1 — Leihbiblivthet von 3. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und ceſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ₰ pfangnahme und he der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buchés wird von jevem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: g für chentlich 2 Bächer: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat:— bf. 1 Mk. 50 Pf. 2 MW. 5 5„ S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, vèr⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſth Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Aus ————— eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, wekche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ. Penkwürdigkeiten eines Arztes. Von Alexauder Dumas. Dritte Abtheilung. Ange Piton. Neuntes bis zwölftes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen — von Pr. Auguſt Boller. — Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. . 1851. XLII. Billot fängt an zu bemerken, daß nicht Alles roſa bei den Revolutionen iſt. Billot, der gemeinſchaftlich mit Pitou an allen ruhmwürdigen Libationen Theil genommen hatte, fing an zu bemerken, daß die Hefe kam. Als er bei der Kühle des Fluſſes wieder zum Be⸗ wußtſein gelangt war, ſagte Pitou zu ihm: „Herr Billot, ich ſehne mich nach Villers⸗Cotte⸗ rets zurück; und Sie?“ ieſe Worte erweckten, wie eine friſche Empfin⸗ dung von Tugend und Ruhe, den Pächter wieder, ſo daß er abermals die Stärke fand, die Menge zu durch⸗ ſchneiden und ſich von der Schlächterei zu entfernen. „Komm,“ ſagte er,„Du haſt Recht.“ Und er entſchloß ſich, Gilbert aufzuſuchen, welcher in Verſailles wohnte und, ohne ſeit der Reiſe des Königs nach Paris zur Königin zurückgekehrt zu ſein, der rechte Arm von Necker geworden war, der wieder in das Miniſterium eingetreten, und, den Roman ſeines Lebens für die Geſchichte Aller verlaſſend, die Wohlfahrt zu organiſiren ſuchte, indem er das Elend generaliſirte. Piton folgte ihm wie immer. Beide wurden in das Cabinet eingeführt, wo der Doctor arbeitete. „Doctor,“ ſagte Billot,„ich kehre nach meinem Pachthofe zurück.“ „Und warum dies?“ fragte Gilbert. Ange Pitou. III. — 2 „Weil ich Paris haſſe.“ „Ach! ja, ich begreife,“ ſprach Gilbert kalt:„Sie find müde.“ „Abgemattet.“ „Sie lieben die Revolution nicht?“ „Ich möchte ſie gern beendigt ſehen.“ Gilbert lächelte traurig. „Sie fängt an,“ ſagte er. „Ho!“ machte Billot. „Das ſetzt Sie in Erſtaunen, Billot?“ ſprach Gilbert. „Was mich in Erſtaunen ſetzt, iſt Ihre Kalt⸗ blütigkeit.“ „Mein Freund,“ fragte Gilbert Billot,„wiſſen Sie, woher bei mir dieſe Kaltblütigkeit kommt?“ „Sie fann nur von einer Ueberzengung kommen.“ „Ganz richtig.“ „Und was für eine Ueberzeugung iſt das?“ „Errathen Sie.“ „Es werde Alles gut endigen?“ Glilbert lächelte noch trauriger als das erſte Mal. „Nein, im Gegentheil von der Ueberzeugung, es werde Alies ſchlecht endigen.“ Billot gab einen Schrei von ſich. Pitou aber ſperrte die Augen ungeheuer weit auf: er fand die Beweisführung wenig logiſch. „Laſſen Sie hören,“ ſprach Billot, indem er ſich mit ſeiner ſchweren Hand hinter dem Ohr kratzte; „denn ich verſtehe nicht recht, wie mir ſcheint.“ „Nehmen Sie einen Stuhl, Billot,“ ſagte Gilbert, „und ſetzen Sie ſich nahe zu mir.“ Billot gehorchte. „Sehr nahe, noch näher, daß Sie mich hören, daß mich aber ſonſt Niemand hört.“ „Und ich, Herr Gilbert,“ fragte ſchüchtern Pitou, indem er andeutete, er ſei bereit, ſich zu entfernen, wenn es der Doctor wünſche. l. es ich e; u, nn 3 „Oh! nein, bleibe,“ ſprach der Doctor,„Du biſt jung, höre.“ Pitou öffnete die Ohren in gleichem Umfang mit der Größe ſeiner Augen. Es war ein ſeltſames Schauſpiel, das Schauſpiel einer ſolchen geheimen Verſammlung, gehalten von dieſen drei Perſonen im Cabinet von Gilbert, bei einem von Briefen, Papieren, friſchen Druckſchriften und Zeitungen überladenen Tiſch, vier Schritte von einer Thüre, welche, ohne eindringen zu können, Bittſteller und Kläger, zurückgehalten von einem beinahe blinden und einarmigen alten Schreiber, belagerten. „Ich höre,“ ſagte Billot;„erklären Sie ſich, Herr. Warum wird Alles ſchlecht endigen?“ „Billot, wiſſen Sie, was ich in dieſem Augen⸗ blicke mache, mein Freund?“ „Sie ſchreiben Zeilen.“ „Aber der Sinn dieſer Zeilen, Billot?“ „Wie, ich ſoll das errathen, ich, der ich nicht ein⸗ mal leſen kann?“ Pitou erhob ſchüchtern den Kopf und warf einen Blick auf das Papier, das vor dem Doctor lag. „Das ſind Ziffern,“ ſagte er. „Ja, das ſind Ziffern. Nun denn! dieſe Ziffern ſind zugleich der Ruin und das Heil von Frankreich.“ „Ah!“ machte Billot. „Ah! ah! wiederholte Pitou. „Morgen gedruckt, werden dieſe Ziffern,“ fuhr der Doctor fort,„im Palaſte des Königs, im Schloſſe der Adeligen und in den Hütten der Armen den vierten Theil von ihren Einkünften fordern.“ „Wie?“ machte Billot. „Oh! meine arme Tante Angélique,“ murmelte Piton,„was für ein Geſicht wird ſie ſchneiden.“ „Was ſagen Sie hiezu, mein Braver,“ fuhr Gilbert fort.„Man macht Revolutionen, nicht wahr? Nun, man bezahlt ſie!“ 2 ₰ 4 „Das iſt richtig,“ antwortete Billot heldenmüthig. „Gut, es ſei, man wird ſie bezahlen.“ „Bei Gott!“ ſprach Gilbert,„Sie ſind ein überzeug⸗ ter Mann, und Ihre Antwort hat nichts, was mich in Erſtaunen ſetzt. Aber diejenigen, welche nicht über⸗ zeugt ſind. „Diejenigen, welche es nicht find?“ „Ja, was werden ſie thun?“ „Sie werden Widerſtand leiſten,“ ſprach Billot mit einem Ton, welcher ſagen wollte, er würde kräftig widerſtehen, wenn man von ihm den vierten Theil ſeines Einkommens verlangte, um ein ſeiner Ueberzeu⸗ gung entgegengeſetztes Werk zu vollbringen. „Dann Kampf,“ verſetzte Gilbert. „Doch die Majorität...“ „Vollenden Sie, mein Freund.“ „Die Majorität iſt da, um ihren Willen auf⸗ zulegen.“ „Alſo Unterdrückung.“ Billot ſchaute Gilbert Anfangs mit Zweifel an; dann glänzte ein verſtändiger Blitz in ſeinem Auge. „Warten Sie, Billot,“ ſprach der Doctor,„ich weiß⸗ was Sie mir ſagen wollen. Die Adeligen und die Geiſtlichkeit haben Alles, nicht wahr?“ „Das iſt gewiß. Auch die Klöſter...“ „Die Klöſter?“ „Die Klöſter haben Ueberfluß.“ „Notum certumque,“ brummte Pitou. „Die Adeligen bezahlen keine verhältnißmäßige Abgaben. So bezahle ich, ein Pächter, mehr als das Doppelte der Steuern, welche die drei Brüder von Charny, meine Nachbarn, bezahlen, welche mit einander mehr als zweimalhunderttauſend Livres Einkünfte haben.“ „Aber ſprechen Sie,“ fuhr Gilbert fort,„glauben Sie, die Adeligen und die Prieſter ſeien weniger Fran⸗ zoſen als Sie?“ Piton ſpitzte die Ohren bei dieſen Worten, welche . v8* it ig i 1. 5 nach Ketzerei in einer Zeit klangen, wo der Patriotis⸗ mus nach der Solidität der Ellenbogen auf der Grove ermeſſen wurde. „Sie glauben es nicht, nicht wahr, mein Freund, Sie fönnen nicht anerkennen, dieſe Adeligen und dieſe Prieſter, welche Alles verſchlingen und Richts wieder⸗ geben, ſeien eben ſo gute Patrioten als Sie?“ „Das iſt wahr.“ „Irrthum, mein Lieber, Irrthum. Sie ſind es mehr, und ich will es Ihnen beweiſen.“ „Ho! ho! ich leugne das.“ „Wegen der Privilegien, nicht wahr?“ „Bei Gott!“ ⸗ „Warten Sie.“ „Oh! ich warte.“ „Nun denn! ich gebe Ihnen die Verſicherung, Billot, daß binnen drei Tagen der privilegirteſte Menſch, der in Frankreich iſt, derjenige ſein wird, welcher nichts beſitzt.“ „Das werde ich ſein,“ ſprach Pitou. „Ja, das wirſt Du ſfein.“ „Wie ſo?“ fragte der Pächter. „Hören Sie, Billot, dieſe Adeligen und dieſe Geiſt⸗ lichen, welche Sie der Selbſtſucht bezüchtigen, fangen an von dem Patriotismus⸗Fieber ergriffen zu werden, das die Runde in Frankreich zu machen im Begriff iſt. In dieſem Augenblick verſammeln ſie ſich wie die Schafe am Rande des Grabens; ſie berathen ſich; der Kühnſte ſpringt, übermorgen, morgen, heute Abend vielleicht. Und ihm werden alle Anderen ſpringen.“ „Was meinen Sie damit, Herr Gilbert?“ „Damit meine ich, ihren Vorrechten entſagend, werden ſie als Lehensherren ihre Bauern frei geben, als Grundherren auf ihre Pachtzinſe und ihre Gülten verzichten, als Adelige mit Taubenhäuſern ihre Tauben loslaſſen.“ „Ho! ho!“ rief Pitou erſtaunt,„Sie glauben, ſie werden dies Alles frei geben?“ „Oh!“ ſagte Billok leuchtend,„das iſt die glän⸗ zende Freiheit.“ „Hernach aber, wenn wir Alle frei ſind, was wer⸗ den wir thun?“ „Ah!“ verſetzte Billot ein wenig verlegen,„was wir 4 thun werden? man wird ſehen. „Ohl das iſt das äußerſte Wort,“ rief Gilbert.„Man wird ſehen!“ Er ſtand mit einer düſteren Miene auf und ging einige Augenblicke ſtillſchweigend auf und ab; dann kehrte er zum Pächter zurück, nahm deſſen ſchwielige Hand mit einem Ernſte, der einer Drohung glich, und ſprach: „Ja, man wird ſehen. Ja, wir werden ſehen.. wir werden Alle ſehen, Du wie ich, ich wie ich, ich wie er. Und daran dachte ich gerade vorhin, als Du bei mir die Kaltblütigkeit fandſt, die Dich ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt hat.“ „Sie erſchrecken mich! das Volk einig, ſich um⸗ fangend, ſich gegenſeitig anſchließend, um zur allge⸗ meinen Wohlfahrt beizutragen, das iſt ein Gegenſtand, der Sie verdüſtert, Herr Gilbert?“ Dieſer zuckte die Achſeln. Dann fuhr Billot ſeinerſeits fragend fort: „Was werden aber Sie von Ihnen ſelbſt ſagen, wenn Sie heute zweifeln, nachdem ſie Alles in der alten Welt, der neuen die Freiheit gebend, vorbereitet haben?“ „Billot,“ erwiederte Gilbert,„Du haſt, ohne es zu vermuthen, ein Wort ausgeſprochen, das der Sinn des Räthſels iſt. Dieſes Wort, das Lafayette aus⸗ ſpricht und das Niemand vielleicht, mit ihm anzufan⸗ gen, begreift, ja, wir haben der neuen Welt die Frei⸗ heit gegeben.“ „Ihr Franzoſen. Das iſt ſchön!“ in m⸗ e⸗ d, en, ten 2 nn us⸗ an⸗ ei⸗ 7 „Das iſt ſchön, aber es wird ſehr theuer ſein,“ erwiederte Gilbert traurig. „Bah! das Geld iſt ausgegeben, die Rechnung iſt bezahlt,“ ſprach Billot heiter.„Ein wenig Gold, viel Blut, und die Schuld iſt abgetragen.“ „Ein Blinder!“ verſetzte Gilbert,„ein Blinder, der in dieſer Morgenröthe des Weſten den Keim des Unter⸗ gangs von uns Allen nicht ſieht! Warum ſollte ich die Leute anklagen, ich, der ich ihn eben ſo wenig geſehen habe als ſie. Der neuen Welt die Freiheit gegeben haben, Billot, ich fürchte es ſehr, heißt die alte zu Grunde gerichtet haben.“ „Rerum novus nascitur ordo,“ ſprach Pitou mit einer großen revolutionären Dreiſtigkeit. „Stille, Kind,“ ſagte Gilbert. „War es denn beſchwerlicher, die Engländer zu un⸗ terwerfen, als die Franzoſen zu beruhigen?“ fragte Billot. „Neue Welt,“ wiederholte Gilbert,„das heißt reiner Platz, glatter Tiſch; keine Geſetze, keine Mißbräuche, keine Ideen, aber auch keine Vorurtheile. In Frank⸗ reich dreißigtauſend Quadratmeilen für dreißig Millio⸗ nen Menſchen; das heißt im Falle einer Theilung des Platzes kaum für Jeden eine Wiege und ein Grab. Dort, in Amerika, zweimalhunderttaufend Quadratmeilen für drei Millionen Menſchen; ideale Gränzen mit der Wüſte, das heißt der Raum mit dem Meer, das heißt mit der Unermeßlichkeit; in dieſen zweimalhundert⸗ tauſend Meilen ſchiffbare Flüſſe auf tauſend Meilen, Urwälder, deren Tiefe Gott allein kennt, das heißt alle Clemente des Lebens, der Civiliſation und der Zukunft. Hh! wie leicht iſt es, Billot, wenn man Lafayette heißt und die Gewohnheit der Degen hat, wenn man Waſhington heißt und die Gewohnheit des Geiſtes hat, wie leicht iſt es, gegen Mauern von Holz, von Stein, von Erde oder von Menſchenfleiſch zu kämpfen; wenn man aber, ſtatt zu gründen, zerſtört, wenn man in der alten Ordnung der Dinge, die man angreift, einſtür⸗ zende Mauern von Ideen und hinter die Trümmer dieſer Mauern ſelbſt ſo viele Leute und ſo viele In⸗ tereſſen ſich flüchten ſieht, wenn man, nachdem man den Gedanken gefunden hat, ſieht, um ihn im Volk anneh⸗ men zu machen, werde man dieſes Volk deeimiren müſſen, vom Greiſe, der ſich erinnert, bis zum Kinde, das lernen würde, von dem Monument, welches das Gedächtniß iſt, bis zum Keim, der der Inſtinet iſt; dann, oh' dann Billot, iſt es eine Aufgabe, die dieje⸗ nigen beben macht, welche jenſeits des Horizonts ſehen. Billot, ich habe ein ſcharfes Geſicht, und ich bebe.“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ ſagte Billot mit ſei⸗ nem geſunden Verſtand,„Sie beſchuldigten mich vor⸗ hin, ich haſſe die Revolution und nun machen Sie mir ſie abſchenlich.“ „Habe ich Dir denn geſagt, ich verzichte?“ „Errare humanum est,“ murmelte Pitou,„sed perseverare diabolicum.“ Und er zog ſeine Füße mit den Händen an ſich. „Ich werde dennoch beharrlich ſein,“ fuhr Gilbert fort,„denn während ich die Hinderniſſe ſehe, erſchaue ich auch das Ziel, und das Ziel iſt glänzend; es iſt nicht nur die Freiheit Frankreichs, die ich träume, es iſt die Freiheit der ganzen Welt; es iſt nicht nur die phyſiſche Gleichheit, es iſt die Gleichheit vor dem Geſetz; es iſt nicht nur die Verbrüderung zwiſchen den Bürgern, es iſt die Verbrüderung zwiſchen den Völkern. Ich werde dabei vielleicht meine Seele verlieren und meinen Leib laſſen,“ fügte Gilbert ſchwermüthig bei;„doch gleichviel, der Soldat, den man zum Sturme einer Feſtung ſchickt, ſieht die Kanonen, ſieht die Kugeln, die man hinein ladet, ſieht die Lunte, die man ihnen nähert; er ſieht noch mehr; er ſieht die Richtung, die man ihnen ge⸗ geben hat; er fühlt, daß dieſes Stück Eiſen ihm die Bruſt durchbohren wird, aber er geht, die Feſtung muß genommen ſein. Nun denn! wir ſind alle Soldaten, Vater Billot. Vorwärts! und auf unſern umherge⸗ ————————„——— e— r— — e— ner In⸗ den eh⸗ ren de, das je⸗ en. ſei⸗ r mir 9 ſtreuten Leibern möge eines Tags die Generation mar⸗ ſchiren, deren Vorhut dieſes Kind hier iſt.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, warum Sie verzwei⸗ feln, Herr Gilbert, etwa weil ein Unglücklicher auf der Grove ermordet worden iſt?“ „Warum haſt Du dann einen Abſcheu? Gehe Billot, morde auch.“ „Ah! was ſagen Sie, Herr Gilbert!“ „Ei! man muß conſequent ſein... Du biſt ganz bleich, ganz zitternd gekommen, Du, der Du ſo muthig und ſo ſtark biſt, und haſt mir geſagt: ich bin abge⸗ mattet; ich habe Dir in's Geſicht gelacht, Billot, und nun, wenn ich Dir erkläre, warum Du bleich, warum Du abgemattet warſt, lachſt Du Deinerſeits über mich.“ „Sprechen Siej laſſen Sie mir aber vor Allem die Hoffnung, daß ich geheilt, getröſtet nach meinem Lande zurückkehren werde.“ „Das Land, höre, Billot, da iſt unſere ganze Hoff⸗ nung. Das Land,— eine ſchlafende Revolution, die ſich alle tauſend Jahre rührt und dem Königthum den Schwindel gibt, ſo oft ſie ſich rührt. Das Land wird ch auch rühren, wenn die Stunde kommt, die vorhin von Dir erwähnten ſchlecht erworbenen Güter, welche den Adel oder die Geiftlichkeit verſchlämmen, zu kaufen oder zu erobern. Doch um das Land zur Ernte der Ideen anzutreiben, muß man den Bauern zur Erobe⸗ rung der Erde antreiben. Der Menſch, indem er Eigen⸗ thümer wird, wird frei. Uns, den bevorzugten Arbei⸗ tern, für welche Gott den Schleier der Zukunft zu lüften einwilligt, uns die furchtbare Arbeit, die, nach⸗ dem ſie dem Volke die Freiheit gegeben, ihm das uigenthum geben wird... Hiebei, Billot, gute Arbeit End ſchlechte Belohnung vielleicht, aber thätige, mäch⸗ tige Arbeit, voller Freuden und Schmerzen, voll des Ruhmes und der Verleumdung; dort kalter, ohnmäch⸗ tiger Schlaf in Erwartung eines Erwachens, das auf unſere Stimme ſtattfinden, einer Morgenröthe, welche 10 von uns kommen wird. Iſt das Land einmal wach, dann wird unſere blutige Arbeit beendigt ſein, und ſeine friedliche Arbeit wird beginnen.“ „Welchen Rath geben Sie mir alſo, Herr Gilbert?“ „Willſt Du Deinem Vaterlande, der Nation, Deinen Brüdern, der Welt nützlich ſein, ſo bleibe hier; nimm einen Hammer und arbeite in der Werkſtätte Vulcans, welche die Blitze für die Welt ſchmiedet.“ Bleiben, um morden zu ſehen, um vielleicht dazu zu kommen, daß ich ſelbſt morde?“ „Wie ſo?“ verſetzte Gilbert mit einem bleichen Lä⸗ cheln.„Du morden, Billot, was ſagſt Du denn das“ „Ich ſage, daß, wenn ich hier bleibe, wie Sie mich dazu auffordern,“ rief Billot ganz zitternd,„ich ſage, daß der Erſte, den ich einen Strick an eine Laterne binden ſehe, ich ſage, daß ich dieſen mit meinen Hän⸗ den aufhänge.“ Gilbert vollendete ſein feines Lächeln. „Ah! Du verſtehſt mich und Du biſt nun auch Mörder,“ ſagte er. „Ja, Mörder von Schurken.“ „Sprich, Billot, Du haſt Losme, de Launay, Fleſ⸗ ſelles, Foulon und Berthier ermorden ſehen?“ 7. „Wie nannten ſie diejenigen, welche ſie ermordeten?“ „Schurken.“ „Oh! es iſt wahr,“ ſprach Pitou,„ſie nannten ſie Schurken.“ „Ja, aber ich habe Recht,“ verſetzte Billot. „Du wirſt Recht haben, wenn Du aufhängſt, ja; doch wenn Du gehenkt biſt, ſo wirſt Du Unrecht haben.“ Billot neigte das Haupt unter dieſem Keulen⸗ ſchlage, doch plötzlich erhob er es voll Adel wieder und ſprach: „Werden Sie behaupten, diejenigen, welche Wehr⸗ loſe und unter dem Schutz der öffentlichen Ehre und Lat Pit 24 n, tte cht ä⸗ 2 ½ ich ge, in⸗ eſ⸗ 74 ia; n.“ en⸗ der hr⸗ hre 11 ſtehende Perſonen ermorden, werben Sie behaupten, ſie ſeien Franzoſen, wie ich einer bin?“ „Ah!“ erwiederte Gilbert,„das iſt etwas Anberes. Ja, es gibt in Frankreich mehrere Arten von Franzoſen. Es gibt vor Allem das franzöſiſche Volk, von dem Pitou iſt, von dem ich bin, von dem Du biſt; ferner gibt es die franzöſiſche Geiſtlichkeit und dann den franzöſfiſchen Adel. Drei Arten von Franzoſen in Frankreich. Jeder ein Franzoſe aus ſeinem Geſichts⸗ punkt, nämlich aus dem Geſichtspunkte ſeiner Intereſſen, und zwar abgeſehen vom König von Frankreich, einem Franzoſen auf ſeine Weiſe. Ah! Billot, hier, fiehſt Du, in der verſchiedenen Manier, Franzoſe zu ſein, aller dieſer Franzoſen, hier iſt die wahre Revolution. Du wirſt Franzoſe ſein auf eine Art, der Abbé Maury wird Franzoſe ſein auf eine andere Art als Du, Mi⸗ rabeau wird Franzoſe ſein auf eine andere Art als der Abbé Maury, der König endlich wird Franzoſe ſein auf eine andere Art als Mirabeau. Nun! Billot, mein vortrefflicher Freund, Mann mit dem redlichen Herzen und dem geſunden Verſtande, Du biſt ſo eben in den zweiten Theil der Frage, die ich behandle, eingegangen. Mache mir das Vergnügen, Billot, und wirf einen Blick auf dieſes,“ fügte Gilbert bei. Und er reichte dem Pächter ein gedrucktes Papier. „Was iſt das?“ fragte Billot, während er das Papier nahm. „Lies.“ „Ei! Sie wiſſen wohl, daß ich nicht leſen kann.“ ze ſohe es Pitou.“ ou ſtand auf, erhob ſich auf den Fußſpi en und ſchaute über die Schulter des Lalyden. 5 „Das iſt nicht Franzöſiſch,“ ſagte er;„das iſt nicht Lateiniſch, das iſt auch nicht Griechiſch.“ „Das iſt Engliſch“ erwiederte Gilbert. „ v 3„ piſvi ch verſtehe das Engliſche nicht, ſprach hoffärtig „Ich verſtehe es,“ ſagte Gilbert,„und ich werde Euch dieſes Papier überſetzen; doch leſet zuerſt die Unter⸗ ſchrift.“ „Pitt,“ las Pitou,„doch was iſt das, Pitt?“ „Ich will es Euch erklären,“ erwiederte Gilbert. XLIII. Die Pitt. „Pitt,“ ſprach Gilbert,„dies iſt der Sohn von Pitt.“ „Ah!“ ſagte Piton,„gerade wie in der h. Schrift; es gibt alſo einen Pitt den Erſten und einen Pitt den Zweiten.“ „Ja, und dieſer Pitt der Erſte, meine Freunde.. Höret wohl, was ich Euch ſagen werde. „Wir hören,“ antwortete gleichzeitig Billot und Pitou. „Dieſer Pitt der Erſte war vreißig Jahre lang der geſchworene Feind Frankreichs; er befämpfte aus ſeinem Cabinete heraus, an das ihn die Gicht feſſelte, Mont⸗ calm und Vaudereuil in Amerika, den Bailly von Suf⸗ fren und dEſtaing auf dem Meere, Noailles und Broglie auf dem Feſtlande. Dieſer Pitt der Erſte hatte den Grundſatz gehabt, man müſſe die Franzoſen von Europa entthronen; dreißig Jahre hindurch nahm er uns eine um die andere alle unſere Colonien, eines um das andere alle unſere Comptoirs, das ganze Uferland von Indien, fünfzehnhundert Meilen in Canada; dann, als er ſah, daß Frankreich zu drei Vierteln zu Grunde gerichtet war, ſtiftete er ſeinen Sohn gegen daſſelbe an, um es vollends zu Grunde zu richten.⸗ „Ahi ah!“ ſagte Billot, ſichtbar intereſſirt,„alſo der Pitt, den wir haben⸗ 2 „Ganzrichtig,“ ſprach Gilbert,„das iſt der Sohn des 3 — 1— nd der em lie den opa ine das von als htet mes alſo des 13 Pitt, den wir gehabt haben, den, den Ihr ſchon kennt, Vater Billot, den Piton kennt, den das Weltall kennt und der im vorigen Mai dreißig Jahre alt geweſen iſt.“ „Dreißig Jahre?“ „Ihr ſeht, ob er ſeine Zeit gut angewendet hat, meine Freunde nun, ſchon ſeit ſieben Jahren regiert er in England, ſieben Jahre bringt er die Theorien ſeines Vaters in Ausführung.“ „Wir haben alſo noch einige Zeit an ihm,“ ver⸗ ſetzte Billot. „Ja, um ſo mehr, als der Lebensathem bei den Pitt kräftig iſt. Laßt mich einen Beweis davon geben.“ Pitou und Billot bedeuteten durch eine kleine Kopfbewegung von oben nach unten, daß ſie mit der größten Aufmerkſamkeit hören. „Im Jahre 1778 lag unſer Feind im Sterben. Die Aerzte hatten ihm angekündigt, ſein Leben hänge nur noch an einem Faden, und die geringſte Anſtrengung würde dieſen Faden zerreißen. Man ſtritt damals im vollen Parlament über die Frage, ob man nicht die amerikaniſchen Colonien ihrem Verlangen nach Frei⸗ heit überlaſſen ſollte, um den Krieg zurückzuhalten, der, von den Franzoſen angeregt, den ganzen Reichthum 3e Soldaten Großbritanniens zu verſchlingen rohte. „Das war in dem Augenblick, wo Ludwig XVI., unſer guter König, derjenige, welchem von der ganzen Nation der Titel: wahrer Vater der franzöſiſchen Frei⸗ heit, ertheilt worden war, feierlich die Unabhängigkeil Amerikas anerkannt hatte; dort, auf den Schlacht⸗ feldern und im Rathe waren das Schwert und das Zenie der Franzoſen überwiegend geweſen; England ließ Waſhington, das heißt dem Haupte der Inſur⸗ genten, die Anerkennung der amerikaniſchen Nativna⸗ lität anbieten, wenn ſich die neue Nation gegen die Sſen umdrehen und ſich mit England verbinden 4 „Aber mir ſcheint,“ ſagte Billot,„das war kein reblicher Vorſchlag, weder um ihn zu thun, noch um ihn anzunehmen.“ „Mein lieber Billot, man nennt das Diplomatie, und in der politiſchen Welt bewundert man ſehr dieſe Art von Jdeen. Nun denn! Billot, für ſo unmoraliſch Sie die Sache hielten, vielleicht hätte man, trotz Waſ⸗ hingtons, des Redlichſten der Menſchen, Amerikaner ge⸗ funden, welche geneigt geweſen wären, den Frieden um den Preis dieſer ſchmählichen Einräumung gegen Eng⸗ land zu erkaufen. „Aber Lord Chatam, der Vater von Pitt, dieſer verurtheilte Kranke, dieſer Sterbende, dieſes Geſpenſt, das ſchon bis an die Kniee in das Grab getreten war; Chatam, der nichts mehr zu verlangen zu haben ſchien, als die Ruhe auf der Erde vor dem Schlafe unter ſeinem Denkmal, dieſer Greis ließ ſich in das Parla⸗ ment führen, wo die Frage verhandelt werden ſollte. „Er gab ſeinen Arm ſeinem Sohn William Pitt, der vamals ein junger Menſch von neunzehn Jahren, und ſeinem Schwiegerſohnzer hatte koſtbare Kleider angezogen, eine ſpöttiſche Hülle ſeiner ſterblichen Mager⸗ keit. Bleich wie ein Geſpenſt, vas Auge halb todt unter den erſchlaffenden Lidern, ließ er ſich zu ſeiner Bank führen, während alle Lords, erſtaunt über die unerwartete Erſcheinung, ſich verbeugten und bewun⸗ derten, wie es der römiſche Senat bei der Rückkehr des ſchon todten und vergeſſenen Tiberius hätte thun können. „Er hörte ſtillſchweigend mit einer tiefen Auf⸗ merkſamkeit die Rede von Lord Richmond, dem Urheber des Antrags, und als dieſer geendigt hatte, ſtand Chatam auf, um zu antworten. „Da fand dieſer todte Mann die Kraft, um drei Stunden zu ſprechen; er fand Feuer in ſeinem Herzen, um den Blitz ſeiner Blicke zu entzünden; er fand in ſeiner Seele Töne, welche alle Herzen bewegten. L⸗ c— Sc 1—— c— 8S 33 luf⸗ eber and drei zen, in 15 „Es iſt wahr, er ſprach gegen Frankreich„es iſt wahr, er hauchte ſeinen Landsleuten den Haß ein, es iſt wahr, er hatte alle ſeine Kräfte und ſein ganzes Feuer herauf beſchworen, um das Land, den verhaßten Nebenbuhler des ſeinigen, zu Grunde zu richten und zu verſchlingen. Er verbot, daß Amerika als unab⸗ hängig anerkannt würde, er verbot die ganze Verhand⸗ lung und ſchrie: Krieg! Krieg! Er ſprach wie Hannibal gegen Rom. wie Cato gegen Carthago.. Er erklärte, es ſey die Pflicht jedes Engländers, eher zu Grunde gerichtet zu ſterben, als zu dulden, daß eine Colonie, eine einzige, ſich vom Mutterlande losreiße. „Er endigte ſeine Rede, ſchleuderte ſeine letzte hin und fiel, wie vom Schlage getroffen, nieder. „Er hatte nichts mehr auf dieſer Welt zu thun; man trug ihn verſcheidend weg. „Einige Tage nachher war er todt.“ „Ho! ho!“ riefen gleichzeitig Billot und Piton, „was für ein Mann iſt dieſer Lord Chatam!“ „Das war der Bater des jungen Mannes von dreißig Jahren, der uns beſchäftigt,“ ſprach Gilbert„Chatam ſtarb mit ſiebenzig Jahren. Lebt der Sohn ſo lange als der Vater, ſo werden wir noch vierzig Jahre William Pitt zu ertragen haben. Das, Vater Billot, das iſt derjenige, mit welchem wir es zu thun haben; das iſt der Mann, der Großbritannien regiert, der ſich der Namen Lameth, Lafayette, Rochambeau erinnert, der zu dieſer Stunde alle Namen der Nationalver⸗ ſammlung kennt; derjenige, welcher Ludwig XVI. einen tödtlichen Haß geſchworen hat; der Verfaſſer der Ab⸗ handlung von 1778; derjenige endlich, welcher nicht frei athmen wird, ſo lange es in Frankreich noch eine geladene Flinte und eine volle Taſche gibt. Fangt Ihr an zu begreifen?“ „Ich begreife, daß er Frankreich ſehr haßt. Ja, das iſt wahr, aber ich ſehe noch nicht recht „Ich auch nicht,“ fügte Pitou bei. „Nun, ſo leſet dieſe vier Worte.“ Und er reichte das Papier Pitou. „Engliſch,“ verſetzte dieſer. „Do not mind ihe money,“ ſagte Gilbert. „Ich höre wohl, aber ich verſtehe nicht,“ ſprah itou. „Beachtet das Geld nicht,“ erwiederte der Doctor.„Und ſpäter, da er auf dieſelbe Ermahnung zurückkommt: „Heißt ſie das Geld nicht ſparen und mir keine Rechenſchaft ablegen.““ „Dann bewaffnen ſie,“ ſagte Billot. „Nein, ſie beſtechen.“ „An wen iſt dieſer Brief gerichtet?“ „An Jedermann und an Niemand. Dieſes Geld, vas man gibt, das man ausſtreut, das man verſchwendet, man gibt es Bauern, Arbeitern, Elenden, Leuten end⸗ lich, die uns die Revolution verderben werden.“ Der Vater Billot neigte das Hanupt. Dieſes Wort erklärte viele Dinge. „Hätten Sie de Launay mit einem Kolbenſchlag getödtet?“*. „Nein.“ ℳ „Hätten Sie Fleſſelles mit einem Piſtolenſchuß um⸗ gebracht?“ „Nein. „Hätten Sie Foulon gehenkt?“ „Nein.“ „Hätten Sie das blutige Herz von Berthier auf den Tiſch der Wähler gebracht?“ „Schändlichkeit!“ rief Billot.„Das heißt, wie ſtrafbar auch dieſer Menſch ſeyn mochte, ich hätte mich in Stücke hauen laſſen, um ihn zu retten; und zum Beweiſe mag dienen, daß ich bei ſeiner 2 ertheidigun * verwundet worden bin, und ohne Piton, der mich nac) dem ufer des Fluſſes fortzog.. 3 8 Ang er ng ine d, et, nd⸗ eſes lag um⸗ den wie nich zun ung nach 17 „Oh! das iſt wahr,“ ſagte Pitou,„ohne mich hätte er eine ſchlimme Viertelſtunde durchzumachen ge⸗ habt, der Vater Billot.“ „Nun denn! ſehen Sie, Billot, es gibt viele Leute, welche handeln werden wie Sie, wenn ſie nur eine Unkerſtützung in ihrer Nähe fühlen, welche aber, den ſchlechten Beiſpielen überlaſſen, böſe, dann grimmig, dann wüthend werden; und wenn das Uebel geſchehen iſt, iſt es geſchehen.“ „Aber,“ entgegnete Billot,„ich gebe zu, daß Herr Pitt, oder vielmehr ſein Geld, an dem Tode von Fleſſelles, von Foulon, von Berthier Antheil gehabt hat, welchen Nutzen wird er daraus ziehen?“ Gilbert lachte auf jene ſtille Art, welche die Ein⸗ fältigen in Erſtaunen ſetzt und die Denker beben macht. „Welchen Nutzen er daraus ziehen werde, fragen Sie mich?“ ſagte er. „Ja, das frage ich.“ Ich will es Ihnen ſagen, hören Sie: Sie lieben die Revolution ſehr, nicht wahr, Sie, der Sie im Blute gewatet ſind, um die Baſtille zu nehmen?“ „Ja, ich liebte ſie⸗ Wohl, mh liebe Sie ſie weniger. Nun ſehnen Sie ſich nach Villers⸗Ghtterkts, nach Piſſeleur, nach der Ruhe Ihrer Ebene, nach dem Schatten Ihrer großen Wälder zurück.“ „Erigida Tempe,“ murmelte Piton. „Oh! ja, Sie haben Recht,“ ſprach Billot. „Nun denn! Sie, Vater Billot, Sie der Pächter, Sie der Grundeigenthümer, Sie das Kind der Jle⸗de⸗ kance und folglich ein alter Franzoſe, Sie repräſen⸗ tiren den dritten Stand, Sie find von dem, was man die Majorität nennt. Sie aber ſind der Sache über⸗ drüſſig.“ Dann wird die Majoritä überdrü iorität überdrüſſig werden Ange Pitou. M. 2 „Hernach?“ „Und eines Tags ſtrecken Sie die Arme den Sol Le daten von Herrn von Braunſchweig oder von Herrn Pitt entgegen, welche im Namen dieſer zwei Befreiet Frankreichs kommen werden, um Ihnen die geſunden Lehren zurückzugeben.“. „Nie.“ „Bah! warten Sie doch!“ „Fleſſelles, Berthier und Foulon waren im Grunde Schurken,“ wagte Piton einzuwenden. „Wahrhaftig! wie Herr von Sartines und 3. von Maurepas Schurken waren, wie es Herr d'Argenſon und Herr Philippeaur vor ihnen waren, wie Law einer war, wie es die Duvernye, die Leblanc und die Paris waren, wie Herr Fouquet einer war, wie Mazarin ein anderer war, wie Samblancey, wie Enguer⸗ rand von Marigny Schurken waren, wie Herr von Brienne einer für Herr von Calonne iſt, wie Herr von Calonne einer für Herrn Necker iſt, wie Herr Necker einer für das Miniſterium ſeyn wird, das wir in zwei Jahren haben werden.“ 13 „Ho! ho! Doctor,“ murmelte Billot)„Herr Necker ein Schurke, niemals.“ „Wie Sie, mein lieber Billot, ein Schurke füt den kleinen Piton hier ſeyn werden, ſollte ihn ein Agent von Herrn Pitt gewiſſe Theorien unter dem Ein⸗ fluß von einem Schoppen Branntwein und zehn Franken für einen Tag des Aufruhrs lehren. Dieſes Wor Schurke, ſehen Sie, mein lieber Billot, iſt das Wort mit dem man in der Revolutionszeit den Menſcher bezeichnet, der anders denkt, als man ſelbſt venkt; wi ſind beſtimmt, es Alle zu tragen, viel oder weni Einige werden es ſo weit tragen, daß ihre Landsleuß es auf ihr Grab ſchreiben werden, Andere noch ſo b weiter, daß die Nachwelt den Beinamen beſtätig“ wird. Das iſt es, mein lieber Billot, was ich ſeh⸗ und was Sie nicht ſehen. Billot, Billot, die redlich Leute dürfen ſich alſo nicht zurückziehen.“ Sie en 3 eh die ſagte waff mein as, ie eibe Sol⸗ errn freiet nden runde Herr enſon E und „wie guer⸗ ron r von Kecker zwei Recker e füt nein Ein⸗ anken Wor Wort nſcher z wit venig sleuß vi 19 „Bah!“ erwieberte Billot,„wenn die reblichen Leute ſich zurückzögen, ſo würde die Revolution darum nichtsdeſtoweniger ihren Fortgang nehmen; ſie iſt einmal entfeſſelt! Ein neues Lächeln trat auf die Lippen von Gilbert. „Großes Kind!“ ſagte er,„wer verläßt die Pflug⸗ ſterze, wer ſpannt die Pferde aus, und ſagt: Gut, der Plug bedarf meiner nicht, der Pflug wird ſeine Furche ohne mich ziehen. Aber, mein Freund, dieſe Revolution, 6 ha ſte denn gemacht? die ehrlichen Leute, nicht wahr?“ „Frankreich ſchmeichelt ſich damit; mir ſcheint, Lafayette iſt ein ehrlicher Mann, mir ſcheint, Herr Bailiy iſt ein ehrlicher Mann, mir ſcheint, Herr Necker iſt ein ehrlicher Mann, mir ſcheint, Herr Elie und Herr Hullin, Herr Maillard, welche mit mir kämpften, find ehrliche Leute, mir ſcheint endlich, Sie ſelbſt... „Nun denn, Billot, wenn die ehrlichen Leute, wenn Gie, wenn ich, wenn Maillard, wenn Hullin, wenn Elie, n Necker, wenn Bailly, wenn Lafahette ſich zurück⸗ 3 ehen, wer wird dann arbeiten? Dieſe Elenden, dieſe Mörder, dieſe Schurken, die ich Ihnen bezeichnet habe, die Agenten her Agenten von Herrn Pitt.“ „Antwbrten Sie ein wenig hierauf, Vater Billot,“ ſagte Pitou überzengt. Nun denn,“ erwiederte Billot,„man wird ſich be⸗ waffnen und auf ſie wie auf Hunde ſchießen.“ „Warten Sie. Wer wird ſich bewaffnen?“ „Alle Welt.“ „Billot, Billot, erinnern Sie ſich nur einer Sache, mein guter Freund, erinnern Sie ſich, wie man as, was wir in dieſem Augenblicke treiben, nennt? Wie nennt man das, was wir in dieſem Augenblicke Feiben, Billot?“ „Das nennt man Politik, Herr Gilbert.“ „Wohl! in der Politik gibt es kein abſolutes Verbrechen, man iſt ein Schurke oder trilichet Mann, je nachdem man die Intereſſen desjenigen, welcher uns beurtheilt, verletzt oder ihnen dient. Diejenigen, welche Sie Schurken nennen, werden einen Scheingrund für ihre Verbrechen angeben, und für viele ehrliche Leute, die ein unmittelbares oder mittelbares Intereſſe dabei gehabt haben, daß dieſe Verbrechen begangen worden ſind, ſelbſt ſehr ehrliche Leute werden. Sobald wir ſo weit ſeyn werden, nehmen wir uns in Acht, Billot, nehmen wir uns in Acht. Es ſind Leute am Sterz und Pferde an den Strängen des Pfluges. Er geht, Billot, er geht, und zwar ohne uns.“ „Das iſt erſchrecklich,“ ſagte der Pächter.„Doch wenn er ohne uns geht, wohin wird er gehen?“ weiß es!“ erwiederte Gilbert,„ich, ich weiß es nicht. „Nun denn! wenn Sie es nicht wiſſen, Sie, der Sie ein Gelehrter find, Herr Gilbert, um ſo viel weniger kann ich es wiſſen, ich, der ich ein Ungelehrter bin. Ich entnehme alſo hieraus... „Was eutnehmen Sie, Billot?“ „Ich entnehme, das Beſte, was wir, Pitou und ich, thun können iſt, daß wir nach Piſſeleur zurück⸗ kehren. Wir werden wieder zum Pfluge greifen, ich meine den wahren Pflug, den von Eiſen und Holz, mit welchem man die Erde umwühlt, und nicht den von Fleiſch und Knochen, genannt das franzöſiſche Volk, das hinten ausſchlägt, wie ein unartiges Pferd. Wir werden Getreide bauen, ſtatt Blut zu vergießen, und frei, freudig und als Herren bei uns leben. Kommen Sie, kommen Sie, Herr Gilbert! Teufel! ich mag gern wiſſen, wohin ich gehe.“ „Einen Augenblick Geduld, mein wackeres Herz,“ ſprach Gilbert,„nein, ich weiß nicht, wohin ich gehe, ich habe es Ihnen geſagt, und ich wiederhole es; doch ich gehe und ich will immer gehen. Meine Pflicht iſt vorgeſchrieben, mein Leben gehört Gott; aber meine Wenke ſind die Schuld, die ich dem Vaterlande bezahlen Di rett inde leid ſagt fünf hund den uns lche für ute, abei rden weit men erde „er och ßes der iger bin. und ück⸗ olz, den iſche ferd. ßen, ben. ich e e e, doch t iſt eine hlen 2 werde. Mein Gewiſſen ſage mir nur: Gehe, Gilbert, Du biſt auf dem guten Wege, gehe! Das iſt Alles, was ich brauche. Täuſche ich mich, ſo werden mich die Menſchen beſtrafen, aber Gott wird mich freiſprechen.“ „Zuweilen ſtrafen aber die Menſchen ſogar die⸗ jenigen, welche ſich nicht läuſchen. Sie ſagten es vorhin.“ „Und ich ſage es noch. Gleichviel; ich harre aus, illot. Irrthum oder nicht, ich fahre fort. Gott behüte mich, daß ich behaupte, das Ereigniß werde meine Ohnmacht nicht beweiſen; aber vor Allem, Billot, der Herr hat geſagt: Friede den Menſchen von gutem Willen. Seien wir alſo von denjenigen, welchen der Herr ſeinen Frieden verſpricht. Schau, Herrn Lafayette an, ſowohl in Amerika als in Frankreich nützt er ſchon den dritten Schimmel ab, diejenigen nicht zu rechnen, welche er noch abnutzen wird; ſchau' Herrn Bailly an, der ſeine Lunge abnutzt, ſchau, den König an, der ſeine opularität abnutzt. Auf, Billot, laß uns nicht ſelbſt⸗ ſüchtig ſehn. Nutzen wir uns ein wenig ab, mein Freund; bleibe bei mir, Billot.“ „Wozu, wenn wir das Böſe nicht verhindern!“ „Billot, wiederhole dieſes Wort nie, denn ich würde Dich weniger ſchätzen. Du haſt Fußtritte, Du haſt Fauſtſchläge, Du haſt Kolbenſtreiche, Du haſt ſelbſt ajonnetſtiche bekommen, als Du Foulon und Berthier retten wollteſt.“ und ſogar viel,“ antwortete der Pächter, indem er mit der Hand über ſeine noch Schmerzen leidenden Glieder ſtrich. „Mir iſt das Auge beinahe ausgeſchlagen worden,“ ſagte Piton. „Und Alles dies umſonſt,“ fügte Billot bei. „Nun, meine Kinder, wenn Ihr ſtatt zu zehn, fünfzehn, zwanzig von Eurem Mulhe zu ſein, zu zwei⸗ hundert, dreihundert geweſen wäret, ſo würdet Ihr den Unglücklichen ſeinem gräßlichen Tode entriſſen und der Nation einen Flecken erſpart haben. Darum, ſtatt daß Du nach dem Lande zurückkehrſt, das ziemlich ruhig iſt, darum verlange ich von Dir, ſo weit ich etwas von Dir verlangen kann, mein Freund, daß Du in Paris bleibeſt, damit ich unter der Hand einen ſtarken Arm, ein rechtſchaffenes Herz habe, damit ich meinen Geiſt und mein Werk auf dem redlichen Probir⸗ ſtein Deines geſunden Verſtandes und Deiner reinen Vaterlandsliebe verſuche; damit endlich, wenn ich, nicht Gold, denn wir haben keines, die Liebe für das Vater⸗ land und das öffentliche Wohl verbreite, Du mein Agent bei einer Menge von unglücklichen Verirrten ſein mögeſt, damit Du mein Stab ſeiſt, wenn ich aus⸗ geglitſcht bin, mein Stock, wenn ich zu ſchlagen haben werde.“ „Der Hund eines Blinden,“ ſagte Billot mit einer erhabenen Einfachheit. „Ganzrichtig,erwiederte Gilbert mit demſelben Ton. „Nun denn, ich nehme das an,“ ſprach Billot;„ich werde ſein, was Sie verlangen.“ „Ich weiß, daß Du Alles verläſſeſt, Vermögen, Frau, Kinder, Glück, Billot! Doch ſey unbeſorgt, das wird nicht für lange ſein.“ „Und ich,“ fragte Pitvu,„was werde ich thun?“ „Du, erwiederte Gilbert, indem er das naive, kräftige, wenig mit dem Verſtande prahleriſche Kind anſchaute, „Du wirſt nach Piſſeleur zurücktehren, um die Familie von Billot zu tröſten und ihr die heilige Sendung zu erklären, die er unternommen hat.“ „Auf der Stelle!“ rief Pitoug bebend vor Freude bei dem Gedanken, zu Catherine zurückzukehren. „Billot,“ ſagte Gilbert,„geben Sie ihm ſeine Inſtructionen.“ „Höre,“ ſprach Billot. „Ich höre.“ „Catherine iſt von mir zur Gebieterin des Hauſes ernannt. Verſtehſt Du?“ Co wi er mi Vil gib den aus und und die füh in i lch ſtatt nlich tich inen tich bir⸗ inen nicht ter⸗ mein rten aus⸗ aben iner Ton. „ich gen, das n?“ tige, aute, nilie 8 zu eude ſeine uſes 23 „Und Frau Billot?“ verſetzte Piton, ein wenig erſtaunt über dieſe Uebergehung der Mutter zu Gunſten der Tochter. „Pitou,“ ſprach Gilbert, der die Idee von Billot nach einer dem Familienvater zur Stirne geſtiegenen, leichten Nöthe aufgefaßt hatte,„erinnere Dich des arabiſchen Sprüchworts: Hören iſt gehorchen.“ Pitou erröthete ebenfalls; er hatte ſeine Indis⸗ eretion beinahe begriffen und gefühlt.“ „Catherine iſt der Geiſt der Familie,“ ſprach Billot ohne Umſtände, um ſeine Gedanken zu punktiren. Gilbert verbeugte ſich beipflichtend. „Iſt das Alles?“ fragte das Kind. „Für mich, ja,“ antwortele Billot. „Aber nicht für mich,“ ſagte Gilbert. „Ich höre,“ erwiederte Pitou, geneigt, das ein paar Minuten vorher von Gilbert angeführte arabiſche Sprüchwort in Ausübung zu bringen. „Du wirſt mit einem Briefe von mir nach dem Collége Louis⸗le⸗Grand gehen,“ fuhr Gilbert fort;„Du wirſt dieſen Brief dem Abbeé Berardier einhändigen; er wird Dir Sebaſtian übergeben, Du wirſt ihn zu mir bringen, ich umarme ihn und Du führſt ihn nach Villers⸗Cotterete, wo Du ihn dem Abbé Fortier über⸗ gibſt, damit er mir nicht zu viel Zeit verliert. An den Sonntagen und Donnerſtagen wird er mit Dir ausgehen; laß ihn ohne etwas zu fürchten durch Wald und Flur wandern; es taugt mehr füre meine Ruhe und für ſeine Geſundheit, wenn er dort iſt.“ „Ich habe begriffen,“ rief Pitou, entzückt, zugleich die Freundſchaften aus der Kinderzeit und die unbe⸗ Er ſtand auf und nahm von Gilbert, welcher lächelte, und von Billot, welcher träumte, Abſchied. Dannliefer weg, um Sebaſtian Gilbert, ſeinen Milch⸗ bruber, beim Abbé Berardier zu holen. „Und wir,“ ſagte Gilbert, zu Billot,„wir wollen arbeiten.“ XLIV. Medea. Ein wenig Ruhe war in Verſailles auf die er⸗ ſchrecklichen moraliſchen und politiſchen Aufregungen eirlgt die wir unſern Leſern vor die Augen geſtellt aben. Der König athmete, und während er zuweilen an das dachte, was ſein bourboniſcher Stolz bei dieſer Fahrt nach Paris zu leiden gehabt hatte, tröſtete er ſich mit dem Gedanken ſeiner wiedererlangten Volks⸗ beliebtheit. Während dieſer Zeit organiſirte Herr Necker und verlor ganz ſachte ſeine Popularität. Was den Adel betrifft, ſo fing er an ſeinen Ab⸗ fall oder ſeinen Widerſtand vorzubereiten. Das Volk wachte und wartete. In ſich ſelbſt zurückgezogen, überzeugt, ſie ſey der Zielpunkt alles Haſſes, machte ſich die Königin mittler⸗ weile ſehr klein, ſie verſtellte ſich, denn ſie wußte auch, daß ſie, während ſie der Zielpunkt von vielen Gehäſſig⸗ keiten, zugleich auch das Ziel von vielen Hoff⸗ nungen war. Seit der Reiſe des Königs nach Paris hatte ſie Gilbert kaum wiedergeſehen. Einmal übrigens war er ihr in dem Veſtibule, das nach den Gemächern des Königs führte, begegnet, Und hier, da er ſich tief vor ihr verbeugte, fing ſie zuerſt das Geſpräch an. ilch⸗ llen er⸗ igen tellt an eſer s⸗ und Ab⸗ der ler⸗ uch⸗ ſſig⸗ off⸗ ſie ule, net. fing — 25 „Guten Morgen, mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie gehen zum König?“ Dann fügte ſie mit einem Lächeln bei, unfer dem eine gewiſſe Färbung von Ironie durchbrang: „Als Rath oder als Arzt?“ „Als Arzt, Madame,“ antwortete Gilbert.„Ich habe heute den Dienſt.“ Sie winkte Gilbert, ihr zu folgen. Gilbert gehorchte. eide traten in einen kleinen Salon ein, der vor dem Zimmer des Königs kam. „Nun! mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie ſehen wohl, daß Sie mich täuſchten, als Sie mich neulich, bei Ge⸗ legenheit der Fahrt nach Paris, verſicherten, der König laufe keine Gefahr.“ „Ich, Madame?“ verſetzte Gilbert erſtaunt. „Allerdings; iſt nicht auf den König geſchoſſen worden?“ das ſagt? Herr von Beauvau, Herr d'Eſtaing, die Ihren ziereiſſenen Rock, Ihr durchlöchertes Jabot ge⸗ „Die Kugel, die Sie geſtreift hat, mein Herr, König wohl tödten, wie ſie die arme Frau getödtet hat; denn die Mörder wollten weder Sie, noch ie arme Frau tödten.“ nIch glaube nicht an ein Verbrechen,“ erwiederte Gilbert zögernd. Das mag ſein. Doch ich, ich glaube daran,“ ſprach die Königin, Gilbert feſt anſchauend. „In jedem Fall, wenn es ein Verbrechen geweſen iſt, darf man es nicht dem Volke zuſchreiben.“ „Die Königin heftete ihren Blick noch ſchärfer auf Gilbert. „Ah!“ ſagte ſie,„und wem muß man es denn zu⸗ ſchreiben? Sprechen Sie.“ „Madame,“ fuhr Gilbert den Kopf ſchüttelnd fort, „ich ſehe und ich ſtudire das Volk. Das Volk, wenn es in Revolutionszeiten mordet, das Volk tödtet mit ſeinen eigenen Händen; es iſt dann der Tiger in Wuth, der gereizte Löwe. Der Tiger und der Löwe nehmen keine Mittelsperſon, keinen Agenten zwiſchen der Gewalt und dem Opfer; ſie tödten, um zu tödten; ſie vergießen das Blut, um es zu vergießen; fie lieben es, ihren Zahn damit zu färben, ihre Klaue darein zu tauchen.“ „Zurbn ſ wahr? Aber iſt nicht Fleſſelles mit einem Piſtolen⸗ ſchuß getödtet worden? Ich habe es wenigſtens ſagen hören; doch im Ganzen,“ fuhr die Königin mit Ironie fort,„vielleicht iſt das nicht wahr, wir find ſo ſehr mit Schmeichlern umgeben, wir gekrönten Häupter.“ Gilbert ſchaute ſeinerſeits die Königin feſt an und ſagte: nd Foulon und Berthier Zeugen, nicht „Oh! bei dieſem glauben Sie ebenſo wenig als ich, Madame, daß ihn das Volk getödtet hat. Bei dieſem gab es Leute, welche dabei intereſſirt waren, daß er ſtarb.“ Die Königin dachte nach. „Das iſt in der That möglich,“ ſprach ſie. „Somit...“ verſetzte Gilbert, indem er ſich ver⸗ beugte, als wollte er die Königin fragen, ob ſie ihm noch etwas zu ſagen habe. „Ich begreife, mein Herr,“ ſprach die Königin, während ſte den Doctor ſanft durch eine beinahe freund⸗ ſchaftliche Geberde zurückhielt.„Wie dem auch ſein mag, laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß Sie den König nie ſo wirklich mit Ihrer Kunſt retten werden, als Sie ihn mit Ihrer Bruſt gerettet haben.“ Gilbert verbeugte ſich zum zweiten Mal. Doch da er ſah, daß die Königin blieb, blieb er auch⸗ „Ich hätte Sie wiederſehen müſſen,“ ſagte ſie nach einer Pauſe von einem Augenblick. ce9 8 8— je M zur mit Vat ein wel bert nzu⸗ fort, es in einen „der keine ewalt ießen Zahn nicht olen⸗ ſagen ronie ſehr r t an ieſem arb.“ ver⸗ ihm tigin, eund⸗ ſein dönig 3 Sie auch. nach „Eure Majeſtät bedurfte meiner nicht.. „Sie ſind beſcheiden.“ „Ich möchte es nicht ſein.“ „Warum?“ „Wäre ich weniger beſcheiden, ſo wäre ich auch weniger ſchüchtern und folglich mehr geeignet, meinen reunden zu dienen oder Feinden zu ſchaden.“ „Warum ſagen Sie: Meine Freunde, und ſagen Sie nicht: Meine Feinde?“ „Weil ich keine Feinde habe, oder vielmehr, weil ich nicht anerkennen will, daß ich habe, von meiner Seite wenigſtens.“ Die Königin ſchaute ihn erſtaunt an. „Damit will ich ſagen,“ fuhr Gilbert fort,„die⸗ jenigen ſeien allein meine Feinde, welche mich haſſen, ich aber Niemand.“ eil?“ „Weil ich Niemand mehr liebe, Madame.“ „Sind Sie ehrgeizig, Herr Gilbert?“ „Ich habe einen Augenblick gehofft, es zu werden, Madame.“ „Und„ „Und dieſe Leidenſchaft iſt in meinem Herzen nicht zur Reife gekommen, wie alle andere.“ „Es bleibt Ihnen jedoch eine,“ ſprach die Königin einer Art von ironiſchen Feinheit. „Mir, Madame? Und welche, guter Gott?“ i Vaterlandsliebe.“ Gilbert verbeugte ſich. „Oh! das iſt wahr,“ ſprach er,„ich bete mein Vaterland an und werde ihm alle Opfer bringen.“ „„Ach!“ ſagte die Königin mit einem unbeſchreib⸗ lichen Zauber der Schwermuth,„es gab eine Zeit, wo ein Franzoſe dieſen Gedanken nie mit den Worten, welche Sie angewendet, ausgedrückt hätte.“ „Was will die Fönigin damit ſagen?“ fragte Gil⸗ bert ehrerbietig. mi — 28 „Ich will damit ſagen, mein Herr, daß es in der Zeit, von der ich rede, unmöglich war, ſein Vaterland zu lieben, ohne zugleich ſeinen König und ſeine Königin zu lieben.“ Gilbert erröthete, verbeugte ſich und fühlte in ſeinem Herzen etwas wie einen Schlag von jener Elektricität, welche in ihren verführeriſchen Vertraulichkeiten die Königin ausſpendete. „Sie antworten nicht, mein Herr,“ ſprach ſie. „Madame,“ erwiederte Gilbert,„ich darf mich rühmen, daß ich die Monarchie mehr als irgend Je⸗ mand liebe.“ „Sind wir in einer Zeit, mein Herr, wo es ge⸗ nügt, zu ſagen, und wäre es nicht beſſer, zu thun?“ „Madame,“ entgegnete Gilbert erſtaunt,„ich bitte Eure Majeſtät, zu glauben, daß ich Alles, was der König oder die Königin befehlen wird...“ „Sie werden es thun, nicht wahr?“ „Sicherlich, Madame.“ „Damit, daß Sie es thun, werden Sie nur eine Pflicht erfüllt haben, mein Herr,“ ſprach die Königin, welche unwillkürlich wieder ein wenig von ihrem ge⸗ wöhnlichen Stolze annahm. „Madame. „Gott, der den Königen die Allmacht gegeben hat,“ fuhr Marie Antvinette fort,„hat ſie von der Verbind⸗ lichkeit, gegen diejenigen, welche nur ihre Pflicht erfüllen, dankbar zu ſein, freigeſprochen.“ „Ach! ach! Madame,“ entgegnete Gilbert,„die Zeit naht heran, wo Ihre Diener mehr als Ihre Dankbar⸗ keit verdienen werden, wenn ſie nur ihre Pflicht thun wollen.“ „Was meinen Sie damit, mein Herr?“ „Ich meine, Madame, daß Sie in dieſen Tagen der Unordnung und der Zerſtörung vergebens da Freunde ſuchen werden, wo Sie Diener zu finden gewohnt find. Bitten Sie Gott, Madame, er möge Ihnen andere ge n der rland nigin einem cität, die mich Je⸗ s ge⸗ bitte könig eine igin, ge⸗ hat,“ bind⸗ üllen, e Zeit kbar⸗ thun agen eunde ſind⸗ ndere 29 Diener, andere Stützen, andere Freunde ſchicken, als diejenigen, welche Sie haben.“ „Kennen Sie ſolche?“ „Ja, Madame.“ „So bezeichnen Sie mir dieſelben.“ „Madame, ich, der ich mit Ihnen ſpreche, war geſtern Ihr Feind.“ „Mein Feind, und warum dies?“ „Weil Sie mich einſperren ließen.“ „Und heute?“ „Heute, Madame,“ antwortete Gilbert, ſich ver⸗ beugend,„heute bin ich Ihr Diener.“ „Und der Endzweck?“ „Madame 4 „Der Endzweck, in welchem Sie mein Diener ge⸗ worden ſind? Es liegt nicht in Ihrer Natur, mein Herr, ſo ſchnell Meinungen, Glauben oder Neigungen zu wechſeln. Sie ſind ein tiefer Mann in den Erinne⸗ rungen, Herr Gilbert, Sie wiſſen Ihre Rache fortdauern zu laſſen. Auf! nennen Sie mir den Endzweck Ihrer Veränderung.“ „Madame, Sie haben mir ſo eben vorgeworfen, ich liebe mein Vaterland zu ſehr.“ „Man liebt es nie zu ſehr, mein Herr; es handelt nur darum, zu wiſſen, wie man es liebt. Ich, ich liebe mein Vaterland.(Gilbert lächelte.) Oh! keine falſche Auslegung, mein Herr; mein Vaterland iſt Frankreich, ich habe es adoptirt. Eine Deutſche durch das Blut, bin ich Franzöſin durch das Herz. Ich liebe Frank⸗ reich; doch ich liebe es durch den König, ich liebe es durch die dem Gott, welcher es geheiligt hat, ſchuldige Ehrfurcht. Nun Sie „Ich, Madame?“ „Ja, Sie. Ich begreife, nicht wahr, bei Ihnen iſt es nicht daſſelbe. Sie lieben Frankreich einzig und allein Frankreichs wegen.“ „Madame,“ antwortete Gilbert ſich verbeugend,„ich wurde der Achtung gegen Eure Majeſtät ermangeln, wenn ich der Freimüthigkeit ermangelte.“ „Oh!“ rief die Königin,„abſcheuliche, gräßliche Zeit, wo alle Leute, welche redlich zu ſein behaupten, L zwei Dinge trennen, die ſich nie verlaſſen haben,„ f zwei Principien, welche immer mit einander gegangen k ſind: Frankreich und ſein König. Doch haben Sie K nicht ein Trauerſpiel von einem Ihrer Dichter, in dem man ₰ eine von Allen verlaſſene Königin fragte: Was bleibt a di g le Euch? Worauf ſie antwortet: Ich! Nun denn, ich bin wie Medea, ich bleibe mir, und wir werden ſehen.“ Und ſie ging zornig weiter und ließ Gilbert ganz erſtaunt zurück. Sie hatte vor ihm, durch den Hauch ihres Zornes Ut eine Ecke von dem Schleier gelüftet, hinter welchem Fr ſich das ganze Werk der Gegenrevolution ausarbeitete. lic „Ah!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, während er beim König eintrat,„die Königin geht mit einem Projecte An um.“ 1 „Oh!“ ſagte die Königin zu ſich ſelbſt, während ſie in ihre Gemächer zurückkehrte,„es iſt offenbar nichts hat mit dieſem Menſchen zu machen. Er hat die Stärke, ein er hat nicht die Ergebenheit.“ hel Arme Fürſten! bei denen das Wort Ergebenheit gleichbedeutend mit dem Worte Servilität iſt. ſchi real Xv. und Was die Königin wollte. Gilbert kam von Herrn von Necker zurück, nachden herr er den König ſo ruhig geſehen, als er die Königin auß⸗ geregt geſehen. Sch Der König machte Perioden, der König baute eln, iche ten, ben,„ igen Sie man leibt bin 70 ganz rnes chem tete. beim jecte rend ichts ärke, nheit chem auf⸗ baute 31 Zahlen und Rechnungen, der König ſann auf Reformen in den Geſetzen. Dieſer Mann von gutem Willen, mit ſanftem Blick und reblicher Seele, deſſen Herz, wenn es ver⸗ fälſcht war, es durch die dem königlichen Stande an⸗ klebenden Vorurtheile war, dieſer Mann ſetzte ſeinen Kopf auf, Armſeligkeiten wieberzuerlangen, für die Hauptdinge, die man ihm nahm. Er ſetzte den Kopf auf, den Horizont mit ſeinem kurzſichtigen Blick zu durchdringen, während der Abgrund unter ſeinen Füßen gähnte. Dieſer Mann flößte Gilbert ein tiefes Mit⸗ leiden ein. Bei der Königin war es nicht ſo, und trotz ſeiner Unempfindlichkeit fühlte Gilbert, daß ſie eine von den rauen war, die man leidenſchaftlich lieben oder tödt⸗ lich haſſen muß. In ihre Gemächer zurückgekehrt, fühlte es Marie Antoinette wie eine ungeheure Laſt, die ſich auf ihr Herz niedergeſenkt hatte. Und in der That, weder als Frau, noch als Königin hatte ſie etwas Haltbares um ſich her, etwas, was ihr einen Theil der Bürde, die ſie niederdrückte, tragen elfen würde. Auf welche Seite ſie auch die Augen wandte, ſie chien ein Zögern oder einen Zweifel zu ſehen. ie Höflinge beſorgt für ihr Vermögen und realiſirend. Die Freunde und die Verwandten an die Ver⸗ bannung denkend. Die ſtolzeſte Frau, Andrse, ſich allmälig mit Leib und Seele entfernend. Der edelſte und Charnh verl i ieſe Lage beunruhigte ſie, ſie, den In inct und Scharffinn ſelbſt. geliebteſte Mann von allen, Charnh, etzt durch eine Laune und vom Zweifel be⸗ Wie hatte ſich dieſer reine Mann, wie hatte ſich dieſes Herz ohne Beimiſchung plötzlich geändert? „Nein, er hat ſich noch nicht geändert,“ ſagte ſich da ſeufzend die Königin,„er iſt im Begriff, ſich zu än⸗ A dern.“ Er iſt im Begriff, ſich zu ändern! Eine ſchreck⸗ liche Ueberzengung für die Frau, welche mit Leiden⸗ ſchaft liebt, unerträglich für die Frau, welche mit ſei Stolz liebt. ¹ Die Königin liebte aber Charny zugleich mit Lei⸗ denſchaft und mit Stolz. fä 1 Die Königin litt alſo durch zwei Wunden. hů 1 Und in dem Angenblick, zu welchem ſie gelangt war, in dem Augenblick, wo ſie das Böſe, das ſie ge⸗ ma than, das Unrecht, das ſie gehabt, wahrgenommen hatte, war es gleichwohl noch Zeit, es wieder gut zu machen. Doch es war kein geſchmeidiger Geiſt, der Geiſt dieſer gekrönten Frau. Sie konnte ſich nicht entſchlie⸗ ßen, ſelbſt bei einer ungerechtigkeit, ſich zu beugen; die einem Gleichgültigen gegenüber hätte ſie vielleicht Seelengröße gezeigt oder zeigen wollen, und dann würde grö ſie vielleicht um Verzeihung gebeten haben. Aber dem⸗ jenigen, welchen ſie mit einer zugleich ſo lebhaften und gro ſo reinen Zuneigung beehrt, demjenigen, welchen ſie zur St Theilnahme an ihren geheimſten Gedanken zugelaſſen ſich hatte, glaubte die Königin nicht die geringſte Einräu⸗ mung machen zu müſſen. hun Das Unglück der Königinnen, welche einen Unter⸗ b thanen zu lieben ſich herablaſſen, iſt, daß ſie ihn immer em als Königinnen und nie als Frauen lieben. Dieſe ſchätzte ſich zu einem ſo hohen WVerthe, daß nh ſie glaubte, nichts Menſchliches könne ihre Liebe be⸗ ſe zahlen, nicht einmal das Blut, nicht einmal die Thränen, A Von dem Augenblick, wo ſie ſich eiferſüchtig au n Andrée gefühlt, hatte ſie moraliſch ſich zu verringern entd angefangen. Folge ihrer Verringerung, ihre Launen. 33 Folge ihrer Launen, ihr Zorn. Folge endlich ihres Zornes, die ſchlimmen Ge⸗ danken, welche die ſchlimmen Handlungen nach ſich ziehen. Charnh gab ſich durchaus keine Rechenſchaft von Allem dem, was wir hier geſagt haben, aber er war Menſch, und er hatte begriffen, daß Marie Antvinette eiferſüchtig war, und zwar mit Unrecht eiferſüchtig auf ſeine Frau. Auf ſeine Frau, die er nie angeſchaut. Nichts empört ein redliches und zum Verrath un⸗ fähiges Herz mehr, als zu ſehen, daß man es für fähig hält, zu verrathen. Nichts iſt ſo geeignet, die Aufmerkſamkeit auf Je⸗ mand zu lenken, als die Eiferſucht, mit der dieſer Je⸗ mand beehrt wird. Beſonders, wenn dieſe Eiferſucht ungerecht iſt. Dann denkt derjenige, welchen man beargwohnt, nach. Er ſchaut abwechſelnd das eiferſüchtige Herz und die eiferſüchtige Perſon an. Je größer die Seele des Eiferſüchtigen iſt, beſto größer wird die Gefahr, in die er ſich wirft. In der That, wie ſoll man ſich vorſtellen, ein großes Herz, ein erhabener Verſtand, ein gerechter Stolz, wie ſoll man ſich vorſtellen, dies Alles werde ch um nichts oder um ſehr wenig beunruhigen? Der Eiferſüchtige iſt nichts Anderes, als der Leit⸗ hund, der die Verdienſte aufſpürt, welche der gleich⸗ gültige Jäger, während er ſeines Weges ging, nicht bemerkt hakte. Charny wußte, daß Fräulein Andrée von Taver⸗ ney, eine alte Freundin der Königin, einſt von ihr gut behandelt, immer von ihr bevorzugt war. Warum liebte ſie Marie Antvinette nicht mehr? warum war Marie Antvinette eiferſüchtig auf ſie? Sie hatte alſo irgend ein Schönheitsgeheimniß entdeckt, welches er, Charny, nicht entdeckt hatte, ohne Zweifel, weil er es nicht geſucht? Ange Pityn U. 3 34 Sie hatte alſo gefühlt, Charny könnte dieſe Frau anſchauen, und ſie würde etwas dabei verlieren, daß ſie Charny anſchaute? Oder ſollte ſie vielleicht zu bemerken geglaubt haben, Charny liebe ſie weniger, ohne daß eine äußere Urſache dieſe Liebe vermindert? Nichts iſt nachtheiliger für die Eiferſüchtigen, als die Kenntniß, die ſie den Andern von der Temperatur dieſes Herzens geben, das ſie in ſeiner größten Wärme zu erhalten trachten. Wie oft geſchieht es, daß der geliebte Gegenſtand durch Vorwürfe über ſeine Kälte von der Kälte unter⸗ richtet wird, die er zu empfinden anfing, ohne ſich dar⸗ über Rechenſchaft zu geben. Und wenn er das ſieht, wenn er die Wahrheit des Vorwurfs fühlt, ſagen Sie, Madame, wie oft haben Sie geſehen, daß er ſich zurückführen läßt, wie oft zündet er die erlöſchende Flamme wieder an? Ohungeſchicklichkeit der Liebenden! Es iſt allerdings wahr, daß da, wo viel Geſchicklichkeit iſt, nie genug Liebe iſt. Marie Antoinette hatte alſo ſelbſt Charny durch ihren Zorn und durch ihre Ungerechtigkeiten belehrt, es ſei etwas weniger Liebe im Grunde ſeines Herzens. Und ſobald er dies wußte, ſuchte er die Urſache, indem er umherſchaute, und unter ſeinem Blick fand er ganz natürlich die Urſache der Eiferſucht der Königin⸗ Andrée, die arme verlaſſene Andrée, Gattin, ohne Frau zu ſein. Er beklagte Andrée. Die Scene bei der Rückkehr von Paris hatte ihm das tiefe, vor Aller Augen verborgene Eiferſuchtsge⸗ heimniß entdeckt. Sie auch, die Königin ſah auch, daß Alles en⸗ deckt war, und da ſie ſich nicht vor Charny beugen wollte, wandte ſie ein anderes Mittel an, das ſie nach ihrer Meinung zu demſelben Ziele führen mußte. Frau daß ben, ache ache, als atur irme tand nter⸗ dar⸗ tdes aben oft ings enug urch ehrt, zens. ache, fand igin⸗ ohne ihm tsge⸗ eni⸗ ugen nach 35 Sie fing wieber an Andrée gut zu behanbeln. Sie ließ ſie bei allen ihren Promenaden, bei allen ihren vertrauten Abendgeſellſchaften zu; ſie überhäufte ſie mit Liebkoſungen; ſie machte, daß ſie von allen andern Frauen beneidet wurde. Und Andrée ließ gewähren, mit Erſtaunen, aber ohne Dankbarkeit. Sie hatte ſich ſeit langer Zeit ge⸗ ſagt, ſie gehöre der Königin, die Königin könne mit ihr machen, was ſie wolle, und ſie ließ ſie machen. Als Entſchädigung, da die Gereiztheit der Frau auf Jemand fallen mußte, fing die Königin an Charny ſehr zu mißhandeln. Sie ſprach nicht mehr mit ihm; ſie fuhr ihn an; ſie gab ſich den Anſchein, als brächte ſie Abende, Tage, Wochen hin, ohne zu bemerken, daß er anweſend war. ur, wenn er abweſend war, ſchwoll ihr Herz an; ihre Augen irrten unruhig umher und ſuchten den⸗ jenigen, von welchem ſie ſich abwandten, ſobald er es bemerken konnte. edurfte ſie eines Arms, hatte ſie einen Befehl zu geben, hatte ſie ein Lächeln zu verlieren, ſo war es fuͤr den Erſten den Beſten. Dieſer Erſte der Beſte ermangelte übrigens nie, ein ſchöner und ausgezeichneter Mann zu ſein. Die Königin glaubte ſich von ihrer Wunde zu heilen, indem ſie Charny verwundete. ieſer litt und ſchwieg. Er war ein mächtiger Mann gegen ſich ſelbſt. Richt eine Bewegung des Zornes oder der Ungeduld entſchlüpfte ihm während dieſer gräßlichen Marter. Man ſah dann ein ſeltſames Schauſpiel, ein Schau⸗ ſpiel, das nur die Frauen zu geben und zu begreifen vermögen. Andree fühlte Alles, was ihr Gatte litt, und da hin nt jener ſengeliſchen liebte, welche nie Hoffnung gefa atte, ſo beklagte ſie ihn und bezeigte es 3* Aus dieſem Mitleid ging 36 eine ſanfte, theilnehmende Annäherung hervor. Sie ſuchte Charny zu tröſten, ohne ihn ſehen zu laſſen, ſie begreife Troſtes. Alles geſchah mit jenem Zartgefühl, das Bedürfniß des Und dies man weiblich nennen könnte, inſofern dazu fähig ſin Marie Antvinette, welche „er habe dieſes die Weiber allein zu theilen ſuchte, um zu herrſchen, bemerkte, daß ſie einen falſchen Weg einge⸗ ſchlagen hatte, und daß ſie, ohne es 3 einander näher brachte, welche ſie ger ſchiedene Rittel getrennt hätte. Sie hatte dann, d und in der Einſamkeit lungsanfälle, von ſeinen K w elche Gott einen ſe räften geben müßten, ſchaffen, welche ſtark genug ſind, um zu ertragen. 8 Die König terlegen ſein ſorgniſſen ih Derjenige, d ſind, beilagt ſich nicht Dies w Tage lebte, unumſchränkte Ausübung i zunehmen. „ wäre ſie nicht ſo gew rer Politik in Anſpruch u wollen, Seelen n durch ganz ver⸗ ije arme Frau, in der Stille der Nächte jene Verzweif⸗ hr hohen Begriff da er Weſen ge⸗ ſolche Prüfungen in würde ſicherlich ſo vielen Leiden un⸗ altig von den Be⸗ genommen worden. eſſen Glieder von der Müdigkeit gelähmt über die Härte ſeines Bettes. waren die Umſtände, in welchen die Königin ſeit der Rücktehr des Königs nach Verſailles bis zum wo ſie im Ernſte darauf bedacht war, die In ihrem ihrer Macht die Entwerthung zu, welche die Frau ſeit einiger Zeit zu erleiden ſchien. thätigen Geiſt war denken handeln. Sie Für dieſen ging an's W Ach! dieſes Werk, zu Verderbens Stolze ſchrieb ſie nä hrer Gewalt wieder auf⸗ mlich dem Verfalle erk ohne einen Augenblick zu verlieren. dem ſie ſchritt, war das ihres e n, 6 16 in zu e⸗ er⸗ ille if⸗ riff ge⸗ gen un⸗ Be⸗ den. hmt . igin zum „die auf⸗ falle ſeit Sie en. ihres XLVI. Das Regiment Flandern. Zum Unglück für die Königin waren alle die That⸗ ſachen, die wir geſehen, Unfälle, gegen welche eine feſte und geſchickte Hand Mittel anwenden konnte. Man brauchte nur ſeine Kräfte zu concentriren. Die Königin, als ſie ſah, daß ſich die Pariſer in Militäre verwandelt hatten und Krieg führen zu wollen ſchienen, beſchloß, ihnen zu zeigen, was ein wahrer Krieg ſei. „Bis jetzt haben ſie es nur mit den Invaliden der Baſtille, mit ſchlecht unterſtützten und ſchwankenden Schweizern zu thun gehabt; man wird ihnen zeigen, wie es mit ein paar tüchtigen gut royaliſtiſchen und gut inſtruirten Regimentern iſt. „Vielleicht gibt es irgendwo eines von den Regi⸗ mentern, welche ſchon die Aufſtände aus dem Felde ge⸗ ſchlagen und das Blut in den Convulſionen des Bür⸗ gerkriegs vergoſſen haben. Man wird eines von dieſen Regimentern kommen laſſen, das bekannteſte. Die Pariſer werden dann begreifen, daß ſie abzuſtehen haben, und das wird die einzige Zuflucht ſein, die man ihnen für ihr Heil läßt.“ Das war nach allen Streitigkeiten der National⸗ verſammlung und des Königs für das Vetv. Der König hatte zwei Monate lang gekämpft, um wieder einen Fetzen Souveränetät zu erwiſchen; er hatte, in Verbindung mit dem Miniſter Mirabeau, die repu⸗ blikaniſche Begeiſterung, welche das Königthum in Frantreich vertilgen wollte, zu neutraliſtren geſucht. Die Königin hatte ſich bei dieſem Kampfe abgt⸗ nutzt, abgenutzt beſonders, weil ſie den König hatte unterliegen ſehen. Der König hatte bei dieſem Streite ſeine ganze Macht und den Reſt ſeiner Popularität verloren. Die Königin hatte einen Beinamen, einen Spottnamen gewonnen. Gines von jenen für das Ohr des Volkes fremden Wörtern, was gerade hiedurch dem Ohre des Volkes ſchmeichelt, ein Rame, der noch keine Beleidigung war, aber die blutigſte von allen werden ſollte. Ein Witz⸗ wort, das ſich ſpäter in ein Blutwort verwandelte. Man hieß ſie Madame Veto. Dieſer Name ſollte⸗ auf dem Flügel der revolutio⸗ nären Lieder getragen, vie Unterthanen und die Freunde von denjenigen erſchrecken, welche, indem ſie nach Frank⸗ reich eine deutſche Königin ſandten, mit Recht darüber ſich wunderten, vaß man ſie mit dem Namen Oeſter⸗ reicherin ſchmähte. Dieſer Name ſollte in Paris, bei den wahnſinnigen Runden, an Tagen der Metzelei, die letzten Schreie, den ſcheußlichen Todeskampf der Opfer begleiten. Marie Antvinette hieß fortan Madame Veto bis zu dem Tage, wo ſie die Witwe Capet heißen ſollte. Das war ſchon das dritte Mal, daß ſie ihren Namen wechſelte. Nachdem man ſie die Oeſterreicherin genannt, hatte man ſie Madame Deſicit genannt. Nach den Kämpfen, bei welchen die Königin undinnen durch das nahe Bevorſtehende ihrer eigenen Gefahr zu intereſſiren verſucht hatte, hatte ſie nur bemerkt, daß ſechzigtauſend Päſſe im Stadthauſe verlangt worden waren. aris und von Frank⸗ Sechzigtauſend Notable von P reich waren abgereiſt, um im Ausland mit den Freun⸗ d den Verwandten der Königin zuſammen⸗ ihre Freu dinnen un zutreffen. Ein ſehr ſchlagendes Beiſpiel, das auch die Kö⸗ nigin geſchlagen hatte! Von dieſem Augenblicke an ſann ſie auch auf nichts Anderes mehr, als auf eine geſchickt abgekartete Flucht, auf eine Flucht unterſtützt, zur Noth, durch die Gewalt, auf eine Flucht, an deren Ende die Rettung wäre, wo⸗ nach die in Frankreich gebliebenen Treuen den Bürger⸗ *— e er r⸗ en ie, is in gin rer uſe nk⸗ un⸗ en⸗ chts cht, alt, wo⸗ ger⸗ 39 machen, das heißt, die Revolutionären beſtrafen önnten. Der Plan war nicht ſchlecht. Er wäre ſicherlich gelungen; aber hinter der Königin wachte auch der böſe Geiſt. Seltſames Verhängniß! Dieſe Frau, welche ſo große Zuneigungen einflößte, fand nirgends die Ver⸗ ſchwiegenheit. Man wußte in Paris, daß ſie fliehen wollte, ehe ſie ſich ſelbſt davon überzeugt hatte. Von dem Augenblick an, wo man es wußte, be⸗ merkte Marie Antvinette nicht, daß ihr Plan unaus⸗ führbar geworden war. Indeſſen kam ein durch ſeine royaliſtiſchen Sym⸗ pathien bekanntes Regiment, das Regiment Flandern, in Eilmärſchen gegen Paris. Dieſes Regiment war von der Municipalität von Verſailles verlangt worden, welche, abgemattet durch den außerordentlichen Wachdienſt, beſonders durch die nothwendige Aufmerkſamkeit um das Schloß her, un⸗ abläſſig bedroht durch die Austheilung von Lebens⸗ mitteln und durch die ſich raſch folgenden Aufſtände einer anderen Macht bedurfte, als der Nationalgarde und der Milizen. Das Schloß hatte ſchon Mühe genug, ſich ſelbſt zu vertheidigen. Dieſes Regiment Flandern, ſagen wir, kam an, und damit es ſogleich das Anſehen erlangte, mit dem man es zu bekleiden ſuchte, mußte ein beſonderer Empfang die Aufmerkſamkeit des Volks auf daſſelbe lenfen. Der Admiral d'Eſtaing verſammelte die Officiere der Nationalgarde, ſowie alle die der in Verſailles anweſenden Corps, und zog ihm entgegen. Das Regiment hält in Verſailles einen feierlichen Einzug mit ſeinen Kanonen, mit ſeinen Parks und Gepäckwagen. um dieſen Punkt, der der Centralpunkt geworden 40 iſt, gruppiren ſich in Menge junge Edelleute, welche keiner beſtimmten Waffe angehörten. Sie wählen unter ſich eine Uniform, um ſich zu erkennen, ſchließen ſich an alle Officiere außerhalb der Cadres, an alle Ritter vom heil. Ludwigsorden an, welche die Gefahr oder die Vorſicht nach Verſailles führen; von da verbreiten ſie ſich in Paris, das ſo⸗ dann zu ſeinem tiefen Erſtaunen dieſe neuen Feinde friſch, unverſchämt und aufgeblaſen von einem Ge⸗ heimniß ſieht, welches ihnen bei Gelegenheit ent⸗ ſchlüpfen ſoll. Von dieſem Augenblick an konnte der König ab⸗ reiſen. Er wäre unterſtützt, beſchützt geweſen auf ſei⸗ ner Reiſe, und noch unwiſſend und ſchlecht vorbereitet, hätte ihn Paris vielleicht abgehen laſſen. Doch der böſe Genius der Oeſterreicherin wachte immer. Lüttich empörte ſich gegen den Kaiſer, und die Be⸗ ſchäftigung, welche dieſe Empörung in Oeſterreich gab, verhinderte, daß man an die Königin von Frankreich dachte. Dieſe glaubte überdies aus Zartheit in einem ſolchen Augenblick ſich enthalten zu müſſen. Da ſetzten die Dinge, denen der Impuls gegeben war, ihren Lauf mit einer entſetzlichen Schnelligkeit fort. Nach der Huldigung, die man dem Regimente Flan⸗ dern dargebracht hatte, beſchloſſen die Gardes⸗du⸗corys, es ſollte ein Mittagsmahl den Offſtcieren dieſes Regi⸗ ments geboten werden. Dieſes Mahl, dieſes Feſt wurde auf den 1. Oeto⸗ per feſtgeſetzt. Alles, was ſich von Bedeutung in der Stadt fand, wurde eingeladen. um was handelte es ſich? von Flandern zu fraterniſiren? Warum hätten die Soldaten nicht unter ſich fraterniſirt, da die Diſtricte und die Provinzen fraterniſirten? Mit den Soldaten —,— — —8 S—— c S=— 8 3 n, 6 0* de t⸗ ei⸗ iem ben ort. an⸗ rps, egi⸗ t⸗ der aten die ricte ———— 41 War es durch die Conſtitution verboten, daß Edel⸗ leute fraterniſirten? Der König war noch der Herr ſeiner Regimeuter und befehligte ſie allein. Er hatte allein das Eigen⸗ thum ſeines Schloſſes in Verſailles. Er hatte allein das Recht, hier nach ſeinem Gutdünken zu empfangen. Warum ſollte er nicht brave Soldaten und wür⸗ dige Edelleute, welche von Douai kamen, wo ſie ſich gut aufgeführt, empfangen? Nichts konnte natürlicher ſeyn. Niemand fiel es ein, darüber zu erſtaunen, und noch viel weniger, ſich zu beunruhigen. Dieſes gemeinſchaftlich eingenommene Mahl ſollte die Zuneigung verkitten, welche ſich unter ſich alle Corps eines franzöſiſchen Heeres beſtimmt, zugleich die Freiheit und das Königthum zu vertheidigen, ſchuldig ſind. Wußte der König übrigens nur, was verabredet war? Seit den erwähnten Ereigniſſen bekümmerte ſich der König, frei in Folge ſeiner Coneceſſionen, um nichts mehr; man hatte ihm die Bürde der Geſchäfte abgenommen. Er wollte nicht mehr regieren, weil man für ihn re⸗ gierte, aber er glaubte ſich nicht den ganzen Tag lang⸗ weilen zu müſſen. Der König, während die Herren von der National⸗ verſammlung beſchnitten und verkürzten, der König jagte. Der König, während die Herren Adeligen und die Herren Biſchöfe am 4. Auguſt auf ihre Taubenhäuſer und ihre Feudalrechte, auf ihre Tauben und Perga⸗ mente verzichteten, der König, der, wie alle Welt, Oyfer bringen wollte, hob ſeine Jagdeapitänſchaft auf, hörte aber darum nicht auf, zu jagen. Während nun die Herren vom Regiment Flandern mit den Gardes⸗du⸗corps ſpeiſten, würde der König auf der Jagd ſein, wie alle Tage. Und die Tafel wäre abgedeckt, wenn er zurückkäme. Das war ihm ſo wenig läſtig und er beläſtigte ſo ——— —— „ 42 wenig, daß man in Verſailles beſchloß, die Königin um den Palaſt zu bitten, um das Mahl zu geben. Die Königin ſah keinen Grund, um die Gaſtfreund⸗ ſchaft den Soldaten von Flandern zu verweigern. Sie gab den Schauſpielſaal, in welchem ſie für dieſen Tag einen Boden zu errichten erlaubte, damit der Platz groß genug für die Soldaten und ihre Gäſte wäre. Eine Königin, wenn ſie franzöſiſchen Edelleuten Gaſtfreundſchaft gibt, gibt ſie ganz. Der Speiſeſaal war da; der Salon fehlte, die Königin bewilligte den Herculesſalon. An einem Donnerſtag, am 1. Oetober, wie wir geſagt haben, wurde das Feſtmahl gegeben, das ſo grauſam in der Geſchichte Unvorſichtigkeiten oder Ver⸗ blendungen des Königthums bezeichnen wird. Der König war auf der Jagd. Die Königin war bei ſich eingeſchloſſen, traurig, nachdenkend und entſchloſſen, nicht ein einziges Zu⸗ ſammenſtoßen der Gläſer, nicht einen Ausbruch der Stimmen zu hören. Ihr Sohn war in ihren Armen. Andrée bei ihr. Zwei Frauen arbeiteten in einer Ecke des Zimmers. Dies ihre Umgebung. Nach und nach erſchienen im Schloſſe die glänzen⸗ den Officiere mit wogenden Federbüſchen und blitzenden Waffen. Die Pferde wieherten an den Gittern der Stäile, die Fanfaren ertönten, die zwei Muſiken von Flandern und der Garden erfüllten die Luft mit Harmonie. Eine bleiche, neugierige, hinterhältiſch unruhige Menge belauerte, analyſirte und commentirte at den Gitrern von Verſailles das freudige Treiben und die Melodien. In einzelnen Wogen, wie die Windſtöße bei einem Sturme, ſtrömten durch die offenen Thüren mit dem luſtigen Gemurmel die Dünſte des guten Mahles aus. g er n⸗ en er on nit ige en die em em us. 43 Es war ſehr unklug, dieſes ausgehungerte Volk den Geruch des Fleiſches und des Weines, dieſes mür⸗ die Freude und die Hoffnung einathmen u laſſen. Das Feſt nahm übrigens ſeinen Fortgang, ohne daß es irgend etwas ſtörte; Anfangs nüchtern und voll Chrfurcht unter ihrer Uniform, plauderten die Officiere leiſe und tranken mäßig. Während der erſten Viertel⸗ ſtunde war es die Ausführung des Programms, wie man es feſtgeſetzt hatte. Es erſchien der zweite Gang. Herr von Luſignan, Oberſt des Regiments Flandern, ſtand auf und ſchlug eine Geſundheit vor: die des Königs, der Königin, des Dauphin und der königlichen Familie. Vier Ausrufungen, bis zu den Gewölben emporge⸗ ſtoßen, ſchlugen von da enifliehend an das Ohr der traurigen Zuſchauer außen. Ein Officier ſtand auf. Vielleicht war es ein Mann von Geiſt und Muth, ein Mann von geſundem Verſtand, der den Ausgang von Allem dem vorherſah, ein aufrichtig dieſer königlichen Familie, der man ſo eben ſo geränſchvoll gehuldigt hatte, ergebener Mann. Er begriff, dieſer Mann, daß man unter allen dieſen Toaſts einen vergaß, der ſich auf eine unge⸗ ſchlachte Weiſe ſelbſt präſentiren würde. Er ſchlug die Geſundheit der Nation vor. Ein langes Gemurre ging einem langen Schrei voran. „Nein, nein,“ antworteten im Chor die Anweſenden. Und die Geſundheit der Nation wurde verworfen. Das Feſtmahl hatte ſo ſeine wahre Richtung, der Strom ſeinen wahren Fall genommen. Man hat geſagt, man ſagt noch, derjenige, welcher dieſen Toaſt vorgeſchlagen, ſei der herausfordernde Agent der entgegengeſetzten Kundgebung geweſen. Wie dem ſein mag, ſein Wort brachte eine ärger⸗ 44 liche Wirkung hervor⸗ Die Nation vergeſſen, das geht noch; aber ſie beſchimpfen, das war zu viel; ſie rächt ſich dafür. Da von dieſem Augenblick an das Eis gebrochen war, da auf das zurückhaltende Stillſchweigen Geſchrei und exaltirte Geſpräche folgten, ſo wurde die Dis⸗ ciplin eine chimäriſche Schamhaftigkeit, man ließ die Dragoner, die Grenadiere, die Hundert⸗Schweizer, Alles, was ſich an gemeinen Soldaten im Schloſſe fand, eintreten. Der Wein kreiſte, er füllte zehnmal die Gläſer, der Nachtiſch erſchien, er wurde geplündert. Die Trunkenheit war allgemein, die Soldaten vergaßen, daß ſie mit ihren Ojſizieren tranken und anſtießen. Das war ein wahrhaft brüderliches Feſt. Ueberall ſchreit man: Es lebe der König! es lebe die Königin. So viel Blumen, ſo viel Lichter, ſo viel Feuer, welche die vergoldeten Gewoͤlbe regen⸗ bogenfarbig erſcheinen ließen, ſo viel frendige, die Stirne erleuchtende Ideen, ſo viel röthliche Blitze ſprangen und vermengten ſich um das Haupt dieſer Braven! Es bot ein Schauſpiel, das ſehr ſüß für die Königin, ſehr beruhigend für den König zu ſehen ge⸗ weſen wäre. Dieſer ſo unglückliche König, dieſe ſo traurige Königin, welche einem ſolchen Feite nicht beiwohnten! Dienſtfertige Diener machen ſich los, laufen zu der Königin, erzählen ihr, übertreiben ihr, was ſie ge⸗ ſehen haben. Da belebt ſich das erloſchene Auge der Frau, ſie ſteht auf. Es gibt alſo noch ein Königthum, eine Zu⸗ neigung in franzöſiſchen Herzen. Es iſt alſo noch Hoffnung vorhanden. Die Königin ſchaut mit einem finſteren, kroſtloſen Blick umher. Vor ihren Thüren fängt die Welt von Dienern an zu kreiſen. Man bittet, man beſchwört die Königin, ie ſen ern gin, 45 einen Beſuch zu machen, nur zu erſcheinen bei dieſem Feſte, wo zweitauſend Begeiſterte durch ihre Vivats den Cultus der Monarchie heiligten. „Der König iſt abweſend, ich kann nicht allein gehen,“ erwiederte ſie traurig. „Mit Monſeigneur dem Danphin,“ ſagen einige Unvorſichtige, welche in ſie dringen. „Madame, Madame,“ flüſtert ihr eine Stimme in's Ohr,„bleiben Sie hier, ich beſchwöre Sie, bleiben Sie.“ Sie dreht ſich um, es war Herr von Charny. „Wie,“ fragt ſie,„Sie ſind nicht unten bei dieſen Herren!“ „Ich bin zurückgekommen, Madame, es herrſcht unten eine Exaltation, deren Folgen mehr, als man glaubt, Eurer Majeſtät ſchaden können.“ Marie Antoinette hatte einen jener Tage des Schmollens, des Eigenfinns, ſie wollte an dieſem Tage gefliſſentlich gerade das Gegentheil von dem thun, was Charny gefallen hätte. Sie ſchleuderte dem Grafen einen Blick der Ver⸗ achtung zu und war im Begriff, ihm ein unverbind⸗ liches Wort zu erwiedern, als er ſie durch eine ehr⸗ erbietige Geberde zurückhielt und zu ihr ſagte: „Haben Sie die Gnade, Madame, und warten Sie wenigſtens den Rath des Königs ab.“ Er glaubte Zeit zu gewinnen. „Der König! der König!“ riefen mehrere Stimmen. „Seine Majeſtät kommt von der Jagd zurück!“ Das war wahr. Marie Antoinette ſteht auf und läuft dem König enigegen, der noch geſtiefelt und ganz mit Staub be⸗ deckt iſt. „Mein Herr,“ ſpricht ſie zu ihm,„es iſt unten ein Schauſpiel würdig des Königs von Frankreich. Kommen Sie! kommen Sie!“ Und ſie nimmt ſeinen Arm und zieht ihn fort, anzuſchauen, der ſeine Nägel wüthend ken Hand führend, geht ſie hinab; eine ganze Menge von Höflingen ſchreitet ihr voran' und treibt ſie vorwärts; ſie kommt zu den Thüren des Opernſaales in dem Augenblick, wo, zum zwanzigſten Mal, die Gläſer mit dem Rufet„Es lebe der König! es lebe die Königin!“ geleert wurden. ohne Charny in ſeine Bruſt eindrückt. Ihren Sohn an der lin XLVII. Das Bankett der Garden. In dem Augenblick, wo die Königin, mit dem Koͤnig und ihrem Sohne, auf dem Boden des Opern⸗ ſaales erſchien, erſcholl ein ungeheurer Zuruf, der einer Mine ähnlich, vom Feſtgelage zu den ogen. Die berauſchten Soldaten, die delirirenden Offi⸗ ciere ſchwangen ihre Hüte und ihre Degen und ſchrieen: „Es lebe der König! es lebe die Königin! es lebe der Dauphin!“ Die Muſik ließ: O Richard! o mein König! ertönen. Die Anſpielung, welche dieſe Melodie enthielt, war ſo durchſichtig, ſie begleitete ſo gut den Gedanken Aller, ſie überſetzte ſo getreu den Geiſt dieſes Banketts, daß Allle zu gleicher Zeit, als die Melodie anfing, die Worte anſtimmten. Enthuſtasmirt, vergaß die Königin, daß ſie ſich mitten unter betrunkenen Menſchen befand; erſtaunt, fühlte der König, mit ſeinem gewöhnlichen geſunden Verſtande wohl, daß ſein Platz nicht hier war, aber ſchwach und geſchmeichelt, eine Popularität und einen Eifer wiederzufinden, wie er es nicht mehr bei ſeinem —— — erec r— ie en em n⸗ der den ffi⸗ en: ebe ig! elt, iken tts, die unt, den aber inen nem 47 Volke zu finden gewohnt war, überließ er ſich all⸗ mälig der allgemeinen Berauſchung. Charnh, der während des ganzen Mahles nur aſſer getrunken hatte, ſtand erbleichend auf, als er die Königin und den König erblickte; er hatte gehofft, Alles würde ohne ihre Gegenwart vorübergehen, und dann lag wenig daran: man konnte Alles in Abrede ziehen, Alles Lügen ſtrafen, während die Gegenwart des Königs und der Königin die Geſchichte war. Aber ſein Schrecken war noch viel größer, als er ſeinen Bruder Georges auf die Königin zugehen und, ermuthigt durch ein Lächeln, ein Wort an ſie richten ſah. r war zu weit entfernt, um zu hören; doch aus ſeinen Geberden entnahm er, daß ſein Bruder um etwas bat. Auf dieſe Bitte nickte die Königin einwilligend mit dem Kopf, machte plötzlich die Cocarbe, die ſie an ihrer Haube trug, los und gab ſie dem jungen Mann. Charny ſchauerte, ſtreckte den Arm aus und war nahe daran, einen Schrei von ſich zu geben. 8 war nicht einmal die weiße Cvearde, die franzöſiſche Cocarde, was die Königin ihrem unkiugen Cavalier bot. Es war die ſchwarze Cocarde, die öſterreichiſche Cocarde, die feindliche Cocarde. Was die Königin diesmal gethan hatte, war mehr als eine Unvorſichtigkeit, es war ein Verrath. Und dennoch waren ſie ſo wahnfinnig, alle dieſe armen Fanatiker, welche Gott verderben wollte, daß, als Georges von Charny ihnen dieſe ſchwarze Cocarde darbot, diejenigen, welche die weiße Cocarde hatten, e von ſich warfen, und diejenigen, welche die drei⸗ farbige hatten, ſie mit den Füßen traten. Und dann wurde die Berauſchung ſo heftig, daß, wenn ſie nicht unter den Kuͤſſen erſtickt werden oder diejenigen, welche vor ihnen niederknieten, mit den üßen treten wollten, die hohen Gäſte des Regiments Flandern wieder den Weg nach ihren Gemächern ein⸗ ſchlagen mußten. Alles dies wäre ohne Zweifel nur eine franzöſiſche Tollheit geweſen, welche zu verzeihen die Franzoſen ſtets geneigt ſind, wäre die Orgie beim Enthuſtasmus ehen geblieben; aber der Enthuſtasmus war bald überſchritten. Mußten gute Royliſten nicht, indem ſie den König liebkoſten, die Nation ein wenig kratzen? Dieſe Nation, in deren Namen man dem König ſo viel Schmerz bereitete, daß die Muſik berechtigt war, zu ſpielen: „Peut-on affliger ce qu'on aimel* Bei dieſer Melodie gingen der König, die Königin und der Dauphin weg. Kaum waren ſie abgegangen, als die Gäſte, Einer den Andern anfeuernd, den Bankettſaal in eine im Sturme eroberte Stadt verwandelten. Auf ein von Herrn Perſeval, dem Adjutanten von Herrn d'Eſtaing, gegebenes Zeichen, blaſen die Trom⸗ peten zum Angriff. Zum Angriff gegen wen? Gegen den abweſenden e ind. Gegen das Volk. Der Angriff, dieſe Muſik ſo ſüß für das franzö⸗ ſiſche Ohr, daß ſie die Illuſton hatte, den Opernſaal von Verſailles für ein Schlachtfeld und die ſchönen Damen, welche von den Logen dieſes für ihr Herz ſo Schauſpiel betrachteten, für den Feind halten u laſſen. Der Schrei:„ Sturm!“ erſcholl von hundert Stimmen ausgeſtoßen, und die Erſteigung der Logen hegann. Es iſt wahr, die belagernde Menge war in 8 einer ſo wenig erſchrecklichen Stimmung, daß ihnen die Belagerten die Hände reichten. Der Erſte, der auf den Balcon kam, war ein Grenadier vom Regiment Flandern. Herr von Perſeval riß ein Kreuz von ſeinem Knopfloch und decorirte ihn. *) Kann man betrüben das, was man liebt! ge der 2 er im on m⸗ den zö⸗ aal nen ſo lten dert ogen rin die ein ſeval ihn. 49 Es war allerdings ein Kreu z von Limburg, eines tn jenen Kreuzen, welche bein nd ahe keine Kreuze mehr und dies Alles geſchah unter den öſterreichiſchen Farben, mit einem Gebrülle gegen die nationale Cocarde. Da und dort wurden einige dumpfe verhängniß⸗ volle Rufe hörbar. Aber bedeckt durch das Toben der Sänger, durch die Vivats der Belagernden, ſtrömten dieſe Geräuſche drohend bis zu den Ohren des Volkes zurück, das, Anfangs erſtaunend, dann ſich entrüſtend, beim Thore orchte. 5 Da erfuhr man außen auf dem Platze, dann in den Straßen, die ſchwarze Cocarde habe die Stelle der weißen eingenommen, und die dreifarbige ſey mit Fuͤßen getreten worden. Man erfuhr, baß ein hraver Officier der National⸗ garde, der trotz der Drohungen ſeine dreifarbige Co⸗ carde beibehalten hatte, in den Gemächern des Königs ſelbſt ſchwer verwundet worden war. ann wiederholte man unbeſtimmt, ein einziger Officier, unbeweglich, trauria, am Eingang des unge⸗ heuren Saales ſtehend, der in einen Cireus verwandelt worden war, wo alle dieſe Wüthenden ſich durch einander drängten und ſtießen, habe geſchaut, gehorcht ſich ſehen aſſen, ein redliches Herz und ein uner ſchrockener Sol⸗ dat, ſich der Allmacht der Majorität unterwerfend, den Fehler Anderer ſich aufladend, die eit für Alles übernehmend, was an Er 6„ſo hätte man doch nie geglaubt, daß der Graf von Charny, der Günſtling der Königin, gerade derjenige war, welcher bereit, für Ange Pitou. III. 4 ſie zu ſterben, am Schmerzlichſten unter dem, was ſie gethan, gelitten hatte. Die Königin aber war ganz betäubt vom Zauber dieſer Scene in ihre Gemächer zurückgekehrt. Sie wurde hier bald von der Menge ihrer Höf⸗ linge und Schmeichler überfallen. „Sehen Sie,“ ſagte man zu ihr,„ſehen Sie, was der wahre Geiſt Ihrer Truppen iſt; ſehen Sie, wenn man Ihnen von der Volkswuth für die anarchiſchen Ideen ſagt, ſehen Sie, ob dieſe Wuth gegen den un⸗ dändigen Eifer der franzöſiſchen Militäre für die monarchiſchen Ideen wird kämpfen können.“ Und da alle dieſe Worte den geheimen Wünſchen der Königin entſprachen, ſo ließ ſie ſich durch die Chi⸗ mären wiegen und bemerkte nicht einmal, daß Charny fern von ihr geblieben war. Allmälig hörten indeſſen dieſe Geräuſche auf; der Schlaf des Geiſtes löſchte alle dieſe Irrlichter, alle die Phantasmagorien der Trunkenheit aus. Der König machte übrigens der Königin im Au⸗ genblick, wo ſie ſchlafen gehen wollte, einen Beſuch und warf ihr das Wort, voll tiefer Weisheit, zu: „Man muß morgen ſehen.“ Der Unvorſichtige! mit dieſem Worte, das für jede andere Perſon, als diejenige, an welche es gerichtet, ein weiſer Rath war, pelebte er bei der Königin wieder eine halbvertrocknete Quelle des Widerſtands und der Herausforderung. „In der That!“ murmelte ſie, als er weggegangen war,„die Flamme, dieſen Abend im Palaſt einge⸗ ſchloſſen, wird ſich heute Nacht in Verſailles ausbreiten und morgen ein dieſe Soldaten, alle dieſe Officiere, die mir heute Abend ſo heiße Pfänder der Ergebenheit geboten haben, wer⸗ den Verräther, Rebellen gegen die Nation, Mörder des Vaterlandes genannt werden. „Jeder von dieſen Köpfen, der die ſchwarze Co⸗ Brand für ganz Frankreich ſein. Alle ga Fa unt mit ratl gen gen war hat „ non ie en der lle Au⸗ uch für tet, gin nds gen nge⸗ iten Alle bend wer⸗ des Co⸗ nommen. Nur, mehr Bü 51 earde aufgeſteckt hat, wird der Laterne der Gréve be⸗ zeichnet werden. „Jede Bruſt, aus der ſo redlich der Ruf:„Es lebe die Königin!“ hervordrang, wird hei den erſten Aufſtänden von den gemeinen Meſſern und den ſchänd⸗ lichen Piken durchbohrt werden. „Und das bin ich, und abermals ich, die Alles das verurſacht hat. Ich bin es, die zum Tode ſo viele brave Diener verurtheilen wird, ich, die unverletzliche Souveraine, die man um mich her aus Heuchelei ſchonen und fern von mir aus Haß beſchimpfen wird. „Oh! nein, eher, als daß ich, in dieſem Grade un⸗ dankbar gegen meine einzigen, gegen meine letzten Freunde bin, eher, als daß ich in dieſem Grade feig und herzlos bin, werde ich die Schuld auf mich nehmen. Für mich iſt Alles das geſchehen, ich werde mir den Zorn aufladen... Wir werden ſehen, wie weit es mit dem Haſſe kommt, wir werden ſehen, bis zu welcher Stufe meines Thrones die ſchmutzige Woge zu ſteigen wagt.“ Und da die Königin durch die Schlafloſigkeit voll von finſteren Rathſchlägen ſo beſeelt war, ſo war au das Reſultat des kommenden Tages nicht zweifelhaft. Der andere Tag kam ganz verfinſtert von Klagen, ganz ſchwer von Gemurre. Die Nationalgarde, an welche die Königin ihre Fahnen ausgetheilt hatte, erſchien am andern Tage und dankte Ihrer Majeſtät mit geſenktem Kopfe und mit ſchiefen Augen. us der Haltung dieſer Leute war leicht zu er⸗ rathen, daß ſie nichts billigten, und daß ſie im Ge⸗ gentheil Alles mißbilligt haben würden, wenn ſie es gewagt hätten. Sie hatten an dem Zuge Theil genommen; ſie waren dem Regimente Flandern entgegengegangen; ſie hatten Einladungen zu dem Banket erhalten und ange⸗ rger als waren ſie 52 es geweſen, die während der Orgie die dumpfen Bemerkungen gewagt hatten, welche nicht gehört worden waren. Dieſe Bemerkungen, das war am andern Tag ein Vorwurf, ein Tadel. famen, um der Königin Als ſie nach dem Palaſt zu danken, geleitete ſie eine große Menge. In Betracht der ernſten Umſtände wurde die Sache bedeulungsvoll. Man würde auf der einen und auf der andern Seite ſehen, mit wem man es zu thun häte. Alle Soldaten und Officiere, die ſich am Tage vorher compomittirt hatten, wollten auch wiſſen, bis zu welchem Grade ſie von der Königin in ihrer un⸗ klugen Demonſtration unterſtützt würden, und hatten Plätze gegenüber dieſem am vorherg henden Abend be⸗ leidigten Volke, dem man ein ſo großes Aergerniß ge⸗ geben, eingenommen, um die erſten offieiellen Worte zu hören, welche aus dem Schloſſe kämen. Das Gewicht der ganzen Gegenrevolution ſchwebte fortan über dem Haupie der Königin allein. Es lag inzwiſchen noch in ihrer Macht, eine ſolche Verantwortlichkeit von ſich abzulehnen, ein ſolches Un⸗ glück zu beſchwören. Aber, ſtolz wie die Stolzeſten ihres Geſchlechts, ließ ſie ihren klaren, durchſichtigen, ſichern Blick, auf denjenigen, Feinden, umhertaufen, wandte ſich mit ſonorer Stimme an die Officiere der Nationalgarde und ſprach: „Meine Herren, es freut mi gegeben zu haben. Die Nation und das Heer müſſen den König lieben, wie wir die Nation und das Heer lieben. „Ich bin über den geſtrigen Tag entzückt geweſen.“ Nach dieſen Werten, die ſie mit äußerſt feſter Stimme betonte, wurde ein welche ſie umgaben, auf Freunden und ich ſehr, Ihnen Fahnen Gemurre unter der Menge 8 * n age bis un⸗ tten be⸗ ge⸗ orte ebte lche Un⸗ chts, auf und mme hnen üſſen Heer zückt feſter Renge 53 hörbar, während geräuſchvolles Händeklatſchen in den Reihen der Militäre erſcholl. „Wir ſind unterſtützt,“ ſagten dieſe. „Wir ſind verrathen,“ ſagten jene. Alſo, arme Köniain, der verhängnißvolle Abend des 1. Oktober war keine Ueberraſchung. Alſo, unglück⸗ liche Frau, der geſtrige Tag thut Ihnen nicht leid, Sie bereuen nicht? . Weit entfernt, zu bereuen, ſind Sie darüber ent⸗ zückt. Charny, der in einer Gruppe ſtand, hörte mit einem Seufzer dieſe Rechtfertigung, mehr noch, die Verherrlichung dieſer Orgie der Gardes⸗du⸗corps. Die Königin, als ſie die Augen von der Menge abwandte, begegnete den Augen des jungen Mannes, und ſie heftete den Blick auf das Geſicht ihres Ge⸗ iſe um den Eindruck, den ſie gemacht, darin zu eſen. „Bin ich nicht muthig?“ wollte ſie ſagen. „Ach! Madame, Sie ſind mehr toll, als muthig,“ antwortete das ſchmerzlich verdüſterte Geſicht des Grafen. XLVIII. Die Weiber miſchen ſich darein. 3 6 Verſailles trieb der Hof Hervismus gegen das olk. In Paris trieb man nur Ritterthum gegen den Hof; das Ritterthum lief durch die Straßen. ie Ritter vom Volke irrten in Lumpen, die Hand am Griffe eines Säbels oder an der Kolbe einer Piſtole, umher und befragten ihre leeren Taſchen und ihre hohlen Magen. 54 Während man in Verſailles zu viel trank, aß man in Paris leider zu wenig. Zu viel Wein auf den Tiſchtüchern von Verſailles. Nicht genug Mehl bei den Bäckern von Paris. Seltſame Dinge! Finſtere Verblendung, welche heute, wo wir an alle Thronumſtürzungen gewöhnt ſ ein Lächeln des Mitleids den Politikern entreißen wird. Gegenrevolution machen und zur Schlacht ausge⸗ hungerte Leute herausfordern! Ach! wird die Geſchichte genöthigt, ſich zur mate⸗ rialiſtiſchen Philoſophin zu machen, ſagen: nie ſchlägt ſich das Volk grauſamer, als wenn es nicht zu Mittag gegeſſen hat. Es war jedoch ſehr leicht, dem Volke Brod zu geben, und dann hätte ihm ſicherlich das Brod von Verſailles minder bitter geſchienen. Doch die Mehlzufuhren von Corbeil kamen nicht mehr an. Es iſt ſo weit, dieſes Corbeil von Ver⸗ ſailles; wer alſo hätte beim König vder bei der Kö⸗ nigin an Corbeil gedacht? Zum Unglück war bei dieſer Vergeßlichkeit des Hofes die Hungersnoth, dieſes Geſpenſt, das mit ſo großer Mühe einſchläft und ſo leicht erwacht, die Hungersnoth war bleich und ſorgenvoll in die Straßen von Paris herabgeſtiegen. Sie horcht an allen Straßen⸗ ecken ſie recrutirt ihr Gefolge von Landſtreichern und Miſſethätern; ſie lehnt ihr ſchlimmes Geſicht dicht an die Fenſterſcheiben der Reichen und der Staatsbe⸗ amten an. Die Männer erinnern ſich der Auſſtände, welche ſo viel Blut koſten; ſie erinnern ſich der Baſtille; ſie erinnern ſich an Foulon, Berthier, Fleſſelles; ſie be⸗ fürchten, abermals Mörder genannt zu werden, und warten. Aber die Weiber, welche noch nichts gethan, als gelitien haben, die Weiber, welche leiden, ein dreifaches — nt n er⸗ Kö⸗ des tſo die ßen ßen⸗ und tan sbe⸗ elche e be⸗ und als aches 55 Leiden,— für das Kind, das weint und ungerecht iſt, weil es nicht das Bewußtſein der Sache hat,— für das Kind, das zu ſeiner Mutter ſagt: Warum gibſt Du mir nicht Brod?— für den Mann, der düſter und ſchweigſam am Morgen das Haus verläßt, um am Abend noch düſterer und ſchweigſamer zurückzukehren, — enblich für ſich, das ſchmerzliche Echo der ehelichen und mütterlichen Leiden,— die Weiber brennen vor Begierde, ihre Genugthuung zu nehmen, ſie wollen dem Vaterland auf ihre Weiſe dienen. Hatten übrigens nicht die Weiber den 1. October in Verſailes gemacht? Es war an den Weibern, den 5. October in Paris zu machen. Gilbert und Billot waren im Palais Royal im Café Foy Im Café Foh wurden die Motionen ge⸗ macht. Plötzlich öffnet ſich die Thüre, und eine Frau tritt ganz beſtürzt ein. Sie zeigt die weißen und ſchwarzen Cocarden an„welche von Verſailles nach Paris gekommen ſind; ſie verkündigt die öffentliche Gefahr. Man erinnert ſich deſſen, was Charny zur Königin geſagt hatte. „Madame, es wird wirklich zu fürchten ſein, wenn ſich die Weiber darein miſchen. Das war auch die Anſicht von Gilbert. Als er ſah, daß ſich die Weiber darein miſchten, wandte er ſich gegen Billot und ſprach nur die drei Worte: „Nach dem Stadthauſe.“ Seit dem Geſpräche, das zwiſchen Billot, Gilbert und Pitou ſtattgefunden hatte, und in Folge deſſen Pitou nach Villers⸗Cotterets mit dem kleinen Sebaſtian Gilbert zurückgekehrt war, gehorchte Billot Gilbert auf ein Wort, auf eine Geberde, auf ein Zeichen, denn er hatte begriffen, daß, wenn er die Stärke war, Gilbert der Verſtand war. 56 Beide ſtürzten aus dem Kaffeehauſe, durchſchritten in einer ſchrägen Linie den Garten des Palais Royal, liefen durch den Hof der Springbrunnen und erreichten die Rue Saint⸗Honoré. Auf der Höhe der Halle begegneten ſie einem Mäd⸗ chen, das aus der Rue des Bourdonnais herauskam und trommelte. Gilbert blieb erſtaunt ſtehen. „Was iſt das?“ fragte er. „Ei! Sie ſehen es, Doctor,“ antwortete Billot, „eine hübſche junge Perſon, welche trommelt, und zwar nicht ſchlecht, bei meiner Treue!“ „Sie wird etwas verloren haben, übergehender. „Sie iſt ſehr bleich,“ verſetzte Billot. „Fragen Sie ſie, was ſie will,“ ſprach Gilbert. „Hel hübſches Mädchen,“ rief Billot,„was haſt Du ſo die Trommel zu rühren?“ „Es hungert mich,“ antwortete die hübſche junge Perſon mit einer grellen, ſcharfen Stimme. Und ſie ſetzte ihren Marſch und das Raſſeln ihrer Trommel fort. Gilbert hatte gehort. „Ho! ho! das wird ſchrecklich,“ ſagte er. hnd er ſchaute aufmerkſamer die Weiber an, welche dem Mädchen mit der Trommel folgten. Sie waren abgezehrt, ſchwankend, verzweiflungsvoll. Unter dieſen Weibern ſanden ſich, die ſeit dreißig Stunden nichts gegeſſen hatten. Aus der Mitte dieſer Weiber brach von Zeit zu Zeit ein gerade durch ſeine Schwäche drohender Schrei hervor, denn man fühlte, daß dieſer Schrei aus dem Munde von Ausgehungerten kam. „Nach Verſailles!“ riefen ſie. Und auf ihrem Wege winkten ſie allen Weibern, “ſagte ein Vor⸗ die ſie in den Häuſern erblickten, und riefen alle Frauen, die ſie an den Fenſtern ſahen. ——— —„— r r aſt ge rer oll. ßig zu hrei dem enm en, 57 Ein Wagen kam vorüber, zwei Damen ſaßen in dieſem Wagen, ſie ſtreckten ihre Köpfe aus den Schlägen und lachten. Das Gefolge der Trommelſchlägerin blieb ſtehen. Zwanzig Weiber ſtürzten nach den Schlägen, ließen die zwei Damen ausſteigen und geſellten ſie der Truppe bei, trotz ihrer Einwendungen, trotz ihres Widerſtandes, den ein paar kräftige Puffe auf der Stelle bändigten. Hinter dieſen Weibern„welche, in Betracht des Recrutirungsgeſchäftes, das ſie die ganze Straße ent⸗ lang trieben, nur langſam vorrückten, marſchirte ein Mann, mit beiden Händen in ſeinen Taſchen. Dieſer Mann mit magerem, bleichem Geſichte, von langer, dünner Geſtalt, trug einen feuergrauen Rock, ſchwarze Weſte und ſchwarze Beinkleider; er hatte einen kleinen dreieckigeu Hut, der ſchief auf ſeiner Stirne ſaß. Ein langer Degen ſchlug an ſeine mageren, aber nervigen Beine. Er folgte ſchauend„horchend, Alles mit ſeinem durchdringenden Auge, das er unter ſeinen ſchwarzen Brauen rollte, verſchlingend. „Ei!“ ſagte Billot,„ich kenne dieſes Geſicht, ich habe es bei allen Aufſtänden geſehen.“ „Es iſt der Huiſſier Maillard.“ „Ah! ja, ſo iſt es, derjenige, welche hinter mir auf dem Brette der Baſtille ging. Er iſt geſchickter geweſen, als ich, er iſt nicht in den Graben gefallen. Maillard verſchwand mit den Weibern bei der Biegung der Straße. Billot hatte große Luſt, es zu machen wie Mail⸗ lard, aber Gilbert zog ihn nach dem Stadthauſe fort. s war gewiß, daß dahin immer der Aufſtand zurückkam, mochte es nun ein Aufſtand von Männern oder ein Aufſtand von Weibern ſein. Statt dem Laufe des Stromes zu folgen, ging er gerade an ſeine Mündung. Man wußte im Stadthauſe, was in Paris vorfiel, 58 aber man bekümmerte ſich kaum darum. Was lag in der That dem phlegmatiſchen Bailly und dem Ariſto⸗ fraten Lafayette daran, daß ein Weib trommelte. Das war ein Vorempfang auf den Carneval, und nichts Anderes. Als man aber im Gefolge dieſes trommelnden Mädchens zwei bis dreitauſend Weiber kommen ſah; als man auf den Seiten dieſer Schaar, welche von Minute zu Minute zunahm, eine nicht minder zahlreiche Schaar von Männern, auf eine unheimliche Weiſe lächelnd und ihre häßlichen Waffen in Ruhe haltend, herbeirücken ſah, als man begriff, dieſe Männer lächeln zum Voraus über das Böſe, das die Weiber thun würden und das um ſo mehr unabhelfbar war, als man wohl wußte, die öffentliche Gewalt würde nicht vor dem Böſen ſtrenge verfahren und die geſetzliche Gewalt würde nicht hernach ſtrafen, da fing man an den ganzen Ernſt der Lage zu begreifen. Dieſe Männer lächelten, weil es ihnen angenehm war, das Böſe, das ſie nicht zu thun gewagt hatten, die Hälfte des Menſchengeſchlechtes thun zu ehen. Nach einer halben Stunde waren achttauſend Weiber auf der Greève verſammelt. Dieſe Damen ſahen ſich in genügender Anzahl und fingen an mit der Fauſt auf der Hüfte zu berath⸗ ſchlagen. Die Berathung war nicht ſehr ruhig. Diejenigen, welche daran Theil nahmen, waren der Mehrzahl nach Portieres, Frauen der Halle, öffentliche Mädchen. Viele von dieſen Weibern, waren Royaliſtinnen und ſtatt den Gedanken zu haben, dem Konig und der Königin ein Leid anzuthun, hätten ie ſich für dieſelben tödten laſſen. Man hörte den Lärmen dieſer ſeltſamen Diseuſſion jenſeits des Fluſſes, auf den ſchweigſamen Thürmen von Notre⸗Dame, welche, nachdem ſie ſo viele Dinge ge⸗ ſehen, noch intereſſantere zu ſehen ſich anſchickten⸗ — SS S„8— eir ein St 59 in Das Reſultat dieſer Berathung war folgendes: „Brennen wir ein wenig das Stadthaus nieder, as wo ſo viele Papierwiſche fabricirt werden, um uns zu 16 verhindern, alle Tage zu eſſen.“ Man beſchäftigte ſich im Stadthauſe gerade damit, en* einen Bäcker zu richten, der Brod mit falſchem Gewicht s verkauft hatte. te Es begreift ſich, daß, je theurer das Brod iſt, ar deſto beſſer auch eine Operation dieſer Art ſein muß; nd nur, je lucrativer ſie iſt, deſto gefährlicher iſt fie auch. h, Dem zu Folge erwarteten die Stammgäſte der us Laterne den Bäcker mit einem Strick. s Die Wache des Stadthauſes wollte den Unglück⸗ te lichen retten und wandte hiezu alle ihre Kräfte an; ſen aber ſeit einiger Zeit unterſtützte, wie man geſehen, cht das Reſultatihre philanthrapiſchen Geneigtheiten ſchlecht. der. Die Weiber ſtürzten ſich auf d ieſe Wache, durch⸗ brachen ſie, drangen in das Stad thaus ein, und die hm Plünderung begann. die Sie wollten Alles, was ſie fänden, in die Seine zu werfen und Alles, was ſie nicht fortſchaffen könnten, auf dem Platze verbrennen. end 5 Die Menſchen alſo dem Waſſer, die Mauern dem euer. und Das war ein großes Geſchäft. th⸗ Es fand ſich ein wenig von Allem im Stadthauſe. Es fanden ſich zuerſt darin dreihundert Wähler. gen, Ferner die Adjuncten. ach Und endlich die Maires. iele P ſt&⸗ wird lange dauern, alle dieſe Menſchen in's a den er zu werfen,“ ſprach eine Frau von Verſtand, kin eine Frau, welche Eile hatte. ſſen.„„Nicht als ob ſie es wenig verdienten,“ ſagte ſion eine Andere. von„Ja, aber die Zeit fehlt.“ ge⸗„Nun wohl! ſo verbrennen wir Alles!“ rief eine Stimme;„das iſt einfacher.“ Man ſuchte Fackeln, man verlangte Feuer; bann proviſoriſch, um keine Zeit zu verlieren, beluſtigte man ſich damit, daß man einen Abbé aufhing, den Abbé Lefövre d'Ormeſſon. Zum Glück war der Mann mit dem grauen Rocke da. Er durchſchneidet den Strick, der Abbé fällt ſieb⸗ zehn Fuß herab, verſtaucht ſich ein Bein und geht hin⸗ kend unter dem Gelächter aller dieſer Megären weg. Der Abbé ging ſo ruhig, weil die Fackeln ſchon an⸗ gezündet waren, weil die Mordbrenner die Fackeln ſchon in den Händen hatten, weil ſie dieſelben den Archiven näherten, weil es noch zehn Minuten brauchte, und Alles ſtand im Feuer. Plötzlich ſtürzt der Mann mit dem grauen Rocke vor und entreißt Brände und Fackeln den Händen der Weiber; die Weiber widerſtehen, der Mann peitſcht ſie mit Fackelſtreichen und während das Feuer die Röcke faßt, löſcht er das aus, welches ſchon die Papiere faßte. Wer iſt denn dieſer Mann, der ſich ſo dem furcht⸗ baren Willen von zehntauſend wüthenden Creaturen widerſetzt? Warum ließ man ſich von dieſem Mann beherr⸗ ſchen? Man hat den Abbe Lefevre halb gehenkt, man wird wohl dieſen Mann ganz aufhängen, in Betracht, daß Niemand mehr da ſein wird, um es zu verhindern, daß man ihn henkt. Es erhebt ſich auch wirklich ein hirnwüthender Chor und bedroht ihn mit dem Tode; mit der Drohung verbindet ſich die Wirkung. Die Weiber umgeben den Mann mit dem grauen Rock und werfen ihm einen Strick um den Hals. Aber Billot iſt herbeigelaufen. Billot wird Maillard den Dienſt leiſten, den Maillard dem Abbé geleiſtet hat. Er klammert ſich an den Strick an, durchſchneidet ihn an zwei bis drei Stellen mit einem ſehr ſcharfen Meſſer, das in dieſem Augenblick ſeinem Eigenthümer ſ — 8 ln en 1 cke er cke te. pt⸗ ren rr⸗ nan cht, ern, nder ung uen — lard hat. eidet arfen ümer 61 zum Zerſchneiden der Stricke dient, aber ihm, in einem äußerſten Augenblicke, beſtielt, wie es iſt, mit einem kräftigen Arme zu etwas Anderem dienen könnte. Und während er den Strick in ſo viele Stücke, als er kann, zerſchneidet, ruft Billot: „Unglückliche! Ihr erkennt alſo nicht einen der Sieger der Baſtille, denjenigen, welcher über das Brett gegangen iſt, um die Capitulation zu holen, während ich in den Gräben pläiſcherte? Ihr erkennt alſo Herrn Maillard nicht?“ Bei dieſem ſo bekannten und ſo gefürchteten Namen halten alle Weiber inne. Man ſchaut ſich an, man wiſcht ſich die Stirne ab. Die Arbeit iſt hart geweſen, und obgleich man ſich im Ottober befand, war es doch erlaubt, bei Voll⸗ bringung derſelben zu ſchwitzen. „Ein Sieger der Baſtille, und noch Herr Mail⸗ lard, Herr Maillard, der Huiſſter im Chatelet, es lebe Herr Maillard! Die Drohungen verwandeln ſich in Liebkoſungen; man umarmt Maillard, man ruft: Es lebe Maillard! Malllard wechſelt einen Händedruck und einen Blick mit Billot. Der Händedruck will ſagen: Wir ſind Freunde! Der Blick will ſagen: Wenn Sie je meiner be⸗ dürfen, rechnen Sie auf mich. Maillard hat auf alle dieſe Weiber einen um ſo größeren Einfluß gewonnen, als ſie einſehen, Maillard habe ihnen ein kleines Unrecht zu vergeben. Aber Maillard iſt ein alter Volksmatroſe, er kennt dieſes Meer der Vorſtädte, das auf einen Hauch ſich erhebt und auf ein Wort ſich legt. Er weiß, wie man mit allen dieſen menſchlichen Wellen ſpricht, wenn ſie einem Zeit gönnen, zu ſprechen. Uebrigens iſt der Augenblick gut, um ſich hören zu laſſen, man ſchweigt um Maillard. 62 Maillard will nicht, daß die Pariſer die Gemeinde, das heißt, die einzige Macht, die ſie beſchützt, zer⸗ ſtören; er will nicht, vaß ſie die Bürgerliſte, welche beweiſt, daß ihre Kinder nicht lauter Baſtarde ſind, vernichten. Das ungewöhnliche, ſcharfe, ſpöttiſche Wort bringt ſeine Wirkung hervor. Niemand wird getödtet, nichts wird verbrannt werden. Aber man will nach Verſailles ziehen. Dort iſt das Uebel, dort bringt man die Nächte in Orgien hin, während man in Paris Hunger hat. Verſailles verſchlingt Alles. Paris fehlt es an Korn und Mehl, weil die Kornzufuhren, ſtatt in Paris anzuhalten, unmittelbar von Corbeil nach Ver⸗ ſailles gehen. Das wäre nicht ſo, wenn der Bäcker, die Bäckerin und der Bäckerjunge ſich in Paris be⸗ fänden. Mit dieſen Spottnamen bezeichnet man den König, die Königin und den Dauphin, dieſe drei natürlichen Austheiler des Brodes für das Volk. Man wird nach Verſailles gehen. Da die Weiber in Haufen organiſirt ſind, da ſie Flinten, Kanonen, Pulver haben, da diejenigen, welche weder Flinten, noch Pulver haben, mit Piken und Heugabeln bewaffnet ſind, ſo werden ſie auch einen General haben. Warum nicht? die Nationalgarde hat wohl einen. Lafayette iſt der General der Männer. Maillard wird der General der Weiber ſein. Lafayette commandirt ſeine Faulenzer von Grena⸗ dieren, welche eine Reſervearmee zu ſein ſcheinen, ſo wenig thun ſie, während ſo viel zu thun iſt. Maillard wird das active Heer commandiren. Ohne zu lächeln, ohne eine Miene zu verändern, nimmt Maillard den Antrag an⸗ taſ dete ein ſein wie führ hind wird te 63 Maillarb iſt commandirender General der Weiber von Paris. Der Feldzug wird nicht lange dauern, aber er wird entſcheidend ſein. XLIX. Maillard als General. Es war wohl eine Armee, die Armee, welche Mailiard befehligte. ie beſaß Kanonen, denen es allerdings an Laf⸗ en und Rädern fehlte, aber man hatte ſie in Karren gelegt. Sie hatte Flinten,— es iſt wahr, an vielen fehlte der Hahn oder die Batterie, aber keiner fehlte es an einem Bajonett. Sie hatte eine Menge anderer Waffen, allerdings ſehr beſchwerliche Waffen, aber es waren doch Waffen. Sie hatte Pulver in Schnupftüchern, in den Hauben, in den Säcken, und unter dieſen lebendigen Patron⸗ taſchen ſpazierten die Artilleriſten mit ihren angezün⸗ deten Lunten. Wenn das ganze Heer während dieſes ſeltſamen Marſches nicht in die Luft geflogen iſt, ſo iſt es nur ein Wunder geweſen. „ Maillard hat mit einem Blicke die Stimmung ſeiner Armee erfannt. Alles, was er thun kann, iſt, wie er ſieht, nicht, ſie auf dem Platze zu halten, nicht, e an Paris zu feſſeln, ſondern, ſie nach Verſailles zu ühren und, dort angekommen, das Schlimme zu ver⸗ indern, das ſie thun könnte. Dieſe ſchwierige Anfgabe, dieſe herviſche Aufgabe wird Maillard erfüllen. Dem zu Folge geht Maillard hinab, er nimmt 64⁴ Trommel, welche am Halſe des jungen Mädchens ängt. Hungers ſterbend, hat das Mädchen nicht mehr die Kraft, ſie zu tragen. Es gibt die Trommel hin, ſchleicht die Mauer entlang und fällt mit dem Kopfe auf einen Weichſtein. Trauriges Kiſſen.. Kiſſen des Hungers Maillard fragt die junge Perſon nach ihrem Namen. Sie heißt Madeleine Chambry. Sie ſchnitt in Holz für die Kirchen. Aber wer denkt jetzt daran, die Kir⸗ chen mit jenen ſchönen Meubles in Holz. mit jenen ſchönen Statuen, mit jenen Basreliefs, Meiſterwerken des fünfzehnten Jahrhunderts, zu beſchenken? Hungers ſterbend, iſt ſie Sträußchenmädchen im Palais⸗Royal geworden. Aber wer denkt daran, Blumen zu kaufen, wäh⸗ rend das Geld fehlt, um Brod zu kaufen? Die Blu⸗ men, dieſe Sterne, welche am Himmel des Friedens und des Ueberfluſſes glänzen, die Blumen verwelken im Winde der Stürme und der Revolutionen. Da ſie ihre Früchte von Eichenholz nicht mehr ſchneiden, da ſie ihre Roſen, ihre Jasmine und ihre Lilien nicht mehr verkaufen konnte, ſo hat Maveleine Chambry eine Trommel genommen und den furchtbaren Rappell des Hungers geſchlagen. Sie wird nach Verſailles kommen, diejenige, welche dieſe traurige Deputation verſammelt hat; da ſie aber zu ſchwach iſt, um zu gehen, ſo wird ſie in einem Wagen fahren. Iſt ſie in Verſailles angekommen, ſo wird man verlangen, daß ſie mit zwölf anderen Weibern in den Palaſt eingeführt werde; ſie wird die hungerige Red⸗ nerin ſein, ſie wird beim König für die Sache der Hungerigen ſprechen. Man klatſchte Maillard bei dieſem Gedanken Beifall. So hat alſo Maillard ſchon mit einem Worte alle ſeindſeligen Dispoſitionen geändert. r , fe z ir⸗ en en äh⸗ lu⸗ ens en ehr ihre eine aren elche aber inem man den Red⸗ der eifall. e alle 65 Man wußte nicht, warum man nach Verſailles ging, man wußte nicht, was man dort thun wollte. Nun weiß man es, man geht nach Verſailles, damit eine Deputation von zwölf Weibern, Madeleine Chambrh an der Spitze, im Namen des Hungers ze König anflehe, er möge Mitleid mit ſeinem Volke aben. Ungefähr fiebentanſend Weiber ſind verſammelt. Sie ſetzen ſich in Marſch und folgen den Quais. Nur werden, da ſie zu den Tuilerien kommen, gewaltige Schreie hörbar. Maillard ſteigt auf einen Weichſtein, um ſein gan⸗ zes Heer zu überragen. „Was wollt Ihr?“ fragt er. „Wir wollen durch die Tuilerien ziehen.“ „Unmöglich,“ antwortet Maillard. „Und warum unmöglich?“ ſchreien ſiebentauſend Stimmen. „Weil die Tuilerien das Haus des Königs und der Garten des Königs ſind; weil ohne Erlaubniß des Königs durch dieſelben ziehen den König beleidigen heißt; es heißt mehr, es heißt ſich in der Perſon des Königs an der Freiheit Aller vergreifen.“ „Gut alſo!“ ſagten die Weiber,„bitten wir den Portier um Erlaubniß.“ Maillard tritt auf den Portier zu und fragt ihn mit ſeinem dreieckigen Hut in der Hanb: „Mein Freund, geſtatten Sie, daß dieſe Damen durch die Tuilerien ziehen? Man geht nur durch das Gewölbe, und die Pflanzen und Bäume des Gartens ſollen nicht beſchädigt werden.“ Statt jeder Antwort zieht der Portier ſeinen langen Degen und geht auf Maillard los. Maillard zieht den ſeinigen, der einen Fuß kürzer iſt, und kreuzt die Klinge. Während dieſer Zeit nähert ſich ein Weib dem Portier und ßreckt 4 mit einem Ange Pitou. M. Beſenſtielſtreich auf den Kopf zu den Füßen von Mail⸗ lard nieder. Zu gleicher Zeit ſchickt ſich ein anderes Weib an, dem Portier das Bajonett in den Leib zu ſtoßen. Maillard ſteckt ſeinen Degen wieder in die Scheide, nimmt den des Portier unter einen Arm, die Flinte des Weibes unter den andern, hebt ſeinen Hut auf, der während des Streites auf den Boden gefallen iſt, drückt ihn wieder auf ſeinen Kopf und ſetzt ſeinen Marſch duych die Tuilerien fort, wo, nach ſeinem Verſprechen, kein Schaden angerichtet wird. Laſſen wir ſie weiter ziehen durch den Cours⸗la⸗ Reine und gegen Sévres, wo ſie ſich in zwei Banden theilen, und ſehen wir ein wenig, was in Paris vorging. Dieſe ſieben tauſend Weiber hatten nicht beinahe die Wähler erſäuft, den Abbé Lefevre und Maillard gehenkt und das Stadthaus in Brand geſteckt, ohne einen gewiſſen Lärmen zu machen. Auf dieſen Lärmen, der ſeinen Wiederhall in den entfernteſten Quartieren von Paris gehabt hatte, war Lafayette herbei geeilt. Er nahm eine Art von Revue auf dem Marsfelde vor. Seit acht Uhr des Morgens war er zu Pferde; er kam auf den Platz des Stadthauſes, als die Mit⸗ tagsſtunde ſchlug. Die Carricaturen jener Zeit ſtellten Lafayette als Gentauren dar. Der Leib war der des bekannten, ſprüch⸗ wörtlich gewordenen Schimmels. Der Kopf war der des Commandanten der Nationalgarde. Seit dem Anfang der Revolution ſprach Lafayette zu Pferde, aß Lafahette zu Pferde, commandirte La⸗ fayette zu Pferde. ſu begegnete ihm ſogar oft, daß er zu Pferde ief. Wenn es ihm zufällig begegnete, daß er in ſeinem Bette ſchlief, ſo ſchlief Lafayette auch gut. en m 67 Als Lafahette auf den Quai Pelletier kam, wurde er durch einen Mann aufgehalten, der in ſtarkem Ga⸗ lopp auf einem vortrefflichen Renner wegritt. Dieſer Mann war Gilbert. Er ritt nach Ver⸗ ſailles und wollte den König von dem, womit er be⸗ droht war, benachrichtigen und ſich zu ſeiner Verfü⸗ gung ſtellen. Mit zwei Worten erzählte er Lafahette Alles. Dann eilte Jeder weiter: Lafayette nach dem Stadthauſe; Gilbert nach Verſailles. Nur, da die Weiber auf dem rechten Ufer der Seine marſchirten, folgte er dem linken Ufer. Von Weibern leer, hatte ſich der Platz vor dem Stadthauſe mit Männern gefültt. Dieſe Männer waren Rationalgarden, mit oder ohne Sold, ehemalige Gardes⸗frangaiſes beſonders, welche, in die Reihen des Volkes übergegangen, ihre Privilegien als Garden des Königs verloren hatten, Privilegien, welche als Erbſchaft den Gardes⸗du⸗corps und den Schweizern zugefallen waren. Auf den Lärmen, den die Weiber gemacht, war Lärm der Sturmglocke und des Generalmarſches ge⸗ olgt. Lafahette durchſchnitt dieſe ganze Menge, ſtieg vor den Stufen ab, und ohne ſich um Beifallsrufe, ge⸗ miſcht mit Drohungen, die ſeine Gegenwart erregte, zu bekümmern, dickirte er einen Brief an den König über den Aufſtand, der am Morgen ſtattgefunden hatte. Er war an der ſechsten Zeile, als die Thüre des Secretariats ungeſtüm geöffnet wurde. Lafahette ſchlug die Augen auf. Eine Deputation von Grenadieren verlangte vom General empfangen zu werden. Lafahette winkte der Deputation, ſie könne ein⸗ reten. * Sie trat ein. 5* Der Grenadier, der das Wort zu fuͤhren beauf⸗ tragt war, ging bis an den Tiſch vor und ſprach, mit feſter Stimme: Mein General, wir ſind abgeordnet von zehn Compagnien Grenadiere; wir halten Sie nicht für einen Verräther, aber wir glauben, daß die Regierung uns verräth. Es iſt Zeit, daß Alles ein Ende nehme; wir können unſere Bajonette nicht gegen die Weiber kehren, welche Brod von uns verlangen. Das Comits für Anſchaffung von Lebensmitteln treibt Unterſchleif oder iſt unfähigz in dem einen und dem andern Fall muß es anders werden. Das Volk iſt unglücklich, die Quelle des Uebels iſt in Verſailles. Man muß den König holen und nach Paris bringen; man muß das Regiment Flandern und die Gardes⸗du⸗corps vernich⸗ ten, die es gewagt haben, die Cocarde der Nation mit Füßen zu treten. Iſt der König zu ſchwach, um die Krone zu hen⸗ ſo lege er ſie nieder. Wir werden ſeinen Sohn krönen, man wird einen Regentſchafts⸗ rath ernennen, und Alles wird auf's Beſte gehen.“ Lafayette ſchaut den Redner ganz verwundert an. Er hat Kuſſtände geſehen, er hat Ermordungen be⸗ weint, aber es iſt das erſte Mal, daß ihn der revolu⸗ tionäre Hauch in Wirklichkeit in's Geſicht trifft. Daß das Volk die Möglichkeit ſieht, des Königs zu entbehren, ſetzt ihn mehr als in Erſtaunen, es bringt ihn in Verwirrung. „Ei!“ ruft er,„habt Ihr denn im Sinne, gegen den König Krieg zu führen und ihn zu nöthigen, uns zu verlaſſen?“ „Mein General,“ antwortet der Redner,„wir lieben und wir achten den König, und es würde uns ſehr leid thun, wenn er uns verließe, denn wir lieben ihn ungemein. Aber ſollte er uns verlaſſen, ſo haben wir am Ende den Dauphin.“ „Meine Herren, meine Herren,“ erwiedert La⸗ fayetie,„gebt wohl Acht auf das, was Ihr thutz Ihr —— 6c— „— f⸗ it hn ür ng e; er ité eif all die en s nit die den ts⸗ an. be⸗ lu⸗ igs es gen uns wir uns ben ben La⸗ Ihr 69 rührt die Krone an, und es iſt meine Pflicht, dies nicht zu dulden.“ „Mein General,“ entgegnet der Nationalgarde, indem er ſich verbeugt,„wir würden für Sie unſer Blut bis auf den letzten Tropfen hingeben. Aber das Volk iſt unglücklich; die Ouelle des Uebels iſt in Ver⸗ ſailles, wir müſſen den König holen und nach Paris bringen, das Volk will es.“ Lafayette ſieht, daß er mit ſeiner Perſon bezahlen muß. Das iſt eine Nothwendigkeit, vor der er nie zurückgewichen. Er geht mitten auf den Platz des Stadthauſes hinab und will das Volk haranguiren: aber das Ge⸗ ſchrei: Nach Verſailles! nach Verſailles! be⸗ deckt ſeine Stimme. Plötzlich wird ein gewaltiger Lärm auf der Seite der Rue de la Vannerie hörbar. Es iſt Bailly, der ſich ebenfalls nach dem Stadthauſe begibt. Bei dem Anblick von Bailly brechen die Schreie: Brod! Brod! Nach Verſailles! nach Verſailles! auf allen Seiten los. Zu Fuß, in der Menge verloren, fühlt Lafahette, daß die Fluth immer mehr ſteigt und ihn zu verſchlin⸗ gen im Begriff iſt. Er durchſchneidet die Menge, um zu ſeinem Pferde zu gelangen, mit einem Eifer ähnlich dem des Schiff⸗ brüchigen, der die Wellen durchſchneidet, um einen Felſen zu erreichen. Er erreicht ſein Pferd, ſchwingt ſich auf den Sattel und treibt es in der Richtung der Freitreppe an; aber der Weg iſt völlig verſperrt zwiſchen ihm und dem Stadthauſe; Mauern von Menſchen ſind emporgewachſen. „Beim Henker! mein General, Sie werden bei uns bleiben,“ rufen dieſe Menſchen. Zugleich ſchreien alle Stimmen:„Nach Verſailles!“ nach Verſailles!“ Lafahette ſchwankt, zögert. Ja, ohne Zweifel kann 7⁰ er, wenn er ſich nach Verſailles begibt, dem König ſehr nützlich ſein; doch wird er der Herr dieſer ganzen Menge ſein, die ihn nach Verſailles fortziehen will? Wird er dieſe Wellen beherrſchen, durch die er den Grund verloren hat, und gegen welche er ſelbſt, wie er fühlt, für ſein eigenes Heil kämpft? Plötzlich ſteigt ein Mann die Stufen der Frei⸗ treppe herab, dringt mit einem Briefe in der Hand durch die Menge und arbeitet ſo gut mit den Händen und den Fußen, daß er bis zu Lafayette gelangt. Dieſer Mann iſt der unermüdliche Billot. „Nehmen Sie, General,“ ſpricht er,„das iſt von den Drei⸗Hundert.“ So nannte man die Wähler. Lafayette erbricht das Siegel und ſucht den Brief leiſe zu leſen; aber gleichzeitig rufen ihm zwanzig⸗ tauſend Stimmen zu: „Den Brief! den Brief!“ Lafayette iſt alſo genöthigt, den Brief laut zu leſen. Er winkt, um Stillſchweigen zu verlangen. In demſelben Augenblick folgt, wie durch ein Wunder, die Stille auf den ungeheuren Tumult, und ohne daß man Zi Wort verliert, lieſt Lafayette folgenden rief: „In Betracht der Umſtände und des vom Volke ausgeſprochenen Wunſches, ſowie auf die Vorſtellung des Herrn Generalcommandanten, daß es unmöglich ſei, dies zu verweigern, ermächtigt man den Herrn General⸗ commandanten und befiehlt ihm ſogar, ſich nach Ver⸗ ſailles zu begeben. „Vier Commiſſäre der Gemeinde werden ihn be⸗ gleiten.“ Der arme Lafahette hatte den Herren Wählern, denen es nicht unangenehm war, einen Theil der Ver⸗ antwortlichkeit für die Ereigniſſe, welche vorfallen wür⸗ den, ihm zu überlaſſen, durchaus nichts vorgeſtellt. Aber das Volk glaubte, er habe wirklich vorgeſtellt⸗ 2—— —— ie an en lke ng ei, al⸗ 1 be⸗ n, er⸗ ir⸗ lit. t⸗ 71 und das Volk, mit deſſen Wünſchen die Vorſtellung des Generalcommandanten im Einklang ſtand, das Volk rief:„Es lebe Lafayette!“ Da wiederholte Lafayeite erbleichend: „Nach Verſailles!“ Fünfzehntauſend Männer folgten ihm mit einem Enthuſiasmus, der ſtiller, aber zugleich furchtbarer als der der Weiber, welche als Vorhut abgegangen waren. Alle dieſe Menſchen ſollten ſich in Verſailles an einander anſchließen, um vom König die bei der Orgie am 1. und 2. Oetober von der Tafel der Gardes⸗du⸗ eorps gefallenen Brodkrümchen zu verlangen. L. Ungnade. Wie immer, war man in Verſailles in völliger Unwiſſenheit über das, was in Paris vorging. Nach der von uns geſchilderten Scene, zu welcher ſich die Königin am andern Tag Glück gewünſcht, ruhte Marie Antvinette aus. Sie hatte ein Heer, ſie hatte Trabanten, ſie hatte ihre Feinde gezählt, ſie wünſchte den Kampf zu be⸗ ginnen. Hatte ſie nicht die Niederlage vom 14. Juli zu rächen? Hatte ſie nicht die Fahrt des Königs nach Pa⸗ ris, eine Fahrt, von der er mit der dreifarbigen Cocarde am Hut zurückgekommen, bei ihrem Hofe und bei ſich ſelbſt vergeſſen zu machen? Die arme Frau, ſie erwartete durchaus nicht die Fahrt, welche ſie ſelbſt zu machen genöthigt ſein ſollte. Seit ihrem Streite mit Charny hatte ſie nicht mehr mit dieſem geſprochen. Sie befliß ſich ſcheinbar, Andrée mit jener alten, einen Augenblick in ihrem Herzen ver⸗ =——— 72 düſterten, in dem ihrer Nebenbuhlerin auf immer erloſchenen Freundſchaft zu behandeln. Was Charny betrifft, ſo wandte ſie ſich nur an ihn und ſchaute nur nach ſeiner Seite, wenn ſie genöthigt war, das Wort in Betreff ſeines Dienſtes an ihn zu richten oder ihm einen Befehl zu geben. Das war keine Familienungnade, denn gerade am Morgen des Tages, wo die Pariſer Paris verlaſſen ſollten, um nach Verſailles zu kommen, ſah man die Königin ſehr freundlich mit dem jungen Georges von Charny plaudern, mit dem zweiten der drei Brüder, mit demjenigen, welcher, Olivier entgegengeſetzt, der Königin bei der Nachricht von der Einnahme der Baſtille, ſo kriegeriſche Rathſchläge gegeben hatte. Gegen neun Uhr Morgens ſchritt dieſer junge Officier in der That durch die Gallerie, um dem Jä⸗ germeiſter zu melden, der König wolle jagen, als ihn Marie Antvinette, welche die Meſſe in der Kapelle ge⸗ hört hatte, erblickte und zu ſich rief. „Wohin laufen Sie ſo, mein Herr?“ fragte ſie. „Ich lief nicht mehr, ſo bald ich Eure Majeſtät erblickte,“ erwiederte Georges;„ich blieb im Gegentheil ſtehen und wartete in Demuth auf die Ehre, die ſie mir dadurch erweiſt, daß ſie mich anſpricht.“ „Das verhindert Sie nicht, mein Herr, mir zu antworten und mir zu ſagen, wohin Sie gehen.“ „Madame, ich bin von der Escorte. Seine Ma⸗ jeſtät jagt, und ich will die Befehle des Oberjägermei⸗ ſters in Betreff der Sammelplätze einholen.“ „Ah! der König jagt heute abermals,“ ſprach die Königin, während ſte nach den Wolken ſchaute, welche ſchwer und ſchwarz von Paris her rollten;„er hat Un⸗ recht. Man ſollte glauben, das Wetter drohe, nicht wahr, Andrée?“ ſ„Ja, Madame,“ antwortete die junge Frau zer⸗ r eut. „Sind Sie nicht dieſer Anſicht, mein Herr?“ ————— ni üb zur den ſon tra Ch nett Hä ſes Che Gre daß n u en ie n r, er e i⸗ n e it il ie e e t ————————— ———— 73 „Doch, Madame; aber der König will es.“ „Der Wille des Königs geſchehe in den Wäldern und auf den Straßen,“ antwortete die Königin mit der ihr natürlichen Heiterkeit, welche ihr weder die Be⸗ trübniſſe des Herzens, noch die volitiſchen Ereigniſſe, mit einander verbunden, zu rauben vermochten. Dann wandte ſie ſich zu Andrée um und ſagte, die Stimme dämpfend: „Es iſt das Wenigſte, daß er dies hat.“ Und fie fragte Georges laut: „Mein Herr, können Sie mir ſagen, wo der Kö⸗ nig jagt?“ „Im Walde von Meudon, Madame.“ „Wohlan, ſo begleiten Sie ihn und wachen Sie über ihm.“ In dieſem Augenblick war der Graf von Charny zurückgekehrt. Er lächelte Andrée ſanft zu, ſchüttelte den Kopf und ſagte zur Königin: „Das iſt eine Empfehlung, Madame, der ſich mein Bruder, nicht inmitten der Vergnügungen des Königs, ſondern inmitten ſeiner Gefahren erinnern wird.“ Beim Tone dieſer Stimme, welche an ihr Ohr traf, ohne daß ihr Geſicht von der Gegenwart von Charny benachrichtigt worden war, bebte Marie Antoi⸗ wandte ſich um und ſagte mit einer verächtlichen Härte: „Ich würde mich ſehr gewundert haben, wäre die⸗ ſes Wort nicht von dem gertt Grafen Olivier von Charny gekommen.“ dies, Madame?“ fragte ehrerbietig der raf. „Weil es eine Unglücksprophezeiung iſt, mein Herr.“ Andrée erbleichte, als ſie den Grafen erbleichen ſah. Er verbeugte ſich, ohne zu antworten. Dann, auf einen Blick ſeiner Frau, welche darüber, as ſie ihn ſo geduldig fand, zu erſtaunen ſchien, agte er: 74 „Ich bin wahrhaftig ſehr unglücklich, daß ich nicht mehr weiß, wie man mit der Königin ſpricht, ohne ſie zu beleidigen.“ Dieſes mehr wurde betont, wie auf dem Theater ein geſchickter Schauſpieler die wichtigen Sylben betont. Die Königin hatte ein zu geübtes Ohr, um nicht im Fluge die Intention aufzufaſſen, welche Charny dieſem Worte gegeben hatte. „Nehrf⸗ ſagte ſie lebhaft,„mehr, was bedeutet mehr?“ „Ich habe mich abermals ſchlecht ausgedrückt, wie es ſcheint,“ erwiederte Herr von Charny einfach. Und er wechſelte mit Andrée einen Blick, den dies⸗ mal die Königin auffing. Sie erbleichte ebenfalls, preßte aus Zorn die Zähne zuſammen und rief: „Das Wort iſt ſchlecht, wenn die Abſicht ſchlecht iſt.“ „Das Ohr iſt feindſelig, wenn der Geiſt feindſelig iſt,“ erwiederte Charny. Und nach dieſer mehr gerechten, als ehrerbietigen Entgegnung ſchwieg er. „Ich werde, um zu antworten, warten, bis Herr von Charnh mehr Glück in ſeinen Angriffen hat,“ ſagte die Königin. „Und ich,“ erwiederte Charny,„werde, um anzu⸗ greifen, warten, bis die Königin glücklicher, als ſie es ſeit einiger Zeit iſt, in Dienern iſt.“ Andrée ergriff raſch die Hand ihres Mannes und ſchickte ſich an, mit ihm weszugehen. Ein Blick der Königin hielt ſie zurück. Dieſe hatte die Bewegung geſehen. „Aber was hatte er mir denn zu ſagen, Ihr Mann?“ fragte die Königin. „Er wollte Eurer Majeſtät ſagen, vom König nach Paris abgeſchickt, habe er Paris in einer ſonderbaren Gährung gefunden.“ „Abermals!“ rief die Königin;„und aus welchem 8 5 ſie Ki gi de Ze ſtie ſti wa mit ten ein wei ein Me Ah blic rief hab ſiche The Ank ſehe Thü ſehe Min cht ne ter nt. cht ny tet wie es⸗ hne ſt.“ elig gen err gte nzu⸗ ees und ieſe Ihr nach aren chem 75 Anlaß? Die Pariſer haben die Baſtille eingenommen und ſind im Zuge, ſie zu zerſtören. Was wollen ſie mehr? Antworten Sie, Herr von Charny.“ „Das iſt wahr, Madame,“ erwiederte der Graf; „doch da ſie die Steine nicht eſſen fönnen, ſo ſagen ſie, ſie haben Hunger.“ „Sie haben Hunger! ſie haben Hunger!“ rief die önigin.„Was ſollen wir dabei thun?“ „Madame, es hat eine Zeit gegeben, wo die Köni⸗ gin die Erſte war, welche Mitleid mit den Schmerzen des Volkes empfand und ſie erleichterte. Es gab eine Zeit, wo ſie bis zu den Manſarden der Armen empor⸗ ſie und wo die Gebete der Armen zu Gott empor⸗ iegen.“ „Ja,“ erwiederte bitter die Königin,„und nicht wahr, ich bin gut belohnt worden für dieſes Mitleid mit dem Elend der Anderen. Eines von meinen größ⸗ ten Mißgeſchicken iſt bavon hergekommen, daß ich in eine ſolche Manfarde hinaufgeſtiegen bin.“ „Weil Eure Majeſtät ſich einmal getäuſcht hat, weil ſie ihre Gnade und ihre Gunſtbezeigungen auf eine elende Creatur ausgedehnt hat, darf ſie die ganze Menſchheit nach dem Niveau einer Schändlichen meſſen? Ah! Madame, wie geliebt waren Sie zu jener Zeit!“ ie e Königin ſchleuderte Charnh einen Flammen⸗ ick zu. „Sagen Sie furz, was geſtern in Paris vorfiel!“ rief ſte.„Sagen Sie mir nur Dinge, die Sie geſehen haben, mein Herr; ich will der Wahrheit Ihrer Worte ſicher ſein.“ „Was ich geſehen habe, Madame! Ich habe einen Theil der Bevölkerung, auf den Quais vergeblich die Ankunft von Mehl erwartend, zuſammengeſchaart ge⸗ ſehen. Ich hobe den andern Theil in Reihen vor den Thüren der Bäcker, vergeblich Brod erwartend, ſtehen ſehen. Was ich geſehen habe! ein ausgehungertes Volk; änner traurig ihre Weiber, Weiber traurig ihre 76 Kinder anſchauend. Was ich geſehen habe! geballte, drohende Fäuſte gegen Verſailles ausgeſtreckt. Ah! Madame, Madame, die Gefahren, von denen ich ſprach, die Gelegenheit, für Eure Majeſtät zu ſterben, ein Glück, das mein Bruder und ich zuerſt in Anſpruch nehmen, ich fürchte, dieſe Gelegenheit wird uns bald geboten ſein.“ Die Königin wandte Charny mit einer Bewegung der Ungeduld den Rücken zu und lehnte ihre brennende, obgleich bleiche Stirne an die Scheibe eines Fenſters an, das nach dem Marmorhofe ging. Kaum hatte ſie dieſe Bewegung gemacht, als man ſie beben ſah. „Anvrée,“ ſagte ſie,„ſehen Sie doch, wer der Rei⸗ ter iſt, der zu uns kommt; er ſcheint der Ueberbringer ſehr dringender Nachrichten zu ſein.“ Andrée näherte ſich dem Fenſter; doch beinahe in Augenblick trat ſie erbleichend einen Schritt zurück. „Ah! Madame,“ ſagte ſie mit einem Tone des Vorwurfs. 6. Charny trat raſch an's Fenſter, er hatte nichts von dem, was vorgegangen, verloren. „Dieſer Reiter,“ ſagte er, indem er nach einander der Doctor Gilbert.“ die Königin und Andrée anſchaute,„dieſer Reiter iſt „Ah! es iſt wahr,“ ſprach die Königin, auf eine Art, daß es ſelbſt Andrée unmöglich war, zu beurthei⸗ len, ob Marie Antvinette ſie in einem von jenen An⸗ fällen weiblicher Rache, denen ſich die arme Frau über⸗ ließ, an's Fenſter gerufen hatte, oder ob ihre durch die Nachtwachen und die Thränen geſchwächten Augen auf eine gewiſſe Entfernung ſelbſt diejenigen nicht mehr er⸗ kannten, welche zu erkennen ſie ein Intereſſe hatte. Ein eiſiges Stillſchweigen breitete ſich ſogleich über den drei Hauptperſonen dieſer Scene aus, deren Blicke allein zu fragen oder zu antworten fortfuhren. än eit kor An ſeit ein als des ſone biet hab thei Ute, Ah! rach, ein ruch bald zung ende, ——— ſters man Rei⸗ nger e in hritt des ichts inder r iſt eine thei⸗ An⸗ über⸗ h die auf r er⸗ über licke 77 Es war wirklich Gilbert, der mit den unglücklichen Nachrichten ankam, welche Charny vorhergeſehen hatte. Aber, obgleich er raſch vom Pferde geſprungen, obgleich er haſtig die Treppe heraufgeſtiegen war, ob⸗ gleich die drei beſorgten Köpfe der Königin, von Andrée und von Charny ſich der mit dieſer Treppe in Verbin⸗ dung ſtehenden Thüre zuwandten, durch welche der eintreten müſſen, öffnete ſich dieſe Thüre och nicht. Es fand nun von Seiten der drei Perſonen ein ängſtliches Warten von einigen Minuten ſtatt. Plötzlich wurde die entgegengeſetzte Thüre geöffnet, ein Officier trat ein und meldete: „Madame, der Doctor Gilbert, der ſo eben ange⸗ kommen iſt, um den König in ſehr wichtigen, dringenden Angelegenheiten zu ſprechen, bittet um die Ehre, von Eurer Majeſtät empfangen zu werden, da der König ſeit einer Stunde nach Meuvon abgegangen iſt.“ „Er trete ein!“ rief die Königin, auf die Thüre einen bis zur Härte feſten Blick heftend, während Andrée, als müßte ſie einen natürlichen Beiſtand in ihrem Manne finden, rückwärts ging und ſich auf den Arm des Grafen ſtützte. Gilbert erſchien auf der Thürſchwelle. E. Der Abend des 5. October. Gilbert warf einen Blick auf die verſchiedenen Per⸗ ſonen, die wir in Scene gebracht haben, ging ehrer⸗ bietig auf Marie Antvinette zu und ſprach: „Die Königin wird mir, in Abweſenheit ihres er⸗ habenen Gemahls, erlauben, ihr die Nachrichten mitzu⸗ theilen, welche ich bringe.“ „Sprechen Sie, mein Herr,“ erwiederte Marie 78 Antoinette. Als ich Sie ſo raſch kommen ſah, rief ich meine 6 Stärke zu Hülfe, denn ich habe vermuthet, daß Sie eine herbe Kunde bringen.“ „Würde es die Königin vorgezogen haben, wenn ich ſie hätte überrumpeln laſſen? In Kenntniß geſetzt,„ wird die Königin mit dem fie charakterifirenden geſun⸗ den Verſtande und ſicheren Urtheil der Gefahr entge⸗ gengehen, und dann wird die Gefahr vielleicht vor ihr zuruckweichen.“ „Laſſen Sie hören, mein Herr, was für eine Ge⸗ fahr iſt es?“ „Madame, ſieben bis acht tanſend Weiber ſind von Paris abgegangen und kommen bewaffnet nach Ver⸗ ſailles.“ „Sieben bis acht tauſend Weiber!“ verſetzte die Kö⸗ nigin mit einer Miene der Verachtung. „Ja, aber ſie haben wohl unter Weges angehalten, und werden ihrer fünfzehn bis zwanzig tauſend ſein, wenn ſie hier ankommen.“ „Und was wollen ſie?“ „Sie haben Hunger, Madame, und ſie kommen, um Brod vom König zu verlangen.“ Die Königin wandte ſich gegen Charny um. „Ah! Madame,“ ſagte der Graf,„was ich vorher⸗ 7 geſehen habe, iſt geſchehen.“ „Was iſt zu thun?“ fragte Marie Antoinette. „Man i erwiederte Gilbert. Die Königin drehte ſich raſch wieder um und rief: „Den König! Oh! nein. Ihn in Gefahr ſetzen, wozu ſoll das nützen?“ Dieſer Ausruf ſprang mehr aus dem Herzen von Marie Antvinette, als daß er daraus kam. Er war die ganze Offenbarung dieſes Muthes der Königin, ihres Bewußtſeyns einer ganz perſönlichen Stärke, und zugleich des Bewußtſeyns von einer Schwäche, welche den König von Allem benachrichtigen“ ſie hätte weder in ihrem Gatten finden, noch Fremden enthüllen müſſen. Aber war Charnh ein Fremder? aber war Gilbert ein Fremder? Nein, ſchienen dieſe zwei Männer nicht im Gegen⸗ theil von der Vorſehung erwählt, der Eine, um den König zu beſchirmen, der Andere, um die Königin zu beſchirmen? Charny antwortete zugleich der Königin und Gilbert, er gewann wieder ſeine ganze Selbſbeherrſchung, denn er hatte ſeinen Stolz zum Opfer gebracht. „Madame,“ ſagte er,„Herr Gilbert hat Recht, man muß den König benachrichtigen, der König iſt noch geliebt, der König wird ſich den Weibern zeigen, er wird ſie harangutren, er wird ſie entwaffnen.“ „Aber wer wird es übernehmen, den König zu be⸗ nachrichtigen?“ verſetzte die Königin.„Der Weg iſt ſicherlich ſchon abgeſchnitten, und das iſt ein gefähr⸗ liches Unternehmen.“ „Der König iſt im Walde von Meudon?“ „Ja, und wenn, wie das wahrſcheinlich iſt, die Straßen 4 „Die Königin wolle in mir nur einen Mann des Krieges ſehen,“ unterbrach Charny einfach.„Ein Soldat iſt gemacht, um getödtet zu werden.“ Und nachdem er ſo geſprochen, wartete er nicht auf die Antwort, hörte er nicht auf den Seufzer; er ging raſch hinab, ſchwang ſich auf ein Pferd der Garden, und jagte mit zwei Reitern nach Meudon. aum war er, burch ein letztes Zeichen den Ab⸗ ſchied erwiebernd, den ihm Andrée aus dem Fenſter zuſandte, verſchwunden, als ein entferntes Geräuſch, das dem Brauſen der Wogen an einem Sturmtage glich, die Königin horchen machte. Dieſes Geräuſch ſchien von den entfernteſten Bäumen der Pariſer Straße aufzuſteigen, welche man von dem Zimmer aus, wo man war, im Nebel bis zu den letzten Häuſern von Ver⸗ ſailles ſich entrollen ſah. PBald wurde der Himmel drohend für den Blick, wie er es für das Ohr war; ein weißer, ſcharfer Regen ke fing an den Nebel zu durchſtreifen. A Und dennoch, trotz dieſer Drohungen, füllte ſich Verſailles mit Menſchen. ₰ Die Emiſſäre folgten ſich im Schloſſe. Jeder Emiſſär verkündigte eine zahlreiche, von Paris kom⸗ mende Colonne, und Jeder fühlte es, ſich der Frenden de und leichten Siege an den vorhergehenden Tagen er⸗ innernd, der Eine wie einen Gewiſſensbiß, der Andere die wie einen Schrecken in ſeinem Innern. k Unruhig und ſich einander anſchauend, nahmen die Soldaten langſam ihre Waffen. Trunkenen ähnlich, ma welche den Wein abzuſchütteln ſuchen, athmeten die ale Officiere, demoraliſirt durch die ſichtbare Unruhe der der Soldaten und das Gemurre der Menge, mühſam die ble zun unglück beladene Atmoſphäre, die man ihnen fen zutheilte. Die Gardes⸗du⸗corps, ungefähr dreihundert Mann, ein ſtiegen kalt und mit jenem Zögern zu Pferde, das den Ge Mann des Schwertes erfaßt, wenn er begreift, er ich werde es mit Feinden zu thun haben, deren Angriff un⸗ ben bekannt iſt. Was gegen Weiber thun, welche brohend und mit dieſ Waffen abgegangen find, aber entwaffnet und ohne mehr dieſ den Arm aufheben zu können, ankommen, ſo müde find ſie, ſo ſehr haben ſie Hunger! Bit Auf's Gerathewohl ſtellen ſie ſich aber auf, ziehen dure ihre Säbel und warten. Endlich erſcheinen die Weiberz ſie kommen auf zwei Straßen; auf der Hälfte des Weges hatten ſie ſich getrennt; die Einen waren durch Saint⸗Clvud, die Anderen durch Sévres gezogen. Him Ehe man ſich getrennt, hatte man acht Brode aus⸗ getheilt: das war Alles, was man in Seyres gefunden⸗ Ber⸗ lick, egen ſich eder kom⸗ uden ier⸗ ndere ndie die e der n die hnen ann, . f un⸗ 8 und dreißig Pfund Brod für ſiebentauſend erſonen. Als ſie nach Verſailles kamen, konnten ſie ſich kaum foriſchleppen; mehr als drei Viertel hatten ihre Waffen auf der Straße umhergeſtreut. Maillard hatte das letzte Viertel bewogen, die ſeinigen in den erſten Häuſern der Stadt zu laſſen. Als ſie in die Stadt eintraten, ſagte er: „Auf, damit man nicht bezweifelt, daß wir Freunde des Königthums ſind, laßt uns ſingen: Vive Henri IV“ Und mit einer ſterbenden Stimme, welche kaum die Kraft hatte, Brod zu verlangen, ſangen ſie das königliche Lied. Die Verwunderung war auch groß im Palaſte, als man, ſtatt der Schreie und Droh als man beſonders die ſchwanken einander geſtellt, dem erſtaunten Geſichter durch die Zahl der Hände verdoppelnd, die ſich krampfhaft an den Gitterſtangen anhalten und bewegen. Dann brach von Zeit zu Zeit aus dem Schooße dieſer Gruppen trauriges Geheut hervor; aus der Mitte dieſer mit dem Tode ringenden Geſichter ſprangen Blitze. Von Zeit zu Zeit Gitter los, an dem ſie ſich feſt halten, und frecken ſich durch die Zwiſchenräume nach dem Schloſſe aus. Die einen offen und zitternd, dieſe bitten. Die anderen geballt und ſtraff, dieſe drohen. Oh! das Gemälde war ein düſteres. Der Regen und der Koth, dies auf Seiten des Himmels und der Erde. Der Hunger und die Drohung, dies auf Seiten der Belagernden. Ange Pitvn. MI. 6 82 Das Mitleid und der Zweifel, dies auf Seiten der Vertheidiger. In Erwartung von Ludwig XVI. läßt die Königin, B voll Fieber und Entſchloſſenheit, die Vertheidigung an⸗„ ordnenz allmälig haben ſich die Höflinge, die Officiere, G die hohen Staafsbeamten um ſie gruppirt.,* Unter ihnen erblickte ſie Herrn von Saint⸗Prieſt, ic Miniſter von Paris. m „Sehen Sie, was die Leute wollen, mein Herr,“ ſagte ſie zu ihm. we Herr von Saint-Prieſt geht hinab, durchſchreitet wi den Hof, tritt an's Gitter und fragt die Weiber: nö „Was wollt Ihr?“ „Brod! Brod! Brod!“ antworteten gleichzeitig tauſend Stimmen. „Brod! entgegnete Herr von Saint⸗Prieſt heftig, me „als Ihr nur einen Herrn hattet, fehlte es Euch nicht ſch an Brod. Jetzt, da Ihr zwölfhundert habt, ſeht, wie weit Ihr gekommen ſeid.“ Und er zieht ſich unter dem Geſchrei der Ausge⸗„es hungerten zu ück und befiehlt, das Gitter geſchloſſen zu het halten. ver Doch eine Deputation kommt herbei, und vor dieſer leit wird man wohl das Gitter öffnen müſſen. Maillard iſt in der Nattonalverſammlung im Namen der Weiber erſchienen; er hat es dahin gebracht, erm daß der Präſident mit einer Deputation von zwölf Weibern dem König Vorſtellungen machen wird.„Ic In dem Augenblick, wo die Deputation, Mounier an der Spitze, aus der Verſammlung weggeht, kommt der König im Galopp beim Schloß an. wert Charny hatte ihn im Walde von Meudon ge⸗ Kön offen. „Ah! Sie ſind es, mein Herr?“ fragte ihn der viell König.„Wollen Sie zu mir?“ „Ja, Sire.“ „Was geht denn vor? Sie ſind ſehr raſch geritten.“ iten gin, an⸗ iere, ieſt, eitet eitig ftig, nicht wie sge⸗ n zu ieſer im wölf nier t der ge⸗ der 83 „Sire, zehntauſend Weiber find zu dieſer Stunde 5 Verſailles, ſie kommen von Paris und verlangen rod.“ Der König zuckte die Achſeln, doch mehr mit einem Gefühle des Mitleids, als der Verachtung. „Ach!“ ſagte er,„wenn ich Brod hätte, ſo würde ich nicht warten, bis ſie nach Verſailles kämen und von mir verlangten.“ Doch ohne eine andere Bemerkung zu machen, warf er nur einen ſchmerzlichen Blick nach der Stelle, wo ſich die Jagd entfernte, die er zu unterbrechen ge⸗ nöthigt war, und ſprach: „Kehren wir nach Verſailles zurück, mein Herr.“ Was er auch ſogleich that. r war, wie wir erwähnt haben, eben angekom⸗ men, als gewaltige Schreie auf dem Paradeplatz er⸗ ſchollen. „Was iſt das?“ fragte der König. „Sire,“ rief Gilbert, bleich wie der Tod eintretend, „es ſind Ihre Garden, welche unter der Anführung von Herrn Georges von Charny den Präſidenten der National⸗ verſammlung und die Deputation, die er zu Ihnen ge⸗ leitet, angreifen.“ „Unmöglich!“ ſagt der König. „Hören Sie die Schreie derjenigen, welche man ermordet. Sehen Sie, ſehen Sie, Alles flieht.“ „Laſſen Sie die Thore öffnen!“ ruft der König. „Ich werde die Deputation empfangen.“ „Aber, Sire!“ entgegnete die Königin. „Laſſen Sie öffnen,“ wiederholte Ludwig XVI.„Ich werde die Deputation empfangen. Die Paläſte der Könige ſind Freiſtätten.“ „Ach!“ verſetzte Maria Antoinette,„ausgenommen vielleicht für die Könige.“ ——— 6* 84 LII. Die Racht vom 5. auf den 6. October. Charny und Gilbert ſtiegen die Stufen hinab. „Im Namen des Königs!“ ruft der Eine. „Im Namen der Königin!“ ruft der Andere. Und Beide fügen bei: „Oeffnet die Thore!“ Doch dieſer Befehl iſt nicht ſobald vollzogen, als man den Präſidenten der Nationalverſammlung im Hofe niedergeworfen und mit Füßen getreten hat. An ſeiner Seite ſind zwei Weiber von der Depu⸗ tation verwundet worden. Gilbert und Charny eilen hinzu; dieſe zwei Männer, der Eine oben von der Geſellſchaft, der Andere unten von derſelben ausgegangen, ſind in einer und derſelben Mitte zuſammengetroffen. Der Eind will die Königin aus Liebe für die Königin retten, der Andere will den König aus Liebe für das Königthum retten. Sobald man die Gitter geöffnet hatte, find die Weiber in den Hof geſtürzt; ſie haben ſich in die Reihen der Garden, in die der Soldaten des Regi⸗ ments Flandern geworfen; ſie drohen, ſie bitten, ſie ſchmeicheln. Wie ſoll man Weibern widerſtehen, welche Männer im Namen ihrer Mütter und ihrer Schweſtern anflehen? ruft Gilbert. Und alle Reihen öffnen ſich, um Mounier und die un⸗ glücklichen Weiber, die er dem König vorſtellen will, durchzulaſſen. Von Charny, der vorausgelaufen iſt, benachrich⸗ tigt, erwartet der König die Deputation in dem Zimmer zunächſt der Kapelle. „Platz, meine Herren, Platz der Deputation!“ Sie Sie Hun den wahr zu ſe als Hofe epu⸗ zwei dere und die iebe die die tegi⸗ „ ſie elche ſtern on!“ un⸗ rich⸗ nmer 85⁵ Mounier wird im Namen der Nationalverſamm⸗ lung ſprechen. Louiſon Chambry, die junge Blumenhändlerin, die den Rappell geſchlagen hat, wird im Namen der Weiber prechen. Mounier ſagt ein paar Worte zum König und ſtellt ihm die junge Blumenhändlerin vor. Dieſe macht einen Schritt vorwärts, will ſprechen, fann aber nur die Worte ſtammeln: „Sire, Brod!“ Und ſie fällt ohnmächtig nieder. „Zu Hülfe!“ ruft der König,„zu Hülfe!“ Andrée eilt hinzu und reicht dem König ihren Flacon. „Oh! Madame,“ ſpricht Charny mit dem Tone des Vorwurfs zur Königin. Die Königin erbleicht und zieht ſich in ihre Ge⸗ mächer zurück. 6 „Laſſen Sie die Equipagen bereit halten,“ ſagt ſie,„der König und ich gehen nach Rambuuillet ab.“ Während dieſer Zeit kam die arme junge Perſon wieder zu ſich; als ſie ſich in den Armen des Königs ah, der ſie an Salzen riechen ließ, ſtieß ſie einen Schrei der Scham aus und wollte ihm die Hand küſſen. Doch der König hielt ſie zurück. „Mein ſchönes Kind,“ ſagte er, laſſen Sie mich Sie küſſen, Sie ſind es wohl werth.“ „Oh! Sire, Sire, da Sie ſo gut ſind, ſo geben Sie den Befehl,“ erwiederte das Mädchen. „Welchen Befehl?“ fragte der König. „Den Befehl, Korn kommen zu laſſen, damit die Hungersnoth aufhört.“ „Mein Kind,“ ſprach der König,„ich will wohl den Befehl, den Sie verlangen, unterzeichnen, aber wahrhaftig, ich befürchte, daß er Sie nicht viel nützt.“ Der RKönig ſetzte ſich an einen Tiſch und fing an zu ſchreiben, als man plötzlich einen vereinzelten Flinten⸗ 1 86 ſchuß und darauf ein ziemlich lebhaftes Kleingewehr⸗ feuer hö te. „Oh! mein Gott! mein Gott!“ ruſt der König, gibt es denn wieder? Sehen Sie nach, Herr ilbert.“ Ein zweiter Angriff hat auf eine andere Gruppe von Weibern ſtattgefunden, und dieſer Angriff hat den Flintenſchuß und das Kleingewehrfeuer herbeigeführt. Der vereinzelte Flintenſchuß iſt von einem Manne aus dem Volk abgefeuert worden und hat den Arm Herrn von Savonnisres, Lieutenant der Garden, in dem Augenblick zerſchmettert, wo dieſer Arm aufgehoben war, um auf einen Soldaten einzuhauen, der ſich gegen eine Barake geflüchtet hatte und mit ſeinen beiden ausgeſtreckten, unbewaffneten Armen ein Weib, das hinter ihm auf den Knieen lag, zu beſchirmen ſuchte. Auf dieſen Flintenſchuß haben von Seiten der Garden fünf bis ſechs Carabinerſchüſſe geantwortet. Zwei Kugeln haben getroffen: eine Frau iſt todt niedergefallen. Man trägt eine andere ſchwer verwundet weg. Das Volk erwiedert das Feuer, und zwei Gardes⸗ du⸗co ps fallen von ihren Pferden. In demſelben Augenblick bört man:„Platz! Platz!“ rufen. Es ſind Männer vom Faubourg Saint⸗Antoine; ſie kommen drei Kanonen mit ſich ſchleppend an und pflanzen ihr Geſchütz dem Gitter gegenüber auf. Zum Glück ſtrömt der Regen, die Lunte wird vergebens an's Zündloch gehalten, das durchnäßte Pul⸗ ver will nicht fangen. In dieſem Augenblick flüſtert eine Stimme Gilbert die Worte in's Ohr: „Herr von Lafayette kommt und iſt nur noch eine halbe Meile von hier entfernt.“ Gilbert ſucht vergebens, wer ihm dieſe Nachricht gegeben hat; doch, woher ſie auch kommen mag, die Nachricht iſt gut. ehr⸗ nig, Herr . uppe den rt. nne Arm in oben egen iden das hte. der 3 todt 87 Er ſchaut umher und fieht ein Pferd ohne Herrn; dieſes Pferd iſt das von einem der zwei Garden, welche getödtet worden ſind. Er ſpringt darauf und reitet im Galopp in der Richtung von Paris weg. Das zweite Pferd ohne Reiter will ihm folgen; doch kaum hat es zwanzig Schritte auf dem Platze ge⸗ macht, da wird es am Zaum zurückgehalten. Gilbert glaubt, man errathe ſeine Abſicht und wolle ihn ver⸗ folgen. Er wirft einen Blick hinter ſich, während er ſich entfernt. Man denkt nicht hieran, man hat Hunger; man will eſſen, und man tödtet das Pferd mit Meſſerſtichen. Das Pferd fällt und iſt in einem Augenblick in zwanzig Stücke zerſchnitten. ühren dieſer Zeit hat man, wie Gilbert, dem König geſagt: Herr von Lafayette kommt. Er hatte Mounier die Annahme der Menſchen⸗ rechte unterzeichnet. Er hatte Louiſon Chambry den Befehl, Korn kommen zu laſſen, unterzeichnet. Mit dieſem Decret und dieſem Befehle verſehen, der, wie man pachte, alle Geiſter beruhigen mußte, ſchlugen Maillard, Louiſon Chambry und ein Tauſend Weiber wieder den Weg nach Paris ein. Bei den erſten Häuſern der Stadt begegneten ſie Lafayhette, welcher, die Nativnalgarde führend, im Ge⸗ ſchwindſchritt herbeikam. „Es lebe der König!“ rufen Maillard und die ie indem ſie ihre Decrete über ihre Köpfe empor⸗ eben. „Was ſagten Sie denn von Gefahren, die Seine Majeſtät laufe?“ fragte Lafayette erſtaunt. „Kommen Sie, kommen Sie, General,“ ruft Gil⸗ bert, der ihn fortwährend antreibt.„Sie werden es ſelbſt beurtheilen.“ Lafahette beeilte ſich. 88 Die Nationalgarde zieht unter Trommelſchlag in Verſailles ein. Beim erſten Raſſeln der Trommeln, das man im Schloſſe vernimmt, fühlt der König, daß man ehrer⸗ bietig ſeinen Arm berührt. Er dreht ſich um: es iſt Andrée. „Ah! Sie ſind es, Frau von Charny!“ ſagt er. „Was macht die Königin?“ „Sire, die Königin läßt ſie inſtändig bitten, weg⸗ zufahren und die Pariſer nicht zu erwarten. An der Spitze Ihrer Garden und der Soldaten vom Regiment Flandern werden Sie überall durchkommen.“ „Iſt das Ihre Anſicht, Herr von Charny?“ „Ja, Sire, wenn Sie zugleich über die Grenze gelangen werden, wenn nicht. „Wenn nicht?“ „So iſt es beſſer, hier zu bleiben.“ Der König ſchüttelte den Kopf. Er bleibt, nicht weil er den Muth hat, zu bleiben, ſondern weil er nicht die Kraft hat, zu gehen. Ganz leiſe murmelt er: „Ein flüchtiger König! ein flüchtiger König!“ Dann wendet er ſich an Andrée: ſeh„Sagen Sie der Königin, ſie möge allein weg⸗ ahren.“ Andrée entfernte ſich, um den Auftrag zu beſorgen. Fünf Minuten nachher trat die Königin ein und ſtellte ſich neben den König. „Was wollen Sie hier, Madame?“ fragte Lud⸗ wig XVI Königin. h!“ murmelte Charny,„hier iſt ſie wirklich ſchön“ Die Königin bebte, ſie hatte gehört. „Ich glaube in der That, ich würde beſſer daran thun, zu ſterben, als zu leben!“ ſagte ſie. VI. „Mit Ihnen ſterben, mein Herr!“ antwortete die ni er au die küt dat To ſtel ſelb in: ſie d tellt Herr eintr Köni en, eg⸗ en. ind ud⸗ die ich an . 89 in In bieſem Augenblick wurde ber Marſch der Na⸗ tionalgarde unter den Fenſtern des Palaſtes ſelbſt ge⸗ ſchlagen. Gilbert trat haſtig ein. „Sire,“ ſagte er zum König,„Eure Majeſtät hat nichts mehr zu befürchten: Herr von Lafayette iſt da.“ Der König liebte Herrn von Lafahette nicht, aber er begnügte ſich damit, daß er ihn nicht liebte. Bei der Königin war es anders, ſie haßte ihn aufrichtig und verbarg ihren Haß nicht. So geſchah es, daß Gilbert auf dieſe Nachricht, die er für eine der glücklichſten hielt, welche er ver⸗ kündigen könnte, keine Antwort erhielt. Aber Gilbert war nicht der Mann, der ſich durch das königliche Stillſchweigen einſchüchtern ließ. „Hat Eure Majeſtät gehört?“ ſprach er mit feſtem Tone zum König.„Herr von Lafahette iſt unten und ſtellt ſich zu den Befehlen Eurer Majeſtät.“ ie Königin blieb fortwährend ſtumm. ſuſer König machte eine Anſtrengung gegen ſich elbſt. „Man ſage ihm, daß ich ihm danke, und lade ihn in meinem Namen ein, heraufzukommen.“ Ein Officier verbeugte ſich und ging ab. Die Königin machte drei Schritte rückwärts. Doch mit einer beinahe gebieteriſchen Geberde hielt ſie der König zurück. Die Höflinge bildeten zwei Gruppen. Charny und Gilbert blieben beim König. Alle Andere wichen wie die Königin zurück und ſtellten ſich hinter ſie. Man hörte den Tritt eines einzigen Menſchen, und err von Lafahette erſchien im Thürrahmen. Unter dem Stillſchweigen, das bei ſeinem Anblick eintrat, ſprach eine Stimme, welche der Gruppe der Königin angehörte, die drei Worte: „Da ift Cromwell.“ 90 Lafayette lächelte. „Cromwell wäre nicht allein zu Karl I. gekommen,“ agte er. Ludwig XvI. wandte ſich gegen die furchtbaren Freunde um, welche ihm einen Feind aus dem Manne machten, der iym zu Hülfe eilte. Dann ſagte er zu Herrn von Charnyh: „Graf, ich bleibe. Sobald Herr von Lafayette hier iſt, habe ich nichts mehr zu befürchten. Heißen Sie die Truppen ſich gegen Rambouillet zurückziehen. Die Nationalgarde wird die äußeren Gräben, die Gardes⸗du⸗corps werden die des Schloſſes beſetzen.“ Hienach wandte er ſich an Lafayette und ſprach: „Kommen Sie, General, ich habe mit Ihnen zu reden.“ Und als Gilbert einen Schritt machte, um ſich zu entfernen, fügte er bei: „Doctor, Sie ſind nicht zu viel, kommen Sie.“ hnd Gilbert und Lafayette den Weg andeutend, trat er in ein Cabinet ein, wohin ihm Beide folgten. Die Königin ſchaute ihnen nach, und als die Thüre wieder geſchloſſen war, ſagte ſie: „Ach! heute mußte man fliehen; heute war es noch Zeit. Morgen wird es vielleicht zu ſpät ſein!“ Und ſie ging ebenfalls weg, um in ihre Gemächer zurückzukehren. Mittlerweile ſchlug ein gewaltiger Schein, dem eines Brandes ähnlich, an die Scheiben des Palaſtes. Das kam von einem ungeheuren Herd, wo man die Stücke des todten Pferdes braten ließ. n, ren nne ette ißen zu end, ten. die res 1 icher dem ſtes. man 91 LIII. Die Nacht vom 5. auf den 6. Oetober. Die Nacht war ziemlich ruhig; die National⸗ verſammlung blieb bis um drei Uhr Morgens in Sitzung. Um drei Uhr Morgens, ehe die Mitglieder ſich trennten, ſchickten ſie zwei von ihren Huiſſiers ab, welche Verſailles durchliefen, die Zugänge des Schloſſes beſichtigten und die Runde im Parke machten. Alles war ruhig oder ſchien ruhig zu ſein. Die Königin hatte um Mitternacht durch das Gitter von Trianon hinaus gehen wollen, aber die iiirri hatte ſich geweigert, ſie paſſiren zu aſſen. Sie hatte Befürchtungen geäußert, und man hatte ihr erwiedert, ſie ſei in Verſailles mehr in Sicherheit, als überall anderwärts. 5 Dem zu Folge hatte ſie ſich in ihre kleinen Ge⸗ mächer zurückgezogen, und ſie hatte ſich in der That beruhigt gefühlt, da ſie dieſelben durch ihre treueſten Garden beſchützt ſah. Vor ihrer Thüre hatte ſie Georges von Charny gefunden. Er war bewaffnet und ſtützte ſich auf die kurze Flinte, welche die Garden wie die Dragoner trugen. Das war wider die Gewohnheit: im Innern ſtanden die Garden nur mit ihren Säbeln Schildwache. Da näherte ſie ſich ihm und ſagte: „Ah! Sie ſind es, Baron?“ „Ja, Madame.“ „Immer treu?“ „Bin ich nicht auf meinem Poſten?“ „Wer hat Sie dahin geſtellt?“ „Mein Bruder, Madame.“ „Und wo iſt Ihr Bruder?“ 92 „Beim König.“ „Warum beim König?“ „Weil er das Haupt der Familie iſt, wie er ge⸗ ſagt hat, und weil er in dieſer Eigenſchaft das Recht hat, für den König zu ſterben, der das Haupt des Staats iſt.“ „Ja,“ ſagte Marie Antoinette mit einer gewiſſen Bitterkeit,„während Sie nur das Recht haben, für die Königin zu ſterben.“ „Es wird eine große Ehre für mich ſein, Madame, wenn Gott mir erlaubt, daß ich je dieſe Pflicht er⸗ fülle,“ erwiederte der junge Mann, indem er ſich ver⸗ beugte. Die Königin machte einen Schritt, um ſich zurück⸗ zuziehen, aber ein Verdacht erfaßte ſie in ihrem Herzen. Sie blieb ſtehen, wandte den Kopf halb um und fragte: „Und. die Gräfin, wie iſt es ihr ergangen?“ „Die Gräfin, Madame, iſt vor zehn Minuten zurückgekommen und hat ſich ein Bett im Vorzimmer Eurer Majeſtät aufſchlagen laſſen.“ Die Königin biß ſich auf die Lippen. Man konnte dieſe Familie Charny anrühren, in welchem Punkte man wollte, man fand ſie nie außer⸗ halb ihrer Pflicht. „Ich danke, mein Herr,“ ſprach die Königin mit einem reizenden Zeichen zugleich der Hand und des Kopfs,„ich danke Ihnen, daß Sie ſo gut über der Königin wachen. Sie werden in meinem Auftrage ſ Bruder danken, daß er ſo gut über dem König wacht.“ Nach dieſen Worten ging ſie hinein. Im Vor⸗ zimmer fand ſie Andrée, ſie war noch nicht zu Bette gegangen, ſondern ſtand ehrerbietig da und wartete. Marie Antoinette konnte nicht umhin, ihr die Hand zu reichen. „Ich habe ſo eben Ihrem Schwager Georges ge⸗ —— ma dig hab wei unſe ge⸗ echt des ſſen für me, er⸗ ver⸗ ück⸗ zen. n?“ ten mer 93 dankt, Gräfin,“ ſagte ſie.„Ich habe ihn beauftragt, e Manne zu danken, und ich danke Ihnen eben⸗ alls.“ Andrée verneigte ſich und trat auf die Seite, um die Königin vorübergehen zu laſſen, welche in ihr Schlafzimmer zurückkehrte. Die Königin hieß ſie nicht folgen; dieſe Ergeben⸗ heit, aus der ſich, wie man fühlte, die Zuneigung zurückgezogen hatte, und die ſich dennoch, ſo eiſig ſte war bis zum Tode bot, bereitete ihr ein Mißbehagen. Um drei Uhr Morgens war Alles ruhig. Gilbert war aus dem Schloſſe mit Herrn von Lafayette weggegangen, der zwölf Stunden zu Pferde geſeſſen hatte und vor Müdigkeit beinahe umfiel; vor der Thüre hatte er Billot begegnet, welcher mit der Nationalgarde gekommen war; er hatte Gilbert weg⸗ reiten ſehen; er dachte, Gilbert könnte ſeiner dort be⸗ dürfen, und war ihm nachgefolgt, wie ein Hund ſeinem Herrn nachfolgt, der ohne ihn abgegangen iſt. Um drei Uhr war, wie geſagt, Alles ſtill. Durch den Bericht ihrer Huiſſters beruhigt, hatte ſich die Nationalverſammlung ſelbſt zurückgezogen. Man hoffte, dieſe Ruhe würde nicht geſtört werden. Man rechnete ſchlecht. Beinahe bei allen Volksbewegungen, welche die großen Revolutionen vorbereiten, iſt eine Zeit des Stillſtands, wobei man glaubt, Alles ſei beendigt, und man könne ruhig ſchlafen. Man täuſcht ſich. Hinter den Menſchen, welche die erſten Bewegungen machen, ſind diejenigen, welche warten, bis die erſte ewegung gemacht iſt, und bis, ermüdet oder befrie⸗ digt, diejenigen, welche dieſe erſie Bewegung vollbracht aben, in dem einen oder in dem andern Falle nicht mehr weiter gehen wollen und ausruhen. Dieſe unbekannten Menſchen, geheimnißvolle Agenten unſeliger Leidenſchaften, ſchleichen dann in der Finſter⸗ 94 niß, nehmen die Bewegung wieder auf, wo ſie verlaſſen worden iſt, und erſchrecken, indem ſie dieſelbe bis zu ihrer äußerſten Grenze treiben, bei ihrem Erwachen diejenigen, welche ihnen die Bahn eröffnet und ſich auf halbem Wege niedergelegt hatten, im Glauben, der ganze Weg ſei durchlaufen und das Ziel erreicht. Es fand ein ganz anderer Impuls während dieſer furchtbaren Nacht ſtatt, ein Impuls gegeben von zwei Schaaren, von denen die eine am Abend, die andere in der Nacht in Verſailles angekommen war. Die erſte kam, weil ſie Hunger hatte, und ſie ver⸗ langte Brod. Die andere kam aus Haß, und ſie forderte Rache. Wir wiſſen, wer die erſte Schaar anführte, Mail⸗ lard und Lafayette. Wer führte nun die Zweite an? Die Geſchichte nennt Niemand. Doch in Ermangelung der Geſchichte nennt die Sage: Marrat! Wir kennen ihn, wir haben ihn beim Hochzeit⸗ feſle von Marie Antoinette Beine auf der Place Louis XV. abſchneiden ſehen. Wir haben ihn auf dem Platze vor dem Stadthauſe die Bürger nach dem Platze der Baſtille antreiben ſehen. Wir ſehen ihn endlich in der Nacht umherſchleichen, wie die Wölfe, welche um die Schafpferche kriechen und warten, bis der Schäfer eingeſchlafen iſt, um ihr blutiges Werk zu wagen. Verriéère! Dieſen nennen wir zum erſten Mal. Es war ein ungeſtalter Zwerg, ein häßlicher Buckeliger, auf un⸗ maßigen Beinen. Bei jedem Sturme, der den Grund der Geſellſchaft trübte, ſah man den blutigen Gnom mit dem Schaume aufſteigen und ſich auf der Ober⸗ fläche bewegen; zwei oder dreimal ſah man ihn in er⸗ ſchrecklichen Epochen in Paris erſcheinen, auf einem ſchwarzen Roſſe hockend, ähnlich einer Geſtalt der der Abl Sas ſen zu en auf der ſer wei in er⸗ he. il⸗ hte hte eit⸗ ace em em en, und ihr ein un⸗ und wom ber⸗ er⸗ nem der 95 Apokalypſe oder einem Lon jenen unmöglichen Teufeln, geboren unter dem Bleiſtift von Callot, um den hei⸗ ligen Antonius zu verſuchen. Eines Tages in einem Club griff er, auf einem Tiſche ſtehend, Danton an, bedrohte er dieſen. Das war zur Zeit, wo die Popularität des Mannes vom 2. September zu wankfen anfing. Unter dieſer Anklage fühlte ſich Danton öwe, der zwei Daumen breit von häßlichen Kopf der Schlange erblickt. Er ſchaute um⸗ her und ſuchte eine Waffe oder eine Statze. Er er⸗ blickte zum Glück einen anderen Buckeligen, packte ihn unter ſeinen Schultern, hob ihn auf und ſtellte ihn auf den Tiſch ſeinen Genvoſſen gegenüber. „Mein Freund,“ ſagte er,„antworten Sie dieſem errn, ich trete Ihnen das Wort ab.“ Man brach in ein Gelächter aus, und Danton war gerettet. Wenigſtens für diesmal. Es waren alſo, die Tradition behauptet es, Ma⸗ rat, Verriére, und dann noch: Der Herzog von Aignillon. Der Herzog von Aiguillon, das heißt einer von den Muſterfeinden der Königin. Der Herzog von Aiguillon als Weib verkleidet. Wer ſagt das? Alle Welt. Der Abbs Delille und der Abbé Maurh, zwei Abbas, die ſich ſo wenig gleichen. Dem Etſten ſchreibt man den bekannten Vers zu:. En homme, c'est un läche; en femme, un as- sussin.*) Beim Abbé Maurh iſt es etwas Anderes. Vierzehn Tage nach den Ereigniſſen, die wir er⸗ zählen, begegnete ihm der Herzog von Aiguillon auf der Terraſſe der Feuillans und wollte ihn anreden. ——— *) Als Mann iſt er ein Feiger, als Weib ein Mörder. 96 „Geh' Deines Weges, Schmutziger,“ ſpricht der Abbé Maury. Und er entfernte ſich majeſtätiſch vom Herzog. Dieſe drei Männer kamen alſo, wie man ſagt, gegen vier Uhr Morgens in Verſailles an. Sie führten die zweite Schaar, von der wir ge⸗ ſprochen haben. Sie beſtand aus den Menſchen, die nach denjenigen kommen, welche kämpfen, um zu ſiegen. Sie kommen, um zu rauben und zu morden. Bei der Baſtille hatte man wohl ein wenig ge⸗ mordet, aber man hatte gar nicht geraubt. Verſailles bot eine ſchöne Enſchädigung, die man ſich nehmen konnte. Gegen halb fünf Uhr Morgens bebte das Schloß mitten in ſeinem Schlafe. Ein Flintenſchuß war vom Marmorhofe aus ab⸗ gefeuert worden. Fünf bis ſechshundert Menſchen waren plötzlich beim Gitter erſchienen, und ſich anreizend, antreibend, hatten ſie mit einer gemeinſchaftlichen Anſtrengung, die Einen dieſes Gitter erſtiegen, die Anderen dasſelbe geſprengt. Dann hatte der Flintenſchuß der Schildwache Lärm gemacht. Einer von den Angreifenden war todt niederge⸗ ſtürzt. Sein blutiger Leichnam ſtreckte ſich auf dem Pflaſter aus. Dieſer Schuß hat die Gruppe der Räuber zer⸗ ſpalten, von denen es die Einen auf das Silberzeug des Schloſſes, die Anderen, wer weiß! auf die Krone des Königs abgeſehen haben. Wie durch einen ungeheuren Axtſtreich getrennt, theilt ſich die Woge in zwei Gruppen. Die eine von den Gruppen zieht nach den Ge⸗ mächern der Königin, die andere geht zur Kapelle, das heißt zur Wohnung des Königs hinauf. 5 97 Folgen wir zuerſt derjenigen, welche zur Wohnung des Königs hinaufgeht. Habt Ihr das Gewäſſer bei großen Fluthen ſtei⸗ gen ſehen? MNun! die Volksfluth iſt dieſem ähnlich, nur daß ſie immer vorrückt, ohne zurückzuweichen. Die ganze Bewachung des Königs beſteht in die⸗ ſem Augenblick aus dem Mann, der vor der Thüre Schildwache ſteht, und aus einem Officier, der haſtig aus den Vorzimmern heraustritt, bewaffnet mit einer Sſeeih⸗ die er dem erſchrockenen Schweizer ent⸗ riſſen hat. „Wer da!“ ruft die Schilbwache,„wer da!“ Und da keine Antwort gegeben wird und die Fluth immer mehr ſteigt, ruft ſie zum dritten Male: „Wer da!“ Und ſie ſchlägt an. Der Offieier begreift, was aus einem Schuß, in ſperrt mit ſeiner Hellebarde die Treppe in ihrer gan⸗ zen Breite. „Meine Herren! meine Herren!“ ruft er,„was wollt Ihr? was verlangt Ihr?“ „Nichts, nichts,“ antworteten ſpottend mehrere Stimmen.„Laſſen Sie uns vorbei; wir ſind gute Freunde Seiner Majeſtät.“ „Ihr ſeid gute Freunde Seiner Majeſtät, und Ihr bringt ihr den Krieg„ Diesmal keine Antwort... Ein unheimliches Ge⸗ lächter, das war Alles. Ein Mann packt den Stiel der Hellebarde, die der Oſficier nicht loslaſſen will. Damit er ſie loslaſſe, beißt er ihn in die Hand. Der Officier reißt die Hellebarde aus den Händen ſeines Gegners, packt mit den ſeinigen zwei Fuß weit auseinander den eichenen Stiel, läßt mit ſeiner ganzen Ange Pitou. l. 7 98 Kraft dieſen Stiel auf den Kopf ſeines Gegners fallen und zerſchmettert ihm den Schädel. Die Heftigkeit des Schlags hat die Hellebarde ent⸗ zwei gebrochen. Nun hat der Officier zwei Waffen ſtatt einer, einen Stock und einen Dolch. Mit dem Stock ſchlägt er das Rad, mit dem Dolche ſtößt er zu. Mittlerweile hat die Schildwache die Thüre des Vorzimmers wiever geöffnet und um Hülfe gerufen. Fünf bis ſechs Garden ſind herausgekommen. „Meine Herren, meine Herren,“ ruft die Schild⸗ wache,„Herrn von Charnh zu Hülfe, zu Hülfe!“ Die Säbel fliegen aus der Scheide, glänzen einen Augenblick beim Scheine der Lampe, welche oben auf der Treppe brennt, und durchwühlen rechts und links von Charny die Angreifenden. Schmerzensſchreie werden hörbar, das Blut ſpritzt, die Fluth weicht zurück, rollt die Stufen hinab und entblößt dieſe, welche nun roth und ſchlüpfrig erſchie⸗ nen, bei ihrem Rückzuge. Die Thüre des Vorzimmers öffnet ſich zum dritten Mal und die Schildwache ruft: „Kommen Sie herein, meine Herren, der König befiehlt es.“ Die Garden benützen den Augenblick der Verwir⸗ rung, der bei der Menge eintritt. Sie ſtürzen nach der Thüre. Charny geht zuletzt hinein. Die Thüre ſchließt ſich hinter ihm, die zwei großen Riegel gleiten in ihre Schließkappen. Tauſend Stöße geſchehen zugleich an dieſe Thüre; aber man häuft hinter ihr Bänke, Tiſche, Seſſel auf. Sie wird wohl zehn Minuten halten. Zehn Minuten! Während dieſer zehn Minuten wird eine Verſtärkung kommen. Sehen wir, was bei der Königin vorgeht. Die zweite Gruppe iſt nach den kleinen Gemächern gegangen; voch hier iſt die Treppe ſehr eng, und kaum —— je hi al zie we laf Ba in dur imm Le jede auf llen ent⸗ nen„ lche üre fen. ild⸗ nen auf inks itzt, und hie⸗ iten nig wir⸗ nach üre iten üre; auf. uten hern aum 99 zwei Perſonen können neben einander durch den Cor⸗ ridor gehen. Hier wacht Georges von Charnh. Bei dem dritten:„Wer da!“ das ohne Antwort geblieben, hat er gefeuert. Auf den Lärm des Schuſſes öffnet ſich die Thüre der Königin. Andrée ſchaute bleich, aber ruhig heraus. „Was gibt es?“ fragte ſie. „Madame,“ rief Georges,„retten Sie Ihre Ma⸗ jeſtät, man will ihr an's Leben gehen. Ich hin allein hier gegen Tauſend. Doch gleichviel, ich werde ſo lange — hlich Stand halten. beeilen Sie ſich! beeilen e ſich!“ Dann, da die Angreifenden auf ihn losſtürzen, zieht er die Thüre zu und ruft: „Schließen Sie die Riegel, ſchließen Sie. werde lange genug leben, um der Königin Zeit zu laſſen, aufzuſtehen und zu fliehen.“ Und er dreht ſich um und durchbohrt mit ſeinem Bajonett die zwei erſten, die er im Corridor trifft. Die Königin hatte Alles gehört, und als Andrée in ihr Zimmer eintrat, fand ſie Marie Antoinette auf. Zwei von ihren Frauen, Madame Hogus und Mabame Thibault, kleiden ſie in Eile an. Halb angekleidet, führen ſie ſodann die zwei Frauen durch einen geheimen Gang zum König fort, während mmer ruhig, und wie gleichgültig gec Gefahr, Andrée eine nach der andern, mit g jede Thüre verſchließt, durch die ſie Marie Antvinekte auf dem Fuße folgend geht. 7* LIV. Der Morgen. Ein Mann erwartete die Königin auf der Grenze„ der beiden Wohnungen. Dieſer Mann war Charny ganz blutig. „Der König!“ rief Marie Antvinette, als ſie die gerötheten Kleider von Charny ſah.„Der König! mein Herr, Sie haben verſprochen, den König zu retten!“ „Der König iſt gerettet, Madame,“ antwortete Charny. Und er tauchte ſeinen Blick durch die Thüren, welche die Königin offen gelaſſen hatte, um von ihren Gemä⸗ chern zum Oeil⸗de⸗Boeuf zu gelangen, wo in dieſem Augenblick die Königin, Madame Royale, der Dauphin und einige Garden verſammelt waren, und wollte eben fragen, wo Andrée ſei, als er dem Vlicke der Königin begegnete. Dieſer Blick hielt das Wort auf ſeinen Lippen zurück. Doch der Blick der Königin drang noch tiefer in ſein Herz ein. Er hatte nicht nöthig, zu ſprechen, Marie Antoineite errieth ſeine Gedanken.* „Sie kommt,“ ſagte ſie,„ſeien Sie unbeſorgt.“ hnd ſie lief zum Dauphin und nahm ihn in ihre me. Andrée und Charny wechſelten nicht ein Wort. Das Lächeln des Einen erwiederte das Lächeln der Andern, das war das Ganze. Seltſam! dieſe zwei ſo lange getrennten Herzen hatten nun Schläge, welche einander antworteten. Während dieſer Zeit ſchaute die Königin umher, und als wäre ſie glücklich geweſen, Charny bei einem Verſehen zu ertappen, fragte ſie: Der König? der König?“ . Ar Cha iu unt chn hier 101 „Der König ſucht Sie, Madame,“ antwortete Charny ruhig.„Er iſt durch einen Corridor zu Ihnen ge⸗ gangen, während Sie durch einen andern gekommen find.“ In demſelben Augenblick hörte man gewaltiges enze„ Geſchrei im anſtoßenden Saal. Das waren Mörder, welche ſchrieen:„Nieder mit der Oeſterreicherin! nieder mit der Meſſalina! nieder die mit der Veto! Man muß ſie erdroſſeln, man muß ſie nein aufhängen!“ Zu gleicher Zeit werden zwei Piſtolenſchüſſe hör⸗ tete bar und zwei Kugeln durchlöchern die Thüre in ver⸗ ſchiedenen Höhen. lche Fine von dieſen Kugeln flog eine paar Linien mä⸗ bom Kopfe des Dauphin vorüber und drang in das Ge⸗ ſem täfel ein. hin„Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief die Königin, eben auf die Kniee fallend,„wir werden Alle ſterben.“ igin Auf einen Wink von Charny machten die fünf bis ſechs Garden ſodann einen Wall für die Königin und die zwei königlichen Kinder. In dieſem Augenblick erſchien der König, die Au⸗ gen voll Thränen, das Geſicht bleich; er rief der Kö⸗ nigin wie die Königin dem König gerufen hatte. eite Er erblickte ſie und warf ſich in ihre Arme. „Gerettet! gerettet!“ rief die Königin. „Durch ihn, Madame,“ anzwortete der König, auf ihre Charny deutend;„und Sie, auch gerettet, nicht wahr?“ „Dutrch ſeinen Bruder,“ erwiederte die Königin. 6„Mein Herr,“ ſprach Ludwig XVI. zum Grafen, 3 pen r in zwir ſind Ihrer Familie viel ſchuldig, zu viel, als daß wir unſere Schuld je bezahlen könnten.“ rzen Die Königin begegnete dem Blick von Andrée und wanbte erröthend den Kopf ab. her, Die Streiche der Angreifenden fingen an an der nem Thüre zu erſchallen. „Auf, meine Herren,“ ſprach Charny,„wir müſſen hier eine Stunde feſthalten. Wir ſind unſerer ſieben, 102 und man wird wohl eine Stunde brauchen, um uns zu tödten, wenn wir uns wohl vertheidigen. Binnen einer Stunde muß man nothwendig Ihren Majeſtäten zu Hülfe kommen.“ Und bei dieſen Worten packte Charny einen unge⸗ heuren Schrank, der in der Ecke des königlichen Zim⸗ mers ſtand. Man folgte ſeinem Beiſpiel, und bald war eine Menge von Meubles aufgehäuft, durch welche ſich die Garden Schießſcharten machten, um durchzufeuern. Die Königin nahm ihre zwei Kinder in ihre Arme, erhob ihre Hände über ihrem Haupte und betete. Die Kinder erſtickten ihr Schluchzen und ihre Thränen. Der König ging in das an das Oeil⸗de⸗Boeuf an⸗ ſtoßende Cabinet, um einige koſtbare Papiere zu ver⸗ brennen, die er den Angreifenden entziehen wollte. Dieſe wütheten gegen die Thüre. Jeden Augen⸗ blick ſah man ein Stück davon unter der Schneide einer Axt oder unter der Wucht eines Brecheiſens ſpringen. Durch die Oeffnungen drangen die Piken mit der gerötheten Zunge, die Bajonette mit der blutigen Spitze und ſuchten den Tod zu bereiten. Zu gleicher Zeit durchlöcherten die Kugeln den Rahmen über der Barricade und durchfurchten den Gyps des vergoldeten Plafond. Enblich ſtürzte eine Bank von dem Schranke herab. Der Schrank ſpaltete ſich; eine ganze Füllung der Thüre, welche dieſer Schrank bedeckte, öffnete ſich gähnend wie ein Schlund, und man ſah durch die erweiterte Oeff⸗ nung, ſtatt der Bajonette und der Piken, blutige Arme dringen, welche ſich an die Oeffnungen anklammerten, die ſich immer mehr erweiterten. Die Garden hatten ihre letzte Patrone verbrannt, und zwar nicht unnütz, denn durch die zunehmende Oeffnung ſah man den Boden der Gallerie mit Ver⸗ wundeten und Todten beſtreut. tha nun eint ben, die verſ wo gehe regel Stin Geſie an⸗ er⸗ en⸗ ner der itze den ps re, wie eff⸗ rme ten, mnt, nde er⸗ 103 Auf das Geſchrei der Frauen, welche durch dieſe OHeffnung ſchon den Tod eintreten zu ſehen glaubten, kam der König zurück. „Sire,“ ſagte Charnh,„ſchließen Sie ſich mit der Königin im entfernteſten Cabinet ein; verriegeln Sie hinter Ihnen alle Thüren; ſtellen Sie zwei von uns hinter die Thüren. Ich verlange der Letzte zu ſein und die letzte zu bewachen⸗ Ich ſtehe für zwei Stunden; ſie haben mehr als vierzig Minuten gebraucht, um dieſe zu durchbrechen.“ Der König zauderte; es kam ihm demüthigend vor, ſo von Zimmer zu Zimmer zu fliehen, ſich hinter jeder Scheidewand zu verſchanzen. Hätte er nicht die Königin gehabt, er wäre nicht einen Schritt zurückgewichen. Hätte die Königin nicht ihre inder gehabt, ſie wäre ſo feſt geblieben, als der König. Aber, ach! arme Menſchen! Könige oder Unter⸗ thanen, wir haben immer im Herzen eine geheime Oeff⸗ nung, durch welche die Kühnheit flieht und der Schrecken eintritt. Der König war alſo im Begriff, den Befehl zu ge⸗ ben, in das abgelegenſte Cabinet zu fliehen, als plötzlich die Arme ſich zurückzogen, die Piken und die Bajonette verſchwanden, die Schreie und die Drohungen erloſchen. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, wo jeder Mund offen, jedes Ohr geſpannt, jeder Athem gehemmt blieb. Dann hörte man den abgemeſſenen Schritt einer regelmäßigen Truppe.. „Das iſt die Nationalgarde!“ rief Charny. „Herr von Charny! Herr von Charny!“ rief eine Stimme. Und zu gleicher Zeit erſchien das wohlbekannte Geſicht von Billot an der Oeffnung. „Billot!“ rief Charny;„Sie ſind es, mein Freund?“ 104⁴ „Ja, ich bin es. Der Koͤnig und die Königin, wo ſind ſie?“ „Sie ſind hier.“ „Unverſehrt?“ „Unverſehrt.“ „Gott ſei gelobt! Herr Gilbert! Herr Gilbert! hierher!“ Beim Namen Gilbert bebten zwei Frauenherzen auf eine ſehr verſchiedene Art. Das Herz der Königin, das Herz von Andrée. Charny wandte ſich inſtinetartig um, er ſah An⸗ drée und die Königin bei dieſem Namen erbleichen. Er ſchüttelte den Kopf und ſeußzte. „Oeffnen Sie die Thüren, meine Herren,“ ſagte der König. Die Gardes⸗du⸗corps ſtürzten hinzu und zerſtreuten die Trümmer der Barricade. Während dieſer Zeit hörte man die Stimme von Lafahette rufen: „Meine Herren von der Pariſer Nationalgarde, ich habe geſtern Abend dem König mein Wort gegeben, es würde Allem, was Seiner Majeſtät gehört, nichts Bö⸗ ſes widerfahren. Wenn Sie die Garden ermorden laſſen, ſo machen Sie, daß mein Ehrenwort gebrochen ſ und ich bin dann nicht mehr würdig, Ihr Chef zu eyn.“ Als die Thüre ſich öffnete, waren die zwei Perſo⸗ nen, die man erblickte, der General Lafayette und Gil⸗ bert; etwas links ſtand Billot, ganz freudig über den Antheil, den er an der Befreiung des Königs gehabt atte. Billot hatte Lafahette aufgeweckt. Hinter Lafayette, Gilbert und Billot ſtand der Kapitän Gondran, Commandant der Compagnie von Saint⸗Philippe⸗du⸗Ronle. Madame Adelaide war die Erſte, welche Lafayette — e— ert! zen An⸗ gte ten von ich „es Bö⸗ den hen zu rſo⸗ Hil⸗ den abt der von ette 105 entgegenlief; ſie ſchlang ihre Arme mit der Dankbarkeit des Schreckens um ſeinen Hals und rief: „Ah! mein Herr, Sie haben uns gerettet!“ Lafahette trat ehrerbietig vor, um über die Schwelle des Oeil⸗du⸗Boeuf zu ſchreiten; doch ein Officier hielt ihn zurück und fragte: „Verzeihen Sie, mein Herr, haben Sie die großen Entrées?“ „Wenn er ſie nicht hat, ſo gebe ich ſie ihm,“ ſprach der König, Lafayette die Hand reichend. „Es lebe der König! es lebe die Königin!“ rief Billot. Der König wanbte ſich um.. „Das iſt eine Stimme, die ich kenne,“ ſagte er lächeind, „Sie find ſehr gnädig, Sire,“ antwortete der brave Pächter.„Ja, ja, es iſi die Stimme von der Fahrt nach Paris. Ah! wenn Sie in Paris geblieben wä⸗ ren, ſtatt hierher zurückzukehren!“ Der König faltete die Stirne. „Ja,“ ſagte er,„fie ſind äußerſt liebenswürdig, die Parifer!“ „Nun?“ fragte der König Herrn von Lafayette, wie der ſagen will: Was iſt Ihrer Anſicht nach zu un? „Sire,“ antwortete ehrerbietig Herr von Lafayette, „ich glaube, es wäre gut, wenn Eure Majeſtät ſich auf dem Balcon zeigte.“ . Der König befragte Gilbert, doch nur mit dem Auge. Der König ging gerade auf das Fenſter zu, öffnete es und erſchien auf dem Balcon. Es erſcholl ein gewaltiger Ruf, ein einſtimmi⸗ ger Ruf. „Es lebe der König!“ Dann folgte ein zweiter Ruf auf den erſten. „Der König nach Paris!“ 106 Und zwiſchen dieſen zwei Rufen, dieſe zuweilen bedeckend, ſchrieen furchtbare Stimmen: „Die Königin! die Königin!“ Bei dieſem Schrei bebte alle Welt; der König er⸗ bleichte, Charny erbleichte, ſelbſt Gilbert erbleichte. Die Königin erhob das Haupt. Auch bleich, die Lippen zuſammengepreßt, die Stirne gefaltet, ſtand ſie beim Fenſter. Madame Royal lehnte ſich an ſie. Vor ihr war der Dauphin, und auf dem blonden Kopfe des Kindes preßte ſich krampfhaſt ihre marmorweiße Hand an. „Die Königin! die Königin!“ fuhren die Stim⸗ men fort, welche immer furchtbarer wurden. „Das Volk wünſcht Sie zu ſehen, Madame,“ ſagte Lafayette. „Oh! gehen Sie nicht, meine Mutter!“ rief Ma⸗ dame Royale, in Thränen zerfließend, indem ſie ihren Arm um den Hals der Königin ſchlang. Die Königin ſchaute Lafayette an. „Fürchten Sie nichts, Madame,“ ſagte er. „Wie! ganz allein!“ verſetzte die Königin. Lafayette lächelte, und ehrerbietig, mit jenen an⸗ muthigen Manieren, die er bis in ſein Alter behielt, machte er die zwei Kinder von ihrer Mutter los und ſchob ſie zuerſt auf den Balcon. Dann bot er der Königin den Arm und ſprach: „Eure Majeſtät geruhe, ſich mir anzuvertrauen, und ich ſtehe für Alles.“ Und er führte die Königin auch auf den Baleon. Es war ein entſetzliches Schauſpiel, und ganz ge⸗ eignet, den Schwindel zu geben, das Schauſpiel, welches der Mamorhof, verwandelt in ein Menſchenmeer von heulenden Wellen, bot. Beim Anblick der Königin brach ein ungeheurer Schrei aus dieſer Menge hervor, und man hätte nicht ſagen können, ob es ein Schrei der Drohung oder ein Freudenſchrei war. en 107 Lafahtte küßte der Königin die Hand; dann er⸗ ſcholl ein allgemeiner Beifallsruf. In dieſer edlen franzöſiſchen Nation iſt bis in den bürgerlichſten Adern ritterliches Blut. Die Königin athmete. „Seltſames Volk!“ ſagte ſie. Dann bebte ſie plötzlich und ſprach: „Und meine Garden, mein Herr, meine Garden, die mir das Leben gerettet haben, vermögen Sie nichts für ſie?“ „Geben Sie mir einen, Madame„ erwiederte Lafayette. „Herr von Charny! Gerr von Charny!“ rief die Königin. Aber Charnh machte einen Schritt rückwärts; er hatte begriffen, um was es ſich handelte. Er wollte nicht für den Abend des 1. Octobers öffentliche Abbitte thun. Da er nicht ſchuldig war, ſo bedurfte er keiner Amneſtie. Andrée ihrerſeits hatte denſelben Eindruck ge⸗ fühlt; ſie hatte die Hand gegen Charny ausgeſtreckt, um ihn zurückzuhalten. Ihre Hand begegnete der Hand des Grafen, dieſe beiden Hände drückten ſich. Die Königin ſah es, ſie, die doch in dieſem Augen⸗ blick ſo viele Dinge zu ſehen hatte. Ihr Auge flammte, und mit keuchender Bruſt, mit ſtockender Stimme ſagie ſie zu einem andern Garde: „Mein Herr, mein Herr, kommen Sie, ich befehle es Ihnen.“ Der Garde gehorchte. 65 Er hatte nicht dieſelben Gründe des Zögerns wie arny. Berr von Lafahette zog den Garde aufden Balcon, ſteckte ihm ſeine eigene dreifarbige Cocarde an den Hut und umarmte ihn. 108 „Es lebe Lafahette! es leben die Gardes⸗du⸗corps!“ riefen fünfzigtauſend Stimmen. Einige Stimmen wollten das dumpfe Murren, i letzte Drohung des entfliehenden Sturmes, hören aſſen. ſie wurden durch den allgemeinen Zuruf edeckt. „Wohlan!“ ſagte Lafahette,„Alles iſt beendigt und das ſchöne Wetter iſt wiedergekehrt!“ Dann trat er zurück und ſprach: „Doch damit es nicht abermals getrübt werde, Sire, bleibt ein letztes Opfer zu bringen.“ „Ja,“ verſetzt der König nachdenkend,„Verſailles verlaſſen, nicht wahr?“ „Und nach Paris kommen, ja, Sire.“ „Mein Herr,“ ſagte der König,„Sie können dem Volke verkünden, in einer Stunde werden wir, die Königin, ich und meine Kinder, nach Paris abgehen.“ Dann zur Königin: „Madame, gehen Sie in Ihre Gemächer und treffen Sie Anſtalten.“ Dieſer Befehl des Königs ſchien Charny an etwas wie ein wichtiges Ereigniß, das er vergeſſen hatte, zu erinnern. Er eilte der Königin voran. „Was wollen Sie bei mir machen, mein Herr?“ fragte die Königin hart;„Sie haben nichts dort zu n 4 thun. „Ich wünſche es ſehr lebhaft, Madame,“ erwiederte Charny,„und wenn ich wirklich nichts dort zu thun habe, ſo werde ich nicht ſo lange bleiben, daß meine Gegenwart Eurer Majeſtät mißfallen könnte.“ Die Königin folgte ihm. Blutſpuren befleckten den Boden; die Königin ſah ſie. Marie Antvinette ſchloß die Augen, ſuchte einen Arm, um ſie zu führen, . den von Charnh und ging ſo ein paar Schritte nd. —— . n. n — 109 Plötzlich fühlte ſie, wie Charnh am ganzen Leibe auerte. ſch „Was gibt es, mein Herr?“ fragte ſie, die Augen wieder öffnend. Dann rief ſie: „Ein Leichnam! ein Leichnam!“ „Eure Majeſtät wird mich entſchuldigen, wenn ich ihren Arm loslaſſe,“ ſagte Charny.„Ich habe gefunden, was ich bei ihr gefucht, den Leichnam meines Bruders Georges.“ Es war in der That der des unglücklichen jungen Mannes, dem ſein Bruder ſich für die Königin tödien zu laſſen befohlen hatte. Er hatte pünktlich gehorcht. LV. Georges von Charny. Die Erzählung, die wir gegeben haben, iſt ſchon auf hundert verſchiedene Arten gemacht worden, denn es iſt ſicherlich eine der intereſſanteſten aus der großen von 1789 bis 1795 verlaufenen Periode, die man die franzöſiſche Revolution nennt. Sie wird noch auf hundert verſchiedene Arten ge⸗ macht werden, aber wir verfichern zum Voraus, Niemand ſie mit mehr Unparteilichkeit gemacht haben, als wir. Doch nach allen dieſen Erzählungen, die unſrige mit einbegriffen, wird noch ſo viel zu thun bleiben, denn die Geſchichte iſt nie vollſtändig! Hunderttauſend Zeugen haben jeder ihre eigene Verſion; hunderttau⸗ ſend verſchiedene Einzelheiten haben jede ihr Intereſſe und ihre Poeſie gerade dadurch, paß ſie verſchieden find. och wozu werden vieſe Er lungen dienen? hat ie eine politiſche Lectivn einen Politiker unterrichtet? 11⁰ Haben je die Thränen und das Blut der Könige die Macht des einfachen Waſſertropfens gehabt, der die Steine aushöhlt? Nein, die Königinnen haben geweint; nein, die Könige ſind ermordet worden, und zwar ohne daß ihre Nachfolger je aus der grauſamen durch das Glück ge⸗ gebenen Lehre Nutzen gezogen. Die ergebenen Menſchen haben ihre Ergebenheit verſchwendet, ohne daß diejenige, welche vom Ver⸗ hängniß zum Unglück beſtimmt waren, Nutzen daraus gezogen. 5 Ach! wir haben die Königin beinahe über den Leichnam von einem der Menſchen ſtolpern ſehen, welche die Könige, wenn ſie gehen, ganz blutig auf dem Wege laſſen, den ſie bei ihrem Fall durchlaufen haben. Einige Stunden nach dem Schreckensſchrei, den die Königin ausgeſtoßen, und in dem Angenblick, wo ſie mit dem König und ihren Kindern Verſailles ver⸗ ließ, wohin ſie nicht mehr zurückkehren ſollte, ereignete ſich Folgendes in einem kleinen inneren, vom Regen, den ein ſcharfer Herbſtwind zu trocknen anfing, befeuch⸗ teten Hof. Ein ſchwarz gekleideter Mann neigte ſich über einen Leichnam. Ein Mann in der Uniform der Garden kniete auf der andern Seite dieſes Leichnams. Drei Schritte von ihnen ſtand, die Hände krampf⸗ haft geballt, die Augen ſtarr, ein drirter Gefährte. Der Todte, das war ein junger Mann von zwei⸗ undzwanzig bis dreiundzwanzig Jahren, deſſen ganzes Blut durch die breiten Wunden, die er am Kopf und an der Bruſt erhalten, ausgeſtrömt zu ſein ſchien. Ganz durchfurcht und bläulichweiß geworden, ſchien ſich ſeine Bruſt noch unter dem ſtolzen Athem eines hoffnungsloſen Kampfes zu heben. Sein leicht geöffneter Mund, ſein mit einem Aus⸗ druck des Schmerzes und des Zorns zurückgeworfener ſeb erm ich i⸗ 6 d n 6 111 Kopf erinnerten den Geiſt an jenes ſchöne Bild de römiſchen Volks:„Und mit einem langen Seufzer ent⸗ ſlieht das Leben nach der Wohnung der Schatten.“ Der ſchwarz gekleidete Mann, das war Gilbert. Der Officier auf den Knieen, das war der Graf. Der ſtehende Mann, das war Billot. er Leichnam, das war der des Baron Georges von Charny. Gilbert, der ſich über den Leichnam neigte, ſchaute mit jener erhabenen Starrheit, die bei dem Sterbenden das Leben, das zu entfliehen im Begriff iſt, zurückhält, und bei dem Todten die entflohene Seele beinahe zurückruft. „Kalt, ſtarr; er iſt todt, ganz todt,“ ſprach er endlich. Der Graf von Charnh gab ein heiſeres Stöhnen von ſich, ſchloß den unempfindlichen Leib in ſeine Arme und brach in ein ſo herzzerreißendes Schluchzen aus, daß der Arzt ſchauderte und Billot den Kopf in einem Winkel des kleinen Hofes verbarg. Dann hob plötzlich der Graf den Leichnam auf, lehnte ihn an die Mauer an, zog ſich langſam zurück und ſchaute immer, ob ſein todter Bruder ſich nicht wieder belehen und ihm folgen würde. Gilbert blieb auf einem Knie, den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, nachdenkend, erſchrocken, unbeweglich. Billot verließ nun ſeinen düſtern Winkel und trat auf Gilbert zu. Er hoörte nicht mehr das Schluchzen des Grafen, das ihm das Herz zerriſſen hatte. „Ach! ach! Herr Gilbert,“ ſprach er,„dies iſt alſo entſchieden der Bürgerkrieg, und das, was Sie mir vorhergeſagt haben, geſchieht, nur geſchieht die Sache ſchneller, als ich glaubte, und als Sie ſelbſt glaubten. Ich habe dieſe Schurken unrevliche Leute ermorden ſehen. Ich ſehe nun dieſe Schurken redliche Leute ermorden. Ich habe Fleſſelles, ich habe Herrn de Launay, ich habe Foulon, ich habe Berthier niedermetzeln ſehen⸗ 112 Ich habe an allen meinen Gliedern gebebt, und es hat mir vor den Andern geſchaudert! „Und die Menſchen, die man dort tödiete, waren doch nur Elende.“ „Damals, Herr Gilbert, haben Sie mir vorherge⸗ ſagt, es werde ein Tag kommen, wo man die ehrlichen Leute tödte. „Man hat den Herrn Baron von Charny ge⸗ tödtet. Ich bebe nicht mehr, ich weine; es ſchaudert vict mehr vor den Anderen, ich habe Furcht vor mir ſelbſt.“ „Billot!“ verſetzte Gilbert. Doch ohne zu hören, fuhr Billot fort: „Hier iſt ein armer junger Mann, den man ge⸗ mordet, Herr Gilbert; es war ein Soldat, der ge⸗ kämpft hat; er mordete nicht, aber man hat ihn er⸗ mordet.“ Billot ſtieß einen Seufzer aus, der aus der tiefſten Tiefe ſeines Innern zu kommen ſchien. „Ah! der Unglückliche,“ ſagte er,„ich kannte ihn als Kind, ich ſah ihn von Bourſonne nach Villers⸗ Cotterets auf ſeinem kleinen Grauſchimmel vorüber reiten, er brachte den Armen Brod von ſeiner Mutter. „Es war ein ſchönes Kind mit weiß und roſigem Geſichte, mit großen blauen Augen, er lachte immer. „Nun! es iſt ſeltſam, ſeirdem ich ihn hier blutig, entſtellt ausgeſtreckt geſehen habe, iſt das nicht mehr lächelnde Kind, das am linken Arme einen Korb und mit der rechten Hand ſeine Börſe hält. „Ah! Herr Gilbert, wahrhaftig, ich glaube, es iſt ſo genug, und ich fühle nicht Luſt in mir, mehr zu ſehen, denn Sie haben es mir vorhergeſagt, wir werden kommen, daß ich auch Sie ſterben ſehe, und ann„ Gilbert ſchüttelte ſanft den Kopf und erwiederte: ein Leichnam, was ich wiederſehe, es iſt immer das — — St rät Gi ſein So ſtör werkt An hat ren ge⸗ hen ge⸗ dert vor ge⸗ err 113 „Billot, ſeien Sie ruhig, meine Stunde iſt noch nicht gekommen.“ brach bleiben, eine Familie, die ich liebe, die ich 3 mal mehr liebe, indem ich dieſen Leichnam ſehe, ſeine Familie beweint.“ „Was wollen Sie damit ſagen, mein lieber Billot? Denken Sie zufällig, ich ſoll mich vom Mitleid für Sie rühren laſſen?“ „Oh! nein,“ antwortete Billot naiv,„doch da ich liebe, klage ich, und da das Klagen zu nichts führt, ſo gedenke ich mir zu helfen und mich auf meine Weiſe zu erleichtern.“ Bee bes 9 en, gun ð den Pachthof „Das heißt, ich habe Luſt, na em Pachthofe zurückzukehren, Herr Gilbert.““ „Abermals, Billot?“ „Ah! Herr Gilbert, ſehen Sie, es iſt dort eine Stimme, die mich ruft.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Billot, dieſe Stimme räth Ihnen die Derſertion.“ „Ich bin kein Soldat, um zu deſertiren, Herr Gilbert.“ „Was Sie thun werden, Billot, wirb eine Deſertion ſein, welche noch viel ſtrafbarer iſt, als die des Soldaten.“ „Erklären Sie mir das, Doctor.“ „Wie! Sie ſind nach Paris gekommen, um zu zer⸗ ſtören, und beim Einſturz des Gebäudes flüchten ſie ſich?“ „Um meine Freunde nicht zu zermalmen, ja.“ 6 vielmehr, um nicht ſelbſt zermalmt zu erden.“ „Ei! ei!“ verſetzte Billot,„es iſt nicht verboten, ein wenig an ſich zu denken.“ „Ah! das iſt eine ſchöne Berechnung; als oh die Ange Pitvu. U. 8 den 1¹⁴ Steine nicht rollten, und als ob ſie nicht rollend ſelbſt in der Entfernung die Furchtſamen, welche entfliehen, zermalmten!“ „Ah! Sie wiſſen wohl, daß ich kein Furchtſamer bin, Herr Gilbert.“ „Dann werden Sie bleiben, Billot, denn ich be⸗ darf Ihrer noch hier.“ „Meine Familie bedarf dort meiner auch.“ „Billot! Billot! ich glaubte, Sie ſeien mit mir übereingekommen, es gebe keine Familie für einen Mann, der ſein Vaterland liebt.“ ch möchte wiſſen, ob Sie das, was Sie ſo eben geſagt haben, wiederholen werden, angenommen, Ihr Sohn Sebaſtian ſei da, wo bieſer junge Mann iſt.“ Und er deutete auf den Leichnam. „Billot,“ antwortete Gilbert ſtviſch,„es wird ein Tag kommen, wo mein Sohn Sebaſtian mich ſieht, wie ich dieſen Leichnam ſehe.“ „Schlimm für ihn, Doctor, wenn er an dieſem Tag ſo kalt iſt, als Sie es hier ſind.“ „Ich hoffe, Billot, er wird würdiger, er wird feſter ſein als ich, gerade, weil ich ihm das Beiſpiel der Feſtigkeit gegeben haben werde.“ „Sie wollen alſo, daß das Kind ſich daran ge⸗ wöhne, das Blut ſließen zu ſehen, daß es im zarten Alter ſich an Feuersbrünſte, an Galgen, an Aufſtände, an nächtliche Angriffe gewöhne, daß es Königinnen beſchimpfen, Könige bebrohen ſehe, und wenn Ihr Sohn hart wie ein Schwert, kalt wie vieſes ſein wird, ſoll er Sie lieben, Sie achten?“ „Nein, ich will nicht, daß er dies Alles ſehe, illot, darum habe ich ihn nach Villers⸗Cotterets zurückgeſchickt, was ich beinahe heute beklage.“ was Sie beinahe heute beklagen?“ „Ja. „ünd warum heute?“ „Weil er heute das Axiom des Löwen und der — — E ſag wac bere Her auf den fuhr hier mein Man hinde zwei Dien das ſelbſt hen, mer be⸗ er 11⁵ Ratte, das für ihn nur eine Fabel iſt, hätte in An⸗ wendung bringen ſehen.“ „Was wollen Sie damit ſagen, Herr Gilbert?“ „Ich ſage, er hätte einen armen Pächter geſehen, den der Zufall nach Paris geführt hat, einen braven, redlichen Mann, welcher weder leſen, noch ſchreiben kann; der nie geglaubt hätte, ſein Lehen könnte einen guten oder ſchlechten Einfluß auf jene hohen Geſchicke Ich ſage, er hätte dieſen Mann geſehen, der ſchon zu einer Zeit Paris verlaſſen wollte, wie er es abermals will; ich ſage, er hätte dieſen Mann wirkſam heute zur Rettung eines Königs, einer Königin und zweier königlichen Kinder beitragen ſehen können.“ Billot ſchaute Gilbert mit erſtaunten Augen an. „Wie dies, Herr Gilbert?“ ſagte er. „Wie dies, erhabener Unwiſſender? ich will es Dir ſagen: dadurch, daß er bei dem erſten Geräuſche er⸗ wachte, daß er errieth, dieſes Geräuſch ſei ein Sturm, bereit, auf Verſailles niederzufallen, daß er eiligſi Herrn Lafayette aufweckte; denn Herr Lafayette ſchließ „Ei! das war natürli er hatte zwölf Stunden auf dem Pferde geſeſſen; er hatte vierundzwanzig Stun⸗ den ſich nicht niedergelegt.“ „Dadurch, daß Du ihn in's Schloß führteſt,“ fuhr Gilbert fort,„daß Du Dich mitten unter die äuber warfſt und'ihnen zuriefſt:„Zurück, Elende! hier iſt der Rächer!““ „Ahl das iſt wahr, ich habe Alles dies gethan.“ „Nun, Billot, Du ſtehſt, das iſt ein großer Erſatz, mein Freund; haſt Du die Ermordung dieſes jungen Mannes nicht verhindert, ſo haſt Du es vielleicht ver⸗ hindert, daß man den König, die Königln und die zwei Kinder ermordete! Undankbarer, der Du den Dienſt des Vaterlandes in dem Augenblick, wo Dich das Vaterland belohnt, verlaſſen wiliſt.“ 116 „Aber wer wird je erfahrenz was ich gethan habe, da ich es ſelbſt nicht vermuthete?“ „Du und ich, Billot, iſt das nicht genug?“ Billot dachte einen Augenblick nach, dann reichte er dem Doetor ſeine rauhe Hand und ſprach: „Sie haben Recht, Herr Gilbert; doch Sie wiſſen, der Menſch iſt ein ſchwaches, ſelbſtſüchtiges, unbeſtän⸗ diges Geſchöpf; nur Sie, Herr Gilbert, ſind ſtark, ebelmüthig und beſtändig. Was hat Sie ſo gemacht?“ „Das unglück!“ antwortete Gilbert mit einem Lächeln, in welchem mehr Traurigkeit als in einem Schluchzen lag. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte Billot;„ich glaubte, das Unglück mache böſe.“ „Die Schwachen, ja.“ tſ zund wenn mich das Unglück träfe und ich würde öſe?“ „Du wirſt vielleicht unglücklich ſein, doch Du wirſt nie böſe werden, Billot.“ „Sind Sie deſſen ſicher?“ „Ich hafte für Dich.“ „Dann verſetzte Billot ſeufzend. „Dann?“ wiederholte Gilbert. „Dann bleibe ich; doch ich weiß, ich werde noch mehr als einmal ſchwach werden.“ „Und jedes Mal, Billot, werde ich da ſein, um Dich zu unterſtützen.“ „So geſchehe es,“ ſeufzte der Pächter. Und er warf einen letzten Blick auf den Leichnam des Baron von Charny, den Bedienten auf einer Bahre wegzutragen ſich anſchickten, und ſprach: „Gleichviel, es war ein ſchönes Kind, dieſer kleine Georges von Charny, auf ſeinem Grauſchimmelchen, mit ſeinem Korbe am linken Arm und ſeiner Börſe in der rechten Hand.“ habe, eichte iſſen, ſtän⸗ tark, ht 2 inem inem bte, ürde virſt um am hre ine en, rſe 117 Abgang, Reiſe und Ankunft von Piton und ebaſtian Gilbert. Wir haben geſehen, unter welchen Umſtänden, lange vor der Zeit, in der wir uns befinden, die Abreiſe von Piton und von Gilbert beſchloſſen worden war. zwei Reiſenden zu folgen, ſo werden uns unſere Leſer erlauben, daß wir in einige Einzelheiten in Betreff ihrer Abreiſe, des Wegs, den ſie nehmen, und ihrer Ankunſt in Villers⸗Cotterets eingehen, wo, wie Pitou nicht bezweifelte, ihr doppelter Abgang eine große eere zurückgelaſſen haben mußte. Gilbert beauftragte Pitou, ihm Sebaſtian zu holen und zu ihm zu bringen. Zu dieſem Ende ließ man Pitou in einen Fiaere ſteigen, und da man Sebaſtian Pitou anvertraut hatte, ſo wurde Pitou dem Kutſcher anvertraut. Nach einer Stunde brachte der Fiacre Piton zu⸗ rück, Pitou brachte Sebaſtian zurück. Gilbert und Billot warteten in einer Wohnung, die ſte in der Rue Saint⸗Honoré gemiethet hatten. Gilbert erklärte ſodann ſeinem Sohne, er werde an demſelben Abend mit Pitou abreiſen, und fragte n, ob es ihm ſehr angenehm ſei, ſeine großen Wäl⸗ der wiederzufinden, die er ſo ſehr liebe. „Ja, mein Vater,“ antwortete das Kind,„voraus⸗ geſetzt, daß Sie mich in Villers⸗Cotterets beſuchen, oder daß ich Sie in Paris beſuche.“ „Sei ruhig, mein Kind,“ ſagte Gilbert, indem er ſeinen Sohn auf die Stirne küßte.„Du weißt wohl, daß ich Dich zu ſehen jeßt nicht mehr entbehren fönnte.“ Piton erröthete vor Vergnügen bei dem Gedanken, an demſelben Abend abzureifen. 118 legte. Eine lange Reihe von Empfehlungen, beinahe alle Geſundheitslehren betreffend, wurde gewiſſenhaft angehört. Sebaſtian ſchlug ſeine großen feuchten Augen nieber. Pitou wog in ſeiner ungehenren Taſche feine Louis d'or und ließ ſie klingen. Gilbert gab Piton, der mit den Functionen eine Hofmeiſters bekleidet war, einen Brief. Dieſer Brief war an den Abbé Fortier. Als die Rede des Doetors beendigt war, ſprach Billot ebenfalls. „HerrGilbert,“ ſagte er,„hat Dir das Moraliſche von Sebaſtran anvertraut, ich betraue Dich mit dem Körperlichen. „Du haſt Fäuſte, und Du wirſt Dich derſelben bei Gelegenheit zu bedienen wiſſen.“ „Ja,“ erwiederte Piton,„und ich habe auch einen „Ich werde milde ſein,“ ſprach Pitvu,„clemens ero.“ „Ein Heros, wenn Du willſt,“ verſetzte Billot, der ſich nicht auf den Witz verſtand. „Ich habe Euch nun nur noch die Art zu bezeich⸗ nen, wie Ihr, Sebaſtian und Du, reiſen werdet,“ ſprach Gilbert. „Oh!“ rief Pitou,„es ſind nur achtzehn Meilen von Paris nach Villers⸗Cotterets, wir werden den ganzen Weg mit einander plaudern.“ Schaſtian ſchaute ſeinen Vater an, als wollte er ihn fragen, ob es beluſtigend ſei, achtzehn Meilen mit Pitou zu plaudern. Piton fing dieſen Blick auf. Er erbleichte vor Glück, als ihm Gilbert in eine Hand die beiden Hände von Sebaſtian und in die an⸗ dere zehn Louis d'or jeden von acht und vierzig Livres ſeit eine vres nahe haft eder. ouis ines rach iſche dem bei inen ro.“ llot, ich⸗ en ilen den er mit 1¹9 „Wir werden lateiniſch ſprechen,“ ſagte er,„und man wird uns für Gelehrte halten.“ Das war der Traum des unſchuldigen Geſchöpfes. Wie viele Andere hätten mit zehn doppelten Lonis d'or in der Taſche geſagt: „Wir werden Pfefferkuchen kaufen.“ Gilbert hatte einen Angenblick des Zweifels. Er ſchaute Pitou an, dann Billot. „Ich verſtehe,“ ſagte der Letztere.„Sie fragen ſich, ob Piton ein Führer ſei, und Sie zögern, ihm Ihr Kind anzuvertrauen.“ „Oh!“ erwiederte Gilbert,„nicht ihm vertraue ich es an.“ „Wem denn?“ Gilbert ſchaute empor; er war noch zu ſehr Vol⸗ ine als daß er zu antworten gewagt hatte: „Gott.“ Man beſchloß, daß man ſich, ohne etwas an dem Plane von Pitou zu ändern, der ohne zu große An⸗ ſtrengung eine Reife voller Zerſtreuungen dem jungen Gilbert verſprach, am andern Morgen auf den Weg begeben würde. Gilbert hätte ſeinen Sohn nach Villers⸗Cotterets in einen der öffentlichen Wagen, welche in jener Zeit den Dienſt von Paris nach der Grenze verfahen, oder ſogar in einem eigenen Wagen ſchicken fönnen; aber man weiß, wie ſehr er für den jungen Sebaſtian die Vereinzelung des Geiſtes fürchtete, und nichts verein⸗ zelt die Träumer ſo ſehr, als das Rollen und das Ge⸗ räuſch des Wagens. Er begnügie ſich alſo damit, daß er die zwei Kin⸗ der bis zum Bourget führte, und, ihnen die unter einer ſchönen Sonne ausgeſtreckt liegende Straße mit ihrer doppelten Reihe von Bänmen bezeichnend, öffnete er ſeine Arme und ſprach: „Geht.“ Piton ging alſo mit Sebaſtian ab; dieſer wandte 120 ſich ſehr oft um und ſandte Küſſe Gilbert zu, welcher mit gekreuzten Armen auf der Stelle ſtand, wo ihn ſein Sohn verlaſſen hatte, und ihm mit den Augen folgte, wie er einem Traume gefolgt wäre. Piton richtete ſich in der ganzen Höhe ſeiner langen Geſtalt auf. Pitou war ſehr ſtolz auf das Vertrauen, das ihm von einer Perſon von der Wichtigkeit von Herrn Gilbert, Arzt des Königs, bezeigt worden war. Piton ſchickte ſich an, gewiſſenhaft ſeine Aufgabe zu erfüllen, welche zugleich die eines Hofmeiſters und einer Gouvernante wat.. Er führte übrigens voll Selbſtvertrauen den klei⸗ nen Sebaſtian fort; er reiſte ruhig, die Dörfer durch⸗ wandernd, welche voll Bewegung und Schrecken ſeit den Ereigniſſen in Paris, denen man, wie man ſich erinnert, noch ſehr nahe war, denn obgleich wir die Ereigniſſe bis zum 5. und 6. October erzählt haben, verließen doch Pitou und Sebaſtian Paris ſchon gegen das Ende des Juli oder am Anfang des Auguſt. Piton hatte als Kopfputz ſeinen Helm und als Waffe ſeinen großen Säbel beibehalten. Das war Alles, was er bei den Ereigniſſen vom 13. und 14. Juli gewonnen, doch dieſe doppelte Trophäe genügte ſeinem Ehrgeiz, und genügite ſogar, indem ſie ihm ein furcht⸗ bares Ausſehen gab, für ſeine Sicherheit. Dieſes furchtbare Ausſehen, zu dem unzweifelhaft der Helm und der Säbel des Dragoners beitrugen, hatte übrigens Piton unabhängig von dieſen erlangt. Man hat nicht der Einnahme der Baſtille beigewohnt, man hat nicht dabei mitgewirkt, ohne etwas Herviſches zu behalten. Piton war überdies ein wenig Advocat geworben. Man hat nicht die Motionen im Stadthauſe, die Reden von Herrn Bailly, die Haranguen von Herrn von Lafayhette gehört, ohne ein wenig Redner zu wer⸗ den, beſonders wenn man ſchon die lateiniſchen Con- ciones ſtudirt hat, von denen die franzöſiſche Beredt⸗ „ 121 cherſamkeit m Ende des achtzehnlen Jahrhunberts eine ihn ziemlich bleiche, aber doch ziemlich genaue Copie war. gen Ausgerüſtet mit dieſen zwei mächtigen Kräften, die er zwei ſtarken Fäuſten, einer ſeltenen Freundlich⸗ gen ½ keit des Lächelns und einem äußerſt intereſſanten Appetit en, beizufügen wußte, reiſte Piton alſo ſehr angenehm auf on der Straße nach Villers⸗Cotterets. ar. Für die auf die Politik Neugierigen hatte er abe Meuigkeiten; übrigens fabricirte er ſie zur Noth, denn ind er hatte in Paris gewohnt, wo die Fabrication zu jener Zeit merkwürdig war. ei⸗ Er erzählte, wie Herr Berthier ungeheure ver⸗ ch⸗ grabene Schätze hinterlaſſen, welche die Gemeinde eines eit Tags ausgegraben. Wie Herr von Lafayette, das ich Muſter jedes Ruhmes, der Stolz des provincialen die Frankreichs, nur noch ein halb abgenutzter Gliedermann en, ſei, deſſen Schimmel die Witbolde beköſtige! Wie en Herr Bailly, den Lafahette mit ſeiner innigen Freund⸗ ſchaft beehre, wie die anderen Perſonen ſeiner Familie, ls ein Ariſtokrat ſei, und die höſen Zungen ſagen noch ar etwas Anderes. uli Wenn er dies Alles erzählte, erregte Piton Stürme em des Zorns, aber er beſaß das quos ego aller Stürme; t⸗ er erzählte ungedruckte Anekdoten von der Oeſter⸗ reicherin. aft Dieſe unverſtegbare Lebendigkeit verſchaffte ihm eine n, ununterbrochene Serie vortrefflicher Mahle bis Vau⸗ t. ciennes, dem letzten Dorfe auf dem Wege, ehe man it, nach Villers⸗Cotterets kam. es Da Sebaſtian, im Gegentheil, wenig oder nichts aß, da er gar nicht ſprach, da er überdies ein bleiches, n. keänfliches Kind war, ſo bewunderte Jeder, indem er ie ſich für Sebaſtian intereſſirte, die Väterlichkeit von rn Piton, der das Kind liebkoſte, hätſchelte, pflegte und r⸗ noch oben darein ſeinen Theil aß, ohne daß er etwas Anderes zu ſuchen ſchien, als die Gelegenheit, ihm angenehm zu ſein. 122 In Vauciennes angekommen, ſchien Pitvu zu zögern, er ſchaute Sebaſtian an, Sebaſtian ſchaute Piton an. Pitou kratzte ſich am Kopf. Das war ſeine Art, ſeine Verlegenheit auszudrücken. Sebaſtian kannte Piton genug, um mit dieſem Umſtand vertraut zu ſein. „Nun! was gibt es, Pitou?“ fragte Sebaſtian. „Sebaſtian,“ erwiederte Pitou,„wenn es Dir gleich und wenn Du nicht zu müde wäreſt, ſo würden wir, ſtatt unſeren Weg gerade zu verfolgen, über Hara⸗ mont nach Villers⸗Cotterets zurückkehren.“ Und Piton, der ehrliche Junge, erröthete, während er dieſen Wunſch ausdrückte, wie Catherine einen nicht minder unſchuldigen Wunſch ausdrückend erröthet wäre. Sehaſtian begriff. „Ah! ja,“ ſagte er,„dort iſt unſere arme Mutter Piton geſtorben. „Komm, mein Bruder, komm.“ Piton drückte Sebaſtian an ſein Herz, daß er ihn beinahe erſtickt hätte, nahm das Kind bei der Hand und fing an auf dem Querwege, längs dem Wuala⸗ Thale, ſo haſtig zu laufen, daß nach hundert Schrit⸗ ten der arme Sebaſtian ihm keuchend zu ſagen ge⸗ nöthigt war: „Zu ſchnell, Piton, zu ſchnell!“ Piton hielt an; er hatte nichts bemerkt, denn er war ſeinen gewöhnlichen Schritt gegangen. Er ſah Sebaſtian bleich und athemlos. Er nahm ihn in ſeine Arme, wie der heilige Chri⸗ ſtoph Jeſus genommen hatte, und trug ihn weiter. So konnte Piton ſo raſch gehen, als er wollte. Da es nicht das erſte Mal war, daß Piton Se⸗ baſtian trug, ſo ließ Sebaſtian mit ſich machen. Man kam ſo nach Largny. Als in Largny Se⸗ baſtian die Bruſt von Piton keuchen fühlte, ſagte er, ——— N = S ſ S———— S— S8 be 8 ne 123 zu er habe genug ausgeruht, und erklärte ſich bereit, zu aute gehen, wie Piton wollte. Voll Großmuth mäßigte Piton ſeinen Schritt. Art, Eine halbe Stunde nachher war Piton am Ein⸗ gang vom Dorfe Haramont, ſeinem hübſchen Geburtsort. ſem Hier angelangt, ſchauten die zwei Kinder umher, 3 um ſich zurecht zu finden. 8 Das Erſte, was ſie erblickten, war das Crucifix, Dir das die Frömmigkeit des Volks gewöhnlich an den Ein⸗ den gang der Dörfer ſtellt. ra⸗ Ach! ſelbſt in Haramont fühlte man den ſeltſamen Fortſchritt, den Paris zum Atheismus gemacht hatte. end Die Nägel, welche am Kreuze den rechten Arm und die cht Füße von Chriſtus feſthalten ſollten, waren zerbrochen, re vom Roſle zerfreſſen. Chriſtus hing nur am linken Arm feſtgehalten, und Niemand hatte den frommen Ge⸗ ter danken gehabt, das Symbol dieſer Freiheit, dieſer Gleichheit und dieſer Brüdverſchaft, die man ſo ſtark predigte, wieder an den Platz zu bringen, wohin es die hu Juden gebracht haben. nd Pitou war nicht gottesfürchtig, aber dieſer ver⸗ la⸗ geſſene Chriſtus beklomm ſein Herz. Er ſuchte in einer i1⸗ Hecke eine von jenen dünnen und wie Eiſendraht zähen e⸗ Lianen, legte auf das Gras ſeinen Helm und ſeinen Säbel, kletterte am Kreuze hinauf, band den rechten Arm des göttlichen Märtyrers wieder an ſein Querholz er feſt, küßte ihm die Füße und ſtieg hinab. Während dieſer Zeit betete Sebaſtian unten am Kreuze auf den Knieen liegend. Für wen betete er? i⸗ Wer weiß es! Vielleicht für jene Viſion ſeiner Kindheit, die er wohl unter den großen Bäumen des Waldes wiederzu⸗ e⸗ ſinden hoffte, für jene unbekannte Mutter, die nie un⸗ bekannt iſt. Denn wenn ſie uns nicht neun Monate er mit ihrer Milch genährt hat, ſo hat ſie uns doch immer r, neun Monate mit ihrem Blute genährt. Nachdem dieſe heilige Handlung vollbracht war, & B ſetzte Piton wieder ſeinen Helm auf den Kopf und ſchnallte ſeinen Säbel um. Nachdem er ſein Gebet vollendet, machte Sebaſtian das Zeichen des Kreuzes und nahm wieder die Hand von Pitou. Beide traten dann in das Dorf ein und wander⸗ ten nach der Hütte, wo Piton geboren war, wo Seba⸗ ſtian geſäugt worden. Piton kannte Haramont wohl, Gott ſei Dank! aber er konnte die Hütte nicht wieder finden. Er mußte ſich erkundigen; man zeigte ihm ein Häuschen von Stein mit einem Schieferdach. Der Garten des Häuschens war durch eine Mauer geſchloſſen. Die Tante Angelique hatte das Haus ihrer Schwe⸗ ſter verfauft, und der neue Eigenthümer hatte, das war ſein Recht, Alles niedergeriſſen: die alten übertünchten Mauern von Erde, die alte Thüre mit ihrer Oeffnung, um die Katzen durchzulaſſen, die alten Fenſter mit ihren Scheiben halb von Glas, halb von Papier, worauf ſich die ungewandte Schrift von Piton ausbreitete, das Strohdach mit ſeinem grünlichen Moos und ſeinen ſetten Pflanzen, die auf dem Gipfel wachſen und blühen. Der neue Eigenthümer hatte Alles niedergeriſſen, Alles! Die Thüre war geſchloſſen, und auf der äußeren Schwelle dieſer Thüre ſtand ein großer Hund, der Piton die Zähne wies. „Komm,“ ſagte Pitou mit Thränen in den Augen, zkomm, Sebaſtian; komm an einen Ort, wo ich wenig⸗ ſtens ſicher bin, daß ſich nichts verändert hat.“ Und er zog Sebaſtian nach dem Friedhofe fort, wo ſeine Mutter begraben war. Er hatte Recht, der arme Junge; hier hatte ſich nichts verändert; nur war das Gras gewachſen, und das Gras wächſt ſo gut auf den Friedhöfen, daß er kein ein den nd n nd r⸗ = er in = —— 125 möglicher Weiſe das Grab ſeiner Mutter nicht zu er⸗ kennen vermochte. Zum Glück war, zu gleicher Zeit mit dem Graſe, ein Zweig von einer Trauerweide gewachſen; der Zweig war in drei bis vier Jahren ein Baum geworden. Er ging gerade auf dieſen Baum zu und küßte die Erde, die er beſchattete, mit derſelben inſtinetartigen Fröm⸗ migkeit, mit der er die Füße des Chriſtus geküßt hatte. Als er wieder aufſtand, fühlte er die Zweige der Weide, welche, vom Winde bewegt, um ihn her ſchwankten. Er ſtreckte die Arme aus, faßte die Zweige zu⸗ ſammen und drückte ſie an ſeine Bruſt. Es war etwas wie die Haare ſeiner Mutter, was er zum letzten Mal umfing. Der Aufenthalt der zwei Kinder dauerte lange und der Tag rückte vor. Man mußte dieſes Grab, das Einzige, was ſich des armen Piton zu erinnern geſchienen hatte, verlaſſen⸗ Als er es verließ, hatte Piton den Gedanken, einen Zweig von der Trauerweide abzubrechen und an ſeinen Helm zu ſtecken; doch in dem Augenblick, wo er ihn abbrechen wollte, hielt er an. Es kam ihm vor, als wäre es ein Schmerz für ſeine arme Mutter, wenn er den Zweig von einem Baume abbräche, deſſen Wurzeln vielleicht den ſchlecht zuſammengefügten tannenen Sarg umſchlangen, in dem ihr Leichnam lag. Er küßte noch einmal die Erde, nahm wieder die Band von Sebaſtian und entfernte ſich. Alle Welt war auf dem Felde oder im Walde, nur wenige Perſonen hatten alſo Pitou geſehen, und verkleidet, wie er war, durch ſeinen Helm und durch ſeinen großen Säbel, hatte ihn von dieſen Perſonen keine erkannt. Er ſchlug alſo den Weg nach Villers⸗Cotterets ein, ein reizender Weg, der drei Viertelſtunden durch den Wald geht, ohne daß es einem lebenben oder be⸗ 3 126 Gegenſtand einfiel, ihn ſeinem Schmerz zu ent⸗ ehen. Sebaſtian folgte ihm nachdenkend und ſtumm wie er. z Man kam nach Villers⸗Cotterets gegen fünf Uhr Abends. LVII. Wie Piton, der von ſeiner Tante verflucht und weggejagt worden war wegen eines Barbarismus und zweier Solecismen, abermals von ihr verflucht und weggejagt wird wegen eines Huhns mit Reis. Piton kam nach Villers⸗Cotterets natürlich durch“ denjenigen Theil des Parks, welchen man die Faſanerie nennt; er ging durch den, in der Woche leeren, Tanz⸗ ſaal, zu welchem er drei Wochen vorher Catherine ge⸗ führt hatte. Wie viele Dinge waren fuͤr Piton und für Frank⸗ reich während dieſer drei Wochen vorgefallen. Dann folgte er der langen Allee von Kaſtanien⸗ bäumen, erreichte den Schloßplatz und klopfte an die Hinterthüre des Collége des Abbé Fortier. Es war drei Jahre, daß Piton Haramont verlaſſen, während er Villers⸗Cotterets erſt vor drei Wochen ver⸗ laſſen hatte; ganz natürlich alſo, daß man ihn in Hara⸗ mont nicht erkannt hatte, und daß man ihn in Villers⸗ Cotterets erkannte. In einem Augenblick verbreitete ſich durch die Stadt das Gerücht, Pitou ſei mit dem jungen Sebaſtian Gil⸗ bert angekommen, Beide ſeien durch die Hinterthüre des Abbé Fortier eingetreten, Sebaſtian ſei ungefähr wie bei ſeinem Abgang, aber Pitou habe einen Helm und einen großen Säbel. In Folge hievon ſchaarte ſich eine Menge bei der großen Thüre zuſammen, denn man dachte, wenn Piton beim Abbé Fortier durch die kleine Thüre des Schloſſes eingetreten ſei, ſo werde er wohl durch die große Thüre der Rue de Soiſſons herauskommen. Das war ſein Weg, um zum Pleur zu gehen Piton hielt ſich in der That beim Abbs Fortier nur ſo lange auf, als er brauchte, um in die Hände ſeiner Schweſter den Brief des Doctors, Sebaſtian Gilbert und fünf doppelte Lonis d'or, beſtimmt zu Be⸗ zahlung ſeiner Penſion, zu übergeben. Die Schweſter des Abbe Fortier hatte Anfangs gewaltig bange, als ſie durch die Gartenthüre den furchtbaren Soldaten hereinkommen ſah; bald aber er⸗ kannte ſie unter dem Helme des Dragoners das freund⸗ liche, redliche Geſicht, das ſie ein wenig beruhigte. Der Anblick der fünf doppelten Louis d'or beruhigte ſie ganz und gar. Dieſe Angſt war um ſo leichter erklärlich bei der armen alten Jungfer, als der Abbs Fortier ausgegangen war, um ſeine Zöglinge ſpazieren zu führen, und als ſie ſich völlig allein im Hauſe befand. Pav nachdem er den Brief und die fünf doppel⸗ ten Louis d'or übergeben hatte, umarmte Sebaſtian und ging weg, indem er mit einer ganz militäriſchen Wind⸗ beutelei ſeinen Helm auf ſeinen Kopf drückte. Sebaſtian vergoß ein paar Thränen, als er ſich von Pitou trennte, obgleich die Trennung nicht lange dauern ſollte und ſeine Geſellſchaft nicht erquicklich war; aber die Heiterkeit, die Milde, die ewige Gefälligkeit hatten das Herz des jungen Gilbert gerührt. Pitou war von der Natur jener großen, guten Neufundländer Hunde, die uns zuweilen ermüden, am Ende aber doch, indem ſie uns lecken, unſern Zorn entwaffnen. Eines milderte den Kummer von Sebaſtian: daß ihm Pitou verſprach, er werde ihn oft beſuchen. Eines den Kummer von Piton: daß ihm Sebaſtian ankte. Folgen wir nun ein wenig unſerem Helden vom 1²8⁸ Hauſe des Abbe Fortier zu dem ſeiner Tante Angélique, das, wie man weiß, am Ende des Pleur lag. Als Piton vom Abbé Fortier wegging, fand er ungefähr zwanzig Perſonen, welche auf ihn warteten. Sein ſeltſamer Putz, deſſen Beſchreibung ſchon die ganze Stadt durchlaufen hatte, war theilweiſe der Verſamm⸗ lung bekannt. Da man ihn ſo von Paris zurück⸗ kommen ſah, wo man ſich ſchlug, ſo nahm man an, Pitou habe ſich geſchlagen, und man wollte Neuigkeiten von ihm erfahren. Dieſe Neuigkeiten gab Piton nit ſeiner gewöhn⸗ lichen Majeſtät; er erzählte die Einnahme der Baſtille, die Heldenthaten von Billot und von Herrn Maillard, von Elie und von Herrn Hullin; wie Billot in die Gräben der Feſtung gefallen war, und wie er, Pitou, ihn herausgezogen; wie man endlich Herrn Gilbert ge⸗ rettet hatte, der ſeit acht bis zehn Tagen zu den Ge⸗ fangenen gehörte. Die Zuhörer wußten ſchon ungefähr Alles, was Ihnen Pitou erzählte, aber ſie hatten dieſe Einzelhei⸗ ten in den Zeitungen geleſen, und ſo intereſſant ein Journaliſt in dem, was er ſchreibt, ſein mag, er iſt es doch immer weniger, als ein Augenzeuge, der erzählt, den man unterbrechen kann und der wieder aufnimmt, den man befragen kann und der antwortet. Pitou nahm aber wieder auf, antwortete, gab alle Details, behandelte alle Unterbrechungen mit einer gro⸗ ßen Gefälligkeit, ertheilte alle Antworten mit großer Freundlichkeit. Daraus ging hervor, daß es, nachdem er ungefähr eine Stunde lang Details vor der von Zuhörern belager⸗ ten Thüre des Abbe Fortier in der Rue de Soiſſons gege⸗ ben hatte, einem der Anweſenden, als er einige Merk⸗ male der Unruhe ſich auf dem Geſichte von Piton offen⸗ baren ſah, einfiel, zu ſagen: Ahi er iſt müde, der arme Piton, und wir hal⸗ ten ihn hier auf den Beinen, ſtatt ihn zu ſeiner Tante ue, er en. nze m⸗ ück⸗ an, iten hn⸗ lle, rd, die tou, ge⸗ Ge⸗ vas hei⸗ ein tes hli, mt, alle ro⸗ ßer ähr ger⸗ ege⸗ erk⸗ fen⸗ hal⸗ ante 129 Angélique zurückkehren zu laffen. Die liebe, arme alte ſrrbſe ſie wird ſo glücklich ſein, ihn wiederzu⸗ ehen!“ „Ich bin nicht müde,“ erwieberte Pitou,„ich habe Hunger. Ich bin nie müde, aber ich habe immer Hunger!“ Dann, vor dieſer nalven Erklärung, trat die Menge, welche die Bedürfniſſe des Magens von Pitou reſpec⸗ tirte, ehrerbietig auseinander, und Piton konnte, gefolgt von einigen Neugierigen, welche hitziger waren, als die Andern, den Weg nach dem Pleur, das heißt nach dem Hauſe der Tante Angslique nehmen. Die Tante Angélique war abweſend, ſie machte ohne Zweifel ihre Runde in der Nachbarſchaft, und die Thüre war geſchloſſen. Mehrere Perſonen boten Pitou nun an, er möge bei ihnen die Nahrung, die er nöthig hatte, zu ſich nehmen, aber Piton ſchlug es ſtolz aus. „Du ſiehſt wohl, mein guter Pitou, daß die Thüre Deiner Tante geſchloſſen iſt,“ ſagte man zu ihm. „Die Thüre einer Tante vermöchte nie vor einem unterwürfigen und hungerigen Neffen geſchloſſen zu blei⸗ ben,“ ſprach er pathetiſch. Und er zog ſeinen großen Säbel, deſſen Anblick die Weiber und die Kinder zurückweichen machte, ſchob das Ende davon zwiſchen den Riegel und die Schließkappe des Schloſſes, drückte kräftig, und die Thüre öffnete ſich zur großen Bewunderung aller Anweſenden, welche die Heldenthaten von Pitou nicht mehr in Ebrede zogen, ſo bald ſie ihn ſo verwegen ſich dem Zorne der alten ungfer ausſetzen ſahen. Das Innere des Hauſes war genau daſſelbe wie zur Zeit von Pitou: der bekannte lederne Lehnſtuhl nahm königlich die Mitte der Stube ein, ein paar ver⸗ krüppelte Seſſel bilbeten den hinkenden Hof des großen Lehnſtuhls; im Hintergrunde war der Brodkaſten, rechts der Speiſeſchrank und der Kamin. Ange Pitou. IlI. 9 130 Piton trat mit einem ſanften Lächeln in das Haus ein; er hatte nichts gegen dieſe armſeligen Meubles; im Gegentheil, es waren Freunde aus ſeiner Kindheit⸗ Sie waren allerdings beinahe ſo hart als die Tante Angslique, doch wenn man ſie öffnete, fand man wenig⸗ ſtens etwas Gutes in ihnen, während man, wenn man die Tante Angélique geöffnet hätte, ſicherlich das Innere noch viel trockener und ſchlechter als das Aeußere ge⸗ funden haben würde. Piton gab auf der Stelle einen Beweis von dem, was wir behaupten, den Perſonen, die ihm gefolgt wa⸗ ren und, als ſie ſahen, was vorging, von außen herein ſchauten, neugierig, zu erfahren, was bei der Rückkehr der Tante Angélique geſchehen würde. Es ließ ſich leicht ſehen, daß dieſe paar Perſonen voll Mitgefühl für Piton waren. Pitou hatte, wie geſagt, Hunger, Hunger in einem Grade, daß man es an der Veränderung ſeines Ge⸗ ſichtes hatte wahrnehmen können. Er verlor auch keine Zeit und ging gerade auf den Brodkaſten und den Speiſeſchrank zu. Einſt,— wir ſagen einſt, obgleich kaum drei Wo⸗ chen ſeit dem Abgange von Piton verlaufen ſind, denn unſerer Anſicht nach mißt ſich die Zeit nicht nach der Dauer, ſondern nach den vorgefallenen Ereigniſſen;— einſt, wäre er nicht etwa durch den böſen Geiſt oder einen unwiderſtehlichen Hunger, zwei hölliſche Mächte, die ſich ungemein gleichen, angetrieben worden,— einſt hätte ſich Pitou auf die Schwelle der geſchloſſenen Thüre geſetzt und demüthig auf die Rückkehr der Tante Angslique gewartet; wäre ſie zurückgekehrt, ſo hätte er ſie mit einem ſanften Lächeln gegrüßt und ihr Platz gemacht, um ſie vorüber zu laſſen; nachdem ſie einge⸗ treten, wäre er auch eingetreten, und dann hätte er das Vrod und das Meſſer geholt, um ſich ſeinen Theil ab⸗ ſchneiden zu laſſen; wäre ſein Theil abgeſchnitten ge⸗ geweſen, ſo hätte er mit einem lüſternen Auge, mit — 131¹ einem einfachen feuchten und magnetiſchen Blick, mag⸗ netiſch in dem Grade, um den Käſe oder den Lecker⸗ biſſen herbeizurufen, nach dem Brette des Speiſeſchran⸗ kes geſchaut, worauf dieſe Gegenſtände lagen. Eine Electrieität, welche ſelten, aber doch zuweilen von günſtigem Erfolge war. Heute, da Piton ein Mann geworden, machte er es nicht mehr ſo; er öffnete ruhig den Brodkaſten, zog aus ſeiner Taſche ſein breites Meſſer, nahm das Brod und ſchnitt eckig ein Stück ab, das ein gutes Kilo⸗ gramm wägen mochte, wie man ſo zierlich ſeit der An⸗ nahme der neuen Maße ſagt. Dann ließ er wieder das Brod in den Kaſten und den Deckel auf das Brod fallen. Wonach er, ohne etwas von ſeiner Ruhe zu ver⸗ lieren, den Speiſeſchrank öffnete. Es kam Pitou wohl einen Augenblick vor, als hörte er das Brummen der Tante Angélique, aber der Speiſeſchrank ächzte auf ſeinem Scharnier, und bieſes Geräuſch, das die ganze Macht der Wirklichkeit hatte, erſtickte das andere, das nur den Einfluß der Phantaſie ausübte. Zur Zeit, wo Piton zum Hauſe gehörte, verſchanzte ſich die geizige Tante hinter Widerſtandsvorräthen; das war der Käſe von Maroles oder das dünne Stück Speck, umgeben von grünen Blättern von einem unge⸗ heuren Kohl; doch ſeitdem dieſer fabelhafte Eſſer die Gegend verlaſſen hatte, bereitete ſich die Tante trotz ihres Geizes gewiſſe Gerichte, welche eine Woche dauer⸗ denen es nicht an einem gewiſſen Werthe ge⸗ rach. Bald war es ein gedämpftes Rinbfleiſch, umgeben von Moorrüben und Zwiebeln, im Fett vom vorher⸗ gehenden Tag gekocht; bald ein Ragout von Hammel⸗ fleiſch und weißen Rüben mit ſchmackhaften Kartoffeln, ſo dick wie Kindsköpfe und ſo lang wie Kürbiſſe; bald ein Kalbsfuß, den man mit Zipollen Schalotten, — 132 in Eſſig eingemacht, würzte; bald war es ein rieſiger Pfannkuchen, im großen Ofen gebacken und mit Schnitt⸗ lauch und Peterſilie beſtreut, oder mit Speckſchnitten emaillirt, wovon eine einzige für das Mahl der Alten, ſelbſt an Tagen ihres großen Appetits genügte. Die ganze Woche hindurch ſprach die Tante An⸗ gelique dieſen Gerichten mit Beſcheidenheit zu und machte an dem koſtbaren Stück nur gerade nach den Bedürfniſſen des Augenblicks Breſche. Alle Tage freute ſie ſich, daß ſie ſo gute Dinge allein zu verzehren hatte, und während dieſer ſeligen Woche dachte ſie ſo oſt an ihren Neffen Ange Piton, als ſie die Hand in die Schüſſel ſtreckte und als ſie den Biſſen an ihre Lippen führte. Piton hatte Glück. Er traf einen Tag, es war der Montag, wo die Tante Angélique in Reis einen alten Hahn hatte kochen laſſen; dieſer Hahn hatte, obgleich umgeben von einer kräftigen Scheidewand von Teig, ſo geſotten, daß die Knochen das Fleiſch verlaſſen hatten und daß das Fleiſch beinahe zart geworden war. Das Gericht war furchtbar; es bot ſich in einer tiefen, außen ſchwarzen, ſonſt aber glänzenden und reizvollen Schüſſel. Das Fleiſch überragte den Reis, wie die kleinen Inſeln einen weiten See, und der Kamm des Hahns er⸗ hob ſich zwiſchen den vielfachen Pies, wie der Kamm von Ceuta an der Meerenge von Gibraltar. Pitou hatte nicht einmal die Artigkeit, ein ach! der Bewunderung von ſich zu geben, als er dieſes herr⸗ liche Gericht ſah. Durch die Küche verdorben, vergaß der Undankbare, daß nie eine ſolche Herrlichkeit den Speiſeſchrank der Tante Angélique bewohnt hatte.. in der rechten Hand, Er hielt ſein Stück Brod faßte die Schüſſel mit der linken und hielt ſie im Gleich⸗ gewicht durch den Druck ſeines breiten Daumens, den ie en er ie er nd en er⸗ im rr⸗ 133 er bis an das erſte Glied in ein compactes Fett von vortrefflichem Geruch tauchte. In dieſem Angenblick kam es Piton vor, als ſtellte ſich ein Schatten zwiſchen das Licht der Thüre und ihn. Er wandte ſich lächelnd um, denn Pitou war eine von jenen naiven Naturen, bei denen ſich die Befriedi⸗ gung des Herzens im Geſichte ausprägt. Dieſer Schatten war der Körper der Tante An⸗ gélique. Der Tante Angélique, welche noch geiziger, herber, vertrockneter als je. rüher, wir find genöthigt, unabläſſig wieder auf dieſelbe Figur, das heißt auf die Vergleichung zurück⸗ zukommen, in Betracht, daß die Vergleichung allein unſere Gedanken ausdrücken kann, früher hätte Piton beim Anblick der Tante Angélique die Schüſſel fallen laſſen, und während ſich die Tante Angelique in Ver⸗ wäre er über ihren Kopf geſprungen und, ſein Brod unter ſeinem Arme haltend, entflohen. Aber Pitou war nicht mehr derſelbe; ſein Helm als ihn ſein Umgang mit den großen Philoſophen der Zeit in moraliſcher Hinſicht geändert hatte. Statt erſchrocken vor ſeiner Tante zu fliehen, näherte er ſich ihr mit einem anmuthigen Lächeln, ſtreckte die Arme aus, umfing ſie, obgleich ſie dem Drucke zu entweichen ſuchte, mit ſeinen zwei Fühlhör⸗ nern, genannt Arme, und ſchloß die alte Jungfer an ſeine Bruſt, während ſeine Hände, die eine beladen mit em Brod und dem Taſchenmeſſer, die andere mit der Schüſſel und dem Hahn in Reis, ſich hinter ihrem ücken kreuzten. Dann, als er dieſen Art des Nepotismus, welchen er als eine ſeiner Stellung vorgeſchriebene Aufgabe 134 betrachtete, vollbracht hatte, athmete er mit der ganzen Fülle ſeiner Lunge und ſprach: xit„Nun wohl, ja, Tante Angelique, es iſt der arme itou.“ Bei dieſem ungewohnten umfangen hatte ſich die alte Jungfer vorgeſtellt, von ihr auf friſcher That er⸗ tappt, habe ſie Pitou erſticken wollen, wie Hercules einſt den Anteus erſtickt hatte. Sie athmete alſo ihrerſeits, als ſie ſich von dieſem gefährlichen Drucke befreit ſah. Nur war der Tante nicht entgangen, daß Pitvu nicht einmal ſeine Bewunderung beim Anblick des Hahns geoffenbart hatte. Doch Eines benahm der Tante Angélique den Athem noch ganz anders, nämlich, daß Pitou, der es früher, wenn ſie in ihrem ledernen Lehnſtuhlethronte, nicht einmal wagte, ſich auf einen der verſtümmelten Seſſel oder auf einen von den hinkenden Schemeln, von denen er umgeben war, zu ſetzen, daß Pitou, nachdem er ſie umarmt, ſich bequem in ihren Lehnſtuhl geſetzt, ſeine Schüſſel zwi⸗ ſchen ſeine Beine geſtellt und ſie in Angriff zu nehmen begonnen hatte. — Mit ſeiner mächtigen Rechten, wie die Schrift ſagt, hielt er das ſchon erwähnte⸗Meſſer mit breiter Klinge, einen wahren Spatel, mit dem Polyphem ſeine Suppe gegeſſen hätte. Mit der andern Hand hielt er ein Stück Brod, drei Finger breit, ſechs Zoll lang, mit dem er gegen den Reis der Schüſſel losfegte, während ſeinerſeits das Meſſer in ſeiner Dankbarkeit das Fleiſch auf das Brod trieb. Ein geſchicktes und unbarmherziges Manveupre, wel⸗ ches nach einigen Minuten zur Folge hatte, daß es das blau und weiße Fayence vom Innern der Schüſſel er⸗ ſcheinen ließ, wie bei der Ebbe die Ringe und Steine der Hafendämme erſcheinen, von denen ſich das Waſſer zurückgezogen hat. — — 5)— — 8=— — 2 — me die er⸗ les em vu ns em nn te, nen ben wi⸗ nen rift iter ine rod, gen das rod vel⸗ das er⸗ eine ſſer Die erſchreckliche Bangigkeit der Tante Angélique zu ſchildern, ihre Verzweiffung zu ſchildern, darauf müſſen wir verzichten. Sie glaubte jedoch einen Augenblick, ſchreien zu können. Sie konnte es nicht. itou lächelte mit einer ſo bezaubernden Miene, daß der Schrei auf den Lippen der Tante Angélique verſchied. Da verſuchte ſie es, auch zu lächeln, in der Hoff⸗ nung, das grimmige Thier zu beſchwören, das man den unger nennt, und das gerade in den Eingeweiden ihres Neffen wohnte. Doch das Sprüchwort hat Recht, die hungerigen Eingeweide von Pitvu blieben taub und ſtumm. Als ſie mit ihrem Lächeln zu Ende 1 die Tante. Das beläſtigte Piton ein wenig, aber es verhin⸗ derte ihn durchaus nicht, zu eſſen. „Ho! ho! meine Tante,“ ſagte er,„wie gut ſind Sie, daß Sie ſo aus Frende über meine Ankunft wei⸗ nen. Ich danke, meine gute Tante, ich danke.“ Und er aß weiter. Die franzöſiſche Revolution hatte offenbar dieſen Menſchen völlig entartet. Er verſchlang drei Viertel des Hahns, ließ ein wenig Reis auf dem Grunde der Schüſſel und ſprach: „Meine gute Tante, Sie mögen den Reis lieber, nicht wahr? Das iſt zarter für Ihre Zähne; ich laſſe Ihnen den Reis.“ Bei dieſer Aufmerkſamkeit, die für einen Spott hielt, wäre die T nahe erſtickt. Sie rückte entſchloſſen auf den jungen Piton zu, riß ihm die Schüſſel aus den Händen und ſtieß eine Blasphemie aus, welche zwanzig Jahre ſpäter ein Grenadier von der alten Garde vortrefflich ver⸗ vollſtändigt hätte. war, weinte ſie ohne Zweifel ante Angélique bei⸗ 136 Pitou gab einen Seufzer von ſich. 5 tr meine Tante, nicht wahr, Sie beklagen Ihren ahn?“ Der Schurke!“ rief die Tante Angélique;„ich glaube, er ſpottet meiner.“ Piton ſtand aber auf und ſprach majeſtätiſch „Meine Tante, es iſt durchaus nicht meine Abſicht, nichts zu bezahlen; ich habe Geld. Ich werde mich, wenn Sie wollen, bei Ihnen in Penſion geben, nur muß ich mir das Recht vorbehalten, ſelbſt die Rechnung zu machen.“ „Schuft!“ rief die Tante Angélique. „Nehmen wir die Portion zu vier Sous an, ich bin Ihnen ein Mahl ſchuldig, vier Sous für Reis und zwei Sous für Brod, das macht ſechs Sous.“ „Sechs Sous!“ rief die Tante.„Sechs Sous! 8 iſt allein für acht Sous Reis und für ſechs Sous rod!“ „Auch habe ich den Hahn nicht gerechnet, meine gute Tante, in Betracht, daß er von Ihrem Geflügel⸗ hofe iſt. Es iſt ein alter Bekannter von mir, ich habe ihn ſogleich an ſeinem Kamm erkannt.“ „Er iſt dennoch ſeinen Preis werth.“ „Er iſt neun Jahre alt. Ich habe ihn für Sie unter dem Bauche ſeiner Mutter geſtohlen, er war nicht fauſtgroß, und Sie haben mich ſogar geſchlagen, weil ich Ihnen nicht zugleich mit ihm das Korn brachte, um ihn am andern Tag zu füttern. Mamſelle Cathe⸗ rine hat mir das Korn geſchenkt. Das war mein Gut. Ich habe mein Gut verzehrt; ich hatte das Recht dazu.“ Trunken vor Zorn, vernichtete die Tante dieſen Re⸗ volutionär mit dem Blicke. Sie hatte keine Stimme mehr. „Fort von hier,“ murmelte ſie. „Auf der Stelle, nachdem ich zu Mittag geſpeiſt, und ohne mir Zeit zu laſſen, meine Verdauung zu ma⸗ chen? Ah! das iſt nicht artig, meine Tante.“ 137 „Fort!“ Pitou, der ſich wieder geſetzt hatte, ſtand auf; er bemerkte, nicht ohne eine lebhafte Befriedigung, daß Magen nicht ein Körnchen Reis mehr hätte faſſen önnen. „Meine Tante,“ ſprach er majeſtätiſch,„Sie ſind eine ſchlechte Verwandte. Ich will Ihnen beweiſen, daß Sie daſſelbe Unrecht gegen mich begehen, wie früher, daß Sie immer noch ſo hart und geizig ſind. Nun denn! Sie ſollen nicht überall von mir ſagen, ich ſei ein Menſch, der Alles auffreſſe.“ Er ſtellte ſich auf die Thürſchwelle und rief mit einer Stentorſtimme, die nicht nur von den Neugieri⸗ gen, welche Piton begleitet und dieſer Scene beige⸗ wohnt hatten, ſondern auch von Gleichgültigen, die in einer Entfernung von fünfhundert Schritten vorüber⸗ gingen, gehört werden konnte: „Ich nehme dieſe braven Leute zu Zeugen, daß ich zu Fuß von Paris ankomme, nachdem ich die Baſtille erſtürmt; daß ich müde war; daß ich Hunger hatte; daß ich mich ſetzte; daß ich bei meiner Verwandten gegeſſen, und daß man mir ſo hart meine Nahrung vorgeworfen und mich ſo unbarmherzig fortgejagt hat, daß ich zu gehen genöthigt bin.“ Pitou legte ſo viel Pathos in dieſe Rede, daß die Nachbarn gegen die Alte zu murren anfingen. „Ein armer Reiſender, der neun Meilen zu Fuß zurückgelegt hat,“ fuhr Piton fort,„ein redlicher Junge, beehrt mit dem Vertrauen von Herrn Billot und Herrn Gilbert, der Sebaſtian Gilbert zum Abbé Fortier zu⸗ rückgebracht hat; ein Sieger der Baſtille, ein Freund von Herrn Bailly und vom General Lafayette. Ich nehme Euch zu Zeugen, daß man mich weggejagt.“ as Gemurre nahm zu. „Und,“ fuhr er fort,„da ich kein Bettler bin, da ich, wenn man mir mein Brod vorwirft, es bezahle, 138 ſo iſt hier ein kleiner Thaler, den ich als Bezahlung von dem, was ich bei meiner Tante gegeſſen, niederlege.“ So ſprechend, zog Piton ſtolz einen Thaler aus der Taſche und warf ihn auf den Tiſch, von wo er vor Aller Augen in die Schüſſel zurückſprang und halb in den Reis eindrang. Dieſer letzte Zug gab der Alten den Reſt, ſie neigte das Haupt unter der allgemeinen Verdammung, die ſich durch ein langes Gemurre überſetzte; zwanzig Arme ſtreckten ſich gegen Pitou aus, dieſer verließ die Hütte, ſchüttelte auf der Schwelle den Staub von ſeinen Schuhen und verſchwand, geleitet von einer Menge von Leuten, die ihm Tiſch und Bett anboten, glücklich, einen Sieger der Baſtille, einen Freund von Herrn Bailly und vom General Lafahette zu beherbergen. Die Tante raffte den Thaler auf, trocknete ihn und legte ihn in die Lade, wo er in Geſellſchaft von mehreren anderen auf ſeine Verwandlung in einen alten Louis d'or warten mußte. Doch indem ſie dieſen auf eine ſo ſonderbare Art zu ihr gekommenen Thaler aufbewahrte, ſeufzte ſie und bedachte, daß Piton vielleicht das Recht hatte, Alles zu eſſen, da er ſo gut bezahlte. LVIII. Piton revolutionär. Pitou wollte, nachdem er den erſten Pflichten des Gehorſams entſprochen hatte, die erſten Bedürfniſſe ſeines Herzens befriedigen. Es iſt eine ſehr ſanfte Sache um das Gehorchen, wenn der Befehl des Herrn alle geheimen Sympathien desjenigen, welcher gehorcht, verwirklicht. Er ſchlug alſo einen kräftigen Schritt an, folgte — „H—c—— und lles des iſſe e, ien lgte 139 dem Gäßchen, das vom Pleur nach der Straße von Lonnet führt und gleichſam einen grünen Gürtel aus ſeinen beiden Hecken für dieſe Seite der Stadt macht, und warf ſich querfeldein, um ſchneller zu dem Pacht⸗ hofe von Piſſeleur zu gelangen. Doch bald wurde ſein Lauf ruhiger; jeder Schritt rief eine Erinnerung in ihm zurück. Wenn man in die Stadt oder in das Dorf zurück⸗ kehrt, wo man geboren iſt, geht man auf ſeiner Jugend, geht man auf ſeinen vergangenen Tagen, die ſich, ſagt der engliſche Dichter, wie ein Teppich unter den Füßen ausbreiten, um dem Reiſenden, der zurückkehrt, Ehre anzuthun. Man findet auf jedem Schritte eine Erinnerung in einem Schlage ſeines Herzens. Hier hat man gelitten; dort iſt man glücklich ge⸗ weſen; hier hat man vor Schmerz geſchluchzt; dort hat man vor Freude geweint. Piton, der kein Analhſt war, war wohl genöthigt, ein Menſch zu ſein; er häufte von der Vergangenheit den ganzen Weg entlang an, und er kam die Seele voll Empfindungen nach dem Pachthofe der Mutter illot. Als er hundert Schritte vor ſich den langen Kamm der Dächer erblickte, als er mit den Augen die alten Ulmen maß, die ſich krümmen, um von oben herab die moosbewachſenen Kamine rauchen zu ſehen; als er den entfernten Lärmen des Viehs, das lebt und ſpricht, der Hunde, welche knurren, der Wagen, welche rollen, hörte, richtete er ſeinen Helm auf ſeinem Kopfe zurecht, be⸗ feſtigte er an ſeiner Seite ſeinen Dragonerſäbel und ſuchte ſich eine muthige Haltung zu geben, wie es ſich für einen Verliebten und einen Militär geziemt. Niemand erkannte ihn Anfangs. Ein Knecht ließ die Pferde an der Lache trinken. Er hörte Geräuſch, wandte ſich um und erblickte 140 durch den zerzauſten Kopf einer Weide Piton, oder vielmehr einen Helm und einen Säbel. Der Knecht war ganz erſtaunt. Pitou, als er an ihm vorüberkam, rief: „He! Barnaut! guten Morgen, Barnaut!“ Der Knecht wunderte ſich ſehr, als er ſah, daß dieſer Helm und dieſer Säbel ſeinen Namen wußten, nahm ſeinen kleinen Hut ab und ließ die Leine ſeiner Pferde los. Piton ging lächelnd weiter. Doch der Knecht war nicht beruhigt; das wohl⸗ wollende Lächeln von Pitou war unter ſeinem Helme begraben geblieben. Zugleich erblickte die Mutter Billot durch das Fenſter des Speiſezimmers den Militär. Sie ſtand auf. Man lebte damals in Beſorgniß auf dem Lande; es verbreiteten ſich erſchreckliche Gerüchte; man ſprach von Räubern, welche die Wälder umhieben und die Ernten noch grün abſchnitten. Was bedeutete die Ankunft dieſes Soldaten; war es Angriff, war es Hülfe? Die Mutter Billot hatte Pitou mit einem einzigen Blick in ſeinem Geſammtweſen umfaßt, ſie fragte ſich, warum ſo bäueriſche Hoſen bei einem ſo glänzenden Helme, und, müſſen wir es ſagen, ſie neigte ſich in ihren Muthmaßungen eben ſo ſehr auf die Seite des Verdachts, als auf die Seite der Hoffnung. Der Soldat, wer er auch ſein mochte, trat in die Küche ein. Die Mutter Billot ging dem Ankömmling zwei Schritte entgegen. Pitou, ſeinerſeits, um in der Höflichkeit nicht zurückzubleiben, nahm ſeinen Helm ab. „Ange Pitou!“ rief ſie,„Ange hier!“ „Guten Morgen, Frau Billot,“ antwortete er. br de Pi mi Ta den Pa Ste alte Lieb biete ſamn er aß en, er l⸗ me ter e; die en ch, en es die cht 141 „Ange! Oh! mein Gott, wer hätte das errathen; doch Du biſt alfo in Militärdienſten?“ „Oh! in Dienſten!“ verſetzte Piton. Und er lächelte mit Erhabenheit. Dann ſchaute er umher, ſuchend, was er nicht ſah. Die Mutter Billot lächelte; ſie errieth den Zweck der Blicke von Pitou. Sie ſagte einfach: „Du ſuchſt Catherine?“ „Um ihr mein Compliment zu machen,“ erwieberte Pitou,„ja, Frau Billot.“ „Sie läßt Wäſche trocknen. Auf, ſetze Dich, ſchau' mich an und ſprich mit mir.“ „Das will ich wohl,“ erwiederte Pitou.„Guten Tag, guten Tag, guten Tag, Frau Billot.“ itou nahm einen Stuhl. Um ihn gruppirten ſich bei den Thüren und auf den Stufen der Treppen alle Mägde und Knechte des Pachthofes, herbeigezogen durch die Erzählung des Stallknechts. Und bei jeber neuen Ankunft hörte man flüſtern: „Das iſt Pitou„ „Ja er iſt es!“ „Bah!!“ Pitou ließ einen wohlwollenden Blick auf ſeinen alten Kameraden umherlaufen. Sein Lächeln war eine Liebkoſung für die Mehrzahl. „Und Du kommſt von Paris, Ange?“ fuhr die Ge⸗ bieterin des Hauſes ſort. „Geraden Wegs, Frau Billot.“ „Wie geht es unſerem Herrn?“ „Sehr gut, Frau Billot.“ „Wie geht es in Paris?“ „Sehr ſchlecht, Frau Billot.“ Und der Kreis der Zuhörer zog ſich enger zu⸗ ſammen. ——— Piton ſchüttelte den Kopf und ließ ein Schnalzen der Zunge hören, das ſehr demüthigend für die Mo⸗ narchie war. „Die Königin?“ Piton antwortete diesmal durchaus nichts. „Oh!“ machte Frau Billot. „Ohl“ wiederholte die übrige Verſammlung. „Laß hören, fahre fort, Pitou,“ ſprach die Pächterin. „Ei! fragen Sie mich,“ antwortete Pitou, dem daran lag, in Abweſenheit von Catherine nicht Alles zu ſagen, was er Intereſſantes zu berichten hatte. „Warum haſt Du einen Helm?“ fragte Frau Billot. „Das iſt eine Trophäe,“ erwiederte Piton. „Was iſt das, eine Trophäe, mein Freund?“ ver⸗ ſetzte die gute Frau. „Ah! es iſt wahr, Frau Billot,“ antwortete Pitou mit einem Protectorslächeln,„Sie können nicht wiſſen, was eine Trophäe iſt. Eine Trophäe, das iſt, wenn man einen Feind beſiegt hat, Frau Billot.“ „Du haſt alſo einen Feind beſiegt, Piton?“ „Einen!“ rief Piton verächtlich„ahl meine gute Frau Billot, Sie wiſſen alſo nicht, daß wir zwei, Herr Billot und ich, die Baſtille genommen haben?“ Dieſes magiſche Wort electrifirte die Zuhörer. Pitou fühlte den Athem der Anweſenden in ſeinen Haaren und ihre Hände auf der Lehne ſeines Stuhles. „Erzähle, erzähle ein wenig, was unſer Mann gethan hat,“ ſagte Frau Billot, ganz ſtolz und zugleich ganz zitternd. Pitou ſchaute, ob Catherine noch nicht komme; ſie kam nicht. Es ſchien ihm beleidigend, vaß Mademoiſelle Billot nicht Nachrichten zu Liebe, friſch von einem ſolchen Courier gebracht, ihre Wäſche verließ. Er ſchüttelte den Kopf, er fing an unzufrieden zu ſein. geni in. em les er tou en, enn ute err er. nen les. nn eich ſie lot hen zu 143 „Das iſt ſehr lange zu erzählen,“ ſagte er. „Und Du haſt Hunger?“ fragte Frau Billot. „Vielleicht wohl.“ „Durſt?“ „Ich ſage nicht nein.“ Sogleich beeiferten ſich Knechte und Mägde, ſo daß Piton unter ſeinen Händen Becher, Brod, Fleiſch, Früchte aller Art fand, ehe er über die Tragweite ſeines Verlangens nachgedacht hatte. Pitou hatte eine heiße Leber, wie man auf dem er auch verdaute, er konnte noch nicht mit dem Hahn der Tante Angélique, deſſen letzter Biſſen erſt ſeit einer halben Stunde verzehrt war, zu Ende gefommen ſein. Was er alſo verlangt hatte, ließ ihn nicht ſo viel Zeit gewinnen, als er hoffte, ſo raſch wurde er bedient. Er ſah, daß er ſich einer äußerſten Anſtrengung unterziehen mußte, und ſing an zu eſſen. ber wie groß auch ſein guter Wille war, in dieſer Arbeit fortzufahren, nach einem Augenblick ſah er ſich genöthigt, anzuhalten. „Was haſt Du?“ fragte Frau Billot? „Ah! ich habe.. „Zu trinken für Pitou.“ „Ich habe Aepfelmoſt, Frau Billot.“ „Vielleicht iſt Dir aher der Branntwein lieber?“ „Der Branntwein?“ „Ja, haſt Du Dich in Paris daran gewöhnt, ſolchen zu trinken?“ Die brave Frau dachte, während ſeiner zwölf⸗ tägigen Abweſenheit habe Piton Zeit gehabt, ſich zu verderben. Piton wies dieſe Annahme ſtolz zurück. „Branntwein,“ ſagte er„ich, nie.“ „So ſprich.“ „Wenn ich ſpreche, ſo werde ich für Mabemviſelle 144 Catherine wieder anfangen müſſen, und das iſt lang,“ erwiederte Pitou. Zwei bis drei Perſonen eilten nach dem Waſch⸗ hauſe, um Mademviſelle Catherine zu holen. Doch während alle Welt nach einer Seite lief, wandte Piton maſchinenmäßig die Augen nach der Treppe, die in den erſten Stock führte, und da der Wind von unten einen Luftzug mit oben gemacht hatte, ſo erblickte er durch eine offene Thüre Catherine, welche aus einem Fenſter ſchaute. Catherine ſchaute nach dem Walde, das heißt, in der Richtung von Bourſonne. Catherine war dergeſtalt in ihr Schauen vertiefi, daß nichts von dieſer Bewegung ſie berührt, daß nichts im Innern ihre Aufmerkſamkeit erregt hatte, welche ganz von dem, was außen vorging, in Anſpruch ge⸗ nommen war. „Ah! ah!“ ſagte er ſeufzend,„nach dem Walde, nach Bourſonne, nach Herrn Iſidor von Charny; ja, ſo iſt es.“ Und er ſtieß einen zweiten Seufzer aus, der noch kläglicher, als der erſte. In dieſem Augenblick kamen die Boten, nicht nur vom Waſchhauſe, ſondern von allen Orten, wo Cathe⸗ rine ſein konnte, zurück. „Nun?“ fragte Frau Billot. „Wir haben ſie nicht geſehen.“ „Catherine! Catherine!“ rief Frau Billot. Das Mädchen hörte nichts. Pitou wagte es nun, zu ſprechen. „Frau Billot,“ ſagte er,„ich weiß wohl, warum man Mademviſelle Catherine nicht im Waſchhauſe ge⸗ funden hat.“ „Warum hat man ſie nicht dort gefunden?“ „Ei! weil ſie nicht dort iſt.“ „Du weißt alſo, wo ſie iſt?“ „Jd. „Wo iſt ſie?“ —— S c an Ce das Oſt iſt Geb davt gewt Helt Ar 145 iſt oben.“ der nahm die Pächterin bei der Hand, ließ ſie die drei bis vier erſten Stufen der Treppe hinauf⸗ ſeigen und zeigte ihr Catherine, welche auf dem Rande lief,. des Fenſters im Rahmen der Winden und des Epheu ſaß. gen macht ſich den Kopf zurecht,“ ſagte die gute er 2„Ach! nein, er iſt ganz zurecht gemacht,“ ant⸗ lche wortete Pitou ſchwermüthig. Die Pächterin ſchenkte der Schwermuth von Pitou in keine Aufmerkſamkeit und rief mit ſtarker Stimme: „Catherine! Catherine!“ ieft, Das Mädchen bebte überraſcht, ſchloß raſch ſein chts Fenſter und fragte: lche„Was gibt es?“ ge⸗„Ei! ſo komm' doch, Catherine,“ rief die Mutter Billot, die nicht an der W irkung zweifelte, welche ihre nach Worte hervorbr ingen würden.„Ange iſt von Paris es.“ angekommen.“ noch Pitou horchte mit Bangen auf die Antwort, welche batherine geben würde. nur„Ah!“ machte ſie kalt. the⸗ So kalt, daß dem armen Piton das Herz ſank. Und ſie ſtieg die Treppe mit dem Phlegma hinab das die Flamänderinnen in den Gemälden von Van ſtede oder von Brouwer haben „Ah!“ ſprach ſie, als ſie den Boden berührte,„er iſt es.“ Piton verbeugte ſich roth und ſchauernd. rum„Er hat einen Heim „ſagte eine Magd der jungen ge Gebieterin in's Ohr⸗. Pitou hörte das Wort und ſtudirte die Wirkung davon im Geſichte von Catherine. Ein reizendes Geſicht, vielleicht ein wenig bleich geworden, aber noch mehr voll und ſammetartig. atherine zeigte aber keine Bewunderung für den Helm von Pitou. Ange Pitou. IM. 0 146 „Ah! er hat einen Helm,“ ſagte ſie,„wozu?“ Diesmal gewann die Entrüſtung die Oberhand im Herzen des ehrlichen Jungen. „Ich habe einen Helm und einen Säbel,“ ſprach er mit Stolz,„weil ich mich geſchlagen und Drogoner und Schweizer getödtet habe, und wenn Sie daran zweifeln, ſo werden Sie Ihren Vater fragen, Made⸗ moiſelle Catherine... ſo iſt es.“ Catherine war ſo zerſtreut, daß ſie nur den letzten Theil der Antwort von Pitou zu hören ſchien. „Wie geht es meinem Vater?“ fragte ſie,„und — warum kommt er nicht mit Ihnen zurück? Sind die Nachrichten von Paris ſchlecht?“ „Sehr ſchlecht,“ erwiederte Pitou.. „Ich glaubte, Alles ſei in Ordnung gebracht ge⸗ weſen“ verſitzte Catherine. „Ja, das iſt wahr; doch Alles iſt wieder in Un⸗ ordnung gebracht.“ „Hat nicht Einklang des Volks und des Königs ſtattg funden, iſt nicht Herr Necker zurückberufen worden?“ „Es handelt ſich wohl um Herrn Necker,“ erwie⸗ derte Pitou anmaßend. „Das hat aber doch das Volk zufrieden geſtellt, nicht wahr?“ „So gut zufrieden geſtellt, daß das Volk im Zuge iſt, ſich Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen und alle ſeine Feinde zu tödten.“ „Alle ſeine F inde!“ rief Ca herine erſtaunt.„Und wer ſind denn die Feinde des Volks?“ „Die Ariſtokraten.“ Catherine erbleichte. „Was nennt man denn die Ariſtokraten?“ fragte ſie. „Ei! diejenigen, welche große Guter haben,— diejenigen, welche ſchöne Schlöſſer haben,— diejenigen, welche Alles haben, während wir nichts haben.“ „Ferner, ferner,“ ſagte Catherine ungeduldig. 147 „Die Leute, welche die ſchönen Pferde und die ſchönen Wagen haben, während wir zu Fuße gehen.“ „Mein Gott!“ rief das Mädchen entſetzlich er⸗ bleichend. p Pitou bemerkte dieſe Veränderung in ihren Zügen. „Ich nenne Ariſtokraten Perſonen von Ihrer Be⸗ kanntſchaft.“ „Von meiner Bekanntſchaſt?“ *„Von unſerer Bekanntſchaft?“ fragte die Mutter illot. „Aber wen denn?“ fragte Catherine. „Herrn Berthier von Sauvigny, zum Beiſpiel.“ „Herrn Berthier von Sauvigny?“ „Der Ihnen die goldenen Ohrringe geſchenkt hat, die Sie an dem Tage trugen, wo Sie mit Herrn Iſidor tanzten.“ „Nun?“ „Nun! ich habe Leute geſehen, die ſein Herz fraßen, ich, der ich mit Ihnen ſpreche!“ Ein entſetzlicher Schrei drang aus der Bruſt Aller hervor. Catherine warf ſich auf den Stuhl zurück, den ſie genommen hatte. „Du haſt das geſehen?“ ſagte die Mutter Billot vor Entſetzen. „Und Herr Billot hat es auch geſehen!“ „Ach! mein Gott.“ „Ja,“ fuhr Piton fort,„zu dieſer Stunde muß man alle Ariſtokraten von Paris und von Verſailles getödtet oder verbrannt haben.“ „Das iſt gräßlich,“ murmelte Catherine. „„Gräßlich und warum denn? Sie ſind keine Ariſtofratin, Sie, Frau Billot?“ „Herr Pitou,“ ſprach Catherine mit einer düſtern Energie,„mir ſcheint, Sie waren nicht ſo grimmi ehe Sie nach Paris abgingen.“ 6 „Und ich bin es nicht mehr, Mademoiſelle,“ er⸗ wiederte Piton ſehr erſchüttert,„aber„ 10* u8 „Dann rühmen Sie ſich nicht der Verbrechen, welche die Pariſer begehen, da Sie kein Pariſer ſind, gek und da Sie dirſe Verbrechen nicht begangen haben.“ „Ich habe ſie ſo wenig begangen, daß Herr Billot her und ich beinahe, Herrn Berthier vertheidigend, umge⸗F Inf bracht worden wären.“ „Oh! mein Vater! mein braver Vater! daran er⸗ eine kenne ich ihn!“ rief Catherine begeiſtert. von „Mein würdiger Mann!“ ſprach die Mutter Billot begt mit feuchten Augen.„Eil was hat er denn gethan?“ Pitvu erzählte die erſchreckliche Scene auf der Leut Grève, die Verzweiflung von Billot und ſetnen Wunſch, nach Villers⸗Corterets zuruckzukehren. bis „Warum iſt er denn nicht gefommen?“ ſprach ehe Catherine mit einem Ausdruck, der das Herz von Piton tief bewegte, wie eine von den unglücklichen Prophe⸗ zeiungen, welche die Wahrſager ſo tief in die Gemüther eindringen zu machen wußten. Die Mutter Billot faltete die Hände. „Herr Gilbert hat es nicht gewollt,“ antwortete iton. „Herr Gilbert will alſo, daß man meinen Mam tödte?“ verſetzte die Mutter Billot ſchluchzend. 1 „Will er, daß das Haus meines Vaters verlor vereit ſei?“ fugte Catherine mit demſelben Tone finſter Pitor Schwe muth bei. war: „Oh! nein!“ rief Pitou.„Herr Gilbert und Her LArbei Billot ſind mit einander übereing kommen. Herr Bille lens wird noch einige Zeit in Paris bleiben, um die N Inder volution zu Ende zu bringen.“ 6 6 Beide allein wollen das?“ fragte die Mutt ſo i illot. 6 „Nein, mit Herrn von Lafahette und Herrn Bailly“ „Ah!“ rief die Pächterin mit Bewunderung, ℳſt heriſe er mit Herrn von Lafayette und Herrn Bail horche i 70 „Wann gedenkt er zurüͤckzukommen?“ frag Catherine. 149 7„Oh! was das betrifft, ich weiß es nicht.“ echen,„Und Du, Pitou, wie biſt Du denn zurück⸗ ſind, gekommen?“ en .„Ich, ich habe zum Abbé Fortier Sebaſtian Gil⸗ Billot bert geführt, und ich bin hierher gekommen, um die umge⸗ Inſtructionen von Herrn Billot zu überbringen.“ Pitou erhob ſich nach dieſen Worten nicht ohne n er eine gewiſſe diplomatiſche Würde, welche, wenn nicht von den Dienſtboten, doch wenigſtens von den Gebietern Billot hegriffen wurde. han?“ Die Mutter Billot ſtand auch auf und entließ ihre f der Leute. unſch, Catherine, welche ſitzen geblieben war, ſtudirte bis in die Tiefe der Seele den Gedanken von Piton, ſprach ehe er über ſeine Lippen kam. vi„Was wird er mir ſagen laſſen?“ fragte ſie ſich. rophe⸗ nüther LIX. vorten 3 Frau Billot dankt ab. Mam Um den Willen des geehrten Vaters zu hören, erlore Lereinigten die zwei Frauen ihre ganze Aufmerkſamfeit⸗ nſtert Pitou wußte wohl, daß die Aufgabe ziemlich ſchwierig war; er hatte die Mutter Billot und Catherine bei der d Hen Arbeit geſehen; er kannte die Gewohnheit des Befeh⸗ Bille lens der Einen, die unbändige Unabhängigkeit der ie N ndern. Catherine, ein ſo ſanftes, ein ſo arbeitſames, ein Mutt ſo gutes Mädchen, hatte gerade durch die Wirkung aller dieſer Eigenſchaften eine ungeheure Gewalt über zailly alle Welt im Pachthofe erlangt; und was iſt der ſt Herrſchgeiſt, wenn nicht ein feſter Wille, nicht zu ge⸗ Bail horchen? frag Piton, indem er ſeinen Auftrag auseinanderſetzte, wußte ganz genau, 15⁰ welches Vergnügen er der Einen n Kummer er der Andern bereiten machen, und welche würde. Auf die ſecundäre Rolle zurückgewieſen, kam ihm die Mutter Billot wie eine unregelmäßige, alberne Sache vor. Das vergrößerte Catherine in Beziehung auf Piton, und Catherine bedurfte deſſen nicht unter den gegenwärtigen Umſtänden. Aber er repräſentirte im Pachthofe einen von den Herolden von H und nicht einen Verſtand. Er drückte ſich in folgenden Worten aus: „Frau Billot, es iſt die Abſicht von Herrn Billot, daß Sie ſich ſo wenig als möglich plagen.“ „Wie ſo?“ fragte die gute Frau erſtaunt. „Was bedeutet das Wort plagen?“ fragte die junge Catherine. „Das bedeutet,“ antwortete Pitou,„daß die Ver⸗ waltung eines Pachthofes wie der Ihrige eine Regie⸗ rung voller Sorgen und Arbeiten iſt; es ſind Händel zu machen.. „Nun?“ verſetzte die gute Frau. „Bezahlungen...“ „Nun?“ „Felogeſchäfte... „Weiter?“ „Ernten.. „Wer ſagt das Gegentheil?“ „Sicherlich Niemand, Frau Billot; Händel zu machen, muß man reiſen.“ „Ich habe mein Pferd.“ „Um zu bezahlen, muß man ſich ſtreiten.“ „Oh! ich babe einen guten Schnabel!“ „Fur die Feldgeſchäfte.. 1 „Bin ich nicht gewohnt, die Leute zu beaufſichtigen?“ „Und um zu ernten! oh! das iſt etwas Anderes; man muß für die Arbeiter die Küche beſorgen, den Fuhrleuten helfen.. 4 omer, einen Mund, ein Gedächtniß, doch um die Ziel ſch ſag der rig hel hat thu Ben 3 Catl giere Miß röthe einm und Made beit: c heit Natur unde Gewi inen eiten ihm „So viel Arbeit. und. ein wenig Alter„ hung„Ah!“ machte die Mutter Billot, indem ſie Pitou unter ſchief anſchaute. „Helfen Sie mir doch, Mademoiſelle Catherine,“ den ſagte der arme Junge, da er ſah, daß ſeine Kräfte in tniß, demſelben Maße abnahmen, in welchem die Lage ſchwie⸗ enden riger wurde. „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll, um Ihnen zu illot, helfen,“ erwiederte Catherine. „Nun! ſo hören Sie!“ ſprach Pitou.„Herr Billot hat nicht Frau Billot gewählt, um ſich ſo wehe zu die thun 6 „Wen denn?“ unterbrach ſie zitternd zugleich vor Ver⸗ Bewunderung und vor Ehrfurcht. tegie⸗„Er hat Jemand gewählt, der ſtärker iſt und der ändel er ſelbſt iſt und der Sie iſt. Er hat Mademoiſelle Catherine gewählt.“ „Meine Tochter Catherine, um das Haus zu re⸗ gieren!“ rief die alte Mutter mit einem Ausdruck von Mißtrauen und unbeſchreiblicher Eiferſucht. „Unter Ihren Befehlen, meine Mutter,“ ſagte er⸗ röthend haſtig das junge Mädchen. „Nein, nein,“ entgegnete Pitou, der, ſobald er einmal die Bahn gebrochen, auch gerade zu auf das m die Ziel losging,„nein, ich vollziehe den Auftrag ganz und gar. Herr Billot betraut und bevollmächtigt Mademviſelle Catherine, an ſeiner Seelle, für jede Ar⸗ beit und alle Angelegenheiten des Hauſes.“ Jedes von dieſen Worten drang, von der Wahr⸗ heit betont, in das Herz der Hausfrau ein, und dieſe gen?“ Natur war ſo gut, daß, ſtatt eine herbere Eiferſucht deres; und einen brennenderen Zorn darauf zu „den Gewißheit ihrer Verminderung ſie reſign 151 „Dies Alles erſchreckt mich nicht für bas Beſte meines Wannes,“ rief die würdige Frau. „Aber, Frau Billot. „Was denn?“ ergießen, die irter, gehor⸗ ſamer, mehr von der Unfehlbarkeit ihres Mannes durch⸗ drungen fand. 4 Konnte ſich Billot täuſchen? Konnte man Billot nicht gehorchen? Das waren die zwei einzigen Argumente, die ſich die wackere Frau gegen ſich ſelbſt gab. Und ihr ganzer Widerſtand hörte auf. Sie ſchaute ihre Tochter an, in deren Augen ſie nur Vertrauen, guten Willen für das Gelingen, un⸗ veränderliche Zärtlichkeit und Ehrfurcht las. Sie gab durchaus nach. „Herr Billot hat Recht,“ ſagte ſie;„Catherine iſt ſie hat einen guten Kopf, ſie iſt ſogar ſtarr⸗ köpfig.“. Oy ja,“ ſprach Piton überzeugt, er ſchmeichle der Eitelkeit von Catherine, während er zugleich ein Witzwort auf ſie abſchoß.. „Catherine,“ fuhr die Mutter Billot fort,„Cathe⸗ rine wird gemächlicher auf den Wegen ſein, als ich; ſie wird beſſer ganze Tage den Arbeitern nachzulaufen im Stande ſein. Sie wird beſſer verkaufen; ſie wird ſicherer einkaufen. Sie wird ſich Gehorſam zu ver⸗ ſchaſſen wiſſen!“ Catherine erröthete. „Wohlan!“ fuhr die gute Frau fort, ohne daß ſie nur einen Seufzer zu unterdrücken nöthig hatte, „Catherine wird ein wenig auf den Feldern umher⸗ laufen! ſie wird die Börſe führen, man wird ſie immer unter Weges ſehen. meine Tochter wird nun in einen Jungen verwandelt ſein...“ Mit der Miene eines von ſich eingenommenen Menſchen entgegnete Pitou: „Fürchten Sie nichts für Mademviſelle Catherine; ich bin da, und ich werde ſie überallhin begleiten.“ Dieſes freundliche Anerbieten, mit welchem Pitou ohne Zweifel Effect zu machen hoffte, zog ihm von —— me ſo gen nes Ger eine gerc Vat die zuſa liche un⸗ gab arr⸗ ore ein the⸗ fen vird ver⸗ daß tte, her⸗ mer in nen ine; itou von 153 Catherine einen ſo ſeltſamen Blick zu, daß er ganz verblüfft war. Das Mädchen erröthete, nicht wie die Frauen, denen man Vergnügen macht, ſondern in jener ge⸗ ſprenkelten Nuance, welche, durch ein doppeltes Sym⸗ ptom die doppelte Operation der Seele überſetzend, zu⸗ gleich den Zorn und die Ungeduld, den Wunſch, zu ſprechen, und das Bedürfniß, zu ſchweigen, bezeichnet. Piton war kein Menſch von Welt, er fühlte die uancen nicht. Da er aber begriffen hatte, daß die Röthe von Catherine keine vollſtändige Einwilligung war, ſo fragte er mit einem angenehmen Lächeln, das ſeine mächtigen Zähne unter ſeinen dicken Lippen enthüllte: „Wie! Sie ſchweigen, Mademviſelle Catherine?“ „Sie wiſſen alſo nicht, Herr Pitou, daß Sie eine Albernheit geſagt haben?“ „Eine Albernheit!“ verſetzte der Verliebte. „Wahrlich!“ rief die Mutter Billot,„ſehen Sie meine Tochter mit einer Leibwache!“ „Aber in den Wäldern!“ verſetzte Piton mit einer ſo naiv gewiſſenhaften Miene, daß es ein Verbrechen geweſen wäre, darüber zu lachen. „Iſt das auch in den Inſtructionen unſeres Man⸗ nes?“ fuhr die Mutter Billot fort, welche ſo Piton einige Geneig'heit zum Witz zeigte. „Oh!“ fagte Catherine,„das wäre das Gewerbe eines Faulenzers, das mein Vater Herrn Pitou nicht gerathen haben kann, und das Herr Pitou von meinem ater nicht angenommen hätte.“ Piton ließ erſchrockene Augen von Catherine auf die Mutter Billot laufen; ſein ganzes Gerüſte ſtürzte zuſammen. Catherine, ein ächtes Weib, begriff die ſchmerz⸗ liche Täuſchung von Piton. „Herr Pitou,“ ſagte ſie,„haben Sie in Paris die Mädchen ſo ihre Ehre bloßſtellen ſehen, daß ſie immer Jungen hinter ſich ſchleppten?“ „Sie ſind aber kein Mädchen,“ entgegnete Pitou, „da Sie die Gebieterin des Hauſes ſind.“ „Vorwärts! genug geſchwatzt!“ rief ungeſtüm die Mutter Billot,„die Gebieterin des Hauſes hat viele Dinge zu thun. Komm, Catherine, daß ich Dir nach den Befehlen Deines Vaters das Haus übergebe.“ Da begann vor den Augen des erſtaunten, un⸗ beweglichen Piton eine Ceremonie, der es weder an S2. noch an Poeſie in ihrer ländlichen Einfachheit ebrach. Die Mutter Billot zog ihre Schlüſſel vom Bund, händigte einen nach dem andern Catherine ein und übergab ihr das Verzeichniß der Wäſche, der Flaſchen, der Meubles und der Vorräthe. Sie führte ihre Toch⸗ ter zu dem alten Secretaire von eingelegter Arbeit vom Jahre 1738 oder 1740, in welchem der Vater Billot ſeine Papiere, ſeine Louis d'ors und den ganzen Schatz und die Archive der Familie verwahrte. Catherine ließ ſich ernſt mit der Allmacht und den Geheimniſſen bekleiden; ſie befragte ihre Mutter mit Scharfſinn, dachte bei jeder Antwort nach und ſchien die Unterweiſung, wenn ſie dieſelbe einmal empfangen, in die Tiefen ihres Gedächtniſſes und ihrer Vernunſft, wie eine für die Bedürfniſſe des Streites vorbehaltene Waffe, verſchloſſen zu haben. Nach der Unterſuchung der Gegenſtände des Hauſes ging die Mutter Billot zum Vieh über, das man mit großer Genauigkeit in Augenſchein nahm. Kranke oder kräftige Schafe, Lämmer, Ziegen, Hühner, Tauben, Pferde, Ochſen und Kühe. Doch das war eine eintache Förmlichkeit. Längſt hatte bei dieſem Zweige der Bewirthſchaf⸗ tung das Mädchen die ſpecielle Verwaltung. Nitmand kannte beſſer als Catherine das Geflügel mit dem rauhen Gekluckſe, die Lämmer, welche nach de vo fre Au kra ſchr ſo: ſein die welc Thie Min Gefa er u, le n⸗ n it en it en ft, ne es tit n, 15⁵ einem Monat mit ihr vertraut waren, die Tauben, die ſich ſo ſehr mit ihr befreundeten, daß ſie Catherine oft mitten im Hofe in den Ellipſen ihres Fluges ein⸗ ſchloßen, häufig ſich auch auf ihre Schulter ſetzten, nachdem ſie ſie zu ihren Füßen durch die ſeltſame Be⸗ wegung des Hin⸗ und Hergehens, welche den Bären in ſeinen Träumereien characteriſirt, begrüßt hatten. Die Pferde wieherten, wenn ſich Catherine näherte. Sie allein wußte die hitzigſten zum Gehorſam zu bringen. Eines von ihnen, ein auf dem Pachthofe aufgezogenes Füllen, das ein unzugänglicher Hengſt geworden, zerbrach Alles im Stall, um zu Catherine zu kommen, um in ihren Händen und in ihren Taſchen die harte Brodtruſte zu ſuchen, die es immer hier zu finden wußte. Nichts war ſo ſchön und ſo anlockend im Lächeln, als dieſes blonde Mädchen mit den großen blauen ugen, mit dem weißen Halſe, den runden Armen und fleiſchigen Händen, wenn es, ſeine Schürze voll Korn, ſich dem ſauberen Platze unfern der Lache näherte, wo der geſchlagene Boden unter dem Korn klang, das ſie voliauf ausſtreute Dann ſah man alle Küchlein, alle Tauben, alle freie Laämmer nach der Seite der Lache ſtürzen; das Gepicke der Schnäbel gab dem Boden ein buntſcheckiges Ausſehen; die roſenfarbige Zunge der Kaninchen leckte den krachenden Buchweizen. Die durch die Kornlagen ge⸗ ſchwärzte Tenne wurde in zwei Minuten ſo weiß und o rein, als der Fahenceteller des Schnitters, wenn er ſein Mahl beendigt hat. Gewiſſe menſchliche Geſchöpfe haben in den Augen die lendung, welche verführt, oder die Blendung, welche erſchreckt; zwei ſo mächtige Eindrücke beim Thier, daß es nie daran denkt, ihnen zu widerſtehen. er von uns hat nicht den wilden Stier einige Minuten lang das Kind, das ihm zulächelt, ohne die Gefahr zu begreifen, anſchauen ſehen; er hat Mitleid. 15⁵6 Wer hat nicht denſelben Stier einen hinterhältiſchen, ſcheuen Blick auf einen kräftigen Pächter heften ſehen, der ihn nicht aus dem Auge läßt und unter einer ſtummen Drohung auf der Stelle feſthält. Das Thier ſenkt die Stirne; es ſcheint ſich zum Kampfe vorzube⸗ reiten, aber ſeine Füße haben im Boden Wurzel gefaßt; es ſchauert, es hat den Schwindel, es hat Furcht. Catherine übte einen von dieſen Eipflüſſen auf Alles auf, was ſie umgab; ſie war zugleich ſo ruhig und ſo feſt; es lag in ihr ſo viel Sanſtmuth und ſo viel Willen, ſo wenig Mißtrauen, ſo wenig Furcht, daß das Thier ihr gegenüber nicht die Verſuchung eines ſchlimmen Gedanfens fühlte. Dieſen ſeltſamen Einfluß übte ſie um ſo viel mehr auf die denkenden Geſchöpfe aus. Der Zanber dieſer Jungfrau war unwiderſtehlich; kein Mann in der Gegend hatte, von Catherine ſprechend, je gelächelt; kein junger Menſch hatte gegen ſie einen Hintergedanken; diejenigen, welche ſie liebten, wünſchten ſie zur Frau; diejenigen, welche ſie nicht liebten, hätten ſie zur Schweſter ge⸗ wünſcht. Den Kopf geſenkt, die Hände hängend, die Ge⸗ danken abweſend, folgte Pitvu maſchinenmäßig dem Mädchen und ſeiner Mutter bei ihrem Muſterungs⸗ ange. 3 Man hatte kein Wort an ihn gerichtet. Er war da wie ein Wächter in der Tragödie, und ſein Helm trug nicht wenig dazu bei, ihm eigenthümlich den bi⸗ zarren Anſchein hievon zu geben. Man ließ ſodann Knechte und Mägde die Revue paſſiren. Die Muiter Billot befahl, einen Halbkreis zu bil⸗ den, in deſſen Mitte ſie ſich ſtellte. „Meine Kinder,“ ſagte ſie,„unſer Herr kommt noch nicht von Paris zurück; doch er hat uns einen Herrn an ſeiner Stelle gewählt. „Das iſt meine Tochter Catherine hier, welche — v 8 N — e 157 ganz jung und ganz ſtark; ich, ich bin alt und habe einen ſchwachen Kopf. Dir Herr hat wohl gethan. Die Patronin iſt nun Catherine. Das Geld gibt und empfängt ſie. Ihre Befehle werde ich zuerſt einholen und vollziehen; diejenigen von Euch, welche ungehorſam wären, hätten es mit ihr zu thun.“ Catherine fügte kein Wort bei. Sie küßte ihre Mutter zärtlich. Die Wirkung dieſes Kuſſes war größer als alle Phraſen. Die Mutter Billot weinte. Alle Kuechte begrüßten die neue Herrſchaft durch uruf. Sogleich trat Catherine in Function und vertheilte die Dienſte. Jeder empfing ſeinen Auftrag und ging weg, um ihn mit dem guten Willen auszuführen, mit Pitou, der allein geblieben, näherte ſich am Ende Catherine und ſagte zu ihr: „Und ich? „Ah!“ antwortete ſie,„ich habe Ihnen nichts zu befehlen.“ „Wie, ich ſoll alſo bleiben, um nichts zu thun?“ „Was wollen Sie thun?“. „Was ich vor meinem Abgang that.“ „Vor Ihrem Abgang waren Sie von meiner Mutter aufgenommen.“ „Aber Sie Arbeit.“ „Ich habe keine für Sie, Herr Ange.“ „Warum nicht?“ „Weil Sie ein Gelehrter, ein Herr von Paris nd, dem dieſe bäueriſchen Arbeiten nicht anſtehen.“ „Iſt es möglich!“ rief Pitou. Catherine machte ein Zeichen, welches beſagen wollte: Es iſt ſo. „Ich, ein Gelehrter!“ wiederholte Pitou. „Allerdings.“ ſind die Gebieterin, geben Sie mir 158 Aber ſehen Sie doch meine Arme, Mademoiſelle Catherine.“ „Gleichviel.“ „Ei! Mademoiſelle Catherine,“ ſprach der arme Junge in Verzweiflung,„warum ſollten Sie mich denn unter dem Vorwand, ich ſei ein Gelehrter, nöthigen, Hungers zu ſterben? Sie wiſſen alſo nicht, daß der Philoſoph Epiktet diente, um zu eſſen, daß der Fabel⸗ dichter Aeſop ſein Brod im Schweiße ſeines Angeſichts verdiente? Das waren doch gelehrtere Leute als ich, dieſe zwei Herren.“ „Was wollen Sie, das iſt nun ſo.“ „Aber Herr Billot hat mich als zu ſeinem Hauſe gehörig angenommen; aber er ſchickt mich von Paris zurück um abermals dazu zu gehören.“ „Es mag ſein, mein Vater konnte Sie nöthigen, Arbeiten zu verrichten, die ich, ſeine Tochter, Ihnen aufzulogen nicht wagen würde.“ „Legen Sie mir dieſetben nicht auf.“ „Ja dann werden Sie im Müßiggang bleiben, und das vermöchte ich Ihnen nicht zu erlauben. Mein Vater hatte als Herr das Rocht, zu thun, was mir als Man⸗ datarin verboten iſt. Ich verwalie ſein Gut, ſein Gut muß eintragen.“ „Aber da ich arbeiten werde, werde ich eintragen; Sie ſehen wohl, Madimoiſelle Catherine, Sie drehen ſich in einem fehlerhaften Kreiſe.“ „Wie beliebt?“ verſetzte Catherine, welche die großen Phraſen von Pitou nicht verſtand.„Was iſt ein fehlerhafter Kreis?“ „Man nennt einen fehlerhaften Kreis ein ſchlechtes Raiſonnement. Nein, laſſen Sie mich aut dem Pachtvof und geben Sie mir die Frohnen, wenn Sie wollen. Sie werden dann ſehen, ob ich ein Gelehrter und ein Faulenzer bin. Uebrigens haben Sie Bücher zu führen und Regiſter in Ordnung zu halten. Das Rechen⸗ weſen iſt meine Specialität.“ 5 nic lic Mi Cat Hau ſein gewe gab Pfert änder zwar lle ne nn n, er ⸗ 16 h, ut ie iſt Pferd zu ſatteln. 159 „Das iſt meiner Anſicht nach feine ſchäftigung für einen Mann,“ erwiederte „Dann bin ich alſo zu nichts nütze?“ „Leben Sie immerhin hier,“ ſprach Catherine ge⸗ linder,„ich werde nachdenken und wir wollen ſehen.“ i en, um zu wiſfen, ob 3 er was habe ich Ihnen denn gethan, Mademoiſelle Catherine? Ah! Sie waren früher nicht ſo.“ atherine zuckte unmerklich die Achſeln. Sie hatte Pitou keine gute Gründe anzugeben, und nichtsdeſtoweniger ermüdete ſie offenbar ſeine Beharr⸗ lichkeit. Sie brach auch das Geſpräch ab und ſagte: „Genug hiemit, Herr Pitou; ich gehe nach La Ferts⸗ Milon.“ „Dann ſattle 1 ch eiligſt Ihr Pferd, Mademoiſelle Catherine.“ „Durchaus nicht; bleiben Sie im Gegentheil.“ „Sie verbieten, daß ich Sie begleite?“ „Bleiben Sie,“ ſprach Catherine gebieteriſch. Pitou blieb an ſeinen 4 latz genagelt, neigte das Haupt und ſandte nach innen eine Thräne zurück, die ſein Augenlid brannte, als wäre ſie von ſiedendem Oel geweſen. 3 Catherine ließ Pitou, wo er war, ging weg und gab einem Knechte des Pachthofes den Brfehl, ihr genügende Be⸗ Catherine. „Ah!“ murmelte Pitou,„Sie finden mich ver⸗ ändert, Mademviſelle Catherine, doch Sie ſind es, und zwar ganz anders als ich.“ 160 LX. Was Pitou beſtimmt, den Pachthof zu verlaſſen und nach Haramont, ſeiner einzigen und wahren Heimath, zurückzukehren. Sich in die Funectionen einer erſten Magd fügend, hatte die Mutter Billot ihre Arbeit, ohne ſich ge⸗ fliſſentlich den Anſchein zu geben, ohne Bitterkeit, mit gutem Willen wieder aufgenommen. Einen Augen⸗ blick in der ganzen landwirthſchaftlichen Hierarchie unterbrochen, fing die Bewegung wieder an dem In⸗ neren des ſummenden und arbeitenden Bienenkorbs nachzuahmen.. Während man das Pferd von Catherine ſattelte, kehrte dieſe nach dem Hauſe zurück und warf dabei einen Seitenblick auf Pitou, deſſen Leib unbeweg⸗ lich blieb, während ſich ſein Kopf drehte wie eine Wetterfahne und der Bewegung des jungen Mädchens folgte, bis es in ſeinem Zimmer verſchwunden war. Was wollte Catherine in ihrem Zimmer thun? fragte ſich Pitou. Armer Pitou, was ſie thun wollte! Sie wollte ſich die Haare ordnen, eine weiße Haube aufſetzen, einen feineren Strumpf anziehen. Dann, als dieſe Ergänzung der Toilette beendigt war und ſie ihr Pferd unter dem Hauſe ſtampfen hörte, ging ſie hinab, küßte ihre Mutter und ritt weg. Müßig, ſchlecht geſättigt durch den kleinen, halb mitleidigen, halb gleichgültigen Blick, den Catherine bei ihrem Abgange auf ihn gerichtet halte, konnte ſich Piton nicht entſchließen, ſo in der Bangigkeit zu bleiben. Seitdem Pitou Catherine wiedergeſehen, ſchien es Pitou, als wäre ihm das Leben von Catherine durchaus nothwendig. Und dann, außer dem, ging im Grunde dieſes ſchwer⸗ 8 — — — — S — S 6 en en. nd, ge⸗ it, en⸗ hie n⸗ rbs lte, bei eg⸗ ine ens n7 ſich nen dit rte, alb ine ſich ben. ien rine — . 161 fälligen Geiſtes etwas wie ein Verdacht mit der ein⸗ tönigen Regelmäßigkeit der Unruhe einer Uhr hin und her. Das iſt das Eigenthümliche der naiven Geiſter, daß ſie Alles in gleichen Stufen wahrnehmen. Dieſe trägen Naturen ſind nicht weniger empfänglich als andere, nur fühlen ſie, analyſtren aber nicht. Die Analyſe, das iſt die Gewohnheit, zu genießen und zu leiden; man muß eine gewiſſe Gewohnheit der Gefühle angenommen haben, um ihr Wallen in der Tiefe des Abgrundes, den man das menſchliche Herz nennt, zu erſchauen und zu betrachten. Es gibt keine naive Greiſe. Pitou, als er den Tritt des Pferdes, das ſich ent⸗ entfernte, gebört hatte, lief nach der Thüre. Er er⸗ blickte nun Catherine, einem ſchmalen Querwege fol⸗ gend, der vom Pachthofe nach der Landſtraße von La Ferté⸗Milon führte und unten an einem kleinen Berge ausmündete, deſſen Gipfel ſich im Walde verliert. Von der Schwelle dieſer Thüre aus ſandte er dem ädchen ein Lebewohl voll Bedauern und Demuth zu. Doch kaum war dieſes Lebewohl mit Hand und* Herz abgeſandt, als Piton Eines überlegte. Catherine hatte ihm wohl verbieten fönnen, ſie zu begleiten, aber ſie konnte ihm nicht verbieten, ihr zu folgen. MEutherine konnte wohl zu Piton ſagen: Ich will Sie nicht ſehen; aber ſie konnte nicht zu Piton ſagen: Ich verbiete Ihnen, mich anzuſchauen. Pitou überlegte ſich alſo, daß ihn, da er nichts zu thun hatte, nichts in der Welt verhinderte, unter dem Walde am Wege hin zu gehen, den Catherine machen würde. Ohne geſehen zu werden, würde er ſie ſo von fern durch die Bäume ſehen. Es waren nur anderthalb Meilen vom Pachthofe nach La Ferté⸗Milon. Anderthalb Meilen für den Ange Pitvu. MI. 11 162 Sinweg, anderthalb Meilen für den Herweg, was war das für Pitou? Uebeigens gelangte Catherine zur Straße auf einer Linie, welche einen Winkel mit dem Walde bildete. Wenn er die gerade Linie nahm, ſo erſparte Piton eine Viertelmeile. Es blieben alſo nur noch zwei und eine halbe Meile, um nach La Ferté⸗Milon zu gehen und von dort zurückzukommen. Zwei und eine halbe Meile, das war ein wahrer Biſſen Weg zu verſchlucken für einen Menſchen, der den Däumling geplündert, oder ihm die Stiefel ge⸗ nommen zu haben ſchien, welche derſelbe Däumling dem Währwolf genommen hatte. Kaum hatte Piton dieſen Plan in ſeinem Innern feſtgeſtellt, als er ihn in Ausführung brachte. Während Catherine die Landſtraße erreichte, er⸗ reichte Piton, hinter den hohen Roggen gebuͤckt, den ald. In einem Augenblick war er am Saume, und ein⸗ mal am Saume, überſprang er den Graben des Waldes und ſtürzte unter das Gehölze, minder anmuthig, aber eben ſo raſch als ein erſchrockenes Reh. Er lief ſo eine Viertelmeile und am Ende einer Viertelmeile erblickte er die Lichtung, welche die Land⸗ ſtraße bildete. Hier blieb er ſtehen und lehnte ſich an eine ungeheure Eiche an, die ihn völlig hinter ihrem rauhen Stamme verbarg. Er war ſicher, Catherine zu⸗ vorgekommen zu ſeyn. Und dennoch wartete er zehn Minuten, eine Viertel⸗ ſtunde ſogar, und ſah Niemand. Hatte ſie etwas im Pachthofe vergeſſen und war dahin zurückgekehrt? Das mar möglich. Mit der größten Vorſicht näherte ſich Pitou der Straße und ſtreckte ſeinen Kopf hinter einer dicken Buche vor, die im Graben ſelbſt wuchs, welcher halb zur Straße, halb zum Walde gehörte; er ſtrengte ſeinen . wa ver deſſ Mi gege ſern tauc Catl aber alſo Bour als 3 träge hat ſ 1 Pitou keine 2 war einer dete. eine eine und hrer der ge⸗ ling nern er 163 Blick bis zur Ebene an, die zu erſchauen die Schärfe der Linie ihm erlaubte, und ſah nichts. Catherine hatte etwas vergeſſen und war nach dem Pachthofe zurückgekehrt. Piton lief weiter. Entweder war ſie noch nicht angekommen und er würde ſie in den Pachthof eintreten ſehen, oder ſie war zurückgekehrt und er würde ſie herauskommen ſehen. Piton öffnete den Zirkel ſeiner langen Beine und durchmaß den Raum, der ihn von der Ebene trennte. Er lief auf der ſandigen Rückſeite der Straße, was fanfter für ſeine Schritte war, als er plötzlich ſtehen blieb. Milon nach Bourſonne. Piton ſchlug die Augen auf und erblickte am ent⸗ gegengeſetzten Ende des Fußpfades, in einer großen Ent⸗ taucht, das weiße Pferd und den rothen Rock von Catherine. Es war, wie geſagt, in einer großen Entfernung, aber es gab feine Enifernungen für Pitou. „Ah“ rief Pitou, abermals in den Wald ſtürzend, „alſo nicht nach La Ferts⸗Milon geht ſie, ſondern nach ourſonne. „Und ich täuſche mich doch nicht. Sie hat mehr als zehnmal La Ferté⸗Milon geſagt; man hat ihr Auf⸗ träge für La Ferté⸗Milon gegeben. Die Mutter Billot hat ſelbſt von La Ferté⸗Milon geſprochen.“ „ Und während er dies ſagte, lief Piton immer; Piton lief mehr und mehr; Pitot lief wie Einer, der eine Milz hat. Durch den Zweifel, dieſe erſte Eifer⸗ ſucht, angetrieben, war Piton nicht mehr ein einfaches zweifüßiges Thier; Piton ſchien eine von den geflü⸗ gelten Maſchinen zu ſein, wie Dädalus insbeſondere oder im Allgemeinen die großen Mechaniker des Alter⸗ thums ſie ſo gut träumten und leider ſo ſchlecht aus⸗ führten. Er glich zum Täuſchen jenen guten Strohmännern mit Armen von Rohren, weiche der Wind in den Aus⸗ lagen der Spielwaarethändler ſich drehen macht. Arme, Beine, Köpfe, Alles vewegt ſich, Alles dreht ſich, Alles fliegt. Seine ungeheuren Beine zeichneten Winkel von fünf Fuß in der Weite bei ihrer größten Oſffnung; ſeine Hände arbeiteten durch die Luft wie Ruder. Sein Kopf, ganz Mund, ganz Naſenlöcher, ganz Augen, ver⸗ ſchluckte die Atmoſphäre und ſandte ſie in geräuſch⸗ vollem Athem zurück. Kein Pferd wäre von dieſer Wuth des Laufens beſeſſen geweſen. Kein Löwe hätte dieſen grimmigen Willen, ſeine Beute zu erreichen, gehabt. Piton hatte mehr als eine halbe Meile zu machen, als er Catherine erblickte; er ließ ihr nicht Zeit, eine Piertelmeile zu machen, während er dieſe halbe Meile zurücklegte. Sein Lauf hatte alſo das Doppelte der Geſchwin⸗ digkeit von der eines Pferdes im Trabe erlangt. Endlich erreichte er eine der ihrigen parallele Linie. entgegengeſetzten Saume des Waldes; dieſe Lichtung, die man durch die Bäume erblickte, war Bourſonne. Catherine hielt an. Piton hielt an. Es war Zeit, der Athem fing an dem armen Teufel zu fehlen. Nicht mehr allein, um Catherine zu ſehen, folgte Man war nicht mehr fünfhundert Schritte vom ihr Pitou: er folgte ihr auch, um ſie zu heobachten⸗ faches geflü⸗ nere Alter⸗ aus⸗ ufens ſeine chen, eine Neile win⸗ llele vom ung, e. ufel lgte n. 165 Sie hatte gelogen. In welcher Abſicht? Gleichviel, um wieder ein gewiſſes nebergewicht über ſie zu erlangen, mußte er ſie auf friſcher That der Lüge ertappen. Piton drang mit geſenktem Kopfe durch das Farn⸗ kraut und die Dornen, zerbrach die Hinderniſſe mit ſeinem Helm und wandte, wenn es Noth that, ſeinen Säbel an. Da aber Catherine nur noch im Schritte ritt, ſo drang von Zeit zu Zeit das Geräuſch der gebrochenen Zweige bis zu ihr und machte zugleich das Pferd und die Gebieterin die Ohren ſpitzen. Da hielt Pitvu, der Catherine nicht aus den Augen verlor, an und ſchöpfte Athem; er zerſtörte den Verdacht. Doch das konnte nicht lange fortdauern, und es dauerte auch nicht fort. Piton hörte plötzlich das Pferd von Catherine wiehern, und auf dieſes Wiehern antwortete ein anderes iehern. Man vermochte das zweite Pferd, das wieherte, noch nicht zu ſehen. Doch wie es auch ſein mochte, Catherine ſchlug Cadet mit ihrer Stechpalmreitgerte, und Cadet, der 3it Augenblick geſchnauft hatte, ſchlug den ſtarken rab an. Nach Verlauf von fünf Minuten traf ſie, in Folge dieſer Vermehrung der Schnelligkeit, mit einem Reiter zuſammen, der ihr mit demſelben Eifer entgegeneilte, mit dem ſie ihm entgegengekommen. Catherine hatte ſich ſo raſch und ſo unerwartet fort⸗ bewegt, daß der arme Pitou, ohne ſich zu rühren, an der⸗ ſelben Stelle geblieben war und ſich nur auf die Fuß⸗ ſpitzen erhoben hatte, um weiter zu ſehen. Das war ſehr weit, um zu ſehen. Doch wenn er es nicht ſah, ſo war bas, was Pitou wie einen elektriſchen Schlag fühlte, die Freude und 166 das Erröthen des Mädchens, es war das Beben, das ihren ganzen Körper bewegte, es war das Sprühen ihrer gewöhnlich ſo ſanften, ſo ruhigen, und nun ſo funkelnden Augen. Er ſah auch nicht ſo genau, wer der Reiter war, um ſeine Züge zu unterſcheiden. Doch da er an ſeiner Tournure, an ſeinem Jagdrock von grünem Sammet, an ſeinem Hut mit breiter Rundſchnur, an ſeiner freien und anmuthigen Kopfhaltung erkannte, daß er der höchſten Klaſſe der Geellſchaft angehören mußte, ſo richtete ſich ſein Geiſt ſogleich auf den hüb ſchen jungen Mann, auf den ſchönen Tänzer von Villers⸗Cotterets zurück. Sein Herz, ſein Mund, alle ſeine Fibern beb en zugleich und murmelten den Namen von Iſivor von Charny. Er war es in der That. Pitou ſtieß einen Seufzer aus, der einem Gebrülle glich, drang abermals in das Geſtrüppe und gelangte bis auf eine Entfernung von zwanzig Schritten zu den jungen Leuten, welche indeſſen zu ſehr auf einander auf⸗ merkſam waren, um ſich darum zu bekümmern, ob das Ge⸗ räuſch, das ſie hörten, von einem vierfußigen oder einem zweifüßigen Thiere herrührte. Der junge Mann drehte ſich indeſſen gegen Piton um, erhob ſich auf dem Steigbügel und ſchaute mit einem unbeſtimmten Blicke umber; doch um der For⸗ ſchung zu entgehen, waſf ſich Piton ſogleich auf den Bauch und drückte das Geſicht gegen die Erde. Dann kroch er, wie eine Schlange, noch einen Raum von zehn Schritten weiter, gelangte ſo in den Bereich der Stimmen und horchte. „Guten Morgen, Herr Iſidor,“ ſagte Catherine. „Herr Iſidor,“ murmelte Piton,„ich wußte es wohl.“ Da fühlte er es auf ſeinem armen Herzen wie das ungeheure Gewicht eines Pferdes und eines Reiters, die ihn mit Füßen getreten hätten. heu dat hat den nor unt unt ſpie Ca der erw von dieſ um Sie die Her frag mir zwei das erha mit ſo gen ets ern dor ülle gte den uf⸗ Ge⸗ nem tou mit For⸗ den inen den e⸗ es das die 167 Da fühlte er durch ſeine ganze Perſon die unge⸗ heure Ermüdung von all der Arbeit, die der Zweiſel, das Mißtrauen und die Eiferſucht ihn ſeit einer Stunde hatten durchmachen laſſen. Einander gegenüber, hatten die beiden jungen Leute den Zügel fallen laſſen und ſich bei den Händen ge⸗ nommen; ſie hielten ſich aufrecht und bebend, ſtumm und lächelnd, während die zwei Pferde, ohne Zweifel an einander gewöhnt, ſich mit den Nüſtern liebkoſten und mit ihren Füßen auf dem Mooſe der Straße ſpielten. „Sie find heute im Verzug, Herr Iſidor,“ ſagte Catherine, das Stillſchweigen unterbrechend. „Heute!“ murmelte Pitou,„es ſcheint, an den an⸗ deren Tagen iſt er nicht im Verzug.“ „Das iſt nicht meine Schuld, liebe Catherine,“ erwiederte der junge Mann;„ich bin durch einen Brief von meinem Bruder zurückgebalten worden, der mir dieſen Morgen zugekommen iſt, und auf den ich mit umgehendem Courier antworten mußte. Doch ſeien Sie unbeſorgt, morgen werde ich pünktlicher ſein.“ Catherine lächelte und Iſidor drückte noch zärtlicher die Hand, die man ihm überließ. Ach! das waren eben ſo viele Dorne, welche das Herz des armen Piton bluten machten. „Sie haben alſo friſche Nachrichten von Paris?“ a.“ „Nun, ich auch,“ ſprach ſie lächelnd.„Haben Sie mir nicht eines Tags geſagt, wenn etwas Aehnliches zwei Perſonen, die ſich lieben, begegne, ſo nenne man das Sympathie?“ „Ganz richtig, und wie haben Sie Nachrichten erhalten, meine ſchöne Catherine?“ „Durch Pitou.“ „Was iſt das, Pitou?“ fragte der junge Adelige mit einer unbefangenen, heiteren Miene, welche das 168 ſchon auf den Wangen von Pitou ausgebreitete Roth in Carmeſin verwandelte. „Sie wiſſen es wohl,“ ſagte ſie:„Piton, der arme Junge, den mein Vater im Pachthofe aufgenommen hatte, und der mir an einem Sonntag den Arm gab.“ „Ah! ja,“ verſetzte der Edelmann;„derjenige, welcher Kniee hat wie Serviettenknoten.“ Catherine lachte. Piton fühlte ſich gedemüthigt, in Verzweiflung. Er ſchaute ſeine in der That Knoten ähnliche Kniee an, indem er ſich auf ſeine beiden Hände ſtützte und ſich erhob; dann fiel er mit einem Seufzer wieder auf ſeinen Bauch nieder. „Ah!“ ſagte Catherine,„zerreißen Sie mir nicht zu ſehr meinen armen Pitvu. Wiſſen Sie, was er mir vorhin vorgeſchlagen hat?“ „Nein; erzählen Sie mir das ein wenig, meine Schönſte.“ „Nun! er wollte mich nach La Ferté⸗Milon be⸗ gleiten.“ „Wohin Sie nicht gehen?“ „Nein, da ich wußte, daß Sie mich hier erwarteten, während ich beinahe auf Sie gewartet habe.“ „Ah! wiſſen Sie, daß Sie da ein königliches Wort geſagt haben, Catherine?“ „Wahrhaftig, ich vermuthete es nicht.“ „Warum haben Sie den Vorſchlag dieſes ſchönen Ritters nicht angenommen? er hätte uns beluſtigt.“ „Nicht immer vielleicht,“ antwortete Catherine lachend. „Sie haben Recht,“ ſprach Iſidor, indem er auf die ſchöne Pächterin von Liebe glänzende Augen heftete. Und er verbarg den erröthenden Kopf des Mädchens in ſeinen Armen, mit denen er ſie umfing. Piton ſchloß die Augen, um nicht zu ſehen, aber er hatte vergeſſen, die Ohren zu ſchließen, um nicht zu hören; das Geräuſch eines Kuſſes gelangte zu ihm. Piton faßte ſich voll Verzweiflung bei den Haaren, unt unt das trat eint übe ſagt han eine ſtehe gant ſeler daß guter hin ſeine ren, ſtens Men 169 wie es der Peſtkranke im Vordergrunde des Gemäldes von Gros thut, das Bonaparte, die Peſtkranken von Jaffa beſuchend, vorſtellt. Als Piton wieder zu ſich kam, hatten die jungen Leute ihre Pferde in Schritt geſetzt und entſernten ſich langfam. Die letzten Worte, welche Piton hörte, waren: „Ja, Sie haben Recht, Herr Iſidor, laſſen Sie uns eine Stunde beiſammen bleiben; ich werde dieſe Stunde auf den Beinen meines Pferdes wieder einholen und,“ fügte ſie lachend bei,„es iſt ein gutes Thier, das nichts ſagen wird.“ Dies war Alles, die Viſton erloſch, die Dunkelheit trat in der Seele von Pitou ein, wie ſie in der Natur eintrat, und der arme Junge wälzte ſich im Graſe und überließ ſich den naiven Zuckungen ſeines Schmerzes. Die Kühle der Nacht brachte ihn wieder zu ſich. „Ich werde nicht nach dem Pachthofe zurücktehren,“ ſagte er;„ich würde dort gedemüthigt, ſchmählich be⸗ handelt; ich würde das Brod einer Fran eſſen, welche einen andern Mann liebt, und zwar, ich muß es ge⸗ ſtehen, einen Mann, der viel ſchöner, reicher und ele⸗ ganter iſt, als ich. Nein, mein Platz iſt nicht in Piſ⸗ ſeleur, ſondern in Haramont, in meiner Heimath, wo ich vielleicht Leute finden werde, welche nicht bemerken, daß ich Kniee gemacht wie Serviettenknoten habe.“ Nachdem er ſo geſprochen, rieb ſich Piton ſeine guten langen Beine und wanderte gen Haramont, wo⸗ hin ihm, ohne daß er es vermuthete, ſein Ruf und der ſeines Helmes und ſeines Säbels vorangegangen wa⸗ ren, und wo ſeiner, wenn nicht das Glück, doch wenig⸗ ſtens ruhmwürdige Geſchicke harrten. Doch man weiß, es iſt nicht das Attribut der Menſchheit, vollkommen glücklich zu ſein. Piton als Redner. Als er indeſſen Abends gegen zehn Uhr nach Villers⸗ Cotterets kam, nachdem er um ſechs Uhr Morgens abge⸗ gangen war und im Zwiſchenraume die ungeheure Wanderung, die wir zu beſchreiben verſucht, gemacht hatte, begriff Piton, ſo traurig er ſich fühlte, es wäre beſſer, im Gaſthoſe zum Dauphin in einem Bette, als unter'freiem Himmel am Fuße einer Buche oder einer Eiche des Waldes zu ſchlafen. Denn in einem Hauſe in Haramont zu ſchlafen, wenn er dort um halb eilf Uhr Abends ankäme, daran war nicht zu denken; ſeit anderthalb Stunden waren alle Lichter ausgelöſcht und alle Thüren geſchloſſen. Piton kehrte alſo im Gaſthauſe zum Dauphin ein, wo er für dreißig Sous ein vortreffliches Bett, einen vierpfündigen Laib Brod, ein Stück Käſe und einen Krug Aepfelmoſt bekam. Piton war zugleich abgemattet und verliebt, lahm und in Verzweiflung; daraus erfolgte zwiſchen dem Phyſiſchen und Moraliſchen ein Kampf, in wel⸗ chem das Moraliſche, Anfangs ſiegend, am Ende unterlag. Das heißt von eilf Uhr bis zwei Uhr Morgens ſeufzte, ſtöhnte Pitou, drehte er ſich im Beite um, ohne ſchlafen zu können; um zwei Uhr aber ſchloß er, durch die Müdigkeit beſiegt, die Augen, um ſie erſt um ſieben Uhr wieder zu öffnen. Wie um halb eilf Uhr Abends alle Welt in Hara⸗ mont im Bette liegt, ſo iſt um ſieben Uhr Morgens alle Welt in Villers⸗Cotterets aufgeſtanden. Als Pitou das Gaſthaus zum Dauphin verließ, bemerkte er daher, daß ſein Helm und ſein Säbel aber⸗ mals die öffentliche Aufmerkſamkeit erregten. 171 Er ſah ſich auch, als er ungefähr hundert Schritte gemacht hatte, als den Mittelpunkt einer Verſammlung. Pitou hatte entſchieden eine ungeheure Popularität in der Gegend erlangt. Wenige Reiſende haben ein ſoiches Glück. Die Sonne, welche, wie man ſagt, fuͤr alle Welt ſcheint, ſcheint nicht immer mit einem günſtigen Glanze für die Leute, die in ihr Vaterland mit dem Wunſche, hier Propheten zu ſein, zurücktommen. Es widerfährt auch nicht aller Welt, eine bis zum Grimm mürriſche und geizige Tante zu haben, wie Tante Angélique war; es widerfährt nicht jedem Gar⸗ ganlua, der im Stande iſt, einen Hahn mit Reis zu verſchlingen, daß er einen kleinen Thaler denjenigen, welche ein Recht auf das Opfer haben, anbieten kann. Was aber am wenigſten dieſen Rückkehrenden wider⸗ fährt. von denen der Urſprung und die Traditionen bis zur Odyſſee zurückgehen, das iſt, daß ſie mit einem Helme auf dem Kopf und einem Säbel an der Seite heimkehren, beſonders wenn die übrige Kleidung nichts weniger als miliäriſch iſt. Denn, ſagen wir es, dieſer Helm und dieſer Säbel waren es beſonders, die Pitou der Aufmerkſamkeit ſei⸗ ner Mitbürger empfahlen. Man ſieht, daß ohne den Liebeskummer, der ihn bei ſeiner Rückkehr betroffen, Piton alle Arten von Glück als Eriatz zugefallen waren. Einige Einwohner von Villers⸗Cotterets, welche Piton am Tage vorher vom Abes Fortier, in der Rue de Soiſſons, bis zur Thüre der Tante Angélique, auf dem Pleur, begleitet hatten, beſchloſſen auch, um die Huldigung fortzuſetzen, Piton von Villers⸗Cotterets nach Haramont zu geleiten. Dies thaten ſie, wie ſie es beſchloſſen, und als es die Einwohner von Haramont ſahen, ſo fingen dieſel⸗ ben an ihren Landsmann zu ſeinem wahren Werthe zu ſchätzen. Allerdings war der Boden ſchon vorbereitet, um den Samen aufzunehmen. Der erſte Durchzug von Pitou, ſo raſch er geweſen, hatte doch eine Spur in den Geiſtern zurückgelaſſen: ſein Helm und ſein Säbel, waren denjenigen, welche ihn im Zuſtande einer leuch⸗ tenden Erſcheinung geſehen, im Gedächtniß geblieben. Dem zu Folge, als die Einwohner von Haramont ſich durch dieſe zweite Rückkehr von Piton, auf die ſie nicht hofften, begünſtigt ſahen, umgaben ſie ihn auch mit allen Zeichen der Hochachtung und baten ihn, ſeine kriegeriſche Rüſtung niederzulegen und ſein Zelt unter den vier Linden aufzuſchlagen, welche den Platz des Dorfes beſchatteten, wie man Mars in Theſſalien bei den Jahrestagen ſeiner großen Triumphe bat. Piton ließ ſich um ſo leichter herbei, hiezu einzu⸗ willigen, als es ſeine Abſicht war, ſein Domicil in Haramont zu fixiren. Er nahm alſo das Obdach eines Zimmers an, das ein Kriegeriſcher des Dorfes ganz meublirt an ihn vermiethete. Meublirt mit einem Bett von Brettern, mit einem Strohſack und einer Matratze; meublirt mit zwei Kä⸗ ſten, einem Tiſche und einem Wafſerkrug. Das Ganze wurde vom Eigenthümer ſelbſt zu ſechs Livres jährlich, das heißt zum Preiſe von zwei Schüſſeln Hahn mit Reis angeſchlagen. Nachdem dieſer Preis feſtgeſtellt war, nahm er Beſitz von der Wohnung, wobei er denjenigen, welche ihn begleitet hatten, zu trinken bezahlte, und da ihm die Ereigniſſe nicht weniger als der Aepfelwein zu Kopf geſtiegen waren, ſo hielt er ihnen auf der Schwelle ſeiner Thüre eine Rede. Sie war ein großes Ereigniß, dieſe Rede von Pitou; es bildete auch ganz Haramont einen Kreis um das Haus. Pitou war ein wenig Gelehrter und kannte die Schönredenheit; er wußte die acht Worte, wit welchen er ihm dopf elle von reis die hen 173 zu jener Zeit die Ordner der Nationen, wie ſie Homer nannte, die Volfsmaſſen in Bewegung ſetzten. Von Herrn von Lafayette bis Pitou war es aller⸗ dings weit, aber von Haramont bis Paris, welche Ent⸗ fernung! Moraliſch geſprochen, wohl verſtanden! Pitou debutirte mit einem Eingang, mit dem der Abbé Fortier ſelbſt, ſo wunderlich er war, nicht unzu⸗ frieden geweſen wäre. „Bürger,“ ſprach er,„Mitbürger, dieſes Wort iſt ſüß auszuſprechen, ich habe es ſchon zu anderen Fran⸗ zoſen geſagt, denn alle Franzoſen ſind Brüder; hier glaube ich es aber zu wahren Brüdern zu ſagen, und ich finde eine ganze Familie in meinen Landsleuten von Haramont.“ Die Frauen, es fanden ſich einige unter den Zu⸗ hörern, und das waren nicht die am Beſten geſtimmten „— die Frauen dachten bei dem Worte Familie an den armen Pitou, das Wai⸗ ſenkind, an dieſen armen Verlaſſenen, der, ſeit dem Tode ſeiner Mutter, nie nach ſeinem Hunger gegeſſen hatte. Und das Vort Familie von dieſe m Jungen ausgeſprochen, der keine hatte, bewegte bei mehreren von ihnen die empfindliche Fiber, die den Thränen⸗ behälter ſchließt. Nachdem der Eingang beendigt war, fing Piton die Erzählung, dieſen zweiten Theil der Rede, an. Er ſprach von ſeiner Reiſe nach Paris, von den Aufſtänden mit den Büſten, von der Einnahme der Baſtille und der Rache des Volks, er ſchlüpfte leicht über den Antheil weg, den er am Kampfe auf dem Platze des Palais⸗Rohal und im Faubourg Saint⸗ Antoine genommen hatte; doch je weniger er ſich rühmte, deſto mehr wuchs er in den Augen ſeiner Landsleute, und am Ende der Erzählung von Pitou war ſein Helm 174 ſo groß wie das Dach des Invalidenhauſes, ſein Säbel ſo hoch wie der Glockenthurm von Haramont. Nachdem die Erzählung beendigt war, kam Pitou zur Beweisführung, dieſer zarten Operation, an der Cicero den wahren Redner erkannte. Er bewies, daß die Leidenſchaften des Volks gerade durch die Aufkäufer erregt worden waren. Er ſagte ein paar Worte von den Herren Pitt, Vater und Sohn; er erklärte die Revolution durch die dem Adel und der Geißtlichkeit bewilligten Privilegien; er forderte endlich das Volk von Haramont auf, in'sbeſondere zu thun, was das franzöſiſche Volk im Allgemeinen ge⸗ than hatte: nämlich, ſich gegen den allgemeinen Feind zu vereinigen. Dann ging er von der Beweisführung zum Schluß durch eine von jenen erhabenen Bewegungen über, welche allen großen Rednern gemein find. Er ließ ſeinen Säbel fallen, und indem er ihn wieder aufhob, zog er ihn gleichſam aus Unachtſamkeit aus der Scheide. Was ihm den Text zu einem aufrühreriſchen An⸗ trag gab, der alle Einwohner der Gemeinde, nach dem Beiſpiel der Pariſer, zu den Waffen rief. Die enthufiaſtiſchen Haramonter antworteten kräftig. Die Revolution wurde im Dorfe proclamirt und acclamirt. Die Leute von Villers⸗Cotterets, welche der Ver⸗ ſammlung beigewohnt hatten, gingen, das Herz ange⸗ ſchwollen vom patriotiſchen Sauerteig, weg und ſangen auf eine für die Ariſtokraten höchſt bedrohliche Weiſe und mit einer unbändigen Wuth: Vive Henri quatre! Vive ce roi vaillant! Rouget de l'Isle hatte die Marſeillaiſe noch nicht componirt, und die Föderirten von 90 hatten das alte volksthümliche Ga ira noch nicht wiedererweckt, in Be⸗ tracht, daß man erſt im Jahre der Gnade 1789 war. Pi mi reſt dan und jün alte Kan bi Pito vorh legte einen und ſeiner bei d nern am T daß er ſamen thümet Morge Laden — N8 cht ute Be⸗ „ 175 Pitou glaubte nur eine Rede gehalten zu haben, tou hatte eine Revolution gemacht. Er kehrte in ſeine Wohnung zurück, regalirte ſich mit einem Stück Schwarzbrod und dem Reſte von ſeinem Käſe aus dem Gaſthauſe zum Dauphin, welchen Käſe⸗ reſt er ſorgfältig in ſeinem Helme mitgebracht hatte; dann kaufte er Meſſingdrath, machte ſich Schlingen und legte ſie, als es Nacht geworden war, im Walde. In derſelben Nacht fing Piton ein älteres und ein jüngeres Kaninchen. Piton hätte gern auf einen Haſen abzielen mö⸗ gen, aber er fand keine Fährte, was ihm durch das alte Ariom der Jäger: Hunde und Katzen, Haſen und Kaninchen leben nicht beiſammen, erklärt wurde. bis zu einem an Haſen reichen Bezirk zu kommen, und itou war ein wenig müde, ſeine Beine hatten am vorhergehenden Tag Alles gethan, was ſie an einem Tag thun fonnten; abgeſehen von fünfzehn zurückge⸗ legten Meilen, hatten ſie auf den vier bis fünf letzten einen vom Schmerz niedergebeugten Menſchen getragen, und nichts iſt ſo ſchwer für lange Beine. Gegen ein Uhr nach Mitternacht kehrte er mit ſeiner erſten Ernte zurück, er hoffte wohl eine zweite bei den Fährten vom Morgen zu machen. Er legte ſich nieder, bewahrte aber in ſeinem In⸗ nern noch einen ſo bittern Reſt von dem Schmerz, der am Tage vorher ſeine Beine ſo ſehr ermüdet hatte, daß er nur ſechs Stunden hinter einander auf der grau⸗ ſamen Matraze ſchlafen konnte, die der Hauseigen⸗ thümer ſelbſt eine Galettes) nannte. Piton ſchlief alſo von ein Uhr bis ſieben Uhr orgens. Die Sonne überraſchte ihn bei offenem Laden und ſchlafend. 9 Harter, flacher Zwieback für das Schiffsvolk. Durch dieſen offenen Laden ſahen ihm dreißig bis vierzig Einwohner von Haramont zu, wie er ſchlief. Er erwachte wie Turenne auf ſeiner Laffette, lä⸗ chelte ſeinen Landsleuten zu und fragte ſie freundlich, warum ſie in ſo großer Anzahl und ſo frühzeitig zu ihm kämen. Einer von ihnen nahm das Wort. Wir werden dieſes Geſpräch getreu wiederholen. Es war ein Holz⸗ hacker Namens Claude Tellier. „Ange Pitou,“ ſagte er,„wir haben die ganze Nacht überlegt; die Bürger müſſen ſich in der That, wi⸗ Du es uns geſtern geſagt haſt für die Freiheit bewaffnen.“ „Ich habe es geſagt,“ erwiederte Pitou mit einem feſten Ton, welcher verkündigte, er ſei bereit, ſeinen Worten zu entſprechen. „Nur fehlt es uns, um uns zu bewaffnen, an einer Hauptſache.“ „An was?“ fragte Piton mit Theilnahme. „An Waffen.“ „Ah! das iſt wahr!“ „Wir haben aber genug überlegt, um unſer Ueber⸗ legen nicht zu verlieren, und wir werden uns um jeden Preis bewaffnen.“ „Bei meinem Abgang,“ ſprach Piton,„waren fünf Flinten in Haramont? drei Commißflinten, eine Jagd⸗ flinte mit einem Lauf und eine andere Jagdflinte mit zwei Läufen.“ „Es ſind nur noch vier da,“ antwortete der Redner, „die Jagoflinte iſt vor einem Monat aus Alter zer⸗ ſprungen.“ „Das war die Flinte von Deſiré Maniquet,“ be⸗ merkte Pitou. „Ja, und ſie hat mir ſogar beim Zerſpringen zwei Finger mitgenommen,“ ſagte Deſiré Maniquet, indem er ſeine verſtümmelte Hand über ſeinen Kopf empor⸗ hob,„und da mir der Unfall im Kaninchengehäge des bill Tell die in komr Piker dara wolle Geld wiſſe er den ünf gd⸗ nit er, er⸗ be⸗ vei or⸗ des 177 Ariſtokraten begegnet iſt, den man Herrn von Longuré nennt, ſo werden mir die Ariſtokraten das bezahlen.“ Pitou nickte mit dem Kopfe, um anzudeuten, er billige dieſe gerechte Rache. „Wir haben alſo nur vier Flinten,“ fuhr Claude Tellier fort. „Nun!“ ſprach Pitou,„mit vier Flinten habt Ihr die Mittel, um ſchon fünf Männer zu bewaffnen.“ „Wie ſo?“ „Ja, der fünfte wird eine Piken, das iſt ſehr bequem, das dient, um die Köpfe darauf zu ſtecken, die man abgeſchnitten hat.“ „Ho! ho!“ rief eine kräftige, heitere Stimme,„wir wollen hoffen, daß wir keine Köpfe abſchneiden werben.“ „Nein,“ erwiederte Pitou ernſt,„wenn wir das Geld der Herren Pitt Vater und Sohn zurückzuweiſen wiſſen. Doch wir waren bei den Flinten; bleiben wir in der Frage, wie Herr Bailly ſagt. Wie viel Männer find in Haramont fähig, Waffen zu tragen? Habt Ihr Euch gezählt.“ ä „Und Ihr ſeid?“ „Zwei und dreißig.“ „Es fehlen alſo acht und zwanzig Flinten.“ „Wie wird man ſie haben?“ fragte der dicke Mann mit dem heiteren Geſichte. „Oh!“ verſetzte Pitou,„man muß das wiſſen, Byniface.“ „Warum muß man vas wiſſen?“ r⸗ ich ſage, man muß das wiſſen, weil ich das weiß.“ vzt( ſgaß „Ich weiß, da man ſich verſchaffen kann.“ „Sich verſchaffen?“ 6 „Ja, das Pariſer Voſk hatte auch keine Waffen. Ange Piton. 1 12 178 Nun wohl! Herr Marat, ein ſehr gelehrter, aber ſehr häßlicher Arzt, hat dem Pariſer Volke geſagt, wo es Waffen gab; das Pariſer Volk ging dahin, wo Herr Marat ſagte, und es fand Waffen.“ „Und wohin hieß Herr Marat die Leute gehen?“ „In's Invalidenhaus.“ „Ja, doch wir haben kein Invalidenhaus in Ha⸗ ramont.“ „Ich, ich weiß einen Ort, wo es mehr als hundert Flinten gibt.“ „Und wo dies?“ „In einem der Säle des Collöge des Abbs Fortier.“ „Der Abbs Fortier hat hundert Flinten? Er will alſo ſeine Chorknaben, dieſe kleinen Pfaffennarren, be⸗ waffnen?“ verſetzte Claude Tellier. Pitvu hatte keine tiefe Zuneigung für den Abbé Fortier; doch dieſer heftige Ausfall gegen ſeinen ehe⸗ maligen Lehrer verwundete ihn in ſeinem Innerſten. „Claude!“ rief er,„Clande!“ „Nun?“ „Ich habe nicht geſagt, die Flinten gehören dem Abbé Fortier!“ „Wenn ſie bei ihm ſind, gehören ſie ihm.“ „Das Dilemma iſt falſch, Claude. Ich bin im Hauſe von Baſtien Godinet, und dennoch gehört das Haus von Baſtien Godinet nicht mir.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Baſtien, welcher antwor⸗ tete, vhne daß Piton ihn beſonders aufzufordern nöthig gehabt hatte. „Die Flinten gehören nicht dem Abbs Fortier,“ ſagte Pitou. „Wem gehören ſie denn?“ „Der Gemeinde.“ „Wenn ſie der Gemeinde gehören, warum ſind ſie beim Abbé Fortier?“ „Sie ſind beim Abbé Fortier, weil das Haus bes Abbe Fortier der Gemeinde gehört, die ihm Ouartier „wi eine daß bewe ſpött Bare wäre ſagte ein 2 Tage. heit eines ſein k Füßen 8 iſt nich man e ſehr es err n2“ dert er,“ vill be⸗ bb6 he⸗ uſe us r⸗ ig 179 dafür gibt, daß er die Meſſe lieſt und gratis die Kinder der armen Bürger unterrichtet. Da nun vas Haus des Abbé Fortier der Gemeinde gehört, ſo hat die Gemeinde wohl das Recht, in dem Hauſe, das ihr gehört, ſich ein Zimmer vorzubehalten, um die Flinten darin aufzubewahren; ha!“ „Das iſt wahr,“ ſprachen die Zuhörer,„ſie hat das Recht dazu.“ „Nun aber, hernach, wie werden wir uns dieſe Waffen verſchaffen? ſprich.“ Die Frage brachte Pitou in Verlegenheit, er kratzte ſich hinter dem Ohr. „Ja, ſprich geſchwinde,“ ſagte eine andere Stimme, „wir müſſen zur Arbeit gehen.“ Piton athmete, der Letzte, der geſprochen, hatte ihm eine Ausflucht geöffnet. „Zur Arbeit“ rief Piton.„Ihr ſprecht davon, Haramonter gedemüthigt anſchauten. „Wir wuͤrden wohl, wenn es durchaus nothwendig wäre, noch ein paar Tage opfern, um frei zu ſein,“ ſagte eine andere Stimme. „Um frei zu ſein,“ entgegnete Pitou,„iſt es nicht 3 Tag, den man opfern müßte, ſondern alle ſeine age.“ „Alſo,“ ſagte Boniface,„wenn man für die Frei⸗ heit arbeitet, ruht man aus.“ „Boniface,“ erwieberte Pitou mit der Miene eines erzürnten Lafayette:„diejenigen werden nie frei ſein können, welche nicht die Vorurtheile mit den Füßen zu treten wiſſen.“ „Mir, was mich betrifft,“ ſagte Boniface,„mir iſt nichts lieber, als nichts zu arheiten. Aber wie macht man es, um zu eſſen 2“ 180 „Ißt man?“ entgegnete Pitou. „In Haramont ißt man noch, ja. Ißt man in Paris nicht mehr?“ 3 „Man ißt, wenn man die Thrannen beſiegt hat,“ antwortete Pitou.„Hat man am 14. Juli gegeſſen? Dachte man an dieſem Tage daran, zu eſſen? Nein, man hatte nicht die Zeit.“ „Ahl ah!“ ſagten die Eifrigſten,„das mußte ſchön ſein, die Einnahme der Baſtille.“ „Eſſen!“ fuhr Piton verächtlich fort.„Ah!trinken, da ſage ich nicht nein. Es war ſo heiß, und das Kanonenpulver iſt ſo beißend.“ „Aber was trank man?“ „Was trank man? Waſſer, Wein, Branntwein. Die Weiber hatten dieſe Sorge übernommen.“ „Die Weiber?“ „Ja, herrliche Weiber, welche Fahnen aus dem Vordertheil ihrer Röcke gemacht hatten.“ „Wahrhaftig!“ riefen die erſtaunten Zuhörer. „Aber am andern Tage mußte man doch eſſen?“ fragte ein Skeptiker. „Ich leugne das nicht,“ antwortete Pitou. „Dann,“ verſetzte Boniface triumphirend,„wenn man gegeſſen hat, hat man auch arbeiten müſſen.“ „Herr Bonifare,“ erwiederte Pitou,„Ihr ſprecht von dieſen Dingen, ohne ſie zu kennen. Paris iſt kein Flecken. Es beſteht nicht aus einem Haufen am Her⸗ kommen hängender Landleute, den Gewohnheiten des Bauches ergeben, Obedientia ventri, wie wir Gelehrte uns lateiniſch ausdrücken. Nein, Paris iſt, wie Herr von Mirabeau ſagt, der Kopf der Nationen; es iſt ein Gehirn, das für die ganze Welt denkt. Ein Gehirn, das ißt nie, mein Herr.“ „Das iſt wahr,“ dachten die Zuhörer. „Und dennoch nährt ſich das Gehirn, das nicht ißt, ebenſo,“ fuhr Piton fort. „Wie nährt es ſich denn?“ fragte Bonifage. wer cher Kat Sti wäh von war daß ſtätif Pito Du, man Fauſt as ein. em n2“ enn echt kein er⸗ des hrte err ein irn, ißt, 181 „Unſichtbar, von der Nahrung des Leibes.“ Hier hörten die Haramonter auf, zu begreifen. „Erkläre uns das, Pitou?“ fragte Boniface. „Das iſt ſehr leicht. Paris iſt das Gehirn, wie ich geſagt habe; die Provinzen, das ſind die Glieder; die Provinzen werden arbeiten, trinken, eſſen, und Paris wird denken.“ „Dann verlaſſe ich die Provinz und gehe nach Paris,“ ſprach der Skeptiker Boniface.„Kommt Ihr mit mir nach Paris, Ihr Leute?“ Ein Theil der Zuhörer brach in ein Gelächter aus und ſchien ſich Boniface anzuſchließen. Pitou bemerkte, er würde durch den Spötter in Mißeredit kommen, und rief: „Geht doch dahin, geht doch nach Paris! und wenn Ihr dort ein einziges Geſicht findet, das ſo lä⸗ cherlich iſt als das Eurige, ſo kaufe ich Euch junge Kaninchen wie dieſes hier um einen Luuis d'or das Stück ab.“ Und mit einer Hand zeigte Piton ſein Kaninchen, während er mit der andern die paar Louis d'or, die ihm von der Freigebigkeit von Gilbert übrig geblieben waren, tanzen und klingen ließ. Pitou machte nun ebenfalls lachen. Wonach ſich Boniface ganz roth ärgerte. „Ei! Pitou, Du machſt wohl den Großprahler, daß Du uns lächerlich nennſt!“ ſ„Lächerlich biſt Du,“ erwiederte Piton maje⸗ ätiſch. „Aber ſchau' doch Dich an,“ ſagte Boniface. „Ich mag mich immerhin anſchauen,“ entgegnete Pitou,„ich werde vielleicht etwas ebenſo Häßliches, wie Du, ſehen, aber nie etwas ſo Dummes. Pitou hatte kaum geendigt, als ihm Boniface,— man iſt beinahe Picardier in Haramont,— eine n Fauſtſchlag verſetzte, den Piton geſchickt mit ſeinem 3 182 Auge parirte und dann ſogleich mit einem ächten Pa⸗ riſer Fußtritt erwiederte. Auf dieſen erſten Fußtritt ſolgte ein zweiter, der den Skeptiker niederwarf. Dann bückte ſich Pitou zu ſeinem Gegner hinab, als wollte er dem Siege höchſt fatale Folgen geben, und Jeder eilte ſchon Boniface zu Hülfe, als ſich Pitou wieder erhob und ſprach: „Erfahre, daß die Sieger der Baſtille nicht auf Fauſtſchläge kämpfen. Ich habe einen Säbel, nimm einen Säbel und machen wir ein Ende.“ Hienach zog Pitou vom Leder, vergeſſend oder nicht vergeſſend, daß es in Haramont nur ſeinen Säbel und den des Flurſchützen, der anderthalb Fuß kürzer war, als der ſeinige, gab. Es iſt wahr, um das Gleichgewicht herzuſtellen, ſetzte er ſeinen Helm auf. Dieſe Seelengröße elektriſirte die Verſammlung; man kam überein, Boniface ſei ein Lümmel, ein dum⸗ mer Kerl, ein Einfaltspinſel, unwürdig, an der Ver⸗ der öffentlichen Angelegenheiten Theil zu nehmen. Dem zu Folge ſtieß man ihn aus. „Ihr ſeht das Bild der Revolutionen von Paris,“ ſprach ſodann Pitou.„Wie es Herr Prudhomme oder Louſtalot geſagt hat, ich glaube, es iſt der tugend⸗ hafte Louſtalot... ja, er iſt es, ich bin deſſen ſicher: „Die Großen ſcheinen uns nur groß, weil wir auf den Knieen ſind: ſtehen wir auf.““ Dieſer Spruch hatte nicht die geringſte Beziehung zu der Lage der Dinge. Doch vielleicht gerade deshalb brachte er eine wunderbare Wirkung hervor. Der Skeptiker Boniface, der ungefähr zwanzig Schritte entfernt ſtand, war davon betroffen, kam de⸗ müthig herbei und ſagte zu Pitou: „Du mußt uns nicht böſe ſein, Pitou, wenn wirt die Freiheit nicht ſo gut kennen, als Du.“ nab, und iton auf imm nicht und war, llen, ung; um⸗ Ver⸗ is oder en⸗ cher: auf ung halb nzig de⸗ wir 183 „Das iſt nicht die Freiheit,“ erwiederte Pitou. „Das find die Menſchenrechte.“ Ein anderer Keulenſchlag, mit dem Piton die Verſammlung zum zweiten Mal niederſchmetterte. „Pitou,“ ſprach Boniface,„Du biſt entſchieden ein Gelehrter, und wir bezeigen Dir unſere Ehrfurcht.“ Pitou verbeugte ſich. „Ja,“ ſagte er,„die Erziehung und die Erfahrung haben mich über Euch geſtellt, und wenn ich ſo eben ein wenig hart mit Euch ſprach, ſo geſchah es aus Freundſchaft für Euch.“ Der Beifallsſturm brach los. Pitou ſah, daß er ſich kühn in die Bruſt werfen konnte. „Ihr habt von Arbeit geſprochen,“ ſagte er;„aber wißt Ihr wohl, was Arbeit iſt? Für Euch beſteht die Arbeit im Holzſpalten, im Schneiden der Ernte, im Vuchelnleſen, im Binden der Garben, im Setzen von Steinen und im Befeſtigen derſelben durch Mörtel... Das iſt die Arbeit für Euch. Nun! Ihr käuſcht Euch, ich allein arbeite mehr, als Ihr Alle, denn ich ſinne auf Eure Emaneipativn, ich träume Eure Freiheit, Eure Gleichheit. Ein einziger von meinen Augen⸗ blicken iſt ſo viel werth, als hundert von Euren Tagen. Die Ochſen, welche arbeiten, thun alle daſſelbe, aber der Menſch, welcher denkt, übertrifft alle Kräfte der Materie. Ich allein bin ſo viel werth, als Ihr Alle. „Seht Herrn von Lafahette: das iſt ein magerer, blonder Mann, nicht viel größer als Claude Tellier; er hat eine ſpitzige Naſe, kleine Beine, und Arme wie der Stock von dieſem Stuhl; was die Hände und die Füße betrifft, ſo lohnt es ſich nicht der Mühe, davon zu ſprechen, es wäre eben ſo gut, gar keine zu haben. Nun! dieſer Mann hat zwei Welten auf ſeinen Schul⸗ tern getragen, eine mehr als Atlas, und ſeine Hände, ſie haben die Ketten Amerikas und Frankreichs ge⸗ brochen.. „Da nun ſeine Arme dies gethan haben, Arme 18¹ wie Stuhlſtöcke, beurtheilt, was die meinigen thun können,“ ſprach Pitou. Und er zeigte ſeine Arme ſo knorrig wie Stech⸗ 1 palmenſtämme. Nach dieſer Vergleichung hielt er inne, überzeugt, ohne etwas zu ſchließen, ein ungeheure Wirkung her⸗ vorgebracht zu haben. Er hatte ſie hervorgebracht. LXRII. Pitou Verſchwörer. Die meiſten Dinge, die dem Menſchen begegnen und für ihn ein großes Glück oder eine große Ehre ſind, widerfahren ihm beinahe immer, weil er viel gewollt oder viel verachtet hat. Will man die Anwendung dieſer Maxime auf die Ereigniſſe und auf die Menſchen der Geſchichte machen, ſo wird man ſehen, daß ſie nicht nur Tiefe, ſondern auch Wahrheit hat. Wir werden uns darauf beſchränken, ſie, ohne unſere Zuflucht zu den Beweiſen zu nehmen, auf Ange Pitou, unſern Mann und unſere Geſchichte, anzuwenden. In der That, Piton, wenn es uns erlaubt iſt, ei⸗ nige Schritte rückwärts zu thun und wieder auf die Wunde zu kommen, die er in's volle Herz erhalten, Piton hatte ſich, nach ſeiner Entdeckung am Saume des Waldes von einer großen Verachtung gegen die Dinge dieſer Welt ergriffen gefühlt. Er, der in ſeinem Herzen die koſtbare und ſeltene Pflanze, die man die Liebe nennt, blühen zu machen gehofft hatte; er, der in ſeine Heimath mit einem Helme und einem Säbel zurückgekommen war, ſtolz, Mars mit Venus zu verbinden, wie ſein berühmter Lands⸗ tige daß eine über Wut redli ſucht gang Nier Eite Erde Phil erlan nacht danke 185 thun mann Demuuſtier in ſeinen Briefen an Emilie ſüber die Mythologie geſagt hatte, er fühlte ſich tech⸗ ſehr beſtürzt und ſehr unglücklich, als er ſah, daß es in Villers⸗Cotterets und ſeiner Umgegend Verliebte mehr eugt, als nöthig gab. her⸗ Er, der einen ſo thätigen Antheil an dem Kreuzzuge der Pariſer gegen die Edelleute genommen, er fand ſich ſehr klein gegenüber dem Landadel, vertreten durch Herrn Iſidor Charny. Ach! ein ſo ſchöner Junge, ein Mann im Stande, beim erſten Anblick zu gefallen, ein Cavalier, der eine lederne Hoſe und eine Sammetweſte trug. Wie mit einem ſolchen Manne kämpfen! Mit einem Manne, der Stallmeiſtersſtiefel und Sporen an ſeinen Stiefeln hatte, mit einem Manne, gnen deſſen Bruder noch viele Leute Monſeigneur nannten! Shre Wie gegen einen ſolchen Nebenbuhler kämpfen! viel Wie nicht zugleich die Scham und die Bewunderung haben, zwei Gefühle, welche im Herzen des Eiferſüch⸗ fdie tigen eine doppelte Qual find, eine Qual ſo gräßlich, chen, daß man nie hat ſagen können, ob ein Eiferſüchtiger dern einen Nebenbuhler, der unter ihm iſt, oder einen, der über ihm iſt, vorzieht. ſere Pitou kannte alſo die Eiferſucht, eine unheilbare tou, Wunde, fruchtbar an Schmerzen bis dahin dem naiven, redlichen Herzen unſeres Helden unbekannt; die Eifer⸗ ei⸗ ſucht, ein giftiges, wunderartiges Gewächs, hervorge⸗ die; gangen ohne Santen aus einem Boden, wo bis jetzt lten, Piemand eine ſchlimme Leidenſchaft, nicht einmal die ume Eitelkeit, dieſes Unkraut, das ſich der unfruchtbarſten die Erde bemächtigt, hatte keimen ſehen. Ein ſo verwüſtetes Herz bedarf einer ſehr tiefen tene Philoſophie, um ſeine gewöhnliche Ruhe wiederzu⸗ chen erlangen. elme War Pitou ein Philoſoph, er, der am erſten Tage, nachdem ihn dieſes ſchreckliche Gefühl erfaßt, den Ge⸗ danken hatte, Krieg gegen die Kaninchen und Haſen 186 des Herzogs von Orleans zu führen, und am zweiten tche die herrlichen Reden hielt, die wir mitgetheilt aben? Hatte ſein Herz die Härte des Kieſelſteins, aus dem jeder Schlag einen Funken ſpringen macht, oder einfach den ſanften Widerſtand des Schwamms, der die Fähigkeit hat, die Thränen einzuſchlucken und ohne Verwundung im Schlage der Unfälle weich zu werden? Das wird uns die Zukunft lehren. Urtheilen wir nicht vorläufig, erzählen wir. Nachdem er ſeinen Beſuch erhalten und ſeine Re⸗ den beendigt hatte, war Piton durch ſeinen Appetit genöthigt, zu geringeren Sorgen herabzuſteigen; er kochte ſein Kaninchen, aß es und bedauerte, daß es kein Haſe war. In der That, wäre das Kaninchen von Piton ein Haſe geweſen, ſo würde ihn Piton nicht gegeſſen, ſon⸗ dern verkauft haben. Das war keine unbedeutende Sache. Ein Haſe galt, je nach ſeiner Größe, von 18 bis 24 Sous, und ovgleich noch im Beſitze von einigen Louis d'ors, die ihm der Doctor Gilbert gegeben, hätte Pitou, der, ohne geizig zu ſein, wie die Tante Angélique, von ſeiner Mutter eine gute Doſis Sparſamkeit beſaß, dieſe acht⸗ zehn Sous ſeinem Schatze beigefügt, wodurch ſich der⸗ ſelbe gerundet, ſtatt geſchmälert haben würde. Denn Pitou überlegte ſich, es ſei nicht nöthig, daß ein Menſch bald Mahle von drei Livres, bald von achtzehn Sous mache. Man iſt kein Lucullus, und Piton ſagte ſich, mit den achtzehn Sous für ſeinen Haſen hätte er eine ganze Woche gelebt. Während dieſer Woche aber, angenommen, er hätte einen Haſen am erſten Tag gefangen, würde er wohl drei während der ſieben darauf folgenden Tage, oder vielmehr während der ſieben darauf folgenden Nächte gefangen haben. In einer Woche hätte er alſo die Nahrung von einem Monat gewonnen. veiten theilt „ aus oder er die ohne rden? n wir e Re⸗ ppetit ; eß ß* ein „ſon⸗ Haſe , und , die „ohne ſeiner acht⸗ hder⸗ öthig, ld von „ und ſeinen hätte wohl oder Nächte ſo die 187 Nach dieſer Rechnung genügten ihm achtunbvierzig Haſen für ein Jahr. Pitou machte dieſe ökonomiſche Rechnung, während er ſein Kaninchen aß, das ihn, ſtatt ihm achtzehn Sous einzutragen, einen Sou für Butter und einen Sou für Speck koſtete. Was die Zwiebel betrifft, ſo hatte er ſie auf dem Gebiete der Gemeinde aufgeleſen. Nach dem Mahle war Pitou in den Wald ge⸗ gangen, um ſich ein hübſches Winkelchen zum Schlafen zu ſuchen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der Unglückliche, ſobald er nicht mehr von Politik ſprach und ſich wieder mit ſich ſelbſt allein befand, unabläſſig vor dem Geiſte das Schauſpiel von Herrn Iſidor in ſeinem Liebes⸗ handel mit Mademoiſelle Catherine hatte. Die Eichen und die Buchen zitterten vor ſeinen Seufzern; die Natur, welche beinahe immer dem be⸗ friedigten Magen zulächelt, machte eine Ausnahme zu Gunſten von Pitvu und' fam ihm wie eine weite, ſchwarze Wüſte vor, in der nur noch Kaninchen, Haſen und Rehe blieben. Sobald er unter den großen Bäu⸗ men ſeines heimathlichen Waldes verborgen war, be⸗ geiſterte ſich Piton durch ihren Schatten und ihre Kühle in ſeinem heldenmüthigen Entſchluß, aus den Augen von Catherine zu verſchwinden, ſie frei zu laſſen, ſich nicht übermäßig über ihre Bevorzugungen zu betrüben, ſich nicht tiefer, als es ſich geziemte, durch die Ver⸗ gleichung demüthigen zu laſſen. Es war eine ſehr ſchmerzliche Anſtrengung, Mabe⸗ moiſelle Catherine nicht mehr zu ſehen, aber ein Mann mußte ein Mann ſein. Die Frage beſchränkte ſich indeſſen nicht allein hierauf. Es handelte ſich hier nicht gerade darum, Made⸗ moiſelle Catherine nicht mehr zu ſehen, ſondern nicht mehr von ihr geſehen zu werden. Was würde aber ein Hinderniß dagegen ſein, daß 188 von Zeit zu Zeit der läſtige Verliebte, wenn er ſich ſorgfältig verbärge, im Vorübergehen die ſchöne Spröde erblickte? Nichts. Was war die Entfernung von Haramont nach Piſſeleur? Kaum anderthalb Meilen, das heißt ein paar Schritte, und nicht mehr. So feig es von Seiten von Pitou wäre, nach dem, was er geſehen, ſich um die Gunſt von Catherine zu bewerben, ſo geſchickt wäre es, fortwährend über ihre Handlungen und Thaten durch eine Leibesübung, in die ſich die Geſundheit von Pitou vortrefflich ſchicken würde, auf dem Laufenden zu bleiben. Zabei hatten die hinter Piſſelrur liegenden und bis nach Bourſonne ſich erſtreckenden Bezirke des Waldes Ueberfluß an Haſen. Pitou würde bei Nacht dahin gehen, um ſeine Schlingen zu legen, und am andern Morgen würde er von einem Hügel herab die Ebene erforſchen und die Ausgänge von Mademoiſelle Catherine belauern. Das war ſein Recht, das war bis auf einen gewiſſen Grad ſeine Pflicht, ſo wie er vom Vater Billot mit Voll⸗ machten verſehen war. Auf dieſe Art durch ſich ſelbſt gegen ſich ſelbſt ge⸗ ſtärkt, glaubte Pitvu das Seufzen aufgeben zu können. Er ſpeiſte ein ungeheures Stück, das er mitgebracht hatte, und als der Abend kam, legte er ein Dutzend Schlingen und ſtreckte ſich auf dem noch von der Sonne des Tages warmen Heidekraut aus. Hier ſchlief er wie ein Menſch in der Verzweiflung, das heißt, einen dem Tode ähnlichen Schlaf. Die Kühle der Nacht weckte ihn auf. Er unter⸗ ſuchte ſeine Schlingen, noch war nichts gefangen, aber Piton zählte gewöhnlich nur auf den Wechſel am Morgen; da er indeſſen ſeinen Kopf ein wenig beſchwert fühlte, ſo beſchloß er, nach ſeiner Wohnung zurückzukehren und am andern Vormittag wieder zu kommen. Doch dieſen Tag, der für ihn ſo leer an Ereig⸗ ſich röe nach t ein dem, 1e zu ihre in icken und aldes ſeine de er d die Das Grad Voll⸗ ſt ge⸗ nnen. bracht utzend Sonne flung, unter⸗ „aber en; ühlte, en und Freig⸗ 189 niſſen und Intriguen vorübergegangen, hatten die Be⸗ wohner des Fleckens damit zugebracht, daß ſie nachge⸗ dacht und Combinationen gemacht. Um die Mitte dieſes Tages, den Pitou im Walde verträumte, hätte man können die Holzhauer ſich auf ihre Aerte ſtützen, die Dreſcher mit ihren Flegeln in der Luft bleiben, die Tiſchler den Hobel auf dem glatten Brette anhalten ſehen. An allen dieſen verlorenen Augenblicken war Pitou Schuld. Pitou hatte die Uneinigkeit in den Geiſtern, welche ſchon durch die verworrenen Gerüchte aufgeregt worden waren, vollends angefacht. Und er, der Urheber dieſer Unruhen, erinnerte ſich derſelben nicht einmal mehr. Doch in der Stunde, wo er nach ſeiner Wohnung zurückkehrte, erblickte er, obgleich es zehn Uhr geſchlagen hatte und zu dieſer Stunde in der Regel nicht ein Licht mehr angezündet, nicht ein Auge mehr offen war, in der Umgebung ſeines Hauſes eine ungewöhnliche Sce⸗ nirung. Es waren ſitzende Gruppen, es waren ſtehende Gruppen, es waren gehende Gruppen. Die Haltung jeder dieſer Gruppen hatten eine un⸗ gewöhnliche Bedeutung. Ohne zu wiſſen warum, ſtellte ſich Piton vor, dieſe Leute ſprechen von ihm. Und als er in die Straße kam, waren Alle wie von einem elektriſchen Schlage getroffen und zeigten ſich ihn einander. „Was haben ſie denn?“ fragte ſich Pitou;„ich habe doch meinen Helm nicht aufgeſetzt?“ Und er ging beſcheiden in ſein Domieil hinein, nachdem er da und dort gegrüßt hatte. Er hatte indeſſen die ſchlecht zuſammengefügte Thüre des Hauſes noch nicht geſchloſſen, als er an das Holz klopfen zu hören glaubte. Piton zündete kein Licht an, ehe er ſich niederlegte; das Licht war ein zu großer Lurus für einen Menſchen, 190 ver, da er nur eine ärmliche Lagerſtätte hatte, ſich nicht im Bette irren konnte, und da er keine Bücher hatte, tete, nicht leſen konnte. Es war indeſſen ſicher, daß man an ſeine Thüre klopfte. Er hob die Klinke auf. Zwei junge Leute von Haramont traten vertraulich Wor bei ihm ein. „Ah! Du haſt kein Licht, Piton,“ ſagte der Eine von ihnen. „Nein,“ antwortete Piton,„wozu?“ Di „Um hier zu ſehen.“ „Oh! ich ſehe in der Nacht: ich bin Tagblinder.“ Flur ünd um dies zu beweiſen, fügte er bei: gefol „Guten Abend, Claude, guten Abend, Deſiré.“ „Nun!“ ſagten dieſe,„da ſind wir, Pitou.“ „Das iſt ein angenehmier Beſuch; was wollt Ihr Volf von mir, meine Freunde?“. „Komm doch an die Helle,“ ſagte Claude. „An die Helle von was? es ſcheint kein Mond.“ „An die Helle des Himmels.“ Fran „Du haſt alſo mit mir zu ſprechen?“ den 2 „Ja, wir haben mit Dir zu ſprechen, Ange, er⸗ wiederte Claude, indem er einen bezeichnenden Nach⸗ druck auf dieſe Worte legte. „Vorwärts,“ erwiederte Pitou. Alle drei verließen das Haus. die W Sie gingen ſo bis zum erſten Kreuzwege des Hara Waldes, wo ſie ſtehen blieben, ohne daß Ange Piton Flinte wußte, was man von ihm wollte.„ „Nun?“ fragte Piton, als er ſah, daß ſeine Ge⸗ Du w fährten Halt machten. Siehſt Du, Ange,“ ſagte Claude,„da ſind wir, Claud Vaffe ich und Deſiré Maniquet, wir Beide, die wir die Leute„ in der Gegend leiten, willſt Du nit uns ſein?“ heute „Wozu?“ Gegen „Ah!l um zu.„ nicht atte, hüre ulich Eine der.“ Ihr d tach⸗ des iton wir, Leute 191 „Um?“ fragte Piton, indem er fich hoch aufrich⸗ tete,„um was zu thun?“ „Um eine Verſchwörung zu machen,“ flüſterte ihm Claude ins Ohr. Ah! ah! wie in Paris,“ verſetzte Piton kichernd. Es iſt nämlich eine Thatſache, daß er vor dem Wort und vor dem Echo des Wortes ſelbſt mitten im Walde bange hatte. „Sprich, erkläre Dich,“ ſagte er. „Vernimm, wie ſich die Sache verhält: nähere Dich, Deſiré, Du, der Du Wilbſchütze im Herzen biſt und alle Geräuſche des Tages und der Nacht, der Flur und des Waldes kennſt, ſchau', ob man uns nicht gefolgt iſt; horche, ob man uns nicht beſpäht.“ Deſiré nickte mit dem Kopf, beſchrieb um Pitou und Claude einen Kreis, ſo leiſe als es der eines Volfes iſt, welcher ſich um eine Schafherde dreht. Dann kam er zuruͤck und ſagte: „Sprich, wir ſind allein.“ „Meine Kinder,“ ſprach Claude,„alle Gemeinden Frankreichs wollen, wie uns Pitou geſagt hat, unter den Waffen und auf dem Fuß von Nationalgarden ſein.“ „Das iſt wahr,“ verfetzte Pitou. „Nun, warum ſollte Haramont nicht unter den Vaffen ſein, wie die anderen Gemeinden 7 „Ei! Du haſt es geſtern geſagt, Claube, als ich die Motion machte, uns zu bewaffnen, erwiederte Piton. Haramont iſt nicht unter den Waffen, weil es keine Flinten hat.“ „Oh! die Flinten, bas beunruhigt uns nicht, da Du weißt, wo es gibt.“ „Ich weiß es, ich weiß es„ ſagte Pitou, der Claude kommen ſah und die Gefahr begriff. „Nun wohl!“ fuhr Claude fort,„wir haben uns heute berathen, alle wir patriotiſchen jungen Leute der Gegend.“ „Gut.“ 192 „Und wir ſind unſerer drei und dreißig.“ „Das iſt das Drittel von hundert, weniger eins.“ „Kannſt Du das Erereiren?“ fragte Claude. Bei Gott!“ erwiederte Piton, der nicht einmal das Gewehr ſchultern konnte. „Gut. Und Du kannſt das Manveuvre?“ „Ich habe zehnmal den General Lafayette mit vierzigtauſend Mann manveuvriren ſehen,“ antwortete Piton verächtlich. „Sehr gut,“ verſetzte Deſiré, der es müde war, nicht zu reden, und, ohne ſehr anſpruchsvoll zu ſein, wenigſtens auch ein Wort anbringen wollte. „Willſt Du uns alſo commandiren?“ fragte Claude. „Ich!“ rief Piton, indem er einen Sprung des Erſtaunens machte. „Du ſelbſt,“ antworteten die zwei Verſchwörer. Und ſie ſchauten Piton feſt an. „Oh! Du zögerſt,“ verſetzte Claude. Abe „Du biſt alſo kein guter Patriot?“ ſagte Deſiré. „Oh! gewiß bin ich das.“ „Du haſt alſo Angſt vor etwas?“ „Ich, ein Sieger der Baſtille, ein Decorirter!“ „Du biſt decorirt!“ „Ich werde es, wenn die Medaillen geſchlagen find. Herr Billot hat mir verſprochen, die meinige in meinem Namen in Empfang zu nehmen.“ „Er wird decorirt ſein! wir werden einen deco⸗ rirten Anführer haben!“ rief Claude voll Entzücken. nimmnſt Du unſern Vorſchlag an?“ fragt⸗ eſiré. „Nimmſt Du ihn an?“ fragte Claude. „Ja, ich nehme ihn an,“ ſagte Pitou, fortgeriſſe durch ſeine Begeiſterung und vielleicht auch durch ein Gefühl, das in ihm erwachte und das man den Stol nennt. 4 an nit wi All et 3 die hab hat ſi Kul 3 ns.“ mal mit rtete war, ſein, aude. des efiré. 7. find. inem deco⸗ en. ragte riſſen h ein Stolh 193 „Das iſt abgeſchloſſen!“ rief Claude„von morgen an commandirſt Du uns.“ 3 „Was werde ich Euch commandiren?“ „Das Erxerciren.“ „Und die Flinten?“ „Du weißt ja, wo es gibt.“ „Ah! ja, beim Abbe Fortier.“ „Allerdings.“ „Nur iſt der Abbé Fortier im Stande, ſie mir zu verweigern.“ „Dann wirſt Du es machen, wie es die Patrioten im Invalidenhauſe gemacht haben; Du wirſt ſie nehmen.“ „Ich ganz allein?“ „Du wirſt unſere Unterſchriſten haben, und über⸗ dies werden wir Dir im Nothfalle Arme zuführen, wir werden Villers⸗Cotterets aufwiegeln, wenn es ſein muß.“ Pitou ſchüttelte den Koyf. „Der Abbé Fortier iſt halsſtarrig!“ ſagte er. „Bah! Du warſt ſein Lieblingsſchüler; er wird nicht im Stande ſein, Dir etwas abzuſchlagen.“ „Man ſteht wohl, daß Ihr ihn nicht kennt,“ er⸗ wiederte Piton mit einem Seufzer. „Wie, Du glaubſt, der Alte würde ſich ſträuben?“ „Er würde ſich gegen eine Schwad on von Royal⸗ Allemand ſträuben. Das iſt ein hartnäcktger, injustum et tenacem.. Ah! es iſt wahr,“ unterbrach ſich Pitvu, „Ihr fönnt nicht einmal Lateiniſch.“ och die zwei Haramonter ließen ſich weder durch die Ciration, noch durch die Apoſtrophe blenden. „Ah! bei meiner Treue,“ ſprach Deſit6,„da haben wir einen ſchönen Anführer gewähit, Claude; er hat vor Allem Agſt.“ Claude ſchüttelte den Kopf. Pitou bemerkte, daß er ſeine hohe Stellung ge⸗ fährdet halte. Er erinnerte ſich, daß das Glück die Kuhnen liebt. „Nun! es ſei,“ ſagte er,„man wird ſehen.“ Ange Pitou. M. 13 194 ſchaffen?“. „Ich übernehme es den Verſuch zu machen.“ Ein Gemurmel der Befriediaung trat an die Stelle von einem leichten mißbilligenden Gemurre, das ſich erhoben hatte. „Ho! ho!“ dachte Pitou:„dieſe Leute ſchreiben mir ſchon vor, ehe ich ihr Anführer bin. Wie wird es ſein, wenn ich es erſt wirklich bin.“ „Den Verſuch machen,“ ſagte Claude, den Kopf ſchüttelud.„Oh! das iſt nicht genug.“ „Wenn es nicht genug iſt.“ antwortete Pitou,„ſo thue mehr, ich trete Dir mein Commando ab; reibe Fcrbnfh am Abbé Fortier und ſeiner Schul⸗ eißel.“ 3„Es iſt wohl der Mühe werth. mit einem Säbel und einem Helme von Paris zurückzukommen, um vor einer Schulgeißel Angſt zu haben,“ ſagte Maniquet verächtlich. „Ein Säbel und ein Helm find kein Harniſch, und wenn ſie ein Harniſch wären, ſo hätte der Abbé Fortier mit ſeiner Schulgeißel doch wohl raſch die Blöße des Harniſches gefunden.“ Claude und Defiré ſchienen dieſe Bemerkung zu begreifen. „Auf, Pitou, mein Sohn,“ ſprach Claude. (Mein Sohn iſt ein auf dem Lande ſehr üblicher Freundſchaftsausdruck.) „Gut, es ſei,“ ſagte Pitou,„doch Gehorſam, alle Teufel!“ „Du ſollſt ſehen, wie gehorſam wir ſein werden,“ rief Caude, Deſiré mit dem Auge zublinzend. „Nur übernimm die Herbeiſchaffung der Flinten,“ ſprach Deſiré. „Das iſt abgemacht,“ verſetzte Pitou, im Grunde ſehr beängſtigt; aber der Ehrgeiz fing an ihm die großen Kuͤhnheiten zu rathen. „Du übernimmſt es alſo, die Flinten herbeizu⸗ 15 eit dr he eir zei bei we Pi dre trä der daß ſein lers plat wele eizu⸗ n. die urre, eiben wird Kopf reibe ch ul⸗ Säbel vor iquet Abbé die 8 zu licher „alle den,“ — ten,“ runde die welche in den Garten des Abbé Fort 195 „Du verſprichſt es?“ „Ich ſchwöre es.“ Pi ou ßtreckte die Hand ans, ſeine zwei Freunde thaten daſſelbe und ſo wurde beim Sternenſchein, in einer Lichtung, im Departement der Aisne durch die drei Haramonter, unſchuldige Plagiatoren von Wil⸗ helm Tell und ſinen Freunden, der Auſſtand erklärt. Pitvu erſchaute allerdings am Ende ſeiner Mühe⸗ waltungen das Glck, ſich ſtolz mit den Inſignien eines Comma danten der Nationalgarde bekleibet zu zeigen und dieſe Inſignien ſchlnen ihm ganz geeignet, bei Mlle. Catherine, wenn nicht Gewiſſensbiſſe, doch wenigſtens R flertonen hervorzubringen. Geweiht vurch den Willen ſeiner Wähler, kehrte Pitou, von den Mitteln und Wegen, ſeinen dreiu'd⸗ dreißig Mann Nationalgarde Wauffen zu verſchaffen, träumend, in ſeine Wohnung zuruck. —.——— LXIII. Worin man das monarchiſche Princip durch den Abbe Fortier und das revolutionäre Princip durch Piton vertreten ſieht. In dieſer Nacht war Piton ſo ganz und gar von der großen Ehre e füllt, die ih m zu Theil geworden, daß er daruber ſeine Schlingen zu beſuchen vergaß. Am Morgen rüſtete er ſich mit ſei em Helme und ſeinem Säbel und begab ſich auf den Weg nach Vil⸗ lers⸗Cotterets. Es ſchlug ſechs Uhr, als Pitou auf dem Schloß⸗ platz a kam und beſcheiden an die kleine Thure klopfte, ier führte. Pitou hatie ſtark genug geklopft, um ſein 13* 196 Gewiſſen zu beruhigen, und leiſe genug, daß man ihn nicht im Hauſe hörte. Er hoffte ſich ſo eine Viertelſtunde Friſt zu geben und wollte während dieſer Zeit mit einigen vratoriſchen Blumen die Rede ſchmücken, die er für den Abbé Fortier vorbereitet hatte. Sein Erſtaunen war groß, als er ſah, daß man, ſo ſanft er geklopft hatte, die Thürr öffnete, doch die⸗ ſes Erſtaunen hörte auf, ſobald er in demjenigen, welcher öffnete, Sebaſtian Gilbert erkannte. Der junge Menſch ging im Gärtchen ſpazieren und ſtudirte ſeine Lection in der erſten Sonne oder that vielmehr, als ſtudirte er; denn das offene Buch hing in ſeiner Hand und der Geiſt des Kindes lief launenhaft Allem dem, was es auf der Welt liebte, entgegen oder nach. Sebaſtian gab einen Freudenſchrei von ſich, als er Pitou gewahrte. Sie umarmten ſich; dann war das erſte Wort des Kindes: „Haſt Du Nachrichten von Paris?“ „Nein, und Du?“ verſetzte Pitou. „Ah! ich, ich habe; mein Vater hat mir einen reizenden Brief geſchrieben.“ „Ah!“ machte Pitvu. „Es ſteht darin ein Wort für Dich,“ fügte Se⸗ baſtian bei. Und er zog den Brief aus ſeiner Bruſt und reicht ihn Pitou. N. S. Billot empfiehlt Pitou, die Leute von Pachthoſe nicht zu langweilen oder zu zerſtreuen.“ „Oh!“ ſeufzte Pitou,„das iſt bei meiner Treu eine ſehr unnöthige Ermahnung. Ich habe auf den Pachthofe Niemand mehr zu quälen oder zu beluſtigen“ Dann fügte er leiſe, noch ſtärker ſeufzend, bei: „Dieſe Worte hätte man an Herrn Iſidor richte müſſen.“ des Tre Pr erſt Tre wie Zah Ver gera Hal nom welc mack ihrer der Gege Gen almo beme und Geiſt 197 Bald aber faßte er ſich wieder, gab Sebaſtian den Brief zurück und fragte: „Wo iſt der Abbs?“ Der Knabe horchte, und obgleich die ganze Breite des Hofes und ein Theil vom Garten ihn von der Treppe trennten, die unter den Füßen des würdigen man, FPrieſters krachte, ſagte er: ihn geben ſchen tier i ie„Ah! er kommt gerade herab.“ igen⸗ Pitou ging vom Garten in den Hof, doch nun erſt hörte er den ſchweren Tritt des Abbé. ieten Der würdige Lehrer kam ſeine Zeitung leſend die oder Treppe herab. Buch Seine getreue Schulgeißel hing an ſeiner Seite lief wie ein Schwert am Gürtel eines Kapitäns. iebte, Die Naſe auf dem Papier, denn er kannte die als Zahl ſeiner Stufen und jeden Vorſprung oder jede Vertiefung ſeines alten Hauſes auswendig, ging er gerade auf Ange Piton zu, der die möglichſt majeſtätiſche Wor Haltung ſeinem politiſchen Gegner gegenüber ange⸗ nommen hatte. Vor Allem über die Situation ein paar Worte, welche auf einer andern Seite einen Aufenthalt ge⸗ einer macht hätten, während ſie auf eine natürliche Art ihren Platz auf dieſer finden. Sie werden das Vorhandenſein beim Abbé Fortier Se der dreißig oder vierzig Flinten erklären, welche der Begenſtand des Trachtens von Piton und ſeinen zwei eicht Genoſſen, Claude und Deſiré, waren. Der Abbé Fortier, früher Almoſenier oder Unter⸗ von almoſenier des Schloſſes, wie wir ſchon anderswo zu bemerken Gelegenheit gehabt haben, war mit der Zeit Treu und beſonders mit jener geduldigen Beharrlichkeit der f den Geiſtlichen, der einzige Verwalter von Allem gewor⸗ gen den, was man bei der Theaterökonomie die Acceſſorien i: des Hauſes nennt. ichten Außer ſeinen heiligen Gefäßen, außer der Biblio⸗ e enßer der Geräthkammer, hatie er zur Aufbewah⸗ rung die alten Jaadrequiſiten des Herzogs von Orleans, Louis Philipp, Vater von Philipp, den man ſeitdem Egalité nannte, erhalten. Einige von dirſen Equi⸗ pagen ſtammten aus der Zeit von Ludwig Xlll und Hein⸗ rich III. Alle dieſe Utenſilien waren von ihm künſt⸗ ſch leriſch in einer Gallerie des Schloſſes, die man ihHm get zu dieſem Zweck eingeräumt hatte, aufgeſtellt worden. Jo Und um ihnen einen pittoreskeren Anblick zu verleihen, hatte er ſie mit Spießen, mit Dolchen, mit Degen, er mit Schwertern und Musketen mit eingelegter Arbeit geg aus der Zeit der Ligue geſchmückt. Die Thüre dieſer Gallerie war furchtbar beſchirmt Ab durch zwei kleine Kanonen von verſilbertem Bronze, welche Ludwig XIV ſeinem Bruder Monſieur geſchenkt hatte. Ueberdies waren etwa fünfzig als Trophäen von Joſeph Philipp aus dem Gefecht bei Oueſſant zurück⸗ gebrachte Musketen der Municivalität geſchenkt wor⸗ den, und die Municipalität, welche, wie wir erwähnt, Sie dem Abbé Fortier freie Wohnung gab, hatte dieſe fang Musketen, mit denen ſie nichts zu thun wußte, in ein Zimmer des Schulhauſes bringen laſſen. ſeit Das war der Schatz, den der Drache genannt voll Fortier, bedroht von Jaſon genannt Ange Pitou, hütete. bar Das kleine Arſenal des Schloſſes war berühmt ausk genug in der Gegend, daß man es ohne Koſten zu er⸗ werben ſuchte. nch Aber, wie geſagt, ein wachſamer Drache, ſchien Verk der Abbé nicht geneigt, irgend einem Jaſon die gol⸗ tiſch denen Apfel ſeiner Heſperiden zu überloſſen. Nachdem dies herausgeſtellt iſt, kehren wir zu verſe Piton zurück. zurü Er verbeugte ſich artig vor dem Abbs Fortier und begleitete ſeinen Gruß mit jenem kleinen Huſten, das die Sie Aufmerkſamkeit der zerſtreuten oder der beſchäftigten man Leute in Anſpruch nimmt. Der Abbé Fortier hob die Naſe von ſeiner Zeie 3 ur tung auf. 199 ans, „Sieh da, Pitou,“ ſagte er. tdem„Ihnen zu dienen, wenn ich dazu fähig wäre, Herr qui⸗ Abbé.“ erwiederte Pitou mit Höflichkeit⸗ ein Der Abbé legte ſeine Zeitung zuſammen oder ünſt⸗ ſchloß ſie vielmehr, wie er es mit einem Portefeuille ihm gethan hätte, denn in jener glücklichen Zeit waren die rden. Jounale noch kleine Bücher. ihen, Dann, als er das Journal geſchloſſen hatte, ſteckte egen, er es in ſeinen Gürtel auf der ſeiner Schulgeißel ent⸗ rbeit gegengeſetzten Seite. „Oh ja; doch das iſt das Unglück,“ ſagte der irmt Abbé höhnend,„Du biſt nicht dazu fähig.“ elche„Oh! Herr Abbé!“ atte.„Verſtehſt Du, Herr Heuchler?“ von„Oh! Herr Abbs!“ rück⸗„Verſtehen Sie, Herr Revolutionär.“ wor⸗„Gut, gut; ſehen Sie, ehe ich geſprochen, gerathen ähnt, Sie in Zorn gegen mich. Das heißt ſehr ſchlecht an⸗ dieſe fangen, Herr Abbé.“ ein Sebaſtian, welcher wußte, was der Abbs Fortier ſeit zwei Tagen zu Jedermann von Pilou geſagt hatte, annt wollte lieber dem Streite nicht beiwohnen, der unfehl⸗ itete har ſogleich zwiſchen ſeinem Freunde und ſeinem Lehrer ihmt ausbrechen mußte, und verſchwand. u er⸗ Piton ſah Sebaſtian mit einem gewiſſen Schmerz nach, als er ſich entfernte. Es war kein ſehr ſtarker chien Verbündeter, aber es war ein Kind von derſelben poli⸗ gol⸗ tiſchen Gemeinſchaft wie er. Er ſtieß auch, als er aus dem Rahmen der Thüre rzu verſchwand, einen Seufzer aus, kehrte dann zum Abbé zurück und ſagte: und ₰ ſprechen Sie, Herr Abbé, warum nennen s die Sie mich Revolutionär? Bin ich zufällig Schuld, daß igten man die Revolution gemacht hat?“ „Du haſt mit denjenigen gelebt, welche ſie machen.“ Zei⸗„Hert Abbé,“ erwiederte Pitou mit erhabener Mürde,„Jedem ſteht die Freiheit ſeines Geiſtes zu.“ „ 200 „Ah! ja wohl!“ „Eot penes hominem arbitrium, est ratio.“ „Ah!“ rief der Abbé,„Du kannſt Lateiniſch, Schulſuchs?“ „Ich kann, was Sie mich gelehrt haben.“ „Ja, durchgeſehen, verbeſſert, vermehrt und ver⸗ ſchlimmert mit Barbarismen.“ „Gut, Herr Abbé, Barbarismen! Ei! mein Gott, wer macht keine?“ „Burſche,“ ſagte der Abbé, ſichtbar verletzt durch das Beſtreben, zu generaliſiren, das der Geiſt von Pitou zu haben ſchien,„glaubſt Du, ich mache Barba⸗ rismen?“ „Sie würden ſolche in den Augen eines Mannes machen, der ein ſtärkerer Lateiner wäre als Sie.“ „Seht einmal!“ rief der Abbé bleich vor Zorn und dennoch betroffen von dieſem Urtheil, dem es nicht an einer gewiſſen Stärke mangelte. Dann fuhr er ſchwermüthig fort: „Das iſt mit zwei Worten das Syſtem von dieſen Ruchloſen; ſie zerſtören und entwürdigen zum Nutzen von wem? ſie wiſſen es ſelbſt nicht; zum Nutzen des Unbekannten. Auf, Krabbe, ſprechen Sie offenherzig. Kennen Sie Einen, der ein ſtärkerer Lateiner iſt, als ich?“ „Nein, doch es mag wohl welche geben, wenn ich ſie auch nicht kenne ich kenne durchaus keinen.“ „Beim Henker! ich glaube es wohl.“ Piton bekreuzt ſich. „Was machſt Du, leichtfertiger Geſelle?“ „Sie fluchen, Herr Aboé, ich bekreuze mich.“ „Ah! Herr Burſche, ſind Sie zu mir gekonmen, um mich zu tympaniſiren?“ „Sie tympaniſtren!“ wiederholte Piton. „Gut, nun verſtehſt Du nicht!“ „Doch, Herr Abbé, ich verſtehe. Ah! Ihnen ſei es gedankt, man kennt die Wurzeln: iywpaniſiren, mit He dur me hei hei Ko) den wat tum leid mir iſt der Bar halt iſch, ver⸗ ott, urch von rba⸗ ines zorn icht ſen tzen des zig. h 2* ſie en, ſei en, 201 tympanum, Trommel, kommt vom griechiſchen tympanon S Stock oder Glocke.“ eit Der Abbé war ganz erſtaunt. „Wurzel, typos, Merkzeichen, Spur, und wie Lancelot in ſeinem Garten den griechiſchen Wurzeln ſagt, typos, die Form, die ſich eindrückt, wel⸗ ches Wort offenbar von topto, ſchlage, kommt.“ „Ah! ah! Schlingel,“ rief der Abbé immer mehr verblufft,„es ſcheint, Du weißt noch etwas, ſelbſt das, was Du nicht wußteſt.“ „Je nun!“ machte Pitou mit einer falſchen Be⸗ ſcheidenheit. „Wie kommt es, daß Du zur Zeit, wo Du bei mir warſt, nie ſo geantwortet hätteſt?“ „Weil Sie mich zur Zeit, wo ich bei Ihnen war, Herr Abbé, völlig ſtumpſſinnig machten; weil Sie durch Ihren Deſpotismus in meinem Verſtande und in meinem Gedächtniß Alles zurückpreßten, was die Frei⸗ heit ſeitdem herauskommen gemacht hat. Ja, die Frei⸗ heit,“ wiederholte hartnäckig Pitou, der nun ſeinen Kopf auſſetzte,„die Freiheit!“ „Ah! Schuft!“ „Herr Abbé,“ verſetzte Piton mit einer warnen⸗ den Miene, welche nicht ganz frei von Drohungen war,„Herr Abbé, beleidigen Sie mich nicht. Con- tumelia non argumentum, ſagt ein Redner, die Be⸗ leidigung iſt kein Beweis.“ „Ich glaube, der Burſche hält ſich für genöthigt, mir ſein Lateiniſch zu überſetzen,“ rief der Abbé wüthend. „Das iſt kein Lateiniſch von mir, Herr Abbé, das iſt Lateiniſch von Cicero, das heißt von einem Manne, der ſicherlich gefunden hätte, Sie machen ehen ſo viele Barbarismen im Verhältniß zu ihm, als ich im Ver⸗ hältniß zu Ihnen habe machen können.“ „Du verlangſt wohl nicht, hoffe ich,“ ſagte der Abbé in ſeinen Grundfeſten erſchüttert,„Du verlangſt cht, daß ich mit Dir ſtreite.“ „Warum nicht? wenn aus dem Streite das Licht entſteht?“ Abstrusium versis silicum!“ „Ah! ja,“ rief Abbé Fortier,„ah! ja, der Burſche iſt in der Schule der Revolutionäre geweſen.“ „Nein, da Sie ſagen, die Revolutivnäre ſeien blödſinnige und unwiſſende Menſchen.“ „J das ſage ich.“ „Dann machen Sie einen falſchen Schluß, Herr Abbé, und Ihr Syllogismus iſt ſchlecht geſtellt.“ „Schlecht geſtellt! ich habe einen Syllogismus ſchlecht geſtellt?“ „Allerdings, Herr Abbs; Pitou ſchließt und ſpricht gut; Piton iſt in der Schule der Revolutionäre ge⸗ weſen, folglich ſchließen und ſprechen die Revolutionäre gut. Das iſt gezwungen!“ „Dummkopf! Einfaltspinſel!“ „Beläſtigen Sie mich nicht mit Worten, Herr Abbé. Objurgatio imbellum animum arguit, die Schwäche ver⸗ räth ſich durch den Zorn.“ Der Abbé zuckte die Achſeln. „Antworten Sie,“ ſprach Piton. „Du ſagſt, die Revolutionäre ſprechen gut und ſchließen gut. Führe mir doch einen Einzigen von dieſen Unglücklichen an, einen Einzigen, der ſchreiben und leſen kann.“ „Ich kann es,“ antwortete Piton mit Sicherheit. „Leſen, das leugne ich nicht, obwohl!... Doch ſchreiben!“ „Schreiben,“ wiederholte Pitou. „Ja, ſchreiben ohne Orthographie.“ „Das ſteht noch dahin.“ „Willſt Du wetten, daß Du nicht eine Seite unter meinem Dictat ſchreibſt, ohne vier Fehler zu machen?“ „Wollen Sie wetten, daß Sie nicht eine halbe unter meinem Dictat ſchreiben, ohne zwei zu machen?“ „Ho! ho!“ nic beu ren Sie tert dieſ hatt icht ſche eien err nus icht ge⸗ äre b6. er⸗ ind n ben it. och ter 2 2 203 „Nun alſo! Ich ſuche Ihnen Participien und zurück⸗ führende Zeitwörter. Ich werde Ihnen das mit ge⸗ wiſſen daß würzen, die ich kenne, und ich halte die Wette.“ „Wenn ich die Zeit hätte,“ ſagte der Abbé. „Sie würden verlieren.“ „Pitou, Pitou, erinnnere Dich des Sprüchworts: Pitovius Angelus asinus est.“ „Bah! Sprichwörter, es gibt über alle Welt. Kennen Sie das, welches mir beim Vorübergehen die Schilfrohre von Wualu in die Ohren geſungen haben?“ „Nein, aber ich wäre begierig, es kennen zu ler⸗ nen, Meiſter Midas.“ „Forlierus abbas forte fortis.“ „Herr!“ rief der Abbé aus. „Freie Ueberſetzung: der Abbé Fortier iſt nicht alle Tage ſtarf.“ „Zum Glück,“ ſagte der Abbé,„zum Glück iſt es nicht damit abgethan, daß man anſchuldigt, man muß beweiſen.“ „Ah! Herr Abbé, wie leicht wäre das! Was leh⸗ ren Sie Ihre Zöglinge?“ Folgen Sie meiner Schlußkette. Was lehren Sie Ihre Zöglinge?“ „Was ich weiß.“ „Gut, bemerken Sie, daß Sie geantwortet: was ich weiß.“ Oh! ja, was ich weiß,“ ſprach der Abbé erſchüt⸗ tert: denn er fühlte, daß während ſeiner Abweſenheit dieſer ſeltſame Streiter unbekannte Schläge gelernt hatte.„Ja, ich habe es geſagt; weiter?“ „Nun wohl! da Sie Ihre Zöglinge lehren, was Sie wiſſen, laſſen Sie hören, was Sie wiſſen!“ „Das Lateiniſche, das Franzöſiſche, das Griechiſche, die Geographie, die Arithmetik, die Algebra, die Aſtro⸗ nomie, die Botanik, die Rumismatik.“ 204 „Was noch mehr?“. Aber „Suchen Sie, ſuchen Sie.“ „Das Zeichnen.“ „Immer weiter.“ „Die Architectur.“ „Immer weiter.“ „Die Mechanik.“ „Das iſt ein Zweig der Mathematik, doch gleich⸗ viel, immerzu.“ „Ah! worauf zielen Sie ab?“ „Einfach hierauf: Sie haben eine ſehr umfaſſende Rechnung von dem gemacht, was Sie wiſſen, machen Sie nun die Rechnung von dem, was Sie nicht wiſſen.“ Der Abbé bebte. „Ah!“ ſagt Pitou,„ich ſehe wohl, daß ich Ihnen hiebei helfen muß; Sie können weder das Deutſche, noch das Hebräiſche, noch das Arabiſche, noch das Sanskrit, vier Mutterſprachen. Ich rede nicht von den Unterabtheilungen, welche zahllos ſind. Sie wiſſen nichts von der Raturgeſchichte, der Chemie, der Phyſik„ „Aber, Herr Pitou... „Unterbrechen Sie mich nicht; Sie wiſſen nichts von der Phyſik, von der geradlinigen Trigonometrie, nichts von der Mediein, von der Akuſtif, von der Schiff⸗ fahrt, Sie ſind unbokannt mit Allem, was ſich auf die gymnaſtiſchen Wiſſenſchaften bezieht.“ „Wie beliebt?“ „Ich ſage gymnaſtiſch vom griechiſchen gymnazo, was von gymnos, nackt, kommt, weil ſich die Athle⸗ then nackt übten.“ „Ich habe Dich doch dies Alles gelehrt!“ rief der Abbé getröſtet über den Sieg ſeines Zöglings. „Das iſt wahr.“ „Welch ein Glück, daß Du das zugeſtehſt!“ Gl dar Frt nde hen n. ren he, as on 205 „Mit Dankbarkeit, Herr Abbé. Wir ſagien alſo, Sie wiſſen nichts„ „Genug! Es iſt ſicher, daß ich mehr nicht weiß, als ich weiß.“ „Sie bekennen alſo, daß viele Menſchen mehr wiſſen, als Sie.“ „Das iſt möglich.“ „Das iſt ſicher, und je mehr der Menſch weiß, deſto mehr bemerkt er, daß er nichts weiß. Dieſes Wort iſt von Cicero.“ „Schließe.“ „Ich ſchließe.“ „Laß den Schluß hören, er wird herrlich ſein.“ „Ich ſchließe, daß Sie zu Folge Ihrer relativen Unwiſſenheit mehr Nachſicht mit dem relativen Wiſſen der andern Menſchen haben müßten. Das conſtituirt eine doppelte Tugend, welche, wie man verſichert, die von Fenelon war, der doch wohl eben ſo viel wußte, als Sie: die chriſtliche Liebe und Demuth. Der Abbé brüllte vor Zorn. „Schlange!“ ſchrie er;„Du biſt eine Schlange!“ „„Du beleidigſt mich und antworteſt mir nicht,““ erwiederte ein Weiſer Griechenlands. Ich würde es Ihnen gern griechiſch ſagen, aber ich habe es Ihnen ſchon ungefähr lateiniſch geſagt.“ „Gut,“ rief der Abbé,„das iſt abermals eine Wir⸗ kung der revolulionären Lehren.“ „Was?“ „Sie haben Dich überredet, Du wäreſt meines leichen.“ „Und hätten ſie mich überredet, ſo wären Sie darum doch nicht mehr berechtigt, einen Fehler im Franzöſiſchen zu machen!“ „Wie beliebt?“ „Ich ſage, Sie haben einen ungeheuren Fehler im Franzöſiſchen gemacht, mein Meiſter.“ „Ich! das iſt hubſch, und welchen?“ 206 „Hören Sie. Sie haben geſagt: die revolutionären S2 Lehrer haben Dich überredet, Du wäreſt meines Glei⸗ chen.“) „Nun?“ „Nun, wäreſt iſt im Imperfectum.“ „Bei Gott! ja.“ „Das Präſens muß es ſein.“ „Ah!“ machte der Abbé erröthend. „Ueberſetzen Sie ein wenig die Phraſe ins La⸗ teiniſche, und Sie werden ſehen, welchen ungeheuren Solecismus Ihnen das Zeitwort im Imperfectum ge⸗ nommen gibt.“ „Pitou! Pitou!“ rief der Abbé, der etwas Ueber⸗ natürliches in einer ſolchen Gelehrſamkeit zu erblicken glaubte„Pirou, was für ein Dämon gibt Dir alle S Angriffe gegen einen Greis und gegen die Kirche ein?“ „Herr Abbs,“ erwiederte Pitou, ein wenig bewegt von dem Ausdruck wahrer Verzweirlung, mit dem dieſe Worte geſprochen worden waren,„nicht der Dämon gibt mir ein, und ich greife Sie nicht an. Sie behan⸗ deln mich nur immr als einen Dummkopf, und Sie vergeſſen, daß alle Menſchen gleich ſi d.“ Der Abvs gerieth abermals in Zorn. „Nie,“ ſprach er,„nie werde ich es dulden, daß man in meiner Gegenwart ſolche Blasphemien aus⸗ ſpricht. Du, Du, gleich mit einem Mann, den zu bil⸗ den Gott und die Arbeit ſechzig Jahre gebraucht ha⸗ ben! nie! nie!“ „Ei! fragen Sie Herrn von Lafayette, der die Menſchenrechte proclamirt hat.“ „Ja, führe als Autvrität den ſchlechten Unterthan des Königs, die Fackel aller Zwietracht, den Ver⸗ räther an!“ „Wie!“ rief Piton entſetzt,„Herr von Lafahette *)„ que tu étais mon 6gal. von Auf Pite gen: Zähr Vere Can des ären Glei⸗ La⸗ uren ge⸗ eber⸗ icken alle irche wegt dieſe mon han⸗ Sie daß aus⸗ bil⸗ ha⸗ die han ber⸗ ette 207 ein ſchlechter Unterthan des Königs; Herr von Lafahette eine Fackel der Zwietracht; Herr von Lafahette ein Verräther! Sie blasphemiren, Herr Abbé! Sie haben alſo ſeit drei Monaten in einer Schachtel gelebt? Sie wiſſen alſo nicht, daß dieſer ſchlechte Unterthan des Königs der Einzige iſt, der dem König dient? Daß dieſe Fackel der Zwietracht das Unterpfand des öffent⸗ lichen Friedens iſt? Daß dieſer Verräther der Beſte der Franzoſen iſt!“ „Oh!“ verſetzte der Abbé, vhätte ich je geglaubt, das Anſehen des Fönigs könnte ſo tief fallen, daß ein Taugenichts dieſer Art,“ und er bezeichnete Pitou,„den amen von Lafayette anrufen würde, wie man einſt den von Ariſtides oder von Phokion anrief.“ „Sie ſind ſehr glücklich, daß Sie das Volk nicht hört, Herr Abbé,“ ſagte unkluger Weiſe Piton. „Ha!“ rief der Abbé triumphirend,„endlich ver⸗ räthſt Du Dich! Du drobſt. Das Volf! ja, das Volk, welches die Officiere des Königs feig ermordet, welches die Eingeweide ſeiner Opfer durchwuhlt hat. Ja, das Volk von Herrn Lafayotte, das Volf von Herrn Bailly, das Volk von Herrn Pitou! Nun, warum denuneirſt Du mich nicht auf der Stelle bei den Revolutionären von Villers⸗Cotterets? Warum ſchl ppſt Du mich nicht nach dem Pleur? Warum ſchlägſt Du nich Deine Aermel hinauf, um mich an die Laterne zu hängen? uf, Piton, macte animo, Pitou! Sursum! sursum! Pitou. Vorwärts, wo iſt der Strick? wo iſt der Gal⸗ gen? da ſtehr der Henker: Macte animo generoso Piteo.“ „Sic itur ad astra,“ fuhr Puvu zwiſchen ſeinen ähnen fort, einzig und allein in der Abſicht, den Vers zu vollenden, und ohne zu bemerfen, daß er einen Cannibalenwitz gemacht hatte. Aber er war bald genöthigt, es an der Erbitterung des Abbé zu bemerfen. „Ah! ah!“ ſchrie dieſer.„Ah! Du nimmſt es ſo. — 208 Ahl ſo werde ich zu den Sternen gehen. Ah! Du be⸗ ſtimmſt den Galgen für mich.“ „Ich ſage das nicht,“ rief Pitou, der über die Wendung, welche der Streit nahm, zu erſchrecken anfing. „Ah! Du verſprichſt mir den Himmel des beklagens⸗ werthen Foulon, des unglücklichen Berthier!“ „Oh! nein, Herr Abbé.“ „Ah! Du hältſt ſchon vie Schlinge, fleiſchgieriger Henker; nicht wahr, Du warſt es, der vor dem Stadt⸗ hauſe auf die Laterne geſtiegen iſt und mit ſeinen häß⸗ lichen Spinnenarmen die Opfer hinaufgezogen hat?“ Pitou gab ein Gebrülle des Zorns und der Ent⸗ rüſtung von ſich. „Ja, Du biſt es, und ich erkenne Dich,“ fuhr der Abbé in der Entzückung eines Sehers fort, die ihn ähnlich machte,„ich erkenne Dich! Catilina, Du biſt es!“ „Ah! ah!“ rief Pitou,„wiſſen Sie, daß Sie mir da abſcheuliche Dinge ſagen, Herr Abbé! Wiſſen Sie, daß Sie mich ſtreng genommen beſchimpfen!“ Ich veſchimpfe Dich.“ Wiſſen Se, daß ich mich, wenn das ſo fortgeht, bei der Nationalverſammlung beklagen werde! Ah! ich Der Abbs lachte auf eine höhniſche Art. „Zeige mich doch an,“ ſagte er. „Und daß es eine Strafe gegen die ſchlechten Bür⸗ ger gibt, welche die guten beſchimpfen.“ „Die Laterne!“ „Sie ſind ein ſchlechter Bürger!“ „Der Strang! der Strang! „Ha!“ rief der Abvé mit einer Bewegung plötz licher Erleuchtung und edler Entrüſtung:„Ha! der Helm der Helm er iſt es!“ „Nun, was iſt es mit meinem Helm?“ fragte Piton. „Der Menſch, der das rauchende Herz Berthier ausriß, der Menſchenfreſſer, der es gans blutig auf den — Ih die ſing. ens⸗ iger tadt⸗ häß⸗ Ent⸗ der ihn „Du mir Sie, t. Bür⸗ 209 Tiſch der Wähler trug, hatte einen Helm; der Menſch mit dem Helme biſt Du, Pitou; der Menſch mit dem Helme biſt Du, Ungeheuer; fliehe, fliehe, fliehe!“ Und bei jedem auf eine tragiſche Art ausgeſpro⸗ chenen: fliehe! war der Abbé einen Schritt vorgerückt und Piton einen Schritt zurückgewichen. Bei dieſer Bezüchtigung einer Gräuelthat, an der, wie der Leſer weiß, Piton ſehr unſchuldig war, warf der arme Junge ſeinen Helm, auf den er ſo ſtolz, fern von ſich, daß er, mit einem matten Ton auf dem Pflaſter aufſchlagend, von Beulen überzogen wurde. „Siehſt Du, Unglücklicher!“ rief der Abbé,„Du geſtehſt es!“ und er nahm eine Stellung an wie Lekain in Orosmane in dem Augenblick, wo er, das Billet fin⸗ dend, Zaire anklagt. „Oh! oh!“ ſagte Pitou, ganz aus aller Faſſung ge⸗ bracht durch eine ſolche Bezuͤchtigung,„Sie übertrei⸗ ben, Herr Abbé.“ „Ich übertreibe; das heißt, Du haſt nur ein wenig Du haſt nur ein wenig ausgeweidet, ſchwaches Kind!“ 1 „Herr Abbé, Sie wiſſen wohl, daß ich es nicht gethan habe; Sie wiſſen wohl, daß es Pitt iſt.“ „Welcher Pitt?“ „Pitt der zweite, der Sohn vom erſten Pitt, von Lord Chatam, der Geld ausgetheilt hat mit den Wor⸗ ten: Gebt aus und legt mir keine Rechenſchaft ab. Wenn Sie Engliſch verſtünden, würde ich Ihnen das engliſch ſagen; aber Sie verſtehen es nicht.“ „Du verſtehſt es?“ „Herr Gilbert hat es mich gelehrt.“ „In drei Wochen? Elender Betrüger!“ Piton ſah, daß er einen falſchen Weg einſchlug. „Hören Sie, Herr Abbs,“ ſagte er,„ich beſtreite Ihnen nichts mehr, Sie haben Ihre Ideen.“ „Wahrhaftig!“ Ange Piton. U. 14 „Das iſt nur billig.“ „Du erkennſt es an? Herr Pitou erlaubt mir, Ideen zu haben; ich danke, Herr Pitou.“ „Gut, nun ärgern Sie ſich abermals. Sie ſehen wohl, wenn das ſo fortgeht, werde ich Ihnen nicht ſtaur ſagen können, was mich zu Ihnen führt.“ „Unglücklicher! es führte Dich alfo etwas hierher? Du warſt vielleicht abgeordnet?“ ſagte der Abbé. Und er lachte ſpöttiſch. „Herr Abbé,“ erwiederte Pitou, vom Abbs ſelbſt auf den Voden geſtellt, auf dem er ſich ſeit dem Anfang des Streites zu befinden wünſchte,„Herr Abbé, Sie wiſſen, wie ſehr ich immer Achtung vor Ihrem Charakter gehabt habe.“ „Ah! ja, reden wir hievon.“ „Und Bewunderung für Ihr Wiſſen,“fügte Piton bei. „Schlange!“ „Ich!“ verſetzte Pitou.„Oh! ja wohl!“ „Sprich, was haſt Du von mir zu verlangen? Daß ich Dich wieder hier aufnehme? Oh! nein, nein, ich werde meine Schüler nicht verderben; nein, es bliebe Dir immer das ſchädliche Gift. Du würdeſt meine jungen Pflanzen anſtecken: Infecit pabulo tabo.“ „Aber, Herr Abbé„ „Nein, verlange das nicht von mir, wenn Du durch⸗ aus eſſen willſt, denn ich nehme an, die wilden Henker von Paris eſſen wie die ehrlichen Leute. Das ißt! o Götter! Kurz, wenn Du forderſt, daß ich Dir Dei⸗ nen Theil blutiges Fleiſch zuwerfe, ſo ſollſt Du es haben; doch vor der Thüre, in den Sportulis, wie es in Rom die Patrone ihren Hunden gaben.“ „Herr Abbs,“ erwiederte Pitou, indem er ſich in die Bruſt warf,„ich verlange meine Nahrung nicht von Ihnen, ich habe meine Nahrung, Gott ſei Dank, und ich will Niemand zur Laſt ſein.“ „Ah!“ machte der Abb erſtaunt. „Ich lebe, wie alle Weſen leben, und legt mein mehr hätte wied iſt e dete nem ſehen wie wiſſe heit verſu ſem ohne zu vetteln 211 und von der Induſtrie, welche die Natur in mich ge⸗ legt hat. Ich lebe von meinen Arbeiten; ja, ich bin ſehen meinen Mitbürgern ſo entfernt nicht zur Laſt, daß mich nicht mehrere von ihnen zu ihrem Anführer gewählt haben.“ „Wie!“ machte der Abbé mit einem ſolchen Er⸗ her ſtaunen, gemiſcht mit einem ſolchen Schrecken, daß man hätte glauben ſollen, er ſei auf eine Natter getreten. „Ja, ja, ſie haben mich zum Anführer gewählt,“ ſelbſt wiederholte Piton wohlgefällig. beu„Anführer von was?“ fragte der Abbé. Abbe„Anführer von einer Schaar freier Männer.“ hren„Oh! mein Goit!“ rief der Abbé,„der Unglückliche iſt ein Narr geworden.“ „Chef der Nationalgarde von Haramont,“ vollen⸗ dete Pitou, Beſcheidenheit heuchelnd. wbel Der Abbé neigte ſich zu Piton herab, um in ſei⸗ un Geſichte die Beſtätigung ſeiner Worte beſſer zu „ſehen. „Es gibt eine Nativnalgarde in Haramont?“ rief er. bliebe„Ja, Herr Abbs.“ mein„Und Du biſt ihr Chef?“ „Ja, Herr Abbé.“ „Du, Pitou?“ durch⸗„Ich, Pitou.“ heni Der Abbé hob ſeine Hände zum Himmel empor ißt! wie der Oberprieſter Phineas. Dei⸗„Gräuel der Verwüſtung!“ murmelte er. aben„Herr Abbé,“ ſprach Pitou mit ſanftem Tone,„Sie Ron wiſſen alſo nicht, daß die Nationalgarde ein Inſtitut iſt, welches die Beſtimmung hat, das Leben, die Frei⸗ ich in heit und das Eigenthum der Bürger zu ſchützen?“ nicht„Oh! oh!“ fuhr der Greis, in ſeine Verzweiflung Dant verſunken, fort. aUnd daß man,“ ſprach Pitou,„und daß man die⸗ ſem Inſtitute nicht genug Stärke zu geben vermöchte, beſonders auf dem Lande wegen der Banden.“ „Der Banden, von denen Du der biſt,“ 4 etteln panden, der Mörderbanden.“ 21¹2 rief der Abbé,„der Räuberbanden, der Mordbrenner⸗ „Oh! verwechſeln Sie nicht, lieber Herr Abbé; Sie werden meine Soldaten ſehen, wie ich hoffe, und nie ſind ehrlichere Bürger...“ „Schweige ſchweige!“ „Stellen Sie ſich im Gegentheil vor, Herr Abbé, vaß ioir Ihre Beſchützer ſind, und zum Beweiſe mag daß e dienen, daß ich gerade zu Ihnen gekommen bin.“ Fuß „In welcher Abſicht?“ worte „Ah! das iſt es,“ ſagte Pitou, indem er ſich hinter dem Ohr kratzte und den Ort betrachtete, wohin ſein Helm gefallen war, um zu ſehen, ob er ſich, wenn er dieſen weſentlichen Theil ſeiner militäriſchen Kleidung ii ſich nicht zu weit von ſeiner Rückzugslinie ent⸗ Helm ernte. Der Helm war nur ein paar Schritte von det großen Thüre gefallen, welche nach der Rue de Soiſ⸗ ſons ging. „Ich habe Dich gefragt in welcher Abſicht?“ alten „un denn,“ ſprach Pitou, indem erzwei Schritto Herr rückwärts zu ſeinem Helme machte,„erfahren Sie de Gegenſtand meiner Sendung; Herr Sbbé, erlauben Si manz mir, daß ich ihn vor Ihrem Scharfſinn entwickle.“ Herr: „Eingang,“ murmelte der Abbé. ziton machte noch zwei Schritte zu ſeinem Helme Aber durch ein ähnliches Manveuvre, das Pito durch beunruhigen mußte, machte der Abbé, wie Piton zwe Schritte zu ſeinem Helme machte, gerade ebenſo zwi Schn Schritte gegen Pitou.. Nun alſo!“ fuhr Pitou fort, der durch die Näl' zu faſſen anfinz „ ſeiner Vertheidigungswaffe Muth „jeder Soldat braucht nothwendig eine Flinte, und wi haben keine.“. „rief der Abbé, trit Mari naufga Ihrer „Ah Ihr habt keine Flinten, pelnd vor Frende.„Ah! ſie haben keine Flinte 2¹3 nner⸗ Soldaten, die keine Flinten haben! Ah! bei meiner Treue, das ſind ſchöne Soldaten!“ lbbé;„Aber, Herr Abbé,“ entgegnete Pitou, während und er zwei neue Schritte gegen ſeinen Helm machte,„wenn man keine Flinten hat, ſucht man.“ ˙„Ja,“ ſagte der Abbé,„und Ihr ſucht?“ Abbé, Piton war ſo nahe zu ſeinem Helme gekommen, mag daß er ihn zu erreichen vermochte; er zog ihn mit dem Fuß an ſich, und mit dieſer Operation beſchäftigt, ant⸗ wortete er dem Abbé nicht ſogleich. hinter„Und Ihr ſucht?“ wiederholte dieſer. nſein„Ja, Herr Abbé.“ enn er„Wo dies?“ idung„Bei Ihnen,“ antwortete Pitou, während er ſeinen ie en⸗ Helm auf ſeinen Kopf drückte. „Flinten bei mir!“ rief der Abbé. n det„Ja, es fehlt Ihnen nicht daran.“ Soiſ⸗„Ah! mein Muſeum!“ rief der Abbé.„Du kommſt, um mein Muſeum zu plündern? Küraſſe von unſeren „ alten Tapfern auf dem Rücken von ſolchen Burſchen! chritt⸗ Herr Piton, ich habe Ihnen vorhin ſchon geſagt, Sie ie den ſind ein Narr. Die Schwerter der Spanier von Al⸗ en Sit manza, die Piken der Schweizer von Marignan, um e.“ Berrn Pitou und Conſorten zu bewaffnen! Ha! ha! ha!“ Der Abbs ſchlug ein Gelächter ſo voll verächtlicher Helme Drohung auf, daß ein Schauer die Adern von Pitou Pitor durchlief. u zwe„Nein, Herr Abbé,“ ſagte er,„nicht die Piken der ſo zwi Schweizer von Marignan, nicht die Schwerter der Spanier von Almanza; nein, dieſe Waffen wären unnütz.“ e Näh„Es iſt ein Glück, daß Du das anerkennſt.“ anfinz„Nein, Herr Abbé, nicht dieſe Waffen.“ und wi„Welche denn?“ „Die guten Marine⸗-Flinten, Herr Abbé. Die guten 6,* Marine⸗Flinten, die ich oft unter dem Titel von Straf⸗ Flinten aufgaben putzen mußte, als ich die Ehre hatte, unter Ihren Geſetzen zu ſtudiren: 2¹⁴ 32 Dum me Galatea tenebat, fügte Piton mit einem anmuthigen Lächeln bei. „Wahrhaftig!“ verſetzte der Abbe, der ſeine ſpärlichen Haare bei dem Lächeln von Pitou zu Berge ſtehen fühlte,„wahrhaftig, meine Marine⸗-Flinten?“ 7 ür einen andern keinen geſchichtlichen Werth haben und f Dienſt empfänglich ſind.“ „Ha!“ machte der Abbé, indem er die Hand an den Griff ſeiner Schulgeißel legte, wie ein Kapitän die Hand an das Stichblatt ſeines Degens gelegt hätte; „ha! nun offenbart ſich der Verräther!“ „Herr Abbé,“ erwiederte Pitou, vom Tone der Drohung zu dem der Bitte übergehend,„bewilligen Sie uns dieſe dreißig Marine⸗Flinten.“ „Zurück!“ rief der Abbé. ünd er that einen Schritt gegen Pitou. „Es wird Ihnen der Ruhm zu Theil werden,“ ſprach Pitou, der ſeinerſeits auch einen Schritt ruck⸗ wärts that,„der Ruhm, zu der Befreiung des Vater⸗ landes von ſeinen Unterdrückern beigetragen zu haben.“ „Ich ſoll Waffen liefern gegen mich und die Mei⸗ nigen!“ rief der Abbé;„ich ſoll Flinten geben, mit denen man auf mich ſchießen wird!“ Und er zog ſeine Schulgeißel aus ſeinem Gürtel. „Nie! nie!“ ünd er ſchwang ſeine Schulgeißel über ſeinem Haupte. „Herr Abbé, man wird Ihren Namen in die Zeitung von Herrn Prudhomme ſetzen.“ „Meinen Namen in die Zeitung von Herrn Prud⸗ homme!“ rief der Abbé. „Mit ehrenvoller Erwähnung des Bürgerſinns.“ „Cher den Pranger und die Galeeren!“ „Wie, Sie weigern ſich?“ ſagte Piton beharrlich, aber mit weichem Tone. Das heißt, die einzigen von Ihren Waffen, welche brin an 2 ich j Alle der arm nahr rück ein Dei eing trag ſtru wert rakt Str Geſ muf und ichen tehen ech ndern dan pitän hätte; e der Sie rden,“ ruck⸗ Bater⸗ aben.“ Mei⸗ „mit zürtel. ſeinem eitung Prud⸗ uns.“ rrlich, 2¹⁵ „Ich weigere mich und jage Dich fort.“ ünd der Abbé wies mit dem Finger Piton die Thüre. „Das wird aber eine ſchlimme Wirkung hervor⸗ bringen,“ verſetzte Piton,„man wird Sie des Mangels an Bürgerſinn, des Verraths beſchuldigen. Herr Abbé, ich flehe Sie an, ſetzen Sie ſich dieſem nicht aus.“ „Mache aus mir einen Märtyrer, Narr, das iſt Alles, was ich verlange!“ rief mit flammendem Auge der Abbé, der viel mehr dem Schanfeichter, als dem armen Sünder glich. Dieſen Eindruck machte er auf Pitou, denn Piton nahm wieder ſeinen Rückzug. „Herr Abbé,“ ſagte er, während er einen Schritt rückwärts machte,„ich bin ein friedlicher Abgeordneter, ein Botſchafter der Pacifiration, ich kam...“ „Du kamſt, um meine Waffen zu plündern, wie Deine Genoſſen das Invalidenhaus geplündert haben.“ „Was ihnen dort eine Menge von Lobeserhebungen eingetragen hat,“ ſagte Pitou. „Und was Dir hier eine Tracht Geißelhiebe ein⸗ tragen wird,“ erwiederte der Abbé. „Ah! Herr Fortier,“ rief Piton, der in dem In⸗ ſtrument einen alten Bekannten wiedererblickte,„Sie werden nicht ſo das Völkerrecht verletzen.“ „Das wirſt Du ſehen, Elender, warte.“ „Herr Abbé, ich bin beſchützt durch meinen Cha⸗ rakter als Botſchafter.“ „Warte.“ „Herr Abbs!!! Herr Abbé!!! Herr Abbé!!!“ Pitou war bis zur Thüre gelangt, welche nach der Straße führte, und hatte ſeinem Gegner immer das Geſicht geboten; aber bis in dieſen Winkel getrieben, mußte er entweder den Kampf annehmen oder fliehen. Doch um zu fliehen, mußte er die Thüre öffnen, und um die Thüre zu öffnen, mußte er ſich umwenden. Indem er ſich umwandte, bot aber Piton den 2¹6 Streichen des Abbs den unbewehrten Theil ſeines Leibes, den er ſelbſt durch einen Küraß nicht hinreichend be⸗ ſchützt fand. „Ah! Du willſt meine Flinten,“ ſagte der Abbé... „Ah! Du kommſt, um meine Flinten zu holen!.. fommſt und ſagſt:„„Ihre Flinten oder den od!“ „Herr Abbé, im Gegentheil, ich ſage Ihnen nicht ein Wort von dieſem...“„ „Nun, Du weißt, wo meine Flinten ſind, erwürge mich, um Dich derſelben zu bemächtigen. Gehe über meinen Leichnam und nimm ſie.“ „Dazu bin ich unfähig, Herr Abbé, unfähig,“ ſprach Piton. Und die Hand auf der Klinke, das Auge auf dem emporgehobenen Arm des Abbé, berechnete er nicht mehr die Zahl der im Arſenal des Abbé aufbewahrten Flinten, ſondern die Zahl der an den Riemen ſeiner Schulgeißel ſchwebenden Streiche. „Sie wollen mir alſo Ihre Flinten nicht geben, Herr Abbé?“ „Nein, ich will ſie Dir nicht geben.“ „Sie wollen einmal nicht?“ „Nein.“ „Zweimal?“ „Nein.“ „Dreimal?“ „Nein! nein! nein!“ „Nun! ſo behalten Sie Ihre Flinten!“ rief Pitou. hnd er machte eine raſche Bewegung, wandte ſich um und ſtürzte zu der halbgeöffneten Thüre hinaus. Doch ſeine Bewegung war nicht ſo raſch, daß die verſtändige Geißel nicht pfeifend niederfuhr und die Lenden von Piton ſo kräftig traf, daß, ſo groß auch der Muth des Siegers der Baſtille war, dieſer ſich eines Schmerzensſchreis nicht erwehren konnte. Auf dieſen Schrei kamen mehrere Nachbarn heraus, Hof vom dur zu nied den Wi trat führ Hel geb ſieg nah dac köd chel Ku hat be⸗ den icht irge iber ig,“ dem lehr ten, ißel ben, itou. ſich die die auch ſich 217 und ſie ſahen, ju ihrem tiefen Erſtaunen, Pitou in der ganzen Geſchwindigkeit ſeiner Beine mit ſeinem Helme und ſeinem Säbel fliehen und den Abbé Fortier auf der Thürſchwelle ſtehend ſeine Schulgeißel, wie der Würgengel ſein flammendes Schwert, ſchwingend. LXIV. Pitou Diplomat. Wir haben geſehen, wie Pitvu von der Höhe ſeiner Hoffnungen herabfiel. Der Fall war tief. Niedergeſchmettert, hatte Satan vom Himmel in die Hölle rollend nicht mehr Raum durchmeſſen. Auch war Satan in der Hölle als König zu Boden gefallen, während Pitou, vom Abbé Fortier niedergeſchmettert, ganz einfach wieder Piton gewor⸗ den war. Wie ſollte er ſich nun vor ſeinen Mandataren zeigen? Wie ſollte er, nachdem er Ihnen ſo viel unkluges Ver⸗ trauen zu erkennen gegeben, ihnen nun ſagen, ihr An⸗ führer ſei ein Prahler, ein Großſprecher, der mit einem Helme auf dem Ohr und einem Säbel an der Seite ſich von einem alten Abbé Geißelhiebe auf den Hintern geben ließ? Sich gerühmt haben, er werde beim Abbé Fortier ſiegen, und dann ſcheitern, welch ein Fehler! Auf dem Rande des erſten Grabens, den er fand, nahm Pitou ſeinen Kopf in ſeine beiden Hände und dachte nach. Er hatte den Abbé Fortier dadurch zu ködern geglaubt, daß er Griechiſch und Lateiniſch ſprach. Er hatte ſich in ſeiner naiven Treuherzigkeit geſchmei⸗ chelt, er werde den Cerberus mit dem Honig eines Kuchens von ſchönen Ausdrücken beſtechen, und nun hatte ſich ſein Kuchen bitter gefunden, und Cerberus 2¹8 hatte ihn in die Hand gebiſſen, ſtatt den Kuchen zu verſchlucken. So waren alle ſeine Pläne über den Haufen geworfen. Der Abbé Fortier beſaß alſo eine ungeheure Eitel⸗ keit; Piton hatte ohne dieſe Eitelkeit gerechnet; denn was den Abbé Fortier ſo ſehr erbittert, war viel mehr der Fehler im Franzöſiſchen geweſen, den Pitou in einem Satze gefunden, als die dreißig Flinten, die er aus ſeinem Arſenal hatte nehmen wollen. Die jungen Leute, wenn ſie gut find, begehen immer den Fehler, daß ſie an die Vollkommenheit bei Andern glauben. Der Abbs Fortier war alſo ein wüthender Royaliſt, und beſonders ein hoffärtiger Philolog. Pitou machte ſich bittere Vorwürfe, daß er in ihm in Beziehung auf König Ludwig XVI. und das Zeit⸗ wort fein den doppelten Zorn, deſſen Opfer er ge⸗ worden, erregt hatte. Er kannte ihn, er hätte ihn ſchonen müſſen. Hierin lag wirklich ſein Fehler, und er beklagte ihn zu ſpät, wie immer. Es blieb ihm noch die Aufgabe, zu finden, was er hätte thun ſollen. Er hätte ſeine Beredtſamkeit anwenden müſſen, um dem Abbé Fortier eine royaliſtiſche Geſinnung darzu⸗ thun, und er hätte beſonders ſeine Grammatikfehler unbemerkt vorübergehen laſſen müſſen. Er hätte ihn überreden müſſen, die Nationalgarde von Haramont ſei contrerevolutionär. Er hätte ihm verſprechen müſſen, dieſe Armee ſei die Hülfsarmee des Königs. Er hätte beſonders nichts von dem unglücklichen Verbum ſein ſagen müſſen, das in einer Zeit ſtatt in einer andern genommen worden war. Und es unterlag keinem Zweifel, der Abbé würde dann ſeine Schätze und ſeine Arſenale geöffnet haben, um der Monarchie den Beiſtand einer ſo muthigen Schaar und ihres heldenmüthigen Anführers zu ſichern. ꝗ wi 2¹9 zu Dieſe Falſchheit, das iſt Diplomatie. Pitou, nach⸗ den dem er wohl überlegt hatte, durchging in ſeinem Kopfe alle Geſchichten der alten Zeit. tel⸗ Er dachte an Philipp von Macedonien, der ſo viele enn falſche Eide ſchwur, und den man einen großen Mann ehr nennt. em An Brutus, der das Vieh nachmachte, um ſeine aus Feinde einzuſchläfern, und den man einen großen Mann nennt. mer An Themiſtokles, der ſein Leben damit zubrachte, ern daß er ſeine Mitbürger täuſchte, um ihnen zu dienen, und den man einen großen Mann nennt. liſt, Dagegen erinnerte er ſich auch des Ariſtides, der die ungerechten Mittel nicht zuläßt, und den man auch ihm einen großen Mann nennt. eit⸗ Dieſes Argument brachte ihn in Verlegenheit. ge Aber durch Nachdenken fand er, Ariſtides habe ihn großes Glück gehabt, daß er in einer Zeit gelebt, wo und die Perſer ſo dumm geweſen, daß man ſie mit der Red⸗ lichkeit allein habe beſiegen können. s er Bei weiterer Ueberlegung dachte er, daß am Ende Ariſtides verbannt worden ſei, und dieſe Verbannung, um ſo ungerecht ſie war, machte, daß ſich die Wagſchale rzu⸗ auf die Seite von Philipp von Macedonien, Biutus hler und Themiſtokles neigte. Zu den Beiſpielen der Neuzeit übergehend, fragte arde ſich Pitou wie es Herr Gilbert, wie es Herr Bailly, wie es Herr Lameth, wie es Herr Barnave, wie es ſei Herr von Mirabeau gemacht hätten, wenn ſie Piton geweſen wären und Ludwig XVI. der Abbe Fortier. chen Was hätte man gethan, um den König zu be⸗ t in wegen, drei bis fünfmal hunderttauſend Nationalgarden in Frankreich zu bewaffnen? ürde Gerade das Gegentheil von dem, was Pitou gethan ben, hatte. igen Man hätte Ludwig XVI. überredet, die Franzoſen ern. wünſchen nichts ſo ſehr, als den Vater der Franzoſen 220 zu retten und zu erhalten; um ihn aber wirkſam zu retten, brauchen die Franzoſen drei bis fünfmal hun⸗ derttauſend Flinten. Und Herrn von Mirabeau wäre es ſicherlich ge⸗ lungen. Indem er dann auch an das Sprüchwort⸗Lied dachte, welches ſagt: Lorsque l'on veut quelque chose du diable, I faut Pappeler Monseigneur!*) ſchloß er aus Allem dem, er, Piton, ſei nur ein vier⸗ facher Dummkopf, und wenn er mit einer Art von Ruhm zu ſeinen Wählern zurückkehren wolle, ſo müſſe er gerade das Gegentheil von dem thun, was er gethan: Dieſen neuen Erzgang durchſuchend, beſchloß Pitou ſodann durch die Liſt oder durch die Gewalt die Waffen zu erlangen, die er ſich durch die Ueberredung hatte verſchaffen wollen. Ein Mittel zeigte ſich zuerſt. Das war die Liſt. Man konnte ſich in das Muſeum des Abbé ein⸗ ſchleichen und die Waffen des Arſenals ſtehlen oder wegnehmen. Mit Hülfe ſeiner Gefährten bewerkſtelligte Pitou die Wegnahme; allein bewerkſtelligte er den Diebſtahl. Der Diebſtahl! das war ein Wort, das ſchlecht in den ehrlichen Ohren von Piton klang. Was die Wegnahme betrifft, ſo unterlag es keinem Zweifel, daß es in Frankreich noch genug an die alten Geſetze gewöhnte Leute gab, welche dies eine Räuberei oder einen Diebſtahl mit bewaffneter Hand nennen würden. Alle dieſe Betrachtungen machten, daß Pitou vor den zwei von uns angeführten Mitteln zurückwich. *) Wenn man etwas vom Teufel will, muß man ihn „Gnädigſter Herr“ nennen. ⸗ r⸗ on ſſe ou en tte in⸗ er ou hl. cht em die ine nd 221 Uebrigens war die Eitelkeit von Piton verpfändet, und ſollte ſich dieſe Eitelkeit auf eine ehrenhafte Weiſe aus der Sache herausziehen, ſo durfte Piton zu Nie⸗ mand ſeine Zuflucht nehmen. Er fing wieder an zu ſuchen,— nicht ohne eine gewiſſe Bewunderung für die Richtung, welche die Speculationen ſeines Geiſtes nahmen. Endlich rief er wie Archimed: Eurcka! was be⸗ ſagen will:„Ich habe gefunden.“ Folgendes war das Mittel, das Piton in ſeinem Arſenal gefunden hatte: Herr von Lafahette war der Obercvmmandant der Nationalgarden von Frankreich. Haramont war in Frankreich. Haramont hatte eine Nationalgarde. Folglich war Herr von Lafayette Obercommandant der Nationalgarden von Haramont. Herr von Lafahette durfte es alſo nicht dulden, daß es den Milizen von Haramont an Waffen fehlte, da die Milizen anderer Gegenden bewaffnet waren oder werden ſollten. Um zu Herrn von Lafahette zu gelangen— Gil⸗ bert— um zu Gilbert zu gelangen— Billot. Piton ſchrieb einen Brief an Billot. Da Billot nicht leſen konnte, ſo würde Gilbert leſen, und hiedurch wäre natürlich der zweite Vermitt⸗ ler erreicht. Nachdem dies beſchloſſen war, wartete Piton die Nacht ab, kehrte geheimnißvoll nach Haramont zurück und nahm eine Feder. Welche Vorſicht er aber auch angewandt hatte, um incognito heimzukehren, er war von Claude Tellier und Deſiré Maniquet geſehen worden. Sie zogen ſich ſtille, einen Finger auf dem Mund, die Augen auf den Brief gerichtet, zurück. Piton ſchwamm im vollen Strome der praktiſchen Politik. —— 222 Wir geben nun den Brief, der in dem Gevierte von weißem Papier eingeſchloſſen war, das einen ſo großen Eindruck auf Claude und Deſiré gemacht hatte: „Lieber und geehrter Herr Billot, „Die Sache der Revolution gewinnt alle Tage in unſerer Gegend; die Ariſtokraten verlieren Terrain, die Patrioten rücken vor. „Die Gemeinde Haramont tritt in den activen Dienſt der Nationalgarde ein. „Doch ſie hat keine Waffen. „Es gibt ein Mittel, ſich zu verſchaffen. Gewiſſe Privatleute vorenthalten Quantitäten von Kriegswaf⸗ fen, welche dem öffentlichen Schatze große Ausgaben erſparen fönnten, wenn ſie in den Dienſt der Nation übergingen. „Dem Herrn General von Lafayette beliebe es, zu befehlen, daß dieſe ungeſetzlichen Waffendepots zur Verfügung der Gemeinden geſtellt werden, nach Maß⸗ gabe der zu bewaffnenden Mannſchaft, und ich über⸗ nehme es für meinen Theil, wenigſtens dreißig Flinten in die Arſenale von Haramont ſchaffen zu laſſen. „Das iſt das einzige Mittel, um einen Damm den contrerevolutionären Schlichen und Ränken der Ariſtokraten und der Feinde der Nation entgegen⸗ zuſetzen. — „ „Mitbürger und ergebenſter Diener „Ange Piton.“ Als er dieſe Vorſtellung niedergeſchrieben, bemerkte Pitou, daß er dem Pächter etwas von ſeinem Hauſe und ſeiner Familie zu ſagen vergeſſen hatte. Er behandelte ihn zu ſehr als Brutus; anderer⸗ ſeits, wenn er Billot Kinzelheiten über Catherine gab, ſetzte er ſich der Gefahr aus, zu lügen oder das Herz eines Vaters zu zerreißen; das hieß auch blutende Wunden in der Seele von Piton wiederöffnen. con gar Na iſſe af⸗ en ion es, zur aß⸗ er⸗ ten mm der en⸗ ner rkte auſe rer⸗ gab, Herz ende 223 Pitou unterdrückte einen Seufzer und fügte als Nachſchrift bei: „N. S. Frau Billot, Mlle. Catherine und das ganze Haus befinden ſich wohl und empfehlen ſich dem Andenken von Herrn Billot.“ Auf dieſe Art gefährdete Piton weder ſich, noch ſonſt Jemand. Als der Commandant der Truppen von Haramont dem Eingeweihten den weißen Umſchlag zeigte, der mit ſeinem Inhalt nach Paris abgehen ſollte, beſchränkte er ſich darauf, daß er zu ihnen ſagte: „Das iſt es.“ ünd er warf ſeinen Brief in die Lade. Die Antwort ließ nicht auf ſich warten. Nach zwei Tagen kam ein eigener Bote zu Pferd in Haramont an und fragte nach Ange Pitou. Groß war das Aufſehen, groß die Erwartung und die Angſt der Milizer. Der Eilbote ritt ein von Schaum weißes Pferd. Er trug die Uniform des Generalsſtabs der Pariſer Nationalgarde. Man denke ſich die Wirkung, die er hervorbrachte, man denke ſich auch die Bangigkeit und das Herz⸗ klopfen von Pitou. Er näherte ſich zitternd, bleich, und nahm das Paquet, das ihm, nicht ohne zu lächeln, der mit der Sendung beauftragte Officier reichte. Es war eine Antwort von Herrn Billot durch die Hand von Gilbert. Billot empfahl Pitou Mäßigung im Patriotismus. Und er ſandte den Befehl des General Lafayette, contraſignirt vom Kriegsminiſter, um die National⸗ garde von Haramont zu bewaffnen. Er benützte den Abgang eines Offieiers, der, im Namen des General Lafayette, die Nationalgarde von Soiſſons und von Laon zu bewaffnen beauftragt war. Dieſer Befehl war alſo abgefaßt: 22⁴ „Diejenigen, welche mehr als eine Flinte und einen Säbel beſitzen, find gehalten, ihre anderen Waf⸗ fen den Corpschefs jeder Gemeinde zur Verfügung zu ſtellen. „Gegenwärtige Maßregel ſoll im ganzen Umfang . der Provinz vollzogen werden. Roth vor Freude, dankte Piton dem Offieier; die⸗ ſer lächelte abermals und ging auf der Stelle nach der folgenden Station ab. Piton ſah ſich ſo auf dem Gipfel der Ehre, er empfing unmittelbar Botſchaften vom General Lafayette und von den Miniſtern. Und ihre Botſchaften bedienten auf eine gefällige Weiſe die ehrgeizigen Pläne von Pitou. Die Wirkung dieſes Beſuches auf die Wähler von Piton ſchildern wäre eine unmögliche Arbeit. Wir er⸗ klären, daß wir darauf verzichten. Rur, wenn er dieſe bewegten Geſichter, dieſe glän⸗ zenden Augen, dieſen Eifer der Bevölkerung, die tiefe Ehrfurcht ſah, die unmittelbar Jedermann für Ange Pitou faßte, konnte ſich auch der ungläubigſte Be⸗ obachter überzeugen, daß unſer Held fortan ein großer Mann ſein ſollte. Die Wähler verlangten, Einer nach dem Andern, das Siegel des Miniſteriums zu ſehen und zu berüh⸗ ren, was ihnen Pitou ſehr huldreich bewilligte. Und als die Zahl der Anweſenden bis auf die einzigen Eingeweihten geſchmolzen war, ſprach Piton! „Bürger, meine Fläne ſind geglückt, wie ich es vorhergeſehen. Ich habe dem General Lafayette ge⸗ ſchrieben, daß Ihr Euch als Nationalgarde zu con⸗ ſtituiren gewünſcht und mich zu Eurem Befehlshaber gewählt habt. „Leſet die Aufſchrift des Briefes, den ich vom Miniſterium erhalte.“ Und er reichte ihnen die Depeche, als deren Adreſſ man leſen konnte:. ane Cor gar ſter dert Pit hin und täte zu ung ang die⸗ nach ir ette Uige von r er⸗ glän⸗ tiefe Ange Be⸗ roßer dern, erüh⸗ uf die itou: ich es e ge⸗ con⸗ haber vom ldreſſe 2²⁵ Dem Herrn Ange Pitou, Commandanten der Nationalgarde von Haramont. „Ich bin alſo,“ fuhr Piton fort,„ich bin alſo anerkannt und beſtätigt vom General Lafahette als Commandant der Nationalgarde. „Ihr ſeid anerkannt und beſtätigt als Nativnal⸗ garden vom General Lafahette und vom Kriegsmini⸗ ſterium.“ Ein langer Schrei der Freude und der Bewun⸗ derung erſchütterte die Wände der Dachſtube, welche Pitou bewohnte. „Was die Waffen betrifft,“ fügte unſer Mann hinzu,„ſo habe ich die Mittel, um ſie zu bekommen. „Ihr werdet Euch ſchleunigſt einen Lieutenant und einen Sergenten ernennen. Dieſe zwei Autori⸗ täten werden mich bei dem Schritte begleiten, den ich zu thun habe.“ Die Eingeweihten ſchauten ſich ungewiß an. „Deine Meinung, Pitou?“ ſagte Maniquet. „Das geht mich nichts an,“ erwiederte Piton mit einer gewiſſen Würde,„es darf kein Einfluß auf die Wahlen geübt werden; verſammelt Euch außer meiner Gegenwart; ernennt die zwei Chefs, die ich Euch be⸗ zeichnet habe, aber ernennt tuͤchtige. Das iſt Alles, was ich Euch zu ſagen habe. Geht.“ Mit dieſem königlich ausgeſprochenen Wort ent⸗ ließ Piton ſeine Soldaten und blieb allein in ſeine Größe gehüllt, wie Agamemnon. Er verſenkte ſich in ſeine Herrlichkeit, während ſich außen die Wähler um einen Brocken der militäriſchen Macht ſtritten, welche Haramont regieren ſollte. Die Wahl dauerte eine Stunde. Der Lieutenant und der Sergent wurden ernannt; das waren: der Sergent, Claude Tellier, und der Lieutenant, Deſiré nge Pitou. 1M. 15 225 Maniquet. Man kam wieder zurück, und er beſtätigte ſie und verkündigte ihre Ernennung. Als dieſe Arbeit beendigt war, ſprach er: „Meine Herren, es iſt nun nicht ein Augenblick zu verlieren.“ „Ja, ja, lernen wir das Exerciren,“ rief einer der Begeiſtertſten. „Eine Minute Geduld,“ erwiederte Pitou,„ehe wir exerciren, müſſen wir vor Allem Flinten haben.“ „Das iſt nur zu richtig,“ ſagten die Führer. „Kann man nicht in Erwartung der Flinten mit Stöcken lernen?“ „Betreiben wir die Dinge militäriſch,“ antwortete Pitou, der, als er den allgemeinen Eifer wahrnahm, ſich nicht ſtark genug fühlte, um Unterricht in einer Kunſt zu geben, von der er noch gar nichts verſtand. „Soldaten, welche im Feuer ererciren mit Stöcken lernen, das iſt grotesk; fangen wir nicht damit an, daß wir uns lächerlich machen.“ „Das iſt richtig,“ rief man;„die Flinten!“ „Kommt mit mir, Lieutenant und Sergent,“ ſagte itou zu ſeinen Untergebenen;„Ihr Andern, wartet auf unſere Rückkehr.“ Eine ehrerbietige Einwilligung war die Antwort der Schaar. „Es bleiben uns ſechs Stunden Tag. Das iſt mehr, als wir brauchen, um nach Villers⸗Cotterets zu gehen, unſere Angelegenheit abzumachen und zurück⸗ zukehren.“ „Vorwärts, Marſch!“ rief Pitou. Der Generalſtab des Heeres von Haramont ſetzte ſich ſogleich in Bewegung. Als aber Piton den Brief von Billot noch einmal las, um ſich zu überzeugen, ſo viel Ehre ſei kein Traum, fand er darin folgende Worte von Gilbert, die ihm entgangen waren; 1 4 entfe tiefe das 2 zu b der 1 ſei e ben, nach aufſti nen G mit guter ken„ aus Wort Verſe Prop kürlie des 2 6 Vorb Kind 227 „Warum hat Piton vergeſſen, dem Herrn Doctor Gilbert Nachrichten von Sebaſtian zu geben? „Warum ſchreibt Sebaſtian nicht an ſeinen Vater?“ gte lick ner LXV. Piton ſiegt. mit Der Abbé Fortier, der wackere Mann, vermuthete entfernt nichts, ſowohl von dem Sturm, den ihm dieſe tete ſtiefe Diplomatie vorbereitete, als von dem Anſehen, hm, das Ange Piton bei den Häuptern der Regierung genoß. iner Er beſchäftigte ſich gerade damit, daß er Sebaſtian and. zu beweiſen ſuchte, die ſchlechten Geſellſchaften ſeien cken der Untergang jeder Tugend und jeder Unſchuld; Paris an, ſei ein Abgrund; ſelbſt die Engel würden dort verder⸗ ben, wenn ſie wie diejenigen, welche ſich auf dem Wege nach Gomorrha verirrt hatten, nicht raſch zum Himmel agte aufſtiegen. Und den Beſuch von Pitou, einem gefalle⸗ wir rtet nen Engel, tragiſch auffaſſend, ermahnte er Sebaſtian mit aller ihm zu Gebot ſtehenden Beredtſamkeit, ein wort guter und ächter Royaliſt zu bleiben. Unter einem guten und ächten Royaliſten, bemer⸗ iſt ken wir dies ſogleich, verſtand der Abbé Fortier durch⸗ s zu aus nicht, was der Doctor Gilbert unter denſelben 3 rück⸗ Worten verſtand. 3 Er vergaß, der gute Abbé, daß in Betracht dieſer Verſchiedenheit im Verſtehen derſelben Worte ſeine ſetzte Propaganda eine ſchlimme Handlung war, da er unwill⸗ kürlich, ohne Zweifel, den Geiſt des Sohnes gegen den nmal des Vaters zu bewaffnen ſuchte. kein Man muß übrigens geſtehen, daß er keine große bert, Vorbereitungen darin fand. Eine ſeltſame Erſcheinung! in dem Alter, wo die Kinder noch der weiche Thon ſind, von Dichter 228 ſpricht, wo jedes Siegel, das man auf ſie drückt, ſein Ge⸗ präge zurückläßt, war Sebaſtian ſchon ein Mann durch die Entſchloſſenheit und die Zähigkeit des Gedankens. War das der Sohn der griſtokratiſchen Natur, welche bis zum Abſchen einen Plebejer verachtet hatte? Oder war es wirklich die Ariſtokratie des Plebejers in Gilbert bis zum Stvicismus getrieben? Der Abbé Fortier war nicht im Stande, ein ſol⸗ ches Geheimniß zu ergründen; er wußte, daß der Doec⸗ tor ein etwas exaltirter Patriot war; er verſuchte es, mit der verſöhnenden Naivetät der Geiſtlichen, ihm ſeinen Sohn für das Wohl des Königs und Gottes zu reformiren. Während übrigens Sebaſtian ſehr aufmerkſam ſchien, horchte er nicht auf dieſe Rathſchläge; er dachte gerade an die unbeſtimmten Viſionen, die ihn ſeit eini⸗ ger Zeit wieder unter den großen Bäumen des Parkes von Villers⸗Cotterets überfallen hatten, wenn der Abbé Fortier ſeine Zöglinge nach dem Clouis⸗Steine, nach dem St. Huberts⸗Brunnen oder nach Latour⸗Aumont führte, an die Sinnenblendungen, welche ihm ein zwei⸗ tes Leben neben ſeinem natürlichen Leben bildeten, ein betrügliches Leben von poetiſchen Glückſeligkeiten neben der unempfindlichen Proſa ſeiner Studien- und Schultage⸗ Plötzlich öffnete ſich die Thüre der Rue de Soiſſons mit einer gewiſſen Heftigkeit und gewährte mehrerer Menſchen Eingang. Dieſe Menſchen waren der Maire der Stadt Villers⸗ Cotterets, der Adjunct und der Secretaire der Mairie, Hinter ihnen erſchienen zwei Gendarmenhüte um hinter dieſen Hüten fünf bis ſechs Köpfe von Ner⸗ gierigen. Beängſtigt, ging der Abbé gerade auf den Maire zl „Was gibt es denn⸗ Herr Longpré?“ fragte er; „Herr Abbé, antwortete ernſt der Maire,„Sie haben Kenntniß von dem neuen Decret des Kriege⸗ miniſteriums?“ gar aus blie Lie keit mit mit ihn her ehreret illers⸗ Mairie te und Ner⸗ aire zu⸗ e er. Kriegt⸗ 229 „Nein, Herr Maire.“ „So bemühen Sie ſich, dasſelbe zu leſen.“ Der Abbé nahm die Depeche und las ſie. Während er las, erbleichte er. „Nun?“ fragte er ganz bewegt. „Nun, Herr Abbé, die Herren von der National⸗ garde von Haramont ſind da und erwarten eine Waffen⸗ auslieferung.“ Der Abbé machte einen Sprung, als wollte er die Herren von der Nationalgarde verſchlingen. Da näherte ſich Piton, welcher dachte, der Augen⸗ blick, ſich zu zeigen, ſei gekommen, gefolgt von ſeinem Lieutenant und ſeinem Sergenten. „Hier ſind ſie!“ ſagte der Maire. Der Abbé war von Weiß zu Roth übergegangen. „Dieſe Burſche!“ rief er,„dieſe Taugenichtſe!“ Der Maire war ein guter Mann, er hatte noch keine entſchiedene politiſche Meinung; er verdarb es mit keiner Partei und wollte ſich weder mit Gott, noch mit der Nationalgarde entzweien. Die Schmähungen des Abbs Fortier erregten bei ihm ein ſchallendes Gelächter, mit dem er die Lage be⸗ herrſchte. „Ihr hört, wie der Abbé die Nationalgarde von Haramont behandelt,“ ſagte er zu Piton und ſeinen zwei Officieren. „Das iſt ſo, weil uns der Abbé Fortier als Kin⸗ der geſehen hat und immer noch für Kinder hält,“ er⸗ wiederte Piton mit ſeiner melancholiſchen Sanftmuth. „Dieſe Kinder find aber Männer geworden,“ ſprach mit dumpfem Tone Maniquet, indem er ſeine verſtüm⸗ melte Hand gegen den Abbé ausſtreckte. „Und dieſe Männer ſind Schlangen!“ rief der ge⸗ reizte Abbs. „Und Schlangen, welche beißen werden, wenn man ſie verletzt, ſagte der Sergent Claude. 230 Der Maire ahnete in dieſen Drohungen nur die zukünftige Revolution. Der Abbé errieth darin das Märtyrthum. „Sprecht, was will man von mir?“ ſagte er. „Man will einen Theil von den Waffen, die Sie hier haben,“ antwortete der Maire, der Alles zu ver⸗ ſöhnen ſuchte. „Dieſe Waffen gehören nicht mir,“ entgegnete der E. „Wem gehören ſie denn?“ „Sie gehören Seiner Hoheit dem Herzog von Orleans.“ „Einverſtanden, Herr Abbé,“ verſetzte Pitou;„doch das iſt kein Hinderniß.“ „Wie, das iſt kein Hinderniß?“ rief der Abbé. „Ja; wir verlangen die Waffen gerade ſo.“ „Ich werde an den Herrn Herzog ſchreiben!“ ſprach der Abbé majeſtätiſch. „Der Herr Abbé vergißt, daß das umſonſt auf⸗ ſchieben heißt,“ ſagte leiſe der Maire.„Der Herr Her⸗ zog, wenn man ihn um Rath fragt, wird erwiedern, man müſſe den Patrioten nicht nur die Flinten von ſeinen Feinden, den Engländern, ſondern auch die Ka⸗ nonen von ſeinem Ahnherrn Ludwig XIV. geben.“ Von dieſer Wahrheit war der Abbé ſchmerzlich betroffen. Er murmelte: „Circumdedisti me hostibus meis. „Ja, Herr Abbé,“ ſagte Pitou,„das iſt wahr; doch nur mit ihren politiſchen Feinden; denn wir haſſen in Ihnen nur den ſchlechten Patrioten.“ „Dummkopf,“ rief der⸗ Abbé in einem Augenblick einer Exaltation, die ihm eine gewiſſe Beredtſamkeit ver⸗ lieh,„gefährlicher Dummfopf! wer vnn uns iſt der gute Patriot, ich, der ich die Waffen für den Frieden des Vaterlandes behalten will, oder Du, der Du ſie für die Zwietracht und den Bürgerkrieg verlangſt! wer 6* beb iſt bau hul den weg mat wel ſeir pfi ſtol offe des me ſich klit Ge Sie ver⸗ der von doch prach auf⸗ Her⸗ dern, von Ka⸗ rzlich vahr; haſſen nblick t er⸗ ſt der rieden u ſie wer 231 baum halte, um unſerer gemeinſchaftlichen Mutter zu huldigen, oder Du, der Du das Eiſen ſuchſt, um ihr den Schvoß zu zerreißen?“ Der Maire wandte ſich ab, um ſeine Gemüthsbe⸗ wegung zu verbergen, und während er ſich abwandte, machte er dem Abbé ein kleines hinterhältiſches Zeichen, welches beſagen wollte: „Sehr gut.“ Der Adjunct, ein neuer Tarquinius, ſchlug mit ſeinem Stocke Blumen ab. Piton war aus dem Sattel gehoben. Als ſie dies ſahen, falteten ſeine zwei Subalterne die Stirne. ſ Sebaſtian allein, das Spartanerkind, war unem⸗ p ndlich. Er näherte ſich Pitou und fragte: „Um was handelt es ſich denn?“ ziton erklärte es ihm mit zwei Worten. „Iſt der Befehl unterzeichnet?“ „Vom Miniſter, vom General Lafayette, und er iſt von der Hand Deines Vaters.“ „Warum zögert man dann, zu gehorchen?“ ſprach ſtolz das Kind. und in ſeinen erweiterten Augenſternen, in ſeinen bebenden Raſenflügeln, in der Strenge ſeiner Stirne offenbarte er den unverſöhnlichen Herrſchgeiſt der zwei Racen, die ihn geſchaffen hatten. Der Abbé hörte die Worte, die aus dem Munde des Kindes kamen, ſchauerte und neigte das Haupt. „Drei Generationen von Feinden gegen uns,“ mur⸗ melte er. „Auf, Herr Abbé,“ ſagte der Maire,„man muß ſich ergeben.“ Der Abbé machte einen Schritt, mit ſeinen Schlüſſeln klirrend, die er durch einen Ueberreſt von klöſterlicher Gewohnheit an ſeinem Gürtel trug. 5 iſt der gute Sohn, ich, der ich mich an den Oliven⸗ 232 Nein! tauſendmal nein!“ rief er;„es iſt nicht ein Eigenthum, und ich werde den Befehl meines errn abwarten“ „Ah! Herr Abbé!“ rief der Maire, der ſich einer Mißbilligung nicht enthalten konnte. „Das iſt Rebellivn,“ ſprach Sebaſtian zum Prie⸗ ſter;„nehmen Sie ſich in Acht, lieber Herr.“ „Tu quoque!“ murmelte der Abbé, indem er ſich in ſeine Sutane hüllte, um die Geberde Cäſars nach⸗ zuahmen. „Auf, Herr Abbé,“ ſagte Pilou,„ſeyen Sie ruhig, dieſe Waffen werden für das Glück des Vaterlands wohl verſorgt ſein.“ „Schweige, Judas!“ erwiederte der Abbé;„Du haſt wohl Deinen alten Meiſter verrathen, warum ſoll⸗ teſt Du das Vaterland nicht verrathen?“ Durch ſein Gewiſſen niedergeſchmettert, bengte Piton die Stirne. Was er gethan, war nicht der Ausfluß eines guten Herzens. Doch während er den Kopf ſenkte, ſah er von der Seite ſeine zwei Lieutenants an, welche darüber, daß j⸗ einen ſo ſchwachen Chef hatten, unwillig zu ſein chienen. Pitvu begriff, daß, wenn er ſeine Wirkung ver⸗ fehlte, ſein Blendwerk zerſtört war. Der Stolz ſpannte die Feder dieſes muthigen Strei⸗ ters der franzöſiſchen Revolution. Er erhob daher das Haupt und ſprach: „Herr Abbé, ſo unterwürſig ich auch gegen meinen alten Lehrer bin, ſo werde ich doch dieſe beleidigenden Worte nicht ohne Commentar vorübergehen laſſen.“ „Ah!“ Du commentirſt nun,“ ſagte der Abbé, der Piton durch ſeine Spöttereien außer Faſſung zu brin⸗ gen hoffte. „Ja, ich commentire, Herr Abbe, und Sie werden ſehen, daß meine Commentare richtig ſind,“ fuhr Piton fort.„Sie nennen mich einen Verräther, weil Sie 233 mir geneigter Weiſe die Waffen verweigert haben, um . die ich Sie neulich, den Oelzweig in der Hand erſuchte, und die ich Ihnen heute mit Hülfe eines Befehls der Regierung entreiße. Nun denn, Herr Abbé, ich will lie⸗ ber dem Anſcheine nach meine Pflichten verrathen, als meine Hand geboten haben, um mit Ihnen die Gegen⸗ revolution zu begünſtigen. Es lebe das Vaterland! Zu den Waffen! zu den Waffen!“ Der Maire machte Pitou das Seitenſtück zu dem Zeichen, das er dem Abbé gemacht hatte, und das be⸗ ſagen wollte: „Ah! ſehr gut! ſehr gut!“ Dieſe Rede hatte in der That ein niederſchmet⸗ terndes Reſultat beim Abbé, ein elektriſches Reſultat bei den übrigen Anweſenden. Der Maire ſchlich ſich davon und bedeutete ſeinem Adjuncten durch einen Wink, er möge bleiben. Der Adjunet hätte ſich gern wie der Maire aus dem Staube gemacht; doch die Abweſenheit der zwei Hauptautoritäten der Stadt wäre ſicherlich bemerkt worden. Er folgte alſo mit ſeinem Schreiber den Gendar⸗ men, die den drei Nationalgarden nach dem Muſeum folgten, in welchem Pitou Weg und Steg kannte, Pitou, der im Serail aufgezogen worden war. Springend wie ein junger Löwe, lief Sebaſtian den Patrioken auf der Spur nach. Die anderen Kinder ſchauten ganz verdutzt zu. Der Abbé, als er die Thüre ſeines Muſeums ge⸗ öffnet hatte, fiel halb todt vor Zorn und Scham auf den erſten Stuhl, den er fand. Sobald ſie in das Muſeum eingetreten waren, wollten die zwei Gehülfen von Pitou Alles plündern, aber die ehrliche Schüchternheit des Commandanten der Nationalgarde trat abermals dazwiſchen. Er machte eine Berechnung der ſeinen Befehlen 234 untergebenen Leute, und da es drei und dreißig waren, ſo befahl er, drei und dreißig Flinten zu nehmen. Und da man, vorkommenden Falls, einen Schuß zu thun haben konnte und Piton hiebei nicht zurückzu⸗ bleiben gedachte, ſo nahm er für ſich eine vier und dreißigſte Flinte, eine wahre Officiersflinte, etwas kür⸗ er und leichter als die andern, eine Flinte, welche, obgleich von Caliber, ebenſowohl das Schrot auf ein Kaninchen oder auf einen Haſen, als die Kugel gegen einen falſchen Patrioten oder einen ächten Preußen len⸗ ken konnte. Ueberdies wählte er ſich einen geraden Degen, wie der von Lafayette, den Degen von irgend einem Helden von Fontenoy oder von Philippsburg, den er in ſeinen Gürtel ſteckte. Seine zwei Collegen luden jeder zwölf Flinten auf ihre Schultern, und unter dieſer ungeheuren Laſt bogen ſie ſich nicht, ſo wahnſinnig war ihre Freude. Pitou lud ſich das Uebrige auf. Man zog durch den Park, denn man wollte nicht durch Villers⸗Cotterets gehen, um vas Aufſehen zu ver⸗ meiden. Uebrigens war dies der kürzeſte Weg. Dieſer kürzeſte Weg bot dabei den Vortheil, daß er den drei Oſſicieren jede Chance benahm, Partei⸗ gängern von einer der ihrigen entgegengeſetzten Anſicht zu begegnen. Piton fürchtete den Kampf nicht, und die Flinte, die er ſich für den Fall eines Kampfes ge⸗ wählt hatte, bezeugte ſeinen Muth. Aber Pitou war ein Mann der Ueberlegung geworden, und ſeitdem er überlegte, hatte er bemerkft, daß, wenn eine Flinte ein Mittel zur Vertheidigung eines Menſchen iſt, Flinten in größerer Anzahl dies nicht ſind. Unſere Helden liefen alſo, beladen mit dieſer Beute, durch den Park und erreichten ein Rondel, wo ſie an⸗ halten ſollten. Erſchöpft, triefend von Schweiß, dies aber in Folge einer ruhmwürdigen Anſtrengung, brachten ſie kür⸗ che, ein gen len⸗ wie lden inen auf ogen nicht ver⸗ daß rtei⸗ nſicht und z ge⸗ war m er e ein inten ete, e an⸗ aber en ſie 235 endlich zu Pitou das koſtbare Depot, welches ihnen das vielleicht ein wenig blindlings, anvertraut atte. Es fand an demſelben Abend eine Verſammlung der Nationalgarde ſtatt, und der Commandant Pitou übergab eine Flinte jedem Soldaten, wobei er zu ihnen, wie die Mutter der Spartaner zu ihren Söhnen in Beziehung auf den Schild, ſagte: „Mit, oder darauf.“ Es war nun in dieſer kleinen, ſo durch das Genie von Piton umgewandelten, Gemeinde eine Rühriakeit 1i der eines Ameiſenhaufens am Tage eines Erd⸗ ebens. Die Freude, eine Flinte zu beſitzen, bei dieſer weſentlich wilddiebiſchen Völkerſchaft, der die lange Un⸗ terdrückung durch die Aufſeher die Jagdwuth gegeben hatte, machte, daß für ſie Piton ein Gott auf Erden wurde. Man vergaß ſeine langen Beine, man vergaß ſeine langen Arme, man vergaß ſeine dicken Kniee und ſeinen großen Kopf, man vergaß endlich ſeine grotesken Le⸗ bensvorgänge, und er war und blieb der Schutzgeiſt der Gegend während der ganzen Zeit, die der blonde Phö⸗ bus brauchte, um der ſchönen Amphitrite ſeinen Beſuch zu machen. Am andern Tag beſchäftigten ſich die Enthuſiaſten einzig und allein damit, daß ſie ihre Waffen als inſtinkt⸗ artige Kenner unterſuchten, handhabten, probirten und putzten; die Einen freudig, wenn ſich die Batterie tüchtig fand, die Anderen darauf bedacht, die Ungleichheit des Schickſals gut zu machen, wenn ihnen ein Gewehr von geringerer Eigenſchaft zugefallen war. In ſeine Stube zurückgezogen wie der große Aga⸗ memnon unter ſein Zelt, dachte Piton mittlerweile, während die Andern putzten, zermarterte er ſich das Ge⸗ hirn, während ſie ſich die Hände ſchunden. 236 Woran dachte Pitou? wird der an dieſem heran⸗ wachſenden Genie Theil nehmende Leſer fragen. Hirte der Völker geworden, dachte Piton an die hohle Nichtigkeit der Größen dieſer Welt. Es kam in der That der Augenblick, wo von dieſem ganzen mit ſo großer Mühe errichteten Gebäude nichts aufrecht ſtehen bleiben ſollte. Die Flinten waren ſeit dem vorhergehenden Tage übergeben. Man hatte dieſen Tag dazu angewendet, um ſie in geeigneten Stand zu ſetzen. Morgen würde er das Exercitium ſeinen Soldaten zeigen müſſen, und Pitou kannte nicht das erſte Commandv vom Laden in zwölf Tempos. Piton hatte immer ſeine Flinte geladen, ohne die Tempos zu zählen und wie er hatte können. Was das Manoeuvre betrifft, ſo war das noch ſchlimmer. Was war aber ein Commandant der National⸗ garde, der das Laden in zwölf Tempos nicht verſteht und das Manveuvre nicht zu commandiren weiß. Der⸗ jenige, welcher dieſe Zeilen ſchreibt, hat nur einen Ein⸗ iie gekannt; er war allerdings ein Landsmann von iton. Seinen Kopf in ſeine Hände verſenkt, das Auge ſtarr, den Leib unbeweglich, dachte Piton alſo nach. Cäſar in den Wäldern des rauhen Galiien, Han⸗ nibal in den ſchneebedeckten Alpen verloren, Columbus auf einem unbekannten Ocean verirrt, überlegten nie feierlicher im Angeſichte des Unbekannten, widmeten nie tiefer ihren Geiſt Deis ignotis, dieſen furchtbaren Gott⸗ heiten, die das Geheimniß des Todes und des Lebens haben, als es Piton während dieſes langen Tages that. „Oh!“ ſprach Pitou,„die Zeit ſchreitet fort, mor⸗ gen rückt heran, und morgen wird in ſeiner ganzen Richtigkeit dieſes Nichts erſcheinen, das ich bin. „Morgen wird der große Kriegsheld, der die Ba⸗ ſtille genommen hat, als ärmlicher Wicht von der ganzen woch nal⸗ teht Der⸗ Fin⸗ von luge . Han⸗ nbus nie nie Jott⸗ bens that. mor⸗ inzen Ba⸗ anzen 237 Verſammlung der Haramonter behandelt werden, wie.. ich weiß nicht mehr wer, von der ganzen Verſammlung der Griechen behandelt worden iſt. „Morgen ausgeziſcht! während ich heute ein Trium⸗ phator bin. „Das wird nicht ſein. Das kann nicht ſein. Cathe⸗ rine würde es erfahren, und ich wäre entehrt.“ Piton ſchöpfte einen Augenblick Athem. „Was kann mir da heraushelfen?“ fragte er ſich. „Die Kühnheit! Dreiſtigkeit. „Nein, nein, die Dreiſtigkeit dauert eine Minute, und das Exercitium nach preußiſcher Manier hat zwölf Tempos. „Welch eine ſonderbare Idee iſt es auch, die Fran⸗ zoſen das Exerciren auf preußiſche Manier zu lehren. „Wenn ich ſagte, ich ſei ein zu guter Patriot, um Franzoſen das Exerciren auf preußiſche Manier zu lehren, und ich erfinde ein anderes mehr nationales Exercitium? „Nein, ich würde mich verwickeln und in eine neue Verlegenheit gerathen. „Ich habe wohl einen Affen auf dem Markte von Villers⸗Cotterets geſehen. Dieſer Affe machte das Erercitium; aber er machte es wahrſcheinlich wie ein Affe, ohne Regelmäßigkeit. „Ah!“ rief er plötzlich,„ein Gedanke.“ Und auf der Stelle den Zirkel ſeiner langen Beine öffnend, fing er an den Raum zu durchſchreiten, als ihn eine Betrachtung wieder aufhielt. „Mein Verſchwinden würde Erſtaunen erregen,“ ſagte er;„benachrichtigen wir meine Leute.“ Und er öffnete die Thüre, rief Claude und Deſiré, und ſprach zu ihnen: „Verkündigt übermorgen als den erſten Tag für das Ererciren.“ „Warum nicht morgen?“ fragten die zwei Subal⸗ ternofficiere. 238 „Weil Ihr Beide müde ſeid,“ erwiederte Pitou, „und ehe ich die Soldaten inſtruire, will ich zuvor die Anführer inſtruiren. Und dann,“ fügte Pitvu mit ſtren⸗ gem Tone bei,„ich bitte Euch, gewöhnt Euch daran, immer im Dienſte zu gehorchen, ohne Bemerkungen zu machen.“ Claude und Deſiré verbeugten ſich. „Es iſt gut,“ jprach Pitou,„ſagt das Exerciren auf übermorgen, Morgens um vier Uhr, an. Die Officiere verbengten ſich abermals und gingen weg, und da es neun Uhr Abends war, ſo legten ſie ſich zu Bette. Piton ließ ſie gehen. Dann, als ſie ſich um die Ecke gedreht hatten, lief er in der entgegengeſetzten Richtung fort und erreichte in fünf Minuten das dun⸗ kelſte Dickicht des Waldes. Sthen wir, was die errettende Idee von Piton war. XLVI. Der Vater Clouis und der Clouis⸗Stein, oder wie Pitou ein Taftiker wurde und ein ſtattliches Ausſehen hatte. Piton lief ſo ungefähr eine halbe Stunde und drang immer weiter in den wildeſten und tiefſten Theil des Waldes ein. Es war da unter dieſen hohen, drei Jahrhunderte alten Stämmen, an einem ungeheuren Felſen ange⸗ lehnt und mitten in furchtbarem Geſtrüppe, eine fuͤnf und dreißig bis vierzig Jahre früher erbaute Hütte, welche eine Perſon enthielt, die ſich, in ihrem eigenen Intereſſe, mit einem gewiſſen geheimnißvollen Dunkel zu umgeben gewußt hatte. Halb in die Erde gegraben, halb außen aus Zwei⸗ gen und unbeſchlagenem Holze geflochten, empfing dieſe Hüt ang ähnl durc ſchů men ſchei ehen det, Lou zu b nom komt Anf Alte an man Fole nehr ſchie Prit kam dies in 6 mac zur vof 239 u, Hütte Luft und Licht nur durch ein ſchräges im Dache ie angebrachtes Loch. Den Wohnungen der Zigeuner des Albahein ziemlich n, ähnlich, verrieth ſich dieſe Hütte zuweilen den Blicken zů durch den blauen Rauch, der aus ihrer Firſte emporſtrömte. Sonſt hätte, die Waldhüter, die Jäger, die Wild⸗ ſchützen und die Bauern der Umgegend ausgenom⸗ en men, Niemand errathen, dieſe Hütte diene einem Men⸗ ſchen als Aufenthaltsort. en Und dennoch wohnte hier ſeit vierzig Jahren ein ſie ehemaliger Jagdaufſeher mit Gnadengehalt verabſchie⸗ det, dem aber der Herzog von Orleans, der Vater von die Louis Philipp, die Erlaubniß gegeben hatte, im Walde ten zu bleiben, eine Uniform zu trugen und alle Tage einen u⸗ Schuß auf einen Haſen oder ein Kaninchen zu thun. Das Federwild und das Hochwild waren ausge⸗ ar. nommen. Der gute Mann war in der Zeit, zu der wir ge⸗ kommen ſind, neun und ſechzig Jahre alt; er hatte ſich Anfangs Clouis und dann bei allmäliger Zunahme des Alters Vater Clouis genannt. Von ſeinem Namen hatte der ungeheure Felſen, der an den ſeine Hütte angelehnt war, die Taufe erhalten: hes man nannte ihn Clouis⸗Stein. Er war bei Fontenoy verwundet worden und in und Folge dieſer Verwundung hatte man ihm das Bein ab⸗ heil nehmen müſſen. Darum hatte er, frühzeitig verab⸗ ſchiedet, vom Herzog von Orleans die von uns erwähnten ie Privilegien erhalten. ge⸗ Der Vater Clouis trat nie in die Städte ein und unf kam nur einmal alle Jahre nach Villers⸗Cotterets; itte, dies geſchah, um 365 Ladungen Pulver und Blei, 366 in Schaltjahren zu kaufen. nkel An demſelben Tag trug er zu Herrn Cornu, Hut⸗ macher in der Rue de Soiſſons, 365 oder 366 Bälge, vei⸗ zur Hälfte von Haſen, zur Hälfte von Kaninchen; ieſ⸗ wofür ihm der Hutmacher 75 Livres gab. 24⁴0⁰ Und wenn wir ſagen 365 Bälge in den gewöhn⸗ lichen Jahren und 366 in den Schaltjahren, ſo irren wir uns nicht um einen einzigen, denn der Vater Clouis, dem das Recht auf einen Schuß im Tage ertheilt wor⸗ den war, hatte es ſo eingerichtet, daß er einen Haſen oder ein Kaninchen mit jedem Schuß erlegte. Und da er nie einen Schuß mehr, nie einen Schuß weniger that, als die 365 in den gewöhnlichen Jahren und die 366 in den Schaltjahren ihm erlaubten Schüſſe, ſo erlegre der Vater Clouis gerade 483/Haſen und 182 Kaninchen in den gewöhnlichen Jahren und 183 Haſen und 183 Kaninchen in den Schaltjahren. Von dem Fleiſch der Thiere lebte er, mochte er es nun eſſen oder verkaufen. Ueberdies machte der Vater Clouis einmal im Jahr eine kleine Speculation. Der Felſen, an den ſeine Hütte angelehnt war, hatte einen wie ein Dach abhängigen Platz⸗ Dieſe geneigte Fläche bot einen Raum von unge⸗ fähr achtzehn Fuß in ihrer größten Ausdehnung. Ein an das obere Ende gelegter Gegenſtand rutſchte ſachte bis zum unteren Ende herab. Der Vater Clouis verbreitete allmälig in den um⸗ liegenden Dörfern durch die Vermittelung der guten Weiber, die ihm ſeine Haſen oder Kaninchen abkauften, die Anſicht: die Mädchen, welche am Feiertage des hei⸗ ligen Ludwig dreimal auf dem Felſen von oben bis unten rutſchen, werden im Verlauf des Jahres verheirathet. Im erſten Jahre kamen viele junge Mädchen, doch nicht eines wagte es, zu rutſchen. Im zweiten Jahre wagten es drei ſolche junge Perſonen, zwei wurden im Verlaufe des Jahres ver⸗ gege jun wür die an grüt pelt Da zu nop die es zu: müf rutf ſo. Ma gent Jag ſene 365 183 der heirathet. Was die Dritte betrifft, welche ledig blieb, einem Manne gefehlt, ſo ſey dies der Fall geweſen, ſo behauptete der Vater Clouis kühn, wenn es ihr Tha je r ſam weil ſie nicht mit demſelben Vertrauen gerutſcht, wie 365 die Andern. 2 hn⸗ ren uis, vor⸗ aſen chuß hren üſſe, und 183 res im war, unge⸗ tſchte num⸗ guten uften, s hei⸗ unten het. doch junge er⸗ At Im folgenden Jahre liefen alle Mädchen der Um⸗ gegend herbei und rutſchten. Der Vater Clouis erklärte, es würde nie genug junge Männer für ſo viele Mädchen geben; dennoch würde ſich ein Drittel der Rutſcherinnen, und das wären die Gläubigſten, verheirathen. Viele heiratheten wirklich. Von dieſem Augenblick an war der heirathliche Ruf des Clouis⸗Steins ge⸗ gründet, und alle Jahre hatte der heilige Ludwig ein dop⸗ peltes Feſt, ein Feſt in der Stadt und ein Feſt im Walde. Nun verlangte der Vater Clouis ein Privilegium. Da man nicht den ganzen Tag rutſchen konnte, ohne zu eſſen und zu trinken, ſo war dies Anfangs das Mo⸗ nopol für den 25. Auguſt, zu eſſen und zu trinken an die Rutſcher und die Rutſcherinnen zu verkaufen, denn es war den jungen Männern gelungen, die Mädchen zu überreden, damit die Kraft des Felſen unfehlbar ſei, müſſe man mit einander und beſonders zu gleicher Zeit rutſchen. Seit fünfunddreißig Jahren lebte der Vater Clouis ſo. Die Gegend behandelte ihn, wie die Araber ihre Marabuts behandeln. Er war zum Zuſtande der Le⸗ gende übergegangen. Was aber beſonders die Jäger beſchäftigte und die Jagdaufſeher vor Neid berſten machte, war die erwie⸗ ſene Thatſache, daß der Vater Clouis im Jahre nur 365 Schüſſe that, und daß er mit dieſen 365 Schüſſen 183 Haſen und 182 Kaninchen erlegte. Mehr als einmal hatten vornehme Herren von Paris, welche vom Herzog von Orleans auf einige Tage näch dem Schloſſe eingeladen worden waren, da ſie von der Geſchichte des Vater Clouis erzählen hörten, dieſem ihr a eweſen, t, wie Thaler in ſeine plumpe Hand gedrückt und das ſelt⸗ ſame Geheimniß eines Mannes, der auf 365 Schüſſe 365 mal tödtet, zu erforſchen geſucht. Doch der Vater Clouis hatte ihnen andere i je nach ihrer Freigebigkeit einen Louis d'or oder einen Ange Pityn. 1Ml. Erklärung zu geben gewußt, als die, daß er ſich bei dem unt Heere daran gewöhnt, mit derſelben mit einer Kugel! von geladenen Flinte auf jeden Schuß einen Mann zu zzie tödten; was er aber mit der Kugel auf einen Mann kan gethan, hatte er noch viel leichter mit Schröt auf ein erſt Kaninchen oder einen Haſen zu thun gefunden. Und diejenigen, welche lächelten, wenn ſie ihn ſo vor ſprechen hörten, fragte er: Me „Warum ſchießen Sie, wenn Sie nicht ſicher ſind, fol daß Sie treffen?“ Ein Wort würdig unter denen des Herrn de la unt Paliſſe zu figuriren, wäre es nicht die wunderbare Un⸗ fehlbarkeit des Schützen geweſen. mu „Aber,“ ſagte man zu ihm,„warum hat Ihnen der ſtri Herzog von Orleans, Vater, der doch kein Filz war, den nur einen einzigen Schuß für den Tag bewilligt?“ „Weil mehr zu viel geweſen wäre, und weil er zelt mich wohl kannte.“ ſch Die Seltſamkeit dieſes Schauſpiels und dieſe ſon⸗ derbare Theorie trugen dem alten Einſiedler, ein Jahr gri in das andere gerechnet, ungefähr zehn Louis d'or ein. beg Da er aber eben ſo viel mit ſeinen Kaninchen⸗ ücch bälgen und mit dem Feiertag, den er ſelbſt geſtiftet, verdiente und nur ein Paar Jagdſtiefel alle fünf Jahre Fli und einen Rock alle zehn Jahre kaufte, ſo war der ged Vater Clouis durchaus nicht unglücklich. zer Im Gegentheil, es ging die Sage, er habe einen verborgenen Schatz⸗ und derjenige, welcher ihn beerbe, Ja werde kein ſchlechtes Geſchäft machen. Das iſt die ſeltſame Perſon, welche Pitou mitten Cli in der Nacht auffuchte, als ihm der treffliche Gedanke ihr fam, der ihn ſeiner tödtlichen Verlegenheit entziehen; wa ſollte. hat Doch um den Vater Clouis zu treffen, mußte man Bl nicht ungeſchickt ſein. wi Wie der alte Hirte der Herden von Neptun, ließ ſich Clouis nicht mit dem erſten Sprunge faſſen. Er mu 243 unnterſchied vortrefflich den unproductiven Ueberläſtigen vom vermöglichen Faullenzer, und da er ſchon eine ziemlich große Verachtung gegen die Letzteren hegte, ſo kann man ſich denken, mit welchem Ingrimm er die erſte Claſſe der Aergerlichen austrieb. Elouis lag auf ſeinem Bette von Heidekraut, einem vortrefflichen, aromatiſchen Bette, das ihm der Wald im Monat September gab und das nur in dem darauf folgenden Monat September erneuert werden durfte. Es mochte etwa elf Uhr ſein, das Wetter war klar und kühl. um zur Hütte des Vaters Clouis zu kommen, nußte man durch ein ſo dichtes, undurchſichtiges Ge⸗ ſtrüppe dringen, daß das Geräuſch der Brüche immer den Beſuch dem Einſiedler verkündigte. Piton machte viermal mehr Lärmen als eine ein⸗ zelne Perſon. Der Vater Clouis erhob das Haupt und ſchaute, denn er ſchlief nicht. Der Vater Clouis war an dieſem Tag in einer grimmigen Laune. Ein furchtbarer Unfall war ihm begegnet und machte ihn unzugänglich für ſeine freund⸗ lichſten Mitbürger. Der Unfall war in der That furchtbar. Seine Flinte, die ihm fünfunddreißig Jahre mit Schroten gedient hatte, war, als er auf ein Kaninchen ſchoß, zerſprungen. Das war das erſte, das er ſeit fünfunddreißig Jahren gefehlt. Doch das unverſehrte Kaninchen war für den Vater Clouis nicht die ſchlimmſte Unannehmlichkeit, die ihm widerfahren. Zwei Finger ſeiner linken Hand waren durch die Exploſion zerriſſen worden. Clouis hatte ſeine Finger mit zerriebenen Kräutern und Blättern wieder geflickt, doch ſeine Flinte hatte er nicht wieder flicken können. Um ſich aber eine andere Flinte zu verſchaffen, mußte der Vater Clouis einen Griff in Schatz 1 244 thun, und welches Opfer er auch für ein neues Gewehr brachte, wenn er auch die ungeheure Summe von zwei Louis d'or aufwandte, wer weiß, ob dieſes Gewehr auf jeden Schuß tödten würde, wie das, welches ſo un⸗ glücklicher Weiſe zerſprungen war. Pitou kam, wie man ſieht, zu einer ſchlimmen Stunde. In dem Augenblick, wo Pitou die Hand auf die Klinke der Thür legte, ließ auch der Vater Clouis ein Knurren hören, das den Commandanten der Nationalgarde von Haramont zurückweichen machte. War es ein Wolf, war es eine Bache, was die Stelle des Vaters Clouis eingenommen hatte? Pitou, der das Rothkäppchen nicht geleſen, zögerte auch, einzutreten. „He! Vater Clouis!“ rief er. „Was!“ machte der Menſchenfeind. Piton war beruhigt, er hatte die Stimme des wür⸗ vigen Einſiedlers erkannt. „Gut, Ihr ſeid da,“ ſagte er. Dann that er einen Schritt in das Innere der Hütte, machte ſeinen Bückling vor ihrem Eigenthümer und ſagte freundlich: „Guten Morgen, Vater Clouis.“ „Wer iſt da?“ fragte der Verwundete. ꝙ „₰§ „Wer, Du?“ „Ich, Pitou.“ „Wer, Piton?“ „Ich, Ange Pitvu von Haramont, Ihr wißt?“ „Nun! was geht das mich an, daß Ihr Ange Pitou von Haramont ſeid?“ „Ho! ho!“ ſprach Pitou ſcherzend,„er iſt nicht guter Laune, der Vater Clouis; ich habe ihn ſchlecht aufgeweckt.“ „Sehr ſchlecht aufgeweckt, Ihr habt Recht.“ „Was muß ich denn thun?“ Ihr Vat leiſt leiſt jede woll hirn wir geſch dürr Erer Tem hr ei uf n⸗ en ke ten n die rte ür⸗ der mer itou nicht lecht 245 „Oh! das Beſte, was Ihr thun könnt, iſt, daß Ihr geht.“ „Ei! ohne ein wenig zu reden?“ „Worüber reden?“ „Ueber einen Dienſt, den Ihr mir leiſten ſollt, Vater Clouis.“ „Ich leiſte keinen Dienſt umſonſt.“ ueiſ„Und ich, ich bezahle diejenigen, welche man mir eiſtet.“ „Das iſt möglich, doch ich, ich kann keinen mehr leiſten.“ „Warum nicht?“ „Ich ſchieße nichts mehr.“ „Wie, Ihr ſchießt nichts mehr? Ihr, der Ihr auf jeden Schuß tödtet; das iſt nicht möglich, Vater Clouis.“ „Geht, ſage ich Euch.“ „Väterchen Clouis...“ „Ihr langweilt mich.“ „Höret mich an, und Ihr werdet es nicht bereuen.“ „Sprecht, doch macht nicht viel Worte... was wollt Ihr?“ „Ihr ſeid ein alter Soldat?“ „Weiter?“ „Nun! Vater Clouis, Ihr ſollt...“ „Vollende doch, Burſche.“ „Ihr ſollt mich das Exereiren lehren.“ „Seid Ihr verrückt?“ „Nein, ich habe im Gegentheil mein ganzes Ge⸗ hirn. Lehrt mich das Exereiren, Vater Clouis, und wir werden über den Preis reden.“ „Ah! dieſes Thier iſt offenbar verrückt,“ ſprach un⸗ geſchlacht der alte Soldat, während er ſich auf ſeinem dürren Heidekraut aufrichtete. „Vater Clvuis, ja oder nein? lehrt mich das Ererciren, wie man es bei der Armee thut, in zwölf Tempos, und verlangt von mir, was Euch gefällt.“ 246 Der Alle erhob ſich auf ein Knie, heſtete ſein fahles Auge auf Piton und fragte: „Was mir gefällt?“ „Ja. k „Nun! was mir gefällt, iſt eine Flinte.“ „Ah! das macht ſich vortrefflich, ich habe vier⸗ unddreißig Flinten.“ „Du haſt vierunddreißig Flinten?“ „Und die vierunddreißigſte, die ich für mich ge⸗ nommen, wird Euch wohl taugen. Es iſt ein hübſches Sergentengewehr mit dem Wappen des Königs in Gold auf der Schwanzſchraube.“ Und wie haſt Du Dir dieſe Flinte verſchafft? Ich hoffe, Du haſt ſie nicht geſtohlen,“ Pitou erzählte ihm ſeine Geſchichte offenherzig, redlich, lebhaft. „Gut,“ ſagte der alte Jagdaufſeher.„Ich begreife. Ich will Dich wohl das Crereciren lehren, doch ich habe ein Uebel an den Fingern 2 Und er erzählte ſeinerſeits Pitou den Unfall, der ihm begegnet war. „Gut!“ ſprach Pitou,„kümmert Euch nicht mehr um Eure Flinte. Sie iſt erſetzt. Ach! es handelt ch nur um Eure Finger... Das iſt nicht wie mit den Flinten, ich habe feine vierunddreißig.“ „Oh! was die Finger betrifft, das iſt nichts, und wenn Du mir verſprichſt, daß die Flinte morgen hier ſein wird, ſo komm.“ Und er ſtand ſogleich auf. Der Mond im Zenith ergoß Ströme weißer Flam⸗ men auf die Lichtung, die ſich vor dem Hauſe aus⸗ dehnte. Wer in dieſer Einfamkeit die zwei ſchwarzen Schatten auf der gräulichen Fläche hätte geſtieuliren ehen, wäre nicht im Stande geweſen, ſich eines ge⸗ heimnißvollen Schreckens zu erwehren⸗ Der Vater Clouis nahm ſeinen Flintenſtumpf und zeig ihn Ger wolh und Reg mit Sch ſehe Dir zur Dir Dei ſtat ihm nic Ere nac jeſt nug wei haf ſie in er⸗ ge⸗ hes o Ich zig, eife. ich der mehr ndelt mit und hier Flam⸗ aus⸗ arzen uliren es ge⸗ f und 247 zeigte ihn ſeufzend Pitvu. Zuerſt aber nie er ihn in der Haltung des Militärs. Es war übrigens etwas Seltſames, das plötzliche Geraderichten des großen Greiſes, der durch die Ge⸗ wohnheit, in Gebüſchen zu gehen, immer gebückt war und nun, wiederbelebt durch die Erinnerung an das Regiment und den Stachel des Exercirens, ſein Haupt mit der weißen Mähne über breiten, wohlbefeſtigten Schultern ſchüttelte. „Schau wohl,“ ſagte er zu Piton,„ſchau wohl! Wenn man ſchaut, lernt man. Wenn Du wohl ge⸗ ſehen haſt, was ich mache, verſuche es, und ich werde Dir meinerſeits zuſchauen.“ Pitou verſuchte. „Ziehe Deine Kniee an, nimm Deine Schultern zurück, gib Deinem Kopf ein freies Spiel; mache Dir einen Boden, alle Teufel! mache Dir einen Boden, Deine Füße ſind breit genng hiezu.“ Pitou gehorchte nach ſeinen beſten Kräften. „Gut,“ ſagte der Greis,„Du haſt ein ziemlich ſtattliches Ausſehen.“ Pitou fühlte ſich unendlich geſchmeichelt, daß man ihm ein ſtattliches Ausſehen zuerkannte. Er hatte nicht ſo viel gehofft. In der That, wenn er ſchon nach einer Stunde Exerciren ein ſtattliches Ausſehen hatte, wie würde es nach Verlauf eines Monats ſein. Er würde ein ma⸗ jeſtätiſches Ausſehen haben. Er wünſchte auch fortzufahren, doch das war ge⸗ nug für eine Lection. Ueberdies wollte ſich der Vater Clonis nicht zu weit einlaſſen, ehe er ſeine Flinte hatte. „Nein,“ ſagte er,„das iſt genug für einmal; Du haſt ihnen nur dies für die erſte Lection zu zeigen, und ſie werden es nicht einmal vor vier Tagen lernen; Du wirſt während dieſer Zeit zweimal hier geweſen ſein.“ 2⁴8 „Viermal,“ rief Pitou. „Ah! ah!“ erwiederte kalt Vater Clouis,„Du haſt Eifer und Beine, wie es ſcheint. Viermal, es fei. Doch ich ſage Dir, wir ſind am Ende des letzten Mondviertels, und morgen wird es nicht mehr hell ſein.“ „Wir ererciren in der Grotte.“ „Dann wirſt Du Licht bringen.“ „Ein Pfund, zwei wenn es ſein muß.“ „Gut. Und meine Flinte?“ „Ihr werdet ſie morgen haben.“ „Ich rechne darauf. Laß ſehen, ob Du behalten haſt, was ich Dir gezeigt habe.“ Piton fing wieder an und erwarb ſich Complimente. In ſeiner Freude hätte er dem Vater Clouis eine Kanone verſprochen. Nach dieſer zweiten Uebung, da es ungefähr ein Uhr Morgens war, nahm er Abſchied von ſeinem In⸗ ſtructor und kehrte, allerdings langſam, aber mit einem immer noch ſehr weiten Schritt, nach dem Dorfe Ha⸗ ramont zurück, wo alle Welt, Nationalgarden und ein⸗ fache Schäfer, im tiefſten Schlafe lag. Piton träumte, er commandire als Feldherr ein Heer von mehreren Millionen Menſchen, und er laſſe das ganze Weltall, in einer Linie aufgeſtellt, die Be⸗ wegung des Rottenmarſches und ein Schultert das Gewehr machen, das ſich bis zum Ende des Thales Joſaphat erſtreckte. Schon am andern Tag gab er oder wiederholte er vielmehr ſeine Lection ſeinen Soldaten mit einer Unverſchämtheit in der Haltung und einer Sicherheit in der Unterweiſung, welche die Gunſt, in der er ſtand, bis zum Unmöglichen ſteigerten. O Volksbeliebtheit, ungreifbarer Hauch! Fitou wurde volksbeliebt und war bewundert von den Männern, den Kindern und den Greiſen. Selbſt die Frauen blieben ernſt, wenn er in ihrer ein Sac Pito Mar und Wifſ erſch wore dant ich wicke Gart wahr einen Theo Arbe in d Ruht ten te. ine ein em Ha⸗ in⸗ ein aſſe Be⸗ as les olte iner heit and, von hrer 2⁴9 Gegenwart ſeinen in einer Linie aufgeſtellten dreißig Soldaten zrrief; S „Alle Tufel! ſeid doch ſtattlich! Schaut mich an.“ Und er nar ſtattlich. LXVII. Worin Catherine auch Diplomatie treibt. Der Vater Clouis hatte ſeine Flinte. Piton war ein Junge von Ehre: für ihn war die verſprochene Sache eine ſchuldige Sache. Zwei dem erſten ähnliche Beſuche machten aus Piton einen vollkommenen Grenadier. Leider war der Vater Clouis nicht ſo ſtark im Manveuvre als im Exerciren: als er die Wendungen und die Veränderungen erklärt hatte, war er mit ſeinem Wiſſen zu Ende. Pitou nahm nun ſeine Zuflucht zu dem ſo eben erſchienenen Handbuch für die Nationalgarde, worauf er die Summe von einem Thaler verwandte. Durch das großmüthige Opfer ſeines Comman⸗ danten lernte das Bataillon von Haramont ſich ziem⸗ lich angenehm auf einem Terrain bewegen. Als Piton fühlte, daß ſich die Bewegungen ver⸗ wickelten, machte er eine Reiſe nach Soiſſons, einer Garniſonsſtadt, ſah wahre Bataillons, geführt von wahren Officieren, manveuvriren, und er lernte hier an einem Tage mehr, als er in zwei Monaten mit den Theorien gelernt hätte. So vergingen zwei Monate, zwei Monate der Arbeit, der Anſtrengung und des Fiebers. Piton ehrgeizig, Piton verliebt. Pitou unglücklich in der Liebe, aber, eine ſchwache Entſchädigung, mit Ruhm geſättigt, Piton hatte tüchtig geſchüttelt, was 250 gewiſſe Philoſophen geiſtreicher Weiſe dos Thier nennen. Das Thier war bei Pitou unbarmherzig der Seele geopfert worden. Dieſer Menſch war ſo viel gelaufen, hatte ſo viel ſeine Glieder gerührt, ſo viel ſeinen Geiſt geſchärft, daß man ſich wundern müßte, wenn er dabei an die Befriedigung oder die Tröſtung ſeines Herzens gedacht hätte. Dennoch war es ſo. Wie oft nach dem Erereiren, und das Exereciren kam beinahe immer nach der nächtlichen Arbeit, wie oft hatte ſich Pitou nicht hinreißen laſſen, die Ebenen von Largny und von Roue in ihrer ganzen Länge und dann den Wald in ſeiner ganzen Tiefe zu durchwan⸗ dern, um an den Saum der Felder von Bourſonne zu gehen und Catherine, die immer ihren Rendezvous getreu, zu belauern. Catherine, welche, ein paar Stunden des Tags den Arbeiten des Hauſes entziehend, bei einem kleinen, mitten in dem zum Schloſſe Bourſonne gehörigen Kaninchengehäge liegenden, Pavillon mit dem geliebten Iſidor zuſammentraf, mit dieſem glücklichen Sterb⸗ ſichen, der immer ſtolzer, immer ſchöner, während Alles um ihn her litt und ſank. Wie viel Bangigkeiten verſchlang er, der arme Pitvu, welche traurige Betrachtungen war er über die Ungleichheit der Menſchen im Punkte der Glückſelig⸗ keit anzuſtellen genöthigt. Er, dem die Mädchen von Haramont, von Taille⸗ fontaine und von Vivieres huldigten, er, der auch ſeine Rendezvous im Walde gefunden hätte, und der, ſtatt ſtolz einherzugehen wie ein glücklicher Liebhaber, lieber wie ein geſchlagenes Kind vor der geſchloſſenen Thüre des Pavillon von Herrn Iſivor weinte. 4 Das war ſo, weil Pitou Catherine liebte, weil er ſie leidenſchaftlich liebte, weil er ſie um ſo mehr liebte, als er ſie über ihm erhaben fand. ren und an⸗ nne ous ags nen, igen bten erb⸗ Alles arme rdie elig⸗ aille⸗ auch der, aber, ſenen weil mehr 251 Er dachte nicht einmal mehr darüber nach, daß ſie einen Andern liebte. Nein, für ihn hatte Iſidor auf⸗ gehört, ein Gegenſtand der Eiferſucht zu ſein. Iſidor war würdig, geliebt zu ſein; aber Catherine, ein Mäd⸗ chen aus dem Volke, hätte vielleicht ihre Familie nicht entehren müſſen, oder ſie hätte wenigſtens Piton nicht in Verzweiflung bringen müſſen. Wenn er überlegte, hatte die Reflexion ſehr ſcharfe Spitzen, ſehr grauſame Stiche. „Wie!“ ſagte ſich Pitou,„es hat ihr dergeſtalt an Gemüth gefehlt, daß ſie mich hat gehen laſſen! Und ſeitdem ich gegangen bin, hat ſie nicht einmal die Ge⸗ wogenheit gehabt, ſich zu erkundigen, ob ich Hungers ge⸗ ſtorben. Was würde der Vater Billot ſagen, wenn er wüßte, daß man ſo ſeine Freunde verläßt, daß man ſo ſeine Angelegenheiten vernachläſſigt? Was würde er ſagen, wenn er wüßte, daß, ſtatt die Arbeit der Leute des Pachthofes zu beaufſichtigen, die Verwalterin des Hauſes ihrer Liebſchaft mit Herrn von Charny, einem Ariſtokraten, nachgeht! „Der Vater Billot würde nichts ſagen. Er würde Catherine umbringen. „Es iſt doch etwas,“ dachte Pitou,„es iſt etwas, in ſeinen Händen das leichte Mittel einer ſolchen Rache zu haben.“ Ja, doch es war ſchön, ſich deſſelben nicht zu be⸗ dienen. Pitou hatte es indeſſen ſchon erprobt, die miß⸗ kannten ſchönen Handlungen nützen denjenigen nicht, welche ſie vollbracht haben. Wäre es nicht möglich, Catherine zu wiſſen zu thun, daß man ſo ſchöne Handlungen vollbringe? Ei! mein Gott, nichts war leichter: man durfte nur Catherine an einem Sonntag beim Tanze anreden und ihr wie zufällig eines von den ſchrecklichen Wor⸗ ten ſagen, welche den Schuldigen offenbaren, daß ein Dritter ihr Geheimniß ergründet hat. 252 War die Sache nicht zu thun, und geſchähe es nur, um dieſe Hoffärtige ein wenig leiden zu ſehen? Doch um zum Tanze zu gehen, mußte man ſich abermals in Parallele mit dieſem ſchönen Herrn zeigen, und es war keine annehmbare Stellung für einen Rebenbuhler, dieſe Parallele mit einem ſo wohlgeform⸗ ten und ſo wohlgekleideten Mann. Erfindungsreich wie alle diejenigen, welche ihren Kummer zu conceutriren wiſſen, fand Piton etwas Beſſeres als das Geſpräch beim Tanze. Der Pavillon, in welchem die Rendezvous von Catherine mit dem Vicomte von Charny ſtattfanden, war umgeben von einem dichten Gehölze, das an den Wald von Villers⸗Cotterets ſtieß. Ein einfacher Graben bezeichnete die Grenze zwi⸗ ſchen dem Eigenthum des Grafen und dem Eigenthum des Privatmanns. Catherine, welche jeden Augenblick in den Ge⸗ ſchäften des Pachthofes nach den umliegenden Dörfern gerufen wurde, Catherine, welche, um zu dieſen Dör⸗ fern zu gelangen, nothwendig durch den Wald reiten mußte, Catherine, der man nichts ſagen konnte, ſo lange ſie in dieſem Walde war, hatte nur über den Graben zu ſetzen, um im Walde ihres Liebhabers zu ſein. Dieſer Punkt war gewiß als der vortheilhafteſte für das Leugnen gewählt. Der Pavillon beherrſchte dergeſtalt das Gehölze, daß man durch die ſchrägen, mit farbigen Gläſern ver⸗ ſehenen Luken Alles in der Umgebung wahrnehmen konnte, und der Ausgang dieſes Pavillon war ſo gut durch das Gehölze verborgen, daß eine Perſon, welche herausritt, ſich mit drei Sprüngen ihres Pferdes im Walde, das heißt auf neutralem Gebiete, befinden konnte. Pitou war aber ſo vft bei Tag und bei Nacht gekommen, er hatte ſo gut das Terrain ſtudirt, daß er den Ort, wo Catherine herauskam, ſo genau wußte. kuh Wa ihre der wäh den welc und reite Hin Geh Pite und hier kom den amt im rine erſch Buc er ſe er ſe erka ur, ich en, nen m⸗ ren vas von den, den wi⸗ m Ge⸗ fern ör⸗ iten ſo den ſein. teſte daß ver⸗ men gut elche erdes inden Kacht ß er ußte. 253 als der Wildſchütz den Wechſel weiß, wo die Hirſch⸗ kuh erſcheint, die er auf dem Anſtand ſchießen will. Nie kehrte Catherine gefolgt von Iſidor in den Wald zurück. Iſidor blieb einige Zeit nach ihr im Pavillon, um darüber zu wachen, daß ihr nichts bei ihrem Abgang begegnete; dann entfernte er ſich auf der entgegengeſetzten Seite, und Alles war vorbei. An dem Tag, den Piton für ſeine Demonſtration wählte, legte er ſich beim Wechſel von Catherine in den Hinterhalt; er ſtieg auf eine ungeheure Buche, welche mit ihren dreihundert Jahren den Pavillon und das Gehölze überragte. Es verging keine Stunde, bis er Catherine vorbei⸗ reiten ſah. Sie band ihr Pferd in einer Schlucht des Waldes an, und mit einem Sprung, wie eine erſchrockene Hindin, ſetzte ſie über den Graben und durchſchritt das Gehölze, das zum Pavillon führte. Catherine war gerade unter der Buche, auf der Pitou ſaß, vorübergekommen. Pitou brauchte nur von ſeinem Aſte herabzuſteigen und ſich an den Baumſtaum anzulehnen. Sobald er hier war, zog er aus ſeiner Taſche ein Buch, der Voll⸗ kommene Nationalgarde, das er zu leſen ſich den Anſchein gab. Nach einer Stunde drang das Geknarre einer Thüre an das Ohr von Pitou. Das Rauſchen eines Kleides im Blätterwerk wurde hörbar. Der Kopf von Cathe⸗ rine erſchien außerhalb der Zweige; ſie ſchaute mit erſchrockener Miene umher, ob ſie Niemand ſehen könne. Sie war zehn Schritte von Pitou. Unbeweglich und unempfindlich, hielt Piton ſein Buch in ſeinem Schooße. Mur ſtellte er ſich nicht mehr, als läſe er, und er ſchaute Catherine mit der Abſicht an, daß ſie ſehe, er ſchaue ſie an. Catherine gab einen halberſtickten Schrei von ſich, erfannte Piton, wurde bleich, als ob der Tod an ihr 254 vorübergezogen wäre und ſie berührt hätte, und nach einer kurzen Unentſchloſſenheit, die ſich im Zittern ihrer ände und im Zucken ihrer Schultern verrieth, ſtürzte ſie blindlings in den Wald, wo ſie ihr Pferd wieder fand, auf dem ſie entfloh. Die Falle von Pitou war gut gelegt geweſen, und Catherine hatte ſich fangen laſſen Piton kam nach Haramont halb glücklich, halb er⸗ ſchrocken zurück. Denn kaum hatte er ſich durch die Thatſache von dem, was er vollbracht, Rechenſchaft gegeben, als er in dieſem einfachen Schritt eine Menge erſchrecklicher Ein⸗ zelheiten erblickte, an die er Anfangs nicht gedacht. Der folgende Sonntag war in Haramont für eine militäriſche Feierlichkeit beſtimmt. Hinreichend inſtruirt, wenigſtens erklärten ſie ſich hiefür, hatten die Nationalgarden des Dorfes ihren Commandanten gebeten, ſie zu verſammeln und ſie eine öffentliche Uebung vornehmen zu laſſen. Einige durch die Rivalität in Bewegung geſetzte Dörfer, welche auch militäriſche Studien gemacht hat⸗ ten, ſollten nach Haramont kommen, um eine Art von Wettkampf mit ihren Aelteren in der Laufbahn der Waffen einzugehen. Eine Deputation von jedem dieſer Dörfer hatte ſich mit dem Generalſtab von Piton verſtändigt; ein Ackermann, ein ehemaliger Sergent, befehligte ſie. Die Ankündigung eines ſo ſchönen Schauſpiels machte eine große Anzahl Neugieriger im Sonntags⸗ ſtaat herbeilaufen, und das Marsfeld von Haramont wurde vom Morgen an von einer Menge von Mädchen und Kindern überſtrömt, denen langſamer, aber mit nicht geringerem Intereſſe die Väter und die Mütter der Streiter folgten. Es waren Anfangs Imbiſſe auf dem Graſe, fru⸗ gale Schwelgereien mit Obſt und Brodkuchen durch das klare Waſſer der Quelle angefeuchtet. Rick font ſein Har von tin Fin⸗ eine ſich hren eine ſetzte hat⸗ on n der hatte z ein . ſpiels tags⸗ amont ädchen r mit kütter e, fru⸗ ch das 255 Bald erſchollen vier Trommeln in verſchiedenen Richtungen; ſie kamen von Largny, von Vez, von Taille⸗ fontaine und von Viviéres. Haramont war ein Mittelpunkt geworden; es hatte ſeine vier Hauptpunkte. Die fünfte Trommel ging muthig und führte aus Haramont ihre drei und dreißig Nationalgarden. Man bemerkte unter den Zuſchauern einen Theil der adeligen und bürgerlichen Ariſtokratie, welche um zu lachen gekommen war. Dabei viele Pächter aus der Umgegend, die um zu ſehen gekommen waren. Bald trafen auf zwei Pferden neben einander Ca⸗ therine und die Mutter Billot ein. Das war der Augenblick, wo die Nationalgarde von Haramont aus dem Dorfe ausmündete, mit einem Pfeifer, einem Trommler und ihrem Commandanten Pitou auf einem großen Schimmel, den ihm ſein Lieutenant Maniquet geliehen hatte, damit die Nach⸗ ahmung von Paris vollkommener wäre und der Herr Marquis von Lafayhette ad vivum in Haramont reprä⸗ ſentirt würde. Strahlend vor Stolz, mit würdevoller Haltung, ritt Piton, den Degen in der Hand, auf dem breiten Roß mit goldener Mähne, und, ohne Spott, er ſtellte, wenn nicht etwas Elegantes und Ariſtokratiſches, we⸗ nigſtens etwas Kräftiges und Beherztes vor, was mit Vergnügen anzuſchauen war. Der ſiegreiche Aufmarſch von Pitou und ſeinen Leuten, das heißt von denjenigen, welche die Provinz z. geſetzt hatten, wurde durch freudigen Zuruf egrüßt. Die Nationalgarde von Haramont hatte gleiche Hüte, alle geſchmückt mit der Nationalcocarde, glänzende Flinten, und marſchirte in zwei Gliedern mit einem ſehr befriedigenden Geſammtweſen. Als ſie auf den Exercirplatz kam, hatte ſie auch wonnen. Piton erblickte aus dem Augenwinkel Catherine. Er erröthete, ſie erbleichte. Die Revue hatte von dieſem Augenblick an für ihn) mehr Intereſſe als für Jedermann. Er ließ die Leute zuerſt das einfache Exercitium mit der Flinte machen, und jede Bewegung, die er commandirte, wurde ſo pünktlich ausgeführt, daß die Luft von Bravos erſcholl. Nicht dasſelbe war bei den anderen Dörfern der Fall; ſie zeigten ſich matt und unregelmäßig. Halb be⸗ waffnet, halb unterrichtet, fühlten ſich die Einen ſchon demoralifirt durch die Vergleichung, die Andern über⸗ trieben hochmüthig, was ſie am Tage vorher ſo gut wußten. Alle gaben nur unvollkommene Reſultate. Doch vom Exercitium ſollte man zum Manveuvre übergehen. Hier erwartete der Sergent ſeinen Wett⸗ eiferer Pitou. Der Sergent hatte, in Betracht ſeines Dienſtalters, das Obercommando erhalten, und es handelte ſich für ihn ganz einfach darum, die hundert und ſiebenzig Mann der Hauptarmee marſchiren und manveuvriren zu laſſen. Er konnte es nicht zu Stande bringen. Seinen Degen unter dem Arm und ſeinen getreuen Helm auf dem Kopfe ſchaute Piton mit dem Lächeln des überlegenen Mannes zu. Als der Sergent die Spitzen ſeiner Colonne unter den Bäumen des Waldes hatte verſchwinden ſehen, wäh⸗ rend die Schweife den Weg nach Haramont einſchlugen; als er ſeine Carrés ſich in unrichtigen Entfernungen hatte zerſtreuen ſehen; als er die Rotten auf eine ſehr unerfrenliche Art hatte ſich vermengen und die Rotten⸗ führer ſich verirren ſehen, verlor er den Kopf, unb ſchon alle Stimmen der Verſammlung für ſich ge⸗ 3 S SS 257 wurde mit einem mißbilligenden Gemurmel von ſeinen zwanzig Soldaten begrüßt. Ein Schrei erſcholl auf der Seite von Haramont. „Pitou! Pitou! Pitou!“ hn„Ja, ja, Pitou!“ riefen die Leute von anderen Dörfern, wüthend über ihre geringeren Fähigkeiten, die ſie liebreich ihren Inſtructoren zuſchrieben. 83 Piton beſtieg wieder ſeinen Schimmel, kehrte zu die ſeiner Mannſchaft zurück, die er an die Spitze der Armee ſtellte, und ließ ein Commando von einer ſolchen der Stärke und mit einem ſo herrlichen Baß hören, daß die Eichen darüber erbebten. Auf der Stelle und wie durchein Wunder bildeten er⸗ ſich die in Unordnung gerathenen Glieder wieder; die ut befohlenen Bewegungen wurden mit einer Ueberein⸗ 8 ſtimmung ausgeführt, deren Regelmäßigkeit der Enthu⸗ ſiasmus nicht ſtörte, und Piton wandte ſo glücklich in uvre der Praris die Lectionen des Vater Clouis und die zett⸗ Theorie des Vollkommenen Nationalgarde an, daß er einen ungeheuren Succeß erlangte. ters Einmüthig und einſtimmig ernannte ihn das Heer für auf dem Schlachtfelde zum Imperator. nzig Pitou ſtieg, in Schweiß gebadet und trunken vor Stolz, von ſeinem Pferde und empfing, als er den Boden iren berührte, die Glückwünſche der Völker. Zu gleicher Zeit ſuchte er aber unter der Menge euen den Blicken von Catherine zu begegnen. heln Plötzlich ertönte die Stimme des Mädchens an ſeinem Ohr. unter Pitou hatte nicht nöthig, zu Catherine zu gehen, wäh⸗ Catherine war zu ihm gekommen. Der Triumph war groß. igenz„Nun!“ ſprach ſie mit einer lachenden Miene, uhr welche ihr bleiches Geſicht Lügen ſtrafte,„wie! Herr ſe Ange, Sie ſagen uns nichts? Sie find ſtolz geworden, weil Sie ein großer General ſind...“ „ Ange Pitou. M. 17 2⁵⁸ „Oh! nein,“ rief Piton,„oh! guten Morgen Mademoiſelle!“ e Dann zu Frau Billot: „Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen, Frau Billot.“ Und zu Catherine zurückkehrend: „Sie täuſchen ſich, Mademoiſelle, ich bin kein großer General, ich bin nur ein aumer Junge, beſeelt von dem Wunſche, meinem Vaterlande zu dienen.“ Dieſes Wort wurde auf den Wogen der Menge fortgetragen und unter einem Sturme von Acclama⸗ tionen für ein erhabenes Wort erklärt. „Ange,“ ſagte leiſe Catherine,„ich muß mit Ihnen ſprechen.“ „Ah! ah!“ dachte Pitou,„da ſind wir.“ Dann erwiederte er laut: „Zu Ihren Befehlen, Mademviſelle.“ Fannen Sie baid mit uns in den Pachthof zurück.“ „Gut.“ TLXVIII. Der Honig und der Wermuth. Catherine hatte es ſo eingerichtet, daß ſie mit Pitou allein war, trotz der Gegenwart ihrer Mutter. Die gute Frau Billot hatte ein paar gefallige Nachbarinnen gefunden, welche, das Geſpräch unterhal⸗ tend, ihrem Pferde folgten, während Catherine, die das ihrige einer von ihnen überlaſſen hatte, zu Fuß mit Pitou, der ſich ſeinen Triumphen entzogen, durch den Wald ging. Ueber ſolche Anordnungen wundert ſich Niemand auf dem Lande, wo alle Geheimniſſe von ihrer Wichtig⸗ eir nit ige al⸗ die uß rch ind 259 keit durch die Nachſicht verlieren, die man ſich gegen⸗ ſeitig bewilligt. Man fand es natürlich, daß Piton mit Frau Billot und ihrer Tochter zu reden hatte; vielleicht bemerkte man es nicht einmal. An dieſem Tage hatte Jeder ſein Intereſſe in der Stille und in der Tiefe der Schatten. Alles, was Ruhm oder Gluck iſt, ſucht ein Obdach unter den hundert⸗ jährigen Eichen in den waldreichen Gegenden. „Hier bin ich, Mademoiſelle Catherine,“ ſagte Pitou, als ſie allein waren. „Warum ſind Sie ſo lange vom Pachthofe ver⸗ ſchwunden geblieben?“ fragte Catherine;„das iſt ſchlimm, Herr Pitou.“ „Aber, Mademviſelle,“ entgegnete Piton erſtaunt, „Sie wiſſen wohl...“ „Ich weiß nichts... Das iſt ſchlimm.“ Pitou kniff ſich die Lippen, es widerſtrebte ihm, Catherine lügen zu ſehen. Sie bemerkte es. Sonſt war der Blick von Piton gewöhnlich gerade und ehrlich; er hatte eine ſchiefe Richtung. „Hören Sie, Herr Piton,“ ſprach ſie,„ich habe Ihnen etwas Anderes zu ſagen.“ „Ah!“ machte er. „Neulich bei der Strohhütte, wo ſie mich geſehen haben... „Wo habe ich Sie geſehen?“ „Ah! Sie wiſſen wohl.“ „Ich weiß. Ste erröthete. „Was machten Sie dort?“ ſagte ſie. „Sie haben mich alſo erfannt?“ fragte er mit einem ſanften, ſchwermüthigen Vorwurf. „Anfangs nein, doch hernach ja.“ „Wie hernach?“ 17 260 „Man iſt zuweilen zerſtreut; man geht ohne zu wiſſen, und dann überlegt man.“ „Sicherlich.“ Sie verſank wieder in ein Stillſchweigen, er auch; der Eine und die Andere hatten zu viele Dinge zu denken, um ſo gerade heraus zu ſprechen. „Kurz,“ ſagte Catherine,„Sie waren es?“ „Ja, Mademoiſelle.“ „Was machten Sie denn dort? Waren Sie nicht verſteckt?“ „Verſteckt? nein. Warum ſollte ich verſteckt ge⸗ weſen ſeyhn?“ Ah! die Neugierde...“ . „Ich bin nicht neugierig Sie ſtieß ungeduldig mit ihrem kleinen Fuß auf den Boden. „So viel iſt immerhin gewiß, daß Sie da waren, und daß dies kein gewöhnlicher Ort fuͤr Sie iſt.“ „Mademoiſelle, Sie haben geſehen, daß ich las.“ „Ah! ich weiß nicht.“ „Da Sie mich geſehen, ſo müſſen Sie es wiſſen.“ „Ich habe Sie geſehen, das iſt wahr, doch nicht genau. Und Sie laſen?“ „Den Vollkommenen Nationalgarde.“ „Was iſt das?“ „Ein Buch, aus dem ich die Taktik lerne, um her⸗ nach meine Leute darin zu unterweiſen, und um gut zu ſtudiren, muß man, wie Sie wiſſen, bei Seite gehen.“ „Das iſt im Ganzen wahr, und dort, am Saume des Waldes, ſtört Sie nichts.“ „Nichts.“ Reues Stillſchweigen. Die Mutter Billot und die Gevatterinnen gingen immer weiter. „Wenn Sie ſo ſtudiren,“ ſagte Catherine,„ſtudiren Sie lange?“ „Oft ganze Tage.“ „Alſo waren Sie lange dort?“ rief Catherine lebhaft. „— e—— — c 8 ren aft. 261 „Sehr lange.“ „Es iſt wunderbar, daß ich Sie nicht ſah, als ich dahin kam.“ Hier log ſie, und zwar ſo dreiſt, daß Piton Luſt hatte, ſie davon zu überzeugen; doch er ſchämte ſich für ſie; er war verliebt und folglich ſchüchtern; alle dieſe Fehler verliehen ihm eine gute Eigenſchaft: die Behutſamkeit. „Ich werde geſchlafen haben,“ ſagte er;„das ge⸗ ſchieht zuweilen, wenn man zu viel mit dem Kopf ge⸗ arbeitet hat.“ „Und während Ihres Schlafes bin ich in den Wald gegangen, um Schatten zu haben. Ich ging... ich ging bis zu den alten Mauern des Pavillon.“ „Ah!“ verſetzte Piton,„des Pavillon.. welches Pavillon?“ Catherine erröthete abermals. Die Unwiſſenheit war diesmal zu erkünſtelt, als daß ſie hätte daran glauben können. „Des Pavillon von Charny,“ erwiederte ſie Ruhe heuchelnd.„Dort wächſt die beſte Hauswurz der Ge⸗ gend.“ „Potz tauſend!“ „Ich hatte mich bei der Wäſche gebrannt, und ich brauchte Blätter.“ Ange, als hätte er zu glauben geſucht, warf, der Unglückliche, einen Blick auf die Hände von Catherine. „Nicht an den Händen, am Fuß,“ ſagte ſie raſch. „Und Sie haben gefunden?“ „Vortrefflich; ſehen Sie, ich hinke nicht mehr.“ „Sie hinkte noch weniger, als ich ſie ſchneller als ein Reh durch das Gebüſche entfliehen ſah,“ dachte Piton. Catherine ſtellte ſich vor, es ſei ihr geglückt; ſie keu ſich vor, Piton habe nichts gewußt, nichts ge⸗ ehen. Einer Bewegung der Freude nachgebend, einer ſchlimmen Bewegung für eine ſo ſchöne Seele, ſagte ſie: 262 „Alſo Herr Piton ſchmollte mit uns; Herr Pitou iſt ſtolz auf ſeine neue Stellung; Herr Pitou ver⸗ achtet die armen Bauern, ſeitdem er Officier iſt.“ Pitou fühlte ſich verletzt. Ein ſo großes Oyfer, ſelbſt wenn man es verhehlt, verlangt beinahe immer belohnt zu werden, und da ihn Catherine im Gegen⸗ theil zu myſtificiren ſchien, da ſie ihn durch Vergleichung, ohne Zweifel, mit Iſidor von Charny verſpottete, ſo verſchwand alle gute Geſinnung von Piton; die Eitel⸗ keit iſt eine ſchlaſende Schlange, auf welche zu treten nie klug iſt, wenn man ſie nicht mit dem Tritte zer⸗ malmt. „Mademoiſelle,“ ſagte er,„mir ſcheint, daß Sie vielmehr mit mir ſchmollten.“ „Wie ſo?“ „Einmal haben Sie mich vom Pachthofe wegge⸗ jagt, indem Sie mir Arbeit verweigerten; oh! ich habe nichts davon Herrn Billot geſagt. Gott ſei Dank ich beſitze Arme und Muth im Dienſte meiner Bedürfniſſe.“ „Ich verſichere Sie, Herr Pitou.. „Genug, Mademviſelle, Sie ſind die Gebieterin in Ihrem Hauſe. Sie haben mich alſo weggejagt; da Sie ſodann in den Pavillon von Charny gingen und ich dort war, und da Sie mich geſehen haben, ſo war es an Ihnen, mit mir zu ſprechen, ſtatt zu entfliehen wie ein Aepfeldieb.“ Die Schlange hatte gebiſſen, Catherine ſiel von der Höhe ihrer Ruhe herab. „Entfliehen,“ ſagte ſie;„ich entfloh?“ „Als brennte es im Pachthofe; ich hatte noch nicht Zeit gehabt, mein Buch zu ſchließen, als Sie ſchon auf dem im Blätterwerk verborgenen armen Cadet ſaßen, der die ganze Rinde einer Eſche gefreſſen hat, ein verlorener Baum.4 „Ein verlorener Baum, aber was ſagen Sie mir denn da, Herr Piton?“ ſtammelte Catherine, welche —* X5*8 in d ar en on ch on det at, nir che 263 wie ſie ihre ganze Dreiſtigkeit zu verlaſſen anfing. „Das iſt ſehr natürlich: während Sie Hauswurz ſuchten, fraß Cadet, und in einer Stunde frißt ein Pferd teufelmäßig viel Dinge ab.“ Catherine rief: „In einer Stunde!“ „Es iſt unmöglich, Mademoiſelle, daß ein Pferd einen Baum wie dieſen in weniger als einer Stunde mit den Zähnen abſchält. Sie mußten Hauswurz für ſo viele Wunden ſammeln, als auf dem Platze der Baſtille gemacht worden ſind; das iſt eine herrliche Pflanze für Kataplasmen.“ Ganz bleich und außer Faſſung gebracht, fand Catherine kein Wort mehr. Pitou ſchwieg auch, er hatte genug geſagt. Die Mutter Billot hielt gerade auf einem Kreuz⸗ wege an, um von den Gevatterinnen Abſchied zu nehmen. Pitou, auf die Folter geſpannt, denn er hatte ſich eine Wunde verſetzt, deren Schmerz er fühlte, wiegte ſich bald auf einem, bald auf dem andern Beine, wie ein Vogel, der zu entfliegen im Begriffe iſt. „Nun, was ſagt der Officier?“ rief die Pächterin. „Er ſagt, er wünſche Ihnen einen guten Abend, Frau Billot.“ „Noch nicht; bleiben Sie,“ ſprach Catherine mit einem beinahe verzweifelten Ausdruck. „Guten Abend,“ erwiederte die Pächterin.„Kommſt Du, Catherine?“ „Oh! ſagen Sie mir doch die Wahrheit!“ flüſterte das Mädchen. „Welche?“ „Sie ſind alſo nicht mehr mein Freund?“ „Ach!“ ſeufzte der Unglückliche, der, noch ohne Erfahrung, in der Liebe durch den erſchrecklichen Dienſt der Vertrauten debutirte, eine Rolle, aus der nur die 264 Gewandten einen Nutzen zum Nachtheil ihrer Eitelkeit zu ziehen wiſſen. Piton fühlte, daß ihm ſein Geheimniß auf die Lippen trat; er fühlte, daß das erſte Wort von Cathe⸗ rine ihn ihrer Willkür anheimgeben würde. Er fühlte aber auch zugleich, daß es um ihn ge⸗ ſchehen war, wenn er ſprach; er fühlte, daß er vor Schmerz an dem Tage ſterben würde, wo ihm Cathe⸗ rine das verkündigte, was er nur ahnen ließ. Dieſe Furcht machte ihn ſtumm wie ein Römer. Er verbeugte ſich mit einer Ehrerbietung, die ihr das Herz durchbohrte; er grüßte Frau Billot mit einem freundlichen Lächeln und verſchwand im Dickicht des Waldes. Catherine machte unwillkürlich einen Sprung, als wollte ſie ihm folgen. Die Mutter Billot ſagte zu ihrer Tochter: „Dieſer Junge hat ſeine guten Seiten; er iſt ge⸗ lehrt und er hat Herz.“ Als Pitou allein war, begann er einen langen Monolog über dieſes Thema. „Nennt man das die Liebe? Das iſt ſehr un⸗ ſchmackhaft in gewiſſen Augenblicken, und ſehr bitter in andern.“ Der arme Junge war ſo naiv und ſo gut, daß er nicht bedachte, es gebe in der Liebe Wermuth und Honig, und Herr Iſidor habe den Honig für ſich ge⸗ wonnen. Von dieſem Augenblick an, wo ſie entſetzlich ge⸗ litten, faßte Catherine für Piton eine Art von Ehr⸗ furcht, die ſie ein paar Tage vorher entfernt nicht für dieſen harmloſen und grotesken Menſchen gehabt hatte. Wenn man keine Liebe einffößt, iſt es nicht un⸗ arlig, ein wenig Furcht einzuflößen, und Pitou, der großen Appetit nach perſönlicher Würde beſaß, würde es nicht wenig geſchmeichelt haben, wenn er dieſes Gefühl bei Catherine entdeckt hätte. o——— c„ ——* n⸗ er aß nd e⸗ e⸗ r⸗ te. in⸗ der rde ſes 265 Da er aber nicht ſtark genug in der Phyſiologie war, um die Ideen einer Frau auf eine Entfernung von anderthalb Meilen zu errathen, ſo beſchränkte er ſich darauf, daß er viel weinte und ſich immer wieder eine Menge von traurigen Dorflievern auf die melancholiſch⸗ ſten Melodien vorfand. Seine Armee wäre ſehr enttäuſcht geweſen, wenn ſie ihren General ſo elegiſchen Jeremiaden preisgegeben geſehen hätte. Als Piton viel geſungen, viel geweint hatte, viel marſchirt war, kehrte er nach ſeiner Stube zurück, vor der die abgöttiſchen Haramonter eine Schildwache, das Gewehr im Arm, aufgeſtellt hatten, um ihm Ehre zu erweiſen. Die Schildwache hatte nicht mehr das Gewehr im Arm, ſo ſehr war ſie betrunken; ſie ſchlief auf der Steinbank, mit der Flinte zwiſchen ihren Beinen. Erſtaunt weckte ſie Piton auf. Er erfuhr ſodann, daß die dreißig guten Leute einen Schmaus beim Vater Tellier, dem Vatel von Haramont, beſtellt hatten; daß zwölf von den begei⸗ ſtertſten Gevatterinnen die Sieger dort bekränzten, und daß man den Ehrenplatz für den Turenne, der den Condé des benachbarten Canton geſchlagen, auf⸗ bewahrt hatte. Das Herz war bei Pitou zu ſehr angegriffen wor⸗ den, als daß der Magen nicht gelitten haben ſollte. „Man iſt erſtaunt,“ ſagt Chateaubriand,„über die Menge der Thränen, welche das Auge eines Königs enthält; aber man hat nie die Leere meſſen können, welche die Thränen in den Magen eines Erwachſenen machen.“ Von ſeiner Schildwache in den Bankettſaal fort⸗ gezogen, wurde Pitou mit einem Zuruf, um die Mauern zu erſchüttern, empfangen. Er grüßte ſtillſchweigend, ſetzte ſich ebenſo und 266 griff mit der Ruhe, die man an ihm kennt, die Kalbs⸗ ſchnitten und den Salat an. Das dauerte die ganze Zeit, die ſein Herz brauchte, um abzuſchmollen, und ſein Magen, um ſich anzufüllen. LXIX. unvorhergeſehene Entwickelung. Ein Bankett zu einem Schmerz, das iſt ein noch ſtärkerer Schmerz oder die völlige Tröſtung. Pitou bemerkte nach Verlauf von zwei Stunden, daß es kein Zuwachs an Schmerzen war.. Er ſtand auf, als alle ſeine Gefährten nicht mehr aufſtehen konnten. Er hielt eine Rede an ſie über die Mäßigkeit der Spartaner, als Alle bis zur Bewußtloſigkeit berauſcht waren. Und er ſagte ſich, es wäre gut, ſpazieren zu gehen, indeß Alle unter dem Tiſche ſchnarchten. Was die jungen Madchen von Haramont betrifft, ſo ſind wir es ihrer Eyre ſchuldig, zu erklären, daß ſie vor dem Nachtiſch verſchwunden waren, ohne daß ihr ihre Beine und ihr Herz bezeichnend geſprochen atten. Pitou, der Brave der Braven, konnte nicht umhin, einige Betrachtungen anzuſtellen. Von all dieſer Liebe, von allen dieſen Reichthü⸗ mern, von allen dieſen Schönheiten, blieb ihm nichts mehr im Gedächtniß, als die letzten Blicke und die letz⸗ ten Worte von Catherine. Er erinnerte ſich, in dem Halbdunkel, das ſein Ge⸗ dächtniß bedeckte, daß mehrere Male die Hand von Catherine die ſeinige berührt, daß die Schulter von Catherine freundſchaftlich die ſeinige geſtreift hatte, daß S N N N — 8 8 267 ſogar in den Stunden der Erörterung gewiſſe Vertrau⸗ lichkeiten von Catherine ihm alle ihre Vorzüge und alle ihre Lieblichkeiten enthüllt hatten. Dann ebenfalls trunken von dem, was er bei kal⸗ tem Blute vernachläſſigt, ſuchte er um ſich her, wie es ein Menſch thut, der eben erwacht. Er fragte die Schatten, warum ſo viel Strenge gegen eine junge Frau voller Liebe, Süßigkeit und An⸗ muth; gegen eine junge Frau, welche beim Eintritt in das Leben eine Chimäre gehabt haben konnte. Ach! wer hatte nicht die ſeinige? Pitou fragte ſich auch, warum es ihm, einem Bären, einem Häßlichen, einem Armen, ſogleich gelun⸗ gen ſein ſollte, Liebesgefühle dem hübſcheſten Mädchen der Gegend einzuflößen, während bei dieſem Mädchen ein ſchöner adeliger Herr, der Pfau der Gegend, das Rad zu ſchlagen ſich die Mühe gab. Pitou ſchmeichelte ſich ſodann, ſein Verdienſt zu haben; er verglich ſich mit dem Veilchen, das heimlich und unſichtbar ſeine Düfte ausſtrömt. Unſichtbar, was die Düfte betrifft, das war ein wenig zu wahr; doch die Wahrheit iſt im Wein, ſogar in dem von Haramont. So durch die Philoſophie gegen die ſchlimmen Nei⸗ gungen wieder geſtählt, geſtand ſich Pitou, er habe ge⸗ gen das Mädchen ein unpaſſendes, wenn nicht ver⸗ dammenswerthes Benehmen beobachtet. Er ſagte ſich, das ſei das Mittel, zu machen, daß man einen verabſcheue, die Berechnung ſei höchſt ſchlecht; geblendet durch Herrn von Charny, werde Catherine den Vorwand nehmen, die glänzenden und ſoliden Eigen⸗ ſchaften von Pitou nicht anzuerkennen, wenn Piton jenen ſchlimmen Charakter offenbare. Er müſſe alſo einen Beweis von einem guten Cha⸗ rakter gegen Catherine geben. Und wie? Ein Lovelace hätte geſagt: Dieſe junge Perſon be⸗ 268 trügt mich und treibt ihr Spiel mit mir, ich werde ſie betrügen und mich über ſie luſtig machen. Ein Lovelace hätte geſagt: Ich werde ſie verachten, ich werde ſie wegen ihrer Liebe als einer Schänvlich⸗ keit beſchämen. Ich werde ſie einſchüchtern, ich werde ſie ent⸗ ehren, ich werde machen, daß ſie die Pfade der Rendez⸗ vous dornig findet. Pirvu, dieſe gute Seele, dieſe ſchöne Seele, glühend durch den Wein und das Glück, ſagte ſich, er werde Catherine ſo beſchämen, daß ſie einen Jungen wie ihn nicht liebe, daß er ſich eines Tags geſtehen werde, er habe andere Ideen gehabt. Und dann, müſſen wir es ſagen? die keuſchen An⸗ ſichten von Piton konnten es nicht zulaſſen, die keuſche, die ſtolze, die ſchöne Catherine ſei etwas Anderes für Herrn Iſidor, als eine Coquette, welche den Spitzen⸗ jabots und den ledernen Beinkleidern in beſpornten Stiefeln zulächle. Welchen Kummer konnte es aber dem trunkenen Pitou machen, daß ſich Catherine in ein Jabot und in einen Sporn verliebt hatte? An einem ſchönen Tag würde Herr Iſidor nach der Stadt gehen, eine Gräfſin heirathen, Catherine nicht mehr anſchauen, und der Roman hätte ein Ende. Alle dieſe eines Greiſes würdige Betrachtungen gab der Wein, der die Alten verjüngt, unſerem wackeren Commandanten der Nationalgarde von Haramont ein. Um nun Catherine wohl zu beweiſen, er ſei ein Menſch von gutem Charakter, beſchloß er, eines um das andere die ſchlimmen Worte von dieſem Abend wieder zu verwiſchen. Um dies zu thun, mußte er vor Allem Catherine wieder erwiſchen. Die Stunden exiſtiren nicht für einen trunkenen Menſchen, der keine Uhr hat. Pitou beſaß keine Uhr, und er hatte nicht zehn — — er„ — 8 5 W 5 269 Schritte außer dem Hauſe gemacht, als er trunken war wie ein Bacchus oder ſein vielgeliebter Sohn Theſpis. Er erinnerte ſich nicht mehr, daß er ſeit mehr als drei Stunden Catherine verlaſſen hatte, und daß Ca⸗ therine, um nach Piſſeleur zurückzukehren, höchſtens eine kleine Stunde brauchte. Er ſtürzte in den Wald und ſchritt kühn quer durch die Bäume, um Piſſeleur mit Vermeidung der Winkel der gebahnten Wege zu erreichen. Laſſen wir ihn mit gewaltigen Fußtritten und Stockſtreichen die Bäume, die Büſche, die Sträuche des Waldes des Herzogs von Orleans beſchädigen, der ihm die Streiche mit Wucher zurückgab. Begeben wir uns wieder zu Catherine, welche, nachdenkend und troſtlos, mit ihrer Mutter nach Hauſe kehrte. Einige Schritte vom Pachthofe iſt ein Sumpf; bei dieſer Stelle wird der Weg ſchmäler, und zwei Pferde, welche neben einander gekommen ſind, müſſen hinter einander gehen. Die Mutter Billot ritt voran. Catherine wollte auch weiter reilen, als ſie ein leichtes Pfeifen hörte, das einen Ruf bedeutete. Sie wandte ſich um und erblickte im Schatten die Treſſen einer Mütze, welche die des Lackeis von Iſidor war. Sie ließ ihre Mutter ihres Weges ziehen, was dieſe auch ohne Beſorgniß that, da man nur hundert Schritte vom Pachthof entfernt war. Der Lackei kam auf ſie zu und ſagte. „Mademviſelle, Herr Iſidor muß Sie nothwendig heute Abend ſehen; er bittet ſie, ihn um eilf Uhr irgendwo, wo Sie wollen, zu erwarten.“. „Mein Gott!“ verſetzte Catherine,„ſollte ihm ein Unglück widerfahren ſein?“ „Ich weiß es nicht, Mademoiſelle; doch er hat heute Abend von Paris einen ſchwarz geſiegelten Brief erhalten; ich bin ſchon ſeit einer Stunde hier.“ 270 Es ſchlug zehn Uhr in der Kirche von Villers⸗ Potterets, und die Stunden zogen eine nach der andern, in der Luſt bebend, auf ihren ehernen Flügeln getragen vorüber. Catherine ſchaute umher. „Der Ort iſt dunkel und abgelegen,“ ſagte ſie; „ich werde Ihren Herrn hier erwarten.“ Der Lackei ſtieg wieder zu Pferde und ritt im Galopp weg. Catherine kehrte ganz zitternd hinter ihrer Mutter in den Pachthof zurück. Was konnte ihr Iſidor zu einer ſolchen Stunde zu eröffnen haben, wenn nicht ein Unglück? Ein Liebesrendezvous entlehnt lachendere Formen. Doch das war nicht die Frage, Iſidor verlangte ein Rendezvous in der Nacht, gleichviel zu welcher Stunde, gleichviel an welchem Ort: ſie hätte ihn auf dem Friedhofe von Villers⸗Cotterets um Mitternacht erwartet. Sie wollte alſo nicht einmal nachdenken, küßte ihre Mutter und zog ſich in ihr Zimmer zurück, ſchein⸗ bar, um ſich ſchlafen zu legen. Ihre Mutter kleidete ſich ohne Mißtrauen aus und ging ſelbſt zu Bette. Wenn ſie aber auch mißtraut hätte, war Catherine nicht Gebieterin auf höheren Befehl? Als Catherine in ihr Zimmer zurückgekehrt war, kleidete ſie ſich weder aus, noch legte ſie ſich nieder. Sie wartete. Sie hörte halb eilf Uhr ſchlagen, dann drei Viertel auf eilf Uhr. Um drei Viertel auf eilf Uhr löſchte ſie ihre Lampe aus und eilte in's Speiſezimmer hinab. Die Fenſter des Speiſezimmers gingen auf den Weg; ſie öffnete ein Fenſter und ſprang leiſe zu Boden. Sie ließ dag, Fenſter offen, um zurückkehren zu können, und legte nur einen von den Läden am Kreuz⸗ ſtock an. —— e— —48 3 3 8 6„ en n. zu 3 271 Dann lief ſie in der Nacht an die bezeichnete Stelle, und hier das Herz bebend, die Beine zitternd, eine Hand an ihrem brennenden Kopf, die andere auf ihrer Bruſt. welche dem Zerſpringen nahe, wartete ſie. Sie hatte nicht lange zu warten. Das Geräuſch laufender Pferde drang an ihr Ohr. Sie machte einen Schritt vorwärts. Iſidor war bei ihr. Der Lackei blieb zurück. Ohne vom Pferde zu ſteigen, ſtreckte Iſidor die Arme nach ihr aus, hob ſie vom Steigbügel empor, küßte ſie und ſagte: „Catherine, ſie haben geſtern in Verſailles meinen Bruder Georges getödtet; Catherine, mein Bruder Olivier ruft mich; Catherine, ich gehe.“ Ein ſchmerzlicher Ausruf erſcholl. Catherine ſchloß Charny wüthend in ihre Arme. „Oh!“ rief Catherine,„ſie haben Ihren Bruder Georges getödtet, ſie werden Sie auch tödten.“ „Catherine, was auch geſchehen mag, mein älteſter Bruder erwartet michz Catherine, Sie wiſſen, ob ich Sie liebe.“ „Oh! bleiben Sie, bleiben Sie!“ rief Catherine, die von dem, was ihr Iſidor ſagte, nur Eines begriff: daß er gehe. „Aber die Ehre, Catherine! aber mein Bruder Georges! aber die Rache!“ „Oh! ich Unglückliche!“ rief Catherine. Und ſie warf ſich ſtarr und zuckend in die Arme von Iſidor. Eine Thräne entquoll ſeinen Augen und fiel auf den Hals des Mädchens. „Oh! Sie weinen,“ ſagte ſie;„Dank, Dank! Sie lieben mich!“ zAh! ja, ja, Catherine, ich liebe Dich. Aber be⸗ greifſt Du, Calherine, mein Bruder, der älteſte, ſchreibt mir: komm; ich muß gehorchen.“ „.— 272 „Gehen Sie alſo,“ ſprach Catherine, ich hulte Sie nicht zürück.“ Einen letzten Kuß, Catherine.“ „Gott befohlen!“ ünd in ihr Schickſal ergeben, denn ſie hatte be⸗ griffen, daß Iſidor nichts abhalten würde, dem Befehle ſeines Bruders zu gehorchen, glitt Catherine aus den Armen ihres Geliebten auf den Boden. Iſidor wandte die Augen ab, ſeufzte, zögerte einen Augenblick, aber fortgezogen durch den unwiderſtehlichen Befehl, den er erhalten, ſetzte er, Catherine ein letztes Lebewohl zuwerfend, ſein Pferd in Galopp. Der Lackei folgte ihm querfeldein. Catherine blieb auf dem Boden, auf der Stelle, wohin ſie gefallen war, und verſperrte mit ihren Leib den ſchmalen Weg. Hügel ein Menſch, der von Villers⸗Cotterets herkam; er ging mit großen Schritten in der Richtung des Pacht⸗ hofes und ſtieß in ſeinem raſchen Lauf an den lebloſen Körper, der auf dem Pflaſter der Straße lag. Er verlor das Gleichgewicht, ſtolperte, rollte, und fand ſich erſt zurecht, als er mit ſeinen Händen den trägen Körper berührte. „Catherine!“ rief er,„Catherine todt!“ Und er ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus, einen Schrei, der die Hunde des Pachthofes heulen machte. „Oh!“ fuhr er fort,„wer hat denn Catherine ge⸗ tödtet?“ Und er ſetzte ſich bleich, zitternd, eiskalt nieder und Einde.*) 5 *) Die Fortſetzung der Denkwürdigkeiten eines Arztes, von denen Ange Piton die dritte Abtheilung bildet, iſt von Alerandre Dumas in baldige Ausſicht geſtellt. ——— Beinahe in demſelben Augenblick erſchien auf dem legte dieſen lebloſen Körper quer über ſeinen Schooß. ſſ 14 15 16 1 8 9 10 11 12 13 2 „