—— † Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduurd Oltmann in Gießen Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, ein⸗ dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ℳ auf 1 Monat: 1 Nr— 1W 2 „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen⸗ 6. Sechadenersatz. Für beſchmutzte, ſiciſſene. ſei und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtge etzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— Denkwürdigkeiten eins Atzles. Von Alexandre Dumas. Vierte Abtheilung: Die Gräfin von Charny. Siebenundzwanzigſtes bis zweiunddreißigſtes Bändchen. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Auguſt Zoller. —5— Stuttgart. Franckh ſche Verlagshandlung. 1855. Schnellpreſſendruck der F. G Sprandel'ſchen Buchdruckerei. CXLIII. Die Vacht vom 9. auf den 10. Auguſt. Unſere Leſer mögen uns erlanben, ſie in ein Haus der Rue de l'Ancienne⸗Comédie, bei der Rue Dauphine, zu verſetzen. Im erſten Stocke wohnte Fréron. Gehen wir an ſeiner Thüre vorbei; wir würden hier vergebens klingeln; er iſt im zweiten bei ſeinem Freunde Camille Desmoulins. Während wir die ſiebzehn Stufen hinaufſteigen, welche ein Stockwerk vom andern trennen, ſagen wir raſch, was Fréron war. Fréron(Louis Stanislas) war der Sohn des be⸗ kannten Elie Catherine Fréron, des ſo ungerecht und grauſam von Voltaire Angegriffenen. Lieſt man heute die vom Journaliſten gegen den Verfaſſer der Pucelle, des Dictionnaire philosophique und von Ma⸗ homet gerichteten kritiſchen Artikel, ſo iſt man ganz erſtaunt, zu ſehen, daß der Journaliſt gerade im Jahre 1754 hievon ſagte, was wir 1854, das heißt hundert Jahre ſpäter, darüber denken. Fréron, der Sohn, der damals fünfunddreißig Jahre alt, aufgebracht durch die Ungerechtigkeiten, durch die er ſeinen Vater hatte zu Boden drücken ſehen,— dieſer ſtarb vor Kummer im Jahre 1776 in Folge der Unter⸗ Die Gräfin von Charny. VII. 1 2 drückung durch den Siegelbewahrer Miromesnil ſeines Journals 1Ann6 litteraire,— Fréron hatte ſich voll Eifer den revolntionären Grundſätzen angeſchloſſen und gab den Orateur du Peuple heraus, oder war damals im Begriffe, ihn herauszugeben. Am Abend des 9. Auguſt war er, wie geſagt, bei Camille Desmoulins, wo er mit Brune, dem zukünftigen Marſchall von Frankreich und mittlerweile Factor einer Druckerei, ſpeiſte. Barbarcux und Rebecqui waren die zwei anderen Gäſte. Eine einzige Fran wohnte dem Mahle bei, das einige Aehnlichkeit mit dem hatte, welches die Märtyrer machten, ehe ſie in den Circus gingen, und das man das Freimahl nannte. Dieſe Frau war Lucile. Ein ſanfter Name, eine reizende Frau,— ſie haben ein ſchmerzliches Andenken in den Annalen der Revolu⸗ tion hinterlaſſen. Wir werden Dich nicht in dieſem Buche begleiten können, wenigſtens nicht bis zum Blutgerüſte, das Du beſteigen wollteſt, liebendes, poetiſches Geſchöpf, weil es der kürzeſte Weg war, um Deinem Gatten nachzufol⸗ gen; doch wir wollen es im Vorübergehen verſuchen, Dein Portrait mit zwei Federſtrichen zu ſkizziren. Ein einziges Portrait iſt von Dir übrig, armes Kind! Du biſt ſo jung geſtorben, daß der Maler genöthigt geweſen iſt, Dich gleichſam im Fluge aufzu⸗ faſſen. Es iſt eine Miniature, die wir in der bewun⸗ derungswürdigen Sammlung des Oberſten Morin ge⸗ ſehen, eine Sammlung, welche man, ſo koſtbar ſie war, ſich beim Tode dieſes vortrefflichen Mannes zerſtreuen ließ, der mit ſo großer Gefälligkeit ſeine Schätze zu unſerer Verfügung ſtellte. Auf dieſem Portrait erſcheint Lucile klein, hübſch, piquant ſogarz es iſt etwas weſentlich Plebejiſches in 8 3 ihrem reizenden Geſichte. In der That, die Tochter eines ehemaligen Schreibers bei den Finanzen und einer ſehr hübſchen Frau, von der man behauptete, ſie ſei die Geliebte des Finanzminiſters Terray geweſen, war, ihr Name beweiſt dies, Lucile Dupleſſis Loridon, wie Ma⸗ dame Roland, von niedriger Abkunft. Eine Neigungsheirath hatte im Jahre 1791 mit dieſem für ihn relativ reichen Mädchen den furchtbaren Knaben, den genialen Straßenjungen, welchen man Camille Desmoulins nannte, verbunden. Arm, ziemlich häßlich, ſchwer ſprechend, wegen des Stammelns, das ihn ein Redner zu ſein verhinderte, aber, während es ihn ein Redner zu ſein verhinderte, aus ihm den bekannten Schriftſteller machte, hatte ſie Camille zugleich durch die Feinheit ſeines Geiſtes und durch ſeine Herzensgüte verführt. Camille, obgleich er der Anſicht von Mirabeau war, welcher geſagt hatte:„Ihr werdet nie etwas aus der Revolution machen, wenn Ihr ſie nicht entchriſtlicht,“ Camille hatte in der Saint⸗Sulpice⸗Kirche nach dem katholiſchen Ritus geheirathet; als ihm aber 1792 ein Sohn geboren wurde, da trug er dieſen Sohn nach dem Seſ und verlangte für ihn die republicaniſche aufe. Hier, in einem Zimmer des zweiten Stockes von dieſem Hauſe der Rue de l'Ancienne⸗Comédie, hatte ſich ſo eben zum großen Schrecken und zu gleicher Zeit zum großen Stolze von Lucile der ganze Inſurrectionsplan entrollt, welchen Barbaroux naiver Weiſe drei Tage vorher in einer Rankinhoſe ſeiner Wäſcherin geſchickt zu haben geſtand. Barbaroux, der kein großes Vertrauen zum Gelin⸗ gen des Handſtreiches hatte, den er ſelbſt entworfen und angebahnt, und der in die Gewalt des Hofes zu fallen befürchtete, zeigte auch mit einer ganz antiken Einfach⸗ heit ein, wie das von Condorcet, von Cabanis berei⸗ tetes Gift. Beim Anfange des Abendbrodes hatte Camille, da er kaum mehr Hoffnung hegte, als Barbaroux, ſein Glas aufhebend, um nicht von Lucile verſtanden zu werden, geſagt: „Edamus et bibamus; cras enim moriemur Lucile hatte aber verſtanden und erwiedert: „Gut! warum eine Sprache ſprechen, die ich nicht verſtehe? Ich errathe wohl, was Du da ſagſt, Ca⸗ mille! ſei ruhig, ich bin es nicht, die Dich verhindern wird, Deine Sendung zu vollbringen.“ Und auf dieſe Verſicherung hatte man frei und laut geſprochen. Fréron war der Entſchloſſenſte von Allen: man wußte, daß er eine Frau hoffnungslos liebte, obſchon man nicht wußte, wer dieſe Frau war. Seine Ver⸗ zweiflung beim Tode von Lucile offenbarte dieſes un⸗ ſelige Geheimniß. „Und Du, Fréron,“ fragte ihn Camille,„haſt Du Gift?“ „Ah! ich,“ antwortete er,„wenn es uns morgen nicht glückt, ſo laſſe ich mich tödten! Ich bin des Le⸗ bens ſo müde, daß ich nur einen Vorwand ſuche, um mich davon zu befreien.“ Rebecqui war derjenige, welcher die beſte Hoffnung für das Reſultat des Kampfes hatte. „Ich kenne meine Marſeiller,“ ſagte erz„ich habe ſie mit eigener Hand gewählt; ich bin ihrer ſicher vom Erſten bis zum Letzten; nicht Einer wird zurückweichen!“ Nach dem Abendbrode machte man den Vorſchlag, zu Danton zu gehen. *) Laßt uns eſſen und trinken, denn morgen werden wir ſterben. 5 Barbaroux und Rebecqui traten nicht bei, indem ſie ſagten, ſie werden in der Kaſerne der Marſeiller erwartet. Das war kaum zwanzig Schritte vom Hauſe von Camille Desmoulins. Fréron hatte ſich auf der Commune mit Sergent und Manuel zuſammenbeſchieden. Brune brachte die Nacht bei Santerre zu. Jeder verfolgte das Ereigniß an dem Faden, der ihm eigenthümlich war. Man trennte ſich. Camille und Lucile allein gingen zu Danton. Die zwei Haushaltungen ſtanden in enger Verbin⸗ dung, nicht allein was die Männer ſondern auch was die Frauen betrifft. Man kennt Danton; wir ſelbſt ſind mehr als ein⸗ mal hinter den Meiſtern, die ihn mit großen Zügen ge⸗ malt haben, berufen geweſen, ihn zu reproduciren. Seine Frau iſt weniger bekannt; ſagen wir ein paar Worte von ihr. Ebenfalls beim Oberſten Morin konnte man ein Andenken von dieſer merkwürdigen Frau finden, welche von Seiten ihres Mannes der Gegenſtand einer ſo tie⸗ fen Anbetung warz nur war es keine Miniature, was von ihr vorhanden, ſondern ein Gipsabguß. Michelet glaubt, dieſer Gipsabguß ſei nach dem Tode gemacht worden. Der Charakter davon war Güte, Ruhe und Stärke. Ohne an der Krankheit zu leiden, welche ſie 1793 tödtete, war ſie doch ſchon traurig und beſorgt, als hätte ſie, dem Tode ganz nahe, Ahnungen von der Zu⸗ kunft gehabt. Die Tradition fügt bei, ſie ſei fromm und ſchüch⸗ tern geweſen. Sie hatte ſich indeſſen eines Tags, trotz dieſer Schüchternheit und dieſer Frömmigkeit, kräftig ausge⸗ ſprochen, obſchon ihre Meinung der ihrer Verwandten entgegengeſetzt: das war. an dem Tage, wo ſie er⸗ klärt hatte, ſie wolle Danton heirathen. Wie Lucile in Camille Desmoulins, ſo hatte ſie hinter dieſem finſtern Geſichte, in dieſem unbekannten Manne, ohne Ruf und ohne Vermögen, den Gott er⸗ kannt, der ſie, wie es Jupiter bei Semele that, ver⸗ zehren ſollte, indem er ſich ihr enthüllte. Man fühlte, daß es ein erſchreckliches Glück voller Stürme war, das Glück, an das ſich die Arme an⸗ ſchloß; vielleicht lag aber in ihrem Entſchluſſe ebenſo viel Pietät, als Liebe für dieſen Engel der Finſterniß und des Lichtes, der die traurige Ehre haben ſollte, das Jahr 1792 zuſammenzufaſſen, wie Mirabeau 1791, wie Robespierre 1793 zuſammenfaſſen. Als Camille und Lucile zu Danton kamen,— die zwei Haushaltungen wohnten Thüre an Thüre: Lucile und Camille, wie geſagt, in der Rue de[Ancienne⸗ Comédie; Danton in der Rue du Paon⸗Saint⸗André,— weinte Madame Danton, und Danton ſuchte ſie mit einer entſchloſſenen Miene zu tröſten. Die Frau ging auf die Fran, der Mann ging auf den Mann zu. Die Frauen küßten ſich, die Männer drückten ſich die Hand. „Glaubſt Du, daß es etwas geben wird?“ fragte Camille.* „Ich hoffe es,“ erwiederte Danton.„Santerre iſt jedoch lau. Glücklicher Weiſe iſt meiner Anſicht nach die Sache von morgen keine Sache des perſönlichen In⸗ tereſſes, eines individuellen Anführers: die Aufregung durch ein langes Elend, die öffentliche Entrüſtung, das Gefühl des Herannahens des fremden Feindes, die Ueberzeugung, daß Frankreich verrathen iſt, das iſt es, worauf man zählen muß. Siebenundvierzig Sectionen von achtundvierzig haben die Entſetzung des Königs votirt; ſie haben jede drei Commiſſäre ernannt, um ſich auf der Commune zu verſammeln und das Vaterkand zu retten.“ „Das Vaterland retten?“ verſetzte Camille den Kopf ſchüttelnd;„das iſt ſehr unbeſtimmt.“ „Ja, doch es iſt zugleich wohl verſtanden.“ „Und Marat? und Robespierre?“ „Man hat natürlich weder den Einen, noch den Andern geſehen. Der Eine hat ſich auf ſeinem Boden verborgen, der Andere in ſeinem Keller. Iſt die Sache beendigt, ſo wird man den Einen als ein Wieſel, den Andern als eine Nachteule wiedererſcheinen ſehen.“ „Und Pétion?“ „Ah! ſehr fein wäre derjenige, welcher ſagen könnte, für wen er iſt. Am 4. hat er den Krieg dem Schloſſe erklärt; am 8. hat er das Departement benach⸗ richtet, er ſtehe nicht mehr für die Sicherheit des Kö⸗ nigs; dieſen Morgen hat er die Aufſtellung der Natio⸗ nalgarden auf dem Carrouſel beantragt; heute Abend hat er vom Departement zwanzigtanſend Franken ver⸗ langt, um die Marſeiller wegzuſchicken.“ „Er will den Hof einſchläfern,“ ſagte Camille Des⸗ moulins. „Ich glaube es auch,“ erwiederte Danton. In dieſem Augenblicke trat ein neues Paar ein: das waren Herr und Madame Robert. Mam erinnert ſich, daß Madame Robert(Fräulein von Kéralio) am 17. Juli 1791 auf dem Altare des Vaterlands die bekannte Petition dictirte, die ihr Mann ſchrieb. Ganz das Gegentheil von den beiden anderen Paaren, wo die Männer den Frauen überlegen waren, war hier die Frau dem Manne überlegen. Robert war ein dicker Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren, Mitglied des Clubbs der Cordeliers, mit mehr Patriotismus als Talent, ohne irgend eine Fähigkeit zum Schreiben, ein großer Feind von Lafayette, ſehr ehrgeizig, wenn man den Denkwürdigkeiten von Madame Roland glaubt. Madame Robert zählte damals vierunddreißig Jahre, ſie war klein, gewandt, geiſtreich und ſtolz; erzogen von ihrem Vater, Gninement von Kéralio, Ritter vom Hei⸗ ligen⸗Ludwigsorden, Mitglied der Academie der In⸗ ſchriften, der unter den Schülern, die er geliebt, einen jungen Corſen zählte, deſſen Rieſenglück er entfernt nicht vorherſah;— erzogen von ihrem Vater, ſagen wir, hatte Fräulein von Keéralio ganz ſachte ihre Richtung zur Gelehrtin und zur Schriftſtellerin genommen; mit ſiebzehn Jahren ſchrieb ſie, überſetzte ſie, compilirte ſie; mit achtzehn Jahrenhatte ſie einen Roman: Adelaide, gemacht. Da der Gehalt ihres Vaters für dieſen nicht hinreichte, ſo ſchrieb er in den Mercure und in das Journal des Savants, und mehr als einmal un⸗ terzeichnete er hier Artikel ſeiner Tochter, welche die ſeinigen ganz und gar nicht verunzierten. So gelangte ſie zu dem lebhaften, raſchen, glühenden Geiſte, der ihr einen der unermüdlichſten Journaliſten der Zeit machte. Die Robert kamen vom Quartier Saint⸗Antvine. Es bot ſich dort, wie ſie ſagten, ein ſeltſamer Anblick. Die Nacht war ſchön, mild, klar, ſcheinbar fried⸗ lich; man ſah Riemand oder beinahe Niemand auf den Straßen; nur waren alle Fenſter erleuchtet, und alle dieſe Lichter ſchienen zu glänzen, um die Nacht zu erhellen. Das machte eine unheimliche Wirkung! es war nicht die Illumination eines Feſtes; es war ebenſo wenig der Schein, der beim Lager der Todten wacht; man fühlte gewiſſer Maßen die Vorſtadt durch dieſen fieber⸗ haften Schiaf leben. In dem Angenblicke, wo Madame Robert ihre Er⸗ 9 zählung vollendete, machte der Ton einer Glocke Jeder⸗ mann beben. Es war der erſte Schlag der Sturmglocke, welche bei den Cordeliers erſcholl. „Gut!“ ſagte Danton,„ich erkenne unſere Mar⸗ ſeiller! Ich vermuthete wohl, ſie würden das Signal eben.“ Die Frauen ſchauten ſich mit Bangigkeit an; Ma⸗ dame Danton beſonders trug auf ihrem Geſichte alle Charaktere des Schreckens. „Das Signal?“ verſetzte Madame Robert;„man wird alſo das Schloß in der Nacht angreifen?“ Niemand antwortete ihr. Camille Besmoulins aber, der beim erſten Klange der Glocke in das anſtoßende Zimmer gegangen war, kam mit einer Flinte in der Hand wieder herein. Lucile ſtieß einen Schrei aus; dann, da ſie fühlte, daß ſie in der äußerſten Stunde nicht das Recht hatte, zu verzagen, lief ſie in den Alcoven von Madame Danton, warf ſich auf die Kniee, ſtützte ihren Kopf auf das Bett und fing an zu weinen. Camille kam zu ihr. „Sei ruhig,“ ſagte er,„ich werde Danton nicht verlaſſen.“ Die Männer gingen ab; Madame Danton ſchien dem Sterben nahe; Madame Robert hing ſich ihrem Gatten an den Hals und wollte ihn durchaus begleiten. Die drei Frauen blieben allein: Madame Danton ſitzend und wie vernichtet; Lucile auf den Knieen und weinend,— indeß Madame Robert mit großen Schritten im Zimmer umherlief, und ohne wahrzunehmen, daß jedes ihrer Worte Madame Danton ins Herz traf, ſagte: „Alles das, Alles das iſt die Schuld von Danton! Wird mein Mann getödtet, ſo werde ich mit ihm ſter⸗ ben; doch ehe ich ſterbe, erſteche ich Danton!“ So verging ungefähr eine Stunde 4 10 u Man hörte die Thüre des Ruheplatzes ſich wieder öffnen. Madame Robert ſtürzte entgegen; Lucile erhob das Haupt; Madame Danton blieb unbeweglich. Es war Danton, der zurückkam. „Allein!“ rief Madame Robert. „Beruhigen Sie ſich!“ erwiederte Danton,„es wird vor morgen nichts vorfallen.“ „Aber Camille?“ fragte Lucile. „Aber Robert?“ fragte Fräulein von Kéralio. „Sie find bei den Cordeliers, wo ſie Aufrufe zu den Waffen abfaſſen. Ich komme, um Ihnen Nachrichten über ſie zu geben und Ihnen zu ſagen, es werde heute nichts vorgehen; zum Beweiſe mag dienen, daß ich mich ſchlafen lege.“ Danton warf ſich in der That ganz angekleidet auf ſein Bett, und nach fünf Minuten entſchlief er, als hätte ſich nicht in dieſem Augenblicke zwiſchen dem Königthum und dem Volke eine Frage über Leben und Tod entſchieden. Um ein Uhr Morgens kehrte Camille auch zurück. „Ich bringe Ihnen Nachrichten von Robert,“ ſagte er;„er iſt auf die Commune gegangen, um unſere Pro⸗ clamationen dahin zu tragen... Seien Sie unbeſorgt, es wird erſt morgen geſchehen, und da noch!..“ Camille ſchüttelte den Kopf wie ein Menſch, der zweifelt. Dann legte er dieſen Kopf auf die Schultern von Lucile und entſchlief ebeufalls. Er ſchlief ungefähr ſeit einer halben Stunde, als man an der Thüre klingelte. Madame Robert öffnete. Es war Robert. Er kam von Seiten der Commune, um Danton zu olen. Er weckte Danton auf. S — 2 11 „Sie mögen gehen.. und mich ſchlafen laſſen!“ tief dieſer;„morgen wird es Tag ſein.“ Robert und ſeine Frau gingen weg; ſie kehrten nach Hauſe zurück. Bald klingelte man aufs Neue. Madame Danton öffnete nun. Sie führte einen großen, blonden jungen Mann von etwa zwanzig Jahren ein, der als Kapitän der Natio⸗ nalgarde gekleidet war; er hielt ein Gewehr in der Hand. „Iſt Herr Danton hier?“ fragte er. „Mein Freund!“ ſagte Madame Danton, ihren Mann aufweckend. „Nun! was?“ rief dieſer.„Abermals?“ „Herr Danton,“ erwiederte der große junge Mann, „man erwartet Sie dort.“ „Wo dort?“ „Auf der Commune.“ „Wer erwartet mich?“ „Die Commiſſäre der Sectionen, und beſonders Herr Billot.“ „Der Wüthende!“ verſetzte Danton.„Es iſt gut! ſagen Sie Billot, ich werde kommen“ Dann ſchaute er den jungen Mann an, deſſen Ge⸗ ſicht ihm unbekaunt war, und der, noch ein Knabe, die Inſignien eines höheren Grades trug, und ſagte: „Verzeihen Sie, mein Ofſicier, wer ſind Sie?“ „Ich bin Ange Piton, Kapitän der Rationalgarde von Haramont.. „Ah! ah!“ „Auch Sieger der Baſtille.“ „Gut!“ „Ich habe geſtern einen Brief von Herrn Billot erhalten, der mir ſagte, man werde ſich wahrſcheinlich tüchtig hier klopfen, und man bedürfe aller guten Patrioten.“ „Und dann?“ 12 „Und dann bin ich mit denjenigen von meinen Leuten abgegangen, die mir gern folgen wollten; da ſie aber weniger gut marſchiren, als ich, ſo ſind ſie in Dammartin geblieben. Morgen werden ſie frühzeitig hier ſein.“ „In Dammartin?“ fragte Danton;„das iſt ja acht Meilen von hier?“ „Ja, Herr Danton.“ „Und Haramont, wie viel Meilen iſt das von Paris?“ „Neunzehn Wir ſind dieſen Morgen um fünf Uhr abgegangen.“ „Ah! ah! und Sie haben neunzehn Meilen in Ihrem Tage gemacht?“ „Ja, Herr Danton.“ „Und Sie ſind angekommen?“ „Um zehn Uhr Abends. Ich fragte nach Herrn Billot, und man ſagte mir, er ſei ohne Zweifel im Faubvurg Saint⸗Antoine bei Herrn Santerre. Ich ging zu Herrn Santerre; dort ſagte man mir aber, man habe ihn nicht geſehen, und ich werde ihn wahrſcheinlich bei den Jacobinern in der Rue Saint⸗Honoré finden; bei den Jacobinern hatte man ihn auch nicht geſehen, und man ſchickte mich zu den Cordeliers; bei den Cor⸗ deliers hieß man mich im Stadthauſe ſehen...5 „Und im Stadthauſe haben Sie ihn gefunden?“ „Ja, Herr Danton; da gab er mir Ihre Adreſſe und ſprach zu mir:„Nicht wahr, Piton, Du biſt nicht müde?““„Nein, Herr Billot.““„„Nun, ſo ſage Herrn Danton, er ſei ein Träger, und wir erwar⸗ ten ihn.““ „Alle Teufel!“ rief Danton, während er aus ſei⸗ nem Bette ſprang,„das iſt ein Junge, der mich be⸗ ſchämt! Vorwärts, mein Freund, vorwärts!“ Und er küßte ſeine Fran und entfernte ſich mit Piton. S — 8*— — 13 Seine Frau ſtieß einen ſchwachen Seufzer aus und ließ ihren Kopf auf die Lehne ihres Stuhles zurückfallen. Lucile glaubte, ſie weine, und achtete ihren Schmerz. Nach einem Augenblicke aber, als ſie ſah, daß ſie ſich nicht rührte, weckte ſie Camille auf; dann ging ſie auf Madame Danton zu: die arme Frau war ohn⸗ mächtig. Die erſten Strahlen des Morgens glitten durch die Fenſter; der Tag verſprach ſchön zu werden, doch der Himmel war, als ſollte das ein unglückliches Vorzeichen ſein, blutfarbig. CXLIV. Die Uacht vom 9. auf den 10. Auguſt. Wir haben geſagt, was im Hauſe der Tribunen ſich ereignete; ſagen wir nun auch, was fünfhundert Schritte von da in der Wohnung der Königin vorfiel. Hier weinten und beteten auch Frauen; ſie weinten vielleicht noch reichlicher: Chateaubriand hat es geſagt, die Augen der Fürſten ſind gemacht, um eine größere Quantität Thränen zu enthalten. Laſſen wir indeſſen Jedem Gerechtigkeit widerfahren: Madame Eliſabeth und Frau von Lamballe weinten und beteten; die Königin betete, weinte aber nicht. Man hatte zur gewöhnlichen Stunde zu Nacht ge⸗ ſpeiſt: Nichts ſtörte den König in ſeinen Mahlen. Als man die Tafel verließ, und während Madame Eliſabeth und Frau von Lamballe ſich in das unter dem 14 Namen Conſeileabinet bekannte Zimmer begaben, wo nach der Verabredung die königliche Familie die Nacht zubringen ſollte, um die Berichte zu hören, nahm die Königin den König auf die Seite und wollte ihn fort⸗ ziehen. „Wohin führen Sie mich, Madame?“ fragte der önig. „In mein Zimmer... Wollen Sie nicht das Bruſtſtück anlegen, das Sie am 14. Juli trugen, Sire?“ „Madame,“ erwiederte der König,„das war gut, um mich vor der Kugel oder dem Dolche eines Mörders am Tage einer Ceremonie oder eines Complotts zu be⸗ wahren; doch an einem Tage des Kampfes, an einem Tage, wo meine Freunde ſich für mich bloßſtellen, wäre es eine Feigheit, würde ich mich nicht wie meine Freunde bloßſtellen.“ Wonach der König die Königin verließ, um in ſein Gemach zurückzukehren und ſich mit ſeinem Beichtvater einzuſchließen. Die Königin begab ſich ins Conſeilcabinet zu Ma⸗ dame Eliſabeth und Frau von Lamballe. „Was macht der König?“ fragte Frau von Lamballe. „Er beichtet,“ antwortete die Königin mit einem Ausdrucke, der ſich nicht beſchreiben läßt. In dieſer Secunde öffnete man die Thüre, und Herr von Charny erſchien. Er war bleich, doch vollkommen ruhig. „Kann man den König ſprechen?“ ſagte er zur Königin, indem er ſich verbengte. „Für den Augenblick, mein Herr, bin ich der Kö⸗ erwiederte Marie Antvinette. Charny wußte das beſſer als irgend Jemand; nichtsdeſtoweniger beharrte er. „Sie können zum König hinaufgehen,“ ſagte die Königin;„doch Sie ſtören ihn ſehr, das ſchwöre ich Ihnen.“ nig, 6 wo cht die rt⸗ er as 2 it, rs e m 15 „Ich begreife: der König iſt mit Herrn Pétion, der ſo eben angekommen?“ „Der König iſt mit ſeinem Beichtvater, mein Herr.“ „So werde ich alſo Ihnen, Madame, meinen Be⸗ richt als Generalmajor des Schloſſes machen.“ „Ja, mein Herr, wenn Sie die Güte haben wollen.“ „Ich werde die Ehre haben, Eurer Majeſtät den Effectivſtand unſerer Streitkräfte auseinanderzuſetzen. ie reitende Gendarmerie, commandirt von den Herren Rulhieres und von Verdière, ſechshundert Mann ſtark, iſt auf dem großen Platze des Louvre in Schlachtord⸗ nung aufgeſtellt; die Gendarmerie zu Fuße von Paris, intra muros, iſt in den Marſtall conſignirt; ein Poſten im Nothfalle die anßerordentliche Kriegskaſſe, die Dis⸗ contokaſſe und die Schatzmeiſterei beſchützen wird; die Gendarmerie zu Fuße von Paris, extra muros, nur be⸗ ſtehend aus dreißig Mann, iſt auf der kleinen Treppe des Königs im Prinzenhofe voſtirt; zweihundert Offi⸗ ciere und Soldaten von der ehemaligen Garde zu Pferde oder zu Fuße, hundert junge Rohaliſten, ebenſo viel Edelleute, dreihundertundfünfzig bis vierhundert Streiter ungefähr ſind im Heil⸗de⸗Boeuf und in den anliegenden älen verſammelt; zwei⸗ bis dreihundert National⸗ garden ſind in den Höfen und im Garten zerſtreut; fünf⸗ zehnhundert Schweizer endlich, welche die wahre Stärke des Schloſſes bilden, haben ihre verſchiedenen Poſten beſetzt, und ſind unter dem großen Veſtibule und am Fuße der Treppen, deren Vertheidigung ihnen obliegt, aufgeſtellt.“ „Nun, mein Herr,“ ſagte die Königin,„alle dieſe Maßregeln beruhigen Sie nicht?“ „Nichts beruhigt mich, Madame, wenn es ſich um das Heil Eurer Majeſtät handelt,“ erwiederte Charny. „Ihre Anſicht iſt alſo immer noch für die Flucht?“ . 16 „Meine Anſicht, Madame, iſt, daß Sie,— der König, Sie, die erhabenen Kinder Eurer Majeſtät,— ſich in die Mitte von uns Allen ſtellen.“ Die Königin machte eine Bewegung. „Eure Majeſtät hat einen Widerwillen gegen La⸗ fayette: gut! Doch ſie hat Vertrauen zum Herrn Her⸗ zog von Liancourt; er iſt in Rouen, Madame, er hat das Haus eines engliſchen Edelmanns, Namens Herr Canning, gemiethet; der Commandant der Provinz hat ſeine Truppen dem König Treue ſchwören laſſen; das Schweizerregiment Salis⸗Samade, auf das man zählen kann, iſt auf der Straße echelonnirt. Alles iſt noch ruhig: gehen wir über den Pont⸗Tournant ab, errei⸗ chen wir die Barrisre de l'Etvile; dreihundert Mann Reiterei von der conſtitutionellen Garde erwarten uns dort; man wird leicht in Verſailles fünfzehnhundert Edelleute verſammeln. Mit viertauſend Mann ſtehe ich dafür, daß ich Sie führe, wohin Sie wollen.“ „Ich danke, Herr von Charny,“ ſprach die Köni⸗ gin;„ich ſchätze die Ergebenheit, welche Sie bewogen hat, die Perſonen zu verlaſſen, die Ihnen theuer ſind, um Ihre Dienſte einer Fremden anzubieten... „Die Königin iſt ungerecht gegen mich,“ unterbrach Charny;„die Exiſtenz meiner Souveraine wird immer in meinen Augen die koſtbarſte von allen Exiſtenzen ſein, wie mir die Pflicht immer die theuerſte von allen Tugenden ſein wird.“ „Die Pflicht, ja, mein Herr,“ verſetzte die Köni⸗ gin;„doch ich, da Jeder darauf bedacht iſt, die ſeine zu thun, ich glaube die meine auch zu begreifen: die meine iſt, das edle und große Königthum zu behaupten und darüber zu wachen, wenn man es ſchlägt, daß es ſtehend geſchlagen werde und würdig falle, wie jene Gladiatoren des Alterthums, welche mit Anſtand zu ſterben ſich bemühten.“ Das iſt das letzte Wort Eurer Majeſtät?“ . —— c4 m A 17 „Es iſt beſonders mein letzter Wunſch.“ Charny verbeugte ſich, und als er bei der Thüre Madame Campan begegnete, die ſich zu den Prinzeſ⸗ ſinnen begab, ſagte er zu ihr: „Madame, fordern Sie Ihre Hoheiten auf, in ihre Taſchen zu ſtecken, was ſie Koſtbarſtes haben: wir können jeden Augenblick genöthigt ſein, das Schloß zu ver⸗ laſſen.“ Sodann, während Madame Campan die Auffor⸗ derung der Frau Prinzeſſin von Lamballe und Madame Eliſabeth mittheilte, näherte er ſich noch einmal der Königin und ſprach: „Madame, es iſt unwöglich, daß Sie nicht irgend eine Hoffnung außer der Unterſtützung unſerer materiel⸗ len Stärke haben; iſt dem ſo, ſo vertrauen Sie ſich mir: bedenken Sie, Madame, daß ich morgen, um dieſe Stunde, den Menſchen oder Gott über das, was hier vorgefallen iſt, werde Rechenſchaft zu geben haben.“ „Nunwohl, mein Herr, erwiederte die Königin,„man mußte zweimalhunderttauſend Franken Pétion und fünf⸗ zigtauſend Danton zuſchicken; gegen dieſe zweimalhun⸗ dertundfünfzigtauſend Franken hat man bei Danton er⸗ langt, er werde zu Hauſe bleiben, und bei Pétion, er werde ins Schloß kommen.“ „Aber, Madame, ſind Sie Ihrer Vermittler ſicher?“ „Pétion iſt ſo eben gekommen, wie Sie mir geſagt haben?“ „Ja, Madame.“ „Das iſt ſchon etwas, wie Sie ſehen.“ „Das iſt nicht genug... Man hat mir geſagt, man habe dreimal nach ihm geſchickt, ehe er gekom⸗ men ſei.“ „Gehört er uns,“ ſprach die Königin,„ſo muß er, mit dem König redend, ſeinen Zeigefinger auf ſein linkes Augenlid legen.“ Die Gräfin von Charny. VI. 2 18 „Wenn er aber nicht uns gehört, Madame?“ „Gehört er nicht uns, ſo iſt er unſer Gefangener, und ich werde die entſchiedenſten Befehle geben, daß man ihn nicht aus dem Schloſſe weggehen läßt.“ In dieſem Augenblicke hörte man den Ton einer Glocke. „Was iſt das?“ fragte die Königin. „Die Sturmglocke,“ antwortete Charny. Die Prinzeſſinnen ſtanden erſchrocken auf. „Nun,“ ſagte die Königin,„was habt Ihr? Die Sturmglocke, das iſt der Tambour der Aufrührer.“ „Madame,“ ſprach Charny, der durch dieſes un⸗ ſelige Geräuſch mehr als die Königin bewegt zu ſein ſchien, ich will mich erkundigen, ob dieſe Sturmglocke etwas Ernſtes bedeutet.“ „Und man wird Sie wiederſehen?“ fragte raſch die Königin. „Ich bin gekommen, um mich zu den Befehlen Eurer Majeſtät zu ſtellen, und ich werde Sie nur mit dem letzten Schatten der Gefahr verlaſſen.“ Charny verbeugte ſich und ging ab. Die Königin biieb einen Angenblick nachdenkend. „Wir wollen ſehen, ob der König gebeichtet hat,“ murmelte ſie. Und ſie ging ebenfalls hinaus. Während dieſer Zeit entledigte ſich Madame Eliſa⸗ beth einiger Kleidungsſtücke, um ſich bequemer auf ein Canapé zu legen. Sie nahm aus ihrem Halstuche eine Nadel von Karneol und zeigte ſie Madame Campan; es war ein gravirter Stein. Die Gravure ſtellte ein Büſchel Lilien mit einer Umſchrift vor. „Leſen Sie,“ ſagte Madame Eliſabeth. und las: Madame Campan näherte ſich einem Candelaber ner, daß iner Die un⸗ ein ocke ſch en nit . in on in er 19 Vergeſſen der Beleidigungen, Vergeben der Kränkungen. „Ich befürchte ſehr, dieſe Maxime hat wenig Ein⸗ fluß auf unſere Feinde,“ ſprach die Prinzeſſin,„doch ſie muß uns darum nicht minder theuer ſein.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte vollendet, als ein Schuß im Hofe erſcholl. Die Frauen ſtießen einen Schrei aus. „Das iſt der erſte Schuß,“ ſagte Madame Eliſa⸗ beth;„ach! es wird nicht der letzte ſein.“ Man hatte der Königin die Ankunft von Pötion in den Tuilerien gemeldet; man vernehme, unter wel⸗ chen Unſtänden der Maire von Paris hier erſchienen war. Er war um halb elf Uhr eingetroffen. Diesmal hatte man ihn nicht antichambriren laſſen; man hatte ihm im Gegentheil geſagt, der König erwarte ihn; nur mußte er, um bis zum König zu gelangen, zuerſt die Reihen der Schweizer durchſchreiten, ſodann die der Nationalgarde, und endlich die der Edelleute, welche man die Ritter vom Dolche nannte. Nichtsdeſtoweniger, da man wußte, daß der Kö⸗ nig Pétion hatte holen laſſen, da er im Ganzen genom⸗ men im Stadthauſe, in ſeinem Palaſte, bleiben und ſich nicht in die Löwengrube, die man die Tuilerien nannte, ſtürzen konnte, kam er mit den Namen Ver⸗ räther und Indas davon, die man ihm ins Geſicht ſpuckte, während er die Treppen hinaufſtieg. Ludwig XVI. erwartete Pötion in demſelben Zim⸗ mer, wo er am 21. Juni ſo hart mit ihm umgegan⸗ gen war. Pétion erkannte die Thüre und lächelte. Das Glück gewährte ihm eine furchtbare Genug⸗ uung. Bei der Thüre hielt Mandat, der Commandant der Nationalgarde, den Maire an. 20 „Ah! Sie ſind es, Herr Maire!“ ſagte er. „Ja, mein Herr, ich bin es,“ antwortete Pétion mit ſeinem gewöhnlichen Phlegma. „Was wollen Sie hier?“ „Ich könnte es unterlaſſen, auf dieſe Frage zu ant⸗ worten, weil ich es durchaus nicht als Ihr Recht erkenne, mich zu befragen; da ich aber Eile habe, ſo will ich nicht mit Untergeordneten ſtreiten.. „Mit Untergeordneten?“ „Sie unterbrechen mich, und ich ſage Ihnen, daß ich Eile habe, Herr Mandat. Ich komme hierher, weil der König dreimal nach mir hat verlangen laſſen.. Von ſelbſt wäre ich nicht gekommen.“ „Nun wohl, da ich die Ehre habe, Sie hier zu ſehen, Herr Pétion, ſo frage ich Sie, warum die Ad⸗ miniſtratoren der Polizei der Stadt im Ueberfluſſe Pa⸗ tronen unter die Marſeiller vertheilt haben, und warum ich, Mandat, nur drei für Jeden von meinen Leuten er⸗ halten habe?“ *„Ei!“ erwiederte Pétion, ohne etwas von ſeiner a Ruhe zu verlieren,„man hat nicht mehr von den Tui⸗ lerien gefordert,— drei Patronen für jeden Mann von ſ der Nationalgarde, vierzig für jeden Schweizer;— es iſt ausgetheilt worden, wie es der König verlangt hat.“ „Warum dieſer Unterſchied in der Zahl?“ g „Es iſt am König, und nicht an mir, Ihnen dies zu beantworten; wahrſcheinlich mißtraut er der Natio⸗ g nalgarde.“ „Ich aber, mein Herr, ich habe Pulver von Ihnen verlangt,“ ſagte Mandat. n „Das iſt wahr; leider entſpricht es nicht der Ord⸗ ſo nung, daß Sie empfangen.“ „Oh! eine ſchöne Antwort!“ rief Mandat;„es war Fr wohl an Ihnen, mich in die Ordnung zu weiſen, da der Befehl von Ihnen ausgehen muß.“ ge Der Streit entſpann ſich auf einem Terrain, wo es on nt⸗ te, ich ß il 21 Pétion ſchwierig geweſen wäre, ſich zu vertheidigen; glücklicher Weiſe öffnete ſich die Thüre, und Röderer, der Syndicus der Commune, ſagte dem Maire von Paris zu Hülfe kommend: „Herr Pétion, der König erwartet Sie.“ Pétion trat ein. Der König erwartete wirklich Pétion mit Ungeduld. „Ah! Sie da, Herr Pétion!“ ſagte er.„Wie ſteht es mit der Stadt Paris?“ Petion ertheilte ihm Bericht über den Zuſtand der Stadt. „Haben Sie mir nichts mehr zu ſagen?“ fragte der önig. „Nein, Sire,“ antwortete Pétion. Der König ſchaute Pétion ſtarr an. „Nichts mehr?. durchaus nichts mehr?“ Pétion war ganz befremdet, da er dieſes Drängen des Königs nicht begriff. Der König ſeinerſeits wartete, daß Pétion die Hand an ſein Auge lege; das war, wie man ſich erinnert, das Zeichen, durch welches der Maire von Paris andeuten ſollte, gegen die von ihm empfangenen zweimalhundert tauſend Franken könne der König auf ihn rechnen. Peétion kratzte ſich am Ohre, legte aber den Finger gans und gar nicht an ſein Auge. er König war alſo getäuſcht worden: ein Betrü⸗ ger hatte die zweimalhundert tauſend Franken eingeſteckt. Die Königin trat ein. Sie kam gerade in dem Augenblicke, wo der König nicht mehr wußte, welche Frage er an Pétion machen ſollte, und wo Pétion eine neue Frage erwartete. „Nun,“ ſagte die Königin leiſe,„iſt er unſer Freund?“ „Nein,“ erwiederte der König,„er hat kein Zeichen gemacht.“ „Dann ſei er unſer Gefangener!“ 22 „Kann ich mich entfernen, Sire?“ fragte Pétion den König. „Um Gottes willen, laſſen Sie ihn nicht gehen!“ ſagte Marie Antoinette. „Nein, mein Herrz in einem Augenblicke werden Sie frei ſein; doch ich habe noch mit Ihnen zu ſprechen,“ fügte der König die Stimme erhebend bei:„Treten Sie alſo in dieſes Cabinet ein.“ Das hieß Allen, die im Cabinet waren, ſagen: „Ich vertraue Euch Herrn Pöétion; bewacht ihn und laßt ihn nicht weggehen.“ Diejenigen, welche im Cabinet waren, begriffen ſie umringten Pötion, der ſich gefangen ühlte. ſich gegen einen Befehl, der ihm zugekommen, ſich auf das Stadthaus zu begeben. Die Feuer kreuzten ſich; man verlangte Mandat auf dem Stadthanſe, wie man Pétion in den Tuilerien verlangt hatte. Es widerſtrebte Mandat ſehr, der Aufforderung zu entſprechen, und er entſchloß ſich nicht ſogleich hiezu. Was Pétion betrifft, er befand ſich mit dreißig in einem kleinen Cabinet, wo man zu vier beengt war. „Meine Herren,“ ſagte er nach einem Augenblicke, „es iſt unmöglich, länger hier zu bleiben: man erſtickt.“ Das war die Meinung von Jedermann: auch wi⸗ derſetzte ſich Niemand dem Abgange von Pétion; nur folgte ihm Jedermann. Dann wagte man es auch vielleicht nicht, ihn offen zurückzuhalten. Er wählte die erſte die beſte Treppe; dieſe Treppe führte ihn in ein Zimmer des Erdgeſchoßes, das auf den Garten ging. Er befürchtete einen Angenblick, die Thüre des Gar⸗ tens werde geſchloſſen ſein: ſie war offen. Zum Glücke war Mandat nicht da: Mandat ſträubte S ce8 ———,—— — on 1. en 5 ie 23 Pétion befand ſich nun in einem größeren und luf⸗ tigeren, aber eben ſo gut als das erſte geſchloſſenen Ge⸗ fängniß. Nichtsdeſtoweniger war dies eine Verbeſſerung. Es war ihm ein Mann gefolgt, der ihm, ſobald man im Garten, den Arm gab; das war Röderer, der Syn⸗ dicus des Departement. Beide fingen an auf der Terraſſe, welche ſich längs dem Schloſſe erſtreckte, auf und abzugehen; dieſe Terraſſe war durch eine Reihe von Lämpchen beleuchtet. Natio⸗ nalgarden kamen und löſchten diejenigen aus, welche in der Nähe des Maire und des Syndicus waren. Was war ihre Abſicht? Pétion hielt ſie nicht für gut. „Mein Herr,“ ſagte er zu einem Schweizer Offi⸗ cier, der ihm folgte und Herr von Salis Lizers hieß, „ſollten hier ſchlimme Abſichten gegen mich obwalten?“ „Seien Sie unbeſorgt, Herr Pétion,“ antwortete der Officier mit einem ſtark deutſchen Accente;„der Kö⸗ nig hat mich beauftragt, über Sie zu wachen, und ich verbürge mich dafür, daß derjenige, welcher Sie tödtete, einen Augenblick nachher von meiner Hand ſterben würde.“ Bei einem ähnlichen Umſtande hatte Triboulet FranzI. geantwortet:„Wäre es Euch gleich, wenn dies einen Augenblick früher geſchähe?“ Pötion antwortete nichts und erreichte die Terraſſe der Feuillants, welche vollkommen vom Monde erleuchtet war. Sie war nicht wie heute mit einem Gitter einge⸗ faßt, ſondern durch eine acht Fuß hohe Mauer geſchloſ⸗ ſen, und durch drei Thore, zwei kleine und ein großes, abgeſperrt. Dieſe Thore waren nicht nur geſchloſſen, ſondern ſogar verrammelt; ſie wurden überdies von den durch ihren Royalismus bekannten Grenadieren der Butte⸗des⸗ Moulins und der Filles⸗Saint⸗Thomas bewacht. * 24 Es ließ ſich alſo von ihnen gar nichts hoffen. Pétion bückte ſich von Zeit zu Zeit, hob einen Stein auf und warf ihn über die Mauer. Während Petion auf und abging und ſeine Steine warf, kam man zweimal, um ihm zu ſagen, der König wünſche ihn zu ſprechen. „Nun,“ fragte Röderer,„Sie gehen nicht?“ „Nein,“ erwiederte Pétion,„es iſt zu heiß da oben! ich erinnere mich des Cabinets und fühle nicht die ge⸗ ringſte Luſt, dahin zurückzukehren; überdies habe ich Fehuß. auf der Tertaſſe der Feuillants Rendez⸗vous gegeben.“ Und er fuhr fort, ſich zu bücken, Steine aufzuheben und ſie über die Mauer zu werfen. „Wem haben Sie Rendes⸗vous gegeben?“ fragte Röderer. 2 In dieſem Angenblicke öffnete ſich die Thüre der Aſſemblée, die auf die Terraſſe der Feuillants ging. „Ich glaube, hier iſt gerade derjenige, welchen ich erwarte,“ ſagte Pétion. „Befehl, Herrn Pétion paſſiren zu laſſen!“ ſprach eine Stimme.„Die Nationalverſammlung fordert ihn vor ihre Schranke, um Rechenſchaft über den Zuſtand von Paris zu geben!“ „Richtig!“ ſagte Petion leiſe. Dann rief er laut: „Hier bin ich und bereit, auf die Interpellationen meiner Feinde zu antworten.“ Die Nationalgarden, die ſich einbildeten, es handle ſc um eine ſchlimme Sache für Peétion, ließen ihn paſſiren. Es war um drei Uhr Morgens; der Tag brach an; nur war der Himmel ſeltſamer Weiſe blutroth tion und eine nig en! ge⸗ ich ous ben 25 CXLV. Die Uacht vom 9. auf den 10. Auguſt. Vom König gerufen, hatte Pétion vorhergeſehen, er werde nicht ſo leicht aus dem Palaſte herauskommen, als er in denſelben eingetreten; er hatte ſich einem Manne mit rauhem, noch durch eine Narbe, die ſeine Stirne bedeckte, verhärteten Geſichte genähert. „Herr Billot,“ ſagte er zu ihm,„was meldeten Sie mir ſo eben von der Nationalverſammlung?“ „Sie werde die Nacht in Permanenz zubringen.“ „Sehr gut!.. Was haben Sie, wie Sie mir mit⸗ theilten, auf dem Pont⸗Neuf geſehen?“ „Kanonen und Nationalgarden, auf Befehl von Herrn Mandat dahin geſtellt.“ „Und ſagen Sie nicht auch, unter der Saint Jean⸗ Arcade, bei der Mündung der Rue Saint⸗Antvine, ſeien bedeutende Streitkräfte verſammelt?“ „Ja, mein Herr, immer auf Befehl von Herrn Mandat.“ „Nun, ſo hören Sie mich wohl an, Herr Billot.“ „Ich höre.“ „Hier iſt ein Befehl an die Herren Manuel und Danton, die Nationalgarden der Saint⸗Jean⸗Arcade nach Hauſe gehen zu laſſen und den Pont⸗Reuf zu entwaff⸗ nen; dieſer Befehl muß, es koſte, was es will, vollzogen werden,— verſtehen Sie?“ „Ich werde ihn ſelbſt Herrn Danton überbringen.“ „Es iſt gut.. Sie wohnen in der Rue Saint⸗ Honors?“ „Ja, mein Herr.“ 26 „Iſt der Befehl Herrn Danton überbracht, ſo kehren ie nach Hauſe zurück und ruhen Sie einen Augenblick lerien geworfen fallen, ſo werde ich gefangen ſein, und man thut mir Gewalt an.“ „Ich verſtehe.“ „Begeben Sie ſich ſodann zur Schranke der Natio⸗ nalverſammlung und ſagen Sie Ihren Collegen, ſie ſollen mich reclamiren. Sie begreifen, Herr Billot? ich lege mein Leben in Ihre Hände.“ „Und ich hafte für daſſelbe,“ erwiederte Billot;„gehen Sie ruhig.“ Pétion war in der That, ſich auf den wohlbekannten Patriotismus von Billot verlaſſend, abgegangen. Dieſer hatte für Alles um ſo dreiſter gehaftet, als Piton eingetroffen war. Er ſchickte Piton zu Danton und ermahnte ihn, nicht ohne Danton zurückzukommen. Trotz der Trägheit von Danton, vollzog Piton ſei⸗ nen Auftrag gewiſſenhaft und brachte ihn zurück. Danton hatte die Kanonen des Pont⸗Neuf geſehen; er ſah die Nationalgarden der Saint⸗Jean⸗Arcade; er begriff, wie dringlich es war, nicht ſolche Streitkräfte im Rücken der Volksarmee zu laſſen. Mit dem Befehle von Pétion in der Hand hießen Manuel und er die Nationalgarden der Saint⸗Jean⸗Ar⸗ eade nach Hauſe gehen und ſchickten die Kanoniere des Pont⸗Neuf weg. Von da an war die große Straße des Aufſtands efegt. 4 shten kamen Billot und Piton nach der Rue Saint⸗Honoré zurück; hier war immer noch die alte Wohnung von Billot; Piton ſagte ihm guten Morgen mit dem Kopfe wie einem alten Freunde. ſet la de zei me fel ſch ren ehren blick; jen⸗ d ab; Tui⸗ und tio⸗ llen lege 27 Billot ſetzte ſich und winkte Piton, daſſelbe zu thun. „Ich danke,“ erwiederte Pitou,„ich bin nicht müde.“ Billot wiederholte aber ſeinen Wink, und Piton ſetzte ſich. „Piton,“ ſprach Billot zu ihm:„ich habe Dir ſagen laſſen, Du mögeſt zu mir hieher kommen.“ „Und Sieſehen, Herr Billot,“ erwiederte Piton mit dem treuherzigen Lächeln, das die zweiunddreißig Zähne zeigt und Piton eigenthümlich war,„ich habe Sie nicht warten laſſen.“ „Nein... Nicht wahr, Du erräthſt, daß etwas Ernſtes vorgeht?“ „Ich vermuthe es,“ antwortete Piton,„doch ſagen Sie mir, Herr Billot...“ „Was, Piton?“ 5„Fch ſehe weder Herrn Bailly, noch Herrn Lafayette mehr. „Bailly iſt ein Verräther, der uns auf dem Mars⸗ felde hat ermorden laſſen.“ „Ja ich weiß es, da ich Sie faſt in Ihrem Blute ſchwimmend aufgehoben habe.“ „Lafayette iſt ein Verräther, der den König entfüh⸗ ren wollte.“ „Ah! das wußte ich nicht... Herr Lafayette ein Verräther! wer hätte das vermuthet? Und der König?“ „Der König iſt der größte Verräther von Allen, Pitou.“ „Was das betrifft,— das wundert mich nicht.“ „Der Khnig conſpirirt mit dem Auslande und will Frankrgich Wein Feinde überliefern; die Tuilerien ſind ein Herd der Conſpirativn, und man hat beſchloſſen, die Tuilerien zu nehmen.. Du begreifſt, Piton?“ „Bei Gott! ob ich begreife! ſagen Sie doch, nicht wahr, Herr Billot, ſo, wie wir die Baſtille genom⸗ men haben?“ „Ja.“ 28 „Nur wird das nicht ſo ſchwierig ſein.“ „Darin tänſchſt Du Dich, Piton.“ He „Wie! das wird ſchwieriger ſein?“ Ja : „Mir ſcheint doch, die Mauern ſind minder hoch.“ pie „Ja, doch ſie ſind beſſer bewacht. Die Baſtille hatte als ganze Garniſon nur ein Hundert Invaliden, während drei bis viertauſend Mann im Schloſſe ſind.“ „Ah! Teufel, drei bis viertauſend Mann!“ „Abgeſehen davon, daß die Baſiille überrumpelt Te wurde, während ſeit dem 1. dieſes Monats die Tuilerien vermuthen, ſie ſollen angegriffen werden, und ſich in He Vertheidigungsſtand geſetzt haben.“ „So daß ſie ſich vertheidigen werden?“ ou. „Ja,“ antwortete Billot ſagt, die Vertheidigung ſei vertraut.“ „Er iſt in der That geſtern mit Poſt von Bourſonne ſin in Begleitung ſeiner Frau abgereiſt... Herr von Charny iſt alſo auch ein Verräther.“ „Nein, das iſt nur ein Ariſtokrat; eri den Hof geweſen und hat daher das Volk nicht verra⸗ then, da er das Volk nicht aufg vertrauen.“ efordert, ſich ihm zu „Wir werden uns alſo gegen Herrn von Charny ſchlagen?“ „Das iſt wahrſcheinlich, Piton.“ „Iſt das ſeltſam? Nachbarn!“ „Ja, das nennt man den Bürgerkrieg, Piton; doch Du biſt nicht verbunden, Dich zu ſchlagen, wenn es Dir nicht zuſagt.“ „Entſchuldigen Sie, Herr Billot, ſobald das Ihnen zuſagt, ſagt es auch mir zu.“ „Es wäre mir ſogar lieber, wenn Du Dich nicht fragte „„um ſo mehr, als man„di Herrn von Charny an⸗ we ſt immer für gel er ſchlügeſt, Piton.“ och.“ ſtille iden, f2 npelt erien h in agte man an⸗ nne rny für ra⸗ zu nh ch es en ht 29 „Warum haben Sie mich dann kommen laſſen, Herr Billot?“ Das Geſicht von Billot verdüſterte ſich. „Ich habe Dich kommen laſſen, um Dir dieſes Pa⸗ pier zu übergeben,“ ſagte der Pächter. „Dieſes Papier, Herr Billot?“ „Ja.“„ „Was für ein Papier iſt das!“ „Es iſt die beglaubigte Abſchrift von meinem Teſtamente.“ „Wie! die Abſchrift von Ihrem Teſtamente? Ei! Herr Billot,“ fuhr Piton lachend fort,„Sie haben nicht das Anſehen eines Menſchen, der ſterben will.“ „Nein,“ erwiederte Billot, auf ſeine Flinte und ſeine Patrontaſche deutend, welche an der Wand hingen; „doch ich habe das Anſehen eines Mannes, der getödtet werden kann.“ „Ah!“ ſprach Piton ſententiös,„es iſt wahr, wir ſind Alle ſterblich!“ „Nun wohl, Piton, ich habe Dich kommen laſſen, Dir eine Abſchrift von meinem Teſtamente zu über⸗ geben.“ „Mir, Herr Billot?“ „Dir, Piton, in Betracht, daß, da ich Dich zu meinem Univerſalerben mache... „Mich, zu Ihrem Univerſalerben? Nein, ich danke, Herr Billot! Was Sie da ſagen, iſt zum Lachen!“ „Ich ſage das, was iſt, mein Freund.“ „Das kann nicht ſein, Herr Billot.“ „Wie! das kann nicht ſein?“ „Oh! nein. wenn ein Menſch Erben hat, kann er nicht ſein Gut Fremden ſchenken.“ „Du täuſchſt Dich, Piton, er kann.“ „Dann ſoll er nicht, Herr Billot.“ Eine finſtere Wolke zog über die Stirne von Billot. „Ich habe keine Erben,“ ſagte er. „Gut!“ verſetzte Piton,„Sie haben keine Erben! Und wie nennen Sie denn Mademoiſelle Catherine?“ „Ich kenne Niemand dieſes Namens, Pitou.“ „Ah! Herr Billot, ſagen Sie nicht ſolche Dinge, das empört mich!“ „Pitou, ſobald eine Sache mir gehört, kann ich ſie geben, wem ich will; gerade wie Du, wenn ich ſterbe, da die Sache Dir gehören wird, Piton, ſie geben kannſt, wem Du willſt.“ „Ah! ah! gut! ja,“ ſagte Piton, der zu begreifen anfingz„alſo wenn Ihnen ein Unglück widerführe.... Doch wie dumm bin ich! es wird Ihnen kein Unglück widerfahren!“ 5„Du ſagteſt es ſo eben, Piton, wir ſind Alle ſterblich.“ „Ja.. Nun wohl, Sie haben im Ganzen Rechtz ich nehme das Teſtament, Herr Billot; doch ganz gewiß in der Vorausſetzung, daß ich, wenn ich das Unglück habe, Ihr Erbe zu werden, berechtigt ſein werde, mit Ihren Gütern zu machen, was ich will?“ „Allerdings, da ſie Dir gehören werden. Und zwar Dir, einem guten Patrioten, Du verſtehſt, Piton? man wird Dir keine Chicane machen, wie man ſie Leuten machen könnte, welche mit den Ariſtokraten in Verbin⸗ dung ſtanden.“ Piton begriff immer beſſer. „Nun wohl, es ſei, Herr Billot,“ ſagte erz„ich nehme an.“ „Dann, da dies Alles iſt, was ich Dir zu ſagen hatte, ſtecke dieſes Teſtament in Deine Taſche und ruhe aus.“ „Warum, Herr Billot?“ „Weil wir aller Wahrſcheinlichkeit nach morgen, oder vielmehr heute, denn es iſt zwei Uhr Morgens, Arbeit haben werden.“ „Sie gehen aus, Herr Billot?“ zu eſſ kön mit dur lan nen dan befi den erhe wie 31 „Ja, ich habe längs der Terraſſe der Feuillants zu thun.“ „Und Sie bedürfen meiner nicht?“ „Im Gegentheil, Du würdeſt mich beläſtigen.“ „Wohl, Herr Billot, ſo will ich einen kleinen Biſſen eſſen.“ 1„Es iſt wahr,“ rief Billot,„und ich vergaß, Dich zu fragen, ob Du Hunger habeſt.“ „Oh!“ verſetzte Piton lachend,„das iſt ſo, weil Sie wiſſen, daß ich immer Hunger habe.“ „Ich brauche Dir nicht zu ſagen, wo die Speiſe⸗ kammer iſt...“ „Nein, nein, Herr Billot, bekümmern Sie ſich nicht um mich Nur. nicht wahr, Sie kommen wie⸗ der hieher?“ „Ich komme zurück.“ „Sonſt müßten Sie mir ſagen, wo ich Sie treffen önnte.“ „Unnöthig! in einer Stunde werde ich hier ſein.“ „Nun, ſo gehen Sie,“ ſagte Piton. Und er unternahm die Aufſuchung ſeiner Nahrung mit jenem Appetit, der bei ihm, wie beim König, nie durch die Ereigniſſe, ſo ernſt ſie auch ſein mochten, ge⸗ ſtört wurde, indeß ſich Billot nach der Terraſſe der Feuil⸗ lants begab. Wir wiſſen, was er dort thun wollte. Kaum war er an Ort und Stelle, als ein zu ſei⸗ nen Füßen fallender Stein, gefolgt von einem zweiten, dann von einem dritten, ihn belehrte, das, was Pétion befürchtet, ſei geſchehen, und Pötion ſei Gefangener in den Tuilerien. Sogleich war er, nach den Inſtructionen, die er erhalten, in die Nationalverſammlung gegangen, welche, wie wir geſehen, Pétion reclamirt hatte. Als Pétion frei war, durchſchritt er nur die Aſſem⸗ blée, kehrte zu Fuße nach dem Stadthauſe zurück, und 32 ließ, um ihn zu repräſentiren, ſeinen Wagen im Hofe der Tuilerien. Billot ſeinerſeits ging wieder nach Hauſe und fand Piton ſein Abendbrod vollendend. „Nun, Herr Billot,“ fragte Piton,„was gibt es Neues?“ „Nichts,“ erwiederte Billot,„wenn nicht, daß der Tag kommt, und doß der Himmel blutroth iſt.“ CXLVI. von drei Uhr bis ſechs Uhr Morgens. Man hat geſehen, wie der Tag erſchienen war. Seine erſten Strahlen beleuchteten zwei Reiter, welche im Schritte ihrer Pferde dem öden Quai der Tuilerien folgten. Dieſe zwei Reiter waren der Obercommandant der Nationalgarde Mandat und ſein Adjutant. Gegen ein Uhr Morgens in das Stadthaus berufen, hatte Mandat Anfangs ſich geweigert, dahin zu gehen. Um zwei Uhr war der Befehl gebieteriſch erneuert worden; Mandat wollte abermals widerſtehen, doch der Syndicus Röderer trat auf ihn zu und ſagte zu ihm: „Mein Herr, achten Sie wohl darauf, daß nach den Worten des Geſetzes der Commandant der National⸗ garde unter den Befehlen der Municipalität ſteht.“ Hierauf hatte ſich Mandat entſchloſſen. wußte der Obercommandant zwei Dinge nicht: * r, er n, rt er l⸗ ge 33 Einmal, daß ſiebenundvierzig Sectionen von acht⸗ undvierzig der Municipalität jede drei Commiſſäre bei⸗ gegeben hatten, deren Auftrag es war, ſich auf dem Stadthauſe zu verſammeln und das Vaterland zu retten. Mandat glaubte alſo die frühere Municipa⸗ lität zu finden, zuſammengeſetzt, wie ſie es bis dahin geweſen war, und erwartete keinesweges hunderteinund⸗ vierzig neue Geſichter hier zu treffen. Sodann wußte Mandat nichts von dem von eben dieſer Municipalität erlaſſenen Befehle, den Pont⸗Neuf zu entwaffnen und die Saint⸗Jean⸗Arcade räumen zu laſſen, ein Befehl, deſſen Vollziehung in Betracht ſeiner Wichtigkeit Mannel und Danton in Perſon geleitet hatten. Als er auf den Pont⸗Neuf kam, war Mandat auch ſehr erſtaunt, da er ihn ganz verlaſſen ſah. Er hielt an und ſchickte den Adjutanten auf Recognoscirung ab. Nach Verlauf von zehn Minuten kam der Adjutant zurück; er hatte weder Kanonen, noch Rationalgarde er⸗ blickt: die Place Dauphine, die Rue Dauphine, der Qnai des Auguſtins waren verlaſſen wie der Pont⸗Neuf. Mandat ritt weiter. Er hätte vielleicht nach dem Schloſſe zurückkehren müſſen, doch die Menſchen gehen, wohin ſie ihr Geſchick treibt. So wie er gegen das Stadthaus vorrückte, ſchien es ihm, als rückte er gegen das Leben vor. Wie bei ge⸗ wiſſen organiſchen Kataklysmen das Blut, indem es ſich nach dem Herzen zurückzieht, die Extremitäten verläßt, welche bleich und eiskalt bleiben, ſo waren die Bewe⸗ gung, die Wärme, die Revolution auf dem Quai Pelle⸗ tier, auf dem Gröve⸗Platze, im Stadthanſe, dem wirk⸗ lichen Sitze vom Volksleben, dem Herzen von dieſem großen Körper, den man Paris nennt. Mandat hielt an der Ecke des Quai Pelletier an und ſchickte ſeinen Adjutanten nach der Saint⸗Jean⸗ Arcade. Die Gräfin von Cbarng, vII. 3 Durch die Saint⸗Jean⸗Arcade ging die Volkswoge frei hin und her: die Nationalgarde war verſchwunden. Mandat wollte umkehren: die Woge hatte ſich hinter ihm angehäuft und trieb ihn, wie eine Seetrift, nach den Stufen des Stadthauſes. Mandat überließ ſich der Woge, die ihn fortriß; der Adjutant, deſſen Uniform ſeine ſecundäre Bedeutung bezeichnete, blieb an der Ecke des Quai Pelletier, wo ihn Niemand beunruhigte; alle Blicke waren auf den Obercommandanten gerichtet. Im großen Saale des Stadthauſes ankommend, ſieht ſich Mandat fremden, ſtrengen Geſichtern gegenüber. Es iſt die ganze Inſurrection, welche Rechenſchaft über ſein Benehmen von dem Manne zu fordern beab⸗ ſichtigt, der ſie hat nicht nur in ihrer Entwicklung be⸗ kämpfen, ſondern ſogar in ihrer Geburt erſticken wollen. In den Tuilerien befragte er;— man erinnert ſich ſeiner Scene mit Pétion. Hier ſoll er verhört werden. Eines der Mitglieder des neuen Gemeinderaths,— dieſes erſchrecklichen Gemeinderathes, der die legislative Verſammlung erſticken und mit dem Convente kämpfen wird,— eines der Mitglieder des neuen Gemeinderaths tritt vor und fragt im Ramen Aller: „Auf weſſen Befehl haſt Dn die Wache des Schloſ⸗ ſes verdoppelt?“ „Auf Befehl des Maire von Paris,“ antwortete Mandat. „Wo iſt dieſer Befehl?“ „In den Tuilerien, wo ich ihn gelaſſen habe, damit dieſer Befehl in meiner Abweſenheit vollzogen werden kann.“ „Warum haſt Du die Kanonen marſchiren laſſen?“ „Weil ich das Bataillon marſchiren ließ, und wenn das Bataillon marſchirt, ſo marſchiren die Kanonen mit ihm.“ ⁴ —— woge den. inter den riß; tung wo den end, ber. haft ab⸗ be⸗ len. ſich tive ofen ths loſ⸗ ete mit den 24 nn en 35 „Wo iſt Pétion?“ „Er war im Schloſſe, als ich das Schloß verließ.“ „Gefangener?“ „Nein, frei und im Garten umhergehend.“ In dieſem Angenblicke wurde das Verhör unter⸗ brochen. Ein Mitglied des neuen Gemeinderaths bringt einen entſiegelten Brief und verlangt, daß er laut geleſen werde. Mandat braucht nur einen Blick auf dieſen Brief zu werfen, um zu ſehen, daß er verloren iſt. Er hat die Handſchrift erkannt. Dieſer Brief iſt der um ein Uhr Morgens an den Commandanten des bei der Saint⸗Jean⸗Arcade aufge⸗ geſtellten Baitaillons überſchickte Befehl, der dieſem Com⸗ mandanten einſchärft, den Volksauflauf, wenn er ſich nach dem Schloſſe wenden würde, von hinten anzugreifen, während ihn das Bataillon vom Pont⸗Neuf von der Seite angreifen ſolite. Der Befehl iſt in die Hände der Commune nach dem Rückzuge des Bataillons gefallen. Das Verhör iſt beendigt. Welches Geſtändniß ver⸗ möchte man von dem Angeklagten zu erlangen, das furcht⸗ barer wäre, als dieſer Brief? Der Rath beſchloß, Mandat ſolle nach dem Gefäng⸗ n* ei geführt werden. Dann wird das Urtheil Mandat vorgeleſen. Hier beginnt die Interpretation. Dieſes Urtheil Mandat vorleſend, machte der Prä⸗ ident, wie man verſichert, mit der Hand eine von jenen Geberden, die das Volk leider nur zu gut zu interpre⸗ tiren weiß: eine horizontale Geberde. „Der Präſident,“ ſagt Herr Peltier, Verfaſſer der Revolution vom 10. Auguſt 1792,„machte eine ſehr ausdrucksvolle horizontale Geberde, indem er ſagte: Man ſch eppe ihn fort.“ 5 Die Geberde wäre in der That ein Jahr ſpäter ſehr ausdrucksvoll geweſen, doch eine horizontale Ge⸗ berde, welche 1793 viel bedeutet hätte, bedeutete 1792, um welche Zeit die Guillotine noch nicht functionirte, nicht viel:— erſt am 21. Auguſt fiel auf dem Car⸗ rouſſel Platze der Kopf des erſten Royaliſten; wie konnte elf Tage früher eine horizontale Geberde, wenn das nicht ein zum Voraus verabredetes Zeichen war,— be⸗ ſagen:„Tödtet dieſen Herrn!“ Leider ſcheint die Thatſache die Beſchuldigung zu rechtfertigen. Kaum iſt Mandat drei Stufen der Freitreppe des Stadthauſes hinab geſtiegen, ſo trifft in dem Augenblicke, wo ihm ſein Sohn entgegenſtürzt, ein Piſtolenſchuß den Gefangenen an den Kopf. Daſſelbe war drei Jahre früher Fleſſelles begegnet. Mandat war nur verwundet: er ſtand auf, und in derſelben Secunde fiel er von zwanzig Piekenſtichen dnrch⸗ bohrt wieder nieder. Das Kind ſtreckte die Arme aus und ſchrie:„Mein Vater! mein Vater!“ Man gab nicht Acht auf das Geſchrei des Kindes. Aus dieſem Kreiſe, wo man nur niedertauchende Arme unter den Blitzen der Säbel und der Pieken ſah, erhob ſich ſodann ein blutiges, vom Rumpfe etrenntes as war der Kopf von Mandat. Das Kind fiel in Ohnmacht. Der Adjutant ſprengte im Galopp weg, um in den Tuilerien zu melden, was er geſehen hatte. Die Mörder theilten ſich in zwei Ban⸗ denz die Einen warfen den Leib in den Fluß; die An⸗ dern trugen den Kopf von Mandat an der Spitze einer Pieke in den Straßen von Paris umher. Es war ungefähr vier Uhr Morgens. Gehen wir dem Adjutanten, der die unſelige Kunde ℳ ℳ, e)———— äter Ge⸗ 92, rte, ar⸗ nte as be⸗ zu es ke, en 1S— 5 8 37 überbringen ſoll, in die Tuilerien voran und ſehen wir, was ſich dort ereignet. Der König hat gebeichtet, und, ſobald ſein Gewiſſen im Frieden, hinſichtlich des Uebrigen faſt beruhigt, hat ſich der König, der keinem der Bedürfniſſe der Natur zu widerſtehen vermochte, niedergelegt. Er hat ſich al⸗ lerdings ganz angekleidet niedergelegt. Auf ein verdoppeltes Sturmläuten und auf den Lärmen des Generalmarſches, den man zu ſchlagen an⸗ fing, weckte man den König. Derjenige, welcher den König aufweckte,— Herr de la Chesnaye, dem Mandat, als er ſich entfernte, ſeine Vollmacht zurückgelaſſen hatte,— weckte den König auf, damit er ſich den Nationalgarden zeige und durch einige zur rechten Zeit geſprochene Worte ihren Enthuſiasmus wiederbelebe. Der König ſtand ſchwerfällig ſchwankend, ſchlecht ge⸗ weckt auf; er war mit Puder friſirt und eine ganze Seite ſeiner Friſur, auf die er ſich gelegt hatte, war platt gedrückt. Man ſuchte den Friſeur: er war nicht da. Der König ging aus ſeinem Zimmer, ohne friſirt zu ſein. Im Conſeilſaale, wo ſie war, davon benachrichtigt, daß ſich der König ſeinen Vertheidigern zeigen wollte, lief die Königin dem König entgegen. Ganz das Gegentheil vom armen Monarchen mit ſeinem trüben Blicke, der Niemand anſchaute, mit den geſpannten und von Zeit zu Zeit von unwillkürlichen Bewegungen zuckenden Muskeln des Mundes, mit ſeinem violetten Fracke, der ihm das Anſehen gab, als trüge er Trauer um das Königthum, war die Königin bleich, glühte aber vor Fieber; ſie hatte rothe, aber trockene Augenlieder. Sie bing ſich an dieſes Geſpenſt der Monarchie an, das, ſtatt um Mitternacht zu erſcheinen, ſich am hel⸗ len Tage mit dem dicken blinzelnden Auge zeigte. 38 Sie hoffte ihm das zu geben, was bei ihr an Muth, Stärke und Leben überſtrömte. Alles ging übrigens gut, ſo lange die königliche Ausſtellung im Innern der Gemächer blieb, obgleich die mit den Edelleuten vermiſchten Nationalgarden von nahe den König ſehend,— dieſen kraftloſen, ſchwerfälligen ar⸗ men Mann, dem es ſchon einmal in einer ähnlichen Situation, auf dem Balcon von Herrn Sauce in Varen⸗ nes, ſo ſchlecht geglückt war,— ſich fragten, ob das der Held vom 20. Juni ſei, dieſer König, deſſen poetiſche Legende die Prieſter und die Frauen auf einen Trauer⸗ flor zu ſticken anfingen. Und man muß ſagen, nein, es war nicht der Kö⸗ nig, den die Nationalgarde zu ſehen erwartete. Gerade in dieſem Augenblicke zieht der alte Herzog von Mailly,— mit einer von den guten Abſichten, welche der Hölle einen Pflaſterſtein mehr zu liefern beſtimmt ſind,— gerade in dieſem Angenblicke, ſagen wir, zieht der alte Herzog von Mailly den Degen, wirft ſich vor dem König auf die Kniee und ſchwört mit einer zittern⸗ den Stimme, er und der Adel Frankreichs, den er vertrete, werden für den Enkel von Heinrich IW. ſterben. Das waren zwei Ungeſchicklichkeiten ſtatt einer: die Nationalgarde hatte keine große Sympathien für dieſen Adel Frankreichs, den Herr von Maillh vertrat; ſo⸗ dann wollte ſie nicht den Enkel von Heinrich IW. vertheidigen, ſondern den conſtitutionellen König. Es brach auch als Antwort auf ein paar Rufe: „Es lebe der König!“ von allen Seiten das Geſchrei: „Es lebe die Nation!“ los. Man mußte eine Genugthuung nehmen. Man trieb den König Ludwig XVI. an, in den Königshof hinab⸗ zugehen. Ach! dieſer arme König, geſtört in ſeinen Mahlen, er, der eine Stunde geſchlafen, ſtatt ſieben, eine ganz materielle Natur, hatte keinen eigenen Willen; che die he r⸗ en 39 es war ein Automat, der ſeinen Impuls von einem frem⸗ den Willen empfing. Wer gab ihm dieſen Impuls? Die Königin, eine nervöſe Natur, welche weder ge⸗ geſſen, noch geſchlafen hatte. Es gibt unglücklich organifirte Weſen, denen, ſobald die Umſtände ſie gleichſam überholen, Alles mißglückt, was ſie unternehmen. Statt die Diſſidenten anzuziehen, ſchien Ludwig XVI., indem er ſich denſelben näherte⸗ ausdrücklich zu kommen, um ihnen zu zeigen, wie we⸗ nig Blendwerk das Königthum, das fällt, auf der Stirne des Menſchen läßt, wenn dieſer Menſch weder das Ge⸗ nie, noch die Stärke für ſich hat. Hier, wie in den Gemächern, gaben die unbedingten Royaliſten einige Rufe:„Es lebe der König!“ von ſich; doch ein ungeheurer Schrei:„Es lebe die Nation!“ antwortete ihnen. Als ſodann die Royaliſten die Ungeſchicklichkeit be⸗ gingen, daß ſie beharrlich blieben, da riefen die Patri⸗ oten: „Nein, nein, nein, keinen andern König, als die Nation.“ Und der König antwortete ihnen faſt flehend: „Ja, meine Kinder, die Nation und Euer König ſind nur Eins und werden immer nur Eins ſein!“ „Bringt den Dauphin,“ ſagte leiſe Marie Antvi⸗ nette zu Madame Eliſabeth;„der Anblick eines Kindes wird ſie vielleicht rühren.“ Man holte den Dauphin. Mitrlerweile ſetzte der König dieſe traurige Revue fort; es kam ihm dann der ſchlimme Gedanke, ſich den Artilleriſten zu nähern. Das war ein Fehler: die Artil⸗ leriſten waren faſt lauter Republicaner. Hätte der König zu ſprechen verſtanden, hätte er ſich Gehör bei dieſen Menſchen zu verſchaffen gewußt, 40 welche ihre Ueberzeugung von ihm entfernte, ſo wäre es etwas Muthiges geweſen, was gelingen konnte,— dieſe Spitze gegen die Kanonen;— doch es war weder in der Rede, noch in der Geberde von Ludwig XVI. etwas Hin⸗ reißendes. Er ſtammelte; die Royaliſten wollten ſein Zaudern dadurch bedecken, daß ſie aufs Neue den unglück⸗ lichen Ruf:„Es lebe der König!“ verſuchten, der ſchon zweimal geſcheitert war; dieſer Ruf hätte beinahe eine Collifion herbeigeführt. Kanoniere verließen ihren Poſten, ſtürzten auf den König zu, bedrohten ihn mit der Fauſt und ſagten: „Du glaubſt alſo, um einen Verräther Deiner Art zu vertheidigen, werden wir auf unſere Brüder Feuer eben?“ Die Königin zog den König zurück. „Der Dauphin! der Dauphin!“ riefen mehrere Stimmen;„es lebe der Dauphin!“ Niemand wiederholte dieſen Ruf; das arme Kind kam nicht zu ſeiner Stunde; es verfehlte ſeinen Auftritt, wie man beim Theater ſagt. Der König ſchlug wieder den Weg nach dem Schloſſe ein, und das war ein wahrer Rückzug, faſt eine Flucht. In ſeinem Gemache angekommen, fiel Ludwig XVI. ganz athemlos in einen Lehnſtuhl. Die Königin, welche an der Thüre geblieben war, ſuchte mit den Augen rings umherſchauend und verlangte eine Stütze von irgend Jemand⸗ Sie erblickte Charnh, der an die Einfaſſung der Thüre von ihrem, der Königin, Zimmer angelehnt daſtand; ſie ging auf ihn zu und ſagte zu ihm: „Ah! mein Herr, Alles iſt verloren!“ „Ich befürchte es, Madame,“ antwortete Charnh. „Können wir noch fliehen?“ „Es iſt zu ſpät, Madame.“ „Was bleibt uns dann zu thun?“ — re es dieſe der Hin⸗ ſein lück⸗ chon eine den Art uer ere nd tt, ſſe ht. . 1 te 41 „Zu ſierben!“ erwiederte Charny ſich verbeugend. Die Königin ſtieß einen Seufzer aus und kehrte in ihr Gemach zurück. CXL VII. von ſechs Uhr bis neun Uhr Morgens. Nachdem Mandat kaum getödtet war, wurde an ſeiner Stelle Santerrezum Obercommandanten ernannt, und Santerre ließ ſogleich den Generalmarſch in allen Stra⸗ ßen ſchlagen und gab Befehl, das Sturmläuten in allen Kirchen zu verdoppeln. Dann organifirte er die patrio⸗ tiſchen Patrouillen und befahl, bis in die Tuilerien zu rücken und beſonders die Aſſemblée zu durchſuchen. Es hatten übrigens die ganze Racht Patrouillen die Umgegend der Nationalverſammlung durchzogen. Gegen zehn Uhr Abends hatte man auf den Champs⸗ Elyſées eine Verſammlung von elf Perſonen verhaftet, von denen zehn mit Dolchen und Piſtolen, die elfte mit einer Stutzbüchſe bewaffnet waren. Dieſe elf Perſonen ließen ſich ohne allen Widerſtand feſtnehmen und nach der Wachſtube der Feuillants führen. Im Verlaufe der übrigen Racht wurden elf weitere Gefangene gemacht. Man ſperrte ſie in zwei ahgeſonderte Stuben ein. Bei Tagesanbruch fanden die elf Erſten Mittel, zu entweichen; ſie ſprangen aus ihrem Fenſter in einen Gar⸗ ten und zerbrachen die Thüren dieſes Gartens. Elf blieben, die man ſolider eingeſchloſſen hatte. 42 Um ſieben Uhr Morgens führte man in den Hof der Feuillants einen jungen Mann von neunundzwanzig bis dreißig Jahren, mit der Uniform und der Mütze der Nationalgarde. Die Friſche ſeiner Uniform, der Glanz ſeiner Waffen, die Eleganz ſeiner Haltung hatten den Verdacht erregt, er gehöre der Ariſtokratie an, und ſeine Verhaftung herbeigeführt. Ein gewiſſer Bonjour, früher Schreiber bei der Marine, präſidirte an dieſem Tage bei der Section der Feuillants. Er verhörte den jungen Mann. „Wo hat man Sie verhaftet?“ fragte er ihn. „Auf der Terraſſe der Feuillants,“ antwortete der Gefangene. „Was machten Sie da?“ „Ich begab mich nach dem Schloſſe.“ „In welcher Abſicht?“ „Um einem Befehle der Municipalität zu gehorchen.“ „Was gebot Ihnen dieſer Befehl?“ „Den Stand der Dinge zu unterſuchen und hierüber dem Generalprocurator Shyndicus des Departement mei⸗ nen Bericht zu machen.“ „Haben Sie dieſen Befehl?“ „Hier iſt er,“ erwiederte der junge Mann. Und er zog ein Papier aus ſeiner Taſche. Der Präſident entfaltete das Papier und las: „Der Nationalgarde Inhaber gegenwärtigen Befehls wird ſich nach dem Schloſſe begeben, um den Stand der Dinge zu unterſuchen und ſeinen Bericht dem Herrn Generalprocurator Syndicus des Departement zu machen. „Bvirie, Le Roulx, Municipalbeamte.“ — Hof anzig e der Hlanz den ſeine der der der en.“ iber nei⸗ s er rn n. 43 Der Befehl war poſitiv; man befürchtete indeſſen, die Unterſchriften ſeien falſch, und man ſchickte nach dem Stadthauſe einen Mann mit dem Auftrage, ihn von den zwei Unterzeichnern anerkennen zu laſſen. Dieſe letzte Verhaftung hatte viele Leute im Hofe der Feuillants verſammelt, und einige Stimmen,— es gibt immer ſolche Stimmen bei den Volksverſammlun⸗ gen,— einige Stimmen unter dieſer Menge verlangten den Tod der Gefangenen. Ein Commiſſär der Municipalität, der gerade da war, begriff, man dürfe dieſe Stimmen keine Conſiſtenz erlangen laſſen. Er ſtieg auf ein Geſtell, haranguirte das Volk und forderte es auf, ſich zurückzuziehen. In dem Augenblicke, wo das Volk vielleicht im Be⸗ griffe war, dem Einfluſſe dieſes barmherzigen Wortes nachzugeben, kam der Mann zurück, den man zu Bewahr⸗ heitung der Unterſchrift der zwei Municipalbeamten nach dem Stadthauſe geſchickt hatte, und ſagte, der Befehl ſei ächt, und man könne Suleau, der der Inhaber deſ⸗ ſelben, in Freiheit ſetzen. Suleau war derſelbe, den wir bei jener Soirée bei Frau von Lamballe geſehen haben, wo Gilbert für den König Ludwig KVI. eine Zeichnung von der Guil⸗ lotine machte, und wo Marie Antvinette in dieſem ſelt⸗ ſamen Inſtrumente die Maſchine erkannte, die ihr Ca⸗ i in einer Flaſche im Schloſſe Taverney gezeigt atte. Beim Namen Suleau richtete eine in der Menge verlorene Frau den Kopf auf und ſtieß ein Wuthge⸗ ſchrei aus. „Suleau!“ rief ſie,„der Hauptredacteur der Apv⸗ ſtelgeſchichte? Suleau, einer der Mörder der Lütti⸗ cher Unabhängigkeit?.. Wie, Suleau! Ich verlange den Tod von Suleau!“ Die Menge öffnete ſich vor dieſer kleinen, ſchwächlichen 44 Frau, die in eine Amazone mit den Farben der Natio⸗ nalgarde gekleidet und mit einem Säbel bewaffnet war, den ſie an einem über die Schultern gehenden Riemen trug; ſie lief auf den Commiſſär der Municipalität zu, nöthigte ihn, vom Geſtelle herabzuſteigen, und ſtieg ſtatt ſeiner hinauf. Kaum überragte ihr Kopf das Volk, da ſtieß die Menge einen einzigen Schrei aus: „Théroigne!“ Théroigne war in der That die vorzugsweiſe volks⸗ beliebte Frau; ihre Mitwirkung am 5. und 6. October, ihre Verhaftung in Brüſſel, ihr Aufenthalt in den öſter⸗ reichiſchen Gefängniſſen, ihr Angriff am 20. Juni hatten ihr dieſe Popnlarität verſchafft,— eine Popularität, welche ſo groß, daß ihr Suleau in ſeinem ſpöttiſchen Journal zum Liebhaber den Bürger Populus, das heißt das ganze Volk gegeben hatte. Es lag hierin eine doppelte Anſpielung auf die Popu⸗ larität von LThroigne und uuf do Leichtigkeit ihrer Sit⸗ igt ten, die man des Uebermaßes beſchuldig e. Dabei hatte Suleau in Brüſſel die Sturmglocke der Könige veröffentlicht und ſo dazu beigetragen, daß die Lütticher Revolution erdrückt, und ein edles Volk, das frei und franzöſiſch ſein wollte, wieder unter den öſterreichiſchen Stock und die Mitra eines Prieſters gebracht wurden. Thsroigne war um dieſe Zeit gerade beſchäftigt, die Erzählung ihres Verhaftes zu ſchreiben, und ſie hatte ſchon ein paar Kapitel davon beiden Jacobinern vorge⸗ leſen. i ſuur den Tod von-Sulean, ſon⸗ dern auch den der elf Gefangenen, welche mit ihm waren. Suleau hörte dieſe Stimme ertönen, welche mitten unter dem Veifallklatſchen ſeinen Tod und den ſeiner Gefährten forderte; er rief durch die Thüre dem Anfüh⸗ rer des Poſtens, der ihn bewachte. 4⁵ Dieſer Poſten beſtand aus zweihundert Mann Ratio⸗ algarde. „Laßt mich hinaus,“ ſagte er;„ich werde mich nen⸗ nen! man wird mich tödten, und Alles wird abgethan ſein; mein Tod wird elf Leben retten.“ Man weigerte ſich, ihm die Thüre zu öffnen. Er verſuchte es, zum Fenſter hinauszuſpringen; ſeine Gefährten zogen ihn zurück und hielten ihn feſt. Sie konnten nicht glauben, man werde ihn kalt den Mördern überliefern. Sie täuſchten ſich. Eingeſchüchtert durch das Geſchrei der Menge, ent⸗ ſprach der Präſident Bonjour der Reclamation von Théroigne, indem er der Nationalgarde verbot, ſich dem Willen des Volkes zu widerſetzen. Die Nationalgarde gehorchte, trat auf die Seite und gab, auf die Seite tretend, die Thüre preis. Das Volk ſtürzte ins Gefängniß und bemächtigte ſich aufs Gerathewohl des Erſten des Beſten. Dieſer Erſte der Beſte war ein Abbé, Namens Bouyon, dramatiſcher Schriftſteller, gleich bekannt durch die Epigramme des Couſin Jacques, und durch die Durchfälle, welche drei Viertel von ſeinen Stücken im Theater Montanſier erfahren hatten. Es war ein coloſ⸗ ſaler Mann; aus den Armen des Commiſſärs der Muni⸗ eipalität geriſſen, der ihn zu retten ſuchte, wurde er in den Hof geſchleppt, und er begann gegen ſeine Mörder einen verzweifelten Kampf; obſchon er keine andere Waffe hatte, als ſeine Hände, wurden doch zwei oder drei von dieſen Elenden von ihm kampfunfähig gemacht. tich nagelte ihn an die Wand: er verſchied, ohne da eine leßken eiche ſeine Feinde erreichen konnten. Während dieſes Kampfes gelang es zwei von den Gefangenen, zu entweichen. Derjenige, welcher auf den Abbs Bouyon folgte, 46 war ein ehemaliger Garde des Königs Namens Sol⸗ miniac; ſeine Vertheidigung war nicht minder kräftig, als die ſeines Vorgängers: ſein Tod wr grau⸗ ſamer; dann ermordete man einen Dritten, eſſen Na⸗ me unbekannt geblieben iſt. Snleau kam als der Vierte. „Sieh,“ ſagte ein Weib zu Thorvigne,„hier iſt er, Dein Suleau!“ Théroigne kannte ihn nicht von Geſichte; ſie glaubte, er ſei Prieſter, und nannte ihn den Abbé Suleau; wie eine Tigerkatze ſtürzte ſie auf ihn los und packte ihn bei der Gurgel. Suleau war jung, muthig und kräftig; er ſchleu⸗ derte mit einem Fanſtſchlage Thérvigne zehn Schritte von ſich, entledigte ſich durch eine heftige Erſchütterung der drei oder vier Männer, die ihn am Grimmigſten an⸗ griffen, riß einen Säbel aus den Händen feiner Mörder und ſtreckte mit ſeinen zwei erſten Hieben zwei derſelben zu. Boden. Da begann ein erſchrecklicher Kampf; immer Terrain gewinnend, immer gegen die Thüre vorrückend, machte ſich Suleau dreimal frei; er erreichte ſie, dieſe unglück⸗ liche Thüre; doch genöthigt, ſich umzudrehen, um ſie zu öffnen, bot er ſich einen Augenblick wehrlos ſeinen Mör⸗ ihn zu durchbohren. Er fiel zu den Füßen von Théroigne, welche die grauſame Freude hatte, ihm ſeine letzte Wunde bei⸗ zubringen. Der arme Suleau hatte ſich zwei Monate vorher mit einer reizenden Frau, der Tochter eines berühmten Malers, Adele Hal verheirathet. Während Suleau ſo gegen die Mörder kämpfte, hatte ein dritter Gefangener Gelegenheit gefunden, zu entwiſchen. Der Fünfte, welcher von den Mördern aus der Wachſtube geſchleppt erſchien, entriß der Menge einen — Sol⸗ ftig, rau⸗ Na⸗ P bte, wie bei eu⸗ itte ing der en in te ck⸗ zu T⸗ ie i⸗ 47 Schrei der Bewunderung: das war ein ehemaliger Garde du corps Namens du Vigier, den man nur den ſchönen du Vigier nannte. Da er eben ſo muthig, als ſchön, eben ſo gewandt, als muthig war, ſo kämpfte er über eine Viertelſtunde, fiel dreimal, erhob ſich dreimal wie⸗ der und färbte in der ganzen Breite des Hofes jeden Pflaſterſtein mit ſeinem Blute, doch auch mit dem ſeiner Mörder. Endlich unterlag er, wie Suleau, von der Menge zermalmt. Der Tod der vier Andern war ein einfaches Er⸗ würgen; man kennt ihre Namen nicht. Die neun Leichname wurden auf den Vendome⸗Platz geſchleppt, wo man ſie enthauptete; dann ſteckte man ihre Köpfe auf Pieken und trug ſie in Fän Mis mhe⸗ m Abend kaufte ein Diener von Suleau gegen Gold den Kopf ſeines Herrn, und es gelang ihm durch eifrige Nachforſchungen, den Leichnam aufzufindenz. die fromm tin von Sulegu w ex mit herzzerreißendem Geſchrei dieſe oſtbaren Ueberreſte verlangte, um ihnen die letzte Pflicht zu erweiſen. So war, ſogar ehe der Kampf begonnen hatte, das Blut ſchon an zwei Orten gefloſſen: auf den Stufen des Stadthauſes, im Hofe der Feuillants. Wir werden es ſogleich in den Tuilerien fließen ſehen;— nach dem Tropfen der Bach, nach dem Bache der Strom. Gerade in dem Augenblicke, wo dieſe Morde voll⸗ bracht wurden, das heißt zwiſchen acht und neun Uhr Morgens, marſchirten zehn bis elftauſend Mann Natio⸗ nalgarden, durch die Sturmglocke von Barbaroux und den Generalmarſch von Santerre verſammelt, die Rue Saint⸗ Antoine hinab, zogen durch die oft erwähnte, in der vor⸗ hergehenden Nacht ſo wohl bewachte Saint⸗Jean⸗Arcade und mündeten auf den Grove⸗Platz. 48 Dieſe zehntauſend Mann forderten den Befehl, ge⸗ gen die Tuilerien zu marſchiren. Man ließ ſie eine Stunde warten. Es liefen zwei Verſionen in der Menge umher: Die erſte war, man hoffe Conceſſionen vom Schloſſe; Die zweite, der Faubourg Saint⸗Marceau ſei nicht bereit, und man dürfe nicht ohne ihn marſchiren. Ein Tauſend Mann mit Pieken wurde ungeduldig; wie immer waren die am ſchlechteſten Bewaffneten die Hitzigſten. Sie drangen durch die Reihen der Nationalgarde, ſagten, ſie können ſie entbehren, und werden das Schloß ite 5 inige Marſeiller Föderirte und⸗ ehn bis zwölf Gardes⸗frangaiſes,— von denſelben Feer welche drei Jahre vorher die Baſtille genommen hatten, — ſtellten ſich an ihre Spitze und wurden durch Accla⸗ mation als Anführer begrüßt. Das war die Vorhut des Aufruhrs Der Adjutant, der Mandat hatte war indeſſen mit verhängten Zügeln nach den Tuilerien zurückgekehrt; doch erſt in dem Augenblicke, wo nach ſeinem unglücklichen Gange in die Höfe der König wie⸗ der in ſein Gemach gekommen war und die Königin in das ihrige, hatte er ſie treffen können, um ihnen die un⸗ ſelige Kunde mitzutheilen. Die Königin empfand, was man immer empfindet, wenn man einem den Tod eines Menſchen verkündet, den man vor einem Augenblick verlaſſen hat; ſie konnte nicht daran glauben, und ließ ſich die Scene ein erſtes und dann ein zweites Mal in allen ihren Einzelheiten erzählen. Während dieſer Zeit ſtieg der Lärm eines Streites zum erſten Stocke empor und drang durch die offenen Fenſter ein. Die Gendarmen, die Nationalgarden und die pa⸗ /— 49 triotiſchen Kanoniere,— kurz diejenigen, welche:„Es lebe die Nation!“ gerufen hatten,— fingen an die Royaliſten herauszufordern, nanuten ſie die Herren königlichen Grenadiere und ſagten, es ſeien unter den Grenadieren der Filles-Saint⸗Thomas und denen der Butte⸗des⸗Moulins nur an den Hof verkaufte Leute, und da man unten den Tod des Obercommandanten noch nicht wußte, der im erſten Stocke ſchon bekannt war, ſo rief ein Grenadier ganz laut: „Dieſe Canaille Mandat hat offenbar nur Ariſto⸗ kraten ins Schloß geſchickt.“ Der ältere Sohn von Mandat war in den Reihen der Nationalgarde. Wir haben geſehen, wo der jüngere war: er verſucht es, jedoch vergebens, ſeinen Vater auf den Stufen des Stadthauſes zu vertheidigen. Bei dieſer Beleidigung, die man ſeinem abweſenden Vater anthat, ſtürzte der ältere Bruder aus den Reihen, ſeinen Säbel ſchwingend, hervor. Drei bis vier Kanoniere warfen ſich ihm entgegen. Weber, der Kammerdiener der Königin, war da als Nationalgarde unter den Grenadieren von Saint⸗ Roche. Er eilte dem jungen Manne zu Hülfe. Man hörte ein Geklirre von Säbeln; der Streit trat zwiſchen den zwei Parteien hervor. Durch den Lärm ans Fenſter gezogen, erkannte die Königin Weber⸗ Sie rief Thierry, den Kammerdiener des Königs, und befahl ihm, ihren Milchbruder zu holen. Weber kam herauf und erzählte der Königin Alles. Die Königin erzählte ihm dagegen den Tod von Mandat. Der Lärm währte unter den Fenſtern fort. 6„Sieh doch was vorgeht, Weber,“ ſagte die Königin. „Was vorgeht? Die Kanoniere verlaſſen ihre Stücke und ſtoßen mit Gewalt eine Kugel darein, und da die Stücke nicht geladen ſind, ſo ſind ſie nun unbrauchbar.“ Die Gräfin von Charny. VII. 4 50 „Was denkſt Du von Allem dem, mein armer Weber?“ „Ich denke,“ erwiederte der gute Oeſterreicher,„Eure Majeſtät müßte Herrn Röderer zu Rathe ziehen, der mir noch einer der Ergebenſten von denen, welche ſich im Schloſſe finden, zu ſein ſcheint.“ „Ja, doch wo ſoll ich mit ihm ſprechen, ohne be⸗ horcht, beſpäht, geſtört zu werden?“ „In meinem Zimmer, wenn die Königin will,“ ſagte der Kammerdiener Thierry. „Gut,“ erwiederte die Königin. Dann ſich gegen ihren Milchbruder umwendend: „Hole mir Herrn Röderer und führe ihn zu Thierry.“ Und während Weber allein durch eine Thüre ab⸗ ging⸗ gng die Königin durch eine andere, Thierry fol⸗ gend, ab. Es ſchlug neun auf der Schloßuhr. CXLVIII. von neun Uhr bis Mittag. Berührt man einen ſo wichtigen Punkt in der Geſchichte, wie der, zu welchem wir gelangt ſind, ſo darf man kein Detail auslaſſen, in Betracht, daß das Eine ſich mit dem Andern verbindet und die genaue, ſorgfältige Anreihung aller dieſer Details die Länge und die Breite der Leinwand bildet, die ſich vor den Augen der Zu⸗ kunft in den Händen der Vergangenheit entrollt. In dem Angenblicke, wo Weber dem Syndieus der rmer Fure der ſich be⸗ ſagte ty.“ ab⸗ fol⸗ der arf ine ige eite zu⸗ der 51 Commune melden wollte, die Königin wünſche ihn zu ſprechen, ſtieg der Schweizer Kapitän Durler zum Kö⸗ nig hinauf, um von ihm oder dem Generalmajor die letten Befehle einzuholen. Charny erblickte den guten Kapitän, welcher einen Huiſſier oder einen Kammerdiener ſuchte, der ihn beim König einführen könnte. „Was wünſchen Sie, Kapitän?“ fragte er. „Sind Sie nicht der Generalmajor?“ ſagte Herr Durler. „Ja, Kapitän.“ „Ich komme, um die letzten Befehle zu verlangen, da die Spitze der Inſurrectionscolonne auf dem Car⸗ rouſel zu erſcheinen anfängt.“ „Man empfiehlt Ihnen, ſich nicht Gewalt anthun zu laſſen, denn der König iſt entſchloſſen, in unſerer Mitte zu ſterben.“ „Seien Sie unbeſorgt, Herr Generalmajor,“ er⸗ wiederte einfach der Kapitän Durler. Und er überbrachte ſeiner Compagnie dieſen Befehl, der ihr Todesurtheil war. Die Vorhut der Inſurrection fing, wie es der Ka⸗ pitän Durler geſagt hatte, wirklich an zu erſcheinen. Das waren die mit Pieken bewaffneten tauſend Mann; an ihrer Spitze marſchirten ungefähr zwanzig Marſeiller und zwölf bis fünfzehn Gardes⸗frangaiſes, in deren Mitte die goldenen Epauletten eines jungen Kapitäns glänzten. Dieſer junge Kapitän war Piton, welcher, von Billot empfohlen, mit einer Sendung beauftragt war, die wir ihn werden ſogleich auseinanderſetzen ſehen. Hinter dieſer Vorhut kam, in der Entfernung von ungefähr einer Viertelſtunde, ein beträchtliches Corps Na⸗ tionalgarden und Föderirte, denen eine Batterie von zwölf Kanonen voranging. Die Schweizer, als ihnen der Befehl des General⸗ 52 majors mitgetheilt wurde, ſtellten ſich, das Stillſchweigen und die Kälte der Entſchloſſenheit behauptend, jeder an ſeinen Poſten. Weniger ſtreng disciplinirt, gingen die National⸗ garden bei ihren Dispoſitionen mit Geräuſch und Un⸗ ordnung, jedoch ebenfalls mit Entſchloſſenheit zu Werke. Schlecht organifirt, nur mit Waffen von geringer Tragweite,— Begen oder Piſtolen— verſehen, wiſſend, daß es ſich diesmal um einen Kampf auf Leben und Tod handelte, ſahen die Edellente mit einer Art von fieberhaften Trunkenheit den Augenblick herannahen, wo ſie in Berührung mit dem Volke kommen ſollten, mit dieſem alten Gegner, dieſem ewigen Athleten, dieſem immer beſiegten und dennoch ſeit acht Jahrhunderten immer wachſenden Ringer! Während die Belagerten oder diejenigen, welche es ſein ſollten, ſo ihre Anorduungen trafen, klopfte man an das Thor vom Königshofe, mehrere Stimmen riefen: „Parlamentär!“ und man ſah zu gleicher Zeit über der Mauer ein an der Spitze einer Pieke befeſtigtes weißes Sacktuch flattern. Man holte Röderer. Auf dem halben Wege begegnete man ihm. „Mein Herr, man klopft am Königsthore,“ ſagte man zu ihm. „Jch habe dieſes Klopfen gehört, und ich komme.“ „Was ſoll man thun?“ „Oeffnet.“ Der Befehl wurde dem Concierge übertragen; er öffnete das Thor und lief ſpornſtreichs davon. Röderer ſah ſich der Vorhut der Piekenmänner ge⸗ genüber. „Meine Freunde,“ ſprach Röderer,„Ihr habt ver⸗ langt, daß man das Thor einem Parlamentär öffne, und nicht einem Heere. Wo iſt der Parlamentär?“ „Hier bin ich, mein Herr,“ antwortete Piton mit ſeiner ſanften Stimme und ſeinem wohlwollenden Lächeln. — ſ veigen er an onal⸗ Un⸗ erke. inger ſend, und von wo mit eſem erten e es an fen: der ißes igte e er⸗ nd nit n. 53 „Wer ſind Sie?“ 6 „Ich der Kapitän Ange Piton, Chef der Föde⸗ rirten von Haramont.“ Röderer wußte nicht, wer die Föderirten von Ha⸗ ramont waren; doch da die Zeit koſtbar, ſo hielt er es nicht für geeignet, zu fragen. „Was wünſchen Sie?“ ſagte er. „Ich wünſche den Durchgang für mich und meine Freunde zu erhalten.“ Die Freunde von Piton, in Lumpen, ihre Pieken ſchwingend und grimmig dreinſchauend, ſchienen ſehr gefährliche Feinde zu ſein. „Den Durchgang, und wozu?“ „Um die Rationalverſammlung zu blokiren. Wir haben zwei Kanonen; nicht eine wird feuern, wenn man thut, was wir wollen.“ „Und was wollen Sie 2“ „Die Entſetzung des Königs.“ „Mein Herr,“ ſagte Röderer,„die Sache iſt ernſt.“ „Sehr ernſt, ja, mein Herr,“ antwortete Piton mit ſeiner gewöhnlichen Höflichkeit. „Sie verdient alſo, daß man darüber berathſchlagt.“ „Das iſt nur zu billig,“ erwiederte Piton. Und auf die Uihr des Schloſſes ſchauend, ſagte er: „Es iſt drei Viertel auf zehn Uhr; wir geben Ihnen Zeit bis zehn Uhr: haben wir mit dem Schlage zehn Uhr keine Antwort, ſo greifen wir an.“ „Mittlerweile erlauben Sie, daß man das Thor ſchließt, nicht wahr?“ „Allerdings,“ ſagte Piton. Sodann ſich an ſeine Gefährten wendend: „Meine Freunde, erlaubt, daß man das Thor ſchließt.“ Und er winkte den Vorderſten von den Piekenmän⸗ nern zurückzuweichen. 54 Sie gehorchten, und das Thor wurde ohne Schwie⸗ rigkeit geſchloſſen. Doch vermöge dieſes einen Augenblick geöffneten Thores hatten die Belagernden die furchtbaren Anſtalten, die man getroffen, um ſie zu empfangen, beurtheilen können. Als das Thor geſchloſſen war, erfaßte die Leute von Piton die Luſt, das Parlamentiren fortzuſetzen. Einige hißten ſich auf die Schultern ihrer Kamera⸗ den, ſtiegen auf die Mauer, nahmen rittlings darauf Platz und fingen an mit den Nationalgarden zu plaudern. Die Nationalgarde reichte die Hand und plauderte. Die Viertelſtunde verging ſo. Da kam ein Mann aus dem Schloſſe und gab Be⸗ fehl, das Thor zu öffnen. Diesmal war der Concierge in ſeine Loge gekauert, und die Nationalgarden hoben die Querbäume auf. Die Belagernden glaubten, ihr Verlangen ſei be⸗ willigt; ſobald das Thor geöffnet war, drangen ſie auch ein wie Menſchen, welche lange gewartet haben, und die von mächtigen Händen von hinten angetrieben wer⸗ den,— das heißt in Menge; ſie riefen die Schweizer lärmend herbei, ſteckten die Hüte an das Ende der Pieken und der Säbel und ſchrieen:„Es lebe die Nation! es lebe die Nationalgarde! es leben die Schweizer!“ Die Nationalgarden antworteten auf den Ruf:„Es lebe die Nation!“ Die Schweizer beobachteten ein finſteres, tiefes Stillſchweigen. Erſt bei der Mündung der Kanonen blieben die Angreifenden ſtehen und ſchauten vor ſich und um ſich. Das große Veſtibule war voll von Schweizern drei Mann hoch aufgeſtellt; ein Glied ſtand überdies auf jeder Stufe der Treppe, was ſechs Gliedern zugleich zu feuern erlaubte. Einige von den Inſurgenten fingen an zu überle⸗ . 3 55⁵ gen, und in der Zahl von dieſen befand ſich Pitou; nur war es ſchon ein wenig ſpät zum Ueberlegen. Das iſt übrigens das, was immer dieſem braven Volke begegnet, deſſen Hauptcharakter es iſt, Kind zu ſein, das heißt bald gut, bald grauſam. Als es die Gefahr ſah, hatte es nicht einen Augen⸗ blick die Idee, zu fliehen; doch es ſuchte ſie abzuwen⸗ den, indem es mit den Nationalgarden und den Schwei⸗ zern ſcherzte. Die Nationalgarden waren nicht abgeneigt, ſelbſt zu ſcherzen; die Schweizer behaupteten aber ihren Ernſt; denn fünf Minnten vor der Erſcheinung der inſurrectio⸗ nellen Vorhut hatte ſich Folgendes ereignet. Wie wir im vorhergehenden Kapitel erzählten, hat⸗ ten die patriotiſchen Nationalgarden in Folge des über Mandat entſtandenen Streites ſich von den royaliſtiſchen Nationalgarden getrennt, und ſich von ihren Mitbürgern trennend, hatten ſie auch von den Schweizern Abſchied genommen, deren Tapferkeit ſie ſchätzten und beklagten. Sie hatten beigefügt, ſie würden in ihren Häuſern wie Brüder diejenigen von den Schweizern aufnehmen, welche ihnen folgen wollten. Da hatten zwei Waadtländer auf dieſen in ihrer Sprache gemachten Aufruf antwortend, ihre Reihe ver⸗ laſſen und ſich den Franzoſen, das heißt ihren wahren Landsleuten in die Arme geworfen. Zu gleicher Zeit waren aber zwei Schüſſe von den Fenſtern des Schloſſes gefallen, und zwei Kugeln hatten die Deſerteurs in den Armen ihrer neuen Freunde ge⸗ troffen. 3 Die Schweizer Oſſiciere, vortreffliche Schützen, Gem⸗ ſenjäger, hatten dieſes Mittel gefunden, um die Deſer⸗ tion kurz abzuſchneiden. Die Sache hatte überdies die andern Schweizer, leicht begreift, bis zur Stummheit ernſt ge⸗ macht. 56 Was die Leute betrifft, die man in den Hof einge⸗ führt, bewaffnet mit alten Piſtolen, mit alten Flinten und mit neuen Pieken, das heißt, ſchlechter bewaffnet, als wenn ſie gar keine Waffen gehabt hätten,— das waren von jenen ſeltſamen Revolntionsvorläufern, wie wir ſie ei allen großen Emeuten geſehen haben, die lachend herbeieilen, um den Abgrund zu öffnen, der einen Thron verſchlingen ſoll;— zuweilen mehr als einen Thron; eine Monarchie! * Die Kanoniere waren zu ihnen gekommen, die Na⸗ tionalgarde ſchien ganz geneigt, auch zu kommen; ſie ſuchten die Schweizer zu beſtimmen, ebenſo viel zu thun. Sie bemerkten nicht, daß die Zeit verlief, daß ihr Anführer Piton Herrn Röderer Friſt bis um zehn Uhr gegeben hatte, und daß es ein Viertel auf elf Uhr war. Sie beluſtigten ſich: warum hätten ſie die Minnten zählen ſollen? Einer von ihnen hatte keine Pieke, keine Flinte, keinen Säbel, ſondern eine Stange, um die Aeſte der äume niederzudrücken, eine Stange mit einem Haken. Er ſagte zu ſeinem Nachbar: „Wenn ich einen Schweizer fiſchen würde?“ „Fiſche!“ erwiederte ſein Nachbar. Und dieſer Mann hakte einen Schweizer an ſeinem Lederzeug an und zog den Schweizer zu ſich. Der Schweizer widerſtand nur gerade ſo viel, als er brauchte, um das Anſehen des Widerſtands zu haben. „Das beißt an!“ ſagte der Fiſcher. „Dann mache es gelinde!“ etwiederte der Andere. Der Mann mit der Stange machte es gelinde, und der Schweizer ging vom Veſtibule in den Hof über, wie ein Fiſch vom Fluſſe anf das Ufer übergeht. Hierauf erfolgten große Acclamationen und gewal⸗ tiges Gelächter. „Einen Andern! einen Andern!“ rief man von allen Seiten. „ 1— — —— nge⸗ nten als ren end ron n; ka⸗ ſie m. hr hr r. en e⸗ er 57 Der Fiſcher wählte einen andern Schweizer, den er anhakte wie den Erſten. Nach dem Zweiten kam ein Dritter, dann ein Vier⸗ ter, dann ein Fünfter. Das ganze Regiment wäre gefolgt, bätte man nicht das Wort:„Schlagt an!“ ertönen hören. Als man die Gewehre ſich mit der mechaniſchen Präciſion ſenken ſah, welche immer dieſe Bewegung bei den regelmäßigen Truppen begleitet, fenerte einer der Angreifenden,— es findet ſich bei ſolchen Umſtänden ſtets ein Wahnſinniger, der das Signal zur Schläch⸗ terei gibt,— feuerte einer der Angreifenden eine Pi⸗ ſtole nach einem Fenſter des Schloſſes ab. Während des kurzen Zwiſchenraumes, der beim Commando das Wort:„Schlagt an!“ vom Worte: „Feuer!“ trknnt, begriff Piton Alles, was vorgehen ſollte. „Werft Euch auf den Bauch!“ rief er ſeinen Leuten zu;„auf den Bauch, oder Ihr ſeid Alle des Todes!“ Und das Beiſpiel mit der Lehre verbindend, warf er ſich ſelbſt mit dem Bauche auf die Erde. Doch ehe man Zeit gehabt hatte, ſeine Ermahnung zu befolgen, ertönte das Wort: Feuer! unter dem Ve⸗ ſtibule, das ſich mit Lärmen und Rauch füllte, während es, wie ein ungeheurer Musketonner, einen Hagel von Kugeln ausſpie. Die compacte Maſſe,— die Hälfte der Colonne vielleicht war in den Hof eingedrungen,— die compacte Maſſe wogte wie ein vom Winde gebengtes Kornfeld, ſodann wie ein von der Sichel geſchnittenes Kornfeld, und ſchwankte und ſtürzte zuſammen. Kaum das Drittel war am Leben geblieben. Dieſes Drittel entfloh, unter dem Feuer der zwei Linien und unter dem der Baraken paſſirend; Linien und Baraken ſchoßen aus unmittelbarer Rähe. 58 Die Schützen würden einander ſelbſt getödtet haben, hätten ſie nicht zwiſchen ſich einen ſo dichten Vorhang von Menſchen gehabt. Der Vorhang zerriß in breite Fetzen: vierhundert Meſſchen blieben auf dem Pflaſter, von denen dreihun⸗ det todt waren. WMehr oder weniger tödtlich verwundet, wehklagten die hundert Andern, verſuchten es, aufzuſtehen, fielen wieder nieder, und gaben gewiſſen Theilen dieſes Lei⸗ chenfeldes eine Beweglichkeit ähnlich der einer verſcheiden⸗ den Welle, eine entſetzlich anzuſchauende Beweglichkeit. Dann, allmälig, ſank Alles zuſammen, und abge⸗ ſehen von einigen Halsſtarrigen, die ſich unüberwindlich ans Leben anklammerten, kehrte Alles in die Unbeweg⸗ lichkeit zurück. Die Flüchtlinge verbreiteten ſich auf dem Carronſel, ſtrömten einerſeits auf die Quais, andererſeits in die Rue Saint⸗Honors und ſchrieen:„Mord! Mord! man hat uns ermordet!“ Ungefähr auf dem Pont⸗Neuf begegneten ſie dem Kerne des Heeres. Dieſer Kern des Heeres wurde commandirt von zwei ännern zu Pferde, denen ein Mann zu Fuße folgte, welcher, obgleich zu Fuße, am Commando Theil zu haben ſchien, „Ah!“ riefen die Flüchtlinge, in einem der zwei Reiter den Bierbrauer des Faubourg Saint⸗Antoine er⸗ kennend, der ſich durch ſeine coloſſale Geſtalt auszeich⸗ nete, welcher ein ungeheures flämiſches Roß als Piede⸗ ſtal diente,„ah! Herr Santerre, herbei! zu Hülfe! man mordet unſere Brüder!“ „Wer dies?“ fragte Santerre. „Die Schweizer! Sie haben auf uns geſchoſſen, F wir den Mund an ihrem Backen atten.“ aben, hang ndert hun⸗ gten elen Lei⸗ den⸗ is ge⸗ lich eg⸗ ſel, die an et e ei F= 59 Santerre wandte ſich gegen den zweiten Reiter um und fragte ihn: „Was denken Sie hievon, mein Herr?“ „Bei meiner Treue!“ erwiederte mit einem ſtark deutſchen Accente der Andere, der ein kleiner, bh er Mann war und dic Haare bürſtenartig geſchnitten 38, „ich denke, es gibt ein militäriſches Sprüchwort, welches ſagt:„Der Soldat muß ſich dahin begeben, wo er den Lärmen der Musketen oder der Kanonen hört!““ Gehen wir dahin, wo dieſer Lärm ſtattfindet. „Eiz“ fragte der Mann zu Fuße einen von den Flüchtlingen,„Ihr hattet einen jungen Officier bei Euch: ich ſehe ihn nicht mehr.“ „Er iſt zuerſt gefallen, Bürger Repräſentant; und das iſt ein Unglück, denn es war ein ſehr braver junger Mann!“ „Ja, es war ein braver junger Mann,“ ſagte leicht erbleichend derjenige, welchem man den Titel Repräſen⸗ tant gegeben hatte;„ja, es war ein braver junger Manni er ſoll auch brav gerächt werden! Vorwärts, Santerre!“ „Ich glaube, mein lieber Billot,“ ſprach Santerre, „daß wir bei einer ſo ernſten Sache nicht nur den Muth, ſondern auch die Erfahrung zu Hülfe rufen müſſen.“ „Gut!“ „Dem zu Folge mache ich den Vorſchlag, das Ober⸗ commando dem Bürger Weſtermann zu übergeben, der ein wahrer General und der Freund des Bürgers Danton iſt, wobei ich mich erbiete, ihm zuerſt als einfacher Soldat zu gehorchen.“ „Alles, was Ihr wollt,“ erwiederte Billot,„wenn wir nur, ohne einen Augenblick zu verlieren, marſchiren.“ „Nehmen Sie das Commando an, Bürger Weſter⸗ mann?“ fragte Santerre. 60 „Ich nehme es an,“ antwortete laconiſch der Preuße*). „Dann geben Sie Ihre Befehle.“ „Vorwärts!“ rief Weſtermann. Und die ungeheure Colonne, welche einen Augen⸗ blick Halt gemacht hatte, ſetzte ſich wieder in Marſch. In dem Momente, wo ihre Vorhut zugleich ins Carronſel durch die Einläſſe der Rue de lEchelle und durch die der Quais eindrang, ſchlug es elf auf der Uhr der Tuilerien. CXLIX. Von neun Uhr bis MWittag. Als er ins Schloß zurückkam, fand Röderer den Kammerdiener, der ihn im Auftrage der Königin ſuchte; er ſelbſt ſuchte die Königin, da er wußte, daß ſie in dieſem Angenblicke die wahre Stärke des Schloſſes war. Er war alſo glücklich, da er erfuhr, ſie erwarte ihn an einem abgelegenen Orte, wo er allein und ohne ge⸗ ſtört zu werden mit ihr ſprechen könnte. Dem zu Folge ging er hinter Weber hinauf. ie Königin ſaß am Kamine, den Rücken dem Fenſter zugewandt. ei dem Geränſche, das die Thüre machte, drehte ſie ſich raſch um. ——— ²) Weſtermann war fein Preuße, ſondern ein Elſäſſer. der gen⸗ ins und lhr — 61 „Nun! mein Herr?“ fragte ſie, ohne ihrer Frage ein beſtimmeudes Ziel zu geben.? „Die Königin hat mir die Ehre erwieſen, mich zu rufen?“ erwiederte Röderer. „Ja, mein Herr; Sie ſind einer der erſten Be⸗ amten der Stadt; Ihre Gegenwart im Schloſſe iſt ein Schild für das Königthum; ich will Sie alſo fragen, was wir zu hoffen oder zu fürchten haben.“ „Zu hoffen, wenig, Madame; zu fürchten, Alles!“ „Das Volk marſchirt alſo entſchieden gegen das Schloß?“. „Seine Vorhut iſt auf dem Carrouſel und parla⸗ mentirt mit den Schweizern.“ „Parlamentirt, mein Herr? Ich habe doch den“ Schweizern Befehl gegeben, die Gewalt durch die Ge⸗ walt zu vertreiben. Sollten ſie zum Ungehorſam ge⸗ neigt ſein?“ „Nein, Madame; die Schweizer werden auf ihrem Poſten ſterben.“ „Und wir auf dem unſern, mein Herr; wie die Schweizer Soldaten im Dienſte der Könige ſind, ſo ſind die Könige Soldaten im Dienſte der Monarchie.“ Röderer ſchwieg. „Sollte ich unglücklicher Weiſe einer Anſicht ſein, welche nicht mit der Ihrigen übereinſtimmen würde?“ fragte die Königin. „Madame,“ antwortete Röderer,„ich werde nur eine Anſicht haben, wenn Eure Majeſtät mir die Gnade erweiſt, eine von mir zu verlangen.“ „Mein Herr, ich verlange ſie von Ihnen.“ „Nun wohl, Madame, ich will ſie Ihnen mit der Freimüthigkeit eines überzeugten Mannes ſagen. Meiner Anſicht nach iſt der König verloren, wenn er in den Tuilerien bleibt.“ „Wenn wir aber nicht in den Tuilerien bleiben, 62 wohin werden wir gehen?“ rief die Königin, während ſie ganz erſchrocken aufſtand. „Es gibt zur Stunde nur ein Aſyl, das die könig⸗ liche Familie zu beſchützen vermag,“ erwiederte Röderer. „Welches, mein Herr?“ „Die Nationalverſammlung.“ „Wie haben Sie geſagt, mein Herr?“ fragte die Königin ſchnell mit den Augen blinzelnd und fragend 3 eine Frau, welche überzengt iſt, ſie habe ſchlecht gehört. „Die Nativnalverſammlung,“ wiederholte Röderer. „Und Sie glauben, mein Herr, ich werde etwas von dieſen Leuten verlangen?“ Röderer ſchwieg. „Wenn es ſich um Feinde handelt, ſo find mir die lieber, mein Herr, welche uns von vorne und am hellen Tage angreifen, als die, welche uns von hinten und in der Dunkelheit vernichten wollen!“ „Nun wohl, Madame, dann entſcheiden Sie ſich: gehen Sie dem Volke entgegen, oder ziehen Sie ſich nach der Nationalverſammlung zurück.“ „Zurückziehen! Ei! ſind wir dergeſtalt von Ver⸗ theidigern entblößt, daß wir uns zurückziehen müſſen, ehe wir nur das Feuer verſucht haben?“ „Wollen Sie, ehe Sie einen Entſchluß faſſen, Ma⸗ dame, den Bericht von einem competenten Manne an⸗ hören und die Kräfte kennen lernen, über die Sie ver⸗ fügen können?“ „Weber, hole mir einen von den Officieren des Schloſſes, Herrn Maillardoz, Herrn de la Chesnaye, Sie wollte ſagen:„Oder den Grafen von Charny;“ ſie hielt inne. Weber ging ab. „Wenn Eure Majeſtät ans Fenſter treten wollte, ſo könnte ſie durch ſich ſelbſt urtheilen.“ 63 rend Die Königin machte mit einem ſichtbaren Wider⸗ willen ein paar Schritte gegen das Fenſter, ſchob die nig⸗ Vorhänge auf die Seite und ſah das Carronſel und rer. ſogar den Königshof voll von Piekenmännern. „Mein Gott!“ rief ſie,„was thun denn dieſe Men⸗ ſchen da?“ die„Ich habe es Eurer Majeſtät geſagt, ſie parla⸗ end mentiren.“ echt„Sie ſind ja bis in den Hof des Schloſſes einge⸗ drungen!“ „Ich glaubte Zeit gewinnen zu ſollen, um Eurer as Majeſtät Muße zu geben, einen Entſchluß zu faſſen.“ In dieſem Angenblicke öffnete ſich die Thüre. „Kommen Sie! kommen Sie!“ rief die Königin, die ohne zu wiſſen, an wen ſie ſich wandte. len Charny trat ein. in„Hier bin ich, Madame,“ ſagte er. „Ah! Sie ſind es! ich habe Sie nichts zu h: fragen; denn Sie haben mir vorhin ſchon geſagt, was ich uns zu thun bleibe.“ „Und nach der Anſicht dieſes Herrn,“ fragte Rö⸗ r⸗ derer,„bleibt Ihnen„ he„Zu ſterben,“ ſprach die Königin. „Sie ſehen, das, was ich Ihnen vorſchlage, iſt a⸗ vorzuziehen, Madame.“ 1⸗„Oh! bei meiner Seele, ich weiß es nicht,“ erwie⸗ r⸗ derte die Königin. „Was ſchlägt der Herr vor?“ fragte Charny. 5„Den König in die Nationalverſammlung zu führen.“ ,„Das iſt nicht der Tod, aber es iſt die Schande!“ ſagte Charny. 4„Sie hören, mein Herr!“ rief die Königin. „Gäbe es wohl keinen Mittelweg?“ verſetzte Rö⸗ erer. Weber trat vor und ſagte: „Ich bin ſehr wenig, und ich weiß, daß es ſehr 64 keck von mir iſt, das Wort in einer ſolchen Geſellſchaft zu nehmen; vielleicht inſpirirt mich aber meine Ergeben⸗ heit.. Wenn man ſich darauf beſchränken würde, daß man die Nationalverſammlung häte, ſie möge eine De⸗ putation ſchicken, um über die Sicherheit des Königs zu wachen?“ „Gut, es ſei,“ ſprach die Königin;„hiezu willige ich ein... Herr von Charnh, wenn Sie dieſen Vorſchlag billigen, ſo gehen Sie gefälligſt und theilen Sie denſel⸗ ben dem König zur Eutſcheidung mit.“ Charny verbengte ſich und ging ab. „Folge dem Grafen, Weber, und melde mir die Antwort des Königs.“ Weber ging hinter dem Grafen hinaus. Die Gegenwart von Charny, dem kalten, ernſten, ergebenen Maune, war, wenn nicht für die Königin, doch wenigſtens für die Frau ein ſo grauſamer Vorwurf, daß ſie ihn nur ſchauernd wiederſah. Sodann hatte ſie vielleicht eine furchtbare Ahnung von dem, was vorgehen ſollte. Weber kam zurück. „Der König nimmt an,“ ſagte er,„und die Herren Champion und Dejoly begeben ſich auf der Stelle in die Nationalverſammlung, um die Bitte Seiner Majeſtät zu überbringen.“ „Aber ſchauen Sie doch!“ rief die Königin. „Was, Madame?“ fragte Röderer. „Was machen ſie denn?“ Die Belagernden waren beſchäftigt, Schweizer zu ſchen. 5 Röderer ſchaute, doch ehe er Zeit gehabt, ſich eine Idee von dem zu machen, was vorfiel, ging ein Piſto⸗ lenſchuß los, auf den die fürchterliche Salve folgte. Das Schloß zitterte, wie in ſeinen Grundfeſten er⸗ ſchüttert. Die Königin ſtieß einen Schrei aus, wich einen — S— 65 ben⸗ Schritt zurück, und kam dann, durch die Reugierde an⸗ daß gezogen, ans Fenſter zurück. De⸗„Oh! ſehen Sie! ſehen Sie!“ rief ſie, die Augen s zu entflammt,„ſie fliehen! ſie ſind in Verwirrung gebracht! Was ſagten Sie denn, Herr Röderer, Sie haben kein llige anderes Hülfsmittel mehr, als die Nationalverſammlung?“ hlag„Will Ihre Majeſtät die Gnade haben, mir zu ſel folgen?“ erwiederte Röderer. „Sehen Sie! ſehen Sie!“ fuhr die Königin fort, „die Schweizer machen einen Ausfall und verfolgen ſie. die Oh! das Carrouſel iſt frei! Sieg! Sieg!“ „Aus Mitleid für Sie ſelbſt, Madame, folgen Sie mir,“ ſprach Röderer, en,„ Die Königin kam wieder zu ſich und folgte dem in, Shndicus. rf,„Wo iſt der König?“ fragte Röderer den erſten Kammerdiener, dem er begegnete. ng„Der König iſt in der Gallerie des Louvre,“ ant⸗ wortete dieſer. „Gerade dahin wollte ich Eure Majeſtät führen,“ en ſagte Röderer. in Die Königin folgte, ohne ſich einen Begriff von tät der Abſicht ihres Führers zu machen. Die Gallerie war bei der Hälfte ihrer Länge ver⸗ rammelt und beim Drittel durchſchnitten; zwei bis drei⸗ hundert Mann vertheidigten ſie und konnten ſich gegen die Tuilerien vermittelſt einer Art von fliegenden Brücke zu zurückziehen, welche, vom Letzten mit dem Fuße abge⸗ ſtoßen, in das Erdgeſchoß fiel. e Der König ſtand am Fenſter mit den Herren de ⸗ la Chesnahe, Maillardoz und fünf bis ſechs Edelleuten. Er hatte ein Augenglas in der Hand. ⸗ Die Königin lief dach dem Balcon, und ſie bedurfte keines Augenglaſes, um zu ſehen, was vorging. n Das Inſurrectionsheer rückte lang und dicht heran, Die Gräfin von Charnh. VII. 5 66 die ganze Breite des QOuai bedeckend und ſich ins Un⸗ abſehbare erſtreckend. Durch den Pont Neuf ſchloß der Faubourg Saint⸗ Marceau ſeine Verbindung mit dem Faubvurg Saint⸗ Antvine. Alle Glocken von Paris läuteten wüthend Sturn, wobei der Bourdon') von Notre⸗Dame all dieſes eherne Vibriren übertönte. Eine glühende Sonne prallte in Tauſenden von Blitzen an den Läufen der Flinten und den Eiſen der Lanzen zurück. Dann hörte man, wie das entfernte Getöſe des Sturmes, das dumpfe Rollen des ſchweren Geſchützes. „Nun, Madame?“ fragte Röderer. Mehr als fünfzig Perſonen hatten ſich hinter dem König verſammelt. Die Königin warf einen langen Blick auf dieſe ganze Menge, die ſie umgab; dieſer Blick ſchien bis in der Tiefe der Herzen Alles das zu ſuchen, was von Ergeben⸗ Sodann,— eine ſtumme, arme Frau, die nicht wußte, an wen ſie ſich wenden, noch welche Bitte ſie thun ſollte! — nahm ſie ihr Kind, zeigte es den Schweizer Officieren, den Officieren der Nationalgarde, den Edelleuten. Es war nicht die Königin einen Thron für ihren Erben fordernd; es war die Mutter in der Herzensangſt, mitten in einer Feuersbrunſt ſchreiend:„Mein Kind! wer wird mein Kind retten?“ Während dieſer Zeit ſprach der König leiſe mit“ dem Syndicus der Commune, oder Röderer wiederholte ihm vielmehr das, was er ſchon der Königin geſagt hatte. Zwei ſehr von einander verſchiedene Gruppen hatten ſich um die zwei erhabenen Perſonen gebildet; die Gruppe *) Die große Glocke von Notre⸗Dame. „ Un⸗ aint⸗ aint⸗ urm, ern von der des 8. dem inze der en⸗ te, te! el, ren ſt, d! „ nit lte te. en pe 67 des Königs kalt, ernſt, beſtehend aus Räthen, welche die von Röderer ausgeſprochene Anſicht zu billigen ſchienenz die Gruppe der Königin glühend, enthuſiaſtiſch, zahlreich, beſtehend aus jungen Militären, die ihre Hüte ſchwan⸗ gen und ihre Degen zogen, die Hände zum Dauphin er⸗ hoben, auf den Knieen der Königin das Kleid küßten und ſchworen, ſie werden für den Einen und für die Andere ſterben. In ihrem Enthuſiasmus fand die Königin wieder einige Hoffnung. In dieſem Augenblicke vereinigte ſich die Gruppe des Königs mit der der Königin, und der König mit ſeiner gewöhnlichen Unempfindlichkeit bildete den Mittel⸗ punkt der zwei vereinigten Gruppen. Dieſe Unempfind⸗ lichkeit war vielleicht Muth. Die Königin nahm ein Paar Piſtolen aus dem Gürtel von Herrn Maillardoz, dem Commandanten der Schweizer, und ſprach: „Auf, Sire! es iſt für Sie der Augenblick, gekom⸗ men, ſich zu zeigen oder unter Ihren Freunden zu ſterben!“ Dieſe Bewegung der Königin ſteigerte die Begei⸗ ſterung auf den höchſten Grad; Jeder erwartete die Ant⸗ nh des Königs mit offenem Munde und gehemmtem em. Ein junger König, ſchön, muthig, der ſich, das Auge glühend, die Lippe bebend, dieſe zwei Piſtolen in der Hand, mitten in den Kampf geworfen hätte, konnte vielleicht das Glück zu ſich zurückrufen! Man wartete, man hoffte. Der König nahm die Piſtolen aus den Händen der Königin und gab ſie Herrn Maillardoz zurück. n wandte er ſich gegen den Syndicus um und „Sie ſagen alſo, mein Herr, ich ſoll mich in die Nationalverſammlung beneen 3 68 „Sire,“ antwortete Röderer ſich verbengend,„das iſt meine Meinung.“ „Vorwärts, meine Herren,“ ſprach der König,„es iſt nichts mehr hier zu machen.“ Die Königin ſtieß einen tiefen Seufzer aus, nahm den Dauphin in ihre Arme, wandte ſich an Frau von Lamballe und Frau von Tourzel und ſagte: „Kommen Sie, meine Damen, da es der König ſo will!“ Das hieß zu den Anderen ſagen:„Ich verlaſſe Euch.“ Madame Campan erwartete die Königin in der Flur, durch welche ſie gehen mußte. Die Königin ſah ſie. „Erwarten Sie mich in meinem Zimmer,“ ſagte ſie;„ich werde zu Ihnen kommen oder Sie holen laſſen, um. Gott weiß wohin. zu gehen.“ Sodann, indem ſie ſich gegen Madame Campan neigte, flüſterte ſie: „Dh! einen Thurm am Ufer des Meeres!“ Die verlaſſenen Edelleute ſchauten einander an und ſchienen ſich zu ſagen„Haben wir für dieſen König hier den Tod geſucht?“ Herr de la Chesnahe verſtand dieſe ſtumme Frage und erwiederte: „Nein, meine Herren, für das Königthum! Der Menſch iſt ſterblich; das Princip iſt unvergänglich!“ Was die unglücklichen Frauen betrifft,— und es waren viele da: Einige, welche aus dem Schloſſe ab⸗ weſend, hatten unerhörte Anſtrengungen gemacht, um in daſſelbe zurückzukommen;— die Frauen waren mit Schrecken erfüllt. Man hätte glauben ſollen, es ſeien eben ſo viele — Marmorſtatuen in den Winkeln der Corridors oder längs den Treppen ſtehend. Endlich geruhte der König, an diejenigen zu den⸗ ken, welche er verließ. das „es hm von nig h.“ der gte en, nd ig ge er 69 Unten an der Treppe hielt er an und ſagte: „Was wird aber aus allen den Perſonen werden, die ich da oben gelaſſen habe?“ „Sire,“ erwiederte Röderer,„nichts wird für ſie leichter ſein, als Ihnen zu folgen: ſie ſind im Stadt⸗ kleide und werden durch den Garten gehen.“ „Es iſt wahr,“ verſetzte der König.„Vorwärts!“ „Oh! Herr von Charny,“ ſprach die Königin, als ſie den Grafen erblickte, der an der Gartenthüre mit bloßem Degen wartete,„warum habe ich Ihnen vor⸗ geſtern kein Gehör gegeben, als Sie mir zu fliehen riethen?“ Der Graf antwortete nicht; er näherte ſich aber dem König und ſagte: „Sire, wollte der König nicht die Gnade haben, meinen Hut zu nehmen und mir den ſeinigen zu geben, der ihn erkenntlich machen könnte?“ „Ah! Sie haben Recht,“ erwiederte der König, „wegen der weißen Feder. Ich danke, mein Herr.“ Und er nahm den Hut von Charny und gab ihm den ſeinigen. „Mein Herr,“ fragte die Königin,„ſollte der König auf dieſem Gange eine Gefahr laufen?“ „Sie ſehen, Madame, daß ich, wenn dieſe Gefahr beſteht, thue, was ich kann, um ſie von demjenigen, welchen ſie bedroht, abzuwenden.“ „Sire,“ ſprach der Schweizer Kapitän, der beauf⸗ tragt war, die Paſſage des Königs durch den Garten zu beſchützen,„iſt Eure Majeſtät bereit?“ 5 „Ja,“ antwortete der König, indem er den Hut von Charny auf ſeinen Kopf drückte. Der König ging in der Mitte von zwei Reihen Söeie welche mit demſelben Schritte marſchirten ie er. Plötzlich hörte man gewaltiges Geſchrei rechts. Das Thor, das nach den Tuilerien, beim Cafs de 70 Flore, ging, war geſprengt: eine Volksmaſſe, welche wußte, der König begebe ſich in die Nationalverſamm⸗ lung, ſtürzte in den Garten. Ein Mann, der dieſe ganze Bande zu führen ſchien, Lug. als Banner einen Lohl au—— einer Pieke. Der Kapitän ſieß haſen und defe l, die Feiehtt fertig zu machen. „Herr von Charny,“ ſagte die Königin,„ſehen Sie mich auf dem Punkte, in die Hände dieſer Elenden zu fallen, ſo werden Sie mich tödten, nicht wahr?“ „Ich kann Ihnen das nicht verſprechen, Madame,“ erwiederte Charny. „Warum nicht?“ rief die Königin. „Weil ich, ehe eine einzige Hand Sie berührt hat, todt ſein werde!“ „Ah!“ ſagte der König,„das iſt der Kopf von Herrn Mandat: ich erkenne ihn.“ Dieſe Mörderbande wagte es nicht, ſich zu nähern, doch ſie überhäufte den König und die Königin mit Schmähungen; fünf bis ſechs Flintenſchüſſe wurden ge⸗ feuert: ein Schweizer fiel lodt nieder, ein anderer ver⸗ wundet. Der Kapitän befahl, anzuſchlagen; ſeine Leute ge⸗ horchten. „Schießen Sie nicht, mein Herr!“ ſagte Charny, „oder nicht Einer von uns wird in die Rationalver⸗ ſammlung kommen.“ „Das iſt richtig, mein Herr,“ antwortete der Ka⸗„ pitän.„Das Gewehr in' Arm!“ 3 Die Soldaten nahmen das Gewehr wieder in den Arm, und man zog den Garten ſchräg durchſchneidend weiter. Die erſte Hitze des Jahres hatte die Kaſtanienbäume gelb gefärbt; obgleich man erſt im Anfange des Auguſts war, beſtreuten doch die ſchon dürren Blätter den Boden. Der kleine Dauphin rollte ſie unter ſeinen Füßen elche mm⸗ ien, ieke. h hen den e, at, n, nit e⸗ er⸗ n ne 3 71 und beluſtigte ſich damit, daß er ſie unter die ſeiner Schweſter ſtieß. „Die Blätter fallen frühzeitig in dieſem Jahre,“ ſprach der König. „Hat nicht Einer von dieſen Menſchen geſchrieben: „Das Königthum wird nicht bis zum Falle der Blätter gehen?““ ſagte die Königin. „Ja, Madame,“ antwortete Charny. „ünd wie heißt dieſer geſchickte Prophet?“ „Manuel.“ Es bot ſich indeſſen ein anderes Hinderniß vor den Schritten der königlichen Familie: das war eine be⸗ trächtliche Gruppe von Männern und Weibern, welche, mit drohenden Geberden und Waffen ſchwingend, auf der Treppe und der Terraſſe warteten, die man hinaufſteigen und überſchreiten mußte, um ſich vom Garten der Tuilerien in die Reitſchule zu begeben. Die Gefahr war um ſo größer, als es den Schwei⸗ zern unmöglich wurde, in ihren Gliedern zu bleiben. Der Kapitän verſuchte es nichtsdeſtoweniger, ſie durch die Menge dringen zu laſſen; doch es zeigte ſich eine ſolche Wuth, daß ihm Röderer zurief: „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr! Sie wer⸗ den machen, daß man den König tödtet.“ Man hielt an, und ein Bote ging ab und benach⸗ richtete die Nationalverſammlung, der König komme, um Aſyl von ihr zu verlangen. Die Nationalverſammlung ſchickte eine Deputation, doch der Anblick dieſer Deputation verdoppelte die Wuth der Menge. Man hörte die mit dem heftigſten Grimme ausge⸗ ſtoßenen Rufe: „Pieder mit Veto! nicder-nit-der-Delerreiceiut- Die Enietzung oder den d ſe zwei Kinder, da ſie begriffen, ihre Mutter werde hauptſächlich bedroht, drängten ſich an ſie an⸗ 72 Der kleine Dauphin fragte: „Herr von Charnh, warum wollen denn alle dieſe Leute Mama tödten?“ Ein Mann von coloſſaler Geſtalt, mit einer Pieke bewaffnet und lauter als die Andern ſchreiend;„Rieder mit Veto! den Tod der Heſterreicherin!“ verſuchte es, mit dieſer Pieke ſtoßend, bald den König, bald die önigin zu treffen. Die Schweizer Escorte war nach und nach auf die Seite gedrängt worden; die königliche Familie hatte um ſich nur noch die ſechs Edelleute, welche mit ihr aus den Tuilerien weggegangen waren, Herrn von Charnh und die Deputation der Nationalverſammlung, die ſie ab⸗ geholt hatte. Es waren noch über dreißig Schritte unter einer compacten Menge zu machen. Offenbar wollte man dem König und beſonders der Königin ans Leben. Unten an der Treppe begann der Kampf. „Mein Herr,“ ſagte Röderer zu Charny,„ſtecken Sie Ihren Degen in die Scheide, oder ich ſtehe für nichts!“ Charny gehorchte ohne ein Wort zu ſprechen. Die königliche Gruppe wurde von der Menge auf⸗ gehoben, wie eine Barke im Sturme von den Wellen aufgehoben wird, und gegen die Aſſemblée fortgeſchleppt; der König ſah ſich genöthigt, einen Menſchen zurückzu⸗ ſtoßen, der ihm die Fauſt vor das Geſicht gehalten hatte; faſt erſtickt, ſchrie der kleine Dauphin und ſtreckte die Arme aus, als wollte er um Hülfe rufen. Ein Mann ſtürzte hinzu, nahm ihn und entriß ihn den Händen ſeiner Mutter. „Herr von Charny, mein Sohn!“ rief Marie An⸗ toinette;„um des Himmels willen, retten Sie meinen Sohn!“.— Charnh machte ein paar Schritte gegen den Mann, — — dieſe Bieke teder ichte die die um den und ab⸗ ner der en ür 73 der das Kind forttrug; doch kaum hatte er die Königin demaskirt, da ſtreckten ſich ein paar Arme gegen ſie aus, und eine Hand packte ſie bei dem Tuche, das ihre Bruſt bedeckte. Die Königin ſtieß einen Schrei aus. Charny vergaß die Ermahnung von Röderer, und ſein Degen verſchwand ganz im Leibe des Mannes, der es gewagt, Hand an die Königin zu legen. Die Menge brüllte vor Wuth, als ſie Einen- der Ihrigen fallen ſah, und griff noch heftiger die Gruppe an. Die Weiber ſchrieen: „Ei! tödtet ſie doch, die Oeſterreicherin! gebt ſie doch uns, daß wir ſie erwürgen! Tod! Tod!“ Und zwanzig Arme ſtreckten ſich aus, um ſie zu ergreifen. Doch wahnſinnig vor Schmerz, ohne ſich mehr um ihre eigene Gefahr zu bekümmern, ſchrie Marie Antvinette unabläſſig: „Mein Sohn! mein Sohn!“ WMan berührte beinahe die Schwelle der National⸗ verſammlung; die Menge machte eine letzte Anſtrengung: ſie fühlte, daß ihre Beute ihr entgehen ſollte. Charny war ſo bedrängt, daß er nur noch mit dem Knopfe ſeines Degens ſchlagen konnte. Er ſah unter allen dieſen geſchloſſenen und drohen⸗ den Fäuſten eine mit einer Piſtole bewaffnete Hand, welche die Königin ſuchte. Er ließ ſeinen Degen los, ergriff mit beiden Hän⸗ den die Piſtole, entriß ſie dem, welcher ſie hielt, und ſchoß damit dem nächſten Angreifenden mitten auf die Bruſt. Der Mann ſtürzte todt zu Boden. Charny bückte ſich, um ſeinen Degen aufzuheben. Der Degen war ſchon in den Händen eines Menſchen aus dem Volke, der die Königin damit zu treffen ſuchte. Charny warf ſich auf den Mörder. In dieſem Augenblicke trat die Königin im Gefolge 74 des Königs in das Veſtibule der Nationalverſammlung ein; ſie war gerettet. Freilich ſchloß ſich hinter ihnen die Thüre wieder, von einem Schlage mit einer eiſernen Stange an den Kopf und von eitem Piekenſtoße in die Bruſt getroffen. „Wie mei üder“ murmelte er allend. Arme Andree as Geſchick von Charny ging in Erfüllung, wie das von Iſidor, wie das von Georges!. Das der Königin follte in Erfüllung gehen. In denſelben Momente verkündigte übrigens eine entſetzliche Artillerieſalve, die Anfrührer und das Schloß ſeien im Kampfe begriffen. CR. von Mittag bis drei Uhr. Einen Angenblick, wie die Königin, da ſie die Flucht der Vorhut ſah, konnten die Schweizer glanben, ſie ha⸗ ben es mit dem Heere ſelbſt zu thun gehabt, und dieſes Heer ſei zerſtreut. Sie hatten ungefähr vierhundert Menſchen im Kö⸗ nigshofe, hundert und fünfzig bis zweihundert im Car⸗ rouſel getödtet, und endlich ſieben Kanonen zurückgebracht. So weit das Auge reichte, erblickte man keinen Mann, der im Stande, ſich zu vertheidigen. Eine einzige kleine, iſolirte Batterie, welche auf der Terraſſe eines Hanſes der Wachſlube der Schweizer ge⸗ 8 A —— ung der, eich den en. me ie er ne oß 7⁵ genüber aufgepflanzt war, ſetzte ihr Feuer fort, ohne daß man ſie zum Schweigen bringen konnte. Da man ſich indeſſen Meiſter des Aufruhrs glaubte, ſo wollte man alle Maßregeln ergreifen, um mit dieſer Batterte um jeden Preis ein Ende zu machen, als man auf der Seite der Quais das Raſſeln der Trommeln und das dumpfe Aufſtoßen des ſchweren Geſchützes hörte. Das war dieſes Heer, das der König mit einem Angenglaſe von der Gallerie des Louvre aus kommen ſah. Zu gleicher Zeit fing das Gerücht an ſich zu ver⸗ breiten, der König habe das Schloß verlaſſen und ſei, um ein Aſyl zu verlangen, in die Nationalverſammlung gegangen. Es iſt ſchwer, zu ſagen, welche Wirkung dieſe Nach⸗ richt ſelbſt auf die ergebenſten Royaliſten hervorbrachte. Der König, der auf ſeinem königlichen Poſten zu ſterben verſprochen, verließ dieſen Poſten und ging zum Feinde über, oder gab ſich wenigſtens gefangen, ohne zu kämpfen! Von da an betrachteten ſich die Nationalgarden als entbunden und zogen ſich faſt insgeſammt zurück. Einige Edelleute folgten ihnen, da ſie es für unnütz erachteten, ſich für eine Sache tödten zu laſſen, die ſich ſelbſt als verloren bekannte. Die Schweizer allein blieben, düſter, ſtill, aber Sklaven der Disciplin. Von der Terraſſe des Pavillon de Flore herab und aus den Fenſtern der Gallerie des Louvre ſah man die heldenmüthigen Vorſtädte kommen, denen nie ein Heer wi⸗ derſtanden, und die in einem Tage die Baſtille zerſtört hatten,— die Feſtung, deren Füße ſeit vierhundert Jahren im Boden eingewurzelt waren. Die Angreifenden hatten ihren Plan: ſie glaubten den König im Schloſſe und wollten von allen Seiten das Schloß umzingeln, um den König zu nehmen. 76 Die Colonne, welche dem Quai des linken Ufers folgte, erhielt daher Befehl, das Gitter am Waſſer zu forciren; die, welche durch die Rue Saint⸗Honoré kam, das Thor der Feuillants zu ſprengen, während die Co⸗ lonne des rechten Ufers, commandirt von Weſtermann, der unter ſeinen Befehlen Santerre und Billot hatte, von vorne angreifen würde. Dieſe letzte mündete plötzlich durch alle Einläſſe des Carrouſel, das Ca ira ſingend. Die Marſeiller bildeten die Spitze der Colonne; ſie ſchleppten mitten in ihren Reihen zwei mit Kartät⸗ ſchen geladene kleine Vierpfünder. Ungefähr zweihundert Schweizer waren in Schlacht⸗ ordnung auf dem Carrouſel aufgeſtellt. Die Aufrührer marſchirten gerade auf ſie zu, und in dem Augenblicke, wo die Schweizer ihre Gewehre ſenkten, um Feuer zu geben, demaskirten ſie ihre zwei Kanonen und gaben ſelbſt Feuer. Die Soldaten ſchoßen ihre Flinten ab, zogen ſich aber unmittelbar hierauf gegen das Schloß zurück und ließen dreißig Todte und Verwundete auf dem Pflaſter des Carrouſel. Sogleich warfen ſich die Aufrührer, welche an ihrer Spitze die Marſeiller und die bretoniſchen Föderirten hat⸗ ten, auf die Tuilerien und bemächtigten ſich zweier Höfe; des Königshofes, welcher im Centrum lag,— wo ſo viele Todte waren,— und des Prinzenhofes in der Nähe des Pavillon de Flore und des Quai. Billot hatte da kämpfen wollen, wo Piton getödtet worden war; dann, wir müſſen es ſagen, blieb ihm noch eine Hoffnung: die, der arme Junge ſei nur verwundet worden, und er werde ihm im Königshofe denſelben Dienſt leiſten, den ihm Piton auf dem Marsfelde geleiſtet. Er drang alſo einer der Erſten in den Hof vom Centrum ein; der Blutgernch war ſo ſtark, daß man 5 62 — 77 ſich in einem Schlachthauſe geglaubt hatte; er ſtrömte aus dieſem Leichenhaufen gewiſſer Maßen ſichtbar wie ein Rauch aus. Dieſer Anblick, dieſer Geruch erbitterten die An⸗ greifenden im höchſten Grade; ſie ſtürzten nach dem Schloſſe. Hätten ſie aber auch zurückweichen wollen, es wäre uumöglich geweſen; die Maſſen, die ſich unaufhörlich durch die Einläſſe des Carrouſel drängten, trieben ſie vorwärts. Bemerken wir aber ſogleich, obſchon die Facade des Schloſſes einem Feuerwerke glich, fiel es doch Kei⸗ nem ein, einen Schritt rückwärts zu machen. Und die Aufrührer, waren ſie einmal in dieſen mitt⸗ leren Hof vorgedrungen, fanden ſich doch wie diejenigen, in deren Blute ſie bis an die Kuöchel marſchirten, zwi⸗ ſchen zwei Feuern gefaßt: zwiſchen dem Feuer des Ve⸗ ſtibule und dem der doppelten Reihe der Baraken. Man mußte zuerſt das Feuer der Baraken aus⸗ löſchen. Die Marſeiller warfen ſich auf ſie wie Doggen auf einen glühenden Kohlenhaufen. Sie konnten ſie aber nicht mit ihren Händen einreißen: ſie verlangten Hebe⸗ ſtangen, Karſte und Hauen⸗ Billot verlangte Stückpatronen. Weſtermann begriff den Plan ſeines Lieutenants. Man brachte Stückpatronen mit Lunten. Auf die Gefahr, das Pulver in ihren Händen los⸗ gehen zu ſehen, zündeten die Marſeiller die Lunten an und ſchleuderten die Stückpatronen in die Baraken. Die Baraken geriethen in Brand. Diejenigen, welche ſie vertheidigten, ſahen ſich genöthigt, ſie zu räu⸗ men und ſich unter das Veſtibule zu flüchten. Die Aufrührer, Billot an der Spitze, benützten dieſen Augenblick, um den Flüchtlingen bis unter das Veſtibule zu folgen. 78 Hier traf man Eiſen gegen Eiſen, Feuer gegen Feuer zuſammen. Plötzlich fühlte ſich Billot von hinten umſchlungen; er wandte ſich um, im Glauben, er habe es mit einem Feinde zu thun; als er aber denjenigen erblickte, welcher ihn umſchlang, gab er einen Freudenſchrei von ſich. Es war Piton! Piton unkennbar, von den Füßen bis zum Kopfe mit Blut bedeckt; aber Piton geſund und wohlbehalten, ohne eine einzige Wunde. In dem Augenblicke, wo er die Schweizer ihre Ge⸗ wehre ſenken ſah, hatte er, wie wir erwähnt:„Werft Euch auf den Bauch!“ gerufen und ſelbſt das Beiſpiel gegeben. Doch ſeine Kameraden hatten nicht Zeit gehabt, dieſes Beiſpiel zu befolgen. Das Musketenfeuer war ſodann wie eine ungeheure Senſe in Mauneshöhe hingegangen und hatte drei Viertel von dieſen menſchlichen Aehren gemäht, welche fünf und zwanzig Jahre brauchen, um zu wachſen, und die eine einzige Secunde beugt und bricht. Piton hatte ſich buchſtäblich unter Leichnamen be⸗ graben gefühlt, ſodann durch eine von allen Seiten rie⸗ ſelnde Flüſſigkeit gebadet. Trotz des tief unangenehmen Eindrucks, den Piton, erſtickt durch das Gewicht der Todten, gebadet durch ihr Blut, empfand, beſchloß er, ſich mäuschenſtill zu verhal⸗ ten und, um ein Lebenszeichen von ſich zu geben, einen günſtigen Angenblick abzuwarten. Auf dieſen günſtigen Augenblick hatte er über eine Stunde gewartet. Allerdings hatte ihm jede Minute von dieſer Stunde ſelbſt eine Stunde geſchienen. Endlich hielt er den Augenblick für günſtig, als er das Siegesgeſchrei ſeiner Gefährten hörte, und unter dieſem Geſchrei die Stimme von Billot, der ihn rief. Dann hatte er, wie der unter dem Aetna begrabene — — 2— — 79 Enkelados, dieſe Lage von Leichnamen, die ihn bedeckte, abgeſchüttelt, es war ihm gelungen, ſich wieder auf die Füße zu ſtellen, und da er Billot im erſten Gliede er⸗ kannt hatte, war er hinzugelaufen, um ihn an ſein Herz zu drücken, ohne ſich darum zu bekümmern, von welcher Seite er ihn daran drücke. Eine Salve der Schweizer, die ein Dutzend Men⸗ ſchen zu Boden ſtreckte, rief Billot und Pitou zum Ernſte der Lage zurück. Neunhundert Klafter Gebäude brannten rechts und links im mittleren Hofe. Das Wetter war ſchwül, und es ging nicht der geringſte Wind. Der Rauch des Brandes und des Mus⸗ ketenfeuers laſtete auf den Kämpfenden wie ein Bleidach; der Rauch füllte das Veſtibule des Schloſſes; die ganze Fagade, an der jedes Fenſter flammte, war mit einem Rauchſchleier bedeckt; man konnte weder unterſcheiden, ſi man den Tod ſandte, noch von wo man ihn em⸗ pfing. Piton, Billot, die Marſeiller, die Svitze der Co⸗ lonne marſchirten voran und drangen mitten unter dem Rauche in das Veſtibule ein. Man befand ſich vor einer Mauer von Bajonneten: das waren die der Schweizer. Da begannen die Schweizer ihren Rückzug, einen heroiſchen Rückzug, bei welchem Schritt für Schritt, Stufe um Stufe, auf jeder Stufe ein Glied der Seini⸗ gen laſſend, das Bataillon langſam zurückwich. 4 Am Abend zählte man achtzig Leichname auf der re ppe. Plötzlich hörte man durch die Corridors und die Zimmer den Ruf ertönen⸗ „Der König befiehlt den Schweizern, das Feuer ein⸗ zuſtellen.“ Das war Nachmittags um zwei Uhr. Man vernehme, was in der Nationalverſammlung 80 vorgefallen war, und was den Befehl herbeigeführt hatte, den man in den Tuilerien prorlamirte, um den Kampf aufhören zu machen; ein Befehl, der den doppelten Vor⸗ theil hatte, daß er die Erbitterung der Sieger vermin⸗ derte und die Ehre der Beſiegten bedeckte. In dem Augenblicke, wo ſich das Thor der Feuillants wieder hinter der Königin ſchloß, und ſie durch dieſes noch ein wenig offene Thor eiſerne Stangen, Bajon⸗ nete und Pieken Charny bedrohen ſah, gab ſie einen Schrei von ſich und ſtreckte ihre Arme nach dieſer Seite aus; doch fortgeriſſen gegen den Saal von ihren Begleitern und zu gleicher Zeit durch jenen Mutterinſtinct, der ſie vor Allem ihrem Kinde folgen hieß, trat ſie hinter dem König in die Nationalverſammlung ein. Hier wurde ihr eine große Freude zu Theil: ſie er⸗ plickte ihren Sohn auf dem Bureau des Präſidenten ſitzend; der Mann, der ihn hieher gebracht hatte, ſchüt⸗ telte ſeine rothe Mütze neben dem Kopfe des jungen Prinzen und rief ganz freudig: „Ich habe den Sohn meiner Gebieter gerettet! Es lebe Monſeigneur der Dauphin!“ Sobald aber ihr Sohn in Sicherheit, führte eine ſchnelle Rückkehr des Herzens der Königin dieſe wieder zu Charny. „Meine Herren,“ ſagte ſie,„einer meiner bravſten Ofſickere, einer meiner ergebenſten Diener iſt in Todes⸗ gefahr vor dem Thore geblieben; ich bitte Sie um Hülfe ür ihn.“ ſut Fünf bis ſechs Abgeordnete eilten auf dieſe Stimme ort. Der König, die Königin, die königliche Familie und die Perſonen, welche ſie begleiteten, wandten ſich nach den für die Miniſter beſtimmten Sitzen und nah⸗ men hier Platz. Die Rationalverſammlung hatte ſie ſtehend empfan⸗ gen, nicht wegen der königlichen Häuptern ſchuldigen —— 5†——— —*» 81 Etiquette, ſondern wegen der dem Unglücke ſchuldigen Ehrfurcht. Ehe er ſich ſetzte, bedeutete der König durch ein Zeichen, er wolle ſprechen. Man ſchwieg. „Ich bin hieher gekommen,“ ſagte er,„um ein gro⸗ ßes Verbrechen zu vermeiden; ich dachte, ich konne nicht mehr in Stcherheit ſein, als in Ihrer Mitte.“ „Nun,“ antwortete Vergniaud, der präſidirte,„Sie können auf die Feſtigkeit der Nationalverſammlung zäh⸗ len; ihre Mitglieder haben geſchworen, in Vertheidigung der Rechte des Volks und der conſtituirten Gewalten zu ſterben.“ Der König ſetzte ſich. In dieſem Augenblicke erſcholl ein entſetzliches Mus⸗ ketenfener beinahe vor den Thüren der Reitſchule*): die Nativnalgarde, vermiſcht mit den Aufrührern, ſchoß von der Terraſſe der Feuillants auf den Kapitän und die Schweizer Soldaten, welche der königlichen Familie als Bedeckung gedient hatten. Ein Officier von der Nationalgarde, der ohne Zwei⸗ fel den Kopf verloren, trat ganz erſchrocken ein, hielt erſt an den Schranken an und rief: „Die Schweizer! die Schweizer! wir ſind über⸗ wältigt!“ Die Nationalverſammlung glaubte einen Angenblick, die Schweizer haben als Sieger die Inſurrection zurück⸗ geſchlagen und marſchiren gegen die Reitſchule, um ihren König wieder zu nehmen,— denn zu dieſer Stunde, man muß es ſagen, war Ludwig XVI. viel mehr König der Schweizer, als König der Franzoſen. Der ganze Saal erhob ſich in einer freiwilligen⸗ *) Sitz der Nationalverſammlung. Die Gräfin von Charny. VM. 82 einhelligen Bewegung, und Repräſentanten des Volks, Zuſchauer der Tribunen, Nationalgarden, Secretäre, Jeder rief, die Hand ausſtreckend: „Was auch geſchehen mag⸗ wir ſchwören, frei zu leben und zu ſterben.“ Der Konig und die königliche Familie hatten nichts bei dieſem Schwure zu thun; ſie blieben auch ſitzen. Die⸗ ſer Ruf, aus dem Munde von dreitauſend Menſchen hervorgegangen, zog wie ein Orkan über ihre Häupter hin. Der Irrthum währte nicht lange, dieſe Minute der Begeiſterung war aber erhaben. Eine Viertelſtunde nachher ertönte ein anderer Schrei. „Das Schloß iſt erſtürmt! die Aufrührer marſchiren gegen die Nationalverſammlung, um hier den König zu ermorden!“ Da erhoben ſich dieſelben Menſchen⸗ welche ſo eben im Haſſe gegen das Königthum frei zu ſterben geſchwo⸗ ren hatten, mit derſelben Begeiſterung und eben ſo frei⸗ willig und ſchworen, den Konig bis zum Tode zu ver⸗ theidigen. Gerad ein dieſem Augenblicke forderte man den Schwei⸗ zer Kapitän Durler im Namen der Nationalverſammlung auf, die Waffen niederzulegen. „Ich diene dem König, und nicht der Nationalver⸗ ſammlung,“ ſagte er;„wo iſt der Befehl des Königs 37 Die Mandatare der Rationalverſammlung hatten keinen geſchriebenen Befehl. „Ich habe mein Commando vom König,“ ſprach„ Durler,„ich werde es nur dem König übergeben.“ Man führte ihn faſt mit Gewalt in die National⸗ verſammlung. pi war ganz ſchwarz von Pulver, ganz roth von ut. „Sire,“ ſagte er,„man will, ich ſoll die Waffen niederlegen: iſt das der Befehl des Königs?“ „Ja,“ antwortete Ludwig XVI.,„übergeben Sie Ihre von Ihre 83 Waffen der Rationalgarde; ich will nicht, daß brave Leute wie Sie umkommen.“ Durler beugte das Haupt, ſtieß einen Seufzer aus und ging ab; an der Thüre ließ er aber ſagen, er werde nur auf einen ſchriftlichen Befehl gehorchen. Da nahm der König ein Papier und ſchrieb: „Der König befiehlt den Schweizern, die Waffen niederzulegen und ſich in die Kaſernen zurückzuziehen!“ Das war das, was mau in den Zimmern, in den Corridors und auf den Treppen der Tuilerien ausrief. Als dieſer Befehl der RNationalverſammlung wieder einige Ruhe verſchafft hatte, ſetzte der Präſident ſeine Glocke in Bewegung und ſprach: „Laſſen Sie uns berathſchlagen.“ Ein Deputirter ſtand aber auf und bemerkte, ein Artikel der Conſtitution verbiete, in Gegenwart des Kö⸗ nigs zu berathſchlagen⸗ „Das iſt wahr,“ ſagte Ludwig XVI.;„doch wohin werden Sie uns bringen?“ „Sire,“ erwiederte der Präſident,„wir haben Ihnen die Tribune des Journals: der Logographe, anzubie⸗ ten, welche leer iſt, da dieſes Journal zu erſcheinen auf⸗ gehört hat.“ „Es iſt gut,“ verſetzte der König,„wir ſind bereit, uns dahin zu begeben.“ „Huiſſiers,“ rief Herr Vergniaud,„führen ſie den König in die Loge des Logographe.“ Die Huiſſiers beeilten ſich, zu gehorchen⸗ Der König, die Königin, die königliche Familie nahmen wieder, um aus dem Saale wegzugehen, den Weg, den ſie genommen hatten, um, hereinzukommen, und be⸗ fanden ſich bald im Corridor.“ Was iſt denn hier auf der Erde?“ fragte die Köni⸗ gin;„man ſollte glauben, es ſei Blut.“ Die Huiſſiers antworteten nicht; waren dieſe Flecken wirklich Blutflecken, ſo wußten ſie vielleicht nicht, woher ſie kamen. Die Flecken waren, ſeltſamer Weiſe! größer und zahlreicher, ſowie man ſich der Loge näherte. Um der Königin dieſes Schanſpiel zu erſparen, verdoppelte der König den Schritt, und die Loge der Königin öffnend, ſagte er: „Treten Sie ein, Madame.“ Die Königin eilte voran; doch als ſie den Fuß auf die Thürſchwelle ſetzte, ſtieß ſie einen Schrei des Entſetzens aus und warf ſich, die Hände an ihre Augen drückend, rückwärts. Die Gegenwart der Blutflecken war erklärt: man hatte einen Leichnam in die Loge gelegt. Das war dieſer Leichnam, auf welchen die Königin beinahe mit dem Fuße getreten war, was gemacht hatte, daß ſie einen Schrei ausgeſtoßen und ſich zurückgeworfen. „Ah!“ ſagte der König mit demſelben Tone, mit dem er geſagt hatte:„Es iſt der Kopf des armen Herrn Mandat!“„ah! es iſt der Leichnam des armen Grafen von Charny!“ Es war in der That der Leichnam des Grafen, den die Deputirten den Händen der Mörder entzogen und in die Loge des Logographe zu legen befohlen hatten, da ſie nicht errathen konnten, zehn Minuten nachher werde man hier die königliche Familie unterbringen. Man nahm den Leichnam weg, und die königliche Familie trat in die Loge ein. Man wollte ſie waſchen oder abtrocknen, denn der Boden war ganz mit Blut bedeckt; doch die Königin machte ein Zeichen des Widerſpruchs und nahm zuerſt latz. bzur ſah Niemand, daß ſie die Bänder ihrer Schuhe zerriß und ihre ſchauernden Füße in Berührung mit dem noch lauen Blute ſetzte. „Oh!“ murmelte ſie,„Charny! Charny! warum 85 fließt mein Blut nicht hier bis auf den letzten-Tropfen⸗ um ſich fit bie Eiaei ui i üg drei Uihr Nachmittags. CLI. von drei Uhr bis ſechs Uhr Vachmittags. Wir haben das Schloß in dem Augenblicke verlaſ⸗ ſen, wo, nachdem das mittlere Veſtibule erſtürmt und die Schweizer von Stufe zu Stufe bis in die Gemächer des Königs zurückgedrängt waren, eine Stimme in den Zim⸗ mern und in den Corridors erſcholl, ausrufend:„Der S befiehlt den Schweizern, die Waffen niederzu⸗ egen!“ Dieſes Buch iſt wahrſcheinlich das letzte, das wir über die erſchreckliche Epoche machen werden; ſowie un⸗ ſere Erzählung vorrückt, verlaſſen wir alſo das Terrain, das wir durchlaufen haben, um nie mehr darauf zurück⸗ zukehren. Das ermächtigt uns, in allen Einzelnheiten dieſen äußerſten Tag unſern Leſern vor Augen zu legenz wir haben um ſo mehr das Recht hiezu, als wir es, ohne irgend ein Vorurtheil, ohne irgend einen Haß⸗ ohne irgend eine Partei genommen zu haben, thun. Der Leſer iſt in den Königshof hinter den Mar⸗ ſeillern eingetreten; er iſt Billot unter den Flammen und dem Rauche gefolgt und hat ihn mit Pitou, einem aus der Witte der Todten erſtandenen blutigen Geſpenſte, jede Stufe der Treppe, auf deren Höhe wir ſie gelaſſen, hinaufſteigen ſehen. „ Von dieſem Augenblicke an waren die Tuilerien genommen. 2 Wer iſt der finſtere Geiſt, der beim Siege vorge⸗ waltet hatte? Der Zorn des Volkes, wird man antworten. Ja, allerdings, doch wer lenkte dieſen Zorn? Der Mann, den wir kaum genannt haben, der deutſche Officier, der auf einem kleinen Rappen an der Seite des Rieſen Santerre und ſeines coloſſalen flämi⸗ ſchen Roſſes marſchirte, der Elſäßer Weſtermann. Wer war dieſer Mann, der ſich, dem Blitze ähn⸗ lich, nur unter dem Gewitter ſichtbar machte? Einer von den Menſchen, welche Gott im Arſenal ſeines Zornes verborgen hält, und die er aus der Dun⸗ kelheit nur in dem Augenblicke zieht, wo er ihrer be⸗ darf, nur in der Stunde, wo er ſchlagen will! Er heßßt Weſtermann, der Mann des Nie⸗ dergangs. Und in der That, er erſcheint, da das Königthum fällt, um ſich nicht mehr zu erheben. Wer hat ihn erfunden? wer hat ihn errathen? wer iſt der Vermittler zwiſchen ihm und Gott geweſen? Wer hat begriffen, man müſſe dem Bierbrauer, einem aus dem materiellen Blocke des Fleiſches ge⸗ hauenen Rieſen, eine Seele für dieſen Kampf geben, wo die Titanen Gott entthronen ſollten? Wer hat Geryon durch Prometheus vollkommen gemacht? Wer hat San⸗ terre mit Weſtermaun vervollſtändigt? Danton. Wo hat der furchtbare Tribun dieſen Sieger geholt? An einem Sammelplatze alles Geſindels, in einem Winkel des Auswurfs, in einem Gefängniß, in Saint⸗ Lazare. Weſtermann war angeklagt,— verſtehen wir uns wohl, nicht überwieſen,— falſche Kaſſenbillets gemacht zu haben, und er war präventiv in Verhaft genommen worden. c+ M 8— *— M v— — 87 Dauton brauchte für das Werk vom 10. Auguſt einen Mann, der nicht zurückweichen konnte, weil er zurückweichend den Pranger beſtiegen hätte. Danton wandte kein Ange von dem geheimnißvollen Gefangenen; am Tage und in der Stunde, wo er ſeiner bedurfte, brach er Kette und Riegel mit ſeiner mächtigen Hand und ſagte:„Komm!“ Die Revolution beſteht, wie ich geſagr habe, nicht allein darin, daß man obenauf bringt, was unten iſt, ſondern auch, daß man die Gefangenen in Freiheit ſetzt und ins Gefängniß die freien Leute ſteckt; nicht nur die freien Leute, ſondern auch die Mächtigen der Erde, die Großen, die Fürſten, die Könige! 1 Ohne Zweifel in ſeiner Sicherheit über das, was kommen ſollte, ſchien Danton ſo fühllos während der fieberhaften Finſterniß, welche der blutigen Morgenröthe des 10. Auguſt vorherging. Schon am Tage vorher hatte er den Wind geſäet, und er brauchte ſich um nichts mehr zu bekümmern, ſicher, wie er war, den Sturm zu ernten. Der Wind, das war Weſtermann; der Sturm, das war Santerre, dieſe rieſenhafte Perſönlichung des Volks. Santerre zeigte ſich kaum an dieſem Tage; Weſter⸗ mann that Alles, war überall. Es war Weſtermann, der die Verbindungsbewegung des Faubourg Saint Marceau und des Faubourg Saint⸗ Antoine auf dem Pont Reuf leitete; es war Weſter⸗ mann, der, auf ſeinem kleinen Rappen reitend, an der Spitze des Heeres unter dem Einlaſſe des Carronſel erſchien; es war Weſtermann, der, als handelte es ſich darum, das Thor einer Kaſerne einem Regimente am Ende einer Etape zu öffnen, mit dem Griffe ſeines De⸗ gens an das Thor der Tuilerien klopfte. Wir haben geſehen, wie dieſes Thor ſich öffnete, wie die Schweizer heldenmüthig ihre Pflicht thaten, wie ſie ſich zurückzogen, ohne zu fliehen, wie ſie vernichtet 88 wurden, ohne beſiegt zu ſein; wir ſind ihnen Stufe um Stufe auf der Treppe gefolgt, die ſie mit ihren Todten bedeckten: folgen wir ihnen Schritt für Schritt in den Tuilerien, die ſie mit Leichen beſtreuen werden. In dem Angenblicke, wo man erfuhr, der König habe das Schloß verlaſſen, verſammelten ſich die zwei bis dreihundert Edelleute, welche gekommen waren, um mit dem König zu ſterben, im Saale der Leibwachen der Königin, und ſie fragten ſich, ob ſie, da der König nicht mehr da ſei, um mit ihnen zu ſterben, wie er ſich hiezu feierlich verbindlich gemacht, ohne ihn ſterben ſollen. Da beſchloßen ſie, da der König in die National⸗ verſammlung gegangen ſei, ihm ſelbſt dahin nachzufolgen. Sie zogen alle Schweizer zuſammen, die ſie treffen konnten, vereinigten ferner mit ſich ungefähr zwanzig Mann von der Nationalgarde, und gingen, fünfhundert an der Zahl, gegen den Garten hinab. Der Durchgang war geſchloſſen durch ein Gitter, enannt das Gitter der Königin; man wollte das Schloß prengen: das Schloß widerſtand. Die Stärkſten fingen an, an einer Stange zu rütteln, und es gelang ihnen, ſie zu zerbrechen. Die Oeffnung gewährte der Schaar Eingang, doch nur Mann für Mann. Man war dreißig Schritte von den am Gitter des Pont Royal aufgeſtellten Bataillons entfernt. Zwei Schweizer Soldaten kamen zuerſt aus der engen Paſſage hervor: Beide waren getödtet, che ſie vier Schritte gemacht hatten. Alle Andere ſchritten über ihre Leichname. Die Schaar wurde raſch gelichtet durch zahlloſe Mus⸗ ketenſchüſſe; da aber die Schweizer mit ihren g'änzenden Uniformen einen leichteren Zielpunkt boten, ſo richteten ſich die Kugeln vorzugsweiſe auf die Schweizer; für drei Edelleute, von denen zwei getödtet wurden und einer verwundet, fielen ſechszig bis ſiebzig Schweizer. m en en „— 89 Die zwei getödteten Edelleute waren die Herren von Corteja und von Clermont d'Ambviſe; der verwun⸗ dete Edelmann war Herr von Viomesnil. Während man nach der Nationalverſammlung mar⸗ ſchirte, zog man an einem Wachhauſe vorüber, das an die Terraſſe am Ufer angelehnt und unter Bänme ge⸗ ſtellt war. Die Wache kam heraus und gab Feuer auf die Schweizer, von denen acht bis zehn fielen. Der Reſt der Colonne, der auf ungefähr achtzig Schritten achtzig Menſchen verloren hatte, wandte ſich nach der Treppe der Feuillants. Herr von Choiſeul ſah ſie von fern, lief, mit dem Degen in der Hand, unter dem Feuer der Kanonen des Pont Royal und des Pont Tournant auf ſie zu und ſuchte ſie wiederzuvereinigen. „Nach der Nationalverſammlung!“ rief er. ünd da er glaubte, die vierhundert Leute, welche übrig blieben, folgen ihm, ſo ſtürzte er in die Corridors und eilte die Treppe hinauf, welche in den Sitzungsſaal führte. Auf der letzten Stufe begegnete er Merlin. „Was machen Sie hier mit dem Degen in der Hand, Unglücklicher?“ fragte ihn der Abgeordnete. Herr von Choiſeul ſchaute umher: er war ollein. „Stecken Sie Ihren Degen in die Scheide und ſuchen Sie den König wieder auf;“ ſagte Merlin;„nur ich allein habe Sie geſehen: folglich hat Sie Niemand geſehen.“ Was war aus der Schaar geworden, von der ſich Herr von Choiſeul gefolgt glaubte? Die Kanonenſchüſſe und das Musketenfener hatten gemacht, daß ſie ſich um ſich ſelbſt gedreht wie ein Wirbel von dürren Blättern, und hatten ſie bis auf die Terraſſe der Orangerie verfolgt. Von der Terraſſe der Orangerie ſtürzten die Flücht⸗ linge auf die Place Louis XV. fort, und von da wandten ſie ſich nach dem Garde⸗Meuble, um die Boulevards oder die Champs⸗Elyſées zu erreichen. Herr von Viomesnil, acht bis zehn Edelleute und fünf Schweizer flüchteten ſich in das Hotel der venezianiſchen Geſandtſchaft, das in der Rue Saint⸗Florentin lag, und deſſen Thüre ſie offen gefunden hatten. Dieſe waren gerettet. Der Reſt der Colonne ſuchte die Champs⸗Elyſées zu erreichen. Zwei mit Kartätſchen geladene Kanonen wurden vom Fuße der Statue Ludwigs XV. abgefeuert und zerriſſen die Colonne in drei Stücke. Ein Theil entfloh über das Boulevard und begeg⸗ nete der Gendarmerie, welche mit dem Bataillon der Capucines ankam. Die Flüchtlinge glaubten ſich gerettet. Herr von Villiers, früher ſelbſt Major⸗Adjutant der Gendarmerie, lief mit offenen Armen auf einen der Reiter zu und rief: „Zu Hülfe, meine Freunde!“ Der Reiter zog eine Piſtole aus ſeinen Holftern und zerſchmetterte ihm die Hirnſchale. Bei dieſem Anblicke eilten dreißig Schweizer und ein Edelmann, ein ehemaliger Page des Königs, in das Hotel der Marine. Die Schweizer waren der Meinung, man ſollte ſich ergeben, und als ſie acht Sansculottes erſcheinen ſahen, legten ſie ihre Waffen nieder und riefen:„Es lebe die Nation!“ „Ha! Verräther!“ ſagten die Sansculottes:„Ihr ergebt Euch, weil Ihr Euch gefangen ſeht! Ihr ruft: „Es lebe die Nation!““ weik Ihr glaubt, dieſer Ruf werde Euch retten? Rein, kein Quartier!!“ Und zu gleicher Zeit fallen zwei Schweizer, der Eine von einem Piekenſtoße, der Andere von einem Flintenſchuſſe getroffen. Auf der Stelle wird ihnen der Kopf abgeſchnitten und an die Spitze einer Pieke geſteckt. 91 Wüthend über den Tod ihrer Kameraden, ergreifen die Schweizer wieder ihre Gewehre und feuern Alle zugleich. Sieben Sansculottes fallen todt oder verwundet. Die Schweizer fliehen ſodann unter das große Thor, um ſich zu retten, und ſehen ſich vor der Mündung einer Kanone. Sie weichen zurück; die Kanone rückt vor; Alle gruppiren ſich in einer Ecke des Hofes; die Kanone dreht den Schlund auf ihre Seite und gibt Feuer. Dreiundzwanzig ſind von achtundzwanzig getödtet. Faſt zu gleicher Zeit und in dem Augenblicke, wo der Rauch diejenigen, welche geſchoſſen haben, blendet, öffnet ſich zum Glücke eine Thüre hinter den übrig ge⸗ bliebenen fünf Schweizern und dem Expagen des Königs. Alle ſtürzen durch dieſe Thüre hinaus, die ſich wie⸗ der ſchließt; die Patrivten haben nicht dieſe Art von engliſcher Falle geſehen, die ihnen die Ueberlebenden entzogen: ſe glanben Alles getödtet zu haben, und entfernen ſich, ihre Kanone unter Triumphgeſchrei fort⸗ ſchleppend. Das zweite abgeriſſene Stück beſtand aus etwa dreißig Soldaten und Edelleuten; es wurde commandirt von Herrn Foreſter von Saint⸗Venant. Von allen Seiten beim Eingange der Champs⸗Elyſées eingeſchloſ⸗ ſen, wollte der Anführer wenigſtens ſeinen Tod bezahlen laſſen: an der Spitze ſeiner dreißig Mann griff er drei⸗ mal, er den Degen in der Hand, ſie das Bajonnet am Ende der Flinte, ein ganzes am Fuße der Statue zu⸗ ſammengedrängtes Bataillon an; bei dieſen drei Angriffen verlor er fünfzehn Mann. Mit den fünfzehn Andern verſuchte er es, durch eine Lichtung zu paſſiren und die Champs⸗Elyſées zu errei⸗ chen; eine Musketenſalve tödtete ihm acht Mann; die ſieben Andern zerſtreuten ſich, wurden verfolgt und von der Gendarmerie niedergehauen. 4 92 Herr von Saint⸗Venant war nahe daran, eine Zu⸗ flucht im Cafs des Ambaſſadeurs zu finden; da gab ein Gendarme ſeinem Pferde die Sporen, ſetzte über den Graben, der die Promenade von der Straße trennte, und zerſchmetterte dem unglücklichen Commandanten mit einem Piſtolenſchuſſe die Lenden. Das dritte Stück, beſtehend aus ſechzig Mann, hatte die Champs⸗Elyſées erreicht und wandte ſich gegen Cour⸗ bevoin vermöge jenes Inſtinctes, welcher macht, daß ſich die Tauben nach dem Taubenhauſe, die Schafe nach e Schafſtalle wenden; in Courbevoin waren die Ka⸗ ernen. Umgeben von der Gendarmerie und vom Volke, wurden ſie nach dem Stadthauſe geführt, wo man ſie in Sicherheit zu bringen hoffte: zwei bis dreitauſend auf dem Grove⸗Platze zuſammengeſchaarte Wüthende entriſſen ſie ihrer Bedeckung und brachten ſie um. Ein junger Edelmann, der Chevalier Charles dAuti⸗ champ, floh aus dem Schloſſe durch die Rue de Echelle, eine Piſtole in jeder Hand; zwei Männer ſuchen ihn feſtzunehmen; er tödtet Beide; der Pöbel bemächtigt ſich ſeiner und ſchleppt ihn bis auf die Grove, um ihn hier feierlich hinzurichten. Glücklicher Weiſe aber vergißt man ihn zu durch⸗ ſuchen; ſtatt ſeiner unnützen Piſtolen, die er weggewor⸗ fen, bleibt ihm ein Meſſerz er öffnet es in ſeiner Taſche, den Augenblick erwartend, um ſich deſſelben zu bedienen. In dem Momente, wo er auf den Platz des Stadthauſes kommt, ermordet man hier die ſechzig Schweizer, die man dahin geführt hat; dieſes Schauſpiel zerſtreut die⸗ jenigen, welche ihn bewachen; er tödtet ſeine zwei näch⸗ ſten Nachbarn mit zwei Meſſerſtichen, ſchlüpft dann durch die Menge wie eine Schlange und verſchwindet. Die hundert Mann, die den König in die National⸗ verſammlung geleitet haben und, zu den Feullants ge⸗ flüchtet, hier entwaffnet worden ſind; die fünfhundert, „— „ 93 deren Geſchichte wir erzählt; einige iſolirte Flüchtlinge wie Herr Charles d'Autichamp, den wir dem Tode mit ſo viel Glück haben entkommen ſehen, ſind die Einzigen, welche das Schloß verlaſſen haben. Der Reſt hat ſich unter dem Veſtibule, auf den Treppen, auf dem Ruheplatze, tödten laſſen, oder iſt in den Gemächern und in der Kapelle ermordet worden. Neunhundert Leichen von Schweizern oder Edel⸗ leuten liegen im Innern der Tuilerien zerſtreut umher! CLII. Von ſechs Uhr bis neun Uhr Abends. Das Volk war ins Schloß eingetreten, wie man in die Höhle eines wilden Thieres eintritt; es verrieth ſeine Gefühle durch die Rufe:„Tod d Wölfin! Tod dem lu 7 äre es dem Könige, der Königin und dem Dau⸗ phin begegnet, ſo hätte es ſicherlich, ohne zu zögern, im Glauben, Gerechtigkeit zu üben, ihre drei Köpfe mit einem Streiche abgehauen. Geſtehen wir, daß das ein Glück für ſie geweſen wäre! In Abweſenheit derer, welche ſie mit ihrem Geſchrei verfolgten, welche ſie bis in den Schränken, bis hinter den Vorhängen, bis unter den Betten ſuchten, ſollten die Sieger ſich an Allem rächen, an den Dingen, wie an den Menſchen; ſie tödteten und zerbrachen mit derſelben Grauſamkeit,— denn dieſe Mauern, wo 94 die Bartholomäusnacht und die Schlächterei auf dem Marsfelde beſchloſſen worden waren, forderten zu entſetz⸗ lichen Rachewerken auf. Man ſieht, wir waſchen das Volk nicht rein, wir zeigen es im Gegentheile kothig und blutig, wie es war. Bemerken wir indeſſen ſogleich; die Sieger gingen aus dem Schloſſe mit rothen, aber leeren Händen weg*)! Peltier, der nicht der Parteilichkeit zu Gunſten der Patrioten beſchuldigt werden kann, erzählt, ein Wein⸗ händler, Namens Mallet, habe der Nationalverſammlung hundert und dreiundſiebzig Lonis d'or gebracht, die man bei einem im Schloſſe getödteten Prieſter gefunden; fünf⸗ undzwanzig Sansculottes haben eine Kiſte mit Silber⸗ geſchirr des Königs gebracht; ein Streiter habe ein St. Ludwigs⸗Kreuz auf das Bureau des Präſidenten ge⸗ worfen; ein Anderer habe darauf die Uhr eines Schwei⸗ zers gelegt; ein Anderer eine Rolle Aſſignate; ein Anderer einen Sack Thaler; ein Anderer Juwelen; ein Anderer Diamanten; ein Anderer eine der Königin ge⸗ hörende Caſſette, fünfzehnhundert Louis d'or enthaltend. „Und,“ fügt der Geſchichtſchreiber ironiſch bei, ohne zu vermuthen, daß er allen dieſen Menſchen ein herrliches Lob ſpendet,„und die Nationalverſammlung drückte ihr Bedauern aus, daß ſie ſicht die Namen der beſcheidenen Bürger kenne, welche treu in ihren Schooß alle dem Kö⸗ nige geſtohlenen Schätze niedergelegt haben.“ Wir ſind keine Schmeichler des Volks; wir wiſſen, daß es der undankbarſte, der launenhaſteſte, der unbe⸗ ſtändigſte von allen Herren iſt; wir werden alſo ſeine Verbrechen wie ſeiue Tugenden ſagen. An dieſem Tage war es grauſam; an dieſem Tage *) Wir werden ſpäter, in der Geſchichte der Revo⸗ lution vom 10. Auguſt ſehen, daß zweihundert Menſchen vom Volke als Diehe erſchoſſen wurden. — — 95 röthete es ſich die Hände mit Wonnez an dieſem Tage hat es Edelleute lebendig zum Fenſter hinausgeworfen; Schwei⸗ zer todt oder ſterbend auf den Treppen ansgeweidet; Herzen aus der Bruſt geriſſen und wie einen Schwamm mit beiden Händen gepreßt; Köpfe abgeſchnitten und an der Spitze von Pieken umhergetragen; an dieſem Tage ergab ſich daſſelbe Volk, das ſich entehrt glaubte, wenn es eine Uhr oder ein St. Ludwigs⸗Kreuz ſtahl, allen den finſteren Freuden der Rache und der Grauſamkeit. Und dennoch, mitten unter dieſer Schlächterei der Lebenden, unter dieſer Profanation der Todten, übte es zuweilen, wie der geſättigte Löwe, Gnade. Die Damen von Tarente, von la Roche⸗Ahmon, von Gineſtone und Fränlein Pauline von Tourzel waren, von der Königin verlaſſen, in den Tuilerien geblieben; ſie befanden ſich im Zimmer von Marie Antoinette. Als das Schloß genommen war, hörten ſie das Geſchrei der Sterbenden, die Drohungen der Sieger, die Tritte, die ſich ihnen näherten, haſtige, entſetzliche, unbarm⸗ herzige Tritte. Frau von Tarente öffnete die Thüre. „Tretet ein,“ ſagte ſie,„wir ſind nur Frauen.“ Die Sieger traten mit ihren rauchenden Flinten, mit ihren blutigen Säbeln in der Hand ein. Die Frauen fielen auf die Kniee. Die Männer nannten ſie die Räthinnen von Ma⸗ dame Veto, die Vertrauten der Oeſterreicherin, und ſchwangen ſchon die Meſſer über ihnen; da rief ein Mann mit langem Barte, von Pétion abgeſandt, von der Thürſchwelle aus: „Begnadigt die Frauen! entehrt nicht die Nation!“ Und ſie wurden begnadigt! Madame Campan, zu der die Königin geſagt hatte: „Erwarten Sie mich; ich komme zurück, oder ich laſſe Sie holen, um„Gott weiß wohin zu gehen!“ Madame Campan wartete in ihrem Zimmer, bis die Königin zurückkomme oder ſie holen laſſe. Sie erzählt ſelbſt, ſie habe völlig den Kopf ver⸗ loren unter dem entſetzlichen Tumulte, und da ſie ihre, hinter einem Vorhange verborgene oder hinter irgend einem Meuble gekauerte, Schweſter nicht geſehen, ſo habe ſie dieſelbe in einem Zimmer des Entreſol zu finden ge⸗ glaubt und ſei raſch in dieſes Zimmer hinabgegangen; hier ſah ſie aber nur zwei ihr gehörige Kammerfrauen und eine Art von Rieſen, der Heiduck der Königin war. Beim Anblicke dieſes Menſchen begriff Madame Campan, ganz verwirrt, wie ſie war, die Gefahr be⸗ drohe ihn, nicht ſie. „Flieht doch!“ rief ſie,„flieht doch, Unglücklicher! die Lackeien ſind ſchon fern... Flieht, es iſt noch Zeit!“ Er verſuchte es, aufzuſtehen, fiel aber wieder nieder und rief mit kläglicher Stimme: „Ach! ich kann nicht! ich bin todt vor Angſt!“ Als er dies ſagte, erſchien ein Trupp trunkener, wüthender, mit Blut beſudelter Leute auf der Schwelle, warf ſich auf den Heiducken und hieb ihn in Stücke. Madame Campan und die zwei Frauen entflohen auf einer kleinen Geſindetreppe. Einige von den Mördern, als ſie dieſe drei Frauen entfliehen ſahen, ſetzten ihnen eiligſt nach und hatten ſie bald erreicht. Die zwei Kammerfrauen fielen auf die Kniee und umfaßten, während ſie die Mörder anflehten, die Klingen ihrer Säbel mit beiden Händen. In ihrem Laufe auf der Treppe angehalten, fühlte Madame Campan, daß ihr eine wüthende Hand in den Rücken griff, um ſie bei den Kleidern zu packen; ſie ſah wie einen tödtlichen Blitz eine Säbelklinge über ihrem Kopfe glänzen; ſie ermaß den kurzen Augenblick, der das Leben von der Ewigkeit trennt, und der, ſo kurz er iſt, doch eine ganze Welt von Erinnerungen enthält, als 3 unten von der Treppe eine Stimme mit dem Ausdrucke des Befehls emporſtieg: „Was macht Ihr da oben?“ fragte dieſe Stimme. „Nun?“ erwiederte der Mörder,„was gibt es?“ „Man tödtet die Frauen nicht, verſteht Ihr wohl?“ rief die Stimme von unten. Madame Campan lag auf den Knieen; ſchon war der Säbel über ihrem Haupte erhoben, ſchon hatte ſie das Vorgefühl von dem Schmerze, den ſie empfinden ſollte. „Steh' auf, elendes Weib!“ ſagte ihr Henker zu ihr, „die Nation begnadigt Dich.“ Was that der König mittlerweile in der Loge des Logographe? Der König hatte Hunger und verlangte ſein Mit⸗ tagsmahl. Man brachte ihm Brod, Wein, ein Huhn, kaltes Fleiſch und Früchte. Wie alle Prinzen des Hauſes Bourbon, wie Hein⸗ rich W., wie Ludwig XIV., war der König ein großer Eſſer; hinter ſeinen Gemüthsbewegungen, die ſich ſelten durch ſein Geſicht mit den ſchlaffen, abgeſpannten Fibern verriethen, wachten unabläſſig die zwei großen Anfor⸗ derungen des Leibes; der Schlaf und der Hunger. Wir haben ihn genöthigt geſehen, im Schloſſe zu ſchlafen, wir ſehen ihn genöthigt, in der Nationalverſammlung zu eſſen. Der König brach ſein Brod und zerſchnitt ſein Huhn wie bei einem Jagdrendezvous, ohne ſich nur im Ge⸗ ringſten um die Augen zu bekümmern, die ihm zuſchauten. Unter dieſen Augen fanden ſich zwei, welche brann⸗ ten, weil ſie nicht weinen konnten: das waren die der Königin. Sie, ſie hatte Alles zurückgewieſen; die Verzweif⸗ lung nährte ſie. Es ſchien ihr, die Füße in dem koſtbaren Blute von Die Gräfin von Charny. VII. 7 98 Charny, hätte ſie ewig hier bleiben und wie eine Blume der Gräber leben können, ohne eine andere Nah⸗ rung, als die, welche ſie vom Tode empfing. Sie hatte viel gelitten bei der Rückkehr von Va⸗ rennes; ſie hatte viel gelitten bei ihrer Gefangenſchaft in den Tuilerien; ſie hatte viel gelitten in der Nacht und an dem Tage, welche abgelaufen; ſie hatte aber vielleicht weniger gelitten, als da ſie den König eſſen ſah. Und die Lage wäre doch ernſt genug geweſen, um den Appetit einem andern Menſchen als Lndwig XVI. zu benehmen. Die Nationalverſammlung, zu der der König ge⸗ kommen war, um Schutz zu ſuchen, hätte ſelbſt beſchützt ſ nöthig gehabt; ſie verbarg ſich ihre Schwäche nicht. Am Morgen hatte ſie die Ermordung von Suleau verhindern wollen, und ſie hatte es nicht gekonnt. Um zwei Uhr hatte ſie das Hinſchlachten der Schwei⸗ zer verhindern wollen, und ſie hatte es nicht gekonnt. Nun wurde ſie ſelbſt durch eine grimmige Menge bedroht, welche:„Die Entſetzung! die Entſetzung!“ ſchrie. Eine Commiſſion verſammelte ſich auf der Stelle. Vergniand gehörte dazu; er übergab das Präſidium Guadet, damit die Gewalt nicht aus den Händen der Gironde komme. Die Berathung der Commiſſäre war kurz: man be⸗ rathſchlagte gewiſſer Maßen unter dem donnernden Echo des Musketenfeuers und der Kanonen. Es war Vergniaud, der die Feder nahm und die Acte der proviſoriſchen Suspenſion des Königthums abfaßte. Er kehrte in die Nationalverſammlung zurück, düſter und niedergeſchlagen, und ſuchte weder ſeine Traurigkeit, noch ſeine Niedergeſchlagenheit zu verbergen; denn es war dies ein letztes Pfand, das er dem Könige von ſeiner er h. im I. e⸗ itzt che ei⸗ ge um der be⸗ cho die m8 ter it, ner 99 Achtung für das Königthum, dem Gaſte von ſeiner Achtung für die Gaſtfreundſchaft gab. „Meine Herren,“ ſagte er,„ich komme im Namen Ihrer außerordentlichen Commiſſion, um Ihnen eine ſehr ſtrenge Maßregel vorzuſchlagen; doch ich berufe mich auf den Schmerz, von dem Sie durchdrungen ſind, daß Sie beurtheilen, wie wichtig es für das Wohl des Vater⸗ lands iſt, dieſelbe zur Stunde anzunehmen. „„Die Nationalverſammlung, in Erwägung, daß die Gefahren des Vaterlands ihren höchſten Grad erreicht haben; daß die Uebel, unter denen das Reich ſeufzt, hauptſächlich von dem Mißtrauen herrühren, welches das Benehmen des Hauptes der executiven Gewalt bei einem in ſeinem Namen gegen die Conſtitutiun und die na⸗ tionale Unabhängigkeit unternommenen Kriege einflößt; daß dieſes Mißtrauen bei allen Parteien des Reichs den Wunſch der Zurücknahme der Ludwig XVI. anvertrauten Machtvollkommenheit hervorgerufen hat; „„In Erwägung, nichtsdeſtoweniger, daß der geſetz⸗ gebende Körper durch keine Uſurpation ſeine eigene Macht⸗ vollkommenheit vergrößern wird, und daß er ſeinen der Conſtitution geleiſteten Eid und ſeinen feſten Willen, die Freiheit zu retten, nur dadurch in Einklang bringen kann, daß er an die Souverainetät des Volkes appellrt; „„Beſchließt, wie folgt:„ „„Das franzöſiſche Volk iſt aufgefordert, einen Na⸗ tionalconvent zu bilden. „„Das Haupt der executiven Gewalt iſt proviſoriſch von ſeinen Functionen ſuspendirt. Ein Deeret wird am Tage für die Ernennung eines Gouverneur des könig⸗ lichen Prinzen beantragt werden. „„Die Bezahlung der Civilliſte wird ſuspendirt ſein. „„Der König und die königliche Familie werden im Bezirke des geſetzgebenden Körpers bleiben, bis die Ruhe in Paris wiederhergeſtellt iſt. „„Das Departement wird das Luxembourg zu ihrem 100 Wohnorte unter der Bewachung der Bürger in Bereit⸗ ſchaft ſetzen laſſen.““ Der König hörte dieſen Beſchluß mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Unempfindlichkeit an. Dann neigte er ſich aus der Loge des Logographe, wandte ſich an Vergniand, als dieſer wieder ſeinen Prä⸗ ſidentenplatz eingenommen hatte, und ſagte: „WViſſen Sie, daß das, was Sie da gethan haben, nicht ſehr conſtitutionell iſt?“ „Es iſt wahr, Sire,“ erwiederte Vergniandz„nur iſt es das einzige Mittel, Ihr Leben zu retten. Bewil⸗ ligen wir nicht die Entſetzung, ſo werden ſie den Kopf nehmen!“ Der König machte eine Bewegung mit den Lippen und den Schultern, welche bedeutete:„Das iſt möglich!“ Und er ſetzte ſich wieder an ſeinen Platz. In dieſem Angenblicke ſchlug die über ſeinem Kopfe befeſtigte Pendeluhr die Stunde. Er zählte jeden Schlag. Als ſodann der letzte verklungen war, ſagte er: „Neun Uhr.“ Der Beſchluß der Nationalverſammlung beſtimmte, der König und die königliche Familie ſollten im Bezirke des legislativen Körpers bleiben, bis die Ruhe in Paris wiederhergeſtellt wäre. Um neun Uhr holten die Aufſeher des Saales den König und die Königin ab, um ſie in die für ſie in Be⸗ reitſchaft geſetzte proviſoriſche Wohnung zu führen. Der Köonig deutete durch ein Zeichen mit der Hand an, er bitte um einen Augenblick. Man beſchäftigte ſich in der That mit Etwas, was nicht ohne Intereſſe für ihn war: man ernannte ein Miniſterium. Der Kriegsminiſter, der Miniſter des Innern und der Miniſter der Finanzen waren ganz ernannt: das waren e, ke is en e⸗ 18 in d en 101 die vom König weggejagten Miniſter Roland, Claviöres und Servan. Es blieben die Juſtiz, die Marine und die aus⸗ wärtigen Angelegenheiten. Danton wurde für die Juſtiz ernannt; Monge für die Marine; Lebrun für die auswärtigen Angelegenheiten. Als der letzte Miniſter ernannt war, ſagte der König: „Gehen wir.“ Und er ſtand auf und ging zuerſt hinaus. Die Königin folgte ihmz ſie hatte nichts zu ſich ge⸗ nommen ſeit dem Abgange aus den Tuilerien, nicht ein⸗ mal ein Glas Zuckerwaſſer. Madame Eliſabeth, der Dauphin, Madame Royale, Frauvon Lamballe und Frau von Tourzel bildeten ihr Geleit. Die für den König in Bereitſchaft geſetzte Wohnung lag im oberen Stocke des alten Kloſters der Feuillants; es war ſonſt die Wohnung des Archivars Camus, be⸗ ſtehend aus vier Zimmern. Im erſten, das ſtreng genommen nur ein Vor⸗ zimmer war, hielten die dem König in ſeinem Unglücke treu gebliebenen Diener an. Das waren der Prinz von Poir, der Baron d'Aubier, Herr von Saint⸗Pardon, Herr von Goguelet, Herr von Chamillé und Herr Hue. Der König nahm für ſich das zweite Zimmer⸗ Das dritte wurde der Königin angebotenz das war das einzige, das eine Tapete hatte. Als ſie eintrat, warfſich Marie Antoinette auf das Bett, biß in den Kopfpfühl und war einem Schmerze preisgegeben, gegen welchen der des Miſſethäters auf dem Rade wenig ſein muß. Ihre beiden Kinder blieben bei ihr. Das vierte Zimmer, ſo eng es war, erhielten Madame Eliſabeth, Fran von Lamballe und Frau von Tourzel, die ſich hier einrichteten, ſo gut ſie konnten. Der Königin fehlte es an Allem; an Geld, denn man hatte ihr ihre Börſe und ihre Uhr in dem Tunulte 102 genommen, der vor der Thüre der Nationalverſammlung entſtanden war; an Wäſche, denn begreiflicher Weiſe hatte ſie nichts aus den Tuilerien mitgenommen. Sie entlehnte fünfundzwanzig Louis d'or von der Schweſter von Madame Campan und ſchickte um Wäſche zur engliſchen Geſandtſchaft. Am Abend ließ die Nationalverſammlung mit Fackeln in den Straßen von Paris ihre Beſchlüſſe vom Tage be⸗ kannt machen. CLIII. von neun Uhr bis Mlitternacht. Dieſe Fackeln beleuchteten in dem Augenblicke, wo ſie am Carrouſel vorüberkamen, durch die Rue Saint⸗ und über die Quais zogen, ein trauriges Schau⸗ piel. Der materielle Kampf war beendigt, doch der Auf⸗ ruhr währte in den Herzen fort, denn der Haß und die Verzweiflung überlebten den Kampf. Die gleichzeitigen Erzählungen, die königliche Le⸗ gende haben lange und anf eine zarte Weiſe, wie wir dies ſelbſt zu thun ganz bereit ſind, die erhabenen Häup⸗ ter bemitleidet, von deren Stirne dieſer entſetzliche Tag die Krone riß; ſie haben den Muth, die Disciplin, die aufopfernde Hingebung der Schweizer und der Edel⸗ leute angeführt. Sie haben die von den Vertheidigern des Thrones vergoſſenen Blutstropfen gezählt: ſie haben —— o t⸗ U⸗ f⸗ ie ir p⸗ ag ie el⸗ rn en —— 103 nicht die Leichen des Volkes, die Thränen der Mütter, der Schweſtern und Witwen gezählt. Sagen wir ein Wort hierüber. Für Gott, der in ſeiner hohen Weisheit die Ereig⸗ niſſe hienieden nicht nur geſtattet, ſondern auch lenkt, iſt das Blut Blut, ſind die Thränen Thränen. Die Zahl der Todten war noch viel beträchtlicher bei den Menſchen aus dem Volke, als bei den Schwei⸗ zern und den Edelleuten. Man ſehe, was der Verfaſſer der Geſchichte der Revolution des 10. Auguſts ſagt,— eben dieſer Peltier, ein Royaliſt, wie es nur einen geben konnte: Der Tag des 10. Anguſts koſtete die Menſchheit ungefähr ſiebenhundert Soldaten und zweiundzwanzig Officiere, zwanzig royaliſtiſche Nationalgarden, fünfhun⸗ dert Föderirte, drei Commandanten von nationalen Trup⸗ pen, vierzig Gendarmen, über hundert Perſonen von der Hausgenoſſenſchaft des Königs, zweihundert Menſchenwegen Diebſtahls gerödtet'), die neun bei den Feuillants umgebrachten Bürger, Herrn von Clermont d'Ambviſe und ungefähr vreitauſend Menſchen aus dem Volke auf dem Carrouſel, im Tuilerien-Garten und auf der Place Lonis XV. getödtet: im Ganzen un⸗ gefähr viertauſend ſechshundert Menſchen!“ Und das iſt begreiflich: man hat die zur Befeſti⸗ gung der Tuilerien getroffenen Vorſichtsmoßregeln ge⸗ ſehen; die Schweizer hatten im Allgemeinen beſchirmt hinter guten Mauern geſchoſſen; die Angreifenden da⸗ gegen hatten nur ihre Bruſt gehabt, um die Schüſſe zu pariren. Dreitauſend fünfhundert Inſurgenten, ohne die zweihundert erſchoſſenen Diebe zu zählen. *) Wir haben dieſe Volksjuſtiz gegen Diebe in den Jahren 1830 und 1848 ſich erneuern ſehen. 104 waren alſo umgekommen! Was ungefähr eben ſo viel Verwundete vorausſetzt; der Geſchichtſchreiber der Re⸗ volution vom 10. Auguſt ſpricht nur von den Todten. Viele von dieſen dreitauſend fünfhundert Menſchen, — nehmen wir die Hälfte an,— waren verheirathete Leute, waren Familienväter, die ein unerträgliches Elend in den Kampf getrieben, mit der erſten Waffe, die ihnen in die Hände gefallen oder ſelbſt ohne Waffe, und die, um den Tod zu holen, in ihren Dachkammern ausgehun⸗ gerte Kinder, Weiber in der Verzweiflung gelaſſen hatten. Dieſen Tod, ſie hatten ihn gefunden, entweder im Carrouſel, wo der Kampf begonnen, oder in den Gemä⸗ chern des Schloſſes, wo er ſich fortgeſetzt, oder im Gar⸗ ten der Tuilerien, wo er erloſchen war. Von drei Uhr Nachmittags bis neun Uhr Abends hatte man in Eile jeden eine Uniform tragenden Soldaten weggenommen und auf den Friedhof der Madeleine ge⸗ worfen. Was die Leichen der Leute aus dem Volke betrifft, — das war etwas Anderes: Karren ſammelten ſie auf und führten ſie in ihre bezüglichen Quartiere; faſt Alle waren entweder vom Faubvurg Saint⸗Antoine oder vom Faubourg Saint⸗Marceau. Hier,— beſonders auf dem Platze der Baſtille, auf dem des Arſenals und auf dem des Pantheons,— legte man ſie neben einander zur Schau aus. So voft einer von dieſen finſteren Wagen, ſchwer rollend und eine Blutſpur hinterlaſſend, in die eine oder die andere Vorſtadt einfuhr, umgab ihn die Menge der Mütter, der Frauen, der Schweſtern, der Kinder mit einer entſetzlichen Todesangſt; alsdann, ſo wie die Erkennungen zwiſchen dem Leben und dem Tode ſtatt⸗ fanden, brachen die Drohungen, das Geſchrei, das Schluch⸗ zen aus; das waren die unerhörten, die unbekannten Flüche und Verwünſchungen, welche, ſich erhebend wie ein Schwarm Nachtvögel von ſchlimmer Vorbedeutung, in der Dunkelheit mit den Flügeln ſchlugen und klagend l £ v———w—— M—— — 105 nach den unſeligen Tuilerien entflogen. Alles dies ſchwebte, wie jene Schaaren von Raben auf den Schlacht⸗ feldern, über dem König, über der Königin, über dem Hofe, über der öſterreichiſchen Camarilla, die ihn umgab, über den Adeligen, die ihm riethen; die Einen verſprachen ſich die Rache von der Zukunft,— und ſie haben ſich dieſelbe am 2. September und am 21. Januar gegeben,— die Andern nahmen eine Pieke, einen Säbel, eine Flinte und zogen berauſcht von dem Blute, das ſie mit den Augen getrunken, in die Stadt Paris, um zu tödten. Töd⸗ ten, wen? Alles, was von dieſen Schweizern, von dieſen Adeligen, von dieſem Hofe übrig war! um den König zu tödten, um die Königin zu tödten, wenn ſie ſie ge⸗ funden hätten! Man mochte ihnen immerhin ſagen:„Aber wenn Ihr den König und die Königin tödtet, macht Ihr Kin⸗ der zu Waiſen! wenn Ihr die Adeligen tödtet, macht Ihr Frauen zu Witwen, verſetzt Ihr Schweſtern in Trauer!“ Frauen, Schweſtern, Kinder antworteten: „Ei! wir, wir ſind auch Waiſen! wir, wir ſind auch Schweſtern in Trauer! wir, wir ſind auch Witwen!“ Und das Herz voll Schluchzen, gingen ſie in die Natio⸗ nalverſammlung, gingen ſie nach der Abtei, ſtießen ſie mit den Köpfen an die Thüren und ſchrieen:„Rache! Rache!“ Sie boten ein entſetzliches Schauſpiel, dieſe mit Blut beſudelten, rauchenden Tuilerien, verlaſſen von Allen, die Leichname und drei bis vier Poſten ausge⸗ nommen, welche darüber wachten, daß unter dem Vor⸗ wande, nach ihren Todten zu forſchen, die nächtlichen Beſuche nicht die arme königliche Wohnung mit den ge⸗ ſprengten Thüren, mit den zerbrochenen Fenſtern plün⸗ derten. Es war ein Poſten unter jedem Veſtibule, am Fuße jeder Treppe. Der Poſten des Pavillon de[Horloge, das heißt 106 der großen Treppe, wurde commandirt von einem jun⸗ gen Rationalgarde⸗Kapitän, bei dem der Anblick dieſes ganzen Mißgeſchickes ohne Zweifel ein großes Mitleid er⸗ regte,— urtheilte man nach dem Ausdrucke ſeiner Phy⸗ ſiognomie bei jedem Karren Leichen, den man gewiſſer Maßen unter ſeinem Präſidium wegführte,— auf deſ⸗ ſen materielle Bedürfniſſe aber die erſchrecklichen Er⸗ eigniſſe, welche vorgefallen, nicht mehr Einfluß als auf den König gehabt zu haben ſchienenz denn gegen elf Uhr Abends war er beſchäftigt, einen ungehenren Appetit auf Koſten eines vierpfündigen Brodes zu befriedigen, das er unter ſeinem linken Arm feſthielt, während er mit ſeiner mit einem Meſſer bewaffneten rechten Hand unabläßig große Schnitten davon ablöſte, welche er in einen Mund ſchob, deſſen Größe ſich nach der Dimenſion des Nah⸗ rungsſtückes ermaß, das er zu empfangen beſtimmt war. An eine der Säulen des Viſtibule angelehnt, ſah er, Schatten ähnlich, dieſe ſtillſchweigende Proceſſion von Müttern, von Gattinnen, von Töchtern vorüberziehen, welche kamen und, beleuchtet durch die in gewiſſen Ent⸗ fernungen von einander aufgeſtellten Fackeln, von dem er⸗ loſchenen Krater die Leichname ihrer Väter, ihrer Gat⸗ ten oder ihrer Söhne zurückforderten. Plötzlich, beim Anblicke einer Art von halb verſchlei⸗ ertem Schatten, bebte der junge Kapitän. „Die Frau Gräfin von Charny!“ murmelte er. Der Schatten ging vorüber, ohne zu hören und ohne anzuhalten. Der junge Kapitän winkte ſeinem Lieutenant. Der Lieutenant kam auf ihn zu. „Déſirs,“ ſagte er,„das iſt eine junge Dame von der Bekanntſchaft von Herrn Gilbert, welche ohne Zweifel ihren Gatten unter den Todten ſucht; ich muß ihr folgen für den Fall, daß ſie der Auskunft oder des Beiſtandes bedürfen ſollte. Ich übergebe Dir das Commando vom Poſten: wache für zwei.“ M ——* — u 107 „Teufel!“ erwiederte der Lieutenant,— den der junge Kapitän mit dem Vornamen Deſirés bezeichnet hatte, welchem wir den Namen Maniquet beifügen,„ſie hat das Anſehen einer tüchtigen Ariſtokratin, Deine Dame.“ „Es iſt auch eine Ariſtokratin!“ verſetzte der Kapi⸗ tän;„es iſt eine Gräfin!“ „Geh alſo, ich werde für zwei wachen!“ Die Gräfin von Charny hatte ſich ſchon um die erſte Ecke der Treppe gedreht, als der Kapitän, ſich von ſei⸗ ner Säule losmachend, ihr in der ehrerbietigen Entfern⸗ ung von fünfzehn Schritten zu folgen anfing. Er hatte ſich nicht getäuſcht. Es war wirklich ihr Gatte, den die arme Andrée ſuchte; nur ſuchte ſie ihn nicht mit den bangen Schauern des Zweifels, ſondern mit der düſtern Ueberzengung der Verzweiflung. Als mitten unter ſeiner Freude und ſeinem Glücke, beim Echo der Ereigniſſe von Paris erwachend, Charny bleich, aber entſchloſſen kam und zu ſeiner Frau ſagte: „Liebe Andrée, der König von Frankreich iſt in Lebensgefahr und bedarf aller ſeiner Vertheidiger. Was ſoll ich thun?“ Da antwortete Andrée: „Gehen, wohin Deine Pflicht Dich ruft, mein lie⸗ ber Slivier, und, wenn es ſein muß, für den König ſterben.“ „Aber Du?“ fragte Charny. „Oh! wegen meiner ſei unbeſorgt,“ antwortete Andröe;„da ich nur für Dich gelebt habe, ſo wird Gott mir ohne Zweifel erlauben, daß ich mit Dir ſterbe.“ Und don da an war Alles zwiſchen dieſen großen Herzen abgemacht; man wechſelte kein Wort mehr ließ Poſtpferde kommen, reiſte ab und langte fünf Stunden nachher in dem kleinen Hotel der Rue du Cog⸗Héron an. An demſelben Abend begab ſich Charny, wie wir geſehen,— in dem Augenblicke, wo ihm Gilbert, auf 108 ſeinen Einfluß zählend, ſchreiben wollte, er möge nach Paris zurückkommen,— an demſelben Abend begab ſich Charny, in ſeine Uniform eines Marineofficiers gekleidet, zur Königin. Von dieſer Stunde an verließ er ſie, wie man weiß, nicht mehr. Andrée blieb allein mit ihren Frauen, eingeſchloſſen und betend; ſie hatte einen Augenblick den Gedanken, der Hingebung ihres Gatten nachzuahmen und ihren Platz bei der Königin zurückzufordern, wie ihr Gatte ſei⸗ I nen Platz beim König zurückfordern ſollte; ſie beſaß aber nicht den Muth hiezu. Der Tag des 9. verlief für ſie in Bangigkeiten, doch ohne etwas ganz Entſchiedenes herbeizuführen. Am 10., gegen neun Uhr Morgens, hörte ſie die erſten Kanonenſchüſſe. Es bedarf nicht der Erwähnung, daß jedes Echo des kriegeriſchen Donners auch die letzte Fiber ihres Her⸗ zens vibriren machte. Gegen zwei Uhr erloſch ſelbſt dus Musketenfeuer. War das Volk Sieger oder beſiegt? Sie erkundigte ſich: das Volk war Sieger! Was war aus Charny bei dieſem entſetzlichen Kampfe geworden? Sie kannte ihn: er mußte reichlich daran Theil genommen haben. Sie erkundigte ſich aufs Neue: man ſagte ihr, die Schweizer ſeien beinahe alle getödtet worden, es haben ſich aber faſt alle Edelleute gerettet.» Sie wartete. Charny konnte unter irgend einer Verkleidung nach Hauſe kommen; Charny konnte nothwendig ohne Verzug fliehen müſſen; die Pferde wurden angeſpannt und fraßen am Wagen. Pferde und Wagen erwarteten den Herrn; Andrée wußte aber wohl, der Herr, welche Gefahr er auch lief würde nicht ohne ſie abreiſen. 109 Sie ließ die Thüren öffnen, damit nichts die Flucht von Charny verzögerte, wenn Charny floh, und wartete fortwährend. Die Stunden verliefen. „Iſt er irgendwo verborgen,“ ſagte Andrée zu ſich ſelbſt,„ſo kann er nur bei Nacht weggehen... Wir wollen die Nacht abwarten.“ Die Nacht kam; Charny erſchien nicht. Im Monat Auguſt tritt die Nacht ſpät ein. W Erſt um zehn Uhr verlor Andrée jede Hoffnung; arfeinen Schleier über den Kopf und ging aus. Den ganzen Weg entlang begegnete ſie Gruppen von Frauen, welche die Hände rangen, Banden von Männern, welche:„Rache!“ ſchrieen. Sie ging mitten durch die Einen und die Andern; der Schmerz der Einen und der Zorn der Andern be⸗ ſchützten ſie; überdies war es auf die Männer an dieſem Abend abgeſehen, und nicht auf die Frauen. Auf der einen wie auf der andern Seite weinten an dieſem Abend die Frauen. Andrée kam auf das Carrouſel; ſie hörte die Ver⸗ kündigung der Beſchlüſſe der Nationalverſammlung. Der König und die Königin befanden ſich unter dem Schutze der Nationalverſammlung: das war Alles, was ſie begriff. Sie ſah zwei oder drei Karren ſich entfernen und fragte, was dieſe Karren wegführen; man antwortete ihr, es ſeien auf dem Carronſel⸗Platze und im Königs⸗ hofe aufgeſammelte Leichen.— Man war erſt ſo weit mit der Wegſchaffung der Todten. Andrée ſagte ſich, weder auf dem Carrouſel, noch im Königshofe müßte Charny gekämpft haben, ſondern vor der Thüre des Königs oder vor der der Königin. Sie durchſchritt den Königshof, ſodann das große Veſtibule und ſtieg die Treppe hinauf. In dieſem Angenblicke geſchah es, daß Piton, der 110 als Kapitän den Poſten des großen Veſtibule romman⸗ dirte, ſie ſah, erkannte und ihr folgte. ¹ CLIV. Die Witwe. h Man kann ſich unmöglich einen Begriff von dem Zuſtande der Verwüſtung machen, den die Tuilerien boten. Das Blut floß durch die Zimmer und rollte wie eine Cascade die Treppen entlangz einige Leichname la⸗ gen noch in den Zimmern umher. Andrée that, was die anderen Suchenden thaten ſie nahm eine Fackel und betrachtete Leiche um Leiche. Und indem ſie ſie betrachtete, ging ſie nach den Ge⸗ mächern des Königs und der Königin. Piton folgte ihr immer. Hier wie in den anderen Zimmern ſuchte ſie ver⸗ gebens. Dann ſchien ſie einen Angenblick unſchlüſſig; ſie wußte nicht mehr, wohin ſie gehen ſollte. Piton ſah ihre Veriegenheit, näherte ſich ihr und agte: natt ich vermuthe wohl, was die Frau Gräfin ucht!“ Andrée wandte ſich um. „Wenn die Frau Gräfin meiner bedürfte?“ „Herr Piton!“ ſprach Andrée. „Ihnen zu dienen, Madame.“ 8 ie Q. n e 3 P ud fin 111 „Oh! ja, ja, ich bedarf Ihrer ſehr,“ erwiederte Andrée. Und ſie ging auf ihn zu, nahm ihn bei den Händen und fragte: „Wiſſen Sie, was aus dem Grafen von Charny geworden iſt?“ „Nein, Madame,“ antwortete Pitou;„doch ich kann Ihnen den Herrn Grafen ſuchen helfen.“ „Es gibt Jemand, der uns ſagen würde, ob er todt oder lebendig, und der, mag er todt oder leben⸗ dig ſein, weiß, wo er iſt.“ „Wer iſt dies, Frau Gräfin?“ „Die Königin.“ „Sie wiſſen, wo die Königin iſt?“ „In der Nationalverſammlung, glaube ich, und ich habe noch eine Hoffnung: daß Herr von Charny bei ihr iſt.“* „Oh! ja, ja,“ ſagte Piton, dieſe Hoffnung ergrei⸗ fend, nicht für ſeine eigene Rechnung, ſondern für die der Witwe;„wollen Sie in die Nationalverſammlung gehen?“ „Wenn man mir aber den Eintritt verweigerte... „Ich übernehme es, die Thüre für Sie öffnen zu machen.“ „So kommen Sie.“ Andrée warf fern von ſich ihre Fackel, auf die Ge⸗ fahr, den Fußboden und folglich die Tuilerien anzuzün⸗ den; doch was lag an den Tuilerien dieſer tiefen Ver⸗ zweiflung? ſo tief, daß ſie keine Thränen hatte! Andrée kannte das Innere des Schloſſes, weil ſie in demſelben gewohnt hatte; ſie wählte eine kleine Ge⸗ ſindetreppe, welche in die Entreſols und von den En⸗ treſols in das große Veſtibnle hinabging, ſo daß ſich Piton, ohne durch alle dieſe blutbeſchmutzten Gemächer zurückzukehren, wieder beim Poſten des Pavillon de l'Horloge befand. 112 Maniquet hielt gute Wache. „Nun,“ fragte er,„Deine Gräfin?“ „Sie hofft ihren Gatten in der Nationalverſamm⸗ lung zu finden,“ erwiederte Piton;„wir gehen dahin.“ Und er ſagte leiſe: „Da wir den Grafen wohl auffinden könnten, aber todt, ſo ſchicke mir an das Thor der Feuillants vier tüchtige Burſche, auf die ich zählen kann, um einen Ariſtokraten⸗ leichnam zu vertheidigen, als ob es ein Patrivtenleich⸗ nam wäre.“ „Es iſt gut; geh mit Deiner Gräfin! Du ſollſt Deine Leute haben.“ Andrée wartete an der Thüre des Gartens ſtehend, wohin man eine Schildwache geſtellt hatte. Da Piton es war, der dieſe Schildwache dahin geſtellt, ſo ließ die Schildwache Piton natürlich paſſiren. Der Tuileriengarten war beleuchtet durch Lämpchen, die man in gewiſſen Entfernungen von einander und beſonders auf den Piedeſtalen der Statuen angezündet hatte. Da es faſt ſo heiß war, als am Tage, und kaum eine Nachtluft die Blätter der Bäume bewegte, ſo ſtieg das Licht der Lämpchen, Feuerlanzen ähnlich, beinahe unbeweglich empor und beleuchtete fernhin, nicht nur in den entblößten und als Blumenſtücke eultivirten Theilen des Gartens, ſondern auch unter den Bäumen die zer⸗ ſtreut umherliegenden Leichname. Andrée war aber nun ſo ſehr überzeugt, ſie werde nur in der Nationalverſammlung Nachricht von ihrem Gatten erhalten, daß ſie vorwärts ſchritt, ohne ſich nach rechts oder nach links zu wenden. Man erreichte ſo die Feuillants. Die königliche Familie hatte ſeit einer Stunde die Nationalverſammlung verlaſſen und war, wie man ge⸗ ſehen, in ihre Wohnung, das heißt in die proviſoriſche — — ——— 5— e— . S c— ) 8S c„ —— W —*— — 113 Wohnung gegangen, die man für ſie in Bereitſchaft ge⸗ ſetzt hatte. Um bis zur königlichen Familie zu gelangen, waren zwei Hinderniſſe zu überwinden: einmal das der Schild⸗ wachen, welche außen wachten; dann das der Edelleute, welche innen wachten. Piton, Kapitän der Nationalgarde, Commandant des Poſtens der Tuilerien, hatte das Loſungswort und folglich die Möglichkeit, Andrée bis ins Vorzimmer der Edelleute zu führen. Es war ſodann die Sache von Andrée, ſich Ein⸗ gang bei der Königin zu verſchaffen. Man kenut die Eintheilung der Wohnung, welche die königliche Familie inne hatte; wir haben von der Verzweiflung der Königin geſprochen; wir haben geſagt, wie ſie ſich beim Eintritte in das kleine Zimmer mit der grünen Tapete auf das Bett geworfen und unter Schluchzen und Thränen in den Hauptpfühl gebiſſen hatte. Wahrlich, ſie, die einen Thron, die Freiheit, das Leben vielleicht verlor, verlor genng, daß man keine Rechenſchaft von ihr über ihre Verzweiflung forderte, und nicht hinter dieſer großen Erniedrigung ſuchte, wel⸗ cher noch lebhaftere Schmerz ihr die Thränen aus den Augen, das Schluchzen aus der Bruſt ziehe. In dem Gefühle der Ehrfurcht, das dieſer Schmerz einflößte, hatte man alſo in den erſten Augenblicken die Königin allein gelaſſen. Die Königin hörte die Thüre ihres Zimmers, wel⸗ ches in das des Königs ging, öffnen und wieder zu⸗ machen, und wandte ſich nicht um; ſie hörte Tritte ihrem Bette ſich nähern, und blieb mit dem Kopfe in ihrem Kiſſen verloren. Plötzlich aber ſprang ſie auf, als ob ſie eine Schlange ins Herz gebiſſen hätte. Eine wohlbekannte Stimme hatte das einzige Wort: „Madame!“ ausgeſprochen. Die Gräfin von Charny. VII. 8 114 „Andrée!“ rief Marie Antvinette;„was wollen Sie von mir?“ „Ich will von Ihnen, Madame, was Gott von Kain wollte, als er ihn fragte:„„Kain, was haſt du mit deinem Bruder gemacht?““ „Mit dem Unterſchiede, daß Kain ſeinen Bruder getödtet hatte, während ich„. oh! ich würde nicht nur mein Leben, ſondern zehn Leben gegeben haben, hätte ich ſie gehabt, um das ſeine zu retten!“ Andrée ſchwankte; ein kalter Schweiß floß von ihrer Stirne; ihre Zähne klapperten. „Er iſt alſo getödtet worden?“ fragte ſie mit einer äußerſten Anſtrengung. Die Königin ſchaute Andrée an und erwiederte: „Glauben Sie, ich weine um meine Krone?“ Und auf ihre blutigen Füße deutend: „Glauben Sie, wenn dieſes Blut das meinige wäre, hätte ich meine Füße nicht gewaſchen?“ Andrée wurde von bleich leichenfarbig. „Sie wiſſen alſo, wo ſein Leib iſt?“ ſagte ſie. „Man laſſe mich hinaus, und ich werde Sie au den Ort führen.“ „Ich erwarte Sie auf der Treppe, Madame,“ ſprach. Andrée. Und ſie verließ das Zimmer. Piton wartete vor der Thüre. „Herr Pitou,“ ſagte Andrée,„eine von meinen Freundinnen will mich an den Ort führen, wo der Körper von Herrn von Charny iſt; es iſt eine der Frauen der Königin: kann ſie mich begleiten?“ „Sie wiſſen,“ erwiederte Piton,„wenn ſie heraus⸗ geht, ſo geſchieht es unter der Bedingung, daß ich ſie dahin zurückführe, von wo ſie herausgegangen iſt.“ „Sie werden ſie zurückführen.“ „Es iſt gut,“ ſagte Pitou. Sodann ſich gegen die Schildwache umwendend: en er er 18⸗ ſie — 115 „Kamerad, eine Frau der Königin kommt heraus, um mit uns den Körper eines braven Officiers aufzu⸗ ſuchen, deſſen Witwe dieſe Dame iſt. Ich hafte für dieſe Frau mit meinem Kopfe.“ „Das genügt, Kapitän,“ antwortete die Schildwache. Zu gleicher Zeit öffnete ſich die Thüre des Vorzim⸗ mers, und die Königin erſchien, das Geſicht mit einem Schleier bedeckt. Man ſtieg die Treppe hinab, die Königin ging voran, Andrée und Piton folgten ihr. Nach einer Sitzung von ſiebenundzwanzig Stunden hatte die Nationalverſammlung endlich den Saal ge⸗ räumt. Dieſer ungeheure Saal, wo ſich ſo viele Geräuſche und Ereigniſſe ſeit ſiebenundzwanzig Stunden gedrängt hatten, war ſtumm, leer und finſter wie das Grab. „Ein Licht!“ ſagte die Königin. Pitou hob eine ausgelöſchte Fackel auf, zündete ſie an einer Laterne wieder an, gab ſie der Königin, und dieſe ging weiter. Als ſie an der Eingangsthüre vorüberkam, deutete Antvinette mit ihrer Fackel auf dieſe Thüre und agte: „Hier iſt die Thüre, wo er getödtet worden.“ Andrée antwortete nicht; man hätte glauben ſollen, es ſei ein Geſpenſt, das ſeinem Beſchwörer folge. Als ſie in den Corridor gelangte, ſenkte die Köni⸗ gin ihre Fackel gegen den Fußboden und ſprach: „Hier iſt ſein Blut!“ Andrée blieb ſtumm. Die Königin ging gerade auf ein Cabinet zu, das der Loge des Logographe gegenüber lag, öffnete die Thüre des Cabinets, beleuchtete das Innere mit ihrer Fackel und ſagte: Immer ſtumm, trat Andrée in das Cabinet ein, 116 ſetzte ſich auf die Erde, zog den Kopf von Olivier auf ihren Schooß und ſprach: „Ich danke, Madame; das iſt Alles, was ich mir von Ihnen zu erbitten hatte.“ „Aber ich,“ erwiederte die Königin,„ich habe Sie um etwas Anderes zu bitten.“ „Sprechen Sie.“ „Verzeihen Sie mir?“ Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, als ob Andrée zögerte. „Ja,“ antwortete ſie endlich;„denn morgen werde ich bei ihm ſein!“ Die Königin zog aus ihrer Bruſt eine goldene Scheere, die ſie hier wie einen Dolch verborgen hatte, um ſich daraus eine Waffe gegen ſich ſelbſt in einer äußerſten Gefahr zu machen. „Dann. ſagte ſie faſt flehend, indem ſie die Scheere Andrée darreichte. Andrée nahm die Scheere, ſchnitt eine Haarlocke vom Haupte des Leichnams, und gab dann Scheere und Haare der Königin. Die Königin ergriff die Hand von Andrée und küßte ſie. 4 Andrée ſtieß einen Schrei aus und zog ihre Hand zurück, als ob die Lippen der Königin ein glühendes Eiſen geweſen wären. „Ah!“ murmelte die Königin,„wer kann ſagen, welche von uns Beiden ihn mehr liebte?“ „O mein vielgeliebter Olivier!“ flüſterte ihrerſeits Andröe,„ich hoffe, Du weißt nun wenigſtens, daß ich Dich am Beſten liebte.“ Die Königin nahm ſchon wieder den Rückweg nach ihrem Zimmer und ließ Andrée im Cabinet mit dem Leichname ihres Gatten, auf welchen, wie ein Freundes⸗ blick, durch ein vergittertes Fenſter ein bleicher Mond⸗ ſtrahl fiel. te, er — — v* S S S 117 Piton, ohne zu wiſſen, wer es war, führte Marie Antvinette zurück und ſah ſie bei ſich eintreten; von die⸗ ſer Verantwortlichkeit vor der Schildwache befreit, ging er ſodann auf die Terraſſe hinaus, um zu ſehen, ob die vier Männer, die er von Défiré Maniquet verlangt hatte, da ſeien. Die vier Männer warteten. „Kommt!“ ſagte Piton zu ihnen. Sie traten ein. Piton, der ſich mit der Fackel leuchtete, welche er wieder aus den Händen der Königin genommen hatte, führte ſie bis in das Cabinet, wo Andrée, immer ſitzend, beim Scheine des befreundeten Strahles das bleiche, aber ſtets ſchöne Geſicht ihres Gatten betrachtete. Das Licht der Fackel machte, daß die Gräfin die Augen aufſchlug. „Was wollen Sie?“ fragte ſie Piton und ſeine Leute, als hätte ſie befürchtet, dieſe Unbekannten nehmen ihr den geliebten Leichnam. „Madame,“ erwiederte Piton,„wir wollen den Körper von Herrn von Charny holen, um ihn nach der Rue Coq⸗Héron zu bringen.“ „Sie ſchwören mir, daß es deshalb iſt?“ fragte Andrée. Piton ſtreckte die Hand über dem Leichname mit einer Würde aus, der man ihn nicht fähig gehalten hätte, und ſprach: „Ich ſchwöre es, Madame!“ „Dann ſage ich Ihnen meinen Dank, und ich werde Gott in meinem letzten Angenblicke bitten, er möge Ihnen, Ihnen und den Ihrigen, die Schmerzen erſparen, mit denen er mich zu Boden drückt. Die vier Männer nahmen den Leichnam, hoben ihn auf ihre Gewehre, und Piton ſtellte ſich mit bloßem Degen an die Spitze des Leichenzuges. 118 Andrée ging auf der Seite, in ihrer Hand die kalte und ſchon ſtarre Hand des Grafen haltend. Als man in der Rue Coq⸗Héron angelangt war, legte man den Körper auf das Bett von Andrée⸗ Dann ſprach die Gräfin, indem ſie ſich an die vier Männer wandte: „Empfangt die Segnungen einer Frau, welche mor⸗ gen da oben zu Gott für Euch beten wird.“ Und zu Pitou: „Herr Piton, ich bin Ihnen mehr ſchuldig, als ich Ihnen je werde vergelten können; darf ich noch auf Sie für einen letzten Dienſt zählen?“ „Befehlen Sie, Madame.“ „Machen Sie, daß morgen ftüh um acht Uhr der Doctor Gilbert hier iſt.“ Piton verbengte ſich und ging ab. Während er abging, wandte er den Kopf um, und er ſah Andrée vor dem Bette wie vor einem Altare knieen. In dem Augenblicke, wo er ſich durch die Hausthüre entfernte, ſchlug es drei Uhr in der Saint⸗Euſtache⸗Kirche. CLV was Andrée von Gilbert wollte. Am andern Morgen um acht Uhr klopfte Gilbert an die Thüre des kleinen Hotels der Rue Cog⸗Héron. Auf die Bitte, welche Piton im Namen von Andrée an ihn gerichtet, hatte ſich Gilbert, erſtaunt, die Ereig⸗ er d e 119 niſſe des vorhergehenden Tags in allen ihren Einzelheiten erzählen laſſen. Dann hatte er lange überlegt. In dem Angenblicke endlich, wo er am Morgen ausgehen wollte, hatte er Piton gerufen und ihn ge⸗ beten, Sebaſtian beim Abbé Bérardier zu holen und ihn nach der Rue Cog⸗Héron zu führen; hier angelangt, ſollte Piton auf den Abgang von Gilbert warten. Ohne Zweifel war der alte Concierge von der An⸗ kunft des Doctors unterrichtet; denn, nachdem er ihn erkannt, führte er ihn in den Salon ein, der vor dem Schlafzimmer kam. Andrée wartete ganz ſchwarz gekleidet. Man ſah, daß ſie ſeit dem vorhergehenden Tage weder geſchlafen, noch geweint hatte; ihr Geſicht war bleich, ihr Auge trocken. Nie waren die Linien ihres Geſichtes, Linien, welche einen bis zur Hartnäckigkeit geſteigerten Willen bezeich⸗ neten, ſo ſehr geſpannt geweſen. Es hätte ſich ſchwer ſagen laſſen, welchen Entſchluß dieſes Demantherz gefaßt; es ließ ſich aber leicht ſehen, daß es einen gefaßt. Gilbert, der gewandte Beobachter, der philoſophiſche Arzt, begriff dies auf den erſten Blick. Er verbengte ſich und wartete. „Herr Gilbert,“ ſagte Andrée,„ich habe Sie ge⸗ beten, zu kommen.“ „Und Sie ſehen, Madame,“ erwiederte Gilbert, „ich habe pünktlich Ihrer Einladung entſprochen.“ „Ich habe Sie erſucht, Sie und nicht einen An⸗ dern, weil derjenige, an welchen ich die Bitte richten würde, die ich an Sie zu richten im Begriffe bin, nicht befugt ſein ſollte, ſie mir abzuſchlagen.“ „Sie haben Recht, Madame; vielleicht nicht in dem, was Sie von mir verlangen werden, aber in dem, 120 was Sie ſagen; Sie ſind befugt, Alles von mir zu for⸗ dern, ſelbſt mein Leben.“ Andrée lächelte bitter. „Ihr Leben, mein Herr, iſt eine von den der Menſch⸗ heit ſo koſtbaren Exiſtenzen, daß ich,— weit entfernt von dem Gedanken, es abzukürzen,— Gott zuerſt bitten werde, Ihnen daſſelbe lang und glücklich zu machen.. Geſtehen Sie aber, ſo ſehr das Ihrige unter einen glück⸗ lichen Einfluß geſtellt iſt, ebenſo gibt es andere, welche einem unſeligen Geſtirne unterworfen zu ſein ſcheinen.“ Gilbert ſchwieg. „Das meinige, zum Beiſpiel,“ fuhr Andrée fort, nachdem ſie ſelbſt einen Augenblick geſchwiegen;„was ſagen Sie von dem meinigen, mein Herr?“ Sodann, da Gilbert, ohne zu antworten, die Angen niederſchlug: „Laſſen Sie es mich Ihnen mit zwei Worten zu⸗ rückrufen.. Seien Sie ruhig, es wird kein Vorwurf für irgend Jemand hierin ſein!“ Gilbert machte eine Geberde, welche beſagen wollte: „Sprechen Sie.“ „Ich bin arm geboren; mein Vater war vor meiner Geburt zu Grunde gerichtet.. Meine Jugend war traurig, einſam: Sie haben meinen Vater gekannt, und Sie wiſſen beſſer, als irgend Jemand, das Maß ſeiner Zärtlichkeit für mich... „Zwei Menſchen, von denen der Eine mir hätte unbekannt bleiben ſollen, und der Andere.. fremd, hatten auf mein Leben einen myſteriöſen, verhängniß⸗ vollen Einfluß, bei dem mein Wille Nichts war: der Eine verfügte über meine Seele, der Andere über meinen Leib. „Ich fand mich Mutter, ohne zu bermuthen, daß ich Jungfrau zu ſein aufgehört... „Bei dieſem düſtern Ereigniß hätte ich beinahe die Zärtlichkeit des einzigen Weſens, das mich je geliebt, die meines Bruders, verloren! — r⸗ nt en e n 1. 12¹ „Ich flüchtete mich in die Idee, Mutter zu werden und von meinem Kinde geliebt zu ſein: mein Kind wurde mir eine Stunde nach ſeiner Geburt genommen. Ich fand mich Frau ohne Mann, Mutter ohne Kind! „Die Freundſchaft einer Königin tröſtete mich. „Eines Tags brachte der Zufall in denſelben Wa⸗ gen mit uns einen ſchönen, jungen, wackern Mann; das Verhängniß wollte, daß ich, die ich nie etwas geliebt hatte, ihn liebte. „Er liebte die Königin! „Ich wurde die Vertraute dieſer Liebe. Ich glaube, Sie haben geliebt, ohne geliebt zu werden, Herr Gil⸗ bert; Sie können alſo begreifen, was ich litt. „Das war nicht genug. Einſt geſchah es, daß die Königin zu mir ſagte?„„Andrée, rette mir das Leben! rette mir mehr als das Leben: rette mir die Ehre!““ Ich mußte, während ich eine Fremde für ihn blieb, die Frau des Mannes werden, den ich ſeit drei Jahren liebte. „Ich wurde ſeine Frau. „Fünf Jahre blieb ich bei dieſem Manne, Flamme innen, Eis außen, eine Bildſäule, deren Herz brannte! Arzt! begreifen Sie, was mein Herz leiden mußte? „Eines Tags endlich,— Tag unausſprechlicher Wonne!— rührten meine Ergebenheit, mein Stillſchwei⸗ gen, meine Verleugnung dieſen Mann. Seit ſieben Jah⸗ ren liebte ich ihn, ohne daß ich es ihn durch einen Blick hatte ahnen laſſen, als er ganz bebend ſich vor mir auf die Kniee warf und ſprach:„„Ich weiß Alles, und ich liebe Sie!““ „Gott, der mich belohnen wollte, geſtattete, daß ich an demſelben Tage, wo ich meinen Gatten fand, auch mein Kind wiederfand! Ein Jahr verlief wie ein Tag, wie eine Stunde, wie eine Minute; dieſes Jahr, das war mein ganzes Leben. „Vor vier Tagen ſchlug der Blitz zu meinen Füßen ein. „Seine Ehre hieß ihn nach Paris zurückkehren und 122 hier ſterben. Ich machte ihm keine Bemerkung, ich vergoß keine Thräne; ich reiſte mit ihm ab. „Wir waren kaum angekommen, als er mich verließ. „Heute Nacht habe ich ihn todt wiedergefunden!.. Er iſt dort in jenem Zimmer. „Glauben Sie, es ſei zu ehrgeizig von mir, nach einem ſolchen Leben, wenn ich in demſelben Grabe mit ihm zu ruhen wünſche? Glauben Sie, es ſei eine Bitte, die Sie mir abſchlagen können, die, welche ich an Sie thun werde? „Herr Gilbert, Sie ſind ein geſchickter Arzt, ein gelehrter Chemiker; Sie haben großes Unrecht gegen mich gehabt; Sie haben viel zu ſühnen... Nun wohl, geben Sie mir ein raſches und ſicheres Gift, und ich werde Ihnen nicht nur verzeihen, ſondern auch das Herz voll Dankbarkeit ſterben!“ „Madame,“ erwiederte Gilbert,„Ihr Leben iſt, wie Sie geſagt haben, eine grauſame Prüfung geweſen, und dieſe Prüfung, Ehre ſei Ihnen! haben Sie als Märtyrin edel und fromm erduldet!“ Andrée machte ein leichtes Zeichen mit dem Kopfe, welches bedeutete:„Ich warte.“ „Sie ſprechen nun zu Ihrem Henker:„„Du haſt mir das Leben grauſam gemacht; gib mir einen ſanften Tod!““ Sie haben das Recht, ihm dies zu ſagen; Sie haben das Recht, beizuſetzen:„„Du wirſt thun, was ich ſage, denn Du biſt nicht befugt, mir etwas von dem zu verweigern, was ich von Dir fordere... „Alſo, mein Herr?“ „Verlangen Sie immer noch Gift von mir?“ „Ich flehe Sie an, mir zu geben.“ „Iſt das Leben ſo drückend für Sie, daß es Ihnen unmöglich geworden, es zu ertragen?“ „Der Tod iſt die ſüßeſte Gnade, die mir die Men⸗ ſchen gewähren können, die größte Wohlthat, die mir Gott bewilligen kann.“ 123 „In zehn Minuten werden Sie haben, was Sie von mir verlangen, Madame,“ ſprach Gilbert. Underverbeugteſich und machte einen Schrittrückwärts. Andrée aber reichte ihm die Hand und ſagte: „Ah! in einem Augenblicke haben Sie mir mehr Gutes gethan, als Sie mir in meinem ganzen Leben Böſes gethan hatten!. Seien Sie geſegnet, Gilbert!“ Gilbert ging ab. Vor der Thüre fand er Sebaſtian und Piton, die ihn in einem Fiaere erwarteten. „Sebaſtian,“ ſagte er, indem er aus ſeiner Bruſt ein kleines Fläſchchen zog, das er an einer goldenen Kette hängend trug, und das eine opalfarbige Flüſſigkeit enthielt,„Sebaſtian, Du wirſt von mir dieſes Fläſchchen der Gräfin von Charny geben.“ „Wie lange darf ich bei ihr bleiben, mein Vater?“ „So lange Du willſt.“ „Und wo werde ich Sie wiederfinden?“ „Ich erwarte Dich hier.“ Der junge Mann nahm das Fläſchchen und trat ein. Nach einer Viertelſtunde kam er wieder heraus. Gilbert warf einen raſchen Blick auf ihn: er brachte das Fläſchchen unberührt zurück. „Was hat ſie geſagt?“ fragte Gilbert. „Sie hat geſagt:„„Oh! nicht von Deiner Hand, mein Kind!““ „Was hat ſie gemacht?“ „Sie hat geweint.“ „Dann iſt ſie gerettet,“ ſprach Gilbert.„Komm, mein Kind.“ Und er küßte Sebaſtian zärtlicher vielleicht, als er es je gethan. Gilbert rechnete ohne Marat. AAcht Tage darauf erfuhr er, die Gräfin von Charny ſei ie und in das Gefängniß der Abtei gebracht worden. 124 CLVI. Der Tempel. Doch ehe wir Andrée in das Gefängniß folgen, wo⸗ hin man ſie als verdächtig ſchicken ſollte, folgen wir der Königin in das, in welches man dieſe als ſchuldig ge⸗ führt hatte. Wir haben den Antagonismus der Nationalverſamm⸗ lung und der Commune bezeichnet. Die Nationalverſammlung, wie dies allen conſti⸗ tuirten Körpern begegnet, war nicht mit demſelben Schritte gegangen wie die Individuen; ſie hatte das Volk auf den Weg des 10. Auguſt hingetrieben, dann war ſie zu⸗ rückgeblieben. Die Sectionen hatten den berufenen Rath der Com⸗ mune improviſirt, und dieſer Rath der Commune war es, der in Wirklichkeit den, von der Nationatverſammlung gepredigten, 10. Auguſt gemacht hatte. Und zum Beweiſe dient, daß gegen die Lnn 6. eine Zuflucht bei der Nationalverſammlung geſucht Die Nationalverſammlung hatte ein Aſyl dem König gegeben, den die Commune nicht ungern in den Tuilerien überfallen, zwiſchen zwei Matratzen erſtickt, zwiſchen zwei Thüren erdroſſelt hätte, mit der Königin und dem Dau⸗ phin, mit der Wölfin und dem Wölflein, wie man ſagte. Die Nationalverſammlung hatte dieſes Project ſchei⸗ tern gemacht, deſſen Gelingen,— ſo ſchändlich es et⸗ — vielleicht ein großes Glück geweſen wäre. Die den König, die Königin, den Dauphin, ſelbſt X M — 125 den Hof beſchützende Nationalverſammlung war alſo royaliſtiſch; die Nationalverſammlung, welche decretirte, der König ſollte das Luxembourg, das heißt einen Palaſt bewohnen, war royaliſtiſch. Allerdings gibt es, wie bei allen Dingen, Stufen beim Royalismus; was in den Augen der Commune, und ſo⸗ gar in den Augen der Nationalverſammlung royaliſtiſch, war revolutionär in anderen Augen. Lafayette, als Royaliſt in Frankreich geächtet, ſollte er nicht als Revolutionär vom Kaiſer von Oeſter⸗ reich eingekerkert werden? Die Commune fing alſo damit an, daß ſie die Na⸗ tionalverſammlung des Royalismus bezüchtigte; ſodann ſtreckte Robespierre von Zeit zu Zeit aus dem Loche, wo er verborgen war, ſeinen ſpitzigen Kopf hervor und pfiff eine Verleumdung. Robespierre war gerade in dieſem Augenblicke im Zuge, zu ſagen, eine mächtige Partei, die Gironde, biete den Thron dem Herzog von Braunſchweig an. Die Gi⸗ ronde? begreift Ihr? das heißt die erſte Stimme, welche:„Zu den Waffen!“ gerufen, der erſte Arm, der ſich angeboten hätte, um Frankreich zu vertheidigen! Die revolutionäre Commune mußte aber, um zur Dictatur zu gelangen, Allem, was die royaliſtiſche Nationalverſammlung that, entgegentreten. Die Nationalverſammlung hatte dem König das Luxembourg als Wohnung bewilligt. Die Commune erklärte, ſie hafte nicht für den Kö⸗ nig, wenn der König im Luxembourg wohnez die Keller des Luxembourg, verſicherte die Commune, ſtehen mit den Katakomben in Verbindung. Die Nationalverſammlung wollte mit der Commune nicht wegen einer ſolchen Geringfügigkeit brechen: ſie überließ ihr die Wahl der königlichen Wohnung. Die Commune wählte den Tempel. Man ſehe, ob der Platz gut gewählt war. 126 Der Tempel iſt nicht, wie das Luxembourg, eine durch ſeine Keller in die Katakomben, durch ſeine Mauern auf die Ebene gehender, mit den Tuilerien und dem Stadthauſe einen ſpitzigen Winkel bildender Palaſt; nein, es iſt ein unter das Ange und in den Bereich der Com⸗ mune geſtelltes Gefängniß; die Commune braucht nur die Hand auszuſtrecken: ſie öffnet und ſchließt ſeine Thüren; es iſt ein alter, vereinzelter, niedriger, ſtarker, feſter Thurm, deſſen Graben man wiederhergeſtellt hat; Philipp der Schöne, das heißt das Königthum, brach hier das Mittelalter, das ſich gegen ihn empörte: das Königthum wird hierher zurückkehren, durch die neue Zeit gebrochen. Wie war dieſer alte Thurm hier geblieben, in dem volkreichen Quartier, ſchwarz und traurig wie eine Nacht⸗ eule im hellen Sonnenſcheine? Hier werden nach der Entſcheidung der Commune der König und die königliche Familie wohnen. War es Berechnung, als ſie zum Aufenthaltsorte dem König dieſes Aſyl anwies, wo die früheren Bankerottirer die grüne Mütze aufſetzten und mit dem Hintern die Steine klopften, wie das Geſetz des Mittelalters ſagt, wonach ſie nichts mehr ſchuldig waren? Rein, es war Zufall, Verhängniß, wir würden ſagen Vorſehung, wäre das Wort nicht zu grauſam. Am 10. Abends wurden der König, die Königin, Madame Eliſabeth, Frau von Lamballe, Frau von Tour⸗ zel, Herr Chemilly, der Kammerdiener des Königs, und Herr Hue, der Kammerdiener des Dauphin, in den Tem⸗ pel verſetzt. Die Commune hatte ſich dergeſtalt beeilt, den Könt in ſeine neue Wohnung zu bringen, daß der Thurm. nicht bereit war. Die königliche Familie wurde dem zu Folge in den Theil des Gebäudes geführt, welchen einſt der Graf von 127 Artvis bewohnte, wenn er nach Paris kam, und den man das Palais nannte. Ganz Paris ſchien frendig zu ſein; es iſt wahr, dreitauſend Bürger waren umgekommen; doch der Freund des Auslands, doch der große Feind der Revolution, doch der Verbündete der Adeligen und der Prieſter: der König ſaß gefangen. Alle den Tempel umgebende Hänſer waren er⸗ leuchtet. Es fanden ſich Lämpchen bis in den Zinnen des Thurmes. Als Ludwig XVI. aus dem Wagen ſtieg, ſah er Santerre zu Pferde, zehn Schritte vom Schlage haltend. Zwei Municipalbeamte erwarteten den König mit dem Hute in der Hand. „Treten Sie ein, mein Herr,“ ſagten ſie zu ihm. Der König trat ein, und natürlich über ſeine zu⸗ künftige Reſidenz ſich tänſchend, verlangte er die Ge⸗ mächer des Palais zu beſichtigen. Die Municipalbeamten wechſelten einen Blick; ohne ihm zu ſagen, die Promenade, die er zu machen gedenke, ſei unnütz, da er den Thurm bewohnen ſollte, ließen ſie ihn den Tempel Zimmer für Zimmer be⸗ ſichtigen. Der König machte die Eintheilung ſeiner Wohnung, und die Municipalbeamten ergötzten ſich an dieſem Irr⸗ thume, der ſich in Bitterkeit verwandeln ſollte. Um zehn Uhr wurde das Abendbrod ſervirt. Wäh⸗ rend des Mahles ſtand Mannel in der Nähe des Königs; das war kein botmäßiger Diener mehr: es war ein Kerkermeiſter, ein Aufſeher, ein Herr. Man nehme zwei ſich widerſprechende Befehle an: den einen vom König, den andern von Manuel gegeben; der Befehl von Manuel wäre vollzogen worden. Hhier begann wirklich die Gefangenſchaft. Beſiegt auf der Höhe der Monarchie, verläßt am 128 10. Auguſt Abends der König den oberſten Gipfel und ſteigt mit raſchen Schritten den entgegengeſetzten Ab⸗ hang des Berges hinab, an deſſen Fuße ihn das Schaffot erwartet. Er hat achtzehn Jahre gebraucht, um den Gipfel zu erſteigen und ſich darauf zu behaupten; er wird fünf Monate und acht Tage brauchen, um herabgeſtürzt zu werden. Man ſehe, mit welcher Geſchwindigkeit man ihn antreibt. Um zehn Uhr iſt man im Speiſezimmer des Palais, um elf Uhr im Salon des Palais. Der König iſt voch oder glaubt wenigſtens noch zu ſein. Er weiß nicht, was vorgeht. Um elf Uhr gibt einer von den Commiſſären den zwei Kammerdienern, Hue und Chemilly, Befehl, das Wäſche, was ſie hatten, zu nehmen und ihm zu olgen. „Wohin folgen?“ fragten die Kammerdiener. „In den Nachtaufenthalt Eures Herrn,“ antwortete der Commiſſär;„das Palais iſt nur der Tagaufenthalt.“ Der König, die Königin, der Dauphin waren ſchon nur noch die Herren von ihren Kammerdienern. An der Thüre des Palais fand man einen Muni⸗ cipalbeamten, der mit einer Laterne vorausging. Man folgte ihm. Beim ſchwachen Scheine dieſer Laterne und mittelſt der Erleuchtung der benachbarten Häuſer,— eine Er⸗ leuchtung, welche zu erlöſchen anfing,— ſuchte Hue die zukünftige Wohnung des Königs zu erkennen; er ſah vor ſich nur den düſtern Thurm, der ſich in die Luft er⸗ hob wie ein Granitrieſe, an deſſen Stirne eine Feuer⸗ krone glänzte. „Mein Gott!“ ſagte der Kammerdiener ſtill ſtehend, „ſollten Sie uns in dieſen Thurm führen?“ „Gewiß,“ antwortete der Municipalbeamte.„Ah! —— 129 die Zeit der Paläſte iſt vorüber! Du wirſt ſehen, wie man die Mörder des Volks quartiert.“ Nachdem er kaum dieſe Worte geſprochen, ſtieß der Mann mit der Laterne an die erſten Stufen einer Schneckentreppe. Die Kammerdiener blieben im erſten Stocke; der Mann mit der Laterne ging aber weiter. Im zweiten Stocke hörte er auf emporzuſteigen, nahm ſeinen Weg in einen rechts von der Treppe liegen⸗ den Corridor, und öffnete ein Zimmer, das auf der linken Seite des Corridors lag. Ein einziges Fenſter erleuchtete dieſes Zimmer; drei bis vier Stühle, ein Tiſch und ein ſchlechtes Bett bildeten das ganze Mobiliar. „Welcher von Euch Beiden iſt der Bediente des Königs?“ fragte der Munſcipalbeamte. „Ich bin ſein Kammerdiener,“ erwiederte Herr Chemily. „Kammerdiener oder Bediente, das iſt immer einer⸗ lei,“ verſetzte der Mann mit der Laterne. Und auf das Bett deutend, fügte er bei: „Sieh, hier wird Dein Herr ſchlafen.“ Und er warf auf einen Stuhl eine Decke und ein Paar Leilacken, zündete mit ſeiner Laterne zwei Lichter auf dem Kamine an und ließ die zwei Kammerdiener allein. Man ſchickte ſich an, die im erſten Stocke liegende Wohnung der Königin in Bereitſchaft zu ſetzen. Die Herren Hue und Chemilly ſchauten ſich beſtürzt an. Sie hatten noch in ihren thränenfeuchten Augen die Herrlichkeiten der königlichen Wohnungen; es war nicht einmal mehr ein Gefängniß, in das man den Kö⸗ nig ſtürzte: man quartierte ihn in einen Dachwinkel ein. Die Majeſtät der Scenirung fehlte dem Unglücke. Sie unterſuchten das Zimmer. Die Gräfin von Charny. VI. 9 130 Das Bett ſtand in einem Alcoven ohne Vorhänge; ein an die Wand geſtelltes altes Weidengeflechte deutete eine gegen die Wanzen genommene Vorſichtsmaßregel an;— eine unzulängliche Maßregel, wie leicht zu ſehen war. Sie ließen ſich indeſſen nicht abſchrecken und fingen an, ſo gut ſie konnten, die Stube und das Bett zu ſäubern. Während der Eine fegte und der Andere abſtäubte, trat der König ein. „Oh! Sire,“ riefen ſie einſtimmig,„welche Schänd⸗ lichkeit!“ Der König— war dies Seelenſtärke? war es Sorgloſigkeit?— blieb unempfindlich. Er ſchaute um⸗ her, ſagte aber kein Wort. Da er die Wand mit Kupferſtichen tapezirt fand und einige von dieſen Stichen obſchn waren, ſo riß er ſie ab. „Ich will ſolche Gegenſtände nicht unter den Augen meiner Tochter laſſen!“ ſagte er. Als ſodann ſein Bett gemacht war, legte ſich der König nieder und entſchlief ſo ruhig, als ob er in den Tuilerien geweſen wäre,— ruhiger vielleicht. Wahrlich, hätte man zu dieſer Stunde dem König dreißig tauſend Livres Einkünfte gegeben, ein Landhaus mit einer Schmiede, eine Bibliothek von Reiſewerken, eine Kapelle, um darin die Meſſe zu hören, einen Kaplan, um ſie ihm zu leſen, einen Park von zehn Mor⸗ gen, wo er hätte, geſchützt vor jeder Intrigne, umgeben von der Königin, vom Dauphin, von Madame Royale, das heißt— ſüßere Worte— von ſeiner Frau und ſei⸗ nen Kindern, leben können, der König wäre der glück⸗ lichſte Menſch ſeines Reiches geweſen. Nicht ſo war es bei der Königin. Brüllte ſie nicht beim Anblicke ihres Käſichs, die ſtolze Löwin, ſo war dies, weil ein ſo grauſamer Schmerz ————————————.— — 8— — 8 131 in der Tiefe ihrer Bruſt wachte, daß ſie für Alles, was ſie umgab, blind und unempfindlich wurde. Ihre Wohnung beſtand aus vier Zimmern: einem Vor⸗ zimmer, wo die Frau Prinzeſſin von Lamballe blieb, einem Zimmer, das die Königin für ſich nahm, einem Ca⸗ binet, welches man Frau von Tourzel abtrat, und einem zweiten Zimmer, das man für Madame Eliſabeth und die Kinder beſtimmte. Alles dies war etwas reinlicher als beim König. Uebrigens, als hätte er ſich der Hinterliſt geſchämt, der man ſich gegen den König bedient hatte, kündigte Manuel an, der Baumeiſter der Commnne, der Bürger Palloy,— derſelbe, welcher mit dem Niederreißen der Baſtille beauftragt geweſen war,— werde kommen und ſich mit dem König verſtändigen, um die zukünftige Wohnung der königlichen Familie ſo bequem als möglich zu machen. Während Andrée in das Grab den Leichnam ihres geliebten Gatten niederlegt; während Manuel im Tempel den König und die königliche Familie einquartiert; wäh⸗ rend der Zimmermann die Guillotine auf dem Platze des Carrouſels, dem Siegesfelde, das ſich in einen Grove Platz verwandeln ſoll, errichtet, werfen wir ei⸗ nen Blick in das Innere des Stadthauſes, wo wir ſchon zwei⸗ oder dreimal eingetreten ſind, und ſchätzen wir dieſe Macht, welche auf die der Bailly und der Lafayette gefolgt iſt und ſich, indem ſie ſich an die Stelle der legislativen Verſammlung ſetzt, der Dictatur zu be⸗ mächtigen ſtrebt. Sehen wir die Menſchen, ſie werden uns die Erklä⸗ rung der Acte geben. Am 10. Abends, als Alles beendigt war, wohlver⸗ ſtanden; als der Lärm der Kanonen entſchlummert war; als das Geräuſch des Musketenfeuers erloſchen war; als man nur noch mordete, hatte ein Trupp betrunkener, zerlumpter Leute auf den Armen mitten in den Rath der 132 Commyne den Mann der Finſterniß, die Nachteule mit den blinzelnden Angen, den Propheten des Pöbels, den göttlichen Marat gebracht. Er hatte mit ſich machen laſſen: es war nichts mehr zu befürchten; der Sieg war entſchieden und das Feld für die Wölfe, die Geier und die Raben offen. Sie nannten ihn den Sieger vom 10. Auguſt, ihn, den ſie in dem Augenblicke genommen hatten, wo er den Kopf durch das Luftloch ſeines Kellers her⸗ vorſtreckte. Sie hatten ihn mit Lorbeeren bekränzt, und er hatte, wie Cäſar, naiv den Kranz auf ſeiner Stirne behalten. Sie kamen, die Bürger Sansculottes, und warfen, wie wir ſo eben geſagt haben, den Gott Marat mitten in die Commune. So hatte man den lahmen Vulcan in den Rath der Götter geworfen. Beim Anblicke von Vulcan hatten die Götter ge⸗ lacht; beim Anblicke von Marat lachten Viele; die An⸗ dern wurden von Ekel erfaßt; Einige ſchauerten. Dieſe Letzten hatten Recht. Und Marat gehörte doch nicht zur Commune; er war nicht zum Mitgliede ernannt worden; man hatte ihn dahin getragen. „ Er blieb hier. WMan machte ihm,— für ihn ganz ausdrücklich,— eine Journaliſtenloge, nur, ſtatt daß der Journaliſt unter der Hand der Commune war, wie der Logographe unter der Hand der Nationalverſammlung, war die Commune unter der Klaue, unter der Pfote von Marat. Wie in dem ſchönen Drama unſeres theuren und großen Freundes Victor Hugo Angelo über Padua iſt, aber Venedig über ſich fühlt, ſo war die Commune über der Nationalverſammlung, fühlte aber Marat über ſich. Schaut, wie ſie gehorcht, dieſe ſtolze Commune, der — S w 1 — 133 die Nationalverſammlung gehorcht! Einer der erſten Beſchlüſſe, den ſie faßt, iſt: „Die Preſſen der royaliſtiſchen Giftmiſcher ſollen nunmehr confiscirt und den patriotiſchen Druckern zu⸗ erkannt werden.“ An dem Tage, wo das Decret erlaſſen werden ſoll, vollzieht es Marat: er geht in die königliche Druckerei, läßt eine Preſſe zu ſich ſchleppen und in Säcken die Schrift mitnehmen, die ihm anſteht. Iſt er nicht der Erſte der patriotiſchen Drucker? Die Rationalverſammlung war über die Schläch⸗ tereien des 10. Anguſt erſchrocken; ſie war unmächtig geweſen, ſie zu verhindern: man hatte in ihrem Hofe, in ihrem Corridor, vor ihrer Thüre geſchlachtet. Danton hatte geſagt: „Wo die Thätigkeit der Juſtiz anfängt, muß die Volksrache aufhören. Ich übernehme vor der National⸗ verſammlung die Verbindlichkeit, die Menſchen zu be⸗ ſchützen, welche in ihrem Bezirke ſind; ich werde an ihrer Spitze gehen; ich hafte für ſie.“ Danton hatte dies geſagt, ehe Marat bei der Com⸗ mune war. Von dem Augenblicke an, wo Marat bei der Commune war, haftete er für nichts mehr. Der Schlange gegenüber ſchlug der Löwe ſchiefe Wege ein: er ſuchte ſich zum Fuchſe zu machen. Lacroix, dieſer ehemalige Officier, dieſer athletiſche Abgeordnete, einer der hundert Arme von Danton, be⸗ ſtieg die Tribune und verlangte, daß man durch San⸗ terre,— den Mann, dem die Royaliſten ſelbſt, unter ſeiner rauhen Form, ein mitleidiges Herz zugeſtehen,— Lacroix verlangt, daß man durch Santerre ein Kriegs⸗ gericht ernennen laſſe, welches auf der Stelle die Schwei⸗ zer, Officiere und Soldaten, richten ſollte. Folgendes war die Idee von Lacroix oder vielmehr von Danton: Dieſes Kriegsgericht würde man unter den Män⸗ 134 inrn nehmen, welche ſich geſchlagen hatten; die Männer, die ſich geſchlagen hatten, waren Männer von Muth: § von Muth ſchätzen und achten aber den uth. Ueberdies hätte es ihnen gerade dadurch, daß ſie Sieger waren, widerſtrebt, Beſiegte zu verurtheilen. Hat man nicht dieſe Sieger, beranſcht vom Blute, rauchend von der Schlächterei, die Weiber verſchonen, ſie beſchützen, ſie zurückführen ſehen? Ein Kriegsgericht gewählt unter den bretoniſchen oder den Marſeiller Förderirten, kurz unter den Siegern, war alſo das Heil der Gefangenen, und zum Beweiſe, wie dies eine Maßregel der Milde war, dient, daß die Commune ſie verwarf. Marat zog die Schlächterei vor: das würde eher beendigt ſein. 3 verlangte Köpfe, dann Köpfe und abermals öpfe. Seine Zahl, ſtatt abzunehmen, nahm immer mehr zuz es waren Anfangs fünfzigtanſend Köpfe, dann hundert⸗ tauſend, dann zweimal hundert tauſend; am Ende forderte er zweimalhundert dreiundſiebzig tauſend. Warum dieſe ſeltſame Rechnung, dieſer ſonderbare ruch? Er wäre ſelbſt in Verlegenheit geweſen, es zu ſagen. Er verlangt die Schlächterei, das iſt das Ganze,— und die Schlächterei organiſirt ſich. Danton ſetzt auch keinen Fuß mehr in die Com⸗ mune; ſeine Miniſterarbeit nimmt ihn ganz und gar in Anſpruch, wie er ſagt. Was macht die Commune? Sie ſchickt Deputationen an die Nationalverſamm⸗ lung ab. Am 16. folgen ſich drei Deputatſonen vor der Schranke. Am 17. erſcheint eine neue Deputation. ——————„ ————— ——* — 135 „Das Volk,“ ſagt ſie,„iſt es müde, nicht gerächt zu ſein. Befürchtet, daß es Gerechtigkeit übt. Um Mitternacht wird man die Sturmglocke läuten. Man braucht ein Criminalgericht in den Tuilerien, einen Richter je für die Section; Ludwig KVI. und Marie Antoinette wollten Blut; ſie mögen das ihrer Trabanten fließen ſehen!“ Dieſe Dreiſtigkeit, dieſes Drängen machen zwei Männer aufſpringen: den Jacobiner Choudieu, den Dantoniſten Thuriot. „Diejenigen, welche hier die Schlächterei verlan⸗ gen,“ ſagt Choudien,„ſind keine Freunde des Volks; es ſind ſeine Schmeichler. Man will eine Inquiſition; ich werde mich dem bis zum Tode widerſetzen!“ „Ihr wollt die Revolution entehren!“ ruft Thuriot; „die Revolution gehört nicht allein Frankreich: die Re⸗ volution gehört der Menſchheit!“ Nach den Petitionen kommen die Drohungen. Die Sectionen treten auch ein und ſprechen: *Iſt binnen drei Stunden der Director des Ge⸗ ſchworenengerichts nicht ernannt, und die Geſchworenen ſind nicht im Stande, zu handeln, ſo wird großes Un⸗ glück in Paris umhergehen.“ Auf dieſe letzte Drohung ſah ſich die Nationalver⸗ ſammlung genöthigt, zu gehorchen: ſie votirte die Er⸗ richtung eines außerordentlichen Tribunals. Am 17. war das Verlangen geſtellt worden. Am 19. war das Tribunal geſchaffen. Am 20. inſtallirte ſich das Tribunal und verur⸗ theilte einen Royaliſten zum Tode. Am 21. Abends wurde der Verurtheilte vom vor⸗ hergehenden Tage bei Fackelſchein auf dem Carrouſel⸗ Platze hingerichtet. Die Wirkung dieſer erſten Hinrichtung war übri⸗ gens entſetzlich, ſo entſetzlich, daß der Henker ſelbſt nicht widerſtehen konnte. 136 In dem Augenblicke, wo er dem Volke den Ko dieſes erſten Verurtheilten zeigte, der den Zu ſo it Fieie nſien ſollte, ſtieß er einen et aus, ließ den Kopf auf das ſehricnne pf auf da Pflaſter rollen und Seine Gehülfen hoben ihn auf: er war todt. CLVI. VDie blutige Bevolution. Die Revolution von 1789, das heißt die der Necker, der Bailly und der Sieyos, hatte ſich im Jahre 1790 geſchloſſen; die der Barnave, der Mirabeaiund der Lafayette hatte ihr Ende 1792 gehabt; die große Revolution, die blutige Revolution, die Revolution von Danton, von Marat, von Robespierre hatte begonnen. Indem wir dieſe drei Perſonen zuſammenfaſſen, wollen wir ſie nicht in einer und derſelben Schätzung vermengen; ſie repräſentiren im Gegentheile in unſeren Angen, in ihrer ganz verſchiedenen Individualität, die drei Geſtalten der drei Jahre, welche nun verlaufen ſollen. Danton verkörperte ſich in 1792; Marat in 1793; Robespierre in 1794. Die Ereigniſſe drängen ſich übrigens; ſehen wir nach den Ereigniſſen: wir werden hernach die Mittel unterſuchen, durch welche die Nationalverſammlung und die Commune ihnen zuvorzukommen oder ſie zu beſchlen⸗ nigen trachten. Wir ſind indeſſen faſt in die Geſchichte gerathen: — 137 alle Helden unſeres Buches ſind, mit einigen Ausnahmen, im Revolutionsſturme untergegangen. Was iſt aus den drei Brüdern Charny, Georges, Iſidor und Olivier, geworden? Sie ſind todt. Was iſt aus der Königin und aus Andrée geworden? Sie ſind gefangen. Was wird aus Lafayette? Er iſt auf der Flucht. Am 17. Auguſt hatte Lafayette durch eine Adreſſe die Armee aufgerufen, gegen Paris zu marſchiren, dort die Conſtitution wiederherzuſtellen, den 10. Auguſt zu nichte zu machen und den König zu reſtauriren. Lafayette, der redliche Mann, hatte den Kopf ver⸗ loren wie die Andernz was er thun wollte, war: die n und die Oeſterreicher unmittelbar nach Paris ühren. Das Heer ſtieß ihn inſtinctmäßig zurück, wie es acht Monate ſpäter Dumonriez zurückſtieß. Die Geſchichte würde die Namen dieſer zwei Männer an einander angehängt,— wir wollen ſagen, mit ein⸗ ander verkettet haben, hätte Lafayette, von der Königin gehaßt, nicht das Glück gehabt, von den Oeſterreichern verhaftet und nach Olmüß geſchickt zu werden: die Ge⸗ fangenſchaft machte die Deſertion vergeſſen. Am 18. ging Lafayette über die Gränze. Am 21. ſchloßen dieſe Feinde Frankreichs, dieſe Verbündeten des Königthums, gegen welche man den 10. Auguſt gemacht hat, und gegen die man den 2. Sep⸗ tember machen wird; dieſe Oeſterreicher, welche Marie Antoinette zu Hülfe rief in jener klaren Nacht, wo der Mond, durch die Scheiben des Schlafzimmers der Kö⸗ nigin eindringend, den Tag auf ihr Bett ergoß, die Oeſterreicher, ſagen wir, ſchloßen Longwy ein. Nach einem vierundzwanzigſtündigen Bombardement ergab ſich Longwy. Am Tage vor dieſer Uebergabe erhob ſich, am an⸗ 138 dern Ende von Frankreich, die Vendée: die Leiſtung des geiſtlichen Eides war der Vorwand des Auſſtandes. Um gegen dieſe Ereigniſſe Fronte zu machen, er⸗ nannte die Nationakverſammlung Dumouriez zum Com⸗ mando der Oſtarmee und beſchloß die Verhaftung von Lafayhette. Sie beſchloß auch, daß, ſobald die Stadt Longwy wieder in der Gewalt der franzöſiſchen Nation wäre, alle Häuſer, mit Ausnahme der nationalen Gebäude, ein⸗ geriſſen und dem Erdboden gleich gemacht werden ſollten; — ſie erließ ein Geſetz, das jeden nicht beeidigten Prie⸗ ſter vom Gebjete verbannte;— ſie ermächtigte zu den Hausſuchungen; ſie confiscirte die Güter der Emigranten und ſetzte ſie zum Verkaufe aus. Was machte während dieſer Zeit die Commune? Wir haben geſagt, wer ihr Hrakel war: Marat. Die Commune guillotinirte auf dem Carronſel⸗Platze. Man gab ihr einen Kopf täglich; das war ſehr wenig; doch in einer Brochure, die am Ende des Auguſts erſcheint, erklären die Mitglieder des Tribunals, welche ungeheure Arbeit ſie ſich aufgelegt haben, um dieſes Reſultat zu erlangen, ſo wenig befriedigend es ſein möge. Die Brochure iſt allerdings unterzeichnet: Fou⸗ quier⸗Tinville! Man ſehe auch, was die Commune träumt; wir werden ſogleich der Verwirklichung dieſes Tranmes bei⸗ wohnen. Am 23. Abends gibt ſie ihren Proſpectus. Gefolgt von einem in den Goſſen der Vorſtädte und den Hallen aufgeleſenen Schwarme, erſcheint eine Ab⸗ ordnung der Commune gegen Mitternacht in der Na⸗ tionalverſammlung. Was verlangt ſie? daß die Gefangenen von Or⸗ leans nach Paris gebracht werden, um hier ihre Strafe zu erleiden. —— —— — 139 Die Gefangenen von Orleans ſind aber nicht ge⸗ richtet. Seien Sie ruhig, das iſt eine Förmlichkeit, der ſich die Commune überheben wird. Ueberdies hat ſie das Feſt vom 10. Auguſt, das ihr zu Hülfe kommen ſoll. Sergent, ihr Künſtler, iſt der Ordner davon; er hat ſchon die Proceſſion vom Vaterlande in Gefahr in Stene geſetzt, und Sie wiſſen, ob ihm das gelungen iſt. Diesmal wird ſich Sergent übertreffen. Es handelt ſich darum, mit Trauer, mit Rache, mit mörderiſchem Schmerze die Seelen von allen den⸗ jenigen zu erfüllen, welche am 10. Auguſt ein Weſen, das ihnen theuer war, verloren haben. Der Guillotine gegenüber, welche auf dem Gräve⸗ Platze functionirt, errichtet er in der Mitte des großen Baſſin der Tuilerien eine Rieſenpyramide, ganz mit ſchwarzer Sarſche bedeckt. Auf jeder Seite iſt an die Metzeleien erinnert, die man den Royaliſten vorwirft: Metzelei von Nanch, Metzelei von Nimes, Metzelei von Montauban, Metzelei vom Marsfelde. Die Guillotine ſagte:„Ich tödte!“ die Phramide ſprach:„Tödte!“ Es geſchah am Abend vom Sonntag dem 27. Auguſt, — fünf Tage nach dem durch die Prieſter gemachten Aufruhre der Vendée, vier Tage nach der Uebergabe von Longwy, wovon der General Clerfayt im Namen von Ludwig XVI. Beſitz ergriffen hatte,— daß die Sühnungsproceſſion ſich in Marſch ſetzte, um die ge⸗ heimnißvollen Majeſtäten zu benützen, welche die Finſter⸗ niß auf alle Dinge wirft. Voran ſchritten durch Wolken von Räucherwerk, das man auf dem ganzen zu durchlaufenden Wege ver⸗ brannte, die Witwen und die Waiſen vom 10. Auguſt, in weiße Gewänder gehüllt, den Leib umſchloſſen mit ſchwarzen Gürteln, in einer Arche erbaut nach dem 140 Muſter von der des Alterthums die von Madame Roland dictirte, von Fräulein Kéralio auf dem Altar des Vater⸗ lands geſchriebene Petition tragend, deren blutige Blät⸗ ter man zerſtreut auf dem Marsfelde gefunden hatte, und die ſchon am 17. Juli 1791 die Republik verlangte. Dann kamen rieſige Sarkophage, auf jene Wagen anſpielend, welche man am Abend des 10. Angnſts in den Höfen der Tuilerien belud und ſtöhnend von der Laſt der Leichen nach den Vorſtädten führte; ſodann Fahnen der Trauer und der Rache, den Tod für den Tod fordernd; ferner däs Geſetz, eine coloſſale Statue, mit einem Schwerte umgürtet. Ihr folgten die Richter der Tribunale, an deren Spitze das Revolutionstribunal vom 10. Auguſt marſchirte,— das, welches ſich ent⸗ ſchuldigte, daß es nur einen Kopf täglich fallen mache! Hierauf kam die Commune, die blutige Mutter dieſes blutigen Tribunals, in ihren Reihen die Statue der Frei⸗ heit, von derſelben Höhe wie die des Geſetzes, führend; endlich die Nationalverſammlung, jene Bürgerkronen tra⸗ gend, welche vielleicht die Todten tröſten, die aber ſo ungenügend für die Lebenden ſind. Alles dies zog majeſtätiſch einher unter den düſteren Geſängen von Chénier, unter der ſtrengen Muſik von Goſſec, langſam ſchreitend wie die Rache, aber, wie ſie, mit ſicherem Fuße ſchreitend. Ein Theil der Nacht vom 27. auf den 28. Auguſt verging in der Vollziehung dieſer Ceremonie, einer Tod⸗ tenfeier der Menge, wobei dieſe Menge, die Fauſt den leeren Tuilerien weiſend, die Gefängniſſe bedrohte,— Sicherheitsfeſten, die man dem König und den Royaliſten gegen ihre Paläſte und ihre Schlöſſer gegeben hatte. Als endlich die letzten Lämpchen erloſchen, die letz⸗ ten Fackeln in Rauch verwandelt waren, zog ſich das Volk zurück. Die zwei Statuen des Geſetzes und der Freiheit blieben allein, um den ungeheuren Sarkophag zu bewa⸗ ——— —— — 141 chen; da aber Niemand ſie ſelbſt bewachte, ſo beraubte man, geſchah es aus Unvorſichtigkeit oder aus Ruchloſig⸗ keit, in der Nacht beide Statuen ihrer unteren Kleider: — am andern Tage waren die zwei armen Göttinnen weniger als Frauen. Das Volk ſtieß bei dieſem Anblicke ein Wuthgeſchrei ans; es bezüchtigte die Royaliſten, lief nach der Natio⸗ nalverſammlung, forderte Rache, bemächtigte ſich der Statuen, kleidete ſie wieder an und ſchleppte ſie zur Wiederherſtellung ihrer Ehre auf die Place Louis KV. Später folgte ihnen das Schaffot dahin und gab denſelben am 21. Januar eine entſetzliche Genugthuung für den Schimpf, der ihnen am 28. Auguſt angethan worden. An denſelben 28. Auguſt hatte die Nationalver⸗ ſammlung das Geſetz über die Hausſuchungen erlaſſen. Das Gerücht uber die Vereinigung der preußiſchen und öſterreichiſchen Heere und von der Einnahme von Longwy durch den General Clerfayt fing an ſich zu verbreiten. Alſo marſchirte, vom König, von den Adeligen und von den Prieſtern herbeigerufen, der Feind gegen Paris, und er konnte, vorausgeſetzt, daß ihn nichts aufhielt, in ſechs Etapen da ſein. Was ſollte dann aus dieſem wie ein Krater bro⸗ delnden Paris werden, deſſen Stöße ſeit drei Jahren die Welt erſchütterten? Was jener Brief von Herrn von Bouillé geſagt hatte, ein frecher Scherz, über den man ſo viel gelacht, und der eine Wirklichkeit werden ſollte: es würde kein Stein auf dem andern bleiben. Mehr noch: man ſprach als von etwas ganz Si⸗ cherem von einem allgemeinen, erſchrecklichen, unerbitt⸗ lichen Urtheile, das, nachdem es Paris vernichtet, die Pariſer vernichten würde. Auf welche Art und von wem wäre dieſes Urtheil geſprochen worden? Die Schriften jener Zeit ſagen es Euch; die blutige Hand der Com⸗ 142 mune iſt ganz in dieſer Legende, welche, ſtatt die Ver⸗ gangenheit zu erzählen, die Zukunft erzählt. Warum ſollte man übrigens nicht an dieſe Legende glauben? Folgendes iſt es, was man in einem am 10. Auguſt in den Tuilerien aufgefundenen Briefe las, 5* wir ſelbſt in den Archiven, wo er noch iſt, geleſen aben: „Die Tribunale kommen nach den Armeenz die aus Emigranten beſtehenden Parlamentäre inſtruiren unter Weges, im Lager des Königs von Preußen, den Proceß der Jacobiner und rüſten ihren Galgen.“ So daß, wenn die preußiſchen und öſterreichiſchen Heere in Paris ankommen, die Inſtruction gemacht. das Urtheil geſprochen ſein wird, und man es nur noch zu vollziehen hat. Um ſodann zu beſtätigen, was der Brief ſagt, druckt man in das officielle Bulletin des Krieges: „Die öſterreichiſche Cavalerie hat in der Gegend von Saarlouis die patriotiſchen Mairs und die bekannten Republicaner weggeführt. „Uhlanen haben Municipalbeamte genommen, ihnen die Ohren abgeſchnitten und ſie denſelben auf die Stirne genagelt.“ Beging man ſolche Handlungen in der harmloſen Prri⸗ was würde man dem revolutionären Paris thun? Was man ihm thun würde? Das war kein Ge⸗ heimniß mehr.* Folgende Kunde verbreitete ſich, auf allen Kreuz⸗ wegen preisgegeben, von jedem Centrum ſich zerſtreuend, um zu den Extremitäten zu gelangen: Man wird einen großen Thron für die verbündeten 1 — 143 Könige im Angeſichte des Trümmerhaufens errichten, der Paris geweſen ſein wird; die ganze gefangene Einwoh⸗ nerſchaft wird an den Fuß dieſes Thrones getrieben, geſtoßen, geſchleppt werden; hier wird, wie beim jüng⸗ ſten Gerichte, eine Ausleſe der Guten und der Böſen ſtattfinden: die Guten, das heißt die Noyaliſten, die Adeligen, die Prieſter, werden auf die rechte Seite tre⸗ ten, und man wird ihnen Frankreich übergeben, daß ſie damit machen, was ſie wollen; die Böſen, das heißt die Revolutionäre, werden auf die linke gehen und hier die Guillotine finden, dieſes von der Revolution erfundene Inſtrument, durch welches die Revolution umkommen wird. Die Revolution, das heißt Frankreich; nicht allein Frankreich,— denn das wäre nichts: die Völker ſind gemacht, um als Brandopfer für die Ideen zu dienen;— 1 ein Frankreich, ſondern auch der Gedanke Frank⸗ reichs! Warum hat Frankreich auch zuerſt das Wort Frei⸗ heit ausgeſprochen? Es hat eine heilige Sache, das Licht der Augen, das Leben der Seelen zu proclamiren geglaubt; es hat geſagt:„Freiheit für Frankreich! Frei⸗ heit für Europa! Freiheit für die Welt!“ es hat die Erde emancipirend etwas Großes zu thun geglaubt, und ſiehe, es hat ſich getänſcht, wie es ſcheint! ſiehe, Gott hat ihm Unrecht gegeben! ſiehe, die Vorſehung iſt gegen Frankreich! ſiehe, während es unſchuldig und erhaben zu ſein meinte, war es ſtrafbar und ſchändlich! ſiehe, wäh⸗ rend es eine große Handlung zu vollbringen glanbte, hat es ein Verbrechen begangen! ſiehe, man richtet, man verurtheilt, man enthauptet es, man ſchleppt es zum Hochgerichte des Weltalls, und das Weltall, für deſſen Heil es ſtirbt, klatſcht bei ſeinem Tode Beifall. So war Jeſus Chriſtus, der für das Heil der Welt gekreuzigt wurde, unter dem Geſpötte und den Schmäh⸗ ungen der Welt geſtorben. Doch, um dem Auslande die Stirne zu bieten, um 144 ihm Widerſtand zu leiſten, hat dieſes arme Volk viel⸗ leicht eine Stütze in ſich ſelbſt? Diejenigen, welche es angebetet, diejenigen, welche es bereichert, diejenigen, welche es bezahlt hat, werden es vielleicht vertheidigen? Nein. Sein König conſpirirt mit dem Feinde und correſpon⸗ dirt vom Tempel aus, wo er eingeſchloſſen iſt, fortwäh⸗ rend mit den Oeſterreichern und den Preußen; ſein Adel marſchirt, unter ſeinen Prinzen organifirt, gegen das⸗ ſelbe; ſeine Prieſter ſtacheln die Bauern zur Empö⸗ rung auf. Aus der Tiefe ihrer Kerker klatſchten die königlichen Gefangenen in die Hände bei den Niederlagen Frank⸗ reichs; die Preußen bei Longwy haben im Tempel und in der Abtei einen Freudenſchrei ausſtoßen gemacht. Danton, der Mann der äußerſten Entſchlüſſe, iſt auch ganz brüllend in die Rationalverſammlung ein⸗ getreten. Der Miniſter der Juſtiz hält die Juſtiz für machtlos und verlangt, daß man ihm die bewaffnete Macht gebe; und die Juſtiz wird dann, unterſtützt durch die bewaffnete Macht, marſchiren. Er beſteigt die Tribune, ſchüttelt ſeine Löwen⸗ mähne und ſtreckt ſeine gewaltige Hand aus, welche am 10. Auguſt die Thore der Tnilerien geſprengt hat. „Es braucht eine nationale Zuckung, um die Deſpo⸗ ten zurückgehen zu machen,“ ſagte er.„Bis jetzt haben wir nur einen Scheinkrieg gehabt; von dieſem elenden Spiele darf nun nicht mehr die Rede ſein. Das Volk muß ſich auf die Feinde ſtürzen, um ſie mit einem Schlage zu vertilgen; man muß zu gleicher Zeit alle Verſchwörer in Feſſeln ſchlagen, man muß ſie unſchädlich machen.“ Und Danton fordert das Aufgebot in Maſſe, die Hausſuchungen, die nächtlichen Rachforſchungen, mit To⸗ — W* N —— — —— 145 desſtrafe gegen Jeden, der die Operationen der proviſo⸗ riſchen Regierung hemme. Danton erhielt Alles, was er forderte. Hätte er mehr verlangt, er würde mehr erhalten haben. „Nie,“ ſagt Michelet,„nie war ein Volk ſo weit in den Tod eingetreten. Als Holland, da es Ludwig XIV. vor ſeinen Thoren ſah, kein anderes Hülfsmittel mehr hatte, als ſich unter Waſſer zu ſetzen, ſich ſelbſt zu ertränken, war es in geringerer Gefahr: es hatte Europa für ſich. Als Athen den Thron von Kerxes auf dem Felſen von Salamis ſah, als es das Land verlor, ſich ins Meer warf und nur noch das Waſſer zur Hei⸗ math hatte, war es in geringerer Gefahr: es war ganz auf ſeiner Flotte, mächtig, organiſirt, in der Hand des großen Themiſtokles, und glücklicher als Frankreich hatte es keinen Verräther in ſeinem Schooße.“ Frankreich war desorganiſirt, aufgelöſt, verrathen, verkauft und preisgegeben! Frankreich war wie Iphi⸗ genie unter dem Meſſer von Kalchas. Die Könige im Kreiſe warteten nur auf ſeinen Tod, daß der Wind des Deſpotismus in ihre Segel blaſe; es ſtreckte die Arme gegen die Götter aus, und die Götter waren taub! Als es aber fühlte, wie es die kalte Hand des To⸗ des berührte, da ging es, durch eine heftige, erſchreck⸗ liche Zuſammenziehung, in ſich ſelbſt zurück, und, ein Lebensvulcan, machte es dann aus ſeinen eigenen Ein⸗ geweiden die Flamme hervorſpringen, welche ein halbes Jahrhundert hindurch die Welt erleuchtete. Um dieſe Sonne zu trüben, iſt allerdings ein Blut⸗ flecken da. Der Blutflecken vom 2. September! wir werden bald hiezu kommen, wir werden ſehen, wer dieſes Blut vergoſſen hat, und ob es Frankreich zugerechnet werden muß; vorher wollen wir aber noch, um dieſes Kapitel zu ſchließen, ein paar Seiten von Michelet entlehnen. Die Gräfin von Charny. VII. 10 146 Wir fühlen uns unmächtig neben dieſem Rieſen, und, wie Danton, rufen wir die bewaffnete Macht zu Hülfe! Man höre! „Paris hatte das Anſehen einer Feſtung; man hätte ſich in Lille oder in Straßburg geglaubt. Ueberall Be⸗ fehle, Schildwachen, militäriſche Maßregeln, freilich ver⸗ früht, denn der Feind war noch fünfzig bis ſechzig Meilen entfernt. Was ſich Ernſteres, wirklich Rührendes hiebei fand, das war das Gefühl tiefer, bewunderungs⸗ würdiger Solidarität, das ſich überall offenbarte; Jeder wandte ſich an Alle, ſprach, bat für das Vaterland; Jeder machte ſich zum Werber, ging von Haus zu Hanſe, bot dem, welcher abgehen konnte, ſeine Uniform, Waf⸗ fen, was er hatte, an; alle Welt war Redner, predigte, perorirte, ſang patriotiſche Lieder. Wer war nicht Schriftſteller in dieſem ſeltſamen Angenblicke? wer druckte nicht? wer ſchlug nicht an? wer war nicht Acteur bei dieſem großen Schauſpiele? Die naivſten Scenen, wobei Alle figurirten, ſpielten ſich überall, auf den Plätzen, auf den Anwerbungstheatern, auf den Tribunen, wo man ſich einſchrieb; rings umher waren es Geſänge, Aus⸗ rufungen, Thränen der Begeiſterung oder des Abſchieds; und über allen dieſen Stimmen ertönte eine große Stimme in den Herzen, eine ſtumme, aber um ſo tiefere Stimme, die Stimme von Frankreich ſelbſt, beredt in allen ihren Symbolen, pathetiſch im tragiſchſten von allen: der heiligen und erſchrecklichen Fahne der Gefahr des Vaterlands, vor den Fenſtern des Stadthanſes aufge⸗ hängt, einer ungeheuren Fahne, die in den Winden flat⸗ terte und den Volkslegionen zu winken ſchien, daß ſie in Eile von den Pyrenäen nach der Schelde, von der Saone nach dem Rheine marſchiren! „Um zu wiſſen, was dieſer Angenblick des Opfers war, müßte man in jeder Hütte, in jeder Wohnung den einſchneidenden Schmerz der Frauen, die Herzzerreißung 147 der Mütter bei dieſer zweiten Geburt ſehen, welche noch hundertmal grauſamer als die, wo das Kind zum erſten Male aus ihrem blutenden Schooße abging; man müßte die alte Frau ſehen, wie ſie mit trockenen Augen, mit gebrochenem Herzen, in Eile die paar Kleidungsſtücke zuſammenrafft, die das Kind mitnehmen wird, dann die armſeligen Erſparniſſe, die ſie ſich ſelbſt durch das Faſten ihrem Sohne zu Liebe für dieſen letzten Tag der Schmer⸗ zen geſtohlen hat. „Ihre Kinder dieſem Kriege geben, der ſich mit ſo wenig günſtigen Ausſichten eröffnete, ſie dieſer äußerſten, verzweifelten Lage opfern, das war mehr, als die Mei⸗ ſten von ihnen thun konnten: ſie unterlagen dieſen Qua⸗ len, oder wurden durch eine natürliche Reaction von Wuthanfällen ergriffen; ſie ſchonten nichts, fürchteten nichts; kein Schrecken hat Gewalt über einen ſolchen Zuſtand des Geiſtes. Welchen Schrecken gibt es für den, der den Tod will! „Man hat uns erzählt, eines Tags,— ohne Zweifel im Auguſt oder im September,— habe eine Bande von dieſen Weibern Danton auf der Straße getroffen, ihn geſchmäht, wie ſie den Krieg ſelbſt geſchmäht hätte, ihm die ganze Revolution, alles Blut, was vergoſſen worden, und den Tod ihrer Kinder vorgeworfen, ihn verflucht und Gott gebeten, es möge Alles auf ſein Haupt zurück⸗ fallen. Er war nicht befremdet, und obgleich er rings um ſich die Nägel fühlte, wandte er ſich ungeſtüm um, ſchaute dieſe Weiber an, und bekam Mitleid mit ihnen. Danton hatte viel Herz; er ſtieg auf einen Weichſtein und fing, um ſie zu tröſten, an ſie in ihrer Sprache zu ſchmähen: die erſten Worte waren heftig, burlesk, obſcön. Sie ſind ganz verblüfft: ſeine wahre oder fingirte Wuth bringt ſie in ihrer Wuth aus der Faſſung. Dieſer wun⸗ derbare, inſtinctartige und berechnete Redner hatte zur volksthümlichen Baſis ein ſinnliches und ſtarkes Tempera⸗ ment; ganz gemacht für die phyſiſche Liebe, wo das 148 1 Fleiſch und das Blut herrſchten, war Danton vor Allem ein Mann; es war in ihm vom Löwen und von der Dogge, auch viel vom Stiere. Seine Maske erſchreckte; die erhabene Häßlichkeit eines zerriſſenen Geſichtes ver⸗ lieh ſeiner ungeſtümen, gleichſam in Anfällen hingeſchleu⸗ derten Rede eine Art von wildem Stachel. Die Maſ⸗ ſen, welche die Stärke lieben, fühlten vor ihm, was von Furcht und Sympathie jedes mächtig erzengende Weſen empfinden macht; und unter dieſer heftigen, wüthenden Maske fühlte man dann auch ein Herz, man vermuthete Eines: daß dieſer erſchreckliche Mann, der nur in Droh⸗ ungen ſprach, im Grunde einen braven Menſchen ver⸗ barg. Die aufrühreriſchen Weiber um ihn her fühlten dunkel Alles dies und ließen ſich haranguiren, beherr⸗ ſchen, bändigen; er führte ſie, wohin und wie er es wollte; er erklärte ihnen barſch, wozu die Frau diene, wozu die Liebe diene, wozu die Erzeugung diene; daß man nicht für ſich ſelbſt gebäre, ſondern für das Vater⸗ land, und hiebei erhob er ſich plötzlich, ſprach für Rte⸗ mand mehr, ſondern(wie es ſchien) für ſich ſelbſt. Sein ganzes Herz trat ihm, wie man ſagt, aus der Bruſt mit einer gewaltigen Zärtlichkeit für Frankreich, und auf dieſes ſeltſame, von Blattern zerriſſene Geſicht, das den Schlacken des Veſuvs und des Aetnas glich, kamen all⸗ mälig große Tropfen, und das waren Thränen. Dieſe Weiber konnten ſich nicht mehr halten; ſie beweinten Frankreich, ſtatt über ihre Kinder zu weinen, verbargen das Geſicht in ihrer Schürze und entflohen ſchluchzend.“ O großer Geſchichtſchreiber, den man Michelet nennt, wo biſt Du? In Nervi! O großer Dichter, den man Hugo nennt, wo biſt Du? In Jerſey! —— NM u— u N— — —— S*— 149 CLVII. Der Vorabend des zweiten Septembers. „Iſt das Vaterland in Gefahr,“ hatte Danton am 28. Auguſt in der Nationalverſammlung geſagt,„ſo gehört Alles dem Vaterlande.“ Am 29., um vier Uhr Abends, wurde der General⸗ marſch geſchlagen. Man wußte, um was es ſich handelte. Wie von einem Zauberſtabe berührt, wechſelte Paris beim erſten Raſſeln der Trommeln ſeinen Anblick; von volkreich, wie es war, wurde es öde. Die offenen Läden ſchloßen ſich; jede Straße wurde geſperrt und von kleinen, etwa fünfzig Mann ſtarken Pelotons beſetzt. Die Barrièren wurden bewacht; der Fluß wurde bewacht. Um ein Uhr Morgens begannen die Durchſuchungen in allen Häuſern. Die Commiſſäre der Sectionen klopften an die Hausthüre im Namen des Geſetzes, und man öffnete ihnen die Hausthüre. Sie klopften an jede Wohnung, immer im Namen des Geſetzes, und man öffnete ihnen jede Wohnung. Sie erbrachen mit Gewalt die Thüren der Logis, welche nicht bewohnt waren. Man nahm zweitauſend Schießgewehre in Beſchlag; man verhaftete dreitauſend Perſonen. Man brauchte den Schrecken: man erlangte ihn. Sodann entſprang aus dieſer Maßregel Etwas, woran man nicht gedacht hatte, oder woran man viel⸗ leicht zu viel gedacht hatte. Dieſe Hausſuchungen hatten den Armen den Wohn⸗ ort der Reichen geöffnet; die bewaffneten Sectionäre, welche den Behörden folgten, hatten einen erſtaunten Blick in die ſeidenen und goldenen Tiefen der herrlichen Hotels, die ihre Eigenthümer noch bewohnten, oder von denen die Eigenthümer abweſend waren, werfen können. Hievon, nicht die Begierde des Plünderns, ſondern eine Verdoppelung des Haſſes. Man plünderte ſo wenig, daß Beaumarchais, der damals im Gefängniß war, erzählt, in ſeinen herrlichen Gärten am Boulevard Saint⸗Antoine habe eine Frau eine Roſe gepflückt, und man habe dieſe Fran ins Waſſer werfen wollen. Und man bemerke wohl, dies geſchah in einem Augenblicke, wo die Commune decretirt hatte, die Sil⸗ berverkäufer ſollen mit dem Tode beſtraft werden. So ſubſtitnirte ſich alſo die Commune der Nativ⸗ nalverſammlung; ſie decretirte die Todesſtrafe. Sie hatte Chaumette das Recht gegeben, die Gefängniſſe zu öffnen und die Gefangenen in Freiheit zu ſetzen; ſie maßte ſich das Begnadigungsrecht an. Sie hatte end⸗ lich befohlen, es ſoll an der Thüre jedes Gefängniſſes die Liſte der Verhafteten, die es enthielt, angeſchlagen werden: das war ein Aufruf zum Haſſe und zur Rache; Jeder bewachte die Thüre des Kerkers, wo ſein Feind eingeſchloſſen war. Die Nationalverſammlung ſah, an welchen Abgrund man ſie führte. Man war im Begriffe, ihr, wider ihren Willen, die Hände ins Blut zu tauchen. Und wer dies? die Commune, ihre Feindin? Es brauchte nur eine Gelegenheit, daß der Streit furchtbar zwiſchen den zwei Gewalten losbrach. Ein neuer Eingriff der Commune rief die Gelegen⸗ heit hervor. 1 ₰ — — %— 151 Am 29. Auguſt, am Tage der Hausſuchungen, forderte die Commune wegen eines Zeitungsartikels vor ihre Schranke Girey⸗Duprs, einen der kühnſten Giron⸗ diſten, weil er einer der Jüngſten war. Girey⸗Dupré flüchtete ſich ins Kriegsminiſterium, da er nicht Zeit hatte, ſich in die Nationalverſamm⸗ lung zu flüchten. Huguénin, Präſident der Commune, ließ das Kriegs⸗ miniſterium einſchließen, um den girondiſtiſchen Journa⸗ liſten mit Gewalt herauszureißen. Die Gironde war aber immer in der Majorität bei der Nationalverſammlungz in einem ihrer Mitglieder be⸗ leidigt, erhob ſich die Gironden ſie forderte ihrerſeits den Präfideuten Hugnenin vor ihre Schranke. Der Präſident Huguenin antwortete nicht auf die Vorladung der Nationalverſammlung. Am 30. erließ dieſe ein Decret, das die Municipa⸗ lität von Paris eaſſirte. Ein Factum, das beweiſt, welchen Abſcheu man zu jener Zeit noch gegen den Diebſtahl hegte, hatte viel zu ſe beigetragen, das die Nationalverſammlung erlaſſen. Ein Mitglied der Commune, oder ein Individuum, das ſich Mitglied der Commune nannte, hatte ſich das Garde⸗Meuble öffnen laſſen und eine kleine ſilberne Kanone, ein Geſchenk, das einſt die Stadt Paris Lud⸗ wig XIV. als Kind gemacht, genommen. Cambon, den man zum Wächter des öffentlichen Vermögens ernannt, hatte Kenntniß von dieſem Dieb⸗ ſtahle erhalten und den Angeklagten vor die Schranke kommen laſſen; der Mann lengnete nicht, entſchuldigte ſich nicht, und beſchränkte ſich nur darauf, daß er ſagte, da dieſer koſtbare Gegenſtand der Gefahr, geſtohlen zu werden, ausgeſetzt geweſen ſei, ſo habe er gedacht, er ſei beſſer bei ihm, als irgend anderswo. Dieſe Tyrannei der Commune drückte ſehr und 152 ſchien vielen Leuten ungemein beſchwerlich. Louvet, der Mann der muthigen Initiativen, war Präſident der Ser⸗ tion der Rue des Lombards; er ließ durch ſeine Section erklären, der Generalrath der Commune ſei der Uſurpa⸗ tion ſchuldig. Da ſie ſich unterſtützt fühlte, ſo beſchloß die Natio⸗ nalverſammlung, dieſen Huguenin, der nicht freiwillig vor ihre Schranke komme, ſollte mit Gewalt vorgeführt, und innerhalb vierundzwanzig Stunden werde eine neue Com⸗ mune durch die Sectionen ernannt werden. Das Decret wurde am 30. Auguſt Abends um fünf Uhr erlaſſen. Zählen wir die Stunden, denn von dieſem Augen⸗ blicke an gehen wir der Metzelei des 2. September zu, und jede Minute wird einen Schritt zu der blutigen Gottheit mit den verkrümmten Armen, mit den fliegenden, zerzauſten Haaren, mit den verſtörten Augen, die man den Schrecken nennt, machen ſehen. Uebrigens erklärte die Nativnalverſammlung, in einem Reſte von Angſt vor ihrer furchtbaren Feindin, während ſie die Commune caſſirte, dieſe habe ſich um das Vaterland wohl verdient gemacht; was nicht gerade logiſch war. Ornandum, tollendum! ſagte Cicero in Beziehung auf Octavius. Die Commune handelte wie Octavius: ſie ließ ſich bekränzen, aber nicht fortjagen. Zwei Stunden nachdem das Decret erlaſſen war, machte Tallien, ein kleiner Schreiber, der ſich laut rühmte, er ſei der Mann von Danton, Tallien, Secretär der Commune, machte der Seetion des Thernes den Vorſchlag, gegen die Section des Lombards zu marſchiren. Ah! diesmal war es wohl der Bürgerkrieg, nicht mehr Volk gegen König, Bürger gegen Ariſtokraten, Hütten gegen Schlöſſer, Häuſer gegen Paläſte, ſondern Sectio⸗ * 15³ 1in gegen Sectionen, Pieken gegen Pieken, Bürger gegen ürger. Zu gleicher Zeit erhoben Marat und Robespierre, dieſer als Mitglied der Commune, jener als Liebhaber, die Stimme. Marat verlangte das Niedermetzeln der Nationalver⸗ ſammlung; das war nichts; man war gewöhnt, ihn ſolche Motionen machen zu ſehen. Aber Robespierre, der kluge, der verſchmitzte Ro⸗ bespierre, Robespierre, der vage, umſchweifige Denunciaut, forderte, daß man die Waffen nehme und ſich nicht nur vertheidige, ſondern ſogar angreife. Robespierre mußte die Commune ſehr ſtark fühlen, daß er ſo ſich auszuſprechen wagte. Sie war in der That ſehr ſtark, denn in derſelben Nacht begibt ſich Tallien, ihr Secretär, mit dreitauſend mit Pieken bewaffneten Leuten in die Nationalverſamm⸗ lung. „Die Commune,“ ſagte er,„und die Commune allein hat die Mitglieder der Nationalverſammlung zum Range von Repräſentanten eines freien Volkes emporſteigen ge⸗ macht; die Commune hat gemacht, daß das Deeret gegen die die Ruhe ſtörenden Prieſter erlaſſen worden iſt, und ſie hat dieſe Menſchen verhaftet, an welche Niemand die Hand zu legen wagtez die Commnne,“ ſchloß er,„wird binnen Kurzem den Boden der Freiheit von ihrer Gegenwart gereinigt haben.“ So ſpricht alſo in der Nacht vom 30. auf den 31. Auguſt die Commune vor der Nationalverſammlung, die ſie caſſirt hat, das erſte Wort von der Metzelei. Wer ſpricht dieſes erſte Wort? wer ſchlendert das rothe Programm rückhaltslos hin? Man hat es geſehen, es iſt Tallien, der Mann, der den 9. Thermidor machen wird. Die Nationalverſammlung, man muß ihr dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, erhob ſich hiegegen. 154 Manuel, der Proturator der Commune, ſah ein, daß man zu weit gingz er ließ Tallien verhaften und forderte, daß Huguenin der Nativnalverſammlung Genngthuung ebe. Und Manuel, der Tallien verhaftete, der von Hu⸗ gueuin öffentliche Abbitte verlangte, Manuel wußte doch wohl, was vorging, er ein armer Pedant, ein kleiner Geiſt, aber ein redliches Herz. Er hatte in der Abtei einen perſönlichen Feind: Beaumarchais. Beaumarchais, ein großer Spötter, hatte viel über Manuel geſpottet; es ging nun Manuel durch den Kopf, wenn Beaumarchais mit den andern ermordet würde, ſo könnte man dieſen Mord einer niedrigen Rache ſeiner Eitelkeit zuſchreiben. Er lief in die Abtei und ließ Beau⸗ marchais rufen. Dieſer, als er ihn ſah, wollte ſich ent⸗ ſchuldigen, ſeinem literariſchen Opfer Erklärungen geben. „Es handelt ſich nicht um Literatur, Journalismus, Kritik. Hier iſt die Thüre offen, fliehen Ste heute, wenn Sie nicht morgen ermordet ſein wollen.“ Der Verfaſſer von Slnuro ließ ſich das nicht zwei⸗ mal ſagen, entſchlüpfte durch die nur angelehnte Thüre und verſchwand. Nehmen Sie an, er hätte Collot⸗ d'Herbois den Schauſpieler ausgepfiffen, ſtatt Manuel den Schriftſteller kritifirt zu haben,— dann war Beaumarchais todt! Es kam der 31. Auguſt, dieſer große Tag, der zwiſchen der Nationalverſammlung und der Commune, das heißt zwiſchen dem Moderantismus und dem Schre⸗ cken entſcheiden ſollte. Die Commune war entſchloſſen, um jeden Preis zu bleiben. Die Rationalverſammlung hatte ihre Entlaſſung zu Gunſten einer neuen Verſammlung genommen. Die Commune mußte natürlich die Oberhand ge⸗ winnen, um ſo mehr, als die Bewegung ſie begünſtigte. —— — 155 Das Volk, ohne zu wiſſen, wohin es gehen wollte, wollte irgend wohin gehen. Vorwärts getrieben am 20. Juni, noch weiter getrieben am 10. Auguſt, fühlte es ein unbeſtimmtes Bedürfniß nach Blut und Zerſtörung. Es iſt nicht zu leugnen, daß ihm Marat einerſeits und Höébert andererſeits den Kopf entſetzlich heiß machten. Jeder, bis auf Robespierre, der ſeine ſehr erſchütterte Popularität wiederzuerlangen ſuchte,— ganz Frankreich hatte den Krieg gewollt: Robespierre hatte den Frieden gerathen,— Jeder bis auf Robespierre, ſagen wir, wurde Neuigkeitskrämer und übertraf durch die Albern⸗ heit ſeiner Neuigkeiten die allerabſurdeſten. Eine mächtige Partei, hatte er geſagt, biete den Thron dem Herzog von Braunſchweig an. Wer waren in dieſem Augenblicke die im Kampfe begriffenen drei mächtigen Parteien? Die Nationalverſammlung, die Commune, die Jaco⸗ biner; und ſtreng genommen konnten die Jacobiner und die Commune nur eine bilden. Es waren weder die Jacobiner, noch die Commune; Robespierre war Mitglied vom Clubbe und von der Mu⸗ nicipialität; er würde ſich nicht ſelbſt angeſchuldigt haben. Dieſe mächtige Partei war alſo die Gironde. Wir ſagten ſo eben, Robespierre habe an Abſurdi⸗ tät die abſurdeſten Neuigkeitskrämer übertroffen; was konnte in der That abſurder ſein, als die Gironde, welche Preußen und Oeſterreich den Krieg erklärt hatte, bezüch⸗ tigen, ſie biete dem feindlichen General den Thron an! Und wer waren die Männer, die man deſſen bezüch⸗ tigte? Die Vergniaud, die Roland, die Claviöres, die Ser⸗ van, die Genſonné, die Guadet, die Barbaronx, das heißt die wärmſten Patrioten und zugleich die redlichſten Leute Frankreichs. Doch es gibt Augenblicke, wo ein Menſch wie Ro⸗ bespierre Alles ſagt, und das Schlimmſte iſt, daß es Augenblicke gibt, wo das Volk Alles glaubt“ 156 Man war alſo am 30. Auguſt. Am 30., um fünf Uhr Abends, hatte, wie geſagt, die Nationalverſammlung die Commune eaſſirt; das Decret beſtimmte, innerhalb vierundzwanzig Stunden ſollten die Sectionen einen neuen Generalrath ernennen. Am 31., um fünf Uhr Abends, ſollte alſo da Decret vollzogen ſein. Doch das Geſchrei von Marat, die Drohungen von Höbert, die Verleumdungen von Robespierre machten die Commune mit einem ſolchen Gewichte auf Paris drücken, daß die Sectionen nicht zu votiren wagten. Sie nahmen zum Vorwande ihres Unterlaſſens, das Decret ſei ihnen nicht officiell eröffnet worden. Am 31. Auguſt, gegen Mittag, bekam die Natio⸗ nalverſammlung Nachricht, man vollziehe ihr Decret vom vorhergehenden Tage nicht, und es werde nicht voll⸗ zogen werden. Man müßte an die bewaffnete Macht appelliren, und wer weiß, ob die bewaffnete Macht für die Nationalverſammlung wäre. Die Commune hatte Santerre durch ſeinen Schwa⸗ ger Panis. Panis war, wie man ſich erinnert, der Fa⸗ natiker für Robespierre, der Rebecqui und Barbaroux die Ernennung eines Dietators vorgeſchlagen und ihnen zu verſtehen gegeben hatte, dieſer Dictator müßte der Unbeſtechliche ſein; Santerre, das waren die Vor⸗ ſtädte; die Vorſtädte, das war die unwiderſtehliche Macht des Oceans. Die Vorſtädte hatten die Thüren der Tuilerien ge⸗ ſprengt: ſie würden auch die der Nationalverſammlung ſprengen. Sodann befürchtete die Nationalverſammlung, wenn ſie ſich gegen die Commune bewaffnete, nicht nur von den extremen Patrioten, von denjenigen, welche die Re⸗ volution um jeden ſi wollten, verlaſſen zu werden, ſondern auch— was noch viel ſchlimmer— gegen ihren ⸗ —— —— 157 Willen von den gemäßigten Royaliſten unterſtützt zu werden. Dann war ſie ganz und gar verloren. Gegen ſechs Uhr verbreitete ſich auf ihren Bänken das Gerücht, es finde ein großer Tumult um die Abtei ſtatt. Man hatte einen Herrn von Montmorin freigeſpro⸗ chen: das Volk glaubte, es handle ſich um den Miniſter, der die Päſſe, mit denen Ludwig XVI. zu fliehen ver⸗ ſucht, unterzeichnet hatte; es zog in Maſſe nach dem Gefängniß und verlangte mit gewaltigem Geſchrei den Tod des Verräthers. Man hatte alle erdenkliche Mühe, um ihm ſeinen Irrthum begreiflich zu machen: die ganze Nacht hindurch herrſchte in den Straßen von Paris eine furchtbare Gährung. Man fühlte, am andern Tage würde das geringſte Ereigniß, das dieſer Gährung zu Hülfe käme, coloſſale Verhältniſſe annehmen. Dieſes Ereigniß,— das wir mit einigen Details zu erzählen verſuchen wollen, weil es auf einen der Helden unſerer Geſchichte, den wir ſeit langer Zeit aus dem Geſichte verloren, Bezug hat,— dieſes Ereigniß brütete in den Gefängniſſen des Chatelet. 158 CLVIII. wo man noch einmal Herrn von Veauſire begegnet. In Folge des Tages vom 10. Auguſt hatte man ein ſpecielles Gerücht inſtituirt, um Kenntniß von den Diebſtählen zu erlangen, welche in den Tuilerien be⸗ gangen worden waren. Das Volk hatte wohl, wie Peltier erzählt, auf der Stelle zwei bis dreihundert auf friſcher That ertappte Diebe erſchoſſen; doch neben die⸗ ſem gab es, wie man leicht begreift, faſt ebenſo viele, welchen es, wenigſtens für den Augenblick, ihre Dieb⸗ ſtähle zu verbergen gelungen war. Unter der Zahl dieſer ehrlichen Induſtriels fand ſich unſer alter Bekannter, Herr von Beauſire, ehemaliger Gefreiter Seiner Majeſtät. Unſere Leſer, die ſich der Lebensvorgänge des Lieb⸗ habers von Mademoiſelle Oliva, des Vaters vom jun⸗ gen Tonſſaint, erinnern, werden nicht erſtaunt ſein, ihn unter denjenigen wiederzufinden, die, nicht der Nation, ſondern den Gerichten über den Antheil, den ſie an der Plünderung der Tuilerien genommen, Rechenſchaft zu geben hatten. Herr von Beauſire war in der That nach aller Welt ins Schloß eingedrungen; das war ein zu ver⸗ ſtändiger Menſch, um zuerſt oder Einer der Erſten da einzutreten, wo es gefährlich, vor den Andern einzu⸗ dringen. Es waren nicht die politiſchen Meinungen von Herrn von Beaufire, die ihn in den Palaſt der Könige führ⸗ ten, um hier über den Sturz des gefallenen König⸗ ———,——— — ₰ 159 thums zu weinen oder dem Siege des Volkes Beifall zuzuklatſchen; nein: Herr von Beauſire kam als Lieb⸗ haber dahin; er ſchwebte über den menſchlichen Schwä⸗ chen, die man die Meinungen nennt, und hatte keinen andern Zweck, als den, zu ſehen, ob diejenigen, welche den Thron verloren, nicht zu gleicher Zeit irgend ein Juwel verloren hätten, das tragbarer und leichter in Sicherheit zu bringen wäre. Doch um den Schein zu wahren, hatte Herr von Beauſire eine rothe Mütze aufgeſetzt, ſich mit einem un⸗ geheuren Säbel bewaffnet, ſodann leicht ſein Hemd be⸗ fleckt und ſeine Hände in das Blut des erſten Todten getancht, den er getroffen, ſo daß dieſer dem Eroberungs⸗ heere folgende Wolf, dieſer nach dem Kampfe über dem Schlachtfelde ſchwebende Geier durch einen ober⸗ flächlichen Blick für einen Sieger gehalten werden konnte. Für einen Sieger hielten ihn auch der Mehrzahl nach diejenigen, welche hörten, wie er:„Tod den Ariſto⸗ kraten!“ ſchrie, und ſahen, wie er unter den Betten herumſtörte, die Schränke und ſogar die Schubladen der Commoden öffnete, um ſich zu verſichern, ob nicht einige Ariſtokraten darin verborgen ſeien. Nur befand ſich hier zu gleicher Zeit mit ihm, zum Unglücke für Herrn von Beauſire, ein Mann, der nicht ſchrie, der nicht unter die Betten ſchaute, der die Schränke nicht öffnete, der aber, eingetreten mitten unter dem Feuer, obgleich er ohne Waffen war, mit den Siegern, obgleich er nichts beſiegt hatte, die Hände auf dem Rücken auf und abging, wie er es in einem öffentlichen Garten an einem Feſtabend gethan hatte,— kalt und ruhig in ſeinem abgetragenen, jedoch reinlichen Rocke, und nur darauf ſich beſchränkend, daß er von Zeit zu Zeit die Stimme erhob, um zu ſagen: „Vergeßt nicht, Bürger, daß man die Frauen nicht tödtet und die Juwelen nicht anrührt!“ Was diejengen betrifft, welche er die Männer 160 tödten und die Meubles zu den Fenſtern hinauswerfen ſah, ſo glaubte ſich unſer Mann nicht berechtigt, ihnen etwas zu ſagen. Er hatte mit dem erſten Blicke bemerkt, daß Herr von Beauſire nicht zu den Letzteren gehörte. Gegen halb zehn Uhr ſah auch Piton, der, wie wir ſchon wiſſen, unter dem Titel eines Ehrenpoſtens die Bewachung des Veſtibule de['Horloge erhalten hatte, Piton ſah eine Art von Rieſen auf ſich zukommen, wel⸗ cher mit Höflichkeit, aber auch mit Feſtigkeit, als wäre ihm der Auftrag zu Theil geworden, Ordnung in die Unordnung, Gerechtigkeit in die Rache zu bringen, zu ihm ſagte: „Kapitän, Sie werden ſogleich einen Mann mit einer rothen Mütze auf dem Kopfe, einen Säbel in der Hand haltend und große Geberden machend herabgehen ſehen; Sie verhaften ihn und laſſen Sie ihn von Ihren Leuten durchſuchen: er hat ein Diamantenetui geſtohlen.“ „Ja, Herr Maillard,“ antwortete Pitou, indem er die Hand an den Hut legte. „Ah! ah!“ fragte der ehemalige Huiſſier,„Sie kennen mich, mein Freund?“ ch glaube wohl, daß ich Sie kenne,“ erwiederte Piton;„Sie erinnern ſich nicht, Herr Maillard? Wir haben mit einander die Baſtille genommen!“ „Das iſt möglich!“ ſagte Maillard. „Sodann ſind wir, am 5. und 6. October, aber⸗ mals in Verſailles beiſammen geweſen.“ „Ich war wirklich dort.“ „Bei Gott! Sie führten ja die Frauen an, und Sie hatten ein Duell vor dem Thore der Tuilerien mit einem Hüter, der Sie nicht wollte paſſiren laſſen.“ „Dann werden Sie thun, was ich Ihnen ſage, nicht wahr?“ „Dies und Anderes, Herr Maillard; Alles was Sie mir befehlen! Ah! Sie ſind ein Patriot!“ ——— —— 8— 161 „Ich rühme mich deſſen,“ ſprach Maillard;„und darum dürfen wir nicht erlauben, daß man den Namen, auf den wir ein Recht haben, entehrt. Achtung! hier kommt unſer Mann!“ In dieſem Augenblicke ſtieg in der That Beauſire die Treppe des Veſtibule herab: er ſchwang ſeinen großen Säbel und rief:„Es lebe die Nation!“ Piton winkte Tellier und Maniquet; ſie ſtellten ſich, ohne daß es den Anſchein hatte, als geſchähe es ab⸗ ſichtlich, vor die Thüre, und Piton ſelbſt erwartete Herrn von Beauſire auf der letzten Stufe der Treppe. Dieſer hatte aus dem Augenwinkel die getroffenen Anordnungen geſehen, und dieſe Anordnungen beun⸗ ruhigten ihn, denn er hielt an und machte dann, als ob er etwas vergeſſen hätte eine Bewegung, um wieder hinaufzuſteigen.* „Verzeihen Sie, Bürgenht ſagte Piton,„hierdurch paſſirt man.“ „Ah! man paſſirt hierdurch?“ „Und da Befehl gegeben iſt, die Tuilerien zu räu⸗ men, ſo paſſiren Sie gefälligſt.“ Beanuſire richtete den Kopf hoch auf und ſtieg weiter die Treppe herab. Auf der letzten Stufe angelangt, legte er die Hand 3 ſeine Mütze und ſagte, den militäriſchen Ton affec⸗ irend: „Sprechen Sie, Kamerad, paſſirt man oder paſſirt man nicht?“ „Man paſſirt; doch zuvor muß man ſich einer kleinen Förmlichkeit unterwerfen.“ „Hml. Und welcher, mein ſchöner Kapitän?“ „Man muß ſich durchſuchen laſſen, Bürger.“ „Durchſuchen?“ ⸗ „Einen Patrivten durchſuchen, einen Bürger, einen Mann, der die Ariſtokraten vertilgt hat?“ Die Gräfin von Charny. VII. 11 162 „So lautet der Befehl; alſo, Kamerad, da Sie Kamerad ſagen, ſtecken Sie Ihren großen Säbel in die Scheide,— es iſt nun unnöthig, daß die Ariſtokraten getödtet werden,— und unterziehen Sie ſich gutwillig, oder ich bin genöthigt, Gewalt zu gebrauchen.“ „Gewalt?“ verſetzte Beauſire.„Ah! Du ſprichſt ſo, mein ſchöner Kapitän, weil Du da zwanzig Mann unter Deinen Befehlen haſt; doch wären wir unter vier ARgen „Wären wir unter vier Augen,“ erwiederte Pitou, „höre, was ich thun würde: ich würde Dich ſo mit der rechten Hand am Fauſtgelenke nehmen; ich würde Dir den Säbel mit der linken Hand herausreißen und ihn unter meinem Fuße zerbrechen, als nicht mehr würdig, von der Hand eines ehrlichen Mannes berührt zu wer⸗ den, nachdem er von der eines Diebes berührt wor⸗ den iſt.“ Und die Theorie, die er entwickelte, in Ausführung bringend, bog Piton das Fauſtgelenke des falſchen Pa⸗ trioten mit ſeiner rechten Hand, entriß ihm den Säbel mit ſeiner linken, zerbrach die Klinge unter ſeinem Fuße und warf den Griff fern von ſich. „Ein Dieb!“ rief der Mann mit der rothen Mütze; „ein Dieb, ich, Herr von Beauſire?“ „Mein Freunde,“ ſprach Pitou, indem er den ehe⸗ maligen Gefreiten mitten unter ſeine Leute ſchob,„durch⸗ ſucht Herrn von Beauſire.“ „Nun! ſo durchſucht!“ ſagte der Mann, die Arme wie ein Opfer ausſtreckend;„durchſucht!“ Man brauchte nicht die Erlaubniß von Herrn von Beauſire, um zur Durchſuchung zu ſchreiten; doch zum großen Erſtaunen von Pitou und beſonders von Mail⸗ lard mochte man immerhin ſuchen, die Taſchen umkeh⸗ ren, die geheimſten Orte betaſten, man fand beim ehe⸗ maligen Gefreiten nur ein Kartenſpiel mit kaum ſicht⸗ — e ie 3 163 baren Figuren, ſo alt waren ſie; ſodann eine Summe von elf Sous. Piton ſchaute Maillard an. Dieſer machte mit den Schultern eine Geberde, welche bezeichnete:„Was wollen Sie?“ „Fangt wieder an!“ ſprach Piton, bei dem, wie man ſich erinnert, eine der Haupteigenſchaften die Ge⸗ duld war. Man fing wieder anz die zweite Durchſuchung war ebenſo fruchtlos, wie die erſte; man fand nichts, als daſſelbe Kartenſpiel und dieſelben elf Sous. Herr von Beauſire triumphirte. „Nun,“ ſagte er,„iſt ein Säbel immer noch ent⸗ ehrt, weil er meine Hand berührt hat?“ „Nein, mein Herr,“ erwiederte Piton,„und zum Beweiſe diene, daß, wenn Sie mit den Entſchuldigun⸗ gen, die ich Ihnen mache, nicht zufrieden ſind, einer von meinen Leuten Ihnen den ſeinigen leihen ſoll, und ich werde Ihnen jede andere Genugthuung, die Ihnen beliebt, geben.“ „Ich danke, junger Mann,“ ſprach Herr von Beau⸗ ſire, indem er ſich in die Bruſt warf;„Sie haben kraſt eines Befehles gehandelt, und ein alter Militär weiß, daß ein Befehl eine heilige Sache iſt. Nun aber be⸗ merke ich Ihnen, daß Frau von Beauſire wegen meiner langen Abweſenheit beſorgt ſein muß, und iſt es mir erlaubt, mich zu entfernen.„ „Gehen Sie, mein Herr,“ ſagte Piton. Beauſire grüßte mit einer ganz ungezwungenen Miene und ging ab. Piton ſuchte mit den Augen Maillard: Maillard war nicht mehr da. „Habt Ihr Herrn Maillard geſehen?“ fragte er. „Mir ſcheint, ich habe ihn die Treppe hinaufgehen ſehen,“ antwortete ein Haramonter. 164 „Es ſcheint Ihnen richtig,“ verſetzte Piton,„deun er kommt eben wieder herab.“ Maillard ſtieg wirklich die Treppe herab und war, Dank ſei es ſeinen langen Beinen, bald unter dem Veſtibule. „Nun,“ fragte er,„haben Sie etwas gefunden?“ „Nein,“ antwortete Piton. „Dan bin ich glücklicher geweſen, als Sie: ich habe das Etui gefunden.“ „Wir hatten alſo Unrecht?“ „Nein, wir hatten Recht.“ Und das Etui öffnend, zog Maillard die goldene Faſſung heraus, welche aller Edelſteine, die ſie umſchloſ⸗ ſen hatte, beraubt war. „Ei!“ fragte Piton,„was will das beſagen?“ „Das will beſagen, daß der Burſche den Streich vermuthet, die Diamanten aus der Faſſung gebrochen und dieſe, da er ſie für zu läſtig hielt, mit dem Etui in das Cabinet, wo ich ſie entdeckt, geworfen hat.“ „Gut!“ ſagte Pitou;„und die Diamanten?“ „Er hat Mittel gefunden, ſie uns zu escamotiren.“ „Ah! der Schurke!“ „Iſt er ſchon lange weggegangen?“ fragte Maillard. „Als Sie herabkamen, ſchritt er durch das Thor des mittleren Hofes.“ „Und nach welcher Seite ging er?“ „Er neigte ſich dem Quai zu.“ „Adien, Kapitän.“ „Wohin gehen Sie?“ „Ich will mit dieſer Sache ins Reine kommen,“ antwortete der ehemalige Huiſſier. Und ſeine langen Beine wie einen Cirkel öffnend⸗ ſchritt er zur Verfolgung von Herrn von Beaufire. Piton blieb ganz nachdenkend über das, was vor⸗ gefallen, und er war noch mit dieſen Gedanken be⸗ ſchäftigt, als er die Gräfin von Charny zu erkennen ne ⸗ ch en ui 2 e⸗ en 165 glaubte und die Ereigniſſe ſich zutrugen, die wir an ihrem Orte erzählt haben, da wir es nicht für geeignet erachteten, ſie mit einem Vorfalle zu verflechten, der ſeine Ordnungsnummer anderswo finden ſollte. CLIX. Die Purganz. So raſch Maillard auch lief, er konnte Herrn von Beauſire nicht einholen; dieſer hatte drei günſtige Umſtände für ſich: einmal zehn Minnten Vorſprung; ſodann die Dunkelheit, und endlich die vielen Menſchen, welche durch den Hof des Carrouſel gingen, und unter denen Herr von Beauſire verſchwunden war. Als er aber einmal das Quai der Tuilerien erreicht hatte, ſetzte der Exhuiſſier vom Chatelet nichtsdeſtoweniger ſeinen Gang fort: er wohnte, wie geſagt, im Faubourg Saint⸗Antoine, und es war ſein Weg oder ungefähr ſein Weg, den Quais bis zur Grove zu folgen. Ein großer Zuſammenlauf von Volk drängte ſich auf dem Pont⸗Neuf und auf dem Pont au Charge: man hatte eine Ausſtellung von Leichen auf dem Platze des Juſtizpalaſtes gemacht, und Jeder begab ſich dahin, in der Hoffnung, oder vielmehr in der Furcht, einen Bru⸗ der, einen Verwandten oder einen Freund wiederzufinden. Maillard folgte der Menge. An der Ecke der Rue de la Barillerie und der 4 166 Place du Palais hatte er einen Freund, der Apothe⸗ ker war. Maillard trat bei ſeinem Freunde ein, ſetzte ſich und plauderte über die Angelegenheiten des Tages, indeß die Wundärzte vom Apotheker Binden, Salben, Char⸗ pie, kurz alle zum Verbinden der Verwundeten nothwen⸗ digen Dinge fordernd, ab und zugingen;— man er⸗ kannte nämlich unter den Todten von Zeit zu Zeit an einem Schrei, an einem Winſeln, an einem Stöhnen einen noch lebenden Unglücklichen, und dieſer Unglückliche wurde auf der Stelle aus der Mitte der Leichname her⸗ vorgezogen, verbunden und nach dem Hopital⸗Dien gebracht. Es herrſchte alſo eine große geſchäftige Unruhe in der Officin des würdigen Apothekers; Maillard war aber nicht läſtig, und dann empfing man mit Vergnügen an ſolchen Tagen einen Patrioten vom Schlage von Maillard, der wie Balſam in der Altſtadt und in den Vorſtädten roch. Er ſaß ungefähr ſeit einer Viertelſtunde, ſeine lan⸗ gen Beine über einander geſchlagen und ſich ſo klein als möglich machend, da, als eine Frau von ſiebenunddreißig bis achtunddreißig Jahren eintrat, welche uuter der Livree des gräulichſten Elends ein gewiſſes Anſehen von ehemaliger Wohlhabenheit bewahrte und durch ihren Gang ihre, wenn nicht angeborene, doch wenigſtens ſtu⸗ dirte Ariſtokratie verrieth.— Was aber Maillard beſonders auffiel, das war die ſeltſame Aehnlichkeit dieſer Frau mit der Königin: er würde einen Schrei des Erſtannens ausgeſtoßen haben, hätte er nicht die uns ſchon bekannte große Selbſtbeherr⸗ ſchung beſeſſen. Sie hielt an der Hand einen kleinen Knaben von acht bis neun Jahren und trat an das Compwir mit einer Art von Schüchternheit, indem ſie ſo gut, als ſie nur immer konnte, die Dürftigkeit ihrer Kleidung ver⸗ X * * * S S S — 8S 8S 8 8 167 hüllte, welche indeſſen nur noch mehr ſichtbar wurde durch die Sorge, die in ihrer Noth dieſe Frau auf ihr Ge⸗ ſicht und ihre Hände verwandte. Eine Zeit lang wurde es ihr unmöglich, ſich Gehör zu verſchaffen, ſo groß war die Menge; endlich wandte ſie ſich an den Herrn des Etabliſſement und ſagte: „Mein Herr, ich ſollte nothwendig ein Purgirmittel für meinen Mann haben, der krank iſt.“ „Welches Purgirmittel wünſchen Sie zu haben, Bürgerin?“ fragte der Apotheker. „Welches Sie wollen, mein Herr, wenn es nur nicht mehr als elf Sons koſtet.“ Die Zahl elf Sous fiel Maillard auf; elf Sous waren gerade die Summe, die ſich, wie man ſich erin⸗ nert, in der Taſche von Herrn von Beauſire gefunden hatten. „Warum ſoll es nicht über elf Sous koſten?“ be⸗ merkte der Apotheker. „Weil das alles Geld iſt, was mein Mann mir hat geben können.“ „Machen Sie eine Miſchung von Tamarinde und Sennesblättern und geben Sie das der Bürgerin,“ ſagte der Apotheker zu ſeinem erſten Gehülfen. Der erſte Gehülfe beſchäftigte ſich mit der Berei⸗ tung, während der Apotheker auf andere Verlangen ant⸗ wortete. Maillard aber, der durch nichts zerſtreut wurde, hatte ſeine ganze Aufmerkſamkeit bei der Frau mit dem Purgirmittel und den elf Sous concentrirt. „Bürgerin,“ ſagte der erſte Gehülfe,„hier iſt Ihre Medicin.“ „Nun, Touſſaint,“ ſprach die Frau mit einem ge⸗ dehnten Tone, der bei ihr Gewohnheit zu ſein ſchien, „gib die elf Sous, mein Kind.“ „Hier ſind ſie,“ erwiederte der kleine Burſche. 168 Und er legte ſeine Handvoll Scheidemünze auf den Tiſch und ſagte: „Komm, Mama Oliva; komm geſchwinde: Papa wartet.“ Dann ſuchte er ſeine Mutter fortzuziehen, wieder⸗ holend: „Aber komm doch, Mama Oliva! komm doch!“ „Verzeihen Sie, Bürgerin,“ bemerkte der Gehülfe, „es ſind nur neun Sous.“ „Wie, es ſind nur neun Sous?“ fragte die Frau. „Ei! zählen Sie ſelbſt,“ verſetzte der Gehülfe. Die Frau zählte ſelbſt: es waren in der That nur 18. Son „Was haſt Du mit den zwei andern Sous ge⸗ macht, böſes Kind?“ fragte ſie. „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Knabe.„Komm, Mama Oliva!“ „Du mußt es wiſſen, da Du das Geld tragen wollteſt, und ich es Dir gegeben habe.“ „Ich werde ſie verloren haben... So komm doch!“ „Sie haben da einen reizenden Knaben, Bürgerin! ſprach Maillard;„er ſcheint voll Verſtand zu ſein, doch Sie müſſen ſich in Acht nehmen, daß er kein Dieb wird.“ „Ein Dieb!“ verſetzte die Frau, die das Bürſchchen unter dem Titel Mama Oliva bezeichnet hatte;„ich bitte, warnm dies, mein Herr?“ „Weil er die zwei Sous nicht verloren, ſondern in ſeinem Schuh verſteckt hat.“ „Ich?“ rief das Kind.„Das iſt nicht wahr!“ „Im linken Schuh, Bürgerin, im linken Schuh,“ wiederholte Maillard. Mama Oliva zog dem jungen Tonſſaint, trotz ſei⸗ nes Geſchreis, den Schuh vom linken Fuße und fand die zwei Sous. Sie gab ſie dem Apothekergehülfen und ſchleppte den Knaben fort, ihn mit einer Strafe bedrohend, die 169 den Anweſenden entſetzlich geſchienen hätte, würden ſie nicht den Theil der Milderungen gemacht haben, welche ohne Zweifel die mütterliche Zärtlichkeit geſtatten ſollte. An und für ſich ziemlich bedeutungslos, würde die⸗ ſes Ereigniß ſicherlich unbemerkt, unter den ernſten Um⸗ ſtänden, in denen man ſich befand, vorübergegangen ſein, hätte die Aehnlichkeit dieſer Frau mit der Königin Mail⸗ lard nicht ganz ſonderbar in Anſpruch genommen. Eine Folge hievon war, daß er ſich ſeinem Freunde, dem Apotheker, näherte und ihn, ſich ſeiner in einem Augenblicke der Ruhe, der ihm vergönnt war, bemäch⸗ tigend, fragte: „Haben Sie bemerkt?“ „Was?“ „Die Aehulichkeit der Bürgerin, welche von hier weggeht.. „Mit der Königin?“ verſetzte lachend der Apotheker. „Ja Sie haben ſie bemerkt wie ich?“ „Schon lange!“ „Wie, ſchon lange?“ „Allerdings; das iſt eine hiſtoriſche Aehnlichkeit.“ „Ich verſtehe nicht.“ „Erinnern Sie ſich nicht der berüchtigten Halsband⸗ geſchichte?“ „Oh! ein Huiſſier vom Chatelet kann eine ſolche Geſchichte nicht vergeſſen haben.“ „Dann müſſen Sie ſich einer gewiſſen Nicole Legnay, genannt die Demoiſelle Oliva, erinnern?“ „Ah! es iſt bei Gott wahr! Sie hatte beim Car⸗ dinal von Rohan die Rolle der Königin geſpielt!“ „Und lebte mit einem aus ſchlimmen Geſchichten zuſammengeſetzten Burſchen, einem ehemaligen Gefreiten, einem Mouchard, Namens Beauſire.“ ſüch„Wie?“ rief Maillard, als ob ihn eine Schlange äche. „Namens Beauſire,“ wiederholte der Apotheker. 170 „Und dieſen Beauſire nennt ſie ihren Mann?“ fragte Maillard. „Ja.“ „Und für ihn hat ſie eine Arznei geholt?“ „Der Burſche muß ſich irgenwo eine Unverdaulich⸗ keit zugezogen haben.“ „Ein Purgirmittel?“ fuhr Maillard fort, wie ein Menſch, der einem wichtigen Geheimniß auf der Spur iſt und ſich nicht will von ſeiner Idee abbringen laſſen. „Ein Purgirmittel, ja.“ „Ah!“ rief Maillard, indem er ſich vor die Stirne ſchlug,„ich habe meinen Mann!“ „Welchen Mann?“ „Den Mann mit den elf Sous.“ „Wer iſt der Mann mit den elf Sous?“ „Herr von Beauſire, beim Teufel!“ „Sie haben ihn?“ „Ja. Das heißt, wenn ich weiß, wo er wohnt.“ „Ich weiß es, wenn Sie es nicht wiſſen.“ „Gut! Wo wohnt er?“ „In der Rue de la Juiverie, Nr. 6.“ „Ganz hier in der Nähe?“ „Zwei Schritte von hier.“ „Nun! das befremdet mich nicht.“ „Was?“ „Daß der junge Tonſſaint ſeiner Mutter zwei Sous geſtohlen hat.“ „Wie! das befremdet Sie nicht?“ „Nein: es iſt der Sohn von Herrn von Beauſire, nicht wahr?“ „Es iſt ſein lebendiges Ebenbild.“ „Art läßt nicht von Art! Sprechen Sie, lieber Freund,“ fuhr Maillard fort,„die Hand aufs Herz, in wie viel Zeit wird Ihre Medicin wirken?⸗ „Im Ernſte?“ „Ganz im Ernſte. „ 171 „Nicht vor zwei Stunden.“ „Mehr brauche ich nicht; ich habe Zeit.“ „Sie intereſſiren ſich alſo für Herrn von Beauſire?“ „Ich intereſſire mich ſo ſehr für ihn, daß ich be⸗ fürchtend, man könnte ihn ſchlecht pflegen... Was?“ „Zwei Krankenwärter für ihn holen will.. Adieu, lieber Freund.“ Und die Officin des Apothekers mit einem ſtillen Gelächter, dem einzigen, das je dieſes finſtere Geſicht entrunzelt hatte, verlaſſend, nahm Maillard wieder ſeinen Lauf nach den Tuilerien. Pitou war abweſend; man erinnert ſich, daß er durch den Garten mit Andrée die Spur des Grafen von Charny verfolgt hatte; in ſeiner Abweſenheit fand er aber Maniquet und Tellier, die den Poſten bewachten. Beide erkannten ihn. „Ah! Sie ſind es, Herr Maillard?“ fragte Mani⸗ quet;„nun, haben Sie unſern Mann eingeholt?“ „Nein,“ erwiederte Manuel;„doch ich bin ihm auf der Spur.“ „Bei meiner Treue! das iſt ein Glück,“ ſagte Tel⸗ lier,„denn wenn man auch nichts bei ihm gefunden, ſo wollte ich doch wetten, daß er die Diamanten hatte!“ „Wetten Sie, Bürger,“ ſprach Maillard,„wetten Sie, und Sie werden gewinnen.“ „Gut!“ verſetzte Maniquet;„und man wird ſie ihm wieder nehmen können?“ „Ich hoffe es wenigſtens, wenn Sie mich dabei unterſtützen.“ „Wie dies, Bürger Maillard? Wir ſind zu Ihren Befehlen.“ Maillard winkte dem Lieutenant und dem Unterlien⸗ tenant, ſich ihm zu nähern. „Wählen Sie mir aus dem Truppe zwei ſichere Männer.“ 172 „Was den Muth betrifft?“ „Nein, was die Ehrlichkeit betrifft.“ „Oh! dann können Sie aufs Gerathewohl nehmen,“ ſagte Déſiré. Und ſich gegen den Poſten umwendend: „Zwei Freiwillige!“ Es erhob ſich ein Dutzend Leute. „Boulanger,“ ſprach Maniquet,„komm hierher.“ Einer von den Leuten trat näher hinzu. „Und Du, Molicar.“ Ein Zweiter nahm ſeinen Platz neben dem Erſten. „Wollen Sie mehr, Herr Maillard?“ fragte Tellier. „Nein, das genügt. Kommt, meine Bürger!“ Die zwei Haramonter folgten Maillard. Maillard führte ſie nach der Rue de la Juiverie und blieb vor der Thüre Nr. 6 ſtehen. „Es iſt hier,“ ſagte er;„gehen wir hinauf.“ Die zwei Männer traten mit ihm in den Gang ein, ſtiegen die Treppe hinauf und gelangten endlich in den vierten Stock. Hier wurden ſie geleitet durch das Geſchrei von Herrn Touſſaint, der noch ſchlecht getröſtet über die nicht mütterliche, ſondern väterliche Züchtigung,— denn in Betracht des ſehr gewichtigen Falles hatte Herr von Beauſire ins Mittel treten und ein paar Ohrfeigen von ſeiner harten, dürren Hand den etwas weicheren Kläppſen, welche wider Willen ihrem geliebten Sohne Made⸗ moiſelle Oliva ertheilt, beifügen zu müſſen geglaubt. Maillard verſuchte es, zu öffnen. Der Riegel war innen vorgeſchoben. Er klopfte. „Wer iſt da?“ fragte mit gedehnter Stimme Ma⸗ demoiſelle Oliva. „Im Namen des Geſetzes, öffnet!“ antwortete Maillard. Es fand ein kleines Geſpräch mit leiſer Stimme * 17⁸ ſtatt, deſſen Reſultat war, daß der junge Touſſaint ſchwieg, im Glauben, wegen der zwei Sons, die er ſeiner Mutter zu ſtehlen verſucht, bemühe ſich die Polizei, während Beauſire, das Klopfen auf Rechnung der Haus⸗ ſuchungen ſetzend, ſo ſchlecht er ſelbſt beruhigt war, Oliva zu beruhigen ſich anſtrengte. Endlich entſchloß ſich Frau von Beaufire, und in dem Augenblicke, wo Maillard zum zweiten Male klopfen wollte, öffnete ſich die Thüre. Die drei Männer traten ein zum großen Schrecken von Mademoiſelle Oliva und Herrn Touſſaint, der ſich hinter einen alten Strohſtuhl kauerte. Herr von Beaufire lag im Bette, und auf ſeinem Rachttiſche, dem ein in einem eiſernen Leuchter rauchen⸗ des ſchlechtes Talglicht einige Helle verlieh, bemerkte Maillard zu ſeiner Zufriedenheit die leere Flaſche.. Die Arznei war verſchluckt: man brauchte nur ihre Wir⸗ kung abzuwarten. Unter Weges hatte Maillard Boulanger und Mo⸗ licar erzählt, was beim Apotheker vorgefallen; ſo daß dieſe, als ſie ins Zimmer von Herrn von Beauſire kamen, vollkommen über die Situation unterrichtet waren. Nachdem er ſie auf jede Seite vom Bette des Kranken geſtellt, ſagte er auch nur einfach zu ihnen: „Bürger, Herr von Beauſire iſt gerade wie jene Prinzeſſin in Tauſend und eine Nacht, welche nur ſprach, wenn ſie dazu gezwungen war, ſo oft ſie aber den Mund aufthat, einen Diamant daraus fallen ließ. Laßt alſo kein Wort vor Herrn von Beauſire fallen, ohne zu ergründen, was es enthält.. Ich will Euch auf der Municipalität erwarten: hat der Herr nichts mehr zu ſagen, ſo werdet Ihr ihn nach dem Chatelet führen und dort von Seiten des Bürgers Maillard empfehlen; und dann kommt zu mir ins Stadthaus mit dem, was er geſagt hat.“ Die zwei Nativnalgarden verbeugten ſich zum Zei⸗ 174 chen des paſſiven Gehorſams und ſtellten ſich mit dem Gewehre auf jede Seite des Bettes von Herrn von Beauſire. Der Apotheker hatte ſich nicht getänſcht: nach Ver⸗ lauf von zwei Stunden wirkte die Medicin. Die Wir⸗ kung dauerte ungefähr eine Stunde und war äußerſt befriedigend. Gegen drei Uhr Morgens ſah Maillard die zwei Männer zu ihm kommen. Sie brachten für hunderttauſend Franken Diaman⸗ ten vom reinſten Waſſer in einem Verhaftungsſcheine von Herrn von Beauſire. Maillard beeilte ſich, in ſeinem und der zwei Hara⸗ monten Namen, die Diamanten auf dem Bureau des. Procurators der Commune niederzulegen, und dieſer übergab ihnen ein Certificat, beurkundend, die Bürger Maillard, Molicar und Bonlanger haben ſich um das Vaterland wohl verdient gemacht. CLX. Ver 1 September. Man vernehme, was in Folge des ſo eben von uns erzählten tragikomiſchen Ereigniſſes geſchah. Jus Gefängniß vom Chatelet eingeſchloſſen, wurde Herr von Beauſire der Jury zugeſchieden, welche ſpeciell mit der Verfolgung der am 10. Auguſt und an den folgenden Tagen begangenen Diebſtahlsvergehen beauf⸗ tragt war. — — 175⁵ Es war nicht möglich, zu leugnen: das Factum war zu klar erwieſen. Der Angeſchuldigte beſchränkte ſich auch einfach dar⸗ auf, daß er ſeine Schuld in Demuth geſtand und die Milde des Gerichtes anflehte. Das Gericht gab Befehl, die Antecedentien von Herrn von Beauſire zu erforſchen, und wenig erbaut durch die Aufſchlüſſe, die es erhielt, verurtheilte es den ehemaligen Gefreiten zu fünf Jahren Galeeren und zur Ausſteliung. Herr von Beauſire brachte vergebens vor, er ſei zu dieſem Diebſtahle durch achtbare Gefühle, das heißt durch die Hoffnung, ſeiner Frau und ſeinem Sohne eine ruhige Zukunft zu ſichern, angetrieben worden; nichts vermochte den Spruch zu beſchwören; und da in ſeiner Eigenſchaft als ſpecielles Gericht dieſes keine Appellation zuließ, ſo wurde am zweiten Tage nach der Verurthei⸗ lung der Spruch executoriſch. Ach! warum war er es nicht auf der Stelle! Das Verhängniß wollte, daß man am Vorabend des Tages, wo Herr von Beauſire ausgeſtellt werden ſollte, in das Gefängniß einen ſeiner früheren Kamera⸗ den einführte. Die Wiedererkennung fand ſtatt; die vertrauten Eröffnungen erfolgten. Der neue Gefangene war, wie er ſagte, eingeſperrt worden wegen eines vollkommen organiſirten Complottes, das auf dem Grsve⸗Platze oder auf dem Platze des Ju⸗ ſtizpalaſtes zum Ausbruche kommen ſollte. Die Verſchworenen würden ſich hier in beträchtlicher Anzahl unter dem Vorwande, ſie wollen die erſte Ausſtel⸗ lung ſehen, welche ſtattfände,— man ſtellte damals ohne Unterſchied auf der Grove und vor dem Juſtizpalaſte aus,— verſammeln und auf das Geſchrei:„Es lebe der König! Es leben die Preußen! Tod der Ration!“ ſich des Stadthauſes bemächtigen, die Nationalgarde, von der zwei Drittel Royaliſten oder wenigſtens Con⸗ 176 ſtitntionelle ſeien, zu Hülfe rufen, die Abſchaffung der am 20. Auguſt durch die Nationalverſammlung caſſirten Commune behaupten und endlich die royaliſtiſche Contre⸗ revolution vollführen. Zum Unglücke war es dieſer neuverhaftete Freund von Herrn von Beauſire, der das Signal geben ſollte: die anderen Verſchworenen, welche nichts von ſeiner Ver⸗ haftung wußten, würden ſich am Tage der Ausſtellung des erſten Verurtheilten auf den Platz begeben, und da Niemand da wäre, um zu rufen:„Es lebe der König! Es leben die Preußen! Tod der Nation!“ ſo würde die Bewegung nicht ſtattfinden. Dies ſei um ſo bedauerlicher, fügte der Freund bei, als nie eine Bewegung beſſer rombinirt geweſen ſei und ein ſichereres Reſultat verſprochen habe! Die Verhaftung des Freundes von Herrn von Beau⸗ ſire hatte überdies das Beklagenswerthe, daß ſicherlich im Tumulte der Verurtheilte befreit worden, zu ent⸗ fliehen und ſo der doppelten Strafe der Brandmarkung und der Galeeren zu entgehen im Stande geweſen wäre. Herr von Beauſire, obgleich kein Mann von einer ſehr entſchiedenen Meinung, hatte ſich im Grunde doch immer zum Königthum geneigt; er ſing alſo an bitter für den König und ſodann, ſubſidiär, für ſich zu be⸗ dauern, daß die Bewegung nicht ſtattfinden konnte. Plötzlich aber ſchlug er ſich vor die Stirne: er war von einem Gedanken erleuchtet worden. „Ei!“ ſagte er zu ſeinem Kameraden,„dieſe erſte Ausſtellung ſollte ja die meinige ſein!“ „Allerdings; was, ich wiederhole es Dir, ein großes Glück für Dich geweſen wäre.“ u ſagſt, Deine Verhaftung ſei unbekannt?“ „Völlig.“ „Alſo werden ſich die Verſchworenen nichtsdeſto⸗ weniger verſammeln, als ob Du nicht verhaftet worden wäreſt?“ er en nd r⸗ ug da ie ei, nd U⸗ ch t⸗ 19 er er e⸗ ar te 6 . 177 „Gewiß.“ 31. „So daß, wenn Jemand das verabredeté Signal gäbe, die Verſchwörung losbrechen würde?“ „Ja Wer ſoll es aber geben, da ich verhaftet bin und nicht mit außen Rückſprache nehmen kann?“ „Ich!“ erwiederte Beanſire mit dem Tone von Medea im Trauerſpiele von Corneille. „Du?“ „Allerdings, ich! Ich werde dort ſein, nicht wahr, da ich es bin, den man ausſtellt? Nun wohl, ich werde rufen:„Es lebe der König! Es leben die Preußen! Tod der Nation!““ Das iſt nicht ſehr ſchwer, wie mir ſcheint!“ Der Kamerad von Beauſire war ganz verblüfft. „Ich ſagte immer, Du ſeiſt ein Mann von Genie!“ rief er. Beaufire verbeugte ſich. „Und wenn Du däs thuſt,“ fuhr der royaliſtiſche Gefangene fort,„ſo wirſt Du nicht nur befreit, nicht nur begnadigt, ſondern Du magſt Dich, da ich laut er⸗ klären werde, man verdanke Dir das Gelingen der Ver⸗ ſchwörung, zum Voraus rühmen, Du werdeſt eine ſchöne Belohnung empfangen!“ „Nicht in Rückſicht hierauf handle ich,“ erwiederte Beauſire mit der uneigennützigſten Miene der Welt. „Bei Gott!“ ſagte der Freund;„doch kommt die Belohnung, ſo rathe ich Dir, ſie nicht auszuſchlagen.“ „Wenn Du es mir räthſt verſetzte Beauſire. „Ich thue mehr, ich fordere Dich hiezu auf, und im Nothfalle befehle ich es Dir!“ ſprach majeſtätiſch der Freund. „Es ſei!“ erwiederte Beauſire. ₰ „Nun wohl!“ ſagte der Freund,„morgen werden wir mit einander frühſtücken: der Direckor des Gefäng⸗ niſſes wird dieſe letzte Gunſt zwei Kameraden nicht ver⸗ Die Gräfin von Charny. VII. 3 178 weigern;— und wir werden eine gute Flaſche Wein auf das Gelingen der Verſchwörung trinken!“ Beauſire hegte wohl noch einigen Zweifel über die Gefälligkeit des Directors vom Gefängniß hinſichtlich des Frühſtücks am andern Tage; doch ob er mit ſeinem Freunde frühſtückte oder nicht frühſtückte,— er war ent⸗ ſchloſſen, das Verſprechen, das er geleiſtet, zu halten. Zu ſeiner großen Zufriedenheit wurde vom Director die Bewilligung gegeben. Die zwei Freunde frühſtückten mit einander: ſie tranken nicht eine Flaſche, ſondern zwei, ſondern drei, ſondern vier! Bei der vierten war Herr von Beauſire ein wü⸗ thender Royaliſt. Zum Glücke holte man ihn, um ihn auf den Gröve⸗Platz zu führen, ehe die fünfte Flaſche in Angriff genommen war. Er beſtieg den Karren, als wäre es ein Triumph⸗ wagen, und ſchaute verächtlich dieſe Menge an, der er eine ſo furchtbare Ueberraſchung vorbehielt. Auf dem Weichſteine des Pont Notre⸗Dame war⸗ teten eine Fran und ein kleiner Knabe auf ſein Vor⸗ überziehen. Herr von Beauſire erkannte die arme Oliva, welche in Thränen zerfloß, und den jungen Touſſaint, der, als er ſeinen Vater in den Händen der Gendarmerie ſah, ausrief: „Das iſt wohlgethan! warum hat er mich ge⸗ ſchlagen?“* Beauſire ſandte ihnen ein Lächeln der Protection zu, und er würde eine Geberde beigefügt haben, welche ſicherlich voll Majeſtät geweſen wäre, hätte er nicht die Hände auf den Rücken gebunden gehabt. Der Platz des Stadthauſes war bedeckt von Menſchen. Man wußte, daß der Verurtheilte einen in den Tuilerien begangenen Diebſtahl büßte; man kannte, durch den Bericht der Verhandlungen, die Umſtände, welche 5 die ich it⸗ n e ie —=— e 179 dieſen Diebſtahl begleitet hatten und ihm gefolgt waren, und man war ohne Mitleid für den Verurtheilten. Als der Karren am Fuße des Prangers anhielt, hatte die Wache auch alle erdenkliche Mühe, um das Volk im Zaume zu halten. Beauſire ſchaute dieſe große Bewegung, dieſen ganzen Tumult, dieſe ganze Menge mit einer Miene an, welche beſagen wollte:„Ihr ſollt ſehen! das wird ſo⸗ gleich ganz anders ſein!“ Sobald er auf dem Pranger erſchien, war es ein allgemeines Hurrah; als jedoch der Augenblick der Exe⸗ cution herannahte, als der Henker den Aermel des Ver⸗ urtheilten aufgeknöpft, ſeine Schulter entblößt hatte, und er ſich bückte, um das glühende Eiſen aus dem Ofen zu nehmen, da geſchah, was immer geſchieht: vor der er⸗ habenen Majeſtät der Juſtiz ſchwieg Alles. Beauſire benützte den Augenblick und rief, alle ſeine Kräfte zuſammenraffend, mit einer vollen, ſonoren, ſchallenden Stimme: „Es lebe der König! Es leben die Preußen! Tod der Nation!“ Welchen Tumult auch Herr von Beauſire erwartet hatte, das Ereigniß überſtieg bei Weitem ſeine Hoffnun⸗ gen: das war nicht Geſchrei, ſondern Gebrülle. Dieſe ganze Menge ſtieß ein ungeheures Gebrülle aus und ſtürzte ſich auf den Pranger. Diesmal war die Wache unmächtig, Herr von Beau⸗ ſire zu beſchützen; die Reihen wurden durchbrochen, das Gerüſte wurde erſtürmt, der Henker von der Eſtrade geworfen, der Verurtheilte, man weiß nicht wie, vom Pfahle geriſſen und in die verſchlingenden Ameiſenhaufen geſtürzt, die man die Menge nennt. Er war nahe daran, getödtet, zermalmt, in Stücke zerhackt zu werden, als zum Gliücke ein mit ſeiner Schärpe umgürteter Mann von der Freitreppe des 180 Stadthauſes herab, wo er dieſer Execution anwohnte, herbeieilte. Dieſer Mann war der Procurator der Gemeinde, Manuel. Es war in ihm ein großes Gefühl von Menſchen⸗ liebe, welches er manchmal in der Tiefe ſeiner Seele zu verſchließen genöthigt war, das aber unter Umſtän⸗ den, wie dieſer, daraus hervordrang. Er gelangte mit großer Mühe bis zu Herrn von Beauſire, ſtreckte die Hand über ihm aus und ſprach mit ſtarker Stimme: „Im Namen des Geſetzes reclamire ich dieſen Menſchen!“ Das Volk zögerte, zu gehorchen; Manuel machte ſeine Schärpe los, ließ ſie über der Menge flattern und rief: „Zu mir, alle gute Bürger!“ Etwa zwanzig Männer liefen herbei und drängten ſich um ihn. Man zog Beauſire aus den Händen der Menge: er war halb todt. Manuel ließ ihn nach dem Stadthauſe bringen; bald wurde aber das Stadthaus ernſtlich bedroht, ſo groß war die Erbitterung. Manuel erſchien auf dem Balcon. „Dieſer Menſch iſt ſchuldig,“ ſagte er,„jedoch eines Verbrechens, für welches er nicht gerichtet worden iſt. Ernennt unter Euch eine Jury; dieſe Jury wird ſich in einem der Säle des Stadthauſes verſammeln und über das Loos des Schuldigen entſcheiden. Der Spruch, wie er auch ſein mag, wird vollzogen werden, doch es finde ein Spruch ſtatt.“ Iſt es nicht ſeltſam, daß am Tage vor der Metzelei der Gefängniſſe einer von den Männern, die man dieſer Metzelei bezüchtigt, eine ſolche Sprache führt? —— 181 Es gibt Anomalien in der Politik: erkläre ſie, wer kann. Dieſe Aufforderung beſchwichtigte die Menge. Eine Viertelſtunde nachher kündigte man Manuel die Volks⸗ jury an; ſie beſtand aus einundzwanzig Mitgliedern; die einundzwanzig Männer erſchienen auf dem Valcon. „Sind dieſe Männer wirklich Eure Abgeordneten?“ fragte Manuel. Die Menge klaſchte, ſtatt jeder Antwort, in die Hände. „Es iſt gut,“ ſagte Manuel,„da hier die Richter ſind, ſo wird Gerechtigkeit geübt werden.“ Und wie er es verſprochen, führte er die Jury in einen der Säle des Stadthauſes ein. Herr von Beauſire erſchien, mehr todt als lebendig, vor dieſem improviſirten Tribunal; er ſuchte ſich zu ver⸗ theidigen; doch das zweite Verbrechen lag ſo klar am Tage als das erſte: nur war es in den Augen des Volkes unendlich gewichtiger. Rufen:„Es lebe der König!“ während der König als Verräther anerkannt im Tempel gefangen ſaß; rufen:„Es leben die Preußen!“ während die Preußen Longwy genommen hatten und nur noch ſechzig Meilen von Paris entfernt waren; rufen:„Tod der Nation!“ während die Nation im Todeskampfe röchelte; das war ein entſetzliches Verbrechen, welches eine höchſte Strafe verdiente! Die Jury entſchied auch, daß der Schuldige nicht nur mit dem Tode beſtraft, ſondern um ſeinem Tode die Schmach beizufügen, welche ihm das Geſetz die Guillotine dem Galgen ſubſtituirend zu benehmen ſich beſtrebt habe, als Ausnahme vom Geſetze, gehenkt, und zwar auf dem Platze, wo das Verbrechen begangen wor⸗ den, gehenkt werden ſollte. Dem zu Folge erhielt der Henker Befehl, auf dem 182 Gerüſte, wo ſich der Schandpfahl erhob, den Galgen zu errichten. Der Anblick dieſer Arbeit und die Gewißheit, daß der Gefangene, der ſcharf bewacht wurde, nicht entkom⸗ men konnte, beſchwichtigte die Menge vollends. Dies war alſo das Ereigniß, das, wie wir am Ende von einem der vorhergehenden Kapitel geſagt haben, die Nationalverſammlung beunruhigte. Der andere Tag war ein Sonntag, ein erſchwe⸗ render Umſtand; die Nationalverſammlung begriff, daß Alles der Metzelei zuſchritt. Die Commune wollte ſich um jeden Preis behaupten: die Metzelei, das heißt der Schrecken, war hiefür eines der ſicherſten Mittel. Die Nationalverſammlung wich vor dem zwei Tage vorher gefaßten Beſchluſſe zurück: ſie widerrief ihr Decret. Da erhob ſich eines ihrer Mitglieder und ſprach: „Es iſt nicht genng, daß Ihr Euer Decret wider⸗ ruft; vor zwei Tagen, als Ihr es erlaſſen, habt Ihr erklärt, die Commune habe ſich um das Vaterland wohlverdient gemacht; das Lob iſt zu unbeſtimmt; denn Ihr könntet eines Tages ſagen, die Commune habe ſich um das Vaterland wohlverdient gemacht, die⸗ ſes oder jenes Mitglied der Commune ſei jedoch nicht im Lobe begriffen; dann würde man dieſes oder jenes Mitglied verfolgen. Man muß alſo ſagen, nicht die Commune, ſondern die Mitglieder der Com⸗ mune.“ Die Nationalverſammlung votirte: die Repräſen⸗ tanten der Commune haben ſich um das Vaterland wohlverdient gemacht. Zu gleicher Zeit, da die Nationalverſammlung die⸗ ſes Votum ergehen ließ, hielt Robespierre in der Com⸗ mune eine lange Rede, in welcher er ſagte, da die Na⸗ tionalverſammlung es durch ſchändliche Manveuvres dahin gebracht habe, daß die Commnne das öffentliche Ver⸗ trauen verloren, ſo müſſe ſich der Generalrath zurück⸗ N — * S— N — w— NM*— v NM 183 ziehen und das einzige Mittel anwenden, das ihm bleibe, um das Volk zu retten, nämlich die Gewalt dem Volke anheimſtellen. Wie immer, blieb Robespierre zweifelhaft und un⸗ beſtimmt, aber erſchrecklich. Die Gewalt dem Volke anheimſtellen,— was bedeutete dieſe Phraſe? Hieß dies den Beſchluß der Nationalverſammlung unterzeichnen und die Neuwahl annehmen? Das war nicht wahrſcheinlich. Hieß es die geſetzliche Gewalt niederlegen und, ſie niederlegend, eben hiedurch erklären, die Commune, nach⸗ dem ſie den 10. Anguſt gemacht, betrachte ſich als un⸗ mächtig vor der Fortſetzung des großen revolutionären Werkes und beauftrage das Volk, es zu vollenden? Das Volk aber, ohne Zügel, das Herz voll Rache, beauftragt, das Werk vom 10. Auguſt fortzuſetzen, das war die Ermordung der Menſchen, welche gegen daſſelbe am 10. Auguſt gekämpft hatten und ſeitdem in den ver⸗ ſchiedenen Gefängniſſen von Paris eingeſperrt waren! So weit war man am 1. September Abends, ſo iſt es, wenn ein Sturm in der Atmoſphäre laſtet und man die Blitze und den Donner über allen Häuptern ſchwe⸗ ben fühlt. ℳ 184 CLXI. In der Nacht vom 1. auf den 2. HSeptember. So ſtanden die Dinge, als am 1. September, Abends um neun Uhr, der Willfährige von Gilbert, — der Name Bediente war als antirepublicaniſch abgeſchafft worden,— der Willfährige von Gilbert in das Zimmer des Doctors eintrat und meldete: „Bürger Gilbert, der Fiacre wartet vor der Thüre.“ Gilbert drückte ſeinen Hut auf die Augen, knöpfte ſeinen Ueberrock bis an den Hals zu, und ſchickte ſich an, wegzugehen; doch anf der Schwelle der Wohnung ſtand ein Mann in einen Mantel gehüllt und die Stirne von einem breitkrämpigen Hute beſchattet. Gilbert wich einen Schritt zurück; in der Dunkel⸗ heit und in einem ſolchen Angenblicke iſt Alles Feind. „Ich bin es, Gilbert,“ ſagte eine wohlwollende Stimme. „Caglioſtro!“ rief der Docktor. „Gut! nur vergeſſen Sie, daß ich nicht mehr Caglioſtro heiße, und daß ich mich Baron Zannone nenne. Freilich für Sie, lieber Doctor, verändere ich weder meinen Namen, noch Herz, und bin immer, ich hoffe es wenigſtens, Joſeph Balſamo.“ „Oh! ja, und zum Beweiſe mag dienen, daß ich im Begriffe war, zu Ihnen zu gehen.“ „Ich vermuthete es, und darum komme ich hierher; denn Sie können ſich wohl vorſtellen, daß ich in ſolchen Tagen nicht thue, was Herr von Robespierre gethan hat; ich begebe mich nicht aufs Land.“ „Ich befürchtete auch, Sie nicht zu treffen, und ich . 185 bin ſehr glücklich, daß ich Sie ſehe... Treten Sie doch ein„ich bitte, treten Sie ein!“ „Nun wohl! hier bin ich. Sprechen Sie; was wünſchen Sie?“ fragte Caglioſtro, der Gilbert bis ins abgelegenſte Zimmer der Wohnung des Doctors folgte. „Setzen Sie ſich, Meiſter.“ Caglioſtro ſetzte ſich. „Sie wiſſen, was vorgeht?“ fragte Gilbert. „Sie wollen ſagen, was vorgehen ſoll,“ erwiederte Caglioſtro;„denn für den Augenblick geht nichts vor.“ „Nein, Sie haben Recht; doch etwas Erſchreckliches bereitet ſich vor, nicht wahr?“ „Erſchrecklich, in der That... Das Erſchreckliche wird auch manchmal nothwendig.“ „Meiſter,“ ſagte Gilbert,„wenn Sie ſolche Worte mit Ihrer unerbittlichen Kaltblütigkeit ausſprechen, ma⸗ chen Sie mich ſchauern!“ „Was wollen Sie? Ich bin nur ein Echo: das Echo des Verhängniſſes!“ Gilbert neigte das Haupt. „Erinnern Sie ſich, Gilbert, was ich Ihnen an dem Tage ſagte, wo ich Sie in Bellevne ſah, am 6. October, als ich Ihnen den Tod des Marquis von Favras prophezeite?“ Gilbert bebte. Er, der ſo ſtark den Menſchen und ſogar den Er⸗ eigniſſen gegenüber, fühlte ſich vor dieſem geheimnißvol⸗ len Manne ſchwach wie ein Kind. „Ich ſagte Ihnen,“ fuhr Caglioſtro fort,„wenn der König in ſeinem Gehirne ein Körnchen von dem Erhaltungsgeiſte hätte, den er, wie ich hoffe, nicht habe, ſo würde er fliehen.“ „Nun! er iſt geflohen.“ „Ja; doch ich verſtand hierunter, ſo lange es noch Zeit wäre; und als er floh!... ei! Sie wiſſen, da war es nicht mehr Zeit! Ich fügte bei, was Sie 186 wohl nicht vergeſſen haben, wenn der König wider⸗ ſtände, wenn die Königin widerſtände, wenn die Adeligen widerſtänden, ſo würden wir eine Revolution machen.“ „Ja, Sie haben auch diesmal Recht: die Revolu⸗ tivn iſt gemacht,“ ſprach Gilbert mit einem Seufzer. „Richt völlig,“ entgegnete Caglioſtro;„doch ſie macht ſich, wie Sie ſehen, mein lieber Gilbert. Erinnern Sie ſich ferner, daß ich mit Ihnen von einem Inſtrumente ſprach, das einer meiner Freunde, der Doctor Guillotin, erfand?. Sind Sie über den Carronſel-Platz gegan⸗ gen. dort, den Tuilerien gegenüber?.. Nun wohl, dieſes Inſtrument, daſſelbe, das ich der Königin im Schloſſe Taverney in einer Carafe zeigte... Sie erinnern ſich, Sie waren dabei, noch ein kleiner Knabe, nicht höher als ſo, und ſchon der Liebhaber von Made⸗ moiſelle Nicole.. deren Mann, dieſer liebe Herr von Beauſire, zum Henken verurtheilt worden iſt!.. nun wohl! dieſes Inſtrument functionirt.“ „Ja,“ erwiederte Gilbert,„und ſogar zu langſam, wie es ſcheint, da man ihm die Säbel, die Pieken und die Dolche beigeben will.“ „Hören Sie,“ ſprach Caglioſtro,„man muß Eines zugeſtehen: daß wir es mit grauſam halsſtarrigen Men⸗ ſchen zu thun haben! Man gibt den Ariſtokraten, dem Hofe, dem König, der Königin alle Arten von Warnun⸗ gen, und das nützt zu nichts; man nimmt die Baſtille: das nützt zu nichts; man macht den 5. und 6. October: das nützt zu nichts; man macht den 20. Juni: das nützt zu nichts; man macht den 10. Auguſt: das nützt zu nichts; man ſperrt den König im Tempel ein; man ſperrt die Ariſtokraten in der Abtei, in der Force, in Bicötre ein: das nützt zu nichts! Der König im Tempel freut ſich über die Einnahme von Longwy durch die Preußen; die Ariſtokraten in der Abtei rufen:„„Es lebe der König! es leben die Preußen!““ Sie trinken Champagner unter der Naſe des armen Volkes, das Waſſer trinkt! ſie eſſen 187 Trüffelpaſteten unter dem Barte des armen Volkes, dem es an Brod fehlt! Es iſt Keiner, bis auf König Wil⸗ helm von Preußen, an den man nicht ſchreibt:„„Neh⸗ men Sie ſich in Acht! Ueberſchreiten Sie Longwy, ma⸗ chen Sie einen Schritt mehr ins Herz von Frankreich, ſo wird dies das Todesurtheil des Königs ſein!““ und der nicht antwortet:„„Wie gräßlich auch die Lage der königlichen Familie ſein mag, die Heere dürfen nicht zurückgehen. Ich wünſche von ganzer Seele, rechtzeitig anzukommen, um den König von Frankreich zu retten; vor Allem aber iſt es meine Pflicht, Europa zu retten!““ Und er marſchirt gegen Verdun... Man muß wohl ein Ende machen.“ „Doch mit was ein Ende machen?“ rief Gilbert. „Mit dem König, der Königin, den Ariſtokraten.“ „Sie würden den König ermorden? Sie würden die Königin ermorden?“ „Oh! nein, ſie nicht! das wäre eine große Unge⸗ ſchicklichkeit! man muß ſie richten, verurtheilen, öffentlich enthaupten, wie man es mit Karl I. gemacht hat; aller Uebrigen aber muß man ſich entledigen, und zwar je eher, deſto beſſer.“ „Und wer hat dies entſchieden? Sprechen Sie!“ rief Gilbert;„iſt es die Intelligenz? iſt es die Redlich⸗ keit? iſt es das Gewiſſen dieſes Volkes, von dem Sie reden? Wären Sie, da Sie Mirabeau als Genie, La⸗ fayette als Redlichkeit, Vergniaud als Gerechtigkeit hat⸗ ten, gekommen und hätten mir im Namen dieſer drei Männer geſagt:„Man muß tödten!““ ſo würde ich geſchauert haben, wie ich ſchauere; doch ich hätte ge⸗ zweifelt. In weſſen Namen ſagen Sie das aber heute? Im Namen von einem Hébert, einem Contremarquen⸗ händler; von einem Collot⸗d'Herbois, einem ausgepfif⸗ fenen Komödianten; von einem Marat, einem kranken Geiſte,— dem ſein Arzt zur Ader laſſen muß, ſo oft er fünfzigtauſend, hunderttauſend, zweimalhunderttauſend 188 Köpfe verlangt! Laſſen Sie mich, lieber Meiſter, dieſe mittelmäßigen Menſchen verwerfen, welche raſche und pathetiſche Kriſen, augenblickliche Veränderungen brau⸗ chen; dieſe ſchlechten Dramaturgen, dieſe unmächtigen Rhetoren, die ſich in den plötzlichen Zerſtörungen gefal⸗ len, die ſich für geſchickte Zauberer halten, wenn ſie, ein⸗ fache Sterbliche, das Werk Gottes zunichte gemacht haben; die es ſchön, groß, erhaben finden, gegen dieſen Lebensfluß zu ſchiffen, der die Welt nährt, indem ſie mit einem Worte, mit einem Winke, mit einem Blicke vertilgen, indem ſie mit einem Hauche das lebendige Hinderniß verſchwinden machen, welches ihnen zu ſchaffen die Natur zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahre ge⸗ braucht hat! Dieſe Menſchen, lieber Meiſter, find Elende! und Sie, Sie gehören nicht zu dieſen Menſchen!“ „Mein lieber Gilbert,“ entgegnete Caglioſtro,„Sie täuſchen ſich abermals. Sie nennen dieſe Menſchen Menſchen; Sie thun ihnen zu viel Ehre an: es ſind nur Werkzenge.“ „Werkzeuge der Zerſtörung „Ja, aber zum Nitzen einer Idee. Dieſe Idee, Gilbert, iſt die Befreiung der Völker; es iſt die Frei⸗ heit; es iſt die Republik, nicht die franzöſiſche, Gott behüte mich vor einem ſo egoiſtiſchen Gedanken! ſondern die univerſelle Republik, die Brüderſchaft der Welt! Nein, dieſe Menſchen haben nicht das Genie; nein, ſie haben nicht die Redlichkeit; nein, ſie haben nicht das Gewiſſen; doch ſie haben, was ſtärker, was unerbitt⸗ licher, was unwiderſtehlicher iſt als Alles dies: ſie haben den Inſtinct.“ „Den Inſtinct von Attila!“ „Ganz richtig, ſie haben es geſagt: von Attila, der ſich Gottes Geißel nannte und mit dem darbariſchen Blute der Hunnen, der Alanen, der Sueven die durch vierhundert Jahre der Regierung der Nero, der Veſpa⸗ 1. — ee e ſe d en ⸗ ht n 3 ie ke ge ie n d i⸗ n vS S 8 ung mehr möglich, ſich er 189 ſian, der Heleogabalus verdorbene römiſche Civiliſation wieder ſtärkte.“ „Aber faſſen wir doch zuſammen, ſtatt zu generali⸗ ſireni“ rief Gilbert.„Wohin ſoll die Metzelei führen?“ „Zu etwas höchſt Einfachem: die Nationalverſamm⸗ lung, die Commune, das Volk, ganz Paris zu compro⸗ mittiren. Man muß Paris mit Blut beflecken, Sie begreifen das wohl, damit Paris, dieſes Gehirn Frank⸗ reichs, dieſer Geiſt Europas, dieſe Seele der Welt,— damit Paris, fühlend, es ſei für daſſelbe keine Verzeih⸗ hebt wie ein einziger Menſch, Frankreich vor ſich hertreibt und den Feind vom hei⸗ ligen Boden des Vaterlands wirft.“ „Sie ſind kein Franzoſe!“ rief Gilbert;„was iſt Ihnen daran gelegen?“ „Iſt es möglich, daß Sie, Gilbert! Sie, eine er⸗ habene Iutelligenz, eine mächtige Organiſation, zu einem Menſchen ſagen:„Miſche Dich nicht in die Angelegen⸗ heiten Frankreichs, denn Du biſt kein Franzoſe!““ Sind die Angelegenheiten Frankreichs nicht die Angelegenheiten der Welt? Arbeitet Frankreich für ſich allein, armer Egoiſt? Starb Jeſus für die Juden allein? Mit wel⸗ chem Rechte hätteſt Du zu einem Apoſtel geſagt:„„Du biſt kein Nazaräer!““ Höre, höre, Gilbert, ich habe alle dieſe Dinge mit einem Geiſte erörtert, der viel ſtärker als der meinige, als der Deinige; mit einem Manne oder einem Dämon, den man Althotas nannte,— eines Tages, als er mir die Berechnung des Blutes machte, das zu vergießen wäre, ehe die Sonne über der Freiheit der Welt aufginge. Nun wohl, die Vernunft⸗ ſchlüſſe dieſes Mannes haben meine Ueberzengung nicht erſchüttert; ich bin gegangen, ich gehe, ich werde gehen, Alles niederwerfend, was ich vor mir finde, und mit ruhiger Stimme, mit heiterem Blicke ſprechend:„„Wehe dem Hinderniß! ich bin die Zukunft!““ Du hatteſt nun die Begnadigung von irgend Jemand von mir zu er⸗ 190 bitten, nicht wahr? Dieſe Begnadigung bewillige ich Dir zum Voraus. Sage mir den Namen von demjenigen, oder von derjenigen, welche Du retten willſt.“ „Ich will eine Frau retten, welche weder Sie, noch ich, Meiſter, können ſterben laſſen.“ „Du willſt die Gräfin von Charny retten?“ „Ich will die Mutter von Sebaſtian retten.“ „Du weißt, daß Danton es iſt, der, als Miniſter der Zuſtiz⸗ die Schlüſſel des Gefängniſſes in der Hand hält?“ „Ja, doch ich weiß auch, daß Sie zu Danton ſagen können:„„Oeffne oder ſchließe die Thüre.““ Caglioſtro ſtand auf, trat an den Secretär, machte auf ein Blättchen Papier eine Art von cabbaliſtiſchem Zeichen, reichte das Papier Gilbert und ſagte: „Nimm, mein Sohn, ſuche Danton auf und ver⸗ lange von ihm, was Du villſt.“ Gilbert erhob ſich. „Was gedenkſt Du aber nachher zu thun?“ fragte ihn Caglioſtro. „Nach was?“ „Nach den Tagen, welche nun verlaufen werden; wenn die Reihe an den König gekommen ſein wird.“ „Ich gedenke mich, wenn ich kann, zum Mitgliede des Convents ernennen zu laſſen und mich mit meiner ganzen Macht dem Tode des Königs zu widerſetzen.“ „Ja,“ ſagte Caglioſtro,„ich begreife das. Handle alſo nach Deinem Gewiſſen, Gilbert; doch verſprich mir Eines.“ „Was?“ „Es gab eine Zeit, wo Du ohne Bevingung ver⸗ ſprochen hätteſt, Gilbert.“ „Damals ſagten Sie mir nicht, man heile ein Volk durch die Metzelei, eine Nation durch den Mord.“ „Es mag ſein. Nun wohl, verſprich mir, Gil⸗ bert, daß Du, wenn der König abgeurtheilt, wenn der ter nd en n5 de ter dle nir 191 König hingerichtet iſt, den Rath befolgen wirſt, den ich Dir gebe.“ Gilbert reichte ihm die Hand und erwiederte: „Jeder Rath, der von Ihnen kommt, Meiſter, wird mir koſtbar ſein.“ „Und er wird befolgt werden?“ fragte Caglioſtro. „Ich ſchwöre es, wenn er mein Gewiſſen nicht verletzt.“ „Gilbert, Du biſt ungerecht,“ ſagte Caglioſtro. „Ich habe Dir viel geboten; habe ich je etwas ge⸗ fordert?“ „Nein, Meiſter,“ antwortete Gilbert;„und auch jetzt haben Sie mir ein Leben geſchenkt, das mir theurer iſt als das meine.“ „Geh alſo,“ ſprach Caglioſtro,„und der Genins Frankreichs, von deſſen edelſten Söhnen Du Einey biſt, leite Dich!“ Caglioſtro ging ab; Gilbert folgte ihm. Der Fiacre wartete immer noch; der Doctor ſtieg ein und befahl, nach dem Juſtizminiſterium zu fahren: hier war Danton. Danton, als Juſtizminiſter, hatte einen ſcheinbaren Vorwand, nicht in der Commune zu erſcheinen. Wozu brauchte er übrigens dort zu erſcheinen? Waren nicht Marat und Robespierre da? Robespierre würde ſich nicht Marat zuvorkommen laſſen: an den Mord angeſpannt, würden ſie denſelben Schritt gehen.— Auch überwachte ſie Tellier. Zwei Dinge erwarteten Danton: angenommen, er entſcheide ſich für die Commune, ein Triumvirat mit Marat und Robespierre; angenommen, die Nationalver⸗ ſammlung entſcheide ſich für ihn, eine Dictatur als Ju⸗ ſtizminiſter. Er wollte Robespierre und Marat nicht, die Na⸗ tionalverſammlung wollte aber ihn nicht. Als man ihm Gilbert meldete, war er mit ſeiner 192 Frau oder, vielmehr, ſeine Frau lag zu ſeinen Füßen: die Metzelei war zum Voraus ſo bekaunt, daß ſie ihn anflehte, dieſelbe nicht zu geſtatten. Danton konnte ihr etwas, was doch ſehr klar war, nicht begreiflich machen: daß er nichts vermochte gegen die Entſcheidungen der Commune, ohne eine dictato⸗ riſche Gewalt übertragen von der Nationalverſammlung; mit der Rationalverſammlung war Chance des Sieges, ohne die Nationalverſammlung ſichere Niederlage. „Stirb! ſtirb! ſtirb, wenn es ſein muß!“ rief die arme Frau;„doch dieſe Schlächterei finde nicht ſtatt!“ „Ein Mann, wie ich, ſtirbt nicht unnütz,“ antwor⸗ tete Hanton.„Ich will ſterben, aber mein Tod nütze dem Vaterlande.“ Man meldete den Doctor Gilbert. „Ich gehe nicht weg, ehe Du mir verſprochen haſt, Du werdeſt Alles in der Welt thun, um dieſes abſcheu⸗ liche Verbrechen zu verhindern.“ „So bleibe,“ ſagte Danton. Madame Danton machte drei Schritte rückwärts und ließ ihren Mann allein dem Doctor, den er von Geſichte und dem Rufe nach kannte, entgegengehen. „Ah! Doctor,“ ſagte er,„Sie kommen gelegen⸗ und hätte ich Ihre Adreſſe gewußt, ſo würde ich nach Ihnen geſchickt haben!“ Gilbert grüßte, und als er hinter ihm eine Frau in Thränen ſah, verbengte er ſich. „Sehen Sie, hier iſt meine Frau, die Fran des Bürgers Danton, des Juſtizminiſters; ſie glaubt, ich ſei für mich allein ſtark genug, um die von der ganzen Commune angetriebenen Herren Marat und Robespierre zu verhindern, zu thun, was ſie thun wollen, das heißt ſie zu verhindern, daß ſie tödten, vernichten, erwürgen.“ Gilbert ſchaute Madame Danton anz dieſe hatte die Hände gefaltet und weinte. . E 5 3. r⸗ 6e U⸗ ud te en, ch es ich en 193 „Madame,“ ſprach Gilbert,„wollen Sie mir er⸗ lauben, dieſe barmherzigen Hände zu küſſen?“ „Gut!“ ſagte Danton,„da bekommſt Du Ver⸗ ſtärkung.“ „Oh! mein Herr!“ rief die arme Frau,„erklären Sie ihm doch, daß dies, wenn er es geſtattet, ein Blut⸗ flecken auf ſeinem ganzen Leben iſt!“ „Wenn es nur das wäre,“ erwiederte Gilbert; „wenn dieſer Flecken auf der Stirne eines einzigen Men⸗ ſchen bliebe, und dieſer Menſch im Glauben, der Flecken, der ſich ſeinem Namen anhängen wird, ſei ſeinem Vater⸗ lande nützlich, für Frankreich nothwendig, ſich aufopfern, ſeine Ehre in den Schlund werfen würde, wie Decius ſeinen Leib darein warf, ſo wäre das nichts! Was iſt unter Umſtänden, wie die, in welchen wir uns befinden, am Leben, am Rufe, an der Ehre eines Bürgers ge⸗ legen? Doch das wird ein Flecken an der Stirne von Frankreich ſein!“ „Bürger,“ erwiederte Danton,„wenn der Veſuv überſtrömt, nennen Sie mir einen Mann, der mächtig genug, um ſeine Lava zurückzuhalten; wenn die Flut ſteigt, nennen Sie mir einen Arm, der ſtark genug, um den Ocean zurückzudrängen.“ „Heißt man Danton, ſo fragt man nicht, wo dieſer Mann iſt; man ſagt:„„Hier iſt er!““ Man fragt nicht, wo dieſer Arm iſt: man handelt!“ „Ei!“ ſprach Danton,„Ihr ſeid lauter Wahnſin⸗ nige! Ich muß Euch alſo ſagen, was ich mir nicht ſagen ließe? Nun wohl, ja, ich habe den Willen; nun wohl, ja, ich habe den Geiſt; nun wohl, ja, wenn die Nationalverſammlung wollte, hätte ich die Stärke! Doch wiſſen Sie, was mir geſchehen wird? Was Mirabeau geſchehen iſt: ſein Genie konnte nicht über ſeinen ſchlech⸗ ten Ruf triumphiren. Ich bin nicht der wüthende Marat, um der Nationalverſammlung Schrecken einzuflößen; ich Die Gräfin von Charny. VII. 13 194 bin nicht der unbeſtechliche Robespierre, um ihr Ver⸗ trauen einzuflößen; die Nationalverſammlung wird mir ſag die Mittel, den Staat zu retten, verweigern; ich werde zeu die Strafe für meinen ſchlechten Ruf erdulden; man wird ganz leiſe ſagen, ich ſei ein Menſch ohne Moralität, ein Menſch, dem man nicht einmal für drei Tage eine volle, M unumſchränkte, willkürliche Gewalt geben könne; man wird eine Commiſſion von ehrlichen Leuten ernennen, und bre mittlerweile wird die Metzelei ſtattfinden, und es werden, Ro wie Sie geſagt haben, das Blut von einem Tauſend ſpi Schuldiger, das Verbrechen von drei bis vierhundert Tr Trunkenen über die Scenen der Revolution einen rothen hö Vorhang ziehen, der ihre Erhabenheit verbergen wird! de Nun wohl, nein,“ fügte er mit einer großartigen Ge⸗ di berde bei,„nein, nicht Frankreich wird man anklagen, me ſondern mich: ich werde von Frankreich den Fluch der Welt abwenden und ihn auf mein Haupt rollen machen!“ „Und ich? und Deine Kinder?“ rief die unglückliche eit Frau. da „Du,“ erwiederte Danton,„Du wirſt darüber ſter⸗ G ben, Du haſt es geſagt; und man wird Dich nicht be⸗ re züchtigen, Du ſeiſt meine Mitſchuldige, da mein Ver⸗ hä brechen Dich getödtet haben wird. Was meine Kinder co betrifft, es ſind Knaben: ſie werden eines Tags Männer P ſein und, ſei unbeſorgt, das Herz ihres Vaters haben, li den Namen Danton mit erhabener Stirne tragen, ih oder ſie werden ſchwach ſein und mich verleugnen. Deſto ih beſſer! die Schwachen ſind nicht von meinem Geſchlechte, v und ich verleugne ſie in dieſem Falle zum Voraus!“ F „Verlangen Sie aber doch wenigſtens dieſe Gewalt T von der Nationalverſammlung!“ rief Gilbert. „Glauben Sie, ich habe auf Ihren Rath gewartet? u Ich habe nach Thuriot geſchickt, ich habe nach Tallien n geſchickt. Frau, ſieh, ob ſie da find; ſind ſie da, ſo 6 laß Thuriot eintreten.“ Madame Danton ging raſch hinaus. er⸗ mir rde ird ein lle, ran und en, end ert hen rd! He⸗ en, der n iche ter⸗ be⸗ er⸗ der ner en, en, eſto hte, „ alt tet? lien ſo 195 „Ich will das Glück in Ihrer Gegenwart verſuchen,“ ſagte Danton;„Sie werden mir vor der Nachwelt be⸗ zeugen, welche Anſtrengungen ich gemacht habe.“ Die Thüre öffnete ſich wieder. „Hier iſt der Bürger Thuriot, mein Freund,“ ſagte Madame Danton. „Komm hierher!“ rief Danton, indem er ſeine breite Hand demjenigen reichte, der an ſeiner Seite die Rolle ſpielte, welche ein Adjutant bei einem General ſpielt.„Du haſt nenlich ein erhabenes Wort auf der Tribune geſprochen:„„Die franzöſiſche Revolution ge⸗ hört nicht uns allein, ſie gehört der Welt, und wir ſind der geſammten Menſchheit Rechenſchaft darüber ſchul⸗ dig!““ Nun wohl, wir wollen eine letzte Anſtrengung machen, um dieſe Revolution rein zu erhalten.“ „Sprich,“ ſagte Thuriot. „Morgen bei Eröffnung der Sitzung, ehe irgend eine Discuſſion ſich entſponnen hat, wirſt Du verlangen, daß man auf dreihundert die Zahl der Mitglieder des Generalraths der Commune erhöhe, ſo daß man, wäh⸗ rend man die am 10. Auguſt geſchaffenen Alten beibe⸗ hält, die Alten durch die Neuen zunichte macht. Wir conſtituiren auf einer feſten Baſe die Vertretung von Paris; wir vergrößern die Commune, aber wir neutra⸗ liſiren ſie; wir vermehren die Zahl, doch wir modificiren ihren Geiſt. Geht dieſer Antrag nicht durch⸗ kannſt Du ihnen meinen Gedanken nicht begreiflich machen, dann verſtändigſt Du Dich mit Lacroix: ſage ihm, er ſoll die Frage geradezu in Angriff nehmen; er beantrage die Todesſtrafe für diejenigen, welche mittelbar oder unmit⸗ telbar die von der executiven Gewalt gegebenen Befehle und von ihr getroffenen Maßregeln zu vollziehen ſich weigern oder ſie auf irgend eine Weiſe hemmen werden. Geht der Antrag durch, ſo iſt das die Dictatur; die etetutive Gewalt, das bin ich; ich trete ein, ich recla⸗ 7 mire ſie, und zögert man, mir dieſelbe zu geben, ſo nehme ich ſie.“ „Was machen Sie dann?“ fragte Gilbert. „Dann,“ erwiederte Danton,„dann ergreife ich eine Fahne; ſtatt des blutigen, ſcheußlichen Dämons der Metzelei, den ich in ſeine Finſterniß zurückſende, rufe ich den edlen Genius der Schlachten an, welcher ohne Furcht, noch Zorn ſchlägt, welcher in Ruhe den Tod anſchaut; ich frage alle dieſe Banden, ob ſie ſich, um wehrloſe Menſchen zu ermorden, verſammelt haben; ich erkläre für ehrlos Jeden, der die Gefängniſſe bedroht! Viel⸗ leicht billigen Viele die Metzelei, doch die Schlächter ſind nicht zahlreich. Ich benütze die in Paris herrſchende militäriſche Begeiſterung; ich ſchließe die kleine Anzahl von Mördern in den Wirbel von Freiwilligen ein, welche, wahrhaft Soldaten, nur auf den Befehl zum Abgang warten, und ich ſchlendere an die Gränze, das heißt gegen den Feind, das unreine Element, beherrſcht durch das edle Element.“ „Thun Sie das! thun Sie das!“ rief Gilbert, „und Sie haben etwas Großes, Herrliches, Erhabenes gethan!“ „Ei! mein Gott!“ verſetzte Danton die Achſeln mit einer ſeltſamen Miſchung von Stärke, Sorgloſigkeit und Zweifel zuckend,„das iſt das Allerleichteſte! man unterſtütze mich nur, und Sie werden ſehen.“ Madame Danton küßte ihrem Manne die Hände. „Man wird Dich unterſtützen,“ ſagte ſie.„Wer ſollte nicht Deiner Meinung ſein, weun man Dich ſo ſprechen hört?“ „Ja,“ erwiederte Danton;„doch leider kann ich nicht ſo ſprechen; denn würde ich ſcheitern, wenn ich ſo ſpräche, ſo finge für mich die Metzelei an.“ „Nun wohl,“ ſagte lebhaft Madame Danton,„wäre es nicht beſſer, ſo zu endigen?“ „Weib, Du ſprichſt wie ein Weib. Und wäre ich ſo ine der cht, ut; loſe äre iel⸗ ind nde ahl che, ang eißt uch ert, nes eln keit nan er ich ſo äre 197 todt, was würde aus der Revolution zwiſchen dem blut⸗ gierigen Narren, den man Marat nennt, und dem falſchen ſtopiſten, den man Robespierre nennt? Rein, ich darf nicht, ich will noch nicht ſterben; was ich thun muß, das iſt die Metzelei verhindern, wenn ich kann, das iſt, wenn die Metzelei wider meinen Willen ſtattfindet, Frank⸗ reich davon entlaſten und ſie auf meine Rechnung neh⸗ men. Ich werde ebenſo auf mein Ziel zuſchreiten, nur werde ich es erſchrecklicher thun... Rufe mir Tallien. Tallien trat ein. „Tallien,“ ſagte Danton zu ihm,„es iſt möglich, daß mir morgen die Commune ſchreibt, um mich einzu⸗ laden, ich möge mich auf die Municipalität begeben: richten Sie es ſo ein, daß mir der Brief nicht zukommt, und daß ich beweiſen kann, er ſei mir nicht zugekommen.“ „Teufel!“ rief Tellier;„und wie ſoll ich das machen?“ „Das iſt Ihre Sache. Ich ſage Ihnen, was ich wünſche, was ich will, was ſein muß: es iſt an Ihnen, die Mittel zu finden.— Kommen Sie, Herr Gilbert, Sie haben etwas von mir zu verlangen.“ Und die Thüre eines kleinen Cabinets öffnend, ließ er Gilbert hier eintreten und folgte ihm. „Laſſen Sie hören,“ ſagte Danton,„wozu kann ich Ihnen nützlich ſein?“ Gilbert zog aus ſeiner Taſche das Papier, das ihm Caglioſtro gegeben hatte, und überreichte es Danton. „Ah!“ ſagte dieſer,„Sie kommen von ihm.. Nun, was wünſchen Sie?“ „Die Freiheit einer in der Abtei eingeſperrten Frau.“ „Ihr Name?“ „Gräfin von Charny.“ Danton nahm ein Papier und ſchrieb den Freilaſ⸗ ſungsbefehl.— „Hier,“ ſagte er;„haben Sie noch Andere zu ret⸗ 198 ten? Sprechen Sie! ich möchte ſie gern theilweiſe Alle retten können, die Unglücklichen!“ Gilbert verbeugte ſich und erwiederte: „Ich habe, was ich wünſche.“ „Gehen Sie alſo, Herr Gilbert, und bedürfen Sie meiner je, ſo kommen Sie unmittelbar zu mir, vom Menſchen zum Menſchen, ohne Vermittler: ich würde mich zu glücklich fühlen, etwas für Sie zu thun.“ Sodann, indem er ihn zurückführte, flüſterte er: „Oh! hätte ich nur für vierundzwanzig Stunden Ihren Ruf als redlicher Mann, Herr Gilbert!“ Und er ſchloß hinter dem Doctor die Thüre, ſtieß einen Seufzer aus und wiſchte den Schweiß ab, der von ſeiner Stirne floß. Beſitzer des koſtbaren Papieres, das ihm die Frei⸗ eit von Andrée gewährte, begab ſich Gilbert nach der Abtei. Obgleich es gegen Mitternacht war, hielten ſich doch noch drohende Gruppen in der Umgegend des Ge⸗ fängniſſes auf. Gilbert ging mitten durch dieſelben und klopfte an die Thüre. Die finſtere Thüre an dem niedrigen Gewölbe öff⸗ nete ſich. Gilbert trat ſchauernd ein: dieſes niedrige Gewölbe war nicht das eines Gefängniſſes, ſondern das eines Grabes. Er überreichte ſeinen Befehl dem Director. Der Befehl gebot, ſogleich die Perſon, welche der Doctor Gilbert bezeichnen würde, in Freiheit zu ſetzen. — Gilbert bezeichnete die Gräfin von Charny, und der Director befahl einem Schließer, den Bürger Gilbert in die Stube der Gefangenen zu führen. Gilbert folgte dem Schließer, ſtieg hinter ihm drei Stockwerke einer kleinen Wendeltreppe hinauf und trat in eine durch eine Lampe erleuchtete Zelle ein⸗ lle Sie der in rei rat 199 Eine ganz ſchwarz gekleidete Frau, bleich wie Mar⸗ mor unter ihren Trauerkleidern, ſaß an dem Tiſche, auf welchem die Lampe ſtand, und las in einem, in Chagrin und mit einem ſilbernen Kreuze verzierten, uche. Ein Reſt von Feuer branute in einem Kamine neben ihr. Trotz des Geräuſches, das die Thüre ſich öffnend machte, ſchlug ſie die Augen nicht auf; trotz des Ge⸗ räuſches, das Gilbert ſich ihr nähernd machte, ſchlug ſie die Augen nicht auf; ſie ſchien in ihre Lecture, oder vielmehr in ihre Gedanken vertieft, denn Gilbert blieb ein paar Minuten vor ihr, ohne daß er ſie das Blatt umwenden ſah. Der Schließer hatte die Thüre hinter Gilbert zu⸗ gezogen und verweilte außen. „Frau Gräfin...*ſagte endlich Gilbert. Indrée ſchlug die Angen auf und ſchaute einen Moment, ohne zu ſehen; der Schleier ihrer Gedanken war noch zwiſchen ihrem Blicke und dem Manne, der vor ihr ſtand: er klärte ſich allmälig auf. „Ah! Sie ſind es, Herr Gilbert?“ fragte Andrée. „Was wollen Sie von mir?“ „Madame,“ erwiederte Gilbert,„unheilvolle Ge⸗ rüchte ſind über das, was morgen in den Gefängniſſen geſchehen ſoll, im Umlaufe.“ „Ja,“ ſagte Andrée,„es ſcheint, man ſoll uns er⸗ morden; doch Sie wiſſen, Herr Gilbert, ich bin zu ſterben bereit.“ Gilbert verbeugte ſich und ſprach: „Ich komme, um Sie zu holen, Madame.“ „Sie wollen mich holen?“ fragte Andrée erſtaunt; „um mich wohin zu führen?“ „Wohin Sie wollen, Madame: Sie ſind frei.“ Und er überreichte ihr den von Danton unterzeich⸗ neten Freilaſſungsbefehl. 200 Sie las den Befehl; ſtatt ihn aber dem Doctor zurückzugeben, behielt ſie ihn in ihrer Hand. „Ich hätte es vermuthen müſſen, Doctor,“ ſagte ſie, indem ſie zu lächeln ſuchte, etwas, was ihr Geſicht ver⸗ lernt zu baben ſchien. „Was, Madame?“ „Sie werden kommen, um mich am Sterben zu verhindern.“ „Madame, es gibt eine Eriſtenz auf der Welt, die mir noch koſtbarer iſt, als mir je die meines Vaters oder meiner Mutter geweſen wäre, hätte mir Gott einen Vater oder eine Mutter bewilligt: das iſt die Ihrige.“ „Ja, und darum haben Sie mir ſchon ein erſtes Mal Ihr Wort gebrochen.“ Ich habe mein Wort nicht gebrochen, Madame: ich habe Ihnen das Gift geſchickt.“ meinen Sohn!“ „Ich hatte Ihnen nicht geſagt, durch wen ich es Ihnen ſchicken werde.“ „Somit haben Sie an mich gedacht, Herr Gilbert? ſomit ſind Sie um meinetwillen in die Löwengrube ein⸗ getreten? ſomit ſind Sie mit dem Talisman, der die Thüren öffnet, daraus weggegangen?“ „Ich habe Ihnen geſagt, Madame, ſo lange ich leben werde, können Sie nicht ſterben.“ „Oh! diesmal, Herr Gilbert,“ entgegnete Andrée mit einem beſſer als das erſte gezeichneten Lächeln, „diesmal glanbe ich, daß ich den Tod feſt halte.“ „Madame, ich erkläre Ihnen, daß Sie, und ſollte ich Gewalt anwenden, um Sie von hier wegzuſchleppen, nicht ſterben werden.“ Ohne zu antworten, zerriß Andrée den Freilaſſungs⸗ befehl in vier Stücke und warf die Stücke ins Feuer. Verſuchen Sie es!“ ſagte ſie. Gilbert ſtieß einen Schrei aus. „Herr Gilbert,“ ſprach Andrée,„ich habe auf den — en 201 Gedanken des Selbſtmords verzichtet, doch ich habe nicht auf den des Todes verzichtet,“ „Oh! Madame! Madame!“ rief Gilbert. „Herr Gilbert, ich will ſterben!“ Gilbert ſeufzte. „Alles, was ich von Ihnen verlange, iſt, daß Sie meinen Leib aufzufinden, ihn todt von den Beſchimpfun⸗ gen zu erlöſen ſuchen, denen er lebendig nicht entgehen kounte... Herr von Charny ruht in der Gruft ſeines Schloſſes Bourſonne; dort habe ich die einzigen glück⸗ lichen Tage meines Lebens zugebracht; ich wünſche bei ihm zu ruhen.“ Oh! Madame, in des Himmels Namen beſchwöre ich Sie!..“ „Und ich, mein Herr, ich bitte Sie im Namen meines Unglücks!“ „Es iſt gut, Madame; Sie haben es geſagt, ich muß Ihnen in allen Punkten gehorchen. Ich entferne mich, doch ich bin nicht beſiegt.“ „Vergeſſen Sie meinen letzten Wunſch nicht, mein Herr,“ ſprach Andrée. „Rette ich Sie nicht wider Ihren Willen, ſo wird er erfüllt werden, Madame,“ antwortete Gilbert. Und er verbengte ſich noch einmal vor Andrée und zog ſich zurück. Die Thüre ſchloß ſich mit dem unheimlichen, den Thüren der Gefängniſſe eigenthümlichen Geräuſche. 202 QCLXII. Der Tag des 2. Septembers. Was Danton vorhergeſehen hatte, geſchah: bei Er⸗ öffnung der Sitzung ſtellte Thuriot in der Rationalver⸗ ſammlung den Antrag, den der Juſtizminiſter am vor⸗ hergehenden Tage entworfen hatte, die Nationalverſamm⸗ lung begriff aber nicht; ſtatt Morgens um neun Uhr zu votiren, discutirte ſie, zog ſie in die Länge und ſtimmte Nachmittags um ein Uhr ab. Es war zu ſpät. Dieſe vier Stunden verzögerten um ein Jahrhun⸗ dert die Freiheiten Europas. Tallien war geſchickter. Von der Commune beauftragt, dem Juſttzminiſter den Befehl zu geben, ſich nach der Municipalität zu verfügen, ſchrieb er: „Herr Miniſter, „Bei Empfang dieſes werden Sie ſich nach dem Stadthauſe verfügen.“ Nur irrte er ſich in der Adreſſe! Statt zu ſetzen: „An den Juſtizminiſter“ ſetzte er:„An den Kriegs⸗ miniſter!“ Man erwartete Danton; Servan erſchien ganz ver⸗ legen und fragte, was man wolle: man wollte durchans nichts von ihm. Die Verwechſelung klärte ſich auf, doch der Streich war geſchehen. Wir haben geſagt, um ein Uhr abſtimmend, habe die Rationalverſammlung zu ſpät abgeſtimmt; in der 203 That, die Commune, ſie, welche die Dinge nicht in die Länge zog, ſie hatte die Zeit benützt. Was wollte die Commune? Sie wollte die Metzelei und die Dictatur. Man vernehme, wie ſie zu Werke ging. Die Schlächter waren, wie es Danton geſagt hatte, nicht ſo zahlreich, als man glaubte. In der Nacht vom 1. auf den 2. September, wäh⸗ rend Gilbert Andrée vergebens aus der Abtei zu brin⸗ gen ſuchte, hatte Marat ſeine Beller in den Clubbs und in den Sectionen losgelaſſen; ſo wüthend ſie waren, ſie hatten wenig Wirkung in den Clubbs hervorgebracht, und von achtundvierzig Sectionen hatten nur zwei, die Section Poiſſonnière und die des Luxembourg, die Metzelei beſchloſſen. Was die Dictatur betrifft, ſo ſah die Commune wohl ein, ſie könne ſich derſelben nur bemächtigen mit Hülfe der drei Namen: Marat, Robespierre, Danton. Darum hatte ſie Danton den Befehl, auf die Munici⸗ palität zu kommen, geben laſſen. Wir haben bemerkt, daß Danton den Streich vor⸗ hergeſehen: Danton erhielt den Brief nicht, und kam folglich auch nicht. Hätte er ihn erhalten, hätte der Irrthum von Tallien nicht gemacht, daß man den Brief ins Kriegs⸗ miniſterium getragen, während er ins Juſtizminiſterium gebracht werden ſollte, ſo würde vielleicht Danton nicht ungehorſam zu ſein gewagt haben. In ſeiner Abweſenheit ſah ſich die Commune ge⸗ nöthigt, einen Entſchluß zu faſſen. Sie beſchloß, einen Aufſichtsausſchuß zu ernenuen; nur konnte der Auſſichtsausſchuß nicht außer den Mit⸗ gliedern der Commune ernannt werden. Es handelte ſich indeſſen darum, Marat in dieſen Metzeleiausſchuß,— das war der wahre Name, der 204 ihm gebührte,— zu bringen!.. Doch wie dies machen? Marat war nicht Mitglied der Commune. Panis übernahm die Sache. Durch ſeinen Gott Robespierre, durch ſeinen Schwager Santerre übte Panis den Druck eines ſolchen Gewichtes auf die Municipalität, — man begreift wohl, daß Panis, Erprocurator, ein falſcher, harter Geiſt, ein armſeliger kleiner Verfaſſer von ein paar lächerlichen Verſen, nicht durch ſich ſelbſt irgend einen Einfluß haben konnte,— durch Robes⸗ pierre und Santerre, ſagen wir, übte er den Druck eines ſolchen Gewichtes auf die Municipalität, daß er ermäch⸗ tigt wurde, drei Mitglieder zu wählen, welche den Auf⸗ ſichtsausſchuß vervollſtändigen ſollten. Panis wagte es nicht, die ihm ertheilte Vollmacht allein auszuüben. Er ordnete ſich drei ſeiner Collegen bei: Sergent, Duplain, Jourdeuil. Dieſe ordueten ſich ihrerſeits fünf Perſonen bei: Deforgnes, Lenfant, Guermeur, Leclerc und Durfort. Auf der Originalurkunde ſtehen die vier Unter⸗ ſchriften von Panis, Sergent, Duplain und Jourdeuil; doch auf dem Rande findet ſich ein anderer Rame mit einem Handzuge von einem Einzigen der vier Unter⸗ zeichner verſehen, zwar anf eine confuſe Art, doch ſo, daß man den Handzug von Panis zu erkennen glaubt. Dieſer Name war der von Marat; von Marat, welcher nicht das Recht hatte, bei dem Ausſchuſſe zu ſein, da er nicht Mitglied der Commune war. Mit ſeinem Namen fand ſich der Mord introniſirt. Sehen wir ihn ſich in der erſchrecklichen Entwicke⸗ lung ſeiner Allmacht ausdehnen. Wir ſagten, die Commune habe es nicht gemacht wie die Nationalverſammlung, ſie habe nicht in die Länge gezogen. Um zwei Uhr war der Aufſichtsausſchuß gebildet, und er hatte ſeinen erſten Befehl gegeben; dieſer erſte 205 Befehl hatte zum Zwecke, von der Mairie, wo ſich der Ausſchuß verſammelte,— die Mairie war damals, wo heute die Polizeipräfectur iſt,— dieſer erſte Befehl hatte zum Zwecke, ſagen wir, von der Mairie nach der Abtei vier⸗ undzwanzig Gefangene überzuſchaffen. Von dieſen vier⸗ undzwanzig Gefangenen waren acht oder neun Prieſter, das heißt acht oder neun trugen das allerverabſcheuteſte, allerverhaßteſte Kleid, das Kleid der Menſchen, die den Bürgerkrieg in der Vendée und im Süden organiſirt hatten, das geiſtliche Kleid. Man ließ ſie in ihrem Gefängniß durch Föderirte von Marſeille und Avignon abholen, es erwarteten ſie vier Fiacres vor der Thüre, in jeden mußten ſechs Ge⸗ fangene einſteigen, und man fuhr ab. Das Signal zum Abgange war durch den dritten Schuß der Lärmkanone gegeben worden. Die Abſicht der Commune war leicht begreiflich: dieſe langſame Proreſſion würde den Zorn des Volkes ſteigern; wahrſcheinlich würde man entweder unter Weges oder vor der Thüre der Abtei die Fiacres anhalten und die Gefangenen ermorden; dann brauchte man die Metze⸗ lei nur ihren Lauf verfolgen zu laſſen; unter Weges oder vor der Thüre des Gefängniſſes begonnen, würde ſie leicht deſſen Schwelle überſchreiten. In dem Augenblicke, wo die vier Fiacres von der Mairie wegfuhren, trat Danton in die Nationalver⸗ ſammlung ein. Der von Thuriot gemachte Antrag war unnütz ge⸗ worden; es war, wie geſagt, zu ſpät, um auf die Com⸗ mune den Beſchluß, den man gefaßt hatte, anzuwenden. Es blieb die Dictatur. Danton beſtieg die Tribune; zum Unglücke war er allein: Roland hatte ſich als zu ehrlichen Mann erfun⸗ den, um ſeinen Collegen zu begleiten. Man ſuchte mit den Augen Roland, Roland war nicht da. 5 206 Man ſah wohl die Stärke, doch man verlangte vergebens nach der Moralität. Manuel hatte der Commune die Gefahr von Ver⸗ dun verkündigt; er hatte den Antrag gemacht, es ſollten noch an demſelben Abend die Bürger, die ſich für den Kriegsdienſt hatten einſchreiben laſſen, auf dem Mars⸗ felde campiren, um ſchon am andern Morgen bei Tages⸗ anbruch gegen den Feind marſchiren zu können. Der Antrag von Manuel war angenommen worden. Ein anderes Mitglied hatte beantragt, in Be⸗ tracht der dringenden Gefahr, die Lärmkanone loszubrennen, die Sturmglocke zu läuten, den General⸗ marſch zu ſchlagen. Dieſer zweite Antrag wurde, zur Abſtimmung ge⸗ bracht, wie der erſte angenommen. Das war eine un⸗ heilvolle, mörderiſche, entſetzliche Maßregel unter den Umſtänden, in denen man ſich befand: die Trommel, die Glocke, die Kanone haben einen düſteren Wiederhall, unſelige Vibrirungen in den ruhigſten Herzen; um ſo mehr mußten ſie dies in allen dieſen ſchon ſo gewaltig aufgeregten Herzen haben. Alles dies war übrigens berechnet. Beim erſten Kanonenſchuſſe ſollte man Herrn von Beauſire henken. Melden wir ſogleich mit der Traurigkeit, die ſich an den Verluſt einer ſo intereſſanten Perſon knüpft, daß beim erſten Kanonenſchuſſe Herr von Beauſire wirklich gehenkt wurde! Beim dritten Kanonenſchuſſe ſollten die Wagen, von denen wir geſprochen, von der Polizeipräfectur abgehen; die Kanone wurde aber von zehn zu zehn Minuten los⸗ gebrannt: diejenigen, welche Herrn von Beauſire hatten henken ſehen, waren alſo im Stande, zeitig genug an⸗ zukommen, um die Gefangenen paſſiren zu ſehen und an ihrer Ermordung Theil zu nehmen. Danton wurde über Alles, was in der Commune 207 vorging, fortwährend durch Tallien unterrichtet. Er wußte alſo die Gefahr von Verdun; er wußte den Be⸗ ſchluß der Lagerung auf dem Marsfelde; er wußte, daß die Lärmkauone losgeſchoſſen, die Sturmglocke geläutet, der Generalmarſch geſchlagen werden ſollte. Er nahm, um Lacroig, der, wie man ſich erinnert, die Dictatur verlangen ſollte,— die Replique zu geben, — den Vorwand der Gefahr des Vaterlands und be⸗ antragte, man möge beſchließen,„daß Jeder, der ſich mit ſeiner Perſon zu dienen weigern oder ſeine Waffen übergeben würde, mit dem Tode beſtraft werden ſollte.“ Sodann, damit man ſich nicht in ſeinen Abſichten tänſchte, damit man ſeine Projecte nicht mit denen der Commune vermengte, ſprach er: „Die Sturmglocke, die man läuten wird, iſt kein Lärmſignal: es iſt der Angriff auf die Feinde des Vaterlands! Un ſie zu beſiegen, meine Herren⸗ brauchen wir Kühnheit, noch einmal Kühnheit, immer Kühnheit, und Frankreich iſt gerettet!“ Ein Beifallsdonner empfing dieſe Worte. Da erhob ſich Lacroix und verlangte ſeinerſeits, „daß man mit dem Tode diejenigen beſtrafe, welche un⸗ mittelbar die von der executiven Gewalt gegebenen Be⸗ fehle oder getroffenen Maßregeln zu vollziehen ſich wei⸗ gern oder dieſelben hemmen würden.“ Die Nationalverſammlung begriff diesmal vollkom⸗ men, daß der Beſchluß, den man von ihr verlangte, die Dictatur war; ſie billigte ſcheinbar, ernannte aber eine Commiſſion von Girondiſten, um das Decret abzufaſſen. Die Girondiſten waren unglücklicher Weiſe, wie Roland, zu ehrliche Lente, um Vertrauen zu Danton zu haben. Die Discuſſion zog ſich bis um ſechs Uhr Abends inaus. Danton wurde ungeduldig: er wollte das Gute, man zwang ihn, das Böſe thun zu laſſen. Er ſagte leiſe ein Wort zu Thuriot und ging ab. 208 Was hatte er leiſe geſagt? den Ort, wo man ihn finden könnte, auf den Fall, daß ihn die Nationalver⸗ ſammlung mit ver Gewalt betrauen würde. Wo könnte man ihn finden? Auf dem Marsfelde, mitten unter den Freiwilligen. Was war ſeine Abſicht, im Falle, daß man ihn mit der Gewalt betrauen würde? Sich als Dictator von dieſer Maſſe, nicht für die Metzelei, ſondern für den Krieg bewaffneter Lente anerkennen zu laſſen, mit ihnen nach Paris zurückzukehren und, wie in einem großen Netze, die Mörder nach der Gränze fortzunehmen. Er wartete bis Abends um fünf Uhr: Niemand kam. Was geſchah mittlerweile mit den Gefangenen, die man nach der Abtei führte? Folgen wir ihnen: ſie gehen langſam, und wir werden ſie leicht einholen. Von Anfang beſchützten ſie die Wagen, in die ſie eingeſchloſſen waren; der Inſtinct der Gefahr, die er lief, machte, daß ſich Jeder in den Fond zurückwarf und ſich ſo wenig als möglich an den Schlägen zeigte; doch diejenigen, welche ſie zu führen beauftragt waren, denun⸗ cirten ſie ſelbſt; der Zorn des Volkes ſtieg nicht raſch genug: ſie peitſchten ihn mit ihren Worten. „Seht,“ ſagten ſie zu den Leuten auf der Straße, welche ſtehen blieben,„hier ſind ſie, die Verräther! hier ſind ſie, die Mitſchuldigen der Preußen! hier ſind ſie, die, welche unſere Städte überliefern, die, welche Eure Weiber und Eure Kinder ermorden werden, wenn Ihr ſie, nach der Gränze marſchirend, zurücklaßt!“ Und dennoch fand ſich Alles dies machtlos, ſo ſelten waren, wie Danton geſagt hatte, die Schlächter; man erlangte Zorn, Geſchrei, Drohungen, doch hiebei blieb Alles ſtehen. Der Zug folgte der Linie der Quais, dem Pont⸗ Neuf, der Rue Dauphine. Man hatte die Geduld der Gefangenen nicht er⸗ 209 müden können; man hatte die Hand des Volkes nicht bis zu einem Morde antreiben können; man näherte ſich der Abtei; man befand ſich auf dem Buſſy⸗Kreuzwege: es war Zeit, auf Mittel bedacht zu ſein. Ließ man die Gefangenen in die Abtei eingehen⸗ tödtete man ſie, wenn ſie hier eingetreten, ſo war es offenbar ein überlegter Befehl der Commune, was ſie tödtete, und nicht die freiwillige Eutrüſtung des Volkes. Das Glück kam den ſchlechten Abſichten, den blu⸗ tigen Projecten zu Hülfe. Auf dem Buſſy⸗Kreuzwege erhob ſich eine von den Bühnen, wo die Einſchreibungen der Freiwilligen ſtattfanden. Es war hier ein Gedränge; die Fiacres wurden genöthigt, anzuhalten. Die Gelegenheit war ſchön; verlor man ſie, ſo würde ſie ſich nicht wieder bieten. Ein Mann ſchiebt die Escorte auf die Seite, und die Escorte gibt dies zuz er ſteigt mit einem Säbel in der Hand auf den Fußtritt vom erſten Wagen, taucht ſeinen Säbel aufs Gerathewohl und zu wiederholten Malen in den Wagen und zieht ihn roth von Blut zurück. Einer von den Gefangenen hatte einen Stock: mit dieſem Stocke ſuchte er die Streiche zu pariren; er traf einen von den Leuten der Escorte ins Geſicht. „Ha! Schurken!“ rief dieſer⸗„wir beſchützen Euch, und Ihr ſchlagt uns! Herbei, Kameraden!“ Ungeföhr zwanzig Menſchen, die nur auf dieſen Ruf warteten, ſtürzten, bewaffnet mit Pieken und mit Meſ⸗ ſern, welche an langen Stöcken befeſtigt waren, hinzu; ſie ſtießen mit den Meſſern und den Pieken durch den Wagenſchlag, und man hörte Schmerzensſchreie, man ſah das Bint der Opfer durch den Boden der Wagen fließen und eine Spur auf der Straße zurücklaſſen. Blut ruft Blut: die Metzelei hatte begonnen; ſie ſollte vier Tage währen. Die Gräfin von Charny. VII. 14 210 Die in der Abtei angehäuften Gefangenen hatten ſchon am Morgen aus dem Geſichte ihrer Wächter und aus halben Worten, die dieſen entſchlüpft, geſchloſſen, es bereite ſich etwas Düſteres vor. Ein Befehl der Com⸗ mune hatte an dieſem Tage in allen Gefängniſſen die Stunde des Mahles vorrücken laſſen. Was wollte dieſe Veränderung in den Gewohnheiten des Kerkers beſagen? Sicherlich nur Unheilvolles. Die Gefangenen warteten daher mit Bangigkeit. Gegen vier Uhr fing das entfernte Gemurmel der Menge an, wie die erſten Wogen einer ſteigenden Flut, an den Fuß der Mauern des Gefängniſſes zu ſchlagen. Einige erblickten von den vergitterten Fenſtern des Thürm⸗ chens, das auf die Rue Sainte⸗Marguerite ging, die Fiacres; dann gelangte das Gebrülle der Wuth und des Schmerzes ins Gefängniß durch alle Oeffnungen, und der Ruf:„Die Schlächter kommen!“ verbreiteie ſich in den Flurgängen und drang in die Stuben und bis in die tiefſte Tiefe der Kerker ein. Alsdann hörte man den andern Ruf: „Die Schweizer! die Schweizer!“ Es waren hundert und fünfzig Schweizer in der Abtei; man hatte am 10. Auguſt große Mühe gehabt, ſie vor dem Zorne des Volkes zu retten. Die Commune kannte den Haß des Volkes gegen die rothen Uniformen. Es war alſo eine herrliche Art, das Volk in den Zug zu bringen, es die Metzelei mit den Schweizern begin⸗ nen zu laſſen. Man brauchte ungefähr zwei Stunden, um dieſe hundert und fünfzig Unglücklichen zu tödten. Als der Letzte getödtet war,— und dieſer Letzte war der Major Reding, deſſen Namen wir ſchon ausge⸗ ſprochen haben,— verlangte man nach den Prieſtern. Die Prieſter antworteten, ſie wollen wohl ſterben, doch ſie wünſchten zu beichten, ten nd en, m⸗ die eſe n? ten er ut, n. m⸗ ie es nd in in er 4, te 1. 1. 211 Dieſer Wunſch wurde befriedigt: man bewilligte ihnen eine Friſt von zwei Stunden. Wozu wurden dieſe zwei Stunden verwendet? Um ein Tribunal zu bilden. Wer bildete dieſes Tribunal? wer präſidirte ihm? Maillard. CLXIII. Maillard. Der Mann des 14. Juli, der Mann des 5. und des 6. Octobers, der Mann des 20. Juni, der Mann des 10. Auguſts, ſollte auch der Mann des 2. Septembers ſein. Nur ſollte der ehemalige Huiſſier beim Chatelet eine Form, einen feierlichen Gang, einen Anſchein von Geſetzlichkeit bei der Metzelei anwenden: er wollte, daß die Ariſtokraten getödtet werden, nur wollte er, daß ſie geſetzlich getödtet werden, auf ein Urtheil ausge⸗ ſprochen vom Volke, das er als den einzigen unfehlbaren Richter betrachtete, und dem allein auch des Recht, frei⸗ zuſprechen, zuſtand. Ehe Maillard ſein Tribunal inſtallirte, waren ſchon ungefähr zweihundert Perſonen geſchlachtet. Eine einzige war gerettet worden: der Abbé Sicard. Zwei andere Perſonen, welche begünſtigt durch den Tumult aus einem Fenſter geſtiegen waren, befanden ſich plötzlich in der Mitte vom Ausſchuſſe der Section, der ſeine Sitzung in der Abtei hielt: das waren der Jrur⸗ naliſt Pariſot und der Intendant vom Hanſe des Königs la Chapelle. Die Mitglieder des Ansſchuſſes ließen die Flüchtlinge an ihre Seite ſitzen und retteten ſie auf dieſe 212 Art; doch man brauchte den Schlächtern keinen Dank dafür zu wiſſen, daß dieſe zwei Letzteren ihnen entkommen: das war nicht ihre Schuld. Wir haben geſagt, eines von den der Beſichtigung werthen Actenſtücken in den Archiven der Polizei ſei die Ernennung von Marat in den Aufſichtsausſchuß; ein anderes, nicht minder intereſſantes, iſt das Regiſter der Abtei noch heute mit dem Blute befleckt, das bis auf die Mitglieder des Tribnnals ſpritzte. Laßt Euch dieſes Regiſter zeigen, Ihr, die Ihr auf⸗ regende Erinnerungen ſucht, und Ihr werdet jeden Au⸗ genblick auf den Rändern, unter der einen oder der andern von dieſen zwei Noten, geſchrieben mit einer großen, ſchönen, feſten, vollkommen leſerlichen, vollkommen ruhigen, vollkommen von Bangigkeit, Furcht oder Ge⸗ wiſſensbiſſen freien Schrift, Ihr werdet, ſagen wir, unter der einen oder der andern von dieſen zwei Noten:„Ge⸗ tödtet durch das Urtheil des Volkes,“ oder:„Freige⸗ ſprochen durch das Volk,“ den Namen: Maillard ſehen. Die letzte Note iſt dreiundvierzigmal wiederholt. Maillard hat alſo in der Abtei dreiundvierzig Per⸗ ſonen das Leben gerettet. Folgen wir übrigens, während er in Function tritt, zwiſchen neun und zehn Uhr Abends zwei Männern, welche von den Jacobinern weggehen und auf die Rue Sainte⸗ Anne zuſchreiten. Es ſind der Hoheprieſter und der Adept, es ſind der Meiſter und der Schüler: es ſind Saint⸗Juſt und Robespierre. Saint⸗Juſt, der uns am Abend der Aufnahme der drei nenen Maurer in der Loge der Rue Platriore er⸗ ſchienen iſt; Saint⸗Juſt, mit dem blaſſen, zweifelhaften Teint, zu weiß für einen Männerteint, zu bleich für einen Frauenteint, mit der geſtärkten, ſteifen Halsbinde, der Zögling eines kalten, trockenen, harten Meiſters, här⸗ ter, trockener, kälter als ſein Meiſter. ink n: ng die in er die f⸗ u⸗ er er en e⸗ ter e — 213 Für den Meiſter gibt es noch einige Aufregung in dieſen Kämpfen, wo der Menſch mit dem Menſchen zu⸗ ſammenſtößt,— die Leidenſchaft, die Leidenſchaft! Für den Zögling iſt das, was vorgeht, nur eine Schachpartie auf einer großen Stufenleiter, wobei der Einſatz das Leben iſt. Rehmt Euch in Acht, daß er nicht gewinnt, Ihr, die Ihr gegen ihn ſpielt, denn er wird unerbittlich ſein⸗ und den Verlierenden keine Gnade gewähren! Ohne Zweifel hatte Robespierre ſeine Gründe, an dieſem Abend nicht nach Hauſe, zu den Duplay, zu gehen. Er hatte am Morgen geſagt, er werde ſich wahr⸗ ſcheinlich aufs Land begeben. Das Zimmerchen im Hotel garni von Saint⸗Juſt, einem jungen Manne, wir möchten ſagen, einem noch unbekannten Kinde, dünkte ihm vielleicht für dieſe er⸗ ſchreckliche Nacht vom 2. auf den 3. September ſicherer, als ſeine Stube. Beide traten ungefähr um elf Uh Man braucht nicht zu fragen, wovon dieſe zwei Männer ſprachen: ſie ſprachen von der Metzelei; nur ſprach der Eine davon mit der Empfindelei eines Philo⸗ ſophen aus der Schule von Rouſſeau; der Andere mit der Trockenheit eines Mathematikers aus der Schule von Condillac. Robespierre beweinte, wie das Krokodill der Fabel, zuweilen diejenigen, welche er verurtheilte. Als er in ſein Zimmer eintrat, legte Saint-Juſt ſeine Hals binde ab, r Abends ein. ſeinen Hut auf einen Stuhl, nahm zog ſeinen Rock aus. Was machſt Du?“ fragte ihn Robespierre. ſo erſtaunten Auge E Saint⸗Juſt ſchaute ihn mit einem an, daß Robespierre wiederholte: „Ich frage Dich, was Du macheſt?“ „Ich lege mich, bei Gott! zu Bette,“ antwortete der junge Mann. 214 „Und warum legſt Du Dich zu Bette?“ „Ei! um zu thun, was man in einem Bette thut: um zu ſchlafen.“ „Wie!“ rief Robespierre,„Du denkſt an das Schla⸗ fen in einer ſolchen Nacht?“ „Warum nicht?“ „Während Tauſende von Opfern fallen, während dieſe Nacht die letzte für ſo viele Menſchen ſein wird, welche heute Abend noch athmen und morgen zu leben werden aufgehört haben, gedenkſt Du zu ſchlafen?“ Saint⸗Juſt blieb einen Angenblick nachdenkend. Sodann, als hätte er während dieſes kurzen Mo⸗ mentes der Stille eine neue Ueberzeugung aus ſeinem Herzen geſchöpft, ſagte er: „Ja, es iſt wahr, ich weiß das; doch ich weiß auch, daß es ein nothwendiges Uebel iſt, da Du ſelbſt dazu ermächtigt haſt. Nimm ein gelbes Fieber an, nimm eine Peſt an, nimm ein Erdbeben an, und es werden ebenſo viel Menſchen ſterben, mehr vielleicht, und es wird nichts Gutes für die Geſellſchaft daraus entſpringen, indeß aus dem Tode unſerer Feinde eine Sicherheit für uns hervor⸗ geht. Ich rathe Dir alſo: begib Dich nach Hauſe, lege Dich zu Bette, wie ich mich zu Bette legen werde, und ſuche zu ſchlafen, wie ich ſchlafen werde.“ Und nachdem er ſo geſprochen, legte ſich der kalte, unempfindliche Politiker zu Bette. „Gute Nacht,“ ſagte er;„morgen!“ UUnd er entſchlief. Sein Schlaf währte ſo lange, war ſo ruhig, ſo friedlich, als ob nichts Außerordentliches in Paris vor⸗ gegangen wäre; er war gegen halb elf Uhr Abends ein⸗ geſchlafen und wachte gegen ſechs Uhr Morgens auf. Saint⸗Juſt ſah etwas wie einen Schatten zwiſchen dem Tageslichte und ſich; er wandte ſich nach dem Fen⸗ ſter um und erkannte Robespierre. „— 215 Er glaubte, am vorhergehenden Abend abgegangen⸗ ſei Robespierre ſchon wieder gekommen. „Was führt Dich ſo früh zurück?“ fragte er. „Nichts,“ antwortete Robespierre;„ich bin nicht weggegangen.“ „Wie! Du biſt nicht weggegangen?“ „Nein.“ „Du haſt nicht geſchlafen?“ „Nein.“ „Und wo haſt Du die Racht zugebracht?“ „Hier, ſtehend, die Stirne ans Fenſter gedrückt, und auf die Geränſche der Straße horchend.“ Robespierre log nicht: war es Zweifel, war es Angſt, waren es Gewiſſensbiſſe? er hatte nicht eine Secunde geſchlafen. Was Saint⸗Juſt betrifft, ſo hatte der Schlaf bei ihm keinen Unterſchied gemacht zwiſchen dieſer Nacht und den anderen Nächten. Jenſeits der Seine, im Hofe der Abtei, war übri⸗ gens ein Mann, welcher nicht mehr als Robespierre ge⸗ ſchlafen hatte. Dieſer Mann ſtand im Winkel des letzten Thorweges, der nach dem Hofe ging, angelehnt und faſt verloren im Halbſchatten. Es war folgendes Schauſpiel, das das Innere die⸗ ſes in ein Tribnnal verwandelten Thorweges bot. Um einen großen Tiſch, beladen mit Säbeln, Degen, Piſtolen, und beleuchtet durch zwei kupferne Lampen, deren Licht ſelbſt am hellen Tage nothwendig war⸗ ſaßen zwölf Mäuner. An ihren trüben Geſichtern, an ihren robuſten For⸗ men, an den rothen Mützen, die ſie auf dem Kopfe hat⸗ ten, an den Carmagnolen, die ihre Schultern bedeckten, erkannte man Menſchen aus dem Volke. Ein Dreizehnter, in ihrer Mitte, mit fadenſcheini⸗ gem ſchwarzem Fracke, weißer Weſte, kurzer Hoſe, feier⸗ 216 lichem, düſterem Geſichte und entblößtem Haupte, prä⸗ ſidirte. Dieſer, der Einzige vielleicht, der leſen und ſchrei⸗ ben konnte, hatte ein Gefangenregiſter, Papier, Federn und Tinte vor ſich. Dieſe Menſchen waren die Richter der Abtei, er⸗ ſchreckliche Richter, Urtheile ohne Appellation fällend, die auf der Stelle von fünfzig mit Säbeln, Meſſern, Pieken bewaffneten Henkern, welche von Blut triefend im Hofe wateten, vollzogen wurden⸗ Ihr Präſident war der Hniſſier Maillard. War er von ſelbſt hieher gekommen? War er von Danton geſchickt worden, der gern in den anderen Ge⸗ fängniſſen, das heißt bei den Carmelitern, im Chatelet, in der Force, hätte thun mögen, was man in der Abtei that: einige Perſonen retten? 2 Niemand weiß es. Am 4. September verſchwindet Maillard; man ſieht ihn nicht mehr, man hört nichts mehr von ihm; er iſt wie im Blute erſäuft. Mittlerweile präſidirte er beim Tribnnal ſeit dem vorhergehenden Abend um ſechs Uhr. Er war angekommen, er hatte dieſen Tiſch zuge⸗ richtet, er hatte ſich das Gefängnißbuch geben laſſen, er hatte aufs Gerathewohl und unter den Erſten den Be⸗ ſten zwölf Richter ernannt; dann hatte er ſich mitten an den Tiſch geſetzt, ſechs von ſeinen Richtern hatten ſich zu ſeiner Rechten, ſechs zu ſeiner Linken geſetzt, und die Metzelei hatte ihren Fortgang genommen, diesmal je⸗ doch mit einer Art von Regelmäßigkeit.. Man las den in der Liſte eingetragenen Namen; die Stockknechte holten den Gefangenen; Maillard gab das Geſchichtliche der Urſachen ſeiner Einkerkerung; der Gefangene erſchien; der Präſident befragte mit den Augen ſeine Collegen; war der Gefangene verurtheilt, ſo ſagte Maillard nur: 217 „Nach der Force!“ Ba offnete ſich das äußere Thor, und der Verur⸗ theilte ſiel unter den Streichen der Schlächter. War im Gegentheile der Gefangene freigeſprochen, ſo erhob ſich das ſchwarze Geſpenſt, legte ihm die Hand auf die Schulter und ſprach: „Man laſſe ihn los!“ Und der Gefangene war gerettet. In dem Augenblicke, wo Maillard beim Thore des Gefängniſſes erſchienen war, hatte ſich ein Mann von der Mauer getrennt, und war ihm entgegengegangen. Bei den erſten Worten, die ſie mit einander gewech⸗ ſelt, hatte Maillard dieſen Mann erkannt, und er hatte, zum Zeichen, vielleicht nicht der Unterwürfigkeit, aber der Willfährigkeit, ſeine hohe Geſtalt vor ihm gebeugt. Sodann hatte er ihn in das Gefängniß eintreten laſſen, und als der Tiſch zugerichtet und das Tribunal zuſammengeſetzt war, hatte er zu ihm geſagt: „Bleiben Sie dort, und wenn es die Perſon ſein wird, für die Sie ſich intereſſiren, machen Sie mir ein Zeichen.“ Der Mann hatte ſich im Winkel angelehnt, und verweilte hier ſeit dem vorhergehenden Tage,— ſtumm und unbeweglich wartend. Dieſer Mann war Gilbert. Er hatte Andrée geſchworen, er werde ſie nicht ſ laſſen, und er verſuchte es, ſeinen Schwur zu alten. Von vier Uhr bis ſechs Uhr Morgens hatten die Schlächter und die Richter ein wenig ausgeruht; um ſechs Uhr hatten ſie gegeſſen. Während der drei Stunden, die der Schlaf und das Mahl gedauert, waren von der Commune abge⸗ ſchickte Karren gekommen und hatten die Todten weg⸗ geführt. Sodann, da drei Zoll hoch geronnenes Blut im 218 Hofe war, da die Füße im Blute ausglitſchten, da es ſehr lange gebraucht hätte, um ſie zu waſchen, ſo brachte man ein Hundert Bund Stroh, ſtreute es auf dem Pflaſter umher und bedeckte es mit den Kleidern von Opfern, beſonders mit denen der Schweizer. Die Kleider und das Stroh abſorbirten das Blut. Während aber die Richter und die Schlächter ſchlie⸗ fen, wachten die Gefangenen durch den Schrecken ge⸗ ſchüttelt. Als jedoch das Geſchrei aufhörte, als der Aufruf verſtummte, faßten ſie wieder einige Hoffnung: vielleicht war den Mördern nur eine Anzahl von Verurtheilten bezeichnet, vielleicht würde ſich die Metzelei auf die Schweizer und die Garden des Königs beſchränken. Dieſe Hoffnung war von kurzer Dauer. Gegen halb ſieben Uhr begann wieder das Geſchrei, und man vernahm aufs Neue den Aufruf. Da kam ein Stockknecht herab und ſagte zu Mail⸗ lard, die Gefangenen ſeien zu ſterben bereit, ſie verlangen aber, die Meſſe hören zu dürfen. Maillard zuckte die Achſeln, nichtsdeſtoweniger be⸗ willigte er ihr Verlangen. Er war überdies beſchäftigt, die Glückwünſche an⸗ zuhören, die an ihn, im Namen der Commune, ein Ab⸗ geſandter der Commune richtete, ein Mann von unbe⸗ deutender Geſtalt, mit einem ſanften Geſichte, in floh⸗ farbenem Rocke und eine kleine Perrücke auf dem Kopfe. Dieſer Mann war Billaud⸗Varennes. „Wackere Bürger!“ ſprach er zu den Schlächtern, „Ihr habt die Geſellſchaft von großen Verbrechern ge⸗ reinigt! Die Municipalität weiß nicht, wie ſie ihre Schuld gegen Euch abtragen ſoll. Allerdings müßte der Rach⸗ laß der Todten Euch gehören, doch das würde einem Diebſtahle gleichen. Als Entſchädigung für dieſen Ver⸗ luſt bin ich beauftragt, Jedem von Euch vierundzwanzig ——— c e———— es te er n, t. e⸗ e⸗ 2¹9 Livres zu bieten, die Euch auf der Stelle ausbezahlt werden ſollen.“ Und Billaud-Varennes ließ in der That auf der Stelle unter die Schlächter den Lohn für ihr blutiges Geſchäft austheilen. Man vernehme, was geſchehen war, und was die Gratification der Commune erklärte. Am Abend des 2. Septembers waren Einige von denjenigen, welche tödteten,— das war die Minderzahl, denn die Mehrzahl gehörte dem Kleinhandel der Um⸗ gegend an,— Einige von denjenigen, welche tödteten, waren ohne Schuhe und ohne Strümpfe; ſie ſchauten auch mit Neid die Fußbekleidung der Ariſtokraten an. Hiedurch erfolgte, daß ſie die Section um Erlaubniß bitten ließen, mit den Schuhen der Todten ihre Füße bekleiden zu dürfen. Die Section gab hiezu ihre Ein⸗ willigung. Von da an bemerkte Maillard, daß man ſich des Bittens überhoben glaubte und, dem zu Folge, nicht mehr allein Schuhe und Strümpfe, ſondern Alles nahm, was gut zu nehmen war. Maillard fand, man verderbe ihm ſeine Schlächterei, und er berichtete hierüber an die Commune. Hievon die Geſandtſchaft von Billaud⸗Varennes, und das religiöſe Stillſchweigen, mit dem er angehört wurde. Während dieſer Zeit hörten die Gefangenen die Meſſe; derjenige, welcher ſie las, war der Abbs Ler⸗ fant, Prediger des Königs, derjenige, welcher dabei ſien⸗ war der Abbs von Raſtignac, religiöſer Schrift⸗ eller. Das waren zwei Greiſe mit weißen Haaren, mit ehrwürdigem Geſichte, deren Wort, von einer Art von Tribune die Reſignation und den Glanben predigend, einen erhebenden, wohlthätigen Einfluß auf die Unglück⸗ lichen übte. 220 In dem Angenblicke, wo Alle den Segen vom Abbs Lenfant empfangend, auf den Knieen lagen, fing der Aufruf wieder an. Der erſte Name, der ausgeſprochen wurde, war der des Tröſters. Er machte ein Zeichen, vollendete ſein Gebet, und folgte denjenigen, welche um ihn zu holen gekommen waren. Der zweite Prieſter blieb und ſetzte die Todeser⸗ mahnung fort. Dann wurde er auch gerufen, und er folgte gleich⸗ falls denen, welche ihn riefen. Die Gefangenen blieben unter ſich. Da ward das Geſpräch düſter, ſeltſam, erſchrecklich. Sie discutirten über die Art, den Tod zu empfan⸗ gen, und über die Chancen einer mehr oder minder lan⸗ gen Qual. Die Einen wollten den Kopf darbieten, daß er auf einen Streich falle; die Andern die Arme emporheben, damit der Tod von allen Seiten in ihre Bruſt ein⸗ dringen könnte; wieder Andere ihre Hände auf den Rücken halten, um keinen Widerſtand entgegenzuſetzen. Ein junger Mann machte ſich von der Gruppe los und rief: „Ich will wiſſen, was am Beſten iſt.“ Er ſtieg auf ein Thürmchen, deſſen vergittertes Fen⸗ ſter auf den Hof der Schlächterei ging, und von hier aus ſtudirte er den Tod. Dann kam er zurück und ſagte: „Am Schnellſten ſterben diejenigen, welche das Glück haben, in die Bruſt getroffen zu werden.“ In dieſem Augenblicke hörte man die Worte:„Mein Gott, ich komme zu Dir!“ gefolgt von einem Stöhnen. Es war ein Mann zu Boden gefallen und zerar⸗ beitete ſich auf den Platten. 221 Das war Herr von Chantereine, Oberſter der con⸗ ſtitutionellen Garde des Königs. Er hatte ſich drei Meſſerſtiche in die Bruſt gegeben. Die Gefangenen erbten das Meſſer; ſie ſtachen ſich zögernd, und es gelang einem Einzigen, ſich zu tödten. Es waren drei Frauen da: zwei beſtürzte Mädchen die ſich an die Seiten von zwei Greiſen drängten; eine Frau in Trauer, ruhig, knieend, betend und in ihrem Gebete lächelnd. Die zwei jungen Perſonen waren Fräulein von Cazotte und Fräulein von Sombreuil. Die zwei Greiſe waren ihre Väter. Die junge Frau in Trauer war Andrée. Man rief Herrn von Montmorin. Herr von Montmorin war, wie man ſich erinnert, der frühere Miniſter, der die Päſſe abgegeben, mit deren Hülfe der Köuig zu fliehen verſucht hatte; dieſer Mann, welcher ſo unpopulär, doß ſchon am vorher⸗ gehenden Tage ein junger Menſch, der ſeinen Namen trug, beinahe wegen dieſes Namens getödtet worden wäre! Herr von Montmorin war nicht gekommen, um die Ermahnungen der Prieſter zu hören; er war wüthend, in Verzweiflung in ſeiner Stube geblieben, hatte ſeine Feinde gerufen, Waffen verlangt, die eiſernen Gitter ſeines Gefängniſſes erſchüttert, und einen eichenen Tiſch zerbrochen, deſſen Bretter zwei Zoll dick waren. Man mußte ihn mit Gewalt vor das Gericht ſchlep⸗ pen; er trat bleich, das Auge entflammt, die Fäuſte em⸗ porgehoben, in den Thorweg ein. „Nach der Force!“ ſagte Maillard. Der ehemalige Miniſter nahm das Wort für das, was es zu ſein ſchien, und glaubte an eine einfache Verſetzung. „Präſident, da es Dir gefällt, Dich ſo zu nennen,“ ſagte er zu Maillard,„ich hoffe, Du wirſt mich in einem 222 Wagen fahren laſſen, um mir die Beſchimpfungen Deiner Mörder zu erſparen.“ Laßt einen Wagen für den Herrn Grafen von „ g H Montmorin vorfahren,“ ſprach Maillard mit ausgezeich⸗ neter Höflichkeit. Sodann zu Herrn von Montmorin: „Haben Sie die Güte, ſich in Erwartung des Wagens zu ſetzen, Herr Graf.“ Der Graf ſetzte ſich brummelnd. Nach fünf Minuten meldete man, der Wagen warte. Irgend ein Comparſe hatte begriffen, welche Rolle von ihm im Drama zu ſpielen war, und er gab die Replique. Man öffnete die verhängnißvolle Thüre, die, welche auf den Tod ging, und Herr von Montmorin trat hinaus. Er hatte nicht drei Schritte gemacht, da ſtürzte er von zwanzig Piekrnſtößen getroffen zu Boden. Dann kamen andere Gefangene, deren unbekannte Namen in der Vergeſſenheit begraben geblieben ſind. Unter allen dunklen Namen glänzte ein ausgeſpro⸗ chener wie eine Flamme: das war der von Jacques Cazotte; von Cazotte, dem Erleuchteten, welcher zehn Jahre vor der Revolution Jedem das Loos, das ſeiner harrte, prophezeit hatte, von Cazotte, dem Verfaſſer des Diable amoureux, von Olivier, den Mille et une Fadaises von Cazotte, der, eine tolle Einbildungskraft, eine ex⸗ ſtatiſche Seele, ein glühendes Herz, mit Wuth die Sache der Gegenrevolution umfaßt und in Briefen, die er an ſeinen Freund Pouteau, Beamten bei der Intendanz der Civilliſte, geſchrieben, Meinungen aus⸗ gedrückt hatte, die man in der Stunde, zu der wir ge⸗ kommen ſind, mit dem Tode beſtrafte. Seine Tochter hatte ihm als Secretär bei dieſen Briefen gedient, und als ihr Vater verhaftet worden war, hatte Eliſabeth Cazotte ihren Theil am Gefängniß gefordert. —— ———— ner on ch⸗ es 223 Durfte die royaliſtiſche Geſinnung irgend Jemand geſtattet ſein, dann gewiß dieſem fünfundſiebzigjährigen Greiſe, deſſen Füße in die Monarchie von Ludwig XIV. eingewurzelt waren, und der, um den Herzog von Bur⸗ gund in den Schlaf zu wiegen, die zwei volksthümlich gewordenen Lieder: Tout au beau milieu des Ardennes und Commöre, il faut chauffer le lit! gemacht hatte. Doch das waren Gründe, die ſich Philoſophen angeben ließen, und nicht den Schlächtern der Abtei; Cazotte war auch zum Voraus verurtheilt. Als er den ſchönen Greis mit den weißen Haaren, mit den Flammenaugen, mit dem inſpirirten Kopfe er⸗ blickte, trennte ſich Gilbert von der Mauer und machte eine Bewegung, um ihm entgegenzugehen. Cazotte kam geſtützt auf ſeine Tochter herbei; doch in den Thorweg ein⸗ tretend, begriff dieſe, daß ſie vor den Richtern war. Da verließ ſie ihren Vater und flehte, die Hände gefaltet, das Blutgericht mit ſo ſanften Worten an, daß die Beiſitzer von Maillard zu zögern anfingen; die Arme ſah, daß unter dieſen rauhen Hüllen Herzen waren, daß man aber, um ſie zu finden, bis in Abgründe hinab⸗ ſteigen müßte; ſie warf ſich blindlings, mit dem Mit⸗ leiden als Führer, darein. Dieſe Menſchen, welche nicht wußten, was Thränen waren, dieſe Menſchen weinten. Maillard wiſchte mit der verkehrten Hand das trockene Auge ab, das ſeit zwanzig Stunden, ohne ſich ein ein⸗ ziges Mal zu ſenken, der Metzelei zugeſchaut hatte. Er ſtreckte den Arm aus, legte die Hand auf den Kopf von Cazotte und ſprach: „Man laſſe ihn los!“ Das Mädchen wußte nicht, was es denken ſollte. „Haben Sie keine Angſt,“ ſagte Gilbert,„Ihr Vater iſt gerettet.“ Zwei von den Richtern ſtanden auf und begleiteten Cazotte bis auf die Straße, aus Furcht, ein unſeliger 224 Irrthum könnte dem Tode das Opfer zurückgeben, das man ihm genommen hatte. Cazotte war— für diesmal wenigſtens— gerettet. Die Stunden verliefen, man fuhr fort zu ſchlachten. Man hatte in den Hof Bänke für die Zuſchauer gebracht; die Frauen und die Kinder der Mörder hat⸗ ten das Recht, dem Schauſpiele beizuwohnen. Ueberdies Schauſpieler von Gewiſſen, hatten dieſe Leute nicht genug damit, daß man ſie bezahlte: ſie wollten auch beklatſcht ſein. Gegen fünf Uhr Abends rief man Herrn von Sombreuil. Dieſer war, wie Cazotte, ein ſehr bekannter Royaliſt, und es war um ſo weniger möglich, ihn zu retten, als man ſich erinnerte, daß er, Gouverneur des Invaliden⸗ hauſes, am 14. Juli auf das Volk geſchoſſen hatte. Seine Söhne befanden ſich im Auslande, bei der feind⸗ lichen Armee: der Eine hatte ſich bei der Belagerung von Longwy ſo gut gehalten, daß er vom König von Preußen decorirt wurde. Herr von Sombreuil erſchien auch edel und reſig⸗ nirt, ſeinen Kopf mit weißen Haaren, welche in Locken bis auf ſeine Uniform fielen, hoch tragend; er ſtützte fich auch auf ſeine Tochter. Diesmal wagte es Maillard nicht, die Freilaſſung des Gefangenen zu befehlen; er machte eine Anſtrengung gegen ſich ſelbſt und ſagte: „Unſchuldig oder ſchuldig,— ich glaube, es wäre unwürdig des Volkes, ſeine Hände in das Blut dieſes Greiſes zu tauchen.“ Fräulein von Sombreuil hörte dieſes edle Wort, das ſein Gewicht in der göttlichen Wage haben wird: ſie nahm ihren Vater, zog ihn durch die Lebenspforte und rief: „Gerettet! gerettet!“ ———+— — tet. ten. uer at⸗ ies icht uch von iſt, als en⸗ ud⸗ n ßen ig⸗ ken ich ing ing äre ſes rt, rte 225 Es war weder um ihn zu verdammen, noch um ihn frei zu erklären ein Urtheil ausgeſprochen worden. Ein paar Mörder ſtreckten ihre Köpfe in den Thor⸗ weg und fragten, was ſie thun ſollten. Das Gericht blieb ſtumm. „Thut, was Ihr wollt,“ ſagte ein einziges Mitglied. „Nun wohl,“ riefen die Mörder,„ſo trinke das Mädchen auf die Geſundheit der Nation!“ Da reichte ein Mann von Blut geröthet, mit auf⸗ geſtreiften Aermeln, mit wildem Geſichte, Fräulein von Sombreuil ein Glas, die Einen ſagen voll Blut, die Andern nur voll Wein. Fräulein von Sombreuil rief:„Es lebe die Nation!“ benetzte ihre Lippen mit dem Tranke, was es nun auch ſein mochte, und Herr von Sombreuil war gerettet. Es vergingen noch zwei Stunden. Da ſprach die Stimme von Maillard ſo unempſind⸗ lich, da ſie die Lebenden hervorrief, als es die von Minos die Todten hervorrufend war, die Worte aus: „Die Bürgerin Andrée von Taverney, Gräfin von Charny.“ Bei dieſem Namen fühlte Gilbert, wie ihm ſeine Beine den Dienſt verſagten, und es ihm ſchwach um's Herz wurde. Ein Leben in ſeinen Augen wichtiger, als ſein eigenes Leben, ſollte debattirt und abgeurtheilt, ver⸗ dammt oder gerettet werden. „Bürger,“ ſprach Maillard zu den Mitgliedern des entſetzlichen Gerichtes,„diejenige, welche nun vor uns erſcheinen wird, iſt eine arme Frau, die einſt der Oeſter⸗ reicherin ergeben war, deren Ergebenheit aber die Oeſter⸗ reicherin, undankbar wie eine Königin, mit Undank ge⸗ lohnt hat; ſie hat Alles verloren bei dieſer Freundſchaft: ihr Vermögen und ihren Gatten. Ihr werdet ſie ſchwarz gekleidet eintreten ſehen, und dieſe Trauer, wem verdankt Die Gräfin von Charny. VII. 15 226 ſie dieſelbe? Den Gefangenen des Tempels! Bürger, ich verlange von Euch das Leben dieſer Frau!“ Die Mitglieder des Gerichtes machten ein Zeichen der Beiſtimmung. Ein Einziger ſagte: „Wir wollen ſehen.“ „Nun, ſo ſchaut,“ erwiederte Maillard. Die Thüre öffnete ſich in der That, und man er⸗ blickte in den Tiefen des Flurgangs eine Frau ganz ſchwarz gekleidet, die Stirne mit einem Schleier bedeckt; ſie kam allein, ohne Stütze und mit feſtem Schritte herbei. Man hätte glauben ſollen, es ſei eine Erſcheinung aus jener düſteren Welt, aus der, wie Hamlet ſagt, noch kein Reiſender zurückgekommen iſt. Bei dieſem Anblicke waren es die Richter, welche ſchauerten. Sie trat bis an den Tiſch und hob ihren Schleier auf. Nie erſchien eine unbeſtreitbarere, aber bleichere Schönheit vor den Blicken der Menſchen: das war eine Gottheit von Marmor! Alle Blicke hefteten ſich auf ſie; Gilbert blieb keuchend. Sie wandte ſich an Maillard und ſagte mit einer zugleich milden und feſten Stimme: „Bürger, Sie ſind der Präſident?“ „Ja, Bürgerin,“ antwortete Maillard erſtaunt, er, der Verhörer, daß man nun ihn befragte. „Ich bin die Gräfin von Charny, Fran des Grafen von Charny, getödtet am ſchändlichen Tage des 10. Anguſt; eine Ariſtokratin, eine Freundin der Königinz ich habe den Tod verdient und komme, um ihn zu holen.“ Die Richter gaben einen Schrei der Verwunderung von ſich. Gilbert erbleichte und zog ſich ſo tief, als es nur immer möglich, in den Winkel des Thorweges zurück, um dem Blicke von Andrée zu entgehen. 3 227 „Bürger,“ ſprach Maillard, der den Schrecken von Gilbert ſah,„dieſe Frau iſt verrückt: ſie hat durch den Tod ihres Gatten den Verſtand verloren; beklagen wir ſie und wachen wir über ihr Leben. Die Gerechtigkeit des Volkes beſtraft nicht Wahnſinnige.“ Und er ſtand auf und wollte ihr die Hand auf den Kopf legen, wie er es bei denjenigen that, welche er für unſchuldig erklärte. Andrée ſchob aber ſeine Hand zurück und erwiederte: „Ich habe meine volle Vernunft; und wenn Ihr Jemand zu begnadigen habt, ſo ſchenkt Eure Gnade Einem, der darum bittet und der ſie verdient, und nicht mir, die ich ſie nicht verdiene und nicht darnm bitte.“ Maillard wandte ſich gegen Gilbert um und ſah ihn mit gefalteten Händen daſtehen. „Dieſe Fran iſt wahnſinnig,“ wiederholte er;„man laſſe ſie los!“ Und er winkte einem Mitgliede des Tribunals, daß er ſie durch die Lebenspforte hinausſchiebe. „Eine Unſchuldige!“ rief der Mann;„laßt ſie paſſiren!“ Man trat vor Andrée auf die Seite; die Säbel, die Pieken, die Piſtolen ſenkten ſich vor dieſer Bildſänle der Tranuer. Doch nachdem ſie zehn Schritte gemacht, und wäh⸗ rend Gilbert, ans Fenſter geneigt, ihr durch das Gitter nachſchaute, blieb ſie ſtehen und rief: „Es lebe der König! es lebe die Königin: Schande über den 10. Auguſt!“ Gilbert ſtieß einen Schrei aus und ſtürzte in den Hof. Er hatte die Klinge eines Säbels glänzen ſehen: doch raſch wie ein Blitz war die Klinge in der Bruſt von Andrée verſchwunden! Er kam zeitig genug, um die unglückliche Fran in ſeinen Armen zu empfangen. 228 Andrée wandte ihren erloſchenen Blick gegen ihn um und erkannte ihn. „Ich ſagte Ihnen wohl, ich werde gegen Ihren Willen ſterben,“ murmeite ſie. Dann ſprach ſie mit kaum verſtändlicher Stimme: „Lieben Sie Sebaſtian für uns Beide!“ Und noch ſchwächer: „Bei ihm, nicht wahr? bei meinem Olivier, bei meinem Gatten.. für die Ewigkeit.“ Und ſie verſchied. Gilbert nahm ſie in ſeine Arme und hob ſie von der Erde auf. Fünfzig nackte, von Blut geröthete Arme bedrohten ihn zugleich. Maillard erſchien aber hinter ihm, ſtreckte die Hand über ſeinem Kopfe aus und ſprach: „Laßt den Bürger Gilbert, der den Leichnam einer aus Unachtſamkeit getödteten armen Wahnfinnigen fort⸗ bringt, frei paſſiren!“ Jeder trat auf die Seite, und Gilbert ging, den Leichnam von Andrée wegtragend, mitten durch die Schlächter, ohne daß es einem Einzigen einſiel, ihm den Weg zu verſperren, ſo ſehr war das Wort von Maillard höchſtes Gebot für die Menge. n n d 2²5 CLIV. wWas im Tempel während der Metzelei vorging. Die Commune, während ſie die Metzelei organiſirte, von der wir eine Probe zu geben verſucht haben, die Commune, während ſie die Nationalverſammlung und die Preſſe durch den Schrecken unterjochen wollte, hatte ſehr bange, es könnte den Gefangenen des Tempels Un⸗ glück widerfahren. Und in der That, in der Lage, in der man ſich befand,— Longwy genommen, Verdun eingeſchloſſen, der Feind fünfzig Meilen von Paris,— waren der König und die königliche Familie koſtbare Geißeln, die das Leben der am meiſten Compromittirten ſicherten. Es wurden alſo Commiſſäre nach dem Tempel geſchickt. Fünfhundert bewaffnete Leute wären unzulänglich geweſen, um dieſes Gefängniß zu bewachen, das ſie vielleicht ſelbſt dem Volke geöffnet hätten; ein Commiſſär fand ein Mittel, das ſicherer als alle Pieken und alle Bajonnete von Paris: es beſtand darin, daß man den Tempel mit einem dreifarbigen Bande mit der Inſchrift umzog: „Bürger, die Ihr mit einer Rache die Liebe zur Ordnung zu verbinden wißt, achtet dieſe Schranke! ſie iſt nothwendig für unſere Beaufſichtigung und unſere Verantwortlichkeit!“ Seltſame Epoche, wo man die eichenen Thüren er⸗ brach, wo man die eiſernen Gitter ſprengte und vor einem Bande niederkniete!. 230 Das Volk kniete vor dem dreifarbigen Bande des Tempels nieder und küßte es; Niemand überſchritt daſſelbe. Der König und die Königin wußten am 2. Sep⸗ tember nicht, was in Paris vorging; es herrſchte wohl um den Tempel eine Gährung, weiche größer als ſonſt; doch man fing an ſich an diefe Fieberverdoppelungen zu gewöhnen. Der König ſpeiſte in der Regel um zwei Uhr zu Mittag: um zwei Uhr ſpeiſte er wie gewöhnlich, dann, nach dem Eſſen, ging er, auch wie gewöhnlich, mit der Königin, mit Madame Eliſabeth, Madame Royale und dem kleinen Dauphin in den Garten hinab. Während der Promenade verdoppelte ſich das Ge⸗ rei. Einer von den Municipalbeamten, die dem König folgten, neigte ſich ſodann ans Ohr von einem ſeiner Collegen und ſagte zu ihm, jedoch nicht ſo leiſe, daß es Cléry nicht hören konnte: „Wir haben ſchlimm gethan, daß wir einwilligten, ſie heute Nachmittag ſpazieren zu führen.“ Es war ungefähr drei Uhr und folglich gerade der Augenblick, wo man die von der Commune nach der Abtei verſetzten Gefangenen zu ermorden anfing. Der König hatte als Kammerdiener nur noch Cléry und Herrn Hue bei ſich. Der arme Thierry, den wir am 10. Auguſt ſein Zimmer haben der Königin leihen ſehen, damit ſie ſich hier mit Herrn Röderer beſprechen könnte, war in der Abtei und ſollte hier am 3. getödtet werden. Wie es ſcheint, war es auch die Anſicht des zweiten Municipalbeamten, daß man Uurecht gehabt, die könig⸗ liche Familie herausgehen zu laſſen; denn Beide ertheil⸗ ten ihr den Befehl, ſogleich wieder hineinzugehen. Man gehorchte. Doch kaum war man im Zimmer der Königin ver⸗ ſammelt, da traten zwei andere Municipale ein, 231 welche nicht den Dienſt im Thurme hatten, und einer von ihnen, ein Excapuziner Namens Mathieu, ſchritt auf den König zu und ſagte zu ihm: „Mein Herr, Sie wiſſen nicht, was vorgeht? Das Vaterland iſt in der größten Gefahr.“ „Wie ſoll ich hier etwas wiſſen?“ verſetzte der Kö⸗ nig;„ich bin im Gefängniß, in engem Gewahrſam ge⸗ halten.“ „Nun wohl, dann will ich Sie von dem, was Sie nicht wiſſen, unterrichten: der Feind iſt in die Cham⸗ pagne eingerückt, und der König von Preußen marſchirt gegen Chalons.“ Die Königin kounte eine Bewegung der Freude nicht bewältigen. Der Municipal gewahrte dieſe Bewegung, ſo raſch ſie war. „Ah! ja,“ ſagte er, ſich an die Königin wendend, „ja, wir wiſſen, daß wir, unſere Frauen, unſere Kinder umkommen werden; doch Sie werden uns für Alles haf⸗ ten: Sie werden vor uns ſterben, und das Volk wird gerächt ſein.“ „Es komme, was Goit gefällt,“ antwortete der König;„ich habe Alles für das Volk gethan, und habe mir nichts vorzuwerfen.“ Hienach wandte ſich der Municipalbeamte gegen Herrn Hue um, der bei der Thüre ſtand, und ſagte: „Was Dich betrifft,— die Commune hat mich be⸗ auftragt, Dich in Verhaft zu nehmen.“ „Wen in Verhaft nehmen?“ fragte der König. „Ihren Kammerdiener.“ „Meinen Kammerdiener? Welchen?“ „Dieſen,“ erwiederte der Municipal. Und er deutete auf Herrn Hue. „Herrn Hue!“ ſagte der König.„Welches Ver⸗ gehens beſchuldigt man ihn?“ „Das geht mich nichts an; doch er wird heute 232 Abend abgeführt werden, und man wird ſeine Papiere verſiegeln.“ Sodann, während er abging, ſagte der Excapuziner zu Cléry: „Geben Sie Acht auf die Art, wie Sie ſich be⸗ nehmen; denn es wird Ihnen daſſelbe geſchehen, wenn Sie nicht einen geraden Weg gehen!“ Am andern Tage, am 3., um elf Uhr Morgens, war der König mit ſeiner Familie im Zimmer der Kö⸗ nigin verſammelt; ein Municipalbeamter gab Cléry den Befehl, in das des Königs hinaufzugehen. Manuel und einige Mitglieder der Commune befan⸗ den ſich hier. Alle dieſe Geſichter drückten ſichtbar eine große Be⸗ ſorgniß aus. Manuel war, wie geſagt, kein Blutmenſch, und es gab eine gemäßigte Partei ſelbſt in der Com⸗ mune. „Was denkt der König von der Abführung ſeines Kammerdieners?“ fragte Manuel*). „Seine Majeſtät iſt ſehr in Unruhe hierüber,“ ant⸗ wortete Cléry. „Es wird ihm nichts geſchehen,“ ſprach Manuel; „ich bin jedoch beauftragt, dem König zu ſagen, er werde nicht wiederkommen, der Rath werde ihn erſetzen. Sie können den König hievon benachrichten.“ „Ich habe keine Miſſion, dies zu thun, mein Herr,“ erwiederte Eléry;„haben Sie alſo die Güte, mich der Unannehmlichkeit zu entbinden, meinem Herrn eine Nach⸗ richt mitzutheilen, die ihm ſchmerzlich ſein wird.“ Manuel überlegte einen Angenblick und ſagte dann: „Es ſei; ich gehe zum König hinab.“ Er ging wirklich hinab und fand den König. Der König empfing mit einer ruhigen Miene die * Cléry war Kammerdiener des Dauphin. 233 Kunde, die ihm der Procurator der Commune eröffnete; dann ſagte er mit demſelben unempfindlichen Geſichte, das er am 20. Juni und am 10. Auguſt gehabt hatte, und das er bis vor dem Schaffot haben ſollte: „Es iſt gut, mein Herrz ich danke Ihnen. Ich werde den Kammerdiener meines Sohnes benützen, und widerſetzt ſich dieſem der Rath, ſo werde ich mich ſelbſt bedienen.“ Und mit einer leichten Kopfbewegung fügte er bei: „Ich bin hiezu entſchloſſen.“ „Haben Sie irgend eine Reclamation zu machen?“ fragte Manuel. „Es fehlt uns an Wäſche,“ erwiederte der König, „und das iſt eine große Entbehrung für uns. Glauben Sie, Sie können es bei der Commune dahin bringen, daß man uns nach unſeren Bedürfniſſen liefert?“ „Ich werde dem Rathe hierüber berichten,“ antwor⸗ tete Manuel. Sodann, da er ſah, daß ſich der König über nichts von außen bei ihm erkundigte, zog Manuel ſich zurück. Um ein Uhr äußerte der König den Wunſch, ſpa⸗ zieren zu gehen. Während der Promenaden gewahrte man immer ein gewiſſes Zeichen von Sympathie von einem Fenſter, von einer Manſarde aus, hinter einem Jalouſieladen hervor gemacht, und das war ein Troſt. Die Municipalbeamten weigerten ſich, die königliche Familie hinabgehen zu laſſen. Um zwei Uhr ſetzte man ſich zu Tiſche. Gegen die Mitte des Mahles hörte man den Lär⸗ men von Trommeln und eine Verdoppelung des Ge⸗ ſchreis; dieſes Geſchrei näherte ſich dem Tempel. Die königliche Familie ſtand von Tiſche auf und verſammelte ſich im Zimmer der Königin. Der Lärm kam immer näher. Was verurſachte dieſen Lärmen? 3 234 Man metzelte in der Force wie in der Abtei; nur geſchah es nicht unter dem Präſidium von Maillard, ſondern unter dem von Höbert; die Schlächterei war auch viel gräßlicher. Und die Gefangenen waren doch viel leichter zu retten; es befanden ſich hier weniger politiſche Gefangene als in der Abtei; die Mörder waren weniger zahlreich, die Zuſchauer weniger erbittert; doch ſtatt daß es, wie in der Abtei, Maillard war, der die Metzelei beherrſchte, war es die Metzelei, von der Hébert beherrſcht wurde. Man rettete zweiundvierzig Perſonen in der Abtei, man rettete nicht ſechs in der Force. Unter den Gefangenen der Force war die arme kleine Prinzeſſin von Lamballe. Wir haben ſie in den drei letzten Büchern, die wir geſchrieben, im Halsbande der Königin, im Ange Piton und in der Grä⸗ fin von Charny, wie den ergebenen Schatten der Kö⸗ nigin vorüberziehen ſehen. Man war ungeheuer gegen ſie aufgebracht; man nannte ſie die Räthin der Heſterreicherin: Sie war ihre Vertraute, ihre innige Freundin, etwas mehr vielleicht,— man ſagte es wenigſtens,— aber durchaus nicht ihre Rathgeberin. Die zierliche Prinzeſſin von Sa⸗ vohen*), mit ihrem feinen, jedoch zuſammengepreßten Munde, mit ihrem beſtändigen Lächeln, war fähig, zu lieben, ſie bewies es; aber zu rathen, und zwar einem männlichen, halsſtarrigen, herrſchſüchtigen Weibe, wie es die Königin war, zu rathen, nie! Die Königin hatte ſie geliebt, wie ſie Frau von Guémené, Frau von Marſan, Frau von Polignac ge⸗ *) Die Prinzeſſin von Lamballe, vermählt mit Stanis⸗ laus von Vourbon⸗-Penthisvre, Fürſten von Lamballe, nach deſſen Tode Obriſthofmeiſterin der Königin, war eine geborene Prinzeſſin von Savoyen⸗Carignan. ———.— —— —— e n e i⸗ e r 8 n 1 235 liebt hatte; aber, leichtſinnig, ungleich, unbeſtändig in allen ihren Gefühlen, hatte ſie dieſelbe vielleicht eben ſoviel als Freundin leiden laſſen, wie ſie Charny als Geliebten hatte leiden laſſen; nur war der Geliebte, wie wir ge⸗ ſehen, müde geworden: die Frenndin war, im Gegen⸗ theile, tren geblieben. Beide ſtarben für die, welche ſie geliebt hatten. Man erinnert ſich jenes Abends im Pavillon de Flore, wohin wir den Leſer geführt. Frau von Lam⸗ balle empfing in ihren Gemächern, und die Königin ſah bei Frau von Lamballe diejenigen, welche ſie nicht bei ſich empfangen konnte: Sulean und Barnave in den Tuilerien. Mirabeau in Saint⸗Clond. Einige Zeit nachher hatte ſich Frau von Lamballe nach England zurückgezogen; ſie konnte dort bleiben und ein langes Leben behalten: die ſanfte, gute Creatur, da ſie die Tuilerien bedroht wußte, kam zurück und verlangte ihren Platz bei der Königin. Am 10. Auguſt war ſie von ihrer Freundin getrennt worden; Anfangs mit der Königin in den Tempel ge⸗ führt, hatte man ſie faſt unmittelbar darauf in die Force verſetzt. Hier hatte ſie ſich unter der Laſt ihrer Ergebenheit erdrückt gefühlt; ſie hatte bei der Königin, mit der Kö⸗ nigin ſterben wollen; unter den Augen von dieſer hätte ihr der Tod ſüß geſchienen: fern von ihr, beſaß ſie nicht mehr den Muth, zu ſterben. Sie war keine Frau vom Schlage von Andrée.— Sie wurde krank vor Angſt. Sie wußte nichts von all dem Haſſe, der ſich gegen ſie erhoben. In eine der höchſten Stuben des Gefäng⸗ niſſes mit Frau von Ravarra eingeſperrt, hatte ſie in der Nacht vom 2. auf den 3. Frau von Tourzel abgehen ſehen; das war, als ob man ihr geſagt hätte:„Du bleibſt, um zu ſterben.“ In ihrem Bette liegend, ſich unter ihre Tücher ſteckend bei jeder Lärmſtrömung, die zu ihr aufſtieg, wie 236 es ein Kind macht, das Angſt hat, wurde ſie jede Minute ohnmächtig, und wenn ſie wieder zu ſich kam, agte ſie: „Oh! mein Gott! ich hoffte, todt zu ſein!“ Und ſie fügte bei: „Wenn man ſterben könnte, wie man ohnmächtig wird! Das iſt weder ſehr ſchmerzlich, noch ſehr ſchwer!“ Der Mord war indeſſen überall; im Hofe, vor der Thüre, in den unteren Stuben; der Blutgeruch gelangte zu ihr wie ein Leichendunſt. Um acht Uhr Morgens öffnete ſich die Thüre ihres Zimmers. Ihr Schrecken war diesmal ſo groß, daß ſie nicht in Ohnmacht fiel, ſich nicht unter ihren Betttüchern verbarg. Sie wandte den Kopf um und ſah zwei National⸗ garden. „Vorwärts! ſtehen Sie auf!“ ſagte ungeſchlacht der Eine von ihnen zur Prinzeſſin;„Sie müſſen nach der Abtei gehen.“ „Oh! meine Herren,“ erwiederte ſie,„es iſt mir unmöglich, das Bett zu verlaſſen; ich bin ſo ſchwach, daß ich nicht gehen könnte.“ Dann fügte ſie mit einer kaum verſtändlichen Stimme bei: „Iſt es, um mich zu tödten, ſo werden Sie mich ebenſo gut hier tödten, als anderswo.“ Einer von den Männern neigte ſich an ihr Ohr, während der Andere an der Thüre ſpähte. „Gehorchen Sie, Madame,“ ſagte er;„wir wollen Sie retten.“ „Dann ziehen Sie ſich zurück, damit ich mich an⸗ kleiden kann.“ Die zwei Männer zogen ſich zurück, und Frau von Navarre half ihr ſich ankleiden oder kleidete ſie viel⸗ mehr an.* —— 8— S— — —„c— 237 Nach zehn Minuten kamen die zwei Männer wieder erein. Die Prinzeſſin war bereit; nur konnte ſie, wie ſie geſagt hatte, nicht gehen; die arme Frau zitterte am zanzen Leibe. Sie nahm den Arm des Rationalgarde, der mit ihr geſprochen, und geſtützt auf dieſen Arm ſtieg ſie die Treppe hinab; als ſie in den Thorweg kam, be⸗ fand ſie ſich plötzlich vor dem Blutgerichte, bei welchem Hébert präſidirte. Bei dem Anblicke dieſer Menſchen mit zurückgeſtreif⸗ ten Aermeln, die ſich als Richter conſtituirt hatten; bei dem Anblicke dieſer Menſchen mit den blutigen Händen, die ſich zu Henkern gemacht hatten, fiel ſie in Ohnmacht. Dreimal befragt, wurde ſie dreimal ohnmächtig, ohne antworten zu können. „Man will Sie ja retten!“ wiederholte leiſe der Mann, der ihr ſchon zugeflüſtert hatte. Dieſes Verſprechen verlieh der unglücklichen Frau wieder ein wenig Stärke. „Was wollen Sie von mir, meine Herren?“ mur⸗ melte ſie. „Wer ſind Sie?“ fragte Hébert. „Marie Louiſe von Savoyen⸗Carignan, Prinzeſſin von Lamballe.“ „Ihr Stand?“ „Oberſthofmeiſterin vom Hauſe der Königin.“ „Haben Sie Kenntniß von den Complotten des Hofes am 10. Auguſt?“ „Ich weiß nicht, ob Complotte am 10. Auguſt ſtatt⸗ gefunden haben; haben aber ſtattgefunden, ſo war ich denſelben völlig fremd.“ „Beſchwören Sie die Freiheit, die Gleichheit, den Haß gegen den König, die Königin und das Königthum.“ „Ich werde leicht die zwei Erſten beſchwören; doch das Uebrige kann ich nicht beſchwören, da es nicht in meinem Herzen iſt. 238 „Schwören Sie doch!“ ſagte leiſe zu ihr der Na⸗ tionalgarde,„oder Sie ſind des Todes!“ Die Prinzeſſin ſtreckte beide Hände aus und machte inſtinetartig einen Schritt vorwärts. „Aber ſchwören Sie doch!“ wiederholte ihr Protector. Da, als hätte ſie in ihrer Todesangſt befürchtet, ſie dürfte einen ſchändlichen Schwur ausſprechen, legte ſie ihre Hand auf ihren Mund, um die Worte zu unter⸗ drücken, die ihr wider ihren Willen hätten entſchlüpfen können. Einige Seufzer drangen durch die Finger. „Sie hat geſchworen!“ rief der Nationalgarde, der ſie begleitete. Dann fügte er leiſe ſich an die Prinzeſſin wen⸗ dend bei: „Gehen Sie raſch durch das Thor hinaus, das vor Ihnen iſt; wenn Sie hinauskommen, rufen Sie:„„Es lebe die Nation!““ und Sie find gerettet.“ Als ſie hinaustrat, fand ſie ſich in den Armen eines Schlächters, der ſie erwartete; dieſer Schlächter war der große Nicolas, derſelbe, der den zwei Gardes du corps in Verſailles die Köpfe abgeſchnitten hatte. Diesmal hatte er die Prinzeſſin zu retten verſprochen. Er zog ſie gegen etwas lingeſtaltes, Schauerndes, mit Blut Bedecktes fort und ſagte zu ihr: „Rufen Sie:„„Es lebe die Nation!““ ſo rufen Sie doch:„Es lebe die Nation!““ Ohne Zweifel war ſie im Begriffe, zu rufen; un⸗ glücklicher Weiſe öffnete ſie die Augen: ſie ſah ſich vor einem Berge von Leichen, auf welchen ein Mann mit beſchlagenen Schuhen herumſtampfte, daß er das Blut unter ſeinen Füßen hervorſpritzen machte, wie der Winzer den Saft aus der Traube ſpritzen macht. Sie ſah dieſes gräßliche Schauſpiel, wandte den Kopf ab umd ſchrie nur:*— „Pfui! das iſt abſchenlich!“ 239 ka⸗ Man erſtickte auch noch dieſen Schrei. Es waren, wie man ſagte, von ihrem Schwager, hte Herrn von Penthisvre, hunderttanſend Franken gegeben worden, um ſie zu retten. or. Man ſchob ſie in die enge Paſſage, welche von der ſie Rue Saint⸗Autvine nach dem Gefängniß führte, als ein ſie Elender, ein Perrückenmacher Namens Charlot, der als Trommler bei den Freiwilligen eingetreten war, durch en die Reihe drang, die ſich um ſie gebildet hatte, und ihr mit einer Pieke ihre Haube vom Kopfe ſtieß. Wollte er ihr nur die Haube vom Syſe ſtoßen? e wlite er ſie ins Geſicht treffen? Das Blut floß! Blut ruft Blut: ein Mann ſchleu⸗ n derte ein Scheit nach der Prinzeſſin: das Scheit traf ſie hinten am Kopfe; ſie ſtolperte und fiel auf ein Knie. or Es war keine Möglichkeit mehr, ſie zu retten; von 56 allen Seiteu erreichten ſie gezückte Säbel und ausge⸗ ſtreckte Pieken es Sie ſtieß nicht einmal mehr einen Schrei aus; ſie er war in Wirklichkeit! todt ſeit den letzten Worten, die ſie 5 geſpröchen. Kaum war ſie verſchieden,— vielleicht lebte ſie 1. noch,— als man ſich auf ſie ſtürzte; in einem Augen⸗* , blicke waren ihre Kleider bis auf das Hemd zerriſſen;— und zuckend von den letzten Schauern des Todeskampfes e fand nact. . in öbſcönes Gefühl hatte bei dieſer Entkleidung vorgeherrſcht; man wollte dieſen ſchönen Leib ſehen, dem r die Frauen von Lesbos einen Cultus geweiht hätten. t VPackt wie ſie Gott er en hatte t ſodan be Männer p änzien ich vor dieſem Veſhſteine auf, uſchen und trockneten das Blut ab, das ſieben Wrthen floß; ein Fünfter zeigte die eſſin mit einen Sdtabe und detaillirte die hönheiten, Sage 240 nach, ſie einſt ſo ſehr in Gunſt gebracht und heute ſicher⸗ lich ihren Tod verurſacht hatten. Sie blieb ſo von acht Uhr bis Mittag ausgeſtellt. Endlich wurde man müde dieſes Curſus der Scandal⸗ geſchichte an einem Leichname gemacht: es kam ein Mann und ſchnitt ihr den. dieſer wie der eines Schwans lange, bieg⸗ ſame Hals bot wenig Widerſtand. Der Elende, der dieſes Verbrechen beging, das viel⸗ leicht noch abſcheulicher an einem Leichname, als an einem lebendigen Weſen, hieß Griſon. Die Geſchichte iſt die Unerbittlichſte der Gottheiten: ſie reißt eine Feder aus ihrem Flügel, taucht ſie in Blut, ſchreibt einen Namen uuf und dieſer Name iſt dem Fluche der Nachwelt über⸗ iefert. Dieſer Menſch wurde ſpäter als Anführer, einer Räuberbande guillotinirt. Ein Zweiter ens be für die Königin verſtümmelte un ſo die arme Frau. Die Königin mußte ſehr ge⸗ haßt ſein! Man pflanzte auf Pieken die von dieſem Leibe ge⸗ trennten drei Stücke, und man zog nach dem Tempel. Eine ungeheure Menge folgte den drei Mördern doch abgeſehen von einigen Kindern und einigen be⸗ trunkenen Männern, welche zugleich den Wein und die Schmähungen ausſpieen, beobachtete der ganze Zug eine Stille des Entſetzens. Eine Perrückenmacherbude fand ſich am Wege; man trat hier ein. Der Mann, der den Kopf trug, legte ihn auf einen Tiſch und ſagte: her⸗ llt. al⸗ nn el⸗ em die us en r⸗ 241 „Friſirt mir dieſen Kopf; er ſoll ſeine Gebieterin im Tempel ſehen.“ Der Perrückenmacher friſirte die herrlichen Haare der Prinzeſſin; dann ſetzte man ſich wieder in Marſch nach dem Tempel,— diesmal mit gewaltigem Geſchrei. Das war das Geſchrei, das die königliche Familie gehört hatte. Die Mörder kamen an; denn ſie hatten den ſcheuß⸗ lichen Gedanken gehabt, der Königin dieſen Kopf, dieſes Herz und Lieſe andern vom Leibe der Lnzellin zu zeis Sie erſchienen vor dem Tempel. Das dreifarbige Band verſperrte ihnen den Weg. Dieſe Menſchen, dieſe Schlächter, dieſe Mörder wagten es nicht, über das Band zu ſteigen. Sie verlangten, daß eine Deputation von ſechs Mördern,— von denen drei die von uns genannten Fetzen trugen,— in den Tempel eintreten und vie Runde um den Thurm machen dürfen, um dieſe blutigen Reli⸗ quien der Königin zu zeigen. Das Verlangen war ſo billig, daß es ohne Erör⸗ terung bewilligt wurde. Der König ſaß und gab ſich den Anſchein, als ſpielte er mit der Königin Triktrak. Indem ſie ſo unter dem Vorwande des Spieles nahe zuſammenrückten, konn⸗ ten die Gefangenen wenigſtens ein paar Worte vor den Municipalbeamten geheim halten. Plötzlich ſah der König Einen von dieſen die Thüre ſchließen, ſodann nach dem Fenſter laufen und die Vor⸗ hänge raſch zuziehen. Das war ein gewiſſer Danjon, ein ehemaliger Se⸗ minariſt, eine Art Rieſe, den man wegen ſeiner hohen Geſtalt den Abbé Sechsfuß nannte. „Was gibt es denn?“ fragte der König. Dieſer Mann bedeutete, den Umſtand daß Die Gräfin von Charny. VII. 242 ihm die Königin den Rücken zuwandte, dem König durch ein Zeichen mit der Hand, er möge nicht fragen. Das Geſchrei, die Schmähungen, die Drohungen gelangten bis ins Zimmer, obgleich die Thüre und die Fenſter geſchloſſen waren; der König begriff, daß etwas Erſchreckliches vorging; er legte ſeine Hand auf die Schulter der Königin, um ſie an ihrem Platze zu halten. In dieſem Augenblicke klopfte man an die Thüre, und Danjon ſah ſich, ſehr wider ſeinen Willen, genöthigt, zu öffnen. Es waren Officiere von der Wache und⸗Municipale. „Meine Herren,“ fragte der König,„iſt meine Fa⸗ milie in Sicherheit?“ „Ja,“ antwortete ein Mann, der die Uniform der Nationalgarde und die doppelte Epanlette trug;„doch man hat das Gerücht in Umlauf gebracht, es ſei Nie⸗ mand mehr im Thurme, und Sie haben ſich Alle ge⸗ flüchtet. Stellen Sie ſich ans Fenſter, um das Volk zu beruhigen.“ Der König, da er nicht wußte, was vorging, hielt es nicht für unzweckmäßig, zu gehorchen. Er machte eine Bewegung, um nach dem Fenſter zu gehen; Danjon hielt ihn aber zurück. „Thun Sie das nicht, mein Herr!“ ſagte er. Dann wandte er ſich zu den Ofſicieren der National⸗ garde um und fügte bei: „Das Volk ſoll mehr Vertrauen zu ſeiuen Behörden zeigen.“ „Nun wohl,“ ſprach der Mann mit den Epauletten, „man will, daß Ihr ans Fenſter tretet, um den Kopf und das Herz der Prinzeſſin von Lamballe zu ſehen, was man Euch bringt, um Euch zu zeigen, wie das Volk ſeine Tyrannen behandelt. Ich rathe Euch alſo, zu erſcheinen, wenn Ihr nicht wollt, daß man Alles dies. hierher bringt.“ 6 en die ie n. re, gt⸗ le. a⸗ er ch e⸗ e 243 Die Königin ſtieß einen Schrei aus und fiel ohn⸗ mächtig in die Arme von Madame Eliſabeth und Ma⸗ dame Royale. „Ah! mein Herr,“ ſagte der König,„Sie hätten es können unterlaſſen, der Königin dieſes gräßliche Unglück mitzutheilen.“ Und auf die Gruppe der drei Frauen deutend: „Sehen Sie, was Sie gemacht haben.“ Der Mann zuckte die Achſeln und ging die Car⸗ magnole ſingend ab. um ſechs Uhr erſchien der Secretär von Peétion, um dem König zweitauſend fünfhundert Franken zu bringen. Da er die Königin ſtehend und unbeweglich ſah, glaubte er, ſie halte ſich aus Reſpect ſo, und er hatte die Güte, ſie zum Sitzen einzuladen. „Meine Mutter hielt ſich ſo,“ ſagt Madame Royale in ihren Denkwürdigkeiten,„weil ſie ſeit dieſer gräßlichen Scene ſtehend und unbeweglich geblieben war, ohne mehr etwas von dem, was um ſie her vorging, zu ſehen.“ Der Schrecken hatte ſie in eine Bildſäule verwandelt. CLXV. palmy. Wenden wir nun, für eine kurze Zeit, die Augen von dieſer entſetzlichen Metzelſcene ab und folgen wir, in den Engpäſſen der Argonne, einer der Perſonen unſerer Geſchichte, auf der in dieſem Momente die äußerſten Geſchicke Frankreichs beruhen. 244 Man begreift, daß von Dumouriez die Rede iſt. Dumouriez war, wie wir geſehen, das Miniſterium verlaſſend, zu ſeiner Stelle als General in Activität zurückgekehrt, und bei der Flucht von Lafayette hatte er den Titel Obercommandant der Oſtarmee erhalten. Es war eine Art von Erkenntnißwunder von Sei⸗ ten der Leute, welche die Gewalt in Händen hatten, dieſe Ernennung von Dumouriez. Dumouriez war in der That von den Einen gehaßt, von den Andern verachtet, aber glücklicher, als es Dan⸗ ton am 2. September geweſen, wurde er einſtimmig als der einzige Mann anerkannt, der Frankreich retten konnte. Die Girondiſten, die ihn ernannten, haßten Dumon⸗ riez; ſie hatten ihn, wie man ſich erinnert, ins Miniſterium gebracht; er hatte ſie aus demſelben gebracht; und den⸗ noch ſuchten ſie ihn bei der Nordarmee auf und machten ihn zum Obergeneral. Die Jacobiner haßten und verachteten Dumouriez, ſie begriffen nichtsdeſtoweniger, das erſte Trachten die⸗ ſes Mannes ſei der Ruhm, und er werde ſiegen, oder ſich tödten laſſen. Robespierre, der es nicht wagte, ihn zu unter⸗ ſtützen, wegen ſeines ſchlechten Rufes, ließ ihn durch Couthon unterſtützen. Was Danton betrifft, er haßte weder, noch ver⸗ achtete er Dumouriez: das war eines von den robuſten Temperamenten, welche die Dinge von oben beurtheilen und ſich wenig um die Repuationen bekümmern, ganz bereit, wie ſie ſind, ſelbſt die Laſter zu benützen, können ſie von den Laſtern die Reſultate erlangen, die ſie davon erwarten. Danton, während er wohl wußte, welchen Nutzen man aus Dumouriez ziehen konnte, mißtraute nur ſeiner Beſtändigkeit; er ſchickte ihm zwei Männer: der Eine war Fabre d'Eglantine, das heißt ſein Geiſt; der Andere Weſtermann, das heißt ſeine Arme. Man legte alle Kräfte Frankreichs in die Hände 245 von demjenigen, welchen man einen Intriganten nannte. Der alte Luckner, ein deutſcher Haudegen, der ſeine Un⸗ fähigkeit am Aufange des Feldzugs bewieſen hatte, wurde nach Chalons geſchickt, um die Rekruten auszuheben. Dillon, ein braver Soldat, ein ausgezeichneter General, mehr als Dumouriez in der militäriſchen Hierarchie auf⸗ erzogen, erhielt den Befehl, ihm zu gehorchen. Keller⸗ mann wurde auch unter den Befehl dieſes Mannes ge⸗ ſtellt, dem plötzlich Frankreich in Thränen zerfließend ſein Schwert mit den Worten übergab:„Ich kenne nur Dich, der mich vertheidigen kann; vertheidige mich.“ Kellermann brummte, fluchte, weinte, gehorchte aber; nur gehorchte er ſchlecht, und es bedurfte des Kanonen⸗ donners, um ans ihm das zu machen, was er wirklich war: ein ergebener Sohn des Vaterlandes. Warum machten nun die verbündeten Fürſten, deren Marſch durch Etapen bis Paris bezeichnet war, plötzlich Halt nach der Einnahme von Longwy, nach der Ueber⸗ gabe von Verdun? Ein Geſpenſt ſtand zwiſchen ihnen und Paris: das Geſpenſt von Beaurepaire. Beaurepaire, ehemaliger Officier der Carabiniere, hatte das Maine- und Loire⸗Bataillon formirt und commandirt. In dem Augenblicke, wo man erfuhr, der Feind habe den Fuß auf den Boden Frankreichs ge⸗ ſetzt, durchzogen er und ſeine Leute Frankreich im Ge⸗ ſchwindſchritt von Weſten nach Oſten. Sie begegneten auf ihrem Wege einem patriotiſchen Abgeordneten, der ins Land zurückkehrte. „Was werde ich Euren Familien von Euch ſagen?“ fragte der Abgeordnete. „Daß wir todt ſind!“ antwortete eine Stimme. Kein nach den Thermophlen marſchirender Spar⸗ taner gab eine ſo erhabene Antwort. Der Feind kam, wie geſagt, vor Verdun. Das 246 war am 30. Auguſt 1792; am 31. wurde die Stadt zur Uebergabe aufgefordert. Beaurepaire und ſeine Leute wollten, unterſtützt von Marceau, bis zum Tode kämpfen. Der Vertheidigungsrath, beſtehend aus Mitgliedern der Municipalität und den vornehmſten Bürgern der Stadt, die ſie ſich beigeordnet hatten, befahl ihm, ſich zu ergeben. Beaurepaire lächelte verächtlich und ſagte: „Ich habe geſchworen, eher zu ſterben, als mich zu ergeben. Ueberlebt Euren Schimpf und Eure Schande, wenn Ihr wollt; ich, ich bleibe meinem Eide getreu. Vernehmt mein letztes Wort:„Ich ſterbe!“ Und er erſchoß ſich. Dieſes Geſpenſt war ſo groß und noch erſchreck⸗ licher, als der Rieſe Adamaſtor⸗ Sodann ſahen die verbündeten Fürſten, welche auf die Ausſagen der Emigranten glaubten, Frankreich werde ihnen entgegenfliegen, noch etwas ganz Anderes. Sie ſahen dieſes Land Frankreich, ſo fruchtbar und bevölkert, wie durch den Schlag eines Zauberſtabs ver⸗ wandelt: das Getreide war verſchwunden, als hätte es ein Wetterwirbel fortgeführt. Der bewaffnete Bauer war allein auf ſeiner Furche ſtehen geblieben; diejenigen, welche Flinten beſaßen, hatten ihre Flinten genommen, diejenigen, welche nur eine Senſe beſaßen, hatten ihre Senſe genommen, die⸗ jenigen, welche nur eine Hengabel beſaßen, hatten eine Hengabel genommen. Sodann hatte ſich das Wetter für uns erklärt; ein anhaltender Regen benetzte die Menſchen, durchnäßte die Erde und durchwühlte die Wege. Allerdings fiel dieſer Regen für die Einen, wie für die Andern, für die Franzoſen, wie für die Preußen; nur kam Alles den Franzoſen zu Hülfe, wie Alles den Preußen feindlich war. Der Bauer, der für den Feind nur die Flinte, die Heu⸗ n er n „ 247 gabel oder die Senſe hatte, ſchlimmer als Alles dies: nur grüne Trauben,— der Bauer hatte für ſeine Lands⸗ leute das Glas Wein hinter Reisbündeln verborgen, das Glas Bier in einer unbekannten Ecke des Kellers ver⸗ graben, das trockene Stroh auf der Erde ausgebreitet, ein wahres Soldatenbett. Man hatte indeſſen Fehler über Fehler gemacht, Dumouriez zuallererſt, und in ſeinen Denkwürdigkeiten erzählt er die einen wie die andern, die ſeinen wie die ſeiner Lieutenauts. Er hatte an die Nationalverſammlnng geſchrieben: „Die Engpäſſe der Argonne ſind die Thermophlen Frank⸗ reichs; doch ſeid unbeſorgt⸗ glücklicher als Leonidas, werde ich nicht hiebei ſterben.“ Und er hatte die Engpäſſe ſchlecht bewachen laſſen, und einer derſelben war genommen worden, und er war genö⸗ thigt geweſen, ſich zurückzuziehen. Zwei von ſeinen Liente⸗ nantss) warenverirrt, verloren; er war ſelbſt gleichſam ver⸗ irrt und verloren, mit nur fünfzehntauſend Mann, und zwar fünfzehntauſend Mann ſo völlig demoraliſirt, daß ſie zwei⸗ mal die Flucht vor fünfzehnhundert preußiſchen Huſaren ergriffen. Doch er allein verzweifelte nicht, er behielt ſein Vertrauen, und ſogar ſeine Heiterkeit, und ſchrieb an die Miniſter:„Ich ſtehe für Alles!“ Und in der That, obgleich verfolgt, umgangen, abgeſchnitten, bewerkſtelligte er ſeine Vereinigung mit den zehntauſend Mann von Beurnonville und den fünfzehntauſend Mann von Kel⸗ lermann; er brachte ſeine verlorenen Generale wieder zuſammen, und am 19. September befand er ſich im Lager von Sainte⸗Menehould, nach rechts und nach links *) Man wollte dieſem wiederholt hier vorkommenden Worte ſeine franzöſiſche Bedeutung laſſen: es ſollen näm⸗ lich hiemit unter ſeinem Oberbefehle beſondere Heertheile commandirende Generale bezeichnet ſein. 248 die zwei Hände über ſechsundſiebzigtauſend Mann aus⸗ ſtreckend, während die Preußen nur ſiebzigtauſend Mann hatten. Allerdings murrte oft dieſe Armee; ſie war manch⸗ mal zwei bis drei Tage ohne Brod. Dann miſchte ſich Dumouriez unter ſeine Soldaten und ſagte zu ihnen: „Meine Freunde, der berühmte Marſchall von Sach⸗ ſen hat ein Buch über den er behauptet, man müſſe es wenigſtens einmal in der Woche den Truppen an der Brodlieferung fehlen laſſen, damit ſie im Nothfalle bei dieſer Entbehrung weniger empfindlich ſeien: wir ſind nun hiebei, und Ihr ſeid noch glücklicher, als dieſe Preußen, die Ihr vor Euch ſeht: ſie ſind zuweilen vier Tage ohne Brod, und ſie verzehren ihre todten Pferde. Ihr habt Speck, Reis, Mehl; macht Fladen, und die Freiheit wird ſie würzen!“ Dann war noch etwas Schlimmeres: dieſer Aus⸗ wurf von Paris, dieſer Abſchaum vom 2. September, den man nach der Metzelei den Armeen zugetrieben hatte. Sie waren gekommen, alle dieſe Elenden, das Ca ira ſingend, ſchreiend, ſie werden weder Epauletten, noch t. Ludwigs⸗Kreuze, noch irgend etwas von Alle dem dulden, ſie werden Decorationen und Hutfedern abreißen, und Allem den Kopf zurecht ſetzen. Sie kamen ſo ins Lager und waren erſtaunt über die Leere, die ſich um ſie her biſdete: Niemand ließ ſich herbei, ihre Drohungen oder ihre Zuvorkommenheiten zu erwiedern; nur kündigte der General eine Revne auf den andern Tag an. Am andern Tage fanden ſich die Nenangekommenen, durch ein nnerwartetes Manveuvre zwiſchen einer zahl⸗ reichen und feindlichen Cavallerie, bereit, ſie niederzu⸗ ſäbeln, und einer drohenden Artillerie, bereit, ſie nieder⸗ zuſchießen, gefaßt. Da ritt Dumonriez auf dieſe Menſchen zu; ſie bil⸗ deten ſieben Bataillons. Krieg gemacht, in weſchem —— c ———— us⸗ nn ch⸗ ich ch. m er n, er n t 249 „Ihr Leute,“ rief er,„denn ich will Euch weder Bürger, noch Soldaten, noch meine Kinder nennen,— Ihr ſeht vor Euch dieſe Artillerie, hinter Euch dieſe Cavallerie; damit ſage ich Euch, daß ich Euch zwiſchen dem Eiſen und dem Feuer halte! Ihr habt Euch ent⸗ ehrt durch Verbrechen; ich dulde hier weder Mörder, noch Henker! Bei der kleinſten Meuterei laſſe ich Euch in Stücke zerhacken! Beſſert Ihr Euch, führt Ihr Euch auf wie dieſes Heer, bei welchem zugelaſſen zu ſein Ihr die Ehre habt, ſo werdet Ihr an mir einen guten Vater finden. Ich weiß, daß es unter Euch Schurken gibt, welche beanftragt ſind, Euch zum Verbrechen anzutreiben: jagt ſie ſelbſt fort, oder zeigt ſie mir an! Ich mache Euch für einander verantwortlich!“ Und dieſe Menſchen bengten nicht nur das Haupt und wurden vortreffliche Soldaten, ſie jagten nicht nur die Unwürdigen fort, ſondern ſie hieben auch in Stücken den elenden Charlot, der die Prinzeſſin von Lamballe mit einem Scheite geſchlagen und ihren Kopf am Ende einer Pieke umhergetragen hatte. In dieſer Lage erwartete man Kellermann, ohne welchen man nichts wagen konnte. Am 19. erhielt Dumouriez die Meldung, ſein Lieutenant ſei nur noch zwei Meilen von ihm auf ſeiner Linken entfernt. Dumouriez ſchickte ihm ſogleich eine Inſtruction zu. Er forderte ihn auf, am andern Tage das Lager zwiſchen Dampierre und der Elize zu beſetzen. Die Oertlichkeit war vollkommen bezeichnet. Zu gleicher Zeit, da er die Inſtruction an Keller⸗ mann ſchickte, ſah Dnmouriez vor ſich die preußiſche Armee auf den Bergen der Lune ſich entfalten, ſo daß die Preußen ſich zwiſchen Paris und ihm, und folglich näher bei Paris als bei ihm befanden. Es war alle Wahrſcheinlichkeit, daß die Prenßen eine Schlacht ſuchten. 250 Dumouriez befahl alſo Kellermann, ſeinen Kampf⸗ platz auf den Höhen von Valmy und Gizaucourt zu nehmen. Kellermann vermengte ſein Lager mit ſeinem Kampſplaze M er machte auf den Höhen von Valmh Halt. Das war ein großer Fehler, oder eine erſchreckliche Geſchicklichkeit. Geſtellt, wie er war, konnte ſich Kellermann nur umdrehen, indem er ſeine ganze Armee über eine ſchmale Brücke paſſiren ließ; er konnte ſich nur auf die Rechte von Dumouriez zurückziehen, indem er durch einen Sumpf marſchirte, wo er verſunken wäre; er konnte ſich auf ſeine Linke nur zurückziehen durch ein tiefes Thal, wo er zermalmt worden wäre. Kein Rückzug möglich. War es das, was der alte elſäſſiſche General hatte wollen? Dann war es ihm großartig gelungen. Ein ſchöner Ort, zu ſiegen oder zu ſterben! Braunſchweig ſchaute unſere Soldaten mit Erſtau⸗ nen an. „Diejenigen, welche ſich dort einquartiert haben, ſind entſchloſſen, nicht zurückzuweichen,“ ſagte er zum König von Preußen. Doch man ließ die preußiſche Armee glauben, Du⸗ mouriez ſei abgeſchnitten, und man verſicherte ihr, dieſes Heer von Schneidern, Landſtreichern und Schuhflickern, wie es die Emigranten nannten, werde ſich bei den erſten Salven ihrer Kanonen zerſtreuen. Man hatte es verſäumt, die Anhöhen von Gizau⸗ conrt durch den General Chazot,— der längs der Landſträße von Chalons aufgeſtellt war,— beſetzen zu laſſen,— Anhöhen, von denen aus er dem Feinde in die Flanken gefallen wäre; die Preußen benüßten dieſe Nachläſſigkeit und bemächtigten ſich der Poſition. *) Eine Verwechſelung von camp und champs. mpf⸗ zu nem lmy liche nur ſale chte npf auf tte Fin en, um u⸗ ſes n, en er in 251 Sie waren es ſodann, welche dem Corps von Kel⸗ lermann in die Flanken fielen. Der Tag brach, verdüſtert durch einen dicken Nebel, an, doch das war gleichgültig. Die Preußen wußten, wo die franzöſiſche Armee ſtand: ſie war auf den Höhen von Valmy und konnte nicht anderswo ſein. Sechzig Feuerſchlünde entzündeten ſich zu gleicher Zeit, die preußiſchen Artilleriſten ſchoßen aufs Gerathewohl; doch ſie ſchoſſen in Maſſen, wenig lag alſo daran, ob man richtig ſchoß. Die erſten Schüſſe waren erſchrecklich zu ertragen für dieſes Heer, das, ganz Enthuſiasmus, bewunderungs⸗ würdig anzugreifen gewußt hätte, aber ſchlecht zu warten verſtand. Sodann war der Zufall,— das war nicht die Ge⸗ ſchicklichkeit, denn man ſah ja nicht,— der Zufall war Anfangs gegen uns; die Haubitzen der Preußen ſteckten zwei Munitionswagen in Brand, und ſie zerſprangen. Die Führer der Wagen warfen ſich von den Pferden, um ſich vor der Exploſion zu ſchützen: man hielt ſie für Flüchtlinge. Kellermann ſprengte nach dem Orte, wo eine große Verwirrung herrſchte, mit der ſich der Nebel und der Rauch vermiſchten. Plößzlich ſah man ſein Pferd und ihn niedergeſchmet⸗ tert hinrollen. Das Pferd war von einer Kanonenkugel erſchoſſen; der Mann hatte nichts, er ſprang auf ein anderes Pferd, und ſammelte einige Bataillons, welche auseinan⸗ der liefen. In dieſem Augenblicke war es elf Uhr Morgens; der Nebel fing an ſich zu zerſtrenen. Kellermann ſah die Preußen, die ſich in drei Colon⸗ nen formirten, um das Plateau von Valmy anzugreifen; er formirte ſeine Soldaten ebenfalls in drei Colonnen, durchritt die ganze Linie und ſprach: 252 „Soldaten! Keinen Flintenſchuß erwartet den Feind feſten Fußes und empfangt ihn mit dem Bajonnet!“ und Und er ſteckte den Hut an das Ende ſeines Säbels und rief: triel „Es lebe die Nation! und laßt uns für ſie ſiegen!“ Fen Auf der Stelle ahmt ſein ganzes Heer ſeinem Bei⸗ den ſpiele nach; jeder Soldat ſteckt ſeinen Hut an das Ende ſeines Bajonnets und ruft:„Es lebe die Nation!“ Der ſem Nebel erhebt ſich, der Rauch zerſtreut ſich, und Braun⸗ ſchweig erblickt mit ſeinem Augenglaſe ein ſeltſames, krie außerordentliches, unerhörtes Schauſpiel: dreißigtanſend Franzoſen unbeweglich, mit entblößtem Haupte, ihre Ge⸗ wehre emporhaltend, und auf das Feuer der Feinde obe nur durch den Ruf:„Es lebe die Nation!“ antwortend. run Braunſchweig ſchüttelte den Kopf; wäre er allein geweſen, ſo hätte die preußiſche Armee nicht einen Schritt mehr gemacht; doch der König war da, er wollte die Eu Schlacht, und man mußte gehorchen. Die Preußen ſtiegen, feſt und düſter, unter den Au⸗ gen des Königs und von Braunſchweig hinan; ſie durch⸗ ſchritten den Raum, der ſie von ihren Feinden trennte, mit der Solidität eines alten Heeres von Friedrich; jeder Mann ſchien durch einen eiſernen Ring an den, welcher ihm voranging, befeſtigt. Plötzlich ſchien die ungeheure Schlange in der Mitte abzubrechen; doch ihre Stücke vereinigten ſich alsbald wieder. Fünf Minnten nachher war ſie aufs Reue gebro⸗ chen, und ſie verband ſich abermals. Zwanzig Kanonen von Dumouriez faßten die C⸗ de lonne in der Flanke und ſchmetterten ſie unter einem re Eiſenregen nieder; der Kopf konnte nicht hinau ſteigen, da er jeden Augenblick durch die Convulſionen a des Leibes, den die Kartätſchen zerriſſen, rückwärts gezogen wurde. t e bels en!“ Bei⸗ Ende Der aun⸗ mes, ſend Ge⸗ einde end. llein hritt die Au⸗ urch⸗ inte, rich; trieb ſeine folgſame, tapfere Armee unter den, Kitte bald bro⸗ Co⸗ nem auf⸗ onen ärts Braunſchweig ſah, daß es ein verlorener Tag war und ließ den Rappel blaſen. Der König befahl, zum Angriffe zu trommeln, und das doppelte Feuer von Kellermann und Dumouriez; er brach ſich an den franzöſiſchen Linien. Etwas Leuchtendes, Glänzendes ſchwebte über die⸗ ſem jungen Heerez das war der Glaube! „Ich habe keine ſolche Fanatiker ſeit den Religions⸗ kriegen geſehen!“ ſagte Braunſchweig. Das waren erhabene Fanatiker der Freiheit! Sie, die Helden von 1792, hatten die große Er⸗ oberung des Krieges begonnen, welche mit der Erobe⸗ rung der Geiſter endigen ſollte. Am 20. September rettete Dumouriez Frankreich. Am anderen Tage emancipirte der Nationalconvent Europa dadurch, daß er die Republik proclamirte! CLXVI. Der 21. September. Am 21. September, um Mittag, ehe man in Paris den von Dumonriez erfochtenen Sieg kannte, der Frank⸗ reich rettete, öffneten ſich die Thüren des Saales der Reitſchule, und man ſah langſam, feierlich, fragende Blicke auf einander werfend, die ſiebenhundert neunundvierzig Nitglieder, welche die neue Aſſemblée bildeten, ein⸗ treten. Von dieſen ſiebenhundert neunundvierzig Mitglie⸗ 2⁵4 gehörten zweihundert der alten Nationalverſaum⸗ ung an. Der Nationalconvent war unter dem Eindrucke der Septemberneuigkeiten gewählt worden; man hätte alſo von Anfang an eine reactionäre Verſammtung glauben können. Es war ſogar etwas Beſſeres; mehrere Ade⸗ lige waren gewählt worden;— ein ganz demokratiſcher Gedanke hatte die Dienſtboten zur Abſtimmung berufen: Einige hatten Herren gewählt. Dieſe nenen Abgeordneten waren übrigens Bür⸗ gersleute, Aerzte, Advocaten, beeidigte Prieſter, Lite⸗ raten, Journaliſten, Kaufleute. Der Geiſt dieſer Maſſe war unruhig und ſchwankend; fünfhundert Repräſentan⸗ ten waren weder Girondiſten, noch Montagnards*); die Ereigniſſe ſollten beſtimmen, welchen Platz ſie in der Verſammlung einnehmen würden. Alles dies war aber einſtimmig in einem doppelten Haſſe: Haß gegen die Septembertage, Haß gegen die faſt gänzlich aus der Commnne genommene Deputa⸗ von Paris, welche dieſe entſetzlichen Tage gemacht hatte. Man hätte glauben ſollen, das vergoſſene Blut fließe durch den Saal der Reitſchule und iſolire die hundert Montagnards von der übrigen Verſammlung. Selbſt das Centrum, als wollte es ſich von dem Bache entfernen, neigte ſich gegen die Rechte in. Die Montagne,— erinnern wir uns der Menſchen und verſetzen wir uns in Gedanken in die Ereigniſſe, welche in Erfüllung gegangen waren,— die Montagne bot einen furchtbaren Anblick. Das war in den unteren Gliedern die ganze Com⸗ mune; über der Commune der berufene Aufſichtsausſchuß⸗ *) Mitglieder der Bergpartei. —— der kö) en 255 m der die Metzelei gemacht hatte; ſodann als eine drei⸗ köpſige Hydra, auf der oberſten Spitze des Dreiecks, drei der entſetzliche Geſichter, drei tief charakteriſirte Masken. lſo Zuerſt das kalte, unempfindliche Geſicht von Ru⸗ ben bespierre mit der pergamentartigen, auf ſeine ſchmale de⸗ Stirne geklebten Haut, mit den blinzelnden, unter ſeiner her Brille verborgenen Augen, mit den geballten, auf ſei⸗ n nem Schvoße ausgeſtreckten Händen, nach der Art jener aus dem härteſten von allen Marmorn, aus dem Por⸗ ür⸗ phyr gehauenen ägyptiſchen Figuren: ein Sphinx, der ite⸗ allein das Auflöſungswort der Revolution zu haben aſſe ſchien, von dem es aber Niemand zu verlangen wagte. an⸗ Neben ihm das verunſtaltete, zerriſſene Geſicht von 6); Danton, mit ſeinem verkrümmten Munde, ſeiner beweg⸗ in lichen Maske, ſeinem Gepräge erhabener Häßlichkeit, mit ſeinem fabelhaften Leibe, halb Menſch, halb Stier, ten faſt ſympathetiſch trotz Alle dem, denn man fühlte, daß die das, was dieſes Fleiſch ſchauern, dieſe Lava hervor⸗ ta⸗ ſprudeln machte, die Schläge eines tief patriotiſchen Her⸗ cht zens waren, und daß dieſe breite Hand, die immer ſei⸗ ner erſten Bewegung gehorchte, ſich mit derſelben Leich⸗ lut tigkeit ausſtreckte, um einen ſtehenden Feind zu treffen, die um einen auf der Erde liegenden Feind anfzu⸗ eben. Sodann, an der Seite von dieſen zwei in ihren hte Ausdrücken ſo verſchiedenen Geſichtern, hinter ihnen, über ihnen, erſchien, nicht ein Menſch,— es iſt dem menſch⸗ en lichen Geſchöpfe nicht erlaubt, einen ſolchen Grad von ſſe, Häßlichkeit zu erreichen,— ſondern ein Ungehener, eine ne Chimäre, eine Unheil weiſſagende und zugleich lächer⸗ liche Viſion,— Marat! Marat mit ſeinem kupferfar⸗ m⸗ bigen, von Blut und Galle unterlaufenen Geſichte; mit uß, ſeinen frechen und geblendeten Augen; mit ſeinem ſcha⸗ len, breit geſpaltenen, zum Schlendern oder vielmehr zum Ansſpeien der Schmähung disponirten Munde, mit ſei⸗ ner gekrümmten, durch ihre weit gedffneten Löcher jene 256 Popularitätsluft, welche für ihn aus den Rinnſteinen und den Goſſen aufſtieg, einathmenden Naſe; Marat geklei⸗ det wie der Schmutzigſte von ſeinen Bewunderern, den Kopf umbunden mit einem befleckten Tuche; Marat mit ſeinen mit Nägeln beſchlagenen Schuhen, ohne Schnal⸗ len, häufig ohne Bänder; mit ſeiner Hoſe von grobem ſchwarzem Tuche, mit Koth überzogen; mit ſeinem auf ſeiner mageren, und dennoch im Verhältniß zu ſeiner Geſtalt breiten, Bruſt offenen Hemde; mit ſeiner ſchwarzen, fettigen, ſchmalen Cravate, welche die ab⸗ ſchenlichen Anſätze ſeines Halſes ſehen ließ, die, ſchlecht mit einauder harmonirend, den Kopf ſich nach links neigen machten; mit ſeinen ſchmutzigen, dicken Händen, immer drohend, immer die Fauſt weiſend und in den Zwiſchenräumen ihrer Drohungen ſeine fetten Haare durchfurchend. Dieſes Geſammtweſen, ein Rieſenrumpf auf Zwergbeinen, war häßlich anzuſchauen; die erſte Bewegung von Jedem, der es erblickte, war auch, daß er ſich abwandte; doch das Auge wandte ſich nicht ſo raſch ab, daß es nicht auf Allem dem las; der 2. Sep⸗ tember! und dann blieb das Auge ſtarr und erſchrocken wie vor einem andern Meduſenhaupte. Das waren die drei Männer, welche die Girondiſten beſchuldigten, ſie trachten nach der Dictatur. Sie, ihrerſeits, beſchuldigten die Girondiſten, ſie wollen den Föderalismus. Zwei andere Männer, welche durch verſchiedene In⸗ tereſſen und verſchiedene Geſinnungen mit der Erzäh⸗ lung, die wir nnternommen, verknüpft ſind, ſaßen auf den zwei entgegengeſetzten Seiten dieſer Verſammlung: Billot, Gilbert; Gilbert auf der äußerſten Rechten, zwi⸗ ſchen Lanjuinais und Kerſaint; Billot auf der äußer⸗ ſten Linken, zwiſchen Thuriot und Couthon. Die Mitglieder der ehemaligen legislativen Ver⸗ ſammlung begleiteten den Conventz ſie hatten feierlich 9 —— ——— — 257 abdicirt und ihre Vollmachten in die Hände ihrer Nach⸗ folger niedergelegt. 2 Francois von Neufchatean, der letzte Präſident der aufgelöſten Verſammlung, beſtieg die Tribune und nahm das Wort. „Repräſentanten der Nation,“ ſagte er,„die geſetzgebende Verſammlung hat ihre Functionen zu ver⸗ ſehen aufgehört; ſie legt die Regierung in Eure Hände nieder.“* „Das Ziel Eurer Anſtrengungen wird ſein, den Franzoſen die Freiheit, die Geſetze, den Frieden zu ge⸗ ben; die Freiheit, ohne welche die Franzoſen nicht le⸗ ben können; die Geſetze, die feſteſte Grundlage der Freiheit, den Frieden, den einzigen und alleinigen Zweck des Krieges. „Die Freiheit, die Geſetze, der Friede, dieſe drei Worte wurden von den Griechen über den Pforten des Tempels von Delphi eingegraben. Ihr werdet ſie dem ganzen Boden Frankreichs aufprägen ⁴ Die geſetzgebende Verſammlung hatte ein Jahr ge⸗ dauert. Sie hatte ungeheure und erſchreckliche Ereigniſſe in Erfüllung gehen ſehen; den 20. Juni, den 10. Auguſt, den 2. und den 3. September! Sie hinterließ Frank⸗ reich den Krieg mit zwei Mächten des Nordens, den Bürgerkrieg in den Vendée, eine Schuld von zwei Mi⸗ liarden, zwei hundert Millionen Aſſignate,— und den Sieg von Valmy, am Tage vorher erfochten, allein noch Jedermann unbekannt. Pétion wurde durch Acclamation zum Präſidenten ernannt. Condorcet, Briſſot, Rabant⸗Saint⸗Etienne, Ver⸗ gniand, Camus und Laſource wurden zu Secretären ge⸗ wählt: fünf Girondiſten unter ſechs. Der ganze Convent, mit Ausnahme vielleicht von Die Gräfin von Charny. VI. 17 3 258 dreißig bis vierzig Mitgliedern, wollte die Revublik; nur hatten die Girondiſten in einer Zuſammenkunft bei Madame Roland beſchloſſen, man ſollte die Diseuſſion über die Veränderung der Regierung erſt in der ihnen entſprechenden Stunde und an dem ihnen entſprechenden Orte zulaſſen, das heißt, wenn ſie ſich der executiven Commiſſionen und der Verfaſſungs⸗Commiſſion bemäch⸗ tigt hätten. Doch am 20. September, am Tage der Schlacht von Valmy, lieferten andere Streiter eine noch viel mehr entſcheidende Schlacht! Saint⸗Juſt, Lequinio, Panis, Billaud⸗Varennes, Collot⸗d Herbois und einige andere Mitglieder der zu⸗ künftigen Verſammlung ſpeiſten im Palais⸗Royal zu Mittag; ſie beſchloſſen, es ſollte ſchon am andern Tage das Wort Republik ihren Feinden zugeſchleudert werden. „Nehmen ſie es auf,“ ſagte Saint⸗Juſt,„ſo ſind ſie verloren, denn wir werden es ſein, die dieſes Wort zuerſt ausgeſprochen haben; weiſen ſie es zurück, ſo ſind ſie abermals verloren, denn, dieſer Leidenſchaft des Volkes ſich widerſetzend, werden ſie durch die Unpopu⸗ larität, die wir über ihren Häuptern aufhäufen, über⸗ ſchwemmt werden.“ Collot⸗d'Herbois übernahm die Motion. Frangois von Neufchateau hatte auch kaum die Vollmachten der alten Verſammlung der neuen überge⸗ ben, als Collot⸗d'Herbois das Wort verlangte. Es wurde ihm bewilligt. Er beſtieg die Tribune; das Loſungswort war den Ungeduldigen gegeben. „Bürger Repräſentanten,“ ſprach er,„ich bean⸗ trage Folgendes: der erſte Beſchluß der Verſammlung, welche ſo eben zuſammengetreten iſt, ſei die Abſchaffung des Königthums.“ Bei dieſen Worten brach eine ungeheure Acclama⸗ tion im Saale und auf den Tribunen aus. en ht el 8, U⸗ zu ge d rt ſo es r⸗ 25⁵9 Nur zwei Opponenten erhoben ſich, zwei wohlbe⸗ kannte Republicaner: Bardre und Quinette. Sie ver⸗ langten, daß man den Willensausſpruch des Volkes ab⸗ warte. „Den Willensausſpruch des Volkes? wozu?“ fragte ein armer Dorfpfarrer;„wozu deliberiren, wenn alle Welt einverſtanden iſt? die Könige ſind in der morali⸗ ſchen Ordnung, was in der phyſiſchen die Ungeheuer ſind; die Höfe ſind die Werkſtätte aller Verbrechen; die Geſchichte der Könige iſt das Märtyrerbuch der Nationen.“ Man fragte, wer der Mann ſei, der dieſe kurze, aber energiſche Geſchichte des Königthums gegeben habe. Wenige wußten ſeinen Namen: er hieß Grégoire. Die Girondiſten fühlten den Schlag, den man ihnen verſetzt hatte; ſie ſollten im Schlepptau der Monta⸗ gnards ſein. „Faſſen wir den Beſchluß noch in dieſer Sitzung ab,“ rief von ſeinem Platze aus Ducos, der Freund und Zögling von Vergniaud. Der Beſchluß bedarf nicht der Angabe von Beweggründen; nach der Erleuchtung, die der 10. Auguſt verbreitet hat, wird der Beweggrund Cures Beſchluſſes, die Abſchaffung des Königthums be⸗ die Geſchichte der Verbrechen von Ludwig XVI. ein.“ So fand ſich das Gleichgewicht wiederhergeſtellt; die Montagnards hatten die Abſchaffung des Königthums verlangt; doch die Girondiſten hatten die Einfüh⸗ rung der Republik gefordert. Die Republik wurde nicht decretirt, ſie wurde durch Acclamation angenommen. Man warf ſich nicht nur in die Zukunft, um die Vergangenheit zu fliehen, ſondern auch in das Unbekannte aus Haß gegen das Bekannte. Die Proclamation der Republik entſprach einem ungeheuren Volksbedürfniſſe. Das war die Weihung des langen Streites, den das Volk ſeit den Gemeinden 260 ausgehalten hatte; das war die Abſolution der Jacquerie, der Mallotins, der Ligue, der Fronde, der Revolu⸗ tion, es war die Krönung der Menge zum Rachtheile des Königthums. Es war,— ſo frei athmete jeder Bürger,— als hätte man von der Bruſt von Jedem das Gewicht des Thrones genommen. Die Stunden der Illuſion waren kurz, aber glän⸗ zend; man hatte eine Republik zu proclamiren geglaubt; man hatte eine Revolution eingeweiht. Gleichviel! man hatte etwas Großes gethan, was auf mehr als ein Jahrhundert die Welt erſchüttern ſollte. Die wahren Republikaner, die reinſten wenigſtens, diejenigen, welche die Republik frei von Verbrechen wollten, diejenigen, welche am andern Tage das Tri⸗ umvirat von Danton, Robespierre und Marat an⸗ fechten ſollten,— die Girondiſten waren im höchſten Grade erfreut. Die Republik, das war die Verwirk⸗ lichung ihres theuerſten Wunſches; man hatte, Dank ſei es ihnen, unter den Trümmern von zwanzig Jahr⸗ hunderten den Typus der menſchlichen Regierungen wie⸗ deraufgefunden. Frankreich war ein Athen unter Franz l. und Ludwig XIV. geweſen; es ſollte ein Sparta mit ihnen werden! Das war ein ſchöner, ein erhabener Traum! Sie verſammelten ſich auch am Abend zu einem Bankett beim Miniſter Roland. Hier befanden ſich Vergniaud, Guadet, Louvet, Pétion, Boyer⸗Fon⸗ froͤde, Barbaroux, Genſonné, Grangenenve Condorcetra, dieſe Tiſchgenoſſen, welche, ehe ein Jahr verlaufen, ein anderes Bankett, das noch viel feierlicher als die⸗ ſes, verſammeln ſollte! Doch in dieſem Augenblicke warf Jeder, dem andern Tage den Rücken zuwendend, die Augen vor der Zukunft ſchließend, freiwillig den Schleier auf den unbekannten Ocean, wo man eintrat, und wo 261 man dieſen Schlund brüllen hörte, der, wie der Mälſtrom der ſcandinaviſchen Sagen, wenn nicht das Schiff, doch wenigſtens die Steuermänner und die Matroſen ver⸗ ſchlingen ſollte. Der Gedanke von Allen war geboren, er hatte eine Form, ein Ansſehen, einen Körper angenommen; er war da vor ihren Augen: die junge Republik ſprang bewaffnet mit dem Helme und dem Speere hervor; was konnten ſie mehr verlangen? Das war während der zwei Stunden, die das feierliche Liebesmahl dauerte, ein Austauſch von hohen Gedanken, hinter denen ſich große Hingebungen grup⸗ pirten. Dieſe Männer ſprachen von ihrem Leben wie von einer Sache, die ſchon nicht mehr ihnen gehörte, ſondern der Nation. Sie reſervirten die Ehre, das war Alles; im Nothfalle würden ſie den Ruf preisgeben. Es gab darnnter, welche im tollen Rauſche ihrer jngendlichen Hoffnungen vor ihnen ſich die azurnen, endloſen Horizonte, die man nur in den Träumen findet, öffnen ſahen; das waren die Jungen, die Glühenden, diejenigen, welche am Tage vorher in dieſen Kampf, den entnervendſten von allen, den Kampf der Tribune, eingetreten: es waren Barbaroux, Rebecqui, Ducos, Boyer⸗Fonfroͤde. Da waren Andere, welche mitten auf dem Wege Halt machten, Kräfte ſammelnd für den Lauf, den ſie noch zu vollbringen hatten; das waren diejenigen, welche ſich unter den harten Tagen der geſetzgebenden Ver⸗ ſammlung gebeugt hatten: die Guadet, die Genſonns, die Grangeneuve, die Vergniaud. Wieder Andere waren da, welche ſich bei ihrem Ziele angelangt fühlten und begriffen, die Popularität werde ſie demnächſt verlaſſen; im Schatten des entſtehen⸗ den Blätterwerks vom republicaniſchen Baume liegend, fragten ſie ſich ſchwermüthig, ob es wohl der Mühe werth ſei, aufzuſtehen, aufs Neue ſeine Lenden zu um⸗ 262 gürten, den Wanderſtab wiederzunehmen, um beim erſten Hinderniſſe zu ſtolpern: das war Roland, das war Pétion. Wer war aber in den Augen von allen dieſen Män⸗ nern das Haupt der Zukunft? wer war der Urheber, wer würde der zukünftige Mäßiger der jungen Republik ſein? Vergniaud. Am Ende des Mahles füllte er ſein Glas, ſtand auf und ſprach: „Meine Freunde, einen Toaſt.“ Alle ſtanden auf wie er. „Auf die Ewigkeit der Republik!“ Alle wiederholten: „Auf die Ewigkeit der Republik!“ Er wollte das Glas. an ſeine Lippen ſetzen. „Warten Sie,“ ſagte Madame Roland. Sie trug an ihrer Bruſt eine friſche Roſe, die ſich ſo eben geöffnet hatte, wie die neue Aera, in die man eintrat; ſie nahm ſie, und wie es eine Athenienſerin in den Becher von Perikles gethan hatte, entblätterte ſie dieſelbe in das Glas von Vergniaud. Vergniaud lächelte traurig, leerte das Glas, und ſagte, ſich ans Ohr von Barbaroux neigend, der zu ſeiner Linken ſaß: „Ach! ich befürchte ſehr, dieſe große Seele täuſcht ſich. Es ſind nicht Roſen, ſondern Cypreſſenzweige, die man heute Abend in unſern Wein entblättern muß. Gott weiß, ob wir auf eine Republik trinkend, deren Füße in das Septemberblut getaucht ſind, nicht auf unſern Tod trinken! Doch gleichviel!“ fügte er bei, indem er einen erhabenen Blick dem Himmel zuwarf,„wäre dieſer Wein mein Blut, ich würde ihn auf die Freiheit und die Gleichheit trinken!“ „Es lebe die Republik!“ wiederholten im Chore alle Gäſte. Ungefähr in dem Angenblicke, wo Vergniaud dieſen Toaſt ausbrachte und alle Gäſte ihn durch den Ruft„Es in in ie 263 lebe die Republik!“ im Chore erſchallend erwiederten, ſchmetterten die Trompeten dem Tempel gegenüber, und es trat eine tiefe Stille ein. Da konnten der König und die Königin von ihren Fenſtern aus, welche offen waren, einen Municipal⸗ beamten mit feſter, mächtiger, ſonorer Stimme die Ab⸗ ſchaffung des Königthums und die Gründung der Re⸗ publik proclamiren hören. CLXVII. Die Legende vom Märtyrer-Rönig. Man konnte ſehen, mit welcher Unparteilichkeit wir, obgleich die Form vom Roman entlehnend, bis jetzt unſern Leſern vor Augen gelegt haben, was Erſchreck⸗ liches, Grauſames, Gutes, Schönes, Großes, Blutdürſt⸗ iges, Niedriges in den Menſchen und in den Ereig⸗ niſſen war, die ſich gefolgt ſind. Heute ſind die Menſchen, von denen wir ſprechen, todt; die Ereigniſſe allein, durch die Geſchichte unſterb⸗ lich gemacht, ſterben nicht, bleiben ſtehen. Nun wohl, wir koͤnnen aus dem Grabe alle dieſe darin liegenden Leichname heraufbeſchwören, von denen ſo wenige geſtorben ſind, nachdem ſie die Tage ihres Lebens voll gemacht hatten! Wir können zu Mirabeau ſagen:„Tribun, ſteh auf!“ zu Ludwig XVI.:„Mär⸗ tyrer, ſteh auf!“ wir können ſagen:„Steht Alle auf, Ihr, die man nannte Favras, Lafayette, Bailly, Four⸗ uier den Americaner, Jourdan den Kopfabſchneider⸗ 264 Maillard, Théroigne von Mericourt, Barnave, Bouillé, Gamain, Petion, Manuel, Danton, Robespierre, Ma⸗ rat, Vergniaud, Dumouriez, Marie Antvinette, Madame Campan, Barbaroux, Roland, Madame Roland, König, Königin, Arbeiter, Tribune, Generale, Schlächter, Publi⸗ eiſten, ſteht auf! und ſagt, ob ich Euch nicht meiner Generation, dem Volke, den Großen, den Frauen be⸗ ſonders,— das heißt den Müttern unſerer Söhne, die ich die Geſchichte lehren will,— wenn nicht wie Ihr ſeid,— wer kann ſich rühmen, alle Eure Geheimniſſe entziffert zu haben?— wenigſtens wie ich Euch ge⸗ ſehen, dargeſtellt habe.“ Wir können zu den Ereigniſſen ſagen, welche noch anf beiden Seiten des Weges ſtehen, den wir durchlaufen haben: „Großer, lenchtender Tag des 14. Juli; düſtere, droh⸗ ende Nächte des 5. und des 6. Oetobers; blutiger Sturm vom Marsfelde, wo ſich das Pulver mit dem Blitze und der Lärm der Kanonen mit dem Krachen des Donners vermengt hat; prophetiſche Invaſion vom 20. Juni, entſetzlicher Sieg vom 10. Auguſt, fluchwürdige Erin⸗ nerungen vom 2. und 3. September, habe ich euch gut geſagt? habe ich euch gut erzählt? habe ich wiſſentlich gelogen? habe ich euch freizuſprechen oder euch zu ver⸗ leumden geſucht?“ Und die Menſchen werden antworten,— und die Ereigniſſe werden antworten:„Du haſt die Wahrheit obne Haß, ohne Leidenſchaft gefucht; Du haſt ſie zu ſagen geglanbt, wenn Du ſie nicht geſagt haſt; Du biſt tren allem Ruhmwürdigen der Vergangenheit, unempfind⸗ lich für alle Blendungen der Gegenwart, vertrauend allen Verheißungen der Zukunft geblieben; es ſei Dir ver⸗ geben, wenn auch nicht geradezu Lob geſpendet.“ Nun denn, was wir gethan haben, nicht als er⸗ wählter Richter, ſondern als unparteiiſcher Erzähler, das werden wir bis zum Eude thun, und dieſem Ende nähert uns raſch jeder Schritt. Wir rollen auf dem Abhange de 265 6, der Ereigniſſe fort, und es gibt wenige Haltpunkte vom Na⸗ 21. September, dem Todestage des Königthums, bis me zum 21. Januar, dem Todestage des Königs. ig, Wir haben die Proclamation der Republik gehört, blie gemacht unter dem Fenſter des königlichen Gefängniſſes ner durch die ſtarke Stimme des Municipal Lubin, und dieſe be⸗ Proclamation hat uns wieder zum Tempel geführt. die Kehren wir alſo in dieſes düſtere Gebäude zurück, hr das einen König enthält, der wieder Menſch geworden, ſſe eine Königin, welche Königin geblieben iſt, eine Jung⸗ ge⸗ fran, welche Märthrin ſein wird, und zwei arme, durch das Alter, wenn nicht durch die Geburt, unſchuldige uf Kinder. Der König war im Tempel; wie war er hierher n: h⸗ gekommen? hatte man ihm zum Voraus das ſchmähliche m Gefängniß zuerkennen wollen, das er einnahm? nd Nein, Peétion hatte Anfangs die Idee gehabt, ihn rs in den Mittelpunkt Frankreichs zu verſetzen, ihm Cham⸗ , bord zu geben, ihn als Fanlenzer⸗König zu behandeln. n⸗ Nehmen Sie an, alle Fürſten Europas haben ihren ut Miniſtern, ihren Generalen, ihren Manifeſten Still⸗ ch ſchweigen auferlegt und ſich damit begnügt, daß ſie dem, r⸗ was in Frankreich vorging, zugeſchaut, ohne ſich in die innere Politik der Franzoſen miſchen zu wollen, ſo war ie dieſe Abſchaffung vom 10. Auguſt, dieſe in einen ſchönen it Palaſt, in ein ſchönes Klima, mitten in das, was man den Garten Frankreichs nennt, eingeſchloſſene Epiſtenz ſt keine ſehr grauſame Strafe für den Mann, der nicht ⸗ nur ſeine Fehler und Vergehen, ſondern auch die von d Ludwig XV. und Ludwig XIV. büßte. Die Vendée hatte ſich empört: man machte die Ein⸗ wendung eines kühnen Handſtreichs durch die Feinde; der Grund ſchien triftig. Die geſetzgebende Verſammlung bezeichnete den Luxembourg; der Luxembourg, ein florentiniſcher Palaſt von Maria von Medici, mit ſeiner Einſamkeit, mit ſeinen 266 Gärten, Nebenbuhlern von denen der Tuilerien, war eine für einen abgeſetzten König nicht weniger als Cham⸗ bord anſtändige Reſidenz. Man wand die auf die Katakomben gehenden Keller des Palais ein; vielleicht war das nur ein Vorwand der Commune, die den König unter ihrer Hand halten wollte; doch es war ein plauſibler Vorwand. Die Commune ſtimmte alſo für den Tempel Hier⸗ unter verſtand ſie nicht den Thurm des Tempels, ſondern das Palais des Tempels, die ehemalige Komthurei der Chefs des Ordens. Im Augenblicke der Verſetzung, ſpäter ſogar, nach⸗ dem Pötion die königliche Familie in das Palais ge⸗ führt, nachdem ſie ſich hier einquartiert und Ludwig XVI. ſeine Einrichtungen getroffen hat, kommt der Commune eine Denunciation zu, und Manuel wird abgeſchickt, um zum letzten Male die Beſtimmung der Municipalität ab⸗ zuändern und den Thurm dem Schloſſe zu ſubſtituiren. Manuel kommt an, unterſucht das zur Wohnung von Ludwig XVI. und Marie Antoinette beſtimmte Local, und geht ganz beſchämt wieder hinab. Der Thurm war unbewohnbar, diente unr einer Art von Portier zum Aufenthaltsorte, bot nur ungenügend Platz, nur enge Stuben, unſaubere, von Ungeziefer bevölkerte Betten. Es liegt hierin mehr von jenem Verhängniß, das auf den ſterbenden Geſchlechtern laſtet, als von ſchänd⸗ lichem Vorbedachte von Seiten der Richter. Die Nationalverſammlung hatte ihrerſeits nicht ge⸗ feilſcht wegen der Ausgaben für die Küche des Königs. Der König aß viel; das iſt kein Vorwurf, den wir ihm machen: es liegt im Temperamente der Bourbonen, daß ſie große Eſſer ſind; doch er aß zu unſchicklicher Zeit. Er aß, und zwar mit großem Appetit, während man in den Tuilerien ermordete. Nicht nur in ſeinem Proeeſſe warfen ihm die Richter dieſes unzeitige Mahl vor, ſon⸗ der! unv eim der ben pel —— var m⸗ ller der te; ier⸗ ern der ich⸗ V une um ab⸗ en. ung cal, † ker end fer das nd ge g. bm aß eit. in eſſe on⸗ 267 dern auch die Geſchichte, was noch viel ernſter iſt, die unverſöhnliche Geſchichte hat daſſelbe in ihren Archiven einregiſtrirt. Die Nationalverſammlung hatte alſo fünfmalhun⸗ derttauſend Franken für die Tafelausgaben des Königs bewilligt. Während der vier Monate, die der König im Tem⸗ pel blieb, betrug die Ausgabe vierzigtauſend Livres; zehntauſend Franken monatlich; dreihundert dreiunddreißig Franken täglich;— in Aſſignaten allerdings, doch zu jener Zeit verlor man kaum ſechs bis acht Franken auf den Aſſignaten. Ludwig XVI. hatte im Tempel drei Bedienten und dreizehn Mundofficianten. Sein Diner beſtand jeden Tag aus vier Vorgerichten, zwei Braten, jeder von drei Stücken, vier Zwiſchengerichten, zwei Compotes, drei Tellern Früchte, vier Carafons Bordeaux, einem Ca⸗ rafon Malvaſier und einem Carafon Madeira. Er allein mit ſeinem Sohne trank Weinz die Kö⸗ nigin und die Prinzeſſinnen tranken nur Waſſer. Von dieſer Seite alſo, materiell, war der König nicht zu beklagen. Was ihm aber weſentlich fehlte, das waren die Luft, die Bewegung, die Sonne und der Schatten. An die Jagden von Compiogne und Rambouillet, an die Parke von Verſailles und Groß⸗Trianon gewöhnt, ſah ſich Ludwig XVI. plötzlich, nicht auf einen Hof, nicht auf einen Garten, nicht auf eine Promenade, ſondern auf ein dürres, kahles Terrain mit vier Abtheilungen von verwelktem Raſen und einigen jämmerlichen, ver⸗ trümmten, durch den Herbſtwind entblätterten Bäumen beſchränkt. Hier gingen jeden Tag der König und die könig⸗ liche Familie ſpazieren; wir tänſchen uns: hier führte man alle Tage den König und ſeine Familie ſpazieren. Das war unerhört, grauſam, doch weniger grau⸗ 268 ſam, als die unterirdiſchen Gewölbe der Inquiſition in Madrid, als die Bleikammern des Rathes der Zehn in Venedig, als die Kerker des Spielbergs. Man bemerke wohl, wir entſchuldigen ebenſo wenig die Commune, als wir die Könige entſchuldigen; doch wir ſagen: der Tempel war nur eine Repreſſalie, eine furchtbare, ungeſchickte Repreſſalie, denn aus einem Ur⸗ theile machte man eine Verfolgung; aus einem Schul⸗ digen einen Märtyrer. Was war nun der Anblick der verſchiedenen Per⸗ ſonen, denen wir in den Hauptphaſen ihres Lebens zu folgen unternommen haben? Der König mit ſeinem kurzſichtigen Auge, ſeinen ſchlaffen Backen, ſeinem ſchwerfälligen, ſchwankenden Gange, ſah aus wie ein von einem Vermögensunglück betroffener guter Pächter; ſeine Melancholie war die eines Landwirthes, dem ein Gewitter die Scheunen ver⸗ brannt oder ein Hagel das Getreide zu Boden geſchla⸗ gen hat. Die Haltung der Königin war, wie immer, ſteif, hoffärtig, im höchſten Grade herausfordernd; Marie Antvinette hatte zur Zeit ihrer Größe Liebe eingeflößt; zur Stunde ihres Falles flößte ſie aufopfernde Hin⸗ gebungen ein, aber kein Mitleid: das Mitleid entſpringt aus der Sympathie, und die Königin war durchaus nicht ſympathetiſch. Madame Eliſabeth, mit ihrem weißen Kleide, dem Symbole der Reinheit ihres Lebens und ihrer Seele; mit ihren blonden Haaren, welche noch ſchöner gewor⸗ den, ſeitdem ſie ohne Puder flattern mußten; Madame Eliſabeth, mit einem azurblauen Bande um ihre Haube und um ihren Leib, ſchien der Schutzengel der ganzen Familie zu ſein. Madame Royale intereſſirte, trotz der Reize ihres Alters, wenig; ganz Oeſterreicherin, wie ihre Mutter, ganz Maria Thereſia und Marie Antoinette, hatte ſie ſchot köni ſeine ſant von er b Mu zuw Thr hatt mett Pie Exa des entf verl gral lun dem unt bitt von gen her Wo fam die anr in in nig och ine lr⸗ ul⸗ er⸗ len den ück die er⸗ la⸗ if, rie n⸗ gt us m e; r⸗ ne be es r, ie 269 ſchon im Blicke die Geringſchätzung und den Stolz der öniglichen Racen und der Raubvögel. Der kleine Dauphin, mit ſeinen Goldhaaren, mit ſeinem weißen, ein wenig krankhaften Teint, war intereſ⸗ ſant; er hatte nichtsdeſtoweniger ein hart blaues Auge von einem Ausdrucke, der manchmal über ſeinem Alter; er begriff Alles, folgte den Andeutungen, die ihm ſeine Mutter durch einen einzigen Blick gab, und er hatte zuweilen Schelmſtücke von kindiſcher Politik, welche die Thränen ſelbſt den Augen der Henker entlockten. Er hatte ſogar Chaumette gerührt, der arme Knabe! Chau⸗ mette, dieſen Marder mit der ſpitzigen Schnauze, dieſes Vieſel mit der Brille. „Ich werde ihm Erziehung geben laſſen,“ ſagte der Eranwaltsſchreiber zu Herrn Hue, dem Kammerdiener des Königs;„doch man wird ihn von ſeiner Familie entfernen müſſen, damit er die Idee ſeines Rauges verliert.“ Die Commune war zugleich grauſam und unklug: grauſam, indem ſie die königliche Familie mit Mißhand⸗ lungen, Plackereien, Beleidigungen umgab;z unklug, in⸗ dem ſie dieſelbe ſchwach, gebrochen, gefangen, ſehen ließ. Jeden Tag ſchickte ſie neue Wächter in den Tempel, unter dem Namen von Municipalen; ſie traten ein als er⸗ bitterte Feinde des Königs, ſie gingen weg als Feinde von Marie Antvinette, doch faſt alle den König bekla⸗ gend, die Kinder beklagend, Madame Eliſabeth ver⸗ herrlichend. In der That, was ſahen ſie im Tempel, ſtatt des Wolfes, der Wölfin, der Wölflein? Eine brave Bürger⸗ familie, eine etwas ſtolze Mutter, eine Art von Elmire, die nicht duldete, daß man uur den Saum ihres Kleides anrührte;— doch vom Tyrannen keine Spur. Wie verging der Tag dieſer ganzen Familie? Sagen wir es, nach der Erzählung von Clérh. Zuerſt aber richten wir die Augen auf das Ge⸗ 270 fängniß; wir werden ſie ſodann auf die Gefangenen zurücklenken. Der König war in den kleinen Thurm eingeſchloſ⸗ ſen; der kleine Thurm ſtand an den großen angelehnt, ohne eine innere Verbindung; er bildete ein langes Viereck flankirt von zwei Thürmchen; in einem von dieſen Thürmchen war eine kleine Treppe, welche von erſten Stocke ausging und auf eine Gallerie führte; im andern waren Cabinete, welche mit jedem Stocke des Thurmes correſpondirten. Das Hauptgebäude hatte vier Stockwerke. Das erſte beſtand aus einem Vorzimmer, einem Speiſezimmer und einem Cabinet, das im Thürmchen enthalten warz das zweite Stockwerk war ungefähr auf dieſelbe Art ab⸗ getheilt; die größte Stube diente der Königin und den Dauphin als Schlafzimmer; die zweite war von der er⸗ ſten durch ein kleines, faſt dunkles Vorzimmer getremt und wurde von Madame Royale und Madame Eliſabeth bewohnt; man mußte durch dieſe Stube gehen, um in das Cabinet des Thürmchens einzutreten, und dieſes Ca⸗ binet,— nichts Anderes, als das, was die Engländer Watercloſet nennen,— war der königlichen Familie, den Municipalen und den Officieren gemeinſchaftlich. Der König wohnte im dritten Stocke, der dieſelbe Anzahl von Zimmern umfaßte; er ſchlief in der großen Stube; das im Thürmchen enthaltene Cabinet diente ihn als Leſecabinet; auf der Seite war eine Küche, der ein dunkles Gelaß vorherging, welches in den erſten Tagen und ehe ſie vom Könige getrennt worden waren, die Herren Chamilly und Hue bewohnt hatten, und an das ſeit dem Abgange vou Herrn Hue Siegel gelegt wor⸗ den waren. Der vierte Stock war geſchloſſen; das Erdgeſchoß war den Küchen vorbehalten, von denen man keinen Ge⸗ brauch machte. nen loſ⸗ hut, iges von vom im des Das met ar; ab⸗ dem er⸗ ennt beth nin Ca⸗ uder tilie, ſelbe oßen ihn ein agen die das wor⸗ ſchoß 271 Wie lebte nun die königliche Familie in dieſem en⸗ gen Raume, der halb Gefängniß, halb Wohnung? Wir werden es ſogleich ſagen. Der König ſtand gewöhnlich Morgens um ſechs Uhr auf; er raſirte ſich ſelbſt; Cléry friſirte ihn und kleidete ihn anz ſobald er friſirt und angekleidet war, ging er in ſein Leſecabinet, das heißt in die Bibliothek der Ar⸗ chive des Malteſer⸗Ordens, welche fünfzehn⸗ bis ſechzehn⸗ hundert Bände enthielt. Eines Tags bezeichnete der König, als er hier Bü⸗ cher ſuchte, Herrn Hue mit dem Finger die Werke von Voltaire und Rouſſeau. Dann ſagte er mit leiſer Stimme: „Sehen Sie, das ſind die zwei Männer, welche Frankreich ins Verderben geſtürzt haben!“ Hier eintretend, kniete Ludwig XVI. nieder und be⸗ tete fünf bis ſechs Minuten; ſodann las oder arbeitete er bis neun Uhr; während dieſer Zeit brachte Cléry das Zimmer des Königs in Ordnung, bereitete das Frühſtück und ging zur Königin hinab. Run allein, ließ ſich der König nieder und unter⸗ hielt ſich damit, daß er Virgil oder die Oden von Horaz überſetzte; um die Bildung des Dauphin fortzuführen, hatte er ſich ſelbſt wieder auf das Lateiniſche gelegt. Dieſes Gelaß war ſehr klein; die Thüre deſſelben blieb immer offen: der Municipal hielt ſich im Schlaf⸗ zimmer auf und ſah durch die offene Thüre, was der König machte. Die Königin öffnete die Thüre nur, wenn Cléry kam, damit, da ihre Thüre geſchloſſen, der Municipal nicht bei ihr eintreten könnte. Nun machte Cléry dem jungen Prinzen die Haare, er ordnete die Toilette der Königin, und ging in das Zim⸗ mer von Madame Royale und Madame Eliſabeth, um ihnen denſelben Dienſt zu thun. Dieſer, zugleich raſche und koſtbare, Angenblick der Toilette war der, wo Cléry die Königin und die Prinzeſfinen von dem, was er er⸗ fahren hatte, unterrichten konnte. Um neun Uhr gingen die Königin, die zwei Kinder und Madame Eliſabeth zum König hinauf, wo das Früh⸗ ſtück ſervirt war; während des Deſſerts räumte Cléry die Zimmer der Königin und der Prinzeſſinnen auf; ein gewiſſer Tiſon und ſeine Frau waren Cléry beigegeben worden, unter dem Vorwande, ihn im Dienſte zu unter⸗ ſtützen, in Wirklichkeit aber, um die königliche Familie und ſelbſt die Municipale zu beſpähen. Der Mann, ein ehemaliger Schreiber bei den Barrisren, war ein har⸗ ter, boshafter Greis, unfähig irgend eines Gefühles der Humanität; die Fran,— Frau durch die Liebe, welche ſie für ihre Tochter hegte,— trieb dieſe Liebe ſo weit, daß ſie, von ihrer Tochter getrennt, die Königin denun⸗ cirte, um ihre Tochter wiederzuſehen*). Um zehn Uhr Morgens ging der König in das Zim⸗ mer der Königin hinab; hier beſchäftigte er ſich beinahe ausſchließlich mit der Erziehung des Dauphin, ließ ihn einige Stellen aus Corneille oder Racine wiederholen, gab ihm eine Lection in der Geographie und übte ihn im Zeichnen und Tuſchen von Plänen.— Frankreich war ſeit drei Jahren in Departements eingetheilt, und es war beſonders dieſe Geographie des Königreichs, welche der König ſeinem Sohne zeigte. Die Königin ihrerſeits beſchäftigte ſich mit der Er⸗ ziehung von Madame Royale, die ſie zuweilen unter⸗ brach, um in finſtere, tiefe Träumereien zu verfinken; kam dies, ſo überließ ſie Madame Royale ganz ihrem unbekannten Schmerze, der wenigſtens die Wohlthat der *) S. den Chevalier von Maiſon⸗Rouge, der n die Fortſetzung der Gräfin von Charny ildet und in der Ueberſetzung längſi durch das Belle⸗ triſtiſche Ausland veröffentlicht worden iſt. 273 Thränen hatte, entfernte ſich auf den Fußſpitzen und hieß ihren Bruder durch einen Wink ſchweigen; die Königin blieb mehr oder minder lang in ihre Betrachtungen ver⸗ ſunken, es erſchien eine Thräne am Winkel ihres Au⸗ genlides, rollte ihre Wange entlang, fiel auf ihre Hand, die den Ton des Elfenbeins angenommen hatte, und dann fuhr die arme Gefangene,— einen Augenblick frei in dem ungeheuren Gebiete der Gedanken, auf dem erleuchteten Felde ihrer Erinnerungen,— die arme Gefangene, ſa⸗ gen wir, fuhr ungeſtüm aus ihrem Traume auf, ſchaute umher und kehrte, mit geſenktem Haupte und gebroche⸗ nem Herzen, ins Gefängniß zurück. Am Mittag traten die drei Prinzeſſinnen bei Ma⸗ dame Eliſabeth ein, um ihre Morgenkleider auszuziehen; dieſen Augenblick hatte die Schamhaftigkeit der Commune der Einſamkeit vorbehalten: kein Municipal war da. Um ein Uhr, wenn es das Wetter erlaubte, führte man die königliche Familie in den Garten; vier Mu⸗ nicipale und ein Legionschef der Nationalgarde be⸗ gleiteten oder vielmehr überwachten ſie. Da im Tempel eine Menge von Arbeitern war, die man zum Nieder⸗ reißen der Häuſer oder zur Erbauung der neuen Mauern verwendete, ſo konnten die Gefangenen nur einen Theil der Kaſtanienallee benützen.* Cléry war bei dieſen Spaziergängen; er gab dem jungen Prinzen dadurch ein wenig Leibesübung, daß er ihn Ball ſpielen oder mit dem Scheibenwerfen ſich unter⸗ halten ließ. Um zwei Uhr kehrte man wieder in den Thurm zu⸗ rück. Cléry ſervirte das Mittagsmahl; und alle Tage um dieſe Stunde kam Santerre in Begleitung von zwei Adjutanten in den Tempel; er viſitirte dann ängſtlich die beiden Wohnungen des Königs und der Königin. Manchmal redete ihn der König an; die Königin nie; ſie hatte den 20. Juni und das, was ſie dieſem Manne ſchuldig war, vergeſſen. Die Gräfin von Charny. VII. 15 274 Nach dem Mahle ging man wieder in den erſten Stock hinab; der König machte eine Partie Piquet oder Triktrak mit der Königin oder mit ſeiner Schweſter. Um vier ſtreckte ſich der König, um ſeine Sieſta zu machen, auf einer Cauſeuſe oder in einem großen Lehn⸗ ſtuhle aus; da trat die tiefſte Stille ein: die Prinzeſſin⸗ nen nahmen ein Buch oder eine Arbeit, und Jedes blieb unbeweglich, ſelbſt der kleine Dauphin. Ludwig XVI. verſank, faſt ohne Uebergang, vom Wachen in den Schlaf: die phyſiſchen Bedürfniſſe waren, wie geſagt, tyranniſch bei ihm. Der König ſchlief ſo regelmäßig anderthalb bis zwei Stunden. Bei ſeinem Erwachen nahm man die Converſation wieder auf; man rief Cléry, der nie fern war, und Cléry gab dem Dau⸗ phin ſeiue Schreibſtunde; nachdem er ihm dieſe Stunde gegeben, führte er den jungen Prinzen in das Zimmer von Madame Eliſabeth und ließ ihn Ball oder Volant ſpielen. Kam der Abend, ſo ſetzte ſich die ganze Familie um einen Tiſch; die Königin las laut etwas vor, was die Kinder zu unterhalten oder zu belehren geeignet war; Madame Eliſabeth löſte die Konigin ab, wenn dieſe müde wurde. Die Lecture dauerte bis acht Uhr; um acht Uhr ſpeiſte der junge Prinz im Zimmer von Madame Eliſa⸗ beth zu Nacht; die königliche Familie war bei dieſem Mahle anweſend, und der König pflegte dann eine Samm⸗ lung vom Mereure de France, die er in der Bibliv⸗ thek gefunden, zu nehmen und den Kindern Räthſel und Charaden aufzugeben. Nach dem Abendbrode ließ die Königin ihren Sohn folgendes Gebet ſprechen: „Allmächtiger Gott, der Du mich geſchaffen und er⸗ löſet haſt, ich bete Dich an! erhalte die Tage des Königs meines Vaters und die meiner Familie; beſchütze uns gegen unſere Feinde; gib Frau von Tourzel die Kräfte, en e zu n⸗ in⸗ ieb om en em an u⸗ de ler int um die ide h a⸗ em m⸗ o⸗ 275 ſie bedarf, um zu ertragen, was ſie um unſeretwillen eidet.“ Cléry entkleidete ſodann den Dauphin und legte ihn zu Bette, und es blieb eine von den zwei Prinzeſſinnen bei ihm, bis er eingeſchlafen war. Alle Abende kam um dieſe Stunde ein Zeitungscol⸗ vorteur vorüber und rief die Neuigkeiten des Tages aus: Cléry ſtellte ſich auf den Anſtand und theilte hernach dem König die Worte des Ausrufers mit. Um neun Uhr ſpeiſte der König ebenfalls zu Nacht. Cléry brachte auf einem Plateau das Abendbrod der Prinzeſſin, welche beim kleinen Dauphin wachte. Nach beendigtem Mahle ging der König wieder ins Zimmer der Königin, reichte ihr, wie ſeiner Schweſter, die Hand zum Abſchiede, küßte die Kinder, begab ſich in ſein Zimmer, zog ſich in die Bibliothek zurück und las bis um Mitternacht. Die Prinzeſfinnen ihrerſeits ſchloßen ſich in ihrer Wohnnng ein; Einer von den zwei Municipalen blieb in dem kteinen Gelaſſe, das ihre zwei Zimmer trennte; der Andere folgte dem König. Cléry ſtellte ſodann ſein Bett in die Nähe von dem des Königs; doch ehe er ſich niederlegte, wartete Lud⸗ wig XVI., bis der neue Municipale heraufgekommen, um zu wiſſen, wer es war, und ob er ihn ſchon ge⸗ ſehen.— Die Municipale wurden um elf Uhr Mor⸗ gens, um fünf Uhr Abends und um Mitternacht abgelöſt. Dieſe Lebensart, ohne irgend eine Veränderung, dauerte fort, ſo lange der König im kleinen Thurme blieb, das heißt bis zum 30. September. Man ſieht, die Lage war traurig und um ſo mehr bemitleidenswerth, als ſie würdig ertragen wurde; die Feindſeligſten milderten ſich auch bei dieſem Anbticke: ſie kamen, um einen abſcheulichen Tyrannen zu beaufſichtigen, der Frankreich zu Grunde gerichtet, der die Franzoſen nie⸗ dergemetzelt, die Heere der Fremden herbeigeruſen hatte; 276 um eine Königin zu beaufſichtigen, welche die Gierden von Meſſalina mit den Ausſchweifungen von Katha⸗ rina II. verbunden hatte; ſie fanden einen gutherzigen, grau gekleideten Mann, den ſie mit ſeinem Kammerdiener verwechſelten, der gut aß, gut trank, gut ſchlief, Piquet und Triktrak ſpielte, ſeinen Sohn Lateiniſch und Gev⸗ graphie lehrte und ſeine Kinder Charaden auflöſen ließ; — eine Fran, allerdings ſtolz, hoffärtig, aber würdig, ruhig, ergeben, noch ſchön, ihre Tochter im Sticken un⸗ terrichtend, ihrem Sohne Gebete vorſprechend, mit ihren Domeſtiquen ſauft redend und einen Kammerdiener„mein Freund“ nennend. Die erſten Augenblicke gehörten dem Haſſe; Jeder von dieſen Menſchen, der mit Gefühlen der Erbitterung und der Rache gekommen war, fing damit an, daß er dieſen Gefühlen den Lauf ließ; ſodann, allmälig, wurde er von Mitleid gerührt; er, der am Morgen drohend und den Kopf hoch tragend von Hauſe weggegangen, kam Abends betrübt und mit geſenktem Haupte zurück; ſeine Frau erwartete ihn nengierig. „Ah! Du biſt da!“ rief ſie. „Ja,“ antwortete er laconiſch. „Haſt Du den Tyrannen geſehen?“ „Ich habe ihn geſehen.“ „Hat er eine ſehr grimmige Miene?“ „Er gleicht einem Rentier des Marais.“ „Was macht er? er wüthet! er verflucht die Re⸗ publik! er „Er bringt ſeine Zeit damit zu, daß er mit ſeinen Kindern ſtudirt, ſie Lateiniſch lehrt, mit ſeiner Schweſter Piquet ſpielt, Charaden erräth, um ſeine Frau zu be⸗ luſtigen.“ „Der Unglückliche hat alſo keine Gewiſſensbiſſe?“ „Ich habe ihn eſſen ſehen, und er ißt wie ein Menſch, der ein ruhiges Gewiſſen hat; ich habe ihn en a n, er et 0⸗ 6 g n⸗ en in er 9 er de nd n, k; en er e⸗ in n . 277 ſchlafen ſehen, und ich ſtehe Dir dafür, daß ihn der Aly nicht drückt.“ Und die Frau wurde ebenfalls nachdenkend. „Dann iſt er alſo nicht ſo grauſam und ſo ſtrafbar, als man behauptet?“ ſagte ſie. „Strafbar, ich weiß es nicht; grauſam, ich ſtehe Dir dafür, nein; unglücklich, ganz gewiß!“ „Armer Mann!“ rief die Frau. Man vernehme, was geſchah: je mehr die Commune ihren Gefangenen erniedrigte, und je mehr ſie zeigte, daß es im Ganzen ein Menſch war wie ein Anderer, deſto mehr hatten die andern Menſchen Mitleid mit dem⸗ jenigen, welchen ſie als ihres Gleichen erkannten. Dieſes Mitleid äußerte ſich oft unmittelbar gegen den König ſelbſt, gegen den Dauphin, gegen Cléry. Eines Tags war ein Steinhauer beſchäftigt, Löcher in die Mauer des Vorzimmers zu machen, wo ungeheure Riegel angebracht werden ſollten. Während der Arbeiter frühſtückte, beluſtigte ſich der Dauphin damit, daß er mit ſeinem Handwerkzeng ſpielte; da nahm der König aus den Händen des Kindes den Hammer und den Meißel und zeigte ihm, ſelbſt ein geſchickter Schloſſer, auf welche Art man ſich dieſer Dinge bedienen müſſe. Aus dem Winkel, wo er ſaß und ſein Stück Brod und Käſe aß, ſah der Maurer mit Erſtaunen, was vorging. Er war vor dem König und dem Prinzen nicht aufgeſtanden: er ſtand vor dem Menſchen und dem Kinde auf; er näherte ſich, den Mund noch voll, aber den Hut in der Hand, und ſagte zum König: „Nun wohl, wenn Sie aus dieſem Thurme weg⸗ gehen werden, können Sie ſich rühmen, Sie haben an Ihrem eigenen Gefängniß gearbeitet!“ „Ah!“ erwiederte der König,„wann und wie werde ich daraus weggehen?“ Der Danphin fing an zu weinen; der Arbeiter 278 wiſchte ſich eine Thräne ab; der König ließ Hammer und Meißel fallen und kehrte in ſein Zimmer zurück, wo er lange mit großen Schritten auf und abging. An einem andern Tage bezog eine Schildwache, wie gewöhnlich, den Poſten vor der Thüre der Königin; das war ein Vorſtädter, grob, aber reinlich gekleidet. Cléry war allein im Zimmer, mit Leſen beſchäftigt. Die Schildwache betrachtete ihn mit tiefer Aufmerkſamkeit. Nach einem Augenblicke ſtand Cléry, durch ſeinen Dienſt anderswohin gerufen, auf und wollte hinaus⸗ gehen; der Vorſtädter aber, während er das Gewehr präſentirte, ſagte mit leiſer, ſchüchterner, beinahe zittern⸗ der Stimme: „Man paſſirt nicht hier.“ „Warum nicht?“ fragte Cléry. „Weil mir der Befehl vorſchreibt, die Augen auf Sie gerichtet zu haben.“ „Auf mich?“ verſetzte Cléry.„Sie täuſchen ſich ſicherlich.“ „Sind Sie nicht der König?“ „Sie kennen alſo den König nicht?“ „Ich habe ihn nie geſehen, mein Herr; und, wenn ich es ſagen ſoll... ich möchte ihn lieber anderswo, als hier ſehen.“ „Sprechen Sie leiſe,“ ſagte Clérh. Sodann, auf eine Thüre deutend: „Ich will in dieſes Zimmer eintreten, und Sie wer⸗ den den König ſehen er ſitzt an einem Tiſche und lieſt.“ Clöry trat ein und erzählte dem König, was vor⸗ gefallen war; der König ſtand auf und ging von einem Zimmer ins andere auf und ab, damit ihn der brave Mann nach ſeiner Bequemlichkeit ſehen könnte. Nicht bezweifelnd, der König bemühe ſich um ſeinet⸗ willen ſo, ſprach der Vorſtädter zu Cléry: „Ah! mein Herr, wie gut iſt der König! Ich, was = S ind er vie s gt. it. ten 16⸗ hr n⸗ n o, r⸗ ⸗ e ⸗ 279 mich betrifft, kann nicht glanben, daß er all das Böſe gethan hat, was man ſagt.“ Eine andere Schildwache, welche am Ende der Allee ſtand, die der königlichen Familie als Promenade diente, machte den hohen Gefangenen eines Tages be⸗ greiflich, ſie habe ihnen einige Nachrichten zu geben. Beim erſten Gange hatte Niemand das Anſehen, als ſchenkte man ihren Zeichen eine Aufmerkſamkeitz beim zweiten Gange näherte ſich aber Madame Eliſabeth der Schildwache, um zu ſehen, ob ſie mit ihr ſpreche. Un⸗ glücklicher Weiſe, war es Angſt, war es Ehrfurcht, blieb dieſer junge Mann, der ein diſtinguirtes Geſicht hatte, ſtumm: nur rollten zwei Thränen in ſeinen Augen, und er deutete mit ſeinem Finger auf einen Schutthaufen, wo wahrſcheinlich ein Brief verborgen war. Unter dem Vorwande, er ſuche Wurfſteine für den kleinen Prinzen, ſtörte Cléry im Schutte; doch obne Zweifel errathend⸗ was er ſuchte, befahlen ihm die Municipale, ſich zu ent⸗ fernen, und verboten ihm, bei Strafe der Trennung vom Koönig, je wieder mit der Schildwache zu ſprechen. Es zeigten übrigens nicht Alle, die ſich den Ge⸗ fangenen des Tempels näherten, dieſelben Gefühle der Ehrfurcht und des Mitleids: bei Vielen waren der Haß und die Rache ſo tief eingewurzelt, daß ihnen dieſes Schau⸗ ſpiel des königlichen Unglücks mit bürgerlichen Tugenden ertragen ihre Leidenſchaften nicht ausreißen konnte, und zuweilen hatten der König und die Königin Grobheiten, Beleidigungen, Beſchimpfungen ſogar zu erdulden. Eines Tags war der Municipal vom Dienſte beim König ein gewiſſer James, Profeſſor der engliſchen Sprache; dieſer Menſch hatte ſich an den König wie ſein Schatten angehängt und verließ ihn nicht. Der König trat in ſein Leſerabinet ein⸗ der Municipal trat hinter ihm ein und ſetzte ſich zu ihm. „Mein Herr,“ ſagte nun der König zu ihm mit ſeiner gewöhnlichen Sanftmuth⸗„Ihre Collegen pflegen mich 280 in dieſem Zimmer allein zu laſſen, weil ich. da die it immer offen bleibt, ihren Blicken nicht entgehen ann.“ „Meine Collegen handeln nach ihrem Belieben,“ antwortete James,„und ich nach dem meinen.“ „Bemerken Sie gefälligſt, mein Herr: dieſes Zim⸗ mer iſt ſo klein, daß es unmöglich iſt, zu zwei hier zu bleiben,“ entgegnete der König. „Dann gehen Sie in ein größeres,“ erwiederte un⸗ geſchlacht der Municipal. Der König ſtand auf, ohne etwas zu ſagen, und kehrte in ſein Schlafzimmer zurück, der Lehrer der eng⸗ liſchen Sprache folgte ihm auch dahin und hielt ihn elagert bis zu dem Augenblicke, wo er abgelöſt wurde. Am Morgen hielt der König den Municipal, der die Wache hatte, für den, welchen er am vorhergehenden Tage geſehen; wir haben geſagt, um Mitternacht ſeien die Municipale gewöhnlich gewechſelt worden. Er ging auf ihn zu und ſprach zu ihm mit einer Miene der Theilnahme: „Ah! mein Herr, ich bedaure ſehr, daß man Sie abzulöſen vergeſſen hat.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte ungeſchlacht der Municipal. „Damit will ich ſagen, Sie müſſen müde ſein.“ „Mein Herr,“ erwiederte dieſer Menſch, der Meu⸗ nier hieß,„ich komme hierher, um das, was Sie thun, zu überwachen, und nicht, damit Sie ſich um das be⸗ kümmern, was ich thue.“ Hienach drückte er ſeinen Hut in den Kopf, näherte ch dem König und fügte bei: „Niemand, und Sie weniger als irgend Jemand, hat das Recht, ſich darein zu miſchen.“ Einmal wagte es die Königin auch, ein Wort an einen Municipal zu richten. „Welches Quartier bewohnen Sie?“ fragte ſie einen — — er ie ht ⸗ 1, e⸗ 281 von den Männern, die bei ihrem Mittagsmahle an⸗ weſend waren. „Das Vaterland!“ antwortete dieſer ſtolz. „Mir ſcheint, das Vaterland iſt Frankreich?“ entgegnete die Königin. „Außer dem von⸗ dem. Feinde, den Sie dahin ge⸗ rufen, beſetzten Theile.“ Einige von den Commiſſären ſprachen nie mit dem König, der Königin, den Prinzeſſinnen, obne ein obſcönes Epitheton oder einen groben Fluch beizufügen. Eines Tages ſagte ein Municipal, Namens Turlot zu Cléry laut genug, daß der König nicht ein Wort von dieſer Drohung verlor: „Würde der Henker dieſe verfluchte Familie nicht guillotiniren, ſo würde ich ſie ſelbſt guillotiniren!“ Wenn ſie ſich auf die Promenade begaben, muß⸗ ten der König und die königliche Familie an einer gro⸗ ßen Anzahl Schildwachen vorübergehen, von denen meh⸗ rere ſogar in das Innere des Thurmes geſtellt waren. Gingen die Legionschefs und die Municipale vorbei, ſo präſentirten die Schildwachen das Gewehr, kam aber der König vorüber, ſo ſetzten ſie das Gewehr bei Fuß oder drehte ihm den Rücken zu. Daſſelbe war der Fall bei den Wachen vom äußeren Dienſte, welche unter dem Thurme ſtanden; paſſirte der König, ſo bedeckten und ſetzten ſie ſich; kaum waren aber die Gefangenen vorüber, ſo ſtanden ſie auf und entblößten ſich. Die Beſchimpfer gingen weiter: nicht damit zufrie⸗ den, daß ſie das Gewehr vor den Municipalbeamten und den Officieren präſentirten und es vor dem König nicht präſentirten, ſchrieb eine Schildwache an die innere Seite der Thüre des Gefängniſſes: „Die Guillotine iſt permanent und erwartet den Tyrannen Ludwig XVI.“ Das war eine neue Erfindung, welche großen Suc⸗ 232 ceß erhielt; die Schildwache fand auch Nachahmer; bald waren alle Wände des Tempels, und beſonders die der Treppe, welche die königliche Familie auf und abſtieg, bedeckt mit Inſchriften in der Art von folgenden: „Madame Veto wird daran müſſen!“ „Wir werden das dicke Schwein auf Diät zu ſetzen wiſſen“ „Nieder mit dem rothen Bande! man muß die klei⸗ nen Wölfe erwürgen!“ Andere Inſchriften, ſowie eine Schrift unter einer Gravure bezeichneten eine bedrohliche Abſicht. Eine von dieſen Zeichnungen ſtellte einen Mann unter einem Galgen vor; darunter waren die Worte geſchrieben: „Ludwig ein Luftbad nehmend.“ Doch die zwei grimmigſten Quäler waren zwei Mitbewohner des Tempels: der Eine der Schuſter Simon, der Andere der Sapeur Rocher. Simon cumulirte: er war nicht nur Schuſter, ſon⸗ dern auch Municipal, nicht nur Municipal, ſondern auch einer von den ſechs Commiſſären, welche beauftragt wa⸗ ren, die Arbeiten und die Appartinentien des Tempels zu beaufſichtigen. Unter dieſem dreifachen Titel verließ er den Thurm nicht. Dieſer Menſch, den ſeine an dem königlichen Kinde verübten Grauſamkeiten berühmt gemacht haben, war die perſonificirte Beſchimpfung: ſo oft er vor den Gefange⸗ nen erſchien, geſchah es, um ihnen einen neuen Schimpf anzuthun. Forderte der Kammerdiener etwas im Ramen des Königs, ſo ſagte er: „Nun, Capet verlange auf ein Mal Alles, was er braucht; ich habe nicht Luſt, mir für ihn die Mühe zu machen, ein zweites Mal hinaufzuſteigen.“ Rocher bildete ſein Seitenſtück; das war indeſſen kein böſer Menſch; am 10. Auguſt hatte er vor der ald der ieg, zen lei⸗ ner unn rte wei on, n⸗ uch ⸗ els eß de ie e⸗ pf es er u Z 283 Thüre der Nationalverſammlung den jungen Dauphin in ſeine Arme genommen⸗ und ihn ſodann auf das Bureau des Präſidenten geſetzt. Rocher wurde vom Sattler, was er war, Officier beim Heere von Santerre, ſodann Portier vom Thurme des Tempels, er trug ge⸗ wöhnlich die Uniform eines Sapeur, mit langem Barte, eine ſchwarze Bärenmütze auf dem Kopfe, einen breiten Säbel an der Seite, und um den Leib einen Güttel, an dem ein Schlüſſelbund hing. Er war von Mannel dahin geſetzt worden, eher um über den König und die Königin zu wachen, eher um es zu verhüten, daß man ihnen Böſes anthue, als um ihnen ſelbſt Böſes anzuthun; er glich einem Kinde, dem man einen Käfich mit Vögeln zu bewachen gibt, mit der Ermahnung, dafür beſorgt zu ſein, daß man ſie nicht plage, das ihnen aber, um ſich zu zerſtreuen, ſelbſt die Federn ausreißt. Verlangte der König hinabzugehen, ſo war es Rocher, der vor der Thüre erſchien; doch er öffnete erſt, nachdem der König lange gewartet hatte, und raſſelte mit einem großen Schlüſſelbunde, während der König wartete; dann zog er die Riegel mit Geräuſche; waren die Riegel ge⸗ zogen, die Thüre geöffnet, ſo ſtieg er haſtig hinab und ſtellte ſich mit einer Pfeife im Munde an das letzte Pfört⸗ chen; hier blies er jeder Perſon von der königlichen Familie, beſonders den Frauen, eine Tabakswolke unter die Naſe. Dieſe Riederträchtigkeiten hatten zu Zeugen die Nationalgarden, welche, ſtatt den Plackereien entgegen⸗ zutreten, häufig Stühle nahmen und ſich wie Zuſchaner vor ein Theater ſetzten. Das ermuthigte Rocher; er ging überall umher und ſagte: „Marie Antoinette ſpielte die Stolze; doch ich habe ſie wohl gezwungen, ſich zu demüthigen! Eliſabeth und die Kleine machen mir unwillkürlich einen Knicks: 284 der Einlaß iſt ſo nieder, daß ſie ſich wohl vor mir bücken müſſen!“ Dann fügte er bei: „Jeden Tag flankire ich den Einen oder den Andern eine Wolke von meiner Pfeife an die Naſe. Die Schwe⸗ ſter fragte kürzlich unſere Commiſſäre:„„Warum raucht der Rocher immer?““„Offenbar, weil es ihm ge⸗ fällt,““ antworteten ſie. Es gibt bei allen großen Sühnungen, außer der Strafe, welche über die Miſſethäter verhängt wird, den Menſchen, der den Verurtheilten die Hefe und die Galle trinken läßt:— für Ludwig XVI. heißt er Rocher oder Simon; für Napoleon heißt er Hudſon Lowe. Doch wenn der Verurtheilte ſeine Strafe erlitten, wenn der Miſſethäter mit dem Leben geendigt hat, dann ſind es dieſe Menſchen, die ſeine Strafe poetiſiren, die ſeinen Tod heiligen! Wäre St. Helena St. Helena ohne den Ker⸗ kermeiſter mit dem rothen Rocke? Wäre der Tempel, der Tempel ohne ſeinen Sapeur und ſeinen Schuſter? Das ſind die wahren Perſonen der Legende; ſie ge⸗ hören mit Recht zu den langen, düſtern Volkserzählungen. So unglücklich aber auch die Gefangenen ſein moch⸗ ten, es blieb ihnen ein ungeheurer Troſt: ſie waren ver⸗ einigt. Die Commune beſchloß, den König von ſeiner Familie zu trennen. Am 26. September, fünf Tage nach der Procla⸗ mation der Republik, erfuhr Cléry durch einen Munici⸗ palbeamten, die Wohnung, die man für den König im großen Thurme beſtimme, werde bald bereit ſein. Von Schmerz durchdrungen, theilte Cléry dieſe trau⸗ rige Nachricht ſeinem Herrn mit; der König ſagte aber mit ſeinem gewöhnlichen Muthe: „Suchen Sie zum Voraus den Tag dieſer pein⸗ lichen Trennung zu erfahren, um mich davon zu unter⸗ richten.“ i ein, Kön nicin kam den zu den fan Wo Eu ein blei Be ſie fol die noe ſetz de 285 Zum Unglücke erfuhr Cléry nichts, und er konnte dem cken König nichts mehr ſagen. Am 29., Morgens um zehn Uhr, traten ſechs Mu⸗ nicipale ins Zimmer der Königin in dem Augenblicke ern ein, wo die ganze Familie hier verſammelt war; ſie we⸗ kamen, Inhaber eines Beſchluſſes der Commune, um cht den Gefangenen Papier, Tinte, Federn und Bleiſtifte ge zu nehmen. Es wurde eine Durchſuchung nicht nur in den Zimmern, ſondern ſelbſt an den Perſonen der Ge⸗ der fangenen vorgenommen. den„Braucht Ihr etwas,“ ſagte derjenige, welcher das Wort führte und den man Charbonnier nannte,„ſo wird er Euer Kammerdiener hinabgehen und Eure Geſuche in och ein Regiſter einſchreiben, das im Zimmer des Rathes det bleiben ſoll.“ eſe Weder der König, noch die Königin machten eine od Bemerkung; ſie durchſtörten ſich und gaben Alles, was et⸗ ſie bei ſich hatten; die Prinzeſſinnen und die Damen e, flgten ihrem Beiſpiele. Nun erſt erfuhr Cléry durch ein paar Worte, ge⸗ die er bei einem Municipal erlauſchte, der König werde en. voch an demſelben Abend in den großen Thurm ver⸗ ch ſetzt werden; er ſagte es Madame Eliſabeth, welche es er⸗ dem König mittheilte. . Nichts Neues ereignete ſich bis zum Abend. Bei er jedem Geräuſche, bei jeder Thüre, die man öffnete, zuckten die Herzen der Gefangenen, und ihre ausgeſtreckten la⸗ Hände verbanden ſich in einem angſtvollen Drucke. ci⸗ Der König blieb länger als gewöhnlich im Zimmer im der Königin, doch er mußte ſie verlaſſen. Endlich öffnete ſich die Thüre: die ſechs Mnnicipale, welch m Morge gemmen waren, kehrten mit einem e mneen Beſchluſſe der Commune zurück, den ſie dem König orlaſen: es war der officielle Befehl ſeiner Verſetzung in⸗ in den großen Thurm. er⸗ Diesmal verließ den König ſeine Unempfindlichkeit. 286 Wohin ſollte ihn dieſer neue Schritt auf dem entſetzlichen, finſteren Wege führen? Es war das Geheimnißvolle, das Unbekannte, was man betrat; man betrat es auch mit Schauern und mit Thränen. Der Abſchied war lang und ſchmerzlich. Endlich ſah ſich der König genöthigt, den Municipalen zu folgen. Nie hatte die Thüre, ſich hinter ihm ſchließend, einen ſo grauenvollen Ton von ſich zu geben geſchienen. Man hatte ſich ſo ſehr beeilt, den Gefangenen die⸗ ſen neuen Schmerz aufzulegen, daß die Wohnung, in die man den König führte, noch nicht fertig war; es befanden ſich nur ein Bett und zwei Stühle darin; ganz friſch, gaben die Malerei und das Ankleben der Woh⸗ nung einen unerträglichen Geruch. Der König ſetzte ſich nieder, ohne ſich zu beklagen. Cléry brachte die Nacht auf einem Stuhle bei ihm zu. Cléry ſtand auf und kleidete den König nach ſeiner Gewohnheit an; dann wollte er ſich in den kleinen Thurm begeben, um den Dauphin anzukleiden: man widerſetzte fich, und einer der Municipale, Namens Véron, ſagte zu ihm: „Ihr werdet keinen Verkehr mehr mit den anderen Gefangenen haben; der König wird ſeine Kinder nicht mehr ſehen.“ Diesmal hatte Cléry nicht den Muth, die unſelige Kunde ſeinem Herrn mitzutheilen. Um neun Uhr verlangte der König, der nichts von der Strenge des Beſchluſſes wußte, zu ſeiner Familie geführt zu werden. „Wir haben keinen Befehl in dieſer Beziehung,“ ſagten die Commiſſäre. Der König beharrte bei ſeinem Verlangen; doch ſie antworteten nicht und zogen ſich zurück. Der König blieb allein mit Cléry; der König ſitzend Cléry an die Wand angelehnt; Beide waren nieder⸗ geſchlagen,* en, das mit lich en. ſo ie⸗ in inz oh⸗ en. zu. ner rm ste gte ge s lie ſie d, ⸗ 287 Eine halbe Stunde nachher traten zwei Municipale ein; ein Kellner aus einem Kaffeehauſe folgte ihnen und brachte dem König ein Stück Brod und eine Limonade. „Meine Herren,“ fragte der König,„könnte ich nicht mit meiner Familie zu Mittag ſpeiſen?“ „Wir werden die Befehle der Commune einholen,“ antwortete Einer von ihnen. „Aber wenn ich nicht hinabgehen kann, ſo kann doch mein Kommerdiener hinabgehen? Er trägt Sorge für meinen Sohn, und es gibt hoffentlich kein Hinderniß, daß er ihn zu bedienen fortfahre?“ Der König verlangte die Sache ſo einfach und ſo wenig leidenſchaftlich, daß dieſe Menſchen, ganz erſtaunt, nicht wußten, was ſie antworten ſollten; dieſer Ton, dieſe Manieren, dieſer reſignirte Schmerz waren ſo fern von dem, was ſie erwarteten, daß ſich eine Art von Blendung ihrer bemächtigte. Sie beſchränkten ſich darauf, daß ſie antworteten, das hänge nicht von ihnen ab, und entfernten ſich. Cléry war unbeweglich, ſeinen Herrn mit einer tiefen Bangigkeit betrachtend, bei der Thüre geblieben; er ſah den König das Brod nehmen, das man ihm ge⸗ bracht hatte, und es entzwei brechen. Der König bot ihm ſodann die Hälfte davon an und ſagte: „Mein lieber Cléry, es ſcheint, ſie haben Ihr Frühſtück vergeſſen; nehmen Sie die Hälfte von mei⸗ un Brode; ich werde an der andern Hälfte genng aben.“ Cléry weigerte ſich; als aber der König in ihn drang, nahm er es an; nur konnte er ſich, während er es nahm, des Schluchzens nicht erwehren. Selbſt der König weinte. Um zehn Uhr brachte ein Municipal die Handwerks⸗ lente, welche an der Wohnung arbeiteten; da näherts 288 ſich dieſer Municipal dem König mit einem gewiſſen Mitleiden und ſprach: „Mein Herr, ich habe dem Frühſtücke Ihrer Fa⸗ milie angewohnt, und ich bin beauſtragt, Ihnen zu ſa⸗ gen, daß ſich Jedermann wohl befindet.“ Da fühlte der König, wie es ihm linder und leichter ums Herz wurde; das Mitleid dieſes Mannes that ihm wohl. „Ich danke Ihnen,“ erwiederte er,„und ich bitte Sie, hiegegen meiner Familie Nachricht von mir zu geben und ihr zu ſagen, ich befinde mich auch wohl. Könnte ich nun nicht einige Bücher haben, mein Herr, die ich im Zimmer der Königin gelaſſen? In dieſem Falle würden Sie mir das Vergnügen machen, ſie mir zu ſchicken.“ Der Municipal war ganz hiemit einverſtanden; doch er fühlte ſich ſehr in Verlegenheit, da er nicht leſen konnte. Endlich geſtand er ſeine Verlegenheit Cléry und bat denſelben, ihn zu begleiten, damit er ſelbſt die Bücher erkenne, die der König zu haben wünſchte. Cléry war überglücklich: das bot ihm ein Mittel, der Königin Rachricht von ihrem Gemahl zu bringen. Ludwig XVI. machte ihm ein Zeichen mit den Au⸗ genz dieſes Zeichen enthielt eine ganze Welt von Em⸗ pfehlungen. Elöry fand die Königin in ihrem Zimmer mit Ma⸗ dame Eliſabeth und ihren Kindern. Die Frauen weinten;— der kleine Dauphin hatte auch angefangen zu weinen, doch die Thränen verſiegen raſch in den Augen der Kinder. Als ſie Clérh eintreten ſahen, ſtanden die Königin, Madame Eliſabeth und Madame Royal auf und befragten ihn, nicht mit der Stimme, ſondern mit der Geberde. Der kleine Dauphin lief auf ihn zu und ſagte: „Da iſt mein guter Cléry!“ Leider konnte Cléry nur behutſam ein paar Worte ſage ihm halt und dem eini ten die haſſi ten ſchr jeni wer fah i cipe ſin dieſ den der FCli Sc ein ie el, U⸗ n⸗ d te en in, en te 289. ſagen; zwei Municipale, die ihn begleitet, waren mit ihm im Zimmer. Die Königin aber vermochte nicht mehr an ſich zu halten, ſie wandte ſich unmittelbar an die Municipale und rief: „Oh! meine Herren, geſtatten Sie, daß wir mit dem König zuſammenſein können, und wäre es nur einige Augenblicke am Tage und zur Stunde des Mahles.“ Die anderen Frauen ſagten nichts, aber ſie falte⸗ ten die Hände. „Meine Herren,“ ſprach der Dauphin,„haben Sie die Gefälligkeit, meinen Vater zu uns zurückkommen zu laſſen, und ich werde zum guten Gotte für Sie beten.“ Die Municipale ſchauten ſich an, ohne zu antwor⸗ ten; dieſes Stillſchweigen machte Schluchzen und Ge⸗ ſchrei aus der Bruſt der Frauen hervorbrechen. „Ah! bei meiner Treue mir gleichviel!“ ſagte der⸗ jenige, welcher mit dem König geſprochen hatte;„ſie werden heute noch mit einander zu Mittag eſſen.“ „Aber morgen?“ fragte die Königin. „Madame,“ antwortete der Municipal.„unſer Ver⸗ fahren iſt den Beſchlüſſen der Commune untergeordnet. Morgen werden wir thun, was die Commune befiehlt. Iſt das auch Deine Anſicht, Bürger?“ fragte der Muni⸗ cipal ſeinen Collegen. Dieſer machte mit dem Kopfe ein Zeichen der Bei⸗ ſtimmung.. Die Königin und die Prinzeſſinnen, welche auf dieſes Zeichen mit Bangigkeit warteten, gaben einen Freu⸗ denſchrei von ſich. Marie Antoinette nahm ihre beiden Kin⸗ der in ihre Arme und preßte ſie an ihr Herz; Madame Eliſabeth erhob die Hände zum Himmel und dankte Gott. Dieſe Freude, die ſo unerwartet, daß ſie ihnen Schreie und Thränen entriß, hatte faſt das Anſehen eines Schmerzes. die Gräfin von Charnh. VII. 19 290 Einer von den Municipalen konnte ſeine Thränen 6 zurückhalten, und Simon, der gegenwärtig war, vief „Ich glaube, dieſe Halunkenweiber wollen mich weinen machen!“ Dann wandte er ſich an die Königin und ſagte: „Ihr weintet nicht ſo, als Ihr das Volk am 10. Auguſt ermordetet!“ „Oh! mein Herr,“ erwiederte die Königin,„das Volk iſt über unſere Gefühle ſehr getäuſcht! Wenn es uns beſſer kennete, würde es thun wie dieſer Herr; es würde über uns weinen!“ Eléry nahm die vom König verlangten Bücher und ging wieder hinaufz es drängte ihn, dem König die frohe Nachricht zu verkündigen; doch die Municipale hatten faſt eben ſo große Eile als er;— es iſt ſo gut, gut zu ſein.“ Man ſervirte das Mittagsmahl beim König; die ganze Familie wurde dahin geführt: man hätte denken ſollen, es ſei ein Feſtmahl; einen Tag gewinnend, glaubte man Alles gewonnen zu haben. Man hatte in der That Alles gewonnen, denn man hörte nichts mehr von dem Beſchluſſe der Commune, und fortwährend, wie vorher, ſah der König ſeine Fa⸗ milie am Tage und nahm ſeine Mahle mit ihr ein. nen ar, mich 10. „das nes und die pale gut, die nken end, man une, F 291 cLXVIM. Wwo Meiſter Gamain wiedererſcheint. Am Morgen deſſelben Tages, wo dieſe Dinge im Tempel vorgingen, erſchien ein Mann, bekleidet mit einer Carmagnole und einer rothen Mütze, geſtützt auf eine Krücke, die ihm in ſeinem Gange Beiſtand lei⸗ ſtete, im Juſtizminiſterium. Roland war ſehr zugänglich; doch ſo zugänglich er war, er ſah ſich genöthigt,— als ob er Miniſter einer Monarchie geweſen wäre, ſtatt Miniſter einer Republik zu ſein,— er ſah ſich genöthigt, Huiſſiers in ſeinem Vor⸗ zimmer zu haben. Der Mann mit der Krücke, der Carmagnole und der rothen Mütze mußte alſo im Vorzimmer anhalten dem Huiſſier, der ihm den Weg verſperrte und ihn ragte: „Was wünſchen Sie, Bürger?“ „Ich wünſche mit dem Bürger Miniſter zu ſprechen,“ antwortete der Mann mit der Carmagnole. Seit vierzehn Tagen war der Titel Bürger und Bürgerin der Benennung Herr und Madame ſub⸗ ſtituirt worden. Die Huiſſier ſind immer Huiſſiers, das heißt ſehr unverſchämte Perſonen: wir meinen hier die Huiſſiers der Miniſterien. 3 Der Huiſſier erwiederte mit einem Protectorstone: „Mein Freund, erfahren Sie Eines: daß man nicht nur ſo den Bürger Miniſter ſpricht.“ „Und wie ſpricht man denn den Bürger Miniſter, Bürger Huiſſier?“ 292 „Man ſpricht ihn, wenn man einen Andienzbrief a 24 „Ich glaubte, es ſei ſo, wie Sie ſagen, unter der Regiernng des Tyrannen gegangen, doch unter der Re⸗ publik, in einer Zeit, wo ſich alle Menſchen gleich ſind, ſei man weniger ariſtokratiſch.“ Dieſe Bemerkung machte den Huiſſier nachdenken. „Sehen Sie,“ fuhr der Mann mit der rothen Mütze, der Carmagnole und der Krücke fort,„ſehen Sie, es iſt nicht beluſtigend, von Verſailles zu kommen, um einem Miniſter einen Dienſt zu thun, und nicht von ihm empfangen zu werden.“ „Sie kommen, um dem Bürger Roland einen Dienſt zu thun?“ „Ein wenig.“ „Und welche Art von Dienſt wollen Sie ihm thun?“ „Ich will ihm eine Verſchwörung anzeigen.“ „Gut! wir haben Verſchwörungen bis über die Ohren.“ „Ah!“ „Sie kommen deshalb von Verſailles?“ a. „Nun, Sie können nach Verſailles zurückkehren.“ „Wohl, ich werde zurückkehren; doch Ihr Miniſter wird es bereuen, mich nicht empfangen zu haben.“ „Ei! das iſt der Befehl... Schreiben Sie ihm und kommen Sie mit einem Andienzbriefe wieder; dann wird das von ſelbſt gehen.“ „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Es iſt mein letztes Wort.“ „Wie es ſcheint, iſt es ſchwieriger, zum Bürger Roland hineinzukommen, als es war, zu Seiner Maje⸗ ſtät König Ludwig XVI. zu kommen!“ „Wie ſo?“ „Ich ſage, was ich ſage.“ „Run, was ſagen Sie?“ nig me ode kei ſte rief der Re⸗ nd, hen hen en, on nſt 293 „Ich ſage, daß es eine Zeit gab, wo ich beim Kö⸗ nig eintrat, wie ich wollte.“ „Sie?“ „Und ich brauchte zu dieſem Ende nur meinen Na⸗ men zu nenuen.“ „Wie heißen Sie denn? König Friedrich Wilhelm oder Kaiſer Franz?“ „Nein, ich bin kein Tyrann, kein Sklavenhändler, kein Ariſtokrat; ich bin ganz einfach Vicglas Claude- Gamain, Meiſter über Meiſter. i 1 E „Mei 7 „In der Schloſſerei. Sie kennen Nicolas Claude Gamain, den ehemaligen Schloſſermeiſter von Herrn Capet, nicht?“ „Ah! wie! Sie ſind es Bürger, der..2. „Nicolas Claude Gamain.“ „Schloſſer des Exkönigs?“ „Das heißt, ſein Meiſter in der Schloſſerei, ver⸗ ſtehen Sie wohl, Bürger?“ „Das will ich ſagen.“ „Ich bin es in Fleiſch und Knochen.“ Der Huiſſier ſchaute ſeine Kameraden an, als wollte er ſie befragen; dieſe antworteten durch ein bejahendes Zeichen. „Das iſt etwas Anderes,“ ſagte der Huiſſier. „Was verſtehen Sie unter dem: das iſt etwas Anderes?“ „Ich verſtehe darunter, Sie haben Ihren Namen auf ein Stück Papier zu ſchreiben, und ich werde die⸗ ſen Namen dem Bürger Miniſter vorlegen.“ „Schreiben? Ah! ja wohl, ſchreiben! das war ſchon nicht meine Stärke, ehe mich dieſe Schurken ver⸗ giftet hatten; nun aber iſt es noch ſchlimmer! Sehen Sie, wie mich der Arſenik zugerichtet hat!“ fügte Ga⸗ main bei.. Und er zeigte ſeine verdrehten Beine, ſeinen ver⸗ 294 krümmten Rückgrath und ſeine wie eine Klaue zuſammen⸗ gezogene Hand. „Wie! ſie haben Sie ſo zugerichtet, mein armer Mann?“ „Sie ſelbſt! und das iſt es, was ich dem Bürger Miniſter anzeigen will, und noch viel Anderes.— Da man ihm ſeinen Proceß machen ſoll, dieſem Schufte Capet, ſo wird das, was ich zu ſagen habe, unter den Umſtänden, in denen man ſich befindet, vielleicht für die Nation nicht verloren ſein.“ „Nun, ſo ſetzen Sie ſich und warten Sie, Bür⸗ ger; ich will Ihren Namen dem Bürger Miniſter zu⸗ kommen laſſen.“ Und der Huiſſier ſchrieb auf ein Stück Papier: „Clande Nicolas Gamain, ehemaliger Schloſſer⸗ meiſter des Königs, bittet den Bürger Miniſter um eine unmittelbare Audienz wegen einer wichtigen Offenba⸗ rung.“ Dann übergab er das Papier einem ſeiner Kame⸗ raden, deſſen ſpecieller Anftrag es war, zu melden. Nach fünf Minuten kam der Kamerad zurück und agte: „Folgen Sie mir, Bürger.“ Gamain machte eine Anſtrengung, die ihm einen Schmerzensſchrei entriß, ſtand auf und folgte dem Huiſſier. Der Huiſſier führte Gamain nicht in das Cabinet des officiellen Miniſters, des Bürgers Roland, ſondern in das Cabinet des wirklichen Miniſters, der Bürgerin Roland. Das war ein ſehr einfaches kleines Zimmer, mit einer grünen Tapete ausgeſchlagen und nur erlenchtet durch ein einziges Fenſter, in deſſen Vertiefung, an einem Tiſchchen ſitzend, Madame Roland arbeitete. Roland ſtand am Kamine. Der Huiſſier meldete den Bürger Nicolas Claude Ga ſchi ſein ein heit als und den gef der un lar en⸗ mer ger fte den die ür⸗ zu⸗ er⸗ ine a⸗ e en er. et rn in tit. tet m 295 Gamain, und der Bürger Nicolas Claude Gamain er⸗ ſchien an der Thüre. Der Schloſſermeiſter hatte nie, ſelbſt in der Zeit ſeiner beſſern Geſundheit und ſeines höchſten Glückes, ein ſehr vortheilhaftes Aeußere gehabt; doch die Krank⸗ heit, der er preisgegeben, und die nichts Anderes war, als ein Gliederfluß, hatte ſeine Glieder verkrümmend und ſein Geſicht verzerrend, wie man leicht begreift, Annehmlichkeiten ſeiner Phyſiognomie nichts bei⸗ gefügt. So kam es, daß, als der Huiſſier die Thüre wie⸗ der hinter ihm geſchloſſen, nie ein ehrlicher Mann,— und man muß ſagen, Niemand verdiente mehr als Ro⸗ land den Titel eines ehrlichen Mannes— ſo kam es, ſagen wir, daß nie ein ehrlicher Mann mit ruhigem, heiterem Geſichte ſich einem Schufte mit gemeinerem, abſcheulicherem Geſichte gegenüber befunden hatte. Das erſte Gefühl, das den Miniſter ergriff, war das eines tiefen Widerwillens. Er betrachtete den Bür⸗ ger Gamain vom Kopfe bis zu den Füßen, und als er ſah, daß er auf ſeiner Krücke zitterte, da machte ein Gefühl des Mitleids für das Ungemach von ſeines Glei⸗ chen,— angenommen, der Bürger Gamain ſei des Miniſters Gleichen beizuzählen geweſen,— ein Gefühl des Mitleids machte, daß das erſte Wort, welches der Miniſter an den Schloſſer richtete, war: ſe„Setzen Sie ſich, Bürger, Sie ſcheinen leidend zu ein.“ „Ich glaube wohl, daß ich leidend bin!“ erwiederte Gamain, während er ſich ſetzte;„das iſt ſo, ſeitdem die Oeſterreicherin mich vergiftet hat.“ Bei dieſen Worten zog ein Ausdruck tiefen Ekels über das Geſicht des Miniſters, und er wechſelte einen Blick mit ſeiner Frau, welche in der Fenſtervertiefung faſt verborgen war. 296 „Und um mir dieſe Vergiftung anzuzeigen, ſind Sie gekommen?“ ſagte Roland. „Um Ihnen dies und Anderes anzuzeigen.“ „Bringen Sie den Beweis für Ihre Anzeigen?“ „Ah! was das betrifft,... Sie brauchen nur mit mir in die Tuilerien zu kommen, und Sie werden den Schrank ſehen.“ „Welchen Schrank?“ „Den Schrank, in dem dieſer Schurke ſeinen Schat verbarg.. Oh ich hätte es vermuthen müſſen, als die Oeſterreicherin, nachdem die Arbeit beendigt war, mit ihrem duckmänſeriſchen Tone zu mir ſagte:„„Ga⸗ main, Sie haben warm; trinken Sie dieſes Glas Wein: es wird Ihnen wohl thun!““ Ich hätte vermuthen müſ⸗ ſen, daß es vergiftet war!“ „Vergiftet?“ „Ja. Ich wußte doch,“ ſprach Gamain mit dem Ausdrucke finſteren Haſſes,„ich wußte doch, daß die Menſchen, welche Königen Schätze verbergen helfen, nicht lange leben.“ Roland näherte ſich ſeiner Frau und befragte ſie mit den Augen. „Es iſt etwas im Grunde von Allem dem,“ ſagte ſie;„ich erinnere mich nun des Namens von dieſem Men⸗ ſchen: es iſt der Schloſſermeiſter des Königs.“ „Und dieſer Schrank?“ „Nun, fragen Sie ihn, wie es mit dieſem Schranke ei „Wie es mit dieſem Schranke ſei?“ verſetzte Ga⸗ main, der gehört hatte.„Ah! ich will es Ihnen ſagen! Das iſt ein eiſerner Schrank mit einem Schloſſe, das auf zwei Seiten zu öffnen iſt, und in dieſem Schranke verbarg der Bürger Capet ſein Geld und ſeine Papiere.“ woher kennen Sie die Exiſtenz dieſes Schran⸗ kes?“ „Dadurch, daß er mich und meinen Geſellen in nur den hatz als ar, Ha⸗ in: üſ⸗ em die en, ſie gte en⸗ 297 Verſailles holen ließ, um ihm ein Schloß in den Gang zu bringen, das er ſelbſt gemacht hatte, und das nicht ing.“ .„Dieſer Schrank wird aber am 10. Auguſt geöffnet zerbrochen, geplündert worden ſein.“ „Oh! da iſt keine Gefahr!“ „Wie, da iſt keine Gefahr?“ „Nein;.. ich fordere wohl Jeden in der Welt, wer es auch ſein mag, ihn und mich ausgenommen, auf, den Schrank zu finden und beſonders zu öffnen.“ „Sie ſind Ihrer Sache gewiß?“ „Gewiß und ſicher! Wie er geweſen iſt zur Stunde, die Tuilerien verlaſſen habe, ſo iſt er heute noch.“ „Und zu welcher Zeit haben Sie dem König Lud⸗ wig XVI. dieſen Schrank ſchließen helfen?“ „Ah! ich kann das nicht genau ſagen; doch es war drei oder vier Monate vor der Abreiſe nach Va⸗ rennes.“ Und wie hat ſich das zugetragen? Eutſchuldigen Sie, mein Freund, die Sache ſcheint mir ſo außeror⸗ dentlich, daß ich, ehe ich eine Nachforſchung nach dieſem Schranke unternehme, Sie über einige Einzelheiten be⸗ fragen muß.“ „Oh! dieſe Einzelheiten ſind leicht zu geben, Bür⸗ ger Miniſter, und es wird nicht daran fehlen. Capet ließ mich in Verſailles holen; meine Frau wollte nicht dulden, daß ich gehe, die arme Frau! ſie hatte eine Ahnung; ſie ſagte zu mir:„Der König iſt in einer 3 ſchlimmen Lage; Du wirſt Dich für ihn compromittiren.““ „Ei!““ antwortete ich,„„da er mich in einer Ange⸗ legenheit, die mein Handwerk betrifft, holen läßt, und er mein Schüler iſt, ſo muß ich wohl gehen.„„ verſetzte ſie,„dahinter ſteckt Politik: er hat in die⸗ ſem Augenblicke etwas Anderes zu thun, als Schlöſſer zu machen!““ 298 „Faſſen wir uns kurz, mein Freund... Sie nd alſo gegen die Warnung Ihrer Frau gegangen?“ „Ja, ich hätte beſſer daran gethan, auf ihre War⸗ nung zu hören: ich wäre nicht in dem Zuſtande, in dem ich mich befinde. Doch ſie werden es mir bezahlen, die Giftmiſcher!“ „Sodann?“ „Ah! um auf den Schrank zurückzukommen...“ „Ja, mein Freund, und ſuchen wir nicht hievon abzuſpringen, nicht wahr? Meine ganze Zeit gehört der Republik, und ich habe ſehr wenig Zeit.“ „Da zeigte er mir ein Benardeſchloß, das nicht ging; er hatte es ſelbſt gemacht, was mir beweiſt, daß er mich, wenn es gegangen wäre, nicht hätte holen laſſen, der Verräther!“ „Er zeigte Ihnen ein Benardeſchloß, das nicht ging?“ ſagte der Miniſter, um Gamain bei der Frage feſtzu⸗ halten. „Er fragte mich:„Warum geht das nicht, Ga⸗ main?““ Ich ſagte:„„Sire, ich muß das Schloß un⸗ terſuchen.“ Er ſagte:„„Das iſt ganz recht.“ Da unterſuchte ich das Schloß, und ich ſagte:„„Wiſſen Sie, warum das Schloß nicht geht?““„„Nein.““ antwor⸗ tete er mir,„„da ich das frage.““„Nun, es geht nicht, Sire(man nannte ihn damals noch Sire, den Schurken!) es geht nicht, Sire das iſt ganz ein⸗ fach, es geht nicht...““ Folgen Sie wohl meinem Raiſonnement; denn da Sie nicht ſo ſtark in der Schloſ⸗ ſerei ſind, als der König, ſo können Sie vielleicht nicht begreifen... Das heißt, nein, ich erinnere mich nun: es war kein Benardeſchloß, es war ein Kaſſen⸗ ſchloß.“ „Das iſt mir durchaus gleichgültig,“ erwiederte Ro⸗ land;„ich bin, wie Sie errathen haben, nicht ſo ſtark als der König in der Schloſſerei, und ich kenne den Un⸗ S** —— M—— u— v— 299 terſchied zwiſchen einem Benardeſchloſſe und einem Kaſſen⸗ ſchloſſe nicht.“ „Den Unterſchied ich will Sie denſelben mit dem Finger berühren laſſen. „Unnöthig... Sie erklärten dem König, ſagten „Warum das Schloß nicht ſchließe... Soll ich Ihnen ſagen, warum es nicht ſchließt?“ „Wenn Sie wollen,“ antwortete Roland, der zu denke anfing, es wäre das Beſte, Gamain ſeiner Weit⸗ ſchweifigkeit zu überlaſſen! „Nun denn, es ſchloß nicht, verſtehen Sie? weil der Reifen des Schlüſſels wohl den großen Bart anhakte, weil der große Bart wohl die Hälfte ſeines Kreiſes be⸗ ſchrieb, aber hier angelangt, da er nicht ſchräge gear⸗ beitet war, nicht allein durchſchlüpfte, das iſt die Sache! Sie begreifen nun, nicht wahr? Da der Lauf des Bar⸗ tes ſechs Linien betrug, ſo mußte die Schulterung eine Linie betragen. Sie begreifen?“ „Vortrefflich!“ ſagte Roland, der nicht ein Wort begriff. „Bei meiner Trene! das iſt es!““ rief der König (man gab damals dieſen Titel noch dem ſchändlichen Tyrannen!)„„nun wohl, Gamain, mache Du, was ich nicht habe machen können, mein Meiſter!““„„Oh! nicht Sie nur Ihr Meiſter, ſondernau Meiſter eiſter Meiſter über Alle““— Peer S, „So daß ich zur Arbeit ſchritt, während Herr Capet mit meinem Geſellen plauderte, den ich immer im Verdachte hatte, er ſei ein verkleideter Ariſtokrat gewe⸗ ſen; nach zehn Minuten war das fertig. Da ging ich mit der eifernen Thüre, an der das Schloß angebracht war, hinab und ſagte:„„Da iſt es, Sire!““„„Nun wohl, Gamain,“ ſagte er,„komm mit mir.“ Er ging voraus, ich folgte ihm; er führte mich zuerſt in 300 ſein Schlafzimmer, ſodann in einen dunklen Gang, durch den ſein Alcoven mit dem Zimmer des Dauphin in Ver⸗ bindung ſtand. Hier war es ſo finſter, daß man eine Kerze anzünden mußte. Der König ſagte zu mir: „„Halte dieſe Kerze, Gamain, und leuchte mir!““(Er erlaubte ſich, mich zu duzen, der Tyrann!) Dann hob er eine Füllung vom Tafelwerk auf, hinter der ſich ein rundes Loch von zwei Fuß im Durchmeſſer an ſeiner Oeffnung fand; als er mein Erſtaunen wahrnahm, ſagte er:„„Ich habe dieſes Verſteck gemacht, um Geld darin zu verwahren; Du ſiehſt nun, Gamain, man muß die Oeffnung mit dieſer eiſernen Thüre ſchließen.““ „„Das wird bald geſchehen ſein,““ antwortete ich:„„die Angeln ſind daran, ſowie der Riegel.““ Ich hing die Thüre ein und brauchte nur zu ſchieben: ſie ſchloß ſich von ſelbſt; dann brachte man die Füllung wieder an ihren Platz, und gute Nacht! kein Schrank, keine Thüre, kein Schloß mehr!“ „Und Sie glauben, mein Freund, dieſer Schrank habe keinen andern Zweck gehabt, als den, Geldkaſten zu werden, und der König habe ſich all dieſe Mühe ge⸗ geben, nur um Geld zu verbergen?“ „Warten Sie doch! Das war ein Kniff: er hielt ſich für ſehr ſchlau, der Tyrann! doch ich bin ſo ſchlau als er. Hören Sie, was geſchah:„„Gamain,““ ſagte er,„„hilf mir das Geld zählen, das ich in dieſem Schranke verbergen will.“ Und wir zählten ſo zwei Millionen in doppelten Lonis d'or, die wir in vier lederne Säcke vertheilten; während ich aber ſein Gold zählte, ſah ich aus dem Augenwinkel den Kammerdiener Pa⸗ piere, Papiere und Papiere bringen... und ich ſprach zu mir ſelbſt:„Gut! der Schrank, das iſt um Pa⸗ . darin zu verſchließen; das Geld, das iſt ein Kiff. „Was ſagſt Du hiezu, Madeleine?“ fragte Roland ſe m rch r⸗ ne Er ob in er n, ld uß „ ie ie nk 1 301 ſeine Frau, indem er ſich zu ihr bückte, ſo daß ihn dies⸗ mal Gamain nicht hörte. „Ich ſage, dieſe Offenbarung iſt von der höchſten Vichtigkeit, und man darf keinen Augenblick verlieren.“ Roland klingelte. Der Hniſſier erſchien. „Haben Sie einen Wagen angeſpannt im Hofe des Hotels?“ fragte Roland. „Ja, Bürger.“ „Laſſen Sie ihn vorfahren.“ Gamain ſtand auf. „Ah!“ ſagte er ärgerlich,„Sie haben mich ſatt, wie es ſcheint?“ „Warum?“ fragte Roland. „Weil Sie Ihren Wagen beſtellen.. Die Miniſter haben alſo noch Wagen unter der Republik?“ „Mein Freund,“ antwortete Roland, die Miniſter haben zu jeder Zeit Wagen: ein Wagen iſt kein Lurus für einen Miniſter; das iſt eine Erſparniß.“ „Eine Erſparniß an was 2 „An Zeit, das heißt an der theuerſten und koſtbar⸗ ſten Waare, die es auf der Welt gibt.“ „Ich werde alſo wiederkommen müſſen?“ „Wozu?“ 2 „Ei! um Sie zu dem Schranke zu führen, wo der Schatz iſt.“ „Unnöthig.“ „Wie ſo, unnöthig?“ „Allerdings, da ich den Wagen verlangt habe, um dahin zu fahren.“ „Um wohin zu fahren?“ „Nach den Tuilerien.“ „Wir gehen alſo dorthin?“ „Auf der Stelle.“ „Das iſt gut.“ „Doch mir fällt ein.. ſagte Roland. 302 „Was?“ fragte Gamain. „Der Schlüſſel?“ „Welcher Schlüſſel?“ „Der Schlüſſel vom Schranke. Ludwig XVI. hat ihn wahrſcheinlich nicht in der Thüre ſtecken laſſen.“ „Oh! gewiß nicht, denn er iſt nicht ſo dumm, als er ausſieht, der dicke Capet.“ „Sie werden alſo Werkzeuge mitnehmen?“ „Wozu?“ „Um den Schrank zu öffnen.“ Gamain zog aus ſeiner Taſche einen ganz neuen Schlüſſel und fragte: „Und was iſt denn das?“ „Ein Schlüſſel.“ „Der Schlüſſel vom Schranke, den ich aus dem Gedächtniſſe gemacht habe; ich hatte ihn wohl ſtndirt, ver⸗ muthend, es werde eines Tags... „Dieſer Menſch iſt ein großer Schurke!“ ſagte Ma⸗ dame Roland zu ihrem Gatten. „Du denkſt alſo?“ fragte dieſer zögernd. „Ich denke, wir ſind in unſerer Lage nicht berech⸗ tigt, einen von den Aufſchlüſſen zurückzuweiſen, die das Glück uns ſchickt, um zur Kenntniß der Wahrheit zu gelangen.“ „Da iſt er! da iſt er!“ rief Gamain ſtrahlend, in⸗ dem er ſeinen Schlüſſel zeigte. „Und Sie glauben,“fragte Roland mit einem Ekel, den zu verbergen ihm unmöglich war,„Sie glauben, dieſer Schlüſſel, obgleich aus der Erinnerung und nach achtzehn Monaten gemacht, werde den eiſernen Schrank öffnen?“ „Auf das erſte Mal, hoffe ich!“ ſagte Gamain. Vicht für di ile iſt man Meiſter über Meiſter, — „Ber der Huiſſier. „Werde ich mitgehen?“ fragte Madame Roland. agen vom Bürger Miniſter me e ——— 3 ——— c r at m r⸗ 6 h⸗ ie zu n⸗ en er n r, e mend 303 „Gewiß! ſind Papiere da, ſo werde ich ſie Dir auvertrauen; biſt Du nicht das ehrlichſte Weſen, das ich kenne?“ Und ſich gegen Gamain umwendend: „Kommen Sie, mein Freund.“ Gamain folgte zwiſchen ſeinen Kinnbacken brum⸗ „Ah! ich ſagte wohl, ich werde Dir das vergelten, Herr Capet!“ Das!... Was war dieſes Das? Es war das Gute, das ihm der König gethan hatte! CLXIX. Der Rückzug der Preußen. Während der Wagen des Bürgers Roland nach den Tuilerien rollt; während Gamain die in der Mauer verborgene Füllung wiederfindet; während, nach dem er⸗ ſchrecklichen Verſprechen, das er gemacht, der aus dem Gedächtniß geſchmiedete Schlüſſel mit einer wunderbaren Leichtigkeit den eiſernen Schrank öffnet; während der eiſerne Schrank das ihm anvertraute verhängnißvolle Depoſitum überliefert, welches, obgleich dabei die vom König ſelbſt Madame Campan übergebenen Papiere fehlen, einen ſo grauſamen Einfluß auf das Geſchick der Gefangenen des Tempels üben ſoll; während Roland dieſe Papiere mit ſich nach Hauſe nimmt, eines nach dem agdern lieſt, ſie numerirt, überſchreibt und vergebens 304 unter allen dieſen Stücken eine Spur von der ſo ſehr denuncirten Käuflichkeit von Danton ſucht,— ſehen wir, was der ehemalige Juſtizminiſter macht. Wir ſagen: Der ehemalige Juſtizminiſter, weil, ſobald der Convent eingeſetzt war, Danton nichts Eiligeres zu thun hatte, als ſeine Entlaſſung zu nehmen. Er war auf die Tribune geſtiegen und hatte geſagt: „Ehe ich meine Meinung über den erſten Beſchluß ausdrücke, den der Convent erlaſſen muß, ſei es mir er⸗ laubt, in ſeinen Schvoß die Functionen niederzulegen, mit der mich die geſetzgebende Verſammlung betraut hatte. Ich habe ſie empfangen unter dem Donner der Kanonen; nun iſt die Vereinigung der Heere geſchehen, nun iſt die Verbindung der Repräſentanten bewerkſtelligt. Ich bin nur noch Mandatar des Volkes, und in dieſer Eigen⸗ ſchaft werde ich ſprechen.“ Bei den Worten:„Die Vereinigung der Heere iſt geſchehen,“ hätte Danton beifügen können:„Und die Preußen ſind geſchlagen;“ denn er ſprach dieſe Worte am 21. September, und am 20. hatte die Schlacht bei Valmy ſtattgefunden; Danton wußte aber nichts hievon. Er beſchränkte ſich darauf, daß er ſagte: „Dieſe leeren Geſpenſter der Dictatur, mit denen man das Volk erſchrecken wollte, zerſtreuen wir ſie; er⸗ klären wir, es gebe keine andere Conſtitution, als die, welche von ihm angenommen worden. Bis heute hat man es aufgeregt: man mußte es gegen den Tyrannen erwecken; nun da die Geſetze ſo erſchrecklich gegen die⸗ jenigen ſind, welche ſie verletzen würden, als das Volk die Tyrannei zu Boden ſchmetternd geweſen iſt, mögen ſie alle Schuldige beſtrafen! Schwören wir jede Uebertrei⸗ bung ab; procklamiren wir, alles territoriale und in⸗ duſtrielle Eigenthum werde ewig aufrecht erhalten werden.“ Mit ſeiner gewöhnlichen Geſchicklichkeit antwortete Danton auf zwei große Befürchtungen Frankreichs: Fra Eig ſein wel Vier ſerv alte Letz vor, hatt die geſte mit kein ſei geſt wel dan thür imn ihm in thu das hat halt des Sti Ret thu Frankreich befürchtete für ſeine Freiheit und für ſein Eigenthum; und, ſeltſam! wer befürchtete beſonders für ſein Eigenthum? Die neuen Eigenthümer, diejenigen⸗ welche am Tage vorher gekauft hatten, welche noch drei Liertel von ihrem Kaufe ſchuldig waren! Dieſe waren Con⸗ ſervative geworden, mehr als die alten Adeligen, als die alten Ariſtokraten, kurz als die alten Eigenthümer. Die Letzteren zogen ihr Leben ihren ungeheuren Beſitzungen vor, und zum Beweiſe dient, daß ſie ihre Güter verlaſſen hatten, um ihr Leben zu retten, während die Bauern, die Käufer der Nationalgüter, die Eigenthümer von geſtern ihren kleinen Winkel Erde ihrem Leben vorzogen, mit dem Gewehre in der Hand darüber wachten und um keinen Preis der Welt ausgewandert wären! Danton hatte das begriffen; er hatte begriffen, es ſei gut, nicht nur diejenigen, welche Eigenthümer ſeit geſtern waren, zu beruhigen, ſondern auch diejenigen, welche es morgen werden ſollten; denn der große Ge⸗ danke der Revolution war:„Alle Franzoſen müſſen Eigen⸗ thümer ſein; das Eigenthum macht den Menſchen nicht immer beſſer, aber es macht ihn würdiger, indem es ihm das Gefühl ſeiner Unabhängigkeit gibt.“ So faßte ſich auch der ganze Geiſt der Revolution in folgenden Worten von Danton zuſammen: „Abſchaffung jeder Dictatur; Heiligkeit jedes Eigen⸗ thums; das heißt— Ausgangspunkt: der Menſch hat das Recht, ſich ſelbſt zu regieren; Zweck: der Menſch t Recht, die Frucht ſeiner freien Thätigkeit zu er⸗ alten.“ Und wer ſagte dies? Der Mann des 20. Juni, des 10. Auguſts, des 2. Septembers, dieſer Rieſe der Stürme, der ſich zum Steuermann machte und die zwei Rettungsanker der Nationen: die Freiheit, das Eigen⸗ thum ins Meer warf. Die Gironde begriff nicht: die ehrliche Gironde Die Gräfin von Charny. VI. 20 306 hatte einen unüberwindlichen Widerwillen gegen den... wie ſollen wir ſagen?... gegen den leichten Danton; man hat geſehen, daß ſie ihm die Dictatur in dem Au⸗ genblicke verweigert hatte, wo er ſie verlangte, um die Metzelei zu verhindern. Ein Girondiſt ſtand auf, und ſtatt dem Manne von Genie, der die großen Befürchtungen Frankreichs aus⸗ geſprochen und dieſelben, indem er ſie ausgeſprochen, beſchwichtigt hatte, Beifall zu klatſchen, rief er Dan⸗ ton zu: e der das Eigenthum zu heiligen ſucht, ge⸗ fährdet es; es anrühren, ſelbſt um es zu befeſtigen, heißt daſſelbe erſchüttern. Das Eigenthum iſt älter als jedes Geſetz!“ Der Convent erließ folgende zwei Deerete: „Es kann nur eine Conſtitution geben, wenn ſi vom Volke adoptirt worden iſt.“ „Die Sicherheit der Perſonen und des Eigenthums ſteht unter dem Schutze der Nation.“ Das war es, und das war es nicht; nichts iſt er⸗ ſchrecklicher in der Politik, als die ungefähr! Die Entlaſſung von Danton war übrigens ange⸗ nommen worden. Doch der Mann, der ſich ſtark genug geglanbt hatte, um auf ſeine Rechnung den 2. September, das heißt den Schrecken von Paris, den Haß der Provinz, den Fluch der Welt zu nehmen, dieſer Mann war ſicher⸗ lich ein ſehr mächtiger Mann. Und in der That, er hielt zugleich die Fäden der Diplomatie, des Krieges und der Polizei; Dumouriez, und folglich die Armee, waren in ſeiner Hand. Die Nachricht vom Siege von Valmy war in Paris angekommen und hatte hier eine große Freude verur⸗ ſacht; ſie war auf Adlersflügeln gekommen, und man — „—— n u⸗ die on 1⸗ en, an⸗ ge en, als 307 hatte ſie als viel entſcheidender angeſehen, als ſie in Wirklichkeit war. In Folge hievon war Frankreich von einer tiefſten Bangigkeit zu einer höchſten Kühnheit übergegangen; die Clubbs athmeten nur Krieg und Schlacht. „Warum, da der König von Preußen beſiegt war, warum war der König von Preußen nicht Gefangener, gebunden, geknebelt, oder wenigſtens über den Rhein zurückgeworfen?“ Das ſagte man ganz laut. Sodann leiſe: „Das iſt ſehr einfach: Dumouriez verräth! er iſt an die Preußen verkauft!“ Dumouriez empfing ſchon den Lohn für einen großen Dienſt, den er geleiſtet: den Undank. Der König von Preußen hielt ſich ganz und gar nicht für geſchlagen: er hatte die Höhen von Valmy angegriffen und ſie nicht nehmen können,— das war das Ganze; jede Armee hatte ihr Lager behalten; die Franzoſen, welche ſeit dem Anfange des Feldzuges be⸗ ſtändig rückwärts marſchirt waren, verfolgt durch blinde Schrecken, durch Niederlagen, durch Unfälle, die Fran⸗ zoſen waren diesmal feſt ſtehen geblieben, nichts mehr⸗ nichts weniger. Was den Verluſt an Menſchen betrifft, er war auf beiden Seiten ungefähr gleich geweſen. Dies konnte man Paris, Frankreich, Europa bei dem Bedürfniſſe eines großen Sieges, das wir hatten, nicht ſagen; das ließ aber Dumouriez Danton durch Weſter⸗ mann ſagen. Die Preußen waren ſo wenig geſchlagen, ſo wenig auf dem Rückzuge begriffen, daß ſie zwölf Tage nach Valmy noch unbeweglich in ihren Lagern ſtanden. Dumouriez hatte ſchriftlich angefragt, vb er, im Falle, daß Vorſchläge vom König von Preußen gemacht würden, unterhandeln ſollte? Dieſe Anftage erhielt zwei Antworten: eine vom Miniſterinm, ſtolz, officiell, von 6 308 der Begeiſterung des Sieges dictirt; die andere ver⸗ nünftig und ruhig, aber von Danton allein. Der Brief des Miniſteriums ſprach: „Die Republik unterhandelt nicht, ſo lange der Feind nicht das Gebiet geräumt hat.“ Der von Danton ſagte: „Unter der Bedingung, daß die Preußen das Ge⸗ biet räumen, unterhandeln Sie um jeden Preis.“ Unterhandeln war nichts Bequemes in der Verfaſ⸗ ſung des Geiſtes, in der ſich der König von Preußen befand; ungefähr zu gleicher Zeit, da nach Paris die Nachricht vom Siege von Valmy kam, kam in Valmy die Kunde von der Abſchaffung des Königthums und der Proclamation der Republik an. Der König von Preußen war wüthend. Die Folgen dieſer in der Abſicht, den König von Frankreich zu retten, unternommene Invaſion, welche bis dahin kein anderes Reſultat gehabt hatte, als den 10. Auguſt, den 2. und den 21. September, das heißt die Gefangenſchaft des Königs, die Metzelung der Ade⸗ ligen, die Abſchaffung des Königthums, hatten Friedrich Wilhelm in finſtere Wuthanfälle verſetzt; er wollte kämpfen, was es auch koſten möge, und hatte für den 29. September den Befehl zu einer heftigen Schlacht gegeben. Es war weit von da, wie man ſieht, bis zum Ver⸗ laſſen des Gebietes der Republik. Am 29. fand, ſtatt eines Kampfes, ein Kriegs rath ſtatt. Dumouriez war übrigens auf Alles gefaßt. Sehr frech in ſeinen Worten, benahm ſich Braunſchweig höchſt vorſichtig, wenn es ſich darum handelte, ihnen Tha⸗ ten zu ſubſtituiren; Braunſchweig war im Ganzen noch mehr Engländer, als Deutſcher; er hatte eine Schweſter der Königin von England geheirathet; er empfing alſo ebenſo ſehr von London, als von Berlin ſeine Eingebun⸗ r er ig d⸗ ch er ſo n⸗ zuſtecken. 309 gen. Beſchloß England, ſich zu ſchlagen, ſo würde er ſich mit beiden Armen ſchlagen: mit einem Arme für Preußen, mit dem andern für England; zogen aber die Engländer, ſeine Herren, das Schwert nicht aus der Scheide, ſo war er ganz bereit, das ſeinige wieder ein⸗ Am 29. legte nun Braunſchweig im Rathe Briefe von England und von Holland vor, die ſich weigerten, der Coalition beizutreten. Ueberdies marſchirte Cuſtine gegen den Rhein, Koblenz bedrohend, und war Koblenz genommen, ſo war das Thor, um nach Preußen zurück⸗ zukehren, für Friedrich Wilhelm verſchloſſen. Dann gab es etwas noch viel Ernſteres, viel Ge⸗ wichtigeres, als Alles dies! Zufällig hatte der König von Preußen eine Geliebte, die Gräfin von Lichtenan.. Sie war der Armee gefolgt, wie Jedermann,— wie Göthe, der in einem Fonrgon Seiner Preußiſchen Ma⸗ jeſtät die erſten Scenen von ſeinem Fauſt ſkizzirte;— ſie zählte auf die militäriſche Promenade: ſie wollte Paris ſehen. Mittlerweile hatte ſie ſich in Spaa aufgehalten. Hier hatte ſie den Tag von Valmy erfahren und ver⸗ nommen, welche Gefahren ihr königlicher Liebhaber ge⸗ laufen war. Sie fürchtete im höchſten Grade zwei Dinge, die ſchöne Gräfin: die Kugeln der Franzoſen, das Lä⸗ cheln der Franzöſinnen. Sie ſchrieb Briefe über Briefe, und die Poſtſcripta dieſer Briefe, das Reſumé des Ge⸗ dankens von derjenigen, welche ſie geſchrieben, war das Wort: Komm zurück! Der König von Preußen wurde in Wahrheit durch nichts mehr zurückgehalten, als etwa dadurch, daß er ſich ſchämen mochte, Ludwig XVI. zu verlaſſen. Alle dieſe Erwägungen wirkten auf ihn; nur waren die zwei mäch⸗ tigſten die Thränen ſeiner Geliebten und die Gefahr, der Koblenz preisgegeben. Nichtsdeſtoweniger drang er darauf, daß man Lud⸗ 310 wig XVI. in Freiheit ſetze. Danton beeilte ſich, ihm durch Weſtermann alle Beſchlüſſe der Commune zukom⸗ men zu laſſen, die ihm die Gefangenen von guter Behandlung umgeben zeigten. Das genügte dem König von Preußen: man ſieht, er war nicht ſehr ſchwie⸗ rig! Seine Freunde verſichern, ehe er ſich zurückgezo⸗ gen, habe er ſich von Danton und Dumouriez ihr Wort geben laſſen, ſie werden dem König das Leben retten; nichts beweiſt dieſe Behauptung. Am 29. September beginnt die preußiſche Armee ihren Rückzug und macht eine Meile; am 30. noch eine Meile. Das franzöſiſche Heer escortirte ſie, als wollte ſie ihr die Honneurs des Landes, ſie zurückgeleitend, geben. So oft ſie unſere Soldaten angreifen, ihr den Rückzug abſchneiden, kurz es wagen wollten, den Keiler in die Enge zu treiben und zu machen, daß er den Hunden Stand halte, zogen ſie die Lente von Danton wieder rückwärts. Daß die Preußen aus Frankreich hinausgehen, das war Alles, was Danton wollte. Am 22. October wurde dieſer patriotiſche Wunſch erfüllt. Am 6. November verkündigten die Kanonen von Jemappes das Gottesurtheil über die franzöſiſche Re⸗ volution. Am 7. nahm die Gironde den Proceß des Königs in Angriff. Etwas Aehnliches hatte ſich ſechs Wochen vorher ereignet: am 20. September hatte Dumouriez die Schlacht bei Valmy gewonnen; am 21. war die Republik procla⸗ mirt worden. Jeder Sieg hatte gewiſſer Maßen ſeine Krönung und ließ Frankreich einen Schritt mehr in der Revolu⸗ tion machen. Diesmal war es der furchtbarſte; man näherte ſich m m⸗ er m ie⸗ o⸗ rt n tee ne ſie n. en ler en on 311 dem in den erſten Zeiten unbekannten Ziele, auf das man drei Jahre blindlings zugegangen wari wie es in der Natur geſchieht, ſo fing man an die Conturen der Dinge zu unterſcheiden, von denen man nur die Maſſen erſchaut hatte. Was ſah man nun am Horizont? ein Schaffot! am Fuße dieſes Schaffots den König! In dieſer ganz materiellen Zeit, wo alle niedrige Inſtincte des Haſſes, der Zerſtörung und der Rache den Sieg über die erhabenen Ideen einiger höheren Geiſter davon trugen; wo ein Mann wie Danton, das heißt ein Mann, der die blutigen Septembertage auf ſeine Rech⸗ nung nahm, bezüchtigt wurde, er ſei das Haupt der Nachſichtigen, war es ſchwierig, daß die Idee die That überwog; und was die Männer des Convents nicht begriffen, oder was nur Gewiſſe unter ihnen be⸗ griffen, die Einen klar, die Andern inſtinctmäßig, das war, daß man den Proceß dem Königthum und nicht dem König machen mußte. Das Königthum, das war eine finſtere Abſtraction, ein bedrohliches Myſterium, von dem Niemand mehr etwas wiſſen wollte; ein Idol außen vergoldet, wie jene übertünchten Gräber, von denen Chriſtus ſpricht, voll von Würmern und von Fäulniß im Innern. Doch der König, das war etwas Anderes: der König, das war ein Menſch; ein Menſch wenig intereſſant in den Tagen ſeiner Wohlfahrt, den aber das Unglück geläntert, die Gefangenſchaft vergrößert hatte; ſeine Empfindſam⸗ keit hatte ſich entwickelt in ſeinen Mißgeſchicken; und bei der Königin war das Blendwerk des Unglücks ſo mächtig geweſen, daß, mochte es nun neue Anſchauung, mochte es alte Reue ſein, die Gefangene des Tempels dahin gelangt war, nicht daß ſie ihn liebte,— dieſes arme gebrochene Herz hatte verlieren müſſen, was es an Liebe enthielt, wie ein zerſprungenes Gefäß, was es an Flüſ⸗ ſigkeit enthält, Tropfen um Tropfen verliert!— ſondern 312 wenigſtens, daß ſie ihn verehrte, anbetete im religiöſen Sinne des Wortes, dieſen König, dieſen Fürſten, dieſen Menſchen, deſſen materielle Appetite, deſſen gemeine In⸗ ſ ihr oft die Schamröthe ins Geſicht getrieben atten. Eines Tages trat der König bei der Königin ein und fand ſie damit beſchäftigt, daß ſie das Zimmer des kranken Dauphin auskehrte. Er blieb auf der Schwelle ſtehen, ließ ſeinen Kopf auf ſeine Bruſt fallen und ſagte mit einem Seufzer: „Ah! Madame, welch ein Handwerk für eine Kö⸗ nigin von Frankreich! und wenn man in Wien ſehen würde, was Sie da thun! Wer hätte geglaubt, Sie mit meinem Geſchicke verbindend, werde ich Sie ſo tief hinabſteigen machen?“ „Ei!“ erwiederte die Königin,„rechnen Sie für nichts den Ruhm, die Fran des beſten und des grauſamſt verfolgten Mannes zu ſein?“ Dies antwortete die Königin, und zwar ohne Zeu⸗ gen und nicht glaubend, ſie werde von einem armen Kammerdiener gehört werden, der dem König folgte, der dieſe Worte auffaßte und ſie, wie ſchwarze Perlen, auf⸗ bewahrte, um daraus ein Diadem zu machen, nicht dem Haupte des Königs, ſondern dem Haupte des Verur⸗ theilten! An einem andern Tage war es Madame Eliſabeth, welche Ludwig XVI., in Ermangelung einer Scheere, mit ihren Schmelzzähnen den Faden ſchneiden ſah, mit dem ſie ein Kleid der Königin flickte. „Arme Schweſter! welch ein Contraſt mit dem hübſchen Häuschen in Montreuil, wo es Ihnen an nichts fehlte!“ „Ah! mein Bruder,“ antwortete die fromme Jung⸗ frau,„kann ich etwas beklagen, wenn ich Ihr Unglück theile?“ Und Alles das wurde bekannt; Alles das verbrei⸗ en ie ief nſt en er ſ⸗ r⸗ h, it 5 313 tete ſich; Alles das ſtickte mit goldenen Arabesken die düſtere Legende vom Märtyrer. Das Königthum vom Tode getroffen, aber der König lebend erhalten, das war ein großer, mächtiger Gedanke, ſo groß und ſo mächtig, daß er nur wenigen Menſchen in den Kopf kam, und dieſe,— ſo unpopulär war er,— wagten es kaum, ihn auszudrücken. „Ein Volk hat nöthig, daß man es rettet; doch es hat nicht nöthig, daß man es rächt,“ ſagte Dan⸗ ton bei den Cordeliers. „Allerdings muß man den König richten,“ ſpricht Grégoire im Convent,„doch er hat ſo viel für die Ver⸗ achtung gethan, daß kein Platz für den Haß da iſt!“ Payne ſchrieb: „Ich will, daß man den Prozeß mache, nicht gegen Ludwig XVI., ſondern gegen die Bande der Könige; von dieſen Individuen haben wir eines in unſerer Ge⸗ walt: es wird uns auf den Weg der allgemeinen Con⸗ ſpiration bringen... Ludwig XVI. iſt ſehr nützlich, um Allen die Nothwendigkeit der Revolution darzuthun.“ Die erhabenen Geiſter, Thomas Payne, und die großen Herzen, Danton, Grégoire, waren über dieſen Punkt einverſtanden: man mußte nicht den Proceß des Königs, ſondern den Proreß der Könige machen, und im Nothfalle mußte man bei dieſem Proceſſe Ludwig XVI. als Zeugen berufen. Frankreich als Republik, das heißt vollſährig, mußte in ſeinem Namen und im Namen der dem Königthum unterworfenen, das heißt minderjährigen, Völker verfahren; Frankreich ſaß dann nicht mehr als ein irdiſcher Richter, ſondern als göttlicher Schiedsrichter; es ſchwebte in höheren Sphären, und ſein Wort ſtieg dann nicht mehr zum Throne empor, wie ein Spritzer von Koth und Blut: es fiel auf die Könige wie ein Ausbruch von Blitz und Donner. 314 Denken Sie ſich dieſen Proceß veröffentlicht, unter⸗ ſtützt durch Beweiſe, beginnend mit Katherina II., der Henkerin Polens; denken Sie ſich die Einzelheiten dieſes monſtruöſen Lebens an das helle Tageslicht gebracht wie den Leichnam von Frau von Lamballe, und zwar zu ihren Lebzeiten; ſehen Sie die Paſiphae des Nordens an den Pranger der öffentlichen Meinung geſtellt,— und ſagen Sie, welche Lehre für die Völker aus einem ſolchen Proceſſe entſprungen wäre! CLXX. Der prozeß. Die Papiere des eiſernen Schrankes, von Gamain überliefert,— dem der Convent zwölfhundert Livres Leibrente für dieſes ſchöne Werk bewilligte, und der verkrümmt durch den Gliederfluß ſtarb,— die Papiere des eiſernen Schrankes, gereinigt durch das Ausleſen von denjenigen, welche wir Ludwig XVI. Madame Campan haben übergeben ſehen, dieſe Papiere, ſagen wir, ent⸗ hielten, zur großen Enttäuſchung von Herrn und Ma⸗ dame Roland, nichts gegen Dumouriez und ebenſo wenig etwas gegen Danton: ſie compromittirten beſonders den König und die Prieſter; ſie denuncirten den dürftigen, kleinen, engen, undankbaren Geiſt von Ludwig XVI., der nur diejenigen haßte, welche ihn hatten retten wol⸗ len: Necker, Lafayette, Mirabeau!— Es war au nichts darin gegen die Gironde zu finden. ain res der ere on an ut⸗ ta⸗ nig en en, ol⸗ uch 315 Die Verhandlung über den Proceß begann am 13. November. Wer eröffnete ſie? wer machte ſich zum Schwert⸗ träger der Montagne? wer ſchwebte über der finſtern Verſammlung wie der Würgengel? Ein junger Menſch, oder vielmehr ein Knabe von vierundzwanzig Jahren, vor dem vorgeſchriebenen Alter in den Convent geſchickt, den wir ſchon mehrere Male in dieſer Geſchichte haben erſcheinen ſehen. Er war gebürtig aus einer der rauhſten Gegenden Frankreichs, aus der Nidvre; es lag in ihm der herbe, bittere Saft, der, wenn nicht die großen Menſchen, doch wenigſtens die gefährlichen Menſchen macht. Er war der Sohn eines aiten Soldaten, den dreißigjährige Dienſte bis zum St. Ludwigs⸗Orden erhoben, folglich geadelt und mit dem Chevaliertitel begabt hatten; er war trau⸗ rig, ernſt geboren; ſeine Familie hatte ein Gütchen im Departement der Aisne, in Blérancourt bei Noyon, und ſie bewohnte dieſes beſcheidene Beſitzthum, das noch lange nicht die goldene Mittelmäßigkeit des lateiniſchen Dich⸗ ters erreichte. Nach Rheims geſchickt, um die Rechte zu ſtudiren, machte er hier ſchlechte Studien und ſchlechte Verſe, ein ausſchweifendes Gedicht in der Manier des Orlando Furioſo und der Pucelle; 1789 ohne Erfolg gedruckt, wurde dieſes Gedicht ohne größeren Succeß 1792 wiedergedruckt. Es drängte ihn, aus ſeiner Provinz wegzukommen⸗ und er ſuchte Camille Desmoulins, den glänzenden Jour⸗ naliſten, auf, der in ſeinen geſchloſſenen Händen die zu⸗ künftige Republik der unbekannten Dichter hielt; dieſer, ein erhabener Straßenjunge, voll Geiſt und Anmuth⸗ ſah eines Tages bei ſich eintreten einen hoffärtigen Schüler, voll Anmoßung und Pathos, mit langſamen, abgemeſ⸗ ſenen Worten, die eines um das andere wie die Tropfen eiſigen Waſſers, welche die Felſen durchdringen⸗ niederfielen, und zwar von einem Frauenmunde; was das Uebrige 316 des Geſichtes betrifft, das waren blaue, ſtarre, harte, durch ſchwarze Brauen ſtark abgeſperrte Augen, ein weißer, eher kränklicher als reiner Teint: ſein Aufent⸗ halt in Rheims konnte wohl dem Rechtsſtudenten die ſerofulöſe Krankheit gegeben haben, welche die Könige am Tage ihrer Salbung zu heilen die Prätenſion hatten; ein Kinn, das ſich in einer ungeheuren Cravate verlor, die feſt um den Hals gebunden war, während ſie die ganze Welt loſe, gleichſam ſchwebend trug, als wollte man dem Hen⸗ ker jede Leichtigkeit, ſie aufzuknüpfen geben; ein Rumpf ſteif, automatiſch, lächerlich als Maſchine, wenn er nicht erſchrecklich als Geſpenſt wurde. Alles dies bekränzt mit einer ſo niedrigen Stirne, daß die Haare bis auf die Augen herabgingen. Camille Desmoulins ſah alſo eines Tages die fremde Geſtalt bei ſich eintreten; ſie war ihm äußerſt antipathiſch. Der junge Mann las ihm ſeine Verſe vor und ſagte ihm, unter anderen ſocialen Gedanken, die Welt ſei leer ſeit den Römern. Die Verſe ſchienen Camille ſchlecht, der Gedanke ſchien ihm falſch; er ſpottete über den Dichter, er ſpot⸗ tete über den Philoſophen; und der Dichter⸗Philoſoph kehrte in ſeine Einſamkeit in Blérancourt zurück und „ſchlug wie Tanquinius,“ ſagt Michelet, der große Por⸗ traitiſt von dieſer Art von Leuten,„und ſchiug Mohn⸗ köpfe mit einem Stabe ab, in einem vielleicht Desmou⸗ lins, im andern Danton.“ Die Gelegenheit kam indeſſen: die Gelegenheit fehlt gewiſſen Menſchen nie. Sein Dorf, ſein Flecken, ſein Städtchen, Blérancourt war bedroht, einen Markt zu verlieren, der ihm zu leben gab; ohne Robespierre zu kennen, ſchreibt der junge Mann an Robespierre, bittet ihn, die Reclamation der Gemeinde, die er ihm über⸗ ſchickt, zu unterſtützen, und bietet ihm überdies, um zum te, ein nt⸗ die m ein die elt n⸗ pf nzt uf die te er tke t⸗ ph nd r⸗ N⸗ Uu⸗ t zu zu et mache, und ließ ihn, durch ſein Anſehen bei den Jacobi⸗ nicht ſchlief;— dieſer junge Mann war Saint⸗Juſt. 317 Vortheil der Nation verkauft zu werden, ſein Gütchen, das heißt Alles, was er beſitzt, an. Was Camille Desmoulins lachen machte, machte Robespierre träumen; er berief den fanatiſchen jungen Mann zu ſich, ſtudirte ihn, erkannte, er ſei von dem Schlage von Menſchen, mit welchen man die Revolutionen nern zum Mitgliede des Convents ernennen⸗ obgleich er noch nicht das vorgeſchriebene Alter hatte. Der Präſi⸗ dent des Wahlkörpers, Jean de Bry, proteſtirte und überſchickte, indem er proteſtirte, den Taufſchein des Neugewählten; dieſer war in der That erſt einundzwan⸗ zig Jahre und drei Monate alt, doch unter dem Ein⸗ fluſſe von Robespierre verſchwand dieſe vergebliche Re⸗ clamation. Dieſer junge Mann war es, mit dem Robespierre in der Racht vom 2. September nach Hauſe ging; die⸗ ſer junge Mann war es, dev ſchlief, als Robespierre „Saint⸗Juſt,“ ſprach eines Tags Camille Desmon⸗ lins zu ihm,„weißt Du, was Danton von Dir ſagt?“ „Nein.“ „Fr ſagt. Du trageſt. den. Kouf. wie ein heiliges Saerdent. Ein bieſches Lächeln ſchwebte über den weibiſchen — Mund des jungen Mannes. 3 „Gut,“ erwiederte er,„und ich werde ihn den ſeinigen wie ein heiliger Dionyſius tragen laſſen.“ Und er hielt Wort. Saint⸗Juſt ſtieg langſam vom Gipfel der Montagne—% herab; er ſtieg langſam auf die Tribune, und forderte langſam den Tod. Er forderte, nein, wir irren uns, er befahl den Tod.— 3 Es war eine grauſame Rede, die Rede, welche die⸗ ſer bleiche, ſchöne junge Mann mit den Frauenlippen — — 318 hielt; nehme ſie auf, wer will, drucke ſie, wer kann; wir haben nicht den Muth dazu. „Man muß den König nicht lange richten,“ ſagte er,„man muß ihn tödten. „Man muß ihn tödten, denn es gibt keine Geſetze mehr, um ihn zu richten; er hat ſie ſelbſt ver⸗ nichtet. „Man muß ihn tödten wie einen Feind; man richtet nur die Bürger. Um den Tyrannen zu richten⸗ müßte man ihn zuerſt wieder zum Bürger machen. „Man muß ihn tödten wie einen Schuldigen, der auf der That, die Hand im Blute, ertappt worden iſt; das Königthum iſt überdies ein ewiges Verbrechen: ein König iſt außer der Natur; vom Volke zum König keine natürliche Beziehung.“ Er ſprach ſo eine Stunde, mit der Stimme eines Rhetors, mit den Geberden eines Pedanten, und am Ende jedes Satzes wiederholten ſich die Worte, welche mit einem ſeltſamen Gewichte niederfielen und bei den Zu⸗ hörern eine Erſchütterung der des Meſſers der Guillotine ähnlich hervorbrachten, die Worte:„Man muß ihn tödten!“ Dieſe Rede machte eine erſchreckliche Senſation; es war nicht ein Richter, der üicht, iüdem er ſie hörke, bis in ſein Herz die Kälte des Stahls eindringen fühlte!“ Robespierre ſelbſt erſchrak, als er ſeinen Zögling, ſeinen Schüler ſo weit jenſeits der vorgerückteſten republikani⸗ ſchen Vorpoſten die blutige Fahne der Revolution auf⸗ pflanzen ſah. Von da an war der Proceß nicht nur beſchloſſen, ſondern Ludwig XVI. war ſogar verurtheilt. Es verſuchen, den König zu retten, hieß ſich dem Tode weihen. Danton hatte den Gedanken hiezu, er hatte aber nicht den Muth; er hätte Patriotismus genng gehabt, um den Namen eines Mörders zu reclamiren, er hatte wir gte ine er⸗ 319 nicht Stoicismus genug, um den eines Verräthers an⸗ zunehmen. Am 11. December eröffnete ſich der Proceß. Drei Tage vorher war ein Municipal im Tempel an der Spitze einer Abordnung der Commune erſchienen, beim König eingetreten, und hatte den Gefangenen einen Beſchluß vorgeleſen, durch den befohlen war, ihnen Meſ⸗ ſer, Raſirmeſſer, Scheeren, Federmeſſer, kurz alle ſchnei⸗ dende Inſtrumente zu nehmen, deren man die Verur⸗ theilten beraubt. Da nittlerweile Madame Clsry in Begleitung einer Freundin gekommen war, um ihren Mann zu be⸗ ſuchen, ſo ließ man wie gewöhnlich den Kammerdiener in den Rathsſaal hinabgehen; hier fing dieſer an mit ſeiner Frau zu plaudern, welche ihm abſichtlich mit lauter Stimme Details über häusliche Angelegenheiten während ſie aber laut ſprach, ſagte ihre Freundin eiſe: „Am nächſten Dienſtag führt man den König in den Convent.. Der Proceß wird begiunen.. Der König kann einen Rath nehmen. Alles dies iſt gewiß.“ Der König hatte Cléry verboten, irgend Etwas vor ihm zu verbergen; ſo ſchlimm die Kunde war, der ge⸗ treue Diener faßte den Entſchluß, ſie ſeinem Herrn mit⸗ zutheilen. Dem zu Folge wiederholte er ihm am Abend⸗ als er ihn auskleidete, die Worte, die man ihm zuge⸗ flüſtert hatte, und er fügte bei, die Commune beabſich⸗ tige, ihn während der ganzen Dauer ſeines Proceſſes von ſeiner Familie zu trennen. Es blieben Ludwig XVI. vier Tage, um mit der Königin Abrede zu nehmen. Er dankte Cléry für die Treue, mit der er ſein Wort halte, und ſprach: „Seien Sie fortwährend bemüht, etwas über das, was ſie von mir wollen, zu entdecken; fürchten Sie nicht, 320 mich zu betrüben. Ich bin mit meiner Familie über⸗ eingekommen, nicht unterrichtet zu ſcheinen, um Sie nicht zu gefährden.“ Doch je näher der Tag kam, wo der Proceß in Angriff genommen werden ſollte, deſto mißtrauiſcher wur⸗ den die Municipale; Cléry hatte alſo den Gefangenen keine andere Nachrichten zu geben, als die, welche in einem Journal, das man ihm zukommen ließ, enthalten waren: dieſes Journal veröffentlichte das Decret, das befahl, daß am 11. December Ludwig XVI. vor den Schranken des Convents erſcheinen ſolite. Am 11. December wurde von Morgens um fünf Uhr an der Generalmarſch durch ganz Paris geſchlagen; die Thüren des Tempels öffneten ſich, und man ließ in die Höfe Cavallerie und Kanonen einrücken. Wäre die königliche Familie über das, was vorging, unwiſſend geweſen, ſie würde durch einen ſolchen Lärmen ſehr in Unruhe verſetzt worden ſein; ſie gab ſich indeſſen den Anſchein, als wüßte ſie die Urſache davon nicht, und verlangte Erklärungen von den Commiſſären vom Dienſte: dieſe weigerten ſich, ſolche zu geben. Um neun Uhr gingen der König und der Dauphin, um zu frühſtücken, in die Wohnung der Prinzeſſinnen hinauf; man hatte noch eine letzte Stunde mit einander zuzubringen, jedoch unter den Augen der Municipale; nach einer Stunde mußte man ſich trennen, und, da man dafür galt, man wiſſe nichts, bei der Trennung Alles in ſein Herz verſchließen. Der Dauphin wußte in der That nichts; man hatte ſeine Jugend mit dieſem Schmerze verſchont. Er trug beharrlich darauf an, daß man eine Partie Siam mache; ſo ſehr auch ſein Inneres von ſchweren Sorgen in An⸗ ſpruch genommen ſein mußte, der König wollte ſeinem Sohne dieſe Zerſtreuung geben. Der Dauphin verlor alle Partien und blieb drei⸗ mal bei der Nummer 16 ſtehen. 321 „Verdammte Nummer 16!“ rief er,„ich glaube, ſie bringt mir Unglück!“ Der König antwortete nichts, doch dieſes Wort er⸗ griff ihn wie ein unglückliches Vorzeichen. Um elf Uhr, während er dem Dauphin ſeine Lection im Leſen gab, traten zwei Municipale ein und ſagten, ſie kommen, um den jungen Ludwig zu holen und ihn zu ſeiner Mutter zu führen; der König wollte die Motive dieſer Eutziehung wiſſen; die Commiſſäre be⸗ ſchränkte ſich darauf, daß ſie antworteten, ſie vollziehen die Befehle des Rathes der Commune. Der König küßte ſeinen Sohn und beauftragte Cléry, ihn zu ſeiner Mutter zu bringen. Cléry gehorchte und kam zurück. 5„Wo haben Sie meinen Sohn gelaſſen?“ fragte der önig. „In den Armen der Königin, Sire,“ antwortete Cléry. Einer von den Commiſſären erſchien wieder. „Mein Herr,“ ſagte er zu Ludwig XVI.„der Bür⸗ ger Chambon, Maire von Paris(das war der Nach⸗ folger von Pötion), iſt im Rathe und wird ſogleich her⸗ aufkommen.“ „Was will er von mir?“ fragte der König. „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Municipal. Und er entfernte ſich und ließ den König allein. Der König ging einen Augenblick mit großen Schrit⸗ ten im Zimmer auf und ab, und ſetzte ſich dann in ein Fauteuil oben an ſeinem Bette. Der Municipal hatte ſich mit. Cléry in das an⸗ ſee Zimmer zurückgezogen und ſagte zum Kammer⸗ iener: „Ich mag nicht mehr zum König hineingehen, weil ich befürchte, daß er mich befragt.“ Es herrſchte indeſſen eine ſolche Stille im Zimmer Die Gräfin von Charny. VII. 21 322 des Königs, daß der Commiſſär darüber in Unruhe ge⸗ rieth; er trat ſachte ein und fand den König den Kopf auf ſeine Hände geſtützt und, wie es ſchien, tief in Ge⸗ danken verſunken. Bei dem Geränſche, das die Thüre ſich auf ihren Angeln drehend machte, richtete der König den Kopf auf und fragte: „Was wollen Sie von mir?“ „Ich befürchtete, Sie ſeien unpäßlich,“ antwortete der Municipal. „Ich bin nicht unpäßlich,“ erwiederte der König, „uur iſt die Art, wie man mir meinen Sohn nimmt, unendlich empfindlich für mich.“ Der Municipal zog ſich zurück. Der Maire erſchien erſt um ein Uhr; er war begleitet vom neuen Procurator der Commune Chaumette, vom Secretär⸗Greffier Coulombeau, von mehreren Mu⸗ nicipalbeamten und von Santerre, der ſelbſt in Be⸗ gleitung ſeiner Adjutanten erſchien. Der König ſtand auf. „Was wollen Sie von mir, mein Herr?“ fragte er, ſich an den Maire wendend. „Ich komme, um Sie zu holen,“ antwortete dieſer⸗ „und zwar kraft eines Decretes des Convents, das Ihnen der Secretär⸗Greffier vorleſen wird.“ Der Secretär⸗Greffier entrollte in der That ein Papier und las: „Decret des Nationalconvents, das befiehlt, daß Ludwig Capet. Bei dieſem Worte unterbrach der König den Leſer und ſagte: „Capet iſt nicht mein Name, es iſt der Name von einem meiner Ahnen.“ 3 Als ſodann der Secretär in ſeiner Leſung fortfah⸗ ren wollte, ſprach der König: 4 — —0) — 9c00) — ge⸗ pf e⸗ ten uf ete nt, ar te, e⸗ er, er, ien ein 323 „Unnöthig, mein Herr, ich habe das Derret in einem Journal geleſen.“ Und ſich an die Commiſſäre wendend fügte er bei: „Ich hätte gewünſcht, man würde mir meinen Sohn während der zwei Stunden gelaſſen haben, die ich Sie erwartend zubrachte: aus zwei grauſamen Stunden hätte man mir zwei ſüße Stunden gemacht. Dieſe Behand⸗ lung iſt indeſſen eine Fortſetzung von dem, was ich ſeit vier Monaten erdulde... Ich will Ihnen folgen, nicht um dem Convente zu gehorchen, ſondern weil meine Feinde die Gewalt in der Hand haben!“ „Dann kommen Sie, mein Herr,“ ſagte Chambon. „Ich verlange nur ſo viel Zeit, als ich brauche, um einen Heberrock über meinen Frack anzuziehen. Cléry, meinen Ueberrock!“ Cléry reichte dem König den verlangten Ueberrock, der haſelnußfarbig war. Unten an der Treppe ſchaute der Gefangene mit Beſorgniß die Musketen, die Pieken, und beſonders die himmelblauen Reiter an, von deren Formation er nichts wußte; dann warf er einen letzten Blick auf den Thurm, und man ging ab. Es regnete. Der König ſaß in einem Wagen und machte die Fahrt mit ruhigem Geſichte. Als er an den Thoren Saint⸗Martin und Saint⸗ Denis vorüberkam, fragte er, welches von beiden man einzureißen vorgeſchlagen habe. Auf der Schwelle der Reitſchule legte ihm Santerre die Hand auf die Schulter, und führte ihn vor die Schranke, an denſelben Platz und auf daſſelbe Fauteuil,. wo er die Conſtitution beſchworen hatte. Alle Deputirte waren im Augenblicke des Eintritts von Ludwig XVI. ſitzen geblieben; ein Einziger, als er an ihm vorüberging, ſtand auf und grüßte. 324 Der König wandte ſich erſtaunt um und erkannte Gilbert. „Guten Morgen, Herr Gilbert,“ ſagte er. Sodann zu Santerre: „Sie kennen Herrn Gilbert: er war einſt mein Arzt; nicht wahr, Sie werden ihm alſo nicht zürnen, daß er mich gegrüßt hat?“ Das Verhör begann. Hier fängt das Blendwerk des Unglücks an vor der Oeffentlichkeit zu verſchwinden; der König antwortete nicht nur auf die Fragen, die man an ihn richtete, ſon⸗ dern er antwortete ſogar ſchlecht, zögernd, mit Winkel⸗ zügen, leugnend, ſein Leben ſtreitig machend, wie es ein Provinzadvocat eine Frage über eine gemeinſchaftliche Mauer plaidirend hätte machen können. Das helle Tageslicht ſtand dem armen König nicht an. Das Verhör dauerte bis um fünf Uhr. Um fünf Uhr wurde der König in den Saal der Conferenzen geführt, wo er ſeinen Wagen erwartete. Der Maire näherte ſich ihm und fragte: „Haben Sie Hunger, mein Herr, wollen Sie etwas zu ſich nehmen?“ „Ich danke Ihnen,“ erwiederte der König, mit einer Geberde der Weigerung. Doch faſt in demſelben Angenblicke, als er einen Grenadier ein Brod aus ſeiner Taſche ziehen und die Hälfte davon dem Procurator der Commune Chau⸗ mette geben ſah, trat er auf dieſen zu und fragte ihn: „Wollen Sie mir ein Stück von Ihrem Brode geben, mein Herr?“ Da er aber leiſe geſprochen hatte, wich Chaumette zurück und ſagte: „Sprechen Sie laut, mein Herr!“ „Ah! ich kann laut ſprechen,“ erwiederte der König, ten die u⸗ en, tte lig, 325 mit einem traurigen Lächeln,„ich bitte um ein Stück Brod.“ „Gern,“ antwortete Chaumette. Und ihm ſein Brod reichend: „Nehmen Sie, ſchneiden Sie ab! Das iſt ein Spar⸗ tanermahl; hätte ich eine Wurzel, ſo würde ich Ihnen die Hälfte davon geben.“ Man ging in den Hof hinab. Als ſie den König erblickte, ſtimmte die Menge die Marſeillaiſe an, wobei ſie mit beſonderer Energie den Vers hervorhob: Qu'un sang impur abreuve nos sillons! Ludwig XVI. erbleichte leicht und ſtieg in den Wagen. Hier fing er an zu eſſen, doch nur die Kruſte ſeines Brodes: die Krume blieb ihm in der Hand, und er wußte nicht, was er mit dieſer Krume machen ſollte. Der Subſtitut des Procurators nahm ſie ihm aus der Hand und warf ſie zum Schlage hinaus. „Ah! es iſt ſchlimm, das Brod ſo wegzuwerfen,“ ſagte der König,„beſonders in einem Angenblicke, wo es ſo ſelten iſt!“ „Und woher wiſſen Sie, daß es ſo ſelten iſt?“ ſagte Chaumette;„es fehlt Ihnen doch nicht daran!“ „Ich weiß, daß es ſelten iſt, weil das, welches man mir gibt, ein wenig nach Erde riecht.“ „Meine Großmutter,“ erwiederte Chaumette,„ſagte mir immer:„„Bübchen, Du darfſt nie eine Brodkrume verderben, denn Du könnteſt nicht ebenſo viel hervor⸗ bringen.“ „Herr Chaumette,“ ſprach der König,„Ihre Groß⸗ mutter war, wie es ſcheint, eine verſtändige Frau.“ Es trat eine Stille ein; Chaumette blieb ſtumm, in eine Wagenecke vertieft. 326 „Was haben Sie, mein Herr?“ fragte der König, „Sie erbleichen!“ „In der That,“ antwortete Chaumette,„ich fühle mich unwohl.“ „Vielleicht iſt es das Rollen des Wagens, der im Schritte geht?“ fragte der König. „Vielleicht.“ „Sind Sie zur See geweſen?“ „Ich habe den Krieg mit la Motte⸗Picquet ge⸗ „La Motte⸗Picquet,“ ſagte der König,„das war ein Braver!“ Und er ſchwieg ebenfalls. Worüber dachte er nach? über ſeine ſchöne, in In⸗ dien ſiegreiche Marine; über ſeinen Hafen in Cherbourg, den man dem Ocean abgerungen; über ſein glänzendes Admiralscoſtume, roth und Gold, ſo verſchieden von der Kleidung, die er in dieſem Augenblicke trugz über ſeine Kanonen, die bei ſeinem Vorübergehen vor Frende brüll⸗ ten, in den Tagen ſeines Glückes? Er war weit von da, der arme Ludwig XVI., ge⸗ rüttelt in einem im Schritte fahrenden Fiacre, mit dieſem die Wogen des Volkes durchſchneidend, das ſich, um ihn zu ſehen, herbeidrängte, ein faules, hohlgehendes Meer, deſſen Flut aus den Goſſen von Paris aufſtieg; mit den Augen blinzelnd am hellen Tage, mit ſeinem langen Barte, mit den ſpärlichen, fadblonden Haaren, und ſei⸗ nen abgemagerten, auf ſeinen gerunzelten Hals herab⸗ hängenden Backen; bekleidet mit einem grauen Fracke und einem haſelnußfarbigen Ueberrocke, und mit jenem automatiſchen Gedächtniſſe der Kinder und der Bourbonen ſprechend:„Ah! das iſt die und die Straße,— und dann die Straße— und dann die Straße.“ Bei der Rue dOrleans angelangt, ſagte er: „Ah! das iſt die Rue d'Orleans!“ ihr ſei ge⸗ ar n⸗ rg, des der ine üll⸗ ge⸗ ſem ihn eer, den gen ſei⸗ ab⸗ acke em nen und 327 „Sagen Sie die Rue d'Egalits,“ antwortete man ihm „Ah! ja, wegen des Herrn.. 5 Der König vollendete nicht, er verſank wieder in ſein Stillſchweigen und ſprach von der Rue d'Egalité bis zum Tempel nicht ein Wort mehr. CLXXI. Die Legende vom mürtyrer-König. Der König, als er ankam, verlangte vor Allem, daß man ihn zu ſeiner Fomilie führe; doch man ant⸗ wortete ihm, es ſei in dieſer Beziehung kein Befehl da. Ludwig begriff, daß er, wie jeder Verurtheilte, dem man einen Proceß auf den Tod macht, in engem Ge⸗ wahrſam war. „Unterrichten Sie wenigſtens meine Familie von meiner Rückkehr,“ ſagte er. Sodann, ohne ſich um die vier Municipale zu be⸗ kümmern, die ihn umgaben, beſchäftigte er ſich mit ſei⸗ ner gewöhnlichen Lecture. Der König hatte noch eine Hoffnung: zur Stunde des Abendbrods würde ſeine Familie zu ihm herauf⸗ kommen. Er wartete vergebens. Niemand erſchien. „Ich denke aber,“ ſagte er,„mein Sohn wird die Nacht bei mir zubringen, da ſeine Effecten hier ſind?“ Ach! der Gefangene hatte, hinſichtlich ſeines Sohnes, 328 nicht einmal die Gewißheit, die er zu haben ſich den Anſchein gab. Man antwortete ebenſo wenig auf dieſe Frage, als man es bei den andern gethan hatte. „Nun! ſo legen wir uns zu Bette!“ ſagte der König. Cléry kleidete ihn wie gewöhnlich aus. „Ah! Cléry,“ murmelte er,„ich erwartete entfernt nicht die Fragen, die ſie an mich gemacht haben.“ Und, in der That, faſt alle an den König gerichte⸗ ten Fragen hatten ihre Quelle in dem eiſernen Schranke, und der König, der nichts von dem Verrathe von Gamain wußte, ahnte nicht, der eiſerne Schrank ſei entdeckt worden. Nichtsdeſtoweniger legte er ſich zu Bette, und kaum liegend, entſchlief er mit jener Ruhe, von der er ſchon ſo viele Proben gegeben, und die man unter gewiſſen Umſtänden für Lethargie halten konnte. Nicht daſſelbe war bei den anderen Gefangenen der Fall; dieſer enge Gewahrſam war für ſie erſchrecklich bezeichnend; es war der Gewahrſam der Verurtheilten. Da der Dauphin ſein Bett und ſeine Effecten beim König hatte, ſo legte die Königin das Kind in ihr eigenes Bett, und die ganze Nacht zu ſeinen Häupten ſtehend, ſchaute ſie dem Schlafenden zu. Ihr Schmerz war ſo düſter, dieſe Stellung glich ſo ſehr der Statue einer Mutter am Grabe ihres Kin⸗ des, daß Madame Eliſabeth und Madame Royale die Nacht auf Stühlen neben der ſtehenden Königin zuzu⸗ bringen beſchloſſen; doch die Municipale nöthigten die zwei Frauen, zu Bette zu gehen. Am andern Tage richtete die Königin zum erſten Male eine Bitte an ihre Wächter. Sie verlangte zwei Dinge: den König zu ſehen, und die Jonrnale zu empfangen, um über den Proceß auf dem Laufenden erhalten zu ſein. nt te⸗ ke, in ckt m on en en 329 Man überbrachte dieſe zwei Geſuche dem Rathe. Das eine wurde völlig abgeſchlagen: das der Jour⸗ nale; das andere wurde zur Hälfte bewilligt. Die Königin durfte ihren Gatten, die Schweſter ihren Bruder nicht mehr ſehen; doch die Kinder konn⸗ ten ihren Vater ſehen, unter der Bedingung, daß ſie weder ihre Mutter, noch ihre Tante mehr ſehen würden. Man eröffnete dem König dieſes Ultimatum. Er dachte einen Augenblick nach; dann ſagte er mit ſeiner gewöhnlichen Reſignation: „Gut; welches Glück es mir auch bereitet, meine Kinder zu ſehen, ich werde auf dieſes Glück verzichten. Die große Angelegenheit, die mich beſchäftigt, würde mich überdies verhindern, ihnen die Zeit zu weihen, der ſie bedürfen... Die Kinder werden bei ihrer Mutter bleiben.“ Auf dieſe Antwort brachte man das Bett des Dau⸗ phin in das Zimmer ſeiner Mutter, welche ihre Kinder nur verließ, als ſie ſich ſollte vom Revolutionstribunal verurtheilen laſſen, wie der Vater vom Convente verur⸗ theilt werden ſollte. Man mußte auf Mittel eines Verkehrs trotz dieſes geheimen Gewahrſams bedacht ſein. Es war abermals Cléry, der die Organiſation der Correſpondenzen mit Hülfe eines Dieners der Prin⸗ zeſſinnen Namens Turgy übernahm. Turgy und Cléry begegneten ſich, wenn ſie für die Bedürfniſſe des Dienſtes hin und hergingen; doch die Beaufſichtigung der Munieipale machte jedes Geſpräch zwiſchen ihnen ſchwierig. Die einzigen Worte, welche ſie austanſchen konnten, beſchränkten ſich gewöhnlich auf die:„Der König befindet ſich wohl.— Die Königin, die Prinzeſſinnen und die Kinder befinden ſich wohl.“ Eines Tags übergab indeſſen Turgy Cléry ein Billetchen. 330 „Madame Eliſabeth hat es mir, indem ſie mir ihre Serviette zurückgab, in die Hand geſteckt.“ Cléry brachte ſchleunigſt dem König das Billet. Es war mit Radeſſtichen geſchrieben; ſeit langer Zeit hatten die Prinzeſſinnen weder mehr Tinte, noch Federn, noch Papier; es enthielt folgende Zeilen: „Wir befinden uns wohl, mein Bruder. Schreiben Sie uns auch.“ Der König antwortete, denn ſeit der Eröffnung des Proceſſes hatte man ihm Federn, Tinte und Papier zurückgegeben. Er reichte ſodann den Brief offen Cléry und ſagte zu ihm: ² „Leſen Sie, mein lieber Cléry, und Sie werden ſehen, daß dieſer Brief nichts enthält, was Sie compro⸗ mittiren kann.“ Cléry weigerte ſich ehrfurchtsvoll, zu leſen, und ſchob erröthend die Hand des Königs zurück. Zehn Minuten nachher hatte Turgy die Antwort. An demſelben Tage ließ der Letztere, als er am Zimmer von Cléry vorbeiging, durch die ein wenig ge⸗ oͤffnete Thüre dieſes Zimmers einen Knäul Faden bis unter das Bett rollen; dieſer Knäul Faden bedeckte ein neues Billet von Madame Eliſabeth. Das war ein angedeutetes Mittel. Cléry wickelte den Faden um ein Billet des Kö⸗ nigs und verbarg den Knäul in einem Tellerſchranke; Turgy fand ihn und legte die Antwort wieder an den⸗ ſelben Ort. Daſſelbe Manvenvre wiederholte ſich mehrere Tage; nur ſo oft ihm ſein Kammerdiener einen neuen Beweis von Treue oder von Gewandtheit dieſer Art gab, ſchüttelte der König den Kopf und ſagte: „Nehmen Sie ſich in Acht, mein Freund, Sie compromittiren ſich hiedurch!“ e er h en te en o⸗ umn e⸗ is in e; n⸗ e eis lte 331 Das Mittel war in der That zu precär; Cléry ſuchte ein anderes. Die Commiſſäre übergaben dem König die Wachs⸗ kerzen zuſammengeſchnürt; Clery hob ſorgfältig die Schnüre auf, und als er eine hinreichende Quantität davon beſaß, ſagte er dem König, er habe ein Mittel, um die Correſpondenz thätiger zu machen; das war, ſeine Schnur Madame Eliſabeth zukommen zu laſſen; Madame Eliſabeth, welche über ihm ſchlief und ein Fenſter hatte, das ſenkrecht mit dem eines an das Zimmer von Cléry anſtoßenden kleinen Flurganges correſpondirte, konnte in der Nacht ihre Briefe an dieſe Schnur hängen und durch daſſelbe Mittel die vom König empfangen. Ueberdies konnte man an detſelben Schnur Federn, Papier und Tinte herablaſſen, was die Prinzeſſinnen der Mühe, mit Nadelſpitzen zu ſchreiben, überheben würde. Es war ſo den Gefangenen jeden Tag geſtattet, Nachrichten, den Prinzeſſinnen vom König, dem König von den Prinzeſſinnen und ſeinem Sohne, zu erhalten. Die Lage von Ludwig XVI. hatte ſich indeſſen mo⸗ raliſch ſehr verſchlimmert, ſeitdem er vor dem Convente erſchienen war. Man glaubte allgemein zwei Dinge: entweder das Beiſpiel von Karl I., deſſen Geſchichte er ſo gut kannte, befolgend, werde ſich der König weigern, dem Convente zu antworten, oder, wenn er antworte, werde er hoch⸗ müthig, ſtolz, im Namen des Königthums antworten, nicht wie ein Angeklagter, der ein Urtheil über ſich er⸗ gehen läßt, ſondern wie ein Ritter, der die Herausfor⸗ derung annimmt und den Fehdehandſchuh aufhebt. Zu ſeinem Unglücke war Ludwig XVI. nicht von einer genug königlichen Natur, um bei einem von dieſen beiden Entſchlüſſen zu beharren. Er antwortete, wie wir geſagt haben, ſchlecht, furchtſam, linkiſch, und fühlend, daß er vor allen die⸗ ſen, ohne ſein Wiſſen, in die Hände ſeiner Feinde ge⸗ 332 fallenen Stücken ſich ſelbſt fing, bat der arme König am denr Ende um einen Rechtsberather. alle Nach einer ſtürmiſchen Verhandlung, welche auf den den Abgang des Kbönigs folgte, wurde der Rechtsberather viel bewilligt. Am andern Tage begaben ſich vier, zu dieſem Ende mei als Commiſſäre ernannte, Mitglieder des Convents zum nick König und fragten ihn, wer der von ihm gewählte Rechtsberather ſei. hal „Herr Target,“ antwortete der König. Na Die Commiſſäre entfernten ſich, und man benach⸗ richtete Herrn Target von der Ehre, die ihm der König erwies. Unerhört!— dieſer Mann,— ein Mann von großem Werthe, ehemaliges Mitglied der conſtituirenden Verſammlung, einer von denjenigen, welche den thätig⸗ ein ſten Antheil an der Abfaſſung der Conſtitution genom⸗ Er men,— dieſer Menſch hatte Angſt. zu Er weigerte ſich feige, erbleichend aus Furcht vr Un ſeinem Jahrhundert, um zu erröthen aus Scham vor der der Nachwelt. mör Doch ſchon am andern Tage, nachdem der König fon erſchienen war, erhielt der Präſident des Convents fol⸗ genden Brief: Fr Rec „Bürger Präſident, uut Fr mit die beſt „Ich weiß nicht, ob der Convent dem König einen Rechtsberather geben wird, um ihn zu vertheidigen, und ob er ihm die Wahl deſſelben überlaſſen wird; in dieſem Falle wünſche ich, daß Ludwig XVI. erfahre, ich ſei, wenn er mich zu dieſer Function wählt, bereit, mich in derſelben zu unterziehen. Ich bitte Sie nicht, dem ie Convente mein Anerbieten mitzutheilen, denn ich bin eine tha zu unwichtige Perſon, als daß er ſich mit mir beſchäf⸗ tigen ſollte; doch ich wurde zweimal in den Rath von ſult am den her nde um lte nig on en ig⸗ m⸗ 0r er ig ol⸗ en m ei, ch m ne if⸗ on 333 demjenigen berufen, der mein Herr war in der Zeit, wo alle Welt nach dieſer Function trachtete: ich bin ihm denſelben Dienſt ſchuldig, da es eine Fungtion iſt, welche viele Leute gefährlich finden. „Kennete ich ein mögliches Mittel, um ihn mit meiner Geſinnung bekannt zu machen, ſo würde ich mir nicht die Freiheit nehmen, mich an Sie zu wenden. „Ich dachte, auf dem Platze, den Sie einnehmen, haben Sie mehr als irgend Jemand Mittel, ihm dieſe Nachricht zukommen zu laſſen. „Ich bin mit aller Hochachtung u. ſ. w. „Malesherbes.“ Zwei andere Geſuche kamen zu gleicher Zeit; das eine war von einem Advocaten von Troyes, Herrn Sourdat. Er ſagte kühn:„Ich ſehe mich angetrieben, Ludwig XVI. zu vertheidigen durch das Gefühk, das ich von ſeiner Unſchuld habe.“ Das andere von Olympia von Gouges, der ſeltſamen ſüdlichen Improviſatrice, welche ihre Ko⸗ mödien dictirte, weil ſie, wie ſie ſagte, nicht ſchreiben konnte. Olympia von Gouges hatte ſich zum Advocaten der Frauen gemacht; ſie wollte, daß man ihnen dieſelben Rechte gebe, wie den Männern, daß ſie ſich um die De⸗ putation bewerben, die Geſetze discutiren, Krieg und Frieden erklären können; und ſie hatte ihre Forderung mit einem erhabenen Worte unterſtützt:„Warum ſollten die Frauen nicht die Tribune beſteigen?“ ſagte ſie:„ſie beſteigen wohl das Schaffot?“ Sie beſtieg es in der That, die arme Creatur; doch in dem Angenblicke, wo man ihr Urtheil ſprach, wurde ſie wieder Weib, das heißt ſchwach; ſie wollte die Wohl⸗ that des Geſetzes benützen und erklärte ſich für ſchwanger. Das Tribunal übergab die Verurtheilte einer Con⸗ ſultation von Aerzten und Hebammen; das Reſultat der 334 Conſultation war, wenn eine Schwangerſchaft vorhan⸗ den ſei, ſo ſei ſie zu neu, als daß man ſie conſtatiren könnte. Vor dem Schaffot wurde ſie wieder Mann: und ſie ſtarb, wie eine Frau wie ſie ſterben mußte. Was Herrn von Molesherbes betrifft, das war derſelbe Lamoignon von Malesherbes, der mit Turgot Miniſter geweſen und mit ihm gefallen war. Wir haben anderswo erwähnt, es ſei ein kleiner Mann von ſiebzig bis zweiundſiebzig Jahren geweſen, von Natur linkiſch und zerſtrent, rund, von gemeinen Ausſehen,„ein wahres Apothekergeſicht,“ ſagt Michelet, in welchem man eutfernt nicht einen Heldenmuth der alten Zeiten ahnte. Vor dem Convente nannte er den König nie anders als Sire. „Was macht Dich ſo kühn, ſo vor uns zu ſprechen?“ fragte ihn ein Conventsmitglied.„ „Die Verachtung des Todes,“ antwortete einfach Malesherbes. Und er verachtete ihn wirklich, dieſen Tod, zu dem er mit ſeinen Gefährten im Wägen plaudernd ging, und den er empfing, als ob er, nach dem Worte von Guillotin, indem er ihn empfing, nichts Anderes fühlen ſollte, als eine leichte Kühle auf dem Halſe. Der Concierge von Monceaux,— nach Monceaux brachte man die Hingerichteten,— der Concierge von Monceaur be⸗ kräftigte einen ſeltſamen Beweis von dieſer Todesver⸗ achtung: im Hoſentäſchchen dieſes enthaupteten Körpers fand er die Uhr von Malesherbes; ſie bezeichnete die zweite Stunde Nach ſeiner Gewohnheit hatte der Ver⸗ urtheilte um Mittag, das heißt zur Stunde, wo er nach dem Schaffot ging, ſeine Uhr aufgezogen. In Ermangelung von Target, nahm der König alſo Malesherbes und Tronchetz von der Zeit gedrängt, ge⸗ ſellten ſich dieſe den Advoraten Deſoze bei. pfo zu be den zu au fra an wi au⸗ ren be ſter ner ſen, tem let, lten ers n fach dem ing, von len Der nan ver⸗ ers die zer⸗ er alſo ge⸗ 335 Am 11. December eröffnete man Ludwig, er habe Erlaubniß, mit ſeinen Vertheidigern zu verkehren, und er werde an demſelben Tage den Beſuch von Herrn von Malesherbes empfangen. Die Ergebenheit von dieſem hatte ihn ſehr gerührt, obſchon ihn ſein Temperament für dergleichen Gemüths⸗ bewegungen ziemlich unzugänglich machte. Als er mit einer erhabenen Einfachheit dieſen ſieb⸗ zigiährigen Greis auf ſich zukommen ſah, da ſchwoll ſein Herz an, ſeine Arme,— dieſe königlichen Arme, die ſich ſo ſelten auseinander thun,— öffneten ſich, und er ſprach ganz in Thränen zerfließend: „Mein lieber Herr von Malesherbes, umarmen Sie mich!“ Sodann, nachdem er ihn liebevoll an ſeine Bruſt gedrückt hatte, fuhr der König fort: „Ich weiß, mit wem ich es zu thun habe; ich er⸗ warte den Tod, und ich bin vorbereitet, ihn zu em⸗ pfangen. So wie Sie mich in dieſem Augenblicke ſehen, — und ich bin ruhig, nicht wahr?— nun, ſo werde ich zum Schaffot gehen Am 16. erſchien eine Deputation im Tempel; ſie beſtand aus vier Mitgliedern des Convents: dieſe waren Valazé, Cochon, Grandpré und Duprat. Man hatte einundzwanzig Deputirte ernannt, um den Proceß des Königs zu prüfen; alle Vier gehörten zu dieſer Commiſſion. Sie brachten dem König ſeine Anklageacte und die auf ſeinen Prozeß bezüglichen Papiere. Der ganze Tag wurde zur Bewahrheitung dieſer Papiere angewendet. Der Secretär las jedes Stück vor; nach der Leſung ſtagte Valazs:„Haben Sie Kenntniß...2“ Der König antwortete ja oder nein, und Alles war abgethan. Einige Tage nachher kamen dieſelben Commiſſäre wieder und laſen dem König einundfünfzig neue Acten⸗ 336 ſtücke vor, die er unterſchrieb und wie die vorhergehen⸗ den mit ſeinem Namenszuge bezeichnete. Im Ganzen hundert einundfünfzig Stücke, von denen man ihm die Abſchriften zurückließ. Mittlerweile wurde der König von einem Fluſſe befallen. Er erinnerte ſich des Grußes von Gilbert in dem Angenblicke, wo er in den Convent eingetreten war, und verlangte von der Commune, daß man ſeinem ehema⸗ ligen Arzte erlaube, ihm einen Beſuch zu machen: die Commune ſchlug es ab. „Capet trinke kein Eiswaſſer mehr, und er wird keinen Fluß haben,“ ſagte eines ihrer Mitglieder. Am 26. ſollte der König zum zweiten Male vor den Schranken des Convents erſcheinen. Sein Bart war gewachſen;— wir haben geſagt, ſein Bart ſei häßlich, fadblond, ſchlecht gepflanzt gewe⸗ ſen. Ludwig verlangte ſeine Raſirmeſſer; ſie wur⸗ den ihm zurückgegeben, doch unter der Bedingung, daß er ſich derſelben nur vor vier Municipalen bediene! Am 25., um elf Uhr Abends, fing er an ſein Teſtament zu ſchreiben.. Dieſes Actenſtück iſt ſo ſehr bekannt, daß wir es, ſo rührend und chriſtlich es iſt, nicht hier aufzeichnen. Zwei Teſtamente haben immer unſere Aufmerkſam⸗ keit angezogen: das Teſtament von Ludwig XVI., das ſich der Republik gegenüberfand und nur das König⸗ thum ſah; das Teſtament des Herzogs von Orleans, das ſich dem Königthum gegenüberfand und nur die Re⸗ publik ſah. Wir wollen nur einen Satz aus dem Teſtamente von Ludwig XVI. anführen, weil er uns eine Frage des Geſichtspunktes aufklären helfen wird. Jeder ſieht, ſagt man, nicht nach der Wirklichkeit der Sache⸗ ſondern nach dem Geſichtspunkte ſeiner Stellung. em und na⸗ die ird den agt, we⸗ ur⸗ daß ſein ſeht iſt, am⸗ das nig⸗ das ente rage eder ache⸗ 337 „Ich endige,“ ſchrieb Ludwig XVI.,„indem ich vor Gott, und bereit, vor ihm zu erſcheinen, erkläre, daß ich mir keines der Verbrechen, die man gegen mich vorge⸗ bracht hat, vorwerfe.“ Wie konnte nun Ludwig XVI., welchem die Nachwelt den Ruf eines ehrlichen Mannes gemacht hat, den er übrigens vielleicht dieſem Satze verdankt; wie konnte Ludwig XVI., der an allen ſeinen Schwüren eidbrüchig geworden, der eine Proteſtation gegen die geleiſteten Eide hinterlaſſend nach dem Auslande flohz wie konnte Audwig XVI., welcher die den Feind in das Herz Frank⸗ reichs rufenden Pläne von Lafayette und Mirabeau er⸗ wogen, erörtert, mit Noten verſehen hatte; wie konnte Ludwig XVI. bereit, wie er es ſelbſt ſagt, vor dem Gotte zu erſcheinen, der ihn richten ſollte, folglich an dieſen Gott, an ſeine Gerechtigkeit, an ſeine Vergeltung der guten und der ſchlimmen Handlungen glaubend; wie ionnte Ludwig XVI. ſagen:„Ich werfe mir keines der Verbrechen vor, die man gegen mich vor⸗ gebracht hat?“ Nun wohl, die Conſtruction des Satzes ſelbſt er⸗ klärt das. Ludwig XVI. ſagt nicht:„Die Verbrechen, die man gegen mich vorbringt, ſind falſch;“ nein, er ſagt:„Ich werfe mir keines der Verbrechen vor, die man gegen mich vorgebracht hatz“ was durchaus nicht daſſelbe iſt. Bereit, zum Schaffot zu gehen, iſt Ludwig XVI. immer der Zögling von Herrn de la Vauguyon! Sagen:„Die Verbrechen, die man gegen mich vorbringt, ſind falſch,“ hieß dieſe Verbrechen leugnen⸗ und Ludwig XVI. konute ſie nicht lengnen; ſagen:„Ich werfe mir keines der Verbrechen vor, welche gegen mich vorgebracht werden,“ hieß ſtreng genommen ſagen:„Dieſe Die Gräfin von Charny. VII. 22 „ 338 Verbrechen exiſtiren, doch ich werfe ſie mir nicht Und warum warf ſich Ludwig XVI. dieſelben nicht vor? Weil er, wie wir ſo eben ſagten, in den Geſichts⸗ punkt des Königthums geſtellt war; weil,— Dank ſei es der Mitte, in der ſie erzogen werden, Dank ſei es dieſer Weihe der Legitimität, dieſer Unfehlbarkeit des göttlichen Rechtes,— die Könige die Verbrechen, und beſonders die politiſchen Verbrechen, nicht aus demſelben Geſichtspunkte anſchauen, wie die anderen Menſchen. So iſt für Ludwig XI. ſeine Empörung gegen ſeinen Vater kein Verbrechen: es iſt der Krieg des öffent⸗ lichen Wohles. So iſt für Karl IX. die Bartholomäusnacht kein Verbrechen: es iſt eine durch das offentlichs Wohl gerathene Maßregel. So iſt in den Angen von Ludwig XIV. der Wider⸗ ruf des Edicts von Nantes kein Verbrechen: es iſt ganz einfach eine Staatsraiſon. Derſelbe Malesherbes, der heute den König ver⸗ theidigte, hatte früher, als er Miniſter war, die Prote⸗ ſtanten wieder in ihre Rechte einſetzen wollen. Er hatte in Ludwig XVI. einen hartnäckigen Widerſtand gefunden⸗ „Nein,“ antwortete ihm der König,„die Proſcrip⸗ tion der Proteſtanten iſt ein Staatsgeſetz, ein Geſetz von Ludwig XIV.; rücken wir die alten Gränzſteine nicht von der Stelle.“ „Sire,“ entgegnete Malesherbes,„die Politik ver jährt nie gegen die Gerechtigkeit.“ „Aber, rief Ludwig XVI., wie ein Menſch, der nicht begreift,„wo iſt denn im Widerrufe des Ediets von Nantes eine Verletzung der Gerechtigkeit? Iſt nicht der Widerruf des Edicts von Nantes das Wohl des Staates?“ Alſo war für Ludwig KVI. die Verfoigung der Proteſtanten angeſtiftet durch eine alte Betſchweſter und ——— S e e hi r? s⸗ ſei es nd en ten t⸗ ein hl er⸗ anz er⸗ te⸗ tte en. tip ſetz icht er⸗ der icts icht es der und 339 einen haßerfüllten Jeſuiten, dieſe grauſame Maßregel, die das Blut in Strömen in den Thälern der Cevennen fließen gemacht hat, die die Scheiterhaufen von Nimes, von Alby, von Béziers angezündet hat, das war kein Verbrechen, ſondern im Gegentheil eine Staatsraiſon! Dann gibt es noch etwas Anderes, was man aus dem königlichen Geſichtspunkte prüfen muß: daß ein König beinahe immer von einer fremden Prinzeſſin geboren, bei der er den beſten Theil von ſeinem Blute ſchöpft, ſeinem Volke faſt fremd iſt; er regiert es, das iſt das Ganze;... und durch wen regiert er es? Durch ſeine Miniſter. Alſo iſt das Volk nicht nur nicht würdig, mit ihm verwandt zu ſein, nicht nur nicht würdig, mit ihm ver⸗ ſchwägert zu ſein, ſondern es iſt nicht würdig, von ihm unmittelbar regiert zu werden; während im Gegentheile die fremden Souverains die Verwandten und die Ver⸗ ſchwägerten des Königs ſind, der weder Verwandte, noch Verſchwägerte in ſeinem Königreiche hat, und direct mit Jenen ohne die Vermittelung von Miniſtern correſpondirt. Bourbonen von Neapel, Bourbonen von Spanien, Bourbonen von Italien gingen zu demſelben Stamme zurück: Heinrich IV.; ſie waren Vetter. Der Kaiſer von Oeſterreich war Schwager, die Prinzen von Savoyen waren verſchwägert mit Ludwig XVI., der Sachſe durch ſeine Mutter. War nun das Volk ſo weit gekommen, daß es ſeinem König Bedingungen auflegen wollte, welche zu befolgen dieſer nicht ſeinem Intereſſe entſprechend glanbte, an wen appellirte er gegen ſeine empörten Unterthanen? An ſeine Vetter, an ſeine Schwäger; für ihn waren die Spanier und die Oeſterreicher keine Feinde Frankreichs, da ſie ſeine Verwandten, ſeine, des Königs, Freunde wa⸗ ren, und aus dem Geſichtspunkte des Königthums iſt der König Frankreich. 340 DDieſe Könige, was vertheidigten ſie? die heilige, un⸗ angreifbare, faſt göttliche Sache des Königthums. Darum warf ſich Ludwig XVI. die Verbrechen nicht vor, deren man ihn bezüchtigte. Der königliche Egoismus hatte indeſſen den Volks⸗ egoismus erzeugt; und das Volk, das ſeinen Haß gegen das Königthum bis zur Abſchaffung Gottes getrieben, weil man ihm geſagt, das Königthum entfließe Gott, hatte ohne Zweifel auch, kraft irgend einer Staats⸗ raiſon, aus ſeinem Geſichtspunkte, den 14. Juli, den 5. und den 6. October, den 20. Juni und den 10. Auguſt gemacht. Wir ſagen nicht den 2. September: wir wieder⸗ holen, es war nicht das Volk, das den 2. September machte, es war die Commune! CLXXII. Die Legende vom Märtyrer-König. Der Tag des 26. kam und fand den König zu Allem vorbereitet, ſelbſt zum Tode. Er hatte ſein Teſtament am Abend vorher ge⸗ macht; er befürchtete, man weiß nicht warum, am andern Tage, nach dem Convente gehend, ermordet zu werden. Die Königin war davon unterrichtet, daß ſich der König zum zweiten Male in den Nationalconvent begab. Die Truppenbewegung, der Lärm der Trommeln hätten n er e⸗ m er b. en 341 ſie übermäßig erſchrecken können, hätte Cléry nicht Mittel gefunden, ſie mit der Urſache bekannt zu machen. Morgens um zehn Uhr ging Ludwig XVI. unter der Bewachung von Chambon und Santerre ab. Im Convente angekommen, mußte er eine Stunde warten; das Volk rächte ſich dafür, daß es fünf Jahr⸗ hunderte im Lonvre, in den Tuilerien und in Verſailles antichambrirt hatte. Es hatte eine Discuſſion ſtattgefunden, der der König nicht anwohnen fonnte; ein von ihm am 12. Cléry übergebener Schlüſſel war in den Händen von dieſem ergriffen worden; man war auf den Gedanken gekommen, dieſen Schlüſſel am eiſernen Schranke zu probiren, und er hatte denſelben geöffnet. Dieſer Schlüſſel war dem König gezeigt worden. „Ich erkenne ihn nicht,“ hatte er geantwortet. Wüer Wahrſcheinlichkeit nach hatte er ihn ſelbſt ge⸗ ſchmiedet. Bei ſolchen Details fehlte es dem König ganz und gar an Größe. Nachdem die Distuſſion beendigt war, zeigte der Präſident der Verſammlung an, der Angeklagte und ſeine Vertheidiger ſeien bereit, vor den Schranken zu er⸗ ſcheinen. Der König erſchien in Begleitung von Malesherbes, Tronchet und Deſoze. „Ludwig,“ ſprach der Präſident,„der Convent hat beſchloſſen, Sie ſollen heute gehört werden.“ „Mein Rechtsrath wird Ihnen meine Vertheidigung vorlefen,“ autwortete der König. Es trat eine tiefe Stille ein; die ganze Verſamm⸗ lung begriff, man könne wohl einige Stunden dieſem König laſſen, deſſen Königthum man brach, dieſem Men⸗ ſchen, deſſen Leben man abſchnitt. Sodann erwartete vielleicht die Verſammlung, von der einige Mitglieder das Maß eines ſo erhabenen Gei⸗ 342 ſtes gegeben hatten, eine große Diseuſſion hervorſpringen zu ſehen; bereit, ſich in ſein blutiges Grab zu legen, ſchon in ſein Leichentuch gehüllt, würde vielleicht das Königthum ſich plötzlich erheben, mit der Majeſtät der Sterbenden erſcheinen, und einige von jenen Worten ſagen, welche die Geſchichte einregiſtrirt, und die die Jahrhunderte wiederholen. Es war dem nicht ſo: die Rede des Advocaten Deſoͤze blieb eine ächte Advocatenrede. Und es war doch eine Sache zum Verthei⸗ digen, die dieſes Erben von ſo vielen Königen, den das Verhängniß vor das Volk führte, nicht nur zu Sühnung ſeiner eigenen Verbrechen, ſondern auch zu Sühnung der Verbrechen und Vergehen eines ganzen Geſchlechtes. Es ſcheint uns, wir würden bei dieſer Gelegenheit, hätten wir die Ehre gehabt, Herr Deſoze zu ſein, nicht im Namen von Herrn Deſoze geſprochen haben. Das Wort kam dem heiligen Ludwig und Heinrich IV. zu; es war an dieſen zwei großen Geſchlechtshäuptern, Ludwig XVI. von den Schwächen Ludwigs XIII., von den Verſchwendungen Ludwigs XIV., von den Ausſchwei⸗ fungen Ludwigs XV. rein zu waſchen. Wir wiederholen, das geſchah nicht. Deſoze war Krittler, wenn er hätte hinreißend ſein ſollen; es handelte ſich nicht darum, bündig zu ſein, ſondern poetiſch; man mußte ſich an das Herz wenden, und nicht an die Vernunft. Vielleicht aber würde, wenn dieſe flache Rede be⸗ endigt wäre, Ludwig XVI. das Wort nehmen, und da er ſich zu vertheidigen eingewilligt, ſo würde er ſich als König vertheidigen,— würdig, groß, edel. „Meine Herrn,“ ſprach er,„man hat Ihnen meine Vertbeidigungsmittel auseinandergeſetzt; ich werde ſie Ihnen nicht wiederholen, indem ich vielleicht zum letzten Male zu Ihnen ſpreche. Ich erkläre Ihnen, daß mir mein Vert nehr zerr gefu ien, mir Zeit Art dafi ſein ſole den von ant ſ6 rüſ hir h bei iht tr gr t . n, i⸗ in , n. e⸗ P 18 ne ſie en ir 343 mein Gewiſſen nichts vorwirft, und daß Ihnen meine Vertheidiger nur die Wahrheit geſagt haben. „Ich habe nie bange davor gehabt, daß mein Be⸗ nehmen öffentlich unterſucht werde; doch mein Herz iſt zerriſſen, daß ich in der Anklageacte die Bezichtigung gefunden, ich habe das Blut des Volkes vergießen wol⸗ ſen, und beſonders daß die Mißgeſchicke des 10. Auguſts mir zugeſchrieben werden. „Ich geſtehe, die vielfachen Proben, die ich jeder Zeit von meiner Liebe für das Volk gegeben, und die Art, wie ich mich benommen, ſchienen mir als Beweis dafür, daß ich mich wenig fürchte, mich auszuſetzen, um ſein Blut zu ſparen, dienend für immer von mir eine ſolche Bezichtigung fern halten zu müſſen.“ Begreifen Sie den Nachfolger von ſechzig Königen, den Enkel vom heiligen Ludwig, von Heinrich IV. und von Ludwig KIV., der nut dies ſeinen Anklägern zu antworten findet? Doch je ungerechter die Anklage aus Ihrem Ge⸗ ſichtspunkte war, Sire, deſto mehr mußte Sie die Ent⸗ rüſtung beredt machen. Sie mußten der Nachwelt etwas hinteriaſſen, und war es nur ein erhabener Fluch für Ihre Heuker! Der Convent fragte auch erſtaunt: „Sie haben Ihter Vertheidigung nichts Anderes beizufügen?“ „Nein,“ antwortete der König. „Sie können ſich zurückziehen.“ Ludwig zog ſich zurück. Er wurde in einen der anſtoßenden Säle geführt. Hier nahm er Herrn Deſoze in ſeine Arme und drückte ihn an ſein Herz; ſodann, da Herr Deſoze vom Schweiße topfnaß war, mehr noch in Folge der Gemüthsbewe⸗ gung, als der Anſtrengung⸗ drang Ludwig XVI. in ihn, daß er ſeine Wäſche wechſle, und wärmte ihm ſelbſt das Hemd, das der Advocat anzog. N 344 Um fünf Uhr Abends kehrte er in den Tempel zurück. Eine Stunde nachher traten ſeine Vertheidiger in dem Angenblicke bei ihm ein, wo er von Tiſche auſſtand. Er bot ihnen einige Erfriſchungen an; nur Herr Deſoze nahm es an. Während dieſer aß, ſagte Ludwig XvI. zu Herrn von Malesherbes: „Sie ſehen nun, daß ich mich von Anfang an nicht getäuſcht hatte, und daß meine Verurtheilung ausge⸗ ſprochen war, ehe man mich gehört hatte.“ „Sire,“ antwortete Herr von Malesherbes,„als ich aus der Verſammlung wegging, wurde ich von einer Menge guter Bürger umringt, die mir verſicherten, Sie werden nicht ſterben, oder Sie werden wenigſtens nach ihnen und ihren guten Freunden ſterben.“ „Kennen Sie dieſelben, mein Herr?“ fragte lebhaft der König. „Ich kenne ſie nicht perſönlich; ich würde ſie aber ſicherlich an ihrem Geſichte wiedererkennen.“ „Nun wohl,“ erwiederte der König,„ſuchen Sie ſchleunigſt Einige davon aufzufinden, und ſagen Sie ihnen, ich könnte mir nie vergeben, wenn ein einziger Tropfen Blutes um meinetwillen vergoſſen würde! Ich wollte nicht, daß vergoſſen werde, als dieſes Blut viel⸗ leicht meinen Thron und mein Leben erhalten hätte,— um ſo mehr zu dieſer Stunde, da ich den einen und das andere zum Opfer gebracht habe.“ Herr von Malesherbes verließ in der That den Kö⸗ nig frühzeitig, in der Abſicht, dem ihm ertheilten Befehle zu gehorchen. Es kam der 1. Januar 1793. Im ſtrengſten Gewahrſam gehalten, hatte Ludwig XVI. nur noch einen einzigen Diener bei ſich. Er dachte mit Betrübniß an dieſe Vereinzelung an einem ſolchen Tage, als ſich Cléry ſeinem Bette näherte⸗ „Sire,“ ſaßte leiſe der Kammerdiener,„ich bitte 345 un Erlaubniß, Ihnen meine heißeſten Wünſche für das Ende Ihres Mißgeſchicks ausdrücken zu dürfen.“ „Ich nehme Ihre Wünſche au„ erwiederte der König, indem er ihm die Hand reichte. Clory ergriff dieſe Hand, die man ihm reichte, küßte ſie und bedeckte ſie mit Thränen; dann half er ſeinem Herrn ſich ankleiden. In dieſem Angenblicke traten die Municipale ein. Ludwig ſchaute ſie Einen um den Andern an, und als er Einen ſah, deſſen Geſicht ein wenig Mitleid ver⸗ rieth, näherte er ſich ihm und ſagte: „Oh! mein Herr, thun Sie mir einen großen Ge⸗ fallen!“ „Welchen?“ fragte der Mann. „Ich bitte, erkundigen Sie ſich in meinem Auftrage nach meiner Familie, und bringen Sie ihr meine Glück⸗ wünſche zum beginnenden Jahre.“ „Ich gehe,“ antwortete der Municipal ſichtbar gerührt. „Meinen Dank!“ ſprach Ludwig XVI.„Gvott wird S hoffentlich wiedervergelten, was Sie für mich thun.“ „Aber,“ ſagte zu Cléry einer von den andern Mu⸗ nicipalen,„aber warum verlangt der Gefangene nicht ſeine Familie zu ſehen? Nun, da die Verhöre beendigt ſind, würde das ſicherlich keine Schwierigkeit finden.“ „An wen müßte man ſich zu dieſem Ende wen⸗ den?“ fragte Cléry. „An den Convent.“ Einen Angenblick nachher kam der Municipal, der bei der Königin geweſen war, zurück. „Mein Herr,“ ſagte er,„Ihre Familie dankt Ihnen für Ihre Wünſche, und läßt Ihnen die Ihrigen aus⸗ drücken.“ Der König lächelte traurig. „Was für ein Neujahrstag!“ ſprach er. 346 Am Abend theilte ihm Cléry mit, was ihm der Municipal über die Möglichkeit, die es für den König habe, ſeine Familie zu ſehen, geſagt hatte. Der König überlegte einen Moment und ſchien zu zögern. „Nein,“ erwiederte er endlich,„in ein paar Tagen werden ſie mir dieſen Troſt nicht verweigern: wir müſſen warten.“ Die katholiſche Religion hat entſetzliche Kreuzigun⸗ gen des Herzens, die ſie ihren Auserwählten auferlegt! Am 16. ſollte das Urtheil geſprochen werden. Herr von Malesherbes blieb am Morgen ziemlich lange beim König; gegen Mittag ging er weg und ſagte, er werde wiederkommen und ihm über die Namenauf⸗ rufung berichten, ſobald dieſe beendigt ſei. Die Abſtimmung ſollte über drei erſchrecklich einfache Fragen ſtattfinden: 1) Iſt Ludwig ſchuldig? 2) Wird man vom Urtheile des Convents an das Urtheil des Volkes appelliren? 3) Was wird die Strafe ſein? Damit die Zukunft ſehe, wenn man nicht ohne Haß ſtimme, ſtimme man wenigſtens ohne Furcht, mußte die Abſtimmung öffentlich ſein. Ein Girondiſt Namens Birotteau verlangte, daß Jeder die Tribune beſteige und laut ſein Urtheil ſage. Ein Montagnard, Léonard Bourdon, ging weiter: er veranlaßte den Beſchluß, daß die Abſtimmungen un⸗ terzeichnet werden müſſen. Einer von der Rechten verlangte endlich, daß die Liſten der Abweſenden durch Commiſſion erwähnen, und daß die Abweſenden ohne Commiſſion einen Tadel er⸗ halten, und daß man ihre Namen den Departements zuſende. Da begann die große, erſchreckliche Sitzung, welche zweiundſiebzig Stunden dauern ſollte. 6 te 347 Der Saal bot einen ſeltſamen Anblick, der wenig mit dem, was vorgehen ſollte, harmonirte. Was vorgehen ſollte, war traurig, düſter: der An⸗ blick des Saales bot keine Idee vom Drama. Der Hintergrund war in Logen verwandelt worden, wo die ſchönſten Frauen von, Paris, in ihrem Winter⸗ putze, mit Sammet und Pelzen bedeckt, Hrangen aßen und Gefrorenes zu ſich nahmen. Die Männer gingen zu ihnen, begrüßten ſie, plau⸗ derten mit ihnen, kamen an ihre Plätze zurück, wechſel⸗ ten Zeichen; man hätte glauben ſollen, man ſei in einem Schauſpielhauſe in Italien. Die Seite der Montagne beſonders machte ſich durch ihre Eleganz bemerkbar. Unter den Montagnards ſaßen auch die Millionäre: der Herzog von Orleans, Lepelle⸗ tier de Saint⸗Fargeau, Herault de Sechelles, Anacharſis Clootz, der Marquis von Chateauneuf. Alle dieſe Herren hatten vorbehaltene Tribunen für ihre Maitreſſen; ſie kamen mit dreifarbigen Bändern geſchmückt, verſehen mit beſonderen Karten oder Empfehlungsbriefen an die Huiſ⸗ ſiers, welche die Rolle von Logenöffnern ſpielten. Die oberen dem Volke geöffneten Tribunen wurden während der drei Tage nicht leer; mau trank hier wie in den Schenkſtuben, man aß wie bei den Reſtaurants, man perorirte wie in den Clubbs. Auf die erſte Frage: Iſt Ludwig ſchuldig? ant⸗ worteten ſechshundert dreiundachtzig Stimmen: Ja. Auf die zweite Frage: Wird die Entſcheidung des Convents der Ratification des Volkes unterworfen werden? ſtimmten zweihundert ein⸗ undachtzig für die Appellation an das Volk; vierhundert dreiundzwanzig dagegen. Dann kam die dritte Frage, die ernſte Frage, die Frage: Was wird die Strafe ein? Als man dahin gelangte, war es acht Uhr Abends 348 am dritten Tage, eine m traurigen, regneriſchen, kalten Ja⸗ nuartage; man war verdrießlich, ungeduldig, ermüdet: die menſchliche Stärke unterlag bei den Schanſpielern wie bei den Zuſchauern fünfundvierzig Stunden Per⸗ manenz. Jeder Deputirte beſtieg die Tribune und ſprach eines von den vier Urtheilen: die Gefangenſchaft,— die Deportation,— den Tod mit Friſt und Appellation an das Volk,— den Tod. Alle Zeichen der Billigung oder Mißbilligung waren verboten worden, und dennoch, wenn die Volkstribunen etwas Anderes hörten, als: Den Tod!— nurr⸗ ten ſie. Einmal indeſſen, als man dieſe zwei Worte hörte, folgten darauf Murren, Ziſchen und Pfeifen; das war, als Philipp Egalité die Tribune beſtieg und ſagte: „Einzig und allein auf die Erfüllung meiner Pflicht bedacht, überzengt, daß alle diejenigen, welche Eingriffe in die Souverainetät des Volkes gemacht haben oder in Zukunft machen werden, den Tod verdienen, ſtimme ich für den Tod.“ Mitten unter dieſem entſetzlichen Acte ließ ſich ein kranker Abgeordneter, Namens Duchatel, in den Convent, mit ſeiner Nachtmütze auf dem Kopfe und in ſeinen Schlaf⸗ rock gehüllt, tragen. Er kam, um für die Verbannung zu ſtimmen; ein Votum, das angenommen wurde, weil es auf die Milde abzielte. Vergniaud, der Präſident vom 10. Auguſt, war aber⸗ mals Präſident am 19. Januar; nachdem er die Ab⸗ ſetzung proclamirt hatte, ſollte er den Tod proclamiren. „Bürger,“ ſagte er,„Ihr habt einen großen Act der Gerechtigkeit geübt. Ich hoffe, die Humanität wird Euch beſtimmen, ein religiöſes Stillſchweigen zu beob⸗ achten; hat die Gerechtigkeit geſprochen, dann muß die Humanität ſich hörbar machen.“ Und er las das Reſultat der Abſtimmung. dre fü Au me die Uuh wi ein bei ma 349 a⸗ Von ſiebenhundert einundzwanzig Votanten hatten t: dreihundert vierunddreißig für die Verbannung oder das rn Gefängniß geſtimmt, und dreihundert ſiebenundachtzig r⸗ für den Tod, die Einen ohne Friſt, die Anderen mit Aufſchub. ich Es waren alſo für den Tod dreiundfünfzig Stimmen die mehr als für die Verbannung. an Nur, wenn man von dieſen dreiundfünfzig Stimmen die ſechsundvierzig abrechnet, welche für den Tod mit en Aufſchub votirt hatten, blieb im Ganzen füt den umittel⸗ en baren Tod eine Majorität von ſieben Stimmen. r⸗„Bürger,“ ſagte Vergniaud mit dem Ausdrucke eines tiefen Schmerzes,„ich erkläre im Namen des Con⸗ e, vents, daß die Strafe, die dieſer gegen Ludwig Capet ausſpricht, der Tod iſt.“ Am Abend vom Samſtag dem 19. wurde der Tod ht votirt, doch erſt am Sonntag dem 20., Morgens um drei ffe Uhr, verkündigte Vergniand den Spruch. in Jeder Verbindung mit außen beraubt, wußte mitt⸗ ch lerweile Ludwig XVI., daß ſein Loos ſich entſchied, und allein, fern von ſeiner Frau und ſeinen Kindern,— in welche er zu ſehen ſich geweigert hatte, um ſeine Seele 5 abzutödten, wie ein ſündhafter Mönch ſein Fleiſch ab⸗ f⸗ tödtet,— legte er mit einer vollkommenen Gleichgültig⸗ ig keit, ſcheinbar wenigſtens, ſein Leben und ſeinen Tod in il die Hände Gottes. Am Sonntag Morgen, am 20. Januar um ſechs r⸗ Uhr, trat Herr von Malesherbes beim König ein. Lud⸗ wig XVI. war ſchon aufgeſtanden; er ſaß da den Rücken einer auf dem Kamine ſtehenden Lampe zugewendet, die ct Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt, das Geſicht mit ſeinen d beiden Händen bedeckt. ⸗ Das Geräuſch, das ſein Vertheidiger eintretend e machte, entzog ihn ſeiner Träumerei. „Nun?“ fragte er, als er ihn erblickte. Herr von Malesherbes wagte es nicht, zu antwor⸗ 350 ten; doch der Gefangene konnte an der Niedergeſchla⸗ genheit in ſeinem Geſichte wahrnehmen, daß Alles vor⸗ bei war. „Der Tod!“ ſagte Ludwig;„ich war deſſen ſicher.“ Da öffnete er die Arme und drückte Herrn von Malesherbes, ganz in Thränen zerfließend, an ſeine Bruſt. Und er ſprach: „Herr von Malesherbes, ſeit zwei Tagen bin ich damit beſchäftigt, daß ich ſuche, ob ich im Laufe meiner Regierung von meinen Unterthanen den kleinſten Vor⸗ wurf habe verdienen können; nun wohl! ich ſchwöre Ihnen, in der vollen Aufrichtigkeit meines Herzens, als ein Menſch, der vor Gott erſcheinen ſoll, daß ich immer das Wohl meines Volkes gewollt und nicht einen Wunſch gethan habe, der demſelben entgegen geweſen wäre.“ Alles das ging in Gegenwart von Cléry vor, der heiße Thränen weinte; der König hatte Mitleid mit die⸗ ſem Schmerze: er führte Herrn von Malesherbes in ſein Cabinet und ſchloß ſich hier eine Stunde mit ihm ein; dann trat er heraus, umarmte ſeinen Vertheidiger noch einmal und bat ihn dringend, am Abend wiederzu⸗ kommen. „Dieſer gute Greis hat mich tief gerührt,“ ſagte er zu Cléry, als er in ſein Zimmer zurückkam.„Doch Sie, was haben Sie?“ Dieſe Frage war motivirt durch ein allgemeines Zittern, das ſich des Kammerdieners bemächtigt hatte, ſeit Herr von Malesherbes, den er im Vorzimmer em⸗ pfangen, ihm geſagt, der König ſei zum Tode ver⸗ urtheilt. Da ſetzte Cléry, der ſo gut als möglich den Zu⸗ ſtand, in dem er ſich befand, verbergen wollte, Alles in Bereitſchaft, was der König brauchte, um ſich zu raſiren. Ludwig XVI. rieb ſich ſelbſt mit Seife ein, und la⸗ or⸗ on ine ich er r⸗ re us er ſch er ie⸗ ein n h ⸗ ſte ch es te, n⸗ r⸗ u⸗ in d 351 Cléry ſtand, das Becken in beiden Händen haltend, vor ihm. Plötzlich zog eine große Bläſſe über die Wangen des Königs; ſeine Lippen und ſeine Ohren wurden weiß. Cléry, befürchtend, der König befinde ſich übel, ſtellte das Becken auf einen Tiſch und ſchickte ſich an, ihn zu unterſtützen; doch der König nahm ſeine beiden Hände und ſagte: „Auf, auf, Muth!“ Und er raſirte ſich mit Ruhe. Gegen zwei Uhr kam der Vollziehungsrath, um dem König das Urtheil zu eröffnen. An der Spitze waren Garat, Juſtizminiſter, Lebrun, Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, Grouvelle, Secretär des Rathes, der Präſident und der General⸗ procurator⸗Syndieus der Commune, der Präſident und der öffentliche Ankläger des Criminalgerichts. Santerre ſchritt Allen voran. „Melden Sie den Vollziehungsrath!“ ſagte er zu Cléry. Cléry ſchickte ſich an, zu gehorchen; doch der König, der einen großen Lärm gehört hatte, erſparte ihm die Mühe: die Thüre öſſnete ſich, und er erſchien im Cor⸗ ridor. Mit dem Hute auf dem Kopfe, führte Garat ſodann das Wort und ſprach: „Ludwig, der Nationalconvent hat den proviſori⸗ ſchen Vollziehungsrath beauftragt, Ihnen die Beſchlüſſe vom 15., 16., 17., 18., 19. und 20. Januar zu eröff⸗ neu; der Secretär des Rathes wird Ihnen dieſelben vorleſen.“ Worauf Gronvelle das Papier entfaltete und mit zitternder Stimme las: Art. 1. „Der Nationalconvent erklärt Ludwig Capet, den tetzten König der Franzoſen, für ſchuldig der Verſchwö⸗ rung gegen die Freiheit der Nation und des Attentats gegen die allgemeine Sicherheit des Staates. Art. 2. „Der Nationalconvent beſchließt, daß Ludwig Capet die Todesſtrafe erleiden ſoll. Art. 3. „Der Nationalconvent erklärt für nichtig die von Ludwig Capet durch ſeine Räthe vor die Schranke ge⸗ brachte und als Appellation an die Nation von dem gegen ihn durch den Nationalcouvent gefällten Urtheile qualificirte Acte. Art. 4. „Der Vollziehungsrath wird gegenwärtigen Beſchluß am Tage Ludwig Capet kund thun, die nothwendigen Polizei⸗ und Sicherheitsmaßregeln nehmen, um die Voll⸗ ſtreckung innerhalb vierundzwauzig Stunden von der Notification an zu ſichern, und über Alles dem National⸗ convente unmittelbar nach der Vollſtreckung Bericht er⸗ ſtatten.“ Während dieſer Leſung blieb das Geſicht des Kö⸗ nigs vollkommen ruhig; nur bezeichnete ſeine Phyſiogno⸗ mie zwei vollkommen verſchiedene Gefühle; bei den Wor⸗ ten ſchuldig der Verſchwörung, zog ein Lächeln der Verachtung über ſeine Lippen, und bei denen: ſoll die Todesſtrafe erleiden, erhob ſich ein Blick, der den Verurtheilten mit Gott in Verbindung zu ſetzen ſchien, zum Himmel. Als die Leſung beendigt war, machte der König einen Schritt gegen Gronvelle, nahm das Decret aus ſeinen Händen, faltete es zuſammen, legte es in ſein Por dem dieſ Kör et on e⸗ em ile uß en ⸗ der al⸗ er⸗ dö⸗ no⸗ or⸗ eln ll der zen nig us ein 353 Portefeuille, zog ein anderes Papier heraus, reichte es dem Miniſter Garat und ſagte: „Herr Juſtizminiſter, ich bitte Sie, auf der Stelle dieſen Brief dem Nationalconvente zu übergeben.“ Und da der Miniſter zu zögern ſchien, fügte der König bei: „Ich will Ihnen denſelben vorleſen.“ Und er las folgenden Brief mit einer Stimme, welche ſehr mit der von Grouvelle contraſtirte: „Ich verlange einen Aufſchub von drei Tagen, um mich vorzubereiten, vor Gott zu erſcheinen; ich verlange hiefür die Ermächtigung, frei die Perſon zu ſehen, die ich den Commiſſären der Commune bezeichnen werde, und dieſe Perſon ſei geſchützt vor jeder Furcht und jeder Be⸗ ſorgniß bei dem Liebeswerke, das ſie bei mir vollbringen wird. „Ich verlange, von der beſtändigen Beaufſichtigung befreit zu werden, die der Generalrath ſeit einigen Tagen feſtgeſetzt hat. „Ich verlange, in dieſem Zwiſchenraume meine Fa⸗ milie, wann ich es begehren werde und ohne Zeugen, ſehen zu dürfen; ich wünſchte wohl, daß der Rational⸗ convent ohne Verzug ſich mit dem Looſe meiner Familie beſchäftigte, und ihr erlaubte, ſich frei zurückzuziehen, wo⸗ hin zu gehen ſie es für ſchicklich erachten wird. „Ich empfehle der Wohlthätigkeit der Nation alle Perſonen, die mir angehörten; es ſind Viele darnnter, die ihr ganzes Vermögen für ihre Stelle aufgewendet haben und, da ſie keinen Gehalt mehr beziehen, in der Noth ſein müſſen; unter den Penſionären waren viele Greiſe, Weiber und Kinder, welche, um zu leben, nur dies hatten. „Geſchehen im Thurme des Tempels, am 20. Ja⸗ nuar 1793. Ludwig.“ Die Gräfin von Charny. VII.. 23 354 Garat nahm den Brief. „Mein Herr,“ ſagte er,„dieſer Brief wird ſogleich dem Convente übergeben werden.“ Da öffnete der König aufs Neue ſein Portefeuille, zog ein Blättchen Papier heraus und ſprach: „Bewilligt mir der Convent meine Bitte in Betreff der Perſon, die ich zu haben wünſchte, ſo iſt hier ihre Adreſſe.“ Auf dem Papier ſtand wirklich folgende Adreſſe, ganz von der Handſchrift von Madame Eliſabeth: „Herr Edgeworth von Firmont, Nr. 483, Rue du Bac.“ Sodann, da er weder mehr etwas zu ſagen, noch etwas zu hören hatte, machte der König einen Schritt rückwärts, wie zur Zeit, wo er Andienz gebend durch dieſe Bewegung bezeichnete, die Andienz ſei beendigt. Die Miniſter und diejenigen, welche ſie begleiteten, gingen ab. „Cléry,“ ſprach der König zu ſeinem Kammerdie⸗ ner, der, da er fühlte, daß ſeine Beine ihm den Dienſt verſagten, ſich an die Wand angelehnt hatte,„Clöry, verlangen Sie mein Mittageſſen.“ Cléry ging ins Speiſezimmer, um dem Befehle des Königs zu gehorchen; er fand hier zwei Municipale: ſie laſen ihm einen Beſchluß vor, durch welchen es dem Kö⸗ nig verboten war, Meſſer und Gabeln zu gebrauchen. Nur ein Meſſer ſollte Cléry anvertraut werden, um das Brod und das Fleiſch ſeines Herrn in Gegenwart von zwei Commiſſären zu ſchneiden. Der Beſchluß wurde dem König wiederholt, da es Cléry nicht hatte übernehmen wollen, ihm zu ſagen, dieſe Maßregel ſei getroffen worden. Der König brach ſein Brod mit ſeinen Fingern und ſchnitt ſein Fleiſch mit ſeinem Löffel; gegen ſeine Ge⸗ wohnheit aß er wenig: das Mahl währte nur ein paar Minuten. — c iue och ritt rch en, ie⸗ enſt ry, des ſie en. das von es ieſe und Ge⸗ aar 355⁵ um ſechs Uhr meldete man den Juſtizminiſter. Der König ſtand auf, um ihn zu empfangen. „Mein Herr,“ ſagte Garat,„ich habe Ihren Brief dem Convente überbracht, und er hat mich beauftragt, Ihnen folgende Antwort zu eröffnen: „Es ſteht Ludwig frei, den Geiſtlichen des Cultus, der ihm genehm ſein wird, zu berufen, und ſeine Familie frei und ohne Zengen zu ſehen. „Immer groß und immer gerecht, wird ſich die Nation mit dem Looſe ſeiner Familie beſchäftigen. „Es werden den Gläubigern ſeines Hauſes gerechte Entſchädigungen bewilligt werden. „In Betreff des Aufſchubs iſt der Nationalconvent zur Tagesordnung übergegangen.“ Der König machte eine Bewegung mit dem Kopfe, und der Miniſter entfernte ſich. „Bürger Miniſter,“ fragten Garat die Municipale vom Dienſte,„wie wird Ludwig ſeine Familie ſehen dürfen?“ „Oh! allein,“ antwortete Garat. „Unmöglich! Nach einem Beſchluſſe der Commune dürfen wir ihn weder bei Tage, noch bei Nacht, aus dem Geſichte verlieren.“ Die Sache hatte wirklich ihre Schwierigkeiten; man brachte aber Alles dadurch in Einklang, daß man be⸗ ſchloß, der König ſollte ſeine Familie im Speiſezimmer empfangen, ſo daß man ihn durch das Fenſterwerk der Scheidewand ſähe, während man zugleich die Thüre ſchlöße, damit er nicht gehört würde. Mittlerweile ſagte der König zu Cléry: „Sehen Sie, ob der Juſtizminiſter noch da iſt, und rufen Sie ihn zurück.“ Nach einem Angenblicke kam der Miniſter wieder. „Mein Herr,“ ſagte zu ihm der König,„ich habe 356 vergeſſen, Sie zu fragen, ob man Herrn Edgeworth von Fe zu Hauſe gefunden hat, und wann ich ihn ſehen önnte.“ „Ich habe ihn in meinem Wagen mitgebracht,“ er⸗ wiederte Garat;„er iſt im Rathsſaale und wird herauf⸗ kommen.“ In der That, in dem Angenblicke, wo der Juſtiz⸗ miniſter dieſe Worte ſprach, erſchien Herr Edgeworth von Firmont im Thürrahmen. CLXXIII. Die Legende vom Märtyrer-Rönig. Herr Edgeworth von Firmont war der Beichtvater von Madame Eliſabeth; ſchon ſechs Wochen früher hatte der König, die Verurtheilung vorherſehend, die ihn nun getroffen, ſeine Schweſter um Rath über die Wahl des Prieſters gefragt, der ihn in ſeinen letzten Augenblicken begleiten ſollte, und Madame Eliſabeth hatte weinend ihrem Bruder gerathen, beim Abbé von Firmont zu bleiben. Dieſer würdige Geiſtliche, ein Engländer ſeiner Her⸗ kunft nach, war den Septembermetzeleien entgangen und hatte ſich nach Chviſy⸗le⸗Roi, unter dem Namen Eſſex, zurückgezogen; Madame Eliſabeth kannte ſeine doppelte Adreſſe, und da ſie ihn in Choiſſy hatte benachrichten laſſen, ſo hoffte ſie, im Augenblicke der Verurtheilung werde er ſich in Paris befinden. Sie tänſchte ſich nicht. 3. te n d ſ b, te n ig 357 Der Abbé Edgeworth hatte, wie geſagt, die Sen⸗ dung mit einer reſignirten Freude angenommen. Am 21. December 1792 ſchrieb er auch an einen ſeiner Freunde in England: „Mein unglücklicher Herr hat ſeine Augen auf mich geworfen, um ihn zum Tode vorzubereiten, geht die Un⸗ gerechtigkeit ſeines Volkes ſo weit, daß es dieſen Vater⸗ mord vollbringt. Ich muß mich ſelbſt zum Sterben be⸗ reiten, denn ich bin überzeugt, die Volkswuth wird mich nicht eine Stunde dieſe eniſetzliche Scene überleben laſſen; doch ich bin reſignirt: mein Leben iſt nichts; föunte ich, daſſelbe verlierend, denjenigen retten, welchen Gott für den Untergang und die Auferſtehung von Meh⸗ reren hingeſtellt hat, ſo würde ich gern das Opfer brin⸗ gen, und ich wäre nicht vergebens geſtorben.“ Dies war der Mann, der Ludwig XVI. nicht mehr verlaſſen ſollte, bis zu dem Momente, wo dieſer die Erde mit dem Himmel vertauſchen würde. Der König ließ ihn in ſein Cabinet eintreten, und ſchloß ſich hier mit ihm ein. Um acht Uhr Abends trat er aus ſeinem Cabinet, wandte ſich an die Commiſſäre und ſprach: „Meine Herren, haben Sie die Güte, mich zu meiner Familie zu führen.“ „Das kann nicht ſein,“ antwortete einer von den Commiſſären;„doch man wird ſie herunterkommen laſ⸗ ſen, wenn Sie es wünſchen.“ „Gut,“ erwiederte der König,„wofern ich ſie in meinem Zimmer frei und ohne Zengen ſehen kann.“ „Nicht in Ihrem Zimmer, doch im Speiſezimmer,“ bemerkte derſelbe Municipal;„wir haben dies ſo eben mit dem Juſtizminiſter ſo feſtgeſetzt.“ „Sie haben aber gehört, daß mir das Decret des Convents meine Familie ohne Zeugen zu ſehen erlaubt.“ 358 „Das iſt wahr; Sie werden allein ſein: man wird die Thüre ſchließen; doch durch das Fenſter werden wir die Augen auf Sie gerichtet haben.“ „Gut: thun Sie das.“ Die Municipale gingen hinaus, und der König begab ſich ins Speiſezimmer; Cléry folgte ihm dahin, rückte den Tiſch auf die Seite und ſchob die Stühle in den Hintergrund, um Raum zu geben. „Cléry,“ ſagte der König,„bringen Sie ein wenig Waſſer und ein Glas, für den Fall, daß die Königin Durſt bekäme.“ Es ſtand auf dem Tiſche eine von jenen Carafen mit Eiswaſſer, die ein Mitglied der Commune dem vorgeworfen hatte: Cléry brachte alſo nur ein as. „Geben Sie gewöhnliches Waſſer, Cléry,“ ſagte der König;„tränke die Königin Eiswaſſer, ſo könnte es ihr, da ſie nicht daran gewöhnt iſt, ſchaden... Warten Sie, Cléry: erſuchen Sie zugleich Herrn von Firmont, nicht aus meinem Cabinet herauszukommen: ich be⸗ fürchte, ſein Anblick könnte einen zu heftigen Eindruck auf meine Familie machen.“ Um halh neun Uhr öffnete ſich die Thüre. Die Königin kam zuerſt, ihren Sohn an der Hand führend; Madame Royale und Madame Eliſabeth folgten ihr. Der König ſtreckte ſeine Arme aus: die zwei Frauen und die zwei Kinder warfen ſich weinend darein. Clérh ging hinaus und ſchloß die Thüre. Ein paar Minuten herrſchte ein düſteres Stillſchwei⸗ gen, nur vom Schluchzen unterbrochen; dann wollte die Königin den König in ſein Zimmer fortziehen. „Nein,“ ſagte Ludwig XVI., indem er ſie zurück⸗ hielt,„ich darf Sie nur hier ſehen!“ 4 Die Königin und die königliche Familie hatten durch Colporteurs vernommen, welches Urtheil geſprochen wor⸗ den, doch ſie wußten nichts von den Einzelheiten des n 359 Proceſſes; der König erzählte ihnen dieſelben, wobei er die Menſchen, die ihn verurtheilt, entſchuldigte, und der Königin bemerkte, weder Pétion, noch Manuel haben für den Tod geſtimmt. Die Königin hörte zu, und brach, ſo oft ſie ſpre⸗ chen wollte, in ein Schluchzen aus.. Gott bot dem armen Gefangenen eine Entſchädi⸗ gung: er machte, daß er in ſeiner letzten Stunde von Allem dem, was ihn umgab, angebetet wurde. Wie man im romantiſchen Theile dieſes Werkes ſehen konnte, ließ ſich die Königin leicht zur pittoresken Seite des Lebens hinreißen; ſie hatte die lebhafte Ein⸗ bildungskraft, welche, viel mehr als das Temperament, die Frauen unklug macht; die Königin war ihr ganzes Leben lang unklug, unklug in ihren Freundſchaften, un⸗ klug in ihren Viebſchaften; ihre Gefangenſchaft rettete ſie aus dem moraliſchen Geſichtspunkte: ſie kehrte zu reinen und heiligen Zuneigungen für die Familie zurück, von der ſie die Leidenſchaften ihrer Ingend entfernt hatten, und da ſie Alles nur leidenſchaſtlich zu thun wußte, ſo kam ſie dazu, daß ſie leidenſchaftlich im Un⸗ glück dieſen König, dieſen Gatten liebte, von dem ſie, in den Tagen des Glückes, nur die ſchwerfälligen, ge⸗ meinen Seiten geſehen hatte; Varennes und der 10. Au⸗ guſt hatten ihr den König als einen Menſchen ohne Ini⸗ tiative, ohne Entſchloſſenheit, träge, faſt feig gezeigt; im Tempel fing ſie an wahrzunehmen, daß nicht nur die Frau ihren Gatten, ſondern auch die Königin den König ſchlecht beurtheilt hatte; im Tempel ſah ſie ihn ruhig, geduldig bei den Beleidigungen, ſanft und feſt wie ein Chriſtus; Alles, was ſie von weltlichen Trockenheiten hatte, erweichte ſich, zerſchmolz und wandte ſich den guten Gefühlen zu. Ebenſo wie ſie ihn zu ſehr verachtet⸗ liebte ſie ihn zu ſehr.„Ach!“ ſagte der König zu Herrn von Firmont,„muß ich ſo ſehr lieben und ſo ſehr ge⸗ liebt ſein!“ 360 Bei dieſer letzten Zuſammenkunft ließ ſich die Kö⸗ nigin auch zu einem Gefühle hinreißen, das dem Gewiſ⸗ ſensbiſſe glich. Sie hatte den König in ſein Zimmer führen wollen, um einen Angenblick allein mit ihm zu ſein; als ſie ſah, daß dies unmöglich war, zog ſie ihn in eine Fenſtervertiefung. Hier war ſie ohne Zweifel im Begriffe, ihm zu Füßen zu fallen und ihn unter Thränen und Schluchzen um Verzeihung zu bitten: der König errieth Alles, hielt ſ zurück, zog ſein Teſtament aus ſeiner Taſche und agte: „Leſen Sie dieſes, meine vielgeliebte Fran!“ Und er deutete mit dem Finger auf folgenden Para⸗ graph, den die Königin halblaut las: „Ich bitte meine Frau, mir alles Ungemach zu vergeben, das ſie um meinetwillen erleidet, und ebenſo den Verdruß, den ich ihr im Lanfe unſerer Verbindung bereitet haben dürfte, wie ſie ſicher ſein kann, daß ich ihr nichts nachtrage, ſollte ſie glauben, ſie habe ſich etwas vorzuwerfen.“ Marie Antvinette nahm die Hände des Königs und küßte ſie; es lag eine ſehr barmherzige Vergebung in dem Satze: Wie ſie ſicher ſein kann, daß ich ihr nichts nachtrage; ein ſehr großes Zartgefühl in den Worten: Sollte ſie glauben, ſie habe ſich etwas vorzuwerfen. Sie würde alſo ruhig ſterben, die arme königliche Magdalena; ihre Liebe für den König, ſo verſpätet ſie war, trug ihr die göttliche und die menſchliche Barm⸗ herzigkeit ein, und ihre Verzeihung wurde ihr nicht leiſe, insgeheim, wie eine Nachſicht, der ſich der König ſelbſt geſchümt hätte, ſondern laut und öffentlich ertheilt. „Wer würde es wagen, etwas derjenigen vorzuwerfen, welche vor der Nachwelt doppelt gekrönt mit der Glorie P hu zu en lt nd zu ſo ig e d in in e te 1⸗ ſt n, ie 361 des Märtyrthums und der Verzeihung ihres Gatten er⸗ ſcheinen ſollte? Sie fühlte das; ſie begriff, daß ſie von dieſem Angenblicke an ſtark war vor der Geſchichte; ſie wurde aber darum nur um ſo ſchwächer demjenigen gegenüber, den ſie ſo ſpät liebte, wohl fühlend, daß ſie ihn nicht genug geliebt hatte. Es waren nicht mehr Worte, die aus der Bruſt der unglücklichen Frau hervorkamen: es war ein Schluchzen, es waren unterbrochene Schreie; ſie ſagte, ſie wolle mit ihrem Gatten ſterben, und ver⸗ weigere man ihr dieſe Gunſt, ſo werde ſie ſich zu Tode hungern. Die Municipale, die dieſe Schmerzensſcene durch die Glasthüre anſchauten, konnten es nicht mehr aus⸗ halten: ſie wandten zuerſt die Augen ab, ſodann, da ſie nicht mehr ſehend doch noch das Seufzen und Stöhnen hörten, ließen ſie ſich geradezu wieder Menſchen werden und zerfloßen in Thränen. Dieſer ſchauervolle Abſchied dauerte ſieben Viertel⸗ ſtunden. Endlich, ein Viertel nach zehn Uhr, erhob ſich der König zuerſt; da hingen ſich Frau, Schweſter, Kinder an ihn, wie die Früchte an einem Baume hängen; der König und die Königin hielt jedes den Dauphin bei einer Hand; Madame Royale, zur Linken ihres Vaters, umfaßte ihn mitten um den Leib; Madame Eliſabeth, auf derſelben Seite wie ihre Nichte, nur ein wenig mehr zurück, hatte den Arm des Königs ergriffen; die Köni⸗ gin,— und ſie hatte am meiſten Anſpruch auf Troſt, weil ſie die am mindeſten Reine war,— die Königin hatte den Arm um den Hals ihres Gatten geſchlungen; und dieſe ganze ſchmerzvolle Gruppe ging mit einer und derſelben Bewegung, ſeufzend, ſchluchzend, Schreie aus⸗ ſtoßend, unter denen man nur die Worte vernahm: „Richt wahr, wir werden uns wiederſehen?“ i e rhi 362 „Morgen früh... morgen früh um acht Uhr?“ „Ich verſpreche es Euch.“ „Warum aber nicht um ſieben Uhr?“ fragte die Königin. „Nun wohl, ja, um ſieben Uhr,“ ſagte der König; „doch Adieu! Adien!“ Und er ſprach dieſes Adien mit einem ſo ausdrucks⸗ vollen Tone, daß man fühlte, er befürchte, ſein Muth werde ihn verlaſſen. Madame Royale konnte ſich nicht länger halten: ſie ſtieß einen Seufzer aus und ſank zu Boden: ſie war ohnmächtig. Madame Eliſabeth und Cléry hoben ſie auf. Der König fühlte, daß es an ihm war, ſtark zu ſein; er entriß ſich den Armen der Königin und des Dauphin und kehrte:„Adieu! Adien!“ rufend in ſein Zimmer zurück. Dann ſchloß ſich die Thüre hinter ihm. Ganz außer ſich, klammerte ſich die Königin an dieſe Thüre an; ſie wagte es nicht, den König zu bitten, er möge öffnen, doch ſie weinte, ſie ſchluchzte und klopfte mit ihrer ausgeſtreckten Hand an die Füllung. Der König hatte den Muth, nicht herauszugehen. Die Municipale forderten nun die Königin auf, ſich zurückzuziehen, wobei ſie ihr die Verſicherung, die ſie ſchon erhalten, erneuerten, ſie könne ihren Gatten am andern Tage, Morgens um ſieben Uhr, ſehen. Cléry wollte Madame Royale, welche immer noch ohnmächtig, bis zur Königin zurücktragen; doch anf der zweiten Stufe hielten ihn die Municipale an und nö⸗ thigten ihn, umzukehren. Der König hatte ſich wieder zu ſeinem Beichtiger in das Cabinet des Thürmchens begeben und ließ ſi von ihm erzählen, auf welche Art er in den Tempel ge⸗ führt worden war. Drang dieſe Erzählung in ſeinen Geiſt ein, oder ſummten die Worte nur verworren in ſein Dat Ren Kör Tod der zur aus ihn faß gri mit gen gle ma bei u es in ſe er te ich ſie m och er 5⸗ ger ich ge⸗ en in 363 ſein Ohr,— ausgelöſcht durch ſeine eigenen Gedanken?.. Das vermag Niemand zu ſagen. In jedem Falle erzählte der Abbé Folgendes: Unterrichtet von Herrn von Malesherbes, der ihm Rendez vous bei Frau von Senozan gegeben hatte, der König werde ſeine Zuflucht zu ihm nehmen, wenn er zur Todesſtrafe verurtheilt werde, kehrte der Abbé Edgeworth, der Gefahr trotzend, der er preisgegeben war, nach Paris zurück und wartete, da er das am Sonntag Morgen ausgeſprochene Urtheil kannte, in der Rue du Bac. Um vier Uhr Abends erſchien ein Unbekannter bei ihm und übergab ihm ein in folgenden Worten abge⸗ faßtes Billet: „Der Vollziehungsrath, da er eine Sache von der größten Wichtigkeit dem Bürger Edgeworth von Firmont mitzutheilen hat, ladet dieſen ein, an den Ort der Sitzun⸗ gen zu kommen.“ Der Unbekannte hatte Befehl, den Prieſter zu be⸗ gleiten; ein Wagen wartete vor der Thüre. Der Abbé ging mit dem Unbekannten hinab und man fuhr weg. Der Wagen hielt an den Tuilerien. Der Abbé fand die Miniſter im Rathe verſammelt; bei ſeinem Eintritte ſtanden ſie auf. „Sind Sie der Abbé Edgeworth von Firmont?“ fragte Garat. „Ja,“ antwortete der Abbé. „Nun wohl,“ fuhr der Juſtizminiſter fort,„Ludwig Capet hat gegen uns ſein Verlangen geäußert, Sie in ſeinen letzten Angenblicken bei ſich zu ſehen, und wir ha⸗ ben Sie gerufen, um zu erfahren, ob Sie ihm dieſen Dienſt zu thun einwilligen.“ „Da der König mich bezeichnet hat, ſo iſt es meine Plicht, ihm zu gehorchen,“ antwortete der Prieſter. „Dann werden Sie mit mir in den Tempel kom⸗ 364 men,“ ſagte der Miniſterz„ich begebe mich auf der Stelle dahin.“ Und er nahm den Abbs mit in ſeinen Wagen. Wir haben geſehen, wie dieſer, nachdem er die ge⸗ bräuchlichen Formalitäten erfüllt hatte, bis zum König gelangte; wie hernach Ludwig XVI. von ſeiner Familie gerufen wurde, und wie er zum Abbé Edgeworth zu⸗ rückkehrte, den er erſuchte, ihm die Einzelheiten mitzu⸗ theilen, welche man ſo eben geleſen hat. Nachdem die Erzählung vollendet war, ſagte der König: „Mein Herr, vergeſſen wir nun Alles, um an die große, an die einzige Angelegenheit meines Seelenheils zu denken.“ „Sire,“ erwiederte der Abbé,„ich bin bereit, nach meinen beſten Kräften zu thun, und ich hoffe, Golt wird mein geringes Verdienſt ergänzen; finden Sie aber nicht, es wäre vor Allem ein großer Troſt für Sie, die Meſſe zu hören und zu communiciren?“ „Ja, gewiß,“ ſprach der König;„und glauben Sie mir, ich werde den ganzen Werth einer ſolchen Gefällig⸗ keit fühlen; doch warum ſollen Sie ſich in dieſem Grade der Gefahr ausſetzen?“ „Das iſt meine Sache, Sire, und es iſt mir daran gelegen, Eurer Majeſtät zu beweiſen, ich ſei würdig der Ehre, die ſie mir dadurch angethan, daß ſie mich zu ihrer Stütze gewählt hat. Der König gebe mir unum⸗ ſchränkte Vollmacht, und ich ſtehe für Alles,“ „Gehen Sie alſo, mein Herr,“ ſagte Ludwig XVI. Sodann den Kopf ſchüttelnd, wiederholte er: „Gehen Sie.. doch es wird Ihnen nicht ge⸗ lingen.“ Der Abbé Eogeworth verbeugte ſich, ging ab, und verlangte in den Saal des Rathes geführt zu werden⸗ Hier ſprach er zu den Commiſſären: „Derjenige, welcher morgen ſterben ſoll, wünſcht, bev cire war kön zu tete wir hol ren wel ſchi unt me beſ dur lle e⸗ ig lie U⸗ er ie ils ach ird ſſe Sie ig⸗ ade an der zu m⸗ 365 bevor er ſtirbt, die Meſſe zu hören und zu communi⸗ ciren.“ Die Municipale ſchauten ſich ganz erſtaunt an; es war ihnen nicht einmal der Gedanke gekommen, man könnte dergleichen verlangen. „Und wo Teufels einen Prieſter und Kirchenornate zu dieſer Stunde finden?“ ſagten ſie. „Der Prieſter iſt gefunden, da ich da bin,“ antwor⸗ tete der Abbé Edgeworth;„was die Ornate betrifft, ſo wird ſie die nächſte Kirche liefern; man braucht ſie nur holen zu laſſen.“ Die Municipale zögerten. „Aber,“ ſagte Einer von ihnen,„wenn das eine Falle wäre?“ „Was für eine Falle?“ fragte der Prieſter. „Wenn Sie unter dem Vorwande, ihn communiti⸗ ren zu laſſen, den König vergiften würden?“ Der Abbé Edgeworth ſchante ſtarr denjenigen an, welcher dieſen Zweifel ausgeſprochen. „Hören Sie,“ fuhr der Municipal fort,„die Ge⸗ ſchichte liefert uns Beiſpiele genug in dieſer Hinſicht, um uns zur Vorſicht zu verpflichten.“ „Mein Herr,“ erwiederte der Abbé,„ich bin bei meinem Eintritte hier ſo ängſtlich durchſucht worden, daß man überzeugt ſein muß, ich habe kein Gift mitgebracht; beſitze ich alſo morgen, ſo werde ich es von Ihnen em⸗ pfangen haben, da nichts bis zu mir gelangen kann, ohne durch Ihre Hände gegangen zu ſein.“ Man berief die abweſenden Mitglieder zuſammen und berathſchlagte. Die Bitte wurde unter zwei Bedingungen gewährt: einmal, daß der Abbé ein Geſuch abfaſſe und mit ſeinem Namen unterzeichne; und dann, daß die Ceremonie am andern Morgen ſpäteſtens um ſieben Uhr beendigt ſei, da der Gefangene auf den Schlag acht Uhr nach dem Orte ſeiner Hinrichtung geführt werden müſſe. 366 Der Abbs ſchrieb ſein Geſuch und ließ es auf dem Bureau zurück; dann wurde er wieder zum König ge⸗ führt, dem er die gute Kunde, ſeine Bitte ſei bewilligt, mittheilte. Es war zehn Uhr; der Abbs blieb mit dem König bis um Mitternacht eingeſchloſſen. Um Mitternacht ſagte der König zu ihm: Herr Abbé, ich bin müde: ich möchte gern ſchla⸗ fen; ich brauche Kräfte für morgen.“ Dann rief er zweimal: „Cléry! Cléry!“ Cléry trat ein, kleidete den König aus und wollte ihm die Haare aufwickeln; doch mit einem Lächeln ſprach Ludwig XVI.: Es iſt nicht der Mühe werth.“ Wonach er ſich zu Bette legte, und als Cléry die Vorhänge zuzog: „Sie werden mich um fünf Uhr wecken.“ Der Gefangene hatte kaum ſeinen Kopf auf dem Kiſſen liegen, als er entſchlief, ſo mächtig wirkten bei dieſem Manne die materiellen Bedürfniſſe. Herr von Firmont warf ſich auf das Bett von Cléry, der die Nacht auf einem Stuhle zubrachte. Cléry ſchlief einen Schlaf voller Schrecken und Zuckungen; er hörte auch fünf Uhr ſchlagen. Sogleich ſtand er auf und fing an Feuer anzu zünden. Bei dem Geräuſche, das er machte, erwachte der König. „Ei! Clery,“ fragte er,„es hat alſo ſchon fünf Uhr geſchlagen?“ „Sire,“ antwortete Cléry,„ſchon auf mehreren Uhren, doch noch nicht auf der Pendeluhr.“ Und er näherte ſich dem Bette. „Ich habe gut geſchlafen,“ ſprach der König.„Das zug ſeit lte ich em bei on und der ünf ren Das 367 war ein Bedürfniß für mich. Der geſtrige Tag hatte mich entſetzlich ermüdet. Wo iſt Herr von Firmont?“ „Auf meinem Bette, Sire.“ „Auf Ihrem Bette? Und wo haben Sie die Nacht zugebracht?“ „Auf dieſem Stuhle.“ „Das thut mir leid... Sie mußten hier ſchlecht ſein.“ „Oh! Sire,“ erwiederte Clérh,„konnte ich in einem ſolchen Augenblicke an mich denken?“ „Ah! mein armer Cléry!“ rief der König. hnd er reichte ihm eine Hand, die der Kammerdie⸗ ner weinend küßte. Da begann der treue Diener zum letzten Male ſei⸗ nen Herrn anzukleiden; er hatte einen braunen Rock, Hoſen von grauem Tuche, eine geſteppte Weſte und graue ſeidene Strümpfe bereit gelegt. 3 Nachdem der König angekleidet war, friſirte ihn éry. Während dieſer Zeit machte der König von ſeiner Uhr ein Cachet los, ſteckte es in die Taſche ſeiner Weſte und legte ſeine Uhr auf den Kamin; dann zog er einen Ring von ſeinem Finger und ſchob ihn in dieſelbe Taſche, wo das Cachet war. In dem Angenblicke, wo ihm Cléry ſeinen Rock an⸗ zog, nahm der König daraus ſein Portefeuille, ſeine Lorgnette, ſeine Tabatidre, und legte dieſe Dinge, ſowie ſeine Bbörſe, auf den Kamin. Alle dieſe Vorbereitungen geſchahen vor den Municipalen, welche in das Zimmer des Verurtheilten getreten waren, ſobald ſie Licht darin geſehen hatten. Es ſchlug halb ſechs Uhr. „Cléry,“ ſagte der König,„wecken Sie Herrn von Firmont.“ Herr von Firmont war wach und ſchon aufz er hörte den Cléry ertheilten Befehl und trat ein⸗ 368 Der König begrüßte ihn mit dem Kopfe nickend, und bat ihn ſodann, mit ihm in ſein Cabinet zu kommen. Da beeilte ſich Cléry, den Altar zuzurichten;— das war die Commode des Zimmers mit einem Tafeltuche pedeckt. Was die prieſterlichen Ornate betrifft,— man hatte ſie, wie der Abbé Edgeworth geſagt, in der erſten Kirche gefunden, an die man ſich gewendet; dieſe Kirche war die der Capuziner des Marais, beim Hotel Soubiſe. Nachdem der Altar zugerichtet war, benachrichtete Cléry den König. Können Sie Meſſe dienen?“ fragte ihn Ludwig. „Ich hoffe es,“ erwiederte Cléry;„nur weiß ich die Antworten nicht auswendig.“ Da gab ihm der König ein Meßbuch, das er beim Introit öffnete. Herr von Firmont war ſchon im Zimmer von Cléry, wo er ſich ankleidete. 2 Dem Altar gegenüber batte Cléry einen Armſtuhl aufgeſtellt, und vor dieſen Stuhl hatte er ein großes Kiſſen gelegt; doch der König ließ es ihn wegnehmen und holte ſelbſt ein kleineres mit Roßhaaren ausgeſtopft, deſſen er ſich gewöhnlich bediente, um ſeine Gebete zu ſprechen.- Sobald der Prieſter wieder eintrat, zogen ſich die Municipale, da ſie ohne Zweifel durch die Berührung eines Geiſtlichen befleckt zu werden befürchteten, in das Vorzimmer zurück. Es war ſechs Uhr; die Meſſe begann. Der König hörte ſie von Anfang bis zu Ende auf den Knieen, mit der tiefſten Sammlung des Gemüthes. Nach der Meſſe communicirte er, und ihn ſeinen Gebeten überlaſſend, ging hierauf der Abbé Edgeworth in das anſtoßende Zimmer, um ſich ſeiner prieſterlichen Gewänder zu ent⸗ kleiden. Der König benützte dieſen Augenblick, um Cléry zu danken und von ihm Abſchied zu nehmen; dann zog er ſich Firt weir Fen ſen enth es frag * ihn ſie Sc wen es arn Lel wã Ei vo det 369 ſich wieder in ſein Cabinet zurück, wohin ihm Herr von Firmont folgte. Cléry ſetzte ſich auf ſein Bett und fing an zu weinen. um ſieben Uhr rief ihn der König. Cléry lief hinzu. Ludwig XVI. führte ihn in die Vertiefung eines Fenſters und ſagte zu ihm: „Sie werden dieſes Cachet meinem Sohne und die⸗ ſen Ring meiner Frau übergeben... Sagen Sie ihnen, ich verlaſſe ſie mit bitterem Kummer. Dieſes Päckchen enthält Hoare von unſerer ganzen Familie: Sie werden es auch der Königin zuſtellen.“ „Aber, Sire, wollen Sie ſie denn nicht mehr ſehen?“ fragte Cléry. Der König zögerte einen Angenblick, als verließe ihn ſein Herz, um zu ihr zu gehen; dann ſagte er: „Nein, entſchieden nein... Ich weiß⸗ ich verſprach, ſie dieſen Morgen zu ſehen; doch ich will ihnen den Schmerz einer ſo grauſamen Lage erſparen. Cléry, wenn Sie ſie wiederſehen, ſagen Sie ihnen, wie ſchwer es mich angekommen, abzugehen, ohne ihre letzten Um⸗ armungen zu empfangen.“ Bei dieſen Worten wiſchte er ſeine Thränen ab. Hierauf fügte er mit dem peinlichſten Ausdrucke bei: „Cléry, nicht wahr, Sie werden ihnen mein letztes Lebewohl ſagen?“ Und er kehrte in ſein Cabinet zurück. Die Municipale hatten den König die von uns er⸗ wähnten verſchiedenen Gegenſtände Cléry übergeben ſehen: Einer von ihnen reclamirte ſies doch ein Anderer ſchlug vor, ſie Cléry zur Aufbewahrung bis zur Entſcheidung des Rathes zu überlaſſen. Dieſer Vorſchlag behielt die Oberhand. Eine Viertelſtunde nachher kam der König wieder aus ſeinem Cabinet heraus. Die Gräfin von Charny. VII. 24 370 Cléry ſtand zu ſeinen Befehlen da. „Cléry,“ ſagte der König,„fragen Sie, ob ich eine Scheere haben kann.“ Und er ging wieder hinein. „Kann der König eine Scheere haben?“ fragte Cléry die Commiſſäre. „Was will er damit machen?“ „Ich weiß es nicht; fragen Sie ihn ſelbſt.“ Einer von den Municipalen trat in das Cabinet ein; er fand den König auf den Knieen vor Herrn von Firmont. „Sie haben eine Scheere verlangt,“ ſagte er,„was wollen Sie damit machen?“ „Cléry ſoll mir die Haare abſchneiden.“ Municipal ging in das Zimmer des Rathes hinab. Man deliberirte eine halbe Stunde, und nach einer halben Stunde verweigerte man die Scheere. Der Municipal kam wieder herauf und ſagte: „Der Rath hat es abgeſchlagen.“ „Ich hätte die Scheere nicht berührt,“ ſprach der König,„und Cléry würde mir die Haare in Ihrer Ge⸗ genwart abgeſchnitten haben... Ich bitte, mein Herr, fragen Sie noch einmal.“ Der Municipal ging wieder in den Rath hinab und ſetzte aufs Neue die Bitte des Königs auseinander; doch der Rath beharrte bei ſeiner Weigerung. — Municipal näherte ſich ſodann Cléry und ſagte zu ihm: „Ich glanbe, es iſt Zeit, daß Du Dich bereit häliſt, den König auf das Schaffot zu begleiten.“ „Mein Gott! wozu?“ fragte Eléry ganz zitternd. „Ei! nein,“ bemerkte ein Anderer,„der Henker iſt gut genug hiezu.“ Es fing an Tag zu werden; der Generalmarſch er⸗ tönte in allen Sectionen von Paris geſchlagen; dieſe Ben Thu von gen 3u mer Ste ſelb ten Th Her ſtar auf die unk doc hör ſag Si ſpr Vo Ki ker me 37¹ Bewegung und dieſes Geräuſch wiederhallten bis im Thurme und vereiſten das Blut in den Adern des Abbé von Firmont und von Cléry. Doch ruhiger als ſie, horchte der König einen Au⸗ gte genblick und ſagte dann, ohne in Bewegung zu geratben: „Das iſt wahrſcheinlich die Nationalgarde, die man zu verſammeln anfängt.“ Einige Zeit nachher ritten die Cavalerie⸗Detache⸗ i ments in den Hof des Tempels ein; man hörte das i Stampfen der Pferde und die Stimmen der Officiere. Der König horchte aufs Neue, und ſagte mit der⸗ us ſelben Ruhe: „Es ſcheint, ſie nahen.“ Von ſieben bis acht Uhr klopfte man zu wiederhol⸗ hes ten Malen und unter verſchiedenen Vorwänden an die Thüre vom Cabinet des Königs, und immer zitterte Herr Edgeworth, es ſei das letzte Mal; doch jedes Mal ſtand Ludwig XIV. ohne irgend eine Gemüthsbewegung auf, ging an die Thüre, antwortete ruhig den Perſonen, die ihn unterbrochen hatten, wandte ſich dann wieder um und ſetzte ſich zu ſeinem Beichtiger. Fe⸗ Herr Edgeworth ſah die Leute nicht, welche ſo kamen, doch er faßte einige von ihren Worten auf. Einmal hörte er einen von den Unterbrechern zum Gefangenen und ſagen: S „Ho! ho! Alles dies war gut, als Sie noch König; oc Sie ſind es aber nicht mehr.“ ite Der König kam mit demſelben Geſichte zurück; nur ſprach er: tiſt„Sehen Sie, wie dieſe Leute mich behandeln, mein Later. Doch man muß Alles zu ertragen wiſſen!“ d Man klopfte aufs Neue, und abermals ging der iſt König an die Thüre; als er diesmal zurückkam, ſagte er: „Dieſe Leute ſehen überall Gift und Dolche; ſie kennen mich ſchlecht! Mich tödten wäre eine Schwäche: . man würde glauben, ich wiſſe nicht zu ſterben! 372 Um neun Uhr endlich vermehrte ſich der Lärm und die Thüren wurden geräuſchvoll geöffnet; Santerre trat in Begleitung von ſieben bis acht Municipalen und von zehn Gendarinen ein, die er in zwei Gliedern aufſtellte. Ohne zu warten, bis man an die Thüre des Ca⸗ binets klopfte, trat der König bei dieſer Bewegung hinaus. „Sie wollen mich holen?“ ftagte er. „Ja, mein Herr.“ „Ich bitte um eine Minute.“ Und er ging wieder hinein und ſchloß die Thüre. „Diesmal iſt Alles vorbei, mein Vater,“ ſagte er, indem er ſich vor dem Abbé von Firmont auf die Kniee warf.„Geben Sie mir Ihren letzten Segen und bitten Sie Gott, daß er mich bis zum Ende unterſtütze!“ Nachdem der Segen gegeben war, ſtand der König wieder auf; er öffnete die Thüre des Cabinets und ging auf die Municipale und die Gendarmen zu, welche mitten im Schlafzimmer warteten. Alle hatten ihren Hut auf dem Kopfe. „Meinen Hut, Cléry,“ ſagte der König. Ganz in Thränen zerfließend, beeilte ſich Cléry, zu gehorchen. „Iſt unter Ihnen ein Mitglied der Commune 7* fragte der König.„Sie, glaube ich?“ Und er wandte ſich in der That an einen Muniei⸗ pal Namens Jacques Rour, einen beeidigten Prieſter. „Was wollen Sie von mir?“ ſagte dieſer. Der König zog ſein Teſtament aus ſeiner Taſche. „Ich bitte Sie, dieſes Papier der Königin. meiner Frau, zu übergeben.“ „Wir ſind nicht hierher gekommen, um Deine Auf⸗ träge zu empfangen,“ erwiederte Jacques Roux,„ſon⸗ dern um Dich zum Schaffot zu führen.“ Der König nahm dieſe Beleidigung mit derſelben Demuth auf, wie es Chriſtus gethan hatte, und mit demſelben ſanften Weſen, wie der Gottmenſch, wandte rſ und obſc nig es daß der Käl An nur Ueb nüt letz den 373 d er ſich an einen andern Municipal Namens Gobeau 3 und fragte: te„Und Sie, mein Herr, werden Sie mir es auch abſchlagen?“. als Gobeau zu zögern ſchien, fügte der Kö⸗ nig bei: „Oh! es iſt mein Teſtament, Sie können es leſen; es ſind ſogar Verfügungen darin, von denen ich wünſche, daß die Commune ſie kenne.“ 3 Der Municipal nahm das Papier. 4 Als er ſodann ſah, daß Cléry,— befürchtend, wie . der Kammerdiener von Karl I., ſein Herr werde vor Kälte zittern, und mau könnte glauben, es geſchehe aus uig Angſt,— als er ſah, ſagen wir, daß Cléry ihm nicht ing nur den Hut, den er verlangt, ſondern auch ſeinen che Ueberrock reichte, ſagte er: „Nein, Eléry, geben Sie mir nur meinen Hut.“ Clery gab ihm den Hut, und Ludwig XVI. be⸗ nützte dieſe Gelegenheit, um ſeinem treuen Diener zum letzten Male die Hand zu drücken. Hierauf ſprach er mit jenem Tone des Befehlens⸗ den er ſo ſelten in ſeinem Leben angenommen: „Gehen wir, meine Herrn 2 i Das waren die letten Worte, die er in ſeiner Wohnung ſprach. Auf der Treppe traf er den Concierge des Thur⸗ mes, Mathay, den er zwei Tage vorher vor ſeinem Feuer ſitzend gefunden und mit ziemlich barſchem Tone gebeten hatte, ihm ſeinen Platz abzutreten. luf⸗„Mathay,“ ſagte er zu ihm,„ich bin vorgeſtern ein ſon⸗ wenig lebhaft gegen Sie geweſen: ſeien Sie mir darum nicht böſe!“ e Mathah wandte ihm den Rücken zu, ohne zu ant⸗ mit worten. ndte Der König durſchritt den erſten Hof zu Fuße, und während er ihn durchſchritt, drehte er ſich mehrere Male, 24 2 374 um ſeiner einzigen Liebe, ſeiner Frau, ſeiner ein⸗ zigen Freundſchaft, ſeiner Schweſter, ſeiner einzigen Freude, ſeinen Kindern, Lebewohl zu ſagen. Am Eingange des Hofes ſtand eine grün angeſtri⸗ chene Miethkutſche; zwei Gendarmen hielten den Schlag offen; als der Verurtheilte ſich näherte, ſtieg Einer von ihnen zuerſt ein und ſetzte ſich auf die Vorderbankz ſo⸗ dann ſtieg der König ein, und er winkte Herrn Edge⸗ worth, daß er neben ihn in den Fond ſitze; der andere Gendarme nahm zuletzt Platz und ſchloß den Schlag. Zwei Gerüchte waren im Umlaufe: das erſte ſagte, Einer von den zwei Gendarmen ſei ein verkleideter Prieſter; das zweite ſagte, Beide haben Befehl, den König zu ermorden bei dem geringſten Verſuche, den man machen würde, um ihn zu entführen. Weder die eine, noch die andere von dieſen Behanptungen beruhte auf einer ſoliden Baſe. um ein Viertel nach nenn Uhr ſetzte ſich der Zug in Marſch... Noch ein Wort über die Königin, über Madame Eliſabeth und die zwei Kinder, welche der König ab⸗ gehend mit einem letzten Blicke gegrüßt hatte. Am Abend vorher, nach der zugleich ſüßen und entſetzlichen Zuſammenkunft, hatte die Königin kaum die Kraft gehabt, den Dauphin auszukleiden und zu Bette zu legen; ſie ſelbſt hatte ſich ganz angekleidet auf ihr Bett geworfen; und während dieſer langen Winternacht hatten ſie Madame Eliſabeth und Madame Royale vor Kälte und Schmerz ſchnattern hören. Nach ſechs Uhr öffnete ſich die Thüre vom erſten Stocke, und man kam, um ein Meßbuch zu holen. Von dieſem Augenblicke an hielt ſich die ganze Familie bereit, da ſie nach dem ihr vom König am Tage vorher gegebenen Verſprechen glaubte, ſie werde hinab⸗ gehen; doch die Zeit verfloß: immer ſtehend, hörten die Königin und die Prinzeſſin die verſchiedenen Getöſe, wele dien hört wie Pöl den nel vor We od ver He au n⸗ en ri⸗ u on ſo⸗ e⸗ ere en en die hte ug me ab⸗ ind die tte ihr cht vor ſten uze age ab⸗ die öſe⸗ 375 welche den König ruhig gelaſſen, aber den Kammer⸗ diener und den Beichtiger beben gemacht hatten; ſie hörten das Geräuſch der Thüren, die man öffnete und wieder ſchloß; ſie hörten das Geſchrei, mit dem der Pöbel den Abgang des Königs empfing; ſie hörten endlich den abnehmenden Lärmen der Pferde und der Kanonen. Da fiel die Königin auf einen Stuhl und murmelte: „Er iſt weggegangen, ohne von uns Abſchied zu nehmen.“ Madame Eliſabeth und Madame Royale knieten vor ihr nieder. So waren alle Hoffunngen eine um die andere zu Waſſer geworden: zuerſt hatte man auf die Verbannung oder das Gefängniß gehofft⸗ und dieſe Hoffnung war verſchwunden; ſodann auf einen Aufſchub, und dieſe Hoffnung war verſchwunden; endlich hoffte man nur noch auf einen unter Weges verſuchten Handſtreich, und dieſe Hoffnung ſollte ebenfalls verſchwinden!. „Mein Gott! mein Gott! mein Gott!“ rief die Königin. Und in dieſem letzten Rufe der Verzweiflung an Gott erſchöpfte die arme Frau Alles, was ihr an Stärke blieb... Der Wagen rollte während dieſer Zeit fort und erreichte das Boulevard; die Straßen waren faſt men⸗ ſchenleer, die Läden halb geſchloſſen; Niemand vor den Thüren, Niemand an den Fenſtern. Ein Beſchluß der Commune verbot jedem Bürger, der nicht zur bewaffneten Miliz gehörte, auf den Straßen zu gehen, welche gegen das Boulevard mündeten, oder ſich an den Fenſtern beim Vorüberkommen des Zuges zu zeigen. Der ſchwer bewölkte, trübe Himmel ließ übrigens nur einen Wald von Pieken ſehen, unter denen kaum ein paar Vaſonnete glänzten; vor dem Wagen marſchir⸗ 376 ten die Reiter, und vor den Reitern kam eine Menge von Trommlern. Der König hätte gern mit ſeinem Beichtiger ſpre⸗ chen mögen, doch er konnte nicht wegen des Lärmens. Der Abbé von Firmont lieh ihm ſein Brevier: er las. Bei der Porte Saint⸗Denis richtete er den Kopf auf, da er ein beſonderes Geſchrei zu hören glanbte. Es ſtürzten in der That etwa zehn junge Leute durch die Rue Beauregard, durchſchnitten, mit dem Sä⸗ bel in der Fauſt, die Menge und ſchrieen: „Herbei Alle, die den König retten wollen!“ Dreitauſend Verſchworene ſollten auf dieſen Ruf, den der Baron von Batz, ein Abentenrer, that, ant⸗ worten; er gab muthig das Signal, doch von drei⸗ tauſend Verſchworenen antworteten kaum Einige. Der Baron von Batz und dieſe acht bis zehn verlorenen Söhne des Königthums, als ſie ſahen, daß nichts zu machen war, benützten die durch ihren Verſuch hervorgebrachte Verwirrung und verſchwanden in dem der Porte Saint⸗ Denis benachbarten Straßennetze. Dieſer Umſtand hatte den König ſeinen Gebeten entzogen, doch er war von ſo geringer Bedeutung, daß der Wagen nicht einmal anhielt.— Als er endlich, nach Verlauf von zwei Stunden und zehn Minuten, hielt, war er am Ziele ſeiner Fahrt angelangt. Sobald der König fühlte, die Bewegung habe auf⸗ gehört, neigte er ſich zum Ohre des Prieſters und ſagte: „Wir ſind an Ort und Stelle, mein Herr, wenn ich mich nicht täuſche.“ Herr von Firmont ſchwieg. In demſelben Momente öffnete einer von den drei Brüdern Samſon, den Henkern von Paris, den Kut⸗ ſchenſchlag. Da legte der König die Hand auf das Knie des Abbé Firmont und ſprach mit gebietendem Tone: „Meine Herren, ich empfehle Ihnen dieſen Herrn ne hie tra ge der ſp 377 hier. Seien Sie dafür beſorgt, daß ihm nach mei⸗ nem Tode keine Beleidigung widerfahre; Sie beauf⸗ trage ich, hierüber zu wachen.“ Mittlerweile hatten ſich die zwei anderen Henker genähert. „Ja, ja,“ antwortete Einer von ihnen,„wir wer⸗ den hiefür beſorgt ſein; laſſen Sie uns machen.“ Ludwig ſtieg aus. Die Knechte des Henkers umgaben ihn und wollten ihm ſeinen Rock ausziehen; doch er ſtieß ſie verächtlich zurück und fing ſelbſt an ſich zu entkleiden. Einen Augenblick blieb der König, während er ſeinen Hut auf die Erde warf, ſeinen Rock auszog und ſeine Halsbinde aufknüpfte, iſolirt in dem Kreiſe, der ſich gebildet hatte, dann aber näherten ſich ihm die Henker. Einer von ihnen hielt einen Strick in der Hand. „Was wollen Sie?“ fragte der König. „Sie binden,“ antwortete der Henker, der den Strick hielt. 3 „Oh! was das betrifft,“ rief der König,„das werde ich nie zugeben: verzichten Sie hierauf... Thun Sie, was Ihnen befohlen iſt; doch Sie werden mich nicht binden; nein, nein, niemals!“ Die Henker erhoben die Stimme; ein Kampf, Leib gegen Leib, ſollte vor der ganzen Welt dem Opfer das Verdienſt von ſechs Monaten der Ruhe, des Muthes und der Reſignation nehmen, als Einer von den drei Sam⸗ ſon, von Mitleid bewegt, aber dennoch verurtheilt, die erſchreckliche Aufgabe zu vollziehen, ſich dem König näherte und mit ehrerbietigem Tone zu ihm ſagte: „Sire, mit dieſem Taſchentuche... Der König ſchaute ſeinen Beichtiger an. Dieſer machte eine Anſtrengung, um zu reden, und ſprach dann: „Sire, das wird eine Aehnlichkeit mehr zwiſchen 378 Eurer Majeſtät und dem Gotte werden, der Ihr Lohn ſein ſoll.“ Der König ſchlug die Augen mit einem erhabenen Ausdrucke des Schmerzes zum Himmel auf. „Gewiß,“ ſagte er,„es braucht nicht weniger als ſein Beiſpiel, daß ich mich einer ſolchen Schmach un⸗ terwerfe.“ Und er wandte ſich gegen die Henker um, bot ihnen reſignirt die Hände dar und fügte bei: „Macht, was Ihr wollt: ich werde den Kelch bis auf die Hefe leeren.“ Die Stufen des Schaffots waren hoch und klitſchig; er erſtieg ſie unterſtützt von dem Prieſter. Einen Au⸗ genblick befürchtete dieſer, das Gewicht fühlend, mit dem er auf ſeinem Arme laſtete, einige Schwäche in dieſem letzten Augenblicke; doch auf der letzten Stufe angekommen, entwich der König, ſo zu ſagen, den Händen ſeines Beichtigers, wie die Seele aus ſeinem Körper entweichen ſollte, und lief ans vordere Ende der Plattform. Er war ſehr roth und hatte nie ſo belebt ge⸗ ſchienen. Die Trommler ſchlugen; er gebot ihnen Stille mit dem Blicke. Da ſprach er mit ſtarker Stimme folgende Worte: „Ich ſterbe unſchuldig an allen Verbrechen, deren man mich bezichtigt; ich vergebe den Urhebern meines Todes, und ich bitte Gott⸗ daß das Blut, welches Ihr vergießen wollt, nie auf Frankreich zurückfallen möge!.. „Schlagt, Trommler!“ rief eine Stimme, von der mau lange geglaubt hat, es ſei die von Santerre gewe⸗ ſen, während es die von Herrn von Beaufranchet, Gra⸗ fen dOyat, Baſtardſohn von Ludwig XV. und der Cour⸗ tiſane Morphiſe war.— Es war alſo der natürliche Oheim des Verurtheilten. Die Trommler ſchlugen. Der König ſtampfte mit dem Fuße⸗ ——9 —————— 379 „Schweigt!“ rief er mit einem entſetzlichen Aus⸗ drucke;„ich habe noch zu ſprechen!“ Doch die Trommler ſetzten ihr Raſſeln fort. „Thut Eure Pflicht,“ brüllten die Piekenmänner, die das Schaffot umgaben, den Henkern zu. Dieſe fielen über den König her, als er langſam, einen Blick auf das ſchief geſchnittene Eiſen werfend, von dem er ſelbſt ein Jahr vorher die Zeichnung ge⸗ geben, zum Fallbeile zurückkehrte. Dann richtete ſich ſein Blick wieder auf den Prie⸗ ſter, welcher knieend am Rande des Schaffots betete. Es entſtand eine verworrene Bewegung hinter den zwei Pfoſten der Guillotine: das Brett ſchlug um, der Kopf des Verurtheilten erſchien an der Oeffnung, ein Blitz glänzte, ein matter Schlag erſcholl, und man ſah nur noch einen breiten Blutſtrahl. Da hob einer von den Henkern den Kopf auf und zeigte ihn dem Volke, die Ränder des Schaffots mit dem königlichen Blute beſprengend. Bei dieſem Anblicke brüllten die Piekenmänner vor Freude; ſie ſtürzten hinzu und tauchten in das Blut die Einen ihre Pieken, die Andern ihre Säbel,— ihre Taſchentücher, diejenigen, welche hatten; dann ſchrieen ſie:„Es lebe die Republik!“ Doch zum erſten Male erloſch dieſer große Schrei, der die Völker vor Freude ſchauern gemacht hatte, ohne Echo. Die Republik hatte an der Stirne einen von den unſeligen Flecken, die ſich nie verwiſchen! ſie hatte wie ſpäter ein großer Diplomat ſagte, weit mehr als ein Verbrechen begangen: ſie hatte einen Fehler be⸗ gangen. Es herrſchte in Paris ein ungeheures Gefühl der Beſtürzung; bei Einigen ging dieſe Beſtürzung bis zur Verzweiflung: eine Frau warf ſich in die Seine; ein Perrückenmacher ſchnitt ſich den Hals ab; ein Buchhändler 380 wurde wahnſinnigz ein ehemaliger Officier ſtarb vor Schrecken. Am Anfange der Sitzung des Convents wurde ein Brief vom Präſidenten geöffnet; er war von einem Manne, welcher verlangte, daß der Körper von Ludwig XVI. ihm übergeben werde, damit er ihn bei ſeinem Vater beerdige. Es blieben alſo dieſer Kopf und dieſer Leib, wel⸗ che einander getrennt waren; ſehen wir, was daraus wurde. Wir kennen keine ſo erſchreckliche Erzählung, als gerade den Text des Beerdigungsprotocolls; dieſes folgt hier, ſo wie es am Tage ſelbſt abgefaßt wurde. Protocoll der Beerdigung von Ludwig Capet. „Am 21. Januar 1793, im Jahre II. der franzöſi⸗ ſchen Republik, haben wir unterzeichnete Adminiſtrato⸗ ren des Departement Paris, bevollmächtigt vom Gene⸗ ralrathe des Departement kraft der Beſchlüſſe des pro⸗ viſoriſchen Vollziehungsraths, uns in die Wohnung des Bürgers Ricave, Pfarrers von Sainte⸗Madeleine, ver⸗ fügt; wir fanden ihn zu Hauſe und fragten ihn, ob er für die Ausführung der Maßregeln, mit denen ihn am Tage vorher der Pollziehungsrath und das Departement beauftragt, Sorge getragen habe. Er antwortete uns, er habe von Punkt zu Punkt vollführt, was ihm der Vollziehungsrath und das Departement befohlen, und Alles werde im Angenblicke bereit ſein. „Von da begaben wir uns, in Begleitung der Bürger Renard und Damoreau, welche, Beide Vicare der Sainte⸗ Madeleine⸗Pfarrei, vom Bürger Pfarrer beauftragt waren, die Beerdigung von Ludwig Capet vorzunehmen, nach dem Orte des Friedhofes der genannten Pfarrei, der in der Rue d'Anjon Saint⸗Honoré liegt, wo wir bei un⸗ . 381 ſerer Ankunft die Ausführung der von uns dem Bürger Pfarrer, kraft des Auftrags, welchen wir vom Gene⸗ ralrathe des Departements erhalten, ertheilten Befehle wahrnahmen. „Bald nachher wurde in dem Friedhofe durch eine Abtheilung Gendarmerie zu Fuße der Leichnam von Ludwig Capet niedergelegt, den wir in ſeinen Gliedern ganz erkannten, während der Kopf vom Rumpfe getrennt war; wir bemerkten, daß die Haare am Hinterhaupte abgeſchnitten waren, und daß der Leichnam keine Hals⸗ vinde, keinen Rock und keine Schuhe hatte; er war übrigens mit einem Hemde, mit einer geſteppten Weſte, mit grauen Tuchhoſen und grauen ſeidenen Strümpfen bekleidet. „So gekleidet, wurde er in einen Sarg gelegt; dieſen Sarg verſenkte man in das Grab, das man auf der Stelle wieder bedeckte. Und das Ganze wurde angeord⸗ net und ausgeführt auf eine den vom proviſoriſchen Voll⸗ ziehungsrathe der franzöſiſchen Republik gegebenen Be⸗ fehlen entſprechende Weiſe; und wir haben mit den Bürgern Ricave, Renard und Damoreau, Pfarrer und Vicaren von Sainte⸗Madeleine unterzeichnet. Leblane, Adminiſtrator des Depar⸗ tement; Dubvis, Adminiſtrator des mentz; Damoreau, Ricave, Re⸗ nard.“ So ſtarb am 21. Januar 1793 und wurde beerdigt der König Ludwig XVI. Er war nenn und dreißig Jahre, fünf Monate und drei Tage alt: er hatte achtzehn Jahre regiert und war fünf Monate und acht Tage Gefangener geblieben. Sein letzter Wunſch ging nicht in Erfüllung, und ſein Blut iſt nicht nur auf Frankreich, ſondern auf ganz Europa zurückgefallen. ———— 382 CLXXIV. Ein Bath von Caglioſtro. Am Abend dieſes entſetzlichen Tages, während die Piekenmänner durch die verödeten und erleuchteten Stra⸗ ßen von Paris, welche durch ihre Illumination noch trauriger geworden, am Ende ihrer Gewehre mit Blut befleckte Fetzen von Sacktüchern und Hemden tragend, umherliefen und:„Der Tyrann iſt todt! ſeht hier das Blut des Tyrannen!“ ſchrieen,— befanden ſich im erſten Stocke eines Hauſes der Rue Saint⸗Honoré zwei Män⸗ ner in gleicher Stille, doch in ſehr verſchiedener Hal⸗ tung. Der Eine ſaß, ſchwarz gekleidet, an einem Tiſche, den Kopf auf ſeine Hände geſtützt und entweder in eine tiefe Träumerei oder in einen tiefen Schmerz verſunken; der Andere, der die Tracht eines Landmannes hatte, ging mit großen Schritten⸗ das Ange düſter, die Stirne gefaltet, die Arme auf der Bruſt gekrenst, auf und ab; nur, ſo oſt dieſer bei ſeinem Gange, der ſchräg das Zim⸗ mer entzwei ſchnitt, am Tiſche vorbeikam, warf er ver⸗ ſtohlen auf den Anderen einen fragenden Blick. Seit wie lange waren ſie Beide ſo? Wir vermöch⸗ ten es nicht zu ſagen. Endlich aber ſchien der Mann in der Tracht des Landmannes, mit den gekreuzten Ar⸗ men, mit der gefalteten Stirne, mit dem düſteren Ange, dieſes Stillſchweigens müde zu werden, und dem Manne im ſchwarzen Rocke und mit der anf ſeine Hände geſtütz⸗ ten Stirne gegenüber anhaltend, ſagte er, indem er ſeinen Blick auf denjenigen heftete, an welchen er ſich wandte: ne ich 383 „Ah! Bürger Gilbert, Sie denken alſo, ich ſei ein Schurke, weil ich für den Tod des Königs geſtimmt habe?“ Der Mann im ſchwarzen Rocke richtete den Kopf auf, ſchüttelte ſeine melancholiſche Stirne, reichte ſeinem Gefährten die Hand und ſprach: „Nein, Billot, Sie ſind eben ſo wenig ein Schurke, als ich ein Ariſtokrat bin; Sie haben nach Ihrem Ge⸗ wiſſen geſtimmt, und ich, ich habe nach dem meinigen geſtimmt; nur habe ich für das Leben geſtimmt, und Sie für den Tod. Es iſt aber etwas Entſetzliches, einem Menſchen das zu nehmen, was ihm keine menſch⸗ liche Macht wiedergeben kann!“ „Ihrer Anſicht nach iſt alſo der Despotismus unver⸗ letzlich?“ rief Billot;„die Freiheit iſt eine Empörung, und es gibt nur Gerechtigkeit hienieden für die Könige, das heißt für die Tyrannen? Was wird dann den Völ⸗ kern noch bleiben? Das Recht, zu dienen und zu gehor⸗ chen! Und Sie, Herr Gilbert, der Schüler von Jean⸗ Jacques, der Bürger der Vereinigten Staaten, Sie ſagen dies?“ „Ich ſage dies nicht, Billot, denn das hieße eine Gottioſigkeit gegen die Völker ausſprechen.“ „Hören Sie, ich will zu Ihnen, Herr Gilbert, mit der Brutalität meines plumpen Verſtandes reden, und ich erlaube Ihnen, mir mit allen Freiheiten Ihres Gei⸗ ſtes zu antworten. Geben Sie zu, daß eine Nation, die ſich unterdrückt glaubt, das Recht hat, ihre Kirche aus dem Beſitze zu treiben, ihren Thron zu ernied⸗ rigen oder abzuſchaffen, zu kämpfen und ſich zu be⸗ freien?“ „Allerdings.“ „Dann hat ſie das Recht, die Reſultate ihres Sie⸗ ges zu befeſtigen?“ „Ja, Billot, ſie hat unſtreitig dieſes Recht; doch man befeſtigt nichts mit der Gewaltthat, mit dem 384 Morde. Erinnern Sie ſich, daß geſchrieben ſteht: „„Menſch, Du haſt nicht das Recht, Deines Gleichen zu tödten!““ „Der König iſt aber nicht meines Gleichen!“ rief Billot:„der König iſt mein Feind! Ich erinnere mich, als meine arme Mutter mir die Bibel vorlas, ich er⸗ innere mich deſſen, was Samuel zu den Iſraeliten ſagte, als ſie einen König von ihm verlangten.“ „Ich erinnere mich deſſen auch, Billot, und dennoch ſalbte er Saul, und tödtete ihn nicht.“ „Oh! ich weiß, daß ich, wenn ich mich mit Ihnen in die Wiſſenſchaft werfe, verloren bin. Ich ſage Ihnen auch ganz einfach: Hatten wir das Recht, die Baſtille zu nehmen?“ Ja⸗ „Hatten wir das Recht, als der König dem Volke die Befugniß der Beſprechung entziehen wollte, den Tag im Ballhauſe zu machen?“ „Ja „Hatten wir das Recht, als der König die conſti⸗ tuirende Verſammlung durch das Feſt der Gardes du corps und durch ein Zuſammenziehen von Truppen in Verſailles einſchüchtern wollte,— hatten wir das Recht, den König in Verſailles zu holen und nach Paris zurück⸗ zuführen?“ c „Id. „Hatten wir das Recht, als der König zu fliehen und zum Feinde überzugehen verſuchte, hatten wir das Recht, ihn in Verſailles zu verhaften?“ „Hatten wir das Recht, als wir, nachdem er die Conſtitution von 1791 beſchworen, den König mit der Emigration parlamentiren und mit dem Auslande con⸗ ſpiriren ſahen, hatten wir das Recht, den 20. Juni zu machen?“ „Ja.“ „Als er die Sanction Geſetzen verweigerte, die dem te S — — 385 Willen des Volkes entfloſſen waren, hatten wir das Recht, den 10. Auguſt zu machen, das heißt die Tuile⸗ rien zu nehmen und die Abſetzung zu proclamiren?“ „Ja“ „Hatten wir das Recht, als, in den Tempel ein⸗ geſchloſſen, der König eine lebendige Verſchwörung gegen die Freiheit zu ſein fortfuhr, hatten wir da das Recht, ihn vor den Nationalconvent zu ſtellen, der ihn zu rich⸗ ten ernannt worden war?“ „Ihr hattet es.“ „Hatten wir das Recht, ihn zu richten, ſo hatten wir auch das Recht, ihn zu verurtheilen.“ „Ja, zum Exile, zur Verbannung, zum Gefängniß, zu Allem, nur nicht zum Tode.“ „Und warum nicht zum Tode?“ „Weil er, ſchuldig im Reſultate, es nicht in der Abſicht war. Sie richteten ihn aus dem Geſichtspunkte des Volkes, Sie, mein lieber Billot; er hatte aus dem Geſichtspunkte des Königthums gehandelt. War es ein Tyrann, wie Sie ihn nennen? Nein. Ein Schuldge⸗ noß der Ariſtokratie? Nein. Ein Feind der Freiheit? Nein.“ „Somit haben Sie ihn aus dem Geſichtspunkte des Königthums gerichtet?“ „Nein, denn aus dem Geſichtspunkte des Königthums hätte ich ihn freigeſprochen.“ „Haben Sie ihn nicht für das Leben ſtimmend frei⸗ geſprochen?“ „Ja, doch mit dem lebenslänglichen Gefängniß. Billot, glauben Sie mir, ich habe ihn noch parteiiſcher gerichtet, als ich gern hätte mögen. Ich bin ein Mann aus dem Volke, oder vielmehr ein Sohn des Volkes, und ſo neigte ſich die Waage, die ich in der Hand hielt, auf die Seite des Volkes. Sie haben ihn von fern angeſchaut, Billot, und Sie haben ihn nicht geſehen, Die Gräfin von Charnh. VI. 25 386 wie ich ſchlecht befriedigt von Seiten des Königthums, das man ihm gemacht hatte, nach einer Seite gezerrt durch die Nationalverſammlung, die ihn zu mächtig fand; nach der andern durch eine ehrgeizige Königin; wieder nach einer andern durch einen unruhigen und gedemüthigten Adel; nach einer andern durch eine unverſöhnliche Geiſt⸗ lichkeit; nach einer andern durch eine ſelbſtſüchtige Emi⸗ gration; nach einer andern endlich durch ſeine Brüder, welche durch die Welt gingen, um in ſeinem Namen Feinde gegen die Revolution zu finden. Sie haben es geſagt, Billot, der König war nicht Ihres Gleichen; er war Ihr Feind. Ihr Feind iſt aber beſiegt, und man tödtet nicht einen beſiegten Feind. Ein Mord mit kaltem Blute iſt kein Urtheil; das iſt eine Opferung, eine Schlachtung. Ihr habt dem Königthum etwas vom Mär⸗ tyrthum, der Gerechtigkeit etwas von der Rache gegeben. Nehmt Euch in Acht! nehmt Ench in Acht! indem Ihr zu viel thatet, habt Ihr nicht genug gethan. Karl I. iſt hingerichtet worden, und Karl II. iſt König geweſen. Jacob II. iſt verbannt worden, und ſeine Söhne ſind in der Verbannung geſtorben. Die menſchliche Ratur iſt pathetiſch, Billot, und wir haben auf fünfzig Jahre, auf hundert vielleicht, die ungeheure Partei der Bevöl⸗ kerung, welche die Revolutionen mit dem Herzen beur⸗ theilt, von uns abwendig gemacht. Oh! glanben Sie mir, mein Freund, es ſind die Republikaner, die am meiſten das Blut von Ludwig XVI. beklagen müſſen; denn dieſes Blut wird auf ſie zurückfallen und ihnen die Republik koſten.“ „Es iſt Wahres an dem, was Du da ſagſt, Gilbert,“ erwiederte eine Stimme, welche von der Eingangsthüre herkam. Die zwei Männer ſchauerten und wandten ſich mit einer gleichzeitigen Bewegung um; dann riefen ſie mit derſelben Stimme: „Caglioſtro!“ ne r hr P n. nd ur re, öl⸗ ir⸗ ie m n; die t „ ire nit nit 357 „Ei! mein Gott, ja,“ antwortete dieſer.„Doch es iſt auch Wahres an dem, was Billot ſagt.“ „Ach!“ ſprach Gilbert,„das iſt gerade das Un⸗ glück, daß die Sache, die wir plaidiren, ein doppeltes Geſicht hat, und daß Jeder, indem er ſie von ſeiner Seite betrachtet, ſagen kann: Ich habe Recht!“ „Ja, doch er muß ſich auch ſagen laſſen, er habe Unrecht.“ „Ihre Anſicht, Meiſter?“ fragte Gilbert. „Ja, Ihre Anſicht?“ ſagte Billot. „Ihr habt jüngſt den Angeklagten gerichtet,“ er⸗ wiederte Caglioſtro;„ich, ich will das Urtheil richten. Hättet Ihr den König verurtheilt, ſo hättet Ihr Recht gehabt. Ihr habt den Menſchen verurtheilt, und Ihr habt Unrecht gehabt!“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Billot. „Hören Sie, denn ich errathe,“ ſagte Gilbert. Caglioſtro fuhr fort: „Man mußte den König tödten, als er in Verſail⸗ les oder in den Tuilerien war, dem Volke unbekannt, hinter ſeinem Netze von Höflingen und ſeiner Mauer von Schweizern; man mußte ihn am 7. October oder am 11. Auguſt tödten: am 7. October, am 11. Auguſt war er ein Tyrann! Nachdem man ihn aber fünf Mo⸗ nate im Tempel gelaſſen,— in Verbindung mit Allen, eſſend vor Allen, ſchlafend unter den Augen Aller, Ka⸗ merad des Proletariers, des Arbeiters, des Handels⸗ manns, durch dieſe falſche Erniedrigung zur Menſchen⸗ würde erhoben,— mußte man ihn als Menſchen be⸗ handeln, das heißt verbannen oder einſperren!“ „Ich verſtand Sie nicht,“ ſagte Billot zu Gilbert, „und nun verſtehe ich den Bürger Caglioſtro.“ „Ei! allerdings, in dieſen fünf Monaten der Ge⸗ fangenſchaft zeigt man ihn Euch in dem, was er Rüh⸗ rendes, Unſchuldiges, Ehrwürdiges hat; man zeigt ihn Euch als guten Gatten, als guten Vater, als guten —— 388 Menſchen. Die Dumnköpfe! ich hielt ſie für ſtärker, Gilbert! Man verwandelt ihn ſogar, man macht ihn von Reuem: wie der Bildhauer die Statue aus dem Marmorblocke dadurch hervorbringt, daß er fortwährend darauf ſchlägt, ſo haut man, indem man beſtändig auf dieſes proſaiſche, gemeine, nicht böſe, nicht gute, ganz ſeinen ſinnlichen Gewohnheiten ſich überlaſſende, engher⸗ zig, nach der Art, nicht eines erhabenen Geiſtes, ſon⸗ dern eines Kirchenpflegers devote Weſen ſchlägt, man haut, ſage ich, aus dieſer ſchwerfälligen Natur eine Statue des Muthes, der Geduld und der Reſignation; man ſtellt dieſe Statue auf das Piedeſtal des Schmer⸗ zes; man hebt dieſen armen König empor, man macht ihn groß, man ſalbt ihn; man bringt es dahin, daß ſeine Frau ihn liebt!.. Ah! mein lieber Gilbert,“ fuhr Caglioſtro, ein Gelächter aufſchlagend, fort,„wer uns am 14. Juli, am 5. und 6. October, am 10. Au⸗ guſt geſagt hätte, die Königin werde je ihren Gatten lieben?“ „Oh!“ murmelte Billot,„wenn ich das hätte ahnen können!“ „Was hätten Sie gethan, Billot?“ fragte Gilbert. „Was ich gethan hätte? ich hätte ihn getödtet, ent⸗ weder am 10. Juli, oder am 6. und 7. October, oder am 10. Auguſt; das wäre mir leicht geweſen.“ Dieſe Worte wurden mit einem ſo düſtern Aus⸗ drucke von Patriotismus geſprochen, daß Gilbert ſie ver⸗ zieh, daß Caglioſtro ſie bewunderte. „Ja,“ ſagte dieſer, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen,„doch Sie haben es nicht gethan. Sie, Billot, haben für den Tod geſtimmt; Sie, Gilbert, haben für das Leben geſtimmt Wollen Sie nun einen letzten Rath hören? Sie, Gilbert, haben ſich nun zum Mitgliede des Convents ernennen laſſen, um eine Pflicht zu üben; Sie, Billot, um eine Rache zu voll⸗ W — S — S* 8 389 führen: Pflicht und Rache, Alles iſt erfüllt; Ihr habt nichts mehr hier zu thun, geht!“ Die zwei Männer ſchauten Caglioſtro an. „Ja,“ ſprach dieſer,„Ihr ſeid, weder der Eine, noch der Andere, Parteimänner: Ihr ſeid Menſchen des Inſtincts. Nun, da der König todt iſt, werden ſich die Parteien einander gegenüberſtellen, und ſtehen ſie ein⸗ mal einander gegenüber, ſo werden ſie ſich vernichten. Welche Partei wird zuerſt unterliegen? ich weiß es nicht; doch ich weiß, daß ſie nach einander unterliegen werden: morgen, Gilbert, wird man alſo Ihnen ein Verbrechen aus Ihrer Nachſicht machen, und übermorgen, vielleicht früher, Ihnen, Billot, aus Ihrer Strenge. Glaubet mir, bei dem Kampfe auf Leben und Tod, der ſich zwi⸗ ſchen dem Haſſe, der Furcht, der Rache, dem Fanatis⸗ mus vorbereitet, werden ſehr Wenige rein bleiben; die Einen werden ſich mit Koth, die Andern mit Blut be⸗ flecken. Geht, meine Freunde! geht!“ „Aber Frankreich?“ ſagte Gilbert. „Ja, Frankreich?“ wiederholte Billot. „Frankreich iſt materiell gerettet,“ erwiederte Cag⸗ lioſtro;„der äußere Feind iſt geſchlagen, der innere Feind iſt todt. So gefährlich für die Zukunft das Schaffot vom 21. Januar iſt, es iſt unſtreitig eine große Macht in der Gegenwart: die Macht der Entſchließun⸗ gen ohne Rückkehr. Die Hinrichtung von Ludwig XVI. bietet Frankreich der Rache der Throne dar, und gibt der Republik die krampfhafte, verzweifelte Stärke der zum Tode verurtheilten Nationen. Seht Athen in den alten Zeiten, ſeht Holland in den neueren Zeiten. Die Transactionen, die Negociationen, die Unſchlüſſigkeiten haben von dieſem Morgen an aufgehört; die Revolution hält das Beil in einer Hand, die dreifarbige Fahne in der andern. Geht ruhig: ehe ſie das Beil niederlegt, wird die Ariſtokratie enthauptet ſein; ehe ſie die drei⸗ 390 farbige Fahne niederlegt, wird Europa beſiegt ſein! Geht, meine Freunde! geht!“ „Ah!“ ſagte Gilbert,„Gott iſt mein Zeuge, daß es mir, wenn die Zukunft, die Sie mir prophezeien, wahr iſt, nicht um Frankreich leid ſein wird; doch wohin ſollen wir gehen?“ „Undankbarer!“ erwiederte Caglioſtro,„vergiſſeſt Du Dein zweites Vaterland, America? vergiſſeſt Du die ungeheuren Seen, die Urwälder, die Prairien ſo groß wie Meere? bedarfſt Du nicht, Du, der Du ausruhen kannſt, der Ruhe der Ratur, nach dieſen entſetzlichen Aufregungen der Geſellſchaft?“ „Werden Sie mir folgen, Billot?“ fragte Gilbert aufſtehend. „Werden Sie mir vergeben?“ fragte Billot, indem er einen Schritt gegen Gilbert machte. Die zwei Männer warfen ſich einander in die Arme. „Es iſt gut,“ ſagte Gilbert,„wir werden reiſen.“ „Wann?“ fragte Caglioſtro. „In acht Tagen.“ Caglioſtro ſchüttelte den Kopf. „Sie werden heute Abend reiſen,“ ſagte er. „Warum heute Abend?“ „Weil ich morgen reiſe.“ „Und wohin gehen Sie?“ „Freunde, Ihr werdet es eines Tags erfahren!“ „Aber wie ſollen wir abreiſen?“ „Der Franklin geht in ſechsunddreißig Stunden nach America unter Segel.“ „Doch die Päſſe?“ „Hier ſind ſie.“ „Mein Sohn?“ Caglioſtro öffnete die Thüre. „Treten Sie ein, Sebaſtian,“ ſprach er;„Ihr Vater ruft Sie.“ es ſc hr 391 Der junge Mann trat ein und warf ſich ſeinem Vater in die Arme. Billot ſeufzte tief. „Es fehlt uns nur noch eine Poſcchaiſe,“ ſagte Gilbert. „Die meinige ſteht angeſpannt vor der Thüre,“ antwortete Caglioſtro. Gilbert ging an einen Secretär, wo die gemein⸗ ſchaftliche Börſe war,— ungefähr tauſend Louis d'or,— und bedeutete Billot durch einen Wink, er möge ſeinen Theil nehmen. „Haben wir genng?“ fragte Billot. „Wir haben mehr, als wir brauchen, um eine Pro⸗ vinz zu kaufen.“ Billot ſchaute mit einer gewiſſen Verlegenheit umher. „Was ſuchen Sie, mein Freund?“ fragte Gilbert. „Ich ſuche etwas, was mir unnütz wäre, wenn ich es fände, da ich nicht ſchreiben kann.“ Gilbert lächelte, nahm eine Feder, Tinte und Papier. „Dictiren Sie,“ ſprach er. „Ich möchte gern Piton ein Wort des Abſchieds ſchicken.“ „Ich übernehme das für Sie,“ erwiederte Gilbert. Und er ſchrieb. Als er zu Ende war, fragte ihn Billot: „Was haben Sie geſchrieben?“ Gilbert las: „Mein lieber Piton, „Wir verlaſſen Frankreich, Billot, Sebaſtian und ich, und wir umarmen Sie alle Drei zärtlich. „Wir denken, da Sie an der Spitze des Pachthofes ſtehen, ſo brauchen Sie nichts. „Eines Tages werden wir Ihnen wahrſcheinlich ſchreiben, Sie mögen uns nachfolgen. „Ihr Freund„Gilbert.“ 392 „Iſt das Alles?“ fragte Billot. „Es iſt eine Nachſchrift dabei,“ erwiederte Gilbert. „Welche?“ Gilbert ſchaute dem Pächter ins Geſicht und ſprach: „Billot empfiehlt Ihnen Catherine.“ Billot gab einen Ausruf der Dankbarkeit von ſich und warf ſich Gilbert in die Arme. Zehn Minuten nachher rollte die Poſtchaiſe, welche Gilbert, Sebaſtian und Billot weit von Paris wegführte, auf der Straße nach dem Havre. Epilog. I. was am 15. Februar 1794 Ange Pitou und Catherine Villot thaten. Etwas über ein Jahr nach der Hinrichtung des Königs und der Abreiſe von Gilbert, Sebaſtian und Billot, an einem ſchönen, kalten Morgen des furchtbaren Winters von 1794, warteten drei bis vierhundert Per⸗ ſonen,— das heißt ein Sechstel der Bevölkerung von Villers Coterets,— auf dem Schloßplatze und im Hofe der Mairie auf den Abgang von zwei Verlobten, aus denen unſer alter Bekannter, Herr von Longpré, eben ein Ehepaar machte. Dieſe zwei Verlobten waren Ange Piton und Ca⸗ therine Billot. Ach! es hatte ernſter Ereigniſſe bedurft, um die frühere Geliebte des Vicomte von Charny, die Mutter des kleinen Iſidor, dahin zu bringen, daß ſie Frau Ange Piton wurde. Dieſe Ereigniſſe, Jeder erzählte und erklärte ſie auf ſeine Weiſe; doch auf welche Weiſe man ſie auch er⸗ zählte und erklärte, es war nicht eine Erzählung im Umlaufe auf dem Platze, die nicht der aufopfernden Er⸗ fiebenheit von Ange Piton und dem vernünftigen Beneh⸗ men von Catherine Billot zum größten Ruhme gereichte. 394 Nur, je mehr die zukünftigen Gatten Theilnahme erregten, deſto mehr beklagte man ſie. Vielleicht waren ſie glücklicher als irgend eines von den dieſe Menge bildenden männlichen und weiblichen Individuen; doch die Menge iſt ſo beſchaffen: ſie muß immer beklagen oder beneiden. An dieſem Tage war ſie dem Mitleiden zugewandt: ſie beklagte. Die von Caglioſtro am Abend des 21. Januar vorhergeſehenen Ereigniſſe waren in der That mit einem entſetzlichen Gange fortgeſchritten und hatten eine lange, unvertilgbare Blutſpur zurückgelaſſen. Am 1. Febrnar 1793 erließ der Nationalconvent ein Decret, das den Befehl, eine Summe von achthundert Millionen Aſſignate zu ſchöpfen, enthielt, was die Ge⸗ ſammtſumme der ausgegebenen Aſſignate auf drei Mil⸗ liarden hundert Millionen erhöhte. Am 28. März 1793 erließ der Convent, auf den Bericht von Treillhard, ein Decret, das die Emigranten auf ewige Zeiten verbannte, ſie für bürgerlich todt er⸗ klärte und ihre Güter zum Nutzen der Republik con⸗ fiscirte. Am 7. November erließ der Conveut ein Decret, das den Ausſchuß für den öffentlichen Unterricht beauf⸗ tragte, einen Plan darauf abzielend, einen vernünftigen und bürgerlichen Cultus dem katholiſchen Cultus zu ſub⸗ ſtituiren, dem Convente vorzulegen. Wir ſprechen nicht von der Aechtung und dem Tode der Girondiſten. Wir ſprechen nicht von der Hinrich⸗ tung des Herzogs von Orleans, der Königin, von Bailly, Danton, Camille Desmoulins und vielen Anderen, denn dieſe Ereigniſſe hatten ihren Wiederhall in Villers⸗ Coterets gehabt, aber keinen Einfluß auf die Perſonen geübt, mit denen wir uns noch zu beſchäftigen haben. Das Reſultat der Confiscation der Güter war, daß, 395 da man Gilbert und Billot als Emigranten betrachtete, ihre Güter confiscirt und verkauft wurden. Ebenſo war es mit den Gütern des am 10. Auguſt getödteten Grafen von Charnh und der am 2. December geſchlachteten Gräfin. In Folge dieſes Decrets wurde Catherine vor die Thürd des Pachthofes von Piſſeleu geſetzt, den man als Nationaleigenthum anſah. Piton wollte im Namen von Catherine reclamiren; Piton war aber ein Gemäßigter geworden, Piton war ein wenig verdächtig, und die vernünftigen Perſonen gaben ihm den Rath, ſich weder in der That, noch in Gedanken den Befehlen der Nation zu widerſetzen. Catherine und Piton zogen ſich alſo nach Hara⸗ mont zurück. Catherine hatte Anfangs den Gedanken, wie früher, in der Hütte des Vaters Clouis zu wohnen; als ſie aber an der Thüre des Exwaldhüters vom Herzog von Or⸗ leans erſchien, legte dieſer ſeinen Finger auf den Mund zum Zeichen des Stillſchweigens und ſchüttelte ſeinen Kopf zum Zeichen der Unmöglichkeit. Dieſe Unmöglichkeit rührte davon her, daß der Platz ſchon eingenommen war. Das Geſetz über die Verbannung der nicht beeidigten Prieſter war mit ganzer Kraft in Anwendung gebrocht und daher der Abbé Fortier, der den Eid nicht hatte leiſten wollen, verbannt worden, oder er hatte ſich viel⸗ mehr ſelbſt verbannt. Doch er hatte es nicht für zweckdienlich erachtet, über die Gränze zu gehen, und ſeine Verbannung be⸗ ſchränkte ſich darauf, daß er ſein Haus in Villers⸗ Coterets verließ, wo Mademoiſelle Alexandrine zurück⸗ blieb, um über ſein Mobiliar zu wachen, und den Vater Clouis um ein Aſyl bat, das dieſer ihm zu gewähren ſich beeiferte. Die Hütte von Vater Clouis war, wie man ſich 396 erinnert, nur eine einfache, unter der Erde ausgegrabene Grotte, in der eine einzige Perſon ſchon ziemlich unbequem wohnte; es war alſo ſchwierig, dem Abbé Fortier Ca⸗ therine Billot und den kleinen Iſidor beizufügen. Sodann erinnert man ſich auch des unduldſamen Benehmens vom Abbé Fortier bei der Beerdigung von Frau Billot; Catherine war nicht genug gute Chriſtin, um dem Abbé Fortier die ihrer Mutter geſchehene Be⸗ gräbnißverweigerung zu verzeihen, und wäre ſie auch genug gute Chriſtin geweſen, um zu verzeihen, ſo war doch der Abbé Fortier zu guter Katholik, um zu ver⸗ eihen. Sie mußte alſo darauf verzichten, in der Hütte von Vater Clouis zu wohnen. Es blieben das Haus der Tante Angélique auf dem Pleux und die kleine Hütte von Pitou in Haramont. Man durfte nicht einmal an das Haus von Tante Angölique denken. Tante Angélique wurde, ſowie die Revolution ihren Lauf verfolgte, immer zänkiſcher, was unglaublich ſchien, und immer magerer, was unmög⸗ lich ſchien. Dieſe Veränderung in ihrem Moraliſchen und in ihrem Phyſiſchen rührte davon her, daß man in Villers⸗ Coterets, wie anderswo, die Kirchen geſchloſſen hatte, bis ein vernünftiger und bürgerlicher Cultus vom Aus⸗ ſchuſſe für den öffentlichen Unterricht erfunden wäre. Da man aber die Kirchen geſchloſſen hatte, ſo war die Vermiethung der Stühle, die das Haupteinkommen der Tante Angélique bildete, zu Nichts geworden. Es war das Verſiegen dieſer Hülfsquellen, was die Tante Angélique magerer und zänkiſcher als je machte. Fügen wir bei, daß ſie ſo oft die Einnahme der Baſtille von Billot und Ange Piton hatte erzählen hö⸗ ren; daß ſie ſo oft zur Zeit der großen Pariſer Ereig⸗ niſſe den Pächter und ihren Neffen plötzlich nach der Hauptſtadt hatte abgehen ſehen, daß ſie durchaus nicht 1e a⸗ n n n, e⸗ ch 397 bezweifelte, die franzöſiſche Revolution werde geleitet von Ange Piton und Billot, und die Bürger Danton, Marat, Robespierre und Andere ſeien nur ſecundäre Agenten dieſer Hauptführer. Mademoiſelle Alexandrine beſtärkte ſie, wie man leicht begreift, in dieſen ein wenig irrigen Peen, denen die königsmörderiſche Abſtimmung von Billot die ganze gehäſſige Exaltation des Fanatismus gegeben hatte. Man durfte alſo nicht daran denken, Catherine zu Tante Angélique zu bringen. Es blieb die kleine Hütte von Piton in Haramont. Doch wie zu zwei oder gar zu drei in dieſer kleinen Hütte wohnen, ohne zu den ſchlimmſten Nachreden Anlaß zu geben? Dies war noch viel mehr unmöglich, als beim Vater Clouis zu wohnen. Piton entſchloß ſich alſo, Gafffreundſchaft von ſei⸗ nem Freunde Déſiré Maniquet zu verlangen,— eine Gaſtfreundſchaft, welche ihm der würdige Haramonter bewilligte, und die Piton in Indnſtrien aller Art bezahlte. Alles dies machte indeſſen der armen Catherine keine Stellung. Piton hatte für ſie alle Aufmerkſamkeiten eines Freundes, alle Zärtlichkeiten eines Bruders; Catherine fühlte aber wohl, daß ſie Piton weder wie ein Bruder, noch wie ein Freund liebte, Der kleine Iſidor fühlte das auch wohl, der arme Knabe, der, da er nie das Glück gehabt hatte, ſeinen Vater zu kennen, Piton liebte, wie er den Grafen von Charny geliebt hätte, beſſer vielleicht; denn man muß ſagen, Piton war der Anbeter der Mutter, aber er war der Sklave des Kindes. Man hätte glanben ſollen, er begreife, der geſchickte Stratege, es gebe nur ein Mittel, in das Herz der Mutter hinein zu kommen; dies ſei, im Gefolge von Iſidor einzudringen. 398 Bemerken wir aber ſogleich: keine Berechnung dieſer Art trübte die Reinheit der Gefühle des ehrlichen Pitou. Pitou war das geblieben, als was wir ihn geſehen haben: der naive', ergebene Junge der erſten Kapitel unſeres Buches, und hatte ſich eine Veränderung in ihm bewerkſtelligt, ſo war es, daß er, ſeine Volljährigkeit erreichend, noch ergebener und unſchuldiger als je ge⸗ worden. Alle dieſe Eigenſchaften rührten Catherine bis zu Thränen. Sie fühlte, daß Piton ſie glühend liebte, bis zur Anbetung, bis zum Fanatismus liebte, und zuweilen ſagte ſie ſich, ſie möchte gern eine ſo große Liebe, eine ſo vollkommene Ergebenheit durch ein zärtlicheres Ge⸗ fühl als die Freundſchaft anerkennen. Dadurch, daß ſie ſich das immer wieder ſagte, kam es, daß allmälig die arme Catherine, die ſich,— abge⸗ ſehen von Piton,— völlig iſolirt auf der Welt fühlte und begriff, daß ſich, wenn ſie ſterben würde, ihr armes Kind,— auch abgeſehen von Piton,— ganz allein fände; es kam, daß allmälig Catherine Piton den ein⸗ zigen Lohn gab, der in ihrer Macht lag: daß ſie ihm ihre ganze Freundſchaft und ihre ganze Perſon ſchenkte. Ach! ihre Liebe, dieſe glänzende, duftende Blüthe der Jugend, ihre Liebe war nun im Himmel. Es vergingen faſt ſechs Monate, in welchen Ca⸗ therine, noch ſchlecht gewöhnt an dieſen Gedanken, den⸗ ſelben mehr in einem Winkel ihres Geiſtes, als im Grunde ihres Herzens hegte. Während dieſer ſechs Monate hatte Piton, obſchon jeden Tag mit einem ſüßeren Lächeln empfangen, obſchon jeden Abend mit einem zärtlicheren Händedruck entlaſſen, nicht die Idee gehabt, es könnte in den Gefühlen von Catherine ein ſolcher Umſchlag zu ſeinen Gunſten vorgehen. Da aber Piton nicht in der Hoffnung auf einen Lohn ergeben und liebend war, ſo war Piton, obſchon er nichts von den Gefühlen von Catherine für ihn wu ver von von ohn des gar die ſie the ſtr ſie ſon alt n⸗ im on on en, on en. en oen h 399 wußte, nur um ſo ergebener für Catherine, nur um ſo verliebter in Catherine. Und das würde ſo fortgedauert haben bis zum Tode von Catherine oder von Piton, hätte Piton das Alter von Philemon und Catherine das von Baucis erreicht, ohne daß die geringſte Veränderung in den Gefühlen des Kapitäns der Nationalgarde von Haramont vorge⸗ gangen wäre. Es war auch an Catherine, zuerſt zu ſprechen, wie die Frauen ſprechen. Eines Abends, ſtatt ihm die Hand zu reichen, bot ſie ihm die Stirne. Piton glaubte, das ſei eine Zerſtreuung von Ca⸗ therine: er war ein zu redlicher Menſch, um eine Zer⸗ ſtreuung zu benützen. Er wich einen Schritt zurück. Catherine hatte aber ſeine Hand nicht losgelaſſenz ſie zog ihn an ſich und bot ihm nicht mehr die Stirne, ſondern die Wange. Piton zögerte noch viel mehr. Als der kleine Iſidor dies ſah, ſagte er: „Ei! küſſe doch Mama Catherine.“ „Oh! mein Gott!“ murmelte Piton erbleichend, als ob er ſterben ſollte. Und er drückte ſeine kalte, zitternde Lippe auf die Wange von Catherine. Da nahm Catherine ihr Kind, legte es Piton in die Arme und ſprach: „Ich gebe Ihnen das Kind, Piton; wollen Sie mit ihm die Mutter?“ Es ward Piton ſchwindelig, er ſchloß die Augen, und während er das Kind an ſeine Bruſt preßte, fiel er auf einen Stuhl und rief mit jener Zartheit des Her⸗ zens, die nur das Herz allein zu ſchätzen vermag: „Oh! Herr Iſidor! oh! mein theurer Herr Iſidor, wie liebe ich Sie!“ 400 Iſidor nannte Piton Papa Pitou; Piton aber nannte den Sohn des Vicomte von Charny Herr Iſidor. Und dann, da er fühlte, daß Catherine hauptſäch⸗ lich aus Liebe für ihren Sohn ihn lieben wollte, ſagte er nicht zu Catherine: „Oh! wie liebe ich Sie, Mademviſelle Catherine!“ Sondern er ſagte zu Iſidor: „Oh! wie liebe ich Sie, Herr Iſidor!“ Nachdem der Punkt feſtgeſtellt war, daß Piton Iſidor noch mehr liebte, als Catherine, ſprach man von der Hochzeit. Piton ſagte zu Catherine: „Ich bedränge Sie nicht, Mademoiſelle Catherine; nehmen Sie Ihre ganze Zeit; wollen Sie mich jedoch ſehr glücklich machen, ſo nehmen Sie ſie nicht zu lang.“ Catherine nahm einen Monat. Nach drei Wochen machte Piton ehrerbietig, in großer Uniform, ſeinen Beſuch bei Tante Angélique, in der Abſicht, ihr ſeine nahe Verheirathung mit Made⸗ moiſelle Catherine mitzutheilen. Tante Angélique ſah von fern ihren Neffen kom⸗. men und beeilte ſich, ihre Thüre zu ſchließen. Pitou aber ging nichtsdeſtoweniger weiter gegen die ungaſtfreundliche Thüre und klopfte ſachte an. „Wer iſt da?“ fragte die Tante Angélique mit ihrem trotzigſten Tone. „Ich, Ihr Neffe, Tante Angélique.“ Beh Deines Weges, Septembermann!“ rief die alte Jungfer. „Meine Tante,“ fuhr Piton fort,„ich wollte Ihnen eine Reuigkeit mittheilen, die Ihnen unfehlbar angenehm ſein muß, da ſie mein Glück betrifft.“ „Was für eine Neuigkeit iſt das, Jacobiner?“ „Heffnen Sie mir die Thüre, und ich werde ſie Ihnen ſagen.“ die nen hm ſie ————— S 401 „Sage ſie durch die Thüre: ich öffne meine Thüre nicht einem Sansculotte Deiner Art.“ „Iſt das Ihr letztes Wort, meine Tante?“ „Fs iſt mein letztes Wort.“ „Nun wohl, meine liebe Tante, ich heirathe.“ Die Thüre öffnete ſich wie durch einen Zauber. „Wen, Unglücklicher 2 fragte Tante Angélique. „Mademoiſelle Catherine Billot,“ antwortete Piton. „Ha! der Elende! ha! der Schändliche! ha! der Briſotiner!“ rief Tante Angélique,„er heirathet ein ruinirtes Mädchen!.. Geh, Unglücklicher, ich ver⸗ fluche Dich!“ Und mit einer Geberde voll Adel ſtreckte die Tante Angölique ihre beiden, gelben dürren Hände gegen ihren Neffen aus. „Meine Tante,“ ſprach Piton,„ich bin zu ſehr ge⸗ wöhnt an Ihre Verfluchungen, als daß dieſe mich mehr betrüben ſollte, als es die anderen gethan haben. Ich war Ihnen nur die Höflichkeit ſchuldig, Ihnen meine Heirath anzukündigen; ich habe ſie Ibnen angekündigt, die Höflichkeit iſt abgethan: Gott befohlen, Tante An⸗ gölique!“ Und militäriſch ſeine Hand an ſeinen dreieckigen Hnt legend, machte Pitou der Tante Angélique ſeine Reverenz und ſchlug wieder den Weg über den Pleur ein. Die Gräſin von Charny. VII. 26 402 Aeber die wirkung, welche auf Tante An- gélique die Ankündigung der Heirath ihres Neffen mit Catherine PVillot hervorbrachte. Piton hatte ſeine Heirath Herrn von Longprs mit⸗ zutheilen, der in der Rue de LOrmet wohnte. Weniger als Tante Angélique gegen die Familie Billot einge⸗ nommen, wünſchte Herr von Longpré Piton Glück zu der guten Handlung, die er vollbringe. Piton hörte ganz erſtaunt; er begriff nicht, daß es, wenn man ſein Glück machte, zugleich eine gute Hand⸗ lung war. Pitou, ein reiner Republikaner, war übrigens der Republik mehr als je dankbar, da ſie alle Weitſchweiſig⸗ keiten durch das Factum der Aufhebung der Trauungen in der Kirche beſeitigt hatte. Es wurde alſo zwiſchen Herrn von Longpré und Piton verabredet, daß am folgenden Sonnabend Cathe⸗ rine Billot und Ange Piton auf der Mairie getraut werden ſollten. Am Tage nachher, am Sonntag, ſollte durch ge⸗ richtliche Zuerkennung der Verkauf des Pachthofes Piſſe⸗ leu und des Schloſſes Bourſonne ſtattfinden. Der Pachthof war zu viermal hunderttauſend Franken und das Schloß zu ſechsmal hunderttauſend Franken in Aſſignaten angeſchlagen. Die Aſſignate fingen an entſetzlich zu verlieren; der k d'or galt nun hundert zwanzig Franken in Aſ⸗ gnaten. Es hatte aber Niemand mehr Lonis d'yr. 403 Pitou kehrte in aller Eile zurück, um Catherine die gute Kunde zu überbringen. Er hatte ſich erlaubt, den für die Hochzeit beſtimmten Termin um zwei Tage vor⸗ zurücken, und er befürchtete ſehr, dieſes Vorrücken werde Catherine zuwider ſein. Catherine ſchien aber nicht ärgerlich hierüber, und Piton ſchwebte im ſiebenten Himmel. Nur verlangte Catherine, daß Piton einen zweiten Beſuch bei Tante Angélique mache, um ihr genau den Tag der Hochzeit anzuzeigen und ſie einzuladen, der Feier beizuwohnen. Das war die einzige Verwandte von Piton, und obgleich es keine ſehr zärtliche Verwandte war, mußte Piton doch ſeinerſeits ein artiges Benehmen beobachten. Dem zu Folge begab ſich Piton am Donnerſtag Morgen nach Villers⸗Coterets, um der Tante einen zweiten Beſuch zu machen. Es ſchlug neun Uhr, als er vor dem Hauſe ankam. Diesmal war Tante Angélique nicht vor der Thüre, und die Thüre war ſogar, als ob Tante Angélique Pitou erwartet hätte, geſchloſſen. Piton dachte, ſie ſei ausgegangen, und war ent⸗ zückt von dieſem Umſtande. Der Beſuch war gemacht, und ein zärtlicher, ehrfurchtsvoller Brief würde die Rede, die er an ſie zu halten im Sinne gehabt, erſetzen. Da Piton aber vor Allem ein gewiſſenhafter Junge, ſo klopfte er an die Thüre, ſo gut ſie geſchloſſen war, und da Niemand auf ſein Klopfen antwortete, ſo rief er. Bei dem doppelten Lärmen, den Pitou rufend und klopfend machte, erſchien eine Nachbarin. „Ah! Mutter Fagot,“ fragte Piton;„wiſſen Sie nicht, ob meine Tante ausgegangen iſt?“ „Antwortet ſie nicht?“ ſagte die Mutter Fagot. „Nein, wie Sie ſehen! ohne Zweifel iſt ſie aus⸗ wärts.“ 404 Die Mutter Fagot ſchüttelte den Kopf und er⸗ wiederte: 2 „Ich hätte ſie müſſen ausgehen ſehen: meine Thüre öffnet ſich gegen die ihrige, und es iſt ſelten, daß ſie nicht beim Erwachen ein wenig heiße Aſche bei uns holt; damit erwärmt ſich die liebe arme Frau den ganzen Tag;— nicht wahr, Nachbar Farolet?“ Dieſe Anrufung war an einen neuen Schauſpieler gerichtet, der, ſeine Thüre bei dem Geräuſche ebenfalls öffnend, ſich ins Geſpräch miſchte. „Was ſagen Sie, Madame Fagot?“ „Ich ſage, die Tante Angélique ſei nicht ausge⸗ gangen. Haben Sie ſie geſehen?“ „Nein, und ich möchte ſogar behaupten, ſie ſei noch zu Hanſe, in Betracht, daß, wenn ſie aufgeſtanden und ausgegangen wäre, die Läden offen ſein müßten.“ „Das iſt wahr,“ ſprach Pitou.„Ah! mein Gott! ſollte meiner armen Tante ein Unglück widerfahren ſein?“ „Das iſt möglich,“ antwortete die Mutter Fagot. Es iſt mehr als möglich, es iſt wahrſcheinlich,“ bemerkte ſententiös Herr Farolet. „Ah! bei meiner Treue, ſie war nicht ſehr zärtlich gegen mich,“ ſagte Piton;„doch gleichviel, das würde mir weh thun... Wie kann man ſich hierüber Sicher⸗ heit verſchaffen?“ „Gut!“ ſprach ein dritter Nachbar;„das iſt keine große Schwierigkeit; man braucht nur Herrn Rigolet, den Schloſſer, holen zu laſſen.“ „Soll das geſchehen, um die Thüre zu öffnen, ſo iſt es unnöthig,“ verſetzte Piton;„ich pflegte ſie mit meinem Meſſer zu öffnen.“ „Nun wohl, ſo öffne, mein Junge,“ ſprach Herr Farolet;„wir werden da ſein, um zu bekräftigen, daß Du nicht in einer ſchlimmen Abſicht geöffnet haſt.“ Piton zog ſein Meſſer aus der Taſche; dann näherte er ſich in Gegenwart von einem Dutzend durch das Er⸗ 405 eigniß herbeigezogener Perſonen der Thüre mit einer Geſchicklichkeit, welche bewies, daß er mehr als einmal dieſes Mittel gebraucht hatte, um in das Domicil ſeiner Jugend zurückzukehren, und ließ den Riegel in der Schließkappe gleiten. Die Thüre öffuete ſich. Die Stube war vollkommen finſter. Sobald aber die Thüre geöffnet, drang die Helle allmälig ein,— die traurige, unheimliche Helle eines Wintermorgens,— und bei dieſem Tageslichte, ſo düſter es war, fing man an Tante Angélique, welche auf ihrem Bette lag, zu unterſcheiden. Piton rief zweimal: „Tante Angélique! Tante Angélique!“ Die alte Jungfer blieb unbeweglich und antwortete nicht. Piton näherte ſich und befühlte den Körper. „Oh!“ ſagte er,„ſie iſt kalt und ſtarr!“ Man öffnete das Fenſter. Tante Angélique war todt! „Das iſt ein Unglück!“ rief Pitou. „Gut,“ bemerkte Farolet;„kein ſo großes: ſie liebte Dich nicht ſehr, mein Junge, die Tante Angélique.“ „Es iſt möglich,“ erwiederte Pitou;„doch ich, ich liebte ſie ſehr.“ Zwei große Thränen floßen über die Backen des würdigen Jungen. „Ach! meine arme Tante Angélique!“ murmelte er. lnd er ſiel vor dem Bette auf die Kniee. „Sagen Sie doch, Herr Pitou,“ ſprach die Mutter Fagot,„wenn Sie etwas brauchen: wir ſind zu Ihrer Verfügung. Ei! man hat Nachbarn oder man hat keine.“ „Ich danke, Mutter Fagot. Iſt Ihr Knabe da?“ „Ja„ He! Fagotin!“ rief die gute Frau. Eln Burſche von vierzehn Jahren erſchien auf der Thürſchwelle. 406 „Hier bin ich, Mutter,“ antwortete er. „Nun wohl,“ fuhr Piton fort,„bitten Sie ihn, nach Haramont zu laufen und Catherine zu ſagen, ſie ſoll nicht unruhig ſein: ich habe Tante Angélique todt gefunden. Arme Tante!.. Piton wiſchte neue Thränen ab. „Und das halte mich in Villers⸗Coterets zurück,“ fügte er bei. „Du haſt gehört, Fagotin?“ fragte die Mutter Fagot. „Ja. „Nun, ſo lauf.“ „Geh durch die Rue de Soiſſons,“ ſprach der ſen⸗ tentiöſe Farolet,„und benachrichte Herrn Raynal, es ſei ein plötzlicher Todesfall bei Tante Angélique zu con⸗ ſtatiren.“ „Du hörſt?“ „Ja, Mutter,“ erwiederte der Junge. Und er lief über Hals und Kopf in der Richtung der Rue de Soiſſons davon. Die Verſammlung hatte immer mehr zugenommen; es ſtanden über hundert Perſonen vor der Thüre, und jede gab ihre Meinung über den Tod von Tante Angé⸗ lique zum Beſten, wobei die Einen ſich auf die Seite eines Schlagfluſſes, die Andern auf die eines Zerreiſ⸗ ſens der Gefäße des Herzens, wieder Andere auf die einer zu ihrem letzten Grade gelangten Auszehrung neigten. Alle murmelten leiſe: „Iſt Piton nicht ungeſchickt, ſo wird er einen guten Schatz auf dem höchſten Brette eines Schrankes, in einem Butterhafen, im Grunde eines Strohſackes oder in einem wolleneh Strumpfe finden.“ Mittlerweile kam Herr Raynal an, dem der Gene⸗ raleinnehmer voranſchritt. ———— —— ——— — — 407 Man wollte wiſſen, an was Tante Angélique ge⸗ ſtorben war. Herr Raynal trat ein, näherte ſich dem Bette, unterſuchte die Todte, drückte mit ſeiner Hand auf den Oberbauch und auf den Unterleib, und erklärte, zum großen Erſtaunen der ganzen Geſellſchaft, Tante Angeéli⸗ que ſei ganz einfach vor Kälte und, wahrſcheinlich, vor Hunger geſtorben⸗ Die Thränen von Piton verdoppelten ſich bei dieſer Erklärung. „Oh! arme Tante! arme Tante!“ rief er;„und ich hielt ſie für reich! Ich bin ein Unglücklicher, daß ich ſie verlaſſen habe!.. Oh! wenn ich das gewußt hätte!. Nicht möglich, Herr Raynal, nicht möglich.“ „Suchen Sie im Brodkaſten, und Sie werden ſehen, ob Brod da iſt; ſuchen Sie im Hotzſchuppen, und Sie werden ſehen, ob Holz da iſt. Ich habe ihr immer prophezeit, ſie werde ſo ſterben, die alte Geizige!“ Man ſuchte: es war nicht ein Büſchel Reiſig im Holzſchuppen, nicht ein Krümchen Brod im Brodkaſten. „Oh! warum ſagte ſie das nicht!“ rief Pitou;„ich wäre in den Wald gegangen, um ſie zu erwärmenz ich hätte gewildert, um ſie zu nähren. Das iſt auch Eure Schuld,“ fuhr der arme Junge diejenigen⸗ welche gerade da waren, anklagend fort;„warum ſagtet Ihr mir nicht, ſie ſei arm?“ „Wir ſagten Ihnen nicht, Herr Pitou, ſie ſei arm,“ antwortete Farolet,„aus dem einfachen Grunde, wei ſie Jedermann für reich hielt.“ Herr Raynal hatte das Betttuch der Tante Angé⸗ lique über den Kopf geworfen und ging auf die Thüre zu. Piton lief ihm nach. „Sie gehen, Herr Raynal?“ ſagte er⸗ „Und was ſoll ich noch hier machen⸗ mein Junge?“ „Sie iſt alſo entſchieden todt?“ Der Doctor zuckte die Achſeln. 40⁸ „Oh! mein Gott! mein Gott!“ rief Pitou;„und vor Kälte geſtorben! vor Hunger geſtorben!“ Raynal winkte dem jungen Manne, und dieſer näherte ſich ihm. „Junge,“ ſprach er,„ich rathe Dir nichtsdeſtowe⸗ niger, oben und unten zu ſuchen: Du begreiſſt?“ „Aber, Herr Raynal, da Sie ſagen, ſie ſei vor Hunger und Kälte geſtorben...5 „Man hat Geizige geſehen, die, auf ihrem Schatze liegend, vor Hunger und Kälte ſtarben,“ erwiederte Herr Raynal. Sodann, den Finger auf den Mund legend: S Und er ging. III. Der Lehnſtuhl der Tante Angeélique. Piton würde vielleicht über das, was ihm Herr Raynal geſagt, tiefer nachgedacht haben, hätte er nicht von fern Catherine geſehen, welche mit ihrem Kinde in den Armen herbeilief. Seitdem man wußte, Tante Angélique ſei aller Wahrſcheinlichkeit nach vor Hunger und Kälte geſtorben, war der Eifer von Seiten der Nachbarn, ihr die letzte Ehre anzuthun, etwas minder groß. Catherine kam alſo höchſt erwünſcht. Sie erklärte, da ſie ſich als die Frau von Piton betrachte, ſo ſei es an ihr, der Tante Angslique die letzte Ehre zu erwei⸗ 409 ſen; was ſie mit verſelben Ehrfurcht that, wie ſie es, die Arme, achtzehn Monate vorher für ihre Mutter ge⸗ than hatte. Piton würde während dieſer Zeit Alles für die Beerdigung beſtellen, welche gezwungener Weiſe auf den zweiten Tag nachher feſtgeſetzt werden mußte, da wegen des plötzlichen Todesfalles Tante Angeélique erſt nach achtundvierzig Stunden beerdigt werden durfte. Es handelte ſich nun darum, ſich mit dem Maire, dem Schreiner und dem Todtengräber zu verſtändigen, da die religiöſen Ceremonien in Betreff der Beerdigun⸗ gen, wie bei den Heirathen, aufgehoben waren. „Mein Freund,“ ſagte Catherine zu Piton in dem Augenblicke, wo er ſeinen Hut nahm, um zu Herrn von Longpré zu gehen,„wäre es nach dem Unfalle, der ſich ereignet hat, nicht ſchicklich, unſere Hochzeit um ein paar Tage aufzuſchieben?“ „Wie Sie wollen, Mademoiſelle Catherine.“ „Müßte man es nicht ſeltſam finden, wenn Sie an demſelben Tage, an welchem Sie Ihre Tante zur Erde beſtattet haben, einen Act ſo wichtig wie der der Hei⸗ rath vollziehen würden?“ „In der That ſehr wichtig für mich, da es ſich um mein Glück handelt!“ „Nun wohl, ziehen Sie Herrn von Longpré zu Rathe, und was er ſagt, daß Sie thun ſollen, das thun Sie.“ „Gut, Mademoiſelle Catherine.“ „Und dann dürfte es uns Unglück bringen, wenn wir uns ſo nahe am Grabe heirathen würden...“ „Ah! ſobald ich Ihr Gatte bin, fordere ich das Unglück heraus, mich anzugreifen.“ „Lieber Pitou,“ ſagte Catherine, indem ſie ihm die Hand reichte,„verſchieben wir das auf Montag... Sie ſehen, ich ſuche ſo viel als möglich Ihren Wunſch mit der Schicklichkeit in Einklang zu bringen.“ 41⁰ „Ah! zwei Tage, Mademoiſelle Catherine, das iſt ſehr lang!“ „Gut! wenn man fünf Jahre gewartet hat..“ „Es geſchehen ſehr viele Dinge in achtundvierzig Stunden.“ „Es wird nicht geſchehen, daß ich Sie weniger liebe, mein guter Piton, und da dies, wie Sie behaup⸗ ten, das Einzige iſt, was Sie zu befürchten haben.. „Das Einzige! oh ja, das Einzige, Mademoiſelle Catherine.“ „Nun, in dieſem Falle, Iſidor?„ „Mama,“ antwortete das Kind. „Sage zu Papa Piton:„„Habe nicht bange, Papa Pitou; Mama liebt Dich ſehr, und Mama wird Dich immer lieben!““ Das Kind wiederholte mit ſeinem ſanften Stimmchen: „Habe nicht bange, Papa Pitou, Mama liebt Dich ſehr, und Mama wird Dich immer lieben.“ Auf dieſe Verſicherung machte Piton keine Schwie⸗ rigkeit mehr, zu Herrn von Longpré zu gehen. Piton kam nach Verlauf einer Stunde zurück; er hatte Alles angeordnet, Begräbniß und Hochzeit, und Alles zum Voraus bezahlt. Mit dem Reſte ſeines Geldes hatte er ein wenig Holz und Proviant für zwei Tage gekauft. Es war Zeit, daß Holz ankam; man begriff in dieſem armſeligen Hauſe des Plenx, wo der Wind von allen Seiten eindrang, daß man vor Kälte ſterben konnte. Bei ſeiner Rückkehr fand er Catherine halb erfroren. Die Hochzeit war nach dem Wunſche von Catherine auf Montag verſchoben worden. Die zwei Tage und die zwei Nächte verliefen, ohne daß Catherine und Piton ſich einen Augenblick verließen. Sie brachten die zwei Nächte zu Häupten der Todten wachend zu. — — — 411 Trotz des ungeheuren Feuers, das Piton im Kamine zu unterhalten beſorgt war, drang der Wind ſcharf und eiſig ein, und Piton ſagte ſich, wenn Tante Angélique nicht Hungers geſtorben ſei, ſo habe ſie ganz wohl vor Kälte ſterben können. Es kam der Angenblick, den Körper wegzubringen; das ſollte nicht viel Zeit in Anſpruch nehmen: das Haus der Tante Angélique ſtieß beinahe an den Kirchhof an. Der ganze Pleux und ein Theil der Stadt folgten der Verſtorbenen zu ihrer letzten Ruheſtätte. In der Provinz gehen die Frauen zu den Beerdigungen; Pitou und Catherine führten den Trauerzug an. Nachdem die Ceremonie beendigt war, dankte Piton den Anweſenden im Namen der Todten und in ſeinem eigenen Namen, und ſobald er das Grab der alten Jungfer mit Weihwaſſer beſprengt hatte, defilirte Jeder, wie gewöhnlich, vor Pitou. Als ſich Piton mit Catherine allein glaubte, wandte er ſich auf die Seite um, wo er ſie gelaſſen hatte. Ca⸗ therine war nicht mehr bei ihm; ſie lag mit dem kleinen Iſidor auf den Knieen an einem Grabe, an deſſen vier Ecken ſich vier Cypreſſen erhoben. Dieſe vier Cypreſſen hatte Piton aus dem Walde geholt und hierher gepflanzt. Er wollte Catherine in dieſer frommen Beſchäf⸗ tigung nicht ſtören; doch bedenkend, daß Catherine, nachdem ſie ihr Gebet beendigt, ſehr kalt haben werde, lief er nach Hauſe, in der Abſicht, ein ungeheures Feuer zu machen. Leider widerſetzte ſich etwas der Verwirklichung ſeiner guten Abſicht: ſeit dem Morgen war der Holz⸗ vorrath erſchöpft. Piton kratzte ſich hinter dem Ohre. Der Reſt ſei⸗ nes Geldes war, wie man ſich erinnert, für Anſchaffung eines Vorraths von Holz und Brod verbraucht worden. 412 Piton ſchaute rings umher und ſuchte, welches Ge⸗ räth er der Noth des Angenblicks opfern könnte. Da ſah er das Bett, den Brodkaſten und den Lehn⸗ ſtuhl der Tante Angélique. Ohne einen großen Werth zu haben, waren doch der Brodkaſten und das Bett nicht außer Gebrauche; doch der Lehnſtuhl,— ſeit langer Zeit wagte es, außer Tante Angélique, Niemand, ſich darauf zu ſetzen, ſo erſchrecklich ausgerenkt war er. Der Lehnſtuhl wurde alſo verurtheilt. Piton verfuhr wie das Revolutionstribunal: kaum verurtheilt, ſollte der Lehnſtuhl hingerichtet werden. Piton ſtützte ſein Knie auf den durch das Alter geſchwärzten Saffian, ergriff mit beiden Händen einen von den Pfoſten, und zog an ſich. Bei der dritten Erſchütterung gab der Pfoſten nach. Der Lehnſtuhl, als hätte er einen Schmerz bei dieſer Zerſtückelung empfunden, ließ eine ſeltſame Klage vernehmen. Wäre Piton aberglänbiſch geweſen, er müßte gedacht haben, die Seele von Tante Angélique ſei in dieſem Lehnſtuhle eingeſchloſſen. Piton hatte aber nur einen Aberglauben auf der Welt: das war ſeine Liebe für Catherine. Der Lehn⸗ ſtuhl war verurtheilt, Catherine zu erwärmen, und hätte er ſo viel Blut vergoſſen und ſo viel Klagen ausge⸗ ſtoßen, als die bezanberten Bäume im Garten von Taſſo, der Lehnſtuhl wäre in Stücke zerbrochen worden. Piton ergriff alſo den zweiten Pfoſten mit ebenſo kräftigem Arm, als er den erſten ergriffen hatte, und riß ihn mit derſelben Anſtrengung von dem zu drei Vierteln ausgerenkten Gerippe. Der Lehnſtuhl gab daſſelbe ſeltſame, metalliſche Ge⸗ räuſch von ſich. Piton blieb unempfindlich; er nahm das verſtüm⸗ melte Meuble bei einem Fuße, hob es über ſeinen Kopf 413 empor und ſchlug es, um es vollends zu zerbrechen, aus Leibeskräften auf den Boden. Diesmal ſpaltete ſich der Stuhl entzwei und ſpie, zum großen Erſtaunen von Pitou, durch dis offene Wunde nicht Blutwogen, ſondern Goldwogen aus. Man erinnert ſich, daß die Tante Angélique, ſobald ſie vierundzwanzig Livres in Silbermünze beiſammen hatte, dieſe vierundzwanzig Livres gegen einen Louis d'or wechſelte und den Louis d'or in den Lehnſtuhl ſchob. Piton blieb verblüfft, ſchwankend vor Erſtaunen, närriſch vor Verwunderung. Seine erſte Bewegung war, nach Catherine und dem kleinen Iſidor zu laufen, ſie Beide herbeizuführen und ihnen den Schatz, den er entdeckt, zu zeigen. Doch ein entſetziicher Gedanke hielt ihn zurück. Würde ihn Catherine, wenn ſie ihn reich wüßte, immer noch heirathen? Er ſchüttelte den Kopf. „Nein,“ ſagte er,„nein, ſie würde ſich weigern.“ Er blieb einen Angenblick unbeweglich, nachdenkend, ſorgenvoll. Alsdann ſchwebte ein Lächeln über ſein Geſicht. Ohne Zweifel hatte er ein Mittel gefunden, um aus der Verlegenheit herauszukommen, in die ihn dieſer unerwartete Reichthum verſetzte. Er bob die auf der Erde liegenden Louis d'or auf, weidete den Lehnſtuhl mit ſeinem Meſſer vollends aus, und ſuchte in den kleinſten Winkeln des Roßhaares und des Wergs. Alles war mit Louis d'or vollgeſtöpft. Pitou fand fünfzehnhundert und fünfzig Stücke. Piton war alſo fünfzehenhundertfünfzig Louis d'or, das heißt ſiebenunddreißigtauſend zweihundert Livres reich. Da nun der Lonis d'or zu jener Zeit neunhundert und zwanzig Livres in Aſſignaten galt, ſo war alſo Piton 414 eine Million dreimalhundert und ſechsundzwanzig tauſend Livres reich! Und in welchem Augenblicke kam ihm dieſes coloſſale Vermögen zu? In dem Augenblicke, wo er, da er kein Geld mehr hatte, um Holz zu kaufen, genöthigt war, damit Catherine warm bekäme, den Lehnſtuhl der Tante Angélique zu zerbrechen. Welch ein Glück, daß Piton ſo arm geweſen, daß das Wetter ſo kalt geweſen, und daß der Lehnſtuhl ſo alt geweſen war! Wer weiß, was ohne dieſes Zuſammentreffen von ſcheinbar mißlichen Umſtänden aus dem koſtbaren Lehn⸗ ſtuhle geworden wäre. Pitou fing an Lonis d'or in alle ſeine Taſchen zu ſchieben; ſodann, nachdem er mit aller Heftigkeit jedes Bruchſtück des Lehnſtuhls geſchüttelt hatte, legte er ihn im Kamine auf, ſchlug Feuer, halb an ſeinen Fingern, halb am Steine, entzündete am Ende mit großer Mühe den Schwamm und ſteckte mit zitternder Hand den Holz⸗ haufen an. 2 Es war Zeit! Catherine und der kleine Iſidor kehrten, ſchnatternd vor Kälte, zurück. Piton drückte das Kind an ſein Herz, küßte die eiskalten Hände von Catherine und entfernte ſich raſch, nachdem er Beiden zugerufen: „Ich muß einen unerläßlichen Gang machen; wärmt Euch und erwartet mich.“ „Wohin geht denn Papa?“ fragte Iſidor. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Cacherine;„ſicher⸗ lich aber, ſobald er ſo ſchnell läuft, geſchieht es, um ſich nicht mit ſich ſelbſt, ſondern mit Dir oder mit mir zu beſchäftigen.“ Catherine hätte ſagen können: „Mit Dir und mit mir.“ — f ies Mädchen geheirathet,— das obendrein ein Kind 415 W was pitou mit den im Lehnſtuhle der Tante Angeligue gefundenen Louis d'or macht. Man hat nicht vergeſſen, daß am andern Tage der Verkauf im Auſſtreiche des Pachthofes von Billot und des Schloſſes vom Grafen von Charny ſtattfand. Man erinnert ſich noch, daß man den Pachthof zum Preiſe von viermal hunderttauſend Franken, und das Schloß zu ſechsmal hunderttauſend Frauken in Aſſignaten angeſchlagen halte. Als der andere Tag gekommen war, kaufte Herr von Longprés für einen unbekannten Erwerber die beiden Güter um die Summe von dreizehnhundert und fünfzig Louis d'or, das heißt um eine Million zweimalhundert zweinndzwanzigtauſend Franken in Aſſignaten. Er bezahlte baar. Dies geſchah am Sonntag, und am Montag ſollte die Hochzeit von Catherine und Pitou ſtattfinden. An dieſem Sonntag war Catherine am frühen Mor⸗ gen nach Haramont abgegangen, mochte ſie nun einige Anordnungen wegen ihres Putzes zu treffen haben, wie dies die einfachſten Frauen am Tage vor ihrer Hochzeit thun, mochte ſie nicht in der Stadt bleiben wollen, wäh⸗ rend man hier im Aufſtreiche den ſchönen Pachthof ver⸗ kaufte, wo ihre Jugend verlaufen, wo ſie ſo glücklich geweſen war, wo ſie ſo viel gelitten hatte. Was bewirkte, daß am andern Tage um elf Uhr dieſe ganze vor der Mairie verſammelte Menge Piton ſo ſebr beklagte und lobte, daß er ein ſo völlig ruinir⸗ 416 hatte, welches, während es eines Tags hätte reicher werden ſollen, als Catherine, noch mehr als ſie rui⸗ nirt war. Während dieſer Zeit fragte Herr von Longpré, nach dem Gebrauche, Pitou: „Bürger Pierre Ange Piton, nehmen Sie zu Ihrer Fran die Bürgerin Anne Catherine Billot?“ Und Catherine Billot: „Bürgerin Anne Catherine Billot, nehmen Sie zu Ihrem Gatten den Bürger Pierre Ange Piton?“ Und Beide antworteten:„Ja.“ Als ſodann Beide:„Ja,“ Piton mit einer Stimme voll Rührung, Catherine mit einer Stimme voll Seelen⸗ heiterkeit geuntwortet hatten; als Herr von Longpré im Namen des Geſetzes verkündigt hatte, die zwei jungen Leute ſeien ehelich verbunden, winkte er den kleinen Iſidor zu ſich. Der kleine Iſidor, den man auf das Bureau des Maire geſetzt hatte, ging gerade auf ihn zu. „Mein Kind,“ ſagte zu ihm Herr von Longpré, das ſind Papiere, die Du Deiner Mama Catherine übergeben wirſt, wenn ſie Dein Vater Piton nach Hauſe geführt hat.“ a, mein Herr,“ erwiederte das Kind. Und es nahm die zwei Papiere in ſein Händchen. Alles war beendigt; nur zog Piton zum großen Erſtaunen der Anweſenden aus ſeiner Taſche fünf Lonis d'or, übergab ſie dem Maire und ſprach: „Für die Armen, Herr Maire.“ Catherine lächelte. „Wir ſind alſo reich?“ fragte ſie. „Man iſt reich, wenn man glücklich iſt, Catherine,“ antwortete Pitou;„und Sie haben aus mir den reich⸗ ſten Menſchen der Erde gemacht.“ Und er bot ihr ſeinen Arm, auf den ſich die junge Frau zärtlich ſtützte. ₰. — 417 Als man herauskam, fand man die von uns er⸗ wähnte Menge vor der Thüre der Mairie. Sie grüßte das Chepaar durch einſtimmigen Zuruf. iton dankte ſeinen Freunden und drückte viele Hände; Catherine dankte ihren Freundinnen und nickte Vielen mit dem Kopfe zu. Mittlerweile wandte ſich Piton gegen rechts. „Wohin gehen Sie denn, mein Freund?“ fragte Catherine. Kehrte Piton nach Haramont zurück, ſo mußte er in der That links durch den Park gehen. Kehrte er in das Haus der Tante Angélique zu⸗ rück, ſo mußte er gans gerade und über den Schloß⸗ platz gehen. Wohin ging er alſo, da er ſich nach der Place de la Fontaine wandte? Das fragte ihn Catherine. „Kommen Sie, meine geliebte Catherine,“ ſagte Piton;„ich führe Sie nach einem Orte, welchen wie⸗ derzuſehen Sie ſehr glücklich ſein werden.“ Catherine ließ ſich führen. „Wohin gehen ſie?“ fragten diejenigen, welche ihnen nachſchauten. Piton ſchritt über die Place de la Fontaine hin⸗ ohne anzuhalten, ſchlug den Weg durch die Rue de Ormet ein und wandte ſich, an ihrem Ende angelangt⸗ durch das Gäßchen, in welchem er ſechs Jahre früher Catherine auf ihrem Eſel begegnet war, an dem Tage, wo er, von ſeiner Tante Angélique fortgejagt, nicht wußte, von wem er Gaſtfreundſchaft verlangen ſollte. „Wir gehen hoffentlich nicht nach Piſſelen?“ fragte Catherine ihren Mann anhaltend. xu„Kommen Sie immerhin, Catherine,“ erwiederte iton. Catherine ſeufzte, folgte dem Gäßchen und mündete auf die Ebene aus. Die Gräfin von Charny. VII. 27 418 Nach einem Marſche von zehn Minuten kam ſie auf dem Brückchen an, wo ſie Piton ohnmächtig am Abend der Abreiſe von Iſidor nach Paris gefunden hatte. Hier blieb ſie ſtehen und ſagte: „Piton, ich werde nicht weiter gehen.“ „Oh! Mademoiſelle Catherine,“ erwiederte Piton, „nur bis zum hohlen Weidenbaume.“ Es war der Weidenbaum, aus dem Piton die Briefe von Iſidor geholt hatte. Catherine ſtieß einen Seufzer aus und ſetzte ihren Gang fort. An dem Weidenbaume angekommen, ſagte ſie: „Ich bitte Sie dringend, laſſen Sie uns umkehren.“ Piton legte aber die Hand auf ihren Arm und ſprach: „Nur noch zwanzig Schritte, Mademoiſelle Cathe⸗ rine; ich verlange nicht mehr.“ „Ah! Piton!“ murmelte Catherine mit einem Tone ſo ſchmerzlichen Vorwurfs, daß nun Piton ſtehen blieb. „Oh! Mademoiſelle,“ ſagte er,„und ich glaubte Sie ſo glücklich zu machen!“ „Sie glaubten mich dadurch glücklich zu machen, daß Sie mich einen Pachthof wiederſehen laſſen, wo ich erzogen worden bin, der meinen Eltern gehört hat, der mir gehören ſollte, und der, geſtern verkauft, einem Fremden gehört, deſſen Namen ich nicht einmal weiß.“ „Mademoiſelle Catherine, noch zwanzig Schritte: ich verlange von Ihnen nur dieſes!“ Dieſe zwanzig Schritte, indem man ſich um die Ecke einer Mauer wandte, demasquirten in der That das große Thor des Pachthofes. Vor dem Thore des Pachthofes waren alle ehema⸗ lige Tagelöhner, Ackerknechte, Stallknechte, Mägde des Pachthofes, den Vater Clouis an der Spitze, gruppirt. Jeder hielt einen Strauß in der Hand. „Ah! ich begreife,“ ſagte Catherine,„Sie wollten + 419 mich, ehe der neue Eigenthümer angekommen iſt, zum letzten Male hierher führen, damit ale dieſe alten Diener von mir Abſchied nehmen. Ich danke, Pitou.“ Und den Arm ihres Mannes und die Hand des kleinen Iſidor loslaſſend, ging ſie dieſen braven Leuten entgegen, welche ſie umringten und in den großen Saal des Pachthofes fortzogen. Pitou nahm den kleinen Iſidor in ſeine Arme,— das Kind hielt immer die beiden Papiere in der Hand⸗ — und folgte Catherine. Die junge Frau ſaß mitten im großen Saale und rieb ſich den Kopf mit den Händen, wie wenn man ſich aus einem Traume aufwecken will. „Um des Himmels willen, Piton,“ ſprach Catherine, deren Augen irre umherſchauten, deren Stimme fieber⸗ haft zitterte,„was ſagen ſie mir denn? Mein Freund, ich begreife nichts von Allem, was ſie mir ſagen!“ „Vielleicht werden Sie die Papiere, die Ihnen unſer Kind zu übergeben hat, mehr belehren, liebe Ca⸗ therine,“ erwiederte Piton. Und er ſchob Iſidor gegen ſeine Mutter hin. Catherine nahm beide Papiere aus der Hand des Kindes. „Leſen Sie, Catherine,“ ſagte Piton. Catherine öffnete eines von den Papieren aufs Ge⸗ rathewohl und las: „Ich erkenne, daß das Schloß Bourſonne und die davon abhängigen Güter geſtern von mir gekauft und bezahlt worden ſind für Rechnung von Jacques Philipp Iſidor, minderjährigem Sohne von Catherine Billot, und daß folglich dieſem Kinde das genannte Schloß und die davon abhängigen Güter als volles Eigenthum gehören. „Unterz.: von Longpré, „Maire von Villers-Coterets.“ 420 „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Catherine.„Nicht wahr, Sie ſtellen ſich wohl vor, daß ich nicht ein Wort von Allem dem begreife.“ Leſen Sie das andere Papier,“ erwiederte Piton. — Catherine entfaltete das andere Papier und las, wie folgt: 1 „Ich erkenne, daß der Pachthof Piſſelen und ſeine Appertinentien geſtern von mir gekauft und bezahlt wor⸗ den ſind für Rechnung der Bürgerin Anne Catherine Billot, und daß folglich ihr der Pachthof Piſſeleu und ſeine Appertinentien als volles Eigenthum gehören. „Unterz.: von Lon gpré, „Maire von Villers-Coterets.“ „Um des Himmels willen, ſagen Sie mir, was das bedeutet, oder ich werde wahnſinnig!“ rief Catherine. „Das ſoll bedeuten,“ antwortete Piton,„daß, Dank ſei es den fünfzehnhundert fünfzig Louis d'or, die ich vorgeſtern in dem Lehnſtuhle meiner Tante Angélique fand, welchen Stuhl ich zerbrach, um Sie bei der Rück⸗ kehr von der Beerdigung zu erwärmen, Schloß und Gut Bourſonne nicht aus der Familie Charny und Pachthof und Güter von Piſſelen nicht aus der Familie Billot kommen werden.“ Und nun erzählte Piton Catherine, was wir dem Leſer ſchon erzählt haben. „Ah!“ ſagte Catherine,„und Sie haben den Muth gehabt, dieſen alten Lehnſtuhk zu verbrennen, während Sie fünfzehnhundert und fünfzig Lonis d'or beſaßen, um Holz zu kaufen!“ „Catherine,“ erwiederte Piton,„Sie ſollten ſogleich nach Hauſe kommen; Sie wären genöthigt geweſen, zu warten, um ſich zu wärmen, bis man das Holz gekauft und gebracht haben würde, und Sie hätten mittlerweile gefroren.“ 5 —— 421 Catherine öffnete die Arme: Viton ſchob den kleinen Iſidor darein. „Und Du auch, Du auch, theurer Piton!“ rief Catherine. Und in einer einzigen Umarmung preßte Catherine ihr Kind und ihren Gatten an ihr Herz. „Oh! mein Gott!“ murmelte Piton erſtickend vor Freude, während er zu gleicher Zeit eine letzte Thräne der alten Jungfer ſchenkte;„wenn man bedenkt, daß ſie vor Hunger und Kälte geſtorben iſt! Arme Tante An⸗ gölique!“ „Bei meiner Treue,“ ſagte ein guter, dicker Acker⸗ knecht zu einem friſchen, hübſchen Mädchen vom Pacht⸗ hofe,„bei meiner Treus⸗ das ſind Zwei, die mir nicht dieſes Todes zu ſterben beſtimnit ſcheinen!“ —. N Ende. . ſſſſſſſſſſſiſi 16