Leihbibliothek dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 cLeiß und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenummen. E 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Schertiie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. DPie beiden Dianen. Von Alexandre Dumas. A us dem Franzöſiſchen . Dr. Auguſt Zoller. . Viertes bis ſiebentes Bändchen. —— „ Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1847. I. Wos iſt der ſchlagendſte Peweis, den eine Frau geben kann, daß ein Mann nicht nh ihr Geliebter iſt? „„Herr von Montmorency,““ ſprach der Dauphin, mit einer zornigen Traurigkeit eintretend,„„wenn Ihr mich nicht beinahe mit Gewalt zurückgehalten hättet, ſo wäre ich minder unzufrieden mit mir und mit Euch, als ich dies bin.““ „„Eure Hoheit erlaube mir, zu bemerken, daß dies als junger Menſch, und nicht als Königsſohn ſprechen heißt. Eure Tage gehören nicht Euch, ſie ge⸗ hören Eurem Volk, gnädigſter Herr, und die gekrönten Häupter haben höhere Pflichten als die andern Men⸗ ſchen“ „Warum bin ich denn gegen mich aufgebracht⸗ warum ſchäme ich mich?““ ſagte der Prinz.„„Ah! Ihr ſeid es, Madame,““ ſprach er, ſich an Diana wen⸗ dend, die er ohne Zweifel gerade erſt bemerkte. „Und da in dieſem Augenblick die verletzte Eitelkeit den Sieg über die eiferſüchtige Liebe davontrug, p fügte er bei: „„Bei Euch und durch Euch iſt mir die erſte Be⸗ leidigung zu Theil geworden.““ „„Achl ja, bei mir, doch ſagt nicht Jur With gnädigſter Herr,““ erwiederte Diana.„Habe ich Die beiden Dianen. U. 1 gommery lebt, Madame, doch er iſt von unſeren Leuten 3 wegen eines ſolchen Verbrechens hätte noch mehr Ge⸗ eben ſo ſehr, und noch mehr als Ihr gelitten? Bin ich nicht unſchuldig an dem Allem? Liebe ich denn dieſen Menſchen, habe ich ihn denn je geliebt?““ „Sie verleugnete ihn, nachdem ſie ihn verrathen D hatte; das war ganz einfach. 4 „„Ich liebe nur Euch, gnädigſter Herr,““ fuhr ſie fort,„meine Seele und mein Leben gehören ganz Euch, und mein Daſein beginnt erſt an dem Tag, wo Ihr dieſes Herz angenommen habt, das Euch ergeben iſt. Früher kann es geſchehen ſein, und ich erinnere mich auch unbeſtimmt, daß ich Herrn von Montgom⸗ mery einige Hoffnung in der Ferne hatte erblicken laſ⸗ ſen. Doch jedenfalls war es nichts Beſtimmtes, keine gewiſſe Verbindlichkeit. Als Ihr kamet, war Alles vergeſſen. Und ſeit dieſer Zeit, ich ſchwöre es,— glaubt eher meinen Worten, als den eiferſüchtigen Ver⸗ leumdungen von Madame dEtampes und ihren An⸗— hängern!— ſeit dieſer geſegneten Zeit hat jeder Ge⸗ danke meines Geiſtes, jeder Pulsſchlag meines Her⸗ zens Euch gehört, gnädigſter Herr. Dieſer Menſch lügt, dieſer Menſch handelt im Einverſtändniß mit meinen Feinden, dieſer Menſch hat kein Recht auf diejenige, welche Euch ſo ganz gehört, Heinrich. Ich kenne die⸗ ſen Menſchen kaum, und liebe ihn nicht nur nicht, groſ⸗ ſer Gott! ſondern ich haſſe und verachte ihn. Seht, ich frage Euch nicht einmal, ob er noch lebt, oder ob er todt iſt, ich bekümmere mich nur um Euch. Ihn haſſe ich.““* „Iſt das wahr, Madame?““ fragte der Dauphin mit einem Ueberreſte düſteren Mißtrauens. „„Die Beweisführung wird leicht und raſch ſein,““ verſetzte Herr von Montmoreney.„„Herr von Mont⸗ mit Banden beladen, und außer Stand, zu ſchaden. Er hat den Prinzen ſchwer beleidigt. Ihn vor die Gerichte zu bringen, iſt unmöglich: die Verurtheilung 3 fahren, als das Verbrechen ſelbſt. Daß ſich ſeine Ho⸗ heit der Dauphin in einen Einzelnkampf mit dieſem Frechen einlaſſen ſoll, iſt noch viel unmöglicher. Was iſt alſo Eure Anſicht in dieſer Sache, Madame, und was ſollen wir mit dieſem Menſchen thun?““ „Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens voll innerer Bewegung ein. Perrot hemmte ſei Athem, um die Worte, welche lange nicht hervorkommeh wollten, beſſer zu hören. Doch Frau Diana hatte offenbar bange vor ſich ſelbſt und vor dem, was ſie ſagen würde. Sie zögerte vor ihrem eigenen Spruch. „Endlich mußte ſie ſprechen, und ſie ſagte mit ziemlich feſter Stimme: „„Herr von Montgommery hat das Verbrechen der Majeſtätsbeleidigung begangen. Herr von Mont⸗ morench, zu welcher Strafe verurtheilt man diejenigen, nee ſich der Majeſtätsbeleidigung ſchuldig gemacht aben?““ „„Zum Tode,““ antwortete der Connetable. „„Meine Anſicht iſt es alſo, daß dieſer Menſch ſterbe,““ ſprach Frau Diana mit kaltem Tone. „Alle ſchauerten, und erſt nach einer zweiten Pauſe ſagte Herr von Montmorench: „„In der That, Madame, Ihr liebt Herrn von Montgommery nicht, und habt ihn nie geliebt.““ „Doch ich,““ verſetzte der Dauphin,„ich will weniger als je, daß Herr von Montgommery ſterbe.““ „„Das iſt auch meine Anſicht,“ verſetzte Mont⸗ morench;„„doch ich denke, nicht aus denſelben Beweg⸗ gründen wie bei Euch, Hoheit: die Meinung, welche Ihr aus Großmuth ausgeſprochen habt, billige ich aus Klugheit. Herr von Montgommery hat mächtige Freunde und Verwandte in Frankreich und in England; man weiß überdies bei Hofe, daß er dieſen Abend hier mit uns zuſammentreffen mußte. Verlangt man ihn morgen laut und geräuſchvoll von uns zurück, ſo müſ⸗ ſen wir nicht einen Leichnam zu zeigen haben. Der Adel duldet es nicht, daß man ihn behandelt wie ge⸗ meine Menſchen und ohne Umſtände tödtet. Wir müſ⸗ ſen nothwendig antworten können;„„Herr von Mont⸗ gommery iſt auf der Flucht...“ oder:„„Herr von Montgommery iſt verwundet und krank. 4ℳ Doch in jedem Fall:„„Herr von Montgommery lebt„ Und wenn man uns auf das Aeußerſte treibt, wenn man ihn hartnäckig von uns zurückfordert, nun! ſo muß es uns am Ende freiſtehen, ihn aus ſeinem Gefängniß oder aus ſeinem Bett zu ziehen und ihn den Verleum⸗ dern zu zeigen. Doch ich hoffe, die Vorſichtsmaßregel wird, wenn auch gut, nichtsdeſtoweniger unnöthig ſein. Man wird morgen und übermorgen nach Herrn von Montgommery fragen. In acht Tagen wird man weniger, und in einem Monat wird man gar nicht mehr davon reden. Nichts vergißt ſich ſo ſchnell als ein Freund, und man muß wohl den Gegenſtand des Geſpräches verändern! Ich finde daher, daß der Schul⸗ dige weder ſterben, noch leben ſoll: er muß verſchwin⸗ den.““ „„Es ſei!““ ſagte der Dauphin,„„er reiſe ab, er verlaſſe Frankreich! Er hat Güter und Verwandte in England, er flüchte ſich dahin!““ „„Nein, gnädigſter Herr!““ entgegnete Montmo⸗ rency.„„Der Tod iſt zu viel, doch die Verbannung iſt nicht genug. Wollt Ihr,“ fügte er die Stimme däm⸗ pfend bei,„„wollt Ihr, daß dieſer Menſch eher in Eng⸗ land als in Frankreich ſagt, er habe Euch mit einer beſchimpfenden Geberde bedroht?““ „„Oh! erinnert mich nicht hieran!““ rief der Dau⸗ phin mit den Zähnen knirſchend. „„Laßt mich Euch dennoch daran erinnern, gnädig⸗ ſter Herr, um Euch vor einem unklugen Entſchluß zu bewahren. Ich wiederhole Euch, der Graf muß nichts enthüllen können, weder lebendig, noch todt. Die Leute unſerer Escorte ſind ſicher und wußten überdies nicht, mit wem ſie es zu thun hatten. Der Gonverneur des MN 5 Chatelet iſt mein Freund; mehr noch, taub und ſtumm wie ſein Gefängniß, und dem Dienſte Seiner Majeſtät ergeben. Herr von Montgommery werde noch in dieſer Nacht in das Chatelet gebracht. Ein guter Kerker wird ihn uns bewahren, oder zurückgeben, wie wir wol⸗ len. Morgen iſt er verſchwunden, und wir verbreiten über dieſes Verſchwinden die widerſprechendſten Ge⸗ rüchte. Wenn dieſe Gerüchte nicht von ſelbſt fallen, wenn die Freunde des Grafen ihn mit zu großer Be⸗ harrlichkeit zurückfordern, was nicht wahrſcheinlich iſt treiben, worüber ich mich wundern würde, ſo rechtfer⸗ tigen wir uns mit einem Wort, indem wir die Regiſter des Chatelet vorzeigen, welche beweiſen, daß Herr von Montgommery, des Verbrechens der Majeſtätsbeleidi⸗ gung angeklagt, im Gefängniß den regelmäßigen Spruch des Gerichtes erwartet. Und haben wir dieſen Beweis gegeben, fällt es dann uns zur Laſt, wenn das Ge⸗ fängniß ungeſund iſt, wenn der Kummer und die Reue zu viel Gewalt über Herrn von Montgommerh gehabt haben, und wenn er geſtorben iſt, ehe er vor einem Gericht erſcheinen konnte?““ „„Oh! Herr von Montmorench!““ verſetzte der Dau⸗ phin ſchauernd. „„Seid, unbeſorgt, gnädigſter Herr,““ ſprach der Rath des Prinzen,„„wir werden nicht nöthig haben, zu dieſem Aeußerſten zu greifen. Die durch die Abwe⸗ ſenheit des Grafen veranlaßten Gerüchte werden ſich von ſelbſt legen. Die Freunde werden ſich tröſten und raſch vergeſſen, und Herr von Montgommery wird, wenn er will, von dem Augenblick an, wo er für die Welt todt iſt, für das Gefängniß leben.““ „„Hat er nicht einen Sohn?““ „„Ja, ein Kind von wenigen Jahren, dem man ſagt, man wiſſe nicht, was aus ſeinem Vater geworden, und das, iſt es einmal groß, ſeine eigenen Intereſſen, ſeine eigenen Leidenſchaften haben, und eine fünfzehn ₰ wenn ſie eine ſtrenge Unterſuchung bis aufs Aeußerſte bis zwanzig Jahre alte Geſchichte nicht mehr zu ergründen ſuchen wird.““ „„Alles dies iſt richtig und gut zuſammengefaßt,““ ſprach Frau von Poitiers;„ich neige mich, ich billige und bewundere.““ „„Ihr ſeid in der That zu gut,“ verſetzte Mont⸗ morency äußerſt geſchmeichelt,„„ich ſehe, daß wir ganz geſchaffen ſind, um uns zu verſtehen.““ „„Doch ich billige nicht und bewundere nicht!““ rief der Dauphin,„ich mißbillige im Gegentheil und widerſetze mich.““ „„Mißbilligt, gnädigſter Herr, und Ihr werdet Recht haben,““ ſagte Herr von Montmorency⸗„„miß⸗ billigt, aber widerſetzt Euch nicht; tadelt, aber laßt gewähren. Alles dies geht Euch nichts an, und ich über⸗ nehme die ganze Verantwortlichkeit vor den Menſchen und vor Gott.““ „„Nur wird fortan ein Verbrechen zwiſchen uns beſtehen, nicht wahr?““ verſetzte der Dauphin,„„und Ihr werdet mehr als mein Freund, Ihr werdet mein Mitſchuldiger ſein.““ „„Oh! ſolche Gedanken ſeien fern von mir!““ rief der ſchlaue Miniſter.„Doch Ihr ſollt Euch eben ſo wenig dadurch gefährden, daß Ihr den Schuldigen beſtraft, als dadurch, daß Ihr ihn bekämpft. Wollt Ihr, daß wir dem König, Eurem Vater, Meldung machen?““ 3 „Nein, nein; mein Vater darf von Allem dem nichts erfahren,““ ſagte der Dauphin raſch. „„Meine Pflicht,““ erwiederte Herr von Montmo⸗ rench,„„würde mich jedoch verbinden, ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, gnädigſter Herr, wenn Ihr be⸗ harrlich glaubtet, die Zeit ritterlicher Handlungen daure noch fort. Doch übereilen wir nichts, wenn Ihr es wünſcht, und laſſen wir unſern Rath durch die Zeit reifen. Verſichern wir uns nur der Perſon des Gra⸗ fen, was eine nothwendige Bedingung für unſere wei⸗ NW X— S NXS* — 3 — 7 teren Pläne iſt, wie dieſe auch ſein mögen, und ver⸗ ſchieben wir auf ſpäter jede förmliche Entſchließung über dieſen Gegenſtand.““ „„Es ſei!““ ſagte der Dauphin, deſſen ſchwacher Wille mit Eifer dieſen vorgeblichen Aufſchub ergriff. „„Herr von Montgommery wird ſo Zeit haben, von einer erſten unbedachten Aufwallung zurückzukommen, und ich werde mit Muße das überlegen können, was mir mein Gewiſſen und meine Würde zu thun be⸗ fehlen.““ „„Kehren wir alſo in den Louvre zurück, gnädigſter Herr, und beurkunden wir dort unſere Gegenwart,““ ſprach Herr von Montmorency.„„Ich werde ihn Euch morgen wieder ſchicken, Madame,““ ſagte er, ſich mit einem Lächeln an Frau von Poitiers wendend,„denn ich konnte ſehen, daß Ihr ihm in einer wahren Liebe zugethan ſeid.““ „„Aber iſt Seine Hoheit der Dauphin auch da⸗ von überzeugt?““ verſetzte Diana,„„und hat er mir das ſo wenig von mir vorhergeſehene Unglück dieſes Zuſammentreffens verziehen?““ „„Ja, Ihr liebt mich furchtbar, in der That, Diana!““ erwiederte der Dauphin nachdenkend;„„ich bedarf des Glaubens zu ſehr, um zu zweifeln, und hätte der Graf auch wahr geſprochen, ſo ſah ich doch zu ſehr an dem Schmerz, der ſich meiner bemächtigte, als ich Euch verloren zu haben mir einbildete, daß Eure Liebe für mein Daſein fortan nothwendig iſt, und daß, wenn man Euch liebt, dies für das ganze Leben geſchieht.““ „„Ah! möchtet Ihr wahr ſprechen,““ rief Diana mit einem leidenſchaftlichen Ausdrucke, indem ſie die Hand küßte, die ihr der Prinz zum Zeichen der Verſöh⸗ nung reichte. „„Vorwärts, gehen wir ohne Verzug,““ ſagte Herr von Montmorench. „„Auf Wiederſehen, Diana.““ 4 „„Auf Wiederſehen mein Herr,““ ſprach die Herzogin, indem ſie dieſe beiden Worte mit einem Aus⸗ druck voll unſäglichen Zaubers trennte. „Sie geleitete ihn bis zu der Schwelle des Zim⸗ mers zurück. Während der Dauphin die Treppe hinab ſtieg, öffnete Herr von Montmorench wieder die Thüre des Sprechzimmers, wo Herr von Montgommery immer noch bewacht und gefeſſelt lag, und ſprach ſich an den Anführer der Reiter wendend: „„Ich werde Euch ſogleich einen von meinen Leu⸗ ten ſchicken, der Euch von dem unterrichten ſoll, was Ihr mit Eurem Gefangenen zu machen habt. Bis da⸗ hin überwacht alle ſeine Bewegungen und verliert ihn nicht eine Minute aus dem Blick. Ihr haftet mir mit Eurem Leben für ihn.““ „„Sehr wohl, gnädigſter Herr,““ antwortete der Reiter. „„Ueberdies werde ich wachen,““ ſagte von der Thüre aus, wo ſie ſtehen geblieben war, Frau von Poi⸗ tiers. „Alle entfernten ſich, und Perrot hörte in ſeinem Verſtecke nichts mehr, als den regelmäßigen Tritt der im Innern des Sprechzimmers aufgeſtellten Wache, welche die Thüre hütete, während ihre Kameraden den Gefangenen bewachten.“ II. Eine unnütze Aufopferung. Nachdem Aloyſe einige Augenblicke ausgeruht hatte, venn ſie konnte kaum alhmen bei der Erinnerung an — ———— — 9 dieſe traurige Geſchichte, faßte ſie wieder Muth und beendigte ihre Erzählung mit folgenden Worten: „Es ſchlug ein Uhr Morgens in dem Augenblick, wo der Dauphin und ſein wenig bedenklicher Mentor ſich entfernten. Perrot ſah, daß ſein Herr rettungslos verloren war, wenn er dem Boten von Herrn von Mont⸗ morency Zeit ließ, zu erſcheinen. Es war ihm nicht entgangen, daß Herr von Montmorency weder ein Lo⸗ ſungswort noch irgend ein Zeichen genannt hatte, woran man ſeinen Abgeſandten zu erkennen vermöchte. Nach⸗ dem er ungefähr eine halbe Stunde gewartet hatte, um das Zuſammentreffen von Herrn von Montmorency mit dem Boten wahrſcheinlich zu machen, verließ Perrot ſachte ſein Verſteck, ging mit aufgehobenem Fuße einige Stufen der Treppe hinab, ſtieg ſodann dieſe wieder hin⸗ auf, indem er ſeine Tritte im Gegentheil ſcharf hörbar machte, und klopfte an die Thüre des Sprechzimmers. „Der Plan, den er freiwillig gefaßt hatte, war kühn, hatte aber gerade wegen dieſer Kühnheit Chancen des Gelingens. „„Wer da?““ fragte die Wache. „„Ein Abgeſandter des gnädigſten Herrn von Mont⸗ morency.““ ſprach der Anführer der Truppe zu der ache. „Man öffnete, Perrot trat keck, den Kopf hoch, ein. „„Ich bin der Stallmeiſter von Herrn Charles von Manffol, der, wie Ihr wißt, im Dienſte von Herrn von Montmorench ſteht. Wir kamen von der Wache im Louvre ab, mein Herr und ich, als wir auf der Gröve Herrn von Montmorench in Begleitung eines großen, tief in ſeinen Mantel gehüllten jungen Mannes begegneten. Herr von Montmorench erkannte Herrn von Manffol und rief ihn. Nachdem ſie einige Augenblicke mit ein⸗ ander geſprochen hatten, befahlen ſie mir, hieher in die Rue du Figuier zu Frau Diana von Poitiers zu gehen. Ich werde, ſagten ſie, hier einen Gefangenen ſinden, 10 über welchen mir Herr von Montmoreney Inſtructionen gab, die ich zu vollziehen habe. Ich verlangte zu die⸗ ſem Behuf einige Mann Escorte, doch er ſagte mir, es wären hier ſchon Bewaffnete genug, und ich ſehe in der That, daß Ihr zahlreicher ſeid, als es nöthig iſt, um die perſönliche Sendung zu unterſtützen, mit der man mich betraut hat. Wo iſt der Gefangene? Ah! hier iſt er! nehmt ihm den Knebel heraus, denn ich muß mit ihm ſprechen, und er muß mir antworten können.““ „Der gewiſſenhafte Anführer der Soldaten zögerte noch, trotz des entſchiedenen Tones von Perrot. „Habt Ihr mir keinen geſchriebenen Befehl zu übergeben?““ fragte er. „„Schreibt man Beſehle auf der Grove um zwei Uhr Morgens?““ erwiederte Perrot die Achſeln zuckend; „„Herr von Montmorency ſagte mir, Ihr wäret von meiner Ankunft in Kenntniß geſetzt.““ „„Das iſt wahr.““ „„Nun, was für Chicanen macht Ihr mir denn, mein braver Mann? Entfernt Euch, Ihr und Eure Leute, denn was ich dieſem Herrn zu ſagen habe, muß zwiſchen ihm und mir geheim bleiben. Ei! verſteht Ihr mich denn nicht? Weicht zurück, Ihr Leute.““ „Sie wichen in der That zurück, und Perrot näherte ſich Herrn von Montgommery, der nun von ſeinem Knebel befreit war. „„Mein braver Perrot!““ ſprach der Graf, welcher ſeinen Stallmeiſter ſogleich erkannt hatte,„„wie kommſt Du hierher?““ „„Ihr ſollt es erfahren, gnädiger Herr, doch wir haben keine Minute zu verlieren; hört mich.““ „Er erzählte ihm in wenig Worten die Scene, welche bei Frau Diana vorgefallen war, ſowie den Entſchluß, den Herr von Montmorency gefaßt zu ha⸗ ben ſchien, auf immer das furchtbare Geheimniß der Beleidigung mit dem Beleidiger zu begraben. Man 11¹ müſſe ſich daher dieſer tödtlichen Gefangenſchaft durch einen verzweifelten Streich entziehen.“ „„Und was gedenkſt Du zu thun, Perrot?““ fragte Herr von Montgommery.„„Sieh'! ſie ſind ihrer Acht gegen uns Zwei, und wir beſinden uns nicht in einem befreundeten Hauſe,““ fügte er voll Bitterkeit bei. „„Gleichviel!““ erwiederte Perrot,„„laßt mich nur machen und ſprechen, und Ihr ſeid gerettet, Ihr ſeid frei⸗““ „„Wozu ſollte es mich nützen, Perrot?““ ſagte traurig der Graf,„„was ſollte ich mit dem Leben und der Freiheit thun? Diana liebt mich nicht! Diana haßt mich und verräth mich!““ „„Laßt die Erinnerung an dieſe Frau, und denkt an Euer Kind, gnädiger Herr.““ „„Du haſt Recht, Perrot, ich habe ihn zu ſehr vergeſſen, meinen armen kleinen Gabriel, und Gott ſtraft mich dafür. Für ihn muß ich, will ich die letzte Möglichkeit der Rettung verſuchen, die Du mir bieteſt, Freund. Doch vor Allem höre mich: entgeht mir dieſe Möglichkeit, ſcheitert die durch ihre Vermeſſenheit wahn⸗ ſinnige Unternehmung, die Du zu wagen im Begriffe biſt, ſo will ich dem verwaiſten Knaben nicht als Erb⸗ ſchaft die Folge meines unſeligen Geſchickes vermachen; ich will ihm nach meinem Verſchwinden aus dem Leben nicht die furchtbaren Feindſchaften hinterlaſſen, denen ich unterlegen bin. Schwöre mir alſo, daß wenn das Gefängniß oder das Grab ſich für mich öffnet, Gabriel nie durch Dich erfahren ſoll, wie ſein Vater aus dieſer Welt verſchwunden iſt. Bekäme er Kenntniß von die⸗ ſem furchtbaren Geheimniß, ſo würde er eines Tags mich rächen oder retten wollen, und er würde ſich in's Verderben ſtürzen. Ich werde, ohne dieſe Laſt beizu⸗ fügen, ſeiner Mutter immer noch eine ſchwere Rechen⸗ ſchaft abzulegen haben. Mein Sohn lebe glücklich und ohne Sorge über die Vergangenheit ſeines Vaters! Schwöre mir dies, Perrot, und halte Dich nur Deines 12 Eides entbunden, wenn die drei handelnden Perſonen der Scene, die Du mir berichtet haſt, vor mir ſterben, und wenn der Dauphin(der ohne Zweifel dann König ſein wird), Frau Diana und Herr von Montmorench in das Grab ihren allmächtigen Haß mitnehmen und nichts mehr gegen mein Kind vermögen. Dann, in dieſer ſehr zweifelhaften Vorausſetzung, verſuche er es, wenn er kann, mich aufzufinden und zurückzufordern. Doch bis dahin wiſſe er eben ſo wenig als die Andern, we⸗ niger als die Andern das Ende ſeines Vaters. Du verſprichſt es mir, Perrot? Du,ſchwörſt es mir? Ich überlaſſe mich Deiner verwegenen und, ich befürchte es, unnützen Ergebenheit nur unter dieſer Bedingung.““ „„Ihr wollt es, gnädiger Herr? Ich ſchwöre a. „„Auf das Kreuz Deines Schwertes, Perrot, Gabriel wird nichts durch Dich von dieſem gefährlichen Geheimniß erfahren?““ „„Auf das Kreuz meines Schwertes, gnädiger Herr,““ ſprach Perrot, die rechte Hand ausſtreckend. „„Ich danke, Freund. Nun thue, was Du willſt, mein treuer Diener. Ich übergebe mich Deinem Muth und der Gnade Gottes.““ „„Kaltblütigkeit und Feſtigkeit,““ verſetzte Perrot. „„Ihr werdet ſehen.““ Dann ſich an den Anführer der Soldaten wendend. „„Die Zuſagen, die mir der Gefangene geleiſtet hat, ſind befriedigend, Ihr könnt ihn nun losbinden und gehen laſſen.““ „„Ihn losbinden? ihn gehen laſſen?“ ℳ½ verſetzte der erſtaunte Sbirre. 8 „„Ei, allerdings! das iſt der Befehl des durch⸗ lauchtigen Herrn von Montmorency.““ „„Des Herrn von Montmorench?““ verſetzte der Führer den Kopf ſchüttelnd; er hat uns befohlen, dieſen Gefangenen auf's Schärfſte zu bewachen, und uns geſagt, als er wegging, wir müßten mit unſerem 13 Kopf für ihn haften. Wie kann der gnädigſte Herr von Montmorench nun dieſen Edelmann in Freiheit ſetzen wollen?““ „„Wie, Ihr weigert Euch, mir zu gehorchen, wäh⸗ rend ich in ſeinem Namen ſpreche?““ ſagte Perrot, ohne im Geringſten von ſeiner Sicherheit zu verlieren. „„Ich zögere. Hört, würdet Ihr mir befehlen, dieſen Herrn zu erdroſſeln, oder ihn in das Waſſer zu werfen, oder ihn in die Baſtille zu führen, ſo würden wir gehorchen, aber ihn loslaſſen, das iſt nicht unſeres Amtes.““ „„Es ſei,““ ſprach Perrot, ohne aus der Faſſung zu gerathen.„„Ich habe Euch die Befehle, die ich er⸗ halten, eröffnet und waſche im Uebrigen meine Hände, Ihr ſeid Herrn von Montmorench für die Folgen Eu⸗ res Ungehorſams verantwortlich. Doch ich habe nichts mehr hier zu thun, guten Abend.““ „Und er öffnete die Thüre, als ob er gehen wollte. „„He! einen Augenblick,““ ſagte der Sbirre, „„habt Ihr denn ſo große Eile? Ihr verſichert mich alſo, es ſei der Wille von Herrn von Montmorench, den Gefangenen gehen zu laſſen, Ihr ſeid auch deſſen gewiß, daß Herr von Montmorency Euch ſchickt?““ „„Dummkopf,““ verſetzte Perrot,„„wie hätte ich ſonſt erfahren, daß ein Gefangener hier bewacht wird? Iſt Jemand weggegangen, um es zu ſagen, wenn nicht Herr von Montmorench ſelbſt?““ „„Wohl! man wird Euch Euren Gefangenen los⸗ binden,““ ſagte der Scherge, unzufrieden wie ein Ti⸗ ger, dem man den Knochen entzieht, welchen er eben zerreißen will.„Beim Leibe Chriſti! wie veränder⸗ lich ſind doch dieſe vornehmen Herren.““ „„Es iſt gut. Ich erwarte Euch,““ ſagte Perrot. „Er blieb nichtsdeſtoweniger außen auf der erſten Stufe der Treppe, das Geſicht den Staffeln zugekehrt und ſeinen gezogenen Dolch in der Hand. Sollte er den wahren Boten von Montmorench heraufkommen n ſo würde er ihn keinen Schritt mehr thun aſſen. „Doch er ſah nicht und hörte nicht hinter ſich Frau von Poitiers, durch den Lärmen herbeigezogen, aus ihrem Schlafzimmer herauskommen und auf die offen gebliebene Thüre des Sprechzimmers zugehen. Sie gewahrte, daß man Herrn von Montgommery losband, der hei ihrem Anblick vor Schrecken ſtumm blieb. „Elende! was macht Ihr da?““ rief ſie. „„Wir gehorchen den Befehlen von Herrn von Montmorency, Madame,““ antwortete der Anführer der Sbirren,„wir binden den Gefangenen los.““ „„Unmöglich!““ verſetzte Frau von Poitiers. „„Herr von Montmorench konnte keinen ſolchen Befehl geben. Wer hat Euch dieſen Befehl überbracht?““ „Die Sbirren deuteten auf Perrot, der ſich, als er Frau Diana hörte, von Staunen und Schrecken er⸗ faßt, umgedreht hatte. Ein Strahl der Lampe ſiel auf das bleiche Geſicht des armen Perrot; Frau Diana erkannte ihn. 5 „Dieſer Menſch?““ ſagte ſie,„dieſer Menſch iſt der Stallmeiſter des Gefangenen! Seht, was Ihr thun wolltet!““ „„Eine Lüge!““ entgegnete Perrot, der noch zu leugnen ſuchte.„„Ich bin bei Herrn von Manffoll und Herr von Montmorench hat mich hierher geſchickt.““ „„Wer ſagt, er ſei von Herrn von Montmorench geſchickt?““ ſprach die Stimme eines Hinzukommenden, der kein Anderer war, als der ächte eſandte. „„Meine braven Leute, dieſer Menſch Hier iſt der Ring und das Siegel der Montmorency, und Ihr müßt mich überdies erkennen, ich bin der Graf von Montanſier*). Wie, Ihr habt es gewagt, dieſem *) Der junge Graf von Montanſier präludirte auf dieſe 2 Art durch die Verhaftung von Montgommerg zu der Ermordung von Ligneroiles. Als nämlich Herr von 3 NM* 8 7 — 15 Menſchen den Knebel auszuziehen und ihn loszubinden? Unglückliche, man kneble ihn und binde ihn noch feſter.““ „„Das laſſe ich mir gefallen!““ ſagte der Anfüh⸗ rer der Sbirren,„„das ſind wahrſcheinliche und ver⸗ ſtändliche Befehle!““ „„Armer Perrot!““ ſprach nun der Graf. „Er ließ ſich nicht einmal herab, ein Wort des Vorwurfs gegen Frau Diana beizufügen, obgleich er Zeit hatte, bis ihm das Sacktuch im Mund befeſtigt war. Vielleicht befürchtete er auch, ſeinen braven Stallmeiſter noch mehr zu gefährden. Doch Perrot ahmte leider ſeine Klugheit nicht nach und ſprach, ſich voll Entrüſtung an Frau Diana wendend: „„Gut, Madame, Ihr bleibt wenigſtens im Treu⸗ bruch nicht auf halbem Wege ſtehen! Der heilige Peter verleugnete ſeinen Gott dreimal; doch Judas verrieth ihn nur ein einziges Mal. Ihr habt Euren Geliebten ſeit einer Stunde dreimal verrathen. Judas war aller⸗ dings nur ein Menſch, und Ihr ſeid eine Frau und eine Herzogin!““ „„Packt dieſen Menſchen!““ rief Frau Diana wüthend. ———— Lignerolles Karl IX. mittheilte, der Herze von An⸗ jou, ſein Herr, habe ihm den geheimen Plan anver⸗ traut, ſich der hugenottiſchen Häupter zu entledigen, beſtimmte der König bekanntermaßen ſeinen Bruder, Lignerolles tödten zu laſſen, um jeder Indiscretion zuvorzukommen. Der Graf von Montanſier übernahm die Pollziehung mit vier oder fünf andern adeligen Henkern, welche in der Folge ſämmtlich elend umka⸗ men.„Man muß ſich daher,“ ſagt Brantome,„ſehr in Acht nehmen, daß man keinen Menſchen ungeeig⸗ neter Weiſe tödtet, denn man hat kaum ſolche Morde geſehen, welche nicht gerächt worden ſind mit der Erlaubniß Gottes, der uns ein Schwert an die Seite gegeben hat, um es zu gebrguchen, nicht um es zu mißbrauchen.“ „„Packt dieſen Menſchen!““ wiederholte der Graf von Montanſier. „„Ah! ich bin noch nicht gefangen!““ rief Perrot. „Und er nahm einen verzweifelten Anlauf, ſprang bis zu Herrn von Montgommery, fing an deſſen S mit einem Dolch zu durchſchneiden und rief ihm zu: „„Helft Euch, gnädiger Herr, und laßt uns unſer Leben theuer verkaufen.““ „Doch er hatte kaum Zeit, ihm den linken Arm frei zu machen, denn er konnte ſich nur unvollſtändig vertheidigen, während er die Stricke des Grafen zu durchſchneiden ſuchte. Von allen Seiten umringt und bedrängt, warf ihn ein gewaltiger Streich, den er zwiſchen die Schultern erhielt, zu den Füßen ſeines Herrn, und er fiel bewußtlos und wie todt nieder.“ III. Paß die Plutflecken nie ganz verſchwinden. „Was hierauf vorging, wußte Perrot nicht. „Als er wieder zu ſich kam, war der erſte Eindruck, den er empfand, ein Eindruck der Kälte. Er ſammelte ſeine Gedanken, öffnete die Augen und ſchaute umher: es war immer noch finſtere Nacht. Er fand ſich auf dem naſſen Boden ausgeſtreckt und ein Leichnam lag an ſeiner Seite. Bei dem Schimmer der kleinen Lampe, welche beſtändig in der Niſche der Bildſäule der Jung⸗ frau brannte, erkannte er, daß er auf dem Cimetiére des Innocents*) war. Der Leichnam neben ihm war 3 Rirchhof bei Paris. — — Die heiden Dianen. n. 2 17 der der Wache, welche Herr von Montgommery ge⸗ tödtet hatte. Ohne Zweifel hatte man meinen armen Mann auch für todt gehalten. „Er verſuchte es, aufzuſtehen; doch nun erwachte der furchtbare Schmerz ſeiner Wunden. Indem er je⸗ doch alle ſeine Kräfte mit übermenſchlichem Muthe zu⸗ ſammenraffte, gelang es ihm, ſich zu erheben und einige Schritte zu thun. In dieſem Augenblick zer⸗ ſtreute der Schein einer Stocklaterne den tiefen Schatten, und Perrot ſah zwei Männer von unheimlichem Aus⸗ ſehen, welche Grabſcheiter und Hauen bei ſich hatten, herbeikommen. „„Man hat uns geſagt, unter der Bildſiule der Jungfrau,““ ſprach einer von den Beiden. „„Hier ſind unſere Männer,““ verſetzte der Andere, als er den Solhaten erblickte.„„Doch nein, es iſt nur Einer.““ 5 „„Suchen wir den Andern.““ „Die Todtengräber leuchteten mit ihrer Laterne auf dem Boden umher. Doch Perrot hatte die Kraft gehabt, ſich hinter ein Grab zu ſchleppen, das ziemlich entfernt von dem Orte war, wo ſie ſuchten. „„Der Teufel wird unſern Mann geholt haben,““ ſagte einer von den Todtengräbern, der ein ſcherzhafter Menſch zu ſein ſchien. „„Oh!““ entgegnete der Andere,„„ſprich keine ſolche Dinge zu dieſer Stunde und an dieſem Orte.““ „Und er bekreuzte ſich mit allen Zeichen des Schreckens. „„Es iſt offenbar nur Einer,““ ſprach der erſte Todtengräber.„Was läßt ſich da machen? Bah! be⸗ graben wir immerhin dieſen; wir ſagen, der Andere ſei entwichen, oder man habe vielleicht ſchlecht gezählt.““ „Sie fingen an ein Grab zu graben, und Perrot, der ſich allmälig ſchwankend entfernte, hörte den heitern Todtengräber zu ſeiner Freude ſagen: e— „„Ich bedenke, wenn wir geſtehen, daß wir nur einen Leichnam gefunden und nur ein Grab gemacht 1 haben, ſo wird uns der Mann vielleicht nur fünf Pi⸗ B ſtolen ſtatt zehn geben. Wäre es vielleicht nicht das öf Beſte für unſern Vortheil, wenn wir die ſeltſame Flucht des zweiten Leichnams verſchweigen würden?““ „„In der That!““ entgegnete der fromme Todten⸗ de gräber.„„Wir ſagen nur, wir haben das Geſchäft gethan, und das iſt dann nicht gelogen.““ ſch „Perrot hatte indeſſen, nicht ohne tödtliche Schwä⸗ m chen, die Rue Aubry⸗le⸗Boucher erreicht. Da ſah er we den Karren eines Gärtners vorüberkommen, der vom de Markte zurückkehrte, und er fragte den Führer, wohin Bl er ginge. der „„Nach Montreuil,““ antwortete der Mann. Ar „„Es wäre ſehr gutherzig von Euch, wenn Ihr na mich auf den Rand Eures Karrens bis zur Ecke der ſte Rue Gevoffroy⸗Lasnier, bei der Rue Saint⸗Antoine, wo ich wohne, ſitzen ließet.““ la „„Steigt auf,““ ſprach der Gemüſegärtner. „Perrot machte ſo ohne zu große Anſtrengung den ich Weg, der ihn von ſeinem Hauſe trennte, und dennoch Ei glaubte er mehr als zehnmal während der Fahrt vom i Leben in den Tod hinüberzugehen. Endlich in der Rue Geoffroy⸗Lasnier hielt der Wagen an. „„Hollah! Freund, Ihr ſeid zu Hauſe,““ rief der Mi Gemüſegärtner. 53 „„Ich danke! mein braver Mann,“ ſagte Perrot. Ple „Er ſtieg ab, ſtolperte fort, und war genöthigt, All ſich an der nächſten Wand zu halten, die er traf. ver „„Der Kamerad hat einen Schluck über Durſt ge⸗ trunken,“ ſprach der Bauer,„„es lebe der Rauſch!““ ihn rief er und ging, ein Trinklied trällernd, ſeines Weges. „Perrot brauchte eine Stunde, um vön der Rue letzt Saint⸗Antoine in die Rue des Jardins zu grige Zum Glück ſind die Januarnächte lang! er begegnete noch Niemand und kam gegen ſechs Uhr nach Hauſe. — — 8 — — ur ht i⸗ as cht ift ä⸗ er m in hr er ie, en c m ue e⸗ . es⸗ ue n ete ſe. 19 „Trotz der Kälte, gnädiger Herr, hatte mich die Unruhe die ganze Nacht am offenen Fenſter gehalten. Beim erſten Ruf von Perrot lief ich an die Thüre und öffnete ihm. „Stille, bei Deinem Leben!““ ſagte er,„„hilf mir in unſer Zimmer hinaufſteigen, aber hüte Dich vor je⸗ dem Schrei, vor jedem Wort.““ „Er ſchritt fort, unterſtützt von mir, die ich, ob⸗ ſchon ich ihn verwundet ſah, doch ſeinem Verbote ge⸗ mäß nicht zu ſprechen wagte und nur in der Stille weinte. Als wir oben waren, und ich ihm ſeine Klei⸗ der und ſeine Waffen abgenommen hatte, bedeckte das Blut des Unglücklichen meine Hände, und ſeine Wun⸗ den erſchienen mir breit und gähnend. Er kam meinem Ausruf durch eine gebieteriſche Geberde zuvor und nahm auf dem Bett die Stellung, die ihn am wenig⸗ ſten leiden machte. „„Gib mindeſtens zu, daß ich einen Wundarzt holen laſſe,““ ſagte ich ſchluchzend. „„Unnöthig!““ erwiederte er,„„Du weißt, daß ich mich ein wenig auf die Kunſt der Aerzte verſtehe. Eine von meinen Wunden, die unter dem Hals, iſt tödtlich, und ich glaube, ich würde ſchon nicht mehr leben, wenn nicht etwas Stärkeres als der Schmerz mich aufrecht erhalten, und wenn nicht Gott, der die Mörder und Verräther beſtraft, mein Ende um einige Stunden verlängert hätte, damit ich ſeinen zukünftigen Plänen diene. Bald wird mich das Fieber faſſen, und Alles wird abgemacht ſein. Kein Arzt in der Welt vermag etwas hiegegen.““ „„Er ſprach mit peinlicher Anſtrengung. Ich flehte ihn an, ein wenig zu ruhen. „„Du haſt Recht,““ ſagte er,„„ich muß meine letten Kräfte ſchonen. Gib mir nur Schreibzeug.““ „Ich brachte ihm, was er verlangte. Doch er hatte nicht bemerkt, daß ihm durch einen Degenſtoß die rechte Hand zerriſſen worden war. Er ſchrieb auch ſonſt nur mit Schwierigkeit, und er mußte Feder und Papier wegwerfen. „„Nun, ſo werde ich ſprechen,““ ſagte er,„„und Gott wird mich leben laſſen, bis ich vollendet habe. Denn wenn dieſer gerechte Gott die drei Feinde meines Herrn in ihrer Macht oder in ihrem Leben ſchlägt, was die vergänglichen Güter der Böſen ſind, ſo muß Herr von Montgommery durch ſeinen Sohn gerettet werden können.““ „Hierauf, gnädiger Herr,“ fuhr Aloyſe fort,„hier⸗ auf erzählte mir Perrot die ganze traurige Geſchichte, die ich vor Euch entrollt habe. Er machte jedoch lange und häufige Unterbrechungen, und wenn er ſich zu ſehr erſchöpft fühlte, um fortzufahren, befahl er mir, ihn zu verlaſſen und mich den Leuten des Hauſes zu zeigen. „Ich erſchien, leider vhne Mühe, ſehr unruhig über den Grafen und meinen Mann. Ich ſchickte Alle aus, um zuerſt im Louvre, ſodann bei ſämmtlichen Freunden des Herrn Grafen von Montgommerh, und endlich bei ſeinen eiufachen Bekannten Erkundigungen einzuziehen. Frau von Poitiers antwortete, ſie habe ihn nicht geſe⸗ hen, und Herr von Montmorency, er wiſſe nicht, warum man ihn beläſtige. „So wurde jeder Verdacht von mir entfernt, was Perrot wollte, und ſeine Mörder konnten glauben, ihr Geheimniß wäre im Kerker des Herrn und im Grabe. des Stallmeiſters begraben. „Als die Diener auf einige Zeit entfernt waren und ich Euch, gnädiger Herr Gabriel, einem derſelben an⸗ vertraut hatte, ſtieg ich wieder zu meinem armen Per⸗ rot hinauf, der muthig in ſeiner Erzählung fortfuhr. „Gegen Mittag ſchienen ſich die furchtbaren Schmerzen, die er bis dahin ausgeſtanden hatte, ein wenig zu legen. Er ſprach leichter und mit einer ge⸗ wiſſen Belebtheit. Als ich mich hierüber freute, ſagte er traurig lächelnd: —— 2¹ „„Dieſe ſcheinbare Beſſerung iſt das Fieber, das ich Dir angekündigt. Doch Gott ſei Dank! das gräßliche Gewebe iſt vor Dir enthüllt. Du weißt nun, was Gott und die drei Mörder allein wußten, und Deine treue, feſte, muthige Seele wird, deſſen bin ich ſicher, dieſes blutige Geheimniß bis zu dem Tage be⸗ wahren, wo es, wie ich hoffe, Dir geſtattet iſt, es dem⸗ jenigen zu enthüllen, welcher ein Recht darauf hat. Du haſt den Schwur gehört, den Herr von Montgommery von mir forderte, Du wirſt mir dieſen Schwur wieder⸗ holen, Aloyſe. So lange es für Gabriel gefährlich ſein wird, ſeinen Vater am Leben zu wiſſen, ſo lange die drei allmächtigen Feinde, die meinen Herrn getödtet ha⸗ ben, vom Zorn Gottes in dieſer Welt gelaſſen werden, Du, Aloyſe. Schwöre dies Deinem ſterbenden atten.““ „Weinend ſchwur ich und an dieſem heiligen Schwur bin ich zur Verrätherin geworden, gnädiger Herr, denn mächtiger und furchtbarer als je, leben Eure drei Feinde immer noch. „Doch Ihr ſolltet ſterben, und wenn Ihr von meiner Offenbarung mit Weisheit und Vorſicht Ge⸗ brauch machen wollt, kann das, was Euch verderben ſollte, Euch und Euren Vater retten. Wiederholt mir doch, gnädiger Herr, daß ich kein unverzeihliches Ver⸗ brechen begangen habe, und daß der Abſicht wegen Gott und mein lieber Perrot mir meinen Meineid ver⸗ geben können.“ „In Allem dem iſt kein Eidbruch, fromme Frau,“ erwiederte Gabriel,„und Dein ganzes Benehmen iſt nur Ergebenheit und Heldenmuth. Doch vollendel vollende!“ „Perrot,“ fuhr Aloyſe fort, fügte noch bei: „Bin ich nicht mehr, theure Frau, ſo wirſt Du klug daran thun, dieſes Haus zu ſchließen, die Diener zu entlaſſen, und mit Gabriel und unſerem Kinde nach Montgommery zu gehen. Und ſelbſt in Montgommerh 22 bewohne nicht das Schloß, ziehe Dich in unſer kleines Haus zurück und bilde den Erben des edlen Grafen, wenn nicht gänzlich insgeheim, doch wenigſtens ohne Gepränge und ohne Geräuſch, ſo daß ſeine Freunde ihn kennen, und daß ſeine Feinde ihn vergeſſen. Alle unſere guten Leute dort, und der Verwalter und der Kaplan werden Dich in der großen Pflicht unterſtützen, die Dir der Herr auferlegt. Es iſt vielleicht beſſer, wenn Gabriel ſelbſt bis zu ſeinem achtzehnten Jahre den Namen, den er führt, nicht kennt und nur weiß, daß er ein Edelmann iſt. Du wirſt es übrigens ſehen. Unſer würdiger Kaplan und der edle Herr von Vimou⸗ tiers, der natürliche Vormund des Kindes, werden Dir mit ihrem Rath beiſtehen, doch ſelbſt vor dieſen ſichereren Freunden verbirg das, was ich Dir erzählt habe. Be⸗ ſchränke Dich darauf, ihnen zu ſagen, Du fürchteſt für Gabriel die mächtigen Feinde ſeines Vaters.““ „Perrot fügte noch verſchiedene Warnungen bei, die er mir auf tauſenderlei Art wiederholte, bis ihn wieder ſeine Leiden, verbunden mit nicht minder ſchmerz⸗ lichen Schwächen, heimſuchten; er benützte jedoch den kleinſten Augenblick der Ruhe, um mich zu ermuthigen und zu tröſten. „Er ſagte mir auch und ließ mich Eines verſpre⸗ chen, was, ich muß es geſtehen, nicht am wenigſten Energie von mir heiſchte, und mir nicht am wenigſten Martern bereitete. „„Für Herrn von Montmorency,““ ſprach er, „„liege ich im Kirchhof begraben. Ich muß alſo mit dem Grafen verſchwunden ſein. Fände ſich hier eine Spur meiner Rückkehr, ſo wäreſt Du, Aloyſe, ver⸗ loren, und Gabriel vielleicht mit Dir! Doch Du haſt einen ſtarken Arm und ein muthiges Herz. Haſt Du mir die Augen geſchloſſen, ſo raffe alle Kräfte Deiner Seele und Deines Leibes zuſammen, erwarte Mitter⸗ nacht, und ſobald Jedermann hier nach der Anſtrengung des Tages entſchlummert iſt, trage meinen Leichnam —— nes fen, hne nde Alle der en, ſer, hre eiß, en ou⸗ Dir ren Be⸗ für bei, ihn erz⸗ den gen wre⸗ ſten ſten er, mit ine er⸗ aſt ner ter⸗ ing am 23 in das alte Grabgewölbe der Herren von Briffac, de⸗ nen dieſes Hotel einſt gehörte. Niemand dringt mehr in dieſe verlaſſene Gruft, und Du findeſt den verroſte⸗ ten Schlüſſel dazu in der großen Kiſte im Zimmer des Grafen. Ich werde ſomit ein geweihtes Grab haben, und obgleich ein einfacher Stallmeiſter unwür⸗ dig iſt, unter ſo vielen vornehmen Herren zu ruhen, ſo gibt es doch nach dem Tode nur Chriſten, nicht wahr?“ „Da der arme Perrot einer Ohnmacht nahe war und darauf drang, daß ich ihm mein Wort gebe, ſo verſprach ich ihm, was er wollte. Gegen Abend be⸗ mächtigte ſich ſeiner das Delirium, dann folgten furcht⸗ bare Schmerzen. Ich zerſchlug mir die Bruſt aus Verzweiflung, daß ich ihn nicht erleichtern konnte; doch er bedeutete mir durch ein Zeichen, es wäre Alles ver⸗ geblich. „Vom Fieber und von gräßlichen Leiden verzehrt, ſagte er zu mir: „„Aloyſe, gib mir zu trinken; nur einen Tropfen.““ „Ich hätte ihm in meiner Unwiſſenheit ſchon etwas geboten, um dieſen glühenden Durſt zu ſtillen, an dem er, wie er ſagte, litt; doch er hatte mich immer zu⸗ rückgewieſen. Ich holte daher eiligſt ein Glas, das ich ihm reichte. „Che er es nahm, ſprach er zu mir: „„Aloyſe, einen letzten Kuß und ein letztes Gott befohlen! und erinnere Dich, erinnere Dich!““ „Ich bedeckte ſein Geſicht mit Küſſen und Thrä⸗ nen. Er verlangte ſodann von mir das Crucifix, hielt ſeine ſterbenden Lippen auf die Nägel des Kreuzes Jeſu und ſprach nur noch: „„O mein Gott! o mein Gott!““ „Nachdem er mir ſchwach und zum letzten Male die Hand gedrückt hatte, nahm er das Glas, das er mir bot. Er trank einen Mund voll, zuckte heftig auf— und fiel auf ſein Kopfkiſſen zurück. * „Er war todt. „Den Reſt des Abends hrachte ich im Gebet und in Thränen hin. Doch ich wohnte wie gewöhnlich Eu⸗ rem Schlafengehen bei, gnädiger Herr. Es wunderte ſich indeſſen Niemand über meinen Schmerz. Die Be⸗ ſtürzung war allgemein im Haus, und die treuen Die⸗ ner beweinten insgeſammt den Grafen und ihren guten Kameraden Perrot. „Gegen zwei Uhr Nachts ließ ſich kein Geräuſch mehr vernehmen, und ich allein wachte. Ich wuſch das Blut ab, mit dem der Körper meines Mannes bedeckt war, ich hüllte ihn in ein Tuch, empfahl mich Gott, und trug die theure Laſt hinab, welche meinem Herzen noch ſchwerer war, als meinem Arm. Wenn meine Kräfte mich verließen, kniete ich zu dem Leichnam nie⸗ der und betete. „Endlich, nach Verlauf einer ewig langen halben Stunde, gelangte ich zu der Thüre des Gewölbes. Als ich ſie nicht ohne Mühe öffnete, löſchte ein eiſiger Wind meine Lampe aus und erſtickte mich beinahe. Nichts⸗ deſtoweniger kam ich wieder zu mir, zündete meine Lampe abermals an und legte den Körper meines Gat⸗ ten in ein offen und leer gebliebenes Grab, das ſeiner zu harren ſchien; dann, nachdem ich zum letzten Male ſein Leichentuch geküßt hatte, ließ ich den ſchweren marmornen Deckel herabfallen, der mich für immer von dem theuren Gefährten meines Lebens trennte. Das Geräuſch des Steines auf dem Stein verurſachte mir einen ſolchen Schrecken, daß ich mir kaum Zeit ließ, die Thüre des Gewölbes wieder zu ſchließen, die Flucht ergriff, und erſt in meinem Zimmer wieder anhielt, wo ich halbtodt auf einen Stuhl niederſank. Doch ich mußte vor Tag noch die blutigen Tücher verbrennen, welche mich hätten verrathen können. Als der Morgen erſchien, war mein hartes Geſchäft beendigt, und es blieb nicht eine Spur von den Ereigniſſen des vorher⸗ gehenden Tages und der Nacht übrig. Ich hatte Alles 6* 2 5— mit der Sorgfalt einer Miſſethäterin vertilgt, welche auch nicht die entfernteſte Erinnerung an ihr Verbre⸗ chen zurücklaſſen will.. „Nur hatte mich die ſo große Anſtrengung er⸗ ſchöpft, und ich wurde krank. Doch es war meine Pflicht, für die zwei Waiſen zu leben, welche die Vor⸗ ſehung meinem Schutz allein anvertraut hatte, und ich lebte, gnädiger Herr.“ „Arme Frau, arme Märtyrerin,“ ſprach Gabriel, Aloyſe die Hand drückend. „Einen Monat nachher,“ fuhr die Amme fort, „brachte ich Euch, gemäß den letzten Vorſchriften mei⸗ nes Mannes, nach Montgommery. „Was Herr von Montmorency vorhergeſehen, trat wirklich ein. Eine Woche lang war bei Hofe nur von dem unerklärlichen Verſchwinden des Grafen von Mont⸗ gommery und ſeines Stallmeiſters die Rede; bald ſprach man weniger davon, und dann bildete die nahe bevor⸗ ſtehende Ankunft von Kaiſer Karl V., der Frankreich durchziehen ſollte, um die Genter zu beſtrafen, den ein⸗ zigen Gegenſtand aller Geſpräche. „Im Monat Mai deſſelben Jahres, fünf Monate nach dem Tode Eures Vaters, gnädiger Herr, wurde Diana von Caſtro geboren“ „Ja!“ ſprach Gabriel nachdenkend;„doch gehörte Frau von Poitiers meinem Vater? Hat ſie den Dau⸗ phin nach ihm, hat ſie ihn zu gleicher Zeit mit ihm geliebt? Dunkle Fragen, welche die üblen Gerüchte ei⸗ nes müßigen Hofes nicht hinreichend zu löſen im Stande ſind.. Doch mein Vater lebtl mein Vater muß le⸗ ben! und ich werde ihn wiederfinden, Aloyſe. Es ſind nun in mir zwei Menſchen, ein Sohn und ein Lieben⸗ der, die ihn aufzufinden wiſſen werden.“ „Gott wolle es!“ ſprach Aloyſe. „Und Du haſt ſeitdem über das Gefängniß, in welchem dieſe Elenden meinen Vater begraben konnten, nichts mehr erfahren?“ fragte Gabriel. „Nichts, gnädiger Herr, die einzige Andeutung, die wir hierüber haben, iſt jenes von Perrot aufgefaßte Wort von Herrn von Montmorency, der Gouverneur des Chatelet ſei ein ergebener Freund von ihm, für den er ſtehen könne.“ „Des Chatelet!“ rief Gabriel,„des Chatelet!“ Und der raſche Blitz einer gräßlichen Erinnerung zeigte ihm plötzlich den düſteren, troſtloſen Greis, der nie ein Wort ſprechen ſollte, den Greis, den er mit ei⸗ ner ſo ſeltſamen Gemüthsbewegung in einem der tief⸗ ſten Kerker des königlichen Gefängniſſes geſehen hatte.. Gabriel warf ſich in Thränen zerfließend in die Arme von Aloyſe. IV. Das herviſche Löſegeld. Doch am andern Tag, am 12. Auguſt, ging Gabriel feſten Schrittes und mit ruhigem Antlitz nach dem Louvre, um beim König Audienz zu verlangen. Er hatte lange mit Aloyſe und mit ſich ſelbſt er⸗ wogen, was er thun und was er ſagen ſollte. Ueber⸗ zeugt, daß die Heftigkeit gegen einen königlichen Geg⸗ ner nur dazu dienen würde, ihm das Schickſal ſeines Vaters zuzuziehen, beſchloß Gabriel, entſchieden und würdig, aber mäßig und ehrfurchtsvoll zu Werke zu gehen; er wollte bitten, und nichts fordern. War es nicht immer noch Zeit, laut zu ſprechen, und mußte er nicht zuvor ſehen, ob achtzehn Jahre nicht den Haß von Heinrich II. abgeſtumpft hatten? Indem Gabriel einen ſolchen Entſchluß faßte, S S S S S — 27 zeigte er eben ſo viel Weisheit und Klugheit„als das kühne Vorhaben zuließ, für das er ſich eniſchieden hatte. Die Umſtände ſollten ihm übrigens einen uner⸗ warteten Beiſtand gewähren. Als er gefolgt von Martin⸗Guerre, diesmal gefolgt vom wahren Martin⸗Guerre, in den Hof des Louvre kam, bemerkte Gabriel eine ungewöhnliche Bewegung; doch er hatte zu ſtarr ſeinen eigenen Gedanken im Auge, um aufmerkſam die geſchäftigen Gruppen und die betrübten Geſichter zu bekrachten, welche ſich ſeinen ganzen Weg entlang wahrnehmen ließen. Nichtsdeſtoweniger mußte er eine Sänfte mit dem Wappen der Guiſen erkennen und den Cardinal von Lothringen grüßen, welcher in großer Aufregung aus dieſer Sänfte ausſtieg. „Ei! Ihr ſeid hier, Herr Vicomte d'Ermès?“ ſprach Karl von Lothringen,„Ihr ſeid alſo gänzlich wiederhergeſtellt? deſto beſſer! deſto beſſer! Mein Herr Bruder erkundigte ſich erſt in ſeinem letzten Briefe mit großer Theilnahme nach Euch.“ „Monſeigneur, ſo viel Güte!...“ erwiederte Gabriel. „Ihr verdient ſie für ſo viel Tapferkeit!“ ſprach der Cardinal.„Doch wohin geht Ihr ſo raſch2“ „Zum König, Monſeigneur.“ „Hm! der König hat ganz andere Geſchäfte, als Euch zu empfangen, mein junger Freund. Hört, ich begebe mich auch zu Seiner Majeſtät, welche ſo eben nach mir verlangt hat. Gehen wir mit einander hin⸗ auf, ich führe Euch ein, und Ihr leiht mir Euren jungen Arm. Hülfe für Hülfe. Das iſt es, was ich ſogleich Seiner Majeſtät ſagen werde, denn Ihr habt wohl die traurige Kunde vernommen?“ „Wahrhaftig, nein!“ antwortete Gabriel;„ich komme ſo eben von Hauſe und habe in der That nur eine gewiſſe Bewegung bemerkt.“ „Ich glaube es wohl!“ verſetzte der Cardinal. 28 einen von ſeinen gewöhnlichen Streichen gemacht. Er wollte dem belagerten Saint⸗Quentin zu Hülfe eilen, der muthige Connetable! Steigt nicht ſo ſchnell hinauf, Herr d'Ermes, ich bitte Euch, ich habe nicht mehr Eure zwanzigjährigen Beine. Ich ſagte alſo, er habe dem Feinde eine Schlacht angeboten, der unerſchütter⸗ liche General! Das geſchah vorgeſtern, am 10. Auguſt, am Saint⸗Laurent⸗Tage. Er hatte ungefähr eben ſo viele Truppen, als die Spanier, eine bewundernswür⸗ dige Reiterei und die Elite des franzöſiſchen Adels. Nun wohl! er richtete die Dinge ſo gut ein, der er⸗ fahrene Feldherr! daß er in den Ebenen von Gibercourt und Lizerolles eine furchtbare Niederlage erlitt, und daß er ſelbſt gefangen genommen und verwundet wurde, und mit ihm alle diejenigen Anführer und Generale, welche nicht auf dem Schlachtfeld geblieben ſind. Herr von Enghien gehört zu den Letztern, und von der gan⸗ zen Infanterie ſind nicht hundert Mann zurückgekom⸗ men. Deshalb, Herr d'Ermes, ſeht Ihr alle Welt ſo bewegt, und deshalb läßt mich Seine Majeſtät ohne Zweifel rufen.“ Großer Gott!“ rief Gabriel ſelbſt bei ſeinem per⸗ ſönlichen Schmerz von dieſem Unglück des Staats tief ergriffen,„großer Gott! können die Tage von Poi⸗ tiers und Azincourt wirklich für Frankreich wiederkehren? Aber Saint⸗Quentin, Monſeigneur?“ „Saint⸗Quentin hielt ſich noch beim Abgang des Boten, und der Neffe des Connetable, der Herr Ad⸗ miral Gaspard von Coligny, der die Stadt verthei⸗ digte, hatte geſchworen, die Mißgriffe ſeines Oheims dadurch zu mildern, daß er ſich eher unter den Trüm⸗ mern des Platzes begraben laſſen, als ihn übergeben würde. Doch ich befürchte ſehr, daß er zu dieſer Stunde ſchon begraben, und der letzte Damm, der den Feind aufhält, genommen iſt.“ „Dann wäre das Königreich verloren?“ — „Herr von Montmorench hat dort beim Heere wieder 29 „Gott beſchütze Frankreich!“ ſprach der Cardinal, „doch wir ſind nun beim König und wir werden ſehen, was er thun will, um ſich ſelbſt zu beſchützen.“ Die Wachen verbeugten ſich vor dem Cardinal und ließen ihn natürlich vorüber, ihn den nothwendigen Mann nach der Lage der Dinge und denjenigen, deſſen Bruder allein noch das Land retten konnte. Karl von Lothringen trat, gefolgt von Gabriel, ohne Widerſtand beim König ein, den er allein mit Frau von Poitiers und ganz in Beſtürzung fand. Als Heinrich den Car⸗ dinal ſah, ging er ihm voll Eifer entgegen und ſprach: „Eure Eminenz ſei willkommen! Nun! Herr von Lothringen, welch eine gräßliche Kataſtrophe! Ich frage Euch, wer hätte das geglaubt?“ „Ich, Sire,“ antwortete der Cardinal,„wenn mich Eure Majeſtät vor einem Monat, zur Zeit des von Herrn von Montmorency, gefragt itte „Keine leere Anſchuldigung, mein Vetter,“ erwie⸗ derte der König;„es handelt ſich nicht um die Ver⸗ gangenheit, ſondern um die ſo bedrohliche Zukunft, um die ſo gefahrvolle Gegenwart. Der Herr Herzog von auf der Rückkehr aus Italien begriffen, nicht wahr?“. „Ja, Sire, und er muß nun in Lyon ſein.“ „Gvott ſei gelobt!“ rief der König.„Herr von Lothringen, in die Hände Eures erhabenen Bruders lege ich das Heil des Staates. Habet, Ihr und er, für dieſes glorreiche Ziel Vollmacht und ſouveräne Gewalt. Seid Könige wie ich und mehr als ich. Ich habe ſelbſt an Herrn von Guiſe geſchrieben, um ſeine Rück⸗ kunft zu beſchleunigen. Hier iſt der Brief. Eure Emi⸗ nenz wolle die Güte haben, auch zu ſchreiben, ihrem Bruder unſere Lage zu ſchildern und ihm zu bemerken, wie nothwendig es iſt, keine Minute zu verlieren, wenn man Frankreich noch bewahren will. Sagt Herrn von Guiſe, daß ich mich ganz auf ihn verlaſſe Schreibt, Herr Cardingl, ſchreibt ſchnell, ich bitte Euch. Ihr braucht nicht von hier wegzugehen. Dort in jenem Cabinet findet Ihr Alles, was Ihr nöthig habt. Ge⸗ ſtiefelt und geſpornt, wartet der Eilbote ſchon unten im Sattel. Habt die Gnade, geht. Geht, eine halbe Stunde mehr oder weniger kann Alles retten oder Alles verderben.“ ₰ „Ich gehorche Eurer Majeſtät,“ antwortete der Cardinal, indem er ſich nach dem Cabinet wandte,„und mein ruhmwürdiger Bruder wird mir gehorchen, denn ſein Leben gehört dem König und dem Königreich. Doch, mag es ihm gelingen, mag er ſcheitern, Seine Majeſtät wird die Gnade haben, ſich ſpäter zu erinnern, 4 daß ſie ihm die Gewalt in einer verzweiflungsvollen 3 Lage anvertraut hat.“ 3„Sagt gefahrvoll, ſagt nicht verzweifelt,“ entgeg⸗ nete der König.„Meine gute Stadt Saint⸗Quentin und ihr braver Vertheidiger, Herr von Coligny, halten ſich noch.“ „Oder hielten ſich wenigſtens noch vor zwei Tagen,“ entgegnete Karl von Lothringen.„Aber die Feſtungswerke waren in einem erbärmlichen Zuſtand, die ausgehunger⸗ ten Einwohner ſprachen von Uebergabe, und iſt Saint⸗— Quentin heute in der Gewalt des Spaniers, ſo ge⸗ hört ihm Paris in acht Tagen. Gleichviel, Sire, ich werde an meinen Bruder ſchreiben, und Ihr wißt, was einem Menſchen möglich iſt, wird Herr von Guiſe thun.“, Gabriel war ganz nachdenkend im Hintergrund ge⸗ blieben, ohne bemerkt zu werden⸗ Sein junges, edles 3 Herz war tief bewegt von der furchtbaren Bedrängniß, 6 welche Frankreich gefährdete, er vergaß, daß es Herr von Montmorench, ſein grauſamſter Feind, war, den man beſiegt, verwundet und gefangen genommen hatte. Er ſah für den Augenblick in ihm nur den General der franzöſiſchen Truppen, und dachte beinahe eben ſo ſehr an die Gefahren des Vaterlands, als an die Schmerzen ſeines Vaters. Das edle Kind hatte Liebe — e—— 31¹ für alle Gefühle und Mitleid für jedes Unglück, und als der König, nachdem der Cardinal hinausgegangen, troſtlos in ſeinen Lehnſtuhl zurückfiel und, die Stirne in ſeinen Händen, ausrief: „O Saint⸗Quentin, auf dir beruht nun das Schickſal Frankreichs. Saint⸗Quentin, meine gute Stadt, wenn du nur noch acht Tage Widerſtand zu leiſten vermöchteſt! Herr von Guiſe hätte Zeit, zurück⸗ zukehren, die Vertheidigung ließe ſich hinter deinen treuen Mauern organiſiren! während, wenn ſie fallen, der Feind gegen Paris marſchirt und Alles verloren iſt. Saint⸗Luentin, ich gäbe dir für jede deiner Stun⸗ den des Widerſtands ein Privilegium, und für jeden deiner eingeſtürzten Steine einen Diamant, wenn du nur noch acht Tage widerſtehen könnteſt!“ „Sire, es wird widerſtehen, und zwar mehr als acht Tage,“ ſprach Gabriel vorſchreitend. Er hatte ſeinen Entſchluß gefaßt, einen erhabenen Entſchluß! „Herr d'Ermos!“ riefen gleichzeitig Heinrich und Diana, der König mit Erſtaunen, Diana mit Ver⸗ achtung. „Wie kommt Ihr hierher, mein Herr?“ fragte der König mit ſtrengem Tone. „Sire, ich bin mit Seiner Eminenz eingetreten.“ „Das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Heinrich.„Doch was ſagtet Ihr, Herr d'Ermès? Ich glaube, Saint⸗ uentin könnte widerſtehen?“ „Ja, Sire, und Ihr ſagtet, wenn es widerſtände, ſo würdet Ihr ihm Freiheiten und Reichthümer geben.“ „Ich wiederhole es,“ ſprach der König. „Wohl, Sire, würdet Ihr das, was Ihr der Stadt, die ſich vertheidigte, zu bewilligen geneigt ſeid, dem Mann verweigern, der ſie zur Vertheidigung be⸗ wegen, der der ganzen Stadt ſeinen energiſchen Willen einflößen und ſie nicht eher übergeben würde, als bis der letzte Mauerflügel unter der feindlichen Kanone ge⸗ * fallen wäre? Würdet Ihr den Mann, der Euch dieſe acht Tage des Widerſtandes und folglich Euer König⸗ reich gegeben hätte, auf die Gnade, die er von Euch forderte, warten laſſen? würdet Ihr um eine Gnade mit demjenigen feilſchen, welcher Euch ein Reich zu⸗ rückgegeben hätte?“ „Nein, gewiß nicht!“ rief der König,„Alles, was ein König vermag, würde dieſer Mann bekommen.“ „Der Handel iſt abgeſchloſſen, Sire, denn ein König kann nicht nur, er muß verzeihen, und dieſer Mann verlangt von Euch eine Verzeihung, und keine Titel, kein Geld.“ „Aber wo iſt er? Wer iſt dieſer Retter?“ fragte der König. „Er ſteht vor Euch, Sire. Ich bin es, Euer ein⸗ facher Kapitän der Leibwachen; doch ich fühle in meiner Seele und in meinem Arm eine übermenſchliche Kraft und werde Euch beweiſen, daß ich nicht prahle, wenn ich mich anheiſchig mache, zugleich mein Vaterland und meinen Vater zu retten.“ „Euren Vater, Herr d'Ermès?“ „Ich heiße nicht d»Ermes,“ ſprach Gabriel;„ich bin Gabriel von Montgommery, der Sohn des Grafen Jacques von Montgommery, deſſen Ihr Euch erinnern müßt, Sire.“ „Der Sohn des Grafen von Montgommery!“ rief der König, indem er ſich erbleichend erhob. Frau Diana rückte auf ihrem Stuhl mit einer Bewegung des Schreckens zurück. „Ja, Sire,“ ſprach Gabriel ruhig,„ich bin der Vicomte von Montgommery, der für den Dienſt, den er Euch dadurch leiſten wird, daß er Saint⸗Quentin acht Tage lang behauptet, nur die Freiheit ſeines Va⸗ ters von Euch verlangt.“ „Euer Vater, mein Herr,“ ſagte der König,„iſt todt, verſchwunden, was weiß ich? Ich weiß nicht, ww Euer Vater iſt.“ X S 8 r 1e te n⸗ er ft n id er en in a⸗ iſt vo c 33 „Doch ich, Sire, ich weiß es,“ verſetzte Gabriel, eine furchtbare Angſt überwindend.„Mein Vater iſt ſeit achtzehn Jahren im Chatelet und erwartet dort den göttlichen Tod oder das menſchliche Mitleid. Mein Vater lebt, deſſen bin ich ſicher. Sein Verbrechen iſt mir nicht bekannt.“. „Es iſt Euch nicht bekannt?“ fragte der König düſter und die Stirne faltend. 3 „Es iſt mir nicht bekannt, Sire; ſein Vergehen muß ſchwer ſein, daß es eine ſo lange Gefangenſchaft verdient hat, doch es iſt nicht unverzeihlich, da es nicht den Tod verdiente. Sire, hört mich. In achtzehn Jahren hat die Gerechtigkeit Zeit gehabt, zu entſchlum⸗ mern, und die Milde, zu erwachen. Die menſchlichen Leidenſchaften, die uns böſe oder gut machen, wider⸗ ſtehen einer ſo langen Dauer nicht. Mein Vater, der als Mann in den Kerker gekommen iſt, wird ihn als Greis verlaſſen. Hat er nicht geſühnt, ſo ſchuldig er auch ſein mag? Und wenn die Strafe zufällig zu hart war, iſt er nicht zu ſchwach, um ſich zu erinnern? Sire, gebt einen armen Gefangenen, der fortan ohne Gewicht iſt, dem Leben zurück. Chriſtlicher König, erinnert Euch der Worte des chriſtlichen Symbols und verzeiht die Schuld Anderer, damit Euch die Eurige verziehen werde.“ Dieſe letzten Worte wurden mit einem ſo bezeich⸗ nenden Ton geſprochen, daß der König und Frau von Valentinvis ſich anſchauten, als wollten ſie voll Schrecken eine Frage an einander richten. Doch Gabriel wollte nur auf eine zarte Weiſe den ſchmerzlichen Punkt ihres Gewiſſens berühren, und er fügte eiligſt bei: „Bemerkt, Sire, daß ich als treuer und gehor⸗ ſamer Unterthan zu Euch ſpreche. Ich ſage nicht zu Euch:„„Mein Vater iſt nicht gerichtet worden, man hat meinen Vater insgeheim verurtheilt, ohne ihn zu Die beiden Dianen. I. 3 hören, und dieſe Ungerechtigkeit gleicht ſehr der Rache... Ich, ſein Sohn, appellire alſo laut vor dem Adel Frankreichs gegen den geheimen Spruch, der ihn ge⸗ troffen; ich werde öffentlich Allem, was ein Schwert führt, die Verletzung kundthun, welche uns Allen in der Perſon eines Edelmanns zugefügt worden iſt.““ Heinrich machte eine Bewegung. „Ich ſage Euch das nicht, Sire,“ fuhr Gabriel fort.„Ich weiß, daß es äußerſte Nothwendigkeiten gibt, welche ſtärfer ſind als das Geſetz und das Recht. Ich ehre, wie ſie ohne Zweifel mein Vater ehren würde, die Geheimniſſe einer ſchon fern von uns liegenden Vergangenheit. Ich bitte Euch nur, mir zu erlauben, durch eine glorreiche und befreiende Handlung den Reſt der Strafe meines Vaters abzukaufen. Als Löſegeld biete ich Euch an, Saint⸗Ouentin eine Woche lang von dem Feinde frei zu halten, und wenn das nicht genügt, den Verluſt von Saint⸗Ouentin dadurch aus⸗ zugleichen, daß ich den Engländern oder auch den Spa⸗ niern eine andere Stadt abnehme! Das iſt im Ganzen wohl die Freiheit eines Greiſes werth. Nun! ich werde das thun, Sire, und noch mehr, denn die Sache, welche meinen Arm bewaffnet, iſt rein und heilig, mein Wille iſt ſtark und kühn, und ich fühle, daß Gott mit mir ſein wird.“ Frau Diana konnte ſich eines ungläubigen Lächelns vor dieſem heldenmüthigen Vertrauen eines iceß Mannes nicht erwehren, das ſie nicht kannte und nich zu begreifen vermochte. „Ich verſtehe Euer Lächeln, Madame,“ ſprach Gabriel mit einem thigen Blick;„Ihr glaubt, ich werde dieſer großen Aufgabe unterliegen, nicht wahr? Mein Gott! das iſt möglich. Es iſt möglich, daß meine Ahnungen mich trügen. Doch dann werde ich ſterben! Ja, Madame, ja, Sire, wenn die Feinde vor Ablauf von acht Tagen in Saint⸗Quentin eindrin⸗ gen, ſo laſſe ich mich auf.der Breſche der Stadt tödten, 35 die ich nicht zu vertheidigen im Stande geweſen bin. Gott, mein Vater und Ihr könnt nicht mehr von mir verlangen. Mein Geſchick wird dann in dem Sinne in Erfüllung gegangen ſein, den der Herr gewollt hat: mein Vater wird im Kerker ſterben, wie ich auf dem Schlachtfelde ſterbe, und Ihr werdet natürlich zu glei⸗ cher Zeit von der Schuld und dem Gläubiger befreit ſein.“ „Was er ſagt, iſt wenigſtens richtig!“ flüſterte Diana dem nachdenkenden König ins Ohr. Dann ſprach ſie zu Gabriel, während Heinrich immer noch ſein träumeriſches Stillſchweigen beobachtete: „Iſt es in dem Fall, daß Ihr unterligen und Euer Werk unerfüllt laſſen würdet, mein Herr, nicht ſchwer anzunehmen, es werde Euch kein Erbe Eurer Schuldforderung, kein Vertrauter Eures Geheimniſſes überleben?“ „Ich ſchwöre Euch bei dem Heile meines Vaters, daß, wenn ich ſterbe, Alles mit mir ſterben, und daß Niemand das Recht oder die Macht haben wird, Seine Majeſtät hierüber zu beläſtigen. Ich unterwerfe mich zum Voraus den Plänen Gottes, wie Ihr, Sire, ſeinen Dazwiſchentritt anerkennen müßt, wenn er mir die er⸗ forderliche Kraft verleiht, mein großes Vorhaben zu erfüllen. Sterbe ich, ſo ſpreche ich Euch von jeder Verbindlichkeit, ſowie von jeder Verantwortung, we⸗ nigſtens gegen die Menſchen, frei; denn die Rechte des Allerhöchſten ſind unverjährbar.“ Heinrich bebte; doch dieſe von Natur unentſchloſ⸗ ſene Seele wußte nicht, wozu ſie ſich entſcheiden ſollte, und der ſchwache Fürſt wandte ſich gegen Frau von Poitiers, als wollte er von ihr Rath und Beiſtand fordern. 6 Dieſe begriff ſeine Unentſchloſſenheit, an welche ſie gewöhnt war, und ſprach mit einem ſeltſamen ächeln: „Iſt es nicht Eure Anſicht, Sire, daß wir an das Wort von Herrn d'Ermés, der, wie mir ſcheint, ein redlicher und ganz ritterlicher Edelmann iſt, glauben müſſen? Ob ſeine Bitte begründet iſt oder nicht, weiß ich nicht, und das Stillſchweigen Eurer Majeſtät in dieſer Hinſicht erlaubt weder mir, noch irgend Jemand, etwas zu behaupten, und läßt alle Zweifel hierüber beſtehen. Doch nach meiner unmaßgeblichen Anſicht, Sire, kann man ein ſo edles Anerbieten nicht zurück⸗ weiſen, und wenn ich an Eurer Stelle wäre, ſo würde ich Herrn d'Ermés mein königliches Wort verpfänden, daß ich ihm, wenn er ſeine heldenmüthigen und aben⸗ teuerlichen Verſprechungen verwirklicht, jede Gnade be⸗ willigen werde, die er dagegen verlangen dürfte.“ „Ah! Madame, das iſt Alles, was ich wünſche!“ ſprach Gabriel. „Doch noch ein letztes Wort,“ ſagte Diana, indem ſie ihren durchdringenden Blick auf den jungen Mann heftete:„Wie und warum habt Ihr Euch entſchloſſen, von einem Geheimniß, das mir wichtig zu ſein ſcheint, vor einer Frau zu ſprechen, welche vielleicht ziemlich indiscret und, wie ich denke, dieſem ganzen Geheimniß völlig fremd iſt?“ „Ich hatte zwei Gründe, Madame,“ antwortete Gabriel mit vollkommener Kaltblütigkeit.„Einmal dachte ich, es könnte und müßte kein Geheimniß für Euch im Herzen Seiner Majeſtät beſtehen. Ich theilte Euch alſo nur mit, was Ihr ſpäter erfahren hättet, oder ſchon wußtet. Sodann hoffte ich, was auch ge⸗ ſchehen iſt, Ihr würdet die Gnade haben, mich beim König zu unterſtützen, Ihr würdet ihn antreiben, mich zu dieſer Prüfung abzuſenden, und Ihr, eine Frau, würdet abermals, wie Ihr es ſtets ſein mußtet, auf der Partei der Milde ſein.“ Es wäre dem aufmerkſamſten Beobachter unmöglich geweſen, in dem Tone von Gabriel die geringſte iro⸗ niſche Abſicht, und in ſeinen unempfindlichen Zügen das mindeſte Lächeln der Verachtung herauszufinden.— — 1— ein en in d, er t, n, n⸗ e⸗ 37 Der durchdringende Blick von Frau Diana verlor hier ſeine Mühe. Sie erwiederte das, was im Ganzen ein Compli⸗ ment ſein konnte, durch eine leichte Verbeugung des Kopfes. „Erlaubt mir nun eine Frage,“ ſprach ſie ſodann. „Es iſt nur ein Umſtand, der meine Neugierde reizt. Wie könnt Ihr, der Ihr noch ſo jung, im Beſitze eines achtzehnjährigen Geheimniſſes ſein?“ „Ich werde Euch um ſo lieber antworten, Mada⸗ me,“ ſprach Gabriel ernſt und düſter,„als meine Ant⸗ wort dazu dienen ſoll, Euch von dem Dazwiſchentritt Gottes bei dem Allem zu überzeugen. Ein Stallmei⸗ ſter meines Vaters, Perrot Avrigny, der bei den Er⸗ eigniſſen, welche das Verſchwinden des Grafen herbei⸗ führten, getödtet wurde, iſt mit der Erlaubniß Gottes aus ſeinem Grabe erſtanden und hat mir das, was ich Euch geſagt habe, mitgetheilt.“ Bei dieſer Antwort, welche mit feierlichem Tone gegeben wurde, richtete ſich der König bleich und mit keuchender Bruſt hoch auf, und ſelbſt Frau von Poi⸗ tiers konnte ſich, trotz ihrer ſtählernen Nerven, eines Schauers nicht erwehren. In jener abergläubiſchen Zeit, wo man gern an Erſcheinungen und Geſpenſter glaubte, mußte das Wort von Gabriel, mit der Ueber⸗ zeugung der Wahrheit geſprochen, in der That furcht⸗ bar für zwei geängſtigte Gewiſſen ſein. „Das genügt, mein Herr,“ ſprach der König haſtig und mit bewegter Stimme,„ich bewillige Euch Alles, was Ihr von mir verlangt. Geht! geht!“ „Ich kann alſo auf der Stelle, dem Worte Eurer Majeſtät vertrauend, nach Saint⸗Quentin aufbrechen?“ verſetzte Gabriel. „Ja, reiſt, mein Herr,“ ſprach der König, der trotz der ermahnenden Blicke von Diana große Mühe hatte, ſich von ſeiner Unruhe zu erholen;„reiſt auf der Stelle ab, thut, was Ihr uns verſprochen haht, * 38 und ich gebe Euch mein Ehrenwort als König und Edelmann, daß ich thun werde, was Ihr wollt.“ Gabriel verbeugte ſich mit freudigem Herzen vor dem König und vor der Herzogin, und ging dann hinaus, ohne ein Wort zu ſprechen, als hätte er, nach⸗ dem er erlangt, was er wünſchte, keine Minute mehr zu verlieren. „Endlich iſt er fort!“ ſprach Heinrich, indem er, wie von einer ungeheuren Laſt befreit, athmete. „Sire,“ ſagte Frau von Poitiers,„beruhigt und bewältigt Euch. Ihr hättet Euch beinahe vor dieſem Menſchen verrathen.“ „Es iſt nicht ein Menſch, Madame, es iſt meine Reue, welche lebt, es iſt mein Gewiſſen, welches ſpricht,“ erwiederte der König. „Wohl, Sire,“ verſetzte Diana, die ſich wieder erholte,„Ihr habt Recht gehabt, dieſem Gabriel ſeine Bitte zu bewilligen und ihn dahin zu ſchicken, wohin er geht; denn wenn ich mich nicht ſehr täuſche, wird Eure Reue vor Saint⸗Quentin ſterben und Ihr werdet von Eurem Gewiſſen frei ſein.“ Der Cardinal von Lothringen kehrte in dieſem Au⸗ genblick mit dem Briefe zurück, den er an ſeinen Bru⸗ der geſchrieben hatte, und der König fand nicht Zeit, zu antworten. Als Gabriel mit leichtem Herzen vom König weg⸗ ging, hatte er nur einen Gedanken in der Welt, und nur einen Wunſch: voll Hoffnung diejenige wiederzu⸗ ſehen, welche er voll Angſt verlaſſen hatte; Diana von Caſtro Alles zu ſagen, was er nun von' der Zukunft erwartete, und aus ihren Blicken den Muth zu ſchö⸗ pfen, deſſen er ſo ſehr bedürfen ſollte. Er wußte, daß ſie in ein Floſter gegangen war, doch in welches Kloſter? Ihre Frauen waren ihr viel⸗ leicht nicht gefolgt, und er wandte ſich nach der Woh⸗ nung, die ſie früher im Louvre inne gehabt hatte, um Jaeinthe zu befragen. und vor inn ch⸗ hr 39 Jaeinthe hatte ihre Gebieterin begleitet; doch De⸗ niſe, die zweite Kammerfrau, war geblieben, und ſie empfing Gabriel. „Ah! Herr d'Ermés!“ rief ſie,„ſeid willkommen! Bringt Ihr mir zufällig Nachricht von meiner guten Gebieterin?“ „Ich komme im Gegentheil, um bei Euch mich zu erkundigen, Deniſe,“ erwiederte Gabriel. „Ah! heilige Jungfrau! ich weiß ganz und gar nichts, und Ihr ſeht mich gerade ſehr beunruhigt.“ „Und warum dieſe Unruhe, Deniſe?“ fragte Gab⸗ riel, der ſelbſt ſehr unruhig zu werden anfing. „Wie!“ verſetzte die Joſe,„Ihr wißt ohne Zwei⸗ fel nicht, wo ſich Frau von Caſtro befindet?“ „Ich weiß es durchaus nicht, Deniſe, und hoffte es von Euch zu erfahren.“. „Jeſus! gnädiger Herr, hat ſie ſich nicht vor einem Monat entſchloſſen, den König um Erlaubniß zu bitten, ſich ins Kloſter zurückziehen zu dürfen?“ „Dies iſt mir bekannt, hernach?“ „Hernach! das iſt gerade das Furchtbare, denn wißt Ihr, welches Kloſter ſie gewählt hat? das der Benedictinerinnen, deſſen Superiorin ihre alte Freun⸗ din, Schweſter Monica, iſt, in Saint⸗Quentin, gnädiger Herr! in Saint⸗Quentin, welches gegenwärtig belagert wird, oder gar ſchon von dieſen heidniſchen Spaniern und Engländern genommen worden iſt. Sie war noch nicht vierzehn Tage dort ungekommen, gnädiger Herr, als die Belagerung des Platzes begann.“ „Oh!“ rief Gabriel,„in dem Allem iſt der Finger Gottes, er belebt immer den Sohn durch den Lieben⸗ den und verdoppelt ſo meinen Muth und meine Kräfte. Ich danke, Deniſe, das iſt für Deine gute Auskunft,“ fügte er bei, indem er ihr eine Börſe in die Hände „Bete zu Gott für Deine Gebieterin und für mich. Eiligſt ging er hierauſ in den Ho f des Lonvre hinab, wo Martin⸗Guerre ſeiner harrte. Wohin gehen wir nun, gnädiger Herr?“ fragte ihn der Stallmeiſter. donnert, Martin, nach entin! wir müſſen über⸗ en in einer Stunde auf, „Dahin, wo die Kanone Saint⸗Quentin! nach Saint⸗Qu morgen dort ſein und brech mein Braver.“ „Ah! deſto beſſer!“ rie fMartin.„O großer, hei⸗ liger Martin, mein Patron,“ „ fügte er bei,„ich will mich noch darein fügen, daß ich ein Trinker, Spieler und Unzüchter bin. Doch ich würde mich, das ſage ich uch zum Voraus, mitten durch die feindlichen Batail⸗ lons ftürzen, wenn ich je feig w äre.“ V. Jean Peugon der Weber. Es fand im Rathhauſe der Stadt Saint⸗Quentin eine Verſammlung der militäriſchen Häupter und bür⸗ gerlichen Notabilitäten am 15. Auguſt ſtatt. Die Stadt hatte ſich noch nicht übergeben, doch man ſprach ſtark von Uebergabe. Die Leiden und die Entblößung der Einwohner hatten den höchſten Grad erreicht, und da ſie ihre Stadt nicht mehr zu retten hoffen durften, da ſich der Feind derſelben einen Tag früher oder ſpäter bemächtigen mußte, war es nicht beſſer, wenig⸗ ſtens ſo viel Elend abzukürzen? Gaſpard von Coligny, der muthige Admiral, den der Connetahle von Montmoreney, ſein Oheim, mit der Vertheidigung des Platzes heauftragt hatte, wollte tab, gte ach er⸗ uf, ei⸗ ill er ch il⸗ S— 4¹ den Spanier nur bei der äußerſten Nothwendigkeit ein⸗ laſſen. Er wußte, daß jeder Tag Aufſchub, ſo ſchmerz⸗ lich er auch den armen Belagerten war, die Rettung des Königreiches ſein konnte. Doch was vermochte er ge⸗ gen die Entmuthigung und das Gemurre einer ganzen Bevölkerung? Der Krieg außen geſtattete keine Chan⸗ cen eines Kampfes im Innern, und wenn die Bewohner von Saint⸗Quentin ſich eines Tags weigerten, die Ar⸗ beiten zu verrichten, die man von ihnen ebenſo gut, als von den Soldaten verlangte, ſo wurde jeder Widerſtand unnütz, und man hatte nur noch Philipp Il. und ſeinem General Emanuel Philibert von Savoyen die Schlüſ⸗ ſel der Stadt und den Schlüſſel von Frankreich zu übergeben. Doch ehe es ſo weit kam, wollte Coligny einen letz⸗ ten Verſuch machen, und deshalb hatte er dieſe Ver⸗ ſammlung der Vornehmſten der Stadt zuſammenberufen, welche uns vollends über den verzweifelten Zuſtand der Feſtungswerke und beſonders über den Zuſtand dieſes beſten Feſtungswerkes, belehren wird. Auf die Rede, mit der der Admiral die Sitzung eröffnete, indem er an die Vaterlandsliebe derjenigen appellirte, welche ihn umgaben, antwortete man nur durch ein düſteres Stillſchweigen. Dann rief Gaſpard von. Coligny unmittelbar den Kapitän Oger, einen von den braven Edelleuten auf, die ihm gefolgt waren. Er hoffte, mit den Officieren beginnend, die Bürger zum Widerſtand nachzuziehen. Doch die Anſicht des Kapi⸗ tän Oger war leider nicht die, welche der Admiral er⸗ wartete.— „Da Ihr mir die Ehre erweiſt, mich um meine Meinung zu fragen, Herr Admiral,“ ſprach der Kapi⸗ tän,„ſo werde ich ſie Euch mit Betrübniß, aber offen⸗ herzig ſagen. Saint⸗Quentin kann nicht länger wider⸗ ſtehen. Wenn wir die Hoffnung hätten, uns nur acht Tage, nur vier Tage, nur zwei Tage zu halten, ſö würde ich ſagen:„„Dieſe zwei Tage können der Armee geſtatten, ſich hinter uns zu organifiren, dieſe zwei Tage können das Vaterland retten, laſſen wir die letzte Mauer und den letzten Mann fallen, und ergeben wir uns nicht.“ Doch ich bin überzeugt, daß der erſte Sturm, der vielleicht in einer Stunde ſtattfindet, uns dem Feinde preisgeben wird. Muß man es alſo nicht vorziehen, 1 da es noch Zeit iſt, durch eine Capitulation das zu ret⸗ ten, was ſich von der Stadt retten läßt, und wenn wir die Niederlage nicht vermeiden können, wenigſtens die Plünderung zu vermeiden?“ „Ja, ja, ſo iſt es; gut geſprochen: das iſt der ein⸗ zige vernünftige Beſchluß, den man faſſen kann,“ mur⸗ melte die Verſammlung. „Nein, nein, meine Herren,“ rief der Admiral,„es handelt ſich hier nicht um die Vernunft, ſondern um das Herz. Daß ein einziger Sturm den Spanier in den Platz bringen ſoll, während wir ſchon fünf zurück⸗ geſchlagen haben, kann ich übrigens nicht glauben. Sprecht, Laurford, Ihr, der Ihr die Leitung der Arbei⸗ ten und der Gegenminen habt, nicht wahr, die Feſtungs⸗ werke find in hinreichend gutem Zuſtand, um noch lange zu halten? Sprecht offenherzig, macht die Dinge nicht beſſer und nicht ſchlimmer, als ſie ſind, wir haben uns verſammelt, um die Wahrheit kennen zu lernen, und die Wahrheit iſt es, was ich fordere.“ „Ich will ſie Euch alſo ſagen,“ ſprach der In⸗ genieur Lauxford,„oder vielleicht die Umſtände werden ſie Euch beſſer als ich und ohne Schmeichelei ſagen. Hiezu wird genügen, daß Ihr mit mir im Geiſt die verwundbaren Punkte der Wälle unterſucht. Herr Ad⸗ miral, vier Thore ſind zu dieſer Stunde dem Feinde eöffnet, und ich wundere mich, wenn ich es geſtehen pl. daß er noch nicht davon Gebrauch gemacht hat. Erſtens iſt auf dem Boulevard Saint⸗Martin die Breſche ſo breit, daß zwanzig Mann neben einander durchpaſ⸗ ſiren können. Wir hahen dort mehr als zweihundert ———„„— e 18„„— c— nee ge ner ns m, ide en, et⸗ nun ns n⸗ r⸗ — * 8 1 X* — w8 * 43 Mann, lebende Mauern, verloren, welche jedoch nie die ſteinernen Mauern werden erſetzen können. An der Porte Saint⸗Jean ſteht nur noch der große Thurm, und der beſte Theil des Mittelwalles iſt niedergeriſſen. Wohl iſt dort eine ganz geſchloſſene und zugerüſtete Ge⸗ genmine, doch ich befürchte, wenn man ſie gebrauchen will, wird ſie den großen Thurm einſtürzen machen, der noch allein die Angreifenden im Schach hält, wäh⸗ rend ſeine Trümmer ihnen als Leitern dienen würden. Im Flecken Remicourt haben die Laufgräben der Spa⸗ nier die Rückſeite des Grabens durchbrochen, und ſie haben ſich dort unter dem Schutze einer Blendung feſt⸗ geſtellt, unter der ſie die Mauern ohne Unterlaß an⸗ greifen. Ihr wißt endlich, Herr Admiral, daß die Feinde auf der Seite des Fauburg d'Fle nicht nur Herren der Gräben, ſondern auch des Bonlevard und der Abtei ſind, und daß ſie ſich dort ſo gut einquartiert haben, daß es kaum mehr möglich iſt, ihnen auf dieſem Punkte Schaden zuzufügen, während ſie Schritt für Schritt die Bruſtwehr, welche nur fünf bis ſechs Fuß dick iſt, ge⸗ winnen, mit ihren Batterien die Arbeiter des Boule⸗ vard de la Reine in den Flanken faſſen, und eine ſolche Verheerung unter ihnen anrichten, daß man darauf verzichten mußte, ſie bei dieſem Werke zurückzuhalten. Der Reſt der Wälle würde ſich vielleicht noch halten, doch das ſind vier tödtliche Wunden, durch welche das Leben der Stadt bald entſtrömen muß, Herr Admiral. Ihr habt Wahrheit von mir verlangt, ich gebe ſie Euch, ſo traurig ſie auch iſt, und überlaſſe Eurer Weisheit 4 Behutſamkeit die Sorge, davon Gebrauch zu ma⸗ en.“ Hierüber entſtand abermals ein Gemurmel der Menge, und wenn es Niemand wagte, laut das Wort zu neh⸗ men, ſo ſagte doch Jeder leiſe: „Das Beſte iſt, ſich zu übergeben und ſich nicht de unſeligen Wechſelfällen eines Sturms bloßzu⸗ 5 ½ der Admiral ſprach, ohne ſich entmuthigen zu laſſen: „Meine Herren, n Wort. Entgehen uns unſere Mauern, wie Ihr geſagt habt, Herr Laurford, ſo haben wir, um ſie zu erſetzen, muthige Soldaten, lebendige Wälle. Iſt es mit ihnen und unter der ei⸗ frigen Mitwirkung der Bürger nicht möglich, die Ein⸗ nahme der Stadt um einige Tage zu verzögern? Und was heute noch ſchmählich wäre, würde dann glorreich ja, die Feſtungswerke ſind zu ſchwach, das gebe ich zu, doch unſere Truppen ſind zahlreich genug, nicht wahr, Herr von Rambouillet?“ „Herr Admiral,“ ſprach der aufgerufene Kapitän, „wären wir dort auf dem Platze, mitten unter der Menge, welche den Erfolg unſerer Berathungen erwar⸗ tet, ſo würde ich Euch antworten: ja; denn man müßte Allen Hoffnung und Vertrauen einflößen. Doch hier im Rathe, vor dieſen durch ihren Muth erprobten Män⸗ nern, zögere ich nicht, Euch zu ſagen, daß die Mann⸗ ſchaft nicht genügt für den harten, gefahrvollen Dienſt, den wir zu thun haben. Wir haben Waffen allen den⸗ jenigen gegeben, welche ſie zu tragen im Stande wa⸗ ren. Die Anderen find bei den Vertheidigungsarbeiten beſchäftigt, zu denen Kinder und Greiſe beitragen. Selbſt die Frauen helfen uns, indem ſie den Verwun⸗ deten beiſtehen und ſie pflegen. Nicht ein Arm iſt un⸗ nütz, und dennoch fehlt es an Armen. Auf keinem Punkte der Wälle iſt ein Mann zu viel, und häufig ſind es zu wenig. Man mag immerhin ſich vervielfäl⸗ tigen, und kann es doch nicht machen, daß nicht fünfzig Mann mehr an der Porte Saint⸗Jean, und wenigſtens fünfzig weitere auf dem Boulevard Saint⸗Martin noth⸗ wendig ſind. Die Niederlage an Saint-Laurent hat uns der Vertheidiger beraubt, auf die wir hoffen konn⸗ ten, und wenn Ihr keine von Paris erwartet, Herr 4 Admiral, ſo iſt es Eure Sache, in Betracht zu ziehen, ob in einem ſolchen äußerſten Fall Grund vorhanden ⸗ E m ig ig ⸗ 45 iſt, die wenigen Streitkräfte, die uns bleiben, und dieſe Trümmer unſerer muthigen Kriegsleute zu wagen, welche noch ſo wirkſam zu Erhaltung anderer Plätze und vielleicht zur Erhaltung des Vaterlandes dienen können.“ Die ganze Verſammlung unterſtützte und billigte dieſe Worte durch ihr Gemurmel, und der Ruf der Menge, welche ſich um das Rathhaus drängte, erläu⸗ terte dieſelben noch viel beredter. Doch nun rief eine Donnerſtimme: „Stille!“ Und es ſchwiegen in der That Alle, denn derje⸗ nige, welcher ſo laut und ſo feſt ſprach, war Jean Peu⸗ goh, der Altmeiſter der Weberzunft, ein ſehr geachteter, und ein wenig gefürchteter Bürger der d Jean Peugoy war das Muſterbild jener braven bürgerlichen Race, welche ihre Stadt zugleich wie eine Mutter und wie ein Kind liebte, ſie anbetete und ſchmälte, für ſie lebte und im Fall der Noth für ſie ſtarb. Für den ehrlichen Webermeiſter gab es auf der Welt nur Frankreich und in Frankreich nur Saint⸗ Quentin. Niemand kannte, wie er, die Geſchichte und die Ueberlieferungen der Stadt, die alten Gebräuche und die alten Legenden. Es gab kein Quartier, keine Straße, kein Haus, das in der Gegenwart und in der Vergangenheit etwas Verborgenes für Jean Peugoy hatte. Er war der eingefleiſchte Bürgersmann. Seine Werkſtätte war der zweite Marktplatz, und ſein hölzer⸗ nes Haus in der Rue Saint⸗Martin das zweite Rath⸗ haus. Dieſes ehrwürdige Haus machte ſich durch ein ziemlich ſeltſames Schild bemerkbar: durch ein bekränz⸗ tes Weberſchiff zwiſchen dem Geweih eines Zehnenders. Einer von den Ahnen von Jean Peugoy(denn Jean Peugoy zählte Ahnen wie ein Edelmann!), ein Weber wie er, wie ſich von ſelbſt verſteht, und dabei ein be⸗ rühmter Bogenſchütze hatte auf mehr als hundert 46 Schritte mit zwei Pfeilſchüſſen die Augen dieſes ſchö⸗ nen Hirſches ausgehöhlt. Man ſieht noch in Saint⸗ Quentin, in der Rue Saint⸗Martin, das herrliche Ge⸗ ſtänge. Auf zehn Meilen in der Runde kannte man damals das ſtattliche Geweih und den Weber. Jean Peugoy war alſo gleichſam die lebendige Stadt, und jeder Einwohner von Saint⸗Quentin vernahm, wenn er ihn hörte, die Stimme ſeines Vaterlandes. * Deshalb rührte ſich Keiner mehr, als der Weber mitten unter dem Lärmen ausrief: „Stille!“ —„Ja, ſtille!“ fuhr er fort,„ich bitte Euch, meine guten Landsleute und theure Gefährten, ſchenkt mir eine Minute Aufmerkſamkeit. Betrachten wir, wenn es Euch gefällt, mit einander, was wir ſchon gethan ha⸗ ben, und es wird uns vielleicht über das belehren, was wir noch thun ſollen. Als der Feind unſere Mauern zu belagern anfing, als wir unter der Anführung des furchtbaren Emanuel Philibert alle dieſe Spanier, Engländer, Deutſche und Wallonen wie Unglücksheu⸗ ſchrecken um unſere Stadt her niederfallen ſahen, nah⸗ men wir unſer Schickſal muthig an, nicht wahr? Wir murrten nicht, wir klagten die Vorſehung nicht darüber an, daß ſie gerade Saint⸗Quentin als das Sühnopfer Frankreichs bezeichnete. Der Herr Admiral wird uns in dieſer Hinſicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen; von dem Tage an, wo er hier ankam und uns den Bei⸗ ſtand ſeiner Erfahrung und ſeines Muthes brachte, ſuchten wir ſeine Pläne durch unſere Perſonen und durch unſere Güter zu unterſtützen. Wir haben unſere Mundvorräthe, unſere Güter und unſer Geld preisge⸗ geben, und ſelbſt die Armbruſt, die Pike oder die Haue genommen. Diejenigen, welche nicht Schildwa⸗ chen auf den Wällen waren, machten ſich zu Arbeitern in der Stadt. Wir trugen dazu bei, die meuteriſchen Bauern der Umgegend, welche ſich weigerten, mit ihrer Arbeit die Zufluchtsſtätte zu bezahlen, die wir ihnen nt⸗ e⸗ an an nn er ine nir a⸗ as rn es er, ir er ns 47 gegeben hatten, zu zügeln und zu discipliniren. Alles endlich, was man von Menſchen fordern konnte, deren Handwerk der Krieg nicht iſt, haben wir, wie ich glaube, gethan. Wir hofften auch, der König, unſer Herr, würde bald an ſeine braven Bürger von Saint⸗Quen⸗ tin denken und uns ſchleunigſt Hülfe ſchicken. Dies geſchah. Der Connetable von Montmorency eilte her⸗ bei, um die Truppen von Philipp II. von hier zu ver⸗ jagen, und wir dankten Gott und dem König. Doch der unſelige Saint⸗Laurent⸗Tag hat in wenigen Stunden unſere Hoffnungen zerſtört. Der Conne⸗ table wurde gefangen genommen, ſein Heer vernichtet, und wir ſind nun verlaſſener als je. Es ſind ſeitdem fünf Tage abgelaufen, und der Feind hat dieſe fünf Tage benützt. Drei heftige, hartnäckige Stürme haben uns mehr als zweihundert Mann und ganze Mauer⸗ flügel gekoſtet. Die Kanonen hören nicht mehr auf zu donnern, und ſie begleiten ſogar meine Worte. Wir wollen fie jedoch nicht hören, und wir horchen nur nach der Seite von Paris, ob nicht irgend ein Geräuſch uns eine neue Hülfe verkündige. Doch nichts! Die letzten Quellen ſind, wie es ſcheint, für den Augenblick erſchöpft. Der König läßt uns im Stich und hat etwas ganz Anderes zu thun, als an uns zu denken. Er muß dort ſammeln, was ihm an Kräften bleibt; er muß das Königreich vor einer Stadt retten, und wenn er zuweilen noch die Augen und den Geiſt gegen Saint⸗ Quentin wendet, ſo thut er es, um ſich zu fragen, ob ſein Todeskampf Frankreich Zeit laſſen werde, zu leben. Doch Hoffnung, doch Ausſichten auf Rettung und Hülfe gibt es für uns jetzt nicht mehr, theure Mitbürger und Freunde. Herr von Rambvuillet und Herr von Laur⸗ ford haben die Wahrheit geſprochen. Die Mauern und die Soldaten fehlen uns, unſere alte Stadt ſtirbt, und wir find verlaſſen, in Verzweiflung, verloren!. „Ja! ja!“ rief einſtimmig die Verſammlung,„man muß ſich ergeben.“ K Alle und neigten das Haupt, und Gaſpard von Coligny 48 „Nein,“ entgegnete Jean Peuqoy,„man muß ſterben.“ Das Stillſchweigen des Erſtaunens folgte auf die⸗ ſen unerwarteten Schluß. Der Weber benützte es, um noch energiſcher fortzufahren: „Man muß ſterben. Das, was wir ſchon gethan haben, befiehlt uns das, was uns noch zu thun bleibt. Die Herren Laurford und von Rambouillet ſagen, wir können nicht widerſtehen. Doch Herr von Coligny ſagt, wir müſſen widerſtehen. Widerſtehen wir! Ihr wißt, ob ich unſerer guten Stadt Saint⸗Quentin ergeben bin, meine Brüder. Ich liebe ſie in der That, wie ich meine alte Mütter liebte. Jede von den Kugeln, wel⸗ che an ihre ehrwürdigen Mauern ſchlägt, ſcheint mich in's Herz zu treffen. Und dennoch, da der General ge⸗ ſprochen hat, finde ich, daß man gehorchen muß. Der Arm empöre ſich nicht gegen den Kopf, und Saint⸗ Quentin gehe unter! Der Herr Admiral weiß, was er thut und was er will. Er hat in ſeiner Weisheit die Geſchicke einer Stadt und die Geſchicke Frankreichs abgewogen. Er findet gut, daß Saint⸗Quentin wie eine Schildwache auf ihrem Poſten ſterbe, und es iſt gut. Derjenige, welcher murrt, iſt ein Feiger, und derjenige, welcher nicht gehorcht, iſt ein Verräther. Die Mauern ſtürzen ein, machen wir Mauern aus unſern Leichna⸗ men; gewinnen wir eine Woche, gewinnen wir zwei Tage, gewinnen wir eine Stunde um den Preis von all unſerem Blut, von all unſerer Habe. Der Herr Admiral weiß wohl, was dies Alles werth iſt, und da er Alles von uns forbert, ſo braucht er es. Er wird Gott und dem König ſeine Rechenſchaft ablegen, das geht uns nichts an. Unſere Aufgabe iſt es, zu ſterben, wenn er zu uns ſagt:„Sterbt.“ Das Ge⸗ wiſſen von Herrn von Coligny mag das Uebrige ord nen. Er iſt verantwortlich, ſeien wir gehorſam.“ Nach dieſen düſtern, feierlichen Worten ſchwiege Sc— z—— — c 1—— — — ine ge, rn ⸗ ei on rr nd Er n, e⸗ d 49 wie die Anderen und mehr als die Anderen. Es war in der That eine ſchwere Laſt, die ihm der Alt⸗ meiſter der Weberzunft auferlegte, und er konnte ſich ei⸗ nes Schauers nicht erwehren bei dem Gedanken an alle die Exiſtenzen, für welche man ihn verantwortlich machte. „Freunde und Brüder,“ fuhr Jean Peugoy fort, „aus Eurem Stillſchweigen ſehe ich, daß Ihr mich begriffen habt und meine Worte billigt, doch man kann von Gatten und Vätern nicht verlangen, daß ſie laut ihre Kinder und Frauen verurtheilen. Hier ſchwei⸗ gen heißt antworten. Ihr laßt den Herrn Admiral Eure Frauen zu Witwen, und Eure Kinder zu Waiſen machen; doch nicht wahr, Ihr könnt ihr Urtheil nicht ſelbſt fällen; das iſt richtig. Sagt nichts und ſterbt. Niemand hätte die Grauſamkeit, von Euch zu verlan⸗ gen, Ihr ſollet rufen:„„Es ſterbe Saint⸗Quentin!““ Doch wenn Eure patriotiſchen Herzen, wie ich glaube, mit dem meinigen im Einklang ſtehen, ſo könnt Ihr wenigſtens rufen:„„Es lebe Frankreich!““ „Es lebe Frankreich!“ wiederholte ein Gemurmel ſchwach wie eine Klage und düſter wie Schluchzen. Doch Gaſpard von Coligny erhob ſich nun tief erſchüttert und rief: „Hört! hört! ich übernehme nicht allein eine ſo furchtbare Verantwortlichkeit; ich konnte Euch wider⸗ ſtehen, als Ihr dem Feinde weichen wolltet, doch wenn Ihr mir nachgebt, kann ich nicht ſtreiten, und da Ihr endlich in dieſer Verſammlung Alle gegen meine An⸗ ſicht ſeid, und Alle Euer Opfer für unnütz haltet..“ „Gott verzeihe mir,“ unterbrach ihn eine ſtarke Stimme in der Menge,„Gvott verzeihe mir, ich glaube, Ihr wollt auch von Uebergabe ſprechen, Herr Admiral.“ Die beiden Dianen, U, 50 VI. Gabriel bei der Arbeit. „Wer wagt es, mich zu unterbrechen?“ fragte Gaſpard von Coligny, die Stirne ſaltend, „Ich!“ antwortete vorſchreitend ein Mann in der Tracht eines Bauern aus der Gegend von Saint⸗ Quentin. „Ein Bauer!“ verſetzte der Admiral. „Nein, kein Bauer,“ erwiederte der Unbekannte, „ſondern der Vicomte d'Ermés, Kapitän bei den Leib⸗ wachen des Königs, der im Namen Seiner Majeſtät hier erſcheint.“ „Im Namen des Königs!“ rief die erſtaunte Menge. „Im Namen des Königs,“ erwiederte Gabriel, „und Ihr ſeht, daß er ſeine braven Bürger von Saint⸗ Quentin nicht verläßt und ſtets an ſie denkt. Ich bin vor drei Stunden als Bauer verkleidet hier ange⸗ kommen, und während dieſer drei Stunden habe ich Euere Mauern beſichtigt und Eure Berathung mit an⸗ ehört. Doch laßt Euch ſagen, das, was ich gehört, ſeh durchaus nicht im Einklang mit dem, was ich ge⸗ ſehen. Was bedeutet dieſe weiberartige Entmuthigung, die ſich wie ein paniſcher Schrecken der feſteſten Geiſter bemächtigt? Woher kommt es, daß Ihr ſo plötzlich jede Hoffnung verliert und Euch einer chimäriſchen Furcht hingebt? Wie! Ihr wißt nichts Anderes, als Euch gegen den Willen des Herrn Admirals zu empören vder den Kopf als fügſame Opfer zu beugen? Erhebt bei Gott die Stirne, doch nicht gegen Eure Führer ſondern gegen den Feind, und wenn es Euch unmög⸗ lich iſt, zu ſiegen, ſo macht, daß Eure Niederlage glo 5¹ reicher ſei als ein Triumph. Ich komme von den Wällen und ſage Euch, daß Ihr Euch noch vierzehn Tage halten könnt, und der König fordert von Euch nur eine Woche, um Frankreich zu retten. Auf Alles, was Ihr in dieſem Saale gehört habt, will ich mit zwei Worten antworten; ich will für die Uebel ein Mittel und für die Zweifel eine Hoffnung bezeichnen.“ agte Die Officiere und Notabeln drängten ſich um Gabriel, ſchon ergriffen von dem Uebergewicht dieſes der mächtigen, ſympathetiſchen Willens. int⸗„Hört! hört!“ riefen ſie. Mitten unter dem Stillſchweigen der Theilnahme fuhr Gabriel fort: nte,„Ihr zuerſt, Herr Laurford der Ingenieur, was eib⸗ ſagtet Ihr? Vier ſchwache Punkte der Wälle könnten ſtät dem Feinde die Thore öffnen? Sehen wir mit einander. Die Gegend des Foubourg d'Ile iſt am meiſten be⸗ unte droht; die Spanier ſind Herren der Abtei und unterhalten von dort ein ſo wohlgenährtes Feuer, daß unſere Ar⸗ iel, beiter es nicht mehr wagen, ſich daſelbſt zu zeigen. int⸗ Erlaubt mir, Herr Laurford, Euch ein ſehr ein⸗ Ich faches und ganz vortreffliches Mittel zu nennen, ſie zu ge⸗ behüten, ein Mittel, das ich in dieſem Jahre von den ich Belagerten in Civitella habe anwenden ſehen. Um un⸗ an⸗ ſere Arbeiter vor den ſpaniſchen Batterien zu beſchützen, zrt, genügt es, quer über das Boulevard alte Schiffe voll ge⸗ von Säcken mit Erde über einander zu ſetzen. Die ug, Kugeln verlieren ſich in dieſer weichen Erde, und hin⸗ ſter ter dieſer Schutzwehr ſind unſere Arbeiter eben ſo ſehr ede in Sicherheit, als wenn ſie außer dem Bereiche der cht Kanonen wären. Im Flecken Remicourt untergraben die Feinde, geſchützt durch eine Blendung, ruhig die Mauer, ſagtet Ihr? Ich habe wirklich dieſe Sache be⸗ wahrheitet gefunden. Doch dort, Herr Ingenieur, müßt Ihr eine Gegenmine anbringen und nicht bei der Porte Saint⸗Jean, wo der dicke Thurm Eure Ge⸗ genmine nicht nur nutzlos, ſondern gefährlich macht. Ruft Eure Minirer vom Oſten nach dem Süden, Herr Lauxford, und Ihr werdet Euch gut dabei befinden. Doch die Porte Saint⸗Jean, doch das Boulevard Saint⸗ Martin werden ohne Vertheidigung bleiben, fragt Ihr? Fünfzig Mann auf dem erſten Punkt, fünfzig auf dem* zweiten genügen. Herr von Rambouillet hat es uns ſo eben jelbſt geſagt. Doch, fügte er bei, dieſe hun⸗ dert Mann fehlen uns. Nun! ich bringe ſie Euch.“ Ein Gemurmel des Erſtaunens und der Freude kreiſte in der Verſammlung. „Ja,“ ſprach Gabriel mit einem noch feſteren Tone, als er die Geiſter durch ſein Wort ein wenig wiederbelebt ſah;„ich habe drei Meilen von hier den Baron von Vaulpergues mit ſeiner Compagnie von dreihundert Lanzen wieder zuſammengebracht. Wir ver⸗ ſtändigten uns. Ich verſprach, durch alle Gefahren des feindlichen Lagers hieherzugehen und mich über die günſtigen Orte zu verſichern, wo er mit ſeiner Truppe in die Stadt gelangen könnte, Ich bin gekommen, wie Ihr ſeht, mein Plan iſt gemacht, und ich kehre zu Vaulpergues zurück. Wir theilen ſeine Co pagnie in drei Corps. Ich übernehme ſelbſt das Commando von einer der Abtheilungen und in der nächſten Nacht, einer mondloſen Nacht, wenden wir uns, jeder ſeinerſeits, gegen eine zum Voraus bezeichnete Schlupfpforte. Wir haben Unglück, wenn nur eine von unſern drei Trup⸗ pen dem Feinde entgeht; in jedem Fall wird eine ent⸗ gehen, hundert entſchloſſene Mann werden in den Platz geworfen, und an Proviant fehlt es nicht. Die hun⸗ dert Mann werden, wie ich ſagte, an der Porte Saint⸗ Jean und auf dem Boulevard Saint⸗Martin aufge⸗ ſtellt, und ſprecht nun, Herr Laurford, Herr von Ram⸗ bouillet, welcher Punkt der Mauern dem Feind noch einen leichten Durchgang wird gewähren können?“ S Ein allgemeiner Zuruf empfing dieſe guten Worte welche ſo mächtig die Hoffnung in allen dieſen entmu“ thigten Herzen belebten. — — Sc—— — 18—— — —— S S S„+— d*———— d S N — 8 S 8S„„ 53 „Oh!“ rief Jean Peugoy,„oh! nun können wir kämpfen, nun können wir ſiegen.“ „Kämpfen, ja; ſiegen, ich wage es nicht, dies zu hoffen,“ erwiederte Gabriel voll Würde; vich will Euch die Lage nicht beſſer machen, als ſie iſt, ich wollte nur, daß man ſie Euch nicht ſchlimmer mache. Ich wollte Euch Allen, und Euch zuerſt, Meiſter Jean Peugoy, der Ihr ſo muthige, aber ſo traurige Worte geſprochen, ich wollte Euch einmal beweiſen, daß Euch der König nicht verlaſſen, und dann, daß Eure Lage glorreich und Euer Widerſtand nützlich ſein könne. Ihr ſagtet:„„Opfern wir uns!““ Ihr habt auch geſagt: Kämpfen wir!““ Das iſt ein großer Schritt. Ja, es iſt möglich, es iſt wahrſcheinlich, daß die ſechzigtauſend Mann, welche Eure Feſtungswerke belagern, ſich der⸗ ſelben hemächtigen werden. Doch hütet Euch vor Allem, zu glauben, der edle Kampf, den Ihr ausgehalten haben werdet, gebe Euch grauſameren Repreſſalien preis Emanuel Philibert iſt ein tapferer Soldat, der den Muth liebt und ehrt und Eure Tugend nicht be⸗ ſtrafen wird. Sodann bedenkt, daß Ihr, wenn Ihr Euch noch zehn bis zwölf Tage halten könnt, vielleicht Eure Stadt verloren, aber ſicherlich Euer Vaterland gerettet habt. Ein großer und erhabener Erfolg! Die Städte wie die Menſchen haben ihre Adelsbriefe, und die Heldenthaten, die ſie vollbringen, ſind ihre Titel und ihre Ahnen. Eure Enkel, Ihr Bewohner von Saint⸗Quentin, werden eines Tags ſtolz auf ihre Väter ſein. Man kann Eure Mauern zerſtören, doch wer wird im Stande ſein, das erhabene Andenken an dieſe Belagerung zu zerſtören?... Muth alſo, Ihr edlen Schildwachen des Reiches. Rettet den König, rettet das Vaterland. Die Stirne geſenkt, ſchient Ihr ſo eben entſchloſſen, als ergebene Opfer zu ſterben. Er⸗ hebt nun das Haupt! ſterbt Ihr, ſo ſterbt Ihr als freiwillige Helden, und Euer Andenken wird nicht un⸗ tergehen. Ihr ſeht alſo, daß Ihr mit mir rufen könnt: „Es lebe Frankreich! es lebe Saint⸗Quentin!““ „Es lebe Frankreich! es lebe Saint-Quentin! es lebe der König!“ riefen hundert Stimmen voll Be⸗ geiſterung. „Und nun nach den Wällen und zur Arbeit!“ ſprach Gabriel,„und feuert durch Euer Beiſpiel Eure Mitbürger an, die auf Euch warten. Morgen, das ſchwöre ich Euch, werden hundert Arme mehr bei dem Werke der Rettung und des Ruhmes Euch unter⸗ ſütze.“ „Nach den Wällen!“ rief die Menge. Und ſie ſtürzte hinaus, ganz außer ſich vor Freude, Hoffnung und Stolz, und riß durch ihre Er⸗ zählungen und ihre Begeiſterung diejenigen mit ſich fort, welche den unerwarteten Befreier nicht gehört haiten, den Gott und der König der erſchöpften Stadt zu⸗ ſchickten. Gaſpard von Coligny, der würdige und edle Füh⸗ rer, hatte Gabriel mit einem Stillſchweigen des Erſtau⸗ nens und der Bewunderung angehört. Als ſich die ganze Verſammlung mit einem Triumphgeſchrei zer⸗ ſtreute, ſtieg er von dem Sitze herab, den er einnahm, ging auf den jungen Mann zu, drückte ihm die Hand und ſprach: „Ich danke, mein Herr, Ihr habt Saint⸗OQuen⸗ tin und mich vor der Schande, vielleicht Frankreich und den König vor dem Untergang gerettet.“ „Ach! ich habe noch nichts gethan, Herr Admiral,“ erwiederte Gabriel,„ich muß nun zu Vaulperques zu⸗ rücktehren, und Gott allein kann machen, daß ich hin⸗ auskomme, wie ich hereingekommen bin, und daß ich die hundert Mann meinem Verſprechen gemäß in den Platz führe.“ = 8———— r c„ ec—————— S— 8 „ 18 n„ 55 VII. Worin Martin-Guerre nicht geſchickt iſt. Gabriel von Montgommery unterhielt ſich noch über eine Stunde mit dem Admiral. Coligny war erſtaunt über die Feſtigkeit, die Kühnheit und die Kenntniſſe dieſes jungen Mannes, der ihm von Strategie ſprach wie ein Obergeneral, von Vertheidigungswerken wie ein Ingenieur, und vom moraliſchen Einfluß wie ein Greis. Gabriel bewunderte ſeinerſeits den edlen und ſchönen Charakter von Gaſpard, und die Güte, die Redlichkeit des Gewiſſens, die aus ihm den reinſten und lohalſten Edelmann ſeiner Zeit machten. Der Neffe glich allerdings nur ſehr wenig dem Oheim! Dieſe zwei Männer, der Eine mit ſchon ergrauenden Haaren, der Andere mit völlig ſchwarzen Locken, begriffen und ſchätzten einander nach Verlauf einer Stunde, als ob ſie ſich ſchon ſeit zwanzig Jabren gekannt hätten. Nachdem ſie ſich über die Maßregeln verſtändigt hatten, welche zu nehmen waren, um den Einzug der Compagnie von Vaulperques zu begünſtigen, nahm Gabriel von dem Abmiral Abſchied, wobei er voll Si⸗ cherheit:„Auf Wiederſehen!“ zu ihm ſprach. Er ließ ch zuvor noch die Loſungsworte und die erforderlichen Signale nennen. Wie ſein Herr als Bauer verkleidet, erwartete ihn Martin⸗Guerre unten an der Treppe des Rathhauſes. „Ah! Ihr ſeid da, gnädiger Herr?“ rief der brave Stallmeiſter.„Ich bin ſehr froh, Euch endlich wieder⸗ zuſehen, da ich ſeit einer Stunde alle Vorübergehende vom Vicomte d'Ermes mit Goitt weiß welchen Lobeser⸗ hebungen und Ausrufungen ſprechen hörte. Ihr habt die ganze Stadt umgekehrt. Welchen Talisman habt 56 * Ihr denn mitgebracht, gnädiger Herr, um ſo den Geiſt einer ganzen Bevölkerung zu verändern?“ „Das Wort eines entſchiedenen Mannes, Martin, und nichts Anderes, doch es genügt nicht, zu ſprechen, es muß jetzt gehandelt werden.“ „Handeln wir, gnädiger Herr, das Handeln geht mir ſogar beſſer, als das Sprechen; wir werden, wie ich ſehe, unter der Naſe der feindlichen Wachen nach dem Felde ſpazieren gehen. Vorwärts, gnädiger Herr, ich bin bereit,“ „Nicht ſo haſtig, Martin,“ entgegnete Gabriel,„es iſt noch zu hell, und ich erwarte den Abendnebel, um von hier wegzugehen, das iſt mit dem Admiral verab⸗ redet. Wir haben beinahe drei Stunden vor uns. Ueberdies habe ich während dieſer Zeit noch etwas zu thun,“ fügte er mit einer gewiſſen Verlegenheit bei, „ja, eine wichtige Fürſorge zu treffen, einige Erkundi⸗ gungen in der Stadt einzuziehen.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Martin⸗Guerre,„abermals über die Kräfte der Garniſon, nicht wahr? oder über die ſchwachen Seiten der Feſtungswerke? Welch ein unermüdlicher Eifer!“ „Du verſtehſt gar nichts, mein armer Martin,“ erwiederte Gabriel lächelnd;„nein, ich weiß Alles, was ich in Beziehung auf die Wälle und Truppen wiſſen wollte, und es iſt ein mehr perſönlicher Sohiſsnß⸗ was mich in dieſem Augenblick beſchäf⸗ tigt.“ „Sprecht, gnädiger Herr, und wenn ich Euch zu etwas dienlich ſein kann„ „Ja, Martin, ich weiß, Du biſt ein treuer Diener und ein ergebener Freund; ich habe auch keine Geheim⸗ niſſe für Dich, als diejenigen, welche nicht mir gehören. Wenn Du alſo nicht weißt, was ich mit Unruhe und Liebe nach Erfüllung meiner Pflichten in dieſer Stadt u es vergeſſen haſt.“ 1 Martin, ſo iſt dies ganz einfach der Fall, weil n, 57 „Oh! verzeiht, gnädiger Herr, ich bin nun auf der Spur!“ rief Martin.„Richt wahr, es handelt ſich um eine Benedictinerin?“ „Ganz richtig, Martin. Was iſt aus ihr in dieſer bewegten Stadt geworden? Ich habe es nicht gewagt, den Admiral zu fragen, aus Furcht, ich könnte mich durch meine Unruhe verrathen. Hätte er mir wohl auch zu antworten gewußt? Diana wird ohne Zweifel bei ihrem Eintritt in das Kloſter den Namen verändert haben?“ „Ja,“ erwiederte Martin,„denn ich habe mir ſa⸗ gen laſſen, daß derjenige, welchen ſie führt, und der mir reizend vorkommt, etwas heidniſch ſei, wegen Frau von Poitiers, denke ich... Schweſter Diana! das paßt gerade zuſammen, wie ich und mein anderes Ich, wenn es betrunken iſt.“ „Was iſt nun zu thun?“ ſprach Gabriel.„Das Beſte wäre vielleicht, wenn wir uns nach dem Kloſter Benedictinerinnen im Allgemeinen erkundigen wür⸗ e „Ja,“ verſetzte Martin⸗Guerre,„und dann werden wir vom Allgemeinen auf das Beſondere übergehen, wie mein alter Pfarrer ſagte, der im Verdacht ſtand, er wäre ein Lutheraner. Nun, gnädiger Herr, für dieſe Erkundigungen, wie für alle Dinge, bin ich zu Euren Befehlen.“ „Wir müſſen jeder ſeinerſeits auf Erkundigung ausgehen, Martin, auf dieſe Art haben wir zwei Chan⸗ cen für eine. Sei geſchickt und behutſam, und ſuche vor Allem nicht zu trinken, Du Völler, wir bedürfen unſerer ganzen Kaltblütigkeit.“ „Oh! der gnädige Herr weiß, daß ich ſeit Paris meine alte Nüchternheit wiedererlangt habe und nur lauteres Waſſer trinke. Es iſt mir ſeitdem nicht einmal begegnet, daß ich doppelt geſehen habe.“ „Das gefällt mir!„ In zwei Stunden komme auf dieſen Platz.“ 58 „Ich werde hier ſein, gnädiger Herr.“ Und ſie trennten ſich. Zwei Stunden nachher trafen ſie ſich wieber, wie ſie es verabredet hatten. Gabriel war ſtrahlend, Mar⸗ tin⸗Guerre aber ziemlich verlegen. Alles, was Martin⸗ Guerre erfahren, war, daß die Benedictinerinnen mit den anderen Frauen der Stadt die Sorge und die Ehre, die Verwundeten zu verbinden und zu pflegen, hatten theilen wollen; daß ſie jeden Tag in den Ambulanzen zerſtreut waren, und nur am Abend, umgeben von der Ehrfurcht und der Bewunderung der Soldaten, in das Kloſter zurückkehrten. Gabriel wußte zum Glück mehr. Als ihn der erſte der beſte Vorübergehende von Allem unterrichtet hatte, was Martin⸗Guerre wußte, fragte Gabriel nach dem Namen der Superiorin des Kloſters. Dies war, wie man ſich erinnert, die Mutter Monica, die Freundin von Diana von Caſtrv. Gabriel erkundigte ſich ſo⸗ dann nach dem Ort, wo er die heilige Frau finden würde. „Am gefahrvollſten Orte,“ antwortete man ihm. Gabriel ging nach dem Faubourg d'Ile und fand in der That die Superiorin. Sie wußte ſchon durch das öffentliche Gerücht, wer der Vicomte d'Ermés war, was er auf dem Rathhauſe geſagt hatte und weshalb er nach Saint⸗Quentin gekommen: ſie empfing ihn als den Abgeſandten des Königs und als den Retter der Stadt. „Ihr werdet Euch alſo nicht wundern, meine Mut⸗ ter,“ ſprach Gabriel zu ihr,„wenn ich, im Namen des Königs hier erſcheinend, mich bei Euch nach der Toch⸗ ter Seiner Majeſtät, nach Frau Diana von Caſtro er⸗ kundige. Ich habe ſie vergebens unter den Nonnen ge⸗ ſucht, denen ich auf meinem Wege begegnete. Sie iſt doch hoffentlich nicht krank?“ „Nein, Herr Vicomte,“ antwortete die Superiorinz „doch ich habe ſie aufgefordert, heute im Kloſter zu 59 bleiben und ein wenig auszuruhen; denn Niemand iſt ihr an Muth und Aufopferung gleich gekommen. Sie war überall gegenwärtig und ſtets bereit, und übte mit einem freudigen Eifer ihre erhabene Wohlthätigkeit, was die Tapferkeit von uns friedlichen Nonnen iſt. Ah! es iſt die würdige Tochter aus dem Blute Frank⸗ reichs. Und dennoch wollte ſie ihren Titel und Rang nicht bekannt werden laſſen, und ſie wird Euch ſogar Dank wiſſen, Herr Vicomte, wenn Ihr dieſes ruhmwür⸗ dige Incognito achtet. Gleichviel! verbarg ſie ihren Adel, ſo zeigte ſie ihre Herzensgüte, und alle Leidende kennen dieſes Engelsantlitz, das wie eine himmliſche Hoffnung durch ihre Schmerzen zieht. Sie hat ſich nach dem Namen unſeres Ordens Schweſter Benedicta genannt, doch unſere Verwundeten, welche das Latei⸗ niſche nicht verſtehen, nennen ſie ganz einfach die Schwe⸗ ſter Bénie.“*) „Das iſt die Frau Herzogin wohl werth!“ rief Gabriel, deſſen Augenlider ſanfte Thränen befeuchteten. „Ich kann ſie alſo morgen ſehen, Mutter?„ wenn ich nämlich zurückkomme!“ „Ihr werdet zurückkommen, mein Bruder,“ erwie⸗ derte die Superiorin,„und da, wo Ihr am meiſten Seufzer und Schmerzgeſchrei hört, findet Ihr die Schwe⸗ ſter Bénie.“ Hienach kam Gabriel zu Martin⸗Guerre zurück, das Herz voll Muth, und nun, wie die Superiorin, ſicher, daß er unverſehrt aus der furchtbaren Gefahr der Nacht hervorgehen würde. *) Die Geſegnete. 60 VIII. Worin Martin-Guerre ungeſchickt iſt. Gabriel hatte ziemlich genau Erkundigung über die Umgegend von Saint⸗Quentin eingezogen, um ſich vor jedem Verirren zu ſchützen. Durch den Einbruch der Nacht begünſtigt, ging er mit Martin⸗Guerre durch die am wenigſten bekannte Schlupfpforte aus der Stadt. Beide in lange braune Mäntel gehüllt, ſchlüpften ſie wie Schatten in die Gräben, und von da durch die Breſche in das Feld. Doch ſie waren der größten Gefahr noch nicht über⸗ hoben. Feindliche Abtheilungen durchſtreiften die Um⸗ gegend bei Tag und bei Nacht; verſchiedene Lager wa⸗ ren um die Stadt her aufgeſchlagen und jedes Zuſam⸗ mentreffen konnte für unſere Bauern⸗Soldaten unglücklich ſein. Das geringſte Mißgeſchick, dem ſie ſich ausſetzen mußten, war, die beabſichtigte Erpedition um einen Tag zu verzögern, das heißt vielleicht auf immer un⸗ nütz zu machen. Als ſie nach einer halben Stunde auf einen Kreuz⸗ weg kamen, wo die Straße eine Gabel bildete, hielt Gabriel an und ſchien nachzudenken. Martin⸗Guerre hielt auch an, aber er dachte nicht nach. Er überließ gewöhnlich dieſe Sorge ſeinem Herrn. Martin⸗Guerre war ein braver und treuer Stallmeiſter, doch er wollte und konnte nichts Anderes ſein als die Hand, Gabriel war der Kopf. Nachdem er einen Augenblick nachgedacht, ſagte Gabriel: „Martin, wir haben hier zwei Wege vor uns, welche beide nach dem Walde von Angimont führen, wo uns der Baron von Vaulpergues erwartet. Wenn 5 —* n — S. 6¹ wir beiſammen bleiben, können wir mit einander gefangen werden. Getrennt verdoppeln wir unſere Chancen des Gelingens, wie beim Aufſuchen von Frau von Caſtro. Schlagen wir jeder einen von den zwei Wegen ein. Du nimmſt dieſen, es iſt der längere, aber der ſicherere, wie der Herr Admiral glaubt. Du wirſt jedoch zu den Zelten der Wallonen kommen, wo Herr von Montmorench gefangen ſein muß. Du umgehſt ſie, wie in der vergangenen Nacht. Feſtigkeit und Uner⸗ ſchrockenheit! Begegneſt Du einer Truppe, ſo gibſt Du Dich für einen verſpäteten Bauern aus, der den um Saint⸗Quentin gelagerten Spaniern Lebensmittel ge⸗ bracht hat. Ahme ſo gut Du kannſt das picardiſche Patvis nach, was bei Fremden nicht ſchwer iſt. Gehe vor Allem mehr auf der Seite der Unverſchämtheit, als auf der der Verlegenheit. Du mußt Dir ein Anſehen geben, als wäreſt Du Deiner Sache ganz ſicher. Wenn Du ſtockſt, biſt Du verloren.“ „Oh! ſeid unbeſorgt, gnädiger Herr,“ ſagte Mar⸗ tin⸗Guerre mit einer klugen Miene.„Man iſt nicht ſo einfältig, als man ausſieht, und ich werde ſchon hubſch mit ihnen umzuſpringen wiſſen.“ „Gut geſprochen, Martin. Ich meines Theils gehe dorthin; es iſt der kürzere, aber der gefährlichere Weg, denn er führt unmittelbar nach Paris und wird deshalb ſchärfer als die andern bewacht. Ich werde, wie ich befürchte, auf mehr als ein feindliches Detache⸗ ment ſtoßen und mehr als einmal in die Gräben zu tauchen oder mich in den Gebüſchen zu verbergen haben. Dann iſt es am Ende wohl möglich, daß ich gar nicht an meinem Ziel anlange. Gleichviel, Mar⸗ kin, man warte nur eine halbe Stunde auf mich. Bin ich nach dieſer Friſt nicht bei Euch eingetroffen, ſo breche Herr von Vaulpergues ohne längeren Verzug auf. Dies wird gegen Mitternacht geſchehen und die Gefahr wird minder groß ſein, als dieſen Abend. Empfiehl ihm nichtsdeſtoweniger in weinem Namen die 62 größte Vorſicht, Martin. Du weißt, was zu thun iſt: ſeine Compagnie in drei Corps theilen und ſich der Stadt auf drei entgegengeſetzten Punkteu ſo heimlich als mög⸗ lich nähern. Man darf nicht zu ſehr hoffen, daß es allen drei Abtheilungen gelingt. Doch der Verluſt von einer gereicht der andern vielleicht zur Rettung. Es iſt einige Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir uns nicht wiederſehen, mein braver Martin, aber man darf nur an das Wohl des Vaterlandes denken. Deine Hand, und Gott beſchütze Dich!“ „Oh! ich bete zu ihm nur für Euch, gnädiger Herr. Rettet er Euch, ſo mag er mit mir machen, was er will, denn ich bin nur dazu gut, daß ich Euch liebe und Euch diene oh! und ich hoffe auch, daß is e verdammten Spaniern einen guten Streich piele.“ „Ich ſehe Dich gern in dieſer Verfaſſung. Vor⸗ wärts! viel Glück und vor Allem Sicherheit!“ „Viel Glück, gnädiger Herr, und Klugheit.“ Der Herr und der Stallmeiſter trennten ſich aber⸗ mals. Anfangs ging für Martin Alles gut, und ob⸗ gleich es ihm kaum möglich war, ſich von der Straße zu entfernen, vermied er doch ziemlich geſchickt einige ver⸗ dächtige Kriegsleute, vor denen ihn die ſchwarze Nacht verbarg. Aber er näherte ſich dem Lager der Wallo⸗ nen, und die Schildwachen verdoppelten ſich. An der Ecke von zwei Wegen fand ſich Martin⸗ Guerre plötzlich zwiſchen zwei Truppen, wovon die eine zu Fuß, die andere zu Roß, und ein wohlausgeſpro⸗ chenes:„Wer da?“ bewies dem armen Martin, daß man ihn bemerkt hatte. „Vorwärts!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Der Augen⸗ blick iſt gekommen, um die Unverſchämtheit zu zeigen, die mir mein Herr empfohlen hat.“ Und von einer leuchtenden, providentiellen Idee erfaßt, ſing er an, aus vollem Halſe das Lied von der Belagerung von Metz zu ſingen. r⸗ u r⸗ t 1 e 8 1⸗ 63 „Es kamen hergezogen Die deutſchen Kriegerwogen, Um Metz die Stadt zu ſtürmen Und Leich' auf Leich' zu thürmen.“ „Heda! wer da?“ rief eine Stimme mit faſt un⸗ verſtändlichem Jargon. „Ein Bauer von Angimont,“ antwortete Martin⸗ Guerre in einem beinahe nicht minder dunklen Jargon. Und er ſetzte ſeinen Weg und ſein Lied mit wech⸗ ſelnder Eile und Begeiſterung fort. „Holla! willſt Du wohl ſchweigen und ſtehen blei⸗ ben, Unglücksbauer, mit Deinem verfluchten Lied?“ rief die rauhe Stimme. Martin⸗Guerre bedachte, daß die Ueberläſtigen, die ihn anriefen, zehn gegen einen waren, daß ſie ihn mit Hülfe ihrer Pferde immerhin leicht erreichen wür⸗ den, und daß ſeine Flucht den ſchlimmſten Eindruck machen müßte. Er blieb alſo ſtehen. Im Ganzen war er nicht ärgerlich darüber, daß er eine Gelegenheit fand, ſeine Gewandtheit und Kaltblütigkeit zu entwickeln. Sein Herr, der zuweilen an ihm zu zweifeln ſchien, würde nun keinen Grund mehr hiezu haben, wenn er ſich geſchickt aus einer ſo ſchwierigen Lage herauszu⸗ ziehen wüßte. „Beim heiligen Quentin dem Märtyrer!“ ſagte er gegen die Gruppe vorſchreitend,„es iſt etwas Schö⸗ nes, was Ihr da macht, daß Ihr einen armen ver⸗ ſpäteten Bauern verhindert, nach Angimont zu ſeiner Frau und ſeinen Kindern zurückzukehren. Sprecht, was wollt Ihr?“ Was er ſagte, ſollte pieardiſch geſprochen ſein, wurde aber auvergniſch mit einem provengalen Accent geſprochen. Der Mann, welcher gerufen hatte, beabſichtigte auch, franzöſiſch zu antworten, doch er antwortete wal⸗ loniſch mit einem deutſchen Accent. 64 „Was wir wollen? Dich fragen und viſitiren, Nachtvogel, der Du wohl unter Deinem Bauernkittel einen Spion verbergen könnteſt.“ „Fragt mich, viſitirt mich,“ erwiederte Martin⸗ mit einem ſchallenden, unwahrſcheinlichen Ge⸗ ächter. geſchieht im Lager, wohin Du uns folgen wirſt.“ „Im Lager! das iſt gut. Ich will mit dem An⸗ führer ſprechen. Ah! Ihr verhaftet einen unglücklichen Bauern, der von Saint⸗Quentin kommt, wohin er Euren Kameraden dort Lebensmittel gebracht hat. Gott verdamme mich, wenn ich wieder anfange! Ich laſſe Eure ganze Armee nach Belieben vor Hunger krepiren. Ich wollte nach Angimont gehen, um andern Proviant zu holen; doch da Ihr mich auf der Straße feſthaltet, guten Abend! Ah! Ihr kennt mich nicht, und ich werde Euch Euer Benehmen wiedervergelten. Mich für einen Spion halten! Ich werde mich beim Anführer beklagen! Vorwärts, in's Lager!“ „Alle Teufel! welche Sprache!“ entgegnete der⸗ jenige, welcher die Abtheilung befehligte.„Der An⸗ führer, Freund, bin ich, und mit mir habt Ihr es zu thun, wenn wir klar ſehen werden. Glaubt Ihr, man werde wegen eines Burſchen Eurer Art die Ge⸗ nerale aufwecken?“ „Ja, zu den Generalen will ich geführt werden!“ rief Martin⸗Guerre mit großer Zungenfertigkeit.„Ich habe den Generalen und Marſchällen etwas zu ſagen. Ich habe ihnen zu ſagen, daß man nicht ſo ohne: „Aufgepaßt!“ zu rufen einen Menſchen verhaftet, der Euch und Eure Leute nährt. Ich habe nichts Böſes gethan. Ich bin ein ehrlicher Einwohner von Angi⸗ mont. Ich werde eine Entſchädigung für meine Mühe verlangen, und Ihr ſollt für die Eurige gehenkt werden“ „Kamerad, er ſieht aus, als ob er ſeiner Sache ſicher wäre!“ ſagte zum Reiter einer von ſeinen Leuten⸗ 2en— —c 65 „Ja,“ erwiederte der Andere,„und ich würde ihn auch freilaſſen, wenn ich nicht in Augenblicken dieſe Haltung und dieſe Stimme zu erkennen glaubte. Vor⸗ wärts, Marſch! Im Lager wird ſich Alles aufklären.“ Zu größerer Sicherheit zwiſchen zwei Reiter ge⸗ ſtellt, hörte Martin⸗Guerre unter Weges nicht auf, zu fluchen und zu ſchwören. Als er in das Zelt ein⸗ trat, in das man ihn zuerſt führte, fluchte und ſchwor er immer noch. „So behandelt Ihr Eure Verbündeten, Ihr Leute! Ah! das iſt gut, man wird Euch Hafer für Eure Thiere und Mehl für Euch liefern! Ich verlaſſe Euch. Sobald Ihr mich erkannt und freigegeben habt, kehre ich nach Angimont zurück und gehe nicht mehr von dort weg. Oder ich gehe vielmehr weg, und zwar ſchon morgen, um bei dem gnädigſten Herrn Emanuel Philibert perſönlich Klage zu führen. Er wird mir keine ſolche Schmach anthun.“ In dieſem Augenblick hielt der Fähnrich der Reiter Martin⸗Guerre eine Fackel vor das Geſicht.. Er wich vor Erſtaunen und Schrecken drei Schritte zurück. „Beim Teufel!“ rief er,„ich täuſchte mich nicht. Er iſt es, der Elende! Erkennt Ihr ihn jetzt nicht, Ihr Leute?“ „Oh! ja, oh! ja,“ wiederholten einer nach dem andern die Reiter, welche ebenfalls Martin-Guerre mit einer Neugierde anſchauten, die ſich alsbald in Ent⸗ rüſtung verwandelte. „Ah! Ihr erkennt mich endlich?“ verſetzte der arme Bauer, der ernſtlich unruhig zu werden anfing. „Ihr wißt, wer ich bin? Martin Cornouiller von Au⸗ gimont. Ihr werdet mich freilaſſen, das iſt in der That kein Unglück.“ „Dich freilaſſen, Strauchdieb, Galgenvogel, Un⸗ züchter!“ rief der Fähnrich, die Augen entflammt und die Fäuſte geballt. Bie beiden Dianen. U. 5 66 „Ah! was packt Euch denn, Freund?“ ſagte Mar⸗ tin.„Ich bin vielleicht zu dieſer Stunde nicht mehr Martin Cornouiller?“ „Nein, Du biſt nicht Martin Cornouiller,“ ent⸗ gegnete der Fähnrich,„und um Dich zu entlarven und Lügen zu ſtrafen, ſind hier zehn Männer, die Dich kennen. Meine Freunde, nennt dieſen Betrüger ihm ſelbſt, um ihn der Lüge und des Betrugs zu überweiſen.“ „Es iſt Arnauld du Thill! es iſt der elende Ar⸗ nauld du Thill!“ wiederholten zehn Stimmen mit furcht⸗ barer Einhelligkeit: „Arnauld du Thill! was iſt das?“ fragte Martin erbleichend. „Ja, verleugne Dich ſelbſt, Heilloſer!“ rief der Fähnrich.„Doch hier find zum Glück zehn Zeugen, welche Dir widerſprechen. Wirſt Du die Frechheit haben, in ihrer Gegenwart zu behaupten, ich habe Dich nicht in der Schlacht von Saint-Laurent im Ge⸗ folge des Connetable zum Gefangenen gemacht?“ „Nein, nein,“ ſtammelte Martin, der den Kopf verlor,„ich bin Martin Cornuuiller. „Du biſt Martin Cornouiller?“ verſetzte der Fäh⸗ nerich mit einem Lachen der Verachtung;„Du biſt nicht der feige Arnauld du Thill, der mir Löſegeld verſprach, den ich mit Rückſicht behandelte, der dann in der letz⸗ ten Nacht die Flucht ergriff, und mir außer dem we⸗ nigen Geld, das ich beſaß, meine vielgeliebte Gudule, die hübſche Marketenderin ſtahl? Verruchter, was haſt Du mit Gudule gemacht?“ „Was ich mit Gudule gemacht habe?“ erwiederte Martin niedergeſchlagen.„Ei! weiß ich es, ich Elen⸗ der, der ich bin? Ah! Ihr erkennt mich alſo insge⸗ ſammt? Ihr ſeid alſo gewiß, daß Ihr Euch nicht täuſcht? Ihr könnt Alle ſchwören, daß ich Arnauld du Thill heiße, daß mich dieſer brave Mann in der Schlacht hei Saint⸗Laurent gefangen genommen, und daß ich ihm ——r ar⸗ hr nt⸗ nd m 67 verrätheriſcher Weiſe ſeine Gudule entführt habe? Ihr könnt es beſchwören?“ „Ja! ja! ja!“ riefen die zehn Stimmen. „Nun, darüber wundere ich mich nicht,“ ſprach mit kläglichem Tone Martin, der, wie man ſich erinnern wird, ziemlich faſelte, wenn man dieſen Gegenſtand ſei⸗ nes doppelten Daſeins berührte.„Nein, wahrhaftig, ich wundere mich nicht. Ich hätte bis morgen behauptet, ich heiße Martin Cornouiller. Doch Ihr kennt mich als Arnauld du Thill, ich war geſtern hier, ich ſage nicht nein; ich widerſetze mich nicht mehr, ich füge mich. Sobald ſich die Sache ſo verhält, ſind mir Hände und Füße gebunden. Ich hatte das nicht vorhergeſehen. Mein Gott! es iſt ſchon ſo lange, daß meine Alibi auf⸗ gehört hatten! Vorwärts! gut, macht mit mir, was Ihr wollt, führt mich fort, ſperrt mich ein, knebelt mich! Was Ihr mir von Gudule ſagt, überzeugt mich vollends, daß Ihr Euch nicht täuſcht. Ja, ich erkenne mich! nur bin ich ſehr froh, daß ich erfahren, ich heiße Arnauld du Thill.“ Der arme Martin⸗Guerre geſtand nun Alles, was man wollte, ließ ſich mit Beleidigungen und Drohun⸗ gen überhäufen, und bot Alles Gott dar, als Sühnung für neue Miſſethaten, deren man ihn beſchuldigte. Da er nicht ſagen konnte, was aus Gudule geworden war, ſo überlud man ihn mit Banden und ließ ihn alle Arten ſchlimmer Behandlung ausſtehen, doch ohne ſeine engeliſche Geduld zu ermüden. Er beklagte nur, daß er nicht Zeit gehabt hatte, ſeine Sendung bei dem Baron von Vaulpergues zu erfüllen. Doch wer konnte vermuthen, es würden ſich neue verbrecheriſche Hand⸗ lungen gegen ihn kehren und ſeine ſchönen Pläne der Geſchicklichkeit und Geiſtesgegenwart zu nichte machen? „Es tröſtet mich wenigſtens,“ ſagte er zu ſich ſelbſt in dem feuchten Winkel, wo man ihn auf den Boden geworfen hatte,„es tröſtet mich, daß vielleicht Arnauld du Thill triumphirend in Saint⸗Quentin mit der Ab⸗ 68 theilung von Vaulpergues einzieht. Doch nein, nein, das iſt abermals eine Chimäre, und das, was ich von dem Burſchen kenne, läßt mich eher annehmen, daß das Ungeheuer in irgend einer Schenke auf der Straße nach Paris ſitzt und mit der hübſchen Gudule liebkoſt. Ach! ach! ich glaube, ich beſäße mehr Herz bei der Buße, wenn ich ein wenig Bewußtſein der Sünde hätte.“ IX. Rriegsliſt. So chimäriſch ſie ihm auch erſchien, ſo wurde die Hoffnung von Martin⸗Guerre doch verwirklicht. Als Gabriel nach tauſend Gefahren in den Wald kam, wo ihn der Baron von Vaulpergues erwartete, war das erſte Geſicht, das er erblickte, das ſeines Stallmeiſters, der erſte Schrei, den er von ſich gab: „Martin⸗Guerre!“ „Ich ſelbſt, gnädiger Herr,“ antwortete der Stall⸗ meiſter entſchloſſen. Dieſem Martin-Guerre brauchte man die Unverſchämtheit nicht zu empfehlen. „Biſt Du lange vor mir gekommen, Martin?“ fragte Gabriel. n„Ich bin ſeit einer halben Slunde hier, gnädiger err.“ „In der That! doch mir ſcheint, Du haſt Deine Kleidung verändert; Du hatteſt, als Du mich vor drei Stunden verließeſt, nicht dieſen Leibrock?“ er ne rei 69 „Nein, gnädiger Herr, ich erbat ihn mir von einem Bauern, und gab ihm den meinigen dafür.“ „Gut! Und es iſt Dir nichts Schlimmes be⸗ gegnet?“ „Nein, gnädiger Herr.“ „Im Gegentheil,“ ſagte der Baron von Vaul⸗ pergues, welcher eben hinzukam,„der Burſche wurde, als er hier eintraf, von einem ſehr hübſchen Mädchen begleitet, von einer flämiſchen Marketenderin, wie wir aus ihrer Sprache ſchließen konnten. Die arme Kleine ſchien ſehr zu weinen, doch er hat ſie, trotz ihrer Thrä⸗ nen, am Saume des Waldes mit barſchem Tone ver⸗ abſchiedet.“ „Nicht ohne ſie zuvörderſt von einem Theile ihrer Waaren befreit zu haben,“ ſprach der falſche Martin⸗ Guerre mit ſeinem frechen Gelächter. „Ah! Martin! Martin! der alte Menſch erſcheint wieder,“ verſetzte Gabriel. „Der gnädige Herr will ſagen, der junge Menſch. Doch verzeiht!“ fügte Arnauld ſich ſeiner Rolle erin⸗ nernd bei,„ich raube mit meinen Poſſen die ſo koſtba⸗ ren Augenblicke Eurer Gnaden.“ „Oh!“ ſagte der Baron von Vaulpergues,„wenn es Eure Anſicht wäre, Herr d'Ermès, und die des Admirals, ſo würden wir erſt in einer halben Stunde aufbrechen. Es iſt noch nicht Mitternacht und ich bin dafür, daß wir gegen drei Uhr vor Saint⸗Quentin ankommen. Dies iſt der Augenblick, wo die Wachſamkeit ermattet und erſchlafft. Denkt Ihr nicht auch ſo, Herr Vicomte?“ „Allerdings, und die Inſtructionen von Herrn von Coligny ſtimmen ganz mit Eurer Meinung überein. Um drei Uhr Morgens wird er uns erwarten, und zu dieſer Stunde müſſen wir ankommen, wenn wir über⸗ haupt ankommen.“ „Oh! wir kommen an, gnädiger Herr, erlaubt mir, Euch das zu verſichern,“ ſagte Arnauld⸗Martin.„Ich habe, als ich an dem Lager der Wallonen vorüberging, 70 die Gelegenheit benützt, um die Gegend zu betrachten, und ich werde Euch ſicherer führen, als wenn ich ſeit vierzehn Tagen in der Nachbarſchaft umhergelaufen wäre.“ „Das iſt wunderbar, Martin!“ rief Gabriel.„Was haſt Du Alles in ſo kurzer Zeit gethan! Ich werde fortan dasſelbe Vertrauen zu Deinem Verſtand, wie zu Deiner Treue haben.“. „Oh! gnädiger Herr, wenn Ihr nur auf meinen Eifer, und beſonders auf meine Verſchwiegenheit ver⸗ traut, höher ſtrebe ich nicht.“ Die Sache des ſchlauen Arnauld war durch den Zu⸗ fall und durch ſeine Keckheit ſo gut angeſponnen, daß der Betrüger ſeit der Ankunft von Gabriel nur die Wahr⸗ heit geſprochen hatte. Während Gabriel und Vaulpergues ſich im Stil⸗ len über den Gang beſprachen, den ſie zu verfolgen hätten, dachte er ſich ſeinen Plan vollends aus, um die wunderbaren Chancen nicht zu ſtören, die ihn bis da⸗ hin bedient hatten. Man vernehme, was geſchehen war. Nachdem ſich Arnauld mit Hülfe von Gudule aus dem Lager ge⸗ flüchtet, wo man ihn gefangen gehalten hatte, ſchweifte er achtzehn Stunden lang in den umliegenden Wäldern umher, denn aus Furcht, wieder in die Hände des Fein⸗ des zu fallen, wagte er es nicht, herauszugehen. Ge⸗ gen Abend glaubte er im Walde von Angimont Spu⸗ ren von Reitern zu erkennen, die ſich verbergen mußten, da ſie ſich auf ſo wenig gebahnte Pfade gewagt hat⸗ ten. Es waren alſo Franzoſen, welche im Hinterhalt lagen, und Arnauld ſuchte zu ihnen zu dringen, was ihm auch gelang. Da verabſchiedete er auf das Aller⸗ leichteſte die arme Gudule, welche weinend zu den Zel⸗ ten zurückkehrte, ohne zu vermuthen, daß ſie nach dem Verluſt ihres Liebhabers ein anderes Selbſt von ihm finden ſollte. Arnauld begrüßte der erſte Soldat von Vaulpergues mit dem Namen Martin⸗Guerre, und er . 1 n, it n 1 de n r⸗ 1 er r⸗ 71 ſtrafte ihn natürlich nicht Lügen. Indem er mit allen Ohren hörte und ſo wenig als möglich ſprach, erfuhr er bald Alles. Der Vicomte d'Exmes ſollte in derſel⸗ ben Nacht zurückkommen, nachdem er den Admiral von der Ankunft von Vaulpergues in Saint⸗Quentin be⸗ nachrichtigt und mit ihm die erforderlichen Verfügungen getroffen hatte, um das Hereinbringen des Detachement in die Feſtung zu bewerkſtelligen. Martin⸗Guerre würde ihn begleiten. Man hielt alſo natürlich Arnauld für Martin und befragte ihn über ſeinen Herrn. „Er wird kommen,“ ſagte er;„wir haben verſchie⸗ dene Wege gewählt.“ Und in ſeinem Innern berechnete er, wie vortheil⸗ haft es in dieſem Augenblick für ihn wäre, ſich mit Gabriel zu verbinden; einmal wäre ſein Unterhalt in den ſo ſchweren Zeiten geſichert; dann wußte er, daß der Connetable von Montmorench, ſein Herr, zur Stunde Gefangener von Emanuel Philibert, weniger unter der Schmach ſeiner Niederlage und ſeiner Ge⸗ fangenſchaft, als durch den Gedanken litt, daß ſein ver⸗ haßter Nebenbuhler, der Herzog von Guiſe, alle Gewalt am Hofe und allen Einfluß auf den Geiſt des Königs ha⸗ ben ſollte. Sich an die Schritte eines Freundes von Guiſe anhängen, hieß alſo für Arnauld ſich an die Quelle aller Rachrichten ſtellen, welche er theuer genug an den Connetable verkaufen würde. War endlich Ga⸗ priel nicht der perſönliche Feind der Montmorench und das Haupthinderniß bei der Heirath des Herzogs Franz mit Frau von Caſtro? Arnauld erinnerte ſich aller dieſer Umſtände, doch er dachte zugleich mit Schwermuth daran, daß die Rück⸗ kehr von Martin⸗Guerre zu ſeinem Herrn ſeine ſchönen Pläne ein wenig ſtören müßte. Um nicht des Betrugs überwieſen zu werden, lauerte er auch mit der größten Sorgfalt auf Gabriel, in der Hoffnung, Martin⸗Guerre ſu entfernen oder zu beſeitigen. Doch wie groß war eine Freude, als er ſah, daß der Vicomte d'Ermes 2— 72 allein ankam und ſogleich in ihm ſeinen Stallmeiſter erkannte! Arnauld hatte wahr geſprochen, ohne es zu wiſſen. Dann überließ er ſich ſeinem Glück; er rech⸗ nete darauf, daß der Teufel, ſein Patron, den armen Martin in die Hände der Spanier habe fallen laſſen, und bemächtigte ſich kühn der Rolle des Abweſenden, was ihm, wie wir geſehen, auch gelang. ² Als jedoch die Beſprechung von Gabriel und Vaul⸗ pergues beendigt war und man die drei Abtheilungen bildete, um ſich auf verſchiedenen Seiten in Marſch zu ſetzen, bat Arnauld dringend, ihn Gabriel auf dem Wege an den walloniſchen Zelten vorüber begleiten zu laſſen. Dies war der Weg, den der wahre Martin hatte nehmen müſſen, und wenn man ihm wieder be⸗ gegnen würde, ſo wollte Arnauld dabei ſein, um ihn entweder verſchwinden zu machen, oder im Falle der Noth ſelbſt zu verſchwinden. Doch man überſchritt die Höhe des Berges, ohne das Mindeſte von Martin zu finden, und der Gedanke an dieſe ſehr geringfügige Gefahr verſchwand bald für Ar⸗ nauld vor der ſehr nahen Gefahr, die ihn mit Gabriel und der Truppe, zu der er gehörte, an den überall ein⸗ geſchloſſenen Mauern von Saint⸗Quentin erwartete. Im Innern der Stadt war die Angſt nicht gerin⸗ ger, wie man ſich leicht denken kann; denn die Rettung oder der Untergang von Allen hing von dem kühnen Handſtreich von Gabriel und Vaulpergues ab. Der⸗ Admiral machte auch ſchon um zwei Uhr Morgens ſelbſt ſeine Runde bei den zwiſchen ihm und Gahbriel verabredeten Punkten, und empfahl den ausgewählten Schildwachen, die man an dieſe ſchwierigen Poſten ge⸗ ſtellt hatte, die größte Aufmerkſamkeit. Dann ſtieg Gaspard von Coligny auf den Wartthurm, der die Stadt und die Umgegend beherrſchte, und ſtumm, un⸗ beweglich, den Athem an ſich haltend, horchte er und ſchaute hinaus in die ſchweigſame Nacht. Doch er hörte nur das dumpfe, entfernte Geräuſch der ſpaniſchen Mi⸗ er⸗ el en e. 9 ie n⸗ id te i⸗ 73 nen und der franzöſiſchen Gegenminen; er ſah nur die Zelte des Feindes, und in größerer Entfernung den düſteren Wald von Origny, der ſich ſchwarz im ſchwar⸗ zen Schatten abhob. Unfähig, ſeine Unruhe zu bemeiſtern, wollte ſich der Admiral wenigſtens dem Orte nähern, wo ſich das Schickſal von Saint⸗Quentin entſcheiden ſollte. Er ſtieg von dem Wartthurme herab und eilte zu Pferde, gefolgt von einigen Officieren, nach dem Boulevard de la Reine zu einer der Schlupfpforten, wo Vaulper⸗ gues ankommen ſollte, und wartete hier auf einer Ecke des Walles. Als es drei Uhr auf der Collegiale ſchlug, er⸗ tönte das Geſchrei einer Eule in den Sümpfen der Somme. „Gott ſei gelobt! ſie ſind da!“ rief der Admiral. Auf ein Zeichen von Coligny machte ſich Herr du Breuil aus den Händen ein Sprachrohr und erwiederte das Signal, indem er ganz deutlich das Geſchrei des Nachtraben nachahmte. Dann erfolgte eine Todesſtille. Der Admiral und ſeine Umgebung blieben unbeweglich und wie von Stein, das Ohr auf der Lauer und das Herz zuſammenge⸗ ſchnürt. Doch plötzlich vernahm man einen Musketenſchuß in der Richtung, woher der Schrei gekommen war, und beinahe in demſelben Augenblick ein allgemeines Feuern, begleitet von Stöhnen, Schmerzgeſchrei und gräßlichem Lärmen. Die erſte Abtheilung war entdeckt worden. „Schon hundert Brave weniger!“ rief der Ad⸗ miral. Dann ging er raſch vom Boulevard herab, ſtieg wieder zu Pferde und wandte ſich, ohne ein Wort bei⸗ zufügen, nach dem Boulevard Saint⸗Martin, wo er eine andere Abtheilung von der Compagnie von Vaul⸗ pergues erwartete. 74 Hier ergriff ihn dieſelbe Angſt. Gaſpard von Co⸗ ligny glich einem Spieler, der um ſein Vermögen auf drei Würfe ſpielt: er hatte die erſte Partie ver⸗ loren, welches Glück ſollte der zweiten zu Theil werden? Ach! man vernahm denſelben Ruf jenſeits des Walles, derſelbe Ruf antwortete in der Stadt; dann, als ob dieſe Scene nur die unſelige Wiederholung der erſten wäre, machte eine Schildwache abermals Lärm, und das Musketenfeuer und die Schreie verkündigten den erſchrockenen Saint⸗Quentinern einen zweiten Kampf oder vielmehr eine neue Schlächterei. „Zweihundert Märtyrer!“ ſprach Coligny mit dumpfem Tone. Und er ſprang abermals auf ſein Pferd und war in zwei Minuten an der Schlupfpforte der Vorſtadt, die der dritte zwiſchen ihm und Gabriel verabredete Punkt war. Er ritt ſo ſchnell, daß er ſich zuerſt und allein auf dem Walle befand und ſeine Officiere ihn nur allmälig einholten. Aber ſie mochten immerhin insgeſammt horchen, man hörte nur in der Ferne das Geſchrei der Sterbenden und die Ausrufungen der Sieger. Der Admiral hielt Alles für verloren. Man hatte im feindlichen Lager die Lärmſignale gegeben. Jeder ſpaniſche Soldat war erweckt. Derjenige, welcher die vritte Truppe befehligte, würde es für geeignet erachtet, ſich einer ſo tödtlichen Gefahr nicht preiszugeben, und ſich, ohne etwas zu unternehmen, zurückgezogen haben. So entging auch dieſe dritte und letzte Hoffnung dem beſtürzten Spieler. Coligny ſagte ſich ſogar zuweilen, das letzte Detachement ſei vielleicht mit dem zweiten überfallen worden, und es habe ſich nur der doppelte Lärmen der Schlächtereien in einem einzigen vermengt. Eine Thräne, eine brennende Thräne der Ver⸗ des alten Admirals. Durch dieſe letzte Niederlage — zweiflung und Wuth floß über die gebräunten Wangen 75 abermals entmuthigt, würde in einigen Stunden die Bevölferung mit lauter Stimme die Uebergabe des Platzes verlangen, und wäre dies auch nicht der Fall, ſo verleugnete ſich Gaſpard von Coligny doch nicht, daß vor ſo entmuthigten Truppen, wie es die ſeinigen waren, der erſte Sturm den Spaniern die Thore von Saint⸗Quentin und von Frankreich öffnen müßte. Und dieſer Sturm würde nicht auf ſich warten laſſen, man würde das Signal dazu bei Tagesanbruch geben, oder vielleicht auf der Stelle, noch in der Nacht, ſo lange dieſe dreißig tauſend Mann, ſtolz darauf, daß ſie drei hundert erwürgt, von einem ſo glorreichen Triumph berauſcht wären. Als wollte er die Befürchtungen von Gaſpard von Coligny beſtätigen, ließ der Gouverneur du Breuil den Ruf:„Habt Acht!“ mit gedämpfter Stimme ertö⸗ nen, und als der Admiral ſich gegen ihn umwandte, zeigte er ihm im Graben eine ſchwarze, ſchweigſame Truppe, welche im Schritt im Schatten zu marſchiren und ſich gegen die Schlupfpforte zu wenden ſchien. „Sind es Freunde oder Feinde?“ fragte du Breuil mit leiſer Stimme. „Stille,“ erwiederte der Admiral,„wir wollen jedenfalls auf unſerer Hut ſein.“ „Warum machen ſie denn kein Geräuſch mehr?“ ſagte der Gouverneur.„Es ſcheint mir doch, ich ſehe Pferde, und nicht ein Kieſel ertönt und die Erde ſogar ſcheint taub unter ihren Tritten. Es iſt in der That, als wären es Geſpenſter!“ 8 Hiebei machte der abergläubiſche du Breuil zu größerer Sicherheit das Zeichen des Kreuzes. Doch Coligny, der ernſte Denker, ſchaute aufmerkſam, ohne Furcht und ohne Grauen die ſchwarze, ſtumme Truppe an. Als die Ankommenden nur noch fünfzig Schritte entfernt waren, ahmte Coligny ſelbſt das Geſchrei des Nachtvogels nach. Das Geſchrei der Eule antwortete. 76 Außer ſich vor Freude, ſtürzte der Admiral zu dem Wachtpoſten der Schlupfpforte, gab Befehl, ſogleich zu öffnen, und hundert Reiter, ſie wie ihre Thiere in dunkle Mäntel gehüllt, ritten ſtets gleich ſchweigſam in die Stadt ein. Doch man konnte nun ſehen, daß die Hufe der Pferde, welche ſo matt auf dem Pflaſter aufſchlugen, mit Leinwandſtücken, die man mit Sand gefüllt, umwickelt waren. Durch dieſes Mittel, auf das man erſt verfiel, als man die zwei andern Ab⸗ theilungen durch das Geräuſch verrathen ſah, war es der dritten Truppe gelungen, ohne Hinderniß die Stadt zu erreichen. Und derjenige, welcher dieſes Auskunftsmittel er⸗ ſonnen hatte und die Trüppe befehligte, war kein An⸗ derer, als Gabriel. Dieſe Hülfe von hundert Mann war allerdings wenig, doch ſie genügte, um ein paar Tage zwei be⸗ drohte Poſten zu unterhalten, und es war das erſte glückliche Ereigniß einer an Unglücksfällen ſo frucht⸗ baren Belagerung. Die Kunde von ſo guter Vorbe⸗ deutung durchlief auf der Stelle die ganze Stadt. Die Thüren öffneten ſich, die Fenſter wurden erleuchtet, und ein einſtimmiger Beifallsjubel empfing bei ihrem Einzug Gabriel und ſeine Reiter. „Nein, keine Freude!“ ſagte Gabriel mit ernſtem Tone.„Denkt an die zwei hundert, welche dort ge⸗ fallen!“ Und er lüpfte den Hut, als wollte er dieſe todten Helden begrüßen, unter denen der brave Vaulpergues ſein mußte. „Ja,“ ſprach Coligny,„wir beklagen und bewun⸗ dern ſie. Doch Ihr, Herr d'Ermès, was ſoll ich Euch ſagen und wie ſoll ich Euch danken? Laßt Euch wenigſtens in meine Arme ſchließen, Freund, denn Ihr habt Saint⸗Quentin ſchon zweimal gerettet.“ Gabriel drückte ihm die Hand und erwiederte aber⸗ mals: 77 „Herr Admiral, Ihr werdet mir das in zehn Tagen ſagen.“ X. Die Rechnung von Arnauld du Fhill. Es war Zeit, daß der Streich gelang und die erſehnte Hülfe in die Stadt kam, denn der Tag brach an. Halb gelähmt vor Müdigkeit, weil er vier Tage lang beinahe nicht ausgeruht hatte, wurde Gabriel vom Admiral in das Rathhaus geführt, wo er ihm ein Zimmer neben dem geben wollte, welches er ſelbſt inne hatte. Er warf ſich hier erſchöpft auf ein Bett 1 und entſchlummerte, als ob er nie mehr erwachen ollte. Er erwachte in der That erſt gegen vier Uhr Nach⸗ mittags, und es war Coligny, der durch ſeinen Ein⸗ tritt dieſen erquickenden Schlaf unterbrach, deſſen der junge Mann, trotz ſeiner Sorgen, ſo ſehr bedurfte. Es war im Verlaufe des Tags ein Sturm vom Feinde verſucht und muthig zurückgeſchlagen worden; aber er verkündigte ohne Zweifel einen andern für den nächſten Tag, und der Admiral, der ſich bis jetzt bei den Rath⸗ ſchlägen von Gabriel ſo wohl befunden hatte, kam, um ſich abermals ſolche von ihm zu erbitten. Gabriel war bald von ſeinem Bette aufgeſtanden und bereit, Coligny zu empfangen. „Nur ein Wort zu meinem Stallmeiſter, Herr Admiral, und ich bin ganz zu Euren Dienſten,“ ſagte er. „Thut es, Herr Vicomte d'Emes,“ erwiederte 78 Coligny.„Da ohne Euch die ſpaniſche Fahne jetzt auf dieſem Rathhauſe flattern würde, ſo kann ich Euch wohl ſagen: Ihr ſeid zu Hauſe.“ Gabriel ging an die Thüre und rief Martin⸗Guerre. Martin⸗Guerre kief ſogleich herbei. Gabriel nahm ihn bei Seite und ſprach zu ihm: „Mein braver Martin, noch geſtern ſagte ich Dir, ich habe nun ein eben ſo großes Vertrauen zu Deinem Verſtand, wie zu Deiner Treue. Ich will es Dir be⸗ beweiſen. Du gehſt auf der Stelle in die Ambulanz des Faubourg d'Jle. Dort fragſt Du nicht nach Frau von Caſtro, ſondern nach der Superiorin der Benedictine⸗ rinnen, der ehrwürdigen Mutter Monica, und ſie allein bitteſt Du, die Schweſter Beénie, verſtehſt Du wohl, die Schweſter Bénie zu benachrichtigen, der Vicomte d'Ermos, vom König nach Saint⸗Quentin abgeſandt, werde in einer Stunde bei ihr ſein und beſchwöre ſie, ihn zu erwarten. Du ſiehſt, Herr von Coligny wird mich einige Zeit hier zurückhalten, und ein Intereſſe, das über Leben und Tod entſcheidet, zwingt mich, meine Pflicht immer meiner Freude voranzuſtellen. Gehe alſo; ſie erfahre wenigſtens, daß mein Herz bei ihr iſt.“ „Sie ſoll es erfahren, gnädiger Herr,“ erwiederte der eilfertige Martin, der in der That wegging und ſeinen Herrn etwas minder ungeduldig und etwas mehr ruhig zurückließ. Und er beeilte ſich wirklich bis zur Ambulanz des Faubourg d'Ile, und fragte überall mit großem Eifer nach der Mutter Monica. Man zeigte ihm die Superiorin. „Ah! meine Mutter!“ ſagte der liſtige Burſche zu ihr,„wie froh bin ich, daß ich Euch endlich treffe! mein armer Herr wäre ſo traurig geworden, wenn ich meinen Auftrag bei Euch und bei Frau Diana von Caſtro nicht hätte erfüllen können.“ „Wer ſeid Ihr denn, mein Freund, und wer ſchickt Euch?“ fragte die Snperiorin, eben ſo erſtaunt, als 79 betrübt darüber, daß ſie das Geheimniß, welches ſie Gabriel empfohlen hatte, ſo ſchlecht von ihm bewahrt ſah. „Ich komme im Auftrage des Vicomte d'Ermös,“ erwiederte der falſche Martin-Guerre, Einfalt und Gut⸗ müthigkeit heuchelnd.„Ihr kennt hoffentlich den Vi⸗ comte d'Ermés, die ganze Stadt kennt nur ihn.“ „Gewiß kenne ich unſerer Aller Retter,“ ſprach die Superiorin.„Wir haben viel für ihn gebetet. Auch hatte ich ſchon geſtern die Ehre, ihn zu ſehen, und zählte ſit Verſprechen gemäß darauf, ihn heute wiederzu⸗ ehen.“ „Er wird kommen, der würdige Herr, er wird kom⸗ men,“ antwortete Arnauld du Thill.„Doch Herr von Coligny hält ihn zurück, und in ſeiner Ungeduld hat er mich zu Euch, zu Frau von Caſtro vorausgeſchickt. Wundert Euch nicht, gnädige Frau, daß ich dieſen Na⸗ men weiß und ausſpreche. Eine alte, zwanzigmal er⸗ probte Ergebenheit erlaubt meinem Herrn, ſich mir wie ſich ſelbſt anzuvertrauen, und er hat keine Geheimniſſe für ſeinen redlichen Diener. Ich habe nur Geiſt und Verſtand, wie die Leute ſagen, um ihn zu lieben und zu vertheidigen; doch dieſen Inſtinkt beſitze ich wenig⸗ ſtens in hohem Maße, und Niemand kann ihn mir ab⸗ ſprechen, bei den Reliquien des heiligen Quentin! Oh! verzeiht mir, meine Mutter, daß ich ſo in Eurer Ge⸗ genwart ſchwöre. Ich dachte nicht daran, und die Ge⸗ wohnheit, ſeht Ihr, und der Herzenserguß... „Es iſt gut! es iſt gut!“ ſprach die Mutter Mo⸗ nica.„Herr d'Ermés gedenkt alſo zu erſcheinen? Er wird willkommen ſein. Die Schweſter Bénie wünſcht beſonders ſeine Gegenwart, um durch ihn Nachricht vom König zu erhalten, der ihn abgeſandt hat.“ „Ei, ei!“ verſetzte Martin einfältig lachend,„der ihn nach Saint⸗Quentin, aber nicht zu Frau Diana abgeſandt hat, denke ich.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ 5 „Ich ſage, daß ich, der ich den Vicomte zugleich wie einen Herrn und wie einen Bruder liebe, in der That ſehr froh bin, daß Ihr, eine ſo achtenswerthe und ſo angeſehene Frau, Euch ein wenig in die Lieb⸗ ſchaft vom gnädigen Herrn und von Frau von Caſtro A. „Liebſchaft von Frau von Caſtro!“ rief die Supe⸗ riorin erſchrocken. „Ei! allerdings,“ verſetzte der ſcheinbare Schwach⸗ kopf,„hat Euch Frau von Caſtro nicht Alles anver⸗ traut, Euch, ihrer ehrwürdigen Mutter und einzigen Freundin?“ „Sie hat mir unbeſtimmt von tiefem Herzenskum⸗ mer geſprochen,“ antwortete die Nonne,„doch von die⸗ ſer profanen Liebe und dem Namen des Vicomte wußte ich nichts, durchaus nichts.“ „Ja, ja, Ihr leugnet... aus Beſcheidenheit,“ entgegnete Arnauld, mit einer klugen Miene den Kopf ſchüttelnd.„Ich finde Euer Benehmen in der That ſehr ſchön, und ich bin Euch meines Theils äußerſt dankbar dafür. Ihr handelt wenigſtens ſehr muthig. „„Ah!““ habt Ihr Euch geſagt,„„der König widerſetzt ſich dem Liebesverhältniß dieſer Kinder? ah! der Va⸗ ter von Diana würde in einen furchtbaren Zorn gera⸗ then, wenn er nur den Verdacht bekäme, ſie könnten zuſammentreffen? Nun wohl! ich, eine fromme und wür⸗ dige Frau, werde der königlichen Majeſtät und dem vä⸗ terlichen Anſehen trotzen; ich werde meinen armen Ver⸗ liebten die Sanction meines Beiſtands und Charakters bieten, ich werde ihnen Gelegenheit zu Zuſammenkünf⸗ ten bereiten, ich werde ihnen Hoffnung geben und ihre Gewiſſensbiſſe zum Schweigen bringen.“ Das iſt das iſt prächtig, was Ihr da thut, hör hr 2„ ſames Herz, ein ängſtliches Gewiſſen, indem ſie vor Erſtaunen und Schrecken die Hände faltete.„Jeſus, — „Jeſus!“ ſeufzte nun die Superiorin, ein furcht⸗ — ——— 7„———— c— 8¹ einem Vater, einem König trotzen, und mein Name, mein Leben vermengt mit Liebesintriguen! oh!“ „Hört,“ ſagte Arnauld,„ich erblicke gerade dort meinen Herrn, welcher herbeiläuft, um Euch für Eure gute Vermittelung zu danken, und Euch, der ungedul⸗ dige junge Mann! zu fragen, wann und wo er mit Eurer Hülfe ſeine angebetete Geliebte ſehen könne.“ Gabriel erſchien wirklich athemlos. Doch ehe er ſich ihr genähert hatte, hielt ihn die Superiorin durch eine Geberde zurück, und ſprach zu ihm, indem ſie ſich voll Würde hoch aufrichtete: „Keinen Schritt, kein Wort mehr. Ich weiß nun, unter welchem Titel und in welchen Abſichten Ihr Euch Frau von Caſtro nähern wollt. Hofft nicht, daß ich fortan meine Hände zu Plänen biete, welche, wie ich befürchte, eines Edelmanns unwürdig ſind. Und ich darf und will Euch nun nicht nur nicht mehr hören, ſondern ich gedenke mich meiner Autorität zu bedienen, um Diana jede Gelegenheit und jeden Vorwand zu entziehen, Euch zu ſehen und mit Euch zuſammenzutreffen, ſei es im Sprechzimmer des Kloſters, ſei es in den Ambulanzen. Ich weiß, ſie iſt frei und hat noch kein Gelübde ab⸗ gelegt, das ſie bindet; doch ſo lange ſie in der von ihr erwählten Zufluchtsſtätte unſeres frommen Kloſters verweilen will, wird ſie es für gut finden, daß mein Schutz ihre Ehre und nicht ihre Liebe bewacht.“ Die Superiorin grüßte mit einer eiſigen Miene den vor Erſtaunen unbeweglichen Gabriel, und entfernte ſich, ohne ſeine Antwort anzuhören und ohne ſich nur ein einziges Mal gegen ihn umzuwenden. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte, nachdem er einen Angenblick ganz verwundert geſchwiegen, der junge Mann ſeinen angeblichen Stallmeiſter.„ „Ich weiß es eben ſo wenig, als Ihr, gnädiger Herr,“ antwortete Arnauld, der ſeiner innern Freude die Maske der Beſtürzung gab.„Die Frau Spperiv⸗ Die beiden Dianen. U. n Dianen. L* rin hat mich, wenn ich es ſagen ſoll, ſehr ſchlimm em⸗ pfangen und mir erklärt, ſie wiſſe Alles von Euren na Plänen, aber ſie müſſe ſich denſelben widerſetzen und 5. die Abſichten des Königs unterſtützen, und Frau Diana§ liebe Euch nicht mehr, wenn ſie Euch auch je ge⸗ ge liebt.“— un „Diana liebt mich nicht mehr!“ rief Gabriel er⸗ de bleichend.„Ah! ah! deſtö beſſer vielleicht! Doch fü ich will ſie noch einmal ſehen, ich will ihr beweiſen, daß ich weder gleichgültig, noch ſchuldig gegen ſie bin. br Du mußt mir nothwendig beiſtehen, Martin⸗Guerre, daß ich dieſe letzte Unterredung erlange, welche ich ſo der nothwendig brauche, um mich in meiner Aufgabe zu 5 ermuthigen.“ 95 Demüthig antwortete Arnauld: „Der gnädige Herr weiß, daß ich ein ergebenes wi Werkzeug ſeines Willens bin, und daß ich ihm in allen der Stücken gehorche, wie die Hand der Stirne gehorcht. Ich werde, wie ich es ſo eben gethan, alle meine Kräfte d aufbieten, damit der gnädige Herr die gewünſchte Un⸗ 5 terredung mit Frau von Caſtro erlangt.“ S Der liſtige Burſche folgte hienach, in die Fauſt der lachend, Gabriel, der ganz niedergeſchlagen in das Hi 3 Rathhaus zurückkehrte. Als ſich am Abend, nach einer Runde auf den Wällen der falſche Martin⸗Guerre, in ſeiner Stube als allein befand, zog er aus ſeiner Bruſt ein Papier, als 8 vas er mit einer Miene lebhafter Befriedigung zu leſen ind 8 anfing. En Liſi „Rechnung von Arnauld du Thill für den Herrn Connetable von Montmorench, ſeit dem Tag, wo ge⸗ S nannter Arnauld mit Gewalt von ſeinem gnädigſten t Herrn getrennt worden iſt. Be 2 (Dieſe Rechnung enthielt ſowohl die öffentlichen ve als die geheimen Dienſte.) — wSD* —— N S 8— X 5 6 83³ „Dafür, daß er, als er Gefangener des Feindes nach dem Saint⸗Laurent⸗Tage war und vor Phili⸗ bert Emanuel geführt wurde, dieſem General den Rath gegeben, den Connetable ohne Löſegeld zu entlaſſen, unter dem Scheinvorwand, der gnädigſte Herr würde den Spaniern durch ſein Schwert weniger Schaden zu⸗ fügen, als durch ſeine Rathſchläge beim König Nutzen bringen, fünfzig Thaler. „Dafür, daß er durch Liſt aus dem Lager, wo man den genannten Arnauld gefangen hielt, entwichen iſt und dadurch dem Herrn Connetable die Koſten des Löſegelds erſpart hat, die er edelmüthig bezahlt haben würde, um einen ſo treuen und ſo koſtbaren Diener wie⸗ derzubekommen, hundert Thaler. „Dafür, daß er geſchickt und auf unbekannten Pfa⸗ den das Detaſchement führte, das der Vicomte d'Ermés Saint⸗Ouentin und dem Herrn Admiral von Coligny, dem vielgeliebten Neffen des Herrn Connetable, zur Hülfe brachte, zwanzig Franken.“ Es fand ſich in der Note von Arnauld noch mehr als ein Artikel, der von eben ſo großer Habgier zeugte, als die vorhergehenden. Der Spion überlas dieſelben, indem er ſich den Bart ſtreichelte. Als er bis zum Ende geleſen hatte, nahm er die Feder und fügte der Liſte bei: „Dafür, daß er, nachdem er in den Dienſt des Vi⸗ comte d'Ermès unter dem Namen Martin⸗Guerre ein⸗ getreten, den genannten Vicomte der Superivrin der Benedictinerinnen als Liebhaber von Frau von Caſtro verrathen und ſo für lange Zeit dieſe zwei jungen Leute getrennt hat, wie es im Interreſſe des Herrn Conne⸗ table liegt, zwei hundert Thaler.“ „Das iſt nun einmal nicht theuer,“ ſagte Arnauld zu ſich ſelbſt,„es iſt eines von den Kapiteln, das die anderen durchgehen machen wird. Die Geſammtſumme iſt im Ganzen rund. Wir ſind nahe an tauſend Livres, und mit etwas Einbildungskraft werden wir wohl bis zu zwei tauſend kommen; habe ich dieſe, ſo ziehe ich mich, meiner Treue! von den Geſchäften zurück, ich hei⸗ rathe, ich werde Vater von meinen Kindern und Kirchen⸗ vorſteher meiner Gemeinde in irgend einer Provinz ſein, und ſo verwirkliche ich den Traum meines Lebens und das redliche Ziel aller meiner ſchlimmen Handlungen.“ 5 Arnauld legte ſich nieder und entſchlummerte über dieſen tugendhaften Entſchließungen. Am andern Tag wurde er von Gabriel aufgefor⸗ dert, abermals Diana zu ſuchen, und man erräth, wie er ſich dieſes Auftrags entledigte. Gabriel ſelbſt ver⸗ ließ Herrn von Coligny, um ſich zu erkundigen und nachzufragen. Doch gegen zehn Uhr Morgens unter⸗ nahm der Feind einen wüthenden Sturm, und er mußte nach den Boulevards eilen. Gabriel verrichtete, ſeiner Gewohnheit gemäß, Wunder der Tapferkeit und benahm ſich, ais hätte er zwei Leben zu verlieren. Dies geſchah, weil er zwei zu retten hatte. Ueberdies würde Diana vielleicht von ihm hören, wenn er ſich auszeichnete. W — . ie r. id r⸗ te er n, — — Xl. Theologie. Gabriel kam, im höchſten Grade ermuͤdet, an der Seite von Gaspard von Coligny vom Sturme zurück, als zwei Männer, welche auf drei Schritte an ihm vor⸗ übergingen, in ihrem Geſpräch den Namen der Schwe⸗ ſter Benie nannten. Er verließ den Admiral, lief auf dieſe zwei Männer zu, und fragte ſie voll Begierde, ob ſie etwas von derjenigen wüßten lche ſie ge⸗ nannt. „Oh! mein Gott, nein, Kapitän, en ſo wenig als Ihr,“ tweri einer von den Männern, welcher kein Anderer als Jean Peugoy war.„Ich äußerte gerade gegen meinen Gefährten meine Unruhe, denn man hat die edle, muthige Schweſter den ganzen Tag gar nicht geſehen, und ich ſagte, nach einem ſo heißen Tage, wie der heutige, gebe es doch ſo viele Verwun⸗ dete, welche ihre Pflege und ihr engeliſches Lächeln nö⸗ thig hätten. Doch wir werden bald erfahren, ob ſie etwa ernſtlich krank iſt; denn morgen Abend iſt die Reihe an ihr, bei den Ambulanzen den Nachtdienſt zu thun: bis jetzt hat ſie noch nie dabei gefehlt; es ſind der Nonnen zu wenige, und ſie löſen ſich zu raſch hin⸗ ter einander ab, als daß man eine, wenn es nicht die äußerſte Nothwendigkeit heiſcht, freiſprechen könnte. Wir werden ſie alſo morgen Abend ſicherlich wieder ſehen, und ich will Gott für unſere Kranken danken, da ſie die Leute zu tröſten und wiederzubeleben ver⸗ ſteht, wie eine wahre Liebe⸗Frau.“ „Ich danke, Freund, ich danke,“ ſprach Gabriel, indem er voll Wärme Jean Peugoy, der über dieſe Ehre ganz erſtaunt war, die Hände drückte. — Gaſpard von Coligny hatte Jean Peugoh gehört und die Freude von Gabriel bemerkt. Als dieſer wie⸗ der zu ihm kam, ſagte er jedoch Anfangs nichts zu ihm; ſobald ſie aber nach Hauſe zurückgekehrt und Beide allein in dem Zimmer waren, wo der Admiral ſeine Papiere hatte und ſeine Befehle ertheilte, ſprach Gas⸗ pard mit ſeinem feinen, ſanften Lächeln: „Ich ſehe, Ihr nehmt an dieſer Nonne, der Schwe⸗ ſter Benie, einen lebhaften Antheil?“ ⸗„Denſelben Antheil wie Jean Peugoy,“ antwor⸗ tete Gabriel erröthend,„denſelben Antheil, den Ihr ohne Zweifel ſelbſt an ihr nehmt, Herr Admiral, denn Ihr mußtet wie ich bemerken, in welchem Grade ſie wirklich unſeren Verwundeten fehlt, und welchen wohl⸗ thätigen Einfluß auf dieſe und auf alle Streiter ihr Wort und ihre Gegenwart üben.“ „Warum wollt Ihr mich täuſchen, Freund?“ er⸗ wiederte der Admiral mit einer gewiſſen Traurigkeit. „Ihr habt alſo ſehr wenig Zutrauen zu mir, daß Ihr mich ſo zu belügen ſucht.“ „Wie! Herr Admiral. 70 rief Gabriel immer verlegener,„was konnte Euch vermuthen laſſen?...“ „Daß die Schweſter Bénie keine Andere als Frau Diana von Caſtro iſt?“ verſetzte Gaspard von Coligny, „und daß Ihr Frau Diana von Caſtro liebt?“ „Ihr wißt es?“ ſprach Gabriel im höchſten Maße erſtaunt. „Wie ſollte ich es nicht wiſſen?“ ſagte der Ad⸗ miral.„Iſt der Herr Connetable nicht mein Oheim? Bleibt für ihn etwas am Hofe verborgen? Hat Frau von Poitiers nicht das Ohr des Königs? Hat Herr von Montmorency nicht das Herz von Diana von Poi⸗ tiers? Da bei dieſer ganzen Angelegenheit wichtige In⸗ tereſſen unſerer Familie vorwalken, wie es ſcheint, ſo hat man mich natürlich ſchon am Anfang benachrichtigt, ich möge auf meiner Hut ſein und die Pläne meiner 7 edlen Verwandtſchaft unterſtützen. Ich war nicht einen 87 Tag in Saint⸗Quentin eingerückt, um den Platz zu vertheidigen oder zu ſterben, als ich von meinem Oheim einen eigenen Boten erhielt. Dieſer Bote kam nicht, wie ich Anfangs glaubte, um mich von den Bewegun⸗ gen des Feindes und den militäriſchen Plänen des Con⸗ netable zu unterrichten. In der That, nein! Er hatte ſich durch tauſend Gefahren gearbeitet, um mir zu mel⸗ den, im Kloſter der Benedictinerinnen in Saint⸗Quen⸗ tin verberge ſich unter einem angenommenen Namen Frau Diana von Caſtro, die Tochter des Königs, und ich habe alle ihre Schritte auf's Sorgfältigſte zu über⸗ wachen. Durch Gold von dem gefangenen Herrn von Montmoreney beſtochen, ließ mich ſodann geſtern ein flämiſcher Emiſſär an die ſüdliche Schlupfpforte rufen. Ich dachte, er würde mir ſagen, ich möge Muth faſſen, ich müſſe den durch die Niederlage von Saint⸗Laurent getrübten Ruhm der Montmorench wiederherſtellen, der König werde unfehlbar andern Erſatz dem von Euch herbeigeführten zufügen, und ich habe jedenfalls eher auf der Breſche zu ſterben, als Saint-Quentin zu übergeben. Nein, nein, der erkaufte Emiſſär kam nicht, um mir ſo hochherzige Worte zu überbringen, Worte, welche beleben und ermuthigen. ich hatte mich ſchwer getäuſcht... Dieſer Menſch ſollte mir ganz einfach melden, der Vicomte d'Ermeès, der am Tage zuvor in dieſen Mauern angekommen, unter dem Vorwand, hier zu kämpfen und zu ſterben, liebe Frau von Caſtro, die Verlobte meines Vetters, Franz von Montmorency, und die Wiedervereinigung der Lieben⸗ den könnte den großen, von meinem Oheim zur Reife gebrachten Plänen Eintrag thun. Doch ich wäre, zum Glück! Gouverneur von Saint⸗Quentin, und meine Pflicht heiſchte, meine ganze Thätigkeit darauf zu ver⸗ wenden, daß ich durch alle mögliche Mittel Frau Diana und Gabriel d'Ermes trenne, indem ich mich beſonders allen Zuſammenkünften widerſetze, und ſo zur Erhöhung und Macht meiner Familie beitrage!1“ 88 Dies Alles wurde mit offenbarer Bitterkeit und Traurigkeit geſagt. Doch Gabriel fühlte nur den Schlag, den man ſeinen Liebeshoffnungen beibrachte. „Ihr ſeid es alſo,“ ſprach er mit einem dumpfen Zorn zum Admiral,„Ihr ſeid es, der mich der Supe⸗ riorin der Benedietinerinnen verrathen hat, und, getreu den Inſtructionen Eures Oheims, gedenkt Ihr mir ohne Zweifel eine nach der andern die Möglich⸗ keiten zu entreißen, die mir bleiben dürften, Diana wiederzufinden und wiederzuſehen?“ „Schweigt, junger Mann!“ rief der Admiral mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck des Stolzes.„Doch ich verzeihe Euch,“ fuhr er ſanfter fort,„die Leiden⸗ ſchaft verblendet Euch, und Ihr habt noch nicht Zeit gehabt, Gaſpard von Coligny kennen zu lernen.“ In dem Ausdruck dieſer Worte lag ſo viel Adel und Güte, daß jeder Argwohn bei Gabriel verſchwand, und daß er ſich ſchämte, ihm nur einen Augenblick Raum gelaſſen zu haben. „Verzeiht!“ ſprach er, Gaſpard die Hand rei⸗ chend.„Wie konnte ich glauben, Ihr würdet Euch in ſolche Intriguen miſchen? Ich bitte Euch tauſendmal um Verzeihung, Herr Admiral.“ „So iſt es gut, Gabriel,“ erwiederte Coligny,„ich finde bei Euch wieder Eure jungen und reinen Inſtinkte. Nein, ich menge mich gewiß nicht in ſolche Intriguen, ich verachte ſie, und verachte diejenigen, welche ſie an⸗ geſponnen haben. Ich ſehe darin nicht den Ruhm, ſon⸗ dern die Schande meiner Familie, und weit entfernt, Mutzen daraus ziehen zu wollen, erröthe ich darüber. Wenn dieſe Menſchen, welche ihr Glück durch alle mög⸗ liche Mittel, mögen ſie ſchmählich oder nicht ſchmählich ſein, aufzubauen ſuchen, welche, um ihren Ehrgeiz oder ihre Habgier zu befriedigen, keine Rückſicht auf den Schmerz und den Ruin von ihres Gleichen nehmen, welche ſogar, um früher zu ihrem ſchändlichen Ziele zu gelangen, über die Leiche des Vaterlandes ſchreiten 89 würden, wenn dieſe Menſchen meine Verwandten ſind, ſo iſt es die Strafe, durch die Gott meinen Stolz trifft und mich zur Demuth zurückruft; es iſt eine Ermuthi⸗ gung, mich ſtreng gegen mich ſelbſt zu zeigen, und un⸗ beſcholten gegen die Andern, um die Fehler meiner Nächſten zu ſühnen.“ „Ja,“ ſagte Gabriel,„ich weiß, daß die Ehre und die Tugend der evangeliſchen Zeiten in Euch wohnen, Herr Admiral, und ich bitte Euch noch einmal um Entſchuldigung, daß ich einen Augenblick zu Euch ge⸗ ſprochen habe, wie zu einem von den Herren unſeres Hofes ohne Treue und ohne Glauben, die ich nur zu ſehr haſſen und verachten gelernt habe.“ „Ach!“ entgegnete Coligny,„man muß ſie viel⸗ mehr beklagen, dieſe Armen, deren Ehrgeiz nach einem Nichts ſtrebt, dieſe armen verblendeten Papiſten. Doch ich vergeſſe, daß ich nicht vor einem von meinen Reli⸗ gionsbrüdern ſtehe. Gleichviel, Ihr ſeid würdig, einer der Unſeren zu ſein, Gabriel, und früher oder ſpäter werdet Ihr uns angehören. Ja, Gott, für den alle Mittel heilig ſind, wird Euch, ich ſehe es vorher, zu der Wahrheit gerade durch die Leidenſchaft zurück⸗ leiten, und dieſer ungleiche Kampf, wo Eure Liebe an einem verdorbenen Hofe ſcheitern wird, endigt da⸗ mit, daß er Euch eines Tags in unſere Reihen führt. Ich wäre glücklich, wennich dazu beitragen könnte, Freund, den erſten Samen der göttlichen Ernte in Euer Inne⸗ res zu werfen.“ „Ich wußte ſchon, Admiral, daß Ihr der Partei der Reformirten angehört, und ich habe dieſe Partei, die man verfolgt, ſchätzen gelernt. Nichtsdeſtoweniger bin ich ſchwachen Geiſtes, weil ich ſchwachen Herzens bin, und ich werde ſtets der Religion angehören, der Diana zugethan iſt.“ „Nun wohl!“ ſprach Gaſpard von Coligny, wie ſeine Religionsgenoſſen vom Fieber der Proſelytenma⸗ cherei erfaßt,„nun wohl! wenn Diana von Caſtro auf 90 der Seite der Religion der Tugend und der Wahrheit ſteht, ſo iſt ſie von unſerer Religion, und Ihr werdet es auch ſein, Gabriel. Ihr werdet es auch ſein, ich wiederhole es, weil dieſer ausſchweifende Hof, mit dem Ihr, Unkluger! in den Kampf tretet, Euch beſiegen wird und Ihr Euch werdet rächen wollen. Glaubt Ihr, Herr von Montmoreney, der ſein Auge auf die Tochter des Königs für ſeinen Sohn geworfen hat, werde einwilligen, Euch dieſe reiche Beute zu über⸗ laſſen?“ „Ah! ich würde ſie ihm vielleicht nicht einmal ſtreitig machen,“ erwiederte Gabriel.„Der König halte nur heilige Verbindlichkeiten, die er gegen mich eingegangen hat..4 „Heilige Verbindlichkeiten! Gibt es ſolche für den⸗ jenigen, welcher, nachdem er dem Parlament befohlen, die Frage der Gewiſſensfreiheit ohne Zwang zu berathen, Anne Dubourg und Dufaur verbrennen ließ, weil ſie im Glauben an das königliche Wort die Sache der Re⸗ form vertheidigten?“ „Ohl ſagt mir das nicht, Herr Admiral!“ rief Gabriel;„ſagt mir nicht, König Heinrich II. werde das feierliche Verſprechen nicht halten, das er mir ge⸗ leiſtet hat; denn nicht nur mein Glaube würde ſich dann empören, ſondern, ich befürchte, auch mein Schwert, ich würde nicht Hugenott, ich würde Mörder.“ „Nein, wenn Ihr Hugenott würdet,“ entgegnete Coligny.„Wir können Märtyrer werden, wir werden nie Mörder ſein. Doch Eure Rache, wenn auch nicht blutig 63 waͤre darum nicht minder ſchrecklich, Freund. Ihr würdet uns mit Eurem jungen Muth, mit Eurer glühenden Begeiſterung bei einem Neuerungswerke un⸗ terſtützen, das dem Koͤnig unſeliger vorkommen dürfte, als vielleicht ein Dolchſtoß. Bedenkt, Gabriel, daß wir ihm ſeine unbilligen Rechte und ſeine ungeheuerlichen Privilegien zu entreißen ſuchen würden; bedenkt, daß wir nicht nur in der Kirche, ſondern auch in der Re⸗ 9¹ gierung eine den Guten heilſame, aber den Verkehr⸗ ten furchtbare Reform zu bewerkſtelligen bemüht wären. Ihr konntet ſehen, ob ich Frankreich liebe und ob ich ihm diene. Nun wohl! ich bin bei den Reformen Parteigänger, weil ich in der Reform die Größe und die Zukunft des Vaterlandes ſehe. Gabriel! Gabriel! wenn Ihr nur einmal die mächtigen Bücher unſeres Luthers geleſen hättet, ſo würdet Ihr finden, wie dieſer Geiſt der Prüfung und der Freiheit, den ſie athmen, eine andere Seele in Euch brächte und Euch ein neues Leben öffnete.“ „Mein Leben iſt meine Liebe für Diana,“ antwor⸗ tete Gabriel;„meine Seele iſt eine heilige Aufgabe, we Gott mir auferlegt hat, und die ich zu erfüllen ho e „Liebe und Aufgabe eines Mannes müſſen ſich mit der Aufgabe und der Liebe eines Chriſten in Ein⸗ klang ſetzen! Ihr ſeid jung und verblendet, Freund; doch ich ſehe nur zu genau vorher, und mein Herz blutet, daß ich es Euch ſagen muß, das Unglück wird Euch die Augen öffnen. Euer Edelmuth und Eure Reinheit werden Euch früher oder ſpäter Schmerzen zuziehen an dieſem ausgelaſſenen und bösartigen Hofe, wie die großen Bäume bei einem Gewitter den Blitz anziehen. Dann werdet Ihr über das nachdenken, was ich Euch heute ſage. Ihr werdet unſere Bücher kennen lernen, dieſes zum Beiſpiel,“ ſprach der Admiral, indem er auf einen auf dem Tiſche liegenden Band deutete. „Ihr werdet dieſe kühnen und ſtrengen, aber wichtigen und ſchönen Worte verſtehen, welche uns ein junger Mann wie Ihr hören ließ, ein Rath beim Parlament, den man Etienne de la Boötie nennt. Ihr werdet mit dieſem kräftigen Buch über die freiwillige Sklaverei ſagen:„Welches Unglück, oder welche Schmach, eine unzählige Menge, nicht gehorchen, ſondern knechten, nicht regiert, ſondern thranniſirt werden zu ſehen von ei⸗ nem Einzigen, und zwar nicht von einem Hereules oder 92 einem Simſon, ſondern von einem einzelnen Menſchlein, und häufig vom Feigſten und Weibiſchſten der Nation..““ „Das ſind in der That gefährliche, verwegene Reden, über welche der Verſtand in Staunen geräth,“ ſprach Gabriel.„Ihr habt übrigens Recht, Herr Ad⸗ miral, es kann ſein, daß mich eines Tags der Zorn in Eüre Reihen wirft, daß mich die Unterdrückung zur Partei der Unterdrückten hinüberzieht, doch bis dahin iſt mein Leben zu voll, als daß dieſe Ideen, die Ihr bei mir ahnet, einen Halt gewinnen könnten, und es liegen mir zu viele Dinge zu verrichten ob, als daß ich Zeit finden ſollte, über Bücher nachzudenken.“ Nichtsdeſtoweniger entwickelte Gasſpard von Co⸗ ligny mit großer Wärme die Lehren und Ideen, welche damals wie ein neuer Wein in ſeinem Geiſte gohren⸗ und das Geſpräch dehnte ſich noch lange zwiſchen dem leidenſchaftlichen jungen Mann und dem überzeugten Mann aus, von denen der eine entſchloſſen und unge⸗ ſtüm wie die Handlung, der andere ernſt und tief wie der Gedanke. Der Admiral täuſchte ſich übrigens nicht in ſeinen vüſteren Vorherſehungen, und das Unglück ſollte es wirklich übernehmen, den Keim zu befruchten, den dieſe Unterredung in der glühenden Seele von Gabriel einſäte. XII. Die Schweſter Bénie. Es war ein heiterer, glänzender Auguſtabend. An dem ruhigen, blauen, ganz mit Sternen beſäten Him⸗ — 93 mel hatte ſich der Mond noch nicht erhoben; doch die Nacht war nur um ſo geheimnißvoller, und darum auch träumeriſcher und reizender. Dieſe ſüße Ruhe ſtand in ſeltſamem Widerſpruch mit der Bewegung und dem Geräuſch, wovon der Tag erfüllt geweſen. Die Spanier hatten zwei auf einander folgende Stürme unternommen. Sie waren zweimal zurückgeſchlagen worden, doch nicht ohne mehr Verwun⸗ dete und Todte gemacht zu haben, als die geringe An⸗ zuhl der Vertheidiger des Platzes ertragen konnte. Der friſche Truppen, um die ermüdeten Truppen zu erſetzen. Gabriel, der ſtets auf Alles aufmerkſam war, dachte auch, das zweimalige Stürmen an einem Tag habe nur zum Zweck, die Kräfte und die Wachſamkeit der Belagerten zu erſchöpfen, um einen dritten Sturm oder einen nächtlichen Ueberfall zu begünſtigen. Es hatte indeſſen zehn Uhr auf der Collegiale geſchlagen und nichts beſtätigte ſeinen Verdacht. Kein Licht glänzte unter den ſpaniſchen Zelten. Im Lager wie in der Stadt hörte man nur den eintönigen Ruf der Schild⸗ wachen, und wie die Stadt ſchien das Lager von den Strapatzen des Tages auszuruhen. Dem zu Folge glaubte Gabriel nach einer letzten Runde um die Wälle einen Augenblick von dieſer Wach⸗ ſamkeit in jeder Minute, mit der er die Stadt wie ein Sohn ſeine kranke Mutter umgeben hatte, ablaſſen zu können. Saint⸗Quentin hatte ſeit der Ankunft des jungen Mannes ſchon vier Tage Widerſtand geleiſtet. Nur noch vier Tage, und er würde das dem König geleiſtete Verſprechen gehalten haben, und der König hätte dann das ſeinige zu halten gehabt. Gabriel befahl ſeinem Stallmeiſter, ihm zu folgen, doch ohne ihm zu ſagen, wohin er ging. Seit dem widrigen Vorfall bei der Superiorin fing er wieder an, nicht ſeiner Treue, wohl aber dem Verſtande von Mar⸗ tin⸗Guerre zu mißtrauen. Er yütete ſich alſo, ihm die Feind hatte im Gegentheil mächtige Reſerven und 94 koſtbaren Nachrichten mitzutheilen, die er durch Jean Peuquoy erhalten hatte, und der falſche Martin⸗Guerre, der ſeinen Herrn nur zu einer nächtlichen Runde zu begleiten glaubte, war ſehr erſtaunt, als er ſich dem Boulevard de la Reine zuwandte, wo man die große Ambulanz eingerichtet hatte. „Wollt Ihr denn einen Verwundeten beſuchen, gnädiger Herr?“ ſagte er. „St!“ machte Gabriel, indem er einen Finger auf ſeine Lippen legte. Die Hauptambulanz, vor der Gabriel und Arnauld in dieſem Augenblick anlangten, war bei den Wällen unfern vom Faubourg d'Ile angebracht, was der ge⸗ fährlichſte Ort und folglich derjenige war, wo man die Hülfe am meiſten nöthig hatte. Es war ein großes Gebäude, welches vor der Belagerung als Futterma⸗ gazin diente, das man aber in dieſer Noth den Wund⸗ ärzten hatte zur Verfügung ſtellen müſſen. Die Milde einer Sommernacht erlaubte, die mittlere Thüre der Ambulanz offen zu laſſen, um die Luft zu erfriſchen und zu erneuern. Unten von den Stufen einer äußeren Gallerie konnte alſo Gabriel ſchon beim Scheine der unabläßig brennenden Lampen ſeinen Blick in dieſen Leidensſaal tauchen. Das Schauſpiel war herzzerreißend. Man ſah wohl da und dort einige blutige Betten, die man in der Haſt aufgeſchlagen; doch dieſer Lurus wurde nur den Bevorzugten eingeräumt. Die Mehrzahl der unglück⸗ lichen Verwundeten lag auf Matratzen, auf Decken, und ſogar auf Stroh. Seufzer und Wehklagen riefen von allen Seiten die Wundärzte und ihre Gehülfen, welche trotz ihres Eifers nicht auf jede Stimme hören fonnten. Sie nahmen den nothwendigſten Verband, die dringendſte Amputation vor, und die Anderen mußten warten. Die Unglücklichen krümmten ſich im Zittern des Flebers oder in den Zuckungen des Todeskampfes auf ihrem elenden Lager, und wenn einer derſelben in ——— — 9⁵ einer Ecke ausgeſtreckt ohne Bewegung und ohne einen Schrei blieb, ſo ſagte das über ſeinen Kopf gezogene Leintuch deutlich, daß er ſich nie mehr rühren oder be⸗ klagen ſollte. Vor dieſem finſteren, ſchmerzlichen Schauſpiel hät⸗ ten die muthigſten und verkehrteſten Herzen ihren Muth und ihre Verhärtung verloren. Arnauld du Thill konnte ſich eines Schauers nicht erwehren und Gabriel er⸗ bleichte. Doch auf dieſes plötzliche Erblaſſen des jungen Mannes folgte ein zartes Lächeln. Mitten in dieſer Hölle, welche ſo voll von Schmerzen, als die von Dante, war ihm der ruhige, ſtrahlende Engel erſchienen. Diana, oder vielmehr die Schweſter Bénie, ging ſchwermüthig, aber mit lichtem Antlitz unter allen die⸗ ſen armen Verwundeten umher. Nie war ſie dem geblendeten Gabriel ſchöner vorgekommen. Das Gold, die Diamanten und der Sammet ſtanden ihr bei den Feſten des Hofes nicht ſo gut, als in dieſer düſteren Ambulanz das grobe wollene Kleid und der weiße Bruſtſchleier der Nonne. Nach ihrem reinen Proſil, nach ihrem keuſchen Gang, nach ihrem troſtvollen Blick hätte man ſie für die an dieſen Ort des Leidens herabgeſtiegene Barmherzigkeit halten ſollen. Der Chriſtengeiſt konnte ſich unter keiner be⸗ wunderungswürdigeren Form verfinnlichen, und es ließ ſich nichts Rührenderes ſehen, als dieſe auserkohrene Schönheit, wie ſie ſich auf die hohlen, durch die Angſt entſtellten Geſichter herabbeugte, als dieſe Königstochter, wie ſie ihre bewegte, kleine Hand den ſterbenden Soldaten ohne Namen reichte. Gabriel dachte unwillkührlich an Frau Diana von Poitiers, welche ohne Zweifel in dieſem Augenblick mit luſtigen Verſchwendungen und unzüchtigen Liebeshändeln beſchäͤftigt war, und von dem ſeltſamen Contraſte zwi⸗ ſchen den beiden Dianen berührt, ſagte er ſich, Gott 96 habe ſicherlich die Tugenden der Tochter geſchaffen, um die Laſter der Mutter zu fühnen. Während ſich Gabriel, deſſen Fehler übrigens Träumerei nicht war, ſeiner Beſchauung und ſeinen Vergleichungen hingab, ohne zu bemerken, daß die Zeit verging, trat allmälig im Innern der Ambulanz die Ruhe wieder ein. Der Tag war wirklich ſchon vorgerückt; die Wundärzte beendigten ihre Runde; die Bewegung und der Lärmen hörten auf. Man empfahl den Verwundeten Stillſchweigen, und der Schlummer und die lindernden Tränke unterſtützten dieſe Empfeh⸗ lung. Wohl hörte man da und dort noch einiges Stöhnen, doch keine Schreie mehr wie zuvor. Ehe eine halbe Stunde verging, wurde Alles ruhig, ſo weit das Leiden ruhig ſein kann. Diana hatte ihre letzten Worte des Troſtes an die Kranken gerichtet und ſie mit den Aerzten und beſſer als dieſe zum Frieden und zur Geduld ermahnt. Alle gehorchten, ſo gut ſie nur immer konnten, ihrer ſanft ge⸗ bieteriſchen Stimme. Als ſie ſah, daß für Jeden die Verordnungen erfüllt waren, und daß für den Augen⸗ blick Keiner mehr ihrer bedurfte, athmete ſie lang, als wollte ſie ihre gepreßte Bruſt erleichtern, und näherte ſich der äußeren Gallerie, ohne Zweifel, um an der Thüre die friſche Abendluft einzuziehen und, die Geſtirne Gottes betrachtend, von dem Jammer und Elend der Menſchen auszuruhen. Sie ſtützte ſich in der That auf ein ſteinernes Ge⸗ länder und ihr zum Himmel aufgeſchlagener Blick ge⸗ wahrte nicht Gabriel, der unten auf den Stufen wie entzückt vor ihrer himmliſchen Erſcheinung zehn Schritte von ihr ſtand⸗ Eine ziemlich ungeſtüme Bewegung von Martin⸗ Guerre, der dieſe Begeiſterung nicht zu theilen ſchien, führte unſern Verliebten wieder auf die Erde zurück. „Martin,“ ſagte er mit leiſer Stimme zu ſeinem Stallmeiſter,„Du ſiehſt, welche einzige Gelegenheit 97 mir geboten iſt. Ich will, ich muß ſie benützen, und, ach! vielleicht zum letzten Male mit Frau Diana ſpre⸗ chen. Wache Du indeſſen, daß man uns nicht ſtört, und ſtelle Dich etwas abſeits auf die Lauer, doch ſo, daß Du im Bereiche meiner Stimme bleibſt. Gehe, mein treuer Diener, gehe.“ „Aber, gnädiger Herr,“ entgegnete Martin,„be⸗ fürchtet Ihr nicht, die Frau Superiorin...2“ „Sie iſt ohne Zweifel in einem andern Saal,“ erwiederte Gabriel.„Und dann darf man nicht zau⸗ dern vor der Nothwendigkeit, die uns ſofort für immer trennen kann.“ Martin ſchien ſich zu fügen und entfernte ſich ſchwö⸗ rend, doch ganz leiſe. Gabriel näherte ſich Diana etwas mehr und rief, ſeine Stimme dämpfend, um nicht die Aufmerkſamkeit von irgend Jemand zu erregen: „Diana! Diana!“ Diana bebte; doch ihre Augen, welche noch nicht Zeit gehabt hatten, ſich an die Finſterniß zu gewöhnen, ſahen Gabriel Anfangs nicht.. „Ruft man mich?“ fragte ſie;„und wer ruft mich?“ „Ich!“ antwortete Gabriel, als ob die Einſylbe von Medea zu ſeiner Erkennung genügen müßte. Sie genügte in der That, denn ohne mehr zu verlangen, erwiederte Diana mit einer Stimme, welche die Erſchütterung und das Erſtaunen beben machten: „Ihr, Herr d'Ermes! ſeid Ihr es wirklich? und was wollt Ihr von mir an dieſem Ort und zu dieſer Stunde? Wenn Ihr mir, wie man mir gemeldet, Nach⸗ richt vom König, meinem Vater, bringt, ſo habt Ihr ſehr gezögert und Ihr wählt den Ort und den Augen⸗ blick ſchlecht. Wenn nicht, ſo wißt Ihr, daß ich nichts zu hören habe und nichts hören will. Nun! Herr dErmèés, Ihr antwortet nicht? habt Ihr mich nicht Die heiden Dignen. U. 7 98 verſtanden? Ihr ſchweigt? was bedeutet dieſes Still⸗ ſchweigen, Gabriel?“ „Gabriel! nun iſt es gut!“ rief der junge Mann. „Ich antwortete Euch nicht, weil Eure kalten Worte mich in Eis verwandelten, und weil ich nicht die Kraft in mir fand, Euch Madame zu nennen, wie Ihr mich Herr nanntet. Estiſt ſchon genug, daß ich Ihr ſagen ſoll.“ „Nennt mich nicht Madame, und nennt mich nicht mehr Diana. Frau von Caſtro iſt nicht mehr hier. Die Schweſter Bénie ſteht vor Euch. Nennt mich meine Schweſter, und ich werde Euch mein Bru⸗ der nennen!“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ rief Gabriel er⸗ ſchrocken zurückweichend.„Ich ſoll Euch meine Schwe⸗ ſter nennen! Großer Gott! warum wollt Ihr, daß ich Euch meine Schweſter nenne?“ „Das iſt der Name, den mir jetzt Jedermann gibt. Iſt es denn ein ſo erſchrecklicher Name?“ „Ohl ja, gewiß! oder vielmehr nein; verzeiht mir, ich bin verrückt. Es iſt ein ſüßer, reizender Titel; ich werde mich daran gewöhnen, Diana, ich werde mich daran gewöhnen meine Schweſter.“ „Ihr ſeht,“ verſetzte Diana traurig lächelnd.„Es iſt übrigens der wahre chriſtliche Name, der mir fortan gebührt; denn obgleich ich mein Gelübde noch nicht abgelegt habe, bin ich doch ſchon Nonne dem Herzen nach, und werde es bald auch der That nach ſein, wenn ich die Erlaubniß des Königs erhalten habe. Ueber⸗ bringt Ihr mir dieſe Erlaubniß, mein Bruder 2 machte Gabriel im Tone ſchmerzlichen Vor⸗ wurfs. Mein Gott! ich verſichere Euch, es liegt keine Bitterkeit in dieſen Worten,“ ſagte Diana.„Ich habe ſeit einiger Zeit ſo viel unter den Menſchen gelitten, daß ich natürlich meine Zuflucht bei Gott ſuche. Nicht —+ — c————————,.—„———— ,———„— v—— n t n in ne be n, hi 99 der Trotz läßt mich ſo handeln und ſprechen, ſondern der Schmerz.“ In dem Ausdruck von Diana war wirklich nur Schmerz und Traurigkeit. Und dennoch vermiſchte ſich in ihrem Herzen mit dieſer Traurigkeit eine unwillkühr⸗ liche Freude, der ſie ſich nicht hatte beim Anblick von Gabriel erwehren können, von Gabriel, den ſie für ihre Liebe und für dieſe Welt verloren geglaubt, und den ſie ſ thatkräftig, ſtark und vielleicht zärtlich wieder⸗ and. Ohne es zu wollen, ohne es zu wiſſen, war ſie ein paar Stufen der Treppe hinabgeſtiegen und hatte ſich, angezogen von einem unüberwindlichen Magnet, Gabriel genähert. „Hört,“ ſprach dieſer,„das grauſame Mißverſtänd⸗ niß, das unſere zwei Herzen zerriſſen hat, muß am Ende aufhören. Ich kann nicht länger den Gedanken ertra⸗ gen, daß Ihr mich mißkennt, daß Ihr an meine Gleich⸗ gültigkeit oder, wer weiß? an meinen Haß glaubt. Dieſer furchtbare Gedanke beunruhigt mich, ſelbſt bei der heiligen und ſchwierigen Aufgabe, die ich zu er⸗ füllen habe. Doch kommt ein wenig beiſeit. Meine Schweſter, nicht wahr, Ihr habt noch Vertrauen zu mir? ich bitte Euch, entfernen wir uns von dieſem Platz; wenn man uns nicht ſehen kann, ſo kann man uns doch hören, und ich habe Urſache, zu befürchten, daß man unſere Unterredung ſtören will, während ſie doch für meine Vernunft und für meine Ruhe ſo noth⸗ wendig iſt.“ Diana dachte nicht nach. Solche Worte aus einem ſolchen Munde geſprochen wirkten allmächtig auf ſie. Sie ſtieg nur zwei Stufen hinauf, um in den Ambu⸗ lanzſaal zu ſehen, ob man ihrer nicht bedürfte, und als ſie Alles in entſprechender Ruhe fand, ſtieg ſie ſogleich wieder hinab und legte ihre vertrauensvolle Hand auf die redliche Hand ihres Edelmanns. „Ich danke,“ ſprach Gabriel,„die Augenblicke ſind —— koſtbar; denn wißt Ihr, was ich befürchte? die Su⸗ periorin, welche meine Liebe nun kennt, dürfte kommen und ſich dieſer Erklärung widerſetzen, die jedoch ſo ernſt und rein ſein ſoll, als meine Zuneigung zu Euch, Schweſter.“ „Ja,“ ſagte Diana,„nachdem ſie ſelbſt mir Eure Ankunft und Euer Verlangen, mich zu ſprechen, mit⸗ getheilt, verhinderte mich meine gute Mutter Moniea, ohne Zweifel durch irgend Jemand von der Vergangen⸗ heit unterrichtet, die ich ihr zum Theil verborgen hatte, fie verhinderte mich, ſage ich, ſeit drei Tagen aus dem Kloſter zu gehen, und hätte mich gern auch dieſen Abend zurückgehalten, wäre ich nicht, da die Reihe der Wache in der Ambulanz für mich gekommen, auf meiner ſchmerzlichen Pflicht beſtanden. Oh! Gabriel, iſt es nicht ſehr ſchlimm von mir, daß ich dieſe ſanfte, ehrwürdige Freundin täuſche?“ „Soll ich Euch wiederholen,“ erwiederte Gabriel ſchwermüthig,„ſoll ich Euch wiederholen, daß Ihr bei mir wie bei einem Bruder ſeid, daß ich leider alle Be⸗ bungen meines Herzens ſchweigen laſſen und mit Euch nur wie ein Freund ſprechen will und muß„aller⸗ dings immer als ein ergebener Freund, der mit Freu⸗ den für Euch ſterben würde, der aber, ſeid unbeſorgt, eher auf ſeine Traurigkeit als auf ſeine Liebe hören wird.“ „Sprecht alſo, mein Bruder.“ Mein Bruder! dieſer furchtbare und zugleich rei⸗ zende Name erinnerte Gabriel immer an die ſeltſame, feierliche Alternative, in welche ihn das Geſchick geſtellt hatte, und vertrieb wie ein magiſches Wort die glühen⸗ den Gedanken, welche im Herzen des jungen Mannes die ſtille Nacht und die hinreißende Schönheit der Viel⸗ geliebten hätten erwecken können. „Meine Schweſter,“ ſprach er mit ziemlich feſter Stimme,„ich mußte Euch nothwendig ſehen und mit Euch reden, um zwei Bitten an Euch zu richten: die 101 eine betrifft die Vergangenheit, die andere bezieht ſich auf die Zukunft. Ihr ſeid gut und edelmüthig, Diana, und Ihr werdet beide einem Freunde gewäh⸗ ren, der Euch vielleicht nicht mehr auf ſeinem Wege in dieſer Welt treffen ſoll, und den eine unſelige, gefahr⸗ volle Sendung jeden Augenblick dem Tode preisgibt.“ „Oh! ſagt das nicht!“ rief Frau von Caſtro, einer Ohnmacht nahe und, ganz verwirrt, ihre Liebe nach ihrem Schrecken ermeſſend. „Ich ſage Euch das nicht, damit Ihr Euch beun⸗ ruhigt, ſondern damit Ihr mir eine Verzeihung und eine Gnade nicht verweigert. Die Verzeihung erbitte ich mir für die Angſt und für den Kummer, den Euch mein Wahnſinn an dem Tage bereiten mußte, an wel⸗ chem ich Euch zum letzten Male in Paris geſehen. Ich habe den Schrecken und die Troſtloſigkeit in Euer ar⸗ mes Herz gebracht; ah! meine Schweſter, ich war es nicht, der mit Euch ſprach, das Fieber ſprach aus mir. Ich wußte wahrhaftig nicht, was ich ſagte, und eine mir an demſelben Tage zugekommene gräßliche Offen⸗ barung, die ich kaum in mir zurückhalten konnte, er⸗ füllte mich mit Wahnwitz und Verzweiflung. Ihr er⸗ innert Euch vielleicht, meine Schweſter, daß mich, als ich Euch verließ, die lange und ſchmerzliche Krankheit befiel, die mich beinahe das Leben oder wenigſtens die Vernunft gekoſtet hätte?“ „Ich erinnere mich deſſen, Gabriel!“ rief Diana. „Ich bitte Euch, nennt mich nicht Gabriel! nennt mich immer Bruder, wie vorhin! nennt mich mein Bru⸗ der! Dieſen Namen, der mir Anfangs bange machte, zu hören, iſt mir nun Bedürfniß.“ „Wie Ihr wollt. erwiederte Diana erſtaunt. Doch in dieſem Augenblick wurde das regelmäßige Geräuſch einer marſchirenden Truppe hörbar, und die Schweſter Bénie drängte ſich furchtſam an Gabriel. „Mein Gott! wer kommt dort? man wird uns ſehen!“ ſagte ſie. 102 „Es iſt eine Patrouille von unſeren Leuten,“ er⸗ wiederte Gabriel ärgerlich. „Sie werden an uns vorbeifommen, mich erkennen oder anrufen. Oh! laßt mich hineingehen, ehe ſie ſich uns nähern; laßt mich entfliehen, ich bitte Euch.“ „Nein, es iſt zu ſpät,“ entgegnete Gabriel, ſie zurückhaltend.„Jetzt fliehen, hieße ſich zeigen. Kommt vielmehr dorthin, kommt, meine Schweſter!“ Und gefolgt von der zitternden Geliebten, ſtieg er haſtig eine durch ein ſteinernes Geländer verborgene Treppe hinauf, welche auf den Wall ſelbſt führte. Hier ſtellte er Diana und ſich zwiſchen ein nicht bewachtes Schilderhaus und die Zinnen. Die Wache ging auf zwanzig Schritte vorüber, ohne ſie zu ſehen. „Das iſt ein ſchlecht beſchützter Punkt,“ dachte Ga⸗ bei dem ſein firer Gedanke ſtets wachte, zu ſich elbſt. Doch er kehrte ſogleich zu Diana zurück, die ſich noch nicht völlig beruhigt hatte. „Seid nun unbeſorgt, meine Schweſter,“ ſagte er, „die Gefahr iſt vorüber. Doch hört mich, denn die Zeit drängt und ich habe auf meinem Herzen noch die zwei Gewichte, die es drückten. Ihr habt mir noch nicht geſagt, daß Ihr meinen Wahnſinn vergeben, und ih muß immer noch die ſchwere Laſt der Vergangenheit ragen.“ „Verzeiht man das Fieber und die Verzweiflung? nein, mein Bruder, man beklagt ſie und tröſtet. Ich grollte Euch nicht, ich weinte; Ihr ſeid nun zur Ver⸗ nunft und zum Leben zurückgekehrt, und ich füge mich in den Willen Gottes.“ „Ach! die Reſignation iſt nicht Alles, meine Schwe⸗ ſter,“ rief Gabriel,„Ihr müßt auch Hoffnung haben. Zu dieſem Behufe wollte ich Euch ſehen. Ihr habt mich von meinen Gewiſſensbiſſen über die Vergangen⸗ heit befreit, und dafür danke ich Euch. Doch Ihr müßt — ——8 S— 8 — h ———* . 103 mir die Angſt für Eure Zukunft von meiner Bruſt neh⸗ men. Seht Ihr, Ihr ſeid einer von den ſtrahlenden Zielpunkten meines Daſeins. Ueber dieſen Zielpunkt be⸗ ruhigt, muß ich mich, wenn ich darauf losgehe, nur um die Gefahren des Weges zu bekümmern haben; ich muß ſicher ſein, Euch am Ende meines Weges zu fin⸗ den, mit einem traurigen Lächeln, wenn ich ſcheitere, mit einem freudigen, wenn es mir gelingt, doch in jedem Fall mit einem Lächeln. Deshalb darf keine Gering⸗ ſchätzung zwiſchen uns beſtehen. Es wird jedoch nöthig ſein, meine Schweſter, daß Ihr an mein Wort glaubt; denn das Geheimniß, das dem Grunde meiner Handlungen inwohnt, gehört nicht mir; ich habe geſchworen, es zu bewahren, und wenn man die gegen mich eingegan⸗ genen Verbindlichkeiten halten ſoll, ſo muß ich auch den Verbindlichkeiten entſprechen, die ich gegen Andere über⸗ nommen habe.“ „Erklärt Euch,“ ſprach Diana. „Ah! Ihr ſeht wohl, daß ich zaudere und Um⸗ ſchweife ſuche, weil ich an das Kleid denke, das Ihr tragt, an den Namen Schweſter, den ich Euch gebe, und mehr noch, als an dies Alles, an die Ehrfurcht, die ich für Euch im Herzen hege; und ich will kein Wort ausſprechen, das zu berauſchende Erinnerungen oder zu gefährliche Täuſchungen zu erwecken vermöchte. Und dennoch muß ich es Euch wohl ſagen, daß Euer angebetetes Bild nie aus meiner Seele verſchwunden iſt oder ſich nur geſchwächt hat, und daß Nichts und Niemand je im Stande ſein wird, es zu ſchwächen.“ „Mein Bruder!„ unterbrach ihn Diana zu⸗ gleich verwirrt und entzückt. „Oh! hört mich bis zum Ende, meine Schweſter,“ ſprach Gabriel.„Ich wieberhole, nichts hat je dieſe glühende., Ergebenheit, die ich Euch geweiht, ver⸗ ändert, nichts wird ſie je verändern, und es wird mir ſogar, ich bin glücklich, es zu denken und zu ſagen, es wird mir ſogar, was auch kommen mag, nicht nur ge⸗ 104 ſtattet, ſondern beinahe geboten ſein, Euch zu lieben. Nur fragt es ſich, von welcher Natur dieſe Zärtlichkeit wird ſein müſſen? Ach! Gott allein weiß es! Doch ich hoffe, wir werden es bald auch erfahren. Mittlerweile hört, was ich mir von Euch zu erbitten habe, Schwe⸗ ſter. Dem Herrn und Eurem Bruder vertrauend, laßt Ihr die Vorſehung und meine Freundſchaft gewähren, welche nichts hofft, aber auch nicht verzweifelt. Ver⸗ ſteht mich wohl. Ihr habt mir einſt geſagt, Ihr liebtet mich, und, verzeiht mir! ich fühle in meinem Herzen, daß Ihr mich noch lieben könnt, wenn das Schickſal es will. Ich wünſche das zu mildern, was meine Worte in meinem Wahnſinn, als ich Euch in Louvre verließ, zu Troſtloſes hatten. Wir dürfen unt weder durch leere Chimären ködern laſſen, noch glauben, Alles ſei entſchieden für uns in dieſer Welt zu Ende. Wartet, binnen Kurzem ſage ich Euch von zwei Din⸗ gen eines. Entweder:„„Diana, ich liebe Dich, erin⸗ nere Dich unſerer Kindheit und Deiner Geſtändniſſe; Du mußt mir gehören, Diana, und wir müſſen durch alle mögliche Mittel vom König ſeine Einwilligung zu unſerer Verbindung erlangen.““ Oder ſpreche ich zu Euch:„Meine Schweſter, ein unüberwindliches Miß⸗ geſchick widerſetzt ſich unſerer Liebe und will nicht, daß wir glücklich ſein ſollen; nichts hängt hiebei von uns ab, und es iſt etwas Uebermenſchliches, beinahe Gött⸗ liches, was ſich zwiſchen uns ſtellt, meine Schweſter. Ich gebe Euch Euer Verſprechen zurück. Ihr ſeid frei. Schenkt Euer Leben einem Andern, Ihr werdet weder zu tadeln, noch zu beklagen ſein, denn leider wären ſogar unſere Thränen hier zu viel. Beugen wir das Haupt, ohne ein Wort zu ſagen, und nehmen wir un⸗ ſer unvermeidliches Schickſal an. Ihr werdet mir ſtets theuer und heilig ſein; doch unſere beide Erxiſtenzen, welche, Gott ſei Dank! noch neben einander gehen können, dürfen ſich nie mehr vereinigen.““ „Welch ein ſeltſames, furchtbares Räthſel!“ ſprach 105⁵ unwillkührlich Frau von Caſtro, in eine ſchreckensvolle Träumerei verſunken. „Dieſes Räthſel werde ich Euch dann wohl erklären können. Bis dahin würdet Ihr vergebens den Abgrund dieſes Geheimniſſes zu erforſchen ſuchen. Bis dahin wartet und betet. Verſprecht Ihr mir vor Allem, an mein Herz zu glauben und dann den troſtloſen Ge⸗ danken nicht mehr zu hegen, auf dieſe Welt Verzicht zu leiſten, um Euch in einem Kloſter zu begraben? Verſprecht Ihr mir Glauben und Hoffnung zu haben, wie Ihr ſchon die Liebe habt?“ „Glauben an Euch, Hoffnung auf Gott, ja, das kann ich Euch nun verſprechen, Bruder. Doch warum ſoll ich mich anheiſchig machen, in die Welt zurückzu⸗ kehren, wenn nicht, um Euch dahin zu begleiten? Iſt es nicht genug mit meiner Seele? warum ſoll ich Euch auch mein Leben unterwerfen, wenn Ihr es vielleicht nicht ſeid, dem ich es widmen ſoll? Mein Gott! iſt denn nicht Alles um mich her und in mir Finſterniß?“ Schweſter,“ ſprach Gabriel mit ſeiner eindring⸗ lichen, feierlichen Stimme,„ich verlange von Euch dieſes Verſprechen, um fortan friedlich und ſtark auf meinem furchtbaren, vielleicht tödtlichen Pfade fortzu⸗ wandern und um ſicher zu ſein, daß ich Euch frei finde zu der Zuſammenkunft, die ich Euch geben werde. „Es iſt gut, mein Bruder, ich werde Euch ge⸗ horchen.“ „Oh! Dank! Dank!“ rief Gabriel.„Die Zukunft gehört nun mir. Wollt Ihr Eure Hand als Unter⸗ pfand Eures Verſprechens in die meinige legen, meine Schweſter?“ „Hier iſt ſie.“ „Oh! jetzt bin ich ſicher, daß ich ſiege,“ ſprach der glühende junge Mann.„Mir iſt, als könnte nun nichts mehr meinen Wünſchen und Abſichten entgegen⸗ ſe ſchen ſi 2 geg S 106 Doch als ſollte dieſer Traum doppelt Lügen ge⸗ ſtraft werden, riefen in demſelben Augenblick Stimmen nach der Schweſter Bénie von der Seite der Stadt, und zu gleicher Zeit glaubte Gabriel ein leichtes Ge⸗ räuſch auf der Seite der Gräben zu vernehmen. Doch er bekümmerte ſich Anfangs nur um den Schrecken von Diana. „Man ſucht mich! man ruft mich! Jeſus, wenn man uns beiſammen fände! Gott befohlen, mein Bru⸗ der! Gott befohlen, Gabriel!“ „Auf Wiederſehen, meine Schweſter! auf Wieder⸗ ſehen, Diana! Geht, ich bleibe hier. Ihr ſeid nur herausgegangen, um Luft zu ſchöpfen. Auf baldiges Wiederſehen und noch einmal meinen Dank.“ Diana ſtieg ſchleunigſt wieder die Treppe hinab und eilte den Leuten entgegen, welche Fackeln in den Händen trugen und, die Mutter Monica voran, aus vollem Halſe nach ihr riefen. Wer hatte durch falſche und alberne Einflüſterungen den Verdacht der Superiorin erweckt, wenn nicht Ar⸗ nauld, der ſich mit der kläglichſten Miene unter die⸗ jenigen miſchte, welche die Schweſter Bénie ſuchten. Niemand hatte ein ſo unſchuldiges Ausſehen, wie dieſer Schurke! er glich auch dem guten Martin⸗Guerre. Beruhigt, als er in der Ferne Diana ohne Hin⸗ derniß mit der Mutter Monica zuſammentreffen ſah, ſchickte ſich Gabriel an, den Wall ebenfalls zu ver⸗ laſſen, als ſich plötzlich ein Schatten hinter ihm erhob. Ein Mann, ein Feind, ſtieg, vollſtändig bewaff⸗ net, auf die Mauer. Auf dieſen Mann zulaufen, ihn mit einem Schwert⸗ ſtreich niederſchlagen und, ein Lärmgeſchrei erhebend, die an die Maner angelegte und ganz mit Spaniern be⸗ ladene Leiter am Kopf packen, war für Gabriel das Werk eines Augenblicks. Es handelte ſich ganz einfach um eine nächtliche Ueberrumpelung, und Gabriel hatte ſich nicht getäuſcht: 107 der Feind hatte Schlag auf Schlag zweimal am Tag geſtürmt, um in der Nacht ſicherer dieſen kühnen Ver⸗ ſuch wagen zu können. Doch die Vorſehung oder, um richtiger und heid⸗ niſcher zu ſprechen, die Liebe hatte Gabriel an dieſen Punkt geführt. Ehe ein zweiter Feind Zeit hatte, dem⸗ jenigen, welchen er ſchon niedergeſchlagen, auf die Plattform zu folgen, ergriff er mit ſeinen ſtarken Händen die beiden Stützen der Leiter, ſtemmte ſich, um mehr Kraft zu haben, mit den Füßen an das ſteinerne Schilderhaus an und warf die Leiter und die zehn Belagerer, welche ſie trug, rückwärts in den Graben. Ihr Geſchrei, als ſie ſich auf dem Voden zer⸗ ſchellten, vermiſchte ſich mit dem Geſchrei von Gabriel, der fortwährend:„Zu den Waffen! zu den Waffen!“ rief. Doch zwanzig Schritte von ihm hatte ſich eine andere Leiter erhoben, und hier war kein Stützpunkt für Gabriel. Zum Glück erblickte er im Schatten einen großen Stein, die Gefahr verdoppelte ſeine Kräfte, er vermochte ihn bis auf die Bruſtwehr emporzuheben, von wo er ihn nur auf die zweite Leiter hinabſtoßen durfte: dieſe furchtbare Laſt brach ſie entzwei und die Unglück⸗ lichen, welche daran hinaufſtiegen, fielen erſchlagen oder gequetſcht in den Graben, und erſchreckten durch ihren Todeskampf ihre nun zögernden Kameraden. Das Geſchrei von Gabriel hatte indeſſen Alarm gegeben; die Schildwachen hatten ihn verbreitet; die Trommler ſchlugen heraus; die Sturmglocke der Colle⸗ giale erſcholl in haſtigen Schlägen. Es vergingen keine fünf Minuten, als ſchon hundert Mann zum Vi⸗ comte d'Ermos herbeieilten, bereit, mit ihm die An⸗ greifenden zurückzuwerfen, die es wagen würden, ſich noch zu zeigen, und ſelbſt mit Vortheil auf diejenigen ſchießend, welche in den Gräben waren und das Feuer ihrer Büchſen nicht erwiedern konnten. Der kühne Handſtreich der Spanier war alſo ver⸗ fehlt. Er konnte nur gelingen, wenn der Angriffs⸗ 108 punkt wirklich von Vertheidigern entblößt geweſen wäre, wie man zu bemerken geglaubt hatte. Doch Gabriel war hier und vereitelte die Ueberrumpelung. Die Be⸗ lagerer hatten ſich nur zurückzuziehen, was ſie auch auf's Eiligſte thaten, doch nicht ohne eine Anzahl von Todten zurückzulaſſen und viele Verwundete mitzu⸗ nehmen. Die Stadt war noch einmal gerettet und wieder durch Gabriel. Sollte aber das dem König geleiſtete Verſprechen erfüllt ſein, ſo mußte ſie noch vier lange Tage feſt⸗ halten. XIII. Eine glorreiche Miederlage. Der unerwartete Schlag, den ſie erhalten, hatte zuerſt bei den Belagerern eine Entmuthigung zur Folge, und ſie ſchienen einzuſehen, daß ſie ſich der Stadt nur bemächtigen würden, nachdem ſie eines nach dem an⸗ dern die Widerſtandsmittel, die man ihnen entgegen⸗ ſtellen konnte, vernichtet hätten. Drei Tage lang ver⸗ ſuchten ſie keinen neuen Sturm; doch alle ihre Batterien donnerten, alle ihre Minen ſpielten ohne Ruhe und ohne Raſt. Durch einen übermenſchlichen Geiſt belebt, ſchienen ihnen die Leute, welche den Platz verthei⸗ digten, unbeſiegbar; ſie griffen die Mauern an und dieſe waren minder feſt, als die Bruſt der Streiter. Die Thürme ſtürzten ein, die Gräben füllten ſich, der ganze Gürtel der Stadt fiel Stück für Stück. WVier Tage nach ihrem nächtlichen Ueberfall wagten * 109 die Spanier wieder einen Sturm. Dies war der achte und letzte Tag, den Gabriel von Heinrich II. verlangt hatte. Scheiterte der Angriff der Feinde auch diesmal, ſo war ſein Vater wie die Stadt gerettet; wenn nicht, ſo wurde ſeine ganze Mühe und Anſtrengung ver⸗ geblich; der Greis, Diana und Gabriel ſelbſt waren verloren. Es iſt nicht möglich, zu ſchildern, welchen wüthen⸗ den Muth er an dieſem äußerſten Tag entwickelte. Man hätte nicht glauben ſollen, es könnten ſich in der Seele und in dem Körper eines Menſchen ſo viel Macht und Thatkraft finden. Er ſah weder die Gefahren, noch den Tod, er dachte nur an ſeinen Vater und an ſeine Braut und ging Piken, Musketen⸗ und Kanonenkugeln entgegen, als wäre er unverwundbar. Ein Stück von einem Stein traf ihn an die Seite, eine Lanzenſpitze an die Stirne, doch er fühlte ſeine Wunden nicht und ſchien trunken vor Tapferkeit; er ging umher, er lief, er ſchlug, er ermahnte durch die Stimme und das Bei⸗ ſpiel. Man ſah ihn überall, wo die Gefahr dringend war. Wie die Seele den ganzen Körper belebt, ſo be⸗ lebte er dieſe ganze Stadt; er war zehnfach, er war zwanzigfach, er war hundertfach. Und bei dieſer wun⸗ derbaren Eraltation verließen ihn die Kaltblütigkeit und Klugheit nicht. Mit einem Blicke raſcher als der Blitz bemerkte er die Gefahr und erſchien auf der Stelle da⸗ bei. Wenn die Angreifenden zurückwichen, wenn die Franzoſen, elektriſirt durch dieſen anſteckenden Muth⸗ offenbar den Vortheil wieder errangen, eilte er zu einem andern bedrohten Poſten. Dies dauerte ſechs Stunden, von ein Uhr bis ſieben Uhr. um ſieben Uhr wurde es Nacht und die Spanier zogen ſich auf allen Seiten zurück. Hinter einigen Mauerflügeln, mit ein paar in Trümmern liegenden Thürmen und einigen decimirten und verſtümmelten Soldaten hatte Saint⸗Quentin um einen Tag, viel⸗ 1¹⁰ leicht auf mehrere Tage ſeinen glorreichen Widerſtand verlängert. Sobald der letzte Feind den letzten angegriffenen Poſten verließ, fiel Gabriel erſchöpft von Müdigkeit und Freude in die Hände ſeiner Umgebung. Man trug ihn im Triumph nach dem Rathhauſe. Seine Wunden waren indeſſen leicht und ſeine Ohnmacht konnte nicht lange anhalten. Als er wieder zu ſich kam, ſtand der Admiral Coligny ganz ſtrahlend an ſeiner Seite. „Herr Admiral,“ war das Erſte, was Gabriel ſprach,„nicht wahr, ich habe nicht geträumt? Es hat heute ein furchtbarer Sturm ſtattgefunden, den wir glücklich zurückgeſchlagen?“ „Ja, Freund, und zum Theil haben wir dies Euch zu verdanken,“ erwiederte Gaspard. „Und die acht Tage, die mir der König bewilligt, ſind abgelaufen!“ rief Gabriel.„Oh! Dank, Dank, mein Gott!“ „Und, um Euch vollends zu ſtärken, bringe ich Euch vortreffliche Nachrichten,“ ſprach der Admiral. „Durch unſere Vertheidigung von Saint⸗Quentin be⸗ ſchützt, organiſirt ſich, wie es ſcheint, die Vertheidigung des ganzen Gebiets; einer meiner Spione, der den Connetable ſehen und heute während des Tumults herein fonnte, gibt mir hierüber die beſten Hoffnungen. Herr von Guiſe iſt mit dem Heere von Piemont in Paris angekommen und bereitet im Einklang mit dem Herrn Cardinal von Lothringen Städte und Menſchen zum Widerſtand vor. Entvölkert und ſeiner Mauern beraubt, kann Saint⸗Quentin dem erſten Sturme nicht wider⸗ ſtehen, doch ſein Werk und das unſerige iſt vollbracht, und Frankreich iſt gerettet, mein Freund. Ja, Alles bewaffnet ſich hinter unſeren getreuen Wällen; der Adel und alle Stände des Staates erheben ſich, Rekruten erſcheinen im Ueberfluß, an freiwilligen Gaben regnet es, zwei deutſche Hülfscorps ſind angeworben worden. „2 * 111 Hat der Feind mit uns ein Ende gemacht, was leider nicht mehr lange ausbleiben kann, ſo wird er wenigſtens hinter uns zu thun bekommen. Frankreich iſt gerettet, Gabriel!“ „Ah! Herr Admiral, Ihr wißt nicht, wie ſehr Ihr mir wohlthut. Doch erlaubt mir eine Frage: ich richte ſie nicht aus bloßer Eitelkeit an Euch, Ihr kennt mich nun zu gut, um dies zu glauben, nein, meine Frage hat einen ernſteren, tieferen Beweggrund. Sagt mir mit zwei Worten, Herr Admiral, glaubt Ihr, daß meine Gegenwart hier ſeit acht Tagen etwas zu dem glücklichen Erfolge der Vertheidigung von Saint⸗Quen⸗ tin beigetragen hat?“ „Alles, Freund, Alles!“ erwiederte der Admiral, mit edler Offenherzigkeit.„Am Tage Eurer Ankunft wich ich ohne Euren unerwarteten Dazwiſchentritt, wie Ihr geſehen, ich beugte mich unter der furchtbaren Verantwortlichkeit, mit der man mein Gewiſſen bela⸗ ſtete, ich übergab ſelbſt den Spaniern den Schlüſſel dieſer Stadt, die der König meiner Obhut anvertraut hatte. Vollendetet Ihr nicht am andern Tage Euer Werk dadurch, daß Ihr in dieſe Stadt eine allerdings ſchwache Hülfe führtet, welche jedoch genügte, die Gei⸗ ſter der Belagerten wieder zu beleben? Ich ſpreche nicht von den vortrefflichen Rathſchlägen, die Ihr den Minirern und Ingenieurs gegeben. Ich ſpreche nicht von dem glänzenden Muthe, den Ihr ſtets und über⸗ all bei jedem Sturme entwickeltet. Doch wer hat vor vier Tagen die Stadt von dem nächtlichen Ueberfall ge⸗ rettet? Wer hat heute mit unerhörter Kühnheit noch einmal einen Widerſtand verlängert, den ich fortan ſelbſt für unmöglich hielt? Ihr, immer Ihr, Frennd, der Ihr überall gegenwärtig und allzeit fertig auf der ganzen Linie unſerer Wälle die Gabe der Allgegenwart der Engel zu theilen ſchienet, ſo daß unſere Soldaten uch nicht mehr anders als den Fünfhundert nen⸗ nen! Gabriel, ich ſage es mit einer aufrichtigen Frende 1¹2 und einem tiefen Danke, Ihr ſeid der erſte und einzige Retter dieſer Stadt, und folglich Frankreichs.“ „Oh! empfangt meinen Dank, Herr Admiral, für Eure gütigen und nachſichtigen Worte! Doch verzeiht, würdet Ihr nicht die Gewogenheit haben, ſie vor Sei⸗ ner Majeſtät zu wiederholen?“ „Das iſt nicht nur mein Wille, ſondern es iſt meine Pflicht, und Ihr wißt, daß Gaspard von Coligny ſich nie gegen ſeine Pflicht verfehlt.“ „Welch ein Glück,“ rief Gabriel,„und wie ſehr werde ich Euch verbunden ſein, Herr Admiral! Doch wollt Ihr dem noch einen Dienſt beifügen? Sprecht mit Niemand, ich bitte Euch, nicht einmal mit dem Herrn Connetable, beſonders nicht mit dem Herrn Connetable, von dem, was ich zu thun vermochte, um Euch in Eurer ruhmwürdigen Aufgabe zu unter⸗ ſtützen. Der König erfahre es allein. Seine Maje⸗ ſtät wird daraus erſehen, daß ich nicht für den Ruhm und den Lärmen gearbeitet habe, ſondern nur um eine ihr gegenüber eingegangene Verbindlichkeit zu erfüllen, und ſie hat, um mich zu belohnen, wenn ſie es wünſcht, in ihren Händen einen Preis, der tauſendmal benei⸗ denswerther iſt, als alle Ehren und alle Würden des Reiches. Ja, Herr Admiral, dieſer Preis werde mir zugeſchieden, und die Schuld von Heinrich II. gegen mich, wenn es eine Schuld gibt, iſt hundertfach bezahlt.“ „Die Belohnung muß in der That herrlich ſein,“ ſagte der Admiral.„Gott wolle, daß Euch die Dank⸗ barkeit des Königs nicht täuſche. Uebrigens werde ich nach Eurem Wunſche handeln, und obgleich es mich Mühe koſtet, über Eure Verdienſte zu ſchweigen, ſo will ich doch ſchweigen, da Ihr es von mir fordert.“ „Oh!“ rief Gabriel,„wie lange habe ich keine Ruhe genoſſen, wie ich ſie in dieſem Augenblick em⸗ pfinde! Wie gut iſt es doch, zu hoffen und ein wenig an die Zukunft zu glauben! Nun werde ich ganz heiter auf die Wälle gehen, ich werde mit leichtem Herzen 113 kämpfen und, wie es ſcheint, unbeſiegbar ſein. Würden es das Eiſen oder das Blei wagen, einen Menſchen zu berühren, welcher hofft?“ „Verlaßt Euch nicht zu ſehr darauf!“ erwiederte Coligny lächelnd.„Schon kann ich mit Beſtimmtheit ſagen, daß dieſe Gewißheit des Sieges uns trügen wird. Die Stadt iſt nunmehr beinahe offen, ein paar Kanonenſchüſſe werden leicht vollends die letzten Bruch⸗ ſtücke ihrer Mauern und ihrer Thürme niedergeſchmet⸗ tert haben. Es bleiben uns kaum noch kräftige Arme, und die Soldaten, welche ſo muthig bis jetzt die Wälle erſetzten, werden uns ebenfalls fehlen. Der nächſte Sturm wird den Feind zum Herrn des Platzes machen, darüber wollen wir uns nicht täuſchen.“ „Kann uns Herr von Guiſe nicht Entſatz von Paris ſchicken?“ fragte der Vicomte d'Ermés. „Herr von Guiſe wird ſeine koſtbaren Mittel nicht für eine zu drei Vierteln eingenommene Stadt bloßſtellen, und daran thut er wohl. Er behalte ſeine Mannſchaft im Herzen Frankreichs, dort iſt ſie nothwendig. Saint⸗ Quentin iſt aufgegeben. Das Sühnopfer hat lange genug gekämpft. Gott ſei Dank! es bleibt ihm nichts mehr zu thun übrig, als edel zu fallen, und dazu wer⸗ den wir ihm abermals helfen, nicht wahr, Gabriel? Der Triumph der Spanier vor Saint⸗Quentin muß ſie mehr koſten als eine Niederlage Wir ſchlagen uns nicht mehr, um uns zu retten, ſondern um uns zu ſchlagen.“ „Ja, für das Vergnügen, für den Lurus,“ fagte Gabriel heiter,„ein Heldenvergnügen, Herr Admiral, ein Lurus Eurer würdig! Nun, ſo beluſtigen wir uns damit, daß wir die Stadt noch zwei, drei, vier Tage behaupten, wenn wir können. Halten wir Philipp II., Emanuel Philibert, Spanien, England und Flandern vor dieſen päär Steintrümmern im Schach. Dadurch wird immer ein wenig Zeit für Herrn von Guife ge⸗ Die beiden Dianen. U. 8 114 wonnen, und wir bekommen ein Schauſpiel, das ſich komiſch anſieht. Was ſagt Ihr dazu?“ „Ich ſage, daß Ihr eine erhabene Scherzhaftigkeit habt, und daß ſich der Ruhm ſogar in Euren Augen findet,“ antwortete Coligny. Der Zufall unterſtützte Gabriel und Coligny nach Wünſchen. Wüthend, ſo lange vor einer Stadt aufgehalten zu werden und zehn Stürme vergebens unternommen zu haben, wollten Philipp II. und ſein General Ema⸗ nuel Philibert keinen eilften verſuchen, ohne diesmal des Sieges ſicher zu ſein. Sie griffen, wie ſie es ſchon vorher gethan hatten, drei Tage lang nicht an, und erſetzten ihre Soldaten durch ihre Kanonen, weil in der heldenmüthigen Stadt die Mauern entſchieden minder hart waren, als die Herzen. Der Admiral und der Vicomte d'Ermeès ließen während dieſer drei Tage, ſo weit es thunlich war, den Schaden der Batterien und der Minen durch ihre Arbeiter immer wieder aus⸗ beſſern; aber leider fehlte es an Armen. Am 26. Au⸗ guſt Mittags war kein Mauerflügel mehr ührig. Die Häuſer waren entblößt wie in einer offenen Stadt, und die Soldaten hatten ſich dergeſtalt gelichtet, daß ſie nicht mehr eine Linie von zwei Mann neben einander auf den Hauptpunkten bilden konnten. Gabriel mußte es ſelbſt zugeſtehen; ehe nur das Zeichen zum Stürmen gegeben, war die Stadt ſchon genommen. Man nahm ſie wenigſtens nicht bei der Breſche, welche Gabriel vertheidigte. Hier befanden ſich mit ihm Herr du Breuil und Jean Peuqoy, und alle drei fochten ſo gut und vollbrachten ſo wunderbare Helden⸗ thaten, daß ſie die Angreifenden dreimal zurücktrieben. Gabriel beſonders arbeitete mit freudigem Herzen, und Jean Peugoy war ſo ſehr erſtaunt über die mächtigen Schwertſtreiche, die er rechts und links austheilte, daß er beinghe, durch ſein Erſtgunen. zerſtrent, getoͤdtet den Eintritt in Eu . 127 ſtorben, ohne mir Kinder zu hinterlaſſen, und ich hatte keinen Bruder; es bleibt mir nur ein Vetter... „Nun! dieſer Vetter?“ verſetzte Lord Grey unge⸗ duldig. Dieſer Vetter, der mir, wie ich gar nicht zweifle, die Summe vorſtrecken wird, wohnt gerade in Calais.“ „Ahl potz tauſend!“ ſagte Lord Grey mit einigem Mißtrauen. „Mein Gott, ja, Mylord,“ erwiederte Jean Peu⸗ qoy mit einer Miene unverwerflicher Aufrichtigkeit; „mein Vetter heißt Pierre Peugoy, iſt ſeit mehr als dreißig Jahren Waffenſchmied ſeines Handwerks in der Rue du Martroi und hat den Gott Mars zum Schild.“ „Und er iſt Euch ergeben?“ fragte Lord Grey. „Ich glaube wohl, Mylord! ich bin der letzte der Peugoy von meiner Linie, und er verehrt mich. Vor mehr als zwei Jahrhunderten hatte ein Peuqoy, iner i Söhne; einer wurde ſich in Saint⸗Quentin nieder, der andere wurde Waffenſchmied und nahm ſeinen Wohnſitz in Calais. Seit jener Zeit weben die Peuqoy von Saint⸗Quentin und ſchmieden die Peuqoy von Calais. Doch obgleich getrennt, lieben ſie einander aus der Ferne und ſtehen ſich bei, wie es ſich für gute Ver⸗ wandte und Bürger vom alten Schrot und Korn ge⸗ ziemt. Pierre wird mir leihen, was ich brauche, um mich loszukaufen, deſſen bin ich ſicher ſen braven Vetter ſeit zehn J denn Ihr Engländer geſtattet uns Fra re befeſtigten Städte.“ „Ja,“ ſprach Lord Grey wohlgefällig,„Eure Peu⸗ goy von Calais ſind jetzt gerade zwei hundert Jahre Engländer.“ „Oh!“ rief Jean voll Wärme,„die Peugoy„ Dann unterbrach er ſich plötzlich. „Nun!“ verſetzte Lord Grey erſtaunt,„die Peu⸗ goy 7“ 128 „Die Peugoy, Mylord,“ antwortete Jean, indem er verlegen ſeine Mütze in den Händen hin und her⸗ drehte,„die Peugoy kümmern ſich nicht um Politik, das wollte ich ſagen. Mögen ſie Engländer oder Franzoſen ſein, wenn ſie nur ihr Brod erwerben, jene mit dem Amboß, dieſe mit dem Schiffchen, ſo ſind ſie zufrieden.“ „Nun, wer weiß?“ rief Lord Grey heiter;„Ihr laßt Euch vielleicht als Weber in Calais nieder und werdet auch ein Unterthan der Königin Maria, und die Peugoy ſind endlich nach ſo vielen Jahren wieder⸗ vereinigt.“ „Meiner Treue! das kann wohl ſein!“ erwiederte Jean Peugoy treuherzig⸗ Gabriel konnte ſich von ſeinem Erſtaunen nicht er⸗ holen, als er den tapfern Bürger, der ſeine Stadt ſo heldenmüthig vertheidigt hatte, davon, daß er Eng⸗ länder werden könnte, ſo ruhig ſprechen hörte, als han⸗ delte es ſich darum, ſeine Kaſake zu wechſeln. Doch ein Blinzeln mit den Augen, während ihn Lord Grey nicht ſehen konnte, beruhigte Gabriel über die Vaterlands⸗ liebe ſeines Freundes, und lehrte ihn, es ſei ein Ge⸗ heimniß im Spiele. Lord Grey entließ bald den Einen und den An⸗ dern. „Wir werden morgen mit einander von Saint⸗ Quentin nach Calais abreiſen,“ ſagte er zu ihnen. „Bis dahin könnt Ihr Eure Vorkehrungen treffen und in der Stadt Abſchied nehmen. Ich laſſe Euch auf Ehrenwort frei, um ſo mehr,“ fügte er mit der Zart⸗ heit, die ihn auszeichnete, bei,„um ſo mehr, als Ihr an den Thoren conſignirt ſeid und Niemand ohne Er⸗ laubniß des Gouverneurs hinaus darf.“ Gabriel erwiederte den Gruß von Lord Grey, ohne zu antworten, und entfernte ſich aus dem Hauſe des Engländers, ohne zu bemerken, daß ſein Stallmeiſter Martin⸗Guerre zurückblieb, ſtatt ihm zu folgen⸗ „Was iſt denn Eure Abſicht, Freund?“ ſagte er * 129 zu Peugoy, als ſie außen waren.„Iſt es möglich, daß Ihr keine hundert Thaler beſitzt, um Euch auf der Stelle loszukaufen? Warum liegt Euch daran, die Reiſe nach Calais zu machen? Lebt wirklich dieſer Vet⸗ ter Waffenſchmied? Welcher ſeltſame Beweggrund treibt Euch zu dem Allen an?“ „Stille!“ erwiederte Jean Peugoy mit geheimniß⸗ voller Miene;„in dieſer ſpaniſchen Atmoſphäre wage ich es kaum, ein Wort zu ſprechen. Ich glaube, Ihr könnt auf Euren Stallmeiſter Martin⸗Guerre zählen?“ „Ich ſtehe für ihn; trotz einiger Vergeßlichkeiten und Nachläſſigkeiten iſt er das treuſte Herz der Welt.“ „Gut!“ ſprach Jean Peugoy.„Ihr müßt ihn nicht unmitttelbar von hier nach Paris ſchicken, wo er Euer Löſegeld holen ſoll, ſondern mit Euch nach Calais nehmen und von dort aus abgehen laſſen. Wir dürften nicht zu viel Augen haben.“ „Was bedeuten dieſe Vorſichtsmaßregeln?“ fragte Gabriel.„Ich ſehe, Ihr habt in Calais durchaus keinen Verwandten.“ „Doch!“ verſetzte Pengoy lebhaft;„Pierre Peuqoy lebt, ſo wahr als er ſein altes Vaterland Frankreich zu lieben, zu beklagen erzogen worden iſt, und gleich mir im Falle der Noth einen guten Handſtreich thun wird, wenn Ihr zufällig dort einen heldenmüthigen Plan faßt, wie Ihr hier ſo viele ausgeführt habt.“ „Edler Freund, ich errathe Dich,“ ſprach Gabriel, dem Bürger die Hand drückend;„doch Du ſchätzeſt mich zu hoch und miſſeſt mich nach Deinem Maße; Du weißt nicht, wie viel Selbſtſucht in dieſem angeb⸗ lichen Heldenmuth lag; Du weißt nicht, daß für die Zukunſt eine heilige Pflicht, heiliger noch, wenn es möglich iſt, als der Ruhm des Vaterlandes, mich vor Allem und ganz und gar in Anſpruch nimmi.“ „Nun wohl!“ erwiederte Jean Peuqoy,„Ihr wer⸗ det dieſe Pflicht erfüllen wie alle die anderen! Und Die beiden Dianen. I. 9 130 unter den anderen,“ fügte er die Stimme dämpfend bei,„iſt es vielleicht eine für Euch, wenn ſich die Ge⸗ legenheit bietet, Calais als Entſchädigung für Saint⸗ Quentin zu nehmen.“ XV. Fortſetzung der ehrenhaften Handelsgeſchüfte von Mleiſter Arnauld du Shill. Ueberlaſſen wir den jungen Kapitän und den alten Bürger ihren Siegesträumen und kehren wir zu dem Stallmeiſter und dem Bogenſchützen zurück, welche im Hauſe von Lord Grey ihre Rechnungen machten. Der Bogenſchütze forderte in der That nach dem Abgang der beiden Gefangenen die ihm verſprochene Prämie von ſeinem Herrn, und dieſer bezahlte ſie ihm auch, ohne Schwierigfeiten zu machen, da er mit der klugen Wahl ſeines Emiſſärs ungemein zufrieden war⸗ Arnauld du Thill erwartete ſeinerſeits ſeinen An⸗ theil, den ihm der Engländer, man muß ihm Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, gewiſſenhaft überbrachte. Arnauld kritzelte, als der Bogenſchütze zu ihm kam, ein paar Zeilen auf die ewige Note des Connetable von Montmorency und murmelte dabei: „Dafür, daß er geſchickt den Vicomte d'Ex⸗ mos zur Zahl der Kriegsgefangenen ſetzen ließ, und dadurch den durchlauchtigen Herrn Connetable auf einige Zeit von genanntem Vicomte befreite... „Was macht Ihr denn da?“ ſagte zu Arnaulb der Bogenſchütze, indem er ihm auf die Schulter klopfte. —— 3 n m ne m e r. n⸗ ch⸗ te. m, ble —— —— 131 „Was ich mache? eine Rechnung,“ antwortete der falſche Martin⸗Guerre.„Wie ſteht es mit der unſrigen?“ „Sie iſt geyrdnet,“ ſprach der Bogenſchütze und legte Arnauld Thaler in die Hände, die dieſer aufmerk⸗ ſam beſchaute und zählte.„Ihr ſeht, daß ich ein Mann von Wort bin, und ich beklage mein Geld nicht. Ihr habt mir zwei gute Wahlen bezeichnet; Euer Herr be⸗ ſonders hat nicht gehandelt, im Gegentheil! Der Grau⸗ bart machte zwar Schwierigkeiten, doch für einen Bür⸗ gersmann iſt er auch nicht zu ſchlimm, und ohne Euch, 5 geſtehe es, hätte mein Geſchäft ſchlecht ausfallen önnen. „Ich glaube es wohl,“ ſagte Arnauld und ſteckte das Geld in die Taſche. „Ah!“ verſetzte der Bogenſchütze,„es iſt noch nicht Alles beendigt; Ihr ſeht, daß ich ein guter Zah⸗ ler bin; Ihr müßt mir nun meinen dritten Fang an⸗ geben, den zweiten adeligen Gefangenen, auf den wir ein Recht haben.“ 2 „Bei der Meſſe!“ rief Arnauld,„ich habe Nie⸗ mand mehr zu begünſtigen, und Ihr dürft nur wählen.“ „Ich weiß es wohl,“ erwiederte der Bogenſchütze, zund ich fordere Euch auch gerade auf, mir unter den ännern, Frauen, Greiſen und Kindern von adeligem Geſchlecht, die man in dieſer guten Stadt erſchnappen kann, wählen zu helfen.“ „Wie!“ fragte Arnauld,„die Frauen gehören auch azu?“ „Die Frauen beſonders, und wenn Ihr eine kennt, welche, außer dem Adel und Reichthum, Jugend und Schönheit beſitzt, ſo werden wir einen hübſchen Nutzen theilen haben, denn Lord Grey wird ſie theuer an einen Schwager Mylord Wentworth wiederverkaufen, der die gefangenen Frauen noch mehr liebt, als die ge⸗ fangenen Männer, wie ich mir habe ſagen laſſen.“ „Leider kenne ich keine,“ entgegnete Arnauld du N 132 Thill;„ah! doch wohl! aber nein, nein, das iſt un⸗ möglich!“ „Warum unmöglich, Kamerad? ſind wir nicht die Sieger und Herren hier? und iſt, abgeſehen vom Ad⸗ miral, Jemand von der Capitulation ausgenommen 2 „Es iſt wahr, doch die Schönheit, von der ich ſpreche, darf nicht in die Nähe meines Herrn gebracht werden, er darf ſie nicht wiederſehen. Sie in derſelben Stadt gefangen zu halten, wäre aber ein ſchlimmes Mittel, dieſelben zu trennen.“ „Bahi“ verſetzte der Bogenſchütze,„wird Mylord Wentworth ſeine ſchöne Gefangene nicht im Geheimen und für ſich allein bewahren?“ „Ja, in Calais,“ ſagte Arnauld nachdenkend;„doch unter Weges mein Herr wird Zeit haben, ſie zu ſehen und mit ihr zu ſprechen.“ „Nicht, wenn ich will,“ ſprach der Engländer. „Wir bilden zwei Abtheilungen, von denen die eine der andern vorangehen muß, und der Ritter und die Schöne werden beſtändig zwei Stunden von einander entfernt ſein, wenn es Euch Vergnügen macht.“ „Ja, aber was wird der alte Connetable ſagen?“ fragte ſich Arnauld mit lauter Stimme;„wenn er er⸗ fährt, daß ich zu dieſem ſchönen Streiche beigetragen habe, ſo läßt er mich hoch und kurz hängen!“ „Wird er es erfahren? wird es irgend Jemand erfahren?“ entgegnete der verſuchende Bogenſchütze; „Ihr werdet es nicht ſagen, wenn nicht etwa Euer Geld die Sprache annimmt, um auszuplaudern, woher es kommt„ „Es gäbe abermals nicht ſchlimm Geld dabei?“ fragte Arnauld. „Ihr bekämet ebenfalls die Hälfte.“ „Wie Schade! denn die Summe wäre, glaube ich, gut, und der Vater würde, denke ich, keine Koſte ſcheuen.“ 133 „Der Vater iſt alſo Herzog oder Prinz?“ fragte der Bogenſchütze. „Der Vater iſt König, Kamerad, und heißt Hein⸗ rich II. ſeines Namens.“ „Eine Tochter des Königs hier!“ rief der Eng⸗ länder.„Gott verdamme mich! wenn Ihr mir nun nicht ſagt, wo ich die Taube finde, ſo werde ich, glaube ich, genöthigt ſein, Euch zu erdroſſeln! Eine Tochter des Königs!“ „Und eine Königin der Schönheit!“ „Oh! Mylord Wentworth würde darüber den Kopf verlieren,“ verſetzte der Bogenſchütze.„Kamerad,“ fügte er bei, indem er feierlich ſeine Bügeltaſche zog und vor den geblendeten Augen von Arnauld öffnete, „dieſe Taſche und ihr Inhalt gehören Dir im Austauſch für den Namen der Schönen und die Anzeige ihres Lagers.“ „Topp!“ ſprach Arnauld, unfähig, zu widerſtehen, und griff nach der Börſe. „Der Name?“ fragte der Bogenſchütze. „Diana von Caſtro, genannt Schweſter Benie.“ „Das Lager?“ „Im Kloſter der Benedictinerinnen.“ „Ich laufe,“ rief der Engländer und verſchwand in größter Eile. „Gleichviel,“ ſagte Arnauld, zu ſeinem Herrn zu⸗ rückkehrend,„dieſe werde ich dem Connetable nicht auf Rechnung bringen.“ XVI. Lord Wentworth. Drei Tage nachher, am 1. September, ſtieg Lord Wentworth, der Gouverneur von Calais, nachdem er die Inſtructionen ſeines Schwagers, des Lord Grey entgegengenommen und dieſen ſich nach England hatte einſchiffen ſehen, wieder zu Pferde, und kehrte in ſein Hotel zurück, wo ſich nun Gabriel, Jean Peugoy und in einem andern Gemache Diana befanden. Doch Frau von Caſtro wußte nicht, daß ſie ihrem Geliebten ſo nahe, und war, gemäß dem Verſprechen, das der Emiſſär von Lord Grey Arnauld geleiſtet hatte, ſeit ihrer Abreiſe von Saint⸗Quentin mit Gabriel nicht zuſammengetroffen. Lord Wentworth bildete mit ſeinem Schwager den vollkommenſten Contraſt: ſo hochmüthig, kalt und geizig Lord Grey war, eben ſo lebhaft, liebenswürdig und freigebig war Lord Wentworth. Er war ein ſchöner Edelmann von hoher Geſtalt und zierlichen Manieren. Er mochte wohl vierzig Jahre alt ſein, und einige weiße Haare miſchten ſich ſchon mit ſeinen üppigen, von Na⸗ tur gelockten ſchwarzen Haaren. Aber ſein ganz ju⸗ gendlicher Gang und die glühenden Flammen ſeiner grauen Augen bezeichneten bei ihm das Ungeſtüm und die Leidenſchaften eines jungen Mannes, und er führte in der That freudig und muthig ein Leben, als ob er erſt zwanzig Jahre alt wäre. Er trat zuerſt in den Saal, wo ihn der Vicomte d'Ermes und Jean Peugoy erwarteten, und grüßte ſie mit lächelnder Freundlichkeit, wie Gäſte und nicht wie Gefangene. „Seid willkommen in meinem Hauſe, mein Herr, * S Mu — 135 und Ihr, Meiſter,“ ſprach er.„Ich weiß meinem theu⸗ ren Schwager großen Dank, daß er Euch hierher ge⸗ bracht hat, Herr Vicomte, und ich freue mich doppelt über die Einnahme von Saint⸗Quentin. Verzeiht mir, doch an dieſem traurigen Kriegsplatz, an welchem ich verbannt lebe, ſind die Zerſtreuungen ſo ſelten, iſt die Geſellſchaft ſo beſchränkt, daß ich mich glücklich ſchätze, wenn ich von Zeit zu Zeit Jemand finde, mit dem ich ſprechen kann, und ich hege den ſelbſtfüchtigen Wunſch, es möge Euer Löſegeld ſo ſpät als möglich ankommen.“ „Es wird in der That länger ausbleiben, als ich glaubte, Mylord,“ erwiederte Gabriel.„Lord Grey ſagte Euch wohl, daß mein Stallmeiſter, den ich, um es mir zu holen, nach Paris ſchicken wollte, unter We⸗ ges in der Trunkenheit mit einem von den Leuten der Escorte in Händel gerathend, eine Wunde am Kopf bekommen hat, welche allerdings nicht gefährlich zu ſein ſcheint, aber ihn, wie ich befürchte, länger als es mir, ich muß es geſtehen, lieb iſt, in Calais zurück⸗ halten wird.“ „Das iſt ſchlimm für den armen Burſchen und gut für mich, mein Herr!“ ſagte Lord Wentworth. „Ihr ſeid zu höflich!“ erwiederte Gahriel mit einem traurigen Lächeln. „Nein, meiner Treue! es iſt nicht die geringſte Höflichkeit, Höflichkeit wäre es ohne Zweifel, Euch auf der Stelle ſelbſt auf Ehrenwort nach Paris gehen zu laſſen. Aber ich wiederhole, hiezu bin ich zu ſelbſt⸗ ſüchtig und zu ſehr gelangweilt, und ich habe, obgleich aus verſchiedenen Beweggründen, keine Mühe gehabt, in die mißtrauiſchen Abſichten meines Schwagers ein⸗ zugehen, der mir das Verſprechen abnahm, Euch nur gegen einen Sack voll Thaler zu entlaſſen. Was wollt Ihr? wir werden mit einander Gefangene ſein und uns bemühen, einander gegenſeitig die Langweile der Gefangenſchaft zu verſüßen.“ S½ Gabriel verbeugte ſich, ohne ein Wort zu ſagen. Es wäre ihm in der That lieber geweſen, wenn ihn Lord Wentworth auf Ehrenwort ſeiner Freiheit und ſeinem Berufe zurückgegeben hätte. Doch konnte er, der Unbekannte, ein ſolches Vertrauen fordern? Er tröſtete ſich ein wenig damit, daß er dachte, Coligny wäre in dieſem Augenblick bei Heinrich II. Er hatte ihn beauftragt, dem König zu melden, was er, um den Widerſtand von Saint-Quentin zu ver⸗ längern, zu thun vermocht. Der treue Freund würde dies zu berichten gewiß nicht verfehlt haben, und ge⸗ treu ſeinem königlichen Verſprechen, würde Heinrich vielleicht nur die Rückfehr des Sohnes abwarten, um ſich ſeiner Schuld gegen den Vater zu entledigen. Gleichviel! Gabriel wußte ſeine Unruhe um ſo weniger ganz zu beherrſchen, als ſie eine doppelte war und er vor ſeinem Abgange von Saint-Quentin eine andere eben ſo theure Perſon nicht hatte wiederſehen können. Er verfluchte auch von ganzem Herzen den Unfall, der dem unverbeſſerlichen Trunkenbold Martin⸗ Guerre begegnet war, und theilte nicht in dieſem Punkte die Zufriedenheit von Jean Peugoy, der mit einer in⸗ neren Freude ſeine geheimnißvollen Pläne gerade durch dieſe Zögerung, welche Gabriel ſo ſehr betrübte, be⸗ günſtigt ſah. Ohne die ſchwermüthige Zerſtreutheit ſeines Ge⸗ fangenen bemerken zu wollen, fuhr Lord Wentworth fort: „Ich werde mich indeſſen bemühen, Herr d'Ermès, kein zu rauher Kerkermeiſter gegen Euch zu ſein, und um Euch jetzt ſchon zu beweiſen, daß es kein beleivi⸗ gendes Mißtrauen iſt, was mich bei meinem Handeln bewegt, ertheile ich Euch, wenn Ihr mir Euer Ehren⸗ wort als Evelmann geben wollt, daß Ihr nicht zu ent⸗ weichen ſuchen werdet, jede Erlaubniß, nach Eurem Belieben auszugehen und in der Stadt umherzu⸗ laufen.“ 3 ean Peugoy konnte ſich hier einer unzweideutigen 137 Bewegung der Freude nicht erwehren, und zog, um ſie Gabriel mitzutheilen, den jungen Mann, der über dieſe Kundgebung nicht wenig erſtaunte, von hinten an ſeinem Kleide. „Mylord,“ antwortete Gabriel auf das artige Anerbieten des Gouverneur,„ſehr gern nehme ich Eure Erlaubniß an, und Ihr habt mein Ehrenwort, daß ich an keinen Fluchtverſuch denken werde.“ „Das genügt,“ ſprach Lord Wentworth,„und wenn die Gaſtfreundſchaft, die ich Euch bieten kann und muß, obgleich mein vorübergehendes Haus ziemlich ſchlecht beſtellt iſt, wenn dieſe Gaßtfreundſchaft, ſage ich, Euch etwas unbequem und drückend vorkäme, ſo brauchtet Ihr Euch durchaus keinen Zwang anzuthun, und ich würde es keines Wegs übel vermerken, wenn Ihr dem ſchlimmen Lager, das zu Eurer Verfügung ſteht, eine offenere und bequemere Wohnung, die Ihr wohl in Calais finden dürftet, vorzöget.“ „Oh! Herr Vicomte,“ ſagte mit flehendem Tone Jean Peugoy zu Gabriel,„wenn Ihr das ſchönſte Zimmer im Hauſe meines Vetters, des Waffenſchmieds, annehmen wolltet. ſo würdet Ihr ihn ſehr ſtolz und mich ſehr glücklich machen, das ſchwöre ich Euch.“ Der würdige Peugoy begleitete dieſe Worte mit einer bezeichnenden Geberde, denn er ging nur noch durch Geheimniſſe und Verſchweigungen zu Werke und war ſo finſter geworden, daß man hätte bange bekom⸗ men können. „Ich danke, mein Freund,“ antwortete Gabriel, „doch eine ſolche Erlaubniß benützen hieße vielleicht ſie mißbrauchen.“ „Ich verſichere Euch, nein,“ entgegnete lebhaft Lord Wentworth:„es ſteht Euch vollkommen frei, die Woh⸗ nung bei Pierre Peugoy anzunehmen. Er iſt ein rei⸗ cher, thätiger, in ſeinem Handwerk geſchickter Bürger, und der ehrlichſte Mann, den man finden kann. Ich kenne ihn wohl, ich kaufte ihm mehrere Male Waffen ab, und er hat eine hübſche junge Perſon bei ſich, ſeine Tochter oder ſeine Frau, ich weiß es nicht genau.“ „Seine Schweſter, Mylord, meine Baſe Babette,“ ſagte Jean Peugoy.„Eil ja, wohl, ſie iſt ziemlich ar⸗ tig, und wenn ich nicht ſo alt wäre!... Doch die Peugoy werden deshalb nicht erlöſchen; Pierre hat ſeine Frau verloren, aber ſie hat ihm zwei ſtarke, ſehr lebhafte Jungen hinterlaſſen, die Euch zerſtreuen wer⸗ den, Herr Vicomte, wenn Ihr die herzliche Gaſtfreund⸗ ſchaft des Vetters annehmen wollt.“ Ich ermächtige Euch nicht nur, ſondern ich for⸗ dere Euch hiezu auf,“ fügte Lord Wentworth bei. Gabriel fing entſchieden an zu glauben, und zwar nicht ohne Grund, der ſchöne und galante Gouverneur von Calais wolle ſich aus ihm bekannten Motiven eines Gaſtes entledigen, der zu jeder Stunde in ſeinem Hauſe wäre, und gerade wegen der Freiheit, die er ihm ließe, am Ende die ſeinige beengen könnte. Dies war in der That der Gedanke von Lord Wentworth, der, wie der Bogenſchütze von Lord Grey Arnauld geſagt hatte, die gefangenen Frauen den gefangenen Männern bei Wei⸗ tem vorzog. Gabriel trug nun kein Bedenken mehr und ſagte, indem er ſich lächelnd an Jean Peugoy wandte: „Da es mir Lord Wentworth erlaubt, ſo werde ich bei Eurem Vetter wohnen.“ Jean Peugoy machte einen Freudenſprung. „Meiner Treue! ich glaube, Ihr thut wohl daran, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll,“ ſprach Lord Went⸗ worth.„Nicht als ob ich nicht glücklich geweſen wäre, Euch nach meinen beſten Kräften beherbergen zu dür⸗ fen, aber in einer Tag und Nacht von Soldaten be⸗ wachten Wohnung, wo meine langweilige Amtsgewalt ſtrenge Regeln feſiſtellen mußte, hättet Ihr Euch wohl nicht ſo behaglich finden können, wie Ihr es in dem Hauſe des braven Waffenſchmieds ſein werdet. Ein junger Mann bedarf ſeiner Bequemlichkeit, wir wiſſen das.“ —— — 139 „Ihr ſcheint es mir in der That zu wiſſen,“ ver⸗ ſetzte Gabriel lachend,„und ich ſehe, daß Ihr den ganzen Werth der Unabhängigkeit kennt.“ „Meiner Treue, ja,“ erwiederte Lord Wentworth mit demſelben heiteren Tone,„ich habe noch nicht das Alter erreicht, wo man die Freiheit zu ſchmähen pflegt.“ Dann ſich an Jean Peuqoy wendend: „Und Ihr, Meiſter Peugoy, rechnet Ihr Eurer⸗ ſeits auf die Börſe des Vetters, wie Ihr auf ſein Haus rechnet, wenn es ſich um Herrn d'Exmès handelt? Lord Grey ſagt mir, Ihr erwartet von ihm die hun⸗ dert Thaler, welche für Euer Löſegeld beſtimmt wor⸗ den ſind.“ „Alles, was Pierre beſitzt, gehört Jean,“ ant⸗ wortete der Bürger;„das war immer ſo unter den Peuqoy. Ich fühlte mich zum Voraus ſo ſicher, ich könnte das Haus meines Vetters als das meinige be⸗ trachten, daß ich ſchon den verwundeten Stallmeiſter des Herrn Vicomte zu ihm geſchickt habe, und nicht minder ſicher, daß ſeine Börſe mir offen iſt, wie ſeine Thüre, bitte ich Euch, mich von einem Eurer Leute begleiten zu laſſen, der Euch die verabredete Summe bringen wird.“ „Unnöthig, Meiſter Peugoy,“ erwiederte Lord Weniworth,„ich laſſe Euch auch auf Euer Wort gehen. Morgen oder übermorgen mache ich dem Vicomte d'Ex⸗ mes bei Pierre Peugoy Beſuch, und werde dann für das meinem Schwager gebührende Geld eine von den ſchönen Rüſtungen wählen, die Pierre ſo gut macht.“ „Nach Eurem Belieben, Mylord.“ „Muß ich Euch nun ſagen, Herr d'Ermés,“ ſprach der Gouverneur,„daß Ihr, ſo oft Ihr an meine Thüre zu klopfen die Güte haben wollt, um ſo mehr will⸗ kommen ſeid, als es Euch freiſteht, dies nicht zu thun? Ich wiederhole, das Leben in Calais iſt eintönig. Ihr werdet es ohne Zweifel bald ſelbſt erkennen, und Euch, wie ich hoffe, mit mir gegen den gemeinſchaftlichen 140 2 Feind, gegen die Langweile verbinden. Euere Gegen⸗ wart iſt ein Glück, das ich ſo viel als möglich benützen will; haltet Ihr Euch entfernt von mir, ſo werde ich Euch beläſtigen, das bemerke ich Euch zum Voraus; erinnert Euch, daß ich Euch die Freiheit nur halb laſſe, und daß mir der Freund oft den Gefangenen zu⸗ führen muß.“ „Ich danke, Mylord, und nehme Eure ganze Ar⸗ tigkeit an,“ ſprach Gabriel.„Mit dem Rechte der Wiedervergeltung,“ fügte er lächelnd bei,„denn der Krieg hat ſeine Umſchläge und der Freund von heute wird morgen wieder der Feind werden.“ „Oh!“ erwiederte Lord Wentworth,„ich bin in Sicherheit, leider nur zu ſehr in Sicherheit hinter meinen unüberwindlichen Mauern. Hätten die Franzo⸗ ſen Calais widernehmen ſollen, ſo würden ſie zu dieſem Ende nicht zweihundert Jahre gewartet haben. Ich bin ruhig, und habt Ihr eines Tags mir in Paris die Honneurs zu machen, ſo wird dies, denke ich, in Frie⸗ denszeiten ſein.“ „Laſſen wir Gott wallen, Mylord,“ ſprach Habriel. „Herr von Coligny, von dem ich ſo eben geſchieden bin, pflegte zu ſagen, das Weiſeſte, was der Menſch thun könne, ſei, zu warten.“ „Und mittlerweile ſo glücklich als möglich zu le⸗ ben„ Doch ich vergaß, Ihr müßt ſchlecht bei iGelb ſein, mein Herr, Ihr wißt, daß meine Börſe zu Eurer ſteht.“ „Ich danke abermals, Mylord: die meinige, ob⸗ gleich ſie nicht hinreichend ausgeſtattet iſt, daß ich mich auf der Stelle meiner Schuld entledigen kann, genügt wenigſtens für die Koſten meines Aufenthalts hier. Ich muß bekennen, materiell befürchte ich nur, das Haus Eures Vetters, Meiſter Peugoy, dürfte ſich ſo unvor⸗ hergeſehen nicht ohne eine Störung drei neuen Gäſten öffnen, und ich würde mich in dieſem Fall lieber um 141 eine andere Wohnung umſehen, wo ich für einige F „Ihr ſpottet!“ unterbrach ihn Jean Peugoy leb⸗ haft,„das Haus von Pierre iſt, Gott ſei Dank! groß genug, um, wenn es ſein müßte, drei Familien zu faſſen. In der Provinz baut man nicht eng und fnauſerig wie in Paris.“ „Es iſt wahr,“ ſprach Lord Wentworth,„ich kann bezeugen, Herr d'Exrmés, daß die Wohnung des Waffen⸗ ſchmieds eines Kapitäns nicht unwürdig iſt. Ein Ge⸗ folge, zahlreicher als das Eurige, hätte bequem darin Platz, und zwei Handwerker würden ſich nicht beengen. War es nicht Eure Abſicht, Meiſter Peugoy, Euch hier niederzulaſſen und Eure Weberei in dieſer Stadt fort⸗ zuſetzen? Lord Grey hat mit ein paar Worten dieſes Vorhaben berührt, das ich ſehr gern verwirklicht ſehen würde.“ „Und das ſich in der That vielleicht verwirklichen wird,“ ſagte Jean Peuqoy.„Inſofern Calais und Saint⸗Quentin wohl bald denſelben Herren gehören, würde ich es vorziehen, meiner Familie näher zu kommen.“ „Ja,“ ſprach Lord Wentworth, der ſich im Sinn der Worte des liſtigen Bürgers täuſchte,„ja, Saint⸗ Quentin kann wohl binnen Kurzem eine engliſche Stadt werden. Doch ich halte Euch auf,“ fügte er bei,„und nach den Strapatzen des Marſches müßt Ihr der Ruhe bedürfen. Herr d Ermès, und Ihr, Meiſter, ich ſage Cuch noch einmal, Ihr ſeid frei. Auf Wiederſehen, nicht wahr, auf baldiges Wiederſehen?“ Er begleitete den Kapitän und den Bürger bis an die Thüre, drückte dem Einen die Hand, grüßte den Andern freundſchaftlich und ließ ſie mit einander nach der Rue du Martroi gehen. Hier wohnte, wie ſich un⸗ ſere Leſer erinnern werden, Pierre Peugoy mit dem herzhaften Aushängſchilde des Gottes Mars, und hier 142 werden wir auch bald, wenn es Gott gefällt, Gabriel und Jean wiederfinden. „Meiner Treue!“ ſagte Lord Wentworth zu ſich ſelbſt, als er Beide weggehen ſah,„ich glaube, ich habe wohl daran gethan, daß ich dieſen Vicomte d'Er⸗ mos von mir entfernte. Er iſt Edelmann, er mußte am Hofe leben, und hätte er die ſchöne Gefangene, die man mir anvertraut, nur einmal geſehen, ſo würde er ſich ihrer ſicherlich ſein ganzes Leben lang erinnern. Ja, denn ich, der ich ſie kaum anſchaute, als ſie vor zwei Stunden an mir vorüberging, bin noch ganz ge⸗ blendet. Wie ſchön iſt ſie! Oh! ich liebe ſie, ich liebe ſie! Armes Herz, das Du ſo lange ſtill wareſt in die⸗ ſer düſteren Einſamkeit, wie ſchlägſt Du nun! Doch dieſer junge Mann, der mir lebhaft und brav zu ſein ſcheint, hätte, die Tochter ſeines Königs erkennend, ſich auf eine unangenehme Weiſe in das Verhältniß miſchen können, das ſich, ich zähle darauf, zwiſchen Frau Diana und mir bilden wird. Die Anweſenheit eines Landsmanns und vielleicht eines Freundes hätte auch ohne Zweifel Frau Diana in ihren Geſtändniſſen beengt oder in ihren Weigerungen ermuthigt. Kein Dritter zwiſchen uns. Wenn ich auch in dieſer ganzen Sache nur von meiner würdigen Mitteln Gebrauch machen will, ſo iſt es doch ſehr unnöthig, ſich Hinder⸗ niſſe zu ſchaffen.“ Er ſchlug auf eine beſondere Weiſe auf eine Glocke. Nach einet Minute erſchien eine Kammerfrau. „Jane,“ ſagte Lord Wentworth engliſch zu ihr, „meinem Befehle gemäß habt Ihr Euch der Dame zur Verfügung geſtellt?“ „Ja, Mylord.“ „Wie beſindet ſie ſich in dieſem Augenblick, Jane?“ „Sie ſcheint traurig, Mylord, jedoch nicht nieder⸗ geſchlagen. Sie hat einen ſtolzen Blick und ein feſtes — Wort, ſie befiehlt mit ſanftem Tone, zugleich aber“ mit der Gewohnheit, Gehorſam zu finden.“ ——— —— e 3„——— — — — — 143 „Es iſt gut. Hat ſie den Imbiß genommen, den man ihr vorgeſetzt?“ „Sie hat kaum eine Frucht berührt; unter der Miene der Sicherheit, welche ſie heuchelt, läßt ſich leicht viel Schmerz und Unruhe erkennen.“ „Genug, Jane,“ ſagte Lord Wentworth,„Ihr kehrt zu ihr zurück und fragt ſie auf das Geheiß von Lord Wentworth, dem Gouverneur von Calais, welchem Lord Grey ſeine Rechte übertragen habe, ob ſie mich empfangen wolle. Geht und kommt bald zurück.“ Nach einigen Minuten, die dem ungeduldigen Wentworth wie Jahrhunderte vorkamen, erſchien die Kammerfrau wieder. „Nun?“ fragte er. „Mylord,“ antwortete Jane,„die Dame willigt nicht nur ein, ſondern ſie verlangt Euch auf der Stelle zu ſprechen.“ „Vorwärts! Alles ſteht auf's Beſte,“ ſagte Lord Wentworth zu ſich ſelbſt. „Nur hat ſie,“ fügte Jane bei,„nur hat ſie die alte Mary bei ſich behalten und mir befohlen, ſogleich wieder hinaufzukommen.“ „Gut, Jane, geht. Ihr müßt ihr in allen Stücken gehorchen, verſteht Ihr? Geht. Sagt, ich werde Euch in einem Augenblick folgen.“ Jane entfernte ſich, und Lord Wentworth, dem ſich das Herz wie einem Berliebten von zwanzig Jahren zuſammenſchnürte, ſtieg alsbald die Treppe hinauf, welche zu dem Zimmer von Diana von Caſtro führte. „Oh! welch ein Glück!“ ſagte er,„ich liebe! Und diejenige, welche ich liebe, die Tochter eines Kö⸗ nigs! iſt in meiner Gewalt!“ XVII. Der verliebte Gefangenwärter. Diana von Caſtro empfing Lord Wentworth mit jener ruhigen, keuſchen Würde, welche von ihrem enge⸗ liſchen Blick und von ihrem reinen Antlitz eine unwider⸗ ſtehliche Zaubermacht entlehnte. Unter ihrer ſchein⸗ baren Ruhe lag übrigens viel Angſt, und die Arme zitterte, während ſie den Gruß des Gouverneurs er⸗ widerte und ihm mit einer ganz königlichen Geberde ein Fauteuil bezeichnete. Dann machte ſie Mary und Jane, welche ſich zu⸗ rückziehen zu wollen ſchienen, ein Zeichen, im Gegen⸗ theil zu bleiben, und als ſie ſah, daß Lord Wentworth, in Bewunderung ihrer Perſon verſunken, ſchwieg, ent⸗ ſchloß ſie ſich, zuerſt zu ſprechen. „Ich glaube, ich befinde mich vor Lord Wentworth, dem Gouverneur von Calais?“ ſagte ſie. „Es iſt Lord Wentworth, Euer ergebener Diener, der Eure Befehle erwartet, Madame.“ „Meine Befehle!“ erwiederte ſie voll Bitterkeit, „oh! Mylord, ſprecht nicht ſo, denn ich könnte gläuben, Ihr ſpottet. Wenn man, nicht auf meine Befehle, ſondern auf mein Bitten, auf mein Flehen gehört hätte, ſo wäre ich nicht hier. Ihr wißt, wer und von wel⸗ chem Hauſe ich bin, Mylord?“ „Ich weiß, daß Ihr Frau Diana von Caſtro, die geliebte Tochter von Heinrich 11. ſeid.“ „Warum hat man mich alſo zur Gefangenen ge⸗ macht?“ verſetzte Diana, deren Stimme, ſtatt ſich 3 verſtärken, bei dieſer Frage ſchwächer wurde. „Gerade weil Ihr die Tochter des Königs n Madame, weil nach der mit dem Admiral Coligny it e⸗ r⸗ ⸗ te r⸗ E 1¹⁵ abgeſchloſſenen Capitulation man den Siegern fünfzig Gefangene nach ihrer Wahl, von jedem Rang, jedem Alter und jedem Geſchlecht, ausliefern mußte, und weil ſie natürlich die Vornehmſten, die Gefährlichſten und, erlaubt mir, es zu ſagen, diejenigen wählten, welche ihnen das größte Löſegeld bezahlen konnten.“ „Aber wie hat man erfahren, daß ich in Saint⸗ Quentin unter dem Namen und dem Kleide einer Be⸗ nedictiner-Nonne verborgen war? Außer der Supe⸗ riorin wußte nur eine einzige Perſon in der Stadt mein Geheimniß.“ „Nun! dieſe Perſon wird Euch verrathen haben,“ ſagte Lord Wentworth. „Oh! nein, gewiß nicht,“ rief Diana mit einer Lebhaftigkeit und einer Ueberzeugung, daß ſich Lord Wentworth von der Schlange der Eiferſucht im Her⸗ zen gebiſſen fühlte, und nichts zu erwiedern fand.„Es war am Tage nach der Einnahme von Saint⸗Quentin,“ fuhr Diana fort.„Ich hatte mich ganz zitternd und bewegt in meine Zelle geflüchtet. Man ließ in das Sprechzimmer die Schweſter Bénie rufen. mein Novizenamen, Mylord. Es war ein engliſcher Solvat, der ſo nach mir verlangte. Ich befürchtete ein Unglück, eine furchtbare Kunde, ſtieg aber nichtsdeſtoweniger hinab, erfaßt von jener gräßlichen Neugierde des Schmer⸗ zes, welcher wiſſen will, was er beweinen ſoll. Der Bogenſchütze, den ich nicht kannte, erklärt mir, ich ſei ſeine Gefangene. Ich entrüſte mich, ich widerſtehe, aber was vermochte ich gegen die Gewalt? Es waren drei Soldaten da, ja, Mylord, drei, um eine Frau zu ver⸗ haften! Ich bitte Euch um Verzeihung, wenn Euch das verletzt, doch ich ſage, wie es iſt. Dieſe Leute be⸗ mächtigen ſich alſo meiner und fordern mich auf, zu geſtehen, ich ſei Diana von Caſtro, die Tochter des Königs von Frankreich. Ich leugne Anfangs, da ſie mich aber trotz meines Leugnens fortſchleppen, ſo ver⸗ Die beiden Dianen. U.. 10 146 lange ich zu dem Herrn Admiral von Coligny geführt zu werden, und da der Herr Admiral die Schweſter Benie nicht kennt, ſo erkläre ich, ich ſei wirklich die⸗ jenige, welche ſie bezeichnen. Ihr glaubt vielleicht, Mylord, auf mein Geſtändniß geben ſie nach und ge⸗ währen mir die ganz einfache Bitte, vor den Herrn Admiral geführt zu werden, der mich erkannt und re⸗ clamirt hätte? Keines Wegs! ſie freuen ſich nur ihres Fanges, ſtoßen und ſchleppen mich nur raſcher fort, ſchieben oder werfen vielmehr mich, die Weinende, die Beſtürzte, in eine geſchloſſene Sänfte, und während ich von Schluchzen erſtickt und vom Schmerz vernichtet zu erkennen ſuche, wohin man mich bringk, bin ich ſchon außerhalb Saint-Quentin und auf der Straße nach Calais. Lord Grey, der, wie man mir ſagt, die Escorte befehligt, weigert ſich, mich zu hören, und ein Soldat eröffnet mir, daß ich Gefangene ſeines Herrn bin, und daß man mich bis zu Bezahlung meines Lö⸗ ſegelds nach Calais führt. So bin ich hier angekom⸗ men, ohne mehr zu erfahren, Mylord.“ „Und ich habe Euch nicht mehr zu ſagen, Mada⸗ me,“ erwiederte Lord Wentworth nachdenkend. „Nicht mehr, Mylord?“ rief Diana.„Ihr könnt mir nicht ſagen, warum man mich weder mit der Su⸗ periorin der Benedictinerinnen, noch mit dem Herrn Admiral hat ſprechen laſſen? Ihr könnt mir nicht ſa⸗ gen, was man von mir will, da man mir nicht ge⸗ ſtattet, mich denjenigen zu nähern, welche meine Ge⸗ fangenſchaft dem König gemeldet und den Betrag meines Löſegeldes von Paris geſchickt hätten! Warum dieſe geheime Entführung? Warum habe ich nicht einmal Lord Grey geſehen, der, wie man mir ſagt, dies Alles befohlen hat?“ „Ihr habt ihn geſehen, vörhin, als Ihr an uns vorüberginget. Es iſt der Herr, mit dem ich ſprach, und der Euch zu gleicher Zeit mit mir grüßte.“ „Entſchulvigt, Mylord, ich wußte nicht, in weſſen 147 Gegenwart ich mich befand. Doch da Ihr mit Lord Grey, Eurem Verwandten, wie dieſes Mädchen ſagt, geſprochen habt, ſo mußte er Euch mittheilen, was er gegen mich beabſichtigt.“ „In der That, Madame, ehe er ſich nach Eng⸗ land einſchiffte, und gerade in dem Augenblick, wo man Euch in dieſes Hotel führte, erklärte er mir ſeine Ab⸗ ſicht. Er theilte mir mit, in Saint⸗Quentin habe man Euch ihm als die Tochter des Königs bezeichnet, und da er zur Haft von drei Gefangenen berechtigt geweſen ſei, ſo habe er mit allem Eifer eine vortheilhafte Beute angenommen, jedoch ohne Jemand von ſeinem Fang in Kenntniß zu ſetzen, um dadurch jede Einſprache zu vermeiden. Sein Zweck war einfach der, aus Euch ſo viel als möglich Geld zu beziehen, und ich billigte la⸗ . chend das Verfahren meines habgierigen Schwagers, G als Ihr durch den Saal ginget, in welchem wir uns befanden. Ich habe Euch geſehen, Madame, und be⸗ griffen, daß Ihr, wenn eine Tochter des Königs durch die Geburt, eine Königin durch die Schönheit ſeid. Zu meiner Schande geſtehe ich es Euch, ſeitdem habe ich meine Anſicht Lord Grey gegenüber geändert, wenn nicht in Beziehung auf ſeine vergangene Hand⸗ lungsweiſe, doch wenigſtens hinſichtlich ſeines zukünfti⸗ gen Vorhabens. Ja, ich habe ſeinen Plan, ein Löſe⸗ geld von Euch zu erhalten, zu billigen aufgehört. Ich habe ihm vorgeſtellt, er könnte viel mehr hoffen; da „ Bngland und Frankreich ſich bekriegten, ſo würdet Ihr vielleicht zu einem wichtigen Austauſch dienen, und Ihr wäret wohl eine Stadt werth. Kurz, ich forderte ihn auf, eine ſo reiche Beute nicht um einen ſo geringen Preis aus den Händen Zu laſſen. Ihr wäret in Ca⸗ 3 lais, einer uns gehörenden Stadt, einer uneinnehmba⸗ und man müßte Euch hier behalten und warten.“ „Wie!“ rief Diana,„Ihr habt Lord Grey ſolche Rathſchläge gegeben, und geſteht dies vor mir zu! 148 Oh! Mylord, warum habt Ihr Euch ſo meiner Be⸗ freiung widerſetzt? Was habe ich Euch gethan? Ihr mich nur eine Minute geſehen! Ihr haſſet mich alſo?“ „Ich hatte Euch nur eine Minute geſehen, und ſet Euch, Madame,“ ſprach Lord Wentworth ver⸗ egen. Diana wich erbleichend zurück. „Jane! Mary!“ rief ſie den zwei Frauen zu, welche beiſeit in einer Fenſtervertiefung ſtanden. Doch Lord Wentworth machte ihnen ein gebiete⸗ riſches Zeichen, und ſie rührten ſich nicht. Dann ſprach er traurig lächelnd: „Jürchtet Euch nicht, Madame, ich bin ein Edel⸗ mann, Ihr ſeid es nicht, ich bin es, der bange haben und zittern muß. Ja, ich liebe Euch, und konnte mich nicht enthalten, es Euch zu ſagen. Ja, als ich Euch ſo reizend, ſo anmuthreich, ſo einer Göttin ähnlich ſah, ging mein ganzes Herz zu Euch. Ihr ſeid in meiner Gewalt, und man gehorcht mir auf ein Zeichen„. Doch gleichviel, befürchtet nichts, ich bin mehr in Eu⸗ rem Beſitze, als Ihr in dem meinigen, und von uns Beiden ſeid Ihr nicht der wahre Gefangene. Ihr ſeid die Königin, Madame, und ich bin der Sklave. Be⸗ fehlt und ich werde gehorchen.“ „Dann, mein Herr,“ ſprach Diana zitternd,„dann ſchickt mich nach Paris, von wo aus ich Euch jedes Löſegeld, das Ihr beſtimmen wollt, zuſenden werde.“ Lord Wentworth antwortete nach kurzem Zögern: „Alles außer dieſem, Madame! Doch ich fühle, daß dieſes Opfer über meine Kräfte geht. Ich ſage Euch, daß ein einziger Blick mein Leben für immer an das Eurige gekettet hat. Hier in dieſem Eril, wo ich verweilen muß, war mein Herz lange nicht mehr in einer meiner würdigen Liebe entbrannt! Seitdem ich Euch ſo edel, ſo ſchön, ſo ſtolz geſehen, habe ich ge⸗ fühlt, daß alle zuſammengedrängten Kräfte meiner —,—— „— Löſegeld nicht jeder Schuld überhoben 149 Seele nun ihren Aufſchwung und ihr Ziel gefunden. Ich liebe Euch ſeid zwei Stunden, doch wenn Ihr mich ken⸗ nen würdet, ſo wüßtet Ihr, daß es iſt, als ob ich Euch ſeit zehn Jahren liebte.“ „Aber mein Gott! was wollt Ihr denn, Mylord?“ entgegnete Diana.„Was hofft Ihr? Was erwartet Ihr? Was iſt Eure Abſicht?“ „Ich will Euch ſehen, Madame, ich will mich Euerer Gegenwart und Eures reizenden Anblicks er⸗ freuen, nichts Anderes. Ich wiederhole, ſetzt bei mir keine eines Edelmannes unwürdige Abſichten voraus⸗ Nur iſt es mein Recht, das ich ſegne, Euch bei mir zu behalten, und ich mache Gebrauch davon.“ „Und Ihr glaubt, Mylord, die Gewalt, die man mir anthut, werde mich zwingen, Eure Liebe zu er⸗ wiedern?“ 6 „Ich glaube das nicht,“ ſprach Lord Wentworth mit weichem Tone,„doch wenn Ihr mich vielleicht je⸗ den Tag ſo ergeben, ſo ehrfurchtsvoll kommen ſeht, nur um mich nach Euch zu erkundigen und Euch eine Mi⸗ nute anſchauen zu können, werdet Ihr vielleicht ge⸗ rührt ſein von der Unterwürfigkeit desjenigen, der Zwang anwenden könnte und fleht.“ „Und dann,“ ſagte Diana mit einem verächtlichen Lächeln,„dann wird die Tochter Frankreichs beſiegt die Geliebte von Lord Wentworth werden?“ „Dann,“ erwiederte der Gouverneur,„dann wird Lord Wentworth, der letzte Sprößling eines der erha⸗ benſten und reichſten Häuſer von England, Frau von Caſtro auf den Knieen ſeinen Namen und ſein Leben anbieten. Meine Liebe iſt, wie Ihr ſeht, eben ſo eh⸗ renhaft, als aufrichtig.“ „Sollte er ehrgeizig ſein?“ dachte Diana.„Hört, Mylord,“ ſprach ſie laut, indem ſie zu lächeln ſuchte, vich rathe Euch, laßt mich frei, gebt mich meinem Va⸗ ter zurück, und ich werde mich gegen Euch durch ein * 150 komme zwiſchen den beiden Staaten ein am Ende un⸗ vermeidlicher Friede, und ich werde, wenn ich mich Euch nicht ſelbſt geben kann, wenigſtens für Euch eben ſo viel oder mehr Ehren und Würden erlangen, als Ihr wünſchen könntet, wenn Ihr mein Gemahl wäret. Seid großmüthig, Mylord, und ich werde dankbar ſein.“ „Ich errathe Euren Gedanken, Madame,“ ver⸗ ſetzte Wentworth mit Bitterkeit.„Doch ich bin zu⸗ gleich uneigennütziger und ehrgeiziger, als Ihr glaubt. Von allen Schätzen des Weltalls wünſche ich nur En⸗ ren Beſitz⸗“ „Dann ein letztes Wort, Mylord, das Ihr viel⸗ leicht begreifen werdet,“ ſprach Diana zugleich verwirrt und ſtolz.„Mylord, ein Anderer liebt mich.“ „Und Ihr bildet Euch ein, ich werde Euch dieſem Nebenbuhler überliefern, indem ich Euch frei ziehen laſſe!“ rief Lord Wentworth außer ſich.„Nein! er ſoll wenigſtens eben ſo unglücklich ſein, als ich! noch un⸗ glücklicher, denn er wird Euch nicht ſehen, Madame. Von dieſem Tage an können Euch nur drei Ereigniſſe befreien: entweder mein Tod, doch ich bin jung und kräftig; oder ein Friede zwiſchen Frankreich und Eng⸗ land, doch die Kriege zwiſchen Frankreich und England dauern, wie Ihr wißt, hundert Jahre;z oder die Ein⸗ nahme von Calais, Calais aber iſt uneinnehmbar. Wenn nicht einer dieſer beinahe verzweifelten Fälle eintritt, werdet Ihr, glaube ich, lange meine Gefan⸗ gene ſein, denn ich habe Lord Grey alle ſeine Rechte auf Euch abgekauft, und ich will Euch nicht gegen Löſegeld herausgeben, und wäre dieſes Löſegeld ein Kaiſerreich! Was aber die Flucht betrifft, ſo werdet Ihr wohl thun, nicht daran zu denken; denn ich bin es, der Euch bewacht, und Ihr werdet ſehen, was für ein aufmerkſamer und ſicherer Kerkermeiſter ein Mann iſt, welcher liebt.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Lord Wentworth — 151 mit einer tiefen Verbeugung und ließ Diana ganz zit⸗ ternd und troſtlos zurück. Sie beruhigte ſich erſt ein wenig bei dem Gedan⸗ ken, der Tod wäre eine gewiſſe Zuflucht und bliebe in äußerſten Gefahren dem Unglücklichen immer offen. XVIII. VDas Haus des Waffenſchmieds. Das Haus von Pierre Peugoy bildete die Ecke der Rue du Martiroi und des Marktplatzes. Auf zwei Seiten ſtützte es ſich auf ſtarke hölzerne Pfeiler, wie man ſolche in Paris noch in den Hallen ſieht. Es hatte zwei Stockwerke. An ſeiner Fagade ſpielten das Holz, der Backſtein und der Schiefer ſeltſam in zugleich launenhaften und regelmäßigen Arabesken. Dabei bo⸗ ten die Fenſtergeſimſe und die dicken Balken bizarre Figuren von Thieren mit luſtigem Blätterwerk umge⸗ ben, Alles naiv und plump, doch nicht ohne Erfindung und Leben. Das breite und hohe Dach ſtand hinrei⸗ chend vor, um eine äußere Gallerie mit Geländerdo⸗ cken zu beſchützen, welche wie bei den Sennhütten der Schweiz um den erſten Stock lief. Ueber der Glasthüre des Ladens hing das Schild, eine Art von hölzerner Fahne, auf der ein ſchauderhaft ge⸗ malter Krieger den Gott Mars vorſtellen wollte, wo⸗ bei ihn ohne Zweifel die Inſchrift:„Dem Gotte. Mars. Pierre Peugoy, Waffenſchmied.“ zu unterſtützen hatte. Eine vollſtändige Rüſtung, Helm, Panzer, Arm⸗ ſchienen und Beinſchienen, diente unten an der Thüre 152 als ſprechendes Schild für diejenigen Edelleute, welche nicht leſen konnten. Ueberdies konnte man durch die in Blei einge⸗ laſſenen Glasſcheiben des Vordertheils vom Laden trotz der Dunkelheit der Magazine noch andere Rüſtungen, ſo wie Angriffs- und Vertheidigungswaffen aller Art erſchauen. Die Schwerter beſonders machten ſich durch Anzahl, Verſchiedenheit und Reichthum bemerkbar. Zwei unter den Pfeilern ſitzende Lehrburſche riefen die Vorübergehenden an und boten ihnen die Waaren unter den lockendſten Einladungen. Der Waffenſchmied Pierre Peuquoy ſelbſt verweilte maſeſtätiſch entweder in der Hinterbude, welche auf den Hof ging, oder in ſeiner im Hintergrunde deſſelben Hofes errichteten Schmiede. Er kam nur, wenn ein durch das Geſchrei der Lehrlinge oder vielmehr durch den Ruf von Peugoy angelockter Kunde von Bedeutung nach dem Meiſter verlangte. Beſſer beleuchtet als das Magazin, diente die Hin⸗ terbude zugleich als Wohnſtube und als Speiſezimmer. Sie war überall mit Eichenholz ausgetäfelt und mit einem viereckigen Tiſche mit gedrehten Füßen, mit ge⸗ polſterten Stühlen und einer herrlichen Lade meublirt⸗ worauf das Meiſterſtück von Pierre Peugoy, von ihm unter den Augen ſeines Vaters ausgeführt, als er zum Meiſter aufgenommen wurdej dies war eine reizende Ruſtung in Miniature, ganz mit Gold damaseirt und von der feinſten, zarteſten Arbeit. Man vermöchte ſich nicht zu denken, wie viel Kunſt und Geduld es gebraucht hatte, um die Vollendung eines ſolchen Kleinods zu er⸗ langen. Eine der Lade gegenüber im Täfelwerk angebrachte Niſche enthielt eine Gypsſtatue der Jungfrau, umgeben von geweihtem Buchs. Der fromme Geiſt waltete ſo beſtändig im Familienſaale. Ein anderes rückwärts liegendes Gelaß wurde bei⸗ nahe gänzlich von dem Gehäuſe einer ſteilen hölzernen 153 Treppe eingenommen, welche nach den oberen Stock⸗ werken führte. Entzückt, den Vicomte d'Ermos und Jean Peugoy bei ſich zu empfangen, wollte Pierre Peugoy den erſten Stock durchaus Gabriel und ſeinem Vetter einräumen. Hier waren alſo die Zimmer der Gäſte. Er ſelbſt be⸗ wohnte den zweiten Stock mit ſeiner jungen Schweſter Babette und ſeinen Kindern. Man hatte im zweiten Stock auch den verwundeten Stallmeiſter Arnauld du Thill einquartiert. Die Lehrlinge und Geſellen wohnten in den Dachkammern. In allen den bequemen und wohlgeſchloſſenen Zimmern bemerkte man, wenn nicht den Reichthum, doch wenigſtens den Wohlſtand und die gemächliche Einfachheit, wie ſie zu allen Zeiten dem Altbürgerthum eigenthümlich war. Bei Tiſche finden wir Gabriel und Jean Peugoy wieder, denen ihr achtbarer Wirth vollends die Hon⸗ neurs eines reichlichen Abendbrods machte. Babette bediente die Gäſte. Die Kinder ſtanden ehrfurchtsvoll in einiger Entfernung „Ei, mein Gott! wie wenig eßt Ihr, gnädiger Herr, wenn ich es ſagen darf,“ ſprach der Waffenſchmied, „Ihr ſeid ganz ſorgenvoll und Jean ſieht ganz nach⸗ denkend aus. Wenn die Bewirthung mittelmäßig iſt, ſo iſt doch das Herz, welches ſie bietet, gut. Nehmt doch wenigſtens von dieſen Trauben, ſie ſind ziemlich ſelten in unſerer Gegend. Ich weiß von meinem Groß⸗ vater, der es von dem ſeinigen gehört hatte, daß früher zur Zeit der Franzoſen der Weinſtock in Calais edel und die Traube golden war. Doch ſeitdem die Stadt engliſch iſt, täuſcht ſich die Traube und glaubt, ſie ſei in England, wo ſie nicht reif zu werden pflegt.“ Gabriel konnte ſich des Lächelns nicht enthalten bei den ſeltſamen Schlüſſen der Vaterlandsliebe des braven Pierre. „Wohl.“ ſagte er, ſein Glas erhebend,„ich trinke auf die Reife der Trauben in Calais!“ 154 Man kann ſich denken, ob die Peugoh einen ſolchen Toaſt herzlich erwiederten! Als das Abendbrod vorüber war, ſprach Pierre das Dankgebet, welches ſeine Gäſte ſtehend und mit entblößtem Haupte anhörten. Die Kin⸗ der wurden ſodann ins Bett geſchickt. „Du auch, Babette, Du kannſt Dich nun auch ent⸗ fernen,“ ſprach der Waffenſchmied zu ſeiner Schweſter. „Wache darüber, daß die Lehrburſchen da oben nicht zu viel Lärmen machen, und ehe Du in Dein Zimmer gehſt, begib Dich mit Gertrude in das des Stallmeiſters vom Herrn Vicomte, um nachzuſehen, ob der Kranke nicht noch etwas braucht.“ Die hübſche Babette erröthete, machte einen Bück⸗ ling und ging hinaus. „Nun ſind wir drei allein, mein lieber Vetter,“ ſagte Pierre zu Jean,„und wenn Ihr mir eine geheime Mittheilung zu machen habt, ſo bin ich bereit, ſie zu hören.“ Gabriel ſchaute Jean Peugoy erſtaunt an; dieſer aber erwiederte mit ſeiner ernſten Miene: „In der That, Pierre, ich ſagte Euch, ich hätte über wichtige Dinge mit Euch zu reden.“ „Ich will mich entfernen,“ ſprach Gabriel. „Verzeiht, Herr Vicomte,“ erwiederte Jean,„Eure Gegenwart bei dieſer Unterredung iſt nicht nur nützlich, ſondern nothwendig, denn ohne Eure Mitwirkung ver⸗ möchten die Pläne, welche ich Jean anzuvertrauen habe, nicht zum Ziele zu gelangen.“ „Ich höre Euch alſo, Freund,“ ſagte Gabriel wieder in ſeine traurige Träumerei verfinkend. „Ja, gnädiger Herr,“ ſprach der Bürger,„ja, hört uns, und indem Ihr uns hört, werdet Ihr das Haupt mit Hoffnung und, wer weiß? mit Freude erheben.“ Gabriel lächelte traurig bei dem Gedanken, daß, während er fern von der Freiheit ſeines Vaters, fern von der Liebe von Diana zurückgehalten wurde, die Freude für ihn wie ein abweſender Freund ſein ſollte. Nichts⸗ 155 deſtoweniger wandte ſich der muthige junge Mann gegen Jean und bedeutete ihm durch ein Zeichen, er konne anfangen. Dann ſprach Jean mit ernſtem Tone zu Pierre: „Vetter und mehr als Vetter, Bruder, es iſt an Euch, zuerſt zu ſprechen, um dem Herrn Vicomte d'Exmés zu zeigen, in welchem Grade man auf Eure Vaterlands⸗ liebe bauen kann. Sagt uns, Pierre, in welchen Ge⸗ fühlen gegen Frankreich Euer Vater Euch erzogen hat und ſelbſt von ſeinem Vater erzogen worden war. Sagt uns, ob Ihr, Engländer durch die Gewalt, je dem Herzen nach Engländer geweſen ſeid. Sagt uns, ob Ihr eintretenden Falles Euer Blut und Eure Unter⸗ ſtützung dem alten Vaterlande Eurer Ahnen, oder dem neuen, das man ihnen auferlegt hat, ſchuldig zu ſein glauben würdet.“ „Jean,“ antwortete der andere Bürger mit eben ſo viel Feierlichkeit, als ſein Vetter,„ich weiß nicht, wenn mein Name und mein Geſchlecht engliſch wären, was ich denken und fühlen würde; aber ich weiß aus Er⸗ fahrung, daß, wenn eine Familie, wäre es auch nur einen Augenblick, vor mehr als zweihundert Jahren fran⸗ zöſiſch geweſen iſt, jede andere fremde Herrſchaft den Mitgliedern dieſer Familie unerträglich bleibt, und ihnen hart vorkommt wie die Sklaverei und bitter wie die Verbannung. Derjenige von meinen Ahnen, Jean, welcher Calais in die Gewalt des Feindes fallen ſah, ſprach in Gegenwart ſeines Sohnes von Frankreich nie anders als mit Thränen und von England nie anders als mit Haß. Sein Sohn hat daſſelbe bei dem ſeinigen gethan und das doppelte Gefühl des Bedaurens und der Abneigung hat ſich von Geſchlecht auf Geſchlecht übertragen, ohne ſchwächer zu werden oder ſich zu ver⸗ ändern. Die Luft unſerer alten bürgerlichen Häuſer be⸗ wahrt es. Der Pierre Peugoy vor zwei Jahrhunderten lebt in dem Pierre Peugoy von heute wieder auf, und wie ich denſelben franzöſiſchen Namen habe, ſo habe ich 156 daſſelbe franzöſiſche Herz, Jean. Die Schmach iſt von geſtern und ſo auch der Schmerz. Sagt nicht, Jean, ich habe zwei Vaterländer, es gibt nur eines und kann nur eines geben, und ſollte ich zwiſchen dem Lande wählen, dem mich die Menſchen unterworfen, und dem Lande, das Gott mir gegeben hatte, glaubt mir, ich würde nicht zögern.“ „Hört Ihr, gnädiger Herr!“ rief Jean ſich an den Vicomte d'Exmes wendend. „Ja, Freund, ja ich höre, und das iſt gut, es iſt edel!“ antwortete d'Ermés ein wenig zerſtreut. „Doch ein Wort, Pierre,“ ſagte Jean Peugoy; „nicht wahr, leider denken unſere ehemaligen Landsleute hier nicht alle wie Ihr? Ihr ſeid ohne Zweifel nach Verlauf von zweihundert Jahren das einzige Kind Frankreichs, das nicht gegen das Mutterland undankbar geworden iſt?“ „Ihr täuſcht Euch, Jean,“ erwiederte der Waffen⸗ ſchmied.„Ich habe im Allgemeinen und nicht für mich allein geſprochen. Ich ſage nicht, daß alle diejenigen, welche einen franzöſiſchen Namen beſitzen, ihren Urſprung nicht vergeſſen haben; doch viele bürgerliche Familien lieben und beklagen ſtets Frankreich und aus dieſen Familien wählen die Peuqgoy gern ihre Frauen. Seht, in den Reihen der Bürgergarde von Calais, zu der ich wider Willen gehöre, würde mancher Bürger eher ſeine Helle⸗ barde zerbrechen, als ſie gegen einen franzöſiſchen Sol⸗ dalen kehren.“ „Es iſt gut, daß man das weiß!“ murmelte Jean Peugoy, ſich die Hände reibend.„Sagt mir, Vetter, Ihr müßt einen Grad bei dieſer Bürgergarde haben. So wie Ihr geliebt und geachtet ſeid, verſteht ſich das von ſelbſt!“ „Nein, ich habe jeden Grad ausgeſchlagen, um mich jeder Verantwortlichkeit zu überheben.“ „Deſto ſchlimmer und deſto beſſer! Iſt der Dienſt, —— 157 den man Euch auferlegt, ſehr anſtrengend? Erneuert er ſich oft?“ „Ja, die Frohne iſt ziemlich häufig und hart, weil an einem Platze wie Calais die Garniſon nie zureicht, und ich bin meinestheils den 5. von jedem Monat commandirt.“ „Regelmäßig den 5. von jedem Monat, Pierre? Dieſe Engländer ſind ſehr unklug, daß ſie auf eine ſo feſte Art den Dienſt von Jedem beſtimmen.“ „Ah!“ entgegnete der Waffenſchmied den Kopf ſchüttelnd,„nach einem Beſitz von zweihundert Jahren ifl keine Gefahr. Und da ſie nichtsdeſtoweniger der Bür⸗ gergarde ein wenig mißtrauen, ſo überlaſſen ſie ihr nur zwei völlig uneinnehmbare Poſten. Ich bin immer auf der Plattform des Thurmes Octogon genannt, der von der See beſſer vertheidigt wird, als von mir, und dem ſich vom Gewäſſer aus nur die Möven allein nähern können.“ „Ah! Ihr habt immer am 5. jedes Monats die Wache auf dem Thurme Octogon?“ „Ja, von vier bis ſechs Uhr Morgens. Das iſt die Stunde, die mich der Viertelsmeiſter wählen ließ, und die ich vorziehe, weil ich um dieſe Stunde drei Viertel des Jahres den Refler des Sonnenaufgangs auf dem Oeean ſehe, was auch für einen armen Gewerbs⸗ mann, wie ich bin, ein göttliches Schauſpiel iſt.“ „In der That ein ſo göttliches Schauſpiel, Pierre,“ ſagte Jean Peugoy, die Stimme dämpfend,„daß, wenn trotz der uneinnehmbaren Stellung ein kühner Abenteurer von dieſer Seite Euren Thurm Octogon zu erklettern verſuchen wollte, Ihr es, ich wette, nicht ſehen würdet, dergeſtalt wäret Ihr in Eure Betrachtung vertieft.“ Pierre ſchaute ſeinen Vetter erſtaunt an und er⸗ wiederte, nachdem er eine Minute gezögert: „Es iſt wahr, ich würde ihn nicht ſehen; denn ich wüßte, daß nur ein Franzoſe ein Intereſſe haben kann, in die Stadt zu dringen, und da ich als ein Gezwun⸗ 158 gener gegen diejenigen, welche mich zwingen, zu nichts verpflichtet bin, ſo würde ich eher, als daß ich den Gefangenen zurückſtieße, ihm vielleicht hereinhelfen. „Gut geſagt, Pierre!“ rief Jean Peuqoy.„Ihr ſeht, gnädiger Herr, daß Pierre ein treu ergebener Fran⸗ zoſe iſt,“ fuͤgte er ſich an Gabriel wendend bei. „Ich ſehe es, Meiſter,“ antwortete dieſer, ſtets un⸗ willkührlich unaufmerkſam bei einem Geſpräch, das ihm unnütz zu ſein ſchien.„Ich ſehe es, doch ach! wozu ſoll dieſe Ergebenheit nützen?“ „Wozu nützen? ich will es Euch ſagen,“ erwiederte Jean Peugoy,„denn ich denke, es iſt nun die Reihe an mir, zu ſprechen. Wenn Ihr wollt, HerrVicomte, können wir an Calais unſere Entſchädigung für Saint⸗Quentin nehmen. Ganz ſtolz auf einen zweihundertjährigen Beſitz, entſchlummern die Engländer in einer trügeriſchen Si⸗ cherheit; dieſe Sicherheit muß ihnen zum Verderben gereichen. Wir haben, wie der gnädige Herr ſieht, völlig bereite Hülfsgenoſſen am Platze. Wir wollen dieſen Plan reifen laſſen; Eure Vermittelung bei denjenigen, welche die Macht haben, unterſtütze uns, und meine Vernunft, mehr noch mein Inſtinkt ſagt mir, daß ein kühner Handſtreich uns wieder zu Herren der Stadt tech würde. Ihr hört mich, nicht wahr, gnädiger e 2 „Ja, ja, gewiß,“ antwortete Gabriel, der in der That nicht hörte, den aber dieſer unmittelbare Aufruf aus ſeiner Träumerei erweckte,„ja, Euer Vetter will zurückkehren, nicht wahr? in unſer ſchönes Frankreich, in eine franzöſiſche Stadt verſetzt werden, nach Amiens zum Beiſpiel? Nun! ich werde mit Lord Wentworth ſprechen und auch mit Herrn von Guiſe. Die Sache läßt ſich machen und meine Vermittelung, die Ihr in Anſpruch nehmt, ſoll Euch nicht fehlen. Fahrt fort, Freund. Ich bin ganz der Eure. Gewiß höre ich.“ Und er verſank wieder in ſeine mächtige Zer⸗ ſtreutheit. 159 2 Denn die Stimme, die er in dieſem Augenblick hörte, war in der That nicht die von Jean Peugoy, nein; es war in ſeinem Innern die von Heinrich 1I., wie er, nachdem ihm Coligny die Geſchichte von der Belagerung von Saint⸗Quentin erzählt, den Befehl gab, auf der Stelle den Grafen von Montgommery freizulaſſen. Dann war es die Stimme ſeines Vaters, der ihm noch düſter und eiferſüchtig bezeugte, Diana ſei die Tochter ſeines gekrönten Nebenbuhlers. Endlich war es die Stimme von Diana ſelbſt, welche nach ſo vielen Prüfungen ihm ſagen und von der er das er⸗ habene, göttliche Wort hören durfte:„Ich liebe Dich.“ Man begreift, daß er bei dieſem ſüßen Traume nur die Hälfte der gewagten und ſiegreichen Pline von Jean Peuqoy hören konnte. Doch der ernſte Bürger mußte ſich verletzt fühlen durch die geringe Aufmerkſamkeit, welche Gabriel einem Plane ſchenkte, der gewiß groß und muthig war, und er ſprach daher mit Bitterkeit: „Wenn der gnädige Herr meiner Rede ein etwas minder zerſtreutes Ohr zu leihen die Güte gehabt hätte, ſo würde er geſehen haben, daß die Gedanken von mir und Peugoy weniger perſönlich und weniger mittelmäßig ſind, als er vorausſetzt...“ Gabriel antwortete nicht. „Er hört Euch nicht, Jean,“ ſagte Pierre auf ſeinen abermals in Gedanken verſunkenen Gaſt deutend, ver hat vielleicht auch ſeinen Plan, ſeine Leidenſchaft... „Die ſeinige iſt nicht uneigennütziger, als die unſtige,“ verſeßte Jean ärgerlich.„Ich würde ſogar ſagen, ſie ſei ſelbſſüchtig, wenn ich dieſen edlen Herrn nicht der Gefahr mit einer Art von Wuth trotzen und ſogar ſein Leben hätte ausſetzen ſehen, um das meinige zu retten. Gleichviel! er hätte mich anhören müſſen, da ich für das Wohl und den Ruhm des Vaterlandes ſprach. Doch ohne ihn wären wir, trotz unſeres Eifers, 160 nur unnütze Werkzeuge, Pierre. Wir haben nur das Gefühl! der Geiſt fehlt uns und die Macht.“ „Gleichwohl war das Gefühl gut, denn ich habe Dich verſtanden und begriffen, Bruder!“ ſprach der Waffenſchmied. Und die zwei Vetter drückten ſich feierlich die Hand. „Mittlerweile müſſen wir auf unſere Chimäre ver. zichten oder ſie wenigſtens vertagen,“ ſagte Jean Peu⸗ goy;„denn was vermag der Arm ohne den Kopf? was vermag das Volk ohne den Adel?“ Dieſer Bürger der alten Zeit fügte mit einem ſelt⸗ ſamen Lächeln bei:- „Bis zum Tage, wo das Volk zugleich der Arm und der Kopf ſein wird.“ XIX. Worin zahlreiche Ereigniſſe mit viel Runſt zuſammengefaßt ſind. S. Drei Wochen waren vergangen, man hatte die letzten Tage des Septembers erreicht und keine be⸗ merfenswerthe Veränderung hatte ſich in der Lage der verſchiedenen Perſonen dieſer Geſchichte ergeben. Jean Peugoy bezahlte natürlich Lord Wentworth vas ſchwache Löſegeld, zu dem er ſich taxiren zu laſſen gewußt hatte. Es wurde ihm überdies Erlaubniß er⸗ theilt, ſich in Calais anſäßig zu machen. Wir müſſen indeſſen ſagen, daß er ſich keines Wegs beeilte, eine neue Werkſtätte einzurichten und ſeine Arbeit zu beginnen. Er ſchien ſehr neugieriger und ſehr ſorgloſer Natur zu ſein, der ehrliche Bürger! und man ſah ihn vom Morgen 16¹ bis zum Abend auf den Wällen herumlungern und mit † den Soldaten der Garniſon plaudern, ohne daß er ſich um die Weberei bekümmerte, gerade als wäre er Abt oder Mönch. Indeſſen hatte er ſeinen Vetter Pierre Peugoy nicht zu ſeinem Müßiggang verlocken können oder wol⸗ len, und nie hatte der geſchickte Schmied mehr und ſchönere Waffen geliefert. Gabriel wurde von Tag zu Tag trauriger. Es gelangten zu ihm von Paris aus nur allgemeine Nach⸗ richten. Frankreich fing an zu athmen. Die Spanier und die Engländer hatten mit der Einnahme von Ne⸗ ſtern eine unwiederbringliche Zeit verloren; das Land war im Stande geweſen, wieder zu ſich zu kommen, und Paris und der König waren gerettet. Dieſe Nach⸗ richten, zu deren beſſerem Inhalt die heldenmüthige Vertheidigung von Saint⸗Quentin nicht wenig beige⸗ tragen hatte, erfreuten Gabriel allerdings; aber von Heinrich Il., von Coligny, von ſeinem Vater, von Diana kein Wort! Das verfinſterte ſeine Stirne und hinderte ihn, wie er es vielleicht bei jeder andern Ver⸗ anlaſſung gethan hätte, ſich dem freundſchaftlichen Ent⸗ gegenkommen von Lord Wentworth hinzugeben. Der umgängliche und mittheilſame Gouverneur ſchien wirklich eine Freundſchaft für ſeinen Gefangenen e zu faſſen. Die Langweile und ſeit einigen Tagen ein e⸗ wenig Traurigkeit trugen ohne Zweifel zu dieſer Sym⸗ er pathie bei. In dem verdrießlichen Calais war die Ge⸗ ſellſchaft eines Jungen und geiſtreichen Edelmanns vom 5 franzöfiſchen Hofe eine koſtbare Zerſtreuung. Lord Went⸗ en worth ließ auch nie zwei Tage vergehen, ohne daß er er⸗ dem Vicomte d'Ermès Beſuch machte, und er wollte ihn ſen wenigſtens dreimal in der Woche bei Tiſche ſehen. Eine ue im Ganzen läſtige Zuneigung, denn der Gouverneur en. ſchwur lachend, er würde ſeinen Gefangenen nur bei in der äußerſten Nothwendigkeit freigeben, er würde ſich ennie darein fügen, ihn auf Ehrenwort zu entlaſſen, und Die beiden Dianen. I. 11 w „ 162 nur wenn ihm der letzte Thaler des Löſegelds von Gabriel gebührender Maßen bezahlt wäre, würde er ſich der harten Unvermeidlichkeit, ſich von einem ſo theuren Freunde zu trennen, unterziehen. Da dies im Grunde ſehr wohl nur eine elegante, vornehme Art des Mißtrauens ſein konnte, ſo wollte Gabriel nicht auf eine Aenderung dringen und er litt, in ſeinem Zartgefühl, ohne ſich zu beklagen, in Er⸗ wartung der Wiedergeneſung ſeines Stallmeiſters, der, wie man ſich erinnern wird, das für die Freilaſſung des Vicomte d'Ermés feſtgeſtellte Löſegeld in Paris holen ſollte. Doch Martin⸗Guerre oder vielmehr ſein Erſatzmann Arnauld du Thill erholte ſich nur ſehr langſam. Der Chirurg, welchen man mit Heilung der Wunde beauf⸗ tragt, die der Burſche in einem Streit erhalten hatte, entfernte ſich jedoch nach einigen Tagen mit der Er⸗ klärung, ſeine Aufgabe ſei vollbracht und ſein Kranker völlig wiederhergeſtellt. Ein paar Tage Ruhe und die Pflege der hübſchen Babette, der Schweſter von Pierre Peugoy, würden genügen, die Heilung zu vollenden, wenn ſie überhaupt noch einer Vollendung bedürfte. Auf dieſe Verſicherung kündigte Gabriel ſeinem Stallmeiſter an, er habe am zweiten Tag ohne Ver⸗ zug nach Paris abzureiſen. Doch am zweiten Tage be⸗ klagte ſich Arnauld du Thill über Nebel vor den Augen und über Schwindel, was ihn ſicherlich gefährlichen Stürzen ausſetzte, wenn er nur einige Schritte ohne die gewohnte Unterſtützung von Babette machen würde. Ein neuer Aufſchub von zwei Tagen erbeten und be⸗ willigt. Aber nach Verlauf dieſer Zeit lähmte eine Art allgemeiner Müdigkeit dem unglücklichen Arnauld Arme und Beine; er mußte dieſe, ſicherlich durch ſein Leiden veranlaßte, Müdigkeit durch Bäder und eine ſehr ſtrenge Diät bekämpfen. Dieſe Lebensordnung hatte ſodann eine ſo große Schwäche zur Folge, daß eine weitere Friſt unerläßlich ſchien, um dem trenen 44 ℳ Rh . e— 163 Stallmeiſter Zeit zu laſſen, ſeine Kräfte durch ſtärkende Mittel und ein wenig edlen Wein wiederherzuſtellen. Babette, ſeine Krankenwärterin, ſchwur wenigſtens Gabriel weinend, wenn er von Martin⸗Guerre eine unmittelbare Abreiſe forderte, ſo würde er ihn der unter Weges vor Entkräftung zu ſterben, aus⸗ etzen. Dieſe ſeltſame Wiedergeneſung verlängerte ſich weit über die Krankheit und es vergingen trotz der Sorge, ein Boshafter würde ſagen, durch die Sorge von Babette zwei Wochen Tag für Tag gewonnen, was beinahe einen Monat ſeit der Ankunft von Gabriel in Calais ausmachte. Doch dies konnte nicht mehr länger währen. Gabriel wurde am Ende ungeduldig, und Arnauld du Thill ſelbſt, der am Anfang mit dem beſten Willen der Welt Ausflüchte ſuchte und fand, erklärte nun der in Thrä⸗ nen zerfließenden Babette mit einer anmaßenden und ſiegreichen Miene, er könnte es nicht wagen, ſeinen Herrn unzufrieden zu machen, und es wäre am Ende das Beſte, ſo ſchnell als möglich abzureiſen, um ſo bald als möglich wieder zurückzukommen. Die rothen Augen und die niedergeſchlagene Miene der armen Ba⸗ bette bewieſen, daß dieſer Grund ihr nicht einleuchtete. Am Vorabend des Tages, an welchem Arnauld du Thill nach ſeiner förmlichen Erklärung ſich auf den Weg nach Paris begeben ſollte, ſpeiſte Gabriel bei Lord Wentworth. Der Gouverneur ſchien noch mehr Schwermuth als gewöhnlich abſchutteln zu müſſen, denn er ſteigerte ſeine gezwungene Heiterkeit bis zur Tollheit. Als er Gabriel verließ, nachdem er ihn bis zu dem zu dieſer Stunde nur durch eine Lampe beleuchte⸗ ten Vorplatze begleitet hatte, ſah der junge Mann in dem Augenblick, wo er ſich in ſeinen Mantel hüllte, um wegzugehen, eine von den Thüren, welche auf die⸗ ſen Vorplatz führten, ſich öffnen. Eine weibliche Per⸗ 164 ſon, in der Gabriel eine von den Kammerfrauen des Hauſes erkannte, ſchlüpfte, einen Finger der linken Hand auf den Lippen, zu ihm, reichte ihm mit der rechten Hand ein zuſammengefaltetes Papier und flüſterte: „Für den franzöſiſchen Edelmann, welchen Lord Wentworth oft empfängt.“ Und ehe Gabriel in ſeinem Erſtaunen Zeit gefunden, ſie zu befragen, hatte ſie ſchon die Flucht ergriffen. Hiedurch ſehr gereizt, ſeiner Natur nach ein we⸗ nig neugierig und ziemlich unvorſichtig, dachte der junge Mann, er hätte eine Viertelſtunde Weges in der Dunkelheit zu machen, ehe er das Billet nach Bequem⸗ lichkeit in ſeinem Zimmer leſen könnte, und das hieße ſehr lang auf den Schlüſſel zu einem Räthſel warten, das piquant zu ſein ſchien. Ohne viel Umſtände zu machen und um ſogleich zu erfahren, woran er ſich zu halten hätte, ſchaute er umher, und als er ſah, daß er allein war, näherte er ſich der rauchigen Lampe, entfaltete das Billet und las, nicht ohne eine gewiſſe Gemüthsbewegung: „Mein Herr, ich kenne Euch nicht, ich habe Euch nie geſehen, doch eine von den Frauen, die mich be⸗ dienen, ſagt mir, Ihr ſeid Franzoſe wie ich und ge⸗ fangen wie ich. Das verleiht mir den Muth, Euch in meiner Noth anzurufen. Ihr ſeid ohne Zweifel gegen Löſegeld angenommen. Ihr werdet wahrſcheinlich bald nach Paris zurückkehren. Ihr werdet dort die Meini⸗ gen ſehen, welche nicht wiſſen, was aus mir geworden iſt. Ihr könnet ihnen ſagen, wo ich bin, Lord Went⸗ worth halte mich zurück, ohne mir eine Mittheilung gegen irgend eine lebende Seele zu geſtatten, ohne einen Preis für meine Freiheit annehmen zu wollen; er mißbrauche das grauſame Recht, das ihm meine Lage gebe, und ſpreche mir jeden Tag von einer Liebe, die ich mit Abſcheu zurückweiſe, welche aber gerade dieſe Verachtung und die Gewißheit, ungeſtraft zu — . —— S 8 8 6 S — —— 165 bleiben, bis zum Verbrechen aufſtacheln können. Ein Edelmann und beſonders ein Landsmann iſt mir gewiß in dieſer troſtloſen Lage ſeinen Beiſtand ſchuldig; doch ic will Euch auch ſagen, wer ich bin, damit dieſe ich Der Brief war hier abgebrochen und nicht unter⸗ zeichnet. Ein unerwartetes Hinderniß, ein plötzlicher Zufall hatte ohne Zweifel die Unterbrechung veranlaßt, und dennoch hatte man ihn ſelbſt unvollendet abſchicken wollen, um nicht eine koſtbare Gelegenheit vorübergehen zu laſſen, und weil er auch unvollſtändig immer noch Alles ſagte, was er ſagen wollte, außer dem Namen der Frau, der man auf eine ſo unwürdige Weiſe Zwang anthat. Dieſen Namen wußte Gabriel nicht, die zitternde, haſtige Handſchrift vermochte er nicht zu erkennen, und dennoch war eine ſeltſame Unruhe, ein unerhörtes Vor⸗ gefühl in ſein Herz gedrungen. Und ganz bleich von innerer Aufregung näherte er ſich der Lampe, um das Billet noch einmal genauer zu leſen, als ſich eine andere Thüre öffnete und Lord Wentworth Durchgang gewährte, der, einen kleinen Pagen voran, über den Vorplatz ſchritt, um ſich in ſein Zimmer zu begeben. Als er Gabriel erblickte, den er fünf Minuten zu⸗ vor herausbegleitet hatte, blieb der Gouverneur er⸗ ſtaunt ſtehen. „Was habt Ihr, mein Freund?“ fragte er mit der Theilnahme, die er gewöhnlich gegen ihn offenbarte. „Was hat Euch zurückgehalten? Ich hoffe, es iſt we⸗ nigſtens kein Unfall, keine Unpäßlichkeit?“ Der redliche junge Mann reichte, ohne ihm zu antworten, Lord Wentworth das Billet, das er em⸗ pfangen hatte. Der Engländer warf einen Blick dar⸗ auf und wurde bleicher als Gabriel, doch er wußte ſeine Kaltblütigkeit zu behaupten, und während er ſich ſtellte, als läſe er, bildete er geſchickt ſeine Antwort. „Die alte Tolle!“ ſagte er, indem er das Billei zerknitterte, und mit einer gut geſpielten Verachtung auf den Boden warf. Kein Wort konnte ſchneller und beſſer Gabriel entzaubern, der ſo eben noch in die aufregendſten Träu⸗ me verſunken geweſen, und in Beziehung auf die Un⸗ bekannte nun ſchon ſehr abgekühlt war. Doch er er⸗ gab ſich nicht ſogleich und ſprach mit einem gewiſſen Mißtrauen: „Ihr ſagt mir nicht, wer die Gefangene iſt, die Ihr hier wider ihren Willen zurückhaltet, Mylord?“ „Wider ihren Willen, ich glaube wohl!“ verſetzte Lord Wentworth mit ungezwungenem Tone.„Es iſt eine Verwandtin meiner Frau, ein verrücktes Gehirn, wie man nur eines in der Welt finden kann; die Fa⸗ milie wollte ſie aus England entfernen, und man hat ſie zu meinem großen Mißvergnügen meiner Obhut in dieſer Stadt übergeben, wo die Bewachung für die Wahnſinnigen eben ſo wohl als für die Gefangenen leichter iſt. Da Ihr in dieſes Familiengeheimniß ein⸗ gedrungen ſeid, ſo will ich Euch lieber ſogleich ſagen, wie ſich die Sache verhält. Die Manie von Lady Howe, welche zu viel Ritterromane geleſen hat, beſteht darin, daß ſie ſich, trotz ihrer fünfzig Jahre und ihrer grauen Haare, für eine unterdrückte und verfolgte Hel⸗ din hält, und nmittelſt mehr oder minder gut erfunde⸗ nen Fabeln jeden jungen und galanten Edelmann, der in ihrem Bereiche vorübergeht, für ihre Sache intereſſiren will. Gott verdamme mich! Gabriel, es ſcheint, die Mährchen meiner alten Tante rührten Euch. Geſteht nur, mein armer Freund, das Sendſchreiben beunruhigte Euch ein wenig?“ „Ihr müßt ſelbſt zugeben, die Geſchichte iſt ſelt⸗ ſam, Mylord,“ erwiederte Gabriel ziemlich kalt,„Ihr habt, ſo viel ich weiß, nie von dieſer Verwandtin ge⸗ ſprochen?“ „In der That, nein, man iſt in der Regel nicht — d. 167 bemüht, Fremde in ſeine inneren Angelegenheiten ein⸗ zuweihen.“ „Aber warum nennt ſich Eure Verwandtin eine Frauzöſin?“ „Ei! wahrſcheinlich, um Eure Theilnahme zu er⸗ regen,“ erwiederte Lord Wentworth mit einem Lächeln, das gezwungen zu werden anfing. „Aber die Liebe, von der ſie erfuüllt zu ſein be⸗ hauptet, Mylord?“ „Illuſtonen einer Alten, welche Erinnerungen mit Hoffnungen verwechſelt,“ antwortete Lord Wentworth nicht ohne eine gewiſſe Ungeduld kundzugeben. „Und um die Lächerlichkeit'zu vermeiden, nicht wahr, WMoylord, haltet Ihr ſie vor Aller Blicken verborgen?“ „Ah! das ſind viele Fragen!“ ſagte Lord Went⸗ worth, die Stirne faltend, jedoch ohne loszubrechen. „Ich wußte nicht, daß Ihr in dieſem Grade fragſam ſeid: Doch es iſt ein Viertel nach neun Uhr, und ich rathe Euch, nach Hauſe zu gehen, ehe die Ruheglocke geläutet wird; denn Eure Freiheiten eines Gefangenen auf Ehrenwort dürfen ſich nicht ſo weit ſteigern, daß dadurch die Sicherheitsvorſchriften von Calais verletzt werden. Wenn Euch Lady Howe ſo ſehr intereſſirt, ſo können wir morgen das Geſpräch über dieſen Ge⸗ genſtand wieder aufnehmen. Einſtweilen bitte ich um Stillſchweigen über dieſe zarten Familienſachen und wünſche Euch einen guten Abend, Herr Vicomte.“ Hiernach grüßte der Gouverneur Gabriel und ging weg. Er wollte bis zum Ende ſeiner Herr bleiben, und befürchtete, ſich zu ſehr beleben, wenn das Geſpräch fortdauern würde. Nachdem er eine Minute gezögert und nachgedacht hatte, verließ Gabriel das Hotel des Gouverneurs, um in das Haus des Waffenſchmieds zurückzukehren. Doch Lord Wentworth hatte nicht hinreichend bis zum Ende an jich gehalten, um jeden Verdacht im Herzen von iel zu beſeitigen, und die Zweifel des jungen 168 Mannes, welche ein geheimer Inſtinkt anfachte, erfaßten ihn abermals auf dem Wege. Er beſchloß fortan hierüber vollkommenes Still⸗ ſchweigen gegen Lord Wentworth zu behaupten, der ihm ſicherlich nichts mittheilen würde; dabei aber zu beobachten, zu fragen und ſich zu verſichern, ob die un⸗ bekannte Dame nicht wirklich eine Landsmännin und die Gefangene des Engländers wäre. X „Aber, mein Gott!“ ſagte Gabriel zu ſich ſelbſt, „wenn mir dies auf eine unverwerfliche Weiſe bewieſen würde, was könnte ich machen? Binich nicht ſelbſt ein Ge⸗ fangener hier? Sind mir nicht die Hände gebunden? Kann nicht Lord Wentworth dieſen Degen von mir zurückverlan⸗ gen, den ich nur durch ſeine Gefälligkeit trage? Das muß endigen, ich muß im Falle der Noth aus dieſer zweideutigen Stellung heraustreten können. Martin⸗Guerre muß ent⸗ ſchieden und ohne Verzug abreiſen. Ich will ihm ſelbſt heute Abend den Befehl geben.“ Gabriel, dem ein Lehrling von Pierre Peugoy öffnete, ſtieg in der That, ſtatt wie gewöhnlich in ſeiner Wohnung im erſten Stockzubleiben, in denzweiten Stock hinauf. Das ganze Haus ſchlief zu dieſer Stunde, und Martin⸗Guerre ſchlief ohne Zweifel wie die Andern. Doch Gabriel wollte ihn wecken, um ihm ſeinen aus⸗ drücklichen Willen einzuſchärfen. Er ging indeſſen, ohne Geräuſch zu machen, bis zu dem Zimmer ſeines Stallmeiſters, um Niemand im Schlaf zu ſtören. Der Schlüſſel ſtak in der erſten Thüre, und Ga⸗ briel öffnete ſachte. Doch die zweite Thüre war ge⸗ ſchloſſen, und Gabriel konnte nur durch den Verſchlag Gelächter und den Lärmen von Gläſern hören, die man zuſammenſtieß. Er klopfte haſtig an und nannte ſich mit gebieteriſchem Tone. Sogleich trat ein Stillſchwei⸗ gen ein, und da Gabriel nur um ſo lauter rief, ſo zog Arnauld du Thill raſch ſeinem Herrn die Riegel. Aber er beeilte ſich zu ſehr und ließ einem Weiberrock, der „ — —— — — c—— 8„ ——— 8 169 durch eine Seitenthüre entfloh, nicht Zeit, völlig vor dem Eintritt von Gabriel zu verſchwinden. Dieſer glaubte, es wäre ein Liebſchäftchen mit ei⸗ ner Magd des Hauſes, und da der junge Mann im Ganzen von keiner übertriebenen Pruderie war, ſo konnte er ſich eines Lächelns nicht erwehren, während er ſeinem Stallmeiſter einen Verweis gab. „Ah! ah!“ ſagte er,„mir ſcheint, Martin, Du befindeſt Dich beſſer, als Du vorgibſt? ein beſtellter Tiſch, drei Flaſchen, zwei Gedecke! Ich glaube, der andere Gaſt iſt durch mich in die Flucht gejagt worden. Gleichviel, ich habe hinreichend ſchlagende Beweiſe von Deiner Geneſung geſehen und bin überzeugt, daß ich Dir ohne alles Bedenken die Abreiſe auf morgen be⸗ fehlen kann.“ „Das war, wie Ihr wißt, meine Abſicht, gnädiger Herr,“ erwiederte Arnauld du Thill, ziemlich verlegen, „ich nahm auch ſo eben Abſchied.4 „Von einem Freunde? das gute Herz! doch man darf über der Freundſchaft die Pflicht nicht vergeſſen, und ich verlange, daß Du morgen, ehe ich aufgeſtanden, auf der Straße nach Paris biſt. Du haſt den Paß vom Gouverneur, Dein Reiſeräth iſt ſeit einigen Tagen bereit, Dein Pferd ausgeruht wie Du, Deine Bügel⸗ taſche voll durch das Vertrauen unſeres vortrefflichen Wirthes, der nur Eines bedauert, der würdige Mann! daß er mir nicht mein ganzes Löſegeld vorſtrecken darf. Nichts fehlt Dir, Martin, und wenn Du morgen früh⸗ zeitig aufbrichſt, kannſt Du in drei Tagen in Paris ſein. Du erinnerſt Dich, was Du dort zu thun haſt?“ „Ja, gnädiger Herr, ich gehe auf der Stelle in das Hotel der Rue des Jardins Saint⸗Paul; ich be⸗ ruhige Eure Amme über Eure Perſon; ich ver⸗ lange von ihr zehntauſend Thaler für Euer Löſegeld, ferner drei tauſend weitere für Eure Ausgaben und Schulden hier, und als Unterpfand zeige ich ihr dieſe Zeile von Euch und Euren Ring.“ 170 „Unnöthige Vorſicht, Martin, denn meine gute Amme kennt Dich wohl, mein treuer Diener, doch ich habe Deinen Bedenklichkeiten nachgegeben. Mache nur, daß das Geld ein wenig ſchnell zuſammengebracht wird, hörſt Du?“ „Seid unbeſorgt, gnädiger Herr. Sobald das Geld beiſammen und Euer Brief an den Admiral über⸗ geben iſt, komme ich noch ſchneller hierher zurück, als ich abgereiſt bin.“ „Und keine ſchlimme Händel unter Weges!“ „Es iſt keine Gefahr, gnädiger Herr.“ „Alſo, lebe wohl, Martin, und viel Glück.“ „Morgen bei Sonnenaufgang bin ich fern von Calais, und in zehn Tagen ſeht Ihr mich wieder.“ Arnauld du Thill hielt diesmal ſein Verſprechen. Er erlaubte nur am andern Morgen Babette, ihn bis zum Thor der Stadt zu begleiten. Hier umarmte er ſie zum letzten Male, ſchwur ihr ebenfalls, ſie würde ihn bald wiederſehen, gab dann ſeinem Pferde beide Sporen„ im Ganzen mit ſehr munterem Herzen, der Schelm. und verſchwand bald an der Ecke des Weges. Die Arme beeilte ſich, zurückzukehren, ehe ihr furchtbarer Bruder Pierre Peugoy aufgeſtanden, aber ſie war genöthigt, ſich für krank auszugeben, um nach ihrem Belieben allein in ihrer Kammer weinen zu können. Es wäre nunmehr ſchwer, zu ſagen, ob ſie oder Gabriel mit mehr Ungeduld auf die Rückkehr des Stall⸗ meiſters wartete. Sie mußten Beide lange Zeit warten. Weeeeüee—ee te r d, 8 r⸗ [8 is er de de n, es hr er zu er 171 XX. Wie Arnauld du Thill Arnauld du Phill in Voyon hängen ließ. Arnauld du Thill begegnete am erſten Tag nichts Schlimmes und er verfolgte ſeinen Weg, ohne auf viele Hinderniſſe zu ſtoßen. Wohl fand er von Zeit zu Zeit feindliche Truppen, deutſche Ausreißer, entlaſ⸗ ſene Engländer, Spanier, ſo anmaßend wie ihr Sieg; denn in dem armen verwüſteten Frankreich gab es da⸗ mals mehr Fremde als Franzoſen. Doch allen dieſen Leuten, die ihn auf der Landſtraße befragten, zeigte Arnauld ſtolz ſeinen Paß, und alle reſpectirten, nicht ohne Bedauern und Murren, den Beſitzer der Unter⸗ ſchrift des Gouverneur von Calais. Nichtsdeſtoweniger ſuchte am zweiten Tage, in der Gegend von Saint⸗Quentin, ein Detachement von Spaniern ihm eine Chicane entgegenzuſtellen, indem ſie behaupteten, ſein Pferd ſei im Paß nicht mit inbe⸗ griffen, und es wäre vielleicht gut, daſſelbe zu confis⸗ ciren. Doch der falſche Martin⸗Guerre entwickelte große Feſtigkeit, verlangte vor den Chef geführt zu werden, man entließ den ſchwierigen Geſellen mit ſeinem oß. Dieſes Abenteuer diente ihm indeſſen zur Lehre, und er beſchloß, fortan die Truppen, denen er begegnen würde, ſo viel als möglich zu vermeiden. Das war nicht ſo leicht ausführbar: ohne ſeit der Einnahme von Saint⸗Quentin einen entſcheidenden Vortheil davon zu tragen, hatte der Feind doch das ganze Land beſetzt Le Catelet, Ham, Noyon, Chauny gehörten ihm, und als Arnauld am Abend dieſes zweiten Tags vor Noyon kam, mußte er ſich, um jeder Verlegenheit zuvorzukommen, entſchließen, die Stadt zu umgehen und erſt im fol⸗ genden Dorfe Nachtlager zu nehmen. Zu dieſem Behufe mußte er aber die Landſtraße verlaſſen. Arnauld kannte die Gegend ſchlecht, er ver⸗ irrte ſich und gerieth, während er den Weg ſuchte, bei der Biegung eines Fußpfads, mitten in eine Truppe feindlicher Reiter, welche auch zu ſuchen ſchienen. Wie groß aber war das Erſtaunen von Arnauld, als er einen derſelben, ſobald er ihn erblickte, rufen hörte: „Holla! he! ſollte das nicht zufällig der elende Arnauld du Thill ſein?“ „Wäre Arnauld du Thill zu Pferde?“ ſagte ein anderer Reiter. „Großer Gott!“ ſprach erbleichend Arnauld zu ſich ſelbſt,„es ſcheint, man kennt mich hier, und wenn man mich kennt, bin ich verloren.“ Doch es war zu ſpät, um zurückzuweichen und zu fliehen. Zum Glück war es ſchon finſtere Nacht ge⸗ worden. „Wer ſeid Ihr, und wohin wollt Ihr?“ fragte ihn einer derſelben. „Ich heiße Martin⸗Guerre,“ antwortete Arnauld zitternd,„ich bin der Stallmeiſter des Vicomte d'Exmes, der gegenwärtig Gefangener in Calais iſt, und ich will in Paris ſein Löſegeld holen. Hier iſt der Paß von Mylord Wentworth, dem Gouverneur von Calais.“ Der Anführer der Truppe rief einen von ſeinen Leuten, der eine Fackel trug, und ſchickte ſich an, den Paß von Arnauld mit allem Ernſt zu unterſuchen. „Das Siegel iſt authentiſch und der Paß ächt,“ ſagte er.„Ihr habt die Wahrheit geſprochen, Freund, und Ihr könnt Eures Weges ziehen.“ „Ich danke!“ verſetzte Arnauld athmend. „Doch noch ein Wort, Freund. Solltet Ihr nicht auf Eurem Wege einem Menſchen, der zu fliehen ſchien, — 173 einem Schurken, einem Galgenvogel, der auf den Na⸗ men Arnauld du Thill antwortet, begegnet ſein?“ „Ich kenne Arnauld du Thill gar nicht,“ rief Ar⸗ nauld du Thill haſtig. „Ihr kennt ihn nicht, Freund, doch Ihr hättet ihm auf dieſen Pfaden begegnen können. Er iſt von Eurem Wuchſe und hat auch, ſo viel man bei dieſem dunklen Abend beurtheilen kann, Eure Tournure. Nur muß er nicht ſo gut gekleidet ſein wie Ihr. Er trägt einen braunen Mantel, einen runden Hut und graue Beinkleider, und muß ſich in der Gegend, von der Ihr herkommt, verbergen, der Schuft! Oh! daß er uns in die Hände fiele, dieſer Arnauld des Teufels!“ „Was hat er denn gethan?“ fragte Arnauld ſchüchtern. „Was er gethan hat? das iſt das dritte Mal, daß er entſpringt. Er behauptet, man mache ihm das Le⸗ ben zu hark. Ich glaube es wohl. Bei ſeiner erſten Flucht hatte er die Geliebte ſeines Herrn entführt. Das verdiente Beſtrafung, wie mir ſcheint. Und dann beſitzt er nichts, um ſein Löſegeld zu bezahlen. Man hat ihn verkauft und wiederverkauft, und Niemand will ihn mehr. Da er uns nichts mehr nützen kann, ſo iſt es wenigſtens billig, daß er uns beluſtige. Schon drei⸗ mal ſt er entwichen. Doch wenn wir ihn wieder er⸗ wiſchen, den Schurken...“ „Was werdet Ihr mit ihm machen?“ fragte Ar⸗ nauld. „Das erſte Mal hat man ihn geſchlagen, das zweite Mal hat man ihn halb umgebracht, das dritte Mal hängt man ihn auf.“ „Man hängt ihn auf!“ wiederholte Arnauld er⸗ ſchrocken.* „Auf der Stelle, Freund, und ohne eine Prozeß⸗ form. Er gehört uns. Es wird uns beluſtigen und ihm eine Lehre geben. Schaue rechts, Freund. Siehſt Du jenen Galgen? Nun dort hängen wir Arnauld du — 174 Thill ſogleich auf, wenn es uns gelingt, wieder ſeiner habhaft zu werden.“ „Alle Wetter!“ rief Arnauld mit einem etwas gezwungenen Gelächter. „Es iſt, wie ich Dir ſage, Freund, und wenn Du den Burſchen triffſt, nimm ihn feſt und führe ihn hier⸗ her; wir werden für den Dienſt erkenntlich ſein. Hie⸗ nach glückliche Reiſe!“ Sie entfernten ſich. Wieder beruhigt, rief ihnen Arnauld nach: „Verzeiht, meine Herren, ein Dienſt iſt einen andern werth! ich habe mich verirrt und weiß nicht recht, wo ich bin. Orientirt mich doch ein wenig, wenn's beliebt.“ „Das iſt ſehr leicht, Freund,“ ſagte der Reiter. „Dort hinter Euch jene Mauern mit dem Schlupfthor, das Ihr vielleicht in der Dunkelheit unterſcheidet, das iſt Noyon. Ihr ſchaut zu ſehr rechts! dort links beim Galgen, wo Ihr die Piken unſerer Kameraden glänzen ſehen müßt; denn an jenem Schlupfthor hat unſere Compagnie dieſe Nacht die Wache. Nun dreht Euch um, Ihr habt die Straße nach Paris durch den Wald vor Euch. Zwanzig Schritte von hier bildet die Straße eine Gabel. Ihr reitet rechts oder links, wie es Euch beliebt; von den beiden Wegen iſt keiner länger als der andere und beide laufen wieder an der Fähre der Oiſe eine Viertelmeile von hier zuſammen. Habt Ihr übergeſetzt, ſo reitet immer gerade aus, das erſte Dorf iſt Auvray eine Meile von der Fähre. Nun ſeid Ihr ſo gut unterrichtet, Freund, als wir ſelbſt. Glück⸗ liche Reiſe.“ „Ich danke und wünſche guten Abend,“ſagte Arnauld, ſein Pferd in Trab ſetzend. Die Auskunft, die man ihm gegeben hatte, war genau. Nach zwanzig Schritten fand er den Kreuzweg und ließ ſein Pferd links gehen. Die Nacht war dicht und der Wald ebenfalls. Doch nach zehn Minuten erreichte Arnauld eine Lichtung — — e te ar eg s. 8 175 im Gehölze, und der Mond goß durch die perlmutter⸗ artigen Wolken einen ſchwachen Schimmer auf den Weg. In dieſem Augenblicke träumte der Stallmeiſter von der Angſt, die er ausgeſtanden, und von dem ſelt⸗ ſamen Abenteuer, durch das ſeine Kaltblütigkeit auf die Probe geſtellt worden war. Ueber die Vergangenheit beruhigt, ſah er der Zu⸗ kunft nicht ohne eine gewiſſe Schwermuth entgegen. „Es kann nur der wahre Martin⸗Guerre ſein, auf den man ſo unter meinem Namen Jagd macht,“ dachte er.„Doch wenn er entfommen iſt, ſo werde ich ihn ſo⸗ gleich in Paris finden, den Galgenvogel, und es dürfte da⸗ raus ein ſeltſames Zuſammentreffen erfolgen. Ich weiß wohl, daß mich die Unverſchämtheit retten kann, ſie kann mich aber auch in's Verderben ſtürzen. Welches Bedürfniß hatte dieſer Burſche, zu entweichen? Er wird in der That ſehr läſtig, und es wäre eine Wohlthat von un⸗ ſeren braven Feinden, wenn ſie ihn mir hängen wür⸗ den. Er iſt entſchieden mein böſer Geiſt.“ Dieſer erbauliche Monolog dauerte noch fort, als Arnauld, der ein ſehr ſcharfes und ſehr geübtes Geſicht hatte, in einer Entfernung von etwa hundert Schritten vor ſich einen Menſchen oder vielmehr einen Schatten erblickte oder zu erblicken glaubte, der bei ſeiner An⸗ näherung raſch in einem Graben verſchwand. „Holla! abermals ein ſchlimmes Begegnen, irgend ein Hinterhalt,“ dachte der kluge Arnauld. Er ſuchte in das Gehölze zu gelangen, doch der Graben war für den Reiter und das Pferd unüberſteig⸗ bar. Er wartete einige Minuten und wagte es dann, genauer zu ſchauen. Das Geſpenſt, das ſich wieder er⸗ hoben hatte, warf ſich eiligſt in ſeinen Graben. „Sollte er vor mir bange haben, wie ich vor ihm?“ ſagte Arnauld zu ſich ſelbſt.„Sollten wir uns etwa gegenſeitig zu vermeiden ſuchen? Doch ich muß einen Entſchluß faſſen, da mich die verfluchten Schläge die Straße durch das Gehölze zu erreichen verhindern 176 Soll ich auf meinem Wege zurückkehren? Das wäre das Klügſte. Soll ich mein Pferd in Galopp ſetzen und wie ein Blitz an meinem Mann vorüberreiten? Das wäre das Kürzeſte. Er iſt zu Fuß, und wenn nicht ein Büchſenſchuß... Doch ich werde ihm nicht die Zeit dazu laſſen.“ Geſagt, gethan. Arnauld gab ſeinem Pferde beide Sporen und jagte wie ein Pfeil an dem im Hinter⸗ halte liegenden oder verborgenen Mann vorüber. Dieſer rührte ſich nicht. Das benahm Arnauld alle Angſt, er hielt ſein Pferd an und kehrte ſogar, von dem Blitze eines plötz⸗ lichen Gedankens erfaßt, ein paar Schritte zurück. Der Mann machte nicht eine einzige Bewegung. Das verlieh Arnauld wieder ſeinen ganzen Muth, und ſeiner Sache nun beinahe gewiß, ritt er gerade auf den Graben zu. Doch nun und ehe er Zeit gehabt hatte: Jeſus! zu ſagen, ſtürzte der Mann mit einem Sprunge her⸗ vor, machte ſchnell das Bein von Arnauld vom Steig⸗ bügel los, hob es mit Gewalt in die Höhe, warf den Stallmeiſter vom Pferde, fiel mit ihm, auf ihn, und ſetzte ihm die Hand an die Gurgel und das Knie auf die Bruſt. Dies Alles hatte nicht zwanzig Minuten gedauert. „Wer biſt Du? Was willſt Du?“ fragte der Sie⸗ ger ſeinen niedergeworfenen Feind. „Habt Gnade, laßt mich los,“ ſagte mit zuſam⸗ mengepreßter Stimme Arnauld, der ſeinen Meiſter fühlte. „Ich bin Fränzoſe, aber ich habe einen Paß von Lord Wentworth, dem Gouverneur von Calais.“ „Wenn Ihr ein Franzoſe ſeid,“ erwiederte der An⸗ dere,„und in der That Ihr habt nicht die Ausſprache von allen dieſen Teuſelsauständern, ſo brauche ich Euern Paß nicht. Doch was hattet Ihr Euch ſo neugierig mir zu nähern?“ Ich glaubte einen Menſchen im Graben zu ſehen,“ ſagte Arnauld unter einem minder ſtarken Druck,„und — e———— c₰ 1——— —— — 177 ich näherte mich, um zu ſehen, ob es nicht ein Ver⸗ wundeter wäre, und ob ich ihm nicht Hülfe leiſten könnte.“ „Die Abſicht war gut,“ ſagte der Mann, indem er ſeine Fauſt und ſein Knie zurückzog.„Vorwärts, Kamerad,“ fügte er bei und reichte Arnauld die Hand, der raſch auf ſeinen Beinen war.„Ich habe Euch viel⸗ leicht ein wenig ſcharf empfangen, entſchuldigt mich. Es taugt in dieſem Augenblick nicht für mich, daß man die Naſe in meine Angelegenheiten ſteckt. Doch Ihr ſeid ein Landsmann, das iſt etwas Anderes, und weit entfernt, mir zu ſchaden, werdet Ihr mir vielmehr nütz⸗ lich ſein. Wir wollen uns ſogleich verſtändigen, ich heiße Martin⸗Guerre, und Ihr?“ „Ich? ich? Bertrand,“ ſagte Arnauld bebend; denn allein mit ihm, in der Nacht, in dieſen Wald beherrſchte ihn der Mann, den er gewöhnlich durch Liſt und Schlau⸗ beherrſchte, nun ſeinerſeits durch die Kraft und den Mut Zum Glück ſicherte die tiefe Nacht das Incognito von Arnauld, und er verſtellte überdies ſeine Stimme, ſo gut er konnte. „Nun, Kamerad Bertrand,“ fuhr Martin⸗Guerre fort,„wißt, daß ich ein flüchtiger Gefangener bin, der dieſen Morgen zum zweiten Male, Andere ſagen, zum dritten Male, dieſen Spaniern, Engländern, Deut⸗ ſchen, Flamändern, kurz dieſem ganzen feindlichen Ge⸗ lichter entſprungen iſt, das ſich auf unſer armes Land geworfen hat, wie eine Wolke Heuſchrecken. Denn Gott ſtrafe mich! Frankreich gleicht zu dieſer Stunde dem Thurm von Babel. Seit einem Monat gehörte ich zwan⸗ zig Kauderwälſchen von verſchiedenen Nationen, und je⸗ des Mal mußte ich ein rauheres und barbariſcheres Patvis anhören. Ich war es müde, von Flecken zu Flecken ſpazieren geführt zu werden, um ſo mehr, da es mir vorkam, als ſpottete man meiner, und man mache Die beiden Dianen. U. 12 178 ſich einen Spaß daraus, mich zu guälen. Sie warfen mir immer eine hübſche Teufelin Namens Gudule vor, die mich, wie es ſcheint, ſo ſehr geliebt hatte, daß ſie mit mir entflohen war.“ „Ah! ah!“ machte Arnauld. „Ich ſage Euch das, was man mir geſagt hat. Ihre Spöttereien langweilten mich dergeſtalt, daß ich eines ſchönen Tages, es war in Chauny, abermals, doch ganz allein entfloh. Unglücklicher Weiſe wurde man meiner wieder habhaft und überhäufte mich dergeſtalt mit Schlägen, daß ich ſelbſt Mitleid mit mir bekam. Doch wozu nützte das? ſie mochten mir immerhin dro⸗ hen, ſie würden mich hängen, ich hatte nur um ſo mehr Luſt, wieder anzufangen, und dieſen Morgen, da ſich eine gute Gelegenheit bot, drehte ich meinen Tyrannen eine Naſe und entwich.. Gott weiß, wie ſie mich ſuch⸗ ten, um mich zu hängen. Ich aber, der ich einen Wi⸗ derwillen dagegen hege, hatte mich mit Eurer Erlaub⸗ niß auf einen großen Baum im Walde geſetzt, um hier die Nacht zu erwarten, und ich konnte mich, obgleich ein wenig bleich, des Lachens nicht erwehren, als ich ſie fluchend und ſchwörend unter meinem Baume vorüber kommen ſah. Sobald es Abend war, verließ ich meinen Beobachtungspoſten. Erſtens jedoch verirrte ich in dieſem Walde, wo ich nie zuvor geweſen, und zweitens ſterbe ich vor Hunger, inſofern ich ſeit vierundzwanzig Stunden nichts zwiſchen die Zähne bekommen habe, als Wurzeln und Kräuter, eine magere Koſt! ich falle auch vor Schwäche um, wie Ihr leicht ſehen könnt.“ „Oh! das habe ich ſo eben nicht geſehen, ich muß bekennen, Ihr kommt mir im Gegentheil ſehr kräftig vor.“ „Ah! ja, weil ich Euch ein wenig gepackt habe. Grollt mir deshalb nicht. Es war in der That das Fieber des Hungers, was mich unterſtützte. Doch zu dieſer Stunde ſeid Ihr meine Vorſehung, denn als 179 ein Landsmann werdet Ihr mich nicht wieder in die Hände der Feinde fallen laſſen, nicht wahr?“ „Nein, gewiß nicht, wenn ich etwas vermag,“ ant⸗ wortete Arnauld du Thill, der eben hinterhältiſch über die Rede von Martin nachdachte. 3 Er fing an klar zu ſehen, wie er ſeinen, einen Au⸗ genblick durch die eiſerne Fauſt ſeines Soſie gefährdeten, Vortheil wieder erringen könnte. „Ihr müßt viel für mich vermögen,“ fuhr Martin treuherzig fort.„Vor Allem, kennt Ihr die Gegend ein wenig?“ „Ich bin von Auvray, eine Viertelsmeile von hier,“ ſagte Arnauld. „Ihr wolltet dahin gehen?“ „Nein, ich kam von dort zurück,“ antwortete nach kurzem Zögern der Meiſter Schelm. „Dort liegt alſo Auvray?“ fragte Martin, die Seite bezeichnend, wo Noyon lag. „Gerade dort,“ erwiederte Arnauld.„Es iſt das erſte Dorf nach Noyon auf der Straße nach Paris.“ „Auf der Straße nach Paris!“ rief Martin;„ſeht, wie man ſich in den Wäldern verirrt. Ich bildete mir ein, ich wende Noyon den Rücken zu, und ich kehrte dahin zurück. Ich dachte gegen Paris zu marſchiren und ent⸗ fernte mich davon. Euer verfluchtes Land iſt mir, wie ich Euch ſagte, völlig unbekannt. Ich muß mich alſo nach der Seite wenden, wo Ihr herkommt, um nicht dem Wolf in den Rachen zu fallen?“ „Wie Ihr ſagt, Meiſter. Ich gehe nach Noyon. Doch macht einige Schritte mit mir. Wir finden unfern von hier, etwas vor der Fähre der Oiſe, eine andere Straße, welche Euch mehr unmittelbar nach Auvray führt.“ 86 „Großen Dank! Freund Bertrand,“ ſprach Martin⸗ Guerre,„ich wünſche allerdings ungemein meine Schritte zu ſparen, denn ich fühle mich ſehr müde, ſehr ſchwach, da ich, wie geſagt, ſo nüchtern bin, als man nur immer 180 ſein kann. Hättet Ihr nicht zufällig einige Subſtanzen bei Euch, Freund Bertrand? das hieße mich zweimal retten, einmal vom Engländer, und dann vom Hunger, ver nicht minder furchtbar iſt, als der Engländer.“ „Ach! ich habe nicht ein Krümchen in meinem Ha⸗ ferſack. Doch wenn Ihr trinken wollt, meine Kürbis⸗ flaſche iſt voll.“ Babette war in der That bemüht geweſen, mit Cyprier, einem damals ſehr beliebken ſtarken Wein, die Kürbisflaſche ihres Ungetreuen zu füllen, und Arnauld hatte bis dahin kluger Weiſe ſeine Flaſche geſchont, um ſeine etwas gebrechliche Vernunft unter den Gefahren des Weges zu bewahren. „Ich glaube wohl, daß ich trinken will,“ rief Martin⸗ Guerre begeiſtert.„Ein Schluck Wein wird mich im⸗ merhin etwas wiederbeleben.“ „Nun! ſo nehmt und trinkt, mein braver Mann,“ ſprach Arnauld, indem er ihm die Kürbisflaſche reichte. „Ich danke und Gott vergelte es Euch,“ ſagte Martin. Und er fing an ohne Mißtrauen ſich dieſen Wein einzugießen, der eben ſo verrätheriſch war, als derjenige, welcher ihn bot, und deſſen Dünſte beinahe ſogleich ſein leeres Gehirn benebelten. „Ei!“ ſagte er ganz heiter,„Eurem Claret fehlt es nicht an Feuer.“ „Oh! mein Gott,“ entgegnete Arnauld,„er iſt ſehr unſchuldig, und ich trinke davon bei jedem Mahle zwei Flaſchen. Doch hört, der Abend iſt ſchön, ſetzen wir uns einen Augenblick auf den Grasboden, Ihr wer⸗ det ausruhen und ganz nach Eurem Behagen trinken. Ich habe Zeit, und wenn ich nur vor zehn Uhr, zu welcher Stunde die Thore geſchloſſen werden, in Noyon ankomme, ſteht Alles gut. Ihr, obgleich Auvray immer noch zu Frankreich hält, könnt, wenn Ihr zu früher Stunde der Landſtraße folgt, beläſtigenden Patronillen begegnen, und verlaßt Ihr die Landſtraße, ſo werdet Ihr — 184 Cuch abermals verirren. Das Beſte iſt, wenn wir einige Minuten hier verweilen und in guter Freundſchaft plau⸗ dern. Wo ſeid Ihr gefangen genommen worden?“ „Ichweiß es nicht genau,“ antwortete Martin⸗Guerre, „denn es gibt hierüber wie über mein ganzes armes Daſein zwei ſich widerſprechende Verſionen: das, was ich glaube, und das, was man mir ſagt. Man ver⸗ ſichert mich nun, ich habe mich in der Schlacht von Saint⸗Laurent auf Gnade und Ungnade ergeben, und ich bilde mir ein, ich habe dieſer Schlacht nicht beige⸗ wohnt und ich ſei ſpäter allein in die Hände eines feind⸗ lichen Detachement gerathen.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte Arnauld du Thill, der den Erſtaunten ſpielte.„Ihr habt alſo zwei Geſchichten. Eure Abentener müſſen, wie mir ſcheint, intereſſant und lehrreich ſein. Ich muß Euch ſagen, daß ich die Erzählungen zum Närriſchwerden liebe. Trinkt noch fünf oder ſechs Schlücke zur Stärkung Eures Ge⸗ dächtniſſes, und erzählt mir etwas von Eurem Leben! Ihr ſeid nicht aus der Pieardie?“ „Nein,“ antwortete Martin nach einer Pauſe, die er damit ausfüllte, daß er die Kürbisflaſche zu drei Vierteln leerte,„nein, ich bin aus dem Süden, aus Artignes.“ „Ein ſchönes Land, wie man ſagt. Ihr habt dort Eure Familie?“ „Frau und Familie, theurer Freund,“ antwortete Martin⸗Guerre, der durch den Cyprier ſehr offenherzig und vertraulich geworden war. Und halb durch die Fragen von Arnauld, halb durch die wiederholten Libationen angeregt, begann er mit großer Geſprächigkeit ſeine Geſchichte in allen ihren Einzelnheiten zu erzählen: ſeine Jugend, ſeine Liebſchaft, ſeine Heimath, daß ſeine Frau reizend wäre, abgeſehen von einem kleinen Mangel, der darin beſtünde, daß ſie eine zugleich zu leichte und zu ſchwere Hand hätte. Eine Ohrfeige von einer Frau entehrte einen Mann nicht, 182 doch mit der Zeit würde das langweilig. Deshalb hätte Martin⸗Guerre ſeine Frau verlaſſen. Eine umſtändliche Erzählung der Urſachen, der Zwiſchenfälle und der Folgen dieſes Bruches. Im Grunde liebte er ſie immer noch, dieſe theure Bertrande! er trug noch an ſeiner Hand den eiſernen Hochzeitsring, und auf ſeinem Herzen die paar Briefe, die ihm Bertrande im Verlauf einer erſten Trennung geſchrieben hatte. Während er dies erzählte, weinte der gute Martin⸗Guerre. Er trank offenbar einen rührenden Wein. Dann wollte er mit⸗ theilen, was ihm ſeit ſeinem Eintritt in den Dienſt des Vicomte d'Ermos begegnet, daß ein Dämon ihn ver⸗ folgte, daß er, Martin⸗Guerre, doppelt war und ſich in ſeinen zwei Eriſtenzen gar nicht auskannte. Doch dieſer Theil ſeiner Geſchichte ſchien Arnauld du Thill weniger zu intereſſiren, denn er brachte den Erzähler immer wieder auf ſeine Kindheit, auf das väterliche Haus, auf die Freunde, auf die Verwandten in Artigues, auf die Reize und Fehler von Bertrande zurück. Mittelſt eines äußerſt geſchickten Verhörs wußte ver freuloſe Arnauld du Thill in weniger als zwei Stunden Alles, was er über die alten Gewohnheiten und die geheimſten Handlungen des armen Martin⸗Guerre wiſſen wollte. Nach Ablauf von zwei Stunden erhob ſich Martin⸗ Guerre, Feuer im Kopfe, oder er wollte ſich vielmehr erheben, denn er ſtolperte beim Aufſtehen und ſiel ſchwer⸗ fällig wieder auf ſeinen Sitz zurück. „Nun! nun! was iſt denn das?“ ſagte er in ein Gelächter ausbrechend, das ſehr lange fortdauerte, ehe es erloſch.„Gott verdamme mich! ich glaube, dieſer leichte Wein macht ſeine albernen Streiche. Gebt mir die Hand, Kamerad, daß ich mich auftecht halten ann.“ Arnauld hob ihn muthig auf und ſtellte ihn auf ſeine Beine, jedoch nicht in ein elaſſiſches Gleich⸗ gewicht. 183 „Holla! hel wie viele Laternen!“ rief Martin. „Wie dumm bin ich! ich hielt die Sterne für Laternen.“ Dann fing er an zu fingen: „Gewürzt in der Hölle Mundet der Wein, Schenkt mir der Teufel Selber mal ein!“ „Wollt Ihr wohl ſchweigen,“ rief Arnauld.„Wenn eine ſeindliche Truppe in der Gegend vorüberkäme und Euch hören würde?“ „Bah! ich kümmere mich viel darum; was könnten ſie mir thun? mich hängen? es muß einem wohl ſein, wenn man gehängt iſt! Ihr habt mich zu viel trinken laſſen, Kamerad. Ich, der ich gewöhnlich mäßig bin wie ein Lamm, weiß nicht mit der Trunkenheit zu ſtreiten, und dann war ich nüchtern, ich hatte Hunger, jetzt habe ich Durſt. „Gewürzt in der Hölle... „Stille!“ ſagte Arnauld.„Vorwärts, ſucht zu gehen. Wollt Ihr Euch nicht in Auvray zur Ruhe legen 7“ „Oh! ja, mich zur Ruhe legen!“ ſagte Martin. „Aber nicht in Auvray, hier auf dem Graſe, unter den Laternen des guten Gottes.“ „Ja,“ verſetzte Arnauld,„ja, und morgen früh entdeckt Euch eine ſpaniſche Patrouille und ſchickt Euch beim Teufel ſchlafen gehen.“ „Beim alten Teufel?“ verſetzte Martin;„nein, ich will mich lieber ein wenig zuſammennehmen und bis Auvray ſchleppen. Dorthin, nicht wahr? ich gehe.“ Doch er mochte ſich immerhin zuſammennehmen, beſchrieb ſo ausſchweifende Zickzacke, daß Arnauld bald ſah, Martin müßte ſich, wenn er ihm nicht ein wenig 184 helfen würde, abermals verirren, das heißt diesmal ſich retten. Dies paßte aber nicht in die Rechnung des edlen Herrn. „Hört,“ ſagte er zu dem armen Martin,„ich habe ein menſchenfreundliches Gemüth und Auvray iſt nicht fern von hier. Ich will Euch bis dahin begleiten, laßt mich mein Pferd losbinden, ich führe es am Zügel und Ihr gebt mir den Arm.“ „Meiner Treue, ich nehme das an. Ich bin nicht ſtolz, ich, und unter uns geſagt, ich geſtehe, ich bin ein wenig betrunken. Ich komme auf meine Behauptung zurück, Eurem Claret fehlt es nicht an Feuer. Ich fühle mich ſehr glücklich, aber ein wenig trunken.“ „Vorwärts! es iſt ſpät,“ ſagte Arnauld, indem er mit ſeinem Soſie unter dem Arm den Pfad wieder ein⸗ ſchlug, aufwelchem er angekommen war, und der unmittelbar zu dem Schlupfthor von Noyon führte.„Doch,“ fügte er bei,„wollt Ihr mir nicht, um den Weg abzukürzen, noch eine gute Geſchichte von Artigues erzählen?“ „Soll ich Euch die Geſchichte von Papotte erzählen?“ ſagte Martin⸗Guerre;„ah! ah! die arme Papotte!“ Die Epopöe von Papotte ſteht zu wenig im Zu⸗ ſammenhang mit unſerer Geſchichte, als daß wir ſie hier mittheilen könnten. Sie war indeſſen beinahe vollendet, als die zwei Menechmen*) des ſechzehnten Jahrhunderts an das Schlupfthor von Noyon kamen. „Dort!“ ſagte Arnauld,„ich brauche nicht weiter zu gehen. Ihr ſeht jenes Thor? das iſt das Thor von Auvray. Klopft an, der Wächter wird Euch öffnen, Ihr richtet ihm eine Empfehlung von mir, Bertrand, aus und er wird Euch zwei Schritte von da mein Haus zeigen, wo Euch mein Bruder empfängt, und wo Ihr *) Zwei Perſonen von einer moraliſchen oder körp chen und vollkommenen Aehnlichkeit. D. Ue gutes Abendbrod und gutes Nachtlager findet. Hienach, —— — S——„ 8 1⸗ te E ⸗ er t6 er on n, d, us hr 185⁵ lebt wohl, Kamerad, einen letzten Händedruck und Gott befohlen!“ „Gott befohlen und meinen Dank,“ erwiederte Martin.„Ich bin nur ein armer Tropf, der nicht für das erkenntlich ſein kann, was er Euch ſchuldig iſt. Doch ſeid unbeſorgt, der gute Gott wird Euch in ſeiner Gerechtigkeit zu bezahlen wiſſen. Gott befohlen, Freund.“ Seltſamer Weiſe machte die Vorherſagung des Trunkenen Arnauld ſchauern, während er doch gar nicht abergläubiſch war, und er hatte einen Augenblick Luſt, Martin zurückzurufen. Doch dieſer klopfte ſchon aus Leibeskräften an das Schlupfthor. „Armer Teufel! er klopft an ſein Grab!“ dachte Arnauld,„bah! das find Kindereien.“ Martin, der nicht vermuthete, daß er von ſeinem Reiſegefährten beobachtet wurde, ſchrie indeſſen aus vollem Halſe: „He! Thorwart! he! Cerberus! willſt Du wohl öffnen, Lümmel! es iſt Bertrand, der würdige Bertrand, der mich ſchickt!“ „Wer das“fragte die Schildwache im Innern.„Man öffnet nicht mehr. Wer ſeid Ihr, daß Ihr einen ſolchen Lärmen macht?“ „Wer ich bin? Tölpel! ich bin Martin⸗Guerre, oder, wenn Du willſt, Arnauld du Thill, der Freund von Bertrand. Ich bin mehr als Einer, beſonders wenn ich getrunken habe. Ich bin zwanzig Burſche, die Dich gehörig ſtriegeln werden, wenn Du nicht öffneſt.“ „Arnauld du Thill! Ihr ſeyd Arnauld du Thill?“ fragte die Schildwache. „Ja, Arnauld du Thill iſt dabei, zwanzigtauſend Karren voll Teufel!“ ſchrie Martin-Guerre, der mit den Füßen und den Fäuſten an das Thor klopfte. Es entſtand nun ein Geräuſch von Soldaten, welche on der Schildwache getufen wurden. Hierauf öffnete man mit einer Laterne und Arnauld 186 du Thill, der in einiger Entfernung hinter den Bäumen verborgen ſtand, hörte mehrere Stimmen gleichzeitig mit dem Ausdrucke des Erſtaunens rufen: „Meiner Treue! er iſt es, Gott verdamme mich! er iſt es.“ Als Martin⸗Guerre ſeine Tyrannen erkannte, ſtieß er einen Schrei der Verzweiflung aus, der Arnauld in ſeinem Verſteck wie ein Fluch traf. Dann ſchloß Arnauld aus dem Stampfen mit den Füßen und dem Geſchrei, Martin, der Alles verloren ſehe, unternehme einen unmöglichen Kampf. Doch er hatte nur zwei Fäuſte gegen zwanzig Schwerter. Das Geräuſch nahm ab, entfernte ſich allmälig und hörte— endlich ganz auf. Man hatte Martin unter Flüchen und Schwüren weggeführt. „Wenn er mit Schmähungen und Schlägen ſeine Sache beizulegen hofft!..“ ſagte Arnauld ſich die Hände reibend. Als er nichts mehr hörte, überließ er ſich eine Vier⸗ telſtunde ſeinen Betrachtungen, denn Arnauld war ein ſehr überlegender, tiefer Schelm. Das Reſultat ſeines Nachdenkens war, daß er drei bis vierhundert Schritte in den Wald drang, ſein Pferd an einen Baum band, auf trockenem Laub den Sattel und die Decke des Pfer⸗ des ausbreitete, ſich in ſeinen Mantel hüllte und nach einigen Minuten in den feſten Schlaf verſank, den Gott dem verhärteten Böſewicht noch viel mehr geſtattet, als der ſchüchternen Unſchuld. Er ſchlief acht Stunden hintereinander. Nichtsdeſtoweniger war es noch Nacht, als er er⸗ wachte, und er ſah an der Stellung der Geſtirne, daß es vier Uhr Morgens ſein mochte. Er ſtand auf, ſchüt⸗ telte ſich und ſchlich, ohne ſein Pferd loszubinden, vor⸗ ſichtig bis zur Landſtraße. An dem Galgen, den man ihm am Tage zuvor ge⸗ zeigt hatte, baumelte der Leichnam des armen Martin Guerre. 187 Ein häßliches Lächeln ſchwebte über die Lippen von Arnauld. Ohne zu zittern, näherte er ſich dem Todten. Doch der Körper hing zu hoch, als daß er ihn hätte erreichen können. Da kletterte er, ſeinen Degen in der Hand, am Pfoſten des Galgens hinauf und ſchnitt, ſobald er die nöthige Höhe erreicht hatte, den Strick ab. Der Leichnam fiel auf die Erde. * Arnauld ſtieg wieder herab, machte vom Finger des Todten einen Ring los, der das Mitnehmen nicht werth war, durchſuchte die Bruſt des Gehenkten, fand hier Papiere, die er ſorgfältig verwahrte, hüllte ſich wieder in ſeinen Mantel, ohne einen Blick, ohne ein Gebet für den Unglücklichen, den er im Leben ſo ſehr geplagt hatte und noch im Tode beſtahl. Er fand ſein Pferd im Gehölze, ſattelte es und ſprengte im Galopp in der Richtung von Aulnay fort. Er war zufrieden, der Elende! Martin machte ihm nicht mehr bange. Eine halbe Stunde nachher, als ein ſchwacher Schimmer im Oſten hervorzubrechen begann, ſah ein zu⸗ fällig vorübergehender Holzhauer den Strick vom Gal⸗ gen abgeſchnitten und den Gehenkten auf dem Boden liegend. Er näherte ſich zugleich furchtſam und neu⸗ gierig dem Todten, bei dem er die Kleider in Unord⸗ nung und den Strick ziemlich loſe um den Hals fand; er fragte ſich, ob das Gewicht des Körpers den Strick zerriſſen, oder ob ihn ein Freund, zu ſpät ohne Zweifel, abgeſchnitten habe. Er wagte es ſogar, den armen Sünder zu berühren, um ſich zu verſichern, daß er wirklich todt war. Doch zu ſeinem großen Schrecken bewegte der Ge⸗ henkte nun den Kopf und die Hände und erhob ſich auf ſeine Kniee: da entfloh der Holzhauer ganz beſtürzt, ſo ſchnell er laufen konnte, indem er ſich vielfach be⸗ kreuzte und ſich Gott und allen Heiligen empfahl. 188 XXI. Die bukoliſchen Träume von Arnauld du Chill. Der Connetable von Montmorency, welcher am Abend vorher, nachdem er ein königliches Löſegeld be⸗ zahlt, in Paris angekommen war, begab ſich in den Louvre, um ſogleich zu ſondiren, wie es mit der Gunſt des Königs ſtünde. Doch Heinrich II. empfing ihn mit einer ſtrengen Kälte und lobte die Adminiſtration des Herzogs von Guiſe, der es ſo eingerichtet, daß er das Unglück des Königreichs, wenn auch nicht wieder gut machen, doch wenigſtens mildern würde. Vor Zorn und Neid erbleichend, hoffte der Conne⸗ table wenigſtens einigen Troſt bei Diana von Poitiers zu finden. Aber die Favoritin war nicht minder kalt, und als Montmoreney ſich über dieſen Empfang beklagte und zu befürchten ſchien, ſeine Abweſenheit habe ihm geſchadet, und ein Glücklicherer ſei ihm in der Gunſt der Herzogin gefolgt, ſagte ihm Frau von Poitiers un⸗ verſchämter Weiſe: „Ihr kennt ohne Zweifel das neue Sprüchwort des Pariſer Volkes?“ „Madame, ich komme ſo eben an und kenne es nicht,“ ſtammelte der Connetable. „Nun, das boshafte Volk ſagt:„„Heute iſt Saint⸗ wer den Platz verläßt, übergibt das Ne Der Connetable wurde bleich, verbeugte ſich vor der Herzogin, und verließ den Louvre, den Tod im Herzen. Als er in ſein Hotel und in ſein Zimmer zurück⸗ kam, warf er ſeinen Hut auf den Boden. „Ah! die Könige und die Frauen!“ rief er,„un⸗ dankbare Race! das liebt nur den Erfolg!“ —— —— —— 189 „Gnädigſter Herr!“ ſagte ein Bedienter, es iſt ein Menſch da, der Euch zu ſprechen verlangt.“ „Er ſoll zum Teufel gehen!“ erwiederte der Con⸗ netable.„Ich bin gerade in der Stimmung, zu em⸗ pfangen! Schicke ihn zu Herrn von Guiſe.“ „Gnädigſter Herr, dieſer Menſch hat mich gebeten, Euch ſeinen Namen zu ſagen: er nennt ſich Arnauld du Thill.“ „Arnauld du Thill!“ rief der Connetable erſtaunt, „das iſt etwas Anderes, laß ihn eintreten!“ Der Diener verbeugte ſich und trat ab. „Dieſer Arnauld,“ dachte der Connetable,„iſt ge⸗ wandt, liſtig und habgierig; überdies ohne Bedenklich⸗ keiten und ohne Gewiſſen. Oh! wenn er mir zu einer Rache an allen dieſen Leuten verhelfen könnte! Mich rächen, ei! was würde ich dabei gewinnen? wenn er mir beiſtehen könnte, daß ich wieder in die Gnade ge⸗ langte! Er weiß viele Dinge. Es iſt mir ſchon in den Sinn gekommen, das Geheimniß von Montgom⸗ mery zu benützen, doch es wäre mir lieber, wenn mich Arnauld dieſes Mittels zu überheben vermöchte.“ In dieſem Augenblick wurde Arnauld eingeführt. Die Freude und die Unverſchämtheit glänzten auf des Burſchen Antlitz. Er verbeugte ſich vor dem Con⸗ netable bis auf den Boden. „Ich glaubte, Du wäreſt Gefangener?“ ſagte Mont⸗ moreney zu ihm. „Ich war es in der That, wie Ihr gnädigſter Herr,“ erwiederte Arnauld. „Doch Du haſt Dich frei gemacht, wie ich ſehe.“ „Ja, gnädigſter Herr, ich habe ſie mit meiner Münze bezahlt, mit Spottmünze. Ihr habt Euch Eures Geldes bedient, ich bediente mich meines Witzes, und nun ſind wir Beide frei.“. „Ah! das iſt eine Unverſchämtheit, Elender!“ „Nein, gnädigſter Herr, das iſt Demuth, und ich will nur damit ſagen, daß ich Geld brauche.“ 190 X „Hm!“ machte der Connetable brummend,„was willſt Du von mir?“ „Geld, weil es mir daran fehlt, gnädigſter Herr.“ „Und warnm ſoll ich Dir Geld geben?“ fragte Montmoreney. „Um mich zu bezahlen,“ antwortete der Spion. „Um Dich wofür zu bezahlen?“ „Für die Nachrichten, die ich Euch bringe.“ „Laß Deine Nachrichten hören.“ „Laßt Eure Thaler ſehen.“ „Burſche, wenn ich Dich hängen ließe.“ „Das iſt ein abſcheuliches Mittel, mir die Zunge zu verlängern, um ſie zu löſen, gnädigſter Herr.“ „Er iſt ſehr frech, er muß nothwendig etwas wiſſen.“ ſagte der Connetable zu ſich ſelbſt. „Nun,“ ſprach er laut,„ich willige ein, Dir einige Vorſchüſſe zu machen.“ „Ihr ſeid ſehr gut, gnädigſter Herr, und ich werde Euch an das großmüthige Wort erinnern, wenn Ihr Eure Schuld aus der Vergangenheit gegen mich ab⸗ getragen habt.“ „Welche Schuld?“ „Hier iſt meine Rechnung, gnädigſter Herr,“ ſagte Arnauld, und überreichte ihm die bekannte Note, die wir ihn ſo oft haben vergrößern ſehen. Anne von Montmorency warf einen Blick darauf. „Ja,“ ſagte er,„es ſind hier neben völlig Wimäri⸗ ſchen und trügeriſchen Dienſten, die mir in der Lage, in der ich mich im Augenblick befand, wo Du ſie mir leiſteteſt, hätten nützlich ſein können, welche mir aber jetzt nur Unluſt bereiten.“ „Bah! gnädigſter Herr, Ihr übertreibt vielleicht Eure Ungnade.“ „Wie?“ verſetzte der Connetable.„Du weißt alſo, man weiß alſo ſchon, daß ich in Ungnade bin?“ „Man vermuthet es, und ich vermuthe es.“ „Nun, Arnauld,“ ſagte Montmoreney mit Bitterkeit⸗ —————— ——— 191 „Du mußt auch vermuthen, es diene mir gegenwärtig zu nichts, daß der Vicomte d'Ermès und Diana von Caſtro in Saint⸗Quentin getrennt worden find, da aller Wahrſcheinlichkeit nach der König und die Großmar⸗ ſchallin ihre Tochter nicht mehr meinem Sohne werden geben wollen.“ „Mein Gott, gnädigſter Herr, ich glaube, der König würde ſehr gern einwillgen, ſie Euch zu geben, wenn Ihr ſie ihm wieder bringen könntet.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich ſage, daß Heinrich II., unſer König und Herr, in dieſem Augenblick ſehr traurig iſt, und dies nicht nur über den Verluſt von Saint⸗Quentin und von der Schlacht von Saint⸗Laurent, ſondern auch über den Ver⸗ luſt ſeiner vielgeliebten Tochter Diana von Caſtro, welche nach der Belagerung von Saint⸗Quentin verſchwunden iſt, ohne daß man genau erfahren hat, was aus ihr geworden, denn zwanzig ſich widerſprechende Gerüchte ſind über dieſes Verſchwinden im Umlauf geweſen. Ge⸗ ſtern erſt zurückgekehrt, konntet Ihr das nicht wiſſen, ich ſelbſt habe es nicht früher als dieſen Morgen erfahren.“ „Ich habe in der That ſo viele andere Sorgen!“ ſagte der Connetable.„Natürlich mußte ich eher an meine gegenwärtige Ungnade, als an meine frühere Gnade denken.“ „Das iſt richtig. Doch würde dieſe Gnade nicht wieder aufblühen, gnädigſter Herr, wenn Ihr zum Bei⸗ ſpiel zum König ſagen könntet:„„Sire, Ihr beweint Eure Tochter, Ihr jucht ſie überall, Ihr fordert ſie von Allen. Aber ich allein weiß, wo ſie iſt, Sire.““ „Sollteſt Du es etwa wiſſen, Arnauld?“ fragte raſch Montmorench. „Wiſſen iſt mein Handwerk. Ich ſagte Euch, ich habe Neuigkeiten zu verkaufen, Ihr ſeht, meine Waare iſt nicht von ſchlechter Qualität. Ihr denkt darüber nach? Thut es immerhin, gnädigſter Herr.“ „Ich überlege, daß ſich die Könige der Niederlagen 192 ihrer Diener erinnern, aber nicht ihrer Verdienſte. Habe ich Heinrich II. ſeine Tochter zurückgegeben, ſo wird er Anfangs entzückt ſein: alles Gold, alle Ehren⸗ ſtellen des Reiches würden im erſien Augenblick nicht genügen, um mich zu bezahlen. Diana wird weinen, Diana wird ſagen, ſie wolle ſterben, wenn man ſie einem Andern gebe, als ihrem Vicomte d'Exmèes, und von ihr belagert, von meinen Feinden beſiegt, wird ſich der König der Schlacht erinnern, die ich verloren, und nicht des Kindes, das ich wiedergefunden habe. Und die Folge aller meiner Anſtrengungen iſt ſodann, daß der Vicomte d'Ermes glücklich wird.“ „Es müßte,“ ſagte Arnauld mit ſeinem ſchlimmen Lächeln,„es müßte zu derſelben Zeit, wo Frau von Caſtro wiedererſcheint, der Vicomie d'Ermes verſchwin⸗ den. Ah! das wäre gut geſpielt.“ „Ja, doch das ſind äußerſte Mittel, welche anzu⸗ wenden mir widerſtrebt. Ich weiß, daß Dein Arm ſicher und Dein Mund verſchwiegen iſt. Doch„ „Ah! der gnädigſte Herr täuſcht ſich in meinen Ab⸗ ſichten,“ rief Arnauld Entrüſtung heuchelnd.„Der gnädigſte Herr verleumdet mich! er hat geglaubt, ich wolle ihn von dieſem jungen Mann durch ein gewalt⸗ ſames Verfahren befreien.(Arnauld machte hiebei eine bezeichnende Geberde.) Nein, hundertmal nein, ich habe etwas Beſſeres.“ „Was haſt Du denn?“ „Treffen wir zuerſt eine kleine Uebereinkunft, gnä⸗ vigſter Herr,“ ſprach Arnauld.„Ich ſage Euch den Ort, wo die verirrte Hirſchkuh ihr Lager hat. Ich ſichere Euch, wenigſtens für die zum Abſchluß der Hei⸗ rath des Herzogs Franz erforderliche Zeit, die Abweſen⸗ heit und das Stillſchweigen ſeines gefährlichen Neben⸗ buhlers. Das ſind ausgezeichnete Dienſte, gnädigſter Herr! Was werdet Ihr Eurerſeits für mich thun?“ „Was verlangſt Du?“ „Ihr ſeid billig, ich werdses auch ſein! Nicht wahr er t⸗ 1e be ä⸗ en n⸗ n⸗ er 193 Ihr berichtigt vor Allem, ohne zu handeln, die kleine Rechnung für die Vergangenheit, die ich Euch ſo eben zu überreichen die Ehre gehabt habe?“ „Es ſei,“ antwortete der Connetable. „Ich wußte wohl, daß wir bei dieſem erſten Punkte keine Schwierigkeiten haben würden, gnädigſter Herr, die Geſammtſumme iſt eine Kleinigkeit und dieſes Geld reicht kaum zu Deckung meiner Reiſekoſten und zu eini⸗ gen Geſchenken aus, welche ich einkaufen will, ehe ich verlaſſe. Doch das Gold iſt nicht Alles in dieſer elt.“ „Wie!“ ſagte der Connetable erſtaunt und beinahe erſchrocken,„iſt es wirklich Arnauld du Thill, der mir ſagt, das Gold ſei nicht Alles in der Welt?“ „Arnauld du Thill ſelbſt, doch nicht mehr der bettel⸗ hafte und habgierige Arnauld du Thill, den Ihr ge⸗ kannt habt, nein, ein anderer Arnauld du Thill, zu⸗ frieden mit dem kleinen Vermögen, das er ſich erworben, und ohne einen andern Wunſch, als den, den Reſt ſeines Lebens in der Gegend, wo er geboren worden, unter dem väterlichen Dach, in der Mitte ſeiner Jugendfreunde, im Schooße ſeiner Familie zuzubringen. Dies war immer mein Traum, gnädigſter Herr, es war das ruhige und reizende Ziel meines bewegten Daſeins.“ „Ja, in der That, wenn man, um die Ruhe zu genießen, durch den Sturm wandern muß, Arnauld, ſo wirſt Du glücklich ſein. Doch Du biſt alſo reich ge⸗ worden?“ „Wohlhabend, gnädigſter Herr, wohlhabend. Zehn⸗ tauſend Thaler ſind für einen armen Teufel wie ich ein Vermögen, beſonders in meinem demüthigen Dorfe, im Schooße meiner beſcheidenen Familie.“ „Deine Familie! Dein Dorf!“ verſetzte der Conne⸗ table;„ich glaubte, Du wäreſt heimathlos und lebteſt auf gut Glück mit einem Zufallskleid und einem ge⸗ ſchmuggelten Namen!“ Die beiden Dianen. U. 13 194 „Arnauld du Thill iſt allerdings ein angenommener Namen, gnädigſter Herr. Mein wahrer Name iſt Martin⸗ Guerre und ich bin im Dorfe Artigues bei Rieur ge⸗ boren, wo ich meine Frau und meine Kinder zurück⸗ gelaſſen habe.“ „Deine Frau!“ wiederholte der alte Montmorency immer mehr erſtaunt:„Deine Kinder?“ „Ja,“ antwortete Arnauld mit einem höchſt komiſch empfindſamen Tone,„und ich muß dem gnädigſten Herrn ſagen, daß er fortan nicht mehr auf meine Dienſte zählen kann, und daß die zwei Mittel, mit denen ich ihn jetzt unterſtütze, ſicherlich die letzten ſein werden. Ich ziehe mich von den Geſchäften zurück und will in Zukunft ehrlich, umgeben von der Liebe meiner Ver⸗ wandten und der Achtung meiner Mitbürger, leben.“ „Das gefällt mir!“ ſagte der Connetable.„Doch wenn Du ſo beſcheiden und ſchäferlich geworden biſt, daß Du nicht mehr von Geld ſprechen hören willſt, was verlangſt Du als Preis für die Geheimniſſe, die Du zu beſitzen behaupteſt?“ „Ich verlange mehr und weniger als Geld, gnä⸗ digſter Herr,“ erwiederte Arnauld, diesmal mit ſeinem natürlichen Tone;„ich verlange Ehre, nicht Ehren, das verſteht ſich, ſondern nur ein wenig Ehre, was für mich, ich geſtehe es, das dringendſte Bedürfniß iſt.“ „Erkläre Dich, denn Du ſprichſt wahrhaftig in Räthſeln.“ „So hört, gnädigſter Herr, ich habe eine Schrift abfaſſen laſſen, welche bezeugt, daß ich, Martin⸗Guerre ſo und ſo viele Jahre als„als Stallmeiſter(man muß die Sache verſchönern), in Eurem Dienſte geblieben bin, daß ich mich dieſe ganze Zeit als ein redlicher, getreuer und ſehr ergebener Diener betragen habe, und daß Ihr dieſe Ergebenheit dadurch anerkennen wolltet, daß Ihr mir eine ziemlich bedeutende Summe ſchenktet, um mich für den Reſt Tage vor jeder Noth zu e⸗ —,——————— 195 ſchützen. Setzt unten an dieſe Schrift Euer Siegel und Eure Unterſchrift und wir ſind quitt.“ „Unmöglich,“ erwiederte der Connetable.„Ich müßte mich der Gefahr preisgeben, ein Fälſcher zu ſein, das heißt ein Fälſcher und Meineidiger genannt zu werden, wenn ich ſolche Lügen unterſchreiben würde.“ „Das ſind keine Lügen, gnädigſter Herrz denn ich habe Euch immer treu„nach meinen Kräften ge⸗ dient, und ich bezeuge Euch, daß, wenn ich alles Geld geſpart hätte, welches ich bis jetzt von Euch erhalten habe, die Summe mehr als zehntauſend Thaler betra⸗ gen würde. Ihr ſeid alſo nicht der Gefahr ausgeſetzt, Lügen geſtraft zu werden, und glaubt Ihr denn, ich habe mich nicht furchtbar preisgegeben, um das glückliche Reſultat herbeizuführen, deſſen Früchte Ihr nur noch zu ernten habt!“ „Elender, dieſe Vergleichung...“ „Iſt richtig, gnädigſter Herr. Wir brauchen ein⸗ ander gegenſeitig und die Gleichheit iſt eine Tochter der Nothwendigkeit. Der Spion gibt Euch Euren Credit zurück, gebt dem Spion auch wieder ſeinen Credit. Niemand hört uns, gnädigſter Herr, keine falſche Scham! Schließt den Handel ab: er iſt gut für mich, beſſer für Euch. Wenn ich etwas geben ſoll, muß ich auch etwas bekommen. Unterzeichnet, gnädigſter Herr.“ „Nein, hernach. Wenn ich etwas geben ſoll, muß ich etwas bekommen, wie Du ſagſt. Ich will vorher wiſſen, welche Mittel Du beſitzeſt, um zu dem doppelten Reſultat zu gelangen, das Du mir verſprichſt. Ich will wiſſen, was aus Diana von Caſtro geworden iſt und was aus dem Vicomte d'Exmes werden ſoll.“ „Nun wohl! gnädigſter Herr, abgeſehen von einigem Verſchweigen, das ich für nothwendig erachte, will ich Euch wohl über dieſe zwei Punkte befriedigen; und Ihr werdet genöthigt ſein, zuzugeſtehen, daß der Zufall und ich die Sachen gut in Eurem Intereſſe geordnet haben.“ 196 „Ich höre,“ ſagte der Connetable. „Was zuerſt Frau von Caſtro betrifft, ſo iſt ſie weber getödtet noch entführt, ſondern einfach in Saint⸗ Quentin gefangen genommen worden und unter den fünfzig verhafteten Perſonen begriffen, aus denen man Löſegeld beziehen ſollte. Warum hat nun derjenige, in deſſen Händen fie iſt, dieſe Gefangenſchaft nicht bekannt gemacht? warum hat Frau von Caſtro nicht ſelbſt Nach⸗ richt von ſich gegeben? ich weiß das durchaus nicht. Ich glaubte in Wahrheit, ſie wäre ſchon frei, und dachte, ich würde ſie bei meiner Ankunft in Paris hier finden. Erſt dieſen Morgen habe ich durch das öffent⸗ liche Gerücht erfahren, man wiſſe bei Hof nicht, was aus der Tochter des Königs geworden, und es ſei dies keine der geringſten Sorgen von Heinrich II. Vielleicht ſind in dieſen unruhigen Zeiten die Boten von Frau von Caſtro bei Seite geſchafft worden oder verirrt, vielleicht iſt irgend ein anderes Geheimniß unter der Zögerung verborgen. Doch ich kann alle Zweifel über dieſen Punkt heben und beſtimmt ſagen, an welchem Ort und weſſen Gefangenèe Frau von Caſtro iſt.“ „Eine Kunde hierüber iſt allerdings ſehr koſtbar,“ ſprach der Connetable;„wie heißt der Ort? bei wem iſt ſie?“ „Wartet doch, gnädigſter Herr; wollt Ihr nicht vor Allem gleichmäßig über den Vicomte d'Exmes un⸗ terrichtet ſein? denn iſt es gut, zu wiſſen, wo die Freunde ſind, ſo iſt es noch beſſer, zu wiſſen, wo die Feinde ſind.“ „Genug der Maxrimen! Wo iſt dieſer d'Ermès?“ „Ebenfalls Gefangener, gnädigſter Herr. Wer iſt nicht ein wenig Gefangener in den letzten Zeiten ge⸗ weſen? Es war ſehr ſtark Mode! Der Vicomte d'Exmés hat ſich nach der Mode gerichtet und iſt Gefangener.“ „Doch er wird bald Nachricht von ſich zu geben wiſſen!“ entgegnete der Connetable,„er muß Freunde, Geld haben; er wird ohne Zweifel Mittel finden, ſein S 8 8 N„ — S— S 8— S—— 197 Löſegeld zu bezahlen, und uns an einem ſchoͤnen Tag über den Hals fallen.“ „Ihr habt es ſehr gut errathen, gnädigſter Herr. Ja, der Vicomte hat Geld; ja, mit Ungeduld erwartet er den Augenblick, wo er aus ſeiner Gefangenſchaft be⸗ freit werden ſoll, und er gedenkt ſein Löſegeld ſo bald als möglich zu bezahlen. Er hat ſogar ſchon Jemand nach Paris geſchickt, um ihm auf das Eiligſte den Preis ſeiner Freiheit zu holen.“ „Was iſt hiebei zu thun?“ „Aber zum Glück für uns, zum Unglück für ihn, bin ich dieſer Jemand, den er in ſo großer Haſt nach Paris geſchickt hat, ich, der ich dem Vicomte d'Ermeés unter meinem wahren Namen Martin⸗Guerre als Stall⸗ meiſter diente. Ihr ſeht, daß ich ohne Unwahrſchein⸗ lichkeit Stallmeiſter ſein kann.“ „Und Du haſt Deinen Auftrag nicht beſorgt, Bur⸗ ſche? Und Du haſt das Löſegeld nicht für Deinen vor⸗ geblichen Herrn erhoben?“ „Ich habe es mit aller Genauigkeit erhoben, der⸗ gleichen läßt man nicht am Boden liegen. Bedenkt übrigens, daß dieſes Geld nicht erheben, Verdacht er⸗ regen hieße. Ich habe es gewiſſenhaft eingezogen... für das Beſte der Unternehmung. Nur, ſeid unbeſorgt! werde ich es ihm ſehr lange nicht übergeben. Es wären gerade die zehntauſend Thaler, die mir den Reſt meines Lebens fromm und ehrlich hinbringen helfen würden, und von denen man nach dem Papier, das Ihr unter⸗ zeichnen werdet, glauben müßte, ich habe ſie Eurer Großmuth zu verdanken.“ „Ich werde nicht unterzeichnen, Schändlicher!“ rief Montmorency.„Ich werde mich nicht wiſſentlich zum Genoſſen eines Diebſtahls machen.“ „Oh! gnädigſter Herr,“ erwiederte Arnauld,„wie nennt Ihr mit einem ſo harten Namen eine Nothwen⸗ digkeit, der ich mich unterziehe, um Euch einen Dienſt zu leiſten. Ich laſſe mein Gewiſſen aus Ergebenheit 198 ſchweigen, und ſo belohnt Ihr mich! Nun wohl, es ſei! ſchicken wir dem Vicomte die Geldſumme, und er wird eben ſo bald als Frau Diana hier ſein, wennerihr nicht zu⸗ vorkommt. Waäͤhrend, wenn er ſie nicht erhält...“ „Wenn er ſie nicht erhält?“ verſetzte der Conne⸗ „Gewinnen wir Zeit, gnädigſter Herr. Der Herr Vicomte d'Ermés erwartet mich zuerſt geduldig vierzehn Tage lang. Es bedarf wohl einiger Zeit, um zehntau⸗ ſend Thaler zuſammenzubringen, und ſeine Amme hat ſie mir in der That erſt dieſen Morgen ausbezahlt.“ „Sie hat Dir alſo getraut, die arme Frau?“ „Mir und dem Ring und der Handſchrift des Vi⸗ comte, gnädigſter Herr. Und dann hat ſie mich ſehr wohl wiedererkannt. Wir ſagten alſo vierzehn Tage ungeduldigen Erwartens, eine Woche unruhigen Er⸗ wartens, eine Woche troſtloſen Erwartens. Nicht vor einem Monat, vor anderthalb Monaten, wird der Vi⸗ comte, in Verzweiflung, einen andern Boten zur Auf⸗ ſuchung des erſten abſchicken. Doch der erſte wird ſich nicht finden, und iſt es ſchwierig zehntauſend Thaler zuſammenzubringen, ſo wird dies bei weiteren zehntau⸗ ſend beinahe unmöglich. Ihr werdet Muße genug haben, um Euren Sohn zwanzigmal zu verheirathen, gnädig⸗ ſter Herr; denn der Vicomte d'Ermés wird zwei Mo⸗ nate lang verſchwinden, als ob er todt wäre, und erſt im nächſten Jahre lebendig und wüthen zurück⸗ kommen.“ „Ja, doch er wird zurückkommen!“ ſagte Montmo⸗ rency;„und wird er ſich am Tage ſeiner Rückkehr nicht erkundigen, was aus ſeinem guten Stallmeiſter Martin⸗ Guerre geworden iſt?“ „Ach! gnädigſter Herr,“ entgegnete Arnauld mit kläglichem Tone,„mit Bedauern ſage ich es Euch, man wird ihm antworten, der treue Martin⸗Guerre ſei, als er zu ſeinem Herrn mit dem Löſegeld zurückgekehrt, das er für ihn geholt, unglücklicher Weiſe in die Hände einer M — v vN — *—* — 8 8 8 199 Abtheilung von Spaniern gefallen, welche ihn, nachdem ſie ihn geplündert und beraubt, um ſein Stillſchweigen zu ſichern, grauſam an den Thoren von Noyon aufge⸗ hängt haben.“ „Wie, Arnauld, Du wirſt gehängt werden?“ „Ich bin es geweſen, gnädigſter Herr, ſeht, wie weit mein Eifer geht. Nur in Beziehung auf das Datum des Hängens werden ſich die Ausſagen widerſprechen. Doch wird man räuberiſchen Reitern glauben, welche bei Entſtellung der Wahrheit intereſſirt ſind? Auf, gnä⸗ digſter Herr,“ fuhr der unverſchämte Arnauld heiter und entſchloſſen fort,„denkt, meine Vorſichtsmaßregeln ſeien geſchickt getroffen, und bei einem erfahrenen Burſchen, wie ich bin, ſetzt ſich Euere Exellenz nicht der Gefahr aus, compromittirt zu werden. Würde die Klugheit on der Erde verbannt, ſo müßte ſie ſich in das Herz eines Gehängten flüchten. Ich wiederhole Euch übrigens, Ihr beſtätigt nur die Wahrheit: ich diene Euch ſeit langer Zeit, viele von Euren Leuten können es bezeugen wie Ihr, und Ihr habt mir im Ganzen wohl zehntauſend Thaler gegeben, deſſen ſeid ſicher. Soll ich Euch einen Empfangsſchein ausſtellen?“ ſagte Arnauld ſich in die Bruſt werfend. Der Connetable konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren und entgegnete: „Ja, aber wenn am Ende.. Arnauld du Thill unterbrach ihn: „Oh! gnädigſter Herr, Ihr zögert nur noch der Form wegen, und was iſt die Form für erhabene Gei⸗ ſter? Unterzeichnet ohne weitere Umſtände.“ Er legte auf den Tiſch vor Montmorency das Pa⸗ pier, dem nur noch die Unterſchrift fehlte. „Doch zuerſt den Namen der Stadt und den Na⸗ des Mannes, welche Diana von Caſtro gefangen alten.“ „Namen für Namen, ſteht der Eurige unten an dieſem Papier, ſo ſollt Ihr die anderen erfahren.“ 200 „Gut!“ ſagte Montmorency. Und er machte den kühnen Federzug, der ihm als Unterſchrift diente. „Und das Siegel, gnädigſter Herr?“ „Hier iſt es. Biſt Du zufrieden?“ „Als ob mir der gnädigſte Herr die zehntauſend Thaler geben würde.“ „Nun ſprich, wo iſt Diana?“ „In den Händen von Lord Wentworth in Calais,“ ſagte Arnauld, während er das Pergament dem Conne⸗ table nehmen wollte, der es noch zurückhielt. „Einen Augenblick,“ ſprach dieſer,„und der Vi⸗ comte d'Ermos?“ „In Calais in den Händen von Lord Wentworth. „Aber dann ſehen ſich Diana und er?“ „Nein, gnädigſter Herr, er wohnt bei einem Waf⸗ fenſchmied der Stadt Namens Pierre Peugoy, und ſie muß im Hauſe des Gouverneurs wohnen. Ich wollte ſchwören, der Vicomte d'Ermos weiß nicht, daß ſeine Schöne ſo nahe bei ihm iſt.“ „Ich laufe in den Louvre,“ ſagte der Connetable, das Papier loslaſſend. „Und ich nach Artigues,“ rief Arnauld triumphi⸗ rend.„Viel Glück, gnädigſter Herr! Seid bemüht, nicht mehr Connetable zum Geſpötte zu ſein.“ „Viel Glück, Burſche! Sei bemuht, daß man Dich nicht an einem ſchönen Morgen aufhängt.“ Hiernach gingen Beide in entgegengeſetzter Rich⸗ tung ab. — —— 3 — 201 XXII. Bie Waffen von Pierre Peugoy, die Seile von Jean Peunoy, die Thränen von Pabette Peugoy. Es verging in Calais beinahe ein Monat, ohne zu ihrem großen Bedauern eine Veränderung in der Lage derjenigen herbeizuführen, welche wir daſelbſt zu⸗ rückgelaſſen haben. Pierre Peugoy verfertigte beſtän⸗ dig Waffen aller Art; Jean Peugoy hatte die Webe⸗ rei wieder begonnen und vollendete in ſeinen verlorenen Augenblicken Seile von unwahrſcheinlicher Länge; Ba⸗ bette weinte. Bei Gabriel hatte das Erwarten die von Arnauld du Thill dem Connetable vorhergeſagten Phaſen durch⸗ gemacht. Er hatte ſich die erſten vierzehn Tage in Geduld gefaßt, ſeitdem aber war er ungeduldig. Er ging nur äußerſt ſelten mehr zu Lord Went⸗ worth und machte ihm ſehr kurze Beſuche. Es waltete eine Kälte zwiſchen ihnen ob, ſeit dem Tage, wo ſich Gabriel vermeſſen in die vorgeblichen Angelegenheiten des Gouverneurs gemiſcht hatte. Dieſer aber, wir müſſen es mit Befriedigung ſa⸗ gen, wurde von Tag zu Tag trauriger. Es waren in⸗ deſſen nicht die drei Boten, welche ſeit der Abreiſe von Arnauld der König von Frankreich in kurzen Zwiſchen⸗ räumen an ihn abgeſchickt hatte, was Lord Wentworth beunruhigte. Alle drei verlangten, der erſte mit Höflich⸗ keit, der zweite mit Schärfe, der dritte mit Drohung, wie man vermuthen kann, dieſelbe Sache, die Freiheit von Frau von Caſtro gegen ein Löſegeld, welches zu be⸗ ſtimmen dem Gouverneur ſelbſt überlaſſen war. Doch allen dreien antwortete er dasſelbe; er gedenke Frau von Caſtro als Geiſel zu behalten, um ſie, wenn es 5 202 nöthig wäre, gegen einen wichtigen Gefangenen im Krieg auszutauſchen oder ſie dem König ohne Löſegeld im Frieden zurückzugeben. Er fühlte ſich in ſeinem ſtrengen Rechte und trotzte hinter ſeinen ſtarken Mauern dem Zorne von Heinrich 1I. Es war alſo nicht dieſer Zorn, was ihn beunru⸗ higte, obgleich er ſich fragte, wie wohl der König die Gefangenſchaft von Diana erfahren haben könnte; was ihn beunruhigte, war die immer mehr verächtliche Gleich⸗ gültigkeit ſeiner ſchönen Gefangenen. Weder Unter⸗ würfigkeit noch Zuvorkommenheit hatten die ſtolze, geringſchätzende Sinnesart von Frau von Caſtro zu mildern vermocht. Sie blieb ſtets traurig, ruhig und würdig vor dem leidenſchaftlichen Gouverneur, und wenn er ein Wort von ſeiner Liebe zu ſprechen wagte, wobei er indeſſen, es iſt nicht zu leugnen, der Zurück⸗ haltung treu blieb, die ihm ſein Titel als Edelmann auferlegte, ſo antwortete ſie mit einem zugleich hoch⸗ müthigen und ſchmerzlichen Blick, der das Herz des ar⸗ men Lord Wentworth brach und ſeinen Stolz ver⸗ letzte. Er hatte nicht den Muth gehabt, mit Diana von dem Briefe zu ſprechen, den ſie an Gabriel ge⸗ ſchrieben, und eben ſo nicht von den Verſuchen des Kö⸗ nigs, um die Freiheit ſeiner Tochter zu erlangen; ſo ſehr fürchtete er ein bitteres Wort, einen ironiſchen Vorwurf aus dieſem reizenden und grauſamen Munde. Als aber Diana die Kammerfrau, welche ihr Billet zu beſorgen gewagt hatte, im Hauſe nicht wiederſah, begriff ſie, daß ihr dieſe verzweifelte Hoffnung abermals entging. Die Keuſche, die Edle verlor indeſſen den Muth nicht; ſie wartete und betete. Sie vertraute auf Gott und im Falle der Noth auf den Tod. Am letzten Tag des October, eine Friſt, die ſich Gabriel ſelbſt, um Arnauld zu erwarten, anberaumt hatte, beſchloß er zu Lord Wentworth zu gehen und ſich von ihm als einen Dienſt die Erlaubniß zu er⸗ 203 bitten, einen andern Boten nach Paris ſchicken zu dürfen. Gegen zwei Uhr verließ er das Haus der Peugoy, wo Pierre ein Schwert polirte, wo Jean eines von den ungeheuren Seilen flocht, und wo Babette, die Augen geröthet, ſich ſeit mehreren Tagen um ihn drehte, ohne mit ihm ſprechen zu können, und begab ſich unmittel⸗ bar nach dem Hauſe des Gouverneurs. Lord Wentworth war für den Augenblick durch Geſchäfte in Anſpruch genommen und ließ Gabriel bitten, fünf Minuten zu warten. Er würde dann ganz ihm gehören. Der Saal, in welchem ſich Gabriel befand, ging auf einen inneren Hof. Gabriel näherte ſich dem Fen⸗ ſter, um in den Hof zu ſchauen, und maſchinenmäßig ſpielten und liefen ſeine Finger über die Scheiben hin⸗ Plötzlich erregten, gerade unter ſeinen Fingern, mit einem Diamantring auf das Glas gezeichnete Charak⸗ tere ſeine Aufmerkſamkeit. Er näherte ſich, um beſſer zu ſehen, und konnte deutlich die Worte: Diana von Caſtro, leſen. Es war die Unterſchrift, welche auf dem geheim⸗ nißvollen Briefe fehlte, den er im vorhergehenden Mo⸗ nat empfangen hatte. Eine Wolke zog vor den Augen von Gabriel vor⸗ über, und er war genöthigt, ſich an der Wand anzu⸗ lehnen, um nicht zu fallen. Seine Ahnungen hatten ihm alſo nicht gelogen! Diana! es war wirklich Diana, ſeine Braut oder ſeine Schweſter, welche dieſer Wollüſt⸗ ling Wentworth in ſeiner Gewalt hielt! Es war das reine und ſanfte Geſchöpf, zu dem er von ſeiner Liebe zu ſprechen wagte! Mit einer unwillkührlichen Bewegung fuhr Gab⸗ riel nach dem Stichblatte ſeines Degens. In dieſem Augenblicke trat Lord Wentworth ein. Wie das erſte Mal führte ihn Gabriel, ohne ein 204 Wort zu ſprechen, an das Fenſter und zeigte ihm die anklagende Schrift. Der Gouverneur erbleichte Anfangs, dann faßte er ſich aber wieder mit der Selbſtbeherrſchung, die er in ſo hohem Grade beſaß, und fragte: „Nun! was denn?“ „Iſt das nicht der Name der armen Wahnſinnigen, die Ihr zu bewachen genöthigt ſeid, Mylord?“ ſprach Gabriel. „Es iſt möglich; hernach?“ verſetzte Lord Went⸗ worth mit hochmüthiger Miene. k „Wenn dem ſo iſt, ſo kenne ich dieſe ohne Zweifel ſehr entfernte Verwandtin. Ich habe ſie oft im Louvre geſehen. Ich bin ihr ergeben, wie es jeder fran⸗ zöſiſche Edelmann gegen die Tochter des Hauſes Frank⸗ reich ſein muß.“ „Und dann?“ „Und dann, Mylord, würde ich von Euch Rechen⸗ ſchaft über die Art und Weiſe verlangen, mit der Ihr eine Gefangene von dieſem Rang zurückhaltet und be⸗ handelt.“. „Und wenn ich mich weigerte, mein Herr, Euch dieſe Rechenſchaft zu geben, wie ich es ſchon dem König von Frankreich verweigert habe?“ „Dem König von Frankreich!“ wiederholte Gabriel erſtaunt. „Allerdings, mein Herr,“ erwiederte Lord Went⸗ worth mit ſeiner unſtörbaren Kaltblütigkeit.„Ein Eng⸗ länder iſt, wie mir ſcheint, nicht verantwortlich für ſeine Handlungen gegen einen fremden Souverain, beſonders wenn ſein Land mit dieſem Souverain im Krieg begrif⸗ fen iſt. Herr d'Ermos, wenn ich mich alſo weigerte, Euch Rechenſchaft zu geben?“ „So würde ich Euch bitten, mir Genugthuung zu geben, Mylord,“ rief Gabriel.. „Und Ihr hofft mich ohne Zweifel mit dem Degen zu tödten, den Ihr nur mit meiner Bewilligung tragt, 9 7„—„— „— 205 und den ich ſogleich von Euch zurück zu verlangen be⸗ rechtigt bin?“ „Oh! Mylord! Mylord!“ rief Gabriel,„Ihr wer⸗ det mir auch dies bezahlen.“ „Es ſei, mein Herr, und ich werde meine Schuld leugnen, wenn Ihr die Eurige abgetragen abt. „Ohnmächtig!“ rief Gabriel die Hände ringend, „ohnmächtig in einem Augenblick, wo ich die Kraft von zehntauſend Menſchen zu haben wünſchte.“ „Es iſt doch in der That ärgerlich für Euch, daß Euch die Schicklichkeit und das Recht die Hände binden; doch geſteht auch, daß es zu bequem für einen Kriegs⸗ gefangenen und für einen Schuldner wäre, ſeine Quit⸗ tung und ſeine Freiheit ganz einfach dadurch zu erhal⸗ ten, daß er ſeinen Gläubiger und ſeinen Feind nieder⸗ ſtechen würde.“ „Mylord,“ ſprach Gabriel, bemüht, ſeine Ruhe wiederzuerlangen,„es iſt Euch nicht unbekannt, daß ich vor einem Monat meinen Stallmeiſter nach Paris ab⸗ geſchickt habe, um die Summe holen zu laſſen, um die Ihr ſo ſehr beſorgt ſeid. Iſt Martin⸗Guerre unter Wegs trotz ſeines Geleitsbriefes verwundet, getödtet worden? hat man ihm das Geld geraubt, das er zu⸗ rückbrachte? ich weiß es nicht. Es iſt nur eine That⸗ ſache, daß er nicht zurückkehrt, und ich kam in dieſem Augenblicke zu Euch, um Euch zu bitten, mich aber⸗ mals Jemand nach Paris abſchicken zu laſſen, da Ihr kein Vertrauen zu dem Worte eines Edelmanns habt und mir nicht anbieten wolltet, ich möge das Löſegeld ſelbſt in Paris holen. Die Erlaubniß, die ich mir hie⸗ mit von Euch erbitte, ſeid Ihr nun nicht mehr zu ver⸗ weigern berechtigt, oder ich bin berechtigt, zu ſagen, Ihr habet bange vor meiner Freiheit und waget es nicht, mir meinen Degen zurückzugeben.“ „Und wem würdet Ihr das in einer engliſchen Stadt ſagen, welche unmittelbar unter meine Autorität 206 geſtellt iſt, und wo Ihr nur als ein Gefangener und als Feind betrachtet werden müßt?“ „Ich werde dies ganz laut ſagen, Mylord, zu je⸗ dem Manne, welcher fühlt und denkt, zu jedem Edlen dem Herzen und dem Namen nach, zu Euren Officieren, welche ſich auf Ehrenſachen verſtehen, zu Euren Ar⸗ beitern ſogar, die ihr Inſtinkt erleuchten müßte, und Alle wären mit mir gegen Euch einverſtanden, daß Ihr, da Ihr mir nicht die Mittel bewilligt, von hier wegzukommen, unwürdig geworden, der Anführer ta⸗ pferer Soldaten zu ſein.“ „Ihr bedenkt nicht, mein Herr,“ erwiederte Lord Wentworth mit kaltem Tone,„daß ich, ehe ich Euch unter den Meinigen den Geiſt der Unbotmäßigkeit verbreiten laſſe, nur ein Wort zu ſprechen, nur eine Geberde zu machen habe, und Ihr werdet in ein Gefängniß geworfen, wo Ihr mich einzig und allein vor den Wänden anklagen könnt.“ „Oh! tauſend Donner! das iſt wahr!“ murmelte Gabriel, mit den Zähnen knirſchend und die Fäuſte ballend. Dieſer Mann des regen Gefühles brach ſich an der Unempfindlichkeit ſeines ehernen Gegners. Doch ein Wort verwandelte das Angeſicht der Scene und ſtellte plötzlich die Gleichheit zwiſchen Went⸗ worth und Gabriel wieder her. „Theure Diana! theure Diana!“ wiederholte der junge Mann voll Bangigkeit,„nichts für Dich in dei⸗ ner Gefahr vermögen!“ „Was habt Ihr geſagt, mein Herr?“ fragte Lord Wentworth wankend;„Ihr habt, glaube ich, geſagt: „„Theure Diana!““ Habt Ihr das geſagt, oder habe ich ſchlecht gehört? Solltet Ihr Frau von Caſtro auch lieben?“ „Nun wohl, ja, ich liebe ſie!“ rief Gabriel.„Ihr liebt ſie auch, Ihr! Doch meine Liebe iſt eben ſo rein und ergeben, als die Eurige unwürdig und grauſam N— S 8 207 iſt. Ja, vor Gott und den Engeln liebe ich ſie in tiefer nbetung.“ „Was ſprachet Ihr dann von einer Tochter Frank⸗ reichs und von dem Schutze, den jeder Gdelmann einer ſolchen Unterdrückten ſchuldig ſei?“ entgegnete Lord Wentworth außer ſich.„Ah! Ihr liebt ſier und Ihr ſeid derjenige, den ſie ohne Zweifel liebt! deſſen Erin⸗ nerung ſie anruft, wenn ſie mich martern will. Ihr ſeid der Man, um deſſen Liebe willen ſie mich verach⸗ tet! der Mann, ohne den ſie mich vielleicht lieben würde! Ah! derjenige, welchen ſie liebt, ſeid Ihr?“ Kurz zuvor noch ſo ſpöttiſch und ſo geringſchätzend, ſchaute Lord Wentworth nun mit einem gewiſſen ehr⸗ furchtsvollen Schrecken denjenigen an, welcher Diana liebte, während Gabriel bei den Worten ſeines Nebenbuh⸗ lers allmälig freudig und triumphirend ſeine Stirne erhob. „Oh! wahrhaftig, ſie liebt mich ſomit!“ rief er, „ſie denkt noch an mich! ſie ruft mich, wie Ihr ſagt! Ah! gut, wenn ſie mich ruſt, werde ich gehen, werde ich ihr beiſtehen, werde ich ſie retten. Auf, Mylord, nehmt meinen Degen, knebelt mich, bindet mich, kerkert mich ein. Dem ganzen Weltall und Euch zum Trotz werde ich ihr beiſtehen und ſie behüten, da ſie mich immer noch liebt, meine heilige Diana. Da ſie mich immer noch liebt, trotze ich Euch und fordere Euch heraus, und ſeid Ihr bewaffnet und ich ohne Waffen, ſo bin ich immer noch gewiß, daß ich Euch beſiege mit der Liebe von Diana zur göttlichen egide.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr, ich glaube es wohl!“ murmelte Lord Wentworth niedergeſchmettert. „Zetzt wäre es auch nicht edel von mir, Euch zum Duell herauszufordern; laßt Eure Wachen kommen und befehlt ihnen, mich einzuſchließen, wenn es Euch beliebt. Das Gefängniß neben ihr und zugleich mit ihr iſt noch eine Art von Glück.“ Nach dieſen Worten trat ein ziemlich langes Still⸗ ſchweigen ein. — 208 „Mein Herr,“ ſprach endlich Lord Wentworth nach einigem Zögern,„Ihr habt mich, glaube ich, um Er⸗ laubniß gebeten, einen zweiten Boten nach Paris ab⸗ zuſchicken, um Euer Löſegeld zu holen?“ „In der That, Mylord, das war Anfangs meine Abſicht, als ich hierher kam.“ „Und Ihr machtet mir, wie mir ſcheint, in Euren Reden den Vorwurf, daß ich kein Vertrauen zu Eurem adeligen Ehrenwort gehabt und Euch nicht geſtattet habe, mit Eurem Worte als Bürgſchaft Euer Löſegeld ſelbſt zu holen?“ „Das iſt wahr, Mylord.“ „Nun wohl! mein Herr, Ihr könnt noch heute ab⸗ reiſen, die Thore von Calais ſind Euch geöffnet, Eure Bitte iſt bewilligt.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte Gabriel mit Bitterkeit. „Ihr wollt mich von ihr entfernen. Und wenn ich mich nun weigerte, Calais zu verlaſſen?“ „Ich bin der Herr hier,“ ſprach der Gouverneur, „Ihr habt Euch gegen meinen Willen weder zu weigern, noch ihn anzunehmen, ſondern nur Euch demſelben zu unterwerfen.“ „Es ſei alſo, ich werde abreiſen, Mylord, jedoch ohne Euch für dieſe Großmuth Dank zu wiſſen, das ſage ich Euch zum Voraus.“ „Ich bedarf auch Eurer Dankbarkeit nicht, mein Herr.“ „Ich werde abreiſen,“ fuhr Gabriel fort,„doch wißt, daß ich nicht lange Euer Schuldner bleiben werde und daß ich bald zurückkomme, um Euch alle meine Schulden mit einander zu bezahlen. Und da ich dann nicht mehr Euer Gefangener bin und Ihr nicht mehr mein Gläubiger ſeid, ſo wird kein Vorwand mehr vor⸗ handen ſein, daß ſich mein Degen, den ich zu tragen berechtigt bin, nicht mit dem Eurigen kreuze.“ „Ich könnte dieſen Zweikampf ausſchlagen, mein Herr,“ erwiederte Lord Wentworth mit einer gewiſſen ( ( F W NM 209 Schwermuth,„denn die Chancen ſind zwiſchen uns nicht gleich; tödte ich Euch, ſo wird ſie mich noch mehr haſ⸗ ſen, tödtet Ihr mich, ſo wird ſie Euch noch mehr kie⸗ ben. Gleichviel! ich muß annehmen und nehme an. Aber befürchtet Ihr nicht, mich hiedurch zu einem äu⸗ ßerſten Schritte zu bringen?“ fügte er mit düſterer Miene bei.„Könnte ich nicht, da alle Vortheile auf Eurer Seite ſind, diejenigen mißbrauchen, welche mir bleiben?“ „Unſer Herrgott dort oben und auf dieſer Welt der Adel aller Länder werden Euch richten, Mylord, wenn Ihr Euch feige an denjenigen rächt, welche ſich nicht vertheidigen können,“ ſprach Gabriel ſchauernd. „Wie dem auch ſein mag,“ erwiederte Lord Went⸗ worth,„Euch verwerfe ich unter meinen Richtern.“ Nach einer Pauſe fügte er bei: „Es iſt drei Uhr, mein Herr, Ihr habt bis um ſieben Uhr, zu welcher Stunde die erſten Thore geſchloſ⸗ ſen werden, Zeit, um Eure Vorkehrungen zu treffen und die Stadt zu verlaſſen. Ich habe bis dahin meine Be⸗ fehle gegeben, daß man Euch frei paſſiren läßt.“ „Um ſieben Uhr, Mylord, werde ich nicht mehr in Calais ſein.“ „Und rechnet darauf,“ ſagte Lord Wentworth, „daß Ihr in Euerm Leben nicht mehr dahin zurück⸗ komint, und daß, wenn ich in dieſem Duell außerhalb unſerer Wälle durch Euch getödtet ſterben würde, meine Maaßregeln ſo gut getroffen ſein werden— vertraut auf meine Eiferſucht— daß Ihr Frau von Caſtro nie beſitzet, nie wiederſeht.“ Gabriel hatte ſchon einen Schritt gemacht, um ſich aus dem Zimmer zu entfernen. Er blieb an der Thüre ſtehen und erwiederte: „Was Ihr da ſagt, iſt unmöglich, Mylord, früher oder ſpäter muß ich Diana nothwendig wiederſehen.“ „Es wird dennoch nicht geſchehen, mein Herr, das Die beiden Dianen. U. 2¹0 ſchwöre ich Euch! wenn der Wille des Gouverneurs eines Platzes oder der letzte Wille eines Sterbenden von Wirkung zu ſein hoffen dürfen.“ „Es wird geſchehen, ich weiß nicht wie, doch ich bin deſſen ſicher!“ entgegnete Gabriel. „Dann, mein Herr,“ ſprach Wentworth mit einem verächtlichen Lächeln,„dann werdet Ihr Calais mit Sturm nehmen.“ Gabriel dachte eine Minute nach und antwortete hierauf: „Ich werde Calais mit Sturm nehmen. Auf Wie⸗ derſehen, Mylord.“ Er verbeugte ſich, ging hinaus und ließ Lord Wentworth, der nicht wußte, ob er lachen oder er⸗ ſchrecken ſollte, ganz verſteinert zurück. Gabriel begab ſich auf der Stelle nach dem Hanſe der Peugoy. Er fand Pierre, der die Klinge ſeines Schwertes polirte, Jean, der Knoten an ſein Seil machte, und Babette, welche ſeufzte. Er erzählte ſeinen Freunden ſein Geſpräch mit dem Gouverneur und kündigte ihnen ſeine Abreiſe in Folge davon an. Er verbarg ihnen ſogar nicht das vielleicht vermeſſene Wort, mit dem er von Lord Wentworth Ab⸗ ſchied genommen hatte. Dann ſagte er zu ihnen: „Ich gehe nun in mein Zimmer hinauf, um meine Vorbereitungen zu treffen, und überlaſſe Euch, Pierre, Furen Schwertern, Euch, Jean, Euren Seilen, und Euch, Babette, Euren Seufzern.“ Er ging wirklich hinauf, um haſtig alle Anſtalten zu ſeiner Abreiſe zu treffen. Nun, da er frei war, drängte den muthigen jungen Mann die Ungeduld, Paris wiederzuſehen, um ſeinen Vater zu retten, dann Calais wiederzuſehen, um Diana zu retten. Als er eine halbe Stunde nachher das Zimmer verließ, fand er auf dem Ruheplatz Babette Peugoy⸗ 8 S= 8 S.S— c a — — ar, 21¹1 „Ihr reiſt alſo ab, Herr Vicomte?“ ſagte ſie. „Ihr fragt mich alſo nicht, warum ich weine?“ „Nein, mein Kind, denn ich hoffe, wenn ich zu⸗ rückkomme, werdet Ihr nicht mehr weinen.“ Ich hoffe auch, gnädiger Herr,“ verſetzte Babette, „doch nicht wahr, Ihr gedenkt trotz der Drohungen des Gouverneurs zurückzukehren?“ „Dafür ſtehe ich Euch, Babette!“ „Ohne Zweifel mit Eurem Stallmeiſter, Martin⸗ Guerre?“ „Gewiß.“ „Ihr ſeid alſo ſicher, Martin⸗Guerre in Paris wiederzufinden?“ fragte das junge Mädchen.„Nicht wahr, es iſt kein unredlicher Menſch? Er hat Euer Löſegeld nicht unterſchlagen? Er iſt nicht fähig.. einer Untreue.“ „Ich würde darauf ſchwören,“ ſagte Gabriel er⸗ ſtaunt über dieſe Fragen. „Und er würde eine Frau eben ſo wenig betrügen, als ſeinen Herrn, nicht wahr?“ „Oh! das iſt weniger ſicher, und ich würde in die⸗ ſem Punkte nicht für ihn ſtehen.“ „Gnädiger Herr,“ ſprach Babette erbleichend,„wür⸗ det Ihr wohl die Güte haben, ihm dieſen Ring zu übergeben? Er wird wiſſen, von wem er kommt, und was er bedeutet.“ „Ich werde ihn übergeben,“ ſagte Gabriel, der ſich plötzlich des Vorabends der Abreiſe ſeines Stall⸗ meiſters erinnerte.„Ich werde ihn übergeben; doch ich nehme an, die Perſon, welche ihn ſchickt, weiß daß Martin⸗Guerre.. verheirathet iſt.“ „Verheirathet!“ rief Babette.„Dann, gnädiger Herr, behaltet dieſen Ring, werft ihn weg, doch über⸗ gebt ihn nicht.“ „Aber, Babette.. „Meinen Dank, gnädiger Herr, und Gott befoh⸗ len!“ murmelte die Arme. 21¹2 Und ſie entfloh in den zweiten Stock und fiel, kaum in ihr Zimmer zurückkehrt, ohnmächtig auf einen Stuhl nieder. Bekümmert und unruhig über den Verdacht, der ſich zum erſten Male in ſeinem Geiſte regte, ſtieg Ga⸗ briel in Gedanken verſunken die hölzerne Treppe des Hauſes der Peugoy hinab. Unten an den Stufen fand er Jean, der ſich ihm geheimnißvoll näherte. „Herr Vicomte,“ ſagte der Bürger mit leiſer Stimme,„Ihr fragtet mich immer, warum ich Seile von einer ſolchen Länge mache. Ich will Euch nicht abrei⸗ ſen laſſen, beſonders nach Eurem bewunderungswürdigen Abſchied von Lord Wentworth, ohne Euch den Schlüſſel zu dieſem Räthſel zu geben. Wenn man durch kleine Duerſtricke zwei lange und feſte Seile, wie die, welche ich mache, verbindet, Herr Vicomt, ſo erhält man eine ungeheure Leiter. Dieſe Leiter kann man, wenn man auf der ſtädtiſchen Wache iſt, wie Pierre ſeit zwanzig Jahren, wie ich ſeit drei Tagen, zu zwei auf zweimal unter das Schilderhaus der Plattform des Thurmes Octogon trage. Dann kann man in einer ſchwarzen December⸗ oder Januarnacht, aus Neugierde, zwei Enden an den eiſernen in die Zinnen eingelötheten Krampen be⸗ feſtigen und die zwei anderen Enden auf dreihundert Fuß in das Meer fallen laſſen, wo ſich, aus Unacht⸗ famkeit, ein kecker Kahn finden dürfte.“ „Aber, mein braver Jean..“ unterbrach ihn Gabriel. „Genug über dieſen Punkt, Herr Vicomte,“ ver⸗ ſetzte der Weber.„Entſchuldigt mich, ich wollte Euch, ehe Ihr uns verlaßt, noch ein Andenken an Euern er⸗ gebenen Diener Jean Peugoy überreichen. Hier iſt ein mittelmäßiger Plan von den Mauern und Feſtungswerken von Calais. Ich habe ihn zu meiner Beluſtigung gemacht, nach meinen ewigen Spaziergängen, über die Ihr Euch ſo ſehr wundertet. Verbergt ihn unter Eurem Wamms, n r⸗ in en , 6„ — X 8 8S 6— 8S— 5„ r 213 und wenn Ihr in Paris ſeid, ſchaut ihn, ich bitte Euch, zuweilen aus Freundſchaft für mich an.“ Gabriel wollte ihn abermals unterbrechen, aber Jean ließ ihm keine Zeit dazu, drückte die Hand, die ihm der junge Mann reichte, und entfernte ſich mit den Worten: „Auf Wiederſehen, Herr d'Ermès. Ihr werdet vor der Thüre Pierre finden, der auch auf Euch war⸗ tet, um ebenfalls Abſchied zu nehmen. Sein Lebewohl wird das meinige vervollſtändigen.“ Pierre wartete wirklich vor ſeinem Hauſe, das Pferd von Gabriel am Zügel haltend. „Ich danke für Eure Gaſtfreundſchaft, Meiſter,“ ſprach der Vicomte d'Ermes.„Ich ſchicke Euch in kur⸗ zer Zeit, wenn ich es nicht ſelbſt bringe, das Geld, das Ihr mir vorzuſchießen die Güte gehabt habt. Mit Eurer Erlaubniß füge ich eine gute Belohnung für Eure Leute bei. Mittlerweile wollt dieſen kleinen Dia⸗ mant Eurer Tochter von mir anbieten.“ „Ich nehme ihn für ſie an, Herr Vicomte,“ erwiederte der Waffenſchmied,„doch unter der Bedingung, daß Ihr auch etwas von meiner Art annehmt, dieſes Horn, das ich an Euren Sattelbogen gehängt, das ich mit meinen eigenen Händen verfertigt habe und deſſen Ton ich, ſelbſt durch das Brüllen der ſtürmiſchen See, wieder⸗ erkennen würde, in einer von den Nächten des 5. von jedem Monat zum Beiſpiel, wo ich die Wache von vier bis ſechs Uhr Morgens auf dem Thurme Octogon beziehe, der auf das Meer geht.“ „Ich danke!“ ſagte Gabriel, indem er Pierre die Hand auf eine Weiſe drückte, durch die er ihm zu ver⸗ ſtehen gab, daß er begriffen habe. „Was die Waffen betrifft,“ ſprach Pierre,„über die Ihr Euch wundertet, da Ihr mich dieſelben in ſo großer Quantität machen ſaht, ſo bereue ich es in der That, daß ich eine ſolche Menge in meinem Hauſe habe, denn wenn Calais eines Tages belagert würde, ſo . „ 214 könnte die Partei, welche unter uns noch für Frankreich iſt, ſich dieſer Waffen bemächtigen und im Schvoße der Stadt eine gefährliche Diverſion machen.“ „Es iſt wahr,“ ſagte Gabriel, dem braven Bürger noch ſtärker die Hand drückend. „Hienach wünſche ich Euch eine gute Reiſe und alles Glück, Herr d'Ermös,“ ſprach Pierre.„Lebet wohl, und auf baldiges Wiederſehen!“ „Auf baldiges Wiederſehen!“ wiederholte Gabriel. Er wandte ſich um und grüßte zum letzten Male Pierre, der auf der Schwelle ſtand, Jean, der ſich mit dem Kopfe aus dem Fenſter des erſten Stockes neigte, und auch Babette, die ihn hinter einem Vorhang des zweiten wegreiten ſah. Dann gab er ſeinem Pferde den Sporn und ent⸗ fernte ſich im Galopp. Es waren Befehle von Lord Wentworth an das Thor von Calais abgeſchickt worden; denn man machte keine Schwierigkeit, den Gefangenen paſſiren zu laſſen, der ſich bald, allein mit ſeinen Hoffnungen und Be⸗ fürchtungen, auf der Straße nach Paris befand. Vermöchte er ſeinen Vater bei ſeiner Ankunft in Paris zu befreien? Vermöchte er Diana bei ſeiner Rück⸗ fehr nach Calais zu befreien? XXIII. Folge der Unfülle von Martin-Guerre. für Gabriel von Montgommery, Die Straßen von Frankreich waren nicht ſicherer als für ſeinen Stall⸗ meiſter, und er mußte die ganze Einſicht und die ganze rer ll⸗ nze 21⁵5 Thätigkeit ſeines Geiſtes entwickeln, um die Schwierig⸗ keiten zu beſeitigen und den Hinderniſſen zu entgehen. Doch trotz aller Eile, die er anwandte, kam er erſt am vierten Tage nach ſeiner Abreiſe von Calais in Paris an. Doch die Gefahren des Weges nahmen Gabriel vielleicht minder in Anſpruch, als ſeine ihr Ende be⸗ rührende Unruhe. Obgleich von ſeiner Natur nicht be⸗ ſonders zu Träumereien hingezogen, zwang ihn doch ſein einſamer Marſch beinahe beſtändig, von der Ge⸗ fangenſchaft ſeines Vaters und von Diana, von den Mitteln, dieſe theuren und heiligen Weſen zu befreien, von dem Verſprechen des Königs und davon zu träu⸗ men, wozu er ſich entſchließen ſollte, wenn Heinrich II. ſein Verſprechen nicht halten würde. Aber nein, Hein⸗ rich II. war nicht umſonſt der erſte Edelmann der Chri⸗ ſtenheit. Die Erfüllung ſeines Schwures koſtete ihn roße Ueberwindung und er würde warten, bis Gabriel ſe forderte, um dem alten rebelliſchen Grafen zu ver⸗ zeihen, aber er würde verzeihen. Doch wenn er nicht verzieh?“ Wenn dieſe verzweiflungsvolle Idee ſeinen Geiſt durchzuckte, wie ein Dolch ſein Herz durchzuckt hätte, gab Gabriel ſeinem Pferde die Sporen und fuhr mit der Hand an das Stichblatt ſeines Degens. Gewöhnlich war es der ſüße und und zugleich ſchmerzliche Gedanke an Diana von Caſtro, was ſeiner bewegten Seele wieder Ruhe verlieh. Mitten unter dieſen Ungewißheiten und Befürch⸗ tungen kam er endlich am Morgen des vierten Tages vor die Thore von Paris. Er war die ganze Nacht ge⸗ reiſt und die bleiche Helle der Morgendämmerung be⸗ leuchtete allein die Stadt, als er durch die Straßen in die Nähe des Louvre ritt. Er hielt vor dem geſchloſſenen und entſchlummer⸗ ten königlichen Hauſe an und fragte ſich, ob er warten oder weiter reiten ſollte. Doch ſeine Ungeduld fügte ſich 1 216 ſchlecht in die Unbeweglichkeit. Er beſchloß, ſich ſogleich nach Hauſe in die Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul zu be⸗ geben, wo er wenigſtens etwas über das, was er wünſchte oder befürchtete, erfahren könnte. Sein Weg führte ihn vor die finſteren Thürme des Chatelet. Er hielt auch vor dieſer Unglückspforte an. Ein kalter Schweiß badete ſeine Stirne. Seine Vergangen⸗ heit und ſeine Zukunft waren hier hinter dieſen feuchten Mauern. Aber Gabriel war nicht der Mann, der der Gemüthsbewegung eine lange Zeit gönnte, die er nützlicher zum Handeln verwenden konnte. Er ſchüt⸗ telte die düſtern Gedanken von ſich ab und ſetzte ſich mit einem:„Vorwärts!“ wieder in Marſch. Als er vor ſeinem Hotel ankam, das er ſo lange nicht geſehen hatte, glänzte ein Licht hinter den Schei⸗ ben des untern Zimmers. Die wachſame Aloyſe war ſchon aufgeſtanden. „ Gabriel klopfte an und nannte ſich. Zwei Minuten nachher lag er in den Armen der guten würdigen Frau, die ihm als Mutter gedient hatte. 4 A5 Ihr hier, gnädiger Herr! Ihr hier, mein ind!“ Das war Alles, was ſie zu ſagen die Kraft hatte. Gabriel, nachdem er ſie zärtlich umarmt, wich einen Schritt zurück und ſchaute ſie an.. In dieſem tiefen Blick lag eine ſtumme Frage, welche klarer war, als alle Worte. Aloyſe begriff auch, und dennoch neigte ſie das Haupt und antwortete nicht. „Alſo keine Kunde vom Hofe?“ ſagte der Vicomte, als ob ihm die in dieſem Stillſchweigen enthaltene Of⸗ fenbarung nicht genügte. „Keine Kunde, gnädiger Herr,“ antwortete die Amme. „Oh! ich vermuthete es. Wenn etwas Glückliches v ₰*N N 5 217 oder Unglückliches vorgefallen wäre, ſo hätteſt Du mir es im erſten Kuß zugerufen. Du weißt nichts?2“ „Leider nichts!“ „Ja, ich begreife,“ verſetzte bitter der junge Mann. „Ich war Gefangener, todt vielleicht! Man bezahlt ſeine Schulden einem Gefangenen nicht, und noch viel weniger einem Todten. Aber nun bin ich lebendig und frei, und man muß wohl mit mir abrechnen„ aus freien Stücken oder mit Gewalt, es muß ſein.“ „Oh! nehmt Euch in Acht, gnädiger Herr!“ rief Aloyſe. „Sei ohne Furcht, Amme. Iſt der Herr Admiral in Paris?“ „Ja, gnädiger Herr. Er iſt angekommen und hat zehnmal hierher geſchickt, um ſich nach Eurer Rückkehr zu erkundigen.“ „Gut. Und Herr von Guiſe?“ „Er iſt ebenfalls zurückgekehrt. Auf ihn zählt das Volk, um das Unglück Frankreichs wieder gut zu machen und die Schmerzen der Bürger zu heben.“ „Gott wolle, daß er keine Schmerzen finde, die man nicht wieder heben kann,“ ſagte Gabriel. „Was Frau Diana von Caſtro betrifft, die man verloren glaubte,“ fuhr Aloyſe eiligſt fort,„ſo hat der Herr Connetable entdeckt, daß ſie Gefangene in Calais iſt, und man hofft ſie bald zu befreien.“ „Ich wußte es und hoffe es wie ſie,“ ſagte Gab⸗ riel mit ſeltſamem Ausdruck.„Aber,“ fuhr er fort,„Du ſprichſt mir nicht von dem, was meine eigene Gefan⸗ genſchaft ſo ſehr verlängert hat, von Martin⸗Guerre, von ſeiner verzögerten Botſchaft. Was iſt aus Martin geworden?“ „Gnädiger Herr, er iſt hier, der Taugenichts, der Dummkopf!“ „Wie! hier! Seit wann? Was macht er?, „Er liegt da oben und ſchläft,“ antwortete Aloyſe, welche von dem armen Martin mit einem gewiſſen 218 Aerger zu ſprechen ſchien.„Er behauptet, er ſei ein wenig krank, unter dem Vorwand, daß man ihn gehängt habe.“ „Gehängt!“ rief Gabriel.„Wahrſcheinlich, um ihm mein Löſegeld zu rauben?“ „Euer Löſegeld, gnädiger Herr! Ja, ſprecht ein wenig mit dieſem dreifachen Einfaltspinſel von Eurem Löſegeld! Ihr werdet ſehen, was er Euch antwortet. Er wird gar nicht wiſſen, was Ihr nur meint. Stellt Euch vor, gnädiger Herr, er kommt ganz haſtig, ganz eifrig hier an, und Eurem Briefe gemäß raffe ich raſch zehnkauſend ſchöne klingende Thaler zuſammen und be⸗ zahlte ſie ihm aus. Er reiſt ganz warm wieder ab, ohne eine Minute zu verlieren. Wen ſehe ich ein paar Tage nachher mit geſenktem Ohr und kläglicher Miene hierher zurückkommen? meinen Martin⸗Guerre. Er behauptet, nicht einen rothen Pfenning von mir erhal⸗ ten zu haben. Lange vor der Einnahme von Saint⸗ Quentin ſelbſt gefangen genommen, weiß er ſeit drei Monaten nicht, was aus Euch geworden iſt. Ihr habt ihm keinen Auftrag gegeben. Man hat ihn geſchlagen, gehängt! Es iſt ihm gelungen, zu entkommen, und er kehrt zum erſten Male ſeit dem Kriege nach Paris zu⸗ rück. Das ſind die Mährchen, die uns Martin vom Morgen bis zum Abend wiederholt, wenn man mit ihm von Eurem Löſegeld ſpricht.“ „Erkläre Dich, Amme,“ ſagte Gabriel.„Martin war nicht im Stande, das Geld zu unterſchlagen, darauf würde ich ſchwören. Er iſt kein unredlicher Menſch, und mir treu ergeben.“. „Nein, anädiger Herr, er iſt kein unredlicher Menſch, aber ich befürchte, er iſt ein Narr, ein Narr ohne Ge⸗ danken und Erinnerung, ein Narr zum Binden, glaubt mir. Obgleich noch nicht boshaft, iſt er doch mindeſtens gefährlich. Ich bin nicht die Einzige, die ihn hier ge⸗ ehen hat, alle Eure Leute legen Zeugſchaft ab. Er hat wirklich die zehntauſend Thaler empfangen. Meiſter M N 8 S v8——— , — 2¹9 Elyot hatte ſogar Mühe, ſie mir ſo ſchnell zuſammen⸗ zubringen.“ „Er muß abermals auf's Schnellſte eine gleiche Summe und ſogar eine noch ſtärkere anſchaffen,“ ſprach Gabriel.„Doch hierum handelt es ſich noch nicht. Es iſt heller Tag. Ich gehe in den Louvre und ſpreche mit dem König.“ „Wie! gnädiger Herr, ohne eine Minute auszu⸗ ruhen! Ueberdies bedenkt Ihr nicht, daß es kaum ſie⸗ ben Uhr iſt, und daß Ihr die Thore, die man erſt um neun Uhr öffnet, verſchloſſen finden werdet.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Gabriel,„ich muß noch zwei Stunden warten! O mein Gott! gib mir Geduld, noch zwei Stunden zu warten, da ich zwei Monate warten konnte. Aber ich werde doch wenigſtens Herrn von Coligny und Herrn von Guiſe zu Hauſe finden?“ „Nein, denn ſie ſind wahrſcheinlich im Louvre. Auch empfängt der König nicht vor Mittag, und ich befürchte, Ihr dürftet ihn nicht früher ſehen. Ihr habt alſo drei Stunden, um Euch mit dem Herrn Admiral und mit dem Herrn General⸗Lieutenant des Königreichs zu beſprechen. Das iſt, wie Ihr wißt, der Titel, mit dem der König unter den gegenwärtigen ernſten Um⸗ ſtänden Herrn von Guiſe bekleidet hat. Mittlerweile, gnädiger Herr, werdet Ihr es nicht ausſchlagen, einige Erfriſchung anzunehmen und Eure alten, getreuen Die⸗ ner zu empfangen, welche ſo lange nach Eurer Rückkehr geſchmachtet haben.“ In dieſem Augenblick und als wollte er in der That den jungen Mann in ſeiner ſchmerzlichen Erwar⸗ tung beſchäftigen und zerſtreuen, ſtürzte Martin⸗Guerre, ohne Zweifel von der Ankunft ſeines Herrn unterrich⸗ tet, in das Zimmer, bleicher noch vor Freude, als von den Folgen ſeines Leidens. „Wie! Ihr ſeid es! wie! Ihr hier, gnädiger Herr?“ rief er.„Oh! welch' ein Glück!“ 220 Doch Gabriel nahm das Entzücken ſeines Stall⸗ meiſters ziemlich kalt auf und erwiederte: „Wenn ich glücklich angekommen bin, ſo geſtehe, daß es nicht Dein Fehler iſt, und daß Du Alles gethan haſt, um mich ewig in Gefangenſchaft zu laſſen.“ „Ihr auch, gnädiger Herr?“ ſagte Martin ganz beſtürzt.„Ihr auch ſtatt mich mit dem erſten Worte zu rechtfertigen, wie ich hoffte, beſchuldigt Ihr mich, ich habe die zehntauſend Thaler eingeſtrichen. Wer weiß? Ihr werdet vielleicht ſagen, Ihr habet mich beauftragt, ſie in Empfang zu nehmen und Euch zu hringen?“ „Allerdings,“ „Somit,“ e Gabriel erſtaunt. der arme Stallmeiſter mit r, ich wäre fähig ge⸗ d anzueignen, das beſtimmt war, die ch Gabriel gerührt durch de hrlichen Dieners,„mein Verdacht, ich ging nie ſo weit, daß ich an Dei d ifelte, und ich ſagte dies ſo eben zu nehmen und Du fo verlieren.“ 5 „Auf der Rückkehr zu Euch, gnädiger Herr? Aber wohin? Gottes Donner zerſchmettere mich, wenn ich ſeit unſerem erſten Abgange von Saint⸗Quentin weiß, Zhr geweſen ſeid. Wohin ſollte ich zu Euch zurück⸗ ehren?“ „Nach Calais, Martin. Wie leicht und toll Dein Kopf auch ſein mag, ſo kannſt Du doch Calais unmög⸗ lich vergeſſen haben!“ „Wie ſollte ich in der That vergeſſen, was ich nie gekannt habe?“ ſprach Martin⸗Guerre ruhig. „Unglücklicher, kannſt Du bis auf dieſen Grap leugnen?“ rief Gabriel. konnte Dir dieſe Summe auf der Rückkehr zu mir ——— ——— , 221 Leiſe ſagte er ein paar Worte zu der Amme und dieſe entfernte ſich. Dann trat er auf Martin zu und fragte: „Und Babette, Undankbarer?“ „Babette, welche Babette?“ verſetzte der Stall⸗ meiſter ganz erſtaunt. „Diejenige, welche Du verführt haſt, Unwür⸗ diger. „Ah! gut! Gudule!“ ſagte Martin.„Ihr irrt Euch im Namen. Es iſt nicht Babette, es iſt Gudule, gnä⸗ diger Herr. Ah! ja, die Arme! doch offenherzig geſpro⸗ chen, ich habe ſie nicht verführt, ſie hat ſich ganz allein verführt, das ſchwöre ich Euch.“ „Wie! noch eine Andere!“ rief Gabriel.„Aber dieſe kenne ich nicht, und wie es ſich auch verhalten mag, ſie kann nicht ſo ſehr zu beklagen ſein, als Ba⸗ bette Peugoy.“ Martin⸗Guerre wagte es nicht, aufzubrauſen, wäre er aber vom Rang des Vicomte geweſen, ſo würde er es ſicherlich gethan haben. „Hört, gnädiger Herr, ſie ſagen Alle hier, ich ſei ein Narr, und dadurch, daß ich es fortwährend ſagen höre, glaube ich, beim heiligen Martin! daß ich einer werde. Indeſſen habe ich wohl noch meine Vernunft und mein Gedächtniß, was Teufels! und im Falle der Noth, gnädiger Herr, obgleich ich vielfache Prüfungen und Unglück für zwei auszuſtehen gehabt habe, im Falle der Noth vermöchte ich Euch Punkt für Punkt zu erzählen, was mir ſeit drei Monaten, ſeitdem ich Euch verlaſſen, begegnet iſt. Wenigſtens“ fügte er bei,„die Umſtände, deren ich mich meinerſeits er⸗ innere.“ „Ich wäre in der That begierig zu erfahren, wie Du Dein ſeltſames Benehmen erklären willſt.“ „Nun, gnädiger Herr, als wir Saint⸗Quentin ver⸗ ließen, um die Mannſchaft von Herrn von Vaulvergues zu holen, ſchlugen wir jeder einen andern Weg ein, 222 wie Ihr Euch erinnern müßt, und das, was Ihr vor⸗ hergeſehen, geſchah. Ich fiel in die Hände der Feinde. Eurer Einſchärfung gemäß wollte mit Kühnheit bezahlen, aber ſeltſamer Weiſe erkannten mich die Feinde. Ich war ſchon ihr Gefangener.“ „Du ſchweifſt ab!“ unterbrach ihn Gabriel. „Oh! gnädiger Herr, ich beſchwöre Euch, laßt mich erzählen, was ich weiß, wie ich es weiß. Ich habe genug Mühe, mich auszukennen, und Ihr mögt mich nachher beurtheilen. Ich geſtehe, daß ich mich ergab, ſobald mich die Feinde erkannten, denn ich wußte, und zwar gründlich, es iſt Euch ſo gut bekannt, als mir, gnädiger Herr, daß ich zwei bin, und daß, ohne mich davon in Kenntniß zu ſetzen, mein Anderer voft tolle Streiche macht. Wir nahmen alſo unſer Schickſal an, denn fortan will ich von mir, von uns, ſage ich, in der Mehrzahl ſprechen. Gudule, eine hübſche Flamänderin, die wir entführt hatten, erkannte uns auch; was uns, beiläufig geſagt, einen Hagel von Schlägen eintrug⸗ Wahrhaftig nur wir erkannten uns nicht. Euch all unſer folgendes Elend erzählen und Euch ſagen, in wie vieler mit den verſchiedenartigſten Patois geſchmückter Herren Gewalt Euer unglücklicher Stallmeiſter nach und nach gefallen iſt, wäre zu lang.“ „Ja, kürze Deine Weheklagen ab.“ „Ich komme zu ſchlimmeren Dingen. Mein Nu⸗ mero 2 war einmal entwichen und man ſchlug mich zur Strafe für ihn lendenlahm. Meinem Numero 1 dem⸗ jenigen, von welchem ich Bewußtſeyn habe, und deſſen Geſchichte ich Euch erzähle, gelang es abermals, zu ent⸗ weichen, aber er war ſo albern, ſich wieder fangen zu laſſen, und ich blieb als todt auf dem Platz. Gleichviel! ich ergriff zum dritten Male Flucht. Aber zum dritten Male durch einen doppelten Verrath, den des Weins und den eines Vorübergehenden, wieder gepackt, wollte ich einen Hauptſtreich machen und wehrte mich gegen meine Feinde mit der Wuth der Trunkenheit und der 223 Verzweiflung. Nachdem ſie mich die ganze Nacht auf die barbariſchſte Weiſe gemartert und geplagt hatten, hingen ſie mich gegen Morgen!“ „Sie hingen Dich!“ rief Gabriel, welcher dachte, die Monomanie ſeines Stallmeiſters beginne ohne Zweifel wieder.„Sie hingen Dich, Martin? was wiliſt Du damit ſagen?“ „Ich will damit ſagen, daß ſie mich zwiſchen Him⸗ mel und Erde am Ende eines ſolid an einem Galgen befeſtigten Hanſſtrickes aufhißten, was in allen Sprachen und Patois, mit denen man mir die Ohren geſchunden hat, hängen heißt. Iſt das klar, gnädiger Herr?“ „Nicht zu ſehr; denn für einen Gehängten.. „Befinde ich mich ziemlich wohl, gnädiger Herr, das iſt eine Thatſache. Aber Ihr wißt das Ende der Geſchichte nicht. Mein Schmerz und meine Wuth, als ich mich hängen ſah, machten, daß ich das Bewußt⸗ ſeyn verlor. Als ich wieder zu mir kam, war ich mit meinem um den Hals abgeſchnittenen Strick auf dem friſchen Gras ausgeſtreckt. Wollte ein vorüberkommen⸗ der Reiſender, gerührt von meiner Lage, den Galgen von ſeiner menſchlichen Frucht befreien? Dies zu glau⸗ ben, verbietet mir meine gegenwärtige Menſchenfeind⸗ lichkeit. Ich denke mir eher, daß ein Schelm mich zu plündern gewünſcht und den Strick abgeſchnitten hat, um meine Taſchen nach Bequemlichkeit zu durchſuchen. Mein Hochzeitring und meine Papiere, die man mir geſtohlen, bevollmächtigen mich, das zu behaupten, ohne dem Menſchengeſchlecht zu ſehr Unrecht zu thun. So viel iſt gewiß, daß ich zu rechter Zeit abgeſchnitten wurde, und daß ich, trotz meines etwas verrenkten Halſes zum vierten Male durch Wald und Feld entfliehen konnte, wobei ich mich bei Tag verbarg, bei Nacht vorſichtig weiter ſchlich und von Wurzeln und Kräutern lebte... eine abſcheuliche Nahrung, an die das Vieh ſich zu ge⸗ wöhnen Mühe haben muß. Nachdem ich mich hundert⸗ mal verirrt hatte, konnte ich nach Verlauf von vierzehn 224 Tagen Paris und dieſes Haus wiederſehen, wo ich vor zwölf Tagen angekommen und ſchlimmer empfangen worden bin, als ich nach ſo vielen Prüfungen erwartete. Das iſt meine Geſchichte.“ „Nun! ich, was dieſe Geſchichte betrifft, ich könnte Dir wohl eine andere erzählen, eine ganz verſchiedene, die ich unter meinen Augen habe in Erfüllung gehen ſehen.“ „Die Geſchichte von meinem Numero 27“ ſagte Martin ruhig.„Meiner Treue, gnädiger Herr, wenn es nicht unbeſcheiden wäre, und wenn Ihr die Güte haben wolltet, mich mit zwei Worten zu berühren, ſo wäre ich ſehr neugierig, ſie zu erfahren.“ „Spotteſt Du, Burſche?“ rief Gabriel. „Oh! der gnädige Herr, kennt meine tiefe Ehr⸗ furcht! Aber ſeltſamer Weiſe hat mich dieſes andere Ich in große Verlegenheiten gebracht, nicht wahr? Es hat mich in grauſame Klemmen verſetzt! Deſſenungeachtet intereſſire ich mich für daſſelbe. Bei meinem Ehren⸗ wort! ich hätte, glaube ich, am Ende die Schwäche, den ſchlimmen Geſellen zu lieben.“ „Ein ſchlimmer Geſelle, in der That!“ ſagte Gabriel. Er wollte vielleicht die Erzählung der Uebelthaten von Arnauld du Thill beginnen, aber er wurde von ſeiner Amme unterbrochen, welche gefolgt von einem Manne in Bauerntracht eintrat. „Was iſt denn das wieder?“ ſagte Aloyſe.„Hier iſt ein Menſch, der behauptet, er ſei hierher geſchickt, um uns Euren Tod zu melden, Martin⸗Guerre!“ 225⁵ XXIV. Worin die Tugend von Martin-Guerre wieder klar zu werden beginnt. „Meinen Tod!“ rief Martin⸗Guerre erbleichend bei den furchtbaren Worten von Frau Aloyſe. „Ah! Jeſus und Gott!“ rief der Bauer, ſobald er den Stallmeiſter angeſchaut hatte. „Mein anderes Ich wäre todt? göttliche Güte!“ ſprach Martin.„Sollte ich kein Wechſeldaſein mehr haben? Bah! beim Lichte betrachtet, würde es mir ein wenig leid thun, im Ganzen aber bin ich wohl zufrie⸗ den. Sprich, Freund, ſprich Du,“ fügte er ſich an den Bauern wendend bei. „Ah! Meiſter,“ ſagte der letztere, nachdem er Martin genau betrachtet und ihn berührt hatte,„wie geht es zu, daß ich Euch vor mir angekommen finde? Ich ſchwöre Euch, daß ich mich beeilt habe, ſo ſehr ſich ein Menſch beeilen kann, um Euren Auftrag zu beſorgen und Eure zehn Thaler zu gewinnen; und wenn Ihr nicht ein Pferd genommen habt, Meiſter, ſo iſt es durch⸗ aus unmöglich, daß Ihr mir auf der Straße zuvorge⸗ kommen ſeid, oder ich hätte Euch wenigſtens ſehen müſſen.“ „Ah! mein Braver, ich habe Dich nie geſehen, und Du ſprichſt mit mir, als ob Du mich kenneteſt,“ entgegnete Martin. „Ob ich Euch kenne!“ verſetzte der Bauer erſtaunt; „Ihr ſeid es vielleicht nicht, der mir den Auftrag ge⸗ geben hat, zu melden, Herr Martin⸗Guerre ſei durch den Strang geſtorben?“ „Wie! Martin⸗Guerre, das bin ich,“ erwiederte Martin⸗Guerre. Die beiden Dianen. 1U. 15 — 226 „Ihr? unmöglich! hättet Ihr Euer eigenes Henken verkündigen können?“ „Aber warum, und wo und wann habe ich Dir ſolche Schauerlichkeiten mitgetheilt?“ fragte Martin. „Ich muß alſo zu dieſer Stunde Alles ſagen?“ „Ja, Alles.“ „Trotz der Verſtellung, die Ihr mir empfohlen habt.“ „Trotz der Verſtellung.“ „Nun wohl, da Ihr ſo wenig Gedächtniß habt, ſo werde ich Alles ſagen; ſchlimm für Euch, daß Ihr mich dazu zwingt. Vor ſechs Tagen war ich am Morgen beſchäftigt, mein Feld auszugäten.. „Vor Allem, wo iſt Dein Feld?“ fragte Martin. „Muß ich wahre Wahrheit antworten, Meiſter?“ ſagte der Bauer. „Ei! gewiß, Schafskopf!“ „Mein Feld iſt hinter Montargis. Ich arbeitete, Ihr kamet, einen Reiſeſack auf dem Rücken, die Straße einhergezogen. 5 „„Hel Freund, was machſt Du da?““(Ihr ſprecht.) „„Ich gäte, Meiſter.“(Ich ſpreche.) „„Wie viel trägt Dir dieſes Handwerk ein?““ „„Ein Jahr ins andere vier Sous täglich.““ „„Willſt Du zwanzig Thaler in zwei Wochen ge⸗ winnen?““ „„Ich frage Dich ja oder nein.““ „„Ja wohl.““ „„Du wirſt auf der Stelle nach Paris aufbrechen. Wenn Du gut marſchirſt, biſt Du ſpäteſtens in fünf bis ſechs Tagen dort, Du fragſt nach der Rue des Jardins⸗Saint⸗Paul und dem Hotel des Vicomte d'Exmos. In dieſes Hotel ſchicke ich Dich. Der Vicomte wird nicht dort ſein. Aber Du wirſt die Dame Aloyſe, eine gute Frau, ſeine Amme, finden. Und dieſer ſagſt Du . —————„ 7 1—0 , hr en e, ße hr es 8. rd ne u 227 Folgendes. Höre wohl.—:„Ich komme von Nohon...—“ Du verſtehſt? Nicht von Montargis, von Noyon.“— Ich komme von Nohon, wo einer Eurer Bekannten ge⸗ henkt worden iſt. Dieſer Eine heißt Martin⸗Guerre.“— Behalte wohl dieſen Namen: Martin⸗Guerre.“— Man hat Martin⸗Guerre, nachdem man ihn des Geldes be⸗ raubt, das er bei ſich trug, gehenkt, aus Furcht, er könnte klagen. Aber ehe man ihn zum Galgen führte, hatte er Zeit, mich zu beauftragen, Euch von dieſem Unglück in Kenntniß zu ſetzen, damit Ihr, wie er ſagte, ein neues Löſegeld für ſeinen Herrn zuſammenbringen könntet. Er hat mir verſprochen, Ihr würdet mir für meine Mühe zehn Thaler bezahlen. Ich habe ihn hängen ſehen und bin ſodann hierher gegangen.“— Das iſt es, was Du der guten Frau ſagen mußſt. Haſt Du begriffen?““ fragtet Ihr mich. „„Ja Meiſter,““ antwortete ich;„nur ſagtet Ihr zuerſt zwanzig Thaler und jetzt ſagt Ihr zehn.““ „„Dummkopf!““ erwiedertet Ihr,„„hier haſt Du zum Voraus die zehn anderen.““ „„Das laſſe ich mir gefallen,““ ſagte ich.„„Aber wenn mich die gute Frau Aloyſe fragt, wie Herr Martin⸗ Guerre, den ich nie geſehen und den ich geſehen haben muß, beſchaffen geweſen ſei?““ „„Schau mich an.““ „„Ich ſchaue Euch an.““ „„Nun! Du wirſt Martin ſchildern, als ob ich ſelbſt er wäre.““ „Das iſt ſeltſam!“ ſagte Gabriel, der dem Erzähler mit tiefer Aufmerkſamkeit zuhörte. So bin ich denn,“ fuhr der Bauer fort,„ſo bin ich denn gefommen, mein Meiſter, bereit, die Lection zu wiederholen, die Ihr mich zweimal gelehrt habt, ſo daß ich ſie beinahe auswendig konnte, und nun finde ich Euch vor mir hier! Es iſt wahr, daß ich mich unter Weges etwas aufgehalten und in den Schenken Eure zehn Thaler verzehrt habe, in der Hoffnung, bald die 228 zehn anderen zu erhalten. Aber ich hütete mich wohl, die Friſt zu überſchreiten, die Ihr mir geſetzt hattet. Ihr habt mir ſechs Tage gegeben und es ſind gerade ſechs Tage, daß ich Montargis verlaſſen.“ „Sechs Tage!“ ſagte Martin⸗Guerre ſchwermüthig und träumeriſch.„Ich bin vor ſechs Tagen durch Mon⸗ targis gekommen! Ich war vor ſechs Tagen auf dem Wege nach meiner Heimath! Deine Erzählung iſt au⸗ ßerordentlich wahrſcheinlich, Freund, und ich halte ſie für wahr.“ „Nein!“ unterbrach ihn lebhaft Aloyſe,„dieſer Menſch iſt offenbar ein Lügner, da er mit Euch vor ſechs Tagen in Montargis geſprochen zu haben behauptet, während Ihr ſeit zwölf Tagen dieſe Wohnung nicht verlaſſen habt.“ „Das iſt richtig,“ ſprach Martin.„Doch mein Nu⸗ mero 2.„ „Und dann,“ fuhr die Amme fort,„und dann ſind es nicht vierzehn Tage, daß Ihr in Noyon gehängt worden ſeid, nach Eurer eigenen Ausſage iſt es ein Monat.“ „Das iſt gewiß,“ verſetzte der Stallmeiſter,„es iſt gerade heute auf den Tag ein Monat, ich dachte dieſen Morgen beim Erwachen daran. Aber mein anderes h „Alberne Poſſen!“ rief die Amme. „Nein,“ verſetzte Gabriel dazwiſchen tretend,„dieſer Mann bringt uns, glaube ich, auf den Weg der Wahr⸗ eit.“ „Oh! mein guter Herr, Ihr täuſcht Euch nicht,“ ſagte der Bauer.„Werde ich die zehn Thaler bekom⸗ men?“ „Ja, aber Ihr müßt mir Euren Namen und Eure Adreſſe zurücklaſſen,“ antwortete Gabriel.„Wir bedürfen vielleicht eines Tags Eures Zeugniſſes. Ich fange an durch noch dunklen Verdacht viele Verbrechen zu er⸗ ſchauen.“ ⸗ 229 „Aber, gnädiger Herr ℳ wollte Martin ein⸗ wenden. „Genug hierüber,“ unterbrach ihn Gabriel.„Meine gute Aloyſe, Du wirſt dafür beſorgt ſein, daß der Mann befriedigt wird. Dieſe Angelegenheit wird ihre Stunde haben. Doch Du weißt,“ fügte er die Stimme dämpfend bei,„ehe ich den Verrath gegen den Stall⸗ meiſter beſtrafe, habe ich vielleicht den Verrath gegen den Herrn zu rächen.“ „Leider!“ ſeufzte Aloyſe. „Es iſt acht Uhr,“ ſprach Gabriel.„Ich werde unſere Leute erſt bei meiner Rückkehr ſehen, denn ich will bei der Eröffnung der Pforten des Louvre anweſend ſein; kann ich nur um Mittag zum König gelangen, ſo werde ich wenigſtens mit dem Admiral und mit Herrn von Guiſe ſprechen.“ Und nachdem Ihr den König geſehen, kommt Ihr ſogleich hierher zurück, nicht wahr?“ fragte Aloyſe. „Sogleich, ſei unbeſorgt, gute Amme. Es ſagt mir etwas, ich werde als Sieger aus allen dieſen fin⸗ ſteren Hinderniſſen hervorgehen, weiche die Intrigue und die Frechheit um mich her aufhäufen.“ „Ohl ja, wenn Gott mein glühendes Gebet erhört, wird es ſo ſein!“ ſprach Aloyſe. „Ich gehe. Bleibe, Martin, ich muß allein ſein. Wir werden Dich rechtfertigen und Dich befreien, Freund. Aher ſiehſt Du, ich habe vor Allem eine an⸗ dere Rechtfertigung und Befreiung zu bewerkſtelligen. Auf baldiges Wiederſehen, Amme!“ Aloyſe und Martin küßten die Hände, die ihnen der junge Mann reichte. Dann verließ er das Haus allein, zu Fuß, in einen weiten Mantel gehüllt, und ſchlug ernſt und kühn den Weg nach dem Louvre ein. „Ach!“ dachte die Amme,„ſo habe ich einſt ſeinen Vater weggehen ſehen, der ſeitdem nicht mehr zurückge⸗ kommen iſt.“ In dem Augenblick, wo Gabriel, nachdem er den 3 230 Pont au Change überſchritten hatte, ſeinen Weg längs der Grove fortſetzte, bemerkte er von ferne einen Mann, der ebenfalls in einen Mantel gehüllt war, doch in einen Mantel, der gröber und feſter geſchloſſen, als der ſeinige. Dabei war dieſer Mann bemüht, ſeine Ge⸗ ſichtszüge unter der breiten Krämpe ſeines Hutes zu verbergen. Obgleich Gabriel Anfangs unbeſtimmt die Haltung einer befreundeten Perſon zu unterſcheiden glaubte, ging er doch ſeines Weges. Doch der Unbekannte machte beim Anblick des Vicomte d'Erméès eine Bewegung, ſchien zu zögern, blieb dann völlig ſtehen und ſagte behutſam: „Gabriel! mein Freund!“ Er entblößte ſich halb das Geſicht, und Gabriel ſah, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. „Herr von Coligny,“ rief er, jedoch ohne die Stimme zu erheben.„Ihr auf dieſem Platze! zu dieſer“ Stunde!“ „St!“ machte der Admiral.„Ich geſtehe, daß ich in dieſem Augenblick nicht erkannt, beſpäht, gefolgt ſein wollte. Als ich Euch aber ſah, mein Freund, nach einer ſo langen Trennung, nach ſo viel Unruhe über Eure Perſon, konnte ich dem Bedürfniſſe, Euch zu rufen und die Hand zu drücken, nicht widerſtehen. Seid wann ſeid Ihr in Paris?“ „Seit dieſem Morgen; ich wollte vor Allem Euch im Louvre aufſuchen.“ „Nun, wenn Ihr nicht zu große Eile habt, macht einige Schritte mit mir. Ihr werdet mir ſagen, wie es Euch während dieſer langen Abweſenheit gegan⸗ gen iſt.“ „Ich werde Euch Alles ſagen, was ich ſagen kann, Euch, dem redlichſten und ergebenſten der Freunde,“ ſprach Gabriel.„Nichtsdeſtoweniger, Herr Admiral, wollt mir zuerſt eine Frage über einen Punkt erlauben, der mich mehr als Alles in der Welt intereſſirt.“ See —— S—— ₰„——— +— 6 1, in er e⸗ u g 9 te g te ie 231 „Ich ſehe dieſe Frage vorher,“ erwiederte der Ad⸗ miral.„Aber müßt Ihr nicht auch meine Antwort vorher⸗ ſehen, Freund? Nicht wahr, Ihr werdet mich fragen, ob ich das Verſprechen gehalten habe, das ich Euch ge⸗ leiſtet? ob ich dem König von dem glorreichen und wirk⸗ ſamen Antheil, den Ihr an der Vertheidigung von Saint⸗ Quentin genommen, erzählt habe?“ „Nein, Herr Admiral,“ verſetzte der Vicomte d'Ermès;„es iſt in der That nicht das, was ich Euch fragen wollte, denn ich kenne Euch, ich habe auf Euere Wort bauen gelernt, und ich bin überzeugt, es war Eure erſte Sorge bei Eurer Rückkunft hierher, Euer Verbindlichkeit zu erfüllen und edelmüthig dem König, dem König allein zu erklären, daß ich etwas zum Wider⸗ ſtand von Saint⸗Quentin beigetragen habe. Ich glaube, Ihr mußtet ſogar meine Dienſte bei Seiner Majeſtät übertreiben. Ja, Herr Admiral, das wußte ich zum Voraus. Was ich aber nicht weiß und was mir zu wiſſen ſehr wichtig ſein muß, iſt, was Heinrich II. auf Eure guten Worte erwiedert hat.“ „Ach! Gabriel,“ ſprach der Admiral,„Heinrich II. hat darauf nur die Fage erwiedert, was aus Euch ge⸗ worden ſei. Ich war ſehr in Verlegenheit, es ihm zu ſagen. Der Brief, den Ihr an mich in Saint⸗Quentin zurückgelaſſen, war nicht ſehr ausführlich und erinnerte mich nur an mein Verſprechen. Ich antwortete dem König, Ihr wäret ſicherlich nicht unterlegen, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach hätte man Euch zum Gefangenen ge⸗ macht, und aus Zartgefühl hättet Ihr mich nicht davon unterrichtet.“ „Und der König?.„ ſeufzte Gabriel. „Der König ſagte:„„Es iſt gut!““ Und ein Lächeln der Befriedigung ſchwebte über ſeine Lippen. Als ich beharrlich von dem Verdienſte Eurer Waffenthaten und von der Verbindlichkeit ſprach, welche der König und Frankreich gegen Euch hätten, erwiederte Heinrich der II.:„„Genug hierüber.“ Hienach wechſelte er gebie⸗ 232 teriſch den Gegenſtand des Geſprächs und zwang mich, von anderen Dingen zu reden.“ „Ja, das iſt es, was ich vermuthete,“ ſagte Ga⸗ briel mit Ironie. „Muth, Freund!“ ſprach der Admiral.„Erinnert Ihr Euch, daß ich Euch ſchon in Saint⸗Quentin dar⸗ auf aufmerkſam gemacht habe, man dürfe nicht zu ſehr auf die Dankbarkeit der Großen dieſer Erde zählen.“ „Oh!“ ſprach Gabriel mit einer drohenden Miene, „der König konnte wohl vergeſſen wollen, da er hoffte, ich wäre gefangen oder todt. Doch wenn ich ihn bald an meine Rechte von Angeſicht zu Angeſicht mahne, wird er ſich erinnern müſſen.“ „Und wenn er beharrlich ſein Gedächtniß verleug⸗ net?“ fragte Herr von Coligny. „Herr Admiral, wenn man eine Beleidigung er⸗ litten hat, ſo wendet man ſich an den König, der einem Recht angedeihen läßt. Iſt der König ſelbſt der Be⸗ leidiger, ſo hat man nicht nöthig, ſich an Gott zu wenden, der uns rächt.“ „Uebrigens denke ich,“ verſetzte der Admiral,„wenn es ſein müßte, würdet Ihr Euch gern zum Werkzeug der göttlichen Rache machen?“ „Ihr habt es geſagt, mein Herr.“ „Nun, es iſt vielleicht hier der Ort und der Augen⸗ blick, Euch an ein Geſpräch zu erinnern, das wir mit einander über die Religion der Unterdrückten gepflogen, und wobei ich Euch ein ſicheres Mittel nannte, die Könige zu beſtrafen, während man zugleich der Wahr⸗ heit dienen würde.“ „Oh! dieſes Geſpräch iſt meinem Geiſte gegen⸗ wärtig,“ ſagte Gabriel,„das Gedächtniß entgeht mir nicht. Ich werde vielleicht meine Zuflucht zu Eurem Mittel nehmen, wenn nicht gegen Heinrich M. ſelbſt, doch gegen ſeine Nachfolger, da dieſes Mittel gegen alle Koͤnige gut iſt.“ 233 „Könnt Ihr mir in dieſem Augenblick eine Stunde ſchenken?“ fragte der Admiral. „Der König empfängt erſt um Mittag. Bis dahin gehört meine Zeit Euch.“ „Kommt alſo mit mir, wohin ich gehe. Ihr ſeid Edelmann, und ich habe Euren Charakter in der Prü⸗ fung geſehen, ich verlange alſo keinen Schwur von Euch. Verſprecht mir einfach, ein Geheimniß unverletzt über die Perſonen, die Ihr ſehen, und über die Dinge, die Ihr hören werdet, zu bewahren.“ „Ich verſpreche Euch vollkommenes Stillſchweigen.“ „Folgt mir alſo,“ ſagte der Admiral,„und wenn Ihr im Louvre eine Ungerechtigkeit erfahrt, ſo habt Ihr wenigſtens zum Voraus Eure Genugthuung in den Händen. Folgt mir.“ Gabriel und Coligny gingen über den Pont au Change und durch die Cité, und gelangten mit einan⸗ der in die gekrümmten Gäßchen, welche damals die Nachbarſchaft der Rue Saint⸗Jacques bildeten. XXV. Ein Philoſoph und ein Soldat. Coligny blieb am Anfang der Rue Saint⸗Jarques vor der niedrigen Thüre eines Hauſes von armſeligem Ausſehen ſtehen. Er klopfte an, zuerſt öffnete ſich eine Luke, dann die Thüre, als ein unſichtbarer Wächter den Admiral erkannt hatte. Hinter ſeinem edlen Führer durchſchritt Gabriel einen finſtern Gang und erſtieg die drei Stockwerke einer wurmſtichigen Treppe. Als ſie beinahe den Spei⸗ 234 cher erreicht hatten und vor der Thüre der oberſten und elendſten Stube des Hauſes ſtanden, that Coligny drei Schläge an dieſe Thüre, nicht mit der Hand, ſondern mit dem Fuß. Man öffnete und ſie traten ein. Sie kamen in eine ziemlich große, aber kahle und traurige Stube. Zwei ſchmale Fenſter, von denen das eine auf die Rue Saint⸗Jacques und das andere auf einen Hinterhof ging, verliehen derſelben nur einen düſteren Schein. Das ſämmtliche Geräthe beſtand aus vier Schämeln und einem Tiſch mit gedrehten Füßen. Als der Admiral eintrat, kamen ihm zwei Männer, die ihn zu erwarten ſchienen, entgegen. Ein Dritter blieb beſcheiden am Fenſter ſtehen und machte nur von ferne eine tiefe Verbeugung vor Coligny. „Theodor und Ihr, Kapitän,“ ſagte der Admiral zu den zwei Männern, die ihn empfangen hatten,„ich bringe Euch einen Freund, einen Freund, wenn nicht in der Vergangenheit oder der Gegenwart, doch, glaube ich, in der Zukunft.“ Die zwei Unbekannten verbeugten ſich ſtillſchwei⸗ gend vor dem Vicomte d'Ermès. Dann ſprach der Jüngere, der ſich Theodor nannte, leiſe und ſehr leb⸗ haft mit Coligny. Gabriel trat ein wenig bei Seite, um ihnen Frei⸗ heit zu laſſen, und konnte nun nach ſeinem Gefallen die⸗ jenigen betrachten, welchen ihn der Admiral vorgeſtellt hatte, und deren Namen er noch nicht wußte. Der Kapitän hatte die ausgeſprochenen Züge und das beſtimmte Weſen eines Mannes der Entſchloſſenheit und der Handlung. Er war groß, braun und nervig. Man brauchte kein Beobachter zu ſein, um die Kühn⸗ heit auf ſeiner Stirne, das Feuer in ſeinen Augen, den thatkräftigen Willen in den Falten ſeiner zuſammenge⸗ preßten Lippen zu leſen. Der Gefährte dieſes ſtolzen Abenteurers glich eher einem Höfling; es war ein anmuthiger Cavalier mit d 235 rundem, heiterem Geſicht, feinem Blick und zierlichen, leichten Geberden. Im Einklang mit den Geſetzen der neueſten Mode, bildete ſein Anzug einen ſeltſamen Widerſpruch mit der bis zur Strenge einfachen Klei⸗ dung des Kapitäns. Was den Dritten betrifft, der von der Gruppe der Andern getrennt ſtehen geblieben war, ſo zog, trotz ſeiner beſcheidenen Haltung, ſeine mächtige Geſichtsbil⸗ dung die Aufmerkſamkeit unwillkührlich an; die Breite ſeiner Stirne und die Tiefe ſeines Blickes bezeichneten ihn auch für nicht ſehr Scharffichtige als den denkenden Mann und, ſagen wir es ſogleich, als den Mann von Genie. Nachdem Coligny einige Worte mit ſeinem Freunde hatte, näherte er ſich Gabriel und ſagte zu ihm: „Ich bitte Euch um Verzeihung, aber ich bin nicht allein Herr hier, und ich mußte mich mit meinen Brü⸗ dern berathen, ehe ich Euch enthüllen konnte, wo Ihr ſeid und in weſſen Geſellſchaft Ihr ſeid.“ „Und nun kann ich es erfahren?“ fragte Gabriel. „Ihr könnt es.“ „Und wo bin ich denn?“ „In der armſeligen Stube, wo der Sohn des Bött⸗ chers von Noyon, oder Johann Calvin die erſten geheimen Zuſammenkünfte der Reformirten gehalten hat, und wo er feſtgenommen werden ſollte, um auf den Scheiterhaufen geführt zu werden. ²) Doch er iſt heute ſiegreich und all⸗ mächtich in Genf; die Könige dieſer Welt rechnen mit ihm, und das Andenken an ihn allein genügt, um die *) Calvin, eigentlich Jean Chauvin; er entging der Ver⸗ haftung im Jahr 1533 nur durch den Schutz der Kö⸗ nigin von Navarra, welche, wenig ſtreng in ihrem moraliſchen Wandel, Allem, was ſich geiſtig hervor⸗ that, ihre Gunſt zuwandte. D. Ueberſ. 236 feuchten Mauern dieſer Dachkammer heller erglänzen zu laſſen, als die goldenen Arabesken des Louvre. Bei dem ſchon großen Namen von Calvin ent⸗ blößte Gabriel in der That das Haupt. Hatte ſich der ſtürmiſche junge Mann bis jetzt auch nicht mit den Fra⸗ gen der Religion und der Moral beſchäftigt, ſo wäre er doch kein Mann ſeines Jahrhunderts geweſen, wenn nicht vas ſtrenge und arbeitſame Leben, der erhabene und furchtbare Charakter, und die kühnen, abſoluten Lehren des Geſetzgebers der Reformation*) ſeinen Geiſt mehr als einmal in Anſpruch genommen hätten. Er erwiederte indeſſen mit ziemlich viel Ruhe: „Und wer ſind diejenigen, welche mich in dem ver⸗ ehrten Zimmer des Meiſters umgeben?“ „Seine Schüler,“ antwortete der Admiral.„Theo⸗ dor von Beze, ſeine Feder, la Renaudie, ſein Schwert.“ Gabriel begrüßte den zierlichen Schriftſteller, der der Geſchichtſchreiber der reformirten Firche, und den abenteuerlichen Kapitän, der der Verfechter des Tumults von Ambvoiſe ſein ſollte. Theodor von Beze erwiederte den Gruß von Ga⸗ briel mit der ihm eigenthümlichen Artigkeit und Anmuth und ſprach lächelnd zu ihm: „Herr Vicomte d'Erméès, obgleich Ihr hier mit eini⸗ ger Behutſamkeit eingeführt worden ſeid, betrachtet uns, ich bitte Euch, doch nicht als zu gefährliche und lichtſcheue Verſchwörer. Ich erkläre Euch ſogleich, wenn die Vor⸗ nehmſten der Religion**) ſich insgeheim dreimal wöchent⸗ lich in dieſem Hauſe verſammeln, ſo geſchieht es einzig und * Neben ſeinen unlengbar großen Eigenſchaften beſaß Calvin die einer nicht zu vertheidigenden Unduldſam⸗ keit, auf welche ſich das Prädicat furchtbar beziehen mag. ) Relzion iſt hier und überhaupt, wenn von jener Zeit in einem franzöſiſchen Werke die Rede iſt, gleichbe⸗ deutend mit Reformation. D. Ueberſ. —————„ — c c c 8c —„ 237 allein, um ſich die Neuigkeiten der Religion mitzuthei⸗ len und entweder die Neophyten, welche, unſere Grund⸗ ſätze theilend, auch unſere Gefahren zu theilen verlan⸗ gen, oder diejenigen zu empfangen, welche wir ihres perſönlichen Verdienſtes wegen für unſere Sache zu ge⸗ winnen bemüht ſein möchten. Wir danken dem Admi⸗ ral, daß er Euch hierher geführt hat, Herr Vicomte, denn Ihr gehört ſicherlich zu den Letztern.“ „Und ich, meine Herren, gehöre zu den Andern,“ ſagte mit einem einfachen, beſcheidenen Weſen vortretend der Unbekannte, der bis jetzt beiſeit geblieben war. „Ich bin einer von den demüthigen Träumern, welche vas Licht Euerer Gedanken in Euren Schatten zieht, und der ſich gern annähern möchte.“ „Ambroiſe, bald werdet Ihr unter den Aus⸗ gezeichnetſten unſerer Brüder zählen,“ ſprach la Re⸗ naudie.„Ja, meine Herren,“ fuhr er ſich an Coligny und Beze wendend fort,„derjenige, welchen ich Euch vorſtelle, ein allerdings noch junger und unbekannter Practicus, wird, dafür ſtehe ich, eine der Glorien der Religion werden, denn er arbeitet und denkt viel, und da er von ſelbſt zu uns kommt, ſo müſſen wir uns freuen, denn bald werden wir mit Stolz unter den Unſrigen Ambroiſe Paré nennen.“ „Oh! Herr Kapitän!“ rief Ambroiſe. „Durch welchen Lehrer iſt Ambroiſe Paré unter⸗ richtet worden?“ fragte Theodor von Beze. „Durch den Geiſtlichen Chaudieu, je mich mit Herrn de la Renaudie bekannt gemacht hat,“ antwor⸗ tete Ambroiſe. „Und habt Ihr ſchon feierlich abgeſchworen?“ „Noch nicht,“ erwiederte der Wundarzt.„Ich will aufrichtig ſein und mich erſt verbinden, wenn ich die Sache genau kenne. Ich geſtehe aber, ich hege noch einige Zweifel und es ſind mir einige Dinge noch zu dunkel, als daß ich mich ohne Rückhalt und ohne Um⸗ 238 kehr geben könnte. Um Klarheit über dieſe Dinge zu erhalten, wünſchte ich die Häupter der Reformirten ken⸗ nen zu lernen, und ich würde zu dieſem Behufe bis zu Calvin ſelbſt gehen; denn die Wahrheit und die Frei⸗ heit ſind meine Leidenſchaften.“ „Gut geſagt,“ rief der Admiral.„Seid unbeſorgt, Jeder von uns würde ſich hüten, die ſeltene und ſtolze Unabhängigkeit Eures Geiſtes antaſten zu wollen.“ „Was ſagte ich Euch?“ verſetzte la Renaudie tri⸗ umphirend.„Wäre das nicht für unſern Glauben eine koſtbare Eroberung? Ich habe Ambroiſe Paré in ſeiner Bibliothek, ich habe ihn am Krankenbette, ich habe ihn ſogar auf den Schlachtfeldern geſehen, und überall, vor den Irrthümern und Vorurtheilen, wie vor den Wun⸗ den und Krankheiten der Menſchen, iſt er ſo ruhig, kalt, erhaben, Meiſter der Andern wie ſeiner ſelbſi.“ „ Gabriel ſprach hier ganz bewegt von dem, was er ſah und hörte: „Man erlaube mir, ein Wort zu ſagen. Ich weiß nun, wo ich bin, und errathe, aus welchen Grün⸗ den mein edler Freund, Herr von Colignh, mich in dieſes Haus geführt hat, wo ſich diejenigen verſammeln, welche Heinrich II. Ketzer nennt und als ſeine Todfeinde betrachtet. Aber ich bedarf ſicherlich mehr der Beleh⸗ rung, als Meiſter Ambroiſe Paré. Wie er, habe ich vielleicht viel gehandelt, aber leider wenig nachgedacht, und er würde einem Neuling in dieſen Ideen einen Dienſt leiſten, wenn er ihm mittheilen wollte, welche Gründe oder welche Intereſſen ſeine edle Intelligenz für die Partei der Reformation gewonnen haben.“ „Nicht Intereſſen,“ erwiederte Ambroiſe Paré, „denn um bei meinem Stande als Wundarzt durchzu⸗ dringen, läge es in meinem Intereſſe, mich zum Glau⸗ ben des Hofes und der Prinzen zu halten. Es ſind vielmehr, wie Ihr ſagtet, Gründe, Vicomte, und wenn es mir die erhabenen Perſonen, vor denen ich ſpreche, c —————— — — N M— v 8 8 N N — ——— Nw* M 239 erlauben, ſo werde ich Euch dieſe Gründe mit zwei Worten begreiflich machen.“ „Sprecht! ſprecht!“ ſagten zugleich Coligny, la Renaudie und Theodor von Beze. „Ich werde mich kurz faſſen, meine Zeit ge⸗ hört nicht mir,“ ſprach Ambroiſe.„Erfahrt zuerſt, daß ich den Gedanken der Reformation von allen Theo⸗ rien und allen Formeln frei machen wollte. Sobald das Buſchwerk entfernt war, erſchienen mir folgende Grundſätze, für welche ich mich ſicherlich allen Verfol⸗ gungen unterwerfen würde... Gabriel hörte mit einer Bewunderung, die er nicht zu verbergen ſuchte, dieſem uneigennützigen Bekenner der Wahrheit zu. Ambroiſe Paré fuhr fort: „Die religiöſen und die politiſchen Mächte haben bis jetzt dem Willen und der Vernunft des Individuums ihre Vorſchrift und ihr Geſetz ſubſtituirt. Der Prieſter ſagt zu jedem Menſchen:„„Glaube dieſes,““ und der Fürſt:„Thue dieſes.“ Die Dinge konnten auf dieſe Art ſo lange währen, als die Geiſter noth Kinder waren und ſich auf eine ſolche Disciplin ſtützen mußten, um im Leben zu gehen. Doch zu dieſer Stunde fühlen wir uns ſtark, folglich ſind wir es. Und dennoch wollen der Fürſt und der Prieſter, die Kirche und der König der Gewalt nicht entſagen, welche für ſie eine Gewohn⸗ heit geworden iſt. Gegen dieſen unbilligen Anachro⸗ nismus proteſtirt meiner Anſicht nach die Reforma⸗ tion. Jede Seele könne fortan ihren Glauben prüfen und bei ihrer Unterwerfung die Vernunft zu Rathe ziehen, darauf muß, wie mir ſcheint, die Neuerung ab⸗ zielen, der wir unſere Anſtrengung widmen. Täuſche ich mich, meine Herren?“ „Nein, aber Ihr geht ſehr weit,“ ſagte Theodor von Beze,„und die Kühnheit, in die moraliſchen Fra⸗ gen die politiſchen Dinge zu miſchen.. 240 „Ah! gerade dieſe Kühnheit gefällt mir,“ unter⸗ brach ihn Gabriel. „Ei! das iſt keine Kühnheit, ſondern Logik,“ er⸗ wiederte Ambroiſe Paré.„Warum ſollte das, was in der Kirche recht und billig iſt, es nicht auch im Staat ſein? Wie könnt ihr das, was Ihr für den Geiſt zu⸗ laßt, für die Handlung zurückweiſen?“ „Es liegen viele Empörungen in den kühnen Wor⸗ ten, die Ihr ausgeſprochen habt, Meiſter,“ rief Coligny nachdenkend. „Empörungen?“ entgegnete Ambroiſe:„Oh! ich ſage ſogleich Umwälzungen.“ Die drei Reformirten ſchauten einander mit Er⸗ ſtaunen an. „Dieſer Mann iſt noch ſtärker, als wir dachten,“ ſchien ihr gegenſeitiger Blick zu ſagen. Theodor n Beze ſprach lebhaft zu dem verwe⸗ genen Wundarzt: „Ihr müßt durchaus einer der Unſeren ſein. Was verlangt Ihr?“ „Nichts, als die Gunſt, zuweilen mit Euch ſprechen und Eurer Erleuchtung die Schwierigkeiten unterwerfen zu dürfen, die mich noch aufhalten.“ „Ihr ſollt mehr haben,“ erwiederte Theodor von Beze;„Ihr werdet in unmittelbarem Briefwechſel mit. Calvin ſtehen.“ „Mir eine ſolche Ehre!“ rief Ambroiſe Paré vor Freude erröthend. „Ja, Ihr müßt ihn kennen lernen und er muß Euch kennen lernen,“ ſprach der Admiral.„Ein Schü⸗ ler wie Ihr erfordert einen Meiſter wie ihn. Ihr werdet Eure Briefe Eurem Freunde la Renaudie über⸗ geben und wir übernehmen es abwechſelnd, ſie nach Genf zu befördern. Wir händigen Euch dann auch die Antworten ein. Sie werden nicht auf ſich warten laſſen. Ihr habt von der wunderbaren Thätigkeit von — — c—— 8„=„ n en n it. or 6 ü⸗ hr en U * 241 Calvin ſprechen hören und ſollt mit ihm zufrieden ein.“ „Ah!“ ſagte Ambroiſe Paré,„Ihr belohnt mich, ehe ich etwas gethan habe. Wodurch habe ich ſo viel Gunſt verdient?“ „Dadurch, daß Ihr ſeid, was Ihr ſeid, Freund,“ antwortete la Renaudie.„Ich wußte wohl, daß Ihr ſie mit dem erſten Schlage verführen würdet.“ „Oh! Dank, tauſendmal Dank!“ verſetzte Ambroiſe. „Aber,“ fuhr er fort,„leider muß ich Euch verlaſſen. Es gibt ſo viele Leiden, die meiner harren!“ „Doch indem Ihr uns verlaßt,“ ſprach Coligny, „wiederholt Ihr wohl, daß Ihr Freunde und, wie wir von denen unſerer Religion ſagen, Brüder verlaßt.“ So nahmen ſie herzlich von ihm Abſchied, und Gabriel, der ihm mit aller Wärme die Hand drückte, verband ſich hiedurch mit dieſem Beweiſe der Freund⸗ ſchaft. Ambroiſe Paré entfernte ſich, Freude und Stolz im Herzen. „Eine wahrhaft auserkohrene Seele!“ rief Theodor von Beze. „Welcher Haß gegen die Gemeinheit!“ ſprach la Renaudie. „Und welche Aufopferung für die Menſchheit ohne Hintergedanken und ohne Berechnung!“ ſagte Coligny. „Ach! Herr Admiral,“ ſprach Gabriel,„wie muß Euch neben dieſer Selbſtverleugnung meine Selbſtſucht niedrig vorkommen. Ich unterordne nicht, wie Am⸗ broiſe Paré, die Thatſachen und die Perſonen den Ideen und den Principien, ſondern im Gegentheil die Ideen und Principien den Perſonen und Thatſachen. Die Re⸗ formation, Ihr wißt es wohl, wäre für mich kein Zweck, ſondern ein Mittel. Bei Eurem großen, uneigennützi⸗ gen Kampfe würde ich für meine eigene Rechnung käm⸗ pfen. Ich fühle es, meine Beweggründe find zu per⸗ Die beiden Dianen. 1. 16 242 ſönlich, als daß ich es wagen könnte, eine ſo reine Sache zu vertheidigen, und Ihr würdet ſehr wohl dar⸗ an thun, mich jetzt ſchon als unwürdig aus Euren Reihen zurückweiſen.“ „Ihr verleumdet Euch ſicherlich, Herr d'Ermes,“ erwiederte Theodor von Beze.„Wenn Ihr auch min⸗ der erhabenen Abſichten, als denen von Ambroiſe Paré gehorcht, ſo ſfind doch die Wege Gottes verſchieden, und man findet die Wahrheit nicht auf einem einzigen Pfade.“ „Ja,“ ſprach la Renaudie,„wir erhalten ſehr ſelten Glaubensbekenntniſſe, wie das, welches Ihr ſo eben gehört habt, wenn wir an diejenigen, welche wir gern bei unſerer Partei einreihen möchten, die Frage richten: „„Was wollt Ihr wiſſen?““ „Nun wohl,“ entgegnete Gabriel mit einem trau⸗ rigen Lächeln,„Ambroiſe Paré antwortete auf dieſe Frage:„„Ich will wiſſen, ob die Gerechtigkeit und das gute Recht wirklich auf Eurer Seite ſind?““ Wißt Ihr, was ich fragen würde?“ „Nein,“ erwiederte Theodor von Boze;„doch wir wären bereit, Euch in allen Punkten zu befriedigen.“ „Ich würde fragen,“ ſprach Gabriel:„„Seid Ihr ſicher, daß die materielle Macht und die Anzahl auf Eurer Seite hinreichen, um, wenn nicht zu ſiegen, doch wenigſtens zu ſtreiten?““ Abermals ſchauten die drei Reformirten einander erſtaunt an. Doch ihr Erſtaunen hatte nicht dieſelbe Bedeutung wie das erſte Mal. Gabriel beobachtete ſie mit einem ſchwermüthigen Stillſchweigen. Theodor von Beze erwiederte nach einer Pauſe: „Herr d'Ermos, welches Gefühl Euch auch dieſe Frage eingegeben haben mag, ich verſprach Euch zum Voraus, über alle Punkte zu antworten, und halte mein Verſprechen. Wir haben für uns nicht allein die Ver⸗ nunft, ſondern fortan, Gott ſei Danf! auch die Kyaft. ir ch er be en ch ſe m r ft. 243 Die Fortſchritte der Religion ſind raſch und unbeſtreit⸗ bar. Seit drei Jahren hat ſich eine reformirte Kirche in Paris gegründet, und die großen Städte des König⸗ reichs, Blois, Tours, Poitiers, Marſeille, Rouen, haben nun ebenfalls die ihrigen. Ihr könnt ſelbſt ſehen, Herr d'Ermos, welchen wunderbaren Zulauf unſere Spazier⸗ gänge nach dem Pré⸗aur⸗Clercs herbeiziehen. Das Volf, der Adel und der Hof kommen zu den Feſten, um mit uns die Pſalmen von Clement Marot zu ſingen. Wir gedenken unſere Zahl im nächſten Jahr durch eine öffentliche Proceſſion zu bethätigen; doch ſchon jetzt dürfte ich behaupten, daß wir den fünften Theil der Bevölkerung für uns haben. Wir können uns alſo ohne Anmaßung eine Partei nennen, und, wie ich glaube, unſeren Freunden einiges Vertrauen, unſeren Feinden einigen Schrecken einflößen. „Wenn die Sache ſo ſteht,“ ſprach Gabriel mit kaltem Tone,„ſo kann ich wohl binnen Kurzem zur Zahl der Erſten gehören und Euch die Zweiten be⸗ kämpfen helfen.“ „Wären wir aber ſchwächer geweſen?“ fragte la Renaudie. „So hätte ich andere Verbündete geſucht, ich ge⸗ ſtehe es,“ antwortete Gabriel mit ſeiner ruhigen Feſtigkeit. La Renaudie und Theodor von Boze entſchlüpfte eine Geberde des Erſtaunens. „Ah!“ rief Coligny,„beurtheilt ihn nicht zu raſch und nicht zu ſtreng. Ich habe ihn bei der Belagerung von Saint⸗Quentin beim Werke geſehen, und wenn man ſein Leben wagt, und bloßſtellt, wie er dies gethan, ſo hat man keine alltägliche Seele. Aber ich weiß, daß er eine heilige und furchtbare Pflicht erfüllen muß, welche feinen Theil ſeiner Ergebenheit freiläßt.“ „Und in Ermangelung dieſer Ergebenheit möchte ich Cuch gern wenigſtens die Aufrichtigkeit bringen,“ ſagte Gabriel.„Beſtimmen mich die Ereigniſſe, den 244 Eurigen beizutreten, ſo kann der Herr Admiral bezeu⸗ gen, daß ich Euch einen ſtarken Arm und ein feſtes Herz biete. Aber es iſt wahr, daß ich mich nicht ganz und gar und ohne Berechnung geben kann, denn ich gehöre einem nothwendigen und furchtbaren Werke, das der Zorn Gottes und die Bosheit der Menſchen mir auferlegt haben, und ſo lange dieſes Werk nicht voll⸗ bracht iſt, bin ich nicht der Herr meines Geſchickes. Das Lvos eines Anderen nimmt zu jeder Stunde und jedes Ortes das meinige in Anſpruch.“ „Man kann ſich einem Menſchen eben ſo gut als einer Sache weihen,“ ſprach Theodor von Boze. „Und in dieſem Falle,“ ſagte Coligny,„ſind wir glücklich, Freund, Euch zu dienen, wie wir ſtolz darauf ſein werden, uns Eurer zu bedienen.“ „Unſere Wünſche begleiten Euch, und unſer Wille wird Euch im Falle der Noth unterſtützen,“ fügte la Renaudie bei. Ihr ſeid Helden und Heilige,“ rief Ga⸗ briel. 3 „Nur nimm Dich in Acht, junger Mann,“ ſagte der ſtrenge la Renaudie in ſeiner vertraulichen und großartigen Sprache;„nimm Dich in Acht, wenn wir Dich einmal Bruder nennen, mußt Du unſerer würdig bleiben. Wir können in unſeren Reihen eine Beſonder⸗ ergebenheit zulaſſen; doch das Herz täuſcht ſich manch⸗ mal ſelbſt. Biſt Du ſicher, junger Mann, daß, wenn Du Dich einzig und allein dem Gedanken eines Andern geweiht glaubſt, kein perſönlicher Gedanke ſich in Deine Handlungen miſcht? Biſt Du bei dem Zweck, den Du verfolgſt, völlig und durchaus uneigennützig? Wirſt Du nicht von irgend einer Leidenſchaft berathen, und wäre dieſe Leidenſchaft auch die edelſte von der Welt?“ „Ja,“ ſprach Theodor von Beze,„wir verlangen Eure Geheimniſſe nicht von Euch. Aber ſteigt in Euer Herz hinab, ſagt uns, ob Ihr, wenn Ihr das Recht hättet, uns alle ſeine Gefühle und Entwürfe mitzutheilen, in — — 245 keinem Augenblick in Verlegenheit gerathen würdet, und wir werden Euch auf Euer Wort glauben!“ „Wenn ſie ſo zu Euch ſprechen, Freund,“ ſagte der Admiral,„ſo geſchieht es, weil man in der That reine Hände braucht, um reine Sachen zu vertheidigen; hätte man dieſe nicht, ſo würde man ſeiner Sache und ſich ſelbſt Unglück bringen.“ Gabriel hörte und betrachtete einen nach dem andern dieſe drei, gegen Andere wie gegen ſich ſelbſt ſtrengen Männer, die durchdringend und ernſt um ihn ſtanden und ihn zugleich als Freunde und als Richter befragten. Gabriel erröthete und erbleichte abwechſelnd bei ihren Worten. Er befragte ſelbſt ſein Gewiſſen. Ganz ein Mann des Aeußeren und der Bewegung, hatte er ſich ohne Zweifel zu wenig daran gewöhnt, nachzudenken und ſich zu erkennen. In dieſem Augenblick forſchte er in ſich mit Schrecken, ob an ſeiner kindlichen Pietät ſeine Liebe für Frau von Caſlro nicht einen zu großen Antheil hätte; ob ihm nicht eben ſo viel daran gelegen wäre, das Ge⸗ heimniß der Geburt von Diana zu erfahren, als den alten Grafen zu befreien; ob er bei dieſer Lebensfrage mit ſo großer Uneigennützigkeit zu Werke ginge, als es nach der Anſicht von Coligny nothwendig wäre, um die Gnade Gottes zu verdienen? Ein beängſtigender Zweifel, wenn er wirklich durch irgend einen Hintergedanken der Selbſtſucht das Heil ſeines Vaters vor dem Herrn gefährdete! Er zitterte in ſeinem unruhigen Geiſte. Ein ſchein⸗ bar unbedeutender Umſtand rief ihn zu ſeiner Natur, zur Thätigkeit zurück. Es ſchlug eilf Uhr in der Saint⸗Severin⸗Kirche. In einer Stunde ſollte er vor dem König ſtehen. Mit ziemlich feſter Stimme ſprach Gabriel zu den Reformirten: „Ihr ſeid Männer des goldenen Zeitalters, und 246 viejenigen, welche ſich für die Tadelloſeſten hielten, fühlen ſich, wenn ſie ſich mit Eurem Ideal vergleichen, in ihrer Selbſtachtung beunruhigt und betrübt. Es können indeſſen unmöglich Alle von Eurer Partei Euch gleich ſein. Ihr, die Ihr der Kopf und das Herz der Reformirten ſeid, möget ſtreng Eure Abſichten und Eure Handlungen überwachen, das iſt nützlich und nothwen⸗ dig; wenn ich mich aber Eurer Sache hingebe, ſo thue ich es nicht als Anführer, ſondern nur als Soldat. Nur die Vefleckungen der Seele ſind untilgbar, die der Hand laſſen ſich abwaſchen. Ich werde Eure Hand ſein und nicht mehr. Werdet Ihr das Recht haben, dieſe, ich wage es zu ſagen, muthige und kühne Hand zurückzuweiſen?“ „Nein, Freund, und wir nehmen ſie von dieſer Stunde an,“ erwiederte Coligny. „Und ich wollte dafür ſtehen,“ fuhr Theodor von Boze fort,„daß ſie ſich eben ſo rein als muthig auf den Griff ihres Degens legen wird.“ „Als jede Gewährſchaft wollen wir gerade das Zögern erkennen, das in Eurem bedenklichen Gemüthe unſere vielleicht zu harten und anſpruchsvollen Worte zur Folge haben konnten,“ ſagte la Renaudie.„Wir wiſſen die Menſchen zu beurtheilen.“ „Ich danke, meine Herren,“ ſprach Gabriel.„Ich danke, daß Ihr dem Vertrauen keinen Abbruch thun wolltet, deſſen ich bei der harten Aufgabe, welche ich zu erfüllen habe, ſo ſehr bedarf. Ich danke Euch be⸗ ſonders, Herr Admiral, der Ihr mir, Eurem Verſpre⸗ chen gemäß, zum Voraus die Mittel geliefert habt, einen Treubruch ſelbſt einen gekrönten König bezahlen zu laſſen. Ich muß Euch nun verlaſſen, meine Herren, doch ich ſage Euch nicht Lebewohl, ſondern auf Wie⸗ derſehen. Obſchon ich einer von denjenigen bin, welche mehr den Ereigniſſen, als den Abſtractionen gehorchen, glaube ich dennoch, daß das, was Ihr heute bei mir eingeſät habt, ſpäter in mir keimen wird.“ 3 — 3 c —— d 247 „Wir wünſchen es für uns,“ ſagte Theodor von Beze. „Ihr müßtet es nicht für mich wünſchen,“ verſetzte Gabriel,„denn wie ich es Euch geſtanden habe, wird es das Unglück ſein, was mich⸗Eurer Sache zuwendet. Gott befohlen, meine Herren, ich muß mich zu dieſer Stunde nach dem Louvre begeben.“ „Und ich begleite Euch,“ ſagte Coligny.„Ich habe Heinrich H. in Eurer Gegenwart zu wiederholen, was ich ihm ſchon in Eurer Abweſenheit erklärte. Das Gedächtniß der Könige iſt kurz und dieſer ſoll nicht vergeſſen oder leugnen können. Ich gehe mit Euch.“ „Ich hätte es nicht gewagt, Euch um dieſen Dienſt zu bitten, Herr Admiral,“ ſprach Gabriel,„doch ich nehme Euer Anerbieten dankbar an.“ „Gehen wir,“ ſagte Coligny. Als ſie das Zimmer von Calvin verlaſſen hatten, nahm Theodor von Boze ſein Regiſter und ſchrieb zwei Namen ein: Ambroiſe Paré. Gabriel, Vicomte d'Ermos. „Mir ſcheint,“ ſagte la Renaudie zu Theodor,„Ihr habt ein wenig zu eilfertig dieſe zwei Männer unter den Unſrigen eingetragen. Sie machten ſich keines Wegs verbindlich.“ „Dieſe zwei Männer gehören uns,“ erwiederte Boze.„Der Eine ſucht die Wahrheit und der Andere flieht die Ungerechtigkeit. Ich ſage Euch, ſie gehören uns, und ich werde es Calvin ſchreiben.“ „Dann wird der Morgen für die Religion gut ge⸗ weſen ſein,“ verſetzte la Renaudie. „Sicherlich,“ ſprach Theodor,„wir werden einen tiefen Philoſophen und einen muthigen Soldaten, einen mächtigen Kopf und einen ſtarken Arm, einen Mann, die Schlachten zu gewinnen, und einen, die Ideen aus⸗ haben.. Ihr habt Recht, der Morgen iſt gut!“ 248 XXVI. Worin die Boldſeligkeit von Maria Stuart ſo flüchtig im Roman, wie in der Geſchichte von Frankreich vorüberzieht. Als Gabriel mit dem Admiral Coligny vor die Pforten des Louvre kam, wurde er mit dem erſten Wort, das er hörte, niedergeſchmettert. Der König empfing an dieſem Tage nicht. Obgleich Admiral und Neffe von Montmorench, war Coligny doch zu ſehr vom Verdacht der Ketzerei befleckt, um viel Anſehen bei Hofe zu haben. Was den Kapitän der Garde, Gabriel d'Ermoͤs, betrifft, ſo hat⸗ ten die Huiſſiers des königlichen Hauſes Zeit gehabt, ſein Geſicht und ſeinen Namen zu vergeſſen. Die zwei Freunde hatten Mühe, nur durch die äußeren Pforten zu kommen. Im Innern war es noch viel ſchlimmer, Sie ver⸗ loren mehr als eine Stunde mit Sprechen, Beſtechen und ſogar mit Drohen. Sobald es ihnen gelungen war, eine Hellebarde in die Höhe zu bringen, verſperrte ihnen eine andere den Weg. Alle dieſe mehr oder min⸗ der unbeſiegbaren Drachen, welche die Könige bewachen, ſchienen ſich vor ihnen zu vervielfältigen. Als ſie aber durch Hartnäckigkeit in die Gallerie gelangten, welche unmittelbar vor dem Cabinet des Königs kam, war es ihnen unmöglich, weiter vor⸗ zudringen. Der Befehl war zu ſtreng. Mit dem Con⸗ netable und Frau von Poitiers eingeſchloſſen, hatte der König auf's Schärfſte befohlen, ihn unter keinem Vor⸗ wande zu ſtören. Gabriel mußte bis zum Abend warten, um Audienz zu bekommen. —„—)—— 1——, — S S„ — v NNS— — S3 — 249 Warten, abermals warten, wenn man enblich das durch ſo viele Kämyfe und Schmerzen verfolgte Ziel zu berühren glaubt! Dieſe paar Stunden, die er noch zu durchleben hatte, kamen Gabriel furchtbarer und tödt⸗ licher vor, als alle Gefahren, die er bis jetzt muthig beſiegt. Ohne auf die freundlichen Worte zu hören, durch die ihn der Admiral zu tröſten und zur Geduld zu be⸗ wegen ſuchte, betrachtete er traurig durch das Fenſter den Regen, der vom verdüſterten Himmel zu fallen an⸗ fing, und preßte, von Zorn und Angſt ergriffen, fieber⸗ haft den Griff ſeines Degens zuſammen. Wie ſie niederwerfen und überſchreiten, dieſe albernen Wachen, die ihn bis in das Cabinet des Königs und vielleicht bis zur Freiheit ſeines Vaters zu gelangen ver⸗ hinderten?. Plötzlich hob ſich der Thürvorhang des königlichen Vorzimmers und eine weiße, ſtrahlende Geſtalt ſchien dem düſteren jungen Mann die graue, regneriſche At⸗ moſphäre zu erleuchten. „ Die kleine Dauphine Königin, Maria Stuart, ſchritt durch die Gallerie. „Oh! Madame!“ rief er, ohne ſich nur von ſeiner Bewegung Rechenſchaft zu geben. Maria Stuart wandte ſich um, erkannte den Ad⸗ miral und Gabriel und ging ſogleich, lächelnd wie immer, auf ſie zu.„ „Seid Ihr endlich zurückgekehrt, Herr Vicomte d'Ermès!“ ſagte ſie.„Ich bin glücklich, Euch wieder⸗ zuſehen; ich habe viel von Euch in der letzten Zeit ſprechen hören. Aber was macht Ihr im Louvre zu dieſer frühen Stunde und was wollt Ihr?“ „Mit dem König ſprechen! mit dem König ſprechen, Madame!“ erwiederte Gabriel mit gepreßtem Tone. ſ„Herr d'Ermos hat in der That nothwendig ſo⸗ gleich mit Seiner Majeſtät zu ſprechen,“ ſagte nun der Admirgl.„Die Sache iſt wichtig für ihn und für den 250 König ſelbſt, und alle dieſe Wachen verwehren ihm den Durchgang und beſcheiden ihn auf den Abend.“ „Als ob ich bis dieſen Abend warten könntel“ rief Gabriel. „Ich glaube, Seine Majeſtät ertheilt in dieſem Au⸗ genblick vollends wichtige Befehle,“ ſagte Maria Stuart. „Der Herr Connetable von Montmoreney iſt noch beim König und ich befürchte...“ Ein flehender Blick von Gabriel verhinderte Maria, ihren Satz zu vollenden. „Nun, wir wollen ſehen, mag es gehen wie es will, ich wage es!“ ſprach ſie. Sie machte ein Zeichen mit ihrer niedlichen Hand. Die Wachen traten auf die Seite. Der Admiral und Gabriel konnten vorüber. „Ah! meinen Dank, Madame,“ rief der glühende junge Mann.„Ich danke Euch, die Ihr, ganz einem Engel ähnlich, mir ſtets erſcheinet, um mich zu tröſten oder mir in meinen Schmerzen Hülfe zu leiſten.“ „Der Weg iſt nun frei,“ verſetzte Maria lächelnd. „Geräth Seine Majeſtät zu ſehr in Zorn, ſo verrathet, ich bitte Euch, die Vermittelung des Engels nur bei der äußerſten Nothwendigkeit. 4 Sie grüßte Gabriel und ſeinen Gefuͤhrten auf das Anmuthigſte und verſchwand. Gabriel war ſchon bei der Thüre des königlichen Cabinets. In dem letzten Vorzimmer war noch ein Huiſſier, der abermals Miene machte, ſich ihrem Ein⸗ tritt zu widerſetzen. Doch in demſelben Augenblick öffnete ſich die Thüre und Heinrich Il. erſchien in Perſon auf der Schwelle, beſchäftigt, dem Connetable noch einige In⸗ ſtructionen zu geben. Die Entſchloſſenheit war keine Tugend des Königs. Bei dem plötzlichen Anblick des Vicomte d'Ermos wich er zurück und vermochte nicht einmal ärgerlich zu werden. Die Tugend von Gabriel war Feſtigkeit. Er ver⸗ 8 25¹ beugte ſich zuerſt tief vor dem König und ſprach ſo⸗ dann: „Sire, empfangt gnädigſt den Ausdruck meiner ehr⸗ furchtsvollen Huldigung.“ Dann ſich gegen den Admiral umwendend, der hinter ihm ging, ſagte er, um Coligny die Verlegenheit der erſten Worte zu erſparen: „Kommt, Herr Admiral und wollt, Eurem gütigen Verſprechen gemäß, Seine Majeſtät an den Antheil er⸗ innern, den ich an der Vertheidigung von Saint⸗Quen⸗ tin nehmen durfte.“ „Was ſoll das bedeuten, mein Herr,“ rief Heinrich, der allmälig ſeine Kaltblütigkeit wieder erlangte.„Wie führt Ihr Euch ſo bei uns ein, ohne dazu bevoll⸗ mächtigt, ohne angemeldet zu ſein? Wie könnt Ihr es wagen, den Herrn Abmiral in unſerer Gegenwart auf⸗ zufordern?..“ In ſolchen entſcheidenden Augenblicken verwegen wie vor dem Feind, ſprach Gabriel, der wohl begriff, daß dies nicht der Augenblick war, ſich einſchüchtern zu laſſen, mit ehrfurchtsvollem aber entſchloſſenem Tone: „Sire, ich dachte, Eure Majeſtät wäre ſtets bereit, wenn es ſich darum handelt, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und wäre es auch dem letzten ihrer Unter⸗ thanen.“ Er hatte die rückgängige Bewegung des Königs benützt, um kühn in das Cabinet einzutreten, wo Diana von Poitiers, erbleichend und halb ſich aus ihrem Lehn⸗ ſtuhle von geſchnitztem Eichenholz erhebend, den Ver⸗ wegenen ſprechen und handeln ſah, ohne in ihrem Er⸗ ſtaunen und in ihrer Wuth ein einziges Wort finden zu können. Coligny war hinter ſeinem ſtürmiſchen Freund ein⸗ getreten, und Montmorency hatte ſich, eben ſo erſtaunt als Alle, entſchloſſen, ihn nachzuahmen. Es herrſchte einen Augenblick tiefes Stillſchweigen. 25⁵² Seiner Favoritin zugewendet, befragte Heinrich I. bieſe mit dem Blick. Doch ehe er einen Entſchluß gefaßt oder von ihr dietirt erhalten hatte, ſagte Gabriel, der wohl wußte, daß er in dieſem Augenblick eine das Aeußerſte entſchei⸗ dende Partie ſpielte, abermals zu Coligny mit einem zugleich flehenden und würdigen Ausdruck: „Ich beſchwöre Euch, ſprecht, Herr Admiral.“ Montmorench machte ſeinem Neffen raſch ein ver⸗ neinendes Zeichen, aber der brave Gaſpard nahm keine Rückſicht darauf. „Ich werde in der That reden,“ ſagte er,„denn es iſt meine Pflicht und mein Verſprechen. Sire,“ fuhr er ſich an den König wendend fort,„ich wieder⸗ hole, kurz gefaßt, in Gegenwart des Herrn Vicomte d'Ermés, was ich Euch im Einzelnen vor ſeiner Rück⸗ kehr ſagen zu müſſen glaubte.„Ihm, ihm allein haben wir es zu verdanken, daß ſich die Vertheidigung von Saint⸗Quentin über den von Eurer Majeſtät ſelbſt feſtgeſtellten Zeitpunkt verlängerte.“ Der Connetable zuckte hier auf eine bezeichnende Weiſe die Achſeln. Doch der Admiral ſchaute ihn feſt an und fuhr nichtsdeſtoweniger ruhig fort: „Ja, Sire, dreimal und mehr hat Herr d'Ermes die Stadt gerettet, und ohne ſeinen Muth und ſeine Energie wäre Frankreich zu dieſer Stunde ohne Zweifel nicht auf dem Wege des Heils, auf dem es ſich, wie man nunmehr hoffen darf, behaupten wird.“ „Ah! ah! Ihr ſeid zu beſcheiden oder zu gefällig, Neffe!“ rief Herr von Montmorench, außer Stands, den Ausdruck ſeiner Ungeduld länger zu bemeiſtern. „Nein, mein Herr,“ ſprach Coligny,„ich bin nur gerecht und wahrhaft. Ich habe meines Theils und mit allen meinen Kräften zur Vertheidigung der mir anvertrauten Stadt beigetragen. Aber der Vicomte d Ermés hat den Muth der Einwohner wiederbelebt, * =* —— welchen ich ſchon auf immer erloſchen glaubte; der Vi⸗ comte d'Ermes hat eine Hülfstruppe in die Stadt zu bringen vermocht, von der ich nicht wußte, daß ſie uns ſo nahe war; der Vicomte d'Exmès hat wirklich eine Ueberrumpelung des Feindes vereitelt, die ich nicht vor⸗ hergeſehen. Ich ſpreche nicht davon, wie er ſich in den Gefechten benommen: wir thaten Alle unſere Möglich⸗ ſtes. Aber ich erkläre es laut, was er allein gethan, der ungeheure Antheil, den er ſich am Ruhm bei dieſer Gelegenheit erworben hat, mußte den meinigen um eben ſo viel vermindern oder völlig illuſoriſch machen.“ Und ſich an Gabriel wendend, fügte der brave Ad⸗ miral bei: „Sollte ich ſo ſprechen, Freund? habe ich nach Eurem Gefallen meine Verbindlichkeit erfüllt und ſeid Ihr zufrieden mit mir?“ „Oh! ich danke Euch und ſegne Euch, Herr Ad⸗ miral,“ ſprach Gabriel, indem er Coligny bewegt die Hände drückte.„Ich erwartete nicht weniger von Euch. Doch ich bitte, rechnet auf mich als auf Euren ewig Verpflichteten. Ja, von dieſer Stunde iſt Euer Gläu⸗ biger Euer Schuldner geworden, und er wird ſich ſeiner Schuld erinnern, das ſchwöre ich Euch.“ Die Stirne gefaltet und die Augen zu Boden ge⸗ ſchlagen, ſtampfte der König während dieſer Zeit mit dem Fuße und ſchien im höchſten Maße aufgebracht. Der Connetable hatte ſich allmälig Diana von Poitiers genähert und wechſelte leiſe einige Worte mit ihr. Sie ſchienen einen Entſchluß gefaßt zu haben, denn Diana lächelte nun, und dieſes weibliche und teufliſche Lächeln machte Gabriel beben, der gerade zufällig ſeine Angen auf die ſchöne Herzogin richtete. Gabriel fand jedoch die Kraft, beizufügen: „Ich halte Euch nicht mehr zurück, Herr Admiral, Ihr habt für mich mehr als Eure Pflicht gethan, und wenn mir nun Seine Majeſtät als erſte Belohnung, 254 eine Minute der Privatunterredung zu gewähren die L Gnade haben will.„. n „Später, mein Herr, ſpäter, ich ſchlage es nicht ab,“ ſagte raſch Heinrich H.,„doch für den Augenblick ei iſt die Sache unmöglich.“ z „unmöglich!“ rief Gabriel mit ſchmerzlichem Aus- druck. 1h „Und warum unmöglich, Sire?2“ verſetzte friedlich Diana von Poitiers zum großen Erſtaunen ſowohl von 6 Gabriel, als vom König ſelbſt. ge „Wie, Madame,“ ſtammelte Heinrich,„Ihr Y denkt?“ „Ich denke, das Dringendſte für einen König iſt, jedem von ſeinen Unterthanen zu geben, was ihm ge⸗ bührt. Eure Schuld gegen den Herrn Vicomte d'Ermés iſt aber ſehr geſetzlich und ſehr heilig, wie mir ſcheint.“ „Allerdings, allerdings,“ erwiederte Heinrich, der den Augen ſeiner Geliebten zu leſen ſuchte,„und ich 1 will. „Herrn d'Ermds auf der Stelle hören,“ ſagte Diana,„das iſt gut, das iſt gerecht, Sire.“ „Aber Seine Majeſtät weiß, daß ich mit ihr allein zu reden habe?“ erwiederte Gabriel immer mehr es erſtaunt. be „Herr von Montmoreney wollte ſich eben entfernen, als al Ihr eintratet, mein Herr,“ ſprach Frau von Poitiers. „Was den Herrn Admiral betrifft, ſo habt Ihr ſelbſt zu die Mühe übernommen, ihm zu ſagen, Ihr haltet ihn erſ nicht zurück. Mir aber, da ich Zeugin der vom König die gegen Euch übernommenen Verbindlichkeit geweſen bin mi und den König im Falle der Noth genau an feine Aus⸗ M drücke zu erinnern vermöchte, mir werdet Ihr vielleicht me erlauben, hier zu bleiben?“ „Gewiß, Madame, ich bitte Euch ſogar darum,“ ſagte Gabriel. „Mein Neffe und ich nehmen Abſchied von Seiner n 255⁵ Majeſtät und von Euch, Madame,“ ſprach Mont⸗ morency. Er machte Diana, während er ſich vor ihr verbeugte, ein Zeichen der Ermuthigung, deſſen ſie indeſſen nicht zu bedürfen ſchien. Coligny drückte Gabriel die Hand und ging ſodann hinter ſeinem Oheim hinaus. Der König und die Favoritin blieben allein mit Gabriel, der ganz erſchrocken war über die unvorher⸗ geſehene und geheimnißvolle Protection, die ihm die Mutter von Diana von Caſtro gewährte.*½ XXViI. Die andere Piana. Trotz ſeiner entſchiedenen Selbſtbeherrſchung konnte es Gabriel nicht verhindern, daß Bläſſe ſein Geſicht bedeckte und die Aufregung ſeine Stimme erſchütterte, als er nach einer Pauſe zum König ſprach: „Sire, zitternd, aber dennoch mit tiefem Vertrauen zu Eurem königlichen Verſprechen, wage ich es, geſtern erſt der Gefangenſchaft entkommen, Eure Majeſtät an die feierliche Verbindlichkeit zu erinnern, die ſie gegen mich einzugehen die Gnade gehabt hat. Der Graf von Montgommery lebt noch, Sire, ſonſt hättet Ihr längſt meine Worte gehemmt.„„ Er hielt mit bewegter Bruſt inne. Der König blieb unbeweglich und ſtumm. Gabriel fuhr fort: „Nun, Sire, da der Graf von Montgommery noch lebt und ich nach dem Zeugniß des Herrn Admirals über die beſtimmte Friſt den Wiberſtand von Saint⸗ 256 Quentin verlängert habe, ſo iſt von mir mein Verſpre⸗ chen überſchritten worden, haltet das Eurige; Sire, gebt mir meinen Vater zurück!“ „Mein Herr!“ ſprach Heinrich II. zögernd. Er ſchaute Diana von Poitiers an, welche in ih⸗ rer Ruhe und Sicherheit nicht geſtort zu werden ſchien. Der Stand der Dinge war indeſſen ſchwierig. Heinrich hatte ſich daran gewöhnt, Gabriel als todt oder als gefangen zu betrachten, und er hatte für die auf ſeine furchtbare Frage nicht vorherge⸗ ehen. Gabriel fühlte, wie ihm vor dieſem Zögern die Angſt das Herz zuſammenſchnürte. „Sire,“ ſprach er in einer Art von Verzweiflung, „Eure Majeſtät kann unmöglich vergeſſen haben! Eure Majeſtät erinnert ſich ſicherlich jener feierlichen Unter⸗ redung, ſie erinnert ſich, welche Verbindlichkeit ich im Namen des Gefangenen, aber auch welche Verbindlich⸗ keit ſie gegen mich übernommen hat.“ Der König wurde unwillkührlich von dem Schmerz und der Angſt des edlen jungen Mannes ergriffen; ſeine großmüthigen Inſtinkte erwachten in ihm. „Ich erinnere mich an Alles,“ ſagte er zu Ga⸗ „Ah! Sire, ich danke!“ rief Gabriel, deſſen Blick vor Freude glänzte. Ruhe: „Ohne Zweifel erinnert ſich Seine Majeſtät an Alles, Herrr d'Ermées, aber Ihr ſcheint mir vergeſſen zu haben.“ Hätte der Blitz mitten an einem ſchönen Junitag zu ſeinen Füſſen eingeſchlagen, Gabriel könnte nicht mehr erſchrocken ſein: „Wie!“ ſtammelte er,„was habe ich denn ver⸗ geſſen, Madame?“ Aber Frau von Poitiers ſprach mit vollkommener „Die Hälfte Eurer Aufgabe,“ erwiederte Diana. . 4 257 „Ihr habt in der That zu Seiner Majeſtät geſagt, und wenn dies nicht genau Eure Worte ſind, ſo iſt es we⸗ nigſtens der Sinn davon. Ihr habt geſagt:„„Sire, um die Freiheit des Grafen von Montgommery zu er⸗ kaufen, werde ich den Feind in ſeinem Triumphmarſch gegen den Mittelpunkt Frankreichs aufhalten.““ „Habe ich das nicht gethan, Madame?“ fragte Ga⸗ briel ganz verwirrt. „Ja. Doch Ihr fügtet bei:„Und ich würde mich ſogar, vom Angegriffenen der Angrei⸗ fer werdend, wenn es ſein müßte, eines der Plätze bemächtigen, deren Herr der Feind iſt.““ Das ſagtet Ihr, mein Herr. Ihr habt aber, wie mir ſcheint, nur die Hälfte von dem gethan, was Ihr ſagtet. Was könnt Ihr hierauf antworten? Ihr habt Saint⸗Quentin eine gewiſſe Anzahl von Tagen be⸗ hauptet, das iſt ſehr gut, ich leugne es nicht. Dies iſt die vertheidigte Stadt, doch wo iſt denn die genom⸗ mene?“ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ war Alles, was Gabriel völlig vernichtet ausrufen konnte. „Ihr ſeht, daß mein Gedächtniß noch beſſer iſt, als das Eurige,“ fuhr Diana mit derſelben Kaltblütigkeit fort.„Dennoch hoffe ich, daß Ihr Euch nun Eurerſeits ebenfalls erinnern werdet?“ „Ja, es iſt wahr, ich erinnere mich nun,“ rief Gabriel voll Bitterkeit.„Aber indem ich dies ſagte, wollte ich nur ſagen, ich würde im Falle der Noth das Unmögliche thun; denn iſt es in dieſem Augenblick möglich, den Spaniern oder den Engländern eine Stadt zu nehmen? Ich frage Euch, Sire? Als mich Eure Majeſtät abgehen ließ, nahm ſie ſtillſchweigend die erſte von meinen Anerbietungen an, ohne daß ich glauben konnte, nach dieſer heldenmüthigen Anſtrengung, nach dieſer langen Gefangenſchaft, hätte ich auch noch die zweite zu erfüllen. Sire, an Euch, an Euch wende ich Die beiden Dianen. U 17 258 mich, iſt eine Stadt für die Freiheit eines Menſchen nicht genug? werdet Ihr Euch nicht mit einem ſolchen Löſegeld begnügen? muß man mir auf ein in meiner Eraltation in die Luft entſchlüpftes Wort, mir, einem armen menſchlichen Hercules, eine andere Aufgabe auf⸗ erlegen, welche hundertmal härter iſt, als die erſte, und ſogar, das begreift ſich, Sire, unausführbar?“ Der König machte eine Bewegung, um zu ſprechen, doch die Großſeneſchallin beeilte ſich, ihm zuvorzu⸗ kommen, und entgegnete: „Es iſt alſo leichter und ausführbarer, es iſt we⸗ niger Gefahr und Tollheit dabei, trotz Eurer Verſpre⸗ chungen, einen furchtbaren Gefangenen, einen Majeſtäts⸗ verbrecher in Freiheit zu ſetzen? Um das Unmögliche zu erhalten, habt Ihr das Unmögliche angeboten, Herr d'Ermos, aber es iſt nicht gerecht, daß Ihr die Erfül⸗ lung des Wortes Seiner Majeſtät verlangt, während Ihr das Eurige nicht bis zum Ende gehalten habt. Die Pflichten eines Souverain ſind nicht minder ernſt, als die eines Sohnes; dem Staate geleiſtete ungeheure und übermenſchliche Dienſte vermöchten allein den äußer⸗ ſten Fall zu entſchuldigen, in welchem Seine Majeſtät den Staatsgeſetzen Stillſchweigen gebieten würde. Ihr habt Euren Vater zu retten, es mag ſein; doch der König hat Frankreich zu bewahren.“ Und mit einem ausdrucksvollen Blicke ihre Worte erläuternd, erinnerte Diana Heinrich zweimal daran, welchen Gefahren man ſich preisgeben würde, wenn man den alten Grafen von Montgommery und ſein Ge⸗ heimniß aus dem Grabe hervorgehen ließe. Gabriel wollte noch einen letzten Verſuch wagen und rief, indem er die Hände gegen den König aus⸗ ſtreckte: „Sire, an Euch, an Eure Billigkeit, an Eure Gnade ſogar appellire ich. Sire, ich mache mich verbindlich, ſpäter mit Hülfe der Zeit und der Umſtände dem Va⸗ terlande dieſe Stadt zurückzugeben, oder bei dem — 259 Unternehmen zu ſterben. Doch mittlerweile, ich flehe Euch an, macht, daß ich meinen Vater ſehe.“ Durch den feſten Blick und die ganze Haltung von Diana berathen, antwortete Heinrich, bemüht, ſeiner Stimme Sicherheit zu verleihen: „Haltet Euer Verſprechen bis zum Ende, und ich ſchwöre bei Gott, daß ich dann, aber auch dann nur, das meinige erfüllen werde. Mein Wort iſt eben ſo viel werth als das Eurige.“ „Es iſt das Euer letztes Wort, Sire?“ „Es iſt mein letztes.“ Gaßriel beugte einen Augenblick den Kopf, zu Bo⸗ den geſchmettert, beſiegt und ganz zitternd unter dieſer furchtbaren Niederlage. In einer Minute tobte eine ganze Welt von Ge⸗ danken in ſeinem Innern. Er würde ſich an dieſem undankbaren König und an dieſer argliſtigen Frau rächen! er würde ſich in die Reihen der Reformirten werfen! er würde das Geſchick der Montgommery erfüllen! er würde Heinrich tödtlich treffen, wie ihn der alte Graf getroffen! er würde ma⸗ chen, daß man Diana von Poitiers ſchmachvoll und und aller Ehre beraubt wegſchicke! Das wäre fortan das einzige Ziel ſeines Willens und ſeines Lebens, und dieſes Ziel, wie entfernt und unwahrſcheinlich es auch für einen einfachen Edelmann erſcheinen dürfte, würde er am Ende zu erreichen wiſſen. Aber nein! ſein Vater würde während in dieſer Zeit zwanzigmal geſtorben ſein! Ihn rächen wäre gut, ihn retten beſſer. In ſeiner Lage wäre es vielleicht nicht ſchwerer, eine Stadt zu nehmen, als einen König zu beſtrafen. Nur wäre jenes Ziel heilig und glorreich, und das andere verbrecheriſch und gottlos! Mit dem einen würde er Diana von Caſtro auf immer verlieren, wer weiß, ob er ſie mit dem andern nicht gewinnen könnte? Alle Ereigniſſe, welche ſeit der Einnahme von 260 Saint⸗Quentin in Erfüllung gegangen waren, zogen wie ein Blitz vor den Augen von Gabriel vorüber. In zehnmal weniger Zeit, als wir brauchen, um dieſes zu ſchreiben, hatte ſich die muthige und ſtets fe⸗ derkräftige Seele des jungen Mannes wieder erhoben. Er hatte einen Entſchluß gefaßt, einen Plan entwor⸗ fen, einen Ausgang erſchaut. Der König und ſeine Favoritin ſahen mit Erſtau⸗ nen und beinahe mit Schrecken, wie er ſeine bleiche, aber ruhige Stirne wieder erhob. „Es ſei,“ ſprach er nun. „Ihr fügt Euch?“ verſetzte der König. „Ich entſchließe mich,“ erwiederte Gabriel. „Wie? erklärt Euch.“ „Hört mich, Sire. Das Unternehmen, durch das ich Euch eine Stadt für diejenige zurückzugeben ver⸗ ſuchen würde, welche Euch die Spanier beſetzt haben, käme Euch verzweifelt, unmöglich, wahnſinnig vor, nicht wahr? Seid aufrichtig, Sire, und auch Ihr, Ma⸗ dame, ſo beurtheilt Ihr es im Grunde?“ „Es iſt wahr,“ antwortete Heinrich. „Ich befürchte es,“ fügte Diana bei. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ fuhr Gabriel fort, „würde mich der Verſuch das Leben koſten, ohne andere Reſultate herbeizuführen, als daß man mich für einen lächerlichen Narren halten müßte.“ „Ich habe es Euch nicht vorgeſchlagen,“ ſprach der König. „Und es wird ohne Zweifel vernünftig ſein, darauf zu verzichten,“ ſagte Diana. „Dennoch erklärte ich Euch, ich wäre dazu ent⸗ ſchloſſen,“ ſprach Gabriel. Heinrich und Diana konnten ſich einer Geberde der Bewunderung nicht erwehren. „Oh! nehmt Euch in Acht!“ rief Heinrich. „Vor was? daß ich mein Leben nicht verliere?“ verſezte Gabriel laut lachend,„längſt habe ich es zum ——— 261 Opfer gebracht. Doch nur diesmal keine Mißverſtänd⸗ niſſe und Ausflüchte. Die Bedingungen des Handels, den wir mit einander vor Gott abſchließen, find klar und unzweideutig. Ich, Gabriel Vicomte d'Ermés, Vicomte von Montgommery, werde es dahin bringen, daß durch mich eine Stadt, welche gegenwärtig in der Ge⸗ walt der Engländer oder der Spanier iſt, in die Eurige fällt. Dieſe Stadt ſoll kein unhaltbarer Ort oder ein Flecken ſein, ſondern ein feſter Platz, ſo wichtig als Ihr es wünſchen könnt. Ich denke, hierin liegt keine Zweideutigkeit?“ „Wahrhaftig nein,“ antwortete der König unruhig. „Aber Ihr,“ fuhr Gabriel fort,„Ihr, Heinrich 1I., König von Frankreich, macht Euch auch anheiſchig, auf mein erſtes Begehren den Kerker meines Vaters zu öffnen und mir den Grafen von Montgommery zurück⸗ zugeben. Macht Ihr Euch hiezu verbindlich?“ Der König ſah das ungläubige Lächeln von Diana und antwortete: „Ich mache mich verbindlich.“ „Ich danke Eurer Majeſtät! Doch das iſt noch nicht Alles: Ihr könnt eine Gewährſchaft mehr dem armen Wahnſinnigen bewilligen, der ſich mit offenen Augen in den Abgrund ſtürzt. Man muß nachſichtig gegen diejenigen ſein, welche ſterben. Ich verlange keine Hand⸗ ſchrift, die Euch compromittiren könnte, Ihr würdet ſie mir ohne Zweifel verweigern. Doch hier iſt eine Bibel, legt Eure Hand darauf und ſchwört folgenden Eid:„„Im Austauſch für eine Stadt erſten Ranges, welche ich Gabriel von Montgommery allein zu ver⸗ danken haben werde, mache ich mich auf die heiligen Bücher verbindlich, dem Vicomte d'Exmes die Freiheit ſeines Vaters zu geben, und erkläre zum Voraus, wenn ich dieſen Eid verletze, den genannten Vicomte jeder Treue gegen mich und die Meinigen entbunden; ich ſage, daß Alles, was er thun wird, um den Meineidi⸗ gen zu beſtrafen, wohl gethan iſt, und ſpreche ihn vor 262 Gott und den Menſchen frei, und wäre es auch von einem Verbrechen an meiner Perſon.““ Schwört dieſen Eid, Sire!“ „Mit welchem Rechte fordert Ihr ihn von mir?“ fragte Heinrich. „Ich habe es Euch geſagt, Sire, mit dem Rechte desjenigen, welcher zu ſterben im Begriff iſt.“ Der König zögerte noch. Aber die Herzogin, mit ibrem verächtlichen Lächeln, bedeutete ihm durch ein Zeichen, er könnte ſich ohne Bedenfen anheiſchig machen. Sie dachte in der That, Gabriel hätte plötzlich ſeine ganze Vernunft verloren, und zuckte mitleidig die Achſeln. „Gut, ich willige ein,“ ſprach Heinrich. Und er wiederholte, die Hand auf dem Evange⸗ lium, die Eidesformel, welche Gabriel ihm vorſagte. Als der König geendigt hatte, ſprach Gabriel: „Das würde wenigſtens genügen, um mir jeden Gewiſſensbiß zu erſparen. Der Zeuge unſeres neuen Vertrags iſt nicht mehr allein Madame, es iſt Gott. Nun habe ich keine Zeit mehr zu verlieren. Lebet wohl, Sire. In zwei Monaten von dieſer Stunde werde ich todt ſein, oder meinen Vater umarmen.“ Er verbeugte ſich vor dem König und der Herzogin und ging haſtig hinaus. Heinrich blieb unwillkührlich einen Augenblick ernſthaft und nachdenkend. Aber Diana brach in ein Gelächter aus. „Wie! Ihr lacht nicht, Sire?“ ſagte ſie.„Ihr ſeht doch wohl, daß dieſer Narr verloren iſt, und daß ſein im Gefängniß ſterben wird. Ihr könnt lachen, ire.“ „Und ich thue es auch!“ ſagte der König lachend. —, XXVIII. Ein großer Gedanke für einen großen Mann. Der Herzog von Guiſe hatte eine Wohnung im Lonvre ſelbſt, ſeitdem er den Titel eines General Lieutenant des Koͤnigreiches führte. In dem Schloſſe der Könige von Frankreich ſchlief oder wachte vielmehr nun jede Nacht das ehrgeizige Haupt des Hauſes Loth⸗ ringen. Welche Träume träumte er ganz wach unter dieſem mit Chimären bevölkerten Täfelwerk? Hatten ſeine Träume nicht einen großen Weg zurückgelegt ſeit dem Tag, wo er Gabriel unter ſeinem Zelt in Civitella ſeine Pläne auf den Thron von Neapel anvertraute? Würde er ſich nun hiemit begnügen? Sagte ſich nun der Gaſt des löniglichen Hauſes nicht, er könnte wohl der Herr deſſelben werden? Fühlte er nicht ſchon unbe⸗ ſtimmt um ſeine Schläfe die Berührung einer Krone? Betrachtete er nicht mit einem wohlgefälligen Lächeln ſein Schwert, das, ſicherer als der Stab eines Zaube⸗ rers, ſeine Hoffnung in eine Wirklichkeit verwandeln konnte? Es iſt erlaubt, anzunehmen, daß Franz von Loth⸗ ringen ſogar zu jener Zeit ſolche Hoffnungen nährte. Bevollmächtigte ihn nicht gleichſam der König, als er ihn in ſeiner Noth zu ſich rief, in dem kühnſten Emporſtreben ſeines Ehrgeizes? Ihm das Heil Frank⸗ reichs in dieſer verzweifelten Klemme anvertrauen, hieß ihn als den erſten Feldherrn der Zeit anerkennen! Franz l. hätte nicht mit dieſer Beſcheidenheit gehan⸗ delt, er würde ſein Schwert von Marignan ergriffen haben! Aber Heinrich II., obgleich er perſönlich ſehr 3 264 tapfer war, gebrach es an dem Willen, der befiehlt, und an der Kraft, welche vollführt. Der Herzog von Guiſe ſagte ſich dies Alles, aber er ſagte ſich auch, daß es nicht genüge, dieſe verwe⸗ genen Hoffnungen vor ſich ſelbſt zu rechtfertigen, er mußte ſie in den Augen von Franfreich rechtfertigen; er mußte durch auffallende Dienſte, durch glänzende Erfolge ſeine Rechte erkaufen und ſein Geſchick er⸗ erobern. Der vom Schickſal begünſtigte General, welcher das Glück gehabt hatte, in Metz die zweite Invaſion. des großen Kaiſers Karl V. aufzuhalten, fühlte doch⸗. daß er nicht genug gethan, um Alles zu wagen. Wenn er auch zu dieſer Stunde bis an die Grenze die Spanier und Engländer zurücktriebe, ſo würde dies doch nicht mehr genügen. Damit Frankreich ſich gäbe oder nehmen ließe, müßte man nicht nur ſeine Niederlagen wieder gut machen, ſondern ihm auch Siege bringen. Dies waren die Betrachtungen, welche gewohnlich den großen Geiſt des Herzogs von Guiſe ſeit ſeiner Rückkehr aus Italien beſchäftigten. Er wiederholte ſich dieſelben an dem Tage, wo Ga⸗ briel von Montgommery mit Heinrich I. ſeinen neuen jugleich wahnfinnigen und erhabenen Vertrag ab⸗ ſchloß. 3 Franz von Guiſe ſtand allein in ſeinem Zimmer am Fenſter, ſchaute, ohne zu ſehen, und trommelte ma ſchinenmäßig mit den Fingern auf den Scheiben. 1 Einer von ſeinen Leuten kratzte beſcheiden an der Thüre und meldete ihm, auf die Erlaubniß des Herzogs eintretend, den Vicomte d'Ermoès. „Der Vicomte d'Exmès!“ ſprach der Herzog, der das Gedächtniß von Cäſar beſaß und überdies gute Gründe hatte, ſich Gabriels zu erinnern.„Der Vicomte d'Ermos! mein junger Waffengefährte von Metz, Renty 265 und Valenza! Laßt ihn eintreten, Thibault, laßt ihn auf der Stelle eintreten“ Der Diener verbeugte ſich und ging hinaus, um Gabriel einzuführen. Unſer Held(wir haben wohl das Recht, ihm dieſen Namen zu geben), unſer Held hatte nicht gezögert. Mit jenem Inſtinkt, der die Seele in den Stunden der Kriſe erleuchtet, und den man, wenn er den ganzen Lauf des Daſeins erhellt, das Genie nennt, begab ſich Gabriel, ſobald er den König verließ, als hätte er die geheimen Gedanken geahnet, welche den Herzog in dieſem Augen⸗ blick ſchmeichelnd beſchäftigten, geraden Wegs in die Wohnung des General⸗Lieytenant des Königreichs. Es war dies vielleicht der einzige lebende Menſch, der Gabriel begreifen mußte und ihm helfen konnte. Gabriel hatte alle Urſache, von dem Empfang, der ihm von ſeinem ehemaligen General zu Theil wurde, gerührt zu ſein. Der Herzog von Guiſe ging ihm bis zur Thüre entgegen und ſchloß ihn in ſeine Arme. „Ah! Ihr ſeid es endlich, mein Tapferer!“ rief er in vollem Erguß.„Woher kommt Ihr? Was iſt aus Euch geworden ſeit Saint⸗Quentin? Wie oft habe ich an Euch gedacht und von Euch geſprochen, Gabriel!“ „Gnädigſter Herr, hätte ich wirklich in Eurer Er⸗ innerung einen Platz bewahrt?“ „Bei Gott! er fragt noch!“ rief der Herzog.„Habt Ihr nicht Eure eigene Manier, Euch bei den Leuten ins Gedächtniß zurückzurufen? Coligny, der allein mehr werth iſt, als alle Montmorency mit einander, hat mir (obgleich mit verblümten Worten, ich weiß nicht warum), einen Theil von Euren Thaten in Saint⸗Quentin er⸗ zählt, und er verſchwieg mir noch, wie es ſcheint, die beſſere Hälfte. „Ich habe dennoch zu wenig gethan!“ ſagte Ga⸗ briel traurig lächelnd. 266 „Ehrgeiziger!“ verſetzte der Herzog. „In der That, ſehr ehrgeizig!“ ſprach Gabriel, ſchwermüthig den Kopf ſchüttelnd. „Aber Gott ſei Dank, Ihr ſeid nun zurück!“ ſagte der Herzog von Guiſe,„wird ſind nun wieder vereinigt, Freund! und Ihr wißt, welche Pläne wir mit einander in Italien machten! Ah! mein armer Gabriel, Frank⸗ reich bedarf jetzt mehr, als je, Eurer Tapferkeit. Wie — iſt das Vaterland in die äußerſte Noth ver⸗ etzt!“ „Alles, was ich bin, und Alles, was ich vermag, iſt ſeiner Behauptung und Aufrechthaltung geweiht und wartet nur auf ein Zeichen von Euch, gnädigſter Herr.“ „Ich danke, Freund, ich werde von Eurem Aner⸗ bieten Gebrauch machen, deſſen könnt Ihr ſicher ſein, und das Zeichen wird nicht lange auf ſich warten laſſen.“ „Dann iſt es an mir, Euch zu danken, Mon⸗ ſeigneur!“ rief Gabriel. „Um die Wahrheit zu ſagen,“ ſprach der Herzog von Guiſe,„je mehr ich umherſchaue, deſto mißlicher und ernſter finde ich die Lage der Dinge. Ich mußte zuerſt dem Dringendſten zueilen, um Paris den Wider⸗ ſtand organiſiren, dem Feinde eine furchtbare Ver⸗ theidigungslinie bieten, ſeine Fortſchritte aufhalten. Aber das iſt noch nichts. Er hat Saint⸗OQuentin! er hat zben Norden! Ich muß, ich will handeln! Doch wie?„ Er hielt inne, als wollte er Gabriel um Rath fragen. Er kannte den hohen geiſtigen Werth des jun⸗ gen Mannes, und bei mehr als einer Gelegenheit hatte er ſeine Rathſchläge gut gefunden. Aber diesmal ſchwieg der Vicomte d'Ermos, beobachtete ſelbſt den Herzog und ließ ihn ſo zu ſagen kommen. 5 Franz von Lothringen fuhr dann fort: 267 „Beſchuldigt mich nicht der Langſamkeit. Ich ge⸗ höre, wie Ihr wißt, nicht zu den Zögernden, wohl aber zu denen, welche nachdenken. Ihr ſeid ein wenig wie ich, zugleich entſchloſſen und klug. Und der Gedanke Eurer jungen Stirne,“ fügte der Herzog bei,„kommt mir ſogar noch ſtrenger vor als in der Vergangenheit. Ich will Euch nicht über Euch ſelbſt fragen. Ihr hattet, wie ich mich erinnere, ſchwere Pflichten zu erfüllen und gefährliche Feinde zu entdecken. Solltet Ihr anderes Unglück zu beklagen haben, als das des Vaterlandes? Ich befürchte es, denn ich habe Euch ernſt verlaſſen und finde Euch traurig wieder.“ „Ich bitte Euch, gnävigſter Herr, ſprechen wir nicht von mir. Sprechen wir von Frankreich, das heißt auch von mir ſprechen.“ „Es ſei!“ verſetzte der Herzog von Guiſe.„Ich will Euch alſo offenherzig meine Gedanken und meine Sor⸗ gen mittheilen. Mir ſcheint, nothwendig wäre es jetzt, durch einen glänzenden Schlag die moraliſche Kraft unſerer Leute und unſern alten Ruhm wieder zu heben, die Vertheidigung in den Angriff zu verwandeln, und ſich endlich nicht darauf zu beſchränken, Gegenmittel gegen unſere Unfälle zu gebrauchen, ſondern ſie durch Siege auszugleichen.“ 6 „Das iſt ganz meine Anſicht, gnädigſter Herr,“ rief Gabriel, erſtaunt und entzückt über ein für ſeine eigenen Pläne ſo günſtiges Zuſammentreffen. „Nicht wahr, das iſt Eure Anſicht?“ verſetzte der Herzog von Guiſe,„und Ihr habt wohl mehr als ein⸗ mal an die Gefahren unſeres Frankreichs und an die Mittel, es denſelben zu entziehen, gedacht? „Ich habe in der That oft daran gedacht.“ „Nun wohl,“ ſagte Franz von Lothringen,„ſeid Ihr mehr vorgerückt als ich, Freund? Habt Ihr die ernſte Schwierigkeit ins Auge gefaßt? Der glänzende 268 Schlag, den Ihr wie ich für nothwendig erachtet, wie und wann ſoll man ihn verſuchen?“ „Gnädigſter Herr, ich glaube dies zu wiſſen.“ „Iſt es möglich?“ rief der Herzog.„Oh! ſprecht, ſprecht, mein Freund!“ „Mein Gott! ich habe vielleicht ſchon zu raſch ge⸗ ſprochen. Der Vorſchlag, den ich Euch zu machen habe, gehört vielleicht zu denjenigen, welche langer Vorberei⸗ tung bedürfen wurden. Ihr ſeid ſehr groß, gnädigſter Herr; doch deſſen ungeachtet kann das, was ich Euch zu ſagen habe, ſogar Euch ſelbſt alles Maß überſchreitend erſcheinen.“ „Ich bin dem Schwindel nicht ſehr unterworfen,“ entgegnete lächelnd der Herzog von Guiſe, „Gleichviel, gnädigſter Herr,“ ſprach der Vicomte dErmös.„Beim erſten Anblick, ich befürchte es und ſage es Euch zum Voraus, wird Euch mein Plan ſelt⸗ ſam, wahnſinnig, unausführbar erſcheinen Er iſt in⸗ deſſen nur ſchwierig und gefahrvoll!“ „Ein Reiz mehr!“ „Es iſt alſo abgemacht, daß Ihr nicht von Anfang an darüber erſchrecken werdet. Man wird ſich, ich wie⸗ derhole es, großen Gefahren preisgeben müſſen. Doch die Mittel des Gelingens ſind in meiner Gewalt, und wenn ich Euch dieſelben entwickelt habe, werdet Ihr es mir ſelbſt zugeſtehen.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſprecht, Gabriel,“ ſagte der Herzog.„Doch,“ fügte er ungeduldig bei,„wer unterbricht uns abermals? Klopft Ihr, Thibault?“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete der Kammer⸗ diener eintretend.„Der gnädigſte Herr hat mir be⸗ fohlen, es ihm zu melden, wenn die Stunde des Rathes gekommen wäre, und es hat ſo eben zwei Uhr geſchlagen. Herr von Saint⸗Remy und die andern Herren werden ſogleich erſcheinen, um Monſeigneur abzuholen.“ „Es iſt wahr, es iſt wahr,“ verſetzte der Herzog * 269 von Guiſe,„es findet ſogleich eine Berathung ſtatt, und zwar eine wichtige Berathung. Ich muß derſelben nothwendig beiwohnen. Gut, Thibault, laßt uns allein. Führet die Herren ein, wenn ſie kommen. Ihr ſeht, Gabriel, daß mich meine Pflicht zum König ruft. Doch mittlerweile, bis Ihr mir heute Abend mit Muße Euren Plan entwickeln könnt, der groß ſein muß, da er von Euch kommt, bitte ich Euch, meine Neugierde und Un⸗ geduld zu befriedigen. Mit zwei Worten, Gabriel, was beabſichtigt Ihr, zu thun?“ „Mit zwei Worten, gnädigſter Herr: Calais nehmen,“ ſprach Gabriel ruhig. „Calais nehmen!“ rief der Herzog von Guiſe, vor Erſtaunen zurückweichend. „Ihr vergeßt, gnädigſter Herr, Ihr habt verſpro⸗ chen, über den erſten Eindruck nicht zu erſchrecken,“ ſagte Gabriel mit derſelben Kaltblütigkeit. „Ja, habt Ihr es aber auch wohl bedacht, Calais nehmen, das durch eine furchtbare Garniſon, durch unüberwindliche Wälle, durch das Meer beſchützt wird! Calais, ſeit zweihundert Jahren in der Gewalt der Eng⸗ länderi Calais bewacht, wie man den Schlüſſel von Frankreich bewacht, wenn man ihn in den Händen hat. Ich liebe, was kühn iſt, aber wäre dies nicht ver⸗ wegen?“ „Ja, gnädigſter Herr,“ antwortete Gabriel.„Doch gerade weil das Unternehmen verwegen iſt, weil man nicht einmal einen Gedanken oder einen Verdacht hier⸗ über faſſen kann, hat es beſſere Chancen des Ge⸗ lingens.“ „Das iſt in der That möglich,“ ſprach der Herzog träumeriſch. „Wenn Ihr mich gehört habt, werdet Ihr ſagen: „„Es iſt gewiß!““ Das hiebei einzuſchlagende Beneh⸗ men iſt zum Voraus bezeichnet: die vollkommenſte Ge⸗ heimhaltung beobachten, den Feind durch ein falſches 270 Manveuvre von der Fährte abbringen und unverſehens vor die Stadt kommen. In vierzehn Tagen wird Ca⸗ lais uns gehören.“ „Aber dieſe allgemeinen Andeutungen genügen nicht,“ verſetzte raſch der Herzog von Guiſe.„Euren Plan, Gabriel, habt Ihr einen Plan?“ „Ja, gnädigſter Herr, er iſt einfach und ſicher.. Gabriel hatte nicht Zeit, zu vollenden. In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thüre und der Graf von Saint⸗Remy trat mit einer Anzahl von Herren ein, welche dem Glücksſterne der Guiſen folgten. „Seine Majeſtät erwartet den Herrn General⸗ Lieutenant des Königreichs im Rathe,“ ſagte Saint⸗ Remy. „Ich ſtehe zu Euern Dienſten, meine Herren,“ ſprach der Herzog von Guiſe, indem er die Eintreten⸗ den begrüßte. Dann kehrte er raſch zu Gabriel zurück und ſagte mit leiſer Stimme zu dieſem: „Ihr ſeht, ich muß Euch verlaſſen, Freund. Aber der unerhörte, herrliche Gedanke, den Ihr in meinen Geiſt geworfen habt, wird mich den ganzen Tag nicht verlaſſen, dafür ſtehe ich Euch. Wenn Ihr wirklich ein ſolches Wunder für ausführbar haltet, ſo fühle ich mich würdig, Euch zu begreifen. Könnt Ihr dieſen Abend um acht Uhr wieder hierher kommen? Wir werden die ganze Nacht für uns haben und dann nicht mehr un⸗ terbrochen werden.“ „Um acht Uhr, ich werde pünktlich ſein und meine Zeit bis dahin gut anwenden,“ erwiederte Gabriel. „Ich erlaube mir, Monſeigneur zu bemerken, daß zwei Uhr nun vorüber iſt,“ ſagte Saint⸗Remy. „Ich komme, ich komme!“ antwortete der Herzog. Er machte einige Schritte, um wegzugehehen, wandte ſich dann gegen Gabriel um, ſchaute ihn an, näherte ſich ihm abermals, als wollte er ſich von Neuem verſichern, 1 7 271 daß er gut gehört habe, und wiederholte ganz leiſe mit fragendem Tone: „Calais nehmen?“ Und Gabriel neigte beſtätigend das Haupt und ⸗ antwortete mit ſeinem ſanften und ruhigen Lächeln: „Calais nehmen.“ Der Herzog von Guiſe ging hinaus und der Vi⸗ comte d'Ermes verließ hinter ihm den Louvre.