e⸗ et ig 107 ſeid, mein Sohn, oder vielmehr Eure Majeſtät, da⸗ mit ich mich mit einer Sprache in Einklang ſetze, die Euch zugleich an Eure Obliegenheiten und an Eure Rechte mahnen muß.“ „Ach!“ ſprach Franz II., den Kopf ſchüttelnd, „ach! Madame, der Scepter von Frankreich iſt eine ſchwere Bürde für ſechszehnjährige Hände, und nichts hatte mich auf den Gedanken vorbereitet, eine ſolche Laſt dürfte ſobald meine, der Erfahrung und des Ernſtes enthehrende, Jugend bedrücken.“ „Sire,“ erwiederte Catharina,„nehmt zugleich mit Ergebenheit und Dank die Laſt an, die Euch Gott auferlegt; es wird die Sache derjenigen ſein, welche Euch umgeben und Euch lieben, ſie mit allen ihren Kräften zu erleichtern und ihre Anſtrengungen mit den Eurigen zu verbinden, um ſie Euch würdig tragen zu helfen.“ „Madame ich danke Euch,“ murmelte der junge König, der in Verlegenheit war, welche Antwort er auf dieſes Entgegenkommen geben ſollte. Und maſchinenmäßig richtete er ſeine Blicke auf den Herzog von Guiſe, als wollte er von dem Oheim ſeiner Frau Rath verlangen. Bei ſeinem erſten Schritte im Königthum, und ſogar ſeiner Mutter gegenüber, fühlte ſchon der arme gekrönte Jüngling Schlingen und Fallen auf ſeinem ege. Der Herzog von Guiſe ſprach aber, ohne zu zögern: „Ja, Sire, Eure Majeſtät hat Recht; dankt, dankt auf das Innigſte der Königin für ihre guten und ermuthigenden Worte. Doch, beſchränkt Euch nicht darauf, daß Ihr dankt. Sagt auch unverhohlen, daß unter denjenigen, die Euch lieben und die Ihr liebt, ſie den erſten Raug einnimmt, und daß Ihr folglich auf ihre wirkſame mütterliche Beihülfe bei der ſchwierigen 108 Aufgabe, die Ihr ſo jung zu erfüllen berufen ſeid, rechnen müßt und rechnet.“ „Mein Oheim von Guiſe iſt der getreue Dolmet⸗ ſcher meiner Gedanken, Madame,“ ſprach nun ganz ent⸗ zückt der junge König zu ſeiner Mutter,„und wenn ich Euch, aus Furcht, ſie zu ſchwächen, ſeine Ausdrücke nicht wiederhole, ſo nehmt ſie dennoch als von mir ge⸗ ſagt an, Madame und vielgeliebte Mutter, und verſprecht meiner Schwäche Euren koſtbaren Beiſtand.“ Die Königin Mutter hatte ſchon dem Herzog von Guiſe einen Blick des Wohlwollens und der Beiſtim⸗ mung zugeworfen. „Sire,“ erwiederte ſie ihrem Sohn,„das Wenige, was ich an Erleuchtung beſitze, gehört Euch, und ich werde glücklich und ſtolz ſein, ſo oft Ihr mich um Rath fragen wollt. Doch ich bin nur eine Frau, und Ihr braucht an der Seite Eures Thrones einen Vertheidiger, der ein Schwert zu führen vermag. Dieſen ſtarken Arm, dieſe männliche Energie wird Eure Majeſtät unter den⸗ jenigen zu finden wiſſen, welche die Bande der Ver⸗ wandtſchaft zu ihren natürlichen Stützen machen.“ Catharina von Medicis bezahlte dem Herzog von Guiſe ſogleich ihre Schuld für ſein gutes Benehmen ab. Es beſtand zwiſchen ihnen gleichſam ein, durch einen einzigen Blick geſchloſſener, ſtummer Vertrag, der jedoch wir müſſen es geſtehen, weder von der einen, noch von der andern Seite aufrichtig war und, wie man ſehen wird, nicht lange dauern ſollte. Der junge König verſtand ſeine Mutter und reichte, ermuthigt durch einen Blick von Maria, dem Balafré ſeine ſchüchterne Hand. Mit dieſem Händedruck übergab er ihm die Regie⸗ rung von Frankreich. Doch nach dem Willen von Catharina von Medicis ſollte ſich ihr Sohn nicht zu weit einlaſſen, ehe ihr der feh Kö M ſpr ein —= * Herzog von Guiſe gewiſſe Pfänder ſeiner guten Ge⸗ Be ſinnung gegeben hätte. ₰ ſeid, met⸗ ent⸗ nich rücke ge⸗ recht von tim⸗ ige, ich tath Ihr ger, m, den⸗ Ber⸗ von ab. nen och von hen hte, fré gie⸗ icis der He⸗ Die beiden Dianen. W. 109 Sie kam alſo dem König, der wahrſcheinlich durch irgend ein förmliches Verſprechen ſeine vertrauensvolle Geberde zu beſtätigen im Begriff war, zuvor, nahm zu⸗ erſt das Wort und ſagte: „In jedem Fall, Sire, hat Eure Mutter, ehe Ihr einen Miniſter wählt, Euch nicht um eine Gnade zu bitten, ſondern eine Forderung an Euch zu ſtellen.“ „Sagt: mir einen Befehl zu geben, Madame,“ er⸗ wiederte Franz II.;„ſprecht, ich bitte Euch.“ „Wohl, mein Sohn, es handelt ſich um eine Frau, die viel Böſes mir und noch viel mehr Frankreich zu⸗ gefügt hat. Es geziemt ſich nicht für uns, die Schwä⸗ chen desjenigen zu tadeln, der uns mehr als je heilig ſein muß. Doch leider iſt Euer Vater nicht mehr, Sire, ſein Wille herrſcht nicht mehr in dieſem Schloſſe, und dennoch wagt es dieſe Frau, die ich nicht nennen will, immer noch, darin zu bleiben, und thut mir bis an's Ende die Beleidigung ihrer Gegenwart an. Während der langen Lethargie des Königs ſtellte man ihr vor, es wäre unſchicklich von ihr, im Loupre zu bleiben. „„Iſt der König todt?““ fragte ſie. „„Nein, er athmet noch.““ „„Wohl, dann hal Niemand als er das Recht, Be⸗ fehle zu geben.““ „Und ſie blieb unverſchämter Weiſe.“ Der Herzog von Guiſe unterbrach ehrfurchtsvoll die Königin Mutter und erwiederte raſch: „Verzeiht, Madame, ich glaube die Abſichten Seiner Majeſtät in Beziehung auf diejenige, von welcher Ihr ſprecht, zu kennen.“ Und ohne eine weitere Bemerkung ſchlug er auf ein Glöckchen. Es erſchien ein Diener. „Man melde Frau von Poitiers, der König wolle ſie auf der Stelle ſprechen,“ ſagte er. Der Diener verbeugte ſich und ging ab, unt den Befehl zu vollziehen. Der junge König ſchien nicht im Geringſten dar⸗ 8 110 über erſtaunt oder unruhig, daß man ihm ſo die Ge⸗ walt ohne ſein Gutheißen aus den Händen nahm. Er war im Grunde entzückt über Alles, was ſeine Verant⸗ wortlichkeit vermindern und ihm die Mühe, zu befehlen und zu handeln, erſparen konnte. Der Balafré wollte indeſſen ſeinem Schritt die Sanction der königlichen Beiſtimmung geben. „Ich glaube nicht zu ſehr vorzugreifen, Sire,“ ſprach er,„wenn ich ſage, ich kenne die Wünſche Eurer Majeſtät in dieſer Hinſicht?“ „Nein, gewiß nicht, theurer Oheim,“ erwiederte Franz voll Eifer.„Handelt immerhin! ich weiß zum Voraus, daß das, was Ihr thun werdet, wohlgethan „Und das, was Ihr ſagt, iſt wohlgeſagt, mein Herzchen,“ flüſterte ihm mit ſanfter Stimme Maria Stuart in's Ohr. Franz erröthete vor Freude und Stolz. Für ein Wort, für einen Blick der Billigung von ſeiner ange⸗ beteten Maria hätte er wahrhaftig alle Königreiche der Erde gefährdet und preisgegeben. Die Königin Mutter erwartete mit ungeduldiger Neugierde, welchen Beſchluß der Herzog von Guiſe faſſen würde. Sie glaubte jedoch, ſowohl um das Stillſchweigen auszufüllen, als um ihre Abſicht ſchärfer kundzugeben, beifügen zu müſſen: „Diejenige, welche Ihr berufen habt, Sire, kann übrigens, wie mir ſcheint, ganz wohl den Louvre unge⸗ theilt der einzigen geſetzlichen Königin der Vergangen⸗ — heit ſowohl, als der reizenden Königin der Gegenwart überlaſſen,“ fügte ſie, freundlich ſich gegen Maria Stuart verneigend, bei.„Hat die reiche und ſchöne Dame nicht als Zufluchtſtätte und Troſt ihr prächtiges Schloß Anet, das ſicherlich königlicher und prächtiger 3. als mein einfaches Haus in Chaumont an der vire.“ S——. e⸗ Er nt⸗ len die e,“ rer erte um han tein aria ein ge⸗ der iger uiſe igen ben, kann nge⸗ gen⸗ wart aria höne tiges tiger der 1 111 Der Herzog von Guiſe antwortete nichts, doch er merkte ſich dieſe Einſchärfung in ſeinem Innern. Es iſt nicht zu leugnen, er haßte Diana von Poi⸗ tiers nicht weniger, als es Catharina von Medieis that. Es war Frau von Valentinvis, welche bis dahin, um ihrem Connetable zu gefallen, dem Glückund den Plänen des Balafré Feſſeln angelegt und Hinderniſſe entgegen⸗ geſtellt hatte; ſie war es, die ihn ohne Zweifel ſür immer in den Schatten verbannt haben würde, hätte nicht die Lanze von Gabriel mit dem Leben von Hein⸗ rich II. die Macht der Zauberin gebrochen. Doch der Tag der Wiedervergeltung war endlich für Franz von Lothringen gekommen, und er wußte eben ſo gut zu haſſen, als er zu lieben verſtand. In dieſem Augenblick meldete der Huiſſier mit lauter Stimme: „Die Frau Herzogin von Valentinvis.“ Frau von Poitiers trat, offenbar beängſtigt, aber immer noch hoffärtig, ein. XII. Folge der Rache von Gabriel. — Frau von Valentinvis verbeugte ſich leicht vor dem jungen König, noch leichter vor Catharina von Medicis und Maria Stuart, und ſchien die Gegenwart des Her⸗ zogs von Guiſe gar nicht zu bemerfen. 4 „Sire,“ ſprach ſie,„Eure Majeſtät hat mir be⸗ fohlen, vor ihr zu erſcheinen.“ Sie hielt inne. Zugleich gereizt und beunruhigt 1¹2 vurch die ſtolſe Haltung der Erfavoritin, zögerte, errö⸗ thete Franz II. und ſagte am Ende: „Unſer Oheim von Guiſe hat es gütigſt über⸗ nommen, Euch mit unſern Abſichten bekannt zu machen, Madame.“ Und er fing wieder an, leiſe mit Maria Stuart zu plaudern. Diana wandte ſich langſam gegen den Balafré um und verſuchte es, als ſie das feine, ſpöttiſche Lächeln ſah, das über ſeinen Mund ſchwebte, ihm den gebieie⸗ riſchſten der Blicke von Juno der Zornigen entgegenzu⸗ ſetzen. Doch der Balafré war viel weniger leicht einzu⸗ ſchüchtern, als ſein königlicher Neffe. „Madame,“ ſagte er zu Diana, nachdem er ſich tief verbeugt hatte,„der König hat erfahren, welchen aufrichtigen Kummer Euch das furchtbare Unglück, das uns Alle betroffen, verurſachte. Er dankt Euch dafür. Seine Majeſtät glaubt Eurem theuerſten Wunſch ent⸗ gegen zu kommen, wenn er Euch den Hof zu verlaſſen und mit der Einſamkeit zu vertauſchen erlaubt. Ihr könnt abreiſen, ſobald es Euch genehm iſt. Dieſen Abend zum Beiſpiel.“ Diana verſchlang eine Thräne der Wuth in ihrem entflammten Auge. „Seine Majeſtät erfüllt in der That meinen innig⸗ ſten Wunſch,“ ſagte ſie;„was hätte ich jetzt hier noch zu thun? Es liegt mir nichts ſo ſehr am Herzen, als mich in meine Verbannung zurückzuziehen, und zwar, ſeid unbeſorgt, mein Herr, ſobald als möglich!“ „Es ſteht alſo Alles ganz gut,“ verſetzte der Herzog mit leichtem Tone, während er mit den Schleifen ſeines Sammetmantels ſpielte.„Aber, Madame,“ fügte er bei, indem er ſeinen Worten die Bedeutung und den Nach⸗ vruck eines Befehles gab,„Euer Schloß Anet, das Ihr der Güte des ſeligen Königs zu verdanken habt, iſt vielleicht ein zu weltlicher, zu offener, zu heiterer Auf⸗ ⸗ , rt„ m ln e⸗ u⸗ u⸗ 113 enthaltsort für eine troſtloſe Einſiedlerin, wie Ihr ſeid. Die Frau Königin Catharina bietet Euch nun dagegen ihr Schloß Chaumont an der Loire, das entfernter von Paris liegt und folglich, wie ich denke, für den Augen⸗ blick Eurem Geſchmack und Euren Bedürfniſſen mehr entſpricht.“ Frau von Poitiers begriff ganz wohl, daß dieſer angebliche Tauſch nur eine willkührliche Confiscation verkleidete. Aber was ſollte ſie thun? Wie ſollte ſie widerſtehen? Sie hatte weder mehr Anſehen, noch Ge⸗ walt; alle ihre Freunde vom vorhergehenden Tag wa⸗ ren ihre Feinde vom heutigen. Sie mußte bebend nach⸗ gaben und gab nach. „Ich ſchätze mich glücklich,“ ſprach ſie mit dumpfem Tone,„ich ſchätze mich glücklich, der Königin die herr⸗ liche Beſitzung anzubieten, die ich in der That der Großmuth ihres edlen Gemahls zu verdanken habe.“ „Ich nehme dieſe Genugthuung an, Madame,“ ſagte Catharina von Medicis mit trockenem Tone, Diana einen kalten und dem Herzog von Guiſe einen dank⸗ baren Blick zuwerfend. Es war, als machte er ein Geſchenk mit Anet. „Das Schloß Chaumont an der Loire gehört Euch, Madame,“ fügte ſie bei,„und es ſoll in den Stand geſetzt werden, um ſeine neue Eigenthümerin würdig zu empfangen.“ „Und dort,“ fuhr der Herzog von Guiſe fort, um den wüthenden Blicken, mit denen ihn Diana nieder⸗ zuſchmettern ſuchte, einen unſchuldigen Spott entgegen⸗ zuſetzen,„dort, in der Stille, Madame, könnt Ihr nach Muße von den Anſtrengungen ausruhen, die Euch während der letzten Tage die zahlreichen Correſpon⸗ denzen und Conferenzen verurſacht haben, die Ihr, wie ich höre, im Einverſtändniß mit Herrn von Mont⸗ moreney hieltet.“ „Ich glaubte demjenigen, der damals noch König war, nicht ſchlecht zu dienen,“ ſagte Diana,„wenn 114 ich mit dem großen Staatsmann, mit dem großen Krieger ſeiner Regierung gemeinſchaftlich und im Einverſtänd⸗ niß bei Allem dem zu wirken ſuchte, was das Wohl des Reiches betraf.“ Doch in ihrem eifrigen Verlangen, ein ſpöttiſches Wort durch ein ſpöttiſches Wort zu erwiedern, dachte Frau von Poitiers nicht daran, daß ſie Waffen gegen ſich ſelbſt lieferte und Catharina an ihren Groll gegen ihren andern Feind, den Connetable, erinnerte. „Es iſt wahr,“ ſagte die unverſöhnliche Königin Mutter,„Herr von Montmoreney hat mit ſeinem Ruhm und ſeinen Arbeiten zwei ganze Regierungen ausge⸗ füllt; und es iſt Zeit, mein Sohn,“ fügte ſie, ſich an den jungen König wendend, bei,„es iſt Zeit, daß Ihr darauf bedacht ſeid, ihm ebenfalls den ehrenvollen Rückzug zu ſichern, den er ſo mühſam verdient hat.“ „Herr von Montmorency erwartete, wie ich, dieſe Belohnung für ſeine langen Dienſte,“ erwiederte Diana voll Bitterkeit.„Er war ſo eben, als Seine Majeſtät mich rufen ließ, bei mir. Er muß noch dort ſein, ich kehre zurück und theile ihm mit, wie gut man hier für ihn geſinnt iſt; er wird ſogleich dem König ſeinen Dank mit ſeinem Abſchied darbringen können. Er iſt Mann, er iſt Connetable, er iſt einer der mächtigſten Herren des Reiches und wird ohne Zweifel früher oder ſpäter Gelegenheit finden, beſſer als durch Worte ſeinen tiefgefühlten Dank einem gegen die Vergangenheit ſo frommen König und den neuen Räthen zu bezeigen, welche auf eine ſo nützliche Weiſe zu dem Werke der Gerechtigkeit und der öffentlichen Intereſſen, das er vollbringen will, beitragen.“ „Eine Drohung!“ ſagte der Balafré zu ſich ſelbſt. „Die Schlange richtet ſich unter der Ferſe wieder auf. Deſto beſſer! es iſt mir lieber ſo.“ „Der König iſt ſtets bereit, den Herrn Connetable 3 zu empfangen,“ ſprach die Königin Mutter, ganz bleich vor Entrüſtungz„und wenn der Herr Connetable For⸗ er hl 8 te en n in e⸗ in en . ſe na ät en iſt en er en n, e ſt. f. le ich r⸗ 11⁵ derungen oder Bemerkungen an Seine Majeſtät zu richten hat, ſo braucht er nur zu kommen, man wird ihn hören und ihm, wie Ihr ſagt, Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen.“ „Ich werde ihn ſchicken,“ erwiederte Frau von Poitiers mit trotziger Miene. Dann machte ſie abermals ihre ſtolze Verbeugung vor dem König und den zwei Königinnen und entfernte ſich, die Stirne hoch, aber die Seele gebrochen, den Stolz auf dem Geſicht und den Tod im Herzen. Hätte ſie Gabriel ſehen können, er würde ſich ſchon an ihr gerächt gefunden haben. Selbſt Catharina willigte um den Preis dieſer Demüthigung ein, nicht mehr denſelben Haß gegen Diana zu hegen!... Nur hatte die Königin Mutter mit Unruhe be⸗ merkt, daß der Herzog von Guiſe bei dem Namen des Connetable ſchwieg und die frechen Herausforderungen von Frau von Poitiers nicht mehr erwiederte. Fürchtete der Balafré Herrn von Montmorency, und wollte er ihn ſchonen? Würde er im Nothfall ein Bündniß mit dieſem alten Feinde von Catharina ſchließen? Es war wichtig für die Florentinerin, zu erfahren, woran ſie ſich in dieſer Hinſicht zu halten hatte, ehe ſie die Gewalt in die Hände von Franz von Lothringen fallen ließ. Um ihn auszuforſchen und zugleich um den König zu ſondiren, ſprach ſie, nachdem Diana weggegangen war: „Frau von Poitiers iſt ſehr frech und ſcheint mit ihrem Connetable ſehr ſtark zu ſein. Es iſt in der That gewiß, mein Sohn, daß Ihr, wenn Ihr Herrn von Montmoreney irgend eine Macht anvertraut, Frau Diana die Hälfte dieſer Macht gebt.“ Der Herzog von Guiſe beobachtete immer noch daſſelbe Stillſchweigen. 116 „Ich, was mich betrifft,“ fuhr Catharina fort, „wenn ich Eurer Majeſtät einen Rath geben darf, ſo iſt es der, Euer Vertrauen nicht zwiſchen Mehreren zu ver⸗ theilen, ſondern als einzigen Miniſter, nach Eurer Wahl, entweder Herrn von Montmorency, oder Euern Oheim von Guiſe, oder Euern Oheim von Bourbon anzu⸗ nehmen. Doch den Einen oder den Andern, und nicht die Einen und die Andern. Ein einziger Wille walte im Staat mit dem des Königs, der durch die kleine Anzahl von Perſonen, die nur bei ſeinem Heil und bei ſeinem Ruhm intereſſirt ſind, berathen werde. Iſt das nicht Eure Anſicht, Herr von Lothringen?“ „Ja, Madame, wenn es die Eurige iſt,“ antwor⸗ tete der Herzog von Guiſe mit einer Art von Unter⸗ würfigkeit. „Ah!“ ſagte Catharina zu ſich ſelbſt,„ich habe richtig errathen; er gedachte ſich auf den Connetable zu ſtützen. Doch er muß ſich zwiſchen ihm und mir entſcheiden, und ich glaube nicht, daß ein Grund zu zögern vorhanden iſt... Mir ſcheint, Herr von Guiſe,“ fuhr ſie dann laut fort,„Ihr müßt um ſo mehr meine Anſicht theilen, als ſie Euch begünſtigt; denn der König kennt meine Gedanken, es iſt weder der Connetable von Montmorency, noch Anton von Navarra, zu dem ich ihm rathen möchte... und wenn ich mich für den Ausſchluß erkläre, ſo erkläre ich mich nicht gegen Euch.“ „Madame,“ erwiederte der Herzog von Guiſe,“ „glaubt eben ſo ſehr an meine tiefe Dankbarkeit, als an meine nicht minder ausſchließliche Ergebenheit!“ Der feine Politiker legte auf dieſe letzten Worte einen Nachdruck, als ob er ſeinen Entſchluß gefaßt und den Connetable entſchieden Catharina geopfert hätte. „So gefällt es mir!“ verſetzte die Königin Mutter, „Kommen die Herren vom Parlament, ſo iſt es gut, — ir K w — 117 wenn ſie unter uns dieſe ſeltene und rührende Einhellig⸗ keit der Abſichten und Gefühle finden.“ „Ich freue mich hauptſächlich über dieſes gute Einvernehmen,“ rief der junge König in die Hände klatſchend.„Mit meiner Mutter als Rathgeberin und meinem Oheim als Miniſter, fange ich an, mich mit dieſem Königthum auszuſöhnen, das mich von Anfang ſo ſehr erſchreckte.“ „Wir regieren im Kreiſe der Familie,“ fügte Maria Stuart heiter bei. Catharina von Medicis und Franz von Lothringen lächelten bei dieſen Hoffnungen, oder vielmehr bei die⸗ ſen Täuſchungen ihrer jungen Souverains. Jedes von ihnen hatte für den Augenblick, was es ſich wünſchte: er die Gewißheit, die Königin Mutter würde ſich dem nicht widerſetzen, daß man ihm die Allmacht anver⸗ traute; ſie den Glauben, der Miniſter würde dieſe All⸗ macht mit ihr theilen. Nun meldete man Herrn von Montmorency. Der Connetable war, es iſt nicht zu leugnen, An⸗ fangs würdiger und ruhiger, als Frau von Valen⸗ tinois. Ohne Zweifel war er von ihr gewarnt worden und wollte wenigſtens mit Ehren fallen. Er verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor Franz II., nahm zuerſt das Wort und ſprach: „Sire, ich vermuthete zum Voraus, der alte Diener Eures Vaters und Eures Großvaters würde ſich keiner Gunſt bei Euch zu erfreuen haben. Ich beklage mich nicht über dieſen Umſchlag des Glücks, den ich vorhergeſehen, und ziehe mich ohne Murren zurück. Bedürfen der König oder Frankreich je noch einmal meiner, ſo wird man mich auf meinem Gute in Chantilly finden, Sire, und meine Habe, meine Kinder, mein eigenes Leben, Alles, was ich beſitze, wird ſtets dem Dienſt Eurer Majeſtät geweiht ſein.“ Dieſe Mäßigung ſchien den jungen König zu rühren, 118 und verlegener als je wandte dieſer ſich mit einer Art von Bangigkeit gegen ſeine Mutter um. Aber der Herzog von Guiſe, der wohl ahnete, ſein Dazwiſchentritt allein würde die Zurückhaltung desalt en Connetable in Zorn verwandeln, ſagte in den Formen der übermäßigſten Höflichkeit: „Da Herr von Montmorency den Hof verläßt, ſo wird er, denfe ich, wohl die Güte haben, vor ſeiner Abreiſe Seiner Majeſtät das ihm vom ſeligen König anvertraute Siegel zurückzugeben, deſſen wir noch heute bedürfen?“ Der Balafré hatte ſich nicht getäuſcht. Dieſe ein⸗ fachen Worte erregten im höchſten Grad den Grimm des eiferſüchtigen Connetable. „Hier iſt dieſes Siegel!“ erwiederte er voll Bitter⸗ keit, indem er es unter ſeinem Wamms vorzog.„Ich war im Begriff es Seiner Majeſtät zurückzugeben, ohne daß man mich darum zu bitten brauchte; doch Seine Majeſtät iſt, wie ich ſehe, umgeben von Leuten, welche geneigt ſind, ſchmachvolle Verletzung gegen diejenigen zu rathen, welche nur auf Dankbarkeit Anſpruch zu machen hätten.“ „Von wem ſpricht Herr von Montmorency 2“ fragte Catharina mit einer hochmüthigen Miene. „Ei! ich habe von denjenigen geſprochen, welche Seine Majeſtät umgeben,“ antwortete der Connetable, der ſich nun wieder ſeiner mürriſchen, ungeſchliffenen Natur überließ. Doch er hatte ſeine Zeit ſchlecht gewählt, und Catharina wartete nur auf dieſe Gelegenheit, um aus⸗ zubrechen. Sie ſtand auf und fing, jede Schonung von ſich werfend, an, dem Connetable die harten, verächtlichen Manieren, deren er⸗ſich ſtets gegen ſie bedient, ſeine Feindſeligkeit gegen Alles, was Florentiniſch war, den Vorzug, den er öffentlich der Favoritin vor der geſetz⸗ 3 Sie wußte wohl ₰ lichen Frau gegeben, vorzuwerfen. — 119 daß ſie ihm alle Demüthigungen zuſchreiben mußte, welche die Ausgewanderten, die ihr gefolgt waren, aus⸗ zuſtehen hatten. Es war ihr bekannt, daß Montmo⸗ rency während der erſten Jahre ihrer Ehe Heinrich II. den Vorſchlag gemacht, ſie als unfruchtbar zu ver⸗ ſtoßen; daß er ſie ſeitdem durch feige Verleumdungen verfolgt hatte! Wüthend und wenig an Vorwürfe gewöhnt, ant⸗ wortete der Connetable hierauf durch ein Hohngelächter, das eine neue Beleidigung war. Der Herzog von Guiſe hatte indeſſen Zeit gehabt, mit leiſer Stimme die Befehle von Franz I. in Em⸗ pfang zu nehmen, oder vielmehr ihm dieſe Befehle zu dietiren, und ruhig die Stimme erhebend, ſchmetterte er ſeinen Nebenbuhler zur größten Freude und Zu⸗ friedenheit von Catharina von Medieis nieder. „Herr Connetable,“ ſagte er mit ſeiner höhniſchen Höflichkeit,„Eure Freunde und Creaturen, welche mit Euch im Rath ſaßen, Bochetel,['Aubeſpine und die Anderen, namentlich Seine Eminenz der Siegelbewahrer Jean Bertrandi, werden Euch wahrſcheinlich in Euren Wünſchen, den Abſchied zu nehmen, nachahmen wollen. Der König beauftragt Euch in der That, ihnen in ſeinem Namen zu danken. Schon morgen werden ſie völlig frei und erſetzt ſein.“ „Es iſt gut,“ murmelte Herr von Montmorency zwiſchen den Zähnen. „Was Herrn von Coligny, Euren Neffen, betrifft, der zugleich Gouverneur der Picardie und der Jle⸗de⸗ Frante iſt,“ fuhr der Balafré fort,„ſo hat der König die Anſicht, es ſei dies ein für einen einzigen Menſchen wirklich zu ſchweres, zu läſtiges Amt, und er will daher dem Herrn Admiral die Bürde von einem ſeiner Gouvernements nach ſeiner Wahl abnehmen. Nicht wahr, Ihr werdet die Güte haben, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen?“ einem ſchmerzlichen Gelächter. „Was Euch betrifft, Herr Connetable.. fuhr der Herzog von Guiſe ganz ruhig fort. „Nimmt man mir auch den Stab des Connetable 8 unterbrach ihn Herr von Montmorench voll Bitter⸗ eit. „Oh!“ entgegnete Franz von Lothringen,„Ihr wißt wohl, daß dies unmöglich iſt, und daß es ſich bei dem Amt des Connetable nicht wie bei dem des Gene⸗ rallieutenants des Königreichs verhält: der Connetable iſt unentſetzbar. Doch iſt ſein Amt nicht unverträglich mit dem des Großmeiſters, mit welchem Ihr ebenfalls bekleidet ſeid? Das iſt wenigſtens die Anſicht Seiner Majeſtät, welcher dieſe Stelle von Euch zurückfordert, mer Herr, und mir bewilligt, der ich keine andere habe.“ „Ganz vortrefflich!“ rief Montmorench mit den Zähnen knirſchend.„Iſt das Alles, mein Herr?“ „Ich denke, ja,“ antwortete der Herzog von Guiſe, indem er ſich wieder niederſetzte. Der Connetable fühlte, daß es ihm ſchwer wäre, ſeine Wuth länger zu verhalten, daß er vielleicht aus⸗ brechen, ſich gegen die Achtung vor dem König ver⸗ fehlen, und aus einem in Ungnade Gefallenen ein Rebell werden würde... Er woklte dieſe Freude ſeinem triumphirenden Feinde nicht gönnen, machte eine kurze Verbeugung und ſchickte ſich an, wegzugehen. Ehe er ſich jedoch entfernte, ſprach er, als ob er ſich eines An⸗ dern beſänne, zum jungen König: „Sire, ich habe Euch nur noch ein letztes Wort zu ſagen, nur noch eine letzte Pflicht gegen das An⸗ denken Eures glorreichen Vaters zu erfüllen. Derjenige, der ihm den Todesſtreich verſetzt hat, der Urheber unſerer allgemeinen Troſtloſigkeit iſt vielleicht nicht allein unge⸗ ſchickt geweſen, Sire, ich habe wenigſtens alle Urſache, dies zu glauben. Bei dieſem unſeligen Zufall konnte wohl „Warum nicht?“ erwiederte der Connetable mit c—— 8 15— 8— —— v8 — N—— v— — 121 meiner Anſicht nach, eine ſtrafbare Abſicht mitwirken. Der Mann, den ich anklage, mußte ſich, ich weiß es, vom König verletzt glauben. Eure Majeſtät wird wohl in dieſer Hinſicht Befehl zu einer ſtrengen Unterſuchung geben Der Herzog von Guiſe bebte bei dieſer förmlichen und gefährlichen Anklage gegen Gabriel. Doch Catha⸗ rina von Medieis übernahm es diesmal, zu antworten. „Wißt, mein Herr,“ ſagte ſie zum Connetable, „wißt, daß es nicht Eurer Aufforderung bedurfte, um auf einen ſolchen Umſtand die Aufmerkſamkeit von den⸗ jenigen zu lenken, welchen das auf eine ſo grauſame Weiſe abgebrochene königliche Leben nicht minder theuer und foſtbar war, als Euch. Ich, die Witwe von Heinrich II., will Niemand in der Welt die Initiative bei einer ſolchen Sorge laſſen. Beruhigt Euch alſo, man iſt Euch in Euren Bemühungen um dieſen Gegenſtand zu⸗ vorgekommen, und Ihr könnt Euch über dieſen Punkt getröſtet zurückziehen.“ „Dann habe ich nichts mehr beizufügen,“ ſprach der Connetable. Es war ihm nicht einmal geſtattet, perſönlich ſeinen tiefen Groll gegen den Grafen von Montgommery zu befriedigen und als Denunciant des Schuldigen und als Rächer ſeines Gebieters aufzutreten. Erſtickt vor Scham und Zorn, ganz in Verzweif⸗ lung, entfernte er ſich. Noch an demſelben Abend reiſte er nach ſeiner Be⸗ ſitzung Chantilly ab. An demſelben Tag verließ auch Frau von Valen⸗ tinvis den Louvre, wo ſie mehr als die Königin regiert hatte, um ihn mit ihrer traurigen, entfernten Verban⸗ nung in Chaumont an der Loire zu vertauſchen, von wo ſie bis zu ihrem Tod nicht mehr zurückkehren ſollte. Diana von Poitiers gegenüber war alſo die Rache von Gabriel erfüllt. Wohl brütete die Erfavoritin ihrerſeits über einem furchtbaren Rachewerk gegen denjenigen, welcher ſie ſo von ihrer Höhe herabgeſtürzt hatte. Was den Connetable betrifft, ſo war Gabriel noch nicht mit ihm zu Ende, und er ſollte ihn an dem Tag wiederfinden, an dem er abermals ſein Anſehen er⸗ langte, Doch greifen wir den Ereigniſſen nicht vor und kehren wir in aller Eile in den Louvre zurück, wo man Franz I1. die Abgeordneten des Parlaments gemeldet hat. R Temperaturwechſel. Nachdem von Catharina von Medieis ausgeſpro⸗ chene Wunſch fanden die Abgeordneten des Parlaments den völligſten Einklang im Louvre. Franz II., der zu ſeiner Rechten ſeine Frau, zu ſeiner Linken ſeine Mutter hatte, ſtellte ihnen den Herzog von Guiſe als General⸗ lieutenant des Königreichs, den Cardinal von Lothringen als Oberintendanten der Finanzen und Frangois Olivier als Siegelbewahrer vor. Der Balafré triumphirte, die Königin Mutter lächelte bei ſeinem Triumph, Alles ging aufs Beſte; und kein Symptom von Mißhelligkeit ſchien die erfreulichen Auſpicien einer Regierung zu trüben, welche eben ſo lang, als glücklich zu werden verſprach. Einer von den Räthen des Parlaments dachte ohne Zweifel, eine Idee der Milde wäre nicht unwillkommen bei dieſem Glück, und rief, als er am König vorüber⸗ ging, mitten aus einer Gruppe: „Gnade für Anne Dubourg!“ ro⸗ nts ter al⸗ en ier die ing ien en, ch. hne nen er⸗ 123 Doch dieſer Rath vergaß, welch ein eifriger Katholik der neue Miniſter war. Nach ſeiner Manier ſtellte ſich der Balafré, als hätte er ſchlecht gehört, und ohne nur den König oder die Königin Mutter um ihre Anſicht zu fragen, antwortete er mit lauter und feſter Stimme: „„Ja, meine Herren, ja, ſeid unbeſorgt, der Prozeß von Anne Dubourg und ſeinen Mitangeſchuldigten ſoll verfolgt und raſch beendigt werden!“ Auf dieſe Verſicherung verließen die Mitglieder des Parlamentes den Louvre, freudig oder traurig, je nach ihrer Anſicht, doch insgeſammt überzeugt, nie ſeien Regierende inniger und beſſer mit einander zu⸗ frieden geweſen, als die, welche ſie ſo eben begrüßt. Nach ihrem Abgang ſah der Herzog von Guiſe in der That abermals auf den Lippen von Catharina von Medicis das Lächeln, das nun, ſo oft er ſie an⸗ ſchaute, darauf ſtereotypirt zu ſein ſchien. Durch dieſe Vorſtellungen ſchon ganz ermüdet, ſtand Franz II. auf. „Für heute ſind wir nun hoffentlich von den Ge⸗ ſchäften und Ceremonien befreit,“ ſagte er.„Meine Mutter, mein Oheim, können wir nicht dieſer Tage Paris ein wenig verlaſſen und unſere Trauerzeit an⸗ derswo beendigen, in Blois zum Beiſpiel, am ufer der Lvire, die Maria ſo ſehr liebt? Sprecht, können wir das nicht?“ „Oh! ſorgt, daß dies möglich iſt!“ rief Maria Stuart.„An dieſen ſchönen Sommertagen iſt Paris ſo langweilig und auf dem Lande iſt es ſo heiter!“ „Herr von Guiſe wird hierauf bedacht ſein,“ er⸗ wiederte Catharina.„Doch für heute, mein Sohn, iſt Eure Aufgabe noch nicht ganz beendigt. Ehe ich Euch der Ruhe überlaſſe, muß ich ich noch eine halbe Stunde Zeit von Euch verlangen, denn Ihr habt noch eine heilige Pflicht zu erfüllen.“ „Welche, meine Mutter?“ fragte Franz. Eine Pflicht des Gerichtsherrn, Sire. Die Pflicht, S 124 in deren Erfüllung der Herr Connetable mir zuvorge⸗ kommen zu ſein ſich einbildete. Doch die Gerechtigkeit der Gattin iſt raſcher als die des Feindes.“ „Was will ſie damit ſagen?“ fragte ſich unruhig der Herzog von Guiſe. 2„Sire,“ fuhr Catharina fort,„Euer erhabener Vater iſt eines gewaltſamen Todes geſtorben. Iſt der⸗ jenige, welcher ihn geſchlagen hat, unglücklich oder iſt er ſtrafbar? Ich, meines Theils, neige mich der letzten Vermuthung zu. Doch in jedem Fall lohnt es ſich der Mühe, die Frage ſcharf herauszuſtellen. Neh⸗ men wir gleichgültig ein ſolches Attentat hin, ohne uns nur die Mühe zu geben, zu fragen, ob es frei⸗ willig geweſen oder nicht, welcher Gefahr wären nicht alle Könige, und zuerſt Ihr preisgegeben, Sire! Eine Unterſuchung über das, was man den Unfall vom 30. Juni nennt, iſt alſo nothwendig.“ „Madame,“ entgegnete der Balafré,„da müßte man alſo Herrn von Montgommery auf der Stelle, als des Königsmords bezüchtigt, verhaften laſſen?“ „Herr von Montgommery iſt ſeit dieſem Morgen verhaftet,“ antwortete die Königin Mutter. „Verhaftet? Und auf weſſen Befehl?“ rief der Herzog von Guiſe. „Auf den meinigen,“ erwiederte Catharina.„Noch war keine Gewalt eingeſetzt, und ich übernahm es, dieſen Befehl zu geben. Herr von Montgommery konnte jeden Augenblick die Flucht ergreifen, und es war daher dringend, ihm zuvorzukommen. Man hat ihn geräuſchlos und ohne ein Aergerniß zu erregen in den Louvre gebracht. Ich fordere Euch auf, mein Sohn, ihn zu befragen.“ Ohne eine andere Erlaubniß, ſchlug ſie auf ein Glöckchen, um Jemand herbeizurufen, wie es der Herzog von Guiſe zwei Stunden zuvor gethan hatte. Doch diesmal faltete der Balafré die Stirne. Der Sturm zog heran. „ e⸗ eit ig ter er⸗ der er h⸗ ne ei⸗ e! m te le, 125 „Laßt den Gefangenen hringen,“ ſagte Catharina von Medicis zu dem Huiſſter, der auf den Ruf des Glöckchens ſogleich erſchien. Als der Huiſſier wieder weggegangen war, trat ein verlegenes Stillſchweigen ein. Der König ſchien unentſchloſſen, Maria Stuart unruhig, der Herzog von Guiſe unzufrieden. Die Königin Mutter allein heu⸗ chelte Würde und Sicherheit. Der Herzog von Guiſe ließ nur das einfache Wort fallen: „Mir ſcheint, wenn Herr von Montgommery hätte fliehen wollen, ſo wäre ihm ſeit vierzehn Tagen nichts leichter geweſen.“ Catharina hatte nicht Zeit, zu antworten, denn in demſelben Augenblick wurde Gabriel eingeführt. Er war bleich, aber ruhig. Sehr frühe am Mor⸗ gen hatten ihn zum großen Schrecken von Aloyſe vier Knechte aus ſeinem Hotel geholt. Er war ihnen ohne den geringſten Widerſtand gefolgt und wartete ſeitdem ohne den Anſchein irgend einer Furcht. Als er feſten Schrittes und mit ruhiger Miene eintrat, wechſelte der junge König die Farbe, war er nun erſchüttert dadurch, daß er denjenigen erblickte, welcher ſeinen Vater geſchlagen hatte, erſchrak er darüber, daß er zum erſten Mal die Pflicht des Gerichtsherrn, von der ihm ſeine Mutter geſprochen, erfüllen ſollte.. in der That die ſchrecklichſte Pflicht, die der Herr den Königen auferlegt hat. Er ſagte auch mit einer Stimme, die man kaum hörte, zu Catharina, gegen die er ſich umwandte: „Sprecht, Madame, es iſt an Euch, zu ſprechen.“ Catharina von Medicis machte auf der Stelle von der Erlaubniß Gebrauch. Sie glaubte ſich nun ſicher ihres allmächtigen Einfluſſes auf Franz II. und auf ſeinen Miniſter. Sie wandte ſich alſo an Gabriel und ſprach mit einem richterlichen, ſtolzen Tone: Die beiden Dianen. W. 9 126 „Mein Herr, wir wollten vor jeder Unterſuchung Euch vor Seiner Majeſtät ſelbſt erſcheinen laſſen und Euch mit unſerem eigenen Mund befragen, damit es nicht einmal Euch gegenüber einer Genugthuung be⸗ dürfte, wenn wir Euch unſchuldig fänden, damit die Juſtiz um ſo leuchtender, um ſo ſchlagender wäre, wenn wir Euch ſchuldig fänden. Außerordentliche Verbrechen heiſchen außerordentliche Richter. Seid ihr bereit, uns zu antworten?“ „Ich bin bereit, Euch zu hören, Madame,“ er⸗ wiederte Gabriel. Catharina war mehr aufgebracht als überzeugt durch die Ruhe des Mannes, den ſie ſchon haßte, ehe er ſie zur Witwe gemacht hatte, den ſie in demſelben Grad haßte, in welchem ſie ihn einen Augenblick hatte lieben können. Sie fuhr alſo mit einer gewiſſen beleidigenden Bitterkeit fort: „Seltſame Umſtände erheben ſich gegen Euch, mein Herr, und klagen Euch an: Eure langen Ab⸗ weſenheiten von Paris, Eure freiwillige Verbannung vom Hof ſeit beinahe zwei Jahren, Eure Gegenwart und Eure geheimnißvolle Haltung bei dem unſeligen Turnier, Eure Weigerung ſogar, mit dem König eine Lanze zu brechen. Wie kommt es, daß Ihr, der Ihr an dergleichen Kampfſpiele gewöhnt ſeid, die herkömm⸗ liche und nothwendige Vorſichtsmaßregel, bei der Rück⸗ kehr den Stumpf Eurer Lanze wegzuwerfen, unterlaſſen habt? Wie erklärt Ihr dieſe ſeltſame Vergeßlichkeit? Antwortet endlich! Was habt Ihr zu dem Allem zu ſagen 2“ „Nichts, Madame,“ erwiederte Gabriel. „Nichts?“ verſetzte die Königin Mutter erſtaunt. „Durchaus nichts.“ „Wie!“ rief Catharina,„Ihr geſteht alſo?.. Ihr gebt es alſo zu? „Ich geſtehe nichts, ich gebe nichts zu, Madame.“ 6 ur „ de ing ind be⸗ die nn en ns gt he en tte en ch, b⸗ ng rt en ine hr m⸗ ck⸗ ſen t? 6 r 127 k „Ihr leugnet?“ „Ich leugne eben ſo wenig: ich ſchweige.“ Maria Stuart entſchlüpfte eine Geberde der Bil⸗ ligung; Franz Il. horchte und ſchaute mit einer ge⸗ wiſſen Begierde; der Herzog von Guiſe blieb ſtumm und unbeweglich. Catharina fuhr mit immer ſchärferem Tone fort: „Mein Herr, nehmt Euch in Acht! Ihr würdet beſſer daran thun, wenn Ihr Euch zu vertheidigen und zu rechtfertigen ſuchtet. Erfahrt Eines: Herr von Mont⸗ moreney, den man zur Noth als Zeugen vernehmen könnte, behauptet, daß Ihr gegen den König einen gewiſſen Groll, daß Ihr Beweggründe perſönlicher Er⸗ bitterung haben konntet.“ „Welche, Madame? Hat ſie Herr von Montmo⸗ rench genannt?“ „Noch nicht, doch er würde ſie ohne Zweifel nennen.“ „Nun! er nenne ſie, wenn er es wagt.“ „Ihr weigert Euch alſo ganz und gar, zu ſpre⸗ chen?“ „Ich weigere mich.“ „Die Folter dürfte vielleicht dieſem hochmüthigen Stillſchweigen ein Ende machen, wißt Ihr?“ „Ich glaube nicht, Madame.“ „Und dann wagt Ihr auf dieſe Art Euer Leben, das ſage ich Euch.“ *„Ich werde es nicht vertheidigen, Madame, denn es iſt nicht mehr der Mühe werth.“ „Ihr ſeid feſt entſchloſſen, mein Herr? nicht ein Wort?“ „Nicht ein Wort, Madame,“ ſprach Gabriel, den Kopf ſchüttelnd. „Das iſt gut!“ rief Maria Stuart, durch einen unwiderſtehlichen Strom ihrer Gefühle fortgeriſſen. „Es iſt edel und groß, dieſes Stillſchweigen! es iſt das eines hochherzigen Mannes, der nicht einmal den 128 Verdacht zurückweiſen will, aus Furcht, der Verdacht könnte ihn berühren. Ich ſage, daß dieſes Stillſchweigen die beredteſte Rechtfertigung iſt.“ Doch die alte Königin ſchaute die junge mit einer ſtrengen und zornigen Miene an. „Ja, ich habe vielleicht Unrecht, ſo zu ſprechen,“ fuhr Maria Stuart fort;„doch deſto ſchlimmer, ich ſage, was ich fühle und was ich denke. Mein Herz wird nie meinen Mund ſchweigen machen können. Meine Ein⸗ drücke und Gemüthsbewegungen müſſen zu Tage aus⸗ gehen. Mein Inſtinct iſt meine Politik. Dieſer In⸗ ſtinct aber ruft mir hier zu, Herr d'Ermes habe nicht kalt den Entſchluß zu einem ſolchen Verbrechen gefaßt und dieſes freiwillig ausgeführt, er ſei nur das blinde Werkzeug des Verhängniſſes geweſen, glaube über jeder ſolchen Muthmaßung zu ſtehen und verachte es daher, ſich zu rechtfertigen. Mein Inſtinet ruft das in mir, und ruft es ganz laut. Warum nicht?“ Der junge König hörte voll Liebe und Freude ſein Herzkind, wie er ſie nannte, ſich mit dieſer Beredtheit und mit dieſem Feuer ausdrücken, wodurch ſie noch zwanzigmal hübſcher war als gewöhnlich. Gabriel aber rief mit bewegter, tiefer Stimme: „Oh! ich danke, Madame, ich danke Euch! und Ihr thut wohl daran, nicht für mich, ſondern für Euch thut Ihr wohl daran, daß Ihr ſo handelt.“ „Oh! ich weiß es wohl!“ ſagte Maria mit dem anmuthreichſten Tone, der ſich träumen läßt. „Sind wir mit dieſen ſentimentalen Kindereien zu Ende?“ rief Catharina zornig. „Nein, Madame,“ erwiederte Maria Stuart, in ihrer Eitelkeit als junge Frau und als junge Königin verletzt,„nein! wenn Ihr mit dieſen Kindereien zu Ende ſeid, ſo fangen wir, die wir Gott ſei Dank jung ſind, erſt damit an. Iſt das nicht wahr, mein holder Sire,“ fügte ſie, freundlich ſich an ihren jungen Ge⸗ mahl wendend, bei. — —— e en e—————— 3 129 acht Der König antwortete nicht, aber er ſtreifte mit gen ſeinen Lippen das Ende dieſer roſigen Finger, die ihm Maria reichte. iner Der bis jetzt im Zaum gehaltene Zorn der Köni⸗ gin brach los. Sie hatte ſich noch nicht daran gewöhnt, en,„ als König einen Sohn zu behandeln, der beinahe noch age, ein Kind war; dabei glaubte ſie ſich ſtark durch die nie Unterſtützung des Herzogs von Guiſe, der ſich noch Fin⸗ nicht ausgeſprochen hatte und von dem ſie nicht wußte, Li daß er der treue Beſchützer und, ſo zu ſagen, ein ſtill⸗ In⸗ ſchweigender Genoſſe für den Grafen von Montgommery icht war. Sie ſcheute ſich daher nicht, ihrem Grimm offen aßt die Zügel ſchießen zu laſſen. nde„Ah! ſo iſt es?“ ſagte ſie auf die letzten, leicht det ſpöttiſchen Worte von Maria.„Ich nehme ein Recht her, in Anſpruch, und man verhöhnt mich! Ich verlange mit aller Mäßigung, daß der Mörder von Heinrich II. wenigſtens befragt werde, und da er jede Rechtfertigung n verweigert, billigt man ſein Stillſchweigen, mehr noch⸗ heit man lobt ihn! Wohl! da die Dinge ſo gehen, kein och feiges Zurückhalten, keine halbe Maßregel mehr! Ich trete mit lauter Stimme als Anklägerin des Grafen von Montgommery auf. Wird der König ſeiner Mut⸗ 6 ter Gerechtigkeit verweigern, weil ſie ſeine Mutter iſt? Man wird den Connetable hören, man wird, wenn es ſein muß, Frau von Poitiers hören! Die 5 Wahrheit wird an den Tag kommen; und ſollten Staals⸗ geheimniſſe bei dieſer Angelegenheit gefährdet ſein, ſo zu gibt es eine geheime Verurtheilung. Aber der Tod eines verrätheriſcher Weiſe in Gegenwart ſeines ganzen zn Volkes ermordeten Königs wird wenigſtens gerächt ſein.“ gin Während dieſes Ausfalles der Königin Mutter zu ſchwebte ein trauriges Lächeln über die Lippen von Gabriel. der Er erinnerte ſich in ſeinem Innern der zwei letzten r. 3 Verſe der Weiſſagung von Roſtradamus: 130 „Es wird ihn lieben, ſein müde! tödten „Des Königs Dame.“ Ah! die bis jetzt ſo genaue Prophezeiung ſollte bis zum Ende in Erfüllung gehen! Catharina würde denjenigen, welchen ſie geliebt hatte, verurtheilen und umkommen laſſen! Gabriel erwartete dies; Gabriel war darauf gefaßt. Doch die Florentinerin, welche vielleicht ſelbſt ein⸗ ſah, daß ſie ſehr raſch und ſehr weit ging, hielt inne, wandte ſich ſo freundlich, als ſie vermochte, an den im⸗ mer noch ſchweigenden Herzog von Guiſe und ſprach: „Ihr ſagt nichts, Herr von Guiſe? Ihr ſeid mei⸗ ner Meinung, nicht wahr?“ „Nein, Madame,“ entgegnete langſam der Balafré, „nein, ich geſtehe, ich bin nicht Eurer Meinung, und deshalb ſagte ich nichts.“ „Ah! Ihr auch!... Ihr widerſetzt Euch mir auch!“ etwiederte Catharina mit dumpfem, drohendem Tone. „Zu meinem Bedauern muß ich es diesmal thun,“ ſagte der Herzog von Guiſe.„Ihr ſeht indeſſen, daß ich bis jetzt auf Eurer Seite geweſen und daß ich bei dem, was den Connetable und Frau von Valentinvis betraf, ganz in Eure Abſichten eingegangen bin.“ „Ja, weil ſie die Eurigen unterſtützten,“ murmelte Catharina von Medieis,„zu ſpät ſehe ich es jetzt.“ „Was aber Herrn von Montgommery betrifft,“ fuhr der Balafré ruhig fort,„ſo kann ich nach meinem Gewiſſen die Anſicht Eurer Majeſtät nicht theilen. Es ſcheint mir unmöglich, für ein Unglück, das rein dem Zufall zuzuſchreiben iſt, einen hraven und redlichen Edel⸗ mann verantwortlich zu machen. Ein Proceß würde ihm zum Triumphe, ſeinem Ankläger zur Beſchämung gereichen. Und hinſichtlich der Gefahren, Madame, de⸗ nen das Leben der Könige Eures Dafürhaltens eine Nachſicht, welche eher an einen Unfall, als an ein Verbre⸗ —— — 134 chen glauben will, preisgeben würde, finde ich im Ge⸗ gentheil, daß es gefährlich wäre, das Volk zu ſehr an den Gedanken zu gewöhnen, die königlichen Eriſtenzen te ſeien nicht für Jedermann ſo unverletzlich und heilig, de als es annimmt....* nd„„Das ſind ohne Zweifel hohe politiſche Maximen,“ ie verſetzte Catharina voll Bitterkeit. „Ich halte ſie wenigſtens für wahr und vernünf⸗ n tig,“ fügte der Balafré bei,„und aus dieſen und an⸗ , deren Gründen bin ich der Meinung, daß wir uns nur n⸗ noch bei Herrn von Montgommery wegen einer will⸗ 51 kührlichen Verhaftung entſchuldigen müſſen, welche zum ei⸗ Glück geheim geblieben iſt,— mehr noch zum Glück für uns, als für ihn! und ſind unſere Entſchuldigungen 6, von ihm angenommen, ſo haben wir ihn ſogleich nd frei zu laſſen, ehrenhaft und geehrt, wie er es geſtern war, wie er es morgen, wie er es immer ſein wird. tir Ich habe es geſagt.“ m„Vortrefflich,“ rief Catharina hohnlächelnd. Und ſie wandte ſich ungeſtüm an den jungen Kö⸗ „ nig und fragte ihn: aß„Dieſe Meinung, ſprecht, iſt es zufällig auch die ei Eurige, mein Sohn?“ is Die Haltung von Maria Stuart, die dem Herzog von Guiſe mit einem Lächeln und einem Blick dankte, te geſtattete dem Geiſt von Franz II. kein Zögern. „Ja, meine Mutter,“ ſagte er,„ich geſtehe, daß die Anſicht meines Oheims auch die meinige iſt.“ m„Ihr verrathet alſo das Andenken Eures Vaters?“ F ſprach Catharina mit einer tiefen, zitternden Stimme. m„Ich ehre es im Gegentheil, Madame,“ erwiederte l⸗ Franz MI.„War nicht das erſte Wort, das mein Vater de nach ſeiner Verwundung ſprach, daß er Herrn von g Montgommery nicht zu beunruhigen befahl? Hat er e nicht in einem ſeiner lichten Augenblicke dieſen Befehl ne wiederholt? Erlaubt ſeinem Sohn, zu gehorchen, Ma⸗ e⸗ dame!“ 132 „Gut, und nittlerweile und von Anfang an ver⸗ achtet Ihr den heiligen Willen Eurer Mutter?.. „Madame,“ unterbrach ſie der Herzog von Guiſe, „erlaubt, daß ich Euch an Eure eigenen Worte erin⸗ nere:„„Ein einziger Wille im Staat!““ „Aber ich habe geſagt, der des Miniſters dürfe erſt nach dem des Königs kommen,“ rief Catharina. „Ja, Madame,“ entgegnete Maria Stuart,„doch Ihr fügtet bei, der des Königs könne durch die Per⸗ ſonen erleuchtet werden, deren einziges Intereſſe offen⸗ bar das ſeines Heiles und ſeines Ruhmes ſei. Ich denke aber, Niemand hat dieſes Intereſſe mehr, als ich, ſeine Frau. Und ich rathe ihm, mit meinem Oheim von Guiſe, mehr an die Redlichkeit, als an die Treu⸗ loſigkeit eines erprobten und tapferen Unterthanen zu glauben, und nicht ſeine Regierung durch eine Unge⸗ rechtigkeit einzuweihen.“ „Solchen Eingebungen ſchenkt Ihr Gehör, mein Sohn?“ ſagte Catharina. „Ich folge der Stimme meines Gewiſſens, meine Mutter,“ antwortete der junge König mit mehr Feſtig⸗ keit, als man von ihm hätte erwarten dürfen. „Und das iſt Euer letztes Wort, Franz?“ fragte Catharina.„Nehmt Euch in Acht! Wenn Ihr Eurer Mutter die erſte Bitte abſchlagt, die ſie an Euch rich⸗ tet, wenn Ihr Euch ſo von Anfang ſür ſie als unab⸗ hängiger Gebieter und für Andere als gelehriges Werk⸗ zeug benehmt, ſo werdet Ihr wohl allein regieren kön⸗ nen, mit oder ohne Eure getreuen Miniſter! Ich be⸗ kümmere mich um nichts mehr, was den König oder das Reich betrifft, ich entziehe Euch den Rath meiner Erfahrung und meiner Ergebenheit; ich kehre in meine Einſamkeit zurück und verlaſſe Euch, mein Sohn, be⸗ denkt das wohl!“ „Wir würden dieſen Rückzug bedauern, aber uns £ darein fügen,“ ſagte mit leiſer Stimme Maria Stuart, die nur Franz II. allein hörte. — e 3 te er ⸗ b⸗ 3 r 1e * 133 Aber der verliebte und unvorſichtige junge Mann wiederholte laut wie ein getreues Echo: „Wir würden dieſen Rückzug bedauern, aber uns darein fügen, Madame.“ „Es iſt gut!“ ſprach Catharina. Und flüſternd fügte ſie, indem ſie Gabriel bezeich⸗ nete, bei: „Dieſen werde ich früher oder ſpäter wiederfinden.“ „Ich weiß es,“ erwiederte der junge Mann, der abermals an die Weiſſagung dachte. Aber Catharina hörte ihn nicht. Wüthend umhüllte ſie gleichſam das reizende kö⸗ nigliche Paar und den Herzog von Guiſe mit einem Schlangenblick, mit einem furchtbaren, blutigen, unſeli⸗ gen Blick, aus dem man ſchon alle Verbrechen der Herrſchſucht von Catharina und die ganze finſtere Ge⸗ ſchichte der letzten Valvis hätte ahnen können. Nach dieſem gräßlichen Blick ging ſie hinaus, ohne ein Wort beizufügen. XIV. Guiſe und Coligny. Nachdem Catharina von Medicis weggegangen war, trat für einen Augenblick Stillſchweigen ein. Der junge König ſchien ſelbſt erſtaunt über ſeine Kühnheit. In einer edlen Beſorgniß ihrer Zärtlichkeit dachte Maria mit einem gewiſſen Schrecken an den letzten drohenden Blick der Königin Mutter. Der Herzog von Guiſe aber war insgeheim unendlich erfreut, ſich ſchon in der 134 erſten Stunde ſeiner Macht von einer herrſchſüchtigen und gefährlichen Verbündeten befreit zu ſehen. Gabriel, der dieſe ganze Unruhe veranlaßt hatte, nahm zuerſt das Wort und ſprach: „Sire und Ihr, Madame, und auch Ihr, Mon⸗ ſeigneur, ich danke Euch für Eure guten und edlen Ab⸗ ſichten gegen einen Unglücklichen, den ſelbſt der Himmel verläßt. Doch trotz dieſer tiefen Dankbarkeit, von der mein Herz durchdrungen iſt, ſage ich Euch; wozu ſoll es nützen, die Gefahren und den Tod von einem ſo traurigen und ſo verlorenen Daſein, wie das meinige iſt, zu entfernen? Mein Leben dient zu nichts und Niemand mehr. Ahl ich hätte es Frau Catharina nicht ſtreitig gemacht, weil es fortan unnütz iſt In ſeinem Innern fügte er traurig bei: „Und weil es noch eines Tags ſchädlich ſein könnte.“ „Gabriel,“ erwiederte der Herzog von Guiſe,„Euer Leben war in der Vergangenheit glorreich und gut ausgefüllt und wird in der Zukunft abermals gut ausgefüllt und glorreich ſein. Ihr ſeid ein Mann von Thatkraft, wie diejenigen, welche die Reiche regieren, viele haben ſollten, während ſie nur zu wenige finden.“ „Und dann,“ fügte die troſtreiche und ſanfte Stimme von Maria Stuart bei,„und dann, Herr von Montgommery, ſeid Ihr ein großes und edles Herz⸗ Ich kenne Euch ſeit langer Zeit, und oft habe ich mich mit Frau von Caſtro über Euch unterhalten.“ „Mein Herr,“ ſagte Franz II.,„Eure früheren Dienſte erlauben mir, auf Eure zukünftigen Dienſte zu rechnen. Die gegenwärtig erloſchenen Bürgerkriege können ſich wieder entzünden, und nach meinem Willen ſoll nicht ein Augenblick der Verzweiflung, was auch der Beweggrund hievon ſein mag, das Vaterland eines, ich bin es feſt überzeugt, ebenſo redlichen als tapferen Vertheidigers berauben.“ Gabriel hörte mit einem gewiſſen ſchwermüthigen ² . 135 Erſtaunen dieſe freundlichen Worte der Ermuthigung und Hoffnung. Er ſchaute abwechſelnd jede von den hohen Perſonen an, welche dieſelben an ihn richteten, und ſchien tief nachzudenken. „Wohll es ſei,“ ſagte er endlich,„dieſe unerwar⸗ tete Güte, die Ihr für mich an den Tag legt, Ihr Alle, die Ihr mich vielleicht haſſen ſolltet, dieſe Güte verändert meine Seele und mein Geſchick. Euch, Sire Euch, Madame und Monſeigneur, Euch widme ich, ſo lange Ihr lebt, dieſes Daſein, mit dem Ihr mir gleichſam ein Geſchenk gemacht habt. Ich bin nicht böſe geboren. Dieſe Wohlthat rührt mich im Grunde meines Herzens. Ich war geſchaffen, um mich hinzu⸗ geben, um mich aufzuopfern, um als Werkzeug für ſchoͤne Ideen und große Menſchen zu dienen— ein zuweilen glückliches, zuweilen unſeliges Werkzeug! Ach! der Zorn Gottes wußte es nur zu ſehr!... Doch ſpre⸗ chen wir nicht mehr von der finſteren Vergangenheit, da Ihr noch an eine Zukunft für mich glauben wollt. Dieſe Zukunft gehört jedoch nicht mir, ſondern Euch, meiner Bewunderung und meiner Ueberzeugung. Ich entſage meinem Willen. Die Weſen und die Dinge, an die ich glaube, mögen mit mir machen, was ihnen beliebt. Mein Schwert, mein Blut, Alles, was ich bin, iſt ihre Sache. Ich gebe ohne Rückhalt und ohne Umkehr meinen Arm Eurem Genie, Monſeigneur, wie meine Seele der Religion... Er ſagte nicht, welcher, doch diejenigen, welche ihn umgaben, waren zu blinde Katholifen, als daß der Gedanke der Reformation ihnen einen Augenblick in den Sinn gekommen wäre. Die beredte Selbſtverleugnung des jungen Grafen rührte ſie. Maria hatte Thränen in den Augen. Der König beglückwünſchte ſich, daß er feſt geweſen, um dieſes dankbare Herz zu retten. Was den Herzog von Guiſe betrifft, ſo glaubte er beſſer als irgend Jemand 136 zu wiſſen, wie weit bei Gabriel dieſe glühende Tugend der Aufopferung ging. ch „Ja, Freund,“ ſprach er,„ich werde Eurer be⸗ h dürfen, ja, ich werde eines Tags im Namen Frank⸗ e reichs und des Königs dieſes tapfere Schwert, das n Ihr uns zuſagt, von Euch fordern.“ „Es wird bereit ſein, Monſeigneur, morgen, heute, w immer!“ el „Behaltet es auf einige Zeit in der Scheide,“ er⸗ K wiederte der Herzog von Guiſe.„Seine Majeſtät hat es Euch geſagt, der Augenblick iſt ruhig, die Kriege e und die Parteien haben Waffenſtillſtund gemacht. Ruht de alſo aus, Gabriel, und laßt ſo den unſeligen Lär⸗ de men, der in den letzten Tagen Euren Namen umgeben ſch hat, ſich beſänftigen und legen. Gewiß denkt keiner von denen, die den Titel und das Herz eines Edel⸗ manns haben, daran, Euch wegen Eures Unglücks an⸗ C zuklagen. Doch Euer wahrer Ruhm fordert, daß Euer grauſamer Ruf ein wenig verlöſche. Später, in einem ve oder in zwei Jahren, werde ich vom König wieder für m Euch die Stelle des Kapitäns der Garden fordern, der h Ihr würdig zu ſein nie aufgehört habt... tu „Ah! es ſind nicht Ehren, nach denen ich trachte, bi ſondern Gelegenheiten, dem König und Frankreich nütz⸗ u1 lich zu ſein, Gelegenheiten, zu kämpfen; aus Furcht, Euch undankbar zu ſcheinen, wage ich es nicht mehr, ur zu ſagen, Gelegenheiten, zu ſterben.“ „Sprecht nicht ſo,“entgegnete der Herzog von Guiſe. nu „Sagt mir nur, daß Ihr, wenn Euch der König gegen kl ſeine Feinde ruft, ſogleich dieſem Rufe folgen werdet“ un „Wo ich auch ſein mag und wohin ich gehen ſoll, la ja, Monſeigneur.“ „Es iſt gut, ich verlange nichts Anderes von Euch.“ At ſprach der Herzog von Guiſe. eit Und ich, ſagte Franz II.,„ich danke Euch für P dieſes Verſprechen und werde Sorge tragen, daß Ihr nicht bereut, es gehalten zu haben.“ m en be⸗ ink⸗ das ute, er⸗ hat ege uht är⸗ ben ner el⸗ an⸗ ner em für der te, tz⸗ ht. hr, ſe. en t.* i, . hr 137 „Und ich,“ fügte Maria Stuart bei,„ich verſi⸗ chere Euch, daß unſer Vertrauen ſtets Eurer Ergeben⸗ heit entſprechen wird, und daß Ihr in unſeren Augen einer von den Freunden ſein werdet, vor denen man nichts verbirgt, und denen man auch nichts verweigert.“ Mehr erſchüttert, als er es ſich ſelbſt geſtehen wollte, verbeugte ſich der junge Graf und berührte ehrfurchtsvoll mit ſeinen Lippen die Hand, die ihm die Königin reichte. Dann drückte er die des Herzogs von Guiſe, und entfernte ſich, entlaſſen durch eine huldvolle Geberde des Koͤnigs, fortan durch eine Wohlthat für den Sohn desjenigen erworben, den er bis in ſeine Nachkommen⸗ ſchaft zu verfolgen ſich gelobt hatte. Als Gabriel nach Hauſe kam, fand er den Admiral Coligny, der auf ihn wartete. Aloyſe hatte dem Admiral, der ſeinen Gefährten von Saint⸗Quentin beſuchen wollte, mitgetheilt, daß man ihren Herrn am Morgen in den Louvre geholt habe; ſie hatte ihm ihre Unruhe und ihre Befürch⸗ tungen nicht verborgen, und Coligny wollte bleiben, bis die Rückkehr des Grafen von Montgommery ihn und die Amme beruhigt haben würde. Er empfing Gabriel mit einem liebevollen Erguß und befragte ihn über das, was vorgefallen war. Ohne in Einzelheiten einzugehen, ſagte ihm Gabriel nur, daß er auf eine einfache von ihm gegebene Er⸗ klärung über den beklagenswerthen Tod von Heinrich II. unverſehrt an ſeiner Perſon und an ſeiner Ehre ent⸗ laſſen worden ſei. „Es konnte nicht anders ſein,“ erwiederte der Admiral,„der ganze franzöſiſche Adel würde gegen einen Verdacht proteſtirt haben, der ſo einen ſeiner würdigſten Vertreter befleckt hätte.“ „Laſſen wir dieſen Gegenſtand,“ ſprach Gabriel mit einer ernſten, traurigen Miene,„Es freut mich, 138 Euch zu ſehen, Herr Admiral. Ihr wißt, daß ich ſchon dem Herzen nach der reformirten Religion angehöre; ich habe es Euch geſagt und geſchrieben. Da Ihr denkt, ich werde die Sache, an die ich glaube, nicht entehren, ſo will ich und kann ich nun abſchwören; Eure Reden, die von Meiſter Ambroiſe Paré, und die Bücher und meine eigenen Betrachtungen haben mich ganz und gar überzeugt, und ich bin einer der Eurigen.“ „Eine gute Kunde, die zu gelegener Zeit kommt!“ ſagte der Admiral. „Mir ſcheint indeſſen, es wäre im Intereſſe der Religion vielleicht gut, meine Bekehrung noch einige Zeit geheim zu halten. Es iſt, wie mir Herr von Guiſe ſo eben bemerkte, aller Lärmen um meinen Namen her für den Augenblick zu vermeiden. Dieſer Verzug wird überdies neuen Pflichten entſprechen, die ich zu erfül⸗ len habe.“ „Wir werden ſtets glücklich ſein, Euch öffentlich den Unſrigen zu nennen,“ ſprach der Admiral. „Aber es iſt meine Sache, dieſes koſtbare Zeichen Eurer Achtung auszuſchlagen, oder wenigſtens zu ver⸗ tagen,“ erwiederte Gabriel.„Es liegt mir nur daran, dieſes Pfand meinem innigen und unerſchütterlichen Glauben zu geben und mich in meinem Gewiſſen einen Eurer Brüder der Abſicht und der That nach zu nennen.“ „Vortrefflich!“ rief Herr von Coligny.„Ich ver⸗ lange nichts Anderes, als daß Ihr mir erlaubt, den Häuptern unſerer Partei die ausgezeichnete Eroberung, welche unſere Ideen entſchieden gemacht haben, ver⸗ kündigen zu dürfen.“ 4 „Oh! dazu willige ich von ganzem Herzen ein,“ ſagte Gabriel. „Der Prinz von Condé, la Renaudie, der Baron . von Caſtelnau kennen Euch ſchon und ſchätzen Euch zu Furem wahren Werth.“ hon re; icht en; die nich ti⸗ der ige uiſe her ird fül⸗ lich en er⸗ an, en ſen er⸗ den g⸗ 139 „Ah! ich befürchte, ſie übertreiben ihn: dieſer Werth hat ſich in jedem Fall ſehr vermindert.“ „Nein, nein! ſie haben Recht in ihrer Schätzung. Auch ich kenne Euch! Uebrigens,“ fuhr er die Stimme dämpfend fort,„übrigens werden wir vielleicht binnen Kurzem Gelegenheit haben, Euren Eifer auf die Probe zu ſtellen.“ „Ah! wahrhaftig!“ verſetzte Gabriel erſtaunt. „Ihr wißt, Herr Abmiral, daß Ihr auf mich rechnen könnt, jedoch mit gewiſſen Vorbehalten, mit denen ich Euch bekannt machen werde.“ „Wer hat nicht ſeine Vorbehalte?“ erwiederte der Admiral.„Doch hört, Gabriel: es war nicht allein der Freund, es war auch der Anhänger der Reforma⸗ tion, der Euch heute ſeinen Beſuch machen wollte. Wir haben über Euch mit dem Prinzen und mit la Renau⸗ die geſprochen. Selbſt vor Eurem entſchiedenen Bei⸗ tritt zu unſeren Grundfätzen hielten wir Euch für einen Beiſtand von ganz beſonderem Verdienſt und von unantaſtbarer Redlichkeit. Wir kamen überein, Euch als einen Mann, fähig, uns zu dienen, wenn er es vermöchte, und unfähig, uns zu verrathen, was ſich auch ereignen dürfte, zu betrachten.“ „Ich habe in der That dieſe letzte Eigenſchaft in Ermanglung der erſten. Man darf immer, wenn nicht auf meine Hülfe, doch wenigſtens auf mein Wort bauen.“ „Wir haben auch beſchloſſen, nie etwas vor Euch geheim zu halten. Ihr ſollt, wie eines der Häupter, in alle unſere Pläne eingeweiht werden und nur die Verantwortlichkeit des Stillſchweigens haben. Ihr ſeid kein Menſch wie die Anderen, und ausnahmsweiſen Menſchen gegenüber muß man ausnahmsweiſe handeln Ihr werdet frei bleiben, und wir allein werden gebun⸗ den ſein.“ „Ein ſolches Vertrauen! „Verpflichtet Euch, ich wiederhole es, nur zur Verſchwiegenheit. Und um einen Anfang zu machen 140 erfahrt eines: die Pläne, die Euch in der Verſamm⸗ lung der Place Maubert enthüllt worden ſind und hatten vertagt werden müſſen, ſind heute ausfuͤhrbar. Die Schwäche des jungen Königs, die freche Anmaßung der Guiſen, die Abſicht der Verfolgung, die man nicht mehr vor uns verleugnet und verbirgt, Alles fordert uns zur Thätigkeit auf, und wir ſind im Begriff, zu handeln.“ „Verzeiht!“ unterbrach ihn Gabriel.„Ich ſagte Euch, Herr Admiral, daß ich mich Euch nur innerhalb gewiſſer Grenzen hingebe. Ehe Ihr in Euren Ge⸗ ſtändniſſen weiter geht, muß ich Euch erklären, daß ich gerade in keiner Hinſicht die politiſche Seite der Reformation zu berühren gedenke, wenigſtens ſo lange die Regierung, welche eben anfängt, dauern wird. Für die Verbreitung unſerer Ideen und unſern moraliſchen Einfluß biete ich gern mein Vermögen, meine Zeit, mein Leben. Doch ich habe das Recht, in der Re⸗ formation nur eine Religion, und nicht eine Partei zu ſehen. Franz II., Maria Stuart, und ſelbſt der Her⸗ zog von Guiſe haben edelmüthig und groß gegen mich gehandelt. Ich werde an ihrem Vertrauen eben ſo wenig, als an dem Eurigen zum Verräther werden. Geſtattet, daß ich mich der Thätigkeit enthalte und mich nur mit der Idee beſchäftige. Fordert mein Zeug⸗ niß, wann Ihr wollt, aber ich behalte mir die Unab⸗ hängigkeit meines Schwertes bevor.“ Herr von Coligny dachte einen Augenblick nach und erwiederte dann: „Meine Worte, Gabriel, waren keine leeren Worte. Ihr ſeid frei und werdet ſtets frei ſein. Geht allein auf Eurem Pfade, wenn es Euch zuſagt, handelt ohne uns oder handelt nicht. Wir werden keine Rechen⸗ ſchaft von Euch verlangen, denn wir wiſſen,“ fügte er mit einer bezeichnenden Miene bei,„wir wiſſen, daß es zuweilen Eure Art und Weiſe iſt, weder Verbü dete, noch Rathgeber haben zu wollen.“ 141 „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Gabriel erſtaunt. „Ich verſtehe mich,“ antwortete der Admiral. „Für den Augenblick wünſcht Ihr Euch nicht in unſere Conſpirationen gegen die königliche Gewalt zu miſchen? Es ſei! Unſere Rolle wird ſich darauf beſchränken, daß wir Euch von unſeren Bewegungen und Plänen in Kenntniß ſetzen. Folgt uns oder bleibt allein, das iſt Eure Sache und geht nur Euch an. Ihr werdet ſtets durch Briefe oder durch Boten erfahren, wann und wie wir Eurer bedürfen, und Ihr werdet dann handeln, wie es Euch gutdünkt. Kommt Ihr, ſo ſeid Ihr willkommenz enthaltet Ihr Euch, ſo wird Euch Niemand einen Vorwurf zu machen haben; das war in Beziehung auf Euch unter den Häuptern der Partei verabredet, ſogar ehe Ihr mich von Eurer Stellung in Kenntniß geſetzt habt. Solche Bedingungen könnt Ihr annehmen, wie mir ſcheint.“ „Ich nehme ſie auch an und danke Euch,“ ſagte Gabriel. In der Nacht, welche auf dieſen Tag folgte, kniete Gabriel in der Gruft der Grafen von Montgommery vor dem Grabe ſeines Vaters, ſprach mit ſeinem theu⸗ ren Todten und ſagte: „Ja, es iſt wahr, o mein Vater, ich hatte ge⸗ ſchworen, nicht allein Deinen Mörder in ſeinem Leben zu beſtrafen, ſondern ihn auch nach ihm in ſeinem Ge⸗ ſchlecht zu bekämpfen. Es iſt wahr, mein Vater, oh! es iſt wahr! Doch ich hatte das, was geſchieht, nicht vorhergeſehen. Gibt es nicht Pflichten, welche noch heiliger find, als der Schwur? Welche Verbindlichkeit kann uns zwingen, einen Feind zu ſchlagen, der uns das Schwert in die Hand gibt und die nackte Bruſt unſern Streichen darbietet? Wenn Du noch lebteſt, mein Vater, würdeſt Du mir, ich bin es feſt überzeugt, Die beiden Dianen. W. 10 142 rathen, meinen Zorn zu vertagen und das Vertrauen bin nicht durch den Verrath zu erwiedern. Verzeihe mir gen alſo, Todter, daß ich thue, was Du mir, wenn Du leben würdeſt, befehlen müßteſt... Ueberdies ſagt gue mir irgend Etwas, daß meine Räche nicht auf lange Co ausgeſetzt iſt. Du weißt da oben, was wir hienieden pio nur ahnen können. Aber die Bläſſe dieſes ſchwächlichen Königs, der furchtbare Blick, mit dem ihn ſeine Mutter bedrohte, die bis jetzt getreuen Weiſſagungen, die mein gro eigenes Leben durch den Groll dieſer Frau zu erlöſchen ein verurtheilen, die gegen dieſe geſtern erſt begonnene Re⸗ Ca gierung angezettelte Verſchwörung, Alles beweiſt mir, daß das Kind von ſechszehn Jahren noch weniger lang ſeh thronen wird, als der Mann von vierzig, und daß ich bald, mein Vater, mein Werk und meinen Süh⸗ nungsſchwur unter einem andern Sohn von Heinrich 1.„ſe werde wieder aufnehmen können.“ 3 mi W Ru offe XV. al Berichte und Anzeigen. S Sechs bis acht Monate gingen ohne große Er⸗ 5 eigniſſe ſowohl für die Helden dieſes Buches, als Di für die der Geſchichte vorüber. Doch während dieſes Zeitraums bereiteten ſich wenigſtens Ereigniſſe von einer gewiſſen ernſten Bedeutung vor. bei Um ſie kennen zu lernen und um uns auf das Lau⸗ au fende zu bringen, brauchen wir uns nur am 25. Februar zu 1560 an den Ort zu verſetzen, wo man die Neuigkeiten Se ſtets am Beſten zu erfahren glaubt, nämlich in das Ca⸗ Be uen mir Du agt nge den hen tter ein hen Re⸗ nir, ing daß üh⸗ r⸗ ls ſes on U⸗ ar 3 143 binet des Herrn Polizeilieutenants, der in dieſem Au⸗ genblick Herr von Braguelonne hieß. Am 25. Februar 1560 alſo hörte Herr von Bra⸗ guelonne, Abends nachläſſig in ſeinem Lehnſtuhl von Corduanleder ſitzend, auf den Bericht von Meiſter Ar⸗ pion, einem ſeiner Secretaires. Meiſter Arpion las wie folgt: „Es iſt heute der berüchtigte Dieb Gilles Roſe im großen Saal des Palaſtes verhaftet worden, als er eben ein Ende von dem mit Gold verzierten Gürtel eines Canonicus von der heiligen Kapelle abſchnitt.“ „Einem Canonicus von der heiligen Kapelle! Ei! ſeht doch!“ rief Herr von Braguelonne. „Das iſt ſehr ruchlos!“ ſagte Meiſter Arpion. „Und ſehr gewandt!“ ſprach der Polizeilieutenant „ſehr gewandt; denn der Canonicus iſt mißtrauiſch. Ich werde Euch ſogleich ſagen, Meiſter Arpion, was mit dieſem abgefeimten Spitzbuben zu machen iſt. Weiter.“ „Die Frauenzimmer von den Kaninchengängen der Rue du Grand-Heuleu,“ fuhr Arpion fort,„ſind im offenen Aufruhr begriffen.“ „Und warum dies, mein Jeſus?“ „Sie behaupten, ſie haben eine unmittelbare Ein⸗ re an Seine Majeſtät den König gemacht, um in ihrem uartier bleiben zu dürfen, und mittlerweile habe ſie die Schaarwache vertrieben.“. „Dasiſt drollig!“ rief Herr von Braguelonne lachend. „Die Ordnung wird ſich hier leicht wiederherſtellen laſſen. Die armen Mädchen! Zu etwas Anderem.“ Meiſter Arpion fuhr fort: „Die Herren Abgeordneten der Sorbonne, die ſich bei der Frau Prinzeſſin von Condé einfanden, um ſie aufzufordern, während der Faſtenzeit kein Fleiſch mehr zu eſſen, wurden mit beißendem Spott von Herrn von Sechelles aufgenommen, welcher ihnen unter andern Beleidigungen ſagte, er liebe ſie ungefähr gerade ſo ſehr 144 wie einen Nagel auf ſeiner Naſe, und Kälber wie ſie ſeien ſeltſame Botſchafter.“ „Ah! das iſt ernſter Natur!“ ſprach der Lieute⸗ nant aufſtehend.„Man weigert ſich, zu faſten, und be⸗ leidigt die Herren von der Sorbonne! Das vermehrt Eure Rechnung, Frau von Condé, und wenn wir die Geſammtſumme präſentiren! Arpion, iſt das Alles?“ „Mein Gott! für heute, ja. Doch der gnädige Herr hat mir noch nicht geſagt, was man mit Gilles Roſe thun ſoll?“ „Hört,“ ſagte Herr von Braguelonne:„Ihr nehmt ihn aus ſeinem Gefängniß mit den gewandteſten Schelmen und Beutelſchneidern, die Ihr dort findet, und ſchickt dieſe guten Burſche nach Blois, wo man bei dem Feſt, das man für den König vorbereitet, Seine Majeſtät damit beluſtigen will, daß man jene ihre Streiche und Kunſtſtücke zeigen läßt.“ „Aber, Monſeigneur, wenn ſie die Gegenſtände, die ſie zum Spaß ſtehlen, behalten?“ „Dann hängt man ſie.“ In dieſem Augenblick trat ein Huſſier ein und meldete: „Der Herr Inguiſitor des Glaubens.“ 2 Man brauchte Arpion nicht weggehen zu heißen; Er verbengte ſich ehrfurchtsvoll und ſchlich ſich raſch hinaus. Derjenige, welcher eintrat, war in der That ein gewichtiger und furchtbarer Mann. Mit ſeinen gewöhnlichen Titeln eines Doctors der Sorbonne und eines Canonicus von Noyon, verband er den ſchönen, außerordentlichen Titel des Großinquiſitors des Glaubens in Frankreich. Um einen Namen zu haben, der ebenſo großartig klang, als ſein Titel, ließ er ſich auch Demochares nennen, obgleich er einfach Antoine von Mouchy hieß. Das Volk hatte ſeine Schergen Mouchards getauft. ute⸗ be⸗ hrt die das ige les mt nen ickt eſt, tät nd die 145 „Nun, Herr Polizeilieutenant?“ fragte der Groß⸗ inquiſitor. „Nun, Herr Großinquiſitor?“ fragte der Polizei⸗ lieutenant. „Was gibt es Reues in Paris?“ „Ich wollte gerade dieſe Frage an Euch richten.“ „Das heißt, es gebe nichts,“ verſetzte Demochares mit einem tiefen Seufzer.„Ah! die Zeiten ſind hart; es gibt nichts mehr, nicht das geringſte Complott, nicht das leichteſte Attentat. Wie feige ſind doch die Huge⸗ notten! Unſere Gewerbe vergehen, Herr von Brague⸗ lonne!“ „Nein, nein,“ erwiederte Herr von Braguelonne mit dem Tone der Ueberzeugung,„nein, die Regierungen vergehen, aber die Polizei bleibt.“ „Ei! ſeht doch,“ entgegnete Herr von Mouchy, „ſeht doch, auf was Euer Einſchreiten mit gewaffneter Hand bei den Reformirten der Rue du Marais hin⸗ ausläuft. Da man ſie bei Tiſche gerade bei ihrem Mahl überfiel, ſo durfte man hoffen, man würde ſie beim Verzehren von Schweinefleiſch in Form eines Oſter⸗ lammes ertappen, wie Ihr uns dies angekündigt hattet. Aber was brachte man von dieſer ſchönen Expedition mit? Nichts Anderes als eine geſpickte Poularde. Sprecht ſelbſt, Herr Polizeilieutenant, kann das Eurem Inſtitut viel Ehre machen?“ „Es gelingt einem nicht immer!“ ſagte Herr von Braguelonne gereizt.„Seid Ihr glücklicher geweſen bei Eurem Handel mit dem Advokaten der Place Maubert, mit jenem Trouillard, wie er, glaube ich, heißt? Und Ihr hattet Euch doch Wunder davon verſprochen.“ „Ich muß es geſtehen,“ ſagte Demochares mit kläglicher Stimme. Herr von Braguelonne aber fuhr fort: „Ihr gedachtet ſo klar als der Tag zu beweiſen, dieſer Trouillard habe ſeine beiden Cöchter ſeinen Re⸗ ligionsgenoſſen, nach einer ſchrecklichen Orgie, preis⸗ 146 gegeben; und die Zeugen, die Ihr ſo theuer bezahlt habt, ha! ha! ha! nehmen nun ihre Ausſagen zurück und ſtrafen Euch Lügen.“ „Die Schurken!“ murmelte Herr von Mouchy. „Mehr noch,“ fuhr der Polizeilientenant fort,„ich habe die Berichte der Wundärzte und Matronen er⸗ halten, und es iſt auf das Allerflarſte herausgeſtellt, daß die Tugend der beiden Mädchen nicht den geringſten Angriff erlitten hat.“ —„Das iſt eine Schändlichkeit!“ hrummte Demo— ares. „Ein verfehltes Unternehmen, Herr Großinquiſitor des Glaubens. Ein verfehltes Unternehmen,“ wieder⸗ holte wohlgefällig Herr von Braguelonne. „Ei!“ rief Demochares voll Ungeduld,„iſt das Unternehmen verfehlt, ſo ſeid Ihr daran Schuld.“ „Wie! ich ſoll daran Schuld ſein?“ verſetzte der Polizeilientenant erſtaunt. „Ganz gewiß. Ihr haltet Euch an Berichte, an Widerrufe, an Erbärmlichkeiten! Was liegt an ſolchen Zurücknahmen und Widerlegungen? Man müßte deſſen ungeachtet die Sache verfolgen und, als ob nichts daran wäre, dieſe Parpaillots ²) anklagen.“ „Wie! ohne Beweiſe?“ „Ja, und ſie verurtheilen.“ „Ohne Verbrechen?“ „Ja, und ſie hängen laſſen.“ „Ohne Richter?“ „Ja, ja, hundertmal ja, ohne Richter, ohne Ver⸗ brechen, ohne Beweiſe! Es iſt ein ſchönes Verdienſt, wahrhaft Schuldige zu hängen!“ „Aber welches Geſchrei wird dann entſtehen, welche Wuth wird ſich gegen uns erheben!“ ſagte Herr von Braguelonne. „Ahl da habe ich Euch erwartet,“ rief Demochares *) Spottname der Reformirten. ahlt rück „ich er⸗ ſten mo⸗ itor der⸗ das der an hen ſen an er⸗ ſt, che on 147 triumphirend.„Das iſt der Grundſtein bei meinem ganzen Syſtem, mein Herr. In der That, was erzeugt dieſe Wuth, von der Ihr ſprecht? Complotte. Was führen dieſe Complotte herbei? Empörungen. Was geht aus dieſen Empörungen hervor? Die offenbare Nützlich⸗ keit unſerer Functionen.“ „Es iſt wahr, daß aus dieſem Geſichtspunkt be⸗ trachtet. ſagte Herr von Braguelonne lachend: „Mein Herr,“ ſprach Demochares mit ſchulmeiſter⸗ ſcher Miene,„merkt Euch den Grundſatz: Um Verbrechen zu ernten, muß man ſie ſäen. Die Verfolgung iſt eine Kraft.“ „Ei!“ entgegnete der Polizeilieutenant,„mir ſcheint, wir haben es ſeit dem Anfang dieſer Regierung nicht an der Verfolgung fehlen laſſen. Es wäre ſchwierig geweſen, die Unzufriedenen aller Art mehr, als man es gethan hat, aufzureizen und herauszufordern.“ „Bah! was hat man gethan?“ verſetzte der Groß⸗ inquiſitor mit einer gewiſſen Verachtung. „Sagt vor Allem, rechnet Ihr für nichts die Haus⸗ ſuchungen, die Angriffe, die Plünderungen, welche alle Tage bei den unſchuldigen oder ſchuldigen Hugenotten vorgenommen wurden?“ „Meiner Treue! ja, ich rechne das für nichts; Ihr ſeht wohl, daß ſie mit Ruhe und Geduld dieſe nur gar zu geringfügigen Plackereien ertragen.“ „Und die Hinrichtung von Anne Dubourg, dem Neffen eines Kanzlers von Frankreich, den man vor zwei Monaten auf der Grove verbrannt hat, iſt alſo auch nichts?“ „Das iſt abermals wenig,“ entgegnete der ſchwie⸗ rige Mouchy.„Was hat dieſe Hinrichtung zur Folge gehabt? Die Ermordung des Präſidenten Minard, eines der Richter, und eine vorgebliche Verſchwörung, deren Spuren man nicht aufgefunden hat; darüber braucht man keinen großen Lärmen zu machen.“ „Und was denkt Ihr von dem letzten Edict?“ fragte 148 Herr von Braguelonne,„von dem letzten Ediet, das nicht nur die Hugenotten, ſondern den ganzen Adel Frank⸗ reichs angreift. Ich habe es meinerſeits ganz aufrichtig dem Herrn Cardinal von Lothringen geſagt, ich finde das ſehr verwegen.“ „Wie!“ rief Demochares,„ſprecht Ihr von der Verordnung, welche die Penſionen aufgehoben hat?“ „Nein, wahrhaftig nicht, ſondern von der, welche den Sollicitanten, adeligen oder gemeinen, unter der Strafandrohung des Henkens, den ſcharfen Befehl er⸗ theilte, den Hof innerhalb vierundzwanzig Stunden zu verlaſſen. Den Strang für die Edelleute wie für die Bauern, geſteht, daß dies ziemlich hart und emps⸗ rend iſt.“ „Ja, es ermangelt dieſe Sache nicht der Kühnheit,“ erwiederte Demochares mit einem zufriedenen Lächeln. „Vor kaum fünfzig Jahren würde eine ſolche Ordon⸗ nanz den ganzen Adel zum Aufruhr gebracht haben, das muß ich geſtehen, doch heute, haben ſie, wie Ihr ſeht, geſchrieen, aber nicht gehandelt. Nicht Einer hat ſich gerührt.“ „Ihr täuſcht Euch, Herr Großinquiſitor,“ ent⸗ gegnete Braguelonne, die Stimme dämpfend,„wenn ſie ſich i Paris nicht rühren, ſo glaube ich, daß ſie in der Provinz in Bewegung gerathen.“ „Bah!“ rief Herr von Mouchy voll Eifer,„Ihr habt alſo Nachrichten?“ „Ich habe noch keine, aber ich erwarte jede Stunde.“ „Und woher?“ „Von der Loire.“ „Ihr habt dort Emiſſäre?“ „Ich habe nur einen, aber er iſt gut.“ „Einen einzigen! das iſt ſehr unſicher,“ ſagte De⸗ mochares mit kluger Miene. „Ich will lieber einen einzigen verſtändigen, ſiche⸗ ren Vertrauten ebenſo theuer bezahlen, als zwanzig ein⸗ fältige Schufte. Das iſt ſo meine Manier.“ ———— nicht ank⸗ htig inde der elche der er⸗ zu die pö⸗ it, eln. on⸗ ben, Ihr hat ent⸗ ſie Ihr de.“ De⸗ che⸗ ein⸗ ———— 149 „Ja, aber wer ſteht Euch für dieſen Menſchen?“ „Sein Kopf vor Allem, und dann ſeine früheren Dienſte; er hat ſeine Proben durchgemacht.“ „Gleichviel, es iſt ſehr unſicher!“ verſetzte Demo⸗ ares. 8 Meiſter Arpion kehrte ſachte zurück, während Herr von Mouchy noch ſprach, und flüſterte ſeinem Herrn ein Wort ins Ohr: „Ah! ah!“ rief der Polizeilieutenant triumphirend. „Nun! Arpion, führt Lignieres auf der Stelle ein. Ja, in Gegenwart des Herrn Großinquiſitors! Iſt er nicht ein wenig einer der Unſrigen?“ Arpion verbeugte ſich und ging ab. „Dieſer Lignieres iſt gerade der Mann, von dem ich ſprach,“ ſagte Herr von Braguelonne, ſich die Hände reibend.„Ihr werdet ihn hören, er kommt jo eben von Nantes. Wir haben keine Geheimniſſe für ein⸗ ander, nicht wahr? und es freut mich, Euch zu bewei⸗ ſen, daß meine Art ſo viel werth iſt, als eine andere.“ Hier öffnete Meiſter Arpion Lignières die Thüre. Es war derſelbe magere, ſchwarze, ſchwächliche Mann, den wir ſchon in der Verſammlung der Place Maubert geſehen haben, derſelbe, der damals ſo kühn die repu⸗ blicaniſche Medaille vorzeigte und von zerſchnittenen Lilien und mit Füßen getretenen Kronen ſprach. Man ſieht, daß wenn auch in jener Zeit der Name herausfordernder Agent noch nicht beſtand, doch die Sache wenigſtens ſchon blühte. 15⁰ XVI. Ein Spion. Als Lignières eintrat, warf er zuerſt auf Demo⸗ chares einen kalten, mißtrauiſchen Blick, und er blieb, nachdem er ſich vor Herrn von Braguelonne verbeugt hatte, vorſichtig ſchweigſam und unbeweglich und war⸗ tete, bis man ihn fragen würde. „Ich bin entzückt, Euch zu ſehen, Herr Ligniöres,“ ſagte Herr von Braguelonne..„Ihr könnt ohne Furcht vor dem Herrn Großinquiſitor des Glaubens in Frankreich ſprechen.“ „Oh! gewiß!“ rief Lignieres voll Eifer,„glaubt mir, wenn ich gewußt hätte, daß ich vor dem hochacht⸗ baren Demochares ſtehe, gnädiger Herr, ſo würde ich nicht gezögert haben.“ „Sehr gut,“ ſagte, offenbar geſchmeichelt durch die ehrfurchtsvolle Unterwürfigkeit des Spions, Herr von Mouchy, indem er mit einer billigenden Miene mit dem Kopf nickte. „Sprecht, Herr Ligniéres, ſprecht geſchwinde,“ rief der Polizeilieutenant. „Aber der Herr iſt vielleicht nicht vollkommen von dem unterrichtet, was bei der vorletzten Verſammlung der Proteſtanten in der Ferté vorgefallen iſt?“ verſetzte Ligniséres. „Ich weiß in der That nicht viel hierüber,“ ſprach Demochares. „Ich will alſo dort, wenn es mir erlaubt iſt, mit einigen raſchen Worten die Erzählung der wichtigen Umſtände, über die ich mich in den letzten Tagen unter⸗ „— n richtet habe, wieder aufnehmen; das wird klarer und beſſer geordnet ſein.“ Herr von Braguelonne gab mit einem Zeichen die Erlaubniß, welche Lignieres erwartete. Dieſer kleine Zögerer entſprach ohne Zweifel der Ungeduld des Po⸗ lizeilieutenants ſehr ſchlecht; aber er ſchmeichelte ſeinem Stolz dadurch, daß er vor dem Großinquiſitor die über⸗ legenen Talente und ſogar die außerordentliche Beredt⸗ ſamkeit der Agenten, die er zu wählen wußte, glän⸗ zen ließ. Es iſt nicht zu leugnen, Demochares war zugleich erſtaunt und enzückt wie ein gewandter Kenner, der ein Inſtrument trifft, das tadelloſer und vollſtändiger iſt, als diejenigen, deren er ſich bis jetzt bedient hat. Angeſtachelt durch dieſe hohe Gunſt, wollte ſich Lignisres würdig zeigen und wurde wahrhaft ſchön. Dieſe erſte Zuſammenfunft in der Ferté war in Wirklichkeit nicht ſehr ernſt,“ ſagte er.„Es wurden darin nur ziemlich fade Dinge gethan und geſprochen, und ich mochte immerhin den Antrag machen, Seine Majeſtät vom Thron zu ſtürzen und die Conſtitution der Schwei⸗ zer⸗Stände einzuführen, ich fand als Echo nur Belei⸗ digungen. Man beſchloß nur, proviſoriſch ein Geſuch an den König zu richten, um den Verfolgungen gegen die Religionsgenoſſen ein Ziel zu ſetzen, und um die Entlaſſung der Guiſen, das Miniſterium der Prinzen von Geblüt, und die unmittelbare Zuſammenberufung der Generalſtaaten zu fordern. Eine einfache Bittſchrift, ein armſeliges Reſultat. Man hatſich jedoch gezählt und orga⸗ niſirt, und das iſt etwas. Dann handelte es ſich um die Ernennung der Chefs. So lange nur von den unterge⸗ ordneten Chefs der Bezirke die Rede war, fand die Sache keine Schwierigkeit. Doch der allgemeine, der oberſte Chef, das Haupt der Verſchwörung, das machte Mühe! Herr von Coligny und der Prinz von Condé ſchlugen durch ihre Vertreter die gefährliche Ehre aus, die man ihnen dadurch, daß man ſie als Haupt bezeichnete, er⸗ 152 weiſen wollte. Es wäre beſſer, ſagte man in ihrem Namen, einen minder hoch geſtellten Hugenotten zu be⸗ zeichnen, damit die Bewegung augenſcheinlicher den Charakter eines volksthümlichen Unternehmers behielte. Ein guter Vorwand für die Dummköpfe! Sie begnüg⸗ ten ſich damit, und nach vielen Debatten wählte man endlich Herrn de la Renaudie.“ „La Renaudie!“ wiederholte Demochares.„Ja, das iſt in der That einer der eifrigen Anführer dieſer Par⸗ paillots. Ich kenne ihn als einen thatkräftigen und überzeugten Mann.“ „Ihr werdet ihn bald als einen Catilina kennen lernen!“ ſagte Ligniéres. „Oho!“ machte der Polizeilieutenant.„Mir ſcheint, das heißt etwas übertreiben.“ „Ihr ſollt ſehen, ob ich übertreibe,“ erwiederte der Spion.„Ich komme auf unſere zweite Verſammlung, welche in Nantes am 5. dieſes Monats ſtattgefun⸗ den hat.“ „Ah! ah!“ riefen gleichzeitig Demochares und Bra⸗ guelonne. Und Beide näherten ſich Meiſter Lignières mit der größten Neugierde. „Dort hat man ſich nicht auf Reden beſchränkt,“ ſprach Lignières mit einer wichtigen Miene.„Hört.. ſoll ich nach und nach Euren Herrlichkeiten die Umſtände und Beweiſe im Einzelnen geben, oder ſoll ich raſch zu den Reſultaten übergehen?“ fügte der ſchlaue Burſche bei, als hätte er ſo lange als möglich ſeinen Beſiz dieſer zwei Seelen ausdehnen wollen. „Thatſachen! Thaifachen!“ rief der Polizeilientenant voll Ungeduld. „Hört alſo, und Ihr werdet ſchauern. Nach eini⸗ gen Reden und unbedeutenden Präliminarien nahm la Renaudie das Wort und ſprach im Weſentlichen Fol⸗ gendes:„„Als im vorigen Jahr die Königin von Schott⸗ kand die Geiſtlichen wollte in Stirling richten laſſen, „— E 3———— em be⸗ den lte. ig⸗ an das ar⸗ und nen int, der ng, un⸗ ra⸗ der inde zu bei, eſer nant eini⸗ n la Fol⸗ ott⸗ ſſen, 153 da beſchloſſen alle Pfarrgenoſſen, ihnen in dieſe Stadt zu folgen, und obgleich ſie unbewehrt waren, genügte doch dieſe große Bewegung, um die Königin einzuſchüch⸗ tern und es dahin zu bringen, daß ſie auf die Gewalt⸗ that, welche ſie beabſichtigte, Verzicht leiſtete. Ich ſchlage vor, daß wir in Frankreich daſſelbe beginnen, daß eine große Menge von Religionsgenoſſen ſich nach Blois be⸗ gebe, wo der König in dieſem Augenblick reſidirt, und dort ohne Waffen erſcheine, um ihm eine Petition zu überreichen, in welcher er gebeten werden ſoll, die Ver⸗ folgungsediete aufzuheben, den Reformirten die freie Ausübung ihrer Religion zu geſtatten und ihnen, da ihre nächtlichen und geheimen Zuſammenkünfte verleum⸗ worden ſind, zu erlauben, ſich in Tempeln unter den Augen der Behörde zu verſammeln.““ „Ei! das iſt immer daſſelbe,“ unterbrach ihn De⸗ mochares mit einer ärgerlichen Miene.„Friedliche und ehrfurchtsvolle Kundgebungen, welche auf nichts hinaus⸗ laufen. Bittſchriften! Proteſtationen! Sind das die furchtbaren Neuigkeiten, die Ihr uns ankündigtet, Mei⸗ ſter Lignières?“ „Wartet! wartet!“ antwortete Lignidres.„Ihr be⸗ greift, daß ich wie Ihr und mehr als Ihr über den unſchuldigen Antrag von la Renaudie geſchrieen habe. Worauf liefen dieſe gewichtloſen Schritte hinaus, wor⸗ auf mußten ſie hinauslaufen? Andere Proteſtanten ſprachen ſich in dieſem Sinn aus. Entzückt hierüber, enthüllte nun la Renaudie den Grund ſeines Gedankens und verrieth den kühnen Plan, den er unter dieſem demüthigen Anſchein verbarg,“ „Laßt dieſen Plan hören,“ ſagte Demochares wie ein Menſch, der geneigt iſt, nicht über Geringes zu er⸗ ſtaunen. „Ich glaube, es iſt wohl der Mühe werth, ihn zu vereiteln,“ erwiederte Lignieres.„Während die Auf⸗ merkſamkeit durch dieſe Menge ſchüchterner, unbewehrter Bittſteller abgelenkt ſein wird, die ſich flehend dem Throne 154 nähern, ſollen fünfhundert Reiter und tauſend Mann Fußvolk,— Ihr hört, meine Herren?— unter den entſchloſſenſten, der Reform und den Prinzen erge⸗ benſten Cdelleuten auserwählte fünfzehnhundert Mann ſich aus den verſchiedenen Provinzen unter dreißig Ka⸗ pitänen verſammeln, in der Stille auf verſchiedenen Straßen gegen Blois vorrücken, mit Güte oder mit Gewalt in die Stadt eindringen,— ich ſage mit Güte oder mit Gewalt,— den König, die Königin Mutter und die Herren von Guiſe aufheben, dieſe in Anklageſtand ſetzen, ihre Gewalt den Prinzen von Geblüt übertragen, und endlich durch die Generalſtaaten die einzuführende Form der Verwaltung beſtimmen laſſen. Das iſt das Complott, meine Herren. Was ſagt Ihr dazu? Iſt es eine Kinderei? Soll man, ohne ſich darum zu beküm⸗ mern, darüber weggehen? Bin ich endlich zu etwas gut oder zu nichts nütze?“ Triumphirend hielt er inne. Der Großinquiſitor und der Polizeilieutenant ſchauten ſich ganz erſtaunt und äußerſt unruhig an. Es trat eine ziemlich lange ein, welche dieſe mit Betrachtungen aller Art üllten. „Bei der heiligen Meſſe! das iſt bewunderungs⸗ würdig! ich muß es geſtehen,“ rief Demochares endlich. „Sagt, es ſei furchtbar,“ entgegnete Herr von Braguelonne. „Das wird man ſehen! man wird es ſehen!“ ſprach der Großinquiſitor, mit einer klugen Miene den Kopf ſchüttelnd⸗. „Eil wir wiſſen nun die Pläne, welche dieſer la Renaudie zugeſteht,“ ſagte Braguelonne;„doch es iſt leicht zu errathen, daß man ſich nicht allein hieran zu halten hatz daß ſich die Herren von Guiſe verthei⸗ digen, daß ſie ſich werden in Stücke hauen laſſen, und wenn Seine Majeſtät dem Prinzen von Condé die Re⸗ gierung anvertraut, ſo wird nur es durch Gewalt ge⸗ ſchehen.“ n en e⸗ in 1. n it ei⸗ nd te⸗ ge⸗ 155 „Da wir aber davon unterrichtet ſind!“ verſetzte Demochares.„Alles, was dieſe armen Parpaillots ge⸗ gen uns zu thun beabſichtigen, wendet ſich nun gegen ſie, und ſie fangen ſich in ihrer eigenen Falle. Ich wette, daß der Herr Cardinal entzückt ſein wird, und daß er dieſe Gelegenheit, mit ſeinen Feinden ein Ende zu machen, theuer bezahlt hätte.“ „Gott gebe, daß er bis zum Ende entzückt ſein möge!“ ſprach Herr von Braguelonne. Und er wandte ſich an Ligniéres, der ein koſtbarer Mann, ein wichtiger Mann, ein Mann wurde, den man ſchonen mußte, und ſagte: „Ihr, Herr Marquis(der Elende war wirklich Marquis¹), Ihr habt Seiner Majeſtät und dem Staat den wichtigſten Dienſt geleiſtet und ſollt, ſeid unbeſorgt, würdig dafür belohnt werden!“ „Ja, meiner Treue,“ fügte Demochares bei,„Ihr verdient ein ſchönes Licht, mein Herr, und habt meine ganze Achtung! Auch Euch, Herr von Braguelonne mache ich meine aufrichtigen Complimente über die Wahl derjenigen, welche Ihr verwendet! Ah! Herr von Lig⸗ nières iſt berechtigt, auf meine höchſte Werthſchätzung zu zählen!“ „Das iſt mir ein ſüßer Preis für das, was ich zu thun im Stande geweſen bin,“ erwiederte Herr von Lignières ſich beſcheiden verbeugend. „Ihr wißt, daß wir nicht undankbar ſind, Herr von Ligniöres,“ fuhr der Polizeilieutenant fort.„Doch Ihr habt nicht Alles geſagt? Hat man eine Zeit feſt⸗ geſtellt, einen Sammelplatz beſtimmt?“ „Man ſoll ſich um Blois am 15. März verſam⸗ meln,“ antwortete Ligniéres. „Am 15. März, ſagt Ihr!“ rief Herr von Brague⸗ lonne.„Wir haben keine zwanzig Tage vor uns! Und der Herr Cardinal von Lothringen iſt in Blois! Man braucht zwei Tage, um ihm die Sache zu melden und ſeine Befehle zu erhalten! Welche Verantwortlichkeit!“ 156 „Aber welcher Triumph am Ende!“ bemerkte De⸗ mochares. „Laßt hören, mein lieber Herr von Lignières, wißt Ihr die Namen der Anführer?“ fragte der Polizeilien⸗ tenant. „Ja, ich habe ſie aufgeſchrieben.“ „Ein einziger Mann!“ rief Demochares voll Be⸗ wunderung.„Das ſöhnt mich wieder ein wenig mit der Menſchheit aus.“ Lignieres machte ſein Wamms auf, zog ein kleines Papier hervor, entrollte dieſes und las: „Liſte der Chefs mit den Namen der Proyinzen, die ſie zu leiten haben: „Caſtelnau von Chaloſſes, Gascogne. „Mazores, Bearn. „Du Mesnil, Périgord. „Maillé de Brézé, Poitou. „La Chesnay, Maine. „Sainte⸗Marie, Normandie. „Coqueville, Picardie. „Ferrires⸗Maligny, Ile⸗de⸗France und Champagne. „Chateauvieur, Provence u. ſ. w. „Ihr möget dieſe Liſte nach Muße leſen und er⸗ läutern,“ ſprach Ligniöres, indem er dem Polizeilieute⸗ nant das Verzeichniß des Verraths übergab. „Das iſt die Organiſation des Bürgerkriegs,“ ſagte Herr von Braguelonne. „Und bemerkt wohl,“ fügte Lignières bei,„wäh⸗ rend dieſe Banden gegen Blois rücken, werden zu glei⸗ cher Zeit andere Chefs, in jeder Provinz, ſich bereit halten, um jede Bewegung zu unterdrücken, die ſich zu Gunſten der Herren von Guiſe kundgeben ſollte.“ „Gut! wir werden ſie Alle faſſen wie in einem gro⸗ ßen Netz!“ rief Demochares ſich die Hände reibend. ei wie niedergeſchlagen ſeht Ihr aus, Herr von Bra⸗ Fuelonne. Nach der erſten Bewegung des Erſtaunens, ißt ieu⸗ Be⸗ mit nes zen, ne. er⸗ te⸗ gte äh⸗ lei⸗ reit ro⸗ nd. ra⸗ ns, 157 erkläre ich, daß es mir meinerſeits ſehr leid thäte, wenn dies Alles nicht ſo wäre“ „Aber Ihr ſeht doch, wie wenig uns Zeit bleibt!“ ſagte der Polizeilieutenant.„Wahrhaftig, mein lieber Lignières, ich möchte Euch um keinen Preis der Welt einen Vorwurf machen, aber ſeit dem 5. Februar hättet Ihr mich in Kenntniß ſetzen ſollen.“ „Konnte ich es?“ entgegnete Lignieres.„La Re⸗ naudie hatte mir wenigſtens zwanzig Aufträge gegeben, welche von Nantes bis Paris zu beſorgen waren. Ab⸗ geſehen davon, daß ich auf dieſe Art koſtbare Nachrich⸗ ten ſammeln konnte, hätte ich dieſe Aufträge verſchiebend oder vernachläſſigend Verdacht erregt; Euch einen Brief ſchreiben oder einen Boten ſchicken, hieß unſere Geheim⸗ niſſe gefährden.“ „Das iſt richtig, und Ihr habt immer Recht,“ ſagte Herr von Braguelonne.„Sprechen wir alſo nicht mehr von dem, was geſchehen iſt, ſondern von dem, was wir zu thun haben. Ihr habt uns nichts vom Prinzen von Condé geſagt? War er nicht mit Euch in Nantes?“ „Er war dort,“ erwiederte Ligniöres.„Doch er wünſchte, ehe er einen Entſchluß faſſen würde, Chaudieu und den engliſchen Geſandten geſehen zu haben, und er ſagte, er werde la Renaudie zu dieſem Behufe nach Paris begleiten.“ „Er wird alſo nach Paris kommen? La Renaudie wird alſo kommen?“ „Noch beſſer, ſie müſſen Beide ſchon eingetroffen ſein,“ antwortete Lignieères. „Und wo wohnen ſie?“ fragte Herr von Brague⸗ lonne voll Eifer. „Das weiß ich nicht. Wohl fragte ich auf eine ganz gleichgültige Weiſe, wo ich unſern Chef finden könnte, wenn ich ihm eine Mittheilung zu machem hätte; doch man hat mir nur einen Weg mittelbarer Die beiden Dianen. 1v. 11 Correſpondenz bezeichnet. Ohne Zweifel will la Re⸗ naudie den Prinzen nicht gefährden.“ „Es iſt nicht zu leugnen, das iſt ſehr ärgerlich,“ bemerkte der Polizeilieutenant.„Wir hätten nothwen⸗ dig ihre Spur bis an's Ende verfolgen müſſen.“ Meiſter Arpion trat in dieſem Augenblick noch ein⸗ mal mit ſeinem leichten, geheimnißvollen Fuß ein. „Was gibt es, Arpion?“ fragte Herr von Brague⸗ lonne ungeduldig.„Was Teufels! Ihr wißt wohl, daß wir mit etwas ſehr Wichtigem beſchäftigt ſind.“ „Ohne etwas nicht minder Wichtiges hätte ich mir auch nicht einzutreten erlaubt,“ antwortete Arpion. „Sprecht, was gibt es? Sagt es geſchwinde und zwar laut. Wir ſind hier unter uns.“ „Ein gewiſſer Pierre des Avenelles... ſagte Arpion. Braguelonne, Demochares und Lignisres unterbra⸗ chen Arpion durch einen Schrei: „Pierre des Avenelles!“ „Es iſt der Advocat der Rue des Marmouſels, der gewöhnlich die Reformirten in Paris beherbergt,“ ſagte Demochares. „Auf deſſen Haus ich ſchon längſt mein Auge habe,“ fügte Braguelonne bei.„Doch der gute Mann iſt klug und vorſichtig und vereitelt ſtets meine Wachſamkeit. Was will er, Arpion?“ „Auf der Stelle mit Monſeigneur ſprechen,“ erwie⸗ derte der Secretaire.„Er kam mir ganz beſtürzt vor.“ „Er kann nichts wiſſen,“ ſagte Ligniéres eiferſüch⸗ tig.„Ueberdies iſt es ein ehrlicher Mann,“ fügte er mit verächtlichem Tone bei. „Man wird das ſehen! das wird man ſehen!“ rief der Großinquiſitor. „Arpion, führt dieſen Mann ſogleich ein,“ ſprach Herr von Braguelonne. „Sogleich, Monſeigneur,“ erwiederte Arpion und ging hinaus. n⸗ e⸗ hi ich n. nd te a⸗ te 159 „Verzeiht, mein lieber Marquis,“ fuhr Brague⸗ lonne ſich an Lignieres wendend fort,„dieſer des Ave⸗ nelles kennt Euch, und Euer unerwarteter Anblick könnte ihn beunruhigen. Habt alſo die Güte, ſo lange dieſe Unterredung dauert, im Cabinet von Arpion, dort hin⸗ ten im Gang, zu verweilen. Ich laſſe Euch rufen, ſobald wir zu Ende ſind. Ihr, Herr Großinguiſitor, bleibt. Eure eindrucksvolle Gegenwart kann uns nur nützlich ſein.“ „Es ſei, ich bleibe, um Euch zu dienen,“ ſprach Demochares ſehr zufrieden. „Und ich entferne mich,“ verſetzte Lignieres.„Doch erinnert Euch deſſen, was ich Euch ſage; Ihr werdet aus dieſem des Avenelles nichts Bedeutendes heraus⸗ bringen. Ein armes Gehirn! ein furchtſamer, aber redlicher Geiſt! nichts von Werth! nichts von Werth!“ „Wir werden unſer Möglichſtes thun. Doch geht, geht, mein lieber Lignieres! Unſer Mann kommt.“ Ligniéres hatte in der That kaum Zeit, zu entwi⸗ ſchen. Es trat ein Mann ganz bleich und von einem Nervenzittern bewegt, geführt oder beinahe geſchleppt von Meiſter Arpion, ein.“ Dies war der Advoeat Pierre des Avenelles, den wir das erſte Mal mit Lignières in der Verſammlung der Place Maubert geſehen haben, und der an jenem Abend, wenn man ſich erinnert, mit ſeiner ſo muthig furcht⸗ ſamen Rede den Sieg davon trug. XVl. Ein Angeber. An dem Tag, wo wir ihn wiederfinden, war des Avenelles ganz und gar furchtſam und durchaus nicht muthig. Rachdem er ſich vor Demochares und Braguelonne bis auf den Boden verbeugt hatte, ſagte er: „Ich ſtehe ohne Zweifel vor dem Herrn Polizei⸗ lientenant?“ „Und vor dem Herrn Großinquiſitor des Glau⸗ bens,“ fügte Braguelonne auf Mouchy deutend bei. „Oh! Jeſus!“ rief der arme des Avenelles, wo möglich noch mehr erbleichend.„Meine gnädigſten Herren, Ihr erblickt in mir einen großen Verbrecher, ja einen zu großen Vebrecher. Darf ich auf Gnade hoffen? Ich weiß es nicht. Kann ein aufrichtiges Ge⸗ ſtändniß einen Fehler vermindern? An Eurer Milde iſt es, zu antworten.“ Braguelonne ſah ſogleich, mit was für einem Men⸗ ſchen er es zu thun hatte. „Geſtehen genügt nicht,“ erwiederte er mit hartem Tone,„man muß wieder gut machen.“ „Oh! wenn ich es kann, werde ich es thun, gnä⸗ digſter Herr,“ ſtammelte des Avenelles. „Ja,“ fuhr der Polizeilieutenant fort,„doch, um es zu fhun, müßtet Ihr uns einen weſentlichen Dienſt zu leiſten, eine koſtbare Kunde zu geben haben.“ „Ich werde bemüht ſein, Euch eine ſolche zu geben. „Das wird ſchwierig ſein, denn wir wiſſen Alles,“ bemerkte Braguelonne mit nachläßigem Tone. 6 t u⸗ en de e⸗ iſt 161 „Wie, Ihr wißt... „Alles, und ich ſage Euch zum Voraus, daß bei der Klemme, in die Ihr Euch geſteckt habt, Eure ver⸗ ſpätete Reue kaum mehr Euren Kopf retten kann.“ „Meinen Kopfl o Himmel! mein Kopf iſt in Gefahr? doch da ich gekommen bin... „Zu ſpät,“ entgegnete der unbeugſame Brague⸗ lonne.„Ihr könnt uns nicht mehr nützlich ſein; und wir wiſſen zum Voraus, was Ihr uns zu entdecken abt.“ „Vielleicht!“ ſagte des Avenelles.„Entſchuldigt meine Frage; was wißt Ihr?“ „Vor Allem, daß Ihr einer von den verdammten Ketzern ſeid,“ ſprach dazwiſchentretend Demochares mit einer Donnerſtimme. „Ach! ach! das iſt nur zu wahr!“ erwiederte des Avenelles.„Ja, ich bin ein Reformirter. Warum? ich weiß es nicht. Aber ich werde abſchwören, gnädigſter Herr, wenn Ihr mir das Leben ſchenkt. Die Predigt hat zu viel Gefahren. ich kehre zur Meſſe zurück.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ fuhr Demochares fort, „Ihr beherbergt in Eurem Hauſe Hugenotten.“ „Man konnte nicht einen Einzigen bei einer von den Nachſuchungen entdecken,“ entgegnete raſch der Advocat. „Ja,“ ſagte Herr von Braguelonne,„Ihr habt ohne Zweifel ii Eurem Hauſe einen geheimen Ausgang, einen verborgenen Gang, eine unbekannte Verbindung mit Außen. Doch dieſer Tage reißen wir Euer Haus bis auf den letzten Stein nieder, und da muß ſich wohl Euer Geheimniß offenbaren.“ „Ich werde es Euch ſelbſt offenbaren,“ ſagte der Advocat,„denn ich geſtehe zu, ich habe zuweilen Re⸗ ligionsgenoſſen bei mir empfangen und beherbergt. Sie bezahlen gutes Koſtgeld und die Prozeſſe tragen ſo wenig ein! Man muß doch leben! Aber das ſoll nicht mehr vorkommen, und wenn ich abſchwöre, ſo wird es, denke 162 ich, keinem Hugenotten mehr einfallen, an meine Thüre zu klopfen.“ „Ihr habt auch oft das Wort in der Verſammlung der Proteſtanten genommen,“ fuhr Demochares fort. „Ich bin Advocat,“ erwiederte des Avenelles. „Doch ich habe ſtets für die gemäßigten Entſchließungen geſprochen, Ihr müßt das wiſſen, da Ihr Alles wißt... Hier wagte es des Avenelles, ſeine Augen zu den zwei unheilvollen Perſonen aufzuſchlagen, und er fuhr dann fort: „Doch verzeiht, mir ſcheint, Ihr wißt nicht Alles; denn Ihr ſprecht nur von mir und ſchweigt über die allgemeinen Angelegenheiten der Partei, welche doch im Ganzen viel wichtiger ſind.. Ich ſehe alſo mit Vergnügen, daß Ihr viele Dinge noch nicht wißt.“ „Ihr täuſcht Euch, und wir werden Euch das Gegentheil beweiſen,“ erwiederte der Polizeilieutenant⸗ Demochares bedeutete ihm durch ein Zeichen, er möge auf ſeiner Hut ſein. „Ich verſtehe Euch, Herr Großinquiſitor,“ ſagte Braguelonne.„Doch es iſt keine Unvorſichtigkeit von mir, wenn ich dieſem Herrn unſer Spiel zeige, denn der Herr wird lange nicht mehr von hier wegkommen. „Wie! ich werde lange nicht mehr von hier weg⸗ kommen?“ rief des Avenelles voll Schrecken. „Nein, gewiß nicht,“ erwiederte Bragnelonne ganz ruhig.„Bildet Ihr Euch etwa ein, Ihr könntet unter dem Vorwand, uns Offenbarungen zu machen, ganz bequem hierher gehen und ſehen, wie weit wir ſind, und Euch von dem, was wir wiſſen, verſichern, um das Ganze ſodann Euren Genoſſen zu berichten? So geht es nicht, mein lieber Herr, und Ihr ſeid von dieſem Augenblick an unſer Gefangener.“ „Gefangener!“ wiederholte des Avenelles, Anfangs ſehr erſchrocken. Dann aber, nach kurzer Ueberlegung, faßte er ſeinen re 1g 8. en es zu er 8; ie ch it as t. te on nn . g uz nz d 8 ht m 163 Entſchluß. Unſer Mann beſaß, wie man ſich erinnert, im höchſten Grade den Muth der Feigheit. „Nun! das iſt mir im Gegentheil lieber,“ rief er. „Ich bin mehr als bei mir in Sicherheit mitten unter allen dieſen Complotten. Und da Ihr mich behaltet, Herr Polizeilieutenant, ſo werdet Ihr kein Bedenken mehr tragen, mir gefälligſt einige von meinen ehr⸗ furchtsvollen Fragen zu beantworten. Meiner Anſicht nach ſeid Ihr nicht ganz ſo vollſtändig unterrichtet, als Ihr zu ſein glaubt, und ich werde Gelegenheit finden, Euch durch eine nützliche Entdeckung meine Treue und Redlichkeit zu beweiſen.“ „Hm! ich zweifle daran,“ verſetzte Herr von Bra⸗ guelonne. „Was wißt Ihr vor Allem von unſeren letzten Verſammlungen, Monſeigneur?“ fragte der Advocat. „Sprecht Ihr von der in Nantes?“ ſagte der Po⸗ lizeilieutenant. „Aje! Ihr wißt das? Nun, ja, ich meine die in Nantes. Was iſt dort vorgefallen?“ „Spielt Ihr auf die Verſchwörung an, die man dort gebildet hat?“ ſagte Herr von Braguelonne. „Ah! ja, und ich ſehe, daß ich Euch hierüber nicht viel werde mitzutheilen haben,“ erwiederte des Avenelles. „Was beabſichtigt dieſe Verſchwörung?. „Den König in Blvis aufzuheben, mit Gewalt die Prinzen an die Stellen der Herren von Guiſe zu ſetzen, die Stände zuſammenzuberufen u. ſ. w. Dies Alles iſt eine alte Geſchichte, mein lieber Herr des Avenelles, und datirt ſchon vom 5. Februar.“ „Und die Verſchworenen glauben ſich ihres Geheim⸗ niſſes ſo ſicher!“ rief der Advocat.„Sie ſind verloren, und ich auch.. denn ohne Zweifel kennt Ihr die Häupter des Complottes?“ „Die verborgenen und die offenbaren Häupter. Die verborgenen Häupter ſind der Prinz von Condé und der Admiral. Die offenbaren Häupter ſind la Renaudie 164 Caſtelnau, Mazères... Doch die Aufzählung wäre zu lang. Seht, hier iſt die Liſte ihrer Namen und die der Provinzen, welche ſie aufwiegeln ſollen.“ „Barmherzigkeit! wie geſchickt iſt die Polizei und welche Narren find die Verſchwörer!“ rief des Ave⸗ nelles.„Werde ich Euch denn kein Wörtchen mitzuthei⸗ len haben? Der Prinz von Condé und la Renaudie, Ihr wißt, wo ſie ſind?“ „Mit einander in Paris.“ „Das iſt furchtbar, und ich habe nur meine Seele Gott zu empfehlen; doch ich bitte, noch ein Wort: wo ſind ſie in Paris?“ Herr von Braguelonne antwortete nicht ſogleich, aber er ſchien mit ſeinem klaren, durchdringenden Blick die Seele und die Augen von des Avenelles ergründen zu wollen. Kaum athmend, wiederholte dieſer ſeine Frage: „Wißt Ihr, wo in Paris der Prinz von Condé und la Renaudie ſind, gnädiger Herr?“ „Wir werden ſie ohne Mühe finden,“ antwortete Herr von Braguelonne. „Aber Ihr habt ſie noch nicht gefunden!“ rief des Avenelles entzückt.„Ah! Gott ſei gelobt! ich kann noch meine Begnadigung verdienen. Ich weiß, wo ſie ſind, Monſeigneur!“ Das Auge von Demochares funkelte, doch der Po⸗ lizeilientenant verbarg ſeine Freude. „Wo ſind ſie denn?“ ſagte er mit dem allergleich⸗ gültigſten Tone. „Bei mir, meine Herren, bei mir!“ antwortete ſtolz der Advocat. „Ich wußte es,“ ſprach ganz ruhig Herr von Bra⸗ guelonne. „Was! wie! Ihr wußtet das auch?“ rief des Ave⸗ nelles erbleichend. „Allerdings!.. doch ich wollte Euch auf die Probe ſtellen, ich wollte ſehen, ob Ihr glaubwürdig wäret. — —— — S— 2 5— le re ie nd e⸗ e, ne er ie zu dé 165 Es iſt gut! ich bin mit Euch zufrieden. Euer Fall war wenigſtens ſehr ernſt, Ihr habt ſo großen Verbre⸗ chern Zuflucht gegeben!“ „Ihr habt Euch ebenſo ſtrafbar gemacht als ſie,“ ſprach Demochares mit wichtiger Miene. „Oh! redet nicht ſo, Monſeigneur,“ erwiederte des Avenelles.„Ich vermuthete wohl, welchen Gefahren ich ausgeſetzt war. Seitdem ich die ſchrecklichen Pläne mei⸗ ner zwei Gäſte kenne, lebe ich auch nicht mehr. Doch ich kenne ſie erſt ſeit drei Tagen; erſt ſeit drei Tagen, das ſchwöre ich Euch. Ihr müßt wiſſen, daß ich nicht bei der Verſammlung in Nantes war. Als der Prinz von Condé und la Renaudie am Anfang dieſer Woche bei mir ankamen, glaubte ich wohl Hugenotten bei mir aufzunehmen, aber nicht Verſchwörer. Ich habe einen Abſcheu vor den Verſchwörern und den Verſchwörungen. Sie ſagten mir Anfangs nichts, und das verarge ich ihnen. Es iſt ſehr ſchlimm, ſo ohne daß er etwas weiß, einen armen Menſchen, der ihnen immer nur Dienſte ge⸗ leiſtet hat, der Gefahr auszuſetzen. Doch dieſe hohen Perſonen machen es nie anders.“ 3 „Wie?“ verſetzte Herr von Braguelonne, der ſich als eine ſehr hohe Perſon betrachtete. „Ich ſpreche von den hohen Perſonen der Refor⸗ mation,“ ſagte eiligſt der Advocat.„Anfangs verbargen ſie mir alſo Alles; doch ſie flüſterten den ganzen Tag zuſammen; ſie ſchrieben den Tag und die Nacht, ſie empfingen jede Minute Beſuche. Ich lauerte, ich horchte, kurz ich errieth den Anfang, ſo daß ſie genöthigt waren, mir das Ende zu geſtehen, ihre Verſammlung in Nantes, ihre große Verſchwörung, Alles endlich, was Ihr ſchon wißt, und was ſie ſo gut verborgen glauben; doch ſeit dieſer Enthüllung ſchlafe ich, eſſe ich, lebe ich nicht mehr. So vft Jemand hei mir eintritt, und Gott weiß, wie oft dies geſchieht! bilde ich mir ein, man komme, um mich zu holen und vor den Richter zu ſchleppen. In den mir ſpärlich zugemeſſenen Augenblicken eines 166 fieberhaften Schlafes, träume ich in der Nacht nur von Tribunalen, Schaffoten und Henkern wäch erwache in kaltem Schweiß gebadet, um die G 44, veaen ich preisgegeben bin, zu berechnen, vorherzuſehen, zu er⸗ meſſen.“ „Die Gefahren, denen Ihr preisgegeben ſeid?“ ſagte Herr von Bragnelonne.„Zuerſt das Gefängniß...“ „Sodann die Folter,“ ſprach Demochares. „Ferner das Hängen,“fügte der Polizeilieutenant hei⸗ „Vielleicht der Scheiterhaufen,“ fuhr der Großin⸗ quiſitor fort. B „Ja ſogar, je nach den Unſtänden, das Rad,“ ſprach Herr von Braguelonne, um durch einen Haupt⸗ effect zu endigen. „Eingekerkert! gefoltert! gehenkt! verbrannt! ge⸗ rädert!“ rief bei jedem Wort Meiſter des Avenelles, als ob er jede dieſer Strafen, die man ihm aufzählte, aus⸗ geſtanden hätte. „Was Teufels! Ihr ſeid Advocat, Ihr kennt das Geſetz,“ ſprach Herr von Braguelonne. „Ich kenne es nur zu gut,“ rief des Avenelles. „Nach einem dreitägigen Todeskampf konnke ich es auch nicht mehr länger aushalten; ich fühlte wohl, ein ſolches Geheimniß wäre eine zu ſchwere Bürde für meine Ver⸗ antwortlichkeit, und ich kam, um ſie in Eure Hände niederzulegen, Herr Polizeilieutenant.“ „Das war das Sicherſte,“ ſagte Herr von Bra⸗ guelonne,„und obgleich uns Eure Angabe nicht viel nützt, wie Ihr ſeht, werden wir doch auf Euren guten Willen Rückſicht nehmen.“ Er beſprach ſich einige Minuten leiſe mit Mouchy⸗ der ihn, nicht ohne eine gewiſſe Mühe, zu einem gewiſ⸗ ſen Entſchluß zu bringen ſchien. „Vor Allem,“ ſagte flehend des Avenelles,„vor Allem bitte ich Euch, habt die Gnade, meinen Abfall gegen meine ehemaligen„. Genoſſen nicht zu verra⸗ then, denn leider könnten diejenigen, welche den Präſi⸗ das les. uch ches Ber⸗ inde Zra⸗ viel uten chy⸗ wiſ⸗ vor fall rra⸗ räſi⸗ 167 denten Minard ermordet haben, auch mir einen ſchlim⸗ men Strei Welen.“ ie weeas Geheimniß bewahren,“ erwiederte der Polizeilieutenant. „Doch Ihr wollt mich in jedem Fall als Gefange⸗ nen zurückbehalten?“ fragte des Avenelles mit demüthi⸗ ger und ängſtlicher Miene.. „Nein, Ihr könnt auf der Stelle frei nach Hauſe zurückkehren,“ antwortete Braguelonne. „Wahrhaftig?“ rief der Advocat.„Ihr werdet alſo meine Gäſte feſtnehmen laſſen, wie ich ſehe?“ „Ebenſowenig. Sie werden frei bleiben wie Ihr.“ „Wie ſo?“ fragte des Avenelles ganz erſtaunt. „Hört mich und prägt Euch meine Worte wohl ein,“ ſprach Herr von Braguelonne mit gewichtigem Tone.„Ihr kehrt ohne Verzug nach Hauſe zurück, es könnte ſonſt eine zu lange Abweſenheit Berdacht erregen. Euren Gäſten fagt Ihr nicht ein Wort von Euren Be⸗ fürchtungen und Geheimniſſen. Ihr handelt und laßt ſie handeln, als ob Ihr heute nicht in dieſes Cabinet gekommen wäret. Verſteht Ihr mich wohl? Verhindert nichts und wundert Euch über nichts. Laßt nur machen.“ „Das iſt leicht,“ ſagte des Avenelles. „Nur,“ fügte Herr von Braguelonne bei,„nur, wenn wir irgend eine Auskunft nöthig haben, werden wir ſie Euch geben laſſen oder Euch hierherberufen, und Ihr werdet Euch beſtändig zu unſerer Verfügung halten. Wird ein Einſchreiten in Eurem Hauſe für nöthig erachtet, ſo habt Ihr Beiſtand zu leiſten.“ „Da ich einmal angefangen habe, ſo werde ich auch endigen,“ ſprach des Avenelles mit einem Seufzer. „Es iſt gut. Nur noch ein einziges Wort zum Schluß. Gehen die Dinge ſo, daß wir dadurch den Beweis erhalten, Ihr habet dieſen ſehr einfachen In⸗ ſtrurtionen gehorcht, ſo ſollt Ihr begnadigt werden. Können wir aber vermuthen, daß Euch die geringſte 168 Indiscretion entſchlüpft iſt, ſo ſollt Ihr zuerſt und am Grauſamſten beſtraft werden.“ „Man läßt Euch, bei Unſerer Lieben Frau! am klei⸗ nen Feuer röſten!“ ſprach Demochares mit ſeinem tiefen, düſteren Ton. „Doch!..“ wollte der bebende Advocat ſagen. „Schon genug,“ rief Braguelonne.„Ihr habt ge⸗ hört. Erinnert Euch. Auf Wiederſehen.“ Er machte mit der Hand ein gebieteriſches Zeichen. Der allzu kluge Advocat entfernte ſich, zugleich erleich⸗ tert und bedrückt. Nach ſeinem Abgang ſchwiegen der Polizeilieute⸗ nant und der Großinquiſitor einen Augenblick. „Ihr habt es gewollt, ich habe nachgegeben,“ ſagte der erſtere endlich.„Doch ich geſtehe, daß mir Zweifel über dieſe Art des Verfahrens bleiben.“ „Nein, es iſt ſo Alles gut!“ erwiederte Democha⸗. res;„dieſe Sache muß ihren Lauf haben, ſage ich Euch, und zu dieſem Ende war es das Wichtigſte, keinen Ver⸗ dacht bei den Verſchworenen zu erregen. Sie ſollen ſich des Geheimniſſes ſicher glauben und handeln. Sie bil⸗ den ſich ein, ſie gehen in der Finſterniß, und wir folgen allen ihren Bewegungen am hellen Tag. Das iſt herr⸗ lich! eine ſolche Gelegenheit, durch einen großen Schlag die Ketzerei niederzuſchmettern, dürfte ſich in zwanzig Jahren nicht bieten. Und ich kenne hierüber die Anſich⸗ ten Seiner Eminenz des Herrn Cardinals von Lothringen.“ „Beſſer als ich, das iſt wahr,“ ſprach Herr von Braguelonne.„Was haben wir indeſſen noch zu thun?“ „Ihr,“ antwortete Demochares,„Ihr bleibt in Paris, Ihr überwacht durch Lignières und des Ave⸗ nelles Eure zwei Häupter der Verſchwörung. Ich reiſe in einer Stunde nach Blois ab und ſetze die Herren von Guiſe in Kenntniß. Der Cardinal wird Anfangs ein wenig Angſt haben, doch der Balafré iſt bei ihm, um ihn zu beruhigen, und bei näherer Erwägung wird er entzückt ſein. Es iſt die Sache von dieſen Beiden, N . 169 in vierzehn Tagen geräuſchlos um den König alle Kräfte, über die ſie verfügen können, zu ſammeln. Un⸗ ſere Hugenotten ſollen indeſſen keine Ahnung haben. Sie werden mit einander oder einer nach dem andern in die Falle kommen, die man ihnen geſtellt hat, dieſe blinden Staaren, und ſie ſind unſer! wir haben ſie! allgemeine Schlächterei!“ Der Großinquiſitor ging mit langen Schritten im Zimmer auf und ab und rieb ſich freudig die Hände. „Gott wolle nur,“ ſagte Herr von Braguelonne, „daß nicht ein unvorhergeſehener Umſchlag dieſen herr⸗ lichen Plan zu nichte macht.“ „Unmöglich!“ rief Demochares,„allgemeine Schläch⸗ terei! Wir haben ſie! Laßt gefälligſt Lignieres zurückkom⸗ men, damit er uns die Nachrichten vollends mittheilt, die ich dem Cardinal von Lothringen melden werde; doch ich halte die Ketzerei ſchon für todt. Allgemeines Schlachten!“ XVIII. Rönig und Bönigin Kinder. Wenn wir im Geiſte zwei Tage und vierzig Mei⸗ len überſpringen, ſind wir am 27. Februar in dem glänzenden Schloß Blois, wo der Hof für den Augen⸗ blick verſammelt war. Es hatte am vorhergehenden Tag ein großes Feſt mit Luſtbarkeiten aller Art im Schloß ſtattgefunden, ein Feſt, angeordnet von Antvine von Baif, dem Dichter, mit Kampfſpielen, Balleten und Allegorien, ſo daß an dieſem Morgen der junge König und ſeine kleine Köni⸗ 170 gin, zu deren Unterhaltung man das Feſt gegeben hatte, ſpäter als gewohnlich und noch ein wenig müde von ihren Vergnügungen aufſtanden. Zum Gluͤck war kein Empfang angekündigt, und ſie konnten, um auszuruhen, nach Muße mit einander über die ſchönen Dinge plandern, die ſie bewundert hatten. „Ich,“ ſagte Maria Stuart,„ich habe die Belu⸗ ſtigung äußerſt ſchön und ſeltſam gefunden.“ „Ja,“ erwiederte Franz M.,„beſonders die Ballete und die geſpielten Scenen. Doch ich muß geſtehen, die Sonnete, die Madrigale kamen mir etwas gedehnt vor.“ „Wie!“ rief Maria Stuart,„ich verſichere Euch, ſie waren ſehr artig und geiſtreich.“ „Aber geſtehe, mein Herzchen, fortwährend zu lob⸗ redneriſch. Siehſt Du, es iſt nicht beluſtigend, ſich ſo ganze Stunden lang loben zu hören, und ich dachte mir geſtern Abend, der gute Gott im Paradies müßte zuweilen Augenblicke der Ungeduld haben. Füge dem bei, daß dieſe Herren, beſonders Baif und Maiſonfleur, in ihren Reden viele lateiniſche Worte einſtreuen, die ich nicht immer verſtehe.“ „Aber das ſieht ſehr gut aus,“ entgegnete Maria. „Das iſt eine Weiſe, die den gelehrten Mann und aus⸗ geſuchten Geſchmack bezeichnet.“ „Ah! Du biſt eine Gelehrte, Maria!“ verſetzte ſeufzend der junge König;„Du machſt Verſe und ver⸗ ſtehſt das Lateiniſche, bei dem ich nie recht anbeißen konnte.“ „Das Wiſſen iſt das Loos und die Unterhaltung von uns Frauen, wie von Euch Männern und Fürſten die Thätigkeit und das Befehlen.“ „Gleſchviel!“ ſagte Franz II.,„ich möchte, na⸗ mentiich um Dir in etwas gleichzukommen, nur ſo un⸗ terrichtet ſein, wie mein Bruder Karl.“ „Ahl was unſern Bruder Karl betrifft,“ unterbrach, ihn Maria,„habt Ihr ihn geſtern in ſeiner Rolle der —* . —„— 171 Allegorie der durch die drei göttlichen Tugen⸗ den verbotenen Religion geſehen?“ „Ja,“ ſagte der König, er machte einen von den Rittern, welche die Tugenden darſtellten, die Nächſten⸗ liebe, glaube ich.“ „So iſt es. Habt Ihr geſehen, Sire, mit welcher Wuth er der Ketzerei den Kopf abſchlug?“ „Ja, wahrhaftig, als ſie mitten unter die Flammen auf dem Schlangenleib vorrückte... Es iſt wahr, Karl war außer ſich.“ „Und ſagt mir, mein füßer Sire,“ ſprach die Kö⸗ nigin,„kam es Euch nicht vor, als gleiche dieſer Kopf der Ketzerei irgend Jemand?“ „Wahrhaftig,“ erwiederte Franz II.,„ich glaubte Anfangs, ich täuſche mich, aber er hatte ſicherlich das Ausſehen von Herrn von Coligny, nicht wahr?“ „Sagt, es ſei der Herr Admiral Zug für Zug ge⸗ weſen.“ 3 „Und alle dieſe Teufel, die ihn holten!“ „Und die Freude unſeres Oheims des Cardinals!“ „Und das Lächeln meiner Mutter!“ „Es war beinahe furchtbar!“ ſprach die junge Kö⸗ nigin.„Doch es iſt nicht zu leugnen, Franz, ſie war geſtern wieder ſehr ſchön, Gure Mutter, in ihrem Kleide von Golbſtoff mit krauſen Blumen und mit ihrem Schleier von lohrsthem Crepe! ein herrlicher Anzug!“ „Ja, mein Herzchen, ich habe auch für Dich ein ähnliches Kleid in Konſtantinopel durch Herrn von Grandchamp beſtellt, und Du ſollſt einen Schleier von roͤmiſcher Gaze, dem meiner Mutter ähnlich, haben.“ Ich danke, mein artiger König, ich danke! Ich beneide gewiß nicht m ihr Lvos unſere Schweſter Eli⸗ ſabeth von Spanien, welche, wie man ſagt, nie zwei⸗ mal dasſelbe Kleid anzieht. Doch ich möchte nicht gern, daß irgend eine Frau in Frankreich, und wäre es Eure Mutter, Euch beſonders beſſer geputzt vorkäme als ich.“ „Ei! was iſt Dir im Grunde daran gelegen?“ 172 6 der König,„wirſt Du nicht immer die Schönſte ein?“ „Es hat geſtern kaum ſo geſchienen,“ entgegnete Maria ſchmollend,„denn nach dem Fackeltanz, den ich ausführte, ſagtet Ihr mir kein Wort: ich muß glauben, daß er Euch nicht gefallen hat.“ „Doch, doch!“ rief Franz.„Aber, guter Gott! was hätte ich neben allen dieſen Schöngeiſtern ſagen ſollen, die Dir in Proſa und in Verſen den Hof machten. Dubellay behauptete, Du braucheſt keine Fackel wie die anderen Damen, und es ſei ſchon genug mit Deinen zwei Augen. Maiſonfleur erſchrak über die Gefahr der zwei lebendigen Lichter Deiner Augen⸗ ſterne, welche nicht erlöſchen und den ganzen Saal ent⸗ zünden könnten. Ronſard fügte bei, die zwei Geſtirne Deinet Blicke müßten die Nacht in der Finſterniß und den Tag im Sonnenſchein erleuchten. Sollte ich nun nach dieſer Poeſie kommen und Dir ganz einfach ſagen, ich habe Dich und Deinen Tanz reizend gefunden?“ „Und warum nicht?“ erwiederte Maria;„dieſes einfache Wort hätte mich mehr erfreut, als alle ihre Abgeſchmacktheiten.“ „Wohl, ich ſage Dir das Wort dieſen Morgen, mein Liebchen, und zwar von ganzem Herzen; denn dieſer Tanz iſt vollkommen, und ließ mich beinahe die ſpaniſche Pavana und die Pazzemeni der Italiener ver⸗ geſſen, die Du ſo göttlich mit der ärmen Eliſabeth ge⸗ tanzt haſt. Was Du thuſt, iſt immer beſſer gethan, als das, was die Andern thun. Du biſt die Schönſte der Schönen, und die hübſcheſten Frauen ſehen neben Dir immer wie Kammerjungfern aus. Ja, in Deiner könig⸗ lichen Tracht, wie in dieſem einfachen Morgenkleide biſt Du immer meine Königin und meine Liebe. Ich ſehe nur Dich! ich liebe nur Dich!“ „Mein theures Herz!“ „Meine Angebetete!“ „Mein Leben!“ — —— ſte ete ich n, tt! en of ine ug er en⸗ nt⸗ ne ind un en, ſes hre en, enn die er ge⸗ als der Dir ig⸗ eide Ich 173 „Mein höchſtes Gut! Siehe, hätteſt Du nur das Häubchen einer Bäuerin, ich würde Dich inniger lieben, als alle Königinnen der Erde.“ 6 „Und ich,“ ſagte Maria,„wäreſt Du auch nur ein einfacher Page, ſo beſäßeſt Du doch immerhin mein 8 1,d Gott! wie liebe ich es, meine Finger in dieſe ſo ſanften, ſo blonden, ſo feinen Haare zu tauchen, ſie zu vermengen, zu verwirren! Ich begreife es wohl, daß Dich Deine Damen oft bitten, dieſen ſo runden und ſo weißen Hals, dieſe ſo anmuthigen und fleiſchi⸗ gen Arme küſſen zu dürfen. Erlaube es ihnen jedoch nicht mehr, Maria.“ „Und warum nicht?“ „Ich bin eiferſüchtig.“ „Kind!“ verſetzte Maria mit einer anbetungswür⸗ digen Kindergeberde. „Ah! höre,“ rief Franz voll Leidenſchaft,„müßte ich auf meine Krone, oder auf Maria verzichten, meine Wahl wäre bald getroffen.“ „Welche Thorheit!“ entgegnete die junge Königin. „Kann man auf die Krone von Frankreich, die ſchönſte von allen nach der des Himmels, verzichten?“ „Bei dem, was ſie auf meiner Stirne thut!„ ſagte Franz mit einem halb heiteren, halb ſchwermüthi⸗ gen Lächeln. „Wie!“ rief Maria:„doch ich vergaß, daß wir ein Geſchäft abzumachen haben, eine Angelegenheit von großem Belang, die uns mein Oheim von Lothringen zugeſchickt hat.“ t„„Oho!“ rief der König,„das geſchieht ihm nicht oft. „Er beauftragt uns, die Farben der Uniform un⸗ ſerer Schweizer⸗Garden zu beſtimmen.“ „Das iſt ein Zeichen des Vertrauens, das uns ehrt. Beginnen wir alſo die Berathung, Madame:; Die beiden Dianen. 1W 12 174 was iſt die Anſicht Eurer Majeſtät über dieſen ſo ſchwierigen Gegenſtand?“ „Oh! ich werde erſt nach Euch ſprechen, Sire.“ „Ich denke, die Form der Kleider ſoll dieſelbe bleiben; ein weites Wamms mit weiten Aermeln, drei⸗ farbig geſchlitzt, nicht wahr?“ „Ja, Sire. Doch welche Farben ſollen dies ſein? Das iſt die Frage.“ „Sie iſt nicht leicht, doch Ihr unterſtützt mich nicht, mein artiger Rath. Die erſte Farbe?. „Das muß weiß ſein,“ ſagte Maria,„die Farbe von Frankreich.“ „Dann wird die zweite die von Schottland ſein, blau alſo,“ ſprach der König. „Gut! Doch die dritte?“ „Wenn das gelb wäre?“ „Oh! nein, das iſt die Farbe von Spanien. Eher grün.“* „Das iſt die Farbe von Guiſe,“ verſetzte der König. 3„Wäre das ein Grund zum Ausſchluß?“ fragte aria. „Nein! doch würden dieſe drei Farben harmoniren?“ „Ein Gedanke!“ rief Maria Stuart.„Nehmen wir Roth, die Farbe der Schweiz; das wird dieſe ar⸗ men Leute ein wenig an ihr Vaterland erinnern.“ „Ein Gedanke ſo vortrefflich wie Dein Herz, Ma⸗ ria,“ ſprach der König.„Dieſe wichtige Angelegenheit iſt ſomit glorreich beendigt. Uf! das hat ziemlich viel Mühe gekoſtet und die ernſten Dinge machen uns zum Glück weniger zu ſchaffen! Deine theuren Oheime, Ma⸗ ria, haben die Güte, für mich die ganze Laſt der Re⸗ gierung zu übernehmen, das iſt reizend! Sie ſchreiben und ich brauche nur zu unterzeichnen, zuweilen ohne zu leſen, ſo daß meine Krone auf meinem königlichen Stuhle hinreichend meine Stelle erſetzen würde, käme mich die Luſt an.. eine Reiſe zu machen.“ „Wißt Ihr nicht, Sire, daß meine Oheime nie etwas „-——-———— n—„—„— ₰ — in, er ig. gte 2. ren ar⸗ la⸗ eit iel um Na⸗ Re⸗ ben zu hle die vas 175 Anderes im Herzen tragen werden, als Euer Intereſſe und das von Frankreich?“ „Wie ſollte ich das nicht wiſſen? Sie wiederholen es mir zu oft, als daß ich es vergeſſen könnte. Ah! es iſt heute Sitzung des Rathes: wir werden den Herrn Cardinal von Lothringen mit ſeinen demüthigen Ma⸗ nieren und ſeinen übertriebenen Ehrfurchtsbezeigungen, die mich, ich muß es geſtehen, nicht immer beluſtigen, kommen ſehen, und ihn mit ſeiner ſanften Stimme und bei jedem Worte ſich verbeugend ſagen hören:„„Sire, der Antrag, den ich Eurer Majeſtät vorlege, hat nur die Ehre Eurer Krone im Blick. Eure Majeſtät kann nicht an dem Eifer zweifeln, der uns für den Ruhm ihrer Regierung und die Wohlfahrt ihres Volkes be⸗ ſeelt. Sire, der Glanz des Thrones und der Kirche iſt der einzige Zweck u. ſ. w. u. ſ. w.““ „Wie gut Ihr ihn nachahmt!“ rief Maria lachen und in die Hände klatſchend. Doch mit einem ernſteren Tone fügte ſie bei: „Ihr müßt indeſſen nachſichtig und großmüthig ſein, Franz. Glaubt Ihr denn, Eure Mutter, Frau Catharina von Medicis, mache mir viel Vergnügen, wenn ſie mir mit ihrem ſtolzen, ernſten, bleichen Geſicht endloſe Reden über meinen Putz, meine Leute und meine Equipagen hält? Hört Ihr ſie nicht von hier aus mit gekniffenem Mund zu mir ſagen;„„Meine Tochter, Ihr ſeid die Königin, ich bin heute nur die zweite Frau des Reiches; doch wenn ich an Eurem Flatze wäre, würde ich verlangen, daß meine Frauen nie die Meſſe und ebenſo wenig die Veſper und die Predigt verſäumten. Wenn ich an Eurem Platze wäre, würde ich nicht blaß⸗ rothen Sammet tragen, weil dies eine zu wenig ernſte Farbe iſt. Wenn ich an Eurem Platze wäre, würde ich mein ſilber und taubenhalsfarbiges Kleid verändern laſſen, weil es zu weit ausgeſchnitten iſt. Wenn ich an Eurem Platze wäre, würde ich nie ſelbſt tanzen, ſondern 176 mich darauf beſchränken, daß ich Andern beim Tanzen zuſchaute. Wenn ich an Eurem Platze wäre..4 „Oh!“ rief der König, ein ſchallendes Gelächter aufſchlagend,„wie ganz und gar iſt das meine Mutter! Doch ſiehſt Du, es iſt nun einmal meine Mutter, und ich habe ſie ſchon ſchwer genug dadurch beleidigt, daß ich ihr keinen Antheil an den Staatsangelegenheiten überlaſſe, welche Deine Oheime allein verwalten. Man muß ihr alſo etwas vergeben und mit Ehrerbietung ihr Schmählen aushalten. Ich meinerſeits füge mich in die häßliche Vormundſchaft des Cardinals von Loth⸗ ringen einzig und allein, weil Du ſeine Nichte biſt, hörſt Du?“ „Ich danke, lieber Sire, ich danke für dieſes Opfer,“ ſagte Maria, den König küſſend. „Doch in der That,“ fuhr Franz fort,„es gibt Augenblicke, wo ich verſucht bin, Alles bis auf den Titel eines Königs hinzugeben, wie ich ſchon die Ge⸗ walt hingegeben habe.“ „Oh! was ſagt Ihr da?“ rief Maria Stuart. „Ich ſage, was ich fühle, Maria. Ah! wenn ich nicht, um Dein Gemahl zu ſein, König von Frankreich ſein müßte. Bedenke doch! ich habe nur die Feinde und den Zwang des Königthums. Der Letzte von un⸗ ſern Unterthanen iſt freier als ich. Wenn ich nicht ganz är⸗ gerlich geworden wäre, hätten wir jedes ein abgeſondertes Zimmer! Warum? weil man behauptete, das ſei Gebrauch bei den Königen und Koniginnen von Frankreich.“ „Wie einfältig ſind ſie doch mit ihrem Gebrauch!“ ſagte Maria.„Nun! wir ändern den Gebrauch und führen einen neuen ein, der, Gott ſei Dank! ſo viel werth iſt, als der andere. „Gewiß, Maria. Sage mir, weißt Du, was der geheime Wunſch iſt, den ich ſeit langer Zeit hege?“ „Wahrlich, nein.“ „Der, zu eutweichen, zu entfliehen, für einige Zeit die Sorgen des Throns, Paris, Blvis, Frankreich ſogar zen ter ind aß en an ng iſt, ibt en e⸗ ich de n⸗ r es ch 1. nd th er P it ar 177 zu verlaſſen und wohin zu gehen? Ich weiß es nicht, doch fern von hier, um ein wenig wie die andern Men⸗ ſchen nach Bequemlichkeit zu athmen. Maria, ſage mir, ob eine Reiſe von ſechs Monaten, von einem Jahr, Dir nicht Vergnügen machen würde?“ „Oh! ich wäre entzückt darüber, mein vielgeliebter Sire,“ antwortete Maria,„für Euch beſonders, deſſen Geſundheit mich zuweilen beunruhigt, und der Ihr zu oft an dem ärgerlichen Kopfweh leidet. Die Luftver⸗ änderung, die Neuheit der Gegenſtände, dies Alles würde Euch zerſtreuen, würde Euch wohlthun. Oh! laßt uns reiſen, laßt uns reiſen!... Doch werden es der Cardinal und die Königin Mutter dulden?“ „Eil im Ganzen bin ich der König, ich bin der Herr,“ ſprach Franz II.„Das Reich iſt friedlich und ruhig, und da man meinen Willen nicht braucht, um es zu regieren, ſo wird man auch meiner Gegenwart entbehren können. Maria, wir brechen wie die Schwalben vor dem. Eintritt des Winters auf. Sprich, wohin willſt Du gehen? Wenn wir unſere ſchottiſchen Staaten beſuchen würden?“ „Wie! über das Meer fahren!“ rief Maria.„Wie! mein Herzchen, in dieſe für Eure zarte Bruſt ſo gefähr⸗ lichen Nebel gehen? Nein, da ſind mir unſere lachende Touraine und dieſes heitere Schloß von Blois noch lieber. Doch warum ſollten wir nicht nach Spanien gehen und unſere Schweſter Eliſabeth beſuchen?“ „Die Luft Spaniens iſt den Königen von Frankreich nicht zuträglich,“ entgegnete Franz I. „Italien alſo? dort iſt immer ſchön Wetter, dort iſt es immer warm. Blauer Himmel und blaues Meer! blühende Orangenbäume, Muſik und Feſte!“ „Angenommen, Italien!“ rief der König heiter. „Wir werden die katholiſche Religion in ihrer Glorie, wir werden die ſchönen Kirchen und die heiligen Reli⸗ quien ſehen.“ 178 „Und die Gemälde von Raphael, und Sanet Peter und den Vatican!“ „Wir bitten den Papſt um ſeinen Segen und bringen viele Abläſſe mit.“ „Das wird reizend ſein,“ rief die Königin,„und dieſen Wunſch mit einander verwirklichen, geliebt, liebend, das Azur in unſeren Herzen und über unſern Häuptern haben!„ „Das Paradies!“ rief Franz II. voll Begeiſte⸗ rung. Während er aber, durch die bezaubernde Hoffnung gewiegt, dies ausrief, öffnete ſich ungeſtüm die Thüre, und der Cardinal von Lothringen trat, den Huiſſier, der nicht einmal Zeit hatte, ihn zu melden, zurückſchiebend ganz bleich und ganz athemlos in das königliche Gemach. Ruhig, aber ebenſo ernſt, folgte der Herzog von Guiſe ſeinem Bruder in einiger Entfernung, und man hörte ſchon ſeinen gewichtigen Tritt im Vorzimmer durch die offen gebliebene Thüre ſchallen. XIX. Ende der Reiſe nach Italien. „Nun, Herr Cardinal,“ ſagte der junge König mit einer gewiſſen Lebhaftigkeit,„dürfte ich nicht ein⸗ mal an dieſem Ort einen Augenblick Muße und Frei⸗ heit haben?“ „Sire,“ antwortete Karl v othringen,„ich be⸗ vaurk es, den von Eurer Maſeſtät gegebenen Befehlen zuwider handeln zu müſſen, och die Angelegenheit, die —, ———. —— —, 179 meinen Bruder und mich hierher führt, iſt ſo wichtig, daß ſie keinen Verzug duldet.“ In dieſem Augenblick trat der Herzog von Guiſe ein, verbeugte ſich ſtillſchweigend vor dem König und der Königin und blieb ſtumm, unbeweglich, ernſt, hinter ſeinem Bruder ſtehen.“ „Sprecht alſo, ich höre Euch, mein Herr,“ ſagte Franz zum Cardinal. „Sire,“ erwiederte dieſer,„es iſt eine Verſchwörung gegen Eure Majeſtät entdeckt worden; ihr Leben iſt nicht mehr in Sicherheit im Schloß von Blois, und es iſt nothwendig, es auf der Stelle zu verlaſſen.“ „Eine Verſchwörung? Blois verlaſſen! Was ſoll das bedeuten?“ „Das ſoll bedeuten, Sire, daß böſe Menſchen Eurer Majeſtät nach dem Leben und nach der Krone trachten.“ „Wie!“ ſagte Franz,„ſie trachten nach meinem Leben, während ich ſo jung bin, während ich ſeit geſtern erſt auf dem Throne ſitze, während ich wiſſentlich und mit meinem Willen nie einem Menſchen etwas zu Leide gethan habe! Wer ſind dieſe Böſen, Herr Cardinal?“ „Wer ſollte es ſein, wenn nicht die verfluchten Hugenotten und Ketzer?“ antwortete Karl von Loth⸗ ringen. „Abermals die Ketzer!“ rief der König;„ſeid Ihr ſicher, mein Herr, daß Ihr Euch nicht durch un⸗ begründeten Verdacht gegen ſie einnehmen laßt?“ „Ach! diesmal iſt leider kein Grund zu zweifeln vorhanden,“ ſprach der Cardinal. Zu ſo ungelegener Zeit in ſeinen freudigen Träu⸗ men durch dieſe troſtloſe Wirklichkeit geſtört, ſchien der König ſehr ärgerlich zu ſein; Maria war ganz bewegt durch ihre üble Laune, und der Cardinal ganz unruhig durch die Nachrichten, die er brachte. Der Balafré allein wartete ruhig und ſeiner Herr auf den Ausgang aller dieſer Worte in einer unempſfindlichen Haltung. „Was habe ich denn meinem Volk gethan, daß es mich nicht liebt?“ fragte Franz unwillig. „Ich glaube, ich ſagte Eurer Majeſtät, daß die Aufrührer nur Hugenotten ſind,“ erwiederte der Car⸗ dinal von Lothringen. „Es ſind aber nicht minder Franzoſen,“ ſprach der König.„Kurz, Herr Cardinal, ich habe Euch meine ganze Macht in der Hoffnung anvertraut, Ihr würdet ihr den Segen erwerben, und ich ſehe um mich her nichts als Unruhen, Klagen und Unzufriedenheit.“ „Oh! Sire! Sire!“ ſagte Maria Stuart im Tone des Vorwurfs. Der Cardinal von Lothringen ſprach mit einer ge⸗ wiſſen Trockenheit: „Sire, es wäre nicht gerecht, uns für das ver⸗ antwortlich zu machen, was nur der unheilvollen Zeit zuzuſchreiben iſt.“ „Mein Herr,“ fuhr der junge König fort,„ich wünſchte einmal den Grund der Dinge zu kennen, um⸗ falls Ihr einſt nicht mehr an meiner Seite wäret, zu wiſſen, ob es auf mich oder auf Euch abgeſehen iſt.“ „Oh! Enre Majeſtät!“ tief abermals Maria tief bewegt. Franz I. hielt inne und machte es ſich ſchon zum Vorwurf, daß er zu weit gegangen⸗ Der Herzog von Guiſe offenbarte nicht die geringſte Unruhe. Nach einem eiſigen Stillſchweigen ſprach Karl von Lothringen mit der würdigen Miene eines ungerecht beleidigten Mannes: „Sire, da wir zu unſerem Schmerz unſere Bemü⸗ hungen mißkannt oder fruchtlos ſehen müſſen, ſo bleibt uns als redlichen Unterthanen und ergebenen Verwandten nichts Anderes übrig, als uns zu entfernen, um den Platz Würdigeren oder Glücklicheren zu überlaſſen 4 Der König ſchwieg verlegen und der Cardinal fuhr nach einer Pauſe fort: „Eure Majeſtät hat uns alſo nur zu ſagen, in welche Hände wir unſere Aemter niederlegen ſollen. 18¹ Was mich betrifft, ſo wird ohne Zweifel nichts leichter ſein, als mich zu erſetzen, und Eure Majeſtät braucht nur zwiſchen dem Kanzler Olivier, dem Herrn Cardinal von Tournon und Herrn de lHopital zu wählen.“ Maria Stuart verbarg ganz troſtlos ihre Stirne in ihren Händen, und Franz II. hätte in ſeiner Reue gar zu gern ſeinen kindiſchen Zorn wieder gut gemacht, doch das hochmüthige Stillſchweigen des großen Ba⸗ lafré ſchüchterte ihn ein. 1 „Aber,“ fuhr Karl von Lothringen fort,„aber die Stelle des Großmeiſters und die Leitung der Kriegs⸗ angelegenheiten erfordern ſo ſeltene Lulepr einen ſo hohen Ruf, daß ich nach meinem Bruder kaum zwei Männer finde, die darauf Anſpruch machen könnten: Herr von Briſſae vielleicht... „Oh! Briſſae, ſtets ärgerlich, ſtets mürriſch,“ ſagte der junge König,„das iſt unmöglich.“ „Und ſodann,“ fuhr der Cardinal fort,„Herr von Montmoreney, der in Ermangelung erſprießlicher Eigen⸗ ſchaften wenigſtens Ruf hat.“ „Ei!“ entgegnete Franz,„der Herr Connetable iſt zu alt für mich, und er hat einſt den Dauphin zu leicht behandelt, um dem König heute ehrfurchtsvoll zu dienen. Doch, Herr Cardinal, warum übergeht Ihr meine andern Verwandten, die Prinzen von Geblüt, den Prinzen Condé zum Beiſpiel?“ „Sire,“ ſagte der Cardinal,„mit Bedauren melde ich es Eurer Majeſtät: unter den Namen der geheimen Häupter der erwähnten Verſchwörung iſt der erſte der des Herrn Prinzen von Condé.“ ſ das möglich?“ rief der junge König ganz er⸗ aunt. „Sire, es iſt gewiß.“ Complott gegen den Staat iſt alſo ſehr ernſt?“ „Sire, es iſt beinahe eine Empörung,“ antwortete der Cardinal,„und da Eure Majeſtät meinen Bruder 182 und mich der furchtbarſten Verantwortlichkeit überhebt, welche je auf uns laſtete, ſo heiſcht es meine Pflicht, ſie zu bitten, ſo bald als möglich unſere Nachfolger zu ernennen, denn die Reformirten werden in einigen Tagen unter den Mauern von Blois ſein.“ „Was ſagt Ihr da, mein Oheim?“ rief Maria er⸗ ſchrocken. „Die Wahrheit, Madame.“ „Und die Rebellen ſind zahlreich?“ fragte der König. 4 „Sire, man ſpricht von zweitauſend Mann,“ ſagte der Cardinal.„Meldungen, die ich nicht glauben konnte, ehe ich von Paris durch Herrn von Mouchy Nachricht von der Verſchwörung erhalten hatte, ſignaliſirten ſchon ihre Vorhut bei la Carreliére... Sire, Herr von Guiſe und ich, wir werden alſo...4 „Wie!“ rief Franz lebhaft,„in einer ſolchen Ge⸗ fahr würdet Ihr mich Beide verlaſſen?“ „Sire, ich glaubte zu verſtehen, dies ſei der Wille Eurer Majeſtät,“ ſagte Karl von Lothringen. „Was wollt Ihr? Ich bin ſo traurig, wenn ich ſehe, daß Ihr mir Feinde macht... daß ich Feinde habe!... Doch ſprechen wir nicht mehr hievon, mein Oheim, und nennt mir lieber die einzelnen Umſtände dieſes frechen Unternehmens der Empörer. Was gedenkt Ihr zu thun, um ihm zu begegnen?“ „Verzeiht, Sire,“ erwiederte der Cardinal noch gereizt,„nach dem, was mir Eure Majeſtät zu ver⸗ ſtehen gegeben hat, kam es mir vor, als ob An⸗ „Ei! lieber Oheim, ich bitte Euch,“ ſprecht nicht mehr von dieſem Ausbruch einer Lebhaftigkeit, die ich beklage. Was kann ich mehr ſagen? Soll ich mich entſchuldigen und um Verzethung bitten?“ „Oh! Sire,“ rief Karl von Lothringen,„ſobald uns Eure Majeſtät ihr koſtbares Vertrauen wieder ſchenet 183 „Völlig und von ganzem Herzen,“ fügte der König, dem Cardinal ſeine Hand reichend, bei. „Das heißt viel Zeit verlieren,“ ſagte der Herzog von Guiſe mit ernſtem Tone. Dies war das erſte Wort, das er ſeit dem Anfang der Unterredung geſprochen hatte. Dann trat er vor, als ob das, was bis dahin vorgefallen, nur unbedeutende Präliminarien, nur ein langweiliger Prolog, wobei er dem Cardinal die Haupt⸗ rolle überlaſſen, geweſen wären. Nun aber, da dieſe knabenhaften Debatten erſchöpft waren, nahm er laut das Wort und die Initiative und ſprach „Sire, hört, um was es ſich handelt: zweitauſend Empörer werden, befehligt vom Baron la Renaudie und unter der Hand unterſtützt vom Prinzen von Condé, dieſer Tage von Poitou, von Bearn und andern Pro⸗ vinzen herabkommen und Blois zu überrumpeln und Eure Majeſtät zu entführen ſuchen.“ Franz machte eine Bewegung des Erſtaunens und der Entrüſtung. „Den König entführen!“ rief Maria Stuart. „Und Euch mit ihm,“ fuhr der Balafré fort; „doch ſeid unbeſorgt, wir über Euren Maje⸗ ſtäten.“ „Welche Maßregeln wollt Ihr nehmen?“ fragte der König. „Wir haben erſt ſeit einer Stunde Nachricht,“ ant⸗ wortete der Herzog von Guiſe;„doch vor Allem, Sire, hat man Eure geheiligte Perſon zu ſichern. Ihr müßt alſo ſchon heute dieſe offene Stadt Blois und ihr un⸗ vertheidigtes Schloß verlaſſen, um Euch nach Amboiſe zurückzuziehen, deſſen befeſtigtes Schloß Euch vor einem Handſtreich ſchützt.“ „Wie!“ rief die Königin,„wir ſollten uns in dem abſcheulichen Schloß von Ambviſe einſperren, das ſo hoch geniſtet, ſo düſter und traurig iſt!“ 184 „Kind!“ ſagte der Balafré zu ſeiner Nichte, wenn nicht mit dem Wort, doch wenigſtens mit ſeinem ſtren⸗ gen Blick. Er erwiederte nur: „Madame, es muß ſein.“ „Wir werden alſo vor dieſen Rebellen fliehen?“ rief der junge König ganz bebend vor Zorn. „Sire,“ erwiederte der Herzog von Guiſe,„man flieht nicht vor einem Feind, der uns noch nicht ange⸗ griffen, der uns nicht einmal den Krieg erklärt hat. Die Leute nehmen an, wir wiſſen nichts von den ſtrafbaren Plänen dieſer Meuterer.“ „Aber wir wiſſen es doch,“ entgegnete Franz. „Eure Majeſtät wolle die Gnade haben, ſich in Ehrenfragen auf mich zu verlaſſen,“ erwiederte Franz von Lothringen.„Wir vermeiden den Kampf nur, um ein anderes Schlachtfeld zu wählen, und ich hoffe, die Rebellen werden ſich wohl die Mühe geben, uns bis Ambvoiſe zu folgen.“ „Warum ſagt Ihr, Ihr hofft es?“ fragte der König. „Warum?“ ſprach der Balafré mit ſeinem ſtolzen Lächeln,„weil es eine Gelegenheit ſein wird, um ein⸗ mal für allemal mit den Ketzern und der Ketzerei ein Ende zu machen; weil es Zeit iſt, ſie anders als in Dichtungen und Allegorien zu ſchlagen, weil ich zwei Finger von meiner Hand„ von meiner linken Hand gegeben hätte, um, ohne ein Unrecht von unſerer Seite, dieſen entſcheidenden Kampf herbeizuführen, den die Un⸗ klugen zu unſerem Triumph hervorrufen.“ „Ach!“ ſprach der König,„ieſer Krieg iſt darum nicht minder der Bürgerkrieg.“ „Nehmen wir ihn an, um ihm ein Ende zu ma⸗ chen, Sire,“ ſagte der Herzog von Guiſe.„Hört mit zwei Worten meinen Plan. Eure Majeſtät wolle ſich erinnern, daß wir es hier nur mit Aufrührern zu thun haben. Abgeſehen von dieſem Aufbruch nach Blvis, der —, „ 185 1 ſie hoffentlich nicht zu ſehr ſcheu machen wird, werden wir in Beziehung auf ſie den Anſchein der e Sicherheit und Unwiſſenheit behaupten. Und wenn ſie herankommen, um uns als Verräther zu überrumpeln, ſo überrumpeln wir ſie und fangen ſie in ihrer eigenen p Falle. Es darf alſo entfernt nicht das Ausſehen der Unruhe und der Flucht haben, das empfehle ich beſon⸗ ders Euch, Madame,“ ſagte er, ſich an Maria wendend. „Meine Befehle ſollen gegeben und Eure Leute benach⸗ richtigt werden, doch insgeheim. Außen vermuthe man nichts von unſern Vorkehrungen, von unſeren Befürch⸗ tungen, und ich ſtehe für Alles.“ „Und welche Stunde iſt zum Aufbruch beſtimmt?“ fragte Franz mit einer gewiſſen traurigen Reſignativn. „Sire, dieſen Nachmittag um drei Uhr,“ ſprach der Herzog von Guiſe,„ich habe zum Voraus die nöthigen Vorkehrungen treffen laſſen.“ „Wiei zum Voraus?“ „Ja, zum Voraus, Sire,“ antwortete der Balafré mit Feſtigkeit,„denn ich wußte zum Voraus, Eure Ma⸗ jeſtät wurde dem Rathe der Vernunft und der Ehre beitreten.“.— „Gut alſo!“ ſprach mit einem ſchwachen Lächeln der unterjochte junge König, wir werden um drei Uhr ſein, mein Herr, und haben alles Vertrauen zu uch.“ „Sire,“ erwiederte der Herzog,„ich danke für die⸗ ſes Vertrauen und werde mich deſſelben würdig zeigen⸗ Doch Eure Majeſtät entſchuldige mich, unter ſolchen Umſtänden ſind die Minuten gezählt, und ich habe zwan⸗ zig Briefe zu ſchreiben, hundert Aufträge zu geben. Mein Bruder und ich verabſchieden uns alſo unterthänigſt Eurer Majeſtät.“ . Er verbengte ſich ziemlich kurz vor dem König und f. der Königin und ging mit dem Cardinal hinaus. Franz und Marla ſchauten ſich einen Augenblick ſtillſchweigend und ganz betrübt an. — — 186 „Nun! mein Herzchen,“ ſagte der König endlich, „und unſere geträumte ſchöne Reiſe nach Rom?“ „Sie beſchränkt ſich auf eine Flucht nach Amboiſe,“ erwiederte ſeufzend Maria. In dieſem Augenblick trat Madame Dayelle, die erſte Kammerfrau der Königin, ein. „Iſt es denn wahr, was man uns ſagt?“ fragte ſie nach den üblichen Verbeugungen.„Wir ſollen ſogleich aufbrechen und Blois verlaſſen, um nach Amboiſe zu ziehen?“ „Es iſt nur zu wahr, meine gute Dayelle,“ ant⸗ wortete Maria. „Aber wißt Ihr denn auch, Madame, daß ſich in jenem Schloſſe nichts findet, gar nichts, nicht einmal ein Spiegel, der in gutem Zuſtande wäre?“ „Man muß alſo Alles von hier mitnehmen, Dayelle,“ ſagte die Königin.„Schreibt ſogleich eine Liſte der un⸗ entbehrlichen Dinge; ich will ſie Euch dictiren. Zuerſt mein neues Kleid von carmoiſinrothem Damaſt mit gol⸗ denen Poſamenten 4 3 Und ſie kehrte zum König zurück, der nachdenkend und traurig in enſtervertiefung ſtehen geblieben war, und ſagte: „Mein lieber Sire, begreift Ihr die Frechheit die⸗ ſer Reformirten? Doch verzeiht, Ihr müßtet Euch auch um nicht unverſehens überfallen zu werden.“ „Nein,“ erwiederte Franz,„ich überlaſſe dieſe Sorge Aubert, meinem Kammerdiener.„. Ich denke nur an meinen Kummer.“ „Glaubt Ihr, der meinige ſei minder lebhaft?“ te Maria.„Madame Dayelle ſchreibt: mein Kleid weißem Damaſt mit ſilbernen Poſamenten. Aber man muß vernünftig ſein,“ fuhr ſie, ſich an den König wendend, fort,„man muß ſich nicht dem ausſetzen, daß man an den nothwendigſten Dingen Mangel leidet... Madar Dayelle, bemerkt meinen Nachtmantel von mit den Gegenſtänden Peſchäftigen, die Ihr nöthig habt, 6 d 1 — ————, — N N 2. id 2 ig aß on —, 187 Toile d'argent mit Luchs gefüttert... Nicht wahr, Sire, das alte Schloß von Amboiſe iſt ſeit Jahrhunderten nicht mehr vom Hof bewohnt worden?“ „Ich glaube ſeit Karl VIII. hat kein König von Frankreich mehr als zwei bis drei Tage dort verweilt.“ „Und wer weiß, ob wir nicht einen ganzen Monat dort bleiben müſſen!“ rief Maria.„Oh! die abſcheuli⸗ chen Hugenotten! Madame Dayelle, denkt Ihr, das Schlafzimmer ſei wenigſtens nicht gar zu kahl?“ „Madame,“ erwiederte die Kammerfrau,„das Si⸗ cherſte wäre, zu thun, als ob wir gar nichts dort fin⸗ den ſollten.“ „Bemerkt alſo dieſen mit Gold eingefaßten Spie⸗ gel, dieſe Nachtlade von veilchenblauem Sammet, dieſen haarigen Teppich, der um das Bett zu legen iſt. Aber, Sire,“ ſagte ſie mit leiſer Stimme, zum König zurück⸗ kehrend,„hat man je geſehen, daß Unterthanen ſo gegen ihren Herrn marſchirt ſind und ihn gleichſam aus ſei⸗ nem Hauſe vertrieben haben?“ „Ich glaube, nie, Maria,“ antwortete der König betrübt.„Man hat zuweilen geſehen, daß Halunken Widerſtand gegen den Befehl de nigs geleiſtet ha⸗ ben, wie dies vor fünfzehn Jahren in Merindol und in la Cabrière der Fall war;... aber zuerſt den König angreifen ich muß geſtehen, ich hätte mir das nie eingebildet.“ „Oh! mein Oheim von Guiſe W Recht; wir ver⸗ möchten nicht zu viel Vorſichtsmaßregeln gegen dieſe wüthenden Rebellen zu nehmen.„. Und nun, Dayelle, fügt ein Dutzend Schuhe, Kopfliſſen und zwölf Bett⸗ tücher bei.. Iſt das Alles? Ich glaube in der That, ich verliere den Verſtand. Meine Liebe, bemerkt auch dieſes ſammetne Nadelkiſſen, dieſen goldenen Handleuchter, dieſe goldene Haarnadel.. Ich ſehe nichts mehr.“ „Nimmt Madame nicht ihren doppelten Schmuck von Edelſteinen mit?“ fragte Madam Dayelle. „ 188 „Doch, doch! ich nehme ihn mit,“ rief Maria leb⸗ haft.„Ließe ich ihn hier, ſo fiele er vielleicht in die Hände dieſer Ungläubigen. Nicht wahr, Sire? Ich glaube wohl, daß ich ihn mitnehme.“ „Die Vorſicht iſt gut,“ ſagte Franz mit einem un⸗ merklichen Lächeln. „Ich übergehe, wie mir ſcheint, nichts Wichtiges, meine liebe Dayelle?“ fragte Maria, mit den Augen im Zimmer umher ſuchend. „Madame denkt hoffentlich an ihre Gebetbücher?“ fragte die Kammerfrau mit einer etwas gezwungenen Miene. „Ach! Ihr erinnert mich daran!“ rief Maria naiv. „Nehmt haupiſächlich die ſchönſten mit, das, welches mir mein Oheim, der Cardinal, geſchenkt hat, und das von ſcharlachrothem Sammet mit goldenen Beſchlägen. Madame Dayelle, ich empfehle dies Alles Eurer Für⸗ ſorge. Ihr ſeht, wie ſehr wir, der König und ich, durch die harte Nothwendigkeit dieſer Abreiſe in Anſpruch ge⸗ nommen ſind.“ „Madame braucht meinen Eifer nicht anzuſpornen,⸗ ſagte die Kammerftat.„Wie viel Kiſten und Koffer ſoll ich beſtellen, um dies Alles fortzuſchaffen? Ich denke fünf werden genügen.“ „Fordert ſechs,“ antwortete die Königin.„Man muß ſich bei ſo traurigen Nothwendigkeiten doch nicht zu ſehr einſchränken Sechs, wohlverſtanden, die für meine Damen nicht mit eingerechnet. Doch ſie mögen ſelbſt für ſich ſorgen, ich bin durchaus nicht in der Stimmung, mich mit ſolchen Einzelheiten zu beſchäfti⸗ gen.. Es iſt wahr, es geht mir wie Euch, Franz, ich muß immer an dieſe Hugenotten denken... Ach! Ihr Fönnt nun gehen, Madame Dayelle.“ „Keinen Befehl für die Lackeien und Maulthiertrei⸗ ber, Madame?“ „Sie ſollen ganz einfach ihre Tuchkleider anziehen,“ 2 —— ——,———— — N N S S— — — —.—,—— 189 ſagte die Königin.„Geht, meine liebe Dayelle, geht geſchwinde.“ Dayelle verneigte ſich und machte drei oder vier Schritte gegen die Thüre. Doch die Königin rief ſie zurück und ſprach: „Dayelle, wenn ich ſage, unſere Leute ſollen nur ihre Tuchkleider anziehen, Ihr verſteht, ſo meine ich da⸗ mit für die Reiſe. Aber ſie werden beſorgt ſein, ihre Saien*) von veilchenblauem Sammet und ihre veilchen⸗ blauen mit gelbem Sammet gefütterten Mäntel mit⸗ zunehmen, hört Ihr!“ „Schon gut, Madame. Madame hat nichts mehr zu befehlen?“ „Nichts mehr. Doch dies Alles ſoll eifrigſt beſorgt werden, wir haben nur noch bis drei Uhr Zeit⸗ Und vergeßt die Mäntel der Lackeien nicht.“ Diesmal ging Dayelle hinaus. Dann aber wandte ſich Maria gegen den König um und fragte: „Nicht wahr, Sire, Ihr billigt meine Anſicht, was die Mäntel unſerer Leute betrifft? Die Herren Refor⸗ mirten werden uns doch wenigſtens erlauben, daß wir den Dienern unſeres Hauſes ein anſtändiges Ausſehen geben. Man darf auch das Königthum nicht zu ſehr vor dieſen Rebellen demüthigen! Ich hoffe ſogar, Sire, daß wir noch Mittel finden werden, ihnen zum Trotze, in dieſem Amboiſe, ſo abſcheulich giſ⸗ ein kleines Feſt zu geben.“ ₰ 3 Franz ſchüttelte traurig den Kopf..* „Oh! verachtet dieſe Idee nicht,“ ſprach Maria. „Es würde ſie mehr einſchüchtern, als man denft, wenn wir ihnen zeigten, daß wir ſie am Ende nicht fürchten. Ein Ball wäre unter dieſen Umſtänden, ich ſcheue mich ———* *) Eine Art von militäriſcher Kleidung, welche am Gürtel befeſtigt iſt und die Lenden bedeckt. Die beiden Dianen. 1v. 13 3 190 nicht, es zu ſagen, vortreffliche Politik, wie ſelbſt Eure Mutter, welche die Kluge ſpielt, keine beſſere ſinden würde. Gleichviell mein Herz iſt darum nicht minder ſchmerzlich von dem Allem ergriffen, mein lieber, armer Sire. Ach! die ſchändlichen Reformirten!“ XX. Zwei Aufforderungen. Seit dem unſeligen Tournier am 10. Juli hatte Gabriel ein ruhiges, zurückgezogenes, düſteres Leben geführt. Dieſer Mann der Thatkraft und der Bewegung, deſſen Tage einſt ſo ausgefüllt und ſo leidenſchaftlich geweſen waren, gefiel ſich nun in der Einſamkeit und in der Vergeſſenheit. Nie zeigte er ſich bei Hofe, er ſah keinen Freund, er verließ kaum ſein Hotel, wo ſeine Stunden langſam, traurig, träumeriſch zwiſchen ſeiner Amme Aloyſe und dem Pagen André hingingen, der zu ihm zurückgekehrt war, als ſich Dia on Caſtro plötzlich in das Kloſter der Benedictinerinnen in Saint-Quentin geflüchtet hatte. Noch jung, dem Alter nach, war Gabriel ein Greis durch den Schmetrz. Er erinnerte ſich, er hoffte nicht mehr. Wie oft während dieſer Monate, welche länger vauerten als Jahre, beklagte er es, nicht todt zu jein. Wie oft fragte er ſich, warum ſich denn der Herzog von Guiſe und Maria Stuart zwiſchen ihn und den Zorn von Catharina von Medicis geſtellt und ihm die er n. 8 en ie 191 bittere Wohlthat des Lebens auferlegt haben! Was machte er in der That auf dieſer Welt? Wozu war er nütze? War denn das Grab unfruchtbarer, als dieſes Daſein, in welchem er ein Pflanzenleben führte, wenn man es überhaupt ein Daſein nennen konnte! Es gab indeſſen auch Augenblicke, wo ſeine Jugend und ſeine Kraft ſich in ſeinem Innern gegen ihn ſelbſt empörten. Da ſtreckte er ſeine Arme aus, da erhob er ſeine Stirne, da ſchaute er ſein Schwert an. Und er fühlte unbeſtimmt, ſein Leben ſei noch nicht beendigt, es gebe für ihn noch eine Zukunft, und die heißen Stunden des Streites und vielleicht des Sieges würden früher oder ſpäter in ſeinem Schickſal wieder⸗ kehren. Alles wohl betrachtet, ſah er jedoch nur zwei Chancen, die ihn ſeinem wahren Leben, der Thätigkeit, zurückgeben konnten: den Krieg mit fremden Mächten oder die Religionsverfolgung. Der Graf von Montgommery ſagte ſich, würden ſich Frankreich und der König in einen neuen Krieg verwickelt ſehen, wäre eine Eroberung zu verſuchen oder ein Einfall zurückzuſchlagen, ſo müßte ſein jugend⸗ licher Feuereifer ohne Mühe wiedererwachen, und es würde ihm ſüß ſein, zu ſterben, wie er gelebt: im Kampfe. und dann würde er gern ſo die unfreiwillig von ihm gegen den Herzog von Guiſe und gegen den jungen König Franz II. eingegangene Schuld bezahlen. Gabriel dachte auch, es wäre ſchön, ſein Leben als Zeugniß für die neuen Wahrheiten hinzugeben, von denen ſeine Seele in den letzten Zeiten erleuchtet worden war. Die Sache der Reformation nämlich, ſeiner An⸗ ſicht nach die Sache der Gerechtigkeit und der Freiheit, war auch ohne Zweifel eine edle und heilige Sache. Der junge Graf las beſtändig die Controverſen⸗ und Predigtbücher, welche damals im Ueberfluß er⸗ 192 ſchienen. Er begeiſterte ſich für die großen, in herr⸗ lichen Worten von Luther, Melanchthon, Calvin, Theo⸗ dor von Beze und ſo vielen Andern enthüllten Grund⸗ ſätze. Die Bücher aller dieſer freien Denker verführten, überzeugten ihn, riſſen ihn hin. Er hätte ſich glücklich und ſtolz gefühlt, mit ſeinem Blute das Zeugniß ſeines Glaubens zu unterzeichnen. Es war immer der edle Inſtinet dieſes edlen Her⸗ zens, ſein Daſein irgend Jemand oder irgend Etwas zu weihen. Früher hatte er hundertmal ſein Leben gewagt, um ſeinen Vater, oder ſeine vielgeliebte Diana zu ret⸗ ten oder zu rächen...(O ewig blutige Erinnerungen in dieſem verwundeten Herzen!) In Ermanglung dieſer geliebten Weſen, waren es nun heilige Ideen, die er gern vertheidigt hätte. Sein Vaterland ſtatt ſeines Vaters, ſeine Religion ſtatt ſeiner Liebe. Ach! ach! man mag ſagen, was man will, das iſt nicht daſſelbe! Und die Begeiſterung für die Begriffe hat in ihren Leiden und in ihren Freuden nicht den Werth der Zärtlichkeit für die Geſchöpfe. Gleichviel! Gabriel wäre zufrieden geweſen, ſich für die eine oder für die andere von dieſen zwei Sachen zu opfern, und auf eines dieſer Opfer rechnete er für die gewünſchte Entwicklung ſeines Schickſals. Am Morgen des 6. März 1560, bei einem reg⸗ neriſchen Wetter, als Gabriel, mit dem Ellenbogen auf einen Stuhl an der Ecke ſeines Kamins gelehnt, über dieſen Gedanken brütete, die ihm zur Gewohnheit ge⸗ worden waren, führte Aloyſe einen geſtiefelten und be⸗ ſpornten, und wie nach einer langen Reiſe mit Koth bedeckten Boten bei ihm ein. Dieſer Bon kam von Amboiſe mit einem ſtarken Geleite als Ueberbringer mehrerer Briefe vom Herzog von Guiſe, dem Generallieutenant des Königreichs. NNMN S— 193 Einer dieſer Briefe war an Gabriel gerichtet und enthielt Folgendes: „Mein lieber und theurer Gefährte, „Ich ſchreibe Euch dies in aller Eile, ohne daß mir die Muße oder die Möglichkeit gegönnt ſind, mich zu erklären. Ihr ſagtet uns, dem König und⸗ mir, Ihr wäret uns ergeben, und wenn wir dieſer Ergebenheit bedürften, ſo brauchten wir Euch nur zu rufen. „Wir rufen Euch heute. „Reiſt auf der Stelle nach Amboiſe ab, wo ſich der König und die Königin auf einige Wochen einquar⸗ tiert haben. Bei Eurer Ankunft werde ich Euch ſagen, auf welche Weiſe Ihr ihnen dienen könnt. „Wohlverſtanden übrigens, es wird Euch frei⸗ ſtehen, zu handeln oder nicht zu handeln. Euer Eifer iſt mir zu foſtbar, als daß ich ihn mißbrauchen oder gefährden ſollte. Doch mögt Ihr mit uns ſein oder neutral bleiben, ich würde mich gegen eine Pflicht zu verfehlen glauben, wenn ich des Vertrauens gegen Euch ermangelte. „Begebt Euch alſo ſo ſchnell als möglich hierher, und Ihr werdet wie immer willkommen ſein. „Euer wohlgewogener „Franz von Lothringen. Amboiſe, den 4. März 1560. „N. S. Hiebei ein Geleitsbrief, ſolltet Ihr zufällig unter Weges von einer königlichen Truppe an⸗ gehalten werden.“ Der Bote des Herzogs von Guiſe war ſchon wie⸗ der abgegangen, um ſeine anderen Aufträge zu be⸗ ſ als Gabriel dieſen Brief bis zum Ende geleſen atte. Der glühende junge Mann ſtand raſch auf und ſprach zu feiner Amme: „Meine gute Aloyſe, ich bitte Dich, laß André 194 kommen und ſage, man ſoll mir den Apfelſchimmel ſatteln und mein Feldgeräthe bereit halten.“ „Ihr geht abermals von hinnen, gnädiger Herr?“ fragte die gute Frau. „Ja, Amme, in zwei Stunden begebe ich mich nach Ambviſe.“ Es war nichts zu erwiedern, und Aloyſe ging traurig, aber ohne ein Wort zu ſagen, hinaus, um die Befehle ihres jungen Gebieters vollziehen zu laſſen. Doch während man dieſe Vorbereitungen traf, ver⸗ langte ein anderer Bote insgeheim mit dem Grafen von Montgommery zu ſprechen. Dieſer machte kein Geräuſch und hatte kein Ge⸗ leite. Er trat ſchweigend und beſcheiden ein und über⸗ reichte Gabriel, ohne ein Wort zu ſprechen, einen Brief, mit dem er für ihn beauftragt war. Gabriel bebte, als er den Mann zu erkennen glaubte, der ihm einſt von la Renaudie die Einladung, ſich in die proteſtantiſche Verſammlung der Place Manbert zu begeben, überbracht hatte. Es war in der That derſelbe Mann und der Brief hatte dieſelbe Unterſchrift. Dieſer Brief war folgenden Inhalts; „Freund und Bruder, „Ich wollte Paris nicht verlaſſen, ohne Euch ge⸗ ſehen zu haben, doch es hat mir an Zeit gefehlt, die Ereigniſſe drängen ſich und treiben mich fort; ich muß von hinnen und habe Euch nicht die Hand gedrückt, habe Euch nichts von unſeren Hoffnungen und Entwürfen erzählt. do wir wiſſen, daß Ihr ſür uns, und ich weiß, welch ein Mann Ihr ſeid. Bei Eures Gleichen bedarf es feiner Vorbereitungen, Verſammlungen und Reden. Ein Wort genügt. „Hört dieſes Wort: Wir bedürfen Eurer. Kommt. „Seid vom 10. bis zum 12. dieſes Monats in Noi⸗ 195 zai, bei Ambviſe. Ihr werdet dort unſern braven und edlen Freund Caſtelnau finden. Er wird Euch ſagen, um was es ſich handelt, und was ich dem Papier nicht anvertrauen kann. „Es bleibt bei unſerer Verabredung, daß Ihr zu nichts verbunden ſeid, daß Ihr das Recht habt, Euch ent⸗ fernt zu halten, und daß Ihr Euch ſtets enthalten könnt, ohne dem geringſten Verdacht und dem kleinſten Vor⸗ wurf preisgegeben zu ſein. 8 „Doch kommt nach Noizai, ich werde Euch dort finden; und in Ermangelung Eurer Unterſtützung werden wir Euren Rath von Euch fordern. „Kann etwas bei der Partei in Erfüllung gehen, ohne daß Ihr davon unterrichtet ſeid? „Auf Wiederſehen alſo, auf baldiges Wiederſehen in Noizai. Wir rechnen wenigſtens auf Eure Gegen⸗ wart. „L. „N. S., für den Fall, daß Euch unter Weges eine Truppe von den Unſrigen begegnen ſollte, wißt, daß unſer Loſungswort diesmal wieder Genf und unſer Feldgeſchrei Ehre dem Herrn iſt.“ „In einer Stunde reiſe ich ab,“ ſagte der Graf von Montgommery zu dem ſchweigſamen Boten, der ſich verbeugte und abging. „Was bedeutet dies Alles?“ fragte ſich Gabriel, als er allein war,„und was ſollen dieſe zwei Auffor⸗ derungen heißen, welche von zwei ſo entgegengeſetzten Seiten kommen und mich beinahe auf denſelben Tag und beinahe an denſelben Ort beſcheiden! Gleichviel! es iſt ſicher, daß ich gegen den allmächtigen Herzog, wie gegen die unterdrückten Religionsgenoſſen Verbind⸗ lichkeiten habe. Meine Pflicht iſt es, vor Allem abzu⸗ reiſen: mag dann kommen, was da will! Wie ſchwierig auch meine Lage werden dürfte, für mein Gewiſſen gibt es keinen Zweifel, daß ich nie ein Verräther ſein werde.“ 196 Und eine Stunde nachher brach Gabriel nur von Andrs allein begleitet auf⸗ Aber er ſah die ſeltſame, furchtbare Alternative xet vorher, in die ihn gerade ſeine Redlichkeit ſtellen ſollte. XXI. Ein gefahrvolles Pertrauen. Im Schloſſe von Ambviſe, im Gemache des Her⸗ zogs von Guiſe, war der Balafré ſelbſteben beſchäftigt, einen nervigen, kräftigen Mann von hoher Geſtalt mit ſcharf ausgeprägten Zügen und kühner, ſtolzer Miene, der die Uniform eines Kapitäns der Büchſenſchützen trug, zu befragen. „Der Marſchall von Briſſac,“ ſprach der Herzog, „hat mich verſichert, Kapitän Richelieu, ich könnte volles Zutrauen zu Euch haben.“ „Der Marſchall iſt ſehr gut,“ ſagte Richelieu. „Es ſcheint, Ihr habt Ehrgeiz, mein Herr,“ fuhr der Balafré fort. „Gnädigſter Herr, ich habe wenigſtens den, nicht mein ganzes Leben Kapitän der Büchſenſchützen zu bleiben. Obgleich ziemlich gutem Geſchlechte entſproſſen, da man ſchon Herren du Pleſſis in Bouvines ſieht, bin ich doch der fünfte von ſechs Brüdern, und muß folglich mein Glück ein wenig unterſtützen und darf nicht zu ſehr auf mein Erbe rechnen.“ „Wohl!“ ſagte der Herzog von Guiſe zufrieden. S————————— ——„— 197 „Ihr könnt hier einige gute Dienſte leiſten, die Ihr nicht bereuen werdet.“ „Monſeigneur, ich bin bereit, Alles zu unternehmen, um Euch zufrieden zu ſtellen,“ ſagte Richelieu. „Um anzufangen, habe ich Euch die Bewachung vom Hauptthore des Schloſſes übergeben. „Und ich verſpreche, gut für deſſen Sicherheit zu wachen, Monſeigneur.“ „Nicht als wären die Herren Reformirten ſchlecht genug berathen, um den Angriff auf einer Seite zu machen, wo ſie ſieben Thore hinter einander im Sturm nehmen müßten, ſondern, da nichts mehr auf einem andern Wege hinaus oder herein darf, ſo iſt der Poſten ſehr wichtig. Laßt alſo Niemand mehr ohne einen aus⸗ drücklich von meiner Hand unterzeichneten Befehl hin⸗ aus oder herein.“ „Es ſoll geſchehen, Monſeigneur. Doch es iſt ſo eben ein junger Edelmann Namens Graf von Mont⸗ gommery ohne einen ausdrücklichen Befehl, aber mit einem von Euch unterzeichneten Geleitsbrief erſchienen. Er kommt von Paris, wie er ſagt. Soll ich ihn ſeinem Verlangen gemäß bei Euch einführen?“ „Ja, ja, ohne Verzug,“ ſprach raſch der Herzog von Guiſe.„Doch warket: ich habe Euch meine In⸗ ſtructionen noch nicht vollſtändig gegeben. Heute muß bei dem Thor, deſſen Bewachung Euch übertragen iſt, der Prinz von Condé ankommen, den wir, um das muth⸗ maßliche Haupt der Rebellen unter der Hand zu haben, hierherberiefen; ich ſtehe dafür, er wird es nicht wagen, unſern Verdacht dadurch zu begründen, daß er der Auf⸗ forderung nicht Folge leiſtete. Ihr werdet dafür be⸗ ſorgt ſein, mit Euren Soldaten alle Niſchen und Caſe⸗ maten, die ſich in der Länge des Gewölbes finden, zu füllen, und ſobald er ankommt, ſollen ſich alle unter dem Vorwand, ihm die Ehren zu erweiſen, mit der Büchſe im Arm und mit angezündeter Lunte in Parade aufſtellen.“ 5 198 „Es ſoll vollzogen werden, Monſeigneur,“ ſprach Richelieu.“ „Und dann,“ fuhr der Herzog von Guiſe fort, „wenn die Reformirten angreifen und das Treffen be⸗ ginnt, überwacht unſern Mann von Nahem und, Ihr hört mich wohl, rührt er ſich nur einen Schritt, macht er Miene, ſich mit den Angreifenden zu vereinigen, oder zögert er nur, ſein Schwert gegen ſie zu ziehen, wie es ihm ſeine Pflicht gebietet... ſo zögert Ihr nicht, ihn niederzuſchlagen. „Ich würde hierin keine Schwierigkeit ſehen, Mon⸗ ſeigneur,“ erwiederte ganz einfach der Kapitän Riche⸗ lieu,„ſollte es mir nicht etwa mein Rang als einfacher Kapitän der Büchſenſchützen nicht leicht machen, ſtets ſo nahe bei ihm zu ſein, als ich das ſein müßte.“ Der Balafré dachte einen Augenblick nach und agte ſodann: „Der Herr Großprior und der Herzog von Aumale, welche den muthmaßlichen Verräther ebenfalls nicht einen Schritt verlaſſen werden, das Signal geben, und Ihr würdet ihnen Fehorchen.“ „Ich werde ihnen gehorchen, Monſeigneur,“ ant⸗ wortete Richelieu. „Gut,“ ſagte der Herzog von Guiſe.„Ich habe Euch keinen andern Befehl zu geben, Kapitän. Hat der Glanz Eures Hauſes mit Philipp Auguſt ange⸗ fangen, ſo könnt Ihr ihn wohl mit dem Herzog von Guiſe wieder beginnen. Ich zähle auf Euch, zählt auf mich. Geht. Laßt auf der Stelle Herrn von Mont⸗ gommery bei mir einführen.“ Der Kapitän Richelien verbeugte ſich tief und trat ab Eiige Minuten nachher meldete man Gabriel dem Balafré. Gabriel war bleich und traurig, und der herzliche Empfang von Franz von Guiſe entrunzelte ſeine Stirne nicht. m in ne u ur t⸗ m he ne — 199 Nach einigen Vermuthungen und ein paar Worten, welche die Wachen ohne Bedenken vor einem Cavalier fallen ließen, der einen Geleitsbrief, unterzeichnet von Guiſe, bei ſich trug, hatte der junge Reformirte die Wahrheit ungefähr errathen können. „Der König, der ihn begnadigt, und die Partei, der er ſich angeſchloſſen hatte, waren in offenem Kriege begriffen, und ſeine Redlichkeit fand ſich in dieſem Streite gefährdet. „Nun, Gabriel,“ ſprach der Herzog von Guiſe, „Ihr müßt nun wiſſen, warum ich Euch gerufen habe.“ „Ich vermuthe es, aber ich weiß es noch nicht genau, Monſeigneur,“ antwortete Gabriel. „Die Reformirten haben die Fahne des Aufruhrs erhoben, ſie werden uns mit bewaffneter Hand im Schloſſe von Amboiſe angreifen, ſo iſt die Kunde.“ „In der That ein ſchmerzliches und furchtbares Ereigniß!“ ſagte Gabriel, der an ſeine eigene Lage dachte. „Mein Freund, das iſt eine herrliche Gelegenheit,“ entgegnete der Herzog von Guiſe. „Was wollt Ihr damit ſagen, Monſeigneur?“ fragte Gabriel erſtaunt. „Ich will damit ſagen, daß die Hugenotten uns zu überrumpeln glauben, und daß wir ſie erwarten. Ich will damit ſagen, daß ihre Pläne entdeckt, ihre Entwürfe verrathen ſind. Es iſt guter Krieg, da ſie das Schwert zuerſt gezogen haben, und unſere Feinde werden ſich ſelbſt ausliefern. Sie ſind verloren, ſage ich Euch.“ „Iſt das möglich!“ rief der Graf von Montgom⸗ mery vernichtet. Urtheilt ſelbſt,“ fuhr der Balafré fort,„urtheilt, in welchem Grad alle Einzelnheiten ihres tollen Unter⸗ nehmens für uns klar am Tage liegen. Am 16. März um Mittag ſollen ſie ſich vor der Stadt verſammeln und uns angreifen. Sie haben Einverſtändniſſe bei der 200 Leibwache des Königs, dieſe Leibwache iſt verändert. Ihre Freunde ſollen ihnen das öſtliche Thor öffnen, dieſes Thor iſt vermauert. Ihre Abtheilungen ſollen endlich insgeheim auf den bezeichneten Fußpfaden des Waldes von Chateau⸗Regnault hierherkommen; die königlichen Truppen werden unverſehens über dieſe Ab⸗ theilungen, wie ſie ſich nach und nach zeigen, herfallen und nicht die Hälfte ihrer Streitkräfte bis vor Amboiſe kommen laſſen. Wir ſind genau unterrichtet und, wie ich hoffe, vortrefflich auf unſerer Hut!“ „Vortrefflich!“ wiederholte Gabriel von Schrecken erfüllt.„Aber,“ fügte er in ſeiner Unruhe und beinahe ohne zu wiſſen, was er ſagte, bei,„aber wer konnte Euch denn unterrichten? „Ah! zwei von den Ihrigen haben uns alle ihre Pläne angezeigt: der Eine für Geld, der Andere aus Furcht. Zwei Verräther, ich geſtehe es, ein bezahlter Spion und ein erſchrockener Lärmblaſer. Der Spion, den Ihr vielleicht kennt, leider wie Viele unter uns, und dem Ihr mißtrauen müßt, heißt Marquis von „Sagt es mir nicht!“ rief Gabriel lebhaft,„ſagt mir dieſen Namen nicht! Ich fragte Euch aus Unacht⸗ ſamkeit, und Ihr habt mir ſchon genug geſagt! Was mir aber das Schwierigſte für einen Mann von Ehre zu ſein dünkt, iſt, Verräther nicht zu verrathen.“ „Oh!“ erwiederte der Herzog von Guiſe mit einem gewiſſen Erſtaunen,„wir haben Alle volles Verttauen zu Euch, Gabriel. Noch geſtern ſprachen wir über Euch mit der jungen Königin; ich ſagte ihr, ich habe Euch hierherberufen, und ſie wünſchte mir Glück dazu.“ „Und warum habt Ihr mich berufen, gnädigſter Herr? Darüber bin ich noch nicht von Euch unter⸗ richtet.“ nur eine kleine Anzahl ergebener und ſicherer Diener. Ihr gehört für uns zu dieſen. Ihr werdet eine Abthei⸗ lung gegen die Rebellen befehligen.“ „Warum?“ verſetzte der Balafré;„der König hat ————————————— „—— w te un er t. n, en ie b⸗ en iſe ie en che nte hre us ter den und agt cht⸗ bas hre nem uen uch uch ſter ter⸗ hat ner. hei⸗ —— „— 201 „Gegen die Rebellen? Unmöglich!“ 8 „Unmöglich! und warum? Ihr habt mich nicht daran gewöhnt, dieſes Wort von Euch zu hören, Ga⸗ briel.“ „Monſeigneur, ich gehöre auch zur Religion.“ Der Herzog von Guiſe erhob ſich mit einem un⸗ geſtümen Beben und ſchaute Gabriel beinahe erſchro⸗ cken an. „Es iſt ſo,“ fügte Gabriel traurig lächelnd bei. „Beliebt es Euch, mich den Engländern oder den Spa⸗ niern gegenüber zu ſtellen, ſo wißt Ihr wohl, daß ich nicht zurückweichen werde, und daß ich Euch mein Leben voll Ergebenheit und Freude anbiete. Doch bei einem Bürgerkrieg, bei einem Religionskrieg gegen meine Lands⸗ leute, gegen meine Brüder, bin ich genöthigt, Mon⸗ ſeigneur, mir die Freiheit zu bewahren, die Ihr mir zu verbürgen die Gnade gehabt habt.“ „Ihr, ein Hugenott!“ ſprach endlich der Herzog von uiſe. „Und zwar ein überzeugter Hugenott, Monſeigneur; das iſt mein Verbrechen, aber auch meine Entſchuldi⸗ gung. Ich baue auf dieſe neuen Ideen und habe ihnen meine Seele hingegeben.“ „Und ohne Zweifel zugleich auch Euer Schwert?“ ſagte der Balafré mit einer gewiſſen Bitterkeit. „Nein, Monſeigneur,“ antwortete Gabriel mit ern⸗ ſtem Tone. „Geht doch, Ihr wollt mich glauben machen, Ihr wiſſet nichts von dem Complott Eurer Brüder, wie Ihr ſie nennt, gegen den König, und dieſe Brüder verzich⸗ ten mit heiterem Herzen auf die Mitwirkung eines ſo unerſchrockenen Verbündeten?“ „Sie müſſen wohl,“ antwortete der junge Graf ernſter als je. „Dann ſind ſie es, die Ihr verlaſſen werdet,“ ent⸗ gegnete der Herzog von Guiſe,„denn Euer neuer Glaube ſtellt Euch zwiſchen zwei Treubrüche.“ 202 „Oh! mein Herr!“ rief Gabriel im Tone des Vor⸗ wurfs. „Ei! wie wollt Ihr es anders machen?“ ſagte der Balafré, der mit einer Art von Zorn ſeine Toque auf den Lehnſtuhl warf, den er verlaſſen hatte. „Wie ich es anders machen werde?“ verſetzte Ga⸗ briel kalt und beinahe ſtreng.„Die Sache iſt einfach: je falſcher die Stellung iſt, deſto aufrichtiger muß mei⸗ ner Anſicht nach der Menſch ſein. Als ich Proteſtant wurde, erklärte ich den hugenottiſchen Häuptern laut und unumwunden, heilige Verpflichtungen gegen den König, die Königin und den Herzog von Guiſe würden mich immer während der ganzen Dauer dieſer Regie⸗ rung abhalten, in den Reihen der Proteſtanten zu käm⸗ pfen, wenn ein Kampf ſtattfände. Sie wiſſen, daß die Reformation für mich eine Religion und nicht eine Par⸗ tei iſt. Bei ihnen, wie bei Euch, Herr Herzog, habe ich die ſtrenge Aufrechthaltung meines freien Willens zur Bedingung gemacht. Ihnen, wie Euch, bin ich meine Mitwirkung zu verweigern berechtigt. In dieſem traurigen Streite zwiſchen meiner Dankbarkeit und mei⸗ nem Glauben wird mein Herz unter allen Streichen bluten, welche fallen, doch mein Arm wird keinen füh⸗ ren. Und ſo habt Ihr mich ſchlecht gekannt, Monſeig⸗ neur, und ich hoffe, indem ich neutral bleibe, ehrenhaft und geehrt bleiben zu können.“ Gabriel ſprach ſo mit Begeiſterung und Stolz. Allmälig wieder zur Ruhe gebracht, konnte der Balafré nicht umhin, die Offenherzigkeit und den Adel ſeines früheren Waffengefährten zu bewundern. „Ihr ſeid ein ſeltſamer Mann, Gabriel!“ ſagte er ganz nachdenklich. „Warum ſeltſam, gnädigſter Herr? Weil ich ſage, was ich thue, und thue, was ich ſage? Ich wußte nichts von dieſem Complott der Proteſtanten, das ſchwöre ich Euch. Doch ich geſtehe, ich hube in Paris zu gleicher Zeit mit Eurem Brief einen Brief von einem derſelben — er uf a⸗ i⸗ nt ut en en e⸗ n⸗ ie r⸗ be n8 ich em ei⸗ en h⸗ ig⸗ aft — 203 erhalten; dieſer Brief aber ging, wie der Eurige, in keine Erklärung ein, und ſagte mir nur:„„Kommt.““ Ich habe die harte Alternatibe, in der ich mich befinden ſollte, vorhergeſehen, und bin nichtsdeſtoweniger dieſer doppelten Aufforderung gefolgt. Ich bin gekommen, um keiner meiner Verpflichtungen untreu zu werden. Ich bin gekommen, um Euch zu ſagen:„„Ich kann diejenigen, deren Glauben ich theile, nicht bekämpfen.““ Ich bin gekommen, um ihnen zu ſagen:„Ich kann diejenigen nicht bekämpfen, welche mir mein Leben geſchenkt haben.““ Der Herzog von Guiſe reichte dem jungen Grafen von Montgommery die Hand und ſprach: „Ich habe Unrecht gehabt. Schreibt mein Aufbrau⸗ ſen dem Kummer zu, den ich darüber empfinde, daß ich Euch, auf den ich ſo ſehr zählte, unter meinen Feinden ſehe.“ „Feind! ich bin nicht Euer Feind, ich werde es nie ſein. Bin ich, weil ich mich offenherziger erklärt habe als ſie, mehr Euer Feind, als der Prinz von Condé und Herr von Coligny, welche wie ich nicht be⸗ waffnete Proteſtanten ſind?“ „Bewaffnete ſind ſie, ich weiß es wohl... ich weiß Alles! Nur verbergen ſie ihre Waffen. Es iſt gewiß, wenn wir uns treffen, werde ich, wie ſie heu⸗ cheln, ich werde ſie Freunde nennen und mich im Fall der Noth für ihre Unſchuld verbürgen. Allerdings eine Komödie, doch eine nothwendige Komödie.“ „Monſeigneur,“ ſprach Gabriel,„da Ihr die Güte gehabt habt, zuweilen für mich von den nothwendigen Conventionen abzugehen, ſo ſagt mir, ob Ihr außerhalb der Politik noch an meiner des Hugenotten Ergeben⸗ heit und Ehre glauben könnt; ſagt mir hauptſächlich, ob Ihr, wenn eines Tags der Krieg mit fremden Mäch⸗ ten abermals ausbräche, immer noch die Gnade haben würdet, mein Wort in Anſpruch zu nehmen und mich bei der Armee für den König und das Vaterland ſter⸗ ben zu laſſen 2 „Ja, Gabriel, obſchon ich die Meinungsverſchieden⸗ 204 heit, die uns nun trennt, beklage, vertraue ich Euch, werde ich Euch ſtets vertrauen, und um es Euch zu be⸗ weiſen und einen Augenblick des Verdachts, den ich be⸗ klage, wieder gut zu machen, nehmt dies und gebraucht es, wenn es Euch beliebt.“ Er ging an den Tiſch, ſchrieb eine Zeile, unter⸗ zeichnete und gab das Papier dem jungen Grafen. „Das iſt der Befehl, Euch aus Amboiſe hinauszu⸗ laſſen, an welchen Ort Ihr Euch auch begeben wollt. Mit dieſem Papier ſeid Ihr frei, und wißt, daß ich die⸗ ſes Merkmal der Werthſchätzung und des Vertrauens dem Prinzen von Condé, den Ihr ſo eben anführtet, nicht geben werde, und daß er, ſobald er den Fuß in dieſes Schloß ſetzt, wie ein Feind von ferne gehütet und ſtillſchweigend wie ein Gefangener bewacht wer⸗ den ſoll.“ „Ich ſchlage dieſes Merkmal des Vertrauens und der Werthſchätzung auch aus,“ ſprach Gabriel. „Und warum?“ fragte der Herzog von Guiſe ganz erſtaunt. „Monſeigneur, wißt Ihr, wohin ich ginge, wenn Ihr mich aus Ambviſe hinausließet?“ „Das iſt Eure Sache, und ich frage Euch nicht.“ „Aber ich will es Euch gerade ſagen. Wenn ich Euch verließe, Monſeigneur, ginge ich dahin, wohin mich meine andere Pflicht ruft, ich ginge unter die Re⸗ bellen, um einen derſelben in Noizai aufzuſuchen...“ „In Noizai! Caſtelnau befehligt dort.“ „Ja, Ihr ſeid ganz und gar gut unterrichtet.“ „Und was würdet Ihr in Noizai thun, Unglückli⸗ cher?“ verſetzte der Balafré. „Ah! was würde ich dort thun? Ihnen ſagen: „„Ihr habt mich gerufen, hier bin ich, doch ich ver⸗ mag nichts für Euch;““ und wenn ſie mich über das befragen würden, was ich auf dem Wege habe hören und bemerken können, ſo müßte ich ſchweigen, ich könnte ſie nicht von der Falle unterrichten, die ihr ihnen ſtellt, — h, e⸗ e⸗ ht u⸗ t. e⸗ 18 t in et r⸗ ——— 2 205 gerade Eure vertraulichen Mittheilungen nehmen mir das Recht dazu. Ich erbitte mir alſo eine Gnade von Euch, Monſeigneur.“ 8 „Welche?“ „Behaltet mich als Gefangenen hier und ſchützt mich ſo vor einer grauſamen Verlegenheit, denn wenn Ihr mich gehen laßt, werde ich wenigſtens meine Ge⸗ genwart unter dieſen Menſchen, die in ihr Verderben rennen, beurkunden wollen, und es wird mir nicht frei⸗ ſtehen, ſie zu retten.“ „Gabriel,“ ſprach der Herzog von Guiſe, nachdem er nachgedacht hatte,„ich kann und will Euch kein ſolches Mißtrauen bezeigen. Ich habe Euch meinen ganzen Schlachtplan enthüllt, Ihr geht unter Freunde, deren höchſtes Intereſſe es iſt, dieſen Plan kennen zu lernen, und dennoch übergebe ich Euch einen Auslaßbefehl.“ „Dann bewilligt mir wenigſtens eine letzte Gunſt,“ ſagte Gabriel niedergeſchlagen.„Ich flehe Euch darum im Namen von dem, was ich für Euren Ruhm in Metz, in Italien, in Calais zu thun im Stande ge⸗ weſen bin, im Namen von dem an, was ich ſeitdem gelitten habe, und ich habe ſeitdem viel gelitten!“ „Was wollt Ihr? Vermag ich es, ſo werde ich es thun, Freund.“ „Ihr könnt es, Ihr müßt es vielleicht, Monſeig⸗ neur; denn es ſind Franzoſen, die Ihr bekämpft. Er⸗ laubt mir, ſie von ihrem unſeligen Plan abzubringen, nicht indem ich ihnen den gewiſſen Ausgang enthuͤlle, ſondern indem ich ihnen rathe, ſie bitte, beſchwöre.“ „Gabriel, nehmt Euch in Acht!“ ſprach der Her⸗ zog von Guiſe mit feierlichem Tone;„entſchlüpft Euch ein Wort von unſeren Vorkehrungen, ſo werden die Aufrührer auf ihrem Plan beharren und nur die Aus⸗ führung ändern, und dann iſt der König, dann iſt Maria Stuart, dann bin ich verloren. Erwägt das Die beiden Dianen. 1v. 14 206 wohl. Macht Ihr Euch nun bei Eurem adeligen Ehren⸗ wort anheiſchig, ſie weder durch ein Wort, noch durch eine Anſpielung, noch durch ein Zeichen etwas von dem, was vorgeht, errathen oder ahnen zu laſſen?“ „Bei meiner Ehre als Edelmann mache ich mich hiezu anheiſchig,“ erwiederte der Graf von Mont⸗ gommery. „Geht alſo,“ ſagte der Herzog,„und verſucht es, ſie dahin zu bringen, daß ſie auf ihren ſtrafbaren An⸗ griff verzichten; ich meinerſeits werde mit Freuden auf meinen leichten Sieg verzichten, indem ich bedenke, daß hiedurch eben ſo viel franzöſiſches Blut erſpart wird. Doch wenn, wie ich glaube, die letzten Berichte nicht lügen, ſo haben ſie ein zu blindes, zu hartnäckiges Ver⸗ trauen zu ihrem Unternehmen, und Ihr werdet ſchei⸗ tern, Gabriel. Gleichviel! geht und verſucht dieſen äußerſten Schritt. Für ſie, beſonders für Euch, will ich mich nicht widerſetzen. „Für ſie und für mich danke ich Euch, gnädigſter Herr,“ ſprach Gabriel. Eine Viertelſtunde nachher war er auf dem Wege nach Noizai. XXIl. Untreue der Treue. Der Baron von Caſtelnau von Chaloſſes war ein muthiger und hochherziger junger Mann, dem die Pro⸗ teſtanten nicht den am wenigſten ſchwierigen Poſten über⸗ gaben, indem ſie ihn nach dem Schloſſe Noizai voran⸗ in v⸗ er⸗ mn⸗ 207 ſchickten, wo ſich alle ihre Abtheilungen am 16. März verſammeln ſollten. Er mußte ſich den Hugenotten zeigen und vor den Katholiken verbergen, und dieſe ſchwierige Stellung erforderte eben ſo viel Klugheit, als Kaltblütigkeit und Muth. Durch das Loſungswort, das ihm der Brief von la Renaudie anvertraut hatte, war Gabriel im Stand, ohne zu viel Hinderniſſe zum Baron von Caſtelnau zu gelangen. Dies geſchah am 15. März Nachmittags. Ehe achtzehn Stunden vergingen, ſollten ſich die Proteſtanten in Noizai verſammeln; ehe vier und zwanzig Stunden vergingen, ſollten ſie Ambviſe angreifen. Man ſieht, es war keine Zeit zu verlieren, um ſie von ihrem Vorhaben abzubringen. Der Baron von Caſtelnau kannte wohl den Grafen von Montgommery, den er manchmal im Louvre ge⸗ ſehen und von dem die Vornehmſten der Partei oft in ſeiner Gegenwart geſprochen hatten. Er ging ihm entgegen und empſing ihn wie einen Freund und Verbündeten. „Ihr ſeid da, Herr von Montgommery,“ ſagte er, als ſie allein waren.„Wohl hoffte ich auf Euch, aber ich erwartete Euch nicht. La Renaudie wurde vom Admiral getadelt, daß er Euch durch ſeinen Brief hie⸗ herzukommen aufforderte. „„Ihr hättet den Grafen von Montgommery von unſeren Plänen in Kenntniß ſetzen, aber ihn nicht hier⸗ herberufen ſollen,““ ſagte er zu ihm.„„Er würde ge⸗ than haben, was ihm beliebt hätte. Hat uns der Graf nicht vorher ſchon geſagt, ſo lange Franz II. regiere, würde ſein Schwert nicht uns, nicht einmal ihm ſelbſt gehören?““ Hierauf hat ihm La Renaudie geantwortet, ſein Brief mache Euch zu nichts verbindlich, und laſſe Euch vollkommen Eure Unabhängigkeit.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Gabriel. — 208 „Nichtsdeſtoweniger dachten wir, Ihr würdet kom⸗ men,“ fuhr Caſtelnau fort,„denn das Sendſchreiben des wüthenden Barons ſagte Euch nicht, um was es ſich handelte, und ich bin beanftragt, Euch unſer Vorhaben und unſere Hoffnungen mitzutheilen.“ „Ich höre Euch,“ ſprach der Graf von Mont⸗ gommery. Caſtelnau wiederholte nun Gabriel Alles, was ihm der Herzog von Guiſe ſchon im Einzelnen mitgetheilt hatte. Und Gabriel ſah zu ſeinem Schrecken, bis auf welchen Grad der Balafré gut unterrichtet war. Nicht ein Punkt vom Bericht der Angeber war ungenau, nicht ein Umſtand des Complotts war von ihnen ausgelaſſen oder übergangen worden. Die Verſchworenen waren wirklich verloren. „Ihr wißt nun Alles,“ ſagte zum Schluß Caſtel⸗ nau zu ſeinem vernichteten Zuhörer,„und ich habe nur ——— noch eine Frage an Euch zu richten, deren Beantwortung ich vorherſehe. Nicht wahr, Ihr könnt nicht mit uns gehen?“ „Ich kann es nicht,“ ſprach Gabriel, traurig den Kopf ſchüttelnd. „Wohl!“ ſagte Caſtelnau,„wir werden darum nicht minder gute Freunde ſein. Ich weiß, daß Ihr Euch vertragsmäßig das Recht vorbehalten habt, Euch nicht in den Kampf zu miſchen; und das iſt beſonders Euer e unter dieſen Umſtänden, wo wir des Sieges ſicher ind.“ „Seid Ihr deſſen ſicher?“ fragte Gabriel abſichtlich. „Vollkommen ſicher,“ antwortete der Baron;„der Feind ahnet nichts und wird unvermuthet über⸗ fallen werden. Wir hatten einen Augenblick Furcht, als ſich der König und der Hof aus der offenen Stadt Blois nach dem befeſtigten Schloß von Amboiſe be⸗ gaben. Es war offenbar ein Verdacht entſtanden.“ „Das mußte in der That in die Angen fallen.“ — MN ———— „Ja, doch unſer Zögern nahm bald ein Ende, denn dieſe unvermuthete Veränderung der Reſidenz ſchadete unſeren Plänen nicht nur nichts, ſondern unterſtützte dieſelben im Gegentheil ganz außerordentlich. Der Her⸗ zog von Guiſe ſchlummert gegenwärtig in einer trüge⸗ riſchen Sicherheit, und ſtellt Euch vor, Graf, wir haben Einverſtändniſſe am Platz und man wird uns das öſt⸗ liche Thor öffnen, ſobald wir uns zeigen. Oh! der Erfolg iſt ſicher, ſage ich Euch, und Ihr könnt Euch ohne Bedenken jeder Theilnahme an der Schlacht ent⸗ halten.“ „Das Ergebniß macht oft die ſchönſten Hoffnungen zu Schanden,“ ſprach Gabriel mit ernſtem Weſen. „Doch hier haben wir keine Chance gegen uns, gar keine!“ wiederholte Caſtelnau, ſich freudig die Hände reibend.„Der morgige Tag wird den Sieg unſerer Partei und den Sturz der Guiſen ſehen.“ „Und.. der Verrath?“ ſagte mit einer gewiſſen Anſtrengung Gabriel, ſchmerzlich ergriffen, als er ſo viel Muth und Tugend ſich mit geſchloſſenen Augen in den Abgrund ſtürzen ſah. „Der Verrath iſt unmöglich,“ erwiederte Caſtelnau mit unſtörbarer Ruhe.„Die Häupter allein ſind in das Geheimniß eingeweiht, und keines derſelben wäre zu einem Verrath fähig... Doch Herr von Mont⸗ gommery,“ fügte er ſich unterbrechend bei,„ſo wahr ich ein Edelmann bin, ich glaube, Ihre ſeid eiferſüchtig auf uns, und Ihr ſcheint mir mit aller Gewalt unſerem Unternehmen Schlimmes durch die Wuth weiſſagen zu wollen, mit der Ihr Euch der Theilnahme enthaltet. Pfui, der Neidiſche!“ „Ja, es iſt wahr, ich beneide Euch,“ ſprach Gabriel mit düſterer Miene. „Ah! ich war deſſen ſicher!“ rief der junge Baron lachend. „Sagt jedoch, habt Ihr einiges Vertrauen zu mir?“ fragte Gabriel. 210 „Ein blindes Vertrauen, wenn Ihr im Ernſte ſprecht,“ antwortete Caſtelnau. „Wollt Ihr einen guten Rath, einen Freundesrath hören?“ „Welchen 7“ „Verzichtet auf Euren Plan, Amboiſe morgen zu nehmen. Schickt auf der Stelle ſichere Boten an alle diejenigen von unſeren Verbündeten, welche in dieſer Nacht oder morgen hier mit Euch zuſammentreffen ſollen, und laßt ihnen ſagen, der Plan ſei geſcheitert, oder er müſſe wenigſtens vertagt werden.“ „Aber warum? warum?“ rief Caſtelnau, der un⸗ ruhig zu werden anfing;„ſicherlich habt Ihr, um ſo zu mir zu ſprechen, einen ernſten Grund.“ „Mein Gott! nein,“ erwiederte Gabriel mit ſchmerz⸗ lichem Zwang. „Ihr rathet mir doch nicht ohne Urſache einen Plan, der ſich unter ſo günſtigen Vorzeichen darſtellt, aufzu⸗ geben und unſere Brüder zum Aufgeben deſſelben zu veranlaſſen?“ „Nein, es geſchieht allerdings nicht ohne Urſache, doch ich kann Euch nicht ſagen warum. Wollt und könnt Ihr mir auf mein Wort glauben?... Ich gehe hierin ſchon weiter, als ich gehen ſollte. Habt die Güte, mir auf mein Wort zu glauben, Freund.“ „Hört,“ erwiederte Caſtelnau ernſt;„nehme ich den ſeltſamen Enutſchluß, im letzten Augenblick umzukehren, auf mich, ſo werde ich la Renaudie und den andern Häuptern gegenüber verantwortlich ſein. Kann ich ſie wenigſtens Euch zuſchicken?“ „Ja,“ antwortete Gabriel. „Und Ihr werdet ihnen die Beweggründe, die Euch Euren Rath eingegeben haben, ſagen?“ „Leider bin ich nicht hiezu berechtigt.“ „Wie ſoll ich dann Eurem Drängen nachgeben?“ verſetzte Caſtelnau.„Würde man mir es nicht zu einem granſamen Vorwurf machen, ich habe auf ein Wort — „—— —— „——— 211 ſichere Hoffnungen vernichtet? Welches wohlverdiente Vertrauen wir auch insgeſammt zu Euch haben, Herr von Montgommery, ein Menſch bleibt nur ein Menſch und kann ſich mit den beſten Abſichten der Welt täuſchen. Iſt es Niemand geſtattet, Eure Gründe zu unterſuchen und zu beſtätigen, ſo werden wir genöthigt ſein, dar⸗ über wegzugehen.“ „Nehmt Euch wohl in Acht!“ entgegnete Gabriel mit ſtrengem Ton,„die Verantwortlichkeit für Alles das, was Unſeliges entſtehen mag, bleibt auf Euch laſten!“ Caſtelnau war betroffen durch den Ton, mit dem der Graf dieſe Worte ſprach. „Herr von Montgommery,“ ſagte er, von einem plötzlichen Lichte erleuchtet,„ich glaube die Wahrheit zu ahnen! Man hat Euch ein Geheimniß anvertraut, oder Ihr habt ein Geheimniß erlauſcht, das Euch zu ent⸗ hüllen verboten iſt. Doch Ihr wißt etwas Ernſtes über den wahrſcheinlichen Ausgang unſeres Unternehmens, zum Beiſpiel, daß wir verrathen worden ſind, nicht wahr?“ „Ich habe das nicht geſagt!“ rief Gabriel. „Oder Ihr habt wohl, als Ihr hierher kamet, den Herzog von Guiſe geſehen, der Euer Freund iſt und Euch, da er vielleicht nicht wußte, daß Ihr zu den Unſeren gehört, von dem Stande der Dinge in Kenntuiß geſetzt hat.“ „Keines von meinen Worten konnte Euch auf dieſe Vermuthung bringen!“ rief Gabriel. „Oder habt Ihr,“ fuhr Caſtelnau fort,„oder habt Ihr, als Ihr durch Amboiſe kamet, Vorbereitungen wahrgenommen, Befehle gehört, Geſtändniſſe heraus⸗ gelockt.. kurz unſer Complott iſt entdeckt.“ „Habe ich Euch Anlaß gegeben, dies zu glauben?“ ſagte Gabriel erſchrocken. „Nein, Herr Graf, nein, denn Ihr habt Euch, wie ich ſehe, zur Geheimhaltung verpflichtet. Ich ver⸗ lange auch keine beſtimmte Verſicherung, nicht einmal 212 ein Wort von Euch, wenn Ihr wollt. Aber wenn ich mich nicht täuſche, können eine Geberde, ein Blinzeln mit den Augen, Euer Stillſchweigen ſogar genügen, um mir Aufklärung zu geben.“ Doch Gabriel erinnerte ſich mit Angſt der einzelnen Ausdrücke des Wortes, das er dem Herzog von Guiſe gegeben hatte. BVei ſeiner adeligen Ehre hatte er ſich anheiſchig gemacht, weder durch ein Wort, noch durch eine An⸗ ſpielung, noch durch ein Zeichen etwas von dem, was in Ambviſe vorging, errathen oder ahnen zu laſſen. Als aber ſein Stillſchweigen fortdauerte, ſagte der Baron von Caſtelnau, der ſeine Augen feſt auf ſein Geſicht geheftet hielt: „Ihr ſchweigt immer noch? Ihr ſchweigt, ich ver⸗ ſtehe Euch und werde dem gemäß handeln.“ „Und was wollt Ihr thun?“ fragte Gabriel leb⸗ haft. „Wie Ihr es mir von Aufang gerathen habt, la Renaudie und die anderen Führer in Kenntniß ſetzen, jede Bewegung aufhalten und den Unſrigen, wenn ſie hierher fommen, erflären, Einer, zu dem wir alles Ver⸗ trauen haben müſſen, habe mir.„ einen wahrſchein⸗ lichen Verrath angezeigt.“ „Aber dem iſt nicht ſo!“ unkerbrach ihn Kaſch der Graf von Montgommery.„Ich habe Euch nichts ange⸗ zeigt, Herr von Caſtelnau.“ „Graf,“ erwiederte Caſtelnau, Gabriel mit einem ſtummen Ausdruck die Hand drückend,„kann nicht ſogar das Verſchweigen ein Rath und unſer Heil ſein? Sind wir einmal gewarnt, ſind wir auf unſerer Hut, dann...“ „Dann?“ wiederholte Gabriel. „Dann wird Alles gut für uns und ſchlecht für ſie gehen,“ ſagte Caſtelnau.„Wir vertagen auf günſtigere Zeiten unſer Unternehmen, wir entdecken um jeden Preis die Angeber, wenn es ſolche unter uns gibt, wir ver⸗ doppeln die Vorſichtsmaßregeln und die Geheimhaltung, —— 8 vwW — —— —— — 213 und an einem ſchönen Tag, wenn Alles wohl vorbe⸗ reitet iſt, wenn wir unſeres Schlages ſicher ſind, erneu⸗ ern wir unſern Verſuch, und wir haben es dann Euch zu verdanken, Graf, daß wir ſiegen, ſtatt zu ſcheitern.“ „Und das iſt es gerade, was ich vermeiden wollte,“ rief Gabriel, der ſich voll Schrecken an den Rand eines unwillkührlichen Verraths fortgeriſſen ſah.„Das iſt der wahre Grund meiner Warnungen und meines Rathes, ich finde, offen herausgeſagt, Euer Unternehmen ſtraf⸗ bar und gefährlich. Ihr bringt, indem Ihr die Katho⸗ liken angreift, alles Unrecht auf Eure Seite. Ihr rechtfertigt alle ihre Repreſſalien. Aus Unterdrückten macht Ihr Euch zu Aufrührern. Müßt Ihr Euch, wenn Ihr Euch über die Miniſter zu beklagen habt, an den jungen König halten? Ah! ich fühle mich zum Sterben traurig, wenn ich an dies Alles denke. Dem allgemeinen Beſten zu Liebe müßtet Ihr für immer auf dieſen gott⸗ loſen Kampf verzichten. Ei! laßt vielmehr Eure Grund⸗ ſätze für Euch kämpfen; kein Blut werde über die Wahr⸗ heit verg das iſt es nur, was ich Euch ſagen wollte. alb beſchwöre ich Euch, Euch und unſere Brüder, Ihr möget Euch der unſeligen Bürgerkriege enthalten, die nur das Emporkommen unſerer Ideen verzögern können.“ 8 „Iſt das wirklich der einzige Beweggrund aller Eurer Reden?“ fragte Caſtelnau. „Der einzige,“ antwortete Gabriel mit dumpfem on. „Dann danke ich Euch für die Abſicht, Herr Graf,“ ſprach Caſtelnau mit einer gewiſſen Kälte,„doch ich muß nicht minder in dem Sinn handeln, der mir von den Häuptern der Reformati vorgeſchrieben worden iſt. Ich begreife, daß es für Euch dn Ihr nicht kämpfen könnt, für Euch, mein Edelmann, ſchmerzlich iſt, Andere ohne Euch kämpfen zu ſehen. Deſſen ungeachtet ſeid Ihr nicht im Stand, einem ganzen Heer Frſſeln anzulegen und es zu lähmen.“ 214 Bleich und düſter entgegnete Gabriel: „Ihr wollt ſie alſo dieſem unſeligen Plan Folgen geben laſſen und ihm ſelbſt Folge geben?“ „Ja, Herr Graf,“ antwortete Caſtelnau mit einer Heftigkeit, welche keine Erwiederung zuließ,„und auf der Stelle werde ich, wenn Ihr es erlaubt, die noth⸗ wendigen Befehle zum Angriff morgen geben.“ Er verbeugte ſich vor Gabriel und ging hinaus, ohne ſeine Antwort abzuwarten. XXIII. Der Anfang vom Ende. Gabriel verließ indeſſen Noizai ni en be⸗ ſchloß, die Nacht hier zuzubringen. Seine Gegenwart ſollte den Religionsgenoſſen ein Pfand ſeiner Treue geben, falls ſie angegriffen würden, und dabei hoffte er, am andern Morgen in Ermanglung von Caſtelnan irgend ein anderes minder hartnäckiges Haupt überzeugen zu können. Wenn la Renaudie käme! Caſtelnau ließ ihn völlig frei und ſchien ihm mit einer gewiſſen Verachtung nicht die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit mehr zu ſcheuken. Gabriel begegnete ihm mehrere Male an dieſem Abend in den Gängen und Sälen des Schloſſes, wo er hin und her ging und Befehle für das Recognos⸗ eiren und das Proviantweſen gab. Doch zwiſchen dieſen wackeren jungen Leuten, von denen der eine ſo ſtolz und edel war als der andere, wurde kein Wort mehr ausgetauſcht. n r ⸗ 8, 2¹1⁵ Während der langen Stunden vieſer bangen Nacht blieb der Graf von Montgommery, zu unruhig, um ſchlafen zu können, horchend, nachſinnend, betend, auf den Wällen. Mit Tagesanbruch kamen die Truppen der Refor⸗ mirten in kleinen getrennten Banden nach und nach an. Um acht Uhr waren ſie ſchon in ziemlich großer Anzahl verſammelt; um eilf Uhr erwartete Caſtelnau keine mehr. Aber Gabriel kannte nicht einen einzigen von den Anführern. La Renaudie hatte ſagen laſſen, er würde, um Amboiſe mit ſeinen Leuten zu erreichen, den Weg durch den Wald von Chateau⸗Regnault einſchlagen. Alles war zum Aufbruch bereit. Die Kapitäne Mazere und Naunai, welche die Vorhut bilden ſollten, waren ſchon auf die Terraſſe des Schloſſes hinabgeſtiegen, um hier ihre Abtheilungen in Marſchordnung aufzu⸗ ſtellen. C au triumphirte. e er zu Gabriel, dem er begegnete eude das Geſpräch um vorhergehenden nun! Ihr ſeht, Herr Graf, daß Ihr tet, und daß Alles auf's Beſte geht.“ wir!“ ſprach Gabriel, den Kopf ſchüt⸗ telnd. „Aber was braucht Ihr denn, um Euch zu über⸗ zeugen, Ungläubiger?“ ſagte Caſtelnau lächelnd.„Nicht ein Einziger von den Unſrigen hat ſein Verſprechen nicht gehalten; ſie ſind alle zur bezeichneten Stunde mit mehr Leuten angekommen, als ſie zugeſagt hatten. Sie haben ihre Provinzen durchzogen, ohne beunruhigt zu werden und, was vielleicht noch viel mehr werth iſt, ohne beunruhigt zu haben. Iſt das nicht in der That ein unverſchämtes Glück?“ Der Baron wurde durch einen Lärmen von Trom⸗ peten und Waffen und durch einen gewaltigen Tumult, den man von Außen vernahm, unterbrochen. im Rauſche ſeines Vertrauens gerieth er nicht hierüber in Unruhe, und er konnte nur an einen glück⸗ lichen Ausgang glauben. „Hört,“ ſagte er zu Gabriel,„ich wette, daß hier abermals neue, unerwartete Verſtärkungen kommen. Ohne Zweifel Lamothe und Deschamps mit den Verſchwore⸗ nen der Picardie. Sie ſollten erſt morgen eintreffen; doch die braven Geſellen werden ihren Marſch beſchleu⸗ nigt haben, um ihren Antheil am Kampf und Sieg zu bekommen. Das ſind Freunde!“ „Sind es wirklich Freunde?“ ſagte Gabriel, der beim Klange der Trompeten erbleicht war. „Wer ſollte es ſonſt ſein?“ entgegnete Caſtelnau. „Tretet auf dieſe Gallerie, Herr Graf, durch die Zinnen hat man die Ausſicht auf die Terraſſe, woher der Lär⸗ men zu kommen ſcheint.“ Er zog Gabriel mit ſich fort; als er aber an den Rand der Mauer kam, ſtieß er einen Schrei aus, hob die Arme empor und blieb wie verſteinert. Es waren nicht reformirte Truppen, ſo liche, die den Lärmen veranlaßt hatten Lamothe, der die Ankömmlinge beft Jacob von Savoyen, Herzog von Nemo Begünſtigt durch die Waldungen, von denen das Schloß von Noizai umgeben war, hatten die königlichen Reiter beinahe unverſehens bis zur offenen Terraſſe kommen können, wo ſich die Vorhut der Rebellen in Schlachtordnung aufſtellte. Es hatte nicht einmal ein Kampf ſtattgefunden, denn der Herzog von Nemours ließ vor Allem ſeine Leute ſich der Gewehrpyramiden bemächtigen. Mazoère und Raunai hatten ſich ohne Schwertſtreich ergeben müſſen, und in dem Augenblick, wo Caſtelnau oben von der Mauer herabſchaute, übergaben die Sei⸗ nigen, ohne Kampf überwunden, den Siegern ihre Degen. Da, wo er ſeine Soldaten zu finden ſich ein⸗ ſondern bildete, ſah er nur noch Gefangene. Er wollte ſeinen Augen nict trauen und blieb eine Minute la gunbe⸗ 217 weglich, ſtumm, niedergeſchmettert. Ein ſolches Ereig⸗ niß lag ſeinen Gedanken ſo fern, daß er ſich Anfangs keine Rechenſchaft davon geben konnte. Nicht minder erſtaunt über dieſen plötzlichen Streich, war Gabriel auch nicht minder dadurch niedergeſchlagen. Während ſich Beide gleich bleich und gleich düſter einander anſchauten, trat haſtig ein Fähnrich ein, der Caſtelnau ſuchte. „Wie ſteht es mit uns?“ fragte dieſer, der durch die Gewalt der Beängſtigung ſeine Stimme wieder fand. „Herr Baron,“ antwortete der Fähnrich,„ſie haben ſich der Zugbrücke und des erſten Thores bemächtigt, und es iſt uns kaum noch Zeit geblieben, das zweite zu ſchließen, doch dieſes vermöchte nicht zu widerſtehen, und in einer Viertelſtunde wären ſie im Hofe. Sollen wir nichtsdeſtoweniger zu kämpfen verſuchen, oder wir parlamentiren? Man erwartet Eure Be⸗ ehle.“ „Hier bin ich... Laßt mir nur die Zeit, mich zu waffnen, und ich komme hinab.“ ehrte haſtig in das anſtoßende Gemach zu⸗ nen Panzer zu nehmen und ſein Schwert umzugürten. Gabriel folgte ihm dahin. „Was wollt Ihr machen, mein Freund?“ fragte er ihn traurig. „Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, antwortete Caſtelnau ganz verwirrt.„Man kann immerhin ſterben.“ „Ach!“ erwiederte Gabriel,„warum habt Ihr mir nicht geſtern geglaubt.“ „Ja, Ihr hattet Recht, Ihr hattet vorhergeſehen, was geſchieht, Ihr wußtet es vielleicht voraus.“ „Vielleicht!...A ſprach Gabriel.„Und das iſt meine größte Qual. Doch bedenkt, Caſtelnan, es gibt im Leben ſo ſeltſame und ſo furchtbare Combinationen des Schickſals! Wenn es mir nicht frei geſtanden wäre, Euch wahrer Gründe, die ſich auf meine Lippen 218 drängten, abzurathen?... Wenn ich mein Wort als Edelmann gegeben hätte, Euch weder unmittelbar, noch mittelbar die Wahrheit errathen zu laſſen?“ „Dann hättet Ihr wohl daran gethan, zu ſchweigen, und ich würde an Eurer Stelle gehandelt haben, wie Ihr. Ich Wahnſinniger, ich hätte Euch verſtehen ſollen; ich hätte denken müſſen, daß ein Tapferer, wie Ihr, nicht ohne mächtige Gründe von der Schlacht ab⸗ räth.. Doch ich werde meinen Fehler ſühnen, ich werde ſterben.“ „Und ich werde mit Euch ſterben,“ ſprach Gabriel voll Ruhe. „Ihr! und warum?“ rief Caſtelnau.„Ihr ſeid nur zu Einem gezwungen: Euch des Kampfes zu ent⸗ halten.“ „Ich werde auch nicht kämpfen, ich kann es nicht. Mein Leben iſt mir zur Laſt, die ſcheinbar doppelte Rolle, die ich ſpiele, iſt mir verhaßt. Ich werde ohne Waffen in den Kampf gehen, nicht tödten, aber mich tödten laſſen. Ich kann mich vielleicht en Streich werfen, der Euch beſtimmt iſt. Bin ai Stand Schwert zu führen, ſo vermag ich doch ein Schild zu ein.“ „Nein,“ erwiederte Caſtelnau,„bleibt. Ich darf, ich kann Euch nicht in meinen Untergang mit fort⸗ reißen.“ „Ei! Ihr ſeid wohl im Begriff, ohne Nutzen und ohne Hoffnung alle diejenigen, welche mit uns in dieſer Veſte eingeſchloſſen ſind, mit fortzureißen. Mein Leben iſt unnützer, als das ihrige.“ „Kann ich es für den Ruhm unſerer Partei anders machen, als dieſes Opfer von ihnen fordern?“ ſagte Caſtelnau.„Märtyrer ſind häufig für ihre Sache nütz⸗ licher und glorreicher, als Sieger.“ „Ja,“ erwiederte Gabriel,„doch iſt es nicht vor Allem Eure, des Führers, Pflicht, daß Ihr die Streit⸗ kräfte, die Euch anvertraut ſind, zu retten jut. um —,,—————— r it⸗ um —— 2¹9 hernach, wenn ſich die Rettung nicht mit der Ehre ver⸗ trägt, an ihrer Spitze zu ſterben.“ „Ihr rathet mir alſo?“ „Die friedlichen Mittel zu verſuchen. Widerſteht Ihr, ſo habt Ihr keine Hoffnung, der Niederlage und der Metzelei zu entgehen. Weicht Ihr der Nothwendig⸗ keit, ſo haben ſie, wie mir ſcheint, nicht das Recht, einen Plan ohne Ausführung zu beſtrafen. Pläne rich⸗ tet man nicht zum Voraus, beſtraft man wenigſtens nicht. Ihr entwaffnet Eure Feinde, indem Ihr Euch entwaffnet.“ „Ich muß es ſo ſehr bereuen, Euren erſten Rath nicht befolgt zu haben, daß ich gerne dieſem zweiten gehorchen möchte; doch ich geſtehe, daß ich zögere. Es widerſtrebt mir, zurückzuweichen.“ „Um zurückzuweichen, müßtet Ihr einen Schritt vorwärts gethan haben. Was beweiſt bis jetzt Eure Rebellion? Erſt, wenn Ihr das Schwert zöget, würdet Ihr Euch für ſchuldig erklären. Hört, meine Gegen⸗ wart kann Euch, Gott ſei Dank! vielleicht noch zu etwas nützlich ſein. Ich vermochte Euch geſtern nicht zu retten, wollt Ihr, daß ich es heute verſuche?“ „Was würdet Ihr thun?“ fragte Caſtelnau er⸗ ſchüttert. „Seid unbeſorgt, nichts, was nicht Furer würdig wäre. Ich gehe zum Herzog von Nemours, der die königliche Truppe befehligt. Ich kündige ihm an, man werde keinen Widerſtand gegen ihn leiſten, man werde ihm die Thore öffnen und Ihr werdet Euch ergeben, jedoch auf Ehrenwort. Er muß ſein herzogliches Wort verpfänden, daß weder Euch, noch Euren Edelleuten irgend ein Leid zugefügt werden ſoll, und daß er Euch, nachdem er Euch zum König geführt, dem Ihr Eure Bitten und Beſchwerden vortragen wollt, in Freiheit ſetzen werde.“ 5 „Und wenn er ſich weigert?“ ſagte Caſtelnau. 220 „Wenn er ſich weigert,“ erwiederte Gabriel,„ſo iſt das Unrecht auf ſeiner Seite; er wird eine billige und ehrenhafte Verſöhnung zurückgeſtoßen haben, und alle Verantwortlichkeit des vergoſſenen Blutes fällt auf ſein Haupt. Weigert er ſich, Caſtelnau, ſo kehre ich zu Euch zurück, um an Eurer Seite zu ſterben.“ „Glaubt Ihr, wenn la Renaudie an meinem Platze wäre, er würde in Euren Vorſchlag einwilligen?“ „Bei meiner Seele! ich glaube, daß jeder vernünf⸗ tige Menſch einwilligen würde.“ „Thut es alſo!“ ſprach Caſtelnau;„unſere Ver⸗ zweiflung, wenn Ihr, wie ich befürchte, beim Herzog ſcheitert, wird nur um ſo furchtbarer ſein.“ „Ich danke,“ ſagte Gabriel.„Es wird mir hoffent⸗ lich gelingen, und mit der Hülfe Gottes werde ich im Stande ſein, das Leben von ſo vielen edlen, muthigen Männern zu erhalten.“ Er ſtieg eiligſt hinab, ließ ſich den Hof öffnen und ging, die Fahne eines Parlamentärs in der Hand, auf den Herzog von Nemours zu, der zu Pferde, mitten unter den Seinigen, den Krieg oder den Frieden er⸗ wartete. „Ich weiß nicht, ob Monſeigneur mich wiederer⸗ kennt,“ ſprach Gabriel zum Herzog,„ich bin der Graf von Montgommery.“ „Ja, ich erkenne Euch, Herr von Montgommery,“ erwiederte Jacob von Savoyen.„Herr von Guiſe hat mich davon in Kenntniß geſetzt, daß ich Euch hier fin⸗ den würde, doch indem er beifügte, Ihr wäret mit ſei⸗ ner Genehmigung hier, und ich möge Euch als Freund behandeln.“ „Eine Vorſicht, die mich bei anderen unglücklichen Freunden verleumden könnte!“ ſagte Gabriel, traurig den Kopf ſchüttelnd.„Doch, gnädigſter Herr, darf ich es wagen, Euch um eine kurze Unterredung zu bitten?“ „Ich ſtehe zu Dienſt,“ erwiederte Herr von Nemours. Caſtelnau, der durch ein vergittertes Fenſter des „ —„—)——— — ——————— 22¹ Schloſſes voll Bangigkeit allen Bewegungen des Her⸗ zogs und Gabriels folgte, ſah, wie ſie bei Seite gin⸗ gen und einige Minuten ſehr lebhaft mit einander ſpra⸗ chen. Dann verlangte Jacob von Savoyen Schreibzeug und ſchrieb raſch auf einer Trommel die Zeilen eines Zettels, den er dem Grafen von Montgommerh einhän⸗ digte, Gabriel ſchien gerührt zu danken. Man durfte alſo hoffen. Gabriel kam in der That haſtig zurück und übergab einige Augenblicke nachher, ohne ein Wort zu ſprechen und ganz athemlos, Caſtelnau folgende Erklärung: „Da Herr von Caſtelnau und ſeine Gefährten vom Schloß Noizai ſogleich bei meiner Ankunft ihre Waffen niederzulegen und ſich mir zu ergeben eingewilligt ha⸗ ben, ſo habe ich, der Unterzeichnete, Jacob von Savoyen, ihnen bei meinem Fürſtenwort, bei meiner Ehre und der Verdammniß meiner Seele geſchworen, daß ihnen kein Leid geſchehen ſoll, und daß ich ſie unverſehrt zurück⸗ führen werde, wobei nur fünfzehn von ihnen mit dem Herrn von Caſtelnau mir nach Ambviſe zu folgen ha⸗ ben, um dem König, unſerem Herrn, ihre friedlichen Vorſtellungen zu machen. Gegeben im Schloß Noizai am 16. März 1560. Jacob von Savoyen. „Ich danke, Freund,“ ſprach Caſtelnau zu Gabriel⸗ nachdem er dieſe Erklärung geleſen hatte.„Ihr habt uns das Leben und mehr als das Leben, Ihr habt uns die Ehre gerettet. Ich bin unter dieſen Bedingungen bereit, Herrn von Nemours nach Ambviſe zu folgen, denn wir werden dort wenigſtens nicht als Gefangene vor ihrem Beſieger, ſondern als Unterdrückte vor ihrem König ankommen. Noch einmal meinen Dank.“ Doch indem er ſeinem Befreier die Hand drückte, gewahrte Caſtelnau, daß Gabriel wieder ſo traurig wie zuvor geworden war. Die beiden Dianen. lv. 15 222 „Was habt Ihr denn wieder?“ fragte er ihn. „Ich denke nun an la Renaudie und die anderen Proteſtanten, welche in dieſer Nacht Ambviſe angreifen ſollen, antwortete Gabriel.„Ach! ohne Zweifel iſt es zu ſpät, ſie zu retten. Doch wenn ich es verſuchte? Soll nicht la Renaudie durch den Wald von Chateau⸗ Regnault ziehen?“ „Ja,“ ſagte Caſtelnau voll Eifer,„und Ihr dürftet ihn vielleicht noch dort finden und ihn retten, wie Ihr uns gerettet habt.“ „Ich will es wenigſtens verſuchen,“ ſprach Ga⸗ briel.„Ich denke, der Herzog von Nemours wird mich frei laſſen. Gott befohlen alſo, Freund, ich werde, wenn ich kann, meine Verſöhnungsrolle fortſetzen. Auf Wie⸗ derſehen in Amboiſe.“ „Auf Wiederſehen.“ Der Herzog von Nemours widerſetzte ſich, wie Ga⸗ briel vorhergeſagt, nicht, daß dieſer Noizai und die kö⸗ niglichen Truppen verließ. Der glühende, aufopfernde junge Mann konnte alſo zu Pferde in der Richtung des Waldes von Chateau⸗ Regnault forteilen. Caſtelnau aber und die fünfzehn Führer, die mit ihm abgingen, folgten ruhig und vertrauensvoll Jacob von Savoyen nach Amboiſe. Doch bei ihrer Ankunft wurden ſie auf der Stelle ins Gefängniß geführt. Sie ſollten, wie man ihnen ſagte, dort bleiben, bis der Streit beendigt und bis keine Gefahr mehr dabei wäre, ſie zum König gelangen zu ſehen. ſo 1⸗ it b le en en 223 XXIV. VDer Wald von Chateau-Regnault. Der Wald von Chateau⸗Regnault war zum Glück nur anderthalb Meilen von Noizai entfernt. Gabriel wandte ſich im Galopp dahin; ſobald er aber den Wald erreicht hatte, durchritt er ihn mehr als eine Stunde in allen Richtungen, ohne eine befreundete oder eine feind⸗ liche Truppe zu treffen. Endlich glaubte er an der Biegung einer Allee den regelmäßigen Galopp der Reiterei zu hören. Doch das konnten nicht Reformirte ſein; denn man lachte und ſprach, und den Hugenotten mußte zu viel daran liegen, ihren Marſch zu verbergen, als daß ſie nicht ein völli⸗ ges Stillſchweigen hätten beobachten ſollen. Gleichviel! Gabriel ſprengte nach der Seite, wo⸗ her das Geräuſch kam, und erblickte bald die rothen Schärpen der königlichen Truppen.„ Als er auf den Anführer zuritt, erkannte er ihn und wurde von ihm erkannt. Es war der Baron von Pardaillan, ein junger und tapferer Officier, der mit ihm unter Guiſe in Ita⸗ lien gefochten hatte. „Ei! da iſt der Graf von Montgommery!“ rief Pardaillan.„Ich glaubte, Ihr wäret in Noizai.“ „Daher komme ich,“ fagte Gabriel. „Und was iſt dort vorgefallen? Reitet doch ein we⸗ nig mit uns und erzählt mir das.“ Gabriel erzählte von der plötzlichen Ankunft des erzogs von Nemours, von der Ueberrumpelung der Terraſſe und der Zugbrücke, von ſeiner Vermittlung bei 224 beiden Parteien und von der friedlichen Unterwerfung, die der Erfolg derſelben geweſen war. n „Bei Gott!“ ſagte Pardaillan,„Herr von Nemours hat Glück gehabt, und ich wollte, es ginge mir auch ſo.( Wißt Ihr, Herr von Montgommery, gegen wen ich in dieſem Augenblick marſchire?“ d „Gegen la Renaudie ohne Zweifel?“ „Ganz richtig. Und wißt Ihr, was mir la Re⸗ g naudie iſt?“ „Ich glaube, Euer Vetter.. es iſt wahr, ich er⸗ J innere mich deſſen.“ „Ja, mein Vetter,“ ſprach Pardaillan,„und mehr ſe als mein Vetter, mein Freund, mein Waffengefährte. V Wißt Ihr, daß es hart iſt, gegen denjenigen zu fechten, der ſo oft an unſerer Seite gefochten hat?“ „Oh! ja!“ ſagte Gabriel...„Doch Ihr ſeid aum Ende nicht ſicher, ihn zu treffen?“ ſi „Doch, doch, ich bin deſſen ſicher!“ erwiederte Par⸗ ei daillan,„meine Inſtrurtionen ſind nur zu genau und V die Berichte derjenigen, welche ihn verrathen haben, nur zu getreu. Hört: wenn ich noch eine Viertelſtunde in in der zweiten Allee links marſchirt bin, muß ich mich la Renaudie gegenüber finden.“ „Aber wenn Ihr nicht in dieſe Allee marſchiren P würdet?“ flüſterte Gabriel. „Dann würde ich mich gegen meine Ehre und ge⸗ gen meine Pflicht als Soldat verfehlen,“ entgegnete Pardaillan.„Wollte ich übrigens auch, ſo könnte ich die nicht. Meine zwei Lieutenants haben eben ſo gut als ich die Befehle von Herrn von Guiſe erhalten und ha würden mich nicht dagegen handeln laſſen. Rein, meine einzige Hoffnung beruht darauf, daß la Renaudie ſich He mir zu ergeben einwilligt. Eine ſehr unſichere Hoffnung, denn er iſt ſtolz und muthig. Im offenen Feld wird Fr er nicht überfallen werden, wie Caſtelnau, und wir wi werden ihm der Zahl nach nicht ſehr überlegen ſein. kä im ir⸗ en, de ich e⸗ ete ich s nd ine ich ig, ird ir in. 225 Doch nicht wahr, Herr von Montgommery, Ihr helft wir immerhin, ihm zum Frieden zu rathen?“ Ah! ich werde mein Möglichſtes thun,“ ſagte Gabriel. „Zum Teufel mit den Bürgerkriegen!“ rief Par⸗ daillan zum Schluß. Sie ritten ungefähr zehn Minuten lang ſtillſchwei⸗ gend weiter. Als ſie in die zweite Allee links einbogen, ſagte Pardaillan: „Wir müſſen nahe bei ihnen ſein. Mein Hetz ſchlägt. Ich glaube, Gott verzeihe mir! zum erſten Mal in meinem Leben habe ich Furcht.“ Die königlichen Reiter lachten und plauderten nicht mehr, ſondern rückten ſachte und behutſam vor. Sie hatten nicht zweihundert Schritte gemacht, als ſie durch erne dicht belaubte Gruppe von Bäumen auf einem Fußpfad, der ſich längs der Landſtraße hinzog, Waffen glänzen zu ſehen glaubten. Sie blieben nicht lange im Zweifel, denn beinahe in demſelben Augenblick rief eine feſte Stimme: „Halt! wer da?“ „Das iſt die Stimme von la Renaudie,“ ſagte Pardaillan zu Gabriel. Und er antwortete: „Valois und Lothringen!“ Auf der Stelle kam aus der Gegenallee la Renau⸗ die zu Pferde, gefolgt von ſeiner Truppe, hervor. Nichtsdeſtoweniger befahl er den Seinigen, zu halten, und ritt einige Schritte allein vorwärts. Pardaillan ahmte ihn nach, rief ſeinen Leuten: Halt! zu, und ritt ihm allein mit Gabriel entgegen. Man hätte eher glauben ſollen, es wären zwei Freunde, die es drängte, ſich nach langer Abweſenheit wiederzuſehen, als zwei Feinde, bereit, ſich zu be⸗ kämpfen. „Ich hätte Dir ſchon geantwortet, wie ich ſollte, 226 würde ich nicht eine befreundete Stimme zu erkennen geglaubt haben,“ ſagte la Renaudie ſich nähernd.. „denn wenn mich nicht Alles täuſcht, verbirgt dieſes Viſir die Züge meines theuren Pgrdaillan.“ „Ja, ich bin es, mein armer la Renaudie,“ er⸗ wiederte Pardaillan,„und wenn ich Dir einen brüder⸗ lichen Rath geben ſoll, verzichte auf Dein Unter⸗ nehmen, Freund, und lege ſogleich Deine Waffen nieder.“ „Oho! iſt das wirklich ein brüderlicher Rath?“ rief la Renaudie ſpöttiſch. „Ja, Herr von la Renaudie,“ ſagte Gabriel, der ſich ihm nun auch zeigte;„ich bezeuge, daß es der Rath eines redlichen Freundes iſt. Caſtelnau hat ſich dieſen Morgen dem Herzog von Nemours ergeben, und wenn Ihr ihn nicht nachahmt, ſeid Ihr verloren.“ „Ah! ah! Herr von Montgommery,“ ſprach la Re⸗ naudie,„ſeid Ihr auch mit Dieſen?“ „Ich bin weder mit Dieſen, noch mit Euch,“ ant⸗ wortete Gabriel ernſt und traurig,„ich bin zwiſchen Euch.“ „Oh! verzeiht mir, Herr Graf,“ ſagte la Renau⸗ die, bewegt durch den edlen und würdigen Ausdruck von Gabriel.„Ich wollte Euch nicht beleidigen, und würde, glaube ich, eher an mir, als an Euch zweifeln.“ „Glaubt mir alſo,“ ſprach Gabriel,„und wagt einen fruchtloſen und unſeligen Kampf. Ergebt uch.“ „Unmöglich!“ rief la Renaudie. „Aber wiſſe doch, daß wir nur eine ſchwache Vor⸗ hut ſind,“ ſagte Pardaillan. „Und ich,“ entgegnete der Anführer der Refor⸗ mirten,„glaubſt Du, ich habe mit dieſer Hand voll Braver, die Du hier ſiehſt, angefangen?“ „Ich bemerke Dir zum Voraus,“ fuhr Pardaillan fort,„Du haſt Verräther in Deinen Reihen.“ — r⸗ r⸗ r⸗ 2. * er er ich n, 1 te⸗ nt⸗ en u⸗ nd 227 „Sie ſind nun in den Eurigen,“ erwiederte la Re⸗ naudie. „Ich übernehme es, Deine Begnadigung von Herrn von Guiſe zu erlangen,“ ſagte Pardaillan, der nicht wußte, was er verſuchen ſollte, um ihn zu be⸗ wegen.“ „Meine Begnadigung!“ rief la Renaudie,„ich hoffe, daß ich bald eher Begnadigungen zu geben, als zu empfangen habe!“ „La Renaudie! la Renaudie! Du wirſt mich doch nicht zwingen wollen, das Schwert gegen Dich, meinen alten Kameraden, meinen Freund aus der Kinderzeit, zu ziehen.“ „Du mußt Dich wohl darauf gefaßt halten, Par⸗ daillan, denn Du kennſt mich gerade zu gut, um zu glauben, ich ſei geneigt, Dir das Feld einzuräumen.“ „Herr von la Renaudie,“ rief Gabriel,„ich wie⸗ derhole Euch, Ihr habt Unrecht...“ Doch er wurde ungeſtüm unterbrochen. Die Reiter der beiden Parteien, welche in einiger Entfernung im Angeſicht von einander geblieben waren, konnten dieſe ſeltſamen Geſpräche ihrer Führer nicht begreifen und brannten vor Begierde, handgemein zu werden. „Was Teufels ſagen ſie ſich denn dort ſo lange?“ murmelten die Soldaten von Pardaillan. „Ah!“ ſprachen ihrerſeits die Hugenotten,„glauben ſie denn, wir ſeien hiehergekommen, um ſie mit ein⸗ ander über ihre Angelegenheiten plaudern zu ſehen?“ „Warte! warte!“ ſagte einer von den Leuten von der Truppe von la Renandie, wo jeder Soldat Führer war,„ich weiß ein Mittel, ihre Unterredung abzu⸗ kürzen.“ Und in dem Augenblick, wo Gabriel das Wort nahm, feuerte er ſeine Piſtole gegen die Truppe von Pardaillan ab. 228 „Du ſiehſt!“ rief dieſer ſchmerzlich,„der erſte Schuß iſt von den Deinigen geſchehen.“ „Ohne meinen Befehl!“ entgegnete la Renaudie raſch.„Doch da das Loos geworfen iſt, gehe es, wie es gehen will! Auf! meine Freunde! vorwärts!“ Er wandte ſein Pferd gegen ſeine Leute, und Par⸗ daillan that, um nicht zurückzubleiben, daſſelbe und rief ebenfalls: „Vorwärts!“ Das Feuer begann. Gabriel war indeſſen unbeweglich zwiſchen den Rothen und den Weißen, zwiſchen den Königlichen und den Reformirten geblieben. Er hatte kaum ſein Pferd ein wenig auf die Seite gelenkt, und war ſo dem Feuer beide Theile preis gegeben. Schon bei den erſten Schüſſen drang eine Kugel durch ſeinen Helmbuſch, und ſein Pferd wurde unter ihm getödtet. Er machte ſich aus den Steigbügeln los und blieb ohne ſich zu rühren, und wie nachdenkend mitten unter dem furchtbaren Gemenge ſtehen. Das Pulver war erſchöpft, die zwei Truppen ſtürzten auf einander los, oder ſetzten den Kampf mit dem Schwerte fort. Gabriel bewegte ſich nicht unter dem Geklirre der Waffen, und ohne nur den Griff ſeines Schwertes zu berühren, begnügte er ſich, den wüthenden Streichen zuzuſchauen, welche um ihn her ausgetheilt wurden.. düſter und traurig, wie es das Bild Frankreichs unter dieſen feindſeligen Franzoſen geweſen ſein müßte. Geringer der Zahl und der Disciplin nach, fingen die Reformirten indeſſen an zu weichen. La Renaudie traf im Getümmel wieder mit Par⸗ dallan zuſammen. „Herbei!“ rief er ihm zu,„damit ich wenigſtens von Deiner Hand ſterbe!“ n 8 88 er b er n — 229 „Ah!“ ſagte Pardaillan,„derjenige, welcher den Andern tödtet, wird der Großmüthigere ſein!“ Und ſie griffen ſich mächtig an. Die Streiche, die ſie gegen einander führten, erſchollen auf ihrẽn Rüſtun⸗ gen wie Hämmer auf dem Amboß. La Renaudie drehte ſich um Pardaillan, der, feſt in ſeinen Steigbügeln, ohne zu ermüden, parirte und gegenſchlug, Zwei rach⸗ gierige Nebenbuhler hätten nicht erbitterter kämpfen können. Endlich ſtieß la Renaudie ſeinen Degen Pardaillan in die Bruſt, und dieſer fiel. Doch es war nicht Pardaillan, der einen Schrei ausſtieß, ſondern la Renaudie. Zu ſeinem Glück hatte der Sieger nicht Zeit, ſeinen traurigen Sieg in's Auge zu faſſen. Montigny, der Page von Pardaillan, feuerte einen Büchſenſchuß auf ihn ab, der ihn, tödtlich verwundet, von ſeinem Pferde niederſchmetterte. Nichtsdeſtoweniger fand la Renaudie, ehe er ſtarb, noch die Kraft, den Pagen, der ihn geſchoſſen, durch einen Schwertſtreich mit verkehrter Hand todt niederzu⸗ ſtrecken. Um dieſe drei Leichname drängte ſich der Kampf wüthender als je zuſammen. Doch die Hugenotten waren offenbar im Nachtheil, und bald geriethen ſie, ihres Führers beraubt, in völ⸗ lige Verwirrung. Die Mehrzahl wurde getödtet. Man machte einige Gefangene und Einige ergriffen die Flucht. Dieſer gräßliche, blulige Kampf hatte nicht zehn Minuten gedauert.. Die königlichen Reiter ſchickten ſich an, nach Am⸗ bviſe zurückzukehren. Man legte die zwei Leichname von Pardaillan und la Renaudie auf daſſelbe Pferd, um ſie mit einander zurückzubringen. Gabriel, der, trotz ſeiner glühenden Wünſche, ohne Zweifel geſchont von den Waffen der beiden Parteien, 230 nicht eine Schramme bekam, betrachtete voll Traurig⸗ keit dieſe zwei Körper, welche noch wenige Augenblicke vorher die zwei edelſten Herzen, die er vielleicht ge⸗ kannt, belebt hatten. „Wer von Beiden war der Bravere?“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Wer von Beiden liebte den Andern inniger? Wer von Beiden iſt für das Vaterland ein größerer Verluſt?“ XXV. Pon der Politik im ſechzehnten Jahrhundert. Nach der Uebergabe des Schloſſes Noizai und dem Gefechte im Walde von Chateau⸗Regnault war indeſſen bei Weitem nicht Alles beendigt. Die meiſten Verſchworenen von Nantes erhielten keine Nachricht von den zwei auf einander folgenden Niederlagen ihrer Partei, und ſetzten ihren Marſch gegen Ambviſe, immer noch geneigt, dieſes in der Nacht anzugreifen, fort. Aber man weiß, daß ſie in Folge der genauen Berichte von Ligniéres dort erwartet wurden. Der junge König wollte ſich auch nicht niederlegen, ſondern ging unruhig und mit fieberhaftem Schritt in dem weiten, kahlen Saal umher, den man ihm als Wohnzimmer zugewieſen hatte. Maria Stuart, der Herzog von Guiſe und der Cardinal von Lothringen wachten und warteten bei ihm. „Welch eine ewige Nacht!“ ſagte Franz II.„Ich leide, mein Kopf ſteht in Flammen, und die unaus⸗ ———,— — r i. ———,— —————————— 231 ſtehlichen Ohrenſchmerzen fangen wieder an mich zu peinigen. Welche Nacht! welche Nacht!“ „Armer, theurer Sire,“ ſprach mit ſanftem Tone Maria,„beunruhigt Euch nicht ſo, ich beſchwöre Euch; Ihr vermehrt dadurch die Schmerzen Eures Körpers und die Leiden Eurer Seele. Legt Euch doch wenig⸗ ſtens einige Augenblicke nieder, ich bitte Euch!“ „Ei! kann ich mich niederlegen, Maria,“ entgegnete der König,„kann ich ruhig bleiben, während mein Volk ſich empört und ſich gegen mich bewaffnet! Ah! alle dieſe Sorgen werden ſicherlich das wenige Leben abkürzen, das mir Gott bewilligt hat.“ Maria antwortete nur durch die Thränen, die ihr reizendes Geſicht überſtrömten. „Eure Majeſtät ſollte ſich nicht ſo ſehr kümmern,“ ſagte der Balafré.„Ich habe ſchon die Ehre gehabt, ſie zu verſichern, unſere Maßregeln ſeien genommen und der Sieg gewiß. Ich ſtehe Euch für Euch ſelbſt, Sire.“ „Haben wir nicht gut begonnen?“ fügte der Car⸗ dinal von Lothringen bei.„Caſtelnau gefangen, la Re⸗ naudie getödtet, ſind das nicht glückliche Vorzeichen für den Ausgang dieſer Sache?“ „In der That, ſehr glückliche Vorzeichen!“ ſprach Franz voll Bitterkeit. 4 „Morgen wird Alles beendigt ſein,“ fuhr der Car⸗ dinal fort;„die anderen Häupter der Rebellen werden in unſerer Gewalt ſein, und wir können durch ein furchtba⸗ res Beiſpiel denjenigen, welche es noch wagen ſollten, ſie nachzuahmen, Furcht einjagen. Es muß ſein, Sire,“ erwiederte er auf eine Bewegung des Widerwillens von Seiten des Königs.„Ein feierlicher Glaubensact, wie man in Spanien ſagt, iſt nothwendig für die ver⸗ letzte Herrlichkeit der Religion und für die bedrohte Sicherheit des Thrones. Um einen Anfang zu machen, muß dieſer Caſtelnau ſterben. Herr von Nemours hat es übernommen, ihm zu ſchwören, er würde geſchont 232 werden; doch das geht uns nichts an, und wir haben nichts verſprochen. La Renaudie iſt durch den Tod der Hinrichtung entgangen; aber ich habe ſchon Befehl ge⸗ geben, morgen bei Tagesanbruch ſeinen Kopf auf der Brücke von Ambvife, mit der Ueberſchrift: Haupt der Rebellen, auszuſtellen.“ „Haupt der Rebellen!“ wiederholte der junge König;„Ihr ſagt aber ſelbſt, daß er nicht das Haupt ge⸗ weſen, und daß die Geſtändniſſe und der Briefwechſel der Verſchworenen als den wahren Urheber des Unterneh⸗ mens den Prinzen von Condé allein bezeichnen.“ „In des Himmels Namen! ſprecht nicht ſo laut, Sire, ich flehe Euch an,“ unterbrach ihn der Cardinal. „Ja, das iſt wahr, ja, der Prinz hat von ferne Alles geleitet, Alles geführt. Dieſe Parpaillots nen⸗ nen ihn den ſtummen Kapitän, und nach dem erſten glücklichen Erfolg ſollte er ſich erklären. Doch in Er⸗ manglung dieſes glücklichen Erfolgs hat er ſich nicht erklärt und wird ſich nicht erklären. Treiben wir ihn alſo nicht zu irgend einem gefährlichen, äußerſten Ent⸗ ſchluß an. Wir wollen ihn nicht offen als das mäch⸗ tige Haupt der Empörung anerkennen. Wir wollen uns den Anſchein geben, als ſähen wir ihn nicht, um ihn nicht zeigen zu müſſen.“ „Herr von Condé iſt nichtsdeſtoweniger der wahre Rebell!“ ſprach Franz, deſſen jugendliche Ungeduld ſich nicht in alle dieſe Regierungsſictivnen, wie man ſie ſeit⸗ dem genannt hat, zu fügen wußte. „Ja, Sire,“ ſagte der Balafré;„aber weit ent⸗ fernt, ſeine Pläne und Entwürfe zuzugeſtehen, leugnet ſie der Prinz. Stellen wir uns, als glaubten wir ihm auf ſein Wort. Der Prinz iſt heute nach Ambviſe ge⸗ kommen, um ſich hier einzuſchließen; man bewacht ihn ſcharf, aber auf dieſelthe Weiſe, wie er conſpirirt hat... von ferne. Geben wir uns den Anſchein, als nähmen wir ihn zum Verbündeten an, das iſt minder gefährlich, als ihn zum Feind zu haben. Der Prinz wird, wenn — — e— 8 c — c——, w 8— NM W — — F M M— —,——— 233 es ſein muß, in dieſer Nacht mit uns ſeine Genoſſen ſchlagen und morgen ihrer Hinrichtung beiwohnen. Wird er dadurch nicht einer Nothwendigkeit unterworfen, welche tauſendmal ſchmerzlicher, als die uns auferlegte iſt 2“ „Ja, gewiß,“ erwiederte der König,„doch wird er das thun? und wenn er es thut, kann er ſchuldig ſein?“ „Sire, wir haben in unſeren Händen alle Beweiſe von der geheimen Theilnahme von Herrn von Condé und können dieſelben Eurer Majeſtät, wenn ſie es wünſcht, vorlegen. Doch je unverwerflicher dieſe Beweiſe ſind, deſto mehr müſſen wir uns verſtellen, und ich bedaure meines Theils lebhaft ein paar Worte, die mir entſchlüpft ſind und den Prinzen, wenn ſie ihm hinterbracht wür⸗ den, beleidigen könnten.“ „Ihr fürchtet Euch, einen Verbrecher zu beleidi⸗ gen!“ rief Franz.„Doch was bedeutet dieſer Lärmen außen? Jeſus! zollten es ſchon die Rebellen ſein?“ „Ich eile,“ ſagte der Herzog von Guiſe. Ehe er aber die Thürſchwelle überſchritten hatte, trat Richelieu, der Kapitän der Büchſenſchützen, raſch ein und ſprach zum König: „Verzeiht, Sire, es iſt Herr von Condé, der für ſeine Ehre übelklingende Worte gehört zu haben glaubt und dringend öffenklich ein für allemal ſich, in Gegen⸗ wart Eurer Majeſtät, von dieſem beleidigenden Verdacht zu reinigen verlangt.“ Der König wollte ſich vielleicht weigern, den Prin⸗ zen zu ſehen; doch der Herzog von Guiſe hatte ſchon ein Zeichen gemacht. Die Büchſenſchützen des Kapitän ichelien traten auf die Seite, und Herr von Condé er⸗ ſchien, den Kopf hoch und das Geſicht belebt. Es folg⸗ ten ihm einige Edelleute und eine Anzahl Stiftsherren von Saint⸗Florentin, die gewöhnlichen Gäſte des Schloſ⸗ ſes von Amboiſe, die der Cardinal in dieſer Nacht für den Fall, daß eine Vertheidigung nothwendig wäre, in 234 Soldaten verwandelt hatte, und die, was übrigens etwas ziemlich Gewöhnliches in jener Zeit war, die Büchſe mit dem Roſenkranz und die Sturmhaube unter der Kapuze trugen. „Sire, Ihr werdet meine Kühnheit entſchuldigen,“ ſprach der Prinz, nachdem er ſich vor dem König ver⸗ beugt hatte,„doch dieſe Kühnheit rechtfertigt ſich viel⸗ leicht zum Voraus, durch die Frechheit gewiſſer Anklagen, welche, wie es ſcheint, meine Feinde in der Finſterniß gegen meine Redlichkeit erheben, meine Feinde, die ich an das Tageslicht zu treten zwingen will, um ſie zu beſchämen und zu beohrfeigen.“ „Um was handelt es ſich, mein Herr Vetter?“ ſagte der junge König mit ernſter Miene. „Sire,“ erwiederte der Prinz von Condé,„man wagt es, zu äußern, ich ſei das wahre Haupt der Re⸗ bellen, deren thörichtes, ſtrafbares Unterfangen in die⸗ ſem Augenblick den Staat beunruhigt und Eure Ma⸗ jeſtät erſchreckt.“ „Ah! man hat das geſagt?“ entgegnete Franz⸗ „und wer hat das geſagt?“ „Ich konnte ſo eben ſelbſt dieſe gehäſſigen Ver⸗ leumdungen aus dem Munde dieſer ehrwürdigen Brü⸗ der von Saint⸗Florentin hören, die ſich, da ſie ſich ohne Zweifel hier zu Hauſe glauben, gar nicht ſcheuen, ganz laut zu wiederholen, was man ihnen ganz leiſe zuge⸗ flüſtert hat.“ „Uund klagt Ihr diejenigen an, welche die Beleidi⸗ gungen wiederholen, vder die, welche ſie zugeflüſtert haben?“ „Ich klage die Einen wie die Andern an, Sire,“ antwottete der Prinz von Condé,„doch hauptſächlich die Anſtifter der feigen Beſchuldigungen.“ Bei dieſen Worten ſchaute er ganz klar dem Car⸗ dinal von Lothringen in's Geſicht, der ſich, verlegen über ſeine feſte Haltung, ſo gut als möglich hinter ſeinem Bruder zu verbergen ſuchte. —* 7. 235 „Nun, mein Vetter,“ ſagte der König,„wir er⸗ lauben Euch, die Verleumdung zu beſchämen und die Verleumder anzuklagen. Sprecht.“ „Die Verleumdung beſchämen!“ wiederholte der Prinz von Condé.„Ei! thun dies meine Handlungen nicht beſſer, als es alle meine Worte thun könnten? Bin ich nicht beim erſten Aufruf in dieſes Schloß ge⸗ kommen, um hier meinen Platz mitten unter den Ver⸗ theidigern Eurer Majeſtät einzunehmen? Ich frage Euch das ſelbſt, Sire?“ „Klagt alſo die Verleumder an!“ ſagte Franz, der nicht anders antworten wollte. „Ich werde es auch thun, nicht durch Worte, Sire, ſondern durch Handlungen,“ ſprach Herr von Condé. „Wenn ſie Herz haben, müſſen ſie ſich ſelbſt an⸗ klagen und nennen; ich werfe ihnen hier öffentlich im Angeſicht meines Gottes und meines Königs den Hand⸗ ſchuh hin. Der Mann, von welchem Rang und Stand er auch ſein mag, der behaupten will, ich ſei der Urheber der Verſchwörung, trete vor! Ich erbiete mich, wann und wo er will, mit ihm zu kämpfen, und falls er mir ungleich ſein ſollte, mich ihm in jeder Hinſicht für dieſen Kampf gleichzuſtellen.“ Der Prinz von Condé warf, als er ſo ſchloß, ſei⸗ nen Handſchuh zu ſeinen Füßen. Sein Blick hatte, ſtolz auf den des Herzogs von Guiſe geheftet, der keine Miene verzog, ſeine Herausforderung beſtändig erläutert. Es trat nun ein kurzes Stillſchweigen ein, Jeder dachte ohne Zweifel an dieſes ſeltſame Schauſpiel der Lüge, das ein Prinz von Geblüt einem ganzen Hof gab, an welchem ſich nicht ein Page fand, der ihn nicht zwan⸗ zigmal deſſen ſchuldig wußte, worüber er ſich mit einer o gut geſpielten Entrüſtung vertheidigte. „Aber der Koͤnig war, wenn wir es ſagen ſollen, vielleicht der Einzige, der ſich naiver Weiſe darüber wun⸗ derte, und Niemand fiel es ein, deshalb den Muth und die Tugend des Prinzen zu verdächtigen. 236 Durch Cakharina von Medicis und ihre Florenti⸗ ner eingeſchleppt, waren die Ideen der italieniſchen Höfe über die Politik damals in Frankreich im Schwunge. Derjenige, welcher am beſten täuſchte, erlangte den Ruf des Gewandteſten. Seine Gedanken verbergen und ſeine Handlungen verkleiden, war die große Kunſt. Die Auf⸗ richtigkeit hätte für Dummheit gegolten. Die edelſten und die reinſten Charaktere der Zeit, Coligny, Condé, der Kanzler Olivier, hatten ſich nicht vor dieſem Ausſatz zu bewahren gewußt. Der Herzog von Guiſe verachtete den Prinzen von Condé nicht; er bewunderte ihn. Doch er ſagte ſich in ſeinem Innern, er ſei mindeſtens ebenſo ſtark. Und er machte einen Schritt vorwärts, zog lang⸗ ſam ſeinen Handſchuh aus und warf ihn neben den des Prinzen. Man ſtaunte einen Augenblick und glaubte Anfangs, er würde die freche Herausforderung von Herrn von Condé aufnehmen. Doch dann wäre er nicht der große Politiker geweſen, der er zu ſein ſich ſchmeichelte. Mit lautem und feſtem, beinahe mit überzeugtem Tone ſprach er: „Ich billige und unterſtütze in ſeinen Worten den Herrn Prinzen von Condé, und ich bin ihm ſo ſehr Die⸗* ner, daß ich mich, da ich zugleich die Ehre habe, mit ihm verwandt zu ſein, hier anerbiete, ſein Secundant „zu werden und die Waffen gegen Männiglich zu er⸗ greifen, um ihm in einer ſo gerechten Vertheidigung beizuſtehen.“ Und der Balafré ließ kühn auf Allen, die ihn um⸗ gaben, ſeine forſchenden Augen umherlaufen. Der Prinz von Condé mußte die ſeinigen nieder⸗ ſchlagen. Er fühlte ſich beſſer beſiegt, als wenn er mit ihm in die Schranken getreten wäre. „Hebt keiner den Handſchuh des Prinzen von Condé oder den meinigen auf?“ fragte der Herzog von Guiſe. Niemand rührte ſich. f⸗ n m en ie⸗* nit nt r⸗ ng m⸗ er⸗ mit dé iſe. 237 „Mein Vetter,“ ſprach Franz II. mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln,„mir ſcheint, Ihr ſeid nun von jedem des Meineids gegen Euern oberſten Herrn ge⸗ reinigt.“ 5 Sire,“ ſagte mit einer naiven Unverſchämt⸗ heit der ſtumme Kapitän,„und ich danke Eurer Ma⸗ jeſtät, daß ſie mir hiezu behülflich geweſen iſt.“ Dann ſich mit einer gewiſſen Anſtrengung gegen den Balafré umwendend, fügte er bei: „Ich danke auch meinem guten Verbündeten und Ver⸗ wandten, Herrn von Guiſe. Ich hoffe ihm und Allen, indem ich heute Nacht gegen die Rebellen kämpfe, wenn dazu Gelegenheit iſt, zu beweiſen, daß er nicht Unrecht gehabt hat, ſich meiner anzunehmen. Hienach verbeugten ſich der Prinz von Condé und der Herzog von Guiſe tief vor einander. Und da der Prinz nun gehörig gerechtfertigt war und nichts mehr hier zu thun hatte, verbeugte er ſich auch vor dem König und ging hinaus, gefolgt von den Zuſchauern, die ihn bei ſeinem Eintritt begleitet hatten. Es blieben im königlichen Gemach nur noch die vier Perſonen, deren Aufmerkſamkeit und Befürchtungen einen Augenblick dieſe ſeltſame Komödie zerſtreut hatte... Doch es geht immerhin aus dieſer ritterlichen Scene hervor, daß die Politik ſich wenigſtens aus dem ſechzehnten Jahrhundert datirt. Die beiden Dianen. 1v. 16 238 XXVI. Der Tumult von Ambviſe. Nach dem Abgang des Prinzen von Condé brachten weder der König, noch Maria Stuart, noch die zwei Brüder von Lothringen das Geſpräch auf das, was vorgefallen war. In einer ſtillſchweigenden Uebereinkunft ſchienen ſie dieſen gefährlichen Gegenſtand zu ver⸗ meiden. In ungeduldigem, düſterem Erwarten gingen Minuten und Stunden hin, ohne daß Jemand das Wort nahm. Franz II. fuhr oft mit der Hand an ſeinen bren⸗ nenden Kopf. Maria ſaß auf der Seite, ſchaute traurig das bleiche, verwelkte Geſicht ihres jungen Gemahls an und wiſchte ſich von Zeit zu Zeit eine Thräne ab. Der Cardinal von Lothringen richtete ſeine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit auf das Geräuſch außerhalb des Gemaches. Der Balafré, der keinen Befehl mehr zu geben hatte, und den ſein Rang und ſein Amt beim König feſt⸗ hielten, ſchien grauſam unter dieſer gezwungenen Un⸗ thätigkeit zu leiden; er zitterte und ſtampfte zuweilen mit dem Fuß wie ein muthiges Schlachtroß, das an dem Zügel nagt, der es zurückhält. Die Nacht rückte indeſſen vor. Die Uhr des Schloſſes, ſodann die von Saint-Florentin ſchlugen ſechs Uhr, dann halb ſieben Uhr. Der Tag brach allmälig an und kein Lärmen eines Angriffs, kein Signal der Schild⸗ wachen hatten die ſchweigſame Nacht geſtört. „Ah!“ ſagte der Konig athmend,„Hert Carbinal, ich fange an zu glauben, daß dieſer Lignieres Eure — 4 er — 239 Eminenz getäuſcht hat, oder daß die Hugenotten an⸗ deren Sinnes geworden ſind.“ „Das wäre im Ganzen ſchlimm,“ erwiederte Karl von Lothringen,„denn wir waren ſicher, den Aufruhr zu beſiegen.“ „Oh! nein, deſto beſſer,“ verſetzte Franz,„denn ſchon der Kampf wäre für das Königthum eine Nieder⸗ lage geweſen.“ Doch der König hatte noch nicht vollendet, als man zwei Büchſenſchüſſe, das verabredete Lärmzeichen, vernahm und auf den Wällen von Poſten zu Poſten den Ruf:„In's Gewehr! in's Gewehr!“ wiederholen hörte. „Es iſt nicht zu bezweifeln, das ſind die Feinde!“ rief der Cardinal unwillkührlich erbleichend. Der Herzog von Guiſe ſtand beinahe freudig auf, verbeugte ſich vor dem König und ſagte nur: „Sire, zählt auf mich, bald werdet Ihr mich wie⸗ derſehen.“ Und er ging haſtig hinaus. Man hörte noch ſeine kräftige Stimme im Vor⸗ zimmer Befehle geben, als ein neues Musketenfeuer erſcholl. „Ihr ſeht, Sire,“ ſprach der Cardinal, vielleicht um ſeine Angſt durch den Ton ſeiner Stimme zu ver⸗ treiben,„Ihr ſeht, daß Ligniéres gut unterrichtet war und ſich nur um einige Stunden getäuſcht hat.“ Doch der König hörte ihn nicht; er biß ſich voll Zorn auf ſeine weiß gewordene Lippe und horchte auf den wachſenden Lärmen der Kanonen und der Büchſen. „Kaum kann ich an dieſe Vermeſſenheit glauben!“ murmelte er.„Eine ſolche Schmach der Krone...“ „Wird ſich in Schande für die Elenden auflöſen, Sire!“ ſprach der Cardinal. „Ei!“ verſetzte der König,„nach dem Lärmen zu urtheilen, den ſie machen, müſſen die Herren der Refor⸗ mation zahlreich ſein und nicht bange haben!“ 240 „Das wird ſogleich wie ein Strohfeuer erlöſchen,“ ſagte Karl von Lothringen. „Es ſcheint nicht,“ entgegnete Franz,„denn der Lärmen kommt näher und das Feuer entzündet ſich, wie ich glaube, ſtatt zu erlöſchen.“ „Jeſus!“ rief Maria Stuart ganz erſchrocken,„hört Ihr die Kugeln an den Mauern anprallen?“ „Mir ſcheint doch, Madame...“ ſtammelte der Cardinal.„Ich glaube wohl, Eure Majeſtät... Ich, was mich höre nicht, daß ſich das Geräuſch vermehrt. Doch er wurde durch eine furchtbare Exploſion unterbrochen. „Herr Cardinal,“ ſagte der König mit einem bit⸗ teren Lächeln,„das müßie Euch antworten, wenn Euch auch nicht Euer bleiches und erſchrockenes Geſicht hin⸗ reichend widerſpräche.“ „Ich ſpüre ſchon den Pulvergeruch,“ ſagte Maria. „Und dann hört dieſes furchtbare Geſchrei!“ „Es wird immer ſchöner!“ ſprach Franz.„Die Herren Reformirten haben ohne Zweifel ſchon die Mau⸗ ern der Stadt überſtiegen und werden uns wohl in unſerem Schloſſe belagern.“ „Aber, Sire,“ ſprach zitternd der Cardinal,„wäre es unter dieſen Umſtänden nicht beſſer, wenn ſich Eure Majeſtät in den Thurm zurückziehen würde? Man darf wenigſtens ſicher ſein, daß ſie dieſen nicht in ihre Ge⸗ walt bekommen.“ „Wer? ich!“ rief der König,„ich ſoll mich vor meinen Unterthanen, vor Ketzern verbergen! Laßt ſie hierher kommen, Herr Oheim, es ſollte mich freuen, zu erfahren, wie weit ſie ihre Frechheit treiben werden. Ihr werdet ſehen, ob ſie uns nicht bitten, einige Pſal⸗ men in franzöſiſcher Sprache mit ihnen zu ſingen und ein Bethaus aus unſerer Florentinskapelle zu machen.“ „Sire, ich bitte, zieht die Klugheit ein zu Rath,“ ſagte Maria. — . 241 „Nein,“ entgegnete der König,„ich will bis zum Ende gehen; ich erwarte ſie hier, dieſe treuen Unter⸗ thanen, und bei meinem königlichen Namen! der Erſte, der die Ehrfurcht verletzt, die er mir ſchuldig iſt, ſoll ſehen, ob dieſer Degen an meiner Seite nur ein Parade⸗ degen iſt!“ Die Minuten vergingen und das Büchſenfeuer dau⸗ erte fort und wurde immer ſtärker. Der arme Cardinal von Lothringen hatte nicht mehr die Kraft, ein Wort zu ſprechen. Der junge König ballte vor Zorn die Fäuſte. „Wie!“ rief Maria Stuart,„Niemand kommt, um uns Nachricht zu bringen? Die Gefahr iſt alſo ſo groß, daß Niemand den Platz auch nur einen Augenblick ver⸗ laſſen kann? 4 „Ah!“ ſagte endlich der König außer ſich,„die⸗ ſes Warten iſt ganz unerträglich, und Alles wäre, glaube ich, beſſer! Doch ich weiß ein Mittel, zu erfahren, wie die Sache ſteht. Ich gehe ſelbſt ins Treffen. Der Herr Generallieutenant wird ſich ohne Zweifel nicht weigern, mich als Freiwilligen anzunehmen.“ Franz machte ein paar Schritte, um wegzugehen, doch Maria warf ſich ihm entgegen und rief: „Sire, was denkt Ihr denn? krank, wie Ihr ſeid!“ „Ich fühle mein Uebel nicht mehr,“ ſprach der König.„Die Entrüſtung hat in mir die Stelle des Leidens eingenommen.“ „Wartet, Sire!“ ſagte der Cardinal;„mir ſcheint diesmal, daß ſich der Lärmen wirklich entfernt. Ja, die Schüſſe werden ſeltener... Ah! hier kommt ein Page, der uns ohne Zweifel Nachricht bringt.“ „Sire,“ ſprach der Page eintretend,„der Herr Her⸗ zog von Guiſe beauftragt mich, Eurer Majeſtät zu melden, daß die Reformirten das Feld geräumt haben und im vollen Rückzug begriffen ſind.“ „Endlich! das iſt ein Glück!“ rief der König. „Der Herr Generallieutenant wird, ſobald er die 242 Mauern verlaſſen zu können glaubt, hierher kommen und Eurer Majeſtät über Alles Bericht erſtatten,“ fügte der Page bei und ging wieder ab. „Nun! Sire,“ ſagte der Cardinal von Lothringen triumphirend,„hatte ich nicht vorhergeſehen, es wäre eine reine Bagatelle, und mein erhabener und tapferer Herr Bruder würde raſch alle Pſalmenſinger zu Paaren treiben?“ „Oh! mein lieber Oheim!“ verſetzte Franz,„wie ſchnell iſt der Muth bei Euch zurückgekehrt!...“ Doch in dieſem Augenblick erſcholl eine neue Ex⸗ ploſion, welche noch furchtbarer war als die erſte. „Was ſoll dieſer Lärmen abermals bedeuten?“ fragte der König. „In der That.. das iſt ſeltſam,“ ſagte der Car⸗ dinal, auf's Neue zitternd. Zum Glück war ſein Schrecken nicht von langer Dauer. Der Kapitän der Büchſenſchützen, Richelieu, trat beinahe in derſelben Minute, das Geſicht ſchwarz vom Pulver und einen abgebrochenen Degen in der Hand, ein. „Sire,“ ſagte Richelien zum König,„die Rebellen ſind völlig in die Flucht geſchlagen. Sie hatten kaum Zeit, ohne uns Schaden zuzufügen, einen Haufen Pulver, den ſie an eines der Thore gelegt hatten, ſpringen zu laſſen. Diejenigen, welche nicht gefangen genommen oder getödtet wurden, ſind über die Brücke zurückge⸗ kehrt und haben ſich in einem der Häuſer des Faubourg du Vendomois verrammelt, wo wir einen leichten Handel mit ihnen haben werden... Eure Majeſtät kann ſo⸗ gar von dieſem Fenſter aus ſehen, wie man mit ihnen zu Werke geht.“ Der König ging raſch, von ferne von der Königin und vom Cardinal gefolgt, an's Fenſter. „Ja, in der That,“ ſagte er,„nun ſind ſie be⸗ lagert... Doch was ſehe ich? Welcher Rauch kommt aus dieſem Haus hervor!“ — ,————— „ — ————— 243 „Sire, man wird Feuer daran gelegt haben,“ ſprach der Kapitän. „Sehr gut! vortrefflich!“ rief der Cardinal.„Seht, Sire, dort ſpringen einige aus dem Fenſter. Zwei. drei. vier immer mehr! Hört Ihr ihr Ge⸗ ſchrei?“ „Gott! die armen Leute!“ ſagte Maria, die Hände faltend. „Mir ſcheint,“ ſprach der König,„ich gewahre an der Spitze der Unſrigen den Helmbuſch und die Schärpe unſeres Vetters von Condé. Iſt es wirklich ſo, Kapitän 2“ „Ja, Eure Majeſtät,“ antwortete Richelieu,„er iſt beſtändig unter uns, das Schwert in der Hand, an der Seite von Herrn von Guiſe.“ „Nun! Herr Cardinal,“ ſagte Franz,„Ihr ſeht wohl, daß er ſich nicht hat bitten laſſen.“ „Er mußte ſo handeln, Sire!“ erwiederte Karl von Lothringen.„Der Herr Prinz würde zu viel ge⸗ wagt haben, hätte er es anders gemacht.“ „Aber,“ rief Maria, zugleich angezogen und zurück⸗ geſtoßen durch das furchtbare Schauſpiel außen,„die Flammen verdoppeln ſich! das Haus wird auf die Un⸗ Sglücklichen einſtürzen!“ „Es ſtürzt ein!“ ſprach der König. „Vivat! Alles iſt vorbei!“ rief der Cardinal. „Ah! verlaſſen wir dieſen Platz hier, denn das thut wehe,“ ſagte Maria, den König fortziehend. „Ja,“ ſprach Franz,„das Mitleid erfaßt mich zu 5 dieſer Stunde.“ Und er entfernte ſich vom Fenſter, wo der Cardi⸗ nal allein und ſehr ergötzt zurückblieb. Doch bald wandte er ſich um, als er die Stimme des Herzogs von Guiſe hörte. Der Balafré trat ruhig und ſtolz ein, begleitet vom Prinzen von Condé, der ſich viel Mühe geben mußte, um nicht traurig und beſchämt zu erſcheinen⸗ —,—— „Sire, Alles iſt vorbei,“ ſagte der Herzog von . * 244 Guiſe zum König;„die Rebellen ſind für ihr Verbre⸗ chen beſtraft. Ich danke Gott, daß er Eure Majeſtät von dieſer Gefahr befreit hat, denn nach dem, was ich geſehen, war ſie größer, als man Anfangs glaubte. Wir hatten Verräther unter uns.“ „Iſt es möglich!“ rief der Cardinal. „Ja,“ antwortete der Balafré,„beim erſten Angriff wurden die Reformirten durch die Kriegsleute unter⸗ ſtützt, welche la Mothe gebracht hatte: ſte griffen uns von der Seite an, und ſo waren unſere Feinde einen Augenblick Meiſter der Stadt.“ „Das iſt furchtbar!“ ſagte Maria, ſich an den König anſchließend. „Es wäre noch viel furchtbarer geweſen, Madame,“ fuhr der Herzog fort,„würden die Rebellen, wie ſie dies glauben mußten, durch einen Angriff unterſtützt worden ſein, den Chaudien, der Bruder des Miniſters, auf die Porte des Bons⸗Hommes machen ſollte.“ „Iſt der Angriff geſcheitert?“ fragte der König. „Er hat nicht ſtattgefunden, Sire. Der Kapitän Chaudieu hat ſich, dem Himmel ſei es gedankt, ver⸗ ſpätet und wird nur ankommen, um ſeine Freunde erſchlagen zu finden. Nun mag er nach ſeinem Belieben angreifen, er wird außerhalb und innerhalb der Mauern zu ſchaffen haben. Und um ihn zum Nachdenken zu bringen, habe ich befohlen, zwanzig bis dreißig von ſeinen Genoſſen an den Zinnen von Amboiſe aufzu⸗ hängen. Dieſes Schauſpiel wird ihn, denke ich, gehörig warnen.“ „Das iſt ſehr gut erſonnen,“ rief der Cardinal von Lothringen. „Ich danke Euch, mein Vetter,“ ſprach der König zum Balafré.„Doch ich ſehe, daß der Schutz Gottes ganz beſonders bei dieſem Treffen ſich geoffenbart hat, denn er allein geſtattete es, daß ſich die Verwirrung in den Rath unſerer Feinde ſchlich. Gehen wir vor Allem hin und danken wir ihm in unſerer Kapelle.“ — S v— n ——— 2 5 „ 245 „Sodann iſt Befehl zu Beſtrafung der Schuldigen zu geben, welche den Kampf überlebt haben,“ ſagte der Cardinal.„Sire, nicht wahr, Ihr werdet der Hin⸗ richtung mit der Königin und der Königin Mutter bei⸗ wohnen?“ „Iſt dies nothwendig?“ verſetzte ärgerlich der junge Rönig, während er auf die Thüre zuging. „Sire, es iſt unerläßlich,“ ſprach der Cardinal ihm folgend.„Der glorreiche König Franz I. und Euer erhabener Vater, Sire, verfäumten es nie, dem Ver⸗ brennen der Ketzer beizuwohnen. Was den König von Spanien betrifft, Sire... „Die anderen Könige machen es, wie es ihnen be⸗ liebt, und ich will auch nach meinem Gefallen handeln,“ erwiederte Franz, immer weiter gehend. „Ich muß Eure Majeſtät endlich darauf aufmerkſam machen, daß der Nuntius Seiner Heiligkeit durchaus auf Eure Gegenwart beim erſten Glaubensakt Eu⸗ rer Regierung zählt,“ fügte der unbarmherzige Car⸗ dinal bei.„Geht es an, daß Eure Majeſtät fehlt, wenn Alle, ſelbſt der Herr Prinz von Condé, beiwoh⸗ nen werden?“ „Ach! mein Gott! wir werden frühe genug davon ſprechen,“ rief Franz.„Die Schuldigen ſind ja noch nicht einmal verurtheilt.“ „Oh! doch, Eure Majeſtät, ſie find es!“ entgeg⸗ nete mit Ueberzeugung Karl von Lothringen. „Es ſei! Ihr werdet alſo zur gegebenen Zeit dieſe furchtbare Nothwendigkeit meiner Schwäche auferlegen,“ ſprach der König.„Für den Augenblick, Herr Cardinal, laßt uns, wie ich Euch geſagt habe, vor dem Altar niederknieen und Gott danken, der die Gefahren dieſer Verſchwörung in Gnaden von uns abgewendet hat.“ „Sire,“ ſagte der Herzog von Guiſe,„man muß die Dinge nicht vergrößern und ihnen nicht mehr Ge⸗ wicht beilegen, als ſie verdienen. Eure Majeſtät wolle 246 alſo dieſe Bewegung nicht eine Verſchwörung nennen: au es war in der That nur ein Tumult.“ we ric un — ,—— — XXVII. in u Ein Glaubensakt. e F Obgleich die Verſchworenen in das Manifeſt, das pr man unter den Papieren von la Renaudie fand, die 3 ausdrückliche Erklärung, ſie werden weder gegen die al Majeſtät des Königs, noch gegen die Prinzen von Ge⸗ ſi blüt, noch gegen den Stand des Reiches etwas verſu⸗ n chen, einfügten, hatte man ſie doch in offenem Aufruhr di ergriffen, und ſie mußten des Schickſals der Beſiegten bei den Bürgerkriegen gewärtig ſein. v Die Art und Weiſe, wie die Religionsgenoſſen be⸗ li handelt worden waren, als ſie ſich als friedfertige und E getreue Unterthanen benahmen, mußte ihnen wenig ſt Hoffnung auf Begnadigung laſſen. Der Cardinal von Lothringen betrieb in der That g ihre Verurtheilung mit einer ganz kirchlichen, wenn b auch nicht ganz chriſtlichen Leidenſchaftlichkeit. b Er beauftragte mit dem Prozeß der in dieſe trau⸗ rige Angelegenheit verwickelten adeligen Herren das Parlament von Pazis und den Kanzler Olivier. Die 3 Sache ging auch iß raſchem Zug. Die Verhöre wur⸗ b den mit aller Eile geführt und die Sprüche noch viel 42 raſcher gefällt. d Man überhob ſich ſogar der leeren Förmlichkeiten für die kleinen Frevler der Rebellion, Leute ohne Ge⸗ wicht, welche man in Ambviſe jeden Tag räderte oder — ,— * * 247 aufhenkte, ohne das Parlament damit beläſtigen zu wollen. Die Ehre und die Mühewaltungen eines ge⸗ richtlichen Verfahrens wurden nur den Leuten von Stand und von einigem Ruf gegönnt. Durch den frommen Eifer von Karl von Loth⸗ ringen war auch für dieſe in weniger als drei Wochen Alles beendigt. Der 15. April wurde zur öffentlichen Hinrichtung in Ambviſe von ſiebenundzwanzig Baronen, eilf Grafen und ſieben Marquis, im Ganzen von fünfzig Edel⸗ leuten und Häuptern der Reformirten, anberaumt. Man verſäumte nichts, um dieſer ſeltſamen religiöſen Feierlichkeit allen Glanz und alles wünſchenswerthe Ge⸗ pränge zu geben. Ungeheure Vorbereitungen wurden getroffen. Von Paris bis Nantes ſtachelte man die allgemeine Neugierde durch die Mittel der Veröffent⸗ lichung an, welche in jener Zeit gebräuchlich waren, nämlich dadurch, daß die Hinrichtung von der Kanzel durch die Prediger und Pfarrer verkündigt wurde. Am genannten Tag wurden drei zierliche Tribunen, von denen die in der Mitte, die koſtbarſte, der könig⸗ lichen Familie vorbehalten war, an der Plattform des Schloſſes angebracht, unter dem die blutige Vorſtellung ſtattfinden ſollte. Um den Platz her waren aus Brettern aufgeſchla⸗ gene Gerüſte von allen den Gläubigen der Umgegend beſetzt, die man gutwillig oder mit Gewalt zuſammen⸗ bringen konnte. Die Buͤrger und Bauern, die einen Widerwillen gegen dieſes Schauſpiel hätten haben können, wurden durch Drohung oder Beſtechung demſelben bei⸗ zuwohnen gezwungen. Man erließ den Einen ihre Geld⸗ bußen, man machte Miene, den Andern ihre Plätze, ihre — Meiſterrechte und ihre Privilegien zu nehmen. Alle dieſe Beweggründe führten, verbunden mit der Neu⸗ gierde einerſeits und mit dem Fanatismus andererſeits, einen ſolchen Zufluß von Menſchen nach Ambviſe, daß am Vorabend des unſeligen Tages mehr als zehntauſend 248 Perſonen in der Umgegend auf dem Felde lagern mußten. Am Morgen des 15. April waren die Dächer der Stadt mit Volk belaſtet, und die Fenſter, welche nach dem Platz gingen, wurden bis um zehn Thaler, eine für jene Zeit ungeheure Summe, vermiethet. Ein großes, mit ſchwarzem Tuch bedecktes, Schaffot war mitten auf dem Platz errichtet. Man ſtellte darauf den Chouquet oder Block, auf den jeder Verurtheilte niederknieend ſeinen Kopf legen mußte. Ein ſchwarz behängter Lehnſtuhl, der ebenfalls auf dem Blutgerüſte ſtand, war für den Gerichtsſchreiber beſtimmt, der hinter einander die Edelleute aufzurufen und mit lauter Stimme ihren Spruch zu verleſen hatte. Der Platz wurde von der ſchottiſchen Compagnie und von den Gendarmen des Königs bewacht. Nach einer feierlichen Meſſe in der Florentins⸗ Kapelle führte man die Verurtheilten zum Fuß des Schaffots. Mönche ſtanden ihnen bei und ſuchten ſie zur Verzichtleiſtung auf ihre religiöſen Grundſätze zu bewegen; doch nicht einer von den Hugenotten willigte zu dieſem Abfall vor dem Tod ein; Alle weigerten ſich, den Mönchen zu antworten, unter denen ſie Spione des Cardinals von Lothringen vermutheten. Indeſſen füllten ſich die Tribunen des Hofes, mit Ausnahme der mittleren. Der König und die Königin, denen man beinahe ihre Einwilligung, der Hinrichtung beizuwohnen, entreißen mußte, hatten wenigſtens das erlangt, daß ſie erſt gegen das Ende und nur der To⸗ desſtrafe der vornehmſten Anführer beiwohnen durften. Doch ſie mußten kommen, und das war Alles, was der Cardinal verlangte. Arme königliche Kinder! arme ge⸗ krönte Sklaven! auch ihnen hatte man in Beziehung auf ihre Stellen und Privilegien bange gemacht. Um die Mittagsſtunde begann die Hinrichtung. Als der erſte von den Reformirten die Stufen des Schaffots beſtieg, ſtimmten ſeine Gefährten einen fran⸗ — „— jet *——— 2 249 zöſiſchen Pſalm, überſetzt von Clement Marot, an, ſo⸗ wohl um demjenigen, welchen man hinrichtete, einen letzten Troſt zuzuſenden, als um ihre Beharrlichkeit ihren Feinden und dem Tod gegenüber darzuthun. Sie ſangen am Fuße des Schaffots: Der Herr ſei milde uns und gnädig, Was er verheißt, bleib' ewig wahr, Barmherzig ſei der Herr und gütig, Sein Antlitz leucht' uns immerdar. Ein Vers begleitete jedes fallende Haupt. Doch Haupt, das ſiel, bildete eine Stimme weniger im hor. Um ein Uhr waren nur noch zwölf Edelleute, die vornehmſten Führer der Verſchwörung, übrig. Da trat eine Pauſe ein; die zwei Henker waren müde und der König kam. Franz II. war nicht mehr bleich, er war leichen⸗ farbig. Maria Stuart nahm ihren Platz zu ſeiner Rech⸗ ten, die Königin Mutter, Catharina von Medicis, zu ſeiner Linken. Der Cardinal von Lothringen ſtellte ſich neben die Königin Mutter und man brachte den Prinzen von Condé an die Seite der jungen Königin. Als der Prinz, beinahe ebenſo bleich als der Kö⸗ nig, auf der Eſtrade erſchien, begrüßten ihn die zwölf Verurtheilten. Ernſt erwiederte er dieſen Gruß. 5 habe mich ſtets vor dem Tode geneigt,“ ſagte er laut. Der König wurde übrigens, ſo zu ſagen, mit weni⸗ ger Ehrerbietung aufgenommen, als der Prinz von Condé. Kein Zuruf erhob ſich Anfangs bei ſeiner Er⸗ Er bemerkte es wohl und ſagte die Stirne altend: „Ah! ich bin Euch gram, Herr Cardinal, daß Ihr mich hierherzukommen veranlaßt habt.“ Karl von Lothringen erhob indeſſen die Hand, um das Ergebenheitsſignal zu machen, und einige zerſtreute Stimmen riefen in der Menge: „Es lebe der König!“ „Hört Ihr, Sire?“ ſagte der Cardinal. „Ja,“ antwortete der König, traurig den Kopf ſchüttelnd,„ich höre einige Ungeſchickte, die das allge⸗ meine Stillſchweigen nur um ſo bemerkbarer machen.“ Mittlerweile füllte ſich der übrige Theil der könig⸗ lichen Tribune. Die Brüder des Königs, der päpſtliche Nuntius, die Herzogin von Guiſe waren nach und nach eingetreten. Dann kam der Herzog von Nemours, ebenfalls ſehr angegriffen und wie von einer Reue erſchüttert. Endlich ſtellten ſich im Hintergrund zwei Männer auf, deren Gegenwart an dieſem Ort und in dieſem Augenblick nicht minder ſeltſam war, als die des Prin⸗ zen von Condé. Dieſe zwei Männer waren Ambroiſe Paré und der Graf von Montgommery. Ganz verſchiedene Pflichten führten dieſe Beiden hierher. Amboiſe Paré war vor einigen Tagen vom Herzog von Guiſe, den die Geſundheit ſeines königlichen Neffen beunruhigte, nach Amboiſe berufen worden, und nicht weniger unruhig als ihr Oheim, bat Maria Stuart, als ſie Franz ſchon bei dem Gedanken an das Autv da fe ſo niedergeſchlagen ſah, den Arzt, ſich in der Nähe aufzuhalten und dem König im Fall einer Ohnmacht beizuſtehen. Was Gabriel betrifft, ſo wollte er noch einen äuſ⸗ ſerſten Verſuch machen, wenigſtens einen der Verurtheil⸗ ten zu retten, den das Beil zuletzt treffen ſollte. Dies war der junge und brave Caſtelnau von Chaloſſes, den er durch ſeinen Rath unwillkuhrlich in dieſe gräßliche Lage gebracht zu haben ſich vorwarf. ———— — 251 hr Caſtelnau hatte ſich, wie man ſich erinnern wird, nur auf das geſchriebene und unterzeichnete Wort des m õ Herzogs von Nemours, der ihm Freiheit und Leben ge⸗ te ſichert, ergeben. Doch ſogleich nach ſeiner Ankunft in Ambviſe hatte man ihn in einen Kerker geworfen, und heute ſollte er f zuletzt, als der Schuldigſte, enthauptet werden. pf Man muß indeſſen gegen den Herzog von Nemours e⸗ gerecht ſein. Als er ſeine Unterſchrift ſo mißachtet ſah, . gerieth er ganz außer ſich vor Zorn und Verzweiflung g⸗ und ſeit drei Wochen ging er vom Cardinal von Lo⸗ chethringen zum Herzog von Guiſe, und von Maria Stuart ch zum König, die Freiheit ſeines Ehrengläubigers for⸗ dernd, erbittend, erflehend. Doch der Kanzler Olivier, lls zu dem man ihn ſchickte, erklärte ihm, wie Herr von Vielleville ſagt:„ein König ſei durchaus nicht gebun⸗ er den durch ſein Wort gegen einen rebelliſchen Unter⸗ em than, noch durch irgend ein Verſprechen, das in ſeinem in⸗ Namen geleiſtet worden.“ Was ein großes Herzeleid dem Herzog von Nemours bereitete, welcher ſich, fügt der der Chronikſchreiber naiver Weiſe bei,„nur wegen ſei⸗ ten ner Unterſchrift quälte, denn was ſein Wort betrifft, ſo ürde er Männiglich Lügen geſtraft haben, wer es ihm hätte vorwerfen ſollen, ohne alle Ausnahme, abgeſehen fen von Seiner Majeſtät allein, ein ſo tapferer unb hoch⸗ cht herziger Prinz war er!“ Wie Gabriel, war der Herzog von Nemours zu da dem Schauſpiel der Hinrichtung, das für ihn noch viel ähe furchtbarer, als für jeden Andern ſein mußte, durch icht f eine geheime Hoffnung, Caſtelnau noch in der letzten WMinute zu retten, geführt worden. inſ⸗ Doch mit ſeinen Kapitänen, unten an der Tribune eil⸗ zzu Pferde, machte der Herzog von Guiſe den Scharf⸗ i richtern ein Zeichen, und einen Augenblick unterbrochen, den begannen die Enthauptungen und das Singen der Pſal⸗ iche men wieder. In weniger als einer Viertelſtunde fielen acht Köpfe⸗ 4 252 Die junge Königin war einer Ohnmacht nahe. Es am Fuße des Schaffots nur noch vier Verur⸗ eilte. Der Gerichtsſchreiber rief mit lauter Stimme: „Albert Edmund Roger, Graf von Mazeères, ſchul⸗ dig der Ketzerei, des Verbrechens der Majeſtätsbeleidi⸗ gung und des Angriffs mit gewaffneter Hand gegen die Perſon des Königs.“ „Das iſt falſch!“ rief auf dem Schaffot der Graf von Mazeères. Dann dem Volk ſeine geſchwärzten Arme und ſeine durch die Folter eingedrückte Bruſt zeigend, fügte er bei: „Seht, in dieſen Zuſtand hat man mich im Namen des Königs verſetzt. Aber ich weiß, daß ihm dies un⸗ bekannt iſt, und rufe nichtsdaſtoweniger: Es lebe der König!“. Sein Haupt fiel: Die drei letzten Reformirten, welche am Fuß des Schaffots warteten, wiederholten den erſten Vers des Pſalmen: Der Herr ſei milde uns und gnädig, Was er verheißt, bleib' ewig wahr, Barmherzig ſei der Herr und gütig, Sein Antlitz leucht' uns immerdar. Der Gerichtsſchreiber fuhr fort: „Jean Louis Alberic, Baron von Raunay, ſchuldig der Keßerei, des Verbrechens der Majeſtätsbeleidigung und des Angriffs mit gewaffneter Hand gegen die Per⸗ ſon des Königs.“ „Du und Dein Cardinal, Ihr lügt wie zwei arm⸗ ſelige Schufte,“ ſagte Raunay;„gegen ihn und ſeinen Bruder allein haben wir uns bewaffnet. Ich wünſche ihnen, daß ſie Beide ſo ruhig und rein ſterben mögen als ich.“ Dann legte er ſein Haupt auf den Block. ru — e——— W M NMN XS — 8 s ig ng er⸗ m⸗ len ſche gen 253 Die zwei letzten Verurtheilten ſangen: Gott ſetzet uns auf heiße Probe, Wie Sülber in des Feuers Gluth, Und läutert uns zu ſeinem Lobe, Und was er thut, iſt ewig gut. Der Gerichtsſchreiber fuhr in ſeinem blutigen Auf⸗ ruf fort: „Robert Jean René Briquemaut, Graf von Ville⸗ mongis, ſchuldig der Ketzerei, des Verbrechens der Ma⸗ jeſtätsbeleidigung und des Attentats auf die Perſon des Königs.“ Villemongis tauchte ſeine Hände in das Blut von Raunay, erhob ſie zum Himmel und rief: „Himmliſcher Vater, das iſt das Blut Deiner Kin⸗ der! Du wirſt Rache dafür nehmen.“ Und er ſank todt nieder. Caſtelnau blieb allein und ſang: Du ließeſt uns vom Feind umſchlingen Mit Netz und Banden, Garn und Strick, Doch mein Gebet wird zu Dir dringen⸗ Es lächelt mir Dein Gnadenblick. In der Hoffnung, Caſtelnau zu retten, hatte der Herzog von Nemours Gold ausgeſtreut. Der Gerichts⸗ ſchreiber und ſelbſt die Henker waren bei ſeiner Rettung betheiligt. Der erſte Henker erklärte ſich für erſchöpft, der zweite nahm ſeine Stelle ein. Es entſtand noth⸗ wendig eine Unterbrechung. Gabriel benützte dieſe, um den Herzog zu neuen Bemühungen aufzufordern. Jacob von Savoyen neigte ſich zu der Herzogin von Guiſe herab, mit der er, wie man ſagte, in einem ſehr vertrauten Verhältniß ſtand, und flüſterte ihr ein Die beiden Dianen. 1V. 17 Wort ins Ohr. Die Herzogin hatte viel Einfluß auf den Geiſt der jungen Königin. Sie erhob ſich alsbald, als könnte ſie dieſes Schau⸗ ſpiel nicht mehr ertragen, und ſagte laut genug, um von Maria gehört zu werden: „Ah! das iſt zu gräßlich für Frauen! Seht Ihr, es wird der Königin übel. Entfernen wir uns.“ Doch der Cardinal von Lothringen heftete ſeinen ſtrengen Blick auf ſeine Schwägerin und ſprach mit hartem Tone: „Etwas mehr Feſtigkeit, Madame. Bedenkt, daß Ihr vom Blut der Eſte und die Frau des Herzogs von Guiſe ſeid.“ „Eil das iſt es gerade, was mir ſo große Pein macht!“ entgegnete die Herzogin.„Nie hatte eine Mut⸗ ter mehr Grund, ſich zu betrüben. All dieſes Blut und all dieſer Haß werden auf unſere Kinder zurückfallen.“ „Wie furchtſam ſind doch dieſe Weiber!“ murmelte der Cardinal, der feig war. „Man braucht kein Weib zu ſein, um von einem ſo unſeligen Schauſpiel erſchüttert zu werden,“ ſprach der Herzog von Nemours.„Ihr ſelbſt, Prinz,“ ſagte zu Herrn von Condé,„ſeid Ihr nicht auch erſchüt⸗ ert?“ „Oh!“ entgegnete der Cardinal,„der Prinz iſt ein Soldat und gewohnt, den Tod von Nahem zu ſehen.“ „Ja, in den Schlachten,“ erwiederte muthig der Prinz;„aber auf dem Schaffot, aber mit kaltem Blute, nein!“ „Hat ein Prinz von Geblüt ſo viel Mitleid für Rebellen?“ ſagte abermals Karl von Lothringen. „Ich habe Mitleid,“ antwortete der Prinz von Condé,„ich habe Mitleid mit tapferen Officieren, die ſtets dem König und Ftankreich würdig dienten.“ Doch was konnte in ſeiner Lage der Prinz, der ſelbſt beargwohnt war, mehr ſagen und thun? Der m ch te iſt zu er te, on die der er —,—— 255 Herzog von Nemours begriff dies, wandte ſich an die Königin Mutter und ſagte, ohne Caſtelnau zu nennen: „Madame, es bleibt nur noch ein Einziger übrig. Könnte man nicht wenigſtens dieſen retten?“ „Ich vermag nichts,“ erwiederte Catharina von Medicis und wandte den Kopf ab. Mittlerweile ſtieg der unglückliche Caſtelnau die Stufen der Treppe hinauf und ſang: Der Herr ſei milde mir und gnädig, Was er verheißt, bleib' ewig wahr, Barmherzig ſei der Herr und gütig, Sein Anſliz leucht' mir immerdar. Tief erſchüttert, vergaß das Volk die Furcht, die ihm die Spione und Mouchards einflößten, und ſchrie einſtimmig: „Gnade! Gnade!“ Der Herzog von Nemours bemühte ſich in dieſem Augenblick, den jungen Herzog von Orleans zu rühren. „Monſeigneur,“ ſagte er zu dieſem,„vergeßt Ihr, daß es Caſteknau iſt, der in dieſer Stadt Ambviſe dem ſeligen Herzog von Orleans, als es in großer Gefahr ſtand, das Leben rettete?“ „Ich werde thun, was meine Mutter entſcheidet,“ erwiederte der Herzog von Orleans. „Aber wenn Ihr Euch an den König wenden wür⸗ det?“ fragte flehend der Herzog von Nemours.„Ein einziges Wort von Euch.. „Ich wiederhole Euch, daß ich die Befehle meiner Mutter erwarte,“ antwortete trocken der junge Prinz. „Ah! Prinz!“ ſprach im Ton des Vorwurfs der Herzog von Nemours. und er machte Gabriel eine Geberde der Entmu⸗ thigung, des Verzweifelns. Der Gerichtsſchreiber aber las langſam: „Michel Jean Louis, Baron von Caſtelngu Chalvſſes — angeklagt und überwieſen des Verbrechens der Maje⸗ ſtätsbeleidigung, der Ketzerei und des Attentats auf die Perſon des Königs.“ Caſtelnau erhob die Stimme und ſprach: „Ich rufe meine Richter ſelbſt zu Zeugen auf, daß die Ausſage falſch iſt, wenn es nicht etwa ein Ver⸗ brechen der Majeſtätsbeleidigung ſein ſoll, daß ich mich mit allen meinen Kräften der Tyrannei der Guiſen widerſetzt habe. Iſt die Sache ſo verſtanden, ſo müßte man damit angefangen haben, daß man ſie zu Königen erklärt hätte. Vielleicht wird es noch dahin kommen, doch das iſt die Sache derer, welche mich überleben werden.“ Und ſich an den Scharfrichter wendend, fügte er mit feſter Stimme bei: „Thue nun, was Deines Amtes iſt.“ Doch der Scharfrichter, der eine Bewegung auf den Tribunen wahrnahm, ſtellte ſich, um Zeit zu ge⸗ winnen, als hätte er an ſeinem Beil etwas zurechtzu⸗ richten, und ſagte ganz leiſe zu Caſtelnau: „Dieſes Beil iſt abgeſtumpft, Herr Baron, und Ihr ſeid würdig, wenigſtens mit einem Streich zu ſterben..⸗ und wer weiß, ob nicht ſogar ein Augenblick mehr?— Mir ſcheint, es geht dort etwas Gutes für Euch vor.“ Abermals ſchrie alles Volk: „Gnade! Gnade!“ Gabriel, der in dieſer äußerſten Minute jede Zu⸗ rückhaltung von ſich warf, wagte es, Maria Stuart ganz laut zuzurufen: „Gnade! Frau Königin!“ Maria wandte ſich um, ſah ven ſchmerzlichen Blick, begriff den verzweifelten Schrei von Gabriel, bog ein Knie vor dem König und ſprach: „Sire, begnadigt wenigſtens dieſen, auf den Knieen flehe ich Euch an.“ „Sire,“ rief der Hetzog von Nemours,„iſt nicht e—— — r f e⸗ 1 hr u⸗ art ick, ein een icht 257 ſchon genug Blut gefloſſen? Und Ihr wißt doch, des Königs Antlitz bringt Gnade.“ Franz, der an allen Gliedern zitterte, ſchien be⸗ troffen von dieſen Worten. Er nahm die Hand der Königin. „Erinnert Euch, Sire,“ ſprach mit ernſtem Ton der Nuntius, um ihn zur Strenge zurückzurufen,„erin⸗ nert Euch, daß Ihr der allerchriſtlichſte König ſeid.“ „Ja, ich erinnere mich deſſen,“ erwiederte feſt König Franz II.„Der Baron von Caſtelnau iſt hiemit begnadigt!“ Aber der Cardinal von Lothringen, der ſich ſtellte, als täuſchte er ſich in dem Sinn der erſten Worte des Königs, hatte ſchon dem Scharfrichter ein gebieteriſches Zeichen gemacht. In dem Augenblick, wo Franz das Wort begna⸗ digtl ausſprach, rollte der Kopf von Caſtelnau auf die Bretter des Schaffots. Am andern Tag reiſte der Prinz von Condé nach Navarra ab. XXVlII. Ein anderes Muſter von politik. Seit dieſer unſeligen Hinrichtung ging es mit der wankenden Geſundheit von Franz II. immer ſchlimmer. Sieben Monate ſpäter(am Ende des Novembers 1560), als ſich der Hof in Orleans befand, wo der Herzog von Guiſe die Stände zuſammenberufen hatte, ſah ſich der arme ſiebenzehnjährige König genöthigt, ſich zu Bette zu legen. An dieſem Schmerzenslager, wo Maria Stuart betete, wachte und weinte, erwartete das ergreifendſte Drama ſeine Entwickluug durch den Tod oder das Leben des Sohnes von Heinrich 1l. Obgleich von anderen Perſonen erhoben, ſchwebte doch die Frage ganz zwiſchen einer bleichen Frau und einem finſteren Mann, welche in der Nacht vom 4. De⸗ cember einige Schritte von dem entſchlummerten Kran⸗ ken und von Maria, die in Thränen zu ſeinen Häupten wachte, neben einander ſaßen.— Der Mann war Karl von Lothringen und die Frau Catharina von Medicis. Die rachſüchtige Königin Mutter, welche Anfangs die Todte geſpielt hatte, war ſeit acht Monaten, ſeit dem Tumult von Ambviſe, wohl wieder erwacht. Man höre mit zwei Worten, was ſie in ihrer ſtets zunehmenden Erbitterung gegen die Guiſen gethan hatte: Sie hatte ſich insgeheim mit dem Prinzen von Condé und mit Anton von Bourbon verbunden; ſie hatte ſich insgeheim mit dem alten Connetable von Mont⸗ morench ausgeſöhnt. Nur der Haß konnte ſie den Haß vergeſſen machen. Von ihr angetrieben, hatten ihre neuen und ſelt⸗ ſamen Freunde in verſchiedenen Provinzen den Gährungs⸗ ſtoff zu Empörungen ausgebreitet, das Dauphiné mit Montbrun, die Provence mit den Brüdern Mouvants aufgewiegelt und durch Maligny ein Angriff auf Lyon verſucht. Die Guiſen waren ihrerſeits nicht eingeſchlafen. Sie hatten in Orleans die Stände zuſammenberufen und eine ergebene Majorität für ſich gewonnen., Dann hatten ſie zu dieſen Ständen, wie Sihr Recht war, den König von Navarra und den Prinzen von Condé gerufen. Catharina von Medieis ſandte den Prinzen War⸗ te d £ 1⸗ 8 it t n ſie t⸗ t⸗ 1 nung auf Warnung zu und rieth ihnen fortwährend ab⸗ ſich ihren Feinden in die Hände zu geben. Doch ihre Pflicht rief ſie, und der Cardinal von Lothringen ver⸗ ihnen das Wort des Königs für ihre Sicher⸗ heit. Sie kamen nach Orleans. Am Tage ihrer Ankunft wurde Anton von Bourbon in ein Haus der Stadt verwieſen, wo man ihn auf's Schärfſte bewachte, und der Prinz von Condé wurde in ein Gefängniß geworfen. Dann machte eine außerordentliche Commiſſion dem Prinzen den Prozeß und verurtheilte auf Antrieb der Guiſen in Orleans denjenigen zum Tod, für deſſeu Unſchuld ſich in Amboiſe der Herzog von Guiſe au ſein Schwert verbürgt hatte. Zum Vollzug des Spruches fehlten nur noch ein paar Unterſchriften, welche der Kanzler l'Hopital zu⸗ rückhielt. So ſtanden am Abend des 4. December die Dinge für die Partei der Guiſen, deren Arm der Balafre, de⸗ ren Kopf der Cardinal, und für die Partei der Bour⸗ bonen, deren geheime Seele Catharina von Medicis war. Alles hing für die Einen und für die Andern vom verſcheidenden Hauche des gekrönten Jünglings ab. Konnte Franz II. nur noch einige Tage leben, ſo war der Prinz von Condeé hingerichtet, der König von Navarra durch Zufall in irgend einem Streit getödtet und Catharina von Medicis nach Florenz verbannt. Durch die Stände waren die Guiſen Herren und im Nothfall Könige. Starb im Gegentheil der junge König, ehe ſich ſeine Oheime ihrer Feinde entledigt hatten, ſo begann der Kampf wieder mit eher ungleichen, als günſtigen Chancen für ſie. Was alſo Catharina von Medieis und Karl von Lothringen voll Angſt in dieſer kalten Nacht des 4. De⸗ cember in dem Zimmer des Amthauſes von Orleans 260 erwarteten und belauerten, war nicht ſowohl das Leben oder der Tod ihres königlichen Sohnes und Neffen, als der Sieg oder die Niederlage ihrer Sache. Maria allein wachte bei ihrem jugendlichen Ge⸗ mahl, ohne zu bedenken, welchen Verluſt für ſie ſein Tod herbeiführen konnte. Man darf übrigens nicht glauben, die dumpfe Feindſchaft der Königin Mutter und des Cardinals habe ſich nach Außen durch ihre Manieren oder durch ihre Reden verrathen. Im Gegentheil, ſie hatten ſich nie vertrauensvoller gegen einander gezeigt. Noch in dieſem Augenblick unterhielten ſie ſich, den Schlummer von Franz benützend, in der allerbeſten Freundſchaft über ihre geheimſten Intereſſen und ihre innerſten Gedanken. Um ſich Beide mit der italieniſchen Politik in Ein⸗ klang zu ſetzen, von der wir ſchon Muſter geſehen ha⸗ ben, hatte Catharina von Mediecis ſtets ihre geheimen Wege verkleidet und Karl von Lothringen hatte ſich ſtets den Anſchein gegeben, als bemerkte er nichts da⸗ von. So ſprachen ſie unabläßig als Freunde und Ver⸗ bündete mit einander. Sie waren wie zwei Spieler, die jeder ſeinerſeits gehörig betrügen und ſich offen einander mit falſchen Würfeln bedienen würden. „Ja, Madame,“ ſagte der Cardinal,„ja, dieſer hartnäckige Kanzler Hopital weigert ſich fortwährend, das Todesurtheil des Prinzen zu unterzeichnen. Ah. wie hattet Ihr Recht, Madame, vor ſechs Monaten, Euch offen zu widerſetzen, daß er der Nachfolger von Olivier wurde! Warum habe ich Euch nicht begriffen?“ „Wie! kann man denn ſeinen Widerſtand durchaus nicht beſiegen?“ ſagte Catharina, welche dieſen Wider⸗ ſtand dictirt hatte. „Ich habe Schmeicheleien und Drohungen ange⸗ wendet, und ihn unbeugſam gefunden,“ erwiederte Karl von Lothringen. „Aber wenn es der Herzog ebenfalls verſuchte?“ S— — B ** S3** 88 er * 261 „Nichts vermöchte dieſes auvergniſche Maulthier zu bewegen,“ ſprach der Cardinal.„Mein Bruder hat übrigens erklärt, er wolle ſich in keiner Hinſicht in dieſe Angelegenheit miſchen.“ 2 „Das wird ſehr ärgerlich,“ ſagte Catharina von Medicis entzückt. „Es gibt indeſſen ein Mittel, durch das wir uns aller Kanzler der Welt überheben könnten,“ ſprach der Cardinal. „Iſt es möglich! welches Mittel iſt das?“ rief die Königin Mutter unruhig. „Wenn wir den Spruch durch den König unter⸗ zeichnen ließen,“ erwiederte der Cardinal. „Durch den König!“ wiederholte Catharina.„Könnte das ſein? Hat der König dieſes Recht?“ „Ja,“ ſprach der Cardinal,„wir haben es ſchon einmal ſo gemacht, und zwar in derſelben Angelegenheit, auf den Rath der beſten Geſetzkundigen, als man ertlärte, es würde ungeachtet der Weigerung des Prin⸗ zen, zu antworten, zum Urtheil geſchritten werden.“ „Aber was wird der Kanzler ſagen?“ rief Catha⸗ rina wahrhaft beängſtigt. „Er wird murren wie gewöhnlich,“ antwortete ruhig Karl von Lothringen,„er wird die Siegel zurückzugeben drohen.. „Und wenn er ſie wirklich zurückgibt?“ „Ein doppelter Vortheil! Wir werden von dem unbequemſten Tadler befreit ſein,“ ſagte der Cardinal. „Und wann ſollte dieſer Spruch nach Eurem Wunſch unterzeichnet werden?“ fragte Catharina nach einer Pauſe. „In dieſer Nacht, Madame.“ „Und wann würdet Ihr ihn vollſtrecken laſſen?“ „Morgen.“ Diesmal bebte die Königin. „In dieſer Nacht! morgen! Ihr denkt nicht daran 2 ſagte ſie.„Der König iſt zu krank, zu ſchwach, ſein 262 Geiſt iſt nicht frei genug, um nur zu verſtehen, was Ihr von ihm verlangen würdet.“ „Er braucht es nicht zu verſtehen, wenn er nur unterzeichnet,“ ſagte der Cardinal. „Aber ſeine Hand iſt nicht einmal ſtark genug, um eine Feder zu halten.“ „Man wird ſie ihm führen,“ erwiederte Karl von Lothringen, glücklich über den Schrecken, den er in den Blicken ſeiner theuren Feindin wahrnahm. „Hört,“ ſprach Catharina ernſt.„Ich bin Euch hier eine Kunde und einen Rath ſchuldig. Das Ende meines armen Sohnes iſt näher, als Ihr glaubt. Wißt Ihr⸗ was mir Chapelain, der erſte Arzt, geſagt hat? wenn nicht ein Wunder geſchehe, glaube er nicht, daß der König morgen Abend noch leben werde.“ „Ein Grund mehr, daß wir eilen,“ erwiederte kalt der Prieſter. „Ja, aber wenn Franz II. morgen nicht mehr lebt, ſo regiert Karl IX., iſt der König von Navarra viel⸗ leicht Regent. Welche furchtbare Rechenſchaft wird er nicht von Euch für die entehrende Beſtrafung ſeinss Bruders fordern? Werdet Ihr nicht ebenfalls gerichtet, verurtheilt werden? „Eil Madame, wer nichts wagt, gewinnt nichts!“ rief mit Wärme der trotzige Cardinal.„Was beweiſt übrigens, daß Anton von Navarra zum Regenten er⸗ nannt werden wird? was beweiſt, daß ſich dieſer Cha⸗ pelain nicht täuſcht? Der König lebt noch! „Leiſer! leiſer, mein Oheim,“ ſprach Maria, die ſich erſchrocken erhob.„Ihr werdet den König auf⸗ wecken!.. Ah! Ihr habt ihn ſchon aufgeweckt!“ „Maria... wo biſt Du?“ fragte in der That die ſchwache Stimme des Königs. „Hier, ganz nahe bei Euch, mein füßer Sire,“ antwortete Maria. „Oh! ich leide,“ ſagte Franz,„mein Kopf iſt wie ein Feuer! dieſer Ohrenſchmerz wie ein ewiger Dolch⸗ 1. iſt r⸗ ie vie ch⸗ 263 ſtich! Ich habe nur noch leidend geſchlafen. Ah! es iſt vorbei mit mir, es iſt vorbei!“ „Sagt das nicht! ſagt das nicht!“ erwiederte Ma⸗ ria, ihre Thränen bemeiſternd. „Das Gedächtniß entgeht mir,“ ſprach Franz.„Habe ich die heiligen Sacramente empfangen? Ich will ſie ſo bald als möglich haben.“ „Quält Euch nicht, theurer Sir, alle Eure Pflich⸗ ten ſind erfüllt.“ „Ich will meinen Beichtvater, Herrn von Brichan⸗ teau, ſehen.“ „Sogleich wird er bei Euch ſein.“ „Spricht man wenigſtens Gebete für mich?“ fragte der König. „Ich habe ſeit geſtern morgen beinahe nicht auf⸗ gehört.“. „Arme, liehe Maria. Und wo iſt Chapelain?“ „Hier im nächſten Zimmer, bereit, auf Euren Ruf zu erſcheinen. Eure Mutter und mein Oheim der Car⸗ dinal ſind auch da: wollt Ihr ſie ſehen?“ ein, nein, Du allein ſollſt bei mir ſein, Maria!“ ſprach der Sterbende.„Wende Dich ein wenig auf dieſe Seite... daß ich Dich noch einmal ſehe.“ „Muth gefaßt!“ ſagte Maria Stuart.„Gott iſt ſo gut, und ich bete ſo innig zu ihm!“ „Ich leide. Ich ſehe nicht mehr, ich hore kaum mehr. Deine Hand, Maria.“ „Hier! ſtützt Euch auf mich,“ ſprach Maria, indem ſie den kleinen bleichen Kopf ihres Gatten auf ihre Schulter legte. „Meine Seele Gott! mein Herz Dir, Maria! Im⸗ mer! Ach! ach! mit ſiebenzehn Jahren ſterben!“ „Nein! nein! Ihr werdet nicht ſterben!“ rief Ma⸗ ria.„Was haben wir dem Himmel gethan, daß er uns beſtrafen ſollte!“ „Weine nicht, Maria. Oben werden wir wieder⸗ vereinigt ſein. Ich beklage auf dieſer Welt nur Deinen 264 Verluſt. Wenn ich Dich mit mir nähme, würde ich glücklich ſterben. Die Reiſe nach dem Himmel iſt noch ſchöner, als die nach Italien. Und dann kommt es mir vor, als würdeſt Du ohne mich keine Freude mehr ha⸗ ben. Sie werden Dich leiden laſſen. Du wirſt frieren, Du wirſt allein ſein, ſie werden Dich tödten, meine arme Seele! Das betrübt mich noch mehr als der . Erſchöpft fiel der König auf ſein Kopfkiſſen zurück und verſank in ein düſteres Stillſchweigen. „Aber Ihr werdet nicht ſterben! Ihr werdet nicht ſterben, Sire!“ rief Maria.„Hört, ich habe große Hoffnung. Eines, worauf ich baue, bleibt uns noch!“ „Was iſt das?“ unterbrach ſie Catharina, die ſich erſtaunt näherte. „Ja,“ erwiederte Maria Stuart,„der König kann noch gerettet werden und wird gerettet werden. Etwas in meinem Innern rief mir zu, alle dieſe Aerzte, die ihn umgeben und entkräften, ſeien unwiſſend und blind⸗ Aber es gibt einen geſchickten, gelehrten und berühmten Mann, der in Calais meinem Oheim das Leben erhal⸗ ten hat. „Meiſter Ambroiſe Paré?“ fragte der Cardinal. „Meiſter Ambroiſe Paré!“ wiederholte Maria.„Man ſagte, dieſer Mann ſollte nicht, wollte ſelbſt nicht das königliche Leben in ſeinen Händen haben, es wäre ein Ketzer und ein Verfluchter, und ſogar wenn er die Ver⸗ antwortlichkeit für eine ſolche Kur übernehmen würde, könnte man ſie ihm nicht anvertrauen.“ Das iſt gewiß,“ ſprach mit einer verächtlichen Miene die Königin Mutter. „Nun! wenn ich ſie ihm aber anvertraue!“ rief Maria.„Kann ein Mann von Genie ein Verräther ſein? Wenn man groß iſt, Madame, iſt man gut.“ „Mein Bruder hat nicht bis auf dieſen Tag ge⸗ wartet, um an Ambroiſe Paré zu denken,“ ſagte der Cardinal.„Man hat ihn ſchon ausforſchen laſſen.“ . ec— 8 U⸗ 6 265 „Und wen hat man zu ihm geſchickt?“ verſetzte Maria.„Gleichgültige, vielleicht Feinde. Ich habe einen ſichern Freund zu ihm geſchickt, und er wird kommen.“ „Er braucht Zeit, um nach Paris zu kommen,“ ent⸗ gegnete Catharina. „Er iſt unter Weges, er muß ſogar ſchon ange⸗ langt ſein,“ ſagte die junge Königin.„Der Freund, den ich meine, hat ihn heute hierherzuführen ver⸗ ſprochen.“ „Und wer iſt denn dieſer Freund?“ fragte die Kö⸗ nigin Mutter. „Der Graf Gabriel von Montgommery, Madame.“ Ehe Catharina Zeit gehabt hatte, einen Ausruf von ſich zu geben, trat Dayelle, die erſte Kammerfrau von Maria Stuart, ein und ſagte zu ihrer Gebieterin: „Der Graf Gabriel von Montgommery iſt da und wartet auf die Befehle von Madame.“ „Ohl er trete ein! er trete ein!“ rief Maria lebhaft. XXIX. Boffnungsſchimmer. ₰ „Einen Augenblick Geduld,“ ſprach Catharina von Medicis trocken und kalt.„Wenn dieſer Menſch eintre⸗ ten ſoll, Madame, wartet wenigſtens, bis ich weggegan⸗ gen bin. Gefällt es Euch, das Leben des Sohnes demjenigen anzuvertrauen, der dem Vater das Leben abgeſchnitten hat, ſo gefällt es mir nicht, den Mörder meines Gemahls wieder zu ſehen und zu hören. Ich 266 proteſtire alſo gegen ſeine Anweſenheit an dieſem Ort und ziehe mich vor ihm zurück.“ Und ſie ging in der That weg, ohne ihrem ſter⸗ benden Sohn einen Blick, ein Wort des Abſchieds zu önnen. 9 Geſchah dies, weil ſie der verhaßte Name von Ga⸗ briel von Montgommery an die erſte Beleidigung er⸗ innerte, die ſie vom König zu ertragen gehabt hatte? Vielleicht. Immerhin iſt es gewiß, daß ſie nicht ſo ſehr, als ſie behaupten wollte, den Anblick und die Stimme von Gabriel befürchtete, denn indem ſie ſich in ihre Wohnung zurückzog, welche an das königliche Gemach ſtieß, war ſie darauf bedacht, den Thürvorhang ein we⸗ nig offen zu laſſen, und ſie hatte nicht ſobald die außen auf einen zu dieſer vorgerückten Stunde der Nacht ver⸗ ödeten Corridor gehende Thüre zugemacht, als ſie ab⸗ wechſelnd an das Schloß ihr Auge und ihr Ohr drückte, um zu ſehen und zu hören, was nach ihrem ungeſtüm⸗ men Abgang vorfiel. Gabriel trat geführt von Dayelle ein, kniete nie⸗ der, um die Hand zu küſſen, die ihm die Königin reichte, und machte eine tiefe Verbeugung vor dem Cardinal. „Nun!“ fragte Maria ungeduldig. 3„Madame, ich habe Meiſter Paré bewogen, und er iſt da.“ „Oh! Dank, Dank, treuer Freund!“ rief Maria. „Es geht alſo ſchlimmer beim König, Madame?“ ſagte Gabriel mit leiſer Stimme und ſchaute unruhig nach dem Bett, in welchem Franz II. ohne Farbe und ohne Bewegung ausgeſtreckt lag. „Ach! es geht immer noch nicht beſſer,“ antwortete die Königin,„und es war für mich ein großes Be⸗ dürfniß, Euch zu ſehen. Hat Meiſter Ambroiſe Schwie⸗ rigkeiten gemacht, zu kommen?“ „Nein, Madame,“ antwortete Gabriel.„Man hatte ihn ſchon gefragt, aber auf eine Weiſe, wie er mir ſagte, daß dadurch eine Weigerung von ſeiner Seite „ —— 267 hervorgerufen werden mußte. Er ſollte ſich zum Voraus bei ſeinem Kopf und bei ſeiner Ehre verbindlich machen, den König zu retten, ohne ihn geſehen zu haben. Man verbarg ihm nicht, daß er als Proteſtant im Verdacht ſtehe, er trachte einem Verfolger der Proteſtanten nach dem Leben. Man zeigte endlich ſo viel beleidigendes Mißtrauen gegen ihn, man ſchrieb ihm ſo harte Bedingun⸗ gen vor, daß er, wenn er nicht ganz ohne Herz und ohne Klugheit war, nothwendig ſeine Hülfe verweigern mußte. Dies hat er auch zu ſeinem großen Bedauern gethan, ohne ſeitdem weiter von denjenigen bedrängt zu werden, welche man zu ihm geſchickt.“ „Iſt es möglich, daß man Meiſter Paré unſere Ab⸗ ſichten ſo erklärt hat?“ fragte lebhaft der Cardinal von Lothringen.„Man hat ihn doch im Auftrag meines Bruders und in dem meinigen zwei oder dreimal auf— geſucht, man überbrachte uns ſeine hartnäckigen Wei⸗ gerungen und ſeine ſeltſamen Zweifel, und wir hielten diejenigen, die wir abgeſandt hatten, für völlig ſichere Leutel“ „Waren ſie es wirklich, Monſeigneur?“ verſetzte Gabriel.„Meiſter Paré glaubt das Gegentheil, nun, da ich ihm Eure wahren Gefühle in Beziehung auf ihn und die guten Worte der Königin für ihn geſagt habe. Er iſt überzeugt, daß man ſich, ohne daß Ihr etwas davon wußtet, in einer ſtrafbaren Abſicht bemühte, ihn vom Krankenlager des Königs entfernt zu halten.“ „Die Sache iſt jetzt gewiß,“ ſagte Karl von Loth⸗ ringen.„Abermals murmelte er,„erkenne ich hierin die Hand der Königin Mutter„. Sie hat in der That alles Intereſſe, daß ihr Sohn nicht gerettet wird... Aber wird ſie denn jede Ergebenheit, auf die wir zäh⸗ len, beſtechen? Das iſt wieder ein Seitenſtück zu ihrem 'Hopital! Wie hintergeht ſie uns doch! Maria Stuart überließ indeſſen den Cardinal ſeinen Betrachtungen über das, was vorgefallen war, und 268 ſagte, ganz nur der Sorge über die Gegenwart hinge⸗ geben, zu Gabriel: „Nun, Meiſter Paré iſt Euch alſo gefolgt, nicht wahr?“ „Auf meine erſte Aufforderung,“. antwortete der junge Graf. „Und er iſt da?“ „Er erwartet, um einzutreten, nur Eure huldreiche Erlaubniß, Madame.“ „Er komme ſogleich!“ rief Maria Stuart. Gabriel von Montgommery ging einen Augenblick an die Thüre, durch die er eingetreten war, und kehrte alsbald, den Arzt einführend, zurück. Catharina lauerte immer noch, aufmerkſamer als je, an ihrer Thüre. Maria Stuart lief Ambroiſe entgegen, nahm ihn bei der Hand, führte ihn ſelbſt an das Bett des theu⸗ ren Kranken und ſagte, während ſie mit ihm ging, als wollte ſie die Complimente kurz abſchneiden: rechnete auf Euren Eifer, wie ich auf Eure Wiſſen⸗ ſchaft rechne„„ Kommt an das Bett des Königs, kommt geſchwinde.“ 4— Gehorſam, ohne daß er Zeit hatte, nur ein Wort auf die Ungeduld der Königin zu erwiedern, war Amn⸗ broiſe Paré bald an dem Lager von Franz II., der, gleichſam vom Schmerz beſiegt, nur noch die Kraft be⸗ ſaß, einen ſchwachen, beinahe unmerklichen Seufzer auszuathmen. Der große Arzt blieb eine Minute ſtehen und be⸗ trachtete dieſes kleine, abgemagerte, wie vom Leiden eingeſchrumpfte Geſicht. Dann neigte er ſich über den, welcher für ihn nur noch ein Kranker war, und berührte und ſondirte die ſchmerzliche Geſchwulſt des rechten Ohrs mit einer Hand ſo leicht und ſo zart wie die von Maria. Der König fühlte inſtinctartig einen Arzt und Ich danke, daß Ihr gekommen ſeid, Meiſter; ich e s ich en⸗ 38, ort er, be⸗ fzer be⸗ den den, hrte hrs von und 269 ließ mit ſich machen, ohne nur ſeine beſchwerten Augen zu öffnen. „Oh! ich leide!“ murmelte er mit kläglichem Tone, „ich leide! Könnt Ihr mich denn nicht erleichtern?“ Das Licht war ein wenig zu entfernt für Ambroiſe, er machte Gabriel ein Zeichen, es näher herbeizubtingen; doch Maria Stuart bemächtigte ſich deſſelben vor Gabriel und leuchtete ſelbſt dem Arzt, während dieſer lange und aufmerkſam den Sitz des Uebels unterſuchte. Dieſes ſtumme, ängſtliche Studium dauerte viel⸗ leicht zehn Minuten, wonach ſich Ambroiſe Paré, ernſt und ganz und gar von einer Arbeit inneren Nachſinnens in Anſpruch genommen, erhob und den Bettvorhang wieder fallen ließ. Zitternd hatte Maria Stuart nicht den Muth, zu fragen, da ſie befürchtete, ihn in ſeinen Gedanken zu ſtören; doch voll Angſt ſuchte ſie in ſeinem Geſicht zu leſen. Welchen Spruch würde er fällen? Der erhabene Arzt ſchüttelte traurig den Kopf, und es kam der Königin vor, als wäre dies ein Todes⸗ urtheil. „Wie!“ ſagte ſie, außer Stand, länger ihre Un⸗ ruhe zu bemeiſtern,„läßt ſich keine Rettung mehr hoffen?“ „Es iſt nur noch eine Hoffnung vorhanden, Ma⸗ dame,“ antwortete Ambroiſe Paré. „Aber es gibt doch eine!“ rief die Königin. „Ja, Madame, und obgleich ſie leider nicht ſicher iſt, beſteht ſie doch, und ich hätte jede Hoffnung, wenn„ „Wenn? fragte Maria. „Wenn derjenige, welcher gerettet werden ſoll, nicht der König wäre, Madame.“ „Ei!“ rief Maria Stuart,„behandelt ihn, rettet ihn wie den letzten ſeiner Unterthanen.“ „Aber wenn ich ſcheitere?“ entgegnete Ambroiſe, Die beiden Dianen. 1V. 18 270 „denn am Ende iſt Gott allein der Herr. Wird man mich nicht anklagen, mich den Hugenotten? Wird dieſe ſchwere, furchtbare Verantwortlichkeit nicht auf meiner Hand laſten und ſie zittern machen in dem Augenblick, wo ich ſo viel Ruhe und Sicherheit nöthig habe?“ „Hört,“ ſprach Maria,„wenn er am Leben bleibt, werde ich Euch bis an's Ende meiner Tage ſegnen... ſtirbt er aber, ſo werde ich Euch bis zu meinem Tode vertheidigen. Verſucht es alſo, verſucht es. Ich be⸗ ſchwöre Euch, ich flehe Euch an. Da Ihr ſagt, es ſei dies das einzige und letzte Rettungsmittel, mein Gott! ſo entzieht uns daſſelbe nicht; das wäre ein Ver⸗ brechen.“ „Ihr habt Recht, Madame,“ erwiederte Ambroiſe, „ich werde es verſuchen, wenn man es mir erlaubt, wenn Ihr ſelbſt es mir erlaubt, denn, ich verberge Euch nicht, das Mittel, zu dem ich meine Zuflucht nehmen muß, iſt ein äußerſtes und, ſcheinbar wenigſtens, ge⸗ waltſames und gefährliches.“ „Wahrhaftig?“ rief Maria ganz zitternd,„und es gibt kein anderes?“ „Kein anderes, Madame! Auch iſt es die höchſte Zeit, es anzuwenden: in vierundzwanzig Stunden wäre es ſicher zu ſpät, in zwölf Stunden wäre es vielleicht zu ſpät. Es hat ſich ein Abſatz am Kopf des Königs gebildet, und wenn man den Flüſſigkeiten nicht durch eine ſehr raſche Operation einen Ablauf gibt, ſo wird die Ergießung in das Gehirn den Tod verurſachen.“ „Würdet Ihr dann den König auf der Stelle ope⸗ riren wollen?“ fragte der Cardinal.„Ich kann das nicht allein auf mich nehmen 6 „Ah! Ihr zweifelt ſchon!“ ſagte Ambroiſe.„Nein, ich bedarf des hellen Tages und ich brauche wohl den Reſt dieſer Nacht, um dies Alles wohl zu überlegen, um meine Hand zu üben und um ein paar Verſuche zu machen.. Doch morgen früh, morgen früh um neun n ſe er k, de e⸗ ſei t er⸗ äre icht des ten auf Tod ope⸗ das ein, den gen, e zu reun 271 Uhr kann ich hier ſein. Seid auch hier, Madame, und Ihr auch, Monſeigneur, auch der Herr Generallieute⸗ nant finde ſich ein, ſowie diejenigen, deren Ergeben⸗ heit gegen den König erprobt iſt; doch Niemand ſonſt. So wenig als möglich Aerzte. Ich werde ſodann er⸗ flären, was ich zu thun gedenke, und wenn Ihr mich Alle dazu bevollmächtigt, mit der Hülfe des Herrn dieſes einzige Rettungsmittel, das uns Gott läßt, ver⸗ ſuchen.“ „Und bis morgen iſt keine Gefahr zu befürchten?“ fragte die Königin. „Nein, Madame,“ erwiederte Meiſter Paré.„Es iſt nur weſentlich, daß der König ruht und Kräfte für die Operation ſammelt, die er auszuſtehen hat. Ich gieße in den harmloſen Trank, den ich hier auf dem Tiſche ſehe, zwei Tropfen von dieſem Elixir,“ fügte er, die Handlung mit den Worten verbindend, bei.„Macht, daß er dies ſogleich zu ſich nimmt, Madame, und Ihr werdet finden, daß er in einen ruhigeren und tieferen Schlaf verfällt. Wacht, wacht ſelbſt darüber, wenn es möglich iſt, daß dieſer Schlaf unter keinem Vorwand geſtört werde.“ „Seid hierüber unbeſorgt, ich ſtehe Euch dafür,“ ſagte Maria Stuart.„Ich werde dieſen Platz heute Nacht nicht verlaſſen.“ „Das iſt von großer Wichtigkeit,“ ſprach Ambroiſe Paré.„Nun, da ich nichts mehr hier zu thun habe, bitte ich Euch um Erlaubniß, mich entfernen zu dürfen, Madame, damit ich mich abermals mit dem König be⸗ ſchäftigen und mich zu meiner großen Aufgabe vorbe⸗ reiten kann.“ „Geht, Meiſter, geht, und empfangt zum Voraus meinen Dank und meinen Segen. Morgen alſo.“ „Morgen, Madame,“ ſprach Ambroiſe,„hofft.“ „Ich will zu Gott beten,“ ſagte Maria Stuart. „Auch Euch, Herr Graf, auch Euch danke ich,“ fügte ſie, ſich an Gabriel wendend, bei.„Ihr ſeid von den⸗ 272 jenigen, von denen Meiſter Paré ſprach, und deren Ergebenheit geprüft iſt. Seid alſo hier, ich bitte Euch, um Euren erhabenen Freund durch Eure Gegenwart zu unterſtützen.“ „Ich werde hier ſein, Madame,“ antwortete Gabriel. Und er entfernte ſich mit dem Arzt, nachdem er ſich vor der Königin und dem Cardinal verbeugt hatte. „Und ich werde auch da ſein!“ ſagte zu ſich ſelbſt Catharina von Medicis vor der Thüre, wo ſie lauerte. „Ja, ich werde da ſein; denn dieſer Paré iſt bei ſeiner Geſchicklichkeit im Stand, den König zu retten und ſeine Partie, den Prinzen und mich ſelbſt ins Verder⸗ zu ſtürzen, der Dummkopf!. Doch ich werde da ein.“ XXX. Gut gehüteter Schlaf. Catharina von Medicis ſpähte noch einige Zeit, obgleich in dem königlichen Gemach außer Maria Stu⸗ art und dem Cardinal Niemand mehr war; doch ſie hörte und ſah nichts Intereſſantes mehr. Die Königin ließ Franz den beruhigenden Trank nehmen, und der Kranke ſchien nach dem Verſprechen von Ambroiſe Paré ſogleich ſanfter zu ſchlafen. Alles verſank ſodann in ein Still⸗ ſchweigen. In einem Lehnſtuhl ſitzend dachte der Car⸗ dinal nach; Maria kniete und betete. Die Königin Mutter zog ſich ſachte in ihre Woh⸗ nung zurück, um wie der Cardinal nachzudenken. Wenn ſie indeſſen noch einige Augenblicke länger geb Din Gel wac Kör und etw wer den Bei ſich eit, tu⸗ rte nke eich ill⸗ ar⸗ ger ieß 273 geblieben wäre, würde ſie ihrer wahrhaft würdigen Dingen beigewohnt haben. Maria Stuart erhob ſich aus ihrem inbrünſtigen Gebet und ſprach zum Cardinal: „Nichts hält Euch hier zurück, um mit mir zu wachen, mein Oheim, da ich bis zum Erwachen des Königs da zu bleiben gedenke. Dayelle, die Aerzte und die Leute vom Dienſt würden genügen, ſollte man etwas brauchen. Ihr koͤnnt alſo ausruhen, und ich werde Euch benachrichtigen laſſen, wenn es nöthig iſt.“ „Nein,“ ſprach der Cardinal,„der Herzog von Guiſe, den die Beſorgung vieler Geſchäfte bis jetzt auf den Beinen halten mußte, hat mir geſagt, er würde, ehe er ſich niederlegte, hierherkommen, um ſich nach dem König zu erkundigen, und ich habe ihm verſprochen, ihn hier zu erwarten... Ab! Madame, iſt es nicht gerade ſein Tritt, was ich höre?“ „Oh! er mache kein Geräuſch!“ rief Maria, die dem Balafré entgegenlief, um ihn zu warnen. Der Herzog von Guiſe trat in der That ganz bleich und bewegt ein. Er grüßte die Königin, doch in ſeiner Unruhe erkundigte er ſich entfernt nicht nach dem König, ſondern ging gerade auf ſeinen Bruder zu und nahm dieſen beiſeit in eine Fenſtervertiefung. „Eine furchtbare Kunde, ein wahrer Donnerſchlag!“ ſagte er zum Eingang. „Was gibt es denn wieder?“ fragte Karl von Lothringen. „Der Connetable von Montmorenecy iſt von Chan⸗ tilly mit fünfzehnhundert Edelleuten aufgebrochen,“ant⸗ wortete der Herzog von Guiſe.„Um ſeinen Marſch beſſer zu verbergen, hat er Paris vermieden und iſt, von Ecouen und Corbeil kommend, durch das Thal von Eſſonne nach Pithiviers gezogen. Er wird morgen mit ſeiner Truppe vor den Thoren von Orleans ſein; darüber habe ich Kunde erhalten.“ „Das iſt in der That ſchrecklich!“ ſprach der Car⸗ 274 dinal;„der alte Fuchs will den Kopf ſeines Neffen retten. Ich wette, daß es abermals die Königin Mutter iſt, die ihn davon hat in Kenntniß ſetzen laſſen! Oh! daß man nichts gegen dieſe Frau vermag!“ „Es iſt jetzt nicht der Augenblick, gegen ſie zu han⸗ deln, ſondern für uns zu handeln,“ entgegnete der Ba⸗ lafre.„Was ſollen wir thun?“ „Zieht mit den Unſrigen dem Connetable ent⸗ gegen.“ „Steht Ihr mir dafür, daß Ihr Orleans im Zaum haltet, wenn ich mit meinen Streitkräften nicht mehr hier bin?“ fragte der Herzog. „Ach! nein, das iſt wahr,“ erwiederte der Cardinal.„Alle dieſe Leute von Orleans ſind ſchlecht, Hugenotten und Bourbonen in ihrem Innern. Aber wir haben wenigſtens die Stände für uns.“ „Und l'Hopital gegen uns, bedenkt das wohl, mein Bruder. Ah! die Stellung iſt ſehr ſchwierig! Wie geht es dem König?“ ſagte er endlich, als ihn die Gefahr an ſein letztes Mittel erinnerte. „Dem König geht es ſehr ſchlecht,“ antwortete Karl von Lothringen;„doch Ambroiſe Paré, der auf die Ein⸗ ladung der Königin(ich werde Euch das erklären) nach Orleans gekommen iſt, hofft ihn noch morgen früh durch eine gewagte, aber nothwendige Operation, welche glück⸗ liche Reſultate haben kann, zu retten. Seid alſo um neun Uhr hier, mein Bruder, um Ambroiſe im Nothfall zu unterſtützen.“ „Gewiß!“ erwiederte der Balafré,„denn hierauf beruht unſere einzige Hoffnung. Unſer Anſehen würde auf der Stelle mit Franz 1I. erlöſchen, und es wäre doch gut, den Connetable dadurch zu erſchrecken und viel⸗ leicht zum Zurückkehren zu bringen, daß man ihm den Kopf ſeines Neffen überſchicken würde!“ Ja, das wäre beredt, und es iſt auch meine An⸗ ſicht,“ ſprach der Cardinal nachdenkend. X5 im er ht, ir ein eht hr arl in⸗ ach rch ick⸗ um all auf rde och iel⸗ den 275 „Aber dieſer verfluchte[Hopital hält Alles auf,“ verſetzte der Balafré. „Wenn wir ſtatt ſeiner Unterſchrift auf dem Urtheils⸗ ſpruch des Prinzen die des Königs hätten, nicht wahr, mein Bruder, dann vermöchte ſich nichts zu widerſetzen, daß die Hinrichtung morgen früh vor der Ankunft von Montmorency, vor dem Verſuch von Ambroiſe Paré ſtattfände?“ „Es wäre nicht gerade ſehr geſetzlich, aber es wäre möglich.“ „Wohl!“ ſprach lebhaft Karl von Lothringen,„ſo laßt mich hier, mein Bruder,... Ihr habt für dieſe Nacht nichts zu thun, und Ihr müßt der Ruhe bedürfen; es hat zwei Uhr auf der Glocke des Amthauſes ge⸗ ſchlagen. Ihr müßt Eure Kräfte für morgen aufſparen; entfernt Euch und laßt mich: ich will auch die ver⸗ zweifelte Kur unſeres Glückes verſuchen.“ „Was meint Ihr damit?“ fragte der Herzog von Guiſe.„Thut nichts Entſcheidendes, mein Herr Bruder, ohne Euch wenigſtens mit mir zu berathen.“ „Seid unbeſorgt, wenn ich habe, was ich haben will, werde ich Euch morgen vor Tagesanbruch wecken, um mich mit Euch zu verſtändigen.“ „Gut!“ ſagte der Balafré;„auf dieſe Verſicherung entferne ich mich, denn es iſt wahr, ich bin erſchöpſt. Doch nur vorſichtig!“ Er richtete an Maria Stuart noch einige Worte des Beileids und ging, von dieſer gebeten, mit ſo wenig als möglich Geräuſch hinaus. Der Cardinal ſetzte ſich indeſſen an einen Tiſch und nahm eine Abſchrift von dem Spruch der Commiſſion, deſſen Ausfertigung er bei ſich behalten hatte. Sobald dies geſchehen war, ſtand er auf und ging gegen das Bett des Königs. Maria Stuart erhob ſich vor ihm und hielt ihn durch eine Geberde zurück. — 276 „Wohin geht Ihr?“ ſagte ſie mit leiſem und dennoch feſtem und ſchon zornigem Tone zu ihm. „Madame,“ antwortete der Cardinal,„es iſt wichtig, es iſt unerläßlich, daß der König dieſes Papier unter⸗ zeichnet.“ „Das Wichtigſte, das Unerläßlichſte iſt, daß der König ruhig ſchläft.“ „Seinen Namen unter dieſe Schrift, Madame, und ich werde ihn nicht mehr beläſtigen.“ „Aber Ihr werdet ihn aufwecken,“ entgegnete bie Königin,„und das will ich nicht. Ueberdies iſt er in dieſem Augenblick unfähig, die Feder zu halten.“ „Ich werde ſie für ihn halten,“ erwiederte Karl von Lothringen „Ich habe Euch ſchon geſagt: Ich will nicht!“ ſprach Maria Stuart mit gebietendem Weſen. Erſtaunt über dieſes Hinderniß, an das er nicht gedacht hatte, hielt der Cardinal einen Augenblick inne; ſ aber fuhr er mit ſeinem einſchmeichelnden Tone ort: „Hört mich, Madame, meine liebe Nichte, hört mich. Ich will Euch ſagen, um was es ſich handelt: Ihr begreift, daß ich die Ruhe des Königs achten würde, wenn ich nicht durch die ernſteſte Nothwendigkeit ge⸗ zwungen wäre. Es handelt ſich um unſer Glück und um das Eurige, um unſer Heil und um das Eurige. Hört mich wohl, dieſes Papier muß vom König vor Tagesanbruch unterzeichnet ſein, oder wir ſind verloren, verloren, ich geſtehe es Euch.“ „Das geht mich nichts an,“ entgegnete ruhig Maria. „Doch, ich wiederhole Euch, unſer Ruin iſt auch Euer Ruin, Ihr Kind, das Ihr ſeid!“ „Nun, was liegt mir daran? kümmere ich mich um Eure ehrgeizigen Beſtrebungen? Mein Ehrgeiz beſteht darin, daß ich denjenigen rette, welchen ich liebe, daß ich ſein Leben erhalte, wenn ich kann, und mittler⸗ 1e 277 weile ſeine koſtbare Ruhe hüte. Meiſter Paré hat mir den Schlaf des Königs anvertraut. Ich verbiete Euch, ihn zu ſtören, mein Herr. Hört Ihr wohl, ich ver⸗ biete es Euch! Stirbt der König, ſo ſtirbt mein König⸗ thum, das iſt mir gleichgültig! Doch ſo lange ihm ein Lebenshauch bleibt, werde ich dieſen letzten Hauch gegen die haſſenswerthen Forderungen Eurer Hofintriguen ſchützen. Mein Oheim, ich habe mehr, als ich es hätte wohlethun ſollen, dazu beigetragen, in Euren Händen die Macht zu befeſtigen, ſo lange mein Franz ſich wohl befand; doch ich nehme dieſe Macht ganz und gar zu⸗ rück, ſobald es ſich darum handelt, den letzten Stunden der Ruhe, die ihm Gott vielleicht in en Leben ge⸗ währt, Achtung zu verſchaffen. Der König bedarf morgen, wie Meiſter Ambroiſe Paré ſagt, der wenigen Kräfte, die ihm noch bleiben. Niemand in der Welt, unter welchem Vorwand es auch ſein mag, wird ihm ein Theilchen von dieſem erquickenden Schlaf rauben. „Aber wenn der Beweggrund ſo ernſt und dringend iſt?“ verſetzte der Cardinal. „Niemand, unter welchem Vorwand es auch ſein mag, wird den König aufwecken,“ ſprach Maria. „Ah! es muß ſein!“ entgegnete Karl von Loth⸗ ringen, der ſich am Ende ſchämte, ſo lange einzig und allein durch den Widerſtand eines Kindes, ſeiner Nichte, aufgehalten zu werden.„Die Staatsintereſſen, Ma⸗ dame, fügen ſich nicht in dieſe Dinge des Gefühls. Ich muß die Unterſchrift des Königs nothwendig auf der Stelle haben, und ich werde ſie haben.“ „Ihr werdet ſie nicht haben, Herr Cardinal.“ Der Cardinal machte einen Schritt gegen das Bett des Königs. Doch abermals ſtellte ſich Maria Stuart vor ihn und verſperrte ihm den Weg. Die Königin und der Miniſter ſchauten ich ein⸗ ander ins Angeſicht, die Eine eben ſo zitternd und ſo zornig als der Andere. 5 * 278 „Ich werde vorübergehen,“ ſprach Karl von Loth⸗ ringen mit kurzem Tone. „Ihr wagt es, Hand an mich zu legen, mein Herr?“ „Meine Nichte!... „Nicht mehr Eure Nichte, Eure Königin!“ Dies wurde mit einem ſo feſten, ſo würdigen und ſo königlichen Ton geſprochen, daß der Cardinal ver⸗ blüfft zurückwich. „Ja, Eure Königin!“ ſprach Maria,„und wenn Ihr noch einen Schritt, eine Geberde macht, werde ich, während Ihr zum König geht, zur Thüre gehen; ich werde diejenigen rufen, welche dort wachen müſſen, und obgleich Ihr mein Oheim, obgleich Ihr Miniſter, obgleich Ihr Cardinal ſeid, werde ich, die Königin, be⸗ fehlen, daß man Euch als des Verbrechens der Maje⸗ ſtätsbeleidigung ſchuldig verhaftet.“ „Ein ſolches Aergerniß!...“ murmelte der Car⸗ dinal erſchrocken. „Wer von uns wird es gewollt haben, mein S Das funkelnde Auge, der wogende Buſen, die ganze entſchiedene Haltung der Königin ſagten hinrei⸗ chend, ſie würde ihre Drohung verwirklichen. Und dann war ſie ſo ſchön, ſo ſtolz, und zu glei⸗ cher Zeit ſo rührend, daß der Prieſter mit dem ehernen Herzen ſich beſiegt und erſchüttert fühlte. Der Mann gab dem Kinde nach; die Staatsraiſon gehorchte dem Schrei der Natur. „Gut!“ ſagte der Cardinal, tief ſeufzend,„ich werde warten, bis der König aufwacht.“ „Ich danke!“ ſprach Maria, zu dem ſanften und traurigen Ton zurückkehrend, der ihr ſeit der Krankheit des Königs zur Gewohnheit geworden war. „Wenn er im Stande iſt, Euch zu hören und zu „Doch wenigſtens wenn er erwacht iſt. 4 fügte von Lothringen bei. * id r⸗ in h, ch n, r e⸗ e⸗ 279 befriedigen, mein Oheim, ſo werde ich es nicht ver⸗ hindern.“ Der Cardinal mäßte ſich wohl mit dieſem Ver⸗ ſprechen begnügen. Er ſetzte ſich wieder an ſeinen Tiſch und Maria kehrte an ihr Betpult zurück, er wartend, ſie hoffend. Doch die langſamen Stunden dieſer Nacht gingen vorüber, ohne daß Franz II. erwachte. Das Verſpre⸗ chen von Ambroiſe Paré war kein leeres geweſen; ſeit vielen Nächten hatte der König keinen ſo tiefen und langen Schlaf gehabt. Von Zeit zu Zeit machte er wohl eine Bewegung, ließ er eine Klage vernehmen, ſprach ex ein Wort aus, einen Namen beſonders: den von Maria. Doch beinahe ſogleich verſank er wieder in die Schlaf⸗ trunkenheit.. und der Cardinal, der ſich haſtig er⸗ hoben hatte, mußte getäuſcht wieder an ſeinen Platz zurückkehren. Er zerknitterte ſodann voll Ungeduld in ſeiner Hand dieſen unnützen Spruch, dieſen unſeligen Urtheilsſpruch, der vielleicht ohne die Unterſchrift des Königs der ſeinige wurde. So ſah er allmälig die Kerzen niederbrennen und erbleichen und die kalte Morgendämmerung des Decem⸗ bers vor den Fenſtern erſcheinen. Als es acht Uhr ſchlug, bewegte ſich der König, öffnete er die Augen und rief: „Maria! biſt Du da, Maria?“ „Immer!“ antwortete Maria Stuart. Karl von Lothringen ſtürzte, ſein Papier in der Hand vor. Es war vielleicht noch Zeit! ein Schaffot iſt ſchnell errichtet!... Doch in demſelben Augenblick trat Catharina von Medicis durch ihre Thüre in das königliche Gemach. „Zu ſpät!“ ſagte der Cardinal zu ſich ſelbſt.„Ah! das Glück verläßt uns, und wenn Ambroiſe den König nicht rettet, ſind wir verloren.“ XIII. Das Sterbebett der Rönige. Die Königin Mutter hatte mittlerweile ihre Zeit nicht verloren. Sie ſchickte zuerſt zum König von Na⸗ varra den Cardinal von Tournon, ihre Creatur, und brachte ihre geſchriebene Uebereinkunft mit den Boöür⸗ bonen in Ordnung. Dann vor Tagesanbruch empfing ſie den Kanzler PHopital, der ihr die baldige Ankunft in Orleans ihres Verbündeten, des Connetable, mit⸗ theilte. Von ihr benachrichtigt, verſprach l'Hovital, ſich um neun Uhr im großen Saale des Amthauſes einzu⸗ finden, der vor dem Gemach des Königs kam, und dahin ſo viel Parteigänger von Catharina, als er finden könnte, mitzubringen. Endlich ließ die Königin Mutter auf halb neun Uhr Chapelain und ein vaar andere könig⸗ liche Aerzte rufen, deren Mittelmäßigkeit die geborene Feindin des Genies von Ambroiſe Paré war. Als ſie ſo ihre Maßregeln getroffen hatte, trat ſie, wie wir geſehen, zuerſt in das Gemach des Königs, der ſo eben erwacht war. Sie ging gerade auf das Bett ihres Sohnes zu, betrachtete ihn einige Augenblicke den Kopf ſchüttelnd, wie eine ſchmerzlich betrübte Mutter, drückte einen Kuß auf ſeine herabhängende Hand, trock⸗ nete ein paar Thränen und ſetzte ſich ſo, daß ſie ihn beſtändig im Blick hatte. Auch ſie wollte nun, wie Maria Stuart, über dieſem koſtbaren Todeskampf wachen, doch auf ihre Weiſe. Der Herzog von Guiſe krat beinahe in demſelben Augenblick ein. Nachdem er ein paar Worte mit Ma⸗ ria geſprochen hatte, ging er auf ſeinen Bruder zu und fragte ihn: —, 281 „Ihr habt alſo nichts gethan?“ „Ach! ich konnte nichts thun,“ antwortete der Cardinal. „Das Schickſal wendet ſich alſo gegen uns,“ ver⸗ ſetzte der Balafré.,„Man drängt ſich dieſen Morgen im Zimmer von Anton von Navarra.“ „Und Montmorency, habt Ihr Nachricht von ihm?“ „Keine. Vergebens habe ich bis jetzt gewartet.. er hat vielleicht nicht den geraden Weg gewählt. Viel⸗ leicht ſteht er ſchon vor den Thoren der Stadt.“ „Mißlingt Ambroiſe Paré ſeine Operation, dann iſt es aus mit unſerem Gluck!“ verſetzte voll Angſt Karl von Lothringen. Die von Catharina von Medieis benachrichteten Aerzte trafen in dieſer Minute ein. Die Königin Mutter führte ſie ſelbſt an das Bett des Königs, deſſen Leiden und Seufzer wieder be⸗ gannen. Die Aerzte unterſuchten nach und nach ihren könig⸗ lichen Kranken und gruppirten ſich ſodann in einer Ecke, um ſich zu berathen. Chapelain ſchlug Kataplasmen vor, um die Feuchtigkeiten nach Außen zu ziehen; doch die zwei anderen Aerzte ſprachen ſich dafür aus, daß ein gewiſſes zuſammengeſetztes Waſſer in das Ohr ein⸗ geſpritzt werden ſollte. Sie hatten ſich für dieſes letztere Mittel ent⸗ ſchieden, als Ambroiſe Paré, in Begleitung von Gabriel, eintrat. Nachdem er den Zuſtand des Königs geprüft hatte, trat er zu ſeinen Collegen. 2 Ambroiſe Paré, Wundarzt des Herzogs von Guiſe, ein Mann von einem in der Wiſſenſchaft ſchon begrün⸗ deten Ruf, war nun eine Autorität, auf die man jede Rückſicht nehmen mußte. Die Aerzte theilten ihm daher mit, was ſie beſchloſſen hatten. „Das Mittel iſt ungenügend, behaupte ich,“ ſprach 282 Ambroiſe Paré mit lauter Stimme;„doch man muß ſich beeilen, denn das Gehirn wird ſich eher füllen, als ich gedacht hätte.“ „Oh! beeilt Euch alſo in des Himmels Namen!“ rief Maria Stuart, welche dieſe Worte gehört hatte. Die Königin Mutter und die zwei Guiſen näherten ſich nun den Aerzten und miſchten ſich unter ſie. „Meiſter Paré,“ fragte Chapelain,„habt Ihr denn ein Mittel, das beſſer und raſcher wäre, als das unſere?“ „Ja,“ antwortete Paré. „Welches?“ „Man muß den König trepaniren.“ „Den König trepaniren!“ riefen die drei Aerzte ſchauernd. „Worin beſteht dieſe Operation?“ fragte der Her⸗ zog von Guiſe. „Sie iſt noch wenig bekannt, gnädigſter Herr,“ erwiederte der Wundarzt.„Man muß mit einem, von mir erfundenen, Inſtrument, das ich Trepan nenne, auf dem Scheitel, oder vielmehr auf der Seite des Ge⸗ hirns eine Oeffnung von der Weite eines kleinen Gold⸗ ſtückes machen.“ „Barmherziger Gott!“ rief voll Entrüſtung Ca⸗ tharina von Medicis.„Mit dem Eiſen an dem Kopf des Königs arbeiten! Und Ihr würdet das wagen?“ „Ja, Madame,“ antwortete Ambroiſe ganz einfach. „Aber das wäre ein Mord!“ verſetzte Catharina. „Ei! Madame,“ entgegnete Ambroiſe,„den Kopf des Königs mit Wiſſenſchaft und Vorſicht öffnen, heißt das nicht nur das thun, was täglich auf dem Schlacht⸗ feld das blinde und gewaltſame Schwert thut? Und wie viel Wunden heilen wir nicht!“ „Sagt kurz, ſteht Ihr für das Leben des Königs?“ fragte der Cardinal von Lothringen. „Gvott allein hat das Leben und den Tod der Men⸗ ſchen in ſeinen Händen; Ihr wißt das beſſer als ich, 283 6 Herr Cardinal. Alles, was ich verſichern kann, iſt, daß ls hierin die letzte und einzige Hoffnung beſteht, dem König das Leben zu retten. Ja, es iſt die einzige Hoffnung, 1. die einzige Möglichkeit einer Rettung, doch es iſt wenig⸗ ſtens eine Möglichkeit.“ en„Ihr ſagt jedoch, Eure Operation könne gelingen, nicht wahr, Ambroiſe?“ fragte der Balafré.„Sprecht, m habt Ihr ſie ſchon einmal mit Erfolg gemacht?“ 18„Ja, Monſeigneur,“ antwortete Ambroiſe Paré, „noch vor Kurzem an Herrn von Breteſche, Rue de la Harpe, in der rothen Roſe, und dann, um von Dingen zu ſprechen, die Monſeigneur beſſer kennen wird, habe ich ſie bei der Belagerung von Calais an Herrn von te Pienne vorgenommen, der auf der Breſche verwundet worden war.“ Nicht ohne Abſicht erinnerte Ambroiſe Paré den Herzog an Calais, und es gelang ihm auch, denn dieſer war offenbar von ſeinen Worten betroffen. „In der That, ich erinnere mich deſſen,“ ſagte er; e,„ich zögere nun nicht mehr, und gebe meine Einwilli⸗ 8. gung zur Operation.“ „Und ich auch,“ ſprach Maria Stuart, ohne Zweifel 6 durch ihre Liebe erleuchtet. ⸗„Doch ich nicht!“ rief Catharina. 6 pf„Ei! Madame, da man Euch ſagt, es ſei dies unſer einziges Rettungsmittel!“ verſetzte Maria. .„Wer fagt das?“ entgegnete die Königin Mutter. a.„Meiſter Ambroiſe Paré, ein Ketzer! Das iſt aber nicht f die Anſicht der Aerzte.“ t„Nein, Madame,“ ſprach Chapelain,„und dieſe ⸗ Herren und ich proteſtiren gegen das Mittel, das Meiſter ie Paré vorſchlägt.“ Ihr ſeht wohl?“ rief Catharina triumphi⸗ rend. Außer ſich, ging der Balafré auf die Königin ⸗ Mutter zu, führte ſie in eine Fenſtervertiefung und ſagte 284 hier mit leiſer Stimme und die Zähne an einander ge⸗ preßt: „Madame, hört mich, Ihr wollt, daß Euer Sohn ſterbe und Euer Prinz von Condé lebe!. Ihr ſeid mit den Bourbonen und mit den Montmoreney ein⸗ verſtanden!. Der Handel iſt abgeſchloſſen, die Ver⸗ laſſenſchaft zum Voraus getheilt... Ich weiß Alles. Nehmt Euch in Acht! ich weiß Alles, ſage ich Euch.“ Doch Catharina von Medieis gehörte nicht zu den⸗ jenigen, welche man ſo leicht einſchüchtert, und der Her⸗ zog von Guiſe hatte einen falſchen Weg eingeſchlagen. Sie begriff nur um ſo beſſer die Nothwendigkeit, kühn zu handeln, da ihr Feind ſo die Maske vor ihr abwarf. Sie ſchleuderte ihm einen niederſchmetternden Blick zu, entging ihm durch eine raſche Bewegung lief auf die Thüre zu, öffnete ſelbſt beide Flügel und rief: „Herr Kanzler!“ Gemäß den Befehlen, die er erhälten, wartete lHo⸗ pital im großen Saal. Es war hier um ihn verſam⸗ melt, was er von Parteigängern der Königin Mutter und der-Prinzen hatte finden können. Auf den Ruf von Catharina trat er raſch vor, und die Gruppe der adeligen Herren drängte ſich neu⸗ gierig nach der offenen Thüre. „Herr Kanzler,“ ſprach Catharina mit lauter Stimme, um gehört zu werden,„man will zu einer gewaltſamen und verzweifelten Operation an der Perſon des Königs ermächtigen. Meiſter Paré beabſichtigt, ihm mit einem Inſtrument den Kopf zu durchbohren. Ich, ſeine Mutter, proteſtire mit den drei hier gegenwärtigen Aerzten gegen dieſes Verbrechen.... Herr Kanzler, nehmt meine Erklärung zu Protokoll.“ „Schließt dieſe Thüre!“ rief der Herzog von Guiſe. Trotz des Murrens der im großen Saal verſam⸗ melten Cdelleute that Gabriel, was der Herzog befahl. r⸗ n. hn f. u, ie ⸗ er 285 Der Kanzler allein blieb im Gemach des Königs. „Herr Kanzler,“ ſprach nun der Balafré,„erfahrt, daß dieſe Operation, von der man Euch ſagt, noth⸗ wendig iſt, und daß die Königin und ich, der General⸗ lieutenant des Reiches, wenn nicht für die Operation, doch für den Wundarzt ſtehen.“ „Und ich,“ rief Ambroiſe Paré,„ich übernehme in dieſem äußerſten Augenblick jede Verantwortlichkeit, die man mir auferlegen will. Ja, man mag mir mein Leben nehmen, wenn es mir nicht gelingt, das des Königs zu retten. Aber, ach! es iſt die hoͤchſte Zeit! Seht den König! ſeht ihn!“ Leichenbleich, unbeweglich, die Augen erloſchen, ſchien Franz II. in der That nicht mehr zu ſehen, nicht mehr zu hören, nicht mehr zu leben. Er antwortete wever mehr auf die Liebkoſungen, noch auf den Ruf von Maria. 8 „Oh! ja, beeilt Euch! beeilt Euch, im Namen Jeſu!“ ſagte dieſe zu Ambroiſe.„Sucht nur dem König das Leben zu retten, und ich werde das Eurige beſchützen.“ „Ich habe nicht das Recht, etwas zu verhindern, doch es iſt meine Pflicht, die Proteſtation der Frau Königin Mutter zu beſtätigen,“ ſagte der unempfindliche Kanzler. „Herr[Hopital, Ihr ſeid nicht mehr Kanzler,“ ſprach der Herzog von Guiſe mit kaltem Tone.„Beginnt, Ambroiſe“ ſagte er zu dem Wundarzt. „Wir entfernen uns,“ erklärte Chapelain im Namen der Aerzte. „Es ſei,“ erwiederte Ambroiſe,„ich bedarf der größten Ruhe um mich her. Bin ich allein Herr, ſo werde ich auch allein verantwortlich ſein.“ Seit einigen Augenblicken ſprach Catharina von Mediecis nicht ein Wort mehr, machte ſie nicht eine Be⸗ wegung mehr. Sie hatte ſich an das Fenſter zurück⸗ gezogen und ſchaute in den Hof des Amthauſes, wo Die beiden Dianen. W. 19 286 man einen gewaltigen Lärmen vernahm. Doch in der Kriſe dieſer Entwicklung hatte Niemand außer ihr dieſem Lärmen ein Gehör geſchenkt. Alle, und ſelbſt der Kanzler, hefteten ihre Augen auf Ambroiſe Paré, der die erhabene Kaltblütigkeit des großen Wundarztes wieder gewonnen hatte und ſeine Inſtrumente bereit legte. Doch in dem Augenblick, wo er ſich über Franz II. neigte, brach der Tumult im anſtoßenden Saale los. Ein bitteres und zugleich freudiges Lächeln ſchwebte auf den bleichen Lippen von Catharina. Die Thüre öffnete ſich mit Gewalt und der Connetable von Montmorench erſchien in kriegeriſcher Rüſtung und drohend auf der Schwelle. „Ich komme zu gelegener Zeit!.....“ rief der Connetable. „Was ſoll das bedeuten?“ ſprach der Herzog von Guiſe, die Hand an ſein Schwert legend. Gezwungener Weiſe hielt Ambroiſe Paré inne. Zwanzig Edelleute begleiteten Montmorench und ver⸗ breiteten ſich im Gemach. An ſeiner Seite ſah man Anton von Bourbon und den Prinzen von Condé. Mehr noch, die Königin Mutter und l'Hopital ſchloſſen ſich ihm an. Es war nicht einmal mehr möglich, Ge⸗ walt anzuwenden, um Herr im königlichen Gemach zu ſein. „Nun iſt es auch an mir, mich zu entfernen,“ ſagte Ambroiſe in Verzweiflung. „Meiſter Paré,“ rief Maria Stuart,„ich, die Kö⸗ nigin, befehle Euch, die Operation fortzuſetzen!“ „Ei! Madame,“ entgegnete der Wundarzt,„ich habe Euch geſagt, ich bedürfe der größten Ruhe!. Und Ihr ſeht!... Er deutete auf den Connetable und ſein Gefolge. „Herr Chapelain,“ ſagte er zum erſten Arzt,„ver⸗ ſucht Eure Einſpritzung.“ de gl lie er m en es ne . 8. uf ete cy er 287 „Das wäre in einem Augenblick geſchehen,“ erwie⸗ derte Chapelain raſch.„Alles iſt vorbereitet.“ Von ſeinen zwei Collegen unterſtützt, nahm er ſo⸗ gleich die Einſpritzung in das Ohr des Königs vor. Maria Stuart, die Guiſen, Gabriel, Ambroiſe ließen gewähren und ſchwiegen wie verſteinert. Der Connetable allein ſchwatzte albernes Zeug. „So iſt es gut!“ ſagte er befriedigt durch die ge⸗ zwungene Folgſamkeit von Meiſter Paré.„Wenn ich bedenke, daß Ihr nur ſo ohne mich den Kopf des Kö⸗ nigs öffnen wolltet! Man ſchlägt die Könige von Frank⸗ reich nur auf den Schlachtfeldern, ſeht Ihr!... Nur das Eiſen des Feindes allein kann ſie berühren, aber das Eiſen eines Wundarztes nie.“ Und ſich an der Niedergeſchlagenheit des Herzogs von Guiſe ergötzend, fuhr er fort: „Es war Zeit, daß ich ankam, Gott ſei Dank! Ah! meine Herren, Ihr wolltet, wie man mir ſagt, meinem theuren und braven Neffen, dem Prinzen von Condé, den Kopf abſchlagen! Doch Ihr habt den alten Löwen in ſeiner Höhle aufgeweckt, und hier ſteht er! Ich habe den Prinzen befreit, ich habe mit den Stän⸗ den geſprochen, die Ihr unterdrücktet. Ich habe als Connetable die Schildwachen entlaſſen, die Ihr vor die Thore von Orleans ſtelltet. Seit wann iſt es gebräuch⸗ lich, ſo dem König Wachen zu geben, als ob er in der Mitte ſeiner Unterthanen nicht in Sicherheit wäre?. „Von welchem König ſprecht Ihr?“ fragte Am⸗ broiſe Paré;„es wird bald keinen andern König mehr geben, als König Karl IX.; denn Ihr ſeht, meine Herren,“ ſagte er zu den Aerzten,„die Ergießung be⸗ ginnt, die Flüßigkeit dringt in das Gehirn ein.“ Catharina von Medicis ſah bald an der troſtloſen Miene von Ambroiſe Paré, daß jede Hoffnung verloren war. „Euer Reich geht zu Ende, mein Herr,“ ſprach ſie unwillkührlich zum Balafté. 283 Franz erhob ſich in dieſer Sekunde mit einer ungeſtümen Bewegung, riß die Augen weit auf, zitterte mit den Lippen, als wollte er einen Namen ſtammeln, und fiel wieder ſchwerfällig auf ſein Kopfkiſſen zurück. Er war todt. Ambroiſe Paré verkündigte dies durch eine ſchmerz⸗ liche Bewegung den Anweſenden. „Ah! Madame! Madame! Ihr habt Euer Kind getödtet!“ rief Maria Stuart Catharina zu, und ſtürzte ganz verwirrt auf ſie los. Die Königin Mutter umhüllte gleichſam ihre Schwie⸗ gertochter mit einem giftigen, eiſigen Blick, aus welchem aller Haß überſtrömte, den ſie ſeit achtzehn Monaten gegen ſie gebrütet hatte. „Ihr, meine Theure,“ ſagte ſie,„Ihr habt nicht mehr das Recht, ſo zu ſprechen, hört Ihr wohlz denn Ihr ſeid nicht mehr Königin. Ah! doch! Königin in Schottland. Und wir werden Euch ſobald als möglich j. Euren Nebeln zurückſchicken, daß Ihr dort regieren önnt.“ Durch eine unvermeidliche Gegenwirkung fiel Ma⸗ ria Stuart nach dieſem erſten Ausdruck des Schmerzes ſchwach und ſchluchzend an dem Bett, wo der König lag, auf die Kniee nieder. „Frau von Fiesque,“ fuhr ruhig Catharina fort, „holt ſogleich den Herzog von Orleans. Meine Herren,“ ſprach ſie, den Herzog von Guiſe und den Cardinal anſchauend,„die Stände, welche vielleicht vor einer Viertelſtunde noch für Euch waren, ſind jetzt, wie Ihr Euch denken könnt, für uns. Es iſt zwiſchen Herrn von Bourbon und mir verabredet, daß ich Regentin ſein werde, und daß er die Stelle des Generallieutenants des Reiches übernimmt. Doch Ihr, Herr von Guiſe, Ihr ſeid noch der Großmeiſter, erfüllt alſo die Pflicht Eures Amtes und verkündigt den Tod von König Franz M.“ 289 „Der König iſt todt!“ ſprach der Balafré mit dumpfem, tiefem Tone. Der Wappenkönig wiederholte mit lauter Stimme auf der Schwelle des großen Saales nach dem her⸗ kömmlichen Ceremoniel: „Der König iſt todt! der König iſt todt! der König iſt todt! Betet für das Heil ſeiner Seele.“ Und ſogleich rief der erſte Cavalier: „Es lebe der König!“ In demſelben Augenblick führte Frau von Fiesque den Herzog von Orleans zu der Königin Mutter; dieſe nahm ihn bei der Hand, ging mit ihm hinaus und zeigte ihn den Höflingen, welche um ſie her riefen: „Es lebe unſer guter König Karl IX.!“ „Unſer Glück hat geſtrandet!“ ſprach traurig der Cardinal zu ſeinem Bruder, der mit ihm allein zurück⸗ geblieben war. „Das unſere vielleicht, aber nicht das unſerer Fa⸗ milie,“ erwiederte der Ehrgeizige.„Ich muß nun darauf bedacht ſein, meinem Sohn Mittel und Wege zu bereiten.“ „Wie mit der Königin Mutter wieder anknüpfen?“ fragte Karl von Lothringen nachdenkend. „Laſſen wir Catharina ſich mit ihren Bourbonen en Hugenotten entzweien,“ erwiederte der Ba⸗ afré. Fortſprechend, verließen ſie durch eine Geheimthüre das Gemach. „Ach! ach!“ murmelte Maria Stuart, die eiſige Hand von Franz M. küſſend,„Niemand weint hier als ich; oh! das arme Herzkind hat mich ſo ſehr geliebt!“ „Und ich, Madame,“ ſprach vortretend, die Augen von Thränen gefüllt, Gabriel von Montgommery, der bis jetzt auf der Seite geſtanden war. „Oh! ich danke Euch,“ antwortete ihm Maria mit einem Blick, in den ſie ihre ganze Seele legte. „Und ich werde mehr thun, als weinen,“ fuhr mit 290 halber Stimme Gabriel fort, indem er von fern mit zornigem Auge Montgommery folgte, der ſich an der Seite von Catharina von Medicis aufblähte.„Ja, ich werde ihn vielleicht rächen und das unvollendete Werk meiner eigenen Rache wieder aufnehmen; da dieſer Con⸗ netable abermals mächtig geworden, ſo iſt der Streit zwiſchen uns noch nicht beendigt.“ Ach! ſogar Gabriel bewahrte in Gegenwart dieſes Todten einen perſönlichen Gedanken. Regnier la Planche hat entſchieden Recht, wenn er ſagt:„Es iſt ſchlimm, König zu ſein, des Sterbens wegen.“ Er hat ohne Zweifel nicht minder Recht, wenn er beifügt: „Während dieſer Regierung von Franz II. diente Frankreich als Schaubühne, auf der mehrere furcht⸗ bare Tragödien geſpielt wurden, welche die Nachwelt mit Recht zugleich bewundern und verabſcheuen wird.“ XXXIl. Frankreich lebe wohl! Acht Monate nach dem Tod von Franz II., am 15. Auguſt 1591, war Maria Stuart im Begriff, ſich in Calais nach ihrem Königreich Schottland einzu⸗ ſchiffen. Dieſe acht Monate hatte ſie Tag für Tag, und ſo zu ſagen Stunde für Stunde Catharina von Medicis und ſogar ihren Oheimen ſtreitig gemacht, die es, oö⸗ gleich aus ganz anderen Gründen, auch drängte, ſie it er d is ⸗ ie 291 Frankreich verlaſſen zu ſehen. Doch Maria konnte ſich nicht entſchließen, von dieſem Land zu ſcheiden, wo ſie eine ſo glückliche und geliebte Königin geweſen war. Bis in ihren ſchmerzlichen Erinnerungen, welche ſie an ihren frühzeitigen Witwenſtand mahnten, hatten dieſe theuren Orte für ſie einen Zauber und eine Poeſie, wovon ſie ſich nicht losreißen konnte. Maria Stuart fühlte nicht allein dieſe Poeſie, ſie vrückte ſie auch aus. Sie beweinte nicht nur den Tod von Franz I. wie eine Frau, ſondern ſie beſang ihn wie ein Muſe. Brantome hat uns in ſeiner Bewunde⸗ rung für ſie Klagelieder ihrer Dichtung aufbewahrt, die ſich mit den merkwürdigſten Poeſien jener Zeit verglei⸗ chen laſſen. In Rheims, wohin ſie ſich Anfangs zu ihrem Oheim von Lothringen zurückgezogen hatte, ließ ſie dieſe har⸗ moniſche und rührende Klage entſtrömen. Sie blieb bis am Ende des Frühjahrs in der Champagne. Dann forderten die religisſen Unruhen, welche in Schottland ausgebrochen waren, ihre Gegenwart in dieſem Lande. Die beinahe leidenſchaftliche Bewunderung, welche, noch ein Kind, Carl IX. äußerte, wenn er von ſeiner Schwä⸗ gerin ſprach, beunruhigte andererſeits die argwöhniſche Regentin Catharina. Maria Stuart mußte ſich alſo zur Abreiſe entſchließen. Sie kam im Monat Juli, um Abſchied zu nehmen, an den Hof von Saint⸗Germain, und die Zeichen der Ergebenheit, beinahe der Anbetung, die ſie hier em⸗ pfing, vermehrten noch wo möglich ihren bittern Kummer. Ihr Witthum, das man ihr auf die Touraine und auf Poitou anwies, war auf eine Rente von zwanzig tauſend Livres feſtgeſtellt; ſie nahm auch nach Schott⸗ land reiche Juwelen mit, und dieſe Beute konnte einen Seeräuber in Verſuchung führen. Man befürchtete da⸗ bei für ſie eine Gewaltthat von Eliſabeth von Eng⸗ land, welche in der jungen Königin von Schottland eine Nebenbuhlerin ſah. Viele Edelleute boteu ſich da⸗ 292 her an, Maria bis in ihr Königreich zu geleiten, und als ſie nach Calais kam, ſah ſie ſich nicht nur von ihren Oheimen, ſondern auch von den Herren von Nemours, von Damville, von Brantome, kurz von dem beſten Theil dieſes ſo eleganten und ritterlichen Hofes um⸗ eben. 5 Maria fand im Hafen von Calais zwei Galeeren, die, ganz bereit auf ihren erſten Befehl, ihrer harrten. Doch ſie blieb noch ſechs Tage in Calais, ſo viel Mühe hatten diejenigen, welche ſie bis dahin begleitet, als ſie am Ziel angekommen waren, ſich von ihr zu trennen. Endlich wurde der 15. Auguſt, wie geſagt, für ihre Abreiſe beſtimmt. Das Wetter war an dieſem Tag trübe und traurig, doch ohne Wind und ohne Regen. Auf der Küſte ſelbſt und auf dem Brett des Schif⸗ fes, das ſie hinübertragen ſollte, wollte Maria, um al⸗ len denen, welche ſie bis an die Gränzen des Vaterlan⸗ des begleitet hatten, zu danken, Jedem ihre Hand zum letzten Lebewohl zu küſſen geben. — Alle kamen traurig und ehrfurchtsvoll, knieten nach und nach vor ihr nieder und drückten ihre Lippen auf dieſe angebetete Hand. Der letzte von Allen war ein Edelmann, der von Saint⸗Germain an das Gefolge von Maria nicht ver⸗ laſſen hatte, der aber verborgen durch ſeinen Mantel und ſeinen Hut zurückgeblieben war, ohne ſich Jemand zu zeigen oder mit Jemand zu ſprechen. Als er aber, ſeinen Hut in der Hand, auch vor der Königin niederkniete, erkannte Maria Gabriel von Montgommery. „Wie! Ihr ſeid es, Graf?“ ſagte ſie.„Ah! ich fühle michsglücklich, Euch noch einmal zu ſehen, treuer Freund, der Ihr mit mir meinen todten König beweint habt. Doch warum habt Ihr Euch mir nicht gezeigt, wenn Ihr unter dieſen wackeren Edelleuten waret?“ „Es war für mich ein Bedürfniß, Euch zu ſehen und nicht geſehen zu werden,“ antwortete Gabriel.„In ſie re ag f⸗ ⸗ n⸗ uf n r⸗ el d 293 meiner Einſamkeit ſammelte ich beſſer meine Erinnerun⸗ gen, genoß ich inniger die Süßigkeit, die es mir bot, daß ich für Euch eine ſo theure Pflicht erfüllen durfte.“ „Noch einmal danke ich Euch für dieſen letzten Be⸗ weis von Anhänglichkeit, Herr Graf,“ ſprach Maria. „Gern möchte ich Euch meine Dankbarkeit beſſer als durch Worte beweiſen können. Doch ich vermag nichts mehr, und wenn es Euch nicht gefällt, mir mit den Herren Damville und Brantome nach meinem armen Schottland zu folgen... „Ah! das wäre mein glühendſter Wunſch,“ rief Gabriel;„doch ein anderer Ruf hält mich in Frank⸗ reich zurück. Eine Perſon, die mir eben ſo theuer und heilig iſt, und die ich ſeit zwei Jahren nicht mehr ge⸗ ſehen habe, erwartet mich zu dieſer Stunde...“ „Solltet Ihr Diana von Caſtro meinen?“ fragte Maria lebhaft. „Ja, Madame. Durch eine Kunde, die ich im vo⸗ rigen Monat in Paris erhielt, hat ſie mich auf heute den 15. Auguſt nach Saint⸗Quentin beſchieden. Ich werde erſt morgen ankommen; doch was auch der Be⸗ weggrund ſein mag, aus dem ſie mich beruft, ſie wird mir verzeihen, deſſen bin ich ſicher, wenn ſie erfährt, daß ich Euch erſt in dem Angenblick verlaſſen wollte, wo Ihr Frankreich verließet.“ „Theure Diana!“ ſprach Maria nachdenkend,„ja, ſie hat mich auch geliebt und ſie iſt für mich eine Schweſter geweſen. Ich bitte, Herr von Montgommery, übergebt Ihr zum Andenken an mich dieſen Ring und verfügt Euch ſchnell zu ihr; ſie bedarf Eurer vielleicht, und ſobald es ſich um ſie handelt, will ich Euch nicht zurückhalten. Lebet wohl. Lebet wohl, meine Freunde, lebet Alle wohl. Man erwartet mich. Ich muß von hinnen, ach! ich muß.“ Sie entriß ſich denen, die ſich abermals um ſie her drängten, ſetzte den Fuß auf das Brett des Schiffes und ging auf die Galeere von Herrn von Mevillon, ge⸗ 294 folgt von den beneideten Edelleuten, die ſie bis Schott⸗ land begleiten ſollten. Doch wie Schottland Maria nicht für Frankreich tröſten konnte, ſo konnten die, welche mit ihr gingen, ſie die, welche ſie verließen, nicht vergeſſen machen. Dieſe waren es auch, welche ſie am meiſten zu lieben ſchien. Auf dem Vordertheil der Galeere ſtehend, grüßte ſie unabläßig mit ihrem Sacktuch, mit dem ſie ihre Thrä⸗ nen trocknete, die Verwandten und Freunde, die ſie am Ufer zurückließ. Endlich kam ſie auf die hohe See, und ihr Blick wurde unwillkührlich von einem Schiff angezogen, das nach dem Hafen zurückkehrte, aus dem ihre Galeere ausgelaufen warz ſie folgte ihm mit den Augen, ſeine Beſtimmung beneidend, als ſich plötzlich das Schiff vor⸗ wärts neigte, als hätte es einen Stoß von unten be⸗ kommen, und von ſeinem Kiel bis zu ſeinen Maſten zitternd unter dem Geſchrei ſeiner Mannſchaft in das Meer zu verſinken anſing; was ſo ſchnell geſchah, daß es verſchwunden war, ehe Herr von Mevillon ſeine Barke, um ihm Hülfe zu bringen, hatte ausſetzen kön⸗ nen. Einen Augenblick ſah man an der Stelle, wo das Schiff verſunken war, einige ſchwarze Punkte obenauf ſchwimmen, welche ſich kurze Zeit auf der Oberfläche des Waſſers hielten und dann nach einander unterſanken, ehe man ſie erreichen konnte, obgleich man mit aller An⸗ ſtrengung ruderte; ſo daß die Barke zurückkehrte, ohne daß ſie einen einzigen Schiffbrüchigen zu retten im Stande geweſen war. „O mein Gott und Herr!“ rief Maria,„welch ein ſchlimmes Vorzeichen für meine Reiſe!“ Während dieſer Zeit kühlte der Wind auf und das Schiff fing an unter den Segeln zu gehen, was der Rudermannſchaft auszuruhen geſtattete. Als Maria ſah, daß ſie ſich raſch vom Ufer entfernte, ſtützte ſie ſich auf die Wand am Hintertheil, die Augen nach r e⸗ 295 dem Hafen gerichtet, den Blick verdunkelt durch ſchwere Thränen und unabläßig wiederholend: „O Frankreich, lebe wohl!“ So blieb ſie beinahe fünf Stunden, nämlich bis zu dem Augenblick, wo es Nacht wurde, und ohne Zwei⸗ fel hätte ſie ſelbſt nicht daran gedacht, ſich zurückzu⸗ ziehen, würde ihr nicht Brantome gemeldet haben, man erwarte ſie beim Abendbrod. Thränen und Schluchzen verdoppelnd, ſprach ſie ſo⸗ dann: „Zu dieſer Stunde, mein theures Frankreich, verliere ich dich vollends ganz, da die Nacht, eiferſüchtig auf mein Glück, ihren ſchwarzen Schleier vor meine Augen hängt, um mich dieſes Guts zu berauben. Lebe wohl alſo, mein geliebtes Frankreich, ich werde dich nie wiederſehen!“ Hierauf bedeutete ſie Brantome durch ein Zeichen, ſie würde hinter ihm hinabſteigen, nahm eine Schreib⸗ tafel, zog einen Bleiſtift hervor, ſetzte ſich auf eine Bank und ſchrieb beim letzten Schimmer des Tags fol⸗ gende ſo bekannte Verſe: Leb' wohl, du holdes Vaterland, Du heilig Band, Du meiner Kindheit Heimathland! Ihr ſchönen Tage wohl auch euch! Leb' wohl geliebtes Frankenreich! Das Schiff kann mich von dir nicht trennen, Denn meine Hälfte nur iſt ſein, Die andre ſollſt in Freundſchaft nennen, O Frankreich, ewig bleibt ſie dein. Endlich ſtieg ſie hinab und näherte ſich den Tiſch⸗ genoſſen, die ihrer harrten. „Ich habe das Gegentheil von der Königin von Carthago gethan,“ ſagte ſie;„denn Dido, als ſie Aeneas verließ, ſchaute unabläßig die Wellen an, während ich 296 pi mit den Augen nicht von der Erde losreißen onnte.“ Man lud ſie ein, ſich zu ſetzen und zu Nacht zu ſpeiſen, doch ſie wollte nichts zu ſich nehmen; ſie zog ſich in ihr Zimmer zurück, und empfahl dem Boots⸗ mann am Steuerruder, ſie bei Tagesanbruch zu wecken, würde man noch etwas vom Lande ſehen. Von dieſer Seite begünſtigte wenigſtens das Glück die arme Maria; denn der Wind ſiel und das Schiff ging die ganze Nacht nur mit Hülfe der Ruder, ſo daß man, als der Tag kam, noch im Angeſicht von Frankreich war. Der Bootsmann trat alſo in das Zimmer der Kö⸗ nigin ein, wie ſie es ihm befohlen hatte, aber er fand ſie ſchon wach auf ihrem Bette ſitzend und durch das offene Fenſter nach dem geliebten Ufer ſchauend. Dieſe Freude war indeſſen nicht von langer Dauer, denn bald verlor man Frankreich aus dem Geſicht. Maria hatte nur noch eine Hoffnung: man würde in der Ferne die engliſche Flotte erblicken und umzukehren genöthigt ſein. Doch auch dieſe letzte Hoffnung entging ihr wie die anderen: es breitete ſich über dem Meer ein ſo dicker Nebel aus, daß man nicht von einem Ende der Galeere bis zum andern ſehen konnte, und dies geſchah wie durch ein Wunder, da man mitten im Sommer war. Man ſchiffte alſo auf den Zufall und auf die Gefahr, einen falſchen Weg zu machen, vermied es aber zugleich, vom Feind geſehen zu werden. Am dritten Tag verſchwand wirklich der Nebel und man befand ſich mitten unter Felſen, wo die Galeere geſcheitert ſein müßte, wäre man noch zwei Kabellängen weiter gefahren. Der Steuermann nahm die Höhe, er⸗ kannte, daß man ſich an der Küſte von Schottland be⸗ fand, lenkte das Schiff ſehr geſchickt aus den Riffen heraus, zwiſchen die es gelaufen war, und landete in Leith unfern von Edinburgh. lai ihr ſer lic in r, t. in en g in er h er ie er id re n r⸗ e⸗ en in 297 Die Schöngeiſter, welche Maria begleiteten, ſag⸗ ten, man ſei bei einem Nebel in einem nebeligen und benebelten*) Lande ausgeſtiegen. Maria wurde durchaus nicht erwartet; um Edin⸗ burgh zu erreichen, mußte ſie ſich auch für ſich und ihr Gefolge mit armſeligen, ſchlecht geſchirrten Eſeln be⸗ gnügen, von denen einige nicht geſattelt waren und als Zaum und Steigbügel nur Stricke hatten. Maria konnte nicht umhin, dieſe kläglichen Thiere mit den herrlichen Roſſen in Frankreich zu vergleichen, die ſie bei den Jagden und Turnieren tummeln zu ſehen ge⸗ wohnt war. Sie vergoß abermals Thränen des Kum⸗ mers, indem ſie das Land, das ſie verließ, mit dem ver⸗ glich, in welches ſie einzog. Bald aber ſuchte ſie mit ihrem anmuthreichen Weſen durch die Thränen zu lä⸗ cheln und ſprach: „Ich muß mein Leiden in Geduld hinnehmen, da ich mein Paradies gegen eine Hölle vertauſcht habe.“ Dies war die Ankunft von Maria Stuart in Schott⸗ land. Wir haben anderswo den Reſt ihres Lebens und ihren Tod erzählt, und wie das ruchloſe England, die⸗ ſer unſelige Henker alles deſſen, was Frankreich Gött⸗ liches beſaß, mit ihr den Liebreiz tödtete, wie es ſchon in Jeanne d'Arc die Inſpiration getödtet hatte, wie es in Napoleon das Genie tödten ſollte. *) In Beziehung auf die damaligen Religionswirren. 298 Schluß. Gabriel kam erſt am 16. Auguſt in Saint⸗Quen⸗ tin an. Am Thor der Stadt fand er Jean Peuquoy, der auf ihn wartete. „Ahl endlich ſeid Ihr da, Herr Graf!“ ſagte der brave Weber.„Ich war feſt überzeugt, Ihr würdet kommen! Zu ſpät, leider zu ſpät!“ „Wie! zu ſpät?“ fragte Gabriel ängſtlich. „Achl ja; beſchied Euch der Brief von Frau Di⸗ ana von Caſtro nicht auf geſtern den 15. Auguſt?“ „Allerdings, doch ohne einen beſonderen Nachdruck auf dieſes Datum zu legen, ohne mir zu ſagen, aus welchem Grund Frau von Caſtro meine Gegenwart for⸗ derte.“ „Nun! Herr Graf,“ ſprach Jean Peuquoy, geſtern am 15. Auguſt hat Frau von Caſtro, oder vielmehr die Schweſter Benie das ewige Gelübde abgelegt, das ſie fortan zur Nonne macht, ohne die Möglichkeit einer Rückkehr in die Welt.“ „Ah!“ rief Gabriel erbleichend. „Und wäret Ihr da geweſen,“ fügte Jean Peuquoy bei,„ſo würde es Euch vielleicht gelungen ſein, das, was nun geſchehen iſt, zu verhindern.“ „Nein,“ erwiederte Gabriel mit finſterer Miene, „nein, ich hätte mich dieſem Plan nicht widerſetzen wollen, können und dürfen. Es war ohne Zweifel die Vorſehung, die mich in Calais zurückhielt! Mein Herz wäre in der That in ſeiner Ohnmacht vor dieſem Opfer r⸗ rn ie ſie er — — —— 299 gebrochen, und die arme theure Seele, die ſich Gott hingab, würde vielleicht durch meine Gegenwart mehr zu leiden gehabt haben, als ſie in dieſem feierlichen Augenblick durch ihre Vereinzelung leiden mußte.“ „Oh! ſie war nicht allein,“ fagte Jean Peugquoy. „Ja,“ erwiederte Gabriel,„Ihr waret da, Jean, und Babette, und die Unglücklichen, und die ihr zu Dank verpflichtet, und ihre Freunde. „Nicht wir allein waren da, Herr Graf: die Schweſter Benie hatte auch ihre Mutter bei ſich.“ „Wie! Frau von Poitiers?“ rief Gabriel. „Ja, Herr Graf, Frau von Poitiers, welche auf einen Brief ihrer Tochter aus ihrer Einſamkeit in Chau⸗ mont herbeieilte, um der Feierlichkeit beizuwohnen, und noch zu dieſer Stunde an der Seite der neuen Nonne verweilen muß.“ „Oh! warum hat Diana von Caſtro dieſe Frau kommen laſſen?“ fragte Gabriel erſchrocken. „Gnädiger Herr, dieſe Frau iſt, wie ſie zu Babette ſagte, im Ganzen ihre Mutter.“ „Gleichviel!“ ſprach Gabriel.„Ich fange an zu glauben, daß ich geſtern hätte hier ſein müſſen. Kam Frau von Poitiers, ſo dürfte dies nicht geſchehen ſein, um das Gute zu thun, um eine Pflicht zu erfüllen. Gehen wir in das Kloſter der Benedictinerinnen: wollt Ihr, Meiſter Jean? Es drängt mich mehr als je, Frau von Caſtro wiederzuſehen. Mir ſcheint, ſie bedarf meiner. Gehen wir geſchwindel“ Ohne Schwierigkeit führte man Gabriel von Mont⸗ gommery, deſſen Ankunft man ſeit dem vorhergehenden Tag erwartete, in das Sprechzimmer des Kloſters. Diana befand ſich ſchon mit ihrer Mutter in dieſem Sprechzimmer. Als Gabriel ſie nach dieſer langen Abweſenheit ſah, fiel er, hingeriſſen von einem unwiderſtehlichen Drang, 300. bleich und düſter vor dem Gitter, das ſie auf immer von einander trennte, auf die Kniee nieder. „Meine Schweſter! meine Schweſter! 4 vermochte er nur zu ſagen. „Mein Bruder!“ erwiederte die Schweſter Benie voll Sanftmuth. Eine Thräne floß langſam üher ihre Wange. Zugleich aber lächelte, ſie wie die Engel lächeln müſſen. Als Gabriel den Kopf ein wenig abwandte, er⸗ blickte er die andere Diana, Frau von Poitiers. Sie lachte, wie die Teufel lachen müſſen. Doch Gabriel lenkte in ſeiner Verachtung alsbald ſüehe zu Schweſter Benie ſeinen Blick und ſeinen Geiſt zurück. „Meine Schweſter!. wiederholte er abermals. voll Inbruſt und Bangen. ₰ Diana von Poitiers ſprach nun kalt: „Mein Herr, ohne Zweifel als Eure Schweſter in„ Jeſu Chriſto begrüßt Ihr mit dieſem Namen diejenige, welche geſtern noch Frau von Caſtro hieß?“ „Was wollt Ihr damit ſagen, Madame? Großer Gott! was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Gabriel, der ſich ganz zitternd erhob. Diana von Poitiersſwandte ſich, ohne ihm unmittel⸗ bar zu antworten, an ihre Tochter und ſagte; „Mein Kind, ich glaube der Augenblick iſt gekom⸗ men, Euch das Geheimniß zu enthüllen, von dem ich geſtern ſprach, und das mir, wie mir ſcheint, Euch län⸗ ger zu verbergen meine Pflicht verbietet.“ „Oh! was iſt das?“ rief Gabriel ganz beftürzt. „Mein Kind,“ fuhr Frau von Poitiers ruhig fort, „ich habe, wie ich Euch geſagt, nicht allein um Euch zu ſegnen, die Einſamkeit verlaſſen, in der ich, Dank ſei es Herrn von Montgommery, ſeit beinahe zwei Jahren lebe. Seht keine Ironie in meinen Worten, mein Herr,“ ſagte ſie mit ſpöttiſchem Ton, um eine Bewegung ner 4 nie ge. en. er⸗ ie ald eiſt als in ge⸗ ßer iel, el⸗ n ich in⸗ rt, ſei en ng 301 von Gabriel zu erwiedern.„Ich weiß Euch wahrhaftig Dank dafür, daß Ihr mich mit Gewalt einer gottloſen und verderblichen Welt entriſſen habt. Ich bin nun glücklich, die Gnade hat mich berührt und die Liebe zu Gott erfüllt mein ganzes Herz. Um Euch erkenntlich zu ſein, will ich Euch eine Sünde, vielleicht ein Ver⸗ brechen erſparen.“ „Oh! was iſt das?“ fragte nun Schweſter Benie bebend. „Mein Kind,“ fuhr Diana von Poitiers mit ihrer hölliſchen Kaltblütigkeit fort,„ich bilde mir ein, ich hätte geſtern mit einem Wort das heilige Gelübde, das Ihr auszuſprechen im Begriff waret, auf Euren Lippen zurück⸗ halten können. Doch geziemte es ſich für mich, die arme Sünderin, die ich mich ſo glücklich fühle, von den ir⸗ diſchen Banden befreit zu ſein, geziemte es ſich für mich, Gott eine Seele zu entziehen, die ſich ihm frei und keuſch hingab? Nein! und ich ſchwieg.“ „Ich wage es nicht, zu errathen! ich wage es nicht!“ flüſterte Gabriel. „Heute, mein Kind,“ fuhr die Exfavoritin fort, „heute breche ich das Stillſchweigen, weil ich an dem Schmerz und der Inbrunſt von Herrn von Montgom⸗ mery ſehe, daß Ihr noch ſein ganzes Weſen beſitzt. Doch er muß Euch vergeſſen, er muß es. Und wenn er ſich fortwährend in der Täuſchung wiegte, Ihr könnet ſeine Schweſter, die Tochter des Grafen von Montgommery ſein, ſo würde er wohl ohne Gewiſſensbiſſe ſeine Erin⸗ nerungen ſich zu Euch verirren laſſen.. Das wäre ein Verbrechen! ein Verbrechen, an dem ich, die erſt ſeit geſtern Bekehrte, nicht mitſchuldig ſein will. Wißt alſo, Diana, Ihr ſeid nicht die Schweſter des Herrn Grafen, ſondern wirklich die Tochter von König Heinrich 1I., den der Herr Graf bei ienem Tournier ſo unſelig geſchlagen hat.“ Gräßlich!“ rief die Schweſter Benie, das Geſicht in ihren Händen verbergend. Die beiden Dianen. 1w. 20 302 „Ihr lügt, Madame!“ ſprach Gabriel voll Heftig⸗ keit;„Ihr müßt lügen! Gebt einen Beweis, daß Ihr nicht lügt!... „Hier iſt er,“ antwortete gelaſſen Diana von Poi⸗ tiers, und reichte ihm ein Papier, das ſie aus ihrem Buſen zog. Gabriel ergriff das Papier mit zitternder Hand und las es gierig. „Es iſt,“ fuhr Frau von Poitiers fort,„es iſt ein Brief von Eurem Vater geſchrieben, einige Tage vor feiner Einkerkerung, wie Ihr ſeht. Er beklagt ſich darin über meine Strenge, wie Ihr auch ſeht. Doch er fügt ſich, wie Ihr ebenfalls ſehen könnt, bedenkend, daß ich bald ſeine Frau ſein, und daß der Geliebte dem Gatten einen nur um ſo vollſtändigeren und reineren Glücks⸗ theil aufbewahrt haben werde! Oh! die Ausdrücke dieſes unterzeichneten und mit dem Datum verſehenen Briefes ſind keineswegs zweideutig; nicht wahr? Ihr ſeht alſo, Herr von Montgommery, daß ſes ein Verbrechen von Euch geweſen wäre, an die Schweſter Benie zu denken: denn kein Band des Blutes vereinigt Euch mit dieſer, welche nun die Braut Jeſu Chriſti iſt. Und indem ich Euch eine ſolche Ruchloſigkeit erſpare, hoffe ich mich meiner Schuld gegen Euch entledigt und das Glück, deſſen ich mich in meiner Einſamkeit erfreue, mehr als bezahlt zu haben. Wir ſind nun quitt, Herr Graf, und ich habe Euch nichts mehr zu ſagen.“ Während dieſer ſpöttiſchen Rede hatte Gabriel den unheilvollen Brief zu Ende geleſen. Er ließ in der That keinen Zweifel zu. Es war für Gabriel, als käme die Stimme ſeines Vaters aus dem Grabe hervor, um die Wahrheit zu bezeugen. Als der unglückliche junge Mann ſeine irren Augen wieder aufſchlug, ſah er Diang ohnmächtig am Fuße eines Betpultes ausgeſtreckt. Inſtinctartig wollte er auf ſie zueilen. Das dicke. eiſerne Gitter hielt ihn zurück. — — 303 Sich umwendend, erblickte er Diana von Poitiers, auf deren Lippen ein Lächeln behaglicher Zufriedenheit ſchwebte. Außer ſich vor Schmerz, machte er mit aufgehobe⸗ ner Hand zwei Schritte gegen ſie. Doch vor ſich ſelbſt erſchrocken, blieb er wieder ſte⸗ hen, ſchlug ſich wie ein Wahnſinniger mit der Hand vor die Stirne und rief nur: „Gott befohlen, Diana, Gott befohlen!“ Und er ergriff die Flucht. Wäre er noch eine Secunde länger geblieben, ſo hätte er ſich nicht enthalten können, dieſe ruchloſe Mutter wie eine Schlange niederzutreten!.... Vor dem Kloſter erwartete ihn Jean Peuquoy ſehr unruhig. „Fragt mich nichts! fragt mich nichts!“ rief Ga⸗ briel wie von einer Wuth befallen. Und als ihn der brave Peuquoy mit einem ſchmerz⸗ lichen Erſtaunen anſchaute, ſagte er mit ſanfterem Tone: „Verzeiht, mein Freund, ich glaube, ich bin dem Wahnſinn nahe. Seht Ihr, ich will nicht denken. Um meinen Gedanken zu entkommen, gehe ich, fliehe ich nach Paris. Begleitet mich, wenn Ihr wollt, bis an's Thor der Stadt, Freund, wo ich mein Pferd gelaſſen habe; barmherzig, ſprecht nicht von mir, ſprecht von Euch.“ Sowohl um Gabriel zu gehorchen, als um ihn, wenn es möglich wäre, zu zerſtreuen, erzählte der wür⸗ dige Weber, wie Babeite ſich wohl befinde und ihn kürzlich zum Vater eines kleinen Peuquoy, eines herr⸗ lichen Jungen, gemacht habe; wie ihr Bruder Pierre ſich als Waffenſchmied in Saint⸗Quentin niederlaſſen werdez wie man endlich im vorhergehenden Monat durch einen Reiter aus der Picardie, der in ſeine Heimath zu⸗ rückgekehrt, Nachricht von Martin⸗Guerre erhalten habe, 304 der mit ſeiner ſanft gewordenen Bertrande immer noch glücklich lebe. Doch man muß geſtehen, daß Gabriel, wie geblen⸗ det durch den Schmerz, dieſe freudige Erzählung nur unvollkommen verſtand oder hörte. Als er aber mit Jean Peuquoy an das Thor kam, drückte er dem Bürger herzlich die Hand und ſprach: „Gott befohlen, Freund, ich danke Euch für Eure Liebe und Anhänglichkeit. Ruft mich bei allen denje⸗. nigen, welche Ihr liebt, in's Gedächtniß. Ich bin glücklich, daß ich Euch glücklich weiß. Denkt zuweilen, Ihr, dem es wohl ergeht, an mich, der ich leide.“ Und ohne eine andere Antwort abzuwarten, als die Thränen, welche in den Augen von Jean Peuquoy glänzten, ſtieg Gabriel zu Pferde und ſprengte im Ga⸗ lopp fort. Bei ſeiner Ankunft in Paris fand er, als wollte das Schickſal alle Schmerzen zugleich bei ihm anhäufen, Aloyſe todt; ſie war, ohne ihn noch einmal geſehen zu haben, nach einer kurzen Krankheit geſtorben. Am andern Tag ging er zum Admiral von Coligny. „Herr Admiral,“ ſagte er,„ich weiß, daß die Ver⸗ folgungen und Religionskriege, trotz aller Anſtrengung, mit der man ihnen zuvorzukommen ſucht, binnen Kurzem wieder ausbrechen werden. Wißt, daß ich fortan der Sache der Reformation nicht nur meinen Geiſt, ſondern auch mein Schwert anbieten kann. Mein Leben iſt nur noch dazu gut, daß es Euch dient, nehmt es und ſchont es nicht. In Euren Reihen werde ich mich übrigens am beſten gegen einen meiner Feinde vertheidigen, und den andern beſtrafen können... Gabriel dachte an die Königin Regentin und an den Connetable. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Coligny mit Begeiſterung den unſchätzbaren Bundesgenoſſen annahm, deſſen Tapferkeit und Energie er ſo oft erprobt hatte. Die Geſchichte des Grafen war von dieſem Augen⸗ blick an die der Religionskriege, welche der Regierung von Karl lX. ihre Blutmahle aufdrückten. Gabriel von Montgommery ſpielte eine furchtbare Rolle in dieſen Kriegen, und bei jedem ernſten Ereigniß machte ſein Name, der dabei ausgeſprochen wurde, Ca⸗ tharina von Medicis erbleichen. Als nach der Metzelei von Vaſſy, im Jahr 1562, Rouen und die ganze Normandie ſich offen für die Hugenotten erklärten, nannte man als den Haupturheber dieſes Aufſtandes einer ganzen Provinz den Grafen von Montgommery. Der Graf von Montgommery war in denſelben Juhr bei der Schlacht von Dreur, wo er Wunder der Tapferkeit verrichtete. Er war es, ſagt man, der mit einem Piſtolenſchuß den Connetable von Montmorench verwundete, welcher den Oberbefehl in dieſer Schlacht führte, und er würde ihm den Garaus gemacht haben, hätte nicht der Prinz von Porcien den Connetable beſchützt und ihn gefangen ge⸗ nommen. Man weiß, wie einen Monat nach dieſer Schlacht, wo der Balafré den Sieg den Händen des ungeſchickten Connetable entriß, der edle Herzog von Guiſe durch Verrath vor Orleans durch den fanatiſchen Poltrot ge⸗ tödtet wurde. Von ſeinem Nebenbuhler befreit, aber zugleich ſeines Verbündeten beraubt, war Montmorench noch weniger glücklich in der Schlacht von Saint-Denis im Jahr 1567, als in der von Dreux. Der Schottländer Robert Stuart forderte ihn auf, ſich zu ergeben. Er antwortete ihm dadurch, daß er ihm mit ſeinem Degenknopf in's Geſicht ſchlug. Es feuerte Einer eine Piſtole auf ihn ab, traf ihn in die Seite, und er fiel tödtlich verwundet. Durch die Blutwolke, die ſich vor ſeinen Augen 306 ausbreitete, glaubte er das Geſicht von Gabriel zu er⸗ kennen. Der Connetable verſchied am andern Tag. Der Graf von Montgommery, der nun keine un⸗ mittelbare Feinde mehr hatte, fuhr nichtsdeſtoweniger mit der gleichen furchtbaren Thätigkeit fort. Doch er ſchien unüberwindlich, und man vermochte ſeiner nicht habhaft zu werden. Als Catharina von Medicis fragte, wer Bearn unter das Geſetz der Könige von Navarra zurückgebracht und den Prinzen von Bearn als Generaliſſimus der Huge⸗ notten habe anerkennen laſſen, antwortete man ihr: Montgommery. Als am Tag nach der Bartholomäusnacht(1572) die Königin Mutter ſich rachgierig, nicht nach denjeni⸗ gen, welche gefallen, ſondern nach denjenigen, welche entkommen waren, erkundigte, führte man ihr als den erſten Namen den des Grafen von Montgommery an. Montgommery warf ſich mit Lanoue nach la Ro⸗ chelle. La Rochelle hielt neun große Stürme aus und koſtete die königliche Armee vierzigtauſend Mann. Er behauptete ſeine Freiheit durch Capitulation, und Ga⸗ briel konnte unverſehrt abziehen. Er wußte ſich Eingang in Sancerre zu verſchaffen, das vom Gouverneur des Berri belagert wurde. Ga⸗ briel verſtand ſich, wie man ſich erinnern wird, gut auf die Vertheidigung der Plätze. Eine Hand voll San⸗ cerrer widerſtand ohne alle andere Waffen, als mit Eiſen beſchlagenen Stöcken, vier Monate einem Corps von ſechstauſend Soldaten. Durch Capitulation erhiel⸗ ten ſie, wie die von la Rochelle, Gewiſſensfreiheit und Sicherheit der Perſon.. Mit wachſender Wuth ſah Catharina von Medicis, daß ihr unabläſſig ihr alter und ungreifbarer Feind wieder entkam. Montgommery verließ Poitou, das in Flammen ℳ—.— 307 ſtand, und entzündete wieder die Normandie, die ſich zum Frieden neigte. Von Saint⸗Lo ausgehend, nahm er in drei Tagen Carentan und entblößte er Valognes von allen ſeinen Lebensmitteln und Kriegsvorräthen. Der ganze nor⸗ manniſche Adel trat unter ſein Banner. Catharina von Mediecis und der König ſtellten ſo⸗ gleich drei Heere auf, und ließen im Perche und im Mans den Heerbann verkündigen. Der Anführer der königli⸗ chen Truppen war der Herzog von Matignon. Diesmal kämpfte Montgommery nicht mehr in den Reihen ſeiner Religionsgenoſſen verloren; er ſtellte ſich unmittelbar und perſoͤnlich Karl IX. gegenüber, und hatte ſeine Armee, wie der König die ſeinige hatte. Er entwarf einen bewunderungswürdigen Plan, der ihm einen glänzenden Sieg ſichern mußte. Er ließ Matignon Saint⸗Lo mit ſeinen Truppen belagern, verließ insgeheim die Stadt und begab ſich nach Domfront. Dort ſollte ihm Frangois du Hallot alle Reiterei von Bretagne, von Anjou und von der Provinz Caur zuführen. Mit dieſen vereinigten Streit⸗ kräften würde er unverſehens vor Saint⸗Lo die könig⸗ liche Armee überfallen, welche, zwiſchen zwei Feuern ge⸗ faßt, vertilgt werden müßte. Doch der Verrath beſiegte den Unbeſtegbaren. Ein Fähnrich hinterbrachte Ma⸗ tignon den geheimen Abgang von Montgommery nach Domfront, wohin ihn nur vierzig Reiter begleiteten. Matignon lag viel weniger an der Einnahme von Saint⸗Lo, als an der Gefangennehmung von Mont⸗ gommery. Er überließ die Belagerung einem ſeiner Lieutenants und eilte mit zwei Regimentern, ſechs⸗ hundert Pſerden und einer mächtigen Artillerie vor Domfront. Jeder Andere als Gabriel von Montgommery hätte ſich ergeben, ohne einen unnützen Widerſtand zu ver⸗ ſuchen; doch er wollte mit vierzig Mann gegen dieſe Armee Stand halten. 308 Man muß in der Geſchichte von De Thon die Er⸗ zählung von dieſer unglaublichen Belagerung leſen. Domfront widerſtand zwölf Tage. Der Graf von WMontgommery machte während dieſer Zeit ſieben wü⸗ thende Ausfälle. Endlich, als die Mauern der Stadt, durchlöchert und wankend, gleichſam dem Feinde preis⸗ gegeben waren, verließ ſie Gabriel, doch nur, um ſich in den Thurm, genannt Guillaume von Belleme, zurück⸗ zuziehen und hier zu kämpfen. Er hatte nur noch dreizehn Mann bei ſich. Matignon commandirte zum Sturm eine Batterie von fünf Stück ſchwerem Geſchütz, hundert bepanzerte Edelleute, ſieben hundert Musketiere und hundert Pike⸗ niere. Der Angriff dauerte fünf Stunden und es wurden ſechshundert Kanonenſchüſſe auf den alten Thurm ab⸗ gefeuert. Am Abend hatte Montgommery nur noch ſechszehn Mann, doch er hielt immer noch feſt. Er brachte die Nacht damit hin, daß er die Breſche wie ein gemeiner Arbeiter ausbeſſerte. Mit Tagesanbruch begann der Sturm wieder. Ma⸗ tignon hatte während der Nacht neue Verſtärkung er⸗ halten. Es waren nun um den Thurm von Belléme und ſeine ſiebzehn Streiter fünfzehntauſend Soldaten verſammelt und achtzehn Feldſtücke aufgepflanzt. Nicht der Muth war es, woran es den Belagerten mangelte, ſondern das Pulver. um nicht lebendig in die Hände der Feinde zu fallen, wollte ſich Montgommery den Degen durch den Leib rennen. Doch Matignon ſchickte ihm einen Parlamen⸗ tär zu, der ihm im Namen des Feldherrn ſchwur: Es ſollte ſein Leben unverſehrt bleiben, und ihm die Freiheit, ſich zurückzuziehen, ge⸗ ſtattet ſein. 6 Montgommery ergab ſich im Glauben an dieſen — 5——————— — Schwur Er hätte ſich des Barons von Caſtelnau erinnern ſollen. An demſelben Tag ſchickte man ihn gefeſſelt nach Paris. Endlich hatte ihn Catharina von Medicis in ihren Händen! ſie hatte ihn durch einen Verrath, aber was lag ihr daran? Karl IX. war ſo eben geſtorben; in Erwartung der Rückkehr von Heinrich III. aus Polen, war ſie Königin Regentin und allmächtig. Vor das Parlament geſtellt, wurde Montgommery am 26. Juni 1574 zum Tod verurtheilt. Seit vierzehn Jahren kämpfte er gegen die Frau und die Söhne von Heinrich M. Am 27. Juni wurde der Graf von Montgommery, bei dem man mit hoölliſcher Grauſamkeit die ſchmerz⸗ lichſte Folter angewendet hatte, auf das Schaffot ge⸗ bracht und enthauptet. Sein Leichnam wurde ſodann von vier Pferden zerriſſen. Catharina von Medicis wohnte der Hinrichtung Bei So endigte dieſer außerordentliche Mann, eine der ſtärkſten und ſchönſten Seelen, die das ſechzehnte Jahr⸗ hundert geſehen. Er hatte ſich immer nur in die zweite e geſtellt, war aber ſtets der erſten würdig ge⸗ weſen. Durch ſeinen Tod gingen die Weiſſagungen von Noſtradamus bis zu ihrem Schluſſe in Erfüllung: „Es wird ihn lieben, ſein müde! tödten „Des Königs Dame.“ Diana von Caſtro ſah dieſen Tod nicht mehr. Die Schweſter Benie war im vorhergehenden Jahr als Aeb⸗ tiſſin der Benedicterinnen von Saint⸗Quentin geſtorben.