1 Leihbiblivthek 166 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. „ Seih und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ l pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 6 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ binterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für entie 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „„ 2 5. 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Leider iſt eines der erſten Bedürfniſſe des Volks nach dem Siege die Zerſtörung. Man hatte ſich der Archive der Baſtille bemäch⸗ tigt. Es war ein weiter, mit Regiſtern und Plänen gefüllter Saal; die Acten von allen ſeit hundert Jah⸗ ren in der Baſtille eingeſchloſſenen Gefangenen lagen hier in Verwirrung aufgehäuft. Das Volk zerriß dieſe Papiere voll Wuth; ohne Zweifel dünkte es ihm, wenn es alle die Gofängniß⸗ regiſter zerreiße, gebe es auf eine geſetzliche Weiſe den Gefangenen die Freiheit. Gilbert trat ein; unterſtützt von Pitou, durchſuchte er die Regiſter, welche noch aufrecht in den Fächern ſtanden; die Regiſter des laufenden Jahres fanden ſich nicht. Der Doctor, ein ruhiger, kalter Mann, ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuße. In dieſem Augenblicke gewahrte Pitou einen von den heldenmüthigen Straßenjungen, wie es immer noch bei den Volfsſiegen gibt; er lief nach dem Feuer und trug auf ſeinem Kopf einen Band, der ſeiner ganzen Form nach dem, welchen der Doctor Gilbert durch⸗ blätterte, ähnlich war. Ange Pitou. U. 1 — Piton eilte ihm nach und hatte ihn mit ſeinen langen Beinen bald eingeholt. Es war das Regiſter vom Jahre 1789. Die Unterhandlung dauerte nicht lange. Piton gab ſich als Sieger zu erkennen, erklärte, ein Gefange⸗ ner bedürfe des Regiſters, und der Straßenjunge trat es ihm ab und tröſtete ſich mit den Worten: „Bah! ich werde ein anderes verbrennen.“ Pitou öffnete das Regiſter, ſuchte, blätterte, las, und fand, bei der letzten Seite angelangt, die Worte: „Heute, am 9. Juni 1789, iſt der Herr G., Philo⸗ ſoph und ſehr gefährlicher Publiciſt, eingetreten; in den engſten Gewahrſam zu bringen.“ Er brachte das Regiſter dem Doctor. „Herr Gilbert, iſt das nicht das, was Sie ſuchen?“ „Oh!“ rief der Doctor, das Regiſter ergreifend, „ja, das iſt es.“ Und er las die von uns erwähnten Worte. „Wir wollen ſehen, von wem der Beſehl kommt.“ Und er ſuchte am Rande. „Necker!“ rief er,„der Befehl, mich zu verhaften, von Necker, meinem Freunde, unterzeichnet. Oh! hier waltet ſicherlich ein Irrthum ob.“ „Necker iſt Ihr Freund?“ rief die Menge voll Ach⸗ tung, denn man erinnert ſich, welchen Einfluß dieſer Name auf das Volk übte. „Ja, ja, mein Freund, ich behaupte es,“ ſagte der Doctor,„und Necker, davon bin ich feſt überzeugt, wußte nicht, daß ich im Gefängniß war. Doch ich will ihn aufſuchen und.. „Wo aufſuchen?“ fragte Billot. „In Verſailles.“ „Herr Necker iſt nicht in Verſailles; Herr Necker iſt in der Verbannung.“ „Wo dies?“ „In Brüſſel.“ „Aber ſeine Tochter?“ 3 „Ah! ich weiß es nicht.“ „Die S. wohnt auf dem Gute Saint⸗Ouen,“ ſprach eine Stimme in der Menge. „Ich danke,“ ſagte Gilbert, ohne nur zu wiſſen, an wen er ſeinen Dank richtete. Dunn wandte er ſich gegen die Brenner und ſprach; „Freunde, im Namen der Geſchichte, welche in dieſen Archiven die Verurtheilung der Tyrannen finden wird, genug der Verwüſtung, ich flehe Euch an; zer⸗ ſtört die Baſtille Stein um Stein, daß keine Spur davon übrig bleibt, aber verſchont die Papiere, ver⸗ ſchont die Regiſter, das Licht der Zukunft liegt darin.“ Kaum hatte die Menge dieſe Worte gehört, als ſie dieſelben mit ihrem erhabenen Verſtande erwog. „Der Doctor hat Recht,“ riefen hundert Stim⸗ men,„krine Verwüſtung! Nach dem Stadthauſe alle Papiere!“ Ein Pompier, der mit fünf bis ſechs von ſeinen Kameraden, eine Feuerſpritze ſchleppend, in den Hof gekommen war, richtete die Röhre ſeines Werkzengs nach dem Herd, der, dem von Alexandria ähnlich, eine Welt zu verzehren im Begriffe war, und löſchte ihn aus. „Und auf weſſen Verlangen ſind Sie verhaftet wor⸗ den?“ fragte Billot. „Ah! das iſt es gerade, was ich ſuche und nicht herausbringen kann, der Name iſt nicht beigeſchrieben,“ antwortete der Doctor. Und nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fügte er hinzu: „Doch ich werde es erfahren.“ Und er riß das Blatt, das ihn betraf, heraus, legte es zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche. Dann ſprach er zu Billot und Pitou: „Freunde, laßt uns gehen, wir haben nichts mehr hier zu thun.“ „Gehen wir,“ erwiederte Billot;„nur iſt das leich⸗ ter zu ſagen, als auszuführen.“ 4 In das Innere der Höfe durch die Neugierde ge⸗ drängt, ſtrömte in der That die Menge gegen den Ein⸗ gang der Baſtille, deren Thore ſie verſperrte. Am Ein⸗ gang der Baſtille waren die andern Gefangenen. Acht Gefangene, Gilbert mitgezählt, hatte man befreit. Sie hießen: Jean Bechade, Bernard Laroche, Jean Lacaurège, Antoine Pujade, von White, der Graf von Solage und Tavernier. Die vier Erſten flößten nur ein ſecundäres Inter⸗ eſſe ein. Sie waren beſchulvigt, einen Wechſel verfaͤlſcht zu haben, ohne daß ſich je ein Beweis gegen ſie erhoben hatte, was auf den Glauben führen ſollte, die Anklage ſei falſch geweſen; ſie beſanden ſich erſt ſeit zwei Jahren in der Baſtille. Die Anderen waren der Graf von Solage, von White und Tavernier. Der Graf von Solage war ein Mann von unge⸗ fähr dreißig Jahren, voll freudigen Erguſſes; er um⸗ armte ſeine Befreier, pries ihren Sieg und erzählte ihnen ſeine Gefangenſchaft. Im Jahr 1782 verhaftet und in Vincennes in Folge eines von ſeinem Vater erlangten Geheimbriefes eingeſverrt, war er von Vin⸗ cennes nach der Baſtille gebracht worden, wo er funf Jahre geblieben, ohne daß er einen Richter geſehen, ohne daß man ihn ein einziges Mal verhört hatte; ſeit zwei Jahren war ſein Vater todt und Niemand hatte an ihn gedacht; wäre die Baſtille nicht genom⸗ men worden, ſo hätte wahrſcheinlich nie Jemand an ihn edacht. 8 Von White war ein Greis von ſechzig Jahren; er ſprach mit einem fremden Accent unzuſammenhängende Worte. Auf die Fragen, die ſich kreuzten, antwortete er, er wiſſe nicht, ſeit wie langer Zeit er verhaflet ſei und aus welchem Grunde man ihn verhaftet habe. Er erinnerte ſich nur, daß Herr von Sartines ein Vetter von ihm war, mehr nicht. Ein Schließer, Namens 5 Guyon, hatte in der That einmal geſehen, wie Herr von Sartines in den Kerker von White eingetreten war und ihn hatte eine Vollmacht unterzeichnen laſſen. Doch der Gefangene hatte dieſe Umſtände völlig ver⸗ geſſen. Tavernier war der älteſte von Allen. Er zählte zehn Jahre Gefangenſchaft auf den Sainte⸗Marguerite⸗ Inſeln und dreißig in der Baſtille; es war ein Greis don neunzig Jahren, mit weißen Haaren und weißem Bart; ſeine Augen haten ſich in der Dunkelheit ab⸗ geſtumpft, und er ſah nur noch durch eine Wolke. Als man in ſein Gefängniß eintrat, begriff er nicht, was man hier wollte; da man ihm von Freibeit ſprach, ſchüttelte er den Kopf, und endlich, als man ihm be⸗ merkte, die Baſtille ſei genommen, rief er: „Ho! ho! was werden König Ludwig XV., Frau von Pompadour und der Herzog von La Vailliere dazu ſagen?“ Tavernier war nicht einmal Narr; er war nur, wie White, Idiot. Die Freude dieſer Menſchen war gräßlich anzu⸗ ſchauen, denn ſie ſchrie nach Rache, ſo ſehr glich ſie der Angſt und dem Schrecken. Zwei oder drei ſchienen nahe daran, unter dieſem, aus einem hunderttauſend⸗ fachen Geſchrei beſtehenden, Tumult zu verſcheiden. ſie, die nie die Stimme von zwei zugleich ſprechenden Men⸗ ſchen ſeit ihrem Eintritt in die Baſtille gehört hatten; ſie, die nur noch an das langſame, geheimnißvolle Ge⸗ räuſch des Holzes, das in der Feuchtigkeit ſpielt, der Spinne, die ihr Gewebe unbemerkt mit einem Schlagen ähnlich dem einer unſichtbaren Pendeluhr verfertigt, oder der Ratte, welche kratzt und weiter läuft, gewöhnt waren. In dem Augenblick, wo Gilbert erſchien, machten die Enthyſiaſten den Vorſchlag, die Gefangenen im Triumphe umherzutragen, welcher Vorſchlag einſtimmig angenommen wurde. Gilbert hätte ſehr gewünſcht, dieſer Huldigung zu entgehen, aber es war nicht möglich; er war ſchon, ſo⸗ wie Billot und Pitou erkannt. Das Geſchrei:„Nach dem Stadthaus! nach dem Stadthaus!“ erſcholl abermals, und Gilbert ſah ſich 3 e Schultern von zwanzig Perſonen zugleich empor ehoben. Vergebens wollte der Doctor widerſtehen, vergebens theilten Billot und Piton ihre kräftigſten Fauſtſchläge an ihre Waffenbrüder aus: die Freude und die Begei⸗ ſterung hatten die Oberhaut des Volkes abgehärtet. Fauſtſchläge, Schläge mit Pikenſchäften, mit Flinten⸗ kolben kamen den Siegern wie Liebkoſungen vor und verdoppelten nur ihre Berauſchung. Gilbert war alſo genöthigt, ſich auf den Schild erheben zu laſſen. Der Schild war ein Tiſch, in deſſen Mitte man eine Lanze aufgepflanzt hatte, welche dem Triumphator als Stützpunkt dienen ſollte. Der Doetor Gilbert beherrſchte ſo dieſen Oecean von der Baſtille nach der Arcade Saint-Jean wogen⸗ der Köpfe, ein Meer voller Stürme, deſſen Wellen mitten unter Piken, Bajonetten und Waffen von allen Arten, von allen Formen und Epochen die triumphiren⸗ den Gefangenen forttrugen. Doch zu gleicher Zeit wälzte der erſchreckliche, un⸗ widerſtehliche Ocean eine andere Gruppe fort, welche ſo feſt zuſammengedrängt war, daß ſie eine Inſel zu ſein ſchien. Dieſe Gruppe führte de Launay als Ge⸗ fangenen weg. Um dieſelbe machten ſich nicht minder geräuſchvolle, nicht minder enthuſtaſtiſche Schreie hör⸗ bar, doch das waren keine Siegesrufe, ſondern Todes⸗ drohungen. Von dem erhabenen Punkte gus, wo er ſich befand, verlor Gilbert nicht den kleinſten Umſtand von dem furchtbaren Schauſpiel. Allein unter allen den Gefangenen, denen man die Freiheit wiedergegeben, war er im vollen Beſitze ſeiner 7 Fähigkeiten. Fünf Tage Gefangenſchaft bildeten nur einen dunkeln Punkt in ſeinem Leben. Sein Auge hatte nicht die Zeit gehabt, in der Finſterniß der Baſtille zu erlöſchen oder ſchwach zu werden. Der Kampf macht gewöhnlich die Kämpfenden nur, ſo lange er dauert, unbarmherzig. Im Allgemeinen ſind die Menſchen, weiche aus dem Feuer kommen, wo ſie ihr eigenes Leben preisgegeben, voll Milde gegen ihre Feinde. Die Majeſtät der Schlacht verleiht dem Einen Achtung vor dem Andern.. Doch bei den großen Volksemeuten, wie Frankreich ſo viele ſeit der Jacquerie bis auf unſere Tage geſehen hat, ſuchen die Maſſen, welche die Furcht fern vom Kampfe gehalten, die der Lärmen gereizt hat, zugleich wild und ſeig, nach dem Siege irgend einen Antheil an dem Kampfe zu nehmen, dem ſie nicht in's Geſicht Trotz zu bieten gewagt haben. Sie nehmen ihren Antheil an der Rache. Seit ſeinem Abgang aus der Baſtille war der Marſch des Gouverneur der Anfang ſeiner Hinrichtung. Elie, der das Leben von Herrn de Launay unter ſeine Verantwortlichkeit genommen hatte, ging an der Spitze, beſchützt durch ſeine Uniform und die Bewun⸗ derung des Volks, das ihn zuerſt hatte in's Feuer mar⸗ ſchiren ſehen. Er hielt in der Hand, an der Spitze ſeines Degens, das Billet, welches Herr de Launah durch eine der Schießſcharten der Baſtille dem Volke hatte zukommen laſſen, und das ihm von Maillard übergeben worden war. Nach ihm kam der Aufſeher der königlichen Steuern, die Schlüſſel der Feſtung in der Hand haltend; dann Maillard mit der Fahne; dann ein junger Mann, der Aller Augen, von ſeinein Bajonett durchlöchert, das Reglement der Baſtille zeigte, ein verhaßtes Reſeript, kraft deſſen ſo viele Thränen gefloſſen waren. Endlich kam der Gouverneur, beſchützt durch Hullin und zwei bis drei Andere, welche aber unter den dro⸗ henden Fäuſten, unter den geſchwungenen Säbeln und den bebenden Lanzen verſchwanden. Neben dieſer Gruppe und beinahe parallel mit ihr in der großen Arterie der Rue Saint-Antvine, welche die Verbindung von den Boulevards zum Fluſſe bildet, ſich fortwälzend, war die Gruppe, die den Major von Losme ſchleppte, den wir einen Angenblick haben erſchei⸗ nen ſehen, um den Willen des Gouverneur zu bekäm⸗ pfen, wonach er unter dem von dieſem gefaßten Entſchluß, ſich zu vertheidigen, den Kopf gebeugt hatte. Der Major von Losme war ein guter, braver, vortrefflicher Mann. Viele Schmerzen hatien ihm, ſeitdem er in der Baſtille war, eine Linderung zu ver⸗ danken gehabt. Doch das Volk wußte das nicht, das Volk hatte ihn mit den Waffen in der Hand gefangen genommen. Das Volk hielt ihn nach ſeiner glänzenden Uniform für den Gouverneur, während der Gouverneur in ſeinem grauen Rock, ohne irgend eine Stickerei, und von dem er das Band vom Orden des heiligen Ludwig abgeriſſen, ſich in einen gewiſſen beſchützenden Zweifel flüchtete, den nur diejenigen, welche ihn kannten, auf⸗ zuklären vermochten. So war das Schauſpiel, das der düſtere Blick von Gilbert beherrſchte, dieſer immer beobachtende und ruhige Blick, ſelbſt unter Gefahren, welche ſeiner mächtigen Organiſation perſönlich waren. Als Hullin aus der Baſtille trat, rief er ſeine ſicherſten und ergebenſten Freunde, die muthigſten, an dieſem Tag volksthümlichen Soldaten zu ſich; vier bis fünf antworteten auf ſeinen Ruf und ſuchten ſeine edelmüthige Abſicht durch Beſchirmung des Gonverneur zu unterſtützen. Es waren drei Männer, deren An⸗ denken die unparteiiſche Geſchichte geheiligt hat; ſie hießen: Arnet, Chollat und Lépine. Dieſe Männer, denen, wie geſagt, Hullin und Maillard voranſchritten, ſuchten alſo das Leben eines —— 1—— e„ 8 er————— — 1— M—— 8S Su— —* W N N— S4 9 Mannes zu vertheidigen, deſſen Tod hunderttauſend Stimmen forderten. um ſie gruppirten ſich einige Grenadiere von den franzöſiſchen Garden, deren Uniform, ſeit drei Tagen populärer geworden, ein Gegenſtand der Verehrung für das Volk war. Herr de Launay entging den Streichen, ſo lange die Arme ſeiner edelmüthigen Vertheidiger die Streiche pariren konnten; aber er vermochte den Schmähreden und Drohungen nicht zu entgehen. An der Ecke der Rue de Jouy war von den fünf Grenadieren der franzöſiſchen Garden, die ſich dem Zuge beim Abgange aus der Baſtille angeſchloſſen hat⸗ ten, nicht einer mehr übrig. Sie waren einer nach dem andern unter Weges durch die Begeiſterung der Menge und vielleicht auch durch die Berechnung der Mörder entführt worden, und Gilbert hatte ſie, einen nach dem andern, verſchwinden ſehen, wie die Kügel⸗ chen eines Roſenkranzes, den man abkörnt. Von da an ſah er vorher, der Sieg würde ſich durch Blut trüben; er wollte ſich von dem Tiſche los⸗ reißen, der ihm als Schild diente, doch es hielten ihn eiſerne Arme darauf feſt. In ſeiner Ohnmacht forderte er Billot und Pitou zu Vertheidigung des Gouverneur auf; Beide gehorchten ſeinem Befehle und ſtrengten alle ihre Kräfte an, um dieſe menſchlichen Wogen zu durch⸗ ſchneiden und bis zu ihm zu gelangen. Die Gruppe der Vertheidiger bedurfte in der That der Unterſtützung. Chollat, der ſeit dem vorhergehenden Tage nichts gegeſſen, war aus Erſchöpfung ohnmächtig geworden; nur mit großer Mühe hatte man ihn auf⸗ gehoben und es verhindert, daß die Menge nicht mit den Füßen auf ihn getreten. Doch das war eine Breſche an der Mauer, ein Durchbruch am Damm. Ein Mann ſtürzte durch dieſe Breſche, ſchwang ſeine Flinte am Lauf und führte einen furchtbaren Schlag nach dem bloßen Kopf des Gouverneur. Doch Lépine ſah die Keule ſich ſenken, er hatte Zeit, ſich mit ausgeſtreckten Armen zwiſchen den Gou⸗ vernrur und ſie zu werfen, und erhielt auf die Stirne den Schlag, der für den Gouverneur beſtimmt war. Durch den Streich betäubt, durch das Blut ge⸗ blendet, fuhr er ſchwankend mit den Händen nach ſei⸗ nem Geſicht, und als er ſehen konnte, war er ſchon zwanzig Schritte vom Gouverneur. In dieſem Augenblick kam Billot, Piton im Schlepp⸗ tau nachziehend, zu ihm. Er bemerkte, das Zeichen, an dem man de Lau⸗ nah hauptſächlich erkannte, ſei, daß der Gouverneur allein barhäuptig war. Billot nahm ſeinen Hut, ſtreckte den Arm aus und ſetzte ihn dem Gouverneur auf den Kopf. De Launay wandte ſich um und erkannte Billot. „Ich danke,“ ſagte er,„doch was Sie auch machen mögen, Sie werden mich nicht retten.“ „Laſſen Sie uns nur das Stadthaus erreichen, und ich ſtehe für Alles,“ verſetzte Hullin. „Ja.“ erwiederte de Launay,„doch werden wir es erreichen?“ „Mit Gottes Hülfe werden wir es wenigſtens ver⸗ ſuchen,“ erwiederte Hullin. Man konnte es in der That hoffen, denn man fing an auf den Platz vor dem Stadthauſe auszumünden; doch dieſer Platz war überſtrömt von Menſchen mit nackten Armen, welche Säbel und Piken ſchwangen. Das in den Straßen umherlaufende Gerücht hatte ihnen verkündigt, man bringe den Gouverneur und den Major der Baſtille, und ſie warteten wie eine Meute, die man lange, die Naſe im Winde, die Zähne fletſchend, zurückgehalten hat. Sobald ſie den Zug erſcheinen ſahen, ſtürzten ſe auf ihn los. 11 en Hullin bemerkte, daß hier die äußerſte Gefahr war, der letzte Kampf ſtattfinden ſollte; konnte er es dahin tte bringen, daß de Launay die Stufen der Freitreppe u⸗ hinaufzuſteigen vermochte, konnte er ihn bis zu den ne inneren Stiegen fortreißen, ſo war der Gouverneur gerettet. e⸗„Herbei, Elie; herbei, Maillard; herbei, Ihr Männer i⸗ von Herz!“ rief er,„es handelt ſich um die Ehre von on uns Allen.“ Elie und Maillard hörten den Ruf; ſie machten p⸗ einen Stitenſprung mitten unter das Volk, doch das Volk unterſtützte ſie nur zu gut: es öffnete ſich vor u⸗ ihnen und ſchloß ſich hinter ihnen. ur Elie und Maillard fanden ſich von der Haupt⸗ gruppe getrennt, die ſie nicht mehr erreichen konnten. us Die Menge ſah, was ſie gewonnen hatte, und machte eine wüthende Anſtrengung. Wie eine Rieſenſchlange . rollte ſie ihre Ringe um die Gruppe. Billot wurde en aufgehoben, fortgeſchleppt; Pitou, der ſich in Allem Billot anſchloß, überließ ſich demſelben Wirbel; Hullin n, ſtolperte auf den erſten Stufen des Stadthauſes und fiel. Einmal erhob er ſich wieder, doch nur, um bei⸗ es nahe in demſelben Augenblick abermals zu fallen, und diesmal folgte ihm de Launay in ſeinem Sturze. er⸗ Der Gouverneur blieb, wie er war; bis zum letzten Augenblicke gab er keine Klage von ſich, bat er nicht ng m Gnadez er ſchrie nur mit ſcharfer Stimme: nz„Ihr Tiger, die Ihr ſeid, laßt mich wenigſtens it nicht verſchmachten.“ n. Nie wurde ein Befehl mit größerer Pünktlichkeit tte vollzogen, als dieſe Bitte; in einem Nu neigten ſich en um den gefallenen de Launay die Köpfe drohend, erho⸗ te, ben ſich die Arme bewaffnet. Man ſah einen Augen⸗ d, blick nur noch krampfhaft zuſammengezogene Hände, nniedertauchende Eiſen; dann kam ein Kopf, vom Rumpfe ſie gelöſt, zum Vorſchein und wurde am Ende einer Pike 12 vom Blut triefend emporgehoben; er bewahrte noch ſein bleiches, verächtliches Lächeln. Das war der Erſte. Gilbert hatte auch dieſe ganze Scene erſchaut, und auch diesmal hatte er herabſpringen wollen, um dem Unglücklichen beizuſtehen, doch er war von zweihundert Armen zurückgehalten worden. Er wandte ſich ab und ſeufzte. Der Kopf mit den offenen Augen erhob ſich gerade und als wollte er ihn mit einem letzten Blick begrüßen, dem Fenſter gegenüber, wo Fleſſelles ſtand, umgeben und beſchützt von den Wählern. 5 Es wäre ſchwierig geweſen, zu ſagen, wer bleicher ausgeſehen, der Lebendige oder der Todte. Plötzlich erhob ſich ein ungeheurer Tumult bei der Stelle, wo der Leichnam von de Launay lag. Man hatte ihn durchſucht und in ſeiner Weſtentaſche das vom Stadtvogt an ihn gerichtete Billet, welches er Losme gezeigt, vorgefunden. Dieſes Billet war, wie man ſich erinnert, in fol⸗ genden Worten aufgefaßt: „Halten Sie feſt: ich beluſtige die Pariſer mit Kokarden und Verſprechungen. Am Ende des Tages wird Ihnen Herr von Bezenval Verſtärkung ſchicken. „Von Fleſſelles.“ Ein gräßlicher Fluch ſtieg vom Pflaſter der Straße des Stadthauſes auf, wo ſich Fleſſelles befand. Ohne die Urſache davon zu errathen, begriff er doch die Drohung und warf ſich rückwärts. Doch er war ſchon geſehen worden, man wußte, daß er anweſend; man ſtürzte nach den Treppen, und zwar diesmal mit einer ſo allgemeinen Bewegung, daß die Mänuer, welche Gilbert trugen, dieſen verließen, um der unter dem Hauche des Zornes ſteigenden Fluth zu folgen. 3 Gilbert wollte auch in das Stadthaus hinein, doch aut Ti ſein und dem dert rade ßen, ben cher der Nan das e fol⸗ mit ges en. raße lles ßte, und daß ßen, luth doch 13 nicht um zu drohen, ſondern um Fleſſelles zu beſchützen. Er hatte ſchon die erſten drei bis vier Stufen der Freitreppe uberſchritten, als er ſich heftig nach rückwärts gezogen fühlte; er wandte ſich um, in der Abſicht, ſich von dieſem neuen Zwang loszumachen, aber diesmal erkannte er Billot und Pitou. „Oh!“ rief Gilbert, der von dem hohen Punkte aus, auf dem er ſtand, den ganzen Platz überſchaute, „was geht denn dort vor?“ Und er bezeichnete mit der Hand die Rue de la Tixeranderie. „Kommen Sie, Doctor, kommen Sie,“ ſatzten gleichteirig Billot und Piton. „Ob, die Mörder!“ rief der Doetor,„die Mör⸗ der! 56 In dieſem Angenblick fiel in der That der Major von Losme von einem Arxthieb getroffen; das Volk vermengte in ſeinem Zorn den ſelbſtſüchtigen, barbari⸗ ſchen Gouverneur. der der Verfolger der unglücklichen G fangenen geweſen war, und den edelmüthigen Mann, der ſie beſtändig unterſtutzt hatte. „Oh! ja, ja,“ ſagte Gilbert,„gehen wir, denn ich fange an mich zu ſchämen, daß ich von ſolchen Men⸗ ſchen befreit worden bin.“ „Dortor,“ ſprach Billot,„ſeien Sie unbeſorgt, niht diejenigen, welche dort gekämpft haben, ſchlachten iert“ Doch in demſelben Augenblick, wo der Doctor die Stufen hinabſtieg, die er hinaufgeſtiegen war, um Fleſſelles zu Hülfe zu eilen, wurde die Woge, welche ſich bis zum Stocken unter dem Gewölbe zuſammen⸗ gedrängt hatte, von dieſem wieder ausgeſpieen. Unter dem ganzen Menſchenſtrom ſträubte ſich ein Mann, den man fortriß, „Nach dem Palais Royal! nach dem Palais Royal!“ ſchrie die Menge. 14 „Ja, meine Freunde, ja, meine guten Freunde, nach dem Palais Royal!“ wiederholte dieſer Mann. Und er rollte gegen den Fluß, als ob die menſch⸗ liche Ueberſchwemmung ihn nicht nach dem Palais Royal führen, ſondern in die Seine hätte fortziehen wollen. „Oh!“ rief Gilbert,„hier iſt abermals Einer, den ſie erwürgen wollen! Verſuchen wir es, wenigſtens ihn zu retten.“ Doch kaum waren dieſe Worte geſprochen, als man einen Piſtolenſchuß vernahm, und Fleſſelles im Rauche verſchwand. Gilbert bedeckte in einer Bewegung erhabenen Zornes ſeine Augen mit ſeinen beiden Händen; er verfluchte dieſes Volk, das, während es ſo groß war, nicht die Särke, rein zu bleiben, beſaß und ſeinen Sieg durch einen dreifachen Mord befleckte. Dann, als er ſeine Hände wieder von ſeinen Augen entfernte, ſah er drei Köpfe an der Spitze von drei iken. Der erſte war der von Fleſſelles, der zweite der von Losme, der dritte der von de Launah. Der eine erhob ſich auf den Stufen des Stadt⸗ hauſes, der andere in der Mitte der Rue de la Tixeran⸗ derie, der dritte auf dem Quai Pelletier. Durch ihre Stellung bildeten ſie ein Dreieck. „Oh! Balſamo! Balſamo!“ murmelte der Doctor mit einem Seufzer,„ſymboliſirt man mit einem ſolchen Dreieck die Freibeit?“ Und er entfloh, Billot und Piton nach ſich ziehend, durch die Rue de la Vannerie. ————— ——., —— 15 XX. Sebaſtian Gilbert. An der Ecke der Rue Blanche⸗Mibray traf der Doctor einen Fiacre; er winkte ihm, zu halten, und ſtieg ein. Billot und Pitou nahmen bei ihm Platz. „Nach dem College Luuis⸗le⸗Grand,“ ſagte Gilbert. Und er warf ſich in den Hintergrund des Wagens und verſank in eine tiefe Träumerei, in der ihn Billot und Piton nicht ſtörten. Man fuhr über den Pont⸗au⸗Change, ſchlug den Weg durch die Rue de la Cits und die Rue Saint⸗ Jacques ein und gelangte zum College Louis⸗le⸗Grand. Paris ſchauerte ganz. Die Kunde hatte ſich nach allen Seiten verbreitet, die Gerüchte von den Ermor⸗ dungen auf der Gréve vermiſchten ſich mit den glor⸗ reichen Erzählungen von der Einnahme der Baſtille; man ſah auf den Geſichtern die verſchiedenen Eindrücke, welche die Geiſter ergriffen, ſich wiederſpiegeln... Blitze der Seele, die ſich nach außen verriethen. Gilbert hatte den Kopf nicht an den Wagenſchlag gehalten, Gilbert hatte kein Wort geſpyrochen. Es iſt immer eine lächerliche Seite an den Huldigungen des Volks, und Gilbert ſah ſeinen Triumph von dieſer Seite an. Dann kam es ihm vor, als ob, was er auch gethan, um ſein Fließen zu verhindern, einige Tropfen von dem vergoſſenen Blut auf ihn zurückſpritzten. Der Doctor ſtieg vor der Thüre des College aus, und hieß Billot durch ein Zeichen ihm folgen. Pitou blieb beſcheiden im Fiacre. Sebaſtian war noch im Krankenzimmer; bei der Meldung der Ankunft des Doctor Gülbert führte ihn der Vorſteher perſönlich ein. Billot, der, ſo wenig er Beobachter war, den 16 Charakter des Vaters und des Sohnes kannte, Billot betrachtete aufmerkſam die Scene, welche unter ſeinen Augen vorging. So ſehr der Knabe ſich ſchwach, reizbar in der Verzweiflung gezeigt hatte, ebenſo ruhig und zurück⸗ haltend zeigke er ſich in der Freude. Als er ſeinen Vater ſah, erbleichte er, und es fehlte ihm die Sprache. Ein kleiner Schauer lief über ſeine Lippen. Dann warf er ſich Gilbert mit einem einzigen Freudenſchrei, der einem Schmerzensſchrei glich, um den Hals und hielt ihn ſtillſchweigend in ſeinen Armen. Der Doctor erwiederte mit demſelben Schweigen dieſes ſtille Umfangen. Nur, nachdem er ſeinen Sohn umarmt hatte, ſchaute er ihn lange mit einem mehr traurigen, als freudigen Lächeln an. Ein geſchickterer Beobachter als Billot würde ſich geſagt haben, es walte ein Unglück oder ein Verbrechen zwiſchen dieſem Knaben und dieſem Manne ob. Der Knabe war weniger zurückhaltend gegen Billot. Sobald er etwas Anderes ſehen konnte, als ſeinen Vater, der ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen hatte, lief er auf den guten Pächter zu, umſchlang deſſen Hals mit ſeinen Armen und ſagte: „Sie ſind ein braver Mann, Herr Billot, Sie haben mir Wort gehalten, und ich danke Ihnen.“ „Ho! ho!“ rief Billot,„das iſt nicht ohne Mühe abgegangen, Herr Sebaſtian; Ihr Vater war hübſch eingeſperrt, und man mußte nicht wenig Schaden an⸗ richten, ehe man ihn herausbringen konnte.“ „Sebaſtian,“ fragte der Doctor mit einer gewiſſen Beſorgniß,„Du biſt geſund?“ „Ja, mein Vater,“ antwortete der junge Menſch, „obgieich Sie mich im Krankenzimmer finden.“ Gilbert lächelte. „Ich weiß, warum Du hier biſt,“ ſagte er. Der Knabe lächelte ebenfalls. f 18 — 5 5— — 17 „Es fehlt Dir an Nichts hier?“ fuhr der Doctor „An Nichts, durch Ihre Fürſorge.“ „Mein lieber Freund, ich will Dir alſo immer dieſelbe, dieſelbe und einzige Ermahnung geben; arbeite.“ „Ja, mein Vater.“ „Ich weiß, daſi dieſes Wort für Dich kein leerer, monotoner Schall iſt; wenn ich das glaubte, ſo würde ich es Dir nicht mehr ſagen.“ „Mein Vater, es iſt nicht an mir, Ihnen hierauf u antworten,“ erwiederte Sebaſtian.„Es iſt an Herrn erardier, unſerem vortrefflichen Vorſteher.“ Der Doctor wandte ſich gegen Herrn Berardier um, und dieſer bedeutete ihm durch ein Zeichen, er habe ein paar Worte mit ihm zu ſprechen. „Warte, Sebaſtian,“ ſagte der Doctor. Und er ging auf den Vorſteher zu. „Mein Herr,“ fragte Sebaſtian theilnehmend den Pächter,„ſollte Piton ein Unglück widerfahren ſein? Der arme Junge iſt nicht bei Ihnen.“ „Er iſt vor der Thüre in einem Fiaere.“ „Mein Vater,“ ſagte Sebaſtian,„wollen Sie er⸗ lauben, daß Herr Billot Piton hieher bringt? es würde mich ſehr freuen, ihn zu ſehen.“ Gilbert nickte mit dem Kopfe; Billot ging hinaus. „Was haben Sie mir zu ſagen?“ fragte Gilbert den Abbs Berardier. „Ich wollte Ihnen ſagen, mein Herr, daß es nicht die Arbeit iſt, was Sie dieſem Knaben empfehlen müßten, ſondern vielmehr die Zerſtreuung.“ „Wie ſo, Herr Abbs?“ „Ja, es iſt ein vortrefflicher junger Menſch, den hier liebt wie einen Sohn oder einen Bruder, och Der Abbs hielt inne. „Doch, was?“ fragte der Vater beſorgt. Ange Piton. M. 2 „Doch wenn man nicht darauf Acht gibt, ſo wird ihn etwas tödten.“ „Was denn?“ rief Gilbert. „Die Arbeit, zu der Sie ihn ermahnen.“ „Die Arbeit?“ „Ja, mein Herr, die Arbeit. Würden Sie ihn an ſeinem Pulte ſehen, die Arme gekreuzt, die Naſe im Wörterbuch, das Auge ſtärr„ „Arbeitend oder träumend?“ fragte Gilbert. „Arbeitend; den guten Ausdruck, die antike Wen⸗ dung, die griechiſche oder lateiniſche Form ganze Stun⸗ den lang ſuchend; und ſehen Sie, gerade in dieſem Augenblick...“ Der junge Menſch, obgleich ſein Vater ſich kaum ſeit fünf Minuten von ihm entfernt, obgleich Billot kaum die Thüre hinter ſich zugemacht hatte, war in eine Art von Träumerei verſunken, welche der Erxtaſe lich. „Iſt er oft ſo?“ fragte Gilbert mit Beſorgniß. „Mein Herr, ich könnte beinahe ſagen, das ſei ſein gewöhnlicher Zuſtand. Sehen Sie, wie er ſucht.“ „Sie haben Recht, Herr Abbé, und wenn Sie ihn ſo ſuchen ſehen, müßten Sie ihn zerſtreuen.“ „Das wäre Schade, denn es gehen aus ſeiner Arbeit Compoſitionen hervor, welche unſerer Anſtalt die größte Ehre machen werden. Ich prophezeie, daß dieſer Knabe in drei Jahren alle Preiſe beim Concurs davon trägt.“ „Geben Sie wohl Acht,“ ſagte der Doctor,„dieſe Art von Abſorption des Geiſtes, in welche Sie Se⸗ baſtian verſunken ſehen, iſt eher ein Beweis von Schwäche, als von Stärke, ein Symptom von Krankheit, als von Geſundheit. Sie hatten Recht, Herr Abbé, man darf dem Knaben die Arbeit nicht zu ſehr empfehlen, oder man muß wenigſtens die Arbeit von der Träumerei zu unterſcheiden wiſſen.“ „Mein Herr, ich verſichere Sie, daß er arbeitet.“ 0) ird en⸗ un⸗ ſem um llot taſe 19 „Wenn er ſo iſt?“ „Ja; und zum Beweiſe dient, daß ſeine Aufgabe immer vor der der Andern gemacht iſt. Sehen Sie ſi Lippen ſich bewegen? Er wiederholt ſeine Lec⸗ onen.“ „Wohl denn! wenn er ſeine Lectionen ſo wieder⸗ holt, Herr Berardier, zerſtreuen Sie ihn; er wird darum ſeine Lectionen nicht ſchlechter wiſſen und ſich dabei beſſer befinden.“ „Sie glauben?“ „Ich bin feſt davon überzeugt.“ „Ah!“ ſprach der gute Abd6,„Sie müſſen ſich darauf verſtehen, Sie, den die Herren von Condorcet und Cabanis für einen der gelehrteſten Männer, welche eriſtiren, erklärt haben.“ „Nur,“ ſagte der Doctor,„nur, wenn Sie ihn ſolchen Träumereien entziehen werden, gehen Sie mit Vorſicht zu Werke.“ „Und warum?“ „Um ihn ſtufenweife zu dieſer Welt, die er ver⸗ laſſen hat, zurückzuführen.“ Der Abbe ſchaute den Doctor ganz erſtaunt an. wenig, daß er ihn für einen Narren gehalten hätte. „Herr Abbé,“ ſprach der Doctor,„Sie ſollen ſo⸗ geich den Beweis von dem, was ich Ihnen ſage, gewahr werden.“ Billot und Pitou kehrten in dieſem Augenblick zurück. Mit drei Sprüngen war Piton bei Sebaſtian. „Du haſt nach mir verlangt, Sebaſtian?“ ſagte Pitou, während er den Knaben beim Arm faßte.„Du biſt ſehr artig, ich danke Dir.“ Und er näherte ſeinen großen Kopf der matten S des Knaben. „Schauen Sie,“ ſprach Gilbert, den Arm des Abbe ergreifend. ſia Plötzlich durch die herzliche Piton aus ſeiner Träumerei aufgeweckt, wankte Sebaſtian in der That, ſein Geſicht ging vom Matten zur Bläſſe über, ſein Kopf neigte ſich, als ob ſein Hals nicht mehr die Kraft gehabt hätte, ihn zu tragen. Ein ſchmerz⸗ licher Seufzer drang aus ſeiner Bruſt hervor, dann färbte eine lebhafte Röthe ſeine Wangen. 6 Er ſchüttelte den Kopf und lächelte. „Ah! Du biſt es, Pitou,“ ſagte er.„Ja es iſt wahr, ich habe nach Dir verlangt. Und er ſchaute ihn an und rief: „Du haſt Dich alſo geſchlagen?“ „Ja, und als ein braver Junge,“ ſprach Billot. „Warum haben Sie mich nicht mitgenommen?“ verſetzte der Knabe mit einem Ton des Vorwurfs;„ich hätte mich auch geſchlagen, und würde wenigſtens etwas für meinen Vater gethan haben.“ „Sebaſtian,“ ſprach Gilbert, indem er ſich ſeinem Sohne näherte und ſeinen Kopf an ſein Herz drückte, „Du kannſt viel mehr für Deinen Vater thun, als Dich für ihn ſchlagen; Du kannſt ſeine Raſßſct anhören, ſie befolgen, und ein ausgezeichneter, berühmter Mann werden. „Wie Sie, nicht wahr?“ ſagte der Knabe mit Stolz.„Oh! das iſt es, wonach ich trachte.“ „Sebaſtian,“ ſprach der Doctor,„willſt Du, nach⸗ dem Du Billot und Piton umarmt und dieſen unſern guten Freuuden gedankt haſt, mit mir im Garten einen Augenblick plaudern?“ „Das wird mich glücklich machen, mein Vater. Zwei oder dreimal in meinem Leben konnte ich ganz allein mit Ihnen ſein, und dieſe Augenblicke find in allen ihren einzelnen Umſtänden meinem Gedächtniß gegenwärtig.“ „Herr Abbé, Sie erlauben?“ fragte Gilbert. „Gewiß.“ „Billot, Pitou, es iſt vielleicht für Euch Bedürf⸗ niß, etwas zu Euch zu nehmen.“ 0 ich vas em kte, Nich ren, ann mit ach⸗ ſern nen ter. nz in tniß 2¹ „Bei meiner Treue, ja,“ antwortete Billot,„ich habe ſeit dem Morgen nichts gegeſſen, und Piton iſt, denke ich, ſo nüchtern als ich.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Piton,„ich habe ſo etwas wie einen Laib Brod und ein paar Fleiſchwürſte einen Augenblick, ehe ich Sie aus dem Waſſer gezogen, verzehrt; doch das Bad macht Hunger.“ „Nun, ſo kommen Sie in den Speiſeſaal,“ ſagte der Abbé Berardier,„man ſoll Ihnen Mittagsbrod vorſetzen.“ „Ho! ho!“ rief Pitou. „Sie fürchten die Koſt der Anſtalt?“ verſetzte der Abbe.„Beruhigen Sie ſich, man wird Sie als Ein⸗ geladenen behandeln. Uebrigens ſcheint mir,“ fuhr der Abbö fort,„es iſt bei Ihnen nicht nur der Magen im Verfall, mein lieber Herr Piton.“ Pitou warf einen Blick voll Scham auf ſich ſelbſt. „Und wenn man Ihnen zugleich mit dem Mittags⸗ brode Hoſen anböte...“ „Ich würde es in der That annehmen, Herr Abbé!“ antwortete Pitou. „Kommen Sie alſo, die Hoſen und das Mittags⸗ brod ſind zu Ihren Dienſten.“ Und er führte Billot und Pitou auf der einen Seite weg, während, ihnen mit der Hand winkend, Gilbert und Sebaſtian ſich auf der andern entfernten⸗ Beide durchſchritten den für die Erholungen be⸗ ſtimmten Hof und erreichten ein den Lehrern vorbe⸗ haltenes Gärtchen, einen friſchen, ſchattigen Winkel, in welchem der ehrwürdige Abbé Berardier ſeinen Taci⸗ tus und ſeinen Juvenal zu leſen pflegte. Gilbert ſetzte ſich auf eine von Rebwinden be⸗ ſchattete Bank, zog Sebaſtian zu ſich, ſtrich mit der Hand ſeine langen Haare, welche auf ſeine Stirne herabfielen, aus einander und ſprach: „Nun, mein Kind, nun find wir wiedervereinigt.“ 22 Sebaſtian ſchlug die Augen zum Himmel auf. „Durch ein Wunder Gottes, ja, mein Vater.“ Gilbert lächelte. „Wenn es ein Wunder gibt,“ ſagte Gilbert,„ſo hat es das brave Volk von Paris verrichtet.“ „Mein Vater,“ entgegnete der Knabe,„trennen Sie nicht Gott von dem, was vorgefallen iſt, denn ich, als ich Sie ſah, dankte inſtinetartig Gott.“ „Und Billot?“ „Billot kam nach Gott.“ Gilbert dachte nach. „Du haſt Recht, mein Kind,“ ſprach er.„Gott iſt im Grunde von allen Dingen. Doch kommen wir auf Dich zurück, und laß uns ein wenig mit einander reden, ehe wir uns wieder trennen.“ „Werden wir uns abermals trennen, mein Vater?“ „Nicht für lange Zeit, denke ich. Doch es iſt eine koſtbare Papiere enthaltene Caſſette zu gleicher Zeit, als man mich in die Baſtille einſperrte, verſchwunden. Ich muß wiſſen, wer mich hat einſperren laſſen, wer die Caſſette geſtohlen.“ „Es iſt gut, mein Vater, ich werde, um Sie wie⸗ derzuſehen, warten, bis Ihre Nachforſchungen been⸗ digt ſind,“ ſagte der Knabe. Und er ſeufzte. „Du biſt traurig, Sebaſtian?“ fragte der Doctor. „Ja. „Und warum biſt Du traurig?“ „Ich weiß es nicht; mir ſcheint, das Leben iſt nicht für mich gemacht, wie für die andern Kinder.“ „Was ſagſt Du da, Sebaſtian?“ „Die Wahrheit.“ „Erkläre Dich.“ „Alle haben Zerſtreuungen, Vergnügen; ich, ich habe keine.“§ „Du haſt keine Zerſtreuungen, Vergnügen? ——„— —— —,——7—— —„— ———— — ſo en ch, ott vir der ine it, ver ie⸗ en⸗ 23 „Mein Vater, damit will ich ſagen, ich finde keine Unterhaltung bei den Spielen meines Alters.“ „Nimm Dich in Acht, Sebaſlian; ich würde es bedauern, wenn Du einen ſolchen Charakter hätteſt. Sebaſtian, die Geiſter, welche eine glorreiche Zukunft verſprechen, ſind wie die guten Früchte während ihres Wachsthums: ſie haben ihre Bitterkeit, ihre Säure, ihre Herbe, ehe ſie den Gaumen durch ihre wohl⸗ ſchmeckende Reife erquicken. Glaube mir, mein Kind, es iſt gut, jung geweſen zu ſein.“ „Wenn ich es nicht bin, iſt es nicht meine Schuld,“ antwortete der junge Menſch mit einem ſchwermüthigen Lächeln. Gilbert drückte fortwährend die Hände ſeines Soh⸗ nes in den ſeinigen, heftete ſeine Augen auf die von Sebaſtian und ſprach: „Dein Alter, mein Sohn, iſt das der Saat, nichts darf noch von dem, was das Studium in Dich gelegt hat, außen zum Vorſchein kommen. Mit vierzehn Jahren, Sebaſtian, iſt der Ernſt Hochmuth oder Krank⸗ heit. Ich habe Dich gefragt, ob Deine Geſundheit gut ſei, Du haſt mir geantwortet: ja. Ich will Dich nun fragen, ob Du hochmüthig ſeiſt, ſuche mir mit nein zu antworten.“ „Mein Vater,“ erwiederte der Knabe,„beruhigen Sie ſich, was mich traurig macht, iſt weder Krankheit, noch Hochmuth; nein, es iſt ein Kummer.“ „Ein Kummer, armes Kind! mein Gott! welchen ſ kannſt Du in Deinem Alter haben? Sprich, prich.“ „Nein, mein Vater, nein, ſpäter. Sie ſagten, Sie haben Eile, Sie können mir nur eine Viertelſtunde ſchenken. Sprechen wir von etwas Anderem, als von meinen Tollheiten.“ „Nein, Sebaſtian, ich würde Dich unruhig ver⸗ laſſen. Sage mir, woher dieſer Kummer rührt.“ „Wahrhaftig, ich wage es nicht, mein Vater.“ „Was befürchteſt Du?“ „Ich befürchte, in Ihren Augen für einen Geiſter⸗ ſeher zu gelten, oder mit Ihnen von Dingen zu reden, die Sie betrüben würden.“ „Du betrübſt mich noch viel mehr, wenn Du Dein Geheimniß bewahrſt, liebes Kind.“ „Sie wiſſen wohl, daß ich kein Geheimniß für Sie habe.“ „So ſprich.“ „In der That, ich wage es nicht.“ „Sebaſtian, Du, der Du ein Mann zu ſein Dir einbildeſt?“ „Gerade deshalb.“ „Auf, faſſe Muth.“ „Wohl denn, mein Vater, es iſt ein Traum!“ „Ein Traum, der Dich erſchreckt?“ „Ja und nein; denn wenn ich dieſen Traum mache, bin ich nicht erſchrocken, ſondern wie in eine andere Welt verſetzt.“ „Erkläre Dich.“ „Schon als kleines Kind hatte ich ſolche Viſionen. Sie wiſſen, zwei oder dreimal bin ich in den großen Wäldern verirrt, die das Dorf umgeben, wo ich aufge⸗ zogen wurde.“ „Ja, man hat es mir geſagt.“ „Wohl! ich folgte etwas wie einem Geſpenſt.“ „Du ſagſt?. fragte Gilbert, indem er ſei⸗ nen Sohn mit einem Erſtaunen anſchaute, das dem Schrecken glich. „Hören Sie, mein Vater, was geſchah: ich ſpielte wie die anderen Kinder im Dorfe, und ſo lange ich im Dorfe war, ſo lange andere Kinder mit mir oder bei mir waren, ſah ich nichts; wenn ich mich aber von ihnen trennte, wenn ich die letzten Gärten überſchritt, ſo fühlte ich in meiner Nähe etwas wie das Rauſchen eines Kleides; ich ſtreckte die Arme aus, um es zu faſſen, und ich umfing nur die Luft; doch wie ſich dieſes in ür e, re en e⸗ i⸗ m te er n t, en zu es 25 Rauſchen mehr entfernte, wurde das Geſpenſt ſichtbar. Anfangs war es ein Dunſt, durchſichtig wie eine Wolke, dann verdichtete ſich der Dunſt und nahm eine menſch⸗ liche Form an. Dieſe Form war die einer Frau, welche mehr glitt, als ging, und um ſo ſichtbarer wurde, je S ſie ſich in die dunkelſten Stellen des Waldes ver⸗ tiefte. „Dann zog mich eine unbekannte, fremde, unwider⸗ ſtehliche Gewalt auf den Schritten dieſer Frau fort. Ich verfolgte ſie mit ausgeſtreckten Armen, ſtumm wie ſie: denn oft habe ich es verſucht, ſie anzurufen, und nie konnte meine Stimme einen Ton bilden; und ich verfolgte ſie ſo, ohne daß ſie anhielt, ohne daß ich ſie zu erreichen vermochte, bis mir das Wunder, das mir ihre Gegenwart verkündigt hatte, ihren Abgang be⸗ zeichnete. Dieſe Frau verſchwand allmälig; die Materie wurde Dunſt, der Dunſt verflüchtigte ſich, und Alles war vorbei. Und ich ſiel, erſchöpft von der Anſtren⸗ gung, an der Stelle nieder, wo ſie verſchwunden war. Hier fand mich Pitou zuweilen an demſelben Tag, zu⸗ weilen erſt am andern.“ Gilbert ſchaute den Knaben unabläſſig mit einer wachſenden Unruhe an. Seine Finger hatten ſich auf den Puls von Sebaſtian gelegt. Dieſer begriff das Gefühl, das den Doctor be⸗ wegte, und ſprach: „Oh! ſeien Sie unbeſorgt, mein Vater, ich weiß, daß nichts Wirkliches an dem Allem iſt; ich weiß, daß es eine Viſion iſt, und nicht mehr.“ „Und dieſe Frau,“ fragte der Doctor,„welches Ausſehen hat ſie?“ „Oh! ein majeſtätiſches wie eine Königin.“ „Und ihr Geſicht, haſt Du es bisweilen geſehen, mein Kind?“ . „Seit wann?“ fragte der Doctor bebend. „Erſt ſeitdem ich hier bin;“ antwortete der junge nn. „Aber in Paris haſt Du den Wald von Villers⸗ Cotterets nicht, wo die Bäume ein düſteres, geheim⸗ nißvolles grünes Gewölbe bilden? In Paris haſt Du nicht die Stille, die Einſamkeit, dieſes Element der Geſpenſter?“ „Doch, mein Vater, ich habe dies Alles.“ „Wo denn?“ „Hier.“ „Wie, hier? Iſt dieſer Garten nicht den Lehrern vorbehalten?“ „Allerdings, mein Vater. Doch zwei oder dreimal kam es mir vor, als ſähe ich dieſe Frau vom Hof in den Garten gleiten. Jedes Mal wollte ich ihr folgen, immer hielt mich die geſchloſſene Thüre zurück. Als mich dann eines Tags der Abbé Berardier, der mit meiner Compoſition ſehr zufrieden war, fragte, was ich wünſche, bat ich ihn, zuweilen im Garten mit ihm ſpazieren gehen zu dürfen. Er erlaubte es mir. Ich benützte dieſe Erlaubniß, und hier, hier, mein Vater, iſt die Viſion wieder erſchienen.“ Gilbert ſchauerte. „Eine ſeltſame Hallucination,“ ſagte er,„jedoch möglich bei einer nervöſen Natur, wie die Deinige; und Du haſt ihr Geſicht geſehen?“ „Ja, mein Vater.“ „Du erinnerſt Dich deſſelben?“ Der Knabe lächelte. „Haſt Du es je verſucht, Dich ihr zu nähern?“ Ja.“ „Ihr die Hand zu reichen?“ „Dann verſchwand ſie.“ „Und wer iſt dieſe Frau Deiner Anſicht nach, Se⸗ baſtian?“ „Mir ſcheint, es iſt meine Mutter.“ „Deine Mutter!“ rief Gilbert erbleichend. a —— G M N — —— 8— N Und er drückte ſeine Hand auf ſein Herz, als wollte er das Blut einer ſchmerzlichen Wunde ſtillen. „Das iſt ein Traum, und ich bin beinahe ſo ver⸗ rückt als Du,“ ſprach er. Der Knabe ſchwieg und ſchaute mit nachdenkendem Auge ſeinen Vater an. „Nun?“ fragte dieſer. „Nun! es kann möglicher Weiſe ein Irrthum ſein. Doch die Wirklichkeit meines Traumes exiſtirt.“ „Was ſagſt Du?“ „Während der letzten Pfingſten führte man uns im Walde von Satory bei Verſailles ſpazieren, und dort, während ich beiſeit träumte...“ „Iſt Dir dieſelbe Viſion erſchienen?“ „Ja; doch diesmal in einem mit vier prächtigen Pferden beſpannten Wagen. doch diesmal ſehr reell, ſehr lebend. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gefallen.“ „Warum dies?“ „Ich weiß es nicht.“ „Und welcher Eindruck iſt Dir von dieſer neuen Erſcheinung geblieben?“ „Daß es nicht meine Mutter war, die ich im Traume erſcheinen ſah, denn dieſe Frau war dieſelbe wie die meiner Erſcheinung, und meine Mutter iſt todt.“ Bilbert ſtand auf und fuhr mit ſeiner Hand über ſeine Stirne. Eine ſeltſame Blendung hatte ſich ſeiner bemächtigt. Der Knabe bemerkte ſeine Unruhe und erſchrak über ſeine Bläſſe. „Ah!“ ſagte er,„ſehen Sie, daß ich Unrecht ge⸗ habt habe, Ihnen alle dieſe Tollheiten zu erzählen.“ „Nein, mein Kind, nein; im Gegentheik, ſprich mir oft hievon, ſprich davon, ſo oft Du mich ſiehſt, und wir werden Dich zu heilen ſuchen.“ Sebaſtian ſchüttelte den Kopf. „Mich heilen und warum?“ ſagte er.„Ich habe mich an dieſen Traum gewöhnt; er iſt ein Theil meines Lebens geworden; ich liebe die Viſion, obgleich fie mich flieht, obgleich es mir manchmal vorkommt, als ſtieße ſie mich zurück. Heilen Sie mich nicht, mein Vater. Sie können abermals mich verlaſſen, abermals reiſen, nach Amerika zurücktehren. Mit dieſer Viſion bin ich nicht ganz allein.“ „Wohl denn!“ murmelte der Doctvr. er drückte Sebaſtian an ſeine Bruſt und prach: „Auf Wiederſehen, mein Kind; ich hoffe, daß wir uns nicht verlaſſen werden; denn wenn ich reiſe, nun! ſo werde ich es diesmal ſo einrichten, daß Du mit mir kommſt.“ „War meine Mutter ſchön?“ fragte der Knabe. „Oh! ja, ſehr ſchön,“ antwortete der Doctor mit erſtickter Stimme. „Und ſie liebte Sie eben ſo ſehr, als ich Sie liebe?“ „Sebaſtian! Sebaſtian! ſprich nie von Deiner Mutter,“ rief der Doctor. Und er drückte ſeine Lippen zum letzten Mal auf die Stirne des Knaben, und eilte dann aus dem Gar⸗ ten weg. Statt ihm zu folgen, ſank der Knabe düſter und niedergeſchlagen auf ſeine Bank zurück. Im Hofe fand Gilbert Billot und Piton wieder, die ſich vollkommen geſtärkt hatten und dem Abbé Berardier die einzelnen Umſtände von der Einnahme der Baſtille erzählten. Nachdem er dem Vorſteher auf's Neue Sorgfalt in der Behandlung von Gilbert empfohlen, ſtieg er mit ſeinen zwei Gefährten wieder in den Fiacre. 29 XXI. Frau von Stasl. Als Gilbert im Fiaere ſeinen Platz wieder neben Billot und Pitou gegenüber einnahm, war er bleich, und ein Schweißtropfen perlte an der Wurzel von jedem ſeiner Haare. Doch es lag nicht in dem Charakter dieſes Man⸗ nes, unter der Macht irgend einer Gemüthsbewegung gebeugt zu bleiben. Er warf ſich in die Ecke des Wa⸗ gens zurück, drückte ſeine beiden Hände an ſeine Stirne, als hätte er die Gedanken darin zuſammenpreſſen wollen, ließ, nachdem er einen Augenblick unbeweglich gewe⸗ ſen, die Hände wieder fallen und zeigte, ſtatt eines verſtörten Geſichtes, eine vollkommen ruhige Phyſio⸗ gnomie. „Sie ſagten alſo,“ ſprach er dann,„Sie ſagten, mein lieber Herr Billot, der König habe dem Herrn Baron von Necker ſeinen Abſchied gegeben?“ „Ja, Herr Doctor.“ „Und die Unruhen in Paris rühren ein wenig von dieſer unſn her?“ „Vieſe „Sie fügten bei, Herr von Recker habe ſogleich Paris verlaſſen.“ „Er hat das Schreiben während ſeiner Mittags⸗ mahlzeit erhalten; eine Stunde nachher war er unter Weges nach Brüſſel. „Nach Brüſſel?“ „Wo er jetzt iſt.“ „Wo er ſein ſoll„„ Hörten Sie nicht ſagen, er habe unter Weges angehalten?“ „Doch, in Saint⸗OHuen, um von ſeiner Tochter, Frau von Stasl, Abſchied zu nehmen.“ „Iſt Frau von Stasl mit ihm abgereiſt?“ w „Ich habe ſagen hören, er ſei allein mit ſeiner Frau abgereiſt.“ „Kutſcher,“ rief Gilbert,„halten Sie bei dem erſten dem beſten Schneider an.“ „Wollen Sie die Kleider wechſeln?“ fragte Billot. „Ja wohl. Dieſer Rock hat ſich ein wenig zu ſtark an den Mauern der Baſtille abgerieben, und man be⸗ ſucht nicht ſo gekleidet die Tochter eines in Ungnade gefallenen Miniſters. Suchen Sie in Ihren Taſchen und ſehen Sie, ob Sie nicht ein paar Louis d'or darin finden.“ „Ho! ho!“ ſagte der Pächter,„es ſcheint, Sie haben Ihre Börſe in der Baſtilke gelaſſen.“ „Das war nach dem Reglement,“ erwiederte Gilbert lächelnd;„jeder Gegenſtand von Werth wird in der Kanzlei niedergelegt.“ „Und bleibt dort,“ ſprach der Pächter. Und er öffnete ſeine große Hand, welche etwa zwanzig Louis dor enthielt, und ſetzte hinzu: „Nehmen Sie, Doctor.“ Gilbert nahm zehn Louis d'or. Einige Minuten nachher hielt der Fiaere vor dem Laden eines Tröd⸗ lers an. Das war damals noch der Gebrauch. Gilbert vertauſchte ſeinen durch die Mauern der Baſtille abgeriebenen Rock gegen einen ſehr reinlichen ſchwarzen Rock, wie ihn die Herren vom dritten Stande in der Nationalverſammlung trugen. Ein Friſeur in ſeiner Bude, ein Savohard auf ſeinem Stühlchen vollendeten die Toilette des Doctors. Der Kutſcher führte Gilbert über die äußeren Boulevards nach Saint⸗Ouen, und er ſtieg vor dem Hauſe von Herrn von Necker in dem Augenblick ab, da es ſieben Uhr auf der Dagoberts⸗Kathedrale ſchlug. Um dieſes Haus, wo es kurz zuvor noch von eif⸗ rigen Beſuchen wimmelte, herrſchte eine tiefe Stille, welche nur die Ankunft des Figere von Gilbert unter⸗ „ r S X—* M 31 brach, und dennoch war es nicht jene Melancholie der verlaſſenen Schlöſſer, jene grämliche Traurigkeit der von der Ungnade getroffenen Häuſer. Die geſchloſſenen Gitter, die verödeten Blumen⸗ beete verkündigten den Abgang der Gebieter; doch keine Spur von Schmerz oder allzu großer Eile. Ueberdies hatte ein ganzer Theil des Schloſſes, der öſtliche Flügel, die Sommerläden offen behalten, und als Gilbert ſich nach dieſer Seite wandte, kam ein Lackei in der Livree von Herrn von Necker dem Beſuche entgegen. Da fand durch das Gitter folgendes Geſpräch ſtatt: „Herr von Necker iſt nicht mehr im Schloſſe, mein Freund?“ „Nein, der Herr Baron iſt vergangenen Sonn⸗ abend nach Brüſſel abgereiſt.“ „Und die Frau Baronin?“ „Mit dem Herrn abgereiſt.“ „Aber Frau von Stabl?“ „Madame iſt hier geblieben. Doch ich weiß nicht, ob Madame empfangen kann; es iſt die Stunde, zu der ſie ſpazieren zu gehen pflegt.“ „Ich bitte, erkundigen Sie ſich, wo ſie iſt, und melden Sie ihr den Doctor Gilbert.“ „Ich will mich erkundigen, ob Madame in ihren Zimmern iſt. Ohne Zweifel wird ſie den Herrn empfan⸗ gen. Geht ſie aber ſpazieren, ſo habe ich Befehl, ſie nicht in ihrer Promenade zu ſtören.“ „Sehr gut, ich bitte, gehen Sie.“ Der Lackei öffnete das Gitter; Gilbert trat ein. Während der Lackei das Gitter wieder ſchloß, warf er einen forſchenden Blick auf den Wagen, der den Doctor gebracht hatte, und auf die ſeltſamen Geſtalten ſeiner zwei Reiſegefährten. Dann entfernte er ſich, den Kopf ſchüttelnd wie ein Menſch, bei dem der Verſtand nicht ausreicht, der aber jeden andern Verſtand da klar zu ſehen, wo der ſeinige in der Finſterniß geblieben iſt, herauszufor⸗ dern ſcheint. Gilbert blieb zurück und wariete allein. Nach fünf Minuten kam der Lackei wieder. „Die Frau Baronin geht ſpazieren,“ ſagte er. Und er verbeugte ſich, um Gilbert den Abſchied zu geben. Der Doector aber hielt ſich nicht für geſchlagen und erwiederte: „Mein Freund, ich bitte, wollen Sie Ihr Verbot ein wenig übertreten, mich der Frau Baronin melden und ihr ſagen, ich ſei der Freund des Herrn Marquis von Lafahette.“ Ein in die Hand des Lackei gedrückter Louis d'or beſiegte vollends die Bedenklichkeiten, welche der vom Doctor ausgeſprochene Name ſchon halb gehoben hatte. „Treten Sie ein, mein Herr,“ ſagte der Lackei. Gilbert folgte ihm. Doch ſtatt ihn in das Haus eintreten zu laſſen, führte er den Doctor in den Park. „Hier iſt die Lieblingsſeite der Frau Baronin,“ ſagte der Lackei, Gilbert den Eingang zu einer Art von Labyrinth bezeichnend.„Wollen Sie einen Augen⸗ blick hier warten.“ Zehn Minuten nachher vernahm man ein Geräuſch im Blätterwerk, und eine große Frau von dreiund⸗ zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, von mehr edlen, als anmuthigen Formen, erſchien vor den Augen von Gilbert. Sie ſchien erſtaunt, als ſie einen noch jungen Mann da ſah, wo ſie ohne Zweifel einen Menſchen von ſchon ziemlich reifem Alter zu finden erwartete. Gilbert war in ſeinem Aeußeren in der That merkwürdig genug, um beim erſten Anblick auf eine Beobachterin von der Stärke von Frau von Stasl Ein⸗ druck zu machen. Wenige Männer beſaßen ein aus ſo reinen Linien gebildetes Geſicht, und dieſe Linien hatten durch die auf ſchi hat unt feſt Re aue 33 Uebung eines allmächtigen Willens einen Charakter außerordentlicher Unbeugſamkeit angenommen. Seine ſchönen ſchwarzen, immer ſo empfindungsreichen Augen hatten ſich verſchleiert und befrſtigt durch die Arbeit und das Leiden, und indem ſie ſich verſchleiert und be⸗ feſtigt, jene Unruhe verloren, welche eine von den Reizen der Jugend iſt. Eine tiefe und zugleich anmuthige Falte höhlte am Winkel ſeiner Lippen jene geheimnißvolle Vertiefung aus, in welche die Phyſiognomiker den Sitz der Be⸗ dachtſamkeit legen. Es ſchien, daß die Zeit und ein frühzeitiges Alter allein Gilbert dieſe Eigenſchaft ge⸗ geben hatten, welche ihm zu verleihen der Natur nicht eingefallen war. Seine breite, wohlgerundete Stirne mit einer leichten Flucht, die ſeine ſchönen ſchwarzen Haare dämmten, welche der Puder zu weißen längſt aufgebört hatte, ent⸗ hielt zugleich die Wiſſenſchaft und den Geiſt. das Stu⸗ dium und die Einbildungskraft; bei Gütbert, wie bei ſeinem Lehrer Rouſſeau, warf das Vorſtehen der Augen⸗ brauen einen dichten Schatten auf die Augen, und aus dieſem Schatten ſprang der leuchtende Punkt hervor, der das Leben offenbarte. Trotz ſeines beſcheidenen Anzugs, erſchien alſo Gilbert vor den Augen der zukünftigen Verfaſſerin von Corinna unter einem merkwürdig ſchönen und ausge⸗ zeichneten Anblick, deſſen Geſammtweſen ſich noch durch ſeine langen, weißen Hände und durch ſeine ſchmalen, an ein feines, nerviges Bein ſich wohl anſchließenden Füße vervollſtändigte. Frau von Staöl verlor einige Augenblicke damit, daß ſie Gilbert prüfend betrachtete. Dieſe Zeit verwendete Gilbert ſeinerſeits zu einem ſteifen Gruß, der einiger Maßen an die beſcheidene Höf⸗ lichkeit der Quäker in Amerika erinnerte, welche der Frau nur die brüderliche Höflichkeit, ſtatt des lächeln⸗ den Reſpectes, zugeſtehen. Ange Pitou. 1. 3 34 Dann analyſirte er mit einem raſchen Blick die ganze Perſon der ſchon berühmten jungen Frau, deren verſtändigen und ausdrucksvollen Zügen es durchaus an Reizen gebrach; denn es war eher der Kopf eines unbedeutenden und trivialen jungen Mannes, als ein Frauenkopf auf einem Leibe voll wollüſtiger Ueppigkeit. Sie hielt in der Hand einen Zweig von einem Granatbaum, deſſen Blüthen ſie in der Zerſtreunng aß. „Mein Herr, Sie ſind der Doctor Gilbert?“ fragte die Baronin. „Ich bin es, ja, Madame.“ „So jung; Sie haben ſich ſchon einen ſehr großen Ruf erworben, oder ſollte vielmehr dieſer Ruf Ihrem Vater, oder irgend einem älteren Verwandten von Ihnen gehören?“ „Ich kenne keinen Gilbert außer mir, Madame, und wenn wirklich, wie Sie ſagen, ein wenig Ruf mit meinem Namen verknüpft iſt, ſo habe ich alles Recht, denſelben in Anſpruch zu nehmen.“ „Sie haben ſich des Namens des Marquis von Lafahette bedient, um zu mir zu gelangen, mein Herr, und der Marquis hat uns in der That von Ihrer un⸗ erſchöpflichen W feenſchaft geſprochen.“ 5 Gilbert verbeugte ſich. „Eine Wiſſenſchaft, welche um ſo merkwürdiger, um ſo mehr voll Intereſſe,“ fuhr die Baronin fort,„als Sie, wie es ſcheint, kein gewöhnlicher Chemiker, kein Praktifer, wie die Andern, ſind und alle Geheimniſſe der Wſſenſchaft des Lebens ergründet haben.“ „Ich ſehe wohl, Madame,“ erwiederte Gilbert lächelnd,„der Herr Marquis von Lafayette wird Iynen geſagt haben, ich ſei ein wenig Zauberer, und wenn er es Ihnen geſagt hat, ſo weiß ich, daß er Geiſt ge⸗ nug beſitzt, um Ihnen den Beweis hieſür gegeben zu haben, wenn er dies wollte.“ „In der That, mein Herr, er hat uns von wunder⸗ baren Kuren geſprochen, die Sie, ſei es auf dem — die ren aus ines ein keit. nem aß. gte rem von er, ein iſſe ert en nn ge⸗ zu er⸗ em 35 Schlachtfelde, ſei es in den amerikaniſchen Hoſpitälern an verzweifelten Subjecten machten; Sie verſenkten dieſelben, wie uns der General geſagt hat, in einen ſcheinbaren Tod, der dem wirklichen ſo ähnlich war, daß dieſer ſelbſt ſich darin täuſchte.“ „Dieſer ſcheinbare Tod, Madame, iſt das Reſultat einer beinahe unbekannten, heute nur den Händen von einigen Adepten anvertrauten Wiſſenſchaft, welche am Ende allgemein werden wird.“ „Mesmerismus, nicht wahr?“ fragte Frau von Staöl lächelnd. „Mesmerismus, ja, ſo iſt es.“ „Sollten Sie Lectionen bei dem Meiſter ſelbſt ge⸗ nommen haben?“ „Ach! Madame, Mesmer ſelbſt war nur der Schüler. Der Mesmerismus oder vielmehr der Magnetismus war eine den Aegyptern und Griechen bekannte Wiſſen⸗ ſchaft. Sie verlor ſich im Ocean des Mittelalters. Shakeſpeare erräth ſie im Macbeth. Urbain Grandier findet ſie wieder auf und ſtirbt dafür, daß er ſie aufgeſunden hat. Doch der Großmeiſter, mein Meiſter, iſt der Graf von Caglioſtro.“ „Dieſer Charlatan?“ riel Frau von Stasl. „Madame! Madame! hüten Sie ſich davor, daß Sie urtheilen wie die Zeitgenoſſen, und nicht wie die Nachwelt. Dieſem Charlatan verdanke ich mein Wiſſen, und die Welt wird ihm vielleicht die Freiheit zu ver⸗ danken haben.“ „Es mag ſein,“ verſetzte lächelnd Frau von Stasl. „Ich ſpreche, ohne die Sache zu kennen, und Sie ſpre⸗ chen mit Kenntniß derſelben. Es iſt wahrſcheinlich, daß Sie Recht haben und daß ich Unrecht habe. Doch kommen wir auf Sie zurück. Warum haben Sie ſich ſo lange von Frankreich enfernt gehalten? Warum ſind Sie nicht zurückgekehrt, um Ihren Platz unter den Lavviſier, den Cabanis, den Condorcet, den Bailly und den Louis einzunehmen?“ 3 36 Bei dieſem letzten Namen erröthete Gilbert un⸗ merklich. „Madame, ich habe zu viel zu ſtudiren gehabt, um mich ſogleich unter die Meiſter einzureihen.“ „Nun ſind Sie endlich hier, doch in einem für uns ſchlimmen Augenblick; mein Vater, der ſich, ich bin es feſt überzeugt, glücklich geſchätzt hätte, Ihnen nützlich ſein zu können, iſt in Ungnade gefallen und vor drei Tagen abgereiſt.“ Gilbert lächelte. „Frau Baronin,“ ſprach er, leicht ſich verbeugend, „vor ſechs Tagen bin ich auf Befehl des Herrn Baron von Necker in die Baſtille geſteckt worden.“ Frau von Staöl erröthete ebenfalls. „Wahrhaftig. mein Herr, Sie ſagen mir da etwas, was mich ungemein in Erſtaunen ſetzt. Siein der Baſtille?“ „Ich ſelbſt, Madame.“ „Was hatten Sie denn gethan?“ „Diejenigen, welche mich haben einſperren laſſen, könnten es mir allein ſagen.“ „Aber Sie ſind wiever herausgekommen?“ „Weil es keine Baſtille mehr gibt, ja, Madame.“ „Wie, keine Baſtille mehr?“ rief Frau von Staöl ſcheinbarem Erſtaunen. „Haben Sie die Kanonen nicht gehört?“ „Ja, doch Kanonen, das ſind nur Kanonen.“ „Oh! eriauben Sie mir, Ihnen zu ſagen: es iſt unmöglich, daß Frau von Stasl, die Tochter von Herrn von Necker, zu dieſer Stunde nicht weiß, daß die Ba⸗ ſtille vom Volke genommen worden iſt.“ „Ich verſichere Sie, mein Herr,“ erwiederte ver⸗ legen die Baronin,„allen Ereigniſſen ſeit dem Abgange meines Vaters fremd, beſchäftige ich mich nur damit, daß ich über ſeine Abweſenheit weine.“ „Madame! Madame!“ verſetzte Gilbert, den Kopf ſchütielnd,„die Staatscouriere ſind zu ſehr an den Weg gewöhnt, der nach dem Schloſſe Saint⸗Onen führt, als — mi 37 vaß nicht wenigſtens Einer in den vier Stunden, ſeit⸗ dem die Baſtille capitulirt hat, gekommen ſein ſollte.“ Die Baronin ſah, daß es ihr unmöglich war, zu antworten, ohne entſchieden zu lügen. Die Lüge wider⸗ ſtrebte ihr, und ſie veränderte das Geſpräch. „Und welchem Umſtande verdanke ich die Ehre Ihres Beſuches?“ fragte fie.* „Ich wünſchte die Ehre zu haben, Herrn von Necker zu ſprechen, Madame.“ „Aber Sie wiſſen, daß er nicht mehr in Frank⸗ reich iſt?“ „Madame, es ſchien mir ſo außerordentlich, daß Herr von Necker ſich entfernt haben, ſo unpolitiſch, daß er nicht uberwacht haben ſollte.. S . a 2 „Daß ich, ich geſtehe es, darauf zählte, Sie wür⸗ den mir den Ort angeben, wo ich ihn finden könnte.“ „Sie werden ihn in Brüſſel finden, mein Herr.“ Gübert heftete ſeinen forſchenden Blick auf die Baronin. „Ich danke, Madame,“ ſagte er, ſich verbeugend, „ich werde alſo nach Brüſſel abreiſen, da ich ihm Dinge von der höchſten Wichtigkeit zu ſagen habe.“ Frau von Staöl machte eine Bewegung des Zö⸗ gerns, dann erwiederte ſie: „Zum Glück kenne ich Sie, mein Herr, und ich weiß, daß Sie ein ernſter Mann ſind, denn dieſe ſo wichtigen Dinge könnten wohl an ihrem Werthe ver⸗ lieren, wenn ſie durch einen andern Mund gingen.. Was kann es Wichtiges für meinen Vater geben nach der Ungnade, nach dem Vorgefallenen?“ .„Es gibt die Zukunft, Madame, und ich ſoll viel⸗ leicht nicht ganz ohne Einfluß auf die Zukunft ſein. Doch dies Alles iſt unnütz. Wiſſen Sie, was zwanzig Stunden in Revolutionszeiten ſind, und wie viele Dinge in zwanzig Stunden vorfallen können? Oh! welche unklugheit hat Herr von Necker begangen, daß er „Wahrhaftig, mein Herr, Sie erſchrecken mich,“ ſagte Frau von Stasl,„und ich fange in der That an zu glauben, daß mein Vater eine Unklugheit begangen „Was wollen Sie, Madame, nicht wahr, die Dinge ſind nun einmal ſo? Ich habe mich nur noch auf das Demüthigſte der Störung wegen, die ich Ihnen verur⸗ ſacht, zu entſchuldigen. Leben Sie wohl, Madame.“ Doch die Baronin hielt ihn zurück und ſprach: „Ich ſage Ihnen, mein Herr, daß Sie mich er⸗ ſchrecken, Sie ſind mir eine Erklärung über dies Alles, etwas, was mich beruhigt, ſchuldig.“ „Ah! Madame, ich habe in dieſem Augenblick ſo viele perſönliche Intereſſen zu überwachen, daß es mir durchaus unmöglich iſt, an die der Anderen zu denkenz es handelt ſich um mein Leben und um meine Ehre, wie es ſich um das Leben und die Ehre von Herrn von Necker handeln würde, wenn er ſogleich hätte die Worte hören können, die ich ihm in zwanzig Stunden ſagen werde.“ „Mein Herr, erlauben Sie mir, mich eines Um⸗ ſtandes zu erinnern, den ich zu lange vergeſſen habe: daß nämlich ſolche Fragen nicht unter dem freien Himmel, in einem Parke, im Bereiche der Ohren Aller verhan⸗ delt werden ſollen.“ „Madame, ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu erwiedern, daß ich bei Ihnen bin, und daß Sie folg⸗ lich den Ort gewählt haben, wo wir find. Was wollen Sie? Ich bin zu Ihren Befehlen.“ „Sie ſollen mir den Gefallen thun, dieſes Geſpräch in meinem Cabinet zu beendigen.“ „Ah! ah!“ ſagte Gilbert zu ſich ſelbſt,„wenn ich ſie nicht in Verlegenheit zu bringen befürchtete, würde ich ſie fragen, ob ihr Cabinet in Brüſſel ſei.“ Doch er fragte nichts und beſchränkte ſich darauf, wanzig Stunden zwiſchen ſich und die Ereigniſſe, zwi⸗ ſen die Hand und das Ziel gelegt.“ „——— ——— — S S 3 8 — X. 39 vaß er der Baronin folgte, welche nun ſehr raſch auf das Schloß zuging. Man fand vor der Fagade denſelben Lackei, welcher Gilbert empfangen hatte. Frau von Stasl machte ihm ein Zeichen, öffnete ſelbſt die Thüren und führte Gilbert in ihr Cabinet, einen reizenden, mehr männlichen, als weiblichen Winkel, deſſen zweite Thüre und zwei Fenſter auf ein nicht nur für fremde Perſonen, ſondern auch für fremde Ohren unzugängliches Gärtchen gingen. Hier angelangt, ſchloß Frau von Staöl die Thüre wieber, wandte ſich gegen Gilbert um und ſagte: „Mein Herr, im Namen der Menſchlichkeit fordere ich Sie auf, mir zu ſagen, was das meinem Vater mht Geheimniß iſt, welches Sie nach Saint⸗Ouen ührt.“ „Madame,“ erwiederte Gilbert,„wenn Ihr Herr Vater mich hier hören könnte, wenn er wiſſen könnte, daß ich der Mann bin, der dem König die geheime Denkſchrift betitelt: Ueber die Lage der Ideen und des Fortſchrittes, überſchickt hat, ich bin feſt überzeugt, der Herr Baron von Necker würde auf der Stelle erſcheinen und zu mir ſagen:„„Doctor Gilbert, was wollen Sie von mir? ſprechen Sie, ich höre Sie.““ Bilbert hatte dieſe Worte noch nicht vollendet, als eine in einer Füllung, von Vanloo gemalt, verborgene Thüre ſich geräuſchlos öffnete und der Baron von Necker lächelnd auf der Schwelle einer kleinen Wendeltreppe erſchien, von deren Höhe herab man das Licht einer Lampe fallen ſah. „Da grüßte die Baronin von Stasl Gilbert, küßte ihren Vater auf die Stirne, nahm den Weg, auf dem er gekommen war, ſtieg die Treppe hinauf, ſchloß die Füllung und verſchwand. Necker wat auf Gilbert zugegangen; er reichte ihm die Hand und ſprach: „Hier bin ich, Herr Gilbert; was wollen Sie von mir? Ich höre Sie.“ Beide nahmen Stühle. „Herr Baron,“ ſagte Gilbert,„Sie haben ein Ge⸗ heimniß vernommen, das Ihnen alle meine Ideen offen⸗ bart. Ich bin es, der vor vier Jahren dem Könige eine Denkſchrift über die allgemeine Lage Europas hat zukommen laſſen; ich bin es, der ihm ſeit dieſer Zeit aus den Vereinigten Staaten die verſchiedenen Denk⸗ ſchriften, die er empfangen, über alle Fragen innerer Vereinbarung und Verwaltung, die ſich in Frankreich erhoben, überſchickt hat.“ „Denkſchriften, von denen Seine Majeſtät mit mir nie ohne eine tiefe Bewunderung und einen ebenſo tiefen Schrecken ſprach.“ „Ja, weil ſie die Wahrheit ſagten. Weil die Wahrheit damals furchtbar zu hören war, weil ſie hente eine Thatſache geworden, iſt ſie noch viel furcht⸗ barer zu ſehen, nicht ſo?“ „Das iſt unbeſtreitbar, mein Herr,“ erwiederte Necker. „Dieſe Denkſchriften,“ fragte Gilbert,„hat ſie Ihnen der König mitgetheilt?“ „Nicht alle, mein Herr, nur zwei: eine über die Finanzen, und Sie waren meiner Anſicht, abgeſehen 2 eihcleh von einigen Verſchiedenheiten, doch ich fühlte mich darum dennoch ſehr geehrt.“ „Das iſt nicht Alles, es war eine dabei, in der ich ihm alle die materiellen Ereigniſſe, die in Erfüllung * gegangen find, verkündigte.“ A. c Ja.“ „Ich bitte, welche, mein Herr?“ „Zwei unter anderen? das eine, daß er ſich ge⸗ nöthigt ſehen würde, Sie im Angeſicht von ihm ein⸗ gegangener Verbindlichkeiten zu entlaſſen.“ „Sie hoben ihm meine Entlaſſung vorhergeſagt?“ „Vollkommen.“ Ge⸗ fen⸗ ige hat Zeit enk⸗ erer eich mir enſo die ſie erte ſie die hen nich der ung —————— 41 iſt das erſte Ereigniß; welches war das weite?“ „Die Einnahme der Baſtille.“ t„Sie haben die Einnahme der Baſtille vorher⸗ geſagt?“ „Herr Baron, die Baſtille war mehr als das Ge⸗ fängniß des Königthums, ſie war das Symbol der Tyrannei. Die Freiheit hat damit angefangen, daß ſie das Symbol zerſtörte; die Revolution wird das Uebrige thun.“ „Haben Sie das Gewicht der Worte, die Sie mir ſagen, berechnet, mein Herr?“ „Allerdings.“ „Haben Sie keine Furcht, indem Sie eine ſolche Theorie ganz laut ausſprechen?“ „Furcht, wovor?“ „Daß Ihnen Unglück widerfahre.“ „Herr von Necker,“ erwiederte Gilbert lächelnd, „wenn man aus der Baſtille kommt, hat man vor nichts Furcht.“ „Sie kommen aus der Baſtille?“ „Heute erſt.“ „Und warum waren Sie in der Baſtille?“ „Das frage ich Sie.“ „Mich?“ „Allerdings Sie.“ „Und warum mich?“ „Weil Sie mich haben hineinbringen laſſen.“ „Ich habe Sie in die Baſtille bringen laſſen?“ „Vor ſechs Tagen; das Datum iſt, wie Sie ſehen, nicht ſehr alt, und Sie müßten ſich erinnern.“ „Das iſt unmöglich.“ „Erkennen Sie Ihre Unterſchrift?“ ſprach Gilbert. Und er zeigte dem Exminiſter das Gefangenen⸗ regiſter der Baſtille und den geheimen Verhaftsbefehl, der ſich demſelben beigefügt fand. „Ja, allerdings,“ ſagte Recker,„hier iſt der Ver⸗ haftsbefehl. Sie wiſſen, daß ich ſo wenig als möglich unterzeichnete, und dieſes möglichſt Wenige belief ſich noch auf viertauſend jährlich. Ueberdies habe ich im Augenblick meiner Abreiſe bemerkt, daß man mich einige, bei denen der Platz für den Namen noch weiß war, hatte unterzeichnen laſſen. Der Ihrige, mein Herr, wird zu meinem großen Bedauern einer von dieſen ge⸗ weſen ſein.“ „Damit ſagen Sie mir, mein Herr, daß ich in S Weiſe meine Einkerkerung Ihnen zuzuſchreiben abe?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Aber, Herr Baron,“ verſetzte Gilbert lächelnd, „Sie begreifen meine Neugierde; ich muß wiſſen, wem ich für meine Gefangenſchaft zu Dank verpflichtet bin. Haben Sie alſo die Güte, es mir zu ſagen.“ „Oh! nichts kann leichter ſein. Ich habe aus Vorſicht meine Brirfe nie im Miniſterium gelaſſen, ſondern ſie jeden Abend hieher gebracht. Die von dieſem Monat ſind in der Schublade B. dieſes Schrankes. Suchen wir in dem Bunde den Buchſtaben G.“ Necker öffnete die Schublade und durchblätterte einen ungeheuren Bund, der fünf bis ſechs hundert Briefe enthalten konnte. „Ich behalte nur die Briefe, welche ihrer Natur nach meine Verantwortlichkeit zu ſichern im Stande find. Eine Verhaftung, die ich vornehmen laſſe, iſt ein Feind, den ich mir mache. Ich muß alſo den Streich parirt haben. Das Gegentheil würde mich ſehr in Erſtaunen ſetzen. Sehen wir G. G das iſt es. Ja, Gilbert. Das kommt Ihnen vom Hauſe der Königin zu, mein lieber Herr.“ „Ah! ah! vom Hauſe der Königin!“ „Ja, Begehren eines Verhaftsbefehls gegen Einen Namens Gilbert. Kein Gewerbe. Schwarze Haare, ſchwarze Augen. Folgt das Signalement. Begibt ſich 9 d i C ———c 0— — 43 vom Havre nach Paris, das iſt das Ganze. Dieſer Gilbert waren alſo Sie.“ „Das war ich. Können Sie mir den Brief an⸗ vertrauen?“ „Nein, doch ich kann Ihnen ſagen, von wem er unterzeichnet iſt.“ „Sagen Sie es.“ „Gräſfin von Charny.“ „Gräfin von Charny?“ wiederholte Gilbert;„ich kenne ſie nicht, ich habe ihr nichts gethan.“ Und er erhob ſachte den Kopf, als wollte er in ſeinen Erinnerungen ſuchen. „Dabei findet ſich eine kleine Randbemerkung, welche nicht unterzeichnet iſt, aber von einer mir be⸗ kannten Handſchrift. Sehen Sie.“ Gilbert neigte ſich und las am Rande des Briefes: „Ohne Verzug thun, was die Gräfin von Charny verlangt.“ „Das iſt ſeltſam,“ ſagte Gilbert,„die Königin, das begreife ich noch, es war von ihr und den Polignac in meiner Denkſchrift die Rede. Doch dieſe Frau von Charny... „Sie kennen ſie nicht?“ „Das muß ein Name ſein, den man nur hiezu hergegeben hat. Uebrigens darf man ſich nicht darüber wundern, daß mir die Notabilitäten von Verſailles unbekannt find. Seit fünfzehn Jahren bin ich von Frankreich abweſend; ich habe es nur zweimal wieder geſehen, und das zweite Mal vor bald vier Jahren ver⸗ laſſen. Wer iſt dieſe Gräfin von Charny, wenn ich fragen darf?“ „Die Freundin, die Vertraute der Königin; die ſehr angebetete Frau des Grafen von Charny, eine Schönheit und eine Tugend zugleich, kurz ein Wunder.“ „Nun, ich kenne dieſes Wunder nicht.“ „Wenn dem ſo iſt, mein lieber Doctor, ſo bleiben Sie dabei ſtehen, daß Sie das Spielzeug einer politi⸗ ſchen Intrigue find. Sie haben vom Grafen Caglioſtro epfc „Jd. „Sie haben ihn gekannt?“ „Er iſt mein Freund geweſen; mehr als mein Freund, mein Lehrer; mehr als mein Lehrer, mein Retter.“ Wohl! Oeſterreich oder der heilige Stuhl werden e Ihre Einkerkerung verlangt haben. Sie haben Bro⸗ churen geſchrieben?“ „Ach! ja.“ „Alle dieſe kleinen Rachgieren wenden ſich der ii zu, wie die Nadel dem Pol, wie das Eiſen e m Magnet. Man hat gegen Sie complottirt; man hat Ihnen Leute folgen laſſen. Die Königin hat Frau von Charny beauftragt, den Brief zu unterzeichnen, um den Vervacht zu entfernen, und damit iſt das Ge⸗ heimniß aufgeklärt.“ Gilbert dachte einen Augenblick nach. Dieſer Augenblick des Nachdenkens rief in ſein — Gedächtniß die bei Billot in Piſſeleur geſtohlene Caſ⸗ ſette zurück, in der weder die Königin, noch Oeſterreich, noch der heilige Stuhl etwas zu thun hatten, und dieſe Erinnerung brachte ihn wieder auf den rechten Weg. „Nein,“ ſagte er,„das iſt es nicht, das kann es nicht ſein; doch gleichviel, gehen wir zu etwas Ande⸗ rem über.“ „Zu was?“ „Zu Ihnen!“ „Zu mir? was haben Sie mir von mir zu ſagen?“ „Was Sie ſo gut wiſſen, als irgend Jemand: daß Sie binnen drei Tagen wieder in Ihre Functionen ein⸗ geſetzt find, und daß Sie dann Frankreich ſo deſpotiſch regieren werden. als Sie wollen.“ „Sie glauben?“ verſetzte Necker lächelnd. „Und Sie auch, da Sie nicht in Brüſſel ſind.“ c.„ „— ſtro tein ein den r⸗ der iſen man rau nen, Ge⸗ ſein Caſ⸗ eich, dieſe g. nes nde⸗ n“ daß ein⸗ tiſch 4⁵ „Nun wohl! das Reſultat? denn zum Reſultat müſſen wir kommen.“ „Vernehmen Sie es. Sie ſind bei den Franzoſen beliebt. Sie werden von ihnen angebetet ſein. Die Königin war es ſchon lange müde, Sie geliebt zu ſehen; der König wird es müde werden, Sie angebetet zu ſehen; Beide werden Popularität auf Ihre Koſten treiben, und Sie werden es nicht leiden. Dann werden Sie beim PVolke unbeliebt. Das Volk, mein lieber Herr Necker⸗ iſt ein hungeriger Löwe, der nur die fütternde Hand liebt, welche Hand dies auch ſein mag.“ „Hernach?“ „Hernach fallen Sie wieder in die Vergeſſenheit zurück.“* „Ich, in die Vergeſſenheit?“ Ach! ja.“ „* „Und was würde mich vergeſſen machen?“ „Die Ereigniſſe.“ ¹ giſ 6 „Bei meinem Chrenwort, Sie ſprechen als Prophet.“ „Ich habe das Unglück, es ein wenig zu ſein.“ „Laſſen Sie hören, was wird geſcheben?“ „Oh! was geſchehen wird, iſt nicht ſchwer vorher⸗ zuſagen, denn was geſchehen wird, iſt im Keime in der Nativnalverſammlung. Eine Partei wird ſich erheben, welche in dieſem Augenblick ſchläft; ich irre mich, welche wacht, aber ſich verbirgt. Dieſe Partei hat zum Haupte ein Princip, zur Waffe eine Idee.“ „Ich begreife. Sie ſprechen von der vrleaniſtiſchen Partei?“ „Nein. Von dieſer hätte ich geſagt, ſie habe zum Haupte einen Mann, zur Waffe die Volkebeliebtheit. Ich ſpreche von einer Partei, deren Name nicht einmal genannt worden iſt, von der republikaniſchen Partei.“ S Von der republikaniſchen Partei? Ah! was denken e!“ „Sie glauben nicht daran?“ „Chimäre.“ „Ja, Chimäre mit dem feurigen Rachen, der Euch Alle verſchlingen wird.“ „Wohl! ich werde Republikaner, ich bin es ſchon.“ „Republikaner von Genf, ganz richtig.“ „Mir ſcheint, ein Republikaner iſt ein Republi⸗ aner.“ „Das iſt der Irrthum, Herr Baron; unſere Re⸗ publikaner werden durchaus nicht den Republikanern anderer Länder gleichen: unſere Republikaner werden zuerſt die Vorrechte, dann den Adel, dann das König⸗ thum verſchlingen; unſere Republifaner, Ihr Anderen werdet mit ihnen abgehen, aber ſie werden ohne Euch ankommen, denn Ihr werdet nicht dahin gehen wollen, wohin ſie gehen. Nein, Herr Baron von Necker, Sie tänſchen ſich, Sie ſind kein Repablikaner.“ „Oh! wenn Sie es ſo verſtehen, nein; ich liebe den König.“ „Und ich auch, und alle Welt liebt ihn in dieſem Augenblick, wie wir. Wenn ich das, was ich ſage, einem Geiſte, der minder erhaben, als der Ihrige, ſagte, ſo würde man mich ausziſchen und ausſchelten; doch, glauben Sie an das, was ich Ihnen ſage, Herr von Necker.“ „Das würde ich in der That gern thun, wenn die Sache Wahrſcheinlichkeit hätte; aber.„ „Kennen Sie die geheimen Geſellſchaften?“ „Ich habe viel davon ſprechen hören.“ „Glauben Sie daran?“ „Ich glaube an ihre Exiſtenz; ich glaube nicht an ihre Allgemeinheit.“ „Sind Sie Mitglied von einer?“ „Nein.“ „Sind Sie einfach von einer Maurerloge?“ Nein.“ * „Wohl, Herr Miniſter, ich bin es.“ „Mitglied?“ „Ja, und von allen. Herr Miniſter, geben Sie — an 47 wohl Acht, das iſt ein ungeheures Netz, das alle Throne umſchlingt. Es iſt ein unſichtbarer Dolch, der alle Monarchieen bedroht. Wir ſind ungefähr drei Mil⸗ lionen Brüder, in allen Ländern verbreitet, in allen Claſſen der Geſellſchaft zerſtreut. Wir haben Freunde im Volke, im Bürgerſtand, im Adel, bei den Prinzen, unter den regierenden Fürſten ſogar. Nehmen Sie ſich in Acht, Herr von Necker, der Prinz, vor dem Sie ſich erzürnen würden, iſt vielleicht ein Affiliirter, nehmen Sie ſich in Acht. Der Bediente, der ſich vor Ihnen verbeugt, iſt vielleicht ein Affiliirter. Ihr Leben gehört nicht Ihnen, Ihr Vermögen gehört nicht Ihnen, ſogar Ihre Ehre gehört nicht Ihnen. Dies Alles gehört einer unſichtbaren Macht, gegen die Sie nicht zu kämpfen im Stande ſind, denn Sie kennen ſie nicht, während die⸗ ſelbe Sie zu verderben vermag, denn ſie kennt Sie. Wohl denn! dieſe drei Millionen Menſchen, ſehen Sie, welche ſchon die amerikaniſche Republik gemacht haben, find im Begriffe, es zu verſuchen, eine franzöſiſche Re⸗ publik zu machen; dann werden ſie danach trachten, eine eurvpäiſche zu machen.“ „Aber Ihre Republik der Vereinigten Staaten erſchreckt mich nicht zu ſehr, und gern nehme ich dieſes Programm an.“ „Ja, doch von Amerika zu uns iſt eine Kluft. Amerika, ein neues Land, ohne Vorurtheile, ohne Pri⸗ vilegien, ohne Königthum, ein nährender Boden, frucht⸗ bare Ländereien, jungfräuliche Wälder, Amerifa zwiſchen dem Meere, das ein Ausweg für ſeinen Handel, und der Einöve liegend, welche eine Hülfsquelle für ſeine Be⸗ völkerung iſt, während Frankreich!.. ſehen Sie doch, was man in Frankreich zu zerſtören hat, ehe Frankreich Amerika gleicht.“ „Ohl wohin wollen Sie denn kommen?“ „Ich will dahin kommen, wohin wir unglücklicher Weiſe gehen. Doch ich will danach trachten, daß wir ohne gewaltſame Erſchütterung dahin kommen, indem ich den König an die Spitze der Bewegung ſtelle.“ „Als eine Fahne?“ „Nein, als einen Schild.“ „Ein Schild?“ verſetzte Necker lächelnd,„Sie ken⸗ nen den König nicht, wenn Sie ihn eine ſolche Rolle wollen ſpielen laſſen.“ „Doch, ich kenne ihn. Ei! mein Goitt, ich weiß es wohl, es iſt ein Mann, wie ich tauſend an der Spitze kleiner Bezirke von Amerika geſehen habe, ein braver Mann, ohne Majeſtät, ohne Widerſtand, ohne Initiative, doch was wollen Sie? wäre es nur durch den geheiligten Titel, den er führt, er iſt darum nicht minder ein Wall egen die Menſchen, von denen ich ſo eben ſprach, und ß ſchwach auch ein Wall ſein mag, man hat ihn doch lieber als nichts. „Ich erinnere mich, in unſern Kriegen mit den wilden Stämmen im Norden von Amerika ganze Nächte hinter ein paar Schilfrohren zugebracht zu haben; der Feind war auf der andern Seite des Fluſſes und ſchoß nach uns. Ein Rohr iſt wenig, nicht wahr? und dennoch geſtehe ich Ihnen, Herr Baron, daß mein Herz behag⸗ licher hinter dieſen großen, grünen Rohren ſchlug, welche eine Kugel wie Fäden durchſchnitt, als wenn ich auf freiem Felde geweſen wäre. Nun wohl, der König iſt mein Rohr. Er erlaubt mir, den Feind zu ſehen, und verhindert den Feind, daß er mich. ſieht. Darum bin ich, Republikaner in New⸗York oder Philadelphia, Royaliſt in Frankreich. Dort hieß unſer Dictator Waſhington. Hier weiß Gott, wir er heißen wird: Dolch oder Schaffot.“ „Sie ſehen die Dinge blutfarbig an, Doetor.“ „Sie würden ſie ebenſo anſehen, wie ich, Baron, wenn Sie heute auf der Gröve geweſen wären.“ Ja, das iſt wahr; es ſoll dort, wie ich höre, eine Metzelei ſtattgefunden haben.“ er e n⸗ lle iß er ve, ten nd och en hte der och ag⸗ che auf und bin hia, or ird: ron, eine 49 „Es iſt eine ſchöne Sache um das Volk. wenn es ſchön iſt!... O menſchliche Stürmel“ rief Gilbert,„wie weit von euch laßt ihr die Stürme des Himmels!“ Necker wurde nachdenkend. „Daß ich Sie nicht bei mir habe, Doctor,“ ſagte er;„Sie wären für mich, wenn es Noth thäte, ein ſtrenger Rathgeber.“ „Bei Ihnen, Herr Baron, wäre ich Ihnen nicht ſo nützlich, und beſonders Frankreich nicht ſo nützlich, als da, wohin ich zu gehen Luſt habe.“ „Und wohin wollen Sie gehen?“ „Hören Sie, mein Herr: es iſt beim Throne ſelbſt ein großer Feind des Throns, beim König ſelbſt ein großer Feind des Königs: das iſt die Königin. Die arme Frau vergißt, daß ſte die Tochter von Maria Thereſia iſt, oder ſie erinnert ſich deſſen nur aus dem Geſichtspunkte des Stolzes; ſie glaubt den König zu ret⸗ ten, und ſie verdirbt mehr, als der König; ſie richtet das Königthum zu Grunde. Wohl denn! wir, die wir den König lieben, wir, dieswir Frankreich lieben, wir müſſen mit einander übereinkommen, um dieſe Macht zu neutra⸗ liſtren, um dieſen Einfluß zu vernichten.“ „Nun, ſo thun Sie, was ich Ihnen geſagt habe; bleiben Sie bei mir, helfen Sie mir.“ „Wenn ich bei Ihnen bleibe, werden wir nur ein einziges Thätigkeitsmittel haben; Sie werden ich ſein, ich werde Sie ſein. Wir müſſen uns trennen, mein Herr, und dann haben wir ein doppeltes Gewicht.“ „Und wohin werden wir es mit Allem dem bringen?“ „Dahin, daß wir die Kataſtrophe vielleicht verzö⸗ gern, aber ſicherlich nicht verhindern, obſchon ich Ihnen für einen mächtigen Unterſtützer bürge, für den Marquis von Lafahette.“ „Lafahette iſt ein Republikaner?“ „Wie ein Lafahette ein Republikaner ſein kann. Müſſen wir durchaus unter dem Niveau der Gleichheit Ange Pitou. 1. 4 paſſiren, ſo laſſen Sie uns, glauben Sie mir, das der vornehmen Herren wählen. Ich liebe die Gleichheit, welche erhebt, und nicht die, welche erniedrigt.“ „Und Sie ſtehen uns für Lafayette?“ „So lange man nur Ehre, Muth, Aufopferung von ihm verlangen wird, ja.“ „Nun, ſo reden Sie alſo, was wünſchen Sie?“ „Einen Einführungsbrief für Seine Majeſtät, den König Ludwig XVI.“ „Ein Mann von Ihrem Verdienſt bedarf keines Einführungsbriefes; er ſtellt ſich ſelbſt vor.“ „Nein, es ſagt mir zu, Ihr Geſchöpf zu ſein; es entſpricht meinen Plänen, von Ihnen vorgeſtellt zu werden.“ „Und wonach trachten Sie?“ „Einer der Quartal⸗Aerzte des Königs zu werden.“ nigin?“ „Bin ich einmal beim König, ſo iſt das meine Sache.“ „Doch wenn ſie Sie verfolgt?“ „Dann werde ich machen, daß der König einen Willen hat.“ „Einen Willen der König? Sie werden mehr als ein Menſch ſein, wenn Sie das machen.“ „Derjenige, welcher den Leib lenkt, iſt ein großer gelingt es ihm nicht eines Tags, den Geiſt zu lenken.“ „Glauben Sie aber nicht, es ſei ein ſchlechter „Oh! nichts kann leichter ſein. Doch die Kö⸗ — Vorgang, um Arzt des Königs zu werden, daß man in die Baſtille eingeſperrt geweſen iſt?“ „Bin ich nicht Ihrer Anſicht nach wegen des Ver⸗ brechens der Philoſophie verfolgt worden?“ „Das befürchte ich.“ „Dann ſtellt der König ſeine Ehre wieder her, der König macht ſich beim Volke beliebt, indem er zum Arzte einen Zögling von Rouſſeau, einen Partei⸗ der eit, ung den nes es zu n 7 Kö⸗ eine nen als oßer zu hter nan Ber⸗ her, er tei⸗ — 5¹ gänger der neuen Lehren, einen Gefangenen nimmt, der gerade aus der Baſtille kommt. Das erſte Mal, wo Sie den König ſehen werden, machen Sie dies bei ihm geltend.“ „Sie haben immer Recht; doch kann ich auf Sie zählen, ſind Sie einmal beim König?“ „Ganz und gar, ſo lange Sie in der politiſchen Linie bleiben, die wir annehmen werden.“ „Was verſprechen Sie mir?“ „Sie genau von der Stunde zu unterrichten, wann Sie ſich zurückzuziehen haben.“ Necker ſchaute einen Augenblick Gilbert an; dann ſprach er mit verdüſtertem Tone: „In der That, das iſt der größte Dienſt, den ein ergebener Freund einem Miniſter leiſten kann, denn es iſt der letzte.“ Und er ſetzte ſich an den Tiſch, um an den König zu ſchreiben. Mittlerweile las Gilbert den Brief noch einmal und ſagte zu ſich ſelbſt: „Gräfin von Charny, wer kann denn das ſein?“ „Hier, mein Herr,“ ſprach Necker nach ein paar Minuten, indem er Gilhert das reichte, was er geſchrie⸗ ben hatte. Gilbert nahm den Brief und las. Er enthielt, was folgt: „Sire, „Eure Majeſtät muß eines ſicheren Mannes be⸗ dürfen, mit dem ſie von ihren Angelegenheiten ſpre⸗ chen kann. Mein letztes Geſchenk, mein letzter Dienſt, indem ich den Rönig verlaſſe, iſt das Geſchenk, das ich ihm mit dem Doctor Gilbert mache. Ich ſage Eurer Majeſtät genug, wenn ich ihr bemerke, daß der Doetor Gilbert nicht nur einer der ausgezeichnetſten Aerzte iſt, welche in der Welt eriſtiren, ſondern auch der Verfaſſer der Denkſchriften über Adminiſtration Politik, die einen ſo lebhaften Eindruck auf den König hervorge⸗ bracht haben. „Zu den Füßen Eurer Majeſtät, di „Baron von Necker. 6 Necker datirte ſeinen Brief nicht und übergab ihn ſe dem Doctor nur einfach geſiegelt. d „Und nun,“ fügte er bei,„nun bin ich in Brüſſel, n nicht wahr?“ d „Ja, gewiß, und mehr als je. Morgen früh wer⸗ den Sie indeſſen Nachricht von mir erhalten.“ g Der Baron klopfte auf eine gewiſſe Weiſe an die u Füllung, Frau von Stasl erſchien wieder; nur hielt d ſte diesmal außer ihrem Granatzweige die Brochure des Doctor Gilbert in der Hand. Sie zeigte ihm den davon mit einer Art von ſchmeichelhafter Coquet⸗ erie. Gilbert nahm Abſchied von Herrn von Necker und küßte der Baronin, die ihn bis zum Ausgang des Cabinets begleitete, die Hand. Und er kehrte zu dem Fiacre zurück, wo Billot und Piton auf dem Vorderſitze ſchliefen, wo der Kut⸗ ſcher auf ſeinem Bocke ſchlief, und wo die Pferde auf ihren wankenden Beinen ſchliefen. —— XII. König Ludwig XVI. Das Zuſammenſein von Gilbert, Frau von Stasl und Herrn von Necker hatte ungefähr anderthalb Stun⸗ den gedauert. Gilbert kam ein Viertel nach neun Uhr nach Paris zurück, ließ ſich unmittelbar nach der Poſt führen, nahm Pferde, einen Wagen, und während Bil⸗ lot und Piton in einem kleinen Gaſthauſe der Rue Thirour, wo Billot, wenn er nach Paris kam, abzu⸗ — 8 38—————— c e er„„ 53 ſteigen pflegte, von ihren Strapazen ausruhten, fuhr Gilbert im Galopp nach Verſailles. Es war ſpät, doch daran lag Gilbert wenig. Bei den Männern von ſeinem Schlage iſt die Thätigkeit ein Bedürfniß. Seine Fahrt würde vielleicht unnütz ſein, doch eine unnütze Fahrt war ihm lieber, als auf der Stelle zu bleiben. Bei den nervöſen Organiſatio⸗ nen iſt die Ungewißheit eine ſchkimmere Folter, als die erſchrecklichſte Wirklichkeit. Er kam nach Verſailles um halb eilf Uhr; in gewöhnlicher Zeit wäre alle Welt zu Bette gegangen und in den tieſſten Schlaf verſunken geweſen. Doch an dieſem Abend ſchlief Niemand in Verſailles. Man hatte hier den Gegenſchlag der Erſchütterung empfangen, unter der Paris noch zitterte. Die franzöſiſchen Garden, die Gardes⸗du⸗corps, die Schweizer, unterhielten ſich, rottenweiſe aufgeſtellt, an allen Ausgängen der Hauptſtraßen gruppirt, unter ſich oder mit den Bürgern, deren royaliſtiſche Geſin⸗ nung ihnen Vertrauen einflößte. Denn Verſailles iſt zu jeder Zeit eine royaliſtiſche Stadt geweſen. Dieſe religiöſe Verehrung der Mo⸗ narchie, wenn nicht des Monarchen, iſt den Herzen ſei⸗ ner Bewohner ineruſtirt, wie eine der Eigenſchaften des Bodens. Da ſie bei den Königen und durch die Könige gelebt, da ſie immer den berauſchenden Wohl⸗ geruch der Lilien eingeathmet, da ſie das Gold der Kleider und das Lächeln der erhabenen Perſonen ge⸗ ſehen, ſo fühlen ſich die Bewohner von Verſailles, denen die Könige eine Stadt von Marmor und Por⸗ phyr gemacht haben, ſelbſt ein wenig Könige, und heute, heute noch, wo zwiſchen den Marmorn das Moos er⸗ ſcheint und zwiſchen den Platten Gras wächſt, heute, wo das Gold vom Täfelwerk zu verſchwinden im Begriff iſt, wo der Schatten der Parke einſamer iſt, als der der Gräber, würde Verſailles entweder gegen ſeinen Urſprung lügen, oder es muß ſich als ein Bruch⸗ ſtück vom gefallenen Königthum betrachten und, da es hat, wenigſtens die Poeſie des Beklagens und den erha⸗ benen Reiz der Schwermuth bewahren. Ganz Verſailles trieb ſich alſo, wie geſagt, in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1789, verworren und vermengt umher, um zu erfahren, wie der König von Frankreich die ſeiner Krone zugefügte Beleidigung, die ſeiner Macht verſetzte Quetſchung aufnehmen werde. Durch die Antwort, welche er Herrn von Dreux⸗Brezé gegeben, hatte Mirabeau das Königthum in's Geſicht geſchlagen. Durch die Einnahme der Baſtille hatte es das Volk im Herzen getroffen. Für die beſchränkten Köpfe, für die Kurzſichtigen war indeſſen die Frage raſch gelöſt. In den Augen der Militäre beſonders, welche, im Reſultat der Ereig⸗ niſſe nur den Sieg oder die Niederlage der rohen Ge⸗ walt zu ſehen gewohnt waren, handelte es ſich ganz einfach um einen Maiſch nach Paris. Dreißigtauſend Mann und zwanzig Kanonen würden bald dieſen Stolz und dieſe Siegeswuth der Pariſer zu nichte machen. Nie hatte das Königthum ſo viel Räthe gehabt; Leher gab ſeine Auſicht ganz laut und öffentlich zum eſten. Die Mäßigſten ſagten: „Das iſt ganz einfach.“ Dieſe Redeform wird man in Frankreich beinahe immer auf die ſchwierigſten Lagen angewendet finden.„Das iſt ganz einfach,“ ſagten ſie. „Man erwirke zuerſt von der Nationalverſammlung eine Sanction, die ſie nicht verweigern wird; ihre Haltung iſt ſeit einiger Zeit beruhigend für Jedermann, ſie will eben ſo wenig von Unten ausgehende Gewalt⸗ thätigkeiten, als von Oben herab kommende Mißbräuche. „Die Nationalverſammlung wird ganz unumwun⸗ den erklären, der Aufruhr ſei ein Verbrechen; Bürger, welche Abgeordnete haben, um ihre Beſchwerden dem König auseinanderzuſetzen, und einen König, um nicht mehr den Stolz der Macht und des Reichthums 5⁵ ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, begehen ein Unrecht, wenn ſie ihre Zuflucht zu den Waffen nehmen und Blut vergießen. „Mit dieſer Erklärung ausgerüſtet, die man ſicher⸗ lich von der Nationalverſammlung erlangen wird, kann der König nicht umhin, Paris als guter Vater, das heißt ſtreng, zu züchtigen. „Und dann entfernt ſich der Sturm, das Königthum tritt in das erſte von ſeinen Rechten wieder ein. Die Völker kehren zu ihrer Pflicht zurück, welche der Ge⸗ horſam iſt, und Alles verfolgt ſeinen gewohnten Weg.“ So ordnete man im Allgemeinen die Angelegen⸗ heiten auf dem Cours*“) und auf den Boulevards. Doch vor dem Paradeplatz und in der Umgegend der Kaſernen führte man eine andere Sprache. Hier ſah man der Oertlichkeit unbekannte Men⸗ ſchen, Menſchen mit verſtändigem Geſicht und verſchleier⸗ tem Auge, bei jedem Anlaß geheimnißvolle Rathſchläge austheilen, die ſchon ſehr ernſten Nachrichten übertrei⸗ ben und beinahe öffentlich Propaganda mit den meu⸗ teriſchen Ideen treiben, welche ſeit zwei Monaten Paris in Bewegung ſetzten und die Vorſtädte aufwiegelten. Um dieſe Menſchen bildeten ſich düſtere, feindſelige, belebte Gruppen, die man an ihr Elend, an ihre Lei⸗ den, an die brutale Verachtung des Königthums er⸗ innerte. „Was hat das Volk in den acht Jahrhunderten, die es kämpft, erlangt? Nichts. Keine ſocialen Rechte; keine politiſchen Rechte: das der Kuh des Pächters, der man ihr Kalb nimmt, um es auf die Schlachtbank zu bringen; ihre Milch, um ſie auf dem Markt zu ver⸗ kaufen, ihr Fleiſch, um es in die Metzig zu führen, ihre Haut, um ſie in der Gerberei zu trocknen. Durch die Noth gedrängt, hat die Monarchie endlich nach⸗ *) Cours, Corſo, ein Spazierplatz in Verſailles. gegeben und einen Aufruf an die Reichsſtände ergehen laſſen; heute aber, da die Stände verſammelt ſind, was thut die Monarchie? ſeit dem Tage ihrer Zuſammen⸗ berufung laſtet ſie auf ihnen. Hat ſich die National⸗ verſammlung gebildet, ſo iſt es gegen den Willen der Regierung geſchehen. Nun denn! da unſere Brüder in Paris uns einen ſo furchtbaren Handſtreich gegeben haben, treiben wir die Nationalverſammlung vorwärts. Jeder Schritt, den ſie auf dem politiſchen Boden thut, wo ſich der Kampf entſponnen hat, iſt ein Sieg für uns: es iſt die Vergrößerung unſeres Feldes, es iſt die Ver⸗ mehrung unſeres Vermögens, es iſt die Einweihung unſerer Rechte. Vorwärts! vorwärts! Bürger. Die Baſtille iſt nur das Vorwerk der Tyrannei! Die Ba⸗ ſtille iſt genommen, es bleibt noch die Feſtung ſelbſt.“ An den dunkelſten Orten bildeten ſich andere Ver⸗ ſammlungen, wurden andere Worte ausgeſprochen. Diejenigen, welche ſie ausſprachen, waren Männer, die offenbar einer höhern Klaſſe angehörten und von der Volkstracht eine Verkleidung gefordert hatten, die ihre weißen Hände und ihr ausgezeichneter Accent Lügen ſtraften. „Volt!“ ſagten dieſe Männer,„man beirrt Dich in der That von zwei Seiten; die einen fordern Dich auf, zurückzukehren, die Andern treiben Dich vorwärts. Man ſpricht Dir von politiſchen Rechten, von ſocialen Rech⸗ ten; biſt Du glücklicher, ſeitdem man Dir erlaubt hat, durch das Organ Deiner Abgeordneten zu ſtimmen? Biſt Du reicher, ſeitdem Du vertreten wirſt? Haſt Du weniger Hunger, ſeitdem die Nationalverſammlung De⸗ crete macht? nein, nein, laß die Politik und ihre Theo⸗ rien den Leuten, welche zu leſen verſtehen. Es iſt nicht eine Phraſe oder eine geſchriebene Marime, was Du brauchſt. „Es iſt Brod, und dann wieder Brod; es iſt der Wohlſtand Deiner Kinder, die ſüße Ruhe Deiner Frau. Wer wird Dir dies Alles geben? Ein König von feſtem —— e n 3—— „ c— —— ͤ 57 Charakter, von jugendlichem Geiſt, von edlem Herzen. Dieſer König iſt nicht Ludwig XVI., Ludwig XVI., der unter ſeiner Frau regiert, unter der Oeſterreicherin mit dem ehernen Herzen; es iſt.. ſuche wohl um den Thron; ſuche dort denjenigen, welcher Frankreich wie⸗ der glücklich machen kann, und den die Königin mit Recht haßt, weil er Schatten auf das Gemälde wirft, weil er die Franzoſen liebt und von ihnen geliebt wird.“ So gab ſich die Meinung in Verſailles kund, ſo brauke man überall den Bürgerkrieg. Gilbert zog bei einigen von dieſen Gruppen Er⸗ kundigungen ein; als er ſodann den Zuſtand der Geiſter erkannt hatte, ging er gerade auf das Schloß zu, das Poſten bewachten. Gegen wen? man wußte es nicht. Trotz aller dieſer Poſten durchſchritt Gilbert ohne alle Schwierigkeit die erſten Höfe und gelangte bis zu den Veſtibules, ohne daß irgend Jemand ihn fragte. Als er in den Saal des Oeil⸗de⸗Boeuf kam, hielt ihn ein Garde⸗du⸗corps an. Gilbert zog aus ſeiner Taſche den Brief von Herrn von Necker und zeigte die Unterſchrift. Der Edelmann warf einen Blick darauf. Das Verbot war ſtreng, und da die ſtrengſten Verbote gerade diejenigen ſind, welche am meiſten der Erläu⸗ terung bedürfen, ſo ſagte der Garde⸗du⸗corps zu Gilbert: „Mein Herr, der Befehl, Niemand zum König einzulaſſen, iſt förmlich, da man aber offenbar für den Fall eines Abgeſandten von Herrn von Necker nicht vorhergeſehen hat, da Sie aller Wahrſcheinlichkeit nach Seiner Majeſtät einen wichtigen Rath bringen, ſo gehen Sie hinein, ich nehme die Uebertretung auf mich.“ Gilbert trat ein. Der König war nicht in ſeinen Gemächern, ſon⸗ dern im Berathungsſaal; er empfing hier eine Depu⸗ tation der Nationalgarde, welche von ihm die Entſer⸗ nung der Truppen, die Bildung einer Bürgergarde, und ſeine Gegenwart in Paris verlangt hatte. Ludwig hatte kalt angehört, und dann geantwortet, die Lage der Dinge bedürfe der Erleuchtung, und er werde dieſe Lage mit ſeinem Rathe in Ueberlegung ziehen. Er berathſchlagte auch. Während dieſer Zeit warteten die Abgeordneten in der Gallerie und ſahen durch die maktgeſchliffenen Gläſer der Thüren das Spiel der wachſenden Schatten der königlichen Räthe und ihre drohenden Bewegungen. Durch das Studium dieſer Art von Phantas⸗ magorie konnten fie errathen, die Antwort werde ſchlecht ſein. Der König beſchränkte ſich in der That darauf, daß er antwortete, er werde die Chefs für die Bürger⸗ miliz ernennen und den Truppen vom Marsfelde Be⸗ fehl geben, ſich zurückzuziehen. Was ſeine Gegenwart in Paris betraf, ſo wollte er der aufrühreriſchen Stadt dieſe Gunſt nicht eher gewähren, als bis ſie ſich völlig unterworfen hätte. Die Deputation bat, flehte, beſchwor. Der König erwiederte, ſein Herz ſei zerriſſen, aber er vermöge nicht mehr. Und zufrieden mit dieſem augenblicklichen Triumphe, mit dieſer Kundgebung einer Gewalt, die er ſchon nicht mehr beſaß, kehrte der König in ſeine Gemächer zurück. Er fand hier Gilbert. Der Garde⸗du⸗corps war bei ihm. „Was will man von mir?“ fragte der König. Der Garde⸗du⸗corps näherte ſich ihm, und während er ſich bei Ludwig XVI. entſchuldigte, daß er gegen das Verbot gefehlt, betrachtete Gilbert, der ſeit langen Jahren den König nicht mehr geſehen, ſtillſchweigend dieſen Mann, den Gott zum Lootſen Frankreich im nd et, ng en en en. s⸗ cht uf, er⸗ ge⸗ lite her nig öge he, icht ück. var end gen gen end im 59 Augenblick des heftigſten Sturmes gegeben, welchen Frankreich noch erlitten. Dieſer dicke und kurze Leib, ohne Federkraft und ohne Majeſtät, dieſer in ſeinen Formen weiche und im Ausdruck unfruchtbare Kopf, dieſe mit einem frühzeitigen Alter ſtreitende Jugend, dieſer ungleiche Kampf einer mächtigen Materie gegen eine mittel⸗ mäßige Intelligenz, der der Rangſtolz allein einen zeitweiſen Werth gab, dies Alles bedeutete für den Phyſiognomiker, der mit Lavater ſtudirt, für den Magneſiteur, der mit Balſamo in der Zukunft geleſen, für den Philoſophen, der mit Jean⸗Jacques geträumt, für den Reiſenden, der alle menſchliche Racen an ſich hatte vorübergehen laſſen, dies Alles bedeutete: Aus⸗ artung, Verſchlechterung, Ohnmacht, Untergang. Gilbert war alſo wie betäubt, nicht durch die Ehrfurcht, ſondern durch den Schmerz, indem er dieſes traurige Schanſpiel betrachtete. Der König ging auf ihn zu und ſagte: „Sie ſind es, der mir einen Brief von Herrn von Necker bringt?“ „Ja, Sire.“ „Ah!“ rief er, als ob er gezweifelt hätte,„kommen Sie geſchwinde.“ Und er ſprach dieſe Worte mit dem Tone eines Menſchen, der, dem Ertrinken nahe, ausruft: „Ein Tau!“ Gülbert reichte den Brief dem König. Ludwig be⸗ mächtigte ſich deſſelben ſogleich, las ihn haſtig und ſagte dann zu dem Garde⸗du⸗corps mit einer Geberde, 3 t ganz an einem gewiſſen Adel des Befehlens gebrach: „Laſſen Sie uns allein, Herr von Varicourt.“ Gilbert blieb mit dem König allein. Das Zimmer war nur durch eine einzige Lampe erleuchtet; man hätte glauben ſollen, der König habe das Licht gemäßigt, damit man auf ſeiner mehr ver⸗ vrießlichen, als ſorgenvollen Stirne alle die Gedanken, die ſich in ihm drängten, nicht leſen könne. „Mein Herr,“ ſagte er, auf Gilbert einen Blick heftend, der klarer und beobachtender, als ſich dieſer wohl gedacht hatte,„mein Herr, iſt es wahr, daß Sie der Verfaſſer der Denkſchriften ſind, die mich ſo ſehr in Erſtaunen geſetzt haben?“ „Ja, Sire.“ „Wie alt ſind Sie?“ „Zweiunddreißig Jahre, Sire; doch das Studium und das Unglück verdoppeln das Alter. Behandeln Sie mich als einen Greis.“ „Warum haben Sie ſo lange gewartet, um vor mir zu erſcheinen?“ „Sire, weil ich kein Bedürfniß hatte, Eurer Ma⸗ ſtät das mündlich zu ſagen, was ich freier und leichter ſchrieb.“ Ludwig XVI. dachte nach „Sie haben keine andere Gründe?“ ſagte er arg⸗ wöhniſch. „Nein, Sire. „Aber wenn ich mich nicht täuſche, müſſen Sie gewiſſe Umſtände von meiner wohlwollenden Geſinnung für Sie unterrichtet haben.“ „Eure Majeſtät meint jene Art von Rendezvous, das ich dem König zu geben die Verwegenheit hatte, als ich ihn nach meiner erſten Denkſchrift vor fünf Jahren bat, ein Licht Abends um acht Uhr an ſein Fenſter zu ſiellen, um mir zu bezeichnen, er habe meine Arbeit geleſen.“ „Und.. ſagte der König befriedigt. „Und am beſtimmten Tage und zur beſtimmten Stunde wurde das Licht in der That dahin geſtellt, wohin es zu ſtellen ich Sie erſucht hatte, Sire.“ „Hernach?“ „Hernach ſah ich es dreimal ſich erheben und wieder ſenken.“ n, er hr m ln a⸗ ter Sie ing us, tte, ünf ein ine nde es und 61 „Sodann?“ „Sodann las ich folgende Worte in der Gazette. „Derjenige, welchen das Licht dreimal gerufen, kann ſich bei demjenigen einfinden, welcher es dreimal emporgehoben hat, er wird belohnt werden.““ „Das ſind in der That die eigenen Worte der Anzeige,“ ſagte der König. „Und hier iſt die Anzeige ſelbſt,“ ſprach Gilbert, indem er aus ſeiner Taſche die Zeitung zog, in welche fünf Jahre vorher die Anzeige, an die er erinnert hatte, eingerückt worden war. „Gut, ſehr gut,“ ſprach der König,„ich habe lange auf Sie gehofft. Sie erſcheinen in dem Augenblick, wo ich Sie zu erwarten aufgehört hatte. Seien Sie willkommen, denn Sie erſcheinen wie die guten Sol⸗ daten, im Augenblick des Kampfes.“ Dann ſchaute er Gilbert noch aufmerkſamer an und fügte bei: „Wiſſen Sie, mein Herr, daß es für einen König nichts Gewöhnliches iſt, die Abweſenheit eines Men⸗ ſchen, zu dem man geſagt hat: kommen Sie, um eine Belohnung in Empfang zu nehmen, und der nicht kommt?“ Gilbert lächelte. „Laſſen Sie hören,“ ſprach Ludwig XVI.,„warum ſind Sie nicht gekommen?“ „Weil ich keine Belohnung verdiente, Sire.“ „Wie ſo?“ „Ein geborener Franzoſe, mein Vaterland liebend, eiferſüchtig auf ſeine Wohlfahrt, meine Individualität mit der von dreißig Millionen Menſchen, meinen Mit⸗ bürgern, verſchmelzend, arbeitete ich für mich, indem ich für ſie arbeitete. Sire, man iſt nicht immer einer Belohnung würdig, weil man ſelbſtſüchtig iſt.“ „Parador, mein Herrz Sie hatten einen andern Grund.“ Gilbert erwiederte nichts. „Sprechen Sie, mein Herr, ich wünſche es.“ „Sie haben vielleicht richtig errathen, Sire.“ „Iſt es nicht dieſer?“ fragte der König ängſtlich. „Sie fanden die Lage ernſt, und behielten ſich vor..“ „Für eine noch viel ernſtere; ja, Sire, Eure Ma⸗ jeſtät hat richtig errathen.“ „Ich liebe die Offenherzigkeit,“ ſagte der König, der ſeine Unruhe nicht verbergen konnte, denn er war von einer ſchüchternen Natur und erröthete leicht. Ludwig XVI. fuhr fort: „Sie ſagten dem König den Ruin vorher, und haben zu nahe bei den Trümmern geſtellt zu ſein befürchtet.“ „Nein, Sire, denn ich komme gerade in dem Au⸗ genblick, wo der Ruin bald bevorſteht, um mich der Gefahr zu nähern.“ „Ja, ja, Sie verlaſſen ſo eben Necker und ſprechen wie er. Die Gefahr, allerdings; es iſt in dieſem Au⸗ genblick gefährlich, ſich mir zu nähern. Und wo iſt Necker?“ „Ich glaube, ganz bereit, ſich den Befehlen Eurer Majeſtät zu fügen.“ „Deſto beſſer, ich werde ſeiner bedürfen,“ ſprach der König mit einem Seufzer.„In der Politik ſoll man nicht halsſtarrig ſein. Man glaubt gut zu thun, und thut ſchlecht; man thut ſogar gut, und das launen⸗ hafte Ereigniß ſtört die Reſultate; die Pläne waren nichtsbeſtoweniger gut, und doch gilt man dafür, daß man ſich getäuſcht habe.“ Der König ſeufzte abermals; Gilbert kam ihm zu Hülfe. „Sire,“ ſagte er,„Eure Majeſtät urtheilt und ſchließt bewunderungswürdig; was aber zu dieſer Stunde zu thun ſich geziemt, iſt, daß man klarer in der Zukunft zu ſehen ſucht als man dies bis jetzt gethan hat.“ Der König erhob das Haupt, und man konnte ſeine ausdrucksloſe Stirne ſich leicht falten ſehen. 4. ta⸗ ig, var ben t lu⸗ der hen Au⸗ iſt rer rach ſoll un, nen⸗ ren daß und unde unft nnte 63 „Sire, verzeihen Sie mir,“ ſagte Gilbert,„ich bin Arzt. Iſt das Uebel groß, ſo bin ich kurz.“ „Sie legen alſo ein großes Gewicht auf den heu⸗ tigen Aufſtand?“ „Sire, das iſt kein Aufſtand, das iſt eine Re⸗ volution.“ „Und Sie wollen, daß ich mich mit dieſen Rebellen, mit dieſen Mördern vertrage? Denn ſie haben die Baſtille mit Gewalt genommen: das iſt ein Act des Aufruhrs; ſie haben Herrn de Launay, Herrn von Losme und Herrn von Fleſſelles getödtet: das iſt Mord.“ „Ich will, daß Sie die Einen von den Andern trennen, Sire; diejenigen, welche die Baſtille genom⸗ men, ſind Helden; diejenigen, welche die Herren von Fleſſelles, von Losme und de Launah getödtet haben, ſind Mörder.“ Der König erröthete leicht; doch beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick verſchwand dieſe Röthe wieder, ſeine Lippen erbleichten und ein paar Schweißtropfen perl⸗ ten auf ſeiner Stirne. „Sie haben Recht, mein Herr. Sie ſind Arzt, oder vielmehr Wundarzt, denn Sie ſchneiden in das lebendige Fleiſch ein. Doch kommen wir auf Sie zu⸗ rück. Sie heißen Doector Gilbert, nicht wahr? oder es find wenigſtens mit dieſem Namen Ihre Denkſchrif⸗ ten unterzeichnet.“ „Sire, es iſt eine große Ehre für mich, daß Eure Majeſtät ſich ſo gut erinnert, obſchon ich im Ganzen Unrecht habe, ſo ſtolz zu ſein.“ „Warum?“ „Mein Name mußte in der That vor kurzer Zeit vor Eurer Majeſtät ausgeſprochen werden.“ „Ich begreife nicht.. „Vor ſechs Tagen bin ich verhaftet und in die Baſtille gebracht worden. Ich habe aber ſagen hören, es finde keine Verhaftung von einiger Wichtigkeit ſtatt, ohne daß es der König wiſſe.“ „Sie in der Baſtille?“ rief der König, die Augen weit aufreißend. „Hier iſt mein Gefängnißſchein, Sire. Vor ſechs Tagen, wie ich Eurer Majeſtät zu ſagen die Ehre ge⸗ habt habe, auf Befehl des Königs in die Baſtille ge⸗ bracht, bin ich heute um drei ühr durch die Gnade des Volks daraus befreit worden.“ „Heute?“ „Ja, Sire, hat Eure Majeſtät den Kanonendonner nicht gehört?“ „Allerdings.“ „Nun wohl! das Feuer der Kanonen öffnete mir die Pforten.“ „Ah!“ murmelte der König,„ich möchte gern ſa⸗ gen, ich freue mich darüber, hätte man mit den Kano⸗ nen heute Morgen nicht auf die Baſtille und auf das Königthum zugleich gefeuert.“ „Oh! Sire, machen Sie nicht aus einem Gefäng⸗ niß das Symbol eines Princips. Sagen Sie im Ge⸗ gentheil, Sire, Sie ſeien glücklich, daß die Baſtille genommen worden iſt, denn man wird nicht mehr im Namen des Königs, der nichts davon weiß, eine Un⸗ ſeretezei wie die begehen, deren Opfer ich gewe⸗ en bin. „Aber Ihre Verhaftung hat doch eine urſache, mein Herr?“ „Keine, die ich wüßte, Sire; man hat mich bei meiner Rückkehr nach Frankreich verhaftet und einge⸗ kerkert, das iſt das Ganze.“ „In der That, mein Herr,“ ſagte Ludwig mit ſanf⸗ tem Tone,„iſt es nicht einiger Maßen Egoismus von Ihrer Seite, daß Sie mir von Ihnen ſprechen, wäh⸗ dend ich es bedarf, daß man mir von mir ſpricht?“ „Sire, es iſt für mich nothwendig, daß mir Eure Majeſtät eine einzige Frage beantwortet.“ Welche?“ „ reie lau uel gen die gie für ahbe leſe geſ Un ſtä in 65 en„Ja oder nein, hat Eure Majeſtät einen Antheil an meiner Verhaſtung?“ h ch wußte nichts von Ihrer Rückkehr nach Frank⸗ e reich.“ n 3„Dieſe Antwort bealückt mich, Sire; ich kann pun de laut erklären, Eure Majeſtät werde in dem, was Sie Uebles thut, brinahe immer mißbraucht, und denjeni⸗ gen, welche zweifeln ſollten, mich als Beiſpiel anfuhren.“ ner Der König lächelte. „Als Arzt,“ ſagte er,„gießen Sie den Balſam in die Wunde.“ mir„Oh! Sire, ich werde ihn mit vollen Händen ein⸗ gießen, und, wenn Sie wollen, dieſe Wunde heilen, da⸗ ſa⸗ für ſtehe ich Ihnen.“ n„Ob ich es will! gewiß.“ das„Aber Sie müſſen es ſehr feſt wollen, Sire.“ „Ich werde es feſt wollen.“ ng⸗„Che Sie ſich weiter verbindlich machen, Sire, Ge⸗ leſen Sie dieſe an den Rand meines Gefängnißregiſters tille geſchriebene Zeile.“ im„Welche Zeile?“ fragte der König unruhig. Un⸗„Sehen Sie.“ we Gilbert reichte das Blatt dem König. Ludwig las: „Auf das Verlangen der Königin.“ che. Er faltele die Stirne.. „Der Königin!“ ſagte er;„ſollten Sie ſich die bei Ungnade der Königin zugezogen haben?“ ne⸗„Sire, ich bin feſt überzeugt, daß mich Ihre Maje⸗ n ſtät noch weniger kennt, als Eure Majeſtät mich fannte.“ ſanf⸗„Aber Sie hatten ſich irgend einen Fehler zu von Schulden kommen laſſen, denn man geht nicht umſonſt äh⸗ in die Baſtille.“ „Es ſcheint doch, da ich daraus komme.“ Gure„Herr von Recker ſchickt Sie mir, und der geheime Verhaftsbrief war von ihm unterzeichnet.“ „Allerdings.“ Ange Pitou. 1. 5 „Dann erklären Sie ſich beſſer. Durchgehen Sie Ihr Leben und ſehen Sie, ob Sie nicht irgend einen ſtr Umſtand darin finden, den Sie vergeſſen haben.“ „Mein Leben durchgehen! Ja, Sire, ich werde es bei thun, und zwar laut; ſeien Sie unbeſorgt, es wird ba nicht lange dauern. Ich habe ſeit dem Alter von ſechs⸗ zehn Jahren ohne Unterlaß gearbeitet; ein Zögling von die Jean⸗Jacgues, ein Gefährte von Balſamo, ein Freund don Lafayette und Waſhington, habe ich mir ſeit dem Tag wo ich Frankreich verlaſſen, nie einen Fehler oder bef auch nur ein Unrecht vorzuwerfen gehabt. Als die er⸗ langte Wiſſenſchaft mir die Verwundeten oder Kranken kur zu b handeln erlaubte, dachte ich immer, ich ſei Golt Rechenſchaft von jeder meiner Ideen, von jeder meiner Geberden ſchulvig. Da mir Gott Geſchöpfe übertragen hatte, ſo vergoß ich als Wundarzt das Blut aus Menſch⸗ lichkeit, bereit, das meinige hinzugeben, um meinem ha Kranfen Linderung zu verſchaffen oder ihn zu retten; die ais Arzt war ich immer Tröſter, zuweilen Wohlthäter. So ſid fünfzehn Jahre vergangen. Gott hat meine mo Mübewaltungen geſegnet: Ich habe die Mebrzahl der Leidenden zum L ben zurückkehren ſehen; ſie küßten mir die Hände. Diejenigen, welche geſtorben ſind, hatte ie Gott verurtheilt. Nein, ich ſage Ihnen, Sire, ſeit dem Tage, wo ich Frankreich verlaſſen, und das ſind„ic fünfzehn Jahre her, habe ich mir nichts vorzuwerfen.“ in „Sie pflogen in Amerika Umgang mit den Neue⸗ rern, und durch Ihre Schriften ſind die Grundſätze Kö derſelben verbreitet worden.“. Ja, Sire, und ich vergaß dieſes Recht, das ich — mir auf die Dankbarkeit der Könige und der Menſchen erworben habe.“ der Der König ſchwieg. „Sire,“ fuhr Gilbert fort,„nun iſt Ihnen mein S Leben bekannt; ich habe Niemand beleidigt oder ver⸗ wundet, eben ſo wenig einen Bettler, als eine Königin, wie — es ird ho⸗ von und dem oder er⸗ nken Sott iner gen Sie nen ſch⸗ nem ten; äter. eine der mir atte ſeit ſind fen. ue⸗ ſätze s ich ſchen mein ver⸗ igin, 67 und ich frage Euer Majeſtät, warum man mich be⸗ ſtraft hat.“ „Ich werde mit der Königin ſprechen, Herr Gil⸗ bert; doch glauben Sie, daß der Geheimtrief unmittel⸗ bar von der Königin komm?“ „Ich ſage das nicht, Sire; ich glaube ſogar, daß die Kö izin nur die Randbemerfung gemacht hat.“ „Ab! Sie ſehen wohl,“ rief der König ganz freudig. „Ja; doch Sie wiſſen, Sire, daß eine Königin befiehlt, wenn ſie eine Randb⸗merkung macht.“ „Und von wem iſt der Brief mit der Randbemer⸗ kung? Laſſen Sie ſehen!“ „Ja, Sire, ſehen Sie.“ ſagte Gilbert. Und er reichte ihm das Blatt aus dem Gefängniß⸗ regiſter. „Gräfin von Charny!“ rief der König;„wie, ſie hat Sie verhaften laſſen! aber was haben Sie denn dieſer armen Charny gethan?“ Ih kannte heute Morgen dieſe Dame nicht ein⸗ mal dem Namen nach, Sire.“ Ludwig fuhr mit der Hand über ſeine Stirne. „Charny“ murmelte er,„Charny, die Sanfimuth, die Tugend, die K uſchheit ſelbſt.“ „Sie werden ſehen, Sire,“ ſprach Gilbert lachend, „ich bin auf Verlangen von drei götilichen Tugenden in die Baſtille geſteckt worden.“ „Oh! ich muß hierüber im Klaren ſein,“ ſagte der König. Und er zog an einer Klingelſchnur. Ein Huiſſier trat ein. „Man ſehe nach, ob die Gräfin von Charny bei der Königin iſt,“ befahl Ludwi „Sire,“ antwortete der Huiſſier,„ich habe die Gräfin ſo eben durch die Gallerie gehen ſehen; ſie iſt im Begriff in den Wagen zu ſteigen.“ „Laufen Sie ihr nach und bitten Sie ſie, in einer wichtigen Angelegenheit in mein Cabinet kommen.“ Dann wandte er ſich gegen Gilbert um und fragte: „Iſt es das, was Sie wünſchten, mein Herr?“ „Ja, Sire,“ antwortete Gilbert,„und ich danke Eurer Majeſtät tauſendmal.“ XXIII. Die Gräſin von Charny. Bei dem Befehl, die Gräfin von Charny kommen zu zog ſich Gilbert in eine Fenſtervertiefung zurück. Der König ging in dem Saal des Heil⸗de⸗Boeuf auf und ab, in ſeinem Innern bald mit den öffentlichen Angelegenheiten, bald mit dem Zudrängen von Gilbert beſchäftigt, deſſen ſeltſamem Eiufluß er in dieſem Augen⸗ blick unterlag, wo ivn außer den Nachrichten von Paris nichts hätte intereſſiren ſollen. Plötzlich wurde die Thüre des Cabinets geöffnet; der Huiſſier meldete die Frau Gräfin von Charny, und Gilbert konnte durch die nahe zuſammengezogenen Vor⸗ hänge eine Frau erſchauen, deren weite ſeidene Gewän⸗ der den Thurflügel ſtreiften. Dieſe F au trug nach der Mode der Zeit ein Nacht⸗ kleid von grauer Seide, einen ähnlichen Rock, eine Art von Shawl, der, auf vem Magen ſich kreuzend, hin'er der Taille zuſammengeknüpft war und ganz außerordent⸗ lich die Vorzüge einer reichen, ſchön geſtellten Bruſt in's Licht ſetzte. Ein kleiner, zierlich auf dem Ende einer hohen Friſur befeſtigter Hut, Pantoffeln mit hohen Abſätzen⸗ welche die Feinheit eines bewunderungswürdigen Knö⸗ chels hervorhoben, ein an den Spitzen der Finger einer feinen, langen, vollkommen ariſtokratiſchen Hand ſpie⸗ lendes Stöckchen, das war die von Gilbert ſo lebhaft erwartete Perſon, welche bei Ludwig XVI. eintrat. te: nke men ung veuf chen bert gen⸗ aris —, net; und Vor⸗ vän⸗ acht⸗ Art in'er dent⸗ ruſt ohen tzen, Knö⸗ einer ſpie⸗ bhaft 69 Der Fürſt machte einen Schritt ihr entgegen. „Sie waren im Begriff, wegzufahren, Gräfin, wie man mir geſaat hat?“ „In der That, Sire, ich wollte eben in den Wa⸗ gen ſteigen, als mir der Befehl Eurer Majeſtät zukam.“ Bei dieſer Stimme mit dem feſten Klang füllten ſich die Ohren von Gilbert mit einem gräßlichen Ge⸗ räuſch. Das Blut floß plötzlich nach ſeinen Schläfen, tauſend Schauer durchliefen ſeinen ganzen Leib. unwillkürlich machte er einen Schritt aus dem Ob⸗ dach der Vorhänge, hinter denen er verborgen war. „Sie,“ murmelte er,„ſie Andrée.“ „Madame,“ fuhr der König fort, der eben ſo wenig als die Gräfin etwas von der Bewegung des im Schat⸗ ten verborgenen Gilbert wahrgenommen hatte,„ich habe Sie gebeten, zu mir zu kommen, um eine Auskunft zu erlangen.“ „Ich bin bereit, Eurer Majeſtät zu entſprechen.“ Der König neigte ſich auf die Seite von Gilbert, als wollte er ihm einen Wink geben. Dieſer begriff, der Augenblick, ſich zu zeigen, ſei noch nicht gekommen, und zog ſich allmälig wieder unter ſeinen Vorhang zurück. „Madame,“ ſagte der König,„es iſt vor ungefähr acht bis zehn Tagen das Geſuch um einen geheimen Verhaftsbefehl Herrn von Necker zugeſtellt worden.“ Gilbert heftete durch die beinahe unbemerkbare Oeffnung der Vorhänge ſeinen Blick auf Andrée. Die junge Frau war bleich, fieberhaft, unruhig und wie gebeugt unter der Laſt einer geheimen Bedrückung. „Sie hören mich, nicht wahr, Gräfin?“ fragte Ludwig XVI., als er ſah, daß Frau von Charny zu antworten zögerte. „Ja, Sirs.“ „Nun wohl! wiſſen Sie, was ich ſagen will, und können Sie auf meine Frage antworten?“ „Ich ſuche mich zu erinnern,“ erwiederte Andrée. ₰ „Erlauben Sie mir, Ihr Gedächtniß zu unter⸗ ſtützen. Der Verhaftsbefehl iſt von Ihnen verlangt worden, und das Geſuch war mit einer Randbemerkung der Königin begleitet.“ Statt zu antworten, überließ ſich die Gräfin immer mehr der fieberhaften Zerſtreuung, die ſie aus den Gren⸗ zen des wirklichen Lebens hinauszuziehen ſchien. „Antworten Sie mir doch, Madame!“ ſagte der König, der ungeduldig zu werden anfing. „Es iſt wahr,“ erwiederte ſie bebend,„es iſt wahr, ich habe den Brief geſchrieben, und Ihre Majeſtär hat auf dem Rande etwas beigeſetzt.“ „So nennen Sie mir das Verbrechen, das derje⸗ nige begangen, gegen welchen man dieſe Maßregeln for⸗ derte?“ fragte Ludwig XVI. „Sire,“ ſprach Andrée,„ich kann nicht ſagen, wel⸗ ches Verbrechen er begangen hatte, das aber kann ich Ihnen ſagen, daß das Verbrechen groß war.“ „Ah! Sie können mir das nicht ſagen?“ „Nein, Sire.“ „Dem König?“ „Nein.. Eure Majeſtät entſchuldige mich, doch ich kann nicht.“ „So werden Sie es ihm ſelbſt ſagen, Madame,“ ſprach der König;„denn was Sie dem König Lud⸗ wig XVI. abſchlagen, können Sie dem Doctor Gilbert nicht abſchlagen.“ „Dem Doctor Gilbert!“ rief Andrée,„großer Gott! wo iſt er denn?“ Der König trat auf die Seite, um den Platz Gil⸗ bert zu überlaſſen; die Vorhänge öffneten ſich, und der Doctor erſchien, beinahe eben ſo bleich als Andrée. „Hier iſt er, Madame,“ ſagte der König. Als ſie Gilbert erblickte, wankte die Gräfin. Ihre Beine zitterten unter ihr. Sie warf ſich rückwärts, wie eine Frau, die in Ohnmacht finkt, und blieb nur ſtehen mit Hülfe eines Lehnſtuhls, auf den ſie ſich in d 1 d 2 c— e0— ————„——— er⸗ ngt ing ner en⸗ . , d⸗ ert t! il⸗ er re s, ur in 71 der düſtern, unempfinblichen, beinahe verſtandloſen Hal⸗ tung von Eurhdice in dem Augenblick, wo das Gift der Schlange ihr Herz erreicht, ſtützte.. „Madame,“ ſagte Gilbert, indem er ſich mit demü⸗ thiger Höflichkeit verbengte,„erlauben Sie mir, die Frage zu wiederholen, welche Seine Majeſtät an Sie gerichtet hat?“. Die Lippen von Andrée bewegten ſich, doch kein Ton kam aus ihrem Munde. „Was habe ich Ihnen gethan, Madame, daß man mich auf einen von Ihnen herrührenden Befehl in ein abſcheuliches Gefängniß geworfen hat?“ Bei dieſer Stimme fuhr Andrée auf, als ob ſie die Gewebe ihres Herzens ſich zerreißen gefühlt hätte. Dann ſenkte ſie plötzlich auf Gilbert einen Blick ſo eiſin wie der der Schlange und ſprach: „Mein Herr, ich kenne Sie nicht.“ Doch während ſie dieſe Worte ſprach, hatte ſie Gilbert ſeinerſeits mit einer ſolchen Hartnäckigkeit an⸗ geſchaut, er hatte den Blitz ſeiner Augen mit ſo viel unbeſiegbarer Kühnheit geladen, daß die Gräfin ihre Augen völlig niederſchlug und ihren Blick unter dem ſeinigen auslöſchte. „Gräfin,“ ſagte der König mit einem ſanften Vor⸗ wurf,„ſehen Sie, wohin dieſer Mißbrauch der Unter⸗ ſchriften führt? Es ſteht hier dieſer Herr, den Sie nicht kennen,— Sie geſtehen es ſelbſt,— dieſer Herr, der ein großer Praktiker iſt, ein gelehrter Arzt, ein Mann, dem Sie nichts vorzuwerfen haben... Andrée erhob das Haupt, um Gilbert mit einer königlichen Verachtung niederzuſchmettern. Er blieb ruhig und ſtolz. „Ich ſage alſo,“ fuhr der König fort:„da Sie nichts gegen Herrn Gilbert haben, da Sie einen An⸗ dern als ihn verfolgten, ſo iſt die Strafe auf den Un⸗ ſchuldigen gefallen. Gräſin, das iſt ſchlimm.“ „Sire.. verſetzte Andrée. „ „Oh!“ unterbrach ſte der König, ber ſchon der Günſtlingin ſeiner Frau unverbindlich zu begegnen bange hatte,„ich weiß wohl, daß Ihr Herz nicht ſchlecht iſt, und daß, wenn Sie Jemand mit Ihrem Haſſe ver⸗ folgten, dieſer Jemand es verdient hat; doch Sie be⸗ greifen, in Zukunft müßte ein ſolcher Mißgriff ſich nicht erneuern.“ Dann wandte er ſich gegen Gilbert um und ſprach: „Was wollen Sie, Dockor, das iſt mehr der Fehler der Zeiten, als der der Menſchen. Wir ſind in der Verderbniß geboren, und wir werden darin ſterben; doch wir wollen wenigſtens darnach trachten, die Zukunft für die Nachwelt zu verbeſſern, und Sie werden mich, wie ich hoffe, Doctor Gilbert, bei dieſem Werke unterſtützen.“ Nach dieſen Worten hielt Ludwig inne; er glaubte genug geſagt zu haben, um beide Parteien zu befriedigen. Der arme König! hätte er eine ſolche Phraſe in der Nationalverſammlung ausgeſprochen, dieſe würde ihm nicht nur Beifall geklatſcht haben, ſondern er hätte ſie auch am andern Tage in allen Zeitungen des Hofes wiederholt gefunden. Doch das Auditorium von zwei erbitterten Fein⸗ den fand wenig Geſchmack an ſeiner verſöhnenden Phi⸗ loſophie. „Mit der Erlaubniß Eurer Majeſtät,“ ſprach Gil⸗ bert,„werde ich Madame bitten, zu wiederholen, was ſie ſchon geſagt hat, nämlich, daß ſie mich nicht kenne.“ „Gräfin,“ ſagte der König,“ wollen Sie thun, was der Doctor verlangt?“ „Ich kenne den Doetor Gilbert nicht,“ wiederholte Andrée mit feſter Stimme. „Aber Sie kennen einen andern Gilbert, meinen Gleichnamigen, den, deſſen Verbrechen auf mir laſtet?“ „Ja,“ erwiederte Andrée,„ich kenne ihn und halte dieſen für einen Schändlichen.“ „Sire, es iſt nicht an mir, die Gräfin zu befra⸗ gen,“ ſagte Gilbert;„doch wollen Sie die Gnade haben, der nen cht er be⸗ cht ch: er der für vie n.“ bte en. in hm ſie fes in⸗ il⸗ 73 ſie zu fragen, was dieſer ſchänbliche Menſch ge⸗ than hat.“ „Gräfin, Sie können einem ſo gerechten Verlangen keine Weigerung entgegenſetzen.“ „Was er gethan hat?“ verſetzte Andrée.„Ohne Zweifel wußte es die Königin, da ſie eigenhändig den Brief, in welchem ich die Verhaftung verlangte, gut⸗ grheißen hat.“ „Aber es iſt durchaus nicht genug, daß die Königin überzeugt iſt, es wäre gut, wenn ich auch überzeugt würde. Die Königin iſt die Königin, doch ich, ich bin der König.“ „Wobl, Sire, der Gilbert des Verhaflsbefehles iſt ein Menſch, der vor ſechszehn Jahren ein gräßliches Verbrechen begangen hat.“ „Eure Majeſtät wolle die Frau Gräfin fragen, wel⸗ ches Alter heute dieſer Menſch hat.“ Der König wieverholte die Frage. „Dreißig bis zwei und dreißig Jahre,“ erwiederte ndrée. „Sire.“ ſprach Gilbert,„wenn das Verbrechen vor ſechszehn Jahren begangen worden iſt, ſo iſt es nicht von einem Mann, ſondern von einem Kinde begangen worden, und wenn ſeit ſechszehn Jahren der Mann das Verbrechen des Kindes beweint hat, würde dieſer Mann nicht einige Nachſicht verdienen?“ „Aber, mein Herr,“ fragte der König,„Sie kennen alſo den Gilbert, von dem die Rede iſt.“ „Ich kenne ihn, Sire,“ erwiederte Gilbert. „Er hat keinen andern Fehler begangen, als den ſeiner Jugend?“ „Ich wüßte nicht, daß er ſeit dem Tag, wo er, ich ſage nicht dieſen Fehler, Sire, denn ich bin weni⸗ ger nachſichtig als Sie, ſondern dieſes Verbrechen be⸗ gangen hat, irgend Jemand in der Welt ihm etwas vorwerfen könnte.“ „Nein, wenn nicht, daß er ſeine Feder in Giſt faßt hat.“ getaucht und ſehr ärgerliche Schmähſchriften ver⸗ „Sire,“ ſprach Gilbert,„fragen Sie die Frau Gräfin, ob die wahre Urſache der Verhaftung von dieſem Gilbert nicht die war, daß man ſeinen Feinden, oder vielmehr ſeiner Feindin jede Leichtigkeit geben wollte, ſich einer gewiſſen Caſſette zu bemächtigen, welche gewiſſe Papiere enthielt, die eine vornehme Dame, eine Dame von Hofe gefährden können.“ Andrée ſchauerte vom Scheitel bis zu den Zehen. „Mein Herr,“ murmelte ſie. „Gräfin, wie iſt es mit dieſer Caſſette?“ fragte der König, dem die Bläſſe und das Zittern der Gräfin nicht entgehen konnten. „Oh! Madame!“ rief Gilbert, welcher ſühlte, daß er die Lage beherrſchte,„keine Ausflüchte, keine Um⸗ ſchweife.. genug der Lügen von der einen und der andern Seite. Ich bin der Gilbert des Verbrechens; ich bin der Gilbert der Schmähſchriften; ich bin der Gilbert der Caſſette. Sie, Sie find die vornehme Dame, die Dame von Hofe. Ich wähle den König zum Richter, nehmen Sie ihn an, und wir wollen dieſem Richter, dem König, Gott, Alles ſagen, was zwiſchen uns vor⸗ gefallen iſt, und der König wird mittlerweile entſchei⸗ den, bis Gott entſcheidet.“ „Sagen Sie, was Sie wollen, mein Herr,“ er⸗ wiederte die Gräfin,„doch ich kann nichts ſagen, denn ich kenne Sie nicht.“ „Und Sie kennen dieſe Caſſette auch nicht?“ Die Gräfin zog die Fäuſte krampfhaft zuſammen und biß ſich bis auf's Blut in ihre Lippen. „Nein, ebenſo wenig,“ ſagte ſie. Doch die Anſtrengung, die ſie machte, um dieſe Worte auszuſprechen, war ſo groß, daß ſie auf ihren Beinen ſchwankte, wie es bei einem Erdbeben eine Bildſäule auf ihrer Baſe thut. „Madame,“ rief Gilbert,„nehmen Sie ſich in Acht, u on n, en e, en ſe en ne t, 75 ich bin, wie Sie nicht vergeſſen haben, der Schüler eines Mannes, den man Joſeph Balſamo nannte; die acht, die er über Sie beſaß, hat er mir übertragen; ſe letzten Mal alſo, wollen Sie auf die Frage, die ch an Sie richte, antworten? Meine Caſſette?“ „Nein,“ erwiederte die Gräfin, von einer unbeſchreib⸗ lichen Verwirrung erariffen, indem ſie eine Bewegung machte, um aus dem Zimmerzu ſtürzen.„Nein, nein, nein.“ „Nun denn!“ ſprach Gilbert, ebenfalls erbleichend und ſeinen mit Drohungen beladenen Arm erhebend, „nun denn! ſtählerne Natur, ehernes Herz, biege Dich, zerſpringe unter dem unwiderſtehlichen Druck meines Willens. Du willſt nicht ſprechen, Andrée?“ „Nein, nein!“ rief die Gräfin ganz betäubt.„Zu Hülfe, Sire, zu Hülfe!“ „Du wirſt ſprechen,“ ſagte Gilbert,„und Niemand, wäre es der König, wäre es Gott, wird Dich meiner Macht entziehen; Du wirſt ſprechen, Du wirſt Deine ganze Seele dem erhabenen Zeugen dieſer Scene öffnen, und Alles, was in den Falten Deines Gewiſſens iſt, Alles, was Gott allein in der Finſterniß tiefer Seelen leſen kann, Sire, werden Sie durch dieſe hier erfahren, welche ſich weigert, es zu offenbaren. Schlafen Sie, Frau Gräfin von Charnh, ſchlafen Sie und ſprechen Sie, ich will es.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als die Gräfin mitten in einem angefangenen Schrei plötzlich inne hielt, die Arme ausſtreckte, einen Stützvunkt für ihre wankenden Beine ſuchte und wie in einen Zufluchts⸗ ort zwiſchen die Arme des Königs ſiel, der, ſelbſt zitternd, ſie in einen Lehnſtuhl ſetzte. „Oh!“ ſagte Ludwig XVI.,„ich habe hievon ſpre⸗ chen hören, doch nie habe ich etwas dergleichen geſehen. Nicht wahr, mein Herr, ſie hat dem magnetiſchen Schlaf nachgegeben?“ „Ja, Sire; nehmen Sie die Hand der Gräfin und fragen Sie ſie, warum ſie mich habe verhaften laſſen,“ antwortete Gilbert, als ob ihm allein das Recht des Befehlens zukäme. Ganz betäubt von dieſer wunderbaren Seene, machte Ludwig XVI. zwei Schritte rückwärts, um ſich zu über⸗ zeugen, daß er nicht ſelbſt ſchlafe, und daß das, was unter ſeinen Augen vorging, nicht ein Traum ſei; intereſſirt wie ein Mathematiker bei der Entdeckung einer neuen Löſung, näherte er ſich ſodann der Gräfin, nahm ihre Hand und ſaate: „Sprechen Sie, Gräfin, Sie haben alſo den Doctor Gilbert verhaften laſſen?“ Doch obgleich eingeſchlafen, machte die Gräfin einen letzten Verſuch, riß ihre Hand aus der Hand des Königs, raffte alle ihre Kräfte zuſammen und erwiederte: „Nein, ich werde nicht ſprechen.“ Der König ſchaute Gilbert an, als wollte er ihn fragen, wer von beiden, ſein Wille oder der von Andrée, den Sieg davon tragen werde. Gilbert lächelte. „Sie werden nicht ſprechen?“ ſagte er. Und die Augen auf die eingeſchlafene Andrée ge⸗ richtet, machte er einen Schritt gegen den Lehnſtuhl. Andrée bebte. „Sie werden nicht ſprechen?“ fügte er bei, indem er einen zweiten Schritt machte, der den Zwiſchen⸗ raum, welcher ihn von der Marquiſe trennte, noch mehr verminderte. Andrée ſtemmte ihren ganzen Körper in einer äußerſten Gegenſtrebung an. „Ah! Sie werden nicht ſprechen!“ ſagte er. Und er machte einen dritten Schritt und ſtand nun unmittel⸗ bar neben Andrée, über deren Haupt er ſeine Hand ausgeſtreckt hielt;„ah! Sie werden nicht ſprechen.“ Andrée krümmte ſich in heftigen Convulſionen. „Nehmen Sie ſich in Acht!“ rief Ludwig XVI., „nehmen Sie ſich in Acht, Sie werden ſie tödten!“ „Seien Sie unbeſorgt, Sire, es iſt die Seele, em n⸗ ch nd el⸗ nd P, le, 77 mit der ich es zu thun habe; die Seele kämpſt, doch ſie wird nachgeben.“ Dann ſenkte er die Hand und wiederholte: „Sprechen Sie.“ Andrée ſtreckte die Arme aus und machte eine Be⸗ wegung, um zu athmen, als wäre ſie unter dem Drucke einer Luftpumpe geweſen. „Sprechen Sie,“ wiederholte Gilbert, abermals ſeine Hand ſenkend. Alle Muskeln der jungen Frau ſchienen dem Zer⸗ reißen nahe. Eine Schaumfranſe trat auf ihre Lippen und ein Anfang von Epilepſie erſchütterte ſie vom Kopf bis zu den Füßen. „Doector. Doctor,“ wiederholte der König,„nehmen Sie ſich in Acht.“ Doch ohne auf ihn zu hören, ſenkte Gilbert zum dritten Mal die Hand, berührte mit ihrer Fläche oben den Kopf der Marquiſe und ſagte: „Sprechen Sie, ich will es.“ Andrée ſtieß bei der Berührung dieſer Hand einen Seufzer aus, ihre Arme fielen an ihrer Seite herab; ihr zurückgeworfener Kopſ ſenkte ſich ſachte vorwärts auf ihre Beuſt, und reichliche Thränen ſiekerten durch ihre geſchloſſenen Augenlider. „Mein Gott, mein Gott, mein Gott,“ murmelte ſie. „Rufen Sie Gott an, gut; derjenige, welcher im Namen Gottes wirkt, furchtet Gott nicht.“ „Oh“ ſagte die Gräfin,„wie haſſe ich Sie!“ „Haſſen Sie mich, gut, doch ſprechen Sie.“ „Sire, Sire,“ rief Andrée,„ſagen Sie ihm, er verſenge mich, er verzehre mich, er tödie mich.“ „Sprechen Sie,“ ſagte Gilbert. Dann bedeutete er dem König durch ein Zeichen, er könne ſie nun befragen. „Gräfin,“ ſagte der König,„derjenige, welchen Sie verhaften laſſen wollten und verhaften kießen, iſt alſo wirklich der Doetor?“ „Ja.“ t es waltete kein Irrthum, kein Mißgriff ob?“ „Mein.“ „Und dieſe Caſſette?“ „Nun!“ verſetzte dumpf die Gräfin,„ſollte ich denn dieſe Caſſette in ſeinen Händen laſſen?“ Gilbert und der König wechſelten einen Blick. „Und Sie haben ſie genommen?“ fragte Lud⸗ wig XVI. „Ich habe ſie nehmen laſſen.“ „Ho! ho! erzählen Sie mir das, Gräfin,“ rief der König, indem er, alle Wurde vergeſſend, vor Andrée n„Sie haben ſie nehmen laſſen?“ „ a.“ „Wo und wie?“ „Ich erfuhr, dieſer Gilbert, welcher ſeit ſechszehn Jahren ſchon zwei Reiſen nach Frankreich gemacht hatte, werde eine dritte machen, und diesmal, um ſich hier niederzulaſſen.“ „Aber die Caſſette?“ fragte der König. „Ich habe durch den Polizeiliute ant, Herrn von Crosne, erfahren, daß er während einer von dieſen Reiſen Güter in der Gegend von Vlllers Cotterets gekauft; daß der Pächter, der ihm dieſe Güter verwalte, ſein ganzes Vertrauen genieße, und ſo vermuthete ich, die Caſſette ſei bei dieſem.“ „Wie haben Sie das vermuthet.“ „Ich bin bei Mesmer geweſen, habe mich ein⸗ ſchläfern laſſen und ſie geſehen.“ „Sie war?.. „In einem großen Schranke im Erdgeſchoß, unter Weißzeug verborgen.“ „Das iſt wunderbar!“ ſagte der König.„Weiter, weiter!“ „Ich kehrte zu Herrn von Crosne zurück, und dieſer gab mir auf Empfehlung der Königin einen ſeiner gewandteſten Agenten.“ — — r e —— 8 8— 8 8 79 „Der Name dieſes Agenten?“ frog'e Gilbert. Andrée bebte, als hätte ſie ein glühendes Eiſen berührt. „Ich frage Sie nach ſeinem Namen,“ wiederholte Gilbert. Andrée verſuchte es zu widerſtehen. 6 „Seinen Namen, ich will ihn wiſſen,“ ſagte der Doctor. „Pas⸗de⸗Loup,“ antwortete ſie. „Hernach?“ fragte der König. „Geſtern Morgen hat ſich dieſer Mann der Caſſette bemächtigt. Das iſt das Ganze.“ „Nein, das iſt nicht das Ganze,“ entgegnete Gilbert; „es handelt ſich nun darum, dem König zu ſagen, wo die Caſſetie iſt.“ „Oh!“ verſetzte Ludwig XVI.,„Sie fragen zu viel.“ „Nein, Sire.“ „Aber durch dieſen Pas⸗de⸗Loup, durch Herrn von Crosne könnte man erfahren.. „Oh! man wird Alles viel beſſer und viel ſchneller durch die Gräfin erfahren. Mit einer krampfhaften Bewegung, deren Zweck es ohne Zweifel war, die Worte zu verhindern, aus ihren Lippen zu kommen, preßte Andrée die Zähne zum Zerbrechen an einander. Der König machte den Doctor auf dieſe nervöſe Convulſion aufmerkſam. Gilbert lächelte. Er berührte mit dem Daumen und dem Zeige⸗ finger den untern Theil des Geſichtes von Andise, und ihre Muskeln ſpannten ſich in demſelben Augenblicke ab. „Madame, ſagen Sie vor Allem dem König, daß dieſe Caſſette dem Doctor Gilbert gehörte.“ „Ja, ja, ſie gehörte ihm,“ erwiederte die Schlä⸗ ferin voll Wuth. „Und wo befindet ſie ſich in dieſem Angenblick?“ fragte Gilbert;„geſchwinde, beeilen Sie ſich, der König hat keine Zeit, zu warten.“ Andrée zögerte einen Augenblick. Gilbert entging dieſes Zögern nicht, ſo unmerklich es war. „Sie lügen!“ rief er,„voder vielmehr, Sie ver⸗ ſuchen es, zu lügen. Wo iſt die Caſſette? Ich will es wiſſen.“ „Bei mir in Verſailles,“ antwortete Andrée, in Thränen zerfließend und mit einem nervöſen Zittern, das ihren ganzen Körper ſchüttelte.„Bei mir, wo Pas⸗de⸗Loup, wie dies verabredet war, mich heute Abend um elf Uhr erwartet.“ Es ſchlug Mitternacht. „Und er wartet noch?“ „Jaz“ „In welchem Zimmer iſt er?“ „Man hat ihn in den Salon eintreten laſſen.““ „Welchen Platz nimmt er in dem Salon ein?“ „Er ſteht an den Kamin angelehnt.“ „Und die Caſſette?“ „Auf einem Tiſch vor ihm. Oh!“ „Was?“ „Beeilen wir uns, ihn herausgehen zu laſſen. Herr von Charny, der erſt morgen zurückkommen ſollte, wird heute Nacht kommen wegen der Ereigniſſe. Ich ſehe es, er iſt in Sövres Laſſen Sie ihn weg⸗ gehen, daß ihn der Graf nicht im Hauſe findet.“ „Eure Majrſtät hört es. Wo wohnt in Verſailles Frau von Charny?“ „Wo wohnen Sie, Gräfin?“ „Bui dem Boulevard de la Reine, Sire.“ „Gut.“ „Sire, Eure Majeſtät hat es gehört, dieſe Caſſette gehört mir. Befiehlt der König, daß ſie mir zurück⸗ gegeben werden ſoll?“ „Auf der Stelle, mein Herr.“ rr 81 Der König zog vor Frau von Charny einen Wind⸗ ſchirm, damit man ſie nicht ſehen konnte, rief den Officier vom Dienſte und gab ihm leiſe einen Befehl. XXIV. Königliche Philoſophie. Dieſe ſeltſame Beſchäftigung eines Königs, dem ſeine Unterthanen den Thron untergruben! dieſe Neu⸗ gierde des Gelehrten, auf eine phyſiſche Erſcheinung angewendet, während ſich in ihrem ganzen Ernſte die wichtigſte politiſche Erſcheinung entwickelte, welche je in Frankreich ſtattgefunden hatte, nämlich die Verwand⸗ lung einer Monarchie in eine Demokratie,— dieſes Schau⸗ ſpiel, ſagen wir, eines Königs, der ſich unter den hef⸗ tigſten Stürmen ſelbſt vergaß, hätte ſicherlich die großen Geiſter der Zeit, die ſeit drei Monaten über der Löſung ihres Problems brüteten, lächeln gemacht. Während der Aufruhr außen tobte, concentrirte ſich Ludwig, die furchtbaren Ereigniſſe des Tages, die Einnahme der Baſtille, die Ermordung von Fleſſelles, de Launay und Losme, die Nativnalverſammlung, welche ſich gegen ihren König zu empören geneigt war, vergeſſend, concentrirte ſich Ludwig, ſagen wir, in dieſer völligen Privatbeobachtung, und die Enthüllung dieſer unbekannten Seene nahm ihn ebenſo ſehr in Anſpruch, als die tiefen Intereſſen ſeiner Regierung. Sobald er ſeinem Kapitän der Garden den von uns erwähnten Befehl gegeben, kehrte er auch zu Gilbert zurück, der nun von der Gräfin den Ueberſchuß des Fluidum, mit dem er ſie beladen, entfernte, um ihr ſtatt dieſes convulſiviſchen Somnambulismus einen ruhi⸗ gen Schlaf zu geben. Nach einem Augenblick war auch das Alhmen der Ange Pitou. II. 6 Gräfin ruhig und gleichmäßig, wie das eines Kindes. Mit einer einzigen Geberde der Hand öffnete ihr Gil⸗ bert die Augen wieder und verſetzte ſie in Extaſe. Nun konnte man in ihrem ganzen Glanze die wunderbare Schönheit von Andrée ſehen. Völlig be⸗ freit von jeder irdiſchen Beimiſchung, ſtieg das Blut, das einen Angenblick bis zu ihrem Geſicht zurück⸗ gefloſſen war und vorübergehend ihre Wangen gefärbt hatte, wieder in ihr Herz herab, deſſen Schläge ſofort ihren gemäßigten Lauf annahmen; das Geſicht war bleich geworden, doch in jener ſchönen matten Bläſſe der Frauen des Orients; die ein wenig über das ge⸗ wöhnliche Maß geöffneten Angen waren zum Himmel aufgeſchlagen und ließen unten den Stern in der perl⸗ mutterartigen Weiße des Apfels ſchwimmen; leicht erweitert, ſchien die Naſe eine reinere Atmoſphäre einzuathmen; die Lippen, welche ihre ganze friſchrothe Farbe beibehalten hatten, obgleich von den Wangen ihr Roth ein wenig verſchwunden war, die Lippen ent⸗ Glanz die liebliche Feuchtigkeit hervorhob. Der Kopf war mit einer unausſprechlichen, bei⸗ nahe engeliſchen Anmuth etwas zurückgeworfen. Man hätte glauhen ſollen, dieſer unbewegliche Blick dränge, ſeine Sehweite durch ſeine Starrheit verdoppelnd, bis zum Fuße vom Throne Gottes. Der König blieb wie geblendet, Gilbert wandte ſeufzend den Kopf ab; er hatte dem Wunſche, Andrée widerſtehen können, und wie Pygmalion, unglücklicher der Natur, erſchrak er nun über ſein eigenes Werk. gegen Andrée umzuwenden, und die 62 ſchloſſen ſich⸗ Der König wollte ſich durch Gilbert dieſen wun⸗ derharen Zuſtand erklären laſſen, bei welchem ſich die „ hüllten, leicht geöffnet, eine Reihe von Perlen, deren dieſen Grad übermenſchlicher Schönheit zu geben, nicht als Pygmalivn, denn er kannte die Unempfindlichkeit Er machte eine Bewegung, ohne nur den Kopf 83 Seele vom Körper löſt und frei, glücklich, göttlich, über den menſchlichen Erbärmlichkeiten ſchwebt. Gilbert vermochte, wie alle wirklich erhabene Men⸗ ſchen, das Wort auszuſprechen, das der Mittelmäßig⸗ keit ſo viel koſtet: Ich weiß es nicht. Er bekannte dem König ſeine Unwiſſenheit; er brachte eine Erſchei⸗ nung hervor, die er nicht definiren konnte; die Thatſache beſtand, die Erklärung der Thatſache beſtand nicht. „Doetor,“ ſagte der König bei dieſem Bekenntniß von Gilbert,„das iſt abermals eines von den Geheim⸗ niſſen, welches die Natur für die Gelehrten einer ſpä⸗ teren Generation aufbewahrt, und das, wie ſo viele andere Myſterien, die man für nnauflösbar hielt, er⸗ gründet werden wird. Wir nennen ſie Myſterien, unſere Väter hätten ſie Zaubereien oder Hexereien genannt.“ „Ja, Sire,“ erwiederte Gilbert lächelnd,„und ich hätte die Ehre gehabt, auf der Gröve zur Verherrli⸗ chung einer Religion, die man nicht begriff, durch Ge⸗ lehrte ohne Wiſſen und durch Prieſter ohne Glauben verbrannt zu werden.“ „Und unter wem haben Sie dieſe Wiſſenſchaft ſtu⸗ dirt? unter Mesmer?“ „Oh! Sire,“ antwortete Gilbert lächelnd,„ich hatte zehn Jahre, bevor man den Namen von Mesmer in Frankreich ausgeſprochen, die erſtaunlichſten Phäno⸗ mene dieſer Wiſſenſchaft geſehen.“ „Sagen Sie mir, war dieſer Mesmer, der ganz Paris in Aufruhr brachte, Ihrer Anſicht nach ein Char⸗ latan, ja oder nein? Mir ſcheint, Sie gehen viel ein⸗ facher zu Werke. Ich habe ſeine Experimente erzählen hören, ſowie die von Deslon, die von Puyſégur. Sie wiſſen, was man Alles über dieſen Gegenſtand geſagt hat, Hirngeſpinnſte oder Wahrheiten.“ „Ja, Sire, ich habe die ganze Debatte verfolgt.“ „Nun, was denken Sie von der berühmten Kufe?“ „Eure Majeſtät wolle mich entſchuldigen, wenn ich auf Alles, was ſie mich über die mgnetiſchz Kunſt fragt, —* 84 durch den Zweifel antworte. Der Magnetismus iſt noch keine Kunſt.“ „Ah!“ „Es iſt nur eine Macht, eine furchtbare Macht, da ſie den freien Willen vernichtet, da ſie die Seele„ vom Leibe trennt, da ſie den Leib der Somnambule in die Hände des Magnetiſeur gibt, ohne daß jene die Macht, oder nur den Willen, ſich zu vertheidigen, be⸗ hält. Ich, was mich betrifft, habe ſeltſame Phänomene bewerkſtelligen ſehen. Ich habe ſelbſt bewerkſtelligt, und dennoch zweifle ich.“ „Wie, Sie zweifeln? Sie bewirken Wunder und Sie zweifeln!“ „Nein, ich zweifle nicht, ich zweifle nicht. In die⸗ ſem Moment habe ich den Beweis einer unerhörten und unbekannten Macht vor den Augen. Doch iſt die⸗ ſer Beweis verſchwunden, bin ich allein in meinem Zimmer, meiner Bibliothek gegenüber, dem gegenüber, was die menſchliche Wiſſenſchaft ſeit dreitauſend Jah⸗ ren geſchrieben hat; ſagt mir die Wiſſenſchaft nein; ſagt mir der Geiſt nein; ſagt mir die Vernunft nein, dann zweifle ich.“ „Und Ihr Meiſter zweifelte auch, Doctor?“ „Vielleicht, doch weniger offenherzig, als ich; er ſagte es nicht.“ „War es Deslon, war es Puyſégur?“ „Nein, Sire, nein. Mein Meiſter war ein Mann, der ſehr hoch über den Männern ſtand, die Sie genannt haben. Ich habe ihn, in Beziehung auf Wunden beſon⸗ ders, wunderbare Dinge verrichten ſehen; keine Wiſſen⸗ ſchaft war ihm unbekannt. Er hatte ſich die ägyptiſchen. Theorien angeeignet. Er hatte die Arcana der alten aſſyriſchen Civiliſation durchdrungen. Er war ein tiefer Gelehrter, ein furchtbarer Philoſoph, denn er beſaß die Erfahrung des Lebens verbunden mit der Beharrlichkeit des Willens.“ „Habe ich ihn gekannt?“ fragte der König. — die⸗ ber, nn, unt on⸗ ſen⸗ hen lten efer die keit 85⁵ Gilbert zögelſ einen Augenblick. „Ich frage Sie, ob ich ihn gekannt habe?“ „Ja, Sire.“ „Er heißt?“ „Sire,“ antwortete Gilbert,„nenne ich dieſen Namen vor dem König, ſo ſetze ich mich vielleicht ſeinem Miß⸗ fallen aus. In dieſem Augenblick aber beſonders, wo die Mehrzahl der Franzoſen mit der königlichen Majeſtät ſpielt, möchte ich nicht gern einen Schatten auf die Ehr⸗ furcht werfen, die wir Alle der Majeſtät ſchuldig ſind.“ „Nennen Sie kühn dieſen Nomen, Doctor Gilbert, und ſeien Sie überzeugt, daß ich auch meine Philoſo⸗ phie habe: eine Philoſophie, welche genug geſtählt iſt, um über alle Beleidigungen der Gegenwart und alle Drohungen der Zukunſt zu lächeln.“ ilbert zögerte noch, trotz dieſer Ermuthigung. Der König näherte ſich ihm. „Mein Herr,“ ſagte er lächelnd,„nennen Sie mir Satan, wenn Sie wollen, ich werde gegen Satan einen Panzer finden, den, welche Ihre Irrlehrer nicht haben, den, welchen ſie nie haben werden, den, welchen ich vielleicht allein in meinem Jahrhundert beſitze und ohne mich zu ſchämen anlege; die Religion!“ „Es iſt wahr, Eure Majeſtät glaubt wie der hei⸗ lige Ludwig,“ ſagte Gilbert. „Und darin liegt meine Stärke, ich geſtehe es, Dortor; ich liebe die Wiſſenſchaft, ich bete die Reſul⸗ tate des Materialismus an; ich bin Mathematiker, wie Ihnen bekannt iſt; Sie wiſſen, eine Additionsſumme, eine algebriſche Formel erfüllen mich mit Freude; doch im Gegenſatz gegen die Leute, welche die Algebra bis zum Atheismus treiben, habe ich in Reſerve meinen tiefen, unerſchöpflichen, ewigen Glauben, meinen Glau⸗ en, der mich um einen Grad über ſie und unter ſie ſtellt; über ſie im Guten, unter ſie im Böſen. Sie ſehen, Doctor, ich bin ein Mann, dem man Alles ſagen kann, ein König, der Alles hören kann.“ „Sire,“ ſprach Gilbert mit einer Art von Bewun⸗ derung,„ich danke Eurer Majeſtät für das, was ſie mir geſagt hat; eines Freundes, denn es iſt beinahe das Geſtändniß womit ſie mich beehrt.“ „Sol ich wünſchte,“ fügte der ſchüchterne Lud⸗— wig IVI. bei,„ich wünſchte, ganz Europa könnte mich ſo ſprechen hören. Wenn die Franzoſen in meinem Herzen alle Stä hält, leſen könnten, ich glaube, ſie würden mir weniger widerſtehen.“ Der letzte Theil des Satzes, der auf die gereizten königlichen Prärogative hindeutete, ſchadete Ludwig XVI. im Geiſte von Glilbert. Er ſagte auch raſch und ohne alle Schonung: „Sire, da Graf von Caglioſtro.“ „Ohl“ rief Ludwig erröthend,„dieſer Gmpirikert⸗ ²) „Dieſer Empiriker.. ja, Sire,“ ſagte Gilbert⸗ „Eure Majeſtät ſich bedient hat, Wiſſenſchaft gebraucht. Empiriker will beſagen; der Menſch, der heißt für einen Menſchen endlich, thun, was Gott den Sterblichen Brößtes und Schönſtes zu thun erlaubt hat. Der Menſch verſuche Leben iſt ausge „Ah! mein theidigen, war ein großer Feind der Könige,“ verſetzte Ludwig XVI. Gilbert eri „Will Eur Königinnen?“ *) Lempirique, der Empiriker, wird ſehr häufig von den Franzoſen in der Bedeutung von Charlatan gebraucht. füllt.“ rie und alle Zärtlichteit, die es ent⸗ Sie es wollen, mein Meiſter war der weiß wohl, daß das Wort, deſſen ſie„ eines der edelſten iſt, die man in der verſucht. Immer verſuchen, Sire, Denker, für einen Praktiker, für einen ſein ganzes Leben hindurch, und ſein Herr, dieſer Caglioſtro, den Sie ver⸗ nnerte ſich der Halsband⸗Geſchichte. e Majeſtät nicht vielmehr ſagen; der„ von tan )— 87 Ludwig bebte unter dem Stachel. „Ja,“ ſagte er,„er hat ſich bei der ganzen An⸗ gelegenheit des Prinzen Louis von Rohan mehr als zweideutig benommen.“ „Sire, hier wie anderswo erfüllte Caglioſtro die menſchliche Sendung: er verſuchte für ſich. In der Wiſſenſchaft, in der Moral, in der Politik gibt es weder Gutes, noch Schlimmes, es gibt nur die beſtätigten Erſcheinungen, die erlangten Thatſachen. Ich gebe ihn nichtsdeſtoweniger Ihnen preis, Sire. Der Menſch, ich wiederhole es, kann oft den Tadel verdient haben; vielleicht wird dieſer Tadel ſelbſt eines Tags ein Lob für ihn ſein: die Nachwelt durchſieht die Urtheile der Menſchen; doch ich habe nicht unter dem Menſchen ſtudirt, Sire, ſondern unter dem Philoſophen, unter dem Gelehrten.“ „Gut,“ ſagte der König, der noch die doppelte Wunde ſeines Stolzes und ſeines Herzens bluten fühlte, „gut; wir vergeſſen die Frau Gräfin, und ſie leidet vielleicht.“ „Ich werde ſie aufwecken, Sire, wenn es Eure Majeſtät haben will; doch ich hätte gewünſcht, die Caſſette wäre während ihres Schlafes hierher gebracht worden.“ „Warum?“ „Um ihr eine zu harte Lection zu erſparen.“ „Man kommt gerade,“ ſagte der König;„war⸗ ten Sie.“ Der Befehl des Königs war in der That pünktlich vollzogen worden; die in dem Hotel von Charny in. den Händen des Gefreiten Pas⸗de⸗Loup gefundene Caſſette erſchien in dem königlichen Cabinet unter den Augen der Gräfin, welche ſie nicht ſah. Der König machte dem Ofſicier, der die Caſſette brachte, ein Zeichen der Zufrievenheit; der Officier trat wieder ab. „Nun!“ ſagte Ludwig XvI. 88 „Sire, das iſt die Caſſette, die man mir geſtoh⸗ len hatte.“ „Oeffnen Sie dieſelbe.“ „Sire, ich will das wohl, wenn es Eure Majeſtät wünſcht. Ich muß Eure Majeſtät nur auf Eines auf⸗ merkſam machen.“ „Auf was?“ „Sire, dieſe Caſſette enthält, wie ich Eurer Ma⸗ jeſtät geſagt habe, Papiere, welche ſehr leicht zu leſen, zu nehmen ſind, während die Ehre einer Frau davon abhängt.“ „Und dieſe Frau iſt die Gräfin?“ „Ja, Sire; ihre Ehre wird nicht dadurch Gefahr laufen, daß ſie dem Gewiſſen Eurer Majeſtät anheim gegeben worden iſt. Oeffnen Sie, Sire,“ ſprach Gil⸗ bert, indem er ſich dem Kiſtchen näherte und den Schlüſſel dem König reichte. „Mein Herr,“ erwiederte Ludwig XVI. kalt,„nehmen Sie dieſe Caſſette mit, ſie gehört Ihnen.“ „Ich danke, Sire. Was werden wir mit der Gräfin machen?“ „Oh! wecken Sie ſie nicht hier auf. Ich will das Erſtaunen, die Schmerzen vermeiden.“ „Sire,“ ſprach Gilbert,„die Frau Gräfin ſoll nur da aufwachen, wohin Eure Majeſtät ſie tragen zu laſſen für geeignet erachten wird.“ „Gut, bei der Königin alſo.“ Ludwig klingelte. Ein Officier trat ein. „Herr Kapitän,“ ſagte er,„die Frau Gräfin iſt hier, als ſie die Nachrichten von Paris vernahm, ohn⸗ mächtig geworden. Laſſen Sie ſie zu der Königin tragen.“ „Wie viel Zeit braucht man, um ſie in die Ge⸗ mächer Ihrer Majeſtät zu bringen?“ fragte Gilbert den König. „Ungefähr zehn Minuten,“ antwortete dieſer. Gilbert ſtreckte die Hand über der Gräfin aus. in 89 „Sie werden in einer Viertelſtunde aufwachen,“ ſagte er. Zwei Soldaten traten auf Befehl des Officiers ein und trugen die Gräfin in zwei Lehnſtühlen fort. „Herr Gilbert, was wünſchen Sie nun noch?“ fragte der König. „Sire, eine Gunſt, die mich in die Nähe Eurer Majeſtät bringt und mir zugleich die Gelegenheit ver⸗ ſchafft, ihr nützlich zu ſein.“ Der König ſuchte. „Erklären Sie ſich,“ ſagte er. „Ich möchte gern Quartal⸗Arzt des Königs ſein,“ erwiederte Gilbert;„ich werde Niemand Eintrag thun: das iſt ein Ehrenpoſten, der jedoch mehr auf dem Ver⸗ trauen beruht, als Glanz verſchafft.“ „Bewilligt,“ ſprach der König.„Adieu, Herr Gi bert.... Ah! ſagen Sie Necker alles Freundliche. Adieu.“ Dann während er wegging, rief er: „Mein Abendbrod!“ Denn, kein Ereigniß konnte ihn ſein Abendbrod vergeſſen machen. XXV. Bei der Königin. Während der König philoſophiſch die Revolution bekämpfen lernte, indem er einen Curſus in den ver⸗ borgenen Wiſſenſchaſten machte, hatte die Königin, ein viel feſterer und tieferer Philoſoph, um ſich in ihrem Cabinet alle diejenigen verſammelt, die man ihre Ge⸗ treuen nannte, ohne Zweifel, weil es noch keinem von ihnen gegeben geweſen war, ſeine Treue zu beweiſen oder zu verſuchen. 90 Bei der Königin war der furchtbare Tag auch in allen ſeinen Einzelnheiten erzählt worden. Man hatte ſie ſogar zuerſt davon unterrichtet, und da man ſie als unerſchrocken kannte, ſo hatte man keine Schwierigkeiten gemacht, ſie von der Gefahr zu benach⸗ richtigen. Um die Königin ſah man Generale, Höflinge, Prieſter und Frauen verſammelt. Bei den Thüren und hinter den vor dieſen Thüren angebrachten Vorhängen waren junge Officiere voll Muth und Eifer, welche in allen dieſen Empörungen eine lange erwartete Gelegenheit ſahen, ſich, wie bei einem Turnier, vor den Damen im Waffenſpiele aus⸗ zuzeichnen. Alle vertraute und der Monarchie ergebene Diener hatten mit Aufmerkſamkeit die Nachrichten angehört, welche Herr von Lambeseg erzählt hatte, der, nachdem er den Ereigniſſen beigewohnt, mit ſeinem noch ganz vom Sande der Tuilerien beſtaubten Regimente nach Verſailles geeilt war, um die Wirklichkeit als Troſt den erſchrockenen Leuten zu geben, von denen einige, ſo groß es war, das Unglück noch übertrieben. Die Königin ſaß an einem Tiſche. Es war nicht mehr die ſanfte, ſchöne Braut, der Schutzengel Frankreichs, den wir auf der Schwelle die⸗ ſer Geſchichte die Nordgränze, einen Oelzweig in der Hand, haben überſchreiten ſehen. Es war nicht einmal mehr jene ſchöne, anmuthige Fürſtin, die wir eines Abends mit der Prinzeſſin von Lamballe in die geheim⸗ nißvolle Wohnung von Mesmer eintreten und ſich la⸗ chend und ungläubig zu der ſymboliſchen Kufe ſetzen ſahen, von der ſie eine Offenbarung der Zukunft ver⸗ langte. ghein! es war die ſtolze, hoffärtige Königin mit ver gefalteten Stirne, mit der gerinaſchätzigen Lippe; es war die Frau, deren Herz einen Theil ſeiner Liebe hatte entſchlüpfen laſſen, um an der Stelle dieſes ſanf⸗ — ——— *— *— 91 ten und belebenden Gefühles die erſten Tropfen von einer Galle aufzunehmen, welche, beſtändig fließend, in's Blut gehen ſollte. Es war endlich die Frau des dritten Portraits der Gallerie von Verſailles, das heißt, nicht mehr Marie Antvinette, nicht mehr die Königin von Frankreich, ſondern diejenige, welche man nur noch mit dem Namen: die Oeſterreicherin, zu bezeichnen anfing. Hinter ihr war, halb im Schatten liegend, eine unbewegliche junge Frau, den Kopf auf das Fiſſen eines Sopha zurückgeworfen und die Stirne auf ihre Hand geſtützt. Das war Frau von Polignac. Als ſie Herrn von Lambeseg erblickte, hatte die Königin eine von jenen Geberden verzweifelter Freude gemacht, welche beſagen wollen: Endlich werden wir Alles erfahren Herr von Lambeseq hatte ſich mit einem Zeichen verbeugt, das zugleich wegen ſeiner beſchmutzten Stiefel, wegen ſeines beſtaubten Rockes und ſeines verdrehten Säbels, den er nicht mehr ganz in die Scheide hatte bringen können, um Verzeihung bat. „Nun, Herr von Lambescq,“ ſagte die Königin, „Sie fommen von Paris?“ „Ja, Eure Majeſtät.“ „Was macht das Volk?“ „Es mordet und brennt.“ „Aus Schwindel oder aus Haß?“ „Nein, aus Grauſamkeit.“ Die Königin dachte nach, als ob ſie geneigt ge⸗ weſen wäre, ſeine Anſicht über das Volk zu theilen. Dann ſchüttelte ſie den Kopf und entgegnete: „Nein, Prinz, das Volk iſt nicht grauſam, wenig⸗ ſtens nicht ohne Grund; verbergen Sie mir alſo nichts. Iſt es Wahnwitz? Iſt es Haß?“ „Ich glaube, daß es ein bis zum Wahnwitz getrie⸗ bener Haß iſt.“ „Haß, gegen wen? Ah! Sie zögern abermals, Prinz; nehmen Sie ſich in Acht, wenn Sie ſo erzählen, ſo werde ich, ſtatt mich an Sie zu wenden, wie ich es thue, einen von meinen Piqueurs nach Paris ſchicken; er braucht eine Stunde, um dahin zu kommen, eine Stunde, um ſich zu erkundigen, eine Stunde, um zurück⸗ zukehren, und in drei Stunden wird mir dieſer Menſch die Ereigniſſe ganz einfach und wie ein Herold Homers erzählen.“ Herr von Dreur⸗Brézé trat mit einem Lächeln auf den Lippen vor und ſagte: „Aber, Madame, was iſt Ihnen am Haſſe des Volkes gelegen; das muß Sie durchaus nichts kümmern. Das Volk kann Alles haſſen, nur Sie nicht.“ Die Königin nahm nicht einmal die Schmeichelei auf. „Raſch, Prinz,“ ſagte ſie zu Herrn von Lambeseg, „ſprechen Sie.“ „Wohl denn, ja, Madame, das Volk handelt im Haſſe.“ „Gegen wen?“ „Gegen Alles, was daſſelbe beherrſcht.“ „Ah! gutl das iſt die Wahrheit! das fühlt ſich!“ verſetzte eniſchloſſen die Königin. „Ich bin Soldat, Eure Majeſtät,“ erwiederte der r inz. Put, gut, ſprechen Sie als Soldat. Laſſen Sie hören, was iſt zu thun?“ „Nichts, Madame.“ „Wie! Nichts?“ rief die Königin, das Gemurmel benützend, das ſich bei dieſen Worten unter den ge⸗ ſtickten Röcken und goldenen Degen ihrer Geſellſchaft erhoben hatte.„Nichts! Sie, ein lothringiſcher Prinz, kommen und ſagen dies der Königin von Frankreich in dem Augenblick, wo das Volk, nach Ihrem eigenen Geſtändniſſe, mordet und brennt; Sie ſagen, es ſei nichts zu thun!“ 93 Ein neues Gemurmel, doch diesmal ein beifälliges, empfing die Worte der Königin. Sie wandte ſich um, umfaßte mit dem Blick den Kreis, der ſie umgab, und ſuchte unter allen dieſen flammenden Augen diejenigen, welche am meiſten flamm⸗ ten, im Glauben, darin am meiſten Treue zu leſen. „Nichts!“ wiederholte der Prinz,„denn wenn man den Pariſer ſich heſänftigen läßt, ſo wird er ſich auch beſänftigen; er iſt nur kriegeriſch, ſobald man ihn auf das Aenßerſte treibt. Warum ihm die Ehre eines Streites erweiſen, warum die Wechſelfälle eines Kam⸗ pfes wagen? Verhalten wir uns ruhig, und in drei Tagen wird von nichts mehr in Paris die Rede ſein.“ „Aber die Baſtille, mein Herr?“ „Die Baſtille! man verſchließt ihre Thore, und diejenigen, welche ſie eingenommen haben, werden ge⸗ fangen ſein.“ Es wurde etwas wie ein zitterndes Lachen unter der ſchweigſamen Gruppe hörbar. Die Königin ſprach: „Nehmen Sie ſich in Acht, Prinz, nun beruhigen Sie mich zu ſehr.“ Und nachvenkend, das Kinn auf ihre flache Hand geſtützt, ſuchte ſie mit dem Blick Frau von Polignac, welche, blaß und traurig, in ſich ſelbſt verſunken zu jein ſchien. Die Gräfin hatte alle dieſe Nachrichten mit einem ſichtbaren Schrecken angehört; ſie lächelte nur, als die Königin bei ihr anhielt und ihr zulächelte, und dieſes Lächeln war noch bleich und entfärbt, wie eine ſterbende Blume. „Nun! Gräfin,“ fragte die Königin,„was ſagen Sie zu Allem dem?“ 33 e „Ach! nichts,“ erwiederte ſie. „Nein.“ Und ſie ſchüttelte den Kopf mit einem Ausdruck unſäglicher Entmuthigung. 94 „Eil ei!“ ſprach leiſe die Königin, indem ſie ſich an's Ohr der Gräfin neigte,„die Freundin Diana iſt eine Furchtſame.“ Dann ſagte ſie laut: „Aber wo iſt denn Frau von Charny, die Uner⸗ ſchrockene! Wir bedürfen ihrer, um uns zu beruhigen, wie mir ſcheint.“ „Die Gräfin wollte eben wegfahren, als man ſie zum König rief,“ antwortete Frau von Miſery. „Ah! zum König,“ verſetzte zerſtreut Marie An⸗ toinette. Nun erſt bemerkte ſie das ſeltſame Stillſchweigen, das ſich um ſie her gebildet hatte. Die unerhörten, unglaublichen Ereigniſſe, von denen die Nachrichten nach und nach wie verdoppelte Schläge nach Verſailles gelangt waren, hatten die feſteſten Herzen vielleicht mehr noch durch das Erſtau⸗ nen, als durch die Furcht enimuthigt. Die Königin ſah ein, daß es wichtig war, alle dieſe niedergeſchlagenen Geiſter wieder aufzurichten. „Niemand gibt mir einen Rath?“ ſagte ſie.„Gut! ich werde mich bei mir ſelbſt Raths erholen.“ Alle traten näher zu Marie Antoinette. „Das Volk.“ ſprach ſie,„iſt nicht böſe, es iſt nur irre geführt. Es haßt uns, weil es uns nicht kennt. Nähern wir uns ihm.“ „Um es dann zu beſtrafen, denn es hat an ſeinen Gebietern gezweifelt, und das iſt ein Verbrechen.“ Die Königin ſah nach der Seite, woher die Stimme kam, und erkannte Herrn von Bezenval. „Oh! Sie ſind es, Herr Baron; wollen Sie uns einen guten Rath geben?“ „Der Rath iſt gegeben,“ ſagte Herr von Bezenval, ſich verbeugend. „Es ſei; der König wird beſtrafen, doch als ein guter Vater.“ „Wer gut liebt, züchtigt gut,“ verſetzte der Baron. 95 Dann wandte er ſich gegen Herrn von Lambescq um und ſagte zu ihm: „Sind Sie nicht meiner Anſicht, Prinz? Das Volk hat Morde begangen.“ „Die es leider Repreſſalien nennt,“ verſetzte halb laut eine ſanfte, friſche Stimme, bei deren Ton ſich die Königin umwandte. „Sie haben Recht, Prinzeſſin, gerade darin beſteht ſein Irrthum, meine liebe Lamballe; wir werden auch nachſichtig ſein.“ „Doch,“ verſetzte die Prinzeſſin mit ihrer ſchüch⸗ ternen Stimme,„doch ehe man ſich fragt, ob man be⸗ ſtrafen ſoll, müßte man, glaube ich, fragen, ob man werde ſiegen können.“ Ein allgemeiner Schrei brach los, ein Schrei der Proteſtation gegen die Wahrheit, welche aus dieſem edeln Munde gekommen. „Siegen! Und die Schweizer?“ ſagte der Eine. „Und die Deutſchen?“ ſagte der Andere. „Und die Gardes⸗du⸗corps?“ ſagte der Dritte. „Man zweifelt am Heer und am Adel!“ rief ein junger Mann, der die Uniform eines Lieutenant der Huſaren von Berchigny trug.„Haben wir dieſe Schmach verdient? Bedenken Sie, Madame, daß ſchon morgen, wenn er will, der König vierzigtauſend Mann aufſtellen, dieſe vierzigtauſend Mann nach Paris werfen und Paris zerſtören kann. Bedenken Sie, daß vierzigtanſend Mann ergebene Truppen ſo viel werth find, als eine halbe Million empörte Pariſer.“ Der junge Mann, der ſo geſprochen, hatte ohne Zweifel noch eine gute Anzahl ähnlicher Gründe vor⸗ 5 zubringen, doch er hielt plötzlich inne, als er ſah, daß die Königin ihre Augen auf ihn heftete; er hatte aus dem Schooße einer Gruppe von Ojficieren geſprochen und war durch ſeinen Eifer weiter fortgeriſſen worden, als ſein Grad und die Schicklichkeit es erlaubten. 96 Er hielt alſo, wie geſagt, plötzlich inne, beſchämt über die Wirkung, die er hervorgebracht. Doch es war zu ſpät. Die Königin hatte ſchon ſeine Worte gleichſam im Fluge aufgefangen. „Sie kennen die Lage, mein Herr?“ fragte ſie mit freundlichem Tone. „Ja, Eure Majeſtät,“ antwortete der junge Mann erröthend,„ich war auf den Champs⸗Elyſées.“ „Dann ſprechen Sie ohne Scheu, kommen Sie, mein Herr.“ Der junge Mann trat ganz erröthend aus den Reihen, die ſich öffneten, vor und näherte ſich der Königin. Gleichzeitig wichen der Prinz von Lambescq und Herr von Bezenval zurück, als hätten ſie es unter ihrer Würde erachtet, dieſer Art von Rath beizuwohnen. Die Königin merkte nicht auf ihren Rückzug oder ſchien nicht darauf zu merken. „Sie ſagen, mein Herr, der König habe vierzig⸗ tauſend Mann?“ fragte ſie. „Ja, Eure Majeſtät.“ „Um Paris?“ „In Saint⸗Denis, in Saint⸗Mandé, in Mont⸗ martre und in Grenelle.“ „Einzelnheiten, mein Herr,“ rief die Königin. „Madame, die Herren von Lambeseg und von werden es Ihnen unendlich viel beſſer ſagen, als ich.“ „Fahren Sie fort, mein Herr. Ich höre gern die nzetheiten aus Ihrem Munde. Unter weſſen Befehl ſtehen dieſe vierzigtauſend Mann?“ „Vor Allem unter den Befehlen der Herren von Bezenval und Lambeseg, ſobann unter denen des Prin⸗ zen von Condé, des Herrn von Narbonne⸗Fritzlar und des Herrn von Salkenaym. „Iſt das wahr, Prinz?“ fragte die Königin, ſich gegen Herrn von Lambescq umwendend. e——— —— — — 97 „Ja, Eure Majeſlät,“ ſprach der Prinz, ſich ver⸗ beugend. „Auf Montmartre,“ fuhr der junge Mann fort, „befindet ſich ein Artillerie⸗Park, in ſechs Stunden kann das ganze Quartier, das Montmartre beherrſcht, in Aſche verwandelt ſein. Montmartre gebe das Signal zum Feuern; Vincennes antworte ihm; zehntauſend Mann rücken durch die Champs Elyſées an, zehntau⸗ ſend weitere durch die Barriere d'Enfer, zehntauſend durch die Rue Saint⸗Martin, und zehntauſend durch die Baſtille; Paris höre das Gewehrfener an den vier Hauptpunkten, und es wird ſich nicht vierundzwanzig Stunden halten.“ „Ah! das iſt Einer, der ſich offenherzig erklärt,“ ſprach die Königin;„das iſt ein genauer Plan. Was ſagen Sie dazu, Hert von Lambeseq?“ „Ich ſage, daß der Herr Huſarenlieutenant ein vollkommener General iſt,“ antwortete mit gering⸗ ſchätzender Miene der Prinz. „Es iſt wenigſtens ein Soldat, der nicht verzwei⸗ felt,“ verſetzte die Königin, die den jungen Officier vor Zorn erbleichen ſah. „Meinen Dank, Madame,“ ſprach ber junge Offi⸗ eier, ſich verbeugend.„Ich weiß nicht, was Ihre Ma⸗ jeſtät beſchließen wird, doch ich flehe ſie an, mich zu denjenigen zu zählen, welche bereit ſind, für ſie zu ſterben, und hierin thue ich nur, das bitt⸗ ich ſie, zu glauben, was vierzigtauſend Soldaten auch zu thun bereit ſind, abgeſehen von unſern Führern.“ Bei dieſen letzten Worten grüßte der junge Mann Si Prinzen, während ihn dieſer beinahe belei⸗ gt hatte. Dieſe Höflichkeit fiel der Königin noch mehr auf, als die Ergebenheitsbetheurung, die ihr voran⸗ gegangen. „Wie heißen Sie, mein Herr?“ fragte ſie. Ange Pitou. I. 7 98 „Baron von Charnh, Madame,“ erwiederte er, indem er ſich verbeugte. „Von Charnyl“ rief Marie Antoinette, unwill⸗ kürlich erröthend;„find Sie ein Verwandter des Grafen von Charny?“ „Ich bin ſein Bruder, Madame,“ ſagte der junge Mann. Und er verbeugte ſich anmuthig noch iiefer, als er es zuvor gethan. „Ich hätte,“ ſagte die Königin, ihre Unruhe über⸗ wältigend, indem ſie mit ſicherem Blick umherſchaute, „ich hätte bei Ihren erſten Worten einen meiner treuſten Diener erkennen müſſen. Meinen Dank, Baron. Wie fommt es, daß ich Sie zum erſten Male bei Hofe ſehe?“ „Madame, mein älteſter Brnder, der unſern Vater erſetzt, hat mir befohlen, bei meinem Regimente zu bleiben, und in den ſieben Jahren, die ich in den Hee⸗ ren des Königs zu dienen die Ehre habe, bin ich nur zweimal nach Verſailles gekommen.“ Die Königin heftete einen langen Blick auf das Geſicht des jungen Mannes und ſagte dann zu ihm: „Sie gleichen Ihrem Bruder. Ich werde Ihren Bruder ſchelten, daß er gewartet hat, bis Sie ſich ſelbſt bei Hofe einfanden.“ 3 Und ſie wandte ſich gegen die Gräſin, ihre Freun⸗ din, um, welche dieſe ganze Scene ihrer Unbeweglichkeit nicht entzogen hatte. Doch dem war nicht ſo bei der übrigen Verſamm⸗ lung. Electriſirt durch den Empfang, den die Königin dem jungen Mann hatte zu Theil werden laſſen, über⸗ trieben die Officiere aus Leibeskräften den Enthuſtasmus für die königliche Sache, und man hörte in jeder Gruppe Ausdrücke von einem Heldenmuth erſchallen, der ganz Frankreich zu bändigen im Stande geweſen wäre. Marie Antvinette benützte dieſe Stimmung, die offenbar ihren geheimen Gedanken ſchmeichelte. Sie liebte es mehr, zu kämpfen, als zu dulden, zu ſterben, als nachzugeben. Von den erſten Nachrichten an, * 99 — die ihr von Paris zugekommen, war ſie auch zu einem hartnäckigen Widerſtand gegen dieſen Geiſt der Rebellion entſchloſſen, der alle Vorrechte der franzöſiſchen Geſell⸗ ſchaft zu verſchlingen drohte. Wenn es eine blinde, eine wahnfinnige Kraft gibt, e ſo iſt es die der Zahlen und die der Hoffnungen. 2 Eine Zahl, der ſich Nullen anhängen, überſteigt bald alle Mittel und Qutllen des Weltalls Cbenſo iſt es mit den Wünſchen eines Verſchwörers 3 oder eines Deſpoten: auf Begeiſterungen, die ſelbſt n wieder auf unmerkliche Hoffnungen gegründet ſind, rich⸗ ie ten ſich rieſige Gedanken auf, welche in weniger Zeit 4 durch einen Hauch verdunſtet werden, als ſie gebraucht r hatten, um anzuſchwellen und ſich zum Nebel zu verdichten. u Auf die paar Worte, welche der Graf von Charnh e⸗ geſprochen, auf das von den Anweſenden ausgeſtoßene ir Hurrah der Begeiſterung ſah ſich Marie Antvinette in der Perſpective an der Spitze einer mächtigen Armee; 6 ſie hörte ihre harmloſen Kanonen rollen und ergötzte ſich an dem Schrecken, den ſie den Pariſern einflößen en müßten, wie an einem entſcheidenden Sieg. bſt Trunken von Jugend, Vertrauen und Liebe, zählten Männer und Frauen um ſie her die glänzenden Huſaren, die ſchweren Dragoner, die furchtbaren Schweizer, die eit geräuſchvollen Kanoniere auf und lachten über die plumpen Piken mit den rohen hölzernen Stielen, ohne m⸗ daran zu denken, daß am Ende dieſer gemeinen Waffen in die edelſten Köpfe Frankreichs ſich erheben ſollten. er⸗„Ich,“ murmelte die Prinzeſſin von Lamballe,„ich us habe mehr Angſt vor einer Pike, als vor einer Flinte.“ e„Weil das häßlicher iſt, meine liebe Thereſe,“ nz erwiederte lachend die Königin;„doch in jedem Fall beruhige Dich, Unſere Pariſer Plfeniere ſind nicht ſo die viel werth, als die Schweizer Pikeniere von Morat, und die Schweizer von heute haben mehr als Piken: zu ſie haben gute Musketen, mit denen ſie, Gott ſei Dank, an, ſehr richtig zielen.“ „ 1 *. 100 „Oh! was das betrifft, dafür ſtehe ich,“ ſagte Herr von Bezenval. Die Königin wandte ſich abermals gegen Frau von Folignac, um zu ſehen, ob ihr alle dieſe Verſiche⸗ rungen ihre Ruhe wiedergeben würdenz doch die Gräfin ſchien bleicher und trauriger als je. Die Königin, die in ihrer unendlichen Zärtlichkeit dieſer Freundin die königliche Würde zum Opfer brachte, flehte vergebens um ein lachenderes Geſicht. Die junge Frau blieb düſter und ſchien in die ſchmerzlichſten Gedanken verſunken. Dieſe Entmuthigung hatte aber keinen andern Einfluß auf die Königin, als den, ſie zu betrüben. Die Begeiſterung erhielt ſich auf derſelben Höhe unter den jungen Officieren, und alle entwarfen, um ihren Kameraden, den Grafen von Charny, verſammelt, den Schlachtplan. Mitten unter dieſer fieberhaften Belebtheit trat der König allein, ohne Huiſſier, ohne Befehle, und lächelnd ein. Ganz glühend von den Gemüthsbewegungen, die ſie um ſich her angefacht hatte, eilte die Königin ihm entgegen. Als man den König erblickte, hörte jedes Geſpräch auf, und bald herrſchte das tiefſte Stillſchweigen; Jeder wartete auf ein Wort des Herrn, auf eines jener Worte, welche electriſtren und unterjochen. Wenn die Dünſte gehörig mit Electricität beladen ſind, ſo entſcheidet bekanntlich der geringſte Stoß über den Funken. In den Augen der Höflinge waren der König und die Königin, die einander entgegen gingen, die electri⸗ ſchen Mächte, aus denen der Blitz hervorſpringen mußte. Man horchte, man bebte, man zog mit dem Athem die erſten Worte an, welche aus dem königlichen Mund kommen ſollten. „Madame,“ ſagte Ludwig XVl.,„unter allen dieſen — ——— — „— —,— 101 Ereigniſſen hat man vergeſſen, mir mein Abendbrod in meinem Zimmer aufzutragen; machen Sie mir das ergnügen, mir hier Abendbrod zu geben.“ „Hier?“ rief die Königin erſtaunt. „Wenn Sie die Güte haben wollen?“ „Aber Sire. „Es iſt wahr, Sie plauderten... Nun, während ich zu Nacht ſpeiſe, werde ich auch plaudern.“ Das einfache Wort Abendbrod hatte jeglichen Enthu⸗ ſiasmus in Eis verwandelt. Doch bei den letzten Wor⸗ ten: während ich zu Nacht ſpeiſe, werden wir plaudern, konnte die Königin ſelbſt nicht glauben, ſo viel Ruhe verberge nicht ein wenig Heldenmuth. Der König wollte ohne Zweifel durch ſeine Ruhe allen vorübergehenden Schrecken niederſchlagen. Oh! ja. Die Tochter von Maria Thereſia konnte nicht glauben, der Sohn des heiligen Ludwig bleibe in einem ſolchen Augenblick den materiellen Bedürfniſſen des gewöhnlichen Lebens unterworfen. Marie Antvinette täuſchte ſich. Der König hatte Hunger, das war das Ganze. — XXVI. Wie der König am 14. Juli 1789 zu Abend ſpeiſte. Auf ein Wort von Marie Antoinette wurde dem König auf einem kleinen Tiſche im Cabinet der Köni⸗ gin ſelbſt aufgetragen. ber es geſchah dann ganz das Gegentheil von dem, was die Fürſtin hoffte. Ludwig XVI. ließ Still⸗ ſchweigen gebieten, doch nur, um in ſeinem Abendhrod nicht geſtört zu werden⸗. Während Marie Antoinette ſich alle Mühe gab, um den Enthuſiasmus anzufachen, verſchlang der König. Die Ofſficiere fanden dieſe gaſtronomiſche Sitzung eines Abkömmlings vom heiligen Ludwig nicht würdig und bildeten Gruppen, deren Intentionen durchaus nicht ſo ehrerbietig waren, als die Umſtände es heiſchten. Die Königin erröthete, ihre Ungeduld offenbarte ſich in allen ihren Bewegungen. Dieſe feine, ariſtokra⸗ tiſche, nervöſe Natur fonnte eine ſolche Herrſchaft der Ma⸗ terie über den Geiſt nicht begreifen. Sie näherte ſich dem König, um zum Tiſche diejenigen, welche ſich davon entfernten, zurückzuführen. „Sire,“ ſagte ſte,„haben Sie keine Befehle zu geben?“ „Ah! ah!“ erwiederte der König mit vollem Munde, „was für Befehle, Madame? Werden Sie in dieſem ſchwierigen Augenblick unſere Egeria ſein?“ Und während er dieſe Worte ſprach, nahm er muthig ein junges Feldhuhn mit Trüffeln in Angriff. „Sire,“ ſagte die Königin,„Numa war ein fried⸗ licher König. Heute aber denkt man allgemein, es ſei ein kriegeriſcher König, was wir brauchen, und wenn ſich Eure Majeſtät das Alterthum zum Muſter nehmen ſoll, ſo muß ſie, da ſie nicht Tarquinius ſein kann, Romulus ſein.“ Der König lächelte mit einer Ruhe, welche an Glückſeligkeit grenzte. „Sind dieſe Herren auch kriegeriſch?“ fragte er. Und er wandte ſich gegen die Officiere um, und ſein von der Hitze des Mahles belebtes Auge kam den Anweſenden von Muth glänzend vor. „Ja, Sire!“ riefin Alle einſtimmig,„den Krieg!„ wir verlangen nur den Krieg!“ „Meine Herren, meine Herren,“ ſprach der König, „Sie machen mir in der That das größte Vergnügen, indem Sie mir beweiſen, daß ich bei Gelegenheit auf Sie zählen könnte. Aber ich habe für den Augenblick ———— * 8 5 N e⸗ * — 103 einen Rath und einen Magen: der erſte wird mir rathen, was ich thun ſoll, der zweite räth mir, was ich thue.“ Und er lachte und reichte demjenigen, welcher ihn bediente, ſeinen Teller voll von Ueberreſten, um einen weißen zu nehmen. Ein Gemurmel des Erſtaunens und des Zorns durchlief wie ein Schauer dieſe Menge von Edelleuten, welche auf ein Zeichen des Königs all ihr Blut ver⸗ goſſen häiten. Königin wandte ſich ab und ſtampſte mit dem uß. Der Prinz von Lambescg ging auf ſie zu und ſagte zu ihr: „Sie ſehen, Madame, Seine Majeſtät denkt ohne Zweifel wie ich, es ſei beſſer, zu warten. Das iſt Klug⸗ heit, und obgleich es nicht die meinige iſt, ſo iſt die Klugheit doch leider eine in unſeren Zeitläuften noth⸗ wendige Tugend.“ „Ja, mein Herr, ja, es iſt eine ſehr nothwendige Tugend,“ erwiederte die Königin, indem ſie ſich, daß es blutete, auf die Lippen biß. Und zum Tod traurig, lehnte ſie ſich an den Ka⸗ min an, das Auge in der Nacht verloren, die Seele in die Verzweiflung verſenkt. Dieſe doppelte Stimmung des Königs und der Königin fiel aller Welt auf. Die Königin hielt nur mit Mühe ihre Thränen zurück. Der König aß mit jenem ſprüchwörtlichen Appetit der Familie der Bour⸗ bonen fort. Nach und nach entſtand auch eine Leere im Saal. Die Gruppen ſchmolzen, wie in den Sonnenſtrahlen der Schnee in den Gärten ſchmilzt, der Schnee, unter dem ſodann ſtellenweiſe die ſchwarze, troſtloſe Erde erſcheint. Die Königin, als ſie die kriegeriſche Gruppe ver⸗ ſchwinden ſah, auf die ſie ſo ſehr gerechnet hatte, glaubte ihre ganze Macht verſchwinden zu ſehen, wie einſt unter dem Hauche des Herrn jene großen Heere der Afſyrier oder der Amalekiter untergegangen waren, die eine Nacht oder ein Meer auf immer in ihren Abgründen ver⸗ ſchlangen. Sie wurde aus dieſer Erſtarrung durch die ſanfte Stimme der Gräfin Jules aufgeweckt, die ſich ihr mit Frau Diana von Polignac, ihrer Schwägerin, näherte. Beim Tone dieſer Stimme erſchien die ſüße Zu⸗ kunft, mit ihren Blumen und ihren Palmen, wieder im Herzen dieſer ſtolzen Frau: eine aufrichtige und wahrhaft ergebene Freundin war mehr werth, als zehn Königreiche. „Oh! Du, Du,“ murmelte ſie, die Gräfin Jules in ihre Arme ſchließend,„es bleibt mir alſo eine Freundin?“ Und lange zurückgehalten, entſchlüpften die Thrä⸗ nen ihren Augenlidern, rollten an ihren Wangen herab und übergoßen ihre Bruſt; doch ſtatt bitter zu ſein, waren dieſe Thränen ſüß, ſtatt ihn zu bedrücken, ſchwellten ſie ihren Buſen ab, Während eines kurzen Stillſchweigens, das nun eintrat, hielt Marie Antoinette die Gräfin beſtändig in ihren Armen. Es war die Herzogin, welche, ihre Schwägerin an der Hand haltend, das Stillſchweigen brach. „Madame,“ ſagte ſie mit einer ſo ſchüchternen Stimme, daß ſie beinahe beſchämt klang,„ich glaube nicht, daß Eure Majeſtät den Plan tadelt, den ich ihrem Urtheil unterwerfen will.“ „Welchen Plan?“ fragte die Königin aufmerkſam, „ſprechen Sie, Herzogin, ſprechen Sie!“ Und während ſie ſich anſchickte, auf die Herzogin Diana zu hören, lehnte ſich die Königin auf die Schul⸗ ter ihrer Lieblingin, der Gräfin. „Madame,“ fuhr die Herzogin fort,„die Meinung, die ich ausſprechen will, kommt von einer Perſon, deren 6 * 105 Auiorität Eurer Majeſtät nicht verdächtig ſein wird, ſie kommt von Ihrer Königlichen Hoheit Madame Adelaide, der Tante des Königs.“ „Welche Umſchweife, liebe Herzogin!“ ſagte heiter die Königin,„zur Sache.“ „Madame, die Umſtände ſind traurig. Man hat die Gunſt, der ſich unſere Familie bei Eurer Majeſtät erfreut, ſehr übertrieben. Die Verleumdung befleckt die erhabene Freundſchaft, da Sie uns huldreich im Austauſch für unſere ehrfurchtsvolle Ergebenheit be⸗ willigen.“ „Nun!“ verſetzte die Königin mit einem Anfang von Erſtaunen,„finden Sie nicht, daß ich herzhaft genug geweſen bin? habe ich nicht gegen die öffentliche Mei⸗ nung, gegen den Hof, gegen das Volk, gegen den König ſelbſt meine Freundſchaften aufrecht erhalten?“ Oh! Madame, im Gegentheil, Eure Majeſtät hat ſo edelmüthig ihre Freunde in Schutz genommen, daß ſie ihre Bruſt allen Streichen entgegengeſetzt, ſo daß heute, da die Gefahr groß, furchtbar ſogar iſt, die ſo edel von Eurer Majeſtät vertheidigten Freunde feige und ſchlechte Diener wären, wenn ſie nicht ihrer Kö⸗ nigin Gleiches mit Gleichem vergelten würden.“ „Oh! das iſt gut, das iſt ſchön,“ ſagte Marie An⸗ toinette, indem ſie voll Begeiſterung die Gräfin, die ſie immer noch an ihre Bruſt gepreßt hielt, kußte und Frau von Polignac die Hand drückte. Aber Beide erbleichten, ſtatt ſtolz das Haupt unter dieſer Liebkoſung ihrer Fürſtin zu erheben. Madame Jules Polignac machte eine Bewegung, um ſich von den Armen der Königin loszuwinden, doch e ſie gegen ihren Willen an ihrem Herzen zurück. „Aber,“ ſtammelte Diana von Polignac,„Eure Majeſtät begreift wohl nicht recht, was wir ihr anzu⸗ kündigen die Ehre haben, um die Schläge abzuwenden, welche ihren Thron, ihre Perſon, vielleicht wegen der ———— 106 Freundſchaft, mit der ſie uns beehrt hat, bedrohen. Es iſt ein ſchmerzliches Mittel, ein für unſere Herzen bit⸗ teres Opfer, wir müſſen uns jedoch demſelben unterziehen, denn es iſt uns von der Nothwendigkeit geboten.“ Bei dieſen Worten war die Reihe, zu erbleichen, an der Königin. Denn fie fühlte nicht mehr die muthige und treue Freundſchaft, ſondern die Furcht unter dieſem Eingang und unter dem Schleier dieſer ſchüchternen Zurückhaltung. „Laſſen Sie hören, Herzogin,“ ſagte ſie,„ſprechen Sie, was für ein Opfer iſt das?“ „Oh! es iſt ganz nur ein Opfer für uns, Madame,“ antwortete die Herzogin.„Wir ſind, Gott weiß warum, in Frankreich verhaßt. Indem wir Ihren Thron von uns frei machen, werden wir ihm den Glanz, die ganze Wärme der Liebe des Volks wiedergeben, eine Liebe, welche durch unſere Gegenwart erloſchen oder zurück⸗ gedrängt worden iſt.“ „Sie ſollen ſich entfernen!“ rief die Königin aus⸗ brechend,„wer hat das geſagt? wer hat das verlangt?“ Und ſie ſchaute beſtuͤrzt, und indem ſie ſie ſanft nit der Hand zurückſchob, die Gräfin an, die den Kopf enkte. „Ich nicht,“ erwiederte die Gräfin Jules.„Ich ver⸗ lange im Gegentheil, zu bleiben.“ Doch dieſe Worte wurden mit einem Ton geſpro⸗ chen, welcher beſagen wollte: Befehlen Sie mir, zu reiſen, Madame, und ich werde reiſen. O heilige Freundſchaft, heilige Kette, die aus einer Königin und einer Dienerin zwei unauflöslich verbun⸗ dene Herzen machen kann! O heilige Freundſchaft, welche mehr Heroismus übt, als die Liebe, als der Ehrgeiz, dieſe edlen Krankheiten des menſchlichen Her⸗ zens! Dieſe Königin zerbrach plötzlich den goldenen Altar, den ſie dir in ihrem Herzen errichtet hatte; ſie bedurfte nur eines Blickes, eines einzigen, um zu ſehen, was ſie ſeit zehn Jahren nicht wahrgenommen hatte: 107 Kälte und Berechnung, entſchuldbar, zu rechtfertigen, legitim vielleicht, aber entſchuldigt, rechtfertigt, legiti⸗ mirt etwas das Verlaſſen in den Augen desjenigen von zwei Weſen, welches noch liebt, während das andere zu lieben aufhört? Marie rächte ſich für den Schmerz, den ſie empfand, nur durch den eiskalten Blick, mit welchem ſie ihre Freun⸗ din umhüllte. „Ah! Herzogin Diana, das iſt Ihre Anſicht?“ ſagte ſie, während ſie ihre Bruſt mit ihrer fieberhaften Hand zuſammenpreßte. „Ach! Madame,“ erwiederte dieſe,„es iſt nicht meine Wahl, es iſt nicht mein Wille, der mir dictirt, was ich zu thun habe, es iſt das Gebot des Geſchicks.“ „Ja, Herzogin,“ ſprach Marie Antoinette. Und ſich zur Gräfin Jules umwendend:„Und Sie, Gräfin, was ſagen Sie?“ Die Gräfin antwortete durch eine Thräne ſo bren⸗ nend wie ein Gewiſſensbiß, doch ihre ganze Kraft hatte ſich in der Anſtrengung, die ſie gemacht, erſchöpft. „Gut,“ ſagte die Königin,„gut; es iſt mir ſüß, zu ſehen, wie ſehr ich geliebt bin. Ich danke, meine Gräfin, ja, Sie ſind hier Gefahren preisgegeben, ja, die Wuth dieſes Volls kennt keinen Zügel; ja, Sie haben Recht, und ich allein war wahnfinnig. Sie ver⸗ langen, zu blriben, das iſt Aufopferung, aber ich nehme dieſe Aufopferung nicht an!“ Die Gräfin Jules ſchlug die Augen zur Königin auf. Doch ſtatt die Ergebenheit der Freundin darin zu leſen, las die Königin nur die Schwäche des Weibes.“ „Herzogin,“ ſagte Marie Antvinette,„Sie ſind alſo entſchloſſen, abzureiſen?“ Und ſie legte einen beſonderen Nachdruck auf das Wort Sie. „Ja, Eure Majeſtät.“ „Ohne Zweifel auf eines Ihrer Güter... auf ein entferntes.. ſehr entferntes.“ 108 „Madame, um zu reiſen, um Sie zu verlaſſen, ſind fünfzig Meilen eben ſo ſchmerzlich, als fünfhundert.“ „Sie gehen alſo in's Ausland?“ „Ach! ja, Madame.“ Ein Seufzer zerriß das Herz der Königin, kam aber nicht über ihre Lippen. „Und wohin gehen Sie!“ „An den Rhein, Madame.“ „Gut. Sie ſprechen Deutſch, Herzogin,“ ſagte die Königin mit einem unbeſchreiblich traurigen Lächeln, „und ich habe es Sie gelehrt. Die Freundſchaft Ihrer Königin wird Ihnen wenigſtens zu etwas genützt haben, und das macht mich glücklich.“ t wandte ſie ſich an die Gräfin Jules und prach: „Ich will Sie nicht trennen, meine liebe Gräfin. Sie wünſchen, zu bleiben, und ich ſchätze dieſen Wunſch. Aber ich, ich, die ich für Sie fürchte, will, daß Sie reiſen, ich befehle Ihnen, zu reiſen.“ Und ſie hielt an dieſer Stelle inne, erſtickt durch Gemüthsbewegungen, welche ſie, trotz ihres Helden⸗ muthes, zu bewältigen vielleicht nicht die Kraft gehabt hätte, wäre nicht plötzlich die Stimme des Königs, der keinen Antheil an Allem, was wir hier erzählt, genom⸗ men, an ihr Ohr gedrungen. Seine Majeſtät war beim Nachtiſch. „Madame,“ ſagte der König,„es iſt Jemand bei Ihnen; man macht Sie darauf aufmerkſam.“ „Aber, Sire,“ rief die Königin, jedes andere Ge⸗ fühl, als das der königlichen Würde, abſchwörend,„vor Allem haben Sie Befehle zu geben. Sehen Sie, es ſind nur drei Perſonen hier geblieben, doch das find diejenigen, mit welchen Sie zu thun haben: Herr von Lambescq, Herr von Bezenval und Herr von Broglie. Befehle, Sire, Befehle!“ Der König ſchaute mit ſchwerfälligem, zögernden Auge auf. 109 „Was denken Sie von Allem dem, Herr von Bro⸗ glie?“ ſagte er. „Sire,“ antwortete der alte Marſchall,„wenn Sie Ihre Armee von der Gegenwart der Pariſer entfernen, ſo wird man ſagen, die Pariſer haben ſie geſchlagen. Laſſen Sie dieſelbe in ihrer Gegenwart, ſo muß Ihre Armee die Pariſer ſchlagen.“ „Gut geſprochen!“ rief die Königin, dem Marſchall die Hand vrückend. „Gut geſprochen!“ wiederholte Herr von Bezenval. Prinz von Lambeseg allein ſchüttelte nur den opf. „Nun! und hernach?“ ſagte der König. „Befehlen Sie: Marſch!“ erwiederte der alte Marſchall. „Ja. Marſch!“ rief die Königin. „Gut! da Sie es Alle wollen: Marſch!“ verſetzte der König. In dieſem Augenblick übergab man der Königin ein Billet folgenden Inhalts: „Um Gottes willen, keine Uebereilung, Madame! Ich erwarte eine Audienz von Eurer Majeſtät.“ „Seine Handſchrift!“ murmelte die Königin. Dann wandte ſie ſich um und fragte: „Iſt Herr von Charny bei mir?“ „Er kommt ſo eben ganz ſtaubig und, ich glaube ſogar, ganz blutig an,“ antwortete die Vertraute⸗ „Einen Augenblick Geduld, meine Herren,“ ſagte die Königin zu Herrn von Bezenval und zu Herrn von erie„erwarten Sie mich hier, ich kehre bald urück.“ und ſie ging in größter Eile in ihr Boudoir. 11⁰ XXVII. Olivier von Charny. Die Königin, als ſie in ihr Boudoir eintrat, fand hier denjenigen, welcher das von der Kammerfrau über⸗ brachte Billet geſchrieben hatte. Es war ein Mann von fünf und dreißig Jahren, von hoher Geſtalt, mit einem Kraft und Entſchloſſen⸗ heit bezeichnenden Geſicht; ſein graublaues, lebhaftes Auge, ſo durchdringend wie das eines Adlers, ſeine gerade Naſe, ſein ſcharf ausgeprägtes Kinn gaben ſei⸗ ner Phyſiognomie einen martialiſchen Charakter, erhöht durch die Eleganz, mit der er das Kleid des Lieute⸗ nant bei den Gardes⸗du⸗corps trug. Seine Hände zitterten noch unter ſeinen zerriſſe⸗ nen und zerknitterten Batiſtmanchetten. Sein Degen war verbogen worden und fügte ſich nicht mehr gut in die Scheide. Bei der Ankunft der Königin ging er mit haſtigen Schritten, von tauſend fieberhaften Gedanken bewegt, im Zimmer auf und ab. Marie Antoinette trat gerade auf ihn zu. „Herr von Charny!“ rief ſie,„Herr von Charny, Sie hier?“ uUnd als ſie ſah, daß derjenige, welchen ſie ſo an⸗ rief, ſich, nach der Etiquette, ehrfurchtsvoll verbeugte, winkte ſie einer Kammerfrau; dieſe entfernte ſich und ſchloß die Thüren. Die Königin ließ der Thüre kaum Zeit, ſich zu ſchließen, nahm Herrn von Charny kräftig bei der Hand und rief: „Graf, warum ſind Sie hier?“ „Weil ich glaubte, es ſei meine Pflicht, zu kom⸗ men, Madame,“ erwiederte der Graf. „Nein; Ihre Pflicht war, Verſailles zu fliehen, 111¹ zu thun, was beſchloſſen war, mir zu gehorchen, es zu machen, wie es alle meine Freunde machen,— welche Angſt vor meinem Glück haben.. Ihre Pflicht iſt, nichts meinem Geſchick zu vpfern; Ihre Pflicht iſt, ſich von mir zu entfernen.“ „Mich von Ihnen entfernen!“ „Ja, mich zu fliehen.“ „Sie zu fliehen! Und wer flieht Sie denn, Ma⸗ dame?“ „Diejenigen, welche vernünftig ſind.“ „Ich glaube ſehr vernünftig zu ſein, und darum bin ich nach Verſailles gekommen.“ „Und woher kommen Sie?“ „Von Paris.“ „Vom empörten Paris?“ 2„Vom kochenden, trunkenen, mit Blut beſudelten aris.“ Die Königin drückte ihre beiden Hände an ihr Geſicht. „Oh!“ ſagte ſie,„nicht Einer, nicht einmal Sie kommen, um mir eine gute Nachricht zu bringen!“ „Madame, unter den Umſtänden, in denen wir uns befinden, verlangen Sie von Ihren Boten, daß ſie Ihnen nur Eines verfündigen: die Wahrheit.“ „Wollen Sie mir die Wahrheit ſagen?“ „Wie immer, Madame.“ „Sie ſind eine ehrliche Seele, ein wackeres Herz.“ „Ich bin ein treuer Unterthan, Madame, nichts Anderes.“ „Nun denn! ich bitte für den Augenblick, mein Freund, ſagen Sie mir nicht ein Wort. Sie kommen zu einer Stunde, wo mein Herz bricht; meine Freunde erdrücken mich heute zum erſten Mal mit der Wahr⸗ heit, die Sie mir immer geſagt haben. Oh! Graf, es war unmöglich, mir diefe Wahrheit länger zu ver⸗ ſchweigen; ſie bricht in Allem hervor: am Himmel, der roth iſt, in der Luft, die ſich mit dumpfen Ge⸗ 112 räuſchen erfüllt, in der Phyſiognomie der Höflinge, welche bleich und ernſt ſind. Nein! nein! Graf, zum erſten Mal in Ihrem Leben ſagen Sie mir nicht die Wahrheit.“ Der Graf ſchaute die Königin an. „Ja, ja,“ ſagte ſie,„nicht wahr, Sie, der Sie mich als muthig kennen, Sie erſtaunen? Oh! Sie find mit Ihrem Erſtaunen noch nicht zu Ende!“ Herr von Charnh machte eine fragende Geberde. „Sie werden ſogleich ſehen,“ ſagte die Königin mit einem nervöſen Lachen. „Eure Majeſtät leidet?“ fragte der Graf. „Nein, mein Herr, ſetzen Sie ſich zu mir, und nicht ein Wort mehr über dieſe abſcheuliche Politik... Machen Sie, daß ich vergeſſe.“ Der Braf gehorchte mit einem traurigen Lächeln⸗ Marie Antoinette legte ihre Hand auf ſeine Stirne. „Ihre Stirne glüht,“ ſagte ſie. „Ja, ich habe einen Vulcan im Kopf.“ „Ihre Hand iſt eiskalt.“ ünd ſie drückte die Hand des Grafen in ihren Händen. „Mein Herz iſt von der Kälte des Todes berührt,“ ſagte er. „Armer Olivier, ich ſagte es Ihnen wohl, ver⸗ geſſen wir. Ich bin nicht mehr Königin; ich bin nicht mehr bedroht; ich bin nicht mehr gehaßt! Nein, ich bin nicht mehr Königin: ich bin Weib. Was iſt das Weltall für mich? Ein Herz, das mich liebt, das würde mir genügen.“ Der Graf kniete vor der Königin nieder und küßte ihr die Füße mit jener Ehrfurcht, welche die Aegypter für die Göttin Ifis hegten. „Oh! Graf, mein einziger Freund,“ ſprach die Königin, während ſie ihn ſuchte,„wiſſen Sie, was mir die Herzogin Diana that?“ . 1e n ht 13 de te er ie en — 113 „Sie emigrirt,“ antwortete Charnh, ohne zu ögern. 1„Er hat es errathen,“ rief Marie Antoinette;„er hat es errathen! Ach! man konnte das alſo errathen?“ „Oh! mein Gott, ja, Madame,“ erwiederte der Graf,„Alles läßt ſich in dieſem Angenblick denken.“ „Aber Sie und die Ihrigen,“ rief die Königin, „warum emigriren Sie nicht auch, da das eine ſo natürliche Sache iſt?“ „Ich, vor Allem, Madame, thue es nicht, weil ich Eurer Majeſtät tief ergeben bin, und weil ich mir ge⸗ lobt habe, nicht ihr, ſondern mir ſelbſt, ſie nicht einen Augenblick während des Sturmes, der heranzieht, zu verlaſſen. Meine Brüder werden nicht emigriren, weil mein Benehmen das Beiſpiel ſein wird, nach dem ſie das ihrige richten; Frau von Charnh envlich wird nicht emigriren, weil ſie aufrichtig, wenigſtens glanbe ich das, Eure Majeſtät liebt.“ „Ja, Andrée iſt ein ſehr edles Herz,“ ſprach die Königin mit einer ſichtbaren Kälte. „Darum wird ſie Verſailles nicht verlaſſen,“ fügte Herr von Charny bei. „Somit werde ich ſie immer bei mir haben,“ ſagte die Königin mit demſelben eiskalten Ton, der nuancirt war, um nur ihre Eiferſucht oder ihre Ver⸗ achtung fühlen zu laſſen. „Eure Majeſtät hat mir die Ehre erwieſen, mich zum Lieutenant der Garden zu ernennen,“ ſagte der Graf von Charny,„mein Poſten in Verſailles; ich würde meinen Poſten nicht verlaſſen haben, hätte mir Eure Majeſtät nicht die Bewachung der Tuilerien über⸗ tragen. Das iſt eine nothwendige Verbannung, hat mir die Königin geſagt, und ich bin in dieſe Verban⸗ nung abgegangen. Bei Allem dem, Eure Majeſtät weiß das, hat mich die Gräfin von Charny ebenſo wenig mißbilligt, als ſie um Rath gefragt worden iſt.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die Königin, immer eiſig. Ange Pitou. U. 8 114 „Heute,“ fuhr der Graf unerſchrocken fort,„heute glaube ich, vaß mein Poſten nicht mehr in den Tuilerien, ſondern in Verſailles iſt. Wohl denn! möge es der Königin nicht mißfallen, ich habe mein Gebot verletzt, ſelbſt meinen Dienſt gewählt, und hier bin ich. Mag Frau von Charny vor den Ereigniſſen bange haben oder nicht, mag ſie emigriren wollen oder nicht, ich bleibe bei der Königin„ wenn nicht etwa die Königin meinen Degen zerbricht; in welchem Fall ich, da ich nicht mehr das Recht habe, für ſie im Gemach in Verſailles zu kämpfen, zu ſterben, ich immer noch das haben werde, mich vor der Thüre, auf dem Pflaſter tödten zu laſſen.“ Der junge Mann ſprach ſo muthig, ſo bieder dieſe einfachen, aus dem Herzen gekommenen Worte, daß die Königin von ihrem Stolze herabfiel, hinter den zurück⸗ gezogen ſie ein mehr menſchliches, als königliches Ge⸗ fühl verborgen hatte⸗ „Graf,“ erwiederte ſie,„ſprechen Sie nie dieſes Wort aus, ſagen Sie nicht, Sie werden für mich ſterben, denn wahrhaftig, ich weiß, daß Sie es thun werden, wie Sie es ſagen.“ „Oh! ich werde es im Gegentheil immer ſagen, rief Herr Charny.„Ich werde es Allen und überall ſagen; ich werde es ſagen, wie ich es thun werde, weil, ich vefürchte es, die Zeit gekommen iſt, wo alle diejenigen ſterben müſſen, welche die Könige der Eide geliebt haben.“ „Graf! Graf! was gibt Ihnen denn dieſe unſeligen Ahnungen?“ „Ach! Madame,“ erwiederte Charnh, den Kopf ſchüttelnd,„zur Zeit des leidigen amerikaniſchen Kriegs bin ich auch von dem Unabhängigkeitsfirber befallen geweſen, das die ganze Geſellſchaft durchlaufen hat. Ich wollte auch einen thätigen Antheil an der Eman⸗ tipation der Sflaven nehmen, wie man zu jener Zeit ſagte, und ließ mich als Maurer aufnehmenz ich ſchloß n⸗ eit oß 11⁵ mich einer geheimen Geſellſchaft mit den Lafahette, mit den Lameth an. Wiſſen Sie, was der Zweck dieſer Geſellſchaft war? Madame, die Zerſtörung der Throne. Wiſſen Sie, was der Wahlſpruch war? drei Buch⸗ ſtaben: L. P. D „Und was wollten dieſe drei Buchſtaben beſagen?“ ie Lilien mit den „Lilia pedibus destrue; Tritt d üßen.“ „Was haben Sie dann gethan?“ „Ich habe mich mit Ehren zurückgezogen; doch für Einen, der ſich zurückzog, ließen ſich zwanzig aufnehmen. Was nun heute geſchieht, Madame, iſt der P großen Drama, das ſich in der Stille und in der Nacht, ſeit zwanzig Jahren, im Kopfe der Menſchen vorbe⸗ reitet, weiche Paris'in Bewegung ſetzen, das Stadt⸗ haus regieren, im Beſitze des Palais⸗Royal ſind und die Baſtille genommen haben. Ich habe die Geſichter meiner alten Bundesbrüder erkannt. Täuſchen Sie ſich nicht, Madame, alle Ereigniſſe der jüngſten Zeit ſind keine Ereigniſſe des Zufalls: es ſind ſeit langer Zeit vorbereitete Aufſtände.“ „Oh! Sie glauben! Sie glauben, rief die Königin, in Thränen zerfließend. „Weinen Sie nicht, Madame, begreifen Sie,“ ſagte der Graf. „Ich ſoll begreifen! ich ſoll begreifen!“ fuhr Marie Antoinette fort;„ich, die geborene Gebieterin von fünf und zwanzig Millionen Menſchen, ſoll begreifen, wenn dieſe fünf und zwanzig Milkionen Unterthanen gemacht, um mir zu gehorchen, ſich empören und meine Freunde tödten! Rein, i mein Freund!“ „ Unterthanen, von dieſen Menſchen, gemacht um Ihnen zu gehorchen, ſind Sie, ſobald dieſer Gehorſam auf ibnen laſtet, eine Feindi i haben, Sie zu verſchlingen, zu we 116 hungerigen Zähne wetzen, verſchlingen ſie Ihre Freunde, welche noch mehr verhaßt ſind, als Sie.“ „Und Sie finden vielleicht, ſie haben Recht, Herr Philoſoph!“ rief gebieteriſch die Königin, das Ange weit aufgeriſſen, die Naſenflügel bebend. „Ach! ja, Madame, ſie haben Recht,“ antwortete der Graf mit ſeinem ſanſten, liebevollen Ton,„denn wenn ich auf den Boulevards ſpazieren fahre, mit meinen ſchönen engliſchen Pferden, mit meinem golde⸗ nen Rock und mit meinen Leuten, deren ſilberne Treſſen mehr koſten, als man brauchte, um drei Familien zu ernähren, ſo fragt ſich Ihr. Volk, das heißt, es fragen ſich dieſe fünf und zwanzig Millionen ausgehungerte Menſchen, wozu ich ihnen diene, ich, der ich nur ihres Gleichen ſei.“ „Sie dienen ihnen mit dieſem, Olivier,“ rief die Königin, indem ſie den Degen des Grafen am Griff faßte,„Sie dienen ihnen mit dieſem Degen, den Ihr Vater als Held bei Fontenoy gehandhabt hat; den Ihr Großvater bei Steenkerke, Ihr Urgroßvater bei Lens und Roeroi, Ihre Ahnen bei Jory, bei Marignan, bei Azincourt geſührt haben. Der Adel dient dem fran⸗ zöſiſchen Volk durch den Krieg; durch den Krieg hat der Adel, um den Preis ſeines Blutes, das Gold, das ſeine Röcke verbrämt, das Silber, das ſeine Livreen bedeckt, gewonnen. Fragen Sie ſich alſo nicht mehr, Olivier, wozu Sie dem Volke dienen, Sie, der Sie ebenfalls, als Braver, dieſen Degen führen, den Ihnen Ihre Väter vermacht haben!“ „Madame, Madame, ſprechen Sie nicht ſo viel vom Blute des Adels; das Volk hat auch Blut in den Adern; ſehen Sie die vor der Baſtille fließenden Bäche; zählen ſie ſeine auf dem gerötheten Pflaſter ausgeſtreckten Todten und erfahren Sie, daß ihr Herz, das nicht mehr ſchlägt, ſo edel, als das eines Ritters, an dem Tage geſchlagen hat, wo Ihre Kanonen gegen daſſelbe donnerten; an dem Tage, wo das Volk, eine für — e W 6 S 8—ꝛ S S—*— — 3 S— 8 8 3— —,— 117 ſeine Hand unbekannte Waffe ſchwingend, unter dem Kartätſchenhagel ſang, was unſere braven Grenadiere nicht immer thun. Eil Madame, ei! meine Königin, ich bitte Sie inſtändig, ſchauen Sie mich nicht mit dieſen zornigen Augen an. Was iſt ein Grenadier? Es iſt ein blauer verbrämter Rock auf dem Herz, von dem ich ſo eben ſprach. Was iſt der Kugel, welche durchbohrt und tödtet, daran gelegen, ob das Herz mit blauem Tuch oder mit einem Fetzen Zwillich bedeckt iſt; was liegt dem Herzen, das bricht, daran, ob der Panzer, der es beſchützte, von Trillich oder von Tuch war? Die Zeit iſt gekommen, an Alles das zu denken, Madame; Sie haben nicht mehr fünf und zwanzig Millionen Sklaven in Franfreich; Sie haben nicht mehr fünf und zwanzig Millionen Unterthanen, Sie haben ſogar nicht mehr fünf und zwanzia Millionen Menſchen, Sie haben fünf und zwanzig Millionen Soldaten.“ „Die gegen mich kämpfen werden, Graf?“ „Ja, gegen Sie, denn ſie kämpfen für die reiheit, und Sie ſtehen zwiſchen ihnen und der Freihett.“ Ein langes Stillſchweigen folgte auf dieſe Worte des Grafen. Die Königin brach es zuerſt. „Nun,“ ſprach ſie,„die Wahrheit, die ich Sie mir nicht zu ſagen bat, Sie haben ſie mir alſo geſagt?“ „Ach! Madame.“ antwortete Charny,„unter wel⸗ cher Form ſie meine Ergebenheit auch verbirgt, unter welchem Schleier ſie auch meine Ehrfurcht erſtickt, wider meinen Willen, wider Ihren Willen, ſchauen Sie, hören Sie, fühlen Sie, betaſten Sie, denken Sie, träumen Sie: die Wahrheit iſt da, Madame, ewig da, und Sie werden ſie nicht mehr von Ihnen trennen, wie ſehr Sie ſich auch anſtrengen mögen! Schlafen Sie, ſchlafen Sie, um zu vergeſſen, und ſie wird ſich zu Ihlen Häupten ſtzen, und es wird das Geſpenſt Ihrer Träume, die Wirklichkeit Ihres Erwachens ſein.“ „Oh Graf,“ ſagte die Königin ſtolz,„ich kenne einen Schlaf, den ſie nicht ſtören wird.“ 118 „Dieſen, Madame, fürchte ich nicht mehr, als Eure Majeſtät, und ich wünſche ihn vielleicht eben ſo ſehr, als ſie.“ „Oh!“ ſprach die Königin mit Verzweiflung, Anſicht nach iſt dies alſo unſere einzige Zu⸗ ucht.“ „Ja, doch übereilen wir nichts, Madame, gehen wir nicht ſchneller, als die Feinde, und wir gehen ge⸗ raden Wegs zu dem Schlaf durch die Beſchwerlichkeiten, die uns ſo viele Tage des Sturms bereiten.“ Und ein neues Stillſchweigen, noch düſterer, als das erſte, laſtete auf Marie Antoinette und Olivier von Charny. Sie ſaßen, er bei ihr, ſie bei ihm. Sie berührten ſich, und dennoch war eine unermeßliche Kluft zwiſchen ihnen! ihr Geiſt, ihr Geiſt, der getrennt auf den Wo⸗ gen der Zukunft lief. Die Königin kam zuerſt auf den Gegenſtand des Geſprächs zurück, doch auf einem Umweg. Sie ſchaute den Grüfen ſtarr an und ſprach: „Mein Herr, ein letztes Wort über uns;— und. Sie werden mir Alles ſagen, Alles, Alles, Alles, hören Sie wohl!“ „Ich höre, Madame.“ „Sie ſchwören mir, daß Sie nur meinetwegen ge⸗ kommen find?“ „Oh! Sie zweifeln daran?“ „Sie ſchwören mir, daß Ihnen Frau von Charny nicht geſchrieben hat?“ Sie?“ „Hören Sie: Ich weiß, daß ſie ausgehen wollte; ich weiß, daß ſie eine Idee im Kopfe hatte. Schwören Sie mir, Graf, daß Sie nicht ihr zu Liebe zurück⸗ gekommen ſind.“ In dieſem Augenblicke klopfte man, oder kratzte man vielmehr an der Thüre. „Herein,“ ſagte die Königin. — — 1¹9 Die Kammerfrau erſchien wieder. Ftsite ſagte ſie,„der König hat zu Abend eſpeiſt.“ Der Marquis ſchaute Marie Antvinette mit Er⸗ ſtaunen an. „Nun,“ ſagte ſie, die Achſeln zuckend,„was iſt dabei ſo Erſtaunliches? Muß der König nicht zu Abend ſpeiſen?“ Olivier faltete die Stirne. „Sagen Sie dem König,“ antwortete die Königin, ohne ſich ſtören zu laſſen,„ich erhalte Nachrichten von Paris, und ich werde ſie ihm mittheilen, ſobald ich ſie erhalten habe.“ Dann wandte ſie ſich gegen Charny um und ſprach: „Fahren wir fort; nun, da der König zu Abend geſpeiſt hat, iſt es billig, daß er verdaut. XXVIII. Olivier von Charny. Dieſe Unterbrechung hatte nur einen augenblickli⸗ chen Stillſtand im Geſpräche herbeigeführt, aber durchaus nichts an dem doppelten Gefühle der Eiferſucht geän⸗ dert, das die Königin in dieſem Moment beſeelte— Eiferſucht der Liebe als Frau, Eiferſucht der Macht als Königin. Eine Folge hievon war, daß das Geſpräch, das in dieſer erſten Periode erſchöpft ſchien, im Gegentheil nur oben hin berührt geweſen war, und daß es ſich einſchneidender, als je, wiederbeleben ſollte, wie in einer Schlacht nach dem Aufhören des erſten Feuers, welches das Treffen auf einigen Punften entſponnen at, auf der ganzen Linie das allgemeine Feuer wieder beginnt, das es entſcheidet. 120 Den Grafen ſchien es übrigens, da die Dinge auf dieſen Punkt gelangt waren, ebenfo ſehr, als die Köni⸗ gin, zu drängen, eine Erklärung zu erhalten; nachdem die Thüre wieder geſchloſſen, war er es auch, der ſich zuerſt des Wortes bemächtigte. „Sie fragten mich, ob ich Frau von Charny zu Liebe zurückgekommen ſei?“ ſag'e er.„Eure Majeſtät hat alſo vergeſſen, daß Verpflichtungen unter uns übernommen worden ſind, und daß ich ein Mann von Ehre bin?“ „Ja,“ ſprach die Königin,„Sie ſind ein Mann von Ehre, ja, Sie haben geſchworen, ſich meinem Glück zu opfern, und dieſer Schwur verzehrt mich, denn indem Sie ſich meinem Glück opfern, opfern Sie zu gleicher Zeit eine ſchöne Frau von edlem Charakter.. ein Verbrechen mehr.“ „Oh! Madame, nun übertreiben Sie die Anklage. Geſtehen Sie nur, daß ich mein Wort als redlicher Mann gehalten habe.“ „Das iſt wahr, ich bin wahnfinnig, verzeihen Sie mir.“ „Nennen Sie nicht ein Verbrechen, was vom Zu⸗ fall und der Nothwendigfeit geboten iſt. Wir haben Bride dieſe Heirath beklagt, die allein die Ehre der Königin wahren konnte. Dieſe Ehe, es handelt ſich nicht mehr darum, ſie zu erdulden, wie ich es ſeit vier Jahren thue.“ „Ja,“ rief die Königin.„Doch glanben Sie, ich ſehe Ihren Schmerz nicht, ich begreife Ihren Kummer nicht, die ſich unter der Form der tiefſten Ehrfurcht überſetzen? Glauben Sie, ich ſehe nicht Alles?“ „Ich bitte, Madame,“ ſprach der Graf, ſich ver⸗ beugend,„theilen Sie mir mit, was Sie ſehen, damit ich, wenn ich nicht genug ſelbſt gelitten und die Andern habe leiden laſſen, die Summe der Uebel für mich und für Alles was mich umgibt, verdoppele, feſt überzengt, ewig unter dem zu ſein, was ich Ihnen ſchuldig bin.“ — — —— 12¹ Die Königin ſtreckte die Hand gegen den Grafen aus. Das Wort dieſes Mannes halte eine unwider⸗ ſtehliche Macht, wie Alles, was einem aufrichtigen und leidenſchaftlichen Herzen entfließt. „Befehlen Sie alſo, Madame,“ fügte er hinzu, z6 beſchwöre Sie, fürchten Sie ſich nicht, zu be⸗ ehlen.“ „Ja, ja, ich weiß es wohl, ich habe Uurecht, ja, verzeihen Sie mir; ja, es iſt wahr. Doch wenn Sie irgendwo ein verborgenes Idol haben, dem Sie einen geheimnißvollen Weihrauch bieten, wenn für Sie in einem Winkel der Welt eine angebetete Frau iſt... Oh! ich wage es nicht mehr, dieſes Wort auszuſpre⸗ chen, es macht mir bange, und ich zweifle daran, wenn die Sylben, aus denen es beſteht, die Luft treffen und an mein Ohr klingen. Wohl denn! wenn das beſteht, Allen verborgen, ſo vergeſſen Sie nicht, daß Sie vor Allen, daß Sie öffentlich für die Andern und auch für Sie ſelbſt eine junge und hübſche Frau haben, die Sie mit beſtändigen Gefälligkeiten und Aufmerkſamkeiten umgeben; eine Frau, die ſich auf Ihren Arm ſtützt und ſich, indem ſie ſich auf Ihren Arm ſtützt, zugleich auch auf Ihr Herz ſtützt.“ Olivier faktete die Stirne, und die ſo reinen Linien ſeines Geſichts veränderten ſich einen Augenblick. „Was verlangen Sie, Madame?“ ſagte er,„etwa, daß ich die Gräfin von Charny entferne? Sie ſchweigen; iſt es alſo das? Wohl! ich bin bereit, dieſem Befehl zu gehorchen; doch Sie wiſſen, ſie iſt allein in der Welt. Sie iſt Waiſe; ihr Vater, der Baron von Ta⸗ verney, iſt im vorigen Jahre geſtorben als ein würdi⸗ ger Edelmann der alten Zeit, der nicht ſehen will, was in der unſeren vorgeht. Ihr Bruder— Sie wiſſen, daß ihr Bruder Maiſon⸗Rouge höchſtens einmal im Jahre erſcheint; er kommt, umarmt ſeine Schweſter, be⸗ grüßt Eure Majeſtät und geht, ohne daß Jemand erfährt, was aus ihm wird.“ 122 „Ja, ich weiß dies Alles.“ „Bedenken Sie, Madame, daß dieſe Gräfin von Charny, ſollte Gott mich zu ſich rufen, heute ihren Mädchennamen wieder annehmen könnte, ohne daß der Reinſte der Engel des Himmels in ihren Träumen, in ihrem Geiſte ein Wort, einen Namen, eine Frauen⸗ erinnerung erlauern würde.“ „Oh! ja, ja, ich weiß, daß Ihre Andrée ein Engel auf Erden iſt, ich weiß, daß ſie geliebt zu ſein verdient. Darum denke ich, die Zukunft gehöre ihr, während ſie mir entſchlüpft. Oh! nein, nein. Hören Sie, Graf, ich beſchwöre Sie, nicht ein Wort mehr. Ich ſpreche nicht als Königin mit Ihnen, verzeihen Sie mir. Ich habe mich vergeſſen. Doch was wollen Sie?. Es iſt in meiner Seele eine Stimme, die immer das Glück, die Freude, die Liebe ſingt, neben den finſteren Stim⸗ men, die das Unglück, den Krieg, den Tod ſingen. Das iſt die Stimme meiner Jugend, die ich überlebe. Charny, verzeihen Sie mir, ich werde nicht mehr jung ſein, ich werde nicht mehr lächeln, ich werde nicht mehr lieben.“ und die arme Frau druͤckte ihre abgemagerten, zar⸗ ten Hände an ihre brennenden Augen, und eine Thräne einer Königin, ein Diamant glitt zwiſchen jedem ihrer Finger durch. 1 Der Graf fiel abermals auf die Kniee. „Madame, im Namen des Himmels,“ ſagte er, „befehlen Sie mir, Sie zu verlaſſen, zu fliehen, zu ſterben, laſſen Sie mich aber nicht ſehen, daß Sie weinen.“ Und der Graf war ſelbſt nahe daran, zu ſchluch⸗ zen, während er dieſe Worte ſprach. „Es iſt vorbei,“ ſagte die Königin, indem ſie ſich erhob und ſanft den Kopf mit einem Lächeln voll An⸗ muth ſchüttelte. Und mit einer reizenden Geberde warf ſie ihre dich⸗ ten gepuderten Haare zurück, die ſich auf ihrem ſchwa⸗ nenweißen Halſe entrollt hatten. 123 „Ja, ja, es iſt vorbei,“ fuhr die Königin fort, „ich werde Sie nicht mehr betrüben; laſſen wir alle dieſe Tollheiten. Mein Gott! es iſt ſeltſam, daß das Weib ſo ſchwach iſt, während die Königin es ſo ſehr bedarf, ſtark zu ſein. Sie kommen von Paris, nicht wahr? Laſſen Sie uns plaudern. Sie ſagten mir Dinge, die ich vergeſſen habe; es war jedoch ſehr ernſt, nicht wahr, Herr von Charny?“ „Gut, Madame, kommen wir auf bieſes zurück; denn, wie Sie bemerken, das, was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt ſehr ernſt; ja, ich komme von Paris und habe dem Ruin des Königthums beigewohnt.“ „Ich hatte Recht, den Ernſt herauszufordern, denn Sie geben mir ihn, ohne zu rechnen, Herr von Charny. Eine glückliche Meuterei, das nennen Sie den Ruin des Königthums. Wie! weil die Baſtille genommen iſt, Herr von Charnh, ſagen Sie, das Königthum ſei ver⸗ nichtet? Oh! Sie bedenken nicht, daß die Baſtille erſt im vierzehnten Jahrhundert in Frankreich Wurzel ge⸗ faßt hat, und daß das Königthum Wurzeln von ſechs⸗ tauſend Jahren im ganzen Weltall hat.“ „Ich möchte mir gern Illuſtonen machen können, Madame,“ erwiederte der Graf,„und dann würde ich, ſtatt den Geiſt Eurer Majeſtät in Trauer zu verſetzen, die tröſtlichſten Nachrichten verkündigen. Leider gibt das Inſtrument keine andere Töne von ſich, als die, für welche es beſtimmt war.“ „Hören Sie, ich will Sie unterſtützen, ich, die ich nur ein Weib bin; ich will Sie wieder auf den guten Weg bringen.“ „Ach! das ſoll mir ſehr lieb ſein.“* „Die Pariſer haben ſich empört, nicht wahr?“ 7 a . „In welchem Verhältniß?“ „Im Verhältniß von zwölf zu fünfzehn.“ „Wie machen Sie dieſe Berechnung?“ 5 „Oh! ganz einfach, das Bolk beträgt zwölf Fünf⸗ 124 zehntel beim Körper der Nation; es bleiben zwei Fünf⸗ zehntel für den Adel und eines für die Geiſtlichkeit.“ „Die Rechnung iſt genau, Marquis, und Sie wiſſen Ihren Rechenſchaftsbericht an den Fingern herzuſagen. Haben Sie Herrn und Frau von Necker geleſen?“ „Herrn Necker, ja, Madame.“ „Ah! das Sprüchwort iſt gut,“ ſagte heiter die Königin,„man wird immer nur von den Seinigen verrathen. Folgendes iſt nun meine Berechnung.... Wollen Sie dieſelbe hören?“ „Mit Ehrfurcht.“ „Auf zwölf Fünfzehntel ſechs Weiber, nicht wahr?“ „Ja, Eure Majeſtät. Doch„ „Unterbrechen Sie mich nicht. Wir ſagen ſechs Fünfzehntel Weiber, ſomit bleiben ſechs; zwei gebrech⸗ liche oder gleichgültige Greiſe, iſt das zu viel?“ „Nein.“ „Es bleiben vier Fünfzehntel, von denen Sie mir wohl zwei für Feige und Laue einräumen werden. Ich ſchmeichle ver franzöſiſchen Nation. Doch es bleiben noch zwei Fünfzehntel; ich gebe ſie Ihnen wüthend, ſtandhaft, tapfer und militäriſch. Dieſe zwei Fünf⸗ zehntel, ſchlagen wir ſie an für Paris; denn für die Provinz, das iſt unnöthig, nicht wahr? es handelt ſich nur darum Paris wiederzunehmen.“ „Ja, Madame, aber.. „Immer aber.. Warten Sie, Sie werden ſpäter antworten.“ Herr von Charny verbeugte ſich. „Ich ſchlage alſo die zwei Fünfzehntel von Paris auf hunderttauſend Mann an, wollen Sie?“ Diesmal antwortete der Marquis nicht. Die Königin fuhr fort: „Nun! dieſen hunderttauſend ſchlecht bewaffneten, nicht disciplinirten, nicht an Kriegsſtrapazen gewöhn⸗ ten, weil ſie wiſſen, daß ſie Böſes thun, zögernden 125⁵ Menſchen ſtelle ich entgegen fünfzigtauſend in ganz Europa durch ihre Tapferkeit bekannte Soldaten, Offi⸗ ciere wie Sie, Herr von Charny, überdies die gehei⸗ ligte Sache, die man das göttliche Recht nennt, und endlich meine Seele, welche ſich leicht rühren, aber ſchwer brechen läßt.“ Der Graf ſchwieg abermals. „Glauben Sie,“ fuhr die Königin fort,„daß bei einem Kampfe auf dieſem Terrain zwei Menſchen aus dem Volk mehr werth ſind, als einer von meinen Soldaten?“ Charny ſchwieg. „Sprechen Sie, antworlen Sie; glauben Sie das?“ rief ungrduldig die Königin. „Madame,“ antwortete endlich der Graf, auf Be⸗ fehl der Königin aus der ehrerbietigen Zurückhaltung, die er beobachtet hatte, heraustretend:„auf einem Schlachtfelde, wo dieſe hunderttauſend vereinzelten, nicht disciplinirten und ſchlecht bewaffneten Menſchen erſcheinen würden, wären ſie von Ihren fünfzigtauſend oldaten in einer halben Stunde geſchlagen.“ „Ah!“ ſagte die Königin,„ich habe alſo Recht.“ „Warten Sie. Es iſt nicht ſo, wie Sie denken. Vor Allem ſind Ihre hunderttauſend Empörten von Paris fünfmalhunderttauſend.“ „Fünfmalhunderttauſend?“ „Gerade fo viel. Sie haben die Weiber und die Kinder bei Ihrer Berechnung übergangen. Oh! Köni⸗ gin von Frankreich; oh! muthige und ſtolze Frau, zählen Sie dieſe Weiber von Paris als eben ſo viel änner: es wird vielleicht ein Tag kommen, wo dieſe Weiber Sie nöthigen werden, ſie als eben ſo viel Teu⸗ „Was wollen Sie damit ſagen, Graf?“ „Madame, wiſſen Sie, was die Rolle eines Wei⸗ bes bei den Bürgerfriegen iſt? Nein. Wohl, ich will es Ihnen ſagen, und Sie werden ſehen, daß es nicht zu viel an zwei Soldaten gegen jedes Weib wäre.“ Graf, ſind Sie verrückt?“ Charnh lächelte traurig und fuhr fort: „Haben Sie ſie bei der Baſtille geſehen, unter dem Feuer, inmiten der Kugeln, wie ſie zu den Waffen riefen, wie ſie Ihre kriegeriſch gerüſteten Schweizer mit den Fäuſten bedrohten, wie ſie über den Leichen der Todten mit jener Stimme, welche die Lebendigen auf⸗ ſpringen macht, Verwünſchungen ausſließen? Haben Sie dieſe Weiber geſehen, wie ſie Pech ſieden ließen, Kanonen ſchleppten, den berauſchten Kämpfern eine Patrone, den furchtſamen Kämpfern eine Patrone und einen Kuß gaben? Wiſſen Sie, daß über die Zugbrücke der Baſtille eben ſo viel Weiber, als Männer gingen und daß zu dieſer Stunde, wenn die Steine der Ba⸗ ſtille einſtürzen, dies unter der von Weiberhänden gehandhabten Spitzhaue geſchieht? Ah! Madame, rech⸗ nen Sie dieſe Weiber von Paris, rechnen Sie auch die Kinder, welche Kugeln gießen, welche die Sabel wetzen, welche einen Pflaſterſtein vom ſechsten Stock herabwer⸗ fen; rechnen Sie dieſelben, denn die Kugel, die ein Kind gegoſſen hat. wird von fern Ihren beſten General tödten; denn der Säbel, den es gewetzt hat, wird Ihren Kriegsroſſen die Häckſen abſchneiden; denn der blinde Sandſtein, der vom Himmel herabfällt, wird Ihre Dra⸗ goner und Ihre Garden erſchlagen. Rechnen Sie die Greiſe, Madame, denn wenn ſie nicht mehr die Kraft haben, ein Schwert zu ſchwingen, ſo haben ſie doch die, als Schild zu dienen. Bei der Baſtille Madame, waren Greiſe; wiſſen Sie, was dieſe Greiſe thaten? Sie ſtell⸗ ten ſich vor die jungen Leute, welche die Flinten auf ihre Schultern legten, ſo daß die Kugel Ihrer Schweizer den gebrechlichen Greis tödtete, deſſen Leib einen Wall für den ſtarken Mann bildete. Rechnen Sie die Greiſe, denn ſie ſind es, welche ſeit dreihundert Jahren den auf einander folgenden Generationen von den Beſchimpfun⸗ —— 127 gen erzählen, die ihre Mütter erlitten, von dem Elend ihrer vom Wildpret des Adels zerfreſſenen Felder, von der Schande ihrer unter den Feudalrechten gebeugten Kaſte, und dann ergreifen die Söhne die Art, die Keule, die Flinte, kurz Alles, was ſie finben, und ködten, als Werkzeuge geladen mit den Verwünſchungen des Grei⸗ ſes, wie die Kanone mit Pulver und Eiſen geladen iſt. In Paris ſchreien in dieſem Augenblick Männer, Weiber, Greiſe und Kinder nach Freibeit. Rechnen Sie Alles, was ſchreit, Madame, rechnen Sie achtmalhunderttauſend Seelen in Paris.“ „Dreihundert Spartaner haben das Heer von Kerxes beſiegt.“ „Ja, doch heute ſind Ihre drethundert Spartaner achtmalhunderttauſend, Madame, und Ihre fünfzigtau⸗ ſend Soldaten, das iſt das Heer von Ferxes.“ Die Königin erhob ſich, die Fäuſte krampfhaft ge⸗ ballt, das Geſicht roth vor Zorn und Scham. „Oh! daß ich vom Throne fiele,“ ſagte ſie,„daß ich, von Ihren fünfmalhunderttanſend Pariſern in Stücke zerhauen, ſtürbe, aber daß ich nicht einen Charny, einen Mann, der mir gehört, ſo ſprechen hören müßte!“ „Wenn er ſo mit Ihnen ſpricht, Madame, ſo muß er es, denn dieſer Charnh hat in den Adern nicht einen Tropfen Blut, der nicht würdig iſt ſeiner Ahnen, und der nicht Ihnen gehört.“ „Dann marſchire er mit mir gegen Paris, und wir werden mit einander ſterben.“ „Schmählich,“ verſetzte der Graf,„ohne einen mög⸗ lichen Kampf. Wir werden gar nicht kämpfen, wir werden verſchwinden wie Philiſter oder Amalekiter. Gegen Paris marſchiren! Sie wiſſen alſo Eines nicht? daß in dem Augenblick, wo wir nach Paris kämen, die Häuſer über uns einſtürzen werden, wie die Wellen des rothen Meeres über Pharav, und Sie werden in Frank⸗ reich einen verfluchten Namen hinterlaſſen, und Ihre Kinder wird man tödten, wie die einer Wölfin.“ „Wie ſoll ich ſterben, Graf?“ ſagte ſtolz die Kö⸗ nigin;„ich bitte, lehren Sie mich das.“ „Als Opfer, Madame,“ antwortete ehrfurchtsvoll Herr von Charny,„wie eine Königin fällt, lächelnd, und denjenigen, welche Sie ſchlagen, verzeihend. Ah! hätten Sie fünfmalhunderttauſend Mann, wie ich, ſo würde ich Ihnen ſagen: Brechen wir auf; brechen wir noch in dieſer Nacht auf, brechen wir auf der Stelle auf, und morgen würden Sie in den Tuilerien regie⸗ ren; morgen hätten Sie Ihren Thron wiedererobert.“ „Oh!“ rief die Königin,„Sie ſind alſo verzwei⸗ felt, Sie, auf den ich meine erſte Hoffnung geſetzt habe?“ „Ja, ich bin verzweifelt, Madame, weil ganz Frank⸗ reich denkt wie Paris, weil Ihr Heer, wäre es ſiegreich in Paris, von Lyon, Rouen, Lille, Straßburg, Nantes und hundert anderen Städten verſchlungen würde. Auf, auf, Muth, Madame, den Degen in die Scheide.“ „Ah! ah! darum werde ich ſo viele brave Leute um mich verſammelt, darum werde ich ihnen Muth ein⸗ geflößt haben!“ ſagte die Königin. „Wenn das nicht Ihre Anſicht iſt, Madame, befeh⸗ len Sie, und noch in dieſer Nacht marſchiren wir gegen Paris. Sprechen Sie.“ Es lag ſo viel Ergebenheit in dieſem Anerbieten des Grafen, daß es die Königin mehr erſchreckte, als es eine Weigerung gethan hätte; ſie warf ſich in Ver⸗ zweiflung auf ein Sopha, wo ſie lange gegen ihren Stolz kampfte. Endlich erhob ſie das Haupt und ſprach: „Graf, Sie wünſchen, daß ich unthatig bleibe?“ „Ich habe die Ehre, es Eurer Majeſtät zu rathen.“ „Das wird geſchehen ſein. Kommen Sie wieder.“ „Ach Madame, ich habe Sie erzürnt?“ ſagte der Graf, während er die Königin mit einer Traurigkeit erfüllt von unausſprechlicher Liebe anſchaute. „Nein; Ihre Haud.“ v n8 8S—— — — S 129 3 Der Graf reichte, ſich verbeugend, ſeine Hand der önigin. eß ich Sie ſchelte,“ ſprach Marie Antoinette, indem ſie zu lächeln ſuchte. „Und worüber, Madames“ „Wie! Sie haben einen Bruder im Dienſt und ich erfahre es durch Zufall!“ „Ich verſtehe nicht.“ „Dieſen Abend, ein Officier von den Huſaren von Berchinv...“ „Ah! mein Bruder Georges!“ „Warum haben Sie mir nie von dieſem jungen Mann geſprochen? Warum hat er nicht einen hohen Rang in einem Regiment?“ „Weil er noch ganz jung und ganz unerfahren iſt; weil er nicht würdig iſt als Chef zu befehligen, weil endlich, wenn Eure Majeſtät die Gnade gehabt hat, ihre Blicke auf mich herabzuſenken, der ich Charny heiße, um mich mit ihrer Freundſchaft zu beehren, dies noch kein Grund iſt, daß ich meine Familie auf Koſten einer Menge von braven Edelleuten, welche würdiger als meine Brüder, anbringe.“ „Sie haben alſo noch einen Bruder?“ „Ja, Madame, und er iſt bereit, für Eure Maje⸗ ſtät zu ſterben, wie die zwei andern.“ „Er braucht nichts?“ „Nichts, Madame; wir ſind ſo glücklich, daß wir nicht nur eine Exiſtenz, ſondern auch ein Vermögen zu den Füßen Eurer Majeſtät zu legen haben.“ Als er dieſe letzten Worte ſprach, wobei die Köni⸗ gin ganz durchdrungen war von dieſer zarten Redlich⸗ keit, wobei er ganz bebte vor dieſer anmuthreichen Majeſtät, erweckte ſie plötzlich ein Stöhnen, das aus einem anſtoßenden Zimmer kam.. Die Königin ſtand auf, lief nach der Thüre, öff⸗ nete ſie und ſtieß einen gewaltigen Schrei aus. Ange Pitou, 11. 9 Sie hatte eine Frau erſchaut, welche, von entſetz⸗ lichen Convulſtonen befallen, ſich auf dem Teppich krümmte. „Ohl die Gräfin!“ ſagte ſie ganz leiſe zu Herrn von Charny;„ſie hat uns wohl gehört.“ „Rein, Mavame,“ erwiederte Charny;„ſonſt würde ſie Eure Majeſtät darauf aufmerkſam gemacht haben, daß man uns hören könne.“ Und er eilte auf Andrée zu und hob ſie in ſeinen Armen auf. Die Königin ſtand zwei Schritte davon, kalt, bleich, zitternd vor Angſt. XXKIX. Seene zu Drei. Andrse kam allmälig wieder zu ſich, ohne zu er⸗ kennen, wer ihr Hülfe leiſtete, doch inſtinctartig begriff ſie, daß man ihr beiſtand. Ihr Körper erhob ſich, ihre Hände klammerten ſich an die unerwartete Stüte an, die ſich ihr bot. Doch ihr Geiſt erwachte nicht mit ihrem Körper; er blieb einige Augenblicke betäubt, ſchwankend, ſchlaf⸗ trunken. Nachdem er es verſucht hatte, ſie zum pbyſiſchen Leben zurückzurufen, beeiferte ſich Herr von Charny, ſie zum moraliſchen Leben zurückzurufen. Doch er ſtrengte ſeine Kräfte nur gegen einen concentrirten Irr⸗ nn an. Endlich hefteten ſich die offenen, aber ſtieren Augen auf ihn, und mit einem Reſte von Delirium gab An⸗ drée, ohne den Mann zu erkennen, der ſie unterſtützte, einen Schrei von ſich und ſtieß ihn hart zurück. Während dieſer ganzen Zeit wandte die Königin —— — — S i* — —— 131 den Blick ab, ſie, die Frau, ſie, deren Aufgabe es geweſen wäre, dieſe Frau zu ſtärken, zu tröſten, verließ ſie. Charny hob Andrée in ſeinen kräftigen Armen auf, obgleich ſie ſich zur Wehre zu ſetzen ſuchte, wandte ſich gegen die Königin um, welche immer noch ſteif und eiskalt da ſtand, und ſagte: „Verzeihen Sie, Madame es hat ſich ohne Zweifel etwas Außerordentliches ereignet. Frau von Charny hat nicht die Gewohnheit, in Ohnmacht zu fallen, und es iſt heute das erſte Mal, daß ich Sie des Bewußtſeins beraubt ſehe.“ „Sie muß alſo ſehr leiden,“ ſagte die Königin, zu der dumpfen Idee, Andrée habe das ganze Geſpräch gehört, zurücktehrend. „Ja, ohne Zweifel leidet ſie,“ erwiederte der Graf, „und darum bitte ich Eure Majeſtät um Erlaubniß, ſte in ihre Wohnung bringen zu laſſen. Sie bedarf der Pflege ihrer Frauen.“ „Thun Sie das,“ ſprach die Königin, die Hand nach einer Klingel ausſtreckend. Doch als das Glöckchen ertönte, erſtarrte Andrée und rief in ihrem Wahnwitz. „Oh! Gilbert! dieſer Gilbert!“ Bei dieſem Namen bebte die Königin, und der Graf legte erſtaunt ſeine Frau auf ein Sopha. In dieſem Augenblick trat der durch das Geräuſch der Klingel herbeigerufene Diener ein. „Nichts,“ ſagte die Königin; und ſie winkte ihm mit der Hand, daß er ſich entferne. Als ſie allein waren, ſchauten der Marquis und die Königin einander an. Andrée hatte die Augen wieder geſchloſſen und ſchien von einer neuen Kriſe befallen. Herr von Charny kniete am Sopha und hielt ſie darauf feſt. „Gilbert,“ wiederholte die Königin,„was für ein Name iſt das?“ 5. „Man müßte ſich erkundigen.“ „Ich glaube, ich kenne ihn,“ ſagte Marie Antoi⸗ nette;„ich glaube, es iſt nicht das erſte Mal, daß ich die Gräfin dieſen Namen ausſprechen höre.“ Doch als ob ſie von dieſer Erinnerung der Köni⸗ gin bedroht worden wäre, und als ob dieſe Drohung ſie mitten aus ihren Convulſionen zurückgeholt hätte, öffnete Andrée die Augen, ſtreckte die Arme zum Him⸗ n 6 und richtete ſich mit einer Anſtrengung völ⸗ ig auf. Ihr erſter Blick, diesmal ein verſtändiger Blick, wandte ſich Herrn von Charny zu, den ſie erkannte und mit einer liebkoſenden Flammé umhüllte. Dann, als ob dieſe unwillkürliche Kundgebung ihres Gedankens ihrer ſpartaniſcheu Seele unwürdig geweſen wäre, wandte Andrée die Augen ab und er⸗ blickte die Königin. Sie verneigte ſich ſogleich. „Oh! mein Gott, was haben Sie denn, Madame,“ fragte Herr von Charny;„Sie haben mich erſchreckt, Sie, die Sie ſo ſtark, ſo muthig, ſind einer ſolchen Ohnmacht preisgegeben?“ „Mein Herr,“ erwiederte ſie,„es gehen in Paris ſo erſchreckliche Dinge vor, daß, wenn die Männer zittern, die Frauen wohl in Ohnmacht fallen können. Sie haben Paris verlaſſen? Oh! Sie haben wohl daran gethan.“ „Großer Gott! Gräfin,“ ſagte Charny mit dem Tone des Zweifels,„ſollten Sie meinetwegen all dies Schlimme erlitten haben?“ Andrée ſchaute abermals ihren Gatten und die Königin a, antwortete jedoch nicht. „Gewiß, Graf, das iſt es, warum ſollten Sie daran zweifeln?“ verſetzte Marie Antvinette.„Die Frau Gräfin iſt nicht Königin, ſie hat das Recht, für ihren Mann Furcht zu hegen.“ 133 Charnh fühlte die unter dieſen Worten verborgene Eiferſucht. „Oh! Madame,“ ſagte er,„ich bin feſt überzeugt, daß die Gräfin noch mehr für ihre Fürſtin, als für mich bange hat.“ „Aber warum und wie haben wir Sie ohnmächtig in dieſem Cabinet gefunden, Gräfin?“ fragte Marie Antvinette. „Oh! es wäre mir unmöglich, das zu erzählen, Madame. Ich weiß es ſelbſt nicht; doch bei dieſem Leben der Beſchwerlichkeiten, der Schrecken und der Gemüthsbewegungen, das wir ſeit drei Tagen führen, iſt, wie mir ſcheint, nichts natürlicher, als die Ohn⸗ macht einer Frau.“ „Das iſt wahr,“ murmelte die Königin, welche bemerkte, daß Andrse nicht in ihrer Zurückhaltung gezwungen werden wollte. „Aber,“ ſprach Andréemit der ſeltſamen Ruhe, welche ſie nicht verließ, ſobald ſie wieder Herrin ihres Willens geworden war, und die in ſchwierigen Umſtänden um ſo peinlicher wurde, als man leicht ſah, ſie ſei nur Maske und bedecke völlig menſchliche Gefühle,„aber Eure Majeſtät hat ganz feuchte Augen.“ Und diesmal glaubte der Graf in den Worten ſeiner Fran den ironiſchen Ausdruck zu finden, den er einen Augenblick zuvor in den Worten der Königin bemerkt hatte. „Madame,“ ſagte er zu Andrée mit einer leichten Strenge, bei der man fühlte, daß ſeine Stimme nicht daran gewöhnt war,„man darf ſich nicht wundern, daß die Königin Thränen in den Augen hat; die Königin liebt ihr Volt, und das Blut des Volkes iſt gefloſſen.“ „Gott hat zum Glück das Ihrige verſchont, mein Herr,“ verſetzte Andrée, immer gleich kalt, immer gleich unerforſchlich. „Ja, doch es handelt ſich nicht um Ihre Majeſtät, ſondern um Sie, Madame; fommen wit alſo auf Sie zurück, die Königin erlaubt es?“ 134 Marie Antvinette nickte beiſtimmend mit dem Kopf. Sie huben bange gehabt, nicht wahr?“ „Sie haben gelitten, leugnen Sie es nicht; es iſt Ihnen ein Unfall begegnet, welcher?“ ich weiß es nicht, doch Sie werden es uns ſagen.“ „Sie irren ſich, mein Herr.“ „Sie haben ſich über Jemand, über einen Mann zu beklagen gehabt?“ Andrée erbleichte. „Ich habe mich über Niemand zu beklagen gehabt, ich komme vom König.“ „Unmittelbar?“ „Unmittelbar. Ihre Majeſtät kann ſich erkundigen.“ „Wenn es ſich ſo verhält, ſo hätte die Gräſin Recht,“ ſagte Marie Antvinette.„Der König liebt ſie zu ſehr und weiß, daß ich ihr zu ſehr gewogen bin, um ihr in irgend einer Hinſicht unverbindlich begegnet zu ſein.“ „Aber Sie haben einen Namen ausgeſprochen,“ ver⸗ ſetzte Charny beharrlich. „Einen Namen?“ „Ja, als Sie wieder zu ſich kamen.“ ndrée ſchaute die Königin an, als wollte ſie ſie zu ſich rufenz aber verſtand ſie die Königin nnn nicht, oder wollte ſie dieſe nicht verſtehen, ſie erwiederte: „Ja, Sie haben den Namen Gilbert ausgeſprochen.“ „Gilbert! Ich habe den Namen Gilbert ausge⸗ ſprochen!“ rief Andrée mit einem Ausdruck ſo voll E Schrecken, daß ſich der Graf mehr von dieſem Schrei bewegt fühlte, als er es von der Ohnmacht geweſen war. „Ja,“ ſagte er,„Sie haben dieſen Namen ausge⸗ ſprochen.“ „Ah! wahrhaftig,“ erwiederte Andréez„das iſt ſeltſam.“ Allmälig, wie ſich der Himmel nach dem Blitze wieder ſchließt, nahm die Phyſiognomie der jungen 135 Frau, die bei dem unſeligen Namen ſo gewaltig ver⸗ ſtört ausgeſehen hatte, wieder ihre Reinheit und Ruhe an, und nur einige Muskeln dieſes ſchönen Geſichts bebten noch fort, wie wenn am Horizont die letzten Scheine des Sturms verſchwinden. „Gilbert,“ wiederholte ſie,„ich weiß es nicht.“ „Ja, Gilbert,“ ſagte die Königin.„Suchen Sie, meine liebe Andrée“ „Aber, Madame,“ ſprach der Graf zu Marie An⸗ toinette,„wenn das nur Zufall und dieſer Name der Gräfin ganz fremd iſt?“ „Nein.“ erwiederte Andrée;„nein, er iſt mir nicht fremd. Es iſt der eines gelehrten Mannes, eines ge⸗ ſchickten Arztes, welcher, glaube ich, von Amerika ankommt und dort mit Heirn von Lafayette in Verbindung ſtand.“ „Nun?“ fragte der Graf. „Nun! wiederholte Andrée auf eine vollkommen natürliche Weiſe,„ich kenne ihn nicht perſönlich, aber es ſoll ein ſehr ehrenwerther Mann ſein.“ „Warum dann dieſe Bewegung, liebe Gräfin?“ fragte die Königin. „Dieſe Bewegung? Bin ich bewegt geweſen?“ „Ja, es war, als empfänden Sie, indem Sie die⸗ ſen Namen ausſprachen, eine Qual.“ „Das iſt möglich; vernehmen Sie, was geſchehen iſt; ich traf im Cabinet des Königs einen ſchwarz ge⸗ kleideten Mann, einen Mann mit ſtrengem Geſicht, der von düſteren, erſchrecklichen Dingen ſprach; er erzählte mit einer gräßlichen Wirklichfeit die Ermordungen von Herrn de Launay und von Herrn von Fleſſelles. Ich bin darüber erſchrocken und in Ohnmacht gefallen, wie Sie geſehen. Dann habe ich vielleicht geſprochen; dann habe ich vielleicht den Namen von dieſem Herrn Gil⸗ bert genannt.“ „Das iſt möglich,“ wiederholte Herr von Charny, offenbar geneigt, das Verhör nicht weiter zu freiben; „doch zu dieſer Stunde ſind Sie beruhigt, nicht wahr?“ — 136 „Vollkommen.“ „Dann will ich Sie um Eines bitten, Herr Graf,“ ſagte die Königin. „Madame, ich bin zu den Befehlen Eurer Maje⸗ ät. „Suchen Sie die Herren von Bezenval, von Broglie und von Lambeseg auf, ſagen Sie ihnen, fie ſollen ihre Truppen in ihren gegenwärtigen Stellungen cantoniren laſſen, der König werde morgen im Rathe ſehen, was zu thun iſt.“ Der Graf verbeugte ſich, doch im Begriff, wegzu⸗ gehen, warf er einen letzten Blick auf Andrée. Dieſer Blick war voll liebreicher Beſorgniß. Er entging der Königin nicht. „Gräfin,“ ſagte ſie,„kehren Sie nicht mit mir zum König zurück?“ „Nein, Madame, nein,“ antwortete Andrée lebhaft. „Warum nicht?“ „Ich bitte Eure Majeſtät um Erlaubniß, mich in meine Wohnung zurückziehen zu dürfen; die Gemüths⸗ bewegungen, die ich erlitten habe, laſſen mich das Be⸗ dürfniß nach Ruhe fühlen.“ „Seien Sie offenherzig, Gräfin,“ ſagte Marie Antvinette,„haben Sie etwas mit dem König?“ „Oh! nichts, Madame, durchaus nichts.“ „Oh! ſprechen Sie, wenn dies der Fall iſt. Der König ſchont meine Freunde nicht immer.“ „Der König iſt, wie gewöhnlich, voll Güte gegen mich, aber..“ „Aber es iſt Ihnen ebenſo lieb, ihn nicht zu ſehen, nicht wahr? Es ſteckt offenbar etwas dahinter, Graf,“ ſagte die Königin mit einer geheuchelten Heiterkeit. In dieſem Augenblick ſchaute Andrée die Königin ſo ausdrucksvoll, ſo flehend, ſo voll von Offenbarungen an, daß Marie Antoinette begriff, es ſei Zeit, dieſen kleinen Krieg zu endigen. „In der That, Gräfin,“ ſagte ſie,„laſſen wir N Herrn von Charny den Auftrag beſorgen den ich ihm gegeben habe, und gehen Sie in ihre Wohnung oder bleiben Sie hier, wie es Ihnen beliebt.“ „Ich danke, Madame,“ erwiederte Andrée. „Gehen Sie alſo, Herr von Charny,“ fuhr Marie Antoinette fort, während ſie den Ausdruck von Dank⸗ barkeit, der ſich auf dem Geſichte von Andrée verbrei⸗ tete, bemerkte. Dieſen Ausdruck bemerkte der Graf nicht, oder er wollte ihn nicht bemerken; er nahm ſeine Frau bei der Hand und wünſchte ihr Glück zu der Wiederkehr ihrer Kräfte und ihrer Farbe. Dann verbeugte er ſich mit tiefer Ehrfurcht vor der Königin und ging weg. Während er aber wegging, kreuzte er einen letzen Blick mit Marie Antoinette. Der Blick der Königin ſagte: Kommen Sie ſchnell zurück. Der des Grafen antwortete: So ſchnell, als ich ann. Andröée folgte mit gepreßter Bruſt, keuchend, jeder Bewegung des Grafen. Sie ſchien mit ihren Wünſchen bieſen langſamen, edlen Gang zu beſchleunigen, der ihn der Thüre näher ſie trieb ihn mit aller Macht ihres Willens inaus. Sobald er dieſe Thüre zugemacht hatte, verſchwan⸗ den auch alle Kräfte, die Andrée zu Hülfe gerufen, um der Lage die Stirne zu bieten; ihr Geſicht erbleichte, ihre Beine wankten unter ihr, und ſie ſank in einen Lehnſtuhl, der ſich in ihrer Nähe fand, während ſie es verſuchte, ſich bei der Königin wegen dieſes Verſtoßes gegen die Etiquette zu entſchuldigen. Die Königin lief an den Kamin, nahm einen Flacon mit Salzen und ließ Andrée daran riechen: die junge Frau kam diesmal mehr durch die Macht 138 ihres Willens, als durch die Wirkſamkeit der Pflege zu ſich, die ſie von einer königlichen Hand erhielt. Es waltete in der That etwas Seltſames zwiſchen dieſen zwei Frauen ob. Die Königin ſchien Andrée wohlgewogen zu ſein, Andrée hegte eine tiefe Ehr⸗ furcht für die Königin, und nichtsdeſtoweniger ſchienen ſie in gewiſſen Augenblicken, nicht eine wohlgewogene Fönigin, nicht eine ergebene Dienerin, ſondern zwei Feindinnen zu ſein. Ihr allmächtiger Wille hatte auch, wie geſagt, Andrée bald ihre Stärke wieder gegeben. Sie erhob ſich, ſchob ehrerbietig die Hand der Königin auf die Seite, neigte den Kopf vor ihr und ſagte: „Eure Majeſtät hat erlaubt, daß ich mich in mein Zimmer zurückziehe.“ „Ja, allerdings, und Sie ſind immer frei, liebe Gräfin, Sie wiſſen es wohl: die Etiquette iſt nicht für Sie gemacht. Aber haben Sie mir nicht etwas zu ſagen, ehe Sie ſich entfernen?“ „Ich, Madame?“ „Allerdings Sie.“ „Nein; in welcher Beziehung?“ „In Beziehung auf Herrn Gilbert, deſſen Anblick einen ſo ſtarken Eindruck auf Sie gemacht hat.“ Andrée bebte, ſchüttelte aber nur, ein Leugnen be⸗ zeichnend, den Kopf. „Dann halte ich Sie nicht zurück, liebe Gräfin, Sie ſind frei.“ Und die Königin machte einen Schritt, um in das an ihr Zimmer anſtoßende Cabinet zu gehen. Andrée aber ſchritt, nachdem ſie vor der Königin eine tadelloſe Verneigung gemacht hatte, auf die Aus⸗ gangsthüre zu. Doch in dem Augenblick, wo ſie öffnen wollte, erſchollen Tritte im Corrivor, und eine Hand legte ſich auf den äußeren Drücker der Thüre. Zu gleicher Zeit vernahm man die Stimme von — S v 8 W ——————— 139 Ludwig XVI., der ſeinem Kammerdiener für die Nacht Befehle gab. „Der König! Madame!“ ſagte Andrée, während ſie mehrere Schritte rückwärts that;„der König!“ „Nun! ja, der König!“ erwiederte Marie Antoi⸗ nette.„Macht er Ihnen dergeſtalt bange?“ „Madame, in des Himmels Namen,“ rief Andrée, „daß ich den König nicht ſehe, daß ich mich ihm wenig⸗ ſtens heute Abend nicht gegenüber finde; ich würde vor Scham ſterben.“ „Aber Sie werden mir doch ſagen...“ „Alles, Alles, wenn es Eure Majeſtät verlangt. Doch verbergen Sie mich.“ „Treten Sie in mein Boudoir ein,“ ſprach Marie Antvinette, Sie werden es verlaſſen, ſobald der König weggegangen iſt. Seien Sie unbeſorgt, Ihre Gefangen⸗ ſchaft wird nicht lange währen; der König bleibt nie lange hier.“ „Oh! Dank! Dank!“ rief die Marquiſe. Und ſie eilte in das Boudoir und verſchwand in dem Augenblick, wo der König, die Thüre öffnend, auf der Schwelle des Zimmers erſchien. Der König trat ein. XXX. An was der König in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1789 dachte. Wie lange dieſe Unterredung dauerte, vermöchten wir nicht zu ſagen, ſie verlängerte ſich indeſſen, denn erſt gegen eilf ühr Abends konnte man die Thüre des Boudvir der Königin ſich öffnen und auf der Thür⸗ ſchwelle Andrée beinahe auf den Knieen die Hand von Marie Antvinette küſſend ſehen. 140⁰ Dann, als ſie ſich wieber erhob, wiſchte die junge Frau ihre von Thränen gerötheten Augen ab, während die Königin ihrerſeits in ihr Zimmer zurückkehrte. Andrée, im Gegentheil, als ob ſie ſich ſelbſt hätte entweichen wollen, entfernte ſich raſch. Von dieſem Augenblick an blieb die Königin allein. Als die Dame vom Bettdienſt eintrat, um ihr ſich aus⸗ kleiden zu helfen, fand ſie Marie Antvinette mit fun⸗ kelnden Augen und mit großen Schritten im Zimmer auf und abgehend. Sie machte mit der Hand eine raſche Geberde, welche beſagen wollte: Laſſen Sie mich. Die Dame vom Bettvienſt entfernte ſich ſogleich wieder. Nun war die Königin ganz allein; ſie hatte ver⸗ boten, ſie zu ſtören, wäre es nicht wegen wichtiger, von Paris eintreffender Nachrichten. Andrée erſchien nicht wieder. Was den König betrifft, ſo erklärte er, nachdem er ſich mit Herrn de la Rochefoucault unterhalten hatte, der ihm den Unterſchied, welcher zwiſchen einem Aufruhr und einer Revolution obwalte, begreiflich zu machen ſuchte,— er erklärte, er ſei müde, legte ſich nieder und entſchlummerte, nicht mehr und nicht minder ruhig, als wenn er auf der Jagd geweſen wäre und der Hirſch (ein wohl dreſſirter Hofmann) ſich hätte im Schweizer⸗ Teich fangen laſſen. Die Königin ſchrieb ein paar Briefe, ging in das nächſte Zimmer, wo ihre zwei Kinder unter der Obhut von Frau von Jourzel ſchliefen, und legte ſich zu Bette, nicht um zu ſchlafen, wie der König, ſondern, um nach ihrem Gefallen zu träumen. Doch bald, als die Stille Verſailles in Beſitz ge⸗ nommen hatte, als der ungeheure Palaſt in Finſterniß getaucht war, als man in der Tiefe der Gärten nur noch die auf dem Sande krachenden Tritte der Pa⸗ trouillen, in den langen Corridors nur noch den ſachte —,— 6 n M* — 141 auf die Marmorplatte auffallenden Gewehrkolben hörte, ſtieg Marie Antoinette, ihrer Ruhe müde, das Bedürf⸗ niß, zu athmen, fühlend, aus ihrem Bette, zoa ihre Sammetpantoffeln an, hüllte ſich in ein langes Nacht⸗ gewand, trat an's Fenſter, um die von den Cascaden aufſteigende Kühle zu ſchlürfen und im Vorüberziehen die Rathſchläge aufzufaſſen, die der Nachtwind den bren⸗ nenden Stirnen, den gepreßten Herzen zuflüſtert. Dann durchging ſie in ihrem Geiſte Alles, was ihr dieſer ſeltſame Tag an unvorhergeſehenen Ereig⸗ niſſen gebracht hatte: Den Fall der Baſtille, dieſes ſichtbaren Emblems der königlichen Gewalt, die Schwankungen von Charny, dieſem ergebenen Freund, dieſem leidenſchaftlichen Ge⸗ fangenen, den ſie ſeit ſo vielen Jahren unter dem Joche hielt, und der, nachdem er nür Liebe geſeufzt hatte, zum erſten Mal Bedauern und Reue zu ſeufzen ſchien. Mit jener Gewohnheit der Zuſammenſtellung, welche den großen Geiſtern die Bekanntſchaft mit Menſchen und Dingen gibt, machte Marie Antvinette auf der Stelle zwei Theile aus dem Mißbehagen, das ſie empfand und das ein politiſches Unglück und einen Herzenskummer in ſich ſchloß. 8 Das politiſche Unglück war die große Nachricht, welche, von Paris um drei Uhr Nachmittags ausge⸗ gangen, ſich über die Welt verbreiten und in allen Geiſtern die bis dahin den Königen, Mandataren Got⸗ tes, zugeſtandene Ehrfurcht angreifen ſollte. Der Herzenskummer war der dumpfe Widerſtand von Charny gegen die Allmacht ſeiner geliebten Fürſtin. Es war wie eine Ahnung, daß, ohne aufzuhören, treu und ergeben zu ſein, die Liebe blind zu ſein aufhören ſollte und ihre Treue und Ergebenheit zu erörtern an⸗ fangen konnte. Dieſer Gedanke bedrückte ihr Herz gewaltig und füllte es mit jener bitteren Galle, die man die Eifer⸗ ſucht nennt, ein ſcharfes Gift, das zugleich tauſend Wunden in einer verletzten Seele ſchwären macht. Kummer in Gegenwart von Unglück, das war indeſſen etwas Untergeordnetes für die Logik. Mehr aus einem Vernunftſchluß, als aus Bewußt⸗ ſein, mehr aus Nothwendigkeit, als aus Inſtinet, über⸗ ließ auch Marie Antvinette zuerſt ihre Seele den ern⸗ ſten Gedanken über die Gefahr der politiſchen Lage. Wohin ſich wenden: Haß und Ehrgeiz ſich gegen⸗ über; Schwäche und Gleichgültigkeit an ihrer Seite. Zu Feinden Leute, die, nachdem ſie mit der Verleum⸗ dung angefangen, nun zu den Rebellionen kamen. Leute, die folglich vor nichts zurückweichen würden. Zu Vertheidigern, wir ſprechen wenigſtens vom größten Theil, Menſchen, die ſich daran gewöhnt hatten, Alles zu ertragen, und die folglich die Tiefe der Wun⸗ den nicht fühlen würden. Leute, welche zögern würden, einen Gegenſchlag zu thun, aus Furcht, Lärmen zu machen. Man mußte alſo Alles in der Vergeſſenheit begra⸗ ben, ſich den Anſchein geben, als vergäße man, und ſich erinnern, ſich den Anſchein geben, als verziehe man, und nicht verzeihen. Das war nicht würdig einer Königin von Frank⸗ reich, das war beſonders nicht würdig einer Tochter von Maria Thereſta, dieſer Frau von Herz. Kämpfen! kämpfen! das war der Rath des empör⸗ ten königlichen Stolzes; aber kämpfen, war das klug? Beſänftigt man die Leidenſchaften des Haſſes mit ver⸗ goſſenem Blut? war er nicht erſchrecklich, der Name: die Oeſterreicherin? mußte man ihn, um ihn einzu⸗ weihen, wie es Iſabeau und Catherine von Medicis mit dem ihrigen gethan hatten, dadurch einweihen, daß man ihm die Taufe einer allgemeinen Schlächterei gab? Und dann war, wenn Charny wahr geſprochen, der Erfola zweifelhaft. Kämpfen und beſiegt werden — —— *— , ⸗ 1⸗ , 1⁴3 Das waren auf der Seite des politiſchen Unglücks die Schmerzen dieſer Königin, welche bei gewiſſen Wan⸗ delungen ihres Nachſinnens, wie man eine Schlange aus dem Heidekraut, wo ſie unſer Fuß erweckt hat, hervor⸗ kommen fühlt, aus der Tiefe ihrer Leiden der Königin die Verzweiflung der Frau, die ſich weniger geliebt fl wenn ſie es zu viel geweſen iſt, auftauchen fühlte. Charny hatte das, was wir ihn ſagen hörten, nicht aus Ueberzeugung, ſondern aus Müdigkeit geſagt; er hatte, wie ſo viele Andere, zum Ueberdruß aus dem⸗ ſelben Becher mit ihr die Verleumdungen getrunken. Charny, der zum erſten Mal mit ſo ſanften Worten von ſeiner Frau, einem bisher von ihrem Manne ver⸗ geſſenen Geſchöpf, geſprochen, hatte Charny bemerkt, daß dieſe noch junge Frau immer ſchön war? Und bei dieſem einzigen Gedanken, der ſie brannte wie der ver⸗ zehrende Biß der Natter, erkannte Marie Antvinette mit Erſtaunen, das Unglück ſei nichts gegen den Kummer. Denn was das Unglück nicht hatte machen können, bewirkte der Kummer bei ihr. Die Frau ſprang wüthend aus dem Lehnſtuhl auf, in dem ſich kalt und ſchwankend, dem Unglück in's Geſicht ſchauend, die Königin gehal⸗ ten hatte. Das ganze Verhängniß dieſes vom Leiden bevor⸗ zugten Geſchöpfs enthüllte ſich in der Seelenlage von Marie Antoinette während dieſer Nacht. Wie zugleich dem Unglück und dem Kummer ent⸗ gegen, fragte ſie ſich mit unabläſſig wieder entſtehenden Beängſtigungen; ſollte man ſich entſchließen, das könig⸗ liche Leben aufgebend, in der Mittelmäßigkeit glücklich zu leben; ſollte man zu ſeinem wahren Trianon und zu ſeiner Hütte, zum Frieden des Sees und zu den unbekannten Freuden der Sennerei zurückkehren; ſollte man dieſes ganze Volk ſich in die Fetzen des König⸗ thums theilen laſſen, einige geringfügige Parcellen ausgenommen, welche die Frau ſich würde mit den be⸗ 144 ſtrittenen Abgaben einiger Getreuen aneignen können, welche durchaus Vaſallen bleiben wollten? Ach! hier fing die Schlange der Eiferſucht wieder an tiefer zu beißen. Glücklich! wäre ſie glücklich mit der Demüthigung einer verachteten Liebe? Glücklich! bei Herrn von Charny, der glücklich wäre bei irgend einer geliebten Frau, bei der ſeinigen vielleicht? Und dieſer Gedanke entzündete im Herzen der armen Königin alle die flammenden Fackeln, welche Dido viel mehr brannten, als ihr Scheiterhaufen. Doch mitten unter dieſer ſieberhaften Qual ein Blitz der Ruhe; mitten unter dieſer bebenden Angſt ein Genuß! Sollte Gott in ſeiner unendlichen Güte das Böſe nur geſchaffen haben, um das Gute ſchätzen zu machen? Andrée hat der Königin ihre Bekenntniſſe gemacht, ſie hat die Schande ihres Lebens ihrer Nebenbuhlerin enthüllt; Andrée hat mit Thränen in den Augen, das Geſicht gegen die Erde, Marie Antvinette geſtanden, ſie ſei nicht mehr würdig der Liebe und der Achtung ehrlichen Mannes: Charnh wird alſo Andrée nie ieben. Charnh weiß aber nichts, Charny wird nie etwas wiſſen von jener Kataſtrophe von Trianon und von den Folgen, die ſie gehabt hat. Für Charny iſt es daher, als beſtände die Kataſtrophe gar nicht. Und während ſie dieſe Betrachtungen anſtellte, prüfte die Königin im Spiegel ihres Gewiſſens ihre abnehmende Schönheit, ihre verlorene Heiterkeit, ihre entflohene Jugendfriſche. Dann kehrte ſie zu Andrée zurück, zu den ſelt⸗ ſamen, beinahe unglaublichen Abenteuern, die ſie ihr erzählt hatte. Sie bewunderte die zauberhafte Combination des Schickſals, welche im Grunde von Trianon, im Schatten — — S—— 1⁴⁵ der Hütte und im Kothe der Bauernhäuſer den kleinen Gärtnerjungen nahm, um ihn mit dem Geſchick eines Edelwäuleins zu verbinden, das wiede:um mit dem Ge⸗ ſchicke einer Königin verbunden war. Somit, ſagte ſie ſich,„ſomit hätte ſich das in den niedrigen Regionen verlorene Atom, durch eine Laune höherer Anziehungskräfte, ein Diamanttheilchen, mit dem göttlichen Geſtirne verſchmolzen?“ Dieſer Gärtnerjunge, dieſer Gilbert, war es nicht ein lebendiges Symbol von dem was zu dieſer Stunde ſich ereignet, ein Menſch aus dem Volke, aus der Nie⸗ drigkeit ſeiner G burt hervorgegangen, um ſich mit der Politik eines großen Königreichs zu b ſchäftigen, ein ſelſſamer Schauſpieler, der in ſich duſch ein Privile⸗ gium des böſen Geiſtes, welcher über Frankreich ſchw bie, ſowohl die dem Adel angethane Beſchimpfung, als den durch den Pöbel gegen das Königthum gemachten An⸗ griff perſonifieirte? Dieſer Gilbert, ein Gelehrter geworden, mit dem ſchwarzen Rocke des drirten Standes bekleidet, der Rath von Herrn Necker, der Vertraute des Königs von Frank⸗ reich, würde ſich nun durch ein Spiel der Revolutivn parallel mit der Frau finden, der er nächtlicher Weile, wie ein Dieb, die Ehre geſtohlen! Wieder Weib geworden und unwillkührlich ſchauernd bei der Erinnerung an die klägliche Geſchichte, die ihr Andrée erzählt hatte, machte es ſich vie Koͤnigi gleich⸗ ſam zur Pflicht dieſem Gilberi in's Geſicht zu ſchauen und durch ſich ſelbſt in den menſchlichen Zugen leſen zu lernen, was Gott von der Offenbarung eines ſo ſelt⸗ ſamen Cha akters darein legen konnte, und trotz des ſo eben erwähnten G fuhles, das ſie über die Demüthi⸗ gung ihrer Nebenbuhlerin beinahe neudi. machte, waltete dabei ein beftiges Verlangen ob, den Mann zu verletzen, ber eine Feau ſo ſehr leiden gemacht hatte. ann war noch der Wunſch, ihn anzuſchauen, wer weiß? vielleicht mit der Angſt, welche Ungeheuer ein⸗ Ange Pitou. 11. 10 14⁴6 flößen, ihn zubewundern, den außerordentlichen Mann, der, durch ein Veibrechen, ſein gemeines Blut in das ariſto⸗ kratiſchſte Blut Frankreichs ergoſſen hatte; dieſen Mann, der, wie es ſchien, die Revolution hatte machen laſſen, damit man ihm die Baſtille öffne, in der er ohne dieſe Revolution ewig vergeſſen gelernt hätte, daß ein Mann vom Bürgerſtand ſich nicht erinnern darf. Durch dieſe fortziehende Folge ihrer Gedanken kam die Königin auf die politiſchen Schmerzen zurück und ſah auf einem und demſelben Haupte die Verantwort⸗ lichteit für Alles, was ſie gelitten, ſich anhäufen. Der Urheber der Volfsrevolution, welche die könig⸗ liche Gewalt durch die Zertrümmerung der Baſtille er⸗ ſchüttert hatte, war alſo Gilbert, deſſen Grundſätze den Billot, den Maillard, den Elie, den Hullin die Waffen in die Hände gegeben. Gilbert war alſo zugleich ein giftiges und ein er⸗ ſchreckliches Geſchöpf, giftig, denn er hatte Andrée als Liebender zu Grunde gerichtet, erſchrecklich, denn er hatte die Baſtille als Feind zertrümmern helfen. Man mußte ihn alſo kennen, um ihn zu vermei⸗ den, oder noch beſſer, ihn kennen, um ſich ſeiner zu bedienen. Man mußte um jeden Preis dieſen Mann ſprechen, ihn in der Nähe ſehen, ihn durch ſich ſelbſt beurtheilen. Die Nacht war zu zwei Dritteln vorüber, es ſchlug prei Uhr, die Morgendämmerung vleichte die Gipfel der Bäume des Parkes von Verſailles und die Spitzen der Statuen. Die Königin hatte die ganze Nacht ohne zu ſchla⸗ ſen zugebracht; ihr umherirrender Blick verlor ſich in den von einem mattweißlichen Lichte gleichſam ge⸗ wiſchten Alleen. Ein ſchwerer und brennender Schlaf bemächtigte ſich allmälig der unglücklichen Frau. Sie ſiel, den Hals zurückgeworfen, auf die Lehne eines Fauteuil beim offenen Fenſter nieder. en r⸗ s ei⸗ zu en, n. ug fel en la⸗ ge⸗ gte ne Sie träumte, ſie gehe in Trianon ſpazieren, und aus einem Gartenbeete komme ein Erdgeiſt mit fahlem Lächeln, wie man ſie in deutſchen Balladen trifft, her⸗ vor, und dieſes höhniſche Ungeheuer ſei Gilbert, der gekrümmte Finger gegen ſie ausſtrecke. Sie ſtieß einen Schrei aus. Ein Schrei antwortete auf den ihrigen. Dieſer Schrei weckte ſie auf. Frau von Tourzel hatte ihn von ſich gegeben; ſie war bei der Königin eingetreten und hatte, als ſie Marie Antvinette entſtellt und röchelnd auf einem Lehn⸗ ſtuhl ſah, den Ausbruch ihres Schmerzes und ihrer Beſtürzung nicht zurückhalten können. „Die Königin iſt krank!“ rief ſie,„die Königin leidet! Soll ich einen Arzt rufen?“ Die Königin öffnete die Augen; dieſe Frage von Frau von Tourzel antwortete auf das Verlangen ihrer Neugierde. „Ja, einen Arzt,“ erwiederte ſie,„den Doctor Gilbert, rufen Sie den Doctor Gilbert.“ „Wer iſt der Doetor Gilbert?“ fragte Frau von Tourzel. „Ein neuer Quartal⸗Arzt, der, glaube ich, geſtern bei ſeiner Ankunft von Amerika ernannt worden iſt.“ „Ich weiß, wen Ihre Majeſtät meint,“ bemerkte ſchüchtern eine von den Damen der Königin. „Nun?“ fragte Marie Antoinette. „Der Doctor iſt im Vorzimmer des Königs.“ „Sie kennen ihn alſo?“ „Ja, Eure Majeſtät,“ ſtammelte die Dame. „Woher kennen Sie ihn denn? Er iſt vor acht bis zehn Tagen von Amerika angekommen und hat geſtern erſt die Baſtille verlaſſen.“ „Ich kenne ihn.. „Antworten Sie. Woher kennen Sie ihn?“ fragte gebieteriſch die Königin. Die Dame ſchlug die Angen nieder. ſchlug 9 10 ⸗ 148 „Werden Sie ſich wohl entſchließen, mir zu ſagen, woher Sie ihn kennen?“ „Madame, ich habe ſeine Werke geleſen, und da mich ſeine Werke auf den Verfaſſer neugierig gemacht hatten, ſo ließ ich ihn mir dieſen Morgen zeigen.“ „Ah!“ verſetzte die Königin mit einem unbeſchreib⸗ lichen Ausdruck von Hochmuth und zugleich von Zu⸗ rückhaltung,„ah! es iſt gut, da Sie ihn kennen, ſo ſagen Sie ihm, ich ſei leidend, und ich wünſche ihn zu ſehen.“ Die Königin ließ mittlerweile ihre Frauen ein⸗ treten, zog ein Morgenkleid an und brachte ihre Coiffure wieder in Ordnung. XXXl. Der Arzt des Königs. Einige Minuten, nachdem die Königin ihr Be⸗ gehren ausgeſprochen, das diejenige, gegen welche ſie es geäußert, ſogleich vollzogen hatte, erſchien Gilbert, erſtaunt, leicht beunruhigt, tief bewegt, doch ohne daß ſich etwas auf der Oberfläche kundgab, vor Marie Antoinette.. Die edle und ſichere Haltung, die ausnehmende Bläſſe des Mannes der Wiſſenſchaft und der Einbil⸗ dungskraft, dem das Studium eine zweite Natur macht, eine Bläſſe noch erhöht durch den ſchwarzen Anzug ves dritten Standes, den zu tragen nicht nur alle Ab⸗ geordneten dieſes Standes, ſondern auch die Männer, welche die Grundſätze der Revolution angenommen hatten, ſich zur Pflicht machten; die feine, weiße Hand des Operateur in der einfachen gefältelten Muuſſe⸗ line, das ſo feine, ſo elegante, ſo wohl geformte Bein, daß Keiner am Hofe ein beſſer modellirtes den Kennern 149 und ſogar den Kennerinnen des Oeil⸗de⸗Boeuf zeigen konnte; bei Allem dem eine Miſchung von ſchüchterner Ehrfurcht für die Frau, von ruhiger Kühnheit gegen die Kranke, nichts für die Königin: dies waren die raſchen und deutlich geſchriebenen Nuancen, welche Marie Antoinette mit ihrem ariſtokratiſchen Verſtand in der Perſon des Doctor Gilbert in dem Augenblick zu leſen wußte, wo ſich die Thüre öffnete, um ihn in ihr Schlafzimmer einzulaſſen. Je weniger herausfordernd Gilbert in ſeinem Weſen war, deſto mehr fühlte die Königin ihren Zorn wachſen. Sie hatte ſich aus dieſem Menſchen einen widrigen Typus gemacht, ſie hatte ſich ihn natürlich und beinahe unwillkürlich einem jener Helden der Unver⸗ ſchämtheit ähnlich, wie ſie ſolche häufig um ſich ſah, vorgeſtellt. Den Urheber der Leiden von Andrée, dieſen Baſtard⸗Zögling von Rouſſeau, dieſe zum Mann ge⸗ wordene Mißgeburt, dirſen Doctor gewordenen Gärtner, dieſen Philoſoph und Seelenbändiger gewordenen Bäume⸗ Abrauper, Marie Antoinette ſtellte ſich ihn unwillkürlich unter den Zügen von Mirabeau, dem Mann, den ſie am meiſten nach dem Cardinal von Rohan und Lafayette haßte, vor. Ehe ſie Gilbert geſehen, hatte es ihr geſchienen, als bevürfte es eines materiellen Coloſſes, um dieſen evloſſalen Willen im Zaume zu halten. Als ſie aber einen jungen, geraden, ſchlanken Mann mit ungezwungenen, eleganten Formen ſah, ſchien ihr dieſer Mann das neue Verbrechen, durch ſein Aeußeres zu lügen, begangen zu haben. Gilbert, ein Menſch aus dem Volke, von dunkler, unbekannter Geburt, Gilbert, ein gemeiner Bauer, war in den Augen der RKönigin ſchuldig, ſich das äußere Weſen des Edelmannes und des guten Menſchen angemaßt zu haben. Die ſtolze Oeſter⸗ reicherin, die geſchworene Feindin der Lüge bei An⸗ dern, entrüſtete ſich und faßte plötzlich einen wüthenden 15⁰ Haß gegen das Atom, das ſo viele Beſchwerden zu ihrem Feinde machten. Ihre Vertrauten, diejenigen, welche in ihren Au⸗ gen das heitere Wetter oder den Sturm zu leſen ge⸗ wohnt waren, konnten leicht ſehen, daß ein Orkan voller Blitze und Donner in der Tiefe ihres Herzens tobte. Doch wie hätte ein menſchliches Geſchöpf, und wäre es eine Frau geweſen, unter dieſem Wirbel von Flam⸗ men von Zorn und Grimm der Spur der ſeltſamen entgegengeſetzten Gefühle folgen können, die im Gehirn der Königin an einander ſtießen und ihr die Bruſt von allen den tödtlichen Giften anſchwellten, welche Homer beſchreibt? Die Königin entließ mit dem Blick alle Welt, ſelbſt Frau von Miſery. Jedermann entfernte ſich. Die Königin wartete, bis die Thüre hinter der letzten Perſon zugemacht war; dann richtete ſie die Augen wieder auf Gilbert und bemerkte, daß er nicht aufgehört hatte, ſie anzuſchauen. So viel Kühnheit brachte ſie außer ſich. Dieſer Blick des Doctors war ſcheinbar harmlos, aber ſtät und fortdauernd, aber voll Abſicht, wurde er dergeſtalt läſtig, daß ſich Marie Antoinette genöthigt fühlte, gegen das Beſchwerliche deſſelben zu kämpfen. „Nun! mein Herr,“ ſagte ſie mit der Brutalität eines Piſtolenſchuſſes,„was ſtehen Sie ſo vor mir und ſchauen mich an, ſtatt mir zu ſagen, woran ich leide?“ Dieſe wüthende Anrede, verſtärkt durch die Blitze des Blickes, hätten jeden Höfling der Königin niederge⸗ ſchmettert, zu den Füßen von Marie Antvinette, um Gnade flehend, einen Marſchall von Frankreich, einen Helden, einen Halbgott fallen gemacht. Gilbert aber antwortete ruhig: „Durch die Augen, Madame, urtheilt der Arzt zuerſt. Wenn ich Eure Majeſtät, die mich hat rufen laſſen, anſchaue, ſo befriedige ich nicht eine leere Neu⸗ Keh 1 151 gierde, ich treibe mein Gewerbe, ich gehorche Ihren Befehlen.“ „So haben Sie mich ſtudirt?“ „So viel es in meiner Macht war, Madame.“ „Bin ich krank?“ „Nicht in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Eure Majeſtät leidet an einer Ueberreizung.“ „Ah! ah!“ verſetzte Marie Antoinette ſpöttiſch, „warum ſagen Sie nicht ſogleich, ich ſei zornig?“ „Eure Majeſtät erlaube mir, da ſie einen Arzt hat kommen laſſen, daß ſich der Arzt des medieiniſchen Ausdruckes bedient.“ „Gut. Und warum dieſe Ueberreizung?“ „Eure Majeſtät hat zu viel Geiſt, um nicht zu wiſſen, daß der Arzt das materielle Uebel mittelſt ſeiner Erfahrungen und der Ueberlieferungen des Studiums erräth, daß er aber kein Wahrſager iſt, um beim erſten Anblick die menſchlichen Seelen zu ſondiren.“ „Damit meinen Sie, beim zweiten oder dritten Male könnten Sie ſagen, nicht nur, was ich leide, ſondern auch, was ich denke?“ „Vielleicht, Madame,“ erwiederte Gilbert kalt. Die Königin hielt bebend inne; man ſah auf ihren Lippen das Wort bereit, brauſend und zerfreſſend hervorzuſpringen. Sie bezwang ſich. „Man muß Ihnen glauben,“ ſagte ſie,„Ihnen, einem gelehrten Mann.“ Und ſie betonte dieſe letzten Worte mit einer ſo blutigen Verachtung, daß auch das Auge von Gilbert ſich vom Feuer des Zorns zu erleuchten ſchien. Doch eine Secunde des Kampfes genügte für dieſen Mann, daß er ſich den Sieg gab. Die Stirne ruhig und das Wort frei, antwortete er alsbald: „Eure Majeſtät iſt zu gut, daß ſie mir das Patent 1⁵² eines gelehrten Mannes bewilligt, ohne mein Wiſſen erprobt zu haben.“ Die Königin biß ſich auf die Lipven. „Sie begreifen, daß ich nicht weiß, ob Sie gelehrt ſind,“ erwiederte ſie,„aber man behauptet es, und ich ſage es aller Welt nach.“ „Ei!“ prach Gilbert ehrerbietig, während er ſich tiefer verbeugte, als er es vorher gethan hatte,„Eure Majeſtät, ein Verſtand wie der Ihrige ſoll nicht blindlings wiederholen, was der gemeine Haufen be⸗ hauptet.“ „Sie wollen ſagen, das Volk?“ verſetzte die Kö⸗ nigin übermüthig. „Der gemeine Haufen, Madame,“ erwiederte Gilbert mit einer Feſtigkeit, die das Herz der für unbekannte Bewegungen ſo ſchmerzlich empfänglichen Frau beben machte. wir nicht hierüber,“ ſagte ſie.„Man nennt Sie gelehrt, das iſt das Weſentliche. Wo haben Sie ſtudirt?“ „Ueberall, Madame.“ „Das iſt keine Antwort.“ „Nirgends alſo.“ „Ich höre das lieber. Sie haben nirgends ſtudirt?“ „Wie es Ihnen beliebt, Madame,“ antwortete der Doctor, ſich verbeugend.„Und dennoch iſt das minder genau, als zu ſagen: überall.“„ „So antworten Sie,“ rief die Königin außer ſich, „und ich bitte beſonders, Herr Gilbert, verſchonen Sie mich mit dieſen Phraſen.“ Dann füate ſte bei, als ſpräche ſie mit ſich ſelbſt: „Ueberall! überall! Was ſoll das bedeuten? Das iſt das Wort eines Charlatan, eines Empirikers, eines Arztes der öffentlichen Plätze. Beabſichtigen Sie etwa, mir durch großartig klingende Eylben zu imponiren?“ Und mit glühenden Augen und bebenden Lippen ſtreckte ſie einen Fuß aus. — 2 er er h, ie as es a, 2 en 15⁵3 „Ueberall! führen Sie an, Herr Gilbert, führen Sie Einzelnes an.“ „Ich habe geſagt, überall,“ antwortete Gilbert kalt, „weil ich in der That überall ſtudirt habe, im Palaſt und in der Hütte, in der Stadt und in der Wüſte, an uns und am Thier, an mir und an Andern, wie es ſich geziemt für einen Mann, der die Wiſſenſchaft liebt und ſie überall nimmt, wo ſie iſt, das heißt überall.“ Beſiegt, ſchleuderte die Königin Gilbert einen furcht⸗ baren Blick zu, indeß der Doctor ſeinerſeits ſie mit einer in Verzweiflung ſetzenden Starrheit anſchaute. Sie ſchüttelte ſich krampfhaft und warf, indem ſie ſich umwandte, den kleinen Gueridon um, auf weſchem man ihr ihre Chocolade in einer Taſſe von Sovres ſervirt hatte. Gilbert ſah den Tiſch fallen, ſah die Taſſe zer⸗ brechen, rührte ſich aber nicht. Die Röche ſtieg Marie Antvinette zu Geſichte; ſie fuhr mit einer kalten, feuchten Hand an ihre brennende Stirne und war im Begriff, die Augen abermals zu Gilbert aufzuſchlagen, wagte es aber nicht. Nur ſchützte ſie für ſich ſelbſt eine Verachtung vor, welche größer als der Uebermuth. „Und unter welchem Meiſter haben Sie ſtudirt?“ fuhr die Königin das Geſpräch da, wo ſie es gelaſſen hatte, wieberaufnehmend fort: „Ich weiß nicht, wie ich Eurer Majeſtät ant⸗ worten ſoll, ohne Gefahr zu laufen, ſie abermals zu verwunden.“ Die Königin fühlte den Vortheil, den ihr Gilbért geboten, und warf ſich darauf wie eine Löwin. „Mich verwunden! Sie mich verwunden!“ rief ſie. Oh! mein Herr, was ſagen Sie da. Sie eine Köni⸗ gin verwunden! Sie täuſchen ſich, das ſchwöre ich Ihnen. Ah! Herr Doctor Gilbert, Sie haben die franzöfiſche Sprache nicht an ſo guten Quellen ſtudirt, 1⁵4 wie die Arzneikunde. Man verwundet die Leute von meinem Stande nicht, Herr Doctor Gilbert, man er⸗ müdet ſie nur.“ Gilbert verbeugte ſich und machte einen Schritt nach der Thüre, doch ohne daß es der Königin möglich war, in ſeinem Geſicht die geringſte Spur von Zorn, das kleinſte Zeichen von Ungeduld zu entdecken. Die Königin ſtampfte im Gegentheil vor Wuth mit dem Fuß; ſie machte einen Sprung, als wollte ſie Gilbert zurückhalten. Er begriff. „Verzeihen Sie, Madame,“ ſagte er.„Es iſt wahr, ich hatte das unverzeihliche Unrecht, zu vergeſſen, daß ich als Arzt vor eine Kranke gerufen bin. Entſchul⸗ digen Sie: ich werde mich fortan deſſen erinnern.“ Und er blieb. „Eure Majeſtät,“ fuhr er fort,„ſcheint mir einer Nervenkriſe nahe zu ſein. Ich möchte ſie bitten, ſich dem nicht hinzugeben; hald wäre ſie nicht mehr Mei⸗ ſterin darüber. In dieſem Augenblick muß der Puls ſtocken, das Blut fließt zum Herz zurück: Eure Maje⸗ ſtät leidet, Eure Majeſtät iſt dem Erſticken nahe, und vielleicht wäre es klug, wenn ſie eine von ihren Frauen rufen ließe.“ Die Königin ging einmal im Zimmer auf und ab, ſetzte ſich dann wieder und fragte?“ „Sie heißen Gilbert?“ „Gilbert, ja, Madame.“ „Das iſt ſeltſam! Ich habe eine Jugenderinnerung, deren ſonderbare Exiſtenz Sie ohne Zweifel, wenn ich ſie Ihnen ſagte, ſehr verwunden würde. Doch gleich⸗ viel! verwundet, würden Sie ſich heilen, Sie, der Sie nicht minder ſolider Philoſoph, als gelehrter Arzt find,“ fügte die Königin bei. Und ſie lächelte ſpöttiſch. „So iſt es gut, Madame,“ ſagte Gilbert,„lächeln Sie und bezähmen Sie allmälig Ihre Nerven durch e———— — — 15⁵ den Spott. Es iſt eines der ſchönſten Vorrechte des verſtändigen Willens, ſich ſo ſelbſt zu befehlen. Be⸗ zähmen Sie, Madame, bezähmen Sie, doch ohne zu zwingen.“ Dieſe Vorſchrift des Arztes wurde mit einem ſo freundlichen und gutmüthigen Weſen gegeben, daß die Königin, obgleich ſie die Jronie fühlte, über das, was Gilbert ihr geſagt, nicht böſe werden konnte. Nur nahm ſie den Angriff wieder auf, wo ſie ſich darin unterbrochen hatte, und ſprach: „Hören Sie alfo die Jugenderinnerung, von der ich rede.“ 5 Gilbert verbeugte ſich, um zu bezeichnen, daß er öre. Die Königin raffte ſich zuſammen, heftete ihren Blick auf den ſeinigen und ſagte: „Ich war damals Dauphine und wohnte in Trianon. Es war in den Gärten ein kleiner, ganz ſchwarzer, ganz erdfarbiger, ganz verdrießlicher Junge, eine Art von kleinem Jean Jacques, der mit ſeinen gekrümmten Pfoten gätete, abraupte, grub. Er hieß Gübert.“ .„Das war ich, Madame,“ ſagte der Doctor phleg⸗ matiſch. „Sie?“ verſetzte Marie Antvinette mit einem Aus⸗ drucke des Haſſes.„Ich hatte alſo Recht! Sie ſind alſo kein Mann der Studien!“ „Ich denke, da Eure Majeſtät ein ſo gutes Ge⸗ dächtniß hat, ſo erinnert ſie ſich wohl auch der Epoche,“ ſagte Gilbert.„Es war, wenn ich mich nicht täuſche, im Jahr 1772, als der kleine Gärtnerjunge, von dem Eure Majeſtät ſpricht, die Erde in den Blumenbeeten von Trianon umgrub, um ſeinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wir ſind im Jahre 1789. Die Dinge, welche Sie berühren, Madame, ſind folglich vor ſieb⸗ zehn Jahren vorgefallen. Das ſind viele Jahre in der Zeit, in der wir leben. Das iſt mehr, als man braucht, um aus einem Wilden einen Gelehrten zu machen; die 156 Seele und der Geiſt functioniren raſch in gewiſſen Verhältniſſen, wie die Pflanzen und die Blumen raſch im warmen Gewächshaus treiben; die Revolutionen, Madame, find die warmen Treibhäuſer der Intelligenz. Eure Majeſtät ſchaut mich an, und trotz der Schärfe ihres Blickes bemerkt ſie nicht, daß das Kind von ſechszehn Jahren nunmehr ein Mann von dreiund⸗ dreißig iſt; ſie hat alſo Unrecht, ſich zu wundern, daß der unwiſſende, der unſchuldige kleine Gilbert unter dem Hauche von zwei Revolutionen ein Gelehrter und ein Philoſoph geworden iſt.“ „Unwiſſend, das mag ſein, doch unſchuldig, un⸗ ſchuldig haben Sie geſagt,“ rief wüthend die Königin, „ich glaube, Sie haben den kleinen Gilbert unſchuldig genannt!“ „Habe ich mich getäuſcht, Madame, oder dieſen kleinen Knaben mit einer Eigenſchaft begabt, die er nicht beſaß, ſo begreife ich nicht, inwiefern Eure Ma⸗ jeſtät beſſer als ich wiſſen kann, daß er den entgegen⸗ geſetzten Fehler hatte.“ „Oh! das iſt etwas Anderes,“ ſagte die Königin verdüſtert;„vielleicht werden wir eines Tages hievon ſprechen; doch mittlerweile, ich bitte Sie, kommen wir auf den Mann zurück, auf den gelehrten Mann, auf den vervollkommneten Mann, auf den vollkommenen Mann, den ich vor Augen habe.“ Dieſes Wort vollkommen nahm Gilbert nicht auf. Er begriff zu ſehr, daß es eine neue Beleidigung war. „Kommen wir auf ihn zurück, Madame,“ ant⸗ wortete Gilbert einfach,„und ſagen Sie, in welcher Abſicht ihm Eure Majeſtät hat Befehl geben laſſen, bei ihr zu erſcheinen.“ „Sie ſchlagen ſich zum Arzt des Königs vor. Sie begreifen aber, mein Herr, daß mir die Geſundheit meines Gemahls zu ſehr am Herzen liegt, um ſie einem Manne anzuvertrauen, den ich nicht ganz genau kenne.“ „Ich habe mich vorgeſchlagen, Madame, und ich —-——— —— 157 bin angenommen worden, ohne daß Eure Majeſtät mit Recht den geringſten Verdacht hinſichtlich meiner Fähig⸗ keit oder meines Eifers faſſen kann. Ich bin haupt⸗ ſächlich politiſcher Arzt, Madame, empfohlen durch Herrn Necker. Was das Uebrige betrifft, wenn der König je meiner Wiffenſchaft bedarf, ſo werde ich ihm ein guter phyſiſcher Arzt ſein, ſo weit das menſchliche Wiſſen dem Werke des Schöpfers zu nützen vermag. Was ich aber beſonders dem König ſein werde, Ma⸗ dame— außer dem guten Rath und dem guten Arzt— das iſt ein guter Freund.“ „Ein guter Freund!“ rief die Königin mit einem neuen Ausbruch von Verachtung;„Sie, mein Herr, ein Freund des Königs!“ „Sicherlich,“ antwortete Gilbert ruhig;„warum nicht, Madame?“ „Ah! ja, immer kraft Ihrer geheimen Gewalten, mit Hülſe Ihrer verborgenen Wiſſenſchaft,“ murmelte ſie.„Wer weiß? wir haben die Jacques und die Maillotin geſehen; wir kehren vielleicht zum Mittel⸗ alter zurück! Sie rufen die Liebestränke und die Zauber⸗ mittel wieder in's Leben. Sie werden Frankreich durch die Magie regieren; Sie werden Fauſt oder Nicolas Flamel ſein.“ „Ich habe dieſe Anmaßung nicht, Madame.“ „Ei! daß Sie ſie nicht haben, mein Herr! Wie viel Ungeheuer, noch grauſamer als die der Gärten von Armida, noch grauſamer als Cerberus, würden Sie auf der Schwelle unſerer Hölle einſchläfern! Als ſie das Wort ſprach: Sie würden einſchlä⸗ fern, heftete die Königin ihren Blick forſchender als je auf den Doctor. Diesmal erröthete Gilbert unwillkürlich. Das war eine unbeſchreibliche Freude für Marie Antoinette. Sie fühlte, daß diesmat der Schlag, den ſie gethan, eine wahre Wunde gemacht hatte. „Denn ſie ſchläfern ein,“ fuhr ſie ſort;„Sie, der Sie überall und über Alles ſtudirt haben, Sie haben ohne Zweifel die Wiſſenſchaft des Magnetismus mit den Einſchläferern unſeres Jahrhunderts ſtudirt, mit dieſen Leuten, welche aus dem Schlafe einen Verrath nuhtn und ihre Geheimniſſe im Schlafe eines Andern eſen?“ „In der That, Madame, ich habe oft und lange unter dem gelehrten Caglioſtro ſtudirt.“ „Ja, unter demjenigen, welcher dieſen moraliſchen Diebſtahl, von dem ich ſo eben ſprach, ausübte und ſeine Adepten ausüben ließ, unter demjenigen, welcher mit Hülfe dieſes magiſchen und, wie ich ihn nennen werde, ſchändlichen Schlafes den Einen die Seelen, den Andern die Leiber nahm.“ Gilbert begriff abermals und erbleichte diesmal, ſtatt zu erröthen. Die Königin bebte darob vor Freude bis in die Tiefe ihres Herzens. „Ah! Elender,“ murmelte ſie,„ich habe Dich auch verwundet und ich ſehe das Blut.“ Doch die tiefſten Gemüthsbewegungen blieben nicht lange ſichtbar auf dem Antlitz von Gilbert. Er näherte ſich der Königin, die ihn, freudig über ihren Sieg, vermeſſen anſchaute. „Madame,“ ſagte er,„Eure Majeſtät hätte ſehr Unrecht, den gelehrten Männern, von denen Sie ſprechen, die ſchönſte Apanage ihrer Wiſſenſchaft, dieſe Macht, nicht Opfer, ſondern Unterthanen durch den magnetiſchen Schlaf einzuſchläfern, ſtreitig zu machen; ſie hätte beſonders Unrecht, ihnen ihr Recht ſtreitig zu machen, durch alle mögliche Mittel eine Entdeckung zu verfolgen, deren Geſetze, einmal anerkannt und geregelt, vielleicht berufen ſind, die Welt zu revolutioniren.“ Während er ſich der Königin näherte, hatte ſie Gilbert ebenfalls mit jener Willensmacht angeſchaut, der die nervöſe Andrée unterlegen war. Die Königin fühlte, daß ein Schauer ihre Adern bei der Annäherung dieſes Mannes durchlief, S S— 8— — — 1⁵9 „Schande!“ ſagte ſie,„Schande über die Menſchen, welche gewiſſe finſtere und geheime Praktiken mißbrau⸗ chen, um die Seelen oder die Leiber zu verderben.. Schande über dieſen Caglivſtro!“ „Oh!“ erwiederte Gilbert mit einem gefühlvollen Ausdruck,„hüten Sie ſich, Mabame, mit ſo viel Strenge die Fehler zu beurtheilen, welche die menſchlichen Ge⸗ ſchöpfe begehen.“ „Mein Herr!“ „Jedes menſchliche Geſchöpf, Madame, iſt dem Irrthum unterworfen; jedes Geſchöpf ſchadet dem Ge⸗ ſchöpfe, und ohne den individuellen Egoismus, der die allgemeine Sicherheit bildet, wäre die Welt ein weites Schlachtfeld. Diejenigen ſind die Beſten, welche gut find, das iſt das Ganze. Andere würden Ihnen ſagen: Diejenigen ſind die Beſten, welche minder ſchlecht ſind. Die Nachſicht muß größer ſein, Madame, je höher der Richter ſteht. Von dem Throne herab, wo Sie ſind, haben Sie weniger als irgend Jemand das Recht, ſtreng gegen die Fehler Anderer zu ſein. Auf dem Throne der Erde ſeien Sie die höchſte Nachſicht, wie auf dem Throne des Himmels Gott die höchſte Barm⸗ herzigkeit iſt.“ „Mein Herr, ich ſchaue mit einem andern Auge als Sie meine Rechte und beſonders meine Pflichten an: ich bin auf dem Throne, um zu ſtrafen und zu belohnen.“ „Ich glaube nicht, Mabame. Meiner Anſicht nach ſind Sie, Frau und Königin, auf dem Thron, um zu verſöhnen und zu verzeihen.“ „Ich denfe, Sie moraliſtren nicht, mein Herr.“ „Sie haben Recht, Madame, und ich antworte nur Eurer Majeſtät. Dieſer Caglioſtro, zum Beiſpiel, von dem Sie vorhin ſprachen und dem Sie finſ ſchaft ſtreitig machten, ich entfinne mich, un das iſt eine Erinnerung aus früherer Zeit, als ihre Erinnerung von Trianon,— ich entſinne mich, daß er in den Gär⸗ 160 ten des Schloſſes Taverney Gelegenheit hatte, der Dau⸗ phine von Frankreich eine Probe von dieſer Wiſſenſchaft, ich weiß nicht, welche, zu geben, von der ſie ein tiefes Andenken bewahrt haben muß, denn dieſe Probe hatte einen grauſamen Eindruck auf ſle gemacht, dergeſtalt, daß ſie in Ohnmacht fiel.“ Glbert ſchlug auch; er ſchlug allerdings auf den Zufall, doch der Zufall bediente ihn, und er ſchlug ſo richtig, daß die Königin entſetzlich bleich wurde. „Ja,“ ſagte ſie mit einer heiſeren Stimme,„ja, er hat mich im Traume eine abſcheuliche Maſchine ſehen laſſen; doch bis jetzt wüßte ich nicht, daß dieſe Maſchine in Wirklichkeit exiſtirt.“ „Ich weiß nicht, was er Sie hat ſehen laſſen, Madame,“ erwiederte Gilbert, zufrieden mit der Wir⸗ kung, die er hervorgebracht;„doch ich weiß, daß man den Gelehrtemitel einem Mann nicht abſtreiten kann, der über andere Menſchen, ſeines Gleichen, eine ſolche Gewalt ausübt.“ „Seines Gleichen..“ murmelte verächtlich die Königin. „Es mag ſein, ich täuſche mich,“ verſetzte Gilbert, „und ſeine Macht iſt um ſo größer, als er zu ſeinem Niveau, unter dem Joche der Angſt, den Kopf der Könige und der Fürſten der Erde niederbeugt.“ „Schändlich! ſchändlich ſind diejenigen, ſage ich Ihnen, welche die Schwäche oder die Leichtglänbigkeit mißbrauchen.“ „Schändlich, ſagen Sie, ſeien diejenigen, welche von der Wiſſenſchaft Gebrauch machen?“ „Chimären, Lügen, Erbärmlichkeiten!“ „Was will das beſagen?“ fragte Gilbert ruhig „Das will beſagen, daß Caglioſtro ein erbärmlicher Charkatgn, und daß ſein angeblicher magnetiſcher Schlaf ein Vebrechen iſt.“ „Ein Verbrechen!“ „Ja, ein Verbrechen,“ fuhr die Königin fort, —— — n„„ S§„— t, 6 te en ſo a, ne ſe n, ir⸗ an n, che die rt, em der ich eit 5 her af ort, 161 denn er iſt das Reſultat eines Trankes, einer Vergif⸗ tung, deren Urheber die menſchliche Gerechtigkeit, welche ich vertrete, zu erreichen und zu beſtrafen wiſſen wird.“ „Madame,“ verſetzte Gilbert mit derſelben Geduld, „Nachſicht, wenn ich bitten darf, für diejenigen, welche in dieſer Welt gefehlt haben.“ „Ah! Sie geſtehen alſo?“ Die Königin täuſchte ſich und glaubte nach der Sanftheit der Stimme von Gilbert, er flehe fur ſich ſelnſt. Sie täuſchte ſich; das war ein Vortheil, den ſich Gilbert wohlweislich nicht enſſchlüpfen ließ. „Wie!“ rief er, ſein entflammtes Auge, unter dem Marie Antvinette ihre Augen wie bei dem R flexe eines Sonnenſtrahls niederzuſchlagen genöthigt war, weit öffnend. Die Königin war verblüfft, ſtrengte ſich aber gegen ſich ſelbſt an und ſagte: „Man fragt eine Königin ebenſo wenig, als man ſie verwundet, erfahren Sie dies aberma's, Sie, der Sie Ankömmling bei Hofe ſind; doch Sie ſprachen, wie mir ſcheint, von denjenigen, welche gefehlt haben, und verlangten Nachſicht von mir.“ „Ach! Madame, welches iſt das vorwurfsfreie menſchliche Geſchöpf? dasjenige, welches ſich ſo gut in dem tiefen Rückenſchild ſeines Gewiſſens zu verſchließen gewußt hat, daß der Blick der Anderen nicht einzu⸗ dringen im Stande geweſen iſt. Das iſt es, was man häufig die Tugend nennt. Seien Sie nachſichtig, Madame.“ „Hienach,“ verſetzte unklug die Koͤnigin,„hienach gibt es alſo keine tugendhafte Geſchöpfe für Sie, mein Herr, für Sie, den Zögling der Männer, deren Blick die Wahrheit aus der Tiefe der Gewiſſen hervorholt?“ „Das iſt wahr, Madame.“ Sie brach in ein Gelächter aus, ohnen entfernt darauf bedacht zu ſein, die Verachtung, die dieſes Ge⸗ lächter in ſich ſchloß, zu verbergen. Ange Pitou. 1U. 11 „Oh! ich bitte, mein Herr,“ rief ſie,„wollen Sie ſich doch erinnern, daß Sie nicht auf einem öffentlichen Platze mit blövſinnigen Bauern oder Patrivten ſprechen.“ „Ich weiß, mit wem ich ſpreche, Madame, glauben Sie mir das,“ erwiederte Gilbert. „Dann mehr Achtung, mein Herr, oder mehr Geſchick⸗ lichkeit, durchgehen Sie ſelbſt Ihr ganzes Leben, ſondiren Sie die Tiefen dieſes Gewiſſens, das trotz ihres Genies und ihrer Erfahrung die Männer, welche überall gear⸗ beitet haben, ais das Gemeingut der Sterblichen be⸗ ſitzen müſſen; erinnern Sie ſich wohl Alles deſſen, was Sie Niedriges, Schävliches, Strafbares gedacht, Alles deſſen, was Sie an Grauſamkeiten, an Attentaten, an Verbrechen ſogar begangen haben können. Unterbrechen Sie mich nicht, und wenn Sie die Summe von Allem dem gemacht haben werden, Herr Doctor, ſo beugen Sie das Haupt, werden Sie demüthig, nähern Sie ſich nicht mit dieſem frechen Stolz der Wohnung der Könige, welche, wenigſtens bis zu einer neuen Ordnung der Dinge, von Gott eingeſetzt find, um die Seelen der Verbrecher zu ergründen, die Falten der Gewiſſen zu ſondiren, und ohne Mitleid, wie ohne Appellation, die Strafen auf die Schulvigen anzuwenden.... Das iſt es, mein Herr, was ſich für Sie zu thun geziemt,“ fuhr die Königin fort.„Man wird Ihnen für Ihre Reue Dank wiſſen. Glauben Sie mir, das beſte Mittel, eine Seele, welche ſo krank iſt, wie die Ihrige, zu heilen, wäre, in der Einſamkeit zu leben, fern von den Größen, die den Menſchen falſche Ideen von ihrem eigenen Werthe ge⸗ ben. Ich würde Ihnen alſo rathen, ſich nicht dem Hofe zu nähern und darauf zu verzichten, den König bei ſeinen Krankheiten zu pflegen. Sie haben eine Kur zu machen, für die Ihnen Gott mehr Dank wiſſen wird, als für irgend eine fremde Kur: die Ihrige. Das Alterthum hatte ein Sprüchwort hierüber: lpse cura medici.“ Statt ſich gegen dieſen Vorſchlag zu empören, den Sie hen n.“ ben ick⸗ ren ies ar⸗ be⸗ vas lles an hen lem gen ura den ige, 163 die Königin als den unangenehmſten der Schlüſſe be⸗ trachtete, antwortete Gilbert mit ſanftem Ton: „Madame, ich habe ſchon Alles gethan, was mir Eure Majeſtät zu thun empfiehlt.“ „Und was haben Sie gethan, mein Herr?“ „Ich habe nachgedacht.“ „Ueber Sie ſelbſt?“ „Ueber mich, ja, Madame.“ „Und in Beziehung auf Ihr Gewiſſen?“ „Beſonders in Beziehung auf mein Gewiſſen, Madame.“ „Glauben Sie dann, ich ſei hinreichend von dem unterrichtet, was Sie darin geſehen haben?“ „Ich weiß nicht, was mir Eure Majeſtät ſagen will, doch ich begreife es; wie oft muß ein Menſch von meinem Alter Gott beleidigt haben!“ „Wahrhaftig, Sie ſprechen von Gott?“ „Ja. „Sir?“ „Warum nicht?“ * Ein Philoſoph! Glauben die Philoſophen an ott?“ „Ich ſpreche von Gott und glaube an ihn.“ „Und Sie entſernen ſich nicht?“ „Nein, ich bleibe, Madame.“ „Herr Gilbert, nehmen Sie ſich in Acht,“ rief die Königin. Und ihr Geſicht nahm einen unbeſchreiblichen Aus⸗ druck von Drohung an. „Oh! ich habe wohl nachgedacht, Madame, und durch dieſe Reflerionen bin ich dahin gekommen, daß ich weiß, daß ich nicht weniger werth bin, als ein Anderer: Jeder hat ſeine Sunden. Ich habe dieſes Ariom gelernt, nicht, indem ich die Bucher durchblät⸗ terte, ſondern indem ich das Gewiſſen Anderer durch⸗ forſchte.“ 11* 164 „Es iſt univerſell und unfehlbar, nicht wahr?“ verſetzte die Königin ſpottend. „Ach! Madame, wenn nicht univerſell, wenn nicht unfehlbar, ſo doch wenigſtens ſehr geſchickt im menſch⸗ lichen Elend, ſehr erprobt in tiefen Schmerzen. Und das iſt ſo wahr, daß ich Ihnen ſagen würde,— wenn ich nur den Kreis Ihrer ermüdeten Augen ſähe, wenn ich nur die Linie ſähe, die ſich von einer Ihrer Brauen zur andern zieht, wenn ich nur die Falte ſähe, welche die Winkel Ihres Mundes zuſammenzieht,— ich würde Ihnen ſagen, Madame, wie viel ſtrenge Prüfungen Sie ausgeſtunden haben, wie oft Ihr Herz vor Bangigkeit geſchlagen, wie viel geheimen Freuden dieſes Herz ſich hingegeben hat, um getäuſcht zu erwachen. Ich werde Ihnen dies Alles ſagen, Madame, wenn Sie es haben wollen. Ich werde es Ihnen ſagen, ſicher, nicht Lügen geſtraſt zu werden; ich werde es Ihnen ſagen, auf Sie einen Blick heftend, der leſen kann und wiil; und wenn Sie das Gewicht dieſes Blickes gefühlt, wenn Sie das Blei dieſer Neugierde in die Tieſe Ihrer Seele eindringen gefühlt haben werden, wie das Meer das Blei der Sonde fuhlt, die ſeine Abgründe theilt, dann werden Sie begreifen, daß ich viel vermag, Ma⸗ dame, und daß man mir, wenn ich ſtille ſtehe, Dank wiſſen muß, ſtatt mich zum Kriege herauszufordern.“ Dieſe Sprache, unterſtützt durch eine entſetzliche Starrheit des Willens der Herausforderung des Man⸗ nes gegen die Frau; dieſe Verachtung aller Ciguette in Gegenwart der Königin machten einen unbeſchreib⸗ lichen Eindruck auf Marie Antvinette. 3 Sie fühlte es wie einen Nebel auf ihre Stirne fallen und ihre Ideen vereiſen; ſie fuhlte ihren Haß in Schrecken verwandelt, ließ ihre erſchwerten Hände fallen und machte einen Schritt rückwärts, um der Annäherung dieſer unbekannten Gefahr zu entfliehen. „Und nun, Madame,“ ſprach Gilbert, der klar ſah, b was in ihr vorging,„begreifen Sie, daß es mir ſehr S —— c— — 8—— ——-—„ ehr 165 leicht iſt, zu erfahren, was Sie vor aller Welt verber⸗ gen und was Sie ſogar vor ſich ſelbſt verbergen; be⸗ greifen Sie, daß es mir leicht iſt, Sie auf dieſem Stuhle auszuſtrecken, den Ihre Finger inſtinetartig ſuchen, um eine Stütze daran zu finden.“ „Oh!“ machte die Königin erſchrocken, denn ſie fühlte unbekannte Schauer bis in ihr Herz eindringen. „Ich darf nur in mir ein Wort ſagen, das ich nicht ſagen will,“ fuhr Gilbert fort,„ich darf nur einen Willen formen, auf den ich verzichte, und Sie fallen nieder⸗ gedonnert in meine Gewalt. Sie zweifeln, Madame; oh! zweifeln Sie nicht, Sie würden mich viell⸗icht verſuchen, und wenn Sie mich einmal verſuchen! Doch nein, nicht wahr, Sie zweifeln nicht?“ Halb zurückgeworfen, keuchend, beklommen, ver⸗ wirrt, klammerte ſich die Königin an der Lehne ihres Stuhles an mit der Energie der Verzweiflung und der Wuth einer unnützen Vertheidigung. „Oh!“ fuhr Gilbert fort,„glauben Sie mir, Ma⸗ dame, wenn ich nicht der ehrerbietigſte, der ergebenſte, der fußfälligſte Ihrer Unterthanen wäre, ſo würde ich Sie durch ein furchtbares Erperiment überzeugen. Oh! ſeien Sie unbeſorgt. Ich neige mich in Demuth, ſage ich Ihnen, mehr noch vor der Frau, als vor der Köni⸗ gin. Ich zittere, einen Gedanken zu haben, der Ihren Gedanken nur oberflächlich berührt, ich würde mich eher tödten, als daß ich Ihre Seele zu beengen ſuchte.“ „Mein Herr, mein Herr,“ rief die Königin, indem ſie mit ihren Armen die Luft ſchlug, als wollte ſie Gil⸗ bert, der mehr als drei Schritte von ihr entfernt ſtand, 8 zurückſtoßen. 1„Und dennoch haben Sie mich in die Baſtille ein⸗ ſperren laſſen,“ fuhr Gilbert fort.„Sie bedauern es nur, daß ſie erſtürmt iſt, weil das Volf, indem es die⸗ ſelbe erſtürmte, mir die Thore geöffnet hat. Ihr Haß bricht in Ihren Augen gegen einen Mann aus, dem Sie perſönlich nichts vorzuwerfen haben. Und ſehen 166 Sie, ſehen Sie, ich fühle es, ſeildem ich den Einfluß abſpanne, mit welchem ich Sie im Zaume hielt, wer weiß, ob Sie nicht den Zweifel mit dem Athem wieder aufnehmen.“ In der That, ſeitdem ihr Gilbert mit den Augen und mit der Hand zu befehlen aufgehört, hatte ſich Marie Antvinette beinahe drohend wieder erhoben, wie der Vogel, der, von der Erſtickung der Luftpumpe be⸗ freit, ſeinen Geſang und ſeinen Flug wieder zu begin⸗ nen verſucht. „Ah! Sie zweifeln; Sie ſpotten; Sie verachten. Soll ich Ihnen denn eine entſetzliche Idee ſagen, die mir burch den Kopf gegangen iſt? Hören Sie, was ich zu thun im Begriffe war: Madame, ich verurtheilte Sie, mir Ihre innerſten Leiden, Ihre verborgenſten Gedanken zu enthüllen; ich nöthigte Sie, dieſelben hier auf dieſem Tiſch, den Sie in dieſem Augenblick berühren, aufzuſchreiben; und wenn Sie ſpäter erwacht zu ſich gekommen wären, hätte ich Ihnen durch Ihre Handſchrift bewieſen, wie wenig chimäriſch die Macht iſt, die Sie zu beſtreiten ſcheinen; wie ächt beſonders die Geduld, ſoll ich es ſagen? ja, ich werde es ſagen, die Großmuth des Mannes iſt, den Sie beleidigt haben, den Sie ſeit einer Stunde beleidigen, ohne daß er Ihnen einen Augenblick das Recht oder den Vorwand dazu gegeben hat.“ „Mich nöthigen, zu ſchlafen, mich zwingen, im Schlafe zu ſprechen, mich!“ rief die Königin, völlig erbleichend,„Sie hätten das gewagt, mein Herr? Kennen Sie den Umfang der Drohung, die Sie gegen mich ausſprechen? Das iſt ein Verbrechen der beleidig⸗ ten Majeſtät, mein Herr. Bedenken Sie, das iſt ein Verbrechen, welches ich, ſobald ich wieder erwacht und in den Beſitz meiner ſelbſt gelangt wäre, mit dem Tode hätte beſtrafen laſſen.“ „Madame,“ erwiederte Gilbert, mit dem Blicke die ſchwindelhafte Aufregung der Königin verfolgend, 8=— eee ß er er 167 „beeilen Sie ſich nicht, anzuklagen und beſonders zu drohen. Gewiß hätte ich Eure Majeſtät eingeſchläfert. Gewiß hätte ich der Frau alle ihre Geheimniſſe ent⸗ riſſen, doch glauben Sie mir, ſicherlich wäre es nicht bei einer Gelegenheit, wie dieſe, geſchehen, es wäre nicht bei einem Alleinſein der Königin mit ihrem Un⸗ terthan, der Frau mit einem fremden Mann geſchehen; nein, ich hätte die Königin eingeſchläfert, das iſt wahr, und nichts wäre mir keichter geweſen; doch ich hätte mir nicht erlaubt, ſie einzuſchläfern, ich hätte mir nicht ſtubt⸗ ſie ſprechen zu machen, ohne einen Zeugen zu aben.“. „Einen Zeugen?“ „Ja, Madame, einen Zeugen, der getreu alle Ihre Worte, alle Ihre Geberden, kurz alle Einzelnheiten der Scene, die ich hervorgerufen, aufgenommen hätte, um Ihnen ſelbſt nach Vollendung dieſer Scene nicht einen Augenblick einen Zweifel zu laſſen.“ „Einen Zeugen?“ wiederholte die Königin erſchro⸗ cken,„und wer wäre dieſer Zeuge geweſen? Bedenken Sie, mein Herr, das Verbrechen würde ſich verdoppelt haben, denn in dieſem Fall hätten Sie ſich einen Ge⸗ noſſen beigeſellt.“ „Und wenn dieſer Genoſſe, Madame, kein anderer, als der König geweſen wäre?“ verſetzte Gilbert. „Der König?“ rief Marie Antvinette mit einem Schrecken, der die Gattin energiſcher verrieth, als es das Bekenntniß der Somnambule hätte thun können. „Oh! Herr Gilbert! Herr Gilbert!“ „Der König,“ fügte Gilbert ruhig bei,„der König, Ihre Stütze, Ihr nakürlicher Vertheidiger, der König, der Ihnen bei Ihrem Erwachen, Madame, erzählt hätte, wie ehrerbietig und ſtolz zugleich ich der verehrteſten der Fürſtinnen meine Wiſſenſchaft beweiſend geweſen ſei.“ Und nachdem er dieſe Worte geſprochen, ließ Gil⸗ bert der Königin alle Zeit, um über ihre Tiefe nach⸗ zuſinnen. 168 Die Königin verharrte einige Minuten in einem Stillſchweigen, das nur das Geräuſch ihres ſchweren Athmens ſtörte. „Mein Herr,“ ſprach ſie endlich,„nach Allem, was Sie mir geſagt haben, müſſen Sie ein Todfeind ſein....“ „Oder ein feuerfeſter Freund, Madame.“ „Unmöglich, mein Herr, die Freundſchaft kann nicht neben der Furcht oder dem Mißtrauen leben.“ „Die Freundſchaft, Madame, kann, vom Unterthan zur Königin gehend, nur durch das Vertrauen leben, das der Unterthan einflößt. Sie werden ſich ſchon geſagt haben, nicht wahr, derjenige ſei kein Feind, welchem man beim erſten Wort das Mittel, zu ſchaden, benehme, beſonders, wenn er ſich zuerſt den Gebrauch der Waffen verbiete.“ „Was Sie da ſagen, mein Herr, darf man daran glauben?“ verſetzte die Königin mit Aufmerkfſamkeit und Bangigkeit, indem ſie Gilbert mit einer forſchenden Miene anſchaute. „Warum ſollten Sie nicht daran glauben, Ma⸗ Sie alle Beweiſe von meiner Aufrichtigkeit aben?“ „Man wechſelt, mein Herr, man wechſelt!“ „Madame, ich habe das Gelüde gethan, das ge⸗ wiſſe in der Handhabung gefährlicher Waffen ausge⸗ zeichnete Männer thaten, ehe ſie in's Feld zogen. Ich werde meine Vortheile immer nur benützen, um das Unrecht, das man mir anthun will, zuruckzuſchlagen; nicht für den Angriff, ſondern für die Ver⸗ theidigung. Das iſt mein Wahlſpruch.“ „Ach!“ ſeufzte die Königin. „Ich verſtehe Sie, Madame. Es iſt ſchmerzlich für Sie, Ihre Seele in den Händen des Arztes zu ſehen, für Sie, die Sie ſich zuweilen empörten, ihm Ihren Körper zu überlaſſen. Faſſen Sie Muth, faſſen Sie Muth. Derjenige will Ihnen wohl rathen, welcher Ihnen heute den Beweis von Langmuth gegeben, den em ren as . an en, agt em ne, fen ind den da⸗ eit ge⸗ ge⸗ as en; r⸗ ich en, ren Sie her en N — 169 Sie von mir erhalten haben. Ich will Sie lieben, Madame; ich will, daß man Sie liebe. Die Ideen, die ich ſchon dem König gegeben, werde ich in Ihnen erörtern.“ „Doctor, nehmen Sie ſich in Acht!“ verſetzte ernſt die Königin;„Sie haben mich in der Falle gefangen, nachdem ſie dem Weibe bange gemacht, glauben Sie die Königin beherrſchen zu können.“ „Nein, Madame,“ erwiederte Gilbert,„ich bin kein elender Speculant. Ich habe meine Ideen, ich begreife, daß Sie die Ihrigen haben. Ich weiſe von dieſem Augenblick an die Beſchuldigung zurück, die Sie ewig gegen mich vorbringen würden, die Beſchuldigung, ich habe Sie in Schrecken geſetzt, um Ihre Vernunft zu unterjochen. Ich ſage mehr: Sie ſind die erſte Frau, in der ich zugleich alle Leidenſchaften des Weibes und alle Herrſcherfähigkeiten des Mannes finde. Sie können zugleich eine Frau und ein Freund ſein. Die ganze Menſchheit wird ſich zur Noth in Ihnen zuſammen⸗ faſſen. Ich bewundere Sie, und ich werde Ihnen die⸗ nen. Ich werde Ihnen dienen. ohne etwas von Ihnen zu empfangen, einzig und allein, um Sie zu ſtudiren, Madame. Ich werde noch mehr für Ihren Dienſt thun; für den Fall, daß ich Ihnen als ein zu ſehr beengendes Palaſtgeräthe erſcheinen würde, für den Fall, daß der Eindruck der heutigen Scene ſich nicht in Ihrem Ge⸗ dächtniß verwiſchen ſollte, verlange ich von Ihnen, bitte ich Sie, mich entfernen zu dürfen.“ „Sich entfernen?“ rief die Königin mit einem Aus⸗ druck, der Gilbert nicht entging. „Wohl denn, das iſt beſchloſſen, Madame,“ ſprach er mit einer bewunderungswürdigen Kaltblütigkeit. „Ich werde dem König nicht einmal ſagen, was ich ihm zu ſagen hatte, und abreiſen. Muß ich ſo weit gehen, um Sie zu beruhigen?“ Sie ſchaute ihn an, erſtaunt über dieſe Verleug⸗ nung. 170 „ ſprach er,„was Eure Majeſtät denkt. as man glaubt, von den Geheimniſſen des mag⸗ netiſchen Einfluſſes unterrichtet, die Sie vorhin er⸗ ſchreckten, ſagt ſich Eure Majeſtät, in der Entfernung werde ich gleich gefährlich und gleich beunruhigend ſein.“ „Wie ſo 2 fragte die Königin.“ „Ja, ich wieberhole es, Madame, derjenige, wel⸗ cher Jemand durch die Mittel, welche Sie ſo eben meinen Meiſtern und mir vorgeworfen haben, ſchaden wollte, könnis ſeine ſchändliche Thätigkeit eben ſo gut auf hundert Meilen, auf tauſend ausüben, als auf drei Schritte. Haben Sie nicht bange, Madame, ich werde das nie verſuchen.“ Die Königin blieb einen Augenblick nachdenkend und wußte nicht, was ſie dieſem ſeltſamen Mann ant⸗ ſollte, der ſo ihre feſteſten Entſchlüſſe wanken machte. Plötzlich vernahm man ein Geräuſch von Tritten in der Tiefe der Corridors, und Marie Antoinette rich⸗ tete ſich auf. „Der König,“ ſagte ſie,„der König kommt.“ „Dann, Madame, antworten Sie mir, ich bitte Sie, ſoll ich bleiben, ſoll ich gehen?“ Abe „Beeilen Sie ſich, ich kann dem König aus⸗ weichen; wenn Sie es wünſchen, ſo wird mir Eure Majeſtät eine Thüre bezeichnen, durch welche ich mich entferne.“ „Bleiben Sie,“ ſagte die Königin. 6 Gilbert verbeugte ſich, während Marie Antoinette in ſeinen Zügen zu leſen ſuchte, in welchem Grade der Triumph verrätheriſcher wäre, als es der Zorn oder die Unruhe geweſen. Gilbert blieb unempfindlich. „Er hätte wenigſtens Freude offenbaren müſſen,“ ſagte die Königin zu ſich ſelbſt. — — —— 8 S N* — — — M 171 XXXII. Der Rath. Der König trat nach ſeiner Gewohnheit lebhaft und zugleich ſchwerfällig ein. Er hatte eine geſchäftige, neugierige Miene, welche ſeltſam mit der eifigen Strenge in der Haltung der Königin contraſtirte. Die friſche Farbe hatte den König nicht verlaſſen. Er war frühzeitig aufgeſtanden, und die gute Geſund⸗ heit, die er mit der Morgenluft eingeſchlürft, machte ihn ganz ſtolz; er athmete geräuſchvoll und trat ſehr kräftig mit dem Fuß auf dem Boden auf. „Der Doetor?“ ſagte er,„was iſt aus dem Doctor geworden?“ „Guten Tag, Sire. Wie geht es Ihnen dieſen Morgen? Sind Sie ſehr müde?“ „Ich habe ſechs Stunden geſchlafen, das iſt meine Zeit. Ich befinde mich ſehr wohl. Der Geiſt iſt ſcharf. Sie ſind ein wenig bleich, Madame. Der Doctor, man hat mir geſagt, Sie haben ihn zu ſich gerufen?“ „Hier iſt der Doctor Gilbert,“ erwiederte die Kö⸗ nigin, während ſie die Fenſtervertiefung enthüllte, in der der Doctor bis zu dieſem Augenblick verborgen geweſen war.. Die Stirne des Königs klärte ſich ſogleich auf. „Ah! ich vergaß!“ ſagte er.„Sie haben den Doctor gerufen; Sie leiden alſo?“ Die Königin erröthete. „Sie erröthen?“ rief Ludwig XVI. Sie wurde purpurroth. „Abermals ein Geheimniß?“ ſagte der König. „Welches Geheimniß, mein Herr?“ unterbrach ihn die Königin mit Stolz. „Sie verſtehen mich nicht, ich ſage Ihnen, Sie, 172 die Sie Ihre Lieblingsärzte haben, konnten den Doctor Gilbert nicht rufen, ohne den bewußten Wunſch... „Welchen Wunſch meinen Sie?“ „Den, es immer zu verbergen, wenn Sie leiden.“ „Ah!“ machte die Königin, ein wenig beruhigt. „Ja,“ fuhr Ludwig XVI. fort,„doch nehmen Sie ſich in Acht, Herr Gilbert gehört zu meinen Vertrauten, und wenn Sie ihm etwas erzählen, ſo wird er es mir berichten.“ Gilbert lächelte. „Was das betrifft, nein, Sire,“ ſagte er. „Gut, ſo verdirbt die Königin meine Leute!“ Marie Antoinette ließ jenes kleine erſtickte Lachen hören, welches nur bedeutet, daß man das Geſpräch abbrechen will, oder daß dieſes Geſpräch ſehr ermüdet. Gilbert begriff, der König begriff nicht. „Hören Sie, Doetor.“ ſprach er,„da das die Kö⸗ nigin beluſtigt, erzählen Sie mir, was ſie Ihnen ſagte.“ „Ich fragte den Doetor,“ unterbrach ihn Marie Antvinette,„warum Sie ihn ſo früyzeitig gerufen haben. Ich geſtehe in der That, daß ſeine Gegenwart in Verſailles ſchon am Morgen mich neugierig macht und beunruhigt.“ „Ich erwartete den Doctor, um über Politik mit ihm zu reden,“ erwiederte der König, ſich verfinſternd. „Ah! ſehr gut.“ ſprach die Königin⸗ hnd ſie ſetzte ſich als wollte ſie zuhören. „Kommen Sie, Doctor,“ ſagte der König, indem er ſich nach der Thüre wandte. Gilbert verbeugte ſich tief vor der Königin und ſchickte ſich an, Ludwig XVI. zu folgen. „Wohin gehen Sie?“ rief die Königin;„wie! Sie entfernen ſich?“ „Wir haben nicht über ſehr heitere Dinge zu reden, Madame, und es iſt beſſer, wir erſparen der Königin eine Sorge mehr.“ 173 „Sie nennen Sorgen Schmerzen!“ rief majeſtätiſch die Königin. „Ein Grund mehr, meine Theure.“ „Bleiben Sie, ich will es haben,“ ſprach Marie Antvinette.„Herr Gilbert, ich denke, Sie werden mir nicht ungehorſam ſein.“ „Heir Gilbert!“ rief der König ſehr unwillig. „Nun! was?“ „Ei! Herr Gilbert, der mir einen Rath geben müßte, der frei und nach ſeinem Gewiſſen mit mir ſprechen müßte, Herr Gilbert wird es nicht mehr thun.“ „Warum nicht?“ verſetzte die Königin. „Weil Sie da ſein werden, Madame.“ Gilbert machte etwas wie eine Geberde, der die Königin ſoglrich eine wichtige Bedeutung beilegte. „In welcher Hinſicht,“ ſagte ſie, um ihn zu unter⸗ ſtützen,„in welcher Hinſicht wird Herr Gilbert Gefahr zu mißfallen, wenn er nach ſeinem Gewiſſen pricht?“ „Das iſt leicht zu begreifen, Madame.“ erwiederte der König:„Sie haben Ihre eigene Politik; fie iſt nicht immer die unſere... ſo daß...“ „So dan Herr Gilbert, Sie ſagen mir das klar, in ſeinen Anſichten ſehr weit von meiner Politik ab⸗ weicht.“ „Das muß ſo ſein, Madame, nach den Ideen, die Eure Majeſtät als die meinigen kennt. Nur kann Eure Mojeſtät verſichert ſein, daß ich die Wahrheit eben ſo frei vor ihr, als in Gegenwart des Königs allein ſagen werde.“ „Ah! das iſt ſchon Etwas,“ ſprach Marie An⸗ toinette. „Die Wahrheit iſt nicht immer gut zu ſagen,“ murmelte Ludwig XVI. „Wenn ſie nützlich iſt?“ verſetzte Gilbert. „Oder nur auf einer guten Abſicht beruht,“ fügte die Königin bei. 174 „Was das betrifft, ſo werden wir nicht daran zwei⸗ feln,“ ſprach der König.„Doch wenn Sie vernünftig wären, Madame, ſo würden Sie dem Doctor die volle Redefreiheit laſſen, der ich bedarf.“ „Sire,“ erwiederte Gilbert,„da die Königin die Wahrheit ſelbſt herausfordert, da ich weiß, daß der Geiſt Ihrer Majeſtät edel und mächtig genug iſt, um ſie nicht zu fürchten, ſo ſpreche ich lieber vor meinen beiden Souverains.“ „Sire,“ ſagte die Königin,„ich bitte darum.“ „Ich hege Vertrauen zu der Weisheit Eurer Maje⸗ ſtät,“ ſprach Gilbert, indem er ſich vor der Königin verbeugte.„Es handelt ſich um das Glück und den Ruhm Seiner Majeſtät des Könias.“ „Sie haben Recht, wenn Sie Vertrauen hegen,“ verſetzte die Königin.„Fangen Sie an, mein Herr.“ „Alles das iſt ſehr ſchön,“ entgegnete der König, der ſeiner Gewohnheit nach hartnäckig wurde;„aber die Frage iſt zarter Natur, und ich weiß, daß Sie mich, was mich betrifft, ſehr beengen werden.“ Die Königin konnte ſich einer Bewegung der Unge⸗ duld nicht erwehren; ſie ſtand auf und ſetzte ſich dann wieder, ihren raſchen, kalten Blick in den Geiſt des Doctors tauchend. Ludwig XVI., als er ſah, daß ihm kein anderes Mittel blicb, um der ordentlichen und auserordentlichen Folter zu entgehen, ſetzte ſich mit einem ſchweren Seuf⸗ zer in einen Lehnſtuhl Gilbert gegenüber. „Um was handelt es ſich?“ fragte die Königin, nachdem ſich dieſe Art von Rath ſo conſtituirt und inſtallirt hatte. Gilbert ſchaute den König zum letzten Mal an, als wollte er ihn um Vollmacht bitten, ohne Zwang ſprechen zu dürfen.“ „Immerzu, mein Gott, immerzu, mein Herr, da es die Königin will,“ ſagte Ludwig XVI. „Wohl denn, Madame,“ ſagte der Doctor,„ich — i⸗ ig le ie er m n 17⁵ werde mit wenigen Worten Eure Majeſtät von dem Zwecke meines frühzeitigen Beſuches in Verſailles unter⸗ richten. Ich kam, um Seiner Majeſtät zu rathen, ſich nach Paris zu begeben.“ Ein Funke, der auf die vierhundert Centner Pul⸗ ver, die damals das Stadthaus enthielt, gefallen wäre, hätte nicht die Erploſion hervorgebracht, welche dieſe Worte im Herzen der Königin bewirkten. „Der König nach Paris! der König! ah!“ Und ſie ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, der Ludwig XVI. beben machte. „Da,“ ſprach der König, Gilbert anſchauend;„was ſagte ich Ihnen, Doetor?“ „Der König,“ fuhr Marie Antvinette fort,„der Fönig in einer Stadt, welche in der Empörung be⸗ griffen iſt; der König mitten unter Heugabeln und Senſen; der König unter dieſen Menſchen, welche die Schweizer niedergemetzelt, Herrn de Launay und Herrn von Fleſſeles ermordet haben; der König über den Platz vor dem Stadthauſe hinſchreitend und im Blute ſeiner Vertheidiger watend!... Sie ſind ein Wahnfinniger, mein Herr, daß Sie ſo geſprochen! Oh! ich wiederhole Ihnen, Sie ſind ein Wahnſinniger.“ Gilbert ſchlug die Augen nieder wie ein Menſch, den der Reſpect zurückhält; doch er erwiederte nicht ein Wort. Bis in die Tiefe ſeiner Seele bewegt, drehte ſich der König in ſeinem Lehnſtuhle hin und her, wie ein Gefolterter auf dem Roſt der Inquiſitoren⸗ „Iſt es möglich!“ fuhr die Königin fort,„iſt es möglich, daß ſich eine ſolche Idee in einen verſtändigen Kopf, in ein franzöſiſches Herz einquartiert hat? Wie, mein Herr, Sie wiſſen alſo nicht, daß Sie mit dem Nachfolger des heiligen Ludwig, mit dem Urenkel von Ludwig XIV. ſprechen?“ Der König ſtieß mit dem Fuß auf den Teppich. „Ich denke indeſſen nicht,“ fuhr Marie Antvinette 176 abermals fort,„ich denke nicht, daß Sie den König des Beiſtands ſeiner Garden und ſeines Heeres berauben wollen; daß ſie ihn aus ſeinem Palaſte, der eine Feſtung iſt, zu locken ſuchen, um ihn allein und nackt ſeinen erbittertſten Feinden preiszugeben; Sie haben nicht den Wunſch, den König ermorden zu laſſen, nicht wahr, Herr Gilbert?“ „Wenn ich glaubte, Eure Majeſtät habe einen Au⸗ genblick die Idee, ich ſei eines ſolchen Verrathes fähig, ſo wäre ich nicht ein Wahnſinniger: ich würde mich als einen Elenden betrachten. Doch, Gott ſei Dank, Sie glauben das eben ſo wenig als ich; nein, ich bin gekommen, um meinem König einen Rath zu geben, weil ich den Rath für gut und ſogar für beſſer als alle andere halte.“ Die Königin preßte ihre Finger auf ihrer Bruſt ſo krampfhaft zuſammen, daß ſie den Batiſt unter ihrem Druck krachen machte. Der König zuckte die Achſeln mit einer leichten Bewegung der Ungeduld. „Um Gottes willen!“ ſagte er,„hören Sie ihn doch an, Madame; es wird immer noch Zeit ſein, nein zu ſagen, wenn Sie ihn gehöt haben.“ „Der Könia hat Recht, Madame,“ ſprach Gilbert; „denn was ich Eurer Majeſtät zu fagen habe, wiſſen Sie nicht; Sie glauben ſich inmitten einer ſicheren, ergebenen Armee, einer Armee, bereit, für Sie zu ſter⸗ ben— Irrthum; unter den franzöſiſchen Regimentern conſpirirt die Hälfte mit den Männern der Wiederge⸗ burt für die revolutionäre Idee!“ „Mein Herr.“ rief die Königin,„nehmen Sie ſich in Acht, Sie beſchimpfen die Armee.“ „Ganz im Gegentheil, Madame,“ erwiederte Gil⸗ bert,„ich ſpende ihr Lob. Man kann ſeinen König achten und ſeinem König ergeben ſein, während man zugleich ſein Vaterland liebt und der Freiheit erge⸗ ben iſt.“ il⸗ ge⸗ „ 177 Die Königin ſchleuberte auf Gilbert einen Blick ſo flammend als ein Blitz. „Mein Herr,“ rief ſie,„dieſe Sprache... „Ja, dieſe Sprache verletzt Sie, Madame, ich be⸗ greife das; denn aller Wahrſcheinlichkeit nach hört ſie Eure Majeſtät zum erſten Mal.“ „Man wird ſich wohl daran gewöhnen müſſen,“ murmelte Ludwig XVI. mit dem fügſamen, geſunden Verſtand, der ſeine Hauptſtärke bildete. „Nie!“ rief Marie Antvinette,„nie!“ „Hören Sie doch! hören Sie!“ rief der König; „ich finde, daß das, was der Doctor ſagt, ganz ver⸗ nünftig iſt.“ Die Königin ſetzte ſich zitternd nieder. Gilbert fuhr fort: „Ich ſagte, Madame, ich habe Paris geſehen, und Sie haben nicht einmal Verſailles geſehen. Wiſſen Sie, was Paris in dieſem Augenblick thun will?“ „Nein,“ erwiederte der König unruhig. „Es will vielleicht nicht zum zweiten Mal die Baſtille nehmen,“ verſetzte die Königin mit Verachtung. „Sicherlich nicht, Madame,“ erwiederte Gilbert; „aber Paris weiß, daß es eine andere Feſtung zwiſchen dem Volke und ſeinem König gibt. Paris hat im Sinne, die Abgeordneten der zwanzig Bezirke, die es bilden, zu verſammeln und dieſe Abgeordneten nach Verſailles zu ſchicken.“ „Sie mögen kommen, ſie mögen kommen,“ rief die Königin mit einer wilden Freude.„Oh! ſie werden hier gut empfangen werden.“ „Warten Sie, Madame,“ entgegnete Gilbert,„und nehmen Sie ſüh in Acht, dieſe Abgeordneten werden nicht allein kommen.“ „Und mit wem werden ſie kommen?“ „Sie werden kommen unterſtützt von zwanzigtau⸗ ſend Mann Nationalgarde.“ Ange Pitou. I. 3 178 „Nationalgarde!“ verſetzte die Königin,„was iſt das?“ „Oh! Madame, ſprechen Sie nicht ſo leicht von dieſem Inſtitut, es wird eines Tags eine Macht wer⸗ den; es wird binden und löſen.“ „Zwanzigtauſend Mann!“ rief der König. „Ei! mein Herr,“ ſprach die Königin,„Sie haben hier zehntauſend Mann, welche ſo viel werth ſind, als hunderttauſend Empörer; rufen Sie ſie, rufen Sie ſie, ſage ich Ihnen; die zwanzigtauſend Schurken werden hier die Beſtrafung und das Beiſpiel finden, wie es dieſer ganze revolutionäre Koth nöthig hat, den ich in acht Tagen fegen würde, wenn man nur eine Stunde auf mich hören wollte.“ Gilbert ſchüttelte traurig den Kopf und erwieberte: „Oh! Madame, wie täuſchen Sie ſich, oder wie hat man Sie vielmehr getäuſcht. Ach! ach! bedenken Sie, der Bürgerkrieg durch eine Königin herausgefor⸗ dert: eine Einzige hat das gethan, und ſie hat den gräßlichen Beinamen: die Fremde, mit in's Grab ge⸗. nommen.“. „Herausgefordert, von mir, mein Herr, wie ver⸗ ſtehen Sie das? Habe ich ohne Herausforderung gegen die Baſtille geſchoſſen?“ „Ei! Madame,“ ſagte der König,„ſtatt zur Ge⸗ waltthätigkeit zu rathen, hören Sie zuerſt die Ver⸗ nunft!“ „Die Schwäche!“ „Hören Sie, Antvinette, hören Sie,“ ſprach der König mit ſtrengem Tone,„es iſt keine geringfügige Sache, die Ankunft von zwanzigtauſend Mann, die man wird hier mit Kartätſchen niederſchießen müſſen.“ Dann ſich an Gilbert wendend:; „Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort...“ „Alle dieſe Gehäſſigkeiten, die ſich durch die Ent⸗ fernung erhitzen, alle dieſe Prahlereien, welche bei Ge⸗ legenheit Muth werden; all dieſes Gemenge einer iſt von e ben ſie, den eſer acht auf rte: wie ken for⸗ er⸗ gen Ge⸗ er⸗ der ige nan nt⸗ He⸗ ner 179 Schlacht, deren Ausgang unſicher iſt, erſparen Sie es dem König und ſich ſelbſt, Madame,“ ſprach der Doctor; „Sie kennen durch die Milde dieſe Ankunft zerſtreuen, welche Ihre Gewaltthätigkeiten vielleicht verſtärken wer⸗ den. Die Menge will zum König ziehen, kommen wir ihr zuvor; laſſen Sie den König zu der Menge gehen; laſſen Sie ihn umgeben, wie er es heute von ſeinem Heere iſt, morgen eine Probe von Kühnheit und poli⸗ tiſchem Geiſt ablegen. Dieſe zwanzigtauſend Mann, von denen wir ſprechen, könnten vielleicht den König erobern. Laſſen wir den König allein dieſe zwanzig⸗ tauſend Mann erobern, denn dieſe zwanzigtauſend Mann, Madame, das iſt das Volk.“ Der König konnte ſich nicht enthalten, ein Zeichen der Beipflichtung zu machen, das Marie Antoinette nicht entging. „Unglücklicher,“ ſagte ſie zu Gilbert,„Sie wiſſen alſo nicht, was die Gegenwart des Königs in Paris, unter den Bedingungen, wie Sie es verlangen, wird beſagen wollen?“ „Sprechen Sie, Madame.“ „Das will beſagen: Ich billige... das will be⸗ ſagen: Ihr habt wohl daran gethan, meine Schweizer zu tödten das will beſagen: Ihr habt wohl daran gethan, meine Officiere niederzumetzeln, meine ſchöne Hauptſtadt mit Feuer und Schwert zu verheeren; Ihr habt wohl daran gethan, mich zu entthronen! Ich danke, meine Herren, ich danke.“ Und ein verächtliches Lächeln zog über die Lippen von Marie Antvinette. „Nein, Madame,“ erwiederte Gilbert,„Eure Maje⸗ ſtät täuſcht ſich.“ „Mein Herr!“. „Das wird beſagen wollen: Es iſt einige Gerech⸗ tigkeit im Schmerze des Volkes geweſen. Ich habe verziehen; ich bin das Haupt und der König; ich bin an der Spitze der Revolution, wie ſich Leinrich UI. 180 an die Spitze der Ligue geſtellt hat. Eure Generale ſind meine Officiere; Eure Nationalgarden meine Sol⸗ daten; Eure Behörden meine Geſchäftsführer; ſtatt mich anzutreiben, folgt mir, wenn Ihr könnt. Die Größe meines Schrittes wird abermals beweiſen, daß ich der König von Frankreich, der Nachfolger von Karl dem Großen bin.“ „Er hat Recht,“ ſagte traurig der König. „Oh!“ rief die Königin,„ich flehe Sie an, hören Sie dieſen Mann nicht, dieſer Mann iſt Ihr Feind.“ „Madame,“ ſprach Gilbert,„Seine Majeſtät wird Ihnen ſelbſt ſagen, was ſie von meinen Worten denkt.“ „Ich denke, mein Herr, daß Sie bis jetzt der Einzige geweſen ſind, der es gewagt hat, mir die Wahrheit zu ſagen,“ verſetzte der König. „Die Wahrheit!“ rief die Königin.„Oh! was ſagen Sie mir da, großer Gott!“ „Ja, Madame,“ ſprach Gilbert,„und glauben Sie, die Wahrheit iſt in dieſem Augenblicke die einzige Fackel, deren Licht es verhindern kann, daß der Thron und das Königthum nicht in den Abgrund rollen.“ Nachdem er ſo geſprochen, verbeugte ſich Gilbert demüthig bis auf die Kniee vor Marie Antoinette. XXXIII. Die Entſcheidung. Zum erſten Male ſchien die Königin tief bewegt zu ſein. War es von der Vernunftſprache des Doctors, war es von ſeiner Demuth? Der König war mit einer entſchloſſenen Miene auf⸗, geſtanden. Aber gewohnt, nichts zu thun, ohne die Königin um Rath zu fragen, ſagte er zu dieſer: „Madame, billigen Sie. der au in wer vor ſeh ale ol⸗ nich öße der em ren ird kt.“ zige zu vas — Sie, kel, das bert vegt ors, uf⸗ igin 181 „Ich muß es wohl, mein Herr,“ antwortete Marie Antvinette. „Ich verlange von Ihnen nicht die Verleugnung, Madame,“ ſagte der König ungeduldig. „Was verlangen Sie denn?“ „Ich verlange von Ihnen eine Ueberzeugung, welche die meinige beſtärkt.“ „Sie verlangen von mir eine Ueberzeugung?“ „Ja.“ „Oh! wenn es nur das iſt, ich bin überzeugt, mein Herr.“ „Von was?“ „Davon, daß der Augenblick gekommen iſt, der aus der Monarchie den beklagenswertheſten und erniedrigend⸗ ſten Stand machen wird, den es auf der Welt gibt.“ „Oh!“ ſagte der König,„Sie übertreiben. Be⸗ klagenswerth, das will ich zugeben, aber erniedrigend, das iſt unmöglich.“ „Mein Herr, es iſt Ihnen von den Königen, Ihren Ahnen, ein trauriges Erbe vermacht worden,“ ſprach düſter Marie Antoinette. „Ja,“ ſagte Ludwig XVI.,„ein Erbe, das ich Sie zum meinem Schmerze theilen laſſe, Madame.“ „Wollen Sie erkauben, Sire,“ verſetzte Gilbert, den im Grunde ſeines Herzens Mitleid mit dieſen ge⸗ fallenen Fürſten ergriff;„ich glaube nicht, daß Eure Majeſtät Urſache hat, die Zufunſt ſo entſetzlich anzu⸗ ſehen, als ſie ſagt. Eine deſpotiſche Monarchie hat aufgehört, eine conſtitutionelle Regierung beginnt.“ „Ei! mein Herr,“ ſprach der König,„bin ich denn der Mann, den es braucht, um eine ſolche Regierung in Frankreich zu gründen?“ „Warum nicht, Sire?“ verſetzte die Königin, ein wenig geſtärkt durch die Worte von Gilbert. „Madame,“ ſagte der König,„ich bin ein Mann von gutem Verſtand und ein unterrichteter Mann. Ich ſehe klar, ſtatt trübe zu ſehen, und ich weiß genau, was ich Alles nicht zu wiſſen brauche, um dieſes Land zu regieren. Von dem Tage an, wo man mich von der Unverletzlichkeit der abſoluten Fürſten herabſtürzt,— von dem Tage an, wo man in mir den einfachen Men⸗ ſchen entblößt läßt, verliere ich die ganze ſcheinbare Stärke, welche allein für die Regierung Frankreichs nöthig war, da ſich, genau genommen, Ludwig XIII., Ludwig XIV. und Ludwig XV. vollkommen mittelſt die⸗ ſer ſcheinbaren Stärke erhalten haben. Was brauchen die Franzoſen heute? Einen Herrn. Ich fühle mich nur fähig, ein Vater zu ſein. Was brauchen die Re⸗ polutionäre? Ein Schwert. Ich fühle nicht die Kraft in mir, zu ſchlagen.“ „Sie fühlen nicht die Kraft in ſich, zu ſchlagen,“ rief die Königin,„Leute zu ſchlagen, welche die Güter Ihrer Kinder rauben, und alle Kleinodien der Krone don Frankreich, eines nach dem andern, auf Ihrer Stirne zerbrechen wollen?“ „Was werde ich antworten?“ ſagte ruhig Lud⸗ wig KVI.;„werde ich Nein antworten? Ich werde abeimals Stürme bei Ihnen hervorruſen, die mich in meinem Leben ſtören. Sie vermögen zu haſſen! Oh! deſto beſſer für Sie, Sie vermögen ſogar ungerecht zu ſein, ich mache Ihnen das nicht zum Vorwurf, das i eine ungeheure Eigenſchaft bei Herrſchern.“ „Würden Sie mich zufällig ungerecht gegen die Revolution finden? ſprechen Sie.“ „Bei meiner Treue, ja.“ Sie ſagen ja, Sire, Sie ſagen ja?“ Wenn Sie eine einfache Bürgerin wären, meine liebe Antvinette, ſo würden Sie nicht ſprechen, wie Sie es thun.“ „Ich bin es ni „Darum entſchuldige ich Sie, doch das will nicht heißen, daß ich Ihre Anſicht billige. Nein, Madame, nein, fügen Sie ſich; wir ſind in einem Augenblicke des „ Sturms auf den Thron von Frankreich gefommen; wit 6 „ni ben we che ver es len zu der en⸗ are chs II., die⸗ hen nich Re⸗ raft — en,“ üter rone hrer Lud⸗ erde h in Oh! tz s iſt die neine eSie dame, e des ; wit 183 müßten die Kraft haben, den mit Senſen bewaffneten Karren, den man die Revolution nennt, vorwärts zu ſtoßen, und an dieſer Kraft fehlt es uns.“ „Das iſt gerade ſchlimm!“ rief Marie Antoinette, „denn er wird über unſere Kinder hinfahren.“ „Ach ich weiß es, doch wir werden ihn nicht vor⸗ wärts ſtoßen.“ „Wir werden ihn zurückweichen machen, Sire.“ „Oh!“ verſetzte Gilbert mit einem tiefen Ausdruck, „nehmen Sie ſich in Acht, Madame, zurückweichend wird er Sie zermalmen.“ „Mein Herr,“ ſagte die Königin ungeduldig,„ich bemerke, daß Sie die Freimüthigkeit Ihrer Rathſchläge weit treiben.“ „Ich werde ſchweigen, Madame.“ „Ei! mein Gott, Madame, laſſen Sie ihn doch ſpre⸗ chen,“ rief der König,„wenn er das, was er Ihnen da verkündigt, nicht in zwanzig Blättern geleſen hat, die es ſeit acht Tagen ſagen, ſo hat er es nicht leſen wol⸗ len. Wiſſen Sie ihm wenigſtens Dank, daß er die Wahrheit ſeines Wortes nicht in Bitterkeit hüllt.“ Marie Antvinette ſchwieg eine Zeit lang. Dann ſprach ſie mit einem ſchmerzlichen Seufzer: „Ich faſſe mich kurz oder ich wiederhole mich viel⸗ mehr: gehen Sie nach Paris aus eigenem Antrieb, ſo ſanetioniren Sie dadurch Alles, was geſchehen iſt.“ „Ja,“ ſprach der König,„ich weiß es wohl.“ „Sie demüthigen, Sie verleugnen Ihr Heer, das Sie zu vertheidigen ſich anſchickte.“ „Es wird aber dadurch das franzöſiſche Blut ge⸗ part.“ „Sie erklären, daß fortan der Aufruhr und die Gewaltthat dem Willen des Königs die den Aufrührern und Verräthern beliebige Richtung geben können. „Madame, ich glaube, Sie haben vorhin die Güte gehabt, zu geſtehen, ich ſei ſo glücklich geweſen, Sie zu überzengen.“ — „Ja, vorhin, ich geſtehe es, hat ſich eine Ecke des Schleiers vor mir erhoben. Jetzt, mein Herr, oh! jetzt werde ich wieder blind, wie Sie ſagen, und ich will lieber in meinem Innern die Herrlichkeiten ſehen, an die mich die Erziehung, die Ueberlieferung, die Geſchichte gewöhnt haben; ich will lieber mich immer als Königin ſehen, als mich eine ſchlechte Mutter für dieſes Volk fühlen, welches mich beleidigt und haßt.“ „Antoinette! Antoinette!“ rief Ludwig XVI., er⸗ ſchrocken über die plötzliche Bläſſe, die ſich der Wangen der Königin bemächtigte, was nichts Anderes war, als das Vorzeichen eines heftigen Zornausbruches. „Oh! nein, nein, Sire, ich werde ſprechen,“ erwie⸗ derte die Königin. „Nohmen Sie ſich in Acht, Madame,“ ſagte Lud⸗ wig XVI., und er bezeichnete mit dem Augenwinkel Marie Antoinette den Doctor. „Ei! der Herr weiß Alles, was ich ſagen werde. Er weiß ſogar, was ich denke,“ fügte ſie mit einer birteren Erinnerung an die Scene bei, welche kurz zuvor zwiſchen ihr und Gilbert ſtattgefunden hatte; „warum ſollte ich mir alſo Zwang anthun? Der Herr iſt übrigens von uns zum Vertrauten genommen wor⸗ den, und ich weiß nicht, warum ich etwas fürchten ſollte! Ich weiß aber, daß man Sie entführt, fortreißt, Sire, dem unglücklichen Prinzen meiner theuren deutſchen Balladen ähnlich. Wohin gehen Sie.. Ich weiß es nicht, doch Sie gehen dahin, von wo Sie nie mehr zurückkommen werden!“ „Ei, nein, Madame, ich gehe ganz einfach nach Paris,“ antwortete Ludwig XVI. Marie Antoinette zuckte die Achſeln. „Halten Sie mich für toll,“ ſagte ſie mit einer dumpf gereizten Stimme.„Sie gehen nach Paris; gut. Doch wer ſagt Ihnen, Paris ſei nicht der Schlund, den ich nicht ſehe, aber errathe? Warum ſollte man Sie in dem Tumult, der nothwendig um Sie her ſtatt⸗ des etzt will es ehr ner nd, an tt⸗ 185 finden wird, nicht tödten? Wer weiß, woher die ver⸗ lorene Kugel kommt? wer weiß unter hunderttauſend drohenden Fäuſten, welche diejenige iſt, die das Meſſer geſtoßen hat?“ k „Oh! von dieſer Seite fürchten Sie nichts, Ma⸗ dame, ſie lieben mich,“ rief der König. „Oh! ſagen Sie mir das nicht, Sie würden mein Mitleid erregen, Sire. Sie lieben Sie und tödten und erwürgen und ſchlachten diejenigen, welche Sie auf der Erde vertreten, Sie, einen König! Sie, das Ebenbild Gottes! Der Gouverneur der Baſtille, das war Ihr Vertreter, das war das Ebenbild des Königs. Glauben Sie mir, ich werde mich nicht der Uebertrei⸗ bung beſchuldigen laſſen: wenn ſie de Launay, dieſen braven und treuen Diener, getödtet haben, ſo hätten ſie auch Sie getödtet, Sire, wären Sie ſtatt ſeiner in ihrer Gewalt geweſen, und zwar noch leichter als ihn, denn ſie kennen Sie und wiſſen, daß Sie, ſtatt ſich zu vertheidigen, ihnen die Seite dargeboten hätten.“ „Machen Sie Ihren Schluß,“ ſprach der König. „Ich glaubte ihn gemacht zu haben, Sire.“ „Sie werden mich tödten?“ „Ja, Sire.“ „Nun!“ „Und meine Kinder?“ rief die Königin. Gilbert dachte, es ſei Zeit, dazwiſchen zu treten. „Madame,“ ſagte er,„der König wird dergeſtalt in Paris geachtet, und ſeine Gegenwart wird dort ein ſolches Entzücken bereiten, daß ich, wenn ich etwas be⸗ fürchte, nicht für den König fürchte, ſondern für die Fanatiker, welche im Stande ſind, ſich unter den Füßen ſeiner Pferde zertreten zu laſſen, wie die Fakirs der Hindus unter den Rädern des Karrens von ihrem Götzen.“ „Oh! mein Herr, mein Herr!“ rief Marie An⸗ toinette. 186 „Dieſer Zug nach Paris wird ein Triumph ſein, Madame.“ „Aber, Sire, Sie antworten nicht.“ „Weil ich ein wenig der Anſicht des Doctors bin, Madame.“ „Und es drängt Sie die Ungeduld, nicht wahr, dieſen Triumph zu genießen?“ „Der König hätte in dieſem Fall Recht, und ſeine Ungeduld würde beweiſen, mit welch tief richtigem Sinn Seine Majeſtät die Menſchen und die Dinge beurtheilt. Je mehr Seine Majeſtät ſich beeilen wird, deſto größer wird der Triumph ſein.“ „Ja, Sie glauben das, mein Herr?“ „Ich bin deſſen ſicher, denn wenn er zögert, kann der König den ganzen Vortheil der Freiwilligkeit ver⸗ lieren. Bedenken Sie wohl, Madame, man kann an⸗ derswo die Initiative einer Bitte nehmen, welche dann in den Augen der Pariſer die Stellung Seiner Maje⸗ ſtät verändern und ſie gleichſam einem Befehle nach⸗ kommen laſſen würde.“ „Sie ſehen,“ rief die Königin,„der Doctor geſteht: man würde Ihnen befehlen. Oh! Sire, ſehen Sie doch!“ „Der Doctor ſagt nicht, man habe befohlen, Ma⸗ dame.“ „Geduld! Geduld! verlieren Sie die Zeit, und die Bitte oder vielmehr der Befehl wird kommen.“ Gilbert preßte leicht ſeine Lippen mit einem Ge⸗ fühle des Aergers zuſammen, das die Königin ſogleich wahrnahm, ſo ſchnell es über ſein Geſicht hingezogen war. „Was habe ich geſagt,“ murmelte ſie,„ich arme Wahnſinnige, die ich bin, ich habe gegen mich ſelbſt geſprochen.“ „Worin, Madame?“ fragte der König. „Darin, daß ich Sie durch einen Aufſchub den Vortheil Ihrer Initiative verlieren machen werde, und — r, ie n er e⸗ n e ſt en d 187 daß ich dennoch einen Aufſchub von Ihnen zu verlan⸗ gen habe.“ „Oh! Madame! Madame! verlangen Sie Alles, dies ausgenommen.“ „Antvinette,“ ſprach der König, den Kopf ſchüt⸗ telnd,„Sie haben geſchworen, mein Verderben zu be⸗ reiten.“ „Oh! Sire,“ rief die Königin mit einem Ausdruck des Vorwurfs, der alle Bangigkeiten ihres Herzens offenbarte,„können Sie ſo mit mir ſprechen!“ „Warum verſuchen Sie es dann, dieſe Reiſe zu verzögern?“ fragte der König. „Bedenken Sie wohl, Madame, unter ſolchen Um⸗ ſtänden iſt der geeignete Zeitpunkt Alles. Bedenken Sie, welches Gewicht die Stunden haben, die in ſolchen Augenblicken vergehen, wenn ein ganzes wüthen⸗ des Volk ſie zählt, wie ſie nach und nach ſchlagen.“ „Nicht heute, Herr Gilbert. Morgen, Sire, oh! morgen, bewilligen Sie mir Friſt bis morgen, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich mich dieſer Reiſe nicht mehr widerſetzen werde.“ „Ein verlorener Tag,“ murmelte der König. „Vierundzwanzig lange Stunden,“ ſagte Gilbert, „bedenken Sie, Madame, bedenken Sie.“ „Sire, es muß ſein,“ ſprach flehend die Königin. „Einen Grund wenigſtens?“ verſetzte der König. „Nichts als meine Verzweiflung, Sire, nichts als meine Thränen, nichts als mein Flehen.“ „Weiß man denn, was von jetzt bis morgen ge⸗ ſchehen wird?“ rief der König, ganz verwirrt beim Anblick der Verzweiflung von Marie Antoinette. „Was ſoll geſchehen?“ fragte die Königin, indem ſie Gilbert mit flehender Miene anſchaute. „Oh!“ erwiederte Gilbert,„dort noch nichts; eine Hoffnung, und wäre ſie auch ſo ſchwankend wie eine Wolke, wird genügen, um ſie zum Warten bis morgen zu bewegen; aber.. 188 „Aber hier, nicht wahr?“ ſagte der König. „Ja, Sire.“ „Die Nationalverſammlung?“ Gilbert nickte mit dem Kopf. „Die Nationalverſammlung,“ fuhr der König fort, „welche mit Männern, wie Herr Monnier, Herr Mira⸗ beau, Herr Siéyés im Stande iſt, mir eine Adreſſe zu ſchicken, die mir allen Vortheil meines guten Willens nehmen wird.“ „Nun wohl!“ rief die Königin mit einer düſtern Wuth,„deſto beſſer, weil Sie dann abſchlagen, weil Sie dann Ihre Königswürde behaupten, weil Sie nicht nach Paris gehen werden, und weil, wenn hier der Krieg auszuhalten iſt, wir ihn aushalten werden; weil wir, wenn man hier ſterben muß, als erhabene und unan⸗ getaſtete Leute, wie wir ſind, als Könige, als Gebieter, als Chriſten, welche auf Gott bauen, von dem Sie Ihre Krone haben, ſterben werden.“ Als Ludwig XVI. dieſe fieberhafte Exaltation der Königin ſah, begriff er, daß in dieſem Augenblick nichts Anderes zu thun war, als nachzugeben. Er winkte Gilbert, ging auf Marie Antvinette zu, nahm ſie bei der Hand und ſagte: „Beruhigen Sie ſich, Madame, es wird geſchehen, wie Sie wünſchen. Sie wiſſen, liebe Gemahlin, daß ich um mein Leben nichts thun möchte, was Ihnen unangenehm wäre, denn ich hege die gerechteſte Zunei⸗ gung für eine Frau von Ihrem Verdienſt, und beſon⸗ ders von Ihrer Tugend.“ Ludwig XVI. betonte dieſe Worte mit einem unaus⸗ ſprechlichen Adel und erhob ſo mit allen ſeinen Kräften die ſo ſehr verleumdete Königin, und zwar in den Augen eines Zeugen, der zur Roth fähig war, zu berichten, was er geſehen und gehört. Dieſe Zartheit rührte aufs Tiefſte Marie Antoi⸗ nette; ſie drückte die Hand, die ihr der König reichte, in ihren Händen und ſprach; — S—* S—— — N — 189 „Nun, Sire, bis morgen alſo, nicht ſpäter, bas iſt die äußerſte Friſt; doch um dieſe bitte ich Sie in⸗ ſtändig, auf den Knieen; morgen, zur Stunde, die Ihnen beliebt, das ſchwöre ich Ihnen, werden Sie nach Paris abreiſen.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Mabame, der Doctor iſt Zeuge,“ ſagte lächelnd der König. „Sire, Sie haben mich nie mein Wort brechen ſehen,“ erwiederte die Königin. „Nein, nur geſtehe ich Eines.“ Was?“ „Daß es mich, da Sie im Grunde ergeben zu ſein ſcheinen, verlangt, zu erfahren, warum Sie vierund⸗ zwanzig Stunden von mir fordern. Erwarten Sie eine Nachricht von Paris? eine Nachricht von Deutſchland? handelt es ſich?. „Fragen Sie mich nicht, Sire.“ Der König war neugierig, wie Figaro träge war, mit Wonne. „Handelt es ſich um ein Eintreffen von Truppen, um eine Verſtärkung, um eine politiſche Combination?“ „Sire! Sire!“ murmelte die Königin im Tone des Vorwurfs. „Handelt es ſich.. „Es handelt ſich um nichts,“ autwortete die Kö⸗ nigin, „Dann iſt es ein Geheimniß.“ „Nun wohl, ja; das Geheimniß einer beſorgten Frau, nichts Anderes.“ „Laune, nicht wahr?“ „Laune, wenn Sie wollen.“ „Oberſtes Geſetz.“ „Das iſt wahr. Warum iſt es nicht, in der Po⸗ litik wie in der Philoſophie, warum iſt es nicht den Königen erlaubt, ihre politiſchen Launen als oberſte Geſetze aufzuſtellen!“ „Man wird dazu kommen, ſeien Sie unbeſorgt. 190 Was mich betrifft, ſo iſt das ſchon geſchehen,“ ſprach der König ſcherzend. Morgen alſo.“ „Morgen,“ erwiederte fraurig die Königin. „Behalten Sie den Doctor, Madame?“ fragte der König. Oh! nein, nein,“ erwiederte die Königin mit einer Art von Lebhaftigkeit, welche Gilbert lächeln machte. „Ich werde ihn alſo mitnehmen.“ Gilbert verbeugte ſich zum dritten Male vor Marie Antvinette, die diesmal ſeinen Gruß nicht mehr als Königin, ſondern als Frau erwiederte. Der König ging auf die Thüre zu und Gilbert folgte ihm. „Mir ſcheint,“ ſagte der König, während er die Gallerie durchſchritt,„Sie ſtehen gut mit der Königin, Herr Gilbert?“ „Sire,“ erwiederte der Doctor,„das iſt eine Gunſt, die ich Eurer Majeſtät zu verdanken habe.“ „Es lebe der König!“ riefen die Höflinge, welche ſchon in die Vozimmer ſtrömten.„ „Es lebe der König!“ wiederholte eine Menge von Officieren und fremder Soldaten, die ſich an den Thüren des Palaſtes drängten. Dieſe Zurufe, welche ſich verlängerten und ver⸗ ſtärkten, bereiteten dem Herzen von Ludwig XVI. eine Freude, die er vielleicht nie bei doch ſo zahlreichen Gelegenheiten gefühlt hatte. Die Königin war an dem Fanſter ſitzen geblieben, wo ſie ſo furchtbare Augenblicke zugebracht hatte; als ſie dieſe Zurufe der Ergebenheit und Liebe hörte, die den König auf ſeinem Wege empfingen und in der Ferne nnter den Säulenlauben und im dichteſten Schat⸗ ten hinſtarben, ſagte ſie: „Es lebe der König! Oh! ja, es lebe der König! Er wird leben, und zwar, dir zum Trotz, ſchändliches Paris! Abſcheulicher Schlund, blutiger Abgrund, du wirſt dieſes Opfer nicht verſchlingen. Ich werde es — 191 dir entreißen, ich, mit dieſem ſo ſchwachen, ſo magern Arm, der dich in dieſem Augenblick bedroht und dem Fluche der Welt und der Rache Gottes preisgibt.“ Und indem fie ſo mit einer Heftigkeit des Haſſes ſprach, welche die wüthendſten Freunde der Revolution erſchreckt haben würde, wären ſie im Stande geweſen, zu ſehen und zu hören, ſtreckte die Königin gegen Paris ihren ſchwachen und unter den Spitzen wie ein Schwert das aus ſeiner Scheide ſpringt, glänzenden Arm aus. Dann rief ſie Madame Campan, diejenige von ihren Frauen, zu welcher ſie am meiſten Vertrauen hatte, ſchloß ſich in ihr Cabinet ein und gab Befehl, Jeder⸗ mann abzuweiſen. 4 XXXIV. Der Bruſtharniſch. Am andern Morgen erhob ſich, glänzend und rein wie am vorhergehenden Tage, eine blendende Sonne zn vergoldete den Marmor und den Sand von Ver⸗ ailles. Die zu Tauſenden auf den erſten Bäumen des Parkes gruppirten Vögel begrüßten mit betäubendem Geſchrei den ihren Liebſchaften verſprochenen neuen Tag der Wärme und Heiterkeit. Die Königin war um fünf Uhr aufgeſtanden. Sie ließ den König bitten, zu ihr zu kommen, ſobald man ihn geweckt hätte. Ein wenig ermüdet durch den Empfang einer De⸗ putation der Nationalverſammlung, der er bei ihrer Erſcheinung am vorhergehenden Tag zu antworten ge⸗ nöthigt geweſen,— das war der Anfang der Reden,— hatte Ludwig XVI. etwas länger geſchlafen, um ſich von ſeiner Müdigkeit zu erholen, und damit man nicht ſagen ſollte, die Naiur verkiere eiwas in ihm. 192 3 Kaum hatte man ihn angekleidet, als die Vitte der Königin, während er ſeinen Degen nahm, zu ihm gelangte. Er faltete leicht die Stirne und ſagte: „Wie! die Königin iſt ſchon aufgeſtanden?“ „Oh! längſt, Sire.“ „Iſt ſie noch krank?“ „Nein, Sire.“ „Und was will die Königin ſo frühzeitig von mir?“ „Ihre Majeſtät hat nichts geäußert.“ Der König nahm ein erſtes Frühſtück, das aus einer Taſſe Fleiſchbrühe mit ein wenig Wein beſtand, und ging zu Marie Antoinette. Er fand die Königin ganz angekleibet wie für die Ceremonie, ſchön, bleich, impoſant. Sie empfing ihren Gemahl mit jenem kalten Lächeln, das wie eine Winter⸗ ſonne auf den Wangen der Königin glänzte, wenn ſie an großen Empfangstagen des Hofes der Menge einen Strahl zuwerfen mußte. Der König begriff die Traurigkeit dieſes Lächelns und dieſes Blickes nicht. Er war ſchon über Eines beſorgt, nämlich über den wahrſcheinlichen Widerſtand, welchen Marie Antoinette in Beziehung auf den am Tage vorher gefaßten Plan leiſten würde. „Wieder eine neue Laune,“ dachte er. Darum faltete er die Stirne. Die Königin verfehlte nicht, in ihm durch die erſten Kert die ſie vernehmen ließ, dieſe Meinung zu ver⸗ ärken. „Sire,“ ſagte ſie,„ich habe ſeit geſtern wohl überlegt.“ „Ah! da kommt es,“ dachte der König. „Ich bitte, Sire, ſchicken Sie Alles weg, was nicht zum Vertrauteſten gehört.“ Der König gab murrend ſeinen Hofleuten Befehl, ſich zu entfernen. te 18 ie en r⸗ en ns es id, m 193 Eine einzige von den Frauen der Königin blieb bei Jhren Majeſtäten: das war Madame Campan. Da legte die Königin ihre ſchönen Hände auf den Arm des Königs und ſprach: „Warum ſind Sie ſchon angekleidet? vas iſt ſchlimm.“ „Wie, ſchlimm! warum?“ „Ließ ich Sie nicht bitten, ſich nicht anzukleiden, ehe Sie hierher kämen? Ich ſehe Sie mit der Weſte und dem Degen, während ich hoffte, Sie würden im Schlaf⸗ rock kommen.“ Der König ſchaute ſie ganz erſtaunt an. Dieſe Laune der Königin erweckte in ihm eine Menge ſeltſamer Gedanken, deren Neuheit gerade die Unwahrſcheinlichkeit noch viel ſtärker machte. „Was haben Sie,“ ſagie er zur Königin,„beab⸗ ſichtigen Sie das, worüber wir geſtern mit einander übereingekommen, zu verzögern oder zu verhindern? „Keines Wegs, Sire.“ 2 „Ich bitte Sie, nicht wahr, keinen Spott mehr über einen Gegenſtand von ſolchem Ernſt. Ich muß, ich will nach Paris gehen, ich kann mich nicht mehr hievon frei machen. Mein Hausſtaat iſt beſtellt; die Perſonen, die mich begleilen werden, ſind ſchon ſeit geſtern bezeichnet.“ „Sire, ich beabſichtige nichts, doch. „Bedenken Sie,“ ſprach der König, der ſich ſtufen⸗ weiſe belebte, um ſich Muth zu geben,„bedenten Sie, daß die Nachricht von meiner Reiſe nach Paris ſchon den Pariſern hat zukommen müſſen, daß ſie ſich vor⸗ bereitet haben, daß ſie mich erwarten, daß die ſehr aünſtigen Gefuhle, welche nach der Vorherſagung dieſe Reiſe in den Geiſtern erregt hat, ſich in eine unheil⸗ volle Feindſeligkeit verwandeln könnten. Bedenken Sie — endlich.. „Aber, Sire, ich beſtreite Ihnen nicht, was Sie Ange Pitou. U. 13 194 mir zu ſagen mich beehren, ich habe mich geſtern gefügt und bin auch heute ergeben.“ 5 „Warum dann dieſe Umſchweife, Madame?“ „Ich mache keine.“ „Verzeihen Sie; warum dann dieſe Fragen über meine Kleidung, über meine Pläne?“ „Ueber die Kleidung, ja wohl!“ erwiederte die Königin, indem fie abermals jenes Lächeln verſuchte, das durch ſein fortwährendes Verſchwinden immer düſterer wurde. „Was wollen Sie von meiner Kleidung?“ „Ich wünſchte, Sie würden Ihr Kleid ablegen.“ „Scheint es Ihnen nicht anſtändig? Es iſt ein ſeidenes Kleid von veilchenblauer Farbe. Die Pariſer ſind gewohnt, mich ſo gekleidet zu ſehen; ſie liebten bei mir dieſe Farbe, auf der überdies ein blaues Band gut ſtebt. Sie haben es mir oft ſelbſt geſagt.“ „Sire, ich habe keine Einwendung gegen die Farbe Ihres Kleides zu machen.“ „Gegen was denn?“ „Gegen das Futter.“ „Wahrhaftig, Sie machen mich neugierig mit dieſem ewigen Lächeln. das Futter.. welcher Scherz. „Ah! ich ſcherze nicht.“ „Gut, nun betaſten Sie meine Weſte, mißfällt ſie Ihnen auch? Taffet, weiß und Silber, eine Garnitur, die Sie mir ſelbſt geſtickt haben, eine von meinen Lieb⸗ lingsweſten.“ „Ich habe auch nichts gegen die Weſte.“ „Wie ſonderbar ſind Sie; iſt es der Jabot, iſt es das Hemd von geſticktem Batiſt, was Ihnen mißſällt?, Ei! muß ich mich nicht putzen, um meine gute Stadt Paris zu beſuchen?“ Ein bitteres Lächeln faltete die Lippen der Köni⸗ ain, ihre Unterlippe beſonders, die, welche man der Oeſterreicherin ſo ſehr vorwarf, verdickte ſich, als ob 3 3 —— fügt über die chte, erer ein riſer bten zand arbe mit ſcher t ſie tur, ieb⸗ tes illt? tadt öni⸗ der s ob 4 195 ſie von allen Giften des Haſſes und des Zornes ge⸗ ſchwollen wäre. „Nein,“ ſagte ſie,„ich mache Ihnen nicht Ihre ſchöne Toilette zum Vorwurf, Sire, es iſt immer das Futter, immer, immer.“ „Das Futter meines geſtickten Hemdes! ah! er⸗ klären Sie ſich endlich!“ „Nun wohl, ich erkläre mich. Der König, gehaßt, überläſtig, der ſich in die Mitte von ſiebenmalhundert⸗ tauſend von ihren Triumphen und revolutionären Ideen trunkenen Pariſern werfen will, der König iſt kein Fürſt des Mittelalters, und dennoch müßte er heute ſeinen Einzug in Paris in einem guten eiſernen Panzer, unter einem Helm von gutem Mailänder Stahl halten; dieſer Fürſt müßte es ſo einrichten, daß keine Kugel, kein Pfeil, kein Stein, kein Meſſer den Weg zu ſeinem Fleiſche finden könnte.“ „Das iſt im Grunde wahr,“ ſagte Ludwig XVI. nach⸗ denkend;„doch, meine Freundin, da ich weder Karl VIII., noch Franz l., noch ſogar Heinrich IV. heiße, da die Monarchie von heute nackt iſt unter dem Sammet und der Seide, ſo werde ich nackt unter meinem ſeidenen Kleide geben, ja, ich werde mit einem Zirlpunkte gehen, der die Kugeln lenken kann. Ich habe den Ordensſtern auf dem Herzen.“ Die Königin gab einen erſtickten Seufzer von ſich. „Sire, ſagte ſie,„wir fangen an uns zu verſtehen. Sie werden ſehen, Ihre Frau ſcherzt nicht.“ Sie machte Madame Campan, welche im Hinter⸗ grunde des Zimmers geblieben war, ein Zeichen, und dieſe nahm aus einer Schublade einen Gegenſtand von breiter, flacher, länglicher Form, der in ein ſeidenes Tuch gehüllt war. „Sire,“ ſagte die Königin,„das Herz des Königs gehört vor Allem Frankreich, das iſt wahr, doch ich glaube auch, daß es ſeiner Frau und ſeinen Kindern gehört. Ich, für meinen Theil, will tic daß dieſes 196 Herz den feindlichen Kugeln ausgeſetzt ſei. Ich habe meine Maßregeln getroffen, um meinen Gemahl, meinen König, den Vater meiner Kinder vor Allem zu ſchützen.“ Zu gleicher Zeit nahm ſie aus der ſeidenen Um⸗ hüllung ein Bruſtſtück von feinen, ſtählernen, mit einer ſo wunderbaren Kunſt gekreuzten Panzerringelchen, daß man hätte glauben ſollen, es ſei ein arabiſcher Stoff, dergeſtalt war durch den Einſchlag der Mohr nach⸗ geahmt, ſo viel Geſchmeidigkeit und Elaſticität fand ſich im Gewebe und im Spiel der Obenflächen. „Was iſt das?“ ſagte der König. „Betrachten Sie es, Sire.“ „Ein Bruſtſtück, wie mir ſcheint.“ „Ja, Sire.“ „Ein Bruſtſtück, das bis an den Hals ſchließt.“ „Mit einem kleinen Collet, welches, wie Sie ſehen, den Kragen der Weſte zu verdoppeln beſtimmt iſt.“ Der König nahm die Unterweſte in ſeine Hände und unterſuchte ſie neugierig. Als die Königin dieſe wohlwollende Aufmerkſam⸗ keit ſah, war ſie erfüllt von Freude. Der König ſchien ihr mit Wonne jede der Ma⸗ ſchen dieſes wunderbaren Netzes zu zählen, das unter ſeinen Fingern mit der Dehnbarkeit eines wollenen Tricot wogte. „Das iſt wunderbarer Stahl,“ ſagte er. „Nicht wahr, Sire?“ „Und eine herrliche Arbeit.“ „Nicht wahr?“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, wo Sie ſich das haben verſchaffen können.“ „Ich habe es geſtern von einem Manne gekauft, der es mir ſeit langer Zeit für den Fall, daß Sie in den Krieg ziehen würden, angeboten.“ „Das iſt wunderbar! wunderbar!“ ſagte der König, der die Sache als Künſtler prüfte. en, nde am⸗ Na⸗ ter nen ben uft, in nig, 197 „Und das muß gehen wie eine Weſte von Ihrem Schneider, Sire.“ „Oh! glauben Sie?“ „Probiren Sie es.“ Der König ſprach nicht ein Wort; er mißtraute ſelbſt ſeinem veilchenblauen Kleid. Die Königin zitterte vor Freude; ſie half Lud⸗ wig XVI. die Orden ablegen und Madame Campan das Uebrige. Der König legte ſelbſt ſeinen Degen ab. Wer in die⸗ ſem Augenblick das Antlitz der Königin betrachtet hätte, würde es erleuchtet von jener Klarheit des Triumphes, welche die höchſte Glückſeligkeit wiederſtrahlt, geſehen haben. Der König ließ ſich ſeine Halsbinde ausziehen, und die zarten Hände der Königin ſteckten darunter den ſtählernen Kragen. Dann befeſtigte Marie Antoinette ſelbſt die Span⸗ gen dieſes Bruſtſtücks, das auf eine bewunderungs⸗ würdige Art, überall gefüttert mit feinem Büfelleder, welches den Druck des Stahls auf dem Fleiſch ſchwächen mußte, die Form des Körpers annahm. Dieſes Bruſtſtück ging tiefer herab, als ein Küraß, und beſchützte den ganzen Körver. Darüber angezogen, bedeckten es die Weſte und das Hemd völlig. Es vermehrte nicht um eine halbe Linie die Dicke des Leibes und geſtattete alle Geberden, ohne irgend eine Beengung zu verurſachen. das ſehr ſchwer?“ fragte die Königin. ein.“ „Sehen Sie doch, mein König, welch ein Wunder, nicht wahr?“ ſagte die Königin, in die Hände klatſchend, zu Madame Campan, welche die Knöpfe an den Aermeln des Königs vollends zumachte. Madame Campan äußerte ihre Freude ebenſo naiv, als die Königin. „Ich habe meinen König gerettet!“ rief Marie Antoinette.„Verſuchen Sie dieſen unſichtbaren Panzer, 198 legen Sie ihn auf einen Tiſch, verſuchen Sie es, ihn mit einem Meſſer zu durchſchneiden, verſuchen Sie es, ihn mit einer Kugel zu durchbohren, verſuchen Sie es! verſuchen Sie es!“ „Oh!“ machte der König mit einer Miene des Zweifels. 2„Verſuchen Sie es,“ wiederholte Marie Antvinette in ihrer Begeiſterung. „Ich würde es aus Neugierde gern thun,“ ver⸗ ſetzte der König. „Thun Sie es nicht, es iſt unnöthig, Sire.“ „Wie, es iſt unnöthig, daß ich die Vortrefflichkeit Ihres Wunders probires“ „Ah! ſo ſind die Menſchen! denken Sie, ich hätte dem Zeugniß eines Andern, eines Gleichgültigen Glau⸗ ben geſchenkt, da es ſich um das Leben meines Gatten, um das Heil Frankreichs handelt?“ „Es ſcheint mir doch, das haben Sie gethan, Antoinette, Sie haben einem Andern Glauben ge⸗ ſchenkt.“ näckigkeit. „Fragen Sie,“ ſagte ſie, auf Madame Campan deutend,„fragen Sie dieſe gute Campan, was wir dieſen Morgen gethan haben.“ „Mein Gott! was denn?“ fragte der König im höchſten Maße neugierig. „Dieſen Morgen, was ſage ich, hente Nacht, haben wir, wie zwei Tolle, alles Dienſtperſonal entfernt und uns in ihrem Zimmer, das ganz hinten im Bau der Pagen liegt, eingeſchloſſen; die Pagen ſind geſtern Abend nach den Quartieren in Rambouillet abgegangen. Wir haben uns verſichert, daß uns Niemand überraſchen konnte, ehe wir unſern Plan in's Werk geſetzt.“ „Mein Gott! Sie erſchrecken mich wahrhaftig. Was für Pläne hatten denn dieſe zwei Judith?“ „Judith machte weniger,“ verſetzte die Königin Sie ſchüttelte den Kopf mit einer reizenden Hart⸗ tte u⸗ en, 199 „beſonders weniger Lärmen. Abgeſehen hievon wäre die Vergleichung vortrefflich. Campan hielt den Sack, in dem dieſer Bruſtharniſch verſchloſſen war, ich, ich trug ein langes deutſches Jagdmeſſer von meinem Vater, dieſe unfehlbare Klinge, welche ſo viele Wildſchweine tödtete.“ „Judith! immer Judith!“ rief der König lachend. „Oh! Judith hatte nicht die ſchwere Piſtole, die ich von Ihren Gewehren genommen und durch Weber hatte laden laſſen.“ „Eine Piſtole!“ „Allerdings. Man mußte uns in der Nacht ſehen, wie wir, furchtſam, durch das geringſte Geräuſch ge⸗ ängſtigt, uns vor den Indiscreten verbergend wie naſch⸗ hafte Mäuſe, behende durch die verödeten Corridors ſchlüpften. Campan ſchloß drei Thüren und verpolſterte die dritte; wir befeſtigten den Bruſtharniſch an der Wand, auf der Gliederpuppe, die zum Ausſpannen meiner Kleider dient, und ich verſetzte mit einer feſten Hand, das ſchwöre ich Ihnen, dem Küraß einen Meſſer⸗ ſtich; die Klinge bog ſich, ſprang aus meinen Händen und fuhr zu unſerem großen Schrecken in den Boden.“ „Teufel!“ rief der König. „Warten Sie.“ „Kein Loch?“ fragte Ludwig XVI. „Warten Sie doch, ſage ich Ihnen. Campan hob die Klinge auf und ſprach zu mir:„„Sie ſind nicht ſtark genug, Madame, und Ihre Hand zitterte vielleicht; ich, ich werde kräftiger ſein, Sie werden ſehen.““ Sie ergriff das Meſſer und gab der an der Wand befeſtigten Gliederpuppe damit einen ſo mächtigen Stoß, daß meine arme deutſche Klinge auf den Maſchen völlig abbrach. Sehen Sie, hier ſind die zwei Stücke, Sire. Ich will Ihnen aus dem, was übrig iſt, einen Dolch machen laſſen.“ „Ob. das iſt fabelhaft,“ rief der König;„und keine Breſche? 200 „Eine Schramme auf dem oberſten Kettenglied, und es ſind, mit Ihrer Erlaubniß, drei übereinander.“ „Ich möchte das ſehen.“ „Sie werden es ſehen.“ Und die Königin entkleidete den König mit einer wunderbaren Behendigkeit, um ihn ſchneller ihre Ideen und ihre Großthaten bewundern zu laſſen. „Hier iſt eine etwas verdorbene Stelle, wie mir ſcheint,“ ſagte der König, indem er mit dem Finger auf eine an der Oberfläche hervorgebrachte leichte Niederdrückung von ungefähr einem Zoll deutete. „Das iſt die Piſtolenkugel, Sire.“ „Wie, Sie haben aus der Piſtole mit Kugeln ge⸗ ſchoſſen?“ „Ich zeige Ihnen die abgeplattete, noch ſchwarze Kugel. Sehen Sie; glauben Sie nun, daß Ihr Leben in Sicherheit iſt?“ „Sie ſind ein Schutzengel,“ ſprach der König, während er langſam das Bruſtſtück aufhakte, um die Spur des Meſſerſtichs und die Spur der Kugel beſſer zu betrachten. „Beuttheilen Sie meine Angſt, theurer König, als ich den Piſtolenſchuß auf den Panzer thun mußte,“ ſagte Marie Antoinette.„Ach! es war noch nichts, den abſcheulichen Lärmen zu machen, vor dem ich ſo ſehr Angſt hatte, aber indem ich auf das für Ihren Schutz beſtimmte Bruftſtück ſchoß, kam es mir vor, als ſchöſſe ich auf Sie ſelbſt; ich hatte bange, Sie zu ver⸗ wunden, ich befürchtete, ein Loch zu ſehen, und dann waren meine Arbeit, meine Bemühungen, meine Hoff⸗ nung auf immer ruinirt.“ „Theure Antvinette,“ ſagte Ludwig Xvl., indem er die Stahlweſte vollends aufhakte,„wie viel Dank bin ich Ihnen ſchuldig.“ Und er legte den Bruſtharniſch auf den Tiſch. was machen Sie denn?“ fragte die Kö⸗ nigin. er en nir ger hte 201 Und ſie nahm das Bruſtſtück und reichte es zum zweiten Mal dem König. Doch er erwiederte mit einem Lächeln voll Anmuth und Adel: „Nein, ich danke.“ „Sie ſchlagen es aus?“ rief die Königin. „Ich ſchlage es aus.“ „Oh! bedenken Sie doch, Sire.“ „Sire...“ flehte Madame Campan. „Es iſt die Rettung; es iſt das Leben!“ „Das iſt möglich,“ ſagte der König. ſchlagen die Hülfe aus, die uns Gott ſelbſt ch 4 „Genug! genug! rief der König. „Oh! Sie weigern ſich!“ „Ja, ich weigere mich.“ „Aber ſie werden Sie tödten!“ „Meine Liebe, wenn die Evelleute im achtzehnten Jahrhundert im Felde ſind, ſo find ſie es mit einem Kleide von Tuch, mit Weſte und Hemd, das iſt für die Kugeln: gehen Sie auf den Boden der Ehre, ſo be⸗ halten ſie nur das Hemd, das iſt genug für den Degen. Ich, ich bin der erſte Edelmann meines Reiches, ich werde weder mehr, noch weniger thun, als meine Freunde. Ueberdies: da, wo ſie Tuch nehmen, habe ich allein das Recht, Seide zu tragen. Ich danke, meine liebe Frau, ich danke, meine gute Königin, ich danke.“ „Ah!“ rief die Königin, zugleich in Verzweiflung und entzückt,„warum hört ihn ſeine Armee nicht?“ Der König aber hatte ſich ruhig vollends ange⸗ kleidet, ohne daß er den Act des Heldenmuths, den er vollbracht, nur zu beareifen ſchien. „Iſt denn eine Monarchie verloren, die in ſolchen Augenblicken Stolz findet!“ murmelte die Königin. 202 XXXV. Die Abfahrt. Als Ludwig XVI. von der Königin weaging, fand er ſich unmittelbar umgeben von allen Officieren und Perſonen ſeines Hauſes, welche beſtimmt waren, ihn nach Paris zu begleiten. Es waren die Herren von Beauvau, von Villeroy, von Nesle und von Eſtaing. Gilbert wartete, mit der Menge vermiſcht, daß ihn Ludwig XVI. bemerke, und wäre es nur, um ihm einen Blick zuzuwerfen. Es war ſichtbar, daß alle dieſe Menſchen im Zwei⸗ fel ſchwebten, und daß man nicht an den Beſtand dieſes Entſchluſſes glauben konnte. „Nach dem Frühſtück, meine Herren, brechen wir auf,“ ſagte der König. Dann, als er Gilbert erblickte, fuhr er fort: „Ah! Sie ſind da, Doctor... ſehr gut. Sie wiſſen, daß ich Sie mitnehme.“ „Zu Ihren Befehlen, Sire.“ Der König ging in ſein Cabinet, wo er zwei Stun⸗ den arbeitete.* Er hörte ſodann die Meſſe mit ſeinem ganzen Hofſtaat, und gegen neun Uhr ſetzte er ſich zu Tiſch. Das Mahl fand mit dem gewöhnlichen Ceremo⸗ niel ſtatt; nur wollte die Königin, die man ſeit der Meſſe mit geſchwollenen, rothen Augen ſah, ohne im Geringſten daran Theil zu nehmen, dem Mahle des Königs beiwohnen, um länger vor ihm zu ſein. Die Königin hatte ihre zwei Kinder mitgebracht, welche beide, ohne Zweifel ſchon bewegt durch die müt⸗ terlichen Rathſchläge, ihre Augen ängſtlich vom Geſicht ihres Vaters auf der Menge der Officiere und Garden umherlaufen ließen. Von Zeit zu Zeit wiſchten die Kinder überdies, auf — 8„ ——,— 57—— —— nd nd n n en 6 203 Befehl ihrer Mutter, eine Thräne ab, welche an ihren Augenwimpern hervorbrach, und dieſes Schauſpiel er⸗ füllte mit Mitleid die Einen, mit Zorn die Andern, mit Schmerz die ganze Verſammlung. Der König aß ſtoiſch. Er ſprach wiederholt mit Gilbert, ohne ihn anzuſchauen; er ſprach beinahe be⸗ ſtändig mit der Königin und immer mit einer tiefen Zuneigung. gab er ſeinen Kapitänen Verhaltungs⸗ regeln. Er beendigte eben ſein Mahl, als man ihm mel⸗ dete, eine dicht geſchaarte Menge Menſchen zu Fuß er⸗ ſcheine, von Paris kommend, am Ende der großen Allee, welche auf den Paradeplatz ausmündete. Auf der Stelle ſtürzten die Officiere und Garden aus dem Saal; der König erhob das Haupt und ſchaute Gilbert an; da er aber ſah, daß Gilbert lächelte, ſo aß er ruhig weiter. Die Königin erbleichte, neigte ſich gegen Herrn von Beauvau und bat ihn, ſich zu erkundigen. Herr von Beauvau lief haſtig hinaus. Die Königin trat an ein Fenſter. Fünf Minuten nachher kam Herr von Beauvau zurück. „Sire,“ ſagte er,„es ſind die Nationalgarden von Paris, welche ſich, da ſich geſtern in der Hauptſtadt das Gerücht von der Abſicht Eurer Majeſtät, die Pariſer zu beſuchen, verbreitete, zu etwa zehntauſend vereinigt haben, um Ihnen entgegenzukommen, und als ſie, indem ſie Ihnen entgegengingen, ſahen, daß Sie zögerten, marſchirten ſie bis Verſailles.“ „Welche Abſichten ſcheinen ſie zu haben?“ fragte der König. „Die beſten der Welt,“ antwortete Herr von Beauvau. „Gleichviel!“ verſetzte die Königin,„ſchließen Sie die Gitter.“ 204 „Hüten Sie ſich davor,“ entgegnete der König, ſ genug, wenn die Thüren des Palaſtes verſchloſſen eiben.“ Die Königin faltete die Stirne und warf Gilbert einen Blick zu. Gilbert erwartete dieſen Blick, denn die Hälfte ſeiner Vorherſagung hatte ſich ſchon verwirklicht. Er hatte die Ankunft von zwanzigtauſend Mann verſpro⸗ chen; es waren ſchon zehntauſend da. Der König wandte ſich gegen Herrn von Beauvau um und ſagte zu ihm: „Seien Sie dafür beſorgt, daß man dieſen braven Leuten Erfriſchungen gibt.“ Herr von Beauvau ging zum zweiten Mal hinab und überbrachte den Schaffnern die Befehle des Königs. Dann kam er wieder herauf. „Nun?“ fragte die Königin. „Sire, Ihre Pariſer find in einem großen Streit mit den Herren Garden begriffen.“ „Wie!“ rief der König,„es findet ein Streit ſtatt?“ „Oh! ein Streit der reinen Höflichkeit. Da ſie er⸗ fahren haben, der König breche in zwei Stunden auf, ſo wollen ſie den Abgang des Königs abwarten und hinter dem Wagen Seiner Majeſtät marſchiren.“ „Aber ſie ſind zu Fuß, denke ich?“ fragte die Königin. „Ja, Madbame.“, „Wohl! der König hat Pferde an ſeinem Wagen, und der König fährt raſch, ſehr raſch. Sie wiſſen, Herr von Beauvau, daß der König ſehr raſch zu fahren egt. 3 Dieſe Worte ſo betont bedeuteten: „Binden Sie Flügel an den Wagen Seiner Ma⸗ jeſtät.“ Der König winkte mit der Hand, daß man das Geſpräch abbreche. „Ich werde im Schritt fahren,“ ſagte er. ig, ſen fte Er ro⸗ au en ab gs. eit 2. er⸗ uf, nd en, en, a⸗ as 205 Die Königin ſtieß einen Seufzer aus, der einem Schrei des Zornes glich. „Es iſt nicht billig,“ fügte Ludwig XVI. ruhig bei, „es iſt nicht billig, daß ich dieſe braven Leute, die ſich, um mir Ehre anzuthun, Mühe gemacht haben, laufen laſſe; ich werde im Schritt fahren, und zwar im kur⸗ zen Schritt, damit mir alle Welt folgen kann.“ Die Verſammelten bezeigten ihre Verwunderung; doch zu gleicher Zeit ſah man auf mehreren Geſichtern den Reflex einer Mißbilligung, welche ſich ganz deutlich in den Zügen der Königin füͤr ſo viel Seelengüte offen⸗ barte, die ſie als Schwäche behandelte. Ein Fenſter öffnete ſich. Die Königin wandte ſich erſtaunt um: es war Gil⸗ bert, der in ſeiner Eigenſchaft als Arzt von ſeinem Rechte, öffnen zu laſſen, um die im Saale durch den Geruch der Speiſen und das Athmen von mehr als hundert Perſonen verdichtete Luſt zu erneuern, Ge⸗ brauch machte. Der Doctor ſtellte ſich hinter die Vorhänge dieſes offenen Fenſters, und durch das offene Fenſter drangen die Stimmen der im Hofe verſammelten Menge ein. „Was iſt das?“ fragte der König. „Sire,“ antwortete Gilbert,„es ſind die National⸗ garden, welche, unter den Sonnenſtrahlen auf dem Pfla⸗ ſter ſtehend, ſehr heiß haben müſſen.“ „Warum ladet man ſie nicht ein, mit dem König zu frühſtücken?“ ſagte leiſe zur Königin einer von ihren Lieblingsoſficieren. „Man müßte ſie in den Schatten führen, in den Marmorhof, unter die Veſtibules, kurz überallhin, wo ein wonig Kühle iſt,“ ſprach der König. „Zehntauſend Menſchen unter die Veſtibules?“ ſagte die Königin. „Ueberall vertheilt, werden ſie Raum haben,“ ſprach der König. „Ueberall vertheilt?“ verſetzte Marie Antvinette, 206 „aber Sire, Sie ſind im Begriff, ihnen den Weg zu Ihrem Schlafzimmer zu weiſen.“ Eine entſetzliche Prophezeiung, die ſich in Ver⸗ ſailles ſelbſt vor Ablauf von drei Monaten verwirk⸗ lichen ſollte. 8 „Sie haben viele Kinder bei ſich, Madame,“ bemerkte Gilbert mit ſanftem Tone. „Kinder?“ fragte die Königin. „Ja, Madame, viele von ihnen haben ihre Kinder wie auf einen Spaziergang mitgenommen. Die Kin⸗ der ſind als kleine Nationalgarden gekleidet, ſo groß iſt die Begeiſterung für das neue Inſtitut.“ Die Königin öffnete den Mund, neigte aber bei⸗ nahe in demſelben Augenblicke das Haupt. Sie hatte Luſt gehabt, ein gutes Wort zu ſagen, der Stolz und der Haß hielten ſie wieder zurück. Gilbert ſchaute ſie aufmerkſam an. „Ei!“ rief der König,„dieſe armen Kinder!. wenn man Kinder mit ſich führt, hat man nicht Luſt, einem Familienvater ein Leid anzuthun; ein Grund mehr, die armen Kleinen in den Schatten zu bringen. Führt ſie herein; führt ſie herein.“ Gilbert ſchüttelte ſachte den Kopf und ſchien zur Königin, welche geſchwiegen hatte, zu ſagen: „Madame, ſo hätten Sie ſprechen müſſen, ich bot Ihnen die Gelegenheit dazu. Das Wort wäre wieder⸗ holt worden, und Sie hätten dabei zwei Jahre Volks⸗ beliebtheit gewonnen.“ Die Königin verſtand dieſe ſtumme Sprache von Gilbert und die Röthe ſtieg ihr zur Stirne. Sie fühlte ihren Fehler und entſchuldigte ſich ſo⸗ gleich durch ein Gefühl des Hochmuths und des Wider⸗ ſtandes, das ſie als Antwort an Gilbert zurückſandte. Mittlerweile entledigte ſich Herr von Beauvau des ihm vom König ertheilten Auftrags. Da hörte man Freudenſchreie und Segnungen von . 207 der, auf Befehl des Königs in das Innere des Palaſtes zugelaſſenen, hewaffneten Menge. Die Zurufe, die Glückwünſche, die Vivats ſtiegen in Wirbeln bis zu dem königlichen Ehepaar empor und beruhigten es über die Stimmung von dem ſo ſehr ge⸗ fürchteten Paris. „Sire,“ fragte Herr von Beauvau,„welchen Befehl gibt Eure Majeſtät in Betreff Ihres Cortege?“ „Wie iſt es mit dem Streite der Nationalgarde mit meinen Officieren?“ „Oh! Sire, verdunſtet, verſchwunden; die braven Leute find ſo glücklich, daß ſie nun ſagen:„„Wir werden gehen, wohin man uns ſtellt; der König gehört ſo gut uns, als den Anderen; wohin er gehen mag, wird er uns gehören.““ Der König ſchaute Marie Antoinette an. Marie Antvinette zog mit einem höhniſchen Lächeln ihre hoffär⸗ tige Lippe zuſammen. „Sagen Sie den Nationalgarden,“ ſprach Lud⸗ wig XVI.,„ſie mögen ihre Stellung nehmen, wo ſie wollen.“ „Eure Majeſtät wird nicht vergeſſen, daß es ein unveräußerliches Recht Ihrer Garde⸗du⸗corps iſt, den Wagen zu umgeben,“ ſprach die Königin. Als die Officiere den König ein wenig unſchlüſſig ſahen, traten ſie hinzu, um die Königin zu unterſtützen. „Das iſt im Grunde richtig,“ verſetzte der König. „Nun! man wird ſehen.“ Herr von Beauvau und Herr von Villeroy gingen ab, um ihre Stellen einzunehmen und ihre Befehle zu geben. Es ſchlug zehn Uhr in Verſailles. „Auf,“ ſagte der König,„ich werde morgen arbei⸗ ten. Dieſe braven Leute ſollen nicht warten.“ Der König erhob ſich. Marie Antvinette öffnete die Arme und umſchlang den König. Die Kinder hingen ſich weinend an den 208 Hals ihres Vaters. Gerührt, bemühte ſich der König, ſich ſachte ihren Umarmungen zu entziehen: er wollte die Gemüthsbewegung verbergen, welche wohl bald über⸗ ſtrömt wäre. Die Königin hielt alle Officiere zurück, faßte die⸗ ſen beim Arm, jenen bei ſeinem Degen. Alle legten die Hand an ihr Herz und an ihren Degen. Die Königin lächelte, um zu danken. Gilbert blieb unter den Letzten. „Mein Herr,“ ſprach die Königin zu ihm,„Sie haben dem König dieſe Fahrt nach Paris gerathen; Sie vaben den König beſtimmt, trotz meines Flehens. Bedenken Sie, mein Herr, daß Sie eine furchtbare Verantwortlichkeit vor der Gattin und vor der Mutter übernommen haben!“ „Ich weiß es, Madame,“ antwortete Gilbert kalt. „Und Sie werden mir den König unverſehrt zurück⸗ bringen!“ ſprach die Königin mit einer feierlichen Geberde. „Ja, Madame.“ „Bedenken Sie, daß Sie mir für ihn bei Ihrem Kopfe haften!“ Gilbert verbeugte ſich. „Bedenken Sie, bei Ihrem Kopfe!“ wiederholte Marie Antoinette mit der Drohung und der unbarm⸗ herzigen Autorität einer abſoluten Königin. „Bei meinem Kopf,“ ſprach der Doctor, ſich ver⸗ beugend;„ja, Madame, und dieſes Pfand würde ich als einen Leibbürgen von geringem Werthe betrachten, wenn ich den König bedroht glaubte; doch ich habe es Le Madame, zum Triumph führe ich Seine Maje⸗ ät heute.“ 5 „Ich will alle Stunden Nachrichten haben,“ fügte die Königin bei. „Sie werden ſie erhalten, Madame, ich ſchwöre es Ihnen.“ p ie n; ns. re ter t. ck⸗ en te m⸗ er⸗ en, es je⸗ igte öre 209 „Gehen Sie nun, mein Herr, ich höre die Trom⸗ meln; der König begibt ſich auf den Weg.“ Gilbert verbeugkte ſich und begegnete, auf der gro⸗ ßen Treppe verſchwindend, einem Adjutanten von den Haustruppen des Königs, der ihn auf Befehl Seiner Majeſtät ſuchte. Man ließ ihn in einen Wagen ſteigen, der Herrn von Beauvau, dem Oberſteeremonienmeiſter, gehörte, denn man wollte ihn nicht in einer königlichen boſ fahren laſſen, da er keine Adelsprobe gemacht atte. Gilbert lächelte, als er ſich allein in dieſem mit Wappen geſchmückten Wagen ſah. Herr von Beauvau ritt nämlich und tummelte ſein Pferd neben dem könig⸗ lichen Kutſchenſchlag. Dann kam ihm der Gedanke, es ſei lächerlich von ihm, ſo einen Wagen einzunehmen, der Wappen und Krone habe. Dieſes Bedenken währte noch fort, als er unter der Menge der Nationalgarden, die den Wagen um⸗ ſchloß, folgende Worte von Leuten flüſtern hörte, die ſich neugierig vorbeugten, um ihn anzuſchauen: „Ah! dieſer da iſt der Prinz von Beauvau!“ „Ei!“ ſagte ein Kamerad,„Du täuſcheſt Dich.“ idoch doch, da am Wagen das Wappen des Prin⸗ zen iſt.“ „Das Wappen! das Wappen! Ich ſage Dir, daß das nichts zur Sache thut.“ „Bei Gott! das Wappen, was beweiſt das?“ „Das heweiſt, daß, wenn das Wappen von Herrn von Beauvau am Wagen iſt, Herr von Beauvau ſelbſt darin ſein muß.“ von Beauvau, iſt das ein Patriot?“ fragte eine Frau. „Ah! ja wohl!“ verſetzte ein Nationalgarde. Gilbert lächelte abermals. „Aber ich ſage Dir,“ wieberholte der erſte Wiber⸗ ſprecher,„ich ſage Dir, daß es nicht der Prinz iſt; der Ange Pitou. 1. 14 2¹0 Prinz iſt fett, dieſer iſt mager. Der Prinz trägt den Rock eines Commandanten der Garden, dieſer hat einen ſchwarzen Rock; es iſt der Intendant.“ Ein nicht ſehr verbindliches Gemurmel empfing die Perſon des durch dieſen wenig ſchmeichelhaften Titel entſtellten Gilbert. „Ei, Mord und Teufel!“ rief eine dicke Stimme, hei deren Ton Gilbert bebte, die Stimme eines Man⸗ nes, der ſich mit ſeinen Ellenbogen und ſeinen Fäuſten bis zum Wagen Bahn brach;„nein, es iſt weder Herr von Beauvau, noch ſein Intendant, es iſt ein braver, trefflicher Patriot, und ſogar der trefflichſte der Patrio⸗ ten.. Eil! Herr Gilbert, was machen Sie denn im Wagen eines Prinzen?“ „Ah! Sie ſind es, Vater Billot,“ rief der Doctor. „Bei Gott! ich habe mich wohl gehütet, die Ge⸗ legenheit zu verſäumen,“ antwortete der Pächter. „Und Pitou?“ fragte Gilbert. Ohl er iſt nicht fern. Hollah! Piton, komm her⸗ bei, vorwärts.“ Auf dieſe Einladung ſchlüpfte Piton, mittelſt eines kräftigen Spiels der Schultern, bis in die Nähe von Billot und verbeugte ſich mit Bewunderung vor Gilbert. „Guten Morgen, Herr Gilbert,“ ſagte er. 3 Morgen, Pitou; guten Morgen, mein reund.“ „Gilbert! Gilbert! wer iſt das?“ fragte die Menge. „So iſt es mit dem Ruhm!“ dachte der Doctor. „Wohl bekannt in Villers⸗Cotterets, ja; doch in Paris, es lebe die Volksthümlichkeit!“ Er ſtieg aus dem Wagen, der nun im Schritt fuhr, und ging, ſich auf den Arm von Billot ſtützend, zu Fuß unter der Menge weiter. Er erzählte ſodann dem Pächter mit wenigen Wor⸗ ten ſeinen Beſuch in Verſailles und ſprach von der guten Stimmung des Königs und der königlichen Familie. Er machte in einigen Minuten eine ſolche Propaganda von —,——„— n— —— e— e 20 12 en en ie tel ne, n⸗ ten err er, io⸗ im or. e⸗ er⸗ nes von ert. ein ige. tor. in hr, Fuß or⸗ ten von 211 Royalismus in dieſer Gruppe, daß dieſe, für die guten Eindrücke noch leicht empfänglichen, braven Leute, naiv und entzückt, ein langes;„Es lebe der König!“ ertönen ließen, das, verſtärkt durch die vorangehenden Reihen, den König in ſeinem Wagen betäubte. „Ich will den König ſehen,“ ſagte Billot electri⸗ ſirt;„ich muß ihn von nahe ſehen. Ich habe den Weg deshalb gemacht. Ich will ihn nach ſeinem Geſicht beurtheilen. Das Geſicht eines ehrlichen Mannes, das erräth ſich. Nähern wir uns, Herr Gilbert, wenn Sie wollen?“ „Warten Sie, das wird uns leicht ſein,“ ſagte Gilbert,„denn ich ſehe den Adjutanten von Herrn von Beauvau, der Jemand in dieſer Richtung ſucht.“ Ein Reiter, der mit aller möglichen Vorſicht unter dieſen Gruppen ermüdeter, aber freudiger Fußgänger manveuvrirte, ſuchte in der That den Schlag des Wa⸗ gens, welchen Gilbert verlaſſen hatte, zu erreichen. Gilbert rief ihn an. „Suchen Sie nicht den Doctor Gilbert, mein Herr?“ fragte er. „Ihn ſelbſt,“ antwortete der Adjutant. „Ich bin es.“ „Gut. Herr von Beauvau läßt ſie auf Befehl des Königs erſuchen.“ Dieſe ſchallenden Worte machten, daß Gilbert die Augen und die Menge ihre Reihen öffneten; Gilbert ſchlüpfte, gefolgt von Billot und Pitou, hinter dem Reiter durch, während dieſer wiederholt ausrief: „Geben Sie Raum, meine Herren, geben Sie Pann Platz im Namen des Königs, meine Herren, atz!“ Gilbert kam bald an den Schlag des königlichen Wagens, der im Schritte der Ochſen der merovingiſchen Zeit fuhr. 14* 212 XXXVI. Die Reiſe. So antreibend, ſo angetrieben, aber immer dem Adjutanten von Herrn von Beauvau folgend, kamen Gilbert, Billot und Piton endlich zu dem Wagen, in welchem der König, begleitet von den Herren von Eſtaing und Villequier, langſam unter einer wachſenden Menge vorrückte. Ein ſeltſames, unerhörtes, unbekanntes Schauſpiel, venn es fand zum erſten Male ſtatt. Alle dieſe National⸗ garden vom Lande, improviſirte Soldaten, liefen mit Freuden ſchreien anf dem Wege des Königs herbei, begrüßten ihn mit ihren Glückwünſchen, ſuchten ſich geſehen zu machen, nahmen, ſtatt nach Hauſe zurückzu⸗ kehren, in dem Zuge ihre Reihe ein und begleiteten den Marſch des Königs. Warum? Niemand hätte es ſagen können; gehorchte man dem Inſtinct? Man hatte dieſen vielgeliebten König geſehen, man wollte ihn wiederſehen. Denn man muß es ſagen, in jener Zeit war Lud⸗ wig XVI. ein angebeteter König, dem die Franzoſen Altäre errichtet haben würden, ohne die tiefe Verachtung, welche Herr von Voltaire den Franzoſen für die Altäre eingeflößt hatte. Ludwig XVI. hatte alſo keine, doch einzig und 3 allein, weil ihn die ſtarken Geiſter in dieſer Epoche zu ſehr ſchätzten, um ihm eine ſolche Demüthigung aufzuerlegen. Ludwig XVI. erblickte Gilbert, auf den Arm von Billot geſtützt; hinter ihm marſchirte Pitou, beſtändig ſeinen großen Säbel ſchleppend. v S Doctor, das ſchöne Wetter und das ſchöne o „Sie ſehen, Sire,“ erwiederte Gilbert. 28 1— ———„ — m n n en it i en te en d⸗ en g, re 2¹3 Und er neigte ſich gegen den König und fügte bei: „Was hatte ich Eurer Majeſtät verſprochen?“ „Ja, mein Herr, ja, und Sie haben auf eine würdige Art Ihr Wort gehalten.“ Der König erhob das Haupt und ſprach mit der Abſicht, gehört zu werden: „Wir marſchiren ſehr langſam, doch mir ſcheint, wir marſchiren immer noch zu ſchnell für Alles das, was es heute zu ſehen gibt.“ „Sire,“ ſagte Herr von Beauvau,„Sie machen in dem Schritt, den Eure Majeſtät fährt, eine Meile in drei Stunden. Es iſt ſchwierig, langſamer zu fahren.“ Die Pferde hielten in der That jeden Augenblick an; es wurden Reden und Erwiederungen ausgetauſcht; die Nationalgarden fraterniſirten— man hatte das Wort gefunden— mit den Gardes⸗du⸗corps Seiner Majeſtät. „Ah!“ ſagte Gilbert, der dieſes ſeltſame Schauſpiel als Philoſoph betrachtete, zu ſich ſelbſt:„wenn man mit den Garde⸗du⸗corps fraterniſirt, ſo iſt dies ſo, weil ſie, ehe ſie Freunde wurden, Feinde geweſen ſind.“ „Sagen Sie uns doch, Herr Gilbert,“ ſprach Billot halblaut,„ich habe den König hübſch angeſchaut, ich habe ihm hübſch zugehört. Nun! meiner Anſicht nach iſt der König ein braver Mann.“ In ſeinem Enthuſiasmus betonte Billot dieſe letzten Worte ſo, daß der König und der Generalſtab ſie hörten. Der Generalſtab lachte. Der König lächelte, nickte mit dem Kopf und ſagte: „Das iſt ein Lob, das mir gefällt.“ Dieſe Worte wurden laut genug geſprochen, daß Billot ſie hörte. „Oh! Sie haben Recht, Sire, denn ich ſpende es nicht Jedermann,“ erwiederte Billot, der geraden Weges in das Geſpräch mit ſeinem König eintrat, wie Michaud mit Heinrich 1V. „Das ſchmeichelt mir um ſo mehr,“ ſagte der 2¹4 König verlegen, denn er wußte nicht, wie er es machen ſollte, um ſeine Königswürde freundlich ſprechend als ein guter Patriot zu behaupten. Ach! der arme Fürſt war noch nicht gewöhnt, der König der Franzoſen zu heißen. Er glaubte noch der König von Frankreich zu heißen. In ſeinem freudigen Entzücken gab ſich Billot nicht die Mühe, darüber nachzudenken, ob Ludwig, aus dem philoſophiſchen Geſichtspunkt, den Königstitel nieder⸗ gelegt hatte, um den Titel eines Menſchen anzunehmen. Billot, welcher fühlte, wie ſehr ſich dieſe Sprache der ländlichen Gutherzigkeit näherte, Billot wünſchte ſich Glück, daß er einen König verſtand und von ihm verſtanden wurde. Von dieſem Augenblick an hörte Billot nicht mehr auf, ſich für den König zu begeiſtern. Er trank aus den Zügen des Königs, nach dem Vir⸗ gihſchen Ausdruck, eine lange Liebe für das conſtitutio⸗ nelle Königthum und theilte ſie Ange Pitou mit, der, zu voll von ſeiner eigenen Liebe und von dem Ueberfluß der Liebe von Billot, das Ganze nach außen verbrei⸗ tete, Anfangs, indem er mächtig, ſodann, indem er kreiſchend, und endlich, indem er nur noch unbeſtimmt rief: „Es lebe der König! es lebe der Vater des Volks!“ Dieſe Modification in der Stimme von Piton bewerkſtelligte ſich nach Maßgabe ſeines Heiſerwerdens. Pitou war völlig heiſer, als der Zug am Point⸗ du⸗Jour ankam, wo Herr Lafayette, das berühmte weiße Roß reitend, die undisciplinirten und bebenden Schaaren der Nationalgarde, welche ſeit fünf Uhr Morgens aufgeſtellt waren, um das Geleite des Königs zu bilden, im Athem erhielt. Es war nun zwei Uhr. Die Zuſammenkunft des Königs und des neuen Chef der franzöſiſchen Armee ging auf eine für die Anweſenden befriedigende Weiſe vor ſich. Der König fing an müde zu werden, er ſprach nicht mehr und lächelte nur. b d C d c ge— S—— —„„„— — 8— — —— 21⁵ Der Obergeneral der Pariſer Milizen ſeinerſeits befahl nicht mehr und geſticulirte nur. Der König hatte die Befriedigung, zu bemerken, daß man beinahe ebenſo ſehr: Es lebe der König! als: Es lebe Lafayette! rief. Leider war es das letzte Mal, daß er dieſes Vergnügen der Eitelkeit koſten ſollte. Gilbert befand ſich immer am Wagenſchlage des Königs, Billot bei Gilbert, Piton bei Billot. Gilbert hatte ſeinem Verſprechen getreu Mittel gefunden, ſeitdem er Verſailles verlaſſen, vier Couriere an die Königin abzuſenden. Dieſe Couriere hatten nur gute Nachrichten gebracht, denn überall auf ſeinem Wege ſah der König die Mützen in die Luft fliegen; nur glänzte an allen dieſen Mützen eine Cocarde mit den Nationalfarben, eine Art von Vorwurf an die weißen Cocarden gerichtet, welche die Garden des Königs und der König ſelbſt an ihrem Hut trugen. In ſeiner Freude und in ſeiner Begeiſterung war dieſe Verſchiedenheit der Cocarden das Einzige, was Billot unangenehm berührte. Billot hatte an ſeinem Dreiſpitz eine ungeheure dreifarbige Corarde. Der König hatte eine weiße Cocarde an ſeinem Hut, der König und der Unterthan hatten folglich kei⸗ nen ganz ähnlichen Geſchmack. Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn dergeſtalt, daß er ſich Gilbert in dem Augenblick, wo der Doctor nicht mehr mit Seiner Majeſtät ſprach, eröffnete. „Perr Gilbert,“ fragte er,„warum hat der König nicht die Nationalcocarde angenommen?“ „Mein lieber Billot, weil der König entweder nicht weiß, daß es eine neue Cocarde gibt, oder weil er denkt, ſeine Cocarde müſſe die der Nation ſein.“ „Nein, nein, weil ſeine Cvearde weiß und die unſere dreifarbig iſt.“ „Geduld,“ verſetzte Gilbert, der Billot in dem 2¹6 Augenblick zurückhielt, wo er ſich köpflings in die Zeitungsphraſen ſtürzen wollte,„die Cocarde des Königs iſt weiß, wie die Fahne von Frankreich weiß iſt. Das iſt nicht die Schuld des Königs. Coearde und Fahne waren weiß, lange ehe der König zur Welt kam; übri⸗ gens, mein lieber Billot, hat die Fahne ihre Probe gemacht und die weiße Cocarde auch. Es war eine weiße Cocarde an dem Hute des Bailly von Suffren, als er auf der indiſchen Halbinſel unſere Fahne wieder aufpflanzte. Es war eine weiße Cocarde am Hute von Aſſas, und daran erkannten ihn die Deutſchen in der Nacht, als er ſich eher tödten, als ſeine Soldaten über⸗ fallen ließ. Es war eine weiße Cocarde am Hute des Marſchalls von Sachſen, als er die Engländer bei Fon⸗ tenoh ſchlug. Es war endlich eine weiße Cocarde am Hute von Herrn von Condé, als er die Kaiferlichen bei Rocroh, bei Freiburg und bei Lens ſchlug. Dieſe und noch viele andere Dinge hat die weiße Cocarde gethan, mein lieber Billot, während die Nationalevearde, welche vielleicht die Reiſe um die Welt machen wird, wie Lafayette prophezeit, noch nicht Zeit gehabt hat, etwas zu thun, in Betracht, vaß ſie erſt ſeit drei Tagen exiſtirt. Verſtehen Sie wohl, ich ſage nicht, ſie werde müßig bleiben; da ſie aber noch nichts gethan hat, ſo gibt ſie dem König das Recht, zu warten, bis ſie thut.“ „Wie, die Nationalcocarde hat noch nichts gethan?“ verſetzte Billot,„hat ſie nicht die Baſtille erobert?“ „Doch,“ antwortete Gilbert traurig,„Sie haben Recht, Billot.“ „Darum,“ ſprach der Pächter triumphirend,„darum müßte ſie der König annehmen.“ Gilbert ſtieß Billot gewaltig mit dem Ellenbogen in die Seite, denn er hatte bemerkt, daß der König horchte. Dann ſagte er leiſe: „Sind Sie verrückt? und gegen wen iſt denn die Baſtille genommen worden? Gegen das Königthum⸗ 6 wie mir ſcheint. Und Sie wollen den König die Tro⸗ 217 phäen Ihres Sieges und die Inſignien ſeiner Nieder⸗ lage tragen laſſen? Wahnſinniger! der König iſt voll Gemüth, voll Güte und Offenherzigkeit, und Sie wollen einen Heuchler aus ihm machen?“ „Aber,“ verſetzte Billot demüthiger, jedoch ohne ſich noch ganz ergeben zu haben,„aber die Baſtille iſt nicht gerade gegen den König, ſondern gegen den Des⸗ potismus genommen worden.“ Gilbert zuckte die Achſeln, jedoch mit jener Zartheit des überlegenen Mannes, der, aus Furcht, ihn zu zer⸗ treten, den Fuß nicht auf den ihm Untergeordneten ſetzen will. „Nein,“ fuhr Billot, ſich belebend, fort,„nicht gegen unſern König haben wir gekämpft, ſondern gegen die Trabanten.“ In jener Zeit ſagte man in der Politik Trabanten ſtatt Soldaten, wie man auf dem Theater Roß ſtatt Pferd ſagte. „Uebrigens,“ fuhr Billot mit einem Anſchein von Vernunft fort,„übrigens mißbilligt er ihr Benehmen, da er in unſere Mitte kommt, und wenn er ihr Be⸗ nehmen mißbilligt, ſo billigt er das unſere. Für unſer Glück und für ſeine Ehre haben wir, die Sieger der Baſtille, gearbeitet.“ „Achl ach!“ murmelte Gilbert, der nicht wußte, wie er das, was auf dem Geſichte des Königs vorging, nit dem, was in ſeinem Herzen vorging, vereinigen ollte. Der König vernahm unter dem verworrenen Ge⸗ murmel des Marſches allmälig ein paar Worte von der Erörterung, welche an ſeiner Seite ſtattfand. Gilbert entging die Aufmerkſamkeit, die der König der Erörterung ſchenkte, nicht, und er ſtrengte ſich daher an, um Billot auf ein minder ſchlüpfriges Terrain, als das, auf welches er ſich begeben, zu führen. Plötzlich hielt man an. Man war beim Cours⸗ la⸗Reine in den Champs⸗Elyſées angelangt. 2¹8 Hier war eine Deputation von Wählern und Schöp⸗ pen, unter dem Präſidium des neuen Maire Bailly, in ſchöner Ordnung, mit einer von einem Oberſten befeh⸗ ligten Wache von dreihundert Mann und wenigſtens dreihundert Mitgliedern der Nationalverſammlung, wie man ſich denken kann, aus den Reihen des dritten Standes genommen, aufgeſtellt. Zwei von den Wählern vereinigten ihre Kräfte und ihre Geſchicklichkeit, um eine Platte von Vermeil, auf der zwei ungeheure Schlüſſel, die Schlüſſel der Stadt Paris aus der Zeit von Heinrich IV. ruhten, im Gleich⸗ gewicht zu halten. Dieſes eindrucksvolle Schauſpiel machte alle Privat⸗ geſpräche verſtummen, und Jeder, der ſich in den Reihen oder in den Gruppen befand, trachtete darnach, die Reden zu hören, welche bei dieſer Veranlaſſung ausge⸗ tauſcht werden ſollten. Bailly, der würdige Gelehrte, der wackere Aſtro⸗ nom, den man wider ſeinen Willen zum Abgeordneten, wider ſeinen Willen zum Maire gemacht hatte, hielt eine lange Ehrenrede bereit. Dieſe Rede hatte als Eingang, nach den ſtrengſten Regeln der Rhetorik, eine Lobeserhebung des Königs, ſeit Herr Turgot zur Re⸗ gierung gelangt war, bis zur Einnahme der Baſtille. Es fehlte ſogar nicht viel, ſo groß iſt das Vorrecht der Beredtſamkeit, daß man dem König die Initiative der Ereigniſſe zuſchrieb, denen ſich das Volk, bedrängt, höchſtens unterzogen und, wie wir geſehen, mit Wider⸗ willen unterzogen hatte. Bailly war ſehr zufrieden mit ſeiner Rede, als ein Vorfall,— Bailly erzählt dieſen Vorfall ſelbſt in ſeinen Denkwürdigkeiten,— als ein Vorfall ihm einen neuen Eingang lieferte, welcher noch viel pittoresker, als der, den er vorbereitet hatte; der neue iſt übrigens der einzige, der im Gedächtniß des Volkes geblieben, das ſich immer bereit zeigt, die auf eine materielle That⸗ e 9 ( 2¹9 ſache gebauten guten und beſonders die ſchönen Phraſen aufzufaſſen. Während er mit den Schöppen und den Wählern ging, ängſtigte ſich Bailly wegen des Gewichtes der Schlüſſel, die er dem König überreichen ſollte. „Glauben Sie denn,“ ſagte er lachend,„nachdem ich dieſes Monument dem König gezeigt habe, werde ich mich dadurch ermüden, daß ich die Schlüſſel nach Paris zurücktrage?“ „Was werden Sie damit machen?“ fragte ein Wähler. „Was ich damit machen werde?“ verſetzte Bailly, „ich werde ſie Ihnen geben oder wohl in einen Gra⸗ ben am Fuße eines Baumes werfen.“ „Hüten Sie ſich wohl,“ entgegnete der Wähler, dem dies ein Aergerniß bereitete.„Wiſſen Sie nicht, daß dieſe Schlüſſel dieſelben ſind, welche die Stadt Paris Heinrich IV. nach der Belagerung überreicht hat? ſie ſind koſtbar: eine unſchätzbare Antiquität.“ „Sie haben Recht,“ erwiederte Bailly,„die Hein⸗ rich IV., dem Eroberer von Paris, angebotenen Schlüſſel überreicht man Ludwig XVI., der.... Eil“ ſagte der würdige Maire zu ſich ſelbſt,„das gibt eine ziemlich hübſche Antitheſe.“ Und ſogleich nahm er einen Bleiſtift und ſchrieb über die Rede, die er bereit hielt, folgenden Eingang: „Sire, ich bringe Eurer Majeſtät die Schlüſſel der guten Stadt Paris. Es ſind dieſelben, welche Heinrich IV. überreicht worden ſind. Er hatte ſein Volk wieder erobert, heute erobert das Volk ſeinen König wieder.“ Die Phraſe war ſchön, ſie war richtig, ſie prägte ſich dem Geiſte der Pariſer ein, und von der ganzen Rede von Bailly, von ſeinen Werken ſogar, iſt dies das Einzige, was ihn überlebt hat. Ludwig XVI. nickte beifällig mit dem Kopf, er erröthete aber zugleich, denn er fühlte die unter der 220 Ehrfurcht und den redneriſchen Blumen verkleidete witzige Jronie. 1 Dann murmelte er leiſe: „Marie Antoinette ließe ſich nicht von dieſer falſchen Verehrung des Herrn Bailly fangen, und ſie würde ganz anders, als ich es thun werde, dem unglücklichen Aſtronomen antworten.“ Weil nun Ludwig XVI. zu gut den Anfang der Rede von Herrn Bailly gehört hatte, hörte er das Ende derſelben gar nicht; ebenſo war es bei der Rede von Herrn Delavigne, von der er weder den Anfang, noch das Ende hörte. Als die Reden beendigt waren, antwortete der König, da er befürchtete, nicht erfreut genug über das zu ſcheinen, was man ihm hatte ſagen wollen, mit einem ſehr edlen Ton und ohne in irgend einer Be⸗ ziehung auf das, was man ihm geſagt hatte, anzuſpie⸗ len, die Huldigungen der Stadt Paris und der Wähler ſeien ihm unendlich angenehm. Worauf er Befehl zum Aufbruch gab. Ehe er übrigens wieder weiter fuhr, entließ er ſeine Gardes⸗du⸗corps, um durch ein freundliches Ver⸗ trauen die halben Artigkeiten zu erwiedern, die ihm die Municipalität durch das Organ der Wähler und durch das von Herrn Bailly bezeigt hatte. Hienach rückte der Wagen unter der ungeheuren Maſſe der Nationalgarden und der Neugierigen raſcher vor. Gilbert und ſein Gefährte Billot hielten ſich fort⸗ während am Wagenſchlage rechts. In dem Augenblick, wo der Wagen über die Place Louis XV. fuhr, knallte ein Schuß auf der andern Seite der Seine, und ein weißer Dampf ſtieg wie ein Weihrauchſchleier zum blauen Himmel auf, wo er als⸗ bald verſchwand. Als ob das Geräuſch dieſes Schuſſes ein Echo in ihm gehabt hätte, fühlte ſich Gilbert von einem hefti⸗ gen Schlage getroffen. Einen Augenblick fehlte ihm — S S— 8rc „— te n e n er 8 de g, er s it e⸗ e⸗ er er r⸗ m nd ch er ce rn in in ti⸗ m 21 der Athem, und er fuhr mit der Hand an ſeine Bruſt, wo er einen lebhaften Schmerz empfunden hatte. Zugleich erſcholl ein Nothſchrei in der Nähe des königlichen Wagens; eine Frau war; durchbohrt von einer Kugel, die unter ihrer linken Schulter einge⸗ drungen, niedergeſtürzt. Einer von den Knöpfen am Rocke von Gilbert, ein Knopf von ſchwarzem Stahl, breit und mit Facetten geſchnitten, nach der Mode der Zeit, war ſchräge von derſelben Kugel getroffen worden. Er hatte einen Panzer gebildet und die Kugel iitrgeiendt daher der Schmerz und der Schlag bei ilbert. Seine ſchwarze Weſte und ſein Jabot waren theil⸗ weiſe fortgeriſſen worden. Dieſe durch den Knopf von Gilbert zurückgeſandte Kugel hatte die unglückliche Frau getödtet, welche man eiligſt, in Blut gebadet, fortrug. Der König hatte den Schuß gehört, aber nichts geſehen. Er neigte ſich heraus und lächelte Gilbert zu. „Man verbrennt dort Pulver mir zu Ehren,“ ſprach er. „Ja, Sire,“ antwortete Gilbert. Nur hütete er ſich wohl, Seiner Majeſtät zu ſa⸗ gen, was er von der Huldigung dachte, die man ihm darbrachte. Doch in ſeinem Innern und ganz leiſe geſtand er ſich, die Königin habe Recht gehabt, zu fürchten, da ohne ihn, der den Kutſchenſchlag hermetiſch ſchloß, dieſe Kugel, welche an ſeinem ſtählernen Knopfe abge⸗ prallt war, gerade zum König gelangte. e0 en welcher Hand kam nun dieſer wohl gezielte uß Man wollte es damals nicht wiſſen!„ ſo daß man es nie wiſſen wird. Bleich von dem, was er geſehen, die Augen unab⸗ 222 läſſig durch dieſen Riß im Rock, in der Weſte und im Jabot von Gilbert angezogen, nöthigte Billot Pitou, mit verdoppelten Kräfien zu ſchreien: Es lebe der Vater der Franzoſen! Das Ereigniß war übrigens ſo groß, daß man ſchnell die Epiſode vergeſſen hatte. Endlich kam Ludwig XVl. vor das Stadthaus, nachdem er auf dem Pont⸗Neuf mit einer Salve von Kanonen, die man wenigſtens diesmal nicht mit Kugeln geladen hatte, begrüßt worden war. Auf der Fagade des Stadthauſes breitete ſich eine Inſchrift mit dicken Buchſtaben aus, welche, am Tage ſchwarz, beim Eintritt der Nacht erleuchtet werden und transparent glänzen ſollte. Dieſe Inſchrift verdankte man den geiſtvollen Arbeiten der Munieipalität. Sie war in folgenden Worten abgefaßt. „Ludwig XVI., dem Vater der Franzoſen und Kö⸗ nig eines freien Volkes.“ Eine zweite Antitheſe, noch viel bedeutender, als die in der Rede von Bailly; allen auf dem Platze verſammelten Pariſern entlockte ſie auch Schreie der Bewunderung. Dieſe Inſchrift zog das Auge von Billot auf ſich. Da aber Billot nicht leſen konnte, ſo ließ er ſie Pitou leſen. Billot ließ ſich die Inſchrift ein zweites Mal wie⸗ derholen, als hätte er beim erſten Mal nicht gehört. Dann, als Pitvu den Satz, ohne ein Wort daran zu ändern, wiederholt hatte, rief er: „Das iſt es? das iſt es?“ „Allerdings,“ erwiederte Piton. „Die Municipalität hat ſchreiben laſſen, der König ſei der König eines freien Volkes?“ „Ja, Vater Billot.“ „Dann,“ rief Billot,„wenn die Nation frei iſt, hat ſie das Recht, dem König ihre Cocarde anzubieten.“ und mit einem Sprung war er vor Ludwig XVI., 3————-— 1 nig hat ., 223 der den Stufen des Stadthauſes gegenüber aus ſeinem Wagen ſtieg, und ſagte: „Sire, Sie haben geſehen, daß der Heinrich W. von Erz auf dem Pont⸗Meuf die Nationalcvearde trägt.“ „Nun!“ verſetzte der König. „Nun! Sire, wenn Heinrich IV. die National⸗ cocarde trägt, ſo können Sie ſie wohl auch tragen.“ „Gewiß,“ erwiederte Ludwig XVI. verlegen,„und wenn ich eine hätte... „Wohl!“ rief Billot, die Stimme erhebend und den Arm ausſtreckend,„im Namen des Volkes biete 6 Ihnen dieſe ſtatt der Ihrigen an„ nehmen Sie ie an.“. Bailly trat dazwiſchen. Der König war bleich. Er fing an die Fortſchrei⸗ tung zu fühlen. Ludwig KVI. ſchaute Bailly an, als wollte er ihn fragen. „Sire,“ ſagte dieſer,„das iſt das unterſcheidende Zeichen jedes Franzoſen.“ „Dann nehme ich ſie an,“ ſprach der König. Und er nahm die Cocarde aus den Händen von Billot, legte ſeine weiße auf die Seite und befeſtigte die dreifarbige Cocarde an ſeinem Hut. Ein ungeheures Triumphgeſchrei erſcholl auf dem latze. Gilbert wandte ſich tief verwundet ab. Er fand, das Volk greife zu raſch um ſich, und der König widerſtehe nicht genug. „Es lebe der König!“ rief Billot, der ſo das Signal zu einer zweiten Beifallsſalve gab. „Der König iſt todt,“ murmelte Gilbert„Es gibt keinen König mehr in Frankreich.“ Ein ſtählernes Gewölbe war durch ein Tauſend ausgeſtreckter Schwerter von dem Orte, wo der König aus dem Wagen ſtieg, bis zu dem Saale, wo man ihn erwartete, gebildet worden. 2²⁴ Er ging unter dieſem Gewölbe durch und ver⸗ ſchwand in den Tiefen des Stadthauſes. „Das iſt kein Triumphbogen,“ ſagte Gilbert;„das ſind die Caudiniſchen Päſſe. Und mit einem Seufzer fügte er bei: „Ah! was wird die Königin ſagen!“ XXXVII. Was in Verſailles vorging, während der König die Reden der Münicipalität anhörte. Im Innern des Stadthauſes wurde dem Fönig ein ſehr ſchmeichelhafter Empfang zu Theil: man nannte ihn den Wiederherſteller der Freiheit, Eingeladen, zu ſprechen,— denn der Durſt nach Re⸗ den wurde alle Tage heſtiger, und der König wollte am Ende den Grund der Gedanken von Jedem erfah⸗ ren,— legte Ludwig XVI. ſeine Hand auf ſein Herz und ſagte nur: „Meine Herren, Sie können immer auf meine Liebe zählen.“ Während er im Stadthauſe die Mittheilungen der Regierung anhörte, denn von dieſem Tage an gab es eine wirklich conſtituirte Regierung in Frankreich neben dem Thron und der Nationalverſammlung, machte ſich das Volk außen mit den ſchönen Pferden des Königs, mit den vergoldeten Wagen, mit den Lackeien und Kut⸗ ſchern Seiner Majeſtät vertraut. Pitou hatte ſich ſeit dem Eintritte des Königs in das Stadthaus mit Hülfe eines Louis d'or, den ihm der Vater Billot geſchenkt, damit beſchäftigt, daß er aus vielen blauen, rothen und weißen Bändern eine Sammlung von Rationalcocarden von allen Größen — — 2²⁵ machte, mit denen er ſodann die Ohren der Pferde, die Geſchirre und die ganze Equipage ſchmückte. Als man dies ſah, verwandelte das nachahmende Publikum den Wagen Seiner Majeſtät buchſtäblich in eine Cocardenbude. Der Kutſcher und die Bedienten wurden verſchwen⸗ deriſch damit geſchmückt. Man hatte auch ein Dutzend vorräthig in das Innere geſteckt. Es iſt übrigens zu erwähnen, Herr von Lafahette, der zu Pferde auf dem Platz geblieben war, hatte es verſucht, dieſe eifrigen Verbreiter der nationalen Far⸗ ben zurückzuweiſen, doch es war ihm nicht gelungen. Als der König heraus kam und dieſen ganzen bunt⸗ ſcheckigen Aufwand wahrnahm, machte er auch: „Ho! ho!“ Dann richtete er an Herrn von Lafahette ein Zei⸗ chen, welches beſagen wollte, er möge näher kommen. Herr von Lafayette näherte ſich ehrerbietig, den Degen ſenkend. „Herr von Lafayette,“ ſprach der König zu ihm, „ich ſuchte Sie, um Ihnen zu ſagen, daß ich Sie im Commando der Nationalgarden beſtätige.“ Und er ſtieg in den Wagen unter einem allgemeinen nen Zuruf. Gilbert war, nunmehr rubig über den König, mit den Wählern und Bailly im Sizungsſaale geblieben. Die Beobachtungen waren noch nicht beendigt. Als er jedoch das gewaltige Geſchrei hörte, das den Abgang des Königs begrüßte, trat er an ein Fen⸗ ſter und warf einen letzten Blick auf den Platz, um das Benehmen ſeiner zwei Landleute zu überwachen. Sie waren immer noch die beſten Freunde des Kö⸗ nigs, oder ſchienen es wenigſtens zu ſein. Plötzlich ſah Gilbert vom Quai Pelletier im raſche⸗ ſten Schritt einen mit Staub bedeckten Fiicht kommen, Ange Pitou. 1. vor dem ſich die Reihen einer noch ehrerbietigen und gelehrigen Menge öffneten. Gut und gefällig an dieſem Tag, lächelte das Volk und wieverholte: „Ein Ofſicier des Königsl ein Officier des Königs!“ Und dieſer Officier wurde mit dem vielſeitigen Rufe: Es lebe der König! begrüßt, und die Hände der Frauen ſtreichelten ſein von Schaum weißes Pferd. Er drang bis zum Wagen vor und gelangte an den Schlag, in dem Augenblick, wo ihn der Piqueur hinter dem König geſchloſſen hatte. „Ah! Sie ſind es, Charny? ſagte Ludwig XVI. Und er fragte leiſer: „Wie geht es dort?“ Dann noch leiſer: „Die Königin?“ „Sehr unruhig, Sire,“ antwortete der Oifficier, indem er ſeinen Kopf beinahe ganz in den königlichen Wagen ſteckte. ei Sie nach Verſailles zurück?“ 77 a. „Nun, ſo beruhigen Sie unſere Freunde; Alles iſt vortrefflich gegangen.“ Charnyverbengte ſich, ſchaute empor underblickte Herrn von Lafayette der ihmein freundſchaftliches Zeichen machte. Cyarny ritt auf ihn zu, und Lafayette reichte ihm die Hand, worauf Ofſicier des Königs und Pferd durch die Menge von dem Ort wo ſie waren, bis zum Quai getragen wurden, auf dem ſich durch die Wachſamkteit der National⸗ garde ſchon am Wege Seiner Majeſtät ein Spalier bildeie. Der König befahl, vis zur Place Louis XV. fert⸗ während nur im Schritt zu fahren; hier fand man die Gardes⸗du⸗corps wi⸗der, welche nicht ohne Ungeduld auf die Ruckkehr des Königs warteten, ſo daß von dieſem Augenblick an, da ihre Ungeduld alle Welt anſteckte, die Pferde einen Gang nahmen, de ſich immer mehr beſchleu⸗ nigte, je weiter man auf der Straße nach Verſailles kam. ind olk s!“ gen nde erd. eur ier, hen lles errn te. die gen nal⸗ eie. ert⸗ die ud ſem die leu⸗ am. 227 Gilbert hatte vom Balcon des Fenſters aus die Ankunft dieſes Reiters begriffen, obgleich er ihn nicht kannte. Er errieth, wie viel Aengſten die Königin preisgegeben ſein müßte, um ſo mehr, als ſeit drei Stunden kein Courier durch dieſe Menge hatte abge⸗ ſandt werden können, ohne Verdacht zu erregen oder eine Schwäche zu verrathen. Er muthmaßte indeſſen nur einen kleinen Theil von dem, was in Verſailles vorgefallen war. Wir werden den Leſer, den wir nicht einen zu langen Curſus in der Geſchichte machen laſſen wollen, nach Verſailles zurückführen. Die Königin hatte den letzten Courier des Königs um drei Uhr erhalten. Gilbert hatte Mittel gefunden, ihn in dem Augenblick abzuſenden, wo der König, unter dem ſtählernen Gewölbe durchgehend, unverſehrt in das Stadthaus eingetreten war. Bei der Königin befand ſich die Gräfin von Charny, welche kaum erſt das Bett verlaſſen, wo ſie ſeit dem vorhergehenden Tage eine ernſtliche Unpäßlichkeit zurück⸗ gehalten hatte. Sie war noch ſehr bleich und hatte kaum die Kraft die Augen auzuſchlagen, deren ſchwere Lider immer wie unter dem Gewichte eines Schmerzes oder einer Schaam niederfielen. Die Königin, als ſie die Gräfin erblickte, lächelte ihr zu, doch mit jenem Gewohnheitslächeln, das für ihre Vertrauten auf die Lippen der Fürſten und Könige ſtereotypirt zu ſein ſcheint. 6 Dann, da ſie noch von der Freude, Ludwig XVI. in Sicherheit zu wiſſen, begeiſtert war, ſagte ſie zu denjenigen, welche ſie umgaben: „Abe mals eine gute Nachricht, möchte der ganze Tag ſo vergehen.“ „Oh! Madame,“ ſprach ein Höfling,„Eure Maje⸗ ſtät ängſtigt ſich mit Unrecht. Die Pariſer wiſſen wohl, welche Verantwortlichkeit auf 2²8 „Aber, Madame,“fragte ein anderer Höfling minder beruhigt,„iſt Eure Majeſtät ganz ſicher der Aechtheit ihrer Nachrichten?“ „Oh! ja,“ erwiederte die Königin,„derjenige, wel⸗ cher ſie mir zuſchickt, hat ſich für den König bei ſeinem Kopf verbürgt; übeidies halle ich ihn für einen Freund.“ „Oh! wenn es ein Freund iſt,“ ſprach der Höfling, ſich verbeugend,„dann iſt es etwas Anderes.“ Frau von Lamballe war einige Schritte entfernt; ſie näherte ſich und fragte Marie Antvinette: „Nicht wahr, es iſt der neue Arzt des Königs?“ „Gilbert, ja,“ antwortete unbeſonnen die Königin, ohne zu bevenken, daß ſie Jemand an ihrer Seite einen furchtbaren Schlag verſetzte. „Gilbert!“ rief And 6e bebend, als ob eine Schlange ſie in's Herz geſtochen hätte.„Gilbert ein Freund Eurer Majeſtät?“ Andrée wandte ſich um; das Auge entflammt, die Hände durch den Zorn und die Schaam krampfhaſt zuſammengezogen, klagte Andrée ſtolz die Königin durch ihren Blick und ihre Haltung an. „Aber doch..“ ſagte die Königin zögernd. „Oh! Madame, Madame,“ murmelte Andrée im Tone des bitterſten Vorwurfs. Eine Todtenſtille trat bei dieſem geheimnißvollen Zwiſchenfalle ein. Mitten unter dem Schweigen vernahm man be⸗ ſcheidene Tritte auf dem Boden des anſtoßenden Zimmers. „Herr von Charny!“ ſagte halblaut die Königin, als wollte ſie Andiée ermahnen, ſich zu faſſen. Charny hatte gehört, Charny hatte geſehen; nur begriff er nicht. Er bemerkte die Bläſſe von Andrée und die Ver⸗ legenheit von Marie Antvinette.. Es geziemte ſich nicht für ihn, die Königin zu be⸗ fragen; aber Andrée war ſeine Frau, er hatte das Recht, ſie zu beſragen⸗ — er— ——— c— 229 Er näherte ſich ihr und ſagte mit dem Ton der freundſchaftlichſten Theilnahme: „Was gibt es, Madame?“ Indrée machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und erw derte: „Nichts, Herr Graf.“ Charny wandte ſich nun gegen die Königin, welche, obgleich völlig gewöhnt an zweideutige Lagen, zehnmal Lächeln gleichſam untermalt, aber nicht vollendet atte. „Sie ſchienen an der Ergebenheit von Herrn Gil⸗ bert zu zweifeln,“ ſagte er zu Andrée;„ſollten Sie einen Grund haben, ſeine Treue zu beargwohnen?“ Andiée ſchwieg. „Sprechen Sie, Madame, ſprechen Sie,“ fügte Charny dringend bei. Dann, als Andrée immer ſtumm blieb, fuhr er fort: „Oh! ſprechen Sie, Madame, dieſe Zartheit wäre hier verdammenswerth; bedenken Sie, daß es ſich um das Heil unſerer Gebieter handelt.“ „Ich weiß nicht, mein Herr, in welcher Beziehung Sie das ſagen,“ antwortete Andiée. „Sie haben geſagt, und ich habe es gehört, Ma⸗ dame ich berufe mich überdies auf die Prinzeſſin...“ Charny verbeugte ſich vor Frau von Lamballe„Sie haben geſagt und ausgerufen:„„Oh! dieſer Mann! dieſer Mann! Ihr Freund!...“ „Es iſt wahr, Sie haben das geſagt, meine Liebe,“ beſtätigte die Prinzeſſin von Lamballe mit ihrer naiven Gutmüthigkeit. Dann näherte ſie ſich Andrée ebenfalls und ſprach: „Ja, Sie wiſſen etwas. Herr von Charny hat Recht.“ „Haben Sie Mitleid, Madame, haben Sie Mit⸗ leid,“ betonte Andrée mit ſo leiſer Stimme, daß ſie nur von der Prinzeſſin gehört werden konnte. Die Prinzeſſin entfernte ſich. 230 „Ei! mein Gott, es war von geringer Bedeutung,“ verſetzte die Königin wohl begreifend, länger zögern, in das Mittel zu treten, hieße ſich gegen die Biederkeit verfehlen;„die Frau Gräfin drückte eine Furcht, eine unbeſtimmte ohne Zweifel, aus; ſie ſagte, es laſſe ſich ſchwer glauben, ein Revolutionär von Amerika, ein Freund von Herrn Lafayette ſei unſer Freund.“ „Ja, unbeſtimmt,“ wiederholte Andrée maſchinen⸗ mäßig,„ſehr unbeſtimmt.“ „Eine Furcht, der ähnlich, welche dieſe Herren aus⸗ drückten, ehe die Gräfin von der ihrigen ſprach,“ fügte Marie Antoinette bei. Und ſie bezeichnete mit den Augen die Höflinge, deren Zweifel zu dieſem Vorfall Anlaß gegeben hatten. Aber es bedurfte mehr als dies, um Charny zu überzeugen. Zu viel Verlegenheit bei ſeiner Ankunft brachte ihn auf die Spur eines Geheimniſſes. Er blieb beharrlich. „Gleichviel, Madame,“ ſagte er,„mir ſcheint, es wäre Ihre Pflicht, nicht eine unbeſtimmte Furcht aus⸗ zuſprechen, ſondern ſich im Gegentheil klar und deut⸗ lich zu äußern.“ „Wie!“ verſetzte die Königin ziemlich hart,„Sie kommen abermals hierauf zurück, mein Herr?“ „Madame!“ „Verzeihen Sie, doch ich ſehe, daß Sie die Frau Gräfin von Charny fortwährend ausforſchen.“ „Entſchuldigen Sie, Madame,“ erwiederte Charny, „es geſchieht aus Intereſſe für.. „Für Ihre Eitelkeit, nicht wahr? Ah! Herr von Charny,“ fügte die Königin mit einer Ironie bei, deren Gewicht der Graf begriff,„ſagen Sie es offenherzig, Sie find eiferſüchtig.“ pEiferſüchtig!“ rief der Graf erröthend,„eifer⸗ ſüchtig, auf wen? Das frage ich Eure Majeſtät.“ „Offenbar auf Ihre Frau,“ ſuhr die Königin mit Bitterkeit fort. ——, N W M n 231 „Madame,“ ſtammelte Charnh, völlig betäubt durch die Herausforderung. „Das iſt ganz natürlich,⸗ ſprach trocken Marie ii„es iſt bei der Gräfin ſicherlich der Mühe werth.“ Charny ſchlenderte der Königin einen Blick zu, deſſen Sendung es war, ſie darauf aufmerkſam zu ma⸗ chen, daß ſie zu weit gehe. Doch das war vergebliche Mühe, überflüſſige Vor⸗ ſicht. Wenn bei dieſer verwundeten Löwin der Schmerz ſeinen brennenden Biß eindrückte, ſo hielt die Frau nichts mehr zurück. „Ja, ich begreife, daß Sie eiferſüchtig ſind, Herr von Charny eiferſüchtig und unruhig; das iſt der ge⸗ wöhnliche Zuſtand jeder Stele, welche liebt und folg⸗ lich wacht.“ „Madame,“ wiederholte Charny. „So erfüllt mich,“ fuhr die Königin fort,„ſo er⸗ füllt mich zu dieſer Stunde vurchaus daſſelbe Gefühl wie Sie; ich habe zugleich Eiferfucht und Unruhe(ſie legte einen ſtarken Nachdruck auf das Wort: Eiferſucht); der König iſt in Paris und ich lebe nicht mehr.“ „Aber, Madame,“ verſetzte Charny, der nichts von dieſeim Sturm begriff, welcher ſich immer mehr mit Blitzen und Donnern belud,„Sie haben ſo eben Nach⸗ richlen vom König erhalten; dieſe Nachrichten waren gut und müßten Sie folglich beruhigen.“ Sind Sie beruhigt geweſen, als die Gräfin und ich Sie vorhin unterrichteten?“ Charny biß ſich auf die Lippen. Andrée fing an erſtaunt und zugleich erſchrocken das Haupt zu erheben: erſtaunt über das, was ſie hörte, erſchrocken über das, was ſie zu begreifen glaubte. Das Stillſchweigen, das einen Angenblick vorher ihretwegen bei der erſten Frage von Charny eingetreten ni beobachtete die Verſammlung nun der Königin egen. 232 „In der That,“ fuhr die Königin mit einer Art von Wuth fort,„es liegt im Geſchicke der Leute, welche lieben, daß ſie nur an den Gegenſtand ihrer Zuneigung denken; es wäre eine Freude für die armen Herzen, unbarmherzig Alles zu opfern, Alles dem Gefühle, das ſie bemegt. Mein Gott! wie beſorgt bin ich um den König.“ „Madame,“ wagte einer von den Anweſenden zu bemerken,„andere Couriere werden kommen.“ „Oh! warum bin ich nicht in Paris, ſtatt hier zu ſein; warum bin ich nicht beim König,“ ſprach Marie Antvinette, welche geſehen hatte, daß Charny unruhig wurde, ſeitdem ſie ihm die Eiferſucht zu geben ſuchte, die ſie ſelbſt ſo heftig empfand. Charny verbeugte ſich.* „Wenn es nur das iſt, Madame,“ ſagte er,„ich will dahin gehen, und wenn, wie Eure Majeſtät denkt, eine Gefahr für den König ſtattfindet, wenn dieſer koſt⸗ bare Kopf preisgegeben iſt, glauben Sie mir, Madame, ſo wird es nicht meine Schuld ſein, daß ich nicht den meinigen preisgegeben habe. Ich gehe.“ Er verbeugte ſich in der That und machte einen Schritt, um ſich zu entfernen. Andrée aber warf ſich ihm entgegen und rief: „Mein Herr, mein Herr, ſchonen Sie ſich!“ Es fehlte bei dieſer Scene nichts mehr, als der Ausbruch der Befürchtungen von Andrée. Kaum hatte auch Andrée, unwillkürlich aus ihrer gewöhnlichen Kälte herausgeriſſen, dieſe unvorſichtigen Worte ausgeſprochen und dieſe außerordentliche Beſorg⸗ niß geäußert, als die Königin entſetzlich bleich wurde. „Ei! Madame,“ ſagte ſie zu ihr,„wie kommt es, daß Sie ſich hier die Rolle der Königin anmaßen?“ „Ich, Madame?“ ſtammelte Andrée, begreifend, daß ſie zum erſten Mal aus ihren Lippen das Feuer, das ſeit langer Zeit in ihrer Seele brannte, hatte ſpringen laſſen. ———L0 S— — 233 „Wie?“ fuhr Marie Antoinette fort,„Ihr Gatte iſt im Dienſte des Königs, er will den König aufſuchen; wenn er ſich einer Geſahr ausſetzt, ſo geſchieht es für den König, und während es ſich um den Dienſt des Königs handelt, ermahnen Sie Herrn von Charny, ſich zu ſchonen!“ Bei dieſen niederſchmetternden Worten verlor An⸗ drée das Bewußtſein; ſie ſchwankte und wäre auf den Boden gefallen, hätte ſie nicht Charny, haſtig auf ſie zutretend, in ſeinen Armen aufgehalten. Eine Geberde der Entrüſtung, welche Charny nicht zu beherrſchen vermochte, brachte die Königin vollends in Verzweiflung; ſie glaubte nur eine verwundete Neben⸗ buhlerin zu ſein, während ſie eine ungerechte Fürſtin geweſen war. „Die Königin hat Recht,“ ſprach endlich Charny mit einer gewiſſen Anſtrengung,„und Ihre Bewegung, Frau Gräfin, iſt ſchlecht berechnet geweſen; Sie haben keinen Gatten, Madame, wenn es ſich um die Intereſſen des Königs handelt; und es wäre an mir, Ihnen zuerſt zu befehlen, mit Ihrer Empfindſamkeit ſparſam zu ſein, wenn ich bemerkte, daß Sie einige Furcht für mich hegen wollten.“ Dann wandte er ſich an Marie Antoinette und ſagte kalt:— „ bin zu den Befehlen der Königin und gehe. Ich werde Ihnen Nochrichten vom König bringen, gute Nachrichten, Madame, oder ich bringe Ihnen gar keine.“ Nachdem er dieſe Worte geſprochen, verbeugte er ſich bis auf die Erde und ging ab, ohne daß die Königin, zugleich von Schrecken und Zorn betroffen, nur daran dachte, ihn zurückzuhalten. Einen Augenblick nachher hörte man auf dem Pfla⸗ ſter des Hofes die Hufeiſen eines galoppirenden Pferdes ſchallen. Die Königin blieb unbeweglich, aber von einer 234 inneren Aufregung erfaßt, welche um ſo furchtbarer war, je mehr ſie ſich anſtrengte, dieſelbe zu verbergen. Jeder begriff oder begriff nicht die Urſache dieſer Aufregung und reſpectirte wenigſtens davurch, daß er ſich zurückzog, die Ruhe der Fürſtin. Sie blieb allein. Andrée ging mit den Andern aus dem Gemache weg und überließ Marie Antoinette den Liebkoſungen ihrer zwei Kinder, die ſie hatte zu ſich rufen laſſen. XXXVIII. Die Rückkehr. Die Nacht war eingetreten mit ihrem Gefolge von Befürchtungen und finſteren Viſionen, als plötzlich am Ende des Palaſtes Ausrufungen erſchollen. Die Königin bebte und ſtand auf. Ein Fenſter war unter ihrer Hand; ſie öffnete es. Beinahe in demſelben Angenblick traten freude⸗ trunkene Diener bei Ihrer Majtſtät ein und riefen: „Ein Courier, Mabame! ein Courier!“ Drei Minuten nachher ſtürzte ſodann ein Huſar in die Vorzimmer. Es war ein von Herrn von Charny abgeſchickter Lieutenant. Er kam mit verhängten Zügeln von Sévres. „Und der König?“ fragte die Königin. „Seine Majeſtät wird in einer Viertelſtunde hier ſein,“ antwortete der Officier, der kaum ſprechen konnte. „Geſund und wohlbehalten?“ „Geſund und wohlbehalten, Madame.“ „Sie haben ihn geſehen, nicht wahr?“ „Nein, Madame; doch Herr von Charnh hat es mir geſagt, als er mich abſchickte.“ Die Königin bebte abermals bei dieſem Namen, der Zufall mit dem Namen des Königs verſchlungen atte. 235 „Ich danke, mein Herr, ruhen Sie aus,“ ſprach die Königin zu dem jungen Edelmann. Der junge Mann verbeugte ſich und trat ab. Sie nahm ihre zwei Kinder bei der Hand und wandte ſich nach der großen Freitreppe, auf der ſich ſchon alle Diener und Höflinge gruppirten. Das durchdringende Auge der Königin erblickte auf der erſten Stufe eine weiße junge Frau, die ſich auf das ſteinerne Geländer ſtützte und einen gierigen Blick in die Schatten der Nacht tauchte. Das war Andrée, deren Beklommenheit die Ge⸗ genwart der Königin nicht zu zerſtreuen vermochte. Offenbar hatte ſie, die ſonſt ſo eifrig, ſich an die Seite der Königin zu ſtellen, ihre Gebieterin nicht ge⸗ ſehen oder nicht ſehen wollen. Sie hegte alſo einen Groll wegen der Heftigkeit von Marie Antvinette, einer grauſamen Heftigkeit, unter der ſie am Tage zu leiden gehabt hatte. Oder von einem Gefühle mächtiger Theilnahme angetrieben, lauerte ſie für ihre eigene Rechnung auf die Rückkehr von Charny, für den ſie ſo viele liebevolle Befürchtungen geäußert hatte. Ein doppelter Dolchſtoß, der bei der Königin eine noch blutende Wunde wieder öffnete. Sie hörte nur noch mit zerſtreutem Ohr auf die Glückwünſche und die Freude ihrer anderen Freundin⸗ nen und der Höflinge. Sie fühlte ſich ſogar einen Augenblick dem heftigen Schmerz entrückt der ſie den ganzen Abend niedergebeugt⸗ hatte. Ein Waffenſtillſtand bildete ſich in ihr für die Unruhe, welche in ihrem Herzen die Reiſe des durch ſo viele Feinde bedrohten Königs erregte. Doch mit einer ſtarken Seele verjagte ſie bald Alles, was nicht die geſetzliche Zuneigung ihres Herzens war. Sie legte zu den Füßen Gottes ihre Eiferſucht, ſie opferte ihren geheimen Zorn und ihre geheimen Freu⸗ den der Heiligkeit des ehelichen Schwures. 236 Es war Gott ohne Zweifel, der ihr als Ruhe und als Stütze die heilſame Fähigkeit, den König, ihren Ge⸗ mahl, über Alles zu lieben, ſchickte. In dieſem Augenblick wenigſtens fühlte ſie es, oder glaubte ſie es zu fühlen: der Stolz des Königthums erhob die Königin über alle irdiſche Leidenſchaften; die Liebe des Königs war ihr Egoismus. Sie hatte alſo ganz und gar nach Außen ſowohl die kleinen Rachgieren der Frau, als die leichtfertigen Coquetterien der Liebhaberin vertrieben, als die Fackeln der Escorte im Hintergrunde erſchienen. Dieſes Feuer vergrößerte ſich in jeder Secunde durch die Raſchheit des Laufes. Man hörte die Pferde wiehern und ſchnaufen, der Boden zitterte in der Stille der Nacht unter dem tacimäßigen Gewicht der ſchnell herbeikommenden Schwadronen. Die Gitter öffneten ſich, die Poſten ſtürzten mit tauſend begeiſterten Ausrufungen dem König entgegen; der Wagen rollte geräuſchvoll auf dem Pflaſter des großen Hofes. Geblendet, entzuckt, bezaubert, trunken von Allem, was ſie empfunden, eilte die Königin die Stufen hinab auf den König zu. Ludwig XVI. hatte ſeinen Wagen verlaſſen und ſtieg ſo raſch als möglich unter ſeinen, duſch die Er⸗ eigniſſe und ihren Triumph, bewegten Officieren die Treppe hinauf, während unten die Garden, ohne Um⸗ ſtände mit den Stallknechten und Stallmeiſtern ver⸗ miſcht, von den Wagen und Geſchirren alle Cocarden abriſſen, die der Enthuſiasmus der Pariſer daran be⸗ feſtigt hatte. Der König und die Königin begegneten ſich auf einem marmornen Ruheplatze. Mit einem Schrei der Freude und der Liebe umarmie die Königin ihren Ge⸗ mahl wiederholt. — —— —— — ——— n, b d r⸗ ie ⸗ r⸗ en e uf er e⸗ „ 237 Sie ſchluchzte, als ob ſie den, welchen ſie wieder⸗ fand, nie mehr zu ſehen geglaubt hätte. Ganz dieſer Bewegung eines zu vollen Herzens hingegeben, ſah ſie den ſtillen Händedruck nicht, den Charny und Andrée ausgetauſcht hatten. Es war nur ein Händedruck, aber Andrée war die Erſte unten an den Stufen: ſie hatte Charnh zuerſt geſehen und zuerſt berührt. Die Königin, nachdem ſie ihre Kinder dem König vorgeſtellt, ließ dieſe Ludwig XVI. umarmen, und da rier der Dauphin, als er am Hute ſeines Vaters die neue Cocarde ſah, auf welche die Fackeln ein blutiges Licht warfen, in ſeinem kindlichen Erſtaunen: „Ah! Papa, was haben Sie denn an Ihrer Co⸗ carde, Blut?“ Das war die rothe Nationalfarbe. Die Königin ſchrie und ſchaute ebenfalls. Der König bückte ſich, ſcheinbar, um ſeine Tochter zu küſſen, in Wirklichkeit aber, um ſeine Schaam zu verbergen. Marie Antoinette riß dieſe Cocarde mit einem tiefen Ekel ab, ohne zu ſehen, die edle Wüthende, daß ſie im Herzen dieſe Nation verwundete, die ſich eines Tags zu rächen wiſſen würde. „Werfen Sie das weg, mein Herr,“ ſagte ſie,„wer⸗ fen Sie es weg.“ Und ſie ſchleuderte die Stufen hinab die Cocarde, auf welche die Füße der ganzen Escorte traten, die den König in ſeine Gemächer geleitete. Dieſer ſeltſame Uebergang hatte bei der Königin alle eheliche Begeiſterung ausgelöſcht. Sie ſuchte mit den Augen, doch ohne daß es den Anſchein hatte, als ſuchte ſie ihn, Herrn von Charny, der ſich als ein Soldat in ſeiner Reihe hielt. „Ich dauke Ihnen, mein Herr,“ ſagte ſie, als ſich ihre Blicke nach mehreren Sekunden des Zögerns von 238 Seiten des Grafen begegnet waren;„ich danke Ihnen, Sie haben Ihr Verſprechen gut gehalten.“ „Mit wem ſprechen Sie?“ fragte der König. „Mit Herrn von Charny,“ antwortete ſie muthig. „Ah! der arme Charny, er hat viel durchzumachen gehabt, um zu mir zu kommen. Und.. Gilbert, ich ſehe ihn nicht?“ fügte er bei. Aufmerkſam ſeit der Lection am Abend, ſagte die Königin, das Geſpräch wechſelnd: „Kommen Sie zum Abendbrod, Sire.“ „Herr von Charny.“ fuhr ſie fort,„ſuchen Sie die Frau Gräfin von Charny; ſie mag mit uns kom⸗ men. Wir werden in Familie ſpeiſen.“ Hier war ſie Königin. Doch ſie ſeufzte bedenkend, daß von traurig, wie er war, wieder heiter wurde. XXXIX. Foulon. Billot ſchwamm in der Freude. Er hatte die Baſtille genommen; er hatte Gilbert die Freiheit wie⸗ dergegeben, er war von Lafayette, der ihn bei ſeinem Namen nannte, ausgezeichnet worden. Er hatte endlich die Beerdigung von Foulon ge⸗ ehen. ſeh Wenige Menſchen in jener Zeit waren ſo verhaßt wie Foulon; ein Einziger vielleicht hätte mit ihm con⸗ curriren fönnen, das war ſein Schwiegerſohn, Herr Berthier von Sauvigny. Beide hatten auch am Tage nach der Einnahme der Baſtille glücklich geſpielt. Foulon war geſtorben und Berthier hatte ſich ge⸗ flüchtet. — +———+r——— e G. n, g. en t. ie e⸗ m e⸗ ßt n⸗ rr ne 239 Die Unbeliebtheit von Foulon beim Volke war dadurch auf den höchſten Grad geſtiegen, daß er beim Rückzug von Herrn von Necker die Stelle des tugend⸗ haften Genfers, wie man ihn damals nannte, angenommen, und daß er drei Tage Generalcontroleur geweſen war. Es hatten auch viele Geſänge und Tänze bei ſeiner Beerdigung ſtattgefunden. Man hatte wohl einen Augenblick den Gedanken gehabt, den Leichnam aus dem Sarge zu ziehen und ihn aufzuhängen. Billot war aber auf einen Weich⸗ ſtein geſtiegen und hatte eine Rede über die den Todten gebührende Achtung gehalten, und der Leichenwagen war weiter gefahren. Pitou hatte den Stand eines Helden erreicht. Pitou war der Freund von Herrn Elie und Herrn Hullin, die ihm ihre Aufträge zu ertheilen die Gewogen⸗ heit hatten. Er war überdies der Vertraute von Billot, von Billot, der erwähnter Maßen von Lafayette ausgezeich⸗ net worden war, welcher Lafayette zuweilen den Pachter beauftragte, die Polizei um ihn her mit ſeinen breiten Schultern und ſeinen Herculesfäuſten zu handhaben. Seit der Fahrt des Königs nach Paris arbeitete Gilbert, durch Herrn von Necker mit den Hauptper⸗ ſonen der Nativnalverſammlung und der Municipalirät in Verbindung geſetzt, ohne Unterlaß an der Erziehung dieſer in der Kindheit begriffenen Revolution. Er vernachläſſigte alſo Billot und Pitou, und von ihm vernachläſſigt, warfen ſich dieſe mit allem Eifer in die Bürgervereine, in deren Schooße man Fragen von überſinnlicher Politik verhandelte. Eines Tags nun, als Billot drei Stunden damit zugebracht hatte, daß er den Wählern ſeinen Rath über die Verproviannrung von Paris gegeben, und dann des Sprechens müde, aber im Grunde glücklich, den Redner gemacht zu haben, bei dem monotonen Geräuſch 240 der Reden ſeiner Nachfolger, welche anzuhören er ſich wohl hütete, voll Wonne ausruhte, lief Pitou ganz außer ſich herbei, ſchlüpfte wie ein Aal in den Sitzungs⸗ ſaal des Stadthauſes und ſagte mit einer bewegten Stimme, welche mit der gewöhnlichen Ruhe ſeines Ausdrucks contraſtirte: „Oh! Herr Billot! lieber Herr Billot!“ „Nun! was?“ „Große Neuigkeit!“ „Gute Meuigkeit?“ „Herrliche Neuigkeit.“ „Was denn?“ „Sie wiſſen, daß ich in den Club der Tugenden, an der Barziére de Fontainebleau, gegangen bin?“ „Ig. Nun?“ nziräte etwas ſehr Außerordentliches.“ „Was?“ „Sie wiſſen, daß ſich der Schurke Foulon für einen Todten ausgegeben und ſich ſogar zum Scheine hat begraben laſſen?“ „Wie! ſich für einen Todten ausgegeben? Wie! um Scheine hat begraben laſſen? Er iſt, bei Gott! ftr todt, da ich das Leichenbegängniß habe vorüber⸗ ziehen ſehen.“ „Herr Billot, er lebt.“ „Lebt!“ „Er lebt, wie Sie und ich.“ „Du biſt ein Narr!“ „Lieber Herr Billot, ich bin kein Narr. Der Ver⸗ räther Foulon, der Feind des Volfs, der Blutegel Frankreichs, der Wucherer, iſt nicht todt.“ „Wenn ich Dir aber ſage, daß man ihn nach einem Schlaganfall begraben hat, wen ich Dir wiederhole, daß ich das Leichenbegängniß habe vorüberziehen ſehen, und daß ich es ſogar verhindert, daß man ihn nicht aus ſeinem Sarge zog, um ihn aufzuhängen.“ „Und ich, ich habe ihn ſo eben lebendig geſehen.“ 241 ch 4 nz„Duß“ s⸗„Wie ich Sie ſehe, Herr Billot. Es ſcheint, einer en von ſeinen Bedienten iſt geſtorben, und der Schurke es hat ein ariſtokratiſches Leichenbegängniß anordnen laſſen. Oh! Alles iſt entdeckt; er hat aus Angſt vor der Rache des Volks ſo gehandelt.“ „Erzähle mir das, Pitou.“„ „Kommen Sie ein wenig in's Vorhaus, Ser Billot, wir werden dort bequemer ſein.“ Sie verließen den Saal und gingen in's Vorhaus. Vor Allem muß ich wiſſen, ob Herr Bailly hier n, iſt,“ ſagte Pitou. „Sprich immerhin, er iſt hier.“* „Gut. Ich war alſo im Club der Tugenden, wo ich die Rede eines Patrioten anhörte. Es war der, welcher Fehler im Franzöſiſchen machte! Man ſah wohl, en daß er nicht beim Abbé Fortier erzogen worden war.“ at„Immer zu!“ verſetzte Billot,„Du weißt wohl, man kann ein guter Patriot ſein und weber zu ſchrei⸗ ie! ben, noch zu leſen verſtehen.“ tt!„Das iſt wahr. Plötzlich lief ein Mann ganz er⸗ athemlos herbei und rief:„„Sieg! Sieg! Foulon war nicht todt, Foulon lebt noch; ich habe ihn entdeckt, ich habe ihn gefunden!““ „Man war wie Sie, Vater Billot, man wollte nicht glauben. Die Einen ſagten:„Wie! Foulon?““ „„Ja.““ Die Andern ſagten:„Geht doch.““„„Geht er⸗ doch! ſo lange Ihr wollt!““ Wieder Andere ſagten: gel„„Nun! während Du dort warſt, hätteſt Du zugleich ſeinen Schwiegerſohn Berthier entdecken müſſen.““ em„Berthier!“ rief Billot. le,„Ja, Berthier von Sauvignh. Sie wiſſen wohl, en, unſer Intendant von Compiegne, der Freund von icht Berrn Iſidor von Charny.“ „Allerdings, derjenige, welcher ſo hart gegen Jeber⸗ n.“ mann und ſo artig gegen Catherine war.“ „Ganz richtig, ein Gräuel von einem Finanzpaͤchter, Ange Pltou. II. 16 242 ein zweiter Blutegel des franzöfiſchen Volks, der Fluch des Menſchengeſchlechts, die Schande der civiliſirten Welt, wie der tugendhafte Louſtalot ſagt.“ „Weiter! weiter!“ rief Billot. „Es iſt wahr— ad eyentum festina, was beſagen will, mein lieber Herr Billot: Beeile Dich zu der Entwickelung. Ich fahre alſo fort: dieſer Mann kommt ganz athemlos in den Club der Tugenden und ruft: „Ich habe Foulon gefunden, ich habe ihn gefunden!““ „Da erfolgte ein ungeheurer Schrei.“ Bin8 täuſchte ſich!“ entgegnete der hartnäckige ilet. illot. „Er täuſchte ſich nicht, da ich ihn geſehen habe.“ „Du haſt ihn geſehen, Piton?“ „Mit meinen eigenen Augen. Warten Sie doch.“ „Ich warte, doch Du machſt mich ſieden.“ „Ach! hören Sie doch, ich habe auch ſehr heiß. Ich ſage Ihnen alſo, daß er ſich für einen Todten aus⸗ gegeben, daß er ſtatt ſeiner einen von ſeinen Bedienten hatte begraben laſſen. Zum Glückwachte die Vorſehung.“ „Oh! die Vorſehung!“ verſetzte verächtlich der Voltairianer Billot. „Ich wollte ſagen, die Nation,“ erwiederte Pitou gebemüthigt.„Dieſer gute Bürger, dieſer athemloſe Patriot, der die Nachricht brachte, hatte ihn in Viry, wo er ſich verborgen hielt, erkannt.“ „Ah! ah!“ „Als er ihn erkannt hatte, zeigte er ihn an, und der Syndicus, ein Herr Rappe, ließ ihn auf der Stelle verhaften. 8 „Und wie heißt der brave Patriot, der den Muth gehabt hat, eine ſolche Handlung zu vollbringen?“ anzuzeigen?“ . „Jun, man nennt ihn Herr Saint⸗Jean.“ „Saint⸗Jean? das iſt ein Lackeienname.“ „Ei! es iſt auch der Lackei dieſes Schurken Foulon. 4 en er nt te ge E ß. 8⸗ en e ou , . 243 Ha! Ariſtokrat, das geſchieht Dir recht, warum haſt Du Lackeien!“ „Piton, Du intereſſirſt mich,“ ſagte Billot, indem er näher zum Erzähler trat. „Sie ſind ſehr gut, Herr Billot... Der Foulon iſt alſo angezeigt, verhaftet; man führte ihn nach Paris; der Denunciant lief voraus, um die Neuigkeit zu ver⸗ kündigen und den Preis für ſeine Anzeige in Empfang zu nehmen, ſo daß Fonlon hinter ihm bei der Barriére ankam.“ „Und dort haſt Du ihn geſehen?“ „Ja, er ſah drollig aus; man hatte ihm ein Hals⸗ band von Neſſeln ſtatt der Cravate angezogen.“ „Neſſeln, warum dies?“ „Weil er, wie es ſcheint, geſagt hat, der Schurke, das Brod ſei für die Menſchen, der Hafer für die die Neſſeln ſeien aber gut genug für das 0 82 „Er hat das geſagt, der Elende?“ „Bei Gott! ja, er hat es geſagt,“ Herr Billot.“ „Gut, nun ſchwörſt Du!“ „Bah!“ verſetzte Piton mit einer dreiſten Miene, „unter Militären! Kurz, er ging zu Fuß, und man verſetzte ihm den ganzen Weg entlang eine Menge von Streichen in die Hüften und an den Kopf.“ „Ah! ah!“ machte Billot etwas weniger enthu⸗ ſiaſtiſch. S „Das iſt ſehr belnſtigend,“ fuhr Piton fort;„nur konnte ihm aber nicht Jedermann geben, in Betracht, daß mehr als zehntauſend Perſonen da waren, die hinter ihm ſchrieen.“ 5 n„Und dann?“ fragte Billot, der nachzudenken anfing. „Dann hat man ihn zum Präſidenten des Saint⸗ Marcel Diſtricts geführt— ein Guter, Sie wiſſen.“ „Ja, Herr Acloque.“ „Cloque! ganz richtig; dieſer aber ge⸗ 244 geben, ihn in das Stadthaus zu führen, da er nicht wußte, was er mit ihm machen ſollte, ſo daß Sie ihn ſehen werden.“ „Aber wie kommt es, daß Du das verkündigſt, und nicht der berufene Saint⸗Jean?“ „Weil meine Beine ſechs Zoll länger ſind, als die ſeinigen. Er war vor mir abgegangen, aber ich habe ihn eingeholt und bin ihm dann zuvorgekommen. Ich wollte Sie benachrichtigen, damit Sie Herrn Bailly benachrichtigten.“ „Welches Glück haſt Du!“ „Ich werde morgen noch viel mehr haben.“ „Woher weißt Du das?“ „Derſelbe Saint⸗Jean, der Herrn Foulon denun⸗ cirte, hat ſich anheiſchig gemacht, es dahin zu bringen, daß man auch des Herrn Berthier, der auf der Flucht iſt, habhaft werde.“ „Er weiß alſo, wo er iſt?“ „Ja, es ſcheint, es war ihr Vertrauter, dieſer gute Herr Saint⸗Jean, und er hat viel Geld vom Schwiegervater und vom Schwiegerſohn bekommen, die ihn beſtechen wollten.“ „Und er hat das Geld genommen?“ „Gewiß; es iſt immer gut, das Geld eines Ariſto⸗ kraten zu nehmen; doch er hat geſagt:„„Ein guter Patriot verräth die Nation nicht für Geld.““ „Ja,“ murmelte Billot,„er verräth nur ſeinen Herrn. Weißt Du, Piton, daß mir Dein Saint⸗Jean eine große Canaille zu ſein ſcheint!“ „Das iſt möglich, doch gleichviel, man wird Herrn Berthier feſtnehmen, wie man Meiſter Foulon feſtge⸗ nommen hat, und man wird Beide Naſe an Naſe henken. Was für eine abſcheuliche Grimaſſe werden ſie, einander anſchauend, machen!“ „Und warum wird man fie henken?“ fragte Billot. „Weil es Schurken ſind, die ich verabſcheue.“ „Herr Berthier, der in den Pachthof gekommen —)8———— — —0 iſt, Herr Berthier, der bei ſeinen Rundreiſen in der Ile⸗de⸗France die Milch bei uns gegeſſen und von Paris Catherine goldene Ohrringe geſchickt hat! Oh! nein, nein, man wird ihn nicht henken.“ „Bah!“ verſetzte Pitou grimmig,„es war ein Ari⸗ ſtokrat, ein ſchmeichelnder Betrüger!“ Billot ſchaute Pitou ganz erſtaunt an. Unter dem Blicke von Billot erröthete Pitou unwillkürlich bis an das Weiße der Augen. Plötzlich gewahrte der würdige Pächter Herrn Bailly, der nach einer Berathung aus dem Saale in ſein Cabinet ging; er eilte auf ihn zu und theilte ihm die Neuigkeit mit. Nun war die Reihe aber an Billot, einen Un⸗ gläubigen zu finden. „Foulon! Foulon!“ rief der Maire,„Tollheiten!“ „Hören Sie, Herr Bailly,“ ſprach der Pächter, „hier iſt Pitou, der ihn geſehen hat.“ „Ich habe ihn geſehen, Herr Maire,“ ſagte Piton, indem er eine Hand an ſeine Bruſt legte und ſich verbeugte. Und er erzählte Bailly, was er Billot erzählt atte. Da ſah man den armen Bailly erbleichen; er be⸗ griff den ganzen Umfang der Kataſtrophe. „Und Herr Aeckoque ſchickt ihn hieher?“ „Ja, Herr Maire.“ „Aber warum ſchickt er ihn?“ „Oh! ſeien Sie unbeſorgt,“ ſagte Piton, der ſich in der Unruhe von Bailly täuſchte,„es ſind Leute dabei, um den Gefangenen zu bewachen; man wird ihn nicht auf dem Wege entführen.“ „Wollte Gott, daß man ihn entführte,“ murmelte Bailly. Dann wandte er ſich an Pitou und fragte: „Leute was verſtehen Sie darunter, mein Freund?“ 246 „Ich meine Volk!“ „Volk?“ „Mehr als zwanzigtauſend Männer, die Weiber nicht zu rechnen,“ antwortete Pitou triumphirend. „Der Unglückliche!“ rief Bailly.„Meine Herren! meine Herren Wähler!“ mit ſcharfer Stimme rief er alle Beiſitzer zu ſich. Bei ſeiner Erzählung hörte man nur Ausrufungen und Angſtſchreie. Während eines Stillſchweigens des Schreckens, das ſodann eintrat, drang allmälig ein verworrener, ferner, unbeſtimmter Lärmen in das Stadthaus, jenem Brauſen des Blutes ähnlich, das zuweilen bei Nerven⸗ kriſen in den Ohren ſchreit. „Was iſt das?“ fragte ein Wähler. „Oh! es iſt der Lärmen der Menge,“ antwortete ein Anderer. Plötzlich rollte ein Wagen raſch auf den Platz; er enthielt zwei bewaffnete Männer, welche einen dritten bleichen, zitternden Mann ausſteigen ließen. Hinter dem Wagen liefen, geführt von Saint⸗ Jean, der athemloſer als je, ungefähr hundert junge Leute von zwölf bis achtzehn Jahren mit bleicher Ge⸗ ſichtsfarbe und flammenden Augen. Sie ſchrieen:„Foulon! Foulon!“ und liefen bei⸗ nahe ſo raſch, als die Pferde. Die zwei bewaffneten Männer hatten indeſſen ein paar Schritte Vorſprung vor ihnen, was ihnen Zeit gab, Foulon in das Stadthaus zu ſchieben, deſſen Thüren man vor den heiſeren Bellern außen ſchloß. „Endlich iſt er hier,“ ſagten ſie zu den Wählern, welche oben auf der Treppe warteten.„Teufel! das iſt nicht ohne Mühe abgegangen.“ „Meine Herren!“ rief Foulon zitternd,„werden Sie mich retten?“ 247 „Ah! mein Herr!“ antwortete Bailly mit einem Seufzer,„Sie ſind ein großer Verbrecher!“ „Aber ich hoffe, mein Herr, es wird doch eine Ge⸗ rechtigkeit geben, die meine Vertheidigung zuläßt?“ fragte Foulon immer ängſtlicher. In dieſem Augenblick verdoppelte ſich der Tumult außen. „Verbergen Sie ihn raſch,“ rief Bailly den Leuten zu, die ihn umgaben,„oder Er wandte ſich gegen Foulon und ſagte zu ihm: „Hören Sie, die Lage iſt ſo ernſt, daß wir Sie um Ihre Willensmeinung fragen müſſen. Wollen Sie, vielleicht iſt es noch Zeit, wollen Sie es verſuchen, durch eine der Hinterthüren des Stadthauſes zu ent⸗ fliehen?“ „Oh! nein,“ rief Foulon,„man wird mich er⸗ kennen und umbringen.“ „Ziehen Sie es vor, in unſerer Mitte zu bleiben? Ich und dieſe Herren werden thun, was Menſchen zu thun möglich iſt, um Sie zu vertheidigen. Nicht wahr, meine Herren?“ „Wir verſprechen es,“ riefen die Wähler ein⸗ ſtimmig. „Oh! ich will lieber bei Ihnen bleiben. Meine Herren, verlaſſen Sie mich nicht.“ „Ich habe Ihnen geſagt, wir werden Alles thun, was Menſchen zu thun möglich iſt, um Sie zu retten,“ antwortete Bailly mit Würde. In dieſem Augenblick entſtand ein großes Geſchrei auf dem Platze, verbreitete ſich durch die Luft und drang durch die offenen Fenſter in's Stadthaus ein. „Hören Sie? hören Sie?“ murmelte Foulon er⸗ bleichend. Die Menge brach in der That brüllend und ent⸗ ſetzlich anzuſchauen aus allen nach dem Stadthauſe mündenden Straßen und beſonders vom Quai Pelletier und aus der Rue de la Vannerie hervor. 248 Bailly trat an ein Fenſter. Die Augen, die Meſſer, die Piken, die Senſen und die Musketen glänzten in der Sonne. In weniger als zehn Minuten hatte ſich der große lät mit Menſchen gefüllt. Das war das Gefolge von oulon, wovon Piton geſprochen; es hatte ſich noch durch Neugierige vermehrt, welche, als ſie einen gewaltigen Lärmen hörten, auf die Grove, als einen Mittelpunkt, liefen. Alle dieſe Stimmen, und es waren mehr als zwanzigtauſend, ſchrieen; „Foulon! Foulon!“ Man ſah nun die hundert Vorläufer dieſer Wüthen⸗ den der ganzen brüllenden Maſſe die Thüre bezeichnen, durch welche Foulon eingetreten war; dieſe Thüre wurde ſogleich bedroht, und man ſing an dieſelbe mit Fuß⸗ ⸗ mit Kolbenſtößen und Hebeſtangen zu bear⸗ eiten. Plötzlich öffnete ſie ſich. Die Wachen des Stadthauſes erſchienen und rückten gegen die Angreifenden vor; dieſe wichen Anfangs vor den Bajonnetten zurück und ließen in ihrem erſten Schrecken einen großen leeren Raum vor der Facade. Die Wache nahm auf den Stufen eine feſte Stellung an. Statt zu drohen, ſprachen übrigens die Officiere freundlich zu der Menge und ſuchten ſie zu beſchwich⸗ tigen. 2 6 Bailly hatte beinahe den Kopf verloren. Es war das erſte Mal, daß ſich der arme Aſtronom einem Volks⸗ tumult gegenüber befand. „Was iſt zu thun?“ fragte er die Wähler. „Man muß ihn richten!“ riefen mehrere Stimmen. „Man richtet nicht unter der Einſchüchterung der Menge,“ ſagte Bailly. „Ah!“ rief Billot,„haben Sie Truppen genug, um ſich zu vertheidigen?“ „Wir haben nicht zweihundert Mann.“ „Man müßte Verſtärkung erlangen.“ 8 eb 8 6z 1d ls en n e ⸗ , 3 — 8 249 „Oh! wenn Herr von Lafahette benachrichtigt wäre,“ ſagte Bailly. „So benachrichtigen Sie ihn.“ „Wer wird das thun? wer wird die Wogen dieſer Menge durchſchneiden?“ „Ich!“ ukene Billot. Und er ſchickte an, wegzugehen. Bailly hielt ihn zurück. „Wahnfinniger,“ ſprach er,„ſchauen Sie dieſen Ocean an. Sie werden von einer einzigen ſeiner Wellen verſchlungen werden. Wenn Sie bis zu Herrn von Lafayette dringen wollen, und dabei verbürge ich mich noch nicht für Sie, gehen Sie hinten hinaus.“ „Gut,“ antwortete Billot einfach. Und er ſchoß wie ein Pfeil fort. XL. 3 Der Schwiegervater. Die Geiſter entzündeten ſich indeſſen auf dem Platze, wie es der immer mehr zunehmende Lärmen der Menge bewies. Es war ſchon nicht mehr Haß, es war Ab⸗ ſcheu; man drohte nicht mehr, man ſchäumte. Die Schreie: Nieder mit Foulon, Foulon den Tod! kreuzten ſich wie tödtliche Wurfgeſchoſſe bei einem Bombardement; die immer mehr anwachſende Menge hatte, ſo zu ſagen, die Wachen auf ihren Poſten erſtickt. Und ſchon fingen in dieſer Menge Gerüchte, welche zu Gewaltthaten bevollmächtigten, an in Umlauf zu kommen und ſich zu vergrößern. Dieſe Gerüchte bedrohten nicht nur Foulon, ſon⸗ dern auch die Wähler, die ihn beſchützten. „Sie haben den Gefangenen entfliehen laſſen!“ ſagten dann die Einen. 2⁵⁰ „Gehen wir hinein! gehen wir hinein!“ ſagten die Andern. „Zünden wir das Stadthaus an!“ „Vorwärts! vorwärts!“ Bailly begriff, daß es nur noch ein Mittel gab, da Herr von Lafayette nicht ankam: die Wähler ſollten ſelbſt hinabgehen, ſich unter die Gruppen miſchen und die Wüthendſten zu bekehren ſuchen. „Foulon! Foulon!“ Dies war der unabläſſige Schrei, das ununter⸗ brochene Gebrülle der raſenden Wogen. Ein allgemeiner Sturm bereitete ſich vor; die Mauern hätten nicht widerſtanden. „Mein Herr,“ ſagte Bailly zu Foulon,„wenn Sie ſich nicht der Menge zeigen, ſo werden dieſe Leute glauben, wir haben ſie entwiſchen laſſen; ſie werden die Thüre ſprengen, ſie werden hier hereinkommen, und finden ſie Sie dann hier, ſo ſtehe ich für nichts mehr, „Oh! ich wußte nicht, daß ich ſo verhaßt bin,“ murmelte Foulon, indem er ſeine Arme träge nieder⸗ fallen ließ. Und von Bailly unterſtützt, ſchleppte er ſich zum Fenſter. Ein entſetzliches Geſchrei erhob ſich bei ſeinem Anblick. Die Wachen wurden überwältigt, die Thüren eingeſtoßen; der Strom ſtürzte ſich auf die Treppen, in die Gänge, in die Säle, welche in einem Augenblick mit Menſchen gefüllt waren. Bailly ſtellte um den Gefangenen in Eile auf, was an Wachen verfügbar war, dann fing er an zu der Menge zu reden. Er wollte dieſen Menſchen begreiflich machen, daß ermorden zuweilen Rache üben, aber nie Gerechtigkeit widerfahren laſſen heißt. Es gelang ihm nach unerhörten Anſtrengungen i nachdem er zwanzigmal ſein eigenes Leben gewagt atte. —— 1—— 3— 8— 251 „Ja, ja,“ riefen die Stürmenden,„man richte ihn! man richte ihn! doch man hänge ihn auf.“ Sie waren ſo weit mit ihrer Beweisführung, als Herr von Lafayette, geführt von Billot, im Stadthauſe nkam. Der Anblick ſeines dreifarbigen Federbuſches, eines der erſten, die man getragen, dämpfte ſogleich das Ge⸗ ſchrei und die Ausbrüche des Zorns. Der Obergeneral ließ ſich Platz machen und wieder⸗ holte noch energiſcher, als Bailly, was Bailly ſchon geſagt hatte. Seine Rede wirkte ſchlagend auf Alle, die ihn hören konnten, und die Sache von Foulon war im Saale der Wähler gewonnen. Außen aber hatten zwanzigtauſend Wüthende Herrn von Lafayette nicht gehört und blieben unerſchütterlich in ihrer Raſerei. „Auf denn!“ endigte Lafahette, der natürlich glaubte, die Wirkung, welche er auf die Menſchen, die ihn um⸗ gaben, hervorgebracht, erſtrecke ſich auch nach Außen; „auf denn! dieſer Menſch muß gerichtet werden.“ „Ja!“ rief die Menge. „Zu Folge deſſen befehle ich, daß man ihn in's Gefängniß führt,“ fuhr Lafayette fort. 8„In's Gefängniß! in's Gefängniß!“ brüllte die enge. Su gleicher Zeit winkte der General den Wachen des Stadthauſes, und dieſe ließen den Gefangenen vor⸗ ſchreiten. Die Menge begriff nichts, wenn nicht, daß ihre Beute zu ihr kam. Sie hatte nicht einmal den Ge⸗ danken, man hoffe, ihr dieſe Beute ſtreitig zu machen. Sie roch, ſo zu ſagen, das friſche Fleiſch, das die Treppe hinabſtieg. Billot hatte ſich mit einigen Wählern, mit Bailly ſelbſt, an das Fenſter geſtellt, um dem Gefangenen mit den Augen zu folgen; während er unter dem Geleite 252 der en des Stadthauſes über den Platz ſchreiten würde. Auf dem Wege richtete Foulon dahin und dorthin verlorene Worte, welche von einer tiefen Angſt, ſchlecht verkleidet unter Vertrauensbetheurungen, zeugten. „Edles Volk,“ ſagte er, während er die Treppe hinabſtieg,„ich fürchte nichts; ich bin unter meinen Mitbürgern.“ Und ſchon kreuzten ſich das Gelächter und die Schmähungen um ihn her, als er ſich plötzlich außer⸗ halb des düſteren Gewölbes oben auf den auf den Platz gehenden Treppen befand; die Luft und die Sonne trafen ihm hier in's Geſicht. Sogleich drang ein einziger Schrei, ein Schrei der Wuth, ein Brüllen der Drohung und des Haſſes, aus der Bruſt von zwanzigtauſend Menſchen hervor. Bei dieſer Exploſion werden die Wachen durchbrochen, von der Erde aufgehoben, zerſtreut, tauſend Arme packen Foulon, ſchleppen ihn fort und tragen ihn an die un⸗ ſelige Ecke, unter die Laterne, den gemeinen, brutalen Galgen des Zorns, den das Volk ſeine Rechtspflege nannte. Billot ſah und ſchrie von ſeinem Fenſter aus; die Wähler trieben auch die Wache an, welche nichts mehr thun konnte. Lafayette ſtürzte in Verzweiflung aus dem Stadt⸗ hauſe, doch er war nicht einmal im Stande, durch die erſten Reihen dieſer Menge zu dringen, die ſich wie ein ungeheurer See zwiſchen ihm und der Laterne aus⸗ breitete. Auf die Weichſteine ſteigend, um beſſer zu ſehen, an den Fenſtern, an den Vorſprüngen der Gebäude, an allen Unebenheiten, die ihnen geboten waren, ſich anhängend, ermuthigten die einfachen Zuſchauer durch ihr furchtbares Geſchrei die Schauſpieler in ihrem ent⸗ ſetzlichen Feuereifer. Die Schauſpieler ſelbſt ſpielten mit ihrem Opfer, 253 wie es ein Trupp von Tigern mit einer wehrloſen Beute machen würde. Alle ſtritten ſich um Foulon. Man begriff endlich, daß man, wollte man ſich an ſeinem Todeskampfe wei⸗ den, die Rollen unter ſich vertheilen mußte. Sonſt würde er in Stücke zerriſſen werden. Die Einen hoben Foulon, der ſchon nicht mehr die Kraft beſaß, zu ſchreien, in die Höhe. Die Andern, die ihm ſeine Halsbinde abgenommen und ſeinen Rock zerriſſen hatten, ſchlangen ihm einen Strick um den Hals. Wieder Andere, welche auf die Laterne geſtiegen waren, ließen den Strick herab, den ihre Gefährten dem Exminiſter um den Hals ſchlangen. Einen Augenblick hielt man Foulon mit den Armen empor und zeigte ihn ſo, den Strick um den Hals und die Hände auf den Rücken gebunden, der Menge. Dann, als die Menge den armen Sünder wohl beſchaut, als ſie wohl in die Hände geklatſcht hatte, wurde das Signal gegeben und Foulon, bleich, blutig, bis zur Höhe der eiſernen Arme der Laterne, unter zin Geziſche, das erſchrecklicher, als der Tod, auf⸗ gehißt. Alle, welche bis dahin nichts hatten ſehen können, erblickten nun den über der Menge ſchwebenden öffent⸗ lichen Feind. Ein neues Geſchrei erſcholl; dieſes galt den Hen⸗ kern. Sollte Foulon ſo ſchnell ſterben? Die Henker zuckten die Achſeln und deuteten nur auf den Strick. Der Strick war alt; man konnte ihn Fäschen um Fäschen auseinandergehen ſehen. Die verzweifelten Be⸗ wegungen, welche Foulon in ſeinem Todeskampfe machte, löſten vollends den Faden, der ihn zurückhielt, der Fui brach, und Foulon ſiel halb erwürgt auf das aſter. Er war erſt bei der Vorrede der Hinrichtung, er war nur in das Vorhaus des Todes eingedrungen⸗ 254 ⸗ Jeder ſtürzte auf den armen Sünder zu; man war ruhig: er konnte nicht fliehen; er hatte bei ſeinem Fall nur das Bein über dem Schenkel gebrochen. Und dennoch erhoben ſich einige Flüche und Ver⸗ wünſchungen, unverſtändige, verleumderiſche Verwün⸗ ſchungen: man klagte die Henker an, man hielt ſie für ungeſchickte Leute... ſie, die doch im Gegentheil ſo ſinnreich zu Werke gegangen waren, ſie, die den alten, abgenutzten Strick in der Hoffnung, er werde brechen, gewählt hatten. Eine Hoffnung, die, wie man ſieht, das Ereigniß rechtfertigte. Man machte einen Knoten an den Strick und ſchlang ihn abermals um den Hals des Unglücklichen, der, halbtodt, die Augen ſtier, die Stimme erſtickt, um ſich her ſuchte, ob in dieſer Stadt, die man den Mit⸗ telpunkt des civilifirten Weltalls nennt, nicht eines von den Bajonetten dieſes Königs, deſſen Miniſter er geweſen, und der hunderttauſend beſaß, ein Loch in dieſe Canni⸗ balenhorde machen würde. Doch nichts um ihn her, nichts als der Haß, nichts als die Schmähung, nichts als der Tod. „Tödtet mich wenigſtens, ohne mich ſo grauſam leiden zu laſſen!“ rief Foulon in Verzweiflung. „Höre,“ antwortete eine Stimme,„warum ſollten wir Deine Hinrichtung abkürzen, Du haſt die unſere lange genug dauern laſſen.“ „ünd dann,“ ſagte eine andere,„Du haſt noch nicht Zeit gehabt, Deine Reſſeln zu verdauen.“ „Wartet! wartet!“ rief eine dritte,„man wird ihm ſeinen Schwiegerſohn Berthier bringen; es iſt Platz an der Laterne gegenüber.“ „Wir wollen das Geſicht ſehen, das ſich der Schwie⸗ gervater und der Schwiegerſohn machen werden,“ fügte eine andere bei. „Macht ein Ende! macht ein Ende!“ rief der Un⸗ glückliche. au iſt. Lei get ein ſeh er — — Bailly und Lafayette baten, flehten, ſchrieen mitt⸗ lerweile und ſuchten durch die Menge zu dringen; plötzlich erhebt ſich Foulon abermals am Ende des Stricks, der abermals bricht, und ihre Bitten, ihr Flehen, ihr Kampf, welcher nicht minder ſchmerzlich, als der Todeskampf des armen Sünders, verlieren ſich, vermengen ſich, erlöſchen in dem allgemeinen Gelächter, mit dem man dieſen zweiten Sturz empfängt. Bailly und Lafahette, drei Tage vorher noch die unumſchränkten Beherrſcher des Willens von ſechsmal⸗ hunderttauſend Pariſern,— heute hörte nicht einmal das Kind auf ſie. Man murrt; ſie beengen, ſie unter⸗ brechen das Schauſpiel. Billot hat ihnen vergebens mit ſeiner Stärke Beiſtand geleiſtet, der kräftige Athlet hat zwanzig Menſchen niedergeworfen, doch um bis zu Foulon zu dringen, müßte er fünfzig, hundert, zweihundert nieder⸗ werfen, und ſeine Kräfte find erſchöpft, und während er inne hält, um den mit Blut vermengten Schweiß, der von ſeiner Stirne fließt, abzuwiſchen, erhebt ſich Foulon bis zum Kloben der Laterne. Diesmal hat man Mitleid mit ihm gehabt, man hat einen neuen Strick gefunden. Endlich iſt der Verurtheilte todt. Das Opfer leibet nicht mehr. Eine halbe Minute hat der Menge genügt, um außer Zweifel zu ſetzen, daß der Lebensfunke erloſchen iſt. Nun hat der Tiger getödtet, er kann verſchlingen. Oben von der Laterne herabgeſtürzt, berührte der Leichnam nicht einmal die Erde. Er wurde vorher in Stücke zerriſſen. In einer Sekunde hatte man den Kopf vom Rumpfe getrennt, und in einer Sekunde hob man ihn am Ende eines Spießes in die Höhe. Es war zu jener Zeit ſehr Mode, den Kopf ſeiner Feinde ſo zu tragen. Bei dieſem Schauſpiel erſchrak Bailly ungemein; er ſah in dieſem Kopf die Meduſa des Alterthums. 256 Bleich, den Degen in der Hand, ſchob Lafahette mit Ekel die Wachen von ſich, die ſich zu entſchuldigen ſuchten, daß ſie die minder Starken geweſen. Stampfend vor Wuth und dahin und dorthin aus⸗ ſchlagend, wie eines von den brauſenden Pferden des Perche, kehrte Billot in's Stadthaus zurück, um nichts mehr von dem zu ſehen, was auf dieſem mit Blut be⸗ ſudelten Platze vorging. Was Pitou betrifft, ſo hatte fich ſein Ungeſtüm für die Volksrache in eine krampfhafte Bewegung ver⸗ wandelt, und er hatte das abſchüſſige Ufer des Fluſſes erreicht, wo er die Augen und die Ohren ſchloß, um nichts mehr zu ſehen und zu hören. Im Stadthauſe herrſchte Beſtürzung: die Wähler fingen an zu begreifen, ſie werden nie im Stande ſein, die Bewegungen des Volkes anders zu lenken, als in der Richtung, die dem Volke belieben würde. Plötzlich, während die Wüthenden ſich damit be⸗ luſtigen, daß ſie den enthaupteten Körper von Foulon in den Goſſen umherſchleppten, erſchallt ein neues Ge⸗ ſchrei, rollt ein neuer Donner über die Brücken. Ein Eilbote ſtürzt herbei. Die Neuigkeit, die er bringt, weiß die Menge ſchon. Sie hat ſie auf die Andeutung ihrer geſchickteſten Führer errathen, wie die Meute nach der Eingebung des geübteſten von den Leit⸗ hunden die Fährte aufnimmt. Die Menge drängt ſich um den Eilboten und ſchließt ihn ein; ſie fühlt, daß er eine neue Beute berührt hat; ſie riecht, daß er von Herrn Berthier ſprechen will. Das war ſo. Von dem Munde von zehntauſend Menſchen zugleich befragt, ſieht ſich der Eilbote genöthigt, zu antworten: „Herr Berthier von Sauvigny iſt in Compiégne verhaftet worden.“ Dann dringt er in das Stadthaus ein, wo er Lafahette und Bailly daſſelbe verkündigt. „Gut, gut, ich wußte es,“ erwiedert Lafahette. — — v 257 „Wir wußten es,“ ſagte Bailly,„und es ſind Be⸗ fehle gegeben, daß man ihn dort bewacht.“ „Dort bewacht?“ wiederholte der Eilbote. „Allerdings; ich habe zwei Commiſſäre mit einer Bedeckung abgeſchickt.“ „Eine Bedeckung von zweihundertfünfzig Mann, nicht wahr?“ fragte ein Wähler:„dies iſt mehr als genügend.“ „Meine Herren,“ entgegnet der Eilbote:„das iſt es gerade, was ich Ihnen ſagen wollte: die Bedeckung iſt zerſtreut und der Gefangene durch die Menge ent⸗ führt worden.“ „Entführt!“ ruft Lafahette.„Die Bedeckung hat ſich ihren Gefangenen entführen laſſen?“ „Klagen Sie dieſelbe nicht an. Alles, was ſie thun konnte, hat ſie gethan.“ „Aber Herr Berthier?“ fragte Bailly ängſtlich. „Man bringt ihn nach Paris,“ antwortete der Eilbote,„und in dieſem Augenblick iſt er in Bourget.“ „Wenn er hierher kommt, iſt er verloren!“ rief Bailly. „Geſchwinde! geſchwinde!“ rief Lafahette,„fünf⸗ hundert Mann nach Bourget! Die Commiſſäre und Herr Berthier ſollen dort anhalten und bleiben; wäh⸗ rend der Nacht werden wir die Sache überlegen und einen Entſchluß faſſen.“ „Aber wer wird es wagen, dieſen Auſtrag zu übernehmen?“ verſetzte der Eilbote, der voll Schrecken aus dem Fenſter das ſtürmiſche Meer betrachtete, von dem jede Welle ihren Todesſchrei auswarf. „Ich!“ rief Billot;„dieſen werde ich retten!“ „Aber Sie werden dabei umkommen!“ rief der Eilbote;„die Straße iſt ſchwarz von Menſchen.“ „Ich gehe,“ ſagte der Pächter. „Unnütz,“ murmelte Bailly, der gehorcht hatte. „Höret! höret!“ Da vernahm man in der Richtung der Porte Ange Pitou. N. 17 258 Saint⸗Martin ein Geräuſch, dem Toſen des Meeres auf den Strandſteinen ähnlich. Dieſer wüthende Lärmen drang über die Häuſer empor, wie der brodelnde Dampf über den Rand eines Gefäßes aufſtrömt. „Zu ſpät!“ ſagte Lafayette. „Sie kommen, ſie kommen,“ murmelte der Eilbote. „Hören Sie?“ „Ein Regiment! ein Regiment!“ rief Lafayette mit dem edlen Wahnſinn der Menſchenliebe, der die glänzende Seite ſeines Charakters war. „Ei! Mord und Tod!“ rief Bailly, der vielleicht zum erſten Mal fluchte,„vergeſſen Sie, daß unſere Armee gerade dieſe Menge iſt, die Sie bekämpfen wollen?“ Und er verbarg ſein Geſicht in ſeinen Händen. Die Schreie, die man in der Ferne gehört, hatten ſich von der in den Straßen zuſammengeſchaarten Menge dem auf dem Platze aufgehäuften Volke mit der Schnel⸗ ligkeit eines Laufſeuers mitgetheilt. Man ſah nun diejenigen, welche die traurigen Ueberreſte von Foulon beſchimpften, ihr blutiges Spiel verlaſſen, um einer neuen Rache entgegenzueilen. Die dem Platze anliegenden Straßen ſpieen ſogleich einen großen Theil von dieſer brüllenden Menge aus, welche, Meſſer und drohende Fäuſte emporhaltend, ſich nach der Rue Saint⸗Martin dem neuen Todeszuge entgegenwälzte. XLI. Der Schwiegerſohn. Die Verbindung war bald bewerkſtelligt, man hatte auf beiden Seiten dieſelbe Eile. Dann geſchah, was folgt. 259 Einige von den Sinnreichen, die wir auf der Gröve geſehen, brachten dem Schwiegerſohn am Ende eines Spießes den Kopf ſeines Schwiegervaters. Herr Berthier kam durch die Rue Saint⸗Martin mit dem Commiſſär, er war ungefähr auf der Höhe der Rue Saint⸗Merry.. Er ſaß in ſeinem Cabriolet,— ein in jener Zeit außerordentlich ariſtokratiſcher Wagen, ein Wagen, dem Grolle des Volkes bezeichnet, das ſich ſo oft über die Raſchheit des Fahrens der Stutzer oder der Tän⸗ zerinnen, welche ſelbſt kutſchirten und, durch ein hitziges Pferd fortgeriſſen, häufig niederwarfen, immer beſpritz⸗ ten, zu beklagen gehabt hatte. Unter dem Geſchrei, unter dem Geziſche und den Drohungen fuhr Berthier Schritt für Schritt weiter und ſprach ruhig mit dem Wähler Riviere, dem Com⸗ miſſär, den man nach Compisgne abgeſandt, um ihn zu retten, und der, von ſeinem Gefährten verlaſſen, Mühe genug gehabt hatte, ſich ſelbſt zu retten. Das Volk hatte mit dem Cabriolet angefangen und zuerſt das Verdeck von dieſem zerbrochen, ſo daß Berthier und der Commiſſär entblößt und allen Blicken und allen Streichen ausgeſetzt waren. Unter Weges hörte er ſich an ſeine Verbrechen, erläutert und vergrößert durch die Volkswuth, erinnern. Er hatte Paris aushungern wollen. Er hatte befohlen, den Roggen und den Waizen grün abzuſchneiden; dadurch war der Preis der Getreide geſtiegen, und er hatte ungeheure Summen gewonnen⸗ Er hatte nicht nur dies gethan, was, wie man ſagte, genug war, er conſpirirte auch. Man hatte bei ihm ein Portefeuille erwiſcht; in dieſem Portefeuille fanden ſich mordbrenneriſche Briefe, Befehle zum Niedermetzeln, der Beweis, daß zehntau⸗ ſend Patronen an ſeine Agenten ausgetheilt worden waren. Das waren entſetzliche Albernheiten, de0 man weiß, 17 260 daß die Menge, hat ſie einmal den Parorismus ihres Zornes erreicht, die wahnſinnigſten Neuigkeiten als wahr preisaht. erjenige, welchen man aller dieſer Verbrechen beſchuldigte, war ein noch junger Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, elegant gekleidet, beinahe lächelnd unter den Streichen und Beleidigungen; er ſchaute um ſich her mit vollkommener Sorgloſiakeit die ſchändlichen Anſchlagzettel an, die man ihm zeigte, und plauderte ohne Prahlerei mit Riviére. Zwei über ſeine Gelaſſenheit aufgebrachte Menſchen wollten ihn erſchrecken und aus ſeiner Haltung bringen. Sie ſtellten ſich jeder auf einen Fußtritt des Cabrio⸗ lets und hielten Beide Berthier das Bajonett ihrer Flinte auf die Bruſt. Aber muthig bis zur Verwegenheit, ließ ſich Ber⸗ thier nicht durch ſo wenig in Bewegung ſetzen und ſprach fortwährend mit dem Wähler, als ob dieſe zwei Gewehre nur eine harmloſe Zugabe des Cabriolets geweſen wären. Teief gereizt durch dieſe Verachtung, welche ſo ſelt⸗ ſam mit der Angſt von Foulon contraſtirte, brüllte die Menge um den Wagen her und wartete mit Ungeduld auf den Augenblick, wo ſie ſtatt einer Drohung einen Schmerz auferlegen könnte. Da beftete Berthier ſeinen Blick auf etwas Unge⸗ ſtaltes, Blutiges, das man vor ihm ſchüttelte, und er⸗ kannte plötzlich den Kopf ſeines Schwiegervaters, der ſich bis zur Höhe ſeiner Lippen neigte. Man wollte ihn den Kopf küſſen laſſen. Herr Riviére ſchob entrüſtet den Spieß mit ſeiner Hand auf die Seite. Berthier dankte ihm mit einer Geberde, wandte ſich aber nicht einmal um, um mit dem Auge dieſer häßlichen Trophäe zu folgen, welche die Henker hinter dem Cabriolet, über dem Kopf von Berthier, trugen. Man kam ſo auf die Grove und der Gefangene 261 wurde nach unerhörten Anſtrengungen der Wache, die man in Eile geſammelt hatte, den Wählern im Stadt⸗ hauſe übergeben. Eine gefährliche Sendung, eine erſchreckliche Ver⸗ antwortlichkeit, welche abermals Lafayette erbleichen und das Herz des Maire von Paris ſpringen machte. Die Menge, nachdem ſie das Cabriolet, das am Fuße der Stufen des Stadthauſes zuruͤckgeblieben war, ein wenig zerſtückelt hatte, nahm ihre Stellung auf den guten Plätzen, bewachte alle Ausgänge, traf ſeine Vor⸗ kehrungen und bereitete neue Stricke am Kloben der Laterne. Als Billot Berthier ſah, der ruhig die große Treppe des Stadthauſes hinaufſtieg, konnte er ſich nicht enthal⸗ ten, bitterlich zu weinen und ſich die Haare auszu⸗ raufen. Pitou, der das Ufer verlaſſen hatte und wieder zum Quai hinaufgeſtiegen war, ſobald er glaubte, die Hinrich⸗ tung ſei vorüber, Pitou kauerte ſich erſchrocken, trotz ſeines Haſſes gegen Herrn Berthier, welcher nicht nur in ſeinen Augen Alles deſſen, was man ihm vorwarf, ſondern auch des Verbrechens, Catherine Ohrringe ge⸗ geben zu haben, ſchuldig war, Pitou, ſagen wir, kauerte ſich ſchluchzend hinter eine Bank. Berthier war, als hätte es ſich um einen ganz An⸗ deren als ihn gehandelt, mitilerweile in den Rathsſaal eingetreten und plauderte mit den Wählern. Er kannte die Mehrzahl derſelben und war ſogar vertraut mit einigen. Dieſe entfernten ſich von ihm mit dem Schrecken, den ſchüchternen Seelen die Berührung eines volksun⸗ beliebten Menſchen einflößt. Berthier ſah ſich auch vald beinahe allein mit Bailly und Lafayette. Er ließ ſich alle Einzelheiten der Hinrichtung von Foulon erzählen; dann zuckte er die Achſeln und ſagte; 262 „Ja, ich begreife das: man haßt uns, weil wir die Werkzeuge ſind, mit denen man das Volk gefoltert hat.“ „Man wirft Ihnen große Verbrechen vor, mein Herr,“ ſprach Bailly mit ſtrengem Tone. „Mein Herr,“ erwiederte Berthier,„wenn ich alle Verbrechen begangen hätte, die man mir vorwirft, ſo wäre ich weniger oder mehr als ein Menſch, ein wildes Thier oder ein Teufel; doch man wird mich richten, wie ich denke, und dann wird es klar werden.“ „Allerdings,“ ſprach Bailly. „Nun!“ fuhr Berthier fort,„das iſt Alles, was ich wünſche. Man hat meine Correſpondenz, man wird ſehen, welchen Befehlen ich gehorcht habe, und die Ver⸗ antwortlichkeit wird auf diejenigen zurückfallen, denen ſie gebührt.“ Die Wähler ſchauten auf den Platz hinaus, von wo furchtbares Geſchrei aufſtieg. Berthier begriff die Antwort. Da durchſchnitt Billot die Menge, welche Bailly umgab, näherte ſich dem Intendanten, bot ihm ſeine redliche große Hand und ſagte: „Guten Tag, Herr von Sauvigny.“ „Ah! Du biſt es, Blllot,“ rief Berthier lachend, indem er mit einer feſten Hand die Hand, die ihm ge⸗ boten war ergriff;„Du willſt alſo in Paris Aufruhr treiben, mein braver Pächter, Du der Du ſo gut Dein Getreide auf den Märkten von Villers⸗Cotterets, von Crépy und von Soiſſons verkaufteſt?“ Trotz ſeiner demokratiſchen Beſtrebungen, konnte Billot nicht umhin, die Ruhe dieſes Mannes zu be⸗ wundern, welcher ſo ſcherzte, während ſein Leben an einem Faden hing. „Nehmen Sie Ihre Plätze ein, meine Herren,“ ſprach Bailly zu den Wählern,„wir wollen die In⸗ ſtructiun gegen den Angeklagten beginnen.“ „Gut,“ ſagte Berthier,„nur muß ich Sie darauf aufmerkſam machen, meine Herren, daß ich erſchöpft 263 bin; ſeit zwei Tagen habe ich nicht geſchlafen; von Compiogne nach Paris bin ich heute geſtoßen, geſchla⸗ gen, gezerrt worden; wenn ich zu eſſen verlangte, bot man mir Heu, was nicht ſehr erfriſchend iſt; laſſen Sie mir einen Ort geben, wo ich ſchlafen kann, und wäre es nur eine Stunde.“ In dieſem Augenblick ging Lafahette aus dem Saal, um ſich zu erkundigen. Er kam niedergeſchlagener als je zurück. „Mein lieber Bailly,“ ſagte er,„die Erbitterung iſt auf den höchſten Grad geſtiegen. Herrn Berthier hier behalten heißt ſich einer Belagerung ausſetzen; das Stadthaus vertheidigen heißt den Wüthenden den Vorwand geben, den ſie verlangen; das Stadthaus nicht vertheidigen heißt die Gewohnheit annehmen, nachzu⸗ geben, ſo oft man es angreifen wird.“ Während dieſer Zeit hatte ſich Berthier auf eine Bank geſetzt und dann gelegt. Er ſchickte ſich an, zu ſchlafen. Die wüthenden Schreie gelangten zu ihm durch das Fenſter, ſtörten ihn aber nicht; ſein Geſicht bewahrte die Ruhe des Mannes, der Alles vergißt, um den Schlaf zu ſeiner Stirne ſteigen zu laſſen. Bailly berieth ſich mit den Wählern und mit Lafayette. Billot ſchaute Berthier an. Lafayette ſammelte raſch die Stimmen, wandte ſich an ben Gefangenen, der einzuſchlafen anfing, und ſagte zu ihm: „Mein Herr, wollen Sie ſich bereit halten.“ Berthier ſtieß einen Seufzer aus, erhob ſich auf ſeinen Ellenbogen und fragte: „Wozu bereit?“ „Dieſe Herren haben beſchloſſen, daß Sie nach der Abbaye gebracht werden ſollen.“ „Nach der Abbaye? gut,“ ſagte der Intendant. „Doch,“ fügte er bei, indem er die verlegenen Richter 264 anſchaute, deren Verlegenheit er begriff,„machen wir auf die eine oder die andere Art ein Ende.“ Lange gefeſſelt, ſprang ein Ausbruch des Zorns und der Ungeduld von der Gréve empor. „Nein, meine Herren, nein, wir werden ihn in dieſem Augenblick nicht gehen laſſen,“ rief Lafayette. Bailly faßte einen Entſchluß in ſeinem Herzen und in ſeinem Muthe, er ging mit zwei Wählern auf den Platz hinab und gebot Stillſchweigen. Das Volk wußte ſo gut, als er, was er ſagen würde; da es die Abſicht hatte, das Verbrechen wieder⸗ zubeginnen, ſo wollte es nicht einmal den Vorwurf hören, und als Bailly den Munt öffnete, erhob ſich ein ungeheures Geſchrei aus der Menge und brach ſeine Stimme, ehe ſie ſich nur hatte hören laſſen. Bailly, da er ſah, es wäre ihm unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu artieuliren, kehrte nach dem Stadthauſe zurück, verfolgt von den Schreien: „Berthier! Berthier!“ Dann drangen andere Schreie unter dieſen durch, wie die ſchrillen Noten, die ſich plötzlich in den Teu⸗ felschören von Weber oder Meyerbeer hörbar machen. Man brüllte:„An die Laterne! An die Laterne!“ Als Lafayette Bailly zurückkommen ſah, eilte er ihm entgegen. Er iſt jung, er iſt glühend, er iſt ge⸗ liebt. Was der Greis mit ſeiner Volksthümlichkeit von geſtern nicht hat erlangen können, wird er, der Freund von Waſhington und Necker, ohne Zweifel mit dem erſten Wort erlangen. Doch vergebens drang der Volksgeneral in die Gruppen der Wüthendſten; vergebens ſprach er im Namen der Gerechtigkeit und der Menſchlichkeit. Ver⸗ gebens, als er einige Führer erkannte oder ſie zu er⸗ kennen ſich den Anſchein gab, drückte er ihnen die Hände, hielt er ſie zurück, flehte er ſie an. Nicht eines von ſeinen Worten wurde gehört, — „ 4 — ————— 265 nicht eine von ſeinen Geberden wurde begriffen, nicht eine von ſeinen Thränen wurde geſehen. Von Sufe zu Stufe zurückgeſtoßen, kniete er auf der Freitreppe des Stadthauſes nieder und beſchwor dieſe Tiger, die er ſeine Mitbürger nannte, ihre Nation nicht zu entehren, ſich ſelbſt nicht zu entehren, nicht zu Märtyrern die Schuldigen zu erheben, denen das Geſetz einen Theil Ehrloſigkeit mit einem Theil Be⸗ ſtrafung ſchuldig ſei. Als er beharrlich fortfuhr, gelangten die Dro⸗ hungen bis zu ihm, doch er kämpfte gegen die Dro⸗ hungen. Einige Raſende zeigten ihm dann die Fauſt und hoben ihre Gewehre zu ihm empor. Er ging ihren Streichen entgegen, und ihre Waffen ſenkten ſich. Aber wenn man Lafayette bedroht hatte, ſo bedrohte man Berthier noch viel mehr. S kehrte Lafayette wie Bailly in's Stabthaus urück. Die Wähler hatten alle Lafayette machtlos gegen den Sturm geſehen; damit war ihr letzter Wall nie⸗ dergeſtürzt. Sie beſchloſſen, die Wache des Stadthauſes ſollte Berthier nach der Abbaye führen. Das hieß Berthier in den Tod ſchicken. „Endlich!“ ſagte Berthier, als der Beſchluß ge⸗ faßt war. Und er ſchaute alle dieſe Menſchen mit einer tiefen Verachtung an und ſtellte ſich unter die Wachen, nach⸗ dem er Bailly und Lafayette durch ein Zeichen gedankt und Billot die Hand gereicht hatte. Bailly wandte ſeinen Blick voll Thränen, Lafayette ſeine Augen voll Entrüſtung ab. Berthier ſtieg die Treppe des Stadthauſes mit demſelben Schritte hinab, mit dem er ſie heraufgeſtie⸗ gen war. In dem Augenblick, wo er auf der Freitreppe er⸗ 6 ——— * 266 ſchien, machte ein entſetzliches, vom Platze ausgehendes Geſchrei ſelbſt die ſteinernen Stufen, auf die er den Fuß ſetzte, zittern. Doch, verächtlich und unempfindlich, ſchaute er alle dieſe flammenden Augen mit ruhigen Augen an, zuckte er die Achſeln und ſprach die Worte: „Wie ſeltſam iſt dieſes Volk! Was hat es ſo zu brüllen!“ Er hatte nicht vollendet, als er ſchon dieſem Volke gehörte. Auf der Freitreppe ſelbſt holten ihn Arme aus der Mitte der Wachen. Eiſerne Haken zogen ihn an, ſein Fuß glitt aus, und er rollte in die Arme ſei⸗ ner Feinde, die in einer Sekunde die Bedeckung zer⸗ ſtreut hatten. Dann riß eine unwiderſtehliche Woge den Gefan⸗ genen auf dem mit Blut beſudelten Wege fort, auf dem Foulon zwei Stunden zuvpor geſchleppt worden war. Ein Menſch ſaß ſchon, mit dem Stricke in der Hand, auf der unſeligen Laterne. 8 Doch ein anderer Menſch hatte ſich an Berthier angeklammert, und dieſer Menſch theilte wüthend, wahn⸗ ſiig und Verwünſchungen an die Henker aus. r ſchrie: „Ihr werdet ihn nicht haben! Ihr werdet ihn nicht tödten!“ Dieſer Menſch war Billot, den die Verzweiflung toll gemacht hatte, und zwar toll wie zwanzig Menſchen⸗ Den Einen rief er zu: „Ich bin Einer von den Siegern der Baſtille!“ Und Einige, die ihn wirklich erkannten, ließen in ihren Angriffen nach. Zu Anderen ſagte er: „Laßt ihn richten; ich hafte für ihn; läßt man ihn entwiſchen, ſo werdet Ihr mich ſtatt ſeiner henken.“ Armer Billot, armer ehrlicher Mann! Die Wellen riſſen ihn fort, ihn und Berthier, wie ein Wetterwirbel —— „„—————— 257 zugleich eine Feder und einen Stohhalm in ſeinen weiten Spiralen fortträgt. Er ging, ohne es zu bemerken, ohne etwas zu be⸗ merken. Er war an Ort und Stelle. Der Blitz wäre weniger ſchnell geweſen. Berthier, den man rückwärts fortgeſchleppt und aufgehoben hatte, wandte ſich, als er ſah, daß man an⸗ hielt, um, ſchlug die Augen auf und erblickte den ſchändlichen Strang, der über ſeinem Kopfe baumelte. Durch eine eben ſo heftige, als unerwartete An⸗ ſtrengung machte er ſich von den Händen, die ihn feſt⸗ hielten, los, riß einem von der Nationalgarde eine Flinte aus den Händen und ging mit Bajonettſtößen auf ſeine Henker los. Doch in einer Sekunde trafen ihn tauſend Streiche von hinten, er fiel, und tauſend Stöße tauchten aus einem Kreiſe auf ihn nieder. Billot war unter den Füßen der Mörder ver⸗ ſchwunden. Berthier hatte keine Zeit, zu leiden. Seine Seele und ſein Blut entſtrömten zu gleicher Zeit aus tauſend Wunden ſeines Leibes. Da konnte Billot ein Schauſpiel ſehen, das noch gräulicher war, als Alles, was er bis jetzt erblickt. Er ſah einen Menſchen ſeine Hand in die offene Bruſt des Leichnams tauchen und das noch rauchende Herz heraus⸗ ziehen. Derſelbe ſteckte dann dieſes Herz an die Spitze ſeines Säbels mitten unter der brüllenden Menge, die ſich auf ſeinem Wege vor ihm öffnete, und legte es auf die Tafel des großen Rathes nieder, wo die Wähler ihre Sitzungen hielten. Billot, der eiſerne Mann, konnte dieſem Anblick nicht widerſtehen; er fiel auf einen Weichſtein zehn Schritte von der unſeligen Laterne. Lafayette, als er dieſe ſchändliche, ſeiner Autorität, der Revolution, die er lenkte, oder vielmehr zu lenken 268 geglaubt hatte, zugefügte Bweidiguna ſah, Lafahette zerbrach ſeinen Degen und warf die Stücke davon den Mördern an den Kopf. Pitou hob den Pächter auf, trug ihn in ſeinen Armen weg und flüſterte ihm in's Ohr: „Billot! Vater Billot! nehmen Sie ſich in Acht, wenn ſie ſähen, daß Sie ſich übel befänden, ſo würden ſie Sie für ſeinen Mitſchuldigen halten und auch um⸗ „ Das wäre Schade ein ſo guter Pa⸗ i Hienach zog er ihn nach dem Fluſſe fort, wobei er ihn ſo gut, als es ihm möglich war, vor den Blicken von einigen Eifrigen verbarg, welche murrten. ———