L dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für nchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat:— Pf. 1 Wcr. 50 Pf. 2 wer.— Pf. 5„„ 5*„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der junge Mann war von der ſchönen normanniſchen Race mit kaſtanienbraunen Haaren, blauen Augen, weißen Zähnen und roſenfarbigen Lippen. Er hatte den friſchen, ſammetartigen Teint der Bewohner des Norden, der ihrer Schönheit vielleicht ein wenig das Kräftige benimmt und ſie beinahe zu einer weiblichen Schönheit macht. Er war übrigens bewunderungswürdig geſtaltet in ſeinem zugleich ſtarken und biegſamen Wuchſe, durch den er ſich ebenſo zur Eiche als zum Rohr hinneigte. Sein Anzug war einfach aber zierlich; er trug ein Wamms von dunkel veilchenblauem Tuch mit Stickereien von derſelben Farbe, Seine Beinkleider waren von demſelben Tuch und hatten dieſelben Stickereien, wie ſein Wamms; lange Stiefeln von ſchwarzem Leder, wie ſie die Evelknechte trugen, gingen ihm bis über das Knie und ein leicht auf die Seite geneigtes, von einer weißen Feder beſchattetes To⸗ duet bedeckte eine Stirne, worauf ſich die Anzeichen der Ruhe und der Feſtigkeit erkennen ließen. Sein Pferd, deſſen Zügel er um ſeinen Arm ge⸗ Die beiden Dianen. 1. 1 ſchlungen hielt, folgte ihm, hob von Zeit zu Zeit den Kopf in die Höhe, um die Luft einzuathmen, und wieherte bei den Strömungen, die ihm der Wind brachte. Die Frau ſchien, wenn nicht der unterſten Klaſſe der Geſellſchaft, doch wenigſtens derjenigen anzugehören, welche zwiſchen dieſe und die bürgerliche geſtellt iſt. Ihre Tracht war einfach, aber von einer ſolchen Reinlichkeit, daß ihr gerade dieſe außerorwentliche Reinlichkeit eine ge⸗ wiſſe Eleganz verlieh. Wiederholt forderte ſie der junge Mann auf, ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen, doch ſie wei⸗ gerte ſich beſtändig, als ob dieſe Ehre über ihrer Stel⸗ lung geweſen wäre. Während ſie ſo fortſchritten und dem äußerſten Ende der Straße zugingen, welche nach dem Schloſſe führte, deſſen maſſige Thürme man den unanſehnlichen Flecken beherrſchen ſah, war Eines zu bemerken: daß nicht nur die jungen Leute und die Männer, ſondern auch die Greiſe ſich bei ſeinem Vorübergehen tief verbeugten vor dem Jüngling, der ihnen mit einem freundſchaftlichen Nicken des Kopfes antwortete. Jeder ſchien ihn, der, wie man bald ſehen wird, ſich ſelbſt nicht kannte, als ſeinen Ge⸗ bieter und Herrn anzuerkennen. Als ſie das Dorf verließen, ſchlugen Beide den Weg oder vielmehr den Fußpfad ein, der ſich jähe an der Seite des Berges aufwärts zog und kaum für zwei Per⸗ ſonen neben einander Raum bot. Nach einigen Schwie⸗ rigkeiten und auf die Bemerkung des jungen Cavaliers gegen ſeine Gefährtin, es wäre gefährlich für ſie hinten zu gehen, da er ſein Pferd am Zügel führen müſſe, ent⸗ ſchloß ſich auch die gute Frau, voranzuſchreiten. Der junge Mann folgte ihr, ohne ein Wort zu ſprechen. Man ſah, daß ſich ſeine nachdenkende Stirne unter dem Gewichte einer mächtigen inneren Beſchäftigung neigte. vem die beiden an Alter und Lebenslage ſo verſchiedenen N ( war ein ſchönes, furchtbares Schloß, vas Schloß, 8S„ 8 8S* * wW* w Pilger zuwanderten. Vier Jahrhunderte und zehn Gene⸗ rationen waren nöthig geweſen, damit ſich dieſe Stein⸗ maſſe von ihren Grundfeſten bis zu den Zinnen erhob, und, ſelbſt ein Berg, den Berg beherrſchte, auf dem man ſie erbaut hatte. Wie alle Gebäude jener Zeit, bot vas Schloß der Grafen von Montgommerh keine Regelmäßigkeit. Die Väter vermachten es den Söhnen und jeder Eigenthümer fügte, nach ſeiner Laune oder nach ſeinem Bedürfniß, dem ſiei⸗ nernen Rieſen etwas bei. Der viereckige Thurm, die Hauptburg, wurde unter den Herzogen der Normandie erbaut. Dann fügten ſich die Thürmchen mit den zier⸗ lichen Zinnen und ausgemeißelten Fenſtern dem ernſten Thurme bei, ihre ſteinernen Zierrathen im Verlaufe der Zeit vermehrend, als befruchtete die Zeit dieſe Granit⸗ vegetation. Gegen das Ende der Regierung von Lud⸗ wig II. und am Anfang der Lon Franz I. vervollſtändigte endlich eine lange Gallerie mit Bögenfenſtern die ſecula⸗ riſche Zuſammenballung. Von dieſer Gallerie oder vielmehr von der Höhe des Hauptthurmes erſtreckte ſich der Blick an mehren Stellen über die reichen, grünen Ebenen der Normandie. Denn die Graſſchaft Montgommery lag, wie geſagt, im Lande Auge, und ihre acht bis zehn Baronien, ſo wie ihre hundert und fünfzig Lehen gehörten zu den Gerichts⸗ bezirken Argentan, Caen und Alengon. Endlich kam man vor die große Pforte des Schloſſes. Seltſamer Weiſe war die mächtige Burg ſeit mehr als fünfzehn Jahren ohne Herrn. Ein alter Vogt zog die Pachtzinſe einz Diener, welche auch in dieſer Einſam⸗ keit ergraut waren, unterhielten die Burg, die man jeden Tag öffnete, als ob jeden Tag der Herr hätte zurück⸗ kommen ſollen, die man jeden Abend ſchloß, als ob der Gebieter am andern Tag erwartet würde. Der Vegt empfing die zwei Beſuche mit derſelben Freundſchaft, welche Jeder gegen die Frau offenbarte, mit derſelben Ehrfurcht, die Jeder dem jungen Mann zu zol⸗ len ſchien. „Meiſter Elyot,“ ſagte die Frau, welche, wie wir geſehen, voranging,„wollt Ihr uns wohl Eintritt in das Schloß gewähren? Ich habe Herrn Gabriel(ſie deutete auf den jungen Mann) etwas mitzutheilen und kann dies nur im Ehrenſaale thun.“ „Tretet ein, Dame Aloyſe,“ erwiederte Elyot,„ſagt, wo Ihr wollt, was Ihr dieſem jungen Herrn zu ſagen habt. Ihr wißt, daß Euch leider Niemand ſtören Man durchſchritt den Saal der Wachen. Früher wachten zwölf Männer von den Ländereien der Grafſchaft beſtändig in dieſem Saale. Seit fünfzehn Jahren waren ſieben von dieſen Männern geſtorben, ohne daß man ſie wieder erſetzt hatte. Fünf blieben und lebten hier, thaten denſelben Dienſt, den ſie zur Zeit des Grafen gethan hatten, und warteten, bis die Reihe des Sterbens auch an ſie käme. ging durch die Gallerie und trat in den Ehren⸗ aal. Er war ausgeſtattet und geſchmückt wie am Tage, wo ihn der letzte Graf verlaſſen hatte. Nur war in die⸗ ſen Saal, wo ſich früher, wie in den Gemächern eines oberſten Lehensherrn, der ganze Adel der Normandie ver⸗ ſammelte, ſeit fünfzehn Jahren Niemand mehr gekommen, als die mit der Unterhaltung deſſelben beauftragten Die⸗ ner, und ein Hund, der Lieblingshund des letzten Grafen, der, ſo oft er eintrat, kläglich nach ſeinem Herrn ſchrie, eines Tags nicht mehr hinausgehen wollte und ſich vor dem Prachthimmel niederlegte, wo man ihn am andern Tag todt fand. Nicht ohne eine gewiſſe Bewegung ſeines Gemüths trat Gabriel,— man erinnert ſich, daß man dem Jüng⸗ 4 ling dieſen Namen gegeben hatte,— trat Gabriel, ſagen n⸗ e, e⸗ es r⸗ n, ie⸗ en, ie, or ern the ng⸗ gen wir, in dieſen Saal mit den alten Erinnerungen. Dech der Eindruck, den er von dieſen düſteren Wänden, von dieſem majeſtätiſchen Prachthimmel, von dieſen Fenſtern empfing, welche ſo tief in die Mauer einſchnitten, daß der Tag, obgleich es zehn Uhr Morgens war, außen ſtille zu ſtehen ſchien, dieſer Eindruck war nicht mächtig ge⸗ nug, um ihn auch nur einen Augenblick von der Urſache abzuziehen, die ihn hieher geführt hatte, und ſobald man die Thüre hinter ihm geſchloſſen, ſagte er:* „Nun, meine gute Aloyſe, mene liebe Amme, in der That, obgleich Du mehr bewegt ſcheinſt als ich ſelbſt, haſt Du doch keinen Vorwand, das Bekenntniß zu ver⸗ ſchieben, das Du mir verſprochen. Du mußt nun ohne Furcht und beſonders ohne Verzug ſprechen, Aloyſe. Haſt Du nicht lange genug gezögert, gute Amme, und habe ich nicht als gehorſamer Sohn lange genug gewartet 2 Wenn ich Dich fragte, welchen Namen ich zu führen berechtigt, welche Familie die meinige, welcher Edelmann mein Va⸗ ter wäre, da antworteteſt Du mir:„Gabriel, ich werde Euch dies Alles an dem Tage ſagen, wo Ihr achtzehn Jahre alt ſeid, und damit das Alter der Volljährigkeit für Jeden, der den Degen zu führen berechtigt iſt, erreicht habt.““ Heute, am 5. Mai 1551 habe ich mein acht⸗ zehntes Jahr zurückgelegt, ich bin gekommen, meine gute Aloyſe, um Dich aufzufordern, Dein Verſprechen zu hal⸗ ten, doch mit einer Feierlichkeit, die mich beinahe erſchreckte, antworteteſt Du mir:„„Nicht im Hauſe der Witwe eines armen Stallmeiſters darf ich Euch Euch ſelbſt entdecken; es muß in dem Schloß des Grafen von Montgommery, und zwar im Ehrenſaale dieſes Schloſſes geſchehen.““ Wir haben den Berg erſtiegen, gute Aloyſe, wir haben die des Schloſſes der edlen Grafen überſchritten, wir ſind in dem Ehrenſaale, ſprich alſo.“ „Setzt Euch, Gahriel, denn Ihr werdet mir erlauben, Euch noch einmal dieſen Namen zu geben.“ Der junge Mann ergriff ihre Hände mit einer Be⸗ wegung tiefer Zärtlichkeit.* „Setzt Euch,“ fuhr ſie fort,„nicht auf dieſen Seſſel, nicht auf dieſen Lehnſtuhl.“ „Wohin ſoll ich mich denn ſetzen, gute Amme?“ un⸗ terbrach ſie der junge Mann. „Unter dieſen Prachthimmel,“ antwortete Aloyſe mit einer Stimme, der es nicht an einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit gebrach. Der junge Mann gehorchte. Aloyſe machte ein Zeichen mit dem Kopf. „Nun hört mich,“ ſprach ſie. „Aber ſetze Dich doch wenigſtens,“ ſagte Gabriel. „Ihr erlaubt mir?“ „Spotteſt Du, Amme?“ Die gute Frau ſetzte ſich auf die Stufen des Thron⸗ himmels, zu den Füßen des jungen Mannes, der aufmerk⸗ hun einen Blick voll Wohlwollen und Neugierde auf ſie eftete. „Gabriel,“ ſagte die Amme, endlich entſchloſſen, zu ſprechen,„Ihr waret kaum ſechs Jahre alt, als Ihr Eu⸗ ren Vater verloret und ich meinen Mann; Ihr waret mein Säugling geweſen, denn Eure Mutter ſtarb, als ſie Euch zur Welt brachte. Die Milchſchweſter Eurer Mutter, liebte ich Euch von jenem Tage an wie mein eigenes Kind. Die Witwe weihte ihr Leben der Waiſe. Wie ſie Euch ihre Milch gegeben, ſo gab ſie Euch auch ihre Seele, und Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, nicht wahr, Gabriel, daß nach Eurer Ueberzeugung mein Geiſt nie aufgehört hat, über Euch zu wachen.“ „Theure Aloyſe,“ erwiederte der junge Mann,„viele wahre Mütter hätten weniger gethan, als Du, das wöre ich, und keine einzige, das ſchwöre ich ebenfalls, hätte mehr gethan.“ „Uebrigens beeiferte ſich Jeder um Euch, wie ich mich zuerſt beeifert hatte,“ fuhr die Amme fort.„Dom . k⸗ ie 1. in te ie re d le re te 7 Jamet von Croiſic, der würdige Kaplan dieſes Schloſſes, lehrte Euch die Buchſtaben und die Wiſſenſchaften, und Keiner, wie er ſagte, vermöchte Euch einen Vorwurf in dem zu machen, was Leſen und Schreiben und Kenntniß der Geſchichte der vergangenen Zeit und beſonders der großen Häuſer Frankreichs betrifft. Enguerrand Lorien, der vertraute Freund meines verſtorbenen Mannes, Perrot Travigny und der ehemalige Stallmeiſter der Grafen von Vimoutiers, unſerer Nachbarn, unterrichteten Euch in den Waſſen, in der Handhabung der Lanze und des Schwer⸗ tes, im Reiten, kurz, in allen Dingen des Ritterthums, und bei den Feſten und Spielen, welche in Alencon bei der Vermählung und Krönung unſeres gnädigſten Herrn Heinrich II. gehalten wurden, habt Ihr ſchon vor zwei Jahren bewieſen, daß Ihr die guten Lectionen von En⸗ guerrand benützt. Ich, eine arme Unwiſſende, konnte Euch nur lieben und Gott dienen lehren. Dies zu thun, war ich ſtets bemüht. Die gute Jungfrau unterſtützte mich, und heute mit achtzehn Jahren ſeid Ihr ein frommeér Chriſt, ein gelehrter Herr und ein vollkommener Waffen⸗ mann, und ich hoffe, mit Gottes Hülfe werdet Ihr nicht unwürdig ſein Eurer Ahnen, erlauchteſter Gabriel, Herr von Lorge, Graf von Montgommery⸗“ Gabriel ſtand auf und ſtieß einen Schrei aus. „Graf von Montgommery, ich!“ Dann ſprach er mit einem ſtolzen Lächeln: „Wohl! ich hoffte es und vermuthete es beinahe; höre, Aloyſe, in meinen kindiſchen Träumen ſagte ich es einmal zu meiner kleinen Diana. Aber was machſt Du denn da zu meinen Füßen, gute Aloyſe? Stehe auf und komm in meine Arme, fromme Frau. Willſt Du mich ichnehr als Dein Kind anerkennen, weil ich der Erbe der Montgommery bin? Der Erbe der Montgommery!“ wiederholte er unwillkührlich zitternd vor Stolz, während er ſeine gute Amme umarmte.„Der Erbe der Mont⸗ gommery! ich führe nun einen der älteſten und glorreich⸗ 8 ſten Namen von Frankreich. Ja, Dom Jamet hat mich, Reich für Reich, Geſchlecht ſür Geſchlecht, die Geſchichte meiner edlen Ahnen,— meiner Ahnen gelehrt. Umarme mich noch einmal, Aloyſe! Was wird denn Diana zu Allem dem ſagen? Der heilige Godegrand, Biſchof von Suez, und die heilige Opportuna, ſeine Schweſter, welche unter Karl dem Großen lebten, gehörten zu unſerem Haus. Roger von Montgommery befehligte eines der Heere von Wilhelm dem Eroberer. Wilhelm von Montgommery machte einen Kreuzzug auf ſeine Koſten. Wir waren mehr als einmal verwandt mit den königlichen Häuſern von Schottland und Frankreich, und die erſten Lords von Lon⸗ don, die vornehmſten Edelleute von Paris werden mich: Mein Vetter, nennen; mein Vater endlich. Der junge Mann hielt inne, als ob er plötzlich trau⸗ rig würde. Doch bald fuhr er fort: 6 „Ach! bei Allem dem bin ich allein in der Welt, Aloyſe. Dieſer hohe Herr iſt eine arme Waiſe, dieſer Abkömmling von ſo vielen königlichen Ahnen hat keinen Vater! Mein armer Vater! ich muß weinen, Aloyſe. Und meine Mutter! Beide todt. O ſprich mir von ihnen, damit ich erfahre, wie ſie waren, nun, da ich weiß, daß ich ihr Sohn bin. Laß hören, fangen wir bei meinem Vater an: Wie iſt er geſtorben? Erzähle mir das.“ Aloyſe ſchwieg. Gabriel ſchaute ſie erſtaunt an. „Ich frage Dich, wie mein Vater geſtorben ſei,“ wie⸗ derholte er. „Gnädigſter Herr, nur Gott allein weiß es,“ ant⸗ wortete ſie.„Eines Tags verließ der Graf Jacques von Montgommery das Hotel, das er in der Rue des Jardins Saint⸗Paul in Paris bewohnte er iſt nicht mehr dahin zurückgekehrt. Seine Freunde, ſeine Vettern haben ihn ſeitdem vergebens geſucht. Verſchwunden, gnädigſter Herr! Der König Franz I. gab Befehl zu einer Nach⸗ forſchung, welche ohne Erfolg blieb. Seine Feinde, wenn er als Opfer eines Verraths umgekommen iſt, waren ſehr ₰ — 8 * 9 geſchickt oder ſehr mächtig. Ihr habt keinen Vater mehr, gnädigſter Herr, und dennoch fehlt das Grab von Jacques von Montgommery in der Kapelle Eures Schloſſes; denn man hat ihn weder lebendig noch todt wiedergefunden.“ „Weil es nicht ſein Sohn war, der ihn ſuchte!“ rief Gabriel.„Ach, Amme! warum haſt Du ſo lange ſtille geſchwiegen? Verbargſt Du mir meine Geburt, weil ich meinen Vater zu rächen oder zu retten hatte?“ „Nein, ſondern weil ich Euch ſelbſt retten mußte, gnädigſter Herr. Wißt Ihr, was die letzten Worte mei⸗ nes Mannes, des braven Perrot Travigny, waren, der eine wahrhaft religiöſe Verehrung für Euer Haus im Her⸗ zen trug?„„Frau,““ ſagte er zu mir einige Minuten, ehe er den letzten Seufzer von ſich gab,„„Du wirſt nicht warten, bis ich beerdigt bin, Du ſchließeſt mir nur die Augen und verläſſeſt auf der Stelle Paris mit dem Kinde. Du gehſt nach Montgommery, nicht in das Schloß, ſon⸗ dern in das Haus, das wir durch die Güte des gnädigen Herrn erhalten haben. Dort erziehſt Du den Erben un⸗ ſerer Gebieter ohne Geheimniß, aber auch ohne Geräuſch. Die guten Leute in unſerem Lande werden ihn ehren und nicht verrathen. Verbirg beſonders ihm ſelbſt ſeinen Urſprung; er würde ſich zeigen und ins Verderben ſtür⸗ zen. Er ſoll nur erfahren, daß er Edelmann iſt, das genügt für ſeine Würde und für das Gewiſſen. Hat ihn das Alter klug und ernſt gemacht, wie ihn das Blut brav und rechtſchaffen machen wird, hat er zum Beiſpiel acht⸗ zehn Jahre erreicht, ſo nenne ihm ſeinen Namen und ſeine Abſtammung, Aloyſe. Er wird dann ſelbſt beurtheilen, was er thun ſoll und was er thun kann. Doch nimm Dich bis dahin in Acht, furchtbare Feindſchaft, unüber⸗ windlicher Haß würden ihn verfolgen, wenn er entdeckt wäre, und diejenigen, welche den Adler erreicht und be⸗ rührt haben, würden ſeine Brut nicht verſchonen.““ Er ſagte mir das und ſtarb, gnädigſter Herr, und ich nahm, gehorſam ſeinen Befehlen, Euch, eine arme Waiſe, Euch, der Ihr kaum Euren Vater geſehen, und brachte Euch hierher. Man wußte bereits das Verſchwinden des Gra⸗ fen, und man vermuthete, daß furchtbare, unverſöhnliche Feinde Jeden bedrohten, der ſeinen Namen führte. Man ſah Euch, man erkannte Euch ohne Zweifel im Dorfe, doch in Folge eines ſtillſchweigenden Vertrags befragte mich Niemand, erſtaunte Niemand über mein Geheimhal⸗ ten. Kurze Zeit nachher wurde mir mein einziger Sohn, Euer Milchbruder, mein armer Robert durch das Fieber entriſſen. Gott wollte offenbar, daß ich ganz Euch ge⸗ hoͤre. Der Wille Gottes ſei geſegnet! Alle gaben ſich den Anſchein, als glaubten ſie, mein Sohn wäre der Ueber⸗ lebende, und dennoch behandelten Euch Alle mit frommer Ehrfurcht, mit rührendem Gehorſam. Dies geſchah, weil Ihr ſchon dem Geſichte und dem Herzen nach Eurem Va⸗ ter glichet. Der Inſtinkt des Löwen enthüllte ſich in Euch, und man ſah wohl, daß Ihr als Herr und Meiſter geboren waret. Die Kinder der Umgegend nahmen ſchon die Gewohnheit an, ſich unter Eurem Befehl in Truppen zu bilden. Bei allen ihren Spielen marſchirtet Ihr an ihrer Spitze, und keiner hätte es gewagt, Euch ſeine Hul⸗ digung zu verweigern. Als den jungen König des Landes hat Euch das Land aufgezogen, und es bewunderte Euch, als es ſah, wie Ihr ſtolz und ſchön heranwuchſet. Die Gülte der ſchönſten Früchte, der Zehnten der Ernte ka⸗ men in das Haus, ohne daß ich etwas verlangte. Das ſchönſte Pferd der Weide ward immer Euch vorbehalten. Dom Jamet, Enguerrand und alle Knappen und Knechte des Schloſſes leiſteten Euch ihre Dienſte als eine natür⸗ liche Schuld, und Ihr nahmt ſie an als Euer Recht. Nichts an Euch, als Kühnes, Muthiges, Hochherziges. In den geringſten Dingen ließet Ihr ſehen, von welchem Geſchlecht Ihr abſtammtet. Man erzählt ſich noch in den Abendſtunden, wie Ihr eines Tags an einen Edelknaben meine zwei Kühe gegen einen Falken vertauſchtet. Doch dieſe Inſtinkte, dieſe Aufſchwingungen verriethen Euch nur 14 für die Getreuen, und Ihr bliebet verborgen und unbekannt für die Böswilligen. Der gewaltige Lärm der Kriege in Italien, Spanien und Flandern gegen Kaiſer Karl V. trug, Gott ſei Dank! nicht wenig zu Eurer Beſchützung bei, und Ihr habt endlich geſund und wohlbehalten das Alter erlangt, wo mir Perrot mich Eurer Vernunft und Eurer Weisheit anzuvertrauen geſtattete. Doch Ihr, der Ihr gewöhnlich ſo ernſt und ſo klug, Ihr ſprecht nun mit dem erſten Worte für die Verwegenheit und das Ge⸗ räuſch, für die Rache und den Lärmen.“ „Für die Rache, ja; für den Lärmen, nein, Aloyſel Du glaubſt alſo, daß die Feinde meines armen Vaters noch leben?“ „Ich weiß es nicht, gnädigſter Herr; nur wäre es ſicherer, dies anzunehmen, und geſetzt, Ihr kämet an den Hof, noch unbekannt, doch mit Eurem glänzenden Namen, der die Blicke auf Euch ziehen wird, brav, aber uner⸗ fahren, ſtark durch Euer gutes Verlangen und die Ge⸗ rechtigkeit Eurer Sache, doch ohne Freunde, ohne Ver⸗ bündete, ſogar ohne perſönlichen Ruf, was wird dann geſchehen? Diejenigen, welche Euch haſſen, werden Euch kommen ſehen und Ihr werdet ſie nicht ſehen; ſie werden Euch ſchlagen und Ihr werdet nicht wiſſen, von wo der Schlag ausgeht, und Euer Vater wird nicht nur nicht ge⸗ Ae ſein, ſondern Ihr habt Euch ins Verderben ge⸗ ürzt.“. „Gerade deshalb, Aloyſe, bedaure ich es, daß ich nicht Zeit hatte, mir Freunde und ein wenig Ruhm zu verſchaffen. Ah! wenn ich zum Beiſpiel vor zwei Jahren Mittheilung erhalten hätte!..: Gleichviell! das iſt nur eine Verzögerung und ich werde die werlorenen Tage wie⸗ der einbringen. Auch aus anderen Gründen wünſche ich mir Glück, daß ich die letzten zwei Jahre in Montgom⸗ mery geblieben bin. Ich gleiche es dadurch aus, daß ich nun den Schritt verdopple. Ich gehe nach Paris, Aloyſe, und zwar ohne zu verbergen, daß ich ein Montgommery bin. Ich kann wohl nicht ſagen, daß ich der Sohn des Grafen Jacques bin; die Lehen und Titel fehlen eben ſo wenig in unſerem Hauſe, als im Hauſe Frankreich, und unſere Verwandtſchaft in Frankreich und England iſt zahl⸗ reich genug, daß ein Gleichgültiger ſich nicht auszukennen vermag. Ich kann den Namen eines Vicomte d'Ermés annehmen, Aloyſe, und dadurch verberge ich mich weder, noch zeige ich mich. Dann ſuche ich.., wen ſuche ich am Hofe auf? Wende ich mich an den Connetable von Mont⸗ morency, an dieſen grauſamen Paternoſterſprecher? nein, ich bin derſelben Meinung wie Deine Grimaſſe, Aloyſe.. An den Marſchall von Saint⸗André? er iſt nicht jung und unternehmend genug... Eher an Franz von Guiſe? Ja, das iſt es. Montmédy, Saint⸗Dizier, Bologna ha⸗ ben ſchon bewieſen, daß er etwas zu thun vermag. Zu ihm werde ich gehen, unter ſeinen Befehlen werde ich meine Sporen verdienen. Im Schatten ſeines Namens werde ich den meinigen erobern.“ „Der gnädige Herr wird mir die Bemerkung erlau⸗ ben, daß der ehrliche und rechtſchaffene Elyot Zeit gehabt hat, beträchtliche Summen für den Erben ſeiner Gebleter zurückzulegen. Ihr könnt ein königliches Feldgeräth führen, und die jungen Männer, Eure Grundholden, ſind ver⸗ pflichtet und werden ſich eine Freude daraus machen, Euch in den Krieg zu folgen. Es iſt Euer Recht, ſie in Eure Nähe zu berufen, wie Ihr wißt, gnädigſter Herr.“ „Und wir werden von dieſem Rechte Gebrauch ma⸗ chen, Aloyſe.“ „Will der gnädigſte Herr alle Diener, Knechte und Leute ſeiner Lehen und Baronien, welche vor Verlangen, ihn zu begrüßen, glühen, nunmehr empfangen?“ „Noch nicht, meine gute Aloyſe; doch ſage Martin⸗ Guerre, er möge ein Pferd ſatteln, um mich zu begleiten, ich habe vor Allem einen Ritt in der Gegend zu machen.“ „Vielleicht gegen Vimoutiers,“ ſagte die gute Aloyſe, mit einer gewiſſen Bosheit lächelnd. * 13 „Ja vielleicht. Bin ich nicht meinem alten Enguer⸗ rand einen Beſuch und meinen Dank ſchuldig?“ „Und der gnädigſte Herr wird ſehr erfreut ſein, mit den Glückwünſchen von Enguerrand die eines hübſchen kleinen Mädchens Namens Diana zu empfangen; nicht wahr?“ „Dieſes hübſche kleine Mädchen,“ erwiederte Gabriel lachend,„iſt meine Frau, und ich bin ihr Mann ſeit drei Jahren, das heißt ſeit meinem fünfzehnten und ihrem neunten Jahr.“ Aloyſe wurde träumeriſch. „Gnädiger Herr,“ ſprach ſie,„wenn ich nicht wüßte, wie geſetzt und aufrichtig Ihr trotz Eurer Jugend ſeid, wie ernſt und tief jedes Gefühl bei Euch iſt, ſo würde ich mich wohl vor den Worten hüten, die ich Euch zu ſagen habe. Doch was für Andere ein Spiel iſt, wird für Euch oft eine ernſte Sache. Bedenkt wohl, gnädigſter Herr, daß man nicht weiß, weſſen Tochter Diana iſt. Die Frau von Enguerrand, welcher damals ſeinem Herrn, dem Grafen von Vimoutiers, nach Fontainebleau gefolgt war, fand, nach Hauſe zurückkehrend, ein Kind in einer Wiege und eine ſchwere Goldborſe auf einem Tiſche; in der Börſe war nebſt einer ſehr beträchtlichen Summe die Hälfte eines gravirten Ringes und ein Papier mit dem einzigen Worte: Diana. Bertha, die Frau von Enguerrand, hatte kein Kind aus ihrer Ehe und nahm mit Freuden dieſe andere Mutterſchaft an, welche man von ihr verlangte. Als ſie jedoch wieder nach Vimoutiers kam, ſtarb ſie, wie mein Mann geſtorben iſt, dem ſein Gebieter Euch anvertraut hatte, gnädigſter Herr, und eine Frau erzog den verwaiſten Knaben, während ein Mann das verwaiſte Mädchen auf⸗ zog. Doch Beide mit einer ähnlichen Aufgabe betraut, tauſchten wir unſere Fürſorge aus, und ich ſuchte Diana gut und fromm zu machen, wie Enguerrand Euch geſchickt und gelehrt gemacht hat. Ihr habt natürlich Diana ken⸗ nen lernen und ſeid natürlich an ſie anhänglich geworden. W. Doch Ihr ſeid der Graf von Montgommery, durch au⸗ thentiſche Papiere und öffentliche, unumſtößliche Zeugſchaft anerkannt, während man Diana noch nicht mit der andern Hälfte des goldenen Ringes zurückgefordert hat. Nehmt Euch in Acht, gnädigſter Herr, ich weiß wohl, daß Diana k ein Kind von kaum zwölf Jahren iſt; doch ſie wird größer werden, ſie wird von einer reizenden Schönheit ſein, und ich wiederhole, bei einer Natur, wie die Eurige iſt, wird Alles ernſt. Nehmt Euch in Acht;z es iſt möglich, daß ſie ſtets bleibt, was ſie noch iſt, ein Findelkind, und Ihr ſeid zu vornehmer Herr, um ſie zu heirathen, und zu ſehr Edelmann, um ſie zu verführen:“ „Aber meine liebe Amme, da ich abreiſen, Dich ver⸗ laſſen und Diana verlaſſen werde..“ ſagte Gabriel nach⸗ denkend. „Gerade das iſt es; verzeiht Eurer alten Alohſe ihre zu ängſtliche Vorſicht und beſucht, wenn es Euch beliebt, das ſanfte, niedliche Kind, das Ihr Eure kleine Frau nennt. Doch bedenkt, daß man Euch ungevuldig hier er⸗ wartet. Auf baldiges Wiederſehen, nicht wahr, gnädiger Herr Graf?“ „Auf baldiges Wiederſehen und umarme mich noch einmal, Aloyſe; nenne mich immerhin Dein Kind, und ſei tauſendmal bedankt, meine gute Amme.“ „Seid tauſendmal geſegnet, mein Kind und mein Herr.“ Meiſter Martin⸗Guerre erwartete Gabriel vor der Thüre und Beive ſtiegen zu Pferde. —— 1I. Eine Vermählte, welche noch mit der Puppe ſpielt. Um ſchneller fortzukommen, wählte Gabriel ihm wohl⸗ bekannte Fußpfade. Und dennoch ließ er ſein Pfer zuweilen langſamer gehen, und man kann ſogar ſagen, daß er das ſchöne Thier den Gang ſeiner Träumerei nehmen ließ. In der That, ſehr verſchiedenartige Gefühle, bald leidenſchaftlich, bald traurig, bald ſtolz und bald niedergeſchlagen, durchzogen abwechſelnd das Herz des jungen Mannes. Bedachte er, daß er der Graf von Montgommery war, ſo funkelte ſein Blick und er gab ſeinem Pferde den Sporn, als wollte er ſich in der Luft berauſchen, die um ſeine Schläfe her pfiff, und dann ſagte er ſich wieder: „Mein Vater iſt getödtet worden und noch nicht gerächt.“ Und er ließ die Zügel in ſeiner Hand ſinken. Doch plötzlich dachte er daran, daß er ſich ſchlagen, daß er ſich einen furchtbaren und gefürchteten Namen machen, daß er alle ſeine Ehren⸗ und Blutſchulden bezahlen ſollte, und er jagte im Galopp fort, als ob er in der That dem Ruhm entgegenreiten würde, bis er, bedenkend, daß er deshalb ſeine kleine, ſo liebenswürdige und ſo hübſche Diana ver⸗ laſſen müßte, wieder in Schwermuth verſank und allmälig nur noch im Schritt ritt, als hätte er dadurch den grau⸗ ſamen Augenblick der Trennung verzögern können. Doch er würde wiederkommen, er hätte die Feinde ſeines Vaters und die Eltern von Diana gefunden Und Gabriel gab ſeinem Pferde beide Sporen und flog ſo raſch als ſeine Hoffnung. Als er an Ort und Stelle kam, hatte in die⸗ 16 ſer jungen, ganz für das Glück gesffneten Seele die Freude offenbar die Traurigkeit verjagt. Ueber die Hecke, die den Obſtgarten des alten En⸗ guerrand umgab, erblickte Gabriel unter den Bäumen das weiße Gewand von Diana. Bald hatte er ſein Pferd an einen Weidenſtamm gebunden, bald hatte er mit einem Sprunge über die Hecke geſetzt; ſtrahlend und triumphi⸗ rend fiel er dem jungen Mädchen zu Füßen. Doch Diana weinte. „Was gibt es, liebe kleine Frau,“ ſagte Gabriel, „und woher rührt dieſer bittere Kummer? Sollte uns etwa Enguerrand gozankt haben, weil wir ein Kleid zer⸗ riſſen, oder unſer Gebet ſchlecht geſprochen? Oder iſt etwa unſer Dompfaff entflogen? Sprich, Diana, meine Geliebte, Dein treuer Ritter iſt hier, um Dich zu troͤſten.“ „Ach! nein, Gabriel, Ihr könnt nicht mehr mein Ritter ſein,“ ſprach Diana,„und gerade deshalb bin ich traurig, weine ich.“ Gabriel glaubte, Diana ſei durch Enguerrand von dem Namen ihres Spielgefährten unterrichtet worden und wolle ihn vielleicht prüfen. „Und welches Unglück,“ erwiederte er,„oder welches Glück, Diana, könnte mich je bewegen, auf den ſüßen Titel zu verzichten, den Du mich haſt annehmen laſſen und den ich ſo freudig und ſo ſtolz führe? Siehſt Du, ich liege vor Dir auf den Knieen.“ Doch Diana ſchien nicht zu begreifen, und heftiger weinend als je verbarg ſie ihre Stirne an der Bruſt von Gabriel und rief ſchluchzend: „Gabriel! Gabriel! wir dürfen uns fortan nicht mehr ſehen.“ raſch. Sie erhob ihr blondes, reizendes Haupt und ſchlug ihre blauen, in Thränen gebadeten Augen aufz dann ſprach „und wer wird uns varan hindern?“ verſetzte er — 5 5 17 ſte mit einer ganz feierlichen und ernſten Miene und mit einem tiefen Seufzer: „Die Pflicht.“ Ihr reizendes Antlitz hatte einen ſo troſtloſen und zu⸗ gleich ſo komiſchen Ausdruck, daß Gabriel, darüber ent⸗ zückt, ſich eines Lachens nicht erwehren konnte; er nahm zwiſchen ſeine Hände die reine Stirne des Kindes und küßte ſie wiederholt; doch ſie entfernte ſich lebhaft und rief: „Rein, mein Freund, keine Schäkereien mehr. Mein Gott! mein Gott! ſie ſind mir nun verboten.“ „Was wird Enguerrand ihr Alles erzählt haben?“ ſagte Gabriel, in ſeinem Irrthum verharrend, zu ſich ſelbſt. „Liebſt Du mich denn nicht mehr, meine theute Diana?“ fügte er bei. „Ich Dich nicht mehr lieben!“ rief Diana.„Wie kannſt Du ſolche Dinge annehmen und ſagen, Gabriel? Biſt Du nicht der Freund meiner Kindheit und der Bru⸗ der meines ganzen Lebens? Haſt Du mich nicht ſtets mit der Güte und Zärtlichkeit einer Mutter behandelt? Wenn ich lachte und wenn ich weinte, wen fand ich da unabläßig an meiner Seite, um meine Heiterkeit oder meinen Kum⸗ mer zu theilen? Dich, Gabriel!. Wer trug mich, wenn ich müde war? wer half mir meine Lectionen ler⸗ nen? wer ſchrieb ſich meine Fehler zu und theilte meine Strafe, wenn er ſie nicht auf ſich allein nehmen konnte? abermals Du! Wer erfand tauſend Spiele für mich? wer machte mir ſchöne Sträuße auf den Wieſen? wer nahm mir Stieglitzneſter aus? immer Du! ich habe Dich aller Orten und jeder Zeit gut, freunvlich und mir ergeben ge⸗ funden. Gabriel, Gabriel, ich werde Dich nie vergeſſen, und ſo lange ich lebe, wirſt Du in meinem Herzen leben; ich hätte Dir gern mein Daſein und meine Seele gegeben, und ich träumte nie von Glück, als indem ich von Dir träumte: doch deſſen ungeachtet müſſen wir uns leider trennen, um uns ohne Zweifel nie wiederzuſehen.“ Die beiden Dianen. 1. 2 ——— 18 „Und warum? Um Dich dafür zu beſtrafen, daß Du boshafter Weiſe den Hund Phylax in den Hühnerhof ge⸗ führt haſt?“ fragte Gabriel. „Oh! aus einem ganz andern Grunde.“ „Und warum denn?“ Sie erhob ſich und ließ ihren Arm an ihrem Kleide herab und ihren Kopf auf die Bruſt fallen und ſpracht „Weil ich die Frau eines Andern bin.“ Gabriel lachte nicht mehr und eine ſeltſame Unruhe ſchnürte ihm das Herz zuſammen; mit bewegter Stimme fragte er: „Was ſoll das bedeuten, Diana?“ „Ich heiße nicht mehr Diana,“ erwiederte ſie,„ich heiße Frau Herzogin von Caſtro, denn mein Ge⸗ mahl heißt Horazio Farneſe, Herzog von Caſtro.“ Und das kleine Mädchen konnte nicht umhin, ein we⸗ nig durch ihre Thränen zu lächeln, als es ſagte: Mein Gemahl, mit zwölf Jahren! In der That, es war glor⸗ reich, Frau Herzogin! Doch ihr Schmerz erfaßte ſie wieder, als ſie den Schmerz von Gabriel wahrnahm. Der Jüngling ſtand vor ihr, bleich und mit er⸗ ſchrockenen Augen. „Iſt es ein Spiel? Iſt es ein Traum?“ ſagte er. „Nein, mein armer Freund, es iſt die traurige Wirk⸗ lichkeit,“ verſetzte Diana.„Haſt Du nicht auf dem Wege Enguetrand begegnet, der vor einer halben Stunde nach Montgommery abgegangen iſt 2“ „Ich habe kürzere Pfade gewählt. Doch vollende.“ „Warum biſt Du auch vier Tage lang nicht geon⸗ men, Gabriel 2 Das iſt nie geſchehen, und hat uns Un⸗ glück gebracht, wie Du ſiehſt. Vorgeſtern Abend konnte ich kaum einſchlafen. Ich hatte Dich zwei Tage lang nicht geſehen, war unruhig, und ließ mir von Enguerrand verſprechen, wenn Du am andern Tage nicht kämeſt, ſo würden wir an dem darauffolgenden Morgen nach Mont⸗ gommery gehen. Und dann hatten wir, Engufrrand und — 3 1— . * w ich, Vei ver wer wer — — Du ge⸗ eide ach: ruhe nme „ich Ge⸗ ro.“ we⸗ Mein glor⸗ e ſie er⸗ er. Wirk⸗ Wege nach nde.“ kom⸗ Un⸗ onnte lang rrand ſt, ſo Ront⸗ d und 19 ich, wie in einem Vorgefühl, von der Zukunft, von der Vergangenheit, von meinen Eltern geſprochen, die mich vergeſſen zu haben ſchienen. Es iſt ſchlimm, was ich Dir ſagen werde, aber ich wäre vielleicht glücklicher geweſen, wenn ſie mich in der That vergeſſen hätten. Dieſe ganze ernſte Unterredung hatte mich, wie ſich von ſelbſt verſteht, ein wenig betrübt und angegriffen, und ich brauchte, wie ge⸗ ſagt, lange, um einzuſchlafen, weshalb ich geſtern Morgen etwas ſpäter erwachte als gewöhnlich. Ich kleidete mich in aller Eile an, verrichtete mein Gebet und wollte eben hinabgehen, als ich ein gewaltiges Geräuſch unter meinem Fenſter vor der Hausthüre hörte. Es waren herrliche Cavaliere, Gabriel, gefolgt von Stallmeiſtern und Edel⸗ knaben, und hinter dem Reiterzug eine glänzende, vergol⸗ dete Carroſſe. Als ich neugierig den Zug anſchaute und mich wunderte, daß er vor unſerer armſeligen Wohnung hielt, klopfte Antvine an meine Thüre und bat mich, auf Brfehl von Herrn Enguerrand, ſogleich hinabzukommen. Ich weiß nicht, warum ich bange hatte, doch ich mußte gehorchen und gehorchte. Als ich in den großen Saal trat, war er voll von den prächtigen Herren, die ich von meinem Fenſter aus geſehen. Ich erroͤthete und zitterte erſchrockener als je, Du begreifſt das, Gabriel?“ „Ja,“ antwortete Gabriel mit Bitterkeit.„Fahre nur fort, denn die Sache wird in der That intereſſant.“ „Bei meinem Eintritt,“ fuhr Diana fort,„kam einer der geſtickteſten Herren auf mich zu, reichte mir ſeine be⸗ handſchuhte Hand und führte mich vor einen andern Edel⸗ mann, der nicht minder reich geſchmückt war als er;z dann ſich verbeugend, ſprach er: „„Durchlauchtigſter Herr Herzog von Caſtro, ich habe die Ehre, Euch Eure Frau vorzuſtellen. Madame,“ fügte er ſich gegen mich umwendend bei,„Herr Horazio Far⸗ neſe, Herzog von Caſtro, Euer Gemahl.““ Bet Herzog grüßte mich mit einem Lächeln. Ich aber warf mich ganz verwirrt und in Thränen aushrechend in die Arme von Enguerrand, den ich in einem Winkel erblickt hatte. „„Enguerrand! Enguerrand! Dieſer Prinz iſt nicht mein Gemahl, ich habe keinen andern Gemahl als Gab⸗ riel. Enguerrand, ſage es voch dieſen Herren, ich bitte Dich.““ „Derjenige, welcher mich dem Herzog vorgeſtellt hatte, runzelte die Stirne und fragte Enguerrand mit ſtrengem Tone: „„Was ſoll dieſe Kinderei?““ „„Nichts, gnädiger Herr; in der That eine Kin⸗ derei,“ antwortete Enguerrand ganz bleich. „Und leiſe ſich an mich wendend:„„Seid Ihr toll, Diana! was ſoll eine ſolche Widerſpänſtigkeit? Wie könnt Ihr Euch ſo weigern, Euren Gltern zu gehorchen, die Euch wiedergefunden haben und Euch zurückfordern!““ „„Wo ſind ſie, meine Eltern?““ ſagte ich laut.„„Mit ihnen will ich ſprechen.““ „„In ihrem Namen kommen wir, mein Fräulein, erwiederte der ſtrenge Herr.„Ich bin hier ihr Stell⸗ vertreter; wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo ſeht den Befehl unterzeichnet von König Heinrich II., unſerem Ge⸗ bieter, und leſet.“ „Er reichte mir ein Pergament, verſehen mit einem rothen Siegel, und ich las oben auf der Seite:„„Wir Heinrich, von Gottes Gnaden;““ und unten die königliche Unterſchrift: Heinrich. Ich war geblendet, betäubt, vernichtet. Ich bekam den Schwindel und das Delirium. Alle dieſe Menſchen hatten die Augen auf mich gerichtet! Enguerrand ſelbſt verließ mich! Der Gedanke an meine Eltern! der Name des Königs! dies Alles war zu viel für meinen armen Kopf. Und Du warſt nicht da, Gabriel!“ „Doch mir ſcheint, meine Gegenwart konnte Euch nicht nothwendig ſein,“ verſetzte Gabriel. „Oh! doch Gabriel; wäreſt Du gegenwärtig gewe⸗ t te it nt die ſit .. ell⸗ den e⸗ em wir iche ubt, tet! eine viel da, Fuch ewe⸗ —,.——— 2¹1 ſen, ſo würde ich noch wiberſtanden haben; als aber der Edelmann, der Alles zu leiten ſchien, zu mir ſagtet „„Vorwärts, ſchon genug der Säumniß; Frau von Leviſton, Eurer Sorge vertraue ich Frau von Caſtro; wir erwar⸗ ten Euch, um in die Kapelle hinauf zu gehen;““ da kam mir ſeine Stimme ſo gebieteriſch vor, er ſchien ſo wenig Wiverſtand zu geſtatten, daß ich mich fortführen ließ. Gabriel, verzeihe mir, ich war verwirrt, gelähmt, und hatte keinen Gedanken mehr. 4 „Wie! das begreift ſich vortrefflich,“ erwiederte Gab⸗ riel mit einem höhniſchen Gelächter. „Man führte mich in ein Zimmer,“ ſagte Diana. „Da nahm Frau von Leviſton, unterſtützt von zwei oder drei Zofen, aus großen Kiſten ein weißes ſeidenes Kleid. Dann zogen ſie mich, ſo ſehr ich mich ſchämte, aus und wieder an. Ich wagte es kaum, in dieſen ſchönen Ge⸗ wändern zu gehen. Hernach befeſtigten ſie mir Perlen an den Ohren und ein Collier von Perlen am Hals; meine Thränen rollten auf die Perlen. Doch dieſe Damen lachten un⸗ aufhörlich, ohne Zweifel über meine Verlegenheit und vielleicht auch über meinen Kummer. Nach Verlauf einer halben Stunde war ich bereit, und ſie mochten immerhin ſagen, ich wäre reizend ſo geſchmückt, ich glaube, ſie logen nicht, Gabriel, doch ich weinte nichtsdeſtoweniger. End⸗ lich überredete ich mich, ich handle in einem blendenden furchtbaren Traume. Ich ſchritt ohne Willen vorwärts, ich ging maſchinenmäßig hin und her. Die Pferde ſtampf⸗ ten indeſſen vor der Thüre, Stallmeiſter und Edelknaben warteten ſtehend. Wir ſtiegen hinab. Die ausdrucks⸗ vollen Blicke dieſer ganzen Verſammlung ſingen an auf mir zu laſten. Der Herr mit der rauhen Stimme bot mir abermals ſeinen Arm und führte mich zu einer Sänfte ganz von Gold und Atlaß, in der ich mich auf Kiſſen ſetzen mußte, welche beinahe ſo ſchön waren als mein Kleid. Der Herzog von Caſtro ritt am Schlage, und ſo zog der Cortége langſam zur Kapelle des Schloffes Vi⸗ 22 moutiers hinauf. Der Prieſter war ſchon am Altar. Ich weiß nicht, welche Worte man um mich her ſprach, welche Worte man mir dictirte; ich fühlte nur, wie in einem Augenblick in dieſem ſeltſamen Traume der Herzog mir einen Ring an den Finger ſchob. Dann nach Verlauf von zwanzig Minuten oder von zwanzig Jahren, ich habe kein Bewußtſein davon, traf mich eine friſchere Luft ins Geſicht. Wir verließen die Kapelle; man nannte mich Frau Herzogin, ich war verheirathet! Hörſt Du wohl, Gabriel? ich war verheirathet!“ Gahriel antwortete nur durch ein wildes Gelächter. „O Gabriel,“ ſprach Diana,„ich war wirklich ſo außer mir, daß ich zum erſten Male, als ich nach Hauſe zurückkehrte, nachdem ich mich etwas erholt, daran dachte, den Gemahl anzuſchauen, den alle dieſe Fremden mir auf⸗ genöthigt hatten. Bis dahin hatte ich ihn geſehen, aber nicht angeſchaut, Gabriel. Ah! mein armer Gabriel, er iſt viel weniger ſchön als Du! Vor Allem iſt ſein Wuchs mittelmäßig, und in ſeinen reichen Kleidern erſcheint er bei Weitem nicht ſo zierlich als Du in Deinem einfachen praunen Wamms. Und dann hat er eine eben ſo unver⸗ ſchämte, hochmüthige Miene, als Du ſanft und artig aus⸗ ſiehſt. Füge dem brennend blonde Haare und einen eben ſolchen Bart bei. Ich bin geopfert, Gabriel. Nachdem er ſich eine Zeit lang mit demjenigen beſprochen hatte, wel⸗ cher ſich für den Stellvertreter des Königs ausgab, näherte ſich mir der Herzog, nahm mich bei der Hand und ſagte mit einem ſehr feinen Lächeln: „„Frau Herzogin, verzeiht, daß ich in die harte Nothwendigkeit verſetzt bin, Euch ſo bald zu verlaſſen. Doch Ihr wißt, oder Ihr wißt nicht, daß wir im heftig⸗ ſten Kriege mit Spanien begriffen ſind, und meine Ge⸗ wappneten fordern auf der Stelle meine Gegenwart. Ich hoffe die Freude zu haben, Euch in einiger Zeit am Hofe wiederzuſehen, wo Ihr von dieſer Woche an in der Nähe Seiner Majeſtät wohnen werdet. Ich bitte Euch, e hs bei en er⸗ 18⸗ en el⸗ rte gte rte en. tig⸗ e⸗ Ich am der uch, 23 einige Geſchenke anzunehmen, die ich für Euch hier zurück⸗ zulaſſen mir erlaubt habe. Auf Wiederſehen, Madame. Erhaltet Euch heiter und reizend, wie man es in Eurem Alter iſt, und lebt nach Eures Herzens Gelüſte, während ich mich ſchlagen werde.““ „So ſprechend, küßte er mich vertraulich auf die Stirne, und ſein langer Bart hat mich ſogar geſtochen; das iſt nicht wie bei dem Deinigen, Gabriel. Und dann grüßten mich alle dieſe Herren und Damen, und gingen nach und nach weg und ließen mich allein mit meinem Vater Enguerrand. Er verſtand nicht viel mehr als ich von dieſem ganzen Abenteuer. Man hatte ihm das Per⸗ gament des Königs zu leſen gegeben, der mir, wie es ſcheint, den Herzog von Caſtro zu heirathen befahl. Der Herr, der Seine Majeſtät vertrat, heißt Graf d'Humibres. Enguerrand, der ihn früher bei Herrn von Vimoutiers geſehen, hat ihn wiedererkannt. Alles, was Enguerrand mehr als ich wußte, war die traurige Nachricht, daß die Dame von Leviſton, welche mich angekleidet hat und in Caen wohnt, in einem der nächſten Tage kommen würde, um mich an den Hof zu führen, und daß ich mich hiezu beſtändig bereit halten ſollte. Das iſt meine ſeltſame und ſchmerzliche Geſchichte,“ ſagte Diana.„Ah! ich vergaß. Als ich in mein Zimmer zurückkam, fand ich in einer großen Schachtel, Du würdeſt nicht errathen was? eine herrliche Puppe, mit einer volligen Ausſtattung an Weiß⸗ zeug und mit drei Kleidern; weiße Seide, rother Damaſt und grüner Brocat, Alles zum Gebrauch der genannten Puppe. Ich fühlte mich im hochſten Maaße verletzt, Gabriel, dies waren alſo die Geſchenke meines Gemahls! mich wie ein kleines Mädchen behandeln! Das Rothe ſteht indeſſen der Puppe am Beſten, weil ſie von Natur eine ſehr lebhafte Geſichtsfarbe hat. Die kleinen Schuhe ſind auch reizend, doch dieſes Verfahren iſt unwürdig, denn mir dünkt im Ganzen, vaß ich kein Kind mehr bin.“ „Dochi Ihr ſeid ein Kind, Diana,“ erwiederte Gab⸗ riel, bei dem der Zorn unmerklich der Traurigkeit Platz gemacht hatte,„ein wahres Kind! ich grolle Euch nicht, daß Ihr erſt zwölf Jahre zählt, das wäre albern und un⸗ kiui Ich ſehe nur, daß ich Unrecht gehabt habe, an ein ſo junges und leichtes Gemüth eine ſo ate⸗— tieje Leidenſchaft zu heften. Denn ich fühle Schmerz, wie ſehr ich Euch liebte, Diana. Ich vt⸗ hole Euch jedoch, daß ich Euch nicht grolle. Doch wenn Ihr ſtärker geweſeu wäret, wenn Ihr in Euch die noth⸗ wendige Energie gehabt hättet, um einem ungerechten Be⸗ fehle zu widerſtehen, wenn Ihr nur ein wenig Zeit zu gewinnen vermocht hättet, Diana, ſo hätten wir glücklich ſein können, da Ihr Eure Eltern gefunden habt und dieſe von vornehmem Geſchlechte zu ſein ſcheinen. Auch ich kam, um Euch ein großes Geheimniß mitzutheilen, das man mir dieſen Morgen geoffenbart hat. Doch wozu ſoll es jetzt nützen? es iſt zu ſpät. Eure Schwäche hat es zugelaſſen, daß der Faden meines Geſchickes zerriſſen iſt, während ich glaubte, er würde envlich halten. Warum ihn je wieder anknüpfen? Ich ſehe vorher, daß ſich mein gan⸗ zes Leben Eurer erinnern, Diana, und daß meine junge Liebe ſtets den groͤßten Platz in meinem Herzen ein⸗ nehmen wird. Ihr jedoch, Diana, im Glanz des Hoßes, im Geräuſch der Feſte, werdet ſchnell denjenigen aus dem Geſicht verlieren, der Euch in den Tagen Eurer Sl heit ſo ſehr geliebt hat.“ „Nie!“ rief Diana.„Und höre, Gobriel, m Du hier biſt und mich ermuthigen„ unterſtützen„i. willſt Du, daß ich mich weigere, abzureiſen, wenn man kommt, um mich zu holen, daß ich den Bitten, dem Drängen, den Befehlen widerſtehe, um immer bei Dir zu bleiben?“ „Ich danke, liebe Diana, doch fortan, ſiehſt Du, ge⸗ hörſt Du vor Gott und den Menſchen einem Andern. Wir müſſen unſere Pflicht und unſer Geſchick erfüllen wir müſſen, wie der Herzog von Caſtro geſagt hat, E latz cht, un⸗ und vL enn th⸗ Be⸗ zu lich ſeſe ich das ſoll iſt, ihn an⸗ nge in⸗ es, 25 ſeines Wegs gehen, Du zu den Genüſſen und zum Hoſe, ich in die Lager und Schlachten; Gott gebe nur, daß ich Dich eines Tags wiederſehe.“ „Ja, Gahriel, ich werde Dich wiederſehen, ich werde Dich immer lieben,“ rief Diana, und warf ſich, in Thrä⸗ nd, in die Arme ihres Freundes. ſem Augenblick erſchien Enguerrand mit Frau von Leviſton in einer nahen Allee.. „Hier iſt ſie, Madame,“ ſagte er, auf Diana deu⸗ tend.„Ah! Ihr ſeid es, Gabriel?“ rief er, als er den jungen Grafen erblicktes„ich war im Begriff, nach Mont⸗ gommerh zu gehen, um Euch zu beſuchen, als ich dem Wagen von Frau von Leviſton begegnete und wieder um⸗ kehren mußte.“ „Ja, Madame,“ ſprach Frau von Leviſton zu Diana, „der König hat meinem Gatten zu wiſſen gethan, es dränge ihn, Euch zu ſehen, und ich beſchleunigte deshalb unſere Abreiſe. Brechen wir, wenn es Euch gefällig iſt, in einer Stunde auf. Eure Vorbereitungen werden, denke ich, nicht lange dauern, und Ihr ſeid wohl geneigt, mir zu folgen?* Diana ſchaute Gabriel an. „Muth gefaßt,“ ſprach dieſer mit ernſtem Tone. „Ich habe die Freude, Euch anzukündigen,“ fuhr Frau von Leviſton fort,„daß Euer braver Nährvater uns nach Paris hegleiten kann und will, und uns morgen in einholen wird, wenn es Euch genehm iſt.“ b es mir genehm iſt?“ rief Diana.„Ah! Ma⸗ dame, man hat mir meine Eltern noch nicht genannt, doch ich werde ihn ſtets meinen Vater nennen.“ Und ſie reichte ihre Hand Enguerrand, der ſie mit Küſſen bedeckte, um das Recht zu haben, noch ein wenig durch den Schleier ihrer Thränen Gabriel anzuſchauen, der nachdenkend und traurig, aber ergeben und entſchloſſen ausſah. Vorwärts, Mavdame,“ ſagte Frau von Leviſton, eſe Abſchiede und Zögerungen vielleicht ungedul⸗ 26 dig machten,„bedenkt, daß wir vor Einbruch der Nacht in Caen ſein müſſen.“ Beinahe erſtickt durch Schluchzen, entfernte ſich Diana haſtig, um in ihr Zimmer hinauf zu gehen, jedoch nicht ohne zuvor Gabriel durch ein Zeichen bedeutet zu haben, er möge warten. Nach Verlauf einer Stunde, während der man in den Wagen die Gegenſtände packte, welche Diana mitneh⸗ men wollte, erſchien dieſe wieder ganz reiſefertig. Sie bat Frau von Leviſton, die ihr wie ihr Schatten folgte, um Erlaubniß, noch einmal in dem Garten umhergehen zu dürfen, wo ſie zwölf Jahre lang ſo ſorglos und glücklich geſpielt hatte. Gabriel und Enguerrand gingen während dieſes Beſuches hinter ihr. Diana blieb vor einem Ro⸗ ſenſtock mit weißen Blüthen ſtehen, den Gabriel und ſie im vorhergehenden Jahre gepflanzt hatten. Sie pflückte zwei Roſen, befeſtigte eine an ihrem Kleid, roch an der andern und reichte ſie Gabriel. Der junge Mann fühlte, daß ihm zu gleicher Zeit ein Papier in die Hand ſchlüpfte, ⸗ das er haſtig in ſeinem Wamms verbarg. Nachdem Diana von allen Gängen, von allen Gebüſchen, von allen Blu⸗ men Abſchied genommen hatte, mußte ſie ſich endlich zur Abreiſe entſchließen. Als ſie vor den Wagen kam, der ſie wegführen ſollte, gab ſie die Hand den Dienern des Hau⸗ ſes und ſogar den guten Leuten vom Flecken, welche ſie alle kannten und liebten. Die Arme hatte nicht die Kraft, zu ſprechen, ſie machte nur Jedem ein freundſchaftliches Zeichen mit dem Kopf. Dann umarmte ſie Enguerrand, und endlich Gabriel, ohne ſich im Geringſten um die Ge⸗ genwart von Frau von Lebiſton zu bekümmern. Inden Ar⸗ men ihres Freundes gewann ſie ſogar ihre Stimme wie⸗ der, und als dieſer zu ihr ſagte:„Fahre wohl! fahre wohl!“ da ſprach ſie: „Nein, auf Wiederſehen!“ Hienach ſtieg ſie in den Wagen, und da die Kindheit im Ganzen ihr Recht nicht völlig auf ſie verlor, ſo horte —. t na ne er in at m zu ch nd 0⸗ ſie te er te, ⸗ na U⸗ ur ſie u⸗ ſie ft, es e⸗ r⸗ e⸗ eit te 2 ſie Gabriel mit jener kleinen Mundverziehung, die ihr ſo gut ſtand, Frau von Leviſton fragen: „Man hat doch wenigſtens meine große Puppe oben aufgepackt?“ Der Wagen entfernte ſich im Galopp. Gabriel öffnete das Papier, das ihm Diana gegeben hatte, und fand darin eine Locke von ihren ſchönen, aſch⸗ blonden Haaren, die er ſo gern küßte. Einen Monat nachher ließ ſich Gabriel, in Paris an⸗ gelangt, im Hotel Guiſe bei dem Herzog von Guiſe un⸗ ter dem Namen eines Vicomte d'Ermes melden. III. Im Fager. „Ja, meine Herren,“ ſprach, in ſein Zelt eintretend, der Herzog von Guiſe zu den Edelleuten, die ihn umga⸗ ben,„ja, heute am 24. April 1557 Abends, nachdem wir am 15. auf das Gebiet von Neapel zurückgekehrt ſind, nachdem wir Campli in vier Tagen genommen, beginnen wir die Belagerung von Civitetta; Herren von Civitetta, ſchlagen wir am 1. Mai unſer Lager vor Aquila auf. Am 10. Mai ſind wir in Arpino, am 21. in Capua, wo wir nicht einſchlafen werden, wie Hannibal. Am 1. Juni, meine Herren, will ich Euch Reapel ſehen laſſen, wenn es Gott gefällt.“ „Und wie ſteht es mit dem Papſt, mein lieber Bru⸗ der?“ fragte der Herzog von Aumale.„Seine Heiligkeit, die mir ſo ſehr die Unterſtützung der päpſtlichen Trup⸗ pen verſprochen, läßt uns bis jetzt, wie mir ſcheint, auf W— 28 uns ſelbſt beſchränkt, und unſere Armee iſt kaum ſtark ge⸗ nug, um ſich ſo auf ein feindliches Gebiet zu wagen.“ „Paul ll.,“ ſagte Franz,„iſt zu ſehr betheiligt bei dem Erfolge unſerer Waffen, um uns ohne Hülfe zu laſ⸗ ſen. Wie durchſichtig und erleuchtet iſt dieſe Nacht, meine Herren! Byron, wißt Ihr, ob die Parteigänger, von deren Aufgebot in den Abruzzen Caraffa uns geſprochen, einigen Lärmen zu machen anfangen?“ „Sie rühren ſich nicht, gnädigſter Herr, ich habe ganz friſche und ſichere Nachrichten.“ „Unſere Musketenſchüſſe werden ſie erwecken,“ ſagte der Herzog von Guiſe.„Herr Marquis d'Elbveuf,“ fuhr er fort,„habt Ihr von den Zufuhren an Lebensmitteln und Munition ſprechen hören, welche wir in Ascoli erhal⸗ ten ſollten, und die uns nun, denke ich, hier zukommen werden?“ „Ja, ich habe davon ſprechen hoͤren, doch in Rom, gnädigſter Herr, und leider ſchon vor langer Zeit! „Eine einfache Zoͤgerung,“ unterbrach ihn der Her⸗ zog von Guiſe,„ſicherlich nur eine Zögerung, und wir ſind Allem nach noch nicht völlig entblößt. Die Ein⸗ nahme von Campli hat uns ein wenig wiederbelebt, und wenn ich in einer Stunde von jetzt an in das Zelt eines Jeden von Euch träte, meine Herren, ſo wette ich, ich würde ein gutes Abendbrod aufgetragen, und bei Tiſche mit Euch eine arme Witwe oder eine hübſche Waiſe von Campli finden, die Ihr zu tröſten im Zuge wäret. Es läßt ſich nichts Beſſeres denken, meine Herren. Ueber⸗ — dies ſind dies die Pflichten von Siegern, welche die Ge⸗ wohnheit des Sieges ſüß finden laſſen, nicht wahr? Ent⸗ ſprecht alſo Eurem Geſchmack, ich halte Euch nicht zurück; morgen früh bei Tagesanbruch werde ich Euch auffordern, mit mir die Mittel zu ſuchen, dieſen Zuckerhut Civitetta anzugreifen; bis dahin, meine Herren, guten Appetit und gute Nacht.“ Der Herzog begleitete lachend die Führer des Hee⸗ N ge⸗ bei laſ⸗ ine von en, abe gte teln al⸗ nen m, „ e wir in⸗ nd nes che on Es er He⸗ nt⸗ rn, tta und e — * 29 res bis zur Thüre ſeines Zeltes zurück. Als aber ver Vorhang, der doſſelbe ſchloß, hinter dem letzten ge⸗ fallen war und Franz von Guiſe ſich allein fand, nahm plötzlich ſeine männliche Phyſiognomie einen ſorgenvollen Ausdruck an; er ſetzte ſich an einen Tiſch, legte ſein Haupt in ſeine Hände, und murmelte voll Unruhe: „Hätte ich beſſer daran gethan, auf jeden perſoͤnlichen Ehrgeiz Verzicht zu leiſten, nur General von Heinrich!l. zu bleiben, und mich auf die Wiedereroberung von Mailand und die Befreiung von Siena zu beſchränken? MNun bin ich auf dem Gebiet von Neapel, wohin mich alle meine Träume als König beriefen; doch ich bin ohne Verbün⸗ dete, bald ohne Lebensmittel, und alle dieſe Anführer meiner Truppen, mein Bruder zuerſt, Geiſter ohne That⸗ kraft und ohne Gewicht, geben ſich ſchon der Entmuthi⸗ gung hin, wie ich ſehe.“ In dieſem Augenblick hörte der Herzog von Guiſe, daß Jemand hinter ihm ging. Er wandte ſich raſch und ganz entrüſtet gegen den verwegenen Unterbrecher um; als er ihn aber geſehen, reichte er ihm, ſtatt ihm einen Vor⸗ wurf zu machen, die Hand und ſprach: „Nicht wahr, Ihr, Vicomte d'Ermes, nicht wahr, Ihr, mein lieber Gabriel, würdet nie zögern, vorwärts zu gehen, weil das Brod zu ſelten und der Feind zu zahl⸗ reich iſt, Ihr, der Ihr zuletzt Metz verlaſſen, und zuerſt in Valenza und in Campli eingedrungen ſeid? Doch, Ihr kommt, um mir etwas Neues zu melden, Freund?“ Ja, gnädigſter Herr, ein Eilbote iſt aus Frankreich eingetroffen,“ antwortete Gabriel;„er bringt, wie ich glaube, Briefe von Eurem Bruder„dem hochwürdigſten Cardinal von Lothringen. Darf ich ihn bei Euch ein⸗ führen 2“ „Nein, doch er mag Euch die Sendung, mit der er beauftragt iſt, übergeben, Vicomte, und ich bitte Euch, ſie mir ſelbſt zu überbringen.“ Gabriel verbeugte ſich, ging hinaus, kam bald wieder 30 zurück und überbrachte einen Brief, der mit dem Wappen des Hauſes Lothringen verſiegelt war. Die ſechs abgelaufenen Jahre waren an unſerem alten Freund Gabriel beinahe ſpurlos vorübergegangen; ſeine Züge hatten nur einen männlicheren, entſchiedeneren Cha⸗ rakter angenommen; man errieth nun in ihm einen Mann, der ſeinen eigenen Werth geprüft und kennen gelernt hat. Doch es war immer dieſelbe reine, ernſte Stirne, derſelbe redliche, offene Blick, und, ſagen wir es ſogleich, daſſelbe Herz voll Jugend und Illuſion. Er war auch kaum erſt vierundzwanzig Jahre alt. Der Herzog von Guiſe zählte ſiebenunddreißig, und obgleich er eine edle, großherzige Natur beſaß, war doch ſein Gemüth von vielen Orten zurückgekommen, wohin das von Gabriel noch nie gegangen, und mehr als ein geſchei⸗ tertes Aufſtreben, mehr als ein vergeblicher Kampf hatten ſein Auge vertieft und ſeine Schläfe entblößt. Dennoch begriff und liebte er den ritterlichen und ergebenen Cha⸗ rakter von Gabriel, und eine unwiderſtehliche Sympathie zog den erfahrenen Mann zu dem vertrauensvollen Jüng⸗ ling hin. Er nahm aus ſeinen Händen den Brief ſeines Bru⸗ ders und ſprach, ehe er ihn öffnete: „Hört, Vicomte d'Ermés, Hervé von Thelen, mein Geheimſchreiber, den Ihr kanntet, iſt unter den Mauern von Valenza geſtorben; mein Bruder Aumale iſt nur ein muthiger Soldat, aber unfähig; ich bedarf eines tüchtigen Armes und eines Vertrauten, Gabriel. Seitdem Ihr mich in Paris in meinem Hauſe vor fünf oder ſechs Jahren aufgeſucht, habe ich mich, wie ich glaube, überzeugen können, daß Ihr ein erhabener Geiſt und, was noch beſſer iſt, ein treues Herz ſeid. Ich kannte Euch nur dem Na⸗ men nach, und jeder Montgommery iſt brav; doch Ihr waret mir durch Niemand empfohlen, und dennoch habt Ihr mir ſogleich gefallen; ich nahm Euch mit mir zur Vertheidigung von Metz, und wenn dieſe Vertheidigung —— en ten ine nn, at. lbe lbe rſt ind och s ei⸗ ten och a⸗ hie ig⸗ ru⸗ ein ern ein gen ich ren gen ſſer 4 ta⸗ Ihr abt zur ing ——— 31 eines der ſchönſten Blätter meiner Geſchichte ſein ſoll, wenn es uns nach einem fünfundſechzig Tage lang anhal⸗ tenden Angriff gelungen iſt, von den Mauern von Metz ein Heer, das hunderttauſend Soldaten zählte, und einen General zu vertreiben, der ſich Carl V. nannte, ſo erin⸗ nere ich mich, daß Eure ſtets gegenwärtige Unerſchrocken⸗ heit und Euer ſtets wacher Verſtand nicht wenig zu die⸗ ſem glorreichen Erfolg beigetragen haben. Ein Jahr nachher waret Ihr abermals mit mir bei dem Siege von Renty, und wenn dieſer Eſel von Montmorench, den man mit Recht ſo nennt... doch ich habe nicht meinen Feind zu ſchmähen, ich habe meinen Freund und guten Kameraden, Gabriel, Vicomte d'Ermès, den würdigen Verwandten der würdigen Montgommery zu loben. Ich habe Euch zu ſagen, Gabriel, daß ich in Euch bei jeder Gelegenheit, und zwar ſeitdem wir in Italien eingerückt ſind mehr als je guten Beiſtand, gute Freundſchaft und guten Rath ge⸗ funden, und daß ich Euch nur Eines zum Vorwurf machen kann: daß Ihr gegen Euern General zu zurück⸗ haltend und zu verſchwiegen ſeid. Ja, es liegt ſicherlich im Grunde Eures Lebens ein Gefühl oder ein Gedanke, den Ihr mir verbergt, Gabriel. Doch, bah! Ihr werdet mir das eines Tags anvertrauen; die Hauptſache iſt, daß ich weiß, Ihr habt Etwas zu thun. Ei! bei Gott! ich habe auch Eiwas zu thun, Gabriel, und wenn Ihr wollt, ſo verbinden wir unſere Geſchicke, Ihr helft mir und ich helfe Euch. Habe ich irgend eine wichtige, ſchwierige Unternehmung einem andern Ich zu übertragen, ſo rufe ich Euch. Bedürft Ihr für Eure Pläne eines mächtigen Beſchützers, ſo bin ich da. Iſt das abgemacht?“ „Oh! gnädigſter Herr,“ erwiederte Gabriel,„ich gehöre Euch mit Leib und Seele. Was ich vor Allem wünſchte, wäre, daß Ihr an mich glaubtet und die An⸗ dern an mich glauben machen würdet. Ich habe ein wenig Selbſtvertrauen erlangt und Ihr habt die Gnade, ein wenig Achtung für mich zu hegen; bis jetzt habe ich alſo 32 mein Ziel erreicht; daß ſich in der Zukunft ein anderes meinen Beſtrebungen bieten kann, leugne ich nicht, gnä⸗ digſter Herr, und dann, da Ihr die Güte hattet, mir einen ſo ſchönen Antrag zu machen, werde ich zu Euch meine Zuflucht nehmen, wie Ihr bis dahin für Leben und Tod auf mich rechnen könnt.“ „So iſt es gut! per Bacco, wie bieſe trunkenen Heiden von Cardinälen ſagen; ſei unheſorgt, Gabriel, Franz von Lothringen, Herzog von Guiſe, wird Dir warm in Beziehung auf Deine Liebe oder Deinen Haß dienen, denn nicht wahr, es iſt bei uns das eine oder das andere dieſer Gefühle im Spiel, mein Meiſter?“ „Das eine und das andere vielleicht, gnävigſter r.“ „Ah! alle Wetter! und warum, wenn man die Seele ſo voll hat, warum ſie nicht in die eines Freundes er⸗ gießen?“ „Ach! gnädigſter Herr, ich weiß nicht einmal, ob ich liebe, und weiß gar nicht, daß ich haſſe.“ „Wahrhaftig! ſage mir doch, Gabriel, wenn Deine Feinde zufällig die meinigen wären, wenn der alte Un⸗ züchter von einem Montmoreney darunter ſein ſollte?“ „Das könnte wohl ſein, gnädigſter Herr, und wenn meine Zweifel begründet ſind doch es handelt ſich zur Stunde nicht um mich, ſondern um Euch und Eure großen Pläne. Wozu kann ich Euch dienlich ſein?“ „Vor Allem dazu, daß Ihr mir den Brief meines Bruders, des Cardinals von Lothringen, vorleſt, Gabriel.“ Gabriel entſiegelte und entfaltete den Brief, warf einen Blick darauf, reichte ihn dem Herzog und ſprach: „Verzeiht, gnädigſter Herr, dieſer Brief iſt in beſon⸗ dern Charakteren geſchrieben, und ich kann ihn nicht leſen.“ „Ah!“ verſetzte der Herzog,„der Eilbote von Jean 6 Panquet hat ihn alſo gebracht? es iſt ein vertraulicher Brief, wie ich ſehe, ein Gitterbrief; warte, Gabriel.“ Er öffnete ein Kiſtchen von ciſelirtem Eiſen, zog ein res ä⸗ nir ind nen iel, em en, ere 33 regelmäßig durchbrochenes, ausgeſchnittenes Papier dar⸗ aus hervor, legte es auf den Brief des Cardinais, reichte dieſen Gabriel zum Leſen und ſprach: „Nun leſet.“* Gabriel ſchien zu zögern; Franz nahm ſeine Hand, drückte ſie, und ſagte mit einem Tone voll Vertrauen und Treuherzigkeit: „Leſet, mein Freund.“ Der Vicomte d'Ermès las: „Mein ſehr geehrter, ſehr erhabener Bruder(wann werde ich Euch mit einem einzigen Worte von vier Buchſtaben, mit dem Worte: Sire, nennen können. J“ Gabriel hielt abermals inne; der Herzog lächelte und ſprach: „Ihr ſtaunt, Gabriel, doch ich hoffe, Ihr werdet keinen Verdacht gegen mich haben. Der Herzog von Guiſe iſt kein Connetable von Bourbon, mein Freund; Gott erhalte unſerem König Heinrich Il. die Krone und das Leben! Doch es gibt in der Welt nicht nur den Thron von Frankreich. Da mich der Zufall mit Euch auf die Bahn eines vollen Vertrauens gebracht hat, ſo will ich Euch nichts verhehlen, Gabriel, ich will Euch in alle meine Pläne und in alle meine Träume ein⸗ ſie ſind, wie ich glaube, nicht die einer geringen Lele“ Der Herzog war aufgeſtanden, und ging mit groſ⸗ ſen Schritten in ſeinem Zelte auf und ab. „Unſer Haus, Gabriel, das ſo manche Königswürde berührt, kann meiner Anſicht nach auf jede Größe An⸗ ſpruch machen. Doch Anſpruch machen iſt nichts, es ſoll erreichen. Unſere Schweſter iſt Königin von Schott⸗ land;z unſere Nichte, Maria Stuart, iſt mit dem Dau⸗ phin Franz verlobt; unſer Großneffe, der Herzog von Lothringen, iſt zum Schwiegerſohn des Königs bezeich⸗ Die beiden Dianen. 1. 3 net. Das iſt noch nicht Alles, wir vermögen auch noch das zweite Haus Anjou zu repräſentiren, von dem wir durch die Frauen abſtammen. Wir haben alſo Anſprüche oder Rechte auf die Provence und auf Neapel. Be⸗ gnügen wir uns für den Augenblick mit Neapel. Würde die Krone einem Franzoſen nicht beſſer ſtehen, als einem Spanier? Warum bin ich nach Italien gekommen? Um ſie zu nehmen. Wir ſind Verbündete des Herzogs von Ferrara, verwandt mit den Cataffa, Neffen des Papſtes. Paul IV. iſt alt; mein Bruder, der Cardinal von Lothringen, wird ſein Nachfolger. Der Thron von Neapel wankt, ich beſteige ihn. Mein Gott, deshalb habe ich Siena und die Mailänder hinter mir gelaſſen, um bis zu den Abruzzen zu ſpringen. Der Traum war glänzend, doch ich befürchte ſehr, er bleibt bis jetzt ein Traum. Bedenkt, Gabriel, ich hatte nicht zwölftauſend Mann, als ich die Alpen überſchritt. Doch der Herzog von Ferrara hatte mir ſiebentauſend Mann verſprochen; er behielt ſie in ſeinen Staaten. Doch Paul IV. und die Caraffa hatten ſich gerühmt, ſie würden in dem Königreich Neapel eine mächtige Faction auf die Beine bringen, und ſie machten ſich anheiſchig, Soldaten, Geld und Proviant zu liefern; ſie haben nicht einen Mann, nicht einen Fourgon, nicht einen Thaler geſchickt. Meine Officiere zaudern, meine Truppen murren; gleichviel! ich werde bis zum Ende gehen, ich werde nur, wenn es zum Aeußerſten gekommen iſt, dieſes gelobte Land, auf deſſen Boden ich trete, verlaſſen, und wenn ich es ver⸗ laſſe, ſo komme ich zurück.“ Der Herzog trat mit dem Fuß auf den Boden⸗ als wollte er davon Beſitz ergreifen, ſein Blick funkelte, er war groß und ſchön. „Gnäbigſer Herr,“ rief Gahriel,„wie ſtolz bn ich, daß ich mit Euch, ſo ſchwach auch mein ei ſein mag, zu ſo glorreichen Beſtrebungen mich habe ver⸗ binden können.“ „Und nun,“ ſprach der Herzog,„nun, da ich Euch och wir che Be⸗ rde em n7 ogs des nal von alb ſen, war ein end 308 en; und dem eine 35 zweimal den Schlüſſel zu dieſem Briefe meines Bruders gegeben habe, Gabriel, könnt Ihr ihn auch leſen und verſtehen. Vollendet alſo, ich höre.“ „„Sire!.4 Hier bin ich geblieben,“ ſagte Gabriel.„Ich habe Euch zwei ſchlimme Nachrichten und eine gute mitzutheilen. Die gute iſt die, daß man die Hochzeit unſerer Nichte, Maria Stuart, auf den zwanzigſten des nächſten Monats anberaumt hat, und daß ſie an genanntem Tage in Paris mit allem Ge⸗ pränge vollzogen werden wird. Eine von den ſchlim⸗ men Nachrichten iſt aus England gekommen; Philipp II. von Spanien hat dort gelandet, und hetzt täglich die Königin Maria Tudor, ſeine Frau, welche ihm ſo lei⸗ denſchaftlich gehorcht, auf, Frankreich den Krieg anzu⸗ kündigen. Niemand zweifelt daran, daß es ihm gelingt, trotz der Intereſſen und des Wunſches der engliſchen Nation. Man ſpricht ſchon von einer Armee, welche ſich auf den Grenzen der Niederlande verſammeln ſoll, und für deren Commando man den Herzog Emanuel Philibert von Savoyen bezeichnet. Bei dem Mangel an Mannſchaft, woran wir hier leiben, mein vielgelieb⸗ ter Bruder, würde Euch dänn König Heinrich I. noth⸗ wendig aus Italien zurückberufen, unſere Pläne auf dieſer Seite wären hernach wenigſtens vertagt. Doch bedenkt wohl, Franz, daß es beſſer iſt, ſie zu verſchie⸗ ben, als zu gefährden keine Verwegenheit, und nicht mit dem Kopf durch die Wand. Unſere Schweſter, die Königin Regentin von Schottland, mag immerhin drohen, ſie werde mit dem Engländer brechen, glaubt mir, ganz verliebt in ihren jungen Gemahl, würde Maria von England keine Rückſicht darauf nehmen, und richtet Euch danach.““ „Beim Leibe Chriſti,“ unterbrach der Herzog von Guiſe, indem er heftig mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, er hat nur zu ſehr Recht, mein Bruder, und er iſt ein liſtiger Fuchs, der die Dinge zu riechen weiß. Ja, Maria, die Ehrbare, wird ſich durch ihren geſetzli⸗ chen Gatten verführen laſſen, und ich werde nicht offen ungehorſam gegen den König ſein, der unter ſo ernſten Umſtänden ſeine Soldaten zurückverlangt, eher ſtehe ich von allen Königreichen der Welt ab; abermals alſo ein Hinderniß gegen dieſe verfluchte Expedition. Denn ich frage Euch, Gabriel, iſt ſie nicht verflucht, trotz der Segnung des heiligen Vaters? Gabriel, unter uns ge⸗ ſagt, ſprecht offenherzig, Ihr findet ſie verzweifelt, nicht wahr?“ „Gnädigſter Herr,“ erwiederte Gabriel,„ich möchte nicht gern von Euch zu denjenigen gezählt werden, welche ſich ſo leicht entmuthigen laſſen, und dennoch, da Ihr meine Offenherzigkeit aufruft„ „Ich verſtehe Euch, Gabriel, und bin Eurer An⸗ ſicht. Ich ſehe vorher, wir werden nicht auf einmal hier mit einander die großen Dinge machen, die wir ſo eben beabſichtigten; aber ich ſchwöre, daß die Sache nur aufgeſchoben iſt, und Philipp an irgend einem Orte ſchlagen, heißt ihn immerhin in Neapel ſchlagen; doch ſeh fort, Gabriel; wir haben noch eine ſchlimme achricht zu vernehmen, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuſcht.“ Gabriel las weiter. „„Die andere ärgerliche Angelegenheit, die ich Euch mitzutheilen habe, iſt, wenn ſie auch ganz beſon⸗ ders unſere Familie betrifft, nicht minder ernſt; doch wir haben ohne Zweifel noch Zeit, zuvorzukommen, und ich mache Euch deshalb in aller Eile Mittheilung davon. Ihr müßt wiſſen, daß ſeit Eurer Abreiſe der Herr Connetable von Montmorency ſtets erboſt und erbittert gegen uns iſt und nicht abläßt, uns ſeiner Gewohnheit gemäß um die Güte des Königs für unſere Familie zu beneiden und ſie zu verwünſchen. Die nahe bevorſtehende Feier der Hochzeit unſerer lieben Nichte —— ——— 8„„ 37 Maria mit dem Dauphin iſt nicht geeignet, ihn in gute Laune zu verſetzen. Das Gleichgewicht, das der König aus Politik zwiſchen den Häuſern Guiſe und Mont⸗ morency aufrecht zu halten ſucht, neigt ſich hiedurch ganz ſonderbar auf unſre Seite und der alte Connetable verlangt mit lauter Stimme ein Gegengewicht; er hat dieſes Gegengewicht gefunden, mein lieber Bruder, es wäre dies die Verheirathung ſeines Sohnes Franz, des Gefangenen von Thérouanne, mit Der junge Graf vollendete nicht, die Stimme verſagte ihm, und eine jähe Bläſſe bedeckte ſeine Stirne. „Nun! was habt Ihr denn, Gabriel?“ fragte der Herzog;„wie bleich und entſtelit ſeht Ihr aus? wel⸗ ches Uebel hat Euch plötzlich befallen?“ „Es iſt nichts, gnädigſter Herr, durchaus nichts, ein wenig Müdigkeit vielleicht, eine Art von Betäu⸗ bung; doch ich habe mich ſchon wieder erholt und fahre fort, gnädigſter Herr. Wo war ich? Der Cardinal ſagte, glaube ich, es gebe ein Mittel. Ah! nein, wei⸗ ter unten. Ich habe es:„„Es wäre dies die Verhei⸗ rathung ſeines Sohnes Franz mit Frau Diana von Caſtro, der legitimirten Tochter des Königs und von Frau Diana von Poitiers. Ihr erinnert Euch, mein ruder, daß Frau von Caſtro, mit dreizehn Jahren Witwe des Herzogs Horazio Farneſe, der ſechs Monate nach ihrer Verheirathung bei der Belagerung von Hes⸗ din getödtet worden war, während dieſer fünf Jahre im Klſter der Töchter Gottes in Paris geblieben iſt. Der König hat ſie auf das Anſuchen des Connetable an den Hof zurückberufen. Es iſt eine Perle der Schön⸗ eit, mein Bruder, und Ihr wißt, daß verſtehe. Ihre Anmuth hat ihr alle Herzen erobert, und vor allen das väterliche Herz. Der König, der ſie ſchon früher mit dem Herzogthum Chatellerault be⸗ ſchenkte, hat ſie nun abermals mit dem Herzogthum ich mich darauf für uns. Franz von Montmorency iſt durch eine Angouléme apanagirt. Noch befindet ſie ſich keine zwei Wochen hier, und ſchon iſt ihr Einfluß auf den Geiſt des Königs eine anerkannte Thatſache. Ihr reizendes Weſen und ihre Anmuth ſind ohne Zweifel die Urſachen dieſer ſo lebhaften Zuneigung. Die Sache iſt ſo weit gekommen, daß Frau von Valentinvis, welche es, ich weiß nicht warum, für paſſend erachtet hatte, ihr gine andere Mutter officiell zu geben, mir zu dieſer Stunde auf die ſich erhebende Macht eiferſüchtig zu ſein ſcheint. Die Angelegenheit ſtünde alſo gut für den Connetable, wenn er in ſein Haus dieſe mächtige Verbündete brin⸗ gen könnte. Ihr wißt, unter uns geſagt, daß Diana von Poitiers dieſem alten Unzüchter nicht viel zu ver⸗ weigern hat, und wenn unſer Bruder Aumale der Schwiegerſohn iſt, ſo ſteht Anne von Montmorency in noch viel näherer Verbindung mit ihr. Der König iſt andererſeits geneigt, das große Anſehen, das er uns in ſeinem Rathe und in dem Heere gewinnen ſieht, auszugleichen. Dieſe verdammte Heirath hat alſo ſehr viele Chancen des Vollzugs..“. „Eure Stimme zittert abermals, Gabriel,“ unter⸗ brach der Herzog,„ruht aus, und laßt mich ſelbſt die⸗ ſen Brief vollenden, der mich im höchſten Grade inter⸗ eſſirt. Denn der Connetable würde in der That einen gefährlichen Vortheil vor uns erringen. Doch ich glaubte, ſein großer Dummkopf Franz wäre an eine von Fiennes verheirathet. Gebt mir den Brief, Gabriel.“. 5 „Wahrhaftig, ich befinde mich ſehr wohl, gnädig⸗ ſter Herr,“ erwiederte Gabriel, der etwas weiter gele⸗ ſen hatte,„ich kann die paar Zeilen, welche noch übrig ſind, wohl vollenden.„„Dieſe verdammte Heirath hat alſo viele Chancen des Vollzugs, nur eine einzige iſ — heime Heirath an Fräulein von Fiennes gebunden, ei Eheſcheidung iſt vorläufig nothwendig. Doch es bedarf der Einwilligung des Papſtes, und Franz iſt nach Ron 39 abgereiſt, um ſie zu erlangen. Es liegt alſo Euch ob, mein lieber Bruder, ihm bei Seiner Heiligkeit zuvorzu⸗ kommen und es durch unſere Freunde, die Caraffa, und Euren Einfluß dahin zu bringen, daß man ſein Schei⸗ dungsgeſuch verwirft, welches indeſſen, wie ich Euch im Voraus bemerken muß, durch einen Brief des Königs unterſtützt wird. Doch die angegriffene Stellung iſt ſo ſehr Lebensfrage, daß Ihr alle Eure Kräfte aufbieten müßt, um ſie zu vertheidigen, wie Ihr es mit Saint⸗ Dizier und Metz gethan habt. Ich werde meinerſeits und zu gleicher Zeit mit aller Energie zu Werke gehen, denn das muß ſein. Und hienach bitte ich Gott, mein lieber Bruder, Euch ein gutes und langes Leben zu verleihen. Paris, den 12. April 1557. Euer gehorſamſter, unterthänigſter Diener G. Cardinal von Lothringen.““ „Gut! es iſt noch nichts verloren,“ ſprach der Herzog von Guiſe, als Gabriel den Brief des Cardinals beendigt hatte,„und der Papſt, der mir Soldaten ver⸗ weigert, kann mir wenigſtens eine Bulle zum Geſchenk machen.“ „Ihr hofft alſo,“ entgegnete Gabriel zitternd,„Ihr hofft, Seine Heiligkeit werde die Eheſcheidung von Jeanne von Fiennes nicht zugeben, und ſich der Heirath von Franz von Montmorency widerſetzen?“ „Ja, ja, ich hoffe es; doch wie bewegt ſeid Ihr, mein Freund! Dieſer gute Gabriel! mit welcher Leiden⸗ ſchaft geht er in unſere Intereſſen ein. Ich bin Euch auch ganz und gar zugethan, Gabriel, deſſen könnt Ihr Euch verſichert halten. Sprechen wir ein wenig von Euch wie wäre es, da Ihr bei dieſer Erpedition, deren Ausgang ich nur zu gut vorherſehe, kaum, wie ich glaube, neue glänzende Thaten den un⸗ geheuren Dienſten beifügen könnt, für die ich gegen Euch verpflichtet bin, wie wäre es, wenn ich anfinge, 40 meine Schuld nun ebenfalls an Euch abzutragen? Ich will auch nicht zu ſehr zurückbleiben, mein Freund. Könnte ich Euch nicht in irgend einer Beziehung nütz⸗ lich oder angenehm ſein? Sprecht, ſagt es offen⸗ herzig.“ „Ohl durchlauchtigſter Herr, Ihr ſeid zu gnädig gegen mich,“ verſetzte Gabriel,„und ich ſehe nicht.. „Seit den fünf Jahren, die Ihr heldenmüthig un⸗ ter den Meinigen kämpft, habt Ihr nicht einen Pfen⸗ nig von mir angenommen. Ihr müßt Geld nöthig haben, was Teufels! Jedermann braucht Geld. Was ich Euch anbiete, iſt weder ein Geſchenk, noch ein An⸗ lehen, ſondern eine Vergütung. Alſo keine leere Bedenklichkeiten, und obgleich es bei uns knapp zu⸗ eht „Ja, ich weiß, gnädigſter Herr, daß die kleinen Mittel zuweilen Euren großen Ideen fehlen, und ich brauche ſo wenig Geld, daß ich Euch einige tauſend Thaler antragen wollte, welche der Armee ſehr erſprieß⸗ lich ſein dürften, während ſie mir ſehr unnütz ſind.“ „Ich nehme ſie an, denn ich geſtehe, ſie kommen gelegen; doch man kann alſo gar nichts für Euch thun, junger Mann ohne Wünſche! Ah! halt!“ fügte er, die Stimme dämpfend, bei,„dieſer Schelm Thibault, Ihr wißt, mein Leibdiener, hat vorgeſtern bei der Plünde⸗ rung von Campli für mich die junge Frau des An⸗ walts der Stadt auf die Seite bringen laſſen, es ſoll die Schönheit des Ortes ſein, natürlich nach der Frau des Statthalters, der man nicht habhaft werden konnte. Doch ich habe, meiner Treue! andere Sorgen im Kopf, und meine Haare fangen an grau zu werden. Ohne Umſtände, Gabriel, wollt Ihr meinen Antheil an der Beute? Blut Gottes! Ihr ſeid geſchaffen, für einen Anwalt zu entſchädigen! was ſagt Ihr dazu?“ „Ich ſage, gnädigſter Herr, daß ich die Frau des Statthalters, welcher man ſich nicht bemächtigen konnte, im Gemenge getroffen und weggeführt habe, aber nicht S— b c— a b — — ne e en es te, cht 4¹ um meine Rechte zu mißbrauchen, wie Ihr denken könnt. Ich hatte im Gegentheil die Abſicht, eine edle, reizende Dame der Gewaltthätigkeit der Soldaten zu entziehen. Seitdem habe ich jedoch geſehen, daß es der Schönen nicht widerſtreben würde, ſich auf die Seite der Sieger zu ſchlagen, und daß ſie gern, wie der gal⸗ liſche Soldat rufen dürfte: Vae victis! Inſofern ich aber leider weniger als je geneigt bin, das Echo zu bilden, ſo kann ich ſie, wenn Ihr es wünſcht, hierher zu einem Manne führen laſſen, der ihre Reize und ihren Rang zu ſchätzen würdig iſt.“ „Oh! oh!“ rief der Herzog lachend,„das iſt eine Strenge, welche beinahe nach den Hugenotten riecht. Solltet Ihr etwa eine Neigung für die Leute dieſer Religion haben? Ah! nehmt Euch in Acht, mein Freund. Ich bin aus Ueberzeugung und, was noch ſchlimmer iſt, aus Politik ein eifriger Katholik. Ich würde Euch ohne Barmherzigkeit verbrennen laſſen. Doch Scherz bei Seite, warum des Teufels ſeid Ihr nicht ein wenig leichtfertig?“ „Vielleicht weil ich verliebt bin,“ ſagte Gabriel. „Ah! ja, ich erinnere michz ein Haß, eine Liebe. MNun wohl, kann ich Euch vielleicht dazu dienlich ſein, daß Ihr Euren Feinden oder Eurer Freundin näher kommt? Solltet Ihr vielleicht Titel nöthig haben?“ „Ich danke, gnädigſter Herr, das iſt es auch nicht, was mir fehlt; ich habe Euch, als ich anfing, geſagt, daß ich nicht nach unbeſtimmten Ehrenſtellen, ſondern nach ein wenig perſönlichem Ruhm trachte. Da Ihr nun glaubt, es ſei nicht mehr viel hier zu machen und ich könne Euch kaum zu etwas nützlich ſein, ſo wäre es eine große Freude für mich, wenn Ihr mich nach Paris ſchicken wolltet, um dem König für die Heirath Eurer königlichen Nichte die Fahnen zu überbringen, welche Ihr in der Lombardei und in den Abruzzen ge⸗ wonnen habt. Mein Glück würde beſonders den höch⸗ ſten Grad erreichen, wenn Ihr durch einen Brief Sei⸗ 42 ner Majeſtät und dem Hof bezeugen wolltet, daß einige von dieſen Fahnen von mir, und zwar nicht ohne Ge⸗ fahr genommen worden find.“ „Nun, das iſt leicht, und mehr noch, es iſt billig,“ ſprach der Herzog von Guiſe.„Ich bedaure es, daß ich mich von Euch trennen ſoll. Doch es wird nicht auf lange Zeit ſein. Bricht der Krieg in Flandern aus, wie Alles zu beweiſen ſcheint, ſo werden wir uns vort wiederſehen, nicht wahr, Gabriel? Euer Platz iſt da, wo man ſich ſchlägt, und deshalb wollt Ihr von hier weggehen, wo man ſich, beim Leibe Chriſti! nur noch langweilt. Doch man wird ſich in den Nieder⸗ landen anders beluſtigen, und es iſt mein Wille, Ga⸗ briel, daß wir uns mit einander vergnügen.“ „Ich werde äußerſt glücklich ſein, Euch zu folgen, gnädigſter Herr.“ 4. „Wann wollt Ihr indeſſen abreiſen, Gabriel, um dem König die Hochzeitsgeſchenke zu überbringen, von denen Ihr geſprochen?“ „Ich glaube, es wäre das Beſte, wenn ich ſobald als möglich aufbrechen würde, da die Heirath am 21. Mai ſtattfindet, wie Euch Monſeigneur der Cardinal von Lothringen meldet.“ „Es iſt wahr. Nun, ſo reiſt morgen, Gabriel, und Ihr werdet nicht zu viel Zeit haben. Ruht aus, mein Freund, ich ſchreibe mittlerweile den Brief, der Euch dem König empfehlen wird, und auch die Antwort an meinen Herrn Bruder, die Ihr zu übernehmen die Güte haben wollt: ſagt ihm mündlich, ich hoffe, die fragliche Angelegenheit beim Papſt zu einem guten Ende zu führen.“ „Vielleicht dürfte meine Gegenwart in Paris dazu beitragen, dieſer Angelegenheit den von Euch gewünſch⸗ ten Ausgang zu geben,“ ſagte Gabriel,„und ſomit würde Euch meine Abweſenheit noch nützen.“ „Stets geheimnißvoll, Vicomte d'Ermès; doch bei Euch gewöhnt man ſich daran. Gott befohlen alſo, „ — 8 „ „—————— 18 iſt on ur r⸗ n im on ald 24. nal nd ein uch üte che azu ſch⸗ mit bei lſo, 43 und gute Nacht, für die letzte, die Ihr bei mir zubringen werdet.“ „Ich werde morgen früh meine Briefe und Euern Segen holen, gnädigſter Herr. Ah! ich laſſe bei Euch meine Leute, die mir bei allen meinen Feldzügen gefolgt ſind, Ihr habt nicht zu viele Arme hier. Ich bitte Euch nur um Erlaubniß, nebſt zwei von ihnen meinen Stall⸗ meiſter Martin⸗Guerre mitnehmen zu dürfen; er wird mir genügen, denn er iſt mir ergeben und ein braver Soldat, der nur vor zwei Dingen Angſt hat, vor ſeiner Frau und vor ſeinem Schatten.“ „Wie ſo?“ fragte der Herzog lachend. „Gnädigſter Herr, Martin⸗Guerre hat ſich auf ſei⸗ ner Reiſe nach Artigues bei Rieur geflüchtet, um ſeiner Frau Bertrande zu entgehen, die er anbetete, aber ſchlug. Schon vor Metz trat er in meinen Dienſt: doch der Teufel oder ſeine Frau erſcheint ihm, um ihn zu quälen oder um ihn zu beſtrafen, von Zeit zu Zeit unter der Form ſeines Soſie. Ja, plötzlich ſieht er an ſeiner Seite einen andern Martin⸗Guerre, ſein lebendiges Ebenbild, ihm ſo ähnlich wie ſein Wiederſchein im Spiegel, und das erſchreckt ihn; doch außerdem ſpottet er der Kugeln und würde eine Redoute allein nehmen. Bei Renty und bei Valenza hat er mir zweimal das Leben ge⸗ 6 rettet.“ „Nehmt alſo dieſen muthigen Feigling mit, Ga⸗ briel, drückt mir noch einmal die Hand, mein Freund, und morgen bei Tagesanbruch ſeid bereit; meine Briefe werden Eurer harren.“ Am andern Tag war Gabriel wirklich frühzeitig bereit, er hatte die Nacht mit Träumen und ohne zu ſchlafen hingebracht. Nachdem er die letzten Inſtrue⸗ tionen eingeholt und vom Herzog von Guiſe Abſchied genommen, reiſte er am 26. April um 6 Uhr Morgens mit Martin⸗Guerre und zweien von ſeinen Leuten nach Rom und von da nach Paris ab. 44 IV. Die Geliebte eines Rönigs. Wir ſind am 21. Mai in Paris im Louvre, in dem Zimmer der Frau Großſeneſchallin von Brézé, Herzo⸗ gin von Valentinois, gemeinhin Diana von Poitiers genannt. Es hat neun Uhr im Glockenthurme des Schloſſes geſchlagen. Ganz weiß gekleidet, in einem äußerſt zierlichen Negligé, neigt ſich halb oder liegt halb Frau Diana auf einem mit ſchwarzem Sammet be⸗ deckten Ruhebett. Schon angekleidet und geſchmückt mit einem prachtvollen Coſtume, ſitzt Heinrich. auf einem Stuhl an ihrer Seite. Betrachten wir ein wenig die Ausſchmückung und die Perſonen. Das Zimmer von Diana von Poitiers erglänzte von allem Lurus, womit der ſchöne Sonnenaufgang der Kunſt, den man die Renaiſſance nennt, das Gemach eines Königs ſchmücken konnte. Die Gemälde, mit dem Namen Primaticciv bezeichnet, ſtellten die verſchie⸗ denen Epiſoden einer Jagd vor, bei der Diana, die Jägerin, die Göttin der Wälder und Forſten, natürlich die Hauptheldin war. Die Medaillons und die vergol⸗ deten und gefärbten Füllungen boten überall die ver⸗ miſchten Wappen von Franz I. und Heinrich II. So vermengten ſich in dem Herzen der ſchönen Diana die Erinnerungen an den Vater und an den Sohn. Die Embleme waren nicht minder geſchichtlich und bezeich⸗ nend, und an zwanzig Stellen machte ſich der Halbmond von Diana Phöbe zwiſchen dem Salamander des Sie⸗ gers von Marignan und dem Bellerophon ſichtbar, der eine Chimäre niederſchlägt, ein Symbol, das Hein⸗ rich II. gewählt hatte, ſeitdem den Engländern Calais wieder abgenommen worden war. Dieſer unbeſtändige Halbmond wechſelte übrigens in tauſend Formen und m 15 es gt — verſchiedenartigen Zuſammenſetzungen, welche der Ein⸗ bildungkraft der Decorateurs jener Zeit alle Ehre mach⸗ ten: hier überragte ihn die königliche Krone; dort bil⸗ deten ihm vier H, vier Lilien und vier Kronen eine glorreiche Ungebung; an einer andern Stelle war er dreifach, und dann wieder geſtirnt. Die Wahlſprüche waren nicht minder zahlreich und meiſtens in lateiniſcher Sprache abgefaßt: Diana regum venatrix. War das eine Unverſchämtheit oder eine Schmeichelei? Donec totum impleat orbem. Doppelte Ueberſetzung: der Halbmond wird Vollmond werden; der Ruhm des Kö⸗ nigs wird das Weltall füllen. Cum plena est, ft aemula solis; freie Ueberſetzung: Schönheit und König⸗ thum ſind Schweſtern. Und die reizenden Arabesken, welche die Embleme und Wahlſprüche umrahmten, und die zierlichen Geräthſchaften, welche ſie wiederholten, dies Alles, wenn wir es beſchreiben wollten, würde einmal die Herrlichkeiten der Jetztzeit zu ſehr demüthi⸗ und dann müßte es durch die Beſchreibung ver⸗ ieren. Werfen wir nun unſere Augen auf den König. Die Geſchichte lehrt uns, daß er groß, geſchmeidig und ſtark war. Er mußte durch eine regelmäßige Diät und durch eine tägliche Uebung eine gewiſſe Neigung zur Beleibtheit bekämpfen, und dennoch that er es bei den Wettrennen den Behendeſten und bei den Kämpfen und Turnieren den Kräftigſten zuvor. Er hatte ſchwarze Haare, ſchwarzen Bart und eine dunkelrothe Geſichts⸗ haut, was ihm, wie die Memoiren ſagen, ein noch be⸗ lebteres Ausſehen verlieh. Er trug an dieſem Tag, wie immer, die Farben der Herzogin von Valentinois: einen Rock von grünem Atlaß mit weißen Schlitzen, beſetzt mit goldenen Flittern und Stickereien; eine Toque mit weißer Feder, ganz funkelnd von Perlen und Dia⸗ mauten; eine goldene Kette mit einer doppelten Reihe von Ringen, woran ein Medaillon von dem Orden des heiligen Michael hing; einen von Benvenuto ciſelirten . ½) Bilbhauer und Baumeiſter unter Franz 1. und Hein⸗ 46 Degen, einen weißen venetianiſchen Spitzenkragen und einen mit goldenen Lilien beſäten Sammetmantel, der an⸗ muthig über ſeine Schultern herabhing. Dieſe Kleidung war von einem ſeltenen Reichthum und der Cavalier von ausgeſuchter Zierlichkeit. Wir haben mit zwei Worten geſagt, daß Diana ein einfaches, weißes Morgengewand von ſeltſamer Durchſichtigkeit und Feinheit trug; ihre göttliche Schön⸗ heit zu ſchildern, wäre minder leicht; man vermöchte nicht zu ſagen, ob das Kiſſen von ſchwarzem Sammet, worauf ſie ihren Kopf ſtützte, oder das glänzend weiße Kleid, das ſie umhüllte, mehr den Schnee und die Lilien ihres Teint hervorhoben. Und dann war es eine Voll⸗ endung zarter Formen, worüber ſelbſt Jean Goujon*) in Verzweiflung gerieth. Es gibt keine tadelloſere an⸗ tike Statue, und die Statue war lebendig, und ſehr lebendig, wie man ſagt. Was die über ihre reizenden Glieder verbreitete Anmuth betrifft, ſo darf man es nicht verſuchen, darüber zu ſprechen. Das läßt ſich eben ſo wenig darſtellen, als ein Sonnenſtrahl. Ein Alter hatte ſie nicht, ſie war in dieſem Punkte, wie in ſo vielen andern, den Unſterblichen ähnlich; nur erſchie⸗ nen die Friſcheſten und Jüngſten neben ihr alt und run⸗ zelig. Die Proteſtanten ſprachen von Liebestränken und geheimen Mitteln, mit deren Hülfe ſie ſtets ſechzehnjäh⸗ rig bleibe. Die Katholiken ſagten nur, ſie nehme alle Tage ein kaltes Bad und waſche ſich das Geſicht ſogar im Winter mit Eiswaſſer. Man hat die Recepte von Diana aufbewahrt, doch wenn es wahr iſt, daß die Diana mit dem Hirſch von Jean Goujon nach dieſem königlichen Modell gebildet wurde, ſo hat man ihre Schönheit nicht wiedergefunden. rich U., der franzöſiſche Phidias genannt, wurde in der Bartholomänsngcht 1562 als Hugenott ermordet. nd m⸗ ng ier na ner ön⸗ hte let, iße ien l⸗ an⸗ ehr den es ſich Fin in ie⸗ un⸗ und äh⸗ alle gar von die ſem hre ein⸗ in det. 47 Sie war alſo würdig der Liebe zweier Könige, welche ſie hinter einander blendete. Denn wenn die Ge⸗ ſchichte der durch ihre ſchönen braunen Augen erlangten Begnadigung des Grafen von Saint-Vallier*) auch avokryphiſch iſt, ſo iſt doch bewieſen, daß Diana die Geliebte von Franz war, ehe ſie die von Heinrich wurde. Man ſagt, berichtet le Laboureur, als König Franz, der zuerſt Diana von Poitiers geliebt hatte, ihr eines Tags nach dem Tode des Dauphin Franz, ſeines Soh⸗ nes, ſein Mißvergnügen über den geringen Grad von Lebhaftigkeit, den er in dem Prinzen Heinrich ſehe, aus⸗ drückte, habe ſie ihm geantwortet, der Prinz müſſe ſich verlieben, und ſie wolle ihn zu ihrem Liebhaber machen. Was die Frau will, will Gott, und Diana war zweiundzwanzig Jahre lang die Geliebte und zwar die einzige Geliebte von Heinrich. Doch nachdem wir den König und die Favoritin angeſchaut haben, iſt es wohl Zeit, ſie zu hören. Heinrich hielt ein Pergament in der Hand und las laut nachfolgende Verſe, jevoch nicht ohne einige Unter⸗ brechungen, die wir hier nicht wiederholen können: Lippe ſüß und rund, Kirſchenrother Mund, Duftend wie die Roſen, Wenn ſie Götter koſen, Lieblich, wie das Veilchen blüht, Feurig, wie die Sonne glüht, Strahlend, wie auf grüner Au Perlenglanz im Morgenthau; Diana von Pvoitiers ſoll durch einen Fußfall bei Franz 1. die Begnadigung ih G von Saint Vallier, erlang urtheilt war, weil er di Bourhon begünſtigt hatt 48 Kuſſe mich, mein Herz, mein Leben, Göttertrank von Zauberreben, Holde Freundin, küſſe mich. Liebesrauſch durchtaumle Dich, Und die Seel' entfeßle ſich, Lipp' an Lippe wonniglich, Bis erſtarrt ich niederſinke, Matten Auges Dir noch winke! Seligkeit, wie groß, wie groß! Erdenbande, reißet los, Wenn Dein Mündchen heißdurchglüht Himmelsfeuerfunken ſprüht. Darum, ſchmucke Kriegerin, Meines Herzens Königin, 65 Wandeln wollen wir fortan Treu vermählt der Jugend Bahn, Hingeriſſen fort und fort, Bis zum letzten Ruheport; Bis als Greiſe tief gebückt, Uns der Jahre Laſt erdrückt. Wenn auch Wogen uns umtoſen, Jetzt erhöh'n, dann niederſtoßen, Sollen Mund an Mund noch koſen, Bis der Arm vom Arme ſinkt, Eine Welle uns verſchlingt. „Und wie heißt der edle Dichter, der ſo gut aus⸗ ſpricht, was wir thun 2“ fragte Heinrich, als er geen⸗ det hatte. 3„Er heißt Remy Belleau, Sire, und verſpricht, wie ich glaube, ein Rebenbuhler von Ronſard zu werden. Nun,“ fuht die Herzogin fort,„ſchätzt Ihr, wie ich, zu Fſtunt Thalern dieſe verliebte Poeſie?“ Diana.“ Doch, man da Sire. Habt Ihr di 6 alb die Alten nicht vergeſſen n unterzeichnet, die ich in Schützling ſie haben, meine ſchone us⸗ een⸗ icht, den. „zu höne ſſen, in 49 Eurem Namen Ronſard, dem Fürſten der Dichter, ver⸗ ſprochen? Ja, nicht wahr? Ich habe alſo von Euch nur noch die erledigte Abtei Recouls für Euren Biblio⸗ thekar Mellin von Saint⸗Gelais, unſern franzöſiſchen Ovid, zu verlangen.“ „Ovid ſoll Abt werden, mein edler Mären,“ ſagte der König „Ach! wie glücklich ſeid Ihr, Sire, daß Ihr nach Eurem Wohlgefallen über ſo viele Pfründen und Stel⸗ len verfügen könnt! Wenn ich Eure Macht nur eine Stunde lang hätte!“ „Haſt Du ſie nicht immer, Undankbare?“ „Wahrhaftig, mein König? Doch nun habe ich ſeit wenigſtens zwei Minuten keinen Kuß mehr von Euch bekommen! ſo iſt es gut!.. ſagtet Ihr nicht, Eure Macht gehöre ſtets mir? Verſucht mich nicht, Sire! ich ſage Euch zum Voraus, ich würde ſie benützen, um die große Schuld abzutragen, welche Phi⸗ libert Delorme unter dem Vorwande, mein Schloß Anet ſei beendigt, von mir fordert. Das wird die Ehre Furer Regierung ſein, Sire; doch, wie theuer das iſt. einen Kuß, Heinrich.“ „Und für dieſen Kuß, Diana, nimm für Deinen Philibert Delorme die Summen, welche der Verkauf des Gouvernement der Picardie eintragen wird.“ „Sire, verkaufe ich meine Küſſe? Ich ſchenke ſie Dir, Heinrich.. Das Gouvernement der Picardie iſt, glaube ich, zweimal hundert tauſend Livres werth? Oh! gut, dann kann ich das Collier von Perlen neh⸗ men, das man mir angeboten, und mit dem ich mich gar zu gern heute an dem Hochzeitsfeſte Eures vielge⸗ liebten Sohnes Franz geſchmückt hätte. Hundert tau⸗ ſend Livres für Philibert, hundert tauſend Livres für das Halsgeſchmeide, das Gouvernement der Pieardie wird drauf gehen.“ Die beiden Dianen. 1. n Dian— 4 50 „Um ſo mehr, als Du es gerade um bvie Hälfte über ſeinem Werthe anſchlägſt, Diana.“ „Wiel! iſt es nur hundert tauſend Livres werth? Nun! das iſt ganz einfach, dann verzichte ich auf das Halsgeſchmeide.“ „Bah!“ verſetzte der König lachend,„wir haben irgendwo drei oder vier erledigte Compagnien, welche das Collier bezahlen können.“ „Oh! Sire, Ihr ſeid der Großmüthigſte der Kö⸗ nige, wie Ihr der Geliebteſte der Liebenden ſeid.“ „Ja, Du liebſt mich wahrhaftig, wie ich Dich liebe, nicht wahr, Diana?“ „Er fragt noch!“ „Siehſt Du, ich bete Dich immer mehr an, denn Du biſt immer ſchöner. Ah! welch ein ſüßes Lächeln haſt Du, o Holde! Ah! wie iſt Dein Blick ſo reizend! Laß mich, o laß mich zu Deinen Füßen. Lege Deine weißen Hände auf meine Schultern. Wie ſchön biſt Du, Diana! Diana, wie liebe ich Dich! Ich könnte Dich ſo Stunden, Jahre lang betrachten; ich würde darüber Frankreich, ich würde die Welt vergeſſen.“ „Und ſogar die feierliche Hochzeit Seiner Hoheit des Dauphin,“ ſprach Diana lachend,„und ſie findet doch heute in zwei Stunden ſtatt. Und wenn Ihr ſchon bereit und herrlich ſeid, Sire, ſo bin ich noch gar nicht bereit. Geht, mein König, es iſt, glaube ich, Zeit, daß ich meine Frauen rufe. Sogleich wird es zehn Uhr ſchlagen.“ „Zehn Uhr!“ verſetzte Heinrich,„ich habe in der 5 That ein Rendezvvus für dieſe Stunde.“ „Ein Rendezvvus, Sire? mit einer Frau vielleicht!“ „Mit einer Frau.“ „Und hübſch ohne Zweifel?“ „Ja, Diana, ſehr hübſch.“ „Dann iſt es nicht die Königin.“ „Boshafte! Catharina von Medicis hatte ihre Schön⸗ heit, eine ſtrenge, kalte, aber eine wirkliche Schönheit. Doch ich erwarte nicht die Königin. Du erräthſt nicht, wen?“ 1 — M—— — 2— — 51 te„In der That, nein, Sire.“ „Es iſt eine andere Diana, es iſt die lebenbige 2 Erinnerung an unſere junge Liebe, es iſt unſere Toch⸗ 8 ter, unſere geliebte Tochter.“ „Ihr wiederholt es zu laut und zu oft, Sire,“ n entgegnete Diana, die Stirne faltend und mit verlege⸗ he nem Tone.„Es war unter uns verabredet, daß Frau von Caſtro für die Tochter von einer Andern, als von mir, ⸗ gelten ſollte. Ich war geboren, um geſetzliche Kinder von Euch zu haben, ich bin Eure Geliebte geweſen, ch weil ich Euch liebte; doch ich werde es nicht dulden, daß Ihr mich öffentlich für Eure Concubine erklärt.“ „Es ſoll geſchehen, wie Dein Stolz es wünſcht, in„ Diana,“ ſprach der König;„Du liebſt jedoch unſer Kind ln ſehr, nicht wahr?“ di„Ich liebe es, von Euch geliebt zu werden.“ ne„Oh! ja, Vielgeliebte ſie iſt ſo reizend, ſo iſt geiſtreich und ſo gut, und dann erinnert ſie mich an te meine Jugendjahre und an die Zeit, wo ich Dich liebte, de Diana„ oh! nicht tiefer, als heute, aber wo ich Dich bis zum Verbrechen liebte.“ eit Der König verſank plötzlich in eine düſtere Träu⸗ et merei, dann erhob er wieder das Haupt und ſprach: on„Dieſer Montgommery! nicht wahr, Ihr liebtet ht ihn nicht, Diana?“ aß„Welche Frage!“ entgegnete die Favoritin mit . einem Lächeln der Verachtung,„nach zwanzig Jahren er noch dieſe Eiferſucht!“ „Ja, ich war eiferſüchtig, ich bin es, ich werde es 14 ſtets bei Dir ſein, Diana. Pu liebteſt ihn nicht, doch er liebte Dich, der Elende, er wagte es, Dich zu lieben!“ „Mein Gott, Sire, Ihr habt ſtets den Verleum⸗ dungen, mit denen dieſe Proteſtanten mich verfolgen, zu viel Glauben geſchenkt. Das geziemt ſich nicht fuͤr einen katholiſchen König. Doch hätte mich dieſer Menſch auch geliebt, was iſt am Ende daran gelegen, wenn 2* mein Herz nicht einen Augenblick aufgehört hat, Euch ſ — zu gehören? Und überdies iſt der Graf von Mont⸗ gommery ſeit langer Zeit todt.“ „Ja, todt!“ ſprach der König mit dumpfem Tone. „Trüben wir nicht durch ſolche Erinnerungen einen Tag, der ein Feſttag ſein ſoll,“ verſetzte Diana.„Sprecht, habt Ihr Franz und Marie ſchon geſehen? Sind ſie immer noch ſo verliebt, dieſe Kinder? Ihre große Un⸗ geduld wird nun bald geſtillt ſein. In zwei Stunden ge⸗ hören ſie einander, ſie werden ſich ſehr freudig, ſehr glück⸗ lich fühlen; doch nicht ſo freudig, als die Guiſen, deren Wünſche durch dieſe Verbindung erfüllt werden.“ „Ja, doch wer iſt wüthend?“ verſetzte der König; „mein alter Montmoreney; und der Connetable hat um ſo mehr Recht, wüthend zu ſein, als unſere Diana, wie ich befürchte, ſeinem Sohne nicht zufallen wird.“ „Aber, Sire, verſpracht Ihr ihm nicht dieſe Hei⸗ rath als Entſchädigung?“ „Sicherlich, doch es ſcheint, Frau von Caſtro hat einen Widerwillen „Ein Kind von achtzehn Jahren, das kaum erſt aus dem Kloſter kommt! Welchen Widerwillen kann ſie haben?“ 2 „Um es mir anzuvertrauen, ſoll ſie mich zu dieſer Stunde in meinen Gemächern erwarten.“ „Geht zu ihr, Sire; ich will mich ſchön machen, um Euch zu gefallen.“ „Und nach der Feierlichkeit ſehe ich Euch wießer beim Carrouſel; ich werde auch heute zu Eurer Ehre Lanzen brechen, und will Euch zur Königin des Tur⸗ nieres machen.“ „Zur Königin, und die Andere?“ „Es gibt nur Eine, Diana, Du weißt es wohl. Auf Wiederſehen.“ „Auf Wiederſehen, Sire; vor Allem aber keine unkluge Verwegenheit bei dieſem Tournier, Ihr macht mir zuweilen bange.“ „Es iſt keine Gefahr dabei; ach! ich wollte es 1 Franz die Hand Eurer Tochter 53 wäre Gefahr vorhanden, damit ich mehr Verdienſt in Deinen Augen hätte. Doch die Stunde vergeht und meine zwei Dianen werden ungeduldig. Sage mir doch noch einmal, daß Du mich liebſt.“ „Sire, wie ich Euch ſtets geliebt habe, wie ich Euch immer lieben werde.“ Ehe der König den Thürvorhang hinter ſich fallen ließ, ſandte er ſeiner Geliebten mit der Hand einen letzten Kuß zu und ſprach: „Gott befohlen! meine liebende, meine vielgeliebte iana.“ Und er entfernte ſich. Da öffnete ſich eine durch eine Tapete verborgene geheime Füllung in der entgegengeſetzten Wand. „Bei Gottes Tod! habt Ihr heute genug ge⸗ ſchwatzt!“ ſprach mit barſchem Tone der eintretende Connetable von Montmorench. „Mein Freund,“ erwiederte Diana, welche aufge⸗ ſtanden war.„Ihr habt geſehen, daß ich vor zehn Uhr, alſo vor der Stunde, zu der ich Euch zu mir beſchieden, Alles gethan habe, um ihn wegzuſchicken. Ich litt ebenſo ſehr als Ihr, das dürft Ihr mir glauben.“ „Eben ſo ſehr als ich, nein, Gottes Oſtern! bildet Ihr Euch etwa ein, Euer Geſpräch ſei erbaulich und beluſtigend geweſen? Und was bedeutet denn vor llem der wunderliche Einfall, daß meinem Sohne Diana verweigert wer⸗ den ſoll, nachdem ſie ihm feierlich zugeſagt war? Bei der Dornenkrone! ſollte man nicht glauben, dieſer Ba⸗ ſtard erweiſe dem Hauſe Montmorench dadurch, daß er in dasſelbe eintrete, große Ehre! Die Heirath muß ſiattſinden, hört Ihr Diana, Ihr werdet das einzurich⸗ ten wiſſen. Es iſt das einzige Mittel, durch welches ein wenig das Gleichgewicht zwiſchen uns und dieſen Guiſen hergeſtellt wird, die der Teufel erdroſſeln möge⸗ Trotz dem König, dem Papſt und der ganzen Welt, iſt es mein Wille, daß dies geſchehe, Diana. „Aber, mein Freund.. 8 „Ah!“ rief der Connetable,„wenn ich Euch ſage, daß ich es will, Pater noster!...* „Es wird alſo geſchehen, mein Freund,“ ſprach Diana haſtig und erſchrocken. V. Das Gemach der Rinder von Frankreich. Als der König in ſeine Wohnung zurückkehrte, fand er ſeine Tochter nicht. Der Huiſſier vom Dienſte mel⸗ dete ihm, Frau Diana ſei, nachdem ſie lange Zeit ge⸗ wartet, in die Wohnung der Kinder von Frankreich gegangen und habe gebeten, ſie zu benachrichtigen, ſo⸗ bald Seine Majeſtät zurückgefehrt wäre. „Es iſt gut,“ ſprach Heinrich,„ich will ſie ſelbſt vort aufſuchen. Man laſſe mich, ich will allein gehen.“ Er durchſchritt einen großen Saal, dann einen langen Gang, öffnete ſachte eine Thüre und blieb ſtehen, um hinter dem Vorhange durchzuſchauen. Das Ge⸗ ſchrei und das Gelächter der Kinder hatten das Ge⸗ räuſch ſeiner Schritte bedeckt und er konnte, ohne ge⸗ ſehen zu werden, das reizendſte, anmuthigſte Gemälde betrachten. Am Fenſter ſtand Maria Stuart, die junge bezau⸗ bernde Braut, ſie hatte um ſich her Diana von Caſtro. Eliſabeth und Margarethe von Frankreich, alle drei eifrig plaudernd und beſchäftigt, eine Falte an ihrem Kleide zu tilgen, eine in Unordnung gebrachte Locke * d l⸗ e 55⁵ ihres Kopfputzes zurecht zu richten, und ihrer friſchen Toilette jene letzte Vollendung zu geben, welche nur die Frauen allein zu geben wiſſen; am andern Ende des Zimmers drückten die Brüder Carl, Heinrich, und der jüngſte, Franz, ſchreiend und in die Wette lachend, aus Leibeskräften an eine Thüre, welche vergebens der Dauphin Franz, der junge Bräutigam, dem die Schelme bis zur letzten Minute den Anblick ſeiner Frau ver⸗ weigern wollten, aufzuſtoßen ſuchte. Jacques Amyot, der Hofmeiſter der Prinzen, ſprach in einer Ecke ernſt mit Frau von Coni und Lady Lennox, den Gouvernanten der Prinzeſſin. Es waren auch in dem Raume, der mit einem Blicke die ganze Geſchichte der Zukunft umfaſſen läßt, viel Unglück, viele Leidenſchaften, viel Ruhm vereinigt. Der Dauphin, der ſich Franz I. nannte, Eliſabeth, welche Philipp II. heirathete und Königin von Spanien wurde, Carl, der Carl IX. wurde, Heinrich, der Heinrich III. wurde, Margarethe von Valvis, welche Königin und Frau von Heinrich W. wurde, Franz⸗ der Herzog von Alengon, von Anjou und von Brabant wurde, und Maria Stuart, welche zweimal Königin war und als Märtyrin ſtarb. Der berühmte Ueberſetzer des Plutarch verfolgte mit einem ſchwermüthigen und zugleich tiefen Auge die Spiele dieſer Kinder und die zukünftigen Geſchicke von Frankreich. „Nein, nein, Franz darf nicht herein,“ rief mit einer gewiſſen Heftigkeit der wilde Carl Marimilian, der ſpäter den Befehl zur Bartholomän Und unterſtützt von ſeinen B ihm, den Riegel vorzuſchieben und dem armen Dau⸗ phin Franz den Eintritt völlig unmöglich zu machen; zu ſchwach, den Sieg auch nur über drei Kinder da⸗ von zu tragen, konnte dieſer nichts thun, als ſtampfen und von außen flehen. „Der liebe Franz! wie ſie ihn plagen,“ ſagte Maria zu ihren Schwägerinnen. „Haltet Euch doch rühig, Frau Dauphine, daß ich wenigſtens dieſe Nadel befeſtigen kann,“ ſprach lachend die kleine Margarethe;„was für eine ſchöne Erfindung iſt es doch um die Nadeln, und wie ſehr verdient der, welcher ſie im vorigen Jahr erſonnen hat, ein großer Mann zu ſein!“ fügte ſie bei. „Und wenn die Nadel geſteckt iſt,“ ſagte die zarte Eliſabeth,„ſo will ich dem armen Franz trotz dieſer böſen Geiſter öffnen, denn ich leide dadurch, daß ich ihn leiden ſehe.“ „Ah! Du begreifſt das, Eliſabeth,“ verſetzte ſeuf⸗ zend Maria Stuart,„und Du denkſt an Deinen edlen Spanier Don Carlos, den Sohn des Königs von Spanien, der uns in Saint⸗Germain ſo ſehr gehuldigt und ſo ſehr beluſtigt hat.“ „Sieh da!“ rief boshafter Weiſe und in die Hände klatſchend die kleine Margarethe,„Eliſabeth erröthet es iſt nicht zu leugnen, er war muthig und ſchön, ihr Caſtilianer.“ „Stille doch!“ vermittelte Diana von Caſtro, die älteſte Schweſter,„es iſt nicht gut, Margarethe, wenn ſich Schweſtern unter einander ſo verſpotten.“ Es konnte in der That nichts Reizenderes geben, als den Anblick dieſer vier verſchiedenartigen und ſo vollkommenen Schönheiten, dieſer Blüthenknospen! Diana ganz Reinheit und Sanftmuth; Eliſabeth Ernſt und Zärtlichkeit; Maria Stuart herausforderndes Schmachten; Margarethe funkelnde Unbeſonnenheit. Bewegt und entzückt, konnte Heinrich ſeine Augen nicht von dieſem reizenden Schauſpiel abwenden. Er mußte ſich jedoch entſchließen, einzutreten. „Der König!“ rief man einſtimmig. Ale erhoben ſich und liefen auf den König und Vater zu, nur Maria Stuart blieb ein wenig zurück und zog ſachte den Riegel, der Franz gefangen hielt. — S—„—— 8—8„ — 6 S 57 Der Dauphin trat raſch ein, und die junge Familie fand ſich nun vollzählig. „Guten Morgen, meine Kinder,“ ſprach der König, „ich bin ſehr zufrieden, Euch ſo in Geſundheit und Freude zu ſinden. Man hielt Dich alſo außen, Franz, mein armer Verliebter? Doch Du wirſt nun Zeit ha⸗ ben, Deine niedliche Braut oft und immer zu ſehen. Ihr liebt Euch ſehr, meine Kinder?“ „Oh ja, Sire, ich liebe Maria!“ Und der leidenſchaftliche Jüngling drückte einen glühenden Kuß auf die Hand derjenigen, welche ſeine Frau werden ſollte. „Hoheit,“ ſprach raſch und ernſt Lady Lennor, „man küßt nicht ſo öffentlich die Hand von Damen, beſonders nicht in Gegenwart Seiner Majeſtät. Was wird ſie von Madame Maria und ihrer Gouvernante denken?“ „Gehört dieſe Hand nicht mir?“ ſagte der Dauphin. „Noch nicht, Hoheit, und ich gedenke meine Pflicht bis zum Ende zu erfüllen,“ ſprach die Duenna. „Sei ruhig,“ flüſterte Maria ihrem Bräutigam zu, der ſchon ſchmollte,„ſei ruhig, wenn ſie es nicht ſieht, gebe ich ſie Dir wieder.“ Der König lachte unter ſeinem Bart. „Ihr ſeid ſehr ſtreng, Mylady; doch Ihr habt Recht,“ fügte er ſich verbeſſernd bei.„Und Ihr, Meſ⸗ ſire Amyot, Ihr ſeid hoffentlich mit Euren Zöglingen nicht unzufrieden? Hört wohl auf Euren gelehrten Hofmeiſter, meine Herren, er lebt in vertraukem Uma gang mit den großen Helden des Meſſire Amyot, habt Ihr ſchon lange keine Machricht mehr von Pierre Danoy, dem Lehrer von uns Beiden, und von Henri Etienne, unſerem Mitſchüler, erhalten?“ „Dem Greiſe und dem jungen Manne geht es gut, Sire, und ſie werden ſtolz ſein, daß Eure Maje⸗ ſtät gnädigſt eine Erinnerung für ſie bewahrt hat.“ „Meine Kinder,“ ſprach der König,„ich wollte 3 Euch vor der Ceremonie ſehen und bin froh, daß ich Guch geſehen habe. Diana ich gehöre nun ganz Euch, 1 folgt mir.“ Diana machte eine tiefe Verbeugung und ſchickte ſich an, dem König zu folgen.£ —— VI. Diana von Caſtro. Diana von Caſtro, die wir als Kind geſehen, zählte nun ungefähr achtzehn Jahre; ihre Schönheit hatte alle ihre Verſprechungen gehalten und ſich auf eine zugleich regelmäßige und reizende Weiſe entwickelt; der eigen⸗ thuͤmliche Ausdruck ihres ſanften und zarten Geſichtes war eine jungfräuliche Reinheit. Diana von Caſtro war dem Charakter und dem Geiſte nach das Kind ge⸗ blieben, das wir kennen. Sie war noch nicht dreizehn Jahre alt, als der Herzog von Caſtro, den ſie ſeit ihrem Hochzeitstage nicht mehr geſehen, bei der Belagerung von Hesdin getödtet wurde. Der König ſchickte das verwitwete Kind, um das Trauerjahr daſelbſt zuzu⸗ bringen, nach dem Kloſter der Töchter Gottes in Paris, und Diana fand hier ſo theure Neigungen und ſo füße ite ſie ihren Vater um Erlaubniß bat, bei den gute onnen und ihren Gefährtinnen bleiben zu dürfen, bis es ihm gefiele, abermals über ſie zu ver⸗ fügen. Man konnte ein ſo frommes Vorhaben nur achten, und Heinrich hatte Diana erſt vor einem nat aus dem Kloſter treten laſſen, ſeitdem der Connetab von Montmorench, eiferſüchtig auf das Anſehen, da die Guiſen in der Regierung gewonnen, für ſein 59 Sohn die Hand der Tochter des Königs und der Fa⸗ voritin nachgeſucht und erhalten hatte. Während dieſes Monats, den ſie am Hofe zu⸗ brachte, wußte ſich Diana die Ehrfurcht und die Be⸗ wunderung Aller zu erwerben:„Denn,“ ſagt Brantome im Buch der berühmten Damen,„denn ſie war ſehr gut, und bereitete Niemand ein Mißvergnügen, ſie hatte ein großes und erhabenes Herz und eine edle, weiſe, tugend⸗ hafte Seele.“ Doch dieſe Tugend, die ſich ſo rein und liebenswürdig mitten aus der allgemeinen Verdorben⸗ heit der Zeit hervorhob, war durchaus nicht mit Strenge und Härte gemiſcht. Als eines Tags ein Mann vor Diana ſagte, eine Tochter von Frankreich müſſe muthig ſein, und ihre Schüchternheit habe zu ſehr den Ge⸗ ſchmack einer Nonne, da lernte ſie in wenigen Tagen reiten, und es gab bald keinen Cavalier, der ihr an Kühnheit und Zierlichkeit gleichtam. Sie begleitete von nun an den König auf die Jagd, und Heinrich ließ ſich immer mehr von dieſer Freundlichkeit einnehmen, welche ohne ein abſichtliches Beſtreben die geringſte Gelegenheit ſuchte, um ihm zuvorzukommen und zu ge⸗ fallen. Diana hatte auch das Vorrecht, zu jeder Stunde bei ihrem Vater einzutreten, und ſie war ſtets willkommen. Ihre rührende Anmuth, ihr keuſches We⸗ ſen, der Duft der Jungfräulichkeit und Unſchuld, den man um ſie her einathmete, Alles bis auf ihr ein wenig trauriges Lächeln, machte aus ihr vielleicht die herrlichſte und reizendſte Erſcheinung dieſes Hofes, der doch aus ſo vielen blendenden Schönheiten beſtand. „Nun!“ ſagte Heinrich,„ich höre Euch, mein Lieb⸗ ling. Es ſchlägt eben eilf Uhr. Die ochzeitsceremonie in Saint⸗Germain'Auxerrvis findet erſt um Mittag ſtalt. Ich habe Euch alſo eine ganze halbe Stunde zu geben warum bleibt mir nicht mehr? Die Au⸗ enblicke, die ich bei Euch zubringe, ſind die guten meines Lebens.“* „Sire, wie nachſichtig und väterlich ſeid Ihr.“ 60 „Nein, ſondern ich liebe Euch, mein zärtliches Kind, und möchte von Herzen gern etwas thun, was Euch geſiele, unter der Bedingung, daß ich dadurch nicht den ernſten Intereſſen ſchaden würde, welche ein König immerhin vor jeder Zuneigung im Auge halten muß. Und hört, Diana, um Euch einen Beweis zu geben, will ich Euch vor Allem den Erfolg der zwei Geſuche nennen, die Ihr an mich gerichtet habt. Die gute Schweſter Monica, die Euch ſo ſehr geliebt und in Eurem Kloſter der Töchter Gottes gepflegt hat, iſt auf Eure Empfehlung zur Aebtiſſin des Kloſters Origny in Saint⸗Quentin ernannt worden.“ „Ohl wie dank' ich Euch, Sire!“ „Was den braven Antvine, Euren Lieblingsdiener in Vimoutiers betrifft, ſo erhält er ſein ganzes Leben lang eine Penſion aus unſerem Staatsſchatz. Ich be⸗ daure ſehr, Diana, daß der gute Enguerrand nicht mehr lebt, wir hätten gern unſere Dankbarkeit dieſem würdigen Stallmeiſter bewieſen, der unſere theure Toch⸗ ter Diana ſo glücklich erzog. Doch Ihr habt ihn, glaube ich, im vorigen Jahr verloren und er hinterläßt nicht einmal einen Erben.“ „Sire, das iſt wahrhaftig zu viel Großmuth und e.“ „Hier ſind auch die Patente, welche Euch den Titel einer Herzogin von Angouléme verleihen, und das iſt noch nicht der vierte Theil von dem, was ich für Euch zu thun wünſchte. Denn ich ſehe Euch zu⸗ weilen tränmeriſch und traurig, und ich beeilte mich deshalb, mit Euch zu ſprechen, von dem Verlangen be⸗ ſeelt, Euch zu tröſten oder Cure Leiden zu heilen. Redet, mein Kind, ſeid Ihr denn nicht glücklich?“ „Ah! Sire,“ erwiederte Diana,„warum ſollte ich 4 es nicht ſein, umgeben von Eurer Liebe und Euren Wohlthaten? Ich verlange nur Eines: daß die freudenvolle Gegenwart ſich fortſetze. Die Zukunft, ſo ——— 0)8„——— c— —„—— es as in en zu ei ie iſt ny ter en 60— ſchön und glorreich ſie auch ſein dürfte, vermöchte nie dafür zu entſchädigen.“ „Diana,“ ſprach Heinrich mit ernſtem Tone,„Ihr wißt, daß ich Euch vom Kloſter zurückberufen habe, um Euch Franz von Montmorency zu geben. Es iſt eine große Partie, Diana, und dennoch ſcheint Euch dieſe Heirath, die, ich verberge es Euch nicht, auf eine er⸗ ſprießliche Weiſe die Intereſſen meiner Krone unterſtützt hätte, zu widerſtreben. Ihr ſeid mir wenigſtens die Gründe dieſer Weigerung ſchuldig, die mich betrübt, Diana.“ „Ich werde ſie Euch auch nicht verbergen, mein Vater. Vor Allem,“ ſagte Diana mit einer gewiſſen Verlegenheit,„vor Allem hat man mich verſichert, Franz von Montmoreney wäre ſchon heimlich mit Fräu⸗ lein von Fiennes, einer der Damen der Königin, ver⸗ heirathet.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte der König,„doch dieſe ohne die Einwilligung des Connetable und ohne die meinige heimlich geſchloſſene Ehe iſt null und nichtig, und wenn der Papſt die Scheidung ausſpricht, ſo dürft Ihr Euch nicht anſpruchsvoller zeigen, als Seine Hei⸗ ligkeit! Iſt dies Euer Grund 2 „Ich habe noch einer andern, mein Vater.“ „Welchen, laßt hören; wie kann eine Verbindung, welche die edelſten und reichſten Erbinnen von Frank⸗ reich ehren würde, Euch zum Unglück gereichen?“ „Nun wohl! mein Vater, weil... weil ich Einen liebe,“ ſagte Diana, indem ſie ſich weinend und ganz verwirrt in die Arme des Königs warf. „Ihr liebt, Diana?“ verſetzte Heinrich erſtaunt, „und wie heißt derjenige, welchen Ihr liebt?“ „Gabriel, Sire!“ „Gabriel von was?“ fragte der König lächelnd. „Ich weiß es nicht, mein Vater.“ „Wie dies, Diana? In des Himmels Namen er⸗ klärt Fuch.“ 62 „Sire, ich will Euch Alles ſagen. Es iſt eine Liebe aus der Kindheit. Ich ſah Gabriel alle Tage. Er war ſo gefällig, ſo brav, ſo ſchön, ſo gelehrt, ſo zärtlich! er nannte mich ſeine kleine Frau. Ah! Sire, lacht nicht, ee war eine ernſte, fromme Zuneigung, die erſte, die ſich in mein Herz eingegraben hat; andere mögen hinzukommen, doch keine wird ſie vertilgen. Und den⸗ noch habe ich mich an den Herzog Farneſe verheirathen laſſen, Sire, doch ich wußte nicht, was ich that, man zwang mich, und ich gehorchte wie ein kleines Mäd⸗ chen. Seitdem habe ich geſehen, habe ich gelebt, ich habe begriffen, welches Verrathes ich mich gegen Ga⸗ briel ſchuldig gemacht! Armer Gabriel! als er mich verließ, weinte er nicht, doch welch ein Schmerz in ſeinem tiefen Blick! Alles dies kehrte mit den golde⸗ nen Erinnerungen meiner Kindheit während der einſa⸗ men Jahre, die ich im Kloſter zubrachte. zu mir zurück. So habe ich zweimal die in der Nähe von Gabriel verlaufenen Tage durchlebt: in der That und im Geiſt, in der Wirklichkeit und im Traum. Und hierher an den Hof zurückgekehrt, Sire, unter dieſen vollendeten Edelleu⸗ ten, welche gleichſam eine zweite Krone für Euch bilden, habe ich nicht Einen geſehen, der mit Gabriel in die Schranken zu treten vermöchte, und Franz, der unter⸗ würfige Sohn des hochmüthigen Connetable, wird mich nie den ſanften und ſtolzen Gefährten meiner Kindheit vergeſſen laſſen. Nun, da ich meine Handlungen und ihr Gewicht begreife, mein Vater, werde ich auch, ſo lange Ihr mir die Freiheit gönnt, Gabriel treu bleiben.“ „Haſt Du ihn denn, ſeitdem Du Vimoutiers ver⸗ laſſen, wiedergeſehen, Diana?“ ch! nein, mein Vater.“* „Doch Du haſt wenigſtens Nachricht von ihm?“ „Eben ſo wenig. Ich habe nur durch Enguerrand erfahren, daß er nach meiner Abreiſe jene Gegend ver⸗ laſſen; zu Aloyſe, ſeiner Amme, hatte er geſagt, ſie würde ihn nur ruhmgekrönt und gefürchtet wiederſehen, — n ſ t 6 7 eine ge. ſo ire, die gen en⸗ hen an äd⸗ a⸗ ich in de⸗ ick. riel den eu⸗ en, die er⸗ ich eit ind n.“ er⸗ 63 und ſie brauchte nicht um ihn beſorgt zu ſein. Hienach ſchied er, Sire.“ „Ohne daß ſeine Familie ſeitdem von ihm ſpre⸗ chen hörte?“ fragte der König. „Seine Familie?“ wiederholte Diana.„Ich kannte keine andere Familie von ihm, als Aloyſe, mein Vater, und nie habe ich ſeine Verwandten geſehen, wenn ich ihn mit Enguerrand in Montgommery beſuchte.“ „In Montgommery!“ rief Heinrich erbleichend. „Diana! Diana! es iſt hoffentlich kein Montgommery! ſage mir geſchwinde, daß es kein Montgommery iſt.“ „Oh! nein, Sire; ſonſte müßte er, wie mir ſcheint, das Schloß bewohnt haben, und er wohnte im Hauſe von Aloyſe, ſeiner Amme. Doch was haben Euch die Grafen von Montgommery gethan, daß Ihr dergeſtalt in Bewegung gerathet, Sire? Sollten Sie Eure Feinde ſein? Man ſpricht im Lande nur mit Ehrfurcht von ihnen.“ „Ah! wahrhaftig,“ ſagte der König mit einem Lachen der Verachtung,„ſie haben mir nichts gethan, gar nichts, Diana! was ſoll auch ein Montgommery einem Valois thun? Kehren wir zu Deinem Gabriel zurück nicht wahr, Gabriel nannteſt Du ihn?“ „Ja.“ „Und er hatte keinen andern Namen?“ „Nicht daß ich wüßte, Sire; er war eine Waiſe, wie ich, und nie hat man in meiner Gegenwart von ſeinem Vater geſprochen.“ „Und Ihr habt keine andere Einwendung gegen die zwiſchen Euch und Montmorency beabſichtigte Ver⸗ bindung zu machen, als Eure alte Zuneigung für die⸗ ſen jungen Menſchen? keine andere, nicht wahr?“ *„Dies genügt für die Religion meines Herzens, Sire „Sehr gut, Diana, und ich würde es vielleicht nicht verſuchen, Eure Bedenklichkeiten zu beſiegen, wenn Euer reund hier wäre, damit man ihn kennen lernen und würdigen könnte, und obwohl er, wie ich vermuthe, zweifelhaften Urſprungs iſt.. „Iſt nicht auch ein Balken in meinem Wappenſchild, Eure Majeſtät?“ „Ihr habt wenigſtens ein Wappenſchild, Madame, und die Montmorench wie die Caſtro ſchätzen es ſich zur Ehre, in ihre Häuſer eine legitimirte Tochter des meinigen einzuführen, deſſen wollt Euch erinnern. Euer Gabriel im Gegentheil. Doch hievon iſt nicht die Rede. Was mich beſorgt macht, iſt der Umſtand, daß er ſeit ſechs Jahren nicht wieder erſchienen iſt, daß er Euch vergeſſen hat, daß er vielleicht eine Andere liebt.“ „Sire, Ihr kennt Gabriel nicht, er iſt ein wildes und treues Herz, das in der Liebe für mich erlöſchen wird.“ „Gut, Diana. Bei Euch iſt die Untreue allerdings nicht wahrſcheinlich, und Ihr habt Recht, ſie zu leug⸗ nen. Doch Alles führt Euch zum Glauben, daß dieſer junge Mann in den Krieg gezogen. Iſt es nun nicht wahrſcheinlich, daß er umgekommen? Ich betrübe Dich, mein Kind, Deine Stirne iſt erbleicht und Deine Au⸗ gen haben ſich mit Thränen befeuchtet. Ja, ich ſehe es, es iſt in Dir ein tiefes Gefühl, und obgleich ich kaum Gelegenheit gehabt habe, ein ähnliches zu treffen, obgleich man mich daran gewöhnt hat, an allen dieſen großen Leidenſchaften zu zweifeln, lächle ich doch nicht über die Deinige, und will ſie ehren. Doch bedenke, meine Holde, in welche Verlegenheit ich wegen einer Kinderliebe, wegen eines Gegenſtandes, der nicht mehr vorhanden iſt, wegen einer Erinnerung, wegen eines Schattens, durch Deine Weigerung gerathen werde. Nehme ich beleidigender Weiſe mein Wort zurück, ſo wird ſich der Connetable mit Recht ärgern, meine Toch⸗ ter, und ſich vielleicht aus dem Dienſt zurückziehenz und dann bin ich nicht mehr König, der Herzog von Guiſe iſt es... Schau', Diana, von ſechs Brüdern dieſes c— e—— — S.—c 8 — 2 m 65 Namens hat der Herzog von Guiſe unter ſeiner Hand alle militäriſche Kräfte von Frankreich, der Car⸗ dinal alle Finanzen, ein dritter meine Galeeren in Marſeille, ein vierter befehligt in Schottland, und ein fünfter wird Briſſac in Piemont erſetzen; ſo daß ich, der König, in meinem ganzen Reiche weder über einen Soldaten, noch über einen Thaler ohne ihre Einwilli⸗ gung verfügen kann. Ich ſgreche ſanft mit Dir, Diana, und erkläre Dir die Dinge; ich bitte, während ich be⸗ fehlen könnte. Doch ich will lieber Dich ſelbſt zum Richter machen, und nicht der König, ſondern der Va⸗ ter ſoll es von ſeiner Tochter erhalten, daß ſie ſeinen Plänen beitritt. Ich werde dies erlangen, denn Du biſt gut und ergeben. Dieſe Heirath rettet mich, mein Kind, ſie verleiht den Montmoreney die Gewalt, die ſie den Guiſen entzieht. Sie macht die zwei Schalen der Wage gleich, deren Balken meine königliche Macht iſt, Guiſe wird minder ſtolz, und Montmorench mehr er⸗ geben ſein. Nun? Du antworteſt nicht, mein Kind; wirſt Du taub bleiben für die Bitten Deines Vaters, der Dir keine Gewalt anthut, der Dir nicht mit Unge⸗ ſtüm begegnet, der im Gegentheil in Deine Gedanken eingeht, und Dich nur anfleht, ihm den erſten Dienſt nicht zu verweigern, mit dem Du ihm bezahlen kannſt, was er für Dich gethan hat und noch für Deine Ehre und Dein Glück thun will. Nun! Diana, meine Toch⸗ ter, willigſt Du ein, ſprich?“ „Sire,“ erwiederte Diana,„Ihr ſeid tauſendmal mächtiger, wenn Eure Stimme fleht, als wenn ſie be⸗ fiehlt. Ich bin bereit, mich Euren Intereſſen zu opfern, doch unter einer Bedingung, Sire.“ „Nenne ſie, verwöhntes Kind.“ „Dieſe Heirath darf erſt in drei Monaten ſtattfin⸗ den, und bis dahin werde ich Aloyſe um Nachricht von Gabriel bitten laſſen, und überdies alle mögliche Er⸗ kundigungen einziehen, damit ich, wenn er nicht mehr Die beiden Dianen. 1. 5 66 iſt, es weiß, und daß ich, wenn er lebt, wenigſtens mein Verſprechen von ihm zurückverlangen kann.“ „Von ganzem Perzen bewilligt,“ ſagte Heinrich voll Freude,„und ich füge ſogar bei, daß man nicht mit mehr Vernunft bei einer Kinderei zu Werke gehen kann.. Du läſſeſt alſo nach Deinem Gabriel for⸗ ſchen, und ich werde Dich im Falle der Noth unter⸗ ſtützen, und in drei Monaten heiratheſt Du Franz, was auch der Erfolg unſerer Erkundigungen iſt, mag Dein junger Freund leben oder todt ſein.“ „Und nun weiß ich nicht, ob ich mehr ſeinen Tod oder ſein Leben wünſchen ſoll,“ ſprach Diana, ſchmerz⸗ lich den Kopf ſchüttelnd. Der König öffnete den Mund und wollte eine we⸗ nig väterliche Thevrie und einen ziemlich gewagten Troſt ausſprechen; doch er hatte nur dem unſchuldsvollen Blick und dem reinen Profil von Diana zu begegnen, um zu rechter Zeit inne zu halten, und ſein Gedanke verrieth ſich nur durch ein Lächeln. „Zum Glück oder zum Unglück wird ſie der Um⸗ gang mit dem Hof bilden,“ ſagte er zu ſich. Dann ſprach er laut: „Es iſt die Stunde, ſich in die Kirche zu begeben, Diana, nehmt meine Hand bis zur großen Gallerie. Madame, und dann werde ich Euch beim Ringelrennen und bei den Spielen des Nachmittags wiederſehen, und wenn Ihr mir nicht zu ſehr grollt wegen meiner Ty⸗ rannei, ſo werdet Ihr Euch wohl herbeilaſſen, mir Bei⸗ fall zu zollen bei meinen Lanzenſtößen und Angriffen mit dem Schwert, mein hübſcher Richter.“ ens rich icht hen or⸗ er⸗ as ein 67 VII. Die Pater noſter des Herrn Connetable. An demſelben Tage, während die Ringelrennen und Feſte in den Tournelles gehalten wurden, befragte der Connetable von Montmorench im Louvre, im Ca⸗ binet von Diana von Poitiers, einen von ſeinen gehei⸗ men Vertrauten. Der Spion war von mittlerem Wuchſe und brau⸗ nem Geſicht. Er hatte ſchwarze Angen und Haare, eine Adlernaſe, ein gabelförmiges Kinn, eine hervor⸗ ſpringende Unterlippe und einen leicht gekrümmten Rücken. Er glich auf das Auffallendſte Martin⸗Guerre, dem treuen Stallmeiſter von Gabriel. Wer ſie getrennt ge⸗ ſehen hätte, würde den Einen für den Andern gehalten haben. Wer ſie mit einander geſehen hätte, würde ge⸗ ſchworen haben, es wären Zwillingsbrüder, ſo groß und ſcharf war die Uebereinſtimmung in allen ihren Theilen. Es waren dieſelben Züge, daſſelbe Alter, dieſelbe Hal⸗ tung und Bewegung. „Und was habt Ihr mit dem Eilboten gemacht, Meiſter Arnauld?“ fragte der Connetable. „Gnädigſter Herr, ich habe ihn umgebracht. Es mußte ſein. Loch es geſchah in der Nacht, im Walde von Fontainebleau. Man wird den Mord auf Rech⸗ nung der Räuber ſetzen. Ich bin klug.“ „Gleichviel, Meiſter Arnauld, die Sache iſt ernſt, tadle Euch, daß Ihr ſo raſch mit dem Meſſer pielt.“ ch weiche vor keinem äußerſten Mittel zurück, wenn es ſich um den Dienſt von Monſeigneur handelt.“ „Ja, doch einmal für allemal, Meiſter Arnauld, bedenkt, daß, wenn Ihr Euch fangen laßt, ich Euch 68 hängen laſſe,“ ſprach mit trockenem und ein wenig ver⸗ ächtlichem Tone der Connetable. „Seid unbeſorgt, Monſeigneur, man iſt ein Mann der Vorſicht.“ „Laßt nun den Brief ſehen.“ „Hier iſt er, Monſeigneur.“ „Nun, ſo öffnet ihn, ohne das Siegel zu verletzen, und leſet. Bei Gottes Tod! bildet Ihr Euch ein, ich könne leſen?“ Meiſter Arnauld du Thill nahm aus ſeiner Taſche eine Art von ſchneidendem Meißel, ſchnitt ſorgfältig das Siegel heraus und öffnete den Brief. Er ſchaute zu⸗ erſt nach der Unterſchrift. „Monſeigneur ſieht, daß ich mich nicht täuſchte. Der an den Cardinal von Guiſe gerichtete Brief iſt vom Cardinal Caraffa, wie der elende Eilbote mir alber⸗ ner Weiſe zugeſtanden hat.“ „Bei der Dornenkrone! lies doch,“ rief Anne von Montmorency. Meiſter Arnauld las: „Monſeigneur und theurer Verbündeter, nur drei Worte von Belang. Erſtens wird der Papſt, Eurer Bitte gemäß, die Angelegenheit der Eheſcheidung in die Länge ziehen und von Congregation zu Congregation Franz von Montmorench ſchicken, der geſtern in Rom bei uns angekommen iſt, um ihm endlich die Dispenſe, welche er nachſucht, zu verweigern.“ „Pater noster,“ muͤrmelte der Connetable. „Satan verbrenne alle dieſe Rothröcke.“ „Zweitens,“ fuhr Arnauld im Leſen fort,„zweitens hält Herr von Guiſe, Euer erhabener Bruder, nachdem er Campli genommen, Civitella im Schach. Doch da⸗ mit wir uns hier entſchließen, ihm, ſeinem Begehren gemäß, Mannſchaft und Mundvorräthe zu ſchicken, was im Ganzen ein großes Opfer für uns iſt, möchten wir gern verſichert ſein, daß Ihr ihn nicht für den Krieg r un n, ch he as U. te. iſt r⸗ un rei er 69 in Flandern zurückrufen werdet, wie hier die Sage geht. Richtet es ſo ein, daß er uns bleibt, und Seine Heiligkeit wird ſich zu einer großen Bewilligung von Indulgenzen entſcheiden, obgleich die Zeiten hart ſind, um Herrn Franz von Guiſe auf eine wirkſame Weiſe den Herzog von Alba und ſeinen anmaßenden Herrn beſtrafen zu helfen.“ „Adveniat regnum tuum!“ brummte Mont⸗ morency.„Dafür werden wir Rath ſchaffen, Blutkopf! wir werden ſorgen, und müßten wir die Engländer nach Frankreich rufen. Fahrt alſo fort, bei der heiligen Meſſe!“ „Drittens,“ las der Spion weiter,„um Euch zu ermuthigen und Euch in Euren Bemühungen zu un⸗ terſtützen, Monſeigneur, melde ich Euch die nahe be⸗ vorſtehende Ankunft in Paris eines Abgeſandten Eures Bruders, des Vicomte d'Ermès, der Heinrich die in dem italieniſchen Feldzuge eroberten Fahnen überbringt. Er reiſt ab, und wird ohne Zweifel zu gleicher Zeit mit meinem Brief ankommen, den ich jedoch unſerem gewöhnlichen Eilboten anzuvertrauen vorgezogen habe; ſeine Gegenwart und die glorreiche Beute, die er dem König überbringt, werden ſicherlich ſehr erſprießlich zur Leitung Eurer Regociationen in der nothwendigen Rich⸗ tung ſein.“ „Fiat voluntas tua!“ rief der Connetable wüthend.„Wir werden ihn empfangen, dieſen Höllen⸗ geſandten! ich empfehle ihn Dir, Arnauld. Iſt der Brief zu Ende?“ „Ja, es folgen nur noch die Artigkeiten und die Unterſchrift.“ „Er iſt gut, Du ſiehſt, daß Du Geſchäfte be⸗ kommſt, Meiſter.“ „Ich verlange nur dieſes, Monſeigneur, nebſt ein wenig Geld, um meine Geſchäfte zu einem guten Ziele zu führen.“ 3 70 5 „Burſche! hier ſind hundert Dukaten. Man muß bei Dir immer Geld in der Hand haben.“ „Ich gebe ſo viel für den Dienſt des gnädigſten Herrn aus.“ „Deine Laſter koſten Dich mehr als mein Dienſt, Hallunke.“ „O wie ſehr täuſcht ſich der gnädigſte Herr über mich. Es wäre mein einziger Traum, ruhig und glück⸗ lich und reich in irgend einer Provinz, umgeben von meiner Frau und meinen Kindern, zu leben und hier im Frieden als ein ehrlicher Familienvater meine Tage hinzubringen.“* „Das klingt in der That ganz tugendhaft und ländlich. Nun, ſo beſſere Dich, lege einige Dublonen bei Seite, heirathe, und Du kannſt Deine Pläne häuslichen Glückes verwirklichen. Was hindert Dich daran?“ „Ah! gnädigſter Herr, das Ungeſtüm; welche Frau würde mich wollen?“ „In Erwartung Deiner Hochzeitfeier, Meiſter Ar⸗ nauld, verſiegle wieder auf das Pünktlichſte dieſen Brief und trage ihn zu dem Cardinal; Du wirſt Dich verkleiden, hörſt Du wohl, und dort ſagen, Du ſeiſt von Deinem ſterbenden Kameraden beauftragt worden.“ „Der gnädigſte Herr kann ſich auf mich verlaſſen. Der wiedergeſchloſſene Brief und der erſetzte Eilbote werden wahrſcheinlicher ſein, als die Wahrheit ſelbſt.“ „Ahl! Gottes Tod!“ rief Montmorench,„wir haben vergeſſen, den Namen des von Guiſe angekün⸗ digten Geſandten aufzufaſſen. Wie heißt er doch?“ „Der Vicomte d'Ermés, Monſeigneur.“ „Ja, ſo iſt es, Schurke. Nun, ſo behalte dieſen Namen, He da! wer kommt, wer ſtört mich wieder?“ „Der gnädigſte Herr wolle mir verzeihen,“ ſprach eintretend der Fourrier des Connetable.„Ein ſo eben aus Itallien ankommender Edelmann wünſcht den König im Auftrag des Herzogs von Guiſe zu ſehen, und ich 7¹ glaubte Euch um ſo mehr davon in Kenntniß ſetzen zu müſſen, als er durchaus den Cardinal von Lothringen ſprechen wollte. Er nennt ſich Vichmte d'Ermos.“ „Daran haſt Du wohl gethan, Guillaume,“ ſprach der Connetable.„Laß den Herrn eintreten. Und Du, Meiſter Arnauld, ſtelle Dich hinter dieſen Thürvorhang und verſäume die Gelegenheit nicht, denjenigen anzu⸗ ſchauen, mit welchem Du ohne Zweifel zu thun haben wirſt; Deinetwegen empfange ich ihn, aufgepaßt!“ „Mir däucht, gnädigſter Herr,“ erwiederte Ar⸗ nauld,„ich habe ihn ſchon auf meinen Reiſen getroffen. Gleichviel! es iſt gut, ſich Sicherheit zu verſchaffen.“ Der Spion ſchlüpfte hinter den Vorhang. Guil⸗ laume führte Gabriel ein. „Verzeiht,“ ſagte der junge Mann ſich vor dem verbeugend,„mit wem habe ich zu ſprechen die hre?“ „Ich bin der Connetable von Montmorench, mein Herr, was wünſcht Ihr?“ „Ich bitte noch einmal um Verzeihung,“ verſetzte Sh„was ich zu ſagen habe, muß ich dem König agen.“. „Ihr wißt, daß Seine Majeſtät nicht im Louvre iſt, und in ſeiner Abweſenheit... „Ich werde mich zu Seiner Majeſtät begeben, oder ſie erwarten,“ unterbrach ihn Gabriel. „Seine Majeſtät iſt bei den Feſten der Tournelles und wird nicht vor Abend hierher zurückkommen; iſt es Euch unbekannt, daß man heute die Hochzeit Seiner Hoheit des Herrn Dauphin feiert?“ „Nein, gnädigſter Herr, ich habe es unter Weges erfahren. Doch ich bin durch die Rue de bUniverſité und über den Pont au Change gekommen, und nicht durch die Rue Saint⸗Antoine.“ „Ihr hättet der Richtung der Menge folgen ſollen. Sie hätte Euch zum König geführt.“ „Ich habe nicht die Ehre, von Seiner Majeſtät ge⸗ 72 ſehen worden zu ſein, bin ganz fremd am Hofe und hoffte im Louvre Monſeigneur den Cardinal von Lothringen zu finden. Ich fragte auch nach Seiner Eminenz und weiß nicht, warum man mich zu Euch geführt hat.“ „Herr von Lothringen,“ ſprach der Connetable, „liebt die Scheinkämpfe, da er ein Mann der Kirche iſt. Doch ich bin ein Mann des Schwertes, und liebe nur die wirklichen Kämpfe, und deshalb bin ich im Louvre, während ſich Herr von Lothringen in den Tournelles befindet.“ „Ich werde mir die Freiheit nehmen, ihn dort auf⸗ zuſuchen, gnädigſter Herr.“ „Mein Gott! ruht ein wenig aus, mein Herr, Ihr ſcheint von fern herzukommen, von Italien, ohne Zweifel, da ihr durch die Rue de lUniverſité einge⸗ ritten ſeid.“ „In der That, von Italien. Ich habe keinen Grund, es zu verbergen.“ „Ihr kommt vielleicht im Auftrag des Herzogs von Guiſe. Nun, was macht er dort?“ „Erlanbt mir, es zuerſt Seiner Majeſtät mitzu⸗ theilen und Euch zu verlaſſen, um dieſe Pflicht zu er⸗ „Geht, mein Herr, da Ihr ſo ſehr Eile habt. Ohne Zweifel,“ fügte er mit einer geheuchelten Ver⸗ traulichkeit bei,„ohne Zweifel ſeid Ihr ungeduldig, irgend eine von unſern ſchönen Damen wiederzuſehen. Ich wette, Ihr habt zugleich Eile und Furcht. He! nicht wahr, es iſt ſo, ſprecht, junger Mann?“ Doch Gabriel nahm ſeine kalte, ernſte Miene an, antwortete nur mit einer tiefen Verbeugung und ent⸗ fernte ſich. „Paternoster, quies in coelis!“ knurrte der Connetable, als ſich die Thüre hinter Gabriel eſchloſſen hatte.„Bildet ſich dieſer verfluchte Jung⸗ ſentnh ein, ich wolle ihm entgegenkommen, ihn ge⸗ — 73 nd winnen, wer weiß? ihn beſtechen vielleicht! Weiß ich on nicht eben ſo gut als er, was er dem König ſagen wird? ter Gleichviel, wenn ich ihn wiederſinde, ſo ſoll er mir ich ſeine kecke Miene und ſein freches Mißtrauen theuer bezahlen. Holla! Meiſter Arnauld. MNun? was? wo le, iſt der Burſche? auch entflohen? beim Kreuz! alle iſt. Leute haben ſich das Wort gegeben, heute albern zu ur ſein; Satan verwirre ſie.. Pater noster!“ re, Während der Connetable ſeiner ſchlimmen Laune es in Schmähungen und Pater⸗noſtern, ſeiner Gewohnheit gemäß, Luft machte, ſah Gabriel, als er, um aus dem uf⸗ Louvre wegzugehen, durch eine ziemlich dunkele Gallerie ſchritt, zu ſeinem großen Erſtaunen an der Thüre ſeinen rr Stallmeiſter Martin⸗Guerre, dem er im Hof zu warten ne befohlen hatte. e⸗„Ihr ſeid es, Meiſter Martin,“ ſagte er,„Ihr ſeid mir alſo entgegengekommen? Nun gut! eilt mit en Jerome voran und erwartet mich mit den wohleinge⸗ wickelten Fahnen an der Ecke der Rue Sainte⸗Catherine, on in der Rue Saint Antoine. Monſeigneur der Cardi⸗ nal will vielleicht, daß wir ſie dem König auf der 1 Stelle und vor dem verſammelten Hofe im Carrouſel r⸗ überreichen. Chriſtoph wird mein Pferd halten und mich begleiten. Geht! Ihr habt mich begriffen?“ t.„Ja, gnädigſter Herr, ich weiß, was ich wiſſen r⸗ wollte,“ antwortete Martin⸗Guerre. g⸗ Und er ſtieg die Treppe hinab und ging Gabriel n. mit einer Schnelligkeit voran, welche als ein gutes Vorzeichen für die Vollziehung ſeines Auftrags er⸗ ſcheinen mußte. Gabriel, der langſamer und gleichſam n, träumend aus dem Louvre wegging, war ſehr erſtaunt, t⸗ als er im Hof ſeinen Stallmeiſter abermals traf, doch diesmal ganz bleich und erſchrocken. te ₰„Nun! Martin, was gibt es denn, was habt Ihr?“ el fragte er. „Ah! gnädiger Herr, ich habe ihn geſehen, er iſt — ℳ 74 ſo eben an mir vorübergegangen, er hat mit mir ge⸗ ſprochen.“ „Wer denn?“ „Wer? wenn es nicht Satan iſt, das Geſpenſt, die Erſcheinung, das Ungeheuer, der andere Martin⸗ Guerre.“ „Abermals dieſe Tollheit, Martin! Ihr träumt alſo wachend?“ „Nein, nein, ich habe nicht geträumt. Er hat mit mir geſprochen, ſage ich Euch, gnädiger Herr, er iſt vor mir ſtehen geblieben, hat mich mit ſeinem Zau⸗ berblick verſteinert und auf eine hölliſche Art lachend, ſagte er zu mir:„„Nun! wir ſind alſo immer noch im Dienſte des Vicomte d'Ermés?““ bemerkt dieſe Mehr⸗ zahl, wir ſind, gnädiger Herr,„„und wir bringen von Italien die im Feldzug von Herrn von Guiſe eroberten Fahnen?““ Ich antwortete ja mit dem Kopf wider meinen Willen, denn er beherte mich: woher weiß er dies Alles, gnädiger Herr? Dann fuhr er fort:„„Fürch⸗ ten wir uns nicht, ſind wir nicht Freunde und Brü⸗ der?““ Und als er ſodann das Geräuſch Eurer Tritte hörte, gnädiger Herr, rief er mit ſeiner teufliſchen Iro⸗ nie, die mir die Haare auf dem Kopfe ſich ſträuben machte:„„Wir werden uns wiederſehen, Martin⸗ Guerre.““ Und er verſchwand durch die kleine Thüre vielleicht oder vielmehr in der Mauer.“ „Du biſt ein Narr!“ verſetzte Gabriel,„wie hätte er die materielle Zeit gehabt, Alles dies Dir zu ſagen und zu thun, ſeitdem Du mich oben in der Gallerie verlaſſen haſt.“ „Ich, gnädiger Herr, habe mich nicht von der Stelle gerührt, wo Ihr mir Euch zu erwarten befahlet.“ „Ah! das wäre etwas Anderes, und wenn ich nicht mit Euch geſprochen habe, mit wem habe ich dann ſo eben geſprochen?“ „Sicherlich mit dem Andern, gnädiger Herr, mit meinem Doppelgänger, mit meinem Geſpenſt.“ v 1—— nſt, in⸗ mt hat er u⸗ nd, im hr⸗ on ten er ü⸗ tte o⸗ en n⸗ re tte en ie * 75 Mein armer Martin,“ verſetzte Gabriel mitleibig, „biſt Du krank? Du mußt Kopfweh haben. Wir ſind vielleicht zu lange in der Sonne marſchirt.“ „Ja,“ ſprach Martin⸗Guerre,„Ihr denkt aber⸗ mals, ich habe das Delirium, nicht wahr? Doch gnä⸗ diger Herr, zum Beweis, daß ich mich nicht täuſche, diene, daß ich nicht ein Wort von den Befehlen weiß, Die Ihr mir gegeben zu haben glaubt.“ „Du haſt ſie vergeſſen, Martin!“ ſprach Gabriel mit ſanftem Tone,„nun! ich will ſie Dir wiederholen, mein Freund. Ich befahl Dir, mich mit den Fahnen in der Rue Saint⸗Antvine, an der Ecke der Rue Saint⸗Catherine zu erwarten. Jerome ſollte Dich begleiten, und ich würde Chriſtoph behalten, erinnerſt Du Dich nun?“ „Verzeiht, gnädiger Herr, wie ſoll man ſich deſſen erinnern, was man nie gewußt hat?“ „Nun weißt Du es aber, Martin. Nehmen wir unſere Pferde wieder an der Pforte, wo unſere Leute ſie uns halten müſſen, und dann raſch vorwärts. Nach den Touxnelles!“ 8 „Ich gehorche, gnädiger Herr. Im Ganzen habt Ihr dadurch zwei Stallmeiſter; doch es iſt ein Glück für mich, daß ich nicht zwei Herren habe.“ VIII. Ein glückliches Carrouſel. Die Schranken für die Feſtlichkeiten waren durch die Rue Saint⸗Antvine von den Tournelles bis zu den köni lichen Ställen errichtet worden. Sie bildeten ein lan⸗ 76 ges Viereck, begrenzt auf jeder Seite durch Gerüſte, welche mit Zuſchauern bedeckt waren; an einem Ende ſaßen die Königin und der Hof. Am entgegengeſetzten Ende fand ſich der Eingang der Bahn, wo die Käm⸗ pfenden den Anfang der Spiele erwarteten. Die Menge drängte ſich auf den zwei andern Gallerien. Als nach der religiöſen Feier und dem darauf fol⸗ genden Mahle die Königin und der Hof gegen drei Uhr Nachmittags die ihnen vorbehaltenen Plätze ein⸗ nahmen, erſchollen die Vivat und Freudenrufe von allen Seiten. Doch gerade dieſes lärmende Freudengeſchrei machte, daß das Feſt mit einem Unglück anfing. Das Pferd von Herrn von Avallon, einem der Kapitäne der Leib⸗ wache, bäumte ſich erſchrocken über dieſen Tumult, ſprang in die Arena, ſein ſattelloſer Reiter ſtürzte mit dem Kopf gegen eine von den hölzernen Schranken, welche die Bahn umgaben, wurde halbtodt aufgehoben und in einem beinahe verzweifelten Zuſtand den Hän⸗ den der Wundärzte übergeben. Der König war ſehr ergriffen von dieſem bekla⸗ genswerthen Unfall; doch ſeine Leidenſchaft für die Spiele und Carrouſels gewann bald die Oberhand über ſeinen Kummer. „Dieſer arme Herr von Avallon,“ ſagte er,„ein ſo treuer Diener! man ſoll ihn mit aller Sorge be⸗ handeln.“ Und er fügte bei: „Vorwärts! man kann immerhin das Ringelſtechen beginnen.“ Das Ringelſtechen jener Zeit war ein wenig com⸗ plicirter und ſchwieriger als das, welches wir kennen. Die Knieſtütze, woran der Ring hielt, war ungefähr am Ende des zweiten Drittels der Bahn angebracht: 3 Man mußte im Galopp das erſte Drittel, im geſtreck⸗ ten Galopp das zweite Feetneh und im Vorüberrei⸗ te, de en n⸗ ge l⸗ rei n⸗ on te erd ib⸗ lt, nit en, en in⸗ la⸗ die ber ein be⸗ 77 3 ten bei dieſem raſchen Lauf den Ring mit der Lanzen⸗ ſpitze ausheben. Doch das Holz durfte vor Allem den Körper nicht berühren, man mußte es wagrecht, und den Ellenbogen hoch über dem Kopf halten. Dann durchritt man die Arena vollends im Trab. Der Preis war ein von der Königin gebotener Ring mit Dia⸗ manten. Heinrich II. war auf ſeinem mit Gold und Sam⸗ met geſchmückten Schimmel der zierlichſte und ge⸗ wandteſte Cavalier, den man ſehen konnte. Er hielt und handhabte ſeine Lanze mit ſeltener Anmuth und bewunderungswürdiger Sicherheit, und verfehlte ſelten den Ring. Doch Herr von Vieilleville wetteiferte mit ihm, und es gab einen Augenblick, wo man glaubte, der Sieg würde dieſem gehören. Er hatte zwei Ringe mehr als der König, und es blieben nur noch drei auszuheben. Doch Herr von Vielleville, als ein gut⸗ gelehrter Hofmann, verfehlte ſie alle drei durch ein wunderbares Mißgeſchick, und es war der König, der den Preis erhielt. Als er den Ring in Empfang nahm, zögerte er einen Augenblick, und ſein Blick richtete ſich mit Be⸗ dauern auf Diana von Poitiers: doch die Gabe wurde von der Königin geboten, und er mußte ſie der neuen Dauphine, Maria Stuart, der Gefeierten des Tages, überreichen. „Nun!“ fragte er im Zwiſchenakt,„hat man Hoff⸗ nung, Herrn von Avallon zu retten?“ „Sire, er athmet noch,“ antwortete man;„doch es iſt wenig Hoffnung vorhanden, ihn dem Tod zu ent⸗ reißen.“ „Ach!“ machte der König.„Gehen wir alſo zu dem Gladiatorenſpiel über.“ Dieſes Gladiatorenſpiel war ein Scheingefecht mit Angriffen und Evolutionen, ſehr neu und ſehr ſelten in jener Zeit, das jedoch ohne Zweifel keinen auffallen⸗ den Eindruck auf die Einbildungskraft des Zuſchauers „ 78 unſerer Tage und der Leſer unſeres Buches machen würde. Wir ſchicken daher zu Brantome diejenigen, welche neugierig ſein dürften, ſie kennen zu lernen die Märſche und Gegenmärſche dieſer zwölf Gladiatoren, von denen ſechs in weißen Atlaß und ſechs in rothen, gemacht nach der römiſchen Antike, gekleidet waren, was in der That in einem Jahrhundert, wo man die locale Farbe noch nicht erfunden hatte, als ſehr ge⸗ ſchichtlich erſcheinen mußte. Sobald dieſer ſchöne Kampf unter allgemeinem Beifall beendigt war, traf man die nothwendigen Vor⸗ kehrungen, um das Pfahlrennen zu beginnen. Am Ende der Bahn, wo ſich der Hof befand, wa⸗ ren mehrere Pfähle von fünf bis ſechs Fuß in einer gewiſſen Entfernung von einander in die Erde einge⸗ rammt. Man mußte im Galopp anſprengen und ſich in allen Richtungen um dieſe emporgerichteten Bäume wenden, ohne einen zu verfehlen und ohne einen zu überſchreiten. Von acht vollendeten Rennbahnen kamen drei dem König zu, und der Herr General Oberſte von Bonnivet gewann ebenfalls drei. Die neunte und letzte ſollte entſcheiden; doch Herr von Bonnivet war nicht minder ehrfurchtsvoll als Herr von Vieilleville, und trotz alles guten Willens ſeines Pferdes kam er erſt als der Dritte an, und Heinrich gewann abermals den Preis. Der König ſetzte ſich zu Diana von Poitiers und befeſtigte öffentlich das Bracelet, das er empfangen hatte, an ihrem Arm. Die Königin erbleichte vor Wuth. Gaſpard von Tavannes, der hinter ihr ſaß, neigte ſich an das Ohr von Catharina von Medicis und ſagte u ihr: „Madame, folgt mir wohl mit den Augen wo⸗ hin ich gehe, und ſeht, was ich thue.“ „Und was wirſt Du thun, mein braver Gaſpard 7 ſprach die Königin. 79 „Frau von Valentinois die Naſe abſchneiden,“ ant⸗ wortete Tavannes kalt und ernſt. 8 Er ſchickte ſich an, wegzugehen. Doch Catharina hielt ihn halb erſchrocken, halb erfreut zurück. „Gaſpard, bedenkt, Ihr werdet gehängt.“ bedenke, doch ich rette den König und Frank⸗ reich.“ „Ich danke Gaſpard, verſetzte Catharina,„Ihr ſeid ein muthiger Freund und ein kühner Soldat. Doch iifeh Euch, zu bleiben, Gaſpard, haben wir Ge⸗ duld.“ Geduld! Das war in der That das Loſungswort, das Catharina von Medicis bis jetzt ihrem Leben ohne Zweifel gegeben hatte. Diejenige, welche ſich ſpäter ſo gern in die erſte Reihe ſtellte, trachtete in jener Zeit, wie es ſchien, nie darnach, aus dem Schatten der zweiten hervorzutreten. Sie wartete. Und doch erfreute ſie ſich damals der Allmacht einer Schönheit, über welche uns Herr von Bourdeille die vertrauteſten Mitheilungen zurückgelaſſen hat; aber ſie vermied es vor Allem, in das Licht zu treten, und dieſer Beſchei⸗ denheit hatte ſie ohne Zweifel das völlige Stillſchweigen zu danken, das die üble Nachrede über ſie zu Lebzeiten ihres Gemahls beobachtete. Nur der brutale Conne⸗ table war keck genug, gegen den König zu bemerken, die zehn Kinder, welche Catharina Frankreich nach einer zehnjährigen Unfruchtbarkeit gegeben, glichen ſehr wenig ihrem Vater. Niemand außer ihm hätte die Vermeſſenheit gehabt, ein Wort gegen die Königin zu hauchen. Es iſt eine Thatſache, daß Catharina an dieſem Tage wie gewöhnlich die Aufmerkſamkeiten, mit denen der König Diana von Poitiers, im Angeſicht des gan⸗ en Hofes, umgab, nicht einmal zu bemerken ſchien. achdem ſie die auffallende Entrüſtung des Marſchalls beſchwichtigt hatte, unterhielt ſie ſich mit ihren Damen über die ſtattgefundenen Spiele und über die Gewandt⸗ heit, welche Heinrich dabei entwickelte.. 80 Die Tourniere ſollten erſt am andern und an den darauf folgenden Tagen ſtattfinden; doch mehrere Herren des Hofes baten den König, da die Stunde noch nicht ſehr vorgerückt, um Erlaubniß, einige Lanzen zu Ehren und zum Vergnügen der Damen brechen zu dürfen. „Es ſei, meine Herren,“ antwortete der König; „ich bewillige Euch das ſehr gern, obgleich es vielleicht den Herrn Cardinal von Lothringen ſtören wird, der, wie ich glaube, nie eise ſo zahlreiche Correſpondenz durchzuarbeiten gehabt hat, als ſeit den zwei Stunden, die wir hier ſind. Schlag auf Schlag empfängt er Boten, die ihn ungemein zu beſchäftigen ſcheinen. Doch gleichviel, wir werden nachher erfahren, was daran iſt, und mittlerweile könnt Ihr ein paar Lanzen brechen. Hier iſt ein Preis für den Sieger,“ fügte Heinrich bei, indem er die goldene Kette, die er trug, vom Halſe nahm.„Thut Euer Beſtes, meine Herren; nehmt Euch jedoch in Acht, wenn der Kampf ſich erwärmt, fo könnte ich mich wohl darein miſchen und wieder zu gewinnen ſuchen, was ich Euch biete, um ſo mehr, als ich Frau von Caſtro etwas ſchuldig bin. Merkt Euch auch, daß auf den Punk tſechs Uhr der Kampf beendigt iſt und der Sieger, wer es auch ſein mag, gekrönt werden wird. Geht, Ihr habt eine Stunde, um uns Eure ſchönen Stöße zu zeigen, hütet Euch jedoch, daß Niemand Schlimmes widerfährt. Sagt indeſſen, wie geht es Herrn von Avallon?“ „Ach! Sire, er iſt ſo eben verſchieden.“* 8 Gott nehme ſeine Seele gnädig auf!“ ſpra „Von meinen Kapitänen der Garde war er vielleicht der eifrigſte für meinen Dienſt und der bravſte. Wer wird ihn mir erſetzen?. Doch die Damen warten, meine Herren, und die Schranken werden ſich öffnen.“ Der Graf von Pommerive hielt zuerſt Stand; doch er mußte Herrn von Burie weichen, dem der Herr Marſchall d'Amville ſodann das Feld abgewann. den ren icht ren 9 icht der, enz en, er och iſt, en bei, alſe uch nte nen rau daß der ird. nen es 81 Aber der Herr Marſchall war ſehr gewandt und kräftig und hielt ſich beſtändig gegen fünf auf einander fol⸗ gende Ritter. Der König konnte ſich nicht mehr bewältigen. „Ei!“ ſagte er zu dem Marſchall,„ich will doch ſehen, Herr d'Amville, ob Ihr für die Ewigkeit hier feſtgenietet ſeid.“ Er bewaffnete ſich, und ſchon beim erſten Rennen verlor Herr d'Amville die Bügel. Nach ihm kam die Reihe an Herrn dAuſſun. Dann zeigte ſich kein Kämpe mehr. „Was iſt denn das, meine Herren?“ ſprach Hein⸗ rich;„wie! Niemand will mehr gegen mich kämpfen? Schont man mich etwa?“ rief der König die Stirne faltend.„Ah! Gottes Tod! es gibt keinen König hier, außer dem Sieger, und keine Vorrechte, außer denen der Geſchicklichkeit. Greift mich alſo an, meine Herren, greift mich kühn an.“ Doch Keiner wagte den Angriff des Löwen, denn man befürchtete gleich ſehr, Sieger und Beſiegter zu ſein. Der König wurde indeſſen ſehr ungeduldig. Er fing an zu vermuthen, daß bei den vorhergehenden Wettſtreiten ſeine Widerſacher nicht alle ihre Mittel gegen ihn gebraucht hatten, und dieſer Gedanke, der ſeinen Sieg in ſeinen eigenen Augen verkleinerte, er⸗ füllte ihn mit Aerger. Endlich kam ein neuer Kämpe durch die Schran⸗ ken und Heinrich ſprengte ihm, ohne nur zu ſehenrwer es war, entgegen. Die beiden Lanzen brachen Ich, doch der König wankte im Sattel, nachdem er den Stumpf weggeworfen hatte, und war genöthigt, ſich am Sattelbogen zu halten. Der Andere blieb unbe⸗ weglich. In dieſem Augenblickſchlug es ſechs Uhr. Hein⸗ rich war beſiegt. Leicht und freudig ſtieg er vom Pferde, warf den Zügel einem Stallmeiſter zu und nahm den Sieger bei Die beiden Dianen. 1. 6 der Hand, um ihn ſelbſt zur Königin zu führen. Zu ſeinem großen Erſtaunen ſah er ein ihm völlig unbe⸗ kanntes Geſicht. Es war indeſſen ein ſtattlicher Ca⸗ valier von edler Miene, und die Königin, als ſie das Geſchmeide um den Hals des vor ihr knieenden jungen Mannes ſchlang, konnte nicht umhin, dies zu bemerken und ihm zuzulächeln. Er aber, nachdem er ſich tief verbeugt hatte, erhob ſich wieder, machte einige Schritte gegen die Eſtrade des Hofes, blieb vor Frau von Caſtro ſtehen und bot ihr vas Halsgeſchmeide, den Preis des Siegers. Die Fanfaren erſchollen abermals dergeſtalt, daß man zwei Schreie nicht hörte, welche gleichzeitig aus Beider Mund kamen. „Gabriel!“ „Diana!“ Ganz bleich vor Freude und Erſtaunen nahm Diana das Halsgeſchmeide mit zitternder Hand. Jeder⸗ mann dachte, der unbekannte Cavalier habe den König Frau von Caſtro das Halsgeſchmeide verſprechen hören, und wolle eine ſo ſchöne Dame nicht um das ihr zu⸗ geſagte Geſchenk bringen. Man fand ſein Benehmen galant und ganz eines guten Edelmannes würdig. Der König ſelbſt nahm die Sache nicht anders. „Das iſt eine Artigkeit, die mich rührt,“ ſagte er. „Aber ich, von dem man annimmt, ich kenne alle Her⸗ ren meines Adels, ich muß geſtehen, daß ich mich nicht erinnere, wo und wann ich Euch geſehen habe, und ich wäre doch ſehr erfreut, zu wiſſen, wer mir ſo eben den harten Stoß gegeben, der mich, glaube ich, aus dem Sattel gehoben hätte, beſäße ich nicht, Gott ſei Dank, ſo feſte Beine.“ „Sire,“ erwiederte Gabriel,„es iſt das erſte Mal, daß ich die Ehre habe, mich in Gegenwart Eurer Ma⸗ jeſtät zu befinden. Ich war bis jetzt beim Heer, komme ſo eben aus Italien an und heiße Vicomte d'Exmös.“ V w S E E 2 „ b h le 9 e v + — Vicomte dErmos!“ verſetzte der König;„gut Zu be⸗ Sa⸗ as en fen ob ade bot daß us hm er⸗ nig en, zu⸗ nen Der er. er⸗ icht ich den dem ank, Nal, Ma⸗ nme. 6 gut 83 ich werde mich nun des Namens meines Siegers er⸗ innern.“ „Sire,“ ſprach Gabriel,„es gibt keinen Sieger, da wo Ihr ſeid, und ich überbringe Eurer Majeſtät den glorreichen Beweis hievon.“ Er machte ein Zeichen, Martin-Guerre und die zwei Gewappneten traten mit den italieniſchen Fahnen in die Rennbahn und legten ſie zu den Füßen des Kö⸗ nigs nieder. „Sire,“ ſagte Gabriel,„hier ſind die in Italien durch Euer Heer eroberten Fahnen, welche der Herzog von Guiſe Eurer Majeſtät überſchickt. Seine Eminenz der Herr Cardinal von Lothringen verſicherte mich, Eure Majeſtät werde mir keinen ſchlimmen Dank dafür wiſſen, daß ich ihr ſo unvermuthet in Gegenwart des Hofes und des Volkes von Frankreich, als bei Eurem Siege betheiligter Zeugen, dieſe Beute zu Füßen lege. Sire, ich habe auch die Ehre, in Eure Hände dieſe Briefe vom Herrn Herzog von Guiſe zu überreichen.“ „Ich danke, Herr Vicomte d'Ermés,“ ſprach der König.„Das iſt alſo das ganze Geheimniß der Cor⸗ reſpondenz des Herrn Cardinals. Dieſe Briefe beglan⸗ bigen Euch bei unſerer Perſon, Vicomte. Doch Ihr habt ſiegreiche Manieren, Euch ſelbſt vorzuſtellen. Was leſe ich? von dieſen Fahnen habt Ihr vier in Perſon genommen. Unſer Vetter von Guiſe hält Euch für einen ſeiner bravſten Kapitäne. Herr d'Ermeés, verlangt von mir, was Ihr wollt, und ich ſchwöre Euch, daß Ihr es auf der Stelle erhaltet.“ „Sire, Ihr ſeid allzu gnädig, und ich ſtelle Alles der Güte Eurer Majeſtät anheim.“ „Ihr ſeid Kapitän bei Herrn von Guiſe, mein Herr,“ ſprach der König,„gefiele es Euch, dies bei meinen Leibwachen zu ſein? Ich war verlegen, wie ich Herrn von Avällon erſetzen ſollte, der heute ſo unglück⸗ lich geſtorben iſt; doch ich ſehe, er wird einen würdigen Nachfolger haben.“ 84 „Eure Majeſtät. „Ihr nehmt es an? es iſt abgemacht. Tretet morgen in Function. Wir kehren nun in den Louvre zurück. Ihr werdet mir noch des Breiteren über die Einzelnheiten dieſes Krieges in Italien Mittheilung machen.“ Gabriel verbeugte ſich. Heinrich gab Befehl zum Aufbruch. Die Menge zerſtreute ſich unter dem Geſchrei: Es lebe der König! Diana befand ſich wie durch einen Zauber wieder einen Augenblick in der Nähe von Gabriel. „Morgen im Cercle der Königin,“ flüſterte ſie ihm zu.. Sie verſchwand von ihrem Ritter weggeführt; voch ſie ließ im Herzen ihres alten Freundes eine gött⸗ liche Hoffnung zurück. IX. Man kann nicht an ſeinem Geſchicke vorüber- gehen, ohne es kennen zu lernen. Der Cercle bei der Königin fand gewöhnlich nach dem Abendbrode ſtatt; hievon unterrichtete man Ga⸗ briel, indem man ihm zugleich mittheilte, ſeine Eigen⸗ ſchaft als neuer Kapitän der Leibwachen ermächtige ihn nicht nur, ſondern verpflichte ihn ſogar, ſich dabei einzufinden. Er hütete ſich wohl, gegen dieſe Pflicht zu verſtoßen, und es war ſeine einzige Sorge, daß er vierundzwanzig Stunden warten ſollte, ehe er ſie er⸗ füllen konnte. Man ſieht, daß in Betreff des Eifers und des Muthes Herr von Avallon gut erſetzt war. tet re die ng ge en ſie . tt⸗ ach a⸗ en⸗ ige bei cht er er⸗ ers 85⁵ Doch es handbelte ſich darum, eine nach der andern dieſe vierundzwanzig ewige Stunden zu tödten, welche Gabriel vom erſehnten Augenblick trennten. Der junge Mann, den die Freude erquickte und der Paris kaum von einem Lager in das andere ziehend geſehen hatte, fing an, die Stadt mit Martin⸗Guerre zu durchlaufen, um eine anſtändige Wohnung zu ſuchen. Er hatte das Glück, die Wohnung, welche ſein Vater der Graf von Montgommery einſt innegehabt, leer zu finden. Er miethete ſie, ob ſie gleich etwas glänzend für einen einfachen Kapitän bei den Garden war. Doch Gabriel durfte nur an ſeinen treuen Elyot ſchreiben und ihn beauftragen, ihm eine Summe von Montgommery zu ſchicken. Er würde auch ſeine gute Amme Aloyſe auf⸗ fordern, zu ihm zu kommen. Das erſte Ziel von Gabriel war erreicht. Er war nun kein Kind mehr, ſondern ein Mann, der ſchon ſeine Proben abgelegt, und mit dem man rechnen mußte; dem Glanz, der ihm von ſeinen Ahnen zukam, hatte er einen Ruhm, der ihm perſönlich war, beizugeſellen ge⸗ wußt. Allein und ohne eine andere Unterſtützung, als die ſeines Muthes, war er mit vierundzwanzig Jahren zu einem hohen Grade gelangt. Er konnte ſich endlich ſtolz derjenigen, welche ihn liebte, und denen, welche er haſſen mußte, bieten. Dieſe zu erkennen, dazu ver⸗ möchte ihm Aloyſe behülflich zu ſein; jene hatte ihn erkannt. Gabriel entſchlummerte mit zufriedenem Herzen. Am andern Tage ſollte er ſich bei Herrn von Boiſſy, dem Oberſtſtallmeiſter von Frankreich, einfinden, um ſeine Avelsproben zu übergeben. Herr von Boiſſy, ein red⸗ licher Mann, war der Freund des Grafen von Mont⸗ gommery geweſen. Er begriff die Gründe von Gabriel, ſeinen wahren Titel verborgen zu halten, und verpfän⸗ dete ſein Ehrenwort, das Geheimniß zu bewahren⸗ Hierauf ſtellte ihn der Herr Marſchall dAmville ſeiner Compagnie vor. Gabriel fing unmittelbar ſeinen Dienſt 86 damit an, daß er die Staatsgefängniſſe von Paris be⸗ ſuchte und inſpieirte, ein peinlicher Anftrag, der einmal in jedem Monat von ihm zu verſehen war. Er begann mit der Baſtille und endigte mit dem Chatelet. Der Gouverneur übergab ihm die Liſte ſeiner Ge⸗ fangenen, nannte ihm diejenigen, welche geſtorben, krank, verſetzt oder freigelaſſen waren, und ließ ſie dann vor ihm die Revue paſſiren, eine traurige Revne, ein düſteres Schauſpiel. Er glaubte geendigt zu haben, als ihm der Gouverneur des Chatelet in ſeinem Regiſter eine beinahe weiße Seite zeigte, welche nur folgende ſeltſame, für Gabriel ſehr auffallende Note enthielt. Nro. 21.&... Gefangener in geheimem Gewahrſam. Verſucht er es nur, bei dem Beſuch des Gvuverneur oder des Kapitäns der Leibwachen zu ſprechen, ſo hat man ihn ineinentieferen, härteren Kerkerzu bringen. „Wer iſt dieſer ſo wichtige Gefangene? Darf man es wiſſen?“ fragte Gabriel Herrn von Salvoiſon, den Gouverneur des Chatelet. „Niemand weiß es,“ antwortete der Gouverneur, „ich habe ihn von meinem Vorgänger übernommen, wie dieſer ihn von dem ſeinigen übernommen hat. Ihr ſeht auf dem Regiſter, daß das Datum ſeines Eintrittes weiß gelaſſen iſt. Man muß ihn unter der Regierung von Franz I. gebracht haben. Zwei⸗ oder dreimal hat er es, wie man mir ſagt, verſucht, zu ſprechen. Doch beim erſten Wort muß der Gouverneur, bei den ſchwer⸗ ſten Strafen, die Thüre ſeines Gefängniſſes ſchließen und ihn in einen härteren Kerker bringen laſſen, was auch geſchehen iſt. Es iſt nun nur noch ein Kerker übrig, der ſchrecklicher wäre, als der ſeinige, und dieſer Kerker wäre der Tod. Man wollte es wahrſcheinlich dahin kommen laſſen, doch der Gefangene ſchweigt jetzt. Ohne Zweifel iſt es ein furchtbarer Verbrecher. Er hleibt beſtändig geſeſſelt, und um ſogar der Möglichkeit — 87 einer Entweichung zuvorzukommen, geht ſein Schließer jede Minute in ſein Gefängniß.“ „Doch er hat mit dem Schließer geſprochen?“ ſagte Gabriel. „Oh! man hat einen Taubſtummen für ihn ge⸗ nommen, der im Chatelet geboren iſt und dieſes nie verlaſſen hat.“ Gabriel ſchauerte. Dieſer ſo völlig von der Welt der Lebenden getrennte Menſch, der jedoch lebte und dachte, flößte ihm ein Mitleid ein, das mit einem ge⸗ wiſſen Abſcheu gemiſcht war. Welcher Gedanke oder welcher Gewiſſensbiß, welche Furcht vor der Hölle oder welches Vertrauen zum Himmel konnten ein ſo un⸗ glückliches Weſen abhaiten, ſich die Hirnſchale an den Mauern ſeines Kerkers zu zerſchmettern? War es eine Hoffnung oder eine Rache, was ihn noch an das Leben kettete? Gabriel empfand eine Art von unruhiger Begierde, dieſen Menſchen zu ſehen; ſein Herz ſchlug, wie es bis jetzt nur in den Augenblicken geſchlagen hatte, wo er Diana wiederſehen ſollte. Er hatte hundert Gefangene mit einem alltäglichen Mitleid beſucht. Doch dieſer zog ihn an und rührte ihn mehr als alle Andere, und die Angſt ſchnürte ihm ſeine Bruſt zuſammen, indem er an dieſes grabartige Daſein dachte. „Gehen wir in Nro. 24,“ ſprach er mit ſeltſam bewegtem Tone zu dem Gvouverneur. Sie ſtiegen mehrere ſchwarze, feuchte Treppen hinab und durchſchritten verſchiedene Gewölbe, den gräßlichen Spiralen der Hölle von Dante ähnlich. Dann blieb der Gouverneur vor einer eiſernen Thüre ſtehen und ſprach: „Es iſt hier. Ich ſehe den Wächter nicht, ohne Zweifel iſt er im Gefängniß; doch ich habe doppelte Schlüſſel. Treten wir ein.“ Er öffnete in der That, und ſie traten beim 88 Schimmer einer Laterne, welche ein Schließer in der Hand hielt, ein. Gabriel ſah nun ein ſchweigſames, furchtbares Ge⸗ mälde, wie man es nur beim Alpdrücken des Deliriums ſieht. Als Wände überall Stein, ſchwarzer, mooſiger, übelriechender Stein; denn dieſer finſtere Ort war tiefer ausgehöhlt als das Bett der Seine, und das Waſſer erfüllte ihn halb bei größerem Steigen. Auf dieſen dunkeln Wänden krochen klebrige Thiere; die eiſige Luft wiederhallte von keinem Geräuſch, wenn nicht von dem eines Waſſertropfens, der regelmäßig und dumpf von dem häßlichen Gewölbe herabfiel. Etwas weniger als dieſer Waſſertropfen, etwas mehr als dieſe unbeweglichen Schnecken lebten hier zwei menſchliche Geſchöpfe, das eine das andere bewa⸗ chend, Beide düſter und ſtumm. Der Schließer, eine Art von Simpel, ein Rieſe mit dummem Auge und bleicher Geſichtsfarbe, ſtand im Schatten und betrachtete mit albernem Blick den Gefangenen, der in einer Ecke, die Hände und die Füße mit einer in die Mauer genieketen Kette gefeſſelt, auf einem elenden Strohlager ausgeſtreckt lag. Es war ein Greis mit weißem Bart und weißen Haaren. Als man eintrat, ſchien er zu ſchlafen und rührte ſich nicht; man hätte ihn für einen Leichnam oder für eine Bild⸗ ſäule halten können. Doch plötzlich ſetzte er ſich auf, öffnete die Augen, und ſein Blick heftete ſich auf den Blick von Gabriel. Es war ihm verboten, zu ſprechen; doch dieſer furchtbare und zugleich herrliche Blick ſprach. Gabriel war bezaubert davon. Der Gouverneur unterſuchte mit dem Schließer alle Winkel des Kerkers. Wie an den Boden genagelt, rührte ſich Gabriel nicht von der Stelle; er blieb ganz niedergeſchmettert durch dieſe Flammenaugen und konnte ſich nicht davon losmachen, 9 n n n d n 2 1 r, r 8 f 89 während ſich zu gleicher Zeit eine ganze Welt ſeltſamer, unausſprechlicher Gedanken in ihm regte. Der Gefangene ſchien ſeinen Beſuch ebenfalls nicht gleichgültig zu betrachten, und es gab einen Augenblick, wo er eine Geberde machte und den Mund öffnete, als wollte er reden; doch der Gouverneur hatte ſich umge⸗ wendet, er erinnerte ſich zu rechter Zeit des Geſetzes, das ihm vorgeſchrieben war, und ſeine Lippen ſprachen nur durch ein bitteres Lächeln. Er ſchloß dann die Angen wieder und verſank in ſeine ſteinerne Unbeweg⸗ lichkeit. „Oh! gehen wir von hier weg,“ ſprach Gabriel zum Gouverneur.„Ich bitte, gehen wir weg, ich muß Luft einathmen und die Sonne ſehen.“ Er erlangte in der That ſeine Ruhe und ſo zu ſagen ſein Leben erſt wieder, als er ſich auf der Straße, mitten unter dem Geräuſch der Menge fand. Auch da war die düſtere Erſcheinung noch in ſeinem Innern, und ſie verfolgte ihn den ganzen Tag, während er nachdenkend die Grove entlang ging. Irgend ein Etwas ſagte ihm, das Schickſal dieſes unglücktichen Gefangenen ſtehe mit dem ſeinigen in Be⸗ rührung und er ſei an einem großen Ereigniß ſeines Lebens hingegangen. Ermüdet endlich durch dieſe ge⸗ heimnißvollen Ahnungen, wandte er ſich, als der Abend herannahte, den Tournelles zu. Die Turniere des Tages, an denen Gabriel nicht hatte Theil nehmen wollen, endigten ſich. Gabriel konnte Diana erſchauen und wurde von ihr erſchaut, und dieſer doppelte Blick zer⸗ ſtreute den Schatten aus ſeinem Herzen, wie ein Son⸗ nenſtrahl die Wolken zerſtreut. Gabriel vergaß den düſteren Gefangenen, den er am Tage geſehen, um nur noch an die blendende Jungfrau zu denken, die er am Abend ſehen ſollte. 90 X. Elegie während der Romödie. Es war ein Herkommen aus der Zeit der Regie⸗ rung von Franz I. Wenigſtens dreimal in der Woche verſammelten ſich der König, die Herren und alle Da⸗ men des Hofes am Abend im Gemach der Königin. Hier unterhielt man ſich über die Ereigniſſe des Tages mit aller Freiheit, zuweilen auch mit aller Ausſchwei⸗ fung. Während des allgemeinen Geſpräches bildeten ſich Privatunterredungen und,„da ſich hier eine Truppe menſchlicher Göttinnen fand,“ ſagt Brantome,„ſo un⸗ terhielt jeder der hohen Herren und jeder Edelmann diejenige, welche er am meiſten liebte.“ Oft gab es auch Ball oder Schauſpiel. Bei einer Verſammlung dieſer Art ſollte an dem⸗ ſelben Abend ſich unſer Freund Gabriel einſinden, und gegen ſeine Gewohnheit putzte und parfumirte er ſich, um nicht zu unvortheilhaft in den Augen derjenigen zu erſcheinen, welche er, um immer mit Brantome zu ſprechen, am meiſten liebte. Die Frende von Gabriel war indeſſen nicht frei von einer Miſchung von Unruhe, und gewiſſe unbe⸗ ſtimmte, übelklingende Worte, die man um ihn her über die nahe bevorſtehende Heirath von Diana geflüſtert hatte, verſetzten ihn in eine nicht zu beſchwichtigende innere Bewegung. Ganz dem Glücke ſich hingebend⸗ das er empfunden, als er Diana wiederſah und in ih⸗ ren Blicken die Zärtlichkeit einer früheren Zeit wieder⸗ zufinden glaubte, hatte er Anfangs beinahe den Brief des Cardinals von Lothringen vergeſſen, der ihn doch zu einem ſo ſchnellen Aufbruch veranlaßt; doch die in der Luft kreiſenden Gerüchte, die vereinigten Namen von 2 d d e⸗ he a. ei⸗ en n⸗ nn ch rei be⸗ ber ert nde ud, e rief och in von 91 Diana von Caſtro und von Franz von Montmorency, die er nur zu deutlich gehört hatte, gaben ſeiner Lei⸗ denſchaft das Gedächtniß wieder. Würde Diana ſich zu dieſer verhaßten Heirath herbeilaſſen? Würde ſie dieſen Franz lieben? Martervolle Zweifel, welche die Zuſammenkunft am Abend vielleicht nicht gänzlich zu zerſtreuen vermöchte. Gabriel beſchloß, hierüber Martin-Guerre zu be⸗ fragen, der ſchon mehr als eine Bekanntſchaft gemacht hatte, und in ſeiner Eigenſchaft als Stallmeiſter viel tiefer unterrichtet ſein mußte, als die Herren. Denn es iſt eine allgemeine akuſtiſche Beobachtung, daß die Ge⸗ räuſche aller Art viel ſtärker unten hallen, und daß es faum anderswo als in den Thälern Echos gibt. Der Vicomte d'Ermès hatte um ſo mehr ſeinen Entſchluß zu rechter Zeit gefaßt, als es ebenfalls Vorſatz bei Mar⸗ tin⸗Guerre war, ſeinen Herrn zu befragen, deſſen Un⸗ ruhe ihm nicht entging, während er doch, ſtreng genom⸗ men, nicht das Recht hatte, etwas von ſeinen Handlungen oder ſeinen Gefühlen einem fünfjährigen treuen Die⸗ ner und einem Retter, was noch mehr iſt, zu verbergen. Aus dieſem gegenſeitigen Entſchluß und aus dem Geſpräch, das daraus folgte, ging für Gabriel hervor, daß Diana von Caſtro Franz von Montmorench nicht liebte, und für Martin⸗Guerre, daß Gabriel Diana von Caſtro liebte. Dieſer doppelte Schluß erfreute den Einen und den Andern ſo ſehr, daß Gabriel eine Stunde vor der Gröffnung der Pforten in den Louvre kam, und daß Martin⸗Guerre, um der föniglichen Geliebten des Vi⸗ comte Ehre zu machen, auf der Stelle zum Hofſchneider ging und ſich einen Leibrock von braunem Tuch und Strumpfhoſen von gelbem Tricot kaufte. Er bezahlte Alles baar, und zog ſogleich ſeine neue Kleidung an, um ſie ſchon am Abend in den Vorzimmern des Louvre zu zeigen, wo er ſeinen Herrn erwarten ſollte. Der Schneider war ſehr erſtaunt, als er nach einer 92 halben Stunde Martin⸗Guerre wieder erſcheinen ſah, und zwar in andern Kleidern. Er machte ihm hierüber eine Bemerkung. Martin⸗Guerre erwiederte, der Abend ſei ihm etwas friſch vorgekommen, und er habe es für geeignet erachtet, ſich wärmer zu kleiden. Uebrigens ſei er immer noch ſo ſehr mit dem Leibrockund mit den Strumpfho⸗ ſen zufrieden, daß er komme, um den Schneider zu bit⸗ ten, ihm einen Leibrock von demſelben Tuch und demſelben Schnitt zu kaufen oder zu machen. Vergebens bemerkte der Kleiderhändler Martin⸗Guerre, er würde das Ausſehen haben, als trüge er beſtändig denſelben Anzug, und es wäre beſſer für ihn, wenn er ein anderes Coſtume be⸗ ſtellte, einen gelben Leibrock und braune Strumpfhoſen zum Beiſpiel, da er dieſe Farben zu lieben ſcheine; Martin⸗Guerre wollte nicht von ſeinem Gedanken ab⸗ gehen, und der Schneider mußte ihm verſprechen, nicht einmal die Nuance der Kleider zu verändern, die er ihm ſchleunigſt machen ſollte, da er keine fertige hatte. Nur verlangke er für dieſe zweite Beſtellung ein wenig Cre⸗ dit. Er hatte den erſten Einkauf hübſch bezahlt, er war Stallmeiſter beim Vicomte d'Ermès, dem Kapitän der Leibwachen des Königs; der Schneider beſaß jenes heldenmüthige Vertrauen, das zu jeder Zeit die ge⸗ ſchichtliche Apanage der Leute ſeines Standes geweſen iſt; er willigte daher auch ein und verſprach, am näch⸗ ſten Tag das zweite Coſtume vollſtändig zu liefern. Die Stunde, welche Gabriel vor den Pforten ſei⸗ nes Paradieſes hatte umhergehen müſſen, war indeſſen abgelaufen, und er konnte mit vielen anderen Herren und Damen in die Gemächer der Königin dringen. Mit dem erſten Blick gewahrte Gabriel Diana; ſie ſaß bei der Dauphine Königin, wie man von da an Maria Stuart nannte. Sie auf der Stelle anzureden, wäre für einen Neu⸗ angekommenen ſehr kühn und ohne Zweifel ein wenig unklug geweſen. Gabriel entſchloß ſich alſo, einen gün⸗ ſtigen Augenblick abzuwarten, den Augenblick, wo das ————— N M S—— 8— v—* ie 1 ig 6 93 Geſpräch ſich beleben und die Geiſter zerſtreuen würde. Er plauderte mittlerweile mit einem bleichen jungen Herrn von zartem Ausſehen, den der Zufall in ſeine Nähe führte. Doch nachdem er ſich eine Zeit lang über Gegenſtände unterhalten hatte, welche ſo unbedeutend waren, als ſeine Perſon zu ſein ſchien, fragte der junge Cavalier Gabriel: „Mit wem habe ich zu ſprechen die Ehre?“ „Ich bin der Vicomte d'Ermeès,“ antwortete Gab⸗ riel.„Darf ich es wagen, mein Herr, dieſelbe Frage an Euch zu richten?“ fügte er bei. Der junge Mann ſchaute ihn mit erſtaunter Miene an und erwiederte: „Ich bin Franz von Montmorench.“ Hätte er geſagt:„Ich bin der Teufel 1“ Gabriel könnte ſich nicht mit mehr Schrecken und Haſt von ihm entfernt haben. Franz, der keinen ſehr lebhaften Geiſt beſaß, war ganz verwundert; da er aber die Kopfarbeit nicht liebte, ſo ließ er dieſes Räthſel bald liegen, und ſuchte anderswo etwas minder ſcheue Zuhörer. Gabriel war beſorgt geweſen, ſeine Flucht gegen die Seite von Diana von Caſtro zu lenken; doch er wurde durch eine große Bewegung aufgehalten, welche um den König her entſtand. Heinrich 11. verkündigte nämlich, da er dieſen Tag durch eine Ueberraſchung für die Damen zu beendigen gedacht, ſo habe er in der Gallerie ein Theater errichten laſſen, und man werde eine Komödie in fünf Acten und in Verſen von Jean Antoine de Baif, genannt der Brave, aufführen; dieſe Neuigkeit wurde natürlich mit den Dankbezeugun⸗ gen und dem Beifallsrufe Aller aufgenommen⸗ Die Edelleute boten ihre Hand den Damen, um ſie in den nahen Saal zu führen, wo die Seene improviſirt warz doch Gabriel kam zu ſpät zu Diana und konnte ſich nur unfern von ihr hinter die Königin ſtellen. Catharina von Medicis erblickte und rief ihn; er 5 mußte vor ſie treten. 94 „Herr d'Ermès,“ ſagte ſie zu ihm,„warum hat man Euch nicht bei dem heutigen Turnier geſehen?“ „Madame,“ antwortete Gabriel,„die Pflichten des Amtes, mit welchem mich zu betrauen Seine Majeſtät mir die Ehre erwieſen, haben mich abgehalten.“ „Das iſt Schade,“ verſetzte Catharina mit einem reizenden Lächeln,„denn Ihr ſeid ſicherlich einer unſe⸗ rer kühnſten und gewandteſten Cavaliere. Ihr habt geſtern den König wanken gemacht, was ein ſeltener Streich iſt, und es würde mir Vergnügen gewährt ha⸗ ben, abermals Zeuge Eures Heldenmuthes zu ſein.“ Gabriel verbeugte ſich ganz verlegen über dieſe Complimente, auf die er nichts zu erwiedern wußte. „Kennt Ihr das Stück, das man uns geben wird?“ fuhr Catharing fort, welche offenbar ſehr günſtig für den ſchönen, ſchüchternen jungen Mann geſtimmt war. „Ich kenne es nur in lateiniſcher Sprache,“ ant⸗ wortete Gabriel,„denn es iſt, wie man mir ſagt, eine einfache Nachahmung eines Stückes von Terentius.“ „Ich ſehe,“ ſprach die Königin,„daß Ihr eben ſo gelehrt, als muthig, ebenſo in den Wiſſenſchaften be⸗ wandert, als geſchickt in den Lanzenſtößen ſeid.“ Dies Alles wurde mit halber Stimme geſprochen, und war von Blicken begleitet, welche man nicht gerade grauſam nennen konnte. Sicherlich war das Herz von Catharina für den Angenblick leer. Doch ſcheu wie der Hyppolit des Euripides, nahm Gabriel dieſe Zuvorkom⸗ menheiten der Italienerin nur mit einer gezwungenen Miene und mit gefalteter Stirne auf. Der Undank⸗ bare! er ſollte doch dieſem Wohlwollen, über das er Anfangs pfui machte, nicht nur den Platz, nach dem er ſeit ſo langer Zeit bei Diana ſtrebte, ſondern auch,das reizende Schmollen, worin ſich die Liebe einer Eifer⸗ ſüchtigen verrathen konnte, zu verdanken haben. Als der Prolog herkömmlicher Weiſe die Zuhörer um Nachſicht erſuchte, ſagte Catharina zu Gabriel: „Setzt Euch hinter mich, unter dieſe Damen, Hert 5 6 ät e⸗ bt er a⸗ ſe 2. ür ar. nt⸗ ine ſo be⸗ en, ade von der m⸗ nen ink⸗ er er as fer⸗ öre Herr 7. Gelehrter, damit ich im Falle der Noth meine Zuflucht zu Eurer Erleuchtung nehmen kann.“ Frau von Caſtro hatte ihren Platz am Ende einer Reihe gewählt, ſo daß nach ihr nur noch der Gang fam! Nachdem ſich Gabriel vor der Königin verbeugt hatte, nahm er beſcheiden ein Tabouret und ſetzte ſich in dieſen Gang neben Diana, um Niemand zu ſtören. Die Komödie begann. Es war, wie Gabriel zu der Königin geſagt hatte, eine Nachahmung des Eunuchen von Terenz, com⸗ ponirt in achtſylbigen Verſen und mit der ganzen pe⸗ dantiſchen Naivetät jener Zeit wiedergegeben. Wir ent⸗ halten uns jeder Auseinanderſetzung des Stückes. Dies wäre übrigens ein Anachronismus, denn die Kritik und die Rechenſchaftsberichte waren in jener barbariſchen Epoche noch nicht erfunden. Es genüge uns, daran zu erinnern, daß die Hauptperſon des Stückes ein fal⸗ ſcher Braver, ein prahleriſcher Soldat iſt, der ſich von einem Schmarotzer bethören und übel zurichten läßt. Schon am Anfang des Stückes ſahen die zahlrei⸗ chen Parteigänger der Guiſen, welche im Saal ſaßen, in dem lächerlichen Großſprecher den Connetable von Montmorench, und die Parteigänger von Montmo⸗ rench wollten in den Rodomontaden des prahleriſchen Soldaten die ehrgeizigen Beſtrebungen des Herzogs von Guiſe erkennen. Von da an wurde jede Scene eine Satyre und jeder Witz eine Anſpielung. Man lachte hei beiden Parteien aus vollem Hals; man bezeichnete ſich gegenſeitig mit dem Finger, und wahrlich, die Komö⸗ die, welche im Saal geſpielt wurde, war nicht weniger beluſtigend, als dieſenige, welche die Schauſpieler auf den Brettern darſtellten. Unſere Verliebten benützten den Antheil, den an der Vorſtellung die zwei rivalen Lager des Hofes nah⸗ men, um harmoniſch ihre Liebe mitten unter dem Ge⸗ ziſche und Gelächter reden zu laſſen. Sie ſprachen 96 zuerſt ihre zwei Namen mit leiſer Stimme aus. Dies iſt die geheiligte Anrufung. „Diana!“ „Gabriel!“ rathen?“ vorgerückt?“ „Ihr habt gehoͤrt, daß ſie mich gerufen.“ „Ihr wißt, daß der König dieſe Heirath will.“ „Doch Ihr willigt ein, Diana?“ „Doch Ihr hört auf Catharina, Gabriel.“ „Ein Wort, ein einziges,“ verſetzte Gabriel,„Ihr intereſſirt Euch alſo noch für das, was eine Andere mich kann fühlen laſſen? Was in meinem Herzen vor⸗ geht, macht Euch alſo etwas.“ 3 „Es macht mir,“ ſprach Frau von Caſtro,„es macht mir, was Euch das macht, was in dem meinigen vorgeht.“ „Oh! Diana, erlaubt mir, es Euch zu ſagen, Ihr ſeid eiferſüchtig, wenn Ihr ſeid wie ich; wenn Ihr ſeid wie ich, liebt Ihr mich wahnſinnig.“ „Herr d'Ermés,“ verſetzte Diana, welche einen Augenblick ſtreng ſein wollte, das arme Kind!„Herr nes ich heiße Frau von Caſtro.“ „Seid Ihr nicht Witwe, Madame? Seid Ihr nicht frei?“ „Frei, ach!“ „Oh, Diana! Ihr ſeufzt. Diana, geſteht, daß jenes Gefühl des Kindes, das unſere erſten Jahre durchduftete, eine Spur in dem Herzen der Jungfrau zurückgelaſſen hat. Geſteht, Diana, daß Ihr mich im⸗ mer noch ein wenig liebt. Oh! befürchtet nicht, man könnte Euch hören: Alle um uns her haben ſich ganz den Späſſen dieſes Paraſiten hingegeben; ſie haben nichts Süßes zu hören und lachen. Ihr, Diana, lächelt mir zu, antwortet mir, Diana, liebt Ihr mich?“ „Ihr werdet alſo Franz von Montmoreney hei⸗ „Ihr ſeid alſo in der Gunſt der Königin ſehr weit ſpr das hut beſ gei der es eit hr ere or⸗ „es gen hr ſeid nen err h daß hre rau im⸗ nan anz ben helt 97 „Stille! ſeht Ihr nicht, daß der Akt endigt?“ ſprach das boshafte Kind.„Wartet wenigſtens, bis das Stück wieder anfängt.“ Der Zwiſchenakt dauerte zehn Minuten, zehn Jahr⸗ hunderte! Zum Glückwar Catharina durch Maria Stuart beſchäftigt und rief Gabriel nicht. Er wäre im Stande geweſen, nicht zu gehen, und das hätte ihn in's Ver⸗ derben geſtürzt. Als die Komödie unter ſchallendem Gelächter und Beifallsgeklatſche wiederbegann, fragte Gabriel: „Nun?“ „Was denn,“ verſetzte Diana, eine Zerſtreuung heuchelnd, welche ihrem Herzen ſehr fern war⸗„Ah! Ihr fragtet mich, glaube ich, ob ich Euch liebe. Habe ich Euch denn nicht ſo eben geantwortet: ich liebe Euch, wie Ihr mich liebt.“ „Ah!“ rief Gabriel,„wißt Ihr auch Diana, was Ihr ſagt? Wißt Ihr, wie weit meine Liebe geht, der Ihr die Eurige gleich nennt?“ „Wenn ich es wiſſen ſoll,“ ſprach die kleine Heuch⸗ lerin,„ſo müßt Ihr es mich wenigſtens lehren.“ „So hört mich denn, Diana, und Ihr werdet ſehen, vaß in den ſechs Jahren, ſeitdem ich Euch verlaſſen habe, alle Stunden und alle Handlungen meines Le⸗ bens dahin ſtrebten, daß ich mich Euch nähern konnte. Erſt als ich einen Monat nach Eurer Abreiſe von Vimou⸗ tiers nach Paris kam, erfuhr ich, wer Ihr waret: die Tochter des Königs und von Frau von Valentinvis. Doch es war nicht Euer Titel als Tochter von Frank⸗ reich, was mich erſchreckte, ſondern Euer Titel als Frau des Herzogs von Caſtro, und dennoch ſagte mir etwas:„Gleichviel! nähere Dich ihr, erwirb Dir Ruf, damit ſie eines Tags wenigſtens Deinen Namen ausſprechen hört und Dich bewundert, wie Andere Dich fürchten werden.““ Dies dachte ich, Diana, und ich übergab mich dem Herzog von Guiſe, der mir am Die beiden Dianen. 1. 7 98 meiſten geeignet ſchien, mich raſch und gut das Ziel des Ruhmes, nach dem ich ſtrebte, erreichen zu laſſen. Im folgenden Jahr war ich in der That mit ihm in den Mauern von Metz eingeſchloſſen, und ich ſtrengte alle meine Kräfte an, um meines Theils den beinahe unerwarteten Erfolg der Aufhebung der Belagerung herbeizuführen. In Metz, wo ich geblieben war, um die Feſtungswerke wiederherſtellen und alle Unfälle, welche durch fünfundſechzig Tage des Angriffs veran⸗ laßt worden, wieder gut machen zu laſſen, erfuhr ich die Einnahme von Hesdin durch die Kaiſerlichen und den Tod des Herzogs von Caſtro, Eures Gemahls. Er hatte Euch nicht einmal wiedergeſehen, Diana! Oh! ich beklagte ihn; doch wie ſchlug ich mich bei Renty! Ihr werdet den Herzog von Guiſe darüber fragen. Ich war auch bei Abeville, bei Dinan, bei Bavay, bei Chateau⸗Cambreſis. Ich war überall, wo das Mus⸗ ketenfeuer ſchallte, und ich kann wohl ſagen, daß nichts Glorreiches unter dieſer Regierung geſchehen iſt, woran ich nicht meinen kleinen Antheil hatte. Beim Waffen⸗ ſtillſtand von Vaucelles kam ich nach Paris; Ihr waret immer noch im Kloſter, Diana, und meine gezwungene Ruhe ermüdete mich ungemein, als zum Gluͤck der Waffenſtillſtand gebrochen wurde. Der Herzog von Guiſe, der mir ſchon einige Achtung zu bewilligen die Gnade hatte, fragte mich, ob ich ihm nach Italien ſolgen wollte. Ob ich es wollte? Nachdem wir mitten im Winter die Alpen überſtiegen hatten, marſchirten wir durch das Mailändiſche, Valenza wird im Sturm genommen, der Piacenzer und der Parmeſane gewähren uns den Durchzug und nach einem Triumphmarſch durch Toscana und die Kirchenſtaaten kommen wir zu den Abruzzen; doch nun fehlt es dem Herzog an Geld und an Truppen; dennoch nimmt er Pampli und belagert er Civitella; aber das Heer iſt demoraliſirt, das Unter⸗ 1 nehmen gefährdet. In Civitella, Diana, erfahre ich durch einen Brief des Cardinals vyn Lothringen a ——— 5„ S G n iel en gte che ng um lle, m⸗ ich 99 ſeinen Bruder Eure bevorſtehende Heirath mit Franz von Montmorency. Es war nichts Gutes mehr jenſeits der Alpen zu thun. Herr von Guiſe geſtand es ſelbſt zu, und ſeine Güte erlaubte mir, nach Frankreich, unter⸗ ſtützt von ſeiner mächtigen Empfehlung, zurückzukehren und dem König die eroberten Fahnen zu überbringen. Doch mein einziges Streben, Diana, war, Euch zu ſehen, Euch zu ſprechen, von Euch zu erfahren, ob Ihr willig dieſe neue Heirath einginget, und nachdem ich Euch, wie ich es gethan, meine ſechsjährigen Kämpfe und Beſtrebungen erzählt, Euch zu fragen, was ich Euch nun frage. Diana, ſprecht, liebt Ihr mich, wie ich Euch liebe?“ „Freund,“ erwiederte Frau von Caſtro mit ſanf⸗ tem Tone,„ich werde Euch ebenfalls mit meinem Le⸗ ben antworten. Als ich, ein Kind von zwölf Jahren, an dieſen Hof kam, erfaßte mich nach den erſten Augen⸗ blicken, welche das Erſtaunen und die Neugierde aus⸗ füllten, die Langeweile, die goldenen Feſſeln dieſes Daſeins drückten mich und ich beklagte bitterlich die Trennung von unſeren Wäldern und unſeren Ebenen in Vimoutiers und Montgommery, Gabriel! Jeden Abend entſchlummerte ich weinend. Der König, mein Vater, war doch gut gegen mich, und ich ſuchte ſeine Zunei⸗ gung durch meine Liebe zu erwiedern. Aber wo war meine Freiheit? wo warAloyſe? wo waret Ihr, Gabriel? Ich ſah den König nicht jeden Tag. Frau von Valen⸗ tinvis war kalt und gezwungen gegen mich und ſchien mich beinahe zu vermeiden, während es für mich, Gabriel, wie Ihr Euch erinnert, Bedürfniß iſt, geliebt zu werden!“ „Arme, theure Diana!“ ſagte Gabriel bewegt. „Indeß Ihr kämpftet, ſchmachtete ich alſo,“ fuhr Diana fort.„Der Mann handelt und die Frau wartet, das iſt Beider Loos. Doch es iſt zuweilen viel härter, zu warten, als zu handeln. Schon im erſten Jahre meiner Einſamkeit machte mich der Tod des Herzogs 100 von Caſtro zur Witwe, und der König ſchickte mich in das Kloſter der Tochter Gottes, wo ich meine Trauerzeit hinbringen ſollte. Doch das fromme, ruhige Leben, das man im Kloſter führte, ſagte meiner Natur viel mehr zu, als die fortwährenden Intriguen und Auf⸗ regungen des Hofes. Nachdem die Trauerzeit beendigt war, verlangte und erhielt ich von dem König die Er⸗ laubniß, noch im Kloſter zu bleiben. Man liebte mich dort wenigſtens! Die gute Schweſter Monica beſonders, welche mich an Aloyſe erinnerte. Ich ſage Euch ihren Namen, Gabriel, damit Ihr ſie liebt. Und dann wa⸗ ren mir nicht nur alle Schweſtern zugethan, ſondern ich konnte auch träumen, Gabriel, ich hatte die Zeit und das Recht dazu. Ich warfrei, und was meine Träume erfüllte, welche aus der Vergangenheit und der Zukunft beſtanden, Ihr errathet es, Freund, nicht wahr?“ Beruhigt und entzückt antwortete Gabriel nur durch einen leidenſchaftlichen Blick. Zum Glück war die Scene der Komödie höchſt intereſſant. Der Prahler wurde auf das Schmählichſte behandelt und die Guiſen und die Montmoreney blähten ſich auf vor Freude. Die zwei Liebenden wären in einer Wüſte nicht mehr allein geweſen. „So vergingen fünf Jahre des Friedens und der Hoffnung,“ fuhr Diana fort.„Es traf mich nur ein Unglück, das, meinen Nährvater Enguerrand zu verlieren. Ein anderes Unglück ließ nicht auf ſich warten. Der König rief mich zu ſich zurück und eröffnete mir, ich wäre beſtimmt, die Frau von Franz von Montmorency zu werden. Ich widerſtand, Gabriel, ich war kein Kind mehr, das nicht weiß, was es thut. Doch mein Vater bat und flehte, und zeigte mir, wie wichtig dieſe Heirath für die Wohlfahrt des Reiches wäre. Ihr hattet mich ohne Zweifel vergeſſen, Gabriel, der König ſagte dies! Und dann, wo waret Ihr? Wer waret Ihr? Kurz, der König drang ſo ſehr in mich beſtürmte mich ſo ſehr mit Bitten! Geſtern, ja es w — 101 geſtern! verſprach jch, was er wollte, Gabriel, doch unter der Bedingung, daß meine Hinrichtung um drei Monate verſchoben werde, und daß ich zuvor erfahren müſſe, was aus Euch geworden wäre.“ „Ihr habt alſo verſprochen?...“ ſagte Gabriel erbleichend. „Ja, doch ich hatte Euch nicht wiedergeſehen, Freund, ich wußte nicht, welche köſtliche und ſchmerz⸗ liche Eindrücke Euer Anblick an demſelben Tag in mir erregen ſollte, als ich Euch wiedererkannte, Gabriel, ſchöner, ſtolzer denn einſt, doch immer noch derſelbe! Oh! ich fühlte ſogleich, mein Verſprechen gegen den König wäre nichtig und dieſe Heirath unmöglich; dieſes Leben gehörte Euch, und wenn Ihr mich noch liebtet, würde ich Euch immer lieben. Geſteht nun, daß ich nicht hinter Euch zurück bin, und daß Euer Leben dem meinigen nichts vorzuwerfen hat.“ „Oh! Ihr ſeid ein Engel, Diana, und Alles, was ich gethan habe, um Euch zu verdienen, iſt nichts.“ „Gabriel, da uns das Schickſal ein wenig genähert hat, ſo laßt uns die Hinderniſſe ermeſſen, die uns noch trennen. Der König iſt ehrgeizig für ſeine Tochter, und die Caſtro und die Montmorency haben ihn leider ſchwierig gemacht.“ „Seid unbeſorgt über dieſen Punkt, Diana; das Haus, zu dem ich gehöre, braucht die ihrigen nicht zu beneiden, und es wäre nicht das erſte Mal, daß es ſich mit dem Hauſe Frankreich verbinden würde.“ „Ah! wahrhaftig! Gabriel, Ihr erfüllt mich mit Freude, indem Ihr mir das ſagt. E bin, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ſehr unwiſſtud in der Wap⸗ penkunde und kannte die d'Ermés nicht. Dort in Vi⸗ moutiers nannte ich Euch Gabriel, und mein Herz be⸗ durfte keines ſüßeren Namens. Dieſer Name iſt es, den ich liebe, und wenn Ihr glaubt, der andere werde den König befriedigen, ſo geht Alles gut und ich bin glücklich. Möget Ihr d'Ermés, oder Guiſe, oder Montmorency 102 heißen.. ſobald Ihr Euch nicht Montgommery nennt, geht Alles gut.“ „Und warum ſoll ich kein Montgommery ſein?“ verſetzte Gabriel erſchrocken. „Oh! die Montgommery, unſere Nachbarn dort, haben, wie es ſcheint, dem König Böſes gethan, denn er grollt ihnen ſehr.“ „Ah! wahrhaftig?“ ſagte Gabriel, deſſen Bruſt ſich zuſammenſchnürte;„doch ſind es die Montgommery, die dem König Böſes gethan, oder iſt es vielmehr der König, der ſchlimm gegen die Montgommery verfahren?“ „Mein Vater iſt zu gut, um je ungerecht geweſen zu ſein, Gabriel.“ „Gut für ſeine Tochter, ja, doch gegen ſeine Feinde. „Furchtbar vielleicht,“ perſetzte Diana,„wie Ihr es gegen die von Frankreich und vom König ſeid. Doch was iſt daran gelegen, und was gehen Euch die Mont⸗ gommery an?“ „Wenn ich jedoch ein Montgommery wäre, Diana?“ „Oh! ſagt das nicht, Freund.“ „Aber wenn es ſo wäre?“ „Wenn es ſo wäre,“ ſprach Diana,„wenn ich mich zwiſchen meinen Vater und Euch geſtellt fände, ſo würde ich mich dem Beleidigten zu Füßen werfen, wer es auch ſein möchte, und ſo lange weinen und flehen, bis mein Vater meinetwegen Euch vergäbe, oder bis Ihr meinem Vater meinetwegen vergäbet.“ „Und Eure Stimme iſt ſo mächtig, Diana, daß ſich der Beleidigte ſicherlich ſchmiegen würde, vorausgeſetzt, daß kein Blut vergoſſen worden.“ „Oh! Ihr erſchreckt mich, Gabriel, das heißt die Prüfung lange genug ſortſetzen, doch nicht wahr, es war nur eine Prüfung?“* „Ja, Diana, eine einfache Prüfung, Gott wird e geſtatten, daß es nur eine Prüfung iſt,“ flüſterte er gleichſam ſich ſelbſt zu. — —— nt, 2 rt, un ſt y, er en 103 „Und es ſindet kein Haß zwiſchen meinem Vater und Euch ſtatt, es kann keiner ſtattfinden?“ „Ich hoffe es, Diana, ich würde zu ſehr leiden, wenn ich Euch leiden machte.“ „Das iſt gut, Gabriel; nun wohl! wenn Ihr das hofft, mein Freund,“ fügte ſie mit ihrem anmuthreichen Lächeln bei,„ſo hoffe ich meinen Vater zu bewegen, daß er auf die Heirath verzichtet, welche mein Tod wäre. Ein mächtiger König wie er muß dieſen Mont⸗ moreney Entſchädigungen zu bieten haben.“ „Nein, Diana, alle ſeine Schätze und ſeine ganze Gewalt vermöchten nicht für Euren Verluſt zu ent⸗ ſchädigen.“ „Ah! ſo verſteht Ihr das, gut, gut! Ihr habt mir bange gemacht, Gabriel. Doch ſeid unbeſorgt, Freund: Franz von Montmoreney denkt hierüber, Gott ſei Dank, nicht wie Ihr, und er wird Eurer armen Diana einen hölzernen Stab vorziehen, der ihn zum Marſchall macht. Iſt dieſer ruhmwürdige Tauſch an⸗ genommen, ſo werde ich den König ganz ſachte vorbe⸗ reiten. Ich werde ihn an die königlichen Verwandt⸗ ſchaften des Hauſes d'Exmés, ich werde ihn an Eure Thaten erinnern, Gabriel...“ Sie unterbrach ſich. „Ah! mein Gott! das Stück geht zu Ende, wie mir ſcheint.“ „Fünf Akte! was das kurz iſt!“ ſagte Gabriel; „doch Ihr habt Recht, Diana, der Epilog ſetzt die Mo⸗ ral der Fabel auseinander.“ „Zum Glück,“ erwiederte Diana,„zum Glück haben wir uns beinahe Alles geſagt, was wir uns zu ſagen hatten.“ „Ich habe Euch nicht den tauſendſten Theil geſagt,“ entgegnete Gabriel. „Ich auch nicht,“ ſprach Diana;„und die Zuvor⸗ kommenheit der Königin... „Oh! Boshafte!“ 104 „Die Boshafte iſt diejenige, welche Euch zulächelt, und nicht die, welche Euch ſchmäht, verſteht Ihr? Sprecht nicht mehr mit ihr dieſen Abend, Freund, ich will es.“ „Ihr wollt es! wie gut Ihr ſeid!... Nein, ich werde nicht mehr mit ihr ſprechen. Doch hört, der Epi⸗ log iſt leider auch zu Ende! Gott befohlen, und auf baldiges Wiederſehen, nicht wahr, Diana? Sagt mir ein letztes Wort, das mich aufrecht hält und mich trö⸗ ſtet, Diana.“ „Auf baldiges Wiederſehen, auf immer, Gabriel, mein Männchen,“ flüſterte das freudige Kind dem entzückten Gabriel ins Ohr. Und ſie verſchwand in der gedrängten, geräuſch⸗ vollen Menge. Gabriel ſchlich ſich ſeinerſeits weg, um es ſeinem Verſprechen gemäß zu vermeiden, der Kö⸗ nigin zu begegnen.. eine rührende Treue gegen ſeine Schwüre.. Er verließ den Louvre, indem er in ſeinem Innern Antvine de Baif für einen großen Mann erklärte und ſich ſagte, er habe nie einer Vor⸗ ſtellung beigewohnt, die ihm ſo viel Vergnügen ge⸗ macht. Im Veſtibule nahm er Martin⸗Guerre mit, der ihn ganz funkelnd in ſeinen neuen Kleidern erwartete. „Nun! hat der gnädige Herr Frau von Angou⸗ léme geſehen?“ fragte der Stallmeiſter ſeinen Herrn, als ſie auf der Straße waren.. „Ich habe ſie geſehen,“ antwortete Gabriel träu⸗ meriſch. „Und Frau von Angoulöme liebt immer noch den Herrn Vicomte?“ fuhr Martin-Guerre fort, als er Gabriel in guter Stimmung ſah. „Schurke!“ rief Gabriel,„wer hat Dir das ge⸗ ſagt? Woher haſt Du es genommen, daß Frau von Caſtro mich liebte, oder daß ich nur Frau von Caſtro liebte? Willſt Du wohl ſchweigen, Burſche?“ „Gut!“ murmelte Meiſter Martin,„der gnäd S 105 Herr wird geliebt, ſonſt hätte er geſeufzt und mich nicht geſchmäht, und der gnädige Herr iſt verliebt, ſonſt hätte er meinen neuen Mantel und meine neuen Strumpf⸗ hoſen bemerkt.“ „Was ſprichſt Du da von Strumpfhoſen und Man⸗ tel 2 In der That, Du hatteſt dieſen Rock heute Mit⸗ tag noch nicht.“ „Nein, gnädiger Herr, ich habe ihn dieſen Abend gekauft, um meinem Gebieter und ſeiner Geliebten Ehre zu machen, und ich habe ihn baar bezahlt, denn meine Frau Bertrande hat mich an Ordnung und Sparſamkeit, wie an Mäßigkeit und Keuſchheit und alle Arten von Tugenden gewöhnt. Ich muß ihr dieſe Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und wenn ich ſie hätte an die Sanftmuth gewöhnen können, ſo wären wir das glücklichſte Paar geweſen.“ „Es iſt gut, Schwätzer, man wird Dir Deine Auslagen wiedererſtatten, da Du Dich meinetwegen in Koſten verſetzt haſt.“ „Oh! gnädiger Herr, welche Großmuth! doch wenn der gnädige Herr mir ſein Geheimniß verſchweigen will, ſo gebe er mir nicht dieſen neuen Beweis, daß er geliebt wird, wie er verliebt iſt. Man leert ſeine Börſe nur ſo gern, wenn das Herz voll iſt. Uebrigens kennt der Herr Vicomte Martin⸗Guerre und weiß, daß man ſich ihm anvertrauen kann. Treu und ſtumm wie das Schwert, das er trägt!“ „Es mag ſein, doch nun genug, Meiſter Martin.“ „Ich laſſe den gnädigen Herrn träumen.“ Gabriel träumte in der That dergeſtalt, daß er, nach Hauſe zurückgekehrt, das Bedürfniß fühlte, ſeine Träume zu ergießen, weshalb er ſchon am Abend an Aloyſe ſchrieb. „Meine gute Aloyſe, Diana liebt mich! doch nein, dies iſt es nicht, was ich Dir zuerſt ſagen muß. Meine gute Aloyſe, komm zu mir; ſeit ſechs Jahren von Dir 106 entfernt, ſehne ich mich ſehr darnach, Dich zu umarmen. Die Präliminarien meines Lebens ſind nun feſtgeſtellt. Ich bin Kapitän der Leibwachen des Königs, einer von den am meiſten beneideten militäriſchen Graden und der Name, den ich mir gemacht habe, wird mir den, wel⸗ chen ich von meinen Ahnen erhalten, mit Ruhm und Ehre umgeben helfen. Ich bedarf Deiner auch für dieſe Aufgabe, Aloyſe. Und dann brauche ich Dich, weil ich glücklich bin, weil, ich wiederhole es Dir, Diana mich liebt, ja, die Diana von einſt, die meine gute Aloyſe nie vergeſſen, obgleich ſie den König ihren Va⸗ ter nennt. Aloyſe, die Tochter des Königs und von Frau von Valentinois, die Witwe des Herzogs von Caſtro, hat nie vergeſſen und liebt immer noch mit ihrer ganzen reizenden Seele ihren dunkeln Freund von Vimoutiers. Es iſt noch keine Stunde, daß ſie es mir geſagt hat, und ihre ſüße Stimme erklingt beſtändig in meinem Herzen. Komm alſo, Aloyſe, denn ich bin wahrhaftig zu glücklich, um allein glücklich zu ſein.“ Rl. Friede oder Rrieg? Am ſiebenten Juli fand eine Sitzung des könig⸗ lichen Rathes ſtatt, und der Staatsrath war vollzählig. Um Heinrich II, und die Prinzen ſeines Hauſes ſaßen an dieſem Tag Anne von Montmorench, der Cardinal von Lothringen und ſein Bruder Carl von Guiſe, Erzbiſchof von Rheims, der Kanzler Olivier von Lenville, der Präſident Bertrand, der Graf von Au N * 2——— n 6 —————— — 8 S X 8— 8 W —— e ———— 107 male, Soödan, Humisres und Saint Andrö mit ſeinem Sohn. Der Vicomte d'Ermés ſtand in ſeiner Eigenſchaft als Kapitän der Leibwachen mit bloßem Schwert bei der Thüre. Das ganze Intereſſe dieſer Sitzung lag wie ge⸗ wöhnlich in dem Spiel der einander feindlichen, ehr⸗ geizigen Beſtrebungen der Häuſer Montmorency und Lothringen, welche an dieſem Tag im Rath durch den Connetable ſelbſt und den Cardinal vertreten wurden. „Sire,“ ſprach der Cardinal von Lothringen,„die Gefahr iſt dringend, der Feind ſteht vor unſeren Thoren. Ein furchtbares Heer organiſirt ſich in Flandern und morgen kann Philipp unſer Gebiet überfallen und Marie von England Euch den Krieg erklären. Sire, Ihr braucht hier einen unerſchrockenen, jungen, kräftigen General, der kühn zu handeln vermag und deſſen Na⸗ men allein ſchon ein Gegenſtand des Schreckens für den Spanier iſt und ihn an neue Niederlagen erinnert.“ „Wie der Name Eures Bruders des Herrn von Guiſe zum Beiſpiel,“ ſagte Montmorency ironiſch. „In der That, wie der Name meines Bruders,“ erwiederte muthig der Cardinal,„wie der Name des Siegers von Metz, von Renty und von Valenza. Ja, Sire, es iſt nothwendig, den Herzog von Guiſe raſch aus Italien zurückzurufen, wo ihm die Mittel fehlen, wo er die Belagerung von Civitella aufzuheben ge⸗ nöthigt geweſen iſt, und wo ſeine Gegenwart und die ſeines Heeres, welche gegen die Invaſion nützlich wären, für die Eroberung unnütz werden.“ Der Koͤnig wandte ſich nachläßig gegen Herrn von Montmorench um, als wollte er ſagen: Die Reihe iſt an Euch. „Sire,“ ſprach der Connetable,„es ſei, ruft das Heer zurück, da dieſe pomphafte Eroberung Italiens, wie ich es vorhergeſagt habe, auf eine ſo lächerliche eiſe endigt. Doch wozu bedürft Ihr des Generals? 408 Erwägt die letzten Nachrichten vom Norden: die Grenze u der Niederlande iſt ruhig; Philipp II. zittert und Marie di von England ſchweigt. Ihr könnt noch einen Waffen⸗ F ſtillſtand ſchließen, Sire, oder die Bedingungen des Friedens dictiren. Es iſt nicht ein abenteuerlicher Feld⸗* w herr, was Ihr braucht, ſondern ein erfahrener, weiſer d Miniſter, den das Ungeſtüm des Alters nicht verblen⸗ o det, für den der Krieg nicht der Einſatz eines uner⸗ ſättlichen Ehrgeizes iſt, und der mit Ehre und Würde d für Frankreich den Grund zu einem dauerhaften Frieden r legen kann.“ „Wie Ihr ſelbſt zum Beiſpiel, Herr Connetable,“ v unterbrach ihn voll Bitterkeit der Cardinal von Loth⸗ 1 ringen. „Wie ich ſelbſt,“ verſetzte mit ſtolzem Tone Anne von Montmorency,„und ich rathe dem König offen, ſich nicht mit den Wechſelfällen eines Krieges zu be⸗ ſchäftigen, den man nur machen wird, wenn er es will und wann er es will. Die inneren Angelegen⸗ heiten, der Zuſtand der Finanzen, die Intereſſen der Religion nehmen noch viel dringender unſere Sorge in Anſpruch, und ein kluger Verwalter iſt heute hun⸗ dertmal mehr werth, als der unternehmendſte General.“ „Und er hat hundertmal mehr Anſpruch auf die Gunſt Seiner Majeſtät, nicht wahr?“ ſagte mit ſchar⸗ fem Tone der Cardinal von Lothringen. „Seine Eminenz vollendet meinen Gedanken,“ fuhr Montmorench kalt fort,„und da ſie die Frage auf dieſes Gebiet gebracht hat, nun wohl! ſo wage ich es, Seine Majeſtät zu bitten, den Beweis zu geben, daß ihr meine friedlichen Dienſte gefallen.“ „Was iſt das?“ verſetzte ſeufzend der König. „Sire, ich beſchwöre Eure Majeſtät, öffentlich die Ehre zu erklären, welche ſie meinem Hauſe zu erweiſen die Gnade hat, indem ſie meinem Sohn die Hand von Frau von Angouléme bewilligt. Ich bedarf dieſer offi ciellen Kundgebung und dieſes feierlichen Verſprechens tze rie n⸗ es d⸗ ſer n⸗ er⸗ 109 um feſt auf meinem Pfade zu wandeln, ohne daß ich die Zweifel meiner Freunde und das Gekreiſch meiner Feinde zu befürchten habe.“ Dieſe kühne Forderung wurde trotz der Gegen⸗ wart des Königs mit Bewegungen der Billigung oder der Mißbilligung, je nachdem die Räthe zu der einen oder der andern Partei gehörten, aufgenommen. Gabriel erbleichte und bebte. Doch er faßte wie⸗ der etwas Muth, als er den Cardinal von Lothringen raſch erwiedern hörte: „Die Bulle des heiligen Vaters, welche die Ehe von Franz von Montmorench und von Jeanne von Fienne aufhebt, iſt noch nicht angekommen, ſoviel ich weiß, und kann gar nicht ankommen.“ „Man kann ſie entbehren,“ ſprach der Connetable; „ein Edict vermag die heimlichen Ehen nichtig zu er⸗ klären.“ „Doch ein Edict hat keine Rückwirkung,“ antwor⸗ tete der Cardinal. „Man würde ihr eine geben, nicht wahr, Sire? Sprecht es laut aus, ich beſchwöre Euch, um Denjenigen, welche mich angreifen, und mir ſelbſt, Sire, ein ſiche⸗ res Zeugniß der Billigung zu geben, die Ihr meinen Abſichten gewähren wollt. Sagt, daß Euer könig⸗ liches Wohlwollen dieſem gerechten Edict ſogar eine Rückwirkung verleihen würde.“ „Ohne Zweifel könnte man ſie ihm verleihen,“ er⸗ wiederte der König, deſſen gleichgültige Schwäche dieſer feſten Sprache nachzugeben ſchien. Um nicht zu fallen, war Gabriel genöthigt, ſich auf ſein Schwert zu ſtützen. Der Blick des Connetable funkelte vor Freude. Die Partei des Friedens ſchien durch ſeine Unverſchämt⸗ heit entſchieden zu triumphiren. Doch in dieſem Augenblick erſcholl ein Lärm von Trompeten im Hof, die Melodie, welche ſie ſpielten, war eine fremde Melodie; die Mitglieder des Raths 110 ſchauten ſich erſtaunt an. Der Huiſſier trat beinahe in demſelben Augenblick ein und ſprach, nachdem er ſich tief verbeugt: „Sir Edward Flaming, Herold von England, bittet um die Ehre, vor Seine Majeſtät gelaſſen zu werden.“ „Laßt den Herold von Englanv eintreten,“ erwie⸗ derte der König erſtaunt, aber ruhig. Heinrich machte ein Zeichen; der Dauphin und die Prinzen ſtellten ſich um ihn, und um die Prinzen die übrigen Mitglieder des Rathes. Der Herold, den nur zwei Wappenträger begleiteten, wurde eingeführt. Er verbeugte ſich vor dem König, der von dem Stuhle, auf dem er ſitzen blieb, nur leicht den Kopf ſenkte. Der Herold, ſprach ſodann: „Marie, Königin von England und von Frank⸗ reich, dem König Heinrich von Frankreich. Dafür, daß er Verbindung und Freundſchaft mit den engliſchen Proteſtanten, den Feinden unferer Religion und unſeres Staates, unterhalten, und daß er ihnen Schutz und Beiſtand gegen die gerechten, an ihnen ausgeübten, Verfolgungen angeboten und verſprochen hat, erklären Wir, Marie von England, Heinrich von Frankreich den Krieg zu Waſſer und zu Land. Und zum Zeichen dieſer Ausforderung werfe ich, Eoward Flaming, He⸗ rold von England, meinen Schlachthandſchuh hier auf die Erde.“ Auf eine Geberde des Königs hob der Vicomte dErmes den Handſchuh von Sir Flaming auf. Hein⸗ rich ſprach ſodann einfach und kalt zu dem Herold: „Ich danke!“ Hierauf machte er das prachtvolle Halsband los, das er trug, ließ es ihm durch Gabriel übergeben und fügte mit einem neuen Zeichen des Kopfes bei: „Ihr könnt Euch nun entfernen.“ Der Herold verbeugte ſich tief und ging hinaus. Einen Augenblick nachher hörte man abermals die eng⸗ c—— 11¹¹ liſchen Trompeten erſchallen und nun erſt brach der König das Stillſchweigen. „Mein Vetter von Monimorency,“ ſagte er zum Connetable,„mir ſcheint, Ihr habt Euch ein wenig zu ſehr beeilt, uns den Frieden und die gute Geſinnung der Königin Marie zu verſprechen. Dieſer angeblich den engliſchen Proteſtanten verliehene Schutz iſt ein frommer Vorwand, der die Liebe unſerer Schweſter von England für ihren jungen Gemahl, Philipp II., verbirgt. Der Krieg mit den beiden Gatten, es ſei! ein König von Frankreich fürchtet ihn nicht mit Europa, und wenn uns die Grenze der Niederlande ein wenig Zeit läßt, uns zu beſinnen... Nun! was gibt es denn? Was iſt denn wieder, Florimond?“ „Sire,“ ſprach der Huiſſier eintretend,„ein außer⸗ ordentlicher Eilbote vom Herrn Gouverneur der Piear⸗ die mit dringenden Depechen.“ „Ich bitte, ſeht ein wenig nach, was es iſt, Herr Cardinal von Lothringen,“ ſagte der König mit freund⸗ lichem Tone. Der Cardinal kehrte mit den Depechen zurück, die er Heinrich übergab. „Ah! ah! meine Herren,“ ſprach der König, nach⸗ dem er einen Blick darauf geworfen hatte.„Das find ganz andere Nachrichten. Die Heere von Philipp II. verſammeln ſich in Givet, und Herr Gaſpard von Co⸗ ligny meldet uns, der Herzog von Savoyen ſtehe an ihrer Spitze. Ein würdiger Feind! Euer Neffe, Herr Connetable, meint, die ſpaniſchen Truppen werden Me⸗ ziöres und Roeroy angreifen, in der Abſicht, Marien⸗ burg zu vereinzeln. Er verlangt in aller Eile Hülfe, um dieſe Plätze zu beſchützen und gegen die erſten An⸗ griffe Stand zu halten.“ Die ganze Verſammlung gerieth in Bewegung und erhob ſich halb. „Herr von Montmorench,“ ſprach der König ruhig und lächelnd,„Ihr ſeid heute in Curen Weiſſagungen 1¹² nicht glücklich.„Marie von England ſchweigt,““ ſagtet Ihr, und wir haben ihre Trompeten erſchallen hören. „„Philipp 1I. hat Furcht, und die Niederlande ſindruhig,““ fügtet Ihr bei. Der König von Spanien hat aber nicht mehr Furcht als wir und Flandern rührt ſich ge⸗ hörig, wie mir ſcheint. Ich ſehe, daß vffenbar die klugen Verwalter den kühnen Genexalen den Vortritt überlaſſen müſſen.“ 3 „Sire,“ erwiederte Anne von Montmorency,„ich bin Connetable von Frankreich, und der Krieg kennt mich noch beſſer als der Frieden.“ „Das iſt richtig, mein Vetter,“ verſetzte der König, „ich ſehe auch mit Vergnügen, daß Ihr Euch an Bi⸗ coque und Marignan erinnert, und daß die kriegeriſchen Ideen wieder zu Euch zurückkehren. Zieht alſo Euer Schwert aus der Scheide, ich freue mich darüber. Ich wollte nichts Anderes mehr ſagen, als daß wir nur varan denken dürfen, den Krieg zu machen, und ihn gut und glorreich zu machen. Herr Cardinal von Lothringen ſchreibt an Euren Bruder, Herrn von Guiſe, daß er auf der Stelle zurückkomme. Die inneren und Familienangelegenheiten muß man nothwendig vertagen, und was die Heirath von Frau von Angouléme be⸗ trifft, Herr von Montmorench, ſo werden wir wohl daran thun, glaube ich, vie Dispenſe des Pabſtes ab⸗ zuwarten.“ Der Connetable machte eine Grimaſſe, der Cardi⸗ nal lächelte, Gabriel athmete. „Auf, meine Herren,“ fügte der König bei, der ſeine ganze Trägheit abgeſchüttelt zu haben ſchien,„auf, wir müſſen uns ſammeln, um alles Ernſtes ſo wichtige Dinge zu überlegen. Die Sitzung iſt für dieſen Mor⸗ gen aufgehoben, doch heute Abend findet eine zweite ſtatt. Dieſen Abend alſo, und Gott beſchütze Frankreich!“ „Es lebe der König!“ riefen einſtimmig die Mit⸗ glieder des Rathes. Und man trennte ſich. 8 8 c= 8 — h it 1⸗ er ch r n n ſe, nd n, e⸗ di⸗ er uf, ige or⸗ ite 1 it⸗ XII. Ein doppelter Schelm. Der Connetable verließ den König ſorgenvoll. Mei⸗ ſter Arnauld du Thill fand ſich auf ſeinem Wege und rief ihm mit leiſer Stimme. Dies geſchah in der großen Gallerie des Louvre. „Was gibt es denn?“ ſagte der Connetable;„ah! Ihr ſeid es, Arnauld? Was wollt Ihr von mir? Ich bin heute nicht in der Laune, Euch anzuhören.“ „Ja, ich begreife,“ verſetzte Arnauld,„der gnä⸗ digſte Herr iſt ärgerlich über die Wendung, welche der Plan einer Heirath zwiſchen Madame Diana und Mon⸗ ſeigneur Franz nimmt.“ „Woher weißt Du das, Burſche? Aber was liegt mir daran, daß man es weiß, der Wind iſt auf Regen und für die Guiſe, das iſt ſicher.“ „Doch der Wind wird morgen auf ſchön Wetter und für die Montmorench ſein,“ ſprach der Spion, „und wenn ſich heute der König dieſer Heirath widerſetzte, ſo wäre der König morgen für dieſelbe. Nein, das neue Hinderniß, das Euch den Weg verſperrt, gnädigſter Herr, iſt wichtiger und kommt anderswoher.“ „Und woher kann ein Hinderniß kommen, das wich⸗ tiger wäre, als die Ungnade oder nur die Kälte des Königs?“ „Von Frau von Angouléme zum Beiſpiel,“ antwor⸗ tete Arnauld. „Du haſt etwas auf jener Seite gerochen, mein feiner Spürhund?“ ſprach der Connetable, indem er ſich ihm offenbar begierig näherte. „Was dachte denn der gnädigſte Herr, wozu ich Die beiden Dianen 1. 8 * 1¹4 die abgelaufenen vierzehn Tage angewendet haben ſollte?“ „Es iſt wahr, man hat lange nicht mehr von Dir ſprechen hören.“ „Weder unmittelbar noch mittelbar, gnädigſter Herr,“ verſetzte Arnauld ſtolz;„Ihr macht mir zum Vorwurf, ich ſei zu oft in den Meldungen der Runden der Nachtwachen und der Polizei aufgeführt, doch mir ſcheint, ich habe ſeit zwei Wochen vernünftig und ge⸗ räuſchlos gearbeitet.“ „Das iſt abermals wahr,“ ſprach der Connetable, „ich ſtaunte, daß ich nicht in das Mittel treten mußte, um Dich Verlegenheiten zu entreißen, Schurke, der Du trinkſt, wenn Du nicht ſpielſt, und der Unzucht fröhnſt, wenn Du Dich nicht ſchlägſt.“ „Und der lärmende Held der letzten vierzehn Tage war nicht ich, ſondern ein gewiſſer Stallmeiſter des neuen Kapitäns der Leibwachen, des Vicomte d Ermes, ein Menſch Namens Martin⸗Guerre.“ „In der That, ich erinnere mich deſſen, Martin⸗ Guerre hat die Stelle von Arnauld du Thill auf der Meldung eingenommen, die ich jeden Abend durchſehen muß.“ „Martin⸗Guerre.“ „Wer hat in Folge eines Streites im Spiel, we⸗ gen Würfeln, die man als falſch erkannt, dem ſchönſten Gendarmen des Königs von Frankreich einen Degen⸗ ſtich gegeben?“ „Ja, abermals Martin⸗Guerre.“ „Wer iſt geſtern ertappt worden, als er die Frau von Meiſter Gorju, dem Kleinſchmied, zu verführen ſuchte?“ „Immer dieſer Martin-Guerre!“ ſagte der Con⸗ netable,„ein ganz henkenswerther Burſche! Und ſein Herr, der Vicomte d'Ermes, welchen zu üherwachen ich „Wer zum Beiſpiel wurde eines Abends völlig be⸗ trunken von der Nachtwache aufgehoben?“ fragte Arnauld. 6 7 ————„—— 2 11⁵ n Dich beauftragt habe, muß nicht mehr werth ſein, als er, denn erzunterſtützt und vertheidigt ihn, und verſi⸗ ir chert, ſein Stallmeiſter ſei der ſanfteſte, geordnetſte Menſch.“ er„Das hattet Ihr zuweilen die Güte, für mich zu m ſagen, gnädigftet Herr. Martin⸗Guerre glaubt, er ſei en vom Teufel beſsſſene Die Wahrheit iſt, daß ich ihn ir beſitze.“ e⸗„Wie? Was iſt das? Du biſt doch nicht etwa Satan?“ rief, ſich ganz erſchrocken bekreuzend, der Con⸗ le, netable, ein Mann ſo unwiſſend wie ein Karpfe und e ſo abergläubiſch wie ein Mönch. Du Meiſter Arnauld antwortete nur durch ein hölli⸗ iſt, ſches Gelächter, und als er Montmoreney hinreichend beängſtigt ſah, ſagte er: ge„Ei! nein, ich bin nicht der Teufel, gnädigſter es Herr. Um Euch dies zu beweiſen und Euch zu beruhi⸗ *s, gen, bitte ich Euch um fünfzig Piſtolen. Hätte ich, wenn ich der Teufel wäre, Geld nöthig, und würde ich in⸗ mich ſelbſt am Schweif ziehen?“ der Das iſt richtig,“ ſprach der Connetable,„und hier en ſind die fünfzig Piſtolen.“ „Die ich dadurch wohl verdient habe, daß ich das be⸗ Vertrauen des Vicomte d'Ermès zu gewinnen wußte; ld. denn wenn ich nicht der Teufel bin, ſo bin ich doch ein wenig Zauberer, und ich brauche nur einen gewiſſen we⸗ braunen Rock und gewiſſe gelbe Strumpfhoſen anzu⸗ ten ziehen, daß der Vicomte d'Ermés mit mir ſpricht wie en⸗ mit einem alten Freund und einem erprobten Ver⸗ trauten.“ „Hm! dies Alles riecht nach dem Strick,“ ſprach rau der Connetable. ren„Meiſter Noſtradamus weiſſagte mir, als er mich nur in der Straße gehen ſah, einzig und allein aus on⸗ dem Anblick meiner Phyſiognomie, ich würde zwiſchen ſein Himmel und Erde ſterben. Ich füge mich alſo in mein ich Schickſal und widme es Euren Intereſſen, gnädigſter † 116 Herr. Das Leben eines Gehenkten für ſich zu haben, iſt unſchätzbar. Ein Menſch, der am Galgen zu ſterben ſicher iſt, fürchtet nichts, nicht einmal den Galgen. Um anzufangen, habe ich mich zum Doppelgänger vom Stallmeiſter des Vicomte d'Ermeès gemacht. Ich ſagte Euch, daß ich Wunder vollbringe! Wißt Ihr nun, er⸗ rathet Ihr nun, wer der genannte Vicomte iſt?“ „Bei Gott! ein unbändiger Parteigänger der Guiſen.“ „Etwas Beſſeres. Der geliebte Liebhaber von Frau von Caſtro.“ „Was ſagſt Du da, Schurke? Und woher weißt Du das?“ „Ich bin der Vertraute des Vicomte, wie ich Euch ſchon bemerkt habe. Ich bin es, der meiſtens ſeine Bil⸗ lets der Schönen überbringt, und ihre Anwort entge⸗ gennimmt. Ich ſtehe auf's Beſte mit der Zofe der Dame, welche Zofe nur darüber ſtaunt, daß ſie einen ſo ungleichen Liebhaber hat, einen Liebhaber, der an einem Tage unternehmend iſt wie ein Page, und am andern Tage ſchüchtern wie eine Nonne. Der Vicomte d'Ermés und Frau von Caſtro ſehen ſich dreimal in der Woche bei der Königin, und ſchreiben ſich jeden Tag. Ihr mögt mir jedoch glauben, wenn Ihr wollt, ihre Liebe iſt rein. Bei meinem Wort! ich würde mich für ſie intereſſiren, wenn ich mich nicht für mich intereſſirte. Sie lieben ſich wie die Cherubim, und zwar ſeit ihrer Kindheit, wie es ſcheint. Ich öffne von Zeit zu Zeit ein wenig ihre Briefe, und ſie rühren mich. Madame“ Diana iſt eiferſüchtig, rathet einmal auf wen, gnädig⸗ ſter Herr? Auf die Königin. Sie hat Unrecht, die Arme. Es iſt möglich, daß die Königin an den Vicomte d'Exmes denkt.. „Arnauld,“ unterbrach ihn der Connetable, ſeid ein Verleumder.“ „Euer Lächeln, Monſeigneur, ſtraft die üble Nach⸗ rede nicht Lügen,“ entgegnete Arnauld.„Ich ſagte alſo, N 8—* te er g. re ür e. eit mne g⸗ die nte hr ch lſo, 147 es wäre möglich, daß die Königin an den Vicomte dächte, doch der Vicomte denke ſicherlich nicht an die Königin. Ihre Liebe iſt eine arkadiſche, vorwurfsfreie, eine Liebe, die mich rührt, wie ein ſüßes Schäferſpiel oder ein Ritterroman, was mich indeſſen, Gott ſei mir gnädig! nicht abhält, dieſe armen Turteltauben für fünf⸗ zig Piſtolen zu verrathen! Doch geſteht, gnädigſter Herr, daß ich gut begonnen und dieſe fünfzig Piſtolen wohl verdient habe.“ „Es mag ſein,“ ſprach der Connetable,„doch ich frage Dich noch einmal, wodurch biſt Du ſo gut unter⸗ richtet?“ „Ah! verzeiht, das iſt mein Geheimniß, Ihr konnt es errathen, wenn Ihr wollt, doch ich muß es Euch noch verſchweigen. Uebrigens kann Euch nicht viel an meinen Mitteln liegen, für die ich allein verantwortlich bin, wenn Ihr nur Euern Zweck erreicht. Euer Zweck aber iſt es, über die Handlungen und Pläne, die Euch ſchaden könnten, unterrichtet zu ſein, und mir ſcheint, daß die Mittheilung von heute nicht ganz ohne Belang und Nutzen für Euch iſt, gnädigſter Herr.“ Allerdings, Schurke, doch Du mußt fortwährend dieſen verdammten Vicomte beſpähen.“ „Ich werde fortfahren, Monſeigneur, denn ich ge⸗ höre eben ſo ſehr Euch, als dem Laſter. Ihr gebt mir Piſtolen, ich gebe Euch Worte, und wir ſind Beide zu⸗ frieden. Oh! doch es kommt Jemand in dieſe Gallerie. Eine Frau. Teufel, ich nehme von Euch Abſchied, Monſeigneur.“ „Wer iſt es denn?“ fragte der Connetable, der ein kurzes Geſicht hatte. „Eil Frau von Caſtro ſelbſt; ſie geht ohne Zweifel zum König, und es iſt wichtig, daß ſie mich nicht bei Euch ſieht, Monſeigneur, obgleich ſie mich in dieſer Kleidung nicht kennt. Sie naht, ich entweiche.“ Er eilte in der That auf der einen Seite weg, während Frau Diana von der andern kam. 118 Der Connetable zögerte einen Augenblick, dann be⸗ ſchloß er, ſich ſelbſt der Wahrheit der Angaben von Arnauld zu verſichern, und trat feſten Schrittes auf Frau von Angouléme zu. „Ihr begebt Euch in das Cabinet des Königs, Madame?“ ſagte er. „In der That, Herr Connetable.“ „Ich befürchte, Ihr findet Seine Majeſtät nicht ſehr geneigt, Euch zu hören, Madame,“ ſprach Mont⸗ morency, natürlich beunruhigt durch dieſen Schritt, „und die ernſten Nachrichten, welche eingelaufen ſind..“ „Machen gerade den Augenblick äußerſt günſtig für mich, mein Herr.“ „Und gegen mich, nicht wahr, Madame? Denn Ihr haßt mich furchtbar.“ „Ach! Herr Connetable, ich haſſe Niemand.“ „Hegt Ihr wirklich nur Liebe?“ fragte Anne von Montmorency mit einem ſo ausdrucksvollen Ton, daß Diana erröthete und die Augen niederſchlug.„Und die⸗ ſer Liebe wegen widerſteht Ihr ohne Zweifel dem Ver⸗ langen des Königs und den Wünſchen meines Sohnes?“ fügte der Connetable bei. Diana ſchwieg verlegen. „Arnauld hat wahr geſprochen,“ dachte der Conne⸗ table,„ſie liebt den ſchönen Boten der Siege von Herrn von Guiſe.“ „Herr Connetable,“ ſagte endlich Diana,„meine Pflicht iſt es, Seiner Majeſtät zu gehorchen, doch es iſt zugleich auch mein Recht, meinen Vater anzu⸗ flehen.“ „Ihr beharrt alſo darauf, daß Ihr den König auf⸗ ſuchen wollt?“ „Ich beharre darauf.“ „Nun wohl! ich begebe mich zu Frau von Valen⸗ tinois, Madame.“ S „Wie es Euch beliebt, mein Herr.“ 3 Sie grüßten ſich und verließen die Gallerie jedes —, M e⸗ n ne es u⸗ 119 durch die entgegengeſetzte Seite, und in dem Augen⸗ blick, wo Diana beim König eintrat, trat der alte Mont⸗ morency bei ber Favoritin ein. XIII. Der Gipfel des Glüchs. „Komm hierher, Meiſter Martin,“ ſagte an demſel⸗ ben Tag, beinahe zu derſelben Stunde Gabriel zu ſei⸗ nem Stallmeiſter,„ich muß meine Runde machen, und werde erſt in zwei Stunden nach Hauſe zurückkehren. Du, Martin, ſtellſt Dich an den bekannten Ort und erwarteſt dort einen Brief, einen wichtigen Brief, den Dir Jacinthe wie gewöhnlich zuſtellen wird. Verliere keine Minute und bring' ihn mir eiligſt; wenn meine Runde vollendet iſt, werde ich Dir übrigens entgegen⸗ gehen, wenn nicht, ſo erwarte mich hier. Haſt Du ver⸗ ſtanden?“ „Ich habe verſtanden, doch ich muß mir eine Gnade von Euch erbitten.“ „Sprich.“ Laßt mich von einer Wache begleiten, gnädiger Herr, ich beſchwöre Euch.“ „Eine Wache, um Dich zu begleiten, was ſoll dieſe neue Tollheit? Fürchteſt Du Dich?“ „Ich fürchte mich,“ antwortete Martin mit kläg⸗ lichem Ton.„Es ſcheint, gnädiger Herr, ich habe in der letzten Nacht wieder ſchöne Streiche gemacht. Bis jetzt zeigte ich mich nur als Trunkenbold, Spieler und Raufer. Nun bin ich auch Urzüchter! ich, den ganz Artigues wegen der Reinheit ſeiner Sitten und der Un⸗ 120 ſchuld ſeiner Seele rühmte! Solltet Ihr glauben, gnä⸗ diger Herr, daß ich die Niederträchtigkeit gehabt habe, einen Menſchenraub zu verſuchen? Ja, einen Men⸗ ſchenraub! mit Gewalt ſuchte ich die Frau von Meiſter Gorju, dem Kleinſchmied, eine ſehr ſchöne Frau, wie es ſcheint, zu entführen. Zum Unglück, oder vielmehr zum Glück verhaftete man mich, und wenn ich mich nicht genannt und durch Euch empfohlen hätte, ſo brachte ich die Nacht im Gefängniß zu. Das iſt ſchändlich.“ „Sprich, Martin, haſt Du geträumt, oder dieſe neue Unbeſonnenheit wirklich begangen?“ „Geträumt! gnädiger Herr, hier iſt die Meldung. Als ich ſie nur las, erröthete ich bis über die Ohren. Ja, es gab eine Zeit, wo ich glaubte, alle dieſe ver⸗ dammenswerthen Handlungen wären abſcheuliche Alpe, oder der Teufel beluſtige ſich damit, daß er meine Geſtalt annehme, um nächtliche, ungeheuerliche Dinge zu verüben; doch Ihr habt mich enttäuſcht, und über⸗ dies ſehe ich denjenigen nicht mehr, welchen ich für meinen Schatten hielt. Der heilige Vater, dem ich die Berathung meines Gewiſſens anheimſtellte, hat mich auch enttäuſcht, und derjenige, welcher alle göttliche und menſchliche Geſetze verletzt, der Schuldbefleckte, der Ungläubige, der Verruchte bin ich, wie man mich ver⸗ ſichert. Wie eine Henne, welche Enten ausgebrütet hat, faßt meine Seele ehrbare Gedanken, die ſich in gottloſen Handlungen empören, und meine ganze Tu⸗ gend läuft auf das Verbrechen hinaus. Ich wage es nicht, Euch zu ſagen, daß ich beſeſſen bin, gnädiger Herr, aus dem einfachen Grunde, weil man mich leben⸗ dig verbrennen würde; doch ſeht, in gewiſſen Augen⸗ blicken muß ich wirklich, wie man ſagt, den Teufel im Leibe haben.“ Nein, mein armer Martin,“ entgegnete Gabriel lachend,„Du ergibſt Dich nur, wie mir ſcheint, ſeit einiger Zeit dem Trunke, und wenn Du getrunken haſt, ſiehſt Du doppelt.“ —eSeeeee g. n. r⸗ e, ne ge r⸗ ür ie he er r⸗ tet in U⸗ es er n⸗ n⸗ im iel eit ſt, 121 „Ich trinke aber nur Waſſer, gnädiger Herr, nichts als Waſſer! wenn nicht etwa das Waſſer der Seine in den Kopf ſteigt.“ „Doch an jenem Abend, Martin, wo man Dich berauſcht unter die Pforte dieſes Hauſes legte?“ „Gnädiger Herr, an jenem Abend legte ich mich nieder, empfahl meine Seele dem Herrn und entſchlum⸗ merte; ich ſtand ebenſo tugendhaft auf, und durch Euch, durch Euch allein habe ich das Leben, das ich geführt, erfahren. Daſſelbe war in der Nacht der Fall, in der ich den herrlichen Gendarme verwundete, und ſo ging es auch in der letzten Nacht, wo das abſcheuliche Atten⸗ tat ſtattgefunden hat. Und ich laſſe mich doch von Je⸗ rome in meinem Zimmer einriegeln und einſperren, ich ſchließe meine Läden mit einer dreifachen Kette, baſta! nichts hilft; ich ſtehe auf, wie ich glauben muß, und mein beflecktes Schlafwandlerleben beginnt. Am andern Tage beim Erwachen frage ich mich:„„Süßer Jeſus! was werde ich während meiner Abweſenheit in dieſer Nacht gethan haben?““ Ich gehe hinab, um es von Cuch, gnädiger Herr, oder aus den Meldungen des Viertelsmeiſters zu erfahren, und ſogleich ſuche ich mein Gewiſſen von dieſen neuen Miſſethaten im Beichtſtuhl zu entlaſten, wo man mir eine durch ewige Rückfälle unmöglich gewordene Abſolution verweigert. Mein ein⸗ ziger Troſt beſteht darin, daß ich faſte und mich einen Theil des Tages durch gewaltige Geißelhiebe kaſteie. Aber ich ſehe vorher, ich werde am Ende in der Unbuffertigkeit ſterben.“ „Glaube vielmehr, Martin,“ ſprach der Vicomte, „daß dieſe Hitze ſich dämpfen, und daß Du wieder ter vernünftige, geordnete Martin von einſt werden wirſt. Mittlerweile gehorche Deinem Herrn und erfülle pünkt⸗ lich den Auftrag, den ich Dir anvertraue. Wie ſoll ich Dir eine Wache zur Begleitung geben? Du weißt wohl, daß Alles dies geheim bleiben muß, und daß Du allein eingeweiht biſt.“ 122 „Seid überzeugt, gnädiger Herr, daß ich mein Möglichſtes thun werde, um Euch zufrieden zu ſtellen, doch ich kann nicht für mich ſtehen, das ſage ich Euch zum Voraus.“ „Ah! bei Gott! Martin, das iſt zu ſtark, und warum dies?“ „Werdet nicht ungeduldig über meine Abweſenhei⸗ ten, gnädiger Herr; ich glaube hier zu ſein und bin dort, ich glaube Dieſes zu thun, und thue Jenes. Neu⸗ lich als ich zur Buße dreißig Pater und dreißig Ave zu beten hatte, faßte ich den Entſchluß, die Doſe zu verdreifachen, um mich durch einen übermenſchlichen Ueberdruß zu ermatten, und ich bleibe, oder glaube vielmehr in der Kirche Saint⸗Gervais zu bleiben und durch meine Finger zwei Stunden und darüber die Körner meines Roſenkranzes zu drehen. Ah, ja wohl! als ich hierher zurückkam, erfuhr ich, daß Ihr mich mit einem Billet weggeſchickt, und zum Beweiſe diente, daß ich Euch die Antwort zurückgebracht hatte, und Dame Jaeinthe, lei⸗ der auch eine ſchöne Frau, zankt mich am andern Mor⸗ gen, daß ich am Tag zuvor ſehr keck gegen ſie geweſen ſei. Dies hat ſich vreimal wiederholt, gnädiger Herr, und Ihr verlangt, daß ich meiner ſicher ſein ſoll, nach ſolchen Streichen meiner Einbildungskraft? Nein, nein, hiezu bin ich nicht genug Herr im Hauſe, und obgleich das Weihwaſſer mir die Finger nicht verbrennt, ſteckt doch zuweilen in meiner Haut ein anderer Kamerad als Meiſter Martin.“ „Nun, ich will es wagen,“ ſagte Gabriel ungedul⸗ dig,„und da Du im Ganzen bisher, magſt Du in der — Kirche oder in der Rue Froid⸗Manteau ſein, Dich geſchickt und getreu des Auftrags, den ich Dir gebe, entledigt haſt, ſo wirſt Du ihn auch heute erfüllen, und wiſſe, ſollteſt Du etwa deſſen bedürfen, um Deinen Eifer an⸗ zuſtacheln, daß Du mir in dieſem Billet mein Glück oder meine Verzweiflung zurückbringſt.“ „Oh! gnädiger Herr, mein Eifer bevarf keines ———— — —— in n. nd i⸗ in u⸗ ve zu en hr ine ies her llet die lei⸗ or⸗ ſen err, ach ein, eich teckt rad dul⸗ der hickt digt iſſe, an⸗ lück eines 123 Anſtachelns, das ſchwöre ich Euch, und ohne dieſe teuf⸗ liſchen Unterſchiebungen..4 „Ah! willſt Du wieder anfangen?“ unterbrach ihn Gabriel,„ich muß gehen, und in einer Stunde gehſt Du auch, und vergiſſeſt keine von meinen Vorſchriften. Ein letztes Wort: Du weißt, daß ich ſeit mehreren Ta⸗ gen ſehr unruhig Aloyſe, meine Amme, aus der Nor⸗ mandie erwarte; kommt ſie in meiner Abweſenheit, ſo muß man ihr das Zimmer geben, das an das meinige ſtößt, und ſie empfangen, als ob dies ihr Haus wäre. Wirſt Du Dich deſſen erinnern?“ „Ja, gnädiger Herr.“ „Vorwärts! Martin, eile, Verſchwiegenheit und Geiſtesgegenwart vor Allem.“ Martin antwortete nur durch einen Seufzer und Gabriel verließ ſein Haus in der Rue des Jardins. Er kam, wie er geſagt hatte, nach zwei Stun⸗ den zurück, das Auge zerſtreut, den Geiſt voll Unruhe. Als er eintrat, ſah er nur Martin, lief auf ihn zu, nahm aus ſeinen Händen den Brief, den er mit ſo großer Ungeduld erwartete, entließ Martin durch eine Geberde und las wie folgt: „Danken wir Gott, Gabriel, der König hat nach⸗ gegeben, wir werden glücklich ſein. Ihr müßt ſchon die Ankunft des Herolds von England, der gekommen iſt, um im Namen der Königin Maria von England den Krieg zu erklären, und die Kunde von der großen Bewegung, die ſich in Flandern vorbereitet, vernom⸗ men haben. Dieſe, für Frankreich vielleicht bedrohlichen, Ereigniſſe find unſerer Liebe günſtig, Gabriel, da ſie das Anſehen des jungen Herzogs von Guiſe vermehren und das des alten Montmoreney vermindern. Der König hat jedoch noch gezögert. Aber ich flehte ihn an, Ga⸗ briel, ich ſagte ihm, ich hätte Euch wiedergefunden, Ihr wäret edel und tapfer, ich nannte Euch.. Der König erwiederte, ohne etwas zu verſprechen, er würde darüber nachdenken; da das Intereſſe des Staates minder dringend würde, ſo wäre es grauſam von ihm, mein Glück zu gefährden; er könnte Franz von Mont⸗ morency eine Entſchädigung geben, mit der er ſich zu begnügen hätte. Er verſprach nichts, doch er wird Alles halten, Gabriel. Oh! Ihr werdet ihn lieben, Gabriel, wie ich ihn liebe, dieſen guten Vater, der ſo die Träume von ſechs Jahren verwirklichen wird! Ich habe Euch ſo viel zu ſagen, und dieſe geſchriebenen Worte ſind ſo kalt! Höret, Freund, kommt dieſen Abend um ſechs Uhr, während des Rathes. Jaeinthe wird Euch zu mir führen, und wir haben dann eine gute Stunde, um über die ſtrahlende Zukunft, die ſich vor uns öffnet, zu plaudern. Ich ſehe auch vorher, daß dieſer Feldzug in Flandern Euch fordern wird, und Ihr müßt ihn leider mitmachen, um dem König zu dienen und mich zu verdienen, mein Herr, mich, die ich Euch ſo ſehr liebe. Denn ich liebe Euch, mein Gott, ja! wozu ſollte es nun nützen, wenn ich es Euch verbergen würde? Kommt alſo, damit ich ſehe, ob Ihr ſo glücklich ſeid, als Eure Diana.“ „Oh! ja, ſehr glücklich!“ rief Gabriel mit lauter Stimme, als er dieſen Brief bis zum Ende geleſen hatte,„und was fehlt nun noch zu meinem Glück?“ „Nicht die Gegenwart Eurer alten Amme,“ ſprach plötzlich Aloyſe, welche unbeweglich und ſchweigſam im Schatten ſitzen geblieben war. „Aloyſe!“ rief Gabriel, indem er auf ſie zueilte und ſie umarmte,„Aloyſe! oh! doch, gute Amme, Du fehlteſt mir. Wie geht es Dir? Du haſt Dich nicht verändert. Umarme mich noch einmal, ich habe mich auch nicht verändert, wenigſtens nicht im Herzen, in dieſem Herzen, das Dich liebt. Dein Zögern beunru⸗ higte mich ſehr. Frage nur Martin warum haſt Du ſo lange auf Dich warten laſſen?“ „Die letzten Regen, gnädiger Herr, hoͤhlten die 4 125⁵ Wege aus, und wenn ich nicht, angeeifert durch Euren Brief, Hinderniſſen aller Art getrotzt hätte, ſo wäre ich noch nicht angekommen.“ „Oh! Du haſt wohl daran gethan, Dich zu be⸗ eilen, Aloyſe, denn wahrhaftig, wozu nützt es, allein glücklich zu ſein? Siehſt Du dieſen Brief, den ich ſo eben empfangen habe? er iſt von Deinem andern Kind, er iſt von Diana, und er verkündigt mir, weißt Du, was er mir verkündigt? daß die Hinderniſſe, die ſich unſerer Liebe entgegenſtellten, gehoben werden können, daß der König die Heirath von Diana mit Franz von Montmorench nicht mehr fordert, daß Diana mich liebt! daß ſie mich liebt! und Du biſt da, um Alles dies zu hören, Aloyſe; ſprich, ſtehe ich nicht wahrhaftig auf dem Gipfel des Gluͤcks?“ „Gnädiger Herr,“ entgegnete Aloyſe, ohne von ihrem traurigen Ernſte abzuweichen,„gnädiger Herr, wenn Ihr dennoch auf Frau von Caſtro verzichten müßtet?“ „Unmöglich, Aloyſe, da ſich nun alle Hinderniſſe wie von ſich ſelbſt ebnen!“ „Man kann immerhin die Schwierigkeiten beſiegen, welche von den Menſchen kommen,“ ſprach die Amme, „doch nicht diejenigen, welche von Gott kommen. Gnädiger Herr, Ihr wißt, ob ich Euch liebe, und ob ich mein Leben hingeben würde, um dem Eurigen den Schatten eines Kummers zu erſparen; nun wohl! wenn ich zu Euch ſagte:„„Ohne nach dem Grund zu fragen, gnädiger Herr, verzichtet auf Frau von Caſtro, hört auf, ſie zu ſehen, erſtickt dieſe Liebe durch alle Mittel, welche Ihr in Eurer Gewalt habt. Ein furchtbares Geheimniß, deſſen Enthüllung nicht von mir zu fordern, ich Euch in Eurem eigenen Intereſſe beſchwöre, waltet zwiſchen Euch Beiden ob.“ Wenn ich ſo zu Euch ſpräche, flehend und auf den Knieen, was würdet Ihr mir antworten, gnädiger Herr?“ „Sollteſt Du mich auffordern, mein Leben zu ver⸗ 126 nichten, ohne nach dem Grund zu fragen, ſo würde ich Dir gehorchen. Doch meine Liebe liegt außer dem Be⸗ reiche meines Willens, Amme, und ſie kommt auch von Gott.“ „Herr,“ rief die Amme die Händé faltend,„er ſpricht eine Gottesläſterung. Doch Du ſiehſt, daß er nicht weiß, was er thut, vergib ihm, o Herr!“ „Du erſchreckſt mich, Aloyſe! Halte mich nicht ſo lange in dieſer tödtlichen Angſt, und was Du auch ſa⸗ gen willſt oder mußt, ſprich, ſprich, ich flehe Dich an.“ „Ihr wollt es, gnädiger Herr? Ich muß Euch durchaus das Geheimniß enthüllen, welches zu bewahren ich vor Gott geſchworen hatte, das mir aber Gott ſelbſt nicht länger zu verbergen befiehlt? Nun wohl! gnä⸗ diger Herr, Ihr habt Euch getänſcht, hört mich, Ihr müßt Euch über die Natur der Zuneigung getäuſcht haben, die Euch Diana einflößte! Es war kein heißes Verlangen, keine Gluth, deſſen ſeid ſicher, ſondern eine ernſte, ergebene Zuneigung, ein Bedürfniß, freundſchaft⸗ lichen, brüderlichen Schutz zu gewähren, nichts Zärtli⸗ cheres, nichts Eigennützigeres, gnädiger Herr.“ „Das iſt ein Irrthum, Aloyſe, die reizende Schön⸗ heit von Diana„4 „Es iſt kein Irrthum,“ ſprach Aloyſe haſtig,„und Ihr werdet darin mit mir übereinſtimmen; denn der Beweis wird Euch ſo klar und unumſtößlich erſcheinen als mir. Wißt alſo, aller Wahrſcheinlichkeit nach iſt Frau von Caſtro. ach! Muth gefaßt, mein Kind! iſt Frau von Caſtro... Eure Schweſter!“ „Meine Schweſter!“ rief Gabriel auffahrend, als ob ihn eine Feder emporheben würde;„meine Schwe⸗ ſter!“ rief er beinahe wahnſinnig.„Wie könnte die Tochter des Königs und von Frau von Valentinvis meine Schweſter ſein?“ „Gnädiger Herr, Diana von Caſtro iſt geboren im Mai 1539, nicht wahr? der Graf Jacques von Mont⸗ gommery iſt verſchwunden im Januar deſſelben Jahres —„————— 127 und wißt Ihr auf welchen Verdacht hin? Wißt Ihr, was man Eurem Vater zur Laſt legte? Man beſchul⸗ digte ihn, er ſei der glückliche Liebhaber von Diana von Poitiers und der bevorzugte Nebenbuhler des Dauphin, der heute König von Frankreich iſt. Ver⸗ gleicht nun die Zeitangaben, gnädiger Herr.“ „Himmel und Erde!“ rief Gabriel.„Doch ſprecht, ſprecht,“ ſagte er, alle Kräfte ſeines Weſens zuſammen⸗ raffend,„mein Vater war angeklagt, doch wer beweiſt, daß die Anklage gegründet war? Diana iſt fünf Mo⸗ nate nach dem Tode meines Vaters geboren, doch wer beweiſt, daß Diana nicht die Tochter des Königs iſt, der ſie liebt, wie ſein Kind?“ „Der König kann ſich täuſchen, wie ich mich eben⸗ falls täuſchen kann, gnädiger Herr; bemerkt wohl, daß ich nicht ſagte: Diana iſt Eure Schweſter. Doch es iſt wahrſcheinlich, daß ſie es iſt; es iſt möglich, daß ſie es iſt, wenn Ihr wollt. War es nicht meine Pflicht, Euch dieſes Geſtändniß zu thun, Gabriel? Ja, nicht wahr, da Ihr ohne dieſes Geſtändniß nicht auf ſie ver⸗ zichten wolltet? Nun mag Euer Gewiſſen das Urtheil über Eure Liebe ſprechen und Gott mag Euer Gewiſ⸗ ſen richten.“ „Oh! dieſer Zweifel iſt tauſendmal gräßlicher, als das Unglück ſelbſt,“ ſprach Gabriel.„Mein Gott, wer wird mich dieſem Zweifel entreißen?“ „Das Geheimniß war nur zwei Perſonen in der Welt bekannt, gnädiger Herr,“ ſagte Aloyſe,„und nur zwei menſchliche Geſchöpfe hätten Euch antworten kön⸗ nen: Euer Vater, der heute in einem unbekannten Grabe liegt, und Frau von Valentinois, die wohl nie zugeſtehen wird, daß ſie den König getäuſcht hat, und daß ihre Tochter nicht die Tochter des Königs iſt.“ „Ja,“ verſetzte Gabriel,„und jedenfalls, wenn ich nicht die Tochter meines Vaters liebe, ſo liebe ich die Tochter des Mörders meines Vaters! Denn an dem 128 König, an Heinrich II. hahe ich Rache zu nehmen für den Tod meines Vaters, nicht wahr, Aloyſe?“ „Wer weiß das außer Gott?“ antwortete die Amme. „Ueberall Verwirrung und Finſterniß! Zweifel und Schrecken!“ ſprach Gabriel.„Oh! ich werde ein Narr werden, Amme! Doch nein,“ ſagte der thatkräftige junge Mann,„ich will kein Narr werden, ich will es nicht! ich werde zuerſt alle Mittel erſchöpfen, um die Wahrheit zu ergründen. Ich werde zu Frau von Va⸗ lentinvis gehen und ſie um ihr Geheimniß fragen. Sie iſt katholiſch, gottesfürchtig, ich werde von ihr einen Eid erhalten, der mir ihre Aufrichtigkeit bezeugt. Ich werde zu Catharina von Medicis gehen, die vielleicht etwas erfahren hat. Ich werde zu Diana gehen und, die Hand auf meinem Herzen, die Schläge meines Herzens befragen. Wohin werde ich nicht gehen? Ich würde zum Grabe meines Vaters gehen, wenn ich es wüßte, wenn ich es finden könnte, Aloyſe, und ich würde ihn mit einer ſo mächtigen Stimme beſchwören, daß er ſich unter den Todten erheben müßte, um mir zu antworten.“ „Armes, theures Kind!“ murmelte Aloyſe,„ſo kühn und ſo muthig, ſelbſt nach dieſem furchtbaren Schlag! ſo ſtark gegen ein ſo grauſames Geſchick!“ „Und ich werde keine Minute verlieren, um zum Werk zu ſchreiten,“ ſprach Gabriel, indem er, von einem gewiſſen Thätigkeitsſieber bewegt, aufſtand. „Es iſt vier Uhr: in einer halben Stunde bin ich bei der Frau Großſeneſchallin; eine halbe Stunde her⸗ nach bei der Königin; um ſechs Uhr da, wo mich Diana erwartet, und wenn ich dieſen Abend zurück⸗ komme, Aloyſe, habe ich vielleicht eine Ecke von dieſem dunkeln Schleier meines Schickſals aufgehoben. Dieſen Abend ſehen wir uns wieder.“ „Und ich, gnädiger Herr, kann ich nichts thun, ur fr her⸗ ück⸗ ſem eſen hun, 4 129 um Euch bei Eurer furchtbaren Aufgabe zu unterſtützen?“ fragte Aloyſe. „Du kannſt zu Gott beten, Aloyſe, bete zu Gott.“ „Für Euch und für Diana, ja, gnädiger Herr.“ „Bete auch für den König, Aloyſe,“ ſprach Gabriel mit finſterer Miene. Und er ging mit haſtigen Schritten hinaus. XIV. Diana vun Poitiers. Der Connetable von Montmorench war noch bei Diana von Poitiers und ſprach zu ihr mit hochmüthi⸗ gem Tone, ebenſo rauh und gebieteriſch, als ſie ſich ſanft und weich gegen ihn zeigte. „Ei! Gottes Tod! es iſt am Ende Eure Tochter,“ ſagte er,„und Ihr habt bei ihr dieſelben Rechte und dieſelbe Gewalt wie der König, fordert dieſe Heirath.“ „Mein Freund,“ erwiederte Diana,„bedenkt, da ich bis jetzt, was die Zärtlichkeit betrifft, ſehr wenig— Mutter geweſen bin, ſo kann ich nicht hoffen, genug Mutter hinſichtlich der Gewalt zu ſein; ich kann nicht ſchlagen, ohne geliebkoſt zu haben. Wir, Frau von Angouléme und ich, ſind, wie Ihr wißt, ſehr kalt gegen einander, und trotz ihres anfänglichen Entgegenkom⸗ mens haben wir uns beſtändig nur in ſeltenen Zwiſchen⸗ räumen geſehen. Sie hat überdies einen großen per⸗ ſönlichen Einfluß auf den Geiſt des Königs zu gewin⸗ nen vermocht, und ich weiß in der That nicht, wer von uns Beiden zu dieſer Stunde die Mächtigere iſt. Die beiden Dianen. 1.. 9 Was Ihr von mir fordert, Freund, iſt alſo ſehr ſchwie⸗ rig, wenn nicht zu ſagen unmöglich. Laßt dieſe Hei⸗ rath, und erſetzt ſie durch eine glänzendere Verbindung. Der König hat die kleine Johanna an Carl von Mayenne verlobt, wir werden von ihm die kleine Margarethe für Euren Sohn erhalten.“ „Mein Sohn liegt in einem Bett, und nicht in einer Wiege,“ entgegnete der Connetable,„und wie vermöchte ein kleines Mädchen zum Glück meines Hau⸗ ſes beizutragen? Frau von Caſtro hat im Gegentheil, wie Ihr mir wunderbar paſſend bemerktet, einen großen perſönlichen Einfluß auf den Geiſt des Königs, und deshalb will ich Frau von Caſtro zur Söhnerin haben. Gottes Tod! es iſt ſeltſam, daß ein Edelmann, der den Namen des erſten Barons der Chriſtenheit führt, wenn er ſich herbeiläßt, eine Baſtardin zu heirathen, ſo viel Schwierigkeiten jindet, dieſen Mißbund zu ſchließen. Madame, Ihr ſeid nicht umſonſt die Geliebte des Kö⸗ nigs, wie ich nicht umſonſt Euer Liebhaber bin. Trotz Frau von Caſtro, trotz dieſem Jungfernknecht, der ſie anbetet, will ich, daß dieſe Heirath ſtattfinde, ich will es.“. „Nun wohl! hört mein Freund,“ ſprach Diana von Pvoitiers mit ſanftem Tone,„ich mache mich an⸗ heiſchig, das Mögliche und das Unmögliche zu thun, um Euch zu dieſem Ziele zu führen. Was ſoll ich Euch mehr ſagen? Doch Ihr werdet wenigſtens beſſer gegen mich ſein, und nicht mehr in dieſem plumpen Tone mit mir ſprechen, Böſer!“ und mit ihren zarten, roſigen Lippen ſtreifte die ſchöne Herzogin den grauen ſtarren Bart des alten Anne, der ſie brummend gewähren ließ. Denn ſo war dieſe ſeltſame Liebe, die nichts er⸗ klärte, wenn nicht eine ſeltſame Eutſittlichung der ver⸗ götterten Gellebten eines jungen ſchönen Königs für einen alten Granbart, der ſie hart behandelte. Das rohe Weſen von Montmorench entſchädigte ſie für die „3 e S c— c———————„. 3 e⸗ ei⸗ g. ne he in vie u⸗ il, jen nd en. en nn iel en. dö⸗ rotz ſie ana an⸗ n, ich ſſer pen die Uten er⸗ ver⸗ für Das die 131 Galanterie von Heinrich II., und ſie fand mehr Reize in der übeln Behandlung des Einen, als in den Schmei⸗ cheleien des Andern. Ungeheuerliche Laune eines weib⸗ lichen Herzens! Anne von Montmoreney war weder geiſtreich, noch glänzend, und er galt mit Recht für habgierig und geizig. Die furchtbaren Strafen, die er der meuteriſchen Bevölkerung von Bordeaur auferlegt, hatten ihm allein eine Art von gehäſſiger Berühmtheit verliehen. Allerdings brav, eine gewöhnliche Eigen⸗ ſchaft in Frankreich, war er bis dahin kaum in den Schlachten, an denen er Antheil genommen, glücklich geweſen. Bei den Siegen von Ravenna und Marig⸗ nan, wo er noch nicht befehligte, zeichnete man ihn nicht unter der Menge aus; an der Bicoque, wo er Oberſter der Schweizergarden war, ließ er beinahe ſein ganzes Regiment niedermetzeln, und bei Pavia wurde er gefangen genommen. Sein militäriſcher Ruhm ging nicht weiter, und Saint⸗Laurent ſollte dem Allem eine klägliche Krone aufſetzen. Ohne die Gunſt von Heinrich II., die dieſem wahrſcheinlich durch Diana von Poitiers eingeflößt wurde, wäre er der Zweite im Rath wie im Kriege geblieben, und dennoch liebte ihn Diana, ſchmeichelte ſie ihm, gehorchte ſie ihm in Allem, die Geliebte eines reizenden Königs, die Sklavin eines lächerlichen Kriegsknechtes. In dieſem Augenblick kratzte man beſcheiden an der Thüre, ein Page trat auf die Erlaubniß von Frau von Valentinois ein und meldete, der Vicomte d'Ermös bitte inſtändig und aus einem ſehr wichtigen Beweg⸗ grunde, einen Augenblick bei der Herzogin vorgelaſſen zu werden. „Der Verliebte!“ rief der Connetable,„was will er denn von Euch, Diana? Sollte er zufällig kommen, 4 ſich von Euch die Hand Eurer Tochter zu er⸗ itten?“ „Darf ich ihn eintreten laſſen?“ fragte fügſam die Favoritin. —. 132 „Allerdings, allerdings; dieſer Schritt kann uns unterſtützen. Doch er warte einige Augenblicke. Noch ein Wort, damit wir uns verſtändigen.“ Diana von Poitiers ertheilte dieſen Befehl dem Pagen, der wieder hinausging. „Wenn der Vicomte d'Ermès zu Euch kommt, Diana,“ ſprach der Connetable,„ſo geſchieht es, weil ſich unerwartete Schwierigkeiten erheben, und weil der Fall ſehr verzweifelt ſein muß, daß er zu einem verzweifelten Mittel ſeine Zuflucht nimmt. Hört mich alſo wohl, und wenn Ihr meine Inſtruction genau be⸗ folgt, ſo wird Eure, ich geſtehe es, etwas gewagte Vermittelung beim König vielleicht unnöthig werden. Diana, um was auch der Vicomte bei Euch nachſuchen mag, verweigert es ihm. Bittet er Euch um ſeinen Weg, ſo ſchickt ihn auf die ſeiner Bahn entgegenge⸗ ſetzte Seite, will er, daß Ihr ja antwortet, ſo ſagt nein, und ja, wenn er auf ein Nein hofft. Seid ver⸗ ächtlich, hochmüthig, ſchlimm gegen ihn, kurz ſeid die würdige Tochter der Fee Meluſine, von der Ihr aus dem Hauſe Poitiers abſtammt, wie es ſcheint. Habt Ihr mich verſtanden, Diana? und werdet Ihr thun, was ich ſage?“ „Punkt für Punkt, mein Connetable.“ „Dann werden ſich die Strähnen des Galant ein wenig verwirren. Der Arme wirft ſich ſo in den Ra⸗ chen der.. Er wollte ſagen der Wölfin, doch er verbeſſerte ſich:„ „Der Wölfe. Ich laſſe Euch allein, Diana, und legt mir gut Rechenſchaft ab von dieſem ſchönen Prä⸗ tendenten. Heute Abend!“ Er war ſo gnädig, Diana auf die Stirne zu küſſen, und entfernte ſich ſodaun. Man führte durch eine andere 3 Thüre den Vicomte d'Exmeès ein. Gabriel verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor Diana, die ihm durch den hochmüthigſten Gruß antwortete; doch Gabriel bewaffnete ſich mit Muth für dieſen un⸗ „ ie bt n, ein a⸗ nd rä⸗ en, ere na, te; „ un⸗ 133 gleichen Kampf der glühenden Leidenſchaft gegen die eiſige Eitelkeit, und begann mit ziemlich viel Ruhe. „Madame,“ ſprach er,„der Schritt, den ich bei Euch thue, iſt allerdings kühn und wahnſinnig. Doch es gibt zuweilen im Leben ſo ernſte, ſo erhabene, ſo feierliche Umſtände, daß ſie uns über die gewöhnlichen Regeln des Wohlanſtandes, über die gewöhnlichen Be⸗ denklichkeiten ſetzen. Ich befinde mich nun in eiper die⸗ ſer furchtbaren Kriſen des Schickſals. Der Mann, der mit Euch ſpricht, Madame, legt in Eure Hände ſein Leben, und wenn Ihr es ohne Mitleid fallen laßt, ſo wird es zerſchellen.“ Frau von Valentinvis machte nicht das geringſte Zeichen der Ermuthigung. Den Leib vorwärts geneigt, das Kinn auf ihre Hand, und den Ellenbogen auf ihr Knie ſtützend, ſchaute ſie Gabriel feſt und mit einer Miene verdrießlichen Erſtaunens an. „Madame,“ fuhr Gabriel fort, indem er den be⸗ trübenden Einfluß dieſes abſichtlichen Schweigens von ſich abzuſchütteln ſuchte,„Ihr wißt, oder wißt vielleicht nicht, daß ich Frau von Caſtro liebe. Ich liebe ſie, mit einer tiefen, glühenden, unwiderſtehlichen iebe.“ „Was geht das mich an?“ ſchien ein nachläßiges Lächeln von Diana von Poitiers ſagen zu wollen. „Ich ſpreche von dieſer Liebe, die meine Seele er⸗ füllt, Madame, um dazu zu gelangen, Euch zu ſagen, ich könne, ich müſſe ſogar die blinden Fatalitäten und die unverſöhnlichen Forderungen der Leidenſchaft ver⸗ ſtehen, entſchuldigen, bewundern. Weit entfernt, dieſe zu tadeln, wie der gemeine Haufen, ſie zu zergliedern, wie die Philoſophen, ſie zu verdammen, wie die Prieſter, kniee ich vor ihr nieder, und bete ſie an wie eine Aus⸗ ſtrahlung Gottes. Sie macht das Herz, in das ſie ein⸗ tritt, reiner, größer, göttlicher; und hat ſie nicht Jeſus geheiligt an dem Tag, wo er zu Magdalena ſagte, ſie 134 ſei gebenedeit unter allen Weibern, weil ſie viel ge⸗ liebt?“ Diana von Poitiers änderte ihre Haltung, und ſtreckte ſich, die Augen halb geſchloſſen, nachläßig in ihrem Lehnſtuhle aus. „Wo will er hinaus mit ſeiner Rede?“ dachte ſie. „Ihr ſeht alſo, Madame,“ fuhr Gabriel fort,„die Liebe iſt für mich heilig; mehr noch, ſie iſt allmächtig in meinen Augen. Lebte der Gemahl von Frau von Caſtro noch, ich würde Frau von Caſtro lieben und es nicht einmal verſuchen, einen unwiderſtehlichen Inſtinkt zu beſiegen. Nur die falſche Liebe läßt ſich bändigen, die wahre Liebe aber kann man eben ſo wenig vermei⸗ den, als befehlen. Ihr ſelbſt, Madame, auserkohren und geliebt von dem größten König der Welt, müßt deshalb nicht vor der Berührung einer aufrichtigen Leidenſchaft geſchützt ſein, und hättet Ihr derſelben nicht zu widerſtehen vermocht, ſo würde ich Euch beklagen und beneiden, aber nie verdammen.“ Dafſelbe Schweigen von Seiten der Herzogin von Valentinois. Ein ſpöttiſches Erſtaunen war das ein⸗ zige Gefühl, das ſich auf ihrem Geſichte ausprägte. Gabriel ſprach mit noch mehr Wärme, als wollte er dieſe eherne Seele an den Flammen der ſeinigen erweichen: „Ein König verliebt ſich, und das iſt ganz ein⸗ fach, in eine bewunderungswürdige Schönheit; Ihr ſeid gerührt von dieſer Liebe, doch Euer Herz, das ſie er⸗ wiedern will, kann es dies nothwendig? Ach! nein. Aber an der Seite des Königs ſieht Euch ein Edelmann, ſchön, muthig, ergeben; er liebt Euch, und dieſe Lei⸗ denſchaft dunkler, aber nicht minder mächtig, erreicht Eure Seele, in welche der Geiſt eines Königs nicht ein⸗ zudringen vermochte; ſeid Ihr nicht auch Königin, Kö⸗ nigin durch die Schönheit, wie der Fürſt, der Euch liebt, König durch die Macht iſt? Beſteht nicht unter Euch unabhängige und freie Gleichheit? Sind es die Titel, welche die Herzen gewinnen? Wer konnte Euch 135 verhindern, daß Ihr einen Tag, eine Stunde, in Eurem edlen Vertrauen, den Unterthan dem Herrn vorzoget? Ich wenigſtens nicht, der ich mich zu wenig auf edle Gefühle verſtünde, wenn ich Frau Diana von Poitiers ein Verbrechen daraus machen wollte, daß ſie, von HeinrichII. geliebt, den Grafen von Montgommery liebte.“ Diana machte plötzlich eine Bewegung, ſtand halb auf und öffnete ihre großen, grünen, klaren Angen. In der That, zu wenig Perſonen kannten ihr Ge⸗ heimniß am Hof, als daß dieſes raſche Wort von Ga⸗ briel nicht einiges Erſtaunen bei ihr verurſacht haben müßte. „Habt Ihr materielle Beweiſe von dieſer Liebe?“ fragte ſie nicht ohne eine gewiſſe Unruhe. „Ich habe nur eine moraliſche Gewißheit, Madame, doch ich habe ſie.“ „Ha!“ machte ſie, indem ſie wieder ihre freche Miene annahm.„Nun! dann iſt es mir ganz gleich⸗ gültig, Euch die Wahrheit zu geſtehen. Ja, ich habe den Grafen von Montgommery geliebt. Hernach?“ Doch hernach wußte Gabriel nichts Beſtimmies mehr, und er wandelte nur noch in der Finſterniß der Vermuthungen. Dennoch fuhr er fort: „Ihr habt Jacques von Montgommery geliebt, Madame, und ich wage ſogar zu behaupten, daß Ihr ſein Andenken liebt; denn iſt er von der Oberfläche der Welt verſchwunden, ſo iſt es für Euch geſchehen. Nun wohl! in ſeinem Namen beſchwöre ich Euch, Ma⸗ dame, und richte ich eine Frage an Euch, die Euch vielleicht vermeſſen vorkommen wird, ich wiederhole es, doch ich wiederhole auch, daß Eure Antwort, wenn Ihr mir zu antworten die Güte habt, in meinem Herzen nur Dankbarkeit und Anbetung zur Folge haben wird; denn an dieſer Antwort hängt mein Leben; ich wieder⸗ hole endlich, daß ich, wenn Ihr ſie mir nicht verwei⸗ gert, fortan mit Leib und Seele Euch gehören werde, und die gediegenſte Macht der Erde kann eines treuen 136 Armes und eines ergebenen Herzens bedürfen, Ma⸗ dame.“ „Vollendet, mein Herr, kommen wir zu der furcht⸗ baren Frage,“ ſprach die Herzogin. „Ich will mich auf die Kniee werfen, um ſie gegen Euch auszuſprechen, Madame,“ ſagte Gabriel, während er wirklich niederkniete. Und er fuhr dann mit bebendem Herzen und zit⸗ ternder Stimme fort: „Madame, im Verlaufe des Jahres 1538 habt Ihr den Grafen von Montgommery geliebt.“ „Es kann ſein,“ antwortete Diana von Poitiers. „Hernach?“ „Im Januar 1530 iſt der Graf von Montgommery verſchwunden, und im Mai 1539 wurde Diana von Caſtro geboren.“ „Nun?“ fragte Diana. „Nun, Madame,“ ſagte Gabriel ſo leiſe, daß ſie ihn kaum hörte,„hierin liegt das Geheimniß, das ich mir zu Euren Füßen von Euch erflehen will, das Ge⸗ heimniß, von dem mein Schickſal abhängt, und das, glaubt mir, in meinem Buſen ſterben wird, wenn Ihr es mir zu enthüllen die Gnade haben wollt. Vor dem Crucifir, das ich hier über Eurem Hanpte erblicke, ſchwöre ich es Euch, Madame; man würde mir eher das Leben als Euer Bekenntniß entreißen. Und über⸗ dies könntet Ihr mich immer noch Lügen ſtrafen; man würde Euch mehr glauben als mir, und ich verlange keinen Beweis von Euch, ſondern nur Euer Wort, Ma⸗ dame. Madame, ſollte Jacques von Montgommery der Vater von Diana von Caſtro ſein?“ „Ah! ah!“ ſagte Diana, in ein verächtliches Ge⸗ lächter ausbrechend,„die Frage iſt in der That vermeſ⸗ ſen, und Ihr hattet Recht, ſo lange Umſchweife zu ma⸗ chen. Beruhigt Euch jedoch, mein lieber Herr, ich grolle Euch deshalb nicht, Ihr intereſſirtet mich wie ein Räth⸗ ſel, und in der That, Ihr intereſſirt mich noch; denn hr rs. ry on ſie e⸗ as, hr em cke, her er tan nge Na⸗ der He⸗ neſ⸗ na⸗ olle ith⸗ enn 137 was kümmert es Euch, Herr d'Ermès, ob Frau von Angvouléme die Tochter des Königs, oder das Kind des Grafen iſt? Der König gilt für ihren Vater, das muß Eurem Ehrgeiz genügen, wenn Ihr ehrgeizig ſeid. In was miſcht Ihr Euch alſo, und warum befragt Ihr ſo anmaßend und ſo unnütz die Vergangenheit? Ihr habt einen Grund, ſagt Ihr, doch was iſt dieſer Grund?“ „Ich habe wahrhaftig einen Grund, Madame; doch ich beſchwöre Euch, habt die Gnade, mich nicht darnach zu fragen.“ „Ah! ah!“ verſetzte Diane,„Ihr wollt meine Ge⸗ heimniſſe ergründen und bewahrt die Eurigen. Der Handel wäre für Euch wenigſtens vortheilhaft.“ Gabriel machte das elfenbeinerne Crueifir los, das über dem hinter Diana ſtehenden geſchnitzten Betpult von Eichenholz befeſtigt war, und ſprach: „Bei Eurem ewigen Heile, Madame, ſchwört, zu verſchweigen, was ich Euch ſagen werde, und es auf keine Weiſe gegen mich zu mißbrauchen?“ „Ein ſolcher Eid...“ ſagte Diana. „Ja, Madame, denn ich weiß, daß Ihr eine eifrige, fromme Katholikin ſeid, und wenn Ihr bei Eurem ewi⸗ gen Heil ſchwört, ſo werde ich Euch glauben.“ „Und wenn ich mich weigere, zu ſchwören?“ „So ſchweige ich, Madame, und Ihr habt mir mein Leben verweigert.“ „Wißt Ihr, mein Herr,“ verſetzte Diana,„daß Ihr auf eine ſeltſame Weiſe meine weibliche Neugierde reizt? Ja, das Geheimniß, mit dem Ihr Euch auf eine ſo tragiſche Weiſe umhüllt, zieht mich an und führt mich in Verſuchung. Ihr habt dieſen Sieg über meine Einbildungskraft davongetragen, ich ſage es Euch offen⸗ herzig, und ich glaubte nicht, daß man mich in dieſem Grade ſtacheln könnte. Wenn ich ſchwöre, ſo geſchieht es, um mehr über Euch zu erfahren, das glaubt mir. Reine Neugierde, ich muß es geſtehen.“ 138 „Ich flehe Euch auch an, um etwas zu erfahren, Madame, nur iſt meine Neugierde die eines Angeklag⸗ ten, der ſein Todesurtheil erwartet; eine bittere, furcht⸗ bare Neugierde, wie Ihr ſeht! Wollt Ihr dieſen Eid ſprechen, Madame?“ „Sagt die Worte, und ich werde ſie wiederholen; mein Herr.“ Und Diana wiederholte wirklich nach Gabriel: „Bei meinem Heile in dieſem und in jenem Leben ſchwöre ich, Niemand in der Welt das Geheimniß zu entdecken, das Ihr mir ſagen werdet, nie mich deſſelben zu bedienen, um Euch zu ſchaden, und in allen Punk⸗ ten zu handeln, als ob ich es nie gewußt hätte und noch nicht wüßte.“ „Gut, Madame,“ ſagte Gabriel,„ich danke Euch für dieſen erſten Beweis von Nachgiebigkeit. Mit zwei Worten werdet Ihr nun Alles begreifen: Ich heiße Gabriel von Montgommerh, und Jacques von Mont⸗ gommery war mein Vater.“ „Euer Vater!“ rief Diana, indem ſie ſich ganz be⸗ wegt und erſtaunt hoch aufrichtete. „So daß Diana von Caſtro, die ich liebe, oder mit einer wahnſinnigen Liebe zu lieben glaubte, iſt ſie die Tochter des Grafen, meine Schweſter iſt!“ „Ah! ich begreife,“ verſetzte Diana von Poitiers, ſich ein wenig erholend.„Das rettet den Connetable,“ dachte ſie. „Nun, Madame,“ fuhr Gabriel, bleich, aber feſt fort,„wollt Ihr mir die Gnade bewilligen, wie Ihr es ſo eben gethan, auf dieſes Crucifir zu ſchwören, daß Frau von Caſtro die Tochter von Heinrich II. iſt?. Ihrantwortet nicht? Oh! warum antwortet Ihr nicht, Madame?“ „Weil ich dieſen Schwur nicht ausſprechen kann.“ „Ah! mein Gott! mein Gott! Diana iſt das Kind meines Vaters?“ rief Gabriel ganz wankend. „Ich ſage das nicht! ich werde das nie zugeſtehen,“ — n M —— — 139 ſprach Frau von Valentinois;„Diana von Caſtro iſt die Tochter des Königs.“ „Oh! wahrhaftig, Madame! o wie gut ſeid Ihr!“ 5 ſagte Gabriel;„doch verzeiht, Euer Intereſſe kann Euch ſo zu ſprechen gebieten. Schwört alſo, Madame, ſchwört: im Namen meines Vaters, der für Euch geſtorben iſt, im Namen Eures Kindes, das Euch ſegnen wird, ſchwört.“ „Ich werde nicht ſchwören,“ erwiederte die Herzo⸗ gin.„Warum ſollte ich ſchwören?“ „Aber, Madame, ſo eben habt Ihr einen Eid aus⸗ geſprochen, dem ähnlich, um welchen ich Euch anflehe, einzig und allein, um eine alltägliche Neugierde zu be⸗ friedigen, Ihr habt es mir ſelbſt geſagt; und nun, da es ſich um das Leben eines Menſchen handelt, da Ihr mit ein paar Worten zweiEriſtenzen aus dem Abgrunde ziehen könnt, fragt Ihr: Warum ſollte ich dieſe paar Worte ſagen?“ „Kurz, mein Herr, ich werde nicht ſchwören,“ ſprach Diana kalt und entſchloſſen. „Und wenn ich nichtsdeſtoweniger Frau von Caſtro heirathe, Madame, und wenn Frau von Caſtro meine Schweſter iſt, glaubt Ihr, das Verbrechen werde nicht auf Euch zurückfallen?“ „Nein, da ich nicht geſchworen habe.“ „Gräßlich! gräßlich!“ rief Gabriel.„Doch be⸗ denkt, Madame, daß ich überall ſagen kann, Ihr habet den Grafen von Montgommery geliebt, Ihr habet den König verrathen, und ich, der Sohn des Grafen, habe Gewißheit darüber.“ „Moraliſche Gewißheit, doch keine Beweiſe,“ ver⸗ ſetzte mit einem ſchlimmen Lächeln Diana, welche nun wieder ihre freche, hochmüthige Gleichgültigkeit annahm. „Ich werde Euch Lügen ſtrafen, mein Herr, und Ihr habt es auch ſelbſt geſagt, wenn Ihr behauptet, und ich leugne, ſo wird man nicht Euch glauben. Fügt dem bei, daß ich dem König ſagen kann, Ihr habet es ge⸗ wagt, mir eine unverſchämte Liebe zu erklären, und * 140 mir gedroht, mich zu verleumden, wenn ich nicht nach⸗ geben würde. Ihr wäret dann verloren, Herr Gabriel von Montgommery. Doch verzeiht,“ fügte ſie aufſtehend bei,„ich bin genöthigt, Euch zu verlaſſen; Ihr habt mich wahrhaftig ſehr intereſſirt, und Eure Geſchichte iſt eine ganz ſeltſame.“ Sie klopfte an ein Glöckchen, um ihren Pagen zu rufen. „Oh! das iſt ſchändlich!“ rief Gabriel, indem er ſich mit ſeinen geballten Fäuſten vor die Stirne ſchlug. „Oh! warum ſeid Ihr eine Frau, und warum bin ich ein Edelmann? Doch nehmt Euch nichtsdeſtoweniger in Acht, Madame, Ihr werdet nicht ungeſtraft mit meinem Herzen und mit meinem Leben geſpielt haben, und Gott wird Euch beſtrafen und mich rächen, denn was Ihr thut, ich wiederhole es, iſt ſchändlich.“ „Ihr findet das?“ ſagte Diana.„ Und ſie begleitete dieſe Worte mit einem kurzen, trockenen, ſpöttiſchen Gelächter, das ihr eigenthümlich war. In dieſem Augenblick hob der Page, den ſie geru⸗ fen hatte, den Thürvorhang auf. Sie machte Gabriel einen kleinen ironiſchen Bückling und verließ das Zimmer. „Gut!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt,„mein Connetable hat offenbar Glück. Fortuna iſt wie ich: ſie liebt ihn. Warum des Teufels lieben wir ihn?“* Gabriel ging, trunken vor Wuth und Schmerz, hinter Diana weg. —** 141 XV. Catharina von Medicis. Aber Gabriel war ein braves, feſtes Herz, voll Muth und Entſchloſſenheit. Nach dem erſten Augenblick der Beſtürzung ſchüttelte er ſeine Niedergeſchlagenheit von ſich ab, erhob das Hauptundließ ſich bei der Königin melden. Catharina von Medicis konnte in der That von der unbekannten Tragödie der Nebenbuhlerſchaft ih⸗ res Gemahls und des Grafen von Montgommery haben reden hören; wer weiß, ob ſie nicht ſogar eine Rolle darin geſpielt hatte? Sie zählte in jener Zeit kaum zwanzig Jahre. Mußte nicht die Eiferſucht der ſchönen und vernachläßigten jungen Frau beſtändig die Augen auf alle Handlungen und Fehler ihrer Ne⸗ benbuhlerin offen halten? Gabriel rechnete darauf, ihre Erinnerungen würden ihn auf dem dunklen Pfade er⸗ leuchten, wo er nur tappend fortſchritt, während er auf demſelben klar zu ſehen, als Liebender und als Sohn, für ſein Glück oder für ſeine Rache, ein ſo großes In⸗ tereſſe hatte. Catharina empfing den Vicomte d'Ermos mit dem ausgezeichneten Wohlwollen, das ſie ihm bei jeder Ge⸗ legenheit bewies. „Ihr ſeid es, ſchöner Sieger,“ ſagte ſie,„welchem glücklichen Zufall verdanke ich Euetn freundlichen Be⸗ ſuch? Ihr laßt Euch nur ſelten bei mir ſehen, Herr d'Ermés, und es iſt ſogar, wie ich glaube, das erſte Mal, daß Ihr Audienz in unſern Gemächern von uns verlangt. Ihr ſeid jedoch und werdet ſtets willkommen bei uns ſein.“ „Madame,“ ſprach Gabriel,„ich weiß nicht, wie 142 ich Euch für ſo viel Güte danken ſoll; ſeid überzeugt, daß meine Ergebenheit... „Laßt Eure Ergebenheit,“ unterbrach ihn die Kö⸗ nigin,„nennt uns die Abſicht, die Euch hierher führt. Könnte ich Euch etwa in irgend einer Sache dienlich ſein?“ „Ja, Madame, ich glaube, daß Ihr es könntet.“ „Deſto beſſer, Herr d'Ermès,“ ſagte Catharina mit dem ermuthigendſten Lächeln,„und wenn das, was Ihr von mir verlangen werdet, in meiner Gewalt liegt, ſo mache ich mich im Voraus anheiſchig, es Euch zu bewilligen. Das iſt vielleicht eine etwas gefährdende Verbindlichkeit, doch Ihr werdet ſie nicht mißbrauchen, mein ſchöner Edelmann.“ „Gott behüte mich, Madame, das iſt nicht meine Abſicht.“ „Sprecht alſo, laßt hören,“ ſagte die Königin ſeufzend. „Madame, es iſt eine Auskunft, die ich mir von Euch zu erbitten wage, nichts mehr. Doch für mich iſt dieſes Nichts Alles. Ihr werdet mich daher ent⸗ ſchuldigen, wenn ich Erinnerungen in Euch zurückrufe, die Eurer Majeſtät ſchmerzlich ſein müſſen. Es handelt ſich um ein Ereigniß, das in das Jahr 1539 zurückgeht.“ 8„Oh! ich war damals noch ſehr jung, beinahe ein Kind,“ ſprach die Königin. „Doch ſchon ſehr ſchön und ſicherlich ſehr liebens⸗ würdig,“ erwiederte Gabriel. „Einige ſagten es zuweilen,“ verſetzte die Königin, entzückt über die Wendung, welche das Geſpräch nahm. „Und dennoch,“ fuhr Gabriel fort,„dennoch wagte es eine andere Frau, Eingriffe in das Recht zu thun, das Ihr von Gott, von Eurer Geburt und Eurer Schönheit habt, und dieſe Frau, nicht zufrieden, von Euch, durch Magie und Zauberwerk ohne Zweifel, die Augen und das Herz eines Gatten abwendig zu ma⸗ — 143 chen, der noch zu jung war, um hellſehend zu ſein, dieſe Frau verrieth denjenigen, welcher Euch verrieth, und liebte den Grafen von Montgommery. Doch in Eurer gerechten Verachtung habt Ihr dies Alles viel⸗ leicht vergeſſen, Madame?“ „Nein,“ ſagte die Königin,„dieſes Abenteuer und alle die beginnenden Schliche derjenigen, von welcher Ihr ſprecht, ſind meinem Gedächtniß noch gegenwärtig. Ja, ſie liebte den Grafen von Montgommery; als ſie ihre Leidenſchaft entdeckt ſah, behauptete ſie feiger Weiſe, es ſei eine Finte geweſen, um das Herz des Dauphin zu prüfenz und als Montgommery verſchwand, vielleicht auf ihren Befehl allein! da weinte ſie nicht, ſondern ſie erſchien vielmehr am andern Tage lachend und toll auf dem Ball. Ja, ich erinnere mich ſtets der erſten Intriguen, mit deren Hülfe dieſe Frau mein junges Königthum untergrub; denn ich betrübte mich damals darüber und brachte meine Tage und meine Nächte in Thränen hin. Doch ſeitdem iſt mein Stolz erwacht: ich hatte ſtets mehr als meine Pflicht erfüllt; ich hatte beſtändig durch meine Würde meinem Titel als Gattin, als Mutter und als Königin Ehre gemacht; ich hatte dem König und Frankreich ſieben Kinder geſchenft. Doch nun liebe ich meinen Gatten mit Ruhe als einen Freund und als den Vater meiner Kinder, und ich geſtehe ihm das Recht nicht zu, ein zärtliches Gefühl von mir zu fordern; ich habe genug gelebt für das allgemeine Wohl, kann ich nicht auch ein wenig für mich ſelbſt leben? Habe ich mein Glück nicht theuer genug er⸗ rungen? Wenn ſich mir eine junge und leidenſchaft⸗ liche Ergebenheit böte, wäre es ein Verbrechen von mir, ſie nicht zurückzuſtoßen, Gabriel?“ Die Blicke von Catharina erläuterten ihre Worte. Doch der Geiſt von Gabriel war anderswo. Seitdem die Königin nicht mehr von ſeinem Vater ſprach, hörte er nicht mehr, er träumte. Dieſe Träumerei, welche ℳ Catharina in dem Sinn erklärte, den ſie wünſchte, miß⸗ fiel ihr nicht; doch Gabriel brach bald das Stillſchweigen. „Eine letzte Erleuchtung, Madame, und zwar die wichtigſte,“ ſagte er.„Ihr ſeid ſo vortrefflich gegen mich! Wahrhaftig, ich wußte wohl, als ich zu Euch kam, daß ich befriedigt von hinnen gehen würde. Ihr habt von Ergebenheit geſprochen, zählt auf die meinige, Madame. Doch ich bitte, vollendet Euer Werk! Da Ihr die einzelnen Umſtände des finſteren Abenteuers des Grafen von Montgommery gekannt habt, wißt Ihr, ob man zur Zeit daran zweifelte, daß Frau von Caſtro, welche einige Monate nach dem Verſchwinden des Gra⸗ fen geboren wurde, wirklich die Tochter des Königs war? Hat die üble Nachrede, ſagen wir ſogar die Verleumdung, nicht einen Verdacht in dieſer Hinſicht geäußert und Herrn von Montgommery die Vaterſchaft von Diana zugeſchrieben?“ Catharina von Medieis ſchaute Gabriel eine Zeit lang ſtillſchweigend an, als wollte ſie ſich Rechenſchaft von der Abſicht geben, welche ſeine Worte dictirt hatte. Sie glaubte dieſe Abſicht gefunden zu haben und er⸗ wiederte lächelnd: „Ich habe in der That wahrgenommen, daß Ihr auf Frau von Caſtro aufmerkſam warct und ihr be⸗ ſtändig den Hof machtet. Ich kenne nun Eure Beweg⸗ gründe. Ihr wollt nur, ehe Ihr weiter geht, Euch verſichern, nicht wahr? daß Ihr keinen falſchen Weg verfolgt, und daß Ihr Eure Huldigungen wirklich einer Königstochter zuwendet? Nachdem Ihr die legitimirte Tochter von Heinrich II. geheirathet, wollt Ihr nicht eines Tags durch eine unerwartete Entdeckung finden, daß Ihr zur Frau den Baſtard des Grafen von Montgom⸗ mery habt. Mit einem Wort, Ihr ſeid ehrgeizig, Herr d'Ermés. Vertheidigt Euch nicht, ich ſchätze Euch darum nur um ſo mehr, und das kann überdies den Plänen, die ich mit Euch habe, nicht nur nicht in den e S SS 8— Se S c 8=„ 8 fo err en den 145⁵ Weg treten, ſondern ſie vielmehr unterſtützen, Ihr ſeib ehrgeizig, nicht wahr?“ „Ah! Madame,“ verſetzte Gabriel verlegen,„viel⸗ leicht ℳ „Es iſt gut, ich ſehe, daß ich Euch errathen habe, mein edler Herr,“ ſprach die Königin.„Nun wohll wollt Ihr einer Freundin glauben? Gerade im Inter⸗ eſſe Eurer Entwürfe entſagt Euren Abſichten auf dieſe Diana. Ich weiß in Wahrheit nicht, ob ſie die Tochter des Königs oder die Tochter des Grafen iſt, und die letzte Hypotheſe könnte wohl die wahre ſein; aber wäre ſie auch vom König geboren, ſo iſt es doch nicht die Frau und die Stütze, die Ihr braucht. Frau von Angouléme iſt eine ſchwache, weichliche Natur, ganz Gefühl,— Liebreiz, wenn Ihr wollt,— doch ohne Kraft, ohne Energie, ohne Muth. Sie hat die Gunſt des Königs zu gewinnen gewußt, das gebe ich zu, doch ſie wird ſie nicht zu benützen verſtehen Was Ihr zur Verwirklichung Eurer großen Chimären braucht, Gabriel, iſt ein männliches, mächtiges Herz, das Euch hilft, wie es Euch liebt, das Euch dient und ſich Eu⸗ rer bedient, und das zu gleicher Zeit Eure Seele und Euer Leben erfüllt. Dieſes Herz habt Ihr gefunden, ohne es zu wiſſen, Vicomte d'Exmos.“ i ſchaute ſie erſtaunt an. Sie fuhr hingeriſſen ort: „Hört: unſer Loos muß uns Königinnen von den gewöhnlichen Convenienzen freiſprechen; wollen wir, hochgeſtellt wie wir ſind, daß eine zärtliche Leidenſchaft uns erreiche, ſo müſſen wir ihr einen Schritt entgegen⸗ thun und ihr die Hand bieten. Gabriel, Ihr ſeid ſchön, brav, glühend und ſtolz! von dem erſten Augen⸗ blick, wo ich Euch geſehen, regte ſich in mir für Euch ein unbefanntes Gefühl, und, habe ich mich getäuſcht? Eure Worte, Eure Blicke, ſogar dieſer Schritt heute, der vielleicht nur ein geſchickter Umſchweif iſt, Alles Die beiden Dianen. 1. 10 i hat mich vermuthen laſſen, daß ich keinem Undankbaren begegnet bin!“ „Madame!„.“ ſagte Gabriel erſchrocken. „Ja, Ihr ſeid bewegt und erſtaunt, ich ſehe es,“ verſetzte Catharina mit ihrem ſfüßeſten Lächeln.„Nicht wahr, Ihr urtheilt nicht zu ſtreng über meine noth⸗ wendige Offenherzigkeit? Ich wiederhole Euch, die Kö⸗ nigin muß der Frau zur Entſchuldigung dienen. Ihr ſeid ſchüchtern, wenn gleich ehrgeizig, Herr d'Exmes, und durch Bedenklichkeiten, welche unter mir ſtehen, hätte ich eine koſtbare Ergebenheit verlieren können. Ich wollte lieber zuerſt ſprechen. Beruhigt Euch, er⸗ hebt Euch! bin ich denn ſo furchtbar?“ „Oh! ja,“ murmelte Gabriel bleich und beſtürzt⸗ Doch die Königin, die ihn hörte, täuſchte ſich abermals im Sinn ſeiner Ausrufung. „Auf! auf!“ ſagte ſie mit einem freudigen Zwei⸗ fel,„ich habe Euch die Vernunft noch nicht ſo ſehr verlieren gemacht, wie mir ſcheint, daß Ihr Eure Intereſſen darüber vergeſſen hättet, und die Auskunft, um die Ihr mich über Frau von Angoulöme batet, dient wohl ein wenig zum Beweis hiefür. Doch ſeid unbeſorgt, ich ſage Euch noch einmal, ich will nicht Gure Erniedrigung, ſonbern Eure Größe⸗ Gabriel, ich habe mich bis jetzt in den zweiten Rang geſtellt, doch wißt, ich werde bald im erſten glänzen. Frau Diana von Poitiers iſt nicht mehr in einem Alter, um lange ihre Schönheit und ihre Macht zu behalten. Von dem Tage an, wo das Zauberwerk dieſer Frau verſchwindet, beginnt meine Regierung, und vernehmt, daß ich zu regieren wiſſen werde, Gabriel: die Herr⸗ ſcherinſtinkte, die ich in mir fühle, ſind mir Gewähr⸗ ſchaft hiefür, und überdies fließt in mir das Blut der Medieis. Der König wird eines Tags einſehen, daß er keinen gewandteren, geſchickteren, erfahreneren Rath hat, als mich, und dann Gabriel, worauf wird dann nicht der Mann Anſpruch machen fönnen, der ſein Glück tet, eid iel, lUt, rau um ten. rau mt, err⸗ ihr⸗ der er tath ann lüc 147 mit dem meinigen verbunden hat, als das meinige noch dunkel war? der in mir die Fran und nicht die Köni⸗ gin geliebt hat? Wird die Gebieterin des Königreiches nicht würdig denjenigen belohnen wollen, welcher Ca⸗ tharina ergeben iſt? Dieſer Mann, wird er nicht ihr zweiter, ihr rechter Arm, der wahre König unter einem— Phantom von einem König ſein? Wird er nicht in ſeiner Hand alle Würden und alle Kräfte Frankreichs halten? Ein ſchöner Traum, nicht wahr, Gabriel? Nun! Gabriel, wollt Ihr dieſer Mann ſein?“ Sie reichte ihm muthig die Hand. Gabriel ſetzte ein Knie auf die Erde und küßte dieſe ſo weiße und ſo reizende Hand. Doch ſein Cha⸗ rakter war zu redlich und zu gerade, um ſich zu den Liſten und Lügen einer geheuchelten Liebe zu leihen. Zwiſchen einen Betrug und eine Gefahr geſtellt, war er zu offenherzig und zu entſchloſſen, um zu zögern, und ſein männliches Geſicht erhebend, ſprach er: „Madame, der demüthige Edelmann, der zu Eu⸗ ren Füßen liegt, bittet Euch, ihn als den ehrfurchts⸗ vollſten Eurer Diener, und als den ergebenſten Eurer Unterthanen zu betrachten. Aber...“ „Aber,“ unterbrach ihn Catharina mit einem Lä⸗ cheln,„es ſind nicht die Ausdrücke der Verehrung, was man von Euch fordert, mein edler Cavalier.“ „Und dennoch, Madame,“ fuhr Gabriel fort,„kann ich mich, indem ich mit Euch ſpreche, keiner ſüßeren, zärtlicheren Worte bedienen, denn verzeiht! diejenige, welche ich liebte, ehe ich Euch nur kannte, iſt wirklich Frau Diana von Caſtro, und keine Liebe, wäre es auch die Liebe einer Königin, vermöchte Platz in dieſem Herzen zu finden, das ganz von einem andern Bilde erfullt iſt.“ „Ah!“ war das Einzige, was Catharina, die Stirne bleich und die Lippen an einander gepreßt, von ſich zu geben vermochte. Mit geſenktem Haupte, jedoch ohne zu zittern, er⸗ 148 wartete Gabriel den Sturm der Entrüſtung und Ver⸗ achtung, der über ihn losbrechen ſollte. Verachtung und Entrüſtung ließen nicht lange auf ſich warten, und nachdem ſie einige Minuten geſchwiegen hatte, ſprach Catharina von Medicis, welche nur mit großer Mühe ihre Stimme und ihren Zorn bewältigte: „Wißt Ihr, Herr d'Ermés, daß ich Euch keck, um nicht zu ſagen unverſchämt finde? Wer ſprach mit Euch von Liebe, mein Herr? Woraus ſchließt Ihr, daß man Eure ſo ſcheue Tugend verſuchen wollte? Ihr müßt eine ſehr freche und ſehr eitle Anſicht von Eurem Ver⸗ dienſte haben, um an ſolche Dinge zu glauben und auf eine ſo vermeſſene Weiſe ein Wohlwollen zu erklären, vas nur Unrecht gehabt hat, ſich an ſo unwürdiger Stelle zu äußern. Ihr habt im Ernſt eine Frau und eine Königin beleidigt, mein Herr!“ „Oh! Madame,“ verſetzte Gabriel,„glaubt, daß fromme Ehrfurcht... „Genug!“ unterbrach ihn Catharina,„ich ſage Euch, daß Ihr mich beleidigt habt, und daß Ihr hier⸗ her gekommen ſeid, um mich zu beleidigen! Warum ſeid Ihr hier? Welcher Beweggrund führte Euch hierher? Was geht mich Eure Liebe, was geht mich Frau von Caſtro, was geht mich Alles an, was Euch betrifft! Ihr kamet, um bei mir Auskunft zu ſuchen? ein lächer⸗ licher Vorwand! Ihr wolltet durch eine Königin von Frankreich die Polizei Eurer Leidenſchaft machen laſſen. Das iſt wahnſinnig, ſage ich Euch, und ich füge noch bei: es iſt beſchimpfend!“ „Nein, Madame,“ erwiederte Gabriel, ſtolz das Haupt erhebend,„Ihr ſeid dadurch nicht beſchimpft worden, daß Ihr einen ehrlichen Mann gefunden habt, der Euch lieber verwunden, als täuſchen wollte.“ „Schweigt, mein Herr,“ rief Catharina,„ich be⸗ fehle Euch, zu ſchweigen und zu gehen. Schätzt Euch glücklich, daß ich dem König Eure freche Verachtung noch nicht enthüllen will; doch erſcheint nie wieder vor . — er⸗ ng 149 mir, und haltet fortan Catharina von Medicis für Eure unverſöhnliche Feindin. Ja, ich werde Euch wiederfinden, deſſen ſeid gewiß, Herr d'Ermès! Doch mittlerweile geht.“ Gabriel verbeugte ſich vor der Königin und ging hinaus ohne ein Wort zu ſagen. 2 „Ah!“ dachte er, als er ſich allein fand,„ein Haß mehr! Doch was würde das mir machen, wenn ich etwas über meinen Vater und über Diana erfahren hätte? Die Geliebte des Königs und die Frau des Kö⸗ nigs zu Feindinnen! Das Schickſal will mich vielleicht darauf vorbereiten, daß ich der Feind des Königs werde. Gehen wir nun zu Diana, die Stunde iſt gekommen, und Gott wolle, daß mir dieſe letzte Leuchte nicht ent⸗ ſchwinde, und daß ich nicht noch trauriger und troſt⸗ loſer von derjenigen, welche mich liebt, als von den⸗ jenigen, welche mich haſſen, weggehe!“ XVI. Geliebter oder Bruder? Als Jaeinthe Gabriel in das Zimmer von Diana von Caſtro einführte, das dieſe als legitimirte Tochter des Königs im Louvre bewohnte, lief Diana in ihrem naiven, keuſchen Erguſſe dem Vielgeliébten entgegen, ohne auf irgend eine Weiſe ihre Freude zu verbergen. Sie hätte nicht einmal ihre Stirne ſeinem Kuß entzogen, doch er begnügte ſich, ihr die Hand zu drücken. „Endlich ſeid Ihr da, Gabriel!“ ſagte ſie.„Mit welcher Ungeduld erwartete ich Euch, mein Freund! Längſt weiß ich nicht mehr, wohin ich das Uebermaß 150 des Glückes, das ich in mir fühle, überſtrömen laſſen ſoll. Ich ſpreche allein, ich lache allein, ich bin toll! Doch Ihr ſeid hier, Gabriel, und wir können wenig⸗ ſtens mit einander glücklich ſein! Nun! was habt Ihr denn, mein Freund? Ihr ſeht kalt, ernſt, beinahe trau⸗ rig aus. Mit dieſem gezwungenen Geſicht, mit dieſen zurückhaltenden Manieren bezeugt Ihr mir Eure und Gott und meinem Vater Eure Dankbar⸗ ei 2“ „Eurem Vater?.. Ja, ſprechen wir von Eu⸗ rem Vater, Diana. Was den Ernſt betrifft, der Euch in Erſtaunen ſetzt, ſo iſt es meine Gewohnheit, mit die⸗ ſer ſtrengen Miene das Glück zu empfangen, denn ich mißtraue zuerſt ſeinen Geſchenken, da ich bis jetzt nicht daran gewöhnt bin und erfahren habe, daß es nur zu oft einen Schmerz unter ſeiner Gunſt verbarg.“ „Ich wußte weder, daß Ihr ſo ſehr Philoſoph, noch daß Ihr ſo unglücklich ſeid, Gabriel,“ erwiederte Diana halb freudig, halb gereizt;„doch laßt hören! Ihr ſagtet, Ihr wollet vom König ſprechen; das klingt beſſer: wie edel und gut iſt er geweſen, Gabriel!“ „Ja, Dianga, er liebt Euch ſehr, nicht wahr?“ „Mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit, Gabriel.“ „Allerdings,“ murmelte der Vicomte d'Ermés,„er kann glauben, ſie ſei ſeine Tochter Ueber Eines wundere ich mich,“ ſprach er ſodann laut,„wie konnte der König, der ſicherlich ſchon die Ahnung der Liebe, die er für Euch hegen würde, im Herzen hatte, nichts⸗ deſtoweniger zwölf Jahre lang Euch gar nicht ſehen, nicht kennen lernen, und nach Vimoutiers verbannt laſſen, wo Ihr unbekannt und verloren bleiben mußtet? Habt Ihr ihn nie nach der Urſache dieſer ſeltſamen Gleichgültigkeit gefragt, Diana? Wißt Ihr, ein ſolches Vergeſſen iſt ſchwer mit dem Wohlwollen in Einklang zu bringen, das er nun für Euch kundgibt.“ „Oh!“ erwiederte Diana,„er, der arme Vater war es nicht, der mich vergaß.“ ſen l g⸗ hr u⸗ ſen ure ar⸗ u⸗ uch ie⸗ ich cht h, rte hr ngt „er nes nte be, s⸗ en, nnt et? nen hes ing var 151 „Wer denn?“ „Wer? wenn nicht Frau Diana von Poitiers. ich weiß nicht, ob ich ſagen ſoll, meine Mutter.“ „Und warum fügte ſie ſich darein, Euch ſo in der Einſamkeit und fern von ſich zu laſſen, Diana? Hätte ſie ſich nicht Eures Daſeins freuen und in den Augen des Königs Eurer Geburt, die ihr einen Anſpruch mehr auf ſeine Liebe gab, rühmen müſſen? Was hatte ſie zu befürchten, ihr Gemahl war todt, ihr Vater todt?“ „Ganz richtig, Gabriel,“ erwiederte Diana,„und es wäre mir ſchwer, um nicht zu ſagen unmöglich, dieſen ſeltſamen Stolz rechtzufertigen, dem zu Folge Frau von Valentinois nie einwilligte, mich als ihr Kind an⸗ zuerkennen. Ihr wißt alſo nicht, Freund, daß ſie den König Anfangs bewog, meine Geburt zu verbergen, daß ſie mich nur auf ſein Zudringen, und beinahe auf ſeinen Befehl zurückrief, und daß ſie nicht einmal in meiner Legitimationsurkunde genannt ſein wollte? Ich beklage mich nicht darüber, Gabriel, denn ohne dieſen ſeltſamen Stolz hätte ich Euch nicht kennen lernen, und Ihr würdet mich nicht geliebt haben; doch ich habe zu⸗ weilen mit Kummer an die Abneigung meiner Mutter und Alles das gedacht, was mich betrifft!“ „Eine Abneigung, welche ganz wohl nichts Ande⸗ res als ein Gewiſſensvorwurf ſein könnte,“ dachte Ga⸗ briel mit Schrecken;„ſie wußte, daß ſie den König täuſchte, und that es nicht ohne Zögern und ohne Furcht ℳ „Aber an was denkt Ihr denn, mein Freund?“ verſetzte Diana,„und warum richtet Ihr alle dieſe Fragen an mich?“ „Aus keinem Grund; ein Zweifel meines unruhi⸗ gen Herzens. Kümmert Euch nicht darum, Diana; doch wenn Eure Mutter nur Abneigung und beinahe Haß gegen Euch offenbart, Diana, ſo entſchädigt Euch Euer Vater für dieſe Kälte durch ſeine Zärtlichkeit; und Ihr Eurerſeits, wenn Ihr Euch ſchüchtern und be⸗ 152 klommen bei Frau von Valentinvis fühlt, ſo erweitert ſich dagegen Euer Herz in Gegenwart des Königs und erkennt in ihm einen wahren Vater, nicht wahr?“ „O gewiß!“ erwiederte Diana,„am erſten Tag wo ich ihn ſah, und wo er mit ſo viel Güte zu mir ſprach, fühlte ich mich alsbald zu ihm hingezogen. Nicht aus Politik bin ich zuvorkommend und liebevoll gegen ihn, ſondern aus Inſtinkt; wäre er nicht der König, wäre er nicht mein Wohlthäter und Beſchützer, ich würde ihn eben ſo ſehr lieben; es iſt mein Vater!“ „Man täuſcht ſich nicht in ſolchen Dingen!“ rief Gabriel entzückt;„meine theure Diana, meine Vielge⸗ liebte! es geziemt ſich für Euch, Euren Vater ſo zu lieben, es geziemt ſich, daß Ihr Euch in ſeiner Gegen⸗ wart von Liebe und Dankbarkeit bewegt fühlt. Dieſe ſanfte, kindliche Frömmigkeit gereicht Euch zur Ehre, Diana.“ „Und es geziemt ſich auch für Euch, ſie zu begrei⸗ fen und zu billigen, mein Freund,“ ſprach Diana.„Doch nun, nachdem wir von meinem Vater, von der Zunei⸗ gung, die er für mich offenbart und die ich ihm zurück⸗ gebe, und von unſeren Verbindlichkeiten gegen ihn ge⸗ ſprochen haben, wie wäre es, wenn wir ein wenig von uns und unſerer Liebe ſprechen würden? Was wollt Ihr? man iſt ſelbſtſüchtig,“ fügte ſie mit der ihr ei⸗ genthümlichen reizenden Freimüthigkeit bei.„Wäre übrigens der König da, ſo würde er es mir zum Vor⸗ wurf machen, daß ich gar nicht an mich, an uns denke. Wißt Ihr, Gabriel, was er mir noch ſo eben wieder⸗ holte:„„Theures Kind, ſei glücklich, glücklich ſein, ver⸗ ſtehſt Du wohl? heißt mich glücklich machen.“ Iſt alſo unſere Schuld an die Dankbarkeit abbezahlt, mein Herr, ſo wollen wir uns ſelbſt nicht zu ſehr vergeſſen.“ „Das iſt es,“ ſprach Gabriel nachdenkend,„über⸗ laſſen wir uns nun ganz der Zuneigung, die uns mit einander für das Leben verbindet. Schauen wir in unſere — „ —————— —— M v— — SS SM v NN N— NNNJ 153 Herzen und ſehen wir, was darin vorgeht. Erzählen wir uns gegenſeitig unſere Seelen.“ „Das gefällt mir,“ ſagte Diana,„das wird rei⸗ zend ſein!“ „Ja, reizend,“ verſetzte Gabriel traurig.„Sprecht Ihr zuerſt, Diana; was fühlt Ihr für mich? Liebt Ihr mich nicht weniger als Euren Vater?“ „Böſer Eiferſüchtiger! Wißt vor Allem, daß ich Euch ganz anders liebe. Es iſt nicht leicht, Euch das zu erklären! Iſt der König da, ſo bin ich ruhig, und mein Herz ſchlägt nicht ſchneller als gewöhnlich; doch wenn ich Euch ſehe, dann verbreitet ſich durch mein gan⸗ zes Weſen eine ſeltſame Unruhe, die mir wehe thut und mich zugleich entzückt. Ich ſage meinem Vater vor aller Welt die liebkoſenden, ſüßen Worte, die mir in den Mund kommen, doch mir ſcheint, ich hätte nie den Muth, zu Euch vor irgend Jemand nur:„„Gabriel!““ zu ſagen, ſelbſt wenn ich Eure Frau wäre. Mit einem Wort, ebenſo friedlich als die Freude iſt, die ich bei meinem Vater fühle, ebenſo ſehr iſt das Glück, das Eure Gegenwart mir bringt, unruhig, ich möchte ſagen ſchmerzlich, und dieſer Schmerz iſt dennoch köſtlicher als jene Ruhe.“ „Schweige! oh! ſchweige!“ rief Gabriel ganz ver⸗ wirrt.„Ja, Du liebſt mich, und das erſchreckt mich!.. und das beruhigt mich, will ich ſagen; denn Gott hätte am Ende dieſe Liebe nicht geſtattet, wenn Du mich nicht lieben könnteſt.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Diana er⸗ ſtaunt;„warum bringt Euch mein Geſtändniß, das ich Euch wohl zu thun berechtigt bin, da Ihr mein Gatte ſein werdet, ſo ſehr außer Euch? Welche Gefahr kann ſich in meiner Liebe verbergen?“ „Keine, theure Diana, keine. Merkt nicht darauf, die Freude berauſcht mich, die Freude! Ein ſo hohes Glück macht den Schwindel. Ihr habt mich jedoch nicht immer mit dieſer Unruhe und dieſem Schmerz ge⸗ liebt. Als wir noch mit einander unter dem Schatten der Bäume von Vimoutiers ſpazieren gingen, hattet Ihr für mich nur eine ſchweſterliche Liebe.“ „Ich war damals ein Kind,“ ſagte Diana;„ich hatte nicht ſechs Jahre der Einſamkeit von Euch ge⸗ träumt; meine Liebe war nicht mit mir gewachſen; ich hatte nicht zwei Monate inmitten eines Hofes ge⸗ lebt, wo die Verdorbenheit der Sprache und der Sitten mich dennoch nicht mehr unſere reine und heilige Lei⸗ denſchaft lieben machen konnte.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr, Diana.“ „Doch Ihr, Freund,“ ſprach Diana,„ſagt nun Eurerſeits, was Ihr an Ergebenheit und Liebesgluth in Euch habt. Oeffnet mir Euer Herz, wie ich Euch das meinige entſchleierte. Wenn meine Worte Euch wohl⸗ gethan haben, ſo laßt mich auch Eure Stimme ſagen hören, wie ſehr Ihr mich liebt, und wie Ihr mich liebt?“ 2„Oh! ich weiß es nicht, ich kann es Euch nicht ſagen! fragt mich nicht hierüber; fordert nicht, daß ich mich ſelbſt frage, es iſt zu gräßlich!“ „Gabriel!“ rief Diana ganz beſtürzt,„Eure Worte ſind ſchrecklich, fühlt Ihr das nicht? Wie? Ihr wollt mir nicht einmal ſagen, daß Ihr mich liebet!“ „Ob ich Dich liebe, Diana! ſie fragt mich, ob ich ſie liebe! ja, ich liebe Dich wie ein Wahnſinniger, wie ein Verbrecher vielleicht.“ „Wie ein Verbrecher!“ verſetzte Frau von Caſtro erſtaunt,„welches Verbrechen kann in unſerer Liebe liegen? Sind wir nicht Beide frei? Wird nicht mein Vater zu unſerer Verbindung einwilligen? Gott und die Engel freuen ſich über eine ſolche Liebe!“ „Herr, mache, daß ſie Dich nicht läſtert,“ rief Gabriel in ſeinem Innern,„wie ich vielleicht vorhin gottesläſterlich war, als ich mit Aloyſe ſprach.“ „Aber was iſt es denn?“ fuhr Diana fort.„Mein Freund, Ihr ſeid doch nicht krank? Woher kommen en et ei⸗ be ein nd ief hin ein en 155 bei Euch, der Ihr gewöhnlich ſo feſt ſeid, dieſe chimä⸗ riſchen Befürchtungen? Oh! ich habe nicht bange an Eurer Seite, ich weiß, daß ich bei Euch eben ſo ſehr in Sicherheit bin, als bei meinem Vater. Hört, um Euch zu Euch ſelbſt, zum Leben, zum Glück zurückzu⸗ rufen, ſchließe ich mich ohne Bangen an Eure Bruſt an, o mein geliebter Gatte! ich lege ohne Bedenken meine Stirne auf Eure Lippen.“ Sie näherte ſich ihm lächelnd und reizend, hob ihr leuchtendes Antlitz zu ihm empor, und erflehte mit ihrem engeliſchen Blick ſeine keuſche Liebkoſung. Doch Gabriel ſtieß ſie voll Schrecken zurück und „Nein, gehe! laß mich, fliehe!“ „O mein Gott!“ ſagte Diana, indem ſie ihre Arme an der Seite herabfallen ließ,„mein Gott! er ſtößt mich zurück, er liebt mich nicht.“ „Ich liebe Euch zu fehr!“ „Wenn Ihr mich liebtet, würden Euch meine Lieb⸗ koſungen Abſcheu machen?“ „Machen ſie mir wirklich Abſcheu?“ ſagte Gab⸗ riel, von einem zweiten Schrecken erfaßt.„Iſt es mein Inſtinkt, der ſie zurückſtößt, und nicht meine Vernunft? Oh! komm! Diana, damit ich ſehe, damit ich fühle, damit ich erfahre. Komm und laß mich in der That meinen Mund auf Deine Stirne drücken, ein Bruder⸗ ß, den ein Bräutigam ſich wohl erlauben kann.“ Er zog Diana an ſein Herz und drückte einen lan⸗ gen Kuß auf ihre Haare. „Ahl ich täuſchte mich,“ ſagte er, entzückt bei die⸗ ſer zarten Berührung;„es iſt nicht die Stimme des Blutes, was in mir ſchreit, es iſt die Stimme der Liebe. Ich erkenne ſie. Welch ein Glück!“ zas ſagſt Du denn, Freund?“ verſetzte Dianaz „Du liebeſt mich. Das iſt Alles, was ich hoͤ⸗ ren und wiſſen will.“ „O ja, ich liebe Dich, angebeteter Engel, ich liebe rief: 156 Dich mit innigem Verlangen, mit heißer Leidenſchaft, ich liebe Dich wahnſinnig. Ich liebe Dich, und Dein Herz an dem meinigen ſchlagen fühlen, ſiehſt Du, das iſt der Himmel.„oder es iſt die Hölle!“ rief plötz⸗ lich Gabriel, indem er ſich von der Umarmung von Diana losmachte.„Gehe, gehe, laß mich fliehen, ich bin verflucht!“ Und er floh ganz verwirrt aus dem Zimmer, und ließ Diana ſtumm vor Schrecken und verſteinert vor Verzweiflüng zurück. Gabriel wußte nicht, wohin er ging, noch was er that, er ſtieg maſchinenmäßig, ſchwankend, trunken die Treppe hinab. Dieſe drei Prüfungen waren zu viel für ſeine Vernunft. Als er in die große Gallerie des Louvre kam, ſchloßen ſich ſeine Augen unwillkührlich, ſeine Beine bogen ſich, und er ſank an der Wand in die Kniee und murmelte: „Ich ſah vorher, daß mich der Engel noch mehr leiden machen würde, als die zwei Teufel!“ Hierauf ward er ohnmächtig. Es war Nacht ge⸗ worden, und Niemand ging durch die Gallerie. Erſt als er eine kleine Hand ſ ſeine Stirne ei ſtreifen und eine ſanfte Stimme zu einer Seele ſpre⸗ chen hörte, kam er wieder zu ſich. Er öffnete die Augen. Die Dauphine⸗Königin, Maria Stuart war, eine brennende Kerze in der Hand, vor ihm. „Zum Glück ein anderer Engel,⸗ ſagte Gabriel. „Ihr ſeid es, Herr d Ermés?“ ſprach Maria. „Oh! Ihr habt mir Angſt gemacht, ich glaubte, Ihr wäret todt. Was habt Ihr? wie bleich ſeid Ihr! Fühlt Ihr Euch beſſer? ich werde rufen, wenn Ihr wollt.“ „Unnökhig, Madame,“ ſagte Gabriel, indem er aufzuſtehen ſuchte.„Eure Stimme hat mich zum ben zurückgerufen.“ „Wartet, ich helfe Euch,“ verſetzte Maria Stuart. „Armer junger Mann! ſeid Ihr entſtellt! Ihr waret t . ——— c— — N — w N ——— S—* ——— 157 alſo ohnmächtig? Im Vorübergehen erblickte ich Euch, und es gebrach mir an Kraft, zu rufen. Und dann be⸗ ruhigte mich die Ueberlegung ein wenig; ich näherte mich Euch, doch ich brauchte hübſch Muth dazu! ich legte meine Hand auf Eure Stirne, welche ganz eiſig war, ich rief Euch, und Ihr kamet wieder zum Be⸗ wußtſein. Geht es nun beſſer?“ „Ja, Madame, ſeid geſegnet für Eure Güte. Ich entfinne mich nun. Ein furchtbarer Schmerz preßte mir plötzlich die Schläfe wie ein eiſerner Schraubſtock zuſammen, meine Kniee wichen unter mir, und ich fiel an der Wand hin. Doch warum hat mich dieſer Schmerz gepackt? Ah! ja, ich erinnere mich nun, ich erinnere mich ganz und gar. Ach! mein Gott! mein Gott! ich erinnere mich.“ „Irgend ein großer Kummer hat ſich Eurer be⸗ mächtigt, nicht wahr?“ verſetzte Maria.„Oh! ja, denn nur bei der Erinnerung an das, was Ihr ge⸗ litten habt, ſeid Ihr jetzt viel bleicher als je. Stützt Euch auf meinen Arm, ich bin ſtark. Ich will rufen und Euch Leute geben, die Euch nach Hauſe führen.“ „Ich danke Fuch, Madame,“ ſagte Gabriel, ſeine Kräfte und ſeine Energie zuſammenraffend.„Ich fühle die nothwendige Stärke in mir, um allein nach Hauſe zu gehen. Seht, ich gehe ohne Hülfe und feſten Schrit⸗ tes. Doch ich danke Euch darum nicht minder, und ich werde mich, ſo lange ich lebe, Eurer rührenden Güte erinnern, Madame. Ihr ſeid mir wie ein trö⸗ ſtender Engel in einer Kriſe meines Schickſals erſchie⸗ nen. Nur der Tod kann das in meinem Herzen ver⸗ wiſchen.“ „O mein Gott! was ich gethan habe, iſt ganz natürlich, Herr d'Exmös. Ich hätte es für jedes lei⸗ dende Geſchöpf gethan, und um ſo mehr für Euch, von dem ich weiß, daß Ihr der ergebene Freund meines Oheims von Guiſe ſeid. Dankt mir nicht für ſo wenig.“ — „Dieſes Wenige, Madame, war Alles in dem ver⸗ zweifelten Schmerz, in welchem ich zu Boden lag. Ihr wollt nicht, daß man Euch dankt, doch ich, ich will mich erinnern.“ „Gott befohlen, Herr dErmés, pflegt Euch gut und ſucht Euch zu tröſten.“ Sie reichte ihm die Hand, Gabriel küßte ſie ehr⸗ furchtsvoll, dann ging ſie nach der einen Seite, wäh⸗ rend er ſich in der entgegengeſetzten Richtung ent⸗ ernte. Als er aus dem Louvre war, folgte er dem Rande des Waſſers, und nach einer halben Stunde befand er ſich in der Rue des Jardins. Er hatte nicht einen einzigen Gedanken, ſondern nur ein großes Leiden in ſeinem Gehirn. Aloyſe erwartete ihn voll Angſt. „Nun?“ fragte ſie ihn. Gabriel bewältigte eine Blendu die abermals ſein Geſicht verſchleierte. Er hätte gern geweint, doch er konnte nicht. Mit bebender Stinpne antwortete er: „Ich weiß nichts, Aloyſe! Alles iſt ſtumm geweſen, dieſe. Frauen und mein Herz; ich weiß nichts, wenn nicht, daß meine Stirne eiſig iſt, und daß ich dennoch brenne. Mein Gott! mein Gott!“ „Muth, gnädiger Herr!“ ſprach Aloyſe. „Muth,“ erwiederte Gabriel,„ich habe Muth. Gott ſei Dank, ich ſterbe.“ Und er fiel abermals rücklings auf den Boden, doch diesmal kam er nicht zu ſich. 1 „————— 8„„ 18— —— 6 h n„ in —,— 159 XVII. Vas Boroſkop. „Der Kranke wird leben, Frau Aloyſe. Die Ge⸗ fahr war groß, und die Wiederherſtellung wird lange dauern. Alle dieſe Aderläſſe haben den armen jungen Mann geſchwächt, doch er wird leben, zweifelt durch⸗ aus nicht daran, und dankt Gott, daß die Vernichtung des Körpers den Schlag geſchwächt hat, den ſeine Seele empfing; denn ſolche Wunden heilen wir nicht, und die ſeinige hätte können tödtlich ſein, und kann es vielleicht noch ſein.“ Der Doctor, welcher ſo ſprach, war ein Mann von hoher Geſtalt, mit großer gewölbter Stirne und durch⸗ dringenden, tiefen Augen. Das Volk nannte ihn Mei⸗ ſter Noſtredamez er unterzeichnete für die Gelehrten Noſtradamus. Er ſchien nicht über vierzig Jahre alt zu ſein. „Aber, Jeſus! ſeht ihn doch an, mein Herr,“ er⸗ wiederte Frau Aloyſe,„ſo liegt er hier ſeit dem ſie⸗ benten Juni Abends, wir haben heute den zweiten Juli und während dieſer ganzen Zeit ſprach er kein Wort, ſchien er mich weder zu ſehen, noch zu kennen. Ach! er iſt ſchon wie todt. Ihr berührt ſeine Hand, und er be⸗ merkt es nicht einmal!“ „Deſto beſſer, ich wiederhole es, Frau Aloyſe, möchte er ſo ſpät als möglich zum Gefühle ſeiner Lei⸗ den zurückkehren; kann er, wie ich hoffe, noch einen ganzen Monat in dieſer Lähmung ohne Bewußtſein und ohne Gedanken verharren, ſo iſt er gänzlich gerettet.“ „Gerettet!“ ſprach Aloyſe, indem ſie die Augen zum Himmel aufſchlug, als wollte ſie Gott danken. „Er iſt es jetzt ſchon, wenn nicht ein Rückfall ein⸗ 160 tritt, und Ihr könnt es der hübſchen Zofe ſagen, welche ſich zweimal täglich nach ihm erkundigt; unter dem Allem ſteckt eine Leidenſchaft einer vornehmen Dame, wahr? Das iſt zuweilen reizend, zuweilen un⸗ e i6 „Oh! hier iſt es unſelig, Ihr habt Recht, Meiſter Noſtredame,“ ſprach ſeufzend Aloyſe. „Gott wolle, daß er ſich aus der Leidenſchaft wie aus der Krankheit herausreiße, Frau Aloyſe, wenn nicht Krankheit und Leidenſchaft dieſelben Wirkungen und dieſelben Urſachen haben. Ich würde für die eine ſtehen und nicht für die andere.“ Noſtradamus öffnete die weiche, träge Hand, die er in der ſeinigen hielt, und betrachtete mit einer träume⸗ riſchen Aufmerkſamkeit die innere Fläche dieſer Hand. Er ſpannte ſogar die Haut über dem Zeigefinger und dem Mittelfinger aus; er ſchien nicht ohne eine gewiſſe Anſtrengung in ſeinem Gedächtniß eine Erinne⸗ rung zu ſuchen⸗ „Das iſt ſonderbar,“ ſagte er halblaut und wie zu ſich ſelbſt,„ich ſtudire wiederholt dieſe Hand, und es iſt mir, als hätte ich ſie ſchon zu einer andern Zeit unter⸗ ſucht. Doch welche Zeichen waren mir damals aufge⸗ fallen? Die Menſallinie iſt günſtig, die mittlere iſt zweifelhaft, doch die Lebenslinie iſt vollkommen. Im Uebri⸗ gen nichts als Gewöhnliches. Die vorherrſchende Ei⸗ genſchaft dieſes jungen Mannes muß ein feſter, ſtrenger Wille ſein, ein Wille, ſo unverſöhnlich als der von ei⸗ ner ſichern Hand abgeſchoſſene Pfeil. Das iſt es nicht, was mich einſt in Erſtaunen ſetzte. Und dann ſind meine Erinnerungen zu verworren, um nicht einer älteren Zeit anzugehören, und Euer Herr, Frau Aloyſe, iſt wohl noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt.“ „Er iſt vierundzwanzig.“ „Alſo iſt er im Jahr 1533 geboren; wißt Ihr an welchem Tage, Frau Aloyſe?“ „Am 6. März⸗“ ———— 1 c—— —— — e⸗ zu iſt r⸗ e⸗ ri⸗ Fi⸗ er ei⸗ ht, ind en 161 „Doch Ihr wißt nicht, ob am Morgen oder am Abend?“ 8 „Verzeiht, ich war bei ſeiner Mutter, der ich bei ihren Geburtswehen beiſtund. Der gnädige Herr Ga⸗ briel iſt auf den Schlag halb ſieben Uhr Morgens ge⸗ boren.“ Noſtradamus ſchrieb ſich das auf und ſagte dann: „Ich werde ſehen, wie an dieſem Tag und zu die⸗ ſer Stunde der Stand des Himmels war. Doch wenn der Vicomte d'Ermés zwanzig Jahre älter wäre, ſo würde ich ſchwören, daß ich ſeine Hand ſchon in der meinigen gehalten. Uebrigens iſt wenig daran gelegen! nicht der Zauberer, wie mich das Volk zuweilen nennt, hat hier zu thun, ſondern der Arzt, und ich wiederhole Euch, Frau Aloyſe, der Arzt ſteht nun für den Kranken.“ „Verzeiht, Meiſter,“ ſprach Aloyſe traurig,„Ihr habt geſagt, Ihr ſtündet für die Krankheit, doch Ihr ſtündet nicht für die Leidenſchaft?“ „Die Leidenſchaft!“ murmelte Noſtradamus lächelnd, „ei! mir däucht, der Umſtand, daß die kleine Zofe täg⸗ lich zweimal hier erſcheint, beweiſt, daß ſie keine ver⸗ zweifelte iſt.“ „Im Gegentheil, Meiſter, im Gegentheil,“ rief Aloyſe voll Schrecken. „Geht doch, Dame Alohſe! reich, brav, jung und ſchön, wie der Vicomte d'Ermés, wird man nicht lange von den Damen in einer Zeit, wie die unſrige iſt, zu⸗ rückgeſtoßen; man wird höchſtens zuweilen vertagt.“ „Nehmt jedoch an, es ſei dem nicht ſo, Meiſter. Nehmt an, wenn der gnädige Herr wieder zum Leben und zur Vernunft zurückkehrt, ſei der erſte, der einzige Gedanke, der dieſe wiedererweckte Vernunft berührt, der:„„Die Frau welche ich liebe, iſt unwiderruflich für mich verloren.“ Was wird dann geſchehen?“ „Oh! hoffen wir, daß Eure Vorausſetzung nicht gegründet iſt, Dame Aloyſe, das wäre ſchrecklich. Dieſer Die beiden Dianen. 1. 11 162 mächtige Schmerz in dem ſo ſchwachen Gehirn wäre gräßlich! So weit man einen Menſchen nach den Zügen ſeines Geſichtes und dem Blicke ſeiner Augen beurthei⸗ len kann, iſt Euer Herr, Aloyſe, kein oberflächlicher Menſch, und hier waͤre ſein energiſcher, mächtiger Wille nur eine Gefahr mehr und es könnte, an dem Unmöglichen gebrochen, das Leben mit ihm brechen.“ „Jeſus! mein Kind würde ſterben!“ rief Aloyſe. „Es wäre wenigſtens Gefahr vorhanden, daß wie⸗ der eine Hirnentzündung einträte,“ ſprach Noſtradamus. „Doch es gibt immer Mittel, vor ſeinen Augen einen Schimmer der Hoffnung glänzen zu laſſen. Er würde nach der entfernteſten, nach der flüchtigſten Möglichkeit greifen und wäre gerettet.“ „Dann wird er gerettet,“ ſprach Aloyſe mit düſterer Miene,„ich werde meineidig, doch er wird gerettet ſein. Herr Noſtradamus, ich danke Euch.“ Es verging eine Woche und Gabriel ſchien ſeinen Geiſt, wenn nicht zu finden, doch wenigſtens zu ſuchen. Seine noch irren und ausdrucksloſen Augen befragten die Geſichter und die Gegenſtände; dann fing er an die Bewegungen zu unterſtutzen, die man ihm verleihen wollte, ſich allein aufzurichten, und den Trank zu neh⸗ men, den ihm Noſtradamus reichte. Aloyſe ſtand unermüdlich zu ſeinen Häupten und wartete. 8 Nach Verlauf einer weiteren Woche konnte Ga⸗ briel ſprechen. Es war noch nicht völlig Licht in dem Chaos ſeines Verſtandes; er ſprach nur unzuſammen⸗ hängende Worte ohne Folge, welche jedoch Bezug auf Thatſachen ſeines vergangenen Lebens hatten. Mehr noch, Aloyſe zitterte, wenn der Arzt da war, er könnte eines von ſeinen Geheimniſſen errathen. Sie tänſchte ſich nicht gänzlich in ihren Befürch⸗ tungen, und eines Tags rief Gabriel in ſeinem fieber⸗ haften Schlafe in Gegenwart von Noſtradamus: „Sie glauben, ich heiße Vicomte d'Exmes, Nein⸗ . ——— ire en ei⸗ er 163 nein, nehmt Euch in Acht! Ich bin der Graf von Mont⸗ gommery.“ „Der Graf von Montgommery!“ ſprach Noſtra⸗ damus von einer Erinnerung berührt. „Stille!“ ſagte Aloyſe, indem ſie einen Finger anf ihre Lippen legte. Doch Noſtradamus ging weg, ohne daß Gabriel ein Wort beigefügt hatte, und da am andern Tag und an den folgenden Tagen der Arzt nicht mehr von den dem Kranken entſchlüpften Worten ſprach, ſo befürchtete Aloyſe, darauf zurückkehrend, ſeine Aufmerkſamkeit auf das zu lenken, was Gabriel zu verbergen ein Intereſſe haben konnte. Dieſer Vorfall ſchien daher für Beide vergeſſen. Bei Gabriel ging es immer beſſer; er erkannte Aloyhſe und Martin⸗Guerre; er verlangte nach dem, was er brauchte, er ſprach mit einer traurigen Weich⸗ heit, welche glauben ließ, er habe ſeine Vernunft end⸗ lich wieder erlangt. Eines Morgens, an dem Tag, wo er zum erſten Male aufſtand, ſprach er zu Aloyſe: „Amme, der Krieg?“ „Welcher Krieg?“ „Der Krieg gegen Spanien und England?“ „Oh! gnädiger Herr, man 5 nur klägliche Er⸗ zählungen davon. Durch zwölftauſend Mann Engländer verſtärkt, ſind die Spanier, wie man ſagt, in der Pi⸗ Lardie eingefallen. Man ſchlägt ſich auf der ganzen Grenze.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte Gabriel. Aloyſe ſchrieb dieſe Antwort einem Reſt vom Delirium zu. Am andern Tag aber ſprach Gabriel mit vollkom⸗ mener Geiſtesgegenwart: „Ich habe Dich geſtern nicht gefragt, ob Herr von Guiſe aus Italien zurückgekommen iſt?“ „Er iſt unter Weges, gnädiger Herr,“ antwortet⸗ Aloyſe erſtaunt. 164 „Das iſt gut. Welchen Tag des Monats haben wir heute?“ „Dienſtag den vierten Auguſt, gnädiger Herr.“ „Am ſiebenten iſt es alſo zwei Monate, daß ich mich auf mein Schmerzensbett niedergelegt habe.“ „Oh! wie erinnert ſich der gnädige Herr deſſen?“ rief Aloyſe zitternd. „Ja, ich erinnere mich, Aloyſe, ich erinnere michz aber,“ fügte er traurig bei,„wenn ich nichts vergeſſen habe, ſo ſcheint es mir dagegen, daß man mich vergeſſen hat; Niemand iſt gekommen, um ſich nach mir zu er⸗ kundigen, Aloyſe?“ „Doch, gnädiger Herr,“ erwiederte mit zitternder Stimme Aloyſe, welche ängſtlich auf dem Geſichte ihres jungen Gebieters die Wirkung ihrer Worte verfolgte; „eine Zofe Namens Jacinthe kam zweimal jeden Tag, um ſich nach Eurem Befinden zu erkundigen. Aber ſeit vierzehn Tagen, ſeitdem ſich eine merkliche Beſſerung erklärt hat, kommt ſie nicht mehr.“ „Sie kommt nicht mehr!.. und weißt Du war⸗ um, Amme?“ „Ja, gnädiger Herr. Ihre Gebieterin hat, wie mir Jaeinthe das letzte Mal ſagte, vom König die Er⸗ laubniß erhalten, ſich wenigſtens bis zum Ende des Krieges in ein Khſter zurückzuziehen.“ „Wahrhaftig!“ ſagte Gahriel mit einem ſanften, ſchwermüthigen Lächeln. Und während eine Thräne, die erſte, die er ſeit zwei Monaten vergoß, langſam über ſeine Wange ſtoß, fügte er bei: „Theure Diana!“ „Oh! gnädiger Herr,“ rief Aloyſe außer ſich vor Freude,„Ihr habt dieſen Namen ausgeſprochen, ohne eine Erſchütterung, ohne darüber ohnmächtig zu werden. Meiſter Noſtradamus hat ſich getäuſcht. Der gnädige Herr iſt gerettet, der gnädige Herr wird leben, und ich brauche meinen Schwur nicht zu brechen.“ 1 i ( ( er eit ar⸗ vie Fr⸗ des en, ſeit oß, vor hne den. ige ich 165⁵ Man ſieht, daß die arme Amme vor Freude ver⸗ rückt war, aber Gabriel verſtand zum Glück nur ihre letzten Worte. Mit einem bittern Lächeln erwiederte er: „Ja, ich bin gerettet, und dennoch, meine gute Aloyſe, werde ich nicht leben.“ „Wie ſo, gnädiger Herr?“ fragte Aloyſe, an allen Gliedern zitternd. „Der Körper hat muthig Widerſtand geleiſtet,“ antwortete Gabriel,„doch die Seele, Aloyſe, glaubſt Du, die Seele ſei nicht tödtlich verletzt? Es iſt wahr, ich werde mich von dieſer langen Krankheit erholen, und ich laſſe mich heilen, wie Du ſiehſt. Doch zum Glück ſchlägt man ſich auf der Grenze, ich bin Kapitän der Garden, und mein Platz iſt da, wo man ſich ſchlägt. Sobald ich zu Pferde ſteigen kann, gehe ich dahin, wo mein Platz iſt. Und in der erſten Schlacht, die ich mitmache, Aloyſe, werde ich es ſo einrichten, daß ich nicht mehr zurückzukommen brauche.“ „Heilige Jungfrau! Ihr werdet Euch tödten laſſen! Und warum dies, gnädiger Herr, warum dies?“ „Warum? weil Frau von Poitiers geſchwiegen hat, Aloyſe, weil Diana vielleicht meine Schweſter iſt, und weil ich Diana liebe; weil der König vielleicht meinen Vater hat ermorden laſſen, und weil ich den König nicht ohne eine Gewißheit beſtrafen känn. Da ich nun weder meinen Vater rächen, noch meine Schwe⸗ ſter heirathen kann, ſo weiß ich nicht, was ich auf der Welt zu thun hätte. Deshalb will ich ſie verlaſſen.“ „Nein, Ihr werdet ſie nicht verlaſſen,“ ſprach Aloyſe mit dumpfem Tone und düſterer Miene.„Ihr werdet ſie nicht verlaſſen, gerade weil Ihr viel zu thun habt, weil Euch ein ſchreckliches Geſchäft obliegt, dafür ſtehe ich Euch. Doch hievon werde ich mit Euch erſt an dem Tag ſprechen, wo Ihr völlig wiederhergeſtellt ſeid, und wo mir Meiſter Noſtradamus die Verſicherung gibt, daß Ihr mich hören könnt, und daß Ihr die Kraft dazu habt.“ 6 166 Dieſer Tag kam am Dienſtag der darauf folgen⸗ C den Woche. Gabriel ging ſeit drei Tagen aus, um ſein T Feldgeräth in Ordnung bringen zu laſſen und Vorbe⸗ reitungen zu ſeiner Abreiſe zu treffen, und Noſtrada⸗ mus hatte geſagt, er würde noch einmal am Tage ſei⸗ 6 nen Wiedergeneſenden beſuchen, doch dies wäre das letzte Mal. In einem Augenblick, wo Aloyſe ſich mit Gabriel de allein fand, ſprach ſie: „Habt Ihr über den äußerſten Entſchluß, den Ihr gefaßt, nachgedacht, und beharrt Ihr bei dieſem V Entſchluß?“ „Ich beharre dabei.“ m „Ihr wollt Euch alſo tödten?“ th „Ich will mich tödten laſſen.“ da „Weil Ihr kein Mittel mehr habt, um zu er⸗ le! fahren, ob Frau von Caſtro Eure Schweſter iſt oder üb nicht iſt, ſterbt Ihr?“ ab „Aus dieſem Grunde.“ „Was ſagte ich Euch, um Euch auf die Spur A dieſes furchtbaren Geheimniſſes zu bringen? Erinnert Ihr Euch?“ un „Gewiß! Gott in der andern Welt und zwei Per⸗ M ſonen in dieſer wären allein in dieſes Geheimniß ein⸗ Il geweiht keweſer zwei menſchlichen Geſchöpfe ſti wären Diana von Poitiers und der Graf von Mont⸗ hu gommery, mein Vater. Ich habe Frau von Valenti⸗ D nois gebeten, beſchworen, bedroht, doch ich bin un⸗ eir ſicherer und troſtloſer als je von ihr weggegangen.“ un „Aber Ihr fügtet bei, gnädiger Herr: müßtet Ihr we in das Grab Eures Vaters hinabſteigen, um ihm das de Geheimniß zu entreißen, Ihr würdet hinabſteigen, ohne fü zu erbleichen.“ wi „Oh! ich weiß nicht einmal, wo dieſes Grab iſt.“ al „„Ich auch nicht, doch man ſucht es, gnädiger vie err.“ „und wenn ich es auch gefunden hätte!“ rief me r⸗ er ur rt r⸗ fe t⸗ ti⸗ n⸗ hr as ne t.“ 167 Gabtiel,„würde Gott für mich ein Wunder thun? Die Todten ſprechen nicht, Aloyſe.“ „Die Todten, nein; die Lebenden, ja.“ „Großer Gott! was willſt Du damit ſagen?“ rief Gabriel erbleichend. „Daß Ihr nicht, wie Ihr in Eurem Delirium wiederholtet, der Graf von Montgommery, ſondern nur der Vicomte von Montgommery ſeid, weil Euer Vater, der Graf von Montgommery, noch leben muß.“ „Himmel und Erde! Du weißt, daß er, daß mein Vater noch lebt?“ „Ich weiß es nicht, gnädiger Herr, doch ich ver⸗ muthe und hoffe es, denn es war eine ſtarfe, mu⸗ thige Natur, wie die Eurige, die ſich mächtig gegen das Leiden und das Unglück anſtemmte. Wenn er noch lebt, wird er nicht, wie Frau Diana, den Aufſchluß über das Geheimniß verweigern, von dem Euer Glück abhängt!“ „„Doch wo ihn finden? von wem ihn verlangen? Aloyſe, im Namen des Himmels, ſprich!“ „Das iſt eine ſchreckliche Geſchichte, gnädiger Herr, und ich hatte, auf den Befehl Eures Vaters, meinem Mann geſchworen, ſie Euch nie zu enthüllen; denn ſobald Ihr ſie wißt, werdet Ihr Euch in furchthare Gefahren ſürzen, gnädiger Herr, Ihr werdet Feinden, welche hundertmal ſtärker ſind, als Ihr, den Krieg erklären. Doch die verzweifeltſte Gefahr iſt immer noch beſſer, als ein gewiſſer Tod. Ihr waret entſchloſſen, zu ſterben, und ich weiß, daß Ihr in Eurem Entſchluß nicht ge⸗ wankt hättet. Ich will Euch lieber den Wechſelfällen des verwegenen Kampfes preisgeben, den Euer Vater für Euch fürchtete. Euer Tod iſt ſo minder ſicher und wird immerhin etwas verzögert werden. Ich will Euch alſo Alles ſagen, gnädiger Herr, und Gott wird mir vielleicht meinen Eidbruch vergeben.“ „Ja, gewiß, meine gute Aloyſe.. Mein Vater! mein Vater lebt!„ ſprich geſchwinde!“ 1 2 168 Doch in dieſem Augenblick klopfte Jemand beſchei⸗ den an die Thüre und Noſtradamus erſchien. „Ah, ah! Herr d'Ermès,“ ſagte er zu Gabriel, „wie munter und belebt finde ich Euch! Das gefällt mir, Ihr waret nicht ſo vor einem Monat. Mir ſcheint, Ihr ſeid nun völlig bereit, zu Feld zu ziehen!“ „Wirklich zu Feld zu ziehen!“ ſprach Gabriel, in⸗ dem er mit funkelndem Auge Aloyſe anſchaute. „Ich ſehe alſo, daß der Arzt nichts mehr hier zu thun hat,“ verſetzte Noſtradamus. „Nichts mehr, als meinen Dank, Meiſter, und den Preis für Eure Dienſte, wenn ich dies ſagen darf, zu empfangen, denn in gewiſſen Fällen bezahlt man das Leben nicht.“ Und er drückte dem Doctor die Hand und legte in dieſe Hand eine Rolle Gold. „Ich danke, Herr Vicomte d'Ermés,“ ſprach No⸗ ſtradamus.„Doch erlaubt mir, Euch ebenfalls ein Geſchenk zu machen, von dem ich glaube, daß es für Euch von Werth iſt.“ „Was iſt das, Meiſter?“ „Ihr wißt, gnädiger Herr, daß ich mich nicht allein damit beſchäftigt habe, die Krankheiten der Menſchen kennen zu lernen. Ich wollte weiter und höher ſehen, ich wolite ihre Geſchicke ergründen, eine Augfabe voll von Zweifeln und Schatten; doch in Ermangelung von Licht habe ich, wie mir ſcheint, zuweilen den Schimmer geſehen. Gott hat, davon bin ich feſt überzengt, zwei⸗ mal den breiten, mächtigen Plan des Schickſals von jedem Menſchen geſchrieben: einmal in die Geſtirne des Himmels, in ſein Vaterland, zu dem er ſo oft die Augen erhebt, und dann in die Linien ſeiner Hand, ein verworrenes Zauberbuch, das er beſtändig bei ſich trägt, welches er jedoch ohne zahlloſe Studien nicht einmal zu buchſtabiren vermag. Viele Tage und viele Nächte hindurch habe ich in dieſe zwei Wiſſenſchaften, welche bodenlos find, wie das Faß der Danaiden, in die Chi⸗ n o⸗ in ür in en n, l on er ei⸗ on es die ein gt, al te che 169 romantie und die Aſtrologie einzudringen geſucht. Ich habe alle Jahre der Zukunft vor mich heraufbeſchworen, und in tauſend Jahren werden die Menſchen, die dann leben, vielleicht manchmal über meine Prophezeiungen ſtaunen. Aber ich weiß nichtsdeſtoweniger, daß die Wahrheit nur durch Blitze leuchtet; denn wenn ich zu⸗ weilen ſehe, ſo zweifle ich leider viel öfter. Deſſen ungeachtet weiß ich, daß ich in Zwiſchenräumen Stunden der Hellſichtigkeit habe, die mich ſogar erſchrecken, gnädiger Herr. In einer von dieſen Stunden ſah ich vor fünfundzwanzig Jahren das Geſchick eines Edel⸗ mannes am Hofe von König Franz klar in den Ge⸗ ſtirnen, welche bei ſeiner Geburt herrſchten, und in den verwickelten Linien ſeiner Hand geſchrieben. Dieſes ſeltſame, gefahrvolle Geſchick fiel mir ungemein auf. Beurtheilt mein Erſtaunen, als ich in Eurer Hand und in den Geſtirnen Eurer Geburt ein Horoſkop dem ähnlich, welches mich einſt ſo ſehr in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hatte, herauszufinden glaubte. Doch ich konnte es nicht ſo klar unterſcheiden wie einſt, und ein Zwi⸗ ſchenraum von fünfundzwanzig Jahren verwirrte meine Erinnerungen. Im vorigen Monat, gnädiger Herr, ſprachet Ihr endlich in Eurem Fieber einen Namen aus; ich hörte nur dieſen Namen, doch er ergriff mich. Es war der Name des Grafen von Montgommery!“ „Des Grafen von Montgommery?“ rief Gabriel erſchrocken.. „Ich wiederhole Euch, gnädiger Herr, daß ich nur dieſen Namen gehört habe; am Uebrigen war mir wenig gelegen. Denn dieſer Name war der des Mannes, deſſen Schickſal mir leuchtend wie der helle Mittag er⸗ ſchienen war. Ich lief nach Hauſe, durchwühlte meine alten Papiere und fand das Horoſkop des Grafen von Montgommery wieder. Doch es iſt ſeltſam und mir in den dreißig Jahren, ſeitdem ich ſtudire, noch nicht vor⸗ gekommen: Ihr müßt mit dem Grafen von Montgom⸗ mery in geheimnißvollen Beziehungen, in ſeltſamer Ver⸗ 170 wandtſchaft ſtehen, und Gott, der nie zwei Menſchen zwei gleiche Geſchicke gegeben hat, hatte Euch Beide ohne Zweifel zu denſelben Ereigniſſen vorbehalten. Denn ich hatte mich nicht getäuſcht: die Linien der Hand und die Geſtirne des Himmels waren für Euch Beide dieſelben. Ich will übrigens nicht ſagen, es finde keine Verſchiedenheit in den einzelnen Umſtänden von Eurer Beider Leben ſtatt, die vorherrſchende That⸗ ſache aber, welche es charakteriſirt, iſt dieſelbe. Ich habe den Grafen von Montgommery einſt aus dem Auge verloren, dennoch aber weiß ich, daß eine von meinen Weisſagungen ſich für ihn verwirklicht hat. Er hat den König mit einem Feuerbrand an der Stirne verwundet. Ob ſein übriges Geſchick in Erfüllung ge⸗ gangen iſt, weiß ich nicht. Ich kann nur behaupten, daß das Unglück und der Tod, wodurch er bedroht war, auch Euch bedrohen!“ „Iſt es möglich?“ ſagte Gabriel. „Hier, gnädiger Herr,“ ſprach Noſtradamus, in⸗ dem er dem Vicomte d'Ermés ein zuſammengerolltes Papier überreichte,„hier iſt das Horoſkop, das ich zur Zeit für den Grafen von Montgommery geſchrieben hatte. Ich würde es heute nicht anders für Euch ſchreiben.“ „Gebt, Meiſter, gebt, dieſes Geſchenk iſt in der That unſchätzbar, und Ihr könnt nicht glauben, in welchem Maße es für mich koſtbar wird.“ „Ein letztes Wort, damit Ihr auf Eurer Hut ſeid, obgleich Gott der Gebieter iſt und man nicht wohl ſeinen Rathſchlüſſen entgehen kann. Die Nativi⸗ tät von Heinrich II. weisſagt, er werde in einem Duell oder in einem Einzelnkampfe ſeinen Tod finden.“ „In welchem Zuſammenhang?...5 „Wenn Ihr dieſes Pergament geleſen habt, wer⸗ det Ihr mich verſtehen, gnädiger Herr. Nun habe ich nur noch von Euch Abſchied zu nehmen und Euch zu wünſchen, daß die Kataſtrophe, welche Gott in Euer Leben gelegt hat, wenigſtens unwillkührlich ſein möge.“ ———— 171 Hienach verbeugte ſich Noſtradamus vor Gabriel, der ihm die Hand drückte und ihn bis zur Thüre ge⸗ leitete, und ging hinaus. Sobald er zu Aloyſe zuruͤckkam, entfaltete Gabriel das Pergament, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß ihn Niemand ſtörgn oder belauern konnte, las er mit lauter Stimme; wie folgt: „Bei Spiel, bei Liebe wird er berühren Des Königs Stirne,* Mit Wunden ſchlagen und Hörner ſetzen Des Königs Stirne; Es wird ihn lieben, ſein müde! tödten Des Königs Dame.“ „Es iſt gut!“ rief Gabriel, die Stirne ſ und den Blick triumphirend.„Nun kannſt Du mir er⸗ zählen, liebe Aloyſe, wie Heinrich IHI. den Grafen von Montgommery, meinen Vater, lebendig begraben hat.“ „Der König Heinrich II.!“ rief Aloyſe,„woher wißt Ihr, gnädiger Herr?“„ „Ich errathe es! Doch Du kannſt mir das Ver⸗ brechen enthüllen, da Gott mir ſchon die Rache hat verkündigen laſſen.“ XVIil. Ver ſchlimmſte Fall einer Conuette. Wir vervollſtändigen durch die Memoiren und Chroniken der Zeit die Erzählung von Aloyſe, welche ihr Gatte Perrot Navrigny, der Stallmeiſter und Ver⸗ 172 traute des Grafen von Montgommery, von allen Le⸗ bensumſtänden ſeines Gebieters unterrichtet hatte, und geben in Folgendem die düſtere Geſchichte von Jacques von Montgommery, dem Vater von Gabriel. Sein Sohn kannte die allgemeinen undofficiellen Verhältniſſe, aber die unſelige Entwickelung, welche dieſe Geſchichte ſchloß, war ihm unbekannt, wie Allen. Jacques von Montgommery, Herr von Lorges, war wie alle ſeine Ahnen muthig und tapfer, und unter der krieheriſchen Regierung von Franz l. ſah man ihn ſtets in der erſten Reihe da, zwo man ſich ſchlug. Er wurde auch bald zum Oberſtöh des franzöſiſchen Fuß⸗ volks ernannt. Unter ſeinen hundert Heldenthaten war jedoch ein 2 es Ereigniß das, auf welches Noſtradamus anſpielte. * Ses ſiel im Jahr 1524 vor; der Graf von Mont⸗ Ppen war ungefähr zwanzig Jahre alt und erſt Kapitän; der Winter war ſtreng und die jungen Leute machten, den jungen König Franz l. an der Spitze, eine Schneeballpartie: ein Spiel nicht ohne Gefahr und zu jener Zeit ſehr in der Mode. Man theilte ſich in zwei Lager, die Einen vertheidigten ein Haus und die Andern griffen es mit Schneeballen an. Der Graf von Enghien, Herr von Cériſoles, wurde in einem ſol⸗ chen Spiel getödtet. Es fehlte nicht viel, ſo hätte Jacques von Montgommery den König auch getödtet. Als die Schlacht beendigt war, wollte man ſich wieder er⸗ wärmen; man hatte das Feuer erlöſchen laſſen, und alle dieſe ſtürmiſchen jungen Thoren wollten es wieder an⸗ zünden. Jacques brachte in aller Eile zuerſt einen Brand in einer Feuerzange, doch er traf unter Weges auf Franz I., der nicht mehr Zeit hatte, ſich zu ſchützen, und mit dem feurigen Scheit heftig auf die Stirne ge⸗ ſtoßen wurde. Es entſtand hiedurch zum Glück nur eine Wunde, doch eine ziemlich bedeutende, und die häß⸗ liche Narbe, die ſie zurückließ, gab Anlaß zu der Mod . — ——————— S 173 e⸗ des langen Bartes und der kurzen Haare, nach der Ver⸗ nd ordnung von Franz I.. es Da der Graf von Montgommery dieſes unglück⸗ in liche Ereigniß durch tauſend ſchöne Waffenthaten ver⸗ 3 ſe, ½ geſſen machte, ſo bewahrte der König keinen Groll ge⸗ te gen ihn und erhob ihn zu den höchſten Stellen bei Hof und im Heere. Im Jahre 1530 heirathete Jae ar Claudine de la Boiſſtere. Es war eine einfache e venienzheirath, dennoch beweinte er lange ſeine hn welche im Jahre 1533 nach der Geburt von Ga Er ſtarb. Der Grund ſeines Charakters war, w ß⸗ denjenigen, welche zu etwas Unſeligem vorherbeſtimmt ſind, die Traurigkeit. Als er Witwer und allein war, in beſtanden ſeine Zerſtreuungen in Degenſtichen; er ſtürzte us ſich aus Langerweile in die Gefahr. Doch im Jahre 1538, nach dem Waffenſtillſtand von Nizza, als dieſer t⸗ Mann des Krieges und der Thätigkeit ſich in die Hof⸗ rſt ordnung fügen und mit einem Paradedegen an der tte Seite in den Gallerien der Tournelles und des Louvre e, ſpazierengehen mußte, da wäre er vor Ueberdruß bei⸗ nd nahe geſtorben. in Eine Leidenſchaft rettete ihn und brachte ihn ins die Verderben. af Die königliche Circe zog in ihren Zaubergarten ol⸗ dieſes naive, kräftige alte Kind. Er verliebte ſich in tte Diana von Poitiers. ls Düſter und verdrießlich ging er drei Monate um er⸗ ſie her, ohne ein einziges Mal das Wort an ſie zu lle richten, doch er ſchaute ſie mit einem Blick an, der Alles n⸗ ſagte. Es brauchte nicht ſo viel füt die Großſeneſchallin, en um zu begreifen, daß dieſe Seele ihr gehörte. Sie es ſchrieb ſeine Leidenſchaft in einen Winkehihres Gedächt⸗ en, niſſes, um ſich bei Gelegenheit zu bedienen. e⸗ Die Gelegenheit kam. Fran ſing an ſeine ſchöne Geliebte zu vernachläßigen er wandte ſich Madame d'Etampes zu, welche minder ſchön war, aber den großen Vortheil, auf eine andere Art ſchön zu ſein, für ſich hatte. Als die Symptome der Vernachläßigung offenkun⸗ dig wurden, ſprach Diana zum erſten Male in ihrem Leben mit Jacques von Montgommery. Dies geſchah in den Tournelles, bei einem Feſte, das der König ſei⸗ ner neuen Favoritin gab. Herr von Montgommery?“ ſagte Diana dem Gra⸗ fen rufen S ſich ihr mit pochender Bruſt und ver⸗ bengte ſich linkiſch.. „Wie traurig ſeid Ihr, Herr von Montgommery!“ ſagte ſie. „Zum Sterben, Madame.“ „Und warum dies, großer Gott?“ „Madame, ich möchte mich gern tödten laſſen.“ „Für irgend Jemand ohne Zweifel?“ „Für irgend Jemand wäre es ſehr ſüß; doch meiner Treue! für nichts wäre es auch ſüß.“ „Das iſt eine furchtbare Schwermuth,“ verſetzte Diana;„doch woher kommt dieſe ſchwarze Krankheit?“ „Weiß ich es, Madame?“ „Ich weiß es, Herr von Moutgommery. Ihr liebt mich.“ Jacques wurde ganz bleich, dann aber bewaffnete er ſich mit einer Entſchloſſenheit, die er ſicherlich nicht gebraucht hätte, um ſich mitten in ein feindliches Ba⸗ taillon zu werfen, und antwortete mit einer rauhen, zitternden Stimme: „Nun wohl! ja, Madame, ich liebe Euch und das iſt ſchlimm.“ „Das iſt gut!“ verſetzte Diana lachend. ſie unmöglich iſt, oder gerade weil ſie unmöglich iſt „Und warum iſt ſie unmöglich?“ fragte Di „Was habt Ihr geſagt?“ rief Montgommery zit⸗ ternd.„Ahi nehmt Euch in Acht, Madame! dies iſt kein Spiel, es iſt eine aufrichtige, tiefe Liebe, obgleich § 8 8 c 2S— 8 8 85 ier zte 2“ ebt ete a⸗ en, as 3 — 4 17⁵ „Madame,“ antwortete Jacques,„verzeiht meine Offenherzigkeit; ich habe nicht die Dinge durch Worte ſchminken gelernt. Liebt Euch der König nicht, Ma⸗ dame?“ 6 iſt wahr,“ verſetzte Diana ſeufzend,„er liebt mich.“ „Ihr ſeht alſo, daß es mir verboten iſt, wenn nicht Euch zu lieben, doch wenigſtens Euch dieſe un⸗ würdige Liebe zu erklären.“ „Eurer unwürdig, das iſt richtig,“ ſprach die Her⸗ zogin. „Oh! nein, nicht meiner!“ rief der Graf,„und könnte es eines Tages geſchehen.. Doch Diana unterbrach ihn mit einer ernſten Trau⸗ rigkeit und mit einer gut geſpielten Würde und ſagte: „Genug, Herr von Montgommery, ich bitte Euch, laßt uns dieſes Geſpräch abbrechen.“ Sie grüßte ihn kalt, entfernte ſich und ließ den armen Grafen von tauſend entgegengeſetzten Gefühlen, von Eiferſucht, Liebe, Haß, Schmerz und Freude hin⸗ und hergeworfen. Diana kannte alſo die Anbetung, die er für ſie hegte, doch er, er hatte ſie vielleicht ver⸗ wundet? Er hatte ihr ungerecht, undankbar, grauſam ſcheinen müſſen! Er wiederholte ſich alle die erhabenen Albernheiten der Liebe. Am andern Tag ſagte Diana von Poitiers zu Franz.: „Wißt Ihr auch, Sire, daß Herr von Montgom⸗ mery in mich verliebt iſt?“ „Ei! ei!“ perſetzte Franz lachend,„die Montgom⸗ mery ſind von altem Geſchlecht und beinahe eben ſo edel als ich; mehr noch, beinahe eben ſo brav, und wie ich ſehe, beinahe eben ſo galant,“ „Iſt das Alles, was Eure Majeſtät mir zu erwie⸗ dern findet?“ ſagte Diana. Was ſoll ich Euch antworten, mein Herz?“ ver⸗ ſetzte der König.„Muß ich durchaus dem Grafen von S Montgommery gro und gute Augen „Handelte es 176 llen, weil er wie ich guten Geſchmack hat?“ ſich um Madame d'Etampes, ſo wür⸗ det Ihr das nicht ſagen,“ murmelte Diana verletzt. Sie trieb dieſes Geſpräch nicht weiter. Doch ſie beſchloß die Prüfung weiter zu treiben. Als ſie Jac⸗— gues von Montgommery einige Tage darauf wieder ſah, rief ſie ihn abermals: „Wie! Herr als gewöhnlich?“ „Allerdings, muthsvoll,„denn von Montgommery, noch trauriger, Madame,“ antwortete der Graf de⸗ ich zittere, Euch beleidigt zu haben.“ „Nicht beleidigt, mein Herr, ſondern nur betrübt,“ ſprach die Herzogi n. „Oh! Madame,“ rief Montgommery,„ich, der ich all mein Leben geben würde, um Euch eine Thräne zu erſparen, wie kann ich Euch den geringſten Schmerz verurſachen!“ „Ließet Ihr mich nicht hören, da ich die Geliebte des Königs ſei, ſo habe ich nicht das Recht, auf die Liebe eines Edelmanns Anſpruch zu machen.“ „Ah! das w konnte nicht mein ar nicht mein Gedanke, Madame, es Gedanke ſein, da ich, ein Edelmann, Euch mit einer eben ſo aufrichtigen, als tiefen Liebe zugethan bin. Ich wollte nur ſagen, Ihr könntet mi nicht lieben, da der König Euch liebte und Ihr den König liebtet.“ „Der König liebt mich nicht, und ich liebe den König nicht,“ entgegnete Diana. „Gott des Himmels! dann könntet Ihr alſo mich lieben?“ rief Montgommery. 6 „Ich kann Euch lieben,“ erwiederte Diana ruhig, „doch ich werde Euch nie ſagen können, daß ich Euch liebe.“ „Warum dies, Madame?“ ich die Geliebte „Um meinem Vater das Leben zu retten, konnte des Königs von Frankreich werdenz 1 e 177 voch um meine Ehre wieder zu erhalten, darf ich nicht die des Grafen von Montgommery ſein.“ Sie begleitete dieſe Halbweigerung mit einem ſo leidenſchaftlichen und ſo ſchmachtenden Blick, daß der Graf nicht mehr an ſich halten konnte. „Ah! Madame,“ ſagte er zu der coquetten Herzo⸗ gin,„wenn Ihr mich liebtet, wie ich Euch liebe? „Nun?“ 6 „Was iſt mir an der Welt, an den Vorurtheilen der Familie und der Ehre gelegen! für mich ſeid Ihr vas Weltall. Seit drei Monaten lebe ich nur von Eurem Anblick, ich liebe Euch mit der ganzen Gluth und der ganzen Blindheit der erſten Liebe. Eure er⸗ habene Schönheit berauſcht, verwirrt mich. Wenn Ihr mich liebt, wie ich Euch liebe, ſeid die Gräfin von Montgommery, ſeid meine Frau.“ „Ich danke, Graf,“ ſprach Diana triumphirend, „ich werde mich dieſer edlen, hochherzigen Worte erin⸗ nern. Mittlerweile wißt Ihr, daß Grün und Weiß meine Farben ſind.“ Ganz entzückt küßte Jacques die weiße Hand von Diana: er war ſtolzer und glücklicher, als wenn die Krone der Welt ihm gehört hätte. Und als am andern Tag Franz I. gegen Diana. von Poitiers bemerkte, ihr neuer Anbeter fange an öffentlich ihre Farben zu tragen, da ſagte ſie, indem ſie den König mit der ganzen Schärfe ihres Blickes anſchaute: „Iſt es nicht ſein Recht, Sire, kann ich ihm nicht geſtatten, meine Farben zu tragen, da er mir ſeinen Namen zu tragen anbietet?“ 3 „Iſt es möglich?“ fragte der König. „Es iſt gewiß, Sire,“ antwortete mit einem be⸗ ſtimmten Nachdruck die Herzogin, welche einen Augen⸗ blick glaubte, es ſei ihr gelungen, und die Eiferſucht erwecke bei dem Ungetreuen die Liebe wiede Die beiden Dianen. 1 12 178 Doch nachdem er nur kurz geſchwiegen, ſtand der König auf, um das Geſpräch abzubrechen, und ſagte heiter zu Diana: „Wenn es ſich ſo verhält, Madame, ſo werden wir die Stelle des Großſeneſchalls, welche ſeit dem Tod von Herrn von Brézé, Eurem erſten Gemahl, erledigt geien iſt, Herrn von Montgommery zum Hochzeit⸗ geſchenk geben.“ Wur Herr von Montgommery, Sire, wird ſie an⸗ nehmen können,“ verſetzte Diana mit ſtolzem Tone, „denn ich werde eine treue und rechtſchaffene Gattin für ihn ſein und ihn nicht für alle Könige des Welt⸗ alls verrathen.“ Der König verbeugte ſich lächelnd ohne zu ant⸗ vz und entfernte ſich. Madame d'Etampes trug entſchieden den Sieg davon. Groll im Herzen, ſagte an demſelben Tag die ehr⸗ geizige Diana zu dem entzückten Jacques: „Mein muthiger Graf, mein edler Montgommery, ich liebe Dich.“ XIX. einrich 11. zu Tebzeiten ſeines Paters Erbſchaft einzuziehen anfing. Die Heirath von Diana und vom Grafen von Mont⸗ gommery wurde auf drei Monate nach dieſer Zeit feſt⸗ geſtellt, und bei dem ſo verleumderiſchen, ſo aus⸗ ſchweifenden Hofe ging das Gerücht, in ihrem Drang — O e——— — er te en od t⸗ u⸗ e, in t⸗ it⸗ 8 n⸗ feſt⸗ us⸗ ang 179 nach Rache gebe Diana von Poitiers ihrem zukünftigen Gemahl Handgelder. Und dennoch vergingen drei Monate, und der Graf von Montgommery war verliebter als je, doch Diana verſchob von Tag zu Tag die Vollziehung ihres Ver⸗ ſprechens. Dies kam davon her, daß ſie kurze Zeit, nachdem ſie es eingegangen, bemerkt hatte, mit welchen Blicken ſie verſtohlen der junge Dauphin anſchaute. Hiedurch wurde ein neuer Ehrgeiz in dem Herzen der gebieteri⸗ ſchen Diana erweckt. Der Titel der Gräfin von Mont⸗ gommery konnte nur eine Niederlage bedecken. Der Titel einer Geliebten des Dauphin war beinahe ein Sieg. Wie! Madame d'Etampes, welche ſtets auf eine verächtliche Weiſe von dem Alter von Diana ſprach, war nur vom Vater geliebt, und ſie, Diana, wurde vom Sohn geliebt, ihr die Jugend, ihr die Hoffnung, ihr die Zukunft. Madame d'Etampes war ihr nachgefolgt, doch ſie war die Nachfolgerin von Madame d'Etampes. Sie würde wartend, geduldig, ruhig, wie eine leben⸗ dige Drohung vor ihr ſtehen.. Denn Heinrich würde eines Tags König ſein, und Diana immer noch ſchön, und abermals Königin. Das war in der That ein wahrer Sieg. Der Charakter von Heinrich machte ihn noch ge⸗ wiſſer. Er war damals erſt neunzehn Jahre alt; doch er hatte an mehr als einem Krieg Theil genommen; ſeit vier Jahren war er mit Catharina von Medieis verheirathet, und dennoch war er ein wildes, ſcheu es Kind geblieben. So kühn und vollendet er ſich in der Reitkunſt, im Fechten, bei den Ritterſpielen und bei allen Uebungen zeigte, welche Geſchmeidigkeit und Ge⸗ wandtheit erfordern, ebenſo linkiſch und verlegen war er bei den Feſten des Loupre und in Gegenwart der Frauen. Schwerfälligen Geiſtes und Urtheils gab er ſich dem hin, welcher ihn nehmen wollte. Anne von Mont⸗ morench, der kalt mit dem König ſtand, hatte ſich dem . 180 Dauphin zugewendet, und ertheilte ihm wohl alle ſeine Rathſchläge und brachte ihm den ganzen Geſchmack des ſchon reifen Mannes bei. Er leitete ihn nach ſeinem Gefallen und machte ihn gegen alle ſeine Launen füg⸗ ſam. Er warf in dieſe ſchwache, zarte Seele tiefe Wurzeln einer unzerſtörbaren Gewalt und bemächtigte ſich Heinrichs dergeſtalt, daß nur das Anſehen einer Frau das ſeinige gefährden konnte Doch er bemerkte bald zu ſeinem Schrecken, daß ſein Zögling verliebt wurde. Heinrich vernachläßigte die Freundſchaften, mit denen er ihn weiſe umgeben hatte. Sonſt ſchen, wurde Heinrich traurig und bei⸗ nahe träumeriſch. Montmorench ſchaute umher und glaubte wahrzunehmen, daß Diana von Poitiers die Königin ſeiner Gedanken war. Der rohe Kriegsknecht liebte Diana mehr als eine Andere! In ſeinen plum⸗ pen Gedanken ſchätzte er die königliche Cvurtiſane rich⸗ tiger zu ihrem wahren Werthe, als der ritterliche Montgommery. Er ordnete ſeinen Plan nach den ge⸗ meinen Inſtinkten, die er bei dieſer Frau, den ſeinigen gemäß, errieth, und fortan ruhig, ließ er den Dauphin im Verborgenen für die Großſeneſchallin ſeufzen. Sie war in der That die Schönheit, welche das erſtarrte Herz von Heinrich erwecken mußte! Sie war witzig, herausfordernd, lebhaft; ihr feiner Kopf hatte hübſche, raſche Bewegungen, ihr Blick glänzte von Verſprechungen und ihre ganze Perſon beſaß eine mag⸗ netiſche(damals ſagte man magiſche) Anziehungskraft, welche den armen Heinrich verführen mußte. Es kam ihm vor, als müßte ihm dieſe Frau die unbekannte Wiſſen⸗ ſchaft eines neuen Lebens enthüllen. Die Sirene war für ihn, den Scheuen, den Neugierigen, den Naiven, anziehend und gefährlich wie ein Geheimniß oder wie ein Abgrund. Diana fühlte dies Alles; doch ſie zögerte noch aus Furcht vor Franz I. in der Vergangenheit und ihr ter ſe s ar tte on g⸗ am en⸗ ar en, wie och und 181 vor dem Grafen von Montgommery in der Gegenwart, ſich in dieſe neue Zukunft einzulaſſen. Als aber eines Tags der König, ſtets galant und eifrig, ſelbſt gegen die Frauen, die er nicht liebte, und ſogar gegen die, welche er nicht mehr liebte, mit Diana von Poitiers in einer Fenſtervertiefung plauderte, er⸗ blickte er den Dauphin, der mit verſtohlenem, eifer⸗ ſüchtigem Auge dieſe Unterredung von Diana und ſei⸗ nem Vater belauerte. „Franz,“ rief Heinrich mit lauter Stimme. „Ah! mein Herr Sohn, was macht Ihr da?“ ſagte er zu ihm...„nähert Euch doch!“ Ganz bleich und beſchämt, beſchloß Heinrich, nach⸗ dem er eine Minute zwiſchen ſeiner Pflicht und ſeiner Angſt geſchwankt hatte, ſtatt die Einladung ſeines Va⸗ ters zu erwiedern, die Flucht zu ergreifen, als ob er ihn gar nicht gehört hätte. „Oh! was für ein ſcheuer, linkiſcher Burſche iſt das!“ ſagte der König;„könnt Ihr eine ſolche Schüch⸗ ternheit begreifen, Frau Diana? Ihr, die Göttin der Wälder, habt Ihr je einen ſcheueren Damhirſch ge⸗ ſehen? Ah! ein abſcheulicher Fehler!“ „Beliebt es Eurer Majeſtät, daß ich Monſeigneur den Dauphin beſſere?“ verſetzte Diana lächelnd. „Es dürfte ſchwerlich in der Welt einen artigeren und eine ſüßere Lehre geben,“ ſagte der önig. „So haltet ihn für gebeſſert, Sire, ich übernehme es,“ ſprach Diana. eh Sie hatte in der That bald den Flüchtling einge⸗ olt. Der Graf von Montgommery, der an dieſem Tag Dienſt hatte, war nicht im Louvre. „Ich verurſache Euch alſo einen gewaltigen Schre⸗ cken, Hoheit?„ So begann Diana das Geſpräch und die Bekeh⸗ rung. Wie ſie dieſe beſchloß, wie ſie keinen von den . 182 Mißgriffen des Prinzen bemerkte und ſeine geringſten Worte bewunderte, wie ſie ihn mit der Ueberzeugung verließ, er ſei geiſtreich und reizend geworden, wie er in der That nach und nach bei ihr reizend und geiſtreich wurde, wie ſie allmälig in jeder Hinſicht die Gebie⸗ terin ſeines Herzens wurde und ihm zu gleicher Zeit Befehle, Lertionen und Glück gab, dies iſt die ewige und unüberſetzbare Komödie, welche ſich ſtets ſpielen, aber nie ſchreiben wird. Und Montgommery? Oh! Montgommery liebte Diand zu ſehr, um ſie zu beurtheilen, er hatte ſich ihr zu blindlings hingegeben, um klar zu ſehen. Jedermann machte kängſt bei Hofe ſeine Bemerkungen über die neue Liebſchaft von Frau von Poitiers, als ſich der edle Graf immer noch in ſeinen ſorgfältig von Diana unterhaltenen Illuſionen wiegte. Das Gebäude, an deſſen Errichtung ſie arbeitete, war noch zu gebrechlich, als daß ſie nicht hätte eine gewaltige Erſchütterung und den ganzen Einſturz befürchten ſollen. Sie be⸗ hielt alſo den Dauphin aus Ehrgeiz und den Grafen aus Klugheit. vom Uutzen der Freunde Laſſen wir Aloyſe die Erzählung, welche für dieſe Präliminarien nur die Unterlage geweſen ſind, fortſe⸗ tzen und vollenden. „Meinem Mann, dem braven Perrot,“ ſagte ſie zu Gabriel, der ihr auſmerkſam zuhorchte,„waren auch die Gerüchte, welche ſich über Diana verbreiteten, und c — —— en er e⸗ eit ge n, te ihr nn die der ma an ich, ng be⸗ fen dieſe rtſe⸗ ie zu auch — 183 die Spöttereien zu Ohren gekommen, die man ſich über Herrn von Montgommery erlaubte. Doch er wußte nicht, ob er ſeinen Gebieter, den er vertrauensvoll und glücklich ſah, davon in Kenntniß ſetzen, oder ob er ihm das abſcheuliche Gewebe benhren ſollte, in das ihn die ehrgeizige Frau verſtrickt hatte. Er theilt⸗ mir ſeine Zweifet mit, denn ich gab ihm gewöhnlich gute Rathſchläge, und er hatte meine Verſchwiegenheit und Feſtigkeit erprobt. Aber hier war ich wie er in Ver⸗ legenheit, wozu man ſich entſchließen ſollte. „Eines Abends befanden wir uns, Perrot und ich, gerade hier in dieſem Zimmer, gnädiger Herr, denn der Graf von Montgommery behandelte uns nicht als Diener, ſondern als Freunde, und er hatte ſogar in Paris die patriarchaliſche Gewyhnheit der Winterabende in der Normandie beibehalten, wo Herren und Knechte ſich an demſelben Heerd nach der gemeinſchaftlichen Ar⸗ beit des Tages wärmen. Der Graf ſaß nachdenkend und den Kopf in der Hand vor dem Feuer. Er ging gewöhnlich Abends zu Frau von Poitiers, doch ſeit einiger Zeit ließ ſie ihm oft ſagen, ſie wäre krank und könnte ihn nicht empfangen. Er dachte ohne Zweifel an dieſes; Perrot beſſerte die Riemen an einem Panzer aus, und ich ſpann. „Es war am 7. Januar 1539, an einem kalten, regneriſchen Abend, und am Tag nach Epiphaniä. Er⸗ innert Euch an dieſes unheilſchwangere Datum, gnädiger Herr.“ Gabriel machte ein Zeichen, daß er kein Wort ver⸗ liere, und Aloyſe fuhr fort: „Plötzlich meldete man Herrn von Langeais, Herrn von Boutieres und den Grafen von Sancerre, drei Evelleute des Hofes, Freunde unſeres Gebieters, doch noch mehr Freunde von Madame dEtampes. Alle drei waren in große, dunkle Mäntel gehüllt, und obgleich ſie lachend eintraten, kam es mir doch vor, als ob ſie 184 das Unglück mitbrächten, und mein Inſtinkt täuſchte mich leider nicht. Der Graf von Montgommery ſtand auf und ging den Eintretenden mit jenen gaſtfreundlichen, anmuthi⸗ gen Manieren, die ihm ſo gut ließen, entgegen. „„Seid willkommen, meine Freunde,““ ſprach er zu den drei Edelleuten, indem er ihnen die Hand drückte. Auf ein Zeichen nahm ich ihnen ihre Mäntel ab, und alle drei ſetzten ſich. „„Welches Glück führt Euch in meine Wohnung?““ fuhr der Graf fort. „„Eine dreifache Wette,““ antwortete Herr von Boutieres,„„und Eure Gegenwart hier, mein lieber Graf, macht, daß ich die meinige in dieſem Augenblick gewinne.““ „„Ich,““ ſagte Herr von Langeais,„ich hatte die meinige ſchon gewonnen.““ „„Und ich,““ verſetzte der Graf von Sancerre, „„ich werde die meinige ſogleich gewinnen, das pollt Ihr ſehen.““ „„Und was habt Ihr denn gewettet, meine Her⸗ ren?““ fragte Montgommery. „„Langeais hatte mit d'Enghien gewettet, der Dauphin wäre dieſen Auenzicht im Louvre,““ ſagte Herr von Boutieres.„„Wit gehen an Ort und Stelle und erhalten den erforderlichen Beweis, daß d'Enghien verloren hat.““ „„Was Herrn von Boutières betrifft,““ ſprach der Graf von Sancerre,„ſo hatte er mit Herrn von Montejan gewettet, Ihr wäret dieſen Abend zu Hauſe, mein lieber Graf, und Ihr ſeht, daß er gewonnen hat.““ „„Und Du haſt auch gewonnen, Sancerre, dafür ſtehe ich Dir,““ verſetzte ſeinerſeits Herr von Langeais, „„denn im Ganzen bilden die drei Wetten nur eine, und wir hätten mit einander verloren oder gewonnen. Sancerre, Herr von Montgommery, hat hundert Piſto⸗ —————,—— — —— 8— — 8 c 8 d.0 185 len gegen dAuſſun gewettet, Frau von Poitiers wäre dieſen Abend krank.““ „Euer Vater, Gabriel, erbleichte furchtbar. „„Ihr habt in der That gewonnen, Herr von San⸗ cerre,““ ſagte er mit erſchütterter Stimme,„„denn die Frau Großſeneſchallin ließ mich ſo eben benachrichtigen, ſie könne Niemand empfangen, weil ſie plötzlich un⸗ päßlich geworden ſei.““ „„Ah!““ rief der Graf von Sancerre,„ich ſagte es doch! Meine Herren, Ihr werdet mir gegen d'Auſſun bezeugen, daß er mir hundert Piſtolen ſchuldig iſt.““ „Und Alle lachten wie die Narren. Doch der Graf von Montgommery blieb ernſthaft. „„Meine Freunde,“ ſagte er mit einem etwas bitteren Tone,„„wollet Euch nun herbeilaſſen, mir dieſes Räthſel zu erklären.““ „„Meiner Treue! ſehr gern,““ erwiederte Herr von Boutieres;„„doch entfernt dieſe guten Leute.““ „Wir waren ſchon an der Thüre, Perrot und ich, doch der Herr Graf gebot uns durch ein Zeichen, zu bleiben, und ſprach zu den jungen Edelleuten: „„Es ſind ergebene Freunde, und da ich über nichts zu erröthen habe, ſo habe ich auch nichts zu derbergen.““ „„Es ſei,““ erwiederte Herr von Langeais,„„das riecht zwar ein wenig näch der Provinz, doch die Sache geht im Ganzen mehr Euch an, als uns, Graf. Ich bin auch ſicher, daß ſie das große Geheimniß ſchon wiſſen, denn es iſt in der Stadt im Umlauf und Ihr werdet herkömmlicher Weiſe der Letzte ſein, der es er⸗ fährt.““ „„Aber ſprecht doch!““ rief der Graf von Mont⸗ gommery. „„Mein lieber Graf,““ ſagte Herr von Langeais, „„wir werden ſprechen, denn es iſt uns peinlich, einen Edelmann wie wir und einen galanten Mann, wie Ihr ſeid, ſo täuſchen ſehen zu ſollen. Doch wenn 186 wir ſprechen, ſo geſchieht es unter der Bedingung, daß Ihr die Offenbarung mit Philoſophie, das heißt lachend, hinnehmt, denn ich verſichere Euch, dies Alles iſt Eu⸗ ren Zorn nicht werth, und überdies wäre Euer Zorn hier zum Voraus entwaffnet.““ Ich warte, und wir werden ſehen,““ erwiederte der gnädige Herr mit kaltem Tone. Lieber Graf,““ ſprach ſodann Herr von Bou⸗ tieres, der jüngſte und unbeſonnenſte der drei Edel⸗ leute,„Ihr kennt die Mythologie, nicht wahr, Ihr wißt ohne Zweifel die Geſchichte von Diana und Endy⸗ mion? Doch welches Alter glaubt Ihr, daß Endymion zur Zeit ſeiner Liebſchaft mit Diana Phöbe gehabt habe? Wenn Ihr Euch einbildet, er habe vierzig gezählt, ſo enttäuſcht Euch, mein Theurer, denn er zählte noch nicht einmal zwanzig Jahre, und ſein Bart war noch nicht gewachſen. Ich weiß das von meinem Hofmeiſter, der vollkommen damit vertraut war. Und deshalb iſt dieſen Abend Endymion nicht im Louvre, deshalb iſt Diana Luna untergegangen und unſichtbar, ohne Zwei⸗ fel wegen des Regens, und deshalb endlich ſeid Ihr zu Hauſe, Herr von Montgommery.. Woraus folgt, daß mein Hofmeiſter ein großer Mann iſt, und daß wir unſere drei Wetten gewonnen haben. Es lebe die Freude!““ „„Beweiſe?““ fragte kalt der Graf. „„Beweiſe!““ verſetzte Herr von Langeais.„„Ihr könnt ſie ſelbſt holen. Wohnt Ihr nicht zwei Schritte von der Luna?““ „„Das iſt richtig. Ich danke!““ ſprach der Graf. „Und er ſtand auf. Die drei Freunde mußten ebenfalls aufſtehen, ſie waren ziemlich abgekühlt und beinahe erſchrocken über das ſtrenge, düſtere Weſen von Herrn von Montgommery. „„Ah! Graf,““ ſagte Herr von Sancerre,„„be⸗ geht keine Albernheit, keine Unklugheit, und erinnert 187 Euch, daß es eben ſo wenig gut iſt, ſich am jungen Lö⸗ wen, als am alten Löwen zu reiben.““ „„Seid unbeſorgt!““ erwiederte der Graf.— „„Ihr grollt uns darum nicht im Mindeſten?““ „„Je nachdem,““ entgegnete er. „Dann geleitete er ſie zurück, oder er trieb ſie vielmehr bis zur Thüre, und als er ſich wieder um⸗ wandte, ſagte er zu Perrot: „„Meinen Mantel und meinen Degen.““ „Perrot brachte Beides. „„Iſt es wahr, daß Ihr das wußtet, Ihr Leute?““ fragte der Graf ſeinen Degen umſchnallend. „Ja, gnädiger Herr,““ antwortete Perrot mit niedergeſchlagenen Augen. „„Und warum habt Ihr mich nicht davon in Kennt⸗ niß geſetzt?““ „„Gnädiger Herr!...““ ſtammelte mein Gatte. „„Es iſt richtig; Ihr waret nicht Freunde, ſon⸗ dern nur gute Leute.““ „Dabei klopfte er freundſchaftlich auf die Schulter ſeines Stallmeiſters. Er war ſehr bleich, ſprach jedoch mit einer gewiſſen feierlichen Ruhe. Er ſagte zu Perrot: 7 „„Iſt es ſchon lange, daß dieſe Gerüchte im Um⸗ lauf ſind?““ „„Gnädiger Herr,““ erwiederte Perrot,„„es ſind fünf Monate, daß Ihr Frau Diana von Poitiers liebt, da Eure Heirath auf den Monat November feſtgeſtellt worden iſt. Und man verſichert, der Dauphin habe Diana einen Monat, nachdem ſie Euer Geſuch ent⸗ gegengenommen, geliebt; doch man ſpricht erſt ſeit zwei Monaten davon, und es ſind keine vierzehn Tage, daß ich es weiß. Die Gerüchte haben erſt ſeit der Ver⸗ tagung Eurer Heirath Haltbarkeit gewonnen, und man ſpricht nur insgeheim davon, aus Furcht vor ſeiner Hoheit dem Dauphin. Ich habe geſtern einen von den Leuten von Herrn de la Garde geſchlagen, weil er ſo ** . 188 unverſchämt war, in meiner Gegenwart darüber zu lachen, und der Baron de la Garde hat es nicht ge⸗ wagt, mir deshalb einen Verweis zu geben.““ „„Man wird nicht mehr darüber lachen,““ ſprach der gnädige Herr mit einem Tone, der mich ſchauern machte. „Als er fertig war, fuhr er mit der Hand über ſeine Stirne und ſagte zu mir: „„Aloyſe, hole mir Gabriel, ich will ihn um⸗ armen.““ „Gnädiger Herr Gabriel, Ihr ſchliefet Euren Che⸗ rubimſchlaf und Ihr finget an zu weinen, als ich Euch weckte und aufhob. Ich hüllte Euch in eine Decke und brachte Euch ſo zu Eurem Vater. Er nahm Euch in ſeine Arme, ſchaute Euch eine Zeit lang ſtillſchweigend an, als wollte er durch Euren Anblick Ruhe gewin⸗ nen, und drückte dann auf Eure ſchönen, halbgeſchloſſe⸗ nen Augen einen Kuß. Eine Thräne rollte zu gleicher Zeit auf Euer roſiges Antlitz, die erſte Thräne, die dieſer ſtarke, muthige Mann in meiner Gegenwart vergoſſen hatte. Er übergab Euch ſodann wieder mir und ſprach: „„Ich empfehle Dir mein Kind, Aloyſe.“ „Ach! dies iſt das letzte Wort, das er an mich gerichtet hat. Es iſt in meinem Innern geblieben und ich höre es noch.“ Ich will Euch begleiten, gnädiger Herr,““ ſagte nun mein braver Perrot. „„Nein, Perrot,““ antwortete Herr von Mont⸗ gommery,„ich muß allein ſein, bleibe.““ „„Aber gnädiger Herr. „„Ich will es,“ ſagte er. „Man durfte keine Einwendung machen, wenn er ſo ſprach, und Perrot ſchwieg. „Der Graf nahm unſere Hände und ſagte: „„Gott befohlen! meine guten Freunde; nein! nicht Gott befohlen, auf Wiederſehen!““ „ n b 189§ „Und dann ging er ruhig und mit ſicherem Schritte hinaus, als würde er in einer Viertelſtunde wieder⸗ kehren. „Perrot ſagte nichts; doch ſobald ſein Herr außen war, nahm er ebenfalls ſeinen Mantel und ſeinen De⸗ gen. Wir wechſelten kein Wort, und ich ſuchte ihn nicht zurückzuhalten: er that ſeine Pflicht, indem er dem Grafen folgte, und war es auch zum Tode. Er ſtreckte die Arme nach mir aus, weinend warf ich mich darein, und nachdem er mich zärtlich geküßt hatte, eilte er auf der Spur von Herrn von Montgommery fort. Dies Alles hatte keine Minute gedauert, und wir hatten keine Sylbe geſprochen. „Als ich allein war, fiel ich auf meinen Stuhl und ſchluchzte und betete. Der Regen hatte ſich außen verdoppelt, und der Wind brauſte und heulte mit aller Gewalt. Doch Ihr, gnädiger Herr Gabriel, waret wieder friedlich in Euren unterbrochenen Schlaf ver⸗ ſunken, aus dem Ihr nur als eine Waiſe erwachen ſolltet.“ XXI. Worin nachgewieſen iſt, daß die Eiferſucht zu- weilen die Titel vor der franzöſiſchen Revolution abzuſchaffen vermochte. „Das Hotel Brezé, das Frau Diana damals be⸗ wohnte, war, wie Herr von Langeais geſagt hatte, nur zwei Schritte von dem unſrigen entfernt, in der Rue du Figuier Saint⸗Paul, wo dieſes Unglücksge⸗ bäude noch beſteht. 190 „Perrot folgte ſeinem Herrn von ferne, ſah ihn vor der Thüre von Frau Diana ſtille ſtehen, an⸗ klopfen und eintreten. Er näherte ſich ſodann. Herr von Montgommery ſprach mit Stolz und Sicherheit zu den Bedienten, welche ſich ſeinem Fortſchreiten wider⸗ ſetzen wollten und behaupteten, ihre Gebieterin wäre krank in ihrem Zimmer. Doch der Graf ging weiter und Perrot benützte die Unruhe, um hinter ihm durch die offen gebliebene Thüre zu ſchlüpfen... Er kannte genau die Gelegenheit des Hauſes, da er mehr als eine Botſchaft zu Frau Diana gebracht hatte. Unge⸗ hindert ſtieg er in der Dunkelheit hinter Herrn von Mont⸗ gommery hinauf, war es, weil man ihn nicht bemerkte, oder weil man kein Gewicht auf den Stallmeiſter legte, ſobald der Herr den Befehl gebrochen hatte. „Oben auf der Treppe fand der Graf zwei Kammer⸗ frauen der Herzogin, welche ganz unruhig ausſahen und ihn fragten, was er zu einer ſolchen Stunde wolle. Es hatte in der That zehn Uhr auf allen Glockenthür⸗ men der Umgegend geſchlagen. Herr von Montgom⸗ merh antwortete mit Feſtigkeit, er wolle auf der Stelle Frau Diana ſehen, er habe ihr ohne Verzug wichtige Dinge mitzutheilen, und wenn ſie ihn nicht empfangen könne, ſo werde er warten. Er ſprach ſehr laut und ſo, daß er in dem nahen Schlafzimmer der Herzogin gehört werden mußte. „Eine von den Frauen trat in dieſes Zimmer ein, tam bald zurück und ſagte: „Frau von Poitiers liege zu Bette, aber ſie werde kommen, um mit ihm zu reden, und er möge ſie im Sprechzimmer erwarten. „Der Dauphin war alſo nicht da, oder er be⸗ nahm ſich ſehr furchtſam für einen Sohn von Frank⸗ reich! Herr von Montgommery folgte ohne Schwierig⸗ keit den zwei Frauen, welche mit Kerzen in der Hand vorangingen, in das Sprechzimmer. „Perrot, der im Schatten auf den Stufen der Sr—9 3— 8 8 8——— —— X e —— ⸗ e. r⸗ 1= le e n n 194 Treppe gekauert geblieben war, ging nun vollends hinauf und verbarg ſich hinter einer hochſchäftigen Ta⸗ pete in einem Corridor, der gerade das Schlafzimmer von Frau Diana von Poitiers von dem Sprechzimmer trennte, wo Herr von Montgommery ſie erwartete. Im Hintergrunde dieſes weiten Ganges befanden ſich zwei vermauerte Thüren, von denen die eine einſt in das Sprechzimmer, die andere in das Schlafzimmer ge⸗ führt hatte. Perrot ſchlüpfte hinter die Thürvorhänge, welche man der Symmetrie wegen gelaſſen hatte, und er ſah zu ſeiner Freude, daß er, wenn er horchen würde, Alles hören konnte, was in dem einen oder in dem andern Zimmer vorging. Nicht als wäre mein braver Mann durch eine gemeine Neugierde angetrieben worden: die letzten Worte des Grafen, als er uns ver⸗ ließ, und ein geheimer Inſtinkt machten ihn darauf aufmerkſam, daß ſein Herr große Gefahr lief, und ge⸗ rade in dieſem Augenblick ſtellte man ihm vielleicht eine Falle, und er wollte in der Nähe bleiben, um ihm in der Noth beizuſtehen. „Leider, wie Ihr ſehen werdet, gnädiger Herr, iſt keines von den Worten, die er hörte und mir ſpäter mittheilte, im Stand, das geringſte Licht über die dunkle und unſelige Frage zu verbreiten, die Euch heute beſchäftigt. „Herr von Montgommery hatte nicht zwei Minu⸗ ten gewartet, als Frgu von Poitiers mit einer gewiſſen Haſt in das Sprechzimmer eintrat. „„Was ſoll das bedeuten, Herr Graf,““ fragte ſie, „„und woher rührt dieſer nächtliche Ueberfall, nachdem ich Euch habe bitten laſſen, heute nicht zu kommen?““ „„Ich will Euch das mit zwei auftichtigen Wor⸗ ten ſagen, Madame. Doch ſchickt zuerſt Eure Frauen weg. Nun hört mich. Ich werde kurz ſein. Man hat mir ſo eben mitgetheilt, Ihr gebet mir einen Neben⸗ buhler, dieſer Nebenbuhler ſei der Dauphin, und er befinde ſich gerade heute Abend bei Euch.“. 192 „„Und Ihr habt es geglaubt, da Ihr herbeieilt, um Euch zu verfichern?““ verſetzte Frau Diana mit ſtolzem Tone. „„Ich habe gelitten, Diana, und ich eilte herbei, um bei Euch ein Mittel gegen mein Leiden zu ſuchen.““ „„Nun habt Ihr mich geſehen,““ ſprach Frau von Poitiers.„Ihr wißt, daß ſie gelogen, laßt mich zur Ruhe gehen. Entfernt Euch in des Himmels Namen, Jacques.““ „„Nein, Diana,““ ſagte der Graf, ohne Zweifel unruhig über den Eifer, mit dem ſie ihn entfernen wollte;„nein, denn wenn ſie gelogen hätten, indem ſie behaupteten, der Dauphin wäre hier, ſo haben ſie vielleicht nicht gelogen, wenn ſie verſicherten, er würde dieſen Abend kommen, und es wäre mir ſehr lieb, wenn ich ſie ganz und gar von der Verleumdung überzeugen könnte.““ „Ihr werdet alſo bleiben, mein Herr?““ „„Ich werde bleiben, Madame. Legt Euch nieder, wenn Ihr krank ſeid, Diana, ich werde mit Eurer Er⸗ laubniß Euren Schlaf hüten.““ „Mit welchem Rechte, mein Herr, würdet Ihr das thun?““ rief Diana.„„Unter welchem Titel? Bin ich nicht noch frei?““ „„Nein, Madame,““ erwiederte mit feſtem Tone der Graf,„„es ſteht Euch nicht frei, einen rechtſchaffe⸗ nen Edelmann, deſſen Bewerbungen Ihr angenommen habt, zum Geſpötte des Hofes zu machen.““ „„Ich werde wenigſtens dieſe letzte Anmaßung nicht billigen,““ ſprach Frau Diana;„„Ihr habt eben ſo we⸗ nig das Recht, hier zu bleiben, als die Anderen ein Recht haben, Euch zu verſpotten. Ihr ſeid nicht mein Gatte, nicht wahr? So viel ich weiß, führe ich nicht Euren Namen?““ .„„Ei! Madame,““ rief nun Herr von Montgom⸗ mery in einer Art von Verzweiflung,„„was liegt mir varan, daß man mich verſpottet! Mein Gott! das iſt — 193 hier nicht die Frage, Ihr wißt es wohl, Diana; nicht meine Ehre blutet und ſchreit, ſondern meine Liebe. Hätte ich mich durch die Spöttereien dieſer drei Fante beleidigt gefunden, ſo würde ich ganz einfach meinen Degen gezogen haben. Doch mein Herz war zerriſſen, Diana, und ich eilte herbei. Meine Würde! mein Ruf! Das iſt es nicht, um was es ſich handelt, keines Wegs; es handelt ſich darum, daß ich Euch liebe, daß ich verrückt, daß ich eiferſüchtig bin, daß Ihr mir ge⸗ ſagt und bewieſen habt, Ihr liebet mich, und daß ich Jeden tödten werde, der es wagt, dieſe Liebe zu be⸗ rühren, die mein Gut iſt, und wäre es der Dauphin, wäre es der König ſelbſt, Madame! Ich werde mich nichts um den Namen meiner Rache bekümmern, das verſichere ich Euch. Doch ſo wahr Gott lebt, ich werde mich rächen.““ „„Und worüber denn, wenn es Euch beliebt? Und warum?““ fragte hinter Herrn von Montgommery eine gebieteriſche Stimme. „Perrot ſchauerte, denn durch den ſchwach beleuch⸗ teten Gang ſah er den Herrn Dauphin, der nunmehr König iſt, und hinter dem Dauphin das höhniſche, harte Geſicht von Herrn von Montmorency erſcheinen. „„Ah!““ rief Frau Diana, indem ſie in in einen Lehnſtuhl ſank und die Hände rang,„„das habe ich be⸗ fürchtet.“ „Herr von Montgommery ſtieß Anfangs nur einen gewaltigen Schrei aus, dann hoͤrte ihn Perrot mit ziemlich ruhiger Stimme ſagen: „„Gnädigſter Herr Dauphin ein einziges Wort, habt die Gnade! ſagt mir, daß Ihr nicht hier⸗ her kommt, weil Ihr Frau Diana von Poitiers liebt und weil Frau Diana von Poitiers Euch liebt.““ „„Herr von Montgommery,““ erwiederte der Dau⸗ phin mit einem noch bewältigten Zorn,„„ein einziges Wort auf Befehl! ſagt mir, daß ich Euch nicht hier Die heiden Dianen. 1. 1³ 194 finde, weil Frau Diana Euch liebt, und weil Ihr Frau Diana liebt.““ „Da die Scene ſich ſo geſtaltete, ſo ſtanden hier nur noch einander gegenüber der Erbe des größten Thrones der Welt und ein einfacher Edelmann; doch zwei Männer, zwei gereizte, eiferſüchtige Nebenbuhler, zwei leidende Seelen, zwei zerriſſene Herzen. „„Ich war der angenommene und bezeichnete Ge⸗ mahl von Frau Diana, man wußte es, Ihr wußtet es,“ erwiederte Herr von Montgommery, der ſchon den Titel wegließ, auf den der Prinz ein Recht hatte. „„Verſprechen in die Luft, vergeſſenes Verſprechen 04 rief Heinrich;„„und wenn ſie vielleicht auch jünger ſind, als die Eurigen, ſo ſind die Rechte meiner Liebe darum nicht minder ſicher, und ich werde ſie be⸗ haupten.““ „„Ahl der Unkluge! er ſpricht von ſeinen Rech⸗ ten!““ rief der Graf, ſchon trunken von Eiferſucht und Wuth.„Ihr wagt es alſo, zu behaupten, dieſe Frau gehöre Euch?““ „„Ich ſage, daß ſie wenigſtens nicht Euch gehört,“ verſetzte Heinrich.„„Ich ſage, daß ich bei Madame mit ihrer Erlaubniß bin, und daß, wie mir ſcheint, nicht daſſelbe bei Euch der Fall iſt. Ich erwarte alſo ungeduldig, daß Ihr weggeht, mein Herr.“„ „„Wenn Ihr ſo ungeduldig ſeid, nun ſo laßt uns mit einander gehen, das iſt ganz einfach.““ „„Eine Ausforderung!““ rief Montmoriey, der nun vortrat.„„Ihr wagt es, mein Herr, einen Dau⸗ phin von Frankreich herauszufordern?““ ½ „„Es gibt hier keinen Dauphin von Fp kreich,““ erwiederte der Graf,„„es gibt nur eineß“ enſchen, der ſo anmaßend iſt, zu behaupten, er werde von der Frau geliebt, die ich liebe.“ „Ohne Zweifel machte er einen Schritt gegen Heinrich, denn Perrot horte Fran Diana rufen 7 — — — i, r 195 „„Er will den Prinzen beſchimpfen! er will den Prinzen tödten! zu Hülfe!““ „Und ohne Zweifel verlegen über die ſeltſame Rolle, die ſie ſpielte, ſtürzte ſie hinaus, trotz Herrn von Mont⸗ morench, der ihr ſagte, ſie möchte ſich beruhigen, ſie hätten zwei Schwerter gegen eines, und ein gutes Ge⸗ folge unten. Perrot ſah Frau Diana durch den Corri⸗ dor eilen und ſchluchzend in ihr Schlafzimmer fliehen, indem ſie ihre Frauen und die Leute des Dauphin rief. „Doch ihre Flucht dämpfte die Hitze der zwei Geg⸗ ner durchaus nicht; Herr von Montgommery nahm voll Bitterkeit das Wort Gefolge, das man ausgeſprochen, auf und rief: „Mit dem Schwerte ſeiner Leute gedenkt ohne Zweifel Seine Hoheit der Dauphin die Beleidigungen, die man ihm angethan, zu rächen?““ „„Nein, mein Herr,““erwiederte Heinrich ſtolz,„„das meinige wird genügen, um einen Frechen zu beſtrafen.““ „Beide legten ſchon die Hand an den Griff ihres Degens; doch Herr von Montmoreney trat dazwiſchen und ſprach: „„Verzeiht, gnädigſter Herr, derjenige, welcher morgen vielleicht König ſein wird, hat nicht das Recht, heute ſein Leben zu wagen. Ihr ſeid nicht ein Menſch, Hoheit, Ihr ſeid eine Ration: ein Dauphin von Frank⸗ reich ſchlägt ſich nur für Frankreich.““ Wohl!““ rief Herr von Montgommerh,„„doch ein Dauphin von Frankreich, der Alles hat, entreißt mir dann nicht diejenige, in welche ich einzig mein Leben geſetzt, diejenige, welche für mich mehr iſt, als meine Ehre, mehr als mein Kind in der Wiege, mehr als meine unſterbliche Seele; denn ſie hätte mich dies Alles vergeſſen gemacht, dieſe Frau, die mich viel⸗ leicht hinterging! doch nein, ſie täuſchte mich nicht, das iſt unmöglich; ich liebe ſie zu ſehr! Gnädigſter Herr, ver⸗ zeiht mir meine Heftigkeit, meinen Wahnſinn, und laßt Euch herbei, mir zu ſagen, daß Ihr Diana nicht liebt. Zu einer Frau, die man liebt, kommt man nicht be⸗ gleitet von Herrn von Montmorency und escortirt von acht bis zehn Reitern! das hätte ich bedenken ſollen.““ „„Dieſen Abend,““ ſprach Herr von Montmorency, „„wollte ich Seiner Hoheit mit einer Escorte folgen, weil man mich insgeheim benachrichtigt hatte, es würde ihr heute ein Hinterhalt geſtellt werden. Ich mußte jedoch Seine Hoheit auf der Schwelle dieſes Hauſes allein gehen laſſen. Aber der Lärm Eurer Stimme, mein Herr, drang bis zu uns und verpflichtete mich, weiter zu gehen und dem Rathe unbekannter Freunde, die mich zu ſo gelegener Zeit behutſam machten, ganz und gar Glauben zu ſchenken.““ „„Ich kenne ſie, dieſe unbekannten Freunde!““ er⸗ wiederte bitter lachend der Graf.„„Es ſind ohne Zwei⸗ fel dieſelben, die auch mich benachrichtigt haben, der Dauphin wäre dieſen Abend hier, und es iſt ihnen ihr Plan nach Wünſchen gelungen, ihnen und ihr, welche ſie handeln ließ. Denn ich nehme an, daß Madame d'Etampes nur durch einen auffallenden Scandal Frau von Poitiers compromittiren wollte. Der Herr Dau⸗ phin hat nun, indem er nicht zögerte, ſeinen Liebes⸗ beſuch mit einem Heere zu machen, wunderbar dieſen wunderbaren Plan unterſtützt! Ah! es iſt ſo weit ge⸗ kommen, Heinrich von Valvis, daß Ihr nicht mehr die geringſte Schonung für Frau von Brézé habt?... Ihr erklärt ſie alſo öffentlich für Eure officielle Ge⸗ liebte? Sie gehört alſo wirklich und unwiderruflich Euch, dieſe Frau? Es iſt nicht mehr daran zu zweifeln, es iſt nichts mehr zu hoffen! Ihr habt mir ſie in der That geſtohlen, und mit ihr mein Glück, und mit ihr mein Leben. Nun wohl! Donner und Blut! ich habe nun keine Schonung mehr zu beobachten. Daß Du ein Sohn von Frankreich biſt, Heinrich von Valois, iſt kein Grund, nicht mehr Edelmann zu ſein, und Du 197 wirſt mir Rechenſchaft ablegen über Deine Pflichtver⸗ geſſenheit, oder Du biſt nur ein Feiger!““ „Flender!““ rief der Dauphin, indem er ſeinen Degen zog und auf den Grafen zuging; doch Herr von Montmorench warf ſich ihm abermals entgegen. „„Gnädigſter Herr, ich ſage Euch noch einmal, daß der Erbe des Thrones ſein Schwert nicht kreuzen wird eines Weibes wegen mit einem... „„Mit einem Edelmann, der älter iſt als Du, erſter Baron der Chriſtenheit!““ unterbrach ihn der Graf außer ſich.„Jeder Edelmann iſt übrigens ſo viel werth als der König, und die Könige ſind nicht immer ſo klug geweſen, als Ihr behaupten wollt, Ihr Leute, und zwar aus Gründen! Carl von Neapel hat Alfons von Arragonien herausgefordert; Franz I., was noch nicht ſo lange her iſt, hat Carl V. herausgefordert. Das war König gegen König: es mag ſein! Herr von Nemours, der Neffe des Königs, hat einen ein⸗ fachen ſpaniſchen Kapitän gefordert. Die Montgommery ſind ſo viel werth als die Valois, und da ſie ſich mehrere Male mit den Kindern von Frankreich oder von England vermählt haben, ſo können ſie ſich wohl mit ihnen ſchlagen. Die alten Montgommery führten die franzöſiſchen Lilien im zweiten und dritten Felde. Seit ihrer Rückkehr nach England, wohin ſie Wilhelm dem Eroberer folgten, war⸗ das Wappen der Mont⸗ gommery azurblau mit einem Löwen mit goldenen Klauen und ſilberner Zunge, und dabei der Wahlſpruch: Gardebien, und drei Lilien auf rothem Grunde. Auf, Hoheit, da unſere Wappen ähnlich ſind, wie un⸗ ſere Schwerter, ſo folgt einer guten Regung des Ritter⸗ thums! Ah! wenn Ihr dieſe Frau liebtet, wie ich jie liebe, und wenn Ihr mich haßtet, wie ich Euch haſſe! doch nein: Ihr ſeid nur ein ſchüchternes Kind, das glücklich iſt, ſich hinter ſeinem Hofmeiſter verbergen zu können.““ 198 „„Herr von Montmoreney, laßt mich,““ rief der Dauphin, der ſich gegen Montmorench ſträubte, welcher ihn zurückhalten wollte. „„Gottes Oſtern! nein, ich werde es nicht zugeben, daß Ihr Euch mit dieſem Wüthenden ſchlagt. Zurück! herbei?““ rief er mit lauter Stimme. „Und man hörte auch deutlich Frau Diana, welche ſich über die Treppe neigte, aus Leibeskräften rufen: „„Zu Hülfe! kommt herauf, Ihr Leute, wollt Ihr Eure Herren erwürgen laſſen?““ „Dieſer Dalilahs⸗Verrath, denn ſie waren im Gan⸗ zen zu Zwei gegen Einen, trieb ohne Zweifel die blinde Wuth des Grafen auf's Aeußerſte. Vor Schrecken in Eis verwandelt, hörte ihn Perrot ſagen: „„Bedarf es der höchſten Beleidigung, um Euch, Deinen Unterhändler und Dich, Heinrich von Valvis, von der Nothwendigkeit, mir Genugthuung zu geben, zu überzeugen?““ „Perrot nahm an, daß er ſodann auf den Dau⸗ phin zugegangen war und die Hand gegen ihn erho⸗ ben hatte. Heinrich ſtieß ein dumpfes Gebrülle aus. Doch Herr von Montmoreney hielt wahrſcheinlich den Arm des Prinzen zurück, denn während er ſtärker als je:„Zu Hülfe! zu Hülfe!““ ſchrie, hörte Perrot, der nicht mehr ſehen konnte, den Prinzen ausrufen: „„Sein Handſchuh hat meine Stirne geſtreift: er kann nur noch von meiner Hand ſterben, Monkmorency!““ „Dies Alles war mit der Schnelligkeit des Blitzes vorgefallen. In demſelben Augenblick erſchienen die Leute von der Escorte. Es entſtand ein heftiger Kampf, und man vernahm einen gewaltigen Lärmen von ſtamp⸗ fenden Füßen und klirrenden Schwertern. Herr von Montmoreney ſchrie: „„Bindet den Wüthenden.““ „Und der Dauphin:„„Tödtet ihn nicht! im Namen des Himmels tödtet ihn nicht!““ „Der zu ungleiche Kampf dauerte nur eine Minute. ——— — —— ——— — 199 Perrot hatte nicht einmal Zeit, hinzuzulaufen, um ſei⸗ nem Herrn zu helfen. Als er auf die Thürſchwelle kam, ſah er einen von den Reitern auf dem Boden ausgeſtreckt und drei andere mit blutenden Wunden. Doch der entwaffnete Graf war ſchon gebunden und wurde von fünf bis ſechs Reitersknechten gehalten, welche ihn zu gleicher Zeit angefallen hatten⸗ Perrot, den man im Tumult nicht bemerfte, glaubte den Intereſſen von Herrn von Montgommery nützlicher zu ſein, wenn er frei bliebe und es dadurch in ſeiner Macht behielte, ſeine Freunde zu benachrichtigen, oder ihm bei einer günſtigeren Gelegenheit beizuſtehen. Er kehrte daher geräuſchlos an ſeinen Poſten zurück und wartete hier, das Ohr auf der Lauer und die Hand am Schwert, da Herr von Montgommery weder todt noch verwundet war, auf den Augenblick, ſich zu zeigen und ihn vielleicht zu retten, denn Ihr werdet ſogleich ſehen, gnädiger Herr, daß es meinem braven Mann weder an Muth noch an Kühnheit fehlte. Doch er war eben ſo weiſe als tap⸗ fer und wußte geſchickt ſeinen Vortheil zu faſſen. Für den Augenblick konnte er nur beobachten; was er auch mit großer Kaltblütigkeit und Aufmerkſamkeit that. „Obgleich gebunden, rief Herr von Montgommerh immer noch: „„Sagt ich es Dir nicht, Heinrich von Valvis, Du würdeſt nur zehn Schwerter dem meinigen und den gehorſamen Muth Deiner Soldaten meiner Belei⸗ digung entgegenſetzen!““ „„Ihr ſeht, Herr von Montmoreney,““ ſprach der Dauphin bebend. „„Man kneble ihn!““ rief Herr von Montmo⸗ rench ſtatt jeder Antwort;„ich werde Euch ſagen laſſen,““ fuhr er fort, indem er ſich an die Soldaten wandte,„ich werde Euch ſagen laſſen, was Ihr mit ihm zu thun habt. Bis dahin bewacht ihn auf das Schärfſte. Ihr ſteht mir mit Eurem Kopfe für ihn.““ „Hienach verließ er das Sprechzimmer und zog den 200 Dauphin mit ſich fort. Sie durchſchritten den Gang, wo Perrot hinter der Tapete verborgen war, und traten bei Frau Diana ein. „Perrot ging an die entgegengeſetzte Wand und drückte ſein Ohr an die andere vermauerte Thüre. „Die Scene, der er beigewohnt hatte, war viel⸗ leicht minder ſchrecklich, als die, welche er nun verneh⸗ men ſollte.“ ſſſ 8 9 10 11 12 14 15 16