* ———————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Edunard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 6 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet —— S wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. **„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ansieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Die beiden Dianen. Von Alexandre Dumas. Aus dem Franz5 ſiſche von Dr. Auguſt Zoller. Achtes bis eilftes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhanvlung. 1847. I. Perſchiedene Proſile von Rriegsleuten. Aloyſe wartete ängſtlich an einem Fenſter des Hotels auf die Rückkehr von Gabriel. Als ſie ihn endlich er⸗ blickte, ſchlug ſie die Augen voll Thränen, diesmal Thränen des Glückes und der Dankbarkeit, zum Him⸗ mel auf. Dann öffnete ſie eiligſt ihrem vielgeliebten Herrn die Thüre. 5„Gott ſei gelobt! ich ſehe Euch wieder, gnädiger Herr,“ rief ſie.„Ihr kommt vom Louvre, Ihr habt den König geſehen?“ ch habe ihn geſehen,“ antwortete Gabriel. Nun?“ „Meine gute Amme, ich muß abermals warten.“ „Abermals warten?“ wiederholte Aloyſe, die Hände faltend.„Heilige Jungfrau! es iſt doch ſehr traurig und ſehr ſchwer, zu warten!“ „Es wäre unmöglich, wenn ich nicht mittlerweile handeln würde. Aber ich werde handeln, Gott ſei Dank! nnach dem Ziele ſchauend, werde ich mich auf dem lan⸗ en Wege zerſtreuen können.“ Er trat in den Saal und warf ſeinen Mantel auf die Lehne eines Fauteuil. 5 Gabriel bemerkte Martin nicht, der in tieſe Gedan⸗ ken verſunken in einer Ecke ſaß. „Nun, Martin! nun, Träger!“ rief Frau Aloyſe 4 Die beiden Dianen. 1M. 2 dem Stallmeiſter zu,„Ihr nehmt dem gnädigen Herrn nicht einmal ſeinen Mantel ab?“ „Oh! verzeiht, verzeiht,“ ſprach Martin, der ſich, aus ſeiner Träumerei erwachend, haſtig erhob. „Es iſt gut, Martin, laß Dich nicht ſtören,“ ſagte Gabriel.„Aloyſe, Du darfſt meinen armen Martin nicht plagen, ſein Eifer und ſeine Ergebenheit ſind mir in dieſem Augenblick mehr als je nothwendig, und ich habe mich in dieſem Augenblick über ernſte Dinge mit ihm zu verſtändigen.“ Jeder Wunſch des Vicomte d'Ermés war Aloyſe heilig. Sie begünſtigte den wieder in Gnade gekomme⸗ nen Stallmeiſter mit ihrem liebenswürdigſten Lächeln und ging beſcheiden hinaus, damit ſich Gabriel freier beſprechen könnte. „Ah! Martin,“ ſagte Gabriel als ſie allein waren, „was machſt Du denn da? über welchen Gegenſtand finnſt Du ſo ernſt nach?“ „Gnädiger Herr,“ antwortete Martin⸗Guerre,„ich zerarbeitete mir mit Eurer Erlaubniß das Gehirn, um ein wenig das Räthſel des Menſchen von dieſem Mor⸗ gen zu errathen.“ „Haſt Du es gefunden?“ verſetzte Gabriel lä⸗ chelnd. „Leider ſehr wenig, gnädiger Herr, wenn ich es geſtehen ſoll, ich mag immerhin meine Augen aufrei⸗ ßen, ich ſehe nichts als ſchwarze Nacht.“ „Aber ich habe Dir geſagt, Martin, daß ich etwas Anderes zu ſehen glaube.“ „In der That, gnädiger Herr, doch was? ich ſtrenge alle meine Kräfte an, um etwas zu finden.“ „Der Augenblick, es Dir zu ſagen, iſt noch nicht ge⸗ kommen,“ erwiederte Gabriel.„Höre: nicht wahr, Du „Rein, Martin, ich ſage es zu Deinem Lobe. Ich biſt mir treu ergeben, Martin.“ „Fragt mich der gnävige Herr?“ nehme dieſe Ergebenheit, von der ich vede, in Anſpruch. —+— c————— , te in ir it ſe n er d r⸗ ä⸗ es i⸗ 3 Du mußt für einige Zeit Dich ſelbſt vergeſſen, Du mußt den Schatten vergeſſen, der über Deinem Le⸗ ben ſchwebt, wir werden ihn ſpäter zerſtreuen, das ver⸗ ſpreche ich Dir. Doch gegenwärtig bedarf ich Deiner, Martin.“ „Ah! deſto beſſer! deſto beſſer!“ rief Martin⸗ Guerre. „Aber verſtehen wir uns wohl, ich bedarf Deiner ganz und gar, Deines ganzen Lebens, Deines ganzen Muthes. Martin, willſt Du auf mich vertrauen, Deine perſönliche Unruhe vertagen und Dich meinem Geſchick allein hingeben 2“ „Ob ich es will!“ rief Martin.„Gnädiger Herr, das iſt meine Pflicht, und mehr noch, es iſt mein Ver⸗ gnügen. Beim heiligen Martin! ich war nur zu lange von Euch getrennt; Hagel und Sturm! ich will die verlörenen Tage wieder einbringen. Seid unbeſorgt, und ſollten Millionen Martin⸗Guerre auf meinen Fer⸗ ſen ſein, ich werde ihrer ſpotten. Sobald Ihr da ſeid, vor mir ſeid, ſehe ich nur Euch auf der ganzen Welt.“ „Wackeres Herz!“ ſprach Gabriel.„Bedenke je⸗ doch, Martin, daß das Unternehmen, bei dem Du mit⸗ wirken ſollſt, voll von Gefahren und Abgründen iſt.“ „Baſta! man ſpringt darüber weg!“ ſagte Martin, indem er ſorglos mit den Fingern ſchnalzte. „Wir werden hundertmal um unſer Leben ſpielen müſſen.“ „So viel der Einſatz werth iſt, ſo viel gilt die Partie gnädiger Herr.“ „Haben wir aber dieſe furchtbare Partie einmal eingegangen, ſo iſt es uns nicht mehr geſtattet, ſie auf⸗ zugeben.“ „Man iſt ein ſchöner Spieler oder iſt es nicht,“ erwiederte Martin mit ſtolzem Tone. „Gleichviel! trotz aller Entſchloſſenheit, ſiehſt Du die furchtbaren und ſeltſamen Wechſelfälle nicht vorher, welche der übermenſchliche Kampf mit ſich bringt, zu — werden vielleicht, bedenke es wohl, ohne Belohnung bleiben! Martin, bedenke, der Plan, den ich ausführen muß, macht mir, wenn ich ihn ins Auge faſſe, ſelbſt bange.“ „Gut! die Gefahren und ich kennen einander,“ ſagte Martin mit hochmüthiger Miene,„und wenn man die Ehre gehabt hat, gehenkt zu werden.. „Martin,“ ſprach Gabriel,„wir werden den Ele⸗ menten trotzen, uns über den Sturm freuen, über das Unmögliche lachen müſſen.“ „Wir werden lachen! Offenherzig zu ſprechen, gnä⸗ diger Herr, ſeit meinem Galgen erſcheinen mir die Tage, die ich ſehe, als Gnadentage, und ich werde un⸗ ſern lieben Herrgott nicht wegen der Portion zanken, die er mir noch zumeſſen will. Was uns der Kauf⸗ mann über den Handel bewilligt, darf man nicht rech⸗ nen, ſonſt iſt man ein Undankbarer oder ein Alberner.“ „Es iſt alſo abgemacht, Du theilſt mein Loos und folgſt mir?“ „Bis in die Hölle, gnädigſter Herr, vorausgeſetzt, daß es geſchieht, um Satan zu verhöhnen, denn man iſt guter Katholik.“ „Befürchte nichts in dieſer Hinſicht. Du wirſt vielleicht mit mir Dein Heil in dieſer Welt gefährden, doch nicht in jener.“ „Mehr brauche ich nicht. Aber der gnädige Herr hatte nichts Anderes von mir zu verlangen, als mein Leben?“ „Doch wohl,“ erwiederte Gabriel, über die helden⸗ müthige Naivetät dieſer Frage lächelnd,„doch wohl, Du mußt mir auch noch einen Dienſt thun.“ „Sprecht, gnädiger Herr!“ „Es wäre mir lieb, wenn Du mir ſo ſchnell als möglich, heute noch, wenn es ſein könnte, ein Dutzend Kameraden von Deinem Schlage aufſuchen und finden würdeſt, wackere, ſtarke, kühne Leute, welche weder das dem ich Dich führen will, und ſo große Anſtrengungen — ä⸗ te n, ſ⸗ h⸗ nd t, an rſt n, n⸗ hl. ls nd en as — — Eiſen, noch das Feuer fürchten, die den Hunger und den Durſt, die Kälte und die Hitze zu ertragen im Stande ſind, die gehoͤrchen wie die Engel und ſich ſchlagen wie die Teufel. Iſt das möglich?“ „Je nachdem. Werden ſie gut bezahlt?“ fragte Martin⸗Guerre. „Ein Goldſtück für jeden Blutstropfen. Mein Ver⸗ mögen iſt das Geringſte, was ich bei den frommen und harten Aufgaben, die ich zum Ziele führen muß, be⸗ klage.“ 8„Unter dieſen Bedingungen, gnädiger Herr, ſammle ich Euch in zwei Stunden gute Schnapphähne, welche über ihre Wunden nicht klagen werden, dafür ſtehe ich. In Frankreich, beſonders in Paris, iſt nie Mangel an ſolchen Burſchen. Doch, wem werden ſie dienen?“ „Mir ſelbſt,“ ſprach der Vicomte d'Ermés.„Nicht als Kapitän der Garden, ſondern als Freiwilliger werde ich den Feldzug machen, den man vorbereitet. Ich muß eigene Lente haben.“ „Ahl wenn es ſich ſo verhält, gnädiger Herr, habe ich vor Allem bei der Hand und auf das erſte Zeichen bereit fünf bis ſechs von unſern alten Burſchen aus dem Lothringer Krieg. Sie werden gelb, die armen Teufel, ſeitdem Ihr ſie verabſchiedet habt. Wie wer⸗ den ſie ſich freuen, wenn ſie mit Euch zum Feuer zu⸗ rückkehren dürfen! Ah! für Euch ſelbſt habe ich ſie zu rekrutiren? Oh! gut, dann werde ich Euch ſchon dieſen Abend Eure Gallerie vollſtändig vorſtellen.“ „Gut! eine nothwendige Bedingung ihrer An⸗ nahme iſt, daß ſie ſich bereit halten müſſen, Paris zu jeder Stunde zu verlaſſen und mir überallhin zu fol⸗ gen, wohin ich gehen werde, ohne Fragen oder Bemer⸗ kungen, ohne nur zu ſchauen, ob wir gegen Süden oder gegen Norden marſchiren.“ „Zum Ruhme und zum Gold marſchiren ſie mit verbundenen Augen, gnädiger Herr.“ „Ich zähle alſo auf ſie und auf Dich. Was Dei⸗ neu Theil betrifft, Martin„ „Sprechen wir nicht hievon.“ unterbrach ihn Martin. „Sprechen wir im Gegentheil davon. Ueberleben wir den Kampf, mein braver Diener, ſo gelobe ich Dir hiemit feierlich, für Dich zu thun, was Du für mich ge⸗ than haſt, und Dir ebenfalls gegen Deine Feinde zu dienen; ſei unbeſorgt. Mittlerweile Deine Hand, mein „Getreuer.“ „Oh, gnädiger Herr!“ rief Martin⸗Guerre, indem er ehrfurchtsvoll die Hand küßte, die ihm Gabriel reichte. „Vorwärts, Martin,“ ſprach der Vicomte d'Ermos, „fange ſogleich an zu ſuchen. Verſchwiegenheit und Muth! Ich muß jetzt allein ſein.“ Verzeiht, wird der gnädige Herr zu Hauſe blei⸗ ben?“ fragte Martin. „Ja, bis um ſieben Uhr. Ich muß erſt um acht Uhr nach dem Louvre gehen,“ „Dann, Herr Vicomte, hoffe ich Euch vor ſieben Uhr wenigſtens ein Muſter vom Perſonal Eurer Truppe vorſtellen zu können.“ Martin verbeugte ſich und ging ganz ſtolz und ſchon mit ſeiner hohen Sendung beſchäftigt hinaus. Gabriel blieb allein; er brachte den Reſt des Ta⸗ ges damit zu, daß er den Plan, den ihm Jean Peu⸗ goy gegeben, prüfend betrachtete, Noten ſchrieb, in ſeinem Zimmer auf⸗ und abging und nachſann. Er durfte am Abend nicht einen einzigen Einwurf des Herzogs von Guiſe unbeantwortet laſſen. Nur von Zeit zu Zeit unterbrach er ſich, um mit feſter Stimme und glühendem Herzen zu wiederholen: „Ich werde Dich retten, mein Vater! meine Diana, ich werde Dich retten.“ Gegen ſechs Uhr nahm Gabriel auf die dringen⸗ 7 den Bitten von Aloyſe etwas Nahrung zu ſich; Mar⸗ tin trat mit ernſter, feierlicher Miene ein und ſprach: „Gnädiger Herr, gefällt es Euch, ſechs oder ſieben von denjenigen zu empfangen, welche nach der Ehre ſtreben, unter Euren Befehlen Frankreich und dem Kö⸗ nig zu dienen?“ „Wie! ſchon ſechs bis ſieben!“ rief Gabriel. „Sechs oder ſieben, die dem gnädigen Herrn un⸗ bekannt ſind. Unſere Alten von Metz würden die zwölf vollſtändig machen. Sie ſind alle entzückt, ihre Haut für einen Herrn, wie Ihr ſeid, zu wagen, und nehmen jede Bedingung an, die Ihr ihnen ſtellen wollt.“ „Teufel! Du haſt Deine Zeit nicht verloren,“ ſagte der Vicomte d'Ermès.„Nun, ſo führe Deine Leute ein.“ „Einen nach dem andern, nicht wahr? Der gnä⸗ dige Herr kann ſie auf dieſe Art beſſer beurtheilen.“ „Einen nach dem andern, es ſei.“ „Ein letztes Wort,“ fügte der Stallmeiſter bei. „Ich brauche dem gnädigen Herrn nicht zu ſagen, daß mir alle dieſe Leute entweder durch mich ſelbſt oder durch genaue Erkundigungen, die ich über ſie eingezo⸗ gen, bekannt ſind. Sie ſind von verſchiedenartiger Gemüthsverfaſſung und von verſchiedenen Inſtincten, aber ihr gemeinſchaftlicher Charakter iſt erpropter Muth. Ich kann dem Herrn Vicomte für dieſe weſentliche Ei⸗ genſchaft gut ſtehen, wenn er im Uebrigeu in Bezie⸗ hung auf einige kleine Querzüge nachſichtig ſein will.“ Martin⸗Guerre ging nach diefer vorbereitenden Rede einen Augenblick hinaus und kam ſogleich wieder zu⸗ rück, mit einem großen Burſchen von dunkler Geſichts⸗ farbe, leichter Tournure und ſorgloſer, geſcheiter Phy⸗ ſiognomie. „Ambroſio,“ ſprach Martin, ihn vorſtellend. „Ambroſio? das iſt ein fremder Name. Iſt er kein Franzoſe?“ verſetzte Gabriel. „Wer weiß es?“ erwiederte Ambroſio.„Man hat mich gls Kind gefunden und ich habe als Mann in den „ Pyrenäen gelebt, einen Fuß in Frankreich, einen Fuß in Spanien. Und meiner Treue! ich habe meine dop⸗ pelte Baſtardſchaft luſtig aufgenommen, ohne darüber meiner Mutter oder dem guten Gott zu grollen.“ „Und wie lebtet Ihr?“ „Ah! das iſt es. Unparteiiſch zwiſchen meinen zwei Vaterländern, ſuchte ich ſtets, innerhalb der Gränze meiner ſchwachen Mittel, zwiſchen ihnen die Barrieren zu vernichten, auf jedes derſelben die Vortheile des an⸗ deren auszudehnen und durch dieſen freien Austauſch der Gaben, die ſie abgeſondert durch die Vorſehung er⸗ halten, als frommer Sohn mit allen meinen Kräften zu ihrer natürlichen Wohlfahrt beizutragen.“ „Mit einem Worte,“ ſprach Martin,„Ambroſio war Schmuggler.“ „Aber,“ fuhr Ambroſio fort,„den ſpaniſchen wie den franzöſiſchen Behörden bezeichnet, mißkannt und verfolgt zugleich von meinen Landsleuten auf beiden Gebirgsſeiten der Pyrenäen, faßte ich den Entſchluß, ihnen den Platz zu überlaſſen und nach Paris zu ge⸗ hen, nach dieſer Stadt der Mittel und Quellen für brave Leute.“ „Wo Ambroſio glücklich wäre,“ fügte Martin bei, „wenn er, unerſchrocken, gewandt und ſeit langer Zeit an Strapatzen und Gefahren gewöhnt, in den Dienſt des Vicomte d'Exmos treten dürfte.“ „Angenommen Ambroſio der Schmuggler!“ ſagte Gabriel.„Nun zu einem Andern.“ Ambroſio ging entzückt hinaus und machte einem Menſchen von ascetiſcher Miene und beſcheidenen Ma⸗ nieren Platz, der einen langen braunen Mantel und einen großkörnigen Roſenkranz um den Hals trug. WMartin kündigte ihn unter dem Namen Lac⸗ tance an. „Lactance hat ſchon unter den Befehlen von Herrn von Coligny gedient, der ſeinen Verluſt beklagt und ihm heim gnäpigen Herrn ein gutes Zeugniß geben c⸗ rn nd en 9 wird,“ fügte Markin⸗Guerre bei.„Aber Lactance iſt ein eifriger Katholik, und es widerſtrebte ihm, einem von der Ketzerei befleckten Chef zu gehorchen.“ Ohne ein Wort zu ſagen, billigte Lactance mit einem Zeichen des Kopfes und der Hand die Worte von Martin, welcher alſo fortfuhr: „Dieſer fromme Kriegsmann wird, wie es ſeine Pflicht iſt, alle ſeine Kräfte anſtrengen, um den Herrn Vicomte d'Eymss zufrieden zu ſtellen; aber er verlangt, daß ihm jede Freiheit gelaſſen werde, damit er ſtreng die Religionsübungen, welche ſein Heil fordert, voll⸗ ziehen könne. Genöthigt durch das Waffenhandwerk, das er ergriffen hat, und durch ſeinen natürlichen Be⸗ ruf, ſich gegen die Brüder in Jeſu Chriſto zu ſchlagen und ſie ſo viel als möglich zu tödten, denkt Lactance wohlweiſe, er müſſe dieſe grauſame Nothwendigkeit durch ſtrengen, gottesfürchtigen Lebenswandel ausglei⸗ chen. Je wüthender Lactance in der Schlacht iſt, deſto inbrünſtiger iſt er in der Meſſe, und er hat darauf verzichtet, dir Faſten und Bußen zu zählen, die er ſich für die Todten und Verwundeten auferlegt, welche er vor ihrem Stündlein vor den Thron des Herrn geſchickt.“ „Lactance der Gottesfürchtige angenommen!“ ſprach Gabriel. Stets ſchweigſam verbengte ſich Lactance tief und ging hinaus, während er ein Dankgebet zum Allerhöch⸗ ſten murmelte, der ihm die Gnade, von einem ſo tapſe⸗ ren Kapitän angenommen zu werden, bewilligt hatte. Nach Lactance führte Gabriel unter dem Namen Yvonnet einen jungen Mann von mittlerem Wuchſe, ausgezeichneter, feiner Geſichtsbildung, mit kleinen, ge⸗ pflegten Händen ein. Von ſeiner Krauſe bis zu ſeinen Stiefeln war ſeine Tracht nicht nur reinlich, ſondern ſogar zierlich. Er grüßte Gabriel auf das Anmuthigſte, ſtellte ſich in einer eben ſo ehrfurchtsvollen, als ele⸗ ganten Haltung vor ihn und ſchüttelte leicht mit der Die beiden Dianen. M. 2 10 Hand ſich ein paar Staubkörnchen ab, die ſich an ſeinem rechten Aermel angehängt hatten. „Dieſer, gnädiger Herr,“ ſprach Martin,„iſt der Ent⸗ ſchloſſenſte von Allen. Yvonnet iſt im Gefecht ein wah⸗ rer entfeſſelter Löwe, den nichts aufhält. Er ſtößt und haut mit einer Art von Hirnwuth. Hauptſächlich aber glänzt er im Sturm. Er muß immer zuerſt den Fuß auf die erſte Leiter ſetzen und die erſte franzöſiſche Fahne auf den feindlichen Mauern aufpflanzen.“ a iſt alſo ein wahrer Held,“ verſetzte Ga⸗ briel. „Ich thue mein Möglichſtes,“ erwiederte Yvonnet beſcheiden,„Herr Martin⸗Guerre hat ſicherlich meine ſchwachen Bemühungen über ihrem Werthe ange⸗ ſchlagen.“ „Nein, ich laſſe Euch Gerechtigkeit widerfahren,“ entgegnete Martin,„und zum Beweiſe diene, daß ich, nachdem ich Eure Tugenden gerühmt, nun guch Eure Fehler bezeichnen werde. Yonnet, gnädiger Herr, iſt der Teufel ohne Furcht, von dem ich ſpreche, nur auf dem Schlachtfeld. Für ſeinen Muth iſt es nothwendig, daß um ihn her die Trommeln raſſeln, die Pfeile ſchwirren, die Kanonen donnern. Außerdem, im 4 wöhnlichen Leben, iſt Yvonnet ſchüchtern, empfindlich für Eindrücke, nervös wie ein junges Mädchen. Seine Empfindlichkeit fordert die größte Schonung. Er bleibt nicht gern allein in der Finſterniß, es ſchauert ihm vor Mäuſen und Spinnen und er verliert das Bewußt⸗ ſein wegen einer Schramme. Er findet ſeine kriegeri⸗ ſche Kühnheit nur wieder, wenn ihn der Geruch des Pulvers und der Anblick des Blutes berauſchen.“ „Gleichviel,“ ſagte Gabriel,„da wir ihn nicht auf den Ball, ſondern zum Gemetzel führen, ſo iſt Yvonne der Zarte angenommen.“ Yvonnet verbeugte ſich vor dem Vicomte d'Erms nach allen Regeln und entfernte ſich lächelnd und ni ſeine ſtrei eine zwat Neff geble erwie loſſer jüng lienij verka bietet Sie beitet lände werd über Kaltl Mutl ſeinem er Eni⸗ n wah⸗ ßt und ch aber en Fuß zöſiſche Ga⸗ vonnet meine ange⸗ hren,“ aß ich, Eure err, iſ ur auf vendig, Pfeile im ge⸗ ich für Seine bleibt rt ihm ewußt⸗ iegeri⸗ ch des 7 cht auf onne Ermẽ⸗ nd mit 11 ſeiner weißen Hand ſeinen zarten ſchwarzen Schnurrbart ſtreichelnd. 3 Zwei blonde, ſteife, ruhige Coloſſe folgten ihm. Der eine ſchien ungefähr vierzig, der andere kaum vier und zwanzig Jahre alt zu ſein. „Heinrich Scharfenſtein und Franz Scharfenſtein, ſein Neffe,“ meldete Martin⸗Guerre. „Teufel! was für Leute ſind das!“ ſagte Gabriel geblendet.„Wer ſeid Ihr, meine Braven?“ „Wir verſtehen nur ein wenig das Franzöſiſche,“ erwiederte in deutſcher Sprache der Aeltere von den Co⸗ loſſen. „Wie?“ fragte der Vicomte d'Ermos. „Wir verſtehen das Franzöſiſche ſchlecht,“ ſagte der jüngere Rieſe. „Es ſind deutſche Reiter,“ ſprach Martin,„im Ita⸗ lieniſchen Condottieri, im Franzöſiſchen Soudards. Sie verkaufen ihre Arme an denjenigen, welcher ihnen am meiſten bietet, und halten die Tapferkeit zu einem billigen Preis. Sie haben ſchon für die Engländer und Spanier gear⸗ beitet. Doch der Spanier bezahlt zu ſchlecht und der Eng⸗ länder handelt zu viel. Kauft ſie, gnädiger Herr, und Ihr werdet mit der Erwerbung zufrieden ſein. Nie ſtreiten fie über einen Befehl, und ſie würden ſich mit unſtörbarer Kaltblütigkeit vor die Mündung einer Kanone ſtellen. Der Muth iſt für ſie eine Sache der Revlichkeit, und wenn ſie nur pünktlich ihre Löhnung erhalten, werden ſie ſich ohne zu klagen den gefährlichen oder ſogar tödtlichen Wechſel⸗ fällen ihres Handwerks preisgeben.“ „Ich behalte alſo dieſe Handwerksleute des Ruhmes und bezahle ihnen zu größerer Sicherheit einen Monat zum Voraus,“ ſprach Gabriel.„Doch die Zeit drängt⸗ Die Anderen!“ „Die zwei deutſchen Goliathe legten mechaniſch und militäriſch die Hand an den Hut und entfernten ſich mit einander, pünktlich gleichen Schritt haltend. „Der Folgende heißt Pilletrouſſe,“ ſagte Martin⸗ Guerre.„Hier iſt er.“ Eine Art von Räuber mit wilder Miene und zerriſſenen Kleidern trat ein; er wiegte ſich verlegen und wandte die Augen von Gabriel wie von einem Richter ab. „Warum erſcheint Ihr verſchämt, Pilletrouſſe?“ fragte ihn Martin⸗Guerre mit freundlichem Tone.„Der gnävige Herr hier hat Leute von Muth von mir verlangt. Ihr ſeid etwas. ausgeſprochener, als die Andern, aber Ihr braucht im Ganzen nicht zu erröthen.“ Hierauf wandte er ſich mit ernſtem Weſen an ſeinen errn und fuhr fort: „Pilletrvuſſe, gnädiger Herr, iſt, das was wir einen Stegreifritter nennen. In dem allgemeinen Feldzug gegen die Spanier und Engländer hat er beinahe nur für eigene Rechnung Krieg getrieben. Pilletrouſſe ſtreift auf unſeren Landſtraßen umher, welche zu dieſer Stunde voll von fremden Plünderern ſind, und Pilletrouſſe plündert die Plünderer. Seine Landsleute verſchont er nicht nur, ſon⸗ er beſchützt ſie ſogar. Pilletrouſſe erobert alſo, er raukt nicht. Nichtsdeſtoweniger hat er es für nöthig erachtet, ſein fahrendes Gewerbe zu regeln und die Feinde Frank⸗ reichs minder willkührlich zu beunruhigen. Und ſo hat er auch voll Eifer das Anerbieten, ſich unter dem Banner des Vicomte d'Ermos einzureihen, ergriffen.“ „Und ich nehme ihn unter Deiner Bürgſchaft an, Martin⸗Guerre,“ erwiederte Gabriel,„doch unter der Be⸗ dingung, daß er fortan zum Schauplatz ſeiner Thaten nich mehr die Landſtraßen oder Fußwege, ſondern die befeſtigten Städte und die Schlachtfelder wählt.“ „Danke dem gnädigen Herrn, Burſche!“ ſagte zu vem Straßenläufer Martin⸗Guerre, der eine Vorliebe fü den Schelm zu haben ſchien.* 2 „Oh! ja, gnädiger Herr, ich danke,“ rief illetroufft mit Begeiſterung.„Ich verſpreche Euch, mich in Zukunft nie 1 geger bleich Welt ſchien ders reichl unter eine nicht von erfül dieſe hat für d glück bis j Er ſ er ſt ihn e verba über Körp ſei D er ein geſtili er ſo eine( von e genſei mein artin⸗ iſſenen te die uſſe 2“ „Det rlangt. ndern, ſeinen einen gegen u für ift auf de voll ert die r, ſon⸗ raubt achtet, Frank⸗ Und ſo er dem n.. aft an, e Be⸗ en nicht eſtigten gte zu iebe für etrouſſe Zukunft 13 nie mehr einer gegen zwei oder drei, ſondern immer einer gegen zehn zu ſchlagen.“ „Gut! gut!“ ſprach Gabriel. Derjenige, welcher hinter Pilletrouſſe kam, war ein bleicher, ſchwermüthiger, ſorgenvoller Menſch, der das Weltall mit Traurigkeit und Entmuthigung anzuſchaun ſchien. Das düſtere Siegel ſeines Geſichtes wurde beſon⸗ ders durch Narben vervollſtändigt, mit denen es breit und reichlich benäht war. Martin ſtellte dieſen ſiebenten und letzten Rekruteſ unter dem traurigen Namen Malemort vor. „Der Herr Vicomte d'Exmös würde ſich in der That eine Schuld aufladen, wenn er den armen Malemort nicht annähme,“ ſagte Martin Guerre.„Malemort iſt von einer aufrichtigen und tiefen Leidenſchaft für Bellona erfüllt, um ein wenig mythologiſch zu ſprechen. Doch dieſe Leidenſchaft iſt bis jetzt ſehr unglücklich geweſen. Er hat einen unleugbaren, ſchalf ausgeſprochenen Geſchmack für den Krieg; er gefällt ſich nur in Kämpfen, er iſt nur glücklich bei einem ſchönen Blutbad„„und hat leider bis jetzt ſein Glück nur mit dem Ende der Lippen gekoſtet! Er ſtürzt ſich ſo blinvlings und wüthend ins Gefecht, daß er ſtets beim erſten Sprung eine Schmarre erhält, die ihn auf die Seite wirft und von Anfang in die Ambulanz verbannt, wo er den Reſt der Schlacht ſeufzt. weniger über ſeine Wunde, als über ſeine Abweſenheit. Sein ganzer Körper iſt gleichſam nur eine Wunde; doch er iſt, Gott ſei Dank! kräftig und erhebt ſich bald wieder. Nur muß er eine andere Gelegenheit abwarten. Dieſes oft lange un⸗ geſtillte Verlangen untergräbt ihn mehr, als das Blut, das er ſo glorreich vergoſſen. Der gnädige Herr ſieht, daß es eine Gewiſſensſache wäre, dieſen ſchwermüthigen Streiter von einer Freude auszuſchließen die er ihm mit ge⸗ genſeitigem Vortheil verſchaffen kann.“ „Ich nehme auch Malemort mit Begeiſterung an, mein guter Martin,“ ſagte Gabriel. 14 CSin Lächeln der Zufriedenheit ſchwebte über das bleiche in„ Antlitz von Malemort. Die Hoffnung belebte mit einem einie Funken ſeine erloſchenen Augen, und er ging ſeinen Ka⸗ dune meraden leichteren Schrittes nach, als er eingetreten ben war. „Sind dies alle die Menſchen, die Du mir vorzu⸗ Hert ſtellen haſt?“ fragte Gabriel ſeinen Stallmeiſter. „Ja, gnädiger Herr, ich habe Euch für den Augen⸗ ich plick keine andere zu bieten. Ich wagte es nicht, zu hoffen, linge der gnädige Herr würde alle annehmen.“ „Ich müßte ſchwierig ſein, Martin, Du haſt einen Her— guten und ſichern Geſchmack. Empfange meine Compli⸗ in d mente zu Deiner glücklichen Wahl.“ „Ja,“ verſetzte Martin⸗Guerre beſcheiden,„ich denke Dia im Ganzen, Malemort, Pilletrvuſſe, die zwei Scharfen⸗ ſtein, Lactance, Monnet und Ambroſio ſind Burſche, die man nicht zu verachten hat.“ „Ich glaube es wohl,“ erwiederte Gabriel.„Es ſind kräftige Geſellen.“ „Erlaubt der gnädige Herr, ihnen Landry, Chesnel, Aubriot, Contamine und Balu, unſere Veteranen aus dem Lothringer Krieg, beizufügen, ſo denke ich, daß wir mit dem Herrn Vicomte d'Ermés an der Spitze und vier bis fünf von unſeren Leuten hier zur Bedienung eine Truppe haben werden, die wahrhaftig unſeren Freunden gut zu zeigen iſt, und unſeren Feinden noch beſſer.“ Woe „Ja, gewiß!“ ſprach Gabriel,„Arme und Koͤpfe vvn Nov Eiſen! Du läſſeſt dieſe zwolf Braven in der kürzeſten Friſt bewaffnen und equipiren, Martin. Aber ruhe heute aus, nicht Du haſt Deinen Tag gut angewendet, Freund, und ich Tho danke Dir; der meinige, obgleich auch voll Thätigkeit und Schmerz, iſt jedoch noch nicht vollendet.“ führ „Wohin geht der gnädige Herr dieſen Abend?“ fragte Gefe Gahriel. „In den Louvre zu Herrn von Guiſe, mich um ſchle acht Uhr erwartet,“ antwortete Gabriel auſſt„Doch hin eiche einem Ka⸗ treten or⸗ ugen⸗ offen, einen mpli⸗ denke arfen⸗ „ die s ſind esnel, naus ß wir ier bis ruppe zut zu fe von Friſt e aus, nd ich it und um 15 in Folge Deines raſchen Eifers, Martin, hoſſe ich, daß einige Schwierigkeiten, die ſich hätten in meiner Unterre⸗ dung mit dem Herzog bieten können, zum Voraus geho⸗ ben ſind.“ „Oh! das macht mich ſehr glücklich, gnädiger Herr.“ „Und wie mich, Martin! Du weißt nicht, wie ſehr ich Gelingens bedarf. Oh! doch es wird mir ge⸗ lingen!“ Und der edle junge Mann wiederholte ſich in ſeinem Herzen, während er ſich nach der Thüre wandte, um ſich in den Louvre zu begeben: „Ja, ich werde Dich retten, mein Vater! Meine Diana, ich werde Dich retten!“ II. Geſchichlichkeit der Ungeſchicklichkeit. Veberſpringen wir im Geiſt ſechzig Meilen und zwei Wochen, und kehren wir gegen das Ende des Monats November 1557 nach Calais zurück. Es waren ſeit der Abreiſe des Vicomte d'Ermés nicht fünf und zwanzig Tage verlaufen, als ſich vor den Thoren der engliſchen Stadt ein Bote von ihm zeigte. Dieſer Bote verlangte vor Mylord Wentworth ge⸗ führt zu werden, dem er das Löſegeld ſeines ehemaligen fragte efangenen übergeben ſollte. er Bote ſchien indeſſen ſehr ungeſchickt und e ſchlecht ichtet zu ſein, denn man mochte ihm immer⸗ „Doch hin ſeinen Weg angeben, er ging zwanzigmal, ohne einzu⸗ 3 3 treten, an dem großen Thor vorüber, das man ihm hart⸗ näckig und genau bezeichnet hatte, um immer wieder alberner Weiſe an Schlupfpforten und verbotene Thüren zu klopfen; ſo daß der Dummkopf am Ende rein um⸗ ſonſt beinahe den ganzen Weg über die äußeren Boule⸗ vards der Feſtung machte. Endlich wollte er ſich durch Unterweiſungen, von denen eine immer genauer war als die andere, auf den rechten Weg bringen laſſen, und ſchon in jener entfernten Zeit war die magiſche Gewalt der Worte:„Ich bringe zehn⸗ tauſend Thaler für den Gouverneur,“ ſo groß, daß man, nach Erfüllung der ſtreng vorgeſchriebenen Maßregeln, nachdem man unſern Mann durchſucht und die Befehle von Lord Wentworth eingeholt hatte, den Ueberbringer einer ſo achtenswerthen Summe gern in Calais einließ. Entſchieden iſt nur das goldene Jahrhundert kein ſil⸗ bernes Jahrhundert geweſen! Der unverſtändige Abgeſandte von Gabriel verirrte ehe er das Hotel des Gouverneurs fand, das ihm doch mitleidige Seelen hundertmal wieder zeigten. Bei jeder Wachtflube, die er traf, ſchien er zu glauben, hier müſſe er nach Lord Wentworth fragen, und jedes Mal lief er nach dieſer Seite. Nachdem er eine Stundt vergeudet hatte, um einen Weg zu machen, zu dem jeder Andere zehn Minuten ge⸗ braucht hätte, erreichte er endlich das Hotel des Gouver⸗ neurs. Er wurde ſogleich bei Lord Wentworth eingeführt, der ihn, an dieſem Tage bis zu tiefer Traurigkeit gebracht, mit ernſter Miene empfing. Als er den Gegenſtand ſeiner Botſchaft erklärt und auf den Tiſch einen von Gold aufgeſchwollenen Sack ge⸗ legt hatte, fragte ihn der Engländer: „Hat Euch der Vicomte d'Erméès nur beauftragi, ſich noch mehr als einmal in den Straßen von Calais, zuf We ſein „ſich — gen hart⸗ ieder hüren um⸗ oule⸗ denen chten Zeit zehn⸗ man, egeln, efehl⸗ inger. ieß. rirrte doch jeder müſſe lief er einen n ge⸗ ouver⸗ führt, racht, rt und ick ge⸗ ftragt, 17 mir dieſes Geld zu übergeben, ohne etwas für mich bei⸗ zufügen?“ Pierre, ſo nannte ſich der Abgeſandte, ſchaute Lord Wentworth mit einer Miene des Erſtaunens an, welche ſeinen natürlichen Mitteln fortwährend wenig Ehre machte. „Mylord,“ ſagte er endlich,„ich habe nichts bei Euch zu thun, als Euch dieſes Löſegeld zu übergeben. Mein Herr hat mir wenigſtens nichts ſonſt befohlen, und ich be⸗ greife nicht.„ „Schon gut!“ unterbrach ihn Lord Wentworth mit einem verächtlichen Lächeln.„Der Herr Vicomte iſt dort verpünftiger geworden, wie ich ſehe. Ich wünſche ihm Glück dazu. Die Luft des Hofes von Frankreich macht vergeſſen; glücklich diejenigen, welche ſie einathmen.“ Er murmelte mit leiſer Stimme, als ſpräche er mit ſich ſelbſt: „Vergeſſen iſt vft die Hälfte des Glücks!“ „Hat mir Mylord nichts an meinen Herrn aufzutra⸗ gen?“ fragte der Bote, der mit einer ſehr ſorgloſen und ziemlich albernen Miene die ſchwermüthigen Beiſeitreden des Engländers zu hören ſchien. „Ich habe Herrn d'Ermös nichts zu ſagen, da er mir nichts ſagt,“ erwiederte Lord Wentworth trocken.„Meldet ihm indeſſen, wenn Ihr wollt, daß ich noch einen Monat, bis zum 1. Januar, warten und als Edelmann ſo wie als Gouverneur von Calais zu ſeinen Befehlen ſein werde. Er wird begreifen.“ „Bis zum 1. Januar?“ wiederholte Pierre.„Ich werde es ihm ſagen.“ „Gut! hier iſt Euer Empfangſchein; dabei für Euch eine kleine Entſchädigung für die Mühe der langen Reiſe⸗ Nehmt, nehmt doch!“ Der Mann ſchien Anfangs zu zögern, beſann ſich aber eines Andern, und nahm die Börſe, die ihm Lord Wentworth bot. 18 „Ich danke, Mylord,“ ſagte er.„Doch wird mir Lord Wentworth eine Gnade bewilligen?“ 3 „Was wollt Ihr?“ fragte der Gouverneur von Calais. „Außer der Schuld, die ich ſo eben an Mylord ab⸗ getragen,“ erwiederte der Bote,„hat der Vicomte d'Ermes während ſeines Aufenthaltes hier eine andere eingegangen, gegen einen Einwohner dieſer Stadt, Namens wie heißt er doch?„Pierre Peugoy, deſſen Gaſt er ge⸗ weſen iſt.“. „Nun?“ „Nun, Mylord, wird es mir erlaubt ſein, jetzt zu dieſem Pierre Peucoy zu gehen, um ihm ſeine Vorſchüſſe zurückzubezahlen?“ „Allerdings,“ antwortete der Gouverneur.„Man wird Euch ſein Haus zeigen. Hier iſt Eure Auslaßkarte, damit Ihr aus der Stadt weggehen könnt. Gern möchte ich Euch erlauben, einige Tage hier zu verweilen, denn es iſt vielleicht für Euch ein Bedürfniß, von der Reiſe auszuruhen. Aber die Reglements des Platzes verbieten, einen Fremden zu behalten, einen Franzoſen beſonders. Lebet wohl, Freund, und glückliche Reiſe.“ „Gott befohlen, und viel Glück nebſt all' meinem Dank, Mylord!“ Als der Bote das Hotel verließ, begab er ſich, nicht ohne daß er ſich wieder zehnmal verirrte, nach der Rue du Martroi, wo, wie ſich unſere Leſer erinnern werden, der Waffenſchmied Pierre Peugoy wohnte. Der Abgeſandte von Gabriel fand Pierre Peucoh noch trauriger in ſeiner Werkſtätte als Wentworth in ſeinem Hotel. Der Waffenſchmied, der ihn Anfangs für ½ Kunden hielt, empfing ihn mit offenbarer Gleichgül⸗ tigkeit. 2 Nichtsdeſtoweniger, als der Andere komme im Auftrage des Vicomte d'Ermes, heiterte die Stirne des braven Bürgers plotzlich auf. der kom Vet geke Bef wir geſſ von dieſ des ſie lieg gehe wür der und Auf nich Bot ich hatt ſich 19 mir„Im Auftrage des Vicomte d'Ermes!“ rief er. 3 Dann wandte er ſich an einen von ſeinen Lehrlingen, von der ihm, während er den Werktiſch aufräumte, zuhoren konnte, und ſagte nachläſſig zu ihm: ah⸗„Quentin, verlaſſe uns und melde ſogleich meinem mes Vetter Jean, es ſei ein Bote vom Vicomte d'Exmés an⸗ gen, gekommen.“ wie Der Lehrling entfernte ſich ärgerlich auf dieſen ge⸗ Befehl. „Sprecht nun, Freund,“ ſagte Peugoy lebhaft.„Oh! wir wußten wohl, daß uns der würdige Herr nicht ver⸗ t zu geſſen würde. Sprecht geſchwinde. Was bringt Ihr uns züſſe von ihm?“ „Seine Empfehlungen und ſeinen herzlichen Dank, Ran dieſe Börſe mit Gold und die Worte:„„Erinnert Euch rte, des 5.!““ Er ſagte, Ihr würdet das verſtehen.“ chte„Das iſt Alles?“ fragte Pierre Peugoy. eni Durchaus Alles, Meiſter. Wie anſpruchsvoll find Reiſe ſie in dieſem Lande!“ dachte der Bote.„Es ſcheint, es ii liegt ihnen nicht viel an den Thalern. Sie haben nur deis geheime Forderungen, die der Teufel nicht verſtehen würde.“ nbut„Aber wir ſind unſerer drei in dieſem Hauſe,“ ſagte der Waffenſchmied.„Es iſt auch Jean hier, mein Vetter, nicht und meine Schweſter Babette. Ihr habt Euch Eures Rue Auftrags gegen mich entledigt, vas iſt gut. Habt Ihr den nicht einen andern für Babette oder für Jean?“ Jean Peugoy, der Weber, trat gerade ein, um den ugoh Boten von Gabriel antworten zu hören: h in„Außer Euch habe ich Niemand etwas zu ſagen, und für ich habe Euch Alles geſagt, was ich Euch zu ſagen gül⸗. hatte.“ „Nun! Du ſiehſt, Bruder,“ ſprach Pierre, indem er er ſich gegen Jean umwandte,„Du ſiehſt, der Herr Vicomte ſich dErmos dankt uns; der Herr Vicomte d'Ermes ſchickt uns in aller Eile dieſes Geld; der Herr Vicomte d'Ermes 20 läßt uns ſagen!„„Erinnert Euch!...““ Doch er, er erinnert ſich nicht.“ „Ach!“ ſeufzte eine ſchwache, ſchmerzliche Stimme hinter der Thüre. 5 Es war die arme Babette, welche Alles gehört atte. „Einen Augenblick!“ verſetzte Jean Peugoy, der hart⸗ näckig hoffte.„Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Boten wandte,„wenn Ihr von dem Hauſe von Herrn d'Ermes ſeid, ſo müßt Ihr unter ſeinen Dienern und Euren Gefährten einen Namens Martin⸗Guerre kennen?“ „Martin⸗Guerre?. Oh! ja, Martin⸗Guerre den Stallmeiſter? Ja, Meiſter, ich kenne ihn.“ „Er iſt immer noch im Dienſt von Herrn d'Ermés“ „Immer noch.“ „Hat er gewußt, daß Ihr nach Calais ginget?“ „Er hat es gewußt,“ antwortete der Bote.„Er war, wie ich mich erinnere, ſogar anweſend, als ich das Hotel des Herrn d'Exmeès verließ. Er hat mich mit ſeinem. mit unſerem Herrn bis zum Thor begleitet und mich abgehen ſehen.“. „Und er hat Euch nichts für uns oder ſonſt für Je⸗ mand im Hauſe aufgetragen?“ „Durchaus nichts, ich wiederhole es Euch.“ „Wartet, Pierre,“ ſagte Jean,„werdet noch nicht ungeduldig. Freund, Martin⸗Guerre hat Euch vielleicht empfohlen, Eure Botſchaft insgeheim abzuſtatten. Erfahrt, daß dieſe Vorſicht unnöthig geworden iſt. Wir wiſſen nun die Wahrheit. Der Schmerz der Perſon, welcher Martin⸗Guerre eine Genugthuung ſchuldig iſt, hat uns nichts unbekannt gelaſſen. Ihr könnt alſo in unſerer Ge⸗ genwart ſprechen. Habt Ihr übrigens in dieſer Hinſicht noch Bedenklichkeiten, ſo werden wir uns entfernen, und die Perſon, auf die ich anſpiele, und die Euch Martin Guerre bezeichnet hat, wird ſogleich kommen und allein mit Euch ſprechen.“ war, otel mich Je⸗ nicht eicht ahrt, iſſen lcher uns Ge⸗ nſicht und artin llein 2¹ „Bei meiner Treue!“ erwiederte der Bote,„ich begreife nicht ein Wort von Euren Reden.“ „Es iſt hinreichend, Jean, Ihr müßt genug haben!“ rief Pierre Peugoy, deſſen Augenſtern ſich mit einem Blitze der Entrüſtung entflammte.„Bei dem Andenken meines Vaters! ich begreife nicht, welches Vergnügen Ihr haben könnt, bei der Schande, die man uns an⸗ thut, zu verharren!“ Jean neigte ſchmerzlich das Haupt, ohne etwas beizufügen. „Wollt Ihr das Geld zählen, Meiſter?“ fragte der Bote ziemlich verlegen über ſeine Rolle. „Es iſt nicht der Mühe werth,“ erwiederte Jean ruhiger, wenn auch nicht minder traurig, als Pierre. „Nehmt dies für Euch, Freund. Ich will Euch auch zu eſſen und zu trinken bringen laſſen.“ „Ich danke für das Geld,“ antwortete der Bote, der es indeſſen nur mit einer gewiſſen Unbehaglichkeit zu nehmen ſchien.„Was das Eſſen und Trinken be⸗ trifft, ſo habe ich weder Hunger, noch Durſt, denn ich frühſtückte vor Kurzem erſt in Nieullay. Ich muß auf der Stelle wieder abreiſen, denn Euer Gouverneur hat mir verboten, lange in der Stadt zu verweilen.“ „Wir halten Euch alſo nicht zurück, Freund,“ ſprach Jean Peugoy.„Gott befohlen! Sagt Martin⸗Guerre... Doch nein! ihm haben wir nichts zu ſagen... Sagt nur Herrn d'Erméès, wir danken ihm und erinnern uns des 5. Doch wir hoffen, er werde ſich ſeinerſeits auch erinnern.“ „Hört noch,“ fügte Pierre Peugoy bei, der einen Au⸗ genblick aus ſeinem düſtern Nachſinnen erwachte.„Ihr mö⸗ get auch Eurem Herrn ſagen, wir werden beharrlich einen ganzen Monat warten. In einem Monat könnt Ihr nach Paris zurückkehren, und kann er Jemand hierher ſchicken. Wenn aber das laufende Jahr zu Ende iſt, ohne daß wir Nachricht von ihm erhalten, ſo werden 22 wir glauben, ſein Herz habe kein Gedächtniß, und das P wird uns für ihn eben ſo leid thun, als für uns. Denn als redlicher Edelmann, der ſich ſo gut des geliehenen S Geldes erinnert, müßte er ſich noch beſſer der ihm an⸗ 5 vertrauten Geheimniſſe erinnern. Hiemit Gott befohlen, Freund.“ „Gott behüte Euch!“ ſprach der Bote von Gabriel De und ſtand auf, um ſich zu entfernen.„Alle Eure Fragen R und alle Eure Worte ſollen meinem Herrn getreulich be⸗ ge richtet werden.“ ⸗ V Jean Peugoy begleitete den Mann bis zu der Thüre d des Hauſes. Pierre aber blieb wie niedergeſchmettert in ſeiner Ecke. Nach vielen neuen Umwegen und vielem neuen Ver⸗ irren in dieſer verwickelten Stadt Calais, die er zu be⸗ greifen ſo große Mühe hatte, erreichte der ſchlendernde. Bote endlich das Hauptthor, von wo er, nachdem er ſeine Auslaßkarte vorgezeigt und nachdem man ihn ſorgfältig he durchſucht hatte, ins Freie hinaus konnte. 6 Er ging drei Viertelſtunden behenden Schrittes, ohne geſ anzuhalten, und marſchirte erſt, nachdem er ungefähr eine Pi Meile zurüͤckgelegt hatte, langſamer. geh Dann erſt erlaubte er ſich auszuruhen; er ſetzte ſich viel auf einen Raſenhügel, ſchien nachzudenken und ein Lächeln . Zufriedenheit zeigte ſich in ſeinen Augen und auf ſeinen Lippen. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„was ſie in dieſer Stadt Calais haben, daß einer immer trauriger und geheimniß⸗ voller iſt, als der andere. Wentworth hat, wie es ſcheint, eine Rechnung mit Herrn d'Ermés zu ordnen, und die Peugoh ſcheinen mir einen Groll gegen Martin⸗Guerre zu, hegen! Bah! was geht das am Ende mich an? Ich bin nicht traurig. Ich habe, was ich will und was ich brauche. Kein Federzug, kein Stückchen Papier, das iſt wahr; doch Alles iſt hier in meinem Kopf, und mit dem Plane vi We Herrn d'Ermos werde ich leicht in meinem Geiſte dieſen 23 Platz zuſammenfügen, der die Anderen ſo düſter macht, n während mich die Erinnerung an ihn ſo ſehr erfreut.“ S Er durchging raſch in ſeiner Einbildungskraft die Straßen, Bollwerke und befeſtigten Poſten, wohin ihn ſeine vorgebliche Tölpelei ſo geſchickt geführt hatte. „So iſt es!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Alles iſt klar briel und pünktlich, als ob ich es noch vor mir ſehen würde. 4 Der Herzog von Guiſe wird zufrieden ſein. Mittelſt dieſer Reiſe und der koſtbaren Andeutungen des Kapitäns der Leibwachen Seiner Majeſtät, können wir den theuren Vicomte d'Ermös nebſt ſeinem Stallmeiſter zu den Ren⸗ . dezoous führen, die ihnen in einem Monat Lord Wentworth t in und Pierre Peugoh bezeichnen. In ſechs Wochen, wenn uns Gott und die Umſtände begünſtigen, ſind wir die von Calais, oder ich will meinen Ramen ver⸗ ieren.“ rnde Und unſere Leſer werden zugeſtehen, daß dies Schade liu⸗ geweſen wäre, wenn ſie erfahren, daß dieſer Name der des Marſchall Pietro Strozzi, eines der berühmteſten und geſchickteſten Ingenieurs des XVI. Jahrhunderts, war. ohne Nachdem er einige Minuten ausgeruht, begab ſich ein Pietro Strozzi wieder auf den Weg, als hätte er Eile ic gehabt, ſchon wieder in Paris zurück zu ſein. Er dachte biel an Calais und wenig an ſeine Einwohnet. einen Stadt nniß⸗ . d die re u III. Der 31. Perember 1557. 55 Man hat ohne Zweifel errathen, warum Strozzi Lord ieſen Wentworth ſo ärgerlich und ſo bitter fand, und warum 24 der Gouverneur von Calais vom Vicomte d'Ermés ſo ſcharf und hochmüthig ſprach. Dies geſchah, weil ihn Frau von Caſtro immer mehr zu haſſen ſchien. Ließ er ſie um Erlaubniß bitten, ihr einen Beſuch machen zu dürfen, ſo fand ſie ſtets Vorwände, um ihn nicht empfangen zu müſſen. War ſie aber zuweilen ge⸗ nöthigt, ſeine Gegenwart zu ertragen, ſo verrieth ihr eiſiger, ceremoniöſer Empfang nur zu klar ihre Gefühle gegen ihn und machte ihn immer troſtloſer. Er ermüdete jedoch noch nicht in ſeiner Liebe. Ohne etwas zu hoffen, verzweifelte er varum doch noch nicht. Er wollte wenigſtens für Diana der vollkommene Edel⸗ mann bleiben, der am Hofe von Maria von England den Ruf der feinſten Courtviſie zurückgelaſſen hatte. Er überhäufte ſeine Gefangene mit Zuvorkommenheiten. Sie wurde mit fürſtlichen Rückſichten, mit fürſtlichem Lurus bedient. Er gab ihr einen Pagen. Er engagirte für ſie einen von den im Jahrhundert der Renaiſſance ſo ſehr geſuchten und beliebten italieniſchen Muſikern. Diana fand uweilen in ihrem Zimmer Geſchmeide und Anzüge von dem größten Werthe; Lord Wentworth hatte dieſelben aus London für ſie kommen laſſen; aber ſie ſchaute ſie nicht einmal an. Einmal gab er ihr zu Ehren ein großes Feſt, wozu er Alles, was von vornehmen Engländern in Calais und in Frankreich war, einlud. Seine Einladungen gingen ſo⸗ gar über den Kanal. Doch Frau von Caſtro weigerte ſich hartnäckig, dabei zu erſcheinen. So viel RKälte und Verachtung gegenüber, wiederholte ſich Lord Wentworth jeden Tag, es wäre ſicherlich beſſer für ſeine Ruhe, wenn er das königliche Löſegeld, das ihm Heinrich 1I. anbot, annehmen und Diana in Freiheit ſetzen würde. Dies hieß aber zugleich ſie der glücklichen Liebe von Gabriel dErmes zurückgeben, und der Engländer fand i ſeine harte nicht tung Zutr riger ſehen teriſc hohet licher „wen Grat achtu bin? nicht Went Ihr Tod er, de zum! wahn alſo in von n Die ſo nehr eſuch ihn ge⸗ ſiger, egen Ohne nicht. Edel⸗ gland Sie Lurus ür ſie ſehr fand e n n aus nicht wozu s und en ſo⸗ eigerte erholte beſſer ihm t ſetzen be von and in 25 ſeinem Herzen nie Stärke und Muth genug, um ein ſo hartes Opfer zu vollbringen. „Nein, nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn ich ſie nicht habe, ſo ſoll ſie wenigſtens Niemand haben!“ Unter dieſen Unentſchloſſenheiten, unter dieſen Befürch⸗ tungen vergingen die Tage, die Wochen, die Monate. Am 34. December 1557 gelang es Lord Wentworth, Zutritt in die Wohnung von Frau von Caſtro zu erhalten. Er athmete, wie geſagt, nur hier, obgleich er ſtets trau⸗ riger und verliebter wegging. Aber Diana, ſelbſt ſtreng, ſehen, ſie, ſelbſt ironiſch, hören, war für ihn das gebie⸗ teriſchſte Bedürfniß geworden. Sie ſprachen mit einander, er ſtehend, ſie vor dem hohen Kamin ſitzend. Sie ſprachen mit einander über den einzigen ſchmerz⸗ lichen Gegenſtand, der ſie vereinigte und zugleich trennte. „Nein, Madame,“ ſagte der verliebte Gouverneur, „wenn ich dennoch, auf das Aeußerſte gereizt durch Eure Grauſamkeit, in Verzweiflung gebracht durch Eure Ver⸗ vergäße, daß ich Edelmann und Euer Wirth i „Dann würdet Ihr Euch entehren, Mylord, und nicht mich,“ antwortete Diana mit Feſtigkeit. „Wir wären miteinander entehrt!“ entgegnete Lord Wentworth.„Ihr ſeid in meiner Gewalt! Wohin würdet Ihr Euch flüchten?“ „Mein Gott! in den Tod,“ erwiederte ſie ruhig. Lord Wentworth erbleichte und ſchauerte. Er den Tod von Diana veranlaſſen! „Eine ſolche Hartnäckigkeit iſt nicht natürlich,“ ſagte er, den Kopf ſchüttelnd.„Ihr würdet Euch fürchten, mich zum Aeußerſten zu treiben, wenn Ihr nicht irgend eine wahnſinnige Hoffnung bewahrtet, Madame. Ihr glaubt alſo immer noch an einen unmöglichen Wechſelfall? Sprecht, von wem könnt Ihr zu dieſer Stunde Hülfe erwarten?“ Die beiden Dianen. M. 3 26 „Von Gott, vom König... Es lag in ihrem Satze ein Zögern und in ihrem Gedanken ein Verſchweigen, das Lord Wentworth nur zu wohl begriff. „Sicherlich denkt ſie an dieſen d'Ermos!“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Doch dies war eine gefährliche Erinnerung, die er nicht zu berühren oder hervorzuruſen wagte. Er beſchränkte ſich darauf, daß er mit Bitterkeit erwiederte: „Ja, rechnet auf den König! rechnet auf Gott! Doch wenn Gott Euch hätte beiſtehen wollen, ſo würde er Euch, wie mir ſcheint, am erſten Tage gerettet haben, und nun endigt heute ein Jahr, ohne daß er Euch ſeinen Schutz hat angedeihen laſſen.“ „Ich hoffe daher auf das Jahr, Las morgen beginnt,“ erwiederte Diana, indem ſie ihre ſchönen Augen zum Himmel aufſchlug, als wollte ſie Hülfe von Oben erflehen. „Was den König von Frankreich, Euren Vater, be⸗ trifft,“ fuhr Lord Wentworth fort,„ſo hat er, denke ich, zu ſchwere Angelegenheiten auf dem Hals, um ſeine ganze Macht und ſeinen ganzen Geiſt für Euch zu verwenden⸗ Frankreich iſt in einer noch dringenderen Gefahr, als ſeine Tochter.“ „Das ſagt Ihr!“ verſetzte Diana im Tone des Zweifels. „Lord Wentworth lügt nicht, Madame. Wißt Ihr, 5. Sachen für den Koͤnig, Euren erhabenen Vater, „Was kann ich in dieſem Gefängniß erfahren?“ er⸗ wiederte Diana, welche ſich einer Bewegung der Theil⸗ nahme nicht zu erwehren vermochte. „Ihr brauchtet nur zu fragen,“ ſprach Lord Went⸗ worth, freudig, daß man ihn einen Augenblick anhörte, und wäre es auch nur als Unglücksboten.„Nun, ſo wißt, daß die Rückkehr des Herrn Herzogs von Guiſe nach Paris bis jetzt die Lage von Frankreich durchaus nicht verl eini Sti Alle verr zuh We Pie ſuc zum Wi geg ihrem ur zu te er i er ränkte Doch Euch, d nun Schutz innt,“ immel r, be⸗ ke ich, ganze enden. ſeine e des Ihr, Bater, P er⸗ Theil⸗ Went⸗ hörte, wißt, na nicht 27 verbeſſert hat. Es find nur einige Truppen organiſirt, einige Plätze befeſtigt worden, und mehr nicht. In dieſer Stunde zaudern ſie und wiſſen nicht, was ſie thun ſollen. Alle ihre an der Nordgränze zuſammengezogenen Truppen vermochten wohl die Spanier in ihrem Triumphzuge auf⸗ zuhalten, aber ſie unternehmen nichts für eigene Rechnung. Werden ſie Luxemburg angreifen, werden ſie ſich nach der Picardie wenden? Man weiß es nicht. Werden ſie es ver⸗ ſuchen, Saint⸗Quentin zu nehmen oder Ham 2 4 „Oder Calais?“ unterbrach ihn Diana, ihre Augen zum Gouverneur aufſchlagend, um auf ſeinem Geſichte die Wirkung dieſes hingeworfenen Namens zu erhaſchen. Doch Lord Wentworth verzog keine Miene und ent⸗ gegnete mit ſtolzem Lächeln: „Oh! Madame, erlaubt mir, nicht einmal dieſe Frage zu ſtellen. Wer nur einen Begriff vom Krieg hat, wird dieſe tolle Vermuthung nicht einen Augenblick zulaſſen, und der Herzog von Guiſe hat zu viel Erfahrung, durch ein ſo ſeltſam unausführbares Unternehmen ſich dem Ge⸗ phi von Jedem auszuſetzen, der in Europa das Schwert ührt.“ In dieſem Augenblick entſtand ein Geräuſch vor der Thüre und ein Bogenſchütze trat haſtig ein. Lord Wentworth ſtand auf und ging ihm ungeduldig entgegen. „Was gibt es denn, daß man es wagt, mich hier zu ſthren?“ fragte er ärgerlich. „Mylord, verzeihe mir!“ erwiederte der Bogenſchütze. „Lord Derby ſchickt mich in aller Eile.“ „Aus welchem ſo dringenden Grund? Sprecht, er⸗ klärt Euch.“ „Man hat Lord Derby gemeldet, daß eine Vorhut von zweitauſend franzöſiſchen Arquebuſieren geſtern zehn Meilen bon Calais geſehen worden iſt, und Lord Derby hat mir Befehl gegeben, ſogleich Mylord davon in Kenntniß zu ſetzen. nicht einmal zu verbergen ſuchte. Lord Wentworth aber ſprach mit kaltem Tone zu dem Bogenſchützen: „Und deshalb habt Ihr die Kühnheit gehabt, mich bis hieher zu verfolgen, Burſche?“ „Mylord,“ erwiederte der arme Teufel ganz erſtaunt, „Lord Derby... „Lord Derby,“ unterbrach ihn der Gouverneur,„iſt ein Kurzſichtiger, der Erdhaufen für Gebirge hält. Sagt ihm das in meinem Namen.“ „Mylord,“ entgegnete der Bogenſchütze,„die Poſten, welche Lord Derby auf's Schleunigſte verdoppeln wollte, ſollen alſo.. „Bleiben, wie ſie find! und man laſſe mich in Ruhe mit ſo lächerlichen Schreckniſſen.“ Der Bogenſchütze verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und ging hinaus. „Mylord,“ ſagte Diana,„Ihr hört, daß nach der Anſicht von einem Eurer beſten Lieutenants meine ſo Vorherſehungen ſich am Ende verwirklichen nnten.“ „Ich bin genöthigt, Euch über dieſen Punkt mehr als je zu enttäuſchen,“ erwiederte Lord Wentworth mit ſeiner unſtörbaren Sicherheit.„Mit zwei Worten kann ich Euch Aufſchluß über dieſen falſchen Lärmen geben, von dem ich nicht begreife, wie ſich Lord Derby dadurch hat hintergehen laſſen.“ „Laßt horen,“ ſagte Frau von Caſtro, begierig, Licht über einen Punkt zu erhalten, in dem ſich jetzt ihr Leben zuſammendrängte. „Nun, Madame,“ fuhr Lord Wentworth fort,„von zwei Dingen eines: entweder wollen die Herren von Guiſe und Nevers, welche, ich muß es anerkennen, geſchickte und kluge Heerführer ſind, Ardres und Boulogne wiet verproviantiren und führen auf dieſe Seite die Truppen, „Ah!“ rief Diana, die eine Bewegung der Freude eine ruh eine meh Sai ſiche auf gea erw Ma mar vern man Her zehn nöth bena ſeint men nur Bitt Fret „ich uns bew und von von reude dem ch bis taunt, „iſt Sagt oſten, ollte, Ruhe und h der ne ſo lichen mehr mit nich von hat Licht Leben „von Fuiſe hickte ieder ppen, 29 die man bezeichnet hat, oder ſie machen gegen Calais eine Scheinbewegung, um Ham und Saint⸗Quentin zu be⸗ ruhigen, dann werden ſie plötzlich wieder umkehren, und eine von dieſen beiden Städten zu überrumpeln ſuchen.“ „Und wer ſagt Euch,“ entgegnete Frau von Caſtro mehr unklug als geduldig,„daß ſie nicht gegen Ham oder Saint⸗Quentin ihre Finte gerichtet haben, um Calais ſicherer zu überrumpeln?“ Zum Glück hatte ſie es mit einer feſten, zugleich auf dem nationalen Stolz und dem perſönlichen Stolz geankerten Ueberzeugung zu thun, und Lord Wentworth erwiederte mit Verachtung: „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, Euch zu verſichern, Madame, daß Calais eine von den Städten iſt, welche man weder zu überrumpeln, noch im Sturm zu nehmen vermöchte. Ehe man ſich ihr nur nähern könnte, müßte man zuerſt das Fort Sainte⸗Agathe erobern und ſich zum Herrn des Fort von Nieullay machen. Man hätte vier⸗ zehn Tage eines ſiegreichen Kampfes auf allen Punkten nöthig, und während dieſer vierzehn Tage hätte England, benachrichtigt, vierzehnmal Zeit, mit ſeiner ganzen Macht ſeiner koſtbaren Stadt zu Hülfe zu eilen. Calais einneh⸗ men! Ah! ah! ich muß unwillkührlich lachen, wenn ich nur daran denke!“ Verletzt, ſprach Frau von Caſtro mit einer gewiſſen Bitterkeit: „Was meinen Schmerz bildet, gereicht Euch zur Freude. Wie ſollen ſich unſere Seelen je verſtändigen 2“ „Ei! Madame,“ rief Lord Wentworth erbleſchend, „ich wünſchte gerade die Illuſionen zu vernichten, die uns trennen. Ich wünſchte Euch ſo klar als der Tag zu beweiſen, daß Ihr Euch durch Chimären verführen laßt, und daß man, um nur den Gedanken an den Verſuch, von dem Ihr träumt, zu faſſen, am Hofe von Frankreich von der Tollheit befallen ſein müßte.“ „Es gibt auch heldenmüthige Tollheiten,“ ſprach 30 Diana mit ſtolzem Tone,„und ich kenne in der That hochherzige Wahnfinnige, welche vor dieſer erhabenen Un⸗ gereimtheit aus Ruhmbegierde oder einfach aus Ergeben⸗ heit nicht zurückweichen würden.“ „Oh! ja, Herr d'Ermos zum Beiſpiel!“ rief Lord Wentworth, fortgeriſſen von der Wuth der Eiferſucht, die er zu bemeiſtern nicht im Stande war. „Wer hat Euch dieſen Namen genannt?“ fragte Frau von Caſtro erſtaunt. „Dieſen Namen. geſteht es, Madame, daß Ihr ihn ſeit dem Anfang unſeres Geſpräches auf den Lippen habt, und daß Ihr in Eurem Geiſte zu gleicher Zeit mit Gott und Eurem Vater dieſen dritten Befreier anriefet.“ „„Habe ich Euch von meinen Gefühlen Rechenſchaft zu geben?“ „Gebt mir von nichts Rechenſchaft, ich weiß Alles. Ich weiß, was Euch ſelbſt unbekannt iſt, Madame, und was mir Euch heute mitzutheilen beliebt, um Euch zu zeigen, wie ſich auf dieſe romanhaften Verliebten bauen läßt! Ich weiß vor Allem, daß der Vicomte d'Exmos, zugleich mit Euch in Saint⸗Quentin zum Gefangenen ge⸗ macht, zu gleicher Zeit mit Euch nach Calais geführt worden iſt.“ „Iſt es möglich!“ rief Diana im höchſten Maße er⸗ aunt. „Ohl er iſt nicht mehr hier, Madame, ſonſt würde ich es Euch nicht ſagen. Seit zwei Monaten iſt Herr d'Ermös frei.“ „Und ich wußte nicht, daß ein Freund mit mir, ſo nahe bei mir litt!“ „Ja, Ihr wußtet es nicht, doch ihm war es nicht unbekannt,“ ſprach der Gouverneur.„Ich muß ſogar geſtehen, daß er ſich, als er es erfuhr, in furchtharen Drohungen gegen mich ausgelaſſen hat. Er hat mich nicht nur zum Duell herausgefordert, ſondern, wie Ihr es mit einer wunderbaren Sympathie vorhergeſehen, ſeine Liebe 1 1 That n Un⸗ eben⸗ Lord t, die Frau Ihr ippen t mit efet.“ ſchaft Alles. und ch zu bauen rmös, n ge⸗ führt er⸗ vürde Herr r, ſo nicht ſogar baren nicht mit Liebe 31 dergeſtalt bis zur Tollheit getrieben, daß er mir ſeinen Entſchluß, Calais zu nehmen, in's Geſicht erklärte.“ „Ich hoffe alſo mehr als je,“ verſetzte Diana. „Hofft nicht zu viel, Madame, denn ich wiederhole Euch, ſeitdem der Vicomte d'Exmos jenen furchtbaren Abſchied gegen mich ausgeſprochen, ſind zwei Monate abgelaufen. Wohl habe ich ſeitdem Kunde von meinem Widerſacher erhalten; er hat mir am Ende des Novem⸗ bers mit ängſtlicher Pünktlichkeit ſein Löſegeld geſchickt. doch von ſeiner ſtolzen Herausforderung kein Wort mehr.“ „Wartet, Mylord,“ erwiederte Diana,„Herr d'Exmos wird alle ſeine Schulden abzutragen wiſſen.“ „Ich bezweifle es, Madame, denn der Verfalltag iſt bald vorüber.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Frau von Caſtro. „Ich habe dem Vicomte d'Ermoès durch den Mann, den er mir ſchickte, verkündigen laſſen, ich würde auf den Erfolg ſeiner doppelten Ausforderung bis zum 1. Januar warten. Wir haben aber heute den 31. Decem⸗ er!“ „Nun!“ unterbrach ihn Diana,„er hat noch zwöl Stunden vor ſich.“ 5 4 „Das iſt richtig, Madame, voch wenn ich morgen zu dieſer Stunde keine Nachricht von ihm habe... Er vollendete nicht. Lord Derby ſtürzte in dieſem Augenblick ganz erſchrocken in das Zimmer und rief: „Mylord! Mylord! ich ſagte es wohl! es ſind die Franzoſen, und auf Calais haben ſie es abgeſehen.“ „Geht doch!“ erwiederte Lord Wentworth, der trotz ſeiner ſcheinbaren Sicherheit die Farbe wechſelte.„Geht doch! das iſt unmöglich! Wer beweiſt es! Abermals Ge⸗ rüchte, Worte, chimäriſcher Schrecken.“ „Ach! nein, leider Thatſachen!“ ſagte Lord Derby. „Leiſer, Derby, ſprecht leiſer,“ verſetzte der Gouver⸗ 32 neur, indem er ſich ſeinem Lieutenant näherte.„Beruhigt Euch. Was wollt Ihr mit Euren Thatſachen ſagen?“ Lord Derby erwiederte mit leiſer Stimme, wie es ſein Vorgeſetzter forderte, der in Gegenwart von Diana nicht weich geben wollte:. „Die Franzoſen haben unverſehens das Fort Sainte⸗ Agathe angegriffen. Nichts war bereit, um ſie zu em⸗ pfangen, weder die Mauern, noch die Mannſchaft, und ich befürchte, daß ſie zu dieſer Stunde ſchon Herren dieſes erſten Bollwerks von Calais ſind.“ „Sie wären noch fern von uns,“ entgegnete raſch Lord Wentworth. „Ja, aber nichts würde ihnen ſodann ein Hinderniß entgegenſtellen bis zur Brücke von Nieullay und die Brücke von Nieullay iſt zwei Meilen*) vom Platze.“ „Habt Ihr den Unſrigen Verſtärkung zugeſchickt, Derby?“ „Ja, Mylord, entſchuldigt, ohne Eure Befehle und trotz Eurer Befehle.“ „Ihr habt wohl daran gethan,“ ſprach der Gouver⸗ neur. „Doch dieſe Hülfe wird noch zu ſpät gekommen ſein,“ erwiederte der Lieutenant. „Wer weiß? Erſchrecken wir nicht. Ihr begleitet mich auf der Stelle nach Nieullay. Wir laſſen dieſe Unklugen ihre Kühnheit theuer bezahlen, und haben ſie Sainte⸗ Agathe ſchon, ſo iſt es damit abgemacht, daß wir ſie daraus verjagen.“ „Gott wolle es!“ ſagte Lord Derby.„Doch ſie ha⸗ ben die Partie ſehr feſt eingegangen.“ „Wir werden Revanche bekommen,“ erwiederte Lord Wentworth.„Wißt Ihr, wer ſie befehligt?“ *) Hier ſind engliſche Meilen gemeint, während ſonſt immer von franzöſiſchen Meilen, v ueber * 33 uhigt„Man weiß es nicht; Herr von Guiſe wahrſcheinlich 2. oder wenigſtens Herr von Nevers. Der Fähnrich, welcher e es im Galopp herbeiſprengte, um die unglaubliche Nachricht in von ihrer plötzlichen Ankunft zu überbringen, ſagt mir, er habe von fern in den erſten Reihen Euren ehemaligen inte⸗ Gefangenen, Ihr erinnert Euch, jenen Vicomte d'Eymos . erkannt dich„Verdammt!“ rief der Gouverneur die Fäuſte bal⸗ ieſes lend.„Kommt, Derby, kommt geſchwinde.“ Mit der feinen Auffaſſungsgabe, die man unter großen raſch Umſtänden findet, hatte Frau von Caſtro beinahe die ganze, obgleich mit leiſer Stimme geſprochene, Meldung gehört. erniß Als Lord Derby mit den Worten von ihr Abſchied rücke nahm: „Ihr werdet mich entſchuldigen, Madame, ich muß ickt Euch verlaſſen. Eine wichtige Angelegenheit... unter⸗ brach ihn Diana, nicht ohne eine gewiſſe weibliche Bosheit: und„Geht, Mhlord, ſucht Euren ſo grauſam gefährdeten Vortheil wieder zu erringen. Aber erfahrt mittlerweile zwei ber Dinge; einmal daß die ſtärkſten Illuſionen gerade diejenigen ſind, welche nicht trügen, und daß man ſtets auf das ein Wort eines franzöſiſchen Edelmanns zählen muß. Wir haben den 1. Januar noch nicht erreicht, Mylord.“ mich Lord Wentworth entfernte ſich wüthend, ohne zu ugen antworten. inte⸗ raus ha⸗ Lord ſonſt- iſi 34 . IV. Während des Ranonendonners. Lord Derby hatte ſich in ſeinen Vorausſetzungen nicht getäuſcht. Man vernehme, was geſchehen war: Die Truppen von Herrn von Nevers vereinigten ſich raſch in der Nacht mit denen von Herrn von Guiſe und kamen unvermuthet mittelſt eines forcirten Marſches vor dem Fort Sainte⸗Agathe an. Dreitauſend Arquebuſiere un⸗ terſtützt von fünfundzwanzig bis dreißig Reitern nahmen dieſes Fort in weniger als einer Stunde. Lord Wentworth gelangte mit Lord Derby zu dem Fort von Nieullay nur, um die Seinigen fliehend über die Brücke eilen und eine Zuflucht von dieſem zweiten beſſern Wall von Calais fordern zu ſehen. Doch wir müſſen geſtehen, daß Lord Wentworth, als der erſte Augenblick der Beſtürzung vorüber war, ſich muthig erhob. Es war im Ganzen ein Mann der Elite, der aus dem ſeiner Rare eigenthümlichen Stolz eine große Energie ſchöpfte. „Dieſe Franzoſen müſſen wahre Narren ſein,“ ſagte er vertrauensvoll zu Lord Derby,„doch wir werden ſie ihre Narrheit theuer bezahlen laſſen. Vor zweihundert Jahren hat ſich Calais ein Jahr gegen die Engländer ge⸗ halten, und es würde ſich zehn Jahre mit ihnen halten; Wir werden indeſſen keiner ſo langen Anſtrengung be⸗ dürfen. Vor dem Ende der Woche, Derby, werdei Ihr den Feind ſchmählich ſich zurückziehen ſehen. Er hat Alles gewonnen, was er durch Ueberrumpelung dabon tragen konnte. Doch wir find nun auf unſerer Hut. Man be⸗ ruhige ſich alſo und lache mit mir über dieſen thörichten Streich von Herrn von Guiſe.“ 1 def Lo in ſch do rig vot nicht nſich und or e un⸗ hmen dem über eiten als ſich Flite, roße ſagte ſie dert ge⸗ ten; be⸗ Ihr lles gen be⸗ ten 35 „Werdet Ihr Verſtärkung von England kommen laſſen?“ fragte Lord Derby. „Wozu?“ erwiederte ſtolz der Gouverneur.„Wenn dieſe Unbeſonnenen bei ihrer Unklugheit beharren, ſo wer⸗ den vor drei Tagen und während Nieullay ſie im Schach hält, die ſpaniſchen und engliſchen Truppen, welche ſich in Frankreich befinden, uns von ſelbſt zu Hülfe kommen. Bleiben dieſe ſtolzen Eroberer ganz und gar halsſtarrig, ſo bringt uns in vierundzwanzig Stunden eine nach Dover überſchickte Nachricht zehntauſend Mann. Doch bis dahin wollen wir ihnen nicht durch zu viel Angſt zu viel Ehre erweiſen. Unſere neunhundert Soldaten und unſere guten Mauern ſollen ihnen genug zu ſchaffen machen. Sie werden nicht weiter kommen, als bis zur Brücke von Nieullay.“ Am andern Tag, am 1. Januar 1558, waren in⸗ deſſen die Franzoſen ſchon an dieſer Brücke, welche ihnen Lord Wentworth als letztes Ziel bezeichnete. Sie hatten in der Nacht den Laufgraben eröffnet, und am Mittag ſchoſſen ihre Kanonen das Fort von Nieullay Breſche. Bei dem furchtbaren und regelmäßigen Lärmen zweier donnernder Artillerien ereignete ſich eine feierliche, trau⸗ rige Familienſcene in dem alten Hauſe von Peuqoy. Die dringenden von Pierre Peugoy an den Boten von Gahriel gerichteten Fragen haben den Leſer ohne al⸗ len Zweifel ſchon belehrt; Babette hatte ihrem Bruder und ihrem Vetter ihre Thränen und die Urſache ihrer Thränen nicht länger verbergen können. Sie war in der That nicht halb unglücklich, die Arme! Der Ruf, den ihr der vorgebliche Martin⸗Guerre ſchuldete, war nicht allein für ſie nothwendig, ſondern auch für ihr Kind. Babette Peugoy ſollte Mutter werden. Während ſie indeſſen ihren Fehler und die harte Folge ihres Fehlers geſtand, hatte ſie Pierre und Jean 36 gegenüber nicht zu geſtehen gewagt, daß ihre Zukunft ohne Ausgang, daß Martin⸗Guerre verheirathet war. über, ſie ſagte ſich, es wäre moͤglich, Herr d'Ermeés hätte ſich getäuſcht, und der gute Gott beuge nicht ſo rettungs⸗ los ein armes elendes Geſchöpf nieder, deſſen einziges Verchrechen darin beſtehe, daß es geliebt! Sie wieder⸗ holte ſich jeden Tag naiver Weiſe dieſe kindiſchen Schlüſſe und hoffte. Sie hoffte auf Martin⸗Guerre, ſie hoffte auf den Vicomte d'Ermös. Was2 ſie wußte es nicht; doch ſie hoffte. Nichtsdeſtoweniger hatte ihr das während der zwei abgelaufenen Monate von dem Herrn und dem Diener beobachtete Stillſchweigen einen tödtlichen Schlag beige⸗ bracht. Sie erwartete mit einer ſchreckenhaften Ungeduld den 1. Januar, die äußerſte Gränze, welche Pierre Peugqoy dem Vicomte d'Exmos bezeichnet hatte. Als ſie am 31. December die Anfangs ſchwankende, bald aber ſichere Kunde erhielt, daß die Franzoſen ge⸗ Freude. Sie hörte ihren Bruder und ihren Vetter ſagen, der Martin⸗Guerre war alſo auch dabei, und Babette hatte folglich Recht gehabt, zu hoffen. Sie empfing indeſſen am andern Tag, am 1. Januar, mit einem gewiſſen Zuſammenpreſſen des Her⸗ zens von Pierre Peucoy die Aufforderung, ſich in die ſtänden zu thun wäre, verſtändigen würden. lichen Tribunal, das doch nur aus zwei Weſen beſtund, welche eine beinahe väterliche Zuneigung für ſie hegten. ter Stimme,„hier bin ich zu Euren Befehlen.“ Vicomte vErmos wäre gewiß unter den Angreifenden. untere Stube zu begeben, wo ſie ſich mit Jean in ihrer Anweſenheit darüber, was unter den gegenwärttgen Um⸗ Sie erſchien ganz bleich und zitternd vor dieſem häus⸗ „Mein Vetter, mein Bruder,“ ſagte ſie mit beweg⸗ Sie geſtand es kaum ihrem eigenen Herzen gegen⸗ gen Calais marſchiren, bebte ihr Herz von unſäglicher wie ſcht ohne egen⸗ hätte ings⸗ ziges eder⸗ lüſſe auf doch zwei iener eige⸗ duld uqoy ende, ge⸗ icher der den. ate 1 Her⸗ die hrer Im⸗ ius⸗ nd„ eg⸗ — 37 „Setze Dich, Babette,“ ſprach Pierre, indem er auf einen für ſie bereitſtehenden Stuhl deutete. Dann fuhr er ſanft aber ernſt fort: „Am Anfang, als Du, beſiegt durch unſer Drängen und unſere Unruhe, uns die traurige Wahrheit geſtan⸗ deſt, war ich, ich erinnere mich deſſen mit Bedauern, nicht Meiſter einer erſten Bewegung des Zorns und des Schmer⸗ zes; ich ſchmähte Dich, ich bedrohte Dich ſogar, doch Jean trat zum Glück vermittelnd zwiſchen uns.“ „Er ſei geſegnet für ſeinen Edelmuth und ſeine Nach⸗ ſicht!“ ſprach Babette, indem ſie ihr in Thränen gebade⸗ tes Auge ihrem Vetter zuwandte. „Sprecht nicht hievon, Babette,“ verſetzte Jean be⸗ wegter, als er es ſcheinen wollte.„Was ich gethan habe, iſt ganz einfach, und es ließ ſich im Ganzen Euern Lei⸗ nicht dadurch abhelfen, daß man Euch neue aufer⸗ egte.“ „Das habe ich begriffen,“ ſagte Pierre.„Ueberdies rührten mich Deine Thränen und Deine Reue, Babette; meine Wuth beſänftigte ſich zum Mitleid, mein Mitleid zur Zärtlichkeit, und ich verzieh Dir den Flecken, den Du unſerem bis dahin fleckenloſen Namen gemacht haſt.“ „Jeſus wird gut gegen Dich ſein, wie Du es gegen mich geweſen biſt, mein Bruder.“ „Und dann,“ fuhr Pierre fort,„dann bemerkte mir Jean auch, Dein Unglück wäre vielleicht nicht ohne Ge⸗ genmittel, und derjenige, welcher Dich in den Fehler hin⸗ eingezogen, ſei verpflichtet, Dich auch wieder herauszu⸗ ehen. zieh Babette beugte erröthend ihre Stirne. Wenn ein Anderer als ſie an die Wiederherſtellung ihrer Ehe glaubte, ſo glaubte ſie nicht daran. Pierre ſprach weiter: „Trotz der Hoffnung, Deine Ehre und die unſrige wiederhergeſtellt zu ſehen, die ich mit Entzücken aufnahm, ſchwieg Martin⸗Guerre beſtändig, und der Bote, den Herr 38 d'Exmos vor einem Monat nach Calais ſandte, brachte uns von Deinem Verführer durchaus keine Nachricht, doch nun ſind die Franzoſen vor unſern Mauern. Der Vicomte d'Exmes und ſein Stallmeiſter ſind bei ihnen, bilde ich nir in „Sagt, es ſei gewiß, Pierre,“ unterbrach ihn der brave Jean Peugoy. „Ich werde Euch hierin nicht widerſprechen, Jean. Nehmen wir alſo an, Herr d'Exmos und ſein Stallmei⸗ ſter ſeien nur durch die Mauern und Gräben, die uns beſchützen, oder vielmehr die Engländer beſchützen, von uns getrennt. Wenn wir ſie wiederſehen, wie denkſt Du, daß wir uns in dieſem Fall gegen ſie benehmen müſſen, Babette? Werden ſie Freunde oder Feinde für uns ſein 2“ „Was Du thun wirſt, mein Bruder, wird wohl ge⸗ than ſein,“ ſprach Babette erſchrocken über die Wendung, die das Geſpräch nahm. „Aber, Babette, muthmaßeſt Du nſchts über ihre Abſichten?“ „Nichts, mein Gott! ich warte.“ „Du weißt alſo nicht, ob ſie kommen, um Dich zu retten oder um Dich zu verlaſſen, und ob der Kanonendon⸗ ner, der meinen Worten als Begleitung dient, Befreier, die man ſegnen, oder Ehrloſe, die man beſtrafen muß, ankündigt? Du weißt nichts, Babette?“ 5 „Ah! warum fragſt Du mich das, mich entwürdig⸗ tes Mädchen ohne Geiſt, das nur beten und ſich in ſein Schickſal zu ergeben weiß?“ 3 „Warum ich Dich dies frage, Babette? Höre, Du erinnerſt Dich, in welchen Gefühlen unſer Vater uns in Beziehung auf Frankreich und die Franzoſen erzogen hat. Die Engländer ſind für uns nie Landsleute, ſondern Un⸗ terdrücker geweſen, und vor drei Monaten hätte meinen Ohren keine Muſik angenehmer geklungen, als diejenige, welche in dieſem Augenblick ertönt.“ 6 1 achte doch omte e ich er Jean. lmei⸗ uns von Du, iſſen, in 2“ lge⸗ ung, ihre h zu don⸗ reier, rig⸗ ſein Du 39 „Ah! für mich iſt es ſtets die Stimme des Vaterlan⸗ des, die mich ruft,“ ſprach Jean. „Jean,“ erwiederte Pierre Peuqoy,„das Vaterland iſt der Herd im Großen, es iſt die vervielfältigte Familie, die erweiterte Verbrüderung. Doch gebührt es ſich, ihm die andere Verbrüderung, den andern Herd, die andere Familie zu opfern?“ „Mein Gott! worauf zielſt Du denn ab, Pierre?“ fragte Babette. „Höre? in den rohen, plebejiſchen Arbeiterhänden Deines Bruders, Babette, ruht vielleicht in dieſer Minute das Schickſal von Calais. Ja, dieſe armen, durch die Arbeit jedes Tages geſchwärzten Hände können dem König von Frankreich den Schlüſſel von Frankreich zurückgeben.“ zUnd ſie zögern!“ rief Bahette, welche wirklich mit der Muttermilch den Haß gegen das fremde Joch einge⸗ ſogen hatte. „Ah! edles Mädchen,“ ſprach Jean Peugoh,„Du warſt wohl unſeres Vertrauens würdig.“ „Weder mein Herz, noch meine Hände würden zögern,“ erwiederte Pierre,„wenn ich die Möglichkeit hätte, un⸗ mittelbar ſeine Stadt dem König Heinrich 1I. oder ſei⸗ nem Stellvertreter dem Herzog von Guiſe zu überliefern. Aber die Umſtände ſind ſo beſchaffen, daß wir genöthigt hten, uns der Vermittlung von Herrn d'Ermés zu be⸗ ienen. al en*“ fragte Babette erſtaunt über dieſen Vor⸗ ehalt. „So glücklich und ſtolz ich wäre, zu dieſer großen andlung mich mit demjenigen zu verbinden, der unſer Gaſt war, und deſſen Stallmeiſter mein Schwager werden llte, eben ſo ſehr würde es mir widerſtreben, dieſe Ehre dem gewiſſenloſen Edelmann zu erweiſen, der zum Raube unſerer Ehre beigetragen hätte.“ „Er, Herr d'Ermos, der Mitleidige, der Rechtſcha fene!“ rief Babette. 40⁰ „Es iſt nicht minder wahr,“ erwiederte Pierre,„vaß 3 Herr d'Exmos durch Dein Vertrauen, wie Martin⸗Guerre 8 durch ſein Gewiſſen, Dein Unglück gewußt hat, und Du ſiehſt wohl, daß Beide ſchweigen.“ 1 „Aber was konnte Herr d'Ermes thun und ſagen?“ fragte Babette. 1 „Meine Schweſter, er konnte bei ſeiner Rückkehr 6. nach Paris Martin⸗Guerre kommen laſſen und ihm befeh⸗ 5 len, Dir ſeinen Namen zu geben! Er konnte ſtatt des Unbekannten ſeinen Stallmeiſter hierherſchicken, und ſo Sn gegen uns zugleich die Schuld ſeiner Borſe und die Schuld ſeines Herzens abtragen.“ n „Nein, nein, er konnte das nicht,“ entgegnete die ſieh aufrichtige Babette traurig den Kopf ſchüttelnd. „Wie! es ſtand ihm nicht frei, ſeinem Diener einen Befehl zu geben?“ pi „Wozu ihm dieſen Befehl geben?“ verſetzte Babette. „Wie! wozu?“ rief Pierre Peuqoy.„Wozu ein Vergehen wieder gut machen? Wozu eine Ehre retten? ſein Biſt Du wahnfinnig, Babette 2“ „Ach! nein, zu meinem Unglück!“ ſagte unter Thränen das arme Mädchen.„Die Wahnfinnigen ver⸗ va geſſen.“ „Wie kannſt Du denn, wenn Du bei Vernunft biſt, ſen ſagen, Herr dErmes habe wohl gethan, von ſeinem An⸗ ſehen als Gebieter keinen Gebrauch zu machen, um Dei⸗ ſtrer nen Verführer zu zwingen, Dich zu heirathen?“ gen „Mich heirathen! mich heirathen! ei! könnte er es?“ ſprach Babette ganz verwirrt. blin „Aber wer ſollte ihn denn hindern?“ riefen gleich⸗ zeitig Jean und Pierre. Bab Beide hatten ſich mit einer unwiderſtehlichen Bewe⸗ Es gung erhoben, Babette fiel auf die Kniee. „Ach!“ rief ſie,„verzeih' noch einmal, Bruder!.. 4 nahe Ich wollte Dir das verbergen„Ich verbarg es mir ſelbſt! Doch nun ſprichſt Du mir von unſerer gebrand 2 „daß Fuerre d Du en ickkehr befeh⸗ t des d ſo chuld te die einen bette. ein ten? unter ver⸗ biſt, An⸗ Del⸗ 674 41¹ markten Ehre, von Frankreich, von Herrn d'Ermés, von dieſem unwürdigen Martin⸗Guerre, was weiß ich?. Oh! mein Kopf verwirrt ſich! Du fragteſt mich, ob ich wahnſinnig wäre? Ich glaube in der That, daß mich der Wahnſinn erfaßt. Du, der Du ruhiger biſt, ſage mir, ob ich mich täuſche, ob ich geträumt habe, oder oh das, ras mir Herr d'Exmés eröffnet hat, wirklich mog⸗ lich iſt?“ 8„Was er Dir eröffnet hat?“ wiederholte Pierre von einem Schrecken erfaßt. „Ja, in meinem Zimmer, am Tage ſeiner Abreiſe, als ich ihn bat, Martin dieſen Ring zu übergeben. Ich wagte es nicht, ihm, dem Fremden, meinen Fehler zu ge⸗ ſtehen. Und dennoch mußte er mich begreifen. Und wenn er mich verſtanden hat, wie konnte er mir ſagen 2 4 „„ n„Was? Was hat er Dir geſagt? Vollende!“ rief erre. „Ach! Martin⸗Guerre wäre ſchon verheirathet!“ „Unglückliche!“ ſchrie Pierre, indem er außer ſich auf ſeine Schweſter zuſtürzte und die Hand gegen ſie erhob. „Oh! es iſt alſo wahr!“ ſprach mit ſterbender Stimme das unglückliche Kind,„ich fühle, daß es wahr iſt.“ Und ſie fiel ohnmächtig zu Boden. Jean hatte Zeit gehabt, Pierre um den Leib zu faf⸗ ſen und zurückzuwerfen. „Was machſt Du denn, Pierre?“ ſprach er mit ſtrengem Tone.„Nicht die Unglückliche mußt Du ſchla⸗ gen, ſrn „Du ha echt,“ erwiederte Pierre Peugv„ſeines blinden Zornes ſich ſchämend. 5 Er ging wild und düſter beiſeit, während Jean, über Babette geneigt, dieſe ins Leben zurückzurufen ſuchte. Es trat ein langes Stillſchweigen ein. Außen donnerten fortwährend die Kanonen in bei⸗ nahe regelmäßigen Zwiſchenräumen. Die beiden Dianen. 1l. 4 4² Endlich öffnete Babette die Augen wieder, und ſie be⸗ mühte ſich vor Allem, ihre EFrinnerungen zurückzurufen. „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte ſie und ſchaute mit einem irren Blick das über ſie herabgebeugte Geſicht von Jean Peugoy an. Jean ſah ſeltſamer Weiſe nicht ſehr traurig aus. Es waren zu gleicher Zeit in ſeinen vortrefflichen Zügen eine tiefe Rührung und eine Art von Zufriedenheit ſichtbar. „Mein guter Vetter!“ ſagte Babette, ihm die Hand reichend.* Das erſte Wort von Jean Peuqoy zu der theuren Betrübten war: „Hoffe, Babette, hoffe.“ Aber die Blicke von Bahette fielen in dieſer Sekunde auf das düſtere, troſtloſe Antlitz ihres Bruders„und ſie bebte, denn Alles kam ihr zugleich wieder ins Ge⸗ dächtniß. „Oh! Pierre, verzeih! verzeih!“ rief ſie. 5 Auf ein rührendes Zeichen von Jean Peugoy, um ihn zur Barmherzigkeit zu ermahnen, ging Pierre auf ſeine Schweſter zu, hob ſie auf und ſetzte ſie auf einen Stuhl. „Beruhige Dich,“ ſprach er.„Nicht Dir grolle ich, Du haſt ſo vlel leiden müſſen! Beruhige Dich. Ich ſage Dir wie Jean: Hoffe!“ „Oh! was kann ich noch hoffen?“ entgegnete ſie. „Es iſt wahr, nicht mehr die Wiederherſtellung Deiner Ehre, aber wenigſtens die Rache,“ antwortet Pierre Peugoh mit gefalteter Stirne. „Und ich,“ flüſterte ihr Jean Peugoy zu,„ich ſag Dir; Die Rache und die Wiederherſtellung Deiner Ehr ugleich.“ Sie ſchaute ihn verwundert an, doch ehe ſie fragen konnte, ſprach Pierre: „Ich verzeihe Dir abermals, meine Schweſter. Dein Fel zwe Di erli De es Gu lich ger Ge ger Her Sti uns ſolle ich an Lebe liebe ſtan Wel zum ſua ſich gem hatte erſter Einn ſie be⸗ ufen. ſchaute Heſicht aus. Zügen enheit Hand euren kunde id ſie Ge⸗ „um auf einen e ich, ſag ie. lung rtet ſag agen 43 Fehler iſt im Ganzen nicht größer, weil ein Feiger Dich zweimal getäuſcht hat. Ich liebe Dich, Babette, wie ich Dich ſtets geliebt habe.“ Glücklich in ihrem Schmerz, warf ſich Babette in die Arme ihres Bruders. „Aber,“ ſprach Pierre Peugoy, mein Zorn iſt nicht erloſchen, er hat ſich nur einer andern Seite zugewendet. Derjenige, den er jetzt treffen möchte, iſt, ich wiederhole es, der ſchändliche Verführer, der verhaßte Martin⸗ Guerre!„ „Mein Bruder!“ unterbrach ihn Babette mit ſchmerz⸗ lichem Tone. „Nein, für ihn kein Mitleid!“ rief der ſtrenge Bür⸗ ger.„Seinem Gebieter, Herrn d'Ermeos, bin ich eine Genugthuung ſchuldig, das geſteht meine Revlichkeit gern zu.“ „Ich ſagte es Dir wohl,“ verſetzte Jean Peugoh. „Ja, Jean, Du hatteſt Recht, ich habe den würdigen Herrn falſch beurtheilt. Nun erklärt ſich Alles. Sein Stillſchweigen ſogar war Zartgefühl. Warum hätte er uns grauſam an ein unwiederbringliches Unglück erinnern ſollen? Ich hatte Unrecht! Und wenn ich bedenke, daß ich vielleicht durch einen traurigen Irrthum zum Lügner an den Ueberzeugungen und Inſtinkten meines ganzen Lebens geworden wäre, und Frankreich, das ich ſo ſehr Fehler hätte bezahlen laſſen, der nie he⸗ „Mein Gott! wovon ſind die großen Ereigniſſe der Welt abhängig!“ ſprach Jean Peugoy philoſophiſch.„Doch zum Glück iſt noch nichts verloren,“ fügte er bei,„und durch das Vertrauen von Babette wiſſen wir nun, daß ſich der Vicomte unſerer Freundſchaft nicht unwürdig gemnucht hat. Oh! ich kannte ſein edles Herz, denn ich hatte ihn immer nur zu bewundern, abgeſehen bon ſeinem erſten Zögern, als wir ihm die Entſchädigung für die Einnahme von Sainte⸗Quentin vorſchlugen. Aber mir 44 ſcheint, er iſt in dieſem Augenblick bemüht, dieſes Zögern auf eine glänzende Weiſe wieder gut zu machen.“ Und der brave Weber deutete durch ein Zeichen an, man höre den furchtbaren Donner der Kanonen, welche in eiligeren Schüſſen zu ertönen ſchienen. „Jean,“ ſprach Pierre Peugoy,„wißt Ihr, was uns dieſer Kanonendonner ſagt?“ 5„Er ſagt uns, Herr d'Ermes ſei da,“ antwortete ean. „Ja, Bruder, aber,“ fügte Pierre ſeinem Vetter bei,„aber er ſagt uns auch; Erinnert Euch es 5.1“ „Und wir werden uns erinnern, Pierre, nicht wahr?“ Dieſes gegenſeitige Flüſtern beunruhigte Babette; nur mit ihren firen Gedanken heſchäftigt, murmelte ſie: „Jeſus! was complottiren ſie 2 Kommt Herr d'Ermés, ſo wolle Gott, daß Martin⸗Guerre wenigſtens nicht mit ihm kommt!“ „Martin⸗Guerre?“ verſetzte Jean, der dies hörte⸗ „Oh! Herr d'Ermès wird ſeinen unwürdigen Diener ſchmählich fortgejagt haben! Und daran hat er im Inter⸗ eſſe des Feigen wohl gethan; denn wir hätten ihn bei ſeinem erſten Schritt in Calais herausgefordert und ge⸗ toͤdtet; nicht wahr, Pierre?“ „In jedem Fall,“ erwiederte Pierre mit ſeinem un⸗ beugſamen Ausdruck,„geſchieht es nicht in Calais, ſo tödte ich ihn in Paris.“ „Ah!“ rief Babette,„es find gerade die Repreſſalien, was ich befürchtete: nicht für ihn, den ich nicht mehr liebe, ſondern für Dich, Pierre, für Euch, Jean, die Ihr Beide ſo brüderlich und ſo treu ergeben ſeid.“ „Bei einem Kampfe zwiſchen ihm und mir würdet Ihr alſo nicht für ihn, ſondern für mich Gelübde thun?“ ſprach Jean Peugoy bewegt. 2 „Ah!“ rief Babette,„ieſe einzige Frage iſt die grau⸗ zögern en an, lche in s uns ortete Vetter Euch nicht bette; ſie: més, t mit oörte. iener nter⸗ bei ge⸗ un⸗ ſo lien, nehr die rdet n2 4⁵ ſamſte Strafe, die Ihr für meinen Fehler über mich ver⸗ hängen könnt. Wie ſollte ich zwiſchen Euch, der Ihr ſo gut und milde, und ihm, der ſo niederträchtig und ver⸗ rätheriſch iſt, heute zögern?“ „Ich danke,“ ſprach Jean.„Was Ihr da ſagt, thut wohl, und glaubt, daß Euch Gott dafür belohnen wird.“ „Ich bin wenigſtens ſicher, daß Gott den Schuldigen beſtrafen wird,“ ſagte Pierre.„Doch denken wir noch nicht an ihn, Freund,“ ſprach er zu Jean.„Wir haben gegenwärtig andere Dinge zu thun, und nur drei Tage, um dieſe Dinge vorzuhereiten. Wir müſſen ausgehen, unſere Freunde ſehen, die Waffen zählen 4 Mit leiſer Stimme fügte er bei: „Jean, erinnern wir uns des 5.!“ Eine Viertelſtunde nachher, während Babette, die ſich etwas ruhiger in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, Gott dankte, ohne genau zu wiſſen wofür, gingen der Waffenſchmied und der Weber ganz geſchäftig durch die tadt. Sie ſchienen nicht mehr an Martin⸗Guerre zu denken, welcher in dieſem Augenblick, beiläufig geſagt, keine Ver⸗ muthung hatte, was ſich Schlimmes in der Stadt Calais, in die er nie einen Fuß geſetzt, für ihn vorbereitete. Doch die Kanonen donnerten fortwährend, und luden und entluden, wie Robertin ſagt, in wunderbarer Wuth ihren Artillerieſturm. V. Unter dem Zelt. Drei Tage nachher, am 4. Januar Abends, waren die Franzoſen, trotz der Weiſſagungen von Lord Went⸗ worth, noch weiter vorgerückt. Sie hatten nicht nur die Brücke überſchritten, ſon⸗ dern ſie waren ſeit dem Morgen Herren des Fort von Neuillay, ſo wie von allen Waffen und der ganzen Muni⸗ tion, die daſſelbe enthielt. In dieſer Stellung konnten ſie allen ſpaniſchen und engliſchen Hülfstruppen, wenn ſie zu Lande kamen, den Durchzug verſchließen. Ein ſolches Reſultat war wohl die drei Tage hef⸗ tigen, mörderiſchen Kampfes werth, die es gekoſtet hatte. „Das iſt ein Traum!“ rief der ſtolze Gouverneur von Calais, als er ſeine Soldaten, trotz ſeiner muthigen Anſtrengung, ſie auf ihren Poſten zu halten, in Unord⸗ nung gegen die Stadt fliehen ſah. Und zum Uebermaß der Demüthigung mußte er ih⸗ nen folgen. Es war ſeine Pflicht, zuletzt zu ſterben. „Glücklicher Weiſe,“ ſagte Lord Derby zu ihm, als ſie in Sicherheit waren,„glücklicher Weiſe werden Calais und das alte Schloß ſelbſt mit den wenigen Kräften, die uns bleiben, wohl noch zwei bis drei Tage halten. Das Fort von Risbank und die Einfahrt zur See bleiben frei und England iſt nicht fern.“ Der von Lord Wentworth verſammelte Rath erklärt in der That, hierin liege das Heil. Es war nicht mehr Zeit, auf den Stolz zu hören. Sogleich mußte eine Kunde nach Dover erpedirt werden. Am andern Tag ſpäteſten varen Pent⸗ ſon⸗ von Nuni⸗ und den hej⸗ hatte. rneur higen nord⸗ rih⸗ „als alais „di Das n frei klärte meht Kunde teſtens 47 würde mächtige Verſtärkung eintreffen und Calais wäre gerettet. Lord Wentworth entſchloß ſich hiezu mit Reſignation. Sogleich ging eine Barke ab, die eine dringende Bot⸗ ſchaft für den Gouverneur von Dover mitnahm. Dann trafen die Engländer Vorkehrungen, um ihre ganze Energie bei der Vertheidigung des alten Schloſſes zu concentriren. Dies war die verwundbare Seite von Calais. Denn das Meer, die Dünen und eine Handvoll ſtädtiſcher Mi⸗ lizen waren mehr als hinreichend, um das Fort von Ris⸗ bank zu beſchützen. Während die Belagerten den Widerſtand in Calais an dem angreifbaren Punkt organiſiren, ſehen wir ein wenig außerhalb der Stadt, wie es den Belagernden geht, und beſonders, was am Abend des 4. der Vicomte dErmès, Martin⸗Guerre und ihre muthigen Recruten machen. Da ihr Geſchäft das von Soldaten und nicht von Minirern, da ihr Platz nicht in den Laufgräben und bei den Belagerungsarbeiten, ſondern im Treffen und beim Sturme iſt, ſo müſſen ſie zu dieſer Stunde ausruhen. Wir dürfen in der That nur die Leinwand des ein wenig abgeſondert auf der rechten Seite des franzöſiſchen Lagers ſtehenden Zeltes aufheben, um Gabriel und ſeine kleine Truppe von Freiwilligen wiederzufinden. Das Bild, das ſie boten, war maleriſch und beſon⸗ ders wechſelreich. Gabriel ſaß mit geſenktem Haupte in einer Ecke auf dem einzigen Stuhl, der ſich hier fand, und ſchien in tiefe Gedanken verſunken. Zu ſeinen Füßen beſſerte Martin⸗Guerre die Schnalle an einer Degenkuppel aus. Er ſchlug von Zeit zu Zeit die Augen mit einer gewiſſen Beſorgniß zu ſeinen Herrn auf, aber er ehrte das ſtillſchweigende Nachſinnen, worein er ihn vertieft ſah. 3 * Unfern von ihnen, auf einem von Mänteln gebildeten Bett lag und ächzte der unglückliche Malemort. Am andern Ende des Zeltes körnte der fromme Lactance knieend voll Eifer und Inbrunſt ſeinen Roſen⸗ kranz ab. Lactance hatte am Morgen bei der Einnahme des Fort von Nieullay das Unglück gehabt, drei von ſei⸗ nen Brüdern in Jeſu Chriſto zu erſchlagen. Er war da⸗ für ſeinem Gewiſſen dreihundert Pater und eben ſo viele Ave ſchuldig. Dies war die gewöhnliche Tare, die ihm ſein Beichtvater für ſeine Todten auferlegt hatte. Seine Verwundeten zählten nur für die Hälfte. In ſeiner Nähe ſuchte Monnet, nachdem er ſeine von Staub und Koth befleckten Kleider ſorgfältig gebürſtet und gereinigt hatte, mit den Augen einen Winkel des Bodens, der nicht zu feucht wäre, um ſich darauf auszuſtrecken und auszuruhen, da die zu ſehr verlängerten Nachtwa⸗ chen und Strapatzen ſeinem zarten Temperament ganz entgegengeſetzt nat Zwei Schritte Jon ihm machten Scharfenſtein Oheim und Scharfenſtein Neffe an den Fingern verwickelte Rech⸗ nungen. Sie überſchlugen, was ihnen die Beute vom, Morgen eintragen könnte. Scharfenſtein Neffe hatte das Talent gehabt, ſich einer werthvollen Rüſtung zu bemäch⸗ tigen, und die würdigen Teutonen theilten mit freudigem Antlitz zum Voraus das Geld, das ſie aus dieſer Beute gewinnen könnten. Die übrigen Kriegsleute würfelten im Mittelpuncte des Zeltes gruppirt, und Spieler und Wettende folgten mit Lebhaftigkeit den verſchiedenen Chancen der Partie. Ein dickes, rauchiges, im Boden befeſtigtes Licht warf ſeinen Schein auf ihre freudigen oder ärgerlichen Geſichter, und verbreitete ſogar einen Schimmer auf den andern Phyſiognomien, mit den entgegengeſetzten Aus⸗ drücken, die wir im Halbſchatten zu entdecken und zu ſtizziren geſucht haben. ——— tet S ul V det de nie fer tie un am ldeten omme Koſe⸗ tahme n ſei⸗ r da⸗ viele ihm Seine on und dens, ecken twa⸗ ganz heim Rech⸗ vom das näch⸗ igem Zeute incte gten der Licht chen den lus⸗ zu 49 Bei einem von Malemort ausgeſtoßenen ſchmerzlichen Seufzer erhob Gabriel das Haupt, rief ſeinem Stallmei⸗ ſter und fragte ihn: „Martin⸗Guerre, wie viel Uhr mag es jetzt ſein?“ „Gnädiger Herr, ich weiß es nicht genau,“ antwor⸗ tete Martin⸗Guerre,„dieſe regneriſche Nacht löſcht alle Sterne aus. Doch ich denke, es wird nicht weit von ſechs Uhr ſein, venn es iſt ſeit einer Stunde völlig finſter.“ „Und der Wundarzt hat Dir verſprochen, um ſechs Uhr zu kommen?“ verſetzte Gabriel. „Auf den Punkt ſechs Uhr, gnädiger Herr. Ah! der Vorhang geht auf, er kommt.“ Der Vicomte d'Exmès warf nur einen Blick auf den Eintretenden und erkannte ihn ſogleich. Er hatte ihn aber nur ein einziges Mal geſehen. Doch das Geſicht des Wundarztes war eines von denjenigen, welche man ie vergißt, wenn man ſie ein einziges Mal getrof⸗ en hat. „Meiſter Ambroiſe Paré!“ rief Babriel aufſtehend. „Herr Vicomte d'Ermés!“ ſprach Paré mit einer tiefen Verbeugung. „Ich wußte nicht, daß Ihr im Lager ſo nahe bei uns ſeid,“ ſagte Gabriel. „Ich ſuche immer an dem Ort zu ſein, wo ich mich am Nützlichſten machen kann,“ erwiederte der Wundarzt. „Oh! daran erkenne ich Euch, edles Herz, und ich weiß Euch heute doppelten Dank, daß Ihr ſo ſeid, denn ich will meine Zuflucht zu Eurer Wiſſenſchaft und Eurer nehmen.“ „Hoffentlich nicht für Euch?“ verſetzte Ambrviſe Paré. „Einer von meinen Leuten, der ſich mit einer Art von Hirnwuth auf die fliehenden Engländer ſtürzte, hat von einem ſolchen einen Lanzenſti ⸗ n ſolchen einen zenſtich in die Schulter be 50 „In die Schulter? Das iſt ohne Zweifel von keiner Bedeutung,“ ſagte der Wundarzt. „Ich befürchte das Gegentheil,“ erwiederte Gabriel, die Stimme dämpfend;„denn einer von den Kameraden des Verwundeten, Scharfenſtein, den Ihr hier ſeht, hat auf eine ſo heftige und ungeſchickte Weiſe das Holz der Lanze loszumachen geſucht, daß es zerbrochen und das Eiſen in der Wunde zurückgeblieben iſt.“ Ambrviſe Pars entſchlüpfte eine Geberde von ſchlim⸗ mer Vorbedeutung. „Wir wollen die Sache anſehen,“ ſagte er jedoch mit ſeiner gewöhnlichen Ruhe. Man führte ihn zum Lager des Leidenden. Alle Kriegs⸗ leute verließen ihr Spiel, ihre Berechnungen, ihr Reini⸗ gungswerk, und umgaben den Wundarzt. Lactance allein ſetzte ſein Gemurmel in ſeiner Ecke fort. Wenn Lactance für ſeine Heldenthaten Buße that, unterbrach er ſich nur, um andere zu verrichten. 2 Ambroiſe Paré nahm die Leinwand ab, mit der die Schulter von Malemort umwickelt war, und betrachtete aufmerkſam prüfend ſeine Wunde. Er ſchüttelte zweifel⸗ haft und unzufrieden den Kopf, aber er ſagte laut: „Es wird nichts ſein.“ „Hm!“ brummelte Malemort,„wenn es nichts iſt, werde ich mich morgen wieder ſchlagen können.“ „Ich glaube nicht,“ entgegnete Ambroiſe Paré, der die Wunde ſondirte. „Aie! Ihr thut mir ein wenig wehe, wißt Ihr?“ ſagte Malemort. „Ich glaube es, Muth gefaßt, mein Freund,“ ſprach der Wundarzt. „Ah! ich habe Muth,“ verſetzte Malemort.„Im Ganzen iſt es bis jetzt ſehr erträglich. Wird es härter ſein, wenn Ihr den verdammten Stumpf herausnehmen müßt?“ „Rein, denn hier iſt er,“ erwiederte triumphirend An gez ſag ein auf ein chel rief alle ehr Ob ſchi mei Eſe ihre En ſo gew Me von iſt, beko gen einer riel, aden hat der das lim⸗ mit egs⸗ eini⸗ llein ance nur, die tete ifel⸗ iſt, der r 2 rach — 51 Ambrviſe Paré, indem er die Lanzenſpitze, die er heraus⸗ gezogen, in die Höhe hob und Malemort zeigte. „Ich bin Euch ſehr verbunden, Herr Wundarzt,“ ſagte Malemort mit höflichem Ausdruck. Das Meiſterſtück von Ambroiſe Pars wurde mit einem Gemurmel der Bewunderung und des Erſtaunens aufgenommen. „Wie! Alles iſt vorbei?“ ſagte Gabriel.„Das iſt ein wahres Wunder!“ „Man muß auch zugeſtehen,“ ſprach Ambroiſe lä⸗ chelnd,„der Verwundete war nicht weichlich.“ „Und bei der Meſſe! der Operateur nicht ungeſchickt,“ rief hinter den Soldaten ein Hinzukommender, den in der allgemeinen Angſt Niemand hatte eintreten ſehen. Doch bei dieſer ſo wohlbekannten Stimme traten Alle ehrfurchtsvoll beiſeit. „Der Herr Herzog von Guiſe,“ ſagte Paré, den Obergeneral erkennend. „Ja, Meiſter, Herr von Guiſe, der über Eure Ge⸗ ſchicklichkeit erſtaunt und entzückt iſt. Beim heiligen Franz, meinem Patron! ich habe dort in der Ambulanz erzdumme Eſel von Aerzten geſehen, welche unſeren Soldaten mit ihren Inſtrumenten mehr Schlimmes zufügten, als die Engländer mit ihren Waffen. Doch Ihr habt den Stumpf ſo leicht ausgeriſſen, als wäre es ein weißes Haar geweſen. Und ich kannte Euch nicht! Wie heißt Ihr, Meiſter?“ „Ambroiſe Paré, gnädigſter Herr.“ „Nun, Meiſter Ambroiſe Paré,“ ſagte der Herzog von Guiſe,„ich ſtehe Euch dafür, daß Euer Glück gemacht iſt, doch unier einer Bedingung.“ „Darf man dieſe wiſſen, gnädigſter Herr?“ „Daß Ihr, wenn ich eine Wunde oder eine Beule bekomme, was ſehr moͤglich iſt, und zwar in dieſen Ta⸗ gen mehr als je, Euch meiner annehmt und mich ohne 52 mehr Umſtände und Ceremonie behandelt, als dieſen ar⸗ men Teufel.“ „Gnädiger Herr, ich werde es thun,“ ſprach Ambroiſe „Alle Menſchen ſind vor dem Leiden gleich.“ „Hm!“ verſetzte Franz von Lothringen,„Ihr werdet alſo in dem erwähnten Fall bemüht ſein, daß ſie es auch vor der Heilung ſind.“ „Wird mir der gnädigſte Herr nun erlauben, die Wunde dieſes Menſchen zu ſchließen und zu verbinden?“ fragte Ambroiſe.„So viele andere Verwundete bedürfen heute meiner Sorge.“ „Thut es, Meiſter Ambroiſe Paré!“ erwiederte der Herzog.„Thut es, ohne Euch um mich zu bekümmern. Mich ſelbſt drängt es, Euch zurückzuſchicken, um ſo viel als möglich Patienten aus den Händen unſerer geſchwo⸗ renen Aesculape zu befreien. Ueberdies habe ich mit Herrn d'Ermes zu reden.“ Ambroiſe Paré nahm ſogleich den Verband von Ma⸗ lemort vor. „Herr Wundarzt, ich danke Euch abermals,“ ſprach Malemort.„Doch verzeiht, ich habe Euch noch um einen Dienſt zu bitten.“ „Was wollt Ihr, mein Tapferer?“ fragte Ambroiſe. „Hoͤrt, Herr Wundarzt. Nun, da ich in meinem Fleiſch nicht mehr den abſcheulichen Stumpf fühle, der mich beläſtigte, muß ich ungefähr geheilt ſein?“ „Ja, ungefähr,“ antwortete Ambroiſe Paré, während er die Binde befeſtigte. „Wohl,“ ſprach Malemort mit einfachem, freiem Tone,„wollt Ihr die Güte haben, meinem Gebieter, Herrn d'Ermés, zu ſagen, wenn morgen ein Treffen ſtatt⸗ finde, ſei ich vollkommen im Stand, mich zu ſchlagen.“ „Euch ſchlagen! morgen!“ rief Ambroiſe Paré.„Oh! Ihr denkt nicht daran!“ ar⸗ riſe eiden erdet auch die n24 irfen der ern. viel w⸗ errn Ma⸗ rach inen viſe. nem der rend eiem eter, tatt⸗ en.“ Oh 53 „Ohl doch! ich denke daran,“ erwiederte Malemort ſchwermüthig. „Unglücklicher, wißt, daß ich Euch wenigſtens acht Tage vollkommene Ruhe verordne; acht Tage im Bette, acht Tage Diät.“ „Diät in der Nahrung, gut„ verſetzte Malemort, „doch nicht Diät für den Kampf, ich bitte Euch.“ „Ihr ſeid ein Narr!“ rief Ambroiſe Paré.„Wenn Ihr nur aufſtändet, würde Euch das Fieber packen, und Ihr wäret verloren. Ich habe geſagt, acht Tage, und gehe keine Minute davon ab.“ „Hm!“ blokte Malemort,„in acht Tagen iſt die. Be⸗ lagerung vorüber. Ich werde mich alſo nie zur Genüge ſchlagen!“ „Das iſt ein harter Burſche!“ ſagte der Herzog von Guiſe, der dieſes Geſpräch mitangehört hatte. „Malemort iſt ſo,“ verſetzte Gabriel lächelnd,„ich bitte Euch ſogar, gnädigſter Herr, Befehl zu geben, daß man ihn in die Ambulanz bringt und dort bewacht, denn wenn er den Lärmen eines Gefechtes hört, iſt er im Stande, Allem zum Trotz aufſtehen zu wollen.“ „Das iſt ganz einfach,“ ſagte der Herzog von Guiſe. „Laßt ihn ſelbſt durch ſeine Kameraden dahin tragen.“ „Gnädigſter Herr,“ erwiederte Gabriel mit einer ge⸗ wiſſen Verlegenheit,„ich werde meine Leute vielleicht in dieſer Nacht nöthig haben.“ „Ah!“ machte der Herzog, den Vicomte d'Ermes ver⸗ wundert anſchauend. „Wenn es Herr d'Ermös wünſcht, ſo werde ich zwei von meinen Gehülfen mit einer Tragbahre ſchicken und den verwundeten Kriegsknecht holen laſſen,“ ſagte Am⸗ broiſe Pars, der ſich näherte, nachdem er den Verband angelegt hatte. „Ich danke Euch und nehme es an,“ erwiederte Sei„Ich empfehle ihn Eurer ſtrengſten Wachſam⸗ eit. „Heuh!“ ſchrie Malemort in Verzweiflung⸗ Ambroiſe Paré entfernte ſich, nachdem er vom Her⸗ zog von Guiſe Abſchied genommen hatte. Die Leute von Herrn d'Ermes zogen ſich auf ein Zeichen von Martin⸗ Guerre an das Ende des Zeltes zurück, und Gabriel“ konnte mit dem die Belagerung befehligenden General gleichſam unter vier Augen bleiben. VI. Die kleinen Varken retten die großen Schiffe. Als ſich der Vicomte d'Ermös ſo beinahe allein mit dem Herzog von Guiſe fand, ſprach er zuerſt: „Nun, ſeid Ihr zufrieden, gnädigſter Herr?“ „Ja,“ antwortete Franz von Lothringen,„ja, zu⸗ frieden mit dem erlangten Reſultat, aber ich geſtehe, un⸗ ruhig über das noch zu erlangende Reſultat. Dieſe Un⸗ ruhe hat mich bewogen, mein Zelt zu verlaſſen, im Lager umherzuſchweifen und bei Euch Ermuthigung und guten Rath zu ſuchen.“ „Was iſt denn Neues vorgefallen?“ verſetzte Gabriel. „Das Geſchehene hat, wie mir ſcheint, alle Eure Hoff⸗ nungen übertroffen. In vier Tagen ſeid Ihr Herr zweier Schilde von Calais. Die Vertheidiger der Stadt ſelbſt und vom alten Schloß werden ſich nun nicht mehr über acht und vierzig Stunden halten.“ „Ja, es iſt wahr, aber ſie werden ſich acht und vier⸗ zig Stunden halten und das genügt, um uns zu Grunde zu richten und ſie zu retten.“ Her⸗ von rtin⸗ briel neral mit „zu⸗ , un⸗ e Un⸗ Lager guten Priel. Hoff⸗ weier ſelbſt über vier⸗ runde „Oh! erlaubt mir, noch daran zu zweifeln,“ ſprach Gabriel. „Nein, Freund, meine alte Erfahrung täuſcht mich nicht,“ enigegnete der Herzog von Guiſe.„Wenn nicht ein unvorhergeſehener Glücksfall, eine Chance, welche außerhalb aller Berechnung liegt, uns zu Hülfe kommen, ſo iſt unſer Unternehmen verloren. Glaubt mir, da ich es Euch ſage.“ „Und warum?“ fragte Gabriel mit einem Lächeln, das der Traurigkeit eines ſolchen Bekenntniſſes ſchlecht entſprach. „Ich will es Euch mit zwei Worten und auf Eurem Plan ſelbſt auseinanderſetzen. Folgt mir.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Das ſeltſame, verwegene Unternehmen, zu dem Euer zugendlicher Feuereifer meinen klugen Ehrgeiz hingeriſſen hat,“ ſprach der Herzog,„konnte ſeinen Ausgang nur in der Vereinzelung und Ueberraſchung von Calais finden. Calais war nicht einzunehmen, doch wohl zu überrumpeln. Aus dieſem Gedanken entſprang unſer wahnſinniges Vor⸗ haben, nicht wahr?“ „Und bis jetzt haben die Thatſachen unſern Berech⸗ nungen nicht zu ſehr Unrecht gegeben,“ ſagte Gabriel. „Allerdings, und Ihr habt bewieſen, Gabriel, daß Ihr es eben ſo gut verſteht, die Menſchen zu beurtheilen, als die Dinge anzuſehen, und daß Ihr das Herz des Gouverneurs eben ſo geſchickt ſtudirt habt, als das Innere der Stadt. Lord Wentworth hat keine von Euern Muth⸗ maßungen Lügen geſtraft. Er glaubte, ſeine neunhundert Mann und ſeine furchtbaren Vorpoſten würden genügen, um uns unſeren kühnen Streich bereuen zu laſſen. Er ſchätzte uns zu gering, um ſich zu beugruhigen, und wollte keine einzige Compagnie, weder auf dem Feſtlande, noch von England, zu Hülfe rufen.“ „Ich war im Stande, zu beurtheilen, wie er ſich in ſeinem verachtenden Stolz unter ſolchen Umſtänden beneh⸗ men würde.“ „Wir haben auch in Folge dieſes Hochmuths das Fort Sainte⸗Agathe beinahe ohne Schwertſtreich und das Fort von Nieullay durch einen dreitägigen glücklichen Kampf genommen.“ „Und dies ſo, ſprach Gabriel freudig,„daß die Eng⸗ länder oder die Spanier, wenn ſie ihrem Landsmann oder ihrem Verbündeten zu Land Entſatz bringen wollten, ſtatt zu ihrer Unterſtützung die Kanonen von Lord Wentworth zu finden, die Batterien des Herzogs von Guiſe, um ſie niederzuſchmettern, finden würden.“ „Sie werden nicht trauen und ſich nur bis zu einem gewiſſen Abſtand nähern,“ ſagte lächelnd Franz r Guiſe, den die gute Laune des jungen Mannes an⸗ eckte. erreicht?“ verſetzte Gabriel. „Gewiß! gewiß! doch leider iſt es nicht der einzige, nicht der wichtigſte. Wir haben den äußeren Hülfstruppen einen von den Wegen, die ſie nehmen konnten, eines von den Thoren der Feſtung verſchloſſen. Aber es bleibt ihnen ein anderes Thor, ein zweiter Weg.“ „Welcher denn, gnädigſter Herr?“ fragte Gabriel, der ſich den Anſchein gab, als ſuchte er. „Werft einen Blick auf dieſe Karte, die der Mar⸗ ſchall Strozzi nach dem Plane bearbeitet hat, den Ihr uns übergeben,“ ſagte der Obergeneral.„Calais kann von zwei Enden Hülfe erhalten, vom Fort von Nieullah aus, das die Chauſſeen und die Landwege beſchützt „Das aber dieſelben gegenwärtig durch uns beſchützt, unterbrach ihn Gabriel. „Ganz richtig,“ erwiederte der Herzog von Guiſe, „doch hier, auf der Seite der See, geſchirmt durch das „Nun, haben wir dadurch nicht einen wichtigen Punkt Meer, die Dünen und die Sümpfe, iſt das Fort von Risbank, oder wenn Ihr lieber wollt der Thurm Octogo eneh⸗ das das ichen Eng⸗ oder ſtatt vorth m ſie s zu Franz z an⸗ ßunkt nzige, ppen von ihnen briel, Mar⸗ Ihr kann ullay 4 ützt, 57 das Fort von Risbank, das den ganzen Hafen beherrſcht und ihn für die Schiffe öffnet oder ſchließt. Geht eine Kunde nach Dover ab, ſo bringen in einigen Stunden die engliſchen Schiffe hinreichend Verſtärkung und Lebens⸗ mittel, um den Platz auf Jahre zu ſichern. So bewacht das Fort von Risbank die Stadt, während die See das Fort von Risbank bewacht. Wißt Ihr nun, was Lord Stei nach der Niederlage, die er erlitten hat, thut?“ „Ganz genau,“ antwortete ruhig der Vicomte d'Exmes. „Nach der einſtimmigen Anſicht ſeines Rathes erpedirt Lord Wentworth in aller Haſt eine bis jetzt zu ſehr ver⸗ zögerte Nachricht nach Dover und rechnet darauf, er werde morgen zu derſelben Stunde die Verſtärkung erhal⸗ ten, deren Nothwendigkeit er anerkennt.“ „Hernach? Ihr vollendet nicht?“ „Ich geſtehe, daß ich nicht weiter ſehe, gnädigſter Herr. Ich habe nicht die Vorherſehung Gottes.“ „Es genügt hier die Vorherſehung eines Menſchen,“ ſprach Franz von Lothringen,„und da die Eurige auf Wege ſtehen bleibt, ſo werde ich für Euch fort⸗ ahren.“ „Wollt mich alſo gnädigſt belehren, was geſchehen wird,“ ſagte Gabriel ſich „Das iſt ganz einfach,“ verſetzte Herr von Guiſe. „Im Falle der Noth von ganz England unterſtützt, wer⸗ den uns die Belagerten morgen im alten Schloß überle⸗ gene, fortan unbeſiegbare Streitkräfte entgegenſtellen kön⸗ nen. Wenn wir dennoch Stand halten, wird ſich von Ardres, von Ham, von Saint⸗Quentin Alles, was ſich in Frankreich an Spaniern und Engländern findet, wie der Winterſchnee in der Umgegend von Calais zuſammen⸗ ballen. Sobald ſie ſich dann für zahlreich genug halten, werden ſie uns ihrerſeits belagern. Ich gebe zu, daß ſie das Fort von Nieullay nicht ſogleich nehmen, doch Die beiden Dianen. M. 5 58 ſie werden am Ende das Fort Sainte⸗Agathe wiederer⸗ obern. Das wird hinreichen, um uns auf eine höchſt ge⸗ fährliche Weiſe zwiſchen zwei Feuer zu ſtellen.“ „Eine ſolche Kataſtrophe wäre in der That furcht⸗ bar,“ ſagte Gabriel gelaſſen. „Sie iſt indeſſen nur zu wahrſcheinlich,“ verſetzte der Herzog, der ſeine Hand ganz entmuthigt an ſeine Stirne drückte. „Doch Ihr habt nicht unterlaſſen, an die Mittel zu denken, dieſer furchtbaren Kataſtrophe zuvorzukommen, gnädigſter Herr?“ „Bei Gott! ich denke nur hieran.“ „Nun?“ fragte Gabriel mit gleichgültigem Tone. „Die einzige, leider nur zu unſichere Chance, welche uns bleibt, iſt, wie ich glaube, morgen einen verzweifelten Sturm auf das alte Schloß zu unternehmen, wie die Sachen auch ſtehen mögen. Ohne Zweiſel wird nicht bereit ſein, wie es ſoll, obgleich man die Arbeiten in die⸗ ſer Nacht mit aller nur möglichen Thätigkeit be⸗ treiben muß. Es läßt ſkein anderer Entſchluß faſſen, und das iſt immer noch wihiger wahnſinnig, als den Ent⸗ ſatz der Engländer abzuwarten. Die Furia franceses, wie die Italiener ſagen, wird vielleicht in ihrem wunder⸗ baren Ungeſtüm mit dieſen unnahbaren Mauern zu Rande kommen.“ „Nein, ſie wird ſich daran brechen,“ entgegnete Ga⸗ briel mit kaltem Tone.„Verzeiht, gnädigſter Herr, mei⸗ ner Anſicht nach iſt die franzöſiche Armee in dieſem Au⸗ genblick weder ſtark noch ſchwach genug, um ſich ſo ins! Unmögliche zu wagen. Eine furchtbare Verantwortlichkeit laſtet auf Euch. Es iſt wahrſcheinlich, daß wir, nachdem wir die Hälfte unſerer Leute verloren haben, zurückgetrieben werden. Was gedenkt dann der Herzog von Guiſe zu thun?“ „Sich wenigſtens nicht einem gänzlichen Ruin, einet vollſtändigen Niederlage auszuſetzen,“ ſprach mit ſchmerz⸗ lich dieſ zurt Va hale Tag ren für Gu mir Ger nur ſein man es g pas nune Wol hänt eine woh fahr erm woh Aug ten erha mit ederer⸗ hſt ge⸗ furcht⸗ te der Stirne ttel zu mmen, ne. welche ifelten ie die nicht n die⸗ tbe⸗ faſſen, Ent⸗ es eg, under⸗ Rande Ga⸗ mei⸗ Au⸗ in chkeit chdem rieben ſe zu einet 59 lichem Ausdruck Franz von Lothringen.„Ich werde von dieſen verfluchten Mauern die Trupyen, die mir bleiben, zurückziehen und ſie für beſſere Tage dem König und dem Vaterland aufbewahren.“ „Der Sieger von Renty und Metz will einen Rück⸗ zug nehmen!“ rief Gabriel. „Das iſt immer noch beſſer, als bei der Niederlage halsſtarrig zu ſein, wie der Connetable am Saint⸗Laurent Tage,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Gleichviel!“ verſetzte Gabriel,„ein ſolches Verfah⸗ ren wäre eben ſo unſelig für den Ruhm Frankreichs, als für Euren Ruf, gnädigſter Herr.“ „Wer weiß das beſſer als ich!“ rief der Herzog von Guiſe.„Das iſt der Erfolg und das Glück! Wäre es mir gelungen, ſo hätte man mich einen Helden, ein großes Genie, einen Halbgott genannt. Ich ſcheitere und werde nur ein anmaßender, leerer Geiſt ſein, der die Schmach ſeiner Niederlage verdient. Daſſelbe Unternehmen, das man großartig und bewundernswerth genannt hätte, wenn es glücklich abgelaufen wäre, wird mir das Geziſche Euro⸗ pas zuziehen, und alle meine Entwürfe, alle meine Hoff⸗ nungen vertagen, wenn nicht gar in ihrem Keim erſticken. Wovon ſind die armen Beſtrebungen dieſer Welt ab⸗ hängig!“ Der Herzog ſchwieg ganz niedergeſchlagen. Es trat eine lange Stille ein, die ſich wohl hütete. Er wollte Herrn von Guiſe mit ſeinem er⸗ fahrenen Auge die furchtbaren Schwierigkeiten ſeiner Lage Awen laſſen. ann, als er dachte, der Herzo abermals wohl urt⸗ ſprach „Gnädigſter Herr, ich ſehe Euch in einem von de Augenblicken des Zweifels, die e großen Arbei⸗ ten die größten Arheiter erfaſſen. Doch ein Wort. Ein erhabener Geiſt, ein vollendeter Feldherr, wie derjenige, mit dem ich zu reden die Ehre habe, konnte ſich nicht unbedachtſamer Weiſe in ein ſolches Unternehmen einlaſſen. Die geringſten Einzelnheiten, die unwahrſcheinlichſten Even⸗ tualitäten ſind ſchon in Paris im Louvre vorhergeſehen worden. Ihr mußtet zum Voraus die Entwickelung für alle Vorkommenheiten, die Gegenmittel gegen alle Uebll finden. Wie kommt es, daß Ihr zögertet und abermals ſuchtet 2“ „Mein Gott! Eure jugendliche Begeiſterung, Euer Sicherheit haben mich, glaube ich, bezaubert, geblendet, Gabriel.“ „Gnädigſter Herr!....“ entgegnete der Vicomte d'Exmos. „Oh! fühlt Euch nicht verletzt, ich grolle Euch des⸗ halb nicht, Freund. Ich bewundere ſtets Euren Gedanken, der großartig und patriotiſch war. Aber die Wirklichkeit liebt es gerade, die ſchönſten Pläne zu tödten. Nichtsdeſtowe⸗ niger erinnere ich mich wohl, ich habe Euch meine Ein würfe hinſichtlich dieſes Nothſtandes gemacht, in den wir nun verſetzt ſind, und Ihr habt dieſelben zerſtort.“ „Und wie dies, wenn es Euch beliebt, gnädigſte Herr?“ fragte Gabriel. „Ihr verſprachet mir, wenn wir uns in wenigen Tagen zu Herren der beiden Forts Sainte⸗Agathe und bon Nieullay machten, ſo würdet Ihr durch das Ein⸗ verſtändniß, das Ihr in der Feſtung hättet, das Fort von Risbank in unſere Hände bringen, und Calais könnte ſo weder zu Waſſer, noch zu Land Hülfe erhalten. Ja, Ga⸗ briel, ich erinnere mich deſſen, und Ihr müßt Euch auch entſi nnen, Ihr habt mir das verſprochen.“ „Nun?. ſagte der Vicomte d'Ermos, ohne daß er im Geringſten beunruhigt zu ſein ſchien. „Eure Hoffnungen haben Euch betrogen, nicht wahr! Eure Freunde haben Euch nicht Wort gehalten, wie die gewöhnlich iſt. Sie ſind Eures Sieges nicht ſicher, ſe haben Angſt und werden ſich erſt zeigen, wenn wir ihrer nicht mehr bedürfen.“ geſe iſt ſoll Ihr auf müſ Her han brie wen Ga ruh lieg vort Ver trot neh Fra Iſt die ſchli laßt vera nlaſſen. Even⸗ geſehen ing für e Uebel ermals Euer lendet, icomtt ch des⸗ en, der it liebt eſtowe⸗ e Ein en wit digſter enige nd von Ein⸗ rt von te ſo „Ge⸗ hau ne daß wahr! je die r, ſi ihret 6¹ „Entſchuldigt, gnädigſter Herr, wer hat Euch das geſagt?“ fragte Gabriel. „Euer Stillſchweigen, mein Freund. Der Augenblick iſt gekommen, wo Euere geheimen Freunde uns dienen ſollten und uns retten könnten. Sie rühren ſich nicht und Ihr ſchweigt. Daraus ſchließe ich, daß Ihr nicht mehr auf ſie zählt, und daß wir auf dieſe Hülfe verzichten müſſen.“ „Wenn Ihr mich beſſer kennen würdet, gnädigſter Herr, ſo wüßtet Ihr, daß ich nicht gern ſpreche, wo ich handeln kann.“ „Wie, hofft Ihr immer noch?“ „Ja, gnädigſter Herr, da ich lebe,“ antwortete Ga⸗ briel mit einem ſchwermüthigen und ernſten Ausdruck. „Alſo das Fort von Risbank?„ „Gehört Euch, bin ich nicht todt, wann dies noth⸗ wendig ſein wird.“ „Das wird morgen nothwendig ſein, morgen früh, Gabriel.“ „Es wird morgen früh uns gehören,“ ſprach Gabriel ruhig,„ich wiederhole, vorausgeſetzt, daß ich nicht unter⸗ liege; doch dann könnt Ihr keinen Wortbruch demjenigen vorwerfen, welcher ſein Leben hingegeben hat, um ſein Verſprechen zu halten.“ „Gabriel, was wollt Ihr thun? einer Todesgefahr trotzen? Euch der Zufälligkeit eines wahnſinnigen Unter⸗ nehmens preisgeben? Das will ich nicht, ich will es nicht! Frankreich bedarf nur zu ſehr der Männer, wie Ihr ſeid.“ „Beunruhigt Euch deshalb nicht, gnädigſter Herr. Iſt die Gefahr groß, ſo iſt das Ziel auch groß und die die Parthie iſt die Wagniſſe wohl werth, die ſie in ſich ſchließt. Denkt nur daran, das Reſultat zu benützen, und laßt mich über vie Mittel gebieten. Ich bin nur für mich verantwortlich und Ihr ſeid für Alle verantwortlich.“ „Was könnte ich wenigſtens thun, um Euch zu 62 unterſtützen? Welchen Antheil laßt Ihr mir bei Euren Plänen?“ „Herr Herzog, hättet Ihr nicht die Gnade gehabt, dieſen Abend unter dieſes Zelt zu kommen, ſo würde ich Euch in dem Eurigen aufgeſucht und Euch eine Bitte vorgetragen haben.“ „Sprecht, ſprecht!“ rief Franz von Lothringen. „Morgen am 5. dieſes Monats, bei Tagesanbruch, vas heißt um acht Uhr, denn die NRächte ſind lang im Januar, wollt einen ſichern Mann auf den Bergvorſprung ſtellen, von wo aus man das Fort von Risbank ſieht. Weht hier die engliſche Fahne immer noch, ſo wagt den verzweifelten Sturm, den Ihr beſchloſſen habt, denn es iſt mi mißlungen; mit andern Worten; ich werde todt ein.“ „Todt!“ rief der Herzog von Guiſe.„Ihr ſeht wohl, daß Ihr Euch ins Verderben ſtürzt.“ „Wendet dann Eure Zeit nicht dazu an, daß Ihr mich beklagt,“ ſprach der junge Mann.„Es mag nur Alles zu Euerem letzten Verſuch bereit und belebt ſein, und ich bete zu Gott, daß es Euch glücke. Laßt Alles marſchiren und kämpfen. Die Hülfstruppen pon England können nicht vor Mittag eintreffen. Ihr habt vier Stunden, um heldenmüthig, ehe Ihr Euch zurückzieht, zu beweiſen, daß die Franzoſen eben ſo unerſchrocken, als klug ſind.“ „Aber Ihr, Gabriel, wiederholt mir wenigſtens, daß Ihr einige Chancen eines glücklichen Erfolges habt.“ „Ja, ich habe dies, ſeid unbeſorgt, gnädigſter Herr. Bleibt ruhig und geduldig als der ſtarke Mann, der Ihr ſeid. Gebt nicht zu raſch das Signal zu einem übereilten Sturm. Werft Euch nicht, ehe es durch die Nothwen⸗ digkeit geboten iſt, in dieſe gewagte Extremität. Ihr habt nur durch den Herrn Marſchall Strozzi und ſeine Minirer die Belagerungsarbeiten fortſetzen zu laſſen, und Euere Soldaten und Artilleriſten können den für den Sturm günſtigen Augenblick abwarten, wenn man Euch um acht 63 uhr Morgens die Fahne Frankreichs auf dem Fort von Risbank ſignalifirt.“ „Die Fahne Frankreichs auf dem Fort von Risbank!“ rief der Herzog von Guiſe. „Wo ihr Anblick, denke ich, die Schiffe, welche von England kämen, zur ſchleunigen Umkehr bewegen würde,“ fuhr Gabriel fort. „Ich denke dies wie Ihr. Doch, Freund, wie wer⸗ det Ihr es machen?„ „Laßt mir mein Geheimniß, ich bitte Euch, gnädig⸗ ſter Herr. Wäre Euch mein ſeltſamer Plan bekannt, ſo würdet Ihr mich vielleicht davon abzubringen verſuchen. Es iſt aber nicht mehr die Stunde, zu überlegen und zu zweifeln. Ueberdies gefährde ich bei dieſer ganzen Sache weder die Armee, noch Euch. Die Leute, welche Ihr dort ſeht, die Einzigen, die ich verwenden will, ſind mir gehö⸗ rige Freiwillige, und Ihr habt mir verſprochen, mich mit ihnen nach meinem Willen ſchalten zu laſſen. Ich wünſche mein Vorhaben ohne Hülfe auszuführen, vder zu ſterben.“ warum dieſen Stolz?“ fragte der Herzog von uiſe. „Es iſt kein Stolz, gnädigſter Herr, ich will nur mit meinen beſten Kräften die unſchätzbare Gnade bezahlen, die Ihr mir in Paris zugeſagt habt, wie Ihr Euch hoffent⸗ lich erinnern werdet.“ Welche unſchätzbare Gnade meint Ihr, Gabriel?“ fragte der Herzog von Guiſe.„Ich habe anerkannter Maßen ein gutes Gedächtniß, beſonders was meine Freunde anbelangt. Doch ich geſtehe zu meiner Schande, daß ich mich hier nicht entſinne.“ „Ach! gnädigſter Herr, die Sache iſt doch für mich von größter Wichtigkeit. Hört, was ich mir von Eurer Güte erbeten habe; ich erſuchte Euch, wenn Euch bewieſen würde, daß man mir ſowohl der Ausführung, als dem Gedanken nach die Einnahme von Calais zu verdanken hätte, nicht mir öffentlich die Ehre davon zuzuſchreiben, 64 die Ehre gebührt Euch, dem Chef des Unternehmens, ſondern nur dem Koͤnig Heinrich II. zu erklären, welchen Antheil ich an der Eroberung unter Euren Befehlen ge⸗ habt habe. Ihr hattet nun die Gnade, mich hoffen zu laſſen, dieſe Belohnung würde mir bewilligt werden.“ „Wie, das iſt die unerhorte Gunſt, auf die Ihr an⸗ ſpieltet? Das konnte ich, beim Teufel! nicht vermuthen. Aber, mein Freund, dies wird keine Belohnung, ſondern nur eine Gerechtigkeit ſein, und insgeheim oder öffentlich, nach Eurem Belieben, bin ich ſtets bereit, Euere Verdienſte nach Gebühr anzuerkennen und zu bezeugen.“ „Mein Ehrgeiz geht nicht weiter, gnädigſter Herr. Der König werde von meinen Bemühungen unterrichtet; er hat in ſeiner Hand einen Preis, der für mich ſo viel werth iſt, als alle Ehre und alles Glück der Welt.“ „Der König ſoll Alles erfahren, was Ihr für ihn haben werdet. Aber vermag ich nichts ſonſt für „Doch, gnädigſter Herr, ich habe mir noch einige Dienſte von Eurem Wohlwollen zu erbitten.“ „Sprecht.“. „Zuerſt bevarf ich des Loſungswortes, um in dieſer Nacht, zu welcher Stunde es ſein mag, mit meinen Leuten aus dem Lager weggehen zu können.“ „Ihr braucht nur: Karl und Calais, zu ſagen, und die Wachen werden Euch hinaus laſſen.“ „Hernach, gnädigſter Herr, wenn ich unterliege und Ihr ſiegt, erlaube ich mir, Euch daran zu erinnern, daß Frau Diana von Caſtro, die Tochter des Königs, Gefan⸗ gene von Lord Wentworth iſt und die legitimſten Rechte auf Euren freundlichen Schutz hat.“ „Ich werde mich meiner Pflicht als Menſch und als Edelmann erinnern,“ erwiederte Franz von Lothringen. „Ferner?“ „Endlich, gnädigſter Herr, werde ich heute Nacht eine beträchtliche Schuld gegen einen Fiſcher von dieſer Küſte ens, chen ge⸗ zu an⸗ en. ern ich, nſte rr. et; iel hn ür er en n, d ß 1. te e e 65 Namens Anſelm eingehen. Stirbt Anſelm mit mir, ſo habe ich an Meiſter Elyot, der meine Domänen ver⸗ waltet, geſchrieben, er möge für die Wohlfahrt und den Unterhalt der fortan ihrer Stütze beraubten Familie ſorgen. Zu größerer Sicherheit aber, gnädigſter Herr, wäre ich Euch ſehr verbunden, wenn Ihr über dem Vollzug meiner Befehle wachen wolltet.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Iſt dies Alles?“ „Das iſt Alles. Nur, wenn Ihr mich nicht wieder⸗ ſeht, denkt, ich bitte Euch, zuweilen an mich mit einigem Bedauern und ſprecht von mir mit einiger Achtung, ſei es gegen den König, der ſich ſicherlich über meinen Tod freuen, ſei es gegen Fran von Caſtro, die ſich vielleicht darüber betrüben wird. Und nun halte ich Euch nicht mehr länger zurück und ſage Euch Gott befohlen, gnä⸗ digſter Herr.“ Der Herzog von Guiſe ſtand auf und ſprach: „Verjagt Eure traurigen Gedanken, Freund. Ich gehe von Euch, um Euch ganz Eurem geheimnißvollen Vor⸗ haben zu überlaſſen, und geſtehe, daß ich bis morgen um acht Uhr ſehr unruhig ſein und kaum ſchlafen werde. Doch dies wird hauptſächlich der Dunkelheit wegen der Fall ſein, welche für mich über dem ſchwebt, was Ihr thun wollt. Irgend Etwas ſagt mir, daß ich Euch wiederſehen werde, und ich ſage Euch nicht Lebewohl.“ „Ich danke für das Vorzeichen, gnädigſter Herrz denn ſeht Ihr mich wieder, ſo wird es in Calais, einer franzöfiſchen Stadt, ſein. „Dann könnt Ihr Euch rühmen, ſowohl die Ehre von Frankreich, als meine eigene Ehre einer großen Gefahr entriſſen zu haben,“ ſprach der Herzog von Guiſe. „Die kleinen Barken retten zuweilen die großen Schiffe,“ erwiederte Gabriel ſich verbeugend. Der Herzog von Guiſe drückte auf der Schwelle des Zeltes bei einer freundſchaftlichen Umarmung zum 66 letzten Male Gabriel die Hand und kehrte ganz träume⸗ riſch in ſeine Wohnung zurück. VII. Obscuri sola sub nocte... Als Gabriel an ſeinen Platz zurückkehrte, nachdem er Herrn von Guiſe bis vor die Thüre begleitet hatte, machte er Martin⸗Guerre von ferne ein Zeichen, worauf dieſer ſogleich aufftand und hinausging, ohne daß es ſchien, als bedürfte er einer andern Erklärung. Nach einer Viertelſtunde kam der Stallmeiſter, be⸗ gleitet von einem dürftig angezogenen Menſchen mit ha⸗ gerem Geſichte, zurück. 6 Martin näherte ſich ſeinem Herrn, der wieder in ſeine Betrachtungen verſunken war. Die andern Geſellen ſpielten oder ſchliefen in die Wette. „Gnädiger Herr,“ ſprach Martin⸗Guerre,„hier iſt unſer Mann.“ „Ahl gut,“ ſagte Gabriel.„Ihr ſeid der Fiſcher Anſelm, von dem mir Martin⸗Guerre geſprochen hat?“ fügte er ſich an den Mann mit dem elenden Ausſehen wendend bei. „Ich bin der Fiſcher Anſelm, ja, gnädiger Herr.“ „Und Ihr wißt, welchen Dienſt wir pon Euch er⸗ warten?“ fragte der Vicomte d'Exmes. bereit.“ „Martin⸗Guerre,“ fuhr Gabriel fort,„muß Euch auch „Euer Stallmeiſter hat es mir geſagt, und ich bin 67 ume⸗ geſagt haben, daß Ihr bei dieſem Unternehmen mit uns das Leben wagt.“ „Oh! er brauchte mir das nicht zu ſagen,“ verſetzte der Fiſcher.„Ich wußte das eben ſo gut und beſſer * als er.“ „Und dennoch ſeid Ihr gekommen?“ „Ich ſtehe zu Euren Befehlen.“ „Gut, Freund, das iſt die Handlungsweiſe eines mu⸗ thigen Herzens.“ „Oder einer verlorenen Exiſtenz.“ „Wie dies 2“ fragte Gabriel.„Was wollt Ihr da⸗ mit ſagen?“ „Ei! bei Unſerer Lieben Frau der Gnade! ich trotze m er jeden Tag dem Tod, um einen Fiſch nach Hauſe zu bringen, achte und zuweilen bringe ich nichts. Es iſt alſo kein großes ieſer Verdienſt, wenn ich heute meine bleiche Haut für Euch als wage, der Ihr Euch anheiſchig macht, wenn ich ſterbe vder wenn ich lebe, das Loos meiner Frau und meiner drei be⸗ Kinder zu ſichern.“ ha⸗„Ja,“ entgegnete Gabriel,„doch die Gefahr, der Ihr täglich trotzt, iſt zweifelhaft und verborgen. Ihr ſchifft rin Euch nie im Sturme ein. Diesmal aber iſt die Gefahr ellen ſichtbar und gewiß.“ „Ah!“ verſetzte der Fiſcher,„es iſt nicht zu leugnen, iſt man muß ein Wahnſinniger oder ein Heiliger ſein, um ſich in einer ſolchen Nacht auf die See zu wagen. Doch cher das geht Euch an und ich habe nichts auszuſetzen, wenn t?“ Ihr entſchloſſen ſeid. Ihr habt mich zum Voraus für ehen meine Barke und meinen Leib bezahlt. Nur werdet Ihr der heiligen Jungfrau eine ſchöne Kerze von ächtem Wachs . ſchuldig ſein, wenn wir unverſehrt an Ort und Stelle er⸗ kommen.“ „Und ſind wir an Ort und Stelle, ſo iſt Eure Auf⸗ bin gabe nicht vollbracht, Anſelm,“ ſagte Gabriel.„Nachdem Ihr gerudert habt, müßt Ihr Euch im Fall der Noth uch ſchlagen und das Soldatenhandwerk treiben, nachdem Ihr 68 als Seemann gedient. Es ſind folglich zwei Gefahren ſtatt einer vorhanden, vergeßt das nicht.“ „Es iſt gut entmuthigt mich nicht zu ſehr... Man wird Euch gehorchen. Ihr verbürgt mir das Leben derjenigen, welche mir theuer ſind. Ich gebe Euch das meinige. Der Handel iſt abgeſchloſſen, ſprechen wir nicht mehr davon.“ „Ihr ſeid ein braver Mann,“ verſetzte der Vicomte d'Erméès.„Seid unbeſorgt, Eure Frau und Eure Kinder ſollen nie an etwas Mangel leiden. Ich habe meinem Verwalter Elyot meine Befehle in dieſer Hinſicht ge⸗ ſchrieben und der Herr Herzog von Guiſe wird ſelbſt dafür Sorge tragen.“ „Das iſt mehr, als ich brauche,“ ſagte der Fiſcher; „Ihr ſeid großmüthiger als ein König. Ich werde nicht den Pfiffigen gegen Euch machen. Hättet Ihr mir auch nur die Summe gegeben, die uns in den ſo harten Zeiten aus der Verlegenheit gezogen, ich würde das Uebrige nicht von Euch verlangt haben. Doch wenn ich mit Euch zu⸗ frieden bin, ſo hoffe ich, daß Ihr auch mit mir zufrieden ſein werdet.“ „Sprecht, haben wohl vierzehn Menſchen in Eurer Barke Platz?“ fragte Gabriel. „Es ſind ſchon zwanzig darin gefahren.“ „Ihr braucht alſo Arme, um Euch beim Rudern zu helfen, nicht wahr?“ „Ah! ja wohl! Ich werde genug am Steuerruder und am Segel zu thun haben, wenn das Segel halten kann.“ „Wir haben Ambroſio, Pilletrouſſe und Landry, welche rudern werden, als ob ſie ihr ganzes Leben nichts Anderes gethan hätten,“ ſagte Martin⸗Guerre,„und ich ſelbſt ſchwimme eben ſo gut mit dem Holz, als mit meinen Armen.“ „Ah! gut,“ rief Anſelm heiter,„ich werde das An⸗ ſehen eines vornehmen Patrons haben, mit ſo vielen und ſtatt ben das icht mte der em ge⸗ für er; icht iten icht zu⸗ den wer zu der lten che res lbſt nen An⸗ und 69 wackern Geſellen, die mir zu Dienſt ſtehen. Meiſter Martin hat mir nur Eines nicht geſagt; den Punkt, wo wir landen ſollen.“ „Das Fort von Risbank,“ antwortete der Vicomte d'Exmes. „Das Fort von Risbank! Ihr habt geſagt, das Fort von Risbank?“ rief Anſelm ganz erſtaunt. „Allerdings, was habt Ihr dagegen einzuwenden?“ „Nichts,“ erwiederte der Fiſcher,„nichts, wenn nicht, daß ſich an dieſem Ort kaum landen läßt, und daß ich meinestheils nie dort Anker geworfen habe. Das iſt lauter Felſen.“ „Weigert Ihr Euch, uns zu führen?“ ſagte Gabriel. „Meiner Treue! nein, und obgleich ich dieſe Gegend wenig kenne, werde ich doch mein Möglichſtes thun. Mein Vater, der wie ich Fiſcher von Geburt war, pflegte zu ſagen:„„Man muß weder den Fiſch, noch die Kundſchaft meiſtern wollen.“ Ich führe Euch zum Fort von Ris⸗ bank, wenn ich kann. Wir werden da eine hübſche Spa⸗ zierfahrt machen?“ „Um welche Stunde müſſen wir uns bereit halten?“ fragte Gabriel. „Ihr wollt, glaube ich, um vier Uhr ankommen,“ verſetzte Anſelm. „Zwiſchen vier und fünf Uhr, nicht früher.“ „Nun, von dem Orte, wo wir abfahren, um nicht geſehen zu werden und keinen Verdacht zu erregen, haben wir, genau gerechnet, zwei Stunden zu ſchiffen; das We⸗ ſentlichſte iſt, daß wir uns nicht unnöthig auf der See ermüden. Von hier zum Krek zu gehen, rechnen wir eine Stunde.“ „Wir werden alſo das Lager um ein Uhr nach Mit⸗ ternacht verlaſſen.“ 8 „So iſt es.“ 2 „Ich will ſogleich meine Leute in Kenntniß ſetzen,“ ſagte Gabriel. ₰ „Thnt das, gnädiger Herr,“ ſprach der Fiſcher. Ich bitte Euch nur um Erlaubniß, bis ein Uhr ruhig mit ihnen ſchlafen zu dürfen. Ich habe zu Hauſe Abſchied ge⸗ nommen. Die Barke erwartet uns ſorgfältig verborgen und feſt angebunden. Nichts ruft mich alſo mehr hinaus.“ „Ruht aus, Ihr habt Recht, Anſelm. Ihr werdet dieſe Nacht genug Anſtrengung haben. Martin⸗Guerre, benachrichtige nun die Burſche.“ „He! Ihr Leute, Spieler und Schläfer!“ rief Martin⸗ Guerre. „Wie? Was gibt es?“ fragten ſie aufſtehend und näher hinzutretend. „Dankt dem gnädigen Herrn,“ ſprach Martin.„Um ein Uhr findet eine beſondere Expedition ſtatt.“ „Gut! ſehr gut! vortrefflich!“ erwiederten einſtimmig die Kriegsknechte. Malemort miſchte auch ſein Hurrah in dieſe unzwei⸗ deutigen Zeichen der Zufriedenheit. Doch in demſelben Augenblick traten vier Gehülfen von Ambroiſe Paré ein und meldeten, ſie kommen, kum den Verwundeten zu holen und in die Ambulanz zu bringen. Malemort ſtieß gewaltige Schreie aus. Trotz ſeiner Einwendungen und ſeines Widerſtands legte man ihn auf eine Tragbahre. Vergebens machte er ſeinen Kameraden die härteſten Vorwürfe und nannte ſogar Ausreißer und Verräther die Feigen, die ſich ohne ihn ſchlagen wollten. Man nahm keine Rückſicht auf ſeine Schmähungen und trug ihn fluchend und ſchwörend fort. „Wir haben nun noch alle unſere Anordnungen zu treffen und Jedem ſeine Rolle und Reihe zu bezeichnen,“ ſagte Martin⸗Guerre. „Was für ein Geſchäft ſollen wir verrichten?“ fragte Pilletrouſſe. „Es handelt ſich um eine Art von Sturm,“ ant⸗ wortete Martin. Ich mit ge⸗ gen . rdet rre, tin⸗ und Um nig ei⸗ fen um ds er ar hn ine rt. zu gte 7¹ „Ah! dann ſteige ich zuerſt hinauf!“ rief Monnet. „Gut!“ ſprach der Stallmeiſter. „Nein, das iſt ungerecht!“ entgegnete Ambroſiv. „Yonnet maßt ſich immer den erſten Platz bei der Ge⸗ fahr an. Man ſollte wahrhaftig glauben, ſie ſei nur für ihn vorhanden.“ „Laßt ihn gewähren,“ ſagte der Vicomte d'Ermés dazwiſchen tretend.„Bei der gefährlichen Erkletterung, die wir zu verſuchen haben, wird, denke ich, derjenige, welcher zuerſt hinaufſteigt, am wenigſten ausgeſetzt ſein. Zum Beweis mag dienen, daß ich zuletzt hinaufſteige. „Dann iſt Yonnet beſtohlen!“ ſagte Ambroſio lachend. Martin bezeichnete Jedem ſeine Nummer für den Marſch, in der Barke, beim Sturm. Ambroſio, Pille⸗ trouſſe und Landry wurden benachrichtigt, daß ſie zu rudern hätten. Man ſah endlich für Alles vorher, wofür man vorherſehen konnte, um ſo viel als moͤglich Mißverſtänd⸗ niſſe und Verwirrung zu vermeiden. Lactance nahm einen Augenblick Martin⸗Guerre bei eite. „Verzeiht,“ ſagte er,„glaubt Ihr, daß wir zu tödten haben 2“ „Ich weiß es nicht genau, doch es iſt ſehr möglich,“ antwortete Martin. „Ich vanke,“ ſprach Lactance,„in dieſem Fall will ich mir immerhin in meinen Gebeten einen Voraus für drei vder vier Todte und eben ſo viele Verwundete machen.“ Als Alles geordnet war, forderte Gabriel ſeine Leute auf, ein paar Stunden zu ruhen. Er übernahm es, ſie ſelbſt zu wecken, wenn es ſein müßte. „Ja, ich werde gern ein wenig ſchlafen,“ ſagte Monnet,„denn meine Nerven ſind diefen Abend furchtbar aufgeregt, und ich habe es ſehr nöthig, friſch und munter zu ſein, wenn ich mich ſchlage.“ 72* Nach einigen Minuten vernahm man unter dem Zelte nur noch das regelmäßige Schnarchen der Kriegsknechte und die monotonen Paternoſter von Lactance. t Bald hörte auch dieſes letztere Geräuſch auf. Von der Müdigkeit überwältigt, entſchlummerte Lactance auch.„ Gabriel allein wachte und überlegte. 1 Gegen ein Uhr weckte er geräuſchlos und einen nach dem andern ſeine Leute. Alle ſtanden auf und bewaffneten i ſich in der Stille. Dann verließen ſie ſachte das Zelt und das Lager. 8 Bei den Worten Calais und Karl, welche Gabriel e mit leiſer Stimme ſprach, ließen ſie die Wachen ohne E Hinderniß paſfiren. f Von Anſelm dem Fiſcher geführt, wanderte die kleine Truppe längs der Küſte hin. Keiner ſprach ein Wort. m Man hörte nur den Wind heulen und das Meer in der Ferne weheklagen. ei Die Nacht war noch ſchwarz und nebelig. Niemand fand ſich auf dem Wege unſerer Abenteurer. Doch wären ſe ſie auch Jemand begegnet, man würde ſie vielleicht nicht w geſehen haben, und hätte man ſie auch geſehen, ſo wären ſie ſicherlich zu dieſer Stunde und in dieſer Dunkelheit pr für Geſpenſter gehalten worden. ..„„„..„.—„..„... di Im Innern der Stadt war auch Einer, der zu dieſer Stunde noch wachte. la Das war Lord Wentworth, der Gouverneur. Und doch hatte ſich Lord Wentworth, der am an⸗ die dern Tage auf das Eintreffen des Entſatzes rechnete, den ſel er von Dover verlangt, in ſein Zimmer zurückgezogen, um einige Augenblicke zu ruhen. Er hatte in der That ſeit drei Tagen nicht geſchlafen und ſich auf allen Punkten, wo ſeine Gegenwart nothwendig war, vervielfältigend an den gefahrvollſten Orten mit dem unermüvlichſten Muthe ausgeſetzt. Am Abend des 4. Januar hatte er noch die Breſche 6 Zelte echte Von uch. nach ſeten Zelt riel hne leine ort. der nand ären nicht ären lheit ieſet an⸗ den um afen ndig mit ſche 73 am alten Schloß unterſucht, ſelbſt die Schildwachen ge⸗ ſtellt und die ſtädtiſche NWiliz, welche mit der leichten Ver⸗ theidigung des Fort von Risbank beauftragt war, die Revue paſſiren laſſen. Doch trotz ſeiner Müdigkeit und obgleich Alles ſicher und ruhig war, konnte er nicht ſchlafen. Eine unbeſtimmte, dumpfe, unabläßige Furcht hielt ihn auf ſeinem Ruhebett wach. Alle ſeine Maßregeln waren indeſſen gut getroffen. Der Feind konnte materiell keinen nächtlichen Sturm durch eine ſo wenig vorgerückte Breſche, wie die vom alten Schloß, verſuchen. Die anderen Punkte bewachten ſich durch ſich ſelbſt, durch die Sümpfe und durch den Oecean. Lord Wentworth wiederholte ſich dies Alles hundert⸗ mal, und dennoch konnte er nicht ſchlafen. Er fühlte unklar in der Nacht um die Stadt her eine furchtbare Gefahr, einen unſichtbaren Feind kreiſen. Dieſer Feind war in ſeinem Geiſte nicht der Mar⸗ ſchall Strozzi, es war nicht der Herzog von Nevers, es war ſogar nicht der große Franz von Guiſe. Wie! war es etwa ſein ehemaliger Gefangener, den von fern, von den Wällen herab, ſein Haß mehrere Male im Gefecht erkannt hatte? War es wirklich dieſer Narr, dieſer in Frau von Caſtro verliebte Vicomte d'Ermos. Ein lächerlicher Gegner für den Gouverneur von Ca⸗ lais in der noch ſo furchtbar bewachten Stadt! Lord Wentworth konnte, was er auch thun mochte, dieſe unbeſtimmte Angſt weder überwinden, noch ſich die⸗ ſelbe erklären. Aber er fühlte ſie und ſchlief nicht. Dit beiden Dianen. M. 6 VIII. Zwiſchen zwei Abgründen. Das Fort von Risbank, das man wegen ſeiner acht Flügel auch den Thurm Oectogon nannte, war, wie geſagt, am Eingange des Hafens von Calais, vor den Dünen, gebaut und ruhte mit ſeiner furchtbaren Granitmaſſe auf einer eben ſo düſteren und eben ſo ungeheuren Felsmaſſe. Ging die See hoch, ſo brachen ſich ihre Wellen aum S ſie erreichten aber nie die letzten Lagen des Mauer⸗ geſteins. Das Meer war ſehr heftig und ſehr drohend in der Nacht vom 4. auf den 5. Januar 1558 gegen vier Uhr Morgens. Es ſtieß die ungeheuren, düſtern Seuzfer aus, die es einer beunruhigten und ſtets troſtloſen Seele ähnlich machen. In einem Augenblick, ein wenig, nachdem die Schild⸗ wache von zwei bis vier Uhr auf der Plattform des Thurmes von der Schildwache von vier bis ſechs Uhr ab⸗ gelöſt worden war, vermiſchte ſich eine Art von menſch⸗ — lichem Schrei, wie aus einem biechernen Inſtrumente her⸗ vorgehend, im Winde mit der ewigen Klage des Ogeans. Dann hätte man können die neue Schildwache beben, horchen und, nachdem ſie die Natur räuſches erkannt, ihre Armbruſt an die Mauer legen ſehen⸗ Als ſich der Mann der Wache hierauf verſichert hatte, daß ihn kein menſchliches Auge beobachten konnte, hob er mit einem mächtigen Arm ſein ſteinernes Schilderhaus auf und zog einen Haufen von Stricken hervor, welche eine lange Leiter mit Knoten bildeten, die er ſtark an vieſes ſeltſamen Ge⸗ den in die Zinnen des Fort eingenieteten eiſernen Klam⸗ mern befeſtigte. 75 Hienach band er an einander dieſe verſchiedenen Bruch⸗ ſtücke von Stricken, entrollte dieſelben über die Zinnen, und zwei ſchwere Bleikugeln machte ſie bald auf den Felſen fallen, worauf das Fort ſtand. Die Strickleiter war zwei hundert und zwölf Fuß lang und das Fort von Risbank zwei hundert und fünf⸗ zehn Fuß hoch. Kaum hatte die Schildwache ihre geheimnißvolle Operation beendigt, als eine Nachtrunde oben auf der ſteinernen Treppe erſchien, welche auf die Plattform führte. Doch die Runde fand die Wache vor dem Schilder⸗ hauſe ſtehend, fragte nach dem Loſungswort, erhielt es und ging weiter, ohne etwas geſehen zu haben. Die Schildwache wartete ruhiger. Pas erſte Viertel von vier Uhr war ſchon vorüber. Nach zwei Stunden übermenſchlicher Anſtrengung ge⸗ lang es auf dem Meere einer Barke, worauf vierzehn änner, am Felſen des Fort von Risbank zu landen. Eine hoizerne Leiter wurde an die Felſen angelegt. Sie erreichte eine erſte Aushöhlung des Steines, worauf ſechs Mann ſtehen konnten. Eeiner nach dem andern erſtiegen ſtillſchweigend dieſe kühnen Abenteurer aus der Barke die Leiter und kletterten, ohne ſich bei der Aushöhlung aufzuhalten, fort, wobei ſie ch nur ihrer Hände und Füße bedienten und die klein⸗ ſten Vortheile, die ihnen das Terrain bot, benützten. Ihr Ziel war ſicherlich, an den Fuß des Thurmes zu gelangen. Aber die Nacht war ſtockfinſter, der Felſen ſchlüpfrig; ihre Nägel rißen ſich ab, ihre Finger wurden blutig auf dem Geſtein. Der Fuß von einem derſelben glitſchte aus, er rollte, ohne ſi halten zu können, und ſiel ins Meer. i ſie Zum Glück war der letzte von den vierzehn Männern noch in der Barke, die er, obſchon vergebens, anzubinden ſuchte, ehe er ſich der Leiter anvertraute. Derjenige, welcher gefallen war und während ſeines 76 Falles keinen Schrei auszuſtoßen den Muth gehabt hatte, ſchwamm kräftig gegen die Barke. Der Andere reichte ihm die Hand und hatte, trotz der Stöße der unter ſeinen Füßen ſich bewegenden Barke, die Freude, ihn unverſehrt 3 hereinzuziehen. „Wie, Du biſt es Martin⸗Guerre?“ ſagte er, als er ihn in der Finſterniß zu erkennen glaubte. „Ich ſelbſt, ich geſtehe es, gnädiger Herr,“ ant⸗ wortete der Stallmeiſter. „Wie haſt Du ausglitſchen können, Ungeſchickter?“ fragte Gabriel. „Es iſt beſſer, daß es mir begegnet iſt, als einem Andern.“ „Warum?“ „Ein Anderer hätte vielleicht geſchrieen.“ „Hilf mir, da Du gerade da biſt, vieſes Seil, um dieſe dicke Wurzel ſchlingen. Ich ſchickte Anſelm mit den Andern fort und ich hatte Unrecht.“ „Die Wurzel hält nicht, gnädiger Herr. Ein Stoß ſie zerreißen und die Barke wird mit uns verloren ein.“ „Es läßt ſich nichts Beſſeres thun,“ erwiederte der Vicomte d'Ermès.„Wir wollen handeln und nicht ſprechen.“ Als ſie die Barke, ſo gut es ging, angebunden hatten, ſagte der Vicomte zu ſeinem Stallmeiſter; „Steige hinauf.“ „Nach Euch, gnädiger Herrz wer würde Euch die Leiter halten?“ Steige hinauf!“ wiederholte Gabriel ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend. Der Augenblick war nicht günſtig für Erörterungen und Ceremonien. Martin kletterte bis zur Aushöhlung und hielt, hier angelangt, mit allen ſeinen Kräften den Baum der Leiter, während Gabriel dieſe ebenfalls erſtieg. Er hatte den Fuß auf der letzten Sproſſe, als ein ——— gi un me daf Ha gek zeht Geſ * tte, chte inen ehrt — als ant⸗ r inem Seil, mit Stoß loren e der nicht unden h die g mit ungen hlung n den rſtieg. s eine 77 gewaltige Welle an die Barke anprallte, das Kabel zer⸗ riß, und Leiter und Schaluppe in die offene See forttrug. Gabriel wäre verloren geweſen, hätte ſich nicht Mar⸗ tin, auf die Gefahr, mit ihm zu Grunde zu gehen, mit einer Bewegung raſcher als der Gedanke über den Ab⸗ grund geneigt und ſeinen Herrn am Kragen gepackt. Dann zog der brabe Stallmeiſter mit der Stärke der Verzweif⸗ lung Gabriel unverletzt auf den Felſen. „Du haſt mir ebenfalls das Leben gerettet, mein wackerer Martin,“ ſprach Gahriel. „Ja, aber die Barke iſt fern!“ verſetzte der Stall⸗ meiſter. „Bah! wie Anſelm ſagt, ſie iſt bezahlt,“ erwiederte Gabriel mit einer Sorgloſigkeit, unter der er ſeine Un⸗ ruhe verbergen wollte. „Gleichviel!“ ſagte der kluge Martin den Kopf ſchüt⸗ telnd,„findet ſich Euer Freund nicht als Schildwache da oben, hängt die Leiter nicht am Thurme oder bricht ſie unter unſern Füßen, iſt die Plattform von überlegener Mannſchaft beſetzt, ſo iſt uns jede Chance eines Rückzuges, jede auf Rettung mit dieſer verfluchten Barke geraubt.“ „Deſto beſſer, wir müſſen nun ſiegen oder ſterben!“ Es ſeil“ ſprach Martin⸗Guerre mit ſeiner gleich⸗ gültigen und heldenmüthigen Naivetät. „Vorwärts!“ ſagte Gabriel,„die Gefährten müſſen unten am Thurme angekommen ſein, da ich kein Geräuſe mehr höre. Wir müſſen ſie einholen. Gib Acht, Martin, daß Du Dich diesmal gut hältſt und nicht eher eine geklammert haſt.“ „Seid unbeſorgt, ich werde vorſichtig ſein.“ Sie begannen ihre gefahrvolle Aufſteigung, und nach zehn Minuten„nachdem ſie zahlloſe Schwierigkeiten und Gefahren überwunden hatten, holten ſie ihre zwölf Ge⸗ 78 fährten wieder ein, welche voll Angſt auf dem Felſen gruppirt unten am Fort von Risbank ihrer harrten. Das dritte Viertel von vier Uhr und etwas mehr noch war abgelaufen. Gabriel bemerkte mit unausſprechlicher Freude die Strickleiter, welche auf den Felſen herabhing. „Ihr ſeht es, Freunde,“ ſagte er mit leiſer Stimme zu ſeiner Truppe,„man erwartet uns da oben. Danket Gott, denn wir können nicht mehr rückwärts ſchauen: das Meer hat unſere Barke fortgetragen. Vorwärts alſo, und Gott beſchütze uns!“ „Amen!“ ſprach Lactance. Es mußten in der That entſchiedene Leute ſein, die⸗ jenigen, welche Gabriel umgaben. Bis jetzt verwegen, wurde das Unternehmen nun mijt beinahe wahnſinnig, und dennoch rührte ſich nicht einer bei der furchtbaren Nachricht, daß jeder Rückzug abgeſchnitten ſei. Bei dem ſchwachen Schimmer, der vom bedeckteſten Himmel fällt, ſchaute Gabriel ihre männlichen Geſichter an und fand ſie völlig unempfindlich. Sie wiederholten Alle nach ihm: „Vorwärts!“ „Ihr erinnert Euch der Wrabredung?“ ſagte Gabriel. „Ihr kommt zuerſt, Monnet, dann geht Martin⸗Guerre, dann jeder der bezeichneten Reihe nach bis auf mich, der ich zuletzt hinaufſteigen will. Die Stricke und Knoten dieſer Leiter ſind hoffentlich feſt!“ „Das Seil iſt von Eiſen, gnädiger Herr,“ ſagte Ambroſio.„Wir haben die Probe gemacht, es würde vreißig ſo gut als vierzehn tragen.“ „Vorwärts alſo, mein braver Monnet!“ ſprach der Vicomte d'Exmös,„Du haſt nicht den am mindeſten ge⸗ fährlichen Theil des Unternehmens. Marſch und Muth!“ „Muth, daran fehlt es mir nicht, gnädiger Herr,“ erwiederte Monnet,„beſonders wenn die Trommel raſſelt und die Kanone donnert; doch ich geſtehe, daß ich eben ———.— „ e„p)— ſen ehr die me et en ſſo, ie en, ig, ren ſten ter 79 ſo wenig an ein ſchweigſames Erſtürmen, als an dieſes flatternde Strickwerk gewöhnt bin. Es iſt mir auch lieb, daß ich zuerſt hinaufſteige und die Anderen hinter mir abe.“ „Ein beſcheidener Vorwand, um Dir den Ehrenpoſten zu ſichern!“ ſagte Gabriel, der ſich nicht in eine gefähr⸗ liche Erorterung einlaſſen wollte.„Vorwärts! keine Phraſen! obgleich der Wind und die See unſere Worte bedecken, müſſen wir doch handeln und nicht ſprechen. Vorwärts, Yonnet, und erinnert Euch Alle, daß es erſt auf der hundert und fünfzigſten Sproſſe eriaubt iſt, auszuruhen. Seid Ihr fertig? Die Muskete auf dem Rücken befeſtigt, den Degen in den Zähnen? Schaut aufwärts und nicht hinab, und dentt an Gott und nicht an die Gefahr. Marſch!“ Yoonnet ſetzte zuerſt den Fuß auf die Leiter. Es hatte vier Uhr geſchlagen, eine zweite Nachtrunde war an der Schildwache auf der Plattform“ vorüberge⸗ zogen. Langſam und ſchweigend wagten ſich nun einer nach dem andern dieſe vierzehn unerſchrockene Männer auf die ſchwache im Winde ſchaukelnde Leiter. Das war nichts, ſo lange Gabriel, der zuletzt kam, einige Schritte vom Boden blieb. Aber wie ſie mehr vorrückten und ihre lebendige Traube immer mehr ſchwankte, da ſteigerte ſich die Gefahr zu einem unerhörten Maße. dieſe vierzehn ſchweigſamen Männer, dieſe vierzehn Dä⸗ monen die ſchwarze Mauer erklettern zu ſehen, auf deren Höhe der Tod möglich, hei der unten der Tod gewiß war. Beim hundert und fünzigſten Knoten hielt Monnet an. Alle thaten daſſelbe. 8 war verabredet, hier ſo lange auszuruhen, als Jeder brauchen würde um zwei Pater und zwei Ave zu ſprechen. 80⁰ Als Martin⸗Guerre ſein Gebet verrichtet hatte, ſah er zu ſeinem Erſtaunen, daß ſich Yvonnet nicht mehr rührte. Er glaubte ſich getäuſcht zu haben, machte ſich ſeine Unruhe zum Vorwurf und begann ein drittes Pater und ein drittes Ave. Doch Monnet blieb immer unbeweglich. Obgleich man nur noch ungefähr hundert Fuß von der Plattform entfernt war und es ſehr gefährlich wurde, zu ſprechen, entſchloß ſich doch Martin⸗Guerre, WMvonnet an die Beine zu klopfen und zu ihm zu ſagen: „Gehe doch vorwärts!“ „Nein, ich kann nicht mehr,“ erwiederte Yonnet mit erſtickter Stimme. 4„Du kannſt nicht mehr, Elender! und warum nicht?“ fragte Martin ſchauernd. „Ich habe den Schwindel,“ ſagte Monnet. Ein kalter Schweiß perlte auf der Stirne von Mar⸗ tin⸗Guerre. Er wußte eine Minute lang nicht, wozu er ſich entſchließen ſollte. Erfaßte der Schwindel Monnet und er ſtürzte, ſo wurden Alle in ſeinem Fall nachgezogen. Wieder hinabſteigen war nicht minder gefährlich. Martin fühlte ſich unfähig, irgend eine Verantwortlichkeit unter dieſen gräßlichen Umſtänden zu übernehmen. Er neigte ſich nur zu Anſelm hinab, der ihm folgte, und ſagte: „Yvonnet hat den Schwindel.“ Anſelm bebte, wie Martin⸗Guerre gebebt hatte, und ſprach zu Scharfenſtein ſeinem Nachbar: „Wonnet hat den Schwindel.“ 3 Und Jeder zog auf eine Minute den Dolch aus ſeinen Zähnen und ſagte zu demjenigen, welcher ihm folgte: „Yvonnet hat den Schwindel,— Yvonnet hat den Schwindel.“ Bis endlich die unſelige Kunde zu Gabriel gelangte, der sbenfalls erbleichte, als er ſie vernahm. on net net 2“ ar⸗ ſich und en rtin ter gte und nen den gte, 3 —— 81 IX. Ver abweſende Arnauld du Thill übt noch einen tädtlichen Einfluß auf Martin-Guerre aus. Es war ein Augenblick furchtbarer Angſt und äußer⸗ ſter Kriſe. Gabriel ſah ſich zwiſchen drei Gefahren. Unter ihm ſchien das Meer ſeine Beute mit Grauen erregen⸗ der Stimme zu rufen. Vor ihm verſperrten ihm zwölf erſchrockene, unbewegliche Männer, welche weder vorwärts, noch rückwärts konnten, durch ihre Maſſe den Weg zu der dritten Gefahr, zu den engliſchen Piken und Büchſen, die ihrer vielleicht oben harrten. Von allen Seiten zeigten ſich auf dieſer ſchwankenden Leiter der Schrecken und der Tod. Zum Glück war Gabriel nicht der Mann, der, ſelbſt zwiſchen Abgründen, lange zögerte, und er hatte in einer Minute ſeinen Entſchluß gefaßt. Er fragte ſich nicht, ob ſeine Hand nicht ausglitſchen, ob er nicht den Schädel auf den Felſen unten zerſchmet⸗ tern würde. Sich an dem Seil zur Seite anklammernd, hob er ſich allein durch die Kraft ſeiner Fauſtgelenke em⸗ por und kem ſo nach und nach an den zwölf Männern, welche vor ihm waren, vorüber. Durch die wunderbare Stärke ſeines Körpers und ſeines Geiſtes gelangte er ſo bis zu YMvonnet, ohne auf ein Hin⸗ derniß zu ſtoßen, und konnte endlich ſeine Füße neben die von Martin⸗Guerre ſetzen. „Willſt Du vorwärts?“ ſagte er mit kurzem, ge⸗ bieteriſchem Tone zu Yvonnet. „Ich habe den Schwindel„ erwiederte der 82„ Unglückliche, dem die Zähne klapperten und die Haare ſich ſträubten. „Willſt Du vorwärts?“ wiederholte der Vicomte. „Unmöglich!“ ſagte Monnet.„Ich fühle, daß ich wenn meine Füße und Hände die Sproſſen verlaſſen,= 3 an die ſie ſich anſtemmen, hinabſtürze.“ Wir werden ſehen!“ verſetzte Gabriel. Er erhob ſich bis an den Gürtel von Mvonnet und ſetzte ihm die Spitze ſeines Dolches auf den Rücken. „Fühlſt Du die Spitze meines Dolches?“ fragte er n. „Ja, ja, ach! Gnade, ich habe Angſt, Gnade.“ „Die Klinge iſt fein und ſcharf,“ fuhr Gabriel mit wunderbarer Kaltblütigkeit fort.„Bei der geringſten Be⸗ wegung dringt ſie wie von ſelbſt ein. Höre wohl. Martin⸗ Guerre wird vor Dich gehen, und ich werde hintet Dir bleiben. Folgſt Du Martin nicht, machſt Du Miene, 9 zu ſtraucheln, ſo ſchwöre ich Dir, daß Du nicht fallen und die Andern nicht fallen machen wirſt, denn ich nagle il Dich mit meinem Dolche an die Wand, bis ſie Alle über h Deinen Leichnam geſtiegen ſind.“ „Oh! ſeid barmherzig, gnädiger Herr, ich werde ge⸗ horchen,“ rief Yonnet von einer Angſt durch eine noch viel ſtärkere geheilt. „Martin,“ ſagte der Vicomte d'Ermös,„Du haſt m mich gehört, ſteige hinauf.“„ in Martin führte ſeinerſeis die Bewegung aus, die er ſeinen Herrn hatte machen ſehen, und war nun der Erſte. „Marſch!“ ſprach Gabriel. m Martin⸗Guerre ſtieg muthig empor und Monnet, A den Gabriel, welcher ſich nur der linken Hand und ſeiner Füße bediente, beſtändig mit ſeinem Dolche bedrohte, vergaß ſeinen Schwindel und folgte dem Stallmeiſter. So legten die vierzehn Männer die hundert und fünf⸗ zig letzten Sproſſen zurück. „Bei Gott,“ dachte Martin⸗Guerre, bei dem die gutr ger ſen, und de.“ mit Be⸗ tin⸗ Dir ene, llen gle ber ge⸗ och haſt er ſte. et, ner ſe, nf⸗ utc 83 Laune wiederkehrte, als er die Entfernung ſich vermindern ſah, die ihn von der Plattform des Thurmes trennte,„bei Gott! der gnävige Herr hat da ein vortreffliches Mittel gegen den Schwindel gefunden!“ Während er dieſe freudige Betrachtung beendigte, fand ſich ſein Kopf auf dem Niveau des Randes der Plattform. „Seid Ihr es?“ fragte eine Martin unbekannte timme. „Bei Gott!“ antwortete der Stallmeiſter mit leich⸗ tem Tone. „Es war Zeit,“ verſetzte die Schildwache,„die dritte Runde wird ſogleich kommen.“ „Gut! wir werden ſie empfangen,“ ſprach Martin⸗ Guerre. Und er ſetzte fiegreich ein Knie auf den ſteinernen and. „Ahl“ rief plötzlich der Mann vom Fort, indem er ihn beſſer in der Finſterniß zu unterſcheiden ſuchte,„wie heißeſt Du?“ „Ei! Martin⸗Guerre„ Er vollendete nicht. Pierre Peuqoy dieſer war es ließ ihm nicht Zeit, das andere Knie aufzuſetzen, ſtieß ihn wüthend mit der Fläche ſeiner beiden Hände zurück und ſtürzte ihn in den Abgrund. „Jeſus!“ ſagte nur der arme Martin. Und er fiel, doch ohne zu ſchreien und indem er ſich mit einer letzten erhabenen Anſtrengung abwandte, um die Andern nicht fallen zu machen. vonnet, der ihm folgte und, da er auf's Neue fe⸗ ſten Boden unter ſich fühlte, ſeine ganze Kaltblütigkeit und Kühnheit wieder gewann, Monnet ſchwang ſich auf die Plattform und nach ihm alle Andere. Pierre Peugoy ſetzte ihnen keinen Widerſtand entge⸗ gen. Er blieb unempfindlich und wie verſteinert ſtehen. 84 „Unglücklicher!“ ſagte der Vicomte d'Exmes zu ihm, indem er ihn am Arme packte und ſchüttelte.„Welcher Wahnſinn hat Euch erfaßt? Was hatte Euch Martin⸗ Guerre gethan?“ „Mir? nichts!“ antwortete der Waffenſchmied mit dumpfem Tone.„Aber Babette! meiner Schweſter!“ „Ah! das hatte ich vergeſſen!“ rief Gabriel erſchüt⸗ tert.„Armer Martin!. Doch er iſt es nicht!. Kann man ihn nicht noch retten?“ „Retten bei einem Sturze von mehr als zweihundert und fünfzig Fuß auf den Felſen,“ ſprach Pierre Peugoy mit einem ſcharfen Gelächter.„Geht, Herr Vicomte, Ihr werdet zu dieſer Stunde beſſer thun, wenn Ihr daran denkt, wie Ihr Euch ſelbſt und Eure Gefährten retten könnt.“ „Meine Gefährten und meinen Vater und Diana,“ ſagte zu ſich ſelbſt der junge Mann, durch dieſe Worte zu den Pflichten und Gefahren ſeiner Lage zurückgerufen. „Gleichviel!“ ſprach er laut,„mein armer Martin!“ „Es iſt nicht der Augenblick, den Schuldigen zu be⸗ weinen!“ unterbrach ihn Pierre Peugoy. „Schuldig! er war unſchuldig, ſage ich Euch und ich werde es Euch beweiſen. Doch Ihr habt Recht, der Au⸗ genblick iſt noch nicht gekommen. Sprecht, ſeid Ihr immer noch geneigt, uns zu dienen?“ fragte Gabriel den Waf⸗ fenſchmied mit einem gewiſſen trotzigen Ungeſtüm. „Ich bin Frankreich und Euch treu ergeben,“ ant⸗ wortete Pierre Peugoy. „Nun wohl, was haben wir zu thun?“ „Eine Nachtrunde wird vorüberkommen,“ antwortete der Bürger.„Ihr müßt die vier Mann, aus der ſie be⸗ ſteht, knebeln und hinden. Doch,“ fügte er bei,„es iſt nicht mehr Zeit, ſie zu überrumpeln, hier ſind ſie.“ Während Pierre Peugoh noch ſprach, kam die ſtädti⸗ ſche Patrouille wirklich von einer innern Treppe auf die hm, cher tin⸗ mit üt⸗ ert goy Ihr ran ten , rte en. be⸗ lu⸗ ner af⸗ ete e⸗ ti⸗ ie 85⁵ Plattform hervor. Machte ſie Lärm, ſo war Alles ver⸗ loren. Die zwei Scharfenſtein, Oheim und Neffe, welche von Natur ſehr neugierig und vorwitzig waren, ſtreiften zum Glück ſchon gegen dieſe Seite hin. Die Leute von der Runde hatten nicht Zeit, einen Schrei auszuſtoßen. Eine breite Hand ſchloß jedem von ihnen von hinten den Mund und warf ſie zugleich kräftig auf den Rücken. Pilleterouſſe und zwei Andere liefen herbei und konn⸗ ten nun ohne Mühe die vier erſtaunten Milizen knebeln und entwaffnen. „Gut angefangen!“ ſagte Pierre Peugoy.„Nun muß man ſich der andern Schildwachen bemächtigen, gnädiger Herr, und dann kühn zu den Wachthäuſern hinabſteigen. Wir haben zwei Poſten zu nehmen. Doch furchtet nicht, von der Zahl überwältigt zu werden. Durch Jean und mich bearbeitet, iſt die Hälfte der ſtädtiſchen Miliz den Fran⸗ zoſen ergeben und erwartet ſie, um ihnen beizuſtehen. Ich will zuerſt hinabgehen und dieſe Verbündeten benachrich⸗ tigen, daß es Euch gelungen iſt, den Thurm zu erreichen. Beſchäftigt Euch während dieſer Zeit mit den Schildwa⸗ chen. Komme ich wieder herauf, ſo ſind ſchon drei Viertel des Geſchäftes abgemacht.“ „Ah! wie wuͤrde ich Euch danken,“ ſagte Gabriel, „wenn nicht der Tod von Martin⸗Guerre„ Und war dieſes Verbrechen für Euch eine Gerechtig⸗ eit. „Noch einmal, überlaßt das Gott und meinem Ge⸗ wiſſen, Herr d'Ermés,“ erwiederte mit ernſtem Tone der ſtrenge Bürger,„handelt Eurerſeits, indeß ich meinerſeits 4 es ging ungefähr ſo, wie es Pierre Peuqoh vor⸗ hergeſehen hatte. Die Schildwachen waren zum Theile der Sache der Franzoſen zugethan. Einen einzigen Mann, welcher Widerſtand leiſten wollte, hatte man hald gebunden und unſchädlich gemacht. Als Pierre Peugoh, 86 begleitet von Jean Peuqoy und einigen anderen ſicheren Freunden, wieder herauſkam, war ſchon die ganze Höhe des Fort von Risbank in der Gewalt des Viecomte d'Ermès. Es handelte ſich nun darum, ſich zum Herrn der Hauptwachen zu machen. Mit der Verſtärkung, welche die Peugoy brachten, zögerte Gabriel keinen Augenblick, hinab⸗ zuſteigen. Man benützte geſchickt den erſten Moment der Ueber⸗ raſchung und Unentſchloſſenheit. Zu dieſer frühen Stunde ſchliefen diejenigen, welche durch ihre Geburt oder durch ihre Intereſſen zu den Engländern hielten, meiſtentheils noch auf ihren Feld⸗ kete Sie waren, gleichſam ehe ſie erwachten, ſchon ge⸗ nebelt. Der Tumult, denn es war kein Kampf, dauerte nur einige Minuten. Die Freunde von Peugoy riefen:„Es lebe Heinrich Il.! Es lebe Frankreich!“ Die Gleichgül⸗ tigen und die Neutralen ſchloßen ſich wie dies gewöhnlich der Fall iſt, der Seite an, welche vom Erfolg begünſtigt wurde. Diejenigen, welche einen Widerſtand verſuchten, mußten bald der Ueberzahl weichen. Es gab im Ganzen nur drei Todte und fünf Verwundete und es fielen nur drei Büchſenſchüſſe. Der fromme Lactance hatte das Un⸗ glück, daß zwei von dieſen Todten und einer von den Verwundeten auf ſeine Rechnung kamen. Es war nur gut, daß er Muße haben ſollte! Es hatte noch nicht ſechs Uhr geſchlagen, als Alles im Fort von Risbank den Franzoſen unterworfen war. Die Widerſpänſtigen und Verdächtigen wurden in ſicheren Gewahrſam gebracht, und die ganze übrige ſtädtiſche Garde umgab und begrüßte Gabriel als einen Befreier. So wurde ohne einen Schwertſtreich, in weniger als einer Stunde, durch eine ſeltſame, übermenſchliche An⸗ ſtrengung dieſes Fort genommen, welches zu beſchützen, den Engländern nicht einmal eingefallen, ſo mächtig ſchien — en e te r ie ⸗ in ſeiner Wuth übel mitſpielen?“ 87 es die See zu vertheidigen! dieſes Fort, das doch der Schlüſſel vom Hafen von Calais, von Calais ſelbſt war. Die Sache wurde ſo raſch und ſo gut ausgeführt, daß der Thurm von Risbank eingenommen war und der Vicomte d'Ermeès neue Schildwachen mit einem neuen Loſungswort geſtellt hatte, ehe man etwas davon in der Stadt erfuhr. „Doch bevor nicht Calais ebenfalls übergeben iſt, betrachte ich unſere Aufgabe nicht als beendigt,“ ſprach Pierre Peuqoh zu Gabriel.„Ich bin der Anſicht, Ihr ſolltet Jean und die Hälfte unſerer Leute behalten, um das Fort von Risbank zu behaupten, und mich mit der andern Hälfte in die Stadt ziehen laſſen. Wir werden den Franzoſen dort beſſer als hier durch eine nützliche Diverſion dienen. Es iſt erſprießlich, nach den Seilen von Jean die Waffen von Pierre anzuwenden.“ „Befürchtet Ihr nicht, Lord Wentworth dürfte Euch ſagte Gabriel. „Seid unbeſorgt,“ erwiederte Pierre Peugoy,„ich werde mit Liſt zu Werke gehen: bei unſeren Unterdrückern ſeit zwei hundert Jahren iſt dies guter Krieg. Wenn es ſein muß, beſchuldige ich Jean, er habe uns verrathen. Wir ſind von überlegenen Streitkräften überrumpelt und trotz unſeres Widerſtandes gezwungen worden, uns auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Man hat diejenigen von uns, werde ich ſagen, welche ſich weigerten, Euren Sieg anzuerkennen, aus dem Fort weggejagt. Es ſteht zu ſchlecht mit den Angelegenheiten von Lord Wentworth, als daß er uns nicht danken und ſich den Anſchein geben ſollte, er glaube uns.“ „Gut, begebt Euch alſo nach Calais zurück,“ ſprach Gabriel.„Ihr ſeid, wie ich ſehe, eben ſo gewandt, als muthig; und es iſt richtig, daß Ihr mich, wenn ich zum Beiſpiel einen Ausfall mache, werdet unterſtützen können.“ „Oh! ich bitte Euch, wagt das nicht!“ ſagte Pierre Peugoh.„Ihr ſeid nicht genug bei Kräften und habt we⸗ 88⁸ nig zu gewinnen und Alles zu verlieren bei einem Aus⸗ fall. Ihr ſeid nun Eurerſeits unangreifbar hinter dieſen guten Mauern. Bleibt hier. Ergreift Ihr die Offenſive, ſo koͤnnte Euch Lord Wentworth das Fort von Risbank wohl wieder abgewinnen. Und nachdem man ſo viel ge⸗ than, wäre es doch ſehr Schade, Alles wieder zu nichte zu machen.“ „Wie!“ verſetzte Gabriel,„ſoll ich müßig und das Schwert an der Seite bleiben, während Herr von Guiſe und alle unſere Leute ihr Leben einſetzen 2“ „Ihr Leben gehört ihnen und das Fort von Risbank gehört Frankreich,“ entgegnete der kluge Bürger.„Hoͤrt jedoch. Wenn ich den Augenblick für günſtig erachte und es nur noch eines letzten entſcheidenden Schlages bedarf, um Calais den Engländern zu entreißen, ſo werde ich ſo⸗ wohl diejenigen, welche ich mit mir führe, als alle Ein⸗ wohner, welche unſere Meinung theilen, zum Aufſtand bewegen. Dann könnt Ihr, da Alles zum Sieg reif ſein wird, einen Ausfall machen, um uns durch einen Hand⸗ ſtreich zu unterſtützen und dem Herzog von Guiſe die Stadt zu öffnen.“ „Aber wer wird mich benachrichtigen, daß ich es un⸗ ternehmen kann?“ fragte der Vicomte d'Ermeés. „Ihr gebt mir das Horn zurück, das ich Euch an⸗ vertraut habe, und an deſſen Ton ich Euch erkannte. Hört man es vom Fort von Risbank abermals ſchallen, ſo fallt ohne Furcht aus, und Ihr könnt zum zweiten Male an dem Sieg Theil nehmen, den Ihr ſo gut vorbereitet abt.“ dieſem die Leute aus, welche mit ihm in die Stadt zurück⸗ kehren ſollten, um den Franzoſen im Falle der Noth bei⸗ zuſtehen, und begleitete ſie freundlich bis zu den Thoren des Fort von Risbank, aus dem ſie, wie man glauben machen wollte, ſchmählich ausgetrieben worden. Gabriel vankte Pierre Peugoy herzlich, wählte mit us⸗ eſen ive, ank ge⸗ hte das uiſe ank ört und arf, ſo⸗ in⸗ and ſein nd⸗ adt un⸗ an⸗ ört ale itet mit ic⸗ ei⸗ ren ben 89 Nachdem dies geſchehen, war es halb acht Uhr und der Tag fing an den Himmel zu bleichen. Gabriel wollte ſelbſt darüber wachen, daß die Fah⸗ nen Frankreichs, welche den Herzog von Guiſe beruhigen und die engliſchen Schiffe erſchrecken ſollten, auf dem Fort von Risbank aufgepflanzt würden. Er ſtieg dem zu Folge auf die Plattform, welche Zeuge der Ereigniſſe die⸗ ſer furchtbaren und glorreichen Nacht geweſen war. Ganz bleich näherte er ſich der Stelle, wo die Strick⸗ leiter angebunden geweſen und von wo der arme Martin⸗ Guerre, ein Opfer des unſeligſten Mißverſtändniſſes, hinab geſtürzt worden war. Schauernd neigte er ſich hinaus, denn er dachte, er würde auf dem Felſen den verſtümmelten Leichnam ſeines treuen Stallmeiſters erblicken. Doch ſein Blick fand ihn Anfangs nicht und mußte ihn mit einem Erſtaunen ſuchen, in das ſich ein Anfang von Hoffnung miſchte. Eine bleierne Rinne, durch welche das Regenwaſſer des Thurmes ablief, hatte den Körper auf der Hälfte des Weges in ſeinem furchbaren Sturz aufgehalten, und hier ſah ihn Gabriel wie entzwei gebrochen, unbeweglich hängen. Beim erſten Anblick glaubte Gabriel, er wäre leblos. Doch er wollte wenigſtens die letzten Pflichten gegen ihn erfüllen. Pilletrouſſe, der weinend dabei ſtand, und den Mar⸗ tin⸗Guerre ſtets geliebt hatte, vereinigte ſeine Ergebenheit mit dem frommen Gedanken ſeines Herrn. Er ließ ſich feſt an die Strickleiter der Nacht binden und wagte ſich in den Abgrund. Als er nicht ohne Mühe den Körper ſeines Freundes heraufbrachte, gewahrte man, daß er noch athmete⸗ Ein herbeigerufener Wundarzt beſtätigte, vaß er lebe, und der brave Stallmeiſter kam in der That wieder ein wenig zum Bewußtſein. Doch nur, um mehr zu leiden. Die beiden Dianen. M. 90 Martin⸗Guerre befand ſich in einem grauſamen Zuſtand. Er hatte einen Arm verrenkt und einen Schenkel ge⸗ brochen. Der Wundarzt konnte den Arm wieder einrichten, aber er hielt die Amputation des Beines für nothwenvig, wagte es jedoch nicht, eine ſo ſchwierige Operation zu über⸗ nehmen. Mehr als je ärgerte ſich Gabriel, daß er, ob⸗ gleich Sieger, im Fort von Risbank eingeſchloſſen war. Zuvor ſchon peinlich, wurde ihm das Warten nun vollends gräßlich. Hätte man den erfahrenen Meiſter Ambroiſe Paré zu Hülfe rufen können, ſo wäre Martin⸗Guerre vielleicht ge⸗ rettet geweſen. Lord Wentworth kann ſich nicht mehr halten. Obgleich der Herzog von Guiſe bei näherer Ueber⸗ legung nicht an den glücklichen Erfolg eines ſo verwegenen Unternehmens glauben konnte, wollie er ſich doch ſelbſt überzeugen, ob es dem Vicomte d'Exmés gelungen oder nicht gelungen wäre. In der ſchwierigen Lage, in der er ſich befand, hofft man ſogar auf das Unmögliche. Er kam vor acht Uhr mit einem nicht ſehr zahl⸗ reichen Gefolge zu Pferde zu der hervorragenden Stelle des Ufers, die ihm Gabriel bezeichnet hatte, und von wo aus man wirklich mittelſt eines Fernrohrs das Fort von Risbank ſehen konnte. Bei dem erſten Blick, den der Herzog nach dem Fort warf, ſtieß er ein Triumphgeſchrei aus. — d. e⸗ en, ig, b⸗ ar. ds ge⸗ er⸗ nen lbſt der der hl⸗ elle wo von ort 9¹ Er täuſchte ſich nicht, er erkannte die Fahne und die Farben Frankreichs! Diejenigen, welche ihn umgaben, be⸗ ſtätigten ihm, daß es keine Täuſchung war, und theilten ſeine Freude. „Mein braver Gabriel!“ rief der Herzog.„Er hat wahrhaftig dieſes Wunder vollbracht! Iſt er nicht erhaben über mir, der ich zweifelte? Nun haben wir durch ſein Werk jede Muße, die Einnahme von Calais vorzube⸗ reiten und zu ſichern; kommt der Entſatz von England, ſo wird es Gabriel übernehmen, ihn zu empfangen.“ „Gnädigſter Herr,“ ſprach einer von dem Gefolge des Herzogs, der eben das Fernrohr gegen das Meer richtete, „es ſcheint, Ihr habt ſie herbeigerufen. Schaut, ſind dort am Horizont nicht engliſche Segel?“ „Sie werden ſich beeilt haben!“ verſetzte Herr von Guiſe.„Laßt ſehen.“ Er nahm das Rohr und ſchaute ebenfalls. „Es ſind wahrhaftig unſere Engländer!“ ſagte er. „Teufel! ſie haben keine Zeit verloren, und ich erwartete ſie nicht ſo bald. Wißt Ihr, daß, wenn wir zu dieſer Stunde das alte Schloß angegriffen hätten, die raſche An⸗ kunft der Verſtärkung uns einen ſchlimmen Streich geſpielt haben dürfte? Ein doppelter Grund zur Dankbarkeit gegen Herrn d'Ermos! Er verleiht uns nicht nur den Sieg, er rettet uns von der Schmach der Niederlage. Doch da wir nicht mehr ſo ſehr bedrängt ſind, wollen wir ſehen, wie ſich die Ankommenden benehmen, und wie ſich ſeiner⸗ ſeits der junge Gouverneur des Fort von Risbank gegen ſie verhalten wird.“ Es war vollkommen Tag, als die engliſchen Schiffe im Angeſicht des Fort eintrafen. Die franzöſiſche Fahne erſchien ihnen wie ein dro⸗ hendes Geſpenſt. 6 Und als wollte er ihnen dieſe unerhörte Erſchei⸗ nung beſtätigen, ließ ſie Gabriel mit drei oder vier Kano⸗ nenſchüſſen begrüßen. 92 Man konnte alſo nicht mehr zweifeln! es war die Fahne Frankreichs welche auf dem engliſchen Thurme flatterte. Wie der Thurm, mufßte alſo auch ſchon die Stadt in der Gewalt der Belagernden ſein. Trotz ihrer großen Eile kamen dennoch die Hülfstruppen zu ſpät. Nach einigen Minuten des Erſtaunens und der Un⸗ entſchloſſenheit, ſchienen die engliſchen Schiffe ſich allmälig zu entfernen und nach Dover zurückzukehren. Sie brachten wohl hinreichend Streitkräfte, um Ca⸗ lais zu unterſtützen, doch nicht genug, um es wieder einzunehmen. „Gottes Lob!“ rief der Herzog von Guiſe entzückt, „ſprecht mir von dieſem Gabriel! Er verſteht es eben ſo gut, zu behaupten, als zu erobern. Er hat Calais in unſere Händen gebracht, und wir brauchen ſie nur noch zu ſchließen, um die ſchöne Stadt zu halten.“ Und er ſtieg wieder zu Pferde und kehrte freudig in das Lager zurück, um die Belagerungsarbeiten zu be⸗ ſchleunigen. Die menſchlichen Ereigniſſe haben beinahe immer ein doppeltes Geſicht, und während ſie die Einen lachen machen, machen ſie die Andern weinen. In demſelben Augenblick, wo ſich der Herzog von Guiſe die Hände rieb, raufte ſich Lord Wentworth die Haare aus. Nach einer, wie wir geſehen, von düſteren Ahnungen bewegten Nacht, war er endlich gegen Morgen entſchlum⸗ mert, und er trat erſt aus ſeinem Zimmer, als die an⸗ geblich Beſiegten des Fort von Risbank, Pierre Peuqoy an ihrer Spitze, die Unglückskunde in die Stadt brachten. Der Gouverneur wurde gleichſam zuletzt davon unter⸗ richtet. . In ſeinem Schmerz und in ſeinem Grimm wyollte er ſeinen Ohren nicht trauen. Er befahl, den Anführer der Flüchtigen vor ihn zu führen. Man brachte bald Pierre Peugoy, der mit geſenktem — * d 93 Kopfe und einer ſehr den Umſtänden angemeſſenen Miene eintrat. Der liſtige Bürger erzählte noch ganz erſchrocken den nächtlichen Ueberfall und ſchilderte die dreihundert ver⸗ wegenen Abenteurer, welche das Fort von Risbank plotzlich erklettert hatten,— ohne Zweifel unterſtützt durch einen Verrath, den zu ergründen ihm, Pierre Peugoy, keine Zeit geblieben. „Aber wer befehligte die dreihundert Mann?“ fragte Lord Wentworth. „Mein Gott! Euer ehemaliger Gefangener, Herr d'Ermös,“ antwortete frei heraus der Waffenſchmied. „Oh! meine wachen Träume!“ rief der Gouverneur. Dann ſprach er, die Stirne gefaltet, von einer un⸗ vermeidlichen Erinnerung berührt zu Pierre Peugoy: „Herr d'Ermos iſt, wie mir ſcheint, während ſeines Aufenthaltes hier Euer Gaſt geweſen 2“ „Ja, Mylord,“ antwortete Pierre, ohne unruhig zu werden.„Ich habe auch allen Grund, zu glauben. warum es Euch verbergen? daß mein Vetter Jean, bei dieſer Machination mehr betheiligt iſt, als er ſollte.“ Lord Wentworth ſchaute den Bürger ſchief an. Doch der Bürger ſchaute Lord Wentworth unerſchrocken ins Geſicht. Wie er es in ſeiner Kühnheit vermuthet hatte, fühlte ſich der Gouverneur zu ſchwach, während er Pierre Peu⸗ qoy als zu mächtig in der Stadt kannte, um ſeinen Arg⸗ wohn durchblicken zu laſſen. Nachdem er ſich nach einigen Einzelnheiten erkundigt 1 entließ er ihn mit traurigen, aber freundſchaftlichen orten. Als Lord Wentworth allein war, verſank er in tiefe Riedergeſchlagenheit. Hatte er nicht Grund hiezu? Auf ihre ſchwache Gar⸗ niſon beſchränkt, gegen jeden Entſatz, käme er zu Waſſer oder zu Land, nunmehr abgeſperrt, zwiſchen dem Fort von Nieullay und dem Fort von Risbank eingeſchloſſen, welche dieſelbe bedrängten, ſtatt ſie zu vertheidigen, konnte ſich die Stadt nur noch wenige Tage oder vielleicht ſogar nur noch wenige Stunden halten. Eine gräßliche Lage für den Stolz von Lord Went⸗ worth! „Gleichviel!“ ſagte er, noch bleich vor Erſtaunen und Wuth, zu ſich ſelbſt,„gleichviel, ich will ihnen den Sieg theuer verkaufen. Calais gehört nun ihnen, das iſt nur zu gewiß, doch ich werde bis zum Ende Stand hal⸗ ten und ſie eine ſo koſtbare Eroberung mit ſo viel Leich⸗ namen, als ich nur immer kann, bezahlen laſſen. Und was den Geliebten der ſchönen Diana von Caſtro betrifft...“ Er hielt inne, ein hölliſcher Gedanke beleuchtete mit einem Schimmer der Freude ſein düſteres Antlitz. „Was den Geliebten von Diana betrifft,“fuhr er mit einer Art von Wohlgefallen fort..„wenn ich mich, wie ich muß, wie ich will, unter den Trümmern von Calais begraben laſſe, ſo werde ich wenigſtens bemüht ſein, daß er ſich nicht zu ſehr über meinen Tod zu freuen hat; er nehme ſich in Acht! ſein ſterbender und beſiegter Nebenbuhler bereitet ihm auch eine furchtbare Ueberraſchung.“ Hienach ſtürzte er aus ſeinem Hotel, um den Muth zu beleben und ſeine Befehle zu geben. Wieder geſtärkt und beruhigt durch irgend einen finſtern Plan, entwickelte er eine ſolche Kaltblütigkeit, daß er in ſeiner Verzweiflung manchem zaghaften Geiſte auf's Neue Hoffnung verlieh. Es entſpricht nicht dem Plan dieſes Buches, alle Einzelnheiten der Belagerung von Calais ins Breitere zu erzählen. Der Leſer findet ſie in ihrem ganzen Umfang in den„Belgiſchen Kriegen“ von Rabutin. Der 5. und 6. Januar verliefen in gleich kräftigen Anſtrengungen von Seiten der Belagerten und der Bela⸗ gerer. Arbeiter und Soldaten gingen auf beiden Seiten — 95 n mit demſelben Muthe und derſelben heldenmüthigen Aus⸗ dauer zu Werke. ie Doch der ſchöne Widerſtand von Lord Wentworth ur wurde durch eine überlegene Kraft gelähmt: der Marſchall 3 Strozzi, der die Belagerungsarbeiten leitete, ſchien alle Ver⸗ Wachſamkeit, welche ihn die Vertheidigung von Saint⸗ ⸗ theidigungsmittel und alle Bewegungen der Engländer zu errathen, als ob die Wälle von Calais durchſichtig gewe⸗ en ſen wären. L n Der Feind mußte ſich einen Plan der Stadt ver⸗ ſt ſchafft haben! l. Wir wiſſen, wer dieſen Plan dem Herzog von Guiſe 5 geliefert hatte. So war der Vicomte d'Ermos ſelbſt abweſend und „ müßig den Seinigen noch nützlich, und ſein heilſamer Ein⸗ i fluß wirkte von der Ferne, wie der Herzog von Guiſe in . ſeiner dankbaren Billigkeit bemerkte. er„ Die Unmacht, auf die er ſich verwieſen ſah, laſtete ß indeſſen ſchwer auf dem brauſenden jungen Mann. In zi ſeiner Eroberung eingeſperrt, war er genöthigt, ſeine Thätig⸗ 5 keit auf Ueberwachungsgeſchäfte zu verwenden, die er zu leicht und zu raſch vollzogen fand. 6 Nachdem er jede Stunde mit jener aufmerkſamen . Quentin gelehrt, ſeine Runde gemacht hatte, ſetzte er ſich kt gewohnlich bei ſeiner Rückkehr zu den Häupten von Martin⸗ te Guerre, um ihn zu tröſten und zu ermuthigen. Der brave Stallmeiſter ertrug ſeine Leiden mit un⸗ ſäglicher Geduld und mit bewunderungswürdigem Gleich⸗ ke. muth. Was ihn jedoch in Erſtaunen ſetzte und ſchmerzlich entrüſtete, war das abſcheuliche Verfahren, das Pierre Peugoy gegen ihn in Anwendung bringen zu müſſen ge⸗ 8 glaubt hatte. Die Naivetät ſeines Kummers und ſeiner Verwunde⸗ rung, wenn er ſich über dieſen Gegenſtand befragte, müßte 3 den letzten Argwohn zerſtreut haben, den Gabriel noch über die Glaubwürdigkeit von Martin hätte bewahren können. Der junge Mann entſchloß ſich alſo, Martin⸗Guerre ſeine eigene Geſchichte zu erzählen, ſo wenigſtens, wie er nach Muthmaßungen und Erſcheinungen glaubte, vaß ſie ſein müſſe: es war für ihn nun unzweifelhaft, daß ein Betrüger ſeine wunderbare Aehnlichkeit mit Martin benützt hatte, um unter dem Namen von dieſem allerlei gemeine und verwerfliche Handlungen zu begehen, deren Verant⸗ wortlichkeit zu übernehmen ihn wenig kümmerte, und auch ohne Zweifel, um alle Portheile ſich zuzuwenden, die er von ſeinem Soſie auf ſich zu übertragen im Stande ge⸗ weſen war. Gabriel war bemüht, dieſe Offenbarung in Gegen⸗ wart von Jean Peuqoy zu machen. In ſeinem Gewiſſen als redlicher Mann erſchrak und betrübte ſich Jean Peu⸗ goy über die Folgen des unſeligen Irrthums. Aber er war beſonders aufgebracht und unruhig über den, welcher ſie Alle ſo ſehr hintergangen hatte. Wer war dieſer Elende? war er auch verheirathet? wo verbarg er ſich? Martin⸗Guerre ſeinerſeits erſchrak bei dem Gedanken an eine ſo große Schlechtigkeit. Während er ſich freute, daß ſein Gewiſſen von einem Haufen von Miſſethaten be⸗ freit wurde, die er ſich ſo lange zum Vorwurf gemacht hatte, fühlte er ſich troſtlos, wenn er bedachte, daß von einem ſolchen Elenden ſein Namen geführt und ſein Ruf geſchändet worden war. Und wer weiß, welche Ausſchwei⸗ fungen ſich der Schurke unter dem Schutze ſeines Pſeu⸗ donymen noch zu dieſer Stunde erlaubte, wo Martin an ſeiner Stelle auf dem Schmerzensbette lag? Was das Herz des guten Martin⸗Guerre hauptſächlich mit Traurigkeit und Mitleid erfüllte, war die Epiſode von Babette Peugoy. Ohl nun entſchuldigte er die Heftig⸗ keit von Pierre Peuqoy. Er verzieh ihm ſeine Gewalt⸗ that nicht nur, ſondern er billigte ſie; er hatte wohl daran gethan, ſo ſeine unwürdig verletzte Ehre zu rächen! Martin war es jetzt, der den betrübten Jean Peugoh tröſtete und beruhigte. 1 97 Der gute Stallmeiſter vergaß hiebei nur Eines, daß er im Ganzen für den wahren Schuldigen bezahlt hatte. Machtk ihn Gabriel lächelnd darauf aufmerkſam, ſo erwiederte Martin⸗Guerre: „Gleichviel! ich ſegne noch meinen Unfall; wenn ich davon komme, ſo wird mein armes hinkendes oder, beſſer noch, fehlendes Bein dazu dienen, daß es mich von dem Betrüger und Verräther unterſcheidet.“ Doch leider war dieſer mittelmäßige Troſt, den ſich Martin gab, noch ſehr problematiſch; denn ſollte er mit dem Leben davon kommen? Der Wundarzt der ſtädtiſchen Garde ſtand nicht dafür. Es hätte der ſchnellen Hülfe eines geſchickten Praktikers bedurft, und zwei Tage waren bald abgelaufen, ohne daß der beunruhigende Zuſtand von Martin anders als durch ein paar ungenügende Verbande erleichtert worden. Dies war für Gabriel keiner von den geringſten Ge⸗ genſtänden der Ungeduld, und ſehr oft, bei Tag wie bei Nacht, erhob er ſich und horchte, ob er nicht den erſehnten Ton des Hornes vernähme, der ihn ſeiner gezwungenen Müſſigkeit entziehen ſollte. Doch kein Geränſch brachte Abwechſelung in den entfernten, monotonen Lärmen der zwei Artillerien von Frankreich und England. Erſt am Abend des 6. Januars, als Gabriel ſchon ſechsunddreißig Stunden im Beſitz des Fort von Risbank war, glaubte Gabriel auf der Seite der Stadt einen ver⸗ mehrten Tumult und ungewöhnliches Geſchrei des Trium⸗ phes oder der Noth und Niederlage zu hören. Die Franzoſen waren nach einem heißen Kampfe als Sieger in das alte Schloß eingedrungen. Calais konnte nun nicht mehr über vierundzwanzig Stunden widerſtehen. Nichtsdeſtoweniger verging der 7. Januar in uner⸗ horten Anſtrengungen der Engländer, um eine ſo wichtige Stellung wieder zu gewinnen und um ſich auf den letzten Punkten, die ſie noch heſaßen, zu behaupten. 98 Doch weit entfernt, den Feind einen Zoll breit Boden wiedererobern zu laſſen, nahm ihnen Herr von Guiſe all⸗ mälig immer mehr Terrain ab; ſo daß es bald Gewiß⸗ heit war, der andere Tag würde Calais nicht mehr unter engliſcher Herrſchaft ſehen. S Es war drei Uhr Nachmittags: Lord Wentworth, der ſich ſeit ſieben Tagen nicht geſchont und den man be⸗ ſtändig in der erſten Reihe, den Tod gebend und ihm tro⸗ tzend, geſehen hatte, dachte, es blieben den Seinigen kaum noch zwei Stunden phyſiſcher und moraliſcher Kraft. Da rief er Lord Derby und fragte ihn: „Wie lange glaubt Ihr, daß wir uns noch halten können?“ „Ich befürchte, nicht mehr länger als drei Stunden,“ antwortete traurig Lord Derby. „Doch Ihr würdet für zwei Stunden ſtehen?“ ver⸗ ſetzte der Gouverneur. „Abgeſehen von einem unerwarteten Ereigniß, würde ich dafür ſtehen,“ erwiederte Lord Derby, den Weg meſſend, den die Franzoſen noch zu machen hatten. „Nun, mein Freund,“ ſprach Lord Wentworth,„ich übergebe Euch das Commando und ziehe mich zurück. Haben die Engländer in zwei Stunden, doch nicht früher, Ihr verſteht mich! haben die Unſrigen in zwei Stunden keine günſtigere Chance, ſo erlaube ich Euch, ſo befehle ich Euch ſogar, um Eure Verantwortlichkeit mehr ſicher zu ſtellen, zum Rückzug blaſen zu laſſen und Capitulation zu verlangen.“ 6 zwei Stunden, das genügt, Mylord,“ erwiederte erby. Lord Wentworth nannte ſeinem Lieutenant die Be⸗ dingungen, die er fordern könnte, und die ihm der Herzog von Guiſe ohne Zweifel bewilligen würde. „Doch, Mylord,“ ſprach Lord Derby,„Ihr vergeßt Euch bei dieſen Bedingungen. Nicht wahr, ich habe le „ 99 Herrn von Guiſe auch zu fragen, ob er Euch gegen Löſe⸗ geld annehme?“ Ein düſteres Feuer glänzte in dem Blicke von Lord Wentworth. „Nein, nein,“ entgegnete er mit einem ſeltſamen Lächeln,„kümmert Euch nicht um mich, Freund. Ich habe mir Alles, was ich brauche, was ich noch wünſche, geſichert.“ „Wenn jedoch.„.“ wollte Lord Derby einwenden. „Genug,“ ſprach der Gouverneur mit gebietendem Ton.„Thut nur, was ich Euch ſage, nichts mehr. Gott befohlen! Ihr werdet in England für mich bezeugen, daß ich gethan habe, was Menſchen möglich, um meine Stadt zu vertheidigen, und daß ich nur dem Unglück gewichen bin? Ihr, was Euch betrifft, kämpft auch bis zum letzten Augenblick, aber ſchont die Ehre und vas engliſche Blut, Derby, das iſt mein letztes Wort. Gott befohlen!“ Ohne mehr ſagen oder hoͤren zu wollen, verließ der Gouverneur, nachdem er Lord Derby die Hand gedrückt hatte, den Kampfplatz, zog ſich allein in ſein ödes Haus zurück, und verbot, durch die ſtrengſten Befehle, ihm unter irgend einen Vorwand zu folgen. Er war ſicher, wenigſtens zwei Stunden vor ſich zu haben. XI. Perſchmähte Liebe. Lord Wentworth glaubte ſich zweier Dinge ſicher: einmal, daß ihm zwei gute Stunden vor der Uebergabe 100 von Calais blieben, und Lord Derby würde gewiß nicht vor fünf Stunden zu capituliren verlangen. Dann würde er ſein Hotel gänzlich leer finden, denn er hatte die Vorſicht gehabt, ſchon am Morgen alle ſeine Leute auf die Breſche zu ſchicken. André, der franzöſiſche Page von Frau von Caſtro, war auf ſeinen Befehl eingeſperrt worden. Diana mußte mit einer oder zwei Frauen allein ſein. Es war in der That Alles öde und wie todt auf dem Wege von Lord Wentworth, als dieſer nach Hauſe zurückkehrte, und Calais hatte einem Körper ähnlich, aus dem ſich das Leben zurückgezogen, ſeine letzte Thatkraft an dem Orte concentrirt, wo man kämpfte. Düſter, wild, und gleichſam trunken vor Verzweiflung, ging Lord Wentworth gerade in die Wohnung, welche Frau von Caſtro inne hatte. Er ließ ſich bei Diana nicht melden, wie es ſonſt ſeine Gewohnheit war, ſondern er trat ungeſtüm, als Herr, in das Zimmer, wo er ſie mit einer von den Zofen fand, die er ihr gegeben hatte. Ohne die erſtaunte Diana zu grüßen, wandte er ſich an dieſe Zofe und ſprach mit gebieteriſchem Ton: „Entfernt Euch ſogleich. Es iſt möglich, daß die Franzoſen noch dieſen Abend in die Stadt kommen, und ich habe weder Muße, noch Mittel, Euch zu beſchützen. Sucht Euren Vater auf. Dort iſt Euer Platz. Geht auf der Stelle und ſagt den zwei oder drei Frauen, welche hier ſind, ſie ſollen noch in dieſer Stunde daſſelbe thun.“ „„Aber, Mylord„. entgegnete die Zofe. „Ah!“ rief der Gouverneur voll Zorn mit dem Fuß auf den Boden ſtampfend,„habt Ihr denn nicht gehört, daß ich ſage:„Ich will!““ „Doch ich, Mylord,“ wollte Diana einwenden. „Ich habe geſagt:„„Ich will!““ Madame,“ erwie⸗ derte der Gouverneur mit einer unbeugſamen Geberde. Die Zofe entfernte ſich ganz erſchrocken. aft 101¹ „Ich erkenne Euch in der That nicht mehr, Mylord,“ verſetzte Diana und ſchwieg dann voll Angſt. „Ihr habt mich auch noch nicht beſiegt geſehen, Ma⸗ dame,“ ſprach Lord Wentworth mit einem bittern Lächeln. „Ihr ſeid für mich eine vortreffliche Prophetin des Unter⸗ gangs und des Fluches geweſen, und ich war wirklich ein Wahnſinniger, daß ich Euch nicht glaubte. Ich bin be⸗ ſiegt, völligt beſiegt, beſiegt ohne Hoffnung und ohne Ret⸗ tungsmittel. Freut Euch!“ „Iſt der günſtige Erfolg für die Franzoſen wirklich in dieſem Grade geſichert?“ ſagte Diana, welche nur mit Muͤhe ihre Freude verbergen konnte. „Warum ſollte er nicht geſichert ſein, Madame? das Fort von Nieullay, das Fort von Risbank, das alte Schloß ſind in ihrer Gewalt. Sie können die Stadt E drei Feuer nehmen. Calais gehört ihnen. Freut Fuch. „Oh!“ erwiederte Diana,„bei einem Mann wie Ihr zum Gegner, Mylord, kann man nie ſeines Sieges ſicher ſein, und unwillkürlich, ja, ich geſtehe es und Ihr begreift mich, unwillkührlich zweifle ich noch.“ „Ei! Madame,“ rief Lord Wentworth,„ſeht Ihr nicht, daß ich die Partie aufgegeben habe. Seht Ihr nicht, daß ich, nachdem ich dem Kampfe bis zum Ende beigewohnt, nicht der Nieverlage beiwohnen wollte, und daß ich deshalb hier bin? Lord Derby wird ſich in an⸗ derthalb Stunden ergeben. In anderthalb Stunden ziehen die Franzoſen ſiegreich in Calais ein und der Vicomie d'Ermès mit ihnen. Freut Euch!“ „Mylord, Ihr ſagt das mit einem Ton, daß man nicht weiß, ob man Euch glauben ſoll,“ ſprach Diana, welche indeſſen zu hoffen anfing, und deren Blick, deren Lächeln bei dem Gedanken an dieſe Befreiung ſtrahlten. „Um Euch zu überzeugen, Madame,“ erwiederte Lord Wentworth,„denn es liegt mir daran, Euch zu überzeu⸗ gen, werde ich eine andere Manier annehmen und Euch 102 ſagen: Madame, in anderthalb Stunden ziehen die Fran⸗ zoſen ſiegreich hier ein und der Vicomte d'Ermes mit ihnen.. Zittert!“ „Was ſoll das bedeuten?“ rief Diana erbleichend. „Was! bin ich nicht klar genug?“ ſprach Lord Went⸗ worth, indem er ſich Diana mit einem drohenden Lächeln näherte.„Ich ſage Euch: In anderthalb Stunden werden unſere Rollen vertauſcht ſein. Ihr ſeid frei und ich bin Gefangener. Der Vicomte d'Ermes wird Euch die Frei⸗ heit, die Liebe, das Glück wieder öffnen und mich in ein Kerkerloch werfen laſſen. Zittert!“ „Aber warum ſoll ich zittern?“ verſetzte Diana, unter dem finſtern Blick dieſes Mannes bis zur Wand zurück⸗ weichend. „Mein Gott! das iſt leicht zu begreifen. In dieſem Augenblick bin ich der Herr, in anderthalb Stunden, oder vielmehr in einer und einer Viertelſtunde, denn die Mi⸗ nuten gehen vorüber, werde ich der Sklave ſein. In einer und einer Viertelſtunde bin ich in Eurer Gewalt, jetzt ſeid Ihr noch in der meinigen. In einer und einer Viertel⸗ ſtunde wird der Vicomte d'Ermeès hier ſein; in dieſem Augenblick bin ich Herr. Freuet Euch alſo und zittert, Madame.“ „Mylord! Mylord!“ rief die arme Diana, indem ſie 3 Lord Wentworth zurückſtieß,„was wollt Ihr von mir?“ „Was ich von Dir will? Dich!“ ſprach der Gou⸗— verneur mit dumpfer Stimme. „Kommt mir nicht näher, oder ich rufe, ich ſchreie und entehre Euch, Elender!“ ſprach Diana im Uebermaß der Angſt. 7 „Rufe und ſchreie, das iſt mir gleichgültig,“ erwie⸗ derte Lord Wentworth mit einer unheilſchwangeren Ruhe. „Mein Haus iſt öde, die Straßen find oͤde. Niemand wird auf Dein Geſchrei kommen. wenigſtens nicht vor einer Stunde. Siehe, ich habe mir nicht einmal die Mühe ge⸗ un⸗ nit nt⸗ eln den bin ei⸗ ein ter ck⸗ em der Ni⸗ ner ſeid tel⸗ em , em von ou⸗— reie naß ie⸗ he. ird ner ge⸗ 103 nommen, Thüren und Fenſter zu ſchließen, ſo ſicher bin ich, daß man nicht vor einer Stunde kommt.“ „Doch in einer Stunde wird man kommen,“ entgeg⸗ nete Diana,„und ich werde Euch anklagen, und man wird Euch tödten.“ „Nein,“ ſprach Lord Wentworth kalt,„ich werde mich tödten. Glaubſt Du, ich wolle die Einnahme von Calais überleben? In einer Stunde tödte ich mich, dazu bin ich feſt entſchloſſen. Sprechen wir nicht mehr hievon. Doch zuvor will ich Dich Deinem Geliebten nehmen und in einer furchtbaren und äußerſten Wolluſt ſowohl meine Rache, als weine Liebe befriedigen. Auf! meine Schoͤne, Deine Weigerung und Deine Verachtung ſind nicht mehr an der Zeit; ich bitte nicht mehr, ich befehle! ich flehe nicht mehr, ich fordere!“ „Und ich, ich ſterbe, rief Diana, ein Meſſer aus ihrem Buſen ziehend. Doch ehe ſie Zeit gehabt hatte, es in ihre Bruſt zu ſtoßen, ſtürzte Lord Wentworth auf ſie zu, packte ihre kleinen, ſchwächlichen Hände mit ſeinen kräftigen Händen, entriß ihr das Meſſer und warf es weit von ſich.. „Noch nicht!“ rief Lord Wentworth mit einem furcht⸗ baren Lächeln.„Ihr ſollt noch nicht zuſtoßen, Madame. Hernach möget Ihr thun, was ihr wollt, und wenn Ihr es vorzieht, eher mit mir zu ſterben, als mit ihm zu leben, ſo werdet Ihr ſicherlich frei ſein. Doch dieſe letzte Stunde, denn es iſt nur noch eine Stunde, dieſe letzte Stunde Cures Daſeins gehört mir; ich habe nur noch dieſe Stunde, um mich für die Ewigkeit der Hölle zu entſchädi⸗ gen. Glaubt alſo, daß ich nicht verzichten werde.“ Er wollte ſie angreifen, da warf ſie ſich, ohn⸗ mächtig und im Gefühl, daß ihre Kräfte ſie verließen, zu ſeinen Füßen und rief: „Gnade, Mylord, Gnade! auf den Knieen flehe ich Euch um Gnade und Verzeihung an. Bei Eurer Mutteri erinnert Euch, daß Ihr ein Edeimann ſeid.“ 104* „Ein Edelmann!“ verſetzte Lord Wentworth den Kopf ſchüttelnd,„ja, ich war ein Edelmann und habe mich, wie mir ſcheint, als ein Edelmann benommen, ſo lange ich ſiegte, ſo lange ich hoffte, ſo lange ich liebte. Aber nun bin ich kein Evelmann mehr, ich bin ganz einfach ein Menſch, ein Menſch, der zu ſterben in Begriff iſt und ſich rächen will.“ Er hob Frau von Caſtro, welche vor ihm auf den Knieen lag, mit wüthender Gewalt auf. Der ſchöne Leib von Diana quetſchte ſich an dem Büffelleder ſeines Wehr⸗ Sie wollte bitten, rufen, ſie konnte nicht mehr. In dieſem Augenblick entſtand ein furchtbarer Lärmen auf der Straße. „Ah!“ rief Diana, deren erloſchenes Auge ſich aber⸗ mals mit einer Hoffnung belebte. „Gut,“ ſprach Wentworth mit einem hoölliſchen Ge⸗ lächter,„es ſcheint, die Einwohner fangen in Erwartung des Feindes an, ſich unter einander zu plündern. Es ſei! meiner Treue! ich finde, ſie thun wohl daran. Es geziemt wieder dem Gouverneur, ihnen ein Beiſpiel zu geben.“ Er hob Diana auf, wie er es nur mit einem Kinde hätte thun können, und trug ſie keuchend und gelähmt durch ihre eigene Anſtrengung auf ein nahes Ruhebett. „Gnade!“ vermochte ſie nur noch zu ſagen. „Nein! nein!“ erwiederte Lord Wentworth,„Du biſt zu ſchön!“ Sie wurde ohnmächtig. Doch der Gouverneur hatte nicht Zeit gehabt, ſeinen Mund auf die entfärbten Lippen von Diana zu drücken, als der Tumult immer näher kam und die Thüre geräuſch⸗ voll ſich öffnete. Der Vicomte d'Ermés, die zwei Peuqoy und drei bis vier franzöſiſche Bogenſchützen erſchienen auf der Schwelle. 5 8 —„ 8———— — ⸗ 105 opf Gabriel ſprang, den Degen in der Hand, bis zu ich, Lord mit dem furchtbaren Schrei: „Elender!“ öe Mit den Zähnen knirſchend, ergriff Lord Wentworth ein„ auch ſeinen Degen, den er auf einen Stuhl gelegt hatte. und„Zurück!“ rief Gabriel ſeinen Leuten zu, welche da⸗ zwiſchen treten wollten.„Ich werde den Schändlichen allein den beſtrafen.“ ½ eib Ohne ein Wort beizufügen, kreuzten die zwei Geg⸗ hr⸗ ner voll Wuth das Schwert. cht Pierre und Jean Peugoh und ihre Gefährten ſtellten ſich, um ihnen Platz zu machen, als ſtumme, aber nicht ien LAchgülige Zeugen dieſes tödtlichen Kampfes auf die eite. er⸗ Diana lag immer noch bewußtlos auf dem Ruhebette ausgeſtreckt... e Man hat übrigens errathen, wie dieſe Hülfe der ng Vorſehung der wehrloſen Gefangenen früher zukam, als eii es Lord Wentworth erwartete. mt Pierre Peugoh hatte während der zwei vorhergehen⸗ den Tage, getreu dem Verſprechen, das er Gahriel gelei⸗ de ſtet, dieienigen, welche insgeheim mit ihm zur franzöſi⸗ mi ſchen Partei hielten, aufgewiegelt und bewaffnet. Da der Sieg nicht mehr zweifethaft ſein konnte, wurden dieſe nnntürlich zahlreich. Es waren meiſtens kluge, umſichtige du„ Bürger, welche einhellig dachten, da man nicht mehr zu widerſtehen vermöchte, ſo wäre es am Ganzen das Beſte, eine möglich gute Capitulation zu erlangen. en 8 Der Waffenſchmied, der ſeinen entſcheidenden Schlag en, nur mit aller Sicherheit thun wollte, wartete, bis ſeine h⸗ Truppe ſtark genug und die Belagerung weit genug vor⸗ gerückt war, daß er keine Gefahr mehr lief, umſonſt das rei Leben derjenigen bloßzuſtellen, welche ſich ihm anvertraut er hutten. Sobald das alte Schloß genommen war, hatte er ſich auch zu handeln entſchieden. Doch er war nicht im Stande geweſen, ohne einigen Verzug ſeine zerſtreuten Die heiden Dianen. UI. 8 106 Verſchwörer zu ſammeln. Erſt in dem Augenblick, wo Lord Wentworth die Breſche verließ, offenbarte ſich hinter ihm die innere Bewegung. Aber je langſamer dieſe Bewegung vorbereitet wor⸗ den war, deſto unwiderſtehlicher war ſie. Beim erſten Klange des Hornes ſtürzten, wie von einem Zauber ergriffen, der Vicomte d'Ermes, Jean und die Hälfte ihrer Leute aus dem Fort von Risbank. Das ſchwache Detachement, das die Stadt auf dieſer Seite be⸗ wachte, wurde raſch entwaffnet und das Thor den Fran⸗ zoſen geöffnet. Dann eilte die ganze Partei der Peugoy, durch dieſe Verſtärkung gekräftigt und ermuthigt, nach der Breſche, wo Lord Derby ſo ehrenvoll als möglich zu fal⸗ len bemüht war. Als aber dieſe Empörung den Lieutenant von Lord Wentworth zwiſchen zwei Feuer nahm, was blieb ihm zu thun übrig? Die franzoſiſche Fahne war ſchon mit dem Vicomte d'Ermes in Calais eingedrungen. Die ſtädtiſche Miliz erhob ſich und drohte, ſelbſt den Belagerern die Thore zu öffnen. Lord Derby zog es vor, ſich ſogleich zu ergeben. Er beſchleunigte im Ganzen nur ein wenig den Vollzug der ihm vom Gouverneur hinterlaſſenen Befehle, und anderthalb Stunden vergeblichen Wiverſtandes, ſelbſt wenn dieſer Widerſtand möglich geweſen wäre, milderten die Niederlage nicht und konnten nur eine Vermehrung der Repreſſalien zur Folge haben. Lord Derby ſchickte Parlamentäre an den Herzog von Guiſe ab. Das war Alles, was Gabriel und die Peucoy für den Augenblick verlangten. Es beunruhigte ſie, als ſie die Abweſenheit von Lord Wentworth bemerkten. Sie ließen alſo die Breſche, wo die letzten Schüſſe erſchollen, „ und ſchlugen von einer geheimen Ahnung getrieben mit zwei oder drei ergebenen Soldaten den belannten Weg zum Hotel des Gouverneurs ein. — * on be⸗ in⸗ rch der al⸗ ord zu em ſche die zu den le, ten der von für Sie len, mit Beg 107 Alle Thüren waren offen und ſie drangen ohne Mühe bis zum Zimmer von Frau von Caſtro, wohin ſie Ga⸗ briel fortzog. Es war Zeit! das geſchwungene Schwert des Gelieb⸗ ten von Diana ſtreckte ſich im rechten Augenblick über der Tochter von Heinrich aus, um ſie vor dem feigſten der Attentate zu behüten. Der Kampf von Gabriel und dem Gouverneur dauerte ziemlich lang. Die zwei Gegner ſchienen gleich erfahren in der Fechtkunſt. Sie zeigten Beide dieſelbe Kaltblütig⸗ keit bei derſelben Wuth. Ihre Schwerter umrollten ſich wie zwei Schlangen und kreuzten ſich wie zwei Blitze. Durch einen kräftigen Druck des Vicomte d'Ermés ent⸗ wunden, entſchlüpfte indeſſen nach zwei Minuten der De⸗ gen von Lord Wentworth aus deſſen Händen. Lord Wentworth wollte zurückweichen, um den Stoß i niden doch er glitſchte auf dem Boden aus und el. Der Zorn, der Haß, die Verachtung und alle die heftigen Leidenſchaften, welche in dem Herzen von Gabriel gohren, ließen darin keinen Raum mehr für die Groß⸗ muth. Gegen einen ſolchen Feind hatte er keine Schonung zu beobachten. Er war in einem Augenblick, das Schwert auf ſeine Bruſt gezückt, über ihm. Aufgeregt durch eine ſo neue Entrüſtung, wollte keiner von denen, welche dieſer Scene beiwohnten, den rä⸗ chenden Arm zurückhalten. Doch Diana von Caſtro hatte während dieſes Kam⸗ pfes Zeit gehabt, aus ihrer Ohnmacht zu erwachen. Als ſie ihre beſchwerten Augen wieder oͤffnete, begriff ſi und ftürzte zwiſchen Gabriel und Lord Went⸗ rth. Durch ein ſeltſames Zuſammentreffen war der letzte Schrei, den ſie ohnmächtig hinſinkend ausgeſtoßen hatte, auch der erſte, den ſie, als ſie wieder zum Bewufßtſein kam, hören ließ: 108 „Gnade!“ ze Sie bat für denjenigen, welchen ſie vergebens angefleht atte. Bei dem theuren Anblick von Diana, beim Tone ihrer allmächtigen Stimme, fühlte er nur noch ſeine Zärt⸗ lichkeit und ſeine Liebe. Die Milde folgte plötzlich in ſei⸗ ner Seele auf die Wuth. „Ihr wollt alſo, daß er lebe, Diana?“ fragte er ſeine Vielgeliebte. „Ich bitte Euch darum,“ erwiederte ſie,„muß er nicht Zeit haben, zu bereuen?“ „Es ſei!“ ſprach der junge Mann,„der Engel rettet den Teufel, das iſt ſeine Rolle.“ Und während er unter ſeinem fiegenden Knie den vor Wuth brüllenden Lord Wentworth hielt, ſprach er ruhig zu den Peugoy und den Bogenſchützen: „Ihr Leute, tretet näher und bindet ihn, während ich ihn halte. Dann werft ihn in das Gefängniß ſeines eigenen Hauſes, bis der Herr Herzog von Guiſe über ſein Schickſal entſchieden hat.“ „Nein, tödtet mich! tödtet mich!“ rief Lord Went⸗ worth ſich ſträubend. „Thut, was ich Euch ſage,“. Gabriel, ohne loszulaſſen.„Ich fange an zu glauben, daß ihn das Le⸗ ben härter beſtrafen wird, als der Tod.“ Man gehorchte dem Vicomte d'Ermès, und Lord Wentworth mochte ſich immerhin zerarbeiten, ſchäumen und ſchmähen, er wurde in einem Augenblick gebunden und geknebelt. Dann nahmen ihn zwei oder drei Männer in ihre Arme und trugen den Ergouverneur von Calais ohne weitere Umſtände fort. Gabriel wandte ſich an Jean Peuqoy, in Gegenwart ſeines Vetters, und ſagte zu ihm: „Ich habe in Eurer Anweſenheit Martin⸗Guerre ſeine ſeltſame Geſchichte erzählt, und Ihr, mein Freund, beſitzt nun die Beweiſe ſeiner Unſchuld. Ihr habt den grauſamen —, or ig end es ein nt⸗ hne Le⸗ ord nen den rei n art ine itt nen 109 Mißgriff beklagt, der den Unſchuldigen ſtatt des Schul⸗ digen getroffen, und ich weiß, es iſt Euer Wunſch, ſo ſchnell als möglich das herbe Leiden zu erleichtern, das er in dieſem Augenblick für einen Andern auszuſtehen hat. Thut mir einen Gefallen... „Ich errathe,“ unterbrach ihn der brave Jean Peugoy. „Nicht wahr, Ihr wollt, daß ich jenen Ambroiſe Paré aufſuche, der Euren Martin⸗Guerre retten ſoll? Ich laufe, und damit er eine beſſere Pflege erhält, laſſe ich ihn auf der Stelle in unſer Haus ſchaffen, wenn dies ohne Ge⸗ fahr für ihn geſchehen kann.“ Ganz erſtaunt ſchaute und hörte Pierre Peugoy den Vicomte und ſeinen Vetter an, als ob er unter der Herr⸗ ſchaft eines Traumes ſtünde. „Kommt, Pierre,“ ſagte Jean,„Ihr werdet mir hel⸗ fen. Ah! ja, Ihr jlaunt, Ihr begreift nicht? Ich will Euch das unter Wegs erklären, und Euch durch meine Ueberzeugung völlig überzeugen. Ihr werdet, ich kenne Euch, als der Erſte das Uebel wieder gut machen wollen, das Ihr unwillkührlich begangen habt.“ Nach dieſen Worten verbeugte ſich Jean Peuqoy vor Diana und Gabriel und ging mit Pierre, der ihn ſchon befragte, hinaus. Als Frau von Caſtro mit Gabriel allein war, fiel ſie in einer erſten Bewegung frommen Dankgefühls auf die Kniee, erhob die Augen und die Hände zu gleicher Zeit zum Himmel und zu demjenigen, welcher das Werk⸗ zeug ihrer Rettung geweſen war, und ſprach: „Mein Gott! ſei geprieſen! Sei zweifach geprieſen, daß Du mich gerettet, und daß Du mich für ihn geret⸗ tet haſt.“ 110 XII. Getheilte Liebe. Dann warf ſich Diana in die Arme von Gabriel und ſprach: „Und Euch, Gabriel, auch Euch muß ich danken, auch Euch muß ich ſegnen. In dem letzten Blitze meines Geiſtes rief ich meinen Schutzengel an, und Ihr ſeid ge⸗ kommen. Dank! Dank!“ „Oh!“ erwiederte er,„wie ſehr habe ich gelitten, Diana, ſeitdem ich Euch nicht mehr geſehen, und wie lange iſt es, daß ich Euch nicht geſehen!“ „und ich!“ rief ſie.— Sie fingen an, mit wenig dramatiſchen Längen, man muß es geſtehen, ſich gegenſeitig zu erzählen, was Jedes ſeinerſeits während dieſer harten Abweſenheit gethan. Calais, der Herzog von Guiſe, die Beſiegten, die Sie⸗ ger, Alles war vergeſſen. Alles Geräuſch und alle Lei⸗ denſchaften, welche die zwei Liebenden umgaben, gelangten nicht mehr zu ihnen. Verloren in ihrer Welt der Liebe und der Trunkenheit, ſahen ſie, hörten ſie die andere trau⸗ rige Welt nicht mehr. Wenn man ſo viele Schmerzen, ſo viele Schreckniſſe ausgeſtanden hat, ſchwächt und erweicht ſich die Seele ge⸗ wiſſer Maßen durch das Leiden und vermag, ſtark gegen die Marter, dem Glücke nicht mehr zu widerſtehen. In dieſer lauen Atmoſphäre reiner Gemüthsbewegungen über⸗ ließen ſich Diana und Gabriel völlig den für ſie ſeit ſo Zeit ungewohnten Süßigkeiten der Ruhe und der reude. Auf die ſtürmiſche Liebesſcene, die wir berichtet haben, folgte nun eine zugleich ähnliche und verſchiedene. „Wie wohl iſt einem in Eurer Nähe, Freund!“ ſprach Diana.„Statt der Gegenwart dieſes gottloſen Menſchen, —, n, tes e⸗ n, vie an es ie⸗ ei⸗ en be u⸗ ſſe 3e⸗ en In er⸗ er tet ne. ch en, —, 7 11¹ den ich haßte und deſſen Liebe mir bange machte, welche Trunkenheit, Eure beruhigende, theure Gegenwart zu be⸗ itzen!“ 6„Undich,“ verſetzte Gabriel,„ſeit unſerer Kindheit, wo wir glücklich waren, ohne es zu wiſſen, erinnere ich mich nicht, Diana, in meinem armen, vielbewegten, vereinzelten Leben einen einzigen Augenblick gehabt zu haben, der dieſem zu vergleichen wäre.“ Sie ſchwiegen eine Minute, in eine gegenſeitige Be⸗ ſchauung verſunken. Dann ſprach Diana: „Kommt doch hierher und ſetzt Euch zu mir, Ga⸗ briel; ſolltet Ihr es glauben, Freund? dieſen Augenblick, der uns auf eine ſo unerwartete Weiſe vereinigt, habe ich ſogar in meiner Gefangenſchaft geträumt und vorher⸗ geſehen. Es ſchien mir immer, als müßte meine Befrei⸗ ung von Euch kommen, und in einer äußerſten Gefahr wäret Ihr es, mein Ritter, den Gott plötzlich zu meiner Rettung herbeiführen würde.“ „Für mich,“ ſagte Gabriel,„iſt es Euer Geiſt, Diana, der mich zugleich wie ein Magnet anzog und wie ein Licht leitete. Soll ich es Euch und meinem Gewiſſen geſtehen? obgleich andere mächtige Hebel mich hätten an⸗ treiben können, hätte ich doch vielleicht nicht dieſen Ge⸗ danken gefaßt, Diana, der von mir herrührt, den Gedan⸗ ken, Calais zu nehmen; ich hätte ihn nicht durch wahr⸗ haft verwegene Mittel ausgeführt, wäret Ihr nicht hier gefangel geweſen, hätte mich nicht der Inſtinkt der Gefahren, denen Ihr preisgegeben, belebt und ermuthigt. Ohne die Hoffnung, Euch beizuſtehen, und ohne das an⸗ dere heilige Intereſſe, das mein Leben gleichfalls verfolgt, wäre Calais noch in der Gewalt der Engländer. Möge mich Gott in ſeiner Gerechtigkeit nicht dafür beſtrafen, vaß ich das Gute in intereſſirten Abſichten gewollt und gethan habe!“ Der Vicomte d'Ermeés dachte in dieſem Augenblick 112 an die Scene der Rue Saint⸗Jacques, an die Selbſtver⸗ leugnung von Ambroiſe Paré und an den ſtrengen Glau⸗ ben des Admirals, der Himmel fordere reine Hände für reine Sachen. Doch die geliebte Stimme von Diana beruhigte ihn ein wenig, denn fie rief: „Gott Euch beſtrafen, Euch, Gabriel! Gott Euch beſtrafen, daß Ihr groß und edelmüthig geweſen ſeid!“ „Wer weiß 2„. ſagte er, den Himmel mit einem von einer Art von ſchwermüthiger Ahnung belaſteten Blicke befragend. „Ich weiß es!“ verſetzte Diana mit ihrem reizenden Lächeln. Sie war ſo entzückend, als ſie dies ſagte, daß Ga⸗ briel, von ihrem Glanze getroffen und jedem andern Ge⸗ danken entzogen, unwillkührlich ausrief: „Oh! Ihr ſeid ſchön wie ein Engel, Diana.“ „Ihr ſeid muthig wie ein Held, Gabriel!“ ſprach Diana. Sie ſaßen ganz nahe neben einander; ihre Hände begegneten und drückten ſich zufällig. Es fing an Nacht zu werden. Diana erhob ſich, Röthe auf der Stirne, und machte einige Schritte im Zimmer. „Ihr entfernt Euch, Ihr flieht mich, Diana!“ ſagte traurig der junge Mann. „Ohl nein,“ erwiederte ſie, indem ſie ſich ihm leb⸗ haft näherte.„Bei Euch iſt es ein Anderes! ich habe nicht bange, Freund!“ Diana hatte Unrecht, die Gefahr war verſchieden, aber es blieb immer noch eine Gefahr, und der Freund war vielleicht nicht minder zu fürchten, als der Feind. „So iſt es gut, Diana!“ ſprach Gabriel, die weiße, ſanfte Hand ergreifend, die ſie ihm abermals überließ, „ſo iſt es gut! wir wollen ein wenig glücklich ſein, nach⸗ dem wir ſo viel gelitten. Laſſen wir unſere Seelen ſich abſpannen und im Vertrauen und in der Freude ruhen.“ o c)„ S.(§——— ſte n 1. 2 . e t — 113 „Ja, es iſt wahr, man iſt ſo gut bei Euch, Gabriel!“ erwiederte Diana;„vergeſſen wir einen Augenblick die Welt und das Geräuſch um uns her. Dieſe köſtliche, ein⸗ zige Stunde wollen wir Gott geſtattet es, glaube ich, ohne Unruhe und ohne Furcht genießen. Ihr habt Recht; warum haben wir ſo viel gelitten!“ Mit einer anmuthigen Bewegung, vie ihr eigenthüm⸗ lich, legte ſie ihren reizenden Kopf auf die Schulter von Gabriel, ihre großen, ſammtweichen Augen ſchloßen ſich langſamz ihre Haare ſtreiften die Lippen des glühenden jungen Mannes. Er war es, der nun bebend und verwirrt aufſtand. „Nun?“ ſagte Diana, indem ſie erſtaunt ihre ſchmach⸗ tenden Augen wieder öffnete. Er fiel ganz bleich vor ihr auf die Kniee, und ſeine Hände umſchlangen ſie. „Diang, ich liebe Dich!“ rief er aus dem Grunde des Herzens. „Ich liebe Dich, Gabriel!“ erwiederte Diana ohne Furcht und gleichſam dem unwiderſtehlichen Inſtinkte ihres Herzens nachgebend. Wie ihre Geſichter ſich näherten, wie ihre Lippen ſich vereinigten, wie in dieſem Kuſſe ihre Seelen ver⸗ ſchmolzen, Gott allein weiß es; denn es iſt gewiß, daß ſie ſelbſt es nicht wußten. Doch Gabriel, der ſe Bernunft im Schwindel des Glückes ſchwanken fühlte, entriß ſich Diana und rief mit einem Ausdruck tiefen Schreckens: „Diana, laßt mich! laßt mich fliehen!“ „Fliehen! und warum fliehen?“ fragte ſie erſtaunt. „Diana!„ Diana! wenn Ihr meine Schwe⸗ ſter wäret„ „Eure Schweſter!“ wiederholte Diana vernichtet, niedergeſchmettert. Wie betäubt durch ſeine eigenen Worte, hielt Gabriel 114 inne, fuhr mit der Hand über ſeine glühende Stirne und fragte ſich mit lauter Stimme: „Was habe ich denn geſagt?“ „In der That, was habt Ihr geſagt?“ erwiederte Diana.„Muß ich dieſes furchtbare Wort buchſtäblich nehmen? was iſt der Schlüſſel zu dieſem ſchrecklichen Ge⸗ heimniß mein Gott! wäre ich wirklich Eure Schweſter?“ „Meine Schweſter! geſtand ich Euch, Ihr wäret meine Schweſter?“ „Ah! es iſt alſo Wahrheit!“ rief Diana zitternd. „Nein, nein, es kann nicht die Wahrheit ſein! ich weiß ſie nicht, wer kann ſie wiſſen?„ Und überdies darf ich Euch von dem Allem nichts ſagen, es iſt ein Geheimniß, von dem Leben und Tod abhängen, ein Ge⸗ heimniß, das ich zu bewahren geſchworen habe! Oh! himmliſche Barmherzigkeit! ich erhielt meine Kaltblütig⸗ keit und meine Vernunft in allen Leiden, unter allen Un⸗ glücksfällen. Soll der erſte Tropfen des Glückes, der meine Lippen berührt, mich bis zum Irrſinn, bis zum Vergeſſen meiner Schwüre berauſchen 2 „Gabriel,“ ſprach Frau von Caſtro mit ernſtem Tone, „Gott weiß, daß es nicht leere Neugierde iſt, was mich bewegt. Doch Ihr habt mir zu viel oder zu wenig für meine Ruhe geſagt, und müßt nun vollenden.“ „Unmöglicht unmöglich!“ rief Gabriel mit einem ge⸗ wiſſen Schrecken. „Und warum unmöglich?“ entgegnete Diana.„Etwas in meinem Innern gibt mir die Verſicherung, daß dieſe Geheimniſſe eben ſo gut mir als Euch gehören, und daß Ihr nicht das Recht habt, ſie mir zu verbergen.“ „Das iſt richtig,“ verſetzte Gabriel,„und Ihr haht ſicherlich eben ſo viel Anſprüche auf dieſe Schmerzen als ich. Doch da ihr Gewicht mich allein niederdrückt, ver⸗ langt nicht die Hälfte davon.“ „Doch, doch, ich verlange ſie, ich will ſie, ich fordere ſie, dieſe Hälfte Eurer Leiden, und um noch mehr zu ſa⸗ „ nd rte je⸗ 2⁴ ret ich ies ein e⸗ ig⸗ In⸗ der um ne, ich für ge⸗ bas ieſe daß er ere ſa⸗ 11⁵ gen, Gabriel, mein Freund, ich flehe Euch darum an, werdet Ihr mir ſie verweigern?“ „Aber ich habe dem König geſchworen,“ erwiederte Gabriel voll Angſt. „Ihr habt geſchworen?“ verſetzte Diana;„nun, ſo haltet aufrichtig Euern Schwur gegen Fremde, gegen Gleichgültige, gegen Freunde ſogar, und Ihr werdet wohl daran thun. Aber gegen mich, die ich nach Eurem eige⸗ nen Geſtändniß bei dieſem Geheimniß eben ſo ſehr bethei⸗ ligt bin als Ihr, dürft Ihr gegen mich ein beleidigendes Stillſchweigen beobachten? Nein, Gabriel, wenn Ihr eini⸗ ges Mitleid mit mir habt. Meine Zweifel, meine Unruhe hierüber haben mein Herz ſchon genug gemartert! In vie⸗ ſem Punkte, wenn leider auch nicht in den übrigen Fällen Eures Lebens, bin ich gewiſſer Maßen Euer anderes Ich. Sprecht, werdet Ihr meineidig, wenn Ihr in der Einſam⸗ keit Eures Gewiſſens an Euer Geheimniß denkt? Glaubt Ihr, meine tiefe und aufrichtige, durch ſo viele Leiden ge⸗ reifte Seele werde nicht wie die Eure eiferſüchtig das Anvertraute, ſei ſein Inhalt Freude oder Bitterkeit, da es ihr gehört wie Euch, zu bewahren und zu verſchließen wiſſen?“ Die ſanfte, liebkoſende Stimme von Diana fuhr, die innerſten Fibern des jungen Mannes wie ein gelehriges Inſtrument bewegend, fort: „Und dann, Gabriel, da uns das Schickſal in Liebe und in Glück vereinigt zu ſein verbietet, wie habt Ihr noch den Muth, die einzige Gemeinſchaft, die uns geſtat⸗ tet iſt, die der Traurigkeit zurückzuweiſen? Werden wir nicht minder leiden, wenn wir wenigſtens mit einander leiden? Seht Ihr! iſt es nicht ſehr ſchmerzhaft, zu den⸗ ken, 3 einzige Band, das uns vereinigen ſollte, trenne uns?“ Da Diang fühlte, daß Gabriel, halb beſiegt, dennoch zogerte, fügte ſie bei: „Nehmt Euch übrigens in Acht, wenn Ihr hartnäckig ſchweigt, warum ſollte ich nicht wieder die Sprache 116 ſprechen, die Euch jetzt, ich weiß nicht warum, ſo viel Schrecken und Angſt verurſacht, während Ihr ſie im Gan⸗ zen einſt von meinem Mund und meinem Herzen gelernt habt. Eure Braut hat das Recht, Euch zu wiederholen, daß ſie Euch liebe, nur Euch allein liebe. Eure Verlobte vor Gott kann wohl, in ihren keuſchen Liebkoſungen, ſo ſ Kopf Eurer Schulter und ihre Lippen Eurer Stirne nähern.“ Doch Gabriel entfernte Diana abermals mit gepreß⸗ tem Herzen bebend von ſich und rief: „Rein! habt Mitleid mit meiner Vernunft! Diana, ich flehe Euch an. Ihr wollt alſo durchaus unſer furcht⸗ bares Geheimniß ganz und gar wiſſen? Nun wohl, vor einem möglichen Verbrechen entſchlüpft es mir! Diana, Ihr müßt die Worte, die mein Fieber ſo eben entfallen ließ, buchſtäblich nehmen. Diana, Ihr ſeid vielleicht die Tochter des Grafen von Montgommerh, meines Vaters! Ihr ſeid vielleicht meine Schweſter!“ „Heilige Jungfrau!“ rief Frau von Caſtro ganz niedergeſchmettert durch dieſe Offenbarung.„Aber wie kann das ſein?“ „Euer reines, ruhiges Leben ſollte nie dieſe Geſchichte voll von Schrecken und Verbrechen kennen lernen. Doch leider fühle ich, daß meine Kräfte allein nicht gegen meine Liebe genügen. Ihr müßt mich gegen Euch ſelbſt unterſtützen, Diana, und ich werde Euch Alles ſagen.“ „Ich höre Euch,“ ſprach Diana ängſtlich, aber auf⸗ merkſam. Gabriel erzählte ihr nun in der That Alles: wie ſein Vater Frau von Poitiers geliebt und im Angeſicht des ganzen Hofes von ihr geliebt zu ſein geſchienen habe; wie der Dauphin, nunmehr der König, ſein Nebenbuhler ge⸗ worden; wie der Graf von Montgommery eines Tages verſchwunden, und wie Aloyſe im Stande geweſen ſei, in Erfahrung zu bringen und ſeinem Sohne zu enthüllen was mit ihm geſchehen. Doch dies wäre Alles, was die — e c er+ p— —,— el n⸗ nt n, te ſo ne ß⸗ a, t⸗ or a, en ie 61 nz ie 117 Amme wüßte, und da Frau von Poitiers hartnäckig ſich weigerte, es zu geſtehen, ſo könnte der Graf von Mont⸗ gommery allein, wenn er noch lebte, das Geheimniß der Geburt von Diana offenbaren. Als Gabriel dieſe traurige Erzählung beendigt hatte, rief Diana: „Das iſt gräßlich! Doch was auch der Ausgang ſein mag, es wird ſich ſtets ein Unglück am Schluſſe un⸗ ſeres Schickſals finden! Bin ich die Tochter des Grafen von Montgommery, ſo ſeid Ihr mein Bruder. Bin ich die Tochter des Königs, ſo ſeid Ihr der mit Recht aufge⸗ brachte Feind meines Vaters.“. „Nein, Diana,“ entgegnete Gabriel,„unſer Unglück iſt, Gott ſei Dank! nicht hoffnungslos. Da ich Euch Alles zu ſagen angefangen habe, ſo werde ich auch vollenden. Ich fühle, daß Ihr Recht habt: dieſes Vertrauen hat mich erleichtert, und mein Geheimniß iſt im Ganzen nur aus meinem Herzen getreten, um in das Eurige überzugehen.“ Gabriel theilte nun Frau von Caſtro den ſeitſamen und gefährlichen Vertrag mit, den er mit Heinrich 11. abgeſchloſſen; er wieverholte ihr das feierliche Verſprechen des Königs, dem Grafen von Montgommery die Freiheit zu geben, wenn der Vicomte von Montgommery, nachdem er Saint⸗Quentin gegen die Spanier vertheidigt, Calais den Engländern wieder abnehmen würde. Calais war aber ſeit einer Stunde franzöſiche Stadt, und Gabriel konnte ohne Eitelkeit glauben, er habe viel zu dieſem glorreichen Erfolge beigetragen. Während er ſo ſprach, zerſtreute die Hoffnung all⸗ mälig die Traurigkeit auf dem Antlitz von Diana, wie die Morgenröthe die Finſterniß zerſtreut. Als Gabriel geendigt hatte, ſammelte ſie ſich einen Augenblick nachdenkend, reichte ihm dann die Hand und ſtrach mit Feſtigkeit: „Mein armer Gabriel, es liegt für uns ohne Zwei⸗ ſel in der Vergangenheit und in der Zukunft piel Stoff 118 zum Nachdenken und zum Leiden Doch bleiben wir nicht hiebei ſtehen, mein Freund, wir vürfen uns nicht ver⸗ weichlichen. Ich werde mich meines Theils ſtark und muthig wie Ihr und mit Euch zu zeigen bemühen. Das Weſentliche iſt gegenwärtig, zu handeln und unſer Schick⸗ ſal auf die eine oder auf die andere Weiſe zu entwickeln. Unſere Leiden berühren, glaube ich, Ihr Ziel, Ihr habt Eure Verbindlichkeiten gegen den König bereits mehr als erfüllt. Der König wird hoffentlich die ſeinigen gegen Euch halten. Auf dieſe Erwartung müſſen wir ſortan alle un⸗ ſere Gefühle und alle unſere Gedanken zuſammendrängen. Was gedenkt Ihr nun zu thun?“ „Der Herzog von Guiſe,“ antwortete Gabriel,„iſt bis jetzt der Vertraute und erhabene Genoſſe von Allem dem geweſen, was ich unternommen habe. Ich weiß, daß ich ohne ihn nichts gethan hätte, er weiß aber auch, daß er ohne mich nichts gethan hätte. Er, er allein kann und muß dem König bezeugen, welchen Antheil ich an dir⸗ ſer neuen Eroberung genommen. Ich habe um ſo mehr Grund von ihm dieſen Akt der Gerechtigkeit zu erwar⸗ ten, als er ſich vor kurzem zum zweiten Male feierlich gegen mich anheiſchig gemacht hat, mir dieſe Zeug⸗ ſchaft zu leiſten. Sogleich werde ich Herrn von Guiſe an ſein Verſprechen erinnern, von ihm einen Brief an Seine Majeſtät verlangen, ſodann, da meine Gegenwart hier nicht mehr nothwendig iſt, auf der Stelle nach Paris abreiſen Während Gabriel noch lebhaft ſprach, und Diana, das Auge glänzend von Hoffnung, zuhörte, offnete ſich die Thüre und Jean Peugoy erſchien ganz beſtürzt und eni⸗ ſtellt. „Nun! was gibt es?“ fragte Gabriel unruhig, „geht es ſchlimmer mit Martin⸗Guerre?“ „Nein, Herr Vicomte,“ antwortete Jean Peugoy. „Durch meine Sorge in unſer Haus gebracht, iſt Mar⸗ tin⸗Guerre ſchon durch Meiſter Ambroiſe Paré unterſucht t d 8 k⸗ n. bt 1s i⸗ n. iſt ß nd e⸗ hr r⸗ ch g⸗ an ne ier ris nt⸗ 11¹9 worden. Obgleich die Amputation des Beines alb noth⸗ wendig erachtet wird, glaubt doch Meiſter Paré verſichern zu können, Euer muthiger Diener werde die Operation überleben.“ „Eine vortreffliche Kunde!“ ſprach Gabriel.„Am⸗ broiſe Pars iſt ohne Zweifel noch bei ihm?“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte der Bürger traurig, „er iſt genöthigt geweſen, ihn wegen eines anderen be⸗ deutenderen, verzweifelteren Verwundeten zu verlaſſen.“ „Wer iſt dies denn?“ fragte Gabriel die Farbe wechſelnd.„Der Marſchall Strozzi? Herr von Revers?“ „Der Herzog von Guiſe, der in dieſem Augenblick ſtirbt,“ antwortete Jean Peugoy. Gabriel und Diana ſtießen gleichzeitig einen Schrei des Schmerzes aus. „Und ich ſagte, wir berühren das Ziel unſerer Lei⸗ den!“ ſprach nach kurzem Schweigen Frau von Caſtro. „Oh! mein Gott! mein Gott! mein Gott!“ „Ruft nicht Gott an, Madame!“ ſagte Gabriel mit einem ſchwermüthigen Lächeln.„Gott iſt gerecht und ſtraft mit Recht meine Selbſtſucht. Ich hatte Calais nur mei⸗ nem Vater und Euch zu Liebe genommen. Nach Gottes Willen hätte ich es nur für Frankreich nehmen ſollen.“ XIII. Der Balafts. Nichtsdeſtoweniger war noch nicht jede Hoffnung für Gabriel und Diana verloren, da der Herzog von Guiſe im Ganzen noch athmete. Die Unglücklichen hän⸗ 120 gen ſich an die unſicherſte Chance, wie die Schiffrüchi⸗ gen an irgend ein ſchwimmendes Brett. Der Vicomte d'Exmos verließ Diana, um ſelbſt zu ſehen, wie weit der Schlag ging, der ſie in dem Augenblick getroffen, da das Unglück für ſie von ſeiner Strenge nachzulaſſen ſchien. Jean Peugoy, der ihn begleitete, erzählte ihm unter Wegs, was vorgefallen war. Von den meuteriſchen Bürgern aufgefordert, ſich vor der von Lord Wentworth feſtgeſtellten Stunde zu ergeben, ſchickte Lord Derby Parlamentäre zu dem Herzog von Guiſe, um über die Capitulation zu unterhandeln. Der Kampf dauerte indeſſen, noch erbitterter in ſei⸗ nen letzten Anſtrengungen durch den Zorn der Beſiegten und die Ungeduld der Sieger, an mehreren Punkkten fort. Franz von Lothringen, ein eben ſo unerſchütterlicher Soldat als geſchickter General, zeigte ſich an dem Ort, wo das Gefecht am heißeſten und gefahrvollſten zu ſein en ſchien. Dies war eine ſchon halb genommene Breſche, jen⸗ ſeits eines ganz gefüllten Grabens. Zu Pferde und dem von allen Seiten gegen ihn gerichteteten Geſchoß ausgeſetzt, feuerte der Herzog von Guiſe ruhig die Seinigen durch das Beiſpiel und das Wort an. Plötzlich erblickte er über der Breſche die weiße Fahne der Parlamentäre. Ein ſtolzes Lächeln ſchwebte über ſein edles Antlitz, denn dies war die entſchiedene Einweihung ſeines Sieges, den er ſo auf ſich zukommen ſah. „Haltet ein!“ rief er mitten unter dem Getöſe den⸗ jenigen, welche ihn umgaben, zu.„Calais ergibt ſich. Nieder die Waffen!“ Er hob das Viſir ſeines Helmes auf und trieb ſein Pferd, die Augen auf dieſe Fahne, das Signal ſeines Triumphes und des Friedens, gerichtet, einige Schritte vorwärts. or n, on ei⸗ en rt. er rt, ein en⸗ hn n s e tz es, en⸗ ch. ein ies tte v 12¹ ₰. Es fing an dunkel zu werden, und der Tumult hatte noch nicht aufgehört. Ein engliſcher Krieger, der wahrſcheinlich weder die Parlamentäre geſehen, noch den Ruf des Herzogs von Guiſe unter dem Lärmen gehört hatte, fiel dem Pferd in die Zügel und machte es zurückweichen, und als der Herzog in der Zerſtreuung, ohne nur nach dem Hinder⸗ niß zu ſchauen, das ihn aufhielt, ſeinem Pferde die Sporen gab, um weiter zu kommen, ſtieß ihm der Krieger ſeine Lanze in den Kopf. „Man hat mir nicht ſagen können,“ fuhr Jean Peu⸗ goy fort,„man hat mir nicht ſagen können, an welcher Stelle des Geſichtes der Herr Herzog von Guiſe getroffen wurde, doch es unterliegt keinem Zweifel, die Wunde iſt furchtbar. Das Holz der Lanze zerbrach und das Eiſen blieb in der Wunde ſtecken. Ohne ein Wort zu ſprechen, fiel der Herzog, die Stirne vorwärts, auf den Sattel⸗ knopf. Es ſcheint, der Engländer, der den unſeligen Schlag geführt hatte, wurde von den wüthenden Fran⸗ zoſen in Stücke gehauen. Doch dies rettete Herrn von Guiſe nicht. Ach! man hat ihn als todt vom Platze getragen, und er iſt ſeitdem noch nicht wieder zum Be⸗ wußtſein gekommen.“ „Somit gehoͤrt Calais nicht einmal uns?“ fragte Gabriel. „Oh! doch wohl,“ antwortete Jean Peugoy,„der Herr Herzog von Nevers hat die Parlamentäre empfangen, und als Gebieter die vortheilhafteſten Bedingungen auf⸗ erlegt. Doch der Gewinn einer ſolchen Stadt wird Frank⸗ reich kaum für den Verluſt eines ſolchen Helden ent⸗ ſchädigen.“ „Mein Gott! Ihr betrachtet ihn ſchon als geſtorben?“ ſagte Gabriel ſchauernd. „Leider! leider!“ war Alles, was der Weber den Kopf ſchüttelnd erwiederte. Die beiden Dianen. M. 5 122 „Und wohin führt Ihr mich? Ihr wißt alſo, wo⸗ hin man ihn gebracht hat.“ „In die Wachtſtube des neuen Schloſſes, ſagte zu Meiſter Ambrviſe Paré der Mann, der uns das Unſelige meldete. Meiſter Paré lief ſogleich dahin. Pierre zeigte ihm den Weg, und ich eilte zu Euch, um Euch zu be⸗ nachrichtigen. Ich ahnete, daß dies für Euch von Wich⸗ tigkeit wäre, und daß Ihr unter dieſen Umſtänden ohne Zweifel etwas zu thun hättet.“ „Ich habe nur zu verzweifeln wie die Anderen und mehr als die Anderen,“ ſprach der Vicomte d'Ermeés. „Aber,“ fügte er bei,„ſo viel die Nacht die Gegenſtände zu unterſcheiden erlaubt, däucht mir, wir nähern uns.“ „Hier iſt in der That das neue Schloß,“ ſagte Jean Peugoy. Bürger und Soldaten, eine ungeheure, gedrängte, bewegte, murmelnde Maſſe belagerte die Zugänge der Wachtſtube, wohin man den Herzog von Guiſe gebracht hatte. Die Fragen, die Vermuthungen und die An⸗ merkungen kreiſten in den unruhigen Gruppen wie ein Windhauch zwiſchen den ſonoren Zweigen eines Waldes. Der Vicomte d'Ermés und Jean Peugoy hatten große Mühe, durch dieſe ganze Menge zu dringen und bis zu den Stufen der Wachtſtube zu gelangen, deren Zugänge eine Abtheilung Pikeniere und Hellebardiere be⸗ ſetzt hielt. Einige von ihnen hatten brennende Fackeln in den Händen, welche ihren röthlichen Schimmer auf die beweglichen Maſſen des Volkes warfen. Gabriel zitterte, als er bei dieſem unſicheren Lichte Ambroiſe Paré gewahrte, der düſter, unbeweglich, die Stirne gefaltet, unten an den Stufen ſtand und krampf⸗ haft mit ſeinen gekreuzten Armen ſeine bewegte Bruſt preßte. Thränen des Schmerzes und der Entrüſtung funkekten in ſeinem ſchönen Auge. Hinter ihm ſtand Pierre Peuqoy, eben ſo düſter und eben ſo niedergeſchlagen als er. zu te 123 „Ihr hier, Meiſter Paré!“ rief Gabriel.„Was macht Ihr denn da? Hat der Herr Herzog von Gyiſe noch einen Lebenshauch, ſo iſt Euer Flatz an ſeiner Seite.“ „Ei, das müßt Ihr mir nicht ſagen, Herr d'Ex⸗ mès!“ erwiederte lebhaft der Wundarzt, als er die Augen aufſchlagend Gabriel erkannte.„Sagt es, wenn Ihr Anſehen bei ihnen habt, dieſen einfältigen Wachen.“ „Wie! ſie verweigern Euch den Eintritt?“ fragte Gabriel. „Ohne etwas hören zu wollen,“ ſprach Ambroiſe Paré.„Oh! wenn man bedenkt, daß Gott ein ſo koſt⸗ bares Daſein von ſo elenden Fatalitäten abhängen läßt!“ „Wir haben Anfangs gebeten,“ ſagte Pierre Peugoy dazwiſchen tretend,„dann haben wir gedroht. Sie er⸗ wiederten unſere Bitten mit Gelächter, unſere Drohungen mit Stößen. Meiſten Ambroiſe Paré, der den Eingang erzwingen wollte, iſt mit Gewalt zurückgeſtoßen und, glaube ich, voll dem Schafte einer Hellebarde getroffen worden.“ „Das iſt ganz einfach!“ verſetzte Ambroiſe Paré mit Bitterkeit;„ich habe weder eine goldene Halskette, noch Sporen; ich beſitze nichts als einen raſchen Blick und eine ſichere Hand.“ „Wartet,“ ſprach Gabriel,„ich werde Euch wohl Eintritt verſchaffen.“ Er ſchritt auf die Stufen des Wachthauſes zu. Aber ein Pikenier verſperrte ihm, obgleich ſich bei ſeinem Anblick verbeugend, den Weg. „Verzeiht,“ ſagte er ehrfurchtsvoll,„wir haben Befehl erhalten, Niemand hineinzulaſſen, wer es auch ſein mag.“ „Burſche!“ verſetzte Gabriel, der ſich jedoch noch mäßigte,„iſt Dein Befehl für den Vicomte d'Ermes, Kapitän bei den Leibwachen Seiner Majeſtät und Freund 124 von Herrn von Guiſe? Wo iſt Dein Chef, daß ich mit ihm ſprechen kann?“ „Gnädiger Herr, er bewacht die innere Thüre,“ antwortete demüthig der Pikenier. „Ich gehe zu ihm,“ ſprach mit gebieteriſchem Tone 1 Vicomte d'Ermés.„Kommt, Meiſter Paré, folgt m r.“ „Gnädiger, geht hinein, da Ihr es verlangt,“ ſagte der Soldat.„Aber dieſer darf nicht vorbei.“ „Und warum?“ fragte Gabriel.„Warum ſoll der Wundarzt nicht zum Verwundeten gehen?“ „Alle Chirurgen und Aerzte,“ erwiederte der Pike⸗ nier,„wenigſtens diejenigen, welche anerkannt und pa⸗ tentirt ſind, hat man zu dem durchlauchtigen Herrn gerufen. Es fehlt nicht einer, wie man uns agt.“ „Das iſt es gerade, was mich erſchreckt,“ verſetzte Ambroiſe Paré mit ſpöttiſcher Verachtung. „Dieſer hat kein Patent in der Taſche,“ fuhr der Soldat fort.„Ich kenne ihn wohl. es iſt wahr, er hat mehr als einen im Lager gerettet; doch er iſt nicht für die Herzoge gemacht!“ „Nicht ſo viele Phraſen!“ rief Gabriel, ungeduldig mit dem Fuße ſtampfend.„Ich will, daß Meiſter Paré mit mir eingelaſſen wird.“ „Unmöglich, Herr Vicomte.“ „Ich habe geſagt:„Ich will!““ Burſche!“ „Bedenkt, daß mir der Beſehl Euch ungehorſam zu ſein gebietet.“ „Ah!“ rief Ambroiſe Paré mit ſchmerzlichem Aus⸗ druck,„der Herzog ſtirbt vielleicht während dieſes lächer⸗ lichen Streites.“ Dieſer Ruf würde jedes Bedenken von Gabriel be⸗ ſeitigt chen, hätte der ungeſtüme junge Mann in einem ſolchen Augenblick noch zögern können. „Ihr wollt alſo durchaus, daß ich Euch als Eng⸗ N e⸗ a⸗ n 16 er er t 9 125 länder behandle?“ rief er den Hellebardieren zu.„Deſto ſchlimmer für Euch! das Leben von Herrn von Guiſe iſt wohl zwanzig Exiſtenzen wie die Eurige werth. Wir wollen ſehen, ob es Eure Piken wagen, meinen Degen zu berühren.“ Seine Klinge flammte aus der Scheide gezogen wie ein Blitz, und Ambroiſe Paré nach ſich ziehend, ſtieg er, den Degen hoch, die Stufen des Wachthauſes hinauf. Es lag ſo viel Drohung in ſeinem Blick und in ſeiner Haltung, es lag ſo viel Ruhe und Macht in dem Blick und der Haltung des Wundarztes, dann hatten die Perſon und der Wille eines Evelmanns in jener rohen Zeit eine ſolche Zaubergewalt, daß die Wachen unterwürfig auf die Seite traten und ihre Waffen ſenk⸗ ten„ weniger vor dem Eiſen, als vor dem Namen des Vicomte d'Ermeés. „Ei! laßt ſie!“ rief eine Stimme im Volk.„Sie haben wahrhaftig das Ausſehen, als wären ſie von Gott geſandt, um den Herzog von Guiſe zu retten.“ Gabriel und Ambroiſe Paré gelangten ohne weiteren Widerſtand vor die Thüre der Wachtſtube. In der engen Hausflur, die vor dem großen Saale kam, war noch der Lieutenant der Soldaten, welche außen Wache hielten, mit drei oder vier Mann. Doch ohne anzuhalten, ſprach der Vicomte d'Exmés mit einer Stimme, welche keinen Widerſpruch duldete: bringe dem Herrn Herzog einen neuen Wund⸗ arzt. Der Lieutenant verbeugte ſich und ließ ſie ohne Ein⸗ wendung vorüber. Gabriel und Ambroiſe Paré traten ein. Die Aufmerkſamkeit Aller war zu lebhaft und zu grauſam anderweitig in Anſpruch genommen, als daß man auf ihre Ankunft Acht gegeben hätte. Das Schauſpiel, welches ſich ihnen bot, war in der That ſchrecklich, herzzerreißend. 126 Mitten im Saal lag der Herzog von Guiſe auf einem Feldbett immer noch unbeweglich und bewußtlys, das Antlitz mit Blut übergoſſen, ausgeſtreckt. Sein Geſicht war durch und durch zerriſſenz das Eiſen der Lanze, nachdem es die Wange unter vem rechten Auge durchbohrt hatte, war bis in das Genick unter dem linken Ohr gedrungen, und der zerbrochene Stumpf ſtand einen halben Fuß aus dem ſo zerſchmetterten Kopf hervor. Die Wunde war furchtbar anzuſchauen. Beſtürzt inmitten der allgemeinen Troſtloſigkeit, wa⸗ ren um das Bett her zehn bis zwölf Aerzte und Wund⸗ ärzte verſammelt. Aber ſie handelten nicht, ſie ſchauten nur und ſprachen. In dem Augenblick, wo Gabriel mit Ambroiſe Paré eintrat, ſagte einer derſelben mit lauter Stimme: „Nachdem wir uns in Einklang geſetzt haben, ſehen wir uns in der ſchmerzlichen Nothwendigkeit, zuzugeſtehen, daß der Herzog von Guiſe tödtlich, ohne Hoffnung und ohne Rettungsmittel, getroffen iſt; denn um eine Chance der Rettung zu haben, müßte man dieſen Lanzenſtumpf aus dem Kopfe ziehen, und ihn herausziehen hieße den gnädigſten Herrn ſicher todten.“ „Ihr wollt ihn alſo lieber ſterben laſſen!“ rief kühn hinter den Zuſchauern der erſten Reihe Ambroiſe Pars, der von fern mit einem Blick den in der That beinahe verzweifelten Zuſtand des erhabenen Verwundeten beurtheilt hatte. Der Wundarzt, welcher geſprochen, hob den Kopf empor, um ſeinen kecken Unterbrecher zu ſuchen, und als er ihn nicht ſah, entgegnete er: „Welcher Vermeſſene würde es wagen, ſeine Hände an dieſes ehrwürdige Antlitz zu legen, wer würde ſich der Gefahr bloßſtellen, einem ſolchen Sterbenden den Reſt zu geben?“ er W * 127 „Ich,“ antwortete Ambroiſe Paré, die Stirne hoch, in den Kreis der Wundärzte tretend. Und ohne ſich weiter um ſeine Umgebung und um das Gemurmel des Erſtaunens zu bekümmern, das ſeine Worte erregt hatten, beugte er ſich über den Herzog, um ſeine Wunde mehr von Rahem zu betrachten. „Ah! es iſt Meiſter Ambrviſe Paré!“ ſagte mit Verachtung der Oberwundarzt, als er den Wahnſinnigen erkannte, der eine von der ſeinigen abweichende Anſicht auszuſprechen wagte.„Meiſter Ambroiſe Paré vergißt, daß er nicht die Ehre hat, zur Zahl der Wundärzte des Herzogs von Guiſe zu gehoren.“ „Sagt vielmehr, ich ſei ſein einziger Wundarzt, da ihn ſeine gewöhnlichen Wundärzte aufgeben,“ entgegnete Ambroiſe Paré.„Uebrigens hatte der Herzog von Guiſe vor wenigen Tagen, als mir eine Operation unter ſeinen Augen gelang, die Gnade, zu mir zu ſagen, und zwar ſehr im Ernſte, wenn auch nicht officiell, daß er fortan meine Dienſte in Anſpruch nehme. Der Herr Vicomte dErmös, der hier anweſend iſt, kann es bezeugen.“ „Ich erkläre, daß dies die Wahrheit iſt,“ ſprach Gabriel. Ambroiſe Paré war ſchon wieder zu dem ſcheinbar entſeelten Körper des Herzogs zurückgekehrt und unter⸗ ſuchte von Neuem die Wunde. „Nun?“ fragte der Oberwundarzt mit einem ironi⸗ ſchen Lächeln,„beſteht Ihr, nachdem Ihr die Sache ge⸗ prüft habt, noch darauf, das Eiſen aus der Wunde ziehen zu wollen?“ „Nachdem ich geprüft habe, beſtehe ich darauf,“ er⸗ wiederte Ambroiſe Paré entſchloſſen. „Und welcher wunderbarer Inſtrumente gedenkt Ihr Euch zu bedienen?“ „Meiner Hände.“ „Ich proteſtire feierlich gegen die Entheiligung des Todeskampfes,“ rief der wüthende Wundarzt. 128 „Und wir proteſtiren mit Euch,“ riefen beipflichtend alle ſeine Collegen. „Habt Ihr ein Mittel, den Prinzen zu retten?“ fragte Ambroiſe Paré. „Nein, die Sache iſt unmöglich,“ ſagten Alle. „Er iſt alſo mir überlaſſen,“ ſprach Ambroiſe Paré und ſtreckte die Hand über dem Körper aus, als wollte er davon Beſitz ergreifen. „Und wir ziehen uns zurück,“ verſetzte der Oberwund⸗ arzt, der wirklich die Seinigen eine rückgängige Bewegung machen ließ. „Aber was wollt Ihr denn thun?“ fragte man Am⸗ broiſe von allen Seiten. „Der Herzog iſt für Alle todt,“ antwortete er,„ich will handeln, als ob er todt wäre.“ Bei dieſen Worten legte er ſein Wamms ab und ſchlug ſeine Aermel zurück. „Solche Verſuche an dem durchlauchtigen Herrn Herzog machen, tamq uam in anima vili!“ ſagte ein alter Wundarzt, dem dieſes Verfahren ein Aergerniß bereitete. „Ei!“ entgegnete Ambroiſe, ohne den Verwundeten mit den Augen zu verlaſſen,„ich will ihn in der That nicht wie einen Menſchen, nicht einmal wie eine nieder⸗ trächtige Seele, ſondern wie eine Sache behandeln. Schaut!“ Kühn ſetzte er den Fuß auf die Bruſt des Her⸗ zogs Ein Gemurmel, gemiſcht aus Angſt, Zweifel und Drohungen, durchlief die Verſammlung. „Nehmt Euch in Acht, Meiſter!“ ſagte Herr von Nevers, die Schulter von Ambrviſe Paré berührend. „Nehmt Euch in Acht. Wenn es Euch mißlingt, ſtehe ich Euch nicht für den Zorn der Freunde und Diener des Herzogs.“ „Ah!“ machte Ambroiſe Paré mit einem traurigen Lächeln ſich umwendend. ré Ate nd⸗ ng m⸗ rn te iß en at r⸗ 1 r⸗ n d. e 129 „Ihr wagt Euren Kopf!“ ſagte ein Anderer. Ambroiſe Paré ſchaute zum Himmel empor und ſprach dann mit ſchwermüthigem Ernſte: „Es ſei, ich werde meinen Kopf wagen und dieſen zu retten ſuchen. Aber man laſſe mich wenigſtens in Ruhe,“ fügte er mit einem ſtolzen Blick bei. Alle traten mit einer gewiſſen Ehrfurcht vor der Herrſchaft des Genies auf die Seite. Man hörte in der feierlichen Stille nur noch keuchen⸗ des Athemholen. Ambroiſe Paré ſetzte das linke Knie auf die Bruſt des Herzogs, faßte dann nur mit ſeinen Nägeln, wie er es geſagt hatte, den Lanzenſtumpf und erſchütterte ihn An⸗ fangs ſachte, und dann immer ſtärker. Der Herzog bebte wie unter einem furchtbaren Schmerz. Die Angſt hatte über alle Stirnen der Anweſenden dieſelbe Bläſſe verbreitet. Ambroiſe Paré hielt ſelbſt einen Augenblick wie er⸗ ſchrocken inne. Der Angſiſchweiß befeuchtete ſeine Stirne. Sogleich aber ſchritt er wieder zum Werk. Nach einer Minute, welche länger währte, als eine Stunde, kam das Eiſen endlich aus der Wunde. Ambroiſe Paré warf es lebhaft fern von ſich, und beugte ſich raſch über die gähnende Wunde. Als er ſich wieder erhob, erleuchtete ein Blitz der Freude ſein Antlitz. Bald aber wurde er wieder ernſt; er fiel auf die Kniee, faltete die Hände gegen Gott, und eine Thräne des Glückes floß langſam über ſeine Wange. Dieſer Augenblick war erhaben. Ohne daß der große Wundarzt ſprach, begriff man, daß er eine Hoffnung hatte. Die Diener des Herzogs weinten heiße Thränen; Andere küßten hinten das Kleid von Ambroiſe Paré. Aber man ſchwieg, man erwartete ſein erſtes Wort. Endlich ſprach er mit ernſtem, obgleich bewegtem on; 130 „Ich ſtehe nun für das Leben des durchlauchtigſten an Herrn Herzogs von Guiſe.“ Ge Eine Stunde nachher hatte der Herzog von Guiſe in That das Bewußtſein und die Sprache wieder er⸗„ angt. gtmroiſe Paré verband vollends die Wunde und Gabriel ſtand an der Seite des Bettes, in das der Wund⸗ arzt ſeinen erhabenen Kunden hatte bringen laſſen. „Gabriel,“ ſagte der Herzog,„ich verdanke Euch alſo nicht nur die Einnahme von Calais, ſondern auch das Leben, da Ihr, beinahe mit Gewalt, Meiſter Paré zu mir geführt habt.“ 4 „Ja, gnädigſter Herr,“ ſprach Ambroiſe,„ohne Hertn br dErmeès ließen ſie mich nicht einmal in Eure Rähe ve kommen.“ ſch „Oh! meine zwei Retter!“ rief Franz von Loth⸗ be ringen. 4„Sprecht nicht ſo viel, ich bitte Euch,“ verſetzte der ge Wundarzt.. de 6„Gut, ich ſchweige, doch noch ein Wort, ein einziges ort.“ „Was wollt Ihr, gnädigſter Herr?“ 16 w „Glaubt Ihr, daß die Folgen dieſer furchtbaren Wunde weder meiner Geſundheit, noch meinem Geiſte 2 nachtheilig ſein werden?“ fragte der Herzog. 6 „Ich bin deſſen ſicher, gnädigſter Herr,“ antwortete A Ambroiſe.„Doch es wird Euch eine Narbe, eine Ba⸗„ lafre*) bleiben.“* 6 „Eine Narbe!“ rief der Herzog,„oh! das iſt nichts, 5 das ſchmückt eines Kriegers Antlitz, und der Beiname Ba⸗ lafré würde mir nicht übel gefallen.“ Man weiß, daß die Zeitgenoſſen und die Nachwelt der Anſicht des Herzogs von Guiſe geweſen find, der fort⸗ *) Schmarre im Geſicht. . 131 ſten an der Balafré von ſeinem Jahrhundert und von der Geſchichte genannt wurde. ein er⸗„ und F Xv. uch 3 uch Theilweiſe Entwickelung. F Wir ſind am 8. Januar, am Tage, nachdem Ga⸗ ertn briel d'Ermés dem König von Frankreich ſeine ſchönſte ähe verlorene Stadt Calais, und ſeinen größten in Gefahr ſchwebenden Feldherrn, den Herzog von Guiſe, zurückgege⸗ t ben hat. Doch es handelt ſich hier nicht mehr um dieſe Fra⸗ der gen, von denen die Zukunft der Nationen abhängt, es han⸗ delt ſich ganz einfach um bürgerliche Intereſſen und Fa⸗ ges ntlienangelegenheiten. Von der Breſche vor Calais und von dem Schmerzenslager von Franz von Lothringen gehen wir in die untere Stube des Hauſes der Peugoy. en Hierhin, um Ermattung zu vermeiden, hatte Jean iſie Peugoy Martin⸗Guerre bringen laſſen; hier hatte am Abend vorher Ambroiſe Paré mit ſeinem gewoͤhnlichen i Glück an dem braven Stallmeiſter die für nöthig erachtete Amputation vorgenommen. „ So war das, was bis jetzt noch Hoffnung geweſen, ts Gewißheit gewordenz Martin⸗Guerre würde allerdings ein ga⸗ Krüppel bleiben, doch er würde leben. Das Bedauern, oder beſſer geſagt, die Gewiſſens⸗ elt biſſe von Pierre Peugoy, als er von Jean die Wahrheit erfuhr, zu ſchildern wäre unmöglich. Dieſes ſtrenge, aber redliche Gemüth ſollte ſich nie einen ſo grauſamen Miß⸗ griff vergeben. Der rechtſchaffene Waffenſchmied beſchwor 132 jeden Augenblick Martin⸗Guerre, Alles, was er beſaß, Arm und Herz, Gut und Leben, von ihm zu fordern oder an⸗ zunehmen. Doch man weiß, daß Martin⸗Guerre nicht den Aus⸗ druck dieſer Reue abgewartet hatte, um Pierre Peugoy zu verzeihen und, was noch mehr iſt, ſein Verfahren zu billigen. Sie ſtanden alſo aufs Beſte mit einander, und man wird nun nicht mehr ſtaunen, wenn man bei Martin⸗ Guerre, der fortan zur Familie gehörte, einen häuslichen Rath dem ähnlich pflegen ſieht, welchem wir ſchon bei der Beſchießung beigewohnt haben. Der Vicomte d'Erméès, der an demſelben Abend nach Paris abreiſte, nahm auch an dieſer Berathung An⸗ theil, die im Ganzen weniger peinlich für ſeine muthigen Verbündeten von Risbank war, als die vorhergehende. Die Wiederherſtellung, welche die Ehre der Peugoyh zu verlangen hatte, konnte in der That fortan nicht mehr als unmöglich betrachtet werden. Der wahre Martin⸗ Guerre war verheirathet, doch nichts bewies, daß es der Verführer von Babette ebenfalls war. Man hatte nur den Schuldigen aufzufinden. Das Antlitz von Pierre Peugoy drückte auch mehr Heiterkeit und Ruhe aus. Das von Jean war im Gegentheil ziemlich traurig, und Ba⸗ bette ſchien ihrerſeits ſehr niedergeſchlagen. Gabriel beobachtete Alle ſtillſchweigend, und Martin⸗ Guerre war auf ſeinem Leidensbette ausgeſtreckt troſtlos, daß er nichts Anderes für ſeine neuen Freunde thun konnte, als ihnen eine ſehr ſchwankende und unſichere Auskunft über die Perſon ſeines Soſie zu geben. Pierre und Jean Peuqoh kamen in dieſem Augen⸗ blick von Herrn von Guiſe zurück. Der Herzog hatte nicht länger zögern wollen, den braven patriotiſchen Bürgern für den glorreichen und wirkſamen Antheil zu danken, den ſie an der Zurückgabe der Stadt genommen. Gabriel 1 Urm an⸗ lus⸗ yzu* zu man rtin⸗ chen bei bend An⸗ igen uqoy nehr rtin⸗ der nur erre Das Ba⸗ tin⸗ los, hun here* gen⸗ icht ern den 1 riel 133 hatte ſie auf ſein ausdrückliches Verlangen zu ihm ge⸗ führt. Pierre Peugoy erzählte ganz ſtolz und freudig Ba⸗ bette die Einzelnheiten dieſer Vorſtellung. „Ja, meine Schweſter,“ ſagte er,„als Herr d'Ermos dem Herzog von Guiſe unſere Mitwirkung bei dem Allem in ſicherlich zu ſchmeichelhaften und zu ſehr übertriebenen Ausdrücken mitgetheilt hatte, ließ ſich dieſer große Mann herab, Jean und mir ſeine Zufriedenheit mit einem Wohl⸗ wollen und einer Güte auszudrücken, die ich meines Theils nie aus dem Gedächtniß verlieren werde, ſollte ich auch hundert Jahre leben. Doch beſonders freute und rührte es mich, als er beifügte, er wünſche ſeinerſeits auch uns nützlich zu ſein, und mich dann fragte, worin er uns dienen könnte. Du kennſt mich, Babette, ich bin nicht eigen⸗ nützig. Doch weißt Du, welchen Dienſt ich mir von ihm zu erbitten gedenke?“ „In der That, nein, mein Bruder.“ „Nun wohl, meine Schweſter, ſobald wir denje⸗ nigen gefunden, welcher Dich ſo unwürdig getäuſcht, und wir werden ihn finden, deſſen ſei ſicher! bitte ich Herrn von Guiſe, mich mit ſeinem Anſehen zu unterſtützen, daß Deine Ehre wiederhergeſtellt wird. Wir haben weder Macht, noch Reichthum durch uns ſelbſt, und eine ſolche Unterſtützung wird uns vielleicht nothwendig ſein, um Gerechtigkeit zu erlangen.“ „Und wenn Euch ſogar mit dieſer Unterſtützung die Gerechtigkeit entgeht, Vetter?“ fragte Jean. „Mit Hülfe dieſes Armes würde mir wenigſtens die Rache nicht entgehen,“ erwiederte Pierre voll Energie. „Und dennoch,“ fuhr er, die Stimme dämpfend und einen ſchüchternen Blick auf Martin⸗Guerre werfend, fort,„den⸗ noch muß ich geſtehen, daß es mir bis jetzt mit der Ge⸗ walt ſchlecht gelungen iſt.“ Er ſchwieg und blieb eine Minute nachdenkend. Als 134 er aus dieſer träumeriſchen Zerſtreuung wieder erwachte, ſah er zu ſeinem Erſtaunen, daß Babette weinte. „Nun, was gibt es denn, Schweſter?“ fragte er. „Ah! ich bin ſehr unglücklich!“ rief Babette ſchluchzend. „Unglücklich! und warum? Die Zukunft erheitert ſich, wie mir ſcheint.“ „Sie verdüſtert ſich,“ erwiederte ſie. „Nein, Alles wird gut gehen, ſei unbeſorgt,“ ſprach Pierre Peugoy.„Zwiſchen einer milden Genugthuung und einer furchtbaren Strafe vermöchte man nicht zu zögern. Dein Liebhaber wird zu Dir zurückkehren, Du wirſt ſeine Frau ſein„ „Und wenn ich ihn als Gatten ausſchlage?“ rief Babette.. Jean Peugoh konnte eine freudige Bewegung, welche Gabriel nicht entging, nicht zurückdrängen. „Ihn ausſchlagen?“ verſetzte Pierre im höchſten Maße erſtaunt.„Aber Du liebteſt ihn!“ „Ich liebte denjenigen, welcher litt, welcher mich zu lieben ſchien und mir Achtung und Zärtlichkeit be⸗ wies. Doch den, welcher mich hintergangen, belogen hat, welcher mich verläßt, denjenigen, welcher, um mein armes Herz in ſeine Falle zu locken, die Sprache, den Namen und vielleicht die Kleider eines Andern angenom⸗ men, ah! den haſſe und verachte ich.“ „Doch wenn er Dich heirathen würde?“ verſetzte Pierre Peugoy. „Er würde mich heirathen,“ erwiederte Babette,„weil er dazu gezwungen wäre, oder weil er auf die Gunſt des Herzogs von Guiſe hoffte. Er würde mir ſeinen Namen aus Furcht oder aus Habgier geben. Nein! nein! nun will ich meinerſeits nichts mehr von ihm! Mein guter Bruder, habe Mitleid,“ rief Babette in Thränen zer⸗ fließend,„zwinge mich nicht, denienigen zu heirathen, welchen Du ſelbſt einen Elenden, einen Feigen nannteſt.“ hte, . ette tert rach ung zu Du rief lche ſten nich be⸗ gen ein m⸗ 135 „Babette, denke an Deine ehrloſe Stirne!“ „Lieber will ich einen Augenblick über meine Liebe, 3 mein ganzes Leben über meinen Gatten zu erröthen aben.“ „Babette, denke an Dein vaterloſes Kind!“ „Ich glaube, es iſt beſſer für dieſes Kind, ſeinen Vater zu verlieren, der es haſſen würde, als ſeine Mutter, die es anbeten wird. Heirathet ſie dieſen Menſchen, ſo ſi Mutter ſicherlich vor Scham und Kummer erben.“ „Babette, Du verſchließeſt alſo Dein Ohr für meine Vorſtellungen und Bitten?“ „Ich flehe Deine brüderliche Liebe und Dein Mit⸗ leid an.“ „Nun wohl,“ ſprach Pierre Peugoy,„meine brüder⸗ liche Liebe und mein Mitleid werden Dir mit Schmerz, aber mit Feſtigkeit antworten. Da es vor Allem noth⸗ wendig iſt, Babette, daß Du von Anderen und von Dir ſelbſt geachtet lebſt, da ich Dich lieber unglücklich, als entehrt ſehen wollte, in Betracht, daß Du entehrt zwei⸗ fach unglücklich wäreſt, ſo will ich, Dein Bruder, das Haupt Deiner Familie, ich will, Du verſtehſt mich wohl? daß Du, wenn er damit einſtimmt, denjenigen heiratheſt, welcher Dich in's Verderben gebracht hat und Dir allein wirklich die Ehre, die er Dir genommen, zurückgeben kann. Das Geſetz und die Religion bewaffnen mich Dir gegenüber mit einem Anſehen, von dem ich im Falle der Noth Gebrauch machen werde, das ſage ich Dir zum Voraus, um Dich zu dem zu zwingen, was ich als Deine Pflcht gegen Gott, gegen Deine Familie, gegen Dein Kind und gegen Dich ſelbſt halte.“ „Du perurtheilſt mich zum Tod, mein Bruder,“ rief Babette mit bebender Stimme;z„gut, ich füge mich, da dies mein Lvos, meine Strafe iſt, da Niemand für mich in's Mittel tritt„ So ſprechend ſchaute ſie Gabriel und Jean Peugoy 136 an, welche Beide ſchwiegen, dieſer, weil er litt, jener, weil er beobachten wollte. Doch bei dem unmittelbaren Anrufen von Babette vermochte Jean nicht an ſich zu halten, und indem er ſich an ſie wandte, aber mit ſeinen Worten auf Pierre ab⸗ zielte, ſprach er mit einer ironiſchen Bitterkeit, welche jedoch nicht in ſeinem Charakter lag: „Wer ſoll für Euch in das Mittel treten, Babette? Iſt das, was Euer Bruder fordert, nicht völlig gerecht und weiſe? Iſt ſeine Art, die Dinge anzuſehen, nicht in der That bewunderungswürdig! Ihm liegt hauptſächlich die Ehre ſeiner Familie und die Deinige am Herzen, und was thut er, um dieſe Ehre zu beſchützen? Er zwingt Dich, einen Betrüger zu heirathen. Das iſt wunderbar! Es läßt ſich nicht leugnen, iſt dieſer Elende einmal in die Familie eingetreten, ſo wird er ſie ohne Zweifel durch ſein Benehmen entehren. Es iſt gewiß, daß der hier gegenwärtige Herr Vicomte d'Ermes nicht verfehlen wird, von ihm im Namen von Martin⸗Guerre eine ſtrenge Re⸗ chenſchaft über eine ſchändliche Unterſchiebung der Perſon zu fordern, was Euch, Babette, wohl als Frau eines abſcheulichen Namensdiebes vor die Gerichte führen dürfte, Doch gleichviel! Ihr werdet ihm nicht minder unter dem geſetzlichſten Titel angehören, Euer Kind wird nicht minder der anerkannte, erwieſene Sohn des falſchen Martin⸗ Guerre ſein. Ihr ſterbt vielleicht vor Scham als ſeine Frau, doch Euer Ruf als Mädchen bleibt unbefleckt in den Augen Aller.“ Jean Peugoy drückte ſich mit einer Wärme und einer Entrüſtung aus, welche ſelbſt Babette in Erſtaunen ſetzte. „Ich erkenne Euch nicht mehr!“ ſagte Pierre voll Verwunderung.„Ihr ſprecht ſo gemäßigt, ſo ruhig? „Weil ich ruhig und gemäßigt bin,“ erwiederte Jean, „weil ich die Lage beſſer durchſchaue, in die Ihr uns heute unbedachtſam bringen wollt.“ 3 8 + 8 8 * ner, bette ab⸗ lche tte? echt t in lich zen, ingt ar! die ch hier ird, Re⸗ ſon nes fte. em der tin⸗ ine in und nen oll an, ns 137 „Glaubt Ihr denn,“ erwiederte Pierre Peugoh,„ich würde die Ehrloſigkeit leichter hinnehmen, als die Schande meiner Schweſter? Nein, finden wir den Verführer von Babette, ſo hoffe ich, daß ſein Betrug im Ganzen nur uns und Martin⸗Guerre Nachtheil gebracht hat, und in dieſem Fall rechne ich auf die Ergebenheit des vortreff⸗ lichen Martin, daß er von einer Klage abſteht, welche zugleich Unſchuldige und den Schuldigen treffen würde.“ „Oh!“ rief Martin⸗Guerre von ſeinem Bette aus, „ich habe kein rachgieriges Gemüth und will nicht den Tod des Sünders. Er bezahle Euch ſeine Schuld, und er iſt quitt gegen mich.“ „Das iſt herrlich für die Vergangenheit!“ entgeg⸗ nete Jean Peugoy, der von der Milde des Stallmeiſters nur mittelmäßig erbaut zu ſein ſchien,„aber die Zukunft? wer wird uns für die Zukunft ſtehen?“ „Ich, der ich über ſie wachen werde,“ ſprach Pierre. „Der Gatte von Babette kommt nicht aus meinen Augen, er muß ein ehrlicher Mann bleiben und einen geraden Weg gehen, wenn nicht. „So wollt Ihr ſelbſt Gerechtigkeit üben?“ unter⸗ brach ihn Jean.„Es wird wohl Zeit dazu ſein! mittler⸗ weile wird aber Babette immer geopfert bleiben.“ „Ei, eil iſt die Lage ſchwierig, ſo unterziehe ich mich derſelben, ich habe ſie nicht gemacht,“ rief Pierre voll Ungeduld.„Habt Ihr, der Ihr ſprecht, einen an⸗ dern Ausgang gefunden, als den, welchen ich vorſchlage?“ „Ja gewiß, es gibt einen andern Ausgang,“ verſetzte Jean Peugoy. „Welchen?“ fragten gleichzeitig Pierre und Babette, und Pierre, man muß es ſagen, mit eben ſo viel Eifer als ſeine Schweſter. Der Vicomte d'Exmös ſchwieg immer noch, doch er verdoppelte ſeine Aufmerkſamkeit. „Nun wohl!“ ſprach Jean Peugoy,„dürfte ſich nicht ein ehrlicher Mann finden, der, mehr gerührt als erſchro⸗ Die beiden Dianen. 1u. 10 138 cken über das Unglück von Babette, einwilligte, ihr ſeinen Namen zu geben 2“ Pierre ſchüttelte mit einer ungläubigen Miene den Kopf und erwiederte: „Hoffen wir das nicht. Um ſo die Augen zu ſchließen, müßte er verliebt, oder feig ſein. In allen Fällen wären wir verbunden, in unſer ſchmerzliches Geheimniß Fremde, Gleichgültige einzuweihen; und obgleich Herr d'Ermés und Martin ergebene Freunde für uns ſind, bedaure ich doch, daß die Umſtände ihnen das enthüllt haben, was nie hätte aus der Familie kommen ſollen.“ Jean Peugoh erwiederte mit einer Erſchütterung, die er vergebens zu verbergen ſuchte: „Ich würde Babette keinen Feigen zum Gatten vor⸗ ſchlagen; doch, Pierre, iſt Eure Vorausſetzung nicht gleich⸗ mäßig zuläſſig? Wenn Einer meine Baſe liebte, wenn ihn die Ereigniſſe von dem Fehler, zugleich aber auch von der Reue unterrichtet hätten, und wenn er entſchloſſen wäre, um ſich eine glückliche und ruhige Zukunft zu ſichern, eine Vergangenheit zu vergeſſen, welche Babette gewiß durch Tugenden tilgen würde?„ Wenn dies wäre, was würdet Ihr ſagen, Pierre? Babette, was würdet hr ſagen?“ „Oh! das iſt nicht möglich! das iſt ein Traum!“ rief Babette, deren Augen ſich dennoch von einem Strahle der Hoffnung erleuchteten. „Solltet Ihr einen ſolchen Mann kennen, Jean?“ ſagte Pierre Peugoy, der etwas poſitiver zu Werke ging. „Oder iſt es nicht vielmehr von Eurer Seite nur eine Hypotheſe und, wie Babette ſagt, ein Traum?“ Bei dieſer beſtimmten Frage zögerte, ſtammelte, zit⸗ terte Jean Peugoy. Er bemerkte nicht die ſtillſchweigende, tiefe Aufmerk⸗ ſamkeit, mit der Gabriel jeder ſeiner Bewegungen folgte, er war ganz vertieft in die Anſchauung von Babette, welche, bebend und die Augen zu Boden geſchlagen, von 1 ec= S—— 8 inen den ßen, ären nde, mès ich was die vor⸗ ich⸗ enn von ſſen ern, wiß äre, Ihr n!“ ahle ing. ine zit⸗ erk⸗ gte, tte, von 139 einer Erſchütterung ergriffen zu ſein ſchien, von der der brave Weber, wenig erfahren in ſolchen Dingen, nicht wußte, wie er ſie ſich deuten ſollte. Er entſchloß ſich nicht zu einer für ſeine Wünſche günſtigen Verdolmetſchung, denn mit kläglichem Tone ant⸗ wortete er auf die unmittelbare Frage ſeines Vetters: „Ah! Pierre, es iſt wahrſcheinlich, ich geſtehe es, daß das, was ich ſagte, nur ein Traum war; es könnte in der That für die Verwirklichung meines Traumes nicht genügen, daß Babette innig geliebt würde, ſie müßte auch ein wenig liebenz ſonſt wäre ſie abermals unglücklich. Derjenige aber, welcher ſo von Babette ſein Glück um den Preis des Vergeſſens erkaufen würde, hätte ſich ohne Zweifel ſeinerſeits einen Nachtheil verzeihen zu laſſen und wäre wahrſcheinlich weder jung, noch ſchön, noch liebens⸗ würdig. Es hat alſo keinen Anſchein, daß Babette ſelbſt ſeine Frau zu werden einwilligen würde, und deshalb war Alles, was ich geſagt habe, wie ich befürchte, nur ein Traum.“ „Ja, es war ein Traum!“ ſprach traurig Babette, „doch nicht aus den Gründen, die Ihr genannt habt, mein Vetter. Den Mann, der edelmüthig genug wäre, mir mit einer ſolchen Ergebenheit beizuſtehn, müßte ich, und wäre er der verwelkteſte und verdrießlichſte Greis, jung finden, denn ſeine Handlung würde von einer Seelenfri⸗ ſche zeugen, die man mit zwanzig Jahren nicht immer hatz ich müßte ihn ſchön finden, denn ſo gute und mildherzige Anſichten koͤnnen nur einen edlen Ausdruck auf einem Geſicht verbreiten; ich müßte ihn endlich liebenswürdig finden, denn er hätte mir den größten Beweis von Liebe gegeben, den eine Frau empfangen kann. Es wäre daher meine Pflicht und meine Freude, ihn mein Lebenlang von ganzem Herzen zu lieben, und das wäre ganz einfach. Unmoglich und unwahrſcheinlich aber iſt es, eine Selbſlverlengnung wie die, von der Ihr ſprachet, mein Vetter, für ein armes Mädchen, wie ich, ohne Schön⸗ 140 heit und ohne Ehre zu finden. Es gibt vielleicht Männer, welche groß und mild genug ſind, um den Gedanken eines ſolchen Opfers zu faſſen, und das iſt ſchon viel, aber mit der Ueberlegung würden die Einen zweifeln, die Andern im letzten Augenblick zurückweichen, und ich würde von meiner Hoffnung wieder in meine Verzweiflung verſinken. Dies, mein guter Jean, ſind die wirklichen Gründe, aus denen Ihr geſagt habt, es wäre nur ein Traum.“ „Und wenn es dennoch die Wahrheit wäre?“ ſprach plötzlich Gabriel ſich erhebend. „Wie? was ſagt Ihr?“ rief Babette Peugoh ganz erſchüttert. „Ich ſage, Babette,“ erwiederte Gabriel,„daß dieſer ergebene, dieſer edle Mann lebt.“ „Ihr kennt ihn?“ fragte Pierre ganz erſchüttert. „Ich kenne ihn,“ antwortete lächelnd der junge Mann.„Er liebt Euch in der That, Babette, aber mit einer eben ſo väterlichen, als zärtlichen Zuneigung, mit einer Zuneigung, welche gern beſchützt, vergibt. Ihr könnt auch ohne Hintergedanken ſein Opfer annehmen, in das ſich keine Verachtung miſcht, und das nur durch vas zar⸗ teſte Mitleid und durch die aufrichtigſte Ergebenheit her⸗ vorgerufen wird. Ueberdies werdet Ihr eben ſo viel geben, als Ihr empfangt, Babette, Ihr werdet die Ehre em⸗ pfangen, aber Ihr werdet das Glück geben; denn derjenige, welcher Euch liebt, iſt allein, vereinzelt in der Welt, ohne Freude, ohne Intereſſen, ohne Zukunft, und Ihr werdet ihm dies Alles bringen und macht ihn, wenn Ihr ihn an⸗ nehmt, heute eben ſo glücklich, als er Euch eines Tags glücklich machen wird Iſt es nicht wahr, Jean Peugoy?“ „Aber Herr Vicomte ich weiß nicht,“ ſtammelte Jean Peugoy, zitternd wie Laub. „Ja, Jean,“ fuhr Gabriel ſtets lächelnd fort,„ja, Ihr wißt vielleicht Eines in der That nicht; daß Ba⸗ bette ihrerſeits für denjenigen, welcher ſie liebt, nicht nur nner, eines mit dern von nken. aus rach ganz ieſer unge mit mit önnt das zar⸗ her⸗ ben, em⸗ ige, ohne rdet an⸗ ags Jean zu „ja, Ba⸗ nur 141 eine tiefe Achtung, nicht nur eine innig gefühlte Dankbar⸗ keit, ſondern auch eine fromme Zärtlichkeit hegt. Babette hat, wenn nicht errathen, doch wenigſtens unbeſtimmt die Liebe geahnet, deren Gegenſtand ſie war, und ſie fühlte ſich dadurch zuerſt in ihren eigenen Augen erhoben, ſodann gerührt und endlich glücklich. Seitdem hat ſie eine ſo heftige Abneigung gegen den Elenden gefaßt, der ſie hin⸗ tergangen. Deshalb flehte ſie ſo eben ihren Bruder auf den Knieen an, ſie nicht mit dem Mann zu verbinden, den ſie nur gleichſam aus einem Irrthum, in Folge einer Art von Ueberrumpelung geliebt hat, und den ſie heute in voller Zu⸗ neigung für den, welcher ſie retten will, verabſcheut.. Täuſche ich mich, Babette?..“ „In Wahrheit gnädiger Herr.. ich weiß nicht erwiederte Babette, bleich wie Schnee. „Die Eine weiß nicht, der Andere weiß nicht,“ ver⸗ ſetzte Gabriel.„Wie! Babette, wie! Jean, Ihr wißt nichts von Eurem eigenen Innern, Ihr kennt Eure eigenen Gefühle nicht? Geht doch, das iſt unmoglich! Ich offenbare Euch nicht, Babette, daß Jean Euch liebt! Jean, Ihr vermuthetet vor mir, Ihr wäret von Babette geliebt!“ „Iſt es möglich!“ rief Pierre Peugoy entzückt;„nein, das wäre zu viel Freude!“ „Ei? ſeht ſie!“ ſagte Gabriel zu ihm. Babette und Jean hatten ſich noch unentſchloſſen und halb ungläubig angeſchaut. Dann las Jean in den Augen von Babette eine ſo. glühende Dankharkeit und Babette in den Augen von Jean fu ſo rührende Bitte, daß ſie mit einem Male überzeugt ren. Ohne daß ſie wußten, wie es geſchah, lagen ſie ein⸗ ander in den Se Pierre Peuqoy hatte in ſeinem Entzücken nicht die Fraft, ein Wort zu ſprechen, doch er drückte Jean auf eine Weiſe die Hand, welche beredter war, als alle Spra⸗ chen der Welt. 142 Martin⸗Guerre hatte ſich auf jede Gefahr aufgeſetzt und ſchlug, Thränen in den Augen, ganz begeiſtert bei dieſer unerwarteten Entwickelung in die Hände. Als dieſer erſte Freudenrauſch vorüber war, ſprach Gabriel: „Dies iſt alſo abgeſchloſſen, Jean Peugoh heirathet Babette ſo bald als möglich, und ehe ſie ſich bei ihrem Bruder einrichten, bringen ſie einige Monate bei mir in Paris zu. So wird das Geheimniß von Babette, die traurige Urſache dieſer glücklichen Heirath, begraben in der Bruſt der fünf Redlichen ſterben, welche hier gegen⸗ wärtig ſind; ein Sechster könnte dieſes Geheimniß ver⸗ rathen; doch dieſer, wenn er ſich nach dem Schickſale von Babette erkundigte, was ſehr zweifelhaft iſt, ſollte ſie nicht lange beunruhigen, dafür ſtehe ich Euch! Meine guten und theuren Freunde, Ihr könnt fortan ruhig und zufrie⸗ den leben und Euch in voller Sicherheit der Zukunft überlaſſen.“ „Mein edler, mein hochherziger Gaſt!“ rief Pierre Peugoh, Gabriel die Hand küſſend. „Euch,“ ſprach Jean,„Euch allein verdanken wir unſer Glück, gerade wie der König Euch Calaig ver⸗ dankt.“ „Und jeden Tag, jeden Morgen und jeden Abend werden wir glühend für unſern Retter zu Gott beten.“ „Ja, Babette,“ ſprach Gabriel bewegt,„ich danke Euch für dieſen Vorſatz: betet zu Gott, damit Euer Retter ſich nun ſelbſt retten kann.“ S— S 143 XV. Glückliche Porzeichen. „Oh!“ erwiederte Babette Peugoy auf den ſchwer⸗ müthigen Zweifel von Gabriel,„gelingt Euch nicht Alles, was Ihr unternehmt? Bei der Vertheidignng von Saint⸗ Quentin und der Einnahme von Calais, wie bei dem Schluſſe der Heirath der armen Babette?“ „Ja, es iſt wahr,“ verſetzte Gabriel mit einem trau⸗ rigen Lächeln,„Gott geſtattet, daß die unüberwindlichſten und furchtbarſten Hinderniſſe meines Pfades ſich wie durch einen Zauber vor mir zerſtreuen. Doch leider iſt dies kein Grund, zu glauben, ich berühre das erſehnte Ziel.“ „Ah!“ entgegnete Jean Peugoy,„Ihr habt zu viel gemacht, um nicht ſelbſt am glücklichen Ziele zu ſein.“ „Ich nehme dieſes Vorzeichen an, Jean,“ ſprach Ga⸗ briel,„und nichts kann für mich eine günſtigere Vorbe⸗ veutlng ſein, als daß ich meine Freunde in Calais im Frieden und in der Freude zurücklaſſe. Doch Ihr wißt, ich muß nun von Euch ſcheiden, vielleicht um dem Schmerz und den Thränen entgegenzugehen! Laſſen wir wenigſtens keine Sorge zurück und ordnen wir Alles wohl an, was uns intereſſirt.“ Man beſtimmte nun den Tag der Hochzeit, der Ga⸗ briel zu ſeinem großen Bedauern nicht beiwohnen ſollte, und ſodann den Tag der Abreiſe von Jean und Babette nach Paris. „Es kann ſein,“ ſprach Gabriel traurig,„daß Ihr mich nicht in meinem Hotel findet, um Euch zu empfangen. Dieſe Vorherſehung wird ſich hoffentlich nicht verwirklichen; doch ich werde vielleicht genöthigt ſein, mich auf einige 144 Zeit von Paris und von Hof zu entfernen. Gleichviel! kommt immerhin. Aloyſe, meine gute Amme, wird Euch an meiner Stelle empfangen, als ob ich es ſelbſt thäte. Denkt zuweilen mit ihr an Euren abweſenden Wirth.“ Martin⸗Guerre mußte wider ſeinen Willen in Calais bleiben. Ambroiſe Paré hatte erklärt, ſeine Wiederge⸗ neſung werde lange dauern und verlange die größte Sorg⸗ falt und die größte Schonung. Daß Martin darüber ärgerlich war, nützte ihm nichts, er mußte ſich fügen. „Doch ſobald Du geheilt biſt, mein Treuer,“ ſprach der Vicomte d'Ermés zu ihm,„komm ſogleich nach Paris, und ich werde, was auch geſchehen mag, mein Verſprechen halten und Dir Deinen ſeltſamen Verfolger ausliefern. Ich bin nun hiezu doppelt verpflichtet.“ „Oh! gnädiger Herr, denkt an Euch und nicht an mich,“ ſagte Martin⸗Guerre. „Jede Schuld ſoll bezahlt werden,“ ſprach Gabriel. „Doch Gott befohlen, meine Freunde, die Stunde ſchlägt, und ich muß zu Herrn Guiſe zurückkehren. Ich habe ihn in Eurer Gegenwart um eine Gnade gebeten, die er mir hoffentlich bewilligen wird, wenn ich ihm bei dieſen letzten Ereigniſſen nützlich ſein konnte.“ Doch die Peugoy wollten den Abſchied von Gabriel nicht ſo annehmen. Sie würden ihn um drei Uhr an dem Pariſer Thore erwarten, um ihm Lebewohl zu ſagen und ihn noch einmal zu ſehen Martin⸗Guerre allein trennte ſich in dieſem Augenblick Lon ſeinem Herrn, nicht ohne Bedauern und nicht ohne Kummer; doch Gabriel tröſtete ihn ein wenig durch einige von den guten Worten, die er ſo trefflich zu finden wußte. Eine Viertelſtunde nachher wurde der Vicomte d'Ermos bei dem Herzog von Guiſe eingeführt. „Seid Ihr da, Ehrgeiziger,“ ſagte lachend Franz vo Lothringen, als er ihn eintreten ſah. „Mein ganzer Ehrgeiz beſtand darin, daß ich Euch el! uch te. is ge⸗ g⸗ er ch e, en 4 t, n ir en el d e 145 mit meinen beſten Kräften zu unterſtützen ſuchte, gnädigſter Herr,“ erwiederte Gabriel. „Oh! hier ſeid Ihr nicht mit Ehrgeiz zu Werke gegangen,“ verſetzte der Balafré.(Wir können nun dem Herzog dieſen Namen oder vielmehr dieſen Titel geben.) „Ich nenne Euch ehrgeizig, Gabriel,“ fuhr er heiter fort,„wegen der zahlreichen und maßloſen Bitten, die Ihr an mich gerichtet habt, ohne daß ich weiß, ob ich ihnen werde entſprechen können!“ „Ich habe ſie in der That mehr nach Eurer Groß⸗ muth, als nach meinen Verdienſten ermeſſen, gnädigſter Herr,“ ſprach Gabriel. „Ihr habt eine ſchöne Meinung von meiner Groß⸗ muth!“ erwiederte der Herzog von Guiſe mit ſanftem Spott.„Ich mache Euch zum Richter, Herr von Vaude⸗ mont,“ ſagte er zu einem Herrn, der an ſeinem Bette ſaß und ihm in dieſem Augenblick einen Beſuch abſtattete. „Ich mache Euch zum Richter und Ihr werdet beurtheilen, ob es erlaubt iſt, einem Fürſten ſolche armſelige Geſuche vorzutragen.“ „Nehmt an, ich habe mich ſchlecht ausgedrückt, gnä⸗ digſter Herr,“ entgegnete Gabriel,„ich habe meine Bitten nur nach meinen Verdienſten ermeſſen und nicht nach Eurer Großmuth.“ „Abermals falſch geſprochen!“ ſagte der Herzog; „denn Euer Werth ſteht hundertmal über meiner Macht. Doch vernehmt ein wenig, Herr von Vaudemont, welche unerhörte Gunſtbezeugungen der Vicomte d'Ermes von mir verlangt.“ „Ich erkläre zum Voraus, gnädigſter Herr,“ ſagte der Marquis von Vaudemont,„ſie werden immer noch zu gering ſowohl für Euch als für ihn ſein. Doch nennt fie mir.“ „Erſtens,“ antwortete der Herzog von Guiſe,„ver⸗ langt Herr d'Ermeés von mir, daß ich die kleine Truppe, die er für eigene Rechnung angeworben hat, mit mir nach 146 wende. Er behält nur vier Leute zu ſeinem Gefolge bis Paris. Und dieſe Muthigen, die er mir ſo unter dem Vorwand, ſie mir zu empfehlen, leiht, ſind keine andere Menſchen, Herr von Vaudemont, als die eingefleiſchten Teufel, die mit ihm durch eine titaniſche Erkletterung das unüberwindliche Fort von Risbank genommen haben. Sprecht nun, wer von uns leiſtet dem andern hiebei einen Dienſt, Herr d»Ermes oder ich?“ Paris nehme, bis dahin aber nach meinem Belieben ver⸗ „Ich muß geſtehen, daß es Herr d'Ermes iſt,“ ant⸗ wortete der Marquis von Vaudemont. „Und meiner Treue! ich nehme dieſe neue Verbind⸗ lichkeit an,“ ſprach heiter der Herzog von Guiſe.„Ich werde Eure acht Braven nicht durch zu viel Muße verder⸗ ben, Gabriel. Sobald ich aufſtehen kann, führe ich ſie mit mir vor Ham; Zoll breit Land in unſerem Frankreich laſſen. Malemort ſelbſt, der ewig Verwundete, ſoll mitkommen. Meiſter Paré hat ihm verſprochen, er würde in derſelben Zeit, wie ich, geheilt werden.“ „Das würde ihn ſehr glücklich machen, gnädigſter Herr,“ ſagte Gabriel. „Somit iſt alſo eine erſte Gnade bewilligt und zwar ohne zu große Anſtrengung von meiner Seite. Als zweite Verbindlichkeit erinnerrt mich Herr d'Exmös daran, daß ſich hier in Calais Frau Diana von Caſtro, die Tochter des Königs, befindet; Ihr kennt ſie, Herr von Vau⸗ demont, die Engländer haben ſie hier gefanhen gehalten. Unter den vielen Geſchäften, mit denen ich überhäuft bin, läßt mich der Vicomte d'Ermes zu rechter Zeit daran denken, daß ich dieſer Dame von königlichem Blut den Schutz und die Ehre, worauf ſie Anſpruch zu machen hat, ſichern muß. Iſt dies nicht abermals ein Dienſt, den mir Herr d'Ermos leiſtet, ja oder nein?“ „Ohne allen Zweifel,“ antwortete der Marquis von Vaudemont. denn ich will dieſen Engländern nicht einen * ver⸗ e bis dem dere chten das ben. einen ant⸗ ind⸗ Ich der⸗ mit inen nort iſter wie ſter war eite daß hter au⸗ ten. iuft ran den at, mir bon — —— 147 „Dieſer zweite Punkt iſt alſo geordnet,“ ſprach der Herzog von Guiſe.„Meine Befehle ſind ſchon gegeben, und obgleich ich für einen ziemlich ſchlechten Höfling gelte, halte ich doch zu feſt an meinen Pflichten als Edelmann gegen die Damen, um die durch die Perſon und den Rang von Frau von Caſtro gebotenen Rückſichten zu ver⸗ geſſen. Frau von Caſtro wird, wann und wie es ihr be⸗ liebt, durch eine ſchickliche Escorte nach Paris begleitet werden.“ 5 Gabriel verbeugte ſich ſtatt jedes Dankes vor dem Herzog; er befürchtete, das Intereſſe und das Gewicht, das er auf dieſes Verſprechen legte, durchblicken zu laſſen. „Drittens,“ fuhr der Herzog von Guiſe fort,„drit⸗ tens iſt der engliſche Ergouverneur dieſer Stadt vom Vi⸗ comte d'Ermos zum Gefangenen gemacht worden. In der Lord Derby bewilligten Capitulation machten wir uns anheiſchig, ihn gegen Löſegeld anzunehmen. Doch Herr d'Ermés, dem Gefangener und Löſegeld gehören, erlaubt uns noch großmüthiger zu verfahren. Er verlangt in der That die Vollmacht, Lord Wentworth nach England zu⸗ rückzuſchicken, ohne daß er irgend einen Preis für ſeine Freiheit zu bezahlen hat. Wird uns dieſe Hanvlung un⸗ ſerer Höflichkeit nicht jenſeits des Canals große Ehre machen, und leiſtet uns Herr d'Ermos nicht ſomit einen wahren Dienſt?“ „Nach der edlen Art und Weiſe, wie der gnädigſte Herr die Sache verſteht, iſt dies gewiß,“ ſprach Herr von Vaudemont. „Seid zufrieden, Gabriel,“ fuhr der Herzog fort, „Herr von Thermes iſt in Eurem und in meinem Auftrag abgegangen, um Lord Wentworth zu befreien und ihm ſeinen Degen zurückzugeben. Sobald er es wünſcht, kann er abreiſen.“ „Ich danke Euch, gnädigſter Herr,“ ſprach Gabriel, „doch haltet mich nicht für ſo großmüthig. Ich bezahle nur meine Schuld für das artige Benehmen von Lord 148 Wentworth gegen mich, als ich ſelbſt ſein Gefangener war, und will ihm zugleich eine Biedermanns⸗Lection ge⸗ ben, deren Vorwurf und ſtillſchweigende Anſpielung er verſtehen wird, wie ich hoffe.“ „Ihr habt mehr als jeder Andere das Recht, bei dieſen Fragen ſtreng zu ſein,“ ſagte der Herzog von Guiſe mit ernſtem Tone. „Nun, gnävigſter Herr,“ ſprach Gabriel, als er voll Unruhe ſah, daß ſeine Hauptſorge von Franz von Lothrin⸗ gen mit Stillſchweigen übergangen wurde,„erlaubt mir, Euch nun an das zu erinnern, was Ihr mir am Vor⸗ abend der Einnahme des Fort von Risbank zu verſpre⸗ chen die Gnade hattet.“ „Wartet doch, ungeduldiger junger Mann!“ rief der Balafré.„Nach den drei ungeheuren Dienſten, die ich Euch leiſte und die Herr von Vaudemont beſtätigt hat, ſteht mir wohl das Recht zu, einen von Euch zu fordern. Ich bitte Euch alſo, da Ihr morgen nach Pa⸗ ris abreiſt, die Schläſſel von Calais mitzunehmen und dem König zu übereichen.“ „Oh! gnädigſter Herr,“ unterbrach ihn Gabriel mit einem Erguß der Dankbarkeit. „Ich denke, das wird Euch nicht zu ſehr beläſtigen,“ fügte der Herzog bei.„Ihr ſeid ſchon an ſolche Bot⸗ ſchaften gewoͤhnt, Ihr, der Ihr mit der Ueberbringung der Fahnen unſeres Feldzugs in Italien beauftragt waret.“ „Oh! Ihr wiſſet die Wohlthaten durch vie freund⸗ liche Weiſe, wie Ihr ſie ertheilt, zu verdoppeln, gnädiger Herr!“ rief Gabriel entzückt. „Mehr noch,“ fuhr der Herzog von Guiſe fort,„Ihr übergebt Seiner Majeſtät bei derſelbep Gelegenheit eine Abſchrift von der Capitulation und dieſen Brief, der ihm unſern Sieg verkündigt, und den ich, trotz der Gebote von Meiſter Ambrviſe Paré, dieſen Morgen ganz mit eigener Hand geſchrieben habe. Doch,“ fügte er mit einer be⸗ zeichnenden Miene hei,„ohne Zweifel hätte Niemand mit — 149 ſo viel Anſehen wie ich Euch Gerechtigkeit widerfahren laſſen und Gerechtigkeit verſchaffen können, Gabriel. Ich hoffe, Ihr werdet mit mir und folglich mit dem König zufrieden ſein. Nehmet, mein Freund, hier iſt der Brief, hier find die Schlüſſel. Ich brauche Euch nicht Sorg⸗ falt zu empfehlen.“ „Und ich, gnädigſter Herr, ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß ich Euch gehöre auf Leben und Tod!“ rief Gabriel mit bewegter Stimme. Er nahm das Kiſtchen von geſchnitztem Holz und den geſiegelten Brief, den ihm der Herzog von Guiſe reichte. Es waren koſtbare Talismane, die ihm vielleicht die Freiheit ſeines Vaters und ſein eigenes Glück eintra⸗ gen würden. „Nun halte ich Euch nicht mehr zurück,“ ſagte der Herzog von Guiſe.„Ihr habt ohne Zweifel Eile, abzu⸗ reiſen und, nicht minder glücklich als Ihr, fühle ich nach dieſem bewegten Morgen eine Müdigkeit, die mir gebie⸗ teriſcher als Meiſter Paré einige Stunden Ruhe ver⸗ ordnet.“ „Gott befohlen, und abermals meinen Dank, gnä⸗ digſter Herr“ ſagte der Vicomte d'Exmes. In dieſem Augenblick trat ganz beſtürzt Herr von Thermes ein, den der Herzog von Guiſe zu Lord Went⸗ worth abgeſchickt hatte. „Ah!“ ſagte der Herzog, als er ihn erblickte,„unſer Botſchafter bei dem Sieger wird nicht abgehen, ohne un⸗ ſern Botſchafter bei dem Beſiegten geſehen zu haben. Doch was gibt es, Herr von Thermes? Ihr ſcheint ganz be⸗ trübt?“ „Ich bin es auch, Monſeigneur,“ antwortete Herr von Thermes. „Wie? was iſt vorgefallen?“ fragte der Balafré, „Iſt Lord Wentworth„2 „Lord Wentworth, dem ich Eurem Befehle gemäß ſeine Freiheit ankündigte und ſeinen Degen zurückgab, 150 nahm dieſe Gunſt kalt und ohne eine Wort zu ſagen an. Ich verließ ihn erſtaunt über dieſes ſonderbare Benehmen, als mich ein gewaltiges Geſchrei zu ihm zurückrief. Der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Freiheit machte, war, daß er ſich den Degen, den ich ihm übergeben hatte, durch den Leib rannte. Er ſtarb auf der Stelle, und ich habe nur ſeinen Leichnam wiedergeſehen.“ „Ah!“ rief der Herzog von Guiſe,„die Verzweiflung über ſeine Niederlage wird ihn zu dieſem äußerſten Ent⸗ ſchluß angetrieben haben. Denkt Ihr das nicht auch, Ga⸗ briel? Das iſt ein wahres Unglück!“ „Nein, gnädigſter Herr,“ entgegnete Gabriel mit traurigem Ernſte,„nein, Lord Wentworth hat ſich nicht getödtet, weil er beſiegt worden iſt.“ 5„Wie! aus welcher Urſache denn?“ fragte der Ba⸗ afré. „Erlaubt mir, Euch dieſe Urſache zu verſchweigen, gnädigſter Herr,“ antwortete der Vicomte b'Ermös.„Ich hätte dieſes Geheimniß beim Leben von Lord Wentworth bewahrt, und werde es auch bei ſeinem Grab bewahren! Doch vor dieſem ſtolzen Tod,“ fuhr Gabriel die Stimme dämpfend fort,„kann ich Euch, gnädigſter Herr, anver⸗ trauen, daß ich an ſeiner Stelle gehandelt hätte, wie er gehandelt hat. Ja, Lord Wentworth hat wohl gethan! denn hätte er auch nicht vor mir zu erröthen gehabt, ſo iſt ſchon das Gewiſſen eines Edelmanns ein hinreichend läſtiger Zeuge, daß man ihm um jeden Preis Stillſchwei⸗ gen auferlegen muß, und wenn man dem Adel eines ed⸗ len Landes angehört, ſo gibt es ein unſeliges Fallen, von dem man ſich nur erhebt, wenn man in den Tod ſinkt.“ „Ich verſtehe Euch, Gabriel,“ ſprach der Herzog von Guiſe.„Wir haben Lord Wentworth nur noch die letzte Ehre zu erweiſen.“ „Er iſt derſelben nun würdig,“ erwiederte Gabriel, „und während ich bitter dieſes nothwendige Ende beklage, iſt es mir nichtsdeſtoweniger lieb, daß ich bei meinem Al we zo m Hr we S i2 ſt de zu ſe ei an. men, Der war, atte, ich lung Ent⸗ 151 Abgange denjenigen, deſſen Gaſt ich in dieſer Stadt ge⸗ weſen bin, wieder ſchätzen und beweinen kann.“ Als Gobriel nach einigen Augenblicken vom Her⸗ zog von Guiſe unter erneuertem Dank Abſchied genom⸗ men hatte, ging er geraden Wegs nach dem ehemaligen Hotel des Gouverneur, wo Frau von Caſtro noch ver⸗ weilte. Er hatte Diana ſeit dem vorhergehenden Tage nicht geſehen; doch ſie hatte ſchnell und mit ganz Calais den glücklichen Dazwiſchentritt von Ambroiſe Paré und die Rettung des Herzogs von Guiſe erfahren. Gabriel fand ſie daher beruhigt. Die Liebenden ſind abergläubiſch, und dieſe Ruhe ſei⸗ ner Vielgeliebten that ihm wohl. Diana war natürlich noch viel zufriedener, als ihr der Vicomte d'Exmoés mittheilte, was zwiſchen dem Herzog von Guiſe und ihm vorgefallen war, und ihr den Brief und das Käſtchen zeigte, das er durch ſo viele und ſo große Gefahren erkauft hatte. Selbſt unter dieſer Freude drückte ſie ein chriſtliches Bedauern über das traurige Ende von Lord Wentworth aus, der ſie allerdings eine Stunde lang beleidigt, aber drei Monate lang geehrt und beſchützt hatte. „Gott verzeihe ihm, wie ich ihm verzeihe!“ ſagte ſie. Gabriel ſprach ſodann von Martin⸗Guerre, von den Peuqoy, von dem Schutz, den Herr von Guiſe ihr, Diana, angedeihen ließ„ er ſprach ihr von Allem, was ſie umgab, ohne ganz ihr zu gehören. Er hätte gern, um zu bleiben, tauſend andere Gegen⸗ ſtände der Unterhaltung gefunden, und dennoch nahm ihn der Gedanke, der ihn nach Paris rief, gebieteriſch in An⸗ ſpruch. Er wünſchte abzureiſen und zu bleiben; er war zugleich glücklich und unruhig. Endlich, da die Stunde vorrückte, mußte Gabriel ſeine Abreiſe ankündigen, die er nicht mehr länger als einige Augenblicke verſchieben konnte. 152 „Ihr reiſt, Gabriel? Deſto beſſer, aus tauſend Gründen!“ ſagte Diana.„Ich hatte nicht den Muth, mit Euch von dieſer Abreiſe zu ſprechen, und Ihr gebt mir doch, wenn Ihr ſie nicht verſchiebt, den größten Beweis von Zuneigung, den ich von Euch empfangen kann. Ja, mein Freund, reiſt ab, damit ich minder lang zu leiden und zu warten habe. Reiſt ab, damit ſich unſer Schickſal raſcher entſcheide.“ „Seid geſegnet für dieſen guten Muth, der den mei⸗ nigen unterſtützt!“ ſagte Gabriel. „Ja, ſo eben,“ fuhr Diana fort,„fühlte ich, als ich Euch hörte, eine gewiſſe Beklemmung, und Ihr mußtet, während Ihr zu mir ſpracht, daſſelbe empfinden. Wir plauderten von hundert Dingen und wagten es nicht, die wahre Frage über unſere Herzen und unſeke Exiſtenzen anzugreifen. Doch da Ihr in einigen Minuten von hinnen geht, können wir ohne Furcht auf den einzigen Gegenſtand, der uns intereſſirt, zurückkommen.“ „Ihr leſt mit einem Blick in meiner Seele und det Eurigen.“ „Hört mich alſo,“ ſprach Diana.„Außer dieſem Brief, den Ihr dem König vom Herzog von Guiſe über⸗ bringt, werdet Ihr Seiner Majeſtät einen andern über⸗ geben, den ich dieſe Nacht geſchrieben habe. Ich erzähle ihm, wie Ihr mich befreit und gerettet habt. So wird es für ihn und für Alle klar werden, daß Ihr dem König von Frankreich ſeine Stadt und dem Vater ſeine Tochter zurückgegeben habt. Ich ſpreche ſo, denn ich hoffe, die Gefühle von Heinrich II. für mich täuſchen ſich nicht, und ich habe wohl das Recht, ihn meinen Vater zu nennen.“ „Theure Diana! möchtet Ihr wahr ſprechen!“ rief Gabriel. „Ich beneide Euch, Gabriel,“ ſagte Frau von Caſtro, „Ihr werdet vor mir den Schleier unſeres Geſchickes lüf⸗ ten. Doch ich folge Euch von Nahem, Freund. Da Herr von Guiſe ſo gut für mich geſinnt iſt, pe ich ſchon 153 morgen abzureiſen verlangen, und obſchon ich langſamer reiſen muß, als Ihr, werdet Ihr doch nur wenige Tage vor mir in Paris ankommen.“ „Ja, ja, kommt raſch!“ ſagte Gabriel;„mir ſcheint, Eure Gegenwart wird mir Glück bringen.“ „In jedem Foll,“ fuhr Diana fort,„will ich nicht ganz von Euch abweſend ſein; es ſoll Euch Jemand von Zeit zu Zeit an mich erinnern. Da Ihr Euern treuen Stall⸗ meiſter Martin⸗Guerre hier zu laſſen genöthigt ſeid, ſo nehmt den franzöſiſchen Pagen mit, den Lord Wentworth zu meiner Verfügung ſteilte. André iſt nur ein Kind, er iſt kaum ſechszehn Jahre alt und ſein Charakter iſt viel⸗ leicht noch jünger als ſein Alter. Doch er iſt treu, red⸗ lich und kann Euch nützlich ſein. Nehmt ihn von mir an. Unter den anderen rauhen Geſellen, die Euch begleiten, wird er ein ſanfterer, liebevollerer Diener ſein, den ich gerne an Eurer Seite weiß.“ „Oh! ich danke für dieſe zarte Fürſorge,“ ſprach Gabriel,„doch Ihr wißt, daß ich in wenigen Augen⸗ blicken abreiſe...“ „Andre iſt benachrichtigt,“ erwiederte Diana.„Wenn Ihr wüßtet, wie ſtolz er iſt, Euch anzugehören! Er trifft ſeine Vorkehrungen und ich habe ihm nur noch einige letzte Inſtructionen zu geben, während Ihr von der guten Fa⸗ milie Peugoy Abſchied nehmt. André wird Euch einholen, ehe Ihr Calais verlaſſen habt.“ „Ich nehme Euer Anerbieten mit Freuden an!“ ver⸗ ſetzte Gabriel.„Ich werde wenigſtens Jemand haben, mit dem ich zuweilen von Euch ſprechen kann.“ „Daran dachte ich auch,“ ſagte Frau von Caſtro, ein wenig erröthend.„Doch nun fahret wohl!“ fügte ſie leb⸗ haft bei,„wir müſſen uns Gott befohlen ſagen.“ „Oh! nicht: Fahret wohl,“ entgegnete Gabriel;„das iſt das traurige Wort der Trennung! Nicht: Fahret wohl! ſondern; auf Wiederſehen.“ Die beiden Dionen. m. 11 154 „Ohl wann und beſonders wie werden wir uns wiederſehen? Löſt ſich das Räthſel unſeres Schickſals durch das Unglück, ſo wird es das Beſte ſein, wenn wir uns nie wiederſehen!“ „Ach! ſagt das nicht, Diana,“ rief Gabriel,„ſagt das nicht Wer wird Euch übrigens außer mir die traurige oder günſtige Entwickelung mittheilen können?“ „Ah! Gott!“ verſetzte Diana ſchaudernd,„mag ſie günſtig vder traurig ſein, mir ſcheint, ich werde, wenn ich ſie von Euerem Munde hören muß, vor Freude oder Schmerz ſterben.“ „Aber wie ſollt Ihr denn erfahren „Wartet einen Augenblick,“ ſagte Frau von Caſtro. Sie zog von ihrem Finger einen goldenen Ring, nahm aus einer Kiſte den Nonnenſchleier, den ſie im Kloſter der Benedictinerinnen in Saint⸗OQuentin getragen hatte, und ſprach feierlich: „Hört, Gabriel; da ſich wahrſcheinlich Alles vor mei⸗ ner Rückkehr entſcheiden wird, ſchickt mir André von Paris entgegen. Iſt Gott für uns, ſo ſoll er dieſen Hochzeitring der Vicomteſſe von Montgommery überreichen. Trügt uns unſere Hoffnung, ſo ſoll er im Gegentheil dieſen Nonnen⸗ ſchleier der Schweſter Benie zuſtellen.“ „Oh! laßt mich zu Euern Füßen Euch anbeten wie einen Engel!“ rief der junge Mann, die Seele durchdrun⸗ gen von dieſem rührenden Beweis der Liebe, „Nein, Gabriel, nein, ſteht auf. Seien wir feſt und würdig vor den Plänen Gottes. Drückt auf meine Stirne einen keuſchen, brüderlichen Kuß, wie ich einen auf die Eurige drücke, indem ich Euch, ſo viel in meiner Macht liegt, mit Glauben und Thatkraft ausrüſte.“ Sie tauſchten ſtillſchweigen dieſen frommen, ſchmerz⸗ lichen Kuß aus. „Und nun, mein Freund,“ ſprach Diana,„verlaſſen wir uns, es muß ſein, und ſagen wir uns nicht: Fahre wol ſeh an Gie Kre chet Rir und wil eng wo unt mã wü unt pre uns urch nie ſagt die . ſie ich terz tro. der ind nei⸗ ris ing uns en⸗ wie in⸗ ind ne die cht rz⸗ en re 155 wohl, da Ihr dieſes Wort fürchtet, ſondern; Auf Wieder⸗ ſehen in dieſer Welt oder in der andern!“ „Auf Wiederſehen! auf Wiederſehen!“ rief Gabriel. Und er drückte Diana mit einer ſtummen Umarmung an ſeine Bruſt und ſchaute ſie zärtlich mit einer Art von Gierde an, als wollte er aus ihren ſchönen Augen die Kraft ſchöpfen, der er ſo ſehr bedurfte. Endlich auf ein trauriges, aber ausdrucksvolles Zei⸗ chen, das ſie ihm machte, ließ er ſie gehen, ſteckte den Ring an ſeinen Finger, ſchob den Schleier in ſeinen Buſen und ſprach noch einmal mit erſtickter Stimme: „Auf Wiederſehen, Diana.“ „Gabriel, auf Wiederſehen!“ rief Diana mit einer Geberde der Hoffnung. Gabriel entfloh gleichſam wie ein Wahnſinniger. Eine halbe Stunde ſpäter verließ der Vicomte d'Er⸗ moès etwas ruhiger die Stadt Calais, die er Frankreich zurückgegeben hatte. Er war zu Pferde, begleitet vom jungen Pagen André, der ihn eingeholt hatte, und von vier von ſeinen Frei⸗ willigen. Dies war Ambroſio, den es freute, nach Paris einige engliſche Waaren bringen zu können, deren er ſich mit Vortheil in der Nähe des Hofes entäußern würde. Dies war Pilletrouſſe, der in einer eroberten Stadt, wo er Herr und Sieger mit den Anderen, Verſuchungen und einen Rückfall zu ſeinen alten Gewohnheiten befürchtete. Was Monnet betrifft, ſo hatte er in dieſem probinz⸗ mäßigen Calais nicht einen einzigen ſeines Vertrauens würdigen Schneider gefunden, und ſeine Kleidung hatte unter ſo vielen Strapazen zu ſehr gelitten, um fortan präſentabel zu ſein. Sie würde ſich nur auf geziemende Weiſe in Paris erſetzen laſſen. Lactance endlich hatte ſeinen Herrn zu begleiten ver⸗ langt, um ſich bei ſeinem Beichtvater zu verſichern, daß 156 ſeine kriegeriſchen Handlungen das Maß ſeiner Bußübungen nicht überſtiegen hätten, und daß das Aetivum ſeiner dem Paſſivum ſeiner Waffenthaten gleich ame. Pierre und Jean Peugoy hatten mit Babette die pi Reiter bis zu dem genannten Pariſer Thor begleiten wollen. Hier mußte man ſich vurchaus trennen. Gabriel ſagte mit der Stimme und der Hand ein letztes Lebewohl ſeinen guten Freunden, die ihm, Thränen in den Augen, tau⸗ ſend Segnungen und tauſend Wünſche nachſandten. Doch bald verloren die Peuqoh die kleine Truppe, welche im Trab wegritt und an der Biegung der Straße verſchwand, aus den Augen. Die braven Bürger kehrten mit blutendem Herzen zu Martin⸗Guerre zurück. Gabriel fühlte ſich ernſt, aber nicht traurig. Er hoffte! Schon einmal hatte er Calais ſo verlaſſen, um in Paris eine Löſung ſeines Schickſals zu ſuchen. Doch da⸗ mals waren die Umſtände viel weniger günſtig; er war unruhig über Martin⸗Guerre, unruhig über Babette und die Peugoy, unruhig über Diana, die er in der Gewalt des verliebten Lord Wentworth zurückließ. Seine unbe⸗ ſtimmten Ahnungen über die Zukunft ſagten ihm endlich nichts Gutes, denn er hatte im Ganzen nichts Anderes gethan, als den Widerſtand einer Stadt verlängert; voch dieſe Stadt war nicht minder für das Vaterland verloren gegangen. War dies ein hinreichend großer Dienſt für„ eine ſo große Belohnung? Heute ließ er nichts ſo widrig Beunruhigendes zurück. Seine theuren Verwundeten, der General und der Stall⸗ meiſter, waren der eine und der andere gerettet, und Ambrviſe Paré ſtand für ihre Geneſung; Babette Peu⸗ qoy ſollte einen Mann heirathen, den ſie liebte und von dem ſie geliebt wurde und ihre Ehre, wie ſein Glück waren fortan geſichert; Frau von Caſtro hlieb frei und Königin ngen einer leich die eiten agte inen au⸗ ppe, raße rten min da⸗ war und valt nbe⸗ lich eres doch ren für ück. all⸗ und zeu⸗ von wen igin — 157 in einer franzöſiſchen Stadt, und würde ſchon am andern Tage Gahriel nach Paris nachfolgen. Unſer Held hatte endlich genugſam mit dem Schickſal gekämpft, um hoffen zu können, er habe es müde gemacht. Das Unternehmen, das er zum Ende geführt, indem er den Gedanken und die Mittel, Calais zu nehmen, geliefert, gehörte nicht zu denjenigen, welche man beſtreitet und um deren Preis man feilſcht. Der Schlüſſel von Frankreich dem König von Frankreich zurückgegeben, eine ſolche Helden⸗ that berechtigte ohne allen Zweifel zu dem höchſten Trach⸗ ten, 5 das des Vicomte d'Exmös war ſo billig und ſo heilig Er hoffte! Die überzeugenden Ermuthigungen und die ſüßen Verſprechungen von Diana erklangen noch in ſeinem Ohr mit den letzlen Wünſchen der Peugoy. Gabriel ſah um ſich her André, deſſen Gegenwart ihn an die Viel⸗ geliebte erinnerte, und die ergebenen, muthigen Soldaten, die ihn geleiteten; vor ſich feſt angebunden am Sattelknopf erblickte er das Käſichen, das die Schlüſſel von Calais enthielt; er berührte in ſeinem Wamms die koſtbare Ca⸗ pitulation und die noch viel koſtbareren Briefe vom Herzog von Guiſe und von Frau von Caſtro; der goldene Ring glänzte an ſeinem kleinen Finger. Wie viele gegenwärtige und beredte Pfänder des Glücks! Ganz blau und wolkenlos ſchien ſelbſt der Himmel von Hoffnung zu ſprechen; die lebhafte, aber reine Luft ließ das Blut in den Avern kreiſen; die tauſend Ge⸗ räuſche der Landſchaft in der Abenddämmerung hatten einen Charakter der Ruhe und des Friedens und die Sonne, welche in ihrem Purpurglanze links von Gabriel unterging, gab ſeinem Auge und ſeinem Geiſte das tröſt⸗ lichſte Schauſpiel. Man konnte ſich unmöglich unter glücklicheren Vor⸗ zeichen nach einem erſehnten Ziele auf die Reiſe begeben! Wir werden ſehen, was daraus wurde. 158 XVI. Ein Quatrain. Am 12. Januar 1558 war im Louvre bei der Kö⸗ nigin Catharina von Medicis einer von den früher von uns erwähnten Empfangsabenden, welche um den König alle Prinzen und Edelleute des Reiches verſammelten. Er war beſonders glänzend und ſehr belebt, ob⸗ gleich der Krieg in dieſem Augenblick im Norden bei dem pe von Guiſe einen großen Theil des Adels zurück⸗ elt.“ Es war hier unter den Frauen außer Catharina, der Königin dem Rechte nach, Frau Diana von Poitiers, die Königin der Sache nach, die junge Koͤnigin⸗Dauphine, Maria Stuart, und die ſchwermüthige Prinzeſſin Eliſa⸗ beth, welche Königin von Spanien und durch ihre jetzt ſchon ſo ſehr bewunderte Schoͤnheit dereinſt ſo unglück⸗ lich werden ſollte. Unter den Männern war das gegenwärtige Haupt des Hauſes Bourbon, Anton, der zweideutige König von Navarra, ein unentſchloſſener, ſchwacher Fürſt, den ſeine Frau mit dem männlichen Herzen, Johanna dAlbret, an den franzöſiſchen Hof geſchickt hatte, daß er es verſuche, durch die Vermittlung von Heinrich Il. wieder in den Beſitz der Ländereien von Navarra zu gelangen, welche Spanien confiscirt hatte. Doch Anton von Navarra begünſtigte ſchon die cal⸗ viniſtiſchen Meinungen und wurde nicht mit ſehr gutem Auge an einem Hofe angeſehen, der die Ketzer verbrannte. Sein Bruder, Louis von Bourbon, Prinz von Condé war auch da; doch dieſer wußte ſich mehr Achtung, wenn auch nicht mehr Liebe zu verſchaffen. Er war jedoch ein ————— — Kö⸗ von önig ob⸗ dem rück⸗ der ers, ine, liſa⸗ jetzt ück⸗ upt von eine den uch der ien cal⸗ tem nte. nde enn ein 159 viel mehr überwieſener Calviniſt, als der König von Na⸗ varra, und man nannte ihn als das geheime Haupt der Rebellen. Doch er beſaß die Gabe, ſich beim Volk be⸗ liebt zu machen. Er war ein kühner Reiter und hand⸗ habte geſchickt den Degen und den Dolch, obgleich er einen kleinen Wuchs und etwas übertriebene Schultern hatte. Er war dabei galant, witzig, liebte leidenſchaftlich die Frauen, und das Volkslied ſagte von ihm: Dieſer hübſche kleine Mann Lacht und ſcherzt, ſo viel er kann, Küſſet die Geliebte ſein, Gott behüt' das Männelein! um den Koͤnig von Navarra und den Pritzen von Condé gruppirten ſich natürlich die Edelleute, welche of⸗ fen oder insgeheim zu der Partei der Reform hielten, der Admiral Coligny, la Renaudie, der Baron von Caſtelnau, der kürzlich erſt aus der Touraine, ſeiner Provinz, ange⸗ kommen, an dieſem Tag zum erſten Male bei Hof vor⸗ geſtellt wurde. Die Verſammlung war folglich, trotz der Abweſen⸗ den, wie man ſieht, zahlreich und von Bedeutung. Doch mitten unter dem Geräuſch der Aufregung und der Freude blieben zwei Männer zerſtreut, ernſthaft und beinahe traurig. Dies waren aus ſehr entgegengeſetzten Gründen der Koͤnig und der Connetable von Montmoreney. Die Perſon von Heinrich Il. war im Louvre, doch ſein Geiſt war in Calais. Seit drei Wochen, ſeit dem Aufbruch des Herzogs von Guiſe, dachte er unabläſſig, bei Tag und bei Nacht an vieſes gewagte Unternehmen, das auf immer die Eng⸗ lärder aus dem Königreich vertreiben, aber auch das Heil Frankreichs auf eine ſehr ernſte Weiſe gefährden konnte. Heinrich machte es ſich mehr als einmal zum Vor⸗ 160 wurf, daß er Herrn von Guiſe einen ſo gefahrvollen Zug erlaubt hatte. Scheiterte das Unternehmen, welche Schmach in den Augen von Europa! welcher gewaltigen Anſtrengungen würde es bedürfen, um eine ſolche Niederlage wieder gut* zu machen! Der Saint⸗Laurent⸗Tag wäre nichts gegen dieſes. Der Connetable hatte eine Niederlage erlitten, Franz von Lothringen hätte ſie geſucht. Der König, der ſeit drei Tagen keine Nachricht von der Belagerungsarmee hatte, war alſo in traurige Ge⸗ danken verſunken und hörte kaum auf die Ermuthigungen und Verſicherungen des Cardinals von Lothringen, der, bei ſeinem Lehnſtuhle ſtehend, ſeine Hoffnung wiederzu⸗ beleben ſuchte. Diana von Poitiers bemerkte wohl die düſtere Laune ihres königlichen Liebhabers, da ſie aber andererſeits Herrn von Montmorench wenigſteus eben ſo trübe ge⸗ ſtimmt ſah, ſo ging ſie auf ihn zu. Es war auch die Belagerung von Calais, was den Connetable quälte, doch, wie geſagt, in ganz verſchiede⸗ nem Sinne. Der König hatte Furcht vor der Niederlage, der Connetable hatte bange vor dem Gelingen. Ein günſtiger Erfolg würde in der That den Herzog von Guiſe entſchieden in den erſten Rang ſtellen und den Connetable gänzlich in den zweiten zurückwerfen. Das Heil Frankreichs war der Untergang dieſes armen Con⸗ netable, und es iſt nicht zu leugnen, ſeine Selbſtſucht hatte immer den Vortritt vor ſeiner Vaterlandsliebe gehabt. „ Er empfing auch die ſchöne Favoritin, welche lä⸗ chelnd auf ihn zutrat, ſehr verdrießlich. Man erinnert ſich, welche ſeltſame, entartete Liebe die Geliebte des galanteſten Königs der Welt für dieſen rohen Kriegsknecht hegte. „Was hat denn heute mein alter Krieger?“ fragte ſie ihn mit dem liebkoſendſten Tone. Zug den ngen gut egen ten, von Ge⸗ gen der, zu⸗ une eits ge⸗ den de⸗ 161 „„Ah! Ihr auch, Ihr verſpottet mich auch, Madame?“ ſprach Montmoreney voll Bitterkeit. „Ich Euch verſpotten, Freund! Ihr denkt nicht an das, was Ihr ſagt.“ „Ich denke an das, was Ihr ſagt,“ erwiederte der Connekable brummend.„Ihr nennt mich Euren alten Krieger. Alt? es iſt wahr, ich bin nicht mehr ein Jung⸗ fernknecht von zwei und zwanzig Jahren. Krieger? nein, Ihr ſeht, das man mich nur noch für gut genug hält, um mich in den Sälen des Louvre mit einem Paradedegen zu zeigen.“ „Sprecht nicht ſo,“ ſagte die Favoritin mit einem ſüßen Blick,„ſeid Ihr nicht immer der Connetable?“ „Was iſt ein Connetable, wenn es einen General⸗ Lieutenant des Königreichs gibt?“ „Dieſer letzte Titel vergeht mit den Ereigniſſen, welche ſeine Uebertragung veranlaßt hatten. Ohne einen möglichen Widerruf an die erſte militäriſche Würde des Königreiches geknüpft, wird der Eurige nur mit Euch vergehen.“ „Ich bin auch ſchon vergangen und hingeſchieden,“ ſagte der Connetable mit einem bitteren Lachen. „Warum ſagt Ihr das, Freund?“ verſetzte Frau von Poitiers.„Ihr habt nicht aufgehört, mächtig und eben ſo furchtbar gegen Eure öffentlichen Feinde außen, als gegen Eure perſönlichen Feinde im Innern zu ſein.“ „Sprechen wir im Ernſte, Diana, und ſuchen wir uns nicht einander durch Worte zu reizen.“ „Wenn ich Euch täuſche, ſo geſchieht es, weil ich mich ſelbſt täuſche,“ entgegnete Diana.„Gebt mir Be⸗ weiſe von der Wahrheit, und ich werde nicht nur meinen Irrthum auf der Stelle anerkennen, ſondern ihn auch, ſo viel in meinen Kräften liegt, wieder gut zu machen ſu⸗ en „Nun wohl! Ihr laßt vor Allem die äußeren Feinde vor mir zittern, und das ſind troͤſtliche Worte; doch wen 162 ſchickt man in der That gegen dieſe Feinde? Einen General, der jünger und ohne Zweifel glücklicher iſt, als ich, der aber nur eines Tages dieſes Glück für ſeine eigene Rechnung benützen dürfte.“ „Wo ſeht Ihr, daß es dem Herzog von Guiſe ge⸗ lingen wird?“ fragte Diana mit der geſchickteſten Schmeichelei. „Wenn er unterläge,“ verſetzte heuchleriſch der Conne⸗ table,„wäre es für Frankreich ein gräßliches Unglück, das ich bitter für mein Vaterland beklagen würde; doch ſein Sieg würde vielleicht ein noch viel gräßlicheres Unglück, das ich für meinen Koͤnig befürchten müßte.“ „Glaubt Ihr denn, der Ehrgeiz von Herrn von Guiſe 2 „Ich habe ihn ſondirt, und er iſt tief,“ erwiederte der neidiſche Hofmann.„Habt Ihr bedacht, Diana, was, wenn durch irgend einen Zufall eine Regierungsver⸗ änderung einträte, dieſer Ehrgeiz, unterſtützt durch den Einfluß von Maria Stuart, über einen jungen und uner⸗ fahrenen Koͤnig vermoͤchte? Meine Anhänglichkeit an Eure Intereſſen hat mir die Zuneigung der Koͤnigin Catharina völlig entzogen. Die Guiſen wären mehr Souverains als der Souverain.“ „Ein ſolches Unglück iſt, Gott ſei Dank, ſehr un⸗ wahrſcheinlich und ſehr entfernt,“ erwiederte Diana, die ſich des Gedankens nicht erwehren konnte, ihr Connetable von ſechzig Jahren muthmaße zu leicht den Tod eines Königs von vierzig. 2 „Es gibt gegen uns noch andere, viel näher liegende und beinahe eben ſo furchtbare Chancen,“ ſprach Herr von Montmoreney, mit ernſter Miene den Kopf ſchüttelnd. „Dieſe entgegenſtehenden Chancen, nennt ſie mir, mein Freund.“ „Habt Ihr das Gedächtniß verloren, Diana, oder ſtellt Ihr Euch nur, als wüßtet Ihr nicht, wer mit dem Herzog von Guiſe nach Calais abgegangen iſt, wer ihm —— on rte as, er⸗ en er⸗ 1re na ls n⸗ die ble ies de on ir, er em m 163 allem Anſchein nach den Gedanken dieſes verwegenen Un⸗ ternehmens eingeblaſen hat, wer triumphirend mit ihm, wenn er triumphirt, zurückkehren und ſich vielleicht durch ihn einen Theil der Ehre des Sieges zuſchreiben zu laſſen wiſſen wird?“ „Sprecht Ihr vom Vicomte d'Exmés?“ fragte Diana. „Von wem ſonſt, Madame? Habt Ihr ſein wahn⸗ ſinniges Verſprechen vergeſſen, ſo wird er ſich deſſelben erinnern! Mehr noch, der Zufall iſt ſo ſonderbar! der Vicomte iſt ein Mann, es zu halten und laut das des König zu reclamiren.“ „Unmöglich!“ rief Diana. „Was ſcheint Euch unmöglich, Madame? daß Herr ſein Wort hält? oder daß der König ſein Wort 5 t „Die beiden Alternativen ſind gleich unſinnig und albern, und die zweite noch mehr als die erſte.“ „Wenn jevoch die erſte ſich verwirklichte, ſo müßte die zweite nachfolgen; der König iſt ſchwach in Ehren⸗ fragen; er wäre wohl im Stande, es für eine Sache ritterlicher Rechtſchaffenheit zu halten und ſein Geheimniß und das unſrige in feindliche Hände zu liefern.“ „Ich wiederhole, das iſt ein wahnfinniger Traum!“ rief Diana erbleichend. „Wenn Ihr aber dieſen Traum mit Euren Händen berührtet und mit Euren Augen ſähet, was würdet Ihr thun, Diana?“ „Ich weiß es nicht, mein guter Connetable,“ ſprach Frau von Valentinvis;„man müßte überlegen, ſuchen, handeln. Alles eher, als einen ſolchen äußerſten Schritt des Königs! Verließe uns der Koͤnig, ſo müßten wir ohne ihn handeln, und zum Voraus ſicher, daß er es nicht wagen würde, uns nach dem Ereigniß zu verleugnen, müßten wir uns unſerer eigenen Gewalt, unſeres perſön⸗ lichen Anſehens bedienen.“ ———————————————————————— 164 „Ah! hier erwartete ich Euch!“ ſagte der Conne⸗ table;„unſer eigene Gewalt, unſer perſoͤnliches Anſehen! Sprecht von dem Eurigen, Madame, was das meinige betrifft, ſo iſt es ſo tief geſunken, paß ich es wahrhaftig als todt betrachte. Meine Feinde im Innern, die Ihr vorhin ſo ſehr beklagtet, hätten ſicherlich zu dieſer Stunde ein leichtes Spiel mit mir. Es gibt keinen Edelmann am franzöſiſchen Hof, der nicht mehr Macht beſitzt, als dieſer klägliche Connetable. Seht nur, welche Leere um meine Perſon! das iſt ganz einfach! wem würde es ein⸗ fallen, einer geſunkenen Größe den Hof zu machen? Es iſt alſo ſicherer für Euch, Madame, fortan nicht mehr auf die Unterſtützung eines alten in Ungnade gefallenen Dieners ohne Freunde, ohne Einfluß, ſogar ohne Geld zu rechnen.“ „Ohne Geld?“ wiederholte Diana etwas ungläubig. „Ja wohl, Gottes Oſtern! Madame,“ ſagte zum zweiten Male der Connetable voll Zorn,„und das iſt vielleicht in meinem Alter und nach den Dienſten, wie ich ſie geleiſtet, das Schmerzlichſte! Der letzte Krieg hat mich zu Grund gerichtet; mein Löſegeld und das von einigen meiner Leute haben meine letzten Geldmittel er⸗ ſchöpft. Sie wiſſen es wohl, die Menſchen, die mich ver⸗ laſſen! Ich werde nächſter Tage darauf angewieſen ſein, durch die Straßen zu gehen und Almoſen zu fordern, wie jener rarthagiſche General Beliſar, glaube ich, von dem ich meinen Neffen, den Admiral, habe ſprechen hören.“ „Ei, Connetable, habt Ihr keine Freunde mehr?“ verſetzte Diana, zugleich über die Bildung und die Hab⸗ gier ihres alten Freundes lächelnd. „Nein,“ erwiederte der Connetable,„ich habe keine Freunde mehr, ſage ich Euch.“ Mit dem allerpathetiſchſten Tone fügte er bei: „Die Unglücklichen haben keine Freunde.“ „Ich will Euch das Gegentheil beweiſen,“ erwiederte a.„Ich ſehe nun wohl, woher Eure ungeſtüme Dian — 1e⸗ n ge tig hr nn s n⸗ ⸗ 165 Laune kommt. Doch was ſagtet Ihr mir ſo eben? Es fehlt Euch alſo an Zutrauen zu mir? Das iſt ſchlimm. Gleichviel! ich will mich nur als Freundin rächen. Sagt, hat der König nicht in der vorigen Woche eine neue Steuer erhoben?“ „Ja, meine theure Diana,“ antwortete der Conne⸗ table ſonderbar beſänftigt,„eine ſehr gerechte und ſehr ſchwere Steuer, um die Kriegskoſten zu beſtreiten.“ „Das genügt, und ich will Euch ſogleich zeigen, daß eine Frau die Ungerechtigkeiten des Glücks gegen Leute von Eurem Verdienſte mehr als gut zu machen im Stande iſt. Heinrich ſcheint mir auch ſehr übler Laune zu ſein; gleichviel! ich will ihn auf der Stelle angehen, und Ihr werdet mir wohl ſodann zugeſtehen müſſen, daß ich eine treue Verbündete und eine gute Freundin bin.“ „Ach! Diana, eben ſo gut als ſchön, ich erkläre es laut,“ ſagte Montmorency galanter Weiſe. „Doch Eurerſeits,“ verſetzte Diana,„werdet Ihr mich, wenn ich die Quellen Eures Anſehens und Eurer „Gunſt wieder erneuert habe, in der Noth nicht verlaſſen, mein alter Löwe? Ihr werdet nicht mehr mit Eurer ergebenen Freundin von Eurek Ohnmacht gegen ihre Feinde und die Eurigen ſprechen?“ „Ei, liebe Diana, gehort nicht Alles, was ich bin, und Alles, was ich vermag, Euch,“ entgegnete der Conne⸗ table,„und wenn ich mich zuweilen über den Verluſt meines Einfluſſes betrübe, geſchieht es nicht einzig und allein, weil ich meiner ſchönen Gebieterin minder gut zu dienen befürchte?“ „Gut!“ ſagte Diana mit einem vielverſprechenden Lächeln. Sie legte ihre weiße, königliche Hand auf die barti⸗ gen Lippen ihres ausgedienten Liebhabers, der einen zärt⸗ lichen Kuß darauf drückte, beruhigte ihn durch einen Blick und wandte ſich ohne Verzug gegen den önig. 166 Der Cardinal von Lothringen ſtand immer noch bei Heinrich, betrieb die Angelegenheiten ſeines abweſenden Bruders und beruhigte mit ſeiner ganzen Beredtſamkeit den König über den zu befürchtenden Ausgang der ver⸗ wegenen Erpedition nach Calais. Doch Heinrich hörte mehr auf die Unruhe in ſeinem Innern, als auf den tröſtenden Cardinal. In dieſem Augenblick trat Frau Diana auf ihn zu. „Ich wette,“ ſagte ſie raſch zum Cardinal,„Eure Eminenz ſpricht Schlimmes zum König über den armen Herrn von Montmorency?“ „Oh! Madame,“ entgegnete Carl von Lothringen, betäubt durch dieſen unborhergeſehenen Angriff,„ich darf wohl Seine Majeſtät zum Zeugen nehmen, daß der Name des Herrn Connetable in unſerem Geſpräch nicht genannt worden iſt.“. „Das iſt wahr,“ ſagte nachläſſig der König. „Eine andere Manier, ihm zu ſchaden„ äußerte Diana. „Aber wenn ich über den Connetable weder ſprechen, noch ſchweigen darf, ich bitte, was ſoll ich denn thun Madame?“* „Ihr müßtet über ihn ſprechen, um Gutes von ihm zu ſagen,“ verſetzte Diana. „Es ſei,“ erwiederte der liſtige Cardinal;„in vieſem Fall werde ich alſo ſagen, denn die Befehle der Schönheit haben mich ſtets gehorſam und unterwürfig ge⸗ funden, ich werde ſagen, Herr von Montmoreney ſei ein großer Kriegsmann, er habe die Schlacht am Saint⸗Lau⸗ rent⸗Tage gewonnen und das Glück von Frankreich wieder gehoben, und noch in dieſem Augenblick habe er, um ſein Werk zu vollenden, eine glorreiche Offenſive gegen die Feinde genommen und betreibe ein merkwürdiges Unter⸗ nehmen unter den Mauern von Calais.“ „Calais! Calais! ah! wer wird mir Nachricht von Calais bringen?“ murmelte der Koͤnig, der in dem len als auf Fr ſog des es Ca bei en eit r⸗ re en rf e nt ———————— 167 Wortkrieg zwiſchen dem Miniſter und der Favoritin nur dieſen Namen gehört hatte. „Ihr habt eine bewunderungswürdige und chriſtliche Weiſe, zu loben, Herr Cardinal,“ ſprach Diana,„und ich mache Euch mein Compliment über eine ſo kauſtiſche Nächſtenliebe.“ „Wahrhaftig, Madame,“ erwiederte Carl von Loth⸗ ringen,„ich ſehe nicht, welches andere Lob man für dieſen armen Herrn von Montmorency, wie Ihr ihn ſo eben nann⸗ tet, finden könnte.“ „Ihr ſucht ſchlecht, Meſſire,“ ſagte Diana.„Könnte man nicht zum Beiſpiel dem Eifer Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, mit dem der Connetable in Paris die letzten Vertheidigungsmittel organiſirt und die wenigen Truppen ſammelt, welche Frankreich bleiben, während Andere die wahren Kräfte des Vaterlandes in abenteuerlichen Unter⸗ nehmungen wagen und gefährden?“ „Oh!“ machte der Cardinal. „Ach!“ ſeufzte der König, zu deſſen Geiſt nur ge⸗ langte, was auf ſeine Sorge Bezug hatte. „Könnte man nicht beifügen,“ fuhr Diana fort, „wenn der Zufall die glorreichen Anſtrengungen des Herrn von Montmorench nicht begünſtigt, wenn das Unglück ſich gegen ihn erklärt habe, ſo ſei er wenigſtens frei von al⸗ lem perſönlichem Ehrgeiz und kenne keine andere Sache, als die des Vaterlandes, und dieſer Sache habe er Alles aufgeopfert: ſein Leben, das er zuerſt ausgeſetzt; ſeine Freiheit, die man ihm ſo lange geraubt; ſein Vermögen ſogar, von dem ihm zu dieſer Stunde nichts mehr bleibt?“ „Ah!“ machte Carl von Lothringen mit der Miene des Erſtaunens. „Ja, Eure Eminenz, Herr von Montmorency wißt es wohl, iſt zu Grunde gerichtet.“ „Zu Grunde gerichtet! wahrhaftig?“ verſetzte der Cardinal. „Und zwar ſo ſehr zu Grunde gerichtet,“ fuhr die 168 freche Favoritin fort,„daß ich gerade Seine Ma⸗ jeſtät bitten will, den redlichen Diener in ſeiner Noth zu unterſtützen.“ Und da der König, immer noch in Gedanken ver⸗ ſunken, nicht antwortete, ſagte Diana, indem ſie ſich, um ſeine Aufmerkſamkeit rege zu machen, unmittelbar an ihn wandte. „Ja, Sire, ich beſchwöre Euch ausdrücklich, Eurem treuen Diener, den ſein Löſegeld und die beträchtlichen Koſten eines für den Dienſt Eurer Majeſtät unterhalte⸗ nen Krieges ſeiner letzten Mittel beraubt haben, zu Hülfe zu kommen.. Sire, Ihr hört mich?“ „Madame, entſchulvigt mich,“ erwiederte Heinrich, „meine Aufmerkſamkeit vermöchte heute Abend nicht bei dieſem Gegenſtand zu verweilen. Der Gedanke eines mög⸗ lichen Unglücks in Calais nimmt mich ganz und gar in Anſpruch, wie Ihr wißt.“ „Gerade deshalb,“ ſagte Diana,„gerade deshalb muß Eure Majeſtät, wie mir ſcheint, den Mann begün⸗ ſtigen und ſchonen, der ſich zum Voraus anſtrengt, um die Wirkungen dieſes Unglücks, wenn es auf Frankreich fällt, zu ſchwächen.“ „Aber es fehlt uns eben ſo ſehr an Geld, als dem Connetable,“ entgegnete der König. „Und die neue Steuer, die man erhebt 2“ fragte Diana. „Dieſes Geld iſt zur Bezahlung und zum Unterhalt der Truppen beſtimmt,“ antwortete der Cardinal. „Dann muß der beſte Theil dem Chef der Truppen zukommen.“ „Wohl! dieſer Chef iſt in Calais,“ erwiederte Carl von Lothringen. „Nein, er iſt in Paris, im Louvre,“ ſagte Diana. „Ihr wollt alſo, daß man die Niederlage belohne, Madame?“ 3 „Das iſt immer noch beſſer, als den Wahnſinn zu ermuthigen.“ m je di ih al de A tr „i er⸗ um ihn em hen te⸗ ilfe ich, bei ög⸗ in alb ün⸗ die llt, em na. halt pen ar 8 hne, zu — 169 „Genug!“ unterbrach ſie der König,„ſeht Ihr nicht, daß dieſer Streit mich ermüdet und beleidigt? Kennt Ihr, Madame, kennt Ihr, Herr Cardinal, den Qua⸗ den ich kürzlich in meinem Gebetbuch gefunden habe?“ „Einen Quatrain?“ wiederholten gleichzeitig Diana und Carl von Lothringen. „Wenn ich ein gutes Gedächtniß habe,“ ſagte Hein⸗ rich,„ſo lautet er, wie folgt:“ „Herr, wenn Ihr ſo Euch laßt von Männiglich regierg Wie es Diana thut und wie es Carl begehrt, Euch ſcheren, wenden, ſchmelzen, kneten, führen,— Was ſeid Ihr mehr als Wachs und Herr zu ſein nicht Diana kam nicht im Geringſten aus der Faſſung. „Ein galantes Wortſpiel!“ ſagte ſie,„das mir nur mehr Einfluß, als ich leider über den Geiſt Eurer Ma⸗ jeſtät beſitze, zuſchreibt!“ „Ei! Madame,“ entgegnete der Koͤnig.„Ihr ſolltet dieſen Einfluß, gerade weil Ihr wißt, daß Ihr ihn habt, nicht mißbrauchen.“ „Habe ich ihn wirklich, Sire?“ ſagte Diana mit ihrer weichen Stimme.„Eure Majeſtät bewilligt mir alſo das, was ich für den Connetable verlange?“ „Es ſei!“ ſprach der beläſtigte König.„Doch ich denke, Ihr werdet mich nun meinen ſchmerzlichen Ahnun⸗ gen, meiner Unruhe überlaſſen.“ Vor dieſer Schwäche wußte der Cardinal nur die Augen zum Himmel aufzuſchlagen. Diana warf ihm einen triumphirenden Seitenblick zu. „Ich danke Eurer Majeſtät,“ ſprach ſie zum König, „ich gehorche, indem ich mich entferne; doch verbannt die Unruhe und die Furcht, Sire! der Sieg liebt die Groß⸗ müthigen, und ich glaube, daß Ihr ſiegen werdet.“ Die beiden Dianen. M. 12 170 „Ah! ich nehme das Vorzeichen an, Diana,“ ſprach Heinrich.„Doch mit welchem Entzücken würde ich die Kunde empfangen! Seit einiger Zeit ſchlafe ich nicht mehr, lebe ich nicht mehr. Mein Gott! wie beſchränkt iſt die Macht der Könige! nicht einmal ein Mittel haben, um zu erfahren, was in dieſem Augenblick in Calais vor⸗ geht! Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, Herr Cardinal, das Stillſchweigen Eures Bruders iſt erſchreckend. Ah! Nachrichten von Calais, mein Jeſus, wer wird ſie mir bringen!“ In dieſem Augenblick trat der Huiſſier vom Dienſt in, verbeugte ſich vor dem König und meldete mit lauter Stimme: „Ein Abgeſandter von Herrn von Guiſe, der von Calais kommt, bittet um die Gnade, vor Eure Majeſtät gelaſſen zu werden!“ „Ein Abgeſandter von Calais!“ wiederholte der König, indem er, das Auge glänzend, raſch auſſtand und ſich kaum zu halten vermochte. „Endlich,“ ſagte der Cardinal, ganz zitternd vor Furcht und Freude. „Führt den Boten von Herrn von Guiſe ein, führt ihn auf der Stelle ein,“ rief der Koͤnig. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß alle Geſpräche ver⸗ ſtummt waren, daß jede Bruſt zitterte, daß alle Blicke ſich der Thüre zuwandten. Gabriel trat mitten unter einem Stillſchweigen von Bildſäulen ein. vor ihrt er⸗ icke von 171 XVII. Ver Picomte von Montgommery. Gabriel folgten, wie bei ſeiner Rückfehr von Italien, vier von ſeinen Leuten, Ambroſio, Lactance, Yvonnet und Pilletrouſſe, welche die engliſchen Fahnen trugen, aber anßerhalb der Thürſchwelle ſtehen blieben. Der junge Mann hielt mit ſeinen eigenen Händen auf einem Sammetkiſſen zwei Briefe und die Schlüſſel der Stadt. Bei dieſem Anblick drückte das Geſicht von Hein⸗ rich H. eine ſeltſame Miſchung von Freude und Schre⸗ cken aus. Er glaubte die glückliche Botſchaft zu begreifen, doch der ernſte Bote erſchreckte ihn. „Der Vicomte d'Ermès!“ murmelte er, als er Ga⸗ briel mit langſamen Schritten näher kommen ſah. Und einen Blick der Bangigkeit wechſelnd, ſtammelten auch Frau von Poitiers und der Connetable mit leiſer Stimme: „Der Vicomte d'Ermos!“ Gabriel aber ſetzte ernſt und feierlich ein Knie vor dem König auf die Erde und ſprach: „Sire, hier ſind die Schlüſſel der Stadt Calais, welche die Engländer nach ſiebentägiger Belagerung und nach drei heftigen Stürmen dem Herrn Herzog von Guiſe übergeben haben, und die der Herr Herzog von Guiſe Eurer Majeſtät zu überſenden ſich beeilt.“ „Calais gehört uns?“ fragte noch der König, obgleich er vollkommen gehoͤrt hatte. „Calais gehört Euch, Sire,“ wiederholte Gabriel. „Es lebe der Koͤnig!“ riefen einſtimmig alle Anwe⸗ 172 ſende, mit Ausnahme vielleicht des Connetable von Mont⸗ morency. Heinrich ll., der nur an ſeine zerſtreute Furcht und an den glänzenden Sieg ſeiner Waffen dachte, begrüßte mit ſtrahlendem Antlitz die bewegte Verſammlung. „Ich danke, meine Herren, ich danke!“ ſagte er;„ich empfange im Namen Frankreichs dieſen Zuruf, doch er ſoll nicht an mich allein gerichtet ſein: es iſt billig, daß der beſſere Theil davon dem muthigen Anführer des Unternehmens, meinem edlen Vetter, Herrn von Guiſe, zu⸗ komme.“ Beifallsgemurmel durchlief die Verſammlung. Doch die Zeit war noch nicht gekommen, wo man in An⸗ weſenheit des Königs: Es lebe Herr von Guiſe! zu rufen wagte. Heinrich fuhr fort: „Und in Abweſenheit unſeres theuren Vetters fühlen wir uns glücklich, wenigſtens unſern Dank und unſere Glück⸗ wünſche gegen Euch, der Ihr ihn hier vertretet, Herr Car⸗ dinal von Lothringen, und gegen Euch, der Ihr mit dieſer glorreichen Sendung beauftragt ſeid, Herr Vicomte d'Exmos, aus ſprechen zu koͤnnen.“ „Sire,“ ſagte Gabriel ehrfurchtsvoll, aber kühn, indem er ſich vor dem König verbeugte,„Sire, entſchuldigt mich, ich heiße nun nicht mehr Vicomte d'Ermos.“ „Wie?“„ verſetzte Heinrich Il., ui Stirne faltend. „Sire,“ fuhr Gabriel fort,„ſeit dem Tage der Ein⸗ nahme von Calais glaubte ich mich mit meinem wahren Namen und meinem wahren Titel Vicomte von Mont⸗ gommery nennen zu können.“ Bei dieſem Namen, der ſeit ſo vielen Jahren nicht mehr laut am Hofe ausgeſprochen worden war, fand gleich⸗ ſam ein Ausbruch des Erſtaunens in der Menge ſtatt. Dieſer junge Mann nannte ſich Vicomte von Montgom⸗ ont⸗ und iß te „ich er daß des zu⸗ och An⸗ fen hlen ück⸗ ar⸗ eſer 1ös, dem ich, irne Fin⸗ ren ont⸗ icht ich⸗ att. om⸗ 173 mery: der Graf von Montgommery, ſein Vater, lebte alſo noch ohne Zweifel. Was bedeutete nach dieſem langen Verſchwinden die Rückkehr des alten, einſt ſo berühmten Namens? Der König hörte dieſe gleichſam ſtummen Commen⸗ tare nicht, doch er errieth ſie ohne Zweifel; er war weißer geworden, als ſeine italieniſche Krauſe, und ſeine Lippen zitterten vor Ungeduld und Zorn. Frau von Poitiers bebte auch, und der Connetable erwachte in ſeinem Winkel aus ſeiner düſteren Unbeweglich⸗ keit und ſein Blick entzündete ſich. „Was ſoll das bedeuten, mein Herr?“ ſagte der Koͤnig mit einer Stimme, die er kaum zu mäßigen ver⸗ mochte.„Welchen Namen wagt Ihr anzunehmen? und woher rührt ſo viel Vermeſſenheit?“ „Dieſer Name iſt der meinige, Sire,“ erwiederte Ga⸗ briel voll Ruhe,„und was Eure Majeſtät für Vermeſſen⸗ heit hält, iſt nur Vertrauen.“ Gabriel hatte offenbar mit einem kühnen Schlag den Kampf unwiderruflich beginnen, Alles für Alles wagen und dem König, wie ſich ſelbſt, jedes Zögern und jede Rückkehr verſchließen wollen. Heinrich verſtand ihn auch ſo, doch er fürchtete ſeinen eigenen Zorn, und um wenigſtens den Ausbruch, vor dem er bange hatte, zu verſchieben, ſprach er: „Eure perſonliche Angelegenheit wird ſpäter kommen können, mein Herr; doch in dieſem Augenblick, vergeßt es nicht, ſeid Ihr der Abgeſandte von Herrn von Guiſe, und ſ habt Eure Botſchaft, wie mir ſcheint, noch nicht er⸗ üllt.“ „Das iſt richtig,“ ſagte Gabriel ſich tief verbeugend. „Ich habe Eurer Majeſtät noch die von den Engländern eroberten Fahnen zu überreichen. Hier ſind ſie. Ueberdies hat der Herr Herzog von Guiſe ſelbſt dieſen Brief an den König geſchrieben.“ Er überreichte auf einem Kiſſen den Brief des Ba⸗ „ 174 lafré. Der König nahm ihn, erbrach das Siegel, zerriß den Umſchlag, reichte den Brief dem Cardinal von Lothringen und ſprach: „Euch, Herr Cardinal, kommt die Freude zu, laut dieſen Brief Eurers Bruders zu leſen. Er iſt nicht an den König, ſondern an Frankreich gerichtet.“ We Sire,“ ſagte der Cardinal,„Eure Majeſtät wi „Ich wünſche, Herr Cardinal, daß Ihr dieſe Ehre annehmet, die Euch gebührt.“ Carl von Lothringen verbeugte ſich, empfing ehrfurchts⸗ voll aus den Händen des Königs den Brief und las unter dem tiefſten Stillſchweigen wie folgt: „Sire, „Calais iſt in unſerer Gewalt; wir haben in einer Woche den Engländern wieder abgenommen, was ſie vor zweihundert Jahren ein Jahr der Belagerung koſtete. „Guines und Ham, die zwei letzten Punkte, die ſie noch in Frankreich beſitzen, können ſich nun nicht mehr lange halten, und ich wage es, Gurer Majeſtät zu ver⸗ ſprechen, daß, ehe vierzehn Tage vergehen, unſere Erb⸗ feinde entſchieden aus dem ganzen Koͤnigreiche vertrieben ſein werden. „Ich glaubte großmüthig gegen die Beſiegten ſein zu müſſen. Sie haben uns ihr Geſchütz und ihre Munition übergeben; doch die Capitulation, die ich ihnen bewilligte, verleiht den Einwohnern von Calais, die es wünſchen, das Recht, mit ihrer Habe nach England abzuziehen. Es wäre vielleicht auch gefährlich geweſen, in einer ſo kurz erſt vecupirten Stadt dieſen thätigen Gährungsſtoff der Em⸗ pörung zu laſſen. „Die Zahl unſerer Todten und Verwundeten iſt un⸗ bedeutend, was wir der Geſchwindigkeit zu verdanken haben, mit der der Platz genommen worden iſt. „Es fehlt uns an Zeit und an Muße, Eurer Ma⸗ ts⸗ ter ner e. ſie ehr er⸗ rb⸗ en ein on te, s Es rſt m⸗ n⸗ en, a⸗ 175 jeſtät heute die Einzelnheiten des Weiteren mitzutheilen. Selbſt ſchwer verwundet. 3 Bei dieſer Stelle erbleichte der Cardinal und hielt inne. „Wie! unſer Vetter iſt verwundet?“ rief der Koͤnig, Beſorgniß heuchelnd. „Eure Majeſtät und Seine Eminenz mögen ſich be⸗ ruhigen,“ ſagte Gabriel.„Die Wunde des Herrn Herzogs von Guiſe wird, Gott ſei Dank, keine Folgen haben. Es muß ihm zu dieſer Stunde davon nur eine edle Narbe im Geſicht und der glorreiche Beiname Balafré bleiben.“ Der Cardinal, der einige Zeilen weiter las, hatte ſich ſelbſt überzeugen können, daß Gabriel die Wahrheit ſprach, und wieder beruhigt fuhr er mit folgenden Wor⸗ ten fort: „Selbſt ſchwer verwundet am Tage unſeres Einzugs in Calais, wurde ich durch die raſche Hülfe und durch das bewunderungswürdige Genie eines jungen Wundarztes, Meiſter Ambroiſe Paré, gerettet; doch ich bin noch ſchwach und ſehe mich folglich der Freude beraubt, mich lange mit Eurer Majeſtät zu unterhalten. „Sie kann die übrigen Umſtände von demjenigen er⸗ fahren, der ihr mit dieſem Brief die Schlüſſel der Stadt und die eroberten engliſchen Fahnen bringen wird, und von dem ich, ehe ich ſchließe, mit Eurer Majeſtät ſpre⸗ chen muß. „Denn nicht mir gebührt die ganze Ehre dieſer Stau⸗ nen erregenden Einnahme von Calais. Ich habe nach⸗ allen meinen Kräften mit meinen muthigen Truppen dazu beizutragen geſucht. Doch man verdankt die erſte Idee, die Mittel der Ausführung und das Gelingen ſelbſt dem Ueberbringer dieſes Briefes, dem Vicomte d'Ermès 4 „Es ſcheint, mein Herr,“ unterbrach der König,„es 176 ſcheint, mein Vetter kannte Euch noch nicht unter Eurem neuen Namen.“ „Sire,“ ſprach Gabriel,„ich wollte ihn zum erſten Mal nur in Gegenwart Eurer Majeſtät annehmen.“ Auf ein Zeichen des Königs fuhr der Cardinal fort: „Ich geſtehe in der That, daß ich nicht einmal an dieſen kühnen Streich dachte, als mich der Vicomte d'Exmös im Louvre aufſuchte, mir den erhabenen Plan auseinan⸗ derſetzte, meine Zweifel und meine Bedenklichkeiten zer⸗ ſtreute, und mich endlich zu dieſer unerhörten Waffen⸗ that beſtimmte, welche zur Verherrlichung einer Regierung hinreichen würde. „Doch dies iſt nicht Alles, man konnte nicht leicht⸗ ſinnig eine ſo ernſte Erpedition wagen; der Rath der Erfahrung mußte dem Traume des Muthes Recht geben, Herr d'Ermés lieferte dem Herrn Marſchall Strozzi die Mittel, unter einer Verkleidung in die Mauern von Calais zu gelangen und die Chancen des Angriffs und der Ver⸗ theidigung zu unterſuchen und zu bewahrheiten. Mehr noch, er gab uns einen genauen und ausführlichen Plan von den Wällen und befeſtigten Poſten, ſo daß wir gegen die Mauern von Calais vorrückten, als ob ſeine Wände von Glas geweſen wären.. „Unter den Mauern der Stadt und beim Stürmen, beim Fort von Nieullay, beim alten Schloß, überall that der Vicomte d'Ermés an der Spitze einer kleinen Truppe, die er auf ſeine Koſten angeworben hatte, Wun⸗ der der Tapferkeit. Doch hier war er nur der Zahl der unerſchrockenen Kapitäne gleich, die man meiner Anſicht unmöglich übertreffen kann. Ich werde alſo wenig Nach⸗ druck auf die Zeichen des Muthes legen, die er bei jeder Veranlaſſung gab, um nur bei den Thaten zu verweilen, die ihm eigenthümlich und perſoͤnlich ſind. „So die Einnahme des Fort von Risbank. Gegen die Seite des Meeres frei, konnte dieſer Eingang don — be ter un em ſten rt: nös an⸗ er⸗ en⸗ ing ht⸗ der en, die ais er⸗ ehr an zen on en, all en n⸗ er cht h⸗ er n, 177 Calais furchbaren aus England eintreffenden Hülfstrup⸗ pen Durchzug gewähren. Dann waren wir vernichtet, verloren. Unſer rieſiges Unternehmen ſcheiterte unter dem Gelächter von Europa. Doch durch welche Mittel ſollte man ſich ohne Schiffe eines Thurmes bemächtigen, den der Ocean beſchirmte? Nun! der Vicomte d'Exmes hat dieſes Wunder verrichtet. In der Nacht, auf einer Barke, allein mit ſeinen Freiwilligen, mit Hülfe eines Einver⸗ ſtändniſſes, das er ſich in der Feſtung verſchafft hatte, war er im Stande, durch eine verwegene Schifffahrt, durch eine furchtbare Erkletterung die franzöſiſche Fahne auf dieſem uneinnehmbaren Fort aufzupflanzen„. Trotz der Gegenwart des Königs unterbrach hier ein Gemurmel der Bewunderung, das nichts zu unter⸗ drücken vermochte, die Leſung und entfloß dieſer erhabenen, muthigen Verſammlung als der unwiderſtehliche Aus⸗ druck aller Herzen. Die Haltung von Gabriel, der, die Augen niederge⸗ ſchlagen, ruhig, würdig und beſcheiden, zwei Schritte vom König ſtand, vermehrte noch den Eindruck, den die Er⸗ zählung dieſer ritterlichen That hervorbrachte, und entzückte zngleich die jungen Frauen und die jungen Soldaten. Der König ſelbſt war bewegt und heftete einen ſchon beſänftigten Blick auf den Helden dieſes epiſchen Aben⸗ teuers. Nur Frau von Poitiers biß ſich auf ihre weiße Lippe und Herr von Montmorench zog ſeine dicken Brauen zuſammen. Nach dieſer kurzen Unterbrechung fuhr der Cardinal im Briefe ſeines Bruders fort: „Sobald das Fort von Risbank genommen war, ge⸗ hörte Calais uns, die englichen Schiffe wagten es nicht einmal, einen vergeblichen Angriff zu verſuchen. Drei Tage nachher zogen wir im Triumph in Calais ein; abermals 178 unterſtützt durch eine glückliche Diverſion der Verbündeten des Vicomte d'Ermös am Platze, und durch einen energi⸗ ſchen Ausfall des Vicomte ſelbſt. Bei dieſem letzten Kampfe erhielt ich die furchtbare Wunde, Sire, die mich beinahe das Leben gekoſtet hätte, und wenn es mir erlaubt iſt, eines perſönlichen Dienſtes nach ſo vielen öffentlichen Dienſten zu erwähnen, ſo füge ich abermals bei, daß es der Vicomte d'Ermos war, der mit Gewalt an mein Sterbebett den Wundarzt Ambroiſe Paré brachte, welcher mich rettete„ „Ah! mein Herr, empfangt nun meinen Dank,“ ſagte Carl von Lothringen mit bewegter Stimme, ſich unterbrechend. Dann fuhr er mit einer wärmeren Betonung, al ob ſein Bruder ſelbſt geſprochen hätte, fort: „Sire, gewöhnlich wird die Ehre großer Siege, wie dieſer iſt, nur dem Anführer zuerkannt, unter welchem ſie errungen worden ſind. Ebenſo beſcheiden als groß, würde Herr d'Ermos zuerſt gern ſeinen Namen vor dem meini⸗ gen verſchwinden laſſen. Nichtsdeſtoweniger dünkte es mir gerecht, Eure Majeſtät davon zu unterrichten, daß der junge Mann, der ihr dieſen Brief überbringen wird, wirklich der Kopf und der Arm unſeres Unternehmes geweſen iſt, und daß Calais zur Stunde, wo ich dieſes in Calais ſchreibe, ohne ihn noch England gehören würde. Herr d'Ermos hat mich gebeten, dies, wenn ich wolle, nur dem Konig zu erklären, aber es jeden Falls dem König zu ſagen. Dies thue ich mit lauter Stimme, und mit freudiger Anerkennung. „Es war meine Pflicht, Herrn d'Exmos dieſes ruhm⸗ volle Zeugniß zu geben. Das Uebrige iſt Euer Recht: ein Recht, um vas ich Euch beneide, das ich mir aber weder anmaßen kann noch will. Es gibt kein Geſchenk, durch welches ſich das einer wiedereroberten Gretßſtadt und der geſicherten Integrität eines Reiches bezahlen läßt. 4 der ein Lel ten gi⸗ e te, tes e er iſe 179 „Wie mir Herr d'Ermss ſagt, ſcheint es jedoch, Euere Majeſtät hat einen ſeiner Eroberung würdigen Preis in der Hand. Ich glaube es, Sire. Nur ein Koͤnig, und ein großer König, wie Eure Majeſtät, vermag nach ihrem Werthe dieſe königliche That zu belohnen. „Wonach ich Gott bitte, daß er Euch ein langes Leben und eine glückliche Regierung ſchenken möge. Und ſch bin Eurer Majeſtät unterthänigſter und gehorſamſler Diener Franz von Lothringen.“ Calais, am 8. Januar 1658.“ Als Carl von Lothrtngen bis zu Ende geleſen und den Brief wieder in die Hände des Königs zurückgegeben hatte, offenbarte ſich die Bewegung der Billigung, welche der zurückgehaltene Glückwunſch des ganzen Hofes war, abermals und machte das unter einem Anſchein der Ruhe ſo heftig bewegte Herz von Gabriel beben. Hätte die Achtung der Begeiſterung nicht Stillſchweigen auferlegt, ſo wäre ohne Zweifel der junge Krieger mit der lauten Huldigung eines Beifallsſturmes begrüßt worden. Der König fühlte inſtinktartig dieſen allgemeinen Enthuſiasmus, den er einigermaßen kheilte, und er konnte nicht umhin zu Gabriel, als wäre er der Dolmetſcher des unausgedrückten Wunſches Aller, zu ſagen: „Es iſt gut, mein Herr, es iſt ſchön, was Ihr ge⸗ than habt. Ich wünſche, daß ich, wie mir Herr von Guiſe zu verſtehen gibt, wirklich im Stande ſein möge, Euch eine Eurer und meiner würdige Belohnung zu gewähren.“ „Sire,“ erwiederte Gabriel,„ich trachte nur nach Einem, und Eure Majeſtät weiß, nach was„ n auf eine Bewegung von Heinrich fügte er eiligſt bei: 180 „Doch verzeiht, meine Sendung iſt noch nicht ganz beendigt, Sire.“ „Was gibt es noch?“ fragte der König. „Sire, ich habe einen Brief von Frau von Caſtro an Eure Majeſtät.“ „Von Frau von Caſtro?“ wiederholte der König lebhaft. Mit einer raſchen, unüberlegten Bewegung ſtand er von ſeinem Fauteuil auf, ſtieg die zwei Stufen der könig⸗ lichen Eſtrade hinab, um ſelbſt den Brief von Diana zu nehmen, dämpfte die Stimme und ſprach zu Gabriel: „Es iſt wahr, mein Herr, Ihr gebt nicht nur ſeine Stadt dem König, ſondern auch ſeine Tochter dem Vater zurück. Ich habe eine zweifache Schuld an Euch abzu⸗ tragen!. Doch reicht mir dieſen Brief.“ Und da der Hof, ſtets unbeweglich und ſtumm, ehr⸗ furchtsvoll die Befehle des Königs erwartete, ſprach Heinrich, ſelbſt bedrückt durch dieſes beobachtende Still⸗ ſchweigen, mit lauter Stimme: „Meine Herren, ich will dem Ausdruck Eurer Freude keinen Zwang anthun. Ich habe Euch nichts mehr mit⸗ zutheilen. Das Uebrige iſt eine Sache zwiſchen mir und dem Abgeſandten unſeres Vetters von Guiſe. Ihr habt alſo nur die frohe Kunde zu erläutern und Euch Glück zu wünſchen, und es ſteht Euch frei, dies zu thun, meine Herren.“ Die königliche Erlaubniß wurde raſch angenommen, die plaudernden Gruppen bildeten ſich wieder; und bald hörte man nur noch ein unbeſtimmtes, verworrenes Ge⸗ ſumme, das in der Menge aus dem Geräuſch von hun⸗ dert zerſtreuten Geſprächen entſteht. Frau von Poitiers und der Connetable dachten noch allein daran, den König und Gabriel zu beſpähen. Mit einem beredten Blicke hatten ſie ſich ihre Furcht mitgetheilt, und mit einer unmerklichen Bewegung näherte ſich Diana ihrem königlichen Geliebten. r⸗ ch ⸗ de t⸗ nd bt ick ne n, ld e⸗ n⸗ 18¹ Heinrich bemerkte das neidiſche Paar nicht. Er war ganz und gar von den Briefe ſeiner Tochter in Anſpruch genommen. „Theure Diana!..meine liebe Diana! murmelte er nur gerührt. Und als er zu Ende geleſen hatte, ſprach er hinge⸗ riſſen von ſeiner königlichen Natur, deren erſte und un⸗ willkührliche Bewegung gewiß edel und redlich war, bei⸗ nahe laut zu Gabriel: „Frau von Caſtro empfiehlt mir auch ihren Befreier, und das iſt gerecht! Sie ſagt, Ihr habet ihr nicht nur die Freiheit wieder gegeben, mein Herr, ſondern auch, wie es ſcheint, die Ehre gerettet.“ „Oh! ich habe meine Pflicht gethan, Sire,“ ſagte Gabriel. „Es iſt alſo an mir, die meinige ebenfalls zu thun,“ verſetzte Heinrich raſch.„Sprecht nun, mein Herr. Sagt, was wünſcht Ihr von uns, Herr Vicomte von Mont⸗ gommery?“ XVIII. Freude und Angſt. Herr Vicomte von Montgommery! Bei die⸗ ſem Namen, der von einem König ausgeſprochen ſchon mehr als ein Verſprechen enthielt, bebte Gabriel vor Glück. Heinrich war wirklich im Begriff, zu verzeihen. „Seht, er wird ſchwach!“ ſagte mit leiſer Stimme Frau von Poitiers zum Connetable, der ſich ihr genähert hatte. 182 Warten wir, bis es an uns iſt,“ erwiederte Herr von Intmorench, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen. „Sire,“ ſprach indeſſen, ſeiner Gewohnheit gemaß mehr durch die Hoffnung als durch die Furcht bewegt, Gabriel zum Konig,„Sire, ich brauche Eurer Majeſtät nicht zu wiederholen, welche Gnade ich von ihrer Güte, von ihrer Milde und ein wenig von ihrer Gerechtigkeit zu erwarten wage. Was Eure Maſeſtät von mir verlangte, glaube ich gethan zu haben.. Wird Eure Majeſtät das, was ich mir erbat, huldreichſt thun? Hat ſie ihr Verſprechen vergeſſen oder will ſie es halten?“ „Ja, mein Herr, ich werde es halten unter den ver⸗ abredeten Bedingungen des Stillſchweigens,“ antwortete Heinrich, ohne zu zoögern. „Sire, ich verpfände noch einmal mein Ehrenwort, daß dieſe Bedingungen pünktlich und ſtreng erfüllt werden ſollen,“ ſagte der Vicomte d'Ermes. „Nähert Euch, mein Herr,“ ſprach der König. Gabriel näherte ſich ihm. Der Cardinal von Lothrin⸗ gen trat beſcheiden auf die Seite. Doch Frau Jon Poi⸗ tiers, welche ebenfalls nahe bei Heinrich ſaß, rührte ſich nicht und konnte ohne Zweifel hören, was er ſagte, ob⸗ gleich er die Stimme dämpfte, um mit Gabriel allein zu ſprechen. Dieſe Ueberwachung beugte indeſſen, man muß es zugeſtehen, den Willen des Königs nicht, und dieſer fuhr mit Feſtigkeit fort: „Herr Vicomte von Montgommery, Ihr ſeid ein Tapferer, den ich achte und ehre. Wenn Ihr habt, was Ihr verlangt, und was ſo gut von Euch errungen wor⸗ den iſt, ſind wir ſicherlich noch nicht guitt gegen Euch. Doch nehmt immerhin dieſen Ring. Morgen früh um acht Uhr überreicht ihn dem Gouverneur des Chatelet; er wird bis dahin benachrichtigt ſein und Euch auf der err zu näß egt, ſtät von rten ube vas hen er⸗ tete ort, den in⸗ oi ob⸗ zu es uhr ein vas or⸗ ch. um er der 183 Stelle den Gegenſtand Eures frommen und erhabenen Trachtens äbergeben.“ Gabriel, der vor Freude ſeine Kniee weichen fühlte, hielt ſich nicht mehr zurück, fiel dem König zu Füßen und ſprach, die Bruſt überſtrömt von Freude und die Angen von ſüßen Thränen befeuchtet: „Ah! Sire, der ganze Wille, die ganze Thatkraft, von der ich Beweiſe gegeben zu haben glaube, ſind für den Reſt meines Lebens im Dienſte meiner treuen An⸗ hänglichkeit an Eure Majeſtät, wie ſie, ich geſteht es, im Dienſte meines Haſſes geweſen wären, wenn Ihr; Rein! geſagt hättet.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte der König, gutmüthig lächelnd. „Ja, Sire, ich bekenne es und Ihr müßt mich be⸗ greifen, da Ihr verziehen habt, ja, ich glaube, ich hätte Eure Majeſtät bis in ihren Kindern verfolgt, wie ich Euch in ihnen vertheidigen und lieben werde, Sire. Vor Gott, der früher oder ſpäter den Meineidigen beſtraft, werde ich meinen Treuſchwur bewahren, wie ich meinen Racheſchwur gehalten hätte.“ „Steht auf, mein Herr,“ ſagte der König, immer lächelnd.„Beruhigt Euch und erzählt uns, um Euch zu erholen, ein wenig die näheren Umſtände von der ſo unerwarteten Einnahme von Calais, wovon zu ſprechen oder ſprechen zu hören ich nie müde werden werde.“ Heinrich II. behielt ſo über eine Stunde Gabriel, den er abwechſelnd befragte und anhörte, bei ſich, und ließ ihn hundertmal, ohne müde zu werden, dieſelbe Ein⸗ zelnheit wiederholen. Dann mußte er ihn den Damen abtreten, welche ebenfalls begierig waren, den jungen Helden zu befragen. Und dann wollte ihn der Cardinal von Lothringen, der ziemlich ſchlecht über die Lebensvorgänge von Gabriel unterrichtet war und in ihm nur den Freund und Schütz⸗ 184 u ſeines Bruders ſah, durchaus ſelbſt der Königin vor⸗ ellen. 2 In Gegenwart des ganzen Hofes war Catharina von Medicis wohl gezwungen, demjenigen, welcher dem König einen ſo ſchöͤnen Sieg errungen hatte, Glück zu wünſche Doch ſie that es mit augenſcheinlicher Kälte und ſtark hervortretendem Hochmuth, und der ſtrenge, ver⸗ ächtliche Blick ihres grauen Auges ſtrafte die Worte Lügen, welche ihr Mund wider den Willen ihres Herzens ausſprechen mußte. Während Gabriel eine ehrfurchtsvolle Dankſagung an Catharina richtete, fühlte er ſeine Seele gewiſſermaßen zu Eis durch dieſe lügenhaften Artigkeiten der Königin er⸗ ſtarren, unter denen er, indem er ſich der Vergangenheit erinnerte, eine geheime Ironie und etwas wie eine ver⸗ borgene Drohung zu errathen glaubte. Als er ſich, nachdem er ſich vor Catharina von Medicis verbeugt, umwandte, um wegzugehen, däuchte es ihm, er habe die Urſache der ſchmerzlichen Ahnung, die er empfunden, entdeckt. 4 Seine Blicke waren nach der Seite des Königs ge⸗ fallen, und er ſah in der That mit Schrecken, daß ſich dieſem Diana von Poitiers genähert hatte und leiſe, ihr boshaftes, hoͤhniſches Lächeln auf dem Geſicht, mit ihm ſprach. Je mehr ſich Heinrich II. zu vertheidigen ſchien, deſto hartnäckiger ſchien ſie in ihn zu dringen. Sie rief ſodann den Connetable, der auch längere Zeit ſehr lebhaft mit dem König ſprach. Gabriel ſah dies Alles von ferne. Er verlor nicht eine einzige von den Bewegungen ſeiner Feinde und ſtand ein wahres Märtyrthum aus. Doch in dem Augenblick, wo ſein Herz ſo zerriſſen war, wurde er heiter von der jungen Königin Dauphine, Maria Stuart, angeredet, die ihn mit Complimenten und Fragen überhäufte. vor⸗ v rina dem zu älte ver⸗ orte zens an nzu er⸗ heit ver⸗ von e es die 185 Trotz ſeiner Unruhe antwortete Gabriel ſo gut er konnte. „Das iſt herrlich,“ ſagte Maria voll Begeiſterung zu ihm;„nicht wahr, mein guter Dauphin?“ fügte ſie bei, indem ſie ſich an Franz, ihren jungen Gemahl, wandte, der ſeine Lobſprüche mit denen ſeiner Frau verband. „Was würde man nicht thun, um ſo gütige Worte zu verdienen?“ ſagte Gabriel, deſſen zerſtreute Augen die Gruppe von Heinrich II., Diana und dem Connetable nicht verließen. „Als ich mich zu Euch durch irgend eine Sympathie hingezogen fühlte,“ fuhr Maria Stuart mit ihrer ge⸗ wöhnlichen Holdſeligkeit fort,„verkündigte mir mein Herz ohne Zweifel, Ihr würdet durch dieſe wunderbare Waffen⸗ that zum Ruhme meines theuren Oheims von Guiſe bei⸗ tragen. Ahl ich moͤchte wie der König die Macht haben, Euch ebenfalls zu belohnen. Doch eine Frau hat leider weder Titel noch Ehren zu ihrer Verfügung.“ „Oh! wahrhaftig, ich habe Alles, was ich mir auf der Welt wünſchen konnte!“ ſagte Gabriel.„Der König antwortet nicht mehr, er hört nur,“ dachte er in ſeinem Innern. „Gleichviel!“ verſetzte Maria Stuart,„wenn ich die Macht hätte, würde ich Euch, glaube ich, Wünſche ſchaffen, um ſie erfüllen zu können. Doch für den Au⸗ genblick iſt Alles, was ich habe, dieſer Veilchenſtrauß, den mir der Gärtner der Tournelles ſo eben als etwas nach dem letzten Gefrieren ziemlich Seltenes ſchickte. Nun wohl! Herr d'Ermos, mit der Erlaubniß von Monſeigneur dem Dauphin ſchenke ich Euch dieſe Blumen als ein An⸗ denken an dieſen Tag. Empfangt ſie.“ „Oh! Madame!.. rief Gabriel, ehrfurchtsvoll die Hand küſſend, die ſie ihm bot. „Die Blumen,“ ſprach Maria Stuart träumeriſch, Die beiden Dianen. M. 13 186 „ſind zu gleicher Zeit ein Wohlgeruch für die Freude und ein Troſt für die Traurigkeit. Ich kann eines Tags ſehr traurig ſein, doch ich werde es nie ganz ſein, wenn man mir die Blumen läßt. Wohl verſtanden, Euch Herr dErmès, Euch dem Glücklichen, dem Sieger, biete ich dieſe nur als Wohlgeruch an.“ „Wer weiß?“ ſagte Gabriel, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd,„wer weiß, ob der Sieger und der Glückliche ihrer nicht eher als eines Troſtes bedarf?“ Während er ſo ſprach, waren ſeine Blicke beſtändig auf den König geheftet, der nachzudenken ſchien und vor den immer lebhafteren Vorſtellungen von Frau von Poitiers und dem Connetable den Kopf ſenkte. Gabriel zitterte bei dem Gedanken, die Favoritin habe ſicherlich das Verſprechen des Königs gehört und es müſſe unter ihnen von ihm und ſeinem Vater die Rede ſein. Die junge Königin Dauphine hatte ſich ſanft ſpottend über die Unruhe von Gabriel entfernt. Der Admiral von Coligny gäherte ſich ihm in dieſem Augenblick und drückte ihm ſ⸗ herzlichen Glückwünſche über die glänzende Weiſe aus, wie er in Calais ſeinen Ruf von Saint⸗Quentin nicht nur behauptet, ſondern über⸗ troffen habe. Man hatte den armen jungen Mann nie mehr vom Schickſal begünſtigt, nie beneidenswerther gefunden, als ſeitdem er bis dahin unbekannte Qualen ausſtand. „Ihr ſeid eben ſo viel werth,“ ſagte der Admiral zu ihm,„um Siege zu gewinnen, als um Niederlagen zu ſchwächen. Ich bin ganz ſtolz darauf, daß ich Euer hohes Verdienſt ahnete, und bedaure nur, daß ich nicht an dieſer ſchoͤnen, für Euch ſo glücklichen und für Frankreich ſo glorreichen Waffenthat Theil genommen habe.“ „Es wird ſich wieder eine Gelegenheit finden, Herr Admiral,“ ſprach Gabriel. „Ich bezweifle es ein wenig,“ entgegnete Coligny mit 187 ude einer gewiſſen Traurigkeit.„Gott wolle nur, daß, wenn ags wir uns abermals auf einem Schlachtfelde treffen, dies enn nicht in zwei feindlichen Lagern geſchehe!“ er„Der Himmel behüte mich in der That!“ ſagte Ga⸗ ich vbriel raſch.„Doch was verſteht Ihr unter dieſen Worten, Herr Admiral?“ opf„Man hat im vorigen Monat vier Anhänger der iche Neligion lebendig verbrannt,“ antwortete Coligny;„die Reformirten, welche jeden Tag an Zahl und Macht zu⸗ dig nehmen, werden am Ende dieſer gehäſſigen, ungerechten vor Verfolgungen müde werden. Es kann ſein und ich be⸗ von fürchte es, daß, wenn dies geſchieht, die zwei Parteien, welche Frankreich theilen, ſich in zwei Heere bilden.“ itin„Nun?“ fragte Gabriel. e63„Nun, Herr d'Ermoès, trotz des Spaziergangs, den die wir mit einander nach der Rue Saint⸗Jacques machten, habt Ihr Eure Freiheit behalten und Euch nur zur Ver⸗ end ſchwiegenheit anheiſchig gemacht. Ihr ſcheint mir aber zu wohl und zu ſehr mit Recht in Gunſten zu ſein, um ſem nicht der Armee des Königs gegen die Ketzerei, wie ſche man es nennt, anzugehöre.“ nen„Ich glaube, daß Ihr Euch täuſcht, Herr Admiral,“ er⸗ ſprach Gabriel, deſſen Augen ſich nicht vom König ab⸗ wandten;„ich habe im Gegentheil allen Grund, zu denken, om ich werde bald berechtigt ſein, mit den Unterdrückten gegen als die Unterdrücker zu marſchiren.“ „Wie, was ſoll das bedeuten?“ fragte der Admi⸗ ral ral. Ihr erbleicht, Gabriel, Eure Stimme bebt! was zu habt Ihr denn?“ hes„Nichts! nichts! Herr Admiral. Doch ich muß ſer Euch verlaſſen, auf Wiederſehen, auf baldiges Wieder⸗ ſo ſehen!“* Gabriel hatte von ferne eine dem König entſchlüpfte err BGeberde der Beiſtimmung wahrgenommen, und Herr von Montmorency hatte ſich auf der Stelle, Diana einen Blick mit des Triumphes zuwerfend, entfernt. 188 Nichtsdeſtoweniger war der Empfang einige Mi⸗ nuten nachher geſchloſſen und Gabriel wagke es, als er ſich vor dem König verbeugte, um ſich zu verabſchieden, zu ihm zu ſagen: „Sire, morgen alſo!“ „Morgen, mein Herr,“ antwortete der König. Doch während er dies ſagte, ſchaute Heinrich 1I. Gabriel nicht ins Geſicht; er wandte ſogar die Augen abz er lächelte nicht mehr und Frau von Poitiers lächelte im Gegentheil. Gabriel, den Jedermann vor Hoffnung und Freude ſtrahlen zu ſehen glaubte, zog ſich die Angſt und den Schmerz in ſeinem Innern zurück. Den ganzen Abend irrte er um das Chatelet her. Er faßte ein wenig Muth, als er Herrn von Montmorency nlcht herauskommen ſah. Dann betaſtete er an ſeinen Fingern den königlichen Ring und erinnerte ſich der förmlichen Worte von Hein⸗ rich lI., welche keinen Zweifel zuließen und keine Argliſt verbergen konnten:„Der Gegenſtand Eures frommen und erhabenen Trachtens wird Euch zurückgegeben werden.“ Dennoch kam ihm dieſe Nacht, die Gabriel von dem entſcheidenden Augenblick trennte, länger vor, als ein ganzes Jahr. XIX. Vorſichtsmaßregeln. Was Gabriel während dieſer tödtlichen Stunden dachte, was er fühlte, weiß Gott allein. Denn nach Hauſe zu⸗ Mi⸗ er en, ll. ab; ude den von hen in⸗ liſt en n. ein 189 rückkehrend, wollte er weder ſeinen Dienern noch ſogar ſeiner Amme etwas ſagen, und von vieſem Augenblick begann für ihn das concentrirte, gewiſſermaßen ſtumme Leben, das wortkarge nur der Thätigkeit angehörende Leben, das er ſtrenge ſeitdem fortſetzte, als hätte er in ſeinem Innern das Gelübde des Stillſchweigens abgelegt. Bewegte Hoffnungen, energiſche Entſchließungen, Pläne der Liebe und der Rache, Alles was Gabriel in dieſer Nacht des Erwartens fühlte, träumte und ſich ſelbſt ſchwur, Alles blieb ein Geheimniß zwiſchen dieſer tiefen Seele und dem Herrn. Erſt um acht Uhr konnte er im Chatelet mit dem Ringe des Königs erſcheinen, der alle Thüren nicht nur ihm, ſondern auch ſeinem Vater öffnen ſollte. Bis um ſechs Uhr Morgens blit, Gabriel allein in ſeinem Zimmer, ohne daß er Jeiand empfangen wollte. Um ſechs Uhr ging er, gekleidet und ausgerüſtet, wie für eine lange Reiſe hinab. Er hatte ſchon am Abend vorher von ſeiner Amme alles Geld verlangt, was ſie zu⸗ ſammenbringen konnte. Die Leute ſeines Hauſes drängten ſich um ihn und boten ihm ihre Dienſte an. Die vier Freiwilligen, die er von Calais mitgenommen hatte, ſtellten ſich beſonders zu ſeiner Verfügung. Doch er dankte ihnen herzlich, entließ ſie und behielt nur den Pagen André und ſeine Amme Aloyſe bei ſich. „Meine gute Aloyſe,“ ſagte er zu der letzteren,„ich erwarte hier von Tag zu Tag zwei Gäſte, zwei Freunde von Calais, Jean Peugoy und ſeine Frau Babette. Es iſt möglich, Aloyſe, daß ich nicht hier bin, um ſie zu empfangen. Doch auch in meiner Abweſenheit, beſonders in meiner Abweſenheit nimm ſie auf und behandle ſie, als ob ſie mein Bruder und meine Schweſter wären. Ba⸗ bette kennt Dich dadurch, daß ich hundertmal von Dir geſprochen habe. Sie wird ein kindliches Zutrauen zu 190 Dir haben, habe für ſie, ich beſchwöre Dich bei Deiner Liebe für mich, die Zärtlichkeit und Nachſicht einer Mutter.“ „Ich verſpreche es Euch, gnädiger Herr,“ erwiederte einfach die brave Amme,„und Ihr wißt, daß bei mir dieſes einzige Wort genügt. Seid unbeſorgt über Eure Gäſte; es ſoll ihnen nichts für die Pflege des Leibes und der Seele fehlen.“ „Ich vanke, Aloyſe,“ ſagte Gabriel, indem er ihr die Hand reichte.„Nun zu Euch, André,“ fuhr er fort, ſich an den Pagen wendend, welchen ihm Frau von Caſtro gegeben hatte.„Ich habe gewiſſe letzte Aufträge zu er⸗ theilen, die ich einer ſichern Perſon übergeben will, und Ihr ſeid es, André, der ſie erfüllen wird, Ihr, der Ihr für mich meinen treuen Martin⸗Guerre erſetzt.“ „Ich bin zu Euren Befehlen, gnädiger Herr,“ ſagte André. „Hört wohl,“ ſprach Gabriel:„in einer Stunde ver⸗ laſſe ich dieſes Haus allein. Komme ich bald zurück, ſo habt Ihr nichts zu thun, oder ich werde Euch vielmehr neue Befehle geben. Da es indeſſen möglich iſt, daß ich nicht zurückkomme, daß ich wenigſtens nicht heute, nicht morgen, daß ich lange nicht zurückkomme. A Die Amme brach in Thränen aus und hob die Arme zum Himmel empor. André unterbrach ſeinen Herrn: „Verzeiht, gnädiger Herr, Ihr ſagt, es ſei möglich, daß Ihr lange Zeit nicht mehr zurückkommt.“ „Ja, André.“ „Und ich begleite Euch nicht? Und ich werde Euch vielleicht lange nicht wiederſehen?“ verſetzte André, der bei dieſer Kunde zugleich traurig und verlegen zu ſein ſchien.* „Allerdings, das kann ſein!“ ſprach Gabriel.* „Aber Frau von Caſtro,“ ſagte der Page,„hat mir ——— cS—— ———— ner ner erte mir ure und die ſich ſtro er⸗ und Ihr igte er⸗ ehr ich icht die nen uch der ein mir 191 vor meiner Abreiſe eine Botſchaft, einen Brief anver⸗ traut „Und dieſen Brief habt Ihr mir noch nicht übergeben, André 2“ ſagte Gabriel raſch. „Entſchulvigt mich, gnädiger Herr,“ erwieverte André, „ich ſollte Euch dieſen Brief nur übergeben, wenn ich Euch bei der Rückkehr aus dem Louvre ſehr traurig oder ſehr wüthend ſehen würde.„„Nur dann,““ ſagte Frau Diana, „gebt Herrn d'Ermes dieſen Brief, der eine Kunde und einen Troſt für ihn enthält.““ „Oh! gebt, gebt geſchwinde,“ rief Gabriel.„Rath und Erleichterung können, ich befürchte es, nicht zu ge⸗ eigneterer Zeit für mich kommen.“ André zog aus ſeinem Wamms den ſorgfältig ein⸗ gewickelten Brief und übergab ihn ſeinem neuen Herrn. Gabriel entſiegelte ihn raſch und zog ſich, um ihn zu leſen, in eine Fenſtervertiefung zurück. Der Brief enthielt folgende Worte: „Freund, unter den Bangigkeiten und Träumen der letzten Nacht, welche mich vielleicht für immer von Euch trennen ſoll, iſt der grauſamſte Gedanke, der mein Herz zerriſſen, der: „Es iſt möglich, daß Ihr bei der großen, furchtbaren Pflicht, die Ihr ſo muthig zu erfüllen im Begriff ſeid, mit dem König in Berührung und Confliet gerathet. Es iſt möglich, daß der unvorhergeſehene Ausgang Eures Kampfes Euch nöthigt, ihn zu haſſen, oder Euch antreibt, ihn zu beſtrafen. „Gabriel, ich weiß noch nicht, ob er mein Vater iſt, aber ich weiß, daß er mich bis jetzt wie ſein Kind geliebt hat. Nur die Vorausſicht Eurer Rache allein macht mich in dieſem Augenblick bebenz der Vollzug Eurer Rache würde meinen Tod herbeiführen. „Und dennoch wird mich die Pflicht meiner Geburt vielleicht zwingen, zu denken wie Ihr; vielleicht werde ich 192 auch denjenigen, der mein Vater ſein wird, gegen den⸗ jenigen, der mein Vater geweſen iſt, zu rächen haben;z gräßliche, verzweiflungsvolle Lage! „Doch während der Zweifel und die Finſterniß noch für mich über dieſer furchtbaren Frage ſchweben, während ich noch nicht weiß, auf welche Seite ſich meine Liebe und mein Haß wenden müſſen, Gabriel, beſchwore ich Euch, und wenn Ihr mich geliebt habt, werdet Ihr mir ge⸗ horchen, Gabriel, ehret die Perſon des Königs. „Noch urtheile ich, wenn nicht ohne Erſchütterung, doch wenigſtens ohne Leidenſchaft, und ich fühle, wie mir ſcheint, daß es nicht den Menſchen zukommt, die Men⸗ ſchen zu beſtrafen, ſondern Gott.. „Was alſo auch geſchehen mag, Freund, nehmt nicht aus den Händen Gottes die Strafe, ſelbſt um einen Ver⸗ brecher zu treffen. „Iſt derjenige, welchen ich meinen Vater genannt habe, ſchuldig, ſo iſt er ein Menſch, er kann es ſein, macht Euch nicht zu ſeinem Richter und noch weniger zu ſeinem Henker. Seid unbeſorgt, Alles bezahlt ſich beim Herrn, und der Herr wird Euch ſchrecklicher rächen, als Iyr es ſelbſt thun könntet. Ueberlaßt Eure Rache ohne Furcht ſeiner Gerechtigkeit. „Doch wenn Gott nicht aus Euch das unwillkührliche und gewiſſermaßen unſelige Werkzeug dieſer unbarmher⸗ zigen Gerechtigkeit macht; wenn er ſich Eurer Hand nicht wider Euern Willen bedient; wenn Ihr den Schlag nicht führt, ohne zu ſehen und zu wollen, Gabriel, verurtheilt Euch nicht ſelbſt und vollſtreckt nicht ſelbſt den Spruch. „Thut dies aus Liebe für mich, Freund. Gnade! es iſt die letzte Bitte und der letzte Schrei, den ich an Euch richte. Diana von Caſtrv.“ Gabriet las beſen Brief zweimal; poch während die⸗ ſes zweimaligen Leſens gewahrten André und die Amme 193 den⸗ auf ſeinem bleichen Antlitz kein anderes Zeichen, als das en; eines traurigen Lächelns, das bei ihm beinahe zur Ge⸗ wohnheit geworden war. och Als er den Brief wieder zuſammengelegt und in ſei⸗ end eer Bruſt verborgen hatte, blieb er einen Augenblick, den und Kopf gebeugt, in ein nachdenkenves Stillſchweigen ver⸗ uch, ſunken. ge⸗ Dann erwachte er gleichſam aus dieſem Traume und ſprach laut: ng„Es iſt gut. Was ich Euch zu befehlen habe, be⸗ mir ſteht darum nicht minder, André, und wenn ich, wie ich Euch ſagte, nicht bald hierher zurückkomme, ob Ihr etwas über mich erfahrt oder nicht von mir ſprechen hört, was icht auch geſchehen oder nicht geſchehen mag, behaltet meine er⸗ Worte und hört, was Ihr zu thun habt.“ „Ich höre, gnädiger Herr,“ ſagte André,„und ich nnt werde Euch pünktlich gehorchen; denn ich liebe Euch und in, bin Euch treu ergeben.“ zu„Frau von Caſtro,“ ſprach Gabriel,„wird in eini⸗ eim gen Tagen in Paris ſein. Richtet es ſo ein, daß Ihr ſo als bald als möglich von ihrer Rückkehr in Kenntniß geſetzt hne werdet.“ „Das iſt leicht, gnädiger Herr.“ che„Geht ihr ſogar entgegen, wenn Ihr könnt, und erbergebt ihr ein meinem Auftrage dieſes verſiegelte Päck⸗ icht chen. Nehmt Euch wohl in Acht, daß Ihr es nicht ver⸗ cht liert, André, obgleich es nichts Koſtbares für irgend eilt Jemand enthält, einen Frauenſchleier und nicht mehr. Gleichviel! Ihr werdet ihr ſelbſt dieſen Schleier übergeben de und ihr ſagen..5 an„Was werde ich ihr ſagen, gnädiger Herr?“ fragte André, als er ſah, daß ſein Gebieter zögerte. „Nein, ſagt ihr nichts,“ erwiederte Gabriel,„wenn nicht, ſie ſei frei und ich gebe ihr alle ihre Verſprechen i zurück, ſelbſt das, deſſen Pfand dieſer Schleier iſt.“ me„Iſt das Alles, gnädiger Herr?“ 194 „Es iſt Alles. Wenn man jedoch gar nicht mehr von mir hätte ſprechen hören, André, und wenn Ihr Frau von Caſtro darüber ein wenig in Unruhe ſehen würdet, konnt Ihr beifügen.. Doch wozu? Fügt nichts bet, André; bittet ſie, Euch in ihren Dienſt zu nehmen, wenn Ihr wollt. Wollt Ihr nicht, ſo kommt wieder hierher und erwartet hier meine Rückkehr.“ „Nicht wahr, Ihr werdet ſicherlich zurückkehren, gnä⸗ diger Herr?“ fragte die Amme, Thränen in den Augen. „Ihr ſagtet, man würde vielleicht nicht mehr von Euch ſprechen hören?. „Es wird wohl' das Beſte ſein, gute Amme, wenn man nicht mehr von mir ſprechen hört,“ antwortete Ga⸗ briel.„In dieſem Fall hoffe und erwarte mich.“ „Hoffen! wenn Ihr für Alle und ſelbſt für Eure Amme verſchwunden ſein werdet? Oh! das iſt ſehr ſchwer,“ erwiederte Aloyſe. „Aber wer ſagt Dir, daß ich verſchwinden werde?“ entgegnete Gabriel.„Muß man nicht für Alles vorher⸗ ſehen? Ich meinestheils, obgleich ich meine Vorſichts⸗ maßregeln treffe, hoffe Dich wahrhaftig bald mit dem ganzen Erguſſe meines Herzens zu umarmen! Das iſt das Wahr⸗ ſcheinlichſte; denn die Vorſehung iſt eine zärtliche Wuer für Jeden, der ſie anfleht. Und habe ich nicht damit an⸗ gefangen, daß ich André ſagte, alle meine Aufträge wären wohl unnöthig und als nicht geſchehen zu betrach⸗ ten, in dem gewiſſen Fall, daß ich heute zurück⸗ kehren würde?.. „Oh! Gott ſegne Euch für dieſe guten Worte!“ rief die alte Aloyſe ganz erſchüttert. „Und Ihr habt uns keine andere Befehle zu geben für die Zeit dieſer Abweſenheit, die Gott abkürzen möge?“ „Warte,“ ſprach Gabriel, den plötzlich eine Erinne⸗ rung zu berühren ſchien. Und er ſetzte ſich an einen Tiſch und ſchrieb 6 den if an Coligny: laſſ ode ſtir Eu me ſp „1 un mehr Frau rdet, bei, wenn und gnä⸗ gen. Euch wenn Ga⸗ Eure e2 cher⸗ chts⸗ nzen ahr⸗ utter an⸗ ären ach⸗ rück⸗ rief eben e 2“ nne⸗ gen⸗ 1 195 „Herr Admiral, „Ich werde mich in Eurer Religion unterrichten laſſen und zählt mich von heute an zu den Eurigen. „Mag mich der Glaube, Euer überzeugendes Wort oder irgend ein anverer Beweggrund zum Uebertritt be⸗ ſtimmen, ich weihe darum nicht minder ohne Rückkehr Eurer Sache, der der unterdrückten Religion, mein Herz⸗ mein Leben und mein Schwert. „Euer ergebenſter Gefährte und guter Freund Gabriel von Montgommery.“ „Komme ich nicht zurück, ſo übergebt auch dieſes,“ ſprach Gabriel und reichte André den verſiegelten Brief. „Und nun, meine Freunde, muß ich Euch Lebewohl ſagen und gehen. Die Stunde ſchlägt.“ Eine halbe Stunde nachher klopfte Gabriel wirklich mit zitternder Hand an die Pforte des Chatelet. Gefangener in geheimem Gewahrſam. Herr von Salvoiſon, der Gabriel bei ſeinem erſten Beſuche empfangen hatte, war vor Kurzem geſtorben und der gegenwärtige Gouverneur hieß Herr von Sazerac. Zu dieſem führte man den jungen Mann. Die Angſt preßte mit ihrer eiſernen Hand dem armen Gabriel die Kehle ſo gewaltig zuſammen, daß er kein Wort artikuliren konnte. Doch er überreichte ſtillſchweigend dem Gouverneur den Ring, den ihm der König gegeben hatte. Herr von Sazerat verbeugte ſich ernſt. 196 „Ich erwartete Euch, mein Herr,“ ſprach er zu Ga⸗ briel.„Ich habe vor einer Stunde den Befehl erhalten, der Euch betrifft. Ich muß bei dem Anblick dieſes Rings allein und ohne andere Erklärungen von Euch zu verlan⸗ gen, in Eure Hände den namenloſen Gefangenen über⸗ geben, der ſeit vielen Jahren unter der Nummer 21 im Chatelet eingeſperrt iſt. Iſt es das, mein Herr?“ „Ja, ja,“ antwortete Gabriel, dem die Hoffnung die Si wieder gab.„Und dieſer Befehl, Herr Gouver⸗ neur?. „Ich bin bereit, ihn zu erfüllen.“ „Oh! oh! wahrhaftig?“ rief Gabriel, der vom Scheitel bis zu den Zehen zitterte. „Doch ohne Zweifel„.„ erwiederte Herr von Sazerac in einem Tone, in welchem ein Gleichgültiger eine Nuance von Traurigkeit und Bitterkeit hätte entdecken können. Gabriel aber war zu ſehr erſchüttert und von ſeiner Freude ergriffen. „Ah! es iſt alſo wahr!“ rief er.„Ich träume nicht. Meine Augen ſind offen. Meine tollen Befürchtungen waren nur Träume. Ihr werdet mir den Gefangenen zurückgeben, mein Herr. Oh! Dank, mein Gott! Sire, Dank! Doch laufen wir geſchwinde, ich flehe Euch an, mein Herr.“ Und er machte ein paar Schritte, als wollte er Herrn von Sazerac vorangehen. Doch ſeine Kräfte, ſo geſtählt gegen das Leiden, verließen ihn vor der Freude. Er war gezwungen, einen Augenblick ſtille zu ſtehen. Sein Herz ſchlug ſo raſch und ſo ſtark, daß er erſticken zu müſſen glaubte. Die arme menſchliche Natur vermochte ſo vielen auf einander gehäuften Erſchütterungen nicht zu genügen. Die beinahe unerwartete Verwirklichung ſo ferne lie⸗ gender Hoffnungen, der Zweck eines ganzen Lebens, das Ziel übermenſchlicher Anſtrengungen plötzlich erreicht; die Dankbarkeit gegen dieſen ſo redlichen Koͤnig und den ſo Ga⸗ lten, ings lan⸗ iber⸗ im die er⸗ vom von tiger ecken einer icht. aren ben, Doch errn ählt war Herz iſſen auf lie⸗ das die n ſo 197 gerechten Gott; die kindliche Liebe endlich befriedigt; eine andere noch gluͤhendere Liebe endlich erleuchtet; ſo viele zu gleicher Zeit erregte Gefühle machten die Seele von Gabriel überſtrömen. Doch was ſich aus dieſer unausſprechlichen Unruhe, aus dieſem wahnfinnigen Glück vielleicht am mindeſten ver⸗ worren ausathmete, war gleichſam eine Hymne des Dankes für die Gnade an Heinrich II., von dem ihm dieſe ganze Trunkenheit zukam. Und Gabriel wiederholte in ſeinem erkenntlichen Herzen den Schwur, ſein Leben dieſem rechtſchaffenen König und ſeinen Kindern zu weihen. Wie hatte er nur eine Minute an dieſem großen und vortrefflichen Fürſten zweifeln können? Endlich ſchüttelte Gabriel dieſe Extaſe ab und ſprach zu dem Gouverneur des Chatelet, der mit ihm ſtehen ge⸗ blieben war: „Verzeiht, mein Herr, verzeiht dieſe Schwäche, die mich einen Augenblick wie vernichtet hat. Seht, die Freude iſt zuweilen ſo ſchwer zu tragen!“ „Ohl entſchuldigt Euch nicht, mein Herr, ich be⸗ ſchwöre Euch!“ erwiederte mit einer tiefen Stimme der Gouverneur. Diesmal betroffen durch den Ton, ſchlug Gabriel die Augen zu Herrn von Sazerac auf. Es ließ ſich keine wohlwollendere, offenere, ehrlichere Phyſiognomie finden. Alles bezeichnete bei dieſem Gefäng⸗ niß⸗Gouverneur die Aufrichtigkeit und die Güte. Seltſame Erſcheinung! Das Gefühl, das ſich in die⸗ ſem Augenblick auf dem Antlitz des redlichen Mannes ausprägte, während er die überſtrömende Freude von Gabriel betrachtete, war ein inniges Mitleid. Gabriel gewahrte vieſen ſeltſamen Ausdruck und er⸗ bleichte plötzlich, von einer finſtern Ahnung ergriffen. Doch ſeine Natur war ſo beſchaffen, daß dieſe un⸗ beſtimmte Furcht, unverſehens in ſein Glück eindringend, ſeinem muthigen Geiſte nur die Federkraft zurückgab, und £ 198 ſeine hohe Geſtalt aufrichtend ſprach Gabriel zum Gou⸗ verneur: mein Herr, gehen wir. Ich bin nun bereit und ſtark. Einen Diener voran, der eine Fackel trug, ſtiegen der Vicomte d'Ermos und Herr von Sazerac in die Kerker hinab. Gabriel fand bei jedem Schritt die finſtern Erinne⸗ rungen wieder, er erkannte wieder bei den Biegungen der Gänge und Treppen die düſteren Mauern, die er ſchon geſehen, und er erinnerte ſich der düſteren Eindrücke, welche er hier einſt, ohne es ſich erklären zu können, empfunden hatte. Als man zu der eiſcrnen Thüre des Kerkers gelangte, wo er mit einem ſeltſamen Zuſammenſchnüren des Herzens, den abgezehrten, ſtummen Gefangenen beſucht hatte, zögerte er keine Secunde und blieb kurz ſtehen. „Hier iſt es,“ ſagte er mit gepreßter Bruſt. Doch Herr von Sczerac ſchüttelte traurig den Kopf und erwiederte: „Nein, hier iſt es noch nicht.“ „Wie! hier noch nicht!“ rief Gabriel,„wollt Ihr meiner ſpotten, mein Herr?“ „Oh! mein Herr!“ entgegnete der Gouverneur im Tone ſanften Vorwurfes. Kalter Schweiß befeuchtete die Stirne von Gabriel. „Verzeiht! verzeiht!“ ſagte er.„Doch was bedeuten dieſe Worte? Oh! ſprecht, ſprecht geſchwinde.“ „Seit geſtern Ahend, mein Herr, ich habe den ſchmerz⸗ lichen Auftrag, Euch davon in Kenntniß zu ſetzen, mußte der in dieſem Kerker in geheimem Gewahrſam eingeſchloſ⸗ ſene Gefangene noch ein Stockwerk tiefer hinabgebracht werden.“* ₰ 1 1“ machte Gabriel ganz vetwirtt,„und warum dies?“ „Man hat ihm erklärt, wie Ihr, glaube ich, wißt, mein Herr, wenn er nur mit irgend Jemand zu ſprechen verſt ring wert dern Ker der es d deln men hab der tern furc tige zou⸗ und egen rker ine⸗ gen hon e er tte. gte, ens, erte opf Ihr im riel. uten erz⸗ ßte loſ⸗ acht um ißt, chen 199 verſuchte, wenn er den geringſten Schrei ausſtoße, den ge⸗ ringſten Namen ſtammelte, ſollte er auch aufgefordert werden, ſo würde man ihn auf der Stelle in einen an⸗ dern noch tieferen, noch furchtbareren, noch tödtlicheren Kerker bringen, als der ſeinige.“ „Ich weiß dies,“ murmelte Gabriel ſo leiſe, daß es der Gouverneur nicht hörte. „Schon einmal,“ fuhr Herr von Sazerac fort,„hatte es der Gefangene gewagl, dieſem Befehl entgegenzuhan⸗ deln, und damals warf man ihn in dieſen grauſa⸗ men Kerker hier, wo Ihr ihn, wie es ſcheint, geſehen habt. Man hat mir geſagt, Ihr ſeid zur Zeit von der Verurtheilung zum Stillſchweigen, der er lebendig un⸗ terworfen wurde, unterrichtet worden.“ „In der That, in der That,“ ſagte Gabriel mit einer furchtbaren Ungeduld.„Nun, mein Herr?“ „Nun!“ fuhr Herr von Sazerac mit peinlichem Ausdruck fort,„geſtern Abend, kurz vor dem Schluß der äußeren Thore, erſchien im Chatelet ein Mann, ein mäch⸗ tiger Mann, deſſen Namen ich verſchweigen muß.“ „Gleichviel, ſprecht!“ „Dieſer Mann,“ ſagte der Gouverneur,„befahl, ihn zu dem Numero 21. zu führen. Ich begleitete ihn al⸗ lein. Er ſprach den Gefangenen an, ohne Anfangs eine Antwort zu erhalten, und ich hoffte, der Greis würde ſiegreich aus dieſer Prüfung hervorgehen; denn eine halbe Stunde lang beobachtete er bei allem Drängen und Her⸗ ausfordern ein hartnäckiges Stillſchweigen.“ Gabriel ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſchlug die Augen zum Himmel auf, doch ohne ein Wort zu ſprechen, um die düſtere Erzählung des Gouverneur nicht zu unterbrechen. „unglücklicher Weiſe,“ fuhr dieſer fort,„ſetzte ſich der Gefangene auf ein letztes Wort, das man ihm in's Ohr flüſterte, plötzlich auf, Thränen ſtürzten aus ſeinen ſteinernen Augen, und er ſprach, mein Herr! Man hat 200 mich bevollmächtigt, Euch dies Alles mitzutheilen, damit Ihr eher auf meine Zeugſchaft als Edelmann glaubet, wenn ich beifüge:„„Der Gefangene hat geſprochen!““ Ich gebe Euch leider bei meiner Ehre die Verſicherung, daß ich es ſelbſt gehört habe.“ „Und dann?“ fragte Gabriel mit bebender Stimme. „Und dann,“ ſagte Herr von Sazerac,„wurde ich auf der Stelle aufgefordert, trotz meiner Vorſtellungen und Bitten, die barbariſche Pflicht zu erfüllen, die mir meine Stelle auferlegt, einer höheren Autorität zu gehorchen, welche, wenn ich mich geweigert hätte, ſchnell gelehri⸗ gere Diener gefunden haben würde, und den Gefangenen durch ſeinen ſtummen Wächter in den unter dieſem liegen⸗ den Kerker verſetzen zu laſſen.“ „In den Kerker unter dieſem!“ rief Gabriel.„Ah! laufen wir geſchwinde! denn ich bringe ihm die Befrei⸗ ung.“ Der Gouverneur ſchüttelte traurig den Kopf; doch Gabriel ſah dieſe Geberde nicht; er ſtieß ſchon mit ſei⸗ nen Füßen auf die ſchlüpfrigen, verfallenen Stufen der ſtei⸗ nernen Treppe, welche in den tiefſten Abgrund des finſte⸗ ren Gefängniſſes führte. Herr von Sazerac nahm die Fackel aus den Hän⸗ den des Dieners, den er mit einem Zeichen entließ, drückte ſein Sacktuch auf ſeinen Mund und folgte Gabriel. Bei jedem Schritt, den man hinabſtieg, wurde die Luft kärglicher und erſtickender. Als man die unterſte Stufe der Treppe erreichte, vermochte die keuchende Bruſt kaum zu athmen, und man fühlte, daß die einzigen Geſchoͤpfe, welche ein paar Mi⸗ nuten in dieſer Atmoſphäre des Todes leben könnten, un⸗ reine Thiere wären, die man voll Abſcheu unter ſeinen Füßen zertrat. Doch Gabriel dachte an nichts von Allem dem. Er nahm aus den zitternden Händen des Gouverneur den ver ſch auf ſchi Se unt ble hig vor ſeit unt 201 verroſteten Schlüſſel, den dieſer ihm reichte, öffnete die ſchwere, wurmſtichige Thüre und ſtürzte in den Kerker. Beim Scheine der Fackel konnte man in einer Ecke auf verfaultem Stroh einen Körper ausgeſtreckt ſehen. Gabriel warf ſich auf dieſen Koͤrper, zog an ihm, ſchüttelte ihn und ſchrie: „Mein Vater!“ Herr von Sazerac zitterte vor Schrecken bei dieſem Schrei. Die Arme und der Kopf des Greiſes ſielen träge unter der Bewegung zutück, die ihnen Gabriel verlieh. XXI. Ver Graf von Montgommery. Immer auf den Knieen, erhob Gabriel nur ſeinen bleichen, beſtürzten Kopf und ſchaute mit einem finſter ru⸗ higen Blick umher. Er ſah nur aus, als befragte er ſich, und als überlegte er. Doch dieſe Ruhe erſchütterte und erſchreckte Herrn von Sazerac mehr, als alle Schreie und alles Schluchzen. Dann wie von einem Gedanken berührt, legte er raſch ſeine Hand auf das Herz des Leichnams. Er horchte und ſuchte ein paar Minuten lang. „Nichts!“ ſprach er ſodann mit gleichmäßiger und ſanfter, aber gerade dadurch furchtbarer Stimme; „das Herz ſchlägt nicht mehr, doch die Stelle iſt noch warm. „Welch eine kräftige Natur,“ ſprach leiſe der Gou⸗ verneur;„er hätte noch lange leben können.“ Doch die Augen des Leichnams waren offen geblieben. Die beiden Dianen. M. 14 a0 Gabriel neigte ſich über ihn und ſchloß ihm dieſelben frommer Weiſe. Dann hauchte er einen ehrfurchtsvollen Kuß, den erſten und den letzten, auf dieſe armen erloſche⸗ nen Lider, welche ſo viele bittere Thränen hatten befeuch⸗ ten müſſen. „Mein Herr,“ ſagte Herr von Sazerae, der Gabriel durchaus von dieſer gräßlichen Betrachtung abziehen wollte, „wenn der Todte Euch theuer war. „Ob er mir theuer war, mein Herr,“ unterbrach ihn Gabriel.„Ja, es war mein Vater!“ „Nun, mein Herr, wenn Ihr ihm die letzte Pflicht erweiſen wollt, man hat mir erlaubt, Euch ihn von hier wegbringen zu laſſen.“ „Ah! wahrhaftig!“ verſetzte Gabriel mit derſelben ſchrecklichen Ruhe.„Man iſt ſehr gerecht gegen mich und hält mir pünktlich Wort, ich muß es geſtehen. Wißt, Herr Gouverneur, daß man mir vor Gott geſchworen hatte, mir meinem Vater zurückzugeben. Man gibt ihn mir zurück, hier iſt er. Ich muß anerkennen, daß man ſich keines Wegs anheiſchig gemacht hat, ihn mir lebendig zu⸗ rückzugeben.“ Er brach in ein ſcharfes Gelächter aus. „Auf, Muth gefaßt!“ ſprach Herr von Sazerac; ih Zeit, demjenigen, welchen Ihr beweint, Fahrewohl zu ſagen.“ „Das thue ich, wie Ihr ſeht, mein Herr!“ erwie⸗ derte Gabriel. „Ja, doch ich meine, Ihr müßt Euch nun entfernen, die Luft, die man hier einathmet, iſt nicht geeignet für die Bruſt von Lebendigen und ein längerer Aufenthalt unter dieſen tödtlichen Miasmen könnte gefährlich werden.“ „Der Beweis hievon iſt hier unter unſern Augen,“ ſprach Gabriel und deutete auf den Leichnam. „Vorwärts, kommt, kommt,“ ſagte der Gouverneur, der den jungen Mann unter dem Arm nehmen wollte, um ihn hinauszuziehen. — rac; wohl wie⸗ nen, für thalt en. en,“ leur, 203 „Nun wohl, ja, ich werde Euch folgen,“ erwie⸗ derte Gabriel,„doch habt die Gnade, laßt mich noch eine Minute hier,“ fügte er mit flehendem Tone bei. Herr von Sazerac machte eine Geberde der Einwil⸗ ligung und zog ſich bis zur Thüre zurück, wo die Luft etwas minder mephitiſch und dicht war. Gabriel blieb auf den Knieen bei dem Leichnam und verharrte, den Kopf geſenkt, einige Minuten unbeweglich und ſtumm, betend und träumend. Was ſagte er zu ſeinem todten Vater? fragte er ſeine ein wenig zu früh von dem unſeligen Finger des Toves berührten Lippen nach dem Schlüſſel zu dem Räthſel, den er ſuchte? Schwur er dem heiligen Opfer, es in dieſer Welt zu rächen, bis es Gott in jener rächen würde? Suchte er in den entſtellten Zügen, was dieſer Vater geweſen war, den er zum zweiten Male ſah, und wie ſüß und glücklich ein unter ſeinem Schutze hingebrachtes Leben hätte ſein können? Dachte er endlich an die Vergangen⸗ heit oder an die Zukunft, an die Menſchen oder an den Herrn, an die Gerechtigkeit oder an die Vergeltung? Dieſe düſtere Zwieſprache zwiſchen einem todten Vater und ſeinem Sohn blieb abermals ein Geheimniß zwiſchen Gabriel und Gott. Vier oder fünf Minuten waren vergangen. Der Athem fing ſchon an der Bruſt der zwei Männer zu fehlen, die eine Pflicht der Frömmigkeit und Menſch⸗ lichkeit unter dieſe todtlichen Gewölbe geführt hatte. „Ich flehe Euch ebenfalls an,“ ſagte zu Gabriel der brave Gouverneur,„es iſt die höchſte Zeit, hinaufzugehen.“ „Hier bin ich,“ erwiederte Gabriel,„hier bin ich.“ Er nahm die eiſige Hand ſeines Vaters und küßte ſie; er beugte ſich über ſeine feuchte Stirne und küßte fie. Dies Alles, ohne zu weinen. Er konnte es nicht. „Auf Wiederſehen!“ ſagte er zu ihm,„auf Wie⸗ derſehen!“ 5 204 Dann erhob er ſich, ſtets ruhig und feſt, der Haltung, wenn nicht dem Herzen nach, der Stirne, wenn nicht der Seele nach. Er ſandte ſeinem Vater einen letzten Blick und einen letzten Kuß zu, und folgte Herrn von Sazerac mit lang⸗ ſamem, ernſtem Schritte. Als er in das obere Stockwerk kam, verlangte er die vunkle, kalte Zelle wiederzuſehen, wo der Gefangene ſo viele Jahre und ſo viele ſchmerzliche Gedanken zurückge⸗ laſſen hatte, und wo er, Gabriel, ſchon einmal eingetreten war, ohne ſeinen Vater zu umarmen. Er brachte hier einige Minuten ſtummen Nachſinnens und troſtloſer Schaugierde zu. Als er mit dem Gouverneur wieder zum Tag und zum Leben hinaufſtieg, ſchauerte Herr von Sazerac, der ihn in ſein Zimmer führte, da er ihn beim Licht be⸗ trachtete. Doch er wagte es nicht, dem jungen Mann zu ſagen, daß weiße Büſchel nun ſtellenweiſe ſeine kaſtanienbraunen Haare verſilberten. einer Pauſe ſagte er nur mit bewegter Stimme zu ihm: „Vermag ich nun irgend etwas für Euch zu thun, mein Herr? Verlangt, und ich werde glücklich ſein, Euch Alles zu bewilligen, was mir meine Pflicht nicht verbietet.“ 2 „Mein Herr, Ihr habt mir geſagt, man erlaube mir, dem Todten die letzte Ehre zu erweiſen. Dieſen Abend wer⸗ den von mir abgeſchickte Männer kommen, und wenn Ihr die Güte haben wollt, den Körper vorher ſchon in einen Sarg legen zu laſſen und ihnen zu erlauben, daß ſie dieſen Sarg wegtragen, ſo werden ſie den Gefangenen in der Gruft ſeiner Familie beſtatten.“ „Dies genügt, mein Herr,“ erwiederte Herr von Sazerac;„doch ich muß Euch bemerken, daß man bei dieſer Erlaubniß eine Bedingung geſtellt hat.“ ng, der nen ng⸗ die ſo ge⸗ ten ind der be⸗ en, nen un, ein, icht nir, er⸗ die arg ſen der von bei 205 „Welche?“ fragte Gabriel kalt. „Die, daß Ihr einem geleiſteten Verſprechen gemäß bei dieſer Gelegenheit kein Aergerniß veranlaſſen werdet.“ „Ich werde dieſes Verſprechen auch halten,“ ant⸗ wortete Gabriel.„Die Männer werden in der Nacht kommen und, ohne ſelbſt zu wiſſen, um was es ſich han⸗ delt, nur den Leichnam in die Rue des Jardins⸗Saint⸗ Paul, in die Gruft der Grafen von„ „Verzeiht!“ unterbrach ihn raſch der Gouverneur des Chatelet,„ich wußte den Namen des Gefangenen nicht und will und darf ihn nicht wiſſen. Ich bin durch meine Pflicht und durch mein Wort genöthigt geweſen, über viele Pankte zu ſchweigen; Ihr ſeid alſo zu nicht weniger Zurückhaltung gegen mich verbunden.“ „Ich habe nichts zu verbergen,“ entgegnete Gabriel mit ſtolzen Tone.„Nur die Schuldigen verbergen ſich.“ „Und Ihr gehört nur zur Zahl der Unglücklichen,“ 62„ Gonverneur.„Sprecht, iſt das nicht viel mehr werth?“ „Uebrigens,“ fuhr Gabriel fort,„übrigens habe ich das, was Ihr mir verſchwiegen, errathen, und ich könnte es Euch ſogar ſelbſt ſagen. Hört zum Beiſpiel, der mächtige Mann, der geſtern Abend hierher kam und den Grefangenen ſprechen wollte, um ihn ſprechen zu machen, nun ich weiß ungefähr durch welches Zaubermittel er ihn ſein Stillſchweigen zu brechen veranlaßt. dieſes Still⸗ ſchweigen, von dem der Reſt des Lebens abhing, den er bis dahin ſeinen Henkern ſtreitig gemacht hatte.“ „Wie! Ihr wüßtet?...“ ſagte Herr von Sazerac erſtaunt. „Ganz gewiß,“ erwiederte Gabriel;„der mächtige Mann ſagte zu dem Greiſe:„Euer Sohn lebt 1““ Oder: „„Euer Sohn hat ſich mit Ruhm bedeckt!““ Oder auch: „„Euer Sohn wird kommen und Euch befreien!““ Kurz der Schändliche ſprach ihm von ſeinem Sohn!“ 206 Es entſchlüpfte dem Gouverneur eine Bewegung des Erſtaunens. „Und bei dieſem Sohnesnamen,“ fuhr Gabriel fort, „vermochte der unglückliche Vater, der bis dahin vor ſeinem tödtlichſten Feinde an ſich zu halten gewußt hatte, einen Aushruch der Freude nicht zu bewältigen und ſtumm für den Haß, rief er für die Liebe:„„Sprecht, iſt das wahr, mein Herr?““ Der Gouverneur neigte das Haupt, ohne zu ant⸗ worten. „Es iſt wahr, da Ihr es nicht leugnet,“ ſagte Ga⸗ briel.„Ihr ſeht wohl, daß es unnöthig war, mir ver⸗ bergen zu wollen, was der mächtige Mann zu dem armen Gefangenen ſprach! Und was den Namen dieſes Mannes betrifft, ſo mochtet Ihr ihn immerhin mit Stillſchweigen übergehen ſoll ich ihn Euch nennen?“ „Herr! Herr!“ rief Herr von Sazerar,„es iſt wahr, * allein, doch nehmt Euch in Acht! befürchtet Ihr nicht?„ „Ich ſagte Euch,“ entgegnete Gobriel,„ich habe nichts zu fürchten! Dieſer Mann heißt alſo der Herr Con⸗ netable Herzog von Montmorench! Der Henker iſt nicht immer verlarvt.“ „Oh! mein Herr!“ unterbrach ihn der Gouverneur, indem er voll Schrecken umherblickte. „Was den Namen des Gefangenen betrifft,“ fuhr Gabriel ruhig fort,„was meinen Namen betrifft, ſo wißt Ihr beide nicht. Doch nichts ſteht dem entgegen, daß ich ſie Euch nenne. Ueberdies konntet Ihr mir ſchon begegnen und Ihr werdet mir noch im Leben begegnen können. Dann ſeid Ihr wohlwollend gegen mich in dieſen äußerſten Augen⸗ blicken geweſen, und wenn Ihr mich nennen hören werdet, was vielleicht in einigen Monaten geſchieht, ſo iſt es gut, daß Ihr wißt, der Mann, von dem man ſpricht, ſei Euch von heute an verbunden.“ „Und ich werde glücklich ſein, zu erfahren, daß das 207 es Schickſal nicht immer ſo grauſam gegen Euch geweſen iſt,“ ſprach Herr von Sazerac. rt,„Oh! für mich iſt nicht mehr von dieſen Dingen die or Rede,“ ſagte Gabriel mit ernſtem Tone.„Doch erfahrt te, in jedem Fall meinen Namen: ich heiße, ſeitdem mein m Vater heute Nacht in dieſem Kerker geſtorben iſt, Graf as von Montgommery.“ Wie verſteinert, fand der Gouverneur des Chatelet t⸗ kein Wort zu erwiedern. „Hienach lebt wohl, mein Herr,“ ſprach Gabriel. a⸗„Lebet wohl und meinen Dank. Gott beſchütze Euch!“ r⸗ Er verbeugte ſich vor Herrn von Sazerac und ver⸗ en ließ das Chatelet mit feſtem Schritte. es Doch als die freie Luft und der helle Tag auf ihn en einbrachen, blieb er einen Augenblick geblendet, wankend ſtehen. Das Leben ſetzte ihn gewiſſermaßen beim Ausgang r, aus dieſer Hölle in Erſtaunen. hr Da jedoch die Vorübergehenden ihn voll Verwun⸗ derung zu betrachten anfingen, ſo raffte er ſeine Kräfte be zuſammen und entfernte ſich von dem unſeligen Platz. n⸗ Zuerſt wandte er ſich nach einem öden Orte der ht Greve. Er zog ſeine Schreibtafel und ſchrieb Folgendes an ſeine Amme: r, N „Meine gute Aloyſe, hr„Erwarte mich nicht, ich werde heute nicht zurück⸗ ßt ehren. Es iſt für mich Bedürfniß, einige Zeit allein zu ch ſein, zu gehen, zu denken, zu warten. Doch ſei unbeſorgt über mich: ich werde ſicherlich zu Dir zurückkehren. en nn„Richte es dieſen Abend ſo ein, daß ſich Jedermann n frühzeitig im Hauſe niederlegt. Du allein wirſt wachen und vier Männern öffnen, die etwas ſpät am Abend, zur 1 Stunde, wo die Straße verlaſſen iſt, an die große Pforte ſe klopfen. „Du führſt ſelbſt dieſe vier Männer, welche mit as 208 einer traurigen und relbaren Bürde beladen ſind, in die Familiengruft. „Du zeigſt ihnen das offene Grab, in das ſie den⸗ jenigen, welchen ſie bringen, zu legen haben. Du wachſt frommer Weiſe über dieſer Beſtattung. Haben ſie dieſelbe beendigt, ſo gibſt Du jedem von dieſen Männern vier Gold⸗ thaler. Du führſt ſie ſodann geräuſchlos zurück und kommſt wieder zu dem Grab, um daran niederzuknieen und für Deinen Herrn und für ſeinen Vater zu beten.“ „Ich werde auch zu derfelben Stunde beten, doch fern von dort. Es muß ſein. ühle, daß der Anblick dieſes Grabes mich zu unugen diiten⸗ äußerſten Schritten antreiben würde, und ich bedarßes viel mehr, von der Einſamkeit und von Gott Rath zu verlangen.“ „Auf Wiederſehen, meine gute Aloyſe, auf Wieder⸗ ſehen. Mahne André an das, was Frau von Caſtro be⸗ trifft, und erinnere Dich deſſen, was meine Gäſte Jean und Babette Peugoy betrifft. Auf Wiederſehen und Gott behüte Dich.“ Gabriel von M.“ Sobald dieſer Brief geſchrieben war, ſuchte und ſi Gabriel vier Männer aus dem Volk, vier Ar⸗ beiter. Er gab zum Voraus jedem von ihnen vier Gold⸗ thaler und verſprach ihnen eben ſo viel nachher. Um dieſe Summe zu gewinnen, mußte einer von ihnen vor Allem auf der Stelle einen Brief an ſeine Adreſſe tragen. Dann hatten ſich alle Vier nur an demſelben Abend etwas vor zehn Uhr im Chatelet einzufinden, aus den Händen des Gouverneur, Herrn von Sczerac, einen Sarg in Empfang zu nehmen und dieſen Sarg insgeheim und in der Stille nach der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul in das Hotel zu bringen, an das der Brief adreſſirt war. Die armen Arbeiter dankten Gabriel mit vielen Wor⸗ ten und verſprachen ihm, als ſie ihn ganz freudig über nd r⸗ d⸗ eſe m nn or es ng lle zu r⸗ er 209 die Spende verließen, gewiſſenhaft ſeine Befehle zu voll⸗ iehen. 6„Nun, das macht wenigſtens vier Glückliche!“ ſprach Gabriel mit einer traurigen Freude, wenn man ſo ſagen darf, zu ſich ſelbſt. uſ„Er verfolgte ſodann ſeinen Weg, um Paris zu ver⸗ aſſen. Dieſer Weg führte ihn vor den Louvre. In ſeinen Mantel gehüllt und die Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt, blieb er einige Minuten ſtehen, um das koͤnigliche Schloß zu betrachten. „Nun iſt es an uns Beiden!“ murmelte er mit einem Blick der Herausforderung. Er ſetzte ſich wieder in Marſch, und während er ging, wiederholte er ſich in ſeinem Gedächtniß das Horoskop, das Meiſter Noſtradamus für den Grafen von Montgom⸗ mery geſchrieben, und das nach des Meiſters Ausſage durch ein ſeltſames Zuſammentreffen ſich nach den Geſetzen der Aſtrologie als genau auf ſeinen Sohn paſſend er⸗ funden hatte: „Bei Spiel, bei Liebe wird er berühren Des Königs Stirne, Mit Wunden ſchlagen und Hörner ſetzen Des Königs Stirne; Es wird ihn lieben, ſein müde! tödten Des Konigs Dame.“ Gabriel dachte, dieſe ſeltſame Weiſſagung ſei in allen Punkten für ſeinen Vater in Erfüllung gegangen. In der That, der Graf von Montgommery, der noch jung bei einem Spiele König Franz l. mit einem Feuerbrand getroffen hatte, war ſodann der Nebenbuhler von Koͤnig Heinrich und am vorhergehenden Tage durch dieſelbe Dame des Königs, die er geliebt, getödtet worden. Bis jetzt war auch er, Gabriel, von einer Königin, von Catharina von Medicis, geliebt worden. 2¹⁰ Würde er ſein Geſchick bis zum Ende verfolgen? Sollte ihn die Rache oder das Schickſal eben ſo den König beſiegen und im Kampfſpiel treffen laſſen? Geſchah dies, ſo war es Gabriel ſodann gleich⸗ gültig, ob ihn die Dame des Königs, die ihn geliebt, früher oder ſpäter tödtete. ¹ XXII. Ver irrende Ritter. Längſt an das Warten, an die Einſamkeit und an den Schmerz gewöhnt, brachte die arme Aloyſe noch zwei oder drei ewige Stunden am Fenſter ſitzend zu und ſchaute, ob ſie ihren vielgeliebten jungen Herrn nicht zurückkommen ſehen würde.„ Als der Arbeiter, den Gabriel mit ſeinem Briefe be⸗ auftragt hatte, an die Thüre klopfte, öffnete Aloyſe haſtig. Endlich kam Nachricht! Eine furchtbare Nachricht! ſchon bei den erſten Zei⸗ len fühlte Aloyſe einen Schleier ſich über ihrem Geſicht ausbreiten, und um ihre Erſchütterung zu verbergen, mußte ſie raſch auf ihr Zimmer gehen, wo ſie nicht ohne Mühe den unſeligen Brief mit thränenvollen Augen las. Da es jedoch eine ſtarke Natur und eine muthige Seele war, faßte ſie ſich wieder, trocknete ihre Thränen ab, ging hinaus und ſagte zu dem Boten: „Es iſt gut. Dieſen Abend! ich werde Euch mit Euren Kameraden erwarten.“ Der Page André befragte ſie voll Angſt. Doch ſie ſie zun rã 211 7 verſchob jede Antwort auf den andern Tag. Bis dahin ig hatte ſie genug zu denken, genug zu thun. Als der Abend gekommen war, ſchickte ſie die Leute h⸗ des Hauſes frühzeitig zu Bett. t⸗„Der Herr wird ſicherlich heute Nacht nicht nach Hauſe kommen,“ ſagte ſie zu ihnen. Doch als ſie allein war, dachte ſie: „Doch! der Herr wird nach Hauſe kommen. Aber ach! es wird nicht der junge ſein, ſondern der alte. Denn welchen Leichnam würde man mir in die Gruft der Gra⸗ fen von Montgommery legen zu laſſen befehlen, wenn nicht den des Grafen von Montgommery? Oh! mein edler Herr! Ihr, für den mein armer Perrot geſtorben iſt, Ihr ſeid alſo mit dieſem treuen Diener wiederver⸗ einigt! Doch habt Ihr denn Euer Geheimniß in das Grab mitgenommen? O Geheimniſſe! Geheimniſſe! Ueber⸗ all Geheimniß und Schrecken! Gleichviel! ohne zu wiſſen, n ohne zu begreifen, leider ohne zu hoffen, werde ich ge⸗ ei horchen, das iſt meine Pflicht, mein Gott! und ich werde , es thun.“ en Die ſchmerzliche Träumerei von Aloyſe endigte ſich in einem glühenden Gebet. Das iſt die Gewohnheit der e⸗ menſchlichen Seele: wird ihr das Gewicht des Lebens zu g. ſchwer, ſo flüchtet ſie ſich in den Schooß Gottes. Gegen eilf Uhr waren damals die Straßen völlig i⸗ öͤde und verlaſſen; ein dumpfer Schlag erſcholl an der ht großen Pforte. n, Aloyſe bebte und erbleichte; doch ſie raffte ihren ne ganzen Muth zuſammen, ging, eine Kerze in der Hand, s. hinab, und öffnete den mit der traurigen Bürde beladenen ge Menſchen. en Mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung empfing ſie den Herrn, der ſo nach langer Abweſenheit nach Hauſe it zurückkehrte. Dann ſprach ſie zu den Trägern: Folgt mir und macht ſo wenig als moglich Ge⸗ ſie räuſch. Ich werde Euch den Weg zeigen.“ 212 Und ſie ging ihnen mit ihrem Licht voran und führte ſie in das Grabgewölbe. Hier angelangt legten die Männer den Sarg in eines von den offenen Gräbern und ſetzten den Deckel von Fe ſchwarzem Marmor darauf; die armen Menſchen, die das ih Leiden dem Tode gegenüber religiös gemacht hatte, we nahmen ſodann ihre Mützen ab, knieten nieder und ver⸗ richteten ein kurzes Gebet für die Seele des unbekannten Todten. Als ſie wieder aufſtanden, führte ſie die Amme ſtill⸗ ſchweigend zurück und drückte auf der Thürſchwelle einem derſelben die von Gabriel zugeſagte Summe in die Hand. ie Sie entfernten ſich wie ſtumme Schatten, ohne ein ein⸗ er ziges Wort geſprochen zu haben. Aloyſe ſtieg wieder in die Gruft hinab und brachte den Reſt der Nacht auf den Knieen betend und weinend zu. S Am andern Morgen fand ſie André mit bleicher, aber ruhiger Stirne, und ſie begnügte ſich, zu ihm mit ernſtem Tone zu ſagen: „Mein Kind, wir dürfen immerhin hoffen, doch wir dürfen den Herrn Vicomte d'Ermes nicht mehr erwarten.„ Seid alſo darauf bedacht, die Aufträge zu vollziehen, die ſp er Euch anvertraut hat, falls ex nicht ſogleich zurück⸗ Ur kommen würde.“. „Es ſei,“ ſprach traurig der Page.„Ich gedenke m heute aufzubrechen, um Frau von Caſtro entgegen⸗ ſa zugehen.“ in „Im Namen des abweſenden Herrn danke ich Euch ſei für dieſen Eifer, André,“ erwiederte Aloyſe. vie Der Jüngling that, was er ſagte, und brach ſchon tu an demſelben Tag auf. ru Er erkundigte ſich den ganzen Weg entlang nach der edlen Reiſenden; doch er fand ſie erſt in Amiens. Al Diana von Caſtro war kurz zuvor mit dem Geleite, ſel das der Herzog von Guiſe der Tochter von Heinrich II. gegeben hatte, in dieſer Stadt angekommen und abgeſtie⸗ rte nes on as te, er⸗ ten ll⸗ em nd. in⸗ hte zu. er, nit ir n. die ck⸗ ke n⸗ 213 gen, um einige Stunden bei Herrn von Thuré, dem Gouverneur des Platzes, auszuruhen. 5 Sobald Diana den Pagen erblickte, wechſelte ſie die Farbe; doch ſich bemeiſternd hieß ſie ihn durch ein Zeichen ihr in das anſtoßende Zimmer folgen, und als ſie allein war, fragte ſie ihn: „Nun, was bringt Ihr mir, André?“ „Nichts als dieſes, Madame,“ erwiederte der Page und übergab ihr den eingewickelten Schleier. „Ach! es iſt nicht der Ring!“ rief Diana. 5 Das war Alles, was ſie zuerſt ſah, und dann faßte ſie ſich ein wenig und befragte André, von der Neugierde ergriffen, welche bewirkt, daß die Unglücklichen ihrem Schmerz bis auf den Grund gehen wollen. „Hat Euch Herr d'Ermés nicht außerdem mit etwas Schriftlichem für mich beauftragt?“ „Nein, gnädige Frau.“ „Ihr habt mir wenigſtens eine mündliche Botſchaft zu überbringen?“ „Ach!“ antwortete der Page den Kopf ſchüttelnd, „Herr d'Ermes ſagte nur, er gebe Euch alle Eure Ver⸗ ſprechen zurück, gnädigſte Frau, ſelbſt dasjenige, deſſen Unterpfand der Schleier ſei; mehr fügte er nicht bei.“ „Unter welchen Umſtänden ſchickte er Euch jedoch an mich ab? Hat er meinen Brief von Euch erhalten? Was ſagte er, nachdem er ihn geleſen hatte? Was ſagte er, indem er Euch dieſes einhändigte? Sprecht, André. Ihr ſeid treu und ergeben, das Intereſſe meines Lebens liegt vielleicht in Euern Antworten, und die geringſte Andeu⸗ tung wird mich in dieſer Finſterniß zu führen und zu be⸗ ruhigen vermögen.“ „Gnädige Frau,“ erwiederte André,„ich will Euch Alles mittheilen, was ich weiß. Doch was ich weiß, iſt ſehr wenig.“ „Oh! ſprecht! ſprecht immerhin,“ rief Frau von Caſtro. André erzählte ſodann, ohne etwas wegzulaſſen, denn 2¹4 es war ihm von Gabriel keine Geheimhaltung geboten worden, Alles, was ſein Gebieter, ehe er abging, Aloyſe und ihm in der Vorausſicht, ſeine Abweſenheit könnte ſich verlängern, empfohlen hatte; er ſprach von dem Zögern und dem Bangen des jungen Mannes; nach dem Leſen des Briefes von Diana habe Gabriel zuerſt reden zu wollen geſchienen, dann aber habe er geſchwiegen und es ſeien ihm nur einige unklare Worte entſchlüpft. Seinem Verſprechen gemäß vergaß André nichts, nicht eine Ge⸗ berde, nicht ein halbes Wort, doch er war, wie er es ſo⸗ gleich geſagt, kaum unterrichtet, und ſeine Erzählung ver⸗ mehrte nur die Zweifel und die Ungewißheit von Diana. Sie ſchaute traurig dieſen ſchwarzen Schleier, den einzigen Boten und das wahre Symbol ihres Schickſals an, und ſchien ihn zu befragen und Rath von ihm zu verlangen. e denkbar,“ ſagte ſie zu ſich „Es ſind nur zwei Fäl ſelbſt;„entweder weiß Gabriel, daß er mein Bruder iſt, oder er hat jede Hoffnung und jedes Mittel, eines Tags das unſelige Geheimniß zu ergründen, verloren. Ich habe nur zwiſchen zwei Uebeln zu wählen. Ja, die Sache iſt gewiß und es bleibt mir keine Illuſion mehr. Doch hätte mir Gabriel nicht dieſe grauſamen Zweideutigkeiten erſparen ſollen? Er gibt mir mein Wort zurück; warum? Warum vertraut er mir nicht, was aus ihm werden ſoll und was er ſelbſt thun will? Ahl! dieſes Stillſchweigen erſchreckt mich mehr, als jeder Zorn und jede Drohung!“ Diana berathſchlagte mit ſich, ob ſie ihre erſte Ab⸗ ſicht verfolgen und, diesmal, um nicht mehr daraus weg⸗ zugehen, in irgend ein Kloſter in Paris oder der Provinz treten ſollte, oder ob es nicht vielmehr ihre Pflicht wäre, an den Hof zurückzukehren, um hier Gabriel wiederzu⸗ ſehen, ihm die Wahrheit über die Ereigniſſe der Vergan⸗ genheit und über ſeine Pläne für die Zukunft zu ent⸗ reißen und bei jeder Veranlaſſung über dem vielleicht be⸗ drohten Leben des Königs, ihres Vaters, zu wachen. oten oyſe ſich ern eſen es nem Ge⸗ ſo⸗ ver⸗ mna. den ſals zu i iſt, ag6 Ich che och iten m?2 ſoll gen 1“ Ab⸗ e inz äre, zu⸗ an⸗ ent⸗ be⸗ 2¹⁵ Ihres Vaters? war denn Heinrich II. ihr Vater? war ſie denn nicht gerade eine gottloſe und ſtrafbare Tochter, wenn ſie die Rache hemmte, welche den Kni treffen ſollte? Eine martervolle Lage!. Doch Diana war eine Frau, und eine zarte. müthige Frau. Sie ſagte ſich, wie es auch gehen möge, könne man den Zorn bereuen, nie aber die Vergeltung, und hingezogen von ihrer natürlichen Gutmüthigkeit, ent⸗ ſchloß ſie ſich, nach Paris zurückzukehren und bis zu dem Tag, wo ſie beruhigende Nachrichten von Gabriel und ſeinen Plänen hätte, wie eine Schutzwehr beim König zu bleiben. Wer könnte wiſſen, ob Gabriel nicht ſelbſt ihrer Vermittlung bedürfen würde? Wenn ſie diejenigen ge⸗ rettet hätte, welche ſie Beide liebte, wäre es immer noch Zeit, ſich in den Schooß Gottes zu flüchten. Als dieſer Entſchluß gefaßt war, zoͤgerte die muthige Diana nicht mehr und ſBte ihre Reiſe nach Paris fort. Sie kam hier drei Tage hernach an und ſtieg im Louvre ab, wo ſie Heinrich mit überſtrömender Freude und einer ganz väterli Zärtlichkeit empfing. Doch unwillkührlich konnte ſie dieſe Beweiſe von Liebe nur mit Traurigkeit und Kälte aufnehmen, und der König ſelbſt, der ſich der Neigung von Diana für Gabriel erinnerte, fühlte ſich zuweilen verlegen und bewegt in Ge⸗ genwart ſeiner Tochter. Sie mahnte ihn an Dinge, die er lieber vergeſſen hätte. Er wagte es auch nicht mehr, mit ihr von der be⸗ abſichtigten Heirath mit Franz von Montmorench zu ſprechen, und Frau von Caſiro war wenigſtens über die⸗ ſen Punit ruhig. Sie hatte genug andere Wrgen Weder im Hotel Montgommery, noch im Louvre, noch ſonſt irgendwo hatte man beſtimmte Kunde vom Vicomte d'Exmeés. Es vergingen Tage, Wochen, Monate und Diana mochte ſich immerhin mittelbar oder unmittelbar er⸗ 216 kundigen, Niemand konnte ſagen, was aus Gabriel gewor⸗ den war. Einige glaubten ihn düſter und traurig geſehen zu haben. Doch keiner hatte mit ihm geſprochen: der Trüb⸗ ſelige, den ſie für Gabriel gehalten, hatte ſie beim erſten Anblick vermieden und geflohen. Ueberdies wichen Alle in ihren Ausſagen in Beziehung auf den Ort ab, wo ſie den Vicomte d'Ermès geſehen haben wollten; die Einen ſagten in Saint⸗Germain, die Andern in Fon⸗ tainebleau, Dieſe in Viencennes, Jene in Paris ſelbſt. Was ließ ſich Gründliches aus ſo vielen widerſprechenden Be⸗ richten entnehmen? Und dennoch hatten viele Recht. Durch eine ſchreck⸗ liche Erinnerung und durch einen noch viel ſchrecklicheren Gedanken fortgetrieben, blieb Gabriel nicht einen Tag an demſelben Platz. Ein ewiges Bedürfniß der Thätigkeit und der Bewegung jagte ihn von dem Orte fort, ſobald er angekommen war. Zu Pferd oder zu Fuß, in den Städten oder auf dem Felde, mußte er raſtlos wandern. bleich und finſter und dem von den Furien verfolgten Oreſtes des Alterthums ähnlich. Er irrte übrigens immer außen unter dem freien Himmel umher und trat nur in die Häuſer, wenn er durch die Nothwendigkeit dazu gezwungen war. Meiſter Ambroiſe Pars jedoch, der, nachdem ſeine Ver⸗ wundeten geheilt und die Feindſeligkeitenim Norden ein wenig eingeſtellt waren, nach Paris zurückgekehrt, ſah einmal ſeinen alten Bekannten, den Vicomte d'Ermös, in ſein Haus kommen und ſich niederſetzen. Er empfing ihn ehrerbietig und herzlich als einen Edelmann und einen Freund. Wie ein Menſch, der aus fremdem Lande kommt, befragte er den Wundarzt über Dinge, die Niemand un⸗ bekannt waren.“ Nachdem er ſich zuerſt nach Martin⸗Guerre erkun⸗ digt hatte, der, nun vollig hergeſtellt, zu dieſer Stunde ſchon auf dem Weg nach Paris ſein mußte, fragte er or⸗ zu üb⸗ ſten llle die on⸗ as Be⸗ ck⸗ ren ind er ten ten ien rch er⸗ nig nen us tig nt, un⸗ un⸗ nde er 217 nach dem Herzog von Guiſe und ver Armee. Alles ging vortrefflich auf dieſer Seite. Der Balafré lag vor Thion⸗ ville. Der Marſchall von Germes hatte Dünkirchen ge⸗ nommen; Gaspard von Tavannes hatte Guines und Oie wiedererobert. Es blieb ſomit den Engländern, wie es ſich Franz von Lothringen geſchworen hatte, nicht mehr ein Zoll breit Land im ganzen Königreich. Gabriel hörte ernſt und ſcheinbar ziemlich kalt dieſe guten Nachrichten an. „Ich danke, Meiſter,“ ſagte er ſodann zu Ambroiſe Paré;„ich freue mich, zu erfahren, daß wenigſtens für Frankreich unſer Zug nach Calais nicht ganz ohne Erfolg ſein wird. Nichtsdeſtoweniger war es nicht die Neugierde über dieſe Dinge, was mich hauptſächlich zu Euch führte. Ich erinnere mich, Meiſter, daß mich, ehe ich Euch bei der Arbeit, am Bette der Verwundeten anſtaunte, Euer Wort ah einem gewiſſen Tag des ver⸗ gangenen Jahres in d leineu Hauſe der Rue Saint⸗ Jacques tief erſchütterte. Meiſter, ich komme, um mit Euch über dieſe Materien der Religion zu ſprechen, in denen der Scharfblick Eures Geiſtes ſo weit vordringt. Ich denke, Ihr ſeid entſchieden der Sache der Reform beigetreten? „Ja, Herr d'Ermeès,“ antwortete Ambroiſe Paré mit feſtem Tone.„Der Briefwechſel, den mit mir der große Calvin zu eroffnen die Güte hatte, hob meine letzten Zweifel und meine letzten Bedenklichkeiten. Ich bin nun der überzeugteſte Religionär, der ſich finden läßt.“ „Wohl, Meiſter,“ ſagte der Vicomte d'Ermés,„wollt Ihr an Eurer Erleuchtung einen Neophyten von gutem Willen Theil nehmen laſſen? Ich ſpreche von mir ſelbſt. Wollt Ihr meinen zögernden Glauben wieverbefeſtigen, wie Ihr ein gebrochenes Glied wiederherſtellt?“ „Es iſt meine Pflicht, wenn ich es kann, die Seelen meiner Mitmenſchen eben ſo gut als ihre Körper zu er⸗ leichtern,“ ſagte Ambroiſe Paré.„Ich gehöre ganz Euch, Herr d'Exmés.“ Die beiden Dianen. M. 15 218 Und ſie ſprachen über zwei Stunden mit einander, Ambroiſe Paré glühend und beredt, Gobriel ruhig, trau⸗ rig und gelehrig. Nach Verlauf dieſer Zeit ſtand Gabriel auf, drückte dem Wundarzt die Hand und ſagte: „Ich danke, dieſe Unterredung hat mir ſehr wohl gethan. Die Zeit iſt leider noch nicht gekommen, wo ich mich offen als reformirt erklären kann. Im Intereſſe der Religion muß ich warten. Würde ich dies nicht thun, ſo dürfte mein Uebertritt eines Tag Eure heilige Sache Verfolgungen oder wenigſtens Verleumdungen ausſetzen. Ich weiß, was ich ſage. Doch durch Eure Belehrung, Meiſter, ſehe ich nun ein, daß die Eurigen wahrhaft auf dem guten Wege wandeln, und glaubt mir, daß ich von jetzt an dem Herzen, wenn auch nicht der That nach, mit Euch bin. Gott befohlen, Meiſter Ambroiſe Paré. Wir werden uns wiederſehen.“ Und ohne ſich weiter zu erklären, grüßte Gabriel den philoſophiſchen Wundarzt und entfernte ſich. In den erſten Tagen des darauf folgenden Monats, im Mai 1558, erſchien er zum erſten Male wieder ſeit ſeiner geheimnißvollen Entfernung in dem Hotel der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul. Es fand ſich hier Neues. Martin⸗Guerre war ſeit vierzehn Tagen zurückgekehrt und Jean Peugoy wohnte hier ſeit drei Monaten mit ſeiner Frau Babette. Doch es war nicht Gottes Wille geweſen, daß Jean bis zum Ende litt, und vielleicht auch nicht, daß der Fehler von Babette völlig unbeſtraft blieb. Babette hatte vor der Zeit ein todtes Kind geboren. Die arme Mutter weinte viel, doch ſie beugte das Haupt vor einem Schmerz, der ihrer Reue wie eine Süh⸗ nung erſchien, und wie ihr Jean Peugoy edelmüthig ſein Opfer geboten hatte, ſo bot ſie ihm ihre Reſignation. Ueberdies fehlten die liebevollen Tröſtungen ihres Gat der liche and grof trat mit Gab ſeine denj den nan heit denj erm Sor Ver befre Hatt ihre Nac ſie e bewe Frei Alle ihn er, au⸗ ckte ohl der un, che en. auf von ré. den ts, ſeit Rue ſeit hnte ean hler vor das üh⸗ ſein hres 2¹9 Gatten und die mütterlichen Ermuthigungen von Aloyſe der ſanften Bekümmerten nicht. Auch Martin⸗Guerre richtete ſie mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Treuherzigkeit, ſo gut er konnte, wieder auf. Und eines Tags, als alle Vier freundſchaftlich mit ein⸗ ander plauderten, öffnete ſich die Thüre und zu ihrem großen Erſtaunen und ihrer noch viel größeren Freude trat plötzlich der Herr des Hauſes, der Vicomte d'Ermés mit langſamem Schritte und ernſter Miene ein. Vier Schreie vermiſchten ſich in einem einzigen und Gabriel war ſogleich umgeben von ſeinen zwei Gäſten, ſeinem Stallmeiſter und ſeiner Amme. Als ſich der erſte Jubel gelegt hatte, wollte Alohſe denjenigen befragen, welchen ſie laut ihren Herrn hieß, den ſie aber in ihrem Herzen immer noch ihr Kind nannte. Wie war es ihm während dieſer langen Abweſen⸗ heit ergangen? Was wollte er nun thun? Würde er unter denjenigen bleiben, welche ihn liebteen? Gabriel legte einen Finger auf ſeine Lippen und ermahnte mit einem traurigen, aber feſten Blicke die zarte Sorge von Aloyſe zum Stillſchweigen. Offenbar wollte oder konnte er ſich weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft erklären. Dagegen befragte er Babette und Jean Peugoy über ſie ſelbſi. Hatte es ihnen an nichts gefehlt? Hatten ſie kürzlich von ihrem braven Bruder Pierre, der in Calais geblieben, Nachricht erhalten? Er beklagte mit bewegtem Tone Babette und ſuchte ſie auch zu tröſten, ſo viel man eine Mutter, die ihr Kind beweint, troſten fann. Gabriel brachte ſo den Reſt des Tages unter ſeinen Freunden und Dienern zu gut und liebevoll gegen Alle, doch ohne die tiefe Schwermuth abzuſchütteln, die ihn niederzubeugen ſchien. Was Martin⸗Guerre betrifft, der ſeinen theuren wie⸗ 220 dergefundenen Herrn nicht mit den Augen verließ, ſo redete Gabriel mit ihm und er erkundigte ſich bei ihm mit vieler Theilnahme. Doch den ganzen Tag ſagte er nicht ein Wort von dem Verſprechen, das er ihm einſt geleiſtet, und er ſchien die Verpflichtung, die er übernommen, den Namen⸗ und Ehrenräuber zu beſtrafen, der den armen Martin ſo lange verfolgt, gänzlich vergeſſen zu haben. Martin⸗Guerre war ſeinerſeits zu ehrfurchtsvoll und zu wenig ſelbſtſüchtig, um die Gedanken des Vicomte d'Ermes auf dieſen Gegenſtand zu lenken. Doch als der Abend kam, erhob ſich Gabriel und ſagte mit einem Ton, der keinen Widerſpruch zuließ: „Ich muß nun wieder aufbrechen.“ Dann wandte er ſich gegen Martin⸗Guerre und fügte bei: „Mein braver Martin, ich habe mich bei meinen Wanderungen mit Dir beſchäftigt, und unbekannt, wie ich war, gefragt, geſucht und glaube die Spuren der Wahr⸗ heit, die Dich intereſſirt, gefunden zu haben: denn ich erinnerte mich der Verpflichtung, die ich gegen Dich ein⸗ gegangen hatte, Martin.“ „Oh! gnädiger Herr!“ rief der Stallmeiſter ganz glücklich und ganz verwirrt. „Ich wiederhole Dir alſo,“ fuhr Gabriel fort,„ich habe hinreichend Anzeigen geſammelt, daß ich auf dem rechten Wege zu ſein glauben darf. Doch Du mußt mir helfen, Freund. Reiſe noch in dieſer Woche nach Rieur, Deiner Heimath, ab. Doch begib Dich nicht unmittelbar vahin. Sei nur von heute in einem Monat in Lyon. Ich werde Dich dort aufſuchen und wir bereden uns ſodann, um gemeinſchaftlich zu handeln.“ „Ich gehorche Euch, gnädiger Herr,“ ſprach Martin⸗ S„Doch bis dahin ſoll ich Euch nicht wieder⸗ ehen?“ „Nein, nein, ich muß fortan allein ſein,“ erwiederte Gabriel voll Energie.„Ich gehe abermals, und ſucht mich 221 dete nicht zurrückzuhalten, denn das hieße mich vergebens be⸗ eler trüben. Gott befohlen, meine guten Freunde. Martin er⸗ ein innere Dich, in einem Monat in Lyon,“ ſtet,„Ich werde Euch erwarten, gnädiger Herr,“ ſagte den der Stallmeiſter. men Gabriel nahm herzlich von Jean Peugoy und ſeiner Frau Abſchied, drückte Aloyſe die Hände und entfernte und ſich, ohne den Schmerz der guten Amme bemerken zu mte wollen, abermals, um das irrende Leben wieder zu be⸗ ginnen, zu dem er ſich verurtheilt zu haben ſchien. und und inen ich XXIII. ahr⸗ ich Worin man Arnauld du Thill wiederſindet. ein⸗ Es war ſechs Wochen nachher, am 16. Juni 1558, zanz im Dorfe Artigues, bei Rieur, vor dem ſchönſten Hauſe des Fleckens; die grüne Weinrebe, welche an der braunen „ich Wand hinlief, diente als Grund für ein häusliches und dem ländliches Gemälde, dem es in ſeiner etwas plumpen Ein⸗ mir fachheit nicht an einem gewiſſen Ausdruck gebrach. eur, Ein Mann, der nach ſeinen ſtaubigen Stiefeln zu lbar urtheilen, von einer langen Wanderung zurückkam, ſaß Ich hier auf einer hölzernen Bank und ſtreckte nachläßig ſeine ann, Schuhe einer Frau dar, welche ihm dieſelben auf⸗ ſchnürte.— rtin⸗ Der Mamn faltete die Stirne, die Frau lächelte. eder⸗„Wirſt Du bald fertig ſein, Bertrande?“ ſagte der Mann mit hartem Tone.„Du biſt ſo ungeſchickt und derte langſam, daß ich ganz außer mir komme!“ mich„Es iſt geſchehen, Martin,“ ſprach ſanft die Frau. 222 „Iſt es geſchehen? hm?“ brummte der vorgebliche artin.„Wo ſind nun meine anderen Schuhe? Ich wette, Du biſt nicht einmal darauf bedacht geweſen, ſie mitzubringen, albernes Weib! Ich werde wenigſtens zwei Minuten mit nackten Beinen bleiben müſſen.“ Bertrande lief in das Haus und brachte in weniger als einer Sekunde die anderen Schuhe, die ſie eiligſt ſelbſt ihrem Herrn und Meiſter anzog. Man hat ohne Zweifel die Perſonen erkannt. Ee war unter dem Namen Martin⸗Guerre Arnauld du Thill, ſtets roh und ſſc es war Bertrande de Rolls, unendlich gemi bracht. „Wo iſt mein Glas Meth, wo iſt es2“ fragte Martin mit demſelben mürriſchen Ton. „Es iſt bereit, mein Freund,“ erwiederte furchtſam Bertrande,„und ich will es Dir holen.“ „Immer warten!“ verſetzte der Andere, voll Un⸗ geduld mit dem Fuße ſtampfend.„Vorwärts! beeile Dich, Ser ſch. bezeichnende Geberde vollendete ſeinen Ge⸗ anken. Bertrande ging weg und kam mit der Geſchwindig⸗ keit des Blitzes zurück. Martin nahm aus ihren Händen ein volles Glas Meth und leerte es mit offenbarer Be⸗ friedigung auf einen Zug. „Es iſt gut!“ ſagte er herablaſſend und gab ſeiner Frau den leeren Becher zurück. „Armer Freund! wie warm haſt Du,“ wagte die Frau zu bemerken, indem ſie mit ihrem Sacktuch die Stirne ihres rauhen Mannes abwiſchte„Setze doch Deinen Hut auf, ein Luftzug könnte Dir ſchaden. Nicht wahr, Du biſt ſehr müde?“ „Ei!“ entgegnete Martin⸗Guerre, immer brum⸗ mend,„muß man ſich nicht nach den albernen Gebräuchen dieſer albernen Gegend richten und bei jedem Jahrestag dert und wunderbar zur Vernunft ge⸗ 3 „ e— „———— e— dig⸗ den Be⸗ ner rne 223 ſeiner Hochzeit einen Haufen hungeriger Verwandten ein⸗ laden?„. WMeiner Treue! ich hatte dieſe einfältige Gewohnheit vergeſſen, und wenn Du mich nicht daran er⸗ innert hätteſt, Vertrande!... Nun, die Runde iſt ge⸗ macht; in zwei Stunden wird die ganze Verwandtſchaft mit den gefräßigen Kinnbacken hier ankommen.“ „Ich danke, mein Freund,“ ſagte Bertrande,„Du haſt ſehr Recht, es iſt ein alberner Gebrauch, doch ein gebieteriſcher Gebrauch, in den man ſich fügen muß, wenn man nicht als hochmüthig und unverſchaͤmt er⸗ ſcheinen will.“ „Gut geurtheilt!“ verſetzte Martin mit Ironie.„Und Du, Faulenzerin, haſt Duwenigſtens Deinerſeits gearbeitet? Iſt der Tiſch im Obſtgarten gedeckt?“ „Ja, Martin, wie Du es befohlen.“ „Haſt Du auch den Richter eingeladen?“ fragte der zärtliche Gatte. „Ja, Martin, und er hat geſagt, er werde ſein Mög⸗ lichſtes thun, um dem Mahle beizuwohnen.“ „Er würde ſein Möglichſtes thun!“ rief Martin voll Zorn.„Das iſt es nicht! er muß kommen! Du wirſt ihn ungeſchickt eingeladen haben! es liegt mir daran, den Richter gut zu behandeln, Du weißt es, doch Du thuſt Alles, um mir zu mißfallen. Seine Gegenwart war das Einzige, was mich ein wenig für den langweiligen Ge⸗ brauch und die unnoͤthige Ausgabe dieſes lächerlichen Jahrestages entſchädigt hätte.“ „Lächerlicher Jahrestag! der unſerer Hochzeit!“ ent⸗ gegnete Bertrande mit Thränen in den Augen.„Oh, Martin! Du biſt allerdings ein unterrichteter Mann, Du haſt viel geſehen und viele Reiſen gemacht, Du kannſt die alten Vorurtheile dieſer Gegend verachten. Doch gleichviel! dieſer Jahrestag erinnert mich an eine Zeit, wo Du minder ſtreng und mehr zärtlich gegen Deine arme Frau warſt.“ „Ja,“ ſagte Martin mit einem höhniſchen Gelächter, 224 „und wo meine Frau minder ſanft und mehr widerſpän⸗ ſtig gegen mich warz wo ſie ſich ſogar zuweilen ſo ſehr vergaß, daß ſie.. „Oh, Martin! Erinnerungen nicht Martin!“ ſprach Bertrande,„rufe dieſe hervor, die mich erröthen machen und von denen ich mir nun kaum Rechenſchaft zu geben vermag.“ „Und ich! wenn ich bedenke, daß ich ſo dumm ſein konnte, dies zu ertragen! Ah! ah! ah! Doch ſchweigen wir hievon; mein der Deinige auch; Charakter hat ſich ſehr geändert und ich laſſe Dir in dieſer Hinſicht gerne Gerechtigkeit widerfahren. Wie Du ſagſt, Bertrande, ich habe ſeitdem viel Land geſehen. Dein ſchlimmes Benehmen hat mich, indem Du mich zwangſt, in der Welt umher⸗ zulaufen, genöthigt, Erfahrungen zu ſammeln; und als ich in ihrer natürlichen im vorigen Jahr hierher zurückkam, konnte ich die Dinge Ordnung wiederherſtellen. Ich hatte zu dieſem Behufe nur einen andern Martin, genannt Martin⸗ * Stock, mitzubringen und wir führen in „Es iſt, Gott „Bertrande!“ „Martin?“ . Nun geht auch Alles nach Wünſchen der That die innigſte Ehe.“ ſei Dank, wahr!“ ſagte Bertrande. „Du gehſtſt auf der Stelle,“ ſprach Martin⸗Guerre mit einem gebieteriſchen Ton, der keinen Widerſpruch dul⸗ dete,„Du gehſt auf der Stelle wieder zum Richter von Artigues, Du wiederholſt Deine inſtändigen Bitten, Du er⸗ hältſt von ihm das Mahle einzufinden, wohl, ſo werde ich förmliche Verſprechen, ſich bei unſerem und wenn er nicht kommt, bedenke es mich an Dich, an Dich allein halten. Gehe, Bertrande, und komme bald wieder zurück.“ „Ich gehe und trande und verſchwa komme h wieder,“ ſagte Ber⸗ nd in der Minute. Arnauld du Thill ſchaute ihr einen Augenblick zu⸗ frieden nach; als er ſodann allein war, ſtreckte er ſich träge auf ſeiner hölzernen Bank aus, ſchlürfte die Luft ein und blinzelte mit den Augen mit der ſelbſtſüchtigen, hochmü⸗ än⸗ ſehr ieſe und ein gen ind ne ich ien er⸗ ich ge tte in⸗ en re l⸗ n r⸗ 6 n. 225 thigen Seligkeit eines glücklichen Menſchen, der nichts zu befurchten und nichts zu wünſchen hat. Er ſah einen Mann, einen Reiſenden, nicht, der auf einen Stab geſlützt mühſam auf der zu dieſer heißen Stunde verlaſſenen Straße einherkam und, als er Arnauld erblickte, vor ihm ſtehen blieb. „Verzeiht, Kamerad,“ ſagte der Mann,„gibt es in dieſem Flecken keine Herberge, wo ich ausruhen und zu Mittag eſſen könnte?“ „Wahrhaftig, nein,“ erwiederte Arnauld, ohne ſich ſtören zu laſſen;„Ihr müßt nach Rieux, zwei Stunden von hier, gehen, um ein Wirthshaus zu ſinden.“ „Noch zwei Stunden, während ich vor Müdigkeit ſchon nicht mehr vorwärts kann!“ rief der Reiſende. „Gern würde ich eine Piſtole geben, wenn ich ſogleich ein Lager und ein Mahl fände.“ „Eine Piſtole!“ ſagte Arnauld, im Punkte des Geldes noch immer derſelbe, mit einer Bewegung.„Ei, mein braver Mann, man kann Euch, wenn Ihr wollt, bei uns in einer Ecke ein Bett geben, und was das Mittagsbrod betrifft, ſo haben wir heute ein Jahrestagsmahl, wobei es auf einen Gaſt mehr nicht ankommt. Iſt Euch das genehm?“ „Allerdings,“ antwortete der Reiſende,„ich ſage Euch, daß ich vor Hunger und Müdigkeit umfalle.“ „Gut, es iſt eine abgemachte Sache, bleibt für eine Piſtole,“ ſprach Arnauld. „Hier iſt ſie zum Voraus,“ ſagte der Reiſende. Arnauld du Thill erhob ſich, um ſie zu nehmen, und nahm zugleich den Hut ab, der ſeine Augen und ſein Ge⸗ ſicht bedeckte. Der Fremde konnte jetzt erſt ſein Geſicht ſehen und rief, vor Erſtaunen zurückweichend. „Mein Neffe! Arnauld du Thill!“ Arnauld ſchaute ihn an und erbleichte; doch er erholte ſich ſogleich wieder und entgegnete: 226 „Euer Reffe? Ich kenne Euch nicht. Wer ſeid Ihr?“ „Du kennſt mich nicht, Arnauld,“ ſagte der Mann. „Du erkennſt nicht Deinen alten Oheim mütterlicher Seite, Carbon Barreau, dem Du, wie der ganzen Famile, ſo viele Sorgen gemacht haſt?“ „Bei meiner Treue, nein!“ erwiederte Arnauld mit einem frechen Gelächter. „Wie! Du verleugneſt mich und verleugneſt Dich?“ verſetzte Carbon Barreau.„Sprich, haſt Du nicht ge⸗ macht, daß Deine Mutter, meine Schweſter, eine arme Witwe, die Du vor zehn Jahren in Sagias verlaſſen haſt, vor Kummer geſtorben iſt? Ah! Du erkennſt mich nicht, ſchlimmer Geſelle 2“ „Ich weiß nicht, was Ihr ſagen wollt,“ verſetzte der unverſchämte Arnauld, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen.„Ich heiße nicht Arnauld, ſondern Martin⸗ Guerre; ich bin nicht von Sagias, ſondern von Artigues. Die Alten aus der Gegend haben mich geboren werden ſehen und würden es bezeugen, und wenn Ihr verſpottet werden wollt, braucht Ihr nur Eure Ausſage vor Ber⸗ trande de Rolls, meiner Frau, und vor gllen meinen Verwandten zu wiederholen.“ „Eure Frau? Eure Verwandten?“ ſagte Carbon Barreau erſtaunt.„ Verzeiht, ſollte ich mich wirklich ge⸗ täuſcht haben? Doch nein, es iſt unmöglich! eine ſolche Aehnlichkeit ℳ „Nach Verlauf von zehn Jahren iſt das ſchwer zu ermitteln,“ unterbrach ihn Arnauld.„Geht! Ihr habt die Blendung, mein braver Mann; meine wahren Oheime und meine wahren Verwandten werdet Ihr ſehen und ſo⸗ gleich ſelbſt hören.“. „Gut alſo,“ verſetzte Carbon Barreau, der überzeugt zu ſein anfing,„Ihr könnt Euch rühmen, meinem Neffen Arnauld du Thill zu gleichen.“ „Ihr belehrt mich hierüber,“ entgegnete Arnauld hohnlachend; vich habe mich doſſen noch nicht gerühmt.“ 2 ann. eite, „ſo mit 2 ge⸗ rme aſt, cht, der gen in⸗ es. den ttet er⸗ en 227 „Ah! wenn ich ſage, Ihr könnt Euch rühmen,“ er⸗ wieberte der gute Mann,„ſo meine ich damit nicht, es ſei Grund vorhanden., auf die Aehnlichkeit mit einem ſolchen Schuft ſtolz zu ſein! Ich darf es wohl geſtehen, mein Neffe iſt der abſcheulichſte Schurke, den man ſich vorſtellen kann. Und wenn ich im Ganzen bedenke, es wäre ſehr unwahrſcheinlich, daß er noch leben würde; denn zu dieſer Stunde muß der Elende längſt gehenkt ſein.“ „Ihr glaubt?“ verſetzte Arnauld mit einer gewiſſen Bitterkeit.— „Ich bin deſſen gewiß, Herr Martin⸗Guerre,“ er⸗ wiederte Carbon Barreau mit Sicherheit.„Doch nicht wahr, es macht Euch nichts, daß ich ſo von dieſem Bur⸗ ſchen ſpreche, da Ihr es nicht ſeid, mein Wirth?“. „Es macht mir durchaus nichts,“ antwortete Arnauld du Thill ziemlich unzufrieden. „Ah! mein Herr,“ ſprach der Oheim, der ein wenig Schwätzer war,„wie muß ich mir, ſeiner weinenden Mutter gegenüber, Glück wünſchen, daß ich Junggeſelle geblieben bin und keine Kinder gehabt habe, welche, die⸗ ſem heilloſen Geſellen ähnlich, hätten meinen Namen ent⸗ ehren und mein Leben troſtlos machen können!“ „Das iſt richtig,“ ſagte Arnauld zu ſich ſelbſt,„Oheim Carbon hatte keine Kinder, das heißt, keine Erben.“ „Woran denkt Ihr, Meiſter Martin?“ fragte der Reiſende. „Ich denke,“ anwortete Arnauld mit ſüßlichem Tone, „ich denke, daß Ihr, trotz Eurer entgegengeſetzten Ver⸗ ſicherung, Meſſire Carbon Barreau, vielleicht heute froh wäret, wenn Ihr einen Sohn hättet, oder in Ermangelung eines Sohnes ſogar den böſen Neffen, den Ihr ſo wenig beklagt, der aber doch am Ende eine Zuneigung, eine Fa⸗ di itt⸗ ein Menſch, dem Ihr Eure Habe hinterlaſſen nntet.“ „Meine Habe?“ verſetzte Carbon Barreau. „Allerdings, Eure Habe. Ihr, der Ihr ſo freigebig 228 die Piſtolen ausſtreut, müßt nicht arm ſein! Und dieſer Arnauld, der mir ſo ſehr gleicht, wäre, denke ich, Euer ſ Gott! ich bedaure, daß ich nicht ein wenig er bin!“ „Arnauld du Thill wäre, wenn man ihn nicht ge⸗ henkt hätte, allerdings mein Erbe„ erwiederte Carbon Barreau mit raſchem Tone.„Doch er würde keinen großen Nutzen von meiner Hinterlaſſenſchaft haben, denn ich bin nicht reich. Ich biete in dieſem Augenblick eine Piſtole, um auszuruhen und mich ein wenig zu erquicken, weil ich von Müdigkeit und Hunger erſchöpft bin; deshalb kann meine Börſe doch leicht— ſehr leicht ſein.“ „Hml. machte Arnauld du Thill ungläubig. „Ihr glaubt es nicht, Meiſter Martin⸗Guerre? Nach Belieben. Es iſt darum nicht minder wahr, daß ich mich nach Lyon begebe, wo der Herr Präſident des Parlaments, deſſen Huiſſier ich zwanzig Jahre geweſen bin, mir ein Aſyl und Brod für den Reſt meiner Tage anbietet. Er hat mir fünfundzwanzig Piſtolen geſchickt, um meine kleinen Schul⸗ den zu bezahlen und die Reiſe zu machen, der freigebige Mann! Doch was mir davon übrig bleibt, iſt Alles, was ich beſitze. Und ſomit iſt meine Erbſchaft zu wenig, als daß Arnauld du Thill, ſelbſt wenn er noch leben würde, ſie in Anſpruch nehmen ſollte. Aus dieſen Gründen„ „Es iſt genug, Schwätzer!“ unterbrach ihn ungeſtüm Arnauld du Thill in ſeiner Unzufriedenheit.„Habe ich Zeit, Eure Albernheiten anzuhdren? Gebt mir immerhin Eure Piſtole und tretet in mein Haus ein, wenn es Euch beliebt. Ihr werdet in einer Stunde zu Mittag eſſen, hernach ſchlafen, und wir ſind quitt. Wir brauchen des⸗ halb nicht ſo viele Redensarten,“ „Aber Ihr habt mich gefragt?“ verſetzte Carbon Barreau. „Vorwärts! tretet Ihr ein, mein guter Wiin oder tretet Ihr nicht ein? Hier kommen ſchon einige von meinen Gäſten, und Ihr werdet Kir erlauben, Euch ihret⸗ eſer uer nig ge⸗ bon ßen bin ole, inn 229 wegen zu verlaſſen. Tretet ein; ich mache keine Umſtände mit Euch und führe Euch nicht.“ „Ich ſehe das wohl,“ ſagte Carbon Barreau. Und er trat in das Haus ein und brummte dabei über den ſchnellen Umſchlag der Laune ſeines Wirthes. Drei Stunden nachher ſaß man noch bei Tiſche unter den Ulmen. Die Gäſte waren vollzählig und der Richter von Artigues, deſſen Gunſt zu gewinnen Arnauld ſo ſehr bemüht war, ſaß am Ehrenplatz. Die guten Weine und die frohen Scherze kreiſten. Die jungen Leute plauderten von der Zukunft und die alten von der Vergangenheit, und der Oheim Carbon Barreau hatte ſich verſichern konnen, daß ſein Wirth wirk⸗ lich Martin⸗Guerre hieß und von allen Einwohnern von Artigues als einer der Ihrigen behandelt wurde. „Erinnerſt Du Dich, Martin⸗Guerre, des Auguſtiner⸗ mönches, des Bruder Chryſoſtomus, der uns leſen lehrte?“ ſagte der Eine. „Ich erinnere mich,“ antwortete Arnauld. „Erinnerſt Du Dich, Vetter Martin,“ fragte ein Anderer,„erinnerſt Du Dich, daß man bei Deiner Hoch⸗ zeit zuerſt Freudenſchüſſe in der Gegend gethan hat?“ „Ich erinnere mich,“ antwortete Arnauld. Und als wollte er ſeine Erinnerungen wiederbeleben, küßte er ſeine Frau, welche ganz freudig und ſtolz an ſei⸗ ner Seite ſaß. „Da Ihr ein ſo gutes Gedächtniß habt, Meiſter,“ ſprach plötzlich hinter den Gäſten eine feſte Stimme zu Arnauld du Thill,„da Ihr Euch ſo vieler Dinge erinnert, ſo werdet Ihr Euch auch wohl meiner erinnern.“ 230 XXIV. Die Zuſtiz in Verlegenheit. Derjenige, welcher ſo mit gebieteriſchem Tone ſprach, warf den breiten Hut und den braunen Mantel, worunter er verborgen geweſen, ab, und die Gäſte von Arnauld du Thill, die ſich, als ſie ihn hörten, umgewendet hatten, konnten einen jungen Cavalier von ſtolzer Miene und reicher Kleidung ſehen. In einiger Entfernung hielt ein Diener die zwei Pferde, die ſie gebracht hatten. Alle ſtanden ehrfurchtsvoll, zugleich ziemlich erſtaunt und neugierig, auf. Arnauld du Thill wurde bleich wie der Tod. „Der Herr Vicomte d'Ermés,“ murmelte er ganz beſtürzt. „Nun?“ rief mit einer Donnerſtimme Gabriel,„nun, erkennt Ihr mich?“ Arnauld hatte nach einem Augenblick des Zögerns raſch alle ſeine Chancen berechnet und ſeinen Entſchluß efaßt. „Allerdings,“ ſagte er mit einer Stimme, die er feſt zu machen ſuchte,„allerdings! ich erkenne den Herrn Vicomte d'Ermos, den ich zuweilen im Louvre und anders⸗ wo zur Zeit geſehen habe, wo ich im Dienſt von Herrn von Montmorench war; doch ich kann nicht glauben, daß der gnädige Herr mich erkennt, mich, einen geringen Die⸗ ner des Connetable.“— „Ihr vergeßt,“ ſagte Gabriel„„daß Ihr auch der meinige geweſen ſeid.“ „Wer? ich!“ rief Arnauld, das größte Erſtaunen heuchelnd,„oh! verzeiht, der gnädige Herr täuſcht ſich ſicherlich.“ verſ Ric haft cken alle ſtig ſter und ſein wel ſchr ſich 1 Gu bere und fing entſ zie bin Ber riſſe ter — * v5* 231 „Ich bin dergeſtalt gewiß, mich nicht zu täuſchen,“ verſetzte Gabriel ruhig,„daß ich den hier gegenwärtigen Richter von Artigues geradezu auffordere, Euch zu ver⸗ haften und einzukerkern. Iſt das klar?“ Alle Anweſenden machten eine Bewegung des Schre⸗ ckens. Der Richter näherte ſich ganz erſtaunt. Arnauld allein behielt ſeine ſcheinbare Ruhe. „Darf ich wenigſtens erfahren, welches Verbrechens ich angeklagt bin?“ fragte er. „Ich klage Euch an,“ antwortete Gabriel voll Fe⸗ ſtigkeit,„daß Ihr betrügeriſch den Platz meines Stallmei⸗ ſters Martin⸗Guerre eingenommen, daß Ihr ihm böslicher und verrätheriſcher Weiſe ſeinen Namen, ſein Haus und ſeine Frau mit Hülfe einer Aehnlichkeit geſtohlen habt, welche ſo vollkommen iſt, daß ſie jede Einbildung über⸗ ſchreitet.“ Bei dieſer ſo ſcharf ausgeſprochenen Anklage ſchauten ſich die Gäſte verwundert an. „Was ſoll das bedeuten?“ murmelten ſie.„Martin⸗ Guerre iſt nicht Martin⸗Guerre! Welche teufliſche Zau⸗ berei ſteckt dahinter?“ Mehrere von dieſen guten Leuten bekreuzten ſich und ſprachen leiſe Beſchwörungsformeln. Die meiſten fingen an, ihren Wirth mit Schrecken zu betrachten. Arnauld du Thill begriff, daß es Zeit war, einen entſcheidenden Schlag zu thun, um die erſchütterten Geiſter zu ſich zurückzuführen, und er rief, indem er ſich gegen diejenige umwandte, welche er ſeine Frau nannte: „Bertrande! ſprich doch, bin ich Dein Mann oder bin ich es nicht?“ Bis jetzt ganz beſtürzt, keuchend, hatte die arme Bertrande, ohne ein Wort zu ſagen, nur mit weit aufge⸗ riſſenen Augen bald Gabriel, bald ihren vermeintlichen Gatten angeſchaut. Doch bei der herriſchen Geberde von Arnauld du 232 Thill, bei ſeinem drohenden Tone zögerte ſie nicht; ſie warf ſich mit einer Ergießung in ſeine Arme und rief: „Theurer Martin⸗Guerre.“ Durch dieſe Worte war der Zauber gebrochen und das offenſive Gemurmel wandte ſich gegen den Vicomte d'Exmes. „Mein Herr,“ ſagte Arnauld du Thill triumphirend, „beharrt Ihr in Gegenwert des Zeugniſſes meiner Frau und aller meiner Verwandten und Freunde, die mich um⸗ geben, auf Eurer ſeltſamen Anklage2 „Ich beharre darauf,“ antwortete Gabriel ganz ein⸗ „Wartet einen Augenblick!“ rief Meiſter Carbon Barreau, dazwiſchentretend.„Ich wußte wohl, daß ich keine Blendung habe! Da es irgendwo einen anvern Men⸗ ſchen gibt, der dieſem hier Zug für Zug gleicht, ſo ver⸗ ſichere ich, daß einer von Beiden mein Neffe Arnauld du Thill, wie ich aus Sagias gebürtig, iſt.“ „Ah! das iſt eine Hülfe der Vorſehung, die zu rechter Zeit kommt,“ ſagte Gabriel.„Meiſter,“ fuhr er fort, indem er ſich an den Greis wandte,—„erkennt Ihr Euren Neffen in dieſem Menſchen 2“ „In der That,“ antwortete Carbon Barreau,„ich vermöchte nicht zu unterſcheiden, ob er es iſt oder ein Anderer; doch ich würde zum Voraus ſchwören, daß, wenn ein Betrug ſtattfindet, dieſer von meinem Neffen herrührt, der ſehr an die Sache gewöhnt iſt.“ „Ihr hört, Herr Richter?“ ſagte Gabriel zu dem Beamten,„wer auch der Schuldige ſein mag, das Ver⸗ gehen iſt ſchon nicht mehr zweifelhaft.“ S „Aber wo iſt denn derjenige, welcher, um mich zu beſtehlen, behauptet, er ſei beſtohlen worden?“ rief Ar⸗ nauld du Thill mit frechem Tone.„Wird man mich nicht mit ihm confrontiren? Verbirgt er ſich? Er zeige ſich und man richte.“ „Martin⸗Guerre, mein Stallmeiſter,“ erwiederte 233 Gabriel,„hat ſich auf meinen Befehl zuerſt in Rieur in Verhaft gegeben. Herr Richter, ich bin der Graf von Montgommery, Exkapitän der Garden Seiner Majeſtät. Der Angeklagte hat mich ſelbſt anerkannt. Als ſein An⸗ kläger fordere ich Euch auf, ihn verhaften und einkerkern zu laſſen. Wenn ſie Beide in den Händen des Gerichtes ſind, hoffe ich leicht beweiſen zu können, auf welcher Seite die Wahrheit und auf welcher der Betrug iſt.“ „Das iſt klar,“ ſagte der geblendete Richter zu Ga⸗ briel.„Man führe Martin⸗Guerre in's Gefängniß.“ „Stark durch meine Unſchuld, begebe ich mich auf der Stelle ſelbſt dahin,“ ſprach Arnauld.„Meine guten und theuren Freunde,“ fügte er bei, indem er ſich an die Menge wandte, die er für ſich zu gewinnen für klug erach⸗ tete,„ich zähle darauf, daß Ihr mich durch Eure redliche Zeugſchaft in dieſer Noth unterſtützen werdet. Nicht wahr, Ihr, die Ihr mich gekannt habt, werdet mich insgeſammt anerkennen?“ „Ja, ja, ſei unbeſorgt, Martin!“ ſprachen alle Freunde und Verwandten, bewegt durch dieſe Anrufung. Bertrande aber war in Ohnmacht gefallen. „ Acht Tage nachher eroͤffnete ſich die Inſtruction des Proceſſes vor dem Gerichte in Rieur. Gewiß ein ſeltſamer und ſchwieriger Proceß, der wohl ſo berühmt zu werden verdiente, als er es noch nach dreihundert Jahren in unſeren Tagen iſt. Hätte ſich Gabriel von Montgommeryh nicht ein we⸗ nig darein gemiſcht, ſo würden die vortrefflichen Richter von Rieur, vor denen die Sache verhandelt wurde, ſich nie herauszuziehen gewußt haben. Was Gabriel vor Allem verlangte, war, daß die zwei Gegner bis auf neuen Befehl unter keinem Vor⸗ wand einander gegenübergeſtellt würden. Die Verhöre und Confrontationen fanden abgeſondert ſtatt und Martin Die beiden Dianen. U. 16 234 wie Arnauld du Thill blieben dem ſtrengſten Gewahrſam unterworfen. 5 In einen Mantel gehüllt, wurde Martin⸗Guerre ab⸗ wechſelnd ſeiner Frau, Carbon Barreau und allen ſeinen Nachbarn und Verwandten vorgeführt. Alle erkannten ihn. Es war ſein Geſicht, ſeine Haltung, man konnte ſich nicht täuſchen. Doch Alle anerkannten gleichfalls Arnauld du Thill, als man dieſen ihnen auch vorſtellte. Sie ſchrieen, ſie erſchraken, doch keiner fand ein Zei⸗ chen, durch das die Wahrheit klar hervorgetreten wäre. Wie ſollte man ſie in der That zwiſchen zwei So⸗ ſies unterſcheiden, welche einander ſo ähnlich waren, wie Arnauld du Thill und Martin⸗Guerre. „Der Teufel in der Hölle würde ſein Lateiniſch da⸗ bei verlieren,“ ſagte Carbon Barreau ſehr verlegen über ſeine zwei Reffen. Doch bei dieſem unerhörten und wunderbaren Spiel der Natur waren es in Ermangelung materieller Verſchie⸗ denheiten die Widerſprüche der Thatſachen und die entge⸗ gengeſetzten Charaktere, was Gabriel und die Richter lei⸗ ten mußte. In der Erzählung ihrer erſten Jahre führten Ar⸗ nauld und Martin, jeder ſeinerſeits, dieſelben Thatſachen an, ſie erinnerten an dieſelben Data und citirten dieſelben Namen mit einer furchtbaren Identität. Zur Unterſtützung ſeiner Ausſagen brachte Arnauld überdies Briefe von Bertrande, Familienpapiere und den an ſeinem Hochzeitstage geweihten Ring. Doch Martin erzählte, wie Arnauld, nachdem er ihn in Nohon habe hängen laſſen, im Stande geweſen ſei, ihm ſeine Papiere und ſeinen Ehering zu ſtehlen. Die Verlegenheit der Richter war immer dieſelbe, ihre Ungewißheit immer gleich groß, die Anſcheine und Indicien waren eben ſo flar und beredt einerſeits, als ſam ab⸗ inen eine hill, Zei⸗ wie da⸗ ber piel ie⸗ ge⸗ lei⸗ Ar⸗ hen ben uld en ei, be, nd s 235 andererſeits die Angaben der zwei Angeklagten aufrichtig zu ſein ſchienen. Es bedurfte förmlicher Beweiſe und unumſtößlicher Zeugſchaften, um eine ſo ſchwere Frage zu loͤſen. Ga⸗ briel übernahm es, ſie zu finden und zu liefern. Vor Allem ſtellte der Präſident des Tribunals auf ſeine Bitte an Martin und an Arnauld du Thill, welche ſtets abgeſondert verhört wurden, folgende Fragen: „Wo habt Ihr Eure Zeit vom zwoͤlften bis zum ſechzehnten Jahr zugebracht?“ Unmittelbare Antwort von beiden Angeklagten, wel⸗ che Jeder beſonders vernommen wurde: „In San Sebaſtian, in Biscaya, bei meinem Vetter Sanri.“ Sanxi war als berufener Zeuge da und beſtätigte dieſes Factum. Gabriel näherte ſich ihm und ſagte ihm ein Wort ins Ohr. Sanri lachte und redete Arnauld in baskiſcher Sprache an. Arnauld erbleichte und ſagte kein Wort. „Wie?“ verſetzte Gabriel,„Ihr habt Euch vier Jahre in San Sebaſtian aufgehalten und verſteht nicht das Patois des Landes?“ „Ich habe es vergeſſen,“ ſtammelte Arnauld. Martin⸗Guerre ſchwatzte, derſelben Probe unterwor⸗ fen, eine Viertelſtunde lang in baskiſcher Sprache zur großen Freude des Vetters Sanri und zur vollkommenen Erbauung der Richter und aller übrigen Anweſenden. Dieſer erſten Probe, welche die Wahrheit in den Geiſtern ſchimmern zu machen anfing, folgte bald eine andere, die, obgleich nach der Odyſſee wiederholt, darum nicht minder bezeichnend war. Die Bewohner von Artigues vom Alter von Martin⸗ Guerre erinnerten ſich noch mit Neid und Bewunderung ſeiner Geſchicklichkeit im Ballſpiel. 236 Doch ſeit ſeiner Rückkehr hatte Martin⸗Guerre alle Partien, die man ihm antrug, unter dem Vorwande einer Wunde, die er an der rechten Hand erhalten, aus⸗ geſchlagen. Der ächte Martin⸗Guerre machte ſich im Gegentheil ein Vergnügen daraus, es in Gegenwart der Richter mit den ſtärkſten Ballſpielern aufzunehmen. Er ſpielte ſogar ſitzend und ſtets in ſeinen Mantel gehüllt. Sein Secundant brachte ihm nur die Bälle zurück, die er mit wunderbarer Geſchicklichkeit ſchleuderte. Von dieſem Augenblick war die bei ſolchen Fällen ſo wichtige öffentliche Sympathie auf der Seite von Martin⸗Guerre, d. h. eine ſeltene Erſcheinung! auf der Seite des guten Rechts. Ein letzter bizarrer Umſtand führte vollends im Geiſte der Richter von Arnauld du Thill deſſen Ruin herbei. Die zwei Angeklagten waren durchaus von demſelben Wuchs; doch Gabriel, der auf das geringſte Anzeichen lauerte, hatte zu bemerken geglaubt, der Fuß ſeines bra⸗ ven Stallmeiſters, leider ſein einziger Fuß, ſei viel kleiner als der Fuß von Arnauld du Thill. Der alte Schuhmacher von Artigues erſchien vor dem Tribunal und brachte ſeine früheren und ſeine neuen Maße. „Ja,“ ſagte der brave Mann,„es iſt gewiß, daß ich Martin⸗Guerre einſt zu neun Zoll beſchuhte, und ich war ſehr erſtaunt, als ich bei ſeiner Rückkehr ſah, wie ſein Schuh zwolf maß; doch ich glaubte, es ſei dies die Wir⸗ kung ſeiner langen Reiſen.“ Der wahre Martin⸗Guerre reichte ſtolz dem Schuſter den einzigen Fuß, den ihm die Vorſehung, ohne Zweifel zum höheren Triumphe der Wahrheit, erhalten hatte. Der naive Schuhmacher anerkannte, nachdem er gemeſſen hatte, den authentiſchen Fuß, den er einſt beſchuht und der trotz der langen Reiſe und ſeiner doppelten Anſtrengung beinahe derſelbe geblieben war. Von da an war es nur noch ein Schrei über die Unſ du wei ſelt Ma Me der fur ſeh der 237 Unſchuld von Martin und über die Schuld von Arnauld du Thill. Doch es war nicht genug mit dieſen materiellen Be⸗ weiſen, Gabriel wollte auch noch moraliſche. Er brachte den Bauern, den Arnauld du Thill den ſeltſamen Auftrag gegeben hatte, in Paris zu verkunden, Martin⸗Guerre ſei in Noyon gehenkt worden. Der gute Mann erzählte ganz treuherzig ſein Erſtaunen, als er in der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul denjenigen wiederge⸗ funden, den er den Weg nach Lyon hatte einſchlagen ſehen. Dieſer Umſtand hatte zuerſt Gabriel den Verdacht der Wahrheit eingeflößt. Man hörte ſodann abermals Bertrande de Rolls. Trotz des Umſchlags der allgemeinen Meinung war die arme Bertrande beſtändig für denjenigen, welcher ſich gefürchtet machte. Als man ſie jedoch fragte, ob ſie keine Veränderung in dem Charakter ihres Mannes ſeit ſeiner Rückkehr wahr⸗ genommen habe, antwortete ſie: „Oh!l ja, er iſt ſehr verändert zurückgekommen, doch zu ſeinem Vortheil, meine Herren Richter,“ fügte ſie eiligſt bei. Und da man in ſie drang, ſich deutlicher zu erklären, ſprach die naive Vertrande; „Früher war Martin ſchwächer und gutmüthiger als ein Lamm, und er ließ ſich von mir leiten und ſogar ſchmähen, ſo daß ich mich zuweilen für ihn ſchämte. Doch er kam als ein Mann, als ein Herr und Meiſter zurück. Er bewies mir auf eine unwiderlegbare Weiſe, ich habe in der Zeit ſehr Unrecht gehabt und es ſei meine Pflicht als Frau, ſeinem Wort und ſeinem Stocke zu ge⸗ horchen. Nun iſt es er, der befiehlt, und ich diene, er hebt die Hand auf und ich beuge den Kopf. Dieſes An⸗ ſehen hat er von ſeinen Reiſen zurückgebracht; und ſeit ſeiner Rückkehr ſind die Rollen von uns Beiden das ge⸗ 238 worden, was fie ſein ſollen. Nun ändert ſich das nicht mehr, und ich bin deſſen froh.“ Andere Einwohner von Artigues bezeugten ebenfalls, der alte Martin⸗Guerre ſei ſtets ſo harmlos, fromm und gut geweſen, als der neue angreifend, gottlos und halsſai ſei. e der Schuhmacher und wie Bertrande hatten ſie dieſe Veränderung ſeinen Reiſen zugeſchrieben. Der Graf Gabriel von Montgommery nahm nun das Wort unter dem ehrfurchtsvollſten Stillſchweigen der Richter und aller Anweſenden. Er erzählte, durch welche ſeltſame Umſtände er ab⸗ wechſelnd in ſeinem Dienſte die beiden Martin⸗Guerre gehabt habe, wie er lange Zeit gebraucht, um ſich die Veränderungen der Laune und der Natur ſeines doppelten Stallmeiſters zu erklären, wie er jedoch am Ende durch die Ereigniſſe auf den rechten Weg gebracht worden ſei. Gabriel ſagte endlich Alles, die Schreckniſſe von Martin, die Verräthereien von Martin du Thill, die Tugenden des Einen und die Laſter und Verbrechen des Andern; er machte dieſe dunkle und verworrene Geſchichte vor Aller Augen klar und hell, verlangte Beſtrafung für den Schuldigen und Wiederherſtellung der Ehre für den Unſchuldigen. Die Juſtiz war in jener Zeit minder gefällig und minder bequem für die Angeklagten als in unſeren Tagen. So wußte Arnauld du Thill noch nicht, welche nieder⸗ ſchmetternde Inzichten gegen ihn vorlagen. Wohl hatte er mit einiger Unruhe die Beweiſe mit der baskiſchen Sprache und dem Ballſpiel zu ſeiner Verwirrung aus⸗ fallen ſehen, doch er glaubte hinreichende Entſchuldigungen vorgebracht zu haben. Was die Probe mit dem alten Schuhmacher betrifft, ſo hatte er nichts davon begriffen⸗ Er wußte endlich nicht, ob Martin⸗Guerre, den man hartnäckig vor ihm verbarg, im Ganzen beſſer als er aus den Verhören hervorgegangen war. * cht lls, nm und un der ab⸗ rre die ten rch ſ on die des hte für den nd en. er⸗ tte en 16⸗ en ten en. an us 239 Durch ein Gefühl der Billigkeit und der Großmuth bewogen, hatte Gabriel verlangt, daß Arnauld du Thill dem Plaidoyer, wo die gegen ihn vorgebrachten Beweiſe verhandelt wurden, beiwohnen follte, damit er im Falle der Noth darauf antworten könnte. Martin Guerre hatte nichts vabei zu thun und blieb in ſeinem ängniß. Doch Arnauld du Thill wurde vorgeführt, danit man ihn co tradictoriſch richten könnte, und er verlor nicht ein Wor' von der überweiſenden Erzählung von Gabriel. Als jedoch der Vicomte d'Ermos geendigt hatte, ſtand Arnauld du Thill, ohne ſich einſchüchtern oder ent⸗ muthigen zu laſſen, ruhig auf und verlangte die Erlaub⸗ niß, ſich vertheidigen zu dürfen. Das Tribunal hätte ihm. dieſelbe verweigert, doch Gabriel trat ſeiner Bitte bei, und Arnauld konnte ſprechen. Er ſprach bewunderungswürdig. Der ſchlaue Burſche war wirklich von Matur ſehr beredt und beſaß einen äußerſt gewandten Geiſt. Gabriel war beſonders bemüht geweſen, Licht in der Finſterniß der Abenteuer der beiden Martin zu verbreiten. Arnauld bemühte ſich, alle Fäden unter einander zu miſchen und zum zweiten Mal eine heilſame Verwirrung unter ſeine Richter zu bringen. Er geſtand, er begreife die hervorgehobenen Abenteuer zweier Exiſtenzen, von denen man die eine für die andere genommen, durchaus nicht. Es liege ihm nicht ob, alle dieſe Quiproquo zu erklären, durch die man ihn in Verlegenheit ſetze. Er ſei nur für ſein eigenes Leben verantwortlich und habe nur ſeine Hand⸗ lungen zu rechtfertigen. Dies zu thun ſei er bereit. Er begann ſodann die logiſche und gedrängte Er⸗ zählung ſeines Lebens und ſeiner Thaten ſeit ſeiner Jugend bis auf den gegenwärtigen Tag. Er rief ſeine Freunde und Verwandten auf, gedachte ihnen gegenüber gewiſſer Umſtände, die ſie ſelbſt vergeſſen hatten, lachte bei einigen Frinnerungen und war gerührt bei andern. 240 Es iſt wahr, er konnte weder mehr Baskiſch ſprechen, noch Ball ſpielen. Sch Doch nicht Jedermann hatte ein Gedächtniß für ung Sprachen. Wenn auch ſein Gegner die Richter in dieſen zwei Punkten befriedigt hätte, ſo wäre doch am Ende dieſ nichts leichter, als ein Patvis zu lernen und ſich in einem zu Spiel zu üben. Envlich ſei er vom Grafen von Montgommery, den irgend ein Intrigant zu einem Irrthum verleitet, ange⸗ klagt worden, er habe ſeinem Stallmeiſter die Papiere geſtohlen, die ſeinen Stand und ſeine Perſoͤnlichkeit be⸗ ſtätigen; doch für dieſes Factum liege durchaus kein Be⸗ weis vor. Was den Bauern betreffe, wer könne behaupten, daß es nicht ein Genoſſe desjenigen ſei, welcher ſich Martin⸗ E⸗ Guerre nenne 2 Hinſichtlich des Löſegeldes, das er, Martin⸗Guerre, dem Grafen von Montgommery geſtohlen haben ſollte, Wkehauptet er, er ſei allerdings nach Artignes mit Ke einer gewiſſen Summe zurückgekommen, welche jedoch E größer geweſen, als die von dem Grafen genannte, und er br erklärte den Urſprung dieſer Summe, indem er das Certi⸗ ſicat des durchlauchtigſten Herrn Connetable, Herzogs von ſe Montmorench, vorlegte. 5 d Arnauld du Thill ließ in ſeiner Vertheidigung mit li einer außerordentlichen Geſchicklichkeit den blendenden Na⸗ of men des Connetable vor den Augen der Richter ſpielen. he Er flehte inſtändig, man möge ſich bei ſeinem erhabenen m Herrn nach ihm erkundigen. Er ſei verſichert, daß ſeine ze Rechtfertigung klar und gleichſam greifbar aus einer ſol⸗ chen Nachforſchung hervorgehen würde. w Kurz, die Rede des liſtigen Burſchen war ſo geſchickt v zund ſo verfänglich, er vrückte ſich mit einer ſolchen Wärme d Vaus und die Unverſchämtheit gleicht zuweilen ſo ſehr der Unſchuld, daß Gabriel die Richter abermals unentſchieden 2 und erſchüttert ſah. h 73 n, en de m en e⸗ re E⸗ e⸗ 241 Es handelte ſich alſo darum, einen entſcheidenden Schlag zu thun, und Gabriel entſchloß ſich hiezu, obwohl ungern. Er ſagte dem Präſidenten ein Wort ins Ohr, und dieſer befahl, Arnauld du Thill wieder in ſein Gefängniß zu bringen und Martin⸗Guerre einzuführen. Es ſieht aus, als ſollten die Tüuſchungen wieder beginnen. Man führte Arnauld du Thill nicht ſogleich in den Kerker, den er in der Conciergerie von Rieur inne hatte. Er wurde nur in den Hof zunächſt beim Tribunal ge⸗ bracht, wo man ihn einige Augenblicke allein ließ. Die Richter, ſagte man, konnten ihm, nachdem ſie ſeinen Gegner verhört, abermals befragen müſſen. Seinen Betrachtungen überlaſſen, wünſchte ſich der liſtige Burſche vor Allem Glück zu der Wirkung, die er offenbar mit ſeiner geſchickten und unverſchämten Rede hervorgebracht hatte. Der brave Martin-Guerre würde mit ſeinem guten Recht Mühe haben, eben ſo über⸗ zeugend zu ſein. In jedem Fall hatte Arnauld Zeit gewonnen. Doch wenn er die Dinge ſtrenger prüfte, konnte er ſich nicht verleugnen, daß er nur dies gewonnen⸗ Die Wahrheit, die er ſo frech in Abrede gezogen, würde am Ende von allen Seiten hervortreten. Dürfte ſich Herr von Montmorency, auf deſſen Zeugniß er ſich ſo kühn berufen, herbeilaſſen, mit ſeinem Anſehen die nachgewieſene Miſſe⸗ 242 thaten ſeines Spions zu bedecken? Dies war äußerſt zweifelhaft. Anfangs ſo freudig, verſank Arnauld du Thill allmä⸗ lig aus der Hoffnung in die Angſt und ſagte ſich, ſeine Lage ſei, Alles wohl betrachtet, keine beſonders beruhigende. Er beugte das Haupt unter der Entmuthigung, als man kam, um ihn wieder in ſein Gefängniß zu führen. Das Tribunal hatte es alſo nicht für geeignet er⸗ achtet, ihn nach den Erklärungen von Martin⸗Guerre zu befragen. Ein neuer Gegenſtand der Angſt! Dies hielt indeſſen Arnauld du Thill, der Alles be⸗ merkte, nicht ab, zu bemerken, derjenige, der ihn holte und ihn in vieſem Augenblick begleitete, ſei nicht ſein gewoͤhn⸗ licher Gefangenwärter. Warum dieſe Veränderung? verdoppelte man die Vorſichtsmaßregeln gegen ihn? wollte man ihn zum Sprechen bringen? Arnauld du Thill gelobte ſich, auf ſeiner Hut zu ſein, und blieb auf dem ganzen Wege ſtumm. Doch nun kam ein anderes Motiv des Erſtaunens! das Gefängniß, in das ihn der neue Wärter führte, war nicht das, welches er gewöhnlich inne hatte. Dieſes hatte ein vergittertes Fenſter und einen hohen Kamin, zwei Dinge, welche im andern fehlten. Alles bezeugte indeſſen, daß noch vor Kurzem ein Gefangener hier geweſen; Ueberreſte von friſchem Brod, ein halbgeleerter Waſſerkrug, ein Strohlager und eine ge⸗ öffnete Kiſte, in der man Männerkleider erblickte. Gewohnt, ſich zu bemeiſtern, gab Arnauld du Thill kein Erſtaunen kund. Doch ſobald er allein war, lief er auf die Kiſte zu, um ſie zu durchſuchen. Es fanden ſich darin nur Kleider. Kein anderes Anzeichen. Doch Arnauld du Thill glaubte ſich dieſer Kleider ihrer Farbe und Form wegen zu erinnern. Es waren dabei beſonders zwei Leibroͤcke von braunem Tuch und Beinkleider von gelbem Tricot, welche offenbar einen unt hat „d wo de di ge ſei ſo 2.%c ka Se§8 d —+ SS— 243 Nuance und einen ungewöhnlichen Schnitt atten. „Oh! oh!“ ſagte Arnauld du Thill zu ſich ſelbſt, „das wäre ſonderbar!“ Als es Nacht wurde, trat der unbekannte Gefangen⸗ wärter ein. „Holla, Meiſter Martin⸗Guerre,“ ſagte er und klopfte dem träumeriſchen Arnauld du Thill auf eine Weiſe auf die Schulter, woraus hervorging, daß, wenn der Gefan⸗ gene ſeinen Wärter nicht kannte, der Wärter wenigſtens ſeinen Gefangenen kannte. „Was gibt es denn?“ fragte Arnauld du Thill den ſo vertraulichen Gefangenwärter. „Mein Lieber,“ erwiederte der Mann,„Eure An⸗ gelegenheiten machen ſich offenbar immer beſſer. Wißt Ihr, wer von den Richtern die Erlaubniß erhalten hat, einige Augenblicke mit Euch ſprechen zu dürfen, und ſich dieſe Erlaubniß nun von Euch ſelbſt erbittet?“ „Meiner Treue, nein! wie ſollte ich das wiſſen? wer kann es ſein? „Eure Frau, mein Lieber, Bertrande de Rolls, die nun wohl einſieht, auf welcher Seite das gut Recht iſt. Doch wenn ich an Eruer Stelle wäre, würde ich mich weigern, ſie zu empfangen.“ „Und warum dies?“ fragte Arnauld du Thill. „Warum?“ verſetzte der Gefangenwärter;„weil ſie Euch ſo lange mißkannt hat! Es iſt wahrhaftig Zeit, daß ſie auf die Seite der Wahrheit tritt, da morgen ſpäteſtens ein Spruch des Gerichtes dieſe öffentlich und ofſiciell erklären wird! Nicht wahr, Ihr ſeid auch meiner Meinung und ich werde Eure Undankbare kurz und gut wegſchicken?“ Der Gefangenwärter machte einen Schritt gegen die Thüre, doch Arnauld du Thill hielt ihn durch eine Ge⸗ berde zurück. „Nein, nein,“ ſagte er,„ſchick ſie nicht weg. Ich X 244 will ſie im Gegentheil ſehen, ich will.. Kurz, da ſie von den Richtern die Erlaubniß erhalten hat, führt Ber⸗ trande de Rolls ein, mein lieber Freund.“ „Hm! immer derſelbe!“ ſagte der Gefangenwärter, „immer mildherzig und ſanftmüthig! Wagt Ihr nichts, wenn Ihr ſo ſchnell Eure Frau ihr früheres Uebergewicht wieder gewinnen laßt? Nun, das geht Euch an.“ Der Gefangenwärter entfernte ſich, mitleidig die Achſeln zuckend. Zwei Minuten nachher kam er mit Bertrande de Rolls zurück. Es war indeſſen immer finſterer geworden. „Ich laſſe Euch allein,“ ſagte der Gefangenwärter, „doch ich werde Bertrande, ehe es voͤllig Nacht geworden, wieder abholen: ſo lautet der Befehl. Ihr habt alſo kaum eine Viertelſtunde für Euch, benützt ſie, um Euch zu balgen, oder um Euch auszuſöhnen, nach Eurem Be⸗ lieben.“ Und er entfernte ſich abermals. Bertrande trat nun ganz verſchämt und den Kopf ge⸗ ſenkt auf den angeblichen Martin⸗Guerre zu, der ſtill⸗ ſchweigend ſitzen blieb und ſie kommen und ſprechen ließ. „Oh! Martin,“ ſagte ſie endlich, als ſie nahe bei ihm war, mit ſchwacher, ſchüchterner Stimme,„werdet Ihr mir je verzeihen wollen 2“ Ihre Augen füllten ſich mit Thränen und ſie zitterte an allen Gliedern. „Euch verzeihen, was?“ verſetzte Arnauld du Thill, der ſich nicht gefährden wollte. „Meinen plumpen Mißgriff,“ antwortete Bertrande. „Ich habe ſicherlich ſehr Unrecht gehabt, daß ich Euch nicht erkannte. Doch war nicht Grund vorhanden, daß ich mich täuſchte, da Ihr Euch, wie es ſcheint, zur Zeit ſelbſt getäuſcht habt? Ich bekenne auch, damit ich an meinen Irrthum glaube, muß mir von der ganzen Gegend, vom Herrn Grafen von Montgommery und von dem Ge⸗ richt, das ſich darauf verſteht, bezeugt werden, Ihr ſeid 245 mein wahrer Gatte und der Andere ſei nur ein Betrüger und Fälſcher.“ „Sprecht, welcher iſt der erwieſene Betrüger?“ ſagte Arnauld„derjenige, welchen der Graf von Montgommery hiehergebracht hat, oder der, welchen man im Beſitz der Habe und der Papiere von Martin⸗Guerre fand?“ „Der Andere!“ erwiederte Bertrande,„derjenige, welcher mich getäuſcht hat, derjenige, welchen ich Alberne, ich Verblendete noch in der vorigen Woche meinen Gatten nannte.“ „Ah! die Sache hat ſich alſo nun völlig herausge⸗ ſtellt?“ fragte Arnauld bewegt. „Mein Gott, ja, Martin,“ erwiederte Bertrande mit derſelben Verwirrung.„Dieſe Herren vom Tribunal und Euer würdiger Gebieter haben mir ſo eben erklärt, es walte für ſie kein Zweifel mehr ob und Ihr ſeid wirklich der wahre Martin⸗Guerre, mein guter und lieber Mann.“ „Ah! wahrhaftig?“.. ſagte Arnauld erbleichend. „Dabei hat man mir zu verſtehen gegeben, ich würde wohl daran thun, Euch um Verzeihung zu bitten und mich mit Euch zu verſöhnen, ehe das Uurtheil ausgeſprochen wäre, und ich bat um Erlaubniß, Euch beſuchen zu dürfen, was mir auch geſtattet wurde.„ 4 Sie ſchwieg einen Augenblick, voch als ſie ſah, daß ihr vorgeblicher Gatte nicht antwortete, fuhr ſie fort: „Es iſt nur zu gewiß, mein guter Martin⸗Guerre, daß ich eine große Schuld gegen Euch habe. Doch ich bitte Euch, zu bedenken, daß es unwillkührlich geſchehen iſt, ich nehme hiefür die Jungfrau Maria und das Jeſus⸗ kind zu Zeugen! Mein erſter Fehler beſteht darin, daß ich nicht den Betrug jenes Arnauld du Thill entdeckt und entlarvt habe. Doch konnte ich annehmen, es gebe auf der Welt ſo vollſtändige Aehnlichkeiten und es könne Gott beluſtigen, zwei ſo ganz gleiche Geſchöpfe zu machen? Gleich an Geſicht und gleich an Wuchs, boch es iſt wahr, nicht gleich an Herz und an Charakter, und dieſe Ver⸗ 246 ſchiedenheit iſt es, was mir, ich muß es geſtehen, hätte die Augen öffnen ſollen. Doch nichts warnte mich, auf meiner Hut zu ſein. Arnauld du Thill ſprach mit mir von der Vergangenheit, wie nur Ihr es hättet thun können. Er hatte Eure Papiere, Euren Ringz bei keinem Freunde, bei keinem Verwandten regte ſich ein Verdacht. Ich gab mich in gutem Glauben hin und ſchrieb die Veränderung der Laune der Erfahrung zu, die Ihr, die Welt durch⸗ wandernd, erlangt hättet. Bedenkt, mein theurer Freund, daß ich unter dem Namen dieſes Fremden immer nur Euch liebte, Euch, dem ich mich mit Freuden unterwarf. Zieht das wohl in Betracht, und Ihr werdet mir dieſen erſten Irrthum vergeben, der mich, großer Gott! ohne daß ich es wollte und wußte, die Sünde begehen ließ, für die ich dem Himmel und Euch den Reſt meines Lebens um Vergebung bitten werde.“ Bertrande de Rolls ſchwieg abermals, um zu ſehen, ob Martin⸗Guerre mit ihr ſprechen und ſie ein wenig er⸗ muthigen würde. Doch er beobachtete ein hartnäckiges Stillſchweigen, und die arme Bertrande fuhr mit gepreßtem Herzen fort: „Wenn es unmöglich iſt, Martin, vaß Ihr mir wegen vieſes erſten unwillkührlichen Fehlers einen Groll bewahrt, ſo verdient der zweite leider alle Eure Vorwürfe und Euren ganzen Zorn. Da Ihr nicht da waret, konnte ich einen Andern für Euch halten, doch als Ihr erſchienet und es mir vergönnt war, eine Vergleichung anzuſtellen, hätte ich Euch auf der Stelle erkennen müſſen. Bedenkt indeſſen, ob nicht auch hier Einiges zu meiner Entſchuldigung ſprechen dürfte. Einmal war Arnauld du Thill, wie Ihr ſagtet, im Beſitze des Namens und des Titels, die Euch gehören und es widerſtrebte mir, eine Ahnung zuzulaſſen, die mich ſchuldig machte. Dann geſtattete man mir auch kaum, Euch zu ſehen und zu ſprechen. Als man mich mit Euch confrontirte, hattet Ihr nicht Eure gewöhnlichen Kleider, und Ihr waret in einen langen Mantel gehüllt, 247 der mir Euren Wuchs und Euren Gang verbarg. Seitdem bin ich beinahe im Gewahrſam gehalten worden, wie Ar⸗ nauld du Thill und wie Ihr, und ich habe Euch Beide faum vor dem Tribunal wieder geſehen und zwar ſtets getrennt und immer ſehr von ferne. Welches Mittel hatte ich, vor dieſer furchtbaren Aehnlichkeit die Wahrheit heraus⸗ zufinden? Ich entſchied mich gleichſam aus Zufall für denjenigen, welchen ich am Tage zuvor meinen Gatten nannte. Ich beſchwöre Euch, mir deshalb nicht zu grollen. Doch die Richter geben mir heute die Verſicherung, daß ich mich getäuſcht, und daß ſie die Beweiſe hiefür erlangt haben. Ich komme dem zu Folge ganz reumüthig und ganz verwirrt zu Euch und vertraue nur auf Eure frühere Liebe und Güte. Habe ich Unrecht gehabt, ſo auf Eure Nachſicht zu zählen?“ Nach dieſer beinahe unmittelbaren Frage machte Bertrande eine neue Pauſe. Doch der falſche Martin blieb immer ſtumm. Bertrande gebrauchte offenbar, indem ſie Arnauld du Thill ſo verließ, ein ſeltſames Mittel, um ihn zu erweichen; doch ſie handelte im guten Glauben und vertiefte ſich immer mehr auf dieſem Weg, den ſie für den wahren hielt, um zu dem Herzen desjenigen zu gelangen, welchen ſie anflehte. „Ihr werdet mein Weſen ſehr verändert finden,“ fuhr ſie fort.„Ich bin nicht mehr das hochmüthige, launen⸗ hafte, zornige Weib, das Euch ſo viel ausſtehen ließ. Die ſchlechte Behandlung, die ich von dieſem Arnauld zu er⸗ fahren hatte, und die ihn mir hätte verrathen müſſen, hat wenigſtens die gute Folge, daß ſie mich beugte und mürbe machte, und Ihr dürft gewärtig ſein, mich in Zukunft eben ſo folgſam und gefällig zu finden, als Ihr ſelbſt ſanft und gut ſeid... Denn nicht wahr, Ihr werdet ſanft und gut gegen mich ſein, wie in der Vergangenheit? Ihr werdet es mir dadurch beweiſen, daß Ihr mir verzeiht, 248 und ſo werde ich Euch an Eurem Herzen wiedererkennen, wie ich Euch ſchon an Euren Zügen erkannt habe?“ .„Ihr erkennt mich alſo nun wieder?“ ſagte Arnauld du Thill endlich. „Ah! ja,“ antwortete Bertrande,„und ich ſchmähe mich, daß ich zu dieſem Behuf den Urtheilsſpruch der Richter abgewartet habe.“ „Ihr erkennt mich?“ wiederholte Arnauld dringend, „Ihr erkennt mich, nicht als jenen Intrigant, der ſich noch in der vorigen Woche frecher Weiſe Euren Gatten nannte, ſondern als den wahren und legitimen Martin⸗Guerre, den Ihr ſeit Jahren nicht mehr geſehen habt? Schaut mich an. Ihr erkennt in mir Euren wahren und einzigen Gatten?“ „Ganz gewiß,“ antwortete Bertrande. „Und an welchen Merkmalen erkennt Ihr mich?“ fragte Arnauld. „Ach!“ erwiederte Bertrande naiver Weiſe,„ich muß es geſtehen an völlig äußerlichen und von Eurer Perſon unabhängigen Merkmalen. Stündet Ihr neben Arnauld du Thill, gekleidet wie er, ſo wäre die Aehnlichkeit ſo vollkommen, daß ich Euch vielleicht noch nicht unterſchei⸗ den würde. Ich erkenne Euch als meinen wahren Gat⸗ ten, weil Ihr dieſes Gefängniß inne habt und nicht das von Arnauld, weil Ihr mich nicht mit der Strenge auf⸗ nehmt, die ich verdiene, während mich Arnauld abermals zu täuſchen und zu verführen ſuchen würde.“ „Elender Arnauld!“ rief Arnauld mit ſeinem ſtren⸗ gen Tone.„Und Du zu leichtgläubige Frau!“ „Ja, ſchmäht mich!“ ſagte Bertrande de Rolls, „Euere Vorwürfe find mir lieber, als Euer Stillſchwei⸗ gen. Wenn Ihr mir Alles geſagt habt, was Ihr auf dem Herzen tragt, werdet Ihr— ich kenne Euch, Ihr ſeid nachſichtig und zärtlich,— werdet Ihr Euch beſänf⸗ tigen und mir vergeben!“ — — ſ en, uld ähe der nd, te, den ich gen 24 uß ſon uld ſo ei⸗ at⸗ das uf⸗ als en⸗ s, ei⸗ auf hr uf⸗ 249 „Auf!“ ſagte Arnauld mit milderem Tone,„verzwei⸗ felt nicht, Bertrande, wir werden ſehen.“ „Ah!⸗ rief Bertrande,„was ſagte ich? Ja, Ihr ſeid mein wahrer, mein guter Martin⸗Guerre!“ Sie warf ſich ihm zu Füßen, ſie benetzte ſeine Hände mit aufrichtigen Thränen, denn ſie glaubte wirklich mit ihrem Gatten zu ſprechen, und Arnauld du Thill, der ſie mit ſeinem mißtrauiſchen Blicke betrachtete, konnte nicht den geringſten Verdacht ſchöpfen. Die Zeichen der Freunde und der Reue, die ſie von ſich gab, waren entfernt nicht zweideutig. „Es iſt gut!“ brummte Arnauld in ſeinem Innern, „Du wirſt mir dies Alles eines Tages bezahlen, Treu⸗ loſe!“ Mittlerweile ſchien er einer unwiderſtehlichen Be⸗ wegung der Zärtlichkeit nachzugeben. „Ich bin muthlos und fühle, daß ich ſchwach werde,“ ſagte er, indem er ſich den Anſchein gab, als trocknete er eine Thräne, welche nicht floß. Und gleichſam unwillkührlich hauchte er einen Kuß auf die gebeugte Stirne der Reumüthigen. „Welch ein Glück!“ rief Bertrande,„ich bin nun wie⸗ der in Gnaden!“ 5 In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Gefangenwärter erſchien wieder. „Ausgeſöhnt!“ ſagte er mit einer verdrießlichen Miene, als er die ſentimentale Gruppe der vorgeblichen Chegatten erblickte.„Ich wußte das zum Voraus! Oh! Martin, Ihr naße Henne! „Wie, Ihr macht ihm ein Verbrechen aus ſeiner Gutmüthigkeit!“ entgegnete Bertrande. „He! he! laßt das! laßt das!“ ſagte Arnauld mit ſeiner väterlichen Miene lächelnd. „Nun, ich wiederhole, das iſt Eure Sache!“ ſprach der unbeugſame Kerkermeiſter.„Was mich angeht, iſt Die beiden Dianen. M. 17 250 ⸗ mein Befehl. Die Stunde iſt vorüber und Ihr könnt nicht mehr eine Minute länger hier bleiben, meine ſchöne Thränenreiche!“ „Wie! ich ſoll ihn ſchon verlaſſen 2“ rief Bertrande. „Ihr werdet morgen und die folgende Tage Zeit ha⸗ ben, ihn zu ſehen,“ erwiederte der Gefangenwärter. „Es iſt wahr, morgen iſt er frei!“ verſetzte Ber⸗ trande.„Morgen, Freund, werden wir unſer ſanftes Leben von früher wieder beginnen.“ „Morgen alle Zärtlichkeiten!“ ſagte der rauhe Ge⸗ Für den Augenblick müßt Ihr Euch weg⸗ packen.“ Bertrande küßte zum letzten Mal die Hand, die ihr Arnauld mit einer königlichen Geberde reichte, ſandte ihm mit ihrer Hand noch ein Lebewohl zu und ging vor dem Gefangenwärter hinaus. Als dieſer die Thüre ſchließen wollte, rief ihn Ar⸗ nauld zurück. „Koͤnnte ich Licht haben, eine Lampe?“ fragte er. „Gewiß, heute wie jeden Abend,“ antwortete der Gefangenwärter,„wenigſtens bis zur Stunde der Feier⸗ glocke, bis um neun Uhr. Bei Gott! man hält Euch nicht ſo ſtreng, wie Arnauld du Thill! Und dann iſt Euer Herr, der Graf von Montgommery, ſo freigebig! Man iſt gefällig gegen Euch. um ihn ſich verbind⸗ lich zu machen. In fünf Minuten werde ich Euch Eu⸗ ren Leuchter ſchicken, Freund Martin!“ Ein Knecht des Gefängniſſes brachte wirklich nach einigen Augenblicken Licht. Er entfernte ſich wieder, nachdem er dem Gefangenen guten Abend gewünſcht und ihm, ſobald er die Feierglocke hoͤre, ſein Licht auszulö⸗ ſchen empfohlen hatte. Als ſich Arnauld allein ſah, ſtreifte er ſachte die lin⸗ nenen Kleider ab, die er trug, und zog nicht minder ſachte einen von den bekannten braunen Leibröcken und gelben t e l⸗ n e⸗ g⸗ hr or 251 Tricothoſen an, die er in der Kiſte von Martin⸗Guerre entdeckt hatte. Dann verbrannte er Stück für Stück ſeinen alten Anzug am Licht und vermiſchte die Aſche davon mit der Aſche, die ſchon den Herd des Kamins füllte. Dies war in weniger als einer Stunde geſchehen, und er konnte ſein Licht auslöſchen und ſich zu Bette legen, ehe die Feierglocke ertönte. „Warten wir nun,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Es ſcheint entſchieden, daß ich vor den Richtern geſiegt habe. Doch es wäre angenehm, wenn ich gerade aus meiner Niederlage die Mittel zu meinem Siege ziehen könnte. Warten wir.“ XXVI. Das Renuiſitorium eines Verbrechers gegen ſich ſelbſt. Man begreift, daß Arnauld du Thill in dieſer Nacht wenig ſchlief. Er blieb, die Augen weit aufgeſperrt, auf ſeinem Strohlager ausgeſtreckt und beſchäftigte ſich da⸗ mit, daß er den Werth ſeiner Chancen berechnete, ſeinen Plan ordnete und ſeine Mittel zuſammenſtellte. Sein Vorhaben, noch ein letztes Mal die Stelle des armen Martin⸗Guerre einzunehmen, war allerdings ver⸗ en mußte aber gerade durch dieſe Verwegenheit ge⸗ ngen. Sollte ſich Arnauld, wenn ihn der Zufall ſo wun⸗ „ durch ſeine eigene Kühnheit verrathen laſſen? 252 3 Nein; er hatte ſchnell ſeinen Entſchluß gefaßt und gedachte bei zukünftigen Zwiſchenfällen und unvorherge⸗ ſehenen Umſtänden je auf die entſprechende Weiſe zu Werke zu gehen. Als es Tag war, betrachtete er ſeine Kleidung; er fand ſie tadellos und war bemüht, den Glang, die Hal⸗ tung und die Stellungen wieder zu nehmen, wie er ſie einſt bei Martin⸗Guerre ſtudirt hatte. Die Nach⸗ ahmung war vollkommen, wenn er nicht etwa die gut⸗ müthige Miene ſeiner Soſie übertrieb. Es iſt nicht zu leugnen, dieſer elende Burſche wäre ein vortrefflicher Ko⸗ mödiant geworden. Gegen acht Uhr Morgens drehte ſich die Thüre ſei⸗ nes Gefängniſſes auf ihren Angeln. Arnauld bewältigte ein Beben und gab ſich ein gleich⸗ gültiges, ruhiges Ausſehen. Der Gefangenwärter vom vorhergehenden Tage er⸗„ ſ wieder und führte den Grafen von Montgommery ein. „Teufel! jetzt kommt die Kriſe!“ ſagte Arnauld du Thill zu ſich ſelbſt.„Halten wir feſt!“ Er erwartete voll Angſt das erſte Wort, das aus dem Munde des Grafen ihm in's Geſicht kommen ſollte. „Guten Morgen, mein armer Martin⸗Guerre,“ ſagte Gabriel. Arnauld du Thill athmete. Der Graf von Mont⸗ gommery hatte ihm, als er ihn Martin nannte, wohl ins Geſicht geſchaut. Das Quiproquo fing wieder an und. Arnauld war gerettet. z⸗ „Guten Morgen, mein guter, theurer Herr,“ ſagte er zu Gabriel mit einem Erguſſe der Dankbarkeit, der nicht ganz geheuchelt' war. Er wagte es, beizufügen: „Nun, was gibt es Neues, gnädiger Herr?“ „Aller Wahrſcheinlichkeit nach wird der Spruch dieſen Morgen gefällt werden,“ erwiederte Gabriel.* d e⸗ u er l⸗ ie E t⸗ u — „ 8 e. te 253 „Endlich. Gott ſei gelobt!“ rief Arnauld.„Ich muß geſtehen, es drängt mich, die Sache einmal beendigt zu ſehen. Und nicht wahr, gnädiger Herr, es iſt nicht zu zweifeln, es iſt nichts zu befürchten? das gute Recht wird ſiegen.“ „Ich hoffe es,“ ſprach Gabriel, indem er Arnauld noch feſter anſchaute.„Dieſer ſchändliche Arnauld du Thill iſt bei den verzweifelten Mitteln.“ „Wahrhaftig? Und was machinirt er denn noch?“ fragte Arnauld. „Sollteſt Du es glauben?“ ſagte Gabriel,„der Verräther verſucht es noch einmal, die Quiproquo von früher zu wiederholen.“ „Iſt es möglich!“ rief Arnauld, die Arme zum Him⸗ mel erhebend.„Gerechter Gott! und wie dies?“ „Er iſt ſo frech, zu behaupten, geſtern nach der Ge⸗ richtsverhandlung haben ſich die Wärter getäuſcht, man habe ihn in das Gefängniß von Arnauld und Dich in das ſeinige geführt.“ „Kann das ſein!“ ſprach Arnauld mit einer ſchoͤnen Bewegung des Erſtaunens und der Entrüſtung.„Und gründet der Unglückliche dieſe freche Behaup⸗ tung?“ „Höre,“ ſagte Gabriel.„Er wurde eben ſo wenig als Du geſtern ſogleich in ſeinen Kerker geführt. Das Tribunal hätte während ſeiner Berathung den einen oder den andern noch einmal zu befragen ſich veranlaßt ſehen können; die Wächter ließen ihn alſo in der Hausflur, wie ſie Dich im Hofe gelaſſen hatten. Er ſchwört nun, dies ſei die Urſache des Irrthums, man habe ſonſt immer Arnauld in der Hausflur und ihn im Hofe gelaſſen. Die Gefangenwärter haben ſodann, als ſie ihren Gefangenen geholt, ſeiner Behauptung nach natürlich den einen mit dem andern verwechſelt. Was dieſe Wärter betrifft, ſo ſind es dieſelben, welche Euch Beide geführt haben und dieſe menſchlichen Maſchinen kennen nur den Gefangenen 2⁵4 ohne die Perſon zu unterſcheiden. Auf dieſe erbärmlichen Gründe ſtützt er ſein neues Vorgeben. Und er weint, und er ſchreit, und er verlangt nach mir und will mich ſehen.“ „Habt Ihr ihn wirklich geſehen, gnädiger Herr?“ fragte Arnold raſch. „Meiner Treue, nein,“ antwortete Gabriel.„Ich habe bange vor ſeinen Ränken und Liſten. Er wäresfähig, mich zu verführen und abermals zu täuſchen, der Burſche iſt ſo geſcheit und ſo verwegen!“ „Ah! der gnädige Herr vertheidigt ihn nun,“ ver⸗ ſetzte Arnauld du Thill, Urzufriedenheit heuchelnd. „Ich vertheidige ihn nicht, Martin! Doch geſtehen wir, daß es ein an Mitteln reicher Kopf iſt, und wenn er nur die Hälfte ſeiner Geſchicklichkeit zum Guten ange⸗ wendet hätte. „Es iſt ein Schändlicher!“ rief Arnauld voll Hef⸗ tigkeit. „Wie Du ihn heute ſchmähſt!“ verſetzte Gabriel. „Ich dachte, als ich hierherkam, ich muß es geſtehen, im Ganzen habe er keines Menſchen Tod verurſacht; wenn er in einigen Stunden verurtheilt ſei, ſo werde man ihn ſicherlich, ehe acht Tage vergehen, aufhängen, die Todes⸗ ſtrafe ſei vielleicht zu hart, zu übermäßig für ſeine Ver⸗ brechen, und wir könnten, wenn Du wollteſt, um Begna⸗ digung für ihn bitten.“ „Um Begnadigung für ihn bitten!“ wiederholte Arnauld etwas unentſchloſſen. „Ja, ich weiß wohl, das fordert einige Ueberlegung,“ ſprach Gabriel.„Doch überlege es Dir, Martin, was ſagſt Du dazu?“ Das Kinn in der Hand und ſich an der Wange kratzend, blieb Arnauld du Thill einige Sekunden nach⸗ denkend und ohne zu antworten; endlich faßte er ſeinen Entſchluß und ſprach mit feſtem Tone; e⸗ s⸗ er⸗ 1a⸗ lte as ge en 255 „Nein! nein! keine Gnade! keine Gnade! das iſt beſſer.“ „Oh! oh!“ verſetzte Gabriel,„ich wußte nicht, daß Du ſo unverſöhnlich biſt, und noch geſtern beklagteſt Du den Betrüger und hätteſt ihn gern gerettet.“ „Geſtern! geſtern!“ erwiederte Arnauld,„geſtern hatte er uns noch nicht dieſen letzten Streich geſpielt, der meimer Meinung nach noch viel abſcheulicher iſt, als alle andere.“ „Du haſt Recht. Es iſt alſo entſchieden Deine Meinung, daß der Schuldige ſterbe?“ „Mein Gott,“ erwiederte Arnauld du Thill mit einer gottſeligen Miene,„Ihr wißt, gnädiger Herr, in welchem Grade die Gewaltſamkeit, die Rache und Blut⸗ urtheile meiner Natur widerſtreben. Mein Inneres wird von Schmerzen zerriſſen, daß ich mich gezwungen ſehe, eine ſo grauſame Nothwendigkeit hinzunehmen. Doch es iſt eine Nothwendigkeit. Bedenkt, gnädiger Herr, daß mein Daſein, ſo lange dieſer mir ſo ähnliche Menſch lebt, nicht ruhig ſein kann. Der letzte freche Streich, den er in dieſem Augenblick wagt, beweiſt uns, daß er unver⸗ beſſerlich iſt. Steckt man ihn ins Gefängniß, ſo wird er entweichen; verbannt man ihn, ſo wird er zurückkehren! und ſo müßte ich immer unruhig, gepeinigt leben, ich müßte unabläßig bereit ſein, ihn wiedererſcheinen und abermals eine Stoͤrung in mein Leben bringen zu ſehen. Meine Freunde, meine Frau werden nie ſicher ſein, daß ſie es mit mir zu thun haben. Es wird beſtändig ein Miß⸗ trauen obwalten. Man wird ſtets neue Conflicte, neue Streitigkeiten zu erwarten haben. Ich werde mich nie im Beſitze meiner ſelbſt nennen können. Ich muß alſo mit Schmerz, mit Verzweiflung, gnädiger Herr, meinem Charakter Zwang anthun! Allerdings werde ich den Reſt meiner Tage traurig ſein, weil ich den Tod eines Men⸗ ſchen verurſacht habe, doch es muß geſchehen! Der heutige —— 256 Betrug hebt meine letzten Bedenken. Arnauld du Thill ſterbe! ich füge mich darein.“ „Es ſei, er wird ſterben,“ ſagte Gabriel,„nämlich er wird ſterben, wenn man ihn verurtheilt. Denn im Ganzen iſt der Spruch noch nicht gefällt.“ „Wie? die Sache iſt nicht gewiß?“ fragte Arnauld. „Wahrſcheinlich, ja; gewiß, nein;“ antwortete Gabriel.„Dieſer Teufel Arnauld hat geſtern an die Richter eine ſo feine, ſo ſchlaue, ſo überzeugende Rede gehalten!“ „Ich doppelter Dummkopf, der ich war!“ dachte Arnauld du Thill. „Während Du, Martin,“ fuhr Gabriel fort,„Du, der Du mir ſo eben mit großer Beredtſamkeit und be⸗ wunderungswürdiger Sicherheit die Nothwendigkeit des Todes von Arnauld bewieſen haſt, geſtern, wie Du Dich erinnern wirſt, nicht ein einziges Beweismittel, nicht eine einzige Thatſache für den Sieg der Wahrheit finden konn⸗, teſt. Du biſt, ſo ſehr ich in Dich drang, verlegen und beinahe ſtumm geblieben. Man hatte jedoch eingewilligt, Dich von den Vertheidigungsmitteln Deines Gegners zu unterrichten, Du aber wußteſt nichts zu ſagen, um ſie zu⸗ rückzuſchieben.“ k „Gnädiger Herr,“ verſetzte Arnauld,„in Eurer Ge⸗ genwart iſt es mir behaglich, fühle ich mich wohl, während mich alle dieſe verſammelten Richter einſchüchtern. Dabei muß ich Euch geſtehen, daß ich auf mein gutes Recht zählte. Es kam mir vor, als müßte das Gericht beſſer für mich plaidiren als ich ſelbſt. Doch ſo darf man ſich nicht vor dieſen Rechtsgelehrten benehmen. Ich ſehe es ein, ſie wollen Worte haben. Ah! wenn ſich dies wiederbeginnen ließe und ſie mich noch einmal hören wollten!„ „Nun, was würdeſt Du thun, Martin?“ „Eil ich würde mich ein wenig zuſammenraffen und ſprechen. Es iſt nicht ſo ſchwer, alle Beweismittel und 257 Behauptungen von dieſem Arnauld du Thill auf nichts zurückzuführen.“ „Oh! es iſt auch nicht ſo leicht!“ entgegnete Gabriel. „Verzeiht, gnädiger Herr, ich ſah die Mängel ſeiner lügenhaften Behauptungen ſo klar, als er ſie ſelbſt ſehen mußte, und wenn ich minder furchtſam geweſen wäre, wenn es mir nicht an Worten gefehlt hätte, ſo würde ich zu den Richtern geſagt haben... „Was würdeſt Du geſagt haben? Sprich.“ „Was ich geſagt hätte?“ verſetzte Arnauld,„das iſt ganz einfach, gnädiger Herr, hört!“ Hiernach begann Arnauld du Thill ſeine Rede vom vorhergehenden Tage vom Anfang bis zum Ende zu wider⸗ legen. Er entwirrte die Ereigniſſe und Täuſchungen der doppelten Eriſtenz von Martin⸗Guerre und Arnauld mit um ſo größerer Leichtigkeit als er ſie mit eigener Hand verwirrt hatte. Der Graf von Montgommery hatte in dem Geiſte der Richter einige Punkte dunkel gelaſſen, die er ſelbſt ſich nicht erklären konnte. Arnauld du Thill ſetzte ſie ihm mit einer wunderbaren Klarheit auseinan⸗ der. Er zeigte ihm endlich die zwei Lebensgänge des ehr⸗ lichen Mannes und des Schuftes ſo augenſcheinlich ge⸗ trennt und unterſchieden in ihrer Verwirrung, als das mit Waſſer vermiſchte Oel. „Du haſt alſo in Paris auch Erkundigungen einge⸗ zogen?“ fragte Gabriel. „Ganz gewiß, gnädiger Herr,“ antwortete Arnauld, „und ich könnte im Falle der Noth Beweiſe für vas lie⸗ fern, was ich behaupte. Ich gerathe nicht leicht in Be⸗ wegung, doch wenn man mich bis in meine letzten Verſchan⸗ zungen zurückdrängt, weiß ich kräftige Ausfälle zu machen.“ „Arnauld du Thill hat ſich auf das Zeugniß von Herrn von Montmorench berufen, und Du antworteſt nicht hierauf.“ „Sicherlich antworte ich darauf, gnädiger Herr. Dieſer Arnauld du Thill iſt allerdings im Dienſte des Connetable geweſen, doch es war ein ſchmählicher Dienſt. Er mußte etwas wie ein Spion ſein, und gerade hieraus erklärt es ſich, wie und warum er ſich an Eure Perſon anhing, um Euch zu beobachten und zu folgen. Aber wenn man ſolche Leute auch gebraucht, ſo bekennt man ſich doch nicht zu ihnen. Glaubt Ihr, Herr von Montmorench wolle die Verantwortlichkeit für die Handlungen ſeines Emiſſärs übernehmen? Nein! nein! in die Enge ge⸗ trieben, würde es Arnauld du Thill nicht wagen, ſich wirklich an den Connetable zu wenden, und wenn er es in der Verzweiflung auch thäte, müßte es nur zu ſeiner Schande ausfallen und Herr von Montmorency würde ihn verleugnen. Ich faſſe alſo die Vorgänge und das Ergebniß kurz zuſammen.“ In dieſer klaren, logiſchen Zuſammenfaſſung zerſtörte Arnauld vollends Stück für Stück das betrügeriſche Gebäude, das er ſo geſchickt am vorhergehenden Tag aufgebaut hatte. Mit dieſer Leichtigkeit in der Beweisführung und dieſer Flüſſigkeit im Ausdruck wäre Arnauld du Thill ein ausgezeichneter Advokat geworden„ er hatte das Unglück, dreihundert Jahre zu früh auf die Welt zu kommen. Beklagen wir ſeinen Schatten! „Ich hoffe, daß dies Alles unwiderlegbar iſt,“ ſagte er zu Gabriel, als er geendigt hatte.„Wie Schade, daß die Richter mich nicht mehr hören können oder vaß ſie mich nicht gehört haben.“ „Sie haben Dich gehört,“ ſagte Gabriel. „Wie?“ „Schau.“ Die Thüre des Kerkers öffnete ſich und Arnauld ſah, ganz erſtaunt und etwas erſchrocken, unbeweglich und ernſt auf der Schwelle den Präſidenten des Tribunals und zwei von den Richtern ſtehen. — 5 259 „Was ſoll das beveuten?“ fragte Arnauld du Thill, indem er ſich an Gabriel wandte. „Das ſoll bedeuten,“ antwortete Herr von Mont⸗ gommery,„daß ich der Schüchternheit meines armen Martin⸗Guerre mißtraute, und daß ich wollte, ſeine Richter könnten, ohne daß er es wüßte, ſeine unwider⸗ legbare Vertheidigungsrede vernehmen, die ſie nun auch ſo eben gehört haben.“ „Vortrefflich,“ verſetzte Arnauld du Thill wieder athmend.„Ich danke Euch tauſendmal, gnädiger Herr.“ Dann wandte er ſich an die Richter und ſprach in einem Tone, den er furchtſam zu machen ſuchte: „Darf ich glauben, darf ich hoffen, daß meine Rede wirklich das gute Recht meiner Sache für die erleuchteten Geiſter herausgeſtellt hat, die in dieſem Augenblick Ge⸗ bieter über mein Schickſal ſind?“ „Ja,“ ſprach der Präſident des Tribunals,„die Beweiſe, die man uns geliefert, haben uns überzeugt.“ „Ah!“ machte Arnauld du Thill triumphirend. „Doch,“ verſetzte der Präfident,„andere nicht minder ſichere Beweiſe erlauben uns, zu beſtätigen, daß geſtern eine Verwechſelung bei der Abführung der beiden Ge⸗ fangenen ſtattgefunden hat; daß Martin⸗Guerre in Euer Gefängniß, Arnauld du Thill, geführt worden iſt, und daß Ihr zu dieſer Stunde das ſeinige inne habt.“ „Was? Wie?“ ſtammelte Arnauld wie vom Blitze getroffen.„Gnädiger Herr, was ſagt Ihr hiezu?“ ſprach er, ſich an Gabriel wendend. „Ich jage, daß ich es wußte,“ antwortete Gabriel mit ſtrengem Ton.„Ich wiederhole Euch, Arnauld, ich wollte durch Euch ſelbſt die Beweiſe der Unſchuld von Martin und Eurer Schuld herausſtellen laſſen. Ihr habt mich zu einer Rolle, die mir widerſtrebte, gezwungen, Unglücklicher! doch Eure Unverſchämtheit machte mir geſtern begreiflich, daß man, wenn man ſich in einen Kampf mit Eures Gleichen einläßt, Eure Waffen an⸗ 260 wenden muß, und daß man die n nur durch den Betrug beſiegen kann. Ihr habt mir indeſſen nichts zu thun übrig gelaſſen: Ihr habt Euch ſo ſehr beeilt, Eure eigene Sache zu verrathen, daß Eure Feigheit ganz allein in die Falle gegangen iſt.“ „In die Falle gegangen?“ wiederholte Arnauld. „Man hat alſo eine Falle geſtellt? Täuſcht Euch indeſſen nicht, gnädiger Herr, es iſt unleugbar Euer Martin, den Ihr in mir verlaßt!“ „Fahrt nicht länger fort, Arnauld du Thill,“ ent⸗ gegnete der Präſident.„Der Irrthum iſt von dem Tribunal combinirt und befohlen worden. Ihr ſeid ohne die Möglichkeit eines Umſchlags entlarvt, ſage ich Euch.“ „Doch da Ihr zugeſteht, daß ein Irrthum obge⸗ waltet habe,“ rief der unverſchämte Arnauld,„wer gibt Euch die Verſicherung, Herr Präſident, daß nicht auch ein Irrthum im Vollzug Eurer Befehle vorgefallen iſt?“ „Das Zeugniß der Wachen und der Gefangenwärter,“ antwortete der Präſident. „Sie täuſchen ſich,“ ſagte Arnauld du Thill,„ich bin Martin-Guerre, der Stallmeiſter von Herrn von Montgommery; ich werde mich nicht ſo verurtheilen laſſen! Confrontirt mich mit Furem andern Gefangenen, und wenn wir neben einander ſtehen, wählt, unterſcheidet Arnauld du Thill von Martin⸗Guerre, den Schuldigen vom Unſchuldigen! Als ob nicht ſchon genug Verwirrung in dieſer ganzen Sache wäre, habt Ihr neue Verwirrung hinzugefügt. Euer Gewiſſen wird Euch hindern, Euch herauszuziehen. Bis zum Ende und trotz aller Welt werde ich rufen:„„Ich bin Martin⸗Guerre!““ Und ich fordere, wer es auch ſein mag und wie es auch ſein mag, alle Welt heraus, mich Lügen zu ſtrafen und mir zu widerſprechen.“ Die Richter und Gabriel ſchüttelten den Kopf und lächelten ernſt und traurig in Gegenwart dieſer ſchamloſen Hartnäckigkeit. 264 „Ich wiederhole, Arnauld du Thill,“ ſprach der Präſident,„es iſt keine Verwechſelung zwiſchen Euch und Martin⸗Guerre mehr möglich.“ „Und warum?“ ſagte Arnauld;„woran erkennt man ihn? welches Merkmal unterſcheidet uns?“ „Ihr ſollt es erfahren, Elender,“ ſprach Gabriel voll Entrüſtung. Er machte ein Zeichen, und Martin⸗Guerre erſchien auf der Schwelle des Gefängniſſes. Martin⸗Guerre ohne Mantel! Martin⸗Guerre mit einem hölzernen Bein! „Martin, mein braver Stallmeiſter,“ ſagte Gabriel zu Arnauld,„Martin, der in Noyon dem Galgen entkam, an den Ihr ihn hattet hängen laſſen, iſt bei Calais einer gerechten Rache nicht entgangen, welche einer Eurer Schändlichkeiten zugedacht war; er wurde in einen Ab⸗ grund geſtürzt und man mußte ihm dieſes Bein abnehmen, das wenigſtens durch den geheimnißvollen Willen der Vorſehung, welche auch da noch, wo ſie grauſam zu ſein ſcheint, gerecht iſt, nun dazu dient, eine Verſchiedenheit zwiſchen dem Verfolger und dem Opfer herauszuſtellen. Die hier gegenwärtigen Richter ſetzen ſich nicht mehr der Gefahr aus, ſich zu täuſchen, und können fortan den Verbrecher an ſeiner Unverſchämtheit und den Unſchuldigen an ſeiner Wunde erkennen.“ Bleich, niedergeſchmettert unter dem furchtbaren Worte und dem vernichtenden Blicke von Gabriel, ver⸗ ſuchte es Arnauld du Thill nicht mehr, ſich zu verthei⸗ digen und zu leugnen:; der Anblick des berſtümmelten machte zum Voraus alle ſeine Lügen zu nichte. Er ſank ſchwerfällig wie eine träge Maſſe zu Boden und murmelte: „Ich bin verloren! ich bin verloren!“